Cdnard ien in Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſpr rechende Summe vinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 46 Bücher: 6 Bücher: ———.——— u Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Wt. 50 it 2 Mk.— Pf. „ 3 5 ii Abonnenten“ haben für Hin⸗ und Zurückſendung der ie auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bucher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder deferte Buch ein Theil eines größeren Wertes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 Leiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Valph Morwooſ. Von Armand. Der Perfuſſet behall ſich das Recht der Ueberſetzung vor. Dritter Band. Hannover. Ca R i n 1860. er Hotop) in Caſſel. * rüh = S — 5 6 * . = Inhatt. Capitel 22. Freundliche Aufnahme.— Bekenntniß.— Thä⸗ S tigkeit.— Winterlandſchaft.— Die Wiedertäufer.— Die Feuerleute.— Der Geiſtliche.— Die Taufe.— Die Verunglückte.— Volkswuth.— Die Schreckensnachricht. — Wahnſinn.— Die Feuersbrunſt.... 1 Capitel 23. Drückendes Gefühl.— Der Antrag.— Die Hochzeit.— Die Rückkehr.— Großes Glück.— Erſtaunen. Vie neue Heinh 2 Capitel 24. Unerwarteter Reichthum.— Verläumdung.— Geldgier.— Das Indianerlager.— Treuherzigkeit.— Gaſtfreundſchaft.— Die Sclaven.— Der Sohn des Hänptlings.— Der Schwur.— Der Verrath.— Die„ Zuſage.— Das Heirathsgeſuch.— Die Erklärung 353 L Capitel 25. Einſamkeit.— Schreck.— Freundſchaft.— Undank.— Häunslicher Friede.— Frohe Nachricht.— Beſchwerde.— Die ruhenden Indianer.— Der Doppel⸗ mord.— Die Vernichtung.— Der Siegesprophet 81 i3 Capitel 26. Volksdank.— Feſtanſtalten.— Entrüſtung.— Die Wahl.— Freude.— Aerger.— Unfreundlichkeit.— Das Auswandererſchiff.— Land.— Feiertag.— Der Kaper.— Entern.— Maſſacre.— Der Gerettete. 110 Capitel 27. Das Kriegsſchiff.— Das Raubſchiff.— Eilige Flucht.— Die Klippen.— Zuſammenſtoß.— Gefecht.— Die Pulverkammer.— Der Sieg.— Der Commodore. — Botſchaft.— Der Bericht.— Jubel.— Die Beſich⸗ tigung ie Seerter 140 Capitel 28. Das Gericht.— Sympathie.— Der Bekehrte. 6— Die Menagerie.— Hinrichtung.— Der Volksfreund. — Feſtlicher Empfang.— Begeiſterung.— Der Feſtzug. — Bangquet,— Triumphzug.— Der Sohn.— Die Groß⸗ tter 163 —— Seit Capitel 29. Verſchwendung— Nachläſſigkeit.— Betrunken⸗ heit.— Entſetzen.— Gemeinheit.— Das brave Pferd. — Hülfe.— Vater.— Verſöhnung.— Das Gaſthaus. — Vertilgungskrieg.— Die Truppenſendung.— Beſorg⸗ 8 — Capitel 30. Der Kutſcher.— Die Mittheilung— Der Fremde.— Zerrüttetes Vermögen.— Die Begegnung.— Muſik.— Beſtürzung.— Der Diebſtahl.— Der Kranke. — Der vermißte Schmuck.— Gefühlloſigkeit.— Roh⸗ heit.— Entſchloſſenheit.— Kurzer Abſchied.— Pflege. 223 Capitel 31. Große Berathung.— Der Indianeragent.— Geneſung.— Dank.— Das Schreiben.— Entdeckung. — Verachtung.— Der Vergleich.— Mißliche Lage.— — Capitel 22. 3 Freundliche Aufnahme.— Bekenntniß.— Thätigkeit.— Winterlandſchaft.— Die Wiedertäufer.— Die Feuerleute— Der Geiſtliche.— Die Taufe.— Die Verunglückte.— Volkswuth.— Bie Schreckensnachricht.— Wahnſinn. — Die Feuersbrunſt. An einem heitern, warmen Nachmittag, wie ſie der Winter in dieſen ſüdlichen Ländern ſo wohlthuend und lieblich bietet, ſaßen die alten Arnolds traulich unter der Veranda vor ihrem Hauſe und freuten ſich über den Inhalt eines Briefes von ihrem glücklichen Sohne, den ſie heute durch die Poſt erhalten hatten und in welchem Jener ihnen anzeigte, daß er mit ſſeiner jungen Frau noch ſo lange bei deren Vater in Baltimore verweilen wolle, bis der Froſt nachgelaſſen haben würde. „Mir wird doch, aufrichtig geſagt, die Zeit nach⸗ gerade lang. Frank könnte nun wohl etwas früher nach Hauſe kommen,“ ſagte Arnold, indem er ſeine Pfeife ſtopfte. „Nun ſehe mir einmal Einer den Alten an. Ihr Männer wollt uns Weibern Ungeduld und Neugierde vorwerfen, und nun wird dem alten Herrn ſelbſt die Zeit zu lang. Du machſt Deiner Frau Gemahlin gar Ralph Norwood. M. 1 kein ſchönes Compliment damit, Herr Arnold,“ er⸗ wiederte die Frau ſcherzend und ſetzte ihre beiden Arme in die Seiten. „Du biſt ein einziges Weib,“ ſagte der Alte herz⸗ lich auflachend, indem er ſeine Frau anſchaute,„Du machſt Einen lachen, man mag wollen oder nicht.“ „Laß Du den Jungen ganz ruhig noch ſo lange in Baltimore, wie er Luſt hat, Vater, dort ſieht er Et⸗ was von der großen Welt. Du haſt es doch geleſen, was für Bekanntſchaften er dort gemacht und daß er mit Eleanor und deren Vater nach Waſhington ge⸗ fahren iſt, wo er bei dem Präſidenten zu Mittag ge⸗ ſpeiſt hat? Die Leute in Waſhington werden wohl wiſſen, daß Frank hier ſehr angeſehen iſt und daß er Ausſicht hat, ſpäter von Georgien auch einmal zum Congreß geſandt zu werden. Wie ich Dir ſage, es iſt recht gut, wenn er den Winter noch dort oben bleibt, alte Leute, wie wir, müſſen ihre Kinder nicht immer, wie Hühner ihre Küchel, unter ihren Flügeln halten wollen, dann lernen ſie nie das Fliegen.“ „Haſt, wie immer, auch diesmal Recht, Mutter,“ ſagte Arnold lächelnd und zündete ſeine Pfeife an, dann fuhr er fort: „Was aber aus dem Ralph geworden iſt, das möchte Uch doch wirklich wiſſen. Spurlos verſchwunden— und Frank ſagt, er fürchte, daß er in böſe Geſellſchaft ge⸗ 6 — — 3 rathen. Hier ſtockte plötzlich der Alte in ſeiner Rede, dann rief er aus: „Nun, ſo wahr ich Arnolb heiße, wenn das die ſchlechte Geſellſchaft iſt!— Dort kommt der leibhaftige Ralph mit einem ſchönen Mädchen heraufgeritten!“ Hiermit ſprang der Pflanzer von ſeinem Sitz und eilte nach der Einzäunung, um für die Kommenden die Thür zu öffnen. Auch Madame Arnold ſtand auf, indem ſie vor ſich hin ſagte: „Nun, da bin ich doch wirklich begierig,“ und folgte ihrem Manne. Wenige Augenblicke nachher ſprang Ralph vor Ar⸗ nold von ſeinem Pferde, hob Elviſen von dem ihrigen, und ſtellte dieſelbe mit den Worten den alten Leuten vor: „Fräulein Elviſe Doſamantes, Tochter des Capi⸗ tains Doſamantes, der an der Küſte von Florida ge⸗ ſcheitert und von der See verſchlungen iſt. Die Tochter ſteht fremd und allein in dieſem Lande und ich habe ihr geſagt, daß Sie ſich gewiß ihrer annehmen würden, bis ſie einen Lebensplan für ſich entworfen habe.“ Elviſe hatte während Ralphs Worten ihre Blicke bittend und verzagt auf die alten Leute gerichtet, ihre Augen aber ſtrömten über, ſie ſenkte ihre ſchweren Lider und ein Thränenſtrom rollte über ihre bleichen Wangen. „Ei ja— gewiß— das Unglück hat niemals um⸗ 4 ſonſt bei uns angeklopft“, ſagte der alte Arnold er⸗ griffen und warf einen fragenden Blick auf ſeine Frau. Dieſe aber nahm Elviſens Hand, legte ihre Rechte ſanft auf deren Schulter und ſagte: „Treten Sie herein und ſeien Sie uns willkom⸗ men. Wenn wir Ihnen auch Ihren Verluſt nicht erſetzen können, ſo wollen wir doch, ſo viel es in un⸗ ſern Kräften ſteht, Ihren Schmerz zu lindern ſuchen und Ihnen eine Heimath geben, bis Sie ſelbſt eine andere wählen. Kommen Sie herein und erholen Sie ſich.“ Auch der alten Frau waren die Augen feucht ge⸗ worden und mit der wärmſten Theilnahme an Elviſens herbem Schickſal führte ſie dieſelbe in das Haus, während Arnold einem Neger auftrug, für die Pferde zu ſorgen. Ralph hatte ſich vorgenommen, dem alten Arnold zu bekennen, daß er in Baltimore durch Verführung auf Abwege gerathen ſei, und deshalb Frank plötzlich verlaſſen habe, da er vorausſetzte, daß dieſer ſeine Eltern von ſeinem Verſchwinden in Kenntniß geſetzt haben würde.— „Herr Arnold“, ſagte er zu dem Pflanzer, indem er ſeine Hand ergriff,„Sie haben ſich ſchon einmal des reuigen verirrten Sohnes Ihres alten Freundes angenommen und ihm ſeine Irrthümer verziehen, thun Sie es auch jetzt, er ſteht ebenſo ſchuldbeladen vor ——,—— 1— —. 5 Ihnen, wie damals und verſpricht Ihnen ehrlich und aufrichtig, daß er ein anderer, ein beſſerer Menſch werden will. Erlaſſen Sie es mir, Ihnen meine Fehltritte aufzuzählen, genug, wenn ich Ihnen ſage, daß ich getrunken und geſpielt hatte und mich ſchämte, Ihrem Sohn ſo ſchuldig vor die Augen zu treten. Es ſoll aber mein letztes Vergehen bleiben, das ſchwöre ich bei dem Andenken an meinen guten Vater.“ „Ralph, Ralph!“ ſagte Arnold mit einem Ausdruck ernſten Vorwurfs und ſchüttelte den Kopf,„Sie find kein Knabe mehr, dem man ſeinen Leichtſinn wieder⸗ holt vergiebt. Sie ſind ein Mann, deſſen Fehltritte ſeinen Charakter bezeichnen. Ich will Ihnen gern abermals verzeihen, hüten Sie ſich aber, daß Sie vor der Welt wieder ihren Namen beflecken, ſie wird ewig Ihr Unrecht, das Sie als Mann begehen, verkünden, und wenn Sie auch engelrein würden.“ Ralph war wirklich bewegt und das Verſprechen, ſich zu ändern, war ſein feſter, ernſtlicher Entſchluß. Nochmals gelobte er dem Alten Bekehrung und Beſſe⸗ rung an, und eröffnete ihm dann ſeine Abſicht, ſofort die Wohnung ſeines Vaters in Stand zu ſetzen und ſich dort häuslich niederzulaſſen. „Wenn Sie das wirklich thun, dann will ich an Ihre Beſſerung glauben und Ihnen ein ebenſo guter Nachbar und Freund ſein, wie ich es meinem alten guten Tom war“, erwiederte Arnold und ſchüttelte wohlgefällig und freudig die Hand des jungen Man⸗ nes. Derſelbe mußte ihm nun Näheres über das Schickſal Elviſens und die Art und Weiſe, wie er mit ihr bekannt geworden war, erzählen, wobei der Alte ihn nur mitunter mit einem Ausruf der höchſten Ent⸗ rüſtung, vder des innigſten Mitleids unterbrach. Unterdeſſen war Madame Arnold bemüht geweſen, Elviſen mit den nöthigen Kleidungsſtücken zu ver⸗ ſorgen, um ihre Tvilette herzuſtellen, und hatte dieſe Zeit benutzt, ſich gleichfalls von ihrem Mißgeſchick nähere Kenntniß zu verſchaffen, bei welcher Gelegen⸗ heit ſie wiederholt die Thränen von den Wangen des unglücklichen Mädchens küßte und ihr auf das Liebe⸗ vollſte ihre Hülfe und mütterliche Fürſorge zuſagte. Erſt bei dem Abendeſſen kamen ſie wieder Alle zu⸗ ſammen, denn Elviſe hatte Madame Arnold gebeten, ihr bei der Bereitung deſſelben behülflich ſein zu dür⸗ fen und Arnold hatte mit Ralph einen Spaziergang durch den nahen Wald gemacht, um, wie er ſagte, den Frauensleuten nicht im Wege zu ſein. Elviſe ſah beim Abendtiſch ganz anders aus, als Ralph ſie vorher geſehen hatte, ihr reiches Haar war ſchön geordnet und fiel in glänzenden Locken neben ihren zarten Wangen herab, ihre Kleidung war ſauber und nett und auf ihrem lieblichen Antlitz lag ein Ausdruck wehmüthiger Ergebenheit in ihr Schickſal. Den Abend verbrachten ſie zuſammen bei dem ———— 7 traulichen Kaminfeuer. Ralph ſprach ſeinen Entſchluß aus, ſchon am folgenden Tage mit der Ausbeſſerung ſeiner väterlichen Wohnung beginnen zu wollen, und der alte Arnold erbot ſich, ihm ſeine Neger zur Hülfe mitzugeben. Man ging zeitig zur Ruhe, die beiden alten Leute ſanken mit dem wohlthuenden Bewußtſein, ſich einer Unglücklichen angenommen zu haben, in ihren ruhigen Schlaf, Elviſe ſchlummerte mit einem Dankgebet zum Allmächtigen ein und Ralph nahm die glühendſten Hoffnungen für ſeine nächſte Zukunft mit in ſeine Träume hinüber. Nach zeitigem Frühſtück, bei deſſen Bereitung Elviſe der alten Frau abermals hülfreiche Hand geleiſtet hatte, beſtieg Ralph wirklich ſein Pferd und begab ſich mit Arnolds Negern auf ſein väterliches Erbe, wo ſie den Tag in raſtloſer Arbeit verbrachten. Die Veranda vor dem Hauſe wurde niedergeriſſen und neu aufgebaut, es wurden Holzſchindeln angefertigt, um dieſelbe, ſo wie auch das Dach des Gebäudes, neu zu decken, und es wurde Holz geſpalten, um die verfallene Einzäunung wieder herzuſtellen. Spät Abends erſt kehrten ſie zu Arnold zurück und Ralph fühlte ſich glücklich, eine neue Lebensbahn begonnen zu haben. Bei dem Kamin⸗ feuer erzählte er dem Alten, was er Alles mit den Negern vollbracht habe, bezeichnete ihm ſeine Pläne, welche Ausbeſſerungen er vornehmen wolle und empfing dagegen Arnolds Anſichten und Rathſchläge. So zog er Tag für Tag an die Arbeit, um ſich einen feſten, dauernden Wohnſitz zu gründen und begab ſich, wenn die Sonne ſich neigte, in größter Eile zu ſeinen Freunden zurück, um keine Minute zu ver⸗ lieren, die er in der Nähe der ſchönen Elviſe zubringen könnte. Während nun die Wälder und Fluren Florida's ſich von der ſengenden Gluth des Sommers erholten, die Pflanzenwelt ſich mit friſchem, ſaftigem Laub be⸗ deckte und Berg und Thal ſich mit neuen Blumen ſchmückten, lag eine ſtarre Schneedecke über der Gegend um Baltimore und die Bay von der Stadt aus bis nach Annapolis, dem Sitz der Regierung von Mary⸗ land, war mit einer ununterbrochenen Eisfläche über⸗ zogen. Die Sonne ſchien heiter vom wolkenloſen Himmel herab auf den glänzenden Eisſpiegel, auf die ſchneebedeckte Stadt mit ihren Thürmen, Kuppeln und Monumenten, und auf die bewaldete Schneelandſchaft, die wie ein Amphitheater im Halbzirkel hinter der⸗ ſelben aufſtieg. Es war ein herrlicher Morgen, die Straßen der Stadt waren von geſchäftigen, ſo wie auch von ſpazie⸗ . ————— 9 renden Fußgängern belebt, koſtbare Karroſſen rollten geräuſchlos durch die ſchneebedeckte Marketſtraße, präch⸗ tige Schlitten mit geputzten und in reiche Pelze ein⸗ gehüllten Damen ſchoſſen unter hellem Glockengeläute und lautem Peitſchenknall an einander vorüber, und ein großer Theil der Bewegung ſchien ſich mehr nach dem weſtlichen Theile der Stadt und namentlich nach der Straße hin zu richten, die nach Springgarden führt, dem weiten Baſſin, welches der Patapscofluß ſüdweſtlich von Baltimore bildet. Es war bekannt geworden, daß die Baptiſten heute bei Springgarden große Taufe halten würden, welches Schauſpiel mitanzuſehen Tauſende von Neugierigen ver⸗ anlaßte, ſich dorthin zu begeben, zumal die Sonne warm und wohlthuend ſchien, obgleich ſie die Kraft nicht beſaß, den Froſt zu überwältigen. Wenn zu einer andern Zeit es auch in dieſer menſchenreichen Stadt nicht aufgefallen ſein würde, daß ein großer Theil der Leute, welche die Straßen belebten, ſich nach jener Richtung begaben, ſo erregte es doch heute darum Aufſehen, weil unter ihnen viele Hundert junge Männer ſich befanden, die durch ihre Tracht ſich weſentlich von Anderen unterſchieden und maſſenweiſe laut und luſtig jener Gegend zuzogen. Dieſelben waren ſämmtlich mit kurzen Jacken von feinem feuerrothem Tuch mit ſchwarzen Aufſchlägen und ebenſolchen Kragen angethan, trugen breiträndrige, ———— *— 5 glänzend lakirte Hüte und ſchwarze Beinkleider. Es waren dieſe Kleidungen unverkennbar Feſtanzüge, denn alle waren neu, ſauber und nett, und die ganze Erſcheinung dieſer Leute zeugte davon, daß ſie zu einer Feierlichkeit zuſammengekommen ſeien. Es waren ſogenannte Feuerleute, junge Männer, die zu Löſch⸗ und Rettungsanſtalten bei Feuersbrünſten gehörten. Sie bilden in den Vereinigten Staaten eine eigne Kaſte, und nirgends in der Welt erreicht wohl eine ähnliche Anſtalt ihren Zweck ſo vollkommen, als jene. Dieſe Feuerleute ſind die alleinigen Beſitzer der Aktien einer Feueraſſecuranz, bei welcher Jedermann ſein Hab und Gut verſichert, da er weiß, wie durchaus ſolid die Compagnie iſt und wie unbedingt er ſich bei Feuersgefahren auf die Hülfe ihrer Aktionäre ver⸗ laſſen kann. Dieſelben ſind in Abtheilungen getheilt, die in den verſchiedenen Stadttheilen ihre ansgezeichneten, wundervoll verzierten und höchſt koſtbaren Spritzen mit allem Zubehör in eigens dazu erbauten Häuſern aufbewahrt halten, über welchen Gebäuden ſich ein Thurm mit einer Glocke befindet. Bei dem erſten Zeichen einer Feuersbrunſt werden dieſe Glocken ge⸗ zogen, die Mannſchaft ſtürmt zu ihrer betreffenden Spritze hin, ein an derſelben befeſtigtes langes Tau wird entwickelt, die Feuerleute erfaſſen ſolches und im Sturmlauf rennen ſie, mitunter über Hundert an der 6 Zahl, mit der Spritze davon, dem Feuer zu. Es iſt Ehrenſache für die Feuerleute, mit ihrer Spritze zuerſt auf dem Platz der Gefahr anzulangen, und außerdem erhält deren Mannſchaft aus der Kaſſe der Aſſecuranz eine bedeutende Prämie. Die Gewalt, womit dieſe Leute ein ausgebrochenes Feuer dämpfen, iſt ſo groß, daß der Schaden, den es verurſacht, in der Regel un⸗ bedeutend iſt und die Compagnie ihren Aktionären jährlich enorme Dividenden auszahlen kann. Die⸗ ſelben arbeiten und ſtrengen ſich demnach nur in ihrem eignen Intereſſe an, ein Jeder von ihnen aber beeifert ſich außerdem, ſeiner Spritze die Ehre vor den übrigen zu verſchaffen. Aus allen Ständen, vornehm und gering, reich und arm, reihen ſich die jungen Männer in dieſe Verbindung und Alle ſind ſtolz darauf, Feuer⸗ leute zu ſein. Wie ſie bei ihrer ernſten Beſtimmung einmüthig und eng verbunden zuſammen handeln, ſo umſchließt ſie auch im gewöhnlichen Leben ein Band der Verbrüderung, welches ſie häufig zuſammenführt. Sie haben ihre Elubbs, vereinigen ſich zu großen Eſſen und Feſtgelagen, halten Bälle, machen Land⸗ und Waſſerpartien und gebrauchen auch wohl ihren Einfluß gemeinſam zu politiſchen Zwecken. Ihre Verbindungen beſchränken ſich aber nicht auf die ein⸗ zelnen Städte, ſondern dehnen ſich über die ganzen Vereinigten Staaten aus, und oftmals ſtatten die Feuerleute der einen großen Stadt ihren Kameraden ——— in einer andern Beſuche ab, wohin ſie ihre Spritzen mitnehmen, um damit zu paradiren, bei welchen Ge⸗ legenheiten es oft zu großen Feſtlichkeiten, als Parade⸗ zügen, öffentlichen Reden, Gaſtmählern und Bällen kommt. Dies war nun im Augenblick der Fall. Die Feuerleute von Philadelphia waren mit zehn pracht⸗ vollen Spritzen nach Baltimore gekommen, um ihre Brüder dort zu beſuchen, es hatten ſchon einige öffent⸗ liche Aufzüge und mehrere Feſtgelage ihnen zu Ehren ſtattgefunden, und heute begaben ſie ſich, wenn auch nicht als Corporation, doch in Maſſen und in ihrer Feſtkleidung nach Springgarden hinaus, um die Taufen dort mit anzuſehen. An dem Ufer des übereiſ'ten, ſehr breiten Waſſer⸗ ſpiegels waren viele Zelte und Hütten aufgeſtellt und Hunderte von Wiedertäufern, einer frommen Seete, die von England aus nach Amerika ſich übergeſiedelt hat, ſah man dort vereinigt, um ihren Jünglingen und Jungfrauen die heilige Taufe durch ihren Geiſt⸗ lichen zukommen zu laſſen. Zu dieſem Ende war ein großes, viereckiges Loch in das Eis gehauen, unter welchem das drei Fuß tiefe Waſſer rauſchend hinſtrömte. Außer den hier verſammelten Andächtigen hatten ſich Tauſende von Zuſchauern eingefunden, die zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen hinter Jenen gedrängt auf⸗ — 13 geſtellt waren und mit Spannung auf das Beginnen des heiligen Aktes warteten. Unter dieſen Neugierigen befand ſich auch der Prä⸗ ſident Forney mit dem jungen Ehepaar, Frank und Eleanor. Sie ſaßen in einem koſtbaren, mit zwei prächtigen Braunen beſpannten Glaswagen, aus dem ſie, in reiche Pelze gehüllt, hervorſahen und ſich mit den vielen Freunden heiter unterhielten, die zu ihnen an den Wagen traten. Es war ein ſchöner Blick, den man auf den weiten Eisſpiegel vor ſich und auf die bewaldeten, in der Sonne glänzenden, jenſeitigen ſchneebedeckten Höhen hatte, und das bunte Gewühl der vielen Menſchen am dieſſeitigen Ufer auf dem blendend weißen Schnee gab der Landſchaft einen eigenthümlichen Reiz. Zwi⸗ ſchen der verſammelten Menge erhoben ſich mächtige Baumgruppen, deren tauſendfach verſchlungene, mit Reif überzogene Zweige wie überzuckert im Sonnen⸗ ſchein blitzten und funkelten, als wären ſie mit Dia⸗ manten überſäet, und jedes Reis der Büſche, jeder Grashalm ſpiegelte die Farben des Regenbogens. Der Geſang der frommen Gemeinde, die ſich in weitem Kreiſe um die Oeffnung in dem Eiſe aufge⸗ ſtellt hatte, begann jetzt mit einer Hymne und der Geiſtliche, ein großer, hagerer Mann mit grauem Haupte, trat vor an das rauſchende Waſſer und ſenkte das Geſicht auf ſeine gefalteten Hände. Den geringen Froſt ſchienen die Andächtigen nicht zu fühlen, ihre religiöſe Begeiſterung nahm mit dem Takte ihres Ge⸗ ſanges von Minute zu Minute zu, derſelbe wurde immer wogender, immer lauter, immer ſtürmiſcher; Ausrufe der Verzückung ſchallten dazwiſchen, die Sin⸗ genden klatſchten immer lebhafter in die Hände und Einzelne von ihnen ſprangen hoch in die Höhe. Jetzt aber ſtreckte der Geiſtliche, wie ſegnend, ſeine Arme nach ihnen aus und der Geſang verſtummte. Darauf betete der Pfarrer und begann dann ſeine Rede. Er ſprach von dem Urſprung, von der Wich⸗ tigkeit der Taufe, wenn der Menſch zu eigner An⸗ ſchauung und eigner Ueberzeugung gekommen ſei, zeigte, wie dieſelbe dagegen bei Kindern unwichtig wäre und forderte dann ſchließlich die Gemeindemitglieder, welche die heilige Taufe zu empfangen wünſchten, auf, her⸗ vorzutreten. Abermals richtete er ein Gebet zum Himmel, rief dann mit einem Wink der Hand den Geſang ſeiner Gemeinde wieder hervor und ſtieg nun, mit Verläugnung ſeines natürlichen Widerwillens gegen das kalte Waſſer, bis über den Leib in die rauſchende Fluth. Ein nicht vollſtändig bemeiſtertes Schütteln und Zittern zeigte, daß das Fleiſch für den Augenblick den Geiſt überwältigt hatte, der Athem ſchien dem alten Herrn ſehr kurz zu werden, und umſonſt ſetzte er — —— 1 15 mehrere Male an, die Einladung an die Taufbegie⸗ rigen ergehen zu laſſen. Alles Schwere im Leben erträgt ſich leichter in Geſellſchaft, als allein, und dies mochte der im Bad ſtehende Mann auch jetzt wohl bedenken; denn da er mit Worten die Einladung nicht von ſich geben konnte, ſo nahm er zur Zeichenſprache ſeine Zuflucht und winkte den zögernden Novizen, zu ihm heranzutreten. Das Zögern derſelben hatte wohl theils in dem Bilde des vor Froſt ſchüttelnden alten Herrn ſeinen Grund; denn obgleich er ſeinen Mund in ein ſeliges Lächeln gefaltet hatte, ſo bewegten ſich doch ſeine Kinnladen heftig und die rothblaue Färbung ſeiner großen Naſe verrieth ſeine Unbehaglichkeit in dem kalten Jordan. Noch immer drückten ſich die Taufbegierigen rück⸗ wärts gegen den Sängerkreis, da winkte der Täufer mit heftiger Bewegung, und eine fromme Mutter, der die Abwaſchung der Sünden von ihrer Tochter ſehr am Herzen lag, ſchlang ihren Arm zärtlich um die⸗ ſelbe und führte ſie dem nach ihr verlangenden Geiſt⸗ lichen zu. Kaum hatte derſelbe die Jungfrau im Bereich ſei⸗ ner hagern Hände, als er ſie zu ſich herabzog und dieſe mit einem lauten Schrei in die Fluth ſank. Das wirkliche Beginnen der heiligen Handlung ſchien den Alten mit friſcher Lebenskraft zu durch⸗ ſtrömen, er legte ſeinen rechten Arm um den Rücken 3 —— i — der Jungfrau, ſeine Linke auf ihre Bruſt und drückte ſie rückwärts hinab, bis die Fluth ſich über ihr ſchloß. Im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes taufte er ſie und hob ſie ſündenrein wieder aus dem Waſſer empor. Mehrere der Gemeindemit⸗ glieder halfen ihr, das Eis zu beſteigen, und ihre Mutter und Freundinnen führten ſie eilig in eine nahe am Ufer ſtehende, geheizte Hütte, damit ſie ſchnellmöglichſt ihre naſſe Kleidung gegen trockene ver⸗ tauſchen konnte. Das Beiſpiel machte die andern Taufluſtigen kühn, eine zweite entſchloſſene Jungfrau ſank auf dem Arm des Geiſtlichen in die Fluth, und über ein halbes Dutzend war ſchon, von Sünden gereinigt, aus dem Waſſer emporgeſtiegen, als eine große, kräftige Tochter vom Lande mit friſchrothen Wangen ſich dem ver⸗ hängnißvollen Eisrande nahte und in die Strömung hinabſprang. Der Täufer empfing ſie mit Begeiſterung in ſeinem zitternden Arme, er ließ ſie rücklings in die Fluth hinab, ſie ſank, das rauſchende Waſſer ſchloß ſich über ihr, der Geiſtliche neigte ſich, wie hinabgezogen, tiefer und tiefer, man ſah ein augenblickliches, verzweifeltes Ringen, dann hob er ſeine lange Geſtalt allein über dem Eis empor, faltete ſeine Hände auf der Bruſt und ſagte zu der entſetzten Gemeinde: Laßt uns für ihre Seele beten 1 „Brüder und Schweſtern, our sister is gone. 1 Die Unglückliche war für den alten durchfrorenen Mann zu ſchwer geweſen, war ihm von dem Arm geglitten und der Strom hatte ſie unter dem Eis mit ſich fortgeriſſen. Alles drängte ſich um die Oeffnung, Viele ſprangen in den Strom hinab; doch Rettungsverſuche waren hier umſonſt. Jammer, Wehklagen und herzzerreißende Schreie der Verwandten des unglücklichen Mädchens erfüllten die Luft, die angeſtimmte Hymne aber über⸗ tönte bald dieſe Klageausbrüche, die Gemeinde ſang lauter und immer lauter und beſchloß ſomit die Feier⸗ lichkeit, während der Pfarrer ſich dem feindlichen Ele⸗ ment entzogen und ſich zu einer nahen Hütte geflüchtet hatte, um ſich zu trocknen, zu wärmen und von der Anſtrengung zu erholen. Unter den Zuſchauern brachte dieſe Schreckensſcene eine gewaltige Aufregung hervor, man ſprach laut von Mord, heftige Drohungen wurden vernommen und Schimpfreden, Schwüre und Flüche, ſowie hier und dort auch einige unſanfte Berührungen weckten die Wiedertäufer aus ihrer Schwärmerei und ſetzten ſie in Trab, um ſich ſchnellmöglichſt von dem Unglücks⸗ platz zu entfernen. Die Zeitungen am folgenden Morgen waren mit Berichten über den tragiſchen Ausgang der Taufe an⸗ Ralph Norword. MI. 2 ————— 18 gefüllt. Die Entrüſtung, die allgemein darin aus⸗ geſprochen wurde, war ſehr groß, man forderte auf, durch das Geſetz dieſem lebensgefährlichen Treiben ein Ende zu machen, und zahlreiche Nachrufe an das un⸗ glückliche Opfer, das ſchöne, blühende, junge Mädchen, erſchienen noch während mehrerer Tage in den öffent⸗ lichen Blättern. Ein anderer Artikel in der Baltimore Chronicle verwiſchte aber plötzlich das Intereſſe für die ertrun⸗ kene Wiedertäuferin und ergriff alle Gemüther mit der größten Aufregung. Es war ein Bericht über den Piraten Flournoy, eine Beſchreibung von Augenzeugen über deſſen Seegefecht mit dem Kutter der Regierung und eine ausführliche Schilderung über die Verfol⸗ gung der Tritonia und deren Untergang. Zugleich er⸗ gingen zahlreiche ernſte Aufforderungen an die Regie⸗ rung, um mit aller Macht das Habhaftwerden des Räubers zu betreiben, und auch der Vorwürfe gegen die Marine, wegen Mangels an Thätigkeit, gab es dabei nicht wenige. Das Treiben des Piraten griff zu ſehr in die wichtigſten Intereſſen der Nation, als daß die Ent⸗ rüſtung nicht hätte eine allgemeine über die ganzen Vereinigten Staaten ſein ſollen; in Baltimore aber war ſie um ſo ſtürmiſcher, da die Frechheit Flournoy's, womit derſelbe vor ſo kurzer Zeit ſein Schiff in dieſer Stadt ausgebeſſert und dann hier auf die Abreiſe des 19 unglücklichen Doſamantes gewartet hatte, Alles in Wuth gegen ihn und ſeine Verbündeten verſetzte. Kaum waren die Zeitungen ausgegeben, als ſich ein Volksauflauf vor dem Wohngebäude Ballard's bildete, der bald die Straße ſo füllte, daß alle Paſſage dort geſperrt war. Die Verwünſchungen und Flüche, die mit Ballard's Namen aus der wogenden Menge ertönten, wurden immer heftiger, immer wüthender; doch immer noch hatte Niemand es unternommen, Hand an das verſchloſſene Gebäude zu legen. Da trat ein Conſtabel unter das Volk und verkündete mit lauter Stimme, daß ſchon am verfloſſenen Abend das Gericht Ballard hätte gefangen nehmen wollen, daß derſelbe aber ſpurlos verſchwunden ſei. Dieſe Nachricht war das Entfeſſelungswort für den wüthenden Haufen; ein Regen von Backſteinen, die ſofort aus dem daraus beſtehenden Trottvir geriſſen wurden, flog in die großen Spiegelſcheiben der Fenſter, die Thür ward erbrochen, das Volk ſtrömte in das Haus und bald kamen die prächtigen Spiegel, Möbel, Uhren, Kronleuchter, Glas- und Porzellanſachen aus den Fenſtern in die Straße herabgeflogen. Der Frau Ballard's und deſſen Kindern machte man Platz zur Flucht, ſandte ihnen aber die heftigſten Schmähungen nach; in dem Hauſe jedoch blieb Nichts, was nagellos war; man begann ſogar ſchon das Dach abzudecken, 20 ehe es der Polizei gelang, der Verwüſtung Einhalt zu thun und das Volk zu zerſtreuen. Während die ganze Stadt in Aufruhr war und die zügelloſeſten Verwünſchungen gegen Ballard und Flournoy durch die Straßen ſchallten, fand in dem Hauſe des Buchhalters Terrel eine Scene des tiefſten Jammers ſtatt. Die unglücklichen Eltern hatten ihre Tochter Melanie aus deren Wohnung ohnmächtig hier⸗ hergeſchafft und waren jetzt bemüht, die Wiedererwachte zu beruhigen, zu tröſten. Die Ausbrüche der Ver⸗ zweiflung derſelben waren aber zu zügellos, als daß ſie den Vorſtellungen und Bitten ihrer Eltern hätte Gehör geben können. Sie zerraufte ſich ihr Locken⸗ haar, zerriß ihre Kleidung, ſchlug ihren Kopf gegen die Wand des Zimmers, warf ſich an die Erde und verſuchte aus dem Fenſter zu ſpringen. Ihr Zuſtand grenzte an Raſerei, und nur für Augenblicke ſank ſie entkräftet zuſammen und brach in Weinen und Schluchzen aus. So tobte ſie mit nur kurzen Unter⸗ brechungen während des ganzen Tages und der fol⸗ genden Nacht fort; die verzweifelnden Eltern wichen keinen Augenblick von ihrer Seite, und erſt als der Morgen kam, verfiel die Unglückliche in ein ſtummes Hinbrüten, in welchem ſie den Tag verbrachte. Der herzugezogene Arzt, ein Freund der Familie, hieß dieſen Zuſtand willkommen, er ſah darin eine Ruhezeit für Melanie's ſchrecklich ergriffenen Geiſt 21 und machte mit aller Zuverſicht den Eltern Hoffnung auf Beruhigung und Faſſung ihres Kindes. Gern und mit Freuden gaben ſich dieſe den Tröſtungen des Freundes hin und vermieden ſorgfältig, die regungs⸗ loſe Melanie in ihrer dumpfen Abgeſpanntheit zu ſtören. Doch verließen ſie dieſelbe nicht, und die Dämmerung hatte ſich ſchon durch das kleine Stübchen verbreitet, als abermals der befreundete Arzt leiſen Trittes eintrat und einen fragenden Blick auf die Eltern und ihr immer noch ſtumm daſitzendes Kind warf. Plötzlich fing Melanie leiſe zu ſingen an, indem ſich ihre Züge erheiterten und ihre Hände mit dem Saum ihres Kleides ſpielten, auf welchen ſie nieder⸗ blickte. Entſetzt ſchauten ſich Vater und Mutter und der Arzt an und hefteten ihre Augen dann wieder auf die Singende, Keines von ihnen wagte ein Wort, ein kalter Schauder aber überrieſelte ſie Alle. Endlich trat der Arzt zu Melanie, nannte ſie bei ihrem Namen und legte zutraulich ſeine Hand auf ihren Arm. Kaum hatte er denſelben aber berührt, als die Unglückliche entſetzt vor ihm zurückfuhr, ihn von ſich ſtieß, mit größter Heftigkeit ihre ſeidene Schürze erfaßte und mit aller Anſtrengung den Fleck auf ihrem Arme rieb, den ſeine Hand berührt hatte. Die Leidenſchaftlichkeit, die ſo plötzlich in ihren Augen aufloderte, entwich denſelben aber nach und nach wieder, wie wenn Schlummer ſich über die — müden Lider legte, und mit leiſer, heiterer Stimme begann ſie wieder zu ſingen. Auch das Berühren durch ihre Eltern brachte dieſelbe Heftigkeit in ihr hervor, außerdem war ſie freundlich und mild gegen ſie, ſchien ſie aber nicht von dem Arzt zu unterſcheiden. Ihr Verſtand war dem Schmerz erlegen, der Schmerz war dem Wahnſinn gewichen. Auch das Schickſal der armen Melanie wurde in den öffentlichen Blättern vielfach beſprochen und ſtei⸗ gerte noch den Haß gegen den Urheber ihres Unglücks, gegen den jetzt viele Kriegsfahrzeuge ausgeſandt wur⸗ den, um ſeiner habhaft zu werden. An einem heiteren, aber ſehr kalten Morgen wurde Baltimore durch einen großen Paradezug der einhei⸗ miſchen, ſowie der fremden Feuerleute mit ihren ſämmtlichen Spritzen in eine neue Aufregung verſetzt. Es war faſt zu kalt, um längere Zeit im Freien ſtille zu ſtehen; demohngeachtet waren die Trottvirs der meilenlangen Marketſtraße, durch welche ſich der Zug bewegte, Kopf an Kopf mit Zuſchauern gefüllt, die Fenſter der Häuſer waren geöffnet und mit Neugie⸗ rigen beſetzt, und unter lauten, ſchallenden Hurrah's und Freudenausrufen zogen die rothgekleideten jungen Männer mit ihren prächtigen Spritzen ſtolz vorüber. 23 Ein Gerücht hatte ſich ſchon früh Morgens ver⸗ breitet, daß es heute Abend, den fremden Feuerleuten zu Ehren, in der Stadt brennen würde, und ſogar nannte man die Marketſtraße als den Platz, wo das Feuer ausbrechen ſolle. Woher jedoch das Gerücht kam und ob daſſelbe nicht ein leeres ſei, wußte man nicht. Man kümmerte ſich auch nicht viel darum, und als der Tag ſich neigte, hatte man es faſt wieder vergeſſen. Die Nacht war eingebrochen und zwar mit einer ſehr empfindlichen Kälte, ſo daß Niemand, den nicht die auf die Straße führte, ſich hinauswagte. Die Stadt befand ſich aus dieſem Grunde in einer ungewöhnlichen Ruhe, als plötzlich mit dem Schlag acht die Glocken auf ſämmtlichen Spritzenhäuſern in der ganzen Stadt ertönten und der Ruf„Feuer“ durch alle Straßen ſchallte. Eine rothe Flammenſäule ſtieg zugleich gegen den ſtern⸗ bedeckten, dunkeln Himmel auf und warf ihren furcht⸗ baren Schein über die ganze Stadt. Ein großes, zweiſtöckiges Gebände in der Marketſtraße, in welchem ſich eine bedeutende Seidenhandlung befand, ſtand über und über in Feuer, denn die Flammen ſchlugen zugleich aus den Kelleröffnungen, aus allen Fenſtern und aus dem Dache empor. Jetzt erklangen aber die kleinen Glocken, die 6 den Spritzen angebracht waren; dieſe kamen, von 24 ihren Mannſchaften gezogen, im Sturmlauf von allen Seiten aus den Straßen herangerollt und ſtellten ſich zu beiden Seiten des in Flammen eingehüllten Eck⸗ hauſes auf. Den Spritzen von Philadelphia wurden die Ehrenplätze eingeräumt und zu ihren Seiten und hinter ihnen nahmen die Baltimorer Spritzen ihre Stellungen ein. Alle Waſſerleitungen, die ſich an den verſchiedenen Straßenvierteln befanden, waren geöffnet, die Schläuche auf denſelben befeſtigt und zu den Spritzen geleitet, und nun begannen dieſe unter dem lauten, fröhlichen Geſang ihrer Mannſchaften ihre fliegenden Waſſermaſſen auszuſpeien und über den Feuerberg hinzuwerfen. Zu beiden Seiten des brennenden Gebäudes und in der ganzen Umgebung lagen die Bewohner der Nachbarhäuſer vollkommen ruhig in den Fenſtern, um das prächtige Schauſpiel mitanzuſehen. Die Fluthen, die jetzt, als alle Spritzen in Thätigkeit waren, auf die Flammen niederfielen, waren ſo ungeheuer, daß ſie dieſelben bald hier, bald dort erdrückten und das Gebäude ſelbſt bald wieder zwiſchen ihnen ſichtbar wurde. Der Kampf der beiden Elemente war ge⸗ waltig, denn oft wurde das Feuer für Minuten an einzelnen Stellen gänzlich erſtickt und loderte dann, wie neu belebt, um ſo mächtiger wieder empor. Seine Wuth aber nahm mehr und mehr ab, ſeine Kraftausbrüche wurden immer geringer, und ehe eine 25 Stunde verfloſſen, ſtand das große Gebäude, welches noch kurze Zeit vorher eine Flammenmaſſe war, als ein Eispalaſt da. Im ganzen Hauſe war auch nicht mehr ein einziger Funke zu finden, es war in- und auswendig mit einer blitzenden Eisdecke überzogen. Nur die ununterbrochene Gewalt, womit das Waſſer in die Spritzen hinein- und aus denſelben heraus⸗ getrieben war, hatte es vor dem Gefrieren geſchützt, ſobald es aber auf die feuerloſen Stellen des Gebäudes niederfiel, war es in Eis verwandelt worden. Der Eigenthümer des Hauſes und des Waaren⸗ lagers darin hatte aus einem Fenſter eines der gegen⸗ überſtehenden Gebäude dem Schauſpiel behaglich zu⸗ geſehen, denn er wußte, er bekam von der Aſſecuranz vierzigtauſend Dollar ausgezahlt und war bei dieſer Ge⸗ legenheit ſeine ſämmtlichen alten Lagerhüter losgeworden. Um zehn Uhr lag wieder vollkommene Ruhe über der Stadt, nur in den Auſterkellern, wo die Feuer⸗ leute eingekehrt waren, ging es luſtig her, denn ſie feierten nun erſt das Feſt, wozu ſie ſich dieſen ſpaßigen Anfang bereitet hatten. Mit dem Eigenthümer des Hauſes waren ſie nämlich übereingekommen, daſſelbe anzuzünden, um ihren Gäſten von Philadelphia Ge⸗ legenheit zu geben, die Tüchtigkeit ihrer Spritzen zu zeigen und zugleich vor ihnen mit ihren eigenen zu glänzen. Während des folgenden Tages wurden die Straßen —————— 26 vor dem in eine Eismaſſe verwandelten Hauſe nicht leer; die Feuerleute, deren fortwährend eine große Zahl dort zu erblicken war, ernteten allgemeine Be⸗ wunderung und Lob, und weder die Bürger Balti⸗ more's, noch die Geſetze dachten daran, dieſelben einer Brandſtiftung, wodurch ſie möglicherweiſe einen großen Theil der Stadt hätten in Gefahr bringen können, anzuklagen. Capitel 23. Drückendes Gefühl.— Der Antrag— Die Hochzeit.— Die Rückkehr.— Großes Glück.— Erſtaunen.— Die neue Heimath. Im grellen Gegenſatz zu dieſem gewühlvollen Treiben ſchwanden die Tage in dem Hauſe der alten Arnolds ſtill und ohne weſentliche Veränderung; der Frau war Eboiſe eine liebe Geſellſchafterin geworden und zugleich erſchien ſie ihr eine recht willkommene Hülfe in ihren Haus⸗ und Wirthſchaftsangelegenheiten. Eloiſe hatte derſelben bald abgeſehen, wie ſie Dies und Jenes zu behandeln und auszuführen pflegte, ſie ergriff eine jede Gelegenheit, ihr die Arbeit abzu⸗ nehmen und ſie möglichſt ebenſo zu vollbringen, wie Madame Arnold es liebte, und Alles, was ſie that, ging ihr ſchnell und leicht von der Hand. Sie war ſtill und in ſich gekehrt, immer in derſelben ruhigen, duldſamen Stimmung, und bemühte ſich bei Gelegen⸗ heiten, wo die heitern alten Leute ſcherzten und lach⸗ ten, gleichfalls ein Lächeln um ihre ſchönen Lippen ſpielen zu laſſen, weil ſie fürchtete, durch den trüben Ernſt ihres Aeußern ſtörend auf die muntere Laune ihrer Wohlthäter einzuwirken; oft aber traten ihr mit — dem Lächeln Thränen in die Augen, die ſie dann ſchnell und möglichſt unbemerkt verwiſchte, damit Nie⸗ mand dieſelben gewahre. So liebevoll und freundlich die biedern Leute ſie auch behandelten, ſo blieb ſie doch eine Fremde bei ihnen, ſie fühlte, daß ſie bei den beſchränkten Räumlichkeiten derſelben ihnen häufig zur Laſt fallen mußte, und mit Bangen blickte ſie in ihre Zukunft, deren Ungewißheit ihr manchen Seufzer und manche heimliche Thräne koſtete. Einige Monate waren verſtrichen, Ralph hatte Arnolds ſchon ſeit einer Woche verlaſſen, er war auf ſeine eigene Farm gezogen, und ſeitdem war der Bret⸗ terverſchlag, den er bewohnt hatte, Elviſen als ihr Privatgemach überwieſen, ſo daß ſie nicht mehr ge⸗ nöthigt war, in dem Zimmer der alten Leute zu ſchlafen, wo man für ſie an jedem Abend ein Lager auf dem Fußboden hergerichtet hatte. Demohngeachtet bemerkte ſie bei unzähligen unbedeutenden Vorfallen⸗ heiten, daß die häuslichen Einrichtungen ihrer liebe⸗ vollen Wirthe um ſie Aenderungen erlitten, und wenn ſie auch die Ueberzeugung beſaß, daß dieſelben für Jene in keiner Weiſe läſtig waren, ſo blieb ihr doch der Gedanke, als Fremde für eine unbegrenzte Zeit von deren Großmuth abzuhängen und ſie in ihren Gewohnheiten zu ſtören, drückend und peinigend. Wie aber konnte ſie ihrem Leben eine andere Richtung geben? Sie ſtand ja ganz allein und ver⸗ 29 laſſen in der Welt und mußte ihrem Schöpfer danken, daß er ſie zu ſo biedern Menſchen geführt hatte. Sie wußte zwar, daß ſie ſich nicht ganz ohne Mittel be⸗ fand, denn ſie hatte in den Papieren, die ihr Vater ihr ſcheidend eingehändigt hatte, Schatzſcheine der Ver⸗ einigten Staaten zum Werth von tauſend Dollar vor⸗ gefunden, ihr Schmuck und der von ihrer ſeligen Mutter waren auch von Werth; was ſollte ſie aber damit beginnen in einem Lande, in dem ſie fremd war? Die übrigen Papiere, welche ſich in dem Packet befunden hatten, ſchienen ihr Schiffspapiere zu ſein, die ja jetzt nutzlos waren, und ſie hatte ſie wieder ſo zuſammengelegt, wie ſie ihr guter Vater ihr über⸗ geben hatte. Eines Morgens nach dem Frühſtück ließ der alte Arnold ſein Pferd vorführen, um Ralph einen Beſuch auf deſſen Farm abzuſtatten, den er ihm am Abend zuvor verſprochen hatte, denn noch kein Abend war vergangen, ohne daß ſich der junge Mann zum Abend⸗ eſſen eingefunden hätte. Nachdem der Alte ſeiner Frau den gewohnten Ab⸗ ſchiedskuß gegeben, Eloiſen freundlich die Hand ge⸗ reicht und davongeritten war, ſetzte ſich Madame Arnold mit ihrer Pflegebefohlenen vor das Haus unter die Veranda und Beide nahmen die Hecheln zur Hand, um Baumwolle für den häuslichen Gebrauch zu reinigen. 30 „Ich bin recht neugierig darauf, wie der junge Norwood ſeinen Platz einrichtet“, ſagte Madame Ar⸗ nold, nachdem ſie ſich mit Elviſen einige Zeit über Haushaltsſachen unterhalten hatte,„wie mein Mann ſagt, ſo ſoll er das Haus recht hübſch und wohnlich herſtellen. Es iſt überhaupt ein reizender Wohnort und man behauptet, es ſei das beſte Stück Land in unſerer Gegend. Wenn Norwood will, ſo kann er tüchtig ſchaffen. Im verfloſſenen Herbſt lebte er mit unſerm Sohne auf deſſen Platz und half ihm wäh⸗ rend der Ernte; da haben die beiden Burſchen wahr⸗ lich für vier Männer gearbeitet.“ Hier ſchwieg die Frau und es trat eine lange Pauſe ein, in der die Hecheln um ſo fleißiger ge⸗ ſchwungen wurden. „Wenn es einmal ein recht hübſcher Tag iſt, ſo wollen wir Beide mit meinem Manne dem jungen Norwood auch einen Beſuch machen. Du glaubſt nicht, liebe Elviſe, wie ſchön es dort iſt. So herr⸗ liche, füße Orangenbäume, wie das Wohnhaus um⸗ ſtehen, findet man weit und breit nicht, und die gel⸗ ben Feigen dort ſind ſchmackhafter und größer, als irgend anderswo.⸗ Nach einigen Augenblicken abermaligen Schweigens fuhr Madame Arnold fort: „Was hältſt Du von Norwood, Eloiſe?“ und hob die Augen zu ihr auf. 31 Die Frage überraſchte die Angeredete, ſie blickte Madame Arnold erſtaunt an und erwiederte dann: „Ich habe nur Urſache, Gutes von ihm zu denken, denn er war es ja, der mich Ihrer Freundſchaft und Liebe zuführte. Ich werde ihm ewig dankbar dafür ſein.“ „Elviſe, ich habe einen Auftrag von ihm auszu⸗ richten, der Dich betrifft“, ſagte Madame Arnold, und Jene erkannte in dem ernſten Blick der Frau und in dem Ton, womit ſie die Worte ſprach, daß ſie etwas Wichtiges zu ſagen habe. „Einen Auftrag an mich?“ erwiederte Elviſe be⸗ troffen und ein Hauch von Röthe überflog ihre blaſſen Wangen. „Es iſt ein Auftrag, den auszurichten ich ungern verſprochen habe und den ich nur darum übernahm, weil Ralph der Sohn unſeres älteſten und beſten, leider ſchon dahingeſchiedenen Freundes iſt, dem wir unendlich viele Hülfe und Liebesdienſte zu danken haben.— Der junge Norwood hält um Deine Hand an.“ Bei dieſen Worten waren Eloiſen die Hecheln aus den zierlichen Fingern gefallen, ein glühendes Karmin war ihr in die Wangen geſchoſſen, und indem ſie ihre Hände in dem Schooß zuſammenpreßte und ihren Kopf ſenkte, ſagte ſie mit bittendem Tone:„Madame Arnold!“ „Fern ſei es von mir, Elviſe, Dich hereden zu wollen; vor ſolcher Verantwortlichkeit mag der Himmel mich behüten. Da Norwood Dir aber jedenfalls doch den Antrag gemacht haben würde, ſo glaubte ich, daß Du ihn lieber aus meinem Munde hörteſt, als aus ſeinem eigenen. Mir wirſt Du leichter Dein Herz offenbaren, Du weißt ja, daß Du zu einer mütter⸗ lichen Freundin ſprichſt. Laſſe mich Dir ehrlich und offen meine Anſicht darüber ſagen. Ralph iſt von Herzen, inſoweit ich ihn kenne, ein guter Menſch; doch iſt er leichtſinnig geweſen, hat geſpielt und ge⸗ wettet und ſich in böſer Geſellſchaft umhergetrieben. Daran war jedoch, ohne es zu wollen, ſein guter Vater Schuld, der ihn zu früh unter fremde Leute that, wo er aller Aufſicht, aller Zurechtweiſung ent⸗ behrte. Das Sprichwort ſagt aber, daß die luſtigſten Burſchen die beſten Ehemänner würden. Ich glaube, daß Ralph, wenn er eine gute Frau bekommt, ein recht guter Gatte werden wird, denn er arbeitet gern und hat Sinn für Häuslichkeit. Er beſitzt bedeutende Ländereien, ſchönes Vieh und edle Pferde, und iſt überhaupt ſo geſtellt, daß er eine Frau ernähren kann. Ohne Frau wird er bald ſein Farmerleben überdrüſſig werden und ſolches wieder aufgeben, an Deiner Seite wird es ihm einen Himmel bieten, den er ſicher nicht verläßt. So lange mein Mann und ich leben, haſt Du bei uns eine Heimath, Elviſe, es treibt Dich darum Nichts dazu, einen Schritt übereilt zu thun, der das Glück Deines ganzen Lebens entſcheiden wird; folge deshalb nur allein Deiner eigenen Ueberlegung, Deiner Neigung, und wenn Du Dich zu Ja oder Nein entſchloſſen haſt, dann theile es mir mit, ſo daß ich Norwood Deine Antwort geben kann. Morgen iſt Sonntag, und vor morgen in acht Tagen wird er uns nicht wieder beſuchen.“ Hier ſchwieg Madame Arnold, erhob die Hecheln wieder, die, ſo lange ſie ſricht mit ihren Händen in ihrem Schvoß geruht hatten, und fuhr mit der Arbeit fort. Elviſe war während der Rede bald roth, bald bleich, bald heiß, bald kalt geworden, wirre Gedanken und Gefühle hatten ihre Seele durchzuckt, der kürzliche Tod ihres geliebten Vaters ſchien noch allein ihr ganzes Intereſſe zu beanſpruch en; ſie glaubte in dem Antrag durch Madame Arnold e Wunſch zu erkennen, ſich ihrer zu entledigen, ſie erblickte ſich fern von hier unter ganz fremden Leuten, ohne zu wiſſen, wohin ſie ſich wenden ſollte, und nur eine Gewißheit be⸗ ſtand für ſie zwiſchen alle den verworrenen Bildern, die ihr Inneres durchkreuzten, die, daß ſie den jungen Norwood nicht liebte. „Ich bin ſo überraſcht, Madame Arnold“, ſagte Elviſe mit bebender Stimme nach einer langen Pauſe, „ich habe wahrlich noch nicht an Heirathen gedacht. Ralph Norwopd. MI. 8 Der Tod meines guten Vaters iſt noch ſo neu. Ich kann mich unmöglich jetzt zu einer Antwort—“ „Du ſollſt jetzt auch keine Antwort geben. Gehe ruhig mit Dir ſelbſt darüber zu Rathe, erwäge Alles, was für und was gegen eine Verbindung mit dem jungen Manne ſpricht, und wenn Du ohne alle Ne⸗ benrückſichten mit Deinem Herzen einig geworden biſt, dann entſcheide, ob Du ihn glücklich machen willſt oder nicht; denn ſein Lebensglück muß durch eine liebe Frau, wie Du ſein würdeſt, ohnfehlbar be⸗ gründet werden. Oftmals iſt unſer zweiter Gedanke der richtigere.“ Beide ſchwiegen, Elviſe nahm bebend die Hecheln wieder auf und ſetzte ſie in Bewegung, die Thräne aber, die unter ihren langen Wimpern erglänzte, ſprach deutlich die Antwort aus, welche ihr Madame Arnold jetzt zu geben unterſagte. Nach einer Weile griff die gute alte Frau das Geſpräch wieder auf und gab demſelben eine andere Richtung; ſie erzählte Eloiſen von ihrem Sohne Frank, von dem Glück, welches ihm in der Ehe zu Theil geworden, von den vielen Freunden, die er ſich im Norden erworben, und wie unendlich ſie ſich freue, das junge Paar in ihrer Nähe zu haben. „Es wird der jungen Frau etwas enge in dem Hauſe meines Sohnes vorkommen, obgleich daſſelbe ein ganzes Zimmer mehr enthält, als das unſrige“, 1 ſagte ſie.„Wir ſind gar zu ſehr beſchränkt. Wir haben ſchon oft davon geſprochen, noch ein Blockhaus hier anzubauen, aber es iſt ſtets dabei gebtieben, wir haben uns immer beholfen und gedacht, daß in einem kleinen Raum das häusliche Glück enger zu⸗ ſammen bliebe.“ So wenig Madame Arnold auch daran gedacht hatte, der heimathloſen Waiſe die beſchränkte Räum⸗ lichkeit ihrer Wohnung vorzuhalten, ſo fielen doch dieſe Worte in Elviſen's ſehr bewegtem Gemüth als ein Vorwurf nieder und ſie ſah ſich im Geiſte auch von dieſer Zufluchtsſtätte hinaus in die fremde Welt ge⸗ trieben. Kaum war es ihr möglich, durch die Thränen, die ihre Augen, trotz alles Sträubens, füllten, die Hecheln zu ſehen, und nur mit Gewalt konnte ſie ein Schluchzen unterdrücken, welches ihre Bruſt krampf⸗ haft beengte. Madame Arnold bemerkte“ die Bewegung des unglücklichen Mädchens nicht, ſie führte die Un⸗ terhaltung allein fort, bis ſie ſich kurz vor Mittag erhob und nach der Küche ging, um das Eſſen zu beſorgen. 3 Elviſe wankte nun nach ihrem keinen Gemach, ſank dort auf ihre Kniee nieder, ſenkte ihr mit den Händen bedecktes Geſicht auf den hölzernen Stuhl und ließ dem Thränenſtrom, den ſie kaum bis jetzt hatte zurückhalten können, freien Lauf. Sie fühlte ſich unendlich elend und nirgends blickte ein Hoff⸗ 3* 36 nungsſtrahl für ſie aus der ihr ſo finſter erſcheinenden Zukunft hervor. Sie weinte lange bitterlich, die Thränen thaten ihrem Herzen wohl, ſie fühlte ſich erleichtert, hob ihre gefalteten Hände und ihre feuchten Blicke nach Oben und flehte Gott um ſeinen Beiſtand an. Sie ward ruhiger, trocknete ihre Augen und kühlte ſie mit Waſſer. Bei dem Mittagseſſen, wobei ſie ſich heute mit Ma⸗ dame Arnold allein befand, bemühte ſie ſich, vor der⸗ ſelben zu verheimlichen, daß ſie geweint hatte, und nahm Theil an der Unterredung, die ſich um die Be⸗ ſchäftigungen des Tages drehte. Nach Tiſch ſetzte ſie ſich zu Madame Arnold unter die Veranda und arbeitete fleißig und mit großer Ge⸗ ſchicklichkeit, bis die Sonnenſtrahlen ihre Macht ver⸗ loren hatten, an einem neuen Kleide, wozu die alte Frau den Stoff für ſie von D.... hatte kommen laſſen. Dann trug ſie die Arbeit in ihr Zimmer, nahm ihren Leinenhut und verabſchiedete ſich von ihrer mütterlichen Freundin, um ſich in dem nahen Walde zu ergehen. Sie rief einige der großen Hunde Ar⸗ nold's herbei, die ſie durch Pflege und freundliche Behandlung an ſich gewöhnt hatte, und eilte, von denſelben gefolgt, mit dem Verſprechen davon, nicht lange auszubleiben. Es zog ſie mit unwiderſtehlicher Macht hinaus in das Freie, denn hier war ſie Niemandem zur Laſt, 37 hier brauchte ſie nicht zu lächeln, wenn ihr das Herz blutete, hier durfte ſie ſeufzen und klagen, und die Natur in ihrem Schweigen ſchien ihr, als habe ſie mehr Mitleid mit ihr, als die Menſchen. Sie dachte, indem ſie zwiſchen den üppigen Pflanzen und mäch⸗ tigen Bäumen des Waldes hinſchritt, ruhiger als bisher, über ihre Lage nach und auch der Antrag des jungen Norwood trat vor ihre Seele. Bis jetzt hatte ſie immer mit dem Gedanken an eine eheliche Ver⸗ bindung ein ideales Bild eines Mannes und eine leidenſchaftliche Liebe zu ihm vereinigt, nun aber ſollte ſie dieſen Gedanken einem Mann weihen, für den ſie weiter kein Intereſſe fühlte, als Dankbarkeit für die Hülfe, die er ihr in der Noth geleiſtet hatte. Alle die wunderbar ſeligen Träume, die ihre Phan⸗ taſie ihr von ihrer Zukunft vorgeſpiegelt hatte, waren dahin; denn wenn ſie den Mann, den ſie ſich als ihren zukünftigen Gatten gedacht, auch nie in der Wirklichkeit gekannt hatte, ſo fühlte ſie doch deutlich, daß Norwvod derſelbe nicht war. Sie hatte zwar keine beſtimmte Abneigung gegen ihn, im Gegentheil, ſeine Theilnahme, ſeine Aufmerkſamkeit und ſeine Hülfe erkannte ſie warm und dankbar an, auch war er ein ſchöner, kräftiger Mann, der eher etwas Angenehmes, als Abſtoßendes in ſeinem Benehmen hatte; als ihren Gatten aber, dem ſie mit heißer, inniger Liebe ange⸗ hören wollte, konnte ſie ihn ſich nicht vorſtellen. 38 Dann fiel ihr wieder ihre ganz hülfloſe Lage ein und der Gedanke, daß ſie in Arnold's Haus läſtig ſei, war ihr der ſchrecklichſte, der unerträglichſte von allen. Gleichgültigkeit, Vernunft und Nothwendigkeit kämpf⸗ ten in Elviſen's Seele, während ſie finnend in dem duftigen Schatten des Waldes um den ganzen Hügel, auf welchem Arnold's Farm lag, gegangen war und den Weg wieder erreichte, der zu dem Hauſe führte. Die Sonne war verſunken, die Abenddämmerung raubte ſchon dem Wald ſeine friſchen, tauſendfältigen Farben⸗ und das letzte leiſe Zwitſchern der Vögel war verhallt, da ſchlug Elviſe den Heimweg ein und war demſelben nur kurze Zeit gefolgt, als ſie die Hufſchläge eines Pferdes hinter ſich vernahm, die Hunde, freudig bel⸗ lend, demſelben entgegenſprangen und der alte Arnold im Trab zwiſchen den Laubmaſſen hervorkam. „Ei, ei, Elviſe, Sie ſind hier! wußte ich doch nicht, was die Hunde hierherbrachte“, ſagte der Pflan⸗ zer, indem er ſein Pferd anhielt, abſtieg und, den Zügel in der Hand, an die Seite des Mädchens trat, um ſie nach dem Hauſe zu geleiten. „Ralph läßt ſich Ihnen auch ſchönſtens empfehlen. Ich weiß nicht, was er vorhatte, er wollte nicht mit⸗ reiten und hat uns doch bis heute noch keinen Abend mit ſeinem Beſuche verſchmäht“, ſagte der Alte im Vorwärtsſchreiten und bemerkte nicht die Röthe, womit ſich Elviſen's Wangen bei ſeinen Worten bedeckten, 39 denn die Dämmerung kam ihr zu Hülfe. Dann fragte er, was Eloiſe und ſeine Frau während des Tages begonnen, ob Niemand aus der Nachbarſchaft vor⸗ geſprochen habe, und erreichte plaudernd mit ſeiner jungen Begleiterin ſeine Wohnung, wo ihm ſeine Frau⸗ lachend mit den Worten entgegenkam: „Nun, das muß ich geſtehn, ſo lange antleihe und zwar in Geſellſchaft einer ſchönen jungen Dame zurückzukehren, ich werde Dir einmal wieder die Haus⸗ geſetze vorleſen müſſen.“ Darauf reichte ſie ihm den Mund zum Kuſſe hin, ſchlang ihren Arm in den ſei⸗ nigen und führte ihn, von Elviſe begleitet, in das Zimmer, während Bob das Pferd wegleitete. „Ich habe mich recht ſehr über Ralph gefreut, denn er hat den Wohnſitz unſeres alten, treuen Freun⸗ des, Tom Norwood, wieder ganz hübſch hergeſtellt“, ſagte Arnold, als er ſich mit den beiden Frauenzim⸗ mern an dem Tiſch niederließ, auf dem das Abendbrot ſtand.„Es iſt ſo ſauber und nett dort, daß ich ihm ſagte, er beabſichtige wahrſcheinlich, ſich bald eine junge Frau anzuſchaffen. Derſelbe Schreiner, der bei Frank gearbeitet, hat ihm ſein Haus inwendig zurecht gemacht, einen neuen Fußboden gelegt, neue Thüren und ein Glasfenſter verfertigt, und hat ihn mit den nöthigen Möbeln verſorgt. In den Wegen iſt kein Gras mehr zu ſehen, die Einzäunung iſt neu aufge⸗ richtet und in der Mitte der Feigenbäume über dem „ * 40 Quell ſteht ein allerliebſtes Milchhaus. Ich ſage Dir, Frau, gerade, als ob er dieſer Tage Madame Nor⸗ wood dort einführen wollte. Uebrigens, wenn ein recht hübſcher Morgen iſt und Du kannſt Dich für einen Tag von Deiner Vorrathskammer trennen, ſo wollen wir Drei ihn doch einmal beſuchen, es wird Euch Beiden recht gut dort gefallen.“ Madame Arnold hatte während der Rede ihres Mannes Elviſe angeſehen und deren Verlegenheit be⸗ merkt, weshalb ſie zu derſelben ſagte:„Ach, Elviſe, ſei doch ſo gut und ſtelle den Kaffee vor das Feuer in dem Kamin, dann bleibt er hübſch warm; Du könnteſt mir auch einen Weg erſparen und in der Küche fragen, ob noch Buttermilch vorräthig iſt, Arnold trinkt wohl ein Glas.“ Elviſen war die Aufforderung herzlich willkommen, ſie verließ den Tiſch, führte beide Aufträge aus und kehrte bald ruhig und gefaßt mit der gewünſchten Milch zurück. Nach dem Abendeſſen beendigte ſie während der traulichen Unterhaltung vor dem Kaminfeuer die Arbeit an dem neuen Kleide, welches ſie am folgenden Morgen zur Kirche anlegen wollte. Der Sonntag erſchien heiter und wolkenlos; nach zeitigem Frühſtück band Madame Arnold ihrem Manne das Halstuch um und verknüpfte es in die unver⸗ meidlich ſchöne Schleife, ſie ſelbſt ſchmückte ſich mit ihrem beſten Tuch und einem neuen, blendend weißen Leinenhut, bewaffnete ſich gegen die Sonnenſtrahlen mit dem Regenſchirm, und bald darauf war das alte Ehepaar mit Elviſen, von Bob gefolgt, zu Pferde, und der Zug ſetzte ſich in Bewegung nach der drei Meilen entfernten Kirche. Dieſelbe beſtand in einem, einſam im Walde ge⸗ legenen, großen Blockhaus, um welches bei Ankunft der Familie Arnold ſchon einige vierzig Reitthiere an den Bäumen des Waldes befeſtigt ſtanden, deren Reiter und Reiterinnen bereits in der Kirche Platz genommen hatten und noch auf die Erſcheinung des Geiſtlichen warteten. Arnolds und Elviſe wurden von allen Seiten her mit Auszeichnung und Freundlichkeit be⸗ grüßt und man räumte ihnen Sitze auf der vorderſten Bank ein. Bald darauf erſchien der Prediger, ein Pflanzer aus der Nähe, und erbaute die Gemeinde mit einer einfachen, doch ſinnreichen, frommen Rede. Der Mann hatte das Amt eines Predigers un⸗ entgeltlich übernommen, weil noch kein ſolcher ſich in dieſer Gegend befand und weil er den Beruf dazu in ſich fühlte. Redlich und ehrbar in ſeinem Privatleben, entſprach er ſeiner Stellung als Geiſtlicher in jeder Weiſe und genoß die Achtung und Liebe ſeiner Nach⸗ barn nahe und fern. Wie es Arnolds oft zu thun pflegten, ſo nahmen ſie auch heute die Einladung dieſes Mannes, deſſen 42 Name King war, an und ritten nach beendigtem Got⸗ tesdienſt mit demſelben nach ſeiner, nur eine halbe Meile von der Kirche entfernt gelegenen Farm, um bei ihm zu Mittag zu ſpeiſen. Drei Wochen ſpäter ſtanden am Sonntag Nach⸗ mittag in Arnold's feſtlich geſchmücktem Hauſe Ralph Norwood und Elviſe Doſamantes vor dem Pfarrer King und empfingen als Mann und Frau durch ihn den kirchlichen Segen. An dem Morgen, nachdem Elviſe ihre Freiſtätte bei Arnolds verlaſſen und ihrem Gatten auf ſeine eigene Beſitzung gefolgt war, kam plötzlich Frank mit ſeiner jungen Frau in einem zweiräderigen, mit einem Pferd beſpannten, vffenen Wagen vor das elterliche Haus gefahren, und in ſeinem Gefolge brachte er auf einem Leiterwagen zehn Selaven mit ſich, die der Präſident Forney ſeiner Tochter als Geſchenk mit⸗ gegeben hatte. Die Ueberraſchung, der Jubel der beiden alten Leute kannte keine Grenzen, und unter Freudenthränen gingen die Kinder aus einer Umarmung in die andere. Es dauerte lange Zeit, ehe der Sturm ihrer beſeligten Gefühle verwogte und Madame Arnold ihre Schwie⸗ gertochter in den Schaukelſtuhl bei dem Kamin führte, um an ihrer Seite Platz zu nehmen, während Frank ſich mit dem alten Arnold gegenüber niederließ. Die glückliche alte Frau konnte noch immer kaum Worte — —— 43 finden, um Eleanor ihre Freude auszudrücken, ſie hielt deren Hände feſt in den ihrigen, rief allen Segen des Himmels auf ſie herab und dankte Gott für die Gnade, daß er ſie dieſe Freude habe erleben laſſen. Der alte Mann aber war ganz verſtummt, klopfte ſeinem Sohne die Hand, die er in ſeiner Linken hielt, und ließ dabei ſeine glückſtrahlenden Blicke auf der Schwiegertochter ruhen, die ihre Liebesergüſſe bald ihm, bald ſeiner Frau zuwandte. Eleanor that die freudige Bewegung der beiden alten Leute unendlich wohl und erhöhte noch das Glück, welches ihr ſchon durch die Liebe Frank's ſo reichlich zu Theil ge⸗ worden war. Madame Arnold gewann zuerſt ihre Faſſung wieder und machte ſich— einige Vorwürfe darüber, daß ſie in der Freude ihres Herzens beinahe ganz die Sorge für ihre lieben Gäſe außer Augen geſetzt habe, denn es ſei ſchon bald Mittagszeit und noch wären keine Vorbereitungen zu dem großen Gaſtmahle getroffen, welches ſie zum Empfang ihrer lieben Kinder zu geben beabſichtige. Dabei ſchloß ſie Eleanor nochmals an ihr Herz, bat ſcherzend ihren Mann, während ihrer Abweſenheit die Unterhaltung hübſch zu führen und eilte dann mit aufgeſchürztem Kleid in die Küche, um Anordnungen für die Zubereitung der wenigen Gerichte zu geben, die ihrer gewöhnlichen einfachen Koſt heute noch zugeſetzt werden ſollten. Nachdem Madame Arnold ſich ſchon einige Zeit entfernt und der Alte tauſend Fragen an ſeine Kinder gerichtet hatte, ſagte er plötzlich: „Nun ſage mir aber einmal, Frank, was für eine räthſelhafte Geſchichte war denn das Verſchwinden Ralph's? weder ich noch meine Frau haben daraus klug werden können.“ „Laß uns nicht von ihm reden, Vater, Ralph iſt ein untergegangener, verlorener Menſch!“ erwiederte Frank und wechſelte dabei mit Eleanor einen Blick der Uebereinſtimmung. „Das möchte doch wohl noch nicht ſo beſtimmt ſein, Frank, im Augenblick wenigſtens ſcheint hier ſein guter Stern im Aufgehen,“ ſagte der Alte. „Wie meinſt Du das, Vater— haſt Du kürzlich von ihm gehört?“ „Gewiß, ganz kürzlich und zwar das Beſte: er iſt geſtern auf dem Platz, wo Ihr jetzt ſitzt, durch Freund King mit einem reizenden, liebenswürdigen Mädchen getraut worden und wohnt nun als fleißiger Farmer auf ſeinem väterlichen Erbe.“ „Iſt es möglich, Ralph hier und verheirathet?— die arme Frau!“ entgegnete Frank in höchſter Ueber⸗ raſchung. „Ja, ſo ſage doch nur, was war denn das, wovon Du ſchriebſt, von der böſen Geſellſchaft?“ fragte der Alte neugierig. 45 „Das ſei vergeſſen, Vater, es iſt ja möglich, daß er ſich noch ändert,“ antwortete Frank und warf Eleanor einen Blick zu, der ihr Verſchwiegenheit an⸗ empfahl. Der alte Arnold erzählte nun in kurzem Umriß die Leidensgeſchichte der unglücklichen Elviſe und die Art, wie Ralph mit ihr bekannt geworden ſei. Frank aber ſuchte dem Geſpräch eine andere Wen⸗ dung zu geben, denn die Erinnerung an Norwood hatte viel Unangenehmes für ihn, und der alte Ar⸗ nold, ſo ſehr gern er auch etwas Näheres über die geheimnißvollen Begebenheiten in Baltimore erfahren hätte, mußte ſich mit den wenigen Andeutungen be⸗ gnügen, die ſein Sohn ihm gegeben. Der Tiſch wurde bald gedeckt und die Speiſen, unter denen ein fetter wilder Truthahn den Ehren⸗ platz einnahm, aufgetragen. Madame Arnold hatte ihr ſchwarzes ſeidenes Kleid, welches nur bei Feſt⸗ und Ehrentagen hervorgeholt wurde, angelegt, ihre beſte Haube aufgeſetzt und trat mit einer Vaſe in der Hand in das Zimmer, in der die herrlichſten Blumen des heißen Florida's prangten. „Auch unſere Wälder, meine geliebte Tochter, ſenden Dir ihren ſchönſten Schmuck als Willkommen,“ ſagte die Frau, indem ſie die Blumen auf den Tiſch niederſetzte,„ſolche Blüthen hat doch Euer Norden nicht aufzuweiſen. Nun kommt aber zu Tiſch, damit N ———— —— ———— 46 Ihr ſobald als möglich in Eure eigene Behauſung ein⸗ zieht. Mein Mann und ich werden Euch dahin be⸗ gleiten.“ Darauf nahm ſie Eleanor bei der Hand, wies ihr neben ſich ihren Platz an dem Tiſche an, der alte Ar⸗ nold ſprach ein kurzes Gebet und dann zog Frank die Schüſſel zu ſich heran, auf welcher der prächtige Trut⸗ hahn paradirte, und zerlegte denſelben mit großer Ge⸗ ſchicklichkeit. „Es wird Dir Manches ungewohnt und auch mit⸗ unter läſtig in unſerm Lande vorkommen, liebe Eleanor, der feſte Wille aber, die Schwierigkeiten des täglichen Lebens zu überwinden und der unabänderliche Be⸗ ſchluß, ſich niemals einer übeln Laune hinzugeben, wird für die meiſten Fälle hinreichen, in den vier Wänden der Hausfrau heiteres Wetter zu erhalten,“ ſagte Madame Arnold im Laufe der Unterredung zu ihrer Schwiegertochter. „Den Willen habe ich mitgebracht und für meine gute Laune bürgt mir unſere Liebe; ſie iſt mein Glück, meine Seligkeit, wo ſie mich umgiebt, iſt mein Himmel,“ erwiederte Eleanor und reichte Frank ihre ſchöne Hand, auf welche dieſer zärtlich ſeine Lippen preßte. Nach Tiſch wurden ſchnell alle Vorrichtungen zur Abreiſe getroffen. Madame Arnold hatte ſchon ſeit einigen Wochen vielerlei Haushaltsgegenſtände packt ſtehen, um ſie den jungen Leuten bei ihrem Einzug in ihre neue Wohnung mitzugeben, ſo daß ſie für den Anfang wenigſtens mit allen nöthigen Vorräthen ver⸗ ſorgt ſein ſollten. Kaffee, Zucker, Mehl, Salz, ge⸗ räuchertes und geſalzenes Schweinefleiſch, Butter, Käſe und viele andere derartige Artikel wurden nun auf den Leiterwagen gebracht, auf welchem die Neger ge⸗ kommen waren, und Madame Arnold beaufſichtigte ſelbſt die Verladung. Während dieſer Zeit hatte Frank mehrere Packete aus ſeinem Wagen geholt und in das Zimmer getragen, und als die alte Frau hereintrat, um anzuzeigen, daß ſie nun zur Abreiſe bereit ſei, überreichte Eleanor ihr und deren Manne die Packete, welche Geſchenke für die beiden alten Leute enthielten. Da waren prächtige Seidenſtoffe zu Kleidern, koſtbare Tücher und ſchöne Hauben für Madame Arnold, und Anzüge von dem feinſten Tuch für den alten Herrn. Die Freude der⸗ ſelben war außerordentlich, denn ſo herrliche Sachen hatten ſie nie beſeſſen, ja keiner der Nachbarn konnte ſolche aufweiſen. Nachdem dieſe Koſtbarkeiten einer vielſeitigen Beſichtigung unterworfen waren und die vergnügten Eltern ihren glücklichen Kindern mit rühren⸗ der Herzlichkeit für die Aufmerkſamkeit gedankt hatten, wurden die ſchönen Sachen in Koffer verwahrt und Madame Arnold drang jetzt ernſtlich auf die Abreiſe. Sie führte Eleanor zu dem Wagen, war ihr behülf⸗ 48 lich einzuſteigen und ließ ſich dann ſelbſt von ihrem Sohne Frank unterſtützen, um ein Gleiches zu thun. Mit einem gewiſſen Stolz ſetzte ſie ſich neben Eleanor zurecht, ergriff die Zügel und die Peitſche und trieb das Pferd zum Schritt an. Der alte Herr und Frank hatten die Roſſe beſtiegen und folgten dem Cabriolet, während Bob zu Maulthier und Frank's Neger auf dem Leiterwagen den Zug beſchloſſen. Nachdem ſie eine halbe Meile zurückgelegt hatten und Madame Arnold das Pferd durch einen Bach lenkte, ſagte ſie zu Eleanor: „Bis hierher ging unſer Eigenthum, nun aber tommen wir auf Frank's Land, in Deine neue Hei⸗ math, liebe Eleanor. Sieh nur dieſe prachtvollen Bäume und dieſe üppigen Pflanzen, ſo reichen Boden kennt Ihr bei Baltimore nicht. Auch haben wohl bei Euch die Wälder ſich noch nicht wieder belaubt; Ihr habt einen ſo ſtrengen Winter gehabt. So ſehr ich mich auch auf Eure Ankunft freute, ſo war es mir doch recht lieb, daß Ihr die Reiſe verſchoben habt, bis die große Kälte verſchwunden war. Ich würde ſicher erfrieren, wenn ich einen Winter dort zubringen müßte.“ „Man gewöhnt ſich leicht daran, liebe Mutter,“ erwiederte Eleanor,„doch wenn Sie mich einmal zu meinem Vater begleiten, was Sie jedenfalls thun 49 müſſen, ſo wählen wir den Sommer, wenn es hier zu heiß wird.“ Plaudernd zogen ſie dahin, und Madame Arnold verſäumte keine Gelegenheit, ihre Schwiegertochter auf die Schönheiten der Umgebung aufmerkſam zu machen, bis ſie den erſten Blick auf Frank's Niederlaſſung frei hatte und, mit der Peitſche nach derſelben hinzeigend, ſagte: „Dort, beſte Eleanot, iſt Deine Wohnung, möge der Allmächtige Dir und Frank ſo viele ſegensreiche Gnade darin zukommen laſſen, als er mir und meinem guten Manne in unſerer Hütte zu Theil werden ließ.“ Frank's dort wohnende Selaven, denen Madame Arnold die Ankunft ihres Herrn ſchon hatte melden laſſen, harrten ihrer Herrſchaft an dem Einfahrtsthor in der Einzäunung und überreichten ihrer jungen Herrin, als ſie ausgeſtiegen war, prächtige Blumenſträuße. Eleanor blieb tief bewegt auf dem Platze vor dem Hauſe ſtehen und blickte mit Entzücken einige Augen⸗ blicke um ſich, dann öffnete ſie ihre Arme und ſchloß unter Freudenthränen Frank an ihr Herz. Auch den beiden alten Leuten waren die Augen feucht geworden, ſie ſahen tief gerührt auf ihre glücklichen Kinder und ſandten ein ſtilles Dankgebet zum Himmel. Madame Arnold ergriff nun die Hand ihrer Schwiegertochter, führte ſie über die ſaubere, nette Veranda in das Haus und öffnete mit ſtolzer Zufriedenheit die Thüren Ralph Norwood. IMI. 4 50 der Zimmer. Die Räume waren hübſcher und reicher ausgeſtattet, als die irgend eines andern Farmerhauſes im ganzen Lande, und da Eleanor auf ihrer Herreiſe die Wohnungen vieler Landleute zu ſehen Gelegenheit gehabt hatte, ſo war ſie ganz verwundert, als ſie ein⸗ trat. Madame Arnold bemerkte dies mit großer Ge⸗ nugthuung und führte die junge Frau allenthalben umher. Sie ging mit ihr in die Küche, in das Rauch⸗ haus, die Vorrathskammer, das Milchhaus, ſie zeigte ihr den Gemüſegarten, den Obſtgarten und die vielen jungen Orangen⸗, Citronen⸗ und Granatbäume, die ſie ſelbſt gepflanzt hatte. „Der Anfang iſt gemacht, möge nun Alles unter Euern Händen wachſen und gedeihen,“ ſagte ſie, als ſie zu der Veranda zurückſchritten und ſich dort bei den Männern niederließen, die während dieſer Zeit ſich über die vorzunehmenden Arbeiten in den Feldern unterhalten hatten. Während ſie nun hier zuſammen ſaßen und über die Grasflur vor dem Hauſe blickten, die ſich nach Weſten zwiſchen dem zu beiden Seiten zum Himmel aufſtrebenden Wald bald breiter, bald ſchmäler hinzog und an ihtem fernen Ende durch einen Streif nebelicht⸗ blauer Baummaſſen begrenzt wurde, näherte ſich dieſen die finkende Sonne und warf ihre Abſchiedsſtrahlen über die bunte Blumenflor, die aus dem friſchen Grün der Prairien hervorſah, ſowie auf die dem Hauſe zu⸗ —— 5¹ ziehende Heerde glänzender, prächtiger Kühe. Laut⸗ tönend hallte der Klang der großen kupfernen Glocke, welche die Leitkuh um den Hals trug, zu beiden Seiten in dem Walde wieder, und von Zeit zu Zeit blieb das alte Thier ſtehen und ließ ſeine Stimme nach der zurückbleibenden Heerde erſchallen, als fordere ſie die⸗ ſelbe zu größerer Eile auf. Auch einige zwanzig Pferde kamen ruhig über die Grasfläche geſchritten, und eine große Anzahl von Schweinen rannte von allen Seiten herbei, um vor der Einzäunung einige Körner Mais als Abendfutter zu erhalten. Eleanor hing mit ſtummem Entzücken an dem friedlich ſtillen ländlichen Bilde ihrer neuen Heimath, denn es entſprach dem, welches ſie ſich ſelbſt davon in ihrer Phantaſie geſchaffen, in jeder Weiſe, nur war es in der Wirklichkeit ſchöner und reizender; denn von dem Reichthum und der Pracht der Natur in dieſem Lande hatte ſie ſich keine genügende Vorſtellung machen können. Madame Arnold ſah Rauch aus dem Schornſtein der Küche aufſteigen und ging mit Eleanor nach der⸗ ſelben hin, um der ſchwarzen Köchin Franks zu ſagen, wo ſie unter den mitgebrachten Vorräthen die ver⸗ ſchiedenen Gegenſtände, welche zur Bereitung des Abendbrodes nöthig waren, finden würde. Dann führte ſie ihre Schwiegertochter in das Wohnhaus zurück um 52 derſelben die Plätze zu zeigen, wo das Tiſchzeug und Tiſchgeräth aufbewahrt war. Die alten Leute blieben zum Abendeſſen, welches unter der Veranda eingenommen wurde, denn es war ein lauer windſtiller Abend, ſo daß die Flamme des Lichts, welches auf dem Tiſch brannte, kaum von dem leiſen, mit Blüthenduft gewürzten Luftzug bewegt wurde, der von der Prairie her über die Veranda hinhauchte. Während dieſer Zeit ſtieg der Mond über dem Rieſenwald auf, der ſich hinter dem Gebäude erhob, und warf ſein helles Licht über die ſtille Landſchaft. Madame Arnold erhob ſich zuerſt und mahnte an den Heimweg, Frank beſtand darauf, daß ſeine Eltern in ſeinem Wagen zurückfahren möchten, wogegen der alte Arnold proteſtirte und verſicherte, daß er ſowohl, als auch ſeine Frau viel beſſer auf ihren Pferden zu Hauſe ſeien, als in dem zweiräderigen Ding. Dieſe aber war für Fahren und ſetzte es auch durch, daß das Cabriolet angeſpannt wurde. Unter Segens⸗ und Glückwünſchen nahmen die frohen Eltern Abſchied von den Kindern, beſtiegen den Wagen, Bob ſchwang ſich auf ſein Maulthier und Frank ſandte noch einen ſeiner Neger mit, der voran reiten mußte, während Bob mit den Reitpferden folgte. Capitel 24. Unerwarteter Reichthum.— Verläumdung.— Geldgier.— Das Indianerlager. — Treuherzigkeit.— Gaſtfreundſchaft.— Die Sclaven.— Der Sohn des Häuptlings.— Der Schwur.— Der Verrath.— Die Zuſage.— Das Heirathsgeſuch.— Die Erklärung. Bu derſelben Zeit ſaß Ralph Norwvod vor dem hellaufflackernden Kaminfeuer in ſeinem kleinen Hauſe und hielt die ſchöne Elviſe in ſeinen Armen. Sie hatten ihr einfaches Abendbrod, bei deſſen Bereitung Ralph ſeiner jungen Frau hülfreich geweſen war, ſo eben verzehrt, und noch ſtand der gedeckte Tiſch, wie ſie denſelben 6 hatten, hinter ihnen. „Du machſk mich ſo glücklich, Elviſe!“ ſagte Ralph zu ihr im Uebermaaße ſeiner Leidenſchaft,„Du haſt mir dieſe Heimath wiedergegeben, die ich ohne die Hoffnung, ſie mit Dir zu theilen, niemals bezogen haben würde. Ich war mit der Welt zerfallen und fühlte mich unglücklich und verlaſſen!“ „Nicht ſo ſehr wie ich, Ralph, Du hatteſt viele alte Freunde, und der Mann kann ſich den Weg durch das Leben erzwingen, das Weib muß geleitet und be⸗ ſchützt werden,“ erwiederte Elviſe, indem ſie ſich ſeinen Liebkoſungen hingab. 54 „Du entbehrſt hier Vieles, was Du von Jügend auf gewohnt wareſt, ſüße Elviſe, ich werde aber Alles aufbieten, um Dir mehr Bequemlichkeit zu verſchaffen. Ich kann ein Stück Land und auch Vieh und Pferde verwerthen, um eine Negerin zu kaufen, die Dir die Arbeit erleichtern ſoll. Wenn ich eine gute Erndte mache, ſo will ich auch unſer Haus erweitern; Du biſt Alles ſehr viel beſſer gewohnt,“ ſagte Ralph und preßte ſeine Lippen in glühenden Küſſen auf Elviſens ſchönen Mund. „Ich habe über tauſend Dollar Schatzſcheine, wenn Du ſie verwenden willſt, ſo gebe ich ſie Dir gern,“ ſagte Eloiſe, hob ſich aus der Umarmung ihres Gatten, und nahm aus einem kleinen Koffer, den ſie der Güte der Madame Arnold verdankte, das Packet mit Pa⸗ pieren hervor, welches ihr ſeliger Vatehjhr vor ſeinem Ende gegeben hatte. „Hier find ſie; die andern Papiere, die dabei liegen, ſind wohl Nichts werth, es ſind Schiffsdveu⸗ mente,“ ſagte Elviſe, indem ſie ihrem Manne das Packet reichte und ſich neben ihm auf einem Stuhl niederließ. Ralph öffnete den Umſchlag mit großem Eifer; zu⸗ erſt fielen ihm die Schatzſcheine in die Hände, er zählte ſie begierig, entfaltete dann das darunter liegende Pa⸗ pier, ließ ſeine Blicke darüber gleiten und rief plötzlich in freudigem Erſtaunen aus: 1 —.— „Mein Gott, Elviſe, das iſt ja eine Police über eine Verſicherung von zwanzigtauſend Dollar, welche Dein ſeliger Vater bei einer Aſſecuranz⸗Compagnie in New⸗York auf die Tritonia genommen hatte. Haſt Du denn hiervon Nichts gewußt?“ „Kein Wort,“ erwiederte Elviſe in höchſtem Er⸗ ſtaunen und blickte auf das Papier. „Sieh hier, zwanzigtauſend Dollar, es iſt kein Zweifel darüber, das Geld muß uns werden. Hier ſteht es ausdrücklich, daß dieſe Summe auf die Brigg Tritonia auf ihrer Reiſe von New⸗Vork bis nach Ma⸗ zatlan am ſtillen Weltmeer verſichert iſt, und daß der Capitain Doſamantes befugt ſein ſolle, auf dieſer Reiſe, irgend wo es ihm beliebt, an der Küſte in einen Hafen einzulaufen, oder vor Anker zu gehen. Wir ſind mit Einemmale reich, Elviſe, und nun ſollſt Du auch nicht Viel mehr entbehren,“ ſagte Ralph in ungemeſſener Freude, ſchlang ſeinen Arm um den Nacken ſeiner Frau und küßte ſie wiederholt. Dann richtete er ſeine Aufmerkſamkeit abermals auf die Papiere und durch⸗ blickte die noch weiter vorhandenen, welche in bezahlten und quittirten Rechnungen über die Ladung des Schiffesg und über Reparaturen an dieſem beſtanden. „Wir müſſen eiligſt die nöthigen Schritte thun, um das Geld einzutreiben,“ ſagte er, nachdem er jedes einzelne Blatt durchleſen hatte,„ich will gleich morgen meine Reiſe nach dem Leuchthaus zu dem Herrn Burn⸗ 56 ham antreten, um mir von ihm eine Beſcheinigung über den Untergang des Schiffes und über Deine Rettung ausfertigen zu laſſen, und dann müſſen wir zuſammen nach D.... reiten, um den Herrn Behrend mit dem Einziehen des Geldes zu beauftragen. Du mußt mich nothwendig dorthin begleiten, ſo daß Du ſelbſt dort die nöthigen Vollmachten ausſtellen kannſt. Leid iſt es mir nur, daß Du während meiner Reiſe zu Burnham hier allein wohnen mußt.“ „Ich könnte ja während der Zeit bei den alten Arnolds bleiben; ſie nehmen mich gewiß mit Freuden auf,“ erwiederte Elvoiſe. „Die alten Arnolds,“ ſagte Ralph mit einem Ton der Abneigung.„Ich muß Dir geſtehen, Elviſe, daß ich nicht ganz ſo über ſie denke, wie Du. Ich habe Dir bis jetzt die hohe Meinung, die Du von dieſen Leuten hegſt, nicht nehmen wollen, indem ſie Dir allerdings Gutes erzeigt haben, und ich das Gefühl der Dankbarkeit in Dir ehre. Damals, als Du Dich noch bei ihnen befandeſt, war ihr Wunſch, Dich bald⸗ möglichſt aus ihrem Hauſe loszuwerden, ja in meinem Intereſſe, da derſelbe mir mehr Hoffnung gab, Dich mein eigen zu nennen, obgleich mir die Doppelzüngig⸗ keit der Leute nicht gefiel. Sie machten gegen mich gar kein Geheimniß daraus, und die Alte hat es mir zu wiederholten Malen ſelbſt geſagt, daß Du ihnen ſehr im Wege ſeieſt.⸗ ——————— — 3 57 5 „So habe ich mich doch nicht geirrt, es iſt mir ſelbſt oft ſo vorgekommen. Die Verſicherungen aber, die mir Madame Arnold ſo häufig gemacht hat, lauteten ganz anders, ſie ſagte mir immer, ſo lange ſie und ihr Mann lebe, ſollte ich bei ihnen eine Heimath be⸗ halten,“ entgegnete Elviſe. „Worte, nichts als füße Worte, liebes Kind, es ſind ein Paar ſcheinheilige Alte und ihr Sohn Frank iſt durch und durch falſch. Er hat ſich in Baltimore ſehr ſchlecht gegen mich benommen, weshalb ich mich auch von ihm trennte und Nichts mehr mit ihm zu thun haben wollte. Am Beſten, wir halten uns von dieſen Menſchen fern, man erntet doch keinen Dank von ihnen“, bemerkte Ralph. „Und wie die Alten von dem Sohne eingenommen ſind; wenn man ſie über ihn reden hört, ſo ſollte man glauben, er ſei ein Muſterbild eines jungen Mannes,“ bemerkte Elviſe. „Scheinheilig, wie die Alten, iſt er und verſteht es, ſich bei allen Leuten mit ſeinen glatten Worten einzuſchmeicheln, darum wurde er auch von den Geor⸗ giern in die Geſetzgebung gewählt. Wir haben Ar⸗ nolds Gottlob nicht nöthig und je weniger wir mit ihnen in Berührung kommen, deſto beſſer“, ſagte Ralph im Bewußtſein ſeiner Schuld, welche Frank mehr oder weniger bekannt ſein mußte. Er ſetzte ſehr richtig voraus, daß derſelbe ihn bei ſeiner Rückkehr u 1 eene. 58 nicht aufſuchen würde und ſchämte ſich, ihm ſowohl als Eleanor wieder vor die Augen zu treten. Da aber das freundſchaftliche Verhältniß zwiſchen Elviſen und den alten Arnolds ſicher ein Zuſammentreffen mit Jenen herbeiführen mußte, ſo hielt es Ralph für rathſam, ſeine Frau gegen die ganze Familie ein⸗ zunehmen und einem fernern Verkehr mit ihr vorzu⸗ beugen. Am folgenden Morgen machte er ſich frühzeitig reiſefertig, um ſeine junge Frau allein in ſeiner Woh⸗ nung zurückzulaſſen und ſich nach dem Leuchthaus zu 3 Herrn Burnham zu begeben. Sich von den Werth⸗ 7 papieren Elviſens aber zu trennen, hielt er für zu gefährlich, weshalb er ſie unter dem Vorwande, daß ſie ihm vielleicht bei Burnham nöthig ſein könnten, zu ſich ſteckte. Mit Bangen und Zagen nahm Elviſe Abſchied von Ralph, er aber ſcherzte über ihre kindiſche Furcht, da ja Niemand es wagen könnte, ihr Etwas zu Leide zu thun und ſchwang ſich auf ſein Pferd mit dem bei ihm Alles überwältigenden Gedanken, daß er bald in den Beſitz von zwanzig tauſend Dollar kommen würde. Er ritt davon und folgte dem Fußpfad, der zu Tallihadjo's Lager führte, während unzählige Ent⸗ würfe, auf welche Weiſe er das Geld am vortheil⸗ hafteſten verwenden wollte, ſeine Gedanken durchflogen. Der Weg bis zu des Häuptlings Lager ward ihm unter ſeinen Träumereien kurz, denn er war erſtaunt, als er plötzlich durch das Bellen von Hunden darauf aufmerkſam gemacht wurde, daß er ſich bereits in deſſen Nähe befände. Tallihadjo empfing ihn ſehr freundlich, lud ihn ein, ſich bei ſeinem Feuer zu ruhen, ließ ihm dort Speiſe und Honigbier reichen, und war außerordentlich erfreut zu hören, daß Ralph ſich mit Elviſe verheirathet und ſich auf ſeines Vaters Wohn⸗ ſitz niedergelaſſen habe. „Mein Freund Tom wird nun noch viel glücklicher in ſeinem Himmel ſein, da er ſieht, daß ſeine Ge⸗ beine von ſeinem Sohne bewacht werden. Deine Felder, Ralph, wird er reichlich tragen laſſen und Deine Heerden fett machen,“ ſagte der Häuptling. „Wie weit iſt es bis zu Hallemico am See?“ fragte Ralph, ohne auf die frommen Wünſche des Häuptlings zu hören. Dieſer ſchüttelte aber gedanken⸗ voll den Kopf, warf ſeinem Gaſte einen ernſten Blick zu und ſagte: „Wenn Dir Dein Pferd ſo wenig am Herzen liegt, als das Andenken an Deinen guten Vater, ſo kannſt Du lange Zeit, ehe die Sonne zur Ruhe geht, bei Hallemico's Feuer ruhen.“ Ralph jedoch ſchien ſich wenig um den Vorwurf des Wilden zu kümmern, er berechnete, wie bald er bei Burnham und von dort wieder zu Hauſe ſein würde, um dann eiligſt Schritte zum Eintreiben des 60 Geldes zu thun. Er raſtete auch nicht länger, als ſein Pferd nöthig hatte, das ihm vorgelegte Futter zu 1 verzehren, ſagte dann dem Häuptling Lebewohl und ritt von dannen. Die Sonne war im Verſinken und vergoldete kaum noch die leicht gekräuſelten Wellen des See's, an deſſen Ufer Hallemiev wohnte, als Ralph unter den uralten koloſſalen Bäumen hinritt, die ihre Aeſte weit über dieſes, rundum von Urwald eingeſchloſſene ſchöne Ge⸗ wäſſer ausſtreckten. Bald ſah er auch die Rauchſäulen, die über den Lagerfeuern der Indianer unbewegt zum Himmel aufſtiegen und erkannte dann die hölzernen„ Häuſer und Hütten der Wilden. Bei ſeiner An⸗ näherung flohen die am Ufer umherſpielenden Kinder nach den Wohnungen, oder verbargen ſich unter einem Buſch, oder hinter einem Baum, und die Erwachſenen ſchauten ernſt und finſter nach dem fremden weißen Manne. Ralph erhielt auf ſeine Fragen: wo Halle⸗ mico's Wigwam ſtehe, keine Antwort, man deutete ihm nur mit der Hand an, weiter zu reiten, bis end⸗ lich, nachdem er wohl an zwanzig Hütten vorüberge⸗ zogen war, ein alter Indianer, der am Ufer des See's ſaß und ſiſchte, auf die gleichfalls an ihn gerichtete. Frage, mit der Hand die nächſte Hütte bezeichnete. Ralph ſtieg von ſeinem Pferde und leitete es dem Hauſe zu, vor welchem um ein hellflackerndes Feuer der alte Häuptling mit ſeinen Frauen und Kindern 61 ſaß. Alle ſahen verwundert nach dem weißen Ankömm⸗ ling auf, und es war nicht ſchwer, den Widerwillen gegen ihn zu erkennen, der ſich auf ihren dunkeln Ge⸗ ſichtern kund that. .. „Der Sohn Deines alten Freundes Tom Norwood grüßt Dich, Hallemico,“ redete Ralph den Häuptling an und ſchritt nahe zu ihm hin, um ihm die Hand zu reichen. „Du, der Sohn Tom's, das Kind einer Se⸗ minolin?— Mein Feuer ſoll Dich wärmen, meine Weiber ſollen Dir das beſte Fleiſch und die füßeſten Früchte reichen und Hallemiev wird über Deinen Schlaf wachen, daß er nicht geſtört werde“ antwortete der alte Indianer, indem er aufſtand und Ralph die Hand ſchüttelte.„Tom Norwood iſt zu ſeinen Vätern gegangen, ſo verkündete mir Tallihadjo; er war der beſte weiße Freund der rothen Kinder und ſein Sohn muß ein noch beſſerer Freund der Seminolen ſein, da von ihnen die Hälfte ſeines Blutes abſtammt. Ruhe Dich auf dieſer weichen Bärenhaut, Dein Pferd ſoll in den Roggen geführt werden, der den Boden unſerer Wälder ſo reich bedeckt,“ fuhr der alte Häuptling fort und ſetzte ſich mit ihm neben dem Feuer nieder. Dar⸗ auf ließ er die Pfeife füllen, rauchte zuerſt und reichte ſie dann Ralph hin. „Was bringſt Du Neues von unſerer Grenze, ſind die Bleichgeſichter geſättigt, oder gelüſtet es ihnen nach 62 noch Mehr von unſerm Lande? Schon drängen ſich meine rothen Brüder von Süden her in meinen Jagd⸗ grund, da die Weißen ihnen von dem ihrigen ſo viel genommen haben, daß ihre Heerden mager werden und der Hirſch und Bär nicht mehr in ihrer Nähe wohnen will“, ſagte Hallemicv zu ſeinem Gaſte. „Die Weißen ſind zufrieden mit dem Lande, welches ſie beſitzen, und werden nun nicht weiter in Euere Gebiete vordringen“, erwiederte um den Alten zu beruhigen. „Das gebe der große Geiſt, denn auf den nächſten Schlachtuf der Seminolen gegen die Weißen würden die Ströme Florida's ſich mit Menſchenblut färben und es würde nicht Geier und Wölfe genug geben, um die Leichen alle zu verzehren“, ſagte der Alte mit großer Bewegung, die ſich jedoch nur in dem erhöhten Glanze ſeiner dunkeln Augen erkennen ließ. Nach einer kurzen Pauſe fuhr er fort: „Wo hinaus liegt Dein Pfad, willſt Du noch weiter in unſer Land reiten?“ „Bis an die öſtliche Küſte deſſelben; ich muß den Capitain des Leuchthauſes ſprechen, welches unſere Regierung in der See auf die Felſen gebaut hat.“ „Dorthin, wo in der Nacht das große Feuer brennt, welches Homathlan vor Kurzem auslöſchen wollte? Man ſagt mir, es leuchte ſo hell, wie die Sonne bei Tage.“ ——— 63 —— „Ganz recht, das iſt der Ort, wohin ich reite“, erwiederte Ralph. „Dann reiteſt Du durch das Land des Seminolen⸗ Häuptlings Osmakvhee, mit dem ich ſchon lange in Blutfeindſchaft lebe, doch ohne mein Verſchulden. Es iſt vor Jahren einer ſeiner Krieger von einem meiner Leute auf der Jagd erſchlagen worden. Dieſer war ein ruhiger, friedfertiger Mann und ſagte, daß Jener ihm nach dem Leben getrachtet habe. Ich weigerte mich, ihn auszuliefern, weil ich von ſeiner Unſchuld überzeugt war. Er iſt nun ſchon lange in den ewigen Jagdgründen ſeiner Väter, doch der Rachedurſt von Osmakohee's Stamm gegen den meinigen iſt noch eben ſo heiß, wie damals, als die blutige That voll⸗ bracht war. Nur der Einfluß, den Tallihadjo, unſer größter Häuptling, über ihn ausübt, hat ihn bis jetzt abgehalten, feindlich gegen uns aufzutreten. Die Zahl ſeiner Krieger iſt der meinigen dreimal überlegen, dennoch würde er ſich im offenen Kampfe kaum mit mir meſſen können; die Herzen der Männer Halle⸗ mico's ſind groß, ihre Augen ſind ſcharf, wie die des weißköpfigen Adlers, und ihre Sehnen ſtark, wie die ihrer Bogen.“ In dieſem Augenblick wurde ein Zug theils be⸗ rittener, theils zu Fuß gehender Indianer ſichtbar, die zur Rechten an dem Ufer des Sees ſich näherten und bald in dem tiefen Dunkel des Waldes verſchwanden, ————— —,—————— 64 bald wieder auf dem ſaftigen Grün der Uferbank erſchienen. Die vielen Hunde, die den Männern, wie es ſchien, ermüdet folgten, zeigten, daß es heimkehrende Jäger waren, und bald erkannte man auch auf den von ihnen geleiteten Pferden die reiche Jagdbeute, die ſie mit ſich führten. „Der Jagdgott iſt den Jägern Hallemico's zuge⸗ than“, ſagte der Alte, als die Männer vor ſeinem Feuer vorüberzogen, und indem er auf einem der Pferde einen ſchwarzen Bären hängen ſah, rief er dem Indianer, der daſſelbe leitete, zu: „Hiokee, überlaß mir den Bären, ich gebe Dir heute noch einmal ſo viel dafür, als ſonſt; ich⸗ habe einen lieben Gaſt bei mir, deſſen Mutter unſerm Volke angehörte.“ Der Angeredete leitete ſofort ſein Roß nach der Hütte des Häuptlings, während ſeine Gefährten ſchweigend ihren eigenen Wohnungen zuzogen. Der erlegte Bär wurde nun ſchnell durch die Frauen Hallemico's vom Pferde herabgezogen, ſofort ſeiner Haut beraubt und zerwirkt und die einzelnen, mit handhohem Feiſt bedeckten Stücke unweit der Hütte an Bäumen aufgehangen. Die Tatzen aber und die Rippen trugen die Indianerinnen zu dem Feuer ihres Herrn, vergruben die erſtern unter der glühenden Aſche und ſteckten letztere an Holzſpießen vor der Gluth zum Braten auf. „Noch haben die Bleichgeſichter das Wild nicht aus Hallemico's Wäldern verjagt und noch iſt in denſelben der Klang ihrer Art nicht gehört worden“, ſagte der Alte, indem er wohlgefällig auf die fetten Bärenrippen blickte, die ſich kniſternd von der Gluth bräunten. „Auch die Fiſche im See ſind noch nicht von ihnen verſtört worden“, fuhr er nach einer Weile fort, indem er ſeine Blicke auf die Fluth richtete, auf der ſich bei der raſch zunehmenden Dunkelheit der Mond zitternd ſpiegelte und in deſſen langem Lichtſtreif ein dunkeler Punkt ſchnell dem Ufer zuſchwamm. „Dort kommt Olviana, meine Tochter, die Schönſte unſeres Volkes. Sie wird von den beſten Fiſchen, die der See für die rothen Kinder erzeugt, mitbringen, denn keine Seminvlin verſteht es ſo gut, wie ſie, die⸗ ſelben zu fangen“, ſagte der Häuptling, indem er auf das Waſſer zeigte, auf deſſen leicht bewegtem Spiegel jetzt ein kleiner Kahn durch eine Indianerin dem Ufer zugerudert wurde. Nach wenigen Minuten ſprang dieſelbe aus dem Nachen an das Land, befeſtigte ihn dort und hob nun die gefangenen Fiſche, die an Stränge geſchnürt waren und von beiden Seiten des Bovotes in das Waſſer hingen, auf das Ufer herauf. Mehrere der Frauen des Häuptlings eilten zu ihr hin, um die Beute in Empfang zu nehmen, und während Ralph Norwood. II. 8 ——————— *—— 66 dieſelben ſich mit den Fiſchen beluden, ſprang Olviana leichten Fußes zu dem Feuer ihres Vaters, um ihn zu begrüßen. Als ſie aber den fremden weißen Mann erblickte, verſchwand die ſorgloſe Heiterkeit von ihren Zügen und ſie war im Begriff, vorüber nach dem Hauſe zu ſchreiten, als der Häuptling, auf Ralph zeigend, ſie mit den Worten zurückhielt: „Dies iſt der Sohn meines alten Freundes Tom, der eine Seminolin zur Frau hatte, auch er iſt ein Freund der rothen Kinder und ein willkommener Gaſt an meinem Feuer. Setze Dich neben ihn, Olviana, und röſte die Bärenrippen für ihn.“ Mit derſelben frohen Unbefangenheit, womit ſie ſich genaht hatte, ſetzte ſie ſich nun neben Ralph nieder, ſteckte die Spieße, an denen die Bärenrippen hingen, anders vor dem Feuer auf, zog mit einem Stock mehr glühende Kohlen zu denſelben heran und begann nun die Spieße zu drehen, ſo daß das Fleiſch auf allen Seiten der Gluth ausgeſetzt wurde. Olviana war ſechzehn Jahre alt, nicht ſehr groß, aber reizend zierlich und im vollkommenſten Ebenmaße gebaut. Ihr Kopf war klein, ihr Nacken makellos, über ihren breiten Hüften, um welche ein kurzes, ſchön bemaltes und befranztes Lederröckchen hing, konnte man ſie umſpannen, und ihre Füße und Hände waren auffallend niedlich und ſchön geformt. Die Farbe ihrer Haut miſchte ſich zwiſchen Orange und einem hellen Braun, welches das glänzende Blauſchwarz ihres reichen Haares, das Perlenweiß um ihre tief⸗ braunen, großen Augenſterne, den Schnee ihrer ſchönen Zähne und das Granatroth ihrer friſchen, vollen Lippen nur noch mehr hob. Unſchuld und Anmuth lag auf ihrem lieblichen ſchmalen Geſicht, und um ihren kleinen Mund ſpielte ein Zug heiterſter Unbefangenheit. Ein Schmuck von langen, blendend weißen Perlen hing um ihren weichen Nacken bis auf ihren zarten Buſen, und ihr üppiges Haar, welches an der linken Seite ihres Kopfes durch einen buntſchillernden Federquaſt zuſammengehalten wurde, fiel über ihre Schulter bis unter ihre Hüfte herab. Leicht und natürlich graziös in allen ihren Bewegungen, verrieth ſie auf dem Spiegel ihrer großen, dunkelen Augen jeden Gedan⸗ kenwechſel, jedes Gefühl, welches ſie überkam; bald blitzten dieſelben jubelnd und freudeſtrahlend, wie die Sonne, unter der ſie geboren, bald ſchautenſie weich, wehmüthig und melancholiſch unter den langen Wim⸗ pern hervor, wie der Mond, wenn er durch düſteres Gewölk bricht. Olviana war die älteſte Tochter. Hallemico's und das einzige Kind ſeiner erſten, ſchon ſeit Jahren ver⸗ ſtorbenen Frau. Mit unbegrenzter Zuneigung hing der alte Häuptling vorzugsweiſe an dieſer Tochter, und mit unbeſchreiblicher Zärtlichkeit erwiederte die⸗ ſelbe die Liebe des Vaters. Gegenſeitig ſuchte Eines 68 4 „ die Wünſche des Andern zu errathen, um ihnen zu willfahren, ehe ſie ausgeſprochen waren, und es gab für Beide kein größeres Vergnügen, als einander eine Bitte zu gewähren. Dabei war Olviana die Freude, der Stolz des ganzen Stammes; denn den Frauen war ſie ein Vorbild in Bezug auf Geſchicklichkeit und Arbeitſamkeit, ſowie eine Freundin in der Noth, und die Männer waren ſtolz darauf, daß die Schönſte der Seminolinnen ihrem Stamme angehbre. Hallemico war früher ein mächtiger Häuptling geweſen, der letzte Krieg aber mit den Weißen hatte die Seelenzahl ſeines Stammes ſehr verringert, ſo daß er jetzt kaum noch über dreißig rüſtige Krieger zu befehlen hatte. Dennoch war er immer noch ein Häuptling, der großes Anſehen unter den Seminolen beſaß, was theils ſeiner oft erprobten Treue zu ihnen und ſeinen weiſen Rathſchlägen in ihren Verſamm⸗ lungen, theils aber auch ſeiner Wohlhabenheit zuzu⸗ ſchreiben war, denn er hatte einige fünfzig Neger⸗ ſelaven, die ihm durch ihre Arbeit ein bedeutendes jährliches Einkommen verſchafften, ſeine Heerden waren zahlreich, ſein Jagdgrund reich an Wild und der See ſtellte einen Ueberfluß an Fiſchen und Schildkröten zu ſeiner Verfügung. Während Hallemico ſich mit ſeinem Gaſte unter⸗ hielt und ihn über das Thun und Treiben der weißen Anſiedler an der Landesgrenze der Seminolen befragte, 69 hatte Olviana auch noch Fiſche unter der glühenden Aſche vergraben und ſie dort für das Abendbrot zu⸗ bereitet, ſie hatte Honigbier herbeigeholt und bedeutete bald darauf ihrem Vater, daß die Speiſen fertig ſeien. Der Alte lud nun Ralph ein, mit ihm zu eſſen, Olviana reichte Beiden die bereiteten Leckerbiſſen hin und gab ihnen noch Feigen, Orangen und Bananen als Nachtiſch. Während der Mahlzeit hatten die Neger ſich um ein anderes, ganz in der Nähe brennendes Feuer verſammelt und gleichfalls ihr Abendeſſen zu ſich genommen. Die große Zahl derſelben war Ralph aufgefallen, er richtete ſeine Blicke häufig nach ihnen hin und ließ ſie durch den ganzen Kreis der Selaven von Einem zum Andern wandern. Nachdem er, ſowie Hallemiev, die Mahlzeit be⸗ endigt, Beide ihre Pfeifen angezündet und die Weiber und Kinder des Häuptlings zu ſpeiſen begonnen hatten, fragte Ralph Dieſen: „Wem gehören denn die Neger alle?“ „Sie ſind die Selaven Hallemieco's; kein Häupt⸗ ling unter den Seminvlen beſitzt deren ſo viele, als er“, erwiederte derſelbe mit einem nicht zu verken⸗ nenden Stolz. „Was thuſt Du mit einer ſo großen Zahl von Selaven? Du ſollteſt etliche davon verkaufen, denn Dir bringen ſie doch wenig ein“, ſagte Ralph. 70 „Sie ſind, bis auf wenige, ſämmtlich in meinem Lager geboren und gehören zu meiner Familie, ſie arbeiten ſo viel, als ich von ihnen fordere und ſind mir treu und ergeben; warum ſoll ich ſie nun ver⸗ kaufen?“ entgegnete der Häuptling. „Weil Du Dir für das Geld andere Gegenſtände anſchaffen könnteſt, welche Dir mehr Freude und mehr Annehmlichkeit machen würden.“ „Ich habe Alles, was ich bedarf, und was ihr Weißen liebt, gefällt mir nicht. Die Selaven machen mir Freude, denn ſie thun Alles, was ich wünſche. Ich werde Keinen von ihnen verkaufen“, antwortete Hallemiev mit Ruhe und Beſtimmtheit, ſo daß Ralph einſah, es würde jedes weitere Wort in dieſer Be⸗ ziehung ohne Erfolg bleiben. Demohngeachtet konnte er nicht unterlaſſen, in Gedanken Berechnungen dar⸗ über aufzuſtellen, wie viel dieſe Neger ihm jährlich einbringen müßten, wenn ſie ſein Eigenthum wären und er ſie zum Anbau von Baumwolle verwendete. Es ſtellten ſich ſehr bedeutende Summen dabei her⸗ aus, aber was half es ihm, die Neger kamen dadurch nicht in ſeinen Beſitz. Der Mond ſtand ſchon über den alten Bäumen, unter denen die Feuer brannten, und ſtahl ſich nur hier und dort einen Blick durch ihre dichten Laub⸗ maſſen, als Olviana das Fiſchnetz, an dem ſie wäh⸗ 8 rend des Abends gearbeitet hatte, zuſammenpackte, 74 ihrem Vater und deſſen Gaſt eine gute Ruhe wünſchte und ſich mit den Frauen und Kindern in die Hütte des Häuptlings begab. aber und Ralph blieben beim Feuer „denn es war eine milde, reizende Nacht, und —— Wind, der über den See gezogen kam, — ſie auf ihrem Lager wohlthnend und fächelte ſie Beide bald in einen ruhigen, erquickenden Schlaf. Noch ehe ſie am folgenden Morgen erwachten, hatte Olviana das Lagerfeuer aufgefriſcht, dabei das Frühſtück bereitet und friſche Milch von den Kühen geholt, bevor dieſelben nach ihren Weideplätzen auf⸗ gebrochen waren. Dann weckte ſie die Schläfer, ſtellte die Speiſen und den Trank bei ihnen nieder und eilte in die Hütte. Nach wenigen Minuten kam ſie mit dem Fiſchgeräth im Arm zurück, küßte ihren Vater, nahm Abſchied von Ralph und nach dem See, wo ſie ihren Kahn beſtieg und ihn mit leichtem Ruder⸗ ſchlag über den in der Morgenſonne zitternden Waſſer⸗ ſpiegel hinſchießen ließ. Ralph's gut gepflegtes Pferd wurde ihm auf ſeinen Wunſch gebracht, der Häuptling nahm einen herzlichen Abſchied von ſeinem Gaſte und dann hob ſich dieſer in den Sattel und ritt davon. Am zweitfolgenden Abend, als die Sonne ſchon hinter den endloſen Wäldern Florida's verſunken war, folgten einige zwanzig Indianer, theils zu Pferd, — —— 72 theils zu Fuße, unter lautem Jagdgeſchrei einem ver⸗ wundeten Hirſch über eine wüſte Sandfläche, die nach allen Richtungen hin mit Dornengeſtrüppe durchzogen war und auf der nur hier und da ein einzelner Baum ſich erhob. Schon näherte ſich das verfolgte und er⸗ mattende Thier dem hohen Walde, der die Ebene umgab, als die Hunde es fingen und niederriſſen. Nach wenigen Augenblicken hatten die Reiter die Beute erreicht und bald darauf langten auch die Fußgänger bei ihr an. Es war Osmakohee, der Seminolen⸗ Häuptling, mit ſeinen jungen Jägern. Während der erlegte Hirſch von Dieſen auf eins der Pferde gehoben und darauf befeſtigt wurde, war der Häuptling auf einen Hügel getreten und blickte in verſchiedenen Rich⸗ tungen über die öde Fläche. 3 Dann ſtieß er einen gellenden, langgedehnten Schrei aus, der weit in dem Walde wiederhallte, und ſtand darauf abermals eine Weile lauſchend und ſpähend da. „Wo bleibt mein Sohn?“ fragte er darauf die Jäger,„er folgte einem geſunden Hirſch, ich ſah ihn zuletzt dort vor jener Waldlücke.“ Dann wiederholte er den Jagdruf von vorhin, lauſchte aber wieder vergebens nach einer Antwort. „Wir müſſen jedenfalls hier auf ihn warten, denn möglicherweiſe hat er doch den Hirſch erlegt und könnte unſerer Hülfe bedürfen“, fuhr der Häuptling 73 nach einer Weile fort und hielt ſeine Blicke auf den Wald geheftet. Auch die Jäger ſchauten verlangend nach dem Holze, denn hinter demſelben hatte ſich der Himmel geröthet und das Lager des Häuptlings war noch mehrere Meilen von hier entfernt. Plötzlich brach ein Reiter, der, auf den Hals ſeines flüchtigen Pferdes geſunken, denſelben umklam⸗ mert hielt, aus dem Dunkel des Waldes hervor. Es war das weiße Roß des Erwarteten und der Reiter auf ſeinem Rücken war der Sohn des Häuptlings. „Bei den Gebeinen unſerer Väter, was iſt ge⸗ ſchehen? Mein Sohn— mein Kind!“ ſchrie Osma⸗ kohee in Schreck und Entſetzen und rannte fliegend dem Reiter entgegen. Doch noch ehe das Roß dem⸗ ſelben in ſeine Nähe kam, ſank der Reiter von deſſen blutgefärbtem Rücken und blieb regungslos auf dem Sande liegen, während das Pferd wiehernd zu ſeinen Kameraden lief. Bald hatte der Häuptling ſeinen Sohn erreicht und ſtürzte mit einem herzzerreißenden Schrei bei ihm nieder, denn ſein einziges Kind war eine Leiche. Ein Pfeil war ihm in die linke Seite eingedrungen und ſah mit ſeiner ſcharfen Spitze aus ſeiner rechten Bruſt hervor. Das Jammergeſchrei und die Klagerufe des un⸗ glücklichen Vaters brachen zuletzt in ein Wuthgeheul aus und das Echo gab die Schreckenstöne von allen Seiten wieder. 74 Lange ſchon war die Nacht eingetreten und der Mond warf ſein bleiches Licht über die öde Fläche, und immer noch kniete der Häuptling bei ſeinem todten Sohne und hielt ihn jammernd und wehklagend in ſeinen Armen, während die Jäger ſtumm und re⸗ gungslos um ihn herſtanden und ihren jungen Häupt⸗ ling betrauerten. Plötzlich ſprang Osmakohee auf, richtete ſeine Hände gegen den Mond und ſchwur, durch den Un⸗ tergang des ganzen Stammes, dem der Mörder an⸗ gehöre, das Blut ſeines Sohnes zu ſühnen und nicht eher wieder bei einem Feuer zu ſchlafen, bis er dieſe Rache ausgeübt habe. Dann hob er die Leiche auf ſeine Arme, trug ſie auf ſein Pferd, beſtieg ſelbſt deſſen Rücken und ritt, von den Jägern gefolgt, ſeinem Lager zu. Der Anblick ihres todten jungen Häuptlings ver⸗ ſetzte dort die Indianer in die furchtbarſte Aufregung, alle drängten ſich zu ihm hin, um ſelbſt die Wunde zu ſehen, aus der ſein Leben entflohen war, und den Pfeil zu unterſuchen, der ſie geſchlagen hatte. Der Eine behauptete, daß in dieſem, der Andere, daß in jenem Stamme die Waffe angefertigt ſei, Viele glaubten an der Wahl der Federn ſeinen Urſprung zu erkennen, Andere wollten denſelben durch die Form der Eiſenſpitze, oder durch die der Blutrinne in dem Holz beweiſen; doch die größere Zahl ſprach einen Verdacht gegen den alten Feind Hallemico aus und begleitete ihre Ausſage mit den ſchrecklichſten Ver⸗ wünſchungen. Noch waren die Krieger um des Häuptlings Feuer verſammelt und noch immer ging die Todeswaffe von Hand zu Hand, als das Gebell vieler Hunde das Nahen eines Fremden verkündete und gleich darauf Ralph herangeritten kam. Der Indianer, welcher Tallihadjo damals von der feindlichen Unternehmung Homathlan's gegen das Leuchthaus unterrichtet hatte, erkannte Ralph ſogleich wieder, nahm ihm das Pferd ab und theilte Osmakohee mit, wer er ſei. Der Häuptling hieß ihn an ſeinem Feuer will⸗ kommen und ließ ein Lager für ihn bereiten. Nur für kurze Zeit machte das Erſcheinen des Fremden die Indianer verſtummen; kaum hatte derſelbe ſich bei dem Feuer niedergelaſſen, als abermals der Pfeil herumgereicht und über deſſen Verfertiger geſtritten wurde. Die Verwünſchungen, die Racheſchwüre brachen von Neuem los und Ralph, der die Urſache dieſer Aufregung nicht kannte, wandte ſich an den ſtumm und in ſich verſunken neben ihm ſitzenden Häuptling und fragte ihn, ob ein Mord an einem ſeiner Leute begangen ſei. Mit dumpfer Stimme und bebenden Lippen theilte ihm Osmakohee nun die an ſeinem Sohne begangene blutige That mit und wiederholte den fürchterlichen 85 76 Schwur, daß er den ganzen Stamm, dem der Thäter angehöre, bis auf das kleinſte Kind vernichten wolle, wenn er ihn entdecke. Ralph hatte ihm ſinnend zugehört und ſaß noch eine Zeit lang, nachdem der Häuptling verſtummt, in Gedanken verſunken da, dann ſagte er, indem er näher zu ihm rückte, leiſe zu ihm: „Was giebſt Du mir, wenn ich Dir ſage, wer den Mörder gegen Deinen Sohn abgeſchickt hat?“ Osmakohee fuhr zurück, ſtierte ihn an, als warte er darauf, die Worte, die er vernommen, noch einmal zu hören, als traue er ſeinen eignen Ohren nicht, ſeine Augen öffneten ſich ſo, daß das Weiß rund um den dunkeln, blitzenden Augenſtern ſichtbar wurde, ſeine Lippen bewegten ſich krampfhaft, ohne Worte auszuſtoßen, ſeine Hände, die er zuſammengepreßt nach Ralph ausſtreckte, zitterten heftig und mit kaum hörbarer Stimme ſtotterte er endlich: „Alles— Alles— Alles!“ „Kann ich auf Deine Verſchwiegenheit rechnen?“ fragte Ralph eben ſo leiſe. „Der Grund des Meeres iſt nicht verſchwiegen, denn deſſen Wogen bringen an das Tageslicht, was dort verborgen; die finſterſte Nacht iſt nicht ver⸗ ſchwiegen, denn ſie wird oft von Blitzen erhellt; die Erde iſt nicht verſchwiegen, denn ſie redet durch die eisbedeckten Gebirge dort, wo die Sonne verſinkt, und 77 wirft hervor, was ſie in ihrem Innern verſchloſſen hat; die Zunge Osmakohee's aber wird eher in ſeinem Munde vermodern, ehe ſie ausſpricht, was Du ihm anvertrauſt. Nenne mir den Namen des Menſchen, der mich kinderlos gemacht hat, und nimm Alles, was ich beſitze, oder ſage mir, was ich für Dich thun ſoll!“ Bei dieſen Worten, die der Häuptling mit leiſer, bebender Stimme Ralph zuraunte, hatte er dieſen bei dem Arm ergriffen und hielt ſeine ſtieren, glühenden Blicke auf deſſen Mund geheftet. „So wiſſe denn“, nahm Ralph wieder das Wort, vich ruhte auf meiner Reiſe hierher eine Nacht an dem Feuer eines Seminolen⸗Häuptlings. Er glaubte mich in tiefem Schlafe und redete mit ſeinen Kriegern. Ich hörte jedes Wort, was ſie ſprachen. Er forderte ſie auf, Deinem Sohne aufzulauern und ihn zu tödten, und verſprach Dem, welcher es ausführte, Selaven, Vieh und Pferde.“ „Sein Name?“ ſtammelte Osmakohee, indem er Ralph's Arm krampfhaft ſchüttelte. „Hallemico war es“, flüſterte Ralph. Der Häuptling ließ jetzt deſſen Arm los, eine eiſerne Ruhe kam über ihn und ſchweigend ſah er vor ſich hin in die Kohlengluth. „Hallemico, der Mörder Deines Sohnes, beſitzt viele Neger“, fuhr Ralph fort,»ich wünſche, daß Du ihnen Nichts zu Leide thuſt und daß Du ſie mir über⸗ 78 bringſt, nachdem Du gerechte Rache an ihrem jetzigen Herrn vollzogen haſt. Ich wohne auf der Farm mei⸗ nes verſtorbenen Vaters, Tom Norwood, der eine Seminolin zur Frau hatte.“ „Das Wigwam des alten Tom iſt mir bekannt; ehe der Mond zum zweiten Male rund wird, bringt Dir Osmakohee die Selaven Hallemico's in Dein Wigwam“, entgegnete der Häuptling und verfiel aber⸗ mals in ein ſtummes Vorſichhinbrüten. Ralph wurde mit Speiſe und Trank verſehen, man bereitete ihm ein weiches Lager und dann verließ ihn der Häuptling, um, ſeinem Schwur eingedenk, fern von dem Feuer die Nacht zuzubringen. Während am folgenden Morgen Ralph ſeine Reiſe fortſetzte, zierten die Frauen des alten Hallemico deſſen ſchönſtes Pferd mit bunten Federn und farbigen Leder⸗ ſtreifen, legten ihm eine prächtige Pantherhaut auf und führten es vor die Hütte des Häuptlings. Auch Olviana hatte ſich feſtlich geſchmückt, ſowie auch ihrem Pferd das beſte Reitzeug angelegt, und mehrere alte Krieger hielten zu Roß unweit Halle⸗ mico's Hütte. Dieſer trat jetzt aus derſelben hervor, beſtieg ſein Pferd, Olviana ſchwang ſich auf das ihrige und, von den Kriegern gefolgt, ritten ſie an dem Ufer des Sees hin, wo ſie beim Vorüberreiten an den Hütten der Indianer von dieſen freundlich begrüßt wurden. Ihre Reiſe ging zu Tallihadjo's Lager, wel⸗ ches ſie erreichten, als die Sonne ſank, und wo ſie als liebe Freunde von dem Häuptling empfangen wurden. Tomorho hob freudeſtrahlend die ſchöne Olviana ſchnell von ihrem Pferde, flüſterte ihr leiſe Worte zu, die ſie mit einem ſeligen Blick beantwortete, und ſprang dann zu ihrem Vater, um ihm ſein Pferd abzunehmen. Tallihadjo führte nun ſeine Gäſte zu ſeinem Feuer, um welches er ſeine ſchönſten Häute für ſie ausbreiten ließ. Latochee und Onahee ſetzten ſich neben Olviana nieder und überhäuften ſie mit Liebkoſungen, während die beiden Häuptlinge, auch Tomorho ihnen gegenüber Platz nahmen. Die andern Talli⸗ hadjo's bereiteten das Abendbrot, und als daſſelbe eingenommen war, wandte ſich Suene zu Jenem und ſagte: „Hallemico's Herz iſt voll und ſeine Zunge wünſcht mit Tallihadjo zu reden.“ Dieſer blickte den Alten erſtaunt an, winkte aber Tomorho, die Pfeife herbei zu holen, aus welcher vor einer Unterredung von Wichtigkeit geraucht werden mußte. Nachdem beide Häuptlinge ſchweigend ſich der⸗ ſelben bedient hatten, begann Hallemico das Geſpräch. „Tallihadjo iſt der mächtigſte Häuptling der Se⸗ minolen und alle ſeine rothen Brüder achten auf deſſen Stimme. Sein Land iſt groß, ſeine Weiden ſind fett 80 und ſeine Heerden zahlreich. Hallemico hat ſeinem Volke viele ſeiner Krieger geopfert, doch ſein Land iſt ſchön, ſeine Weiden ſind reich und ſeine Heerden ſind prächtig. Die Zahl ſeiner Selaven aber iſt größer, als die, welche Tallihadjo beſitzt, und Hallemico's Kinder werden einſt reich ſein. Dein Sohn Tomorho hat meiner Tochter Olviana die Hochzeitsfackel vor ihr Wigwam getragen, ihr Schein hat Hallemiev's Herz erhellt und es mit Freude gefüllt. Olviana iſt ſeine liebſte Tochter, der er zwanzig Selaven, ſein beſtes Vieh und ſchöne Pferde geben wird, wenn Tal⸗ lihadjo ſie als die Frau ſeines Sohnes begrüßen will.“ Hier ſchwieg der Alte und wartete auf Tallihadjo's Antwort. Dieſer hatte ihm zugehört, ohne daß er durch einen Blick oder einen Zug auf ſeinem unbe⸗ wegten Geſicht verrathen hätte, welchen Eindruck der Antrag auf ihn gemacht. Er richtete jetzt ſeine Augen auf den Sprecher und ſagte: „Auch Tallihadjo's Herz iſt erfreut über die Wahl ſeines Sohnes Tomorhv und gern wird er einſt Ol⸗ viana als deſſen Frau begrüßen. Noch aber iſt die Zeit dazu nicht gekommen; es ruhen ſchwere Pflichten auf Tomorho, an deren Erfüllung ihn Weib und Kind verhindern würden. Er gehört ſeinem mißhandelten, unterdrückten Volke und darf deſſen Noth und Elend nicht über eignes Glück vergeſſen. Sein Herz mag für die Geliebte ſchlagen, ſein Arm, ſelbſt ſein Leben iſt Eigenthum der Seminolen, ſo lange, bis dieſelben die ewig grünen Grasfluren am Fuße der eisgekrönten Gebirge im Weſten erreicht und frei und unabhängig von den Bleichgeſichtern ihre Wigwams dort aufge⸗ ſchlagen haben. Sehen wir den Tag erſcheinen, dann bitte ich Dich ſelbſt, meinem Sohne Deine Tochter zur Frau zu geben, und flehe den großen Geiſt um ſeinen Beiſtand für ſie an. Laß Olviana einige Zeit bei mir und den Meinigen wohnen, damit die Herzen unſerer Kinder ſich eng verbinden und Tomorho der Preis um ſo koſtbarer werde, den er einſt für die Thaten, die er für ſein Volk zu voll⸗ bringen hat, empfangen ſoll.“ Während Tallihadjo redete, ſaßen die Zuhörer, ſchweigend und regungslos ihre Augen auf ihn hef⸗ tend, da, und weder ein Ausdruck der Freude noch der Unzufriedenheit war auf ihren Zügen zu leſen. Auch als er geendigt hatte, dauerte das Schweigen fort, denn wenn auch dem alten Hallemico und den beiden Liebenden die Antwort des Häuptlings nicht nach Wunſch war, ſo wußten ſie doch zu gut, daß eine Aenderung dieſes Beſchluſſes durch keine Bitte, keine Vorſtellung zu bewirken ſei. Tallihadjo ergriff zuerſt die Hand des alten Häupt⸗ lings, drückte ſie herzlich und ſagte: „Je mehr wir Alle bei einem letzten Kampfe gegen unſere Unterdrücker zu gewinnen, je weniger Ralph Norwyob. UI. 6 82 wir zu verlieren haben, um ſo ſicherer wird unſer Sieg ſein. Der Tag der Entſcheidung iſt nicht ſo fern, als Ihr glaubt, denn die Habgier der Weißen iſt größer, als ein Indianer ſie ſich denken kann.“ Dann ſtand er auf, ging zu Olviana und ſchloß ſie mit den Worten in ſeine Arme: „Ein junger Baum gedeiht in einer fremden Erde, wo der alte Stamm verdorren muß. Ihr werdet in jenem fernen Lande das ſchöne Florida vergeſſen, denn Ihr habt ein ganzes Leben vor Euch, um eine neue Heimath lieb zu gewinnen, zumal, wenn Euch dort das Glück am eignen Feuer umgiebt, welches ich Euch hier verſagte. Hoffe, Olviana, und laß Dich durch Deine Liebe zum Kampfe ſtärken, denn auch Ihr Weiber werdet Eure Pfeile nach den Herzen unſerer weißen Feinde richten.“ Tallihadjo blickte theilnehmend auf die Thränen, die den großen dunkeln Augen der ſchönen Indianerin entquollen, er hielt ſeinen Arm um ihre Schulter geſchlungen und führte ſie zu Tomorho, der ſie in ſeliger Umarmung an ſeiner Bruſt empfing. Latochee war in die Hütte geeilt und kam mit einem blitzenden Perlenſchmuck zurück, den ſie Olviana zum Geſchenk reichte, und Onahee, die während der ganzen Verhandlung theilnahmlos dageſeſſen hatte, prachte der jungen Braut einen ſchön verzierten Bogen — 5 1 83 und einen Köcher von Pantherhaut, der mit ſauber verfertigten Pfeilen angefüllt war. „Mögen dieſe neuen Pfeile ſich in dem Herzblut der Bleichgeſichter färben, deren Todesröcheln mag in dem Siegesgeſchrei Deines Volkes verhallen, und das Feuer, das die Wigwams der Weißen verzehrt, mag Dir als Hochzeitsfackel leuchten.“ Mit dieſen Worten überreichte die Indianerin dem jungen Mädchen die Waffen und verließ dann den Kreis, in den jetzt Heiterkeit und Frohſinn einzog. Olviana blieb, nach dem Wunſche Tallihadjo's, zum Beſuch in deſſen Lager, während Hallemico, zufriedengeſtellt, am zweitfolgenden Tage ſich wieder nach ſeinem Wohnſitz zurückbegab. 6* Capitel 25. Einſamkeit.— Schreck.— Freundſchaft.— Undank.— Häuslicher Friede.— Frohe Nachricht.— Beſchwerde.— Die ruhenden Indianer.— Der Doppel⸗ mord.— Die Vernichtung.— Der Siegesprophet. An dem nächſten Morgen, nachdem Ralph ſeine Farm verlaſſen, und nachdem Elviſe allein in dem einſamen Blockhaus eine ſchlafloſe Nacht in Angſt und Bangigkeit zugebracht hatte, begrüßte ſie den neuen Tag wie einen tröſtenden Freund, denn ſie hatte nicht gewagt, während der Nacht ein Licht zu brennen, aus Furcht, deſſen Schein möchte ſie einem Vorüberziehen⸗ den verrathen, und in der Dunkelheit hatte ſie der leiſeſte Ton außerhalb des Hauſes, oder das Raſcheln einer Maus innerhalb deſſelben in Schrecken verſetzt. Jetzt, da das Tageslicht durch die Spalten zwiſchen dem Laden vor dem Fenſter zu ihr hereinblickte, wurde ſie gefaßter, obgleich das Geheul der Wölfe in nicht großer Entfernung der Wohnung, welches ſie ſeit dem verfloſſenen Abend fortwährend beunruhigt hatte, noch immer nicht verklungen war. Sie öffnete den Laden vorſichtig und ſchaute durch das Fenſter in die nahe Umgebung des Hauſes. Der nächtliche Nebel lag wie ein durchſichtiger weißer Schleier über der Erde, und Gebüſch und Gras beugte ſich unter den ſchweren Thauperlen, die ſich auf ihm geſammelt und ſein Grün erfriſcht hatten. In der luftigen Höhe der zum Himmel aufſtrebenden Bäume des nahen Waldes aber war die Luft rein und klar, die Vögel flatterten ſpielend hin und her und ſangen fröhlich ihr Morgenlied. Die Kühle des Morgens ſtrömte wohlthuend und erfriſchend durch das Fenſter ein, denn in dem Hauſe war es ſchwül und drückend; dennoch hatte Elviſe das Herz nicht, die Thür zu öffnen und hinaus in das Freie zu treten. Sie ließ aber das Fenſter offen, als ſie Feuer in dem Kamin anzündete, um für ſich das einfache Frühſtück zu bereiten, während welcher Zeit ſie nach jedem Ton lauſchte, der von draußen her ihr Ohr erreichte. Bald zog die Sonne über dem Walde auf, warf ihr Licht freundlich durch das Fenſter in das Haus und verſcheuchte noch mehr das Gefühl der Einſamkeit, der Verlaſſenheit von Elviſen, die nun die Thür öffnete und in den goldenen Morgen hinaus⸗ trat. Das Federvieh kam ſofort von allen Seiten zu ihr herangelaufen und begrüßte ſie in ſeiner ver⸗ ſchiedenen Weiſe, ſie holte ein Körbchen mit Mais aus dem Hauſe, ſtreute ihn unter den Hühnern, Wel⸗ ſchen und Perlhühnern aus, und dann ging ſie be⸗ ſorgt nach den Kühen, die außerhalb der Einzäunung auf ſie warteten, um ihr ihre Milch zu geben, ehe ſie 86 der Weide zuzogen. Alles erſchien ihr ſo freudig und ſorglos, daß auch ſie es wurde, ſie holte ihre Arbeit aus dem Hauſe, ſetzte ſich vor daſſelbe unter die Ve⸗ randa und lauſchte dem leiſen lieblichen Geſang eines Blauvogels, der unter dem Dache derſelben mit ſeinem Weibchen ein Neſt bereitete. Plötzlich ſchallten die Hufſchläge von Pferden zu ihrem Ohr, erſchreckt fuhr ſie auf, horchte nach der Richtung hin, woher dieſelben kamen und gewahrte zu ihrem Entſetzen, daß ſie ſich durch den Wald dem Hauſe naheten. In ihrer Angſt warf ſie die Arbeit von ſich und floh in möglichſter Haſt auf die entgegengeſetzte Seite durch die Einzäunung in den Wald hinein, wo ſie ſich hinter einem Buſch verbarg und zitternd und bebend nach dem Fußpfad ſpähte, auf dem die Reiter erſcheinen mußten. Wie wurde ihr leicht um das Herz, als ſie den alten Arnold erkannte, der, von dem Neger Bob ge⸗ folgt, auf das Haus zutrabte. Der Alte hatte daſſelbe eher erreicht, als Elviſe, die, ſich ihrer unnöthigen Furcht ſchämend, eiligſt zu der Wohnung zurückeilte und den freundlichen Mann dort bewillkommnete, wo⸗ bei ſie die Aufregung zu verbergen ſuchte, in die ihre Angſt ſie verſetzt hatte. „Ihr kommt nicht zu uns herüber und da muß ich ſchon zu Euch kommen, wenn ich wiſſen will, wie es Euch geht,“ rief Arnold der jungen Frau ſchon von 87 Weitem entgegen und ſetzte, als ſie ihn erreicht und ihm die Hand gab, verwundert hinzu: „Aber was hat Sie ſo außer Athem gebracht? Sie ſehen ja ganz verſtört aus; ſind Sie nicht wohl?“ Elviſe erzählte ihm nun, daß ſie allein ſei und daß der nahende Tritt der Pferde ſie erſchreckt habe. „Wo iſt denn Ralph— iſt er vielleicht auf die Jagd?“ fragte Arnold. „Er iſt ſeit geſtern verreiſt und wird vielleicht noch eine Woche ausbleiben,“ erwiederte Elviſe mit klein⸗ müthigem Ton. „Verreiſt— und er läßt ſeine junge Frau hier allein zurück? Ei, ei, das hätte ich nicht von ihm er⸗ wartet. Wohin iſt er geritten— und welch dringen⸗ des Geſchäft konnte ihn zu dieſem Schritt bewegen?“ „Er mußte in einer wichtigen Angelegenheit den Kapitain des Leuchthauſes, vor welchem wir ſcheiterten, den Herrn Burnham ſprechen.“ „Aber Sie hier allein zu laſſen! Warum hat er Sie nicht zu uns gebracht? Er wußte doch, wie herz⸗ lich willkommen Sie jederzeit bei uns ſind,“ ſagte der Alte, augenſcheinlich verletzt und ſtieß kopfſchüttelnd noch einige„Hm“ aus. Elviſe war verlegen und ſchwieg, denn ſie wußte es ja von Ralph ſelbſt, daß ſie Arnolds zur Laſt ge⸗ weſen war. Sie bat den Alten, unter der Veranda Platz zu nehmen, und ſetzte ſich zu ihm. 88 „Nein, nein, das will mir nicht in den Kopf, ſo kurze Zeit erſt verheirathet und die Frau hier allein im Walde zu laſſen!“ brummte der ehrliche Pflanzer vor ſich hin und ſagte dann zu Elviſen: „Jetzt nehme ich Sie aber mit mir nach meinem Hauſe. Bob kann während dieſer Zeit hier bleiben und Sie reiten ſein Pferd.“ „Ich danke herzlich, Herr Arnold, ich kann mich aber nicht von hier entfernen,“ erwiederte Eloiſe ſehr verlegen. „Ich bitte Sie, bedenken Sie doch Ihre Lage, Sie ſind ja hier der Gewalt eines jeden Strauchdiebes, eines jeden Indianers Preis gegeben. Sie müſſen und ſollen mit mir reiten.“ „Unmöglich, Herr Arnold, ich werde den Platz nicht verlaſſen und wenn die Gefahr noch ſo groß iſt. Es war der Wille Norwood's, und dem muß ich folgen.“ beſorgt?“ ſagte Arnold und bot alle ſeine Redekunſt auf, um Eloiſe zur Erfüllung ſeines Wunſches zu ſtimmen; jedoch umſonſt, ſie beharrte unabänderlich bei ihrem Entſchluß. „Nun denn, wenn Sie durchaus darauf beſtehen, hier zu bleiben, ſo darf es keinenfalls allein geſchehen; ich laſſe Bob hier, er iſt doch beſſer, als gar keine Stütze,“ ſagte der Alte mißmüthig und blieb feſt bei „Aber unbegreiflich, iſt er denn ſo wenig für Sie 89 ſeiner Beſtimmung, obgleich Eloiſe dagegen proteſtirte. Ja, er erklärte ihr ſogar, daß wenn ſie den Selaven nicht beim Hauſe dulden wolle, ſo ſolle er ſich nahe bei in den Wald legen, wohin Arnold ihm Lebens⸗ mittel ſenden werde. Darauf entſchloß ſich Elviſe, den Neger zu behalten und, wie Arnold es wünſchte, ihm einige Bärenhäute zukommen zu laſſen, mittelſt welcher er ſich ein Bett unter der Veranda bereiten könne. Arnold blieb bis zum Mittagseſſen und da Eloiſe ihm nichts Näheres über die Reiſe Ralphs ſagte, ſo vermied er auch, weiter darnach zu forſchen, obgleich dieſelbe ihm räthſelhaft erſchien. Nach Tiſch nahm er freundlich Abſchied von Elviſen und trat allein ſeine Heimreiſe an, in ſeinem Innern aber war er durch das Betragen beider jungen Leute tief gekränkt. Eloiſe fühlte ſich durch die Gegenwart des Negers ſehr beruhigt und ſie that Alles, um ihm den Aufent⸗ halt bei ihr ſo erträglich zu machen, als es in ihren Kräften ſtand. Der alte Arnold beſuchte ſie jedoch nicht wieder. Endlich kam Ralph ſpät eines Abends zurück und war ſehr verwundert, daß er Bob unter der Veranda ſchlafend fand. Nachdem Eloiſe ihm mitgetheilt hatte, auf welche Weiſe der Neger hierhergekommen ſei, ſagte er: „Das Gewiſſen ſchlägt ihnen, ſie wollen ihr Un⸗ recht beſchönigen, da ſie vorausſetzen, daß ich Dir daſ⸗ 90 ſelbe mitgetheilt habe. Damit ſie jedoch wiſſen, woran ſie ſind, ſo ſoll der Neger ſofort nach Hauſe reiten.“ „Aber lieber Ralph, es iſt ja Nacht, laß ihn doch bis Morgen hier bleiben, Arnolds würden es uns ſehr übel nehmen und ihre Aufmerkſamkeit, aus welchem Grunde ſie auch entſproſſen ſein mag, verdient doch keine Unhöflichkeit zur Erwiederung.“ „Der Alte hat den Neger ohne meine Erlaubniß hierhergebracht, und darum ſende ich ihn fort, ſobald ich zurückkehre. Mag er es übel nehmen, ich habe viel mehr Urſache, mich über ihn und ſein altes Weib zu beſchweren.“ Mit dieſen Worten trat Ralph vor die Thür unter die Veranda zu dem Neger, der ſich durch ſeine An⸗ kunft ſchon ermuntert hatte. „Schnell, ſchwarzer Affe, ſattele Dein Pferd und mache, daß Du fort von hier kommſt, ich brauche Deine Geſellſchaft nicht, vorwärts!“ ſagte er mit barſcher Stimme zu ihm, während Bob in das Licht getreten war, welches durch die Thür unter die Veranda ſiel. Erſtaunt und zweifelhaft ſah dieſer Ralph an, als glaubte er, daß er ſich verhört habe, doch als Jener ſeinen Befehl wiederholte, ſagte der Sclave mit bittender Stimme: „Ach Herr, ſo in der Nacht allein durch den Wald zu reiten!“ „Reite, wohin Du willſt, aber von hier mußt Du —— 991 fort, und zwar bald, wenn Du nicht mit meiner Peitſche Bekanntſchaft machen willſt.“ Bob dachte an die Zeit, wo er Ralph geholfen hatte, das Grab für ſeinen Vater und für deſſen treuen Hund zu graben, er ſagte aber Nichts, nahm ſeine wollene Decke, den Sattel und Zaum und verließ damit ſchweigend das Haus. Bald darauf hörten Ralph und Elviſe, die vor dem Kaminfeuer ſaßen, die Hufſchläge von dem Pferd des Selaven, wie ſie nach und nach in dem Walde verhallten. Am folgenden Morgen, als der Tag graute hob Ralph ſeine junge Frau auf ihren Pony, verſchloß das Haus, beſtieg ſein Pferd und ritt mit ihr nach D.... wo durch einen Advvcaten die nöthigen Zeugniſſe und Vollmachten ausgeſtellt und Herrn Behrend mit den beglaubigten Abſchriften der Doeumente eingehändigt wurden. Der Kaufmann war außerordentlich erfreut, Ralph ſo glücklich verheirathet zu ſehen, verſprach die Einziehung des Geldes ſchnellmöglichſt zu bewirken und empfahl ſich auf das Angelegentlichſte für vorkom⸗ mende Geſchäfte. Sehr willkommen war es ihm, als Ralph ihm ſagte, daß er eine wohlerzogene, in allen häuslichen Arbeiten geſchickte Negerin ſuche und auch einige Feldneger zu kaufen wünſche, wenn er ſie auf ſo langen Credit erhalten könne, bis er das Geld von New⸗York bekäme. Behrend wußte ihm ſofort mehr als ein Dutzend 92 Selaven zu bezeichnen, die in der Umgegend zu kaufen wären, kannte genau deren Qualitäten und bat, ihm nur den Auftrag zu ertheilen und freie Hand zu laſſen, er ſelbſt werde die Zahlung leiſten und Credit geben, bis das Geld von der Aſſecuranzeompagnie ausgezahlt würde. Ralph war dieſer Vorſchlag ſehr erwünſcht, und er ertheilte Herrn Behrend Auftrag eine Negerin und fünf Feldneger für ihn anzuſchaffen. Zugleich kaufte er von demſelben eine große Menge Güter aller Art, theils für ſeinen eignen Haushalt, theils für die Sela⸗ ven, die er bekommen würde. Kleidungsſtoffe, Hand⸗ werkszeuge, Geſchirre, Proviſionen, Möbel, Herren⸗ und Damenſättel, einige Fäſſer mit Branntwein, einige Kiſten mit Wein und viele andere Gegenſtände befanden ſich darunter, und zuletzt erſtand er noch einen großen Kaſtenwagen zum Gebrauch auf der Farm. Die Waarenrechnung belief ſich über zweitauſend Dollar und Herr Behrend hätte ſie gern noch vergrößert ge⸗ ſehen, doch Ralph verſprach, bei ſeinem nächſten Be⸗ ſuch neue Einkäufe zu machen und bat die erſtandenen Gegenſtände auf dem Wagen ihm zuzuſenden, wenn er ihm die Neger ſchicke. Sollte er während der Zeit Gelegenheit finden, vier recht gute Maulthiere für ihn zu kaufen, ſo bevollmächtige er ihn dazu und erſuche ihn, den Wagen damit zu beſpannen. Herr Behrend, der gewohnt war ſeine Händel mit hundert Proeent Gewinn abzuſchließen, überſchlug ſchnell in Gedanken — den ſchönen Nutzen, den er bei dieſem Geſchäfte er⸗ ſchwingen würde, da Ralph ſich nicht einmal die Mühe genymmen hatte, bei ſeinen Käufen und Aufträgen ſich nach den Preiſen zu erkundigen. Der Kaufmann ließ es ſich durchaus nicht nehmen, daß Ralph mit ſeiner jungen Frau bei ihm zu Mittag ſpeiſe, er leitete ſelbſt deren Pferde in ſeinen Hof hinter dem Hauſe, wo er ſie verpflegte, und als Nachmittags ſeine Gäſte die Heimreiſe antraten, verneigte er ſich öfter und tiefer, als er ohnedem gewohnt war, es zu thun. Während nun Ralph an der Seite ſeiner ſchö⸗ nen Frau ſchweigend der Heimath zuritt und ſeine Gedanken, eifrig mit ſeinen neuen Einrichtungen be⸗ ſchäftigt, in der nahen glänzenden Zukunft ſchwärmten, ſaß Frank Arnold mit Eleanor in traulichem ruhigem Geſpräch vor ſeinem Hauſe und beredete mit ihr die Arbeiten, die am folgenden Tage vollbracht werden ſollten. Der Zuwachs an Selaven, der ihm durch die Güte des Präſidenten geworden war, hatte ſeine Arbeitskräfte um ein Bedeutendes vermehrt, und da ſeine Felder während ſeiner Abweſenheit unter der Aufſicht ſeines Vaters durch die ſchon früher beſeſſenen Neger ſämmtlich beſtellt waren, ſo beſchäftigte er die mitgebrachten mit Anlagen neuer Felder in dem an⸗ grenzenden Wald, mit Verfertigen von Holzſtücken zu Einzäunungen, mit Bauen mehrerer Negerwohnungen und vielerlei Vorbereitungen für die Arbeiten in künf⸗ — 94 tigem Jahre. Er beſchloß und unternahm Nichts, ohne Eleanor's Anſicht darüber zu erfragen, ſie ging oder ritt mit ihm hinaus an Ort und Stelle, um ſich durch eigene Anſchauung ein Urtheil zu verſchaffen, und Frank fand ſehr häufig, daß das ihrige das richtige war. Sie begleitete ihn auch oft in die Felder, wo jetzt die jungen Baumwollenſtauden mit der Hacke bearbeitet wurden, beobachtete mit großem Intereſſe deren raſchen Wachsthum, und konnte kaum die Zeit erwarten, in der dieſelben ſich mit Blüthen bedecken würden. Von dem Vieh kannte ſie jedes einzelne Stück, ſie hatte vielen Namen gegeben, wußte das edele von dem ge⸗ meinen zu unterſcheiden und die Pferde und Maul⸗ thiere pflegte ſie Abends, wenn ſie von der Weide kamen, mit Korn zu tractiren. Das Federvieh, welches allein ihrer Sorge überlaſſen war, kannte ſie als ſeine Herrin und verfolgte ſie mit großer Zudringlich⸗ keit, ſobald ſie ſich ſehen ließ. Ueber derlei Angelegenheiten unterhielten ſich Frank und Eleanor an dieſem Abend, und ergötzten ſich dabei an der zauberiſch ſchönen Natur, die ſie umgab. Der Wald hatte ſich mit Blumen geſchmückt, die ur⸗ alten coloſſalen Magnolien, die Frank beim Anlegen ſeines Wohnſitzes in der Nähe des Hauſes vor der Art geſchützt hatte, waren mit blendendweißen Rieſen⸗ blüthen überſäet, deren lieblicher Duft mit dem der Orangen⸗ und Citronenbäume, von der lauen Abend⸗ ——— — luft getragen, das glückliche junge Ehepaar umwehte und die zarte Blüthe der vielen hundert Pfirſichbäume in dem nahen Obſtgarten leuchtete in der Abendſonne wie roſenrothes Gewölk. „Da kommen die lieben Eltern!“ rief Eleanor plötzlich aus, indem ſie nach der dunkeln Stelle im Walde zeigte, wo der Weg denſelben verließ, ſprang auf und eilte mit Frank dem alten Arnold und deſſen Frau entgegen, die bei dem herrlichen Abend es ſich nicht hatten verſagen können, den glücklichen Kindern einen Beſuch zu machen, zumal, da ein Brief für Eleanor von Baltimore in ihre Hände gelangt war. Sie kamen in dem Cabriolet gefahren, welches Frank ihnen zum Eigenthum aufgenöthigt hatte, und wurden von ihm, ſowie von Eleanor mit der innigſten Herz⸗ lichkeit empfangen. Der Brief verurſachte große Freude, denn er war von dem Präſidenten Forney, und brachte die frohe Kunde, daß der älteſte Bruder Eleanor's von ſeiner Station in Oſtindien in die Heimath zu⸗ rückgekehrt und zum Kapitain befördert worden ſei. Die Brigg Perſeverance, ein kleines Kriegsfahrzeug war unter ſein Commando geſtellt, und er hatte vom Commodore Perrywill den Befehl erhalten, an der Küſte nach dem Piraten Flournoy, der die Seefahrer in letzter Zeit ſo ſehr in Schrecken geſetzt hatte, zu kreuzen. Da der junge Forney ſehr bald nach ſeiner Rückkehr in die Heimath wieder in See gegangen war, „ 96 ſo mußte er auf die Freude verzichten, in der nächſten Zeit ſeine geliebte Schweſter in ihrem Paradieſe zu beſuchen, ließ ihr aber durch den Vater die Zuſicherung geben, daß er, ſobald es ihm möglich ſein werde, die Gelegenheit dazu ergreifen würde. Der Brief wurde unter der Veranda bei dem letzten Scheine des Tages laut vorgeleſen und Alle ſtimmten in die frohe Hoff⸗ nung ein, daß es dem jungen Kapitain gelingen möge, ſeine Aufgabe glücklich zu löſen. Eleanor war ſtolz auf die Auszeichnung, die ihrem Bruder zu Theil geworden, und ſprach ihre Zuverſicht aus, daß er ſeiner Stellung Ehre machen würde. Beim Abendtiſch, der unter der Veranda gedeckt wurde, nachdem das Geſpräch oft gewechſelt hatte, er⸗ griff Madame Arnold das Wort und ſagte: 5 „Ich habe in meinem Leben vielen Undank ge⸗ erntet, aber den ſchmählichſten haben wir von Ralph Norwood und ſeiner Frau erhalten.“ Frank ſowie Eleanor ſahen die Frau überraſcht und fragend an, als der alte Arnold ſeine Gattin unterbrach und ſagte: „Ach laſſe doch die Geſchichte ruhen, wozu ſich über andere Leute nur einen Augenblick verbittern? Wir haben jedenfalls dadurch gewonnen, denn ſie werden uns nun nicht mehr behelligen.“ „Nein Vater, unſere Kinder müſſen es wiſſen, damit ſie ſich vor ſo falſchen Menſchen in Acht nehmen 97 können,“ antwortete Madame Arnold, und erzählte nun, wie Ralph mit ihrem Neger Bob verfahren habe. Frank war höchſt entrüſtet, und ſtand im Begriff das Betragen Norwvods in Baltimore aufzudecken, als Eleanor's Blick ihn davon zurückhielt, und dieſelbe ſagte: „Er iſt Deiner Beachtung unwürdig, Frank, laſſe ihn durch ſich ſelbſt untergehen.“ Auch Madame Arnold zu beſänftigen, gelang der jungen Frau, und bald hatte ſie die frühere hei⸗ tere Unterhaltung wieder hergeſtellt. Alle waren ſo vergnügt und ſo guter Dinge, daß ſie nicht bemerkten, wie die Zeit ſchwand, und die Finſterniß ſich immer dichter auf die Gegend legte, als endlich der alte Herr zum Aufbruch mahnte. Sämmtlich traten ſie auf den Platz vor dem Hauſe, um ſich von dem Grad der Dunkelheit zu überzeugen, da rief Eleanor laut lachend aus:„Diesmal aber wird nicht nach Hauſe gefahren, ſondern hübſch bei uns geblieben!“ „Dafür giebt es noch Kienholz zu Fackeln,“ er⸗ wiederte der alte Arnold und beſtand auf der Abreiſe, doch Eleanor hatte die alte Frau unter Scherzen und Lachen mit ſich in das Haus gezogen und ſie dort ſo mit der Bitte beſtürmt, einmal unter ihrem Dache zu ſchlafen, daß Madame Arnold hierfür gewonnen wurde und zuletzt erklärte, ſie würde hierbleiben, und ſie wollte doch einmal ſehen, ob ihr Gatte ſich von ihr Ralph Norwood. M. 5 3 3 98 trennen könne. Mit dieſer Erklärung trat ſie mit Eleanor zu den Männern hinaus, der alte Arnold eiferte ſehr dagegen, bat ſeine Frau vernünftig zu ſein und dieſen ſonderbaren Entſchluß aufzugeben, es half ihm aber Alles nichts, er mußte bleiben, wurde aus⸗ gelacht und ſtimmte zuletzt ſelbſt tüchtig in das Lachen mit ein. Eleanor war ganz glücklich, die alten Leute über Nacht bewirthen zu können, ſorgte für deren möglichſte Bequemlichkeit und hatte am folgenden Morgen die Freude, von ihnen zu hören, daß ſie prächtig ge⸗ ſchlafen hätten. * Einige Wochen waren verſtrichen und der beinahe volle Mond warf ſein helles Silberlicht auf die leicht gekräuſelte Fläche des See's, an welchem Hallemico wohnte. Die Frauen der Indianer hatten ihre Ar⸗ beiten beſeitigt, das Gebell der Hunde war verhallt und die Feuer waren niedergebrannt, ſo daß ihre Kohlengluth nur noch einen röthlichen Schein auf die nächſte Umgebung warf. Das Mondlicht aber brach hier und dort durch die hohen Bäume und fiel auf die Schläfer, die auf weichen Häuten um die Feuerplätze lagen, und von den wonnigen Träumen umgaukelt wurden, welche der Schlaf im Freien ſo gern bietet. ———.— 99 Es war eine warme todtſtille Nacht, nur die Blätter der Aspe zitterten in dem Lufthauch, der, kühlend über das Lager hinziehend, die Ruhenden wohlthuend um⸗ ſäuſelte, und die ganze Natur ſchien in Schlummer geſunken zu ſein, denn der See glättete mehr und mehr ſeinen hellblinkenden Spiegel und das Geheul der Wölfe war verſtummt. Hallemieo lag auf einer großen Bärenhaut in tiefem Schlafe und hielt ſeinen vierjährigen Sohn mit dem linken Arm umſchlungen an ſeine Bruſt. In weitem Kreiſe um die Kohlengluth, die ihn nur noch matt beſchien, ruhten ſeine Frauen und ſeine übrigen Kinder äußer Olviana, die noch nicht von Tallihadjo zurück⸗ gekehrt war. Vor jedem Hauſe, vor jeder Hütte lagen die In⸗ dianer mit ihren Frauen und Kindern in ſorgloſer Ruhe, denn in den Wohnungen war ſo ſüßer Schlaf nicht zu finden, als hier unter dem offenen Sternenzelt. Es war gegen Mitternacht, als ſich in geringer Entfernung hinter Hallemico ein Kopf aus dem Graſe erhob und unbeweglich, wie ein ſchwarzer Stein, aus demſelben hervorſah. Hallemiev ſchien jetzt unruhig zu träumen, mur⸗ melte einige unverſtändliche Laute und fuhr ſich mit der Rechten über die Stirn. In derſelben Secunde war jener Kopf wieder im Graſe verſchwunden. Der Arm des alten Häuptlings aber ſank neben ihm nieder, 100 ſein Athem wurde abermals in regelmäßigen Zwiſchen⸗ räumen hörbar und jener Kopf erſchien wieder in der⸗ ſelben Entfernung über dem Graſe. Alles blieb ruhig und regunglos. Der Kopf gehörte einem Menſchen an, denn jetzt hob ſich eine dunkele Mannsgeſtalt auf ihren Armen über dem Graſe empor und hielt das Geſicht nach Hallemico gerichtet. Nur wenige Augenblicke, als ob er ſich von dem feſten Schlafe des Mannes überzeugen wolle, blieb der Fremde in dieſer Stellung, dann verſchwand er abermals im Graſe. Gleich darauf aber tauchte er unmittelbar hinter Hallemico auf, hob ſich auf ein Knie und beugte ſich über den Schlafenden hin. Er fuhr, wie freudig überraſcht, zurück, wie es ſchien, weil er den Sohn im Arme des Vaters ge⸗ wahrte. Jetzt fachte ein leichter Lufthauch die Kohlen⸗ gluth an, ſie warf einen röthlichen Schein auf das Geſicht des fremden Mannes und zeigte die grimmig lachenden Züge Osmakohee's. Das Weiß um ſeine blitzenden Augenſterne, das Elfenbein ſeiner Zähne und das grinſende Lachen gab ihm einen ſataniſchen Ausdruck. Er hatte ſich erhoben, ſtand jetzt, zu Hal⸗ lemiev niedergebeugt, über demſelben und hielt ein langes, blitzendes Meſſer gezückt in ſeiner Fauſt. Als ob er ſich an ſeinen Opfern ergötze, ſo ſtand er zögernd und ſtierte auf den Vater und den Sohn. Plötzlich bellte weiter hin in dem Lager ein Hund, 101 Osmakohee beugte ſich tiefer zu den Schläfern, führte die Spitze ſeines Meſſers nahe an die linke Seite des Kindes und ſtieß es in deſſen Herz. Der Todeszuck des Knaben weckte den Vater aus dem Schlaf, er ſchlug die Augen auf, in demſelben Augenblick hatte Osmakohee mit ſeiner Linken deſſen Kehle umklam⸗ mert, ſein Knie auf deſſen Bruſt geſetzt, raunte ihm „Osmakohee“ zu und ſtieß ihm den Stahl in die Bruſt, ſo daß der Alte ohne Zucken todt zurückſank. Osmakohee ſtand mit blutiger Waffe in der Hand und warf einen Blick am See hinunter nach den Hütten der Indianer, als ein durch Mark und Bein dringender Schrei gellend ertönte und dann ein Ge⸗ heul ſich erhob, als habe die Hölle ſich geöffnet und ihren Rachegeiſtern die Freiheit gegeben. Mit fürch⸗ terlichem Ton ſtieß auch Osmakohee jetzt ſein Kriegs⸗ geſchrei aus, nahm das Meſſer in die linke Hand, riß die Streitaxt mit der Rechten aus dem Gürtel und— ſpaltete der nächſten der aufſpringenden Frauen Hal⸗ lemico's den Schädel. Wie der mordluſtige Tiger ſetzte er den fliehenden Weibern und Kindern nach und jedem Hieb, den er mit der Art führte, folgte der Tod. Vom Wald und von dem See her ſtürzten nicht allein die Krieger, ſondern auch die bewaffneten Weiber Osmakohee's über Hallemiev's Stamm her und das Morden und Schlachten nahm kein Ende, bis das letzte Menſchenleben in deſſen Lager verhaucht 102 war. Blutſtröme bedeckten das Ufer und färbten die klare Fluth des Sees, und die Flammen der in Brand geſteckten Häuſer und Hütten loderten praſſelnd zum Himmel auf, während die Mörder unter dem wil⸗ deſten Siegesgeſchrei ſich mit den Sealpen der Er⸗ ſchlagenen ſchmückten. Nur die Neger Hallemico's waren verſchont geblieben, ſie waren gefangen und gebunden und blickten bebend und zitternd auf die verſtümmelten Körper ihrer Freunde und auf die Gluth, die deren Wohnungen verzehrte. Der Tag brach an und die Sonne warf ihre Strahlen auf den Platz der Verwüſtung, wo ſich geſtern noch, umgeben von der reichſten Natur, das friedliche Lager befunden hatte. Das friſche, ſaftige Laub der alten prächtigen Bäume, unter denen es geſtanden, hing, von der Lohe des Feuers verdorrt, herab, rauchende Aſchenhaufen bezeichneten die Stellen der Häuſer, und das mit Blumen überſäete Ufer, wo geſtern noch die Kinder geſpielt hatten, war mit Leichen bedeckt. Die Heerden der Gemordeten wurden von den Mördern herbeigetrieben, alle Habſeligkeiten der Un⸗ glücklichen, die nicht ein Raub der Flammen geworden, vertheilte Osmakohee unter ſeine Leute und dann trat er mit der Beute den Rückmarſch nach ſeinem Lager an. Nur ein junger Krieger Hallemico's, der den Mondſchein benutzt hatte, um einem Bären auf ſeiner 103 nächtlichen Wanderung aufzulauern, war dem Schickſal ſeiner Brüder entgangen. Das in den fernen Bergen wiederhallende Kriegsgeſchrei war zu ſeinen Ohren gedrungen, der Feuerſchein hatte ihm das Lager ſeines Stammes bezeichnet, als er aber daſſelbe in flie⸗ gendem Laufe erreicht hatte, war das Blutwerk ſchon vollbracht geweſen. Von dem Dunkel des Waldes be⸗ günſtigt, war er unbemerkt entkommen und hatte ſeine Schritte nach Tallihadjo's Lager gewandt, um dieſem die That Osmakohee's mitzutheilen. Schon dehnten ſich die Schatten lang über die Erde, als er erſchöpft an des Häuptlings Feuerſtätte erſchien und die Schreckensnachricht überbrachte. Ein Schrei erſtarb auf den Lippen der unglück⸗ lichen Olviana, ſie ſank ohnmächtig in die Arme der ihr naheſtehenden Frauen und wurde von ihnen hinweg in die Hütte des Häuptlings getragen. Tallihadjo hatte mit finſter zuſammengezogenen Brauen die Kunde vernommen, ſtand mit unterge⸗ ſchlagenen Armen vor ſeinem Lagerfeuer und blickte unbeweglich in daſſelbe hinein. Der Bote wagte es nicht, ihn in ſeinem Sinnen zu ſtören oder ihn gar zur Rache außzufordern, da ſtürzte Tomorho mit dem Rufe: „Rache, Vater, Rache!“ aus der Hütte hervor und warf ſich dem Häuptling in ſtürmiſcher Verzweiftung an die Bruſt. 104 Tallihadjo, ſtatt ihm zu antworten, ergriff ſeine Hand und blickte ihn verweiſend an, als wolle er ihn daran erinnern, daß die Jugend dem Alter keinen Rath zu ertheilen habe. Tomorho trat zurück, er ſchwieg; doch die Auf⸗ regung, die in ſeiner Bruſt tobte, äußerte ſich durch Zittern ſeines Körpers. Die Kunde hatte ſich ſchnell durch das Lager verbreitet, die alten Krieger eilten herbei und ſammelten ſich um ihren Häuptling, Keiner von ihnen aber wagte es, ein Wort zu reden. Endlich brach Tallihadjo das Schweigen und ſagte: „Der große Geiſt hat ſeine gnadenvolle Hand von den Seminolen zurückgezogen; er verwirrt ihre Sinne, er entzweit ſie untereinander und läßt ſie ihre Waffen gegen ihr eignes Blut richten, damit die weißen Männer ſie um ſo ſchneller von dieſer Erde ver⸗ drängen können. O armes, unglückliches Volk!“ Wieder verſtummte er eine Zeit lang, ſah dann auf die vor ihm verſammelten alten Krieger und fuhr fort: „Ihr fordert Rache an Osmakohee, weil Ihr Freunde Hallemieo's waret. Ihr fordert Euern eigenen Untergang. Kaum wird Osmakohee's und ſeiner Leute Blut gefloſſen ſein, ſo werden deren Freunde Rache an Euch fordern und bald wird das Kriegsgeſchrei der Seminolen durch ganz Florida erſchallen; nicht aber gegen ihre Blutfeinde, gegen die Weißen, nein, es ——lbeeceee 105 wird ein Bruder nach dem Leben des andern trachten, ſie werden ſich untereinander morden und den Bleich⸗ geſichtern die gänzliche Vernichtung der rothen Kinder in dieſem Lande erleichtern. Osmakohee hat unſerm Volke tapfere Krieger geraubt, ſollen wir daſſelbe thun, ſollen wir ſelbſt die Kraft zerſtören, die wir unſern weißen Unterdrückern entgegenſetzen können?“ Tallihadjo ſchwieg abermals, und die Krieger blick⸗ ten ſtumm vor ſich nieder, denn ſie erkannten die Wahrheit der Worte ihres Häuptlings. Plötzlich aber, wie zu einem Entſchluß gekommen, rief Dieſer: „Alle waffenfähigen Männer ſollen ihre ſchnellſten Pferde beſteigen, Tallihadjo wird ſie führen.“ Dann ſchritt er nach ſeinem Hauſe, von woher die Jammertöne Olviana's ihm entgegenſchallten. Sie war aus ihrer Ohnmacht erwacht und machte durch Weh⸗ klagen ihrem herzzerreißenden Schmerze Luft, während die Frauen des Häuptlings ihr Troſt einzureden ſuchten. Der Häuptling, ſowie Tomorhv ergriffen ihre Waffen, ihre Pferde wurden vorgeführt, die Krieger ſammelten ſich, und noch war das Tageslicht nicht verblichen, als die Reiter ſchon davonſprengten. Am zweiten Morgen nahete ſich die Schaar dem Lager Osmakohee's und wurde ſchon von Weitem von deſſen Bewohnern erkannt: Die Krieger rannten zu ihrem Häuptling, der, um ſeinen Sohn trauernd, unter ſchattigen Bäumen ſaß, 06 und meldeten ihm, daß Tallihadjo mit ſeinen Kriegern nahe, wie ſie glaubten, um Hallemicv zu rächen. Osmakohee aber verließ ſeinen Sitz nicht und deutete ihnen an, Tallihadjo ſei ihr Freund, von dem ſie Nichts zu fürchten brauchten. Bald hatte dieſer den Platz erreicht, wo Osmakohee ſaß, ſtieg von ſeinem Pferde und trat mit den Worten zu ihm hin: „Die Seelen Hallemico's, ſeiner Krieger, Weiber und Kinder rufen nach Rache, Du haſt ſie erſchlagen, obgleich ſie keine Feindſchaft gegen Dich im Herzen trugen.“ „Hallemicv hat mir das Glück meines Lebens ge⸗ nommen; er hat meinen Sohn tödten laſſen“ ant⸗ wortete Osmakohee mit finſterm Blick. „Wenn Deine Augen es nicht ſelbſt geſehen haben, ſo glaube ich es nicht,“ ſagte Tallihadjo. „Er hat Dem ſeiner Krieger Selaven, Vieh und Pferde geboten, der meinen Sohn tödten würde,“ er⸗ wiederte Osmakohee. „Du lügſt!“ rief der einzige entkommene Krieger Hallemico's, der ſich unter den Reitern befand,„Halle⸗ mico's Herz kannte keine Feindſchaft, als die gegen die Bleichgeſichter.“ Kaum hatte Osmakohee den Sprecher erkannt, als er ſein Meſſer aus dem Gürtel riß, mit wuthblitzenden Augen aufſprang und auf ihn zuſtürzen wollte; Talli⸗ hadjo aber trat ihm mit den Worten in den Weg: 107 „Noch einmal richte Deine Waffe gegen einen Se⸗ minolen, und ich tödte Dich und Deinen Stamm bis auf das letzte Kind. Man hat Dich belogen und das Blut, welches Du vergoſſen, war unſchuldig. Weder Hallemico, noch einer ſeiner Männer hat Dir je etwas zu Leide gethan. Aber auch an Deinem Volke haſt Du Dich verſündigt, denn Du haſt ihm Krieger ge⸗ nommen, die auf meinen Schlachtruf gegen die Bleich⸗ geſichter warteten. Dein Leben haſt Du hundertfach verwirkt, Osmakohee, und Du biſt in meiner Gewalt. Nur eins kann Dich und Deine Leute vom Untergang retten; weihe Dich Deinem Volke, gehe von Stamm zu Stamm, von Hütte zu Hütte, fordere alle Semi⸗ nolen auf, ſich zum großen Kampfe gegen die Weißen zu rüſten; ſage ihnen, daß der Tag ſich nahe, an dem ſie Tallihadjo führen, und daß der große Geiſt ihren Waffen den Sieg verleihen werde. Wähle jetzt, Os⸗ makohee, ſei mein und aller Seminolen Freund, oder gehe mit Deinem Stamme zu Deinen Vätern, Talli⸗ hadjo hat nur eine Zunge.“ Dabei hielt er Osmakohee die Hand hin, die Dieſer nach kurzem Zögern ergriff und ſagte: „Für Osmakohee giebt es keine Freude mehr, darum wäre ihm der Tod willkommen, ſein Herz folgt nicht mehr dem fliehenden Wilde, ſeine Augen ſehen nicht mehr die bunten Blumen der Grasfluren, die ſpielenden Fiſche in den See'n, ſein Ohr hört nicht 108 mehr die ſüßen Lieder der Vögel, wenn ſie die ſteigende und ſinkende Sonne begrüßen, er fühlte nicht mehr das Wohlthuende der Kühlung in den Schatten der dunkeln heiligen Wälder; ſein Herz iſt aber noch ſtolz darauf, ein Seminole zu ſein, und er ſehnt ſich dar⸗ nach, ſiegend über deren Feinde in die ewigen Jagd⸗ gründe ſeiner Väter zu gehen. Dort wird ihn ſein Sohn mit den beſten Waffen, den edelſten Pferden und den ſchönſten Frauen empfangen. Willkommen iſt ihm Tallihadjo's Aufforderung, als Siegesprophet zu ſeinem Volke zu gehen und es auf den großen Frei⸗ heitskampf vorzubereiten; ſeine Stimme ſoll in die Seele eines jeden Seminolen dringen, die Männer, ſowie die Weiber ſollen ihre Waffen ſchärfen und Alle ſollen auf den Schlachtruf Tallihadjo's warten, der Osmakohee dem Tode für ſein Volk zuführen wird.“ „Der große Geiſt mag Deine Seele beleben und Deine Zunge ſtärken, damit Deine Worte auch bei den Seminolen Gehör finden, deren Jagdgründe noch reich an Wild, deren Heerden noch fett und derén Herzen noch nicht von den Weißen verwundet ſind,“ ſagte Tallihadjo mit Begeiſterung und fuhr nach einer Weile mit der gewohnten kalten Ruhe fort: „Laß uns bei Deinem Feuer allein zuſammen ſitzen, laß uns die Pfeife des Friedens rauchen, auf daß auch in Dein Herz Friede einziehe, und höre die Worte Tallihadjo's, damit Du Dein begangenes Un⸗ 5 recht erkennſt und Geiſter der Erſchlagenen Dir vergeben mögen.“ Dann winkte er ſeinen Kriegern zu, ſich in den Schatten des nahen Waldes zu ruhen, nahm die Hand Osmakohee's und führte ihn zu deſſen Lagerfeuer, neben dem ſie ſich niederließen, und die Friedenspfeife rauchten. Viele Stunden lang ſaßen die beiden Häuptlinge in ernſtem Geſpräch zuſammen, während welcher Zeit Tallihadjo all' ſeine Rednergabe aufbot, um dem Häuptling zu beweiſen, daß Hallemico unſchuldig an dem Mord ſeines Sohnes geweſen ſei, doch erſt als Osmakohee die Rückgabe von deſſen Neger an Olviana verweigerte, weil er ſie dem Manne habe zuſagen müſſen, der ihm den Mörder genannt, und als er eingeſtand, daß derſelbe ein weißer Mann geweſen, gelang es Tallihadjo ihn zu überzeugen, daß er um der Selaven willen belogen worden wäre. Standhaft jedoch weigerte ſich Osmakohee, den Namen jenes Weißen zu nennen, ſchwur aber bei dem Andenken ſeines Sohnes, blutige Nache an ihm zu nehmen, wenn der Tag der Vergeltung gekommen ſein würde. Tallihadjo ſchied mit Verſicherungen der Freund⸗ ſchaft von Osmakohee, die Neger Hallemicv's wurden mit auf die Pferde genommen, eine Zahl der Krieger blieb bei den Heerden, um dieſelben Tallihadjo's Lager zuzutreiben, und dann führte Dieſer den Zug nach ſeiner Heimath zurück. Capitel 26. Volksdank.— Feſtanſtalten.— Entrüſtung.— Die Wahl.— Freude.— Aerger. — Unfreundlichkeit.— Das Auswandererſchiff.— Land.— Feiertag.— Der Kaper.— Entern.— Maſſacre.— Der Gerettete. Pis in den hohen Norden Amerika's waren die Wälder und Fluren mit neuem glänzendem Grün ge⸗ ſchmückt, die Ströme hatten das Schneewaſſer, den ihnen durch daſſelbe zugeführten Schlamm und das Treibholſ in den Ocean hinausgetragen und ihre kri⸗ ſtallklaren Fluthen zogen mit Tauſenden großer und kleiner Segel auf ihrem Rücken an den üppigen, mit Wäldern und Feldern bedeckten Ufern hin und nahmen den Blüthenregen ſpielend mit ſich fort, den der warme Frühlingswind ihnen zuwehte. Blau und glänzend wölbte ſich der Himmel über dem herrlichen reich ge⸗ ſegneten Lande und über dem jungen kräftigen Volke, das hier, wie durch einen Zauberſchlag, aus einer Wildniß blühende gewaltige Staaten geſchaffen hatte. So wie die Natur ihr reichſtes Feſtkleid angethan und heiter lächelnd aus Berg und Thal hervorblickte, ſo ſchienen auch die Menſchen zu einem großen Feſte ſich vorzubereiten, denn in den Städten, in den Flecken — und, wo die Anſiedel neinzeln lagen, ſah man ſie mit regem Eifer zuſ imentreten und ſich berathen, und auf ihren heitern Zügen konnte man erkennen, daß der Zweck ihrer Zuſammenkünfte ein freudiger, ein edler, ein begeiſternder ſein mußte. Es war der edelſte, den der Menſch, den eine Nation verfolgen kann: es war Dankbarkeit für empfangenes Gutes. Ja, über⸗ ſtrömend mit Dank ſchlugen die Herzen der Amerikaner für den Mann, für die Nation, die ihnen beigeſtanden, ihre Selavenketten zu brechen und ſich zum freien Volke zu machen.„Lafayette und Frankreich hoch!“ ſchallte es von dem Norden der großen Republik, von den Geſtaden der nordiſchen See'n, von den Küſten des Heeans, von den Ufern des mexicaniſchen Ghlfs, von den einzelnen Hütten der Frontiers im fernen Weſten, und„Lafayette und Frankreich hoch!“ wird es ſo lange noch in den Herzen der Amerikaner wiederhallen, als dieſelben den Stolz in ſich tragen, ein freies Volk zu ſein. Noch einmal ſollten ſie den edlen Greis in ihrem Lande begrüßen, der als hochherziger Jüngling den Ocean durchzog, um ſich unter ihre Fahnen zu reihen und mit ihnen für ihre Freiheit zu kämpfen; noch einmal ſollte er auf amerikaniſcher Erde die große franzöſiſche Nation vertreten, die den Amerikanern in ihrem Kampfe um Ehre und Freiheit zur Seite ſtand und die zuerſt ſie als freies Volk anerkannte. Nur 112 keit beſeelte jetzt die Amerikanet, alle übrigen Intereſſen waren zurückgetreten und in den Paläſten, ſowie in den Hütten that ſich der Jubel kund, womit man der Landung des alten Kriegskameraden, des treuen Hel⸗ fers in der Noth, des Generals Lafayette entgegenſah. In allen Staaten der Union ſammelte ſich das be⸗ geiſterte Volk zu Berathungen, auf welche Weiſe man den gefeierten Mann am würdigſten, am ehrenvollſten empfangen könne. Der Trommelſchlag rief allenthalben die Milizen zu militairiſchen Uebungen zuſammen, um ihm die Wehrkraft der Nation zu zeigen, es wur⸗ den Abgeordnete erwählt, die ihn im Namen ihres Staates bei ſeiner Landung begrüßen und ihn auf ſeinem Triumphzug durch Amerika begleiten ſollten; in den Städten, welche er muthmaßlich auf dieſer Reiſe berühren würde, machte man Vorbereitungen zu ſeinem Empfang und jeder Bürger dachte darüber nach, wie er ſein Haus, wie er ſeine Fenſter auf's Feſt⸗ lichſte ſchmücken ſollte. Die koſtbarſten Teppiche wur⸗ den dazu beſtimmt, die Häuſer zu zieren, Flaggen fertigte man an, groß genug, einen ganzen Palaſt zu überſchatten und allenthalben ſah man auf weiten Plätzen Tribünen errichten, von denen aus die Redner Amerika's zu dem Volke ſprechen ſollten. Zum Ge⸗ dächtniß an die Schlacht bei Brandywine, in der La⸗ fayette die Amerikaner ſiegreich führte, war eine Fre⸗ dieſer eine Gedanke, nur un der Dankbar⸗ 1¹13 gatte gleichen Namens erbaut und nach Frankreich ge⸗ ſandt worden, um ſie ihm zur Reiſe durch den Ocean zur Verfügung zu ſtellen; in New⸗Vork wurde die alte Lafayettegarde in der urſprünglichen Uniform wieder hergeſtellt; alle Männer, die mit dem Gefeierten ge⸗ dient hatten, traten ein und die Geſchütze in den Feſtungen, auf den einzelnen Wällen und auf den Schiffen wurden in Bereitſchaft gehalten, um ihm einen Donnerwillkommen entgegenzurufen. Die ganze Re⸗ publik bis an die äußerſte Grenze der Cultur war von dem Freudetaumel erfaßt und mit Sehnſucht durchlas man jeden Morgen die neuen Zeitungen, um beſtimmte Nachricht über die Reiſe Lafayettes darin zu ſuchen. Auch in der County Georgiens, in der Arnolds und Norwvod wohnten, machte man große Vorberei⸗ tungen zur Feier dieſes ehrenvollen Beſuchs, und da D.... der Gerichtsſitz dieſer County war, ſo wurden dort alle Verſammlungen zu dieſem Zwecke gehalten. Es wurde ein Comité erwählt, welches die Anord⸗ nungen zu den Feſtlichkeiten beſtimmen und leiten ſollte, es wurden Rednerbühnen errichtet, ein langes auf Pfeilern ruhendes Sonnendach erbaut, unter wel⸗ chem Volkseſſen gehalten werden ſollten, und ein Wahltag ward angeſetzt, um die Abgeordneten zu wählen, welche Georgien bei dem Empfang und dem Triumphzug Lafayettes vertreten ſollten. Dieſer Tag erſchien und die Männer der Cvunty, Ralph Norwood. MI. 8 1¹4 alt und jung, zogen früh Morgens in D.... ein, um dieſem Vorſpiele zu den enden Feſtlichteiten beizuwohnen. Der alte Arnold und ſein Sohn hatten ſich eben⸗ falls eingefunden, ſo wie auch Ralph Norwood nicht fehlte. Letzterer erſchien in eleganter ſchwarzer Klei⸗ dung auf einem edlen Pferde mit prächtigem Reitzeug und gefolgt von einem fein gekleideten ſchwarzen Reit⸗ knecht, als das Städtchen ſchon von vielen hundert Bewohnern der Cvunty belebt war, die vor allen Häuſern und auf dem Platz um das Gerichtsgebäude in Gruppen zuſammen ſtanden. Ralphs Verhältniſſe hatten ſich in letzter Zeit ſehr geändert, denn die Aſſecuranzcompagnie in New⸗York hatte ſofort die auf die Tritonia verſicherte Summe von zwanzigtauſend Dollar ausgezahlt, und der Kauf⸗ mann Behrend hatte ihm dieſelbe Abzug ſeiner Rechnungen übermacht. Er war im Beſitz von Negern, er hatte mit einem Bauunternehmer einen Vertrag über den Neubau eines zweiſtöckigen hölzernen Hauſes auf ſeiner Beſitzung abgeſchloſſen und Dieſer war be⸗ reits mit den nöthigen Arbeitern beſchäftigt, das Ge⸗ bäude unweit des alten Blockhauſes aufzuführen. Zu⸗ gleich hatte Ralph einen leichten zweiſpännigen präch⸗ tigen Wagen zu ſeinem Gebrauch vom Norden her an⸗ geſchafft, der erſte, der in dieſer Gegend geſehen wurde, und hatte zwei ſeiner beſten Pferde einfahren laſſen, um denſelben damit zu beſpannen. Er beſuchte nahe und ferne Nachbarn, bewirthete dieſelben in ſeinem Hauſe auf's Gaftfreiſte, zeigte ſich oft in D.... und in Tallahaſſee, wo er ſeine Bekannte in den Trink⸗ häuſern frei hielt, und bot Alles auf, um ſich Freunde zu verſchaffen und eine hervorragende Stellung in der County zu gewinnen. Er kannte keinen ſchnelleren Schritt zu dieſem Ziele, als durch die heutige Wahl und er war entſchloſſen, Nichts zu ſparen, um mit als Abgeordneter gewählt zu werden. Bei ſeiner Ankunft in dem Städtchen ritt er, an⸗ ſtatt ſich gleich nach dem Wirthshaus zu begeben, zu der erſten zahlreichen Gruppe hin, grüßte die Leute mit freundlichſter Vertraulichkeit, reichte einem Jeden die Hand, machte Einigen Vorwürfe, daß ſie ihn ſo ſelten beſuchten und ritt, von ſeinem Reitknecht gefolgt, unter dem Volke umher, um ſich bemerkbar und an⸗ genehm zu machen. Nachdem er endlich ſeinen Bur⸗ ſchen mit den Pferden nach dem Wirthshaus geſchickt hatte, ſuchte er die Männer von Gewicht auf, nöthigte ſie mit in das Trinkhaus, zahlte dort die Zeche und reichte ihnen feine Cigarren. Er ſprach laut über die Wahl, deutete darauf hin, daß man Männer von An⸗ ſtand dabei im Auge haben müſſe, die auch in der großen Welt die Georgier würdig vertreten könnten, und zog dabei oft ſeine goldene Uhr an der ſchweren goldenen Kette hervor, als ob er nach der Zeit ſähe. ——̃—— In die Nähe von Behrend's Kaufladen ging er aber nicht, denn dort ſtand der alte Arnold und auch Frank, umgeben von einer großen Zahl achtbarer Männer, mit denen ſie ſich eifrig unterhielten. Beide waren mit ihrer gewohnten Pflanzertracht angethan, hatten den Platz, wo ſie ſtanden, ſeit ihrer Ankunft noch nicht verlaſſen, und doch hatten ſie ſchon mit beinahe ſämmtlichen anweſenden Perſonen geſprochen, indem ein Jeder ſie aufſuchte, um ſie zu begrüßen. Bald verkündete die Stimme des Scheriffs aus dem Eingang des Gerichtsgebäudes, daß die Wahl ihren Anfang nehmen ſolle, und Alle bewegten ſich nun dorthin, um die Wahlzettel abzugeben. Die beiden Arnolds waren unter den Geduldigen, die vor dem Hauſe warteten, bis der Zudrang zu den Männern, welche die Wahlen empfingen und nieder⸗ ſchrieben, etwas abgenommen hatte, dann begaben ſie ſich zuſammen in das Haus und waren im Begriff, die Treppe zu erſteigen, als Ralph auf derſelben her⸗ unterkam und an ihnen vorüberſchritt, ohne ſie einer Beachtung zu würdigen. „Dieſer Schurke“, ſagte Frank halblaut zu ſeinem Vater,„wenige Worte von mir würden hinreichen ihn zu verderben. Daß er mich nicht grüßt, finde ich ſehr natürlich, und danke es ihm, daß er aber an Dir vorübergeht, ohne Dich kennen zu wollen, der Du ſo viel für ihn gethan haſt, iſt empörend.“ 7 „Ruhig, Frank, ſein Gruß würde mir nicht zur Ehre gereichen und ſein Nichtgruß ſetzt ihn in den Augen unſerer Freunde herab. Laß ihn ruhig gehen und freue Dich mit mir, daß wir von einem ſo un⸗ würvigen Gaſt befreit ſind.“ Dabei nahm er die Hand ſeines Sohnes, der ſtehen geblieben war und Ralph erzürnt nachblickte, und ging mit ihm die Treppe hinauf nach dem Zimmer, wo die Wahlen in Empfang genommen wurden. Das Gaſthaus war heute, namentlich während des Mittagseſſens, ſehr gefüllt und Herr Dennis genöthigt geweſen, nicht allein in dem Speiſeſaal, ſondern auch in einem der Logirzimmer und unter der Veranda Tafeln zu ſtellen, um ſeine Gäſte alle bewirthen zu können. Ralph hatte in dem Speiſeſaal an dem obern Ende des Tiſches Platz genommen und eine große Zahl Bekannter zu beiden Seiten verſammelt, die er ein⸗ geladen hatte, mit ihm zu ſpeiſen. Den Wein ließ er fleißig von Hand zu Hand gehen und tractirts ſeine Gäſte zuletzt auch mit dem feinen Madeirawein des Herrn Behrend, der ihm noch aus der Zeit, als er mit Garrett bekannt wurde, in Erinnerung geblie⸗ ben war. Er brachte mit lauter Stimme Toaſte aus, in welche die Tiſchgenoſſen mit wilden Hurrahs⸗ein⸗ ſtimmten, und Flaſche auf Flaſche wurde auf ſeine Rechnung geleert. 118 Die beiden Arnolds hatten unter der Veranda die Ehrenplätze an der Tafel angewieſen bekommen, die achtbarſten Männer hatten ſich zu ihnen geſetzt, und in ruhiger Unterhaltung wurde von ihnen über die erfreuliche Veranlaſſung zu ihrem heutigen Zuſammen⸗ ſein geredet. Zu Ende der Mahlzeit ließ Frank Ar⸗ nold Madeirawein kommen, bat die ganze Tiſchgeſell⸗ ſchaft um die Ehre, mit ihr ein Glas Wein zu leeren, und brachte die Geſundheit aus: „Lafayette, Frankreich und die Freiheit Amerikas!“ Mit einem donnernden Jubel wurde der Toaſt bewillkommnet und der Beifallsſturm wollte kein Ende nehmen. Nach Tiſch ſammelte man ſich abermals in der Nähe des Gerichtsgebäudes und wartete mit Spannung darauf, das Reſultat der Wahlen zu vernehmen. Endlich trat der Scheriff in die Thür und verlas mit lauter Stimme die Namen Derer ſowohl, die für das Comité zur Leitung der Feſtlichkeiten, als auch Werer, die zu Abgeordneten für den Empfang La⸗ fayette's in New⸗York erwählt worden waren. Unter Erſteren ſtand der alte Arnold mit der größten Stim⸗ menmehrheit obenan und unter den Letzteren hatte Frank Arnold die bei Weitem größere Zahl der Stim⸗ men. Ralph's Name ward nicht verleſen. Er hatte ſich unmittelbar neben die Thür auf die Treppe geſtellt, als der Scheriff erſchien, und ſich vor⸗ 1¹9 bereitet, einige Worte von dort aus an die Verſamm⸗ lung zu richten, indem er nicht einen Augenblick darüber in Zweifel geweſen war, daß ſein Name ſich unter den erwählten Abgeordneten befinden würde. Jetzt war ihm ſein erhöhter Stand ſehr unangenehm, er drängte ſich raſch die Treppe hinunter, ging nach dem Wirthshaus, ließ ſein Pferd vorführen und war wenige Minuten ſpäter auf dem Heimweg. Zu Arnolds drängten ſich aber Alle heran, ein Jeder wollte ihnen ſeine Freude über die Wahl aus⸗ ſprechen und Jedermann wünſchte ſich ſelbſt Glück, daß dieſelbe zwei ſolche Ehrenmänner betroffen habe. Der alte Arnold verabredete ſich nun mit ſeinen neuen Collegen, wann ſie hier zuſammenkommen wollten, um ſich über die bevorſtehenden Feſtlichkeiten zu berathen und ihre Anordnungen dafür zu treffen, während Frank mit ſeinen ünftigen Reiſegefährten ſich unterhielt, auf welche Weiſe ſie die Tour nach New⸗Pork am Beſten machen würden. Die Sonne mahnte durch ihren ſchon niedrigen Stand an den Heimweg, Frank ſpannte ſein Pferd in das Cabriolet, hob ſeinen Vater hinein, ſetzte ſich zu ihm und unter Abſchiedsgrüßen nach allen Seiten ſtob der mächtige Rappe mit dem federleichten Fuhrwerk im fliegenden Trab davon, daß die leichten hohen Räder mitunter von einer Erhöhung in der rohen Straße auf die 1²0 andere ſprangen, ohne den Boden dazwiſchen zu be⸗ rühren. Als der Wagen ſich dem Hauſe des alten Arnolds nahete, kamen die beiden Frauen aus demſelben her⸗ vor ihren Männern entgegen und Eleanor ſprang voran, um Frank zuerſt zu erreichen. Die Freude der Frauen war groß, als ſie das Reſultat der Wahlen erfuhren, beide waren ſtolz auf die Ehre, die ihren Gatten widerfahren war, und beide ſchloſſen dieſelben freudig lächelnd und mit feuch⸗ ten Augen an ihr Herz. „Das wird meine erſte Prüfungszeit geben“, ſagte Eleanor mit etwas kleinmüthigem Tone, vich werde aber die Probe beſtehen und Dir Alles in gutem Stande überliefern, wenn Du von der Reiſe zurück⸗ kehrſt.“ „Himmliſche, ſüße Eleanor, kannſt Du wirklich glauben, ich würde Dich zurücklaſſen, Dich, mein Alles, um jene werthloſen Gegenſtände zu ſchützen? Nein, Engelsweib, Du wirſt mich begleiten!“ rief Frank und hielt ihr ſeine offenen Arme entgegen. „Mein Frank!“ rief Eleanor mit freudig halb er⸗ ſtickter Stimme und fiel ihrem Gatten an die Bruſt. X 62 Ralph Norwood erreichte mit ganz anderen Gefüh⸗ len ſeine Wohnung. Als er von dem Pferde ſtieg 12¹ und der Reitknecht nicht ſchnell genug deſſen Zügel ergriff, ſchlug er ihn mit der Fauſt gegen den Kopf, daß er wie betäubt einige Schritte vorwärts taumelte, und rief dabei: „Verdammter Rabe, ich will Dich lehren, die Pfoten aufzuheben und Dich in Trab zu ſetzen; muß ich auf Dich, oder Du auf mich warten?“ Elviſe hatte ihren Gatten kommen hören und war in die Thür geeilt, um ihn vor dem Hauſe zu em⸗ pfangen, ſie ſchreckte aber vor der Härte Ralph's zurück und das Gefühl des Mitleids für den armen unſchul⸗ digen Negerbuben war in dieſem Augenblick das ſtär⸗ kere in ihr. Ralph trat in das Zimmer, Elviſe legte ihre Hand auf ſeine Schulter und reichte ihm ihren ſchönen Mund zum Kuß. „Nun, biſt Du gewählt, Ralph?“ fragte ſie, da ſie nach ſeiner Prophezeihung ſicher annehmen mußke, daß es geſchehen würde. „Ich hatte keine Luſt, mit dem falſchen Kerl, dem jungen Arnold, zuſammen als Abgeordneter nach New⸗ Vork zu reiſen und bat deshalb meine Freunde, nicht für mich zu ſtimmen, denn daß Jener gewählt werden würde, ſah ich voraus. Er, ſo wie ſein Vater zogen die Leute wohl mit Gewalt in das Trinkhaus, um ſie zu tractiren, und ihre ſüßen Worte kennſt Du ja. Für eine ſolche Wahl danke ich“, erwiederte Ralph —————— 122 mit verbiſſenem Aerger, indem er ſich in einen Schaukel⸗ ſtuhl warf, ein Bein überſchlug und ſich mit dem an⸗ dern vor- und rückwärts wiegte. „Du biſt nicht heiter, Ralph,“ ſagte Elviſe zu ihm, indem ſie neben ihn trat und ihre kleine Hand auf ſein dichtes Haupthaar legte, die Aergerniſſe des Außen⸗ lebens ſollen nicht in unſere vier Wände eindringen und unſer ſtilles Glück ſtören; komm, laß mich den Ernſt von Deiner Stirn küſſen.“ „Man kann ja nicht immer lachen, liebes Kind. Wie iſt es mit dem Abendeſſen, laß Eve es herein⸗ bringen, ich habe einen ſcharfen Ritt gemacht,“ ant⸗ wortete Ralph, worauf Elviſe ſich, unangenehm be⸗ rührt, nach der Thür wandte und das Zimmer verließ. Bald darauf trat Eve, die ſchwarze Selavin, mit den Speiſen herein, ſtellte ſie auf den bedeckten Tiſch und Elviſe folgte ihr mit der Kaffeekanne und der Milch. „Laß doch die Negerin den Kaffee hereintragen, Elviſe, Du trägſt ihn ſogar auch dann herein, wenn fremde Leute hier ſind; es ſieht ja aus, als ob wir keine Diener hätten,“ ſagte Ralph zu ſeiner Frau und rief dann der Selavin nach: „Iſt es Dir etwa zu viel Arbeit, Alles ſelbſt her⸗ einzutragen?“ Elviſe ſchwieg, trat an den Tiſch und ſchenkte den Kaffee ein, während Ralph neben ihr Platz nahm. 1²3 Auch dieſer griff die Unterhaltung nicht wieder auf, nach beendigtem Mahl zog er eine Zeitung aus der Bruſttaſche hervor, rückte das Licht zu ſich heran und verbrachte die Zeit bis zum Schlafengehen mit Leſen. Es war an einem der erſten Tage des eingetre⸗ tenen Sommers, als ein großes dreimaſtiges Schiff, die Clementine, bis in die höchſten Spitzen ſeiner Maſten von Segeln überbläht, bei günſtigem Süd⸗ wind ſeinen weſtlichen Cours im Ocean verfolgte und der amerikaniſchen Küſte zuſteuerte. Die Sonne ſchien heiß vom gänzlich wolkenloſen Himmel auf das, mit einigen hundert Menſchen bevölkerte Verdeck des Schiffes, der friſche kühle Wind aber, der darüber hinſtrich, nahm ihren Strahlen das Drückende und machte namentlich den Aufenthalt in den Schatten der Segel, wo ſich die Leute beſonders zuſammendrängten, wohlthuend und erquicklich. Die See ging nicht hoch, ihre Wogen jagten ſich ſpielend mit dem Schiffe nach Weſten hin und ſchaukelten daſſelbe in regelmäßigen, nicht unan⸗ genehmen Bewegungen auf und nieder und die luſtigen Seeſchweine ſchoſſen brauſend herüber und hinüber durch den Schaumberg, der ſich unter. Spitze vor ihm aufthürmte. Die vorherrſchende Tracht der Paſſagiere, die das 124 Verdeck füllten, verrieth Schweizer Landleute, es be⸗ fanden ſich jedoch auch Andere unter ihnen in bürger⸗ lichen Kleidungen. Von dieſen Letztern zeichnete ſich eine Familie aus, die zuſammen auf dem obern Ver⸗ deck an der Brüſtung ſtand und, wie alle Uebrigen, ihre Blicke ſehnlichſt nach dem weſtlichen Rand der Waſſerfläche gerichtet hielt, denn die See hatte die grüne Farbe angenommen und der Kapitain der Cle⸗ mentine hatte verkündet, daß man nun bald die Küſte Amerika's zu ſehen bekommen würde. Dieſe Familie, welche aus dem Elternpaar und ſieben Kindern beſtand, von denen das jüngſte, ein Mädchen, ſechs Jahre zählte, war die des Pfarrers, welcher ſeine Gemeinde nach ihrer neuen Heimath führte, um auch dort als treuer Seelſorger und biederer Freund und Rathgeber unter ihnen zu leben. Er war ein würdiger, bejahrter, doch noch lebenskräftiger rüſtiger Mann, an welchem ſeine Schutzbefohlenen mit großer Liebe und Anhäng⸗ lichkeit hingen. Er ſchritt zu ihnen hinab auf das untere Verdeck und ging mit freudigem heiterem Lächeln zwiſchen ihnen hin und her, redete bald mit Dieſem, bald mit Jenem, drückte dem Einen und dem Andern die Hand und machte Alle darauf aufmerkſam, wie ſehr ihnen der Himmel gnädig geweſen ſei, ihnen eine ſo glückliche Ueberfahrt zu ſchenken. „Nun haben wir mit Gottes Hülfe bald alle Be⸗ ſchwerden und Mühſeligkeiten überſtanden und dürfen 1²5 mit ſeinem fernern Beiſtand hoffen, in wenigen Tagen die Erde zu betreten, auf der wir unſere neue Heimath gründen wollen. Da rief ein Matroſe aus der Höhe der Maſten „Land“ und„Land⸗ ſchallte es jubelnd aus jedem Munde, obgleich noch Niemand auf dem Verdeck eine Andeutung davon ſah. Es war noch früh Morgens und o lebten alle Herzen der frohen Hoffnung, noch heute das Land wirklich wahrnehmen zu können. Schon nach Verlauf von einigen Stunden, während welcher Zeit die ſehnſüchtigen Blicke der Auswanderer unbe⸗ weglich an der Ferne hingen, ſtieg die Küſte blau und duftig über derſelben auf und mit heißen Freuden⸗ thränen wurde ſie von den Heimathſuchenden begrüßt. Jauchzend ſchwangen ſie ihre Hüte, ſie fielen einander freudetrunken in die Arme, die Mütter hoben ihre Kinder über die Brüſtung empor, um ihnen das er⸗ ſehnte Land zu zeigen, und der Prediger trat unter ſie und ſandte ein lautes Dankgebet zum Himmel auf, dem die Auswanderer ſämmtlich mit frommer Andacht folgten. Als er wieder zu den Seinigen auf das obere Verdeck gelangt war, bat er den Kapitain, einen ehrlichen gutmüthigen Deutſchen, ihm das Fernglas zu leihen, damit er das erſehnte Land genauer be⸗ trachten könne. Gern ward ſein Wunſch erfüllt, das Glas wurde gebracht und der Pfarrer hob es vor ſein Ange. Jetzt konnte er die rothe ſchroffe Küſte und den 12²6 friſch grünen Wald unterſcheiden, der dieſelbe bedeckte, er beſchrieb genau den Seinigen Alles was er erblickte und erregte dadurch deren Neugierde ſo ſehr, daß ſie Hand an das Glas legten, um nun gleichfalls daſ⸗ ſelbe vor ihre Augen zu führen. Die Frau des Geiſt⸗ lichen war die Erſte, die es benutzte, dann ging es zu den drei erwachſenen Töchtern über, darauf kam der älteſte Sohn an die Reihe und ſelbſt die kleinern Kinder wollten es ſich nicht nehmen laſſen, einen Blick durch das Inſtrument nach der neuen Heimath zu thun. Der Kapitain ließ das Schiff ſo weit thunlich ſüd⸗ lich und möglichſt nahe der Küſte zuſteuern, weil er ſeinen Cours jetzt überhaupt nach jener Himmelsge⸗ gend richten und laviren mußte, da der Wind von Süden kam. Die Clementine näherte ſich dem Lande ſchnell und ſchon gegen vier Uhr Nachmittags konnten deren Bewohner mit unbewaffneten Augen die waldi⸗ gen Höhen erkennen, die vor ihnen ſich aus dem Meere erhoben. Die Leute auf dem untern Verdeck hatten jetzt ein ganz anderes Anſehen gewonnen, als während der ganzen Reiſe; ſie hatten ihre Anzüge ge⸗ wechſelt, hatten ſich ſauber und nett angethan, bunte Tücher, Schürzen und Bänder erſchienen und allent⸗ halben waren goldene Ringe, Bruſtnadeln, Perlen und Armbänder zu ſehen, gerade ſo, als ob man ſchon heute das Schiff verlaſſen und ſich an's Land begeben 127 wolle. Dies war jedoch Keinem eingefallen, Alle aber fühlten den Drang, die vernachläßigte verdorbene Garderobe endlich abzulegen, und betrachteten dieſen Tag, an dem ſie zuerſt wieder Land erblickt hatten, als einen großen Feſttag, an welchem ſie ſich auch feierlich ſchmücken müßten. Selbſt mit den Damen des Pfarrers war eine Veränderung vorgegangen, es waren ſaubere Halskrauſen, Spitzenärmel, Haarſchleifen und auch Schmuck angelegt und ſchneeweiße Batiſt⸗ tücher wehten in ihren Händen. Der alte Herr be⸗ merkte es lächelnd, doch fand er durchaus nichts Un⸗ paſſendes darin, und um nicht ganz allein zurückzu⸗ tehen, ſo begab er ſich in die Kazüte, legte einen ſchwarzen Rock an und öffnete die Kiſte mit Cigarren, die er bis jetzt noch ve rſchont, da er nur ſeine Pfeife zum Rauchen benutzt hatte. Mit der brennenden Ci⸗ garre und im Frack trat er auf das Verdeck zu den wo ihn der Kapitain mit den Worten be⸗ grüßte: „Ei, ei, Herr Pfarrer, Sie haben ſich ja ſämmtlich gerüſtet, noch heute an's Land zu gehen.⸗ „Nicht doch, lieber Kapitain, uns aber iſt dieſer Tag ein Feiertag, wenn er Ihnen auch nicht als ſolcher erſcheint. Wir nahen uns jetzt dem Ziel unſerer Wünſche, unſerer Sehnſucht, während Sie nur das Land betreten, um ihm bald wieder Lebewohl zu ſagen; Sie machen einen Beſuch, und wir ziehen in unſere Heimath ein.“. Mit dieſen Worten klopfte der Pfarrer dem Kapi⸗ tain freundlich auf die Schulter, zog darauf eine ſil⸗ berne Doſe aus der Bruſttaſche und reichte ihm daraus eine Cigarre hin. Dann aber bat er ihn abermals um das Fernglas, ſetzte ſich mit demſelben auf eine Bank und legte es auf die Brüſtung des Schiffes, um ſicherer damit in die Ferne ſehen zu können. „Kinder, dort kommt ein Schiff herauf,“ ſagte er nach einer Weile„kaum blickt die Spitze ſeiner Maſten über dem Waſſer hervor; mit bloßen Augen könnt Ihr es noch nicht ſehen.“ Alle verlangten durch das Glas zu ſchauen und zuletzt rief der Pfarrer auch den Kapitain herbei, da⸗ mit er einen Blick nach dem herankommenden Fahr⸗ zeuge thue. „Bald werden Sie genug Schiffe ſehen, wir kommen hier in ein ſchmäleres Fahrwaſſer, als der Ocean iſt“ ſagte der Kapitain und bückte ſich zu dem Glas hinab. „Das ſcheint halb Schvoner, halb Brigg zu ſein, es iſt ungewöhnlich beſegelt,“ ſagte er, nachdem er durch das Glas geſchaut hatte„wir werden aber ſeine genauere Bekanntſchaft machen, er kommt gerade auf uns zu. Ein wenig muß ich ihm jedoch aus dem Wege gehen, denn es iſt Zeit, mein Schiff umzulegen, ſonſt komme ich der Küſte gar zu nahe.“ „ 429 Der Capitain gab nun den Befehl, die Segel los zu machen und die Clementine zu wenden, welches in kurzer Zeit geſchehen war, und worauf ſie ſich wieder weiter von dem Lande entfernte. Bald konnte man das herankommende Segel mit bloßen Augen erkennen, es ſtieg raſch über dem Meeres⸗ rande auf, ſein Rumpf wurde ſichtbar und, wie man einen Freund in fremdem Lande bewillkommnet, ſo freuten ſich die Auswanderer darauf, dem Schiffe recht nahe zu kommen, um deſſen B Bewohnern einen Gruß zuwinken zu können. „Das Segelwerk jenes Schiffes iſt ſouberbur zu⸗ ſammengeſtellt,“ ſagte der Capitain, nachdem er einige Zeit auf dem Verdeck auf und abgeſchritten war, dann blieb er ſtehen und richtete ſeine Blicke auf das ſich nahende Fahrzeug. Nach einer Weile fuhr er fort: „Er hat ſeinen Cvurs etwas geändert und wird nun näher an uns vorüberkommen. Vielleicht wünſcht er mich zu ſprechen und will von mir als geſehen in Charleſtown gemeldet werden.“ Dann rief er dem Cajütwärter zu, ihm das Sprach⸗ rohr heraufzubringen, ergriff das Fernglas und richtete daſſelbe auf das fremde Fahrzeng, welches kaum noch eine halbe Meile von der Clementine entfernt war. Die Auswanderer in ihrem Staate drängten ſich alle an die Brüſtung, um das Schiff nahe vorüberſegeln zu ſehen und der Pfarrer und ſeine Familie hatten ſich „NRalph Norword. II. 9 130 auf dem obern Verdeck nebeneinander auf die Bänke geſtellt, von wo aus ſie einen recht freien Blick auf den Fremden hatten. Näher und näher kam das Schiff und ſteuerte ſo gerade auf die Clementine zu, daß ihr Capitain keinen Zweifel mehr darüber hegte, der Befehlshaber von jenem Fahrzeuge wünſche ihn zu ſprechen. Er hatte das Sprachrohr ergriffen, war auf das Häuschen geſtiegen, welches ſich hinter dem ſteuernden Matroſen befand und rief dem fremden Capitain einen Gruß und die Frage zu, ob er ihm mit irgend etwas behülflich ſein könne. Er bekam keine Antwort, das Schiff jedoch näherte ſich der Clementine bis auf kurze Entfernung und bog dann in denſelben Cours, den ſie ſteuerte, ſo daß es parallel mit ihr vorwärts ſegelte. „Das iſt ja ein ſonderbarer Burſche“ ſagte der Capitain der Clementine und rief noch einmal durch das Sprachrohr nach dem Fremden hinüber,„ob er etwas von ihm wünſche?“ Abermals bekam er keine Antwort; auf dem Ver⸗ deck des fremden Schiffes aber hatten die Matroſen ſich um ein Boot geſtellt, welches mit dem Kiel nach Oben zwiſchen den beiden Maſten über der Brüſtung hervorſah, wie es ſchien, um daſſelbe von da zu ent⸗ fernen. „Sie wollen, glaube ich, das Boot ausſetzen, da ———— möchte ich denn doch wirklich wiſſen, was die Kerls vorhaben?“ ſagte der Capitain zu dem Pfarrer, der gleichfalls neugierig dem Treiben auf dem fremden Schiffe zuſah. Nun trat aus deſſen Kajüte ein großer Mann mit langem ſchwarzem Bart hervor und erſtieg mit einem Sprachrohr in der Hand das obere Verdeck. Jetzt werden wir es hören, das ſcheint der Capi⸗ tain zu ſein“ ſagte der der Clementine zu dem Pfarrer und in dieſem Augenblicke hob Jener das Sprachrohr zum Munde und rief mit einer gewaltigen Stimme: „Streicht die Segel!“ Zugleich hatten die Matroſen das Boot hinwegge⸗ nommen und eine ungeheuere ſchwarze Kanone ent⸗ blößt. „Um Gottes Willen, ein Seeräuber!“ ſchrie der Capitain der Clementine, ſprang an das Steuerruder und wandte ſein Schiff von dem Piraten ab, um die Flucht zu ergreifen. In demſelben Augenblicke aber blitzte es auf Jenem, mit einem furchtbaren Krach entlud ſich die große Kanone, die Kugel traf die Brü⸗ ſtung an dem untern Verdeck der Clementine, gerade da, wo die Auswanderer ſich zuſammengedrängt hatten und, durch ſie hinſauſend, ſchmetterte ſie die Körper der Getroffenen nach allen Richtungen nieder. Zu⸗ gleich erhob ſich eine Schaar Büchſenſchützen über der Brüſtung des Piraten, gab Feuer, und der Kugel⸗ 9* 132 regen richtete ein ſchreckliches Blutbad unter den un⸗ glücklichen Auswandern an. In wilder Verzweiflung floh Alles von dem Verdeck der Clementine und verbarg ſich bebend in deren Räumen, die Mütter ſchlangen zitternd ihre Arme um ihre Kinder, die Männer griffen nach Waffen, um ſich und die Ihrigen zu vertheidigen, und Alles ſtierte in Todesangſt nach den Eingängen, mit jedem Augenblick erwartend, die Seeräuber erſcheinen zu ſehen. Der Pfarrer hatte die Seinigen unverſehrt in die Cajüte gebracht, wohin auch der Capitain und viele der Ma⸗ troſen ſich geflüchtet, der Eine griff nach einer Axt, der Andere nach einem Säbel oder einem Gewehr, und Alle waren entſchloſſen, ihr Leben ſo theuer als möglich zu verkaufen. Der Pfarrer aber hatte eine andere Waffe erfaßt, mit deren Gebrauch er vertrauter war und von der er ſich eine mächtige Wirkung ver⸗ ſprach. Es war die Bibel, die er in der Hand hielt und mit der er die Cajüte verließ, entſchloſſen, den Barbaren damit entgegenzutreten. Während dieſer Zeit hatte ſich der Sturmvogel, denn dies war das Piratenſchiff, nahe an die Cle⸗ mentine gelegt, es ward durch Enterhaken an ihr be⸗ feſtigt, und Flournoy ſprang, von ſeinen Leuten gefolgt, in dem Augenblick auf ihr Verdeck, als der Geiſtliche aus der Cajüte trat und ihm feierlich die Bibel ent⸗ gegenhielt. 13 „Verdammter Schwarzkittel, geh in Deinen Him⸗ mel!“ ſchrie Flournoy, indem er dem alten ehrwür⸗ digen Manne das Buch aus der Hand riß und ihm mit ſeinem kurzen, breiten Säbel den Kopf ſpaltete. Dann ſprang er über die Leiche hin nach der Cajüten⸗ thür, fand ſie aber verſchloſſen. In wenigen Minuten fiel ſie unter den Axtſchlägen ſeiner Leute in Stücke auseinander, dieſe ſtürzten ihrem Capitain nach in die Cajüte und alle Männer, die ſie darin fanden, wurden niedergemacht. Der Donner der abgefeuerten Piſtolen, die dröhnenden Fußtritte der kämpfenden Männer und das wilde Rufen und Toben, ſowie die Todesſchreie der Fallenden deutete den unter dem Verdecke zuſam⸗ mengedrängten Auswanderern an, welches Schickſal ſich ihnen nahe. Bald darauf ſtürzten denn auch die Wütheriche die Treppen hinab und hier begann ein Kampf der gräßlichſten Verzweiflung, denn die kräftigen Schweizerburſchen, die nicht auf dem Verdeck von den Kugeln der Mörder erreicht worden waren, erwarteten dieſelben hier und kamen ihnen mit Löwenmuth entgegen. Ein heftiges Piſtolen⸗ und Musketenfeuer richtete aber ſchon eine furchtbare Nie⸗ derlage unter ihnen an, ehe ſie mit den Feinden zu⸗ ſammentrafen, und dann gaben deren größere Zahl und deren Waffen den Ausſchlag. Es wurden alle Männer auf der Clementine um⸗ gebracht, bis auf einen amerikaniſchen Matroſen, der 134 in den dunkeln, untern, leeren Schiffsraum hinab⸗ geſprungen war, wo Ballaſt lag, welcher aus Sand und ſchweren Kieſelſteinen beſtand. Schnell hatte er für ſich darin ein Grab bereitet, ſich hineingelegt, Sand und Stein über ſich gebracht und ſich ſo voll⸗ kommen zugedeckt, daß Nichts mehr von ihm zu ſehen war und er nur zwiſchen den größeren Steinen, die er auf ſein Geſicht gezogen hatte, noch Athem ſchöpfen konnte. Während dieſer Zeit waren die Piraten vollkommen Herr des Schiffes geworden, ſie führten die Frauen und Mädchen gebunden auf das Verdeck, ſie riſſen die Kinder den Müttern aus den Armen und warfen ſie über Bord, die alten Frauen traf unter den gräß⸗ lichſten Scherzen ein gleiches Schickſal und auch die Gattin des Geiſtlichen wurde unter Hohngelächter in die See hinabgeſtürzt. Sie zogen und trugen darauf die jungen Frauen und Mädchen auf den Sturmvogel und begannen dann, das eroberte Schiff zu plündern. Schon ſtand die Sonne niedrig über dem Küſten⸗ land Amerika's, als die Piraten ihren Raub auf ihr Schiff befördert hatten, daſſelbe von der Clementine trennten und Flournoy den Oberſteuermann beauf⸗ tragte, derſelben eine Kugel unter dem Waſſerſpiegel beizubringen, damit ſie ſich mit Waſſer fülle und ſinke. Der Sturmvogel hatte ſie nur auf kurze Entfernung verlaſſen, als Ritcher die Kanone auf ſie abfeuerte 135 und die Kugel in der Höhe des Waſſers in ihre Seite drang. „Ein wenig zu hoch!“ rief Flournoy dem Steuer⸗ mann zu,„ſchadet aber Nichts, ſie wird ſich doch bald füllen, denn bei ihrem Schwanken ſchlagen die Wellen bis über das Kugelloch.“ „Soll ich ihr noch Eins geben?“ fragte Ritcher, während die Kanone wieder geladen wurde. „Es iſt nicht nöthig, ſpare die Kugel, ſie thut uns vielleicht einen beſſern Dienſt“, erwiederte der Capitain und befahl nun, den Sturmvoogel nach Süden zurück dem Bahamacanal zuzuwenden. In der Zeit, als dies ausgeführt ward und der Pirat ſich von der Clementine raſch entfernte, wurde der amerikaniſche Matroſe durch das wachſende Waſſer aus ſeinem Grabe vertrieben, er ſprang in das Zwi⸗ ſchendeck hinauf und fand bald die Schußöffnung, durch welche bei des Schiffes jedesmaligem Neigen auf dieſe Seite das Seewaſſer mit einer großen Ge⸗ walt hereingeſtrömt kam. Raſch ergriff er das umher⸗ liegende Bettzeug, ſtopfte es in das Loch und keilte es mit einer blutigen Axt ſo feſt, daß es dem Ein⸗ dringen des Waſſers widerſtand. Dann nagelte er noch ſtarke Bretter darüber, ſo daß ein neuer Durch⸗ bruch nicht mehr zu befürchten war. Nun ſchlich er ſich auf das Verdeck hinauf und ſpähete durch die Fugen in der Brüſtung nach dem Piraten. Derſelbe — 136 war ſchon weit entfernt und ſchoß ſchräg gegen den Wind, wie fliegend, davon. Der Matroſe ergriff das Fernglas, welches zwiſchen den Leichen auf dem Verdeck lag und richtete es auf das Raubſchiff; auf deſſen Oberfläche war aber, außer dem Manne am Steuer, kein lebendes Weſen zu ſehen. Der Wind wehte ſehr leicht und füllte nur von Zeit zu Zeit die Segel, die, nicht für ihn geſtellt, hin und her ſchlugen. Der Matroſe löſte deren Tauwerk, es gelang ihm, durch das Steuer das Schiff der Küſte zuzuwenden, er ſpannte die kleinen Segel wieder an, während er die großen dem Spiel des Windes preisgab, und bald ſah er zu ſeiner großen Beruhigung, daß das Fahrzeug ſich der Küſte zubewegte. Dabei hielt er ſeine Blicke auf den Piraten geheftet, deſſen Rumpf ſchon unter dem Horizont verſchwunden war und deſſen Segel immer tiefer in das Meer hinabſanken. Das Licht des Tages war verblichen und der noch nicht volle Mond warf ſeinen Silberſchein auf die dunkeln, der Küſte zurollenden Wogen, als die Cle⸗ mentine ſich dem Lande ſchon ſo weit genähert hatte, daß der Matroſe das Rauſchen der Brandung hören konnte; doch noch immer war das Schiff flott und glitt ruhig über die finſtere Fluth hin. Schon konnte der Seemann die einzelnen höheren Baummaſſen auf dem Ufer erkennen, als das Fahrzeug mit einem ſo heftigen Stoße auf den Grund rannte, daß er auf. —.———————— 137 das Verdeck niederſtürzte. Die nächſte Woge hob es zwar wieder vom Boden empor, warf es aber noch weiter der Küſte zu, wo es abermals krachend feſtfuhr. Die ſchwächern Wellen ſtiegen nun an ſeiner Seite auf und ſtürzten ſich brauſend und ſchäumend über das untere Verdeck, während die mächtigern es von dem ſteinigen Grund hoben und es mit großer Gewalt wieder auf ihn niederfallen ließen. Der Matroſe hatte ſich auf das obere Verdeck geflüchtet und erwartete mit jedem neuen Stoß, den das Fahrzeug erhielt, daſſelbe auseinanderbrechen zu ſehen; es widerſtand aber der Gewalt der See während der ganzen Nacht, und als der neue Tag erſchien, war es immer noch waſſerdicht und hatte ſich nur wenig auf die Seite gelegt. Schon mit dem Anbruch des Morgens ſah der Matroſe mehrere Küſtenfahrzeuge in der Ferne vor⸗ überziehen, doch viel zu weit, als daß er durch Winken ihre Mannſchaft hätte um Hülfe anſprechen können. Hier durfte er nicht bleiben, denn die See konnte unruhig werden, und dann war ſein Untergang gewiß, eines der Boote in das Waſſer hinabzulaſſen, dazu reichten ſeine Kräfte nicht aus, darum entſchloß er ſich, durch Schwimmen einen Rettungsverfuch zu machen. Er hieb mit der Axt ein Stück von einem Nothmaſt, der auf dem Verdeck lag, ſenkte es an einem Strick in das Meer, hing eine Flaſche mit Waſſer und ein Glas mit Branntwein um den Hals, füllte ſeine 8 Taſchen mit Fleiſch und ließ ſich dann zu dem Stück Holz in die See hinab, worauf er, daſſelbe umklam⸗ mernd, den Strick durchſchnitt. Die erſte heranrollende Woge trug ihn von der Clementine fort und ſchwemmte ihn mit Sturmeseile der Küſte zu, eine zweite über⸗ eilte ihn jedoch, ſtürzte ſich ſchäumend über ihn hin und begrub ihn unter ſich. Im nächſten Augenblick aber war er wieder auf der Oberfläche und trieb weiter, bis eine neue Welle ihn einholte. Das Holz umklammerte er feſt, da es ihn über Waſſer hielt, und zwar hatte er das eine Ende deſſelben umfaßt, wodurch er deſſen Rollen verhinderte. Endlich, nach Verlauf einer Stunde, erreichte er die Brandung, die Woge, auf der er getrieben kam, warf ihn in das Schaummeer, das ziſchend und donnernd von der Küſte zurückſtürzte; die Welle aber war eine gewaltige, ſie trug ihn hoch auf das Ufer hinauf, er hielt ſich an dem Geſtein feſt, auf dem ſie ihn niederwarf und erklomm vollends die Höhe, ehe die nächſte heran⸗ rollende See ihn erfaſſen konnte. Zweimal hatte ihn die Vorſehung dem Tode ent⸗ riſſen, er fiel auf die Knie nieder, hob ſeine gefalteten Hände mit thränenfeuchten Blicken zu dem heitern Himmel auf und dankte in einem inbrünſtigen Gebet dem Allmächtigen für ſeine wunderbare Rettung. Dann ſank er erſchöpft auf dem Geſtein nieder, die Sonne ſchien wärmend und wohlthuend auf ihn 139 herab, und das Brauſen der Wogen, die ſich unter ihm an dem Ufer brachen, lullte ihn bald in einen erquickenden Schlaf, aus dem er erſt erwachte, als die Sonne die höchſte Höhe am Himmel erreicht hatte. Dann ſtärkte er ſich an den wenigen Lebensmitteln, die er bei ſich führte und lenkte ſeine Schritte land⸗ einwärts, um eine Anſiedelung aufzuſuchen und die neue Gräuelthat Flournoy's und ſeiner Gefährten zu verkünden. Capitel 27. Das Kriegsſchiff.— Das Raubſchiff.— Eilige Flucht.— Die Klippen.— Zu⸗ ſammenſtoß.— Gefecht.— Die Pulverkammer.— Der Sieg.— Der Com⸗ modore.— Botſchaft.— Der Bericht.— Jubel.— Die Beſichtigung.— Die Seeräuber. Su dieſer Zeit glitt eine ſtolze Brigg unter nur wenig Segeln vor dem Winde zwiſchen der Küſte Amerika's und den zahlloſen Inſeln, welche ſich von den Bahamas bis nach Cuba aus der See erheben, einem nördlichen Cvurs folgend, leicht über die Wogen. Auf ihrem obern Verdeck ſchritt ein kräftiger, ſchöner, junger Mann, mit einer gewöhnlichen langen Matro⸗ ſenjacke angethan und einem ſchwarz lackirten See⸗ mannshut auf dem Kopfe, hin und her, während die Mannſchaft auf dem untern Verdeck hier und dort zuſammenſaß und ſich leiſe unterhielt. Von Außen hatte das Fahrzeug das Anſehen eines Kauffahrtei⸗ ſchiffes und nichts Beſonderes war an ihm wahrzu⸗ nehmen, wenn man nicht in der Nähe die außer⸗ ordentliche Güte und Nettigkeit in allen ſeinen Be⸗ ſtandtheilen bemerkte; wer ſich aber auf ſeinem Verdeck befand, ſah dort die Einrichtungen eines Kriegsſchiffs. Die Oeffnungen in der Brüſtung vor den Geſchützen waren feſt geſchloſſen, ſo daß dieſe von Außen nicht erkannt werden konnten. Dies Schiff war das amerikaniſche Kriegsfahrzeug Perſeverance und der junge Mann auf dem oberen Verdeck der Capitain Max Forney, der Sohn des Präſidenten Forney. Er war ein ſchlanker, großer Mann von muskulöſem Körperbau mit goldblondem Lockenhaar, röthlichem, noch dünnem Schnurbart und ſtärkerem, ſpitz hervorſtehenden Kinnbart. In ſeiner Haltung und ſeinem Gang lag Beſtimmtheit und Ent⸗ ſchloſſenheit, die durch ſein kühnes dunkeles Auge noch deutlicher ausgeſprochen wurden. Er befand ſich auf ſeinem Kreuzzug gegen den Piraten Flournoy, hatte, um nicht vorzeitig erkannt zu werden, ſich in die gewöhnliche Seemannstracht gekleidet, und die lange weite Jacke verbarg den Dolch, der in der zierlichen Kette an ſeiner linken Seite hing. Auch die Mannſchaft hatte jedes Zeichen abgelegt, welches den Seeſoldaten verrieth, und ſie hielten ſich Alle hinter der Brüſtung, um ſich vor dem Fernglas zu verbergen, durch das man auf einem fernen Schiffe ihre Zahl hätte wahrnehmen können. Viele Küſtenfahrzeuge waren in dem Canal, in dem ſich Forney befand, heute auf und ab an ihm vorübergeſegelt, doch ſo wie ſeit dem Antritt ſeiner Kreuzfahrt hatte er auch an dieſem Tage vergebens nach dem genau bezeichneten Schiffe des Piraten aus⸗ 142 geſpäht. Er war ſoeben von der Mittagstafel wieder auf das Verdeck gegangen, um dort, wie er es ge⸗ wohnt war, eine Cigarre zu rauchen, während ſeine Offiziere noch in der Cajüte beim Weine ſaßen. Auf⸗ und niedergehend blieb er einmal ſtehen, ſchaute einige Augenblicke nach Süden und wandte ſich dann, um ſeinen Spaziergang fortzuſetzen, als ſein ſcharfer Blick an dem fernen Horizont im Norden ein Segel ge⸗ wahrte. Er ſtutzte, ſah eine Zeit lang nach demſelben hin, ergriff dann das Fernglas, welches auf der Bank lag und hob es zu ſeinem Auge empor. Nur kurze Zeit hatte er hindurchgeſehen, als er raſch die Treppe hinab nach der Cajüte ſprang und zu den Offizieren mit den Worten eintrat: „Es iſt ein Fahrzeug in Sicht, deſſen Segelzeug dem des Piraten ähnlich ſieht. Der Himmel gebe, daß er es iſt und daß wir ihn erreichen. Laſſen Sie die Mannſchaft antreten, doch ſo, daß man ſie nicht über der Brüſtung gewahrt. Die mindeſte Bewegung unter ihr würde dem Räuber einen Wink zur Flucht geben.“ Die Nachricht wurde von den Offizieren mit Jubel begrüßt, ſie nahmen ihre Waffen, verbargen ſie aber unter der Matroſenjacke, bedeckten ſich gleichfalls mit Hüten und eilten nun auf das Verdeck. Sämmtliche ₰ Mannſchaft wurde hervorgerufen, Alle begaben ſich — 143 auf ihre Poſten, die Kanonen wurden zum Gebrauch fertig gemacht und die Waffen in Bereitſchaft gehalten. Der Capitain, der ſich auf dem obern Verdeck mit dem Rücken gegen die ſtarken Taue, die nach den Maſten hinaufführten, auf die Brüſtung geſetzt hatte und ſeine Cigarre rauchte, als ob ihn im Augenblick kein beſonderes Intereſſe belebe, rief einen der Steuer⸗ leute, Namens Karnas, zu ſich herauf. Ein alter, wettergebräunter Seemann, der an dieſer Küſte geboren war und ſeit ſeiner frühſten Jugend die Fiſcherei an derſelben und zwiſchen den gegenüberliegenden Inſeln betrieben hatte, trat zu dem Capitain und wollte in vorgeſchriebener Stellung ſeinen Befehl entnehmen, dieſer aber deutete ihm an, es zu unterlaſſen und ſich auf die Bank vor ihm nie⸗ derzuſetzen, denn er wußte, daß wenn das herankom⸗ mende Schiff der Sturmvogel ſei, er von den Piraten ſicher beobachtet wurde. „Wenn jenes Fahrzeug das Raubſchiff iſt, ſo könnte es ſich leicht begeben, daß Du Deine Kenntniß von dem Fahrwaſſer zwiſchen jenen Inſeln erproben laſſen müßteſt, denn wenn der Capitain uns zu früh erkennt, ſo flüchtet er ſich ſicher, in der Vorausſetzung, daß wir ihm nicht folgen würden, vokt hinein. Ich bin aber entſchloſſen, ihm nachzuſegeln, ſo lange mein Schiff noch ein Stück Leinen tragen kann“, ſagte Forney zu dem Steuermann und ſahyihn fragend an. 144 „Sie können die Perſeverance meiner Führung anvertrauen, ich kenne einen jeden Paß zwiſchen jenen Felſen und weiß genau, wie tief das Fahrwaſſer iſt. Stellen Sie mich, wenn es darauf ankommt, an das Steuer, und wo ich unſere Brigg hineinfahre, bringe ich ſie auch wieder heraus; nur muß mir allein das Commando übertragen und raſch und pünktlich meinem Befehl Folge geleiſtet werden⸗, erwiederte der Steuer⸗ mann mit großer Ruhe. „Das ſoll geſchehen, Karnas; wenn jenes Schiff nur der Pirat wirklich iſt. Es kommt auf uns zu. Nimm mein Fernglas dort von der Bank und gehe auf das Verdeck hinunter hinter den Maſt, dort kannſt Du zwiſchen ihm und der Küche hindurchblicken, ohne daß man Dich von jenem Schiffe gewahrt.„Sage mir dann, was für Segel es trägt.“ Der Steuermann folgte ſogleich dem Befehl des Capitains und nahm mit dem Fernglas den ihm be⸗ zeichneten Stand ein. Nachdem er eine Weile nach dem fremden Schiffe hingeſehen hatte, rief er: „Am vordern Maſt trägt es ein ſehr großes Schoonerſeegel und am hintern Maſt iſt es wie eine Brigg aufgetakelt. Sein Rumpf iſt ſchwarz mit brei⸗ ten rothen Streifen.“ „Das ſind die Segel des Sturmvogels, in Bal⸗ timore aber war er ganz ſchwarz; als er den Lion in den Grund bohrte und die Tritonia verfolgte, war er 445 weiß, und jetzt hat er ein buntes Kleid angethan. Was kannſt Du von ſeiner Mannſchaft erkennen?“ rief der Capitain auf das Verdeck hinab. „Es ſind ſechs Matroſen um ein Boot beſchäftigt, welches zwiſchen den Maſten zu ſtehen ſcheint; ich kann es nicht genau erkennen.⸗ „Siehſt Du eine lange Kanone auf dem Verdeck?“ „Nein Capitain,“ rief der Steuermann und hielt das Glas feſt auf das Schiff gerichtet, welches raſch näher kam. Eine Todtenſtille herrſchte auf der Perſeverance, doch die Herzen der Soldaten ſchlugen ſchneller und lauter. „Jetzt ſteht ein ſehr großer Mann mit langem ſchwarzem Bart auf dem obern Verdeck und ſieht durch ein Fernglas nach uns her,“ rief der Steuermann nach einer langen Pauſe. „Das iſt der Pirat!“ ſchrie Forney jetzt jubelnd auf, ohne jedoch ſeine Stellung zu ändern.„Es gilt, Kameraden— er, oder wir!“ Wohl auf eine Entfernung von einer Meile zog das fremde Schiff ſchräg vor der Perſeverance vorüber, da es den Wind gegen ſich hatte und laviren mußte, bald aber wandte es ſich durch denſelben und kam nun von der linken Seite her auf das Kriegsſchiff zu. „Er hält uns für einen Kauffahrer und will uns nehmen. Laßt ihn ruhig herankommen. Bring mir Ralph Norwood. MI. 10 146 jetzt das Fernglas herauf, Karnas, es kann ihm nun nicht auffallen, daß ich ihn betrachten will,“ rief Forney und der Steuermann folgte ſogleich ſeinem Befehl. Der Capitain blieb ruhig auf der Brüſtung ſitzen und richtete das Glas nach dem heranſegelnden Fahr⸗ zeug. „Es iſt der Pirat, kein Zweifel, alle Beſchreibun⸗ gen paſſen. Hallo, jetzt zeigt er uns die Zähne, unter dem Boote, welches nun weggenommen iſt, ſtand die Kanone. Rührt Euch noch nicht, laßt ihn näher kommen!“ rief der Capitain; doch in dieſem Augen⸗ blick machte der Sturmvogel eine Wendung von der Perſeverance ab, und ſteuerte Oſt Nordoſt den In⸗ ſeln zu. „Er hat uns erkannt, gebt ihm eine Breitſeite!“ ſchrie Forney, indem er aufſprang und dem Mann am Steuer winkte, das Schiff ſeitwärts zu wenden. Die Kanonenluken flogen auf und die Geſchütze brüllten ihren Donner über die Wogen. Der Pirat aber ant⸗ wortete ſofort und ſeine Kugel ziſchte brauſend zwiſchen den Maſten der Perſeverance durch. Zugleich ſetzte er friſche Segel auf und zog die ſchon ſtehenden ſtraffer an.* Nach wenigen Minuten aber hatte auch die Perſe⸗ verance alle ihre Flügel entfaltet und jagte dem flie⸗ henden Sturmvogel nach, der in gerader Richtung den 147 Felſen zuſteuerte, die bald deutlicher und in zahlloſer Menge aus dem Meere aufſtiegen. „Karnas, jetzt nimm das Commando, geh an dis Steuer und thue Deine Pflicht,“ rief der Capitain dem Steuermann zu und Dieſer ergriff das Ruder. Trotzdem, daß der Sturmvogel jedes Segel ent⸗ faltet hatte, welches er zu tragen im Stande war, ſo rückte doch die Brigg ihm mit jeder Minute näher, aber auch die Entfernung bis zu den Felſen vor ihm verringerte ſich raſch. Schwarz und ſchroff, wie Leichen⸗ ſteine auf einem Kirchhof, ſtiegen ſie in allen Rich⸗ tungen, in allen Formen über der See auf, und die Wogen ſchoſſen an ihnen in die Höhe und ſtürzten ſich ſchäumend in das Meer zurück. Zwei ungeheuere zackige Klippen ſtanden, wie die Pfeiler eines Rieſen⸗ thors, zu einander hingeneigt ſich drohend gegenüber, und rechts und links hinter dieſem Eingang bildeten unzählige große und kleine Felsmaſſen eine wogende Straße in dies ſchaumbewegte Labyrinth. Nach dieſem Thor richtete der Sturmvogel ſeinen Lauf. „Dachte ich es mir doch, daß er dieſen Weg nehmen würde, es iſt der gefahrvollſte, der durch die Inſeln führt,“ ſagte Karnas lächelnd zu dem Capi⸗ tain, der an ſeiner Seite ſtand und mit ſichtbarer Ungeduld ſeine kampfbegierigen Blicke auf den Piraten geheftet hielt. Nur noch einige hundert Schritte weit war die — 10* 148 Brigg von dem Raubſchiff entfernt, als dieſes das Felſenthor erreichte und ſein ſchwarzer Körper in dem Schaummeer verſchwand, welches um ihn aufſtieg und ſich von den Klippen herab über ihn hinſtürzte; nur die Segel ſahen, wie die Flügel eines Schwanes, aus dem Giſcht hervor und deuteten der Perſeverance die Richtung an, die es nahm. Wenige Augenblicke ſpäter ſchoß auch die Brigg in die Felſenöffnung und ward donnernd und ziſchend von dem Schaum der Wogen eingehüllt, die, aus dem engen Raum gedrängt, hoch an den Klippen aufſtiegen und ſich brauſend von ihnen zurückſtürzten. Die Männer auf dem Verdeck ſtanden lautlos und unbeweglich mit verhaltenem Athem da, denn mit jedem Augenblick glaubten ſie, das Schiff müſſe an den nahen Klippen, zwiſchen denen es hin⸗ ſtürmte, zerſchellen. Der Kapitain ſtand mit unter⸗ geſchlagenen Armen neben dem Steuermann und ſah bald nach deſſen Geſicht, bald nach den fliegenden Se⸗ geln des Piraten, doch Karnas hielt das Ruder mit eiſerner Kraft in ſeinen gebräunten Händen, ſtemmte ſich mit gebogenem Knie gegen daſſelbe an, und hielt ſeine blitzenden Augen entſchloſſen auf die Felſen ge⸗ heftet, die ſich links und rechts vor ihm in dem Giſcht⸗ gewölk aufthürmten. „Was wirft er über Bord?“ rief Forney aus und zeigte nach dem Sturmvogel hin. „Es ſchien mir eine weibliche Geſtalt zu ſein. 149 Ganz Recht, noch eine, und wieder eine!“ antwortete Karnas, der Sprühregen aber, der jetzt zwiſchen den Schiffen aufwirbelte, ließ weiter nichts von dem Be⸗ ginnen auf dem Piraten gewahren. Im Sturmlauf jagten die Schiffe vorwärts und erreichten bald zwei ungeheuere Felſenmaſſen, die zwiſchen ſich kaum Raum genug zu bieten ſchienen, um die Fahrzeuge durchzu⸗ laſſen, der Sturmvogel aber ſchoß hindurch, ohne die ſteinigen Wände zu berühren und ihm nach die Brigg. Es war ein Augenblick zwiſchen Leben und Tod, zu beiden Seiten lagen nur wenige Schritte Entfernung zwiſchen dem Schiffe und den ſchwarzen Steinmaſſen, man fühlte, wie ſein Kiel auf dem Grunde aufſtieß, eine ſchwere Woge hob es empor und warf es aus der Schlucht hinaus in vffenes Waſſer. „Die Gefahr iſt vorüber, Kapitain!“ rief jetzt der Steuermann frohlockend, nun hat er das Spiel ver⸗ loren.“ Dann rief er den Matroſen zu, die Segel ſtrammer anzuziehen und ſteuerte nun ohne Anſtrengung dem Raubſchiff nach, denn die Klippen lagen hier weit aus⸗ einander und die Wogen rollten ungehindert ihren Weg. Bald hatte ſich die Entfernung zwiſchen den beiden Schiffen ſo verringert, daß die Mannſchaften derſelben ſich einander mit Büchſenkugeln erreichen konnten und ein gegenſeitiges lebhaftes Feuern begann. Hierbei waren aber die Schützen der Brigg in großem 150 Vortheil, denn dieſe ragte bedeutend höher über dem Waſſer empor, als der Sturmvogel, ſo daß man von der Perſeverance auf das Verdeck des Raubſchiffes hinabſah und gegen die Schüſſe ſeiner Mannſchaft durch die hohe Brüſtung gedeckt wurde. Die Schiffe hatten jetzt ganz offene See erreicht, als plötzlich der Sturmvogel eine Wendung zur Seite machte, ſeine Segel fallen ließ, ein Augenblick nachher ſeine Seite ſich krachend gegen die der Brigg legte, und die Piraten die Enterhaken auf dieſelbe warfen. Die Perſeverance, in ihrem Laufe aufgehalten, drehte ſich mit dem Raubſchiff im Kreiſe, während Flournoy mit ſeiner Mannſchaft auf das Verdeck der Brigg ſprang. In eine dichte Wolke von Pulverdampf eingehüllt, be⸗ gegneten ſich die Kämpfer, Mann gegen Mann, unter dem Donner von Piſtolen und Gewehrfeuer und laut erklangen die Schwert⸗ und Axthiebe dazwiſchen. Wuth und Verzweiflung machten ſich den Sieg ſtreitig, bald aber verwehte der Pulverdampf und ließ den kämpfen⸗ den Haufen erkennen, der ſich über die Leichen hin zurück nach dem Verdeck des Piraten drängte. Forney mit dem Schwert in der Fauſt focht an der Spitze ſeiner Leute und erkannte jetzt den Piraten⸗ eapitain, wie er mit einer Piſtole in der Hand auf ſein Verdeck ſprang und ſeiner Cajüte zueilte. Forney ahnte deſſen Abſicht: Feuer in die Pulverkammer zu werfen und dann war es um beide Schiffe und um 15¹ die Mannſchaften beider geſchehen; mit fliegenden Sätzen folgte er Flournoy, riß eine Piſtole aus dem Gürtel, als er in das Vorzimmer drang, und feuerte ſie nach Jenem ab, der bereits die Kajüte erreicht hatte. Die Piſtole, welche der Pirat hielt, entiel beim Schuß ſeiner Hand, er griff ſie aber blitzſchnell mit der Linken auf, warf einen hohnlachenden Blick nach Forney hin, und drückte die Waffe in die Pulver⸗ kammer gerichtet ab, die ſich unter der Cajüte befand. Die Piſtole verſagte, im nächſten Augenblick hatte Forney den Räubercapitain bei der Kehle erfaßt und“ ſtürzte ihn auf den Divan nieder. Flournoys rechter“ Arm war zerſchmettert und ſein linker war nicht ſtark genug, dem kräftigen jungen Mann zu widerſtehen. Dennoch rang er mit ihm auf Tod und Leben und ſuchte ſich unter ihm hervorzuwinden, da kam Karnas ſeinem Capitain zu Hülfe und nun wurden ſie des Piraten Meiſter. Mit Leibbinden und Halstüchern hatten ſie ihn nach wenig Augenblicken an Händen und Füßen geknebelt, dann ließ Forney den Steuer⸗ mann als Wache bei ihm und ſprang mit dem Degen in der Fauſt auf das Verdeck zurück. Der Sieg war entſchieden, die Piraten waren überwältigt und die Sieger beſchäftigt, dieſelben zu binden. Unter den Gefangenen befand ſich auch der mit Wunden bedeckte Oberſteuermann Ritcher, der geknebelt vor dem Ein⸗ gange der Cajüte lag und wuthſchäumend verfluchte, 152 daß es ihm nicht gelungen ſei, die Pulverkammer zü erreichen und das Schiff in die Luft zu ſprengen. Außer Dieſem und Flourüo waren noch dreizehn Piraten gefangen genommen, die übrigen, einige dreißig an der Zahl, waren getödtet. Aber auch Forney hatte den Tod vieler ſeiner Braven zu beklagen, denn außer zweiundzwanzig ſeiner Mannſchaft waren zwei ſeiner Officiere erſchoſſen. Der Sieg war vollſtändig, die Gefangenen wurden an Bord der Perſeverance ge⸗ bracht, dort mit Ketten belaſtet, ihre Wunden ver⸗ bunden und Wachen bei ſie geſtellt. Capitain Forney übertrug nun das Commando auf dem Sturmvogel dem Steuermann Karnas und gab ihm die Mannſchaft, die nothwendig war, ihn zu be⸗ dienen, wonach ihm ſelbſt zum Regieren der Brigg kaum Leute genug übrig blieben. Er gab aber Karnas den Befehl, ſo lange es Wind und Wetter erlaube, in ſeiner Nähe zu bleiben, damit der Eine dem Andern im Nothfall beiſtehen könne. Ehe jedoch die Schiffe getrennt wurden, und nachdem die Leichen der Piraten über Bord geworfen waren, beeilte man ſich, den ge⸗ bliebenen Kameraden ein ehrenvolles Begräbniß zu gehen. Sie wurden nach ſeemänniſchem Gebrauch in das Meer verſenkt und die Geſchütze riefen ihnen ein letztes Lebewohl nach. Dann begab ſich Karnas mit ſeiner Mannſchäft auf den Sturmvogel, die Schiffe wurden getrennt, über beiden ſtiegen die Segel wieder 153 auf, und beide richteten ihren Lauf nördlich der Cheaſepeake⸗Bay zu. Eine gänzliche Windſtille von mehr als einer Woche und dann ungünſtige ſehr leichte Winde ließen für beide Fureuge nur eine außerordentlich lange Reiſe zu und ſteigerten die Sehnſucht der ſiegreichen Mannſchaften von Tag zu Tag mehr, Baltimore zu erreichen und ihrem Volke die Nachricht von dem glücklichen Erfolg ihrer Sendung zu verkünden. Endlich erreichten ſie Cap Henry, ſteuerten in die Bay, und beim Vorüber⸗ fahren an der Mündung des Jamesfluſſes, ſetzte Forney ſein Segelboot mit zwei Matroſen aus, um die Glücks⸗ botſchaft nach Norfolk an den Commodore Perrywill zu bringen. Am folgenden Morgen veröffentlichten die Zei⸗ tungen in Baltimore einen ausführlichen Bericht über Flournoys gräßliche That an der Mannſchaft und den Paſſagieren der Clementine und brachten dadurch eine ſehr große Aufregung unter den Bewohnern der Stadt hervor. Der Unwille machte ſich durch Schmã⸗ hungen und Verwünſchungen gegen die Marine laut Luft, allenthalben wurden Zuſammenkünfte verabredet, um ernſte Beſchwerden gegen dieſelbe in Waſhington vorzubringen, und der ſonſt ſo hoch gefeierte Name des alten Perrywill wurde in nicht ehrenvoller Weiſe genannt. Dieſer würdige alte Seemann war zufüllig in Bal⸗ 154 timore und auf dringende Bitte des Präſidenten Forney bei Dieſem abgeſtiegen. Die Unbilden, die man ſich gegen ihn erlaubt hatte, waren zu ſeinen Ohren gekommen, im Bewußtſein aber, ſeine Pflicht nach beſten Kräften gethan zu haben, ſetzte er ſich darüber hinaus und lebte der Hoff⸗ nung, daß der Pirat entweder durch die nach ihm aus⸗ geſandten Schiffe gefangen werden, oder ſich von dieſer Küſte weit entfernen und eine andere Weltgegend zu ſeinen Unternehmungen wählen würde. Perrywill ſaß nach dem Mittagseſſen bei ſeinem Freunde Forney an der abgedeckten Tafel bei einem Glaſe Madeira und rauchte gemüthlich eine feine Ha⸗ vannaheigarre, als plötzlich das Raſſeln eines Wagens, deſſen Pferde in Carriere aus der Marketſtraße heran⸗ geſprengt zu kommen ſchienen, durch die offenen Fenſter zu den Ohren der beiden alten Herren drang. „Nun, Der muß ja große Eile haben!“ ſagte der Commodore, indem er ſich aus dem Lehnſtuhl erhob und an das Fenſter ſchritt, um zu ſehen, was für ein Wagen es ſei. In dieſem Augenblick aber fuhr der Fiaere ſchon vor das Haus, der Kutſcher hielt die Pferde an und Capitain Forney ſprang aus dem Schlag. Sein erſter Blick begegnete dem Commodore, Beide fuhren über⸗ raſcht zurück und ſtießen in ihrer Verwunderung ihre gegenſeitigen Namen aus. Capitain Forney war jedoch raſcher mit dem Worte bei der Hand, als der alte Herr, rief dieſem zu: „Ich bringe Ihnen den Piraten Flvurnoy“ und ſprang die Treppe hinauf. Ein lautes Hurruh, welches der Commodore in dem Zimmer jubelnd erſchallen ließ, erreichte das Ohr des Capitains, als er noch einige Augenblicke ungeduldig vor der verſchloſſenen Hausthür ſtand, dann flog dieſelbe auf und der Präſident empfing ſeinen Sohn mit offenen Armen. „Komm her, mein Junge, auch der alte Commo⸗ dore, der Dich hundert Mal auf ſeinem Knie hat reiten laſſen, will Dir ſeinen Dank dafür abſtatten, daß Du ihm ſeinen guten Namen gerettet haſt; denn es fehlte heute nicht viel, ſo hätte man ihn getheert und gefedert.“ Mit dieſen Worten ſchlang Perrywill ſeine Arme um den jungen Mann und drückte ihn zärtlich an ſeine Bruſt. „Wir fingen ihn in den Bahamainſeln, der Sieg koſtet uns aber viele brave Cameraden,“ ſagte Max Forney im Uebermaße ſeines Verlangens, den Hergang zu berichten. „Oho, halt, Herr Capitain, ſo wird kein Bericht an den Commodore abgeſtattet. Man fängt hübſch von vorn an, und dann langſam und deutlich und nichts vergeſſen und nicht eher berichtet, als man dazu aufgefordert wird. Komm einmal erſt herein an den Tiſch und mache Dir die Lippen naß, wir haben ge⸗ rade die rechte Sorte bei der Hand, und vor Allem eine Lunte angebrannt, von der Havannahſorte, und dann will ich ſchon das Commando geben. Nichts übereilt, mein Sohn!“ ſagte der ſeelenvergnügte alte Herr, indem er Arm in Arm mit dem jungen Mann nach dem Zimmer ſchritt, wo der Wein noch auf dem Tiſche ſtand. Max mußte ſich nun zwiſchen den Commodore und ſeinen Vater in einem Lehnſeſſel niederlaſſen, Perry⸗ will füllte die Gläſer und verneigte ſich, indem er das ſeinige ergriff, gegen den Capitain mit den Worten: „Zuerſt meinen Dank für die Nachricht und einen Willkommen von Grund meines Herzens.“ Alle Drei hatten ihre Gläſer geleert, worauf der Commodore eine goldene Büchſe aus der Taſche her⸗ vorzog und Max die Cigarren in derſelben hinhielt. „Nun die Lunte angebrannt,“ ſagte er und zůn⸗ dete an dem vor ihm ſtehenden Lichte einen Fidibus für den jungen Mann an. Dann legte er ſich in den Armſeſſel zurück und ſagte: „Den Bericht, Herr Capitain!“ Max begann nun ſeine Erzählung von dem Augen⸗ blick an, wo er auf der Perſeveranee Norfolk verlaſſen hatte und berichtete genau ſeine vergebenen Auf⸗ und Abfahrten an der Küſte, wobei ihm Perrywill in 157 größter Ruhe zuhörte und nur von Zeit zu Zeit die Frage einſchaltete:„Der Wind?“ worauf Max dann den nannte, der um jene Zeit geweht hatte. Als er aber mit ſeinem Bericht bis zu dem Augenblick gelangte, wo er des Sturmvogels anſichtig geworden war, wurde der alte Seemann unruhig, ſetzte ſich in dem Seſſel gerade, ſtemmte ſeine beiden Hände auf deſſen Lehnen, beugte ſich nach Max vor und hing mit ſeinen Blicken an deſſen Munde, als zähle er jedes ſeiner Worte. Wie nun der Capitain berichtete, daß der Pirat ſeine Kanone entblößt, ſchoß dem Commodore das Blut in die Wangen, ſeine Augen funkelten und indem er den Arm erhob, als ſchwänge er den Degen, rief er: „Lucken auf, Feuer, Donner und Wetter, in den Grund mit ihm!“ Jetzt war der Faden der Erzählung gebrochen und der alte Soldat gab Max keine Zeit mehr, ihn wieder aufzugreifen, er fragte ihn bald nach Dieſem, bald nach Jenem, rief einzelne Commandos dazwiſchen, und als der Capitain nun gar ſagte, daß die Piraten die Perſeverance geentert hätten, da ſprang er mit einem ſchallenden Hurrah und mit gehobener Fauſt auf, als ſtürze er ſelbſt jetzt in den Pulverdampf hinein. Immer wieder von dem begeiſterten alten Manne unterbrochen, kam Max mit ſeinem Bericht zu Ende, Jener ſchlug ihn in jugendlicher Aufregung herzhaft 158 auf die Schulter und ſchüttelte dann mit inniger Freude ſeine Hand, indem er ſagte: „Brav, Capitain Forney, auf ſolche Officiere darf ſich die Ehre unſerer Flagge ſtützen!“ Der Präſident hatte mit väterlichem Stolze der Erzählung ſeines Sohnes zugehört und mit Wohlge⸗ fallen die Freude ſeines alten Freundes getheilt, er drückte Max mit einem Blick vollſter Anerkennung die Hand und ſagte dann zu ihm: „Als Belohnung will ich Dir nun auch eine Freu⸗ dennachricht mittheilen. Frank Arnold iſt unter den Erwählten, die bei dem Empfang des Generals La⸗ fayette Georgien vertreten ſollen und wird mit Eleanor im Auguſt zu uns kommen. Wenn der Commodore Dir bis dahin Ruhe gönnt, ſo wirſt Du ſie Beide hier ſehen.“ „Ei freilich, die Perſeverance muß ausbeſſern, ſie hat ja den Kiel auf den Felſen geſtoßen. Und dann muß die Mannſchaft erſetzt werden. Max bleibt vor der Hand bei uns und ruht auf ſeinen Lorbeern. Jetzt aber, alter Freund, laß ſchnell Deinen offenen Wagen anſpannen, damit die Bewohner von Balti⸗ more den Mann ſehen können, der unſere Küſten von dem Piraten befreit hat. Wir müſſen zuſammen nach der Point fahren, um uns die Burſchen einmal anzuſehen, ehe ſie in das Gefangenhaus abgeliefert werden“, ſagte Perrywill zu dem Präſidenten, der ſo⸗ gleich den Befehl gab, den Wagen vorzufahren. Bis derſelbe vor dem Hauſe erſchien, hatte der Commodore noch unzählige Fragen an den Capitain zu richten, dann beſtiegen ſie alle Drei die zurück⸗ gelegte Carroſſe und fuhren in langſamem Trabe in der langen Marketſtraße hinunter. Von beiden Trottvirs her wurden ihnen Grüße zugewinkt, man wehte mit Tüchern, ſchwenkte die Hüte und manches Hurrah für die Marine erſcholl unter den Vorübergehenden, denn die Kunde von der Ge⸗ fangennehmung des Piraten hatte ſich wie ein Lauf⸗ feuer über die ganze Stadt verbreitet und Tauſende eilten nach der Point, um den Sturmvogel und die Räuber zu ſehen. Dieſes Schiff, ſowie auch die Perſeverance lagen in einiger Entfernung von den Werften vor Anker, und als Forney's Wagen vor dem Eingange desjenigen anhielt, an welchem das Boot des Capitains auf ihn wartete, war der ganze Platz mit Neugierigen gefüllt, welche die Piraten zu ſehen wünſchten. Mit donnerndem Jubel wurde der Commodore, ſowie Max von der Menge begrüßt, man drängte ſich zu ihnen hin, ein Jeder wollte den Helden ſehen, der das Ungeheuer gefangen hatte, ein Jeder wollte ihm die Hand reichen, und Viele verſuchten, für Augen⸗ 160 blicke ſeine Aufmerkſamkeit zu feſſeln, um einige paſ⸗ ſende Worte des Lobes an ihn zu richten. Unter dieſen letzteren war auch die lange, hagere Geſtalt des Schuhmachers Sukop, welcher vor ihn trat, von Tapferkeit und Verdienſt, von Glorie und Lorbeern ſprach und erzählen wollte, daß die Piraten auch einen nächtlichen Raubverſuch an den Gütern gemacht, die er zu bewachen gehabt habe; Max aber ſchob ihn mit einer Verbeugung zur Seite, ließ den Commodore ſowie ſeinen Vater vorangehen und er⸗ reichte mit ihnen nicht ohne Aufenthalt ſein Boot. Sie hatten kaum darin Platz genommeu, als daſ⸗ ſelbe, durch die kräftigen Ruderſchläge von ſechs See⸗ leuten getrieben, über den Waſſerſpiegel nach der Perſeverance hinſchoß, deren Verdeck ſie nach wenig Minuten erreichten. Der Commodore wurde von der in Reih' und Glied aufgeſtellten Mannſchaft mit dem militairiſchen Gruße empfangen, worauf der alte Seemann zu den Leuten hintrat, ihnen eine anerkennende Lobrede hielt und ſie ſeiner Liebe und Berückſichtigung bei vorkom⸗ mender Gelegenheit verſicherte. Zuerſt begab er ſich, von den beiden Forneys be⸗ gleitet, über den Steg, welcher von einem Schiffe zum andern gelegt war, auf den Sturmvogel, um ihn in Augenſchein zu nehmen. Capitain Forney führte ihn und ſeinen Vater in die Cajüte und ließ dort den 161 Fußboden über der Pulverkammer aufheben, wohinein Flournoy die Piſtole abzufeuern verſucht hatte. Nach⸗ dem man die künſtliche Anlage dieſes geheimen Raumes bewundert und die Cajüte ſelbſt betrachtet hatte, ging man zu der großen Kanone, die ſo manchem Schiffe, ſo manchem Menſchen das Grablied zugedonnert hatte, und dann wurden die untern Räume des Schiffes beſehen, die ſicher Zeugen unzähliger Gräuelthaten geweſen waren. Als der Commodore mit ſeinen Begleitern auf die Perſeveranee zurückkehrte, gab er den Befehl, die Gefan⸗ genen auf das Verdeck zu führen, um ſie von da nach dem Gefangenhauſe bringen zu laſſen. Flournoy erſchien an ihrer Spitze, ſchwer mit Ketten belaſtet und mit dem zerſchoſſenen Arm in der Binde. Mit feſter, ſtolzer Haltung trat er vor den Commodore, wie das gefangene Raubthier, das nur darum ſeinen Beſieger nicht angreift, weil es die Kraft nicht beſitzt, ſeine Feſſeln zu zerſprengen. Kein Blick, kein Zug auf ſeinem Geſicht verrieth Bangigkeit vder Demüthigung, wohl aber blitzten ſeine dunkeln Augen ſeinem Sieger verbiſſene Wuth entgegen. In ſeinen ſämmtlichen Gefährten war dieſelbe verſtockte Reue⸗ loſigkeit zu erkennen und Niemand konnte ohne Schauder auf dieſe grimmige Mordſchaar blicken. Auch den Commodore und den Präſidenten erfüllte der Anblick dieſer Unmenſchen mit Entſetzen, und Per⸗ Ralph Norwood. MI. 11 162 rywill wandte ſich mit Widerwillen von ihnen ab und gab den Befehl, ſie fortführen zu laſſen. Sie wurden auf das Werft hinuntergebracht, eine Abtheilung Seeſoldaten nahm ſie in ihre Mitte und Capitain Forney ſelbſt begleitete ſie, um ſie der Ge⸗ rechtigkeit zu überliefern. Das Volk, welches ſich in ſehr großer Zahl ver⸗ ſammelt hatte, gerieth bei dem Anblick der Piraten in gewaltige Aufregung, doch ſchützte ſie die Bedeckung gegen deſſen Wuth, die ſich in lauten Verwünſchungen und Flüchen Luft machte. Dem Capitain Forney aber und ſeiner Mannſchaft brachte man ſtürmiſche Hur⸗ rah's und viele Hunderte folgten ihnen über den öden Platz nach der Stadt und bis zu dem Thore des Gefangenhauſes. — —— Capitel 23. Das Gericht.— Sympathie.— Der Bekehrte.— Die Menagerie.— Hinrich⸗ tung.— Der Volksfreund.— Feſtlicher Empfang.— Begeiſterung.— Der Feſtzug.— Banquet.— Triumphzug.— Der Sohn.— Die Großmutter. Die Nachricht über das Schickſal der Piraten wurde ſchnell durch die Zeitungen über die ganzen Vereinigten Staaten verbreitet, allenthalben mit glei⸗ chem Jubel begrüßt und von Nahe und Fern eilten Fremde nach Baltimore, um dem bevorſtehenden Ge⸗ richte über ſie beizuwohnen. Daſſelbe wurde auch bald eröffnet, der Zudrang zu dem Gerichtsgebäude während der erſten Tage war aber ſo groß, daß man nicht ohne Gefahr, erdrückt zu werden, zu dem Saal gelangen konnte, in welchem die Verhandlungen ſtattfanden. Flournoy erſchien ſtets in ganz eleganter, ſauberer Toilette, benahm ſich anſtändig und höflich in den Verhören, geſtand Alles ein, nur behauptete er, nie⸗ mals ſelbſt Blut vergoſſen zu haben. Er ſei, ſagte er, durch Mißgeſchick zu dem ſchrecklichen Handwerk eines Piraten getrieben und dann durch ſeine Mann⸗ ſchaft gezwungen worden, dabei zu beharren, doch an 164 ſeinen Händen klebe kein Tropfen Blut, und das, welches durch ſein Mitverſchulden vergoſſen ſei, bereue er von Grund ſeines Herzens. Er führte an, daß ihn ja Nichts dazu treibe, ſo zu reden, indem ſein Geſchick ihn unwiderruflich dem Tode weihe, er wolle aber nicht mehr Schuld auf ſich laſten ſehen, als ihn wirklich träfe, und wünſche, Vergebung von ſeinen Mitbürgern mit ſich in das Grab zu nehmen. Der Matroſe, welcher ſich von der Clementine gerettet hatte, zeugte ihn zwar des Mordes an dem Pfarrer, Flournoy läugnete die Ausſage jedoch feſt ab und hob ſeine Hände dabei äls blutrein empor. Die übrigen Verbrecher gaben beinahe gar keine Antwort oder bejaheten Alles, was man ſie fragte,, denn ſie wußten, daß man ſie unfehlbar hängen würde, und Mehr konnte man ihnen nicht thun. Jeden Morgen, wenn die Gefangenen von dem Zuchthaus nach dem Gerichtsgebäude geführt wurden, waren die Straßen zwiſchen beiden gedrängt mit Zu⸗ ſchauern angefüllt, unter denen ſich auffallend viele Frauenzimmer befanden. Den ſchönen Capitain Flournoy mußte man geſehen haben; er hatte etwas ſo Vornehmes, man konnte es auf ſeinen edlen Zügen leſen, daß er ſelbſt ſicher nie grauſam geweſen war, und es hatte ſich ein Gerücht verbreitet, daß ihn eine unglückliche Liebe dazu gebracht habe, Seeräuber zu werden. Er war der Gegenſtand der Unterhaltung 165 in allen Familien, in allen Geſellſchaften, und ſon⸗ derbarer und unbegreiflicher Weiſe wurde ein unver⸗ kennbares Mitleid für ihn bei dem ſchönen Geſchlecht Baltimores rege. Trotz dieſer Sympathie, welche ſich während der Gerichtsverhandlungen von Tag zu Tag geſteigert und immer lauter kund gegeben hatte, ward er durch die Geſchworenen mit ſeinen ſämmtlichen Gefährten ſchuldig befunden und von dem Gericht zum Tode durch den Strick verurtheilt, worauf ihnen bis zur Vollſtreckung dieſes Spruches noch zehn Tage zu leben geſtattet wurde. Jetzt war es Jedermann erlaubt, die Verurtheilten in ihren Zellen zu beſuchen, und am erſten Morgen ſchon verlangten Hunderte, zu Capitain Flournoy, deſſen Arm vollſtändig wieder geheilt war, eingelaſſen zu werden. Das ziemlich große Zimmer, welches er bewohnte, war reich möblirt, in Vaſen und Gläſern prangten die herrlichſten Blumen, die ihm von zarter Hand zugeſandt worden waren, und er ſelbſt erſchien in feinem ſchwarzem Anzug angethan, um die Beſuche zu empfangen. Sein ſchönes ſchwarzes Haar hing in reichen Locken um ſeinen Nacken, ſein gekräuſelter, langer, glänzender Bart reichte bis auf den blendend weißen, fein gefalteten Buſenſtreif ſeines Hemdes herab, und ſeine ſchönen Hände waren mit in Falten gelegten Manſchetten umgeben. 166 Auffallend war die große Zahl der Damen, die ſich bei dem verurtheilten, ſchönen Räuberhauptmann einfand, und in den zarten Worten und feinen Auf⸗ merkſamkeiten, womit derſelbe ſich mit ihnen unter⸗ hielt, konnte man den dem Tode Verfallenen nicht erkennen. Er ſprach laut ſein Glück darüber aus, daß die Damen Baltimores ihm ſeine Verirrungen vergeben wollten und betheuerte, daß deren Mitleid ihm ſeine Todesſtunde verſüßen würde. Der Zufall hatte es gewollt, daß eine bedeutende Menagerie in dem großen, von einer haushohen Mauer umgebenen Hofe vor dem Gefangenhauſe zu ſehen war, ſo daß die Damen ſich, ohne daß es ſehr auffiel, dorthin begeben konnten, und einmal in dem Hofe, war die Thür, die zu dem ſchönen Manne führte, leicht erreicht. Die Beſuche bei ihm brachen während des ganzen Tages nicht ab, und unermüdet führte Flournoy mit großer Gewandtheit und Leben⸗ digkeit die Unterhaltung, gab alle verlangte Auskunft über ſein vergangenes Leben und ſprach ſtets mit der glühendſten Begeiſterung von den Damen. Er wußte einer Jeden nach Gefallen zu reden, ſowie ihr Mit⸗ leid für ſich ſelbſt einzuflößen, und die gefühlvollen Blicke ſeiner wunderbar ſchönen, dunkeln Augen drangen tief in ihre Herzen ein. Es verging keine Stunde des Tages, in Der ihm nicht Leckerbiſſen der verſchiedenſten Art und die feinſten Weine zugeſandt 167 worden wären, Blumenſträuße mit kleinen, von zarter Hand geſchriebenen Billetten wurden ihm überbracht und ſelbſt in den öffentlichen Blättern erſchienen ppetiſche Ergüſſe zu ſeinen Gunſten. Aber auch in den Abendſtunden war Flournoy nicht allein, es gingen viele Männer bei ihm ein und aus, von denen man wußte, daß ſie der Methodiſten⸗ kirche angehörten, und unter ihnen befanden ſich namentlich Geiſtliche dieſes Glaubensbekenntniſſes. Die Abende verbrachte er mit ihnen in religiöſen Unterhaltungen, es wurde gebetet und geſungen, und oft noch ſpät in der Nacht tönten die frommen Lieder aus den offenen Fenſtern der Zelle des Räuberhaupt⸗ manns hervor. Je näher der verhängnißvolle Tag der Hinrichtung rückte, um deſto wärmer und lauter wurde die Theil⸗ nahme für den unglücklichen, verirrten, reuigen Mann, und es ward verkündet, daß er ſich bekehrt, daß er ſeine Sünden abgeworfen, daß er Methodiſt ge⸗ worden war. Auf das Geſetz und das Urtheil, welches daſſelbe gefällt, hatte weder die Theilnahme für Flournoy, noch ſeine Bekehrung irgend einen Einfluß, er blieb dem Strange verfallen. Der Morgen der Hinrichtung erſchien; in dem Hofe vor dem Gefangenhauſe waren fünfzehn Galgen erbaut und Kopf an Kopf war der große Raum mit 168 Menſchen gefüllt. Ehe die Stunde kam, welche die Verbrecher dem Tode überliefern ſollte, drängten ſich die Zuſchauer zu der langen Reihe von Käfigen hin, in welchen die wilden Thiere zu ſehen waren, unter denen namentlich viele Prachtexemplare von Löwen und Tigern ſich befanden; doch als es eilf ſchlug, richteten ſich Aller Blicke nach der Thür, aus welcher die Verurtheilten hervorkommen mußten. Flournoy eröffnete, von mehreren Geiſtlichen be⸗ gleitet, den Zug, ging feſten, doch demüthigen Schrittes nach dem mittelſten Galgen hin und erſtieg das ver⸗ hängnißvolle Brett. Ritcher wurde der Platz zu ſeiner Rechten angewieſen und ſämmtliche Piraten hatten bald den Standpunkt erreicht, von welchem ſie in die Ewigkeit hinüber ſchreiten ſollten. Eine ununterbrochene Stille herrſchte unter den Tauſenden, die hier verſammelt waren, um fünfzehn Menſchen mit dem Tode ringen zu ſehen; da hob ſich Flournoy zu ſeiner vollen Größe auf und bat mit lauter Stimme darum, noch einige Abſchiedsworte an ſeine, von ihm ſo ſchwer beleidigten Brüder und Schweſtern richten zu dürfen. Er ſprach unbefangen mit kräftiger Stimme. Er ſchilderte, wie Mißgeſchick ihn nach und nach von dem Pfade der Tugend abgeleitet habe, wie ſein beſſeres Selbſt ihn fortwährend gemahnt, den Weg des Ver⸗ brechens wieder zu verlaſſen, wie aber die Verhältniſſe 169 des eiſernen Schickſals ihn gefeſſelt und wie er ver⸗ gebens gerungen habe. Er ſtellte ſich als warnendes Beiſpiel hin und bat einen Jeden ſeiner Brüder, der ſich von dem rechten Wege entfernt habe, ſich der Kirche in die Arme zu werfen, die ihn retten würde, wie ſie ſelbſt ihn noch gerettet habe; denn er fühle ſich jetzt rein von allen Sünden und ſcheide mit frohem, freudigem Herzen aus dieſer Welt voll Mängel, um von dem Himmel empfangen zu werden. Er ſprach lange und ſprach zum Herzen, was die vielen Thränen bezeugten, die ihm unter der Menge entgegenglänzten. Dann nahm er Abſchied von den Geiſtlichen, dankte ihnen für ihren Beiſtand, dem er ſeine Rettung zu verdanken habe, und gab dem Richter einen Wink, daß er zum Tode bereit ſei. Die Schlinge, die um ſeinen Nacken lag, wurde nochmals genau unterſucht und ſorgfältig zurecht⸗ geſchoben, die leinene, weiße Mütze ward Flournoy über das Geſicht gezogen, noch ein Wink von dem hohen Richter, die Bretter, auf denen die Verurtheilten ſtanden, fielen unter ihren Füßen weg und alle fünf⸗ zehn ſtürzten hinab und hingen zwiſchen Himmel und Erde. Alle, außer Flournoy, ſchnellten ſich, als ſie der Strick im Fallen aufhielt, hoch in die Luft und ſchlugen mit den Armen und Beinen um ſich, doch der Capitain 6 hing regungslos da, als ſei das Leben ſchon während des Falles aus ihm gewichen. In dieſem Augenblicke erſchallten die furchtbarſten Wuthſtimmen der wilden Thiere, und der Schreckensruf: „Die Löwen hrechen aus!“ verſetzte die verſammel⸗ een Zuſchauer in Entſetzen und Todesangſt. Alle ſtürzten dem Thore zu, in einer geſchloſſenen Maſſe drängte ſich die verzweifelnde Menge aus dem Hofe, Niemand blickte hinter ſich, ein Jeder fühlte ſchon in Gedanken die Krallen der Löwen auf ſeinem Nacken und nach wenigen Minuten war der Hof geräumt, das Thor geſchloſſen und das Brüllen und Stoßgeheul der wilden Beſtien verhallte. Jetzt erſt kam man wieder zur Befinnung, man blickte verwundert an der hohen Mauer in die Höhe, welche die Ausſicht nach den Verbrechern wehrte, und Niemand wußte eigentlich, weshalb man ſo eilig die Flucht ergriffen habe, denn Keiner von Allen hatte geſehen, daß ein Käfig wirklich beſchädigt geweſen wäre. Das Thor war aber geſchloſſen und die Rück⸗ kehr in den Hof unmöglich, deshalb zerſtreute ſich bald die Verſammlung; die allerverſchiedenſten Ver⸗ muthungen aber über den Grund dieſer, wie es ſchien, beabſichtigten ſchnellen Entfernung aller Zuſchauer wurden ausgeſprochen. Namentlich ward der Verdacht rege, daß man Flournoy nur zum Scheine gehangen und daß die Methodiſten ihm das Leben erhalten hätten. Während es ſonſt Gebrauch war, gerichtete Ver⸗ brecher bis nach Sonnenuntergang hängen zu laſſen, ſo öffnete ſich ſchon vor dieſer Zeit das Thor wieder, um den Zugang zu der Menagerie zu geſtatten, die Piraten aber nebſt den Galgen waren verſchwunden und, wie man ſagte, ſämmtlich ſchon beerdigt. Dieſer Auftritt gab Veranlaſſung zu vielen Zei⸗ tungsartikeln, die das Publikum noch einige Zeit in Aufregung erhielt. Ein weit größeres, ein edleres Intereſſe jedoch, das für die nahe bevorſtehende Lan⸗ dung des hochgefeierten Freundes der Nation, des Generals Lafayette, verdrängte bald das Andenken an die Piraten. Der Monat Auguſt war erſchienen, in welchem aller Wahrſcheinlichkeit nach dieſer ſehnlichſt erwartete, geliebte Mann die amerikaniſche Erde wieder betreten würde, und von Tag zu Tag ſteigerte ſich die Un⸗ geduld, mit der man ſeinem Erſcheinen entgegenſah. New⸗York war der Ort, nach welchem er ſeine Reiſe angetreten hatte, und weit über hunderttauſend Fremde waren bereits in jene Weltſtadt eingezogen, um ſich bei ſeinem Empfang zu betheiligen. 172 Hier, wo ſonſt nur reges Geſchäftsleben herrſchte, wo man ſelten oder faſt nie eine Uniform oder ſonſt Etwas erblickte, was an den Soldatenſtand erinnerte, ſah man überall Militair und die ganze Stadt ſchien in einen Kriegsſchauplatz umgewandelt zu ſein, wenn nicht die heitern Mienen, denen man allenthalben begegnete, und die Feſtzeichen, die ſich, wohin man ſich auch wandte, bemerkbar machten, den tiefſten Frieden verkündet hätten. Zehntauſend Mann Miliz in reichen Uniformen warteten hier, um den alten Kriegskameraden der Nation militairiſch zu begrüßen, die Seeſoldaten der im Hafen liegenden Kriegsſchiffe zeigten ſich in ihrer Paradeuniform, die ſtehenden Beſatzungen der Feſtungs⸗ werke in und um New⸗YPork ſah man in ihren beſten Anzügen und die Geſchütze dieſer feſten Plätze, ſowie die auf den Kriegsſchiffen waren ſauber und blank geputzt in Bereitſchaft, dem erwarteten edlen Gaſt einen Donnerwillkommen zuzurufen. Eine Uniform zeichnete ſich aber vor allen übrigen aus, nahm das größte Intereſſe für ſich in Anſpruch und wurde, wo ſie ſich ſehen ließ, mit der höchſten Begeiſterung begrüßt; es war die der alten Lafayette⸗ Garde, welche in jenen ernſten Zeiten von General Lafayette ſelbſt errichtet und geführt worden war. In ihren zahlreichen Reihen waren die alten Kriegs⸗ helden, die an der Seite des Generals für die Frei⸗ „½ 173 heit des amerikaniſchen Volkes gekämpft hatten, ein⸗ getreten, ebenſo angethan, ebenſo bewaffnet und noch unverändert von demſelben Geiſte beſeelt, der ſie da⸗ mals Heerd, Weib und Kind verlaſſen ließ, um die Ketten der Knechtſchaft zu brechen. An Geſchäft dachte Niemand mehr, ein Jeder machte Vorbereitungen zu den Feſtlichkeiten und Alles ſchmückte ſich zu Ehren Lafayette's. Nach ihm genannt, gab es Hüte, Schleifen, Tücher, ja jedes einzelne Kleidungs⸗ ſtück für Herren und Damen, ſelbſt Speiſen und Ge⸗ tränke wurden nach ihm benannt. Endlich, endlich verkündeten an einem heitern Morgen die Geſchütze einiger am Ausfluß der Bay vor Anker liegenden Kriegsſchiffe, daß das Fahrzeug ſich nahe, welches den gefeierten Gaſt den geöffneten Armen der Nation zutrage. Wie durch einen Zauberſchlag war New⸗York mit wehenden Flaggen überdacht und wurde von einem un⸗ unterbrochenen Kanonendonner erſchüttert. Langſam und feierlich zog das ſegelumwölkte, prächtige Schiff, welches Lafayette trug, durch die Narrows in die Bay ein, tauſende von großen und kleinen, mit den amerikaniſchen Farben überflaggten Segelbooten ſchoſſen ihm entgegen, umſchwärmten es winkend und nickend, wie ein Zug Möven, und ge⸗ leiteten es unter den jubelnden Hurrah's ihrer Schiffer und unter deren Freudenfeuer der Stadt zu. — 174 In Caſtlegarden ſtieg Lafayette an das Land und wurde von den Jubelausbrüchen der unabſehbaren Menge begrüßt, während der Donner der Kanonen und der feierliche hehre Ton aller Glocken der Stadt die Luft erfüllte. Die Lafayette⸗Garde präſentirte das Gewehr, wäh⸗ rend ihr Muſikchor den Lafayette⸗Marſch ſpielte und Thränen der Rührung über die gebräunten Wangen der alten Krieger rollten. Bis in ſein tiefſtes Innerſtes ergriffen wankte der würdige Greis Lafayette ſeinen alten, ergrauten Ka⸗ meraden entgegen, auch er konnte die Thränen nicht zurückhalten, die ſich nach ſeinen Augen drängten, und mit weitgeöffneten Armen fiel er dem Commandeur ſeiner Garde, der ſo oft im Schlachtengedränge an ſeiner Seite geſtanden hatte, an die Bruſt. Einem Erdbeben gleich machten ſich jetzt die ſtür⸗ miſchen Gefühle des begeiſterten Volkes Luft, der Jubel ſchallte aus hunderttauſend Kehlen und nirgends war ein trockenes Auge zu ſehen. Nun ſchritten die Würdenträger der Stadt New⸗ Vork zu dem freudebebenden Gaſte und hießen ihn willkommen, die Vertreter ſämmtlicher Staaten folgten ihnen zu gleichem Zwecke, und der Präſident der Ver⸗ einigten Staaten, an der Spitze der hohen Staats⸗ beamten, begrüßte ihn im Namen der ganzen Nation. Dann führte ihn Dieſer zu dem für ihn bereitſtehen⸗ 175 den, offenen, prächtigen Wagen und nahm in dem⸗ ſelben an ſeiner Seite Platz. Der Wagen war mit acht Schimmeln, den edelſten Roſſen des Landes, beſpannt, deren reiche Geſchirre in der goldenen Sonne funkelten und blitzten. Den Zug eröffneten die Abgeordneten der Stadt und die Lafayette⸗Garde, dann folgte der Wagen und ihm nach ſchritten die Vertreter der Staaten, die Beamten und das Volk. Zu beiden Seiten des weiten Brvadway's bildete die Miliz Spalier und auf den Trottvirs dahinter reihete ſich Kopf an Kopf der freudetrunkenen Menge. Die hohen Paläſte, welche zu beiden Seiten der prächtigen Straße aufſtiegen, waren mit koſtbaren Teppichen, Blumen, Kränzen und Guirlanden auf's Feſtlichſte geſchmückt, ihre Dächer und die ganze Straße war von zahlloſen ungeheuern Flaggen überweht, überall ſah man die amerikaniſchen und die fran⸗ zöſiſchen Farben vereinigt, und aus den Fenſtern neig⸗ ten ſich ſchöne Frauen und Mädchen in feſtlicher Tvilette hervor und winkten mit Tüchern dem geliebten Greis Willkommen zu. Dabei miſchte ſich der Donner der Geſchütze mit dem feierlichen Schalle der Glocken in den ununterbrochenen Jubelruf des Volkes, und ein Regen von Blumen und Sträußen fiel von beiden Seiten herab auf den langſam ſich fortbewegenden Wagen nieder, in welchem das von der Nation ge⸗ 1 1 176 wählte und von ihr geehrte Oberhaupt und der Freund ſaß, der ihr beigeſtanden hatte, ſich zu einem freien Volke zu erheben. Alle Ehrenbezeugungen, die den Beiden dargebracht wurden, gingen von den Herzen des Volkes aus, es waren keine veraltete Gebräuche, keine erzwungene Theilnahme, die die Freude der Nativn darſtellten, ein jeder Einzelne folgte hier nur ſeinem eignen Ge⸗ fühl und jeder Jubelton kam aus der Kehle eines freien Mannes. Noch ſtundenlang, nachdem Lafayette ſchon in den Palaſt eingezogen, der zu ſeinem Empfange eingerichtet worden war, dauerte der Jubel des Volkes fort, wel⸗ ches die Straße füllte, und die Geſchütze ſowie die Glocken ſollten heute nicht wieder ſchweigen. Selbſt als der ſchöne Tag ſchwand, der in jedem amerikaniſchen Herzen ewig fortleben wird, und die ungeheuere Stadt in einem Feuermeer von Fackeln, Lampen und Lichtern ſchwamm, wurde ſie von jenen gewaltigen Freudenklängen erſchüttert, und in jedem Palaſt, in jeder Hütte wurden dieſelben jubelnd beantwortet. Freude war allenthalben eingezogen, die reinſte, edelſte Freude, denn ſie war ein Kind der Dank⸗ barkeit. ℳ Große Paraden, Feſteſſen, Bälle, Volksverſamm⸗ lungen, in denen die größten Redner der Welt zu ihrer Nation ſprachen, reiheten ſich raſch aneinander, und der Glückstaumel, der Alles ergriffen hatte, ver⸗ minderte ſich nicht, ſo lange der geliebte Gaſt noch in der Stadt verweilte. Der Präſident Forney, ſein Sohn Max und Eleanor hatten Frank Arnold hierher begleitet und wurden von Lafayette mit großer Auszeichnung behandelt; bei allen Feſtlichkeiten mußten ſie in ſeiner Nähe ſein und mit Freuden nahm er das Anerbieten Forney's an, wäh⸗ rend ſeines Beſuches in Baltimore deſſen Haus zu ſeiner Wohnung zu machen. Der Tag der Abreiſe erſchien und der Trinmphzug Lafayette's durch die Vereinigten Staaten, ein ſolcher, wie ihn kaum ein Kaiſer jemals gefeiert, nahm ſeinen Anfang. Hunderttauſende folgten ihm von Stadt zu Stadt, Philadelphia bot Alles auf, um New⸗York an Pracht und Feierlichkeit beim Empfange des verehrten Gaſtes zu übertreffen, und Baltimore ſuchte den Feſt⸗ aufwand beider Städte zu verdunkeln. Wie in eine Feenwelt zog der gefeierte Greis in dieſe ſchönſte Stadt Amerika's ein, denn die bereits eingetretene Nacht ward durch Feuerlicht aus ihr ver⸗ drängt, deſſen röthlicher Schein die Pracht, womit die Straßen, die Häuſer und die Menſchen geſchmückt waren, in einem magiſchen Zauberlichte erſcheinen ließ. Umwogt von Kanonendonner und Glockengeläute be⸗ wegte ſich die unabſehbare, jubelnde Volksmenge, mit Ralph Norwood. MI. 12 dem ſo ſehnlichſt erwarteten, theuern Freunde in ihrer Mitte, durch die Marketſtraße, die Frauen und Mädchen Baltimores, wohl die ſchönſten der Erde, ſtrahlten wie Feſtgöttinnen aus den Fenſtern der lichtumblitzten Häuſer hervor, hießen ihn winkend und frohlockend willkommen und überſäeten ihn mit Blumen und Kränzen. Das Haus Forney's war in einen Zauberpalaſt umgewandelt, ein Lichtmeer ſtrömte aus ſeinem weit⸗ geöffneten Portal, ſowie aus allen Fenſtern, und die Tropenwelt ſchien die Herrlichkeit, den Reichthum ihrer Pflanzen und ihrer Blumen durch das ganze Gebäude ausgebreitet zu haben. Die Straße war ſo gedrängt voll von jauchzenden Menſchen, daß der Wagen, welcher Lafayette trug, kaum das Haus zu erreichen im Stande war, und unter den donnernden Hurrah's, die dem alten Krieger gebracht wurden, hörte man auch den Namen Forney's ausrufen. Ruhe kehrte in dieſer Nacht nicht in die Stadt ein und der neue Tag fand deren Bewohner in regen Vorbereitungen zu dem Feſtzug, der heute dem Gaſte zu Ehren ſich durch die viele Meilen lange Market⸗ ſtraße bewegen ſollte. Die Schätze Indiens ſchienen über deren Gebäuden in Teppichen und Seidenſtoffen ausgebreitet zu ſein, die wundervollſten Blumen ſchwebten in langen Guir⸗ landen von Haus zu Haus über der Straße, und die 179 rieſengroßen Flaggen, die ſie überſchatteten, ſchlugen praſſelnd in der kühlenden, friſchen Morgenluft gegen⸗ einander. Das Gebäude in der Mitte der Straße, welches für den Aufenthalt des Gaſtes während dieſes Zuges eingerichtet war, überglänzte alle übrigen Häuſer, und als Lafayette auf deſſen Balkon erſchien, wogte der Jubel des Volkes wie ein Sturm durch die Straße. Die Trottvirs zu beiden Seiten waren Kopf an Kopf mit Zuſchauern beſetzt und an den Fenſtern zeigten ſich die Schönheiten Baltimores in glänzenden Gewändern und ſtrahlendem Schmuck. Geſchützdonner verkündete jetzt, daß der Zug ſich in Bewegung geſetzt habe, und bald ſah man von dem fernen Weſtende der Straße eine bunte Maſſe ſich heranbewegen, über der unzählige Fahnen in allen Farben im Winde flatterten. Näher und näher kam der Zug, von ungeſtümen Beifallsrufen begleitet, und nun erkannte man die Maſten, die Segel, die Flaggen und die Wimpeln eines Schiffes, welches ſich langſam vorwärts bewegte. Es rollte auf niedrigen Rädern und wurde von fünf⸗ zig Pferden gezogen. Unter ſeinem Bugſpriet prangte der amerikaniſche Adler, und die ſternbedeckte Flagge wehte ſtolz über ſeinen Segeln. Die Matroſen eilten geſchäftig auf dem Verdeck, in dem Tauwerk und auf den Segel⸗ ſtangen hin und her, an der Brüſtung befand ſich einer derſelben und warf das Senkblei, und der Ca⸗ pitain ſtand mit dem Sprachrohr in der Hand über der Cajüte neben dem Manne am Ruder und beant⸗ wortete die Fragen, die ihm von den Zuſchauern zu⸗ gerufen wurden. „Wohin ſegelſt Du?“ riefen viele Stimmen, als das Schiff vor Lafayette vorüberzog. „Um die Welt!“ war die Antwort, die der Capi⸗ tain durch das Sprachrohr rief, daß es weithin durch die Straße ſchallte. „Womit biſt Du beladen?“ rief es wieder aus der Volksmenge. „Mit Freiheit!“ antwortete der Capitain, und „Hurrah für Amerika!“ ſchrieen hunderttauſend Stimmen in der Straße hinunter. Das Fuhrwerk, welches dem Schiffe folgte, trug in einem geräumigen Pavillon einen ungeheuern Schneidertiſch, auf welchem ein große Zahl Arbeiter beſchäftigt waren, Kleider zu verfertigen. Weil dies Handwerk ſchon durch Adam und Eva ausgeübt wurde, ſo hatte man ihm den erſten Platz angewieſen, denn alle Gewerbe, alle Handthierungen wurden in dem Zuge vorgeführt, und entweder waren ihre Vertreter thätig an der Arbeit, oder führten ein Symbol ihres Gewerks mit ſich. Die Bäcket, waren um einen koloſſalen Ofen be⸗ 181 ſchäftigt, Brod und Kuchenwerk zu backen, welches ſie links und rechts unter das Polk warfen, die Metzger ſchlachteten einen Ochſen und vertheilten ihn in kleinen Stücken unter die Menge, die Schreiner ſtanden an der Hobelbank und ließen die langen feinen Spähne auf die Zuſchauer hinabfallen, die Buchdrucker druckten auf ungeheuere Zettel die Begebenheit des Tages und Preisgeſänge auf Lafayette, die ſie dann dem Winde übergaben, und ſo dargeſtellt, zogen alle Geſchäfte, die in Amerika betrieben wurden, vor Lafayette vorüber. Drei Stunden verſtrichen, ehe das Ende des Zuges ihn erreichte, und dann blieb die Straße mit Menſchen dicht gefüllt, bis der Gefeierte aus dem Hauſe hervortrat, den prächtig beſpannten Wagen be⸗ ſtieg und zu dem Volkseſſen fuhr, welches ihm zu Ehren heute vor der Stadt gegeben wurde. Im Triumph wogte die jauchzende Menge mit ihm hinaus, Reich und Arm ſpeiſte und trank mit ihm, ein ſtürmiſcher Toaſt folgte dem andern, die Muſik⸗ chöre ſtimmten die Nativnalmelodien an, und der Donner der Kanonen ſchallte über Land und See. Abends ſammelte ſich das Volk vor Forney's Haus und begleitete Lafayette in einem prächtigen Fackelzug nach dem Theatergebäude, wo ihm das reichſte Ban⸗ ket gegeben ward, welches wohl jemals in Amerika abgehalten iſt. Cht 182 und der Reichthum der Toiletten, die ſeltene Schön⸗ heit der Damen und das Blitzen der Brillantenſaat auf deren Lilienhaut überraſchte das Auge des Ein⸗ tretenden, nachdem es ſich an die Lichtſtröme gewöhnt hatte, die ihm von allen Seiten von Kronleuchtern und Chandelieren blendend entgegen kamen. Volle rauſchende Janitſcharenmuſik belebte den Tanz, und die köſtlichſten Speiſen und Getränke wurden hier vielen Tauſenden gereicht. Eine Feſtlichkeit drängte die andere, und nur wäh⸗ rend einzelner Stunden ruhte und erholte ſich der ge⸗ ehrte Gaſt in dem Familienkreis des Präſidenten Forney. Waſhington war die nächſte Stadt, wohin La⸗ fayette ſeinen Triumphzug richtete, von Norden nach Süden durchzog er das ganze Land, von der Liebe, von dem Enthuſiasmus des dankbaren Volkes begleitet, dem er beigeſtanden hatte, ſeine Freiheit zu erringen, Bei ſeinem endlichen Scheiden aus den Vereinigten Staaten machten ihm dieſelben einen Strich des reich⸗ ſten Landes, groß genug für ein Fürſtenthum, zum Geſchenk, und ertheilten ihm und ſeinen Nachkommen das große Bürgerrecht. Wenn lange ſchon die Gebeine der Augenzeugen von Lafayette's Triumphzuge durch die Vereinigten Staaten unter der Erde ruhen, wird ſein Andenken in jedem Amerikäner fortleben, und kommt die Zeit, wo — 183 Frankreich nach einem großen Wurf der Hülfe eines Freundes bedarf, dann wird es nicht umſonſt ſeine Blicke nach Weſten über den Oecean ſenden, der ame⸗ rikaniſche Adler eilt mächtigen Fluges herbei, um mit Gut und Blut die große Ehrenſchuld zurück zu zahlen, die ihm die Freundſchaft Frankreichs einſt auferlegte. Das Jahr nahte ſeinem Ende. Es hatte vielfachen reichen Segen über Frank Arnold ausgeſtreut, die Ernten waren über alles Erwarten ergiebig geweſen, Krankheiten hatten ſeine Niederlaſſung gänzlich ver⸗ ſchont, und um das Maß ſeines Glückes voll zu machen, beſchenkte ihn ſeine geliebte Eleanor Mitte Dezembers mit einem kräftigen geſunden Knaben. Der ſorgſamen Pflege der alten Madame Arnold war es zum großen Theil zuzuſchreiben, daß Mutter und Kind ſich ſo wohl befanden, denn ſie hatte ſchon ſeit mehren Wochen ihren Wohnſitz bei der geliebten Schwiegertochter aufgeſchlagen, hatte ihr die Leitung des Hausweſens abgenommen und ſie Tag und Nacht nicht einen Augenblick verlaſſen. Sie bereitete eigen⸗ händig die Speiſen für die junge Wöchnerin, verpflegte mit großmütterlichem Stolz den neuen Weltbürger und fertigte alle Nachbarinnen, die herbeieilten, um der jungen Mutter ihre Glückwünſche darzubringen und 184 durch eignen Anblick des neugeborenen Kindes ihrer Beredſamkeit neuen Stoff zu geben, ruhig und uner⸗ ſchütterlich vor der Thür ab. Als aber Ende des Jahres die junge Frau wieder in dem Empfangsziminer erſchien, hielt Madame Ar⸗ nold ſelbſt den Knaben allen Gäſten vor, zeigte ihnen deſſen kräftigen Gliederbau und rühmte ſeine gewaltige Stimme, mit er er bei ſolchen Paraden oftmals die Scheiben der Fenſter erklirren machte. Zu der innigen Liebe Franks gegen ſeine Eleanor geſellte ſich nun noch ein heißes Gefühl der Dankbar⸗ keit für das neue grenzenloſe Glück, welches ſie ihm beſcheert, und mit ſeliger Hingebung empfing ſie ſeine Liebkoſungen oftmals, wenn das theuere Pfand ihrer Liebe in ihren Armen ſchlummerte. So reizend und bezaubernd Eleanor auch als Mädchen geweſen war, ſo hatte ſie als Frau doch noch an Schönheit zuge⸗ nommen, und man konnte nichts Lieblicheres, nichts Anmuthigeres ſehen, als wenn ſie im Uebermaße ihres Glückes auf ihr Kind ſchauete, welches von ihrem Schoße lächelnd zu ihr aufblickte. Friede und Glück herrſchten in der ganzen Nieder⸗ laſſung; hier gab es keine Sorgen, keinen Kummer, keine unerfüllte Wünſche; die Selaven lebten in Wohl⸗ ergehen und Ueberfluß, ſie arbeiteten um die Wette, um ihrer Herrſchaft ihre Dankbarkeit für die liebevolle Behandlung, deren ſie ſich erfreuten, zu erkennen zu 185 geben, und ſchloſſen ſie Morgens und Abends in ihre Gebete ein. Der Tag, an welchem der junge Stammhalter des Hauſes Arnold die chriſtliche Taufe und den Namen James empfing, war ein großer Feſt⸗ und Ehrentag und wurde als ſolcher auf das Feierlichſte begangen. Der Freund der alten Arnolds, der Pfarrer King, fand ſich zeitig ein und mit ihm erſchienen viele ein⸗ geladene Nachbarn, die dem heiligen Aet als Zeugen beiwohnen ſollten. Auch den Negern in ihren Sonn⸗ tagskleidern wurde während der Taufe der Zutritt in das Zimmer geſtattet, und als die Herrſchaft ſich mit ihren Gäſten um ein reiches Mittagsmahl reihete, er⸗ freuten ſich die Selaven gleichfalls eines ihnen darge⸗ botenen Feſteſſens. Frank war jetzt, da ſich Eleanor vollkommen erholt hatte, ganz ſeinem Geſchäft wiedergegeben, welches augenblicklich, wo die Vorbereitungsarbeiten für das kommende Jahr in den Feldern gemacht wurden, all' ſeine Thätigkeit in Anſpruch nahm. Die Striche Waldes, in denen er während des Sommers und Herbſtes die größeren Bäume durch Einhauen der Rinde getbdtet und das ſchwächere Holz abgehauen und verbrannt hatte, wurden nun dem Pflug über⸗ geben und mit Einzäunungen verſehen; in den alten Feldern mußten die im Laufe des Jahres umgefallenen Baumgerippe zuſammengerollt und verbrannt werden, — 186 damit auch hier der Pflug ſich wieder bewegen konnte, und es war an der Zeit, den Kälbern das Brand⸗ zeichen aufzudrücken und die jungen Schweine durch Beſchneiden der Ohren zu zeichnen, weil bei dem ₰ jetzigen kühlen Wetter die dadurch erzeugten Wunden den Thieren keine Gefahr brachten, wie es im Sommer, wo die Schweißfliegen ihre Eier hineinlegen, der Fall iſt. Bei Anbruch des Tages war Frank jeden Morgen mit den Negern an der Arbeit, wobei er ihnen ſelbſt mit dem beſten Beiſpiel voranging, und wenn der Abend kam, lohnte ihn häusliches Glück für ſeine Thätigkeit, für ſeine Anſtrengungen. Capitel 29. Verſchwendung.— Nachläſſigkeit.— Betrunkenheit.— Entſetzen.— Gemeinheit. — Vas brave Pferd.— Hülfe.— Vater.— Verſöbnung.— Das Gaſt⸗ baus.— Vertilgungskrieg.— Die Truppenſendung.— Beſorgniß.— Un⸗ einigkeit. Bei Ralph Rorwood war es anders. Derſelbe hatte das Jahr benutzt, um das Geld, welches ihm auf eine ſo leichte Weiſe zugefallen war, zu ſeiner Annehmlichkeit und Bequemlichkeit zu verwenden, und ſich durch einen, in dieſem Lande ungewöhnlichen Auf⸗ wand einen vornehmen Namen unter deſſen Bewohnern zu verſchaffen. Das neue Wohnhaus war erbaut, ſeine Räumlich⸗ keiten prächtig ausgeſtattet, und ſeine Außenſeite ſchön mit Oelfarbe angeſtrichen. Große Fenſter und herr⸗ liche Spiegelſcheiben gaben den Zimmern reichliches Licht, ſauber verfertigte, grün angemalte Jalvuſien ſchützten dieſelben in der Mittagsſtunde gegen die Sonnenſtrahlen, und reiche Teppiche, ſowie koſtbare be⸗ queme Möbel gaben ihnen den Comfort, den man bei den reichen Bewohnern großer Städte antrifft. Ein herrlicher Blumengarten umgab das Gebäude, derſelbe war mit einem zierlichen, mit Oelfarbe angeſtrichenen 188 Spalier eingefaßt, aus deſſen weitem Thor, dem Ein⸗ gang des Hauſes gegenüber, eine breite, durch den Urwald gehauene Allee in gerader Richtung nach der Hauptſtraße führte. Weiter hinter dem Hauſe lag der Gemüſe⸗ und der Obſtgarten, die ſich bis an den dichten Waldſtreif zogen, der beide hohe Ufer des dort, zwiſchen Felſen hinſtürzenden, ſtarken Baches bedeckte. Für die Reit⸗ und Wagenpferde waren ſeitwärts von dem Wohngebäude ein geräumiger Stall, Vor⸗ rathshäuſer, ſowie Wohnungen für die Neger erbaut. Das Feld aber hatte ſich noch um Nichts ver⸗ größert, denn bei den Arbeiten an obigen Bauten und Anlagen waren die Selaven vexwendet worden, und kaum hatte die Ernte hinreichend Mais geliefert, um den Haushalt Ralph's für ein Jahr damit zu verſorgen. Das Capital, welches er von der Aſſecuranzeompagnie in New⸗York erhalten hatte, war bereits bis auf den letzten Dollar verwandt und zwar zum größten Theil in einer Weiſe, daß keine Zinſen davon zu erwarten ſtanden. Das Wohnhaus mit ſeinen koſtſpieligen Ein⸗ richtungen hatte ſehr viel gekoſtet, Kutſche, Geſchirre, Reitzeuge und tauſenderlei Luxusartikel waren hoch be⸗ zahlt und nur die Summe, welche in den Negern an⸗ gelegt war, konnte, wenn dieſelben mit Umſicht und verſtändiger Leitung zur Arbeit angehalten wurden, einen Nutzen abwerfen. Ralph beabſichtigte zwar, ſeine Felder zu erweitern, um im kommenden Jahre eine bedeutende Baumwollen⸗ ernte zu erzielen, aber ſchon war ein großer Theil der Zeit verſtrichen, in welcher er die nöthigen Vorarbeiten dazu hätte ausführen müſſen. Von einer Woche zur andern nahm er ſich vor, den Anfang zu machen, blieb auch wohl einmal einen Tag zu Hauſe und ſtellte die Selaven an die Arbeit, doch dann ritt er wieder im Lande umher, beſuchte die Nachbarn, die, wie er, Luſt an Jagd, Pferderennen und Hahnengefechten hatten und ſprach regelmäßig in den Trinkhäuſern vor, deren ſich viele an der Hauptſtraße befanden. Hatte er ſeiner Beſitzung den Rücken gekehrt, ſo fiel es den Negern nicht ein, zu arbeiten, ſie gingen auf die Jagd, ſiſch⸗ ten und vertrieben ſich die Zeit, ſo angenehm ſie konnten. Ralph hatte auch für ſeine Perſon viel gebraucht, er hatte, um ſich beliebt zu machen, bei jeder Ge⸗ legenheit in Wirths⸗ und Trinkhäuſern ſeine Bekann⸗ ten frei gehalten und vor jener, für ihn verunglückten Wahl zu Ehren Lafayette's reichlich Geld unter die Wähler geſpendet. Jetzt waren ſeine baaren Mittel zu Ende, und um ſeine laufenden Ausgaben zu beſtreiten, verkaufte er einzeln ſeine beſten Kühe, Stuten und Säue, während er die Bedürfniſſe für ſeinen Haushalt ohne Einſchrän⸗ kung von den Kaufleuten in der Nähe und von Beh⸗ 190 rend in D.... bezog, denn ſein Credit hatte noch nicht gelitten. Es war in der zweiten Hälfte des Dezembers, als Elviſe ſpät Abends allein vor dem hellflackernden Ka⸗ minfeuer ſaß und an einem niedlichen Kinderanzug nähete, denn von Tag zu Tag hoffte ſie Mutter zu werden. Wiederholt blickte ſie von der Arbeit auf und wandte ſich nach den Fenſtern um, gegen welche der Regen heftig anſchlug und in Strömen an ihnen herabfloß. Draußen ſtürmte es ſehr und die Nacht war ungewöhnlich finſter. Ralph war ſchon nach dem Frühſtück fortgeritten und immer noch nicht zurückgekehrt. Jetzt ſchlug die Uhr, die auf dem Geſimſe über dem Kamine ſtand, zehn und Elviſe blickte mit einem Seufzer zu ihr auf. Dann legte ſie ihre Arbeit auf das Tiſchchen neben ſich, erhob ſich und ſchritt gedankenvoll nach dem Fen⸗ ſter, durch deſſen vom Regen getrübte Scheiben ſie in die Dunkelheit hinausblickte. Mehr horchend, als etwas ſehend verweilte ſie an dem Fenſter, denn ſie konnte unmöglich einen Gegenſtand draußen erkennen. Sie dachte an Ralph und an das fürchterliche Wetter, dem er ausgeſetzt war, ſie dachte aber auch an ſich ſelbſt und fühlte ſich verlaſſen und vernachläſſigt, denn ſie wußte ja nur zu gut, daß kein dringendes Geſchäft ihren Gatten fern von ihr hielt. Sie hatte eine Zeit lang ſinnend auf die dunkeln Scheiben geſchaut und 191 dem Wind und Regen gelauſcht, dann preßte ſie, mit einem wehmüthigen Blick nach Oben, ihre kleinen Hände feſt zuſammen und begab ſich zu ihrem Sitz vor dem Kamin zurück. Kaum hatte ſie ſich dort niedergelaſſen, als ſie plötzlich draußen die Stimme Ralph's vernahm und hörte, wie er mit wüthenden Flüchen den Negern zu⸗ rief, die des Sturmes wegen die Tritte ſeines Pferdes nicht gehört und nicht bereit geſtanden hatten, ihm daſſelbe abzunehmen. Bald darauf drang der Ton mehrerer Peitſchenhiebe zu Elviſens Ohr und dann naheten ſich die Fußtritte ihres Gatten dröhnend und polternd über die Veranda und durch den Gang nach dem Zimmer, in welchem ſie ſich befand. Sie öffnete ſchnell die Thür für Ralph und dieſer ſtolperte über die Schwelle ihr mit den Worten entgegen: „Dieſes Hundepack von Negern; ich hätte Luſt einigen von ihnen die Haut von dem Rücken zu peitſchen!“ Dabei ſah er mit wildem verworrenem Blick um ſich, ſein Geſicht glühete unter dem vom Regen triefen⸗ den Hut hervor und ſein wankender Tritt zeigte deut⸗ lich, daß er betrunken war. Elviſe fuhr mit Entſetzen von ihm zurück, es war zum erſtenmale in ihrem Leben, daß ſie einen betrun⸗ kenen Mann ſah, und daß dieſer ihr Gatte ſein mußte, war ihr ein ſchrecklicher Gedanke. Mit einem Schau⸗ 192 der hielt ſie ihre Blicke auf ſeine herüber und hinüber⸗ ſchwankende Geſtalt geheftet und ſtand ſchweigend und regungslos da, als er unweit des Kamins in einen Armſtuhl fiel, ſeinen Hut abriß, ihn hinter ſich warf, ſeine naſſen Stiefel auszog und in die Mitte der Stube ſchleuderte, wobei er undeutliche zornige Worte aus⸗ ſtieß. Er war ihr in der Wahrheit das widrigſte ent⸗ ſetzlichſte Bild, welches ſie jemals geſchaut, denn mit Rohheit und Gemeinheit war ihr nie ein Mann be⸗ gegnet. Jetzt hörte ſie die Fußtritte der Negerin auf der Veranda, es war ihr fürchterlich, daß die Selavin ihren Gatten in dieſem Zuſtand ſehen ſollte, ſie eilte aus der Thür derſelben entgegen und ſandte ſie mit der Weiſung in die Küche zurück, dort zu warten, bis ſie gerufen würde. „Iſt das Eſſen noch nicht fertig?“ ſchrie Ralph mit barſcher Stimme„ich werde mich am Ende auch noch um die Küche bekümmern müſſen. Nirgends wird gearbeitet, da kann man wohl zu Etwas kommen!“ Elviſe blieb bebend vor der Thür ſtehen, ſie ſah durch deren Oeffnung nach ihrem Gatten hih und die Thränen rollten über ihre Wangen. „Elviſe!“ ſchrie er jetzt, und ließ einen Fluch ſul⸗ gen, wobei er ſich mit dem Stuhl der Thür zukehrte. Das war mehr, als Eloiſe ertragen konnte, die Thränen ſtockten in ihren Augen, das Beben hatte ſie 193 verlaſſen und mit der Würde des ſpaniſchen Weibes trat ſie langſam auf Ralph zu und blickte ihm ernſt und mahnend in die Augen. Trotz der Verwirrung ſeiner Sinne, fühlte er die Gerechtigkeit des Vorwurfs, der in Eloiſens Blick lag, und ſichtbar gerieth er in Verlegenheit. „Nun, was ſiehſt Du mich an— darf ich nicht nach dem Abendeſſen fragen?“ „Nicht in dieſer Weiſe, Ralph,“ erwiederte Eloiſe mit milder, doch ſehr ernſter Stimme, und wandte ſich nach dem Tiſchchen, von welchem ſie ihre Näharbeit aufnahm. Ralph hob ſich raſch aus dem Seſſel empor, wankte zur Thür hinaus nach dem gegenüberliegenden Schlafzimmer, und ließ einen gellenden Pfiff ertönen, mit dem er gewohnt war, ſeinen Reitknecht herbei zu rufen. Elviſe blieb in dem Wohnzimmer zurück und ver⸗ brachte hier unter Thränen die Nacht. Wie ſehr war dieſer Mann von Jenem verſchieden, den ihr früher als Mädchen ihre Fantaſie zum Gatten gegeben hatte, wie ſehr groß war der Unterſchied zwi⸗ ſchen ihrem jetzigen Leben und dem früher geträumten Eheſtand, den ihre Gedanken ihr wie ein Himmel vor⸗ gezaubert hatten! Das treue Herz, die heiße Liebe, die zärtliche Hingebung, die ſie einſt für ihren zukünftigen Gatten beſtimmt hatte, trug ſie in ihrer Bruſt; konnte Ralph Norwood. II. 13 194 ſie dieſelben aber dieſem Manne bewahren— warf er ſie nicht ſelbſt mit Geringſchätzung von ſich— trat er ſich nicht ſelbſt in ihrer Achtung mit Füßen? Eva, die treue Negerin, die vergebens des Rufs ihrer Herrin lange geharrt hatte, trat noch ſpät zu derſelben ein, um ſich ihre Befehle zu erbitten, und blieb, als ſie dieſelbe in Thränen fand, in einiger Entfernung von ihr ſtehen, denn ſie wagte es nicht, ſie in ihrem Schmerze zu ſtören. Nach einiger Zeit aber, als ſie ſich überzeugte, daß Elviſe ſie nicht be⸗ merkt hatte, ging ſie näher zu ihr heran und ſagte mit weicher, theilnehmender Stimme: „Ach, Herrin, warum weinſt Du?“ Elviſen that dieſe Theilnahme wohl, ſie kam ja von dem einzigen Weſen in dieſer Welt, deſſen Herz ihr mit Liebe und treuer Anhänglichkeit zugethan war. Sie blickte nicht zu der Selavin auf, ſie reichte ihr nur ſeitwärts die Hand hin, welche Eva mit beiden Händen ergriff, ſie an ihre Lippen preßte und ſich dann zu den Füßen ihrer Herrin niederwarf. Beide weinten, Beide ſchwiegen, denn Eva hatte die Urſache von Elviſen's Thränen erkannt, und wie dieſer, ſo widerſtrebte es auch der Selavin, dieſelbe mit Worten auszudrücken. Vergebens bat Elviſe die Negerin, ſie zu verlaſſen und ſich zur Ruhe zu begeben, ſie blieb neben ihr auf 195 dem Fußboden ſitzen und wachte über jede Bewegung, jeden Seufzer ihrer Herrin. Erſt als der Tag graute, ließ Elviſe ſich von der Selavin nach einem andern Zimmer geleiten und zur Ruhe bringen, denn ſie fühlte ſich ſehr angegriffen und unwohl. Ralph erwachte, wie ſchon ſo oft in ſeinem Leben, mit Scham und Abneigung gegen ſich ſelbſt erfüllt, er fühlte, wie tief er in der Achtung ſeiner Gattin durch ſein rohes, gemeines Verfahren gegen ſie ge⸗ ſunken ſein mußte, er war es ſich bewußt, daß er ſie in letzterer Zeit auf eine unverantwortliche Weiſe ver⸗ nachläſſigt hatte, und ſah ein, daß ſein Lebensglück in ſeinem tiefſten Grunde dadurch erſchüttert worden ſei; demohngeachtet aber gab es ſein ſtörriger, mit ſich ſelbſt zerfallener Geiſt nicht zu, durch ein mildes, reuiges Wort ſein Unrecht wieder gut zu machen. Er erſchien in dem Wohnzimmer, fand den Früh⸗ ſtückstiſch gedeckt, doch Eloiſe war nicht da; er glaubte, ſie ſei in der Küche, um Anordnungen zu geben, und als Eva mit der Frage hereintrat, ob er jetzt zu früh⸗ ſtücken wünſche, ſagte er zu ihr: „Du kannſt Deiner Herrin ſagen, ich wartete hier auf das Frühſtück, ob ich vielleicht, wie geſtern Abend, mit leerem Magen abziehen ſolle?“ „Die Herrin iſt krank, ſie iſt zu Bette gegangen, Herr“, erwiederte die Selavin, ohne zu Ralph auf⸗ 196 zublicken, und ſetzte, als er ſich von ihr ab nach dem Kamin wandte, noch hinzu:„Soll ich das Frühſtück hereinbringen?“ „Brauchſt Du darum zu fragen, Hündin? Ich werde Dir einmal mit der Peitſche die Gedanken ſchärfen. Vorwärts— das Frühſtück!“ Zitternd eilte Eva davon, um den Befehl auszu⸗ führen, während Ralph durch einen Pfiff auf der Fauſt den Reitknecht herbeirief und ihm auftrug, ſein Pferd zu ſatteln und vorzuführen. Kaum hatte er das Frühſtück zu ſich genommen, als er ſein Roß beſtieg und davonritt. Am Abend zuvor war er in einem Trinkhaus, welches im Lande an einem der vielen Nebenwege lag, mit einer Geſellſchaft junger Burſche zuſammen⸗ getroffen, hatte mit ihnen getrunken und geſpielt und an ſie nicht nur ſeine ganze Baarſchaft, ſondern auch noch einige hundert Dollar verloren, die ihm der Kaufmann, der das Trinkhaus hielt, geborgt hatte. Man war übereingekommen, ſich heute Abend wieder dort zu treffen, und Ralph begab ſich jetzt zu einem wohlhabenden Pflanzer in der Nachbarſchaft, um zu verſuchen, ob er mit ihm einen Viehhandel gegen baares Geld abſchließen und auf dieſe Weiſe Mittel in die Hände bekommen könne. Er blieb bei dem Pflanzer zum Mittagseſſen; da dieſer aber des ihm angebotenen Viehs nicht be⸗ 197 nöthigt war, ſo mußte Ralph ſich dazu verſtehen, ihm daſſelbe zu einem ſehr niedrigen Preis zu überlaſſen. Mit dem daraus gelöſten Geld und der Hoffnung, damit die geſtern verlorene Summe wieder zu ge⸗ winnen, ritt er, als die Sonne ſich neigte, nach dem Trinkhauſe, wo er verabredetermaßen die Gefährten vom Abend zuvor, ſowie noch viele andere Bekannte verſammelt traf. Die aus Branntwein angefertigten, ſchmackhaften Getränke verſcheuchten bald die Wolken des Unmuths von Ralph's Stirn, er ſtimmte in die zügelloſe Fröh⸗ lichkeit der andern jungen Männer ein, Geſundheiten wurden getrunken, es wurde geſcherzt, gelacht und ge⸗ jubelt und bald ſetzte man ſich zum Spiel nieder. Die Glücksgöttin ſchien aber Ralph ein für alle⸗ mal nicht mehr lächeln zu wollen, denn er verlor wieder, und jemehr er durch Trinken ſeine Hoffnung anzufeuern ſuchte, deſto ſchneller ging das Geld aus ſeinen Händen in die ſeiner Gefährten über. Gegen neun Uhr Abends waren ſeine Taſchen leer und ſein Kopf wieder ſo ſchwer geworden, daß er, als er aufſtand, ſich kaum auf den Füßen erhalten konnte. Er rief dem Wirth zu, ſein Pferd vorzuführen, man machte ihm Vorſtellungen, ſich hier einige Stunden auszuruhen und dann zu reiten, er aber tobte un⸗ bändig und ſchwur, daß er in Carriere nach Hauſe ſprengen werde. 198 Sein Pferd, eine ſehr edle Schimmelſtute, wurde ihm gebracht, ſeine Kameraden hoben ihn in den Sattel und mit einem wilden, gellenden Schrei ſtach er dem Thier die Sporn in die Seiten und jagte auf dem rohen Wege davon. Er war aber nicht weit ge⸗ ritten, als der wilde Geiſt ihn verließ, ſeine Gedanken ſich immer mehr verwirrten und ihn eine Müdigkeit überfiel, die er kaum zu bemeiſtern vermochte. Das Pferd war in Schritt gefallen, er ſchwankte im Sattel herüber und hinüber und griff oft in die Mähne der Stute, um ſich auf ihrem Rücken zu erhalten. Die Nacht war ſternenhell, doch ziemlich dunkel, und Ralph's Sinne waren ſo umnebelt, daß er nicht mehr wußte, wo hinaus der Weg führte; das brave Pferd aber kannte und verfolgte denſelben, trotzdem ſein Reiter es an den Zügeln bald rechts bald links riß. Er hatte den Wald erreicht, durch welchen die Straße ſich hinzog, und kam an einer Vertiefung vor⸗ über, die mit Waſſer angefüllt war. Der nahe Bach, durch den Regen in vergangener Nacht angeſchwellt, war in alle Niederungen des Waldes ausgetreten und hatte ihn nach allen Richtungen hin mit ſtehenden Waſſerſtrichen durchzogen. Der mit Raſen bedeckte Weg, auf dem ſich Ralph befand, bildete an einer Seite nach dem Waſſer hinab ein ſehr ſteiles Ufer, 199 welches ſich jedoch nur einige Fuß über dem Waſſer⸗ ſpiegel erhob. Ralph ſah den Glanz auf der ruhigen, dunkeln Fläche und glaubte, dahinaus müſſe ſein Weg führen, er riß das Pferd an dem Zügel nach dem Abhang hin, doch dieſes ſträubte ſich, der Lenkung zu folgen. Mit einem halblauten Fluch riß er abermals an dem rechten Zügel, ſchlug die Sporn in die Seiten des Thieres und mit einem weiten Sprunge ſetzte daſſelbe in das Waſſer hinab, daß es ſammt ſeinem Reiter in ihm verſank. Im nächſten Augenblick hob ſich die Stute wieder auf die Oberfläche und Ralph hing auf ihr und hielt ihren Hals mit ſeinen Armen umklam⸗ mert. Die Müdigkeit hatte ihn für den Augenblick verlaſſen, er gewann ſeinen Sitz im Sattel wieder und lenkte nun das ſchwimmende Pferd dem Ufer zu, von welchem daſſelbe herabgeſprungen war. Vergebens ſtrengte ſich das Thier an, dieſes zu erklimmen, es ſank immer wieder in die Fluth zurück, ſo ſehr die Sporn ſeines Reiters es auch anfeuerten. Schnau⸗ bend hob es ſich und ſuchte mit ſeinen Vorderfüßen in der Uferbank zu erſeren wandte es ſich ſeitwärts, um einen andert Platz zu gewinnen, auf dem es fußen könne, ſein Reiter riß es immer nach derſelben unerſteiglichen Stelle hin. Faſt eine Stunde hatte ſich ſchon die edle, treue Stute abgearbeitet und ſank immer tiefer unter den 200 Spiegel der Fluth, ſo daß bald nur noch ihre Nüſtern über demſelben hervorſahen, aus denen ſie das Waſſer ſchnaubend ausblies. Ralph war erſtarrt gegen ihren Nacken geſunken und hielt, kaum noch ſeiner ſelbſt ſich bewußt, an ihren Mähnen feſt. Da nahete ſich ein Reiter dem verhängnißvollen Platz und wurde durch das Schnauben des verſin⸗ kenden Thieres zu ihm herangezogen. Der Reiter war Tallihadjv, der vor der Wohnung Ralph's lange vergebens auf deſſen Rückkehr gewartet hatte, weil er ihn zu ſprechen wünſchte. Als der Häuptling in der dunkeln Maſſe, die ſich über dem Waſſer erhob und wieder in ihm verſank, einen Reiter erkannte, ſprang er von ſeinem Pferd und nach dem Ufer hin, ergriff das Gebiß der Stute, hob ihren Kopf empor und leitete ſie am Zügel nur eine kurze Strecke ſeitwärts, wo ſie Boden faßte und nit Ralph auf das Trockene ſtieg. Mit großer Ueberraſchung gewahrte Tallihadjo nun, daß es Ralph war, den er dem ſichern Tode entriſſen habe, und der kaum noch im Stande war, ſich in dem Sattel zu erhalten. Er ſprach zu ihm, ſchüttelte ihn beim Arm, doch ſtatt der Antwort erhielt er nur unverſtändliche, halb ausgeſprochene Worte. Der Häuptling holte nun ſein eigenes Pferd her⸗ bei, ergriff die Zügel beider Thiere und leitete ſie 201 Ralph's Wohnung zu, die er nach einer halben Stunde erreichte. Die Neger, die der Ankunft ihres Herrn harrten, kamen ihm entgegen, öffneten das Thor und hoben ihn vor der Veranda vom Pferde, wozu ſie Gewalt gebrauchen mußten, da er den Hals des Thieres nicht loslaſſen wollte. Sie trugen ihn nun nach ſeinem Zimmer; Talli⸗ hadjo ſah ihm kopfſchüttelnd nach, dann beſtieg dieſer ſein Roß und verſchwand bald darauf in der Dunkelheit. Ralph war heute Vater geworden, Elviſe hatte ihn mit einem ſtarken geſunden Knaben beſchenkt. Be⸗ ſeligt hielt ſie auf ihrem Ruhelager das Kind in ihrem Arm, das theuere Kleinod, in dem ſie einen irdiſchen Himmel für ſich erblickte. Es ſollte ihr all' das Glück gewähren, welches ihr bis jetzt in ihrem Eheſtand nicht zu Theil geworden war, es ſollte die Thränen fern von ihr halten und ihr ihre Einſamkeit, ihr Verlaſſenſein verfüßen. Mit wonnigen, freude⸗ trunkenen Blicken hingen ihre Augen an dem ſchlum⸗ mernden, ſüßen Liebling, der mit jeder Bewegung ſeiner kleinen Bruſt Seligkeit für ſie athmete, und alle die ſchweren Schickſale, die herben Leiden, die ſie betroffen, verſchwanden vor dieſem Quell des Glücks. Die treue Eva ſtand an dem obern Ende des Lagers an den Bettpfoſten angelehnt und blickte mit Entzücken ſchweigend auf ihre glückliche Herrin und 202 deren Säugling, ſie fühlte mit ihr, ſie athmete mit ihr, als ob ſie einen Antheil an dem Kinde habe. „Iſt Dein Herr noch nicht nach Hauſe gekommen, Eva?“ fragte Elviſe die Selavin mit leiſer Stimme. „Ich glaube, ich habe ihn kommen hören“, ant⸗ wortete dieſe. „Sollte man es ihm nicht geſagt haben, daß er einen Sohn beſitzt?“ „Ich kann mich auch geirrt haben“, erwiederte Eva. „So gehe, ſieh ſelbſt, ob er es war, und bringe ihm die frohe Botſchaft“, fuhr Elviſe fort und wandte dann ihre Blicke wieder auf ihr Kind. Eva wußte es recht wohl, daß ihr Herr nach Hauſe gekommen war, und es that ihr im Herzen weh, daß derſelbe ſein neues Glück noch nicht begrüßt hatte, ſie eilte hinaus nach dem Wohnzimmer, und als ſie daſſelbe leer fand und nirgends ſich Jemand zeigte, lief ſie nach der Küche. Dort ſaßen ſämmtliche Neger zuſammen und lachten und ſcherzten über das Aben⸗ teuer, welches Ralph begegnet war. Der Eine glaubte Dies, der Andere Jenes; doch darin kamen ſie ſämmt⸗ lich überein, daß er ſehr betrunken ſei. Mit Entſetzen hörte Eva dieſe Nachricht und eilte zu ihrer Herrin zurück, nicht um ihr dieſelbe zu über⸗ bringen, ſondern um ſie ihr zu verheimlichen. „Der Herr iſt in Tallahaſſee geweſen, von wo er ſehr ermüdet zurückkehrte und ſich ſogleich zur Ruhe er die Selavin einen Augenblick an, dann 203 begab, denn keiner von den Negern hat ihm ſein und unſer Glück mitgetheilt“, ſagte Eva, als ſie zu Elviſen's Lager trat. „Er wußte aber doch, daß ich mich heute früh nicht wohl fühlte, und hätte ſich wohl nach mir er⸗ kundigen können“, bemerkte Elviſe wehmüthig. „Um ſo größer wird ſeine Ueberraſchung und ſeine Freude ſein, wenn er morgen früh erfährt, daß Du, Herrin, ihn mit einem Sohn beſchenkt haſt“, erwie⸗ derte Eva und bot Elviſen dann ein Glas mit Reis⸗ waſſer an, welches ſie aus der Küche mitgebracht hatte. Die eiſerne Geſundheit Ralph's trotzte dem gewalt⸗ ſamen Angriff, den er in vergangener Nacht auf ſie gemacht hatte, und bemeiſterte alle nachtheiligen Folgen des unnatürlichen, kalten Bades; er erwachte früh Morgens geſtärkt und mit klarem Geiſte und ſchritt ſeiner Gewohnheit gemäß hinaus unter die Veranda, um ſeinen Kopf in einen Napf mit kaltem Waſſer zu tauchen und ſich zu erfriſchen. Eva eilte ihm aber nach und hielt ihn mit den Worten zurück: „Herr, Du haſt einen Sohn bekommen, ich wünſche Dir alles Glück dazu.“ Ein freudiger Schreck fuhr durch Ralph's Seele, die Nachricht traf ihn unerwartet, denn ex hatte dieſe Zeit noch entfernter geglaubt, und überraſ 204 er nach dem Zimmer ſeiner Frau und öffnete ſehr bewegt, doch vorſichtig, die Thür. Die Stimme der Natur war in ihm erwacht und hatte die Schläge ſeines Herzens verdoppelt, ſein eigenes Fleiſch und Blut ſollte er neu geboren vor ſich ſehen, er nahete ſich leiſen Trittes dem Bett und ſein freudig forſchender Blick begegnete dem ſeiner Gattin. „Ralph“, ſagte Eloiſe mit mildem, liebevollem Ton und hielt ihm ihre Hand entgegen, die dieſer mit ſichtbarlicher Rührung ergriff und an ſeine Lippen preßte. Nun ſchlug Elviſe den leichten Schleier zurück, der über dem ſchlafenden Kinde lag, und zeigte mit ſeligem Entzücken dem Vater ſeinen Sohn. Dann nahm ſie das Kind auf ihre Hände und hielt es Ralph hin, der es liebkoſ'te, bis es aus ſeinem Schlummer erwachte und laut zu ſchreien begann. Es hatte die Eltern verſöhnt, alle früheren Störungen ihres ehelichen Glückes waren vergeſſen, und freudig ſchlugen ihre Herzen einander entgegen. Eva hatte ſich unbemerkt in das Zimmer geſchlichen und erkannte mit inniger Rührung die Veränderung, die in den gegenſeitigen Gefühlen ihrer Herrſchaft ein⸗ getreten war; als aber Eloiſe ſie bemerkte und ſie herbeirief, um das Kind zu nehmen und es zu be⸗ ruhigen, pries ſie deſſen Schönheit und Stärke und 1 — 205 behauptete, es ſei ſeinem Vater, wie aus den Augen geſchnitten, ähnlich. Dies wichtige Ereigniß ſchien Ralph gänzlich um⸗ geſtaltet zu haben, er gab ſeine unſtäte Lebensweiſe auf, blieb des Tages über mit ſeinen Negern an der Arbeit und verbrachte die Abendſtunden bei Frau und Kind. Er war entſchloſſen, ſeine Vermögensverhältniſſe zu ordnen, und ſtellte eine Rechnung über ſeinen Beſitz und ſeine Schulden auf. Dieſelbe fiel nun über ſein Erwarten zu ſeinem Nachtheil aus, denn ſeine Schulden waren bedeutend größer, als er geglaubt hatte, und er wußte, daß man mit dem neuen Jahre auf Zah⸗ lung dringen würde. Seinen Viehſtand durch Verkauf noch mehr zu ſchwächen, ſchien ihm nicht rathſam, denn derſelbe bot ihm in dem Zuwachs den leichteſten und ſicherſten Gewinn, Land konnte er augenblicklich nur zu einem niedrigen Preis verwerthen, während es ihn in einiger Zeit zum reichen Manne machen mußte, und der Verkauf ſeiner Neger nahm ihm die Möglichkeit, ſeine Felder zu erweitern und werthvolle Ernten zu erzeugen. Unſchlüſſig, was er thun ſollte, verbrachte er den Reſt des alten Jahres, und mit dem neuen erſchienen auch die Gläubiger und baten um Zahlung für ihre Forderungen. Ralph verſprach, ſie bald zu befrie⸗ 266 digen, erhielt von ihnen auch neue kurze Friſten, doch ſeine Lage erſchien ihm mit jedem Tage mißlicher. Da trat er eines Abends zu Eloiſen in's Zimmer, ſetzte ſich neben ihr vor dem Kaminfeuer nieder und ſagte: „Wie wäre es, Eloiſe, wenn wir hier eine Wirth⸗ ſchaft anlegten? Es iſt auf weit und breit kein Gaſt⸗ haus an der Straße, in dem ein Reiſender einkehren kann, dieſelben hängen von der Gaſtfreundſchaft der Pflanzer ab, und Viele würden es vorziehen, für ihr Geld ein Unterkommen zu finden. Außerdem wird jetzt eine Fahrpoſt zwiſchen Tallahaſſee und Columbus errichtet, die hier in der Gegend jedenfalls einen Stationsort anlegen müßte. Mit dem Unternehmer, dem der Staat die Beförderung der Wagen verpachtet hat, bin ich bekannt, und es könnte ihm nur erwünſcht ſein, bei uns ſeine Pferde zu ſtellen, wenn die Paſ⸗ ſagiere hier bewirthet werden könnten. Daß wir viel Geld dabei verdienen würden, darüber iſt kein Zweifel vorhanden, denn die Zahl der Reiſenden mehrt ſich mit jedem Tage; es fragt ſich nur, ob es Dir ange⸗ nehm ſein würde, einer Wirthſchaft vorzuſtehen?⸗ Eloiſen kam der Vorſchlag ganz unerwartet, ſie ſchwieg einen Augenblick und ſah ſinnend vor ſich nieder, dann ſagte ſie: „Dir zu Gefallen, Ralph, thue ich Alles gern, und werde auch, wenn Du es wünſcheſt, einer Wirth⸗ — 207 ſchaft vorſtehen. Bedenke aber, daß dadurch fremde Menſchen in unſern häuslichen Kreis Eintritt erhalten und leicht Unfrieden in denſelben bringen können. Wir leben ja ſo glücklich, was wollen wir mehr?“ „Wir erhalten einen ſehr leichten und ſichern Er⸗ werb dadurch und hängen nicht von dem Fleiß oder der Faulheit der Neger ab, wir haben keine Mißernten zu befürchten und auch kein Sinken der Preiſe für unſere Produkte. Und was die fremden Menſchen anbetrifft, ſo kommen dieſelben mit unſerm häuslichen Glück in keine Berührung, ſie erhalten ihre Beköſtigung und, wenn ſie wollen, Schlafſtelle, zahlen ihr baares Geld und reiſen weiter. Im Gegentheil, ich glaube, daß uns dadurch manche angenehme Unterhaltung zu Theil werden wird, denn wir hören von Reiſenden die Neuigkeiten im Norden und Süden“, erwiederte Ralph. „Wie geſagt, Ralph, ich habe Nichts dagegen ein⸗ zuwenden und hoffe wohl im Stande zu ſein, die Wirthſchaft zu Deiner Zufriedenheit zu führen. Nur eine Bitte hätte ich dabei zu thun“, ſagte Eloiſe etwas verzagt. „Und die wäre?“ antwortete Ralph. „Du darfſt ſie mir aber nicht mißdeuten, Beſter“, bemerkte Elviſe zögernd. „Nein, nein, ſprich nur aus, was Du wünſcheſt, Elviſe; Du haſt ja Dein Wort dabei mitzureden.“ 208 „Nun denn— ich möchte nicht gern— daß geiſtige Getränke hier verſchenkt würden. Ich glaube, wir würden uns durch dieſe Vorſicht manche Unannehm⸗ keit erſparen“, erwiederte Elviſe verlegen. Ralph war überraſcht und ſah im Bewußtſein ſeiner Schuld im erſten Augenblick in Elviſen's Bitte einen Vorwurf gegen ſich ſelbſt, dann aber enthielt der Grund, den ſie angab, ſo viel Wahrheit, daß er Nichts dagegen einwenden konnte, und er ſagte: „Du haſt vollkommen Recht, Elviſe, es iſt ja außerdem in den meiſten Gaſthäuſern an der Straße eingeführt, keine ſolche Getränke verabfolgen zu laſſen. Dieſe Bitte iſt alſo auf das Vollkommenſte gewährt, und wenn Du ſonſt Nichts einzuwenden haſt, ſo öffnen wir bald den Reiſenden unſer Haus“, ſagte Ralph mit großer Zufriedenheit. „Nichts weiter habe ich einzuwenden und verſpreche Dir, mein Beſtes zu thun.“ „Ich werde ſogleich am Eingang der Allee an der Straße ein großes Schild aufſtellen, damit die Vor⸗ überziehenden auf unſer Haus aufmerkſam gemacht werden. Du mußt ihm aber einen Namen geben, wie ſollen wir es nennen?“ „Nun, Eintracht, Concordia, das iſt ein hübſcher Name“, ſagte Eloviſe freudig. „Das iſt er auch, Concordia ſoll unſer Haus heißen, und morgen reite ich nach D...., um das ———— ——————— . 6⁸ — 209 Schild zu beſtellen. Dann werde ich auch einige von unſern Faullenzern, unſern Negern, zu verkaufen ſuchen, damit wir ſie nicht unnöthig füttern“, ſagte Ralph. „Die Neger verkaufen, Ralph, warum denn Das?⸗ bemerkte Elviſe erſtaunt. „Pflanzer und Wirth zugleich, liebes Kind, das verträgt ſich nicht zuſammen.“ „Ich glaubte gerade im Gegentheil, es vertrüge ſich ſehr gut.“ „Nein, nein, der Wirth muß nur ſeine Bedürfniſſe ziehen, und dazu ſind für uns zwei Neger vollkommen ausreichend. Dann kann ich ſtets in der Wirthſchaft ſein und brauche mich nicht um das Feld zu kümmern. Außerdem bekommen wir durch den Verkauf etwas baares Geld in die Hand, was doch auch bei einem neuen Geſchäfte angenehm iſt“, ſagte Ralph leicht hin. „Ich meine, Du hätteſt mir geſagt, daß Du bei Herrn Behrend noch ein Kapital ſtehen hätteſt“, ant⸗ wortete Elviſe verwundert. „Nun ja, ich habe es aber dem guten Manne für dieſes ganze Jahr noch zugeſagt und mag ihn doch nicht beläſtigen. Jedenfalls ſind uns die Neger un⸗ nöthige Eſſer und das baare Geld bringt uns gute Zinſen“, erwiederte Ralph, ohne verlegen zu werden. „So mache es, wie Du willſt, mir ſoll es recht ſein“, ſagte Elviſe und legte ihre Rechte in die Hand Ralph Norwood. M. 14 210 ihres Gatten, während ſie auf ihrem linken Arm ihren kleinen Liebling hin und her wiegte. Am folgenden Morgen frühzeitig ritt Ralph mit Dreien ſeiner Neger nach D.... zu Herrn Behrend, theilte ihm ſein Vorhaben mit, ein Gaſthaus anzu⸗ legen, und führte Dieſes als Grund an, daß er die Neger wieder verkaufen wolle. Behrend übernahm es, die Selaven zu verwerthen und verſprach, den Betrag dafür, nach Abzug ſeiner Forderung, zu Ralph's Verfügung zu halten. Dieſer beſtellte nun auch bei einem Schreiner das Schild, welches vor der Allee an der Straße aufgepflanzt werden ſollte, gab ihm den Auftrag, eine Anzahl ge⸗ wöhnlicher Bettſtellen anzufertigen, und kaufte dann vor ſeiner Abreiſe noch von Herrn Behrend die nö⸗ thigen Gegenſtände, deren er zur Einrichtung ſeines Gaſthauſes bedurfte. Wirklich ward nach einigen Wochen das Concordia⸗ Hotel von Norwood eröffnet, und die Reiſenden, die in demſelben einkehrten, konnten die Bewirthung, welche ihnen dort zu Theil geworden war, nicht genug rühmen. Es gelang Ralph auch, den Unternehmer, der die Beförderung der Poſt gepachtet hatte, zu beſtimmen, in ſeinem Hauſe die Station anzulegen, wodurch er auf einen regelmäßigen Fremdenverkehr rechnen konnte. Alles ſchien ſich in Ralph's Haus zum Guten wen⸗ den zu wollen, denn es fehlte nicht an Gäſten, Elviſe 244 ſorgte mit der fleißigen Eva für deren gute Bedienung und die hohen Preiſe, die man ihnen berechnete, zahlten dieſelben mit Freuden und erklärten, daß an der ganzen Straße bis nach Columbus kein ſo gutes Gaſt⸗ haus zu finden ſei. Ralph ſagte die neue Beſchäftigung ganz beſonders zu, denn er hatte jetzt gar nichts zu arbeiten. Er unterhielt ſich mit den Fremden, ſpeiſte und rauchte mit ihnen und gab ihnen auch häufig einige Meilen Weges das Geleit, wo man dann in einem Trinkhauſe Abſchied von einander nahm. Da Wildprett und Fiſche in der Küche jederzeit ſehr willkommen waren, ſo ging er nun häufig auf die Jagd, oder zum Fiſchen, wobei ihn dann ſeine früheren Cameraden begleiteten und Elviſe ſah es nicht mehr als eine Vernachläſſigung an, wenn er während des ganzen Tages abweſend war, und oft erſt ſpät in der Nacht nach Hauſe zurück⸗ kehrte. Sie war ſelbſt fortwährend ſo ſehr beſchäftigt, daß ſie ſich nicht mehr einſam fühlte und traten ein⸗ mal Stunden der Ruhe ein, ſo hatte ſie ihr größtes Glück, ihren Sohn, bei ſich, der ſich zuſehends und herrlich entwickelte, und deſſen ſüßes liebliches Lächeln jeden in ihr aufteimenden trüben Gedanken verſcheuchte. N Ein freies Volk, welches ſelbſt ſeine Verhältniſſe, Zuſtände und Intereſſen, ſowohl in ſeinem Innern, 14* 212 als auch nach Außen hin überwacht, über dieſelben nachdenkt, ſie abwägt und ſie lenkt, wird, wie ein thä⸗ tiger großer Geſchäftsmann, zu jeder Zeit ein Begeb⸗ niß, eine Hoffnung, eine Unternehmung, eine Entſchei⸗ dung vor Augen haben, die ſeine ganze Aufmerkſam⸗ keit beanſprucht und es mehr oder weniger in Aufre⸗ gung verſetzt. Das ſchöne Florida war augenblicklich der Gegen⸗ ſtand, der die Gemüther der Amerikaner lebhaft be⸗ wegte, und für welchen ſich ihr Intereſſe von Tag zu Tag ſteigerte. Sie hatten dies herrliche Land der Blumen von Spanien gekauft und ihr Geld dafür be⸗ zahlt, und doch konnten ſie es nicht nach Belieben be⸗ nutzen und die Vortheile nicht daraus ziehen, die es ihnen ſo unerſchöpflich bot. Das Eigenthumsrecht Spaniens, inſofern dieſe Macht ein ſolches auf Florida beſaß, war allerdings auf di nerikaner übergegangen, das Recht aber, welches ein Beſitz während vieler hundert Jahre den Ureinwohnern deſſelben, den Seminolen, gegeben hatte, machte es ihnen ſtreitig. Wenig würde dies Recht aber berückſichtigt worden ſein, hätte man es in ſeiner Macht gehabt, dieſen ganzen Völkerſtamm aus ſeiner Heimath zu verjagen, oder ihn zu vernichten; an dem Willen hierzu hatte es noch keinen Augenblick gefehlt. Wenn auch die Zahl der Seminolen, die einſt über zwanzigtauſend Seelen betragen hatte, jetzt ſchon durch 213 die Vertilgungsmittel der Weißen, durch Branntwein und Krankheiten auf die Hälfte verringert worden war, ſo blieb ſie doch immer noch in der Wildniß dieſes Landes eine Macht, die den Waffen der Amerikaner Trotz bot. Das Verfahren, Schritt für Schritt mit Anſie⸗ delungen vorzurücken, wie man es gegen die Indianer im Weſten beobachtet, die ſich in demſelben Verhältniß zurückziehen können, war in Florida nicht anwendbar, indem die Seminolen ihr Land nicht verlaſſen und es nicht gegen ein anderes vertauſchen konnten; um jeden Schritt, den die Weißen vorwärts thaten, wurde der Grundbeſitz Jener kleiner, deren Nahrungsquellen ge⸗ ringer und ihr Widerſtand gegen die Landräuber hart⸗ näckiger. Ein Krieg zur gänzlichen Vertilgung dieſer unglück⸗ lichen Ureinwohner ſtand ſchon ſeit Jahren in Ausſicht, doch immer noch hatte man die Koſten und die Opfer geſcheut, die derſelbe beanſpruchen würde. Der Werth jenes Landes aber wurde von Tag zu Tag bekannter, die Luſt der Amerikaner, Beſitz davon zu nehmen, immer reger, und die Aufforderungen hierzu an die Regierung in Wafhington lauter, öffentlicher und drin⸗ gender. Dazu kam, daß in letzterer Zeit die Angriffe der Seminolen auf die weißen Eindringlinge, nament⸗ lich im Süden Floridas, häufiger und mit mehr Grau⸗ ſamkeiten verbunden geweſen waren, als früher, welches 214 die Zeitungsſchreiber benutzten, um das amerikaniſche Volk gegen die Wilden aufzubringen. Umſonſt erhoben ſich einzelne Stimmen zu Gunſten der Seminolen, wieſen auf deren angeſtammte Rechte hin und forderten auf, im Wege der Unterhandlung das Land von ihnen zu gewinnen; ſie wurden hundert⸗ fach überſtimmt und„Krieg gegen die Unmenſchen, die Kannibalen!“ ſchallte es durch die ganzen vereinigten Staaten. Im Norden Floridas, wo die Indianer mit der verdrängenden Civiliſation bereits ſeit vielen Jahren in Berührung gekommen waren, hatten die einzelnen Stämme ſchon vieles von den Weißen angenommen, namentlich in Bezug auf ihre häuslichen Einrichtun⸗ gen; ihre Häuſer, ihre Felder waren beſſer angelegt, als die ihrer rothen Brüder im Süden, ſowie im Innern des Landes; ſie gebrauchten die Handwerks⸗ zeuge der Amerikaner, und ihr Vieh war von edeler Race, während jene anderen Stämme noch ihre Hütten von Palmblättern anfertigten, nur einzelne hier und dort ein wenig Mais zogen und auf die Veredelung ihrer Heerden keine Sorge verwandten. Auch der gei⸗ ſtige Zuſtand der Seminolen an der Landesgrenze hatte ſich an der benachbarten Bildung abgeſchliffen, ſie folgten nicht mehr ausſchließlich den Eingebungen ihres natürlichen Gefühls und viele Anſichten, viele Gebräuche ihrer weißen Nachbarn fanden bei ihnen —— — — Anklang. Die große Volksmaſſe aber im Innern des Landes befand ſich ſo zu ſagen ganz in dem Zuſtand der Natur, da noch keine Einflüſſe von Außen dage⸗ gen eingewirkt hatten, und nur die Abnahme an Wild, ſo wie der immer kleiner werdende Flächenraum, auf dem die Stämme zuſammengedrängt wurden, hatte ſie vermocht, hin und wieder Mais zu bauen. Wenn ſie ſich auch widerſetzten, ihre rothen Brüder, die von den Weißen zurückgedrängt wurden, in ihre Jagdgründe aufzunehmen und oftmats blutige Streitigkeiten dadurch herbeigeführt wurden, ſo mußten ſie doch der Nothwen⸗ digkeit nachgeben, waren aber deshalb auch um ſo be⸗ reitwilliger, dieſelben zu unterſtützen, wenn ſie Rache an den Eindringlingen ausüben wollten. Die Anſiedelungen der Amerikaner an der Küſte des ſüdlichen Floridas wurden täglich mehr von den Urbewohnern bedrängt, die Häuſer der Erſteren wur⸗ den niedergebrannt, die Felder zerſtört, Vieh und Pferde hinweggetrieben und die Menſchen gemordet. Mehrere hundert Weiße waren dort im Laufe des letzten Jahres von den Wilden auf die grauſamſte Art getödtet worden, und der Name Osmakohee wurde von den Grenzbewohnern mit Schrecken genannt. Dieſer Häuptling zog als Siegesprophet von Stamm zu Stamm, verkündete im Namen des großen Geiſtes, daß der Tag der Rache an den Bleichgeſichtern nahe ſei, daß man bald den Kriegsruf Tallihadjo's durch ganz Florida hören werde und forderte auf, ſich zum großen Kampfe zu rüſten. Mit Begeiſterung wurden ſeine glühenden Reden gehört, der tiefgewurzelte Haß der Indianer gegen die Weißen loderte in hellen Flammen auf und machte ſich in kleinen Vorſpielen zu dem großen blutigen Rachetag Luft. Allenthalben, wo Osmakohee an der Indianergrenze erſchien, fiel man über die nahen Niederlaſſungen der Amerikaner her, und der Prophet bezeichnete ſeinen Weg an dieſer Frontier mit Feuer und Blut. Die Hülferufe der weißen Floridaner ſchallten immer dringender in das Kapitolium zu Waſhington, ſo daß die Regierung endlich Anſtalten machte, denſelben den nöthigen Schutz zu ſenden. Eine Truppenmacht landete an der weſtlichen Küſte Südfloridas in der Tampabay und ſtellte die an der⸗ ſelben gelegene Feſtung Brooks wieder her, um von dort aus den Anſiedlern zu Hülfe zu kommen. Auch wurden jetzt im Congreß zu Waſhington ernſtliche Be⸗ rathungen gehalten, auf welche Weiſe man Florida am leichteſten von den Wilden ſäubern könne, und die meiſten Anträge lauteten auf einen Vertilgungs⸗ krieg, da derſelbe weniger Koſten bedingen würde, als ein Ankauf des Landes von ſeinen Urbewohnern. Das Leben der vielen Soldaten, die dabei als Opfer fallen mußten, wurde nicht in Anſchlag gebracht. Zu den Ohren Tallihadjo's war ſowohl die Rachricht von dem — *, S.—— ————— 217 voreiligen Beginnen Osmakohee's gedrungen, als auch vi Kunde von der Landung der Truppenmacht in Tampabay. Sein alter Freund Arnold hatte ihn von dem Beginnen in Waſhington unterrichtet, und durch ihn hatte er erfahren, daß auch in Georgien die Sym⸗ pathie für die Seminolen ſehr abgenommen habe, wenngleich Arnold ſelbſt, ſo wie auch ſein Sohn, dem Häuptling mit treuer Freundſchaft zugethan blieben. Tallihadjo vernahm dieſe Mittheilungen, ohne durch ſein Aeußeres zu verrathen, welchen Eindruck ſie auf ſein Gemüth hervorbrachten und verſicherte Arnold, daß er, was ſich auch zutragen möge, ſtets ein treuer Freund von ihm und den Seinigen bleiben werde. Eine Ruhe, wie ſie dem Orkan vorherzugehen pflegt, lag jetzt auf Florida, die Weißen umgaben ihre Niederlaſſungen mit Palliſaden, machten ihre Häuſer kugelfeſt und brachten in deren Wänden Schießlöcher an. Eine jede Familie zog ſo viele Männer zu ſich heran, als ihr möglich war zu bekommen, und Alle verſorgten ſich mit Waffen und Munition. Kein In⸗ dianer ließ ſich mehr bei ihnen blicken und kein Weißer wagte ſich in die Gebiete der Wilden. Es war den Kaufleuten auf das Strengſte verboten, den Indianern Pulver oder Blei zu verkaufen, das gänzliche Ver⸗ ſchwinden von Dieſen jedoch überhob Jene einer jeden Verſuchung, das Verbot zu übertreten. Demohnge⸗ achtet wurden die Seminolen nun erſt recht mit Mu⸗ 218 nition verſorgt, denn der Amerikaner läßt keine Ge⸗ legenheit, Geld zu verdienen, ungenutzt vorübergehen; von andern Staaten her führten viele Händler bei Nacht und Nebel ſchwere Ladungen mit Büchſen, Pul⸗ ver und Blei auf Packthieren in die Indianergebiete und machten glänzende Geſchäfte damit. An der Grenze von Georgien und auch in Tallahaſſee wurden ſolche Uebelthäter ertappt und kurzweg aufgehangen, nichts deſtoweniger ward das Geſchäft fortgeſetzt und die Seminolen erhielten nach wie vor alles, was ſie wünſchten. Der Herbſt hatte Florida mit friſchem Grün ge⸗ ſchmückt, die Laubholzdickungen, welche ſich durch die unabſehbaren Fichtenwälder hinziehen, hatten ſich von der Dürre des Sommers erholt und ſich mit neuem ſaftigem Laub bedeckt, und die Herbſtflor hatte die wundervollſten Blüthen über Wald und Wieſen aus⸗ geſtreut. Der Mond warf ſein ſtilles helles Licht über die Erde und ein kühlender Seewind ſtrich erguickend durch die heiligen, noch nicht von der Axt der Weißen verſtümmelten Haine der Indianér. Vor Tallihadjo's Hütte lagen die Seinigen um das niedergebrannte Lagerfeuer hingeſtreckt in ruhigem Schlafe, nur der Häuptling und Onahee ſaßen in einiger Entfernung an dem Ufer des Fluſſes unter einer Cypreſſe, deren Gipfel die Nachtluft hin und her — 2¹9 wiegte; ſie ſchauten in die eilenden Wellen, die rau⸗ ſchend unter ihren Füßen dahinſpielten. Ernſt und unbeweglich ſaß Tallihadjo, von dem Lichte des Mondes beſchienen, die finſtere Gluth ſeiner großen dunkeln Augen verrieth das Leid und den Schmerz, der ſeine Bruſt bewegte, und auf ſeinen braunen eiſernen Zügen ſtand das Schickſal ſeines Volkes und ſeines Vaterlandes geſchrieben. „Der letzte Tag nahet, Onahee,“ ſagte er nach langem Schweigen„der Tag an dem die Seminolen aufhören werden, ein Volk zu ſein. Uneinigkeit und Selbſtſucht gräbt ihnen das Grab. Vergebens habe ich es verſucht, die Stämme unter ſich zu einen, um⸗ ſonſt habe ich die Häuptlinge im Innern des Landes aufgefordert, ſich zum großen Kampfe zu rüſten. Oeevla antwortete mir, er werde ſeine Wälder durch —— Fällen von Bäumen für die Bleichgeſichter unzugäng⸗ 5 lich machen und ſie dann dort erwarten; Sam Jones ſagte, er ſei in ſeinen Sümpfen ſicher vor den Weißen, S bis ſie zu ihm gelangen könnten, würden die Alliga⸗ toren ſie verzehrt haben; Schenanda ließ mir melden, wenn die bleichen Männer in ſeine Berge eindringen wollten, müßten ſie klettern lernen, wie die Panther, er werde ſeine Felſen auf ſie hinabrollen und ſie unter denſelben begraben. So will jeder Stamm ein Volk für ſich vorſtellen, ein jeder kleiner Häuptling dünkt ſich Herrſcher der Seminolen, und ehe die Einzelnen 220 ihre Unbedeutſamkeit erkennen, werden wir ſämmtlich eine Beute des Adlers ſein. Vereinigt hätte unſer Volk die weiße Brut in Florida erdrückt und, wie die Windsbraut die Wälder vor ſich niederſtürzt, ſich durch die Länder der Amerikaner einen Weg nach dem We⸗ ſten bahnen können, um dort als mächtige unbeſiegte Nation ſich eine neue Heimath zu gründen; uneinig aber, wie wir ſind, wird ein Stamm nach dem an⸗ dern fallen, bis das Herz des letzten Seminolen auf⸗ gehört hat zu ſchlagen. Noch wäre es Zeit für ſie, ſich zu retten, wollten ſie Alle dies Land verlaſſen, das ihnen nichts anderes mehr bietet, als eine Grab⸗ ſtätte; ihr Herz aber hängt an den dunkeln Wäldern, an den klaren Gewäſſern, an dem blauen Himmel ihrer Heimath, der ſie ihre Freiheit, ihr Leben opfern werden. Der große Geiſt macht ſie blind, damit ſie die Wege der Bleichgeſichter nicht erkennen ſollen.“ Hier ſchwieg der Häuptling, ſtützte den Arm auf ſein Knie und ſenkte die Stirn in die Hand. Der Wind rauſchte in den Rieſenpflanzen des Ufers und der nahe Waſſerfall ließ ſein eintöniges Brauſen durch die mondhelle Nacht ertönen. „Noch haben die Seminolen die Stinn Talli⸗ hadjo's nicht gehört, auf die ſie ſo lange vergeblich gewartet; wie können ſie ihr folgen?“ ſagte Onahee, und richtete ihre großen Augen fragend auf den Häuptling. „ 221 „Er hatte durch die Zunge Osmakohe's zu ihnen geſprochen und nur die Grenzbewohner haben ſeiner Rede ihre Herzen geöffnet,“ erwiederte Tallihadjo, ohne aufzublicken. „Wenn es im Süden am nächtlichen Himmel wetterleuchtet, erheben ſich die durſtigen welken Pflanzen nicht, nur wenn der Sturm ſich ihnen ſelbſt nahet und neue Lebenskraft über ſie ausgießt, ſtehen ſie auf und lauſchen gekräftigt ſeiner Stimme. Zu lange ſchon haſt Du geſchwiegen, zu lange hat das Volk Deinen Blick nicht geſehen, Du haſt Freunde unter den Bleich⸗ geſichtern und haſt Neider und Feinde unter den Häupt⸗ lingen unſeres Volkes. Es iſt hohe Zeit, Tallihadjv, daß Du die Seminolen in Dein Herz blicken läſſeſt,“ ſagte Onahee mit mahnender Stimme. „Leicht iſt es, auf der Spitze der Schneegebirge einen Ball zu drücken und ihn nach dem Thale hinab⸗ zurollen, kein Menſch aber hält ihn wieder in ſeinem Laufe auf, und keiner kann ſagen, was die Lavine in ihrem Sturze mit ſich fortreißen und verſchütten wird. Um meines Volkes Willen habe ich gezögert, deſſen Geſchick zu erfaſſen und die Kriegsfackel anzuzünden, die leicht ſeine Todesfackel werden kann; dieſer Friede aber ſchwächt ſein Herz, lähmt ſeinen Arm und ſtumpft ſeine Waffen ab. Der Tag der Rache bricht an, Onahee, ob ihn unſer Volk überleben wird, weiß Niemand.“ — — — — 222 „So laß es als freies Volk zu ſeinen Vätern gehen, damit ſie es mit Stolz und Freude empfangen können, laß es aber nicht länger in den Laſtern der Bleichge⸗ ſichter verſinken. Auch der Bogen ſeiner Weiber iſt ſtark und ihre Pfeile ſind ſcharf!“ ſagte Onahee mit funkelndem Blick und fuhr indem ſie des Häupt⸗ lings Hand ergriff: „Brichſt Du auf, um zu Deinem Volke zu gehen, ſobald der Himmel im Oſten ſich röthet, Tallihadjo?“ „Leicht läßt die Hand den tödlichen Pfeil vom Bogen ſchwirren, ſie hält ihn aber nimmermehr von ſeinem Ziel zurück. Tallihadjo's Stimme ſoll erſchallen. Wenn das Mondlicht verbleicht, breche ich auf,“ ant⸗ wortete der Häuptling, indem er aufſtand und dann vor Onahee hin nach ſeinem Lager ſchritt. Bei dem Grauen des Tages ſchmückten die Frauen Tallihadjo's deſſen Roß und das Tomorho's mit dem ſchönſten Reitzeng, dieſe beſtiegen mit ihren beſten Waffen die Pferde und von den Kriegern gefolgt, ver⸗ ließen ſie das Lager. Capitel 30. Der Kutſcher.— Die Mittheilung.— Der Fremde.— Zerrüttetes Vermögen. — Die Begegnung.— Muſik.— Beſtürzung.— Der Diebſtahl.— Der Kranke.— Der vermißte Schmuck.— Gefühlloſigkeit.— Roheit.— Ent⸗ ſchloſſenheit.— Kurzer Abſchied.— Pflege. In einem der heitern warmen Tage, wie ſie der Spätherbſt in Florida faſt ununterbrochen bietet, wurde vor dem Hauſe Norwoods eine ſchwere Poſtkutſche mit vier edelen Rappen beſpannt, und der Kutſcher unter⸗ hielt ſich während des Anſpannens mit Ralph, der unter der Veranda an deren Geländer ſaß und ſeine Morgeneigarre rauchte. Das Frühſtück an der Wirthstafel war vorüber und mehrere Reiſende, welche die Nacht hier zugebracht hatten, trugen ihr weniges Gepäck aus dem Hauſe nach der Kutſche, um es in derſelben unterzubringen. Es waren fünf bis an die Zähne bewaffnete Männer und ein Frauenzimmer, welche nur auf den Wink des Kutſchers warteten, um ihre Plätze in dem Wagen einzunehmen. Der Kutſcher aber, der ſich in Hemdsärmeln be⸗ fand und der zwei Piſtolen und ein langes Meſſer in dem Gürtel trug, war Soublett, deſſen Bekanntſchaft — Ralph damals in D.... machte, als er deſſen Freund Garrett kennen lernte. Unter vielem Fluchen und Schwören hatte Soublett mit Hülfe des einzigen Negers, den Ralph noch beſaß, die Pferde angeſchirrt, nahm ſeine Jacke von dem Ge⸗ länder der Veranda und warf ſie mit den Worten auf den hohen Bock des Wagens: Fertig zum Einſitzen! Wenn wir bis zur nächſten Station nicht ſämmlich die Hälſe brechen, ſo können wir von beſonderm Glück ſagen. Die verdammten Rothhäute haben an den böſeſten Stellen Bäume ſo in den Weg hineingefällt, daß man nur mit Lebens⸗ gefahr ausweichen kann; es ſollte mich auch gar nicht wundern, wenn wir an einem dieſer Plätze die Kugeln jener Hunde pfeifen hörten. Sie haben doch geladen meine Herren?“ Die Frage wurde von den Reiſenden bejaht, die⸗ ſelben ſtiegen ein, Soublett ergriff die Peitſche und eine Muskete, die beide an die Gallerie gelehnt ſtan⸗ den, und ſtieg auf den Bock hinauf. Dort nahm er aus einer Taſche neben dem Sitze eine Flaſche hervor, that einen langen Zug aus derſelben und ſchickte dann, indem er die Zügel anzog, einen heftigen Peitſchen⸗ knall über die Köpfe der Pferde, der ſie alle viere in große Unruhe verſetzte. „Daß Ihr keinen Branntwein im Hauſe halten wollt, Norwood, thut Euerer Wirthſchaft vielen Scha⸗ 225 den; Ihr ſolltet ein Glas mit Buttermilch auf Euer Schild da draußen malen. Bis auf Wiederſehen, wenn uns der Teufel nicht holt!“ rief der Kutſcher dem Wirthe zu, ließ abermals ſeine Peitſche über die Roſſe ſchwirren, und fort ſprengten dieſe mit der Kutſche durch die lange Allee der Straße zu, auf der ſie in geſtrecktem Galopp davon jagten. Ralph ſaß noch unter der Veranda und folgte mit dem Ohr dem polternden Raſſeln des Poſtwagens, als Elviſe aus dem Hauſe zu ihm trat und ſagte: „Haſt Du von den Fremden Nichts über die In⸗ dianer gehört?“ „In Tallahaſſee und der ganzen Umgegend ſind die Leute in größter Beſorgniß; ſie erwarten jeden Augenblick einen ernſtlichen Angriff von den Wilden. Wie man ſagt, ſollen dieſe durch die Truppenſendung nach Tampabay aufgebracht ſein und ſich allgemein zum Kriege rüſten, erwiederte Ralph, ohne ſich nach Eloiſen umzuwenden. „Gott mag uns vor einem ſolchen Krieg bewahren, wir wohnen hier ſo einſam, ich wüßte nicht, was wir anfangen wollten, wenn uns Indianer überfielen,“ ſagte Elviſe ängſtlich. „Hat nichts zu ſagen, uns werden ſie nicht beun⸗ ruhigen, meine Mutter war ja eine Seminolin, und Lallihadjo iſt mein Freund. Uebrigens wäre es wohl Zeit, daß man das Land von dieſer Plage befreite. Ralph Norwood. MI. 15 226 Ich hätte große Luſt, mich der Regierung als Agenten anzubieten, um mit den Indianern zu unterhandlen; ſie trauen mir mehr, als andern Weißen, und ich ſpreche ihre Sprache.“ „Aber Ralph, wollteſt Du mich denn hier allein laſſen?“ „Nun was wäre denn dabei? Du haſt ja ſchon beinahe ein Jahr die Wirthſchaft mit Eva allein be⸗ ſorgt, und für den Stall bleibt Dir unſer Neger Guy. Die Indianeragenten werden von der Regierung ſehr gut bezahlt. Ich will mir die Sache noch überlegen.“ „Was wird uns die Bezahlung nützen? Du brauchſt dann ſo viel mehr, wenn Du außerhalb leben und umherziehen mußt. Hier zu Hauſe koſtet es Dich ja nichts. Denke nur, wie kann ich ſo ganz allein mit zwei Negern hier wohnen?“ „Vor einer weißen Frau hat Jedermann Reſpekt; es wird Dir Niemand zu nahe treten,“ ſagte Ralph mit entſcheidendem Tone und ſetzte, indem er in der Allee hinaufblickte, noch hinzu: „Dort kommt ein Fremder; wie es ſcheint, ein Herr von dem Norden, das Cabriolet wenigſtens iſt nicht im Süden gemacht.“ Elviſe ging in das Haus zurück und Ralph, der aufgeſtanden und vor die Veranda getreten war, pfiff auf der Fauſt, um den Neger Guy herbeizurufen, da⸗ mit er dem Reiſenden das Pferd abnehme. 227 Der zweiräderige elegante leichte, mit einem edelen Roß beſpannte Wagen näherte ſich jetzt dem Haus. Sein Verdeck war zurückgelegt und ſeinen für zwei Verſonen eingerichteten Sitz nahm ein ſehr bleicher ſchöner Mann und ein hübſcher Negerknabe ein, welcher Letztere das Pferd lenkte, während ſein Herr ſich mit untergeſchlagenen Armen zurück gegen das ſeidene Polſter gelegt hatte. Als der Wagen vor dem Hauſe ſtill hielt, fragte der blaſſe Mann den Wirth, indem er höflich den breitrandigen Strohhut abnahm, ob er hier ein Quar⸗ tier bekommen könne? „Dies iſt ein Gaſthaus und Sie ſind willkommen darin, Herr,“ antwortete dieſer, während Guy herbei⸗ ſprang und die Zugſtränge des Pferdes von dem Wa⸗ gen löſ'te. Der fremde Herr erhob ſich, wie es ſchien, nicht ohne Anſtrengung aus ſeinem Sitz, und der Neger⸗ knabe, der behend aus dem Cabriolet geſprungen war, reichte ihm die Hand, um ihm beim Ausſteigen be⸗ hülflich zu ſein. Er war eine hohe edele Geſtalt, und wenn auch ſeine Haltung von Schwäche und Hinfälligkeit zeugten, ſo lag doch unverkennbar ein vornehmes Weſen in ſeiner ganzen Erſcheinung. Seine männlich ſchönen, ſcharf ausgeprägten Züge waren eingefallen, wodurch ſeine fein gebogene große Naſe um ſo mehr hervortrat, 15* 228 und gegen ſeine ſehr weiße Haut ſtachen die glänzend ſchwarzen, ſich über der Naſe feſt vereinigenden breiten Augenbrauen, ſo wie ſein ebenſo ſchwarzes, langes, lockiges Haar auffallend ab. Die hohe freie Stirn und ſeine geiſtvollen großen dunkeln lebendigen Augen überraſchten und machten den Eindruck des Ungewöhn⸗ lichen. Durch ſeine ganz ſchwarze Kleidung und die blendend weiße Wäſche, die er trug, fiel ſeine Bläſſe noch mehr auf, und ein krampfhafter Huſten, der ihn beim Ausſteigen befiel, bekundete, daß er bruſtlei⸗ dend ſei. Als er zu Ralph hintrat, nahm er abermals ſeinen Strohhut ab und ſagte mit einer leichten Verbeugung: „Mein Name iſt Montelard. Ich bin leidend und meine Aerzte haben mich veranlaßt, den Norden zu verlaſſen und im Süden zu reiſen, indem ſie einſtimmig behaupten, daß die Climaveränderung günſtig auf meinen Geſundheitszuſtand einwirken würde. Es iſt mir vorgeſchrieben, nur kurze Fahrten zu machen und dann zu raſten, weshalb ich wohl einige Tage bei Ihnen verweilen werde, wenn Sie mir die erforder⸗ liche Bequemlichkeit geben können. Ich verſtehe hier⸗ unter namentlich ein eigenes Zimmer.“ „Das ſteht zu Ihren Dienſten, Herr Montelard, und ich glaube, daß ich im Stande bin, Ihnen mehr Bequemlichkeit zu geben, als irgend ein anderer Wirth in unſerer Gegend,“ erwiederte Ralph, indem er ſich — 229 gleichfalls verbeugte und ſeine Augen auf einen ſehr werthvollen Stein heftete, der in einem Ringe an der Hand des Fremden blitzte. „Sie haben ein, in dieſem Lande ungewöhnlich ſchönes Haus, und überhaupt ſcheint auf die Pflege Ihrer Beſitzung mehr Aufmerkſamkeit verwandt zu ſein, als man es hier zu finden gewohnt iſt. Sie haben auch Ställe, was gleichfalls hier im Süden zu den Ausnahmen gehört und mir doppelt angenehm iſt, da ich ſehr viel auf mein Pferd halte,“ ſagte Montelard, indem er ſeinem Roß nachblickte, welches von Guy hinweg geführt wurde. „Die Stallungen ſind gut und ſicher und der Neger, der ſie bedient, iſt ein zuverläſſiger Burſche. Treten Sie aber näher, damit ich Ihnen Ihr Zimmer anweiſen kann,“ antwortete Ralph. „Bring meine Effeeten herein, René,“ ſagte Mont⸗ elard darauf zu ſeinem Negerknaben, und folgte dann Ralph in das Haus.* „Ziehen Sie ein Zimmer gleicher Erde vor? Sie haben die Wahl,“ fragte Dieſer beim Eintreten. „Wenn es Ihnen einerlei iſt, ſo wird mir eine Wohnung gleicher Erde angenehmer ſein, da mir das Treppenſteigen beſchwerlich iſt,“ erwiederte Montelard, worauf ihn Ralph durch das Haus und in ein Zimmer führte, welches, an deſſen hinterer Seite gelegen, nach dem Garten und dem Bache die Ausſicht bot. 230 „Dies iſt das kühlſte Zimmer in meinem Hauſe, da die Sonne erſt kurz vor ihrem Untergange ſeine Fenſter erreicht. An Bequemlichkeit wird es Ihnen hier nicht fehlen,“ ſagte Ralph, indem er auf das Sopha, den Schaukelſtuhl und das Bett zeigte. „Es iſt vortrefflich, und übertrifft gänzlich meine Erwartungen,“ antwortete Montelard ſich umblickend, und fügte dann noch hinzu: „Ich muß mich aber gleich mit einer Bitte an Sie wenden, durch deren Gewährung Sie mich ſehr ver⸗ binden würden. Ich wünſche nämlich, in meinem Zimmer zu ſpeiſen. Ich weiß, es iſt gegen Landes⸗ ſitte, mein Unwohlſein aber macht es mir zur Noth⸗ wendigkeit. Ich bin ſehr gern erbötig; einen höhern Preis dafür zu zahlen.“ „Es ſoll geſchehen, wie Sie es wünſchen, natürlich muß ich die größere Mühe dabei berechnen, wir haben häufig ſehr viel zu thun.“ „Damit bin ich vollkommen einverſtanden,“ erwie⸗ derte Montelard und ließ ſich in das Sopha nieder⸗ ſinken, indem er ſich mit ſeiner Schwäche bei Ralph entſchuldigte. Dieſer verließ bald darauf das Zimmer, und René trug den Koffer und das loſe Gepäck herein, worunter ſich eine ſchöne Doppelflinte, zwei reich mit Gold ein⸗ gelegte Piſtolen und ein koſtbar verzierter Dolch befand. Ralph hatte ſich zu Eloiſen in das Zimmer bege⸗ 231 ben, wo dieſelbe bei ihrem Sohne auf dem Teppich ſaß und ihm Spielzeug zuſchob, welches um ihn her zerſtreut lag. „Das ſcheint ein reicher Kautz zu ſein; er iſt krank und will hier raſten. Wir können ihm eine hohe Rech⸗ nung machen, denn er will die hintere Eckſtube für ſich haben und auf ſeinem Zimmer ſpeiſen. Dafür zahlt man den doppelten Preis.“ „Das würde wohl zu viel ſein, Ralph, die Mühe iſt ſo groß nicht,“ erwiederte Elviſe zu ihm aufſehend. „Mit Deiner Gewiſſenhaftigkeit! Solche Vögel kommen nicht jeden Tag. Er wird vielleicht länger hierbleiben, denn ein ſolches Unterkommen findet er im ganzen Lande nicht, und dann ſoll er auch bluten. Er kann's bezahlen,“ bemerkte Ralph mit barſchem Tone, ſah darauf nach der Uhr und ſagte: „Ich werde nicht zum Mittagseſſen kommen, ich habe einige Nachbarn zu ſprechen.“ Hierauf verließ er das Zimmer, ließ ſein Pferd ſatteln und ritt davon. Ralphs Vermögensverhältniſſe hatten ſich ſehr ver⸗ ſchlechtert, er war ganz wieder in ſein leichtfinniges Leben verfallen, hatte auf ſeinen Jagden ſeine früheren Geſellſchafter wieder um ſich geſammelt, beſuchte mit ihnen die Trinkhäuſer, zechte und ſpielte mit ihnen und hatte alles Geld an ſie verloren, welches ihm möglich geweſen war, anzuſchaffen. Er hatte viele 232 Schulden gemacht und ſah mit Beſorgniß dem Ende des Jahres entgegen, wo die Creditoren auf Zahlung dringen würden. Der gegen Elviſe ausgeſprochene Gedanke, ſich bei der Regierung in Waſhington um eine Anſtellung als Indianeragent zu bewerben, war ein ſchon lange gefaßter feſter Plan, zu deſſen Aus⸗ führung er ſchon ſeit einiger Zeit weit und breit Un⸗ terſchriften zu einem Geſuch an das Gouvernement ge⸗ ſammelt hatte, in welchem Ralph als die paſſende Perſon bezeichnet wurde, welche mit den Seminolen Unterhandlungen einleiten könne. Auch heute ritt er zu mehreren Pflanzern in der Umgegend, um deren Unterſchriften zu erhalten. Durch die Verwirklichung dieſes Planes entzog er ſich auch den Mahnbeſuchen ſeiner Creditoren und konnte mit einem ſehr guten Ge⸗ halt ein unabhängiges Wanderleben führen, wie es ihm am beſten zuſagte. Zu Haus ſtand er doch mehr oder weniger in Bezug auf ſein Kommen und Gehen, ſo wie auf ſeine Ausgaben, unter der Controlle ſeiner Frau, vor der er ſich vergebens bemüht hatte, ſeine Geldverhältniſſe zu verheimlichen. Auch über ſeinen Stand mit dem Kaufmann Behrend hatte ſie zufällig Aufklärung erhalten, indem ihr eine Abrechnung von Dieſem in die Hände gefallen war, wonach er an Ralph noch einige hundert Dollar zu fordern hatte. Als Eloiſe ihn verwundert darüber befragte, hatte er ihr barſch zur Antwort gegeben: ſie möge ſich um ihre 233 Küche bekümmern und ſich nicht in Angelegenheiten miſchen, die ihr nichts angingen. Auch war er häufig betrunken nach Hauſe gekommen, bei welchen Gelegen⸗ heiten Elviſe vermieden hatte, ſeiner anſichtig zu wer⸗ den, denn er war ihr in dieſem Zuſtande ſchrecklich und unerträglich. So ſehr ſie aber auch von ihm ver⸗ nachläſſigt und häufig gekränkt wurde, ſo fand ſie bei ihren vielen Thränen doch immer einen Troſt, einen Erſatz in ihrem Kinde, deſſen Liebe und Zärtlichkeit ihr allen Kummer, allen Gram verſüßte. Oft hob ſie es in ihrer Verzweiflung weinend und ſchluchzend auf ihre Arme, preßte es gegen ihren Buſen, und im nächſten Augenblick lachte ſie mit ihm, während die Thränen noch über ihre Wangen rollten. Unverdroſſen beſorgte ſie dabei den ganzen Haushalt und ſtellte alle Reiſenden ſo zufrieden, daß ein Jeder gern wieder im Concordia⸗Hotel einkehrte, und daſſelbe auf weit und breit als das beſte an der Straße bekannt wurde. Heute, kurz vor dem Mittagseſſen, ſandte Elviſe ihre Dienerin zu dem neuen Gaſte in das Zimmer und ließ ihn fragen, ob es ihm angenehm ſei, bald zu ſpeiſen und ob er außerdem irgend etwas wünſche. Eva kam bald mit der Antwort zurück, daß Montelard mit Allem zufrieden wäre und darum bäte, daß Ma⸗ dame Norwood ſeinetwegen ſich doch ja keiner Aenderung in ihren häuslichen Einrichtungen unterziehen möchte. „Es iſt ein ſehr feiner Mann, Herrin,“ ſagte Eva ——— 234 zu Eloiſen„er dankte mir ſo freundlich und ſagte, er fühle ſich ganz glücklich, daß ihn der Himmel in dies Haus geführt habe. Auch bat er mich, meiner Herrin zu ſagen, ſie möchte es entſchuldigen, daß er ihr ſein Compliment noch nicht gemacht habe, er ſei aber zu angegriffen von der Reiſe und bedürfe der Ruhe. Er ſieht auch recht leidend aus, und doch iſt er ein ſehr ſchöner Mann; ich meine die Bläſſe ſtänd ihm ſogar gut. Wie mir der Negerknabe ſagte, ſo kommt der Herr von Philadelphia, iſt aber ein geborener Fran⸗ zoſe und ſchon als Kind mit ſeinen Eltern nach Ame⸗ rika ausgewandert. Er ſoll auch ſehr reich ſein und in Philadelphia viele Häuſer und in der Umgebung große Beſitzungen haben.“ Elviſe hörte nur halb, was Eva ihr erzählte, denn ſie dachte an Ralph's barſche Antwort in Bezug auf den Fremden und an die Andeutung, die er ihr wegen ſeiner Bewerbung um einen Staatsdienſt gemacht hatte. Auch fielen ihr die bevorſtehenden Feindſeligkeiten mit den Indianern ein, und ſie ſchauderte zuſammen, wenn ſie ſich dachte, daß ſie ſich dann mit ihrem Kinde hier allein befinden ſollte. Der Tag verſtrich ungewöhnlich ruhig, denn es kehrte kein anderer Reiſender ein und von Montelard wurde Niemand etwas gewahr. Sein Negerknabe hatte das Eſſen für ihn in ſein Zimmer tragen, ſo wie auch nachher das Geſchirr wieder in die Küche zurückbringen 235 müſſen und als René ſpäter ſelbſt zum Eſſen kam, ſagte er zu Eva, daß Herr Montelard auf dem Sopha eingeſchlafen ſei. Es war ein ſehr heißer Tag geweſen, und um ſo wohlthuender erquickte gegen Sonnenuntergang der Abendwind, der vom Golf her heute ungewöhnlich friſch und kräftig über das Land zog. Eloiſe hatte alle Fenſter im Hauſe, bis auf die des Fremden, öffnen laſſen, damit die Räumlichkeiten ſich abkühlen möchten, dann nahm ſie ihren Knaben auf den Arm, um ihn hinaus ins Freie zu tragen und ihn die erfriſchende Luft genießen zu laſſen. Sie ſchritt mit ihm auf dem ſaftigen Gras unter den Obſt⸗ bäumen hinter dem Hauſe dem Bache zu, auf dem ſchon die tiefen Schatten des dichten Waldſtreifens lagen, der ihn überwölbte, und zwiſchen deſſen Laub⸗ maſſen hier und dort das glühende Roth des Abend⸗ himmels durchſchimmerte. Unmittelbar an dem Ufer des wildrauſchenden Waſſers zog ſich ein Pfad unter dieſem Laubdach durch das Dunkel des Waldes hin, den Elviſe vorzugsweiſe zu ihren Spaziergängen wählte, denn hier war ſie ſicher vor jedem Begegnen mit einem Fremden und hier konnte ſie ungeſtört der trüben Be⸗ ſchauung ihres Lebens folgen und ebenſo unbehelligt ſich dem Glück, welches die Mutterfreuden ihr boten, hingeben. „Biſt Du denn mein Herzensjunge, und haſt Deine —— Mutter ſo recht lieb?“ ſagte ſie im Gehen zu dem Knaben, indem ſie ihn in ihren Armen auf und nieder⸗ wiegte, worauf das Kind ſeine Aermchen ausbreitete, ſich um ihren Nacken warf und ſeine kleinen Lippen lächelnd dem Munde der Mutter zuführte. „Ja, Du biſt meine Wonne, mein einziges Glück, meine Seligkeit!“ ſagte ſie im Uebermaß ihrer Ge⸗ fühle und drückte den Knaben feſter an ihren Buſen, als plötzlich am Eingange in den Wald Montelard vor ihr ſtand. Eloiſe fuhr erſchreckt zurück, ihr Herzſchlag ſetzte einen Augenblick aus und dann flog eine auffallende Röthe über ihre Wangen. „Ich bitte tauſendmal um Vergebung; ich habe Sie erſchreckt,“ ſagte Montelard, indem er ſeinen Hut abnahm und ſich mit großer Höflichkeit vor Eloiſen verneigte. „Ohne Zweifel habe ich die Ehre, Madame Nor⸗ wood vor mir zu ſehen?“ fuhr er dann fort und ver⸗ beugte ſich abermals. Eloiſe ſchwieg und trat ſich verneigend zur Seite, um dem Fremden auf dem ſchmalen Pfade Platz zu machen, doch dieſer verweilte in ſeiner Stellung und ſagte: „Mein guter Engel hat mich in Ihr Haus geführt und mein Glück hier würde ganz vollkommen ſein, wenn ich die Ueberzeugung hätte, Ihnen durch meine — 237 Gegenwart nicht läſtig zu werden. Die Geſellſchaft eines Kranken iſt nicht angenehm.“ Eloiſe hatte ſich von ihrer Ueberraſchung erholt, blickte Montelard theilnehmend an und erwiederte: „Sie find uns in keiner Weiſe läſtig, Herr Mont⸗ elard, und was in unſern Kräften ſteht, um Ihnen den Aufenthalt bei uns erträglich zu machen, ſoll ſicher und gern geſchehen.“ „Der Himmel und meine Dankbarkeit werden es Ihnen lohnen, was Sie an dem Fremden und jetzt Heimathloſen thun. Mein unerwartetes Erſcheinen hat Sie aber in Ihrem Spaziergang geſtört, einem Bilde des Leidens begegnet man nicht gern. Ich bitte nochmals um Vergebung,“ ſagte Montelard, und ſchritt mit einem höflichen Gruß vor Elviſen vorüber dem Hauſe zu, in welchem er bald darauf verſchwand. Eloiſe war bewegt, warum? wußte ſie nicht; es mußte die Ueberraſchung die Urſache davon ſein. Sie ſchritt in Gedanken verſunken auf dem ſchmalen Pfad an dem brauſenden Waſſer hin, deſſen Kühle wohl⸗ thuend um ſie aufſtieg, denn es war ihr ſo warm und ſie fühlte, wie ihre Pulſe noch immer ſchneller ſchlugen, als ſonſt. Die Röthe am weſtlichen Himmel war beinahe verſchwunden und die Schauer der Nacht durchzogen den Wald. Der Knabe war in Elviſens Arm einge⸗ ſchlummert, und ruhte mit ſeiner Wange an ihrem 238 Nacken, noch folgte ſie willenlos dem Pfad, bis derſelbe ungangbar wurde und das Rankengeflecht, welches ihre Schritte hemmte, ſie daran erinnerte, daß es Zeit ſei, den Rückweg anzutreten. Sonderbar— Montelard ſtand ihr noch immer vor Augen— noch niemals hatte ein Mann ſie ſo über⸗ raſcht, wie dieſer; ſie ſagte ſich, daß es Mitleid ſei, welches ihre Gedanken an ihn feſſelte und beſchloß, Alles zu thun, um ihn das Traurige ſeiner S ver⸗ geſſen zu laſſen. Es war vollkommen Nacht geworden, wie ein feu⸗ riger Nebel wogten die Schaaren fliegender Leuchtkäfer über den Bach und um die Büſche, das Summen, Schrillen und Zirpen der Inſecten erfüllte die Luft und der helle Metallton der hin und her huſchenden Eidechſen klang geheimnißvoll durch die Nacht. Elviſe hatte auf dem vertrauten Pfade das Ende des Waldes erreicht und eilte dem Wohngebäude zu, als wunderbar liebliche Saitenklänge in rauſchenden Accorden ihr von dort her entgegenſtrömten. Sie hatte ſeit ihrem Abſchied von Baltimore durchaus keine Muſik gehört, Töne aber, wie dieſe waren ihr bisher gänzlich unbekannt geblieben. Bis auf kurze Entfernung hatte ſie das Haus er⸗ reicht und erkannte nun, daß die Klänge aus den offenen Fenſtern Montelards hervorkamen. Sie blieb überraſcht ſtehen und lauſchte den ſchwermüthigen Me⸗ 239 lodien, die bald leiſe klagend, bald ſchauerlich und ſtürmiſch in die Nacht heraus wogten und ſie auf dem Platz gefeſſelt hielten, auf dem ſie, mit ihrem ſchlafen⸗ den Kind im Arm, ſtand. Plötzlich ertönte der wohlbekannte gellende Pfiff Ralph's vor der andern Seite des Hauſes, und Elviſe ſprang eilig hinein nach ihrem Zimmer. Sie hatte kaum ihr Kind auf dem Sopha nieder⸗ gelegt, als Ralph mit den Worten hereintrat: „Nun, noch kein Licht— das Kienholz iſt wohl theuer geworden?“ „Ich bin mit Tom im Freien geweſen und erſt ſo eben zurückgekehrt“ ſagte Eloiſe halb verlegen, ſchürte die Kohlen im Kamin unter der Aſche hervor und legte einige Kienſpäne darauf, die ſofort ein Flackerfeuer erzeugten. „Die Leute im Lande laſſen mir keine Ruhe, ich ſoll nach Waſhington reiſen, um der Regierung Vor⸗ ſtellungen in Bezug auf die Mißverhältniſſe mit den Indianern zu machen. Man hat ein Geſuch an das Gouvernement aufgeſetzt, daſſelbe mit einer großen Zahl der achtbarſten Unterſchriften verſehen, und mich dazu beſtimmt, es dem Gouvernement zu überbringen. Es iſt eine Auszeichnung, die ich nicht gut werde ab⸗ lehnen können, ſagte Ralph, indem er ſich in einen Armſtuhl warf und die Füße dem Feuer zuſtreckte. „Aber um Gottes Willen, Ralph, willſt Du mich 240 denn wirklich hier allein laſſen? Wenn nun die Feind⸗ ſeligkeiten der Indianer ausbrechen, ſo ſtehe ich ja ganz hülflos da,“ erwiederte Elviſe mit Angſt und Schrecken. „Niemand wird Dich beunruhigen. Außerdem gehe ich ja nach Waſhington, um die Streitigkeiten mit den Seminolen beizulegen, gieb Dich zufrieden, ich werde nicht lange ausbleiben,“ ſagte Ralph mit gleichgülti⸗ gem Tone, während Elviſe an das Fenſter trat, um ihre Thränen zu verbergen. Eva unterbrach die eingetretene Stille, indem ſie in das Zimmer ſchritt und den Tiſch deckte, worauf Elviſe ſich mit ihr nach der Küche begab. Ralph hatte einen Augenblick ſinnend vor ſich in das Feuer geſehen, dann fielen ſeine Blicke auf das Arbeitstiſchchen ſeiner Frau, auf welchem er den Ring mit deren Schlüſſeln erkannte. Er ſprang auf, ergriff ſie, betrachtete ſie, als ob er einen derſelben aus⸗ wähle, und ſchritt dann ſchnell zu Elviſens Seeretär, an welchem er die unterſte Schieblade aufſchloß. Hier⸗ aus nahm er ein, in Papier eingeſchlagenes Packet hervor, ſchob es in ſeine Rocktaſche, verſchloß die Lade wieder und legte die Schlüſſel auf denſelben Platz, von wo er ſie genommen hatte. Als er ſich wieder in dem Armſtuhl niederſetzte, wandte er ſein Ohr lau⸗ ſchend der Thür zu, und zog zugleich das Packet aus ſeiner Taſche, von dem er, immer noch nach der Thür 241 horchend, das Papier öffnete und dann auf daſſelbe niederblickte. Die Brillanten von Elviſens und ihrer Mutter Schmuck blitzten ihm entgegen, er hörte Tritte auf dem Gange, faltete das Papier ſchnell wieder um die Koſtbarkeiten und verſenkte ſie in ſeine Taſche. Es war Elviſe, die in das Zimmer trat, ſie begab ſich zu ihrem Nähtiſch, öffnete denſelben mit einem der Schlüſſel und ſteckte dieſe, nachdem ſie ihre Arbeit in dem Tiſch verſchloſſen, in die Taſche ihres Kleides, während Eva die Speiſen auftrug. Das Abendeſſen wurde ſchweigend eingenommen und kaum war daſſelbe beendigt, als Ralph ſich erhob und die Stube verließ. „Haſt Du dem Fremden das Abendbrod ſchon ge⸗ ſandt?“ fragte Elviſe die Dienerin. „Er hat nur Thee und Butterbrod verlangt, Rens hat es ihm in ſein Zimmer gebracht,“ erwiederte Eva, räumte den Tiſch ab und fragte dann ihre Herrin, in⸗ dem ſie zu dem Sopha trat: „Soll ich Tom zu Bett bringen?“ „Laß ihn nur liegen, er ſchläft ſo ſanft, ich will ihn mit mir nehmen, wenn ich zur Ruhe gehe,“ er⸗ wiederte Elviſe, ſetzte ſich in den Armſtuhl vor das Feuer, und als ſie die Dienerin im Hinausgehen die Thür ſchließen hörte, faltete ſie krampfhaft ihre kleinen Hände, hob ihre thränenfeuchten Augen über ſich und ſenkte dann das Geſicht in ihr Tuch. Ralph Norwood. MI. 16 242 Sie weinte bitterlich; der Entſchluß ihres Gatten, ſie zu verlaſſen, weil ihm das Leben hier, wie ſie recht gut wußte, zu ruhig, zu langweilig war, hatte alle die alten Wunden ihres Herzens wieder aufgeriſſen und eine neue geſchlagen, die ihr zu ſchwer erſchien, als daß ſie jemals heilen könnte. Daß ſie Ralph gleichgültig geworden war, wußte Elviſe, ebenſo fühlte ſie, daß ſie ihn nicht liebte; daß er ſie aber ohne Grund in jetzigem ernſtem Augenblick auf unbeſtimmte Zeit verlaſſen und ſie tauſend Widerwärtigkeiten und Gefahren preisgeben würde, war mehr, als ſie er⸗ wartet hatte. Sie blickte nach ihrem Kinde, das in glücklichem Schlafe auf dem Sopha ruhte, ſtatt aber, wie früher, immer Troſt in ſeinem Anblick zu finden, vermehrte es nur noch ihre Beſorgniß, ihren Schmerz, und weinend wandte ſie ihre Augen wieder von ihm ab. Es ſchlug eilf auf der Uhr vor ihr, ſie ſtand auf und zündete ein Licht an, um ſich in ihr Schlafge⸗ mach zu begeben, als ſie plötzlich eilige Tritte auf dem Gange hörte, die ſich nach der Küche zu wenden ſchienen. Wenige Minuten nachher kam Eva in das Zimmer geeilt und theilte mit bebender Stimme ihrer Herrin mit, daß der Fremde ſehr krank geworden ſei und Rens geſagt habe, ſein Herr liege im Sterben. „Eile, Eva, ſieh was ihm fehlt und ob wir etwas für ihn thun können,“ ſagte Elviſe erſchrocken, und als 243 — die Dienerin ſich entfernt hatte, nahm ſie die Schlüſſel aus ihrem Kleid hervor und ſchloß die unterſte Schieb⸗ lade ihres Seeretärs auf, um ein Gläschen mit beleben⸗ den Tropfen aus derſelben hervorzunehmen. Bei dem er⸗ ſten Blick, den ſie hineinthat, vermißte ſie das Packet mit dem Schmuck, den ſie niemals anderswo verwahrt hatte; in ihrer Angſt aber um den Fremden nahm ſie nur das Glas hervor und verſchloß die Schieblade ſchnell wieder. Eva kehrte jetzt bleich und entſetzt zurück und be⸗ richtete, daß Herr Montelard ohne Beſinnung da läge und, wie es ſchien, dem Tode nahe ſei. „Nimm das Licht, und leuchte mir“ ſagte Elviſe zu der Selavin, ſchritt ihr eilig voran und begab ſich nach dem Zimmer des Fremden. Montelard lag regungslos mit geſchloſſenen Augen, bleich wie eine Leiche und ohne Lebenszeichen vot Elviſen auf ſeinem Lager. Sie ließ Eva mit dem Lichte ſeine Züge beleuchten, nahm dann einen Thee⸗ löffel von dem Tiſche und füllte ihn mit Tropfen aus dem mitgebrachten Glaſe. Sie hob ſelbſt den Löffel zu Montelards kaum geöffneten Lippen und flößte die Arznei behutſam in ſeinen Mund. Dann wuſch ſie mit denſelben Tropfen ſeine Stirn und Schläfe, be⸗ feuchtete ihr Batiſttuch mit der Flüſſigkeit und legte dies unter den Buſenſtreif ſeines Hemdes auf ſein Herz. 16* 244 Sie hatte Eva das Licht aus der Hand genommen, hob es über ſich und hielt ihre Blicke auf die lebloſen Züge des Mannes geheftet, als erwarte ſie von Augen⸗ blick zu Augenblick, daß dieſelben ſich wieder beleben ſollten. Wohl zehn Minuten waren erfolglos verſtrichen und Elviſe befahl ihrer Dienerin, ihr die Tropfen und den Theelöfel vom Tiſche abermals zu reichen, als plötzlich die Bruſt Montelards ſich hob, ſeinen Lippen ein tiefer Seufzer entfloh und ſeine Augen ſich öffneten. So matt ſein Blick auch war, ſo zeugte er doch von Montelards vollkommenem Bewußtſein, er ſah Eloiſen mit einem Ausdruck von Wehmuth und Dank⸗ barkeit an und machte mit ſeiner Hand eine kaum merkliche Bewegung, als wolle er auch dadurch ſein Dankgefühl ausſprechen. Elviſe theilte nun dem am Fuße des Bettes wei⸗ nend ſitzenden Negerknaben mit, ſie werde ihm einen Thee für ſeinen Herrn ſenden, wovon ey ihm von Zeit zu Zeit zu trinken geben ſolle und verließ darauf mit Eva das Gemach. Während dieſe nun nach der Küche eilte, um den Thee nach Vorſchrift ihrer Herrin zu bereiten, begab ſich Elviſe nach dem Wohnzimmer zurück, wo ſie zuerſt nach ihrem noch ruhig ſchlummernden Kinde ſah und dann zu dem Seeretär ging und die Schieblade wieder öffnete. 245 Der Schmuck war verſchwunden, und doch wußte ſie zuverläſſig, daß ſie denſelben niemals irgend anders⸗ wo aufgehoben hatte, und daß die Schlüſſel auch nie in andere Hände gekommen waren. Ganz gegen ihre Gewohnheit und, ſo weit ſie ſich erinnern konnte das einzige Mal, hatte ſie dieſelben heute Abend auf ihrem Nähtiſch liegen laſſen, als ſie mit Eva in die Küche ging, und während dieſer Zeit hatte ja Ralph das Zimmer nicht verlaſſen. Wer konnte möglicher Weiſe den Schmuck entwendet haben? Auf die treue ehrliche Eva konnte kein Verdacht fallen, Guy, der Neger kam niemals in dies Zimmer und wußte nicht, daß Elviſe einen Schmuck beſaß, wie dies denn über⸗ haupt Niemanden außer Ralph bekannt war. Weniger des Werthes halber, als wegen der Erinnerungen, die ſich an die entwendeten Koſtbarkeiten knüpften, traf deren Verluſt Elviſen ſehr ſchwer, ſie ſtand mit einer Thräne im Auge und blickte lange Zeit in die leere Schieblade; da regte ſich ihr Kind auf dem Sopha, ſie verſchloß das Seeretär, nahm Tom auf den Arm und rief Eva herein, um ihr nach dem Schlafgemach zu folgen. Am nächſten Morgen beim Frühſtück berichtete Eloiſe ihrem Gatten, was ſich in vergangener Nacht mit dem Fremden zugetragen habe, worauf Ralph demſelben einen Beſuch abſtattete. Bald nachher kehrte er in das Wohnzimmer zurück, ſtellte ſich mit dem Rücken vor das Kamin und ſagte 246 zu Elviſen, indem er den Rauch ſeiner Cigarre vor ſich in die Höhe blies: „Der Kerl iſt fertig bis aufs Schleifen. Guy kann vorläufig einen Sarg für ihn aus alten Brettern zu⸗ ſammennageln, und wenn er während meiner Abwe⸗ ſenheit ſtirbt, ſo ſoll ihn der Neger etwas weit von hier im Walde begraben. Wir können ihm eine hohe Rechnung für Verpflegung und Beerdigung machen, wogegen wir ſeine Nachlaſſenſchaft in Empfang nehmen, um uns daraus zu bezahlen. Ich werde Eva anweiſen, ihm, wenn er todt iſt, ſeinen Brillantring vom Fin⸗ ger zu ziehen und ihn Dir zu überliefern; der Stein in demſelben iſt außerordentlich viel werth. Sämmt⸗ liche Effecten des Burſchen bleiben bis zu meiner Rücktehr hier und auch den Negerjungen läſſeſt Du nicht fort; wir ſind Niemanden Rechenſchaft darüber ſchuldig.“ Elviſen überlief es eiskalt bei der herzloſen Rede ihres Gatten, ſie dachte an die Zeit, in der ſie ſelbſt ſo verlaſſen in der Welt geſtanden hatte, und fühlte, wie ſehr Montelard des Beiſtandes eines menſchlichen Herzens bedurfte. Sie erwiederte aber nichts auf Ralph's Bemerkungen, da ſie nur zu gut wußte, daß ſie doch keine Aenderung in ſeinen Beſchlüſſen erzielen könne, und es ſchon lange aufgegeben hatte ſeine Ge⸗ fühle umzuſtimmen. Nachdem Ralph ihr noch weitläufig auseinander 247 geſetzt hatte, daß er nach dem Tode eines Fremden in ſeinem Hauſe, wenn derſelbe keine Verwandte, keine ihm näherſtehende Freunde in der Gegend habe, der natürliche Verwalter deſſen Vermögens ſei, und für die Aufnahme eines todtkranken Menſchen unter ſeinem Dache irgend einen beliebigen Preis berechnen könne, ſagte Elviſe nach einer eingetretenen Pauſe. „Ralph, ich muß Dir auch eine höchſt unangenehme Mittheilung machen,— ich bin ſehr arg und auf eine ganz unbegreifliche Weiſe beſtohlen. Mein Schmuck iſt mir aus meinem Seeretär entwendet worden.“ „Dein Schmuck?“ rief Ralph mit dem Ausdruck höchſten Erſtaunens„wie iſt das möglich, iſt denn das Schloß erbrochen?“ „Ich kann es mir nicht erklären; an dem Schloß iſt nichts verſehrt und den Schlüſſel habe ich ſtets bei mir getragen. Nur geſtern Abend, als ich vor dem Eſſen in die Küche ging und Du hier im Zimmer bliebeſt, ließ ich die Schlüſſel dort auf meinem Tiſch liegen,“ ſagte Elviſe. „Das iſt ein Hausdieb geweſen und außer Eva hat Niemand gewußt, daß Du einen Schmuck beſaßeſt. Niemand anders als dieſe Kanaille hat ihn geſtohlen, ich werde ſie aber bald zum Geſtändniß bringen, dar⸗ auf kannſt Du Dich verlaſſen,“ rief Ralph mit an⸗ ſcheinender höchſter Entrüſtung und eilte der Thür zu. Elviſe aber trat ihm in den Weg und ſagte: 248 „Nein, Eva iſt unultig⸗ ſie iſt die treuſte aller Selavinnen.“ „Das werden wir ſehen; wenn ihr das Blut von dem Rücken fließt, wird ſie uns mit dieſer Unſchuld wohl bekannt machen. Sie hat den Schmuck geſtohlen!“ Mit dieſen ſehr heftig ausgeſprochenen Worten wollte er Elviſen zur Seite drängen und die Thür gewinnen; doch dieſe hielt ihn bittend und flehend zurück und betheuerte, daß Eva unſchuldig ſei. Ralph wollte ſich mit Gewalt losmachen und ſchwur hoch und theuer, er würde die Negerin todt peitſchen, wenn ſie nicht geſtehen wollte; Eloiſe jedoch klammerte ſich an ihn und bat unter Thränen, der unglücklichen Sclavin nichts zu Leide zu thun, da ſie wüßte, daß ſie den Raub nicht begangen habe. Ralph ließ ſich endlich überreden und ſagte: „Nun, wenn Du ſo beſtimmt weißt, daß ſie es nicht gethan hat, ſo muß der Schmuck weggeflogen ſein, denn außer Eva kommt Niemand in dies Zimmer.“ „Ich will Dir ſagen, wen ich des Diebſtahls fähig halte. Es iſt der Kutſcher Soublett; er hat vorletzte Nacht hier im Hauſe geſchlafen und ich traue Alles zu.“ „Ach, der er iſt ein luſtiger, Geſelle und trinkt gern einen Schluck, darum hältſt Du ihn zu Allem fähig. Für den ſtehe ich ein, ſo gut, wie Du für Deine verdammte Negerin. Sie und 249 Niemand Anders hat den Diebſtahl begangen. Wenn Du aber darauf beſtehſt, ſie ſei unſchuldig, in Gottes Namen, es iſt Dein Schmuck, und ich verliere ihn nicht“, erwiederte Ralph. „So laß es dabei bewenden; Segen wird der Raub dem Dieb nicht bringen, vielleicht aber Fluch!“ ſagte Elviſe, zufrieden, daß Ralph es aufgegeben hatte, Eva zu foltern. Die Herzloſigkeit Ralph's gegen den unglücklichen, verlaſſenen Fremden hatte das Mitleid Elviſens für denſelben nur noch mehr erregt und die Hülfloſigkeit ſeiner Lage in noch hellerem Lichte ihr vor die Seele geführt. Sie war entſchloſſen, für ihn zu thun, was nur in ihren Kräften ſtehe, und als Ralph wieder ſein Pferd beſtiegen hatte und davongeritten war, ſandte ſie Eva zu Montelard und ließ ihn fragen, ob er wünſche, daß ſie einen Arzt für ihn kommen laſſe. Die Dienerin brachte aber mit ſeinem Danke die Antwort, daß er kein Vertrauen zu den Aerzten habe und es der Natur überlaſſen wolle, ihm zu helfen. Zugleich bat er um etwas geröſtetes Brod, um Reis⸗ waſſer und einige recht reife Citronen. Eloiſe begab ſich in die Küche, um eigenhändig das Verlangte zu bereiten, und holte ſelbſt einige reife Citronen von den nahen Bäumen. Der Zufall fügte es, daß auf dem ſchönen Por⸗ zellangefäß, in welchem ſie dem Kranken das Reis⸗ 250 waſſer zuſchickte, mit goldenen Buchſtaben ihr Name geſchrieben ſtand. „Wie heißt Deine Herrin?“ fragte Montelard mit matter Stimme, als Eva die von ihm gewünſchten Gegenſtände auf den Tiſch vor ſeinem Lager nieder⸗ ſetzte und ſeine Blicke auf das Porzellangefäß fielen. „Elviſe iſt ihr Name, Herr“, erwiederte die Selavin. „Schenke Reiswaſſer in das Glas und füge ein Stück Brod und etwas Citronenſaft hinzu; es wird mich laben“, ſagte der Kranke, indem er ſich mit Hülfe ſeines Dieners auf ſeinen Arm ſtützte und den ihm bereiteten Trank, den ihm Eva reichte, zu ſeinen Lippen führte. Dann ſank er, von der Anſtrengung ermattet, wieder auf ſein Lager zurück und ſagte: „Danke Deiner Herrin in meinem Namen für die Wohlthat, die ſie mir hierdurch erzeigt hat. Ein guter Engel wacht über mir.“ Wiederholt ließ Elviſe im Laufe des Tages bei Montelard anfragen, ob er irgend Etwas wünſche, womit ſie ihm helfen, oder ihn erquicken könne; er ließ aber für Alles danken. Erſt gegen Abend kehrte Ralph nach Hauſe zurück und bald nach ihm traf die Poſtkutſche von D.... wieder ein. Sie war mit Paſſagieren angefüllt, deren Bewirthung bis zum folgenden Morgen Eva ſowohl als auch Eloiſen ſelbſt viel zu thun gab. Die lauten, rohen Scherze, mit denen Soublett 251 das Haus betrat, berührten Eloiſen heute doppelt widrig, indem ſie fürchtete, daß dieſelben zu den Ohren des Kranken dringen und nachtheilig auf ihn einwirken möchten. Namentlich nach dem Abendeſſen, als die Paſſagiere unter der Veranda ſich an der kühlen Abendluft erquickten und Ralph mit Soublett gleichfalls dort Platz genommen hatte, ſtieß Letzterer im Laufe einer luſtigen Unterhaltung mehrere gellende Schreie aus, ſo daß es durch das ganze Gebäude ſchallte. Elviſe konnte dieſe Rohheit nicht länger ertragen, ſie ſandte Eva zu Ralph und ließ ihn erſuchen, zu ihr in das Zimmer zu kommen. „Ich bitte Dich, Ralph“, ſagte ſie zu Dieſem, als er eintrat,„erlaube doch dem Soublett nicht, ſich in unſerm Hauſe ſo unanſtändig zu betragen, es iſt eine Geringſchätzung gegen uns Beide, und nirgends an⸗ derswo dürfte er ſich bei gebildeten Leuten ſolche Frei⸗ heiten erlauben. Außerdem haben wir den Kranken unter unſerm Dache und die Menſchlichkeit fordert es, daß wir ihm Ruhe verſchaffen.“ „Ewig Deine zarten Gefühle! Der Mann iſt uns fremd und unſer Haus iſt ein Wirthshaus, in welchem wir einem Gaſte den Mund nicht verbieten können. Wenn der Herr ſo empfindlich iſt, hätte er ſollen zu Hauſe bleiben.“ „Er iſt ſchwer erkrankt, Ralph, denke Dich in ſeine Lage!“ ſagte Elviſe mit bittendem Tyne. —— 252 „Du kannſt nun einmal den Soublett nicht leiden und da muß der Kranke denn den Namen hergeben. Der Kerl pfeift doch ſchon auf dem letzten Loche und Soublett's Lachen wird ſeine Abreiſe nicht befördern“, erwiederte Ralph mit gleichgültigem Tone und wollte ſich der Thür zuwenden; da trat Elviſe entſchloſſen vor ihn hin und ſagte: „Wenn Du den rohen Menſchen nicht zur Ruhe verweiſen willſt, ſo muß ich es thun, ich werde keine Gemeinheit in dieſem Hauſe dulden, ſo lange ich in demſelben verweile; Achtung vor unſerm Geſchlecht iſt Geſetz in dieſem Lande.“ Dieſe Worte ſprach Elviſe mit ſo viel Beſtimmt⸗ heit und Würde, daß Ralph ſie betroffen und über⸗ raſcht anblickte, denn es war gänzlich gegen ihre Ge⸗ wohnheit, ihm das Widerſpiel zu halten. „Nun, nun, beruhige Dich nur, Dein Patient ſoll nicht weiter geſtört werden“, erwiederte Ralph mit einem finſtern Blick und begab ſich wieder hinaus zu Soublett. Montelard verbrachte die Nacht in ſehr heftigem Fieber, und als daſſelbe gegen Morgen ſich vermin⸗ derte, hinterließ es dem Kranken eine große Hinfäl⸗ ligkeit, ſo daß er Eva für das ihm neuerdings ge⸗ brachte Reiswaſſer kaum hörbar ſeinen Dank aus⸗ ſprechen konnte. Gerade in dem Augenblick, als die Dienerin ihrer 253 Herrin mittheilte, in welchem bedenklichen Zuſtand ſie den Kranken angetroffen habe, knallte Soublett, der den Bock des Poſtwagens beſtiegen hatte, mit ſeiner Peitſche einen Marſch und endete ihn mit einem Schlag, der dem Knall einer Büchſe glich. Dann ließ er einige ſeiner gellenden Schreie ertönen, die im Hauſe und in dem Walde wiederhallten und fuhr im Galopp davvn. Elviſe wurde bleich über dieſe Verhöhnung, denn dieſelbe verrieth ihr deutlich, daß Ralph mit Soublett über ihre Beſchwerde geſcherzt und ihn dadurch zu dieſer Kundgebung ſeiner Nichtbeachtung derſelben ver⸗ anlaßt hatte. Sie war mit Entrüſtung an das Fenſter getreten, wo ſie zu ihrem noch größern Leidweſen ſehen mußte, wie ihr Gatte mit dem verhaßten Men⸗ ſchen ſelbſt noch in einiger Entfernung durch Winken mit der Hand Grüße wechſelte. Auch heute überließ Ralph ſeiner Frau und Eva die häuslichen Angelegenheiten, obgleich, noch ehe er ſein Pferd beſtieg, mehrere Fremde eintrafen, die bis zum folgenden Tage ſich und ihren Reitthieren hier Ruhe gönnen wollten. Er kam erſt ſehr ſpät nach Hauſe, nachdem ſchon Alles zur Ruhe gegangen war, und am folgenden Morgen, bevor er Elviſen geſehen hatte, begab er ſich zu Montelard in das Zimmer, um ſich von deſſen Zuſtand zu überzeugen. 254 Er fand ihn bedeutend verändert, ſein bleiches Geſicht war ſehr eingefallen, ſeine Augen hohl und matt und ſeine Stimme kaum hörbar. Dabei war er ſo hinfällig, daß er das Haupt nicht erheben konnte, und als Ralph ihn mit theilnahmloſem Aeußern fragte, wie es ihm gehe, ſchloß er die Augen. „Der Herr Montelard wird es nicht lange mehr machen“, ſagte Ralph zu ſeiner Gattin, als er ſich zum Frühſtück niederſetzte.„Sollte er jedoch bis Morgen noch nicht abgeſegelt ſein, ſo bitte ich, daß Du ſeine ſämmtliche Nachlaſſenſchaft bis zu meiner Rückkehr in Verwahr behältſt, denn morgen früh reiſe ich mit der Poſt nach Waſhington ab.“ So ſehr die Mittheilung von ſeiner ſo nahe be⸗ vorſtehenden Entfernung auf unbeſtimmte Zeit Elviſen auch überraſchte und ſie unangenehm berührte, ſo traf ſie dieſelbe in ihrer augenblicklichen Stimmung doch weniger ſchmerzlich, denn die Hartherzigkeit Ralph's erweiterte die Kluft, welche ſich ſchon zwiſchen ihm und ihr gebildet hatte, noch um ein Bedeutendes. Elviſe gab ihm keine Antwort. Auch Ralph ſchwieg und ritt, ſeiner Gewohnheit gemäß, gleich nach dem Frühſtück davon. Abends, als die Poſtkutſche von der Straße her in die Allee einbog und ſich dem Hauſe näherte, kam Ralph an ihrer Seite gleichfalls herangetrabt und unterhielt ſich laut und ſcherzend mit Soublett. Den Abend verbrachten dieſe Beiden zuſammen in eifrigem Geſpräch unter der Veranda, und obgleich gar Man⸗ cherlei von Ralph und Eloiſen vor der Abreiſe des Erſteren hätte beredet werden müſſen, ſo ſchien er doch abſichtlich jede Gelegenheit dazu zu vermeiden und begab ſich zeitig zur Ruhe. Auch am folgenden Morgen hielt er ſich von Elviſen fern, und erſt als der Poſtwagen zur Abfahrt bereit ſtand, trat er zu ihr in das Zimmer, um Abſchied zu nehmen. Elviſe war ſehr bewegt, ſie deutete ihre Hülfloſig⸗ keit, ihr Alleinſtehen an und zeigte auf ihr Kind, welches ſpielend auf dem Teppich neben ihr ſaß; doch Ralph lachte über ihre unnöthige Beſorgniß, verſicherte ſie, er werde ihr bald Geld zuſenden und tröſtete ſie damit, daß die Zeit ja ſchnell verlaufe und er in einigen Monaten zurückkehren werde. Dann küßte er ſie und ſein Kind, empfahl ihr an, guter Dinge zu ſein und wiederholte in der Thür nochmals ſeine Ver⸗ ordnung hinſichtlich des Nachlaſſes von Montelard. Schnell ſprang er nun in den Poſtwagen, Soublett lenkte die Pferde der Allee zu, und bald verhallte das Raſſeln der Kutſche auf der Landſtraße. Die letzte Mahnung Ralph's hatte das Mitleid für den unglücklichen Kranken in Elviſens Seele friſch belebt, ſie fühlte ſich jetzt doppelt verpflichtet, ſich ſeiner nach allen Kräften anzunehmen und das Ver⸗ hängniß von ihm abzuwenden, welches man ſchon mit —— 256 ſo großer Gewißheit vorausgeſagt hatte. Sie wollte ſich ſelbſt überzeugen, ob er dem Tode wirklich ſchon ſo nahe ſei und ob keine Hoffnung für ſeine Rettung verbliebe? Sie eilte in die Küche, bereitete für Montelard den Morgentrank und trug, von Eva gefolgt, den⸗ ſelben ſelbſt zu ihm in das Zimmer. Er hatte die Augen geſchloſſen und ſeine bleichen, kranken Züge erſchreckten Elviſen ſehr. Leiſe ſtellte ſie das Porzel⸗ langefüß mit Reiswaſſer auf den Tiſch vor ſein Lager und blieb, tief von Mitleid ergriffen, vor demſelben ſtehen. Es war unzweifelhaft ein edler Menſch, der, wie es ſchien, an der Grenze ſeines noch jungen Lebens hier vor ihr ruhte; ein niedriger Geiſt konnte un⸗ möglich in dieſer ſchönen Hülle wohnen, ſich unmöglich ſo ſeelenvoll, ſo ſtolz auf dieſen Zügen ſpiegeln. Sie dachte an die beſcheidene Weiſe, mit der er ihr be⸗ gegnet war, an die dankerfüllten Worte, womit er es ſein Glück nannte, dies Haus gefunden zu haben, und dann hörte ſie in Gedanken noch die ſüßen Töne, die er an jenem Abend einem ihr unbekannten In⸗ ſtrument entlockt hatte. Mit welcher Zuverſicht für ſein Wohlergehen war er in dies Haus eingezogen, und nun ſollten alle ſeine Hoffnungen unerfüllt bleiben und ſein Weg von hier zu ſeinem Grabe führen! Eine Thräne des Mitleids hatte ſich unter Elviſens 257 lange Wimpern geſtohlen, als Montelard die ſchweren Augenlider hob und ſein Blick dem Elviſens begegnete. Ein Ausdruck verklärter Freude überzog ſein Antlitz, der Glanz ſeiner großen dunkeln Augen verrieth, wie wohlthuend das Bild der Theilnahme, welches er vor ſich ſah, ſein Inneres bewegte, ſeine Lippen öffneten ſich, um ſeinen Dank auszuſprechen und ſeine kraftloſe ſchöne Hand bewegte ſich auf der weißen Decke, wie zum Gruße. Worte ſtanden ihm aber nicht zu Gebote. „Seien Sie guten Muthes, Herr Montelard, und hoffen Sie auf den Beiſtand des Höchſten, er wird Sie nicht verlaſſen. Alle Pflege, die Ihnen von Menſchenhand werden kann, ſollen Sie hier finden“, ſagte Elviſe mit theilnehmender Stimme und bemühte ſich vergebens, die Thräne länger zurückzuhalten; ſie fiel, wie eine kriſtallene Perle, von ihren Wimpern und ſpiegelte ſich in der Seele des Kranken. Elviſe hatte ſich freundlich verneigt und verſchwand durch die Thür, während Montelard ihr mit Rührung und Dankbarkeit nachblickte. Ralph Norwood. MI. 17 —, Capitel 31. Große Berathung.— Der Indianeragent.— Geneſung.— Dank.— Das Schreiben.— Entdeckung.— Verachtung.— Der Vergleich.— Mißliche Lage.— Unterſtützung. Bie Kunde, daß Tallihadjo zu ſeinem Volke auf⸗ gebrochen ſei, zog wie der Sturm über Berg und Thal und ſchallte von einem Ende Florida's zum andern. Eilboten durchzogen das Land in allen Richtungen; von Stamm zu Stamm erging die Aufforderung an die Häuptlinge und Krieger, ſich zu einer großen, allgemeinen Volksberathung an dem Ahapopkaſee zu ſammeln, und die Wälder, die Berge und die Sümpfe ertönten von dem Jubel und dem Kriegsgeſchrei der Seminolen. Die Männer, jung und alt, ſchmückten ſich und ihre Pferde feſtlich, verließen ihr Lager und zogen den friſchgrünen Ufern des genannten Sees zu, während die zurückbleibenden Weiber und Mädchen ihre Waffen in Stand ſetzten und Mundvorräthe für † einen langen Feldzug bereiteten. Tallihadjo hatte an dem kriſtallhellen See ſein Zelt aufgeſchlagen, und von Tag zu Tag mehrten ſich nach beiden Seiten hin, den Ufern entlang, die Lager⸗ 259 feuer, über denen ſich die Rauchwolken, wie unbe⸗ wegliche Säulen, gegen den heitern, azurblauen Himmel aufrichteten. Sämmtliche Stämme der Se⸗ minolen, ſowie auch die wenigen der Creek⸗Indianer, dem Ueberreſt jener mächtigen Nation, vor der einſt die Amerikaner gezittert hatten, waren bald in kurzer Entfernung von einander gelagert und harrten des Augenblicks, mit dem die Berathung über die Lebens⸗ frage der Indianer in Florida beginnen ſollte. Gegen viertauſend Krieger waren hier verſammelt, demungeachtet unterbrach kein lauter Ton die feierliche Ruhe, die hier auf der noch nie durch Menſchenhand entweihten Natur lag. Ernſt und ſchweigend, wie die hundertjährigen rieſenhaften Bäume des Urwaldes den See umſtanden, als wollten ſie Zeugniß ablegen von den Rechten der Ur⸗Bewohner dieſes Landes, ruhten die Indianer unter deren dunkelen Schatten und be⸗ reiteten ſich vor, über einen letzten Kampf gegen ihren vorausſichtlichen Untergang zu berathen. Der dazu beſtimmte Tag erſchien, Tallihadjo begab ſich zuerſt mit einigen ſeiner älteſten Leute unter das von Palmblättern auf Baumſtämmen errichtete große Sonnendach, ihm folgten die andern Häuptlinge, ſämmtlich von den Weiſen ihres Stammes umgeben, Alle nahmen ſchweigend im Kreiſe Platz und die Krieger lagerten ſich lautlos in der nächſten Umgebung, um 17* 260 der Berathung über ihre verzweiflungsvolle Zukunft mit eignem Ohr zu folgen. Tallihadjo zündete die Pfeife an und von ihm ging ſie von Mund zu Mund in der ernſten Ver⸗ ſammlung herum, bis der Letzte deren Rauch gekoſtet hatte. Unbeweglich, wie aus Stein gehauen, ſaßen die braunen Geſtalten und hielten ihre dunkeln Augen auf Tallihadjo geheftet, als erwarteten ſie von ihm die Entſcheidung ihres Schickſals. Jetzt erhob ſich Dieſer und ließ ſeinen ernſten, bedeutungsvollen Blick durch die Verſammlung wandern. Aller Augen hingen an ſeinen Lippen, als er begann: „Lange habt Ihr vergebens darauf gewartet, Tal⸗ lihadjo's Stimme zu hören, und lange hat er gezögert, ſeinem Volke den Abgrund zu zeigen, dem es mit ge⸗ ſchloſſenen Augen zueilt. Ihr Häuptlinge, die Ihr von Eurem Lager aus die Fußtritte der Bleichgeſichter erkennen könnt, die Ihr von Euern Jagdgründen ein Stück nach dem andern habt an dieſe abtreten müſſen, Ihr ſeht ſchon mit bangem Herzen nach den Moräſten Florida's hin, in welche jene Fremden den rothen Kindern nicht folgen können und in denen die Semi⸗ nvlen elend untergehen werden. Ihr Häuptlinge aber aus dem Innern unſers Vaterlandes, deren Jagd⸗ gründe und Weiden noch reich und ungeſchmälert ſind, die Ihr noch ſorglos und ruhig bei Euern Feuern ſchlaft, Ihr ſeht die Gefahr nicht nahen, die Euch Euerm Untergang raſch zutreiben wird. Seh't dort⸗ hin, wo die grünen Wellen des Alabamafluſſes ſich mit der ſalzigen Fluth miſchen; nur vor Jahren war es, daß dort die Feuer der Seminol brannten und kein Bleichgeſicht es wagte, ſich ihnen zu nahen. Die Weißen haben unſerm Volke jene reichen Länder nicht durch ihre Kugeln genommen, ſie ſandten Feuerwaſſer und Uneinigkeit unter uns, und mit ſchwachem Arm und ſchlaffem Bogen wichen wir vor den Fremden zurück. Ihr Feuerwaſſer und die Uneinigkeit iſt aber ſchon bis in das Herz unſeres Landes gedrungen und bald werdet auch Ihr Sorg⸗ loſen, Ihr Unbekümmerten die Wigwams der Bleich⸗ geſichter von Euerem Lager aus ſehen können. Feuer⸗ waſſer und Uneinigkeit werden den Fremden Euere Wälder, Berge und Sümpfe öffnen, mit ſchwachem Arm und ſchlaffem Bogen werdet Ihr in die grund⸗ loſen Moräſte fliehen und Euer Name wird dann von der Erde verſchwinden, denn kein Seminole wird ſeine unbeſiegten freien Brüder in den ewiggrünen Gras⸗ ländern des Weſtens erreichen und ihnen die Kunde von dem Schickſal ſeines Volkes bringen. Schon fahren die feuerſpeienden Kanves der Weißen auf den Flüſſen und Seen durch Euer Land, ſchon ſammeln ſich ihre Krieger in Tampabay, und deren großer Vater hat beſchloſſen, daß der Letzte von Euerm Volke nun ſterben ſolle. Heffnet jetzt Euere Ohren und Euere 262 Herzen, Seminolen, und laſſet die Stimme Talli⸗ hadjo's ſie durchdringen; noch giebt es eine Rettung für Euch, für Euere Kinder und für Euern Namen, doch die Zeit der Rettung iſt kurz und ſie ſteht nahe vor Euch. Der große Geiſt hat Euer Vaterland für die Bleichgeſichter beſtimmt und will Euch die reichen endloſen Weiden des Weſtens dafür geben. Hängt nicht länger an den Gräbern Euerer Väter, nicht an der Erde, auf der Ihr geboren ſeid, ſie wird Euch verſchlingen und über Euern Namen Gras wachſen laſſen. Hier liegt der Zorn des großen Geiſtes auf Euch, im Weſten ſeid Ihr ihm lieber, als die Bleich⸗ geſichter. Verlaßt dies Land, Tallihadjv wird Euch führen. So wie der geſchwollene Strom ſich ſeine Bahn bricht und ſeine Wogen niederreißen, was ſeinen Lauf zu hemmen wagt, ſo ſollen die Seminolen durch die Länder der Bleichgeſichter ziehen und in Feuer und Blut Alles niederwerfen, was ihnen in den Weg tritt; ſie ſollen mit der Sonne wandern, bis ſie die offenen, üppigen Prairien des Weſtens erreicht haben, und die Spur, die ſie hinter ſich zurücklaſſen, ſoll der Rache der Seminolen würdig ſein. Der Tag der Vergeltung nahet, und die Schuld der Weißen iſt 3 groß; ſchon haben ſie Euch über die Hälfte des Landes geraubt, welches der große Geiſt einſt Eueren Vätern als Eigenthum gab, ſie haben Viele Euerer Männer, Weiber und Kinder mißhandelt und Viele von ihnen 263 getödtet, ſie haben Euer Vieh von Eueren Weiden fortgetrieben und haben Euch Feuerwaſſer, Krankheiten und Uneinigkeit geſandt, damit Ihr unter Euch Eueren Untergang finden ſolltet und ſie ſelbſt die Schärfe Euerer Pfeile nicht fühlen möchten. Blut für Blut und Leben für Leben! Die Weißen ſehen den Orkan nicht nahen, der ſich über ſie ſtürzen will, unauf⸗ gehalten dringt Ihr durch ihre Länder, ihr edeles Vieh, ihre ſchönen Pferde, ihre Weiber werden Euch reich machen und mit den Sealpen ihrer Männer werdet Ihr Euch ſchmücken. Der große Geiſt liebt Euch noch, er will Euch nicht in den Moräſten Flo⸗ rida's verſchmachten laſſen, er will die Seminolen wieder als großes, gefürchtetes Volk ſehen und will ihnen ein reicheres, ein ſchöneres Land geben, in dem der Büffel, den Euere Väter einſt jagten, die unab⸗ ſehbaren Grasflächen zu Tauſenden durchziehet. Noch ſeid Ihr mächtig genug, Euch dort als freies, unab⸗ hängiges Volk unter Euern rothen Brüdern Anſehen zu verſchaffen und das Land, welches der große Geiſt für Euch zur neuen Heimath beſtimmt hat, gegen Jedermann zu vertheidigen. Ihr habt keine andere Wahl, als hier nach und nach ſämmtlich durch die Weißen vernichtet zu werden, oder über deren Leichen kämpfend nach dem ſchönen Weſten zu Euern rothen Brüdern zu ziehen. Wählet und beſtimmt Euer eigenes Schickſal!“ 264 Hier ſchwieg Tallihadjo, ſetzte ſich auf ſeine Pan⸗ therhaut nieder und winkte den verſammelten Häupt⸗ lingen zu, ſich zu erheben und zu reden. Keiner aber folgte der Aufforderung, Alle ſchienen von Tallihadjo's Worten überraſcht und blickten ſich einander fragend und unentſchloſſen an. Wohl waren ſie mit dem Ge⸗ danken hierhergekommen, Krieg gegen die Bleichge⸗ ſichter zu beſchließen und ihr Land mit ihrem Blut gegen ſie zu vertheidigen; daſſelbe jetzt aber aufzu⸗ geben und ſich im fernen Weſten eine neue Heimath zu ſuchen, daran hatten ſie nicht gedacht. Eine Todtenſtille herrſchte in der Verſammlung, nicht die leiſeſte Bewegung verrieth, daß die hier ſitzenden Männer dem Leben angehörten, bis endlich Osmakohee ſich erhob und mit lauter Stimme erklärte: er ſei bereit, mit ſeinem Stamme Tallihadjo zu folgen, wohin er ihn auch führen möge. Nach ihm traten nach einander die Häuptlinge auf, deren Land an der Grenze der Weißen lag, und ſtimmten Tallihadjo's Vorſchlag bei, auch die Creek⸗Indianer waren ent⸗ ſchloſſen, ihm mit ihren Frauen und Kindern zu folgen, die Häuptlinge aber aus dem Innern des Landes wollten die Gefahr nicht als ſo groß anerkennen, daß ſie ihr Eigenthum deshalb freiwillig aufgeben ſollten. Die Meiſten von ihnen erklärten ſich zu einem allge⸗ meinen Krieg gegen die Weißen bereit und verſprachen ihre ſämmtlichen Krieger gegen dieſe Feinde zu führen, 265 ihren eigenen Jagdgründen angreifen würde. Von Auswanderung nach dem Weſten aber wollten ſie ſämmtlich Nichts hören. Ohne Unterbrechung ward die Berathung während des ganzen Tages fortgeſetzt, und erſt als die Schatten des nahen Waldes ſich weit über den ſpiegelnden See ſtreckten, kam man endlich doch noch zu dem einſtim⸗ migen Beſchluß, ſich zu rüſten und dann die Weißen anzugreifen. „Wie der Panther ſich vor der Beute verbirgt, die er mit ſeinem Sprunge erreichen will, ſo meidet es, Euch vor den Bleichgeſichtern ſehen zu laſſen, oder ihre Aufmerkſamkeit zu erregen“, ergriff Tallihadjo zuletzt nochmals das Wort.„Reizt ſie nicht und nöthigt ſie nicht durch verfrühte einzelne Ueberfälle, die Zahl ihrer Krieger zu vermehren, denn ſie würden vom Norden her in unſer Land dringen, zahlreich, wie die ſchwarze Ameiſe des Waldes. Noch iſt ihre Macht in Tampabay gering, die Kanves der Weißen ſind aber groß und bewegen ſich ſchnell ohne Ruder⸗ ſchlag. Auch in Georgien haben ſich die Herzen der weißen Männer gegen die Seminolen gewandt, nur wenige ſind ihnen treu geblieben. Arnold und ſein Sohn ſind unſere Freunde, und Ralph, der Sohn des alten Tom, gehört halb unſerm Blute an. Sie haben uns gegen ihre weißen Brüder in Florida beſchützt — e während Andere es abwarten wollten, bis man ſie in 266 und wir haben noch Nichts für ſie gethan. Dankbar⸗ keit, ſelbſt gegen den Feind, erfreut den großen Geiſt, und das undankbare Herz ſoll aus der Bruſt des Seminolen geriſſen und den Wölfen zur Speiſe hin⸗ geworfen werden; Ralph und Arnolds, mit Allem, was ihnen gehört, ſoll uns heilig ſein.“ „Jetzt habt Ihr den Rath Tallihadjo's gehört, bald ſoll ſein Schlachtruf zu Euern Ohren dringen. Stärkt Euere Herzen und Euern Arm, ſchärft Euere Augen und bereitet Euch zu dem großen Kampfe, vor Allem aber, ſeid einig, denn der geſchloſſene Wald widerſteht der Macht des Sturmes, der die einzelnen ſtärkſten Bäume entwurzelt, und der See trotzt der Sonne, welche die Bäche austrocknet. Zur blutigen Rache an den Bleichgeſichtern ſehen wir uns wieder!“ Die Vorſtellung, welche Ralph der Regierung in Waſhington übergab, erregte viel Aufmerkſamkeit. Seine Abſtammung von den Seminolen, ſeine Vertrautheit mit denſelben, die er ſehr hervorzuheben wußte, und die Bekanntſchaft mit ihrer Sprache waren Eigen⸗ ſchaften, die augenblicklich von großer Wichtigkeit ſein konnten, wenn man ohne die Waffen in einer oder der andern Weiſe einen Vortheil über die Indianer gewinnen wollte. Namentlich lag der Regierung ſehr viel daran, Zeit zu gewinnen und den Ausbruch der Feindſeligkeiten Seitens der Wilden ſo lange zurückzu⸗ halten, bis man ihnen gegenüber eine hinreichende Macht geſammelt haben würde, um die Anſiedelungen i der Amerikaner in Florida gegen die Wuth der Se⸗ minolen zu ſchützen. Zugleich hielt man den alten, von jeher befolgten Grundſatz feſt, die Stämme unter ſich zu entzweien und ſie einzeln für ſich zu gewinnen, um mit dieſen die andern zu vernichten. Hierzu insbeſondere erbot ſich Ralph und entwickelte ſo viel Umſicht und Gewandtheit in ſeinen Vorſchlägen, auf welche Weiſe er dieſes erzielen wolle, daß man ſich von der Richtigkeit ſeiner Anſichten gern überzeugte und in die Ausführbarkeit ſeiner Pläne keinen Zweifel mehr ſetzte. Er bewies, daß man durch dies Verfahren be⸗ 3 deutende Summen und vieler Soldaten Leben erſpare, 3 und daß die Wilden unter ſich ihr eigenes Vertilgungs⸗ werk vollbringen würden, während die Regierung durch Aufſtellung einer kleinen Truppenmacht an der Grenze der Indianergebiete die weißen Anſiedler gegen alle Gefahr ſchützen könne. Einen Punkt hob Ralph. ganz beſonders hervor, nämlich: Tallihadjv entweder durch Gefangennehmung und Entfernung, oder durch den Tod unſchädlich zu machen, da dieſer den größten Einfluß auf die ganze Nativn ausübe und der mäch⸗ tigſte, entſchloſſenſte Häuptling der Seminvlen ſei. Auch hierbei entfaltete Ralph ſo treffende und Erfolg 268 verſprechende Anſchläge, daß man ſein Anerbieten in Berathung zog, und ihn nach wenigen Tagen mit einem bedeutenden Gehalt zum Indianeragenten der Regierung ernannte. Die nöthigen Vollmachten, Em⸗ pfehlungen und Inſtruktionen wurden nun für ihn aus⸗ gefertigt und er angewieſen, ſich in einem Kriegsfahr⸗ zeug einzuſchiffen, welches mit Truppen, Munition und Mundvorräthen in der Kürze nach Tampabay ab⸗ ſegeln ſollte. Die wenigen Wochen, welche er noch bis zur Ab⸗ fahrt des Schiffes in Waſhington zuzubringen hatte, benutzte er, ſich in jeder Weiſe zu amüſiren, wozu ihm dieſer Ort mehr Gelegenheit bot, als irgend ein an⸗ derer in den Vereinigten Staaten; denn hier erdrückte das Geſchäftsleben nicht jeden Keim des Vergnügens, im Gegentheil, die hochbeſoldeten Congreßmitglieder ließen ſich nicht gern von langer Weile plagen und man hatte dafür geſorgt, daß ſie für ihr Geld Unter⸗ haltung und Vergnügungen aller Art erhalten konnten. An Geld fehlte es Ralph nicht, denn er hatte den Schmuck ſeiner Frau zu einem hohen Preis verkauft und mit vollen Zügen trank er aus dem Becher der Luſt, um ſich für das vergangene langweilige Land⸗ leben, ſo wie im Voraus für ſeinen bevorſtehenden entbehrungsreichen Aufenthalt unter den Indianern zu entſchädigen. Kurz vor ſeiner Abreiſe von Wafhington ſchrieb 269 er an Elviſe, und zehn Tage ſpäter wurde derſelben dieſes Schreiben durch Guy überbracht, der regel⸗ mäßig einige Male in der Woche nach der nächſten Poſtoffice ritt, um ſich dort nach Briefen und Zei⸗ tungen für ſeine Herrſchaft zu befragen. Es war Abend, der nahe Wald hielt die Abſchieds⸗ ſtrahlen der Sonne von der Rückſeite des Gaſthauſes ab, an welcher eine dichte Laube von immerblühenden Rankenroſen angelehnt ſtand. Hier ſaß Elviſe mit ihrem Kinde auf dem Schvoße, und ihr Herz war doppelt glücklich bewegt. Es war heute der Geburtstag ihres Knaben, und heute hatte Montelard, der Elviſen gegenüber ſaß, zum erſten Male es gewagt, ſich heraus in das Freie zu begeben. Wohl waren mit dem Erſcheinen dieſes Tages die Thränen, welche Elviſe ſeit einem Jahre vergoſſen hatte, ihr vor die Seele getreten, das ungemeſſene Glück aber, welches ihr der Beſitz ihres Kindes ge⸗ ſpendet, verwiſchte bald in ihrer Erinnerung das auf⸗ tauchende Bild trauriger Vergangenheit. Wie einen Schutzengel drückte ſie ihren kleinen Tom gegen ihr Herz und ſagte ſich im Hinblick auf den vom Tode auferſtandenen bleichen Mann vor ihr, daß ſie durch die Wohlthaten, die ſie dieſem erzeigt habe, das Glück an ihrem Kinde verdiene. 70 Montelard war durch die ſorgſame Pflege Eloiſens dem Grabe entriſſen, das Fieber hatte ihn verlaſſen, Eßluſt und Schlaf hatten ſich wieder bei ihm einge⸗ ſtellt, und ſeine Kräfte nahmen ſeit Kurzem auffallend zu. Mit dem Verſchwinden der Sonne und dem Beginnen des erfriſchenden Abendwindes hatte er ſich, von Rens unterſtützt und von Eloiſen begleitet, hier⸗ her begeben, wo dieſe ihm zu ſeiner Erquickung Limo⸗ nade bereitete. Mit warmer Dankſagung empfing er den Trank aus ihrer Hand und führte ihn zu ſeinen Lippen. Dann ſtellte er das Glas neben ſich auf dem Tiſche nieder, ſank gegen die Rücklehne des großen Arm⸗ ſtuhls, den Elviſe für ihn hatte hierherbringen laſſen, und ſagte zu dieſer: „Sie haben ſchwere Verpflichtungen auf mich ge⸗ laden, Madame Norwvod, Sie haben ſich des hülfs⸗ bedürftigen Fremden mit unermüdlicher Hingebung angenommen, haben ihn mit Wohlthaten überhäuft und ihn im ſtrengſten Sinne des Wortes von dem Rande des Grabes weggeriſſen; nächſt Gott habe ich nur Ihnen meine Geneſung zu danken; wird mir jemals die Gelegenheit werden, durch die That Ihnen meine tiefgefühlte Erkenntlichkeit zu beweiſen?“ „Sie thun es ja in dieſem Augenblick, Herr Mont⸗ elard, wirklicher Dank liegt in dem Gefühl und in der Anerkennung von empfangenen Wohlthaten. An⸗ 6 2 * dern Dankes bedarf es bei Dem nicht, der Gutes 271 that, nur um des Guten Willen; er iſt ſchon reichlich durch das Bewußtſein ſeiner Handlung belohnt“, ant⸗ wortete Eloiſe, indem ſie einen Augenblick von ihrem Kinde zu Montelard hinſah und deſſen ſeelenvollem, doch ernſtem Blick begegnete, den er unbeweglich auf ihr ruhen lisß. „Wo ſich irgendwie die Gelegenheit bietet, ſoll meine Dankbarkeit auch von der That begleitet werden. Leider habe ich aber gar keine Ausſicht hierzu, ſo ſehr erwünſcht ſie mir auch ſein würde. Ich muß Ihr Schuldner bleiben und denken Sie, ich möchte gern die Schuld bei Ihnen ſogar noch vergrößern. Ich habe eine Bitte, weiß aber nicht, ob ich ſie wagen darf?“ ſagte Montelard, indem ſeine tiefe mel iſche Baßſtimme einen weichen, bittenden Ton annaht teife ſah ihn einige Augenblicke überraſcht an, und erwiederte dann: 6 „Wenn ich Ihnen die Bitte zu gewähren im Stande bin, ſo werde ich es gern thun, davon dürfen Sie überzeugt ſein; nennen Sie mir nur, was Sie wünſchen.“ 6 „Verſprechen Sie mir die Gewährung?“ fragte Montelard mit erhöhtem Glanz ſeiner großen dunkeln Augen. „Wenn ich kann und darf— ja“, ſagte Eloiſe in einiger Verlegenheit. — 272 „So nehmen Sie dieſen Ring von mir und be⸗ wahren Sie ihn als Andenken an einen dankbaren Freund, der ſich ewig als Ihren Schuldner betrachten wird. Verweigern Sie mir die Erfüllung dieſer klei⸗ nen Bitte nicht, durch deren Willfahrung Sie mir eine neue Wohlthat erzeigen würden.“ Mit dieſen dringend und überredend geſprochenen Worten zog Montelard den Brillantring von ſeinem alabaſterweißen Finger und reichte ihn Elviſen hin. „Herr Montelard, Sie überraſchen mich, den Ring darf ich nicht annehmen“, ſagte Elviſe erröthend und legte ihre Hand um die Schulter ihres Kindes. „Und nur, weil es ein Ring iſt? So werde ich den Stein herausbrechen und Ihnen denſelben allein als Andenken geben. Ein Ring, ohne eine andere Bedeutung als die der Dankbarkeit, iſt ein harmloſes Ding. Ich verlange ja nicht, daß Sie— ſollen, nur um Verwahrung deſſelben bitte ich, ſein Werth könnte Ihnen möglicherweiſe einmal von Wich⸗ tigkeit ſein. Das menſchliche Schickſal iſt wandelbar. Nehmen Sie den Ring, ich bitte Sie darum!“ YNoch weicher, noch flehender ſprach Montelard dieſe Worte zu Elviſen, indem er ſich zu ihr vorbeugte und ihr den Ring hinhielt; doch immer noch zögerte ſie, denſelben anzunehmen, obgleich ſie in der Annahme kein Unrecht erblicken konnte. „Dank verſchmähen grenzt nahe an Geringſchätzung, 273 einen Almoſen giebt man einem Bettler,“ ſagte Mont⸗ elard mit dumpfer Stimme, und eine Wolke des Miß⸗ muths überzog ſeine hohe ſchöne Stirn, indem er die Hand mit dem Ringe finken ließ. „Nein, nein, Sie mißdeuten meine Weigerung, ich nehme den Ring von Ihnen und werde ihn als theueres Andenken an Sie bewahren,“ ſagte Elviſe ſchnell, indem ſie Montelard ihre kleine Hand hin⸗ hielt und dieſer mit freudigem Lächeln ihr den Ring hineinlegte. In dieſem Augenblick trat Guy, der Neger, aus dem Hauſe und reichte Elviſen Ralph's Brief. „Ein Brief von meinem Gatten!“ ſagte ſie über⸗ raſcht und wollte ſich erheben, um in ihrem Zimmer das Schreiben zu öffnen, Montelard aber hielt ſie mit den Worten zurück: „Leſen Sie den Brief hier, ich bitte, auch ich nehme großen Antheil an dem Schickſal Ihres Gemahls, denn er war es ja, der mir hier ein Aſyl bewilligte.“ Eloiſe blieb und erbrach das Schreiben. Ralph zeigte ihr darin an, daß er mit einem bedeutenden Ge⸗ halt als Indianeragent angeſtellt ſei, und daß er erſt Tages nach Tampabay abſegeln werde. Er ſagte, dä ſeine Stellung ihm außerdem viel Gelegenheit bieten würde, Geld zu verdienen, und daß er Eloiſen dann Baarſchaft zuſenden wolle. Er wies ſie an, ſeinen Creditoren, wenn dieſelben mit Ablauf des Ja Ralph Norwood. II. 18 274 auf Zahlung dringen ſollten, anzudeuten, ſie möchten ſolche ruhig abwarten, widrigenfalls Ralph ihnen die Indianer auf den Hals ſenden wolle, und ſchließlich erinnerte er Elviſen nochmals daran, die Nachlaſſen⸗ ſchaft Montelards in Verwahr zu nehmen, und vor allem deſſen Brillantring„von enormem faſt unſchätz⸗ barem Werthe“ wie er ſich ausdrückte, nicht aus den Augen zu laſſen. Eloiſe wurde bleich, das Papier zitterte in ihren Händen, ſie faltete es zuſammen, erhob ſich mit ihrem Knaben und verließ mit einer Thräne im Auge die Laube. Montelard ſchwieg, ſein ſcharfer, in die Seele des Menſchen dringender Blick erkannte, daß nicht ein Unglück, welches Ralph betroffen, die Urſache von Eloiſens ſchmerzlicher Bewegung ſei, er gewahrte einen Ausdruck der Entrüſtung auf ihren bleichen ſchönen Zügen und wollte ſie nicht veranlaſſen, ihrem Schmerz Worte zu geben, noch weniger ihm eine Unwahrheit zu ſagen. Eloiſe drückte den Knaben feſter gegen die Bruſt, ihre Thränen floſſen jetzt ohne Rückhalt und mit eiligen Schritten hatte ſie den Corridor im Hauſe erreicht, als ihr Guy, der Neger, entgegen trat und zu ihr ſagte: „Der Herr hatte mir ſeinen alten grauen Rock zu geben verſprochen, Herrin, er hat es aber bei ſeiner —— 275 Abreiſe vergeſſen zu thun. Ich habe Nichts über mein Hemd anzuziehen; Abends und Morgens iſt es kühl und oft muß ich im Regen hinaus an die Arbeit.“ „Ja, ja, Guy, ich war ja dabei, als Dein Herr Dir den Rock verſprach, derſelbe muß in ſeinem Zim⸗ mer liegen, denn mitgenommen hat er ihn ja nicht. Warte einen Augenblick, ich will ihn Dir ſogleich geben,“ ſagte Elviſe und ging in ihr Zimmer. Dort ſetzte ſie ihr Kind auf den Teppich nieder, nahm den Schlüſſel zu ihres Gatten Gemach aus ihrem Arbeits⸗ tiſch hervor und eilte hinaus, um für den Neger den ihm verſprochenen Rock zu holen. Sie war in die Stube eingetreten und erkannte ſogleich das beſagte Kleidungsſtück, welches nahe an dem Fenſter über einem Stuhl hing. Sie nahm es auf, unterſuchte jedoch erſt deſſen Taſchen, ob vielleicht noch ein Tuch, oder ſonſt etwas von Werth ſich darin befände. Ihre Hand fühlte nur ein ſehr ſteifes zuſammengedrücktes Papier darin, welches ſie hervorzog und in welchem ſie auf den erſten Blick dasjenige erkannte, in welches in der Unglücksnacht, als ſie ſcheiterte, ihr Vater den Schmuck ihrer ſeligen Mutter eingehüllt und ihr ge⸗ geben hatte. Ein Schreck fuhr ihr durch die Seele und ein kalter Schauder überrieſelte ihre Glieder. Mit Entſetzen ſtierte ſie auf das blaue Papier, ent⸗ faltete es und erkannte eine Preis⸗ 6 Waarenliſte 276 Neines New⸗Yorker Hauſes, welche darauf gedruckt ſtand und welche ſie zu wiederholten Malen durchleſen hatte. Es war der Umſchlag von ihrem Schmuck, und der Dieb deſſelben war ihr eigner Gatte. Von Grauen und Abſcheu ergriffen, ſtand ſie regungslos da, und 8 ihre Gedanken ſträubten ſich gegen ihre Ueberzengung, daß Ralph dieſe Schandthat begangen habe. Jemehr ſie aber darüber nachſann, deſto mehr verſchwanden alle Zweifel, und mit der tiefſten Verachtung erinnerte ſie ſich, daß ihr Mann im Begriff geſtanden hatte, die treue Selavin zu peitſchen und zu foltern, von deren Unſchuld er ſo ſicher überzeugt geweſen war. „ Das Geräuſch des Negers, der in die Thür trat, weckte Elviſen aus ihren entſetzlichen Betrachtungen, ſie wandte ſich nach ihm um, gab ihm ſchweigend den Rock, und verſchloß im Hinausgehen die Stube. Das Düſter des Abends hatte ſich durch das Haus verbreitet, als Elviſe in ihr Zimmer zurückkehrte und das Unglücksdveument in ihrer Hand hielt. Mit aus⸗ ſetzendem Pulsſchlag wankte ſie in der Stube auf und nieder, bis ſie endlich vor dem kleinen Kaminfeuer ſtehen blieb, und zerknirſcht ihre Blicke nochmals auf Abſcheu, drückte ſie daſſelbe mit beiden Händen zu⸗ ſammen und war im Begriff, es in die Flamme zu werfen, als augenſcheinlich ein durch ſie hinfahrender das verhaßte Papier heftete. Plötzlich, wie in höchſtem 277 Gedanke ſie davon zurückhielt. Sie trat an ihren Ar⸗ beitstiſch, ſtrich das Papier wieder glatt, faltete es zuſammen und verſchloß daſſelbe in ihren Secretär. Dann nahm ſie ihr Kind auf den Arm und ver⸗ ließ das Zimmer; denn ſie fühlte ſich beklommen und beengt und bedurfte der freien Luft. Sie ließ ſich an dem Ausgang des Corridors unter der Veranda nieder, wo ſie ihren troſtloſen Betrachtungen folgte. Niemand ſtörte ſie, es war außer Montelard kein Fremder im Hauſe, der ihre Thätigkeit beanſpruchte, und Eva, die ſie beobachtet hatte, wußte, daß ſie im Schmerz lieber allein war. Es war ihr, als wollte das Unglück ſie zu Boden drücken, ſie fühlte ſich wieder ſo verlaſſen, ſo allein in der Welt, ſo ganz ohne alle Stütze, un“ mit Verzweiflung ſah ſie auf ihren Knaben, der ihr wie eine Waiſe vorkam. Geliebt hatte ſie Ralph eigentlich nie, ſie hatte aber dennoch ihre Pflichten als ſeine Gattin treulich erfüllt, mit Geduld und Nach⸗ ſicht ſeine Härten und Rückſichtsloſigkeiten gegen ſie und Andere ertragen, ſeine vielen großen Fehler ent⸗ ſchuldigt und, wo ſie konnte, deren Folgen gut ge⸗ macht. Nun aber waren alle Banden zwiſchen ihr und ihm zerriſſen, der Gedanke, die Frau eines Diebes, eines Betrügers zu ſein, wollte ihr das Herz zerſpren⸗ gen und drängte ſie mit Abſcheu und Verachtung vyn ihm zurück. Jetzt war ſeine Abweſenheit ihr ein Troſt, und daß er nimmer wiederkehren möchte, war ein 278 Wunſch, den ſie fühlte, wenn ſie ihn auch nicht gegen ſich ſelbſt ausſprach. Die Nacht brach herein, der Whippoorwill(die Nachtſchwalbe) rief in dem nahen Walde klagend und ſchauerlich ſeinen eignen Namen und die Sterne be⸗ gannen zu funkeln und zu blitzen. Elviſe ſaß immer noch mit ihrem Knaben im Arm und mit gram⸗ und ſchmerzerfüllter Bruſt unter der Veranda und ſchaute trocknen Auges in die Dunkelheit hinaus. Plötzlich drangen leiſe Saitentöne in ſüßen lieb⸗ lichen Weiſen durch den Gang zu ihrem Ohr, zau⸗ beriſch ſchmelzend und beſänftigend, wie Klänge aus einer beſſern Welt, berührten ſie ihre Seele, und ihr Schmerz fand mit einem Thränenſtrom den Ausweg aus ihrer beengten Bruſt. Sie erkannte die Töne wieder, es waren die Laute von Montelards ihr unbekanntem Inſtrument, die jetzt durch die geöffnete Thür ſeines dunkeln Zimmers in den Corridor hervorſtrömten. Sie lauſchte den Me⸗ lodien, den Schöpfer derſelben aber ſah ſie in Ge⸗ danken vor ſich, ſchön, edel und dankbar. Dem Vergleich zwiſchen ihm und Ralph, den ſie ſchon oft gewaltſam in ſich erſtickt hatte, gab ſie jetzt Raum in ihren Gedanken, mit jedem Aecord, der von den Metallſaiten zu ihrem Ohr herüberſchwebte, ſtieg Montelard hehrer und herrlicher vor ihrer Seele auf, und Ralph ſank in gleichem Maaße als verworrenes 6 Bild von Gemeinheit und Trug in den finſtern Hinter⸗ grund ihrer Fantaſie. Nun geſtand ſie es ſich unver⸗ holen, daß dieſer Mann, der jetzt ſo achtungswerth und hoch vor ihrem Geiſte ſtand, dem Bilde entſprach, welches ihre Jugendträume ihr von ihrem dereinſtigen Gatten vorgezaubert hatten. Wäre er ihr Begleiter durchs Leben geworden, nach welchem Himmel hätte ſie ſich dann noch ſehnen können! Er war ſo gut, ſo liebevoll, ſo erkenntlich, ſo zart und aufmerkſam, ſo beſcheiden und ſo anſtändig in jedem Wort, jedem Blick, jeder Bewegung, und welch mächtiges edeles Gefühl ſprach aus jedem Tone, den er zu ihr herüber⸗ ſandte. Ja, ſie wußte es, daß er ihres Schmerzes wegen dieſe Zaubertöne ſchuf, damit dieſelben lindernd, tröſtend und beſänftigend, wie Balſam in ihr krankes Herz dringen ſollten. Hätte Elviſe doch in dieſem Augenblick die eiſernen Banden, die ſie an Ralph feſſelten, zerſprengen können! Der letzte Ton der Sai⸗ ten verhallte, Alles war ruhig und ſtill um Elviſe, nur in ihr ſelbſt konnte der Seelenfrieden noch keine Stätte finden, während die Nacht Ruhe über die Erde verbreitete. Gefühle waren in ihrer Bruſt geboren, die ihr bis jetzt fremd geblieben, von denen ſie ſich keine Rechenſchaft zu geben wagte, und die zu mächtig waren, als daß ihre Vernunft, ihr Wille ſie augen⸗ blicklich hätte bemeiſtern können. In ihrer erhitzten Fantaſie ſah ſie Glück und Seligkeit vor ſich erglänzen, 280 ſie erkannte den Abgrund, der zwiſchem jenem Himmel und ihr gähnte, ſie blickte ſchwindelnd in die boden⸗ loſe Tiefe und ſank in das Unglück zurück, mit welchem die Wirklichkeit ſie mit eiſernen Armen umfaßt hielt. „Die Nachtluft iſt zu kühl, Herrin, ſie könnte Deinem Kinde ſchaden,“ ſagte Eva mit theilnehmender Stimme und trat leiſe zu Elviſen hin. „Du haſt Recht, Eva, es möchte für Tom nicht gut ſein, länger hier zu weilen. Es war im Zimmer ſo drückend, die kühle Luft hier im Freien that mir wohl. Ich hatte einen Anfall von meinem böſen Kopfweh,“ erwiederte Eloiſe, indem ſie aufſtand und, von der Selavin gefolgt, mit ihrem Knaben nach dem Schlafgemach ging. Einige Wochen waren in reger Geſchäftigkeit ver⸗ ſtrichen, weil der Zufall ungewöhnlich viele Fremde. in das Haus geführt hatte, und das neue Jahr war„ angetreten. Montelard hatte ſich ſehr erholt. Anfangs war er täglich Morgens zeitig und Abends, wenn die Sonne ſich neigte, in ſeinem Cabriolet ſpazieren gefahren, dann hatte er dieſe Ausflüge zu Pferd gemacht und nun durchwanderte er regelmäßig die Umgegend zu Fuß. Von Tag zu Tag mehrten ſich ſeine körperlichen Kräfte wieder und es ſchien, daß ſein Grundleiden, welches ihn von dem Norden weggetrieben hatte, hier in dem ewigen Frühling wirklich gehoben worden ſei. 281 Er kam jetzt häufiger mit Eloiſen in Berührung, er hatte es vorgezogen, an der öffentlichen Tafel zu ſpeiſen, an welcher Jene als Wirthin ſtets ſelbſt erſchien, auch ging er ihr, wo ſich die Gelegenheit bot, bei ihrem Verkehr mit den Reiſenden hülfreich zur Hand, denn er fühlte ſich hier wie zum Hauſe gehörig und es war noch keinmal die Rede davon geweſen, daß er abreiſen wollte. Abends traf es ſich häufig, wenn gerade das Haus von Fremden leer war, daß er mit Elviſen in dem Blumengarten, oder auch an dem rauſchenden Waſſer im Walde luſtwandelnd die Abendluft genoß, wobei er dann größtentheils die Unterhaltung führte und ſeiner Begleiterin aus ſeinem vergangenen Leben erzählte. Er hatte viel von der Welt geſehen, war mehrere Jahre in Oſtindien geweſen, hatte Afrika be⸗ reiſt und trug ſeine Mittheilungen lebendig und an⸗ ſchaulich mit einer reichen glühenden Fantaſie vor. Zu⸗ gleich belehrte er Elviſen aus dem reichen Schatz ſeiner Erfahrungen, ſeiner gründlichen, nach allen Seiten des Wiſſens ausgebreiteten Kenntniſſe, und entwickelte ſo viel Edeles und Schönes in ſeinen Anſichten und Be⸗ trachtungen, daß Elviſe täglich ſtaunender ſeinen be⸗ geiſternden Worten lauſchte und ſich mehr und mehr zu ihm hingezogen fühlte. Dabei umgab ihn etwas Geheimnißvolles, etwas Räthſelhaftes, welches ihr In⸗ tereſſe für ihn nur noch höher ſteigerte, er erzählte immer nur unzuſammenhängende Bruchſtücke aus ſeinem 282 Leben, in denen er in den allerwiderſprechendſten Stellungen, in den verſchiedenſten Verhältniſſen er⸗ ſchien; bald fand Elviſe ihn im Tumult der Schlacht, umgeben von dem Donner der Geſchütze und dem Dröhnen jagender Cavallerie; bald traf ſie ihn im Kreiſe von Gelehrten, den Geheimniſſen der Natur nachſpähend; dann ſah ſie ihn als Seemann auf den hochgethürmten Wogen des Meeres am Steuer, dem Sturm Trotz bietend, und wieder erblickte ſie ihn in dem glänzenden, mit Pracht und Reichthum geſchmück⸗ ten, hellerleuchteten Salon der eleganten Welt. Daß er geborener Franzoſe war, blieb aber das Einzige, was ſie aus ſeiner Vergangenheit Gewiſſes über ſeine Perſon erfahren hatte. Mit dem Eintritt des neuen Jahres fanden ſich viele Creditoren Ralph's bei Elviſen ein und forderten Zahlung für ihr Guthaben. Sie verwies dieſelben auf die Abweſenheit ihres Gatten und bat, ſich zu geduldigen, da Dieſer jetzt im Dienſt der Regierung einen hohen Gehalt bezöge und ihr verſichert habe, er werde baldigſt Geld zum Zahlen ſeiner Schulden ſenden. Einige Gläubiger wurden da⸗ durch zufrieden geſtellt, andere klagten jedoch bei Gericht und wollten ſich aus der fahrenden Habe, ſowie aus dem Grundeigenthum Ralph's bezahlt machen. Elviſe gerieth hierdurch in große Verlegenheiten. Augenblick⸗ lich ſtörender aber berührte ſie ihre nun eingetretene ahteeeed — 283 Creditloſigkeit, indem ſie bis jetzt bei den Kaufleuten in der Umgegend alle Bedürfniſſe für die Wirthſchaft auf Rechnung erhalten hatte, und dieſelben ſich nun weigerten, ihr ferner Waaren ohne baare Zahlung zu⸗ kommen zu laſſen. Auch die Pflanzer in der Nachbar⸗ ſchaft wollten ihr kein Schlachtvieh mehr liefern, bis das bereits erhaltene bezahlt ſei, und Ralph hatte vor ſeiner Abreiſe alles ſchlachtbare Vieh aus ſeinen Heerden verkauft. Von den durch die Reiſenden eingehenden Geldern zahlte Elviſe hier und dort kleine Beträge, um klagbar gewordene Gläubiger zu be⸗ ſchwichtigen und Exeecutionen zu vermeiden, und behielt nur ſo viel davon zurück, um die nothwendigſten Be⸗ dürfniſſe für den Haushalt in kleinen Quantitäten gegen baar zu kaufen. Dem ſcharfen Blick Montelards entging die miß⸗ liche Lage Elviſens nicht, denn ſchon einige Male hatte es beim Kaffee und Thee an Zucker gefehlt, friſches Fleiſch hatte bei den Mahlzeiten gemangelt und René hatte ihm gemeldet, daß keine Maisblätter zum Futtern des Pferdes vorhanden ſeien. Auch hatte er zu verſchiedenen Malen den Conſtabel in ernſtem Ge⸗ ſpräch mit Eloiſen geſehen und nachher bemerkt, daß ſie geweint hatte. Eines Abends, als alle Fremden abgereiſt waren, ſchlug Montelard Eloiſen vor, einen Spaziergang zu machen, wozu ſie ſich gern bereit fand und mit ihm 284 den Weg an dem Bache hin einſchlug. Die Kühle des Waldes und des, über mächtiges Geſtein hin⸗ ſchäumenden Waſſers hatte ſie wohlthuend umfangen und ſie waren Beide in Gedanken verſunken eine Zeit lang ſtumm nebeneinander hingeſchritten, als Mont⸗ elard das Schweigen brach und zu Elviſen ſagte: „Sie wiſſen, wie drückend meine große Schuld gegen Sie auf mir laſtet und wie ſehnlichſt ich eine Gelegenheit herbeigewünſcht habe, einen Theil der⸗ ſelben abzutragen, denn ganz werde ich es nimmer können. Sie haben mich dem Tode entriſſen, erlauben Sie mir, daß ich Sie kleinen Unannehmlichkeiten des Lebens entziehe. Laſſen Sie mich, wie es dem Freund geziemt, offen zu Ihnen reden. Es hat Ihnen in letzter Zeit mitunter an baaren Mitteln gefehlt und ich würde die Forderungen, die man gegen Sie hat, hinter Ihrem Rücken gezahlt haben, wenn nicht triftige Gründe mir Dies unterſagt hätten. Ich beſitze ein Recht darauf, mich Ihnen hülfreich zu zeigen und bitte Sie, daß Sie die Mittel, deren Sie benöthigt ſind, aus meinen Händen em⸗ pfangen. Sie ſind Dies ihrem dankbaren Freund ſchuldig.“ Eloiſe ging mit geſenktem Haupte ſchweigend neben Montelard hin, und ſtatt der Antwort, füllten ſich ihre ſchönen Augen mit Thränen. Der Antrag kam ihr ſo plötzlich, ſo unerwartet, — ,——— 285 daß ſie nicht wußte, was ſie erwiedern ſollte; ſie fühlte, wie äußerſt nothwendig Hülfe war, und zugleich wider⸗ ſtrebte es ihrem Gefühl, dieſelbe anzunehmen. Sie ſchämte ſich in ihres Gatten Seele, daß er ſie in einer ſolchen Lage zurückgelaſſen hatte, und gern würde ſie in dieſem Augenblick alle Schuld deſſelben auf ſich ſelbſt genommen haben. Montelard's Scharfſinn aber war ihr zu gut bekannt, als daß ſie vor ihm ihre Lage hätte verheimlichen, oder das Unrecht ihres Mannes beſchö⸗ nigen können. Sie fand keine Antwort. „Dieſe kleine Hülfe iſt wahrlich Ihres Seits kaum des Dankes werth,“ fuhr Montelard mit mildem über⸗ redendem Ton fort.„Legen Sie dagegen mein Leben in die Wagſchale. Nicht wahr, Sie verſprechen es mir, mich nicht mit meiner Bitte zurückzuweiſen? Ich werde einen neuen Beweis Ihrer Freundſchaft darin er⸗ kennen.“ „Ich bin ſehr unglücklich, Herr Montelard!“ ſagte Elviſe mit bebender ohne zu ihrem Begleiter aufzublicken. „Sie haben einen lieben Knaben, der Ihrem Daſein ein ſchönes Ziel giebt und alle Widerwärtig⸗ keiten und Beſchwerden Ihres Lebens verſüßen wird. Nur, wenn der Menſch allein ſteht und Niemanden in der Welt hat, für den er lebt, für den er mit Liebe wirkt und ſorgt, iſt er unglücklich, ſagte Montelard mit traurigem Tone und ſetzte dann bittend hinzu: 286 „O laſſen Sie mir den Troſt, Etwas für Sie zu thun.“ „Sie haben ſchon ſo unendlich Viel für mich ge⸗ than, Herr Montelard, Sie ſind meine einzige Stütze geweſen,“ ſagte Elviſe und hob ihren Blick zu ihrem Begleiter auf. „Nichts habe ich gethan, als Wohlthaten von Ihnen empfangen und meinen eigenen Wünſchen, meinem Glücke gelebt. Hier nehmen Sie, verehrte Frau, dieſen unbedeutenden Beweis meiner unbegrenzten ewigen Dankbarkeit.“ Bei dieſen Worten, die Montelard mit ungewohnter Leidenſchaft ſagte, ergriff er Eloiſens Hand und legte ein, in Papier gefaltetes Packet hinein. „Herr Montelard, wie kann ich?“ ſagte Elviſe zitternd. „Wie konnte ich?“ erwiederte Jener„Kein Wort weiter, wenn wir wirklich Freunde ſind. Und nun wird es Zeit ſein, daß wir zurückgehen; die Sonne iſt verſunken.“ Sie traten den Heimweg an, Montelard erzählte Elviſen mit heiterer Lebendigkeit eine ſpannende inter⸗ eſſante Begebenheit aus ſeinem Leben, und als ſie aus dem Walde traten, kam ihnen Eva mit Tom auf dem Arm entgegen, den die Mutter ihr abnahm und mit einem glückſtrahlenden Blick nach Montelard an ihre Bruſt drückte. S kehrte Elviſe in ihr — 287 Zimmer zurück, ſetzte ihr Kind auf die Erde nieder und öffnete dann in dem Dämmerlicht, welches durch das Fenſter drang, das von Montelard empfangene Papier. Es enthielt tauſend Dollar in Banknoten. Mit einem Schreck gewahrte ſie dieſe Summe in ihren Händen und erkannte die große Verbindlichkeit, die ſie durch deren Annahme gegen den Geber eingegangen hatte. Im erſten Augenblick wollte ſie zu ihm eilen und ihm das Geld zurückgeben, ſie faltete das Papier zuſammen und hatte die Thür ſchon erreicht, als ihr die Freude vor die Seele trat, die ſich bei Montelard nach Ueberreichen des Geſchenks kundgegeben hatte. Wie liebevoll, wie herzlich und aufrichtig hatte er ſie um Annahme des Geldes gebeten, und wie ſchmerzlich mußte es ihn berühren, wollte ſie es ihm jetzt wieder zurückgeben! Unſchlüſſig, was ſie thun ſollte, blieb ſie ſtehen, ſuchte ihre Gedanken zu ſammeln und zu über⸗ legen; das freundlich bittende Bild Montelards aber ſiegte über alle Zweifel, alle Bedenken. Elviſe ſchritt zu ihrem Secretär und verſchloß das Packet in die Schieblade, in welcher ſie den Brillantring und das Papier aus ihres Mannes Rock verwahrt hielt. Der ſchweren Sorgen, die Elviſen ſo ſehr gedrück und geängſtigt hatten, war ſie nun mit einen überhoben und ſie würde ſich im Beſitze j und beſchützt von dem treuen liebevolle 288 endlich glücklich gefühlt haben, hätte nicht der Gedanke an Ralph wie ein böſer Geiſt fortwährend hinter ihr geſtanden und ſie ſelbſt in ihren Träumen verfolgt. So aber konnte ihre Ruhe, ihr Friede jeden Augen⸗ blic durch deſſen Rückkehr vernichtet werden, und Ban⸗ gigkeit und Angſt überfiel ſie jedesmal, enn Guy von der Poſtoffice zurückkam. „ — * — Farbkarte 113