„3 „ Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bipliothek. Die Vibliothet ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenvmmen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei veſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wirv. ℳ( — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 5 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mr.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. „„„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Vücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. * Aorwool. Von Armand. Der Perſaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung vor. Vierter Band. —————————— Hannover. Car Ri m r. 1 8 6 0. Druck von Trömner& Dietrich(früher Hotop) in Caſſel. 7 Znhatt. Capitel 32. Bosheit.— Die Rüge.— Rache.— Der erſte April.— Todesnachricht.— Die Liebenden.— Spaziergang im Walde.— Die Zither.— Die Mond⸗ ſcheinnacht.— Der Lauſcher.— Falſchheit.— Die Paſſa⸗ giere.— Die Unterhaltung.— Das Kriegsgeſchrei.— Der Ausfall.— Im Kahn.— Erſchöpfung.— Der treue it— Mitleid.— Geheimer Gram 1 Capitel 33. Die zerſtörte Wohnung.— Eiferſucht.— Der Tebtgeglanbte— Die Gattin.— Das Wirthshaus an der Straße.— Die Angſt.— Das Tuch.— Die erſte Unwahrheit.— Schmerz.— Der Frühling.— In der Stadt.— Der Verdacht.— Der Redakteur.— Der wilde Frennd.— Abſchied.— Letztes Lebewohl 28 Capitel 34. Der Heuchler.— Mißtrauen.— Vorbereitungen zum Kriege.— Der General.— Die beiden Advocaten. — Der Zeuge.— Der Mord.— Der Meineid.— Ge⸗ richtsverhandlung.— Das Urtheil.— Der befreite Mörder. — Die dankbare Gattin.— Der Lehie 56 Capitel 35. Der läſtige Gefährte.— Das Gewiſſen.— Doppelter Gewinnſt.— Unverhoffte Freube— Die Reiſe nach dem Norden.— Ländliches Glück.. 89 Capitel 36. Der Hudſonfluß.— Die Palliſaden.— Der Tapanſee.— Weſtpoint.— Albany.— Die deutſchen Einwanderer.— Der Trentonfall.— Der Indianerfürſt. — Der Rocheſterfall.— Der Niagarafall 112 Capitel 37. Rüſtung der Seminolen.— Die Schlacht.— Der Sieg.— Mißglückter Ueberfall.— Der Rückzug.— Vertheidigung.— Auf der Inſel.— Der Erſehnte.— Vertrauen.— Hoffnung.— Ergebung.. 153 Capitel 38. Der Jugendfreund.— Das alte Dampfſchif — Verabredung.— Vorſpiegelungen.— Der Marſch.— Seite Die Seeküſte.— Das Vaterland.— Letzter Abſchied.— New⸗Orleans.— Das ſchöne Dampfſchiff.— Der Raub. — Der geehrte Mann.— Auf dem Golf.— Verlangen. — Mitternacht.— Der Maſchinenmeiſter.— Die heim⸗ liche Flucht.— Die Exploſion.— Das Wrack.— Auf⸗ klärung.— Schreckliche Ueberzeugung 1181 Capitel 39. Eitelkeit.— Das Schreckbild.— Das Ge⸗ heimniß.— Faſſung.— Zweite Unwahrheit.— Das Kind.— Glühende Eiferſucht.— Mordplan.— Der Todfeind.— Der Beſchluß.— Der Alligator.— Der Erwartete.— Die Ausſage.— Geſteigerte Raſtloſigkeit.— Die treue Sclavin.— Der Friedensſchluß.— Die Tochter.— Glückwunſch.— Finſtere Betrachtung.— Die Capitel 40. Große Veränderung.— Der widerſpenſtige Sohn.— Seltene Schönheit.— Zwieſpalt.— Weiblicher Zauber.— Der Ball auf dem Lande.— Der Unfall.— Krankheit.— Im Salon.— Der Blutſturz.— Ver⸗ zweiflung.— Aerztlicher Rath.— Beſſig ßerichtig ungen: Pag. 30, Zeile 2 ſtatt haftete lies: heftete. „ 82,„ 2 ſtatt Lacoſte's lies: Milroy's. Capitel 329. Bosheit.— Die Rüge.— Rache.— Der erſte April— Todesnachricht— Die Liebenden.— Spaziergang im Walde.— Die Zither.— Die Mondſchein⸗ nacht.— Der Lauſcher.— Falſchheit.— Die Paſſagiere.— Die Unter⸗ haltung.— Das Kriegsgeſchrei.— Der Ausfall.— Im Kahn.— Er⸗ ſchöpfung.— Der treue Freund.— Mitleid.— Geheimer Gram. Moch ein anderer Störer von Elviſens Zufrieden⸗ heit war Soublett, der regelmäßig mit der vom Nor⸗ den oder vom Süden kommenden Poſt in ihrem Hauſe einkehrte und übernachtete. Er war ihr von jeher im Grund ihres Herzens verhaßt geweſen und ſeine Ge⸗ genwart hatte ſie ſtets mit Widerwillen und Abſcheu erfüllt; ſeit der Zeit aber, daß Montelard bei ihr an der Wirthstafel ſpeiſ'te, ſteigerte ſich dieſe Abneigung gegen Soublett jedesmal, wenn er ihr Haus betrat. Es war ihr nicht entgangen, daß Dieſer bei Tiſch liſtige verhöhnende Blicke bald auf ſie, bald auf Mont⸗ elard warf und oft erlaubte er ſich auch leiſe Anſpie⸗ lungen, die wie Dolchſtiche in Elviſens Herz nieder⸗ fielen. Auch Montelard hatte den böſen Sinn erkannt, der in Soublett lebte, und oft hatte ſein ernſter ge⸗ bietender Blick einen Scherz, eine Andeutung auf deſſen Zunge erſtickt, wogegen dann des Kutſchers boshafte Augen um ſo lebendiger von ihm zu Elviſen wanderten. Ralph Norwood. 1v. 2 Eines Morgens im Monat März beim Frühſtück, als Soublett Platz genommen hatte, ſchien er beſon⸗ ders aufgelegt, ſeinem Witz auf Rechnung der Wirthin die Zügel ſchießen zu laſſen. Er hatte ſchon mehrere Fragen an ſie gerichtet, die ihr das Blut in die Wan⸗ gen trieben und vergebens hatte Montelard ihn zurecht⸗ weiſend angeſehen, er fuhr fort, ſeine ſchnöden Be⸗ merkungen zu machen und brach wiederholt dabei in ein ſchallendes Gelächter aus. Zuletzt ergriff er ſeine Kaffeetaſſe und leerte ſie auf die Geſundheit aller Strohwittwen, die ſich über die Abweſenheit ihres Ge⸗ mahls mit Anſtand zu tröſten wüßten. In dieſem Augenblick war Montelard aufgeſprungen und rief, indem er eine Piſtole unter ſeinem Rocke hervorzog und ſie auf Soublett richtete: „Du haſt den Tod verdient, elender gemeiner Wicht, fort aus dieſem Hauſe, oder ich zerſchmettere Dir den Schädel!“ Soubletts wüthender Blick heftete ſich an Mont⸗ elards zornglühende Augen, ſeine Fäuſte ballten ſich krampfhaft zuſammen, er erkannte aber den Vortheil, den ſein Gegner über ihn hatte, und wußte, daß die leiſeſte Bewegung, eine Waffe zu ziehen, ihm das Leben koſten würde. Er erhob ſich und verließ mit halbausgeſtoßenen Drohungen das Zimmer, während Montelards Tod verkürndender Blick ihm folgte. Alle Gäſte waren vom Tiſch aufgeſprungen und 8 gaben ihre Entrüſtung über den Kutſcher laut zu er⸗ kennen, während Eva ihrer Herrin zu Hülfe geſprun⸗ gen war und ſie, der Ohnmacht nahe, aus dem Zimmer geleitete. Montelard begab ſich in ſein Gemach, bald darauf war der Poſtwagen zur Abreiſe bereit, die Paſſagiere ſtiegen ein, und Soublett ſprengte auf der Straße nach D. davon. Tödtlicher Haß und Wuth gegen Montelard füllten ſeine Bruſt mit Mordgedanken, er ſann und überlegte, auf welche Weiſe er ſich auf's Grimmigſte an ihm rächen könne; Tod allein ſchien ihm zu wenig, er mußte ihn zuerſt unglücklich machen, ihn foltern und dann erſt tödten. Die Fahrt bis D.... gab ihm Muße, Rachepläne zu ſchmieden, hunderte wurden von ihm erſonnen und wieder verworfen, und in ſeiner Ingeduld, immer noch nicht den grauſamſten gefunden zu haben, ſtieß er manchmal einen lauten, gräulichen Fluch aus und hieb mit der Peitſche die Pferde um die Köpfe, daß die Thiere wie raſend mit der Kutſche über Stock und Stein dahinjagten. Endlich glaubte er den Weg gefunden zu haben, auf welchem er Montelard ſowohl als auch Elviſen ſeine Rache am ſchwerſten fühlen laſſen würde. Sehr richtig hatte er die gegenſeitige liebevolle Zuneigung zwiſchen Beiden erkannt, wenn er auch die lautere, edele Grundlage, auf der ſie beruhte, nicht zu würdigen im Stande 1* 4 war. Dieſe Zuneigung, beſchloß er, ſollte ihm als Waffe dienen und Beide verderben. Sobald er D.... erreichte, ließ er ſich von dem Wirth Dennis, bei welchem er anhielt, Schreibmaterial geben und ſetzte eine Anzeige auf, die er dann dem Redacteur der dort erſcheinenden Zeitung überbrachte. Sie lautete, wie folgt: „Sicher eingegangenen Nachrichten zufolge wurde vor Kurzem der Indianer⸗Agent der Regierung, Ralph Norwood, in Ausübung ſeiner Unterhandlungen mit den Seminolen von dieſen auf die grauſamſte Weiſe ermordet und kurze Zeit darauf ſein Leichnam durch Soldaten nach Tampabay gebracht, wo er zur Erde beſtattet wurde.“ Der Redacteur, welchem Soublett dieſe Anzeige als eine verbürgte Nachricht übergab, die er von Tal⸗ lahaſſee mitgebracht habe, nahm ſie mit Vergnügen auf und verſprach, ſie baldigſt in ſeinem, jede Woche zweimal erſcheinenden Blatte zu veröffentlichen, von welchem Soublett wußte, daß es von Elviſen ge⸗ halten wurde. Es war am erſten April Morgens, gleich nach dem Frühſtück, als Guy von der Poſtoffice zurückkehrte und ſeiner Herrin ein in Leinen eingepacktes, großes Packet übergab, auf welchem ihr Name geſchrieben ſtand. Verwundert, was darin verborgen ſein könne, öffnete ſie daſſelbe und fand zu ihrem großen Er⸗ 5 ſtaunen, daß der Inhalt in ſehr werthvollen Stoffen zu Damenkleidern, in einem koſtbaren Shawl, in Spitzen und Bändern und in einigen Anzügen für ein jähriges Kind beſtand. Noch größer aber war ihre Ueberraſchung, als ſie darin einen Brief vorfand, den ſie beim Eröffnen mit der Unterſchrift„Ihr alter Freund und Diener Jeremias Sukop“ verſehen ſah. Nun brach ſie in ein lautes Gelächter aus, welches Eva und auch Montelard zu ihr in's Zimmer rief, um die Urſache von Elviſens heiterer Stimmung zu erfahren. Dieſe aber konnte vor Lachen keine Worte finden, zeigte nur auf die auf dem Tiſch entfalteten Koſtbarkeiten, ſowie auf den Brief, und ſtammelte zuletzt„mein Freund Sukop“ heraus. Montelard ſowohl als auch Eva ſtimmten nun in das Gelächter ein, denn Elviſe hatte Beiden oft von dem drolligen alten Ehepaar erzählt, und erſt nach einer Weile war ſie im Stande, den Brief zu leſen. Der angebliche Freund Sukop ſchrieb darin, daß er ſich die Freiheit nähme, ihr zum erſten April ein Zeichen ſeiner alten, unwandelbaren Freundſchaft zu geben, und bat ſie, ihm auch ferner die ihrige zu erhalten. Jetzt traten Elviſen die Thränen in die Augen und mit einem ſeelenvollen Blick des Dankes reichte ſie Montelard ihre kleine Hand hin, denn ſie erkannte nun, daß er der Freund war, der ſie ſo freudig über⸗ 6 raſcht hatte. Montelard wollte es freilich nicht mit Worten eingeſtehen, ſeine glückliche Bewegung aber war Beweis genug. Die ſchönen Sachen wurden nun einzeln von Eloiſen entfaltet und bewundert und ihr Dank dafür mit Innigkeit wiederholt. Montelard hatte ſein Pferd beſtiegen, um vor Tiſch einen Pflanzer in der Nähe zu beſuchen, mit dem er einen Contraet auf Lieferung von Schlachtvieh für das Gaſthaus abgeſchloſſen hatte. Eloiſe packte die ſchönen (Sc ſorgfältig ein und ging dann mit Heiterkeit ihren häuslichen Arbeiten nach. Kurz vor dem Mittagseſſen ſaß ſie mit der heute zugleich angekommenen neuen Zeitung von D.... in der Hand am Fenſter, um zu ſehen, was dieſelbe Neues bringe. Plötzlich fielen ihre Blicke auf den Namen Ralph Norwood; ſie las den Artikel, den Soublett hatte einrücken laſſen, ſtieß einen Schrei aus, wankte durch das Zimmer und ſank bleich und bebend in dem Sopha nieder. Die verſchiedenſten allerwiderſprechendſten Gefühle durchzuckten ihre Bruſt, ſie ſah mit Wehmuth auf ihr vaterloſes Kind, welches ſorglos und lächelnd vor ihr auf dem Teppich ſaß und ſeine kleinen Händchen ihr entgegenſtreckte, ſie erinnerte ſich ihres Gatten in Augenblicken, in denen er ihr noch werth geweſen war; der Gedanke aber, daß ſie von einem Manne 7 befreit ſei, der ihr Lebensglück auf das Ruchloſeſte mit Füßen getreten hatte, war der mächtigere, der herrſchende. Das drohende ſchwarze Gewölk war von ihrem Lebenshimmel verſchwunden, ſie athmete tief auf, preßte ihre Hände mit der Zeitung krampfhaft gegen ihr Herz und hob ihre thränenvollen Augen wie zum Danke nach Oben.„Frei— noch einmal frei dachte ſie, ohne ſich verlaſſen zu fühlen, denn der Freund ſtand zugleich vor ihrem Geiſte; da öffnete ſich die Thür und Montelard trat in das Zimmer. Ueberraſcht und erſchreckt fiel ſein Blick auf die bleichen Züge Elviſens, er ſah die Thränen von ihren langen Wimpern fallen, eilte, von Theilnahme bewegt, auf ſie zu und ergriff erſtaunt die Zeitung, die ſie ihm entgegenhielt. Im Augenblick hatte er die Anzeige über Ralph's Tod durchleſen, ein Ausdruck beſeligender Hoffnung ſtrahlte über ſein Antlitz, ſeine Augen erglühten in Leidenſchaft und mit den Worten: „Eloiſe, Sie ſind frei!“ warf er ſich zu deren Füßen nieder und preßte ſeine Lippen auf ihre Hand, die er in der ſeinigen hielt. „Stehen Sie auf, Herr Montelard“, flehte Elviſe mit leiſer, zitternder Stimme; doch dieſer drückte ihre Hand abermals gegen ſeine Lippen und ſagte in ſtür⸗ miſcher Bewegung: —— „Mein Leben gehört Ihnen, Elviſe, erkennen Sie es als Ihr ewiges Eigenthum an und machen Sie mich zum Glücklichſten aller Sterblichen.“ Vergebens ſuchte Elviſe nach Gedanken, um zu erwägen, was ſie thun ſolle, ihr Gefühl, ihr Herz riß ſie fort.— „Stehen Sie auf, Montelard, und nehmen Sie auch die Hülle, deren Seele Sie ſchon längſt beſeſſen haben“, rief ſie mit ſtammelnder, halblauter Stimme und ſank in die Arme des Mannes, deſſen Bild ſchon ihre Jugendträume als Ideal bezauberte. Beiden hatte ſich ein Himmel voll Seligkeit ge⸗ öffnet, ſie dachten der Vergangenheit nicht mehr, nur das Paradies ihrer Zukunft lag vor ihnen und in der Wonne der Gegenwart erhoben ſich ihre vereinigten Seelen über irdiſches Glück. Ihrer gänzlich hoff⸗ nungsloſen verborgenen Liebe war ſo plötzlich, ſo unverhofft die Freiheit gegeben, daß Beiden lange Zeit die Worte fehlten, ſie auszuſprechen, in langer ſeliger Umarmung aber erkannten ſie, was ihre Herzen ſo ſtürmiſch bewegte. Als die Gewalt des Augenblicks verwogte und Montelard zuerſt ſeinen Gefühlen Worte gab, hob Eloiſe ihr Kind auf ihre Arme, reichte es unter Thränen dem Geliebten, dem künftigen Gatten hin und flehte ihn an, Vaterſtelle an dem Liebling zu vertreten. Mit heiliger, inniger Aufrichtigkeit ſagte ———— 9 Montelard es ihr zu und drückte den Knaben freudig an ſeine Bruſt. Kein Fremder ſtörte heute die Glücklichen in ihrer unverhofften Wonne, die ſie beſchloſſen vor der Welt geheim zu halten, bis Montelard ſich die gerichtliche Beſcheinigung von Ralph's Tod verſchafft haben würde. Dann ſollte das Schild des Gaſthauſes entfernt, die Wirthſchaft aufgegeben und nur eigenem, ſtillem, ehelichem Glück gelebt werden. Nur der treuen Eva konnte Eloiſe ihre Seligkeit nicht verheimlichen, ſie theilte ihr Alles, was ſich zugetragen, in dem Ueber⸗ maß ihrer Gefühle mit und die Selavin betheiligte ſich mit hochſchlagendem Herzen an dem Glücke ihrer Herrin. Während der Hitze des Tages weilten die Liebenden in traulicher Unterhaltung über ihre Zukunft in den kühlen, luftigen Räumen des Hauſes, und als der Tag ſich neigte, ſuchten ſie die dunkeln Schatten des Waldes, in denen ſie Arm in Arm auf dem Lieb⸗ lingspfad an dem brauſenden Waſſer hinwandelten. Die Natur prangte in ihrem reichſten Schmuck; das hohe Laubdach, welches die koloſſalen Bäume über dem Bache wölbten, war mit prächtigen Blüthen durchſäet, an dem tauſendfach verſchlungenen Ranken⸗ geflecht, welches, von Aſt zu Aſt geſchwungen, in langen Guirlanden aus der grünen Kuppel herabhing, glänzte und leuchtete in den hier und dort durch⸗ 10 brechenden Sonnenſtrahlen die bunteſte Blumenflor, und die Rieſenpflanzen, die den Boden bedeckten, waren mit Blüthenkelchen geziert. Reich und ſüß gewürzt durchzog die friſche Abend⸗ luft dieſe ſchattigen Räume und umwogte mit dem Geſang der Vögel die beiden Wandelnden. So wie die Natur neu und wonnig belebt erſchien, ſo war auch Frühling in den Herzen der Liebenden eingezogen und ihre Gefühle ſtanden mit dem heiligen Frieden, der ſie umgab, in Einklang. So ſchön hatten ſie den Wald nie geſehen, ſo ſüß hatte die Luft nie geduftet, ſo lieblich hatten die Vögel nie geſungen und ſo prächtig war die Sonne nie in ihr glühendes Bett hinabgeſtiegen. Der Mond hatte ſein mildes Licht über die Erde verbreitet, als Elviſe, von Montelard umfangen, das Dunkel des Waldes verließ und, beſeligt, mit ihm dem Hauſe zuſchritt. „Ich habe eine Bitte an Dich, mein Alfons“, ſagte ſie zu dem Geliebten. „Möchte doch mein ganzes Leben nur eine Ge⸗ währung für Deine Wünſche ſein, theuerſte Elviſe. Was iſt es, das Dich erfreuen könnte?“ erwiederte Montelard mit Zärtlichkeit. „Du ſollſt Dein, mir noch unbekanntes, geheim⸗ nißvolles Inſtrument, deſſen Zaubertönen ich ſo oft gelauſcht habe, zu mir unter die Veranda bringen und ihm dort jene wunderbar lieblichen Weiſen ent⸗ locken; willſt Du es thun?⸗ „Von Herzen gern, ſüße Elviſe, ich fürchte nur, daß es meinem armen Inſtrument gehen wird, wie der Fantaſie, wenn ſie mit der Wirklichkeit in Be⸗ rührung kommt; das Unbekannte, das Räthſelhafte hat viel mehr Reiz für uns Menſchen, als das, was wir offen vor uns ſehen und vollſtändig erkennen. Mein Inſtrument iſt eine Zither, die ich während meines Aufenthaltes in Italien ſpielen lernte. Ich gehe und hole ſie“, erwiederte Montelard und wollte nach ſeinem Zimmer eilen, doch Eloiſe hielt ihn zurück und ſagte: „So laß uns zuerſt Thee trinken, Eva wird ſchon damit auf uns warten.“ Die Selavin öffnete auch eben die Thür, um die Herrſchaft zum Abendbrod, welches bereits aufgetragen war, hereinzurufen, worauf Montelard die Hand Eloiſens ergriff und ſie zu Tiſch geleitete. Nach dem Eſſen brachte dieſelbe ihr Kind zur Ruhe und fand dann, als ſie unter die beſchattete Veranda trat, Montelard hier ihrer harrend. Die Natur war in Schlaf geſunken, lautlos und ſtill lag Wald und Flur um das einſame Haus, das Silberlicht des Mondes zeigte auf den ſchwarzen Maſſen der Orangen- und Citronenbäume die gol⸗ denen Früchte, die auf ihnen glänzten, und ließ die brennendfarbigen Granatblüthen in mattem Roth er⸗ kennen, doch die beiden Glücklichen konnte es nicht erreichen, ſie ſaßen im traulichen Dunkel an dem Ende der Veranda, begeiſtert von ihrer Liebe und von dem Reiz der Tropennacht, deren kühlender, mit Blüthenduft gewürzter Wind ſie wohlthuend umfächelte und deren funkelnde Diamanten vom Himmelszelt freundlich zu ihnen niederglänzten. Die Zither ertönte, ſüß und melodiſch bebten ihre Accorde durch die ſtille Nacht und klangen wie Aeols⸗ harfentöne im nahen Walde wieder; Elviſe hielt deren Schöpfer mit ihrem zarten Arm unſchlungen und ruhte mit ihrer glühenden Wange an ſeiner Schulter. Es war eine ſo ſelige Nacht für Beide, wie ſie Sterblichen nur ſelten geboten wird, ſie fühlten ſich der Erde und dem Neid der Menſchen entrückt und ahneten nicht, daß die Schlange, die ihr Gift in ihr Glück miſchen wollte, in der Nähe auf ſie lauere. Nur wenige Schritte von ihnen entfernt lag unter dem dichten Laub eines Granatbuſches Soublett auf dem Boden hingeſtreckt und hielt ſein Ohr und ſeinen giftigen Blick nach den Liebenden hin gerichtet; die ſüßen Klänge der Zither hatten ihm den Weg zu dem Ziele ſeiner Rache gezeigt, und mit boshafter Wolluſt verſchlang er jedes Wort, jede Bewegung Montelards und Eloiſens. Die Stunden hatten Flügel, die Nacht eilte dahin und ein leichtes Roſenroth am öſtlichen Himmel, ſo wie das leiſe Zwitſchern des Blauvogels verkündete den neuen Tag, ehe die Verlobten ſich trennten und Soublett aus ſeinem Verſteck entſchlüpfte und unge⸗ ſehen, unbemerkt den Wald erreichte. Seit jenem Morgen, als Montelard ihn aus dem Speiſezimmer trieb, war er nur noch ein Mal auf ſeiner Rückfahrt von D.. hier geweſen, hatte aber das Haus nicht betreten, ſondern in der Pvoſtkutſche übernachtet, und als er nach Tallahaſſee zurückgekehrt war, hatte der Poſtmeiſter ihn in Folge eines Briefes von Montelard ſeines Dienſtes entſetzt. Sein Nach⸗ folger war ein ſtiller, beſcheidener Mann, deſſen Ge⸗ genwart im Concordia⸗Hötel ſtets willkommen ge⸗ heißen wurde, da er immer zuverläſſige Nachrichten mitbrachte und ſich gegen Jedermann höflich und an⸗ ſtändig benahm. Montelard hatte einen Kaufmann in Tallahaſſee beauftragt, ihm die Beſcheinigung über Ralph's Tod zu verſchaffen, da Jener mit Tampabay in Geſchäfts⸗ verbindung ſtand und ein kleines Küſtenfahrzeug von der Mündung des Ocklockneyfluſſes nach jenem Platze hin in der Fahrt hielt; denn eine Verbindung zu Lande mit dem ſüdlichen Theile Florida's beſtand nicht. 14 Ralph befand ſich während dieſer Zeit im Innern des Landes, wohin er von Tampabay aus ſich be⸗ geben hatte, um die einzelnen Stämme der Seminolen zu beſuchen und ſie für ſeine Zwecke zu gewinnen. So war er nun ſchon ſeit einigen Monaten von Häuptling zu Häuptling geritten und war als Halb⸗ Seminole von allen freundlich und gaſtfrei empfangen worden, zumal, da er ihnen die frohe Kunde brachte, daß der große Vater der Weißen, der Präſident der Vereinigten Staaten, ihn zu ihnen ſende, um ihnen die Verſicherung zu bringen, daß er nicht nach ihrem Lande trachte und eine feſte Grenze beſtimmen wolle, welche niemals von einem Weißen überſchritten werden ſolle. Allenthalben, wo er erſchien, fand er die In⸗ dianer in großer Aufregung und bemerkte, daß ſie ſich zu einem allgemeinen verzweifelten Kampf gegen die Weißen rüſteten. Seine Friedensbotſchaften waren denſelben daher ſehr willkommen, da die weit von den Weißen wohnenden Stämme noch wenig von den⸗ ſelben erduldet hatten und gern einen Krieg ver⸗ mieden, der die verhaßten Fremden möglicher Weiſe in ihre, bis jetzt noch nicht beunruhigten Jagdgründe bringen konnte. Ganz beſonders machte Ralph ſie aufmerkſam darauf, daß Tallihadjo nur aus Eigennutz den Krieg wünſche, da er ſelbſt an der Grenze der Weißen wohne und beſorge, daß dieſe ihm gelegentlich ein Stück Land ſtreitig machen würden. Namentlich 15 aber, ſagte er, ſtrebe Tallihadjo danach, die Regierung und die Gewalt über ſämmtliche Seminolen allein zu bekommen und alle andere Häuptlinge ihrer Rechte zu entſetzen. Er ſei ein Verräther, denn er habe zu beſagtem Zwecke der Regierung in Waſhington An⸗ träge gemacht und derſelben verſprochen, ihr die Hälfte des Landes, welches die Seminolen noch inne hätten, abzutreten, wenn man ihn als alleinigen Herrſcher der Nation anerkennen wolle. Zugleich legte Ralph den verſchiedenen Häuptlingen tiefſtes Stillſchweigen auf, verſprach ihnen, Alles zur Vereitelung von Talli⸗ hadjo's Plänen zu thun und bewies ihnen, daß dies am ſicherſten geſchehen würde, wenn man denſelben zum Beginnen des Krieges aufmuntere und ihm Bei⸗ ſtand zuſage, indem er dann ſicher von den Weißen gefangen oder getödtet werden würde. Dieſe Winke und Auseinanderſetzungen fanden bei den Häuptlingen im Innern des Landes willig Gehör, und Ralph, der dieſe ſeine Bemühungen als Ergüſſe ſeiner Liebe für die Seminolen zu erkennen gab, wurde mit Auszeichnung und Freundſchaft behandelt. Ganz in entgegengeſetzter Weiſe redete er zu den Häuptlingen an der Grenze der Weißen, er zeigte ſich ihnen als geheimer Verbündeter, ſowie als Freund Tallihadjo's, rieth ihnen, nichts ohne deſſen Rath gegen die Amerikaner zu unternehmen, und verſprach ihnen, alle Schritte und alle Abſichten der Fremden jenem Häuptling zu verrathen. Er ſagte ihnen, daß er ſich in der Kürze zu Tallihadjo begeben würde, um mit ihm den Tag zu beſtimmen, wann die große Rache an den Bleichgeſichtern ihren Anfang nehmen ſolle, und gelobte bei dem großen Geiſte, der ja auch ſein Gott ſei, ſelbſt mit den Seminolen für ihr gutes Recht zu kämpfen. Auch ihnen legte er tiefſte Ver⸗ ſchwiegenheit auf und ſchied unter den heiligſten Ver⸗ ſicherungen treueſter Freundſchaft aus ihren Lagern. Wirklich ſchiffte ſich Ralph in der zweiten Hälfte des April von Tampabay nach der Mündung des Ocklockneyfluſſes ein, um von da zu Lande über Tal⸗ lahaſſee, wo er gleichfalls Geſchäfte für die Regierung hatte, zu Tallihadjo zu reiſen und dann auch zu Hauſe einen Beſuch abzuſtatten. Schwere Gewitter hatten ſich in den letzten Tagen an der ſüdlichen Grenze Georgiens und weiter nördlich in den Bergen entleert, ſo daß die Gewäſſer im Lande bedeutend gewachſen waren und der Bach hinter dem Concordia⸗Hotel als reißender Strom durch den Wald brauſte. Es war ſchon ſpät am Abend, als die Poſtkutſche von Tallahaſſee, mit acht Paſſagieren beladen, das Gaſthaus erreichte und dieſe Alle dem geſchickten, vor⸗ 17 ſichtigen Kutſcher ihren Dank dafür abſtatteten, daß eer ſie glücklich bis hierher geführt habe, denn die Brücken auf der Straße waren von den angeſchwol⸗ lenen Gewäſſern mit fortgeriſſen und mit großer Ge⸗ fahr hatte der Kutſcher dieſe auf den tiefen Furthen durchfahren. Dabei hatte es während des ganzen Tages geregnet und geweht und die Nacht verſprach eine wilde, ſtürmiſche zu werden. Durchnäßt und durchkältet flüchteten ſich die Paſ⸗ ſagiere in das gaſtliche Haus zu dem traulichen Ka⸗ minfeuer, wo ſie ſich von ihren Strapazen erholten und über die unangenehmen Begebenheiten des Tages ſcherzten und lachten. Das gute Abendeſſen, was ihnen bald darauf geboten wurde, ſtellte ihre Laune vollends wieder her und mit Wohlbehagen ſuchten ſie zeitig die bequemen Nachtlager, deren man ſich in dieſem Hauſe erfreute. Alles war zur Ruhe gegangen, nur Elviſe ſaß noch, mit ihrem Kinde auf dem Schvoße, in einem Armſtuhl vor dem flackernden Kaminfeuer ihres Zim⸗ mers und lauſchte aufmerkſam der Stimme Montelards, der neben ihr ſaß und ihr aus einem ſchön gebun⸗ denen Buche vorlas. Oft hielt er inne und erklärte ihr das Geleſene; denn es waren Begebenheiten aus der franzöſiſchen Revolution, in welcher Viele ſeiner Verwandten unter der Guillotine Robespierre's ihr Leben hatten hingeben müſſen. Ralph Norwood. IV. 2 18 Je heftiger der Sturm und Regen draußen gegen die geſchloſſenen Jalouſien der Fenſter ſchlug, deſto traulicher und heimlicher war es hier in dem warmen Zimmer, und wiederholt fielen Eloiſen Augenblicke aus vergangener Zeit ein, in denen ſie bei ähnlichem Wetter nicht ſo zufrieden und ruhig hier geſeſſen hatte. Dann warf ſie einen wonneſtrahlenden Blick auf den geliebten Mann neben ſich und dankte im Stillen der Vorſehung, die ihr Schickſal zu ihrem Glück ge⸗ lenkt hatte. „Es wird wohl Zeit ſein, theuerſte Elviſe, daß Du Dich zur Ruhe begiebſt, Du wareſt während des Tages ſehr beſchäftigt; es iſt ſchon ſpät“, ſagte Mont⸗ clard, indem er das Buch zuſchlug und ſeiner Ver⸗ lobten die Hand reichte. In dieſem Augenblick fielen dröhnende Schläge gegen die verſchloſſene Hausthür, daß das ganze Ge⸗ bäude unter ihrer Wucht erzitterte, und zugleich ertönte ein ſo übermenſchliches Geheul vor demſelben, als habe die Hölle ihren Geiſtern die Freiheit gegeben. „Indianer!“ war Alles, was Elviſe hervorbringen konnte; ihren Knaben im Arm, war ſie aufgeſprungen und ſtierte bleich und entſetzt nach der Thür hin, durch welche Montelard mit den Worten:„Warte hier, Elviſe!“ verſchwand. Ihre Kniee bebten, das Haar ſchien ihr ſich em⸗ porzurichten; doch ein Blick auf ihr Kind gab ihr 19 Geiſtesgegenwart und Kraft wieder, ſie öffnete das Secretair, nahm den Brillantring und die noch vor⸗ räthigen Banknoten daraus hervor, hüllte Beides in den Umſchlag von dem ihr entwendeten Schmuck und verſenkte das Packet in die Taſche ihres Kleides. Zitternd und bebend ſtürzte Eva jetzt zu ihr in das Zimmer und Montelard, ſchwer bewaffnet, folgte derſelben auf dem Fuße. Mit ihm traten René und Guy ein, die er gleichfalls mit Waffen verſehen hatte, und wenige Minuten ſpäter drängten ſich die Paſſagiere und der Kutſcher in das Zimmer, der Eine mit Pi⸗ ſtolen, der Andere mit einem Gewehr oder einer Axt in der Hand. Alle blickten mit Schrecken einander an und rannten in wilder Verwirrung durcheinander, während die Schläge gegen die ſtarke eichene Thür immer wüthender und das Kriegsgeſchrei der Wilden immer gräulicher ertönte; Montelard aber, feſt und entſchloſſen, forderte die entſetzten Paſſagiere mit don⸗ nernder Stimme auf, ſich als Männer zu zeigen und, wenn es ſein müßte, als ſolche zu ſterben; ihre ein⸗ zige Rettung, ſagte er, beſtehe in einem Ausfall und in der Flucht, wobei ſie die Dunkelheit der Nacht beſchützen werde. Elviſen wies er an, während des Ausfalls mit Eva und Guy nach dem Nachen an dem Bache zu fliehen, um womöglich darin das jenſeitige Ufer zu erreichen. 20 Der Hauptangriff ſchien auf die vordere Seite des Hauſes gemacht zu werden, obgleich auch an der hin⸗ tern Thür heftige Axtſchläge ertönten. In wenigen Minuten wurde Montelards Vorſchlag ausgeführt, die Belagerten drängten ſich nach dem hintern Ausgang, Montelard ſelbſt öffnete das Schloß, zog den Riegel zurück, riß die Thüre auf und ſtreckte mit zwei Piſtolen⸗ ſchüſſen zwei Wilde nieder, die mit geſchwungener Axt ihm entgegentraten. Von den andern Männern gefolgt, ſtürzte er ſich in die Finſterniß hinaus auf die dunkeln Geſtalten, deren Bewegungen kaum zu erkennen waren und feuerte ſein, mit Schrot geladenes Gewehr nach ihnen ab. Blitz auf Blitz und Krach auf Krach folgten ſich von allen Seiten und Kriegsgeheul und Sterbeſchreie miſchten ſich mit dem Brauſen des Sturmes. Die Wilden waren bei dieſem verzweifelten Angriff zurückgewichen, Elviſe mit ihrem Kind auf dem Arme und von der Dunkelheit beſchirmt floh dem Wald zu und erreichte mit Eva und Guy den Fußpfad, der zu dem Waſſer führte. Der Neger ſprang nun voran, um ſeine Herrin zu dem Nachen zu leiten, welchen er noch heute vor eintretender Nacht aufgeſucht und ſich von deſſen ſicherer Befeſtigung überzeugt hatte. Es war ſo dunkel, daß Guy oft mit den Händen nach dem Wege fühlen mußte, um nicht irre zu gehen, 21 während der wilde Lärm des Kampfes, die Tritte der Fliehenden mit Ungeſtüm und Angſt vorwärts drängte. Endlich hatte Guy den Kahn erreicht; Elviſe und Eva warfen ſich hinein, der Neger ſprang ihnen nach und löſte den Strick, an dem derſelbe befeſtigt war. Einen Augenblick nachher erfaßte der Strom das kleine Fahrzeug, und riß es auf ſeiner weiß ſchäumenden Fluth wirbelnd mit ſich fort durch den finſtern Wald, als plötzlich ein durch Mark und Bein dringender Schrei von dem Haus her zu Eloiſens Ohr drang. Es war die Stimme Montelards, Elvoiſe würde ſie unter tauſenden erkannt haben. Ein leiſer Schmerzens⸗ ruf erſtickte auf den Lippen der unglücklichen Frau, ſie ſank regungslos auf den Boden des Kahns nieder und Eva ſchlang ihre Arme um ihre Herrin und deren Kind. Fort trieb der Nachen durch die Finſterniß ohne Lenkung, ohne Ziel, denn Guy ſuchte nur mit den Rudern denſelben von dem Ufer abzuhalten und ihn vor Umſchlagen zu behüten. Plötzlich aber jagten ſie zwiſchen Baumſtämmen und Büſchen hin, hier war der Strom aus den Ufern getreten und ſchoß ſeitwärts durch den Wald. Ein Buſch und dann ein ſtarker Baum hemmte bald darauf den Lauf des Schiffchens, eingeklemmt zwiſchen Aeſten und Reiſig ſtand es ſtill und ließ die Fluth an ſeinen Seiten vorüberſchießen. Eva hatte ihre Herrin gegen ihre Bruſt gehoben —————— 22 und knieete neben ihr in dem ſchwankenden Nachen, während ſie zugleich das Kind mit ihrem Arm um⸗ ſchlang und es durch Liebkoſungen zu beruhigen ſuchte. Weder den Knaben noch Elviſen konnte ſie ſehen, und durch das Gefühl ihrer Hände konnte ſie in Dieſer noch immer kein Lebenszeichen erkennen; die Herrin blieb regungslos, kalt und ſtumm. Mit dem Regen, den der Wind auf Elviſen herabtrieb, fielen auch die Thränen der Selavin auf ſie nieder und deren Klage⸗ und Jammerlaute miſchten ſich mit den ſchauerlichen Accorden der ſtürmiſchen Nacht. Endlich jedoch ward ihr Flehen, welches ſie zum Himmel ſandte, erhört, ihre Gebieterin bewegte ſich in ihren Armen und das Leben kehrte wieder in ihr zurück. „Ich bin bei Dir, Herrin, und hier iſt auch Tom,“ ſagte Eva mit freudig bebender Stimme, doch Elviſe antwortete nur durch lautes Weinen und Schluchzen. Endlich graute der Tag, rundum traten die mäch⸗ tigen Baumſtämme aus der Dunkelheit hervor und die Schiffer erkannten, daß ſie der Strom in ein Dickicht des Waldes getrieben hatte, aus dem ſie das Schiff weder vorwärts noch rückwärts bewegen konnten. Der Fluß war aber bereits ſehr gefallen und das trockene Land konnte man ſchon von dem Nachen aus ge⸗ wahren. Da Guy fand, daß das Waſſer ihm kaum noch über die Kniee reichte, ſo erbot er ſich, ſeine Herrin auf das Trockene zu tragen, was ſich Eloiſe auf das Zureden Evas gefallen ließ, während Dieſe mit dem Kind im Arm durch das Waſſer nachfolgte. Bald hatten ſie das höher liegende Land erreicht und ſchritten auf einem Fußpfad vorwärts, den das nach dem Bache zum Tränken ziehende Vieh gebahnt hatte, und der ſie nach kurzer Zeit aus dem Walde führte. Guy erkannte nun die Gegend, in der ſie ſich be⸗ fanden, und deutete die Richtung an, in welcher an einem Landweg ein einzelner Kaufladen ſtand, wohin er ſeine Herrin geleiten wollte. Elviſen gebrach es aber an Kräften, weiter zu wandern, kaum konnte ſie ſich noch aufrecht erhalten und ihr Geiſt ſchien der Gewalt des Unglücks zu er⸗ liegen. Eva aber übergab Guy den Knaben, ſchlang ihren Arm um ihre Herrin und zog ſie, ſie unterſtützend, mit ſich fort, indem ſie dieſelbe an ihr Kind erinnerte, welches vor ihr her getragen wurde. Oft mußten ſie ruhen, um Eloiſen Zeit zu geben, ſich zu erholen, und gänzlich erſchöpft erreichten ſie endlich das erſehnte Haus, deſſen Eigenthümer ſie mit großer Theilnahme in ſeiner beſchränkten Behauſung aufnahm und ihnen jede Hülfe und Bequemlichkeit bot, die er zu geben im Stande war. Von allen den Männern, die mit Montelard das Haus verlaſſen hatten, war es nur dem Kutſcher ge⸗ glückt, den Indianern zu entkommen; er hatte die Straße erreicht und floh in verzweifeltem Laufe auf 24 dem Wege nach D.... davon, da er wußte, daß die Wilden nach vollbrachter That in der entgegengeſetzten Richtung nach Florida zurückkehren würden und daß er auf dem eingeſchlagenen Wege vor deren Verfol⸗ gung ſicher ſei. Ohne zu raſten, ſtürmte er fort, bis er mit dem Grauen des Tages den Weg erreichte, der zu der Niederlaſſung der alten Arnolds führte. Er ſchlug ihn ein und überbrachte bald darauf den biedern Leuten die Schreckensnachricht, welche dieſelben mit dem tiefſten Mitleid erfüllte. Der Kutſcher wurde verpflegt, der alte Arnold aber ließ ſofort ſein Ca⸗ briolet anſpannen, beſtieg daſſelbe, mit ſeiner Büchſe bewaffnet, und jagte dann in fliegendem Trabe nach dem Platz der Verwüſtung. Schon, als er von der Straße in die Allee einbog, die nach dem Gaſthaus führte, erblickte er ſtatt deſſen einen rauchenden Schutthaufen, um den bereits eine Anzahl bewaffneter Männer aus der Nachbarſchaft ver⸗ ſammelt waren, und die Zerſtörung in Augenſchein nahmen. Tief ergriffen verließ Arnold ſeinen Wagen und trat zu den Männern, indem er mit leiderfülltem Blick bald auf die Trümmer des neuen prächtigen Ge⸗ bäudes, bald auf das in einiger Entfernung ſtehende Blockhaus ſchaute, in welchem er mit ſeinem alten Freunde Tom, der unter jenem mächtigen Baume ſchlief, ſo manche glückliche zufriedene Stunde verlebt hatte. Rund um den Schutthaufen lagen die ſealpirten 25 Gemordeten zerſtreut umher und boten mit ihren blu⸗ tigen Köpfen einen ſchaudererregenden Anblick. Montelard jedoch war nicht unter ihnen zu er⸗ kennen. Auch befand ſich kein Leichnam eines In⸗ dianers darunter, wie dies zu erwarten ſtand, da die⸗ ſelben ihre Todten mit ſich fortzuführen pflegten. Während Arnold ſich unter den Verſammelten nach dem Schickſal Eloiſens und ihres Kindes erkundigte, worüber ihm Keiner Auskunft zu geben vermochte, er⸗ ſchien deren Neger Guy und brachte die Nachricht von der wunderbaren Rettung ſeiner Herrin. Er hatte kaum den Bericht abgeſtattet, als Arnold ihn anwies, hier zu bleiben, um über das Eigenthum ſeiner Herrſchoft zu wachen, und ihm anzeigte, daß er ſeine Gebieterin zu ſich nach ſeinem Hauſe holen wolle. Dann beſtieg er ſeinen Wagen und eilte nach dem jetzigen Aufenthalte Eloiſens. Er fand ſie in einem Zuſtand ſtiller und ſtummer Verzweiflung. Seine Erſcheinung aber ſchien ſie mäch⸗ tig zu erſchüttern und ſie aus ihrer dumpfen Abge⸗ ſpanntheit zu wecken. Anfangs weigerte ſie ſich, der Aufforderung Arnolds ſich mit ihm nach ſeinem Hauſe zu begeben, Folge zu leiſten, ſeine ehrlichen theilneh⸗ menden Worte aber und die Herzlichkeit, mit der er ihr Kind behandelte, überredeten ſie endlich, und ſie ließ ſich von ihm in ſein Cabriolet geleiten. Dann reichte er ihr den Knaben hin, ſtieg ſelbſt ein und trat, 1 3 1 3 26 von Eva gefolgt, die von dem Kaufmann mit einem Maulthier verſehen war, den Heimweg an. Unter heißen Thränen empfing Madame Arnold die unglückliche Wittwe; denn auch ſie war durch die Zei⸗ tung von dem Tode ihres Gatten unterrichtet worden. Alles Unrecht, welches ſie von Ralph und von Elviſen erduldet zu haben glaubten, hatten die beiden braven Leute vergeben und vergeſſen, und ſo wie ſie damals das verlaſſene, vom Schickſal bedrängte Mädchen liebe⸗ voll und wie ihr eignes Kind bei ſich aufgenommen hatten, ſo empfingen ſie jetzt die tiefgebeugte Frau, um ihr durch Liebe und Freundſchaft ihr Unglück, ihren Schmerz zu erleichtern. Die Sorge und Wartung für das Kind ließ ſich Madame Arnold vorerſt nicht neh⸗ men, da die Mutter ſelbſt zur Zeit der Schonung und der Pflege ſo ſehr bedürfe. Für Eloiſen bereitete ſie ſofort ein Lager in ihrem eigenen Zimmer und Eva mußte gleichfalls hier verweilen, um jedes Winkes ihrer Herrin gewärtig zu ſein und über deren Knaben zu wachen, wenn häusliche Geſchäfte Madame Arnold nöthigten, das Zimmer zu verlaſſen. Arnold ſandte ſofort einen Boten an ſeinen Sohn und ließ ihn von dem gräßlichen Unglück der Wittwe unterrichten, worauf Frank und Eleanor herbeieilten, um gleichfalls das Ihrige zum Troſt und zur Hülfe der armen Frau beizutragen. Niemand aber ahnete die wahre Urſache des unheil⸗ 27 baren Schmerzes, der das Innere Elviſens zerriß, der wie ein Raubthier an ihrem Herzen nagte, und ihren Geiſt durch die furchtbarſten Schreckbilder marterte; wohin ſich ihre Gedanken auch lenkten, fuhren ſie mit Entſetzen zurück, und ihre Zukunft erſchien ihr womög⸗ lich noch qualvoller, als ihre Vergangenheit. Die herzlichen innigen Troſtworte der alten und jungen Arnolds erreichten die Urſache ihrer Verzweiflung nicht; denn ſie waren gegen den Verluſt ihres Gatten und ihres Vermögens gerichtet, über den Verluſt aber, der ihr Lebensglück in ſeinem tiefſten Grunde vernichtet hatte, konnte ſie Niemand tröſten. Dennoch that ihr die Liebe und Theilnahme, wo⸗ mit man ſie und namentlich auch ihr Kind behandelte, wohl, und mit Thränen dankte ſie den guten Menſchen und bereute tauſendmal im Stillen, ſie früher ver⸗ kannt zu haben. Capitel 33. Die zerſtörte Wohnung.— Eiferſucht.— Der Todtgeglaubte.— Die Gattin. — Das Wirthshaus.— Die Angſt.— Das Tuch.— Die erſte Unwahrheit. — Schmerz.— Der Frühling.— In der Stadt.— Der Verdacht.— Der Redakteur.— Der wilde Freund.— Abſchied.— Letztes Lebewohl. Cs war am letzten April, als ein Reiter in flie⸗ gender Eile auf der Straße von Tallahaſſee her, dem Concordia⸗Hotel zujagte und vor dem Schutthaufen deſſelben von ſeinem ſchweißtriefenden Pferde ſprang. Ralph Norwood war es, der nun vor ſeinem ein⸗ geäſcherten noch rauchenden Wohngebäude ſtand. Eine Grabesſtille lag auf der Umgebung, kein lebendes Weſen zeigte ſich in dem mitverwüſteten Garten, nur die Todesvögel, die Geyer, kreiſten zu Hunderten laut⸗ los über dem Schreckensplatz. Ralph ſtand da mit untergeſchlagenen Armen S feſt aufeinandergebiſſenen Zähnen und ſtieß wiederholt gräßliche Flüche und Verwünſchungen aus. Weit da⸗ von entfernt, in dieſem Anblick eine gerechte Strafe für das viele Unrecht, welches er begangen hatte, zu erkennen, lehnte ſich ſein ungebeugter harter Sinn gegen das Schickſal auf, ſprach ihm Hohn, und ſchwur blutige Rache für den ihm zugefügten Schaden. 20 Wild und wüthend blickte er um ſich, als er plötz⸗ lich Guy gewahrte, der auf dem Fußpfad aus dem Walde trat. Mit barſcher Stimme rief er ihn herbei und fragte ihn, wo ſeine Herrin ſich befinde. Die Auskunft des Negers, daß ſie bei den alten Arnolds ſei, beantwortete er mit einem Fluch und ſtampfte dabei mit dem Fuße auf die Erde. Dann mußte Guy ihm die einzelnen Begebenheiten aus jener Schreckensnacht erzählen, wobei Ralph ihn häufig durch ausgeſtoßene Verwünſchungen unterbrach. Mit bebender Stimme hatte der Selave ſeinen Bericht be⸗ endet, als er noch hinzufügte: „Ich wollte ſo eben verſuchen, ob ich den Kahn auffinden könnte, als ich nicht weit von hier an dem Bache den Herrn Montelard und einen Indianer todt im Walde liegen ſah und mir Hülfe in der Nachbar⸗ ſchaft holen wollte, um dieſelben zu begraben, wie wir es mit den andern Todten gethan haben.“ „Führe mich hin, ich will ſie ſehen,“ ſagte Ralph und ſtieß den Neger, indem er ihm andeutete, voran⸗ zuſchreiten. Bald erreichten ſie im Walde zwiſchen hohen Pflan⸗ zen einen Platz, wo dieſe umgeriſſen und niederge⸗ treten waren und in deſſen Mitte Montelard und ein Indianer todt neben einander hingeſtreckt auf dem Bo⸗ den lagen. „Osmakohee!“ rief Ralph, indem er zurücktrat und ————— 30 ſeinen finſtern Blick auf die verzerrten Züge des Häupt⸗ lings haftete. Der Mord, den er ihn bewogen hatte, an Halle⸗ mico und ſeinem Stamm zu begehen, trat vor ſeine Seele, er ſchauderte zuſammen und ſagte mit i Stimme zu dem Neger: „Schleife ihn nach dem Bache und wirf ihn in das Waſſer,“ welchem Befehl Guy ſofort nachkam, indem er den Indianer bei dem Arm ergriff und ihn nach dem Ufer hinzog. Nun richtete Ralph ſeinen Blick auf Montelard und zwar auf deſſen linke Hand, an welcher derſelbe den Brillantring zu tragen pflegte. Der Todte hielt in ihr ein Batiſttuch, welches er gegen die Wunde in der linken Seite ſeiner Bruſt gepreßt hatte. Ralph öffnete die Hand, an der er den Ring vermißte, und betrachtete dann das Tuch, in welchem er den Namen Elviſens eingenäht erkannte. Wie ein Blitzſtrahl ſchoß es bei dieſem Anblick durch Ralph's Bruſt, bald ſah er auf das Tuch, bald auf den vor ihm liegenden Mann, den er noch im Tode ſchön nennen mußte. Ein platſchender Schlag in das Waſſer verkündete in dieſem Augenblick, daß Guy den Befehl ſeines Herrn ausgeführt hatte und brachte Dieſem Osmakohee und Hallemicv wieder vor die Erinnerung.. „Verdammt!“ ſagte er und fuhr ſich mit der Hand 1 —* ——————— 31 durch ſein borſtiges Haar, dann ſteckte er das Tuch in ſeinen Rock und beugte ſich zu Montelard nieder, um deſſen Taſchen zu durchſuchen. Mit glänzendem Blick zog er eine gefüllte Brieftaſche daraus hervor, in der er zu ſeiner Freude ein Packet mit Banknoten vor⸗ fand, von denen einige in Fünfhundertdollarnoten be⸗ ſtanden. Wie wenn der Anblick des Geldes die aufklim⸗ mende Eiferſucht erſtickt hätte, brach er in ein höh⸗ niſches Gelächter aus und rief:„Werth empfangen!“ Dann befahl er dem zurückkommenden Neger, die Leiche Montelards zu begraben, verbarg die Brieftaſche in ſeinem Rock, eilte zu ſeinem Pferde zurück und ritt von dannen. Auf vieles Zureden der alten ſo wie der jungen Arnolds hatte ſich heute Eloiſe dazu verſtanden, das Mittagseſſen mit ihnen gemeinſam einzunehmen; denn Frank und Eleanor waren an dieſem Morgen ſchon frühzeitig in der Wohnung ihrer Eltern eingetroffen, um ſich von dem Befinden der troſtloſen Wittwe zu unterrichten. Eleanor hatte Eloiſen in ihrem Arm zu dem Tiſch geführt und neben ihr Platz genommen, der alte Arnold hatte ein kurzes Gebet geſprochen und Frank war mit dem Zerlegen eines Bratens beſchäf⸗ —=—— tigt, als ſich die Thür öffnete und Ralph in das Zimmer trat. Mit einem Schrei des Entſetzens ſtierte Eloiſe einen Augenblick nach ihm hin und ſank dann Eleanor ohnmächtig in die Arme, während die Andern, er⸗ ſchrocken ſeinen Namen ausrufend, aufgeſprungen waren und ihn anſtarrten als ob ein, aus dem Grabe Her⸗ vorgeſtiegener vor ihnen ſtände. Madame Arnold mit ihrer Schwiegertochter und Eva trugen die regungsloſe Elviſe auf ihr Lager, wäh⸗ rend Frank und deſſen Vater vor Ralph einen Schritt zurückgetreten waren und ihn ſchweigend und fragend anblickten. „Ich ſehe, auch hier hat man jener boshaften Nach⸗ richt von meinem Tode willig Gehör gegeben. Es thut mir leid, Ihnen die augenblickliche unangenehme Ueberraſchung bereiten zu müſſen, bin aber wohl hin⸗ länglich entſchuldigt, da gegen meinen Wunſch meine Frau ſich unter Ihnen befindet,“ ſagte Ralph mit ver⸗ ächtlichem Tone und frechem Blick zu den beiden Männern. „Elender—“ begann Frank, doch der alte Arnold winkte ihm Schweigen zu und ſagte zu Ralph: „Herr Norwood, ich bin weit davon entfernt, Ihr Thun und Laſſen zu kritifiren, Ihr Betragen aber in meinen vier Wänden muß anſtändig und höflich ſein, wenn ich nicht von meinem Hausrecht Gebrauch machen — 33 und Sie daraus entfernen ſoll. Merken Sie ſich Dies Ein⸗ für Allemal. Die Menſchlichkeit hat es mir be⸗ fohlen, Ihre, von Ihnen und von allem Glück ver⸗ laſſene Frau in mein Haus aufzunehmen, wofür ich weder Ihren Dank, noch aber Ihren beleidigenden Undank empfangen will. Ich erſuche Sie, meinen Grund und Boden baldmöglichſt zu verlaſſen, während ich es Ihnen freiſtelle, Ihre Frau ferner meiner Für⸗ ſorge zu vertrauen, oder dieſelbe mit ſich fortzunehmen. Sie iſt ſehr leidend und bedarf der ſorgfältigſten Pflege.“ Arnold ſagte dieſe Worte mit ſo feſter Entſchieden⸗ heit und Franks Erſcheinung hatte einen ſo entſchloſſen feindlichen Ausdruck angenommen, daß Ralph wohl fühlte, es ſei an der Zeit, eine andere Sprache anzu⸗ ſtimmen. „Ich wünſche, meine Frau mit mir zu nehmen“, erwiederte Ralph mit ruhigerem Tone und ſetzte noch halb verlegen hinzu:„nur wird es ihr, wie es ſcheint, ſchwer werden, zu Pferde zu reiſen; wenn ich einen Wagen geborgt bekommen könnte, ſo würde ich den⸗ ſelben mit Dank und unverſehrt wieder zurückliefern. Der meinige iſt ein Raub der Flammen geworden und meine Pferde find mir von den Indianern ge⸗ ſtohlen.“ „Ihrer Frau zu Liebe will ich Ihnen mein Fuhr⸗ werk doch würde ich Ihnen rathen, die⸗ Ralph Norwood. IV. 3 34 ſelbe noch einige Tage zu ihrer Erholung hier zu laſſen; ſie iſt ſehr angegriffen“, ſagte Arnold und warf einen Blick nach Elviſen, die wieder zu ſich gekommen war und ihr Geſicht in ihrem Tuch verhüllt hielt. „Aprilsſchauer,— wird bald wieder Sonnenſchein geben. Ich nehme Ihr Anerbieten an und wünſche bald abzureiſen. Eva kann mein Pferd reiten. Wenn Sie anſpannen laſſen wollten, ſo würde es mir an⸗ genehm ſein“, antwortete Ralph, indem er zugleich das Schluchzen ſeiner Gattin vernahm und den ent⸗ rüſteten, verächtlichen Blicken der Madame Arnold und Eleanors begegnete. „Herr Norwood, wie Sie dieſe Grauſamkeit gegen eine ſo liebe Gattin dereinſt vor Gottes Thron ver⸗ antworten wollen, weiß ich nicht, vor den Menſchen verdient ſie die tiefſte Verachtung“, ſagte Eleanor mit lauter, feſter Stimme und hielt ihren ſtrafenden Blick auf Ralph geheftet, als erwarte ſie ſeine Antwort. Da erhob ſich Elviſe, reichte Eleanor die Hand hin und ſagte mit bittendem Ton:„Dank, ewigen Dank; ich werde aber meinem Gatten folgen.“ Ralph verließ nun das Zimmer und ging in den Hof hinaus, um dort den Wagen zu erwarten, den anzuſpannen und vorzuführen, Arnold einem Reger aufgetragen hatte. Unter Thränen waren Madame Arnold und Eleanor nun beſchäftigt, Elviſen bei ihrer Vorbereitung zur —— 2—— ————— Abreiſe behülflich zu ſein, und als dieſe dieſelbe be⸗ endigt und ermattet in den Armſtuhl ſank, ſagte Ma⸗ dame Arnold zu ihr: „Elviſe, vergeſſen Sie niemals, daß Sie zu jeder Zeit in unſerm Hauſe eine Freiſtätte finden werden, und gedenken Sie gelegentlich des Rechtes, welches das Geſetz dieſes Landes uns Frauen giebt;— es nimmt uns gegen Mißhandlungen eines Mannes un⸗ bedingt in Schutz und löſt die Banden, die uns Grauſamkeiten ausſetzen.“ „Auch bei uns, Eloiſe, ſind Sie jeden Augenblick willkommen und Sie dürfen feſt darauf rechnen, eine bleibende Heimath bei uns zu finden, wann Sie einer ſolchen bedürftig ſein ſollten“, ſagte Eleanor mit warmer Theilnahme und legte ihren Arm um Eloiſens Nacken. Jetzt zeigte der alte Arnold an, daß der Wagen vor dem Hauſe ſtehe, verſicherte Elviſen, als die⸗ ſelbe ſich erhob, daß ſie ſtets auf ihn vertrauen könne und bat ſie, ihn anzurufen, wenn ihr die Hülfe eines Mannes nöthig werde. Madame Arnold und Eleanor geleiteten Elviſen dann hinaus zu dem Wagen, halfen ihr, denſelben zu beſteigen, und reichten ihr dann ihr Kind hin. Ralph war während dieſer Zeit von der andern Seite eingeſtiegen, lenkte mit einem kurzen„Guten Tag“ das Pferd von dem Hauſe ab, dem Walde zu, 3* 36 und Eva folgte, auf ihres Herrn Pferd, dem Fuhr⸗ werk langſam nach. Schweigend zogen ſie auf der Straße hin, Ralph ſowohl, als auch Elviſe, in ſich ſelbſt verſunken. Ralph's Gedanken waren wilder, ſtürmiſcher Natur, ſo daß er oft, um ſeiner Aufregung Luft zu machen, die Peitſche unbarmherzig auf den Rücken des Pferdes ſchlug. Er dachte an das blutige Tuch ſeiner Frau und an den ſchönen Mann, in deſſen erſtarrter Hand er es gefunden, Osmakohee und Hallemico traten ihm vor die Erinnerung, der große Verluſt, den er durch die Verwüſtung ſeines Wohnorts erlitten, ſtand vor ſeinen Augen, und dann erſchienen die Banknoten in der Brieftaſche vor ihm, die über zweitauſend Dollar betrugen. Auch ſann er über den Ring nach, den er vergebens an Montelards Finger geſucht hatte, und beſchloß, ſpäter bei dem Hinwegräumen der Trümmer ſeines Hauſes nach demſelben zu ſuchen, da der koſt⸗ bare Stein nicht von dem Feuer beſchädigt ſein konnte. Eloiſens Gedanken waren ganz anderer Art, ſie zogen wie ſchwere, verhängnißvolle Gewitterwolken durch ihre Seele und ließen Schmerz, Zerwürfniß mit ſich ſelbſt und Verzweiflung in ihr blutendes Herz fallen. Aus der Liebe zu Montelard, die ſie als eine himm⸗ liſche, vor ihrem Gewiſſen und vor der Welt gerecht⸗ fertigte, ſo unendlich beſeligt hatte, ſtiegen Zweifel und Vorwürfe in ihrem Geiſte auf, und aus ſo reinem n—— 37 Herzen ſie auch entſproſſen war, ſo füllte ſie Elviſens Gedanken jetzt doch mit Angſt und einem Gefühl von Schuld. Zwar rief ſie alles Unrecht, alle Vergehen Ralph's für ſich in die Schranken, führte ihrer Er⸗ innerung die Glaubwürdigkeit von deſſen Todesnach⸗ richt vor; demohngeachtet konnte ſie ſich nicht ganz frei ſprechen und die Ruhe nicht gewinnen, die ihrem zerriſſenen Gemüth ſo nöthig war. Dieſe Zweifel miſchten ſich mit denen über das Schickſal Montelards, ſie wußte es, daß derſelbe ſich nicht mehr unter den Lebenden befinde, denn ſie hatte in jenem entſetzlichen Todesſchrei zu deutlich ſeine Stimme erkannt, und dennoch hätte Elviſe jetzt Alles darum gegeben, Ge⸗ wißheit über ihn zu erhalten. Vergebens ſuchte ſie Troſt in ihrem Kinde, welches ſorglos und ruhig in ihren Armen ſchlief; es erinnerte ſie nur daran, daß s niemals vaterlos geweſen ſei⸗ Ihr Schmerz, ihre Unruhe ſteigerte ſich noch mehr, als Ralph von der Straße in die Allee nach den Trümmern ſeines Hauſes einlenkte; jeder Baum, jede zertretene Blume erin⸗ nerte ſie an ihren Glückstraum, an ihr wiedergekehrtes, zum nagenden Ungeheuer herangewachſenes Elend. Guy eilte ſeinem Herrn entgegen, und dieſer gab ihm den Befehl, den Platz nicht zu verlaſſen und nicht zu erlauben, daß irgend Jemand den Schutthaufen antaſte. Alles ſolle ſo verbleiben, bis er ſelbſt zurück⸗ kehre. Dann wandte er das Pferd zu der Straße — — 38 zurück und erreichte auf dem Wege nach Tallahaſſee ein einſam gelegenes Wirthshaus, in dem er beſchloß, die Nacht zuzubringen. Es war ſchon ziemlich düſter, als er der Selavin Eva ſein Kind aus dem Wagen reichte, dann ſelbſt ausſtieg und Elviſen half, ein Gleiches zu thun. Mit dem Wirth war er bekannt und derſelbe verſprach ſein Möglichſtes, um ihm und ſeiner Frau Bequemlichkeit zu verſchaffen. Er ſtellte ihnen das Zimmer unter dem Dache zur Verfügung, das einzige in dem Hauſe, welches er ihm allein überlaſſen konnte, denn die andern Fremdenſtuben waren für eine größere Zahl von Gäſten beſtimmt und ein jedes mit ſechs Betten verſehen. Die Einrichtung der Dachſtube war aller⸗ dings ſehr einfach, die Möbel derſelben beſtanden in einem großen, mit einem alten Mosquitonetz ver⸗ ſehenen Bett, einem hölzernen Armſtuhl, einigen Schemeln und einem Waſchtiſch; das Schindeldach bildete die Decke und die Wände waren von über⸗ einandergenagelten Brettern aufgeführt. Während die Wirthin dieſes Privatzimmer zum Empfang Ralph's und deſſen Familie herrichtete und Feuer in das Kamin machte, verweilte derſelbe mit Eloiſen und dem Kinde in der Gaſtſtube gleicher Erde und erwartete dort das Abendeſſen. Außer ihnen befanden ſich noch mehrere Reiſende in dieſem Zimmer, die bei dem Eintreten Elviſens derſelben vor dem Kaminfeuer Platz machten, wo dieſe ſich mit ihrem Knaben auf dem Schvoß niederließ. So unangenehm der Aufenthalt unter dieſen fremden Leuten Elviſen auch ſonſt wohl geweſen ſein würde, ſo waren dieſelben ihr gegenwärtig ein Troſt, denn ein banges Vorgefühl vor dem Augenblick, wo ſie mit Ralph ganz ohne Zeugen ſein würde, hatte ſich ihrer bemeiſtert. Er war während der Fahrt ſo wortkarg, ſo barſch geweſen, augenſcheinlich hatte irgend eine Sache von Intereſſe ſeine Gedanken in Anſpruch ge⸗ nommen und eine innere Stimme ſagte Elviſen, daß ſie der Gegenſtand ſeiner finſtern Betrachtungen ge⸗ weſen ſei. Sie ſchrak zuſammen, als der Wirth ein⸗ trat und zum Abendeſſen rief, und er mußte ſie noch beſonders auffordern, in das andere Zimmer zu treten, ehe ſie ſich erhob. Sie gab Eva ihr Kind, wies ſie an, demſelben Milch und Brod zu reichen, und wankte dann in die angrenzende Stube zu dem Tiſch. Ralph war in Unterhaltung mit einem der Fremden ſchon vorangegangen und ſchien ſich nicht um ſeine Frau zu kümmern; doch als der Wirth ihr einen Platz bezeichnete, ſetzte ihr Gatte ſich an ihre Seite. Elviſe nippte an einer Taſſe Thee und verſuchte, Etwas zu eſſen; es war ihr aber nicht möglich, es ward ihr immer enger um das Herz und verlegen ſpielte ſie mit Brodkrumen. Jetzt erhob ſich Ralph und richtete ſich nach Elviſen — ———— 40 hin, wie mit einer Aufforderung, ihn zu begleiten. Sie folgte und winkte im andern Zimmer ihrer Selavin, damit dieſelbe ihr mit dem Kinde nach⸗ komme. Die Treppe zu erſteigen, ward Elviſen ſehr ſchwer, ihre Füße ſchienen ihr den Dienſt verſagen zu wollen und ſie mußte mehrere Male ſtehen bleiben, um Athem zu ſchöpfen. Ralph trat ihr in die Dachſtube voran und ſchritt zu dem Kaminfeuer, indem er den Armſtuhl Elviſen entgegenſchob, worauf er ſich zu dem Feuer nieder⸗ beugte und daſſelbe auffriſchte. Noch während er damit beſchäftigt war, wandte er ſich zu Eva um und ſagte: „Lege das Kind auf das Bett und gehe hinunter, bis ich Dich rufe.“ Eloiſen wurde eiskalt, als ſie dieſen Befehl ver⸗ nahm, ſie fühlte, wie das Zimmer ſich mit ihr zu drehen begann, und indem ſie ihren Arm auf die Lehne des Stuhles ſtützte und die Stirn in die Hand ſenkte, ſagte ſie mit Anſtrengung zu der Selavin: „Reiche mir erſt ein Glas Waſſer, Eva.“ Die Dienerin that, wie ihr befohlen war; Eloiſe ergriff das Glas und nickte leiſe mit dem Kopf, zum Zeichen, daß Eva ſich nun entfernen möge. Ralph war während dieſer Zeit mit den Händen auf dem Rücken im Zimmer auf und ab geſchritten, blieb, nachdem die Tritte der Negerin auf der Treppe 41 verhallt waren, neben dem Kamin ſtehen und heftete ſeine Augen auf Elvoiſen. Ohne zu ihm aufzuſehen, fühlte ſie, daß Ralph's Blicke auf ihr laſteten, ſie erbebte und ließ die Hand mit dem Glas auf ihr Knie ſinken. „Kennſt Du dies Tuch?“ fragte Ralph plötzlich mit Unheil verkündender Stimme, indem er das blutige Batiſttuch aus der Bruſttaſche zog und es — vorhielt. as Tuch, ſowie das Blut, womit es befleckt war, — ſich ihr beim erſten Anblick, ſie zuckte zu⸗ ſammen, das Glas entfiel ihrer Hand und zerſplitterte auf dem Kaminſtein vor ihr, ihre Augen ſtierten, ihre Lippen bewegten ſich, wie zum Reden, und der letzte Blutstropfen war aus ihrem Geſicht gewichen. So wie aber das Recht in den verzweifeltſten Augenblicken dem Menſchen Kraft giebt, ſo verleiht auch oft der Gedanke an heimlich begangenes Unrecht den Nerven Spannkraft, um daſſelbe ferner verborgen zu halten; Elviſe klammerte ihre kleinen Hände um die Arme des Stuhls, drückte ſich gegen die Lehne und traf nun mit Ralph's Blick zuſammen, den ſie jetzt zu ertragen entſchloſſen war, und wenn es ihr das Leben gekoſtet hätte. Beide hatten ſich ſchweigend einige Augenblicke unverwandt angeſehen und Ralph's Augen waren die erſten, die wankten. Elviſe fühlte, daß ſie, wenn ſie 42 gefehlt, es ohne Vorſatz gethan, ſie fühlte, daß ſie das gräßliche Unglück, welches ſie faſt ununterbrochen verfolgt, nicht verſchuldet hatte, und alles Leid, welches Ralph über ſie gebracht, ſtand in dieſem Augenblick vor ihr. Der unſtäte Blick Ralph's gab ihr Muth und ſchärfer und feſter ſah ſie ihm in die Augen. „Dein Name ſteht in dem Tuche und ich fand es in der Hand des todten Montelard“, ſagte Ralph, indem er von Neuem das Tuch nach Elviſen hinſtreckte. „Des todten Montelard!“ hallte es in Elviſens Seele wieder und ſchnürte ihr die Bruſt zuſammen; ſie glaubte das Blut von ihrem Herzen tropfen zu fühlen, doch wenn es ſich auch verblutet hätte, ſie würde noch ſterbend ihren Blick auf Ralph geheftet haben. Sie gab keine Antwort. „Wie kam das Tuch in Montelard's Hand? ich will es wiſſen!“ rief Ralph jetzt und ſtampfte mit dem Fuß auf den Boden. „Zu oft ſchon habe ich Dir Dein rohes, unver⸗ zeihliches Benehmen gegen mich nachgeſehen und Dich nicht an das Recht erinnert, welches die Natur und die Geſetze dieſes Landes dem Weibe geben. Rede mich nie wieder in dieſem Tone an, wenn ich nicht aufhören ſoll, Deine Gattin zu ſein“, antwortete Elviſe entſchloſſen und holte, um Vieles tief Athem. — 43 Ralph war betroffen; die dem Amerikaner einge⸗ impfte Achtung vor dem weiblichen Geſchlecht machte ſich geltend und er ſagte: „Nun, das Tuch iſt dem Kerl doch nicht zu⸗ geflogen!“ „In der Nacht, als er mit den andern Gäſten unſers Hauſes mir einen Weg durch jene Unmenſchen bahnte, hatte ich das Tuch über das Haar geknüpft und Herr Montelard nahm es mir vom Kopf, damit ſeine weiße Farbe mich den Wilden nicht verrathen ſollte. Das iſt die einfache Geſchichte des Tuches“, antwortete Elviſe und ſenkte ihre Stirn wieder in ihre Hand. Sie fühlte, wie dieſelbe brannte, wie ihr das Blut in die Wangen geſtiegen war und wie ihre Pulſe heftig kopften. Es war die erſte Unwahrheit, die ſie in ihrem Leben wiſſentlich geſagt hatte, eine Unwahrheit aber, die ihr das Unglück abgenöthigt und wodurch ſie glaubte, ein noch größeres Elend von ſich und von ihrem Gatten abzuwehren. Es war ge⸗ ſchehen, und ſie hatte über Ralph geſiegt. „Das hätteſt Du mir auch gleich ſagen können“, ſagte Ralph verlegen und ſchritt langſam im Zimmer auf und nieder. Nach einer Weile ſagte er im Gehen: „Haſt Du vielleicht gehört, ob er den koſtbaren Ring etwa verkauft hat? Ich fand ihn an ſeiner Hand nicht.“ „Von einem Verkauf des Ringes habe ich nie ge⸗ hört; der Mann war zu reich, als daß er denſelben hätte verkaufen ſollen“, erwiederte Elviſe, ohne auf⸗ zublicken. S „So muß er unter dem Schutthaufen liegen und ich werde ihn finden. Der Stein war von ſehr großem Werthe.“ Noch einige Male ging Ralph im Zimmer auf und ab, dann trat er zu Eloiſen hin, nahm ihre Hand und ſagte mit freundlichem Tone: „Gehe zur Ruhe, Eloiſe. Ich habe den Mann, der neben mir am Tiſche ſaß, noch einen Augenblick zu ſprechen. Ich komme aber bald, recht bald zurück.“ Dann klopfte er Elviſen noch, wie zur Ausſöh⸗ nung, auf die Schulter und eilte aus der Thür, die Stiege hinab. Kaum hatte Ralph die Treppe erreicht, als Eloiſe in ſtürmiſcher Aufregung aufſprang, ſich in der Mitte der Stube auf die Kniee warf und ihre Blicke und gefalteten Hände flehend nach Oben richtete. Sie flehte Gott um Beiſtand, um Gnade und Vergebung an, denn jetzt hatte ſie mit vollem Bewußtſein das erſte Unrecht begangen, ſie rang die Hände und weinte laut, als ſie plötzlich Fußtritte auf der Treppe ver⸗ nahm. Sie raffte ſich ſchnell auf, trocknete ihre Thränen und trat zu ihrem Kinde an das Bett, während welcher Zeit die Thür ſich bffnete und Eva herein kam. Die treue Dienerin ſchritt an Elviſens Seite und ſagte mit weicher Stimme: „Der Herr hat mir ein Tuch von Dir gegeben, Herrin; es iſt daſſelbe Tuch, welches Du dem Herrn Montelard, als er ſo krank war, mit belebenden Tropfen auf das Hetz legteſt. Ich ſoll es auswaſchen, es iſt blutig.“ „Nein, nein, beſte Eva, gieb es mir. Hier, nimm dieſes dafür, eile hinunter, waſche es aus und hänge es dort auf dem Stuhle vor dem Kaminfeuer zum Trocknen auf. Eile, ehe mein Mann zurückkommt!“ rief Elviſe mit halblauter Stimme, ergriff mit zit⸗ ternder Hand das blutige Tuch und winkte der Selavin nach der Thür hin. Dann knieete ſie vor dem Bett nieder, preßte das Tuch gegen ihr Herz und ſah mit überſtrömenden Augen ſchluchzend gegen das Dach empor. „Alphons, Alphons!“ ſtammelte ſie mit zitternder Stimme, verhüllte ihr Geſicht mit dem Tuche und ſank gegen das Bett. Die zurückkehrende Eva fand Elviſen noch in ihrem Schmerz, in ihrem Jammer. „Komm, gute Herrin, geh' zur Ruhe, der Herr wird bald kommen“, ſagte ſie theilnehmend zu ihr und mahnte ſie, aufzuſtehen. Dann entfaltete ſie das gewaſchene Tuch, hing es über die Stuhllehne vor ———— 46 dem Feuer auf und Eloiſe verbarg das dagegen ein⸗ getauſchte in der Taſche ihres Kleides. Ralph hielt Wort; noch ehe eine halbe Stunde verging, kehrte er zurück, bedeckte das Feuer in dem Kamin mit Aſche, und bald darauf ſchwebte der Engel der Ruhe durch das Zimmer. Der erſte Maitag ſchien golden durch das kleine Fenſter der Dachſtube und weckte Ralph und Elviſen aus ihrem feſten Schlafe. Eva hatte das Fenſter ge⸗ öffnet und war dann mit Tom auf dem Arm, den ſie leiſe von der Seite der ruhenden Mutter weggenommen hatte, hinaus in das Freie gegangen. Mit dem Erwachen Elviſens kehrte auch ihre letzte Vergangenheit wieder in ihre Gedanken zurück, und wie ein vom Schiffbruch Geretteter, der auf einer wüſten Inſel einem langſamen Untergang entgegen⸗ ſieht, blickte ſie ſchweren Herzens um ſich. Ralph war freundlich und weniger barſch, als ſonſt, er ſagte ſogar, als er das Zimmer verließ, er würde herauf⸗ kommen und Elviſen herunter zu dem Frühſtück ge⸗ leiten; dieſe aber blickte ihm traurig nach und trock⸗ nete, als ſie ihn die Treppe hinuntergehen hörte, ihre Thränen mit dem Tuche, welches mit dem Herzblut Montelards gefärbt war. Bald nach dem Frühſtück ſetzte Ralph in gleicher Weiſe, wie er gekommen war, ſeine Reiſe nach Talla⸗ haſſee fort und bemühte ſich, Elviſen zu unterhalten, * f 47 indem er ihr von ſeinen Zuſammenkünften mit den verſchiedenen Stämmen der Seminolen erzählte und ſich Viel darauf zu Gute that, daß er ſie ſämmtlich hinter das Licht geführt habe. Elviſe blieb ſtumm und in ſich verſunken. Die Sonne ſchien herrlich und belebend, die Wälder und Fluren prangten in friſchem Grün, die Vögel ſangen fröhlich und ließen ihr buntes Gefieder in dem goldenen Lichte erglänzen, und die milde Mailuft zog wohlthuend dem raſch dahinrollenden, offenen Wagen entgegen; Elviſe aber blickte nicht um ſich, der Früh⸗ ling ſtand mit ihrer Seelenſtimmung nicht in Einklang. Nachmittags erreichten ſie Tallahaſſee, wo ſie von dem Gaſtwirth mit Auszeichnung empfangen wurden. Ralph hatte bei ſeinen früheren Beſuchen hier ſtets viel Geld verzehrt und war augenblicklich, wo der bevorſtehende Krieg mit den Wilden wie ein ſchweres drohendes Gewitter über der Stadt hing, als In⸗ dianeragent und als Halbſeminole eine geſuchte und hervorragende Perſönlichkeit. — wurde ihm und ſeiner Familie ein kleines, einſtehendes Nebengebäude, welches aus zwei Zim⸗ ern beſtand und für dieſe Gegend hübſch eingerichtet zur Wohnung angewieſen, was Elviſen angenehm berührte, indem ſie dadurch dem Fremdengewühl in dem Gaſthaus ſelbſt entzogen ward. Auch fand ſich der Wirth bereit, ihr die Speiſen hierher zu ſenden, während Ralph es vorzog, an der Wirthstafel ſeine Mahlzeiten einzunehmen. Schon am zweiten Tage theilte er Elviſen mit, daß ihn ſeine Dienſtgeſchäfte nöthigten, ſie zu ver⸗ laſſen, indem er die im nördlichen Theile Florida's wohnenden Indianer und namentlich Tallihadjo be⸗ ſuchen müſſe. Er ritt nach einem kurzen Abſchied davon, nachdem er einen Mann gedungen hatte, der das Cabriolet wieder nach Arnolds zurückfahren ſollte. Wenn auch die Auskunft, die Elviſe ihm über das Batiſttuch gegeben, ſeiner auflodernden Eiferſucht Ein⸗ halt gethan hatte, ſo war deren Keim doch in ſeiner Bruſt zurückgeblieben, und wo er ging, wo er ſtand, waren ſeine Gedanken mit Montelard und Elviſen beſchäftigt. Namentlich aber wurde ihm die Anzeige von ſeinem Tode immer wichtiger. Unbezweifelt hatte ſie Jemand einrücken laſſen, der irgend einen Vortheil daran knüpfte und einen Zweck dadurch erreichen wollte. Wer konnte die Perſon ſein, die damals ein Intereſſe an ſeinem Tode oder an dem Gerücht davon gehabt hätte? Dieſe Frage durchkreuzte Ralph's Gedanken nach allen Richtungen, und beſonders jetzt, wo er zu Pferd allein der einſamen Straße folgte, gab er ſich dieſer Betrachtung mit aller Schärfe ſeines miß⸗ trauiſchen Geiſtes hin. Immer kam er wieder darauf zurück, Montelard müſſe es gethan haben, um, wie er muthmaßte, 49 Elviſen für ſeine Bewerbung zu ſtimmen. Es lag dies ſo nahe, und je mehr er darüber nachdachte, deſto mehr ward er in ſeiner Meinung beſtärkt. Da fiel ihm ein, daß er ja durch den Redakteur ſich Ge⸗ wißheit darüber verſchaffen könne, und er beſchloß, anſtatt direkt zu Tallihadjo zu reiten, vorher dem Redakteur in D... einen Beſuch abzuſtatten. Gedacht, gethan; er zog an dem Weg, der zu Tallihadjo führte, vorüber und erreichte am zweiten Tage vor Sonnenuntergang das Städtchen. Nachdem er in dem Stalle des Herrn Dennis ſein Pferd unter⸗ gebracht und dieſen für daſſelbe verantwortlich gemacht hatte, begab er ſich zu dem Herausgeber der Zeitung und traf ihn in ſeinem Arbeitszimmer allein. „Herr Skinner,“ ſagte er zu ihm beim Eintreten, denn dies war der Name des Redakteurs,„Sie haben ſich den Spaß erlaubt, mich durch einen Artikel in Ihrem Blatt aus der Welt zu befördern, ich komme, um von Ihnen zu erfahren, ob dieſer Scherz Ihrem eigenen Schädel, oder dem eines andern Spaßvogels entſproſſen iſt. Ich bitte, mir kurz weg die Wahrheit zu ſagen.“ Der Redakteur war überraſcht, denn er hatte ſelbſt an den Tod Ralph's geglaubt, doch faßte er ſich und ſagte: „Der Artikel iſt mir von einem Herrn ſchriftlich Ralph Norwood. 1V. 4 50 eingehändigt worden und ſomit ruht keine Schuld auf mir.“ „Durchaus nicht, ſobald Sie jenen Herrn genannt haben werden, bis dahin bleiben Sie mir verantwort⸗ lich. Ich verlange den Namen jenes Herrn jetzt von Ihnen zu hören,“ ſagte Ralph mit großer Be⸗ ſtimmtheit. „Sie wollen gefälligſt bedenken, daß wir Ver⸗ ſchwiegenheit zu beobachten haben, wenn uns ſolche aufgelegt wird, und dies war mit jenem Artikel der Fall. Ich darf den Namen des Herrn nicht nennen,“ erwiederte der Redakteur ausweichend. „Den Namen, Herr Skinner, und zwar in dieſem Augenblick, oder ich ſchicke Sie zur Hölle, wo Sie ſo viele Artikel erfindel mögen, als es Ihnen beliebt,“ ſagte Ralph, indem er eine Piſtole zog und ſie ge⸗ ſpannt auf den Redakteur richtete. Dieſer erblaßte, da er in dem Blick und in dem Tone Ralph's wohl erkannte, daß er im vollſten Ernſte ſprach. „Nun denn, ich will Ihnen den Namen nennen, bitte aber, mich nicht zu verrathen, er iſt ein Mann, mit dem ich nicht gern ausfallen möchte. Der Herr Soublett, der frühere Kutſcher, hat mir den Artikel gebracht und mir die ſtrengſte Verſchwiegenheit aufer⸗ legt,“ ſagte Skinner ſehr erſchrocken. „Soublett?“ rief Ralph in höchſtem Erſtaunen. 51 „Ja, der Herr Soublett; er hat die Anzeige im Hauſe des Herrn Dennis geſchrieben, denn Dieſer fragte mich ſpäter, ob der Artikel vielleicht von dem Kutſcher herſtamme, indem derſelbe bei ihm einen Aufſatz gemacht habe, ehe er zu mir gegangen ſei.“ „Sonderbar!“ ſagte Ralph ſinnend, reichte dann dem Redakteur die Hand zur Verſöhnung und begab ſich in das Gaſthaus zurück. Dort ſuchte er ſofort den Wirth auf und fragte ihn, wann Soublett mit dem Poſtwagen hier erwartet würde?“ „Soublett?“ rief Dennis verwundert,„der iſt ja ſchon vor langer Zeit aus dem Dienſt gejagt. Ich dächte, Sie ſollten dies am Beſten wiſſen, denn in Ihrem Hauſe gab er ja die Veranläſſung zu ſeiner Entlaſſung. Die Paſſagiere, die derzeit mit ihm hier eintrafen, haben mir die Sache umſtändlich erzählt.“ Ralph erklärte nun, daß er von alledem nichts wiſſe und ließ ſich von dem Wirth den Hergang aus⸗ führlich berichten. Jetzt wurde Ralph der Zuſammenhang klar, inſo⸗ weit, als Soublett die Anzeige angefertigt hätte, um Eloiſen ein Leid zuzufügen, denn er erinnerte ſich jenes Abends, an welchem er ſelbſt dem Kutſcher mit⸗ getheilt hatte, daß ſeine Frau ihn nicht leiden könne und ihm unterſage, ſo laut zu lachen und zu ſcherzen. Deſſen eigentlichen Racheplan gegen Montelard aber 4* 52 durchſchaute er nicht und die ganze Angelegenheit er⸗ ſchien ihm als eine Bosheit gegen Elviſen, wofür er ſich vornahm, Soublett gelegentlich zu züchtigen. N 6 An dieſem Abend, als das Dämmerlicht bereits den Tag verdrängt hatte und der alte Arnold mit ſeiner Frau bei offener Thür im Zimmer beim Abend⸗ brod ſaß, trat plötzlich eine dunkele Geſtalt in den Eingang und ſagte: „Euer Freund Tallihadjv.“ „Komm herein, Tallihadjo, und ſei herzlich bei unſerm Mahl willkommen, rief Arnold freudig aus, ſprang auf und reichte dem Indianer die Hand. Auch die alte Frau hatte ſich erhoben, ſchnell einen Stuhl für den wilden Freund zu dem Tiſche geſchoben und Teller ſo wie auch Meſſer und Gabel für ihn hin⸗ gelegt. „Komm, guter Tallihadjo,“ ſagte ſie dann, indem ſie ihm freundlich die Hand bot, ſetze Dich zu uns, wir haben lange Deine Geſellſchaft entbehren müſſen. „Die Tage, wo unſere Herzen ruhig und glücklich ſchlugen, ſind vorüber, die Sonne iſt untergegangen und die darauf folgende Nacht wird ſtürmiſch werden. Wer weiß, ob es für die Seminolen jemals wieder Tag werden wird und ob ſie dann ihre alten Freunde 53 in dieſem Lande noch begrüßen können!“ ſagte Talli⸗ hadjo mit ernſter trauriger Stimme. „Es wird hoffentlich nochmals ohne Krieg abge⸗ hen, die Weißen ſcheuen ſich, Euch in das Innere Eueres Landes zu folgen. Wir wollen das Beſte hoffen,“ ſagte Arnold mit verzagtem Ton, der deutlich zeigte, wie wenig Hoffnung er ſelbſt für den ausge⸗ ſprochenen Wunſch hege. Dabei führte er den Häupt⸗ ling zu dem für ihn bereitgeſtellten Stuhl und fuhr fort: „Wie es auch kommen mag, Tallihadjo, auf meinem und meines Sohnes Land wirſt Du immer mit den Deinigen eine Heimath finden, wo der Präſident der Vereinigten Staaten ſelbſt Dich nicht beunruhigen darf, wenn meine Kugel ihm nicht durchs Herz fliegen ſoll. Sei friſchen Muths, es wird ſich alles noch zum Guten wenden.“ „Von Dir und Deinem Sohne würde ich ein Stück Brod annehmen, wenn ich hungrig wäre und wenn ich ſo frei zwiſchen meinen rothen Brüdern ſtände, wie Du zwiſchen Deinen weißen. Tallihadjo aber gehört ſeinem Volk, er muß mit ihm leben und mit ihm ſterben. Die Weißen haben den Seminolen den Laſſo über den Kopf geworfen und ziehen die Schlinge jetzt zu. Du weißt es ſo gut, wie ich, daß wir in unſerm Vaterland den letzten Kampf kämpfen müſſen und deshalb komme ich zu Dir, um Dir zu 54 ſagen, daß die Seminolen auch während deſſelben Deine und Deines Sohnes Freunde bleiben werden. Ich will noch Einmal mit Dir eſſen und noch Einmal bei Dir ſchlafen. Laß mir ein Feuer vor Deinem Hauſe bereiten, der Schlaf des Seminvolen iſt ſüßer, wenn die Sterne über ihm ſtehen, als in Euern engen Häuſern.“ „Es wird nicht das Letztemal ſein, Tallihadjo, glaube mir, die Weißen werden wieder Friede machen,“ erwiederte Arnold. „Um ihn wieder zu brechen und abermals inſer Land zu verkleinern. Mit ihrer doppelten Zunge haben ſie ſchon die Hälfte unſeres Volkes getödtet, das Ohr deſſelben iſt jetzt taub für ſie,“ ſagte der Häuptling mit finſterm Blick und ſetzte gleich darauf mit freund⸗ lichem Tone hinzu:„Weder auf Deinem, noch auf Deines Sohnes Land wird der Kriegsruf der Semi⸗ nolen ertönen.“ Während des Abendeſſens bediente Madame Arnold den Häuptling mit gewohnter Herzlichkeit und Dieſer ſchien heute beſonders darthun zu wollen, daß er ſich des Mahles erfreue, denn er aß von Allem, was ihm geboten wurde. Nach Tiſch zündete er ſeine Pfeife an und ſetzte ſich mit den alten Leuten hinaus unter die Veranda, wo ſie in traulicher Unterhaltung die Küh⸗ lung des Abends genoſſen. „Haſt Du Ralph geſehen? Er iſt Agent für die 55 Regierung und ſoll mit Euch unterhandeln,“ fragte Arnold. „Ich habe ihn noch nicht geſehen, habe aber von ihm gehört. Das Blut ſeiner Mutter iſt jetzt das ſtärkſte in ſeinem Herzen. Er iſt unſer Freund,“ ant⸗ wortete Tallihadjo mit Zufriedenheit. „Und doch haben die Seminolen ſeinen Wohnort verwüſtet und die Männer erſchlagen, die ſie in ſeinem Hauſe fanden,“ ſagte Arnold zweifelnd. „Osmakohee hat es gethan und hat auch ſeine Strafe dabei gefunden, er hielt ihn für einen Ver⸗ räther. Hätte er ihn gekannt wie ich, ſo würde er ſein Leben für ihn gelaſſen haben,“ entgegnete der Häuptling mit Beſtimmtheit. „Haſt Du Beweiſe über ſeinen Charakter?“ begann Arnold, als deſſen Frau ihn beim Rock zupfte und ihn dadurch in ſeiner Rede unterbrach. „Er iſt nur halb Weißer und hat darum nur eine Zunge,“ ſagte Tallihadjo und lenkte die Unterhaltung auf andere Gegenſtände. Noch ſpät ſaßen die Alten mit ihrem Freunde unter der Veranda, während welcher Zeit Bob ein tüchtiges Feuer vor dem Hauſe bereitet hatte, dann ließ Arnold durch ihn mehrere Bärenhäute bei dem⸗ ſelben ausbreiten, führte ſeinen Gaſt zu denſelben hin und wünſchte ihm einen ſanften ruhigen Schlaf. Tallihadjo ſchied am folgenden Morgen ſichtbarlich tief bewegt von Arnold und deſſen Frau, er kehrte ſogar in einiger Entfernung vom Hauſe nochmals zu ihnen zurück, um ihnen abermals die Hände zu drücken, und ehe er vor ihren Blicken im Walde ver⸗ ſchwand, winkte er ihnen noch einen letzten Gruß zu. Von hier begab er ſich nach dem Wohnſitz Frank Arnolds, um auch ihm Lebewohl zu ſagen und wurde dort mit gleicher Herzlichkeit empfangen. Eleanor, die von jeher für die ſtolzen ungezähmten, edelen Charaktere der Indianer Amerika's geſchwärmt, hatte in Tallihadjo das Ideal verwirklicht gefunden, welches ihre Fantaſie ihr ſo oft früher vorgeführt hatte. Es machte ihr immer große Freude, wenn der Häuptling ihr Haus beſuchte, ſie konnte ſich ſtunden⸗ lang mit ihm unterhalten, that Alles, wodurch ſie glaubte ihm eine Freude zu bereiten und hatte ſich eine hohe Stellung in ſeiner Gunſt erworben. Auch heute empfing ſie ihn mit ihrer liebenswürdigen Herz⸗ lichkeit, holte ihm ſelbſt einen Trunk friſchen Waſſers und ſetzte ſich mit ihm unter die Veranda, denn Frank war in das Feld zu den Arbeitern gegangen. Gleich ſandte ſie einen Boten an ihn ab und ließ ihm den Beſuch des Häuptlings melden, worauf er ſich denn auch bald einfand. Tallihadjo blieb zum Mittagseſſen und erſt, nach⸗ dem ſie ſich zuſammen wieder unter die Veranda be⸗ geben hatten, verkündete er Frank und Eleanor, daß dies ſein Abſchiedsbeſuch und wahrſcheinlich ſein letzter wäre. Dieſe Erklärung überraſchte die beiden jungen Leute ſehr ſchmerzlich, zumal da Tallihadjo keiner Hoffnung für eine Wendung des Schickſals ſeiner Na⸗ tion Gehör geben wollte. Er war auch hier ſehr be⸗ wegt, als er ſich zum Scheiden erhob, und Eleanor konnte die Thränen nicht zurückhalten, die ihren ſchönen Augen entquollen, indem ſie ihm die Hand gab. Während der Indianer von Frank Abſchied nahm, eilte Eleanor in das Haus und kam mit einem langen buntſeidenen Shawl in der Hand zurück, den ſie Tallihadjv über Schulter und Bruſt legte, unter ſeinem linken Arm verknüpfte, und ihn bat, denſelben ihr zum Andenken zu tragen. Der Häuptling blickte mit Stolz auf den Schmuck, dankte Eleanor mit rührender Bewegung und gelobte, daß dies Andenken ihm in die ewigen Jagdgründe ſeiner Väter folgen ſolle, damit dieſelben ſich über⸗ zeugten, daß er gute Freunde auch unter den Bleich⸗ geſichtern gehabt habe. Recht ernſtlich betrübt waren Frank und Eleanor, als der biedere Freund in weiter Ferne aus der offenen Prairie, die ſich vor ihrem Hauſe ausbreitete, in den Wald ſchritt, und ihren Blicken entſchwand. Capitel 34. Der Heuchler.— Mißtrauen.— Vorbereitungen zum Kriege.— Der General. — Die beideß Advokaten.— Der Zeuge.— Der Mord.— Der Meineid. — Gerichtsverhandlung.— Das urtheil.— Der befreite Mörder.— Die dankbare Gattin.— Der Verdienſt. Mit Sonnenuntergang erreichte Tallihadjo auf kaum ſichtbarem, nur einem Indianer vertrautem Pfade ein Lager und war angenehm überraſcht, Ralph dort zu finden. Er bewillkommnete ihn und gab ihm ſeine Freude darüber zu erkennen, daß, wie er ſagte, das Indianerblut über das weiße in ihm geſiegt habe. Nach Indianerbrauch wurde, ehe man eine ernſte Beredung begann, gegeſſen, darauf geraucht und dann forderte Tallihadjo ſeinen Gaſt auf, ihm zu ſagen, weshalb er gekommen ſei? Ralph theilte ihm nun mit, daß die Regierung der Amerikaner ihn zum Agenten gewählt habe, um mit den Seminolen Friedensunterhandlungen anzuknüpfen, und zwar, wie er ausgefunden habe, nur um noch ein oder zwei Jahre Zeit zu gewinnen, währenddem ſie rund um das Indianergebiet Feſtungen bauen, und in denſelben Truppen zuſammenziehen wollten. Hätten die Weißen dies einmal erreicht, dann ſei es um die Seminolen geſchehen, denn alsdann würden ſie von allen Seiten zugleich angegriffen und ſchließlich in die Moräſte eingeſchloſſen werden. Ralph rieth darum, noch in dieſem Jahre und namentlich im Herbſt, wenn die Krankheiten unter den Weißen heftiger wären, den Krieg zu eröffnen und ſich jetzt mit aller Kraft dafür zu rüſten. Er ſelbſt, ſagte er, wolle Tallihadjo von Allem unterrichten, was die Weißen gegen die Seminolen zu unternehmen beſchließen wür⸗ den, und erklärte ſich zuletzt bereit, ſelbſt für ſeine rothen Brüder mitzukämpfen. Der Häuptling hatte aufmerkſam ſeiner Rede zu⸗ gehört und benachrichtigte ihn, nachdem er geendet hatte, daß er bereits durch mehrere Häuptlinge, die an der Grenze der Weißen wohnten, von Ralph's Stellung und Abſichten unterrichtet worden ſei, und daß er von ihm, als Halbſeminolen nichts Anderes erwartet habe. Dann theilte er ihm mit, daß er, an dem Ahapopkaſee eine Berathung mit ſämmtlichen Häuptlingen der Nation abgehalten habe, in welcher einſtimmig beſchloſſen worden ſei, die Weißen vereint anzugreifen, und daß alle Häuptlinge ſich bereit er⸗ klärt hätten, mit ihren ſämmtlichen Kriegern ſich dabei zu betheiligen. Der Angriff ſei ſchon für das Früh⸗ jahr feſtgeſetzt geweſen, viele Stämme aus dem Innern hätten jedoch kürzlich längere Zeit verlangt, um ſich zu rüſten, namentlich aber, um erſt ihre Ernte einzu⸗ bringen, wogegen Tallihadjo auch Nichts habe einwen⸗ den können. Er vertraute ihm nun auch an, daß er die Inſel in dem See befeſtigt habe, auf welche er damals die Familien der beiden Pflanzer Bodin und Shaklefvot hatte bringen laſſen, um ſie dem Feuertode zu übergeben. Er ſagte, er habe mit ſeinen Leuten rund um dieſelbe auf deren Ufer ſchwere Bäume über⸗ einander gefällt, ſo daß dieſelben eine dichte Schutz⸗ wehr bildeten, hinter welcher ſeine Leute ſicher gegen die Kugeln der Weißen ſein würden, während Dieſe, um an der Inſel zu landen, ſich ihrem Feuer aus⸗ ſetzen müßten. Lebensmittel und Munition habe er bereits reichlich dorthin geſchafft, um lange dort aus⸗ halten zu können, und er glaube nicht, daß alle Krieger der Weißen zuſammen ihm dort gefährlich werden würden. Außerdem deutete er Ralph an, er halte eine große Zahl von Kanves in dem Röhricht an der Inſel verſteckt, ſo daß er mit einigen Hunderten ſeiner Krieger in dunkeler Nacht unbemerkt das Feſt⸗ land erreichen und über ſeine Feinde herfallen könne. Dieſe Inſel ſolle nur ſeinen Weibern und Kindern und ihm im äußerſten Nothfall als ſicherer Zufluchts⸗ ort dienen, bis ſämmtliche Stämme der Seminolen gewaltſam in den Kampf verwickelt ſein, und ſie ſich Alle zum Auswandern nach dem Weſten entſchloſſen haben würden. Denn, ſagte er, er wiſſe es ſehr gut, daß das Herz jener Häuptlinge, die im Innern Flo⸗ 6¹ ridas wohnten, immer noch mit großer Vorliebe, wenn auch zugleich mit Bangen und Zagen, an dem Land ihrer Väter hing und ſich daran feſtklammern würde, bis die äußerſte Noth ſie daraus vertriebe. Er ſelbſt wolle den Krieg mit den kampfbereiten Häuptlingen eröffnen und ihn durch langſames Zurückziehen in das Innere des Landes tragen, um die dort lebenden Stämme zur Betheiligung daran zu zwingen. Ralph lauſchte mit großer Aufmerkſamkeit den Mit⸗ theilungen des Häuptlings und beſtärkte ihn durch Beiſtimmen in ſeinen Planen. Nur rieth er ihm, keinenfalls den Kampf früher zu beginnen, bis Ralph ihm den günſtigen Augenblick dazu angezeigt habe, wozu ihm die Weißen durch ihr blindes Vertrauen in ihn die Gelegenheit geben würden. Er theilte Talli⸗ hadjo mit, daß er ſeinen Aufenthalt in Tallihaſſee wählen wolle, um jederzeit in ſeiner Nähe zu ſein und ihm von allen Bewegungen der Bleichgeſichter Nachricht geben zu können, worüber der Häuptling ſehr erfreut war und ihm verſicherte, daß der große Geiſt, der die Seminolen noch liebe und ſie als freies, unbeſiegtes Volk nach den ſchönen Ländern des Weſtens führen wolle, ihn dafür belohnen würde. Während Tallihadjo mit Ralph ernſt und feierlich ſich an dem Feuer berieth, ſaßen die Frauen in nicht großer Entfernung von ihnen vor der Hütte des Häuptlings und lauſchten aufmerkſam nach Jenen hin, 62 —— um einzelne Worte von ihnen aufzufangen. Auch Tomorho, der neben Olviana ſaß und deren Hand in der ſeinigen hielt, heftete ſeine Aufmerkſamkeit auf die Berathung ſeines Vaters, während Onahee ſich an der entgegengeſetzten Seite des Feuers in das Gras gelegt hatte und ihren Kopf, mit dem Ohr nach Tallihadjo hin gerichtet, auf ihren Arm ſtützte. Sie hatte dieſen Platz gewählt, weil hier der Luftzug von den Redenden zu ihr herüberwehte und ſie deren Worte deutlicher vernehmen ließ, als es mit Denen der Fall war, die vor der Hütte ſaßen. Tallihadjo's Scharfſinn war die Abſicht Onahee's nicht entgangen, er vereitelte ſie aber deshalb nicht, weil ihre unbegrenzte Liebe und Treue für ihr Volk jedes Geheimniß zwiſchen ihm und der Indianerin verbannte. Von Zeit zu Zeit ſah er nach ihr hin und begegnete ihrem ernſten bedeutungsvollen Blick, der ihm Vorſicht zuzurufen ſchien. Nachdem die Berathung beendigt war, winkte Tallihadjo ſeinem Sohn und den Frauen, zu dem Feuer heranzukommen um ſich gleichfalls des Beſuches Ralph's zu erfreuen. Olviana folgte der Aufforderung mit Widerwillen, indem der Fremde ſie an das ſchreckliche Schickſal er⸗ innerte, welches ſie bald nach deſſen Beſuch bei ihrem Vater betroffen hatte. Auch Tomorho war Ralph zuwider, doch ehrte er das Gefühl ſeines Vaters für 63 denſelben und noch mehr die Pflichten, die ihm die Gaſtfreundſchaft auflegte. Er ſetzte ſich mit Olviana bei ihm nieder, betheiligte ſich aber bei der Unter⸗ haltung, die Ralph abſichtlich oft zu ihm hinüber leitete, nur wenig. Onahee aber erſchien nicht bei dem Feuer. Tallihadjo war in ungewohnt heiterer Stimmung, er verſetzte ſich in vergangene glückliche Zeiten zurück, erzählte aus den Tagen, da er als ganz junger Mann Ralph auf ſeinem Knie habe reiten laſſen und deſſen Vater geweiſſagt habe, daß der Knabe einſt ein beſſerer Seminole als ein Weißer werden würde; er beſchrieb, wie er mit ſeinen Kriegern zu verſchiedenen Malen ſeinem alten Freunde Tom zu Hülfe geeilt ſei, als derſelbe hart von Creek⸗Indianern bedrängt ward und zeigte zwei von Schußwunden herrührende Narben, eine in der Schulter und eine in der Bruſt, die ihm bei jenen Gelegenheiten zu Theil geworden waren. Auch erwähnte er eines Augenblicks, wo er und Ralph's Vater von einer mächtigen alten Bärin bei deren Jungen angegriffen worden ſeien und dieſelbe, nachdem Tallihadjo ſie durch einen Schuß verwundet, ſeinen Freund Tom ergriffen und ihn niedergeworfen habe: „Doch dies Meſſèr rettete meinen guten Tom, ich ſprang von hinten auf die Bärin und ſtach ihr die Klinge durch das Herz,“ ſchloß der Häuptling dieſe 64 Erzählung, indem er mit freudiger Erinnerung an den Griff ſeines Meſſers ſchlug. Während des Re⸗ dens ſpielte er mit ſeinen kleinen Kindern, die ihm bald auf den Knieen, bald auf dem Rücken ſaßen, und dann wieder, ihn neckend, um ihn herſprangen. Als die Zeit zur Ruhe gekommen war, ließ er für Ralph die beſten Häute beim Feuer ausbreiten und ging, nachdem Derſelbe ſich niedergelegt hatte, nach der Hütte, um ſeiner Gewohnheit gemäß, die Büchſe zu holen und mit auf ſein Ruhelager zu nehmen. Sobald er die Thür erreichte, trat Onahee aus derſelben hervor, ergriff ſchweigend ſeine Hand und leitete ihn von dem Lager ab dem Ufer des Fluſſes zu. „Du haſt jenem Ralph Dein Herz geöffnet und das Geſchick Deines Volkes in ſeine Hand gelegt, ohne ſelbſt einen klaren Blick in ſeine Bruſt gethan zu haben. Eine Schlange in Deiner Hütte iſt ge⸗ fährlicher, als tauſend im Walde, ſie vergiftet Dich, wenn Du ſchläfſt,⸗ ſagte Onahee, indem ſie ſtehen blieb und ihre großen Augen, deren Gluth die Dunkelheit der Nacht bewältigte, auf den Häuptling heftete. „Ralph iſt der Sohn meines alten Freundes Tom,“ erwiederte Dieſer mit voller Ruhe. „Der junge Panther würgt, wenn er die Kraft 65 dazu hat, bei der Beute ſeinen eigenen Vater!“ ſagte Onahee warnend. „Ralph iſt halb Indianer, ſeine Mutter war Se⸗ minolin“, antwortete Tallihadjo mit aller Gelaſſenheit. „Würdeſt Du Dein Leben dem guten Willen eines Maulthiers anvertrauen? Die weißen Menſchen haſſen die rothen, und Ralph haßt dieſe doppelt, weil ſie die Schuld tragen, daß ſeine Hautfarbe nicht ſo bleich iſt, wie die des Volkes, zu dem er ſich zählt. Das Maulthier iſt falſch und Ralph iſt ein Baſtard“, ſagte die Indianerin mit zunehmender Leidenſchaftlichkeit. „Ralph zählt ſich nicht zu den Weißen, er dient ihnen nur zum Schein, um ſie an uns zu verrathen; denn mehrere unſerer Häuptlinge haben mir es ſelbſt mitgetheilt, daß er ſie zum Krieg aufgefordert und ihnen geſagt hat, ich ſei der Einzige, der ſie ſieg⸗ reich führen könne“, entgegnete Tallihadjo mit feſter Zuverſicht. „Und wenn er Dir nur zum Scheine diente, Dich an die Bleichgeſichter verrieth? Hat er nicht ſeinen eigenen Vater beraubt und ihn in deſſen letzter Stunde allein gelaſſen, um beim Feuerwaſſer, beim Spiel und bei ſchönen Weibern fröhlich zu ſein? Und Du ver⸗ trauſt dem doppeltgefärbten Herzen das Schickſal Deines Volkes an?“ ſagte Onahee mit Unheil ver⸗ kündender Stimme. „In Deinem Herzen iſt es finſter, wie in der Ralph Norwvod. IV. 5 eeeteraese e —— — —— — 66 Nacht, wo uns Alles ſchwarz erſcheint; beruhige Dich, Dnahee, Ralph iſt meines Vertrauens werth, der Sohn meines alten Freundes, dem ich ſo oft beiſtand, dem ich hier eine Heimath ſicherte, kann nicht zum Verräther an mir und dem Volke werden, dem er halb ſein Daſein verdankt“, antwortete der Häuptling mit Beſtimmtheit und reichte Onahee die Hand, um mit ihr zum Lager zurückzugehen. Dieſe folgte ſchwei⸗ gend, da ſie wußte, daß Widerrede jetzt umſonſt ſei, ſchüttelte aber bedenklich ihr Haupt. Am folgenden Morgen verließ Ralph unter den wärmſten Verſicherungen der Freundſchaft das Lager, um die an der Grenze Georgiens bis zum Oecean hin wohnenden Stämme zu beſuchen und ſie für den Krieg und für Tallihadjo zu ſtimmen. Sie waren ſämmtlich unbedeutend an Streiterzahl und durch die Nachbar⸗ ſchaft der Weißen und deren Laſter ſchon ſehr demo⸗ raliſirt, ſo daß dieſelben Tallihadjo's Macht in dem bevorſtehenden Kampfe eher nachtheilig, als nützlich werden mußten. Nur der Stamm Osmakohee's, der einen neuen Häuptling gewählt hatte, war noch von gutem Geiſte für die Seminolen beſeelt und Tallihadjo treu ergeben, doch wagte Ralph nicht, ihn demſelben abſpänſtig zu machen. Dagegen hoffte er, Homathlan, der nach dem Angriff auf das Leuchthaus von Talli⸗ hadjo den Weißen als Gefangener übergeben und von dieſen begnadigt worden war, gegen ihn aufzubringen, 67 indem jener Häuptling ſicher die ihm viderhrene Schmach noch nicht vergeſſen hatte. Die Regierung der Vereinigten Staaten war mitt⸗ lerweile eifrig beſchäftigt, Vorbereitungen zu dem Kriege zu machen; ſie ſandte zu Schiffe noch mehr Truppen nach Tampabay, ließ einige Regimenter Infanterie und eine Abtheilung Dragoner zu Lände an die Grenze Florida's vorrücken und forderte Vo⸗ lontaire auf, ſich zu dem Kriege zu ſtellen und ſich zu organiſiren. Zugleich ſchloß ſie bedeutende Con⸗ trakte für Lieferungen von Lebensmitteln ab und ließ dieſelben theils zu Waſſer, theils zu Lande nach Florida bringen. In Alabama, und namentlich in Georgien wurde der kriegeriſche Geiſt ſehr rege, eine große Zahl junger Männer trat zuſammen, ſie bil⸗ deten einzelne Compagnien und wählten ihre Offiziere, um ſich unter den Befehl des kommandirenden Ge⸗ nerals der Regierung zu begeben. Sie beſtanden ſämmtlich aus Büchſenſchützen, von denen die Mehr⸗ zahl beritten war. Frank Arnold hatte man ſehr beſtürmt, die Stel⸗ lung als Capitain bei einer Compagnie anzunehmen; er hatte es aber auf das Entſchiedenſte abgelehnt und dabei öffentlich erklärt, daß er dieſen Krieg für einen * 5 68 —— Mord⸗ und Raubzug halte, an welchem Theil zu nehmen, er ſich ſchämen würde. Die ruhigeren, ver⸗ ſtändigern Bewohner Georgiens traten ſeiner Anſicht bei, doch der große mordluſtige Haufen ſchrie„Krieg gegen die Rothhäute!“ Ralph hatte fortwährend die Regierung von den Ergebniſſen ſeiner Bemühungen in Kenntniß geſetzt und ihr mit aller Zuverſicht die glänzendſten Reſultate von dem Feldzuge geweiſſagt. Auf ſeiner jetzigen Reiſe ſprach er im Rückweg nochmals bei Tallihadjo vor, berichtete, nachdem er nach Tallahaſſee zurückgekehrt war, ſofort Alles, was er von dem Hüuptling erfahren hatte, an die Regierung in Waſhington, ſowie an den Befehlshaber in Tampabay und zeigte Beiden an, daß er Tallahaſſee zu ſeinem vorläufigen Stand⸗ quartier wählen würde, damit er dem Haupt der Seminvlen möglichſt nahe bleiben, ſeine Bewegungen überwachen und ihn zur rechten Zeit ſeinem Unter⸗ gange entgegenjagen könne. Auch in Florida bildeten ſich allenthalben unter den Weißen Compagnien von Büchſenſchützen, die ſich zuſammen zum Felddienſt vorbereiteten, und namentlich in Tallahaſſee traten alle waffenfähigen Männer zu⸗ ſammen und bildeten ein Freicorps. Man wollte Ralph zum Commandeur deſſelben ernennen, da ſeine Stellung in dem Dienſt der Re⸗ gierung es ihm weder unmöglich machte, noch unter⸗ 69 ſagte, dieſen Poſten zu begleiten; er lehnte es aber ab, weil er fürchtete, ſich dadurch bei Tallihadjo zu verdächtigen. Die Bewohner der Stadt und Umgegend wünſchten ihm jedoch, als augenblicklich wichtiger Perſon, eine Ehre zu erzeigen und machten ihn zum General, mit der Bitte, gelegentlich, wenn es ſein Dienſt ihm erlaube, die Truppen zu muſtern und ihnen ſeinen Rath zukommen zu laſſen. Ralph fühlte ſich dadurch ſehr geehrt und hörte es gern, daß man ihn nun nie mehr anders anredete, äls mit„General“, oder„General Norwood.“ Oeffentliche und politiſche Aufregungen gehen ſtets mehr oder weniger in das Privatleben über, was auch hier in Tallahaſſee der Fall war. Die Trink⸗ häuſer insbeſondere wurden viel häufiger als ſonſt beſucht, ſie wurden ſelbſt in der Nacht nicht mehr geſchloſſen, in den Gaſthäuſern ging es gewühlvoll und wild her und die Spielzimmer waren fortwäh⸗ rend mit Gäſten angefüllt. Ralph war in Beſitz von baarem Geld und na⸗ mentlich hatte er Credit, ſo daß er ſeinen alten Lei⸗ denſchaften keinen Zwang anzuthun brauchte, bei allen luſtigen Geſellſchaften war er zugegen, veranſtaltete ſelbſt Wettrennen und Hahnengefechte und an dem grünen Tiſche fehlte er keine Nacht. Zwei der angeſehenſten Familien in Tallahaſſee 70 waren die der Advocaten Lacoſte und Milroy, beide ausgezeichnete Redner und wohlhabende Männer von gründlicher Bildung. Lacoſte war hierher gezogen, als die Stadt noch wenig Bedeutung hatte, und ſeine Praxis, ſein Ruf war mit ihr emporgewachſen; Milroy dagegen war von Alabama erſt vor einem Jahr hierher übergeſiedelt und hatte Lacoſte in der Praxis großen Abbruch gethan, was eine gegenſeitige Abneigung zwiſchen ihnen erzeugte, die ſchon bei ver⸗ ſchiedenen Gelegenheiten deutlich hervorgetreten war. Dazu kam, daß ſie in ihren politiſchen Anſichten ein⸗ ander feindlich gegenüberſtanden, indem Laeoſte ſich zu den Whigs, Milroy aber zu den Demokraten be⸗ kannte. Erſterer war ein kräftiger Fünfziger, Gatte einer vortrefflichen Frau, die einer der höchſtſtehenden Familien Georgiens angehörte und die ihn mit fünf lieben Kindern beglückt hatte. Er war ein beſonnener, ruhiger, doch beſtimmter und energiſcher Mann, der allgemein als ſtreng rechtlich und bieder galt. Milroy dagegen war erſt ſeit einigen Jahren ver⸗ heirathet und beſaß nur ein Kind. Er war leiden⸗ ſchaftlich und heftig, gab nie eine einmal ausge⸗ ſprochene Anſicht auf und galt für einen ausgezeich⸗ neten Advocaten, der gewöhnlich vor Gericht die Sache, der er diente, glücklich durchführte, einerlei, ob ſie gut oder ſchlecht war. Während Laeoſte außer ſeinem Geſchäfte nur ſeiner „ 74 Familie und ſeinem häuslichen Glück lebte, war Milroy bei allen öffentlichen Vergnügungen zugegen und traf dabei ſehr häufig mit Ralph zuſammen, an den er ſich ganz beſonders angeſchloſſen hatte. Er ſpielte leidenſchaftlich, hoch und glücklich, ſo daß ſein Erſcheinen an dem grünen Tiſch von den Spielern ſtets ungern geſehen wurde, und da Ralph gewöhnlich dabei vom Unglück verfolgt wurde, ſo hatte derſelbe häufig von Milroy nicht unbedeutende Summen zum Weiterſpielen geborgt und auch große Beträge an ihn ſelbſt verloren. Er ſchuldete ihm ſechstauſend Dollar, wegen deren Zahlung Milroy ihn nicht drängte, da ſie in gewonnenem Gelde beſtanden und weil Ralph verſprochen hatte, ihm nach beendigtem Kriege be⸗ hülflich zu ſein, das beſte Stück Land aus dem er⸗ oberten Indianergebiet an ſich zu bringen. Beide Advocaten waren Candidaten bei der Wahl des Capitain für die Compagnie, die in Tallahaſſee ſelbſt errichtet worden war, und Beide ſuchten eine Ehre darin, gewählt zu werden, zumal da dieſelbe nur dazu beſtimmt war, die Stadt ſelbſt zu verthei⸗ digen. Von beiden Seiten hatte man alle Freunde und alle Mittel in Bewegung geſetzt, um die Wahl für ſich zu entſcheiden, und es ging dabei ſehr ſtürmiſch her. Milroy aber ſiegte durch den Einfluß Ralph's und wurde zum Capitain ernannt. 72 Wenn Lacoſte ſich auch durch dieſe Zurückſetzung gekränkt fühlte, ſo fügte er ſich doch ruhig der Noth⸗ wendigkeit, obgleich er gelegentlich mit ſcharfen, tref⸗ fenden Worten die Untauglichkeit Milroy's für dieſen Poſten öffentlich ausſprach. Die ſchon beſtandene Ab⸗ neigung zwiſchen beiden Männern wurde durch dieſe Begebenheit ſehr verſtärkt, und namentlich in Milroy's Bruſt, dem die Bemerkungen Lacoſte's über ſeine Per⸗ ſönlichkeit ſtets überbracht wurden, ſteigerte ſie ſich zu einem bittern Haß. Er verſäumte deshalb keine Ge⸗ legenheit, demſelben Luft zu machen, und ſuchte, wo er konnte, den Charakter Lacoſte's in der öffentlichen Meinung herunterzuſetzen. Dabei war Ralph ſtets ſein Verbündeter und trug nicht wenig dazu bei, den Grimm, den Milroy gegen Jenen im Herzen trug, noch mehr anzufachen. Die ſechstauſend Dollar, die er dem Advveaten ſchuldete, drückten ihn, wenngleich derſelbe ihn noch nicht darum mahnte, und er hatte ſchon lange überlegt und darüber nachgeſonnen, auf welche Weiſe er ſich der Schuld, ohne Zahlung zu leiſten, entledigen könne. Eines Abends ſuchte er Milroy in einem Trink⸗ hauſe auf und führte ihn mit dem Bemerken, ihm etwas Wichtiges mittheilen zu müſſen, in die Dun⸗ kelheit auf die Straße hinaus. „Sie müſſen ſich vor Laecoſte in Acht nehmen, Milroy“, ſagte er mit warmem Intereſſe,„derſelbe trachtet Ihnen nach dem Leben.“ „Ho, ho! dann muß er früher aufſtehen, als ge⸗ wöhnlich, ſonſt möchte er das ſeinige los werden, ehe er es vermuthete“, erwiederte der Advveat leiden⸗ ſchaftlich. „Man ſollte glauben, daß ihm ſeine Kenntniß unſerer Geſetze ſo unvorſichtige Aeußerungen, wie er ſie in meiner und eines zweiten Zeugen Gegenwart gethan hat, unterſagten“, bemerkte Ralph zögernd. „Nur heraus damit, wenn der Burſche wirklich die Zähne zeigt, ſo ſoll es an mir nicht fehlen, ihm ſeinen Gegner zu ſtellen. Er iſt aber ein feiger Kerl, der ſtets im Trüben fiſcht“, ſagte Milroy dringend. „Da liegt gerade der Hund begraben, und des⸗ halb halte ich es als Ihr Freund für meine Schul⸗ digkeit, Sie zu warnen“, entgegnete Ralph, noch immer zurückhaltend. „Nun, zum Teufel, heraus, Sie machen mich wirklich neugierig“, ſagte der Advveat jetzt mit großer Ungeduld. „Beruhigen Sie ſich, ich eröffne es Ihnen nur, damit Sie auf Ihrer Hut ſein können. Er ſagte, er würde Sie wie einen tollen Hund niederſchießen, wo er Sie fände“, antwortete Ralph vertraulich, und ſetzte dann noch eilig hinzu:„aber machen Sie nur vorſichtig Gebrauch hiervon und laſſen Sie ſich nicht 74 durch Leidenſchaft verführen, unüberlegte Schritte zu thun.“. „Hat der Kerl dies in Ihrer Gegenwart geſagt?“ rief Milroy mit unterdrückter Wuth, indem er einen Schritt zurücktrat und ſeine, im Lichte des Trink⸗ hauſes funkelnden Augen auf Ralph heftete. „Dies waren ſeine eignen Worte, die er zu mir und Soublett ſprach; Sie kennen ja den früheren Kutſcher.“ „So hat der Schurke ſeine letzten Stiefeln an.— Bei Gott!“ rief Milroy jetzt mit losbrechender Wuth und hob die geballte Fauſt gegen den ſternbedeckten Himmel empor. „Keine Uebereilung, Milroy, ich bitte Sie“, ſagte Ralph mit erheuchelter Beſorgniß. „Der Schuft iſt ein eben ſo großer Feigling, als er ein ſchlechter Advocat iſt, ſonſt wüßte er, daß er durch jene Worte ſein Leben unbedingt in meine Hand giebt. Sie ſowohl, wie auch Soublett, können die⸗ ſelben doch beſchwören?“ „Mit zehn Eiden“, antwortete Ralph raſch. „So ſchlafen Sie wohl, Norwood“, ſagte Milroy, indem er in die Dunkelheit davon eilte, ohne darauf zu hören, daß Ralph ihm nachrief:„Warten Sie, ſo hören Sie doch!“ Dieſer blieb mit den Worten ſtehen:„Richtig, ſo hatte ich es mir gedacht— bei Gott, er geht in die 75 Falle!“ und verſank dann in Gedanken, während er ſeine Unterlippe zwiſchen den Fingern ſeiner rechten Hand gefaßt hielt. Nach einer Weile, wie zu einem Entſchluß ge⸗ kommen, ſchritt er in der ſtaubigen, dunkeln Straße hin nach einem entlegenen Trinkhaus zweiter Klaſſe und blickte durch die offene Thür hinein, als ſuche er Jemanden. Es ſchien aber, daß die gewünſchte Perſon ſich nicht in dem Zimmer befand, denn er wandte ſich in die Straße zurück, in welcher er nur einige Schritte gethan hatte, als Soublett ihm be⸗ gegnete. „Ihr ſeid der Mann, den ich ſuche; ich habe einen Zeugen nöthig— es iſt etwas dabei zu ver⸗ dienen“, ſagte Ralph zu Soublett, indem er ihn noch weiter in die Dunkelheit führte. „Stehe zu Dienſten, meine Taſchen ſind leer“, antwortete dieſer kurz und entſchloſſen. „Es betrifft eine Drohung, die der Advocat Laeoſte gegen Milroy heute Nachmittag in meiner Gegenwart ausgeſtoßen hat, und da Letzterem im Fall einer Klage zwei Zeugen nöthig ſind, ſo dachte ich an Euch, um Euch einen Verdienſt zuzuwenden“, ſagte Ralph ver⸗ traulich. „Sehr verbunden, was iſt es denn, das ich be⸗ ſchwören ſoll?“ — 76 Lacoſte ſagte, er wolle Milroy wie einen tollen Hund niederſchießen, wo er ihn träfe, entgegnete Ralph. „Weiter Nichts? Das kann man ſchon in Acht behalten; wo aber war der Platz, auf dem er es ſagte, und wie kamen wir zuſammen?“ „Zwiſchen dem Gerichtsgebäude und dem Trink⸗ haus. Ihr müßt gerade in dem Augenblick zu uns getreten ſein, als Lacoſte jene Worte ſprach; dann hat uns derſelbe verlaſſen und iſt in das Gerichts⸗ haus gegangen.“ „Verſtehe. Um welche Zeit geſchah es? Man muß übereinſtimmen.“ „Kurz vor vier Uhr“, antwortete Ralph und fügte dann noch hinzu: „So kann ich mich auf Euch verlaſſen?“ „Wie auf den Tod“, entgegnete Soublett, während Ralph ſeine Brieftaſche hervorzog und ihm eine Bank⸗ note von fünfundzwanzig Dollar einhändigte. „Zeugniß ablegen iſt immer mein Lieblingsgeſchäft geweſen, es iſt kurz abgemacht, und nach altem Ge⸗ brauch erhält man die Hälfte des Honorars dafür vorher und die andere Hälfte gleich nach abgemachter Sache“, ſagte Soublett, indem er die Note, deren Betrag Ralph ihm genannt hatte, in ſeine Taſche ſteckte. „Die zweite Gabe ſoll hundert Dollar betragen, wenn das Zeugniß richtig abgelegt iſt“, bemerkte Ralph und wünſchte Soublett, indem er ihn verließ, einen vergnügten Abend, worauf dieſer ſich in das Trinkhaus begab. Ralph hatte es immer noch aufgeſchoben, Soublett über den Zeitungsartikel zur Rede zu ſtellen, da er in ihm eine gar zu nützliche und zu allen Dienſten ſtets bereitwillige Perſon erblickte, und Svoublett, deſſen Hauptrachedurſt gegen Montelard geſtillt, war es erwünſcht, daß Ralph noch nichts über den Ver⸗ faſſer jener Anzeige erfahren hatte. Gegen Elviſen war ſein Haß weniger groß und Ralph's Einfluß konnte ihm hier am Platze vielleicht von Nutzen ſein. Darum ſchwieg auch er und ſparte es für ſpätere Zeiten auf, ſich an Elviſen zu rächen. Am andern Morgen belebten ſich die Straßen ſchon ſehr zeitig, denn es war Gerichtstag, zu welchem viele Leute vom Lande in die Stadt kamen. Die Trink⸗ häuſer füllten ſich bald und auf dem Platze um das Gerichtsgebäude ſammelten ſich die Männer in Gruppen. Zwiſchen einer ſolchen ſtand Milroy, mit einem Jagdranzen um die Schulter und einer ſchweren Doppelflinte in der Hand und unterhielt ſich an⸗ ſcheinend eifrig, ſah ſich jedoch zugleich häufig nach allen Richtungen hin um, als erwarte er Jemanden. Gegen zehn Uhr ertönte die Stimme des Scheriffs in der Thür des Gerichtshauſes und verkündete, daß die Sitzung ihren Anfang genommen habe. Jetzt begab ſich eine große Zahl der verſammelten Männer 78 nach der Thür, in welcher der Scheriff ſtand; doch Jene, die ſich mit Milroy unterhielten, ſchienen kein Intereſſe an den Gerichtsverhandlungen zu haben, ebenſowenig, wie Ralph, der vor dem nahen Trink⸗ haus mit mehreren Bekannten unter der Veranda ſaß und eine Cigarre rauchte. Jetzt kam aus einer Seitenſtraße Lacoſte mit einem Packen Papieren unter dem Arm dem Platz zuge⸗ ſchritten in der Richtung nach der Thür des Gerichts⸗ gebäudes, und zugleich verließ Milroy ſeine Geſell⸗ ſchaft, indem er Jenem entgegentrat. Lacoſte ſah ihn kommen und mäßigte ſeine Schritte, während er ſeine Blicke auf ihn geheftet hielt. Sie hatten ſich bis auf fünfzehn Schritte erreicht, als Milroy ſeinem Nebenbuhler mit lauter Stimme zurief: „Sie haben erklärt, Sie würden mich, wie einen tollen Hund niederſchießen, wo Sie mich träfen, was ich nicht gern abwarten möchte und Ihnen deßhalb zuvorkommen muß, Herr!“ „Es iſt unwahr!“ rief Laeoſte, indem er einige Schritte zurückthat, doch Milroy hatte die Flinte in demſelben Augenblick an die Schulter geworfen, gab Feuer und Lacoſte ſtürzte zuſammen. Der Krach des Gewehres hatte aller Blicke auf die Schreckensſeene gelenkt und Alles drängte ſich um den mit dem Tode ringenden Verwundeten, der ſich in ſeinem Blute von einer Seite zur andern warf. Auch ein Arzt ſprang herzu, erkärte aber ſogleich, daß menſchliche Hülfe hier Nichts mehr nützen könne, was ſich auch nach wenigen Minuten beſtätigte, denn der Geſchoſſene gab ſeinen Geiſt auf. Raſch ſammelte ſich die beſtürzte Menge um den Mörder, der zu ſeinem Opfer hingetreten war und mit lauter Stimme verkündete, was ihn zu dieſer That nicht allein berechtigt, ſondern auch gezwungen habe. Er berief ſich dabei auf das Zeugniß des Ge⸗ nerals Norwood und Soubletts, von welchen Beiden ſich jedoch augenblicklich Keiner ſehen ließ, obſchon Mehrere der Anweſenden bemerkten, daß Ralph noch ſo eben vor dem Trinkhaus geſeſſen habe.— Milroy überlieferte ſich dem Sheriff als Gefangener und ließ ſich von ihm in das, an dem Ende der Straße ge⸗ legene Gefängniß abführen. Die Aufregung unter den Bewohnern der Stadt war außerordentlich groß, weniger wegen des Unge⸗ heueren der That ſelbſt, als in Folge der Sympathien, welche der Ermordete ſowohl, wie auch der Mörder bei ihnen beſaß, und es bildeten ſich ſofort zwei Par⸗ teien, wovon die eine Rache gegen Milroy ſchrie, die andere ihm aber den lauteſten Beifall zollte und ihn nach dem Geſetz für vollkommen unſchuldig erklärte. Zu Letzterer gehörte Ralph, der die Drohung La⸗ eoſte's allenthalben laut bezeugte und behauptete, daß Milroy auf das Vollſtändigſte berechtigt geweſen ſei, 80 die That zu begehen, um ſein eigenes Leben dadurch zu ſchützen. Soublett hatte er aber, als er Lacoſte fallen ſah, eiligſt aufgeſucht und ihm geſagt, er ſolle ſich ſogleich aus der Stadt entfernen, weil er erſt den Verlauf der Vorbereitungen zu dem Prozeß abwarten wolle, ehe jener eine Aeußerung über ſein Zeugniß laut werden ließ, denn jetzt ſchon durchkreuzten Ralph's Gedanken andere Pläne, in welcher Weiſe er die Handlung Milroy's zu ſeinem Nutzen ausbeuten könne. Die unglückliche Frau des Getödteten rief ihre reiche Familie in Georgien um Hülfe an und ihr Onkel kam mit dem beſten Advoeaten aus Charlestown in Nord⸗Carolina und mit bedeutenden Geldmitteln nach Tallahaſſee, um den Mörder ſeiner verdienten Strafe zuzuführen, während Milroy's Gattin ihre Verwandten in Alabama um Schutz anſprach, welche den erſten Advveaten jenes Landes mit ebenwohl be⸗ deutenden Mitteln hierherſchickten, um den Mörder zu vertheidigen, und womöglich durch die Geſchworenen das „Unſchuldig“ über ihn ausſprechen zu laſſen. Jeder⸗ mann nahm Partei in der Angelegenheit, und von weit und breit aus dem Lande ſtrömten die Leute an dem Tage herbei, an welchem die Gerichtsverhand⸗ lungen darüber beginnen ſollten, denn Jeder wollte ſeinen Einfluß geltend machen. Auch Soublett war wieder erſchienen, doch äußerte er gegen Niemanden ein Wort über Das, was er von Lacoſte gehört habe, ſondern verwies auf den Augen⸗ blick, wo er ſich vor Gericht darüber ausſprechen werde. Ralph hatte nach reiflicher Ueberlegung beſchloſſen, das Zeugniß Soubletts als ungültig erſcheinen zu laſſen, damit Milroy verurtheilt werde, indem er glaubte, von deſſen Verwandten einen höheren Preis zu erſchwingen, wenn er ihn erſt ſpäter dem Galgen entriſſe. Kopf an Kopf war das Gerichtshaus und ſeine nahe Umgebung mit Zuhörern beſetzt, als das Zeugen⸗ verhör begairn, in welchem Ralph feierlich einen Meineid dahin ablegte, daß Lacoſte die Drohung in ſeiner Gegenwart ausgeſprochen habe; denn er hatte mit demſelben an beſagtem Nachmittag gar nicht geredet. Nun erſchien Soublett vor den Schranken und ward aufgefordert, auszuſagen, was Lacoſte in ſeiner und Ralph's Gegenwart in Bezug auf Milroy ge⸗ äußert habe. Nach geleiſtetem Eide ſagte er: „Ob deſſen Worte ſich auf den Herrn Milroy be⸗ zogen, kann ich nicht behaupten, indem ich dieſen Namen nicht nennen hörte. Auch vernahm ich nur wenig von der Aeußerung des Herrn Lacoſte, da ich erſt zu ihm und dem General Norwood ſinnut als deren Unterhaltung beendet ſchien. Ich erinnere mich, Ralph Norwood. MW. 6 82 etwas wie„wenn wir uns treffen“, oder„wo ich ihn treffe von ihm gehört zu haben, doch kann ich mit Gewißheit keine Angabe darüber machen.“ Mit dieſer Erklärung verneigte ſich Soublett höflich gegen den Richter und dann gegen die Geſchworenen, worauf er als unwichtige Perſon in dem Proeeß ent⸗ laſſen wurde. Dieſe Ausſage brachte eine gewaltige Veränderung in der Lage der Dinge hervor, ſie traf die Freunde Milroy's wie ein Donnerſchlag, denn auf das Zeugniß Soubletts war ihre ganze Hoffnung geſtützt. Schreck und Niedergeſchlagenheit zeigte ſich guf ihren Mienen und die bleichen entſetzten Züge ſelbſt ver⸗ riethen, daß er an den Galgen dachte. Ralph trat abermals vor und behauptete feſt, Soublett müſſe die ganze Drohung Lacoſte's mit an⸗ gehört haben und er ſei bereit zu beſchwören, daß derſelbe von Anfang an zugegen geweſeu ſei, als jener Herr ſie ausgeſprochen. Zugleich dentete er auf Beſtechung Seitens der Feinde Milroy's hin und fragte, ob das Geſetz denn keine Macht habe, einen wider⸗ ſpenſtigen Zeugen zum Geſtändniß zu bringen? Ralph wurde zur Ruhe verwieſen und die Ver⸗ handlung nahm ihren Fortgang. Am Tage darauf traten die Advocaten Lacoſte's und Milroy's vor die Geſchworenen und boten all ihre Beredſamkeit auf, dieſelben von dem Recht ihrer —— 83 Partei zu überzeugen, als Letzterer aber ſeine Verthei⸗ digung beendet hatte, fühlte Jedermann, daß die all⸗ gemeine Stimmung gegen den Angeklagten war. Da drängte es ſich vor der Thür des Gerichtsge⸗ bäudes, man machte gewaltſam Platz: Milroy's Frau mit ihrem Kind auf dem Arm ſtürzte herein und warf ſich vor den Geſchworenen auf die Kniee nieder. Sie war eine wunderſchöne junge Frau, ihr langes glänzend ſchwarzes Haar hing ihr gelöſt über Schul⸗ tern und Buſen herab, auf ihren edeln bleichen Zügen lag Entſetzen und Verzweiflung und ihren großen dunkeln Augen entquoll ein Thränenſtrom, als ſie flehend und ſchluchzend den Geſchworenen ihr weinen⸗ des Kind entgegenhielt. Ihre Erſcheinung brachte einen gewaltigen Eindruck auf die Verſammlung her⸗ vor, der Advveat Lacoſte's aber rief dem Richter mit lauter Stimme zu, daß er gegen ſolche Beſtechungs⸗ mittel feierlichſt proteſtire und verlange, daß die Frau ſofort von hier entfernt werde. Dieſer Einſprache wurde ſogleich Gehör gegeben und die unglückliche Gattin ward, wenn auch unter lautem Murren des Publicums, hinweggeführt. Noch in der folgenden Nacht ſprachen die Ge⸗ ſchworenen das„Schuldig“ über Milroy aus, und am nächſten Tage ward er zum Galgen verurtheilt. In einer Berathung, welche Ralph mit den Ver⸗ wandten und der Frau des Verurtheilten veranlaßte, 6* 84 ſtellte er die Möglichkeit in Ausſicht, denſelben mit Gewalt zu befreien, bemerkte aber zugleich, daß es ohne bedeutenden Koſtenaufwand nicht auszuführen ſei. Man drang in ihn, Mittel und Wege anzugeben und erklärte ihm, daß die nöthigen Summen dazu ange⸗ ſchafft werden ſollten, worauf er endlich ſich bereit zeigte, die Rettung Milroy's für die runde Summe von zehntauſend Dollar zu übernehmen. Es war dies ein hoher Preis, doch was war den Angehörigen des Verurtheilten wohl von höherem Werth, als deſſen Leben? Man nahm den Vorſchlag an und verſprach, Ralph die verlangte Summe baar zu zahlen, ſobald Milroy auf freien Füßen ſei. Einige Tage darauf erſchien Ralph Morgens nach dem Frühſtück zu Pferd auf dem Platz vor dem Ge⸗ richtshaus und verabſchiedete ſich von ſeinen vielen Bekannten, die aus den Hotels und verſchiedenen Privat⸗Gaſthäuſern kamen, um ihren Geſchäften nach⸗ zugehen. Er zeigte ihnen an, daß ihn ſein Dienſt zu einer Reiſe auf unbeſtimmte Zeit in das Indianerge⸗ biet rufe, ritt auch vor das Trinkhaus, um mit einigen ſeiner Freunde ein Glas zu leeren, und eilte dann unter den freundlichſten Begrüßungen davon. Frühzeitig am Morgen vor dem Tage, welcher zur Hinrichtung Milroy's beſtimmt war, verſetzte die Nach⸗ richt, daß das Gefangenhaus in verfloſſener Nacht er⸗ ———————,— 85 brochen und der Verurtheilte daraus verſchwunden ſei, die Bewohner Tallahaſſees in großen Aufruhr. Die beiden bewaffneten Männer, die als Wachen bei dem Gefängniß geſtandeu hatten, waren von einer Anzahl Unbekannter überwältigt und geknebelt worden und hatten ſich glücklich geſchätzt, mit dem Leben davon gekommen zu ſein. Auskunft über die Gewaltthäter konnten ſie nicht geben. Alles ſtrömte hinaus zu dem leeren Käfig, um die mit Aexten zerſchlagene Thür anzuſchauen, der Vogel war jedoch fort, um ſich aller Wahrſcheinlichkeit nach ſobald nicht wieder hier blicken zu laſſen. Tauſend Vermuthungen, wer die That begangen haben könnte, wurden rege und ausgeſprochen, an Ralph aber dachte Niemand, der war ja unter den Indianern. Und dies war er auch in der Wirklichkeit, und zwar mit Milroy bei ſeinem Freunde Tallihadjo, welchem er Jenen auf das Allerdringendſte empfahl und ihn bat, denſelben bis auf weitere Nachricht verborgen zu halten. Er theilte ihm mit, Milroy ſei ein Freund von ihm, den die doppelzüngigen Amerikaner unge⸗ rechter Weiſe verfolgten und den er ihren Händen entriſſen habe. Gefahr war hier für den Flüchtling überhaupt nicht, indem ſich beinahe kein Weißer mehr in das 86 Land der Wilden wagte und unter dem Schutz Talli⸗ hadjo's war er unbedingt ſicher. Ralph hielt zugleich eine lange Beredung mit dem Häuptling über das Beginnen des Krieges und ſagte ihm, daß der günſtige Zeitpunkt dazu nicht mehr fern ſei, er ſolle ſich bereit halten, um auf ſeinen n Wink loszubrechen. Tallihadjo theilte ihm mit, daß er ſchlagfertig wäre, daß die benachbarten Stämme ſeines Rufes harrten, ſo wie, daß er bereits ſämmtliches Vieh und die Pferde ſeines Stammes in das Innere des Landes gebracht habe, wo ſie vor den Weißen ſicher wären. Nur ſeinen Schimmel, ſagte er, habe er bei ſich be⸗ halten, um ihn zu reiten, im Fall er mit den Weißen in offener Gegend zuſammenträfe, damit die Semino⸗ len ſeinen Ruf beſſer hören und die Bleichgeſichter ihn beſſer ſehen könnten. Während Ralph's Abweſenheit ſaß Elviſe eines Abends, als die Sonne verſunken war und der See⸗ wind die Gluth des Tages verwehte, im Dämmerlicht in ihrem Zimmer und blickte mit feuchten Augen bald auf ihr Kind, welches vor ihr an einem Stuhl ſtand und ſich mit den Händchen an demſelben aufrecht hielt, bald aber auf den Ring Montelard's und deſſen ————————— 87 blutiges Tuch, welche beiden Gegenſtände in ihrer Hand ruhten. Da hörte ſie nahende Tritte, verbarg ſchnell die theuern Andenken in ihrem Kleide und einen Augen⸗ blick nachher trat Eva ein, um eine Dame anzumelden, die ſie zu ſprechen wünſche. Elviſe begab ſich an die Thür, wo eine in Schwatz gekleidete junge Frau mit einem Kind auf dem Arm ihr entgegentrat und ſich als die Gattin Milroy's bei ihr einführte.] Elviſe empfing ſie mit großer, inniger Theilnahme und geleitete ſie nach dem Sopha hin. Beiden waren Thränen in die Augen getreten und einige Minuten waren in Schweigen verſtrichen, da ergriff Madame Milroy die Hand Elviſens, drückte ſie mit großer Bewegung und ſagte: „Ihr edler, hochherziger Gatte hat mir den mei⸗ nigen und meinem Kinde den Vater erhalten; mein Herz drängt mich, Ihnen dieſe That der Liebe und Barmherzigkeit zu verrathen, damit Sie ſtolz auf Ihren Ehrenmann ſein mögen und mir die Erlaubniß werde, gegen Sie das Dankgefühl auszuſprechen, welches mich ewig für ihn beſeelen wird. Sagen Sie ihm nichts von dieſer meiner Mittheilung, denn leider muß die edele That ein tiefes Geheimniß bleiben.“ Hierbei ſah die Frau unter Freudenthränen Elviſen 3 88 in die Augen und Wonne und Seligkeit lächelte auf ihren Zügen. Elviſe wurde roth und konnte keine Antwort finden, ſie dachte an den Ring, den ſie ſo eben in ihrem Kleide verborgen hatte und an die Hartherzigkeit Ralph's. Sie drückte der glücklichen Frau die Hand und bemühte ſich, den tiefen Athemzug, der ihre Bruſt beengte, derſelben zu verheimlichen. Madame Milroy aber fuhr fort, ihrem von Dank überſtrömenden Herzen Luft zu machen, nannte ſie hochbeglückt, die Gattin eines ſolchen Mannes zu ſein, und weiſſagte ihr und ihm als Belohnung für ſeine Herzensgüte eine leidenloſe, heitere und beneidens⸗ werthe Zukunft.. Es war ſchon ſpät, als die Frau Elviſen unter heißen Segenswünſchen verließ. Zugleich hatte ſie den Wunſch zu erkennen gegeben, ſie bei ſich in ihrem Hauſe zu ſehen, doch Eloiſen wäre es nicht möglich geweſen, der Einladung zu folgen. Am Tage darauf kehrte Ralph zurück, und that allenthalben ſehr erſtaunt über den frechen Streich, den man der Gerechtigkeit geſpielt habe. Als aber der Abend kam, wurden ihm im Hauſe der Madame Milroy von deren Verwandten zehntauſend Dollar in Banknoten ausgezahlt. Capitel 35. Der läſtige Gefährte.— Das Gewiſſen.— Doppelter Gewinnſt.— Unverhoffte Freude.— Die Reiſe nach dem Norden.— Ländliches Glück. Jalph war nun wieder allenthalben zugegen, muſterte die Truppen der Stadt, ſo wie die der nahen Umgegend und wußte es dem Anſcheine nach zufällig herbeizuführen, daß er in den erſten Tagen mit den Verwandten Laepſte's in Unterredung kam. Er äußerte ſich, daß er als Freund von Milroy allerdings auf deſſen Seite geweſen wäre und Alles gethan habe, um ihn durch das Geſetz frei zu machen. Da aber nun einmal das Urtheil gefällt geweſen ſei, ſo gereiche es einem eiviliſirten Volke zur Schande, daß man mit der Gerechtigkeit ſo ruchlos umſpringe. „Uebrigens“, ſagte er,„begreife ich nicht, daß man gar keine Anſtalten macht, den Mörder zu verfolgen und ſeiner habhaft zu werden. Bei Gott, wenn ich ihn ſuchen wollte, ich würde ihn ausfinden und ſelbſt meinen Kopf dagegen verwetten.“ Der Onkel der Madame Lacoſte, zu welchem Ralph dies ſagte, wurde aufmerkſam und antwortete nach einer Weile, da Ralph nicht weiter ſprechen wollte: 90 „Wer das möglich machen könnte und das Unge⸗ heuer der Juſtiz wieder in die Hände lieferte, der könnte auf eine hohe Belohnung rechnen.“ „Nun, aus einem Scherz iſt ſchon oftmals ver⸗ dammter Ernſt geworden; wenn die Unternehmung der Mühe werth wäre, ſo könnte man einmal darüber ſprechen. Man darf dem Flüchtling nur nicht zu lange Zeit geben, weit zu entkommen.“ „Was nennen Sie der Mühe werth? Wir haben jenes Schurken halber ſchon Viel angewandt und würden es uns gern noch mehr koſten laſſen, ihn ſei⸗ ner gerechten Strafe zu überliefern“, erwiederte der alte Herr mit einem fragenden Blick. „Für zehntauſend Dollar müßte der Kerl baumeln, oder ich verzichte auf den Namen eines Spürers“, ſagte Ralph mit entſchiedenſter Beſtimmtheit. „Das iſt ein großer Betrag“, entgegnete der Onkel der Madame Lacoſte überraſcht. „Es würde auch ein großes Kunſtſtück ſein, den Vogel wieder einzufangen. Außer mir möchte es wohl Niemand unternehmen. Uebrigens ſteht es ja bei Ihnen, darauf einzugehen, oder nicht; das Geld, wel⸗ ches Sie bereits geſpendet haben, iſt in letzterem Falle unnöthig ausgegeben“, bemerkte Ralph mit gleich⸗ gültigem Tone. „Wenn man nun die Belohnung auf fünſtuuſend Dollar feſtſetzte?“ ——— 94 „Nicht einen Cent weniger, als ich geſagt habe“, erwiederte Ralph und fügte n einen gräßlichen Schwur hinzu. „Ich will die Sache in Ueberlegung ziehen“, ſagte der Alte unſchlüſſig. „Doch nicht zu lange, ſonſt erkaltet die Fährte und aus unſerm Handel wird Nichts. Bis zum Abend müßte ich beſtimmte Antwort haben“, entgegnete Ralph jetzt mit bedeutſamem Tone. „Wenn es möglich iſt; ich habe mit Einigen des⸗ halb Rückſprache zu nehmen. Wo kann ich Sie finden?“ „Dort in dem Trinkhaus, gegen acht Uhr“, ſagte Ralph mit einer leichten Kopfverbeugung und verließ den Herrn. Auf dem Wege nach ſeinem Gaſthaus begegnete er Soublett, der, wie es ſchien, auf ihn gewartet hatte. „Ich wünſche fünfhundert Dollar von Euch zu borgen, General, redete Dieſer ihn an, indem er Kautaback aus der Taſche hervorzog und ein großes Stück davon abbiß. „Fünfhundert Dollar?“ entgegnete Ralph erſa „auf Euer ſchönes, oder auf Euer ehrliches Geſicht? Seid Ihr toll geworden? Ich habe Euch ja erſt vor wenigen Tagen Eure Zeugengebühren mit hundert Dollar ausgezahlt.“ „Ich habe geſpielt und verloren, und muß fünf⸗ 9² hundert Dollar haben. Wollt Ihr ſie mir nicht auf mein ehrliches Geſicht borgen, ſo leiht Ihr ſie mir wohl auf die Verſchwiegenheit meines Mundes. Ich glaube, Ihr habt ſchon manches Kapital ſchlechter an⸗ gelegt“, ſagte Soublett mit großer Gleichgültigkeit. Ralph biß ſich auf die Lippe, das Blut ſchoß ihm nach dem Kopfe und mit einem zornigen Blick ſah er den Sprecher an. Soublett aber begegnete dieſem mit einem bos⸗ haften Lächeln und ſagte dann: „Ich ſollte denken, dem General Norwvod würde es nicht auf dieſe Kleinigkeit ankommen, da er weiß, wie unbedingt er ſich auf mich verlaſſen kann.“ „Gut, Iyhr ſollt ſie haben, aber damit iſt zwiſchen uns abgerechnet,“ erwiederte Ralph, indem er ſich zur Ruhe zwang und fügte dann noch hinzu: „Kommt mit, ich will Euch gleich das Geld geben; ſpielt aber nicht wieder.“ Soublett begleitete ihn nach ſeiner Wohnung, empfing die verlangte Summe und ſagte beim Weg⸗ gehen zu Ralph: „Wenn wieder Etwas zu verdienen iſt, ſo denkt an mich.“ Mit dem einbrechenden Dämmerlicht begab ſich Ralph in großer Spannung nach dem bezeichneten Trinkhaus, um dort den Onkel der Madame Lacoſte zu erwarten und deſſen Entſchluß über ſein Anerbieten zu vernehmen. Er hatte ſchon das dritte Glas Grog getrunken und immer noch wollte der Erwartete nicht erſcheinen. Ralph's Ungeduld ſteigerte ſich von Minute zu Mi⸗ nute, er trat hinaus an einen Pfeiler der Veranda und ſchnitzelte daran mit ſeinem Meſſer, während er bald in der Straße hinauf, bald in derſelben hin⸗ unter ſah und in jeder nahenden Perſon den Erſehn⸗ ten zu erkennen hoffte. Endlich kam Dieſer wirklich mit ſehr eiligen Schritten auf das Trinkhaus zu und Ralph, der in dieſer Eile die Erfüllung ſeiner Hoffnung erkannte, ging ihm in der Straße entgegen. „Nun, haben Sie ſich die Sache überlegt?“ redete er ihn mit gezwungener Gleichgültigkeit an. „Der Preis war meinen Freunden zu hoch, denn er würde neben deren Zubuſe auch meiner Nichte den Reſt ihres Vermögens nehmen und auch dann noch nicht gedeckt ſein. Ich habe mich jedoch entſchloſſen, ſelbſt das Fehlende dazu herzugeben. Liefern Sie den Verbrecher in unſern Beſitz, ſo zahlen wir Ihnen die verlangten zehntauſend Dollar,“ erwiederte der alte Herr und ballte bei dem Gedanken an Milroy ſeine Hände in den Rocktaſchen. „Schön, halten Sie das Geld bereit, ich werde mich Morgen zeitig auf den Weg machen. Es bleibt 94 natürlich auf das Strengſte verſchwiegen, wenn ich Ihnen den Aufenthalt Milroy's verrathe,“ ſagte Ralph und reichte dem Manne, wie zum Handſchlag, ſeine Rechte hin. „Darauf dürfen Sie ſich unbedingt verlaſſen,“ ent⸗ gegnete Jener, indem er die gebotene Hand ergriff und ſchüttelte. Dann trennten ſie ſich, der Onkel der Madame Lacoſte eilte in der Straße zurück und Ralph begab ſich abermals in das Trinkhaus, um auf das gelun⸗ gene Unternehmen noch ein Glas zu leeren. Am folgenden Morgen nach dem Frühſtück verließ er die Stadt und lenkte ſein Pferd dem Lager Talli⸗ hadjo's zu, welches er lange vor Sonnenuntergang erreichte. 8 Milroy hatte ihn ſchon von Weitem erkannt und war ihm freudig, doch auch beſorgt entgegengeeilt, in⸗ dem er vorausſetzte, daß der unerwartete Beſuch ihm gelte. „Doch keine böſe Nachricht?“ fragte er Ralph, in⸗ dem er ihm die Hand reichte und neben deſſen Pferd dem Lager zuſchritt. „Im Gegentheil, recht gute Kunde bringe ich Ihnen mit“ antwortete Ralph mit fröhlichem Aus⸗ druck.„Denken Sie ſich, dieſer ſchändliche Kerl, dieſer Soublett, hat es mir jetzt geſtanden, daß er von Ihren Gegnern erkauft war, um mit ſeinem Zeugniß zurückzuhalten. Wir wollen nun die Sache nochmals vor Gericht bringen, und dann werden Sie unfehlbar frei geſprochen. Bis dahin müſſen Sie ſich freilich noch verborgen halten, was hier nicht mehr rathſam ſein dürfte, denn erſter Tages werden unſere Truppen in dies Gebiet einbrechen und Sie könnten möglicher Weiſe in deren Hände fallen. In der Nähe müſſen Sie aber bleiben, damit ich während der Gerichtsver⸗ handlungen Sie ſchnell erreichen kann und da giebt es kein ſichererer Ort, als das alte Blockhaus neben meinem abgebrannten Wohngebäude. Es iſt abgelegen von der Straße und Niemand kommt in ſeine Nähe. Des Tages über mögen Sie ſich mit Fiſchen unter⸗ halten, da der Bach von dichtem Wald begrenzt iſt und mein Neger Guy, auf den Sie ſich unbedingt verlaſſen dürfen, wird Sie auf's Beſte bedienen und Ihnen Alles beſorgen, was Sie wünſchen.“ „Es könnte aber der Zufall doch Jemanden dort hinführen, dem ich bekannt wäre,“ entgegnete Milroy ängſtlich. „Wenn Sie im Hauſe ſind, ſo halten Sie deſſen Thüren verſchloſſen, dann ſind Sie von jedem Beſuche verſchont. Niemand wird ſich lange bei einem ver⸗ laſſenen und verſchloſſenen Blockhaus aufhalten. Sie ſind dort ſo ſicher, wie in Abrahams Schvoß. Wir reiten, wenn die Dämmerung eingebrochen iſt, hin⸗ über, dann kann Sie unterwegs Niemand erkennen 96 und ich werde Ihnen behülflich ſein, dort Ihre Ein⸗ richtungen zu treffen,“ erwiederte Ralph, indem ſie das Lager Tallihadjo's erreichten und Dieſer ihm ent⸗ gegenkam, um ihn willkommen zu heißen. „Heute gilt mein Beſuch nur meinem Freunde hier, Tallihadjo; ich komme, um ihn mit mir zu nehmen. Für Dich habe ich noch keine Neuigkeit, ſie wird aber bald folgen,“ ſagte Ralph mit bedeutungsvollem Blick zu dem Häuptling, ſtieg ab und übergab ſein Pferd einer Indianerin zur Pflege. Dann legte er ſich neben Tallihadjo beim Feuer nieder, unterhielt ſich mit ihm und ließ ſich mittheilen, was derſelbe neuerdings für Vorbereitungen zum Kriege gemacht habe, und als die Sonne unterging, genoß er mit ihm das gaſtfrei dargebotene einfache Mahl. Bei dem matten Licht der Mondesſichel nahm er, ſowie auch Milroy Abſchied von dem Häuptling, Beide beſtiegen ihre Roſſe und eilten dann dem verwüſteten Wohnſitz Ralph's zu. Der Morgen graute, als ſie vor dem alten Block⸗ haus, der ehemaligen Wohnung des alten Tom Nor⸗ wood, anlangten, an deſſen Thür ſie eine geraume Zeit klopfen mußten, ehe der Neger Guy aus ſeinem feſten Schlaf erwachte und dieſelbe öffnete. Der Selave ward dann auf Milroy's Pferd nach dem nicht ſehr entfernt gelegenen Kaufmannsladen geſchickt, um verſchiedene Bedürfniſſe herbeizuſchaffen, Ralph führte 5 ſein Roß in die Weide und er, ſo wie der Advocat legten ſich dann nieder, um noch einige Stunden zu ruhen. Die Sonne ſchien ſchon heiter durch die kleinen Fenſter in das freundliche Zimmer, als ſie erwachten. Ralph erkannte im Umherblicken die Zeugen ſeines kurzen Glückstraumes in den Armen ſeiner jungen Frau, und ſie führten ihm jene Stunden der Wonne vor die Seele, von denen er damals glaubte, daß ſie nie enden würden. Es war aber nur ein verworrenes flüchtiges Bild, welches zunächſt vor einem finſtern Gedanken an Montelard verblich und dann im Hin⸗ blick auf Milroy gänzlich verſchwand, denn mit Dieſem traten die zehntauſend Dollar vor ſeinen Geiſt, die er durch ihn gewinnen wollte. „Gut geſchlafen?“ ſagte er zu ihm, indem er ſich erhob und die Thür öffnete, damit er die Morgenluft athmen könne, denn es kam ihm hier ſehr beengend vor. „Vortrefflich, die Einrichtung iſt hier ja ſehr nett, man ſieht es dem Hauſe von Außen gar nicht an; haben Sie es vielleicht früher ſelbſt bewohnt? er⸗ wiederte Milroy, um ſich blickend. „Ja wohl, zu Anfang, als ich mich hier niederließ,“ antwortete Ralph kurz. „Hat denn Ihr Vater nicht dieſen Platz angelegt? ich meine ich hätte ſo gehört.“ Ralph Norwood. 1V. ——̃ůů —————— V 98 „Er hat in dieſem Haus gewohnt, ich ließ es ſpäter, als ich heirathete und hierherzog, ausbeſſern. Da kommt Guy zurück mit den Lebensmitteln“, ſagte Ralph und ging hinaus zu dem Neger, der abſtieg und die verſchiedenen eingekauften Gegenſtände, welche er in Säcken an dem Sattel hängen hatte, von dem⸗ ſelben abnahm und in das Haus trug. Ein Feuer in dem Kamin ward bald angezündet, Kaffee gekocht, Maisbrod gebacken, einige Stück Speck gebraten und dann dies Frühſtück verzehrt, auf welches noch ein Trunk von dem Cognae geſetzt wurde, den Guy mitgebracht hatte. Dem Pferd Ralph's war unterdeſſen ein Futter Mais gegeben, der Neger hatte es getränkt und ge⸗ ſattelt, worauf Ralph ſeinem Schutzbefohlenen wünſchte, daß ihm die Zeit nicht zu lang werden möchte, ihm verſprach, ſein Intereſſe bei der bevorſtehenden erneuten Gerichtsverhandlung beſtens zu wahren, einen freund⸗ lichen Abſchied von ihm nahm und dann hinweg ritt. In den letzten Strahlen der ſinkenden Sonne lenkte er ſein müdes Pferd in die Straßen von Talla⸗ haſſee und übergab es bald darauf dem Stallknecht des Hotels, das er bewohnte. Gern wäre er ſogleich nach Lacoſte's Haus ge⸗ eilt, um dem Onkel der Wittwe die Botſchaft zu bringen, daß ihm der Fang gelungen ſei, er mußte 99 aber die Nacht abwarten, um keinen Verdacht auf ſich fallen zu laſſen. In ſeiner Wohnung angekommen, hatte er ſich in einen Armſtuhl niedergelaſſen und gab ſeinen Gedanken Freiheit, mit dem Kapital, welches er nun bald be⸗ ſitzen würde, vortheilhafte Speculationen zu machen, während Elviſe ihr Kind auf ihrem Schvoße in den Schlaf wiegte. Es war ſchon ziemlich düſter im Zimmer geworden, als eine Dame leiſe hereintrat, in welcher Elviſe ſo⸗ gleich Madame Milroy erkannte, ihr entgegen ging und ſie auf's Freundlichſte begrüßte. Dann wandte ſie ſich zu Ralph mit den Worten: „Madame Milroy kommt, mich zu beſuchen.“ Ralph war ſo in Gedanken verſunken geweſen, daß er die Fremde nicht bemerkt hatte, der Name Milroy ſchreckte ihn aber aus ſeinen Träumen, er fuhr aus dem Stuhle auf, verbeugte ſich und wollte das Zimmer verlaſſen. Die Frau jedoch trat ihm in den Weg und ſagte: „General Norwood, den Freunden meines Mannes habe ich ſeine Rettung zu danken und Sie ſind ſein beſter Freund. Worte habe ich nicht, Ihnen meine Gefühle auszuſprechen, noch weniger ſteht es in meiner Macht, Ihnen meinen Dank durch die That zu be⸗ weiſen, in meinem Gebet aber, das ich täglich zum 7* ———— 100 Himmel ſende, flehe ich Gott an, Ihr Leben zu be⸗ glücken, zu beſeligen.“ „Ich bitte, Madame Milroy, ich weiß nichts Nähe⸗ res über die Befreiung Ihres Mannes, es war eine geſetzwidrige Handlung“, antwortete Ralph verlegen. „Sie hochherziger Ehrenmann, nein, Sie wiſſen Nichts von deſſen Befreiung, Sie nehmen aber Theil an dem Glück, welches mir und meinem Kinde dadurch geworden iſt, und hierfür laſſen Sie mich Ihnen dan⸗ ken“, ſagte Madame Milroy, ergriff Ralph's Hand, preßte ihre Lippen darauf und benetzte ſie mit ihren Thränen. „Sie thun mir zu viel, Madame Milroy, ich ver⸗ ſichere Sie, bitte, nehmen Sie doch Platz, meine Frau iſt ſehr erfreut, Sie hier zu ſehen, Sie müſſen mich entſchuldigen— ich habe noch einen Weg“, ſagte Ralph mit bewegter Stimme, verbeugte ſich nochmals und eilte aus dem Hauſe. Der Athem war ihm beklemmt, als ob ihm der Alp auf der Bruſt läge, er ſtürzte durch den Garten hinaus in die Straße und es kam ihm vor, als ob das Weib mit ihrem Dank ihm auf dem Rücken ſäße und ſich in eine Furie verwandelt hätte. Sein Weg ging nach dem Trinkhauſe, wo er ein Waſſerglas voll Cognac mit einem Zuge leerte. Es war ein ſtarker Trank und er half augenblicklich. Ralph huſtete einige 101 Male, ſtrich ſich mit der Hand durch das Haar und belachte dann ſeine Schwäche. Die Nacht hatte ſich über die Stadt gelegt, als er das Trinkhaus verließ und ſich nach der Wohnung Lacoſte's begab. An der Thür fragte er einen Neger, ob der Onkel der Wittwe zu Hauſe ſei, und als der Selave es bejahte, trug er ihm auf, den Herrn heraus auf die Straße zu ſchicken, wo er denſelben erwarten wolle. Wenige Minuten ſpäter erſchien der Verlangte und eilte mit den Worten auf Ralph zu: „Sie ſind ſchon wieder zurück— bringen Sie gute Botſchaft? „Die beſte“, antwortete Ralph,„Milroy iſt in meinen Händen.“ „Iſt es möglich!— und wo iſt er?“ rief der Alte triumphirend. „Das werden Sie nach Zahlung des Fanggeldes erfahren“, entgegnete Ralph mit größter Ruhe. „Wir können doch nicht erſt zahlen, als bis wir des Verbrechers gewiß find.“ „Verlangen Sie von mir mehr Vertrauen, als Sie mir ſelbſt ſchenken? Bei Händeln, auf die man nicht klagen kann, gibt man keinen Credit. Milroy iſt ſo feſt gefangen, wie eine Fliege in dem Netz einer Kreuz⸗ ſpinne“, entgegnete Ralph.. 102 „Bis wann ſollen wir ſeiner habhaft werden?“ fragte der Alte eifrig. „Morgen Nacht. Es bleibt Ihnen darum noch heute und morgen in der Frühe Zeit, die Zahlung zu leiſten, denn Sie haben einen langen Weg zu reiten, um zu dem Flüchtling zu gelangen.“ „Kommen Sie in einer Stunde zurück und zu mir in das Haus; ich will mit meinen Freunden reden und hoffe Ihnen das Geld noch heute auszahlen zu können“, antwortete der Onkel der Madame Lacoſte und ging mit großer Eile in ſeine Wohnung, während Ralph ſich wieder in das Trinkhaus begab. Dort fand er es ſehr lebhaft, eine große Zahl von Gäſten war in dem Zimmer und unter der Veranda verſammelt, und Milroy war der Gegenſtand, um den ſich die laute Unterhaltung drehte. „Da kommt er ſelbſt, der General, er kann uns am beſten Auskunft geben,“ rief einer der Anweſenden Ralph entgegen. „Es wird hier behauptet und beſtritten, Milroy hätte Ihnen ſeine Freiheit zu danken,“ ſagte ein Anderer. „Mir? Freilich, wenn ihn meine Wünſche frei gemacht haben, dann hat er alle Urſache dazu. Mei⸗ ner Meinung nach iſt er ungerechter Weiſe verurtheilt,“ Tntwortete Ralph, indem er vor den Schenktiſch trat 103 und für ſich ein Glas mit Branntwein und Waſſer füllte. Er leerte es auf einen Zug und ſagte dann: „Uebrigens, obgleich ich ein Freund Milroy's bin, ſo halte ich doch ſeine Befreiung für nicht zu recht⸗ fertigen, es war eine Gewaltthat, die in einem ecivili⸗ ſirten Staate nicht vorkommen ſollte; hätte ich ſie verhindern können, ſo würde ich es ſicher gethan haben. „Wo mag der Kerl hin ſein?“ bemerkte einer der Umſtehenden. „Das iſt leicht begreiflich. Er wird die nahe Küſte erreicht und von dort mit einem Fiſcherbvote über die grüne Fluth ſeinen Weg genommen haben, wo er keine Fährte hinter ſich zurückläßt. Jetzt beluſtigt er ſich vielleicht in New⸗Orleans,“ ſagte Ralph und ſah dann nach ſeiner Uhr. Die Zeit ſchwand ihm ſehr langſam, er trank wieder⸗ holt, ſprach hier in einer Unterredung mit ein und gab dort eine flüchtige Antwort, ohne eigentlich darauf zu achten, was um ihn vorging; denn ſeine Gedanken waren bei den zehntauſend Dollar, die er hoffte, nun bald zu erhalten.. Endlich hatte der Minutenzeiger auf ſeiner Uhr den Kreis auf dem Zifferblatt durchlaufen, die Stunde des Harrens war vorüber, Ralph ſtürzte noch ein Glas Grog hinunter, eilte dann hinaus in die Straße und nach der Wohnung der Wittwe Lacoſte. Vor der 104 Thür blieb er einen Augenblick ſtehen, ſah ſich um, ob Niemand in der Nähe ſei, der ihn beobachten möchte, und ſchritt dann raſch in das Haus. 3 Der Onkel der Wittwe trat ihm entgegen und führte ihn in das Empfangszimmer, wo er ihn bat, ſich mit ihm auf dem Sopha niederzulaſſen und dann zu ihm ſagte: „Ich habe die verlangte Summe für Sie bereit, das heißt, wenn Sie die Zahlung theils in meinen eigenen Wechſeln auf ein gutes Haus in Charlestowm und von hieſigen ſoliden Leuten indoſſirt annehmen wollen. Den ganzen Betrag in Banknoten anzu⸗ ſchaffen, war unmöglich.“ „Warum nicht? Wenn es einfache Wechſel ſind, in denen nicht bemerkt iſt, wofür ſie gezahlt werden, ſo ſind ſie mir recht,“ erwiederte Ralph zuvorkommend. „So wollen wir unſer Geſchäft abmachen,“ ſagte der alte Herr, indem er aufſtand und, an den Tiſch tretend, eine Brieftaſche aus dem Rock hervorzog. 2 Hierauf legte er ſechstauſend Dollar in Banknoten auf der Tafel nieder und reichte Ralph dann zwei Wechſel, jeden zum Belauf von zweitauſend Dollar, zur Anſicht hin. Dieſer durchlas dieſelben, nickte dabei einige Male“ mit dem Kopfe und ſagte, indem er ſie zuſammen⸗ faltete und in ſeine Brieftaſche legte: 3 —— 105 „Die beiden Papiere ſind gut für viertauſend Dollar.“ „Und die übrigen ſechstauſend liegen hier in Bank⸗ noten für Sie bereit,“ fiel der alte Herr ein und zeigte auf den Tiſch. Ralph ſah auch dieſe durch, ſteckte ſie ein und wandte ſich dann zu Jenem mit den Worten: „Milroy gehört nun Ihnen, Sie haben ihn ge⸗ kauft und für ihn bezahlt. Er wohnt auf meinem verwüſteten frühern Wohnſitz in dem alten Blockhaus, welches von dem Feuer, das mein Wohngebäude in Aſche legte, verſchont blieb. Während des Tages hält er ſich in dem nahen Walde auf, die Nacht aber bringt er in jenem Hauſe zu, und es iſt ein Leichtes, ihn dort gefangen zu nehmen. Mir ſelbſt werden Sie es wohl erlaſſen, mich bei der Verhaftung zu betheiligen, indem es Ihnen in keiner Weiſe einen Vortheil bringen würde. Nehmen Sie den Scheriff und Männer genug mit, um ihn im Nothfall zu überwältigen, doch beſſer wird es ſein, wenn Sie ihn durch Liſt in Ihre Hände zu bekommen ſuchen. Unſtellen Sie ſpät in der Nacht mit ihren Leuten das Haus, klopfen Sie ſelbſt an deſſen Thür und rufen Sie ihm zu, Sie brächten ihm eilige Botſchaft von General Norwood. Er wird ſo⸗ gleich öffnen, Ihre Leute dringen ein und bemächtigen ſich ſeiner ohne Mühe und ohne Blutvergießen. Dem Scheriff iſt mein Platz und jenes Blockhaus wohl 106 bekannt, er wird Sie führen, doch nochmals erinnere ich Sie an unſere feſt verabredete Uebereinkunft, daß ich von der ganzen Unternehmum Nichts weiß und Sie den Aufenthalt Milroy's auf irgend eine Weiſe erfahren haben müſſen.“ „Dafür haben Sie mein Wort. Ich werde mich ſogleich nach der Wohnung des Scheriffs begeben und ihn von meiner Entdeckung benachrichtigen, damit er ſich morgen zeitig die nöthige Hülfe verſchaffen kann, — ſich des Verbrechers zu bemächtigen,“ ſagte der Onkel der Wittwe Lacoſte mit fieberhafter Lebendig⸗ eit und griff nach ſeinem Hut und Stock. „Erlauben Sie, daß ich mich zuerſt allein von hier entferne, es möchte Verdacht erregen, wenn man uns zuſammen gehen ſähe,“ bemerkte Ralph, reichte dem Alten zum Abſchied die Hand und ſchritt an die Thür des Hauſes, die er leiſe öffnete und ſeinen Kopf hin⸗ aus ſteckte, um ſich zu überzeugen, daß Niemand ſich in der Nähe befände. Dann ſprang er raſch in die Straße und verſchwand in der Dunkelheit. Am zweitfolgenden Morgen verſetzte die Erſcheinung des gefangenen Advveaten Milroy die Stadt in große Aufregung, denn er wurde, mit Ketten belaſtet, auf einem offenen Wagen gegen zehn Uhr durch die ſtau⸗ bigen Straßen nach dem Gerichtsgebäude hingefahren. Der Scheriff ſaß neben ihm und zwölf bewaffnete Männer begleiteten ihn zu Pferde. 3 ———————— 107 Der größere Theil der Einwohnerſchaft Tallahaſſees hatte ſich bald um das Gerichtshaus verſammelt, das Urtheil ward dem Gefangenen nochmals vorgeleſen, dann wurde er hinaus unter eine alte Lebenseiche geführt und bald darauf hing er, eine Leiche, an dem Strick von deren ſtärkſtem Aſt herab zwiſchen Himmel Ralph hatte ſich der Schuld' an ihn von ſechs tauſend Dollar entledigt und war durch ihn in den 8 wirklichen Beſitz von zwanzigtauſend Dollar gekommen. Friede, Glück und große Freude herrſchte in dem Hauſe Frank Arnold's, denn der Präſident Forney war ganz unverhofft dort erſchienen, um ſeinen Kin⸗ dern den langverſprochenen Beſuch abzuſtatten und nun durch eigenes Anſchauen ſeines Enkels den Stolz, Großvater zu ſein, inniger zů empfinden. Ein zweiter Grund hatte ſeinen Beſuch gerade jetzt veranlaßt und ſeine Reiſe hierher beſchleunigt, nämlich die ernſtlichen Anſtalten der Regierung, den Feldzug gegen die Florida⸗Indianer zu beginnen. Eleanor mit ihrem Gatten und ihrem Kind den Gefahren und Zufälligkeiten des Krieges und einem racheſchnauben⸗ den, wilden Volke ſo nahe zu wiſſen, würde ihm in Baltimore keine ruhige Stunde gelaſſen haben, darum — 108 entſchloß er ſich ſchnell, hierher zu eilen und ſeine Lieben von hier fort nach dem Norden zu führen. Frank für ſeine Perſon wollte Anfangs nicht in den Vorſchlag einwilligen, indem er einestheils ſeine Eltern nicht allein hier zurücklaſſen wollte, dann aber auch nicht gern während der Erntezeit abweſend ſein mochte. Eleanor erklärte aber auf das Allerbeſtimmteſte, dann werde auch ſie hier bleiben, denn die Gefahr, die dem Gatten drohe, müſſe ein braves Weib mit ihm theilen. Der Präſident machte nun den beiden ltern Frank's den Vorſchlag, gleichfalls mit ihm zu reiſen und für beide Beſitzungen einen zuverläſſigen Aufſeher zu beſtellen. Madame Arnold aber erklärte, daß ſie gerade wäh⸗ rend der Unruhen, die ihnen ſelbſt in keiner Weiſe mit Gefahr drohen könnten, ſich nicht der Aufſicht ihres Haus⸗ und Wirthſchaftsweſens entziehen werde, ſo gern ſie zu jeder andern Zeit eine Reiſe nach dem Norden machen würde, und der alte Arnold lehnte die Einladung auf das Beſtimmteſte ab, indem er ſagte, es ſei ſeine Schuldigkeit, während ſolcher un⸗ ruhigen Zeiten die Heimath nicht zu verlaſſen, ſondern mit Rath und That ſeinen Nachbarn beizuſtehen; auch hielten ihn Freundſchaftspflichten gegen Tallihadjo hier zurück, die er nicht aus den Augen laſſen würde. Er aber, ſo wie ſeine Frau, drangen um ſo ſtärker in 109 Frank, mit Eleanor und ſeinem Kinde die Reiſe zu machen und verſicherten, daß in Bezug auf ſeine Ernte ihm dadurch kein Nachtheil erwachſen ſolle; im Uebri⸗ gen die Gefahr anbelangend, die ihnen ſelbſt hier etwa drohe, ſo ſei er ja zur Genüge davon überzeugt, daß ihnen die Indianer keinerlei Leid zufügen würden. Frank gab endlich den gemeinſamen Bitten der Seinigen nach und entſchloß ſich zu der Reiſe. Mit großer Umſicht traf er alle Vorkehrungen und Beſtim⸗ mungen in Bezug auf ſeine Plantage, er wies ſeine Neger an, wie ſie während ſeiner Abweſenheit Dies und Jenes zu behandeln hätten, und mit Liebe und Anhänglichkeit verſprachen dieſelben, Alles aufzubieten, um ſeine Zufriedenheit bei ſeiner Rückkehr zu er⸗ langen. Eleanor dagegen ertheilte ihrer treuen Hausnegerin alle möglichen Anordnungen und machte zugleich die nöthigen Reiſevorbereitungen für ſich, ſo wie für ihr Kind. Die alten Arnolds gingen ihr und Frank bei Allem zur Hand, um ſich ſelbſt zugleich von den Wün⸗ ſchen ihrer Kinder zu unterrichten. Mit wahrhaft glücklicher Zufriedenheit ſah der Präſident dem geſchäftigen, liebevollen und einigen Treiben der alten und jungen Arnolds als ſtummer Beobachter zu und verglich dagegen die gekünſtelten, unwahren und zerriſſenen Verhältniſſe des Lebens in der großen Welt. Er erkannte, daß wahres Glück 1¹1⁰0 nur in dem anſpruchsloſen, natürlichen Landleben zu finden ſei und dankte dem Himmel im Stillen für die große Gnade, womit er ſeine geliebte Eleanor ſo überreich geſegnet hatte. Bald war er beobachtend im Haus, bald im Felde, bald im Walde, und wo er den geſchäftigen Gliedern dieſer beiden Familien be⸗ gegnete, ſtieß er auf Heiterkeit und Frohſinn. Bei dem Frühſtück und Mittagseſſen ging es ſtets recht eilig zu, denn die Zeit des Tages war werthvoll und der Präſident fand ſich bald wieder ſich ſelbſt über⸗ laſſen, nachdem man ihm tauſend Entſchuldigungen darüber geſagt hatte, daß man ihm ſo wenig Geſell⸗ ſchaft leiſten könne. Während der Abende aber hatte er ſeine Lieben um ſo trauter um ſich verſammelt und er war dann der Mittelpunkt, auf den alle Aufmerk⸗ ſamkeit, alle Herzlichkeit und alle Scherze einſtrömten. Die alte Madame Arnold, die ſich den Platz neben dem Präſidenten nicht ſtreitig machen ließ, überbot dabei die Andern an Fröhlichkeit, und oft wurde es ſehr ſpät in der Nacht, ehe ſie mit ihrem Mann den Heimweg antrat, wobei ſie immer das Verſprechen hinterließ, ſich zeitig am folgenden Morgen wieder einzufinden. Zu früh für Alle erſchien der zur Abreiſe beſtimmte Tag. Bis D..., wo die Reiſenden die Poſt be⸗ ſteigen wollten, gaben die beiden alten Leute ihren Kindern und dem Präſidenten das Geleite, verbrachten „— 11 mit denſelben dort die Nacht und empfahlen ſie am folgenden Morgen dem Beiſtand des Himmels. In tiefſter Rührung und unter Thränen ſchieden ſie von einander. Capitel 36. Der Hudſonfluß.— Die Palliſaden.— Der Tapanſee.— Weſtpoint.— Albany. — Die deutſchen Einwanderer.— Der Trentonfall.— Der Indianerfürſt. — Der Rocheſterfall.— Der Niagarafall. Der Frühling hatte ſein junges friſches Grin, ſeine Blumen und Blüthen, ſo wie die erſten Früchte des Jahres mit reicher Fülle über den Norden Ame⸗ rikas ausgebreitet und der lichtblaue Himmel wölbte ſich wolkenlos und heiter über der Stadt New⸗YVork und der Bay, auf deren ſmaragdgrüner Zirkelfläche tauſende von großen und kleinen Segeln im hellen Sonnenſcheine blinkten, als der Präſident Forney mit Frank Arnold, Eleanor und deren Kind, welches von ihrer treuen Selavin getragen wurde, dem prächtigen ungeheuern Dampfboot Nord⸗Amerika zuſchritt, welches an dem Werfte auf dem Hudſonfluß lag und ſchon zum zweitenmale die Glocke zur Abfahrt hatte ertönen laſſen. Ein ſchwarzer Bediente aus dem Gaſthof folgte den Reiſenden mit einem Koffer und einigen Nachtſäcken und hielt ſich ganz dicht hinter ihnen, denn der Andrang nach dem Schiffe war ſo groß, daß er einmal von den Herrſchaften getrennt, ſie ſchwerlich 1¹3 wieder vor der Abfahrt hätte erreichen können. Viele tauſend Menſchen ſchoben ſich auf dem Werfte vor dem ſchmalen Uebergang auf das Schiff in einer dichten Maſſe hin und her, theils, um ſelbſt die Fahrt mit⸗ zumachen, theils, um Freunden das Geleit bis an Bord zu geben, theils auch, um deren Gepäck auf das Verdeck des Schiffes zu befördern. Immer noch rollten Wagen mit Paſſagieren für das Dampfbovt im Ga⸗ lopp herbei, und die ganze Liſte abgekürzter Neger⸗ namen hörte man in dem Gewühle erklingen, denn dieſe ſchwarzen Diener wurden allenthalben von den vorwärtsdrängenden Weißen zur Seite geſtoßen und dann von ihren Herren mit den zornigſten Worten wieder herbeigerufen, da ein Jeder beſorgte, nicht mehr zeitig auf das Dampfſchiff zu gelangen. Die Menge des Gepäcks, welches man auf den Schultern der Neger über der Menſchenmaſſe hin und her wogen ſah, war ſo groß, daß Niemand an die Möglichkeit geglaubt haben würde, daſſelbe könne in wenigen Mi⸗ nuten ſämmtlich auf das Verdeck des Dampfers ge⸗ ſchafft werden, und doch ward dieſes vollbracht; denn als nach Verlauf kurzer Friſt die Glocke zum dritten⸗ male erſchallte und das Schiff ſich zu bewegen anfing, ſprangen und ſtürzten hunderte von weißen und ſchwarzen Männern von demſelben weg auf das Werft und hier war weder ein Koffer noch ein Nachtſack mehr zu ſehen. Ralph Norwood. W. 8 1¹4 Gegen achthundert Paſſagiere beiderlei Geſchlechts ſtießen jetzt von der Stadt ab, um eine Spazierfahrt von hundert ein und ſechzig Meilen auf dem Hudſon⸗ fluß hinauf nach Albany zu machen, wo ſie hofften, noch bei hellem Tage einzutreffen. Das Gewühl und die Verwirrung auf dem Dampfbvot war außerordent⸗ lich. Man hatte ſich in ſo wilder Unordnung auf das Schiff gedrängt, um nicht zurückbleiben zu müſſen, daß die meiſten der Paſſagiere jetzt das Eine oder Andere vermißten: Der ſuchte nach ſeinem Gepäck, Jener nach ſeiner Frau, ſeinem Kinde, ſeinem Freunde oder Diener, und laut ertönte die Schelle eines Ne⸗ gers und deſſen Worte:„Die welche noch nicht bezahlt haben, wollen jetzt an die Office des Capitains treten, und ihre Schuld berichtigen.“ Vor der Damenkajüte, über deren Eingang mit großen Buchſtaben zu leſen war:„Herren iſt es nicht erlaubt einzutreten,“ hatte ſich eine Anzahl von Männern aufgeſtellt und lauerte, mit langem Halſe übereinander und nebeneinander hinſehend, auf den Augenblick, wo ſich die Thür einmal öffnen würde, um dann einen Blick in das Heiligthum zu thun und zu erſpähen, ob ihre vermißten Lieben ſich dort be⸗ fänden. Die fein gekleidete koloſſale Negerin, welcher die Bedienung in der Damenkajüte oblag, wurde, ſobald ſie ſich in der Thür blicken ließ, mit hundert Fragen 1¹5 beſtürmt, es wurden ihr die Toiletten, die Geſtalten, die Geſichtszüge der geſuchten Frauenzimmer genannt, doch Keiner bekam die erſehnte Auskunft. Bei dem Gepäck, welches durch einander auf dem Verdeck aufgethürmt lag, ging es beſonders wild und ungeſtüm her, bis ein Zeder ſein Eigenthum heraus⸗ gefunden und ſich in deſſen Beſitz gebracht hatte. Nach und nach verwogte jedoch der Sturm, die Paſſa⸗ giere wählten ſich Ruheplätze, und als das, gegen den gewaltigen Strom mit einer Schnelligkeit von achtzehn Meilen in einer Stunde anſchnaubende Dampfbvot die Palliſaden erreicht hatte, füllten ſich die Verdecke mit Herren und Damen, die ihre ſtaunenden Blicke auf dies Wunderwerk der Natur hefteten. Auf eine Strecke von zwanzig Meilen ſteigen an der weſtlichen Seite des gewaltigen Hudſons rieſen⸗ hafte Baſaltſäulen, dicht nebeneinander gereiht ſenk⸗ recht aus der Fluth auf, heben ihre Spitzen von fünfzig bis zu zweihundert Fuß hoch gegen den Himmel empor, und tragen ſo mit Recht den Namen der Palliſſaden. Unter den vielen Bewunderern, die von dem höchſten Verdeck, oder Sturmdach, ſich an dieſem wunderbar großartigen Anblick weideten, befand ſich auch der Präſident Forney mit Frank Arnold und Eleanor. Erſterer hatte ſchon oft dieſen ſchönſten Fluß der Welt befahren, ſeinen Kindern aber war er 8* 116 neu und mit inniger Wonne beobachtete der alte Herr deren in Ueberraſchung freudeſtrahlenden Blicke. Es war ein ſolcher Morgen, an dem die Natur friſche Lebenskraft durch die ganze Schöpfung ſtrömen läßt, an dem der Menſch fühlt, daß er zum Herrn dieſer Erde beſtimmt iſt, und an welchem ſein Herz vor der Allmacht des Schöpfers in Demuth erbebt. Alles ſchien zu leben: die Wogen ſtürzten ſich ſchäumend und ziſchend an dem Schiffe vorüber und ſchlugen, ihren Giſcht hoch über ſich ſpritzend, an den Rieſenſäulen der Palliſaden hinauf. Hunderte von Schiffen zogen, bis in die Spitzen ihrer Maſten mit Segeln umwölkt, hin und her auf dem gewaltigen Strome, Schaaren von Vögeln um⸗ ſchwärmten die ſchwarzen Baſaltfelſen und ſchwebten von Ufer zu Ufer über die grüne Fluth, und der mit Frühlingsduft gewürzte Wind ſtrich wohlthuend und labend über das dahinbrauſende Schiff. Stumm und in andächtigem Staunen verſunken, ſtanden Frank und Eleanor Arm in Arm und ließen ihre Blicke über die wundervollen Naturbilder wan⸗ dern, die ſich fortwährend vor ihnen entfalteten, und nur von Zeit zu Zeit unterbrach der Präſident ſie in ihren ſtillen Betrachtungen, indem er ihre Aufmerk⸗ ſamkeit von einem zum andern Ufer hinlenkte, um ihnen hier oder dort einen neuen maleriſch ſchönen Punkt zu zeigen. Meile auf Meile ließ das dahin⸗ W 117 jagende Schiff hinter ſich zurück und links und rechts flogen die felſigen Geſtade an ihm vorüber. Da öffneten ſich plötzlich die Ufer des zuſammengedrängt zwiſchen ihnen hinwogenden Stromes, und die unab⸗„ ſehbare Spiegelfläche des Tapanſees breitete ſich vor den Blicken der Reiſenden aus. In Purpurduft ge⸗ hüllt hoben ſich die fernen Gebirge um die durchſichtig grüne Fluth, auf der das Sonnenlicht bebte, hier und dort an ihren Ufern glänzten die Dächer und Thürme eines Städtchens aus dem durchſichtigen Schleier der Ferne hervor und ein heiliger Friede ruhte auf dem See und auf der Landſchaft. Da legte der Präſident ſeine Hand auf Franks Schulter und zeigte nach der öſtlichen Küſte hin, in⸗ dem er ſagte: „Dort hauchte der unglückliche brave Major André unter den Händen ſeiner Britiſchen Henker ſein edeles Leben für unſere Freiheit aus. Selbſt von unſern Feinden wurde ihm aber im Tode noch Anerkennung für ſeine Hochherzigkeit gezollt: ſeine Gebeine ſind von dort weg über den Ocean nach England geführt und ruhen jetzt in der Weſtminſter Abtey. Wehmüthig und ſchweigend hielten alle Drei ihre Blicke lange Zeit auf den weißen Punkt, das Monu⸗ ment des braven Mannes, geheftet, bis der Präſident abermals die Aufmerkſamkeit ſeiner Kinder in Anſpruch nahm und ſie weiterhin auf eine dichte ſchattige Baum⸗ 118 gruppe lenkte, aus deren Dunkel ein kleines zierliches Haus friedlich hervorſah. „Das iſt Sleepy Hollow(die Höhle des Schlafes) der Ruheſitz unſeres großen gefeierten Schriftſtellers Waſhington Irving“ ſagte Forney; wie deutlich ſpricht ſich dieſe paradieſiſche Umgebung in ſeinen Werken aus!“ Weiter zog das Dampfſchiff, wie an ſeinen Seiten von zwei weißen ſchäumenden Roſſen gezogen, über den ſpiegelglatten See; Sing Sing, das weltbe⸗ rühmte Staatsgefängniß Americas, blieb bald in der Ferne zurück und Weſtpoint, die große ausgezeichnete Militairſchule, wo die Officiere für die amerikaniſche Armee herangebildet werden, ſtieg vor den Blicken der Reiſenden auf. Die gebirgigen Ufer drängen ſich hier nahe zu⸗ ſammen, zwängen den ungeheuern Strom in ein un⸗ natürlich enges Bett ein und heben ihre felſigen Kuppen fünfzehnhundert Fuß hoch über das dunkel⸗ grüne Waſſer empor, deſſen Wogen, wie im Zorn über die Gewalt, die ihnen hier angethan wird, ſich ſchäumend durch den engen Paß ſtürzen und ihr wil⸗ des Rauſchen weit durch die Berge ertönen laſſen. Auf der weſtlichen Seite dieſer Flußenge ſtehen auf hohem Berge die herrlichen Gebäude der Militair⸗ ſchule, von dem ſternbedeckten Banner Amerikas über⸗ weht, und beherrſchen den Blick weithin Strom hin⸗ — 119 auf und hinab. An dem ſchroffen Abhang über der Fluth hebt ſich die marmorne Säule über dem Grabe des edeln Patrioten Kosciusko. Jetzt nahete ſich das Dampfſchiff der engen Schlucht, hoch thürmten ſich die Wogen vor ſeiner ſcharfen Spitze, ſie ſtürzten ſich ziſchend an ihm vorüber und auf und niederſteigend kämpfte es ſchnaubend gegen dieſelben an. Zugleich mit ihm erreichte eine Flotte von elegant gebauten Segelſchiffen, über fünfzig an der Zahl, den Engpaß, ſie neigten ihre blendend weißen Schwingen in graziöſer Bewegung unter dem Druck des hier zuſammengepreßten Windes, indem ſie gruppenweiſe bald links, bald rechts bis dicht unter die ſteilen Felswände lavirten und ſich bäumend über die heranrollenden Wellen ſchwangen. Nun traten die Ufer wieder weiter zurück, Weſt⸗ point gegenüber ſtieg der koloſſale Baſaltberg„das Krähenneſt“, mit ſeinen Sagen und Legenden ein anderer deutſcher Brocken, vor den Blicken der Rei⸗ ſenden auf; er hob ſein friſchgrünes Haupt in die Re⸗ gion der Wolken, und in weiter Ferne, wo der Strom wie ein ſilbernes Band zwiſchen den Bergen lag, tauchten aus dem duftig blauen Nebel die Kattskillge⸗ birge hervor. Frank Arnold ſowohl, wie Eleanor, konnten ſich kaum überwinden das Verdeck zu verlaſſen, um der Einladung zur Mittagstafel zu folgen, welche durch 120 die Schelle eines Negers den Paſſagieren verkündet wurde und bald nach flüchtig eingenvommenem Mahl kehrten ſie mit dem Präſidenten auf das Sturmdach zurück und ließen die wunderbar ſchönen Landſchaften im ununterbrochenen Wechſel an ſich vorüberziehen. Hier hoben ſich die ſchroffen Felſen ſteil aus dem Strome empor und wie Terraſſen thürmten ſich die Berge in nackten Kuppen, oder in waldbedeckten Höhen über einander auf, dort breitete ſich ein reiches grünes Thal, von einem freundlichen Städtchen oder mit einzelnen friedlichen Anfiedelungen belebt, an dem Ufer aus, und manchmal ſah man zwiſchen enger Ge⸗ birgsſchlucht über einem ſchäumenden Sturzbach ein einſames Blockhaus, das an die Frontierzeit dieſes Landes erinnerte, in welcher noch das Jagd⸗ und Kriegsgeſchrei der Indianer durch dieſe Berge ſchallte. Es war Abend und die Sonne blitzte im Scheiden über den purpurblauen Kuppen der weſtlichen Gebirge, als das Ziel des Dampfers, die Stadt Albany mit ihren Kuppeln, Spitzen und Thürmen auf dem Berge den Reiſenden ſichtbar wurde und das prächtige Staats⸗ haus auf der Höhe derſelben im röthlichen Abendlichte erglänzte. Die Ruhe und Ordnung, welche bisher auf dem Schiffe geherrſcht hatte, machte jetzt wieder allent⸗ halben einem geſchäftigen Gewühl Platz, Familien und Freunde bereiteten ſich gruppenweiſe vor, das Boot zu verlaſſen, ſie erſchienen, mit ihrem Gepäck beladen, auf dem Verdeck, oder ließen es durch Diener dorthinſchaffen, um ſelbſt Wache dabei zu ſtehen, die Arbeiter rollten Ballen, Fäſſer und Kiſten herbei, um ſie an das Land zu bringen und der breite Steg ward über die Seite des Schiffes hinausgeſchoben, um beim. Landen die Verbindung mit dem Werfte ſogleich her⸗ zuſtellen. Die achthundert Paſſagiere, die bis jetzt in den Kajüten, Schlafzimmern und auf den beiden oberen Verdecken vertheilt geweſen waren, drängten ſich nun wieder auf das untere Deck, denn ein Jeder wollte unter den Erſten ſein, die das Land betraten. Der Platz, welchem das Schiff ſich raſch näherte, war mit Menſchen, Carroſſen, Güterwagen und Schieb⸗ karren angefüllt, und kaum hatte es das Werft erreicht und der Steg war auf daſſelbe niedergelaſſen, als die Volksmaſſen auf einander eindrangen und ſich gewalt⸗ ſam den Weg zu und von dem Dampfboot bahnten. Das Gewühl und die Verwirrung war grenzenlos, die Fuhrleute, die Gaſthausbedienten, die Karren⸗ ſchieber, alle ſtürzten auf das Verdeck, um den Paſſa⸗ gieren ihre Dienſte anzubieten und ſchleppten ohne Weiteres alles Gepäck, welches für einen Augenblick unbewacht war, mit ſich fort. Hier ſchrie ein alter Herr einem Neger nach, der mit ſeinem Nachtſack davoneilte, dort rief mit krächzender Stimme eine Dame ihrem Gatten zu, von dem ſie getrennt war, — 122 Kinder, die ihre Eltern verloren, ließen ihr Angſtge⸗ ſchrei ertönen, und unter die Füße gerathene Schooß⸗ hündchen klagten ihre Schmerzen; Alles ſtürmte durch⸗ einander und drängte ſich in einem wild verworrenen Knäuel über den ſchmalen Steg. Unter den Paſſagieren, die bereit waren, das Boot zu verlaſſen, ſah man auch eine Familie, die ihrem Aeußern nach fremd in dieſem Lande war. Der Mann, ein wohlgenährter Fünfziger mit unbeholfenen ſchwer⸗ fälligen Bewegungen, trug einen altmodiſchen langen hellblauen Rock von grobem Tuch, deſſen Kragen ihm über die Hälfte des Hinterkopfs bis unter den unge⸗ wöhnlich hohen ſchwarzen ſchmalberandeten Hut reichte und dem langen ſtrohgelben Haar des Eigenthümers nur neben deſſen ſtark gerötheten rauhen Backen einen Ausweg an die Luft geſtattete. Die Frau, eine ſchwere knochige Geſtalt mit ſonn⸗ verbranntem Geſicht, hatte ein buntes baumwollenes Tuch über den Kopf gebunden und zog bald an der einen, bald an der andern Seite ihrer vielen dicken Röcke, wie Jemand, dem in ſeinem Anzug zu warm wird. Sie waren eingewanderte deutſche Bauersleute, die erſt vor Kurzem in New⸗Vork die amerikaniſche Erde betreten hatten und ſich jetzt auf der Reiſe zu ihren Freunden in das Innere des Landes befanden. Mit ihren vier Kindern, von denen das älteſte, ein Mädchen, etwa vierzehn, das jüngſte fünf Jahre alt 1²3 ſein mochte, ſtanden ſie, bei einem Haufen Gepäck, aus dem hier ein Spinnrad, dort eine alte verwitterte Bettſtelle, ein zerbrochener Spiegel, eine Holzſäge und verſchiedenes gebrauchtes Handwerkszeug zwiſchen Kiſten, Kaſten und Packen mit Bettzeug hervorſah, und blickten bald nach dem Gewühl auf dem Werfte, bald nach dem vordern Theile des Verdecks, wo die Arbeiter des Schiffes beſchäftigt waren, noch einen zweiten Steg auf das Werft hinunter zu laſſen. So⸗ bald die ſtarken Eichenbohlen aber das Land erreicht hatten und nebeneinander einen feſten Uebergang bil⸗ deten, ſprangen mehrere der Arbeiter, wie in Folge eines Verſprechens, zu der fremden Familie hin, legten raſch Hand an deren Gepäck und hatten es nach we⸗ nigen Minuten von dem Schiffe auf das Werft be⸗ fördert, wofür ſie von dem Manne mit dem blauen Rock ein Stück Geld erhielten. Kaum hatte dieſer ſich auf einem der Kaſten niedergelaſſen, als aus dem Gedränge, welches ihn und ſeine Familie umwogte, mehrere Männer hervorſprangen, ihnen in gebrochenem Deutſch und mit Zeichen zu verſtehen gaben, daß es die höchſte Zeit zur Abreiſe ſei, ihnen ſagten, es würde Alles richtig beſorgt werden, und raſch Hand an das Gepäck legten. Der Strom der Menge drängte ſich zwiſchen die erſtaunten Deutſchen, die mit offenem Munde da ſtanden und nicht begriffen, wie man be⸗ reits von ihrer beabſichtigten Weiterreiſe unterrichtet —.———————— — — 1²4 ſein könnte, der Mann folgte dieſer, die Frau der andern Kiſte, die Kinder rannten dem verſchiedenen Gepäck durch das Gewühl nach und Alle hatten bald aus den Augen verloren. Beide Eltern kehrten ſchweißtriefend, nachdem ſie die Kaſten richtig hatten auf verſchiedene Güterwagen aufladen ſehen, zu dem Reſt ihres Gepäcks zurück, worauf ihre Aufmerkſamkeit durch die wohlbekannte gellende Stimme ihrer älteſten Tochter angezogen wurde, die ſich mit dem Oberkörper aus einem, in Galopp davonjagenden Omnibus heraushing und durch ihr Schreien dem Kutſcher zu verſtehen geben wollte, daß hier ein Mißverſtändniß obwalte, während zugleich ein ähnliches Zetergeſchrei von dem Fluß her ertönte und die beiden Deutſchen ihren älteſten Sohn auf dem Verdeck eines kleinen Dampfſchiffes erblickten, welches das Werft verließ, um Güter und Paſſagiere weiter den Fluß hinauf zu befördern. Umſonſt ließ der Bauer jetzt mit aller Gewalt ſeiner koloſſalen Lunge ein donnerndes„Halt⸗ erſchallen, der Wagen mit ſeiner Tochter und einem Ballen Bettzeug, welcher oben auf dem Verdeck hin und her ſchaukelte, ver⸗ ſchwand in der nächſten Straße und der Dampfer mit dem Sohne des deutſchen Landmanns und einer ſeiner großen Kiſten fuhr auf dem Fluſſe davon. Die Menge auf dem Werfte zerſtreute ſich und bald gewahrten die entſetzten Eltern ihre beiden jüngſten Kinder, welche in kurzer Entfernung von ihnen beieinanderſtanden und heftig weinten und ſchluchzten. Die Mutter eilte fliegenden Schrittes zu ihnen hin und führte ſie zurück zu der Bettſtelle und dem verſchiedenen alten Plunder, dem Ueberreſt ihrer Habe, der des Stehlens nicht werth war. Hier be⸗ gannen nun alle vier zu jammern und zu weinen, es ſammelten ſich viele Leute um ſie, die die Urſache ihrer Noth ſich vergebens bemühten zu enträthſeln, bis endlich auch ein Deutſcher hinzutrat und ihnen Troſt und Hoffnung dadurch einſprach, daß er ihnen wenig⸗ ſtens ihre Kinder, vielleicht aber auch einen Theil ihres Gepäcks wiederſchaffen wolle. Der Präſident hatte mit ſeinen Lieben während dieſer Zeit in den prächtigen Räumen des erſten Gaſt⸗ hofs auf der Höhe des Berges ein Unterkommen ge⸗ funden, ſie wurden mit einem Abendeſſen bewirthet, wie es nicht beſſer in New⸗York zu haben ſein konnte und dann ſetzten ſie ſich hinaus auf den luftigen Balkon vor ihren Zimmern, welcher die Ausſicht auf den Fluß und weithin in die Gebirge bvt. Der Abendwind zog friſch und labend über den Balkon, der noch nicht volle Mond zeigte die weite Gebirgs⸗ landſchaft in unbeſtimmten verſchwimmenden düſtern Maſſen, aus denen nur die höchſten Bergkuppen und hier und dort der Spiegel des Stromes zu erkennen 126 war, und das dumpfe monotone Rauſchen der Wogen ſtand mit dem nächtlichen Bilde in trautem Einklang. Glücklich und zufrieden verbrachten unſere Reiſenden die ſpäten Abendſtunden in traulicher Unterhaltung auf dieſem, von dem Gewühl der Welt abgeſonderten luftigen Ruheſitz, beſprachen nochmals die vielen Herr⸗ lichkeiten, deren ſie ſich während des Tages erfreut hatten und gedachten auch in ihrer Unterredung der theuern Eltern Franks, ſowie des treuen Tallihadjo's und ſeines unglücklichen Volkes. Vor ſechs Uhr am folgenden Morgen waren ſie ſchon wieder reiſefertig, denn Albany war nicht das Ziel ihres Ausflugs, dem Niagarafall waren ſie Willens einen Beſuch abzuſtatten. Der Rieſenbau des Eriecanals, der den Staat von New⸗Vork in ſeiner weſtlichen Ausdehnung durchzieht und bis zum Erieſee, in welchen er ausmündet, drei⸗ hundert und ſechzig Meilen mißt, war noch nicht be⸗ endet und die Fahrt auf demſelben, wenngleich reizend und durch die prächtigſten Naturſchönheiten verherrlicht, ging für unſere Reiſenden zu langſam von Statten, weshalb ſie ſich entſchloſſen hatten, ihren Weg mit der Poſt fortzuſetzen. Mit dem Glockenſchlag ſechs Uhr fuhr die, mit vier edeln Roſſen beſpannte elegante Poſtkutſche vor das Gaſthaus, Forney und Arnolds ſtiegen ein, Eleanor nahm ihr Kind auf den Schooß, die Dienerin ſetzte . 127 ſich zu dem Kutſcher auf den Bock und in ſauſendem Galopp ging es aus Albany hinaus. In keinem Lande werden die Poſten wohl ſo raſch gefahren, als in Amerika und nirgends ſind ſie mit ſo ausgezeichnet ſchönen und guten Pferden beſpannt, als dort. Wo es nur einigermaßen die Oertlichkeit erlaubte, fuhren unſere Reiſenden während des ganzen Tages in ge⸗ ſtrecktem Trab, oder in Galvopp von Station zu Sta⸗ tion und erreichten am Abend die ſchöne reiche Stadt Utika. Hier verbrachten ſie den folgenden Tag, nahmen die Stadt in Augenſchein und ruheten ſich von den Anſtrengungen der Reiſe aus. Am nächſten Morgen aber ſchon beſtiegen ſie einen Miethwagen, der ſie nach dem dreizehn Meilen nörd⸗ lich von Utika gelegenen Städtchen Trenton führte, von wo ſie beabſichtigten, die wild romantiſchen Trenton⸗Waſſerfälle zu beſuchen. Einige Stunden Ruhe hatte die Pferde wieder gekräftigt und die Weiterfahrt wurde in frohſter Stimmung angetreten⸗ Die Berge thaten hier zwar der bisherigen Eile großen Abbruch, ſo daß Eleanor oft vorzog, zu Fuß zu gehen, in welchen Wunſch ihre beiden Begleiter ſehr gern ein⸗ willigten und bei welchen Wanderungen dann oftmals Halt gemacht wurde, um einem ſchönen Blick durch die wilden Felſenpartien einige Minuten zu ſpenden, oder eine ſchöne Baumgruppe oder eine Blume des Waldes zu betrachten. — —— —— 128 Der Abend war bereits eingebrochen, als ſie das beſcheidene, einſamgelegene Gaſthaus in der Nähe der Waſſerfälle erreichten, deſſen Gäſte in der Regel nur durch deren Schönheit hierhergelockt werden. Ein ein⸗ faches doch gutes Abendbrod wurde aufgetiſcht und nach eingenommenem Mahl begaben ſich unſere Wan⸗ derer hinaus in das Freie, um die Friſche des Abends zu genießen. Der Mond verkündete ſchon durch ein glänzend helles Licht am klaren Himmel ſein baldiges Erſcheinen und die Dunkelheit geſtattete immer noch, auch ſelbſt im Walde einen Pfad zu erkennen, da ſchlug der Prä⸗ ſident vor, ſofort zu dem nicht fernen Waſſerfall zu gehen und dort das Aufſteigen des Mondes zu erwarten. Frank und Eleanor ſtimmten freudig in den Vor⸗ ſchlag ein, ein Führer war ſogleich zur Stelle und die Wanderung wurde angetreten. Der Weg führte ſie auf ſchmalem Steig durch den hohen Wald, in welchem das Vorwärtsſchreiten mit der raſch zunehmenden Dun⸗ kelheit immer ſchwieriger wurde; doch Frank folgte dem Führer und lieh Eleanor, wo es nöthig war, die Hand, während der Präſident mit ſeinem Stock den Pfad vor ſich unterſuchte. In dem Augenblick, als ſie aus dem Walde traten und die tiefe Felsſchlucht erreichten, in welcher der Bergſtrom brauſend hinjagte, zeis e ſich das erſte 129 rothglühende Pünktchen des heraufziehenden Mondes, deſſen feurige Scheibe nun bald über dem fernen Ge⸗ birgsrande erſchien und deſſen Licht von Minute zu Minute heller zwiſchen die zu beiden Seiten der nächt⸗ lichen Gäſte aufgethürmten Felswände eindrang. Der Führer machte Halt an einer leiterartigen hölzernen Stiege, die tief hinunter in die noch finſtere Schlucht zu dem Fluſſe führte, und bezeichnete dieſelbe als den Weg zu dem großen Waſſerfall. Der Präſident äußerte einiges Bedenken, auf der⸗ ſelben hinabzuſteigen, doch Eleanor war ſogleich ent⸗ ſchloſſen, es zu unternehmen, Frank mußte vor ihr hergehen und ihr Vater folgte ihr dann nach. Mit jedem Schritt hinab wurde es dunkeler, und als ſie endlich das ſchmale, ſteinige Ufer des Stromes er⸗ reichten, waren ſie von tiefer Finſterniß umgeben. Der Führer bezeichnete aber eine eiſerne Kette, die längs der Felswand als Handhabe angebracht war, an welcher die Wanderer ſich nun vorſichtig hinleiteten und den Biegungen der Schlucht folgten. Das Rauſchen des Stromes wurde jetzt durch ein donnerähnliches Getöſe übertönt, welches mit jedem Tritt, den der Führer und ſeine Schutzbefohlenen vor⸗ wärts thaten, lauter und heftiger zu ihnen hindrang, bis ſie plötzlich nach einer kurzen Biegung ihres Pfades aus der Schlucht hervortraten und über dem Abgrund ſtanden, in den die Wogen donnernd hinab⸗ Ralph Norwood. IV. 9 130 ſtürmten. Auf einem vom Mondlicht beſchienenen Sei⸗ tenweg leitete der Führer die Gäſte zwiſchen Felſen und Baumgruppen in die Tiefe hinab und führte ſie zu dem Fuße dieſes erſten Falles, von wo in kurzer Entfernung die tobende Fluth abermals in einen Ab⸗ grund hinabſchäumte. Jetzt richteten ſie ihre erſtaunten Blicke auf die, von einer Höhe von ſechzig Fuß herabſtürzenden, un⸗ geheueren Waſſermaſſen, die ſich in unzähligen ein⸗ zelnen Cascaden brachen, auf vorſpringenden Fels⸗ ſtücken auseinander ſprühten und, in Schaum verwan⸗ delt, das neue Flußbett erreichten. Hell und klar lag das Mondlicht auf dem fal⸗ lenden Strome, wie ſilberne Fluthen ſanken die Waſ⸗ ſermaſſen auf die ſchwarzen Klippen und ſprühten von ihnen wie Brillantenſchauer in die Tiefe hinab. Zum Himmel aufſteigende, dunkele Felswände umgaben das glänzende Bild, während ihm gegenüber nach dem Monde zu die Schlucht ſich öffnete und der Blick weithin über das tiefe Gebirgsthal ſchweifte, in welches der tobende Fluß in unzähligen Cascaden hinabeilte. Staunend und bewundernd ſtanden Arnolds und Forney lange Zeit, ehe ſie Worte finden konnten, ihre Gefühle auszuſprechen, und dann lenkten ſie gegen⸗ ſeitig ihre Blicke von einem reizenden Punkt zum —,— 131 andern, ohne entſcheiden zu können, welchem der Preis gebühre. Der Präſident war der Erſte, der an die Zeit mahnte und aufforderte, den Rückweg anzutreten, der jetzt bei dem hellen Mondſchein viel weniger Hin⸗ derniſſe bot. Begeiſtert und entzückt langten Alle wohlbehalten wieder in dem Gaſthaus an und ſanken dort bald darauf mit Sehnſucht nach dem Morgen in ſüßen Schlaf. Die Trenton⸗Waſſerfälle werden durch den Weſt⸗ Canadafluß erzeugt, der in ſeinem dreihundert Meilen langen Laufe durch Gebirge und Wälder eine unun⸗ terbrochene Kette der reizendſten großen und kleinen Cascaden beſchreibt, die an maleriſcher wilder Schön⸗ heit wohl nicht ihres Gleichen finden. Den ganzen folgenden Tag blieb Forney mit ſeinen Kindern von dem Gaſthaus fern, denn ſie hatten außer dem Führer noch einen Negerbuben mit ſich genommen, der Lebensmittel für ſie tragen mußte. Auf Meilen weit ſuchten ſie die ſchönſten Plätze auf, ruhten und kühlten ſich in der Nähe der ſchäumenden Gewäſſer im Schatten dichter Baumgruppen oder über⸗ hängender Felsſtücke, und weideten ihre Blicke an den unzähligen ſchönen Natur⸗Bildern, die ihnen allent⸗ halben entgegentraten. Auf dem Heimweg, während das Düſter des Abends ſchon über der Erde bebte, führte ſie ihr Weg 132 durch wild umherliegendes Geſtein und einzelne Eichen⸗ gruppen, als plötzlich hinter einem nicht fernen Fels⸗ block die dunkele halbnackte Geſtalt eines Indianers hervortrat und derſelbe mit ſeiner langen Büchſe, die auf ſeiner linken Schulter ruhte und über deren Kolben er ſeinen braunen Arm geſchlungen hielt, ruhigen, ge⸗ meſſenen Ganges auf ſie zuſchritt. Beinahe einſtimmig riefen alle Drei:„ein Indianer!“ und Frank trat, wie zum Schutz, vor Eleanor und ihren Vater, der Wilde aber würdigte ſie nicht eines Blickes, ſondern ging kaum hörbaren Trittes ſchweigend und mit me⸗ lancholiſchem Ernſt auf ſeinen Zügen an ihnen vor⸗ über und verſchwand bald zwiſchen dem Geſtein hinter ihnen. Der Führer theilte ihnen mit, daß dieſer Mann der letzte Häuptling des noch vor nicht vielen Jahren ſo mächtigen Volkes der Oneidas ſei, einer der fünf Stämme der Iroquvis, welche die Mohawks aus die⸗ ſem Lande verdrängt hatten. Er lebte jetzt in den Gebirgen in einer einſamen Hütte und kam weder mit den Weißen, noch aber mit den noch wenigen Leuten ſeines Stammes in Berührung, die oft von den Paſſagieren der Canalbvote geſehen wurden, wenn ſie auf dem Ufer nebenher liefen und um einen Al⸗ moſen baten. Ihr ſtolzer, armer Fürſt aber betrachtete ſich immer noch als den König und rechtmäßigen Eigenthümer dieſes Landes, wenn er auch keine Macht ——„————— — — 133 mehr hatte und es kein Gericht gab, vor dem er ſein Recht hätte geltend en können. „Armer Tall Dort geht das Bild Deiner Zukunft“, ſagte Eleanor mit wehmüthiger Stimme, indem ſie mit der Hand nach der dunkeln Stelle hin⸗ zeigte, wo der Indianerhäuptling zwiſchen dem Ge⸗ klüfte vor ihrem traurigen Blick verſchwunden war.! Wenige Tage ſpäter ſtanden unſere Reiſenden bei Rocheſter vor dem Sturze des Geneſſeefluſſes, wo der⸗ ſelbe ſich in der Breite von einer halben Meile zuerſt ſiebenundneunzig Fuß und dann wenige Ruthen weiter hundert und ſechs Fuß herabſtürzt und die tiefe Fels⸗ ſchlucht, die ſeine tobenden Waſſer aufnimmt, mit einem Schaummeer ausfüllt. Hart über dem Sturz⸗ rande hoben ſich die prächtigen Fabrikgebäude der Stadt Rocheſter mit ihren unzähligen Räderwerken empor und das Pochen und Toſen der Eiſenhämmer, der Nagelmaſchinen, der Mühlen und Baumwollen⸗ kratzen miſchte ſich mit dem Donnerdröhnen der her⸗ abſchäumenden Fluthen, von denen die Kraft eines jeden Tropfens benutzt war, die Eigenthümer jener Werke zu bereichern. Dabei ſpielte das Sonnenlicht blitzend und ſchillernd über die weißen Schaumſäulen und funkelte auf dem fliegenden Waſſerſtaub. Alle die prächtigen Naturſchönheiten aber, die der Präſident mit ſeinen Lieben bis jetzt geſehen hatte, waren nur ein kleines unbedeutendes Vorſpiel zu 134 einem der größten Wunderwerke der Schöpfung, dem Niagarafall, zu dem ſie von hier aus ihren Weg richteten. Nach einem heißen Tage, ermüdet von langer Fahrt, naheten ſie ſich gegen Abend dem erſehnten Ziele ihrer Reiſe und vernahmen mit Freude die Mit⸗ theilung des Kutſchers, daß die bewaldeten Höhen in der Nähe des Niagarafalls aus der Ferne auftauchten. Die beiden jungen Eheleute ſowohl, wie auch der Präſident, legten ſich wiederholt aus dem Wagen hervor und blickten mit Verlangen nach den bezeich⸗ neten wolkenartigen, blauen Maſſen, die ſich an dem Horizont erhoben und hinter welchen der Abendhimmel mit einem glühenden Roth gefärbt war. Noch lange ſechs Meilen lagen zwiſchen den ungeduldigen Rei⸗ ſenden und dem Gaſthaus an den Ufern des Niagara's, welches ſie noch heute erreichen wollten, und die Pferde bedurften mehr und mehr der Aufmunterung, um im Trabe zu bleiben. Da drang ein anhaltender Ton, wie das Rollen fernen Donners, zu ihren Ohren und der Kutſcher bezeichnete denſelben als das Rauſchen des Waſſerfalles. Mit jeder Meile, die ſie zurücklegten, nahm das Brauſen zu, bis es endlich wie ein ununterbrochener Donner die Luft erfüllte und der Wagen dem blin⸗ kenden Lichte des Gaſthauſes zurollte, denn die Nacht war eingebrochen und ließ nur die Außenlinien der 135 ſchwarzen Waldpartien erkennen, die ſich in der Nähe des hölzernen Hotels erhoben. Alle Müdigkeit war von den Reiſenden gewichen, Frank ſprang aus dem Wagen und nahm ſeiner Frau das Kind ab, Eleanor hüpfte leichten Fußes zu ihm hinab und auch der Präſident ſtieg eiliger, als ſonſt, aus dem Schlage. Nur die Pferde ließen die Köpfe hängen, denn ſie hatten heute dreißig Meilen in großer Sonnenhitze zurückgelegt. Jetzt war es im Gaſthaus bemerkt, daß Fremde angekommen waren, es kamen Diener mit Lichtern aus demſelben hervor, das Gepäck ward hineingetragen und den Gäſten wurden Zimmer angewiefen. Der Präſident hatte ſich im Sopha niedergelaſſen, Eleanor jedoch legte ſich in das offene Fenſter und lauſchte dem erſchütternden Donner des Waſſerfalls, der die Fenſterbank, auf der ihre Arme ruhten, in einem fortwährenden Zittern und Beben erhielt. „Nicht wahr, Frank, wenn der Mond aufgeſtiegen iſt, gehen wir zu dem Falle?“ ſagte Eleanor bittend zu ihrem Gatten, der neben ihrem Vater auf einem Stuhl Platz genommen hatte.“ „Wenn Du es wünſcheſt, ſehr gern, beſte Eleanor, fühlſt Du Dich denn nicht von der Reiſe angegriffen? 7. erwiederte Frank auf's Liebevollſte. „Auch nicht im Mindeſten; ich könnte die ganze 136 Nacht hindurch gehen, ohne müde zu werden“, ſagte Eleanor mit Lebhaftigkeit. „Mir möget Ihr es jedoch nicht übel nehmen, wenn ich Euch diesmal nicht begleite, denn ich geſtehe es offen, ich bin ermüdet von der Fahrt. In Ge⸗ danken werde ich bei Euch ſein und das prächtige Schauſpiel mit Euch bewundern, das mich ſchon zu verſchiedenen Malen in meinem Leben ſo hoch entzückt hat“, fiel der Präſident ein, und wenige Minuten nachher ertönte die Glocke, die zum Abendeſſen rief, durch das Haus. Die Tafel war von einigen zwanzig Fremden be⸗ ſetzt, welche ſich während des Eſſens gleichfalls ver⸗ abredeten, den Fall zu beſuchen, ſobald der Mond aufgegangen ſein würde, und Eleanor wandte ſich an eine ihr gegenüberſitzende Dame und bat um die Er⸗ laubniß, ſich mit ihrem Gatten ihrer Geſellſchaft an⸗ ſchließen zu dürfen. Mit großer Artigkeit wurde ihr Vorſchlag angenommen und die ganze Tiſchgeſellſchaft, außer Forney, kam überein, ſich beim Erſcheinen des Mondes unter der Veranda vor dem Hauſe zu ver⸗ ſammeln. In das Wohnzimmer zurückgekehrt, nahm Eleanor ihren Platz wieder im Fenſter ein und hielt ihren Blick auf den Lichtſtreif am öſtlichen dunkeln Himmel geheftet, bis die glühende Kugel des vollen Mondes über dem ſchwarzen Horizont heraufzog und einen 137 matten Schein über die Erde warf. Dann griff ſie ſchnell nac“ Hut und Shawl, Frank bewaffnete ſich mit einem ſtarken Stock, ſie nahmen Beide einen zärtlichen Abſchied von dem Präſidenten, der ihnen Vorſicht während des Hinabſteigens zu dem Fluſſe empfahl, und eilten hinunter unter die Veranda, wo ſich die übrigen Fremden ſämmtlich auch bald einfanden. Zwei und zwei ſetzte der Zug ſich nun in Be⸗ wegung und folgte bei dem noch düſtern Licht dem Pfad nach der Felswand, die ſich über zweihundert Fuß tief zu dem gewaltigen Fluſſe ſenkrecht hinab⸗ ſenkt. Dort gelangten ſie zu einem runden Bretter⸗ häuschen, dem Eingang zu der Wendeltreppe, die an dem ſteilen Abhang hinunterführte, ohne daß ſie einen Blick nach den Waſſerfällen frei bekommen hätten, denn der dichte Wald zog ſich bis zu der Fels⸗ wand hin. Vorſichtig und langſam betraten die Wanderer die rundum verſchloſſene Treppe, auf welche nur von Zeit zu Zeit durch ein kleines Loch in der Bretterwand din matter Lichtſchein fiel. Der Dunkelheit ungeachtet langte endlich die ganze Geſellſchaft wohlbehalten an dem Fuß der Treppe in einem Häuschen an, in dem dieſelbe ausmündete und aus welchem die Thür in das Freie an das Ufer des Fluſſes führte. Eleanor und Frank waren die Letzten, die aus der Dunkelheit des Bretterverſchlags hinaustraten. — 138 Welch ein rieſenhaftes Bild ſtand in dieſem Au⸗ genblick vor ihnen! Ein wrogend ſtürmiſches Meer tobte der beinahe meilenbreite Strom zu ihren Füßen vorüber und warf den Giſcht ſeiner dunkeln Wellen haushoch empor. Ueber den Schaumwolken, aus denen er in kurzer Entfernung hervorbrach, ſtand eine Fluthenwand zwei⸗ hundert Fuß hoch in der Form eines Hufeiſens und links, nur wenige Ruthen oberhalb der Wendeltreppe, ſtürzte ſich von der Höhe des Felsabhangs ein Arm des Niagara's fünfhundert Schritte breit in ſein neues Bett, um ſich wieder mit den Wogen zu vereinigen, von denen er an dem Sturze durch eine Inſel ge⸗ trennt wurde. Das Mondlicht traf bis jetzt nur die weſtliche Hälfte des in einem Halbzirkel ausgeſchweiften großen oder„Hufeiſenfalles“, deſſen herabſtürzende Waſſerſchichten wie Atlasmaſſen perlenweiß und ſilber⸗ grau erglänzten, während ſie hier und dort auf, dem Auge verborgenen, vorſtehenden Felſen zerſtoben und als einzelne Cascaden von Diamanten in das rollende Schaummeer hinabſprühten. Eine Wolkenſäule von Waſſerſtaub ſtieg aus der ausgeſchweiften Mitte des Falles auf, wirbelte ſich gegen den ſternbedeckten Himmel empor und ſpiegelte auf ihren glänzend durchſichtigen, luftigen Maſſen das Licht des Mondes in drei prächtig farbigen Regenbogen. Der Arm des Stromes, der ganz in der Nähe 139 der Zuſchauer neben der Wendeltreppe von der zwei⸗ hundert Fuß hohen Felswand herabſtürmte, lag noch, ſowie die öſtliche Hälfte des großen Falles, in tiefem Schatten, ſeine dunkelgrünen, mit weißem Schaum durchſtrahlten Fluthen ſchoſſen wie ein ſtürzendes Meer in das Strombett hinab und begruben in ihrem flie⸗ genden Giſcht die wild aufſchlagenden Wellen, die von dem großen Fall zu dieſem Ufer heranrollten. Ein dröhnend erſchütternder, ununterbrochener Donner erfüllte die Luft und verſchlang jeden andern Ton, ja ſelbſt den Krach eines abgefeuerten Geſchützes würde hier unten kein menſchliches Ohr vernommen haben. Dabei wirbelte ein Sturmwind über die Wogen und trieb den Sprühregen bald nach dieſem, bald nach dem jenſeitigen Ufer hin. Eleanor, von der Gewalt des Schauſpiels über⸗ wältigt und von der Größe der Allmacht, die ſich in dieſem Rieſenwerk der Schöpfung kund that, durchbebt, hatte den Arm ihres Gatten ergriffen und ſchmiegte ſich verzagt an ſeine Seite. „Es iſt furchtbar ſchön, Frank“, ſagte ſie mit aller Kraft ihrer Stimme, indem ſie ihre Lippen dicht an ſein Ohr hielt, und er preßte das geliebte Weib im Uebermaß ſeines Entzückens an ſein Herz. Höher und höher ſtieg der Mond und heller und größer wurde das glänzende Wunderbild, bis das Licht ſich über beide Fälle verbreitet hatte und die 140 zweihundert Fuß hohen Waſſerwände den ungeheuern Keſſel mit den drei Regenbogen wie fallende Schichten von Silber, Perlen und Edelſteinen umgaben. Die Kälte ihrer, vom fliegenden Waſſerſtaub durch⸗ näßten Kleidungsſtücke mahnte endlich die Bewunderer dieſes nächtlichen Schauſpiels an den Heimweg, und mit wiederholten Abſchiedsblicken auf das Zauberbild kehrten ſie zu der Wendeltreppe zurück. Der Präſident hatte ſich noch nicht zur Ruhe be⸗ geben, er mußte erſt das Entzücken ſeiner Kinder ſehen und mit freudeſtrahlendem Blick ging er ihnen entgegen, als ſie das Zimmer betraten. Eleanor war ganz außer ſich, ſie konnte ihren Gefühlen keine Worte geben, küßte in ihrer Freude bald ihren Vater, bald ihren Gatten und weigerte ſich, zu ſagen, was von dem Geſehenen ſie am tiefſten ergriffen habe, indem ſie erklärte, daß Alles weit über jeder Beſchreibung durch die menſchliche Sprache er⸗ haben ſtände. Mit dem Brauſen und Dröhnen des Falles umfing ſie bald darauf ein ſüßer Schlaf und die herabſinkenden ſilbernen Gewäſſer mit ihren Bril⸗ lanten umgaukelten ihre Träume. Kaum blitzte am andern Morgen das erſte goldene Licht der Sonne auf der reichen Perlenſaat, die der ſchwere Thau auf Pflanze und Blüthe gelegt hatte, und es hoben ſich die Geyer in weiten Kreiſen zu dem blauen Aether auf, um ihr Gefieder in dem 141 Morgenlicht zu trocknen, als Eleanor ſchon mit ihrem Kind auf dem Arm und von ihrer Dienerin begleitet in der nahen Umgebung des Gaſthauſes umherwan⸗ delte und in ihrer Fantaſie Bild auf Bild ſchuf, wie das Wunderwerk, welches ſie bei dem trügeriſchen Lichte des Mondes geſchaut, ihr nun bei hellem Tage erſcheinen würde. Als ſie ihre Schritte zu dem Hotel zurücklenkte, kam ihr Vater friſch und heiter mit Frank ihr ent⸗ gegen und der Präſident gab ihr mit den Worten den Morgenkuß: „Wie freue ich mich, meine Eleanor, Dich nach der kurzen Ruhe ſo rege und wohl zu ſehen. Auch ich fühle mich recht gekräftigt und werde Euch heute nicht abtrünnig werden. Ich freue mich unendlich darauf, mit Euch einen Genuß zu erneuern, der mir einſt an der Seite Deiner guten Mutter hier zu Theil ward.“ Bei dem Frühſtück wurde die flüchtige Bekannt⸗ ſchaft von vergangener Nacht mit den andern Gäſten des Hauſes erneuert und die Art und Weiſe be⸗ ſprochen, wie man heute die Zeit zum Beſuche der ſchönſten Plätze an den Fällen benutzen wolle. Da aber die andern Fremden ſchon einige Tage hier ge⸗ lebt hatten, ſo nahmen ihre Pläne für den heutigen Tag andere Richtungen, als die des Präſidenten, und 142 ſo kam es, daß er ſeine Wanderung mit ſeinen Lieben und einem Führer allein antrat. Zunächſt beſchloß er, die große, dicht bewaldete Inſel zwiſchen den beiden Fällen zu beſuchen, zu welchem Ende er mit den Seinen ſich nach der langen, auf hölzernen Säulen errichteten Brücke begab, die über den Arm des Niagara führte. Dieſelbe ſtand nur einige tauſend Schritte oberhalb dem Sturze dieſes Stromes, deſſen Wogen hier mit raſender Schnelligkeit über ungeheuere Felsſtücke hintobten und ihren Schaum hoch über ſich ſpritzten. Die Brücke war bald überſchritten, die Inſel erreicht und nun leitete der Führer unſere Reiſenden auf ſchmalem, ſich windendem Wege durch den üppigen Urwald, bis ſie plötzlich aus ſeinen tiefen Schatten h und unmittelbar an dem rechten Ende de en„Huf⸗ eiſenfalls“ ſtanden, wo derſelbe ſich in einer Waſſer⸗ dicke von vierzig Fuß und in der Breite von beinahe einer Meile in den Abgrund hinunterſtürzt. Unzählige rieſenhafte Felsblöcke hoben ſich hier aus der ſchäu⸗ menden Fluth empor, die ſich zornig an ihnen bricht und um ſo wilder dem Sturze zujagt. Doch in einiger Entfernung von dem Abhange, wie ſich zu dem Sturze vorbereitend, beruhigt ſich das gewaltige Element, ſchießt mit geglätteter Oberfläche weit über die ſchwindelnde Tiefe hinaus und ſinkt donnernd und krachend in das aufſteigende Giſchtgewölk hinab. 143 Gegen dreitauſend Fuß weit zieht der Blick über die wilden Wogen, bis er das jenſeitige ſteile hohe Ufer erreicht, und auf dem Strome hinauf kann das Auge in der Ferne die Grenzen ſeiner, zu einem Meere ausgedehnten Fläche kaum noch erkennen. Es ſind auch nicht die Fluthen eines Stromes, die ſich hier in den Abgrund ſtürzen, es iſt der Erieſee ſelbſt, deſſen Wogen, durch hohe Ufer gewaltſam zuſammen⸗ gedrängt, hier den zweihundert Fuß. hohen Abhang erreichen und brauſend über ihn hinjagen, als wälze ſich der Ocean von ihm hinab. Demüthigend und überwältigend ergreift der An⸗ blick dieſes furchtbar großartigen Naturbildes den Menſchen und ruft ihm ſeine Unbedeutendheit in Vergleich zu deſſen Schöpfer in ſein hochſtrebendes, anmaßendes Herz zurück. Der Präſident lenkte die Blicke ſeiner Kinder nach der rechten Seite auf dem Strom hinab, wo an dem Ende der Inſel, auf der ſie ſtanden, der Arm des Fluſſes, den ſie auf der Brücke überſchritten hatten, von der Felswand ſchäumt und ſich mit den Wogen des großen Falles in dem neuen Flußbett wieder ver⸗ einigt. Weithin an dieſem Falle vorüber folgten Forney und Arnolds mit den Augen dem pfeilſchnellen Laufe des Stromes, bis er in den üppig bewaldeten Bergen, die ſich an ſeinen beiden Seiten erheben, verſchwand. Da erblickte Eleanor in der Ferne auf — S 144 den tobenden Wellen einen kleinen ſchwarzen Punkt, den der Führer als das Boot bezeichnete, in welchem die Reiſenden ſich nach dem jenſeitigen Ufer überſetzen laſſen. Mit Vorſicht naheten ſich unſere drei Freunde auch dem äußerſten Rande der Inſel. Hier konnte man von einer ſenkrechten Felswand herab das Ufer zwiſchen den beiden Waſſerfällen erblicken, auf dem ſich jedoch nur einzelne koloſſale Felsſtücke und die Spitzen von wenigen Fichten erkennen ließen, die aus dem wogenden Waſſerſtaub hervorſahen. Wohl über eine Stunde hatten ſie in höchſter Be⸗ wunderung ihre Blicke von Fall zu Fall, von Cascade zu Cascade, von Welle zu Welle wandern laſſen, ehe ſie den Rückweg antraten, um ſich nun nach der andern Seite des Niagara überſetzen zu laſſen. In dem Gaſthaus angekommen, verfügten ſie, daß ihre Effecten ihnen im Laufe des Tages über den Strom nachgeſandt würden, und ſtiegen dann in der Wendeltreppe zu dem Ufer deſſelben hinab, wo ſie in kurzer Entfernung einen kleinen Nachen, von einem alten ſonnverbrannten Manne gerudert, landen ſahen. Mit einigem Bedenken naheten ſie ſich dem Schifſchen, denn es kam ihnen wie ein frevelhaftes Wagniß vor, ſich in einem ſo leichten Fahrzeug den wilden Wogen anzuvertrauen, die zwiſchen dieſem und dem jenſeitigen Ufer vorüberjagten; der alte Fähr⸗ mann aber erkannte ihre Beſorgniß und theilte ihnen — lächelnd mit, wie er nun ſchon ſeit vielen Jahren täglich dieſe Fahrt vollbracht habe, ohne daß ihm jemals ein Unfall zugeſtoßen ſei. Der Präſident nahm zuerſt Platz in dem Nachen, ihm folgte Eleanor, und Frank, der der Sclavin ſein Kind abgenommen hatte, ließ ſich zuletzt nieder. Mit wenigen Ruderſchlägen führte der alte Charon das Boot in die Wogen hinaus, zwiſchen denen es hinab⸗ ſank, als wollten ſie ſich über ihm ſchließen, und auf deren Spitzen es dann emporſchoß, als würde es von einer unſichtbaren gewaltigen Hand über dieſelben emporgehoben. Trotz des Auf⸗ und Niederſteigens hielten die Reiſenden während der Ueberfahrt ihre Blicke auf die beiden Fälle gerichtet, die den Strom bildeten und deren betäubendes Brauſen mit ihrem ffliegenden Schaum das Boot umgab. Glücklich und wohlbehalten landeten ſie auf cana⸗ diſchem Boden, denn der Niagara trennt hier Canada von den Vereinigten Staaten; der Präſident über⸗ raſchte den alten Fährmann mit einem goldenen Fünf⸗ dollarſtück als Belohnung für ſeine Mühe und erſtieg dann mit ſeinen Gefährten auf einer ähnlichen Wen⸗ eltreppe, wie die am jenſeitigen Ufer, die zweihundert Fuß hohe, ſchroffe Felswand. Ein ſchmaler Strich Waldes nahm ſie nun in ſeinen Schatten auf und ſchützte ſie gegen die Sonnen⸗ gluth beim Erklimmen des Berges, auf deſſen kahler Ralph Norwood. 1V. 10 Höhe das große zweiſtöckige, hölzerne Hotel des Herrn Forſight ſtand. Hier fanden ſie alle Bequemlichkeit und Annehm⸗ lichkeit, die ſie nach ihrer anſtrengenden Wanderung wünſchen konnten, und ein köſtliches Mittagseſſen, ſo wie alter reiner Madeira und Portwein machten ſie in wenigen Stunden wieder zu der neuen Unterneh⸗ mung tüchtig, die ſie auf den Nochmittag feſtgeſetzt hatten. Es war nämlich unter ihnen beſchloſſen worden, einen Gang unter den Sturz des großen Falles zu machen, wo zwiſchen den herabſtrömenden Waſſer⸗ ſchichten und der Felswand, über die ſie ſtürzen, ein leerer Raum bleibt. Auch der Präſident, der es bei ſeinen früheren Beſuchen nicht hatte wagen wollen, dieſen, von der Welt abgeſchloſſenen Raum zu betreten, erklärte, daß er Frank und Eleanor begleiten würde, und nach Tiſch brachen ſie auf, um ihr Vorhaben auszuführen. In der Wendeltreppe ſtiegen ſie wieder an der ſchroffen grauen Felswand hinab zu der kaum dreißig Schritt breiten Uferbank, die bis zu dem großen Fall hin mit mächtigen Felsſtücken bedeckt war, zwiſchen denen nur ein ſchmaler Pfad nach dem Waſſerſturze hinführte. Nahe an dem Fuße der Wendeltreppe, hart an die hohe Steinwand gelehnt, ſtand ein kleines hölzernes 147 Gebäude in Form einer Eremitage, in welchem ein alter Irländer ſich während des Tages aufhielt und die Fremden, die ſich unter den Fall begeben wollten, mit Mänteln, Kleidern und Kapuzen von Oelleinwand verſorgte, um ſie gegen den ewigen Regen, der in jenem unterirdiſchen Gemach fiel, zu ſchützen. Zu⸗ gleich hielt er in dem kleinen Hauſe ein Fremdenbuch, welches auf einem Pulte unter einem hohen Crucifix für jeden Gaſt zum Einſchreiben ſeines Namens offen lag, und Denen, die wirklich den Gang unter den Sturz ausgeführt hatten, ertheilte er eine mit ſeinem Siegel verſehene Beſcheinigung hierüber. Er empfing den Präſidenten und Arnolds mit großer Höflichkeit und erbat ſich für ſein Fremdenbuch deren Einzeichnung. Dieſer Bitte wurde gern Folge geleiſtet, und ſobald Forney ihm mittheilte, daß er und ſeine Geſellſchaft wünſchten, unter den Fall zu gehen, holte er aus einem Schranke eine Menge An⸗ züge hervor und war ſeinen Gäſten behülflich, für ſie paſſende daraus zu wählen. Die Umwandlung war bald vollendet und zwar zu der größten Erheiterung Eleanors, die in lautes Lachen ausbrach, als ſi Frank und ihren Vater in den gelbbraunen, langen, bis auf die Füße reichenden Ueberzügen und mit der Kapuze auf dem Kopfe erblickte; noch mehr aber lachte ſie dann über ſich ſelbſt, als Jene ſie vor den Spiegel führten und ihr darin ihr eigenes Bild zeigten. 10* 148 Sie traten hinaus, wo der Führer ihrer harrte, und begrüßten nochmals den alten Irländer, der ihnen durch Zeichen auf's Freundlichſte eine glückliche Rück⸗ kehr wünſchte. Sie folgten nun taub und ſtumm dem Führer bis auf kurze Entfernung von dem Cataract und blieben, von der Gewalt des furchtbar herrlichen Schauſpiels gefeſſelt, ſtehen. Ein Blick hinauf gegen den blauen Himmel über ſich zeigte ihnen, daß ſie unter dem Tafelfelſen ſtanden, einer koloſſalen, ſchwarzen Stein⸗ platte, die auf der Höhe der nach vorn überhängenden Felswand gegen vierzig Fuß hervorſprang und jeden Augenblick drohte, in die Tiefe herabzuſtürzen. Dicht neben dieſem ungeheuern Stein brauſte der Strom hervor, ſchoß in weitem Bogen in den Abgrund hinein, der noch tief unter dem Standpunkt unſerer Reiſenden gähnte, während aus deſſen Mitte ſich der Schaum in weißen Wolken zum Himmel aufwirbelte und als leichtes Gewölk an ihm dahinzog. Der feſte Waſſer⸗ ſtrahl, wo er vor Forney und Arnolds hinunterdon⸗ nerte, war über fünfzig Fuß dick und ſeine fallenden hellgrünen Schichten, ſowie der Schaum, den er im Sturze von ſich warf, glänzten in den goldenen Strahlen der Sonne. Der ganze Halbzirkel des Huf⸗ eiſenfalles war unmittelbar vor den erſtaunten Blicken unſerer Freunde ausgebreitet; hier ſtürzte er ſeine Ströme weiter hervor, dort trat er wieder in dunkel⸗ 149 grüne Waſſerſpalten zurück und ſprudelte tauſend ein⸗ zelne Cascaden aus, die wie fallende Schneemaſſen auf der grünen Fluth in den wogenden Giſchtwolken des Abgrunds verſanken. Unwillkürlich bemeiſterte ſich der Reiſenden ein augenblickliches Zagen bei dem Gedanken, unter dieſes furchtbare Element vorzudringen, zumal, da kein eigentlicher Eingang zwiſchen dem Sturze und der vornüberhängenden Felswand zu erkennen war. Doch der Führer winkte mit Zutrauen erweckendem Blick, ihm zu folgen und Frank ſchritt ihm entſchloſſen nach, indem er Eleanor an der Hand hinter ſich herführte. Auch der Präſident blieb nicht zurück und bald umfing ſie ein dichter Regen, der ihnen von dem Sturz her mit einem heftigen Wind entgegenwehte. Allen wurde der Athem kurz, ſie bückten ſich tief, um das Waſſer von dem Geſicht abzuhalten, doch ſchritten ſie raſch drauf los, bis ſie plötzlich von dichten Waſſerſtrahlen erſchreckt wurden, die mit großer Ge⸗ walt auf ſie niederſchlugen. In dieſem Augenblick war ihnen das Athmen bei⸗ nahe unmöglich, ſie ſahen nur den vier Fuß breiten, mit ſchlüpfrigem Steingeröll bedeckten Pfad vor ſich, ſie blickten neben ihm hinunter in den bodenloſen Abgrund und fühlten, wie ihr Tritt in dem heftiger werdenden Luftzug unſicher und wankend wurde. Da erinnerten ſie ſich des Rathes, den ihnen der 130 freundliche Irländer gegeben hatte, ſie neigten ſich tief, hielten den Mund dicht gegen die Felſen und leiteten ſich ſo an denſelben vorwärts. Noch wenige Schritte, im Kampf mit den Elementen, waren zu thun, und dann fühlten ſie, daß ſie das Schwierigſte ihrer Unternehmung überſtanden hatten. Sie richteten ſich auf, ſie öffneten die Augen weit, und wo ſind Worte zu finden, um die Wunderbilder zu beſchreiben, die jetzt ihre Blicke bezauberten! Hoch wölbte ſich über ihnen der natürliche Bogen der vornüberhängenden ſchwarzen, zweihundert Fuß hohen Felswand und bildete den unterirdiſchen Palaſt, der durch den vor ihm herabſtürzenden Erieſee von der Außenwelt abgeſchieden ward. Wie ein Strom von Smaragden ſanken die kry⸗ ſtallklaren, durchſichtig grünen Fluthen ſchichtenweiſe vor dem hohen Gewölbe herab und blitzten und fun⸗ kelten in den prächtigſten Farben des Regenbogens, ſowie des Diamants in dem blinkenden Sonnenlichte, das ſie zu durchdringen ſuchte, während unzählige Cascaden und feine Waſſerſtrahlen ſich von dem Cataraet löſten und wie ſilberne Sprühfeuer, wie Schauern von Brillanten und wie bitzende Kron⸗ leuchter in die ungeheuere Höhle herabrieſelten. Jeder Tropfen, wo er hing, wo er fiel, war ein Edelſtein, und das glänzend bunte Zauberlicht, welches dieſen (54 Najadenpalaſt mit unnennbarer Glorie durchbebte, war kein irdiſches zu nennen. So wunderbar prächtig und feenhaft der Aufent⸗ halt hier aber auch erſchien, ſo war er doch für menſchliche Weſen nicht geſchaffen, denn der ſauſende Luftzug, der durch die Höhle blies, erſchwerte auch hier das Athmen ſehr. Unſere Reiſenden hielten ſich feſt gegen die Felswand gepreßt und konnten ſich lange nicht entſchließen, dieſe Zauberwelt wieder zu ver⸗ laſſen, bis endlich der Präſident das Zeichen zum Auf⸗ bruch gab und ſelbſt voran dem Ausgang zuſchritt. Die Waſſerſtröme, die den Zutritt in dieſe Unter⸗ welt erſchwerten, wurden jetzt leichter durcheilt und nach wenigen Minuten athmeten unſere hochentzückten Freunde wieder in freier friſcher Luft. Nochmals lenkten ſie ihre Blicke zurück zu dem Eingang in den geheimnißvollen Raum, ließen ſie dann abermals vor dem weitausgeſchweiften Bogen des ungeheuern Cataracts bis zu ſeinem jenſeitigen Ende hinüberwandern, wo die hochbewaldete friſch grüne Inſel ſich auf ſteiler Felswand erhob und an deren anderer Seite der Strom, der ſie umgab, in das tiefe Flußbett hinabſchäumte. Die Sonne hatte die weſtliche Hälfte des Himmels erreicht und warf ihre glühenden Strahlen auf die Inſel und die beiden Waſſerfälle, die dieſe von einander trennte, und deren fliegender Waſſerſtaub den Fuß derſelben in ein dichtes weißes Gewölk einhüllte. Ein prächtiger voll⸗ kommener Regenbogen ſtieg aus dem Keſſel des Huf⸗ eiſenfalls auf, wölbte ſich vor der Inſel und vor dem zweiten Fall vorüber und ſank mit ſeinem andern Ende in den Strom hinab, dort wo in dieſem Augen⸗ blick der kleine Nachen vom Lande ſtieß und, mit Reiſenden beladen, dem dieſſeitigen Ufer zuſchaukelte. In ſtummes Staunen verſunken, hielten Forney und ſeine Kinder ihre Blicke auf dies Prachtwerk der Schöpfung geheftet, als der Irländer ihnen nahete und ſie freundlichſt bewillkommnete. Er geleitete ſie in ſeine Klauſe, half ihnen, ſich der geborgten Kleider zu entledigen und ertheilte ihnen mit einem feierlichen Ernſt die Beſcheinigungen darüber, daß ſie unter dem großen Falle geweſen ſeien. Forney belohnte ihn freigebig für ſeine Mühe und Aufmerkſamkeit und erſtieg dann mit den Sei⸗ nigen die hohe Treppe, um bei Sonnenuntergang von dem Tafelfelſen aus noch einen Blick nach dem end⸗ loſen Erieſee zu ſenden, der hinter der Inſel in weiter Ferne mit dem Himmel verſchwamm. — Capitel 37. Rüſtung der Seminolen.— Die Schlacht.— Der Sieg.— Mißglückter Ueber⸗ fall.— Der Rückzug.— Vertheidigung.— Auf ver Inſel.— Der Erſehnte. — Vertrauen.— Hoffnung.— Ergebung. Wlahrend täglich mehr Reiſende ſich nach den un⸗ zähligen großartigen Naturſchönheiten des Nordens von Amerika wandten, nahmen die kriegeriſchen Aus⸗ ſichten in Florida von Tag zu Tag einen ernſteren Charakter an. Von Tampabay aus landeten amerika⸗ niſche Truppen an der Mündung des Ocklocknyfluſſes und ſetzten ſich auf dem Weg nach Tallahaſſee in Marſch, während zugleich die Streitkräfte, die an der nördlichen Grenze Floridas ſtanden, dieſelbe über⸗ ſchritten, um ſich mit Jenen zu vereinigen. Auch die Compagnien der Freiwilligen, die ſich in Georgien formirt hatten, machten ſich marſchfertig und aus dem weſtlichen, nur noch von Weißen bewohnten Theile Floridas zogen viele Kampfluſtige nach Tallahaſſee, um ſich an dem Kriege zu betheiligen. Tallihadjo hatte immer noch vergebens auf das Zeichen ſeines Freundes Ralph gewartet, um den Kampf zu beginnen, derſelbe hatte ſich gar nicht mehr 154 bei ihm blicken laſſen und ihm ſtand kein Mittel zu Gebote, ſich Nachricht von ihm zu verſchaffen. Keines⸗ wegs aber war er unthätig geweſen; er hatte ſeine Kundſchafter an alle Grenzen des Landes vertheilt und war durch ſie von jeder Bewegung der Weißen aufs Vollſtändigſte unterrichtet worden. Die Nachricht, daß die Truppen von Tampabay auf Tallahaſſee mar⸗ ſchirten, war ihm zugekommen und ſehr richtig hatte er erkannt, daß ihm dieſe Bewegung gelte. Zugleich hatte er erfahren, daß die amerikaniſchen Soldaten vom Norden her in Florida eingedrungen waren und er ſetzte voraus, daß dieſelben mit Jenen zuſammen⸗ treffen wollten, um ihn gemeinſchaftlich anzugreifen. Schon bei der erſten Nachricht von der Landung der Amerikaner am Ocklocknyfluß hatte er Eilboten in allen Richtungen durch das Land geſandt und alle Häuptlinge aufgerufen, mit ihren Kriegern zu ihm heranzueilen; doch nur einzeln waren ſie ſeinem Rufe gefolgt, namentlich hatten ſich aus dem Innern des Landes noch keine Streiter eingefunden. Demohnge⸗ achtet war ſeine Macht auf tauſend Mann ange⸗ wachſen und täglich trafen noch einzelne Krieger bei ihm ein. Ein großer Rath war gehalten worden, in dem man beſchloſſen hatte, die Vereinigung der Ame⸗ rikaner zu verhindern und ſie einzeln zu gleicher Zeit anzugreifen. Eine der kräftigſten Stützen Tallihadjo's war ihm Kajukee, ein Häuptling der Creek⸗Indianer, —— ⸗ deren Haß gegen die Bleichgeſichter womöglich noch blutiger war, als der der Seminolen. Dieſem Häuptling wurde die Führung von der Hälfte der Streiterzahl anvertraut, um damit in Tallahaſſee einzufallen, während Tallihadjo mit der andern Hälfte die vom Norden heranziehenden Truppen angreifen wollte. Meiſt alle Weiber und ſämmtliche kampfunfähigen Männer ſeines Stammes hatte er auf die befeſtigte Inſel gebracht, und er ſelbſt ſtand mit ſeinen Kriegern in ſeinem alten Lager. Es war eine helle Mondſcheinnacht, der Kriegszug unter Kajukee hatte bei aufſteigendem Lichte Talli⸗ hadjo's Lager verlaſſen, um ſich in die Nähe von Tallahaſſee zu begeben und in der folgenden Nacht in die Stadt einzufallen. Tallihadjo hatte zur ſelben Zeit abermals verſchiedene Eilboten an die mächtigſten Stämme im Lande abgeſchickt, um ſie nochmals drin⸗ gend und eiligſt zum Kampfe herbeizurufen. Da traf ein Kundſchafter im Lager ein und meldete, daß eine Truppenabtheilung der Feinde kaum vier Meilen von hier entfernt bei Sonnenuntergang Halt gemacht und Feuer angezündet habe. Er gab deren Zahl auf ſieben bis achthundert Mann Fußvolk und etwa hundert Reiter an. Dieſe Nachricht wurde mit ſtürmiſchem Jubel begrüßt, und laut und dringend verlangten die Krieger, daß Tallihadjo ſie ſofort gegen dieſen Feind — 156 führe. Der Häuptling aber wußte zu gut, daß ſich Viele unter ihnen befanden, die ihren Häuptlingen zwar hierher gefolgt waren, die aber weder Vater⸗ landsliebe noch Seminolenſtolz genug beſaßen, um mit Entſchloſſenheit zu ſiegen oder zu ſterben; er wußte, daß Dieſe die Schatten der Nacht benutzen würden, um ſich ungeſehen vor dem Kampfe wegzu⸗ ſtehlen, während ſie bei dem Licht des Tages ſich hier⸗ durch der Rache ihrer eigenen Kameraden ausſetzen würden. Er beſtand darauf, den Morgen abzuwarten und bei hellem Tageslichte dem Feind zu begegnen, indem er ſagte, daß Dieſer einen Ueberfall bei Nacht den Seminolen für Feigheit auslegen würde. Sein Vorſchlag fand Gehör und der Angriff wurde auf den Anbruch des Tages verſchoben. Bald darauf lagen ſämmtliche Krieger mit ihren Waffen neben ſich um die Feuer hingeſtreckt, dieſe er⸗ loſchen und kein Laut ward während der Nacht mehr im Lager gehört. Kaum aber graute der Tag, als auch die Feuer wieder brannten, die Indianer ihr Morgenbrod verzehrten und dann ein Jeder ſich zum Kampfe rüſtete. Nur wenige Indianerinnen waren im Lager zu⸗ rückgeblieben und unter ihnen befand ſich Onahee und Olviana, welche Letztere trotz aller Vorſtellungen des Häuptlings ſich geweigert hatte, Tomorho zu ver⸗ laſſen. 157 Sie ſchmückten bei dem erſten Erſcheinen des Mor⸗ gens den Schimmel des Häuptlings zum Kampfe und bewaffneten ſich dann ſelbſt mit Bogen und Pfeilen, Meſſer und Streitaxt. Bald waren ſämmtliche fünfhundert Krieger zum Abmarſch gerüſtet. Tallihadjo, mit der Schärpe ge⸗ ſchmückt, die ihm Eleanor beim Abſchied zum Andenken gegeben hatte, beſtieg ſein Roß, die Streiter ſammelten ſich um ihre verſchiedenen Häuptlinge und der Zug ſetzte ſich mit Tallihadjo an der Spitze in Bewegung. Mit einer Todtenſtille wanderte die Schaar auf ſchmalen Pfaden in eiligem Marſche bergauf bergab durch die dichten Wälder und erreichte nach Verlauf von einer Stunde einen Punkt, von wo man das Lager der Amerikaner überſehen konnte. Tallihadjo war vom Pferde geſtiegen und erklomm die Höhe, während ſeine Leute hinter derſelben zurückbleiben mußten. Mit der Hand ſeine Augen gegen das auf⸗ ſteigende Sonnenlicht ſchützend, ſpähete er nach dem Feind hinüber, der, um die Lagerfeuer hingeſtreckt, das Morgenbrod bereitete. Der Häuptling ſchätzte die Stärke ſeines Gegners und fand, daß ſein Kundſchafter dieſelbe richtig ange⸗ geben hatte; er ſah zu ſeiner Freude, daß die Pferde der Reiterei in einiger Entfernung von den Soldaten frei in dem Graſe gingen und bemerkte, daß das Lager ſich ganz in der Nähe einer tiefen Schlucht be⸗ 158 fand, von der er wußte, daß er auf einem Umwege mit ſeinen Leuten ungeſehen in dieſelbe gelangen konnte. Raſch ging er zu ſeinen Kriegern zurück, theilte ihnen mit, was er geſehen hatte, und ſetzte dann an ihrer Spitze den Marſch in einer Seitenrichtung fort. Auf einem weiten Umweg erreichte er wirklich, ohne geſehen zu werden, die Vertiefung, an deren einer Seite auf einer großen Blöße der Feind lagerte, während rundum dieſe ein unabſehbarer Wald von einzelſtehenden Fichten zum Himmel aufſtrebte. Tallihadjo ſtieg ab, leitete ſein Pferd in den tiefen Grund und band es dort feſt, da es nicht möglich war, in dem darin umherliegenden Geſtein zu reiten. Es war ſein Plan, in der Schlucht dem Feinde möglichſt nahe zu kommen und dann aus derſelben ſo plötzlich über ihn herzufallen, daß er nicht die Zeit habe, ſich zur Vertheidigung zu ordnen, ſeine Abſicht war jedoch durch den Allarmſchuß eines Vorpoſtens vereitelt, welchen die Amerikaner an der Schlucht hinter einer Fichte aufgeſtellt hatten. Im Augenblick rief die Trommel die Soldaten unter das Gewehr und alle ſtürzten mit den Waffen in der Hand ihren Sammelplätzen zu, während die Reiterei nach ihren Pferden rannte. — aber ein 4 eſtes Kriegs⸗ — 1⁵9 führte ſeine Schaar im Sturmlauf auf den Feind ein. Ein dichter Kugelregen von beiden Seiten kreuzte ſich ſchon auf weite Entfernung, und dann ſchwieg das Feuer. Der Commandeur des Regiments, Major D.... ließ die beſtürzten Soldaten ſchnell ein Duarré formiren, um ſich mit dem Bajonett zu ver⸗ theidigen, und ihre Reiterei, welche einſah, daß es zu ſpät war, die Pferde zu beſteigen, flüchtete ſich in deſſen Mitte. Wie der Sturm durch die Wälder brauſt, ſo ſtürzten die Wilden mit übermenſchlichem Geheul der dichten Maſſe des Feindes entgegen und hatten ihn bis auf kurze Entfernung erreicht, als M kajor D.. Feuer eommandirte und die wohlgerichtete Gewehr⸗ ſalve eine furchtbare Zerſtörung unter den Stürmen⸗ den anrichtete. Sie fuhren auseinander, zogen ſich zurück und ließen gegen vierzig ſchwergetroffene Kame⸗ raden auf dem Platze liegen. Tallihadjo's Donnerſtimme jedoch brachte die zu⸗ rückweichenden Krieger wieder zum Stehen, abermals führte er ſie den blitzenden Bajonetten des Feindes entgegen und wieder wurden ſie mit ähnlichem Ver⸗ luſt zurückgeworfen. Die Wuth der Wilden ſteigerte ſich durch den Widerſtand und durch die Todesſchreie ihrer getroffenen Brüder zur Raſerei, noch dreimal warfen ſie ſich dem feuerſprühenden Viereck entgegen . 32 6 160 und jedesmal mußten ſie der Gewalt des Kugelregens weichen. Da ſammelte ſie Tallihadjo nochmals um ſich, er ließ ſie ſämmtlich ihre Büchſen wieder laden, ließ ſie in einer langen Linie im Halbzirkel ſich aufſtellen und gab nun das Zeichen zum Angriff, indem er ſelbſt in der Mitte ſeiner Streiter voranſtürzte. Mit der Eile des Sturmwinds hatte die ganze Linie das Quarré bis auf fünfzig Schritt erreicht, wieder praſſelte das Gewehrfeuer der Amerikaner den Wilden entgegen, doch diesmal mit weniger Erfolg; die Seminolen hielten einen Augenblick in ihrem Laufe an, ihre Büchſen knallten auf der ganzen Linie und nicht eine ihrer Kugeln fehlte die Bruſt eines Feindes. Die Reihen der Soldaten wurden durch das Niederſtürzen der Verwundeten und Todten gebrochen, doch auch ebenſo ſchnell die Lücken durch eiliges Zuſammentreten wieder ausgefüllt und geſchloſſen, und es wurde aber⸗ mals Feuer unter die Angreifer gegeben. In dieſem Augenblick ſprang Onahee hinter Talli⸗ hadjo hervor, ſtieß einen gellenden Kampfruf aus, ſtürzte ſich mit hochgeſchwungener Streitart gegen die Bajonette der Feinde und ſank, von ihnen durchbohrt, zuſammen. Mit Wuthgeheul folgten die Krieger ihres Stammes, mit Tallihadjo an der Spitze, der In⸗ dianerin auf dem Fuße, in einer dichten Maſſe brachen ſie in das Quarré ein, ihre Streitärte fielen, X 167 Tod und Verderben bringend, auf die Soldaten nieder, in wenigen Augenblicken hatten ſämmtliche Seminolen deren Reihen getrennt, und Mann gegen Mann be⸗ gann nun ein Kampf, ein Schlachten und Würgen, wie wenn wilde Raubthiere ſich zerfleiſchten. Das Siegesgeheul der Seminolen und das Todesgeſchrei der Sterbenden hallte durch die nahen und fernen Wälder, und nur drei Amerikaner retteten ihr Leben dadurch, daß ſie Pferde erreichten und, auf deren nackten Rücken gelangt, dieſelben zur wilden richtungs⸗ loſen Flucht antrieben. Der Sieg der Seminolen war vollſtändig; ſie hatten ihn aber mit dem Leben von einigen hundert ihrer Krieger hoch bezahlt. Tallihadjv war durch zwei Bajonettſtiche getroffen, Tomorho hatte einen Streif⸗ ſchuß erhalten und beinahe ein Jeder der Krieger war verwundet worden. Das ſchauerliche Siegesfeſt des Scalpirens nahm jetzt ſeinen Anfang, unter den ſchrecklichſten Triumph⸗ tönen wurde nun den todten, ſo wie den noch leben⸗ den Amerikanern die Kopfhaut abgeriſſen, und die Klage und Schmerzensſchreie der Letzteren erfüllten die Luft. Tallihadjo ſtand in der Mitte dieſer blutigen Scene und ließ ſeinen Blick über die Gefallenen wandern, denn außer der treuen Onahee lag mancher ſeiner bravſten Krieger zwiſchen denſelben vom Tode umarmt. Ralph Norwood. 1v. 11 162 Da fiel ſeine Aufmerkſamkeit auf einen verwundeten Amerikaner, der in ſeiner Verzweiflung mit einem Seminvlen rang und deſſen Meſſer von ſeinem Haupte abzuwehren ſuchte, während Dieſer ihm lebendig den Scalp rauben wollte. Der Häuptling war herzuge⸗ treten und erkannte Me. Dower, den Händler, der ihm den geſtohlenen Schimmel verkauft hatte. „Du haſt mich betrogen und durch Dich kam mein Sohn Tomorho in Gefahr, einen unehrlichen Tod zu ſterben. Ich will barmherzig gegen Dich ſein und Dir Deine Schmerzen verkürzen“, ſagte Tallihadjo, ſchwang ſeine Streitaxt über Me. Dower und ſpaltete ihm den Schädel. Das Rache⸗ und Siegeswerk war vollbracht und die Seminolen begannen nun Vorrichtungen zu machen, um ihre Todten zu begraben und ihre ver⸗ wundeten Brüder von hier fort nach der befeſtigten Inſel zu ſchaffen. Nachdem ſie Erſtere der Erde übergeben hatten, verfertigten ſie aus jungen Stämmen und Reisholz Bahren, legten die Verwundeten darauf und ſetzten ſich mit ihnen in einem langen Zug ſchweigend in Bewegung, während ſie die erbeuteten Waffen auf die eingefangenen Pferde der Amerikaner packten und die⸗ ſelben hinter ſich her leiteten. Tallihadjo hatte den Leichnam der treuen Onahee vor ſich auf ſein Pferd heben laſſen und hielt ihn mit 163 ſeinem Arm gegen ſeine Bruſt gedrückt. Er ritt mit feuchten Augen und blutendem Herzen ſeinen Kriegern voran und erreichte mit ihnen das Ufer des Sees, als ſchon das Mondlicht auf deſſen Spiegel glänzte. Freude und Leid, gleich groß, zog mit der Sieges⸗ nachricht unter den Bewohnern der Inſel ein, denn Viele derſelben hatten Gatten, Verwandte und Freunde zu beweinen. Der Tod Onahee's erzeugte allgemeine tiefe Trauer und ihr Verluſt für die Sache der Seminolen ward von den Weiſen des Stammes als unerſetzlich beklagt. Nur eine kurze Ruhe ward den Siegern hier zu Theil, denn ſchon am frühen folgenden Morgen ſam⸗ melte ſie Tallihadjo wieder um ſich und zog mit ihnen Tallahaſſee zu, um ſich über den Erfolg des Angriffs auf die Stadt Gewißheit zu verſchaffen und ſich mit ſeinen Brüdern unter Kajukee zu vereinigen. Auf halbem Wege kamen ihm dieſe ſchon entgegen, und zwar ſehr niedergeſchlagen, denn die Hälfte ihrer Streiterzahl hatten ſie in der Stadt todt und ver⸗ wundet zurückgelaſſen. Auch Kajukee war geblieben. Um Mitternacht waren ſie mit Fackeln in die Straßen eingedrungen, hatten den Ort an verſchie⸗ denen Punkten in Brand geſteckt und ein ſchreckliches Blutbad in den außerhalb der Stadt gelegenen Häuſern angerichtet, das Militair aber, welches ganz in der Nähe gelagert war, hatte ihnen den Rückweg . 1* —— 164 aus Tallahaſſee abgeſchnitten und auf dem Platz vor dem Gerichtsgebäude von allen Straßen her ein mör⸗ deriſches Kreuzfeuer auf ſie gerichtet. Es war ihnen endlich gelungen, ſich durchzuſchlagen und die ihnen entgegenſtehende Militairabtheilung dabei faſt gänzlich aufzureiben; ihr Verluſt aber war zu groß für den geringen Schaden, den ſie den amerikaniſchen Truppen zugefügt hatten. Sehr Viele von ihnen waren ſchwer verwundet und wurden von ihren Kameraden theils geführt, theils getragen, ſo daß ſich kaum noch zwei⸗ hundert Männer unter ihnen befanden, die noch kampffähig waren. Dieſer Verluſt traf Tallihadjo ſehr ſchwer, er beſchloß, ſich nach dem See zurückzuziehen und die Verwundeten auf die Inſel zu bringen; ehe er jedoch den Rückmarſch antrat, wählte er unter den rüſtigſten Leuten welche aus der Schaar und ſchickte ſie als Eilboten in das Land ab, um den dortigen Stämmen die Nachricht von ſeinem Sieg zu überbringen und ihnen mitzutheilen, daß die Seminolen an neun⸗ hundert Sealpe erbeutet hätten. Von der Niederlage in Tallahaſſee aber das Min⸗ deſte verlauten zu laſſen, unterſagte er ihnen auf's Strengſte. Spät in der Nacht erreichten ſie den See und fuhren die Verwundeten nach der Inſel, während die ſtreitbaren Männer an dem Ufer auf dem Feſtlande ihr Lager aufſchlugen. Mehrere Tage verſtrichen hier, ohne beſondere Störung, die Krieger ſetzten ihre Waffen wieder in vollkommenen Stand, goſſen Kugeln und ſchärften ihre Meſſer und Aexte, und die Weiber verfertigten neue Pfeile; denn der Seminole führte zum Kampfe nicht allein die Büchſe, ſondern auch den Bogen mit ſich. Die Kundſchafter brachten Tallihadjo täglich Nach⸗ richt über die Bewegungen der Amerikaner; es lief die Kunde ein, daß mehrere tauſend Soldaten vom Norden her in das Land gerückt ſeien und in der Gegend lagerten, wo Major D.... mit ſeinem Re⸗ giment ſeinen Untergang gefunden habe. Von Talla⸗ haſſee her wurde zu gleicher Zeit berichtet, daß die dortigen Truppen die Straße herauf Jenen entgegen⸗ rückten. Tallihadjo's augenblickliche Macht war zu ſchwach, um die Vereinigung derſelben zu verhindern, er hoffte aber von Stunde zu Stunde, Verſtärkung zu erhalten und die Stämme aus dem Innern des Landes er⸗ ſcheinen zu ſehen. Hier in dieſem Waldverſteck, zu dem nur unweg⸗ ſame Pfade führten, war er jedenfalls ſicher vor einem Angriff durch die Weißen, denn außer Ralph war ja Keinem derſelben dieſer Ort bekannt. Große Beſtürzung erfaßte deshalb den Häuptling und ſeine kleine Schaar, als eines Mittags ein Kund⸗ ſchafter in's Lager geſtürzt kam und verkündete, daß die Weißen in großer Zahl in der Richtung hierher marſchirten und in einigen Stunden hier eintreffen müßten. Tallihadjo ſah, daß er verrathen war, ſein Herz aber dachte nicht daran, daß Ralph ſelbſt die Feinde hierherführte. Die Frauen, die alten Männer und die Verwundeten konnte er nicht verlaſſen, denn ſo gut, wie die Weißen ſeinen Aufenthalt kannten, wußten ſie ſicher auch von dem Zufluchtsort Jener. Er be⸗ ſchloß deshalb, den Feind hier zu erwarten und ſich im höchſten Nothfall auf die Inſel zu flüchten, bis die Verſtärkungen aus dem Innern, auf deren Kommen er mit unbezweifelter Gewißheit rechnete, eintreffen würden. Raſch ſammelte er ſeine Krieger um ſich und zog von dem Ufer des Sees in den dichten Wald hinein, dem Feind entgegen, da er dort unter dem Schutze der Bäume und der Büſche ſich in großem Vortheil über denſelben befand. Er wählte eine moraſtige Ebene, durch welche nur ein Pfad nach dem See führte, und vertheilte ſeine Leute zu beiden Seiten deſſelben in dem hohen, ſchilfartigen Gras, unter Büſchen, hinter ſtarken Stämmen und in den Kronen dichtbelaubter Bäume, von wo aus die Schützen einen 167 freien Blick von Oben herab auf die Angreifer haben würden. Zugleich ſchickte er einige Kundſchafter vor⸗ aus, damit ſie ihm das Herannahen des Feindes ver⸗ künden ſollten. Wie die lauernden Panther lagen die Indianer lautlos und unbemerkbar in ihren Verſtecken und lauſchten jedem leiſeſten Ton, der in der Richtung von dem erwarteten Gegner herkam. Plötzlich ver⸗ nahmen ſie eilige Tritte und wenige Minuten ſpäter erſchienen die Kundſchafter mit der Nachricht, daß die Bleichgeſichter im Anmarſch wären. Ringsum hörte man den klingenden Metallton, den das Spannen der Büchſen hervorbrachte, dann war Alles wieder todtſtill. Bald kamen viele Vögel des Waldes, namentlich un⸗ zählige der ſchönen purpurblaugefiederten Häher, mit lautem Krächzen von Baum zu Baum geflogen und verriethen die herannahenden Truppen. Jetzt wurden dieſe ſelbſt in der Ferne in einer endloſen Reihe ſichtbar, denn der ſchmale Pfad er⸗ laubte kaum drei Männern neben einander zu gehen. Einige hundert Büchſenſchützen marſchirten voran und hielten, vor ſich hinſpähend, ihre Waffen zum Schuß bereit. Vorſichtig kamen ſie näher und näher und ihr ganzer Zug befand ſich ſchon in dem Schußbereich der lauernden Indianer, als plötzlich Tallihadjo hinter einer alten Platane hervor Feuer gab und den Vor⸗ derſten, einen Offizier, zu Boden ſtreckte. Im nächſten 168 Augenblick krachte es hinter allen Bäumen und aus den laubigen Höhen, und jede Kugel der Seminolen hatte ihr Ziel getroffen. Ueber hundert der amerika⸗ niſchen Schützen wälzten ſich in ihrem Blute und ein Triumphgeheul, als käme es aus den Tiefen der Hölle, ſchallte durch den Wald. Die Amerikaner erwiederten das Feuer, aber nur Wenige von ihnen hatten einen Indianer zum Ziel, denn dieſe waren vor ihren Blicken verſchwunden. Da raſſelten die Trommeln Sturmmarſch, im Laufſchritt kamen die Musketiere auf dem ſchmalen Pfad herangeeilt, ſtürmten über die Leichen ihrer Kameraden hinweg und ſprangen nun ſeitwärts in dem ſumpfigen Wald den Stellen zu, von woher die Indianer auf ſie ſchoſſen. Viele mußten den Angriff mit dem Leben bezahlen, doch die Menge der Nach⸗ kommenden war ſo groß, daß die Seminolen nicht Zeit genug hatten, gegen Alle zu laden und zu feuern. Der Kampf war verzweifelt, die Uebermacht der Amerikaner aber ſiegte und die gellende Stimme Tal⸗ lihadjo's rief ſeine Krieger zum Rückzug. Wie die Thiere des Waldes ſetzten Dieſe über Büſche und umgefallene Baumſtämme hin, feuerten im Fliehen noch ihre Kugeln nach dem mit lautem Hurrah folgenden Feind und waren bald vor deſſen Blicken verſchwunden. Tallihadjo erreichte mit ſeinen Leuten den See, 169 ſie ſprangen in die vielen bereitliegenden Nachen und landeten auf der Inſel, ehe die Amerikaner aus dem Wald hervorbrachen. Dieſe ſammelten ſich nun an dem Ufer des Sees, welches ſich außer Schußweite von der Inſel befand, bald erſchienen auch über hun⸗ dert ſchwer beladene Maulthiere, welche die Lebens⸗ mittel für die Truppen trugen, und Tallihadjo erkannte von der Inſel aus, daß man einen Rath hielt. Kurze Zeit nachher theilten ſich die Amerikaner in vier Co⸗ lonnen, die ſich auf vier Seiten des Sees begaben und dort einzeln Lager bezogen. Einer jeden dieſer Abtheilungen folgte eine Zahl Maulthiere, denen man auf der Lagerſtelle das Gepäck abnahm, ihnen die Füße zuſammenband und ſie graſen ließ. Bald darauf ſah Tallihadjo nach allen Richtungen an den Ufern des Sees Feuer aufſteigen und erkannte noch bei dem Lichte des ſcheidenden Tages, daß die Feinde in Ruhe ihr Abendbrod bereiteten. Jetzt kam ihm der Aufenthalt auf dieſer Inſel doch ganz anders vor, als er ihn ſich ſo oft im Be⸗ lagerungsfall gedacht hatte; die vier Truppenabthei⸗ lungen des Feindes waren ſchon eine jede einzelne ſeiner Macht bei Weitem überlegen, ſie konnten ſelbſt in der dunkelſten Nacht ein Boot auf dem glänzenden Spiegel des Waſſers erkennen und konnten ſchneller am Ufer hin und her eilen, als ein Kahn im Stande war, über den See zu fahren. Wie viel leichter war 170 es mithin, das Landen zu verhindern, als es aus⸗ zuführen! Die Lebensmittel, die er auf der Inſel hatte, konnten für die vielen Menſchen, die ſich hier befanden, höchſtens zwei Monate ausreichen, und dann mußten ſie ſich ergeben, oder verhungern. Der Gedanke, daß er jetzt ſchon Gefangener ſei, war dem Häuptling furchtbar, doch kam es ihm keinen Augenblick in den Sinn, ſich zu ergeben, ſtand ihm ja doch die Gelegenheit offen, im Kampfe zu ſterben. Auch hatte ihn die Hoffnung noch nicht verlaſſen, es konnten ja in jedem Augenblick die vielen mäch⸗ tigen Stämme aus dem Innern des Landes eintreffen; während dieſelben dann den Feind angriffen, wollte er eine Landung ausführen und er und die Seinigen waren dann frei! So ſehr ſeine Ueberzeugung auch gegen dieſe Hoffnung ſtritt, ſo hielt er doch daran feſt und ſprach dieſen Glauben auf das Beſtimmteſte vor ſeinen Leuten aus. Die Nacht verbrachten die Belagerten in großer Unruhe, denn mehr oder weniger erkannte doch ein Jeder die verzweifelte Lage, in der er ſich befand. Tallihadjo wanderte viele Stunden lang in Ge⸗ danken verſunken an dem Ufer der Inſel und richtete dabei ſeinen finſtern Blick oftmals nach den Feuern des Feindes hinüber. Erſt gegen Morgen ſuchte er ſein Nachtlager auf und fiel in einen unruhigen Schlaf, aus dem ihn die Sonne erweckte. Sein erſter 17¹ Gedanke war, daß er gefangen ſei, und unwillkürlich legte er die Hand an ſein Meſſer, als ob dieſes der Freund wäre, der ihn befreien könne. Die Sonne ſtand ſchon ziemlich hoch, und Talli⸗ hadjo ſaß unweit des Lagerfeuers und ſchaute in deſſen Flamme, als einer der Krieger zu ihm trat und ihm anzeigte, daß in dem Lager des Feindes ein Fremder zu Pferd angekommen ſei, der, wie es ſchien, eine Perſon von Wichtigkeit ſein müſſe. Tallihadjo erhob ſich ſchnell und ſchritt an das Ufer an einen Platz, von wo ihm ein offener Blick über den See nach den Amerikanern hin frei ſtand, dort, wo die⸗ ſelben am Tage vorher aus dem Wald hervorge⸗ kommen waren. Auf den erſten Blick erkannte er ſeinen Freund Ralph, der immer noch zu Pferd an dem Ufer hielt und ſich dem Anſchein nach mit einer Anzahl Offi⸗ zieren, die ſich um ihn geſammelt hatte, lebhaft unterhielt. Ein freudiges Gefühl fuhr Tallihadjo durch die Seele, Ralph kam, um ihm zu helfen, darüber hegte er keinen Zweifel; hätte er ihn nur ſprechen können, — ſollte er nicht auf die Inſel kommen?— doch das war ja nicht möglich, er hatte ja kein Boot— jetzt ſtieg er vom Pferde— er trat zwiſchen ſeinen Ge⸗ fährten hervor, ſchritt unmittelbar an das Waſſer und 172 ſwint mit einem weißen Tuche nach der Inſel, indem er laut den Namen Tallihadjo rief. Kaum hatte die Luft den Schall herüber zu dem Häuptling getragen, als dieſer in das Lager zurück⸗ rannte und zwei Indianerinnen befahl, in einem Boote hinüber nach dem Feſtland zu rudern und den großen Mann, der am Strande ſtand, auf die Inſel zu bringen. Der Befehl ward ſofort ausgeführt, ſchnell ſtrich der Nachen über die klare Fluth, erreichte den be⸗ zeichneten Fleck, Ralph ſtieg zu den Indianerinnen in den Kahn hinein und in noch größerer Eile kehrten dieſe mit dem Gaſte zurück. Tallihadjo trat Ralph mit einem ernſten, traurigen Blick entgegen und reichte ihm die Hand hin, die dieſer mit den Worten ergriff: „Aber, Tallihadjo, um des großen Geiſtes Willen, warum biſt Du nicht in das Innere des Landes ge⸗ flohen? Ich habe Dir zwei Boten geſandt und Dir ſagen laſſen, daß Dein Aufenthalt auf dieſer Inſel durch einen Indianer an die Bleichgeſichter verrathen worden ſei.“ „Meine Augen haben keinen Boten von Dir er⸗ blickt und zu meinen Ohren iſt keins Deiner Worte gedrungen“, antwortete der Häuptling. .„Es waren beide Männer aus dem Stamme Ho⸗ athlans, die ich zu Dir ſchickte“, ſagte Ralph mit — 5 8 5 . 173 einem Tone, der Glaubwürdigkeit für ſeine Ausſage in Anſpruch nahm. „Homathlan hört lieber das Ziſchen der giftigſten Schlange bei ſeinem Lagerfeuer, als den Namen Lallihadjo; Du weißt es, er iſt mein Feind und ſeine Krieger ſind ihm ergeben. Du hätteſt andere Boten wählen ſollen“, erwiederte der Häuptling, in⸗ dem er den Kopf ſchüttelte.. „Du biſt leider gefangen, Tallihadjo, und ſelbſt der große Geiſt könnte Dich jetzt den Händen der Bleichgeſichter nicht entreißen“, fuhr Ralph mit er⸗ heuchelter Theilnahme fort. „Der große Geiſt iſt mächtiger, als die Bleich⸗ geſichter, er hat Sturm und Blitz“, entgegnete Talli⸗ hadjo feierlich. „Ich hörte von dem Marſch der Truppen hierher und folgte ihnen eilig, um ſie irre zu leiten und ſie einen falſchen Weg zu führen, doch ich kam zu Deinem Unglück zu ſpät. Was haſt Du beſchloſſen, zu khun?“ „Zu ſiegen oder zu meinen Vätern zu gehen“, antwortete der Häuptling mit einem glühenden Blick. „Du biſt ja ſchon beſiegt, Tallihadjo, denn Du biſt gefangen“, fiel Ralph ein. „Noch ſind meine Hände frei und meine Waffen gut, Tallihadjo wird ſich nie gefangen geben“, erwie⸗ derte der Häuptling ſtolz. 3 3 ——— — 174 „ „Und was wird aus den Deinen werden, wenn Du zu Deinen Vätern gegangen biſt, willſt Du ſie von den Weißen morden laſſen? Stehen Dir nicht die herrlichſten Länder der Welt, die ewig grünen Prairien des Weſtens noch offen, Tallihadjo? Ziehe mit Deinem Stamme und allen den Kriegern, die hier um Dich verſammelt ſind, dorthin, ich will die Regierung der Amerikaner dazu beſtimmen, Euch Alle auf herrlichen Dampfſchiffen nach jenen Ländern bringen zu laſſen. Biſt Du vorangegangen, ſo folgen alle andern Stämme unſeres Volkes, der Seminolen, bald nach, und die, welche ſich weigern, ſollen von den Amerikanern dazu gezwungen werden. Auch ich ziehe mit Dir, und bald werden wir wieder eine große, grfürchtete Nation ſein. Gehe freiwillig voran, Tal⸗ lihadjo, der große Vater der Weißen wird Dein Freund werden.“ Während Ralph dieſe Worte ſprach, hielt der Häuptling ſeine Augen feſt auf ihn gerichtet, und Erſterer bemerkte, wie deren finſterer Blick milder und heiterer ward. 3 „Der große Geiſt hat es beſchloſſen, wir ſollen dies Land an die Weißen abtreten und er will uns die viel ſchönern Länder des Weſtens dafür geben“, fuhr Ralph noch dringender fort,„wollen wir uns gegen ſeinen Beſchluß auflehnen und hier nach und nach beſiegt und elend untergehen? Noch ſind Deine * 175 Hände frei, Tallihadjo, ziehe als unbeſiegter Häupt⸗ ling aus Florida, um der Deinen und um unſeres Volkes willen; Du wirſt die Seminolen vom Unter⸗ gange retten!“ „Das Blut Deiner Mutter hat aus Dir geredet, Ralph!“ rief jetzt der Häuptling mit Begeiſterung aus und ergriff deſſen Hand.„Es giebt nur eine Rettung für unſer Volk, ſie liegt in jenen weſtlichen Ländern, nach denen mein Herz ſich längſt ſchon geſehnt hat. Ich bin bereit, dorthin zu ziehen, und überlaſſe es Dir, für uns mit den Weißen zu unter⸗ handeln.“. „Laſſe mich ſorgen, Tallihadjo“, entgegnete Ralph. ſichtbarlich erfreut über den Entſchluß des Häuptlings. „Du mußt aber mit Allen, die ſich hier befinden, auf der Inſel verweilen, bis ich die nöthigen Dampfſchiffe zu unſerer Beförderung an die Küſte Florida's ge⸗ bracht habe, denn, gelangen die Krieger, die nicht zu Deinem Stamme gehören, an das Feſtlang, ſo flüchten ſie ſich nach Hauſe zu ihren Weibern, zwingſt Du ſie aber, mit Dir vorauszugehen, ſo folgen ihnen ihre ganzen Stämme freiwillig nach. Du weißt es ja ſelbſt zu gut, daß die Seminolen mit Blindheit geſchlagen ſind und zu ihrem eigenen Beſten ge⸗ zwungen werden müſſen. Die Amerikaner ſollen die Ufer des Sees bewachen, damit keiner jener Krieger entrinne. Alles, was Du von Lebensmitteln bedarfſt, 176 ſoll hierher geſchafft werden, und während der Zeit, in welcher Du noch hier wohnſt, will ich Dein Vieh und Deine Pferde für Dich an die Weißen verkaufen und Dir dann das Geld dafür einhändigen. Dort an der Grenze unſerer neuen Heimath haben die Weißen noch ſchöneres Vieh und noch edlere Roſſe und Du kannſt ſie für die Hälfte des Geldes, was 3 Du hier bekommſt, dort wieder kaufen. Wo haſt Du Deine Heerden hingebracht?“ „Ich will Dir einen meiner Neger mitgeben, er ſoll Dich zu dem Weideplatz führen“ erwiederte Talli⸗ 3 habjo einwilligend. „Jetzt nicht, wenn ich zurückkehre, ich muß zuerſt den Amerikanern Deinen Entſchluß melden und die Regierung veranlaſſen, die nöthigen Dampfſchiffe für Euch an die Küſte zu ſenden. Laß während meiner Abweſenheit keinen Deiner Leute an das Feſtland gehen und bleibe Du ſelbſt auch hier, damit Mißver⸗ ſtändniſſe vermieden werden. Ich komme bald zu Dir zurück,“ ſagte Ralph, beredete dann noch viele Dinge in Bezug auf die Auswanderung mit dem Häuptling, erhielt von ihm noch Aufträge verſchiedener Art und ſchied nach einigen Stunden mit der Verſicherung, das Intereſſe der Seminolen nach allen Kräften zu för⸗ dern und ſeine Rückkehr möglichſt zu beſchleunigen. Auf dem Feſtlande angekommen, empfahl er den dort lagernden Truppen, ſtrenge Wache zu halten, daß 177 keiner der Indianer von der Inſel entweiche, damit keine Nachricht über die Lage derſelben zu ihren Brüdern in das Innere des Landes dringe. Dann eilte er nach Tallahaſſee, ſandte von dort aus einen Bericht über den Fang des gefährlichſten Häuptlings der Seminolen durch einen Evurier nach Waſhington, und erbat ſich Vollmacht und die nöthigen Mittel, um denſelben mit ſeinen Gefährten nach dem Weſten ſchaffen zu können. Zugleich ſchickte er ein Segelbvot nach Tampabay und veranlaßte die Befehlshaber der dort vor Anker liegenden Fahrzeuge der Regierung, nach der Mündung des Ocklocknyfluſſes zu kommen, um die Wilden nach New⸗Orleans zu befördern. Alles ging nach Wunſch: von Tampabay erhielt Ralph die Nachricht, daß die dort ſtationirten Truppen gleichfalls einige hundert Seminolen gefangen ge⸗ nommen hätten, und daß dieſelben mit den Schiffen nach dem beſtimmten Platz ſegeln ſollten. Von Waſhington wurde ihm ein, ſeine Verdienſte aner⸗ kennendes Belobungsſchreiben zugeſandt und ihm zu⸗ gleich Vollmacht ertheilt, ſo wie auch zur Fortſchaffung der Indianer die nöthigen Credite auf New⸗Orleans angewieſen. Während dieſer Zeit hatte Ralph Tallihadjo ver⸗ ſchiedene Beſuche abgeſtattet, hatte deſſen Vieh und Pferde an die Truppen der Regierung verkauft und dagegen Wechſel zum Betrage von dreitauſend Dollar Ralph Norwood. IV. 12 178 auf Letztere erhalten, die er ſofort in Geld umſetzte, dem Häuptling aber ſagte, daß er daſſelbe erſt zu der Zeit erheben könne, wenn ſie zuſammen in New⸗ Orleans landen würden. Bei ſeinem letzten Beſuch eröffnete er Tallihadjo, daß er ſich nun eiligſt nach jener Stadt begeben würde, um dort die nöthigen Dampfer zu dingen, die den Häuptling mit ſeinen Gefährten auf dem Miſſiſſippi und dann auf dem Arkanſas bis in die erſehnten wundervollen Prairien führen ſollten. Er ſelbſt, ſagte er, würde mit ihm ziehen und ganz Seminole werden. Tallihadjo erblickte in der Auswanderung die ein⸗ zige Rettung für ſein Volk, obgleich er wußte, daß daſ⸗ ſelbe ſich freiwillig niemals dazu entſchließen würde. Sein Plan, alle Stämme der Seminolen in den Krieg zu verwickeln, ſich mit ihnen in die, für Weiße unzugänglichen Sümpfe Floridas zurückzuziehen und ſie in ihrer Verzweiflung dazu zu vermögen, ſich mit Gewalt eine Bahn nach dem Weſten zu brechen, war geſcheitert, und deshalb hieß er den Vorſchlag Ralph's willkommen, da er die Hoffnung hegte, auch auf dieſem Wege die große Aufgabe zu löſen, die ihm die Liebe für ſeine Nation zur heiligſten Pflicht machte. Er ſammelte die älteſten Männer ſeines Stammes und die fremden Häuptlinge um ſich, erklärte ihnen ihre Lage, bewies ihnen deutlich, daß ihnen kein anderer Weg, als der der Auswanderung offen ſtehe, —— 179 und beſchrieb ihnen mit aller Gluth ſeiner Phantaſie die Reize und Vorzüge jener wunderbar ſchönen Län⸗ der. Er nannte Ralph ihren Retter, ohne den ſie ſämmtlich hier auf der Inſel verſchmachten, oder bei einem Fluchtverſuch unter den Kugeln der Weißen ſterben müßten, ſagte ihnen, daß derſelbe ſie von hier aus bis in ihre neue Heimath begleiten und dort bei ihnen für immer wohnen und mit ihnen leben wolle. Dann ſetzte er ihnen auseinander, daß ihre ganze Nation bald nachfolgen müſſe, da der große Geiſt es einmal ſo beſtimmt habe und gegen deſſen Willen die Seminolen keine Macht hätten. Dieſe Mittheilung Tallihadjo's, die nach aufge⸗ hobenem Rath dem Volke eröffnet wurde, brachte eine ſchreckliche Wirkung auf die Indianer hervor. Viele der Krieger machten ihrer Wuth in Schmähun⸗ gen und Verwünſchungen gegen die Weißen Luft und wollten mit den Waffen in der Hand ſterben, Andere, die von ihren Familien getrennt waren, brachen in lautes Klagegeſchrei aus und nur die Wenigſten er⸗ gaben ſich geduldig in ihr Unglück. Tallihadjo aber gebrauchte all ſeine Rednergabe, um die Leute zu be⸗ ruhigen und ihnen Hoffnung für eine glückliche Zu⸗ kunft zu geben, und nach und nach fügten ſich dieſelben in die eiſerne Nothwendigkeit ihres Schickſals. 12* Capitel 33. Der Jugendfreund.— Das alte Dampſfſchiff.— Verabredung.— Vorſpiege⸗ lungen.— Der Marſch.— Die Seeküſte.— Das Vaterland.— Letzter Abſchied.— New⸗Orleans.— Das ſchöne Dampſfſchiff.— Der Raub.— Der geehrte Mann.— Auf dem Golf.— Verlangen.— Mitternacht.— Der Maſchinenmeiſter.— Die heimliche Flucht.— Die Exploſion.— Das Wrack.— Aufklärung.— Schreckliche Ueberzeugung. Jach einem glühenden Julitage ſaß Ralph auf der hohen Treppe hinter der koloſſalen Säulenreihe vor den St. Charles Hotel in New⸗Orleans in eifrigem Geſpräch mit einem Mann, den er Capitain Blout nannte. Derſelbe war ein alter Bekannter Ralph's, denn er hatte mit ihm in Columbus die Schulen beſucht und ſpäter waren ſie häufig in jener Stadt bei luſtigen Gelagen, beim Spiel und Wettrennen zuſammenge⸗ troffen. Seit einer Reihe von Jahren jedoch hatten ſie ſich nicht geſehen und nur ein Zufall führte Ralph auf das alte Dampfſchiff, von welchem Blout nicht allein Capitain, ſondern auch Eigenthümer war. Ralph ſuchte einige Dampfer für den Transport der Wilden zu miethen und war nicht wenig erfreut ge⸗ weſen, in dem Capitain des„Star of the West,“ wie deſſen Schiff hieß, ſeinen alten Cameraden Blout zu 181 erkennen, mit dem er ſo manches luſtige Stückchen ausgefüͤhrt hatte. „Iſt denn das Schiff in ſo ſchlechtem Zuſtande? Es ſah ja doch gar nicht ſo übel aus, als ich heute bei Euch an Bord war,“ fragte Ralph, indem er, das Kinn auf ſeine Hand geſenkt, den Ellbogen auf ſein übergeſchlagenes Knie ſtützte und den Capitain an⸗ ſchaute, auf deſſen hageres Geſicht der helle Schein der Laternen vor dem Hauſe fiel. „Kleider machen Leute, ſagt das alte Sprichwort, doch meinen alten vermoderten Kaſten, meinen Star, mag ich noch ſo ſchön herausputzen, die Paſſagiere und Güterverſchiffer werden täglich ſcheuer vor ihm; auf den Landungsplätzen am Miſſiſſippi verhöhnt man mich bei meinen Beſuchen, und man ſagte mir ſchon oft, es ſei Zeit das alte Gerippe zu begraben. Wie geſagt, ich habe das Schiff oft neu anſtreichen laſſen, habe die Cajüten hübſch ſauber gehalten, bunte Teppiche gelegt und die Meſſingbeſchläge recht blank geputzt, damit die Agenten der nordiſchen Aſſeeuranzeompagnie dahier dem Fahrzeug gute Zeugniſſe geben und ich darauf hin eine Verſicherung erhalten konnte. Wer aber das alte Gerülle kennt, und hört, wie es ſtrom⸗ auf ächzt und ſtöhnt, der wagt keinen Dollar darauf. Hätte ich einmal einen hohen Betrag darauf ver⸗ ſichern können, ſo würde ich es ſchon längſt in die Luft geſprengt haben; denn es bringt mir ſchlechte Rechnung und wird mich am Ende noch bankerott machen.“ Bei dieſen Worten hob der Capitain die Hand in die Höhe und ſchnappte mit den Fingern. „In die Luft geſprengt?“ fiel Ralph ein,„und Euch dabei. Das wäre doch Schade für Euer Leben.“ „Mit Nichten, Norwood, haltet Ihr mich für ſo grün? Es würde nicht das erſte Boot ſein, dem ich eine ſolche Himmelfahrt bereitet hätte. Tüchtig Feuer unter den Keſſel, das Ventil zugedreht und dann im Kahn Lebewohl geſagt. Verſteht ſich, in der Nacht, wenn Alles ſchläft. Der wachthabende Maſchinen⸗ meiſter muß nur mit in's Geheimniß gezogen werden; das iſt allerdings ein Uebelſtand.“ „Nun dazu fände ſich wohl ein tüchtiger Kerl. Er muß ja um ſeiner ſelbſt willen das Maul halten.“ „Ich habe im Augenblick einen ſolchen Burſchen im Dienſt; für einige hundert Dollar jagt er das ſchönſte Schiff zur Hölle.“ „Hört, Blout; ich glaube wir könnten ein Ge⸗ ſchäft zuſammen machen. Ich würde Euch das Geld dazu geben, dem alten Star noch einmal ein neues Kleid anzuziehen, als Agent der Regierung könnte ich es bewirken, daß man auf denſelben eine hohe Ver⸗ ſicherung annähme, und nachdem Ihr ihn in die Luft gejagt hättet, würde ich Euch noch eine beſondere Ver⸗ gütung erwirken. Ich will nämlich eine Ladung Roth⸗ 183 häute aus Florida darauf verſchiffen, die von unſern Truppen gefangen genommen ſind. Werden dieſelben an der Grenze von Arkanſas ausgeſetzt, ſo ſengen und morden ſie in den Anſiedelungen der Weißen, wo ſie können, deshalb iſt es für das allgemeine Wohl beſſer, wenn ſie aus der Welt geſchafft werden. Nachdem ſie aufgeflogen ſind, beſchwert Ihr Euch in Waſhington, daß die Indianer in der Nacht revoltirt hätten, daß der Maſchinenmeiſter von ſeinem Poſten vor ihnen hätte fliehen müſſen, und daß in Folge hiervon der Keſſel geſprungen wäre. Dann wird Euch die Regie⸗ rung einen Schadenerſatz bewilligen, wenigſtens kommt Ihr durch den Spaß zu einem neuen guten Dampf⸗ bvot. Was meint Ihr dazu?“ „Das Ding läßt ſich hören,“ erwiederte Blout nachdenkend.„Ihr müßtet aber auch für den Ma⸗ ſchinenmeiſter ſorgen, mit vierhundert Dollar würde er, glaube ich, zufrieden ſein.“ „Verſteht ſich von ſelbſt, das Geld will ich zahlen. Ueberlegt Euch die Sache, Blout, ich weiſe Euch lieber einen Verdienſt zu, als einem Andern; denn daß ich Liebhaber genug zu der Unternehmung finden würde, wißt Ihr ſelbſt.“ „Zehn für Einen. Bei Gott, die Hälfte der Ca⸗ pitains, die auf dem Miſſiſſippi fahren, würden darauf eingehen. Da iſt nicht viel zu überlegen, wir machen die Sache jetzt unter uns ab, und morgen fangen wir 184 an zu arbeiten. In acht Tagen ſoll der Star aus⸗ ſehen, als ob er ſo eben ſeine erſte Fahrt antreten wollte.“ Die beiden Freunde ſaßen noch eine geraume Zeit in Beredung über das beabſichtigte Geſchäft, und be⸗ gaben ſich dann in eine nahe Reſtauration, wo ſie ſich in die früher zuſammen verlebten luſtigen Zeiten verſetzten. Außer dem Star of the West miethete Ralph noch ein zweites Dampfbvot, da jenes die gefangenen In⸗ dianer nicht alle faſſen konnte; er kaufte die, für die Reiſe derſelben nöthigen Lebensmittel ein und wies den beiden Fahrzeugen einen, von der Stadt entfernt gelegenen Platz an, wohin er die Wilden auf den Re⸗ gierungsſchiffen bringen und ſie dort auf die ge⸗ mietheten Dampfer überladen wollte, ohne große Auf⸗ merkſamkeit dadurch zu erregen. Ralph wurde als General, als Agent der Regie⸗ rung und als glücklicher Vermittler zwiſchen den Ame⸗ rikanern und den Seminolen von den Bewohnern der Stadt mit großer Auszeichnung behandelt und es ſchmeichelte ſeinem Stolz nicht wenig, daß die ange⸗ ſehenſten Männer ihm Beſuche machten und ihn in ihre Geſellſchaften zogen. Alles war zur Beförderung der Wilden in Bereit⸗ ſchaft und Ralph begab ſich nach Florida zurück, um dort die Einſchiffung derſelben zu bewerkſtelligen. — Mit großer Ungeduld hatte Tallihadjo auf Ralph's Rückkehr gewartet und ſeine Freude war außerordent⸗ lich, als er ihn eines Abends an dem Ufer des See's erſcheinen ſah. Er ſelbſt beſtieg den Nachen und holte ihn zu ſich auf die Inſel. Ralph theilte ihm nun mit, wie vortrefflich er alles zu der Reiſe der Seminolen eingerichtet habe, beſchrieb ihm, wie bequem und raſch die Fahrt bis zu ihrem Ziel vollbracht werden würde, und nahm an ſeiner Seite in der Berathung Platz, zu welcher Tallihadjo ſämmtliche Männer auf der Inſel um ſich verſammelte. Hier berichtete der Häuptling nun die Einrich⸗ tungen, die Ralph für ſie getroffen habe, beſchrieb das herrliche bequeme Reiſen auf einem Dampfboote und ſchilderte dann nochmals die reichen Prairien mit den zahlloſen Büffeln, wilden Pferden, Hirſchen, Anti⸗ lopen und Bären, ſo daß ſämmtliche Leute ſeines Stammes in Jubel ausbrachen. Die Krieger der fremden Stämme freilich ſtimmten nicht mit ein, doch auch ſie fanden Troſt in den Worten Tallihadjo's, da er ihnen verſicherte, daß Ralph Vorkehrungen ge⸗ troffen habe, um ihre ſämmtlichen Angehörigen bald nachfolgen zu laſſen. Am zweitfolgenden Morgen begann die Ueberfahrt der Indianer von der Inſel nach dem Feſtlande, wo ſie bei ihrer Ankunft ihre Büchſen abfeuern und allen ——————— 186 Vorrath von Kugeln und Pulver an die Amerikaner abliefern mußten. Ihre Waffen erlaubte man ihnen, zu behalten, da man fürchtete, daß ſie ſich der Abgabe derſelben widerſetzen würden. Gegen Mittag war die Landung vollbracht und man rüſtete ſich zum Abmarſch. Sämmtliche Habe der unglücklichen Indianer muß⸗ ten ſie ſelbſt tragen. Männer, Weiber und Kinder beluden ſich jetzt mit dem Theil ihres Eigenthums, welches ihnen das Liebſte war. Die Wahl ward ihnen ſichtbarlich ſchwer, man ſah ſie ſchön gegerbte Häute, künſtlich verfertigte lederne Kleidungsſtücke, Fiſchnetze und viele dergleichen Gegenſtände nieder⸗ werfen und andere dafür auswählen und die Ladung, die ſie zu tragen beſchloſſen, wurde immer größer. Endlich rief die Trommel zum Abmarſch. Tallihadjo auf ſeinem Schimmel, der neben dem Bovte ſchwimmend ihm an das Feſtland gefolgt war, ritt voran, und ſchwer bepackt folgten ihm ſeine Ge⸗ fährten einzeln hintereinander nach, während zu beiden Seiten ihres langen Zuges die Truppen Mann hinter Mann ſie geleiteten. Mit feuchten Augen nahmen ſie ſtummen Abſchied von dem ſchönen See und mit weh⸗ müthigem Blick ſahen ſie im Vorüberſchreiten die ſtolzen Bäume des Waldes an, die eSeei ihres ver⸗ gangenen Glückes. Auf der ſumpfigen Ebene, wo gdie Indianer die ———z————zz—zm—zzz————————— 187 Weißen zuletzt bekämpft hatten, verſuchten es mehrere junge Krieger zu flüchten, und ſprangen ſeitwärts in das Dickicht; ſie wurden aber von den Kugeln der Amerikaner erreicht und niedergeſtreckt. Noch wälzten ſie ſich in ihrem Blute, während der Zug ohne Auf⸗ enthalt an ihnen vorüberſchritt und Niemand ſich weiter um ſie bemühte. Dies Beiſpiel benahm allen Uebrigen den Muth, einen Fluchtverſuch zu machen, und bei Sonnenunter⸗ gang erreichten die Wanderer einen offenen Platz in der Nähe von Tallihadjo's früherem Wohnſitz. Hier verbrachten ſie, rund um von den Soldaten bewacht, die Nacht und mit Tagesanbruch ſetzten ſie ihren be⸗ ſchwerlichen Marſch fort. Tallihadjo's Hoffnung einflößende tröſtende Worte hielt ſie in ihren Anſtrengungen aufrecht, er ſelbſt war abgeſtiegen und hatte ſein Pferd mit Gepäck ſeiner Brüder beladen, ſeine vielen Neger mußten den ſchwerbelaſteten Seminolen theilweiſe die Bürde ab⸗ nehmen und unermüdlich ging er von Einem zum Andern und ſchilderte ihnen die Schönheit und den Reichthum des Landes, dem ſie zuwanderten. Erſchöpft und ermattet langten ſie nach Verlauf einer Woche mit Sonnenuntergang an der Mündung des Ocklocknyfluſſes an, wo zwei Dampfſchiffe ſich in kurzer Entfernung auf dem ſpiegelglatten Golf ſchau⸗ kelten. Es waren die Schiffe der Regierung, welche ————— 188 die Indianer nach New⸗Orleans bringen ſollten, und auf denen ſich zu gleichem Zweck ſchon zweihundert Seminolen befanden, die durch die, in Tampabay ſtationirten Truppen gefangen genommen waren. Ohne Laut, ohne Klage hatten die unglücklichen Gefährten Tallihadjo's den langen mühſeligen Weg in ſtumpfer Ergebung zurückgelegt und ſchweigend von den blauen Bergen, von den dunkeln Wäldern, von den klaren Gewäſſern ihres Vaterlandes Abſchied ge⸗ nommen, jetzt aber, da ſie den Fuß von ihm heben ſollten, um es nimmer wieder zu betreten, da wollten ihnen die Herzen brechen und eine wilde raſende Ver⸗ zweiflung bemeiſterte ſich ihrer. Sie warfen ſich an dem Strand nieder und küßten die Erde, ihre Hände ringend blickten ſie zu dem klaren azurblauen Himmel auf und flehten den großen Geiſt um Barmherzigkeit an, laut ſchluchzend und weinend fielen ſie ſich in die Arme und ihr Jammergeſchrei, ihr Wehklagen zog über Land und Meer. Die Sonne tauchte ſich blutroth in die ſchwarz⸗ grüne Fluth des Golfs, die hellen ſilbernen Sterne zitterten an dem dunkeln Himmel und die Nacht brei⸗ tete ihre finſtern Schwingen über die Erde aus. Die Klagen der Wilden waren verhallt und nur ein tiefes Schluchzen wurde noch unter ihnen vernommen. Kein Feuer brannte in ihrer Nähe und Speiſe kam heute Abend nicht über ihre Lippen. 189 Ueberwältigt von der Anſtrengung des Marſches und von den verzweifelten Ausbrüchen ihres Schmerzes erſchöpft, ſanken ſie auf die heimathliche Erde nieder, um zum Letztenmale auf ihr zu ruhen. Der mit⸗ leidige Schlaf erbarmte ſich ihrer und der neue Tag ſchreckte ſie mit dem Gedanken an den nahen Abſchied von ihrem Vaterlande aus ihren verworrenen Träumen. Die Einſchiffung begann. Sechs große Boote na⸗ heten ſich von den Dampfſchiffen aus dem Ufer, ſie wurden mit Indianern befrachtet und kehrten dann zu jenen zurück, um ihre Ladung dort abzuſetzen. Im ſtummen Hinbrüten ſaßen die Heimathloſen in der glühenden Sonnenhitze auf dem heißen ſandigen Ufer und warteten auf den Wink ihrer Tyrannen, in das Boot zu ſteigen. Tallihadjo war mit ſeiner Fa⸗ milie und einigen ſiebzig Negern, die er und Olviana beſaß, bis zuletzt zurückgeblieben und es war Nach⸗ mittag geworden, als man anfing, dieſe Selaven an Bord zu bringen. Während Ralph ſich beim Ein⸗ und Ausladen der Indianer in keiner Weiſe betheiligt hatte, ſo empfahl er jetzt doch den Matroſen Vorſicht an und beſtand darauf, daß nicht zu viele Neger auf einmal einge⸗ ſchifft würden. Auch ſie waren endlich Alle glücklich auf dem einen Dampfer angelangt und nun kam die Reihe an Tallihadjo's Schimmel, denn deſſen Be⸗ gleitung hatte der Häuptling ſich ausdrücklich bei 190 Ralph ausbedungen. Alle Vorrichtungen, um Pferde an Bord zu bringen, befanden ſich auf dem Dampfer, dem Schimmel wurden breite Gurten um den Leib geſchnallt, er mußte neben dem Bovot her bis an das Schiff ſchwimmen, dort wurden Taue an die Gurten befeſtigt und nach wenigen Minuten war er auf das Verdeck hinauf gehoben. Ihm folgte Tallihadjo ſelbſt nebſt ſeiner Familie und Ralph nach, und als die Sonne mit ihrem Scheideblick die hohen Wälder Flo⸗ ridas vergoldete, nahmen auch die Indianer den letzten herzzerreißenden Abſchied von dem Lande ihrer Väter. Die Anker waren gelichtet, die Schiffe brauſten über die dunkelwerdende Fluth und Florida verſchwamm bald in einem Nebelſtreif in dem Horizont über der See. Schreck, Angſt und Erſtaunen hatte die Wilden befallen, ſobald die Dampfſchiffe ſich in Bewegung ſetzten, die große Menge, die niemals ein ſolches ge⸗ ſehen hatte, drängte ſich ſchreiend und heulend zu⸗ ſammen und es bedurfte Tallihadjo's ganzer Bered⸗ ſamkeit, um ſie zu beruhigen und ſie zu überzeugen, daß keine Gefahr vorhanden ſei. Ralph that während der Reiſe ſein Möglichſtes, um die Indianer mit ihrem Schickſal zu befreunden, er pries ihnen die unendlichen Vorzüge der Länder, die ſie in Beſitz nehmen ſollten, und ſtellte ſeinen eigenen freiwilligen Entſchluß, mit ihnen zu ziehen 191 und mit ihnen zu leben, als Beweis für ſeine Worte hin. Tallihadjo hörte ihm dabei mit inniger Freude zu, mit jeder Meile, die ſie hinter ſich zurückließen, erheiterten ſich ſeine Züge mehr und freier und tiefer hob ſich ſeine Bruſt; denn er ſah ſchon im Geiſte das Ziel ſeines langjährigen Strebens, das Glück ſeines Volkes, gegründet. Mit ihm unterhielt ſich Ralph ſehr eifrig, er ſtellte es ihm frei, die Leute zu wählen, die von New⸗Orleans aus mit ihm auf dem Star of the West fahren ſollten, denn dieſes Schiff bezeichnete er ihm als das größte und beſte, weshalb er es auch für ihn zur Reiſe beſtimmt habe. In Bezug auf die Neger bemerkte er ihm, daß die⸗ ſelben nicht auf den beiden Schiffen mitfahren könnten, welche für die Indianer beſtimmt ſeien, und welche kaum genug Raum für dieſelben böten, denn dieſe dürfte man nicht trennen; er habe aber noch ein kleines, ſehr ſchnelles Dampfboot gemiethet, auf welchem er die Reiſe machen wolle, damit er ſich immer raſch von einem zum andern Schiffe fahren laſſen könne, dahin, wo gerade ſeine Gegenwart nöthig werden würde. Auf dieſem kleinen Dampfbvot ſollten die Neger die Reiſe machen, ſo daß ſie fort⸗ während unter ſeiner Aufſicht ſtänden. Tallihadjo war dieſe Einrichtung ſehr erwünſcht, indem er die Indianer gern ſo wenig als möglich von einander trennte, um keine Unzufriedenheit oder Beſorgniß 1 —————— 192 unter ihnen zu erzeugen. Die heitere Stimmung des Häuptlings nahm mit der Annäherung nach dem Ziele dieſer Fahrt zu, er ſpielte mit ſeinen kleinen Kindern, liebkoſ'te ſeine Frau, redete zu Tomorho und Olviana, deutete dieſen an, daß nun bald ihr ſehnlicher Wunſch, Mann und Weib zu ſein, erfüllt werden würde, und trat oft zu ſeinem Schimmel, um deſſen Haar zu glätten und ſeine zierlichen Glieder mit den Händen zu reiben.. Am zweiten Morgen nach der Abfahrt von der Küſte Florida's zogen die beiden Schiffe an der Stadt New⸗Orleans vorüber und die Wilden hefteten in höchſtem Erſtaunen ihre überraſchten Blicke auf die Rieſengebäude, auf die Kuppeln und Thürme des Ortes. Mit Verwunderung zogen ſie an dem Maſten⸗ wald der an den meilenlangen Werften liegenden Fahrzeuge vorüber und hielten ihre Augen noch immer auf die Stadt gerichtet, als ſie eine Meile oberhalb derſelben die beiden, zu ihrer Aufnahme nebeneinander bereit liegenden Dampfer erreichten. Der Star of the West glänzte in ſeinem neuen Anſtrich den Augen Tallihadjo's vorzugsweiſe entgegen und er war ſehr erfreut, als Ralph ihm verkündete, daß dieſes das Schiff ſei, auf welchem er fahren würde. Das andere Dampfboot, die Mayflower, war nicht viel kleiner, doch ſah es weniger neu aus, als Erſteres. 193 Der Umzug auf dieſe beiden Dampfer war bald ausgeführt, die Indianer begaben ſich mit ihrem Gepäck über ſtarke Bohlen auf die Verdecke derſelbe und ſammelten ſich dort familienweiſe, oder, wie ſie nach den verſchiedenen Stämmen zu einander gehörten. Ralph gab nun Tallihadjo die Zahl der Köpfe an, die auf dem Star of the West fahren ſollten und bat ihn, mit Berückſichtigung dieſer Angabe die In⸗ dianer auf die beiden Schiffe nach eigenem Gutdünken zu vertheilen. Zugleich zeigte er ihm an, daß die Neger ihn jetzt nach New⸗Orleans begleiten ſollten, um dort mit ihm ſich an Bord des kleinen Dampf⸗ ſchiffes zu begeben, welches er, wie er ihm bereits geſagt, für ſeine eigene Ueberfahrt gemiethet habe. Auf dieſe Weiſe würden weder auf dem Star of the West, noch auf der Mayflower Streitigkeiten wegen des Raumes entſtehen, denn dieſe Fahrzeuge waren beide bedeutend kleiner, als die, welche die Auswan⸗ derer bis hierher befördert hatten. Gegen Abend, ſagte er, wollte er mit jenem Fahr⸗ zeuge an ihrer Seite anlegen und morgen in der Frühe würden ſie zuſammen die Reiſe antreten. Während des Tages habe er noch viele Geſchäfte in der Stadt zu beſorgen, unter andern auch das Geld für Tallihadjo's verkauftes Vieh und Pferde einzu⸗ ziehen, welches er ihm bei ſeiner Rückkehr einhän⸗ digen würde. Ralph Norwood. MW. 13 194 Der Häuptling war guter Dinge und freute ſich über das ſchöne Dampfſchiff, welches ihn nach dem erſehnten Ziele tragen ſollte, er verſprach Ralph, die Vertheilung der Indianer auf die Schiffe während deſſen Abweſenheit nach Ermeſſen auszuführen, und befahl den ſämmtlichen Negern, dem General Nor⸗ wood zu folgen. Dieſer begab ſich nun mit den Selaven an das Land und ſchritt eilig der Stadt zu, nicht aber nach einem, an deren Werften ſeiner har⸗ renden Dampfboote, ſondern nach der Esplanadeſtraße, wo die großen Selavenhändler wohnten. Dort an dem Eingang eines prächtigen Wohngebäudes zog er die Schelle, die Thür öffnete ſich und der Eigen⸗ thümer deſſelben, Herr Woodeock, begrüßte ihn auf's Freundlichſte. Derſelbe ſchien ſchon von den Wünſchen Ralph's unterrichtet zu ſein und bat ihn, die Neger durch das Haus in den Hof zu führen. Auf den Ruf Wvodeocks erſchienen mehrere kräftige Schwarze, denen die mitgebrachten Selaven in Abtheilungen von fünf Mann mit dem Wink übergeben wurden, dieſelben in die großen Hintergebäude abzuführen. Die Selaven ſahen ſich betroffen und beſtürzt an, Ralph ſagte ihnen aber, daß ſie den Tag hier zubringen müßten, indem er ſie erſt gegen Abend auf das Dampfſchiff geleiten könne und ſeinem Freunde Tallihadjo ver⸗ antwortlich für ſie ſei. Bald waren ſie ſämmtlich, und zwar in einzelne Zellen, abgeführt und darin eingeſchloſſen. Ralph hatte ſchon bei ſeinem erſten Hierſein dem Selavenhändler mitgetheilt, daß er eine bedeutende Anzahl Neger von einem Seminolenhäuptling kaufen werde, die er ſelbſt auf ſeiner Plantage ſo nahe bei der Wildniß, in der ſie gelebt hätten, nicht zur Arbeit gebrauchen könne, indem ſie ihm ſofort weglaufen würden. Deshalb wolle er dieſe Selaven hierher bringen und an den Herrn Woodeock verkaufen, der ihn theils mit Geld, theils mit andern Negern dafür bezahlen ſolle. Der Selavenhändler gab nun ſeinen Dienern den Befehl, die angekommenen Neger einzeln aus ihren Zellen in einen entlegenen Raum zu führen und ihnen dort Ketten anzulegen, ſo daß dieſelben ſich dieſer Operation nicht widerſetzen könnten. Zugleich verſprach er Ralph, die Neger, ſobald ſie gefeſſelt wären, einzeln zu unterſuchen, zu ſchätzen und ihm dann nach Tiſch den höchſten Preis zu nennen, den er für ſie anlegen könne. Ralph erſuchte nun den Herrn Woodeock, die Neger nicht zu niedrig zu taxiren, widrigenfalls er ſich ge⸗ nöthigt ſehen würde, mit einem andern Selaven⸗ händler den Handel zu machen, und verließ das Haus, um noch verſchiedene Geſchäfte zu beſorgen. Er be⸗ ſuchte während des Vormittags auch die vornehmſten 135 196 Reſtaurativnen und Trinkhäuſer, wurde dort von einigen angeſehenen Männern bewillkommnet, deren Bekanntſchaft er bei ſeinem früheren Aufenthalt hier gemacht hatte, und fand ſich zum Mittagseſſen an der reich beſetzten Tafel im St. Charles Hotel ein. Er hatte einige Gäſte zu Tiſch geladen, ſpendete den theuerſten Madeirawein und Champagner, und beim Kaffee ließ er die feinſten Cigarren herumreichen. Dann verabſchiedete er ſich auf kurze Zeit von ſeinen Bekannten, verſprach ihnen, den Abend mit ihnen zuzubringen und beſtieg einen Fiaere, der ihn hinaus zu den Indianern fahren mußte. Tallihadjo war verwundert, ihn nicht auf ſeinem gemietheten Schiffe erſcheinen zu ſehen, Ralph aber erklärte ihm mit wenigen Worten, daß er erſt morgen frühzeitig das Geld für das Vieh und die Pferde erheben könne und daß er den Star of the West und die Mayflower bald einholen würde, da das Schiff, auf dem er ihnen zu folgen beabſichtige, bedeutend ſchneller fahre. Tallihadjo ſtellte ſich mit dieſer Erklärung voll⸗ kommen zufrieden und ſagte, daß er ſehnlichſt der Abfahrt entgegenſehe, um den offenen Prairien näher zu kommen. Nach langer Unterredung mit dem Häuptling be⸗ gab ſich Ralph zu dem Capitain Blout in die Cajüte und ſchloß ſich dort mit demſelben ein. 197 „Wir ſind nun ganz einverſtanden, Blout“, ſagte er zu dieſem.„Mit dem frühſten Morgen fahrt Ihr ab und thut Euer Möglichſtes, um während des Tages eine tüchtige Entfernung von hier zurückzulegen. In der nachfolgenden Nacht ſpät, wenn Alles ſchläft, fahrt Ihr das Schiff in die Mitte des Stromes, ſchraubt das Ventil an dem Dampfkeſſel zu, macht Euch mit dem Maſchinenmeiſter vorſichtig im Boote aus dem Staube, und wenn der alte Kaſten aufgeflogen iſt, rudert Ihr an das Land, werft das Boot um und taucht Euch Beide in das Waſſer, als ob Ihr Euch ſchwimmend gerettet hättet. Ich habe Tallihadjo und ſeinen Lieben den Platz über dem Keſſel als den angenehmſten bezeichnet, von dort aus wird er die Eahh Reiſe na e ie, neuen Heimath iſt vorbereitet an Feuer unter dem Keſſel ſoll es nicht fehlen. Derſelbe iſt gewaltig ſtark, denn er hat bei manchem Wettlauf die Probe beſtanden. Ich ſage Euch, wenn der auseinander⸗ fliegt, dann wird von dem alten Star und ſeiner Ladung nicht Viel übrig bleiben. Ich verlaſſe mich aber auf Euch wegen der Entſchädigung von Seiten der Regierung“, antwortete Blout. „Die ſoll Euch werden, ich ſtehe Euch dafür“, erwiederte Ralph.„Nun noch Eins: ſollten unglück⸗ licherweiſe einige der Rothhäute lebendig das Land 198 erreichen, denn das Volk hat Katzenleben, ſo ſorgt Ihr dafür, daß ſie gleich auf die Mayflower gepackt werden. Die Agenten, die ich für Rechnung der Re⸗ gierung mitgeſandt habe, ſind angewieſen, ſich durch Nichts aufhalten zu laſſen und die Wilden an der äußerſten Grenze von Arkanſas bei Fort Smith aus⸗ zuſeten. Von dort aus mögen ſie ſich ihren Weg nach dem Weſten ſuchen und den daſelbſt wohnenden Indianern einige ihrer Scalpe abtreten. Wir ſind ſie los.“ Capitain Blout hatte eine Bouteille mit Eognae, Gläſer und eine Kanne Waſſer auf den Tiſch geſtellt, er trank mit Ralph auf glücklichen Erfolg ihres Un⸗ ternehmens, und dann ging dieſer zu Tallihadjo zurück, um ſich bei ihm zu verabſchieden. Der Häuptling bat ihn beim Weggehen, er möge morgen ſo zeitig als möglich ihm nachkommen, da, wie er behauptete, ſein Herz nicht ſo frei und froh ſchlüge, wenn er Ralph nicht ſehen könne. Dieſer ſagte ihm die Erfüllung ſeiner Bitte zu, beſtieg dann ſeinen Wagen und fuhr nach New⸗Or⸗ leans zurück, wo er den Kutſcher anwies, ihn bei dem Herrn Woodeock ausſteigen zu laſſen. Der Selavenhändler hatte ſchon einige Zeit auf ihn gewartet und machte ihm gleich die Eröffnung, daß er ihm vierzigtauſend Dollar für die ſämmtlichen 199 Neger geben wolle, welchen Betrag Ralph in baarem Gelde oder in andern Selaven empfangen könne. Ralph meinte, der Preis ſei zu gering, er ver⸗ ſuchte, den Händler zu höherem Gebot zu ſtimmen, doch als er fand, daß dieſer lieber auf das Geſchäft verzichtete, ſchloß er mit ihm den Handel ab und ließ ſich vorläufig von ihm den Betrag auf eine Bank anweiſen. Ralph war jetzt in dem Beſitz eines ſehr bedeu⸗ tenden Kapitals, welches ihn aller Sorgen für ſeine Zukunft überhob. Während er früher auf kleinere, wenn auch nicht unbedeutende Beträge keinen Werth gelegt und ſie leichtſinnig vergeudet hatte, ſo war die Summe, die er jetzt in Händen hatte, ſo groß, daß er feſt und unwiderruflich beſchloß, ſie nicht allein zu behalten, ſondern mit ihr eine noch viel bedeutendere zu gewinnen, wozu ihm das freigewordene Land der fortgeſchafften Indianer die herrlichſte Gelegenheit bot. Heute ging er in kein Spielhaus, er ging nicht zu dem Hahnengefecht, wozu er eingeladen wurde, nur trank er viel und gut mit ſeinen Bekannten und begab ſich gegen ſeine Gewohnheit früh nach Haus. Am folgenden Morgen bei Tagesanbruch verließ er zu Fuß das Hotel und wanderte an dem Fluſſe hin dem Platze zu, wo die Dampſfſchiffe mit den In⸗ dianern lagen, bis er deren Schornſteine erblickte, aus welchen ſchon Funken hervorſprühten. Hier ſetzte 200 er ſich mit einer brennenden Cigarre unter einem Baume nieder, um ſelbſt Zeuge von der Abfahrt der Wilden zu ſein. Kaum zeigte ſich das neue Tageslicht am öſtlichen Himmel, als die Rauchwolken dichter aus den Schorn⸗ ſteinen der Schiffe aufſtiegen, dieſe ſich zu bewegen begannen und bald darauf der Star ok the West voran und die Mayflower ihm nach in der Mitte des Stromes gegen denſelben anſteuerten. „Recht angenehme Reiſe!“ ſagte Ralph, indem er lachend aufſtand und den davonbrauſenden Schiffen noch einen Blick nachſchickte; dann wandte er ſich zur Stadt zurück, wo ihm bald die Frühſtücksglocke in ſeinem Hotel entgegentönte.„ Den Tag verbrachte er an dem reizenden Pont⸗ chartrainſee, wohin ihn mehrere angeſehene Männer zum Mittagseſſen eingeladen hatten, und Abends folgte er der Einladung eines der erſten Banquiers der Stadt und wohnte einer Geſellſchaft in deſſen Hauſe bei. Es war dieſes ein ungewöhnlich glückliches Jahr für die Bewohner von New⸗Orleans; denn bis jetzt hatten ſich nur einzelne leichte Fälle vom gelben Fieber gezeigt, weshalb auch ſehr viele Familien hier verblieben waren, die ſonſt ſtets während des Som⸗ mers ſich von der Stadt entfernten. Ralph war heute Abend in der Geſellſchaft ein ſehr 201 geſuchter Mann, man drängte ſich, um ſeine Bekannt⸗ ſchaft zu machen, er mußte von Florida und nament⸗ lich von den Seminolen erzählen, und es war ſchon Mitternacht, als er immer noch in dem hell erleuch⸗ teten, prächtigen Salon ſaß und die ſchönen Crev⸗ linnen, die in ſtrahlender Toilette ſich um ihn ge⸗ ſammelt hatten, über die Indianer unterhielt. Um dieſe Zeit ſchnaubte und ſtöhnte der Star of the West unter der Gewalt ſeiner Maſchine gegen die raſende Strömung des Miſſiſſippi⸗Fluſſes an, und über ihm ſprühten die Funken aus ſeinen Schorn⸗ ſteinen, wie Cometenſchweife, durch die rabenſchwarze Nacht. Kaum waren von ſeinem Verdeck aus zu beiden Seiten die hochbewaldeten Ufer zu erkennen, denn er ſteuerte in der Mitte des meilenbreiten un⸗ geheuern Stromes, und nur hier und dort bezeichnete ein matter Lichtpunkt ein Farmerhaus, eine Plantage. Die pfeilſchnellen Wogen, die ſich unter der Spitze des Dampfers brachen, ſtürzten ſich ſchäumend gegen deſſen Räder, und hoch warfen dieſe den weißen Giſcht über die ſchwarze Fluth hinter ſich. In weiter Ferne hinter dem Star of the West erkannte man auf dem finſtern Strome zwei große glühende Punkte, die wie die Augen eines ſchwarzen 202. Ungeheuers auf dem Waſſer ſchwammen und den Star of the West zu verfolgen ſchienen. Es waren die Oeffnungen in den Oefen der Mayflower, welche alle Kraft aufbot, um jenem davonſtürmenden Schiffe nachzukommen. Während des ganzen Tages hatte Tallihadjo ſeine Falkenaugen angeſtrengt, um in der Ferne das Schiff zu erſpähen, auf dem Ralph ihm verſprochen hatte, zu folgen. Es war nicht erſchienen. Als die Nacht ſich über den Fluß legte und die Feuer der Mayflower durch die Dunkelheit zu glühen begannen, war der Häuptling, trotz der Gegenvorſtellungen des Capitains Blout mit ſeiner ganzen Familie auf das hinterſte Ende des oberſten Verdecks gegangen, um dort die Nacht zuzubringen, indem er von da aus den Blick auf dem Fluß hinab frei hatte und von Augenblick zu Augenblick hoffte, noch zwei glühende Augen zu ſehen, die dem Schiffe Ralphs angehören möchten. Doch Stunden waren verfloſſen und Mitternacht war gekommen, ohne daß das erſehnte Fahrzeug er⸗ ſchienen wäre. Tallihadjo allein von allen Indianern war noch bis jetzt wach geblieben und hatte ſeine Blicke auf die Feuer der Mayflower geheftet, doch nun ſank auch er zurück auf ſeine Pantherhaut und ließ die kühle Nachtluft über ſeine nackte Bruſt hin⸗ ziehen. Alles an Bord des Star of the West war in 1 S— 203 tiefen Schlaf geſunken, nur die Arbeiter vor den Oefen, die unaufhörlich Holz in die furchtbare Gluth warfen, waren noch thätig und hörten wiederholt den Ruf des Maſchinenmeiſters: „Fire up!“ Außer ihnen wachte noch der Lootſe, der auf dem oberſten Verdeck an dem Steuer ſtand, bald durch die Dunkelheit nach den fernen Ufern hinſah, bald auf den hell erleuchteten Compaß vor ſich blickte und das Schiff in ſeinem tollen Laufe lenkte, während er von Zeit zu Zeit bedenklich den Kopf ſchüttelte. Der Copitain Blout jedoch war auch noch wach und ſogar emſig beſchäftigt. Er befand ſich an dem äußerſten Ende des Schiffes und hatte das dort in Flaſchenzügen hängende Bovot vorſichtig bis auf das Waſſer hinabgelaſſen, ſo daß es ſich in der Furche hinter dem Schiffe ſchaukelte. Nachdem er dies voll⸗ bracht, hob er den Kopf in die Höhe, als lauſchte er nach irgend einem Tone. Alles war ſtill und ſtumm, außer dem Brauſen der Räder und dem Stöhnen der Maſchine. Jetzt ſprang Blout raſch durch den untern Raum des Schiffes nach der Maſchine hin und flüſterte dem Ingenieur zu: „Ich bin fertig, das Boot iſt im Waſſer, wie weit ſeid Ihr?“ „Fertig!“ antwortete der Maſchinenmeiſter, rief —————— 204 dann laut nach den Feuerleuten hinaus:„Fire up!“ und ließ noch einen fürchterlichen Fluch nachfolgen. Im nächſten Augenblick hörte man die ſchweren Stücke Kienholz in die Oefen fliegen und der Ma⸗ ſchinenmeiſter faßte Blout beim Arm und flüſterte ihm zu: „Verdammt, jetzt haben wir nicht viel Zeit zu verlieren, wenn wir die Himmelfahrt nicht mitmachen wollen. Vorwärts— bei Gott— in fünf Minuten holt der Teufel den Star mit Mann und Maus.“ „Das Ventil doch richtig zu?“ fragte Blvut. „Wenn die Himmelspforte vor Euch ſo feſt ge⸗ ſchloſſen wird, dann könnt Ihr Euch ein Stockwerk tiefer ein Quartier ſuchen. Vorwärts, ſage ich Euch, ich höre den Keſſel ſich ſchon dehnen!“ Mit dieſen Worten erfaßte der Ingenieur die Hand des Capitains, riß ihn mit ſich fort nach dem Ende des Schiffes, Beide ließen ſich an den Stricken in das Boot hinab, Blout durchſchnitt die Taue und im nächſten Augenblick ſchwankte der Nachen mit den beiden Flüchtlingen auf den hochgethürmten Wellen der Furche, die der davonjagende Dampfer hinter ſich zurückließ. Beide hatten die Ruder ergriffen und lenkten den Kahn dem Lande zu, indem ſie ihre ſtieren Blicke auf das fliehende Dampfbvot hefteten. 205 „Bei Gott, das nenne ich einen Keſſel“, ſagte der Maſchinenmeiſter. „Wenn nur das Ventil gut geſchloſſen iſt“, be⸗ merkte Blout, nach dem Schiffe ſtierend. „Werdet's gleich ſehen“, ſagte der Ingenieur, und in demſelben Augenblick verwandelte ſich die ſchwarze ſchwere Maſſe des Dampfers in einen glühenden Feuerball, der ſeine Strahlen, ſeine Leuchtkugeln und Raketen nach allen Richtungen von ſich ſprühte und in deſſen Licht man Hunderte von Menſchen, Ballen, Kiſten und Fäſſern und ein weißes Pferd hoch durch die Luft fliegen ſah. Ein Donner, als ob der Himmel eingeſtürzt ſei, begleitete die Exploſion und die Wogen in deren Nähe wurden mit ſolcher Gewalt zur Seite geworfen, daß die Fluth ſich im Kreis um den Feuer⸗ berg haushoch aufthürmte.%, Die ſchwarze Nacht ver Licht⸗ bild im nächſten Augenblick und eine furchtbare Stille legte ſich über den Fluß. „Hallo, Capitain Blout, was meint Ihr nun, war das Ventil wohl feſt zu?“ rief der Maſchinen⸗ meiſter. „Es ſcheint ſo! Ich kann Euch ſagen, wenn uns der Balken getroffen hätte, der hier neben uns in's Waſſer ſchlug, dann wären wir in unſerer eigenen Falle gefangen geweſen. Gute Nacht, Star— Du haſt mir Sorge genug gemacht“, antwortete der Capitain. — 206 Plötzlich erſchallten Stimmen auf dem Strom und an den Ufern, die keinen menſchlichen Weſen anzu⸗ gehören ſchienen; es war ein Zetergeſchrei, ein Wuth⸗ geheul, ein Klagen, ein Wimmern, das durch die Finſterniß klang, als ob es der Unterwelt entſtröme. Die ſchrecklichſten Töne aber kamen von der Mitte des Fluſſes, von dem Wrack des zerſprengten Dampfers her, welches, wie eine ſchwarze Ruine, in der Strömung hinabtrieb und auf deſſen Höhe eine Anzahl dunkeler Geſtalten gegen den Himmel zu erkennen waren. Tallihadjo mit den Seinigen ſtand dort auf dem letzten Ende des Schiffes, welcher Theil unverſehrt geblieben, während der vordere bis auf den Waſſer⸗ ſpiegel zertrümmert war. „Nur raſch nach dem Lande, wir müſſen jetzt ein kaltes Bad nehmen, damit es ausſieht, als hätten wir geſchwommen“, ſagte Blout, und er, ſowie ſein Gefährte legten ſich mit Gewalt in die Ruder und ließen das Boot über die Fluth ſchießen. Bald hatten ſie das Ufer erreicht, Blout ſtieß den Kahn mit den Worten in den Strom zurück: „Kannſt auch ſo fortſchwimmen, Niemand wird es Dir anſehen, daß Du zu dem alten Star gehört haſt,“ und erfaßte dann einen Weidenbuſch, an dem er ſich in das Waſſer hinabließ und ſich mit dem Kopfe untertauchte. Daſſelbe that der Maſchinenmeiſter, und 207 Beide hoben ſich durchnäßt auf das Ufer hinauf, von wo aus ſie ihre Augen durch die Dunkelheit auf die Trümmer des vorübertreibenden Dampfers richteten, von denen her die Stimme des Häuptlings immer fürchterlicher und entſetzlicher ertönte. „Verdamme meine Augen, wenn das nicht der König der Rothhäute iſt, der dort ſeine Löwenſtimme hören läßt, der Kerl hatte ſich auf das hintere Theil des Sturmdaches gebettet, um ſich nach dem erwar⸗ teten Boote des Generals umſchauen zu können, und gerade der Theil des Schiffes iſt verſchont geblieben. Jetzt ruft er ſeinen Brüdern auf den Mayflower zu und ſie antworten ihm, hört nur das Geheul— als ob es von wilden Beſtien ausgeſtoßen würde.“ Während Capitain Blout dieſe Worte ſagte und auf das zerſtörte Dampfſchiff zeigte, kam die Mayflower den Strom heraufgeſchnaubt, wandte ſich vor dem Wrack und fuhr an deſſen Seite. Der Capitain der Erſteren ließ den zerſtörten Star mit Tauen an ſein Schiff befeſtigen und ging dann ſelbſt mit dem Agen⸗ ten der Regierung und mit mehreren ſeiner Mann⸗ ſchaft an Bord deſſelben, um die noch lebenden In⸗ dianer auf ſein Fahrzeug zu holen. Außer Tallihadjo und ſeiner Familie, die gänzlich unverſehrt geblieben waren, befanden ſich noch einige hundert Wilde auf den verſchiedenen Verdecken im , 208 hintern Theile des Dampfers, von denen nur Einige durch Holzſplittern leicht verwundet waren. Sie wurden ſämmtlich auf die Mayflower gebracht, deren Capitain überließ den Star of the West ſeinem Schickſal und ſteuerte bis in die Gegend, wo die Ex⸗ ploſion ſtattgefunden hatte, um dort den Tag zu er⸗ warten und zu ſehen, ob ſich vielleicht noch einige der Paſſagiere durch Schwimmen gerettet hätten. Der Anker wurde ausgeworfen und das Schiff bäumte ſich an ſeiner Feſſel hoch gegen den gewaltigen Strom, der Capitain wollte es aber nicht wagen, ſich in das ruhigere Waſſer an das Ufer zu begeben, aus Beſorgniß, die Wilden möchten ſich auf das Land ftüchten und nicht leicht wieder an Bord zurückgebracht werden können. Die Angſt, die Verzweiflung der⸗ ſelben überſtieg alle Grenzen, denn ſo ſehr die Agen⸗ ten ſich auch bemühten, ſie zu beruhigen und ihnen einzureden, daß ſie auf dieſem Schiffe vollkommen ſicher wären; ſo glaubten ſie doch, daß ſie demſelben Schickſal entgegen gingen, welches ihre unglücklichen Brüder betroffen hatte. Tallihadjo war der Erſte, der ſeiner Lage wieder Herr ward, und der in der Zerſtörung des Dampf⸗ ſchiffes ein zufälliges unglückliches Ereigniß erkannte. Seine Pflichten gegen den Ueberreſt ſeiner armen Ge⸗ fährten erſchienen ihm im Augenblick noch größer, als früher, und ſie zu einem glücklichen Ziele zu führen, 209 oder mit ihnen unterzugehen, war er jetzt feſter ent⸗ ſchloſſen, als jemals. Mit ſeiner angeborenen Ruhe ging er von einer Gruppe zur andern, ſuchte ſeinen Leidensgenoſſen Troſt und Muth einzuſprechen und berief ſich dabei immer wieder auf ihren treuen Freund und Bruder Ralph, der ja entſchloſſen ſei, alle Schick⸗ ſale mit ihnen zu theilen und der ihnen Rath und Hülfe bringen werde. Er war zu den wenigen Krie⸗ gern hingetreten, welche noch von dem Stamme Os⸗ makohee's übergeblieben waren und hatte auch ſie mit dem baldigen Erſcheinen Ralph's tröſten wollen, als Einer derſelben das Wort nahm und dem Häuptling mittheilte, daß Ralph der weiße Mann geweſen ſei, der, um die Neger Hallemico's zu erhalten, Osma⸗ kohee geſagt habe, Jener ſei der Mörder ſeines Sohnes. Deshalb habe Osmakohee nach Ralph's Leben getrachtet und deſſen Wohnung zerſtört, wobei er ſelbſt den Tod gefunden habe. „Umſonſt warteſt Du auf den zweifarbigen Mann,“ ſchloß der Indianer ſeine Rede,„er iſt nun in dem Beſitz der Neger Hallemiev's und auch der Deinigen und Deine Augen werden ihn niemals wiederſehen.“ Wie vom Blitz getroffen ſtand der Häuptling da und ſtierte den Sprecher an, ſeine Hände ballten ſich krampfhaft zuſammen, ſeine Lippen bebten und ſeine Augen glühten in dem Scheine der nahen Laterne. Ralph Norwood. IV. 14 ——————————————————— 210 Nach einigen Minuten des Kampfes mit ſich ſelbſt ſagte er mit hohler Stimme: „Warum hat Deine Zunge nicht früher geredet 2. „Weil Osmakohee, unſer Häuptling, uns befohlen hatte, zu ſchweigen. Jetzt aber, da wir in jenem Doppelzüngigen unſern Retter ſehen ſollen, muß ich Dir ſagen, daß er weder unſer, noch Dein Freund jemals geweſen iſt“, antwortete der Indianer auf das Beſtimmteſte. Tallihadjo wandte ſich ſchweigend ab und begab ſich auf das oberſte Verdeck, an deſſen Ende er ſich niederſetzte, ſeine Hände faltete und zu dem dunkeln Himmel aufblickte, als flehe er den großen Geiſt um Mitleid an. Es waren Thränen in ſeine Augen ge⸗ treten, deren er ſich vor ſeinen Brüdern ſchämte und die jetzt über ſeine braunen Wangen rollten. Sein Zorn war dem Schmerz gewichen, den der Gedanke an ſeine betrogene innige Freundſchaft in ſein Herz goß. Jetzt fiel ihm die Warnung der treuen Onahee ein, der Verrath Ralph's ward ihm mit jedem Augen⸗ blick klarer und über deſſen Raub an ihm und an Olviana blieb ihm kein Zweifel mehr. Doch das Ver⸗ gehen war zu ungeheuer, als daß er ſich in dieſem Augenblick nach Rache an dem Sünder geſehnt hätte, er kannte keine Strafe, die groß genug für denſelben geweſen wäre. Das Gefühl, daß er es ehrlich mit dieſem Böſewicht und mit den Seminolen gemeint 211 hatte, tröſtete ihn und er erkannte in dem Schickſal, welches Ralph über ihn und ſein Volk gebracht, den Zorn des großen Geiſtes. Deshalb flehete er dieſen um Mitleid an und bat ihn um Beiſtand, ſeine Ge⸗ fährten dem neuen Vaterland zuzuführen. Am folgenden Morgen begaben ſich die Agenten der Regierung in Booten an das Land, um dort nach Indianern zu ſuchen, die ſich durch Schwimmen etwa gerettet haben möchten, und wirklich brachten ſie Mehrere mit zurück an Bord der Mayflower, dann wurden deren Anker gehoben und die Seminolen ſetzten ihre Reiſe nach der weſtlichen Grenze von Arkanſas fort. Capitel 39. Eitelkeit.— Das Schreckbild.— Das Geheimniß.— Faſſung.— Zweite Un⸗ wahrheit.— Das Kind.— Glühende Eiferſucht.— Mordplan.— Der Todfeind.— Der Beſchluß.— Der Alligator.— Der Erwartete.— Die Ausſage.— Geſteigerte Raſtloſigkeit.— Die treue Sclavin.— Der Friedensſchluß.— Die Tochter.— Glückwunſch.— Finſtere Betrachtung. — Die Taufe. Ginige Tage darauf erſchien in den Zeitungen von New⸗Orleans der Bericht über den accident(Zufall) der ſich mit dem Star of the West, Capitain Blout, auf dem Miſſiſſippi ereignet habe, wobei bemerkt wurde, daß es den Anſtrengungen des Capitains der Mayflower gelungen ſei, die größte Zahl der Indianer zu retten, wenn auch, außer dem Capitain Blout und dem Maſchinenmeiſter, die ſich durch Schwimmen das Leben erhalten hätten, ſämmtliche Weiße durch die Ex⸗ ploſion getödtet worden wären. Zugleich wurde aber dieſer Zufall als eine höhere Fügung angedeutet, wo⸗ durch manchem Frontiermann in Arkanſas der Scalp gerettet worden ſei. Auch wurde dem General Nor⸗ wood darin volle Anerkennung ſeiner Verdienſte für Florida gezollt und der Regierung Glück gewünſcht, einen ſolchen Mann zu ihrem Agenten erwählt zu haben. 2¹13 Ralph eilte bald wieder nach Florida zurück, mit der Abſicht, die werthvollſten Striche des Landes, welches durch das Wegſchaffen der Indianer der Re⸗ gierung zugefallen war, zu dem feſtgeſetzten geringen Preis an ſich zu bringen und darin einen Theil ſeines Vermögens anzulegen. In Tallahaſſee wurde er mit Ehrenbezeugungen empfangen. Man ſah in ihm den Mann, der die großen Gefahren, womit die Stadt bedroht geweſen war, von ihr abgewendet hatte, ſein liſtiges Verfahren gegen den mächtigſten Häuptling der wilden Feinde fand die allgemeinſte Belobung und ihm zu Ehren ließ man die Miliz paradiren, es wurden öffentliche Reden zu ſeinem Ruhm gehalten und Feſteſſen und Bankets gegeben, bei denen er die gefeierte Perſon war. Bei dieſen erſchien auch Elviſe, die während Ralph's Abweſenheit, ohne ihre Bemühung darum, mit allen den beſſern Familien der Stadt bekannt geworden war und ſich durch ihr feines, tactvolles und liebliches Benehmen nicht allein allgemeine Liebe, ſondern auch die höchſte Achtung erworben hatte. Ralph's Eitelkeit und Stolz, welche beiden Eigen⸗ ſchaften ſich durch ſeine Stellung und durch den Be⸗ ſitz eines jetzt bedeutenden Vermögens in ihm in einem hohen Grade herangebildet hatte, wurden durch die Ehre, die man ſeiner Frau erwies, noch mehr ge⸗ 2¹4 ſchmeichelt, und er that Alles, um Eloiſen ſtets in dem vortheilhafteſten Lichte erſcheinen zu laſſen. Sie war unbeſtritten die ſchönſte Frau in der Stadt, ihre Bildung und ihr Benehmen gaben ihr gleichfalls den erſten Rang unter den Damen, und ihre Beſcheiden⸗ heit und Anſpruchloſigkeit erhob ſie über Alle. Auf den Wunſch Nalph's war ihre Toilette immer die eleganteſte, die geſchmackvollſte, und mit Verſchwen⸗ dung ſorgte er dafür, daß keine Dame der Stadt ſo reich gekleidet ging, als Elviſe. Doch nur um ſeine Eitelkeit zu befriedigen und ſeinen Wünſchen nachzu⸗ kommen, erſchien ſie auf den Promenaden zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen und beſuchte Geſellſchaften, denn ihre Seele nahm keinen wahren Antheil mehr an dieſen Freuden, ihr Herz bebte vor ihnen zurück und ſchloß die Erinnerung an die Vergangenheit krampf⸗ haft in ſich ein. Sie verſank oft in der heiterſten Umgebung tief in Gedanken, die ſich auf ihren Zügen als ſehr ernſte kundthaten, und erſchrack ſichtbarlich, wenn man ſie daraus erweckte. Ralph war Eloiſens Verſunkenſein in ſich ſelbſt oft aufgefallen, wiederholt hatte er ſie gefragt, woran ſie denke und warum ſie nicht fröhlich ſei wie andere Frauen? er hatte ihr geſagt, daß ihre öftere Wort⸗ kargheit wie Schüchternheit und Befangenheit ausſehe und zu ſeiner Stellung nicht paſſe, ſie müſſe in Ge⸗ genwart der andern Damen ſich freier und ent⸗ 2¹5 ſchloſſener bewegen und dadurch zeigen, daß ſie ſich ihres Ranges bewußt wäre. Eloiſe that ihr Möglichſtes, um auch hierin Ralph's Wunſch zu erfüllen, dennoch blieb ihr Ver⸗ halten weit hinter demſelben zurück, und ſie zahlte jeden Verſuch, den ſie dazu machte, ſobald ſie ſich allein befand, mit Thränen. Bei allen ihren Unter⸗ haltungen vermied ſie, über ihre Vergangenheit zu reden und lenkte das Geſpräch in augenſcheinlicher Bewegung auf einen andern Gegenſtand, ſobald daſ⸗ ſelbe jene berührte. Es gab aber ein Schreckbild in Tallahaſſee für ſie, welches ihr die Zeit ihres Lebens, vor der ſie ſo ſehr zurückſchreckte, mit furchtbarer Treue vor die Seele brachte, und wo es ihren Blicken erſchien, er⸗ bebten ihre Nerven und das Blut ſchien in ihren Adern zu ſtocken. Es war Soublett, den ſie zwar nur wenige Male in einiger Entfernung geſehen hatte, deſſen höhniſcher lächelnder Blick ihr aber jedesmal wie ein Dolchſtich tief in's Herz gedrungen war und ſie mit eiſiger Kälte überrieſelt hatte. Eines Abends, nachdem die ſengende Sonne in ihrem Purpurbett verſunken war und die Bewohner Tallahaſſee's aus ihren Häuſern hervorkamen, ſich vor deren Thüren niederſetzten, oder die Spaziergänge in der Nähe der Stadt aufſuchten, um ſich in dem 216 kühlen Seewind von der Gluth des Tages zu erholen, forderte Ralph ſeine Gattin auf, mit ihm eine Pro⸗ menade zu machen, da heute Abend ſicher viele Be⸗ kannte in der friſchen Luft ſich ergehen würden. Elviſe war bald bereit, ſeinem Wunſch zu genügen, ſie hing ihren beſten ſeidenen Shawl leicht um ihre Schultern, ergriff einen prächtigen, koſtbaren großen Fächer und ſchritt an dem Arm ihres Gatten in die Straße hinaus. Es war ein wundervoller Abend, die Luft von dem Golf her zog kräftig und belebend durch Tallahaſſee, und wo der General Norwood mit ſeiner ſchönen Gattin vor einem Haus vorüberging, erhoben ſich deſſen Bewohner von ihren Sitzen, um ihm, nament⸗ lich aber ihr, ein Compliment zu machen. Ralph, der früher nie anders gegrüßt hatte, als mit einem leich⸗ ten Kopfnicken, machte ſich jetzt zur Regel, ſtets ſeinen Hut abzunehmen, wozu ihm heute Abend beſonders vielſeitige Gelegenheit geboten wurde. Die auffallen⸗ den Höflichkeiten, die ihnen erwieſen wurden, das wußte er recht gut, galten vorzugsweiſe Eloiſen, den⸗ noch thaten ſie ihm wohl und er erwiederte ſie mit großer Artigkeit. Sie hatten den Platz vor dem Gerichtsgebäude erreicht, als plötzlich Soublett neben demſelben her⸗ vorkam und, ſeiner Richtung nach, in kurzer Entfer⸗ 217 nung vor Ralph und deſſen Gattin vorüberſchreiten mußte. Eloiſe ſchreckte zuſammen, denn der Blick des ihr ſo fürchterlichen Menſchen hatte den ihrigen getroffen; ſie fühlte, wie ſie erbebte, es war ihr, als wolle der Athem ihr ſtocken, ſie ſenkte das Haupt und hing ſich feſter und ſchwerer an den Arm ihres Gatten. Soublett hatte ſie jetzt beinahe erreicht, Elviſe wußte, daß ſein entſetzlicher Blick auf ſie geheftet war, und ohne aufzuſchauen, ſah ſie im Geiſte ein Lächeln um den Mund ihres Schreckbildes ſpielen. „Guten Abend, General,— die Abendluft ge⸗ nießen?— geht nichts über eine helle Mondſchein⸗ nacht mit etwas Muſik— viel Vergnügen!“ ſagte Soublett, indem er nur wenige Schritte vor den Beiden vorüberging und ſeinen Hut lüftete. Elviſe zitterte heftig, die Hand, in der ſie den Fächer hielt, ſank machtlos an ihrer Seite nieder, ſie fühlte, wie alle Kraft ihrer Glieder ſchwand, ihre Kniee bebten, ſie that noch ein paar Schritte, und ſank ohnmächtig zuſammen. Ralph erſchrack heftig, er hatte gefühlt, daß ſeine Gattin ſich ſchwerer an ſeinen Arm hing, es war ihm aber nicht eingefallen, daß ein augenblickliches Un⸗ wohlſein dies veranlaßt habe, er richtete ſie auf, ſie war aber gänzlich regungslos und er mußte ſie auf ſeinen Armen nach dem nächſten Hauſe tragen. 2¹18 Die Frau des Eigenthümers dieſer Wohnung nahm ſich der Ohnmächtigen mit aller Herzlichkeit und Sorg⸗ falt an und bald darauf kam Eloiſe wieder zu ſich. Mit einem Thränenſtrom kehrte ſie in das Leben zurück, konnte aber Ralph die Frage nicht beantwor⸗ ten, was die Urſache dieſes Unwohlſeins geweſen ſei. Sie blieb bei der hülfreichen Frau, bis die Dun⸗ kelheit eingetreten war und leitete ſich dann an dem Arm ihres Gatten nach ihrer Wohnung zurück. Ralph verließ Elviſen dort, um ſich nach dem Trinkhaus zu begeben, wo er gewohnt war, Abends viel Geſellſchaft zu treffen und wo die Neuigkeiten des Tages beſprochen wurden. Er nahete ſich dem Platz vor dem Gerichtsge⸗ bäude, als Soublett ihm entgegen kam und ihn be⸗ grüßte. Ralph war dieſem Mann in letzterer Zeit ausge⸗ wichen, ja er hatte ihn augenſcheinlich vermieden, wo er konnte, und wenn der Zufall ihn mit demſelben zuſammenführte, ſo hatte er ihn kalt und kurz behan⸗ delt, und ihn fühlen laſſen, daß ſeine Geſellſchaft ihm nicht angenehm ſei. Auf Svoublett ſchien dieſe Behandlung nicht in der gewünſchten Weiſe zu wirken, denn er verſäumte keine Gelegenheit, ſeine frühere Ver⸗ traulichkeit mit Ralph geltend zu machen, wenn er auch gerade nicht zudringlich wurde. 2¹9 „Wie geht es, General? wo wollt Ihr hin?“ redete Soublett dieſen an. „Ich habe noch einen Gang zu thun,“ antwortete Ralph und wollte an ihm vorüberſchreiten, doch Jener trat ihm in den Weg und ſagte: „Was fehlt denn Euerer Frau? ſie wurde ja ohn⸗ mächtig.“ „Nun, was weiß ich— ſie fühlte ſich nicht wohl,“ erwiederte Ralph, und machte abermals einen Ver⸗ ſuch, Soublett zu verlaſſen. „Die Urſache davon zu wiſſen, dürfte Euch viel Geld werth ſein. Was gebt Ihr mir, wenn ich ſie Euch verrathe?“ ſagte Soublett jetzt und trat einen Schritt zurück. „Wie ſo— was meint Ihr damit?“ entgegnete Ralph raſch. „Ich meine die Urſache, weshalb Euere Frau ohn⸗ mächtig wurde. Ich kenne ſie und will ſie Euch mit⸗ theilen, wenn Ihr mir das Geheimniß abkaufen wollt.“ „Geheimniß? Verdammt, vergeßt nicht, daß Ihr von meiner Frau ſprecht,“ rief Ralph jetzt heftig, doch war ihm das Wort Geheimniß eiskalt durch die Glie⸗ der gelaufen. „»Was wißt Ihr mir zu ſagen? Heraus damit, ich will es wiſſen,“ fuhr er mit geſteigerter Aufregung fort. 220 „Für zweihundert Dollar könnt Ihr es erfahren; ich habe gerade Geld nöthig, entgegnete Soublett mit kalter Ruhe. „Geht zum Satan und laßt mich künftig unge⸗ ſchoren, Ihr wißt, unſere Rechnung iſt geſchloſſen,“ ſagte Ralph, ſich von Soublett abwendend, da er deſſen Abſicht, Geld von ihm zu erpreſſen, nun zu erkennen glaubte. Er hatte ſich ſchon einige Schritte von ihm entfernt, als dieſer ihm nachrief: „Euere Rechnung mit mir iſt abgemacht, doch Euere Rechnung mit einem gewiſſen Herrn Montelard hängt noch in der Schwebe.“ „Himmel und Hölle, Kerl, ich durchhaue Dir den Schädel!“ ſchrie Ralph, indem er ein ſchweres Meſſer unter dem Rock hervorzog und auf Soublett eindrang. „Hallo, Freund, nicht näher, oder, bei Gott!“ erwiederte Soublett, indem er Ralph eine Piſtole ent⸗ gegen hielt und einen Schritt zurückthat.„Wie zum Teufel könnt Ihr mir darüber zürnen? Wenn Ihr das Geheimniß nicht wiſſen wollt, ſo ſucht den Ge⸗ danken daran zu vergeſſen, fangt aber mit mir keinen Streit an, Ihr wißt, ich bin Euch immer ein guter Freund geweſen.“ Ralph war das Blut nach dem Kopf geſtiegen, ſeine Pulſe ſchlugen im Sturm und ſein Herz ſchien ſich zuſammen zu ziehen. „Soublett, beim Himmel, macht mich nicht raſend, 221 heraus, was wißt Ihr?“ rief Ralph, indem er ſein Meſſer wieder unter dem Rock verbarg. „Zweihundert Dollar zahlt Ihr mir, und dann ſollt Ihr Alles erfahren. Ihr könnt einem armen Freunde doch auch manchmal Etwas zukommen laſſen. Zehntauſend Dollar von dem Galgen weg und zehn⸗ tauſend an den Galgen, macht zwanzigtauſend Dollar, da könnt Ihr ſchon ein paar Hundert ſpringen laſſen,“ entgegnete Soublett mit großer Kaltblütigkeit. Ralph biß die Zähne aufeinander und verſchluckte einen Fluch, der ihm auf der Zunge lag, doch die Ruhe Soubletts gab auch ihm die Faſſung wieder und er ſagte: „Zum Teufel— ja— was liegt mir an ein paar hundert Dollar! Morgen früh ſollt Ihr ſie haben.“ „Gut, alſo bis Morgen, ſchlaft wohl,“ antwortete Svublett. „Bin ich Euch nicht für zweihundert Dollar gut?“ „Es iſt Grundſatz bei mir, Niemandem zu borgen. Geht hin und holt das Geld, ich erwarte Euch hier,“ ſagte Soublett mit unveränderter Ruhe, worauf Ralph einige heftige unverſtändliche Worte vor ſich hinſagte und eilig nach ſeinem Hauſe zurückſchritt. „Du biſt ein großer Mann geworden, Herr Ge⸗ neral,“ ſagte Soublett, indem er Ralph mit boshaf⸗ tem Lächeln nachblickte.„Du denkſt, mich nicht mehr nöthig zu haben; ſo ſchnell ſchüttelt man aber einen —————— ——— 222 Dein Hochmuth ſoll mir noch ſchöne Rechnung tragen, oder ich zeige der Welt die koloſſalen Hörner, die Du auf dem Kopfe trägſt.“ Die Hände in ſeine Rocktaſchen verſenkt, ſchritt Soublett nun auf dem Platze auf und nieder, bis er nach einiger Zeit Ralph wieder erſcheinen ſah und ihm entgegen ging. „Hier iſt das Geld, nun das Geheimniß!“ ſagte Ralph, indem er Soublett ein Packet Banknoten ein⸗ händigte. „Gewöhnlich ſucht man für hohe Beträge ſich an⸗ genehme Dinge zu erkaufen, das iſt aber diesmal mit Euch nicht der Fall, General, die Waare, die Ihr für Euer Geld erhaltet, wird Euch nicht viel Ver⸗ gnügen machen,“ ſagte Soublett, indem er die Bank⸗ noten in die Taſche ſteckte, alsbald aber auch ſeine Hand an dem Griff ſeiner Piſtole ruhen ließ. „Einerlei, nur heraus damit, was es auch ſei. Sagt aber die Wahrheit,“ entgegnete Ralph mit be⸗ bender Stimme. „Euer Weib hat Euch betrogen,“ ſagte Soublett zurücktretend und hielt ſeine ſtechenden Augen auf Ralph geheftet. „Du lügſt, Schurke!“ raunte Dieſer ihn an und trat auf Soublett zu. „Seid ruhig, Norwood, die Häuſer haben Ohren, nicht ab, wenn er ſich einmal feſtgebiſſen hat. 22 zwingt mich nicht, die Urſache Eueres Aergers laut auszuſprechen, es möchte dem General an ſeiner Ehre ſchaden. Ihr wißt, ich bin verſchwiegen, wie das Grab, und bin Euer Freund, deshalb brecht nicht mit mir. Ich halte es für meine Pflicht, Euch mit dem beſtandenen Verhältniß Euerer Frau zu jenem Mont⸗ elard bekannt zu machen, damit es keine Fehler in Euern Haushaltsrechnungen geben möge. Hört mich ruhig an, ich ſage Euch die Wahrheit. Erinnert Ihr Euch, daß ich heute Abend im Vorübergehen Euch zurief: es geht nichts über eine helle Mondſcheinnacht mit etwas Muſik, und daß nach dieſen Worten Euere Frau ohnmächtig wurde? Es war eine helle Mond⸗ ſcheinnacht, als mich der Ton eines Saiteninſtruments von der Straße nach Euerm damaligen Hauſe lockte und ich ungeſehen und ungehört in den dichten Gra⸗ natbuſch gelangte, der nahe vor der Veranda ſtand. In dem Schatten derſelben ſaß der Muſikant, und ließ ſo klagend ſüße, ſchwärmeriſch melancholiſche Me⸗ lodien auf ſeinem Inſtrument ertönen, daß Euere Frau in ihrer Begeiſterung den ſchönen Schöpfer der⸗ ſelben mit ihren zarten Armen umſchlungen hielt und ihm ihren Dank dafür mit ihren Lippen auf ſeinem Munde abtrug. Das war ein Schnäbeln und ein Flüſtern, als ob ein Paar Turteltäubchen im dunkeln Schatten einer Cypreſſe in Liebesweh und Luſt ſchwelg⸗ ten und der Mond und die Sterne wurden zu Zeugen 224 der Liebe aufgerufen. Es hieß damals, Ihr wäret von den Indianern ſealpirt, ich hatte aber das zarte Verhältniß der beiden Liebenden ſchon lange vorher bemerkt, darum brachte mich der Herr Montelard auch aus meinem Dienſt.“ Ralph ſtand während dieſer Rede Soubletts mit zuſammengepreßten Lippen vor ihm und hielt mit ſeinen geſchloſſenen Fäuſten die Seiten ſeines Rockes gefaßt, als hielt er ſich ſelbſt von dem Sprecher zurück. Seine Glieder zitterten, ſein Mund bebte vor Wuth und das Haar auf ſeinem Kopfe ſchien ihm ſich zu ſträuben. „Hattet Ihr nicht die Anzeige von meinem Tode in die Zeitung einrücken laſſen?“ fragte Ralph mit zitternder Stimme und that ſich Gewalt an, ruhig zu erſcheinen. „Die Nachricht wurde mir hier von einem Rei⸗ ſenden, der von Tampabay kam, als verbürgt mit⸗ getheilt, und Euern vielen Freunden zu Liebe ließ ich ſie veröffentlichen“, erwiederte Soublett mit voll⸗ kommenſter Ruhe. „Warum unterſagtet Ihr dem Redakteur der Zei⸗ tung, Euern Namen dabei zu nennen?“ ſtotterte Ralph mit geſteigerter Wuth. „Weil der Artikel dadurch an Glaubwürdigkeit ver⸗ loren haben könnte. Ihr wißt, wir ſtanden damals in dem Geruch der Spaßvögel“, ſagte Soublett lachend, hielt aber ſeine ſcharfen Blicke auf jede, die leiſeſte Bewegung Ralph's geheftet. Dieſer wankte jetzt, ſichtbarlich zu einem Entſchluß gekommen, einige Schritte zurück und holte tief Athem. Während einiger Augenblicke ſchien er einen ſchweren Kampf mit ſich ſelbſt zu beſtehen, er blickte vor ſich nieder und ſtand regungslos, wie eine Bildſäule. Dann holte er abermals tief Athem und ſagte: „Weiß außer Euch noch Jemand ein Wort über das, was Ihr mir geſagt habt?“ „Kein menſchliches Weſen, außer Euerer Frau. Ich bin Euer Freund, Norwvod“, antwortete Soublett. „So denkt niemals wieder daran, denn, bei dem Himmel über uns, verriethet Ihr auch nur durch eine Miene, daß Ihr daran dächtet, ſo müßte Einer von uns Beiden ſterben. Gute Nacht, Soublett“, ſagte Ralph und ſchritt über den Platz dahin. Elviſe hatte, mit ihrem Sohne auf dem Schovoße, vor der Thür ihrer Wohnung geſeſſen, als Ralph bei ihr vorüber in das Haus geeilt war, um das Geld zu holen. Das Ungeſtüm und der laute Tritt, womit er ein⸗ und ausgegangen war, hatte Eloiſen Unheil verkündet, denn ſie kannte die Ausbrüche ſeiner Lei⸗ denſchaften zu gut, als daß es mehr bedurft hätte, ſie in ſeiner Seele leſen zu laſſen. Das Zuſammentreffen mit Soublett, deſſen ſchreck⸗ liche geheimnißvollen Worte, das Ohnmächtigwerden, Ralph Norwood. Iv. 15 — —— 226 Ralph's ſpätere heftige Aufregung ſtellte Elviſe in ihrer Angſt zuſammen und kam zu der Beſorgniß, daß ihr Mann eine Unterredung über ſie mit Soublett gehabt haben möchte. Sie fuhr bei dieſem Gedanken bebend zuſammen und ſah ſchon im Geiſte Ralph in ſeiner Wuth vor ſich; doch derſelbe erſchien nicht. Eloiſe war in ihr Zimmer gegangen, behielt aber, anſtatt ihr Kind zu Bett zu bringen, daſſelbe auf ihrem Schvoß, mit einem Gefühl, als könne es ihr Schutz gewähren. Mit banger Erwartung lauſchte ſie auf jeden Ton außerhalb des Hauſes, doch die Uhr über dem Kamin hatte ſchon eilf geſchlagen und Ralph war noch nicht zurückgekehrt. Dieſe Zögerung gab Eloiſen Zeit, ſich zu ſammeln und zu beſchließen, was ſie thun wolle, für den Fall, daß ihre Befürchtungen gegründet ſein ſollten. Schon Einmal hatte ſie eine Unwahrheit gerettet und ſie war entſchloſſen, ihre Schuld abzu⸗ leugnen, und wenn es ihr das Leben koſten ſollte. Jetzt hörte ſie den Tritt Ralph's, wie er ſich dem Hauſe nahete, und gleich darauf ſchritt er in das Zimmer. Kaum war es Elvoiſen möglich, ihm entgegenzu⸗ blicken, doch ſie gewann es über ſich und hob ihre Augen zu ihm auf. Ein Bild des Entſetzens ſtand vor ihr. Bleich und verſtört, mit unheimlich glänzendem Blick, ſah 3 ——— 227 —— Ralph ſie ſchweigend an, als ſuche er auf ſeine wort⸗ loſe Frage eine Antwort in ihrem Auge. „Nun?“ ſagte Elviſe nach einer kurzen Pauſe. „Was wollte Soublett mit den Worten ſagen: „„eine helle Mondſcheinnacht und etwas Muſik““, worauf Du ohnmächtig wurdeſt?⸗ fragte Ralph mit hohler Stimme und ſah Elviſen unverwandt in die Augen. „Ich habe geglaubt, daß deren Sinn Dir bekannt wäre, mir iſt er es nicht“, erwiederte Elviſe, ſeinen Blick feſt erwiedernd. „Ich will Deinem Gedächtniß zu Hülfe kommen; vielleicht erinnerſt Du Dich einer Muſik bei Mond⸗ ſchein unter der Veranda meines Hauſes“, ſagte Ralph zwar in heftiger Bewegung, ſuchte jedoch ſeine Ruhe zu behalten. Das Wort Veranda traf wie ein Blitzſtrahl Elviſens Ohr und unwillkürlich preßte ſie ihr Kind feſter gegen ihre Bruſt. „Allerdings erinnere ich mich, es gehört zu haben, wenn Herr Montelard dort ſpielte, doch konnte ich nicht denken, daß jener Niederträchtige, der ſchon früher unſern Frieden ſtörte, auf dieſe Muſik hin⸗ deutete, die er wahrſcheinlich oftmals vernommen hat“, entgegnete Elviſe, ohne dem Blick Ralph's auszuweichen. „Geſtehe es, Weib!“ ſchrie dieſer plötzlich mit 15* 228 —5 entfeſſelter Wuth und ergriff die Frau gewaltig bei der Schulter.* „Ehrloſer!“ rief Elviſe jetzt, indem ſie aufſprang, an ihr Seeretair trat und aus einer der Schiebladen ein Papier hervornahm, welches ſie ihm mit den Worten hinhielt: „Sieh hier, elender Dieb, kennſt Du dies Papier?“ Ralph fuhr erſchrocken zurück, denn auf den erſten Blick erkannte er den Unſchlag, in welchem Elviſe ihren Schmuck verwahrt gehalten hatte; die Laſt ſeines eigenen Verbrechens erdrückte die Anklage gegen ſeine Frau, an deren Schuld er immer noch gezweifelt hatte. Der Haß Soublett's gegen Elviſen war ihm ja bekannt, deſſen Gewiſſenloſigkeit im Wählen der Mittel, um ſich Geld zu verſchaffen, war ihm nichts Neues, und daß Soublett die Todesanzeige ſelbſt erfunden hatte, davon war er überzeugt. „Herr Norwvod“, unterbrach Elviſe zuerſt die ein⸗ getretene lange Pauſe mit entſchloſſener Haltung, haben Sie die Güte und verlaſſen Sie mich jetzt ohne Zögern, wenn Sie nicht wünſchen, daß ich ſo⸗ fort anderswo ein Unterkommen ſuchen ſoll. Morgen werde ich das Geſetz anrufen, mich von einem Mann zu befreien, der ſich ſo ſehr herabwürdigt, daß er eine wehrloſe Frau mißhandelt. „Es iſt ein Mißverſtändniß, Elviſe, der Schurke, der Soublett, haßt Dich noch von früher, und wollte 229 Geld von mir erpreſſen; er hat mich belogen“, ant⸗ wortete Ralph in ſeiner Verlegenheit. „Und einem ſolchen gemeinen Böſewicht konnten Sie mich opfern und ſcheuten ſich nicht, ſich an Ihrer Gattin zu vergreifen! Nochmals, ich erſuche Sie, mich ſofort zu verlaſſen, oder ich entferne mich ſelbſt von hier“, ſagte Elviſe mit größter Beſtimmtheit, denn ſie erblickte in ihrer Trennung von Ralph auch eine Erleichterung für ihr eigenes Gewiſſen. „Treibe es nicht auf das Aeußerſte, Eloiſe, denke an unſere Stellung, was würde die Welt ſagen?“ fiel Ralph beſchwichtigend ein, doch Elviſe blieb bei ihrem Entſchluß, und da Ralph ſich nicht entfernen wollte, ſo legte ſie ihr Kind auf das Sopha, nahm dann aus ihrem Secretair mehrere Gegenſtände her⸗ vor und ſteckte ſie in die Taſche ihres Kleides. In dieſem Augenblick ergriff Ralph den Knaben, hob ihn auf ſeinen Arm und ſagte, indem er die Thür erreichte: „Das Kind gehört mir!“ „Halt, Ralph, tödte mich, nimm mir aber mein Kind nicht!“ ſchrie jetzt Elviſe, ſtürzte ihrem Gatten nach, hielt ihn mit Angſt und Verzweiflung zurück und ſchlang ihren Arm um das weinende Kind, das ſeine Händchen nach der Mutter ausſtreckte. „Wie Du willſt, Elviſe, dann laß uns aber das Geſchehene vergeſſen“, erwiederte Ralph mit mildem —— — ———— — 230 Tone und gab ihr den Knaben zurück. Elviſe drückte Tom an ihr Herz, ſie brach in heftiges Weinen und Schluchzen aus und ihre Thränen fielen auf den kleinen Liebling nieder. Abermals hatte Noth und Verzweiflung Eloiſen durch eine Unwahrheit über Ralph ſiegen laſſen und dieſer hatte wieder einen Theil ſeiner deſpotiſchen Herrſchaft über ſie eingebüßt. Er hatte ſich mit ihrer Ausſage für den Augenblick zufriedengeſtellt, der Gift⸗ tropfen des Verdachtes aber, den Soublett in ſein Herz gegoſſen hatte, war in demſelben zurückgeblieben und ließ ihm, wo er ging, wo er ſtand, ja ſelbſt in ſeinen Träumen keine Ruhe. Die vielen Schlechtig⸗ keiten und Gräuelthaten, die er vollbracht, hatten ihm niemals einen Augenblick verbittert, ſein Gewiſſen hatte ſich noch nie ernſtlich in ihm geregt, die Eifer⸗ ſucht aber, die in ihm erzeugt war, nagte in ſeinem böſen Herzen und ließ ihm keinen ungetrübten Au⸗ genblick mehr zu Theil werden. Neben Soublett's Ausſage drängte ſich ihm auch wieder das blutige Tuch, welches er in Mont⸗ elards ſtarrer Hand, auf deſſen Herzen gefunden hatte, vor die Seele, und als Beweis, daß Beides nur Zufall und Eloiſe dabei unſchuldig ſei, beſaß er Nichts, als deren eigenes Läugnen. Der Ingrimm, der in ſeiner Bruſt kochte, ſteigerte ſich von Tag zu Tag und richtete ſich mehr und mehr 231 gegen Soublett. Hatte derſelbe ihm eine Lüge ge⸗ ſagt, ſo konnte ſein Blut kaum ſolches Verbrechen ſühnen, hatte er die Wahrheit berichtet, ſo war er Ralph als Zeuge ſeiner Schande womöglich noch ver⸗ haßter, und der Gedanke, daß Soublett jemals im Leben ein Wort darüber laut werden laſſen könnte, brachte Ralph faſt zur Raſerei. Dabei ſah er ihn beinahe täglich und immer mit demſelben Lächeln um ſeine feinen Lippen, in welchem Ralph Spott und Hohn gegen ſich erblickte. Sein Haß gegen Soublett beherrſchte ihn ſo ſehr, daß er keinen Gedanken mehr hatte, in dem derſelbe ſich nicht geltend gemacht hätte, und er beſchloß, dieſen Störer ſeiner Ruhe, dieſen Todfeind Soublett, zu tödten. Wie, wo und wann? das waren die Fragen, über die Ralph, wo er auch weilte, jetzt brütete; tauſend Pläne durchkreuzten ſeine Gedanken und unermüdlich, ſpät und früh, überwachte er die Schritte jenes Mannes. Es mußte geſchehen, ohne daß auf Ralph ein Verdacht fiel und ohne daß Soublett vorher ſeine Abſicht ahnete, denn er kannte deſſen Entſchloſſenheit und Furchtloſigkeit zu gut, als daß er dann noch mit Sicherheit auf die Ausführung ſeiner Abſicht hätte hoffen dürfen. Nach Verlauf von einigen Wochen hatte Ralph be⸗ merkt, daß Soublett von Zeit zu Zeit einen Farmer beſuchte, der mehrere Meilen von der Stadt wohnte 232 und zu dem der Weg an einem Nebenarm des Ock⸗ locknyfluſſes vorüberführte. Dieſer Weg wurde wenig benutzt und namentlich Abends faſt nur von Leuten, die auf jene Farm gehörten. Soublett erwartete dort in der Regel den Son⸗ nenuntergang, um in der Kühlung nach Hauſe zu wandern. Eines Morgens, gleich nach dem Frühſtück, hatte Ralph ſich nach dem Trinkhaus gegenüber dem Ge⸗ richtsgebäude begeben, um einen Frühtrunk zu ſich zu nehmen, und begrüßte einen Bekannten vor dem Ein⸗ gang, als er jenen Farmer gewahrte, der zu Pferd mit einem bepackten Maulthier an der Hand über den Platz ritt und an deſſen anderer Seite vor einem Kaufladen abſtieg. Ralph trat ſchnell in das Trinkhaus, leerte ein Glas mit Branntwein und Waſſer, zündete eine Cigarre an und ſetzte ſich dann vor die Thür auf die Bank, von wo er jenen Kaufladen überwachen konnte. Der Farmer hatte dem Maulthier das Gepäck ab⸗ genommen und ſolches in das Haus getragen, wahr⸗ ſcheinlich, um mit dem Kaufmann einen Handel ab⸗ zuſchließen, während ſeine beiden Thiere vor dem Hauſe in der Sonne verweilten. Bald darauf ſah Ralph ſeinen Feind Soublett, der über den Platz ſchritt, Flötzlich ſeinen Blick nach „ jenen beiden Thieren richtete, dieſelben erkannte und nun nach dem Kaufladen ging. Wohl eine halbe Stunde verſtrich, ehe der Farmer oder Soublett ſich wieder blicken ließ, dann traten ſie mit dem Kaufmann aus dem Laden hervor, der Farmer legte mehrere leere Säcke über den hölzernen Packſattel, den das Maulthier trug, half dem Soublett daſſelbe beſteigen, ſchwang ſich auf ſeinen Fuchs und dann ritten Beide mit einem Gruß nach dem Kaufmann zur Stadt hinaus auf dem Wege, der zu der Wohnung des Farmers führte. Ralph hatte bis jetzt anſcheinend ruhig da geſeſſen; wer aber den blitzenden Glanz ſeiner Augen geſehen hätte, als Sonblett das Maulthier beſtieg, würde erkannt haben, daß ihn eine ſehr große Aufregung befallen hatte. Er ſtand auf, grüßte die Leute, die in ſeiner Nähe ſaßen und ſchritt, die Hände in den Taſchen, über den Platz ſeiner Wohnung zu. „Nun biſt Du mein, Hund!“ ſagte er halblaut vor ſich hin und ging an mehreren genauen Bekannten vorüber, ohne ſie zu bemerken. „Nun, General, woran denken Sie? Guten Morgen!“ rief ihm Einer derſelben zu. „General Norwood, ſo in Gedanken? Ei, ei, ich glaube gar, Ihr wollt mich nicht kennen“, rief ein Zweiter mit einem freundlichen Gruß; doch Ralph 234 hatte keine Antwort für ſie, er zog ſeinen Hut unge⸗ wöhnlich tief ab und verdoppelte ſeine Schritte. Er mußte allein ſein; der Geiſt, der über Mord aus Haß brütet, paßt nicht in das geſellige Leben, deshalb ging Ralph auch nicht nach Hauſe, ſondern zur Stadt hinaus, wo dieſelbe an den Wald grenzte, und ſchritt ohne Ziel, ohne beſtimmte Richtung in deſſen Dunkel hinein. Er ſann nach und überlegte, auf welchem Platz er Soublett erwarten wollte, denn der geeigneten Orte zur Ausführung ſeines Vorhabens gab es mehrere auf dem Wege von der Farm bis nach Tallahaſſee. Da ſiel ihm ein, daß der Pfad an einer Stelle ſich dem Fluß ſehr nähere, wo deſſen Ufer mit hohen Bäumen und immergrünen Büſchen bedeckt war; das mußte der Platz ſein, wo Soublett ſterben ſollte, einen beſſern gab es zu ſolcher That nicht. Dort konnte Ralph ſich unmittelbar neben dem Pfad verborgen halten, und das ganz nahe Waſſer war ſehr tief. Der Entſchluß war gefaßt, mit Ungeduld blickte Ralph auf die Uhr, denn bis zum Abend war es noch eine lange Zeit und nach dem gewählten Verſteck hatte er kaum eine halbe Stunde von ſeiner Wohnung aus zu gehen. Es war beinahe Mittag, als er nach Hauſe zu⸗ rücktehrte, wo ihn dann bald die Tiſchglocke in den — — 235 Speiſeſaal des Hotels rief, während Eva die Tafel für ihre Herrin in deren Zimmer deckte. Ralph ließ ſich eine Flaſche von dem ſchwerſten Madeira geben und leerte ſie während der Mahlzeit; demohngeachtet blieb er wortkarg und gab ſeinen Tiſchnachbarn nur kurze Antworten auf ihre Fragen. Nach Tiſch begab er ſich in ſeine im Garten ge⸗ legene Wohnung, hing ſeinen Jagdranzen und eine ſchwere, mit ſtarkem Schrot geladene Doppelflinte über die Schulter, ſagte Elo'ſen, er wolle auf die Jagd gehen, und verließ die Stadt auf der entgegengeſetzten Seite von der, an welcher der Weg von der Farm her ausmündete. In einem weiten Bogen durch den Wald und zwiſchen Feldern hin umging er Tallahaſſee und gelangte ſo auf den Fußpfad, der ihn zu dem erwählten Verſteck führte. Die Sonne ſtand noch hoch, als er von dem Pfad in die immergrünen Büſche trat, die unter hohen dichten Lebenseichen und Magnolien in ewigem Schatten lagen. Er bahnte ſich einen Weg zu dem ſteilen hohen Ufer des Waſſers und blickte eine Zeitlang in Ge⸗ danken verſunken in die dunkelgrüne Fluth hinab, die hier, wo der Fluß eine kleine Bucht bildete, ſich wenig und nur wie in einem Kreis beweßte. Da erhob ſich langſam Etwas, wie ein Stück von einem Baumſtamme aus der Oberfläche des Waſſers * — 236 hervor und blieb regungslos auf derſelben liegen. Es war ein alter Alligator von rieſenhafter Größe. Ralph blickte einigemale nach dem ſcheußlichen Thier hinab und ſchlich ſich dann leiſe zurück bis an den Pfad. Hinter dichten Büſchen ſetzte er ſich an dem Stamm einer Eiche nieder, von wo aus er durch einige ſchmale Oeffnungen den Fußſteig bis zu einer bedeutenden Entfernung hin überſehen konnte. Die Sonne neigte ſich, die leichten Wölkchen, die über dem weſtlichen Horizont ſchwebten, vergoldeten ſich nach und nach und glühten bald in hellen, feu⸗ rigen Farben über dem ſinkenden Geſtirn. Der Wald wurde düſter, das Abendlied der Vögel verhallte und der Ruf der Eulen verkündete die nahende Nacht. Ralph's Herz klopfte ſo laut, daß er deſſen Schläge ſelbſt hörte, ſein ſcharfer Blick war auf das fernſte ſichtbare Ende des Pfades geheftet und die Doppel⸗ flinte hielt er mit beiden Händen. Schon verſchwammen die Außenlinien der ein⸗ zelnen Laubmaſſen in dem raſch zunehmenden Dunkel, als er in der Ferne auf dem Fußpfade einen dunkeln Punkt gewahrte, der unter hohen Bäumen hervorkam und ſich raſch näherte. Ralph ſtrengte ſeinen Blick an, um die nahende Geſtalt zu erkennen; es war ein Mann, es ßte Soublett ſein, die ſtürmiſchen Schläge ſeiner Pulſe verriethen es ihm; er war es, der Verhaßte, der Todfeind, jetzt war kein Zweifel 237 mehr darüber. Ralph ſpannte das Gewehr, ſprang bis unter den äußerſten Buſch an den Pfad, warf ſich auf ein Knie nieder und hielt die Flinte zum Gebrauch bereit. Soublett kam eiligen Schrittes näher, unter ſeinem linken Arm trug er eine große Waſſermelone und aus dem Bruſttheil ſeines offenſtehenden Rockes blinkte der Metallbeſchlag einer Piſtole hervor. Nur noch dreißig Schritt lagen zwiſchen ihm und Ralph, als dieſer das Gewehr an die Schulter hob und es auf den Feind richtete. Der Buſch, unter welchem Ralph kniete, be⸗ wegte ſich, Soublett's ſcharfes Auge hatte es bemerkt, er ſtutzte, doch in demſelben Augenblick blitzte und krachte es unter dem dunkeln Laube hervor und Sou⸗ blett ſtürzte, einen Fluch ausſtoßend, zuſammen. „Du haſt mich belogen, Schurke!“ rief Ralph, indem er zu dem Gefallenen hinſprang und ihn bei dem machtloſen Arm in das Dickicht hineinzog. „Die Wahrheit— habe ich— geſagt— bei Gott, — der mir— helfen mag!“ ſtöhnte Soublett mit der letzten Kraft ſeiner Stimme hervor, während Ralph ihn durch die Büſche nach der kleinen Bucht des Fluſſes ſchleifte und ihn von dem ſteilen Ufer in die dunkele Fluth ſtürzte. Ralph blieb ſtehen und blickte auf die Ringe, die ſich auf der Oberfläche des Waſſers gebildet hatten, ſich immer mehr erweiterten und bald den ruhigen 238 Spiegel wieder zurückließen. Plötzlich aber bewegte ſich die Fluth von unten herauf und der Schwanz eines mächtigen Alligatoren ſchlug aus ihr hervor. Abermals folgten Ralph's Blicke den Waſſerringen, wieder ſah er das bewegte Element ſich glätten, als berge es Ruhe und Friede in ſeiner Tiefe, und dann ſchritt er zurück nach dem ſtaubigen Platz, wo Svu⸗ blett gefallen war. Auf der hellen Farbe des Pfades zeigten ſich die Blutſpuren wie ſchwarze Flecke, Ralph trat ſie aus, warf mit dem Fuße Staub darüber, richtete das Gras wieder auf, durch welches er den Gemordeten geſchleift hatte, und ſchleuderte die Waſſermelone, die in dem Wege lag, weit in das Dickicht hinein. Dann ergriff er raſch ſein Gewehr und ſprang in den Wald, ohne zu wiſſen, welcher Richtung er folgte. Eine geraume Zeit war er umhergeirrt und die Dunkelheit der Nacht hatte ſich um ihn ausgebreitet, als er die Hauptſtraße erreichte und nun überlegte, auf welchem Wege er am ſicherſten zur Stadt zurück⸗ gelangen könne, ohne geſehen zu werden. Er wählte einen Fußſteig, der ihn nach der andern Seite von Tallahaſſee führte, auf welcher auch ſeine Wohnung lag, und als er ſich derſelben näherte, ertönte die Glocke der Kirche, welche die Mitglieder derſelben zum Gottesdienſt rief. Auf Ralph machten die feierlichen Klänge keinen N 239 Eindruck, ja er hörte ſie kaum, ſeine Gedanken waren bei ſeiner frühern Wohnung und im Geiſte ſah er Montelard, von Elviſen umſchlungen, unter der ſchat⸗ tigen Verenda ſitzen und die Zither ſpielen. Er hatte Soublett getödtet, um mit deſſen Leben zugleich die Erinnerung an ſeine Ausſage auszulöſchen, lebendiger und glühender aber ſtand dieſelbe nun vor ſeiner Seele, denn der Gemordete hatte ſterbend noch Gott zum Zeugen aufgerufen, daß er die Wahrheit ge⸗ redet habe. Der Verdacht gegen Elviſen war in Ralph wieder mit aller Gluth erwacht; den einzigen Zeugen gegen ſie hatte er aber ſelbſt aus dem Wege geräumt, und faſt hätte er aus dieſem Grunde ſeine entſetzliche That bereuen mögen, wäre ihm der Gedanke nicht zugleich zu tröſtend geweſen, daß dieſer Zeuge auf ewig ver⸗ ſtummt ſei. Gegen ſeine Gattin Etwas zu unter⸗ nehmen, um ſie zum Eingeſtändniß zu zwingen, war unmöglich, da er wußte, daß ſie ihn ſofort verlaſſen und daß das Geſetz ſie gegen ihn in Schutz nehmen würde. Noch gab es ein Weſen, welches möglicher Weiſe um das Geheimniß Elviſens wußte; es war Eva, deren treue Selavin. Ralph würde ſie zu Tode gepeitſcht haben, um ſie zum Geſtändniß zu bringen, theils aber wußte er zu gut, daß Eva eher ihr Leben opfern, als ihre Herrin verrathen würde, anderntheils aber traf ein Angriff auf die Dienerin zugleich Elviſen, deren Eigenthum dieſelbe war. Noch ein Hoffnungs⸗ ſtrahl blieb Ralph, um die Negerin zum Zeugen gegen ſeine Frau zu gewinnen: die Macht des Goldes, und er war entſchloſſen, einen Verſuch damit zu machen, und wenn es ihm ſein halbes Vermögen koſten ſollte. Eloiſe ging jetzt wenig aus, und wenn ſie einmal Abends eine Freundin in der Nachbarſchaft beſuchte, mußte Eva ſie mit dem Knaben begleiten, den ſie nicht einen Augenblick aus ihrer Nähe ließ. Darum mangelte es Ralph an Gelegenheit, die Selavin allein zu ſprechen und er wollte warten bis ſeine Gattin dieſelbe nach einer kleinen Farm ganz in der Nähe von Tallahaſſee ſenden würde, um Ayfelſinen und Bananen für ſie zu kaufen, die dort ganz beſonders ſchmackhaft zu haben waren. Auf dieſem Wege konnte er Eva dann begegnen und verſuchen, ob und in wie weit deren Herz für Gold zugänglich ſei. Unter dieſen und vielen andern Betrachtungen, zu welchen die, durch Soublett in ihm auf's Neue er⸗ zeugten Zweifel ihn veranlaßten, erreichte Ralph ſeine Wohnung, entledigte ſich dort ſeines Jagdgeräths und begab ſich dann nach dem Trinkhaus, um zu verſuchen, ob er durch ſtarke Getränke und durch die Scherze und Unterhaltungen ſeiner Bekannten den böſen Geiſt verſcheuchen könne, der ihm keinen Augenblick Ruhe gönnte. 241 Von ſchwerem Wein erhitzt, kehrte er erſt ſpät in der Nacht nach Hauſe zurück, doch der Schlaf über⸗ fiel ihn mit Schreckensträumen erſt beim Erſcheinen des Tages, nachdem er ſich ſtundenlang wachend auf ſeinem Lager hin und hergeworfen hatte. Der Zufall wollte, daß ſchon am folgenden Mor⸗ gen beim Frühſtück Elviſe ihrer Selavin den Auftrag ertheilte, nach jener Farm zu gehen und Obſt für ſie zu holen, indem es ſie nach einer recht ſüßen Apfelſine gelüſte. Ralph vernahm dieſen Befehl mit Freuden und folgte der Negerin langſam nach. Dieſe eilte mit dem Körbchen am Arm raſchen Schrittes der Farm zu, pflückte dort mit Erlaubniß des Eigenthümers die reifſten Früchte für ihre Herrin und wollte dieſem das Geld dafür einhändigen; doch derſelbe weigerte ſich eine Zahlung für die Kleinigkeit anzunehmen und bat die Negerin, der Madame Nor⸗ wood mit ſeiner Empfehlung auch ſeine Bitte zu über⸗ bringen, ſie möge nur recht oft Früchte bei ihm holen laſſen und überzeugt ſein, daß ſie ihm ſowohl, wie den Seinigen eine große Freude dadurch bereite. Eva drang in den Farmer, das Geld anzunehmen, da ihr die Herrin ausdrücklich aufgetragen habe, das Obſt zu bezahlen; doch umſonſt, er wollte ſich nicht dazu verſtehen. Die Selavin dankte nun in Elviſens Namen dem artigen Manne und trat ungeſäumt den Ralph Norwood. Iv. 16 242 Heimweg wieder an, auf welchem ſie kaum einige tauſend Schritte gegangen war, als plötzlich Ralph ſeitwärts hinter einem Baume hervorſchritt und mit freundlichem Tone zu der Dienerin ſagte: „Sieh da, Eva, haſt Du Früchte geholt?“ „Ja, Herr, und ſie ſind recht reif und ſchön,“ er⸗ wiederte die Selavin, indem ſie den Schreck zu ver⸗ bergen ſuchte, den das unerwartete Erſcheinen Ralph's in ihr hervorgebracht hatte. „Höre, Eva, ich habe einige Worte mit Dir im Vertrauen zu reden, wozu mir zu Hauſe die Gelegen⸗ heit fehlt; deshalb kam ich hierher. Tritt mit mir in die Büſche, ich wünſche nicht, daß man uns zuſammen ſtehen ſieht,“ fuhr Ralph fort, winkte der Negerin zu, ihm zu folgen, und ſchritt durch das dichte Myrthen⸗ geſträuch, welches zu beiden Seiten des Fußſteigs ſtand. Eva erbebte vor der Aufforderung Ralph's, die Negerin hatte aber in dieſem Lande keinen eigenen Willen, darum folgte die Selavin, wenn auch mit Bangen und Zagen, bis Ralph auf einer kleinen Blöße im Walde ſtehen blieb und ſich dann auf einen umgefallenen Baumſtamm niederſetzte. „Möchteſt Du wohl frei ſein, Eva?“ begann er und blickte die Selavin ſo freundlich dabei an, wie ſie ſich kaum erinnerte, ihn jemals geſehen zu haben⸗ „Frei, Herr? Ach nein, warum ſollte ich F 5 wünſchen, und wenn ich noch ſo frei wäre, ſo würde ich meine gute Herrin ja doch niemals verlaſſen,“ er⸗ wiederte die Selavin, indem ſie den Herrn überraſcht anſchaute. Ein finſterer Ausdruck zog bei den Worten Eva's über Ralph's Stirn, doch im nächſten Augenblick hei⸗ terte ſich dieſelbe wieder auf und er ſagte: „Wenn Du aber frei ſein und eigenes baares Ver⸗ mögen genug erhalten könnteſt, um ganz zu leben, wie Du Luſt hätteſt, dann würdeſt Du es doch nicht vor⸗ ziehen, Selavin zu bleiben?“ ſagte Ralph, indem ſeine Augen den Eindruck beobachteten, den ſeine Worte auf die Negerin machten. „Und wenn ich frei wäre und alles Gold der Welt beſäße, ſo würde ich doch meiner Herrin dienen; ich kenne kein größeres Glück,“ antwortete Eva mit einem freudigen Blick. Ralph's Brauen zogen ſich zuſammen und er ſah einen Augenblick finnend vor ſich nieder, dann ſagte er: „Eva, Du weißt nicht, was Du redeſt, denke Dir, daß ich Dir zehntauſend Dollar baares Geld für ein Geheimniß geben würde, welches Du beſitzeſt.“ „Ein Geheimniß, Herr?“ erwiederte die Selavin mit ſichtbarer Verlegenheit, doch kam ihr ihre ſchwarze Hautfarbe zu Hülfe, ſonſt würde ſie ſehr bleich er⸗ ſchienen ſein. 166 244 „Ein Geheimniß, ja!“ fuhr Ralph mit heftig wer⸗ dender Stimme fort,„ein Geheimniß, welches Deine Herrin betrifft.“ „Ach Herr, ich weiß von keinem Geheimniß meiner Herrin, was brauchte ſie wohl geheim zu halten?“ antwortete Eva mit Feſtigkeit, denn jetzt ward es ihr klar, was Ralph von ihr zu erfahren wünſchte und das Glück ihrer geliebten guten Herrin ſtand auf dem Spiele. „Du läugneſt, infame Hündin— Du weißt recht gut, was ſich zugetragen hat, während ich in Tam⸗ pabay war, ſagte Ralph jetzt mit unterdrückter wüthen⸗ der Stimme. „Ich weiß Alles, was ſich in der Zeit begeben hat, nur von einem Geheimniß weiß ich Nichts,“ entgegnete Eva, entſchloſſen, Alles für ihre Herrin zu wagen, und blickte dem zornigen Manne frei und offen in die Augen. „Willſt Du geſtehen?“ rief Dieſer nun mit ent⸗ feſſelter Wuth, warf die Negerin mit einem Griff um deren Hals zu Boden und ſetzte ſeinen Fuß auf ihre Seite.„Geſtehe, oder ich zertrete Dich, ſchwarzer Teufel!“ Die Selavin klammerte ihre Hände bittend um das Knie des Wütherichs und flehete: „Erbarmen, Herr, ich weiß von keinem Geheim⸗ niß; willſt Du die Selavin Deiner Gattin tödten, ſo — ℳ magſt Du es thun, ſie wird nie eine Unwahrheit über ihre Herrin ſagen.“ Ralph ſtieß einen Fluch aus, der deutlich die Ver⸗ eitelung ſeiner Hoffnung ausſprach, er trat von der Negerin zurück, winkte ihr aufzuſtehen und ſagte: „Geh nach Hauſe; bemerke ich aber jemals, daß Du ein Wort über unſer Zuſammentreffen hier ver⸗ lauten läſſeſt, ſo biſt Du ein Kind des Todes.“ Mit dieſen Worten verſchwand Ralph in den Büſchen, Eva ſuchte das aus ihrem Körbchen ge⸗ fallene Obſt zuſammen, legte es vom Staub gereinigt wieder hinein und eilte, noch einen Angſtblick nach der Gegend werfend, wo ſie Ralph zuletzt geſehen hatte, nach dem Fußſteig zurück. Im raſchen Davon⸗ ſchreiten trocknete ſie ihre Thränen, wiſchte die Erde von ihrer Kleidung und blickte ſich wiederholt um, als fürchte ſie, der entſetzliche Mann würde ſie nochmals zur Rede ſtellen. Sie brachte Elviſen das Obſt ſo wie die Grüße des Farmers, von ihrem Zuſammentreffen mit Ralph aber ſagte ſie Nichts. Wenige Tage nachher machte der Freund Sou⸗ hletts, bei dem er geweſen war, als Ralph ihn tödtete, die Anzeige bei Gericht, daß Jener ermordet wäre, brachte zum Beweis die Waſſermelone, in welche mehrere Schrote eingedrungen waren, und Soublett's Piſtole, welche der Farmer in dem Gras auf der 246 Uferbank gefunden hatte, von wo die blutige Spur in das Waſſer hinabzeigte. Der Platz, wo die That vollbracht worden war, wurde in Augenſchein ge⸗ nommen, dabei mußte aber die Sache beruhen, denn es war noch gegen Niemanden ein Verdacht, den Mord begangen zu haben, rege geworden. * Die Truppen der Amerikaner hatten nach und nach wieder gegen fünfhundert Seminolen gefangen ge⸗ nommen, theils kleine Stämme, theils einzelne Fa⸗ milien, einzelne Männer oder Weiber, und hatten ſie ſämmtlich nach Tampabay geſchafft, von wo aus ſie mit einem Schiffe der Regierung nach New⸗Orleans und von da weiter nach der weſtlichen Grenze von Arkanſas geſchickt werden ſollten, obgleich der Monat October bereits erſchienen war und in jener Gegend häufig ſchon gegen das Ende des Jahres hoher Schnee fällt. Halbnackt und unter einer glühenden Sonne ge⸗ boren, mußten dieſe Unglücklichen, ihrer Heimath Be⸗ raubten die Reiſe nach jenen, im Winter rauhen Län⸗ dern antreten und Ralph eilte ihnen voraus nach New⸗Orleans, um ſie von dort zu verſchiffen. Er miethete für Rechnung der Regierung ein Schiff zu einem ſehr hohen Preiſe, traf aber zugleich mit dem Eigenthümer deſſelben die Uebereinkunft, daß ihm dagegen als Privatvergütung für ſich ſelbſt einige tauſend Dollar ausgezahlt würden. Mitte October, als in der zukünftigen Heimath der Indianer die Wälder ſich ſchon gelb färbten und vor den heftigen Winden, die von den Felſengebirgen her über das Land zogen, ihr Laub begann auf die Erde herab zu rieſeln, verließ bei einer beklemmenden Hitze das mit den gefangenen Seminolen beladene Dampfbvot New⸗Orleans, während Ralph auf dem hohen Ufer ſtand und die Banknoten nachzählte, die ihm der Capitain ſo eben als Vergütung ausgezahlt hatte. Das Gebiet der Indianer in Florida war durch dieſen Feldzug wieder um ein Bedeutendes verkleinert worden, die Amerikaner hatten ſofort in den eroberten Landſtrichen Anſiedelungen gegründet und dieſe Pio⸗ niere riefen laut nach einem Friedensſchluß mit den Seminolen, damit ſie ſich auf dem in Beſitz genom⸗ menen Regierungsland halten könnten. In Waſhington war man vorläufig mit den Re⸗ ſultaten des Krieges zufrieden; die Indianer hatten ſich von allen Küſten in das Innere zurückgezogen und das Gvuvernement wollte ſeinen Unterthanen Zeit ge⸗ währen, in dieſen von den Wilden geräumten Län⸗ dern feſten Fuß zu faſſen; deshalb ertheilte es Ralph —6 den Befehl, Friedensunterhandlungen mit den Semi⸗ nolen anzuknüpfen. Gleich nach ſeiner Rückkehr von New⸗Orleans be⸗ gab ſich Dieſer zu den, an der neuen Grenze woh⸗ nenden Stämmen, auf die nun die Beläſtigungen durch die weißen Nachbarn übertragen waren, und wurde von ihnen als Friedensbote mit großer Freude bewillkommnet. Sie waren glücklich, als Ralph ihnen verſprach, daß ſie von ihrem Lande nichts verlieren ſollten und daß die Amerikaner ſie in keiner Weiſe mehr beunruhigen würden, wenn ſie ſelbſt keine Ver⸗ anlaſſung dazu geben wollten. Von hier beſuchte er die Häuptlinge im Innern Floridas, die durch den Krieg nicht im Mindeſten behelligt worden waren und die Ralph auf das Freundlichſte empfingen, weil er ſie von dem nach der Oberherrſchaft ſtrebenden Talli⸗ hadjo befreit hatte. Wo er hinkam nahmen ihn die Wilden gaſtfrei auf und erklärten ſich gern bereit, diesmal einen Frieden mit den Amerikanern für die Cwigkeit abzuſchließen. Ralph verſicherte ſie, daß es der innigſte Wunſch der Regierung ſei, um den Strei⸗ tigkeiten ein Ende zu machen, die, ſo lange Talli⸗ hadjo im Lande gelebt hätte, nicht aufgehört haben würden. Derſelbe, ſagte er, wäre die alleinige Ur⸗ ſache von dem Kriege geweſen und Ralph ſelbſt, als guter Seminole, habe ihn dazu angefeuert, um ſeine rothen Brüder von dieſem eigennützigen Manne zu 249 befreien, der ſie ſämmtlich in's Elend gebracht haben würde. Alle Vorbereitungen zu einem feierlichen Friedens⸗ ſchluß wurden gemacht, der Tag dazu ward beſtimmt und Ende Dezember trafen ſämmtliche Häuptlinge der Seminolen, von ihren älteſten Kriegern begleitet, mit den Abgeordneten der Regierung der Vereinigten Staaten am Ahapopkoſee zuſammen, wo die Friedens⸗ und Freundſchaftsverträge für ewige Zeiten von beiden Parteien unterzeichnet wurden. ℳ In der Sylveſternacht, mit dem Ablauf der letzten Stunde des Jahres, ſchenkte der Himmel Elviſen eine Tochter. Es war eine wilde ſtürmiſche Nacht, der Regen ſchlug praſſelnd gegen die Fenſter von Eloiſens Gemach, der Wind ſchüttelte die Bäume, die das Haus umſtanden und beugte deren Aeſte bis auf deſſen Dach nieder. Durch das Brauſen und Pfeifen des Sturmes wurde mitunter ein matter ferner Ton ju⸗ belnder Stimmen von dem Gaſthaus her hörbar und von Zeit zu Zeit ſchallte der dumpfe Knall eines Feuergewehrs dazwiſchen, womit man das neue Jahr begrüßte. Elviſe war ſehr ſchwach, ſie war in ſanften Schlummer geſunken und vor ihrem Lager ſaß die 250 ſorgſame treue Eva und hielt das neugeborene Kind auf ihrem Schvoße. Das glühende Stück von einem Baumſtamme, welches in dem Kamin verkohlte, gab dem Zimmer nur wenig Helligkeit, und der Schein des kleinen Nachtlichts, welches ſeitwärts auf dem Tiſche ſtand, wurde durch einen Lichtſchirm von dem Ruhelager Elviſens abgehalten. Nur der monotone Pendelſchlag der Uhr über dem Kamin, das leiſe Knarren des Schaukelſtuhls, in dem Eva ſich langſam wiegte und das geheimnißvolle Zirpen eines Heimchens unterbrach die feierliche Stille innerhalb des Gemaches. Eva hielt ihre großen Augen unverwandt auf das kleine liebliche Geſichtchen des Kindes geheftet und in ihrem ſinnenden Blick konnte man leſen, daß Erin⸗ nerungen und Vergleiche ihre Gedanken ſehr lebhaft beſchäftigten. Nur wenn ihre Herrin ſich bewegte, richtete ſich ihre Aufmerkſamkeit ſchnell nach derſelben hin und ſorgſam hob ſie ſich dann mit dem kleinen Mädchen im Arm leiſe aus dem Stuhle empor, um zu ſehen, ob Elviſe erwacht ſei und ob ſie Etwas wünſche. Dieſe aber war von erquickendem ſüßem Schlaf umarmt und erwachte während der Nacht nur wenige Male. Wenn ſich dann ihre langen ſchwarzen Wimpern theilten, ruhte ihr Blick einige Seeunden mit unbe⸗ ſchreiblicher Seligkeit auf den Kinde, das ihr Eva 251 hinhielt, bald aber ſchloſſen ſich ihre müden Augen wieder und das ſüße Lächeln, welches um ihren Mund ſpielte, zeigte, wie wonnig ſie abermals der Schlum⸗ mer umfing. Der Neujahrsmorgen brach an, der Sturm war verweht, der Himmel klar und das heitere Tageslicht ſtahl ſich in Elviſens Gemach, als dieſelbe erquickt und geſtärkt erwachte und von ihrem Lager ſeitwärts auf ihr Kind blickte, welches auf dem Schooß der treuen Selavin ruhte. Eva war gegen die hohe Lehne des Stuhls zurückgeſunken, ihr Kopf hatte ſich nach ihrer Schulter niedergebeugt, und von Müdigkeit über⸗ wältigt, war ſie eingeſchlummert. Es war der erſte Schlaf, der der treuen Seele ſeit zwei Tagen und zwei Nächten zu Theil wurde, doch kaum rauſchte die ſeidene Decke ihrer Herrin, als ſie den Kopf ſchnell nach derſelben umwandte, das Kind auf den Arm hob und ſich nach Elviſen hin mit den Worten auf⸗ richtete. „Wünſcheſt Du Etwas, gute Herrin?“ „Nein Eva, es thut mir leid, daß ich Dich in Deiner Ruhe ſtörte. Du Gute— Du haſt ſo treulich, ſo unermüdlich für mich geſorgt. Jetzt gieb mir mein Kind und mach Dir Dein Lager vor mein Bett; Du mußt nothwendig ſchlafen,“ ſagte Elviſe mit innig dankbarem Ausdruck und lüftete die Decke, um die Tochter bei ſich zu empfangen. —— 252 „Ich bin nicht müde, Herrin. Ich ſchlafe in dem Stuhle ebenſogut, wie in einem Bett,“ erwiederte Eva, als das Kind die großen dunkeln Augen auf⸗ ſchlug, Beide, Mutter und Selavin, ſichtbarlich über⸗ raſcht in dieſelben ſchauten und ſich dann mit Blicken begegneten, die deutlich verriethen, daß ſie ein und denſelben Gedanken gehabt hatten. Niemals hat wohl ein lieblicheres, ein reizenderes Kind ſeiner Mutter gelächelt, ſein kleines Köpfchen war mit glänzend ſchwarzen ſeidenreichen Löckchen be⸗ deckt, die feinen ſchwarzen Striche, welche die Brauen andeuteten, waren in ihrer Mitte faſt vereinigt, und das Näschen wölbte ſich in zierlichem Bogen zart und graziös geſchnitten. Die weiße durchſichtige Haut, das ſchwarze Haar und die granatrothen friſchen Lippen des ſchönen Kindes hoben gegenſeitig ihre makelloſe Farbe, und der helle Glanz ſeiner lebendigen verſtän⸗ digen Augen weckten in Eloiſe ſowohl, als auch in der Selavin eine Erinnerung, der weder die Eine, noch die Andere Worte gab. Dennoch hatten ſie ſich verſtanden, wie die Thräne bekundete, die in Beider Augen erſchien, und das ſchmerzlich ſüße Lächeln ver⸗ rieth, welches Beider Züge überflog. Elviſe öffnete ſchweigend ihre Arme, ſchweigend reichte die Selavin ihr das Kind, die Mutter drückte es an ihr Herz und verbarg ihre Thränen an dem blendend weißen Nacken des kleinen Engels. —— 253 Ralph befand ſich immer noch in der Nähe der Indianer. Er hatte den Feldmeſſer der County von Tallahaſſee her zu ſich hinaus kommen laſſen und dieſer mußte die Grenzen der von ihm für ſich ſelbſt ausgewählten Landſtriche an Bäumen bezeichnen, da⸗ mit er ſie auf Ralph's Namen in die Landkarten des Staates eintragen konnte. Ralph hatte für dieſe bedeutenden Stücke Landes nur einen ſehr geringen Preis der Regierung zu zahlen und mußte daran vorausſichtlich nach wenigen Jahren ein ungeheueres Capital gewinnen. Ihm war die erſte Gelegenheit geboten, ſich das beſte Land auszuwählen, da er die Gegend ſchon kannte und die Weißen ſich noch nicht in kleiner Zahl in die Nähe der Indianer wagten, um auf Landſchau auszugehen. Dies Geſchäft nahm jetzt Ralph's ganze Thätig⸗ keit in Anſpruch und es ſchien, als ob es ihm gelun⸗ gen wäre, in der Sucht, großes Vermögen zu er⸗ werben, alle übrigen Gedanken zu erſticken. Erſt Anfangs Februar kehrte er gegen Abend nach Tallahaſſee zurück, hielt im Vorüberreiten vor dem Trinkhaus in der Nähe des Platzes an, um mehrere Bekannte zu begrüßen, und einen Labetrunk zu neh⸗ men, ehe er nach ſeiner Wohnung ritt. Hier wurde ihm von verſchiedenen Bekannten zu der neugeborenen Tochter Glück gewünſcht, womit ihn 254 während ſeiner Abweſenheit ſeine Frau beſchenkt habe, und einer der Gratulanten ſagte: „Die Frauen Tallahaſſee's können nicht Wunder genug von dem Mädchen berichten, ſie wollen ſeines Gleichen an Lieblichkeit nie früher geſehen haben. Am Ende iſt Euch eine Fee zur Tochter beſchert, denn ſie wurde mit dem Glockenſchlag Zwölf in der Sylveſter⸗ nacht geboren und von ſolchen Kindern ſagt man ja, daß ſie der Geiſterwelt näher ſtänden, als andere Menſchen. Ich fürchte, wenn ſie einmal ſechzehn Jahre alt iſt, wird ſie Euch Viel zu ſchaffen machen.“ „Wann iſt ſie geboren?“ fragte Ralph raſch. „In der letzten Minute des alten Jahres, wie mir geſagt wurde, und wahr muß es ſein, denn man hat ſich allenthalben darüber unterhalten,“ antwortete der Andere. „Auf Sylveſter?“ ſagte Ralph halblaut und ſin⸗ nend vor ſich hin, und ſeine Brauen zogen ſich finſter zuſammen. „Ich muß mich doch nach Haus begeben. Guten Abend,“ ſagte er nach einigen Augenblicken zu ſeinen Freunden, lenkte ſein Pferd von dem Trinkhaus ab und ritt, augenſcheinlich wenig Aufmerkſamkeit dem⸗ ſelben ſchenkend, in langſamem Schritt in der ſtau⸗ bigen Straße weiter, ohne daß er die Grüße bemerkte, oder erwiederte, die ihm beim Vorüberreiten von den Häuſern her zugewinkt wurden. Er hatte vor dem Gaſthaus ſein Pferd abgegeben und nahete ſich ſeiner Wohnung, als Elviſe, die mit ihrer Tochter auf dem Schvoße vor dem Kaminfeuer ſaß, ſeinen Tritt erkannte und unwillkürlich zuſam⸗ menſchreckte. Sie hatte ſich eben an den ſchönen Augen der Kleinen ergötzt, nun aber drückte ſie ſchnell deren Geſichtchen gegen ihren Buſen und wandte ſich dann nach Ralph um, der in dieſem Augenblick in das Zimmer trat. Derſelbe grüßte Elviſen mit einem kalten„Guten Abend“, welchen Gruß dieſe mit nicht viel mehr Wärme erwiederte, und dann ſagte er, indem er dicht vor ſie trat: „Nun, laß denn doch einmal das Kind ſehen, welches noch im alten Jahre geboren iſt.“ Mit einer entſchloſſenen Bewegung, als hätte ſie in dieſem Augenblick eine Lebensfrage für den kleinen Liebling zu wahren, hob ſie den Säugling auf ihren Arm und richtete deſſen weit geöffnete Augen nach Ralph hin. Dieſer heftete ſeinen unheimlichen, ſtieren Blick auf das Kind, deſſen liebliche Erſcheinung ſeine fin⸗ ſteren Züge nicht aufzuheitern vermochte; im Gegen⸗ theil, ſeine Stirn furchte ſich noch mehr und um ſeinen Mund zuckte es, wie ein nahender Sturm. Elviſe aber ſah ihn feſt an, indem ſie die Tochter 256 wieder in ihre Arme ſchloß, bis Ralph bleich und mit bebenden Lippen, doch ohne ein Wort zu reden, ſich von ihr abwandte und das Zimmer verließ. Wenige Tage darauf fanden ſich in dem ſauber decorirten Zimmer Elviſens ein Geiſtlicher und mehrere hoch angeſehene Leute der Stadt ein, denn das Kind ſollte getauft werden. Ralph zwang ſich, in Gegenwart der Fremden heiter zu erſcheinen, vermied aber augenſcheinlich, mit ſeinem Blick dem Kinde zu begegnen. Der heilige Akt ward vollzogen und Berenice war der Name, den man der Tochter gab. 3 Capitel 40. Große Veränderung.— Der widerſpenſtige Sohn.— Seltene Schönheit.— Zwieſpalt.— Weiblicher Zauber.— Der Ball auf dem Lande.— Der Unfall.— Krankheit.— Im Salon.— Der Blutſturz— Verzweiflung.— Aerztlicher Rath.— Beſſerung. Sechszehn Jahre ſpäter ward der Krieg gegen die Seminolen in Florida beendet und die letzten gewalt⸗ ſamen Ueberſiedelungen dieſer Indianer nach dem Weſten von Arkanſas wurden ausgeführt. Nur wenige Hundert derſelben, unter dem Häuptling oder König Billy Bowleys, blieben noch in den undurchdringlichen Sumpfgegenden ihres Vaterlandes zurück, ohne weiter verfolgt zu werden, weil man ſie in keiner Weiſe mehr als gefährlich erachtete und die Gegend, die ſie bewohnten, den Weißen nicht zuſagte. Obgleich von den Amerikanern überwältigt, ver⸗ ließen die letzten gefangenen Seminolen ihr Vater⸗ land mit ungebeugtem Stolz und mit tiefer Gering⸗ ſchätzung gegen ihre weißen Unterdrücker. Außer Billy Bowleys verblieb auch der hundert⸗ jährige, früher ſo mächtige Häuptling Samuel Jones mit wenigen alten Kriegern und ſeinen Weibern in Florida wohnen, indem er erklärte, er würde ſich Ralph Norwood. W. 17 258 tödten, wenn man ihn gewaltſam von hier ent⸗ fernen wollte. Florida hatte nach Verlauf dieſer ſechszehn Jahre ein ganz anderes Anſehn gewonnen, es war mit Städten, mit reichen Plantagen, mit kleinen, herr⸗ lichen Farmen bedeckt; vortreffliche Wege durchſchnitten das Land in allen Richtungen und die Flüſſe und Seen wurden von Segelſchiffen und Dampfern belebt. Handel und Gewerbe blühten, die Erzeugniſſe des reichen Bodens verſchiffte man vvn Meer zu Meer und die geſellſchaftlichen Verhältniſſe in Florida ſtanden nicht mehr gegen die der älteren Staaten zurück. So war es auch mit dem ſüdlichen Theile von Georgien, die Bevölkerung dort hatte außerordentlich zugenommen und Wohlhabenheit, ja großer Reichthum hatte ſich eingefunden. Die ſtille Behauſung unſerer lieben Freunde, der beiden alten Arnolds, welche in Segen häuslichen Glücks, im Vollgenuß all der vielen Freuden, die ihnen durch die Familie ihres Sohnes, ſo wie durch treue Freunde geboten wurden, ihre Tage verlebt hatten, war verſchwunden, und in der Nähe, wo ſie geſtanden hatte, verkündete ein mit eiſernem Geländer umgebener Denkſtein, daß unter demſelben das biedere Ehepaar ruhe, dem einſt dieſes Land gehörte. An der Stelle der beſcheidenen Blockhäuſer, in welchen Frank Arnold ſo glückliche Jahre verlebt hatte, ———— — 259 ſtand jetzt ein großes, prächtiges Gebäude, der Wohnſitz des gegenwärtigen Eigenthümers der umfangreichen Plantage, die ſich um daſſelbe ausbreitete. Frank Arnold hatte vor ſechs Jahren ſeine beiden geliebten Eltern im Verlaufe von nur einer Woche verloren, die alte Frau war vorangegangen und ihr Mann konnte, wie es geſchienen, nicht ohne ſie leben, denn nur wenige Tage ſpäter war er ohne voraus⸗ gegangenes Krankſein eingeſchlummert, um nicht wieder zu erwachen. In dem darauf folgenden Jahre war auch der Präſident Forney vom Tode abgerufen worden. Eleanor, die mit ihrem treuen Gatten ihn tief be⸗ trauerte, hatte von ihm, außer einem bedeutenden Kapitalvermögen, auch noch eine große Anzahl Selaven geerbt, ſo daß der Grund und Boden Franks nicht hinreichend war, dieſen Negern und denen, die er von ſich und aus der Hinterlaſſenſchaft ſeines Vaters ſchon beſaß, genugſam Beſchäftigung darauf zu geben. Zu derſelben Zeit hatten die vortrefflichen Länder im fernen Weſten viel Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen und die Auswanderungen dorthin aus den öſtlichen Staaten gehörten nicht mehr zu den Seltenheiten. Frank Arnold war damals bereits durch ſeine ge⸗ liebte Eleanor mit neun Kindern beſchenkt worden. Es war immer ein Veblingsgedanke von ihm geweſen, ſeine Söhne ſämmtlich zu Landleuten heranzubilden; doch um dereinſt einem Jeden von ihnen eine eigene 17* ———. S Farm gründen zu können, dazu reichte ſein eigener, wenn auch bedeutender Länderbeſitz nicht aus. Der Erwerb fremden Landes in dortiger Gegend war aber äußerſt ſchwierig und koſtſpielig, wenn nicht un⸗ möglich geworden. Ueberdies konnte Frank, wie auch ſeine Gattin, den Verluſt der ihnen im Leben ſo theuer und werth geweſenen beiden Alten nicht ganz verſchmerzen und Alles, was ſie hier umgab, erinnerte ſie täglich, ja ſtündlich an die ihnen jetzt fehlenden Gründer ihres beiderſeitigen hohen Glücks, dem nur Jene mangelten, um es ſo vollkommen erſcheinen zu laſſen, wie ſie es früher genoſſen hatten. Frank entſchloß ſich deshalb mit der vollſten Zu⸗ ſtimmung Eleanors, nach dem Weſten auszuwandern. Ein Jahr nach des Präſidenten Tode verkaufte Frank zu ſehr hohen Preiſen alles Eigenthum, bis auf einige dreißig Stück ſehr edeles Rindvieh, einige zwanzig Pferde und Maulthiere, und trat mit dieſem Vieh⸗ beſtand, ſeinen Selaven und ſeiner ſämmtlichen Fa⸗ milie die weite Wanderung an. Ralph dagegen lebte noch in Florida, und zwar auf dem ehemaligen Gebiet, ſogar auf dem Lande Tallihadjo's, wo ſein Aufenthalt als die Beſitzung des ungeheuer reichen Generals Norwvod weit und breit bekannt war. Elviſen mußte man immer noch eine ſehr ſchöne Frau nennen. Freilich waren Leid und Gram, deren ————— 261 ſie ſo viel getragen, nicht ſpurlos an ihr vorüber⸗ gegangen, ſie hatten ihren Wangen die Fülle und den leichten Anhauch von Röthe genommen, hatten ihre Lippen gebleicht und ihrem Auge einen tief melancho⸗ liſchen Ausdruck gegeben; doch ſtanden dieſe äußern Veränderungen mit ihrer Seelenſtimmung in Einklang und erhöhten noch den angenehmen Eindruck, den ihre liebliche Erſcheinung machte. Tom und Berenice waren ihre einzigen Kinder geblieben; erſterer ſah ſeinem Vater ſehr ähnlich, war groß und ſchlank, doch nicht ſo kräftig aufgewachſen, hatte, wie Jener, ſchwarzes, borſtiges Haar, einen verhältnißmäßig kleinen Kopf und kleine graue Augen, mit denen er ſich angewöhnt hatte, häufig zu blinzen. Ralph hatte ihn nach und nach, ſo wie er heran⸗ wuchs, von Eloiſen entfernt und ihn in ſeiner eigenen Nähe gehalten, während Berenice der Mutter dieſen Verluſt erſetzte und ihr nicht von der Seite wich. Tom war hochmüthig, anmaßend und habgierig im höchſten Grade, welche Eigenſchaften ihm im Hin⸗ blick auf das große Vermögen ſeines Vaters und durch deſſen Beiſpiel zu Theil geworden waren. Er war ſchlau, voller Ränke und Unwahrheiten und jedes weichere Gefühl ging ihm ab, ſelbſt die Thräne war ſeinem Auge fremd, und oft hatte er als Knabe harte Züchtigungen von ſeinem Vater hingenommen, ohne 262 eine Thräne zu vergießen, ja er hatte oft unter der Peitſche Ralph's gelacht. Dieſem machte der unbeugſame Wille des Jungen ſtets große Freude, und häufig hatte er in deſſen Gegenwart ſich darüber gegen ſeine Bekannten mit Stolz ausgeſprochen. Ralph glaubte frühzeitig in ſeinem Sohne alle Anlagen zu einem Rechtsgelehrten zu erblicken und hatte ihn zu ſeiner Ausbildung einem berühmten Advocaten übergeben. Tom aber hatte kaum ein Jahr bei ihm ausgehalten, als er ſeinem Vater erklärte, das Studium ſage ihm nicht zu und er wolle lieber Pflanzer werden. Ralph machte ihm Vorſtellungen dagegen und wollte ihn zwingen, zu dem Advocaten zurückzukehren, Tom aber lachte dazu und blieb bei ſeinem Beſchluß. Vor einem Jahr hatte Ralph ſeinem Sohne eine Frau ausgeſucht und zwar die einzige Tochter eines damals hochangeſehenen Kaufmanns in Tallahaſſee, Namens Hind, welcher für einen Millionair galt. Tom und Arabella Hind wurden vermählt und ein halbes Jahr ſpäter hatte der alte Hind fallirt und war zum armen Manne geworden. Toms Vor⸗ würfe gegen ſeinen Vater blieben nicht aus, da er das Mädchen nur des Geldes halber genommen hatte, und die arme Arabella mußte den Unmuth Beider häufig ertragen. Gern hätte ſie bei Elviſen und bei Berenice Troſt geſucht; obgleich ſie aber Alle unter 263 einem Dache wohnten, ſo hielt ſie Tom ſowohl wie auch Ralph von Jenen ſo viel als möglich fern und ſuchten eine jede Vertraulichkeit mit ihnen zu ver⸗ hindern. Berenice war etwas über ſechszehn Jahre alt. Die Natur ſchien bei dem Erſchaffen derſelben beabſichtigt zu haben, allen Adel, allen Zauber, alle Lieblichkeit und Anmuth des Weibes in ihr zu vereinigen und der Welt ein Bild der vollendetſten Schönheit zu ſchenken. Sie war groß, ſchlank und biegſam, von wun⸗ derbar edelgeformter, reizender Fülle; kein Meiſter des alten Griechenlands hat jemals eine Geſtalt von ſchönerem Ebenmaß geſchaffen, und der earariſche Marmor, aus dem Jene ihre unſterblichen Kunſtwerke bildeten, würde gegen Berenicens blendend durch⸗ ſichtige Alabaſterhaut in Schatten geſtellt worden ſein. Hoch wölbte ſich ihre freie Stirn unter dem üppigen glänzend ſchwarzen Lockenſchmuck, der ihr ſchönes Haupt umwogte und deſſen ungewöhnlich reiche Fülle an ihre berühmte Namensſchweſter erinnerte. Schwarz, und in reinem Bogen ſcharf geſchnitten, vereinigten ſich ihre vollen Brauen über ihrer leicht gebogenen, fein und zart geformten Naſe, die ihrem edelen Profil erhöhte Bedeutung gab. Vergebens aber würde man nach einem verglei⸗ chenden Bilde für ihre großen, tief braunen, von langen Wimpern überſchatteten Augen ſuchen, deren B 264 Glanz den der Sterne an einem Tropenhimmel be⸗ ſchämen konnte. Ihr ſeelenvoller Blick ließ wie in einem klaren Spiegel den tiefen Geiſt, das reiche Gemüth, die edeln Gefühle erkennen, die Berenicens Bruſt er⸗ füllten, ein jeder Gedanke, der ihre Seele bewegte, war in ihnen zu leſen, und dem Zauber, der Gewalt ihres Blickes vermochte Niemand zu widerſtehen. Ihre friſchen vollen Lippen mußte die Granat⸗ blüthe um ihr Roth beneiden, und wenn ſie ſich zum ſüßen, holdſeligen Lächeln öffneten, wetteiferten die zwiſchen ihnen ſichtbar werdenden, wundervoll gebil⸗ deten Zähne mit dem blendend weißen Schnee der Hochgebirge. Der leichte Schatten unter Berenicens Augen würde bei der ungewöhnlichen Weiße ihrer Haut den Eindruck von Bläſſe hervorgebracht haben, wenn nicht ein Hauch vom reinſten Karmin ihre zarten Wangen gefärbt hätte. Ein makelloſes, edles Dral, blickte ihr Antlitz aus der glänzenden natür⸗ lichen Lockenfülle hervor, die zu ſeinen beiden Seiten über ihren ſchlanken Nacken bis auf den vollen Buſen herabfiel, während die Wucht ihrer ſchweren Flechten tief an ihrem Hinterkopf aufgerollt befeſtigt hing. Ihr Arm war voll und rund, ihre zarte kleine Hand trug hinter jedem Finger ein Grübchen und ihr zier⸗ licher Fuß war ſchon in ſeiner Form allein eine voll⸗ kommene Schönheit. ——— 265 Berenice konnte ſich nicht anders bewegen, als mit Hoheit und Grazie, und dennoch trug ihre Er⸗ ſcheinung das Gepräge größter Beſcheidenheit und Anſpruchloſigkeit. Drei Jahre hatte ſie in den Erziehungsanſtalten erſten Ranges in Alabama zugebracht und dort ihre ſeltenen geiſtigen Anlagen ausgebildet, welche vorher unter der Leitung ihrer ſorgſamen Mutter durch die beſten Privatlehrer zu Hauſe entwickelt worden waren; ſie war vieler lebender Sprachen vollkommen mächtig, zeichnete mit Talent und jeder Strich von ihrer Hand verrieth ihre Meiſterſchaft; Muſik aber ſchien mit ihrem Leben eng verbunden zu ſein, und mit Leidenſchaft hatte ſie ſich deren Studium hingegeben. Sie ſpielte Harfe und Clavier, Beides mit Vollendung, ihre be⸗ zaubernde, metallreiche Stimme hatte ſie zum Geſang im hohen Grade ausgebildet, und die vielen reizenden Lieder, die ſie ſelbſt eomponirt hatte, zeugten von dem tiefen muſikaliſchen Gefühl, welches ihr bei ihrer Erſchaffung zu Theil geworden wart Während ihres Aufenthalts in Alabama hatte ſie mit den erſten Familien des Staates Umgang ge⸗ pflogen und ſich unter ihnen eine große Zahl von Freundinnen erworben, mit denen ſie einen fleißigen Briefwechſel unterhielt. Elviſe hatte ſich mit ſchwerem Herzen dem Ent⸗ ſchluß gefügt, ihre Tochter während dieſer Jahre aus 266 ihrer Nähe zu laſſen, für des Kindes Wohl hatte ſie jedoch gern dieſes Opfer gebracht und war nun ſeit einem halben Jahre durch die Rückkehr Berenicens beglückt, deren Ausbildung vollendet genannt werden durfte. In Ralph's Hauſe waren zwei Parteien erſtanden, die ſich daheim von einander abgeſchloſſen hielten, wenn ſie auch vor der Welt vereinigt und in freund⸗ lichem Vernehmen erſchienen. Ralph ſelbſt mit ſeinem Sohne Tom und deſſen Frau Arabella ſtanden auf der einen, und Elviſe mit ihrer Tochter und der treuen Selavin Eva auf der andern Seite. Es war unter ihnen nicht erörtert worden, warum man ſich mied, man kam zum Mittagstiſch und Abends in dem Salon zuſammen, man unterhielt ſich, freilich nur, um Etwas zu reden, und wahrte die Formen der Höflichkeit, doch fühlte ein Jedes der beiden Par⸗ teien die Kluft, die zwiſchen ihnen lag. Die Urſachen dieſer Abneigung waren ſehr ver⸗ ſchieden. Die von Ralph und Elviſen iſt uns bereits zur Genüge bekannt, in Tom war ſie eine andere. Er war durch Ralph von früher Jugend an gegen ſeine Mutter eingenommen worden und die wärmere Liebe derſelben, die ſie gegen Berenicen an den Tag legte, hatte die eingeſogenen Vorurtheile gegen ſie bei ihrem Sohne noch geſteigert. In ſeiner Schweſter erblickte er aber die Erbin der Hälfte von ſeines —— — 267 Vaters ſo beträchtlichem Vermögen, welche, wie er ſich dachte, nicht ſie, ſondern ein Fremder, ihr künf⸗ tiger Gatte, erhalten würde. Arabella, ſeine Frau, hatte ſelbſt keine Abneigung gegen Toms Mutter, noch gegen deſſen Schweſter, und es fügte ſich ſo gegen ihren eigentlichen Willen, daß ſie nicht freundſchaft⸗ licher mit ihnen lebte. Eva kannte nur ein Gefühl, in dem alle andern verſchwanden: das der Liebe zu ihrer Herrin und jetzt auch zu deren Tochter, denn Beide waren ja nur Eins in ihrem Herzen. Mit Recht befürchtete Ralph bei dem innig freund⸗ ſchaftlichen Bunde, welcher ſich zwiſchen Elviſen und ihrer Tochter gebildet hatte, daß Letztere über manche früheren Verhältniſſe Aufklärung erhalten würde, und mit derſelben Beſorgniß blickte er auf Eva, da dieſe die Vertraute von Berenicen war und mehr von ihm und der früheren Zeit wußte, als ihm lieb ſein konnte. Sein Gefühl gegen Berenice war wunderbar ge⸗ miſcht. Mit ſein Inneres zerreißendem Mißtrauen blickte er auf ihr Profil und auf die über ihrer ſchönen Naſe dicht vereinigten ſtarken Brauen; Haß und Zerknirſchung bemeiſterte ſich ſeiner in ſolchen Augenblicken oft ſo ſehr, daß er Berenice hätte tödten mögen. Gleich darauf aber hingen ſeine Augen wieder mit einer ſo leidenſchaftlichen Zuneigung an der ſchönen 268 lieblichen Jungfrau, daß er Alles darum hingegeben haben würde, wenn ſie dieſelbe Zärtlichkeit auf ihn verwandt hätte, womit ſie ihre Mutter behandelte. Dann glaubte er wieder in Berenicens Blick eine Scheu gegen ſich, ſogar einen Zweifel in ihm zu er⸗ kennen, der ſein Innerſtes wie Dolchſtiche durchzuckte. Demungeachtet war ſein Stolz ungemeſſen darüber, daß ſeine Tochter die gefeierte Schönheit Floridas, ja der ganzen ſüdlichen Staaten Amerikas war, denn der Ruf von Berenicens geiſtigen und körperlichen Vollkommenheiten war weit und breit durch das Land gedrungen. Er verſäumte ſelten eine Gelegenheit, öffentlich mit ihr zu erſcheinen und hatte, um ſie oft dazu zu veranlaſſen, für einen enormen Preis ein edeles Reitpferd, eine Iſabelle, für ſie gekauft. Sein Haus war jeden Abend Freunden und Frem⸗ den geöffnet und ſelten verſtrich ein Abend, ohne daß deſſen Salon ſich mit Gäſten gefüllt hätte. Berenice war dann die Sonne, um die man ſich bewegte und deren Strahlen man ſo nahe als möglich zu kommen ſuchte. Ein Jeder wollte in ihre Augen blicken, einige Worte von ihr erhaſchen, ihr etwas Verbindliches ſagen, oder auch nur von ferne ſich an ihrem Anblick weiden. Sie war freundlich und aufmerkſam gegen Jedermann, ohne irgend einen Vorzug oder eine Aus⸗ zeichnung bemerkbar werden zu laſſen. Wenn man ſie darum bat, ſpielte ſie und ſang mit Freuden und 269 riß dann alle, die alten, ſo wie die jungen Herzen mit ſich fort. Neben dem Ruf von Berenicens Perſönlichkeit hatte ſich aber auch der, daß ſie eine reiche Erbin ſei, ver⸗ breitet, und die Zahl der jungen Männer, die um ihre Gunſt warben, wuchs von Tag zu Tag. Mit einer Art von Eiferſucht, wie wenn man ihm den Beſitz eines koſtbaren Kleinods ſtreitig mache, bemerkte Ralph die Bemühungen der Freier, und daß Berenice ſie ſämmtlich mit vollkommen gleicher Artig⸗ keit fern von ſich hielt, erregte in ihm ein triumphi⸗ rendes Gefühl. So zahlreich Ralph's Haus aber auch beſucht wurde, ſo vermißte er doch gerade die angeſehenſten, die geachtetſten Familien der Umgegend unter ſeinen Gäſten, und zwar um ſo empfindlicher, da dieſe Leute Alles aufboten, Berenice und ihre Mutter bei ſich zu ſehen, keine Gelegenheit verſäumten, auswärts mit denſelben zuſammenzutreffen und ſie mit Herzlichkeit und Freundlichkeit zu überhäufen. Mit Ralph aber wollten ſie nicht verkehren. Trotz ſeines großen Vermögens war er allgemein verachtet und Jedermann begegnete ihm mit einer gewiſſen Scheu. Sein Raub an den unglücklichen Indianern war allgemein bekannt, den Mord an Lacoſte legte man ihm zur Laſt, ſein dreifacher Verdienſt an Milroy war ——————— — ruchbar geworden und über Soublett's Tod raunte man ſich Allerlei in Verbindung mit Ralph's Namen in die Ohren. Tauſend große und kleine Verbrechen laſteten auf ihm, ohne daß er jemals wegen eines derſelben vor Gericht geſtellt worden wäre. Dem⸗ ohngeachtet verſchaffte ihm ſein ungeheueres Vermögen ſehr bedeutenden Einfluß unter dem Volke, den Viele der Beſucher ſeines Hauſes zu berückſichtigen hatten, und dann gab es auch eine große Zahl Derer, die ihn fürchteten und es vorzogen, mit ihm auf gutem Fuß zu bleiben. Ralph wußte dies Alles recht gut, und deshalb war ihm Berenicens Zauber, mit dem ſie Freund und Feind, Alt und Jung in ſein Haus zog, ſo ſehr willkommen. Er hatte in dieſem Winter häufig glänzende Ge⸗ ſellſchaften und Bälle in ſeinem Haus gegeben, wozu die Gäſte von weit und breit, ſelbſt von Tallahaſſee, hergekommen waren, und viele ſeiner reichen Nachbarn hatten Berenice und ihrer Mutter zu Liebe ähnliche Feſtlichkeiten veranſtaltet. Eine prächtige, dicht verſchloſſene Kutſche, von einigen Reitknechten begleitet, trug bei ſolchen Ge⸗ legenheiten die beiden Familien Norwood zuſammen nach dem Ort, wohin ſie eingeladen waren und führte ſie oftmals erſt mit dem Grauen des Tages wieder in ihre eigene Behauſung zurück. Warme Tücher, b 2* 271 Mäntel und Decken ſchützten die Damen dabei gegen Erkältung, und gewöhnlich wurde die Zeit während der Nachhauſefahrt ſchlafend, wenigſtens ſchweigend hingebracht. Auf einen der letzten Tage im Februar war auch wieder bei Norwvods eine Einladung zu einem Ball eingetroffen und zwar von einer der geachtetſten Fa⸗ milien Floridas, der des hohen Richters Tresecott. Es war das Erſtemal, daß dieſer Mann ſich entſchloß, Ralph eine Einladung in ſeine Familie zuzuſenden, obgleich Dieſer ſich alle erdenkliche Mühe gegeben hatte, ihn dazu zu veranlaſſen. Ralph hatte während dieſes Winters nicht eine große Geſellſchaft gegeben, ohne Trescott und deſſen Familie dazu zu bitten, ohngeachtet dieſelben ſich ſtets entſchuldigt und niemals einen Dankbeſuch bei ihm gemacht hatten. Abgeſehen davon, daß Ralph nach dem Umgang mit Tresecott ſtrebte, weil derſelbe in der allgemeinen Achtung ſo hoch ſtand, ſo ſah er darum noch ein ganz beſonderes Intereſſe in der Befreundung mit dieſem Manne, weil er hoher Richter war und bei unzähligen Proceſſen, in die Ralph fortwährend verwickelt war, nach ſeiner Anſicht ihm von großem Nutzen oder Nachtheil ſein konnte. Die Einladung war mehrere Tage vor dem zum Balle beſtimmten abgegeben worden und Ralph hatte 272 ſehr erfreut die feſte Zuſicherung gegeben, daß er und die Seinigen derſelben mit Vergnügen folgen würden. Trescotts Wohnſitz lag vier Meilen von Norwoods Haus entfernt und der Weg war zum großen Theil noch neu und roh, ſo daß er ſelbſt bei ganz trockenem Wetter kaum mit einer Kutſche befahren werden konnte. Heftige Regengüſſe hatten denſelben aber in den letzten Tagen grundlos gemacht und mehrere kleine Gewäſſer, durch die er führte, ſo ſehr angeſchwellt, daß keine Möglichkeit vorhanden war, denſelben im Wagen zu paſſiren. Der Tag des Feſtes war ein ſtürmiſcher, kalter Regentag und Elviſe, ſowie Bereniee erklärten, daß ſie auf den Ball verzichten müßten, wenn ſie ſich nicht in der Kutſche zu Trescotts Wohnung begeben könnten. Ralph erwiederte, daß man den Weg be⸗ quem in einer guten halben Stunde zu Pferde zurück lege, daß ja den meiſten Gäſten kein anderes Mittel zu Gebote ſtehe, und daß Tresecotts ſicher ein Zimmer bereit halten würden, wo die Damen ihre Toilette machen könnten. Elviſe brachte Einwendungen vor, wies namentlich auf den Heimweg hin, der Berenicen Nachtheil für ihre Geſundheit bringen könne, doch Ralph wollte von keinen Entſchuldigungen etwas wiſſen ünd beſtand unwiderruflich darauf, daß man zum Balle reiten ſolle. Dieſem ſeinem ſo feſten Beſchluß wagte Niemand ſich zu widerſetzen, die Balltvilette wurde ſorgfältig 273 eingepackt, damit ſie Eva mit ſich auf ihr Pferd nehme und warme Kleider wurden für den Ritt hervorgeſucht. Der Tag neigte ſich, als die Pferde vor dem Hauſe erſchienen und ſämmtliche Mitglieder der Norwood'ſchen Familie dieſelben beſtiegen. Der Sattel Evas ward mit großen Schachteln behangen, ihr ſelbſt ein wohl⸗ verwahrtes Packet in die Arme gegeben und nun ſetzte ſich der Zug, von zwei Reitknechten gefolgt, in Be⸗ wegung. Letztere trugen große Bündel mit Kienholz⸗ ſpänen, welche auf dem Rückweg als Fackeln dienen ſollten. Der Wind war ſtärker und kälter geworden und trieb den feinen Regen ſeitwärts hinter den Reiſenden her, die ſich dicht in ihre Mäntel und Kapuzen hüll⸗ ten und ihre Pferde antrieben, den Ritt ſo ſchnell als möglich zu beenden. Nachdem ſie den halben Weg zurückgelegt, hatten ſie ein Waſſer zu durchreiten, welches ſehr angeſchwollen war und den Roſſen, denen es bis unter den Leib reichte, den Durchgang be⸗ ſchwerlich machte. Doch ohne Unfall erklommen dieſe mit ihren Bürden das jenſeitige Ufer und Norwoods langten bald nachher wohlbehalten, wenn auch ſehr durchkältet, bei Trescotts an. Im Allgemeinen kannte man auf dem Lande teine andere Art zu reiſen, als die zu Pferd, weshalb auch heute ſämmtliche Ballgäſte in dieſer Weiſe erſchienen. Die nöthige Bequemlichkeit zum Ordnen der Loilette Ralph Norwood. MV. 18 274 wurde den Damen in verſchiedenen Zimmern geboten und Madame Tresecott nebſt ihren Tbchtern thaten Alles, Berenicen und ihrer Mutter dabei behülflich zu ſein, um denſelben ihren Dank für deren Kommen bei ſo ſtürmiſchem Wetter zu erkennen zu geben. Bald füllte ſich der Tanzſaal, die Violine eines Negers erklang und die Tänzer und Tänzerinnen hör⸗ ten in ihrer Heiterkeit nicht mehr den heftigen Wind, der durch die geſchloſſenen Jalvuſien der Fenſter pfiff. Es wurde bald ſo warm in den Zimmern, daß man die Kaminfeuer auslöſchen und die Thüren öffnen mußte, denn manche der Tänzerinnen ſah man die brennende Wange gegen die kalte Scheibe eines Fen⸗ ſters lehnen, um ſich zu kühlen. Berenice war der Brennpunkt, um den ſich Alles bewegte. Die Abneigung, mit der ſie hierher geritten war, hatte ſie kein Vergnügen erwarten laſſen, wes⸗ halb ihre Heiterkeit ſich um ſo höher ſteigerte, als ſie viele liebe Freundinnen um ſich verſammelt fand, und Jedermann ſeine Freude darüber äußerte, daß ſie ſich durch das Wetter nicht hatte abhalten laſſen, den Ball mit ihrer Gegenwart zu krönen. Obgleich ihre Toilette auch in Folge der Nothwendigkeit ſehr einfach war, ſo überſtrahlte ſie doch alle ihre vielen hier verſam⸗ melten ſchönen Schweſtern, und mit einer wahren Seligkeit hing der Blick Eloiſens an dem zauberiſch ſchönen Kinde, auf deſſen Wangen ein glühendes In⸗ 275 carnat die reichſte Fülle von Geſundheit und Lebens⸗ kraft verkündete. Die beſondere Aufmerkſamkeit und Verehrung, die Berenicen von allen Seiten gezollt wurde, hatte ſie ſo freudig aufgeregt, daß der ſinnende Ernſt und die Ruhe, die ſie gewöhnlich umgab, von ihren ſchönen Zügen ganz verſcheucht wurde. Freudeſtrahlend glänzten ihre großen Augen wie ſchwarze Diamanten und die Lichter des Saales ſchienen vor ihrem Feuer zu ver⸗ bleichen. Ralph ſah mit Entzücken, wie Alt und Jung ſich zu Berenicen drängte, um ein Wort, einen Blick von ihr zu erlangen, und ſeinem Ehrgeiz ward nicht wenig geſchmeichelt, als er die lange Unterredung beobachtete, die der Richter Trescott ſelbſt, wie es ſchien in höch⸗ ſter Begeiſterung, mit ihr pflog. Kaum hatte dieſer allgemein hochgeehrte Mann Berenice verlaſſen, ſo trat Ralph zu ihm hin, um deſſen Stimmung für ſich ſelbſt zu benutzen, und wo⸗ möglich einen Theil der Sympathie Trescotts für ſeine Tochter auf ſich übertragen zu laſſen. Es herrſchte eine ſo allgemein glückliche Stim⸗ mung, daß Niemand an die Zeit dachte und es war längſt Mitternacht vorüber, ehe ſich Stimmen zum Aufbruch erhoben. In den warmen Garderobezinmern wurden nun ſchnell die Ballkleider gegen ſolidere Anzüge vertauſcht, 186 276 die Pferde wurden beſtiegen, die Fackeln angezündet, und unter tauſend Begrüßungen und Wünſchen für eine glückliche Heimkehr zogen die Gäſte nach allen Richtungen hin von dannen. Norwoods ritten allein, denn außer ihnen hatte Niemand dieſen Weg einzuſchlagen. Ein Neger begab ſich mit einer hellleuchtenden Fackel vor den Zug und der andere folgte demſelben mit einem gleichen Lichte. Der Wind bließ den Heimziehenden ſehr heftig und ſchneidend kalt entgegen, ſo daß es namentlich Be⸗ renice, die bis zuletzt getanzt hatte, eiſig kalt überlief, Eva nahm die wollene Decke, die über ihren Sattel lag, hing dieſelbe ihrer jungen Herrin über die Schul⸗ tern und befeſtigte ſie mit einer großen Stecknadel vor deren Bruſt. Demohngeachtet aber fror Berenice und bat wiederholt, ſchärfer zu reiten, was nicht geſchehen konnte, indem ſonſt die Fackeln erloſchen wären, deren Flamme der Wind jeden Augenblick von dem Holz wegzublaſen drohte. Die Hälfte des Weges war zurückgelegt und der Führer hielt auf der Uferbank des ungeſtüm brauſen⸗ den Waſſers an. Ralph und Tom hatten ihn erreicht und Erſterer befahl ihm, voraus durch den Bach zu reiten. Auf dem jenſeitigen Ufer angelangt blieb er halten, um den Nachfolgenden zu leuchten. Tom ritt nun 277 ſeiner Frau voran und ihnen folgte Ralph, um Eloiſen und ihrer Tochter den Weg zu zeigen. Berenicens Pferd war das kleinſte von allen, und als es die Mitte des Stromes erreichte, faßte derſelbe es plötzlich bis über die Hälfte des Sattels, wodurch der Fuß der Reiterin in das Waſſer ſank. Mit einem Schrei zuckte Berenice denſelben in die Höhe, bekam das Uebergewicht nach hinten und ſtürzte in die Fluth. Die große wollene Decke, in welche ſie gehüllt war, verhinderte ſie, ſich gleich zu erheben und der Strom nahm ſie mit ſich fort. Schreck und Entſetzen ergriff die Andern ſo ſehr, daß ſie in dem erſten Augenblick wie erſtarrt waren, nur Eva, die hinter ihrer jungen Herrin ritt, flog von ihrem Pferde faſt ehe jene in dem Waſſer verſank und ward mit ihr von dem Strome fortgeriſſen. Die Selavin aber ergriff die wollene Decke mit der einen Hand und ſtreckte die andere nach dem Ufer aus, bis ſie einen Buſch faßte und ſich und zugleich ihre junge Gebieterin an das Land zog. In dieſer Zeit war Ralph durch das Waſſer geſprungen, kam Eva zu Hülfe und Berenice ward halb ohnmächtig auf das Trockene gebracht. Weinend und jammernd ſchloß Eloiſe die Tochter in ihre Arme, bis dieſelbe ſelbſt ihr Wehklagen hörte und ſich ermannte, um ihrer Mutter Leid zu ver⸗ 278 ſcheuchen. Berenice ſcherzte und verſuchte zu lachen, obſchon ihr war, als ob der Tod ſie berührt habe. „Es iſt gar Nichts, liebe, gute Mutter, ein kaltes Bad wird Deinem ſtarken Mädchen ja nichts ſchaden,“ ſagte ſie mit Anſtrengung und bebenden Lippen und bat dann, ſie auf ihr Pferd zu heben, um ſchnellmög⸗ lichſt nach Hauſe zu kommen. Von hier aus begann der beſſere Theil des Weges und kaum hatte Berenice den Sitz in ihrem Sattel gewonnen, als ſie davon jagte und Eva gleichfalls bei dem Fackelträger vorüber ihr nachſprengte. Nur we⸗ nige hundert Schritt aber hatten ſie zurückgelegt, als Ralph ſie einholte und Berenice beſchwur, langſam zu reiten, ehe ihr noch ein zweites Unglück zuſtieße. Dieſe aber gab ihm keine Antwort, preßte ihre durch⸗ näßte eiskalte Kleidung feſter um ihren zitternden Körper und hielt ſich mit einer Hand an dem Knopf des Sattels, während ſie mit der andern an den Zü⸗ geln zuckte, um das Pferd ſchneller gegen den Sturm anzutreiben. Das Gewölk hatte ſich gebrochen, auch war es heller geworden, ſo daß man den Weg erkennen konnte, dennoch verdankte es Berenice nur der Güte ihres Pferdes, daß ſie glücklich ihre Wohnung erreichte; denn von Führung des Thieres war bei ihr keine Rede, ſie bedurfte aller ihrer Kräfte, um ſich nur in dem Sattel zu erhalten. 279 Ralph hob ſie von ihrem Roß, dann aber ſchlang ſie ihren Arm um Eva und ließ ſich durch dieſe in ihr Zimmer führen. Schnell wurden ihre Kleider ge⸗ wechſelt, die Selavin brachte ſie zu Bett, und dann erſchien ihre verzweifelnde Mutter, um ſie zu pflegen und an ihrem Lager zu weinen. Ralph betrat niemals die Gemächer Elviſens, noch die ihrer Tochter und machte auch heute keine Aus⸗ nahme hiervon; er ſchickte aber von Zeit zu Zeit eine Selavin dorthin ab, um zu hören, wie Berenice ſich befände. Dieſe war bald in Schlaf geſunken, während ihre Mutter an der einen Seite ihres, in der Mitte der Stube ſtehenden Bettes auf einem Stuhl ſaß, Eva aber auf der andern Seite ſtand und Beide ihre be⸗ ſorgten Blicke auf das jetzt mit brennendem Purpur überflogene ſchöne Geſicht der Schlummernden hefteten. So wachten ſie über jeden Athemzug, über jede, auch die leiſeſte Bewegung derſelben, bis der Tag durch die Fenſter drang und die Ruhe, deren Berenice noch immer ungeſtört genoß, die bangen Sorgen der beiden Wachenden mehr und mehr beſeitigte. Elviſe legte ſich nun, von Müdigkeit überwältigt, auf das Sopha nieder, um eine Stunde zu ruhen, während Eva für dieſe Zeit es übernahm allein zu wachen. Erſt kurz vor Mittag ſchlug Berenice die Augen wieder auf und fühlte ſich durch den langen „ — 280 feſten Schlaf ſehr erquickt, ſo daß ihre Mutter, als ſie deren heiterem Blick begegnete, unter Freudenthränen zu ihr auf das Lager ſank und ſie an ihr Herz drückte. Berenice erhob ſich nun, machte Morgentvilette und als Eva die Locken ihrer jungen Herrin in Flechten einzwängte, kam ihre Mutter mit einer prächtigen rothen Roſe in der Hand in das Zimmer, fügte dieſelbe in das glänzende Haar ihrer Tochter und küßte dieſe in ihrer Freude auf Stirn und Mund. Der Unfall von vergangener Nacht ſchien keine böſen Folgen haben zu wollen, denn Bereniee befand ſich vollkommen wohl und heiter, ihrer Mutter zu Ge⸗ fallen verließ ſie aber heute das Zimmer nicht, ob⸗ gleich der Himmel ſich aufgeklärt hatte und die Sonne warm und freundlich ſchien. Am darauf folgenden Tag jedoch war ſie ſehr heiſer, hatte Kopfweh und fühlte ſich matt und müde. Sie hatte keine Luſt, etwas zu eſſen, und als der Abend kam klagte ſie über große Hitze und Brennen in den Händen. In der Nacht überfiel ſie hef⸗ tiges Fieber, am folgenden Morgen frühzeitig wurde ein Arzt herbei geholt, deſſen Bemühungen es aber nicht gelang, daſſelbe zu beſchwichtigen, noch weniger den Schmerz zu lindern, der ſich in Berenicens Bruſt beim Athmen eingeſtellt hatte. 281 Elviſe war troſtlos und Eva theilte ihren Schmerz. Beide verließen weder Tag noch Nacht das Kranken⸗ bett und eine Woche war bereits verſtrichen, ehe das Fieber ſeine Macht verlor, wenigſtens blieb es nun nicht mehr ſo gleichmäßig heftig und anhaltend. Es verſtärkte ſich nur gegen Abend und verließ die Kranke während des Morgens gänzlich. Mit inbrünſtigem Dankgebet zu Gott ſah Elviſe die Beſſerung ihrer Tochter fortſchreiten, bald ſchien die Krankheit ganz gehoben, und Berenice konnte das Bett wieder verlaſſen, obgleich ſie ſich noch ſehr ſchwach fühlte und der Schmerz in ihrer Bruſt noch nicht ver⸗ ſchwunden war. Der Arzt erblickte darin jedoch gar keine Gefahr und ſah in dem Huſten, der ſich bei der Reconvalescentin eingeſtellt hatte, kein böſes Zeichen. Elviſe lieh dieſen tröſtenden Worten nur zu gern ihr Ohr und gab ſich der Hoffnung hin, ihr ſo innig geliebtes Kind, ihre Freundin, bald wieder in ihrer früheren Geſundheitsfülle zu ſehen. Die Nachricht von dem Unfall, der Berenicen be⸗ gegnet war, ſo wie von der darauf folgenden Krank⸗ heit verbreitete ſich durch das Land und die vielen Er⸗ kundigungen, die von allen Seiten her über ihr Be⸗ finden eingezogen wurden, bezeugten den großen An⸗ theil, den man an ihr nahm. Wiederholt hatten ihre Bekanntinnen, ja auch ihre näheren Freundinnen, wenn ſie ſelbſt gekommen waren, um zu hören, wie — 282 es ihr gehe, ſich wieder entfernen müſſen, ohne Bere⸗ nice geſehen zu haben, denn Elviſe war zu ſehr be⸗ ſorgt, die Aufregung, die ein Beſuch bei Jener er⸗ zeugen mögte, könne nachtheilig auf ſie wirken. Jetzt aber ließ ſie die Freundinnen zu ihrer Tochter ein und ſelten verſtrich eine Stunde des Tages, wo dieſe ſich allein befunden hätte. Insbeſondere theilnehmend zeigte ſich die Familie Trescott, die, wenn auch ohne ihre Schuld, die Ver⸗ anlaſſung zu dem Unfall gegeben hatte und auch der Richter ſelbſt verſäumte es nicht, Bereniecen ſeinen Beſuch abzuſtatten. Bis jetzt war dieſe noch nicht wieder in dem Sa⸗ lon erſchienen, weshalb die vielen Gäſte, welche ſonſt regelmäßig Ralph's Haus Abends beſucht hatten, ſich nicht mehr einfanden und dieſem die Gelegenheit da⸗ durch entging, den Einen oder Andern derſelben bei ſich im Hauſe zu ſprechen, woran ihm zuweilen ſehr gelegen war. Er hatte ſchon wiederholt bei Tiſch den Wunſch geäußert, Berenice möge Abends wieder in den Saal kommen, denn ſie ſei ja vollkommen herge⸗ ſtellt und ihr Aufenthalt dort könne ihr in keiner Weiſe Nachtheil bringen; ob ſie mit ihren Freun⸗ dinnen in ihrem eigenen Zimmer ſich unterhalte, oder ob dies in jenem geſchehe, wäre wohl einerlei. Elviſe hatte es aber immer noch durch mancherlei Entſchul⸗ digungen zu verhindern und aufzuſchieben gewußt, bis 283 endlich Ralph auf Berenicens Erſcheinen beſtand, und verkündete, daß an dieſem Abend ſich viele Gäſte ein⸗ ſtellen würden, die ihr zu ihrer Wiedergeneſung Glück wünſchen wollten. Sein Wille mußte befolgt werden, und Berenice erſchien Abends, wie früher, in reichem Gewand und geſchmückt in der zahlreichen Geſellſchaft, die ſich in dem Saal eingefunden hatte. Das ſchöne Roth war aber von ihren Wangen gewichen und auf ihrer ganzen, zauberiſch reizenden Erſcheinung lag ein leidender Ausdruck. Die herzliche, aufrichtige Theilnahme und Freude, womit man ſie empfing, ließ ſie jedoch bald das un⸗ beſtimmte Gefühl von Unwohlſein vergeſſen und weckte wieder ihre frühere Heiterkeit; ihre Unterhaltung wurde immer lebendiger, ſie ſcherzte hier, lächelte dort und gab endlich den vielen Bitten der Gäſte und Ralph's nach, zu fingen, obgleich Elviſe Einwendun⸗ gen dagegen machte. Ralph ſelbſt hob den Ueberzug von der reichen, prächtig vergoldeten Harfe und trug ſie vor den ſammetnen Seſſel, auf dem Berenice ſaß. Wie eine Erſcheinung aus einer ſchönern Welt, hielt dieſe die Harfe einige Augenblicke in ihrem blendend weißen Arm und neigte ſinnend ihr ſchwarz⸗ umlocktes Haupt, dann ließ ſie ihre Alabaſterfinger leicht über die Saiten gleiten, als frage ſie dieſelben 284 um Rath, was ſie ſingen ſolle, und leiſe, ſchwer⸗ müthige Accorde waren deren Antwort. Sie wogten ſtärker, ſie wurden voller und mächtiger, ſie verbanden ſich zu einer ſüßen, melodiſchen Weiſe, und jetzt er⸗ klang Berenicens wunderbar reine Stimme im Geſang. Die Saiten rauſchten gewaltiger und ſtürmiſcher, feu⸗ riger und leidenſchaftlicher ertönte das Lied, die Augen der ſchönen Sängerin ſtrahlten wie Gluth erſter Liebe, die ſie beſang, ein tiefer Sturmaccord ſchallte plötzlich durch den Saal, mit lautem, gellendem Pfiff ſprang eine Saite und Berenice ſank kraftlos vornüber gegen das Inſtrument. Entſetzt, und wie von der Hand des Todes be⸗ rührt, ſtürzte ihre Mutter ihr zu Hülfe, richtete ſie in ihren Armen auf und Berenicens bleiches Antlitz ſank zurück gegen Elviſens Bruſt. Helles purpurrothes Blut färbte jetzt der Sängerin ſchönen Mund und die reichen Falten des weißen Atlasgewandes, welches ihre edele Geſtalt umgab, ihre Augen waren halb geſchloſſen und ihre Arme hingen machtlos neben ihr herab. Es war ein Blut⸗ gefäß in Berenicens Bruſt geſprungen. Die Verzweiflung ihrer Mutter war herzzerreißend, bebend und zitternd hielt dieſelbe ihre Tochter in ihren Armen und küßte das warme Blut von deren bleichen Lippen, als Ralph ihr behülflich ſein wollte, Berenice nach ihrem Zimmer zu tragen; doch Elviſe — 285 wies ihn ſchaudernd und mit einem furchtbaren Blick von derſelben zurück, da ſie in ihm den Mörder ihres Kindes vor ſich ſah. Eva war herbeigeeilt, hob ihre junge Herrin auf ihre kräftigen ſchwarzen Arme und trug ſie, von der weinenden Mutter begleitet, nach ihrem Gemach. Ralph war ſehr ergriffen; nie in ſeinem Leben hatte ihm ein drohender Verluſt ſo groß geſchienen, als der augenblickliche; er rief Tom an und bat ihn, zu dem Arzt zu jagen, doch derſelbe lehnte es ab, weil die Nacht zu dunkel ſei. Ralph ſtürzte aus dem Hauſe, ſchrie den Negern zu, ihm ſein Pferd zu bringen und nach wenigen Minuten ſaß er ſelbſt auf deſſen Rücken und ſtob auf der Straße dahin, daß die Funken unter den Hufen des flüchtigen Roſſes ſprühten. Die Verwirrung in Ralph's Haus war groß; die Gäſte ſuchten in ihrer Beſtürzung nach ihren Mänteln und Hüten, begaben ſich zu ihren, unweit des Hauſes angebundenen Pferden und ritten von dannen; nur die Familie Tresecott blieb zurück, um vor ihrem Ab⸗ ſchied Gewißheit über Berenicens Schickſal zu erlangen. Dieſe lag regungslos, ohne Lebenszeichen, auf ihrem Lager; Elviſe hatte ſich ſchluchzend und weinend zu ihr niedergeworfen und preßte ihre Lippen bald auf die kalte Stirn, bald auf die ſchneeige Hand der 286 Tochter, während Eva neben dem Bett ſtand und ihre Thränen in ihren Händen verbarg. Das Leben ſiegte in dem Kampfe mit dem Tode und Berenice athmete wieder. Ein Hoffnungsſtrahl erhellte die finſtere Nacht, die Elviſens Seele umgab, mit Bangen und Zagen hingen ihre Blicke an der ſchwachen Bewegung, mit der ſich die Bruſt der theuern Todtgeglaubten wieder hob, und zitternd hielt ſie deren Arm in ihren Händen, um den ſich wieder belebenden Pulsſchlag zu überwachen. So war eine Stunde verſtrichen, als plötzlich die Hufſchläge eines heranjagenden Pferdes vor dem Hauſe erſchallten und wenige Augenblicke ſpäter der Arzt in das Zimmer trat. Ralph hatte denſelben in deſſen Wohnung angetroffen, ihn ſofort ſeinen eigenen Renner beſteigen laſſen, um hierher zu eilen, und wollte auf des Doctors Pony nachkommen. Der Arzt war augenſcheinlich ſehr beunruhigt, als er Berenice erblickte und ihren kaum fühlbaren Puls unterſuchte. Aus der mitgebrachten Satteltaſche reichte er ihr Medizin, er befeuchtete ihre Stirn und ihre Schläfe mit belebenden Eſſenzen, ließ ihr verſchiedene kalte Umſchläge machen und ihre Füße erwärmen. Nur ſehr langſam kehrte die Lebenskraft in Berenice wieder und erſt gegen Morgen begegnete ihr matter Blick ihrer theuern geängſtigten Mutter. Der Arzt unterſagte der Kranken zu reden oder 287 ſich zu bewegen, und kaum hatte dieſelbe Kraft genug, ihre Hand zu erheben und ſie Elviſen hinzureichen, die ſie mit Küſſen und Thränen bedeckte. Ralph war in der Nacht zurückgekehrt und ſandte von Viertelſtunde zu Viertelſtunde eine Dienerin in das Krankenzimmer, um zu hören, ob Berenice ſich erhole, und als der Arzt zu der Frühſtückszeit in den Speiſeſaal trat, beſtürmte er ihn mit Fragen über den Zuſtand der Leidenden. Der Doetor erklärte denſelben für ſehr bedenklich und rieth, wenn Bereniee ſich wieder erholen ſollte, ſie ſobald als möglich nach den weſtlichen Prairien zu bringen, da die hier mit verweſten vegetabiliſchen Stoffen geſchwängerte Luft ihrer Krankheit Nahrung geben und ihrem Leben ſicher ein frühes Ende be⸗ reiten werde. Der Rath des Arztes blitzte wie ein Sonnenſtrahl durch Ralph's Seele. Die Verachtung, die, wie er wohl fühlte, hier auf ihm laſtete, hatte er bis jetzt nur durch ſein großes Vermögen und durch die Zau⸗ bergewalt Berenicens bekämpft. Dieſe letztere mächtige Waffe war er auf dem Punkte zu verlieren, und ohne ſie, das wußte er nur zu gut, würde die beſſere Klaſſe ſeiner Mitbürger ſich wieder von ihm abwenden. Dort in den reichen Ländern des Weſtens war ſein vergangenes Leben unbekannt, ſein Geld mußte ihn dort, wo im Allgemeinen noch wenig Reichthum 288 vorhanden war, zum bedeutend hervorragenden Manne machen, dort war auch Hoffnung vorhanden, ſich Bereniecen zu erhalten, die ſein Anſehen noch erhöhen würde, und außerdem konnte er dort mit ſeinem Ver⸗ mögen ungemeſſene Schätze erwerben. Er beſchloß, auszuwandern. Berenice erholte ſich nach und nach wieder ſoweit, daß ſie bei gutem Wetter das Haus verlaſſen konnte. Abends, wenn die Sonne ihre Gewalt verlor, beſtieg ſie auch wieder ihr ſchönes, ſanftgehendes Pferd und beſuchte in Begleitung ihrer Mutter und der treuen Eva ihre Freundinnen in der Nachbarſchaft, oder dieſe verbrachten die Abende bei ihr, wo ſie dann zuſammen wandelnd die Schatten des herrlichen Gartens und nahen Waldes aufſuchten. Die Harfe und das Piano ertönten nicht mehr, deren Klang griff erſchütternd in das Nervenleben der Kranken ein und ſtimmte ſie traurig und ſchläfrig. Der Verluſt voller Geſundheit drückte ſchwer auf den früher ſo lebenskräftigen Geiſt Bereniecens, traurig und niedergeſchlagen erblickte ſie ihre bleichen, einge⸗ fallenen Wangen im Spiegel, und ihre Zukunft, die ihr früher immer als eine unabſehbare Kette von Freude und Glück erſchienen war, kam ihr jetzt ab⸗ gemeſſen und ernſt vor. Unwillkürlich richteten ſich ihre ſtillen Vorwürfe gegen Ralph, deſſen Eigenliebe und Eigennutz die Urſache zu ihrem unerſetzlichen . 8 289 Verluſt, dem Untergang ihres ganzen Lebensglücks, geweſen war, und die vertraulichen Mittheilungen über vergangene Zeiten, die Eva ihr in gleichem Ge⸗ fühl der Abneigung gegen Jenen machte, entfernten ſie täglich mehr von demſelben. Ralph veranlaßte den Arzt, ſeiner Gattin die Anſicht mitzutheilen, daß nur eine Ueberſiedelung nach dem Weſten Rettung für Berenice bringen könne, während er im Stillen ſchon alle Vörbereitungen dazu machte. Elviſe drang nun bald ſelbſt auf baldigſte Aus⸗ wanderung, da ſie jetzt in jedem Athemzug ihres ge⸗ liebten Kindes Gefahr für deſſen Leben befürchtete. Die Einwanderung in das nun von den Wilden geſäuberte, ſchöne Florida nahm von Tag zu Tag zu und Ralph wurde vielfache Gelegenheit geboten, ſeine herrlichen Beſitzungen hier unter ſehr günſtigen Be⸗ dingungen zu veräußern. Während nun Anſtalten zur Auswanderung gemacht wurden, ließ Elviſe die be⸗ deutendſten Aerzte aus Florida, Alabama und Georgien zu ihrer Tochter kommen, doch umſonſt, Berenicens Geſundheitszuſtand blieb derſelbe. c — ——