Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gduard Oltmann in Gieſten, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Leſebedingungen. 1 Offensein der Bibliotkek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends§ lihr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jevem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Ent e n ntgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf 1 W. 5 Pf. 7 — „ ²„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurt der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— ₰ das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet.. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben“ ckſendung zu ſorgen. S —— Bibliothe deutſcher Originalromane. Herausgegeben von Herm. Markkgraf. 2 Neunzehnter Jahrgang. Zwanzigſter Band. 6i Gräfin und Marquiſe. n. ————— Wien. Herm. Markgraf. 1864. Roman von Guſtav vom See. II. Theil. Herm. Markgraf. 1864. Dr Druck von Heinr. W Heinr. Merch in Prag 1 17 38 ite 54 V. Capitel 72 88 100 . Capitet 116 X Capäitet 136 Cite 149 163 it 178 195 Gräfin und Marquiſe. Erſtes Capitel. Das liebliche Thal des Harzes, die Fichtenau, in welcher Walther jetzt faſt ein Jahr zugebracht hatte, lag hinter ihm und war ſeinen Augen entſchwunden, und auch wir ſind genöthigt, mit ihm dieſe Gegend zu verlaſſen und eine andere aufzuſuchen, welche von dieſer ſehr ver⸗ ſchieden iſt. Das Auge überblickt von einem etwas höheren Stand⸗ puncte aus eine weite, flache, hin und wieder in leichten Wellenlinien ſich erhebende Ebene. Dunkle Kiefernwälder unterbrechen das einförmige Bild, ohne ihm jedoch eine größere Mannigfaltigkeit zu verleihen, denn dieſe Wälder ſehen aus, wie ein ſchwärzlicher, unſchöner Rahmen, mit wel⸗ chem die Natur dieſen Theil ihrer mißlungenen Schöpfung hat einſchließen wollen, um ihn vor den Blicken der Men⸗ ſchen zu verbergen. Es iſt das Alles ſehr verſchieden von der anmuthigen und romantiſchen Gebirgsgegend, die wir Gräfin und Marguiſe. II. 1 verlaſſen haben, und wenn es Dir dort gefallen hat, ge⸗ neigte Leſerin, wenn Du eine Freundin biſt von Berg und Thal, von raſch dahineilenden Bächen, von maleriſchen Schluchten, wild ſtarrenden Felſen, tiefdunkeln, ſchweigſa⸗ men Seen— überhaupt von demjenigen, was unſere Seele im Gebirge ſo mächtig ergreift und unſer Herz ſchnel⸗ ler und erregter ſchlagen läßt,— dann wird es Dir dort, wohin ich Dich jetzt führe, wenig gefallen, und Du wirſt den Wunſch haben, dieſe Gegend ſo bald als möglich wie⸗ der zu verlaſſen. Ich kann dieſen Wunſch jedoch leider nicht erfüllen, Du mußt im Gegentheil auch hier eine Zeit lang verwei⸗ len, wenn Du mir überhaupt bis zum Schluſſe dieſer Er⸗ zählung folgen willſt. Vielleicht ändert ſich auch Manches in Deinen Anſichten und Gefühlen, denn die Natur hat überall ihre Schönheiten, und ſelbſt eine reizloſe Gegend gewinnt, wenn wir erſt heimiſch darin geworden ſind. Dieſe, wohin ich Dich jetzt führe, liegt in Oberſchle⸗ ſien, nahe an der öſterreichiſchen Gränze. Es iſt gerade ein klarer, warmer Sommerabend, und das ſcheidende Licht der untergehenden Sonne läßt die Vorberge der Karpathen, die Beskiden mit ihren maleriſchen Linien, wenn auch noch in ziemlich weiter Ferne, doch in purpurner Färbung er⸗ ſcheinen— Du fiehſt, es gibt auch hier Berge— wenn auch nicht in der Nähe, aber ſie ſind doch ſichtbar und ſen⸗ 3 den Grüße herüber, mit denen mancherlei verlockende und ſehnſüchtige Gedanken in unſerer Seele erwachen. Oberſchleſien iſt noch jetzt ein ſehr eigenthümliches Ländchen. Der Volkswitz nennt es Oberpodolien oder auch Oberitalien, je nachdem er ſeinen Spott in einen derben oder zarten Ausdruck einkleiden will; ſeine Bewohner be⸗ ehrt man mit der Bezeichnung„Rothhäute, woraus her⸗ vorgeht, daß man einen außerhalb der gewöhnlichen Cul⸗ tur liegenden Zuſtand zu bezeichnen bemüht iſt. Wenn man jetzt noch immer in ſolcher Weiſe von Oberſchleſien ſpricht— mit Recht oder Unrecht, wollen wir dahingeſtellt ſein laſſen,— ſo iſt mit Gewißheit anzuneh⸗ men, daß zur Zeit unſerer Geſchichte, im Jahre 1809, die Zuſtände jenes Landes von denen der anderen Provinzen des preußiſchen Staates in vielen Beziehungen verſchieden geweſen ſein mußten. Jetzt liegt über Oberſchleſien ein dichtes Netz von Ei⸗ ſenbahnen, ſeine unerſchöpflichen Mineral⸗ und Kohlenreich⸗ thümer ſind erſchloſſen und werden in langen Wagenzügen fernen Gegenden zugeführt, viele Hunderte von Dampf⸗ maſchinen arbeiten Tag und Nacht, die hohen Eſſen rau⸗ chen, die Werke hämmern, walzen, ſchmelzen und klappern — kurz, die Induſtrie hat ihren ſiegreichen Einzug dort gehalten und aus ihrem Füllhorn Milionen ausgeſtrent an Viele, die vft nur wenig mehr gethan haben, als wozu die plötzlich veränderten Verhältniſſe von ſelbſt führten. Und doch heißt Oberſchleſien immer noch im Volks⸗ witz Oberpodolien oder Oberitalien und ſeine Bewohner Rothhäute, denn Manches iſt noch immer dort ganz ab⸗ norm und eigenthümlich. Der größte Theil der Bevölke⸗ rung gehört dem polniſchen Volksſtamme an, ohne von dieſem als ebenbürtig anerkannt zu werden. Seine Sprache iſt das ſogenannte Waſſerpolackiſch, welches die National⸗ polen gar nicht verſtehen. Diejenigen, welche es reden, be⸗ ſitzen die meiſten Fehler der Polen, entbehren aber viele ihrer Tugenden. Sie ſind faul, unreinlich, dem Trunke er⸗ geben, unehrlich, bigott und jeder Bildung feindlich geſinnt. Sie lernen nicht Deutſch, aus Abneigung gegen die Deut⸗ ſchen, in welchen ſie, ähnlich wie in Südamerika die Scla⸗ ven, ihre Gebieter fürchten und theilweiſe haſſen. In den meiſten Schulen wird noch jetzt kein Deutſch oder nur ſo unvollkommen gelehrt, daß es ohne jeden Erfolg iſt, und eine ungebildete, bigotte und deutſchfeindliche Geiſtlichkeit iſt bemüht, dieſe Geſinnung zu pflegen und das Volk in Dummheit und Stumpfheit zu erhalten. Ihre guten Eigenſchaften beſtehen darin, daß ſie un⸗ ter tüchtiger und richtiger Anleitung lernen und, zum Fleiße angehalten, auch fleißig und thätig ſind. Sie gewinnen dann gegen diejenigen, welche ſich ſo mit ihnen beſchäftigen, eine große, faſt kindliche Anhänglichkeit und ſtehen in Brauchbarkeit und Zuverläfſigkeit gegen die Deutſchen nur wenig zurück. So iſt ihre Ausbildung zum Soldaten zum „ 5 Beiſpiel viel ſchwieriger; aber einmal ausgebildet, ſind ſie beſonders tüchtig und brauchbar. Dennoch verfallen ſie, ſich ſelbſt überlaſſen, bald wieder in die alten Fehler, ſorg⸗ los in den Tag hinein zu leben und lieber zu entbehren und zu hungern, als für die Zukunft zu ſorgen und zu arbeiten. Zur Zeit unſerer Geſchichte, im Jahre 1809, waren die Zuſtände in Oberſchleſien noch gauz anders, denn Cul⸗ tur und Induſtrie hatten ihren Wohnſiß nur höchſt verein⸗ zelt und unvollkommen dort aufgeſchlagen. Oberſchleſien war ein faſt unbekanntes Land, das ſelbſt nicht einmal durch Kunſtſtraßen mit anderen in Verbindung ſtand. Die reichen Gutsbeſitzer, deren Güter zum Theil ſehr große Flä⸗ chen einnahmen, lebten für ſich und unter einander und ſuch⸗ ten in Nachahmung des auswärts Geſehenen einen rohen und uncomfortablen Luxus zu entfalten. Nach dieſen allgemeinen Anleitungen wollen wir den nunmehrigen Schauplatz unſerer Erzählung betreten, in deren Verlauf ſich ja das Weitere in dieſer Hinſicht von ſelbſt entwickeln wird. Wir ſtellen uns zu dieſem Zwecke auf einen Hügel und blicken vor uns auf ein Dorf hinab, in eine lange und breite Dorſſtraße. Sie wird begränzt von elenden, kleinen und niedrigen Hütten, ſämmtlich von Lehm erbaut und mit Stroh bedeckt. Die Schornſteine fehlen und der Rauch ſucht ſeinen Weg durch die Thüren und andere Oeffnungen, an denen keineswegs ein Mangel iſt. An dem einen Ende dieſes Dorfes liegt das Herren⸗ haus oder das Schloß, wie man es allgemein nennt, um⸗ geben auf der einen Seite von einem großen, weitläufigen Wirthſchaftshofe, auf der anderen von einem ausgedehnten Parke. Die Gebäude, aus denen der Hof beſteht, laſſen ebenfalls Vieles zu wünſchen übrig, nur wenige ſind maſſiv, die meiſten aus Fachwerk und mit Stroh gedeckt. Das Schloß dagegen iſt ein ſtattliches und in ſeinem Style ſelbſt edles Gebäude. Der Baumeiſter, welcher es vielleicht vor dreißig oder vierzig Jahren gebaut, hat ſich frei gehalten von dem ſchlechten Geſchmacke der damaligen Zeit und dem Perrückenſtyle nicht gehuldigt. Es zeigt einfache Verhält⸗ niſſe und ſcheint mit einer vornehmen Verachtung auf ſeine ärmliche und unſaubere Umgebung hinabzublicken. Nach Seite des Parkes ſteht es mehr mit dieſem im Einklange. Ein geräumiges, helles und ſonniges Treibhaus ſchließt ſich dort an, und ein großer, ſauber gehaltener Raſenplatz, von breiten Kieswegen eingefaßt, bildet den Uebergang zu dem eigentlichen Parke, deſſen hohe und maleriſch gruppirte Bäume, hier und da Durchſichten geſtattend, den Horizont anmuthig abgränzen. In dieſem Schloſſe wohnte der Graf von Wallfort mit ſeiner Tochter Hedwig, welche wir bereits aus Alfred's Briefen oberflächlich kennen gelernt haben. Es war noch früh am Morgen. Der Graf befand ſich in ſeinem Zim⸗ mer, mit ſeiner Toilette beſchäftigt, denn es gehörte zu ſeinen Gewohnheiten oder, beſſer geſagt, zu ſeinen Eigen⸗ 7 heiten, ſich gleich nach dem Aufſtehen und noch vor dem Frühſtücke vollſtändig anzukleiden. Das Zimmer, in wel⸗ chem er ſich befindet, iſt hoch und geräumig, mit einer dun⸗ keln Tapete bekleidet und auch mit eben ſolchen Gardinen verſehen, ſo daß das Licht nur unvollſtändig durch die Fen⸗ ſter hereinzudringen vermag. Den Fußboden bedeckt, un⸗ geachtet es Sommer iſt, ein dicker, weicher Teppich, auf welchem die Schritte der Gehenden unhörbar verhallen. Ein ſehr geräumiger, altmodiſcher Schreibtiſch, ein großer, faſt eine Wand einnehmender Gewehrſchrank, ein Sopha, mehrere Seſſel und Stühle, ein runder Tiſch, eine Wanduhr, ein großer, bis auf die Erde reichender Spiegel bilden, nebſt einigen ſonſtigen unbedeutenden Gegenſtänden das Ameublement des Zimmers. Der Graf ſteht in der Mitte desſelben, und ein alter Diener mit ſchneeweißen Haaren iſt beſchäftigt, ihm eine lange flanellene Binde mehrmals um den Leib zu wickeln. Er thut dies, indem er den Grafen, der das eine Ende der Binde feſthält, langſam umkreiſtt und ſo gehend einwickelt, dann bindet er die Bänder feſt und vollendet die weitere Bekleidung, wozu eine weiße Halsbinde und ſchließlich eine ſehr kunſtvoll gearbeitete Pariſer Perrücke gehört, die be⸗ müht iſt, durch einige mit eingearbeitete graue Haare das vorgerückte Alter des Grafen anzudeuten. Nachdem der Anzug ſo weit vorgeſchritten war, wo⸗ bei ſich der Graf oft in dem großen Spiegel betrachtet hatte, ——— reichte ihm der Diener einen ſeidenen, leicht wattirten Schlaf⸗ rock. Dies Alles geſchah, ohne daß irgend ein Wort ge⸗ ſprochen wurde, und es war erſichtlich, daß die ganze Hand⸗ lung nach einer ſtrengen, ſich genau wiederholenden Vor⸗ ſchrift vor ſich ging. Nunmehr brachte der Diener auf ei⸗ nem ſilbernen Präſentirteller ein Glas Waſſer, welches der Graf eben ſo ſchweigend austrank, dann entfernte er ſich und trat nach kurzer Zeit mit dem Frühſtücke wieder herein. Nachdem er dasſelbe, aus Kaffee, Weißbrod und But⸗ ter beſtehend, auf dem Tiſche vor dem Sopha ſervirt hatte, blieb er ſchweigend an der Thür ſtehen. Der Graf ging noch einige Male im Zimmer auf und ab, ſetzte ſich dann in einen Seſſel an den Tiſch, ſchenkte ſich Kaffee ein, ſchmierte ſich eine Semmel und erſt dann, nachdem er zu frühſtücken begonnen hatte, eröffnete er zum erſten Male das Geſpräch. Gibt es etwas Neues, Friedrich?— Nein, Herr Graf, es iſt nichts pafſirt. Hat die Leda noch nicht gefohlt?— Nein, Herr Graf, der Bereiter hat noch nichts gemeldet. Darauf kann man ſich nicht verlaſſen, all' dieſe Kerle ſind träge und nachläſſig. Biſt Du ſelbſt im Stalle gewe⸗ ſen?— Nein, Herr Graf, das gehört nicht zu meinem Amte; ich habe den gnädigen Herrn zu bedienen und nicht Zeit, mich um die Pferde zu bekümmern. Du wirſt wieder grob, Friedrich, bemerkte der Graf, 9 ohne den Ton ſeiner Stimme zu ändern, indem er ſich Kaffee einſchenkte; ich habe Dir ſchon oft geſagt, daß ſich das nicht paßt, aber Du pochſt immer darauf, daß Du ſchon bei meinem ſeligen Vater gedient haſt. Ich bin nicht grob, ich ſage nur die Wahrheit, wenn mich der Herr Graf fragen, ſonſt ſchweige ich ſtill und ſpreche kein Wort. Das iſt allerdings eine löbliche Eigenſchaft von Dir, ohne dieſelbe wäre es auch gar nicht mit Dir auszuhalten. Iſt meine Tochter ſchon auf? fragte er nach einiger Zeit weiter, nachdem der Diener die letzte Bemerkung ohne Er⸗ wiederung gelaſſen und nur unmerklich mit den Schultern gezuckt hatte. Ich weiß es nicht, Herr Graf, ich habe die gnädige Comteſſe noch nicht geſehen. 2 Du weißt wieder gar nichts; ſo geh und erkundige ich. Die gnädige Comteſſe ſchlafen noch, meldete Fried⸗ rich, der ſich kurze Zeit entfernt hatte, haben noch nicht geklingelt. Roch nicht geklingelt, und es iſt ſchon halb ſieben Uhr, kommt Dir das nicht auffällig vor, Friedrich?— Nein, Herr Graf. Nicht, warum nicht? Antworte im Zuſammenhange, wenn ich Dich etwas frage. Im Zuſammenhange? bemerkte der Diener in ſicht⸗ lich übler Laune; man weiß wirklich nicht, wie man es dem Herrn Grafen recht machen ſoll, bald ſpricht man zu viel, bald zu wenig. Geh' jetzt hinaus, ſagte der Graf immer in ruhigem Tone, ich brauche Dich nicht mehr— Du biſt mir heute zu unleidlich— und wenn die Inſpectoren kommen, ſo melde ſie mir. Der alte Diener verließ ſchweigend und mit gleichgül⸗ tiger Miene das Zimmer. Es iſt manchmal wirklich mit ihm nicht mehr auszu⸗ halten, ſprach der Graf vor ſich hin, indem er ein Zeitungs⸗ blatt in die Hand nahm; er weiß ſehr wohl, daß er mir unentbehrlich iſt und daß ich ihn nicht fortjagen werde, ſchon weil ſein Vater und Großvater im Dienſte meiner Familie geſtanden. Außerdem gehört er zu den wenigen ehrlichen und braven Menſchen, die mich nicht nur deshalb bedienen, um mich zu betrügen und zu beſtehlen. Alles Lumpe— Alles Schufte! Voll Kriecherei und Unterthä⸗ nigkeit, bis ſie ihre Schäfchen geſchoren und ihren Raub in Sicherheit gebracht haben— dann gehen ſie auf und da⸗ von. Za, wenn ich ehrliche und tüchtige Verwalter hätte, ich könnte doppelt ſo viel Einkommen haben und auf ei⸗ nem ganz anderen Fuße leben.— Immer noch kein Friede, fuhr er, die Zeitung leſend, fort, er wird gewaltige Forde⸗ rungen machen, da ſich Oeſterreich ſo lange ſträubt— wenn wir hier nicht in einem ſo abgelegenen Winkel lebten, wir 11 könnten vielleicht auch noch das Glück haben, franzöſiſch zu werden oder irgend einen franzöſiſchen Parvenu zum Kö⸗ nige zu erhalten.— Wenn man es nicht ſelbſt erlebt hätte, man hielte es nicht für möglich! Wer hätte vor drei Jah⸗ ren ſo etwas denken können! Damals beſaß Preußen noch eine für unüberwindlich gehaltene Armee— und jetzt— ſpurlos verſchwunden wie die Spreu vor dem Sturm! Der König ſcheint für immer in Königsberg bleiben zu wol⸗ len, und ich kann es ihm auch nicht verdenken, daß er Ber⸗ lin vollſtändig ſatt hat, denn es iſt empörend, es iſt haar⸗ ſträubend, wie ſich die Berliner benommen haben.— Doch was nutzt es, darüber zu denken und zu grübeln, dadurch wird es nicht beſſer. Wir pflügen unſere Felder, ſcheeren unſere Schafe und werden wieder geſchoren, noch weit mehr und gründlicher, als die Schafe— wir müſſen uns das gefallen laſſen und froh ſein, daß wir hier weit vom Kriegs⸗ ſchauplatze und unbeachtet fortleben können.— Ich muß ſammeln, ich muß ſparen, das iſt die Hauptſache, denn die Zeit iſt ſchlecht und kann wo möglich noch ſchlechter werden. Das Schwierigſte bleibt jetzt, ſein Bißchen Geld zinsbar anzulegen und es vor den Augen habgieriger Menſchen und Beamten zu verbergen. Jeder will haben, beſonders der Staat, der nichts mehr hat, als immenſe Schulden, und täglich neue macht und dafür ſeine Domainen verpfändet, als ob man nicht wüßte, daß dies bloß eine Spiegelfechte⸗ rei ſei, denn welcher Gläubiger kann ſich, wenn die Zah⸗ lung ſtockt, an irgend eine Domaine halten?— Oeſter⸗ reich iſt gänzlich bankerott— man muß ſein Bißchen Geld einſchließen, verſtecken, denn es iſt immer noch beſſer, keine Zinſen zu erhalten, als auch das Capital zu verlieren. Die Inſpectoren ſind draußen, meldete der Diener. Der Graf nickte ſtumm mit dem Kopfe, Friederich entfernte ſich wieder und bald darauf traten vier Männer in das Zimmer, welche ſich mehrmals tief verneigten, dann an der Thür ſtehen blieben und der Anrede des Grafen entgegen harrten. Dieſer war, die Zeitung leſend, ruhig in ſeinem Seſſel ſitzen geblieben, und erſt nach einiger Zeit hob er den Kopf empor und blickte die Eingetretenen der Reihe nach muſternd an. Wie viel? fragte er dann einen der Inſpectoren an⸗ ſehend.— Dreizehn Centner fünfundvierzig Pfund. Und Sie? Vierzehn Centner elf Pfund. Wenig, wenig— und bei Ihnen? Elf Centner achtundſiebenzig Pfund. Und in Willſchare? Siebenzehn Centner. Der Graf hatte ſich die Antworten notirt und ſagte dann mit finſterer Miene. Das macht im Ganzen vierund⸗ fünfzig Centner vierunddreißig Pfund. Netto oder Brutto? Alles Brutto, entgegnete einer der Inſpectoren; die 13 Wolle kann nur in den Ballen gewogen werden, wie der Herr Graf wiſſen. Aber man kann die Tara abrechnen und dann weiß man erſt, was man geſchoren hat. Das iſt ja kaum glaub⸗ lich, fuhr er zornig fort, von fünftauſend Schafen nur vier⸗ undfünfzig Centner? Da thäte man ja beſſer, die ganze Zucht aufzugeben! Es ſind im Winter über achthundert Schafe einge⸗ gangen, wie der Herr Graf wiſſen, bemerkte der Inſpector wieder. Die Electoral⸗Schafe geben wenig Wolle und ſind dabei ſehr difficil in der Behandlung. Es iſt bei der Schur mit der größten Sorgfalt zu Werke gegangen und die Wäſche gut ausgefallen; ich hätte ſelbſt geglaubt, daß es mehr geben würde. So? ſagte der Graf, ich kann mir das denken; Ihr glaubt immer vorher alles Mögliche, fuhr er ergrimmt fort, es iſt nur ſchade, daß es ſpäter immer anders iſt. So ſchlecht habe ich ja noch nie geſchoren! Die Inſpectoren verharrten in einem demüthigen Schweigen, denn ſie wußten aus Erfahrung, daß jede wei⸗ tere Erörterung den Zorn ihres Brodherrn nur vergrößere, und zogen es daher vor, den Ausbruch desſelben ruhig über ſich ergehen zu laſſen. Der Graf aber, der die Bewirth⸗ ſchaftung ſeiner großen Güter nicht im Einzelnen überſehen konnte, auch den Verſuch dazu aufgegeben hatte, wußte ebenfalls aus Erfahrung, daß er im Kleinen und Großen betrogen wurde, aber er hatte noch kein Mittel ausfindig gemacht, um dieſem Uebelſtande abzuhelfen. Er hielt ſeine Beamten ſammt und ſonders für ſeine Feinde, und ſein Beſtreben ging daher dahin, ſie ſo unſchädlich zu machen als möglich. Der geringe Ertrag der diesjährigen Woll⸗ ſchur hatte ihn um ſo mehr mit Zorn erfüllt, als er erſt im verfloſſenen Jahre nicht unbedeutende Summen auf den Ankauf veredelter Böcke verwandt hatte, durch welche ſich die Wolle vermehren und zugleich einen höheren Preis er⸗ langen ſollte. Er kam jedoch auch jetzt zu der Ueberzeu⸗ gung, daß weitere Erörterungen nutzlos ſeien, da er durch Unwohlſein verhindert geweſen war, der Schur ſelbſt bei⸗ zuwohnen, und er ſich daher mit den Angaben ſeiner Be⸗ amten begnügen müſſe. Es lag durchaus nicht in ſeinem Charakter, ſeinem Zorne nutzlos freien Lauf zu laſſen, er behielt vielmehr ſeine Wahrnehmung und die daraus gewonnene Erkenntniß in ſich und handelte dann plötzlich und rückſichtslos darnach, ſobald er glaubte, daß dies ohne noch größere Beeinträchti⸗ gung ſeines eigenen Vortheiles geſchehen konnte. Die Be⸗ amten ſtanden daher ſämmtlich auf vierteljährige Kündi⸗ gung und waren ihrerſeits wieder bemüht, aus dieſer un⸗ ſicheren Stellung ſo vielen und ſchleunigen Nutzen zu zie⸗ hen, als irgend möglich war. Der Graf hatte daher ſehr Recht, wenn er glaubte, daß er von ſeinen Gütern einen viel höheren Ertrag ziehen könne, aber er ſuchte vergebens nach den Mitteln, dies zu erreichen. Wie ſteht es um den Markt in dieſem Jahre? fragte er nach einiger Zeit weiter. Es ſol ſchlecht ſtehen, entgegnete wieder der Inſpec⸗ tor, welcher den Wortführer machte, wo ſollte auch jetzt ein guter Markt herkonmen! Aber wir leſen keine Zeitungen, wir haben kein Geld, um uns eine Zeitung zu halten, der Herr Graf werden ja beſſer wiſſen, wie es in Breslau ausſieht. Es ſieht ſchlecht aus, die beſte Wolle hält man zu achtzig bis neunzig Thaler, ein ſchlechter Preis. Wenn's nur wahr iſt, ſagte der Inſpector mit de⸗ müthigem Tone, welcher jedoch mit ſeinen Worten ni recht im Einklange ſtand; ſie ſchreiben immer Vieles die Zeitung, abet wenn man hinkommt, iſt doch Alles anders. Deshalb iſt es am Beſten, daß Sie gar nicht hin⸗ kommen, ſondern zu Haufe bleiben, erwiederte der Graf, denn Leute, die von vorn herein ſchon immer ſchwarz ſehen, taugen nicht zu ſolchen Geſchäften.— Wie der Herr Graf befehlen; ich bin froh, wenn ich dieſes unangenehme Ge⸗ ſchäft nicht zu betreiben habe. Ich werde deshalb die weiteren Befehle erlaſſen. Die Wagen ſollen morgen früh abfahren— die Wolle kommt heute fämmtlich zum Nachwägen hieher, damit ich mich überzeuge, wie viel es iſt. Sie kann ich übrigens nicht mehr gebrauchen, fuhr er fort, den Inſpector finſter anſehend, und kündige Ihnen hiermit; Michaeli können Sie gehen. — Wenn der Herr Graf vielleicht die Gnade haben woll⸗ ten, erwiederte ſichtlich beſtürzt der Inſpector, daß.... Sie ſind entlaſſen, unterbrach der Graf, mit der Hand winkend— machen Sie, daß Sie fortkommen! Die Beamten entfernten ſich mit tiefen Verbeugun⸗ gen, ohne daß der Graf ſie eines weiteren Blickes wür⸗ digte. Als ſie fort waren, ging er eine Zeit lang heftig in dem Zimmer auf und ab, indem er hin und wieder un⸗ verſtändliche Worte murmelte, welche den Zorn und den Aerger kundgaben, die ihn erfüllten. Er wurde in dieſer unangenehmen Beſchäftigung durch den Eintritt ſeines Leib⸗ dieners unterbrochen. Nun, was gibt es wieder? herrſchte er ihn an. Der junge Herr Baron ſind ſo eben vorgefahren, mel⸗ dete dieſer ruhig. Mein Neffe? Ah, das iſt mir lieb, er ſoll ſogleich zu mir heraufkommen! Zweites Capitel. Guten Morgen, lieber Onkel, ſagte Alfred, der bald darauf in das Zimmer trat. Sie wundern Sich gewiß, daß ich ſchon wieder hier bin, aber Sie müſſen mich dieſes Mal eine längere Zeit bei Sich behalten, denn das Leben in Breslau iſt ſo langweilig, es herrſcht dort eine ſo gedrückte Stimmung, daß ich froh war, als ich die Stadt im Rücken hatte. Ich freue mich, daß Du kommſt, erwiederte der Graf mit größerer Freundlichkeit, als dies ſonſt in ſeinem We⸗ ſen lag. ich freue mich ſehr, denn ich bedarf Deiner; Du mußt mir eine große Gefälligkeit erzeigen. Ich Ihnen eine Gefälligkeit? fragte der Neffe ſicht⸗ lich erſtaunt. Sie wiſſen ja, beſter Onkel, daß ich ſtets zu Ihren Dienſten ſtehe und daß Sie ganz über mich zu ver⸗ fügen haben. Es freut mich, das von Dir zu hören. Denke Dir, Gräfin und Marquiſe. II. 2 fuhr er lebhaft fort, nach der Meldung meiner Herren In⸗ ſpectoren habe ich im Ganzen nur vierundfünfzig Centner geſchoren— von fünftauſend Schafen— es iſt ein Scan⸗ dal— achthundert Stück, ſagt man mir heute, ſeien im Winter eingegangen, das erfahre ich ſo nebenbei! In einer ſo großartigen Weiſe bin ich noch nie von dieſen Schuften betrogen worden, wenigſtens nicht ſo rundweg in Einer Summe; aber ich kann leider nichts thun, denn ich war während der Schur krank, und jetzt iſt längſt Alles über die Seite gebracht, längſt über die Gränze. Das iſt allerdings unglaublich wenig, bemerkte der junge Mann.— Nicht wahr, ganz unglaublich?! Ich werde ſämmtliche Schafe abſchaffen und hätte es längſt gethan, wenn ich den Dünger nicht brauchte. Aber laſſen wir das jetzt. Mehr wird die Wolle nicht, das ſteht feſt, es handelt ſich jetzt darum, beim Verkaufe nicht abermals betrogen zu werden, und deshalb wollte ich Dich bitten, das Geſchäft zu übernehmen. Ich ſoll in Breslau auf dem Wollſack ſitzen? rief Alfred lachend— eine ganz neue Art von der Unterhal⸗ tung für mich. Aber wenn Sie es wünſchen, von Herzen gern, es wird ohnehin eine piquante Abwechſelung ſein. Du mußt die Sache nicht von dieſer leichten Seite auffaſſen, bemerkte der Graf ſichtlich beſorgt, denn es han⸗ delt ſich dabei immer um ganz beträchtliche Summen. Meine Wolle gehört zu der beſten der Provinz, und ich halte hun⸗ 19 dert Thaler für den Centner nicht für einen zu hohen Preis. Du mußt die Conjuncturen genau erforſchen, nicht voreilig losſchlagen, aber auch nicht damit zögern, wenn die Nach⸗ frage abnimmt. Das will Alles wohl erwogen und überlegt ſein, und man kann ſehr leicht tauſend Thaler gewinnen oder verlieren. Sie werden mir den niedrigſten Preis beſtimmen, lieber Onkel, unter dem ich nicht verkaufe, erwiederte Al⸗ fred, bei dem ſichtlich ein Mangel an Selbſtvertrauen ſich zu regen begann; ich werde dann nach Kräften bemüht ſein, ſo viel als irgend möglich mehr zu erlangen. Das kann ich nicht, bemerkte nachdenkend der Graf, bei den jetzigen Verhältniſſen des Marktes läßt ſich der Preis ſchwer im Voraus beſtimmen. Es iſt auch noch kein einziger Käufer hier geweſen, und dieſe Juden haben eine feine Naſe und wiſſen immer vorher, wie ſie ihre Procente herausſchlagen. Nein, Du mußt freie Hand haben, anders geht es nicht. Ich vertraue dabei Deiner Umſicht und Thä⸗ tigkeit. An der letzteren ſoll es nicht fehlen, ſagte der junge Mann in einem zögernden Tone, aber— ich kann die Preiſe nicht beſſer machen, wie ſie ſein werden, das müſſen Sie nicht vergeſſen, beſter Onkel, wenn das Geſchäft doch vielleicht Ihren Erwartungen nicht entſprechen ſollte. Das verſteht ſich ſelbſt; bemerkte nicht ohne Un⸗ ruhe der Graf; wir ſprechen noch darüber, die morgende 2 Zeitung wird vielleicht etwas Näheres bringen. Haſt Du denn nichts gehört? Du kommſt ja friſchweg von Bres⸗ lau— man muß doch über den Wollmarkt eine Anſicht haben. 8 Ich habe mich wirklich nicht darum bekümmert; frei⸗ lich, wenn ich gewußt hätte, daß Sie mich mit dieſem Ge⸗ ſchäfte betrauen wollten....— Es iſt recht ſchade, unterbrach ihn der Graf; aber ich kann keinen von dieſen Kerls nach Breslau ſchicken, ich würde abermals grandios betrogen werden. Auch habe ich dem brauchbarſten, dem Einzigen, der ſich allenfalls dazu eignete, bereits gekündigt, und Du weißt, ich nehme nie mein Wort zurück. Ich werde mein Möglichſtes thun, beſter Onkel, ver⸗ laſſen Sie Sich darauf, entgegnete Alfred heiter, und ich hoffe, Sie ſollen mit mir zufrieden ſein. Aber ich bin auch nicht ohne Abſicht hierher gekommen, und es ſcheint faſt, daß der Zweck meiner Reiſe Ihnen angenehm ſein wird. Du biſt mir immer angenehm, das weißt Du. Wenn Du Dich entſchließen könnteſt, ganz hier zu bleiben und mir etwas in der Wirthſchaft zu helfen.... Jeder Menſch hat ſeine Neigungen, und an mir iſt nun einmal ein Landwirth verdorben; aber ich bringe da⸗ für einen weit beſſeren Erſatz. Wie meinſt Du das? Mein Freund hat mir geſchrieben, daß er bereit ſei, 21 * die Stelle anzunehmen und in kurzer Zeit hier eintreffen werde. Hat er das? fragte der Graf mit einem eigenthüm⸗ lichen Lächeln. Nun, ich habe nie daran gezweifelt, denn an Bewerbern um eine ſolche Stelle iſt durchaus kein Mangel. Ich habe Ihnen die Verhältniſſe meines Freundes vorher mitgetheilt, und Sie werden Sich erinnern, daß er eine auskömmliche Stellung aufgegeben hat, um die ihm angebotene— er betonte das letzte Wort etwas ſtärker— anzutreten. Wie ich mir gedacht habe, hat ihn hauptſäch⸗ lich der Umſtand dazu beſtimmt, wieder mit ſeiner Mutter zuſammen und in der Heimath leben zu können. Ich muß es daher wohl als eine beſondere Rückſicht anſehen, daß er die Gnade haben will, in meinen Dienſt zu treten? Das nicht, gewiß nicht, aber Eines iſt bei dieſer Sache unerläßlich, ſonſt iſt es jedenfalls beſſer, ſie unter⸗ bleibt jetzt noch. Du ſprichſt ja in einem abſonderlichen Tone! Was wäre denn dieſes Eine? Sie dürfen nicht den mindeſten Zweifel in ſeine Treue und ſeine Ehrlichkeit ſetzen. Sie können feſt überzeugt ſein, daß er mit Aufopferung ſeines eigenen Vortheils den Jh⸗ rigen fördern wird, denn er iſt mein Freund und ein Eh⸗ renmann; das geringſte Mißtrauen aber in dieſer Bezie⸗ 22 hung, ſo kenne ich ihn, würde ihn ſofort beſtimmen, die Stelle wieder aufzugeben. Heißt das vielleicht ſo viel, fragte der Graf in ſicht⸗ licher Aufregung, daß er ohne alle Controle bleiben ſoll und thun und laſſen kann, was er will? Wenn dies die Bedingung iſt, ſo kann ich den Ehrenmann, Deinen Freund, nicht gebrauchen, denn ich muß wiſſen, wie meine Beamten wirthſchaften, und will ihnen befehlen, was ſie thun und laſſen ſollen! Das verſteht ſich Alles von ſelbſt. Er wird Ihr Be⸗ amter und ſteht unter Ihren Befehlen. Er wird dieſe Be⸗ fehle genau befolgen, davon bin ich feſt überzeugt; er wird ſich auch jeder Controle unterwerfen, die das Geſchäft erfordert, und Ihnen genaue und richtige Rechnung le⸗ gen. Ich hoffe, Sie werden aus den Reſultaten derſelben ſehr bald erſehen, welcher Unterſchied zwiſchen ihm und den Anderen obwaltet, aber Sie dürfen dann auch an ſeinen Angaben nicht zweifeln. Nicht zweifeln? wiederholte der Graf in langſamen Tone— gar nicht zweifeln? Das iſt etwas viel verlangt— ich habe noch nie einen Beamten gehabt, an dem ich— doch die Sache iſt ja abgemacht— wann wird er kommen? Einen beſtimmten Tag hat er mir nicht geſchrieben, erwiederte Alfred, indem er ſeinen Onkel feſt anblickte— es freut mich, daß die Sache abgemacht iſt, beſonders für Sie. Wahrſcheinlich treffe ich ihn in Breslau, wenn ich 23 dort mit der Wolle bin, was mir in vieler Beziehung ſehr angenehm ſein würde, und bringen ihn dann gleich mit, — Gut, ſagte der Graf— bringe ihn mit, denn es iſt die höchſte Zeit, daß die beiden Vorwerke einen tüchtigen Verwalter erhalten; es ſieht dort keineswegs erfreulich aus. Stehſt Du in einem ſehr intimen Verhältniſſe zu ihm? fragte er nach kurzem Schweigen mit bedenklicher Miene weiter. Wir ſind Schulfreunde— Sie wiſſen es ja, und ha⸗ ben dieſe Freundſchaft auch ſpäter fortgeſetzt. Duzt Ihr Euch? Natürlich. Nicht angenehm, nicht paſſend. Du biſt mein Neffe, oft hier längere Zeit anweſend, und da ſchickt es ſich nicht, ſchon der Leute wegen, wenn ein Beamter, der in Lohn und Brod bei mir ſteht, Dich Du nennt— paßt ſich nicht. Läßt ſich aber doch nicht ändern, beſter Onkel; wenn Sie daran Anſtoß nehmen, ſo könnte noch.... Ihr könnt Euch ja vor den Leuten Sie nennen, und nur wenn Ihr unter Euch ſeid, meinetwegen Nein, das geht nicht. Er würde vielleicht oder viel⸗ mehr jedenfalls darein willigen, wenn ich es ihm vor⸗ ſchlüge, aber ich werde es ihm nie vorſchlagen. Nicht, und weshalb nicht? Weil ich mich vor mir ſelbſt ſchämen müßte. Schämen? Ueberſpannte, falſche Ideen, von denen Du ſpäter hoffentlich zurückkommſt! Warten wir es ab— Sie vergeſſen auch, daß mein Freund Officier war, daß.... Ach, bei dem zuſammengelaufenen Corps des Her⸗ zogs von Braunſchweig, der froh war, wenn er Officiere machen konnte, gleichviel, wo er ſie hernahm! Wie geht es Couſine Hedwig? fragte der junge Mann, den die letzte Bemerkung unangenehm berührte. Hedwig befindet ſich wohl und wird ſich freuen, Dich wiederzuſehen. Iſt ſie noch nicht auf? Ich weiß es nicht; ich ſehe ſie niemals des Morgens. Wir frühſtücken allein, denn ſie ſchläft vft ſehr lange, und da ich pünktlich um ſechs Uhr aufſtehe und dann nach einer halben Stunde mein Frühſtück einnehme, ſo kann ich nicht auf ſie warten. Außerdem frühſtückt ſie bald auf ihrem Zimmer, bald im Parke oder auf irgend einem beliebigen Punkte— das paßt nicht für mich, denn ich liebe Ordnung und Regelmäßigkeit in allen Dingen. Ich werde mich erkundigen, ob ich ſie vielleicht ſchon ſprechen kannz es iſt acht Uhr.... Thue das; ich habe ohnehin noch Geſchäfte. Bei Tiſche ſehe ich Dich wieder, oder willſt Du mich nach Will⸗ ſchare begleiten? Ich. ————— ————— 25 Wenn Ihnen nicht beſonders viel daran liegt, ziehe ich es vor, hier zu bleiben. Ganz nach Deinem Belieben. Du weißt, es iſt mein Grundſatz, Niemanden zu geniren; ein Jeder kann bei mir ganz nach ſeinen Neigungen leben— das iſt das erſte Er⸗ forderniß einer nobeln Gaſtfreiheit— keine Géne. Der Gaſt darf gar nicht merken, daß er Gaſt iſt, er muß ſich wie zu Hauſe fühlen, nur vielleicht angenehmer, das iſt mein Grundſatz. Thue daher, was Du willſt— um zwei Uhr pünktlich wird gegeſſen, das vergiß nicht, und ſollteſt Du Dich in Hedwig's Geſellſchaft befinden, ſo erinnere ſie daran, wenn es Zeit iſt, denn ſie hat oft in dieſer Be⸗ ziehung zu meinem ſteten Aerger ein ſehr ſchwaches Ge⸗ dächtniß, obgleich ſie weiß, daß mir das Eſſen nicht mehr ſchmeckt, wenn ich darauf warten muß. Ich liebe einmal Ordnung und Pünktlichkeit, ohne welche überhaupt nichts in der Welt ausführbar iſt. Ich werde Ihnen keinen Anlaß zur Unzufriedenheit geben, erwiederte lächelnd der Neffe, und mich pünktlich zum Diner einfinden; auch hoffe ich, Couſine Hedwig ſoll ebenfalls nicht fehlen. Mit dieſen Worten verabſchiedete ſich Alfred, um ſeine Couſine aufzuſuchen. Er erfuhr, daß ſie ſich das Frühſtück nach einem ziemlich entfernten Punkte des Parkes hatte bringen laſſen, einer kleinen, noch durch die Kunſt erhöhten Anhöhe, von welcher man eine etwas freiere Ausſicht über ———————— 26 die nächſte Umgebung und auch auf die fernen Gebirge genoß. Es war, wie bereits bemerkt, ein ſchöner, klarer, etwas kühler Morgen. Durch die friſche, balſamiſche Luft zogen die erſten Schwingungen des kommenden Herbſtes, das Laub hatte ſich dunkler gefärbt und die Natur prangte in der vollen üppigen Kraft ihres gereifteren Daſeins. Alfred ſchritt langſam durch die gut unterhaltenen Kriegs⸗ wege des weitläufigen Parkes, aber er richtete weder auf die Gruppen der hohen Bäume, deren verſchiedenartiges Laub maleriſch in einander floß, noch auf die Durchſichten, welche ſich hier und da über kurzgeſchorene Wieſenteppiche hinaus auf die fernen, blauen Gebirgszüge eröffneten, ſein Auge, er ſuchte einen anderen Gegenſtand, den er endlich auch erblickte. Hedwig ſaß auf einer kleinen, einfachen Moosbank am Fuße einer hohen, breitäſtigen alten Eiche, in das Leſen eines Buches vertieft. Unwillkürlich blieb er ſtehen, von ihrem Anbticke gefeſſelt. Ein dunkles, bis zum Halſe hinaufgehendes Kleid umſchloß ihre hohe, ſchlanke Geſtalt, welche ſich von dem lichten Hintergrunde des Himmels maleriſch abzeichnete, ihre Augen waren von den langen, ſeidenen Wimpern ver⸗ deckt, aber auf ihrem ſchönen, edlen Geſichte eine tiefe, innere Empfindung ſichtbar, wahrſcheinlich hervorgerufen durch den Inhalt des Buches, in welches ſie ſo vertieft war, daß ſie die Annäherung ihres Vetters gar nicht be⸗ merkte. Zu ihren Füßen lagen zwei große, weiße Windhunde. Dieſe richteten jetzt die langen, ſchlanken Köpfe empor und deuteten durch ein leiſes Knurren ihrer Gebieterin an, daß Jemand ihre Einſamkeit ſtöre. Mit einer unwilligen Miene ſchlug ſie die großen, dunklen Augen auf, aber der finſtere Ausdruck derſelben verſchwand und ein freundliches Lächeln legte ſich um ihren kleinen Mund, als ſie in dem Kommenden ihren Vetter er⸗ kannte. Ah, Afttt, Du biſt es! rief ſie ihm entgegen, welch unerwarteter Beſuch! Wennn auch unerwartet, doch nicht unwillkommen, hoffe ich, ſagte er, zu ihr herantretend und ihr die Hand reichend. Du haſt Dir hier einen recht hübſchen Platz ausgeſucht, aber etwas entlegen. Biſt Du müde geworden, indem Du herkamſt? fragte ſie lächelnd; es thut mir leid, komm, ſetze Dich und ruhe Dich aus. Mide bin nicht, aber die Zeit wurde mir lang, bis ich Dich gefunden, erwiederte er, ſich neben ſie ſetzend; man wies mich erſt nach dem Pavillon, und da ich Dich dort nicht fand, vermuthete ich, daß Du hier ſeieſt, da ich Deine Lieblingsplätze kenne. Nun es freut mich, daß Du Dich in deiner Vermu⸗ ———— thung nicht betrogen und mich ſo bald gefunden haſt, denn ich hatte die Abſicht, auszureiten. Wenn es Dir genehm iſt, ſo begleite ich Dich. Wir haben ja noch lange Zeit bis zum Diner, zu welchem wir uns, wie mir Dein Vater heute wiederholt einſchärfte, pünktlich um zwei Uhr einfinden müſſen. Ja, ſonſt iſt er übler Laune, was übrigens nichts Sel⸗ tenes bei ihm iſt— doch da wir Zeit haben, plaudern wir; laſſen wir überhaupt das Reiten heute Vormittag— der Tag iſt ja ohnehin jetzt noch lang. Was führt Dich zu uns? Vor Allem der Wunſch, Dich wiederzuſehen, ſchöne Couſine, wieder.... Ach, laß das, Alfred, unterbrach ſie ihn ernſt— Du weißt, ich liebe das nicht. Es iſt dies wenig ſchmeichelhaft für mich, ſagte er mit einer Miſchung von Lächeln und Empfindlichkeit; ich hatte ſogar gehofft, Aehnliches von Dir zu hören. Sie ſah ihn mit ihren großen, braunen Angen ver⸗ wundert an, dann zog ein ſpöttiſches Lächeln um ihren Mund. Wollen wir jetzt ernſthaft ſprechen? fragte ſie weiter. Freuſt Du Dich wirklich gar nicht darüber, daß ich hier bin, und noch dazu ganz unerwartet? ſagte Alfred, die Gräfin feſt anſehend. Mein Gott, das verſteht ſich ja von ſelbſt, wozu das 29 noch beſonders erwähnen! Ich dächte, Du hätteſt es in meinen Mienen leſen köunen, als ich Dich zuerſt begrüßte. Nun, ſo laſſen wir das alſo, bemerkte er empfindlich — ich bin hier, weil ich Deinem Vater die Wolle in Bres⸗ lau verkaufen, dort auf dem Wollſack ſitzen ſoll, und da muß ich mir meine Waare doch vorher anſehen. Was? rief ſie, in lautes Lachen ausbrechend, Du willſt auf den Wollmarkt— ach, das iſt ja köſtlich! Papa hätte auch wirklich keinen paſſenderen Bevollmächtigten wählen können! Wie meinſt Du das? Du hältſt mich nicht dazu ge⸗ eignet? Nun, darin wenigſtens ſtimmen wir ganz überein, und wenn ich eine Ahnung davon gehabt hätte, mit die⸗ ſem Auftrage beehrt zu werden, ſo würde ich meinen Beſuch jedenfalls noch ſo lange verſchoben haben, bis die Wolle fort war. Deswegen biſt Du alſo nicht gekommen? Nun, es freut mich, das von Dir zu hören. Nein, deswegen bin ich nicht gekommen— es war natürlich nur ein Scherz, aber daß ich die Wolle verkaufen muß, iſt leider Ernſt geworden. Du lieſt den„Fauſt“ von Gvoethe? fragte er plötzlich, das Buch aufſchlagend, welches er während des Geſpräches in die Hand genommen hatte. Wundert Dich das wieder? ſagte ſie lächelnd. Und gefällt Dir das Buch? Sehr— ich leſe es ſchon zum dritten Male, und je mehr ich es leſe, je mehr gefällt es mir, weil ich es immer beſſer verſtehe.— Gvoethe's„Fauſt“ iſt keine Lecture für junge Mädchen, ſagte er ernſt; Du ſollteſt Derartiges nicht leſen. Derartiges? Wenn es nur noch Derartiges gäbe! Du weißt, Alfred, fuhr ſie dann ernſt fort, ich liebe Der⸗ artiges, das heißt ſolche Bemerkungen nicht. Ich bin alt genug, um mir meine Lecture ſelbſt wählen zu können, und halte es für ein albernes Vorurtheil, daß junge Mädchen nichts weiter leſen ſollen, als langweilige ſogenannte mo⸗ raliſche Erzählungen oder vielleicht fade Lafontaine'ſche Romane. Ihr Männer glaubt immer etwas Beſonderes vor uns voraus zu haben, Alles thun und laſſen zu dürfen, was Euch beliebt, während wir erſt gehorſam bei Euch an⸗ fragen ſollen, ob es uns erlaubt ſei, die beſten Werke un⸗ ſerer Dichter zu leſen, wenn die Dinge darin mit ihren Na⸗ men genannt werden und in ihrer wirklichen Geſtalt erſchei⸗ nen. Weshalb ſoll ich zum Beiſpiel den Fauſt nicht leſen? Nun, da Du ihn bereits dreimal geleſen haſt, wirſt Du wenigſtens erkannt haben, daß Gretchens Geſchichte nicht für junge Mädchen geſchrieben iſt. Für prüde oder alberne junge Mädchen nicht, da haſt Du Recht, aber für beſtändige und unbefangene eben ſo gut, wie für Euch. Was man darin nicht für junge Mäd⸗ chen paſſend findet, davon hören, das erfahren die jungen Mädchen ja in der Wirklichkeit doch zum Ueberfluß und 31 Ekel, nur ohne alle Poeſie. Du haſt nur nöthig, durch un⸗ ſere Dörfer zu gehen oder das Leben des Hofgeſindes einer wenn auch noch ſo oberflächlichen Betrachtung zu unterwer⸗ fen— deren ſich ſelbſt ein junges Mädchen auch beim be⸗ ſten Willen nicht immer entſchlagen kann, ſetzte ſie mit ſpöttiſchem Lächeln hinzu—, und Du erhältſt Bilder aus der Wirklichkeit— widerlich, poeſielos, o, oft abſcheulich und ekelhaft— und doch müſſen wir den Eindruck davon in uns aufnehmen und thun, als ſähen oder wüßten wir es nicht— und da ſoll ich die rührende, lebenswahre Ge⸗ ſchichte des armen Gretchens nicht leſen— ach nein, Alfred, das iſt eine kindiſche Auffaſſung! Gefällt Dir Gretchens Charakter? fragte er, ſie for⸗ ſchend anſehend. Ich finde ihn vortrefflich gezeichnet. Glaubſt Du, Gretchen hätte Gretchen ſein können, wenn ſie Gvethe's Fauſt geleſen hätte? Welche thörichte, müſſige Frage, erwiederte ſie mit einem zornigen Aufblitzen ihrer dunkeln Augen, und ich weiß wirklich nicht, was Du damit ſagen willſt. Die Erkenntniß iſt eine Frucht, die erſt reift, wenn viele ſchöne Blüthen abgeblüht haben, namentlich beim Weibe. Ein falſches, unpaſſendes Bild, ein alberner Gemein⸗ platz! rief ſie zornig. Der Menſch iſt keine Pflanze, die blos vegetirt, erſt blüht und dann eine Frucht treibt— es liegt ihm ob, ſeinen Verſtand auszubilden, ſo weit es mög⸗ lich iſt und er es vermag, dazu hat er ihn erhalten. Aber nicht auf Koſten ſeines Herzens oder ſeines Ge⸗ fühls, namentlich nicht das Weib, bei dem dieſe Kraft der Seele in erſter Reihe ſteht. O, ich kenne dieſe Anſicht des ſogenannten ſtarken Ge⸗ ſchlechtes, welches Alles für ſich allein beanſprucht und das Weib zu einem untergeordneten Weſen herabſetzt— ja, ihr ſeid ſtark in der Ueberhebung Eures Selbſt— ſonſt aber— nun, ſprechen wir nicht weiter davon, ſagte ſie mit einem verächtlichen Kräuſeln ihrer Lippen, ich theile einmal dieſe Anſicht nicht, und Du wirſt Dich vergeblich bemühen, ſie mir aufzudringen. Es iſt dies auch gar nicht meine Abſicht, ſagte er ruhig, aber Deine Empfindlichkeit beweiſ't nur, daß Du Dich im Unrechte fühlſt. Ich bin durchaus nicht empfindlich, erwiederte ſie mit einem gezwungenen Lächeln, aber Du biſt weder mein Leh⸗ rer, noch mein Vormund, und ich werde daher leſen, was mir beliebt, und ohne Dich vorher um Erlaubniß zu bitten. Davon bin ich vollkommen überzeugt, obgleich Du zugeben mußt, daß zwei Menſchen ſich doch gegenſeitig be⸗ ſtimmen können, ſo daß die Anſicht des einen mehr oder we⸗ niger der Maßſtab für die Handlungsweiſe des anderen 33 wird, auch wenn ſie nicht in einem elterlichen oder vormund⸗ ſchaftlichen Verhältniſſe zuſammen ſtehen. Meinetwegen, ſagte ſie trotzig, bei uns iſt dies aber nicht der Fall, alſo ſprechen wir von etwas Anderem. Du haſt mir immer noch nicht mitgetheilt, weshalb Du uns ſo unerwartet mit Deiner Gegenwart erfreuſt. Er ſah ſie eine Zeit lang ernſt und faſt traurig an, ehe er antwortete. Ich weiß kaum, ob es Dich intereſſiren wird, die Urſache meiner Anweſenheit zu erfahren, denn ſie iſt wirklich rein wirthſchaftlicher Natur. Alſo doch die Wolle? Nein, nicht die Wolle, ſondern die Beſetzung einer Inſpectorſtelle, eine Sache, welche Dir jedenfalls gleich⸗ gültig iſt. Die Beſetzung einer Inſpectorſtelle? fragte ſie auf⸗ horchend. Hängt es vielleicht mit der Angelegenheit Deines Freundes zuſammen, an dem Du einen ſo großen Antheil nimmſt? Deſſen erinnerſt Du Dich wirklich noch? Du mußt einen ſchlechten Begriff von meinem Ge⸗ dächtniß haben. In wie fern? Nun, habe ich nicht dem Vater dieſen Freund als ei⸗ nen beſonders befähigten und tüchtigen Menſchen ſchildern müſſen, obgleich ich ihn gar nicht kenne— haſt Du das ganz vergeſſen? Gräfin und Marquiſe. II. 8 34 Ich nicht, aber ich glaubte, Du. Es freut mich, daß Du Dich daran erinnerſt, und ich danke Dir wiederholt, daß Du mir dieſen Gefallen gethan haſt. Sei nicht ſo verſchwenderiſch mit Deinem Danke, ich that es, weil mich die Geſchichte Deines Freundes intereſſirte. Nur deshalb? Nun, weshalb denn ſonſt? fragte ſie wieder mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Und weshalb intereſſirſt Du Dich für meinen Freund? Weshalb? erwiederte ſie mit leuchtenden Augen, weil er zu den Wenigen gehört, die nicht bloß durch Redens⸗ arten, ſondern durch die That beweiſen, daß ſie ſich der Tyrannei des Gewaltigen nicht beugen wollen, die han⸗ deln, ſo viel es in ihrer Kraft und in ihrer Macht ſteht, während die Anderen— doch Du kennſt ja meine Anſichten, wir haben ja oft genug darüber geſprochen und geſtritten — der liebe Gott hat es einmal gewollt, daß ich ein Weib geworden, ſonſt ſäße ich ſicher nicht hier, ſondern wäre längſt mit hinausgezogen, irgendwo hin, wo unſere deutſchen Brüder gegen den Unterdrücker im Kampfe ſtehen.— Noch immer haſt du dieſe exaltirten Anſichten? fragte er, indem ſein Blick dem ihrigen auswich, der feſt und leidenſchaftlich auf ihm ruhte, noch immer, und auch jetzt noch, nachdem der Erfolg gezeigt, wie thöricht und ſchädlich ſolche unreife Unternehmungen ſind? Der Erfolg? Beſchönige nicht den Mangel an Muth 33 und Energie mit dem Erfolge. Wenn wir nie daran glau⸗ ben, daß der Erfolg unſere Anſtrengungen zur Befreiung unſeres geknechteten Vaterlandes krönen wird, ſo werden wir niemals damit beginnen, denn jeder Erfolg ſetzt nicht. nur ein Wollen, ſondern ein Handeln voraus— doch wozu dieſes Thema weiter zwiſchen uns erörtern, ich weiß ja, daß Du den Erfolg abwarten wirſt, alſo laſſen wir das! Du weißt auch, daß Du mir Unrecht thuſt, auch, daß Du mich durch ſolche Vorwürfe tief verletzeſt, und doch wiederholſt Du ſie— es muß wenigſtens Ausſicht zu ei⸗ nem Erfolge vorhanden ſein, man muß ſich mit dem Ver⸗ ſtande ſagen können. Laſſen wir das, rief ſie heftig, es führt ja doch nicht zu einer gegenſeitigen Verſtändigung. Ansſicht zu einem Erfolge? fuhr ſie deſſen ungeachtet fort. Wenn die Schlacht von Wagram gewonnen wäre, wie es ſo leicht bei eini⸗ ger Energie und Umſicht der Oeſterreicher hätte geſchehen können, wenn die Franzoſen auf der Löbau vernichtet wor⸗ den wären, würde dann der Zug des tapfern Herzogs kei⸗ nen Erfolg geleiſtet haben? Ganz Deutſchland hätte ſich erhoben und die erſten Kämpfer für die Freiheit würde man als Helden geprieſen haben; jetzt iſt die Entſcheidung eine andere geweſen, aber in meinen Augen ſind jene Män⸗ ner deshalb dennoch Helden der Freiheit— auch Dein Freund, ſetzte ſie mit Nachdruck hinzu— und deshalb in⸗ 3* 36 tereſſirte und intereſſire ich mich für ihn, das allein iſt der Grund! Es freut mich dies meines Freundes wegen, denn er wird in kurzer Zeit hier ſein. Er hat alſo die Stelle angenommen? Er hat ſie angenommen, ſeine Stellung im Harze aufgegeben, wo ihn patriotiſche Männer den Verfolgungen ſeiner Feinde entzogen haben, und wird künftig zu den Dienſtleuten Deines Vaters gehören. Zu den Beamten meines Vaters, verbeſſerte ſie; übri⸗ gens gefällt mir dies nicht von ihm. Was gefällt Dir nicht? Daß er ſeine Beſchützer verläßt. Dazu liegen viele Gründe vor; ſeine Stellung war überhaupt von vorn herein nur eine vorübergehende, auch hat er Pflichten gegen ſeine Mutter. Kennſt Du ſie? Nur oberflächlich. Iſt ſie eine gebildete Frau? So ſchien es mir— ichzweifle nicht daran, die ganze Erziehung meines Freundes iſt Bürge dafür. Sie wird mit hieher kommen? So viel ich weiß, ſoll ſie bei ihrem Sohne wohnen. Komm, ſagte ſie, nachdem ſie eine kurze Zeit nachden⸗ kend da geſeſſen, komm, laß uns noch einen Ritt machen, .— — 37 es iſt erſt zehn Uhr und das Wetter herrlich; wir nehmen die Hunde mit und hetzen vielleicht ein paar Haſen. Jetzt, in der Schonzeit? Ach, was kümmert mich die Schonzeit— auf der großen Haide iſt Platz genug, und darauf kommt es ja al⸗ lein an! Wenn es Dir Vergnügen macht, ich ſtehe zu Dienſten. Nun, das freut mich, ſagte ſie mit einem ſpöttiſchen Lächeln, denn die Ausſicht auf den Erfolg iſt durchaus keine ſichere. — Drittes Capitel. Alfred und Hedwig gingen nach dem Schloſſe zurück. Der alte Graf, welcher bei aller Sparſamkeit, die in man⸗ chen Dingen ſogar in Geiz ausartete, nichts verſäumte, was er zur Erhaltung einer ſtandesmäßigen Repräſentation für nöthig erachtete, unterhielt eine nicht unbedeutende Anzahl edler und ſehr werthvoller Pferde. In den mit beſonderer Sorgfalt eingerichteten Ställen befanden ſich nicht nur acht Wagenpferde, ſondern auch eben ſo viele Reitpferde, letz⸗ tere theils von arabiſcher, theils von engliſcher Abſtam⸗ mung und Kreuzung. Der Graf, obgleich er ſelbſt faſt nie⸗ mals ritt, hegte für dieſe Pferde eine große Liebhaber ei, ſchon um deswegen, weil ſie ihm ſehr viel gekoſtet hatten. Zwei davon, eine milchweiße arabiſche Stute und ein eng⸗ liſches Vollblut, waren zum ausſchließlichen Dienſte für ſeine Tochter beſtimmt. Sie, eine gewandte und kühne Rei⸗ terin, liebte dieſe beiden Pferde leidenſchaftlich, pflegte ſie — — 39 oft ſelbſt und war mit ihnen ſo vertraut, daß Beide, be⸗ ſonders aber die Araberin, ſie genau kannten und mit der dieſen edeln Thieren angeborenen Empfänglichkeit willig und aus eigenem Antriebe den Wünſchen ihrer Herrin ſich fügten. Laß die Fatime ſatteln, befahl ſie einem Diener, und für den Herrn Baron den Trajan— wenn er Dir nicht vielleicht zu unruhig iſt, ſetzte ſie lächelnd hinzu. Warten wir den Erfolg ab, erwiederte er mit einem leichten Spotte, ein ruhiger Reiter macht ein ruhiges Pferd. Hedwig begab ſich in ihr Zimmer und erſchien bald darauf wieder im Reitanzuge, welcher ſie, das mußte ſich Alfred eingeſtehen, beſonders vortheilhaft kleidete. Das lange, enganſchließende Gewand hob ihre ſchlanke, unta⸗ delhafte Geſtalt noch mehr hervor, und der kleine Filzhut mit dem grünen Schleier, unter welchem die vollen, licht⸗ braunen Locken hervorquollen, gab ihrem Geſichte einen kühnen und zugleich lieblichen Ausdruck.— Als ſie aus der Thür des Schloſſes unter das Portal hinaustrat, wieherte ihr das Pferd, welches ein Reitknecht hielt, freudig entge⸗ gen und ſcharrte ungeduldig mit dem Vorderfuße, als wollte es ſeine Freude darüber ausdrücken, die Herrin wi⸗ derzuſehen. Sie trat zu ihm heran, ſtreichelte den ſchlan⸗ ken, weichen Hals und reichte ihm dann ein paar Stückchen Zucker, welche es graziös aus ihrer kleinen, mit einem weiß⸗ ledernen Stulphandſchuh bekleideten Hand empfing. Al⸗ 40 fred hielt ihr galant den Steigbügel, und ſie ſchwang ſich leicht und ohne weitere Hülfe in den Sattel. Das Pferd ſtand regungslos, obgleich die Zügel nachläſſig auf ſeinem Halſe ruhten, und wandte dann den Kopf um, als ob es ſich vergewiſſern wolle, daß Alles in Ordnung ſei. Auch Alfred, ein gewandter und tüchtiger Reiter, ſchwang ſich jetzt in den Sattel, obgleich der ſchwarze Tra⸗ jan ſich unruhig aufbäumte und weiße Schaunflocken von ſeinem Gebiſſe herabfielen. Dann ritten ſie langſam, von den beiden Windhun⸗ den und einem Reitknechte gefolgt, durch den weitläufigen Wirthſchaftshof auf die breite, ſtaubige Dorſſtraße hin⸗ aus. Die Bewohner der elenden Häuſer grüßten die Vor⸗ überreitenden in der demüthigſten Weiſe. Die Männer blieben ſtehen, zogen ihre Mützen oder grauen, ſchmutzigen Filzhüte und die Weiber verneigten ſich unbeholfen, aber faſt bis zur Erde, indem ſie die Reiter mit nichtsſagendem Ausdrucke anſtarrten. Fort? rief Hedwig, leiſe mit der Zunge ſchnalzend; laß uns eilen, aus dem Dorfe zu kommen, dieſe Leute ſind mir widerlich. Warum widerlich? fragte Alfred, als ſie nun in ra⸗ ſchem Trabe neben einander ritten; ſie erregen bei mir mehr das Gefühl des Mitleids, und es wäre eine erhebende Auf⸗ gabe, ihren Zuſtand zu verbeſſern. Ach, ſie wollen es nicht anders, alle meine Verſuche — 41 ſind vergebens; ſie ziehen es vor, in thieriſcher Stumpfheit und Trägheit fortzuvegetiren. Man könnte an der höhe⸗ ren Beſtimmung des Menſchen verzweifeln, wenn man dieſe Weſen ſieht. Und doch haſt Du eine ſo große Vorliebe für Deine Pferde und Hunde. Weil es edle und begabte Thiere ihrer Gattung ſind, jedes tauſend Mal mehr werth, als ſolch' ſtumpfſinniges Weſen, das in der menſchlichen Geſtalt, zum Hohne derſel⸗ ben, umhergeht. Hat Fatime nicht weit mehr Verſtand, nicht weit mehr Ehrgefühl? ſetzte ſie mit blitzenden Augen hinzu; ſie iſt traurig, wenn ich ſie einmal ſtrafe, und fühlt ſich gehoben und glücklich durch die Anerkennung ihrer Verdienſte. Deine lebhafte Phantaſie ſpiegelt Dir dies Alles vor, ſagte er lächelnd; ein Thier bleibt ein Thier und ſteht im⸗ mer unter dem Menſchen, von dem es gllein ſeine Erzie⸗ hung erhalten hat. Ein Thier der edleren Gattung iſt mehr werth, als ein Menſch der niedrigſten; es hat auch ſeiner Erziehung Ehre gemacht und iſt deshalb geworden, was es iſt. Falſch, falſch, Couſine Hedwig! rief Alfred, während ſein Pferd gegen ſeinen Willen einen Satz machte. Sieh, der Trajan iſt jetzt zum Beiſpiel ungezogen. Wer kümmert ſich denn um die Erziehung dieſer armen Menſchen, deren alleinige Beſtimmung der ſtete Kampf mit dem Hunger iſt? 42 Nimm ein Kind von ihnen, erziehe und pflege es, wie Du ein junges Fohlen mit Sorgfalt erziehſt und pflegſt, und Du wirſt einen begabten, vielleicht ſehr begabten Menſchen erhalten, ausgerüſtet mit all' den guten Eigenſchaften und Fähigkeiten, die Du an ſeinen verwahrloſ'ten Eltern ver⸗ miſſeſt. Anders wie ſie wird er vielleicht werden, aber er bleibt doch, was er iſt. Das Junge eines Hofhundes wird nie⸗ mals ein Jagdhund, das Fohlen eines Karrengaules kein Vollblut, und ein Kind dieſer Halbmenſchen niemals ein hervorragender Menſch— es liegt in der Race! Und doch lehrt die Geſchichte, daß die begabteſten Menſchen faſt niemals eben ſo begabte Eltern gehabt haben. Das iſt auch nicht nöthig— aber wir wollen hier hinüber, fuhr ſie fort, ihr Pferd wendend, drüben auf der Anhöhe finden wir vielleicht einige Haſen. Der breite und tiefe Graben, welcher die Straße von den anſtoßenden Feldern trennte, wurde mit einem kühnen Satze überſprungen, und dann ritten Beide auf der Haide in geſtrecktem Galopp weiter. Nach einiger Zeit ſahen ſie eines von jenen unglücklichen Thieren, welche ſo viele Feinde und ſo wenige Freunde beſitzen, ſich aus ſeinem Lager er⸗ heben und in eiliger Flucht das Weite ſuchen. Kopple den Hektor los! rief das Mädchen jetzt, von der Aufregung der Jagd ergriffen, dem Reitknechte zu, nicht 43 auch Czar— er muß ihn allein nehmen, ſonſt iſt die Jagd gleich beendet. Die Hunde hatten ſchon längere Zeit ein kurzes Ge⸗ heul ausgeſtoßen und ungeduldig an der Leine gezogen; jetzt ſchoß der eine, davon gelöſ't, mit Windesſchnelle fort und die Reiter flogen hinter ihm her. Aufpaſſen, Hektor, aufpaſſen! rief Hedwig, Du gehſt weit über ihn hinaus; er iſt in den Graben geſprungen und ihm gefolgt, Du wirſt ihn verlieren! Der Hund kehrte, nachdem er vergeblich nach dem Ha⸗ ſen geſpäht hatte, zurück und ſtand, wild umherblickend, neben den Reitern, welche an dem Graben halten geblie⸗ ben waren. Du haſt ihn verloren, rief ſie ihm zu, das kommt von Deinem Ungeſtüm; hier dem Graben nach, dort oben wird er ſich gedrückt haben. Der Hund, wie alle Windhunde nur ein Wild, das in Sicht iſt, jagend, ſtand immer noch rathlos. Wenn er nur einen kleinen Theil des Verſtandes hätte, welchen Du den armen Dorfbewohnern abſprichſt, ſo würde er Dich verſtehen; ſo aber weiß er nicht, was er ſoll. Er wird es bald wiſſen, rief ſie, längs des Grabens fortſprengend, aus welchem nach einiger Zeit der arme Haſe wieder aufſprang. Ah, da iſt er! Nun ſei nicht wieder ſo einfältig, Hektor. Hetz! Hetz! Nach kurzer Zeit hatte der Hund den Haſen einge⸗ 44 holt, ſchoß aber über ihn fort, weil dieſer ſich überſchlug und dann in entgegengeſetzter Richtung wieder das Weite ſuchte. Das Schauſpiel wiederholte ſich mehrmals, die An⸗ ſtrengungen des ermüdeten Haſen wurden ſichtlich immer ſchwerfälliger, bis es dem Hunde gelang, ihn im Vorbei⸗ lauf zu ergreifen und hoch in die Luft zu werfen. Er hatzihn, er hat ihn! rief Hedwig heranſprengend, aber es hat lange genug gedauert und ich kann Dich nicht loben, Hektor! Kopple ihn feſt, Czar wird es beſſer machen. Die Jagd wurde in der beſchriebenen Weiſe fortge⸗ ſetzt, und der Zufall war zur großen Genugthuung ſeiner Herrin dem anderen Hunde günſtiger, denn er fing zwei Haſen nach einander auf tadelloſe Weiſe. Es wird Zeit ſein, an den Heimweg zu denken, be⸗ merkte Alfred; es iſt bereits ein Uhr, und ich habe von dem Onkel den Auftrag, Dich daran zu erinnern, daß um zwei Uhr... Ich weiß, ich weiß, unterbrach ſie ihn, reiten wir heim; es iſt ohnehin heiß geworden, auch habe ich dieſes Vergnü⸗ gen ſatt, fügte ſie hinzu. Ehe wir uns umkleiden, wird es zwei Uhr ſein, und da wahrſcheinlich wieder Gäſte kommen, ſo haben wir keine Zeit zu verlieren. In raſchem Trabe ritten ſie zurück; Hedwig ſtreichelte, nachdem ſie abgeſtiegen, wieder den Hals des Pferdes, und vergaß nicht, dasſelbe abermals mit ein paar Stückchen „ Zucker zu belohnen. Dann entfernte ſie ſich, um ſich um⸗ zukleiden, und auch Alfred begab ſich zu gleichem Zwecke auf ſein Zimmer, denn er wußte, daß der Graf beim Di⸗ ner das Erſcheinen im Fracke verlangte, den er ſelbſt zu tragen niemals unterließ. Hedwig hatte richtig vorausgeſagt: es Gar Beſuch gekommen, wie dies faſt an jedem Tage Statt fand. Die über den Gutsbeſitzern im Allgemeinen ſchwebende Einför⸗ migkeit und Langeweile trieb ſie häufig zuſammen und ſie geſellig. Fte war Geſelligkeit oft wie⸗ der ſelbſt ſtark gewürzt mit Langerweile und Einförmigkeit, aber man aß doch zuſammen, und zwar ſo oft, als es im Laufe des Tages itgend möglich war, und trank dazu ſo viel, als es ging; auch ſpielte man Karten, und zwar eben⸗ falls ſo hoch, als es i Verhältniſſe geſtatteten, und oft auch wohl weit über dieſelben hinaus. Die Ungarwein⸗ flaſche ſ permanent zu jeder Tageszeit auf dem Tiſche, und geraucht wurde überall und auch zu jeder Zeit, ohne Rückſicht auf die etwa anweſenden Damen. Von dieſer damals in Oberſchleſien Sitte wich man in Wallfort jedoch in mancher Beziehung ab. Der Graf rauchte ſelbſt nicht und geſtattete daher das Rauchen im Eßzimmer nicht; auch das Trinken war an beſtimmte Zei⸗ ten und Zimmer gebunden, überhaupt hatte die ganze Ein⸗ richtung in ſeinem Hauſe einen gemeſſeneren und feineren — 46 Anſtrich, durch den jedoch häufig die Sitten des Landes und ſeiner Bewohner in grellen Farben hindurchſchimmerten. Heute war nur ein Beſuch, der Baron von Kalden, erſchienen, ein Mann in den Anfängen der Vierzig, der bis⸗ her nach oberſchleſiſcher Weiſe ſeine Jugend genoſſen hatte, wie er ſich ausdrückte, und nun beabſichtigte, ſich zu verhei⸗ rathen, weil er dieſes Leben ſatt habe. Hedwig ſchien ihm ein nicht unpaſſender Gegenſtand zur Ausführung dieſes Vorhabens, und vorzugsweiſe deshalb kamen ſeine häufi⸗ gen Beſuche. Er beſaß ein nicht unbedeutendes Vermögen und viele Eigenſchaften, die dem alten Grafen gefielen, leider jedoch kaum eine, von welcher er dies in Bezug auf Hedwig hätte ſagen können. Dies ſchreckte ihn jedoch nicht 3 ab, denn er war ein erfahrener Mann, nicht ohne viel na⸗ türlichen Verſtgnd und Schlauheit; außerdem beſaß er das⸗ jenige, was man die Heuchelei der Biederkeit nennen könnte. Er gab ſich ſtets natürlich, ehrlich und ſchlicht, wußte aber doch immer genau, weshalb und warum, und ließ dabei— niemals die Erreichung ſeines Zweckes aus den Augen. 2 Hedwig empfand eine natürliche und inſtinetive Abneigung„ gegen ihn, die ſie oft ſehr rückhaltlos an den Tag legte. Das Speiſezimmer war hoch und kühl, und der lei⸗ tende Diener ſprach, die Flügelthüren öffnend, feierlich die Worte aus: Es iſt ſervirt. Geben Sie meiner Tochter den Arm, Herr Baron, überladener Liyrse warteten auf und machten durch ihre 47 ſagte der Graf, und Du, Alfred, gib mir den Deinigen; wir eſſen heute en famille. Schweigend ließ ſich Hedwig von dem Baron führen, der während des kurzen Weges mit lächelnder Miene ſein Bedauern ausſprach, daß nicht ein jüngerer Mann die ihm zu Theil gewordene Ehre genießen könnte. Der Papa hat es ja ſo beſtimmt, erwiederte ſie, ſonſt hätte Couſin Alfred der jüngere Mann ſein können, deſſen Abweſenheit Sie ſo lebhaft bedauern; aber es iſt das heute völlig gleichgültig, wir ſpeiſen ja en famille, und ich würde daher jedenfalls der Ehre Ihrer Nachbarſchaft theilhaftig werden. Die Ehre und das Glück ſind nur auf meiner Seite; ich weiß das ſehr wohl und erkenne es dankbar und be⸗ ſcheiden an. Sie erwiederte nichts weiter, ſondern beſchleunigt nur ihren Schritt, und bald ſaßen die vier Perſonen an dem für eine viel größere Anzahl Raum gewährenden Tiſche und daher zu Hedwig's Befriedigung ziemlich weit von ein⸗ ander. Das Diner beſtand, wie immer, aus vier Gängen, aber ſehr ſchmackhaft bereiteten Speiſen, und auch die Weine ließen wenig zu wünſchen übrig, denn der Graf hielt eben ſo viel auf eine gute Küche, als darauf, daß die Würde ſeines Standes in dieſer Beziehung zur vollen Geltung kam. Vier Bediente in reicher, wenn auch vielleicht etwas ſtete Anweſenheit jede andere als eine ganz allgemeine Un⸗ terhaltung unmöglich. Hedwig betheiligte ſich daran über⸗ haupt nur wenig und ſprach hin und wieder Einiges mit dem an ihrer anderen Seite ſitzenden Alfred. Den Hauptgegenſtand des Geſpräches bildete der diesjährige Wollmarkt, über deſſen Ausſichten ſich der Graf und der Baron, welche Beide weſentlich dabei intereſſirt waren, faſt ausſchließlich unterhielten. Alſo Sie gehen ſelbſt? fragte der Graf. Mir ſagt dieſes Treiben nicht zu. Ich bin einmal dort geweſen und habe mich mit dieſem Volke herumgeſchlagen, aber mir vor⸗ genommen, es nie wieder zu thun. Sie ſollten Sich das doch überlegen, Herr Graf, be⸗ merkte der Baron, denn es iſt immerhin ein großartiges Leben und Treiben zu dieſer Zeit in dem alten Breslau. Die ganze Provinz iſt dort; man ſieht alte Freunde wie⸗ der, die man ſonſt das ganze Jahr nicht ſieht, und Alle ſind heiter und fidel! Dazu die Maſſe von Fremden: Rhein⸗ länder, Franzoſen, Polen, Ruſſen, Engländer.. Engländer werden Sie ſchwerlich in dieſem Jahre ſe⸗ hen, beſter Baron— deſto mehr Juden, und zwar von der echten ſchmierigen polniſchen Race. Nein, ich fahre nicht mehr zum Wollmarkte— nie mehr! Thun dieſe Leute nicht, als ob ſie uns eine Gnade erwieſen, wenn ſie unſere Wolle kaufen? Man ſteht da wie ein armer Sün⸗ der! Sie lachen Einem hohnvoll in's Geſicht, wenn mmn ————— 49 ſeinen Preis ſtellt, und machen Gebote, daß man Verlan⸗ gen trägt, ſolchen Lump über einen Wollſack zu legen und ordentlich durchhauen zu laſſen. Wäre nicht übel, gar nicht übel, lachte der Baron, wenn man es nur dürfte, wäre ein vortreffliches Mittel, die Preiſe in die Höhe zu bringen— aber leider geht es nicht. Uebrigens iſt die Sache auch ſo ſchlimm gar nicht; ich ſtelle an meine Wolle meinen Inſpector und ſage ihm genau, was er fordern ſoll und wo ich zu finden bin— das iſt in einer Ungarwein⸗Stube, wo ich mich mit alten, guten Freun⸗ den unterhalte. Kommen die Herren Käufer dorthin— und ſie kommen, denn ſie müſſen doch kaufen, deshalb ſind ſie ja dort,— ſo nimmt man ſchon von vorn herein eine ganz andere Stellung ein, als wenn man demüthig neben den Wollſäcken ſteht. Man befindet ſich mit ſeines Glei⸗ chen in der Majorität, den Herren Käufern wird ein Glas Wein angeboten, ſie treten viel beſcheidener auf und man ſchließt ab, indem man eine neue Flaſche beſtellt. Ach nein, fuhr er heiter und ſelbſt von dem genoſſenen Weine etwas erregt fort, wobei ihm Hedwig einen kurzen, verächtlichen Blick zuwarf, die Sache hat auch ihre angenehme Seite. Und dann gibt Theater, Kunſtreiter, Akrobaten, Harfe⸗ niſtinnen und was weiß ich Alles, denn in Breslau ſummt und ſchwärmt es um dieſe Zeit wie in einem Bienenſtocke. Haſt Du auch auf Alles genau geachtet, Couſin Al⸗ fred, fragte Hedwig hohnvoll, was der Herr Baron ſo be⸗ Gräfin und Marquiſe. IM. 4 redt geſchildert, damit Du Dich darnach richten kannſt, wenn Du jetzt Papa's Wolle verkaufſt? Der Baron erkannte, daß er ſich vielleicht in Gegen⸗ wart des Gegenſtandes ſeiner Heiraths⸗Speculation etwas vorſichtiger hätte ausdrücken ſollen, und beeilte ſich, den be⸗ gangenen Fehler wieder gut zu machen. Für uns paßt das allerdings mehr oder weniger nicht ganz, fuhr er daher fort, man muß das der Jugend überlaſſen; aber man erfreut ſich doch an der Luſt und an dem Vergnügen Anderer, wenn man auch ſelbſt nur ein Zuſchauer ſein kann. Sie wiſſen, ich bin einmal ein ſo gutmüthiger Menſch. Alſo Sie wer⸗ den des Herrn Grafen Wolle in dieſem Jahre verkaufen, Herr Baron, fuhr er fort, als ſeine letzte Bemerkung ohne Erwiederung blieb; ich bin ſehr erfreut darüber, denn ich hoffe Sie dann mit Beſtimmtheit in Breslau zu ſehen. Wenn ich Ihnen in irgend einer Beziehung nützlich ſein kann— Sie haben ganz über mich zu beſtimmen. Verſäume es ja nicht, Couſin Alfred, bemerkte Hed⸗ wig wieder mit einem ſpöttiſchen Lächeln, die koſtbaren Er⸗ fahrungen des Herrn Barons werden Dir gewiß von gro⸗ ßem Nutzen ſein. Sie ſind ſehr gütig, erwiederte Alfred— da ich je⸗ doch in Breslau wohne und den Wollmarkt ebenfalls aus Erfahrung zur Genüge kenne, ſo... Ich weiß, ich weiß, unterbrach der Baron— ich 51 meine auch nur hinſichtlich des Verkauf's der Wolle, ver⸗ ſteht ſich von ſelbſt. Hätten Sie noch etwas Anderes meinen können? fragte Hedwig, indem ſie ſich den Anſchein völliger Unbe⸗ fangenheit gab und den Baron erwartungsvoll anſah. Durchaus nicht, durchaus nicht— ich weiß überhaupt nicht, wie Sie zu dieſer Frage kommen, gnädigſte Gräfin, erwiederte er gleichfalls mit der Miene unbefangener Treu⸗ herzigkeit; ich hatte die Abſicht, dem Herrn Baron und auch dem Herrn Grafen vielleicht nützlich zu ſein, ſo weit dies mein guter Wille und meine Erfahrungen vermögen — ich hoffe, Sie werden das billigen. Sie wiſſen, ich lebe für meine Freunde! Ich? erwiederte Hedwig gleichgültig, indem ſie eine große Ananas⸗Erdbeere mit ihren gleichfarbigen Lippen zerdrückte— ich? Ich habe weder Ihre Handlungen zu billigen, noch zu mißbilligen, dazu fehlt mir jede Befugniß und auch jede Neigung. Alter Tokayer Ausbruch! ſchnarrte ein Bedienter, während er auf einem ſilbernen Teller in kleinen, geſchlif⸗ fenen Gläſern den benannten Wein dem Baron präſentirte. Verſuchen Sie dieſen Wein einmal, beſter Baron, ſagte der Graf, er ſtammt noch von meinem ſeligen Vater, der ihn ſelbſt in Tokay gekauft hat; es iſt 1734er und nach Schleſien noch ohne Steuer gekommen, weil die öſter⸗ 4* reichiſche Gränze damals noch längs der Mark Branden⸗ burg lief— verſuchen Sie dieſen Wein einmal, aber recht mit Muße— es iſt wirklich etwas Ausgezeichnetes— und echt und unverfälſcht. Köſtlich, köſtlich! ſchnalzte der Baron, indem er den Wein langſam ſchlürfend über die Lippen gleiten ließ— es iſt etwas Vorzügliches, Seltenes! Ja, es geht doch nichts über einen alten, edeln Ungarwein— nullum vinum sine hungaricum, ſo heißt es ja wohl— ganz vortrefflich! Es freut mich, daß Sie mir den Wein ſo loben, ſagte befriedigt der Graf, denn ich weiß, Sie ſind ein Kenner, und ich gebe viel auf Ihr Uriheil. Er winkte dabei dem Bedienten, der aus der alten, ganz beſtaubten Flaſche die geleerten Gläſer nochmals füllte. Erlauben Sie mir, in dieſem herrlichen Weine Ihr Wohl zu trinken, gnädigſte Gräfin— der Wein iſt unter den Weinen, was Sie unter den Frauen ſind, das.... Ich danke Ihnen, Herr Baron, unterbrach Hedwig, indem ſie den Bedienten, der ihr ein Glas präſentirte, zu⸗ rückwies— ich trinke keinen Wein und bin daher gänzlich unempfänglich für Ihre begeiſterte und bilderreiche Sprache. Sie erhob ſich bei dieſen Worten mit einem Blicke auf ihren Vater, der eigentlich gern noch etwas ſitzen ge⸗ blieben wäre, reichte Alfred ihren Arm und verließ, ihrem 53 Vater und dem Baron voranſchreitend, das Speiſe⸗ zimmer. Der Baron empfahl ſich ebenfalls, nachdem man den Kaffee im Garten eingenommen; er habe noch Manches hinſichtlich der Wolle, welche morgen abgehen müſſe, zu beſorgen. Viertes Capitel. Am anderen Tage wurde die Wolle auch in Walffort gewogen und dann abgeſandt. Es waren ſechs vierſpännige Wagen, auf denen die wohlverpackten und ſignirten Ballen Platz gefunden hatten. Der Graf ſah ihnen mit einer aus Wehmuth und Aerger gemiſchten Stimmung nach, denn ſo klein war die Zahl ſeiner Wollwagen noch niemals ge⸗ weſen. Dem Beamten, welcher ſie begleitete, wurde einge⸗ ſchärft, genau auf Alles zu achten, und den Fuhrleuten und Knechten bedeutet, daß, wenn ſie ſich unterwegs betränken, ſie ſpäter mit Willkommen und Abſchied ins Loch geſperrt werden wurden, eine Drohung, die jedoch nur von gerin⸗ gem Einfluſſe blieb, denn ſämmtliche Knechte nebſt ihrem Führer waren ſchon am erſten Abende vollſtändig be⸗ trunken. Da auch Alfred am anderen Tage abreiſte, um die Wollwagen hei ihrer Ankunft in Breslau zu empfangen, 55 und wir die Abſicht haben, ihn zu begleiten, ſo verlaſſen wir ebenfalls auf einige Zeit den Landſitz des Grafen, wo wir nur einen kurzen Beſuch gemacht haben, um uns nach Breslau zu begeben. Wir treffen dort lange vor den Woll⸗ wagen des Grafen ein, welche acht Tage zur Reiſe ge⸗ brauchten, auch mehrere Tage vor Alfred, der ebenfalls drei Tage auf einer Strecke unterwegs ſein mußte, die man jetzt in fünf Stunden zurücklegt. Die alte Stadt Breslau ſah damals ganz anders aus, wie jetzt. Die Franzoſen wa⸗ ren zwar in December des vorigen Jahres wieder abgezo⸗ gen, hatten jedoch ſehr ſichtbare Spuren ihres kurzen Be⸗ ſuches zurückgelaſſen, denn die Feſtungswerke waren ge⸗ ſchleift und geſprengt und die Umgebung der Stadt hatte daher ein wüſtes und wildes Anſehen. Die auf den zerſtör⸗ ten Wällen ſpäter entſtandenen ſchönen Promenaden, welche jetzt als ein grüner und ſchattiger Gürtel nicht mehr die Stadt einſchließen, ſondern ſich innerhalb derſelben, von einem breiten Waſſergraben maleriſch umgränzt, hinziehen, weil die Stadt ſelbſt ſich weit darüber hinaus angebaut hat, beſtanden damals noch nicht, dagegen befanden ſich an deren Stelle wüſte Trümmer und Schutthaufen, ſo, wie ſie die Franzoſen bei ihrem Abzuge zurückgelaſſen hatten; von den geſprengten alterthümlichen Feſtungsthoren ſtan⸗ den noch einige geſchwärzte und ruinenhafte Ueberbleibſel — kurz, man hatte noch nicht Zeit gehabt, wieder Ordnung zu ſchaffen, und die äußere Umgebung der Stadt bot noch 56 das Bild einer wilden Zerſtörung. Das hinderte jedoch nicht, daß der Wollmarkt in gewohnter Weiſe abgehalten wurde; hatte er doch ſelbſt im Jahre 1807, als Jerome in Breslau reſidirte und die Stadt als eine eroberte be⸗ handelt wurde, deren Schickſal noch keineswegs feſtſtand, keine Unterbrechung erlitten, weil der damalige kaiſerliche Prinz ausdrücklich bekannt gemacht, daß, ungeachtet der Kriegszeiten der Wollmarkt abgehalten werden ſolle und Käufer und Verkäufer ſich ſeines beſonderen Schutzes zu erfreuen haben würden. Es war dieſer Markt damals auch für ſämmtliche Gutsbeſitzer ein weit wichtigeres Ereigniß, wie jetzt, wo durch den erleichterten Eiſenbahnverkehr viele Geſchäfte auf den Gütern ſelbſt abgeſchloſſen werden, ſo daß ein großer Theil der Wolle gar nicht mehr zu Markte kommt. Damals wurden aber ſämmtliche Wollen der Pro⸗ vinz, und außerdem noch bedeutende Quantitäten aus Po⸗ len nach Breslau gefahren und dort auf den Plätzen, in den geräumigen Fluren der großen, hohen Häuſer und de⸗ ren weitläufigen, häufig, wie noch jetzt, zwei Straßen ver⸗ bindenden Höfen aufgeſtapelt, ſo daß die Käufer nur durch Vermittelung eines mit den Localitäten ſehr vertrauten Agenten die faſt verſteckt liegenden Waaren aufzufinden vermochten. Schon mehrere Tage vor dem Beginne des Marktes zogen aus allen Himmelsgegenden lange Wagenreihen durch die Thore der Stadt, welche ſämmtlich mit hochge⸗ 57 thürmten Wollballen beladen waren. Die engen Straßen mit dem ſchlechten Pflaſter waren nicht befähigt, alle dieſe Züge in ſich aufzunehmen, man drängte ſich, fuhr ſich feſt, ſchimpfte und fluchte in deutſcher und polniſcher Sprache, bis ſich endlich alle die leichten, aber umfangreichen Barri⸗ caden auf den Plätzen, in den Häuſern und in den Höfen gebildet hatten, welche ſämmtlich danach ſtrebten, ſo bald als möglich gegen gutes Geld wieder zu verſchwinden und fernen Gegenden zugeführt zu werden. Mit den Ballen kamen deren Eigenthümer, meiſt auch die Familien derſelben, ſo daß faſt alle Gutsbeſitzer Schleſiens in Breslau anweſend waren. Weniger als die Verkäufer mit ihrer umfangreichen Waare fielen die Käu⸗ fer in die Augen, meiſtens Fabrikanten aus dem Rhein⸗ lande, Belgien und Frankreich— Eugländer durften da⸗ mals nicht erſcheinen—, bildeten ſie nur einen verhältniß⸗ mäßig ſehr unbedeutenden und wenig bemerkbaren Theil der ſich drängenden bunten Maſſe, und doch war der In⸗ halt ihrer Brieftaſchen das alleinige belebende Princip des ganzen Marktes. Aus Polen kam eine große Menge Ju⸗ den, theils als Verkäufer, theils als Leute, die von dem Verkehr wie die Raubvögel von einem Schlachtfelde an⸗ gelockt, in irgend einer Weiſe Geſchäfte machten. Sie ka⸗ men in den ärmlichſten und abenteuerlichſten Fuhrwerken, bei welchen man ſogar die Plätze auf den Wagentritten vermiethete, und zeichneten ſich dann durch ihre altteſta⸗ 58 mentariſche Tracht aus: lange, ſchwarzſeidene Röcke, die außer dem Glanze der Seide auch im Glanze des Schmuz⸗ zes ſtarren; die herabhangenden ſchwarzen Ringellocken, dunkle, ſtechende, bewegliche Augen und vorzugsweiſe die Zudringlichkeit, mit welcher ſie einen Jeden, den ſie irgend dazu geeignet erachteten, zu einem Geſchäfte zu preſſen ſuchten, kennzeichnen dieſen ſich ſeit David und Salomo un⸗ vermiſcht erhaltenen orientaliſchen Volksſtamm. Zum Theil iſt das noch jetzt ſo; aber der Schwarm dieſer beweglichen, unaufhörlich ſchnatternden jüdiſchen Bevölkerung, welcher in den Tagen des Wollmarktes die breiten Trottvirs des Ringes ungangbar macht, iſt ſehr zuſammengeſchmolzen, und jene urorientaliſchen Geſtalten gehören nur noch zu den Seltenheiten. Für eine aus ſo verſchiedenen Elementen ent⸗ ſtehende Fremdenmaſſe, die zum großen Theile mit der Abſicht, ſich zu vergnügen, gekommen war, mußte natürlich auch in dieſer Beziehung geſorgt werden, und es wurde dies auch in ſehr umfangreicher, wenn auch theilweiſe etwas eigenthümlicher Weiſe; denn die Neigungen, Leidenſchaf⸗ ten und Laſter Anderer zu befriedigen und ſich dafür be⸗ zahlen zu laſſen, bildet ja überhaupt einen großen Theil der menſchlichen Thätigkeit und vermittelt die beſten und gewinnbringendſten Geſchäfte. So fand ſich denn zugleich eine Menge ſogenannter Künſtler, Gaukler und Gaukle⸗ rinnen der verſchiedenſten Gattung ein, die ſich bemühten, allen Anforderungen in dieſer Beziehung zu entſprechen. 59 Die Gaſthöfe hatten doppelte und dreifache Preiſe, na⸗ mentlich ließ man ſich für ein Zimmer oder auch nun für eine ſogenannte Schlafſtelle das Unglaubliche bezahlen; die Schänk⸗ und Gaſtſtuben jeden Ranges waren dicht ge⸗ füllt und hallten wieder ſowohl von den laut geführten Ge⸗ ſprächen der Zechenden als von dem Geſange ſchwarzäugi⸗ ger Harfeniſtinnen, von denen Böhmen jedesmal ein ſehr großes Contingent lieferte. Das alte Breslau, welches ſich während der übrigen Zeit, ſeiner öſtlichen und dem Verkehre abholden Lage we⸗ gen, keineswegs eines ſehr zahlreichen Fremdenbeſuches rüh⸗ men konnte, war an dieſen Tagen ſelbſt in jenem für Preu⸗ ßen ſo unglücklichen Jahre faſt zu klein, um alle Gäſte zu beherbergen, ſo daß es wirklich ſchwierig war, die dicht ge⸗ drängten Straßen zu paſſiren. Für Alfred, der in Breslau wohnte, war dies Alles nichts Neues. Er liebte dieſen Trouble nicht und war haupt⸗ ſächlich, um ihm aus dem Wege zu gehen, nach Wallfort gefahren— jetzt hatte er doch wider ſeinen Willen eine handelnde Perſon darin werden müſſen. Nicht ohne Mühe hatte er in einem Hofe einen geeigneten Platz zum Lagern ſeiner Wolle gefunden und harrte nun voll Ungeduld auf deren Ankunft. Schon geſtern hatte er vergeblich darauf gewartet, ſo daß er, die Unzuverläſſigkeit der Fuhrleute kennend, anfing, Beſorgniſſe des richtigen Eintreffens we⸗ gen zu hegen. Er ließ ſich ſein Pferd ſatteln, in der Ab⸗ 60 ſicht, den Wagen entgegen zu reiten, und war eben im Be⸗ griffe, dieſen Vorſatz auszuführen, als ſeine Thür ſich raſch öffnete und gleich darauf Walther in ſeinen Armen lag. Du glaubſt nicht, wie ſehr ich mich freue, wiederholte Alfred, abermals ſeines Freundes Hand ergreifend, nach den erſten, herzlichen Begrüßungen, wie ſehr ich mich freue, daß Du wieder da biſt, daß ich Dich wiederhabe! Und doch nicht ſo ſehr wie ich, denn es kommt mir ſo fremd, ſo anders vor hier in der Heimath, erwiederte Walther— nur Du und meine Mutter ſeid noch die Al⸗ ten, ſonſt iſt es mir, als ſei ich Jahre lang abweſend ge⸗ weſen. Das macht, daß Du gerade in den Wollmarkt kommſt, wo ſich Breslau auf den Kopf ſtellt und auch für ſeine hei⸗ miſchen Bewohner eine fremde Stadt wird. Mag ſein, daß dies die Urſache iſt, denn ich dachte mir, hier eine Abſpiegelung der jetzigen traurigen Zeit zu finden, und was ich ſehe, iſt gerade das Gegentheil. Alle Menſchen rennen ihren Geſchäften und ihrem Vergnügen nach, gerade wie ſonſt, ich möchte faſt ſagen, mehr wie ſonſt, und es kommt mir vor, ſetzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu, als habe ein Jeder darüber das Unglück und die Schmach des Vaterlandes völlig vergeſſen. Darin haſt Du vielleicht nicht Unrecht, wenigſtens für den Augenblick— der Menſch iſt ein Egoiſt, ſein Vor⸗ theil ſteht unmer obenan und in erſter Reihe— doch ſieh 61„ deshalb nicht zu ſchwarz, laß dieſe unruhigen Tags orüber⸗ gehen, und Du wirſt Unzufriedenheit und auch Unglück ge⸗ nug und im Uebermaß finden— es fehlt daran keines⸗ wegs, und Breslau ſieht für gewöhnlich jetzt ſtill und trau⸗ rig aus. Das glaube ich ſchon— ich kenne ja auch dieſes Treiben aus Erfahrung— aber die Menſchen dort drüben im Harze, ſetzte er mit einem tieferen Athemzuge hinzu, empfanden tiefer und vergaßen niemals, auch nicht mitten im Drange der Geſchäfte, was ich vorhin erwähnte— und ich ſelbſt bin ein redender Beweis dieſer edlen Ge⸗ ſinnung. Du ſcheinſt mir ja völlig ſchwermüthig zurückgekehrt zu ſein, lächelte Alfred, und ich erkenne daraus, daß es Dir in Deiner romantiſchen Fichtenau ſehr gut ergangen ſein muß— Deine Briefe hatten auch immer ſo einen gewiſſen ſchwärmeriſchen Hauch: Ich muß mir am Ende Vorwürfe machen, daß ich Dich verleitet habe, das poetiſche Thal des Harzes mit der Proſa Oberſchleſiens zu vertauſchen. Wie kannſt Du nur ſo etwas denken, erwiederte Wal⸗ ther nicht ohne einige Verlegenheit; aber ich will nicht leugnen, daß mir der Abſchied von dieſen biedern Menſchen ſchwer geworden iſt— es wäre ja auch unnatürlich, wenn es anders wäre. Du mußt mir das Alles ſpäter ausführlich erzählen, denn ich bin ſehr neugierig, Deine Erlebniſſe und Abenteuer 62 aus Deinem Munde zu hören, da Du in Deinen Briefen Dich doch mehr oder weniger kurz gefaßt haſt— jetzt aber — ich habe wichtige Geſchäfte, ſetzte er lachend hinzu, ſo unglaublich das auch klingen mag, wichtige und unange⸗ nehme Geſchäfte. Wenn Du mir daher erſt geſ ſagt haben wirſt, wie. Deine Mutter gefunden, dann— ja, dann mußt Du mir helfen, denn das gütige Geſchick hat Dich gerade in dieſem kritiſchen Momente zu meinem Beſnde hergeſandt. Du ſprichſt in Räthſeln, erwiederte Walther erſtaunt — meine hutke iſt Gott ſei Dank geſund und wohlauf — alſo, was ſind es für wichtige Geſchäfte? Ich muß für meinen Onkel die Wolle verkaufen, ſagte Alfred mit einem tiefen Seufzer. Ich konnte es nicht ab⸗ ſchlagen, denn er war ſchon in hohem Grade übler Laune ie die ſchlechte Schur, und da er ſeine Beamten ſämmt⸗ lich für Veuite hält und ich unglücklicher Weiſe gerade zum Beſuche in Wallfort war, ſo hat er mich zu dieſem Geſchäfte gepreßt. . Du haſt mir von dieſer Anſchauungsweiſe Deines On⸗ kels nichts geſchrieben, ſagte Walther, indem ſeine Miene ſich verfinſterte, ſonſt uie ich. Sei deshalb unbeſorgt, unterbrach ihn Alfred; ch habe, was dieſen Punet betrifft, ſehr ernſt und offen mit ihm geredet und ihm bemerklich gemacht, daß Du mein Freund ſeieſt, auf den er ſich verlaſſen könne, wie auf nic ſelbſt, 63 und daß das geringſte Mißtrauen von ſeiner Seite die Auflöſung Eures Vertrages zur Folge haben werde. Ich danke Dir, entgegnete Walther, ſeinem Freunde die Hand reichend— dennoch bleibt ſelbſt ein unausge⸗ ſprochenes Mißtrauen in hohem Grade peinlich, und— nun, wir werden ja ſehen, ſetzte er hinzu; ſprechen wir daher von Deinem Geſchäfte, bei welchem ich Dir ſehr gern behülflich ſein will. Was haſt Du für Inſtructionen? Inſtructionen? Eigentlich gar keine; ich ſoll ſo theuer wie möglich verkaufen, nicht unter hundert Thalern— aber jedenfalls verkaufen, wenn es ſein kann, höher. Ich verſtehe und werde mich ſogleich genau über den Stand des Marktes informiren; zuvor muß ich aber die Wolle ſehen. Wo lagert ſie 2 Ja, wenn ich das wüßte! Sie lagert noch auf den Wagen, aber wo dieſelben ſich in dieſem Augenblicke befin⸗ den, davon habe ich keine Ahnung. Die Wolle iſt noch gar nicht hier? Ich war eben im Begriffe, ihr entgegen zu reiten, und ſchmeichle mir mit der Hoffnung, ihr vielleicht zu begegnen Wenn es Dir recht iſt, laſſe ich ein Pferd für Dich ſattelne und Du begleiteſt mich. Von Herzen gern. Es iſt wirklich keine Zeit zu ver⸗ lieren, denn es ſind, wie ich erfahren, ſchon umfangreiche Geſchäfte gemacht und die Preiſe könnten ſpäter leicht herabgehen. 64 Ach, wie mich das freut, Du glaubſt es gar nicht! rief Alfred, indem er dem Bedienten béfahl, ſogleich das zweite Pferd ſatteln zu laſſen. Daß die Preiſe weichen können? fragte Walther er⸗ ſtaunt. Nein, nein, daß Du Dich der Sache mit ſolcher Ener⸗ gie annimmſt— es fällt mir ein Stein vom Herzen! Ei⸗ gentlich könnteſt Du das ganze Geſchäft übernehmen, da Du doch ſchon Beamter meines Onkels biſt und er Dich gewiß damit beauftragt haben würde, wenn Du.... Vorläufig bin ich aber nicht damit beauftragt und kann daher nur als Dein Gehülfe handeln. Doch mache Dir deshalb keine Sorgen; ich will ſehr gern Alles ſo weit abmachen, daß Du nur Deine Zuſtimmung zum Abſchluſſe zu geben nöthig haben ſolſſt. Du biſt ein edler Menſch, lachte Alfred. Vor allen Dingen müſſen wir aber die Wolle haben. Ja, das ſehe ich ein; alſo reiten wir. Sie ritten durch die dicht gedrängten Straßen und gelangten bald darauf zum Ohlauer Thore, durch welches die von Oberſchleſien kommenden Wagen in die Stadt ein⸗ fahren mußten. Hier war die Paſſage ſchwierig und es dauerte geraume Zeit, ehe ſie die ſchmale Brücke über den Feſtungsgraben hinter ſich hatten. Das Thor ſelbſt war geſprengt und lag theilweiſe noch in Trümmern, die alte Zugbrücke hatte einer nothdürftig hergeſtellten Platz ge⸗ 65 macht, und die hohen Wälle waren theilweiſe abgetragen und glichen wüſten, aufgewühlten Erdhaufen. Wer hätte es für möglich gehalten, ſagte Walther, auf den dieſes Bild der Zerſtörung einen lebhaften und traurigen birtruc machte, daß dieſe ſtattlichen, wohl nur gegen Oeſterreich und Rußland beſtimmten Werke je⸗ mals von den Franzoſen zerſtört werden könnten, von einem Volke, das ſo weit von uns im Weſten wohnt und. Wozu dieſe unfruchtbaren Reflexionen? unterbrach ihn Alfred— für die Stadt iſt es gewiß recht gut, daß ſie aufgehört hat, eine unhaltbare Feſtung zu ſein; die Zeit wird das Alles ausgleichen und wir werden es den Franzoſen einſt vielleicht noch Dank wiſſen, daß ſie uns von dieſen nutzloſen Feſſeln befreit haben. Wie Du nur ſo reden kannſt! ſagte Walther un⸗ willig. Uebrigens waren es auch gar keine Franzoſen, er⸗ gänzte Alfred mit ſichtlichem Hohne; zu ſolchen Handlanger⸗ dienſten halten ſie ſich ihre Miethlinge— es waren gute, ehrliche Deutſche unter Jerome's Befehl, Baiern und Württemberger! Um ſo ſchlimmer, um ſo Mag ſein— immerhin— für jetzt wünſchte ich nur, ich ſähe meines Onkels Wollwagen, doch wenn mich meine Augen nicht täuſchen, ſo halten ſie dort vor jener Kneipe Gräfin und Marquiſe. U. 5 — ich kenne die kleinen Pferde der Karpathen, und da ſteht ja auch ſo ein oberpodoliſcher Kerl mit ſeinem ſchmuz⸗ zigen Leinenkittel und dem ſchmierigen Filzhute. Der gute Fuhrknecht iſt offenbar betrunken, und ſo bin ich meiner Sache gewiß. Mit dieſen Worten ſprengte Alfred vor die Thür des bezeichneten Wirthshauſes, rief dem Knechte einige pol⸗ niſche Worte zu, hieb ihm dann mehrere Male mit der Reitpeitſche über den Rücken, worauf dieſer eilig in die Wirthsſtube ſprang und pald darauf mit den übrigen Wa⸗ genlenkern zurückkehrte. Die Wiederholung der gegen den erſten Knecht angewandten energiſchen Maßregeln brachte den Zug bald in Bewegung, und da die beiden Reiter den⸗ ſelben nicht mehr verließen, ſo war nach Verlauf von vier mühevollen Stunden die Wolle in dem gemietheten Hofe gelagert. In einem geräumigen, gewölbten, nur mäßig erleuch⸗ teten Zimmer ging es ſehr lebhaft zu. Dasſelbe vermochte die darin befindlichen Menſchen kaum zu faſſen. Es war dies eine der Breslauer Weinſtuben in einer Seitenſtraße des Ringes, zu jener Zeit ihres guten Ungarweines wegen vorzugsweiſe beſucht. Von unfernen Rathhausthurme ſchlug es eben zwölf Uhr Mittags, und der Thürmer blies, wie er noch heute zu jeder Stunde thut, ſein Trompeten⸗Signal auf die unter ihm ruhende Stadt hinab, als das Treiben in jener Weinſtube ſeinen Höhepunct erreicht zu haben 67 ſchien, denn einmal war es die in ihrer Verlängerung rich⸗ tige Frühſtückszeit, welche der Breslauer und überhaupt der Schleſier beſonders liebt, dann aber war es Wollmarkt, wo mau doppelt ſo lange und ſo viel als gewöhnlich zu frühſtücken pflegt. Alle Stühle, alle Bänke waren beſetzt, und ein großer Theil der Gäſte ſtand um die Tiſche herum, da zum Sitzen kein Platz übrig blieb. Wir finden an einem dieſer Tiſche Alfred, Walther, den Baron von Kalden und noch einige andere uns unbekannte Perſonen. Die Geſich⸗ ter der Meiſten ſind ſehr geröthet und das Geſpräch äußerſt lebhaft, obgleich ſich nicht Alle daran betheiligen. Es wäre mir lieb, ſagte mit ſehr lauter Stimme der Baron zu einem ernſten, einfach ausſehenden Manne, wenn Sie mir ein reelles Gebot machten— ich bin der beſte Menſch von der Welt, und Jeder weiß, daß man ſich auf mich verlaſſen kann. Meine Wolle iſt ihre zehn Thaler per Centner mehr werth, als ich fordere, aber bei Ihnen, meinem alten Käufer, ſoll es mir nicht darauf ankommen. Warum trinken Sie nicht? Schmeckt Ihnen der Wein nicht? Einen beſſeren Tokayer werden Sie ſchwerlich finden. . Ich danke— wir am Rheine ſind an den Ungarwein nicht gewöhnt; er iſt mir zu ſchwer, auch bin ich überhaupt kein Trinker. Schade, ſchade, Sie werden ſchwerlich ſo bald wieder 5* 68 ein ſo gutes Glas zu koſten bekommen! Alſo, was meinen Sie, ſchließen wir ab? Es thut mir leid, ich kann mein Gebot nicht erhöhen; Ihre Wolle iſt dieſes Mal nicht ſo gut, wie im vorigen Jahre, auch die Wäſche mangelhaft. Die Wäſche? rief der Baron, indem er das ſchon erhobene Glas wieder niederſetzte— da ſind Sie wirklich der Erſte, der mir das ſagt— ich bin der beſte Menſch von der Welt und laſſe einem Jeden ſeine Anſicht— aber das nehmen Sie mir nicht übel— wenn Sie meine Wolle nicht kaufen wollen— meinetwegen, es gibt Leute genug, die ſich darum reißen— ſo iſt das Ihre Sache; aber Sie dürfen ſie mir deshalb nicht ſchlecht machen, das leide ich nicht, durchaus nicht! Es wird mir freiſtehen, mein Urtheil über eine Waare auszuſprechen, die mir zum Kauf angeboten wird, entgeg⸗ nete der Andere ruhig, der Werth derſelben wird dadurch weder verändert, noch beeinträchtigt. Das brauchen Sie mir nicht zu fagen, rief der Ba⸗ ron, das weiß ich ſelbſt— machen wir fünfundachtzig, theilen wir uns in die Differenz, flüſterte er leiſe— Sie ſehen, ich bin der beſte Menſch von der Welt und thue es Ihnen allein zu Gefallen, weil Sie ein alter Käufer von mir ſind. Der Preis ſteht feſt, wenn Sie dafür abſchließen wollen? Laß uns gehen, ſagte Walther, indem er aufſtand es 69— iſt hier unerträglich, und ein Geſchäft ſcheint ſich nicht zu machen; vielleicht findet ſich draußen eher ein Käufer. Ich hätte das letzte Gebot angenommen, erwiederte Alfred. Die Wolle iſt mehr werth und die Nachfrage im Steigen. Ich begleite Sie, meine Herren, bemerkte der ernſte Mann, mit welchem der Baron vergeblich gehandelt hatte. Wollen Sie Sich unſere Wolle anſehen? Habe bereits— wie ſtellen Sie den Preis? fragte er, während ſie hinaus auf die Straße traten. Einhundert und fünf Thaler. Die Wolle iſt gut, aber die Zeit iſt ſchlecht, ich biete Ihnen hundert Thaler. Alfred ſtieß Walther leiſe an, denn das Gebot entſprach den Bedingungen ſeines Onkels und das ganze ſo unan⸗ genehme Geſchäft konnte nun zu Ende geführt werden. Der Preis iſt feſt, mein Herr, erwiederte Walther ruhig, und ſo gern ich verkaufen möchte, unter demſelben geſchieht es nicht. Ich will mir die Wolle noch einmal anſehen— doch wozu— ich acceptire, das Geſchäft iſt abgemacht. So bitte ich, das Weitere hinſichtlich der Abnahme zu beſtimmen. Ich werde die Ballen ſofort in Empfang nehmen. Es geſchah dies; das Geld wurde in einer Anwei⸗ ſung auf ein Breslauer Bankhaus ausgezahlt und das Ge⸗ ſchäft war zur großen Befriedigung Alfred's nach einer halben Stunde abgemacht. Gott ſei Dank, ſagte dieſer, als ſie aus den belebten Straßen, in denen ſich die hohen abfahrenden Wollwagen und geſchäftige und handelnde Menſchen drängten, in eine leere hinaustraten— Gott ſei Dank, ich hoffe, mein On⸗ kel wird über alle Erwartung zufrieden ſein, denn ich hätte geſtern wirklich zu fünfundneunzig Thalern abgeſchloſſen. Aber nun komm, laß uns, wenn es möglich iſt, ein weni⸗ ger volles Gaſthaus aufſuchen und ruhig zu Mittag eſſen. Mich hat dieſes Treiben völlig nervös gemacht und ich danke Gott und Dir, daß es überſtanden iſt— ich bin der beſte Menſch von der Welt, wie der Baron von Kalden immer von ſich ſelbſt ſagt, ſetzte er lachend hinzu, aber Al⸗ les hat ſeine Gränzen und ein Jeder ſeine eigene Natur; die meinige paßt nicht zu dieſem unruhigen Schacher. Die Wolle iſt gut verkauft, bemerkte Walther, ich glaube auch, daß Dein Onkel mit Dir zufrieden ſein kann. Mit mir? lachte Alfred; ſei ohne Sorgen, ich werde mich nicht mit fremden Federn ſchmücken. Aber komm, ich ſehne mich nach einem ruhigen Geſpräche mit Dir; wir ſind jetzt faſt zwei Tage zuſammen und haben vor lauter Juden, Mäklern und wie das Zeug ſonſt heißen mag, noch kein vernünftiges Wort mit einander reden können. Was n— iſt das eigentlich für ein junges Mädchen, deſſen Du er⸗ wähnteſt? Welches junge Mädchen? Die mit Dir verwundet wurde, oder vielmehr deret⸗ wegen Du verwundet wurdeſt. 5 Ach— ich erzähle Dir dieſes unbedeutende Ereig⸗ niß, wenn wir in Ruhe ſind, für jetzt mußt Du mich aber entſchuldigen. Du willſt nicht mit mir gehen? Ich war eben erſt angekommen, lieber Alfred, als ich Dich aufſuchte, dann hat mich das Geſchäft faſt ausſchließ⸗ lich in Anſpruch genommen— ich habe meine gute Mut⸗ ter immer nur noch ſehr wenig ſprechen können, da wirſt Du einſehen.... Verzeihe mir, daß ich daran nicht gedacht habe— aber heute Abend wirſt Du ein paar freie Stunden haben, wollen wir uns dann treffen? Ich werde zu Dir kommen, um acht Uhr; wir blei⸗ ben dann zuſammen auf Deinem Zimmer, wo wir unge⸗ ſtört plaudern können. So erwarte ich Dich, ſagte Alfred, ſeinem Freunde herzlich die Hand ſchüttelnd, und dann erzählſt Du mir Ausführliches von Deiner ſchönen Verwundeten und Ver⸗ wundenden. Fünftes Capitel. Walther lenkte ſeine Schritte nach einer von jenen engen und unfauberen Straßen, welche nach der füdlichen Um⸗ wallung der Stadt führten. Dann ging er durch ein Haus, welches zugleich den Eingang zu einem öffentlichen Durch⸗ gange bildete, der aus einem langen und ſchmutzigen Hofe beſtand. Am äußerſten Ende dieſes ſchwer zu findenden und nicht ohne Beſchwerden zu paſſirenden Durchganges, welcher den bezeichnenden Namen„Sieh Dich für“ führte und in unveränderter Geſtalt bis auf den heutigen Tag erhalten iſt, lag ein Hintergebäude, welches ſich durch ſeine beſſere Bauart vortheilhaft von den übrigen alten und zum Theil verfallenen Gebäuden, die den Hof begränzten, un⸗ terſchied. In dieſem ſehr entlegenen Hauſe wohnte Wal⸗ thers Mutter. So unfreundlich der Zugang zu ihrer Woh⸗ nung war, ſo freundlich war dieſe ſelbſt. Sie beſtand zwar nur aus einer Stube und einer Kammer, aber beide waren 73 hell, und die beſcheidene Einrichtung erſetzte durch Ordnung und Reinlichkeit das ihr ſonſt in manchen Dingen Man⸗ gelnde. Die beiden Fenſter lagen nach Süden und gewährten eine weite und freie Ausſicht. Bis vor zwei Jahren war dieſe durch den hohen Stadtwall beſchränkt geweſen und man hatte aus jenen Fenſtern nur in den kaufmänniſchen Zwin⸗ ger ſehen können, einen ziemlich engen Raum, den die Söhne Mercur's zu Schießübungen benutzen. Die Fran⸗ zoſen hatten dort ebenfalls Schießübungen anderer Art vorgenommen und manches junge Leben durch Pulver und Blei zur Ruhe gebracht, welches ſich gegen die Kriegsge⸗ ſetze des Feindes vergangen hatte. Zur Zeit unſerer Er⸗ zählung war der hohe Wall bereits abgetragen und das Auge konnte aus jenen Fenſtern über das wüſte Chaos der Zerſtörung weit hinaus in das Feld ſehen. ZJetzt iſt der frühere kaufmänniſche Zwinger in den ſchönſten Garten Breslau's verwandelt, in den man aus jenen Fenſtern hin⸗ abblickt, und auf dem damaligen Felde jenſeit des Stadt⸗ grabens liegt die Schweidnitzer Vorſtadt, die an Größe und Umfang der inneren Stadt nur wenig nachgibt. Da bin ich, liebe Mutter, ſagte Walther, in das Zimmer tretend, indem er ihre Hand küßte, da bin ich end⸗ lich, meine Geſchäfte find beendet, wie ich hoffe, zur Zufrie⸗ denheit des Grafen, und ich kann nun bei Dir bleiben und mit Dir plaudern, wonach ich mich ſo lange⸗geſehnt habe. Gewiß nicht ſo ſehr, wie ich, mein Sohn, erwiederte mit liebevollem Blicke die Matrone, denn es iſt zuweilen doch recht einſam und ſtill hier geweſen, obgleich ich froh war, als ich dieſe abgelegene aber freundliche Wohnung gefunden hatte. Wenn man erſt hier oben iſt, findet man ſich gans behaglich, aber der Weg hinauf iſt etwas mühſam, erwie⸗ derte Walther lächelnd. Da haſt Du Recht; aber ich gehe nicht viel aus, auch bin ich erſt hieher gezogen, ſeit ich Dich in Sicherheit wußte, denn nun hatte ich ja nicht nöthig, weitere Erkun⸗ digungen einzuziehen— und jetzt biſt Du geſund und glücklich zurückgekehrt. Der liebe Gott hat mein tägliches Gebet erhört. Wir werden uns nun nicht mehr trennen, wenigſtens nicht auf längere Zeit, liebe Mutter; wir werden auf dem Lande allein, abgeſondert von dem herrſchaftlichen Hofe, mit einander wohnen, und es ſoll mein ſtetes Beſtreben ſein, Dich für den Kummer zu entſchädigen, den ich Dir bereitet habe. Sprich nicht ſo, mein Sohn, es iſt ja nun vorüber, Du biſt wieder hier, und die Zeit der Sorge um Dich liegt hinter mir. Zürnſt Du mir noch, daß ich damals gegangen bin, fragte er, ihre Hände ergreifend, daß ich ohne Abſchied gegangen bin? Ich konnte nicht anders, theure Mutter, gewiß und wahrhaftig, ich konnte nicht anders, ſetzte er 75 mit leuchtenden Blicken hinzu. Gott hat es nicht gewollt, daß unſere gerechte Sache ſiegen ſollte, wir find zur Knecht⸗ ſchaft verdammt und müſſen uns beugen unter der Macht dieſes zweiten Attila— aber das Vaterland rief— und da konnte ich nicht anders, ich mußte ſeinem Rufe folgen! Und doch dachten nur Wenige ſo wie Du. Das war eben unſer Verderben, daß nur Wenige ſo dachten; hätten Alle ſo gedacht, wäre das ganze deutſche Volk aufgeſtanden, wäre Preußen— doch ſprechen wir nicht darüber, ſetzte er mit Bitterkeit hinzu— die Sache iſt ja abgethan, und es herrſcht Ruhe und Friede! Welche Pläne haſt Du nun für die Zukunft? fragte Walther's Mutter. Willſt Du bald nach Wallfort reiſen? Es iſt nöthig, daß dies ſo bald als möglich geſchieht. Alfred ſagte mir, daß ich von dem Grafen mit Ungeduld erwartet würde, weil er bereits abermals einen Inſpector entlaſſen habe. So recht ausführlich habe ich mit Alfred noch nicht ſprechen können, es ſoll dies heute Abend geſche⸗ hen; aber was ich bis jetzt erfahren, hat meine Hoffnun⸗ gen ſehr herabgeſtimmt, und ich befürchte faſt, daß meines Bleibens in der neuen Stellung nicht lange ſein wird. Du erfüllſt mich mit Beſorgniß— wie kommſt Du zu dieſer Anſicht? Der Graf iſt nach Allem, was ich bis jetzt von ihm erfahren, ein mißtrauiſcher und dabei zugleich geiziger 76 Mann, der alle ſeine Beamten von vorn herein für Betrü⸗ ger, für Schurken hält. Er mag ſehr unangenehme Erfahrungen in dieſer Be⸗ ziehung gemacht haben, bemerkte begütigend die Matrone, und Du wirſt Dir vielleicht gerade deshalb eine um ſo angenehmere erwerben können. Er wird Dir gewiß bald ſein volles Vertrauen zuwenden, und Du kannſt dann mit dieſem ſeinen und zugleich auch Deinen eigenen Vortheil befördern. Ungefähr ſo ſpricht Alfred auch, erwiederte finſter der Sohn, aber Du weißt, Mutter, daß das geringſte Miß⸗ trauen in meine Redlichkeit mich ſofort beſtimmen würde, unſern Vertrag wieder zu kündigen. Er wird aber kein Mißtrauen gegen Dich haben, es wenigſtens nicht ausſprechen, und ſich gewiß ſehr bald über⸗ zengen, daß er in Dir einen in jeder behn zuverläſſi⸗ gen Beamten gefunden hat. Dann iſt dort noch ein junges Mädchen, fuhr Walther nach kurzem Schweigen fort— die Tochter des Grafen— eine, wie es mir ſcheint, ſehr excentriſche, et⸗ was emancipirte junge Dame, die einen großen Einfluß auf ihren Vater ausüben und in allen Dingen mitſprechen ſoll — ſolch' Weiber⸗Regiment iſt für die Dauer unerträglich! Ach, das wird ſo ſchlimm nicht ſein! lächelte die Mut⸗ ter. Vor Allem mußt Du Dir nicht zum Voraus vielleicht ganz falſche Bilder und Vorſtellungen von Deinem künfti⸗ gen Wirkungskreiſe machen; reiſe ſo bald als möglich, es wird gewiß Alles viel beſſer und angenehmer ſein, als Du Dir jetzt einbildeſt. Ich will wünſchen, daß Du Recht haben mögeſt, ich habe mir das Leben dort, mit Dir vereint, ſchön genug ausgemalt— und Manches— Vieles dafür geopfert! ſetzte er mit einem tiefen Seufzer hinzu. Du ſcheinſt es faſt zu bereuen, daß Du in die Hei⸗ math zurückgekehrt biſt? fragte ſie mit einem leiſen Vor⸗ wurf in der Stimme. Wie kannſt Du nur ſo etwas denken, ich hätte ja doch nicht immer drüben in der Fichtenau bleiben können, und Wehring hatte ganz Recht, als er mir abrieth, der Landwirthſchaft zu entſagen und mich der Induſtrie zu widmen. Haſt Du das überhaupt beabſichtigen können? fragte Walther's Mutter, indem ihre Blicks voll Unruhe und Er⸗ ſnn auf ihrem Sohne ruhten, deſſen Gedanken in weiter Ferne zu weilen ſchienen— Du, der Du ſtets mit einer ſo großen, Vorliebe an der Land⸗ wirthſchaft hingſt und in dieſem Berufe die Befriedigung aller Wünſche erblickteſt? That ich das? fragte er ſichtlich Ja, ja, Du haſt Recht, und ich halte auch noch jetzt die L kautwichchef für den ehrenvollſten, unabhängigſten und mir am meiſten zuſagenden Beruf; aber die Induſtrie gibt ihm wenig nach und übertrifft ihn ſogar in vielen Dingen, ſie iſt nicht ſo einſeitig und ganz die Schöpfung des menſchlichen Gei⸗ ſtes. Ach, Du ſollteſt es ſehen, liebe Mutter, fuhr er leb⸗ hafter fort, wie der Menſch die rohen Naturkräfte ſich dienſtbar macht, Waſſer, Feuer, Luft und Erde, was man fälſchlich die Elemente nennt; wie durch ſeinen Willen der ſcheinbar werthloſe Eiſenſtein ſich in werthvolles Eiſen ver⸗ wondelt, wie die Hoch⸗ und Schmelzöfen Tag und Nacht brennen und die Arbeit raſtlos fortgeht, ohne ſich an die Tages⸗ und Jahreszeiten zu kehren— Du ſollteſt dieſe tüchtigen, biedern Menſchen kennen dort drüben in den Thälern des ſchönen, waldreichen Harzes, und Du würdeſt gewiß, gleich mir, nicht ohne wehmuthsvolle Erinnerung an die Zeit zurückdenken, wo es mir vergönnt war, unter ihnen zu leben. Wenn es dann Abend wurde, fuhr er mit einem tiefen Seufzer fort, wenn die Arbeit des Tages für mich getragen war, dieſe mir zuerſt ſo fremdartige, dann aber ſo liebgewordene Arbeit, dann ſaßen wir znſammen im Zimmer oder bei ſchönem Wetter in der Laube, plau⸗ derten und muſicirten oder laſen— ach, es war eine ſchöne, ſchöne Zeit! Ich kann mir das denken, erwiederte die Matrone, als Walther in ſeine Erinnerungen verſunken nachdenkend ſchwieg, und Du kannſt dem Zufalle nicht genug danken, der Dich in eine ſo wohlwollende, gebildete und auch muſi⸗ 15 79 kaliſche Familie geführt hat, da Du ſelbſt die Muſik ſo ſehr liebft. Ach, ſie waren eigentlich gar nicht muſikaliſch, ſprach Walther mehr zu ſich felbſt weiter— ich gab ihr Unter⸗ richt im Geſange und auch auf der Guitarre, aber ſie machte in kurzer Zeit, wie in Allem, unglaublich raſche Fortſchritte, und ſchon nach wenigen Monaten ſangen wir Duette zuſammen. Von wem ſprichſt Du eigentlich? Nach Deinen Brie⸗ fen iſt die Frau Wehring in meinem Alter. Ich meine Margot, liebe Mutter, ſagte er erröthend — das junge Mädchen, welches in dem Dorfgefechte ver⸗ wundet wurde— Du weißt ja. Du haſt dieſes jungen Mädchens allerdings in Dei⸗ nen erſten Briefen erwähnt, aber von ihr wie von einem Kinde geſprochen; deine ſpäteren Briefe enthalten nichts mehr, ſo daß ich annahm, ſie habe längſt die Fichtenau wieder verlaſſen. Sie war auch noch ein Kind, als ſie hinkam, als ich ſie in der Nacht holte und ſie in dem kleinen Wagen an mich gelehnt vor Müdigkeit einſchlief— ich habe ſie auch wie ein Kind behandelt, bis.. Nun, fragte ſie, mit ſichtlicher Spannung in das be⸗ wegte Geſicht ihres Sohnes blickend, haſt Du vielleicht et⸗ was auf dem Herzen, was Dich drückt und quält, mein lieber Sohn? Einen Vertrauten, der es beſſer und redli⸗ 80 cher mit Dir meint, als Deine Mutter, wirſt Du ſchwerlich finden— aber ich will mich nicht in Deine Geheimniſſe drängen. Ach, ich habe keine Geheimniſſe, liebe Mutter, ſagte er in leidenſchaftlicher Aufwallung, das iſt es ja eben, was mich ſo traurig, ſo unglücklich macht! Ich verſtehe Dich nicht. Sie war ein Kind— ein liebes, herziges, unerfah⸗ renes, unſchuldiges Kind— ſie hatten ja immer nur mit einem alten mürriſchen Manne zuſammen gelebt. Ich un⸗ terrichtete ſie— die ganze Welt war ihr fremd, die ganze Welt ihr neu. Ich behandelte ſie wie ein Kind, aber als ich dann erfuhr, daß ſie mir ohne mein Wiſſen das Leben gerettet— o, mehr, daß ſie mich vor einem entehrenden, ſchimpflichen Tode gerettet habe, heimlich, ohne daß es ir⸗ gend Jemand erfahren, da erkannte ich plötzlich, daß— daß ſie mir mehr als ein Kind geweſen, oder geworden, daß— doch das iſt ja Alles, Alles vorbei und dahin, ſetzte er mit bebender Stimme hinzu— wir ſind getrennt — wahrſcheinlich für immer— denn als ich das Alles er⸗ fuhr, als ich mir ſelbſt klar geworden war— da war es zu ſpät— da konnte ich nicht mehr bleiben— ich konnte nicht mehr, ſetzte er nachdrücklich hinzu, ſonſt hätte ich es gethan! Mit großer Theilnahme hatte Walther's Mutter die unerwartete Mittheilung ihres Sohnes angehört; ſie kannte 81 ſeinen Charakter genau und wußte, daß eine ſo tiefe Em⸗ pfindung, wie er jetzt nicht ohne Widerſtreben kund gege⸗ ben, eine nachhaltige Wirkung bei ihm haben und nicht ohne Folgen ſein werde. Du liebſt dieſes junge Mädchen, dieſe Margot, ſagte ſie freudig bewegt, denn es gehörte zu ihren ſehnlichſten Wünſchen, ihren Sohn, deſſen Hang zu einem unſtäten Leben ihr Sorge machte, an den häuslichen Herd gefeſſelt zu ſehen. Warum willſt Du mir aus dieſer Neigung ein Geheimniß machen 7 Schütte Dein Herz aus, wie Du es ſo oft gethan, als Du mir als Knabe Deine kleinen Erleb⸗ niſſe erzählteſt; Niemand iſt mehr geeignet zu Deinem Vertrauen, als Deine Mutter. Ob ich ſie liebe? fragte er mit leiſer, aber erregter Stimme— weiß ich es denn ſelbſt? Ach nein, jetzt weiß ich es, jetzt, da es zu ſpät iſt! Was willſt Du damit ſagen? Als ich Alfred's Brief erhielt— nein, ach nein, da wußte ich es noch nicht, denn ich faßte ja den Entſchluß, zu reiſen— die Fichtenau— und ſie zu verlaſſen— aber als dann die Tage des Scheidens wirklich kamen, und auch da noch kaum, erſt als ich fort war, als ich droben ſtand auf der Höhe und zum letzten Male in das Thal hinab ſah— zum letzten Male, als ich mit einem Schmerze, wie ich ihn nie empfunden, mir ſagte, daß ich nun nicht wieder in ihre lieben, treuen, unſchuldigen Augen blicken würde— da Gräfin und Margquiſe. II 6 82 wußte ich es, da wurde es mir klar— damals erſt— dar mals, als es zu ſpät war! Sei nicht ſo aufgeregt, Walther; wenn Du ſie liebſt und von ihr wieder geliebt wirſt, warum ſoll es zu ſpät ſein? Die wirkliche, die wahre Liebe bedarf nicht eines ſte⸗ ten Beiſammenſeins. Ach, wie Du redeſt, Mutter— ſie wird mich bald vergeſſen, bald! Warum ſollte jie es auch nicht? Bin ich nicht gegangen aus freier Entſchließung und auf Nimmer⸗ wiederkehr? So haſt Du ihr Deine Liebe nicht geſt anden? Meine Liebe?— Konnte ich von etwas reden, das ich ſelbſt nicht erkannt hatte, ich Thor, ich ſelbſtſüch⸗ tiger, nur mit mir beſchäftigter Menſch? Und ſelbſt, wenn ich es gewußt hätte, ich würde dennoch niemals ihr un⸗ ſchuldvolles, kindliches Empfinden entweiht haben— ich war ihr der Lehrer, dem ſie in dankbarer Freundſchaft er⸗ geben— nichts weiter. Sie war traurig, ſchmerzvoll be⸗ wegt, als ich ſchied, denn ſie hatte ſich an mich gewöhnt und an unſere gemeinſame Beſchäftigung, welche ihrem lebhaften Geiſte, ihrem empfänglichen Herzen zuſagte— ſie wird das Alles vermiſſen— vielleicht ſchmerzlich ver⸗ miſſen eine Zeit lang, bis die Gewohnheit ſie getröſtet hat, und mich dann vergeſſen. Warum ſollte ſie es auch nicht, ſetzte er mit einem gezwungenen Lachen hinzu, wie ſchnell vergißt ein ſo junges Mädchen, deſſen Anſchauun⸗ 83 gen noch halb in der Kindheit liegen! Warum ſollte ſie es auch nicht, wiederholte er, ich muß es ja ſelbſt wün⸗ ſchen und hoffen. Du ergehſt Dich in Selbſtquälereien, mein Sohn. Glaube mir, die Zeit wird auch dieſe Sache zum Abſchluſſe bringen, bei Dir und bei ihr. Menſchen, die für einander beſtimmt ſind, kommen doch wieder zuſammen, wenn ſie auch zeitweiſe getrennt werden. Du befindeſt Dich jetzt noch unter dem Eindrucke Deiner Erinnerungen, die Dich be⸗ herrſchen— das wird ſich ändern.— Ich will damit nicht ſagen, fuhr ſie theilnehmend fort, als ſie ſah, wie ſchmerz⸗ voll es über die Mienen ihres Sohnes zuckte, ich will da⸗ mit gewiß nicht ſagen, daß ſich Deine Wünſche nicht erfül⸗ len ſollten; vielleicht empfindet ſie im gegenwärtigen Au⸗ genblicke eben ſo wie Du, und iſt ſich ihres Empfindens ebenfalls erft durch Deine Abweſenheit bewußt geworden. Glaube mir, gerade das Herz eines jungen, unſchuldigen Mädchens, wie Du Margptſchilderſt, bedarf ſolcher Ereig⸗ niſſe, um zum Verſtändniſſe ſeines eigenen Empfindens zu kommen. Iſt dies nicht der Fall— nun, ſo wird die Zeit ausgleichen und heilen, ſonſt aber.. Nun, ſonſt aber? fragte er mit ängſtlicher Stimme, als ſie ſchwieg. Anderenfalls wird ſie Dich nicht vergeſſen, mein lieher Walther— ihr werdet doch an einander ſchreiben; ich wüßte wenigſtens nicht, weshalb ihr es unterlaſſen ſolltet, 6* 84 da wirſt Du ja erfahren, wie es bei ihr ausſieht— komm, erzähle mir vor Allem jetzt recht ausführlich deine Erleb⸗ niſſe, recht ausführlich, bedenke, daß ich eigentlich noch ſehr wenig weiß und daß Du jetzt wieder, wie ſonſt, bei Dei⸗ ner Mutter ſitzeſt, die kein größeres Glück kennt, als das Deinige. Ach, wie gut Du biſt, liebe Mutter, ſagte er zärtlich — ja, ich will Dir Alles, Alles und ganz ausführlich er⸗ zählen, denn es iſt mir ſelbſt ein Bedürfniß und wird mei⸗ nem Herzen wohlthun. Sie ſaßen noch mehrere Stunden plaudernd zuſam⸗ men; ſein Geſicht war geröthet und ſeine Miene bewegt, als er geendet und die Ereigniſſe während ſeiner Abweſen⸗ heit, oft von den Fragen ſeiner aufmerkſamen Zuhörerin unterbrochen ihr erzählt hatte⸗ Margot's Name wurde nur ſelten genannt, aber dennoch war ſie der Mittelpunct ſei⸗ ner Erzählung. Und etwas Näheres hat man über ſie gar nicht er⸗ fahren? Sie iſt die Tochter eines hingerichteten franzöſiſchen Edelmannes, ſagte erz willſt Du ihr dies etwa zum Vor⸗ wurfe machen? 1 Nicht im mindeſten; aber es wundert mich, daß ſie gar keine weiteren Nachrichten über die Ihrigen erhalten, jetzt, da die Zeiten wieder ruhiger und die Zuſtände geord⸗ neter geworden ſind. i 85 Wo hätten dieſe Nachrichten herkommen ſollen? Die Revolution hat ihre Eltern verſchlungen und ſie ſelbſt weit in das fremde Land hinausgeſchleudert, wo ſie jetzt endlich eine Heimath gefunden hat, denn Wehrings werden ſie niemals mehr von ſich laſſen. Aber der junge Mann, den ſie ihren Bruder nannte, iſt von dem auch keine Kunde zu ihr gekommen? Jener junge Mann? fragte er, indem ein Schatten ſich über ſein Geſicht legte— deſſen Edelmuth ich das Le⸗ ben verdanke? Ihr Bruder iſt er nicht— kann es nicht ſein— er iſt fort, in Spanien, vielleicht geblieben— es iſt nur ein Brief von ihm gekommen aus Spanien, ſonſt keine Nachricht mehr, wenigſtens ſo lange nicht, als ich in der Fichtenau war. Haſt Du ſchon geſchrieben? fragte ſie weiter. Von Dresden aus— aber eine Antwort konnte noch nicht hier ſein. Sie wird bald eintreffen, mein Sohn; ſei deshalb unbeſorgt. Jetzt aber, da wir wieder wie ſonſt zu einander ſtehen, jetzt laß uns auch Deiner Zukunft gedenken, denn Du mußt mit friſchem, fröhlichem Muthe in Dein neues Geſchäft gehen; je eher Du Dir eine unabhängige Stel⸗ lung erringſt, je eher biſt Du befähigt, an die Erfüllung Deiner Wünſche zu denken. Ja, ja, ſagte er traurig, darin haſt Du Recht, eine 86 unabhängige Stellung iſt die erſte Bedingung— aber was kann es mir helfen. Schäme Dich Deines Kleinmuthes! Blicke froh und heiter in die Zukunft! Ich kenne Dich gar hicht wieder, ſo verändert biſt Du! Sonſt achteteſt Du die Schwierigkei⸗ ten, welche ſich Dir entgegenſtellten, für nichts— ſie reiz⸗ ten Dich vielmehr an zum Handeln und Wagen— ach, ich habe manche Thräne deshalb geweint, als Du ohne Ab⸗ ſchied in den Krieg gezogen warſt— und jetzt, da es ſich darum handelt Dein Glück zu begründen, biſt Du klein⸗ müthig und zaghaft! Nein, ich bin nicht kleinmüthig und zaghaft, ſagte er, ſich gewaltſam aufraffend— Dir habe ich mein Herz, mein geheimſtes Empfinden aufgeſchloſſen, meine geliebte Mut⸗ ter— aber fonſt ſoll es Niemand erfahren, Niemand auch nur ahnen— auch Alfred nicht— und ich werde jetzt mit Ernſt und Ausdauer an mein neues Geſchäft gehen. Ich habe den feſten Willen dazu und bin entſchloſſen, mich durch keine Hinderniſſe abſchrecken oder ablenken zu laſſen, mögen dieſelben im Entbehren oder im Arbeiten beſtehen. Ich danke dem lieben Gott, Dich ſo reden zu hören, erwiederte ſie erfreut; denn wenn Du mit der alten Kraft und Energie Deinen Weg gehſt, ſo wirſt Du ſicher zum Ziele gelangen. Das wollen wir hoffen, ſagte er, indem er ſeiner Mutter bewegt die Hand reichte. Uebermorgen reiſe ich nach 87 Wallfort, und in wenigen Tagen hoffe ich Dir ſchreiben zu können, daß Du nachkommſt. Bereite Alles dazu vor; wir wollen, wenn auch vielleicht etwas einſam, doch ſtill und heiter mit einander leben— ſollte aber ein Brief aus der Fichtenau in dieſer Zeit eintreffen— ich habe an Dich adrefſiren laſſen—, ſo ſchicke ihm mir ſogleich nach; auch vergiß nicht, auf der Poſt zu beſtellen, daß dies geſchicht, wenn er während Deines Bleibens in Breslau nicht eintref⸗ fen ſollte. Sei deshalb ganz ohne Sorgen, erwiederte ſie freund⸗ lich, der Brief ſoll ſogleich befördert werden. Sechstes Capitel. Es mochten ungefähr vier Wochen nach dieſer Unter⸗ redung verfloſſen ſein, als Walther in einem mit zwei jun⸗ gen, muthigen Pferden beſpannten Korbwagen ſaß und in raſchem Trabe von ſeinem neuen Wohnorte aus nach einer wenige Meilen entfernten Stadt fuhr, um ſeine Mut⸗ ter abzuholen. Er fuhr ſelbſt, um nicht durch die Anweſen⸗ heit eines Kutſchers in dem Geſpräche geſtört zu werden. Es war gegen Abend, die September⸗Sonne ſtand ſchon im Weſten, und ein leiſer erquickender Luftzug zog durch den blauen, klaren und durchſichtigen Himmel. Die Linien der fernen Berge zeichneten ſich ſcharf ab, und ſein Auge hing träumeriſch daran, während ſeine Hand läſſig die Zü⸗ gel der raſch und gleichmäßig dahintrabenden Pferde hielt. Er dachte an Vieles und an Mancherlei; das ferne, in blauen und purpurnen Duft gehüllte Gebirge lockte dieſe Gedanken aus der Tiefe ſeiner Seele hervor, denn 89 das ewig wechſelnde Meer und ein aus der Ferne zu uns herüberwinkendes Gebirge erwecken immer unſere Erinne⸗ rungen und unſere Hoffnungen und erfüllen unſer Herz mit Sehnſucht nach einem unbekannten, ſtets erſtrebten und nie erreichten Etwas. Dieſe Sehnſucht, die von unſe⸗ rer Geburt an in unſerer Seele ſchlummert und ſie nicht verläßt, ſo lange die Seele ſelbſt in dem ſtaubgeborenen Körper weilt, wird frei und entfeſſelt, wenn eine ferne, blaue, duftige Gebirgswelt oder das wogende, ewige, un⸗ endliche Meer uns wie die unbekannte ewige Heimath zu ſich hinüberlockt. Von ähnlichen Gefühlen bewegt ſaß alther in dem leichten Fuhrwerke, welches über die weite, einförmige Ebene raſch ſeinem Ziele entgegenflog. Die letzten Wochen hatten ihn in völlig andere Verhältniſſe ge⸗ bracht, die, wenn ihm auch noch einigermaßen fremd, ſich doch jetzt vollſtändig überſehen ließen. Er war von dem Grafen zwar förmlich, aber doch freundlich empfangen worden, der ſelbſt mit ihm nach den Vorwerken hinaus⸗ gefahren und ihm dieſe übergeben hatte. Der Zuſtand der⸗ ſelben war über ſeine Erwartungen verwahrloſt, ſo daß er fich bei der Uebernahme darauf beſchränkt hatte, ſchweigend ſein Amt anzutreten, weil er es nicht für rathſam hielt, von vorn herein dem Grafen ſeine Anſichten deshalb mitzuthei⸗ len. Nachdem er ſich mit Allem vollſtändig vertraut ge⸗ macht, hatte er dann eine lange und ziemlich lebhafte Un⸗ terredung mit dem Grafen gehabt, in welcher er dieſem ſeine 90 Anſichten und Pläne mitgetheilt und ſich entſchieden dahin ausgeſprochen, daß der Ertrag dieſer, in ihrer Bewirth⸗ ſchaftung völlig verwahrloſ'ten Güter nur durch nicht un⸗ bedeutende Meliorationen und durch die Bewilligung in dieſer Weiſe zu verwendenden Capitalien zu einem nach⸗ haltigen und ſicher rentabeln un gewandelt werden könnte. Er hatte zu dieſem Ende dem L fen einen umfaſſenden, bis in's Einzelne ausgearbeiteten Wirthſchaftsplan vorge⸗ legt, zu deſſen Vollendung er ſelbft mehrere Nächte zu Hülfe genommen, und wartete zu der Zeit, wo wir ihn wieder⸗ finden, noch auf die Entſcheidung. Der Graf, welcher zu⸗ erſt die mündlichen und mehr im Allgemeinen vorgetrage⸗ nen Anſichten und Vorſchläge mit kurzen und wenig freund⸗ lichen Worten zurückgewieſen, hatte den ſchriftlich ausge⸗ arbeiteten und ſauber geſchriebenen Bewirthſchaftungsplan, als etwas Neues, ihm von ſeinen Beamten bis dahin noch nicht Gebotenes, mit ſichtlichem Erſtaunen in Empfang ge⸗ nommen, flüchtig darin geblättert und geleſen und dann weit freundlicher und rückſichtsvoller, als dies ſonſt ſeine Art war, ſich dahin geäußert, daß er den Plan genau durch⸗ leſen und demnächſt eine Entſchließung faſſen wolle. Obgleich ſeit jener Zeit bereits eine Woche vergan⸗ gen war und die nicht mehr zu verſchiebende Winterbeſtel⸗ iung durch die Annahme oder Ablehnung des Planes we⸗ ſentlich bedingt wurde, ſo hatte der Graf deshalb doch noch 91 keine Sylbe geſprochen. Mehrmals war er ſelbſt auf den Vorwerken geweſen und auf den Feldern herumgefahren, als ob er an Ort und Stelle den Plan ſeines Inſpectors prüfen wolle; er hatte jedoch dieſen ſelbſt dabei niemals zugezogen. An den beiden erſten Sonntagen waren Walther Ein⸗ ladungen zum Mittagseſſen auf dem Schloſſe zugegangen — die Art und Weiſe, wie man ſich dort gegen ihn be⸗ nommen, hatte ihn jedoch beſtimmt, die weitere Einladung, dringender Geſchäfte wegen, abzulehnen. Am geſtrigen Sonntage war deshalb auch keine Einladung mehr ge⸗ kommen. Die Behandlung, welche ihm zu Theil geworden, als man ihn„zur Tafel gezogen,“ und die ihn beſtimmt hatte, eine weitere Einladung abzulehnen, konnte man nicht ge⸗ radezu eine verletzende nennen, aber der junge Inſpector litt in dieſer Beziehung an einer vielleicht über ſeinen Stand gehenden Empfindlichkeit, welche ihn beſtimmte, lie⸗ ber auf dieſe Ehre zu verzichten, als in einer, wenn auch nicht geradezu kränkenden, doch peinlichen und offen zu Tage tretenden Weiſe an ſeine untergebene Stellung erinnert zu werden. Man hatte ihm, nebſt dem gräflichen Oberförſter und einem anderen Inſpector, einen Platz am unteren Ende der Tafel angewieſen. Das Geſpräch wurde dann von dem Grafen und ſeiner Tochter mit den anderen Gäſten in einer Weiſe geführt, als ob die drei Beamten gar nicht an⸗ 92 weſend geweſen wären, und nur zuweilen richtete der Graf in herablaſſender Weiſe irgend eine Frage an einen ſeiner Beamten, welche dann von dieſem in gebührender Devo⸗ tion beantwortet wurde. Am meiſten hatte ihn Hedwig's Benehmen verdroſſen. Sie hatte ihn zuerſt eben ſo wenig wie ſeine beiden Collegen eines Blickes gewürdigt, war vielmehr ſtolz an ihnen vorübergeſchritten, ohne die tiefen Verneigungen, mit denen ſie empfangen worden, in irgend einer Weiſe zu erwiedern. Während des Eſſens war ihr Blick kalt und vornehm zufällig auch über das untere Ende der Tafel geglitten und hatte dann auf der ihr unbekann⸗ ten Perſon Walther's einen Augenblick verweilt. Nach ei⸗ ner leiſen Frage an ihren Vater hatte ſie darauf öfter mit einer rückſichtsloſen Neugierde zu ihm herübergeblickt und nach Beendigung des Mahles befohlen, daß Walther ihr vorgeſtellt werden ſolle. Ich habe bereits von Ihnen gehört, hatte ſie dann geſagt, indem ihr ſtolzer Blick ihn muſterte; Couſin Alfred hat mir von Ihnen erzählt. Sie kennen ihn, Sie find Schulgefährten, wenn ich nicht irre? Die gnädige Gräfin irren nicht, ich habe die Ehre, von dem Herrn Bäron von Walffort gekannt und an den Hertn Grafen empfohlen zu ſein, hatte er erwiedert. Ich weiß das— ich bin ſelbſt bei dieſer Empfehlung betheiligt; Couſin Alfred hält große Stücke auf Sie, und ich hoffe, Sie werden ſeinen und meinen Enpfehlunen entſprechen. Ich hoffe das ebenfalls. Sie ſah ihn bei dieſer kurzen und förmlichen Erwie⸗ derung fragend und erſtaunt an, und es ſchien ihm zweifel⸗ haft, ob ſie damit nicht der Unterredung ein Ende machen wolle. Plötzlich war dann mehr Leben in ihr Auge gekom⸗ men, als ob ſie ſich eines bis dahin vergeſſenen Umſtandes erinnere. Sie ſind Officier geweſen? fragte ſie, indem ein freundlicher Zug ihren kleinen Mund verſchönerte. Zu dienen, gnädigſte Gräfin, ich war Officier. Königlich preußiſcher Officier? Mein Patent trägt die Unterſchrift des vertriebenen Herzogs von Braunſchweig, eines Fürſten ohne Land und Macht— damals, als es ausgeſtellt wurde und ich es em⸗ pfing, glaubten wir dieſes Land und dieſe Macht und mit ihr weit mehr und vieles Andere, was jetzt für immer ver⸗ loren zu ſcheint, wiedererobern zu können. Das Schickſal hat anders entſchieden und mein Patent hat dadurch jeden Werth verloren. Der Erfolg bedingt niemals den Werth, hatte ſie nicht ohne Theilnahme erwiedert; dann aber war ihre Miene plötzlich wieder ſtolz und kalt geworden, ſie hatte ihn mit einem vornehmen Blicke angeſehen und, indem ſie unmerklich den Kopf geneigt, hinzugefügt: Ich hoffe, daß 94 es Ihnen hier gefallen wird.— Dann war ſie gegangen und hatte ihn ſtehen laſſen. Nein, dachte er, indem er voll Ungeduld die Pferde zu einer noch raſcheren Gangart antrieb, nein, in dieſen Kreis paſſe ich nicht. Wenn ich auch ihr Beamter bin, ihr Diener werde ich niemals werden und nur ſo viel mit ihnen verkehren, als es Amt und Pflicht mir auferlegt. Auf ſeine Anzeige an den Grafen, daß er beabſich⸗ tige, ſeine Mutter zu ſich zu nehmen und bei ſich auf dem Vorwerke wohnen zu laſſen, hatte dieſer erwiedert, daß er nichts dagegen zu erinnern habe, es ihm vielmehr ſtets lie⸗ ber ſei, wenn ſeine Inſpectoren eine geregelte Häuslichkeit beſäßen, er es ihnen aber auch lediglich überlaſſen müſſe, die deshalb nöthigen Einrichtungen ſelbſt zu treffen; er könne ſich darum nicht bekümmern, auch deshalb keine Aus⸗ gaben machen. Auch dieſe unzarte Aeußerung war von Walther mit der ruhigen Erwiederung hingenommen worden, daß dies nicht im Entfernteſten in ſeiner Abſicht gelegen; denn ſo wenig ihm auch die Verhältniſſe in ſeiner neuen Stellung zuſagten, er war von dem feſten Willen beſeelt, ſeinerſeits nichts zu verſäumen, um ſie für die Dauer erträglich und haltbar zu machen. In der möglichſten Eile hatte er dann die zum Empfange ſeiner Mutter erforderlichen Einrich⸗ tungen getroffen, welche ſich vorläufig allerdings nur auf das Allernothwendigſte beſchränken konnten, da fertige Mö⸗ 95 bel auch in der zunächſt gelegenen kleinen Stadt durchaus nicht zu haben waren. Ihm waren lediglich die leeren Zim⸗ mer und ſelbſt dieſe in einem keineswegs wohnlichen und reinlichen Zuſtande übergeben worden, und ſo ſehr er ſich auch bemühte, das Mangelnde zu beſchaffen, es war ihm doch nur ſehr unvollkommen gelungen. Die ganze Einrich⸗ tung beſtand aus einigen hölzernen Stühlen und Tiſchen und zwei alten Schränken und Betten, die ſämmtlich ſehr Vieles zu wünſchen übrig ließen. Mit einem etwas melancholiſchen Lächeln hatte er am geſtrigen Nachmittage dieſe ſehr urſprüngliche Ausſtattung gemuſtert und war dann mit der beruhigenden Ueberzeu⸗ gung hinaus auf das Feld gegangen, daß ſeine Mutter in ihrer ihm bekannten Einfachheit keine großen Anſprüche machen, aber bald das Fehlende erſetzen und ordnen werde. Wenn ſie nur erſt hier iſt, meine gute Mutter, dachte er weiter, ſo wird ſich das Alles leicht finden, und ich werde Jemanden haben, der mich verſteht, mit dem ich reden kann— ich werde nicht mehr ſo allein und einſam ſein. Als er dann ſpäter zurückgekehrt, hatte er zu ſeinem gro⸗ ßen Erſtaunen einen ſchönen, bequemen Lehnſeſſel und ei⸗ nen Spiegel mit Mahagoni⸗Rahmen vorgefunden, den man vom Schloſſe für ſeine Mutter geſandt hatte. Nach den darüber bei ſeinen Leuten eingezogenen Erkundigungen kam er zu der Ueberzeugung, daß dieſe, von der übrigen Einrichtung ſo weſentlich verſchiedenen Gegenſtände von 96 der Gräfin geſchickt waren, obgleich die Ueberbringer ſich nur andeutungsweiſe darüber geäußert hatten. Im erſten Augenblicke war er Willens, Beides wieder zurück zu ſen⸗ den; bei näherer Erwägung hatte er jedoch dieſen Entſchluß wieder aufgegeben, indem er ſich ſagte, daß, ſo ungern er auch dieſe Gaben eines unzart bekundeten hochmüthigen Mitleids in Empfang nehmen müſſe, dies doch durch ſeine abhängige Stellung bedingt werde und ſie es am Ende immerhin gut gemeint habe. So befanden ſich denn in der weiß angeſtrichenen und höchſt dürftig eingerichteten Stube dieſe beiden koſtbaren Möbel und blickten auf die übrigen einfachen und armſeligen Gegenſtände ſo vornehm und excluſiv herab, als ob ſie ihre höchſte Verwunderung darüber ausſprechen wollten, auf ſo räthſelhafte Weiſe in dieſe unpaſſende Geſellſchaft gekommen zu ſein. Der Wagen raſſelte jetzt über das holperige Pflaſter der kleinen Stadt und hielt bald darauf vor dem an dem ſogenannten Ringe von einem Juden gehalkenen Gaſthofe. Der Marktplatz, welcher wie bei allen ſchleſiſchen Landſtäd⸗ ten, den Mittelpunct der Stadt bildet und den Namen „Ring“ führt, weil das Rathhaus, gewöhnlich mit einem Thurme verſehen, mitten darauf ſteht, war ein wüſter, un⸗ heimlicher Platz, von meiſtens einſtöckigen, mit Schindeln gedeckten Häuſern umgeben. Das Wirthshaus machte da⸗ von inſofern eine Ausnahme, als es außer dem Erdge⸗ ſchoß noch ein Stockwerk beſaß; das Innere desſelben ent⸗ 97 behrte jedoch jedes auch nur den beſcheidenſten Anforderun⸗ gen entſprechenden Comforts. Die Gaſtſtube, von Schmutz ſtarrend, hatte in einer Ecke einen Lattenverſchlag, in wel⸗ chem der Wirth, umgeben von verſchiedenartigen Brannt⸗ weinflaſchen, ſich aufhielt; auf den hölzernen Bänken ſaßen einige wenige Gäſte, welche aus kleinen Gläſern dieſes gif⸗ tige Labſal der Armuth und Verkommenheit tranken und dazu kleine, harte Fleiſchwürſte aßen, deren penetranter Knoblauchsgeruch die ohnehin reichlich mit mephitiſchen Dünſten geſchwängerte Atmoſphäre der niedrigen Stube noch mehr verpeſtete. Als Walther vom Wagen ſprang, eilte ihm der Wirth, deſſen ſtechende ſchwarze Augen ſofort den vornehmen Gaſt erkannt hatten, entgegen, küßte ihm, ehe es Walther ver⸗ hindern konnte, den Zipfel des Rockes und fragte, ſich tief verneigend, womit er dem gnädigen Herrn dienen könne. Laß die Pferde in den Stall bringen, befahl dieſer, und ihnen ein gutes Futter geben— ich werde mich ſelbſt überzeugen, ſetzte er, den Juden ſcharf anſehend, hinzu— richte Dich danach! O, der gnädige Herr können verſichert ſein, bei mir iſt Alles. Gut, gut, unterbrach ihn Walther, wann kommt die Poſt von Breslau? Die Poſt von Breslau? fragte der Wirth mit einem lauernden Blicke— ſie ſollte ſchon hier ſein, gnädiger Herr, Gräfin und Marquiſe. I. 7 3 5 98 aber ſie verſpätet ſich ſtets, im Winter oft um einen gan⸗ zen Tag. Jetzt iſt aber nicht Winter. Sie kann in jeder Minute kommen, gleich, in einer Stunde, auch vielleicht erſt in der Racht. Befehlen der gnädige Hert ſonſt nichts? Ich möchte ein gutes Abendbrod— friſches, gebrate⸗ nes Fleiſch oder auch nur Eier und in einem reinlichen Zünmer oder im Garten, wenn Du einen ſolchen haſt, wo man eſſen kann. Im Garten werden der gnädige Herr nicht ſpeiſen können, aber oben— der gnädige Herr ſollen ganz zufrie⸗ den ſein— ich weiß, der gnädige Herr ſind Inſpector bei dem Herrn Grafen, und ſolche Kunden gehen bei mir allen Anderen vor. Haben der gnädige Herr ſonſt ein Geſchäft — gehen Sie dem Aron Malwitzer nicht vorbei— ich zahle die höchſten Preiſe, ſtets die höchſten Preiſe, und bin verſchwiegen wie das Grab. Ich habe keine Geſchäfte mit Dir! herrſchte Walther den Juden unwillig an— beſorge die Pferde und das Eſſen, wie ich Dir befohlen habe! In einer halben Stunde werden der gnädige Herr bedient ſein, erwiederte mit tiefem Bücklinge der Jude— ein Paar hübſche Pferde, fuhr er, dieſe ſtreichelnd fort, während ſie der Knecht abſchirrte, aber ſehr jung, auch et⸗ was ſchwach— wenn der gnädige Herr vielleicht zu tau⸗ 99 ſchen beabſichtigen, ich habe ein Paar Füchſe, echte Ungarn, Sehnen wie Draht... Ich habe Dir ſchon geſagt, daß ich weder tauſche noch handle— willſt Du nun thun, wie ich Dir befohlen, oder ich gehe drüben in das Wirthshaus! Die Schande werden mir der gnädige Herr nicht an⸗ thun— doch da kommt wirklich ſchon die Poſt— unge⸗ wöhnlich pünctlich. Walther eilte der Poſt entgegen und lag wenige Mi⸗ nuten ſpäter in den Armen ſeiner Mutter. 6 7* Siebentes Capitel. Das Zimmer, in welches der Wirth den„gnädigen Herrn Inſpector“ und die„gnädige Frau“ führte, ließ zwar ſehr Vieles zu wünſchen übrig, namentlich was die Reinlichkeit betraf, indeſſen ſie konnten dort allein ſein und Walther's ſ36 eine Zeit lang von der ſehr anſtrengenden Poſtreiſe in einem auf der Achſe ſtehenden Wagen erholen. Nach Austauſch der erſten Fragen und Begrüßungen überreichte ſie ihrem Sohne einen Brief, welcher, wie ſie ſagte, ſchon vor mehreren Tagen für ihn angekommen war, den ſie aber vorgezogen hatte, ihm ſelbſt mitzubringen. Walther erkannte Wehring's Hand⸗ ſchrift, und Freude und Erwartung goſſen ein flüchtiges Roth über ſeine erregten Züge. Du biſt nicht böſe, liebe Mutter, daß ich den Brief ſogleich leſe? ſagte er, ſich in eine Fenſterniſche zurückzie⸗ K 101 hend— er iſt von Wehring— Du weißt, wie lange ich darauf gewartet habe. Wie kannſt Du nur ſo fragen? Ich mochte mir die Freude nicht verſagen, Dir ſelbſt den Brief zu übergeben. Ich danke Dir herzlich, erwiederte er flüchtig, indem er das Couvert erbrach. Es enthielt einen längeren Brief von Wehring und auch einen kleinen von Margot. Natür⸗ lich las er den letzteren zuerſt, und ſeine Augen ſtrahlten in einem verklärten Glanze, als ſie über die zierlichen, ihm ſowohl bekannten Schriftzüge hinglitten. „Da Herr Wehring an Sie ſchreibt und Ihr Brief aus Dresden für mich mit beſtimmt war, ſo darf ich auch wohl einige Zeilen beifügen,“ ſchrieb ſie.„Wie gern un⸗ terhielte ich mich lange und a lich mit Ihnen, denn ich habe Ihnen Vieles zu erzählen, Sie ſo Vieles zu fragen— aber die ſchönen Zeiten, wo ich das konnte, wo ich Sie täglich ſehen, ſprechen und mich von Ihnen be⸗ lehren laſſen durfte— ſie ſind vorbei und werden auch wohl niemals wiederkehren. Im Anfange, als Sie fort waren, warum ſoll ich es Ihnen nicht ſagen, war ich ſo traurig, daß ich glaubte, ich würde niemals mehr heiter ſein können. Beſonders wenn es Abend wurde,— ich mußte immer hinausblicken auf den Weg nach dem oberen Thale, obgleich ich wußte, daß es kindiſch war. Einmal glaubte ich wirklich, Sie wären es, und ich erſchrak ſo heftig, daß mir das Buch aus der Hand fiel— nicht 102 wahr, wie thöricht ich bin, Sie würden unzufrieden mit mir ſein, wenn Sie hier wären. Jetzt geht es etwas beſſer, ich habe mich an Ihre Abweſenheit gewöhnt— der Menſch gewöhnt ſich ja an ſo Vieles und ich bin von Kindheit an im Entſagen geübt worden. Wenn ich nur erſt wüßte, daß es Ihnen drüben in dem fernen, weiten Lande, von dem ich mir gar keine Vorſtellung machen kann, wohl geht— das würde mich ſehr beglücken. Sie ſind gewiß ſehr beſchäftigt, aber vielleicht bleibt Ihnen doch ein wenig Zeit, um einen Brief für uns zu ſchreiben; je eher Sie es thun und je länger er ſein wird, um ſo größer wird unſere Freude ſein. Der Gedanke, daß Sie uns im nächſten Sommer beſuchen werden— Sie haben es ja verſprochen— iſt ſtets mein erſter, wenn ich Mor⸗ gens erwache, und ne dann aus, daß es ſchon wieder ein Tag weniger ſei bis dahin. Vielleicht nehme ich den Zeitpunct zu früh an, aber das ſchadet nichts, wenn wir erſt ſo weit ſind, ſo wird das Andere ſich leicht finden. Ich ſinge und ſpiele nur ſelton, denn es macht mich wehmüthig und traurig, ich weiß ſelbſt nicht, weshalb; ich leſe viel, am liebſten diejenigen Bücher, die Sie mir vorgeleſen haben; dann iſt es mir bei einigen Stellen, als hörte ich deutlich Ihre Stimme und Ihre Worte, mit denen Sie mich auf die Schönheiten der Dichtung auf⸗ merkſam machten oder ſie mir erklärten.— Ich fühle, daß ich Sie mit dieſem thörichten Geplauder langweile— 103 ſeien Sie mir nicht böſe deshalb— ich könnte noch recht lange und viel an Sie ſchreiben, aber ich beſcheide mich, da der Brief ſchon viel zu groß geworden iſt. Vergeſſen Sie nicht, daß wir ihre Antwort mit Ungeduld erwarten, und denken Sie zuweilen an Ihre dankbare Schülerin Margot.“ Wie gern hätte es das kleine Papier geküßt und an ſein Herz gedrückt, aber die Gegenwart ſeiner Mutter hin⸗ derte ihn daran; langſam, als könne er ſich nicht von dem Anblicke der Schriftzüge losreißen, faltete er den Brief wieder zuſammen und las denjenigen Wehring's, welcher ihm ausführlich über ſein und ſeiner Frau Ergehen ſchrieb, auch mancherlei Geſchäftsangelegenheiten behandelte, die für ihn vom Intereſſe waren, Margot's aber nur ſehr oberflächlich erwähnte. Sie habe ihn im Anfange ſehr vermißt, jetzt ſcheine ſie aber die alte Heiterkeit wieder gefunden zu haben. Sonſt war der Brief voll großer Theilnahme und enthielt gleichfalls die Bitte, recht bald und ausführlich über ſein Ergehen, ſeine Stellung und ſeine Ausſichten zu ſchreiben. „Wenn Sie Ihr Vorhaben ausführen können, uns im nächſten Sommer zu beſuchen,“ ſchloß er,„ſo werden Sie uns eine große Freude machen, was ich gewiß nicht nöthig habe, Ihnen beſonders zu ſagen— es iſt jedoch bis dahin noch eine lange Zeit, und wir werden uns in derſelben hoffentlich noch öfter ſchreiben. Alſo für heute: 104 Gott befohlen. Laſſen Sie Sich nicht durch Hinderniſſe abhalten, Ihren Weg unbeirrt weiter zu gehen; aller Anfang iſt ſchwer, und man muß ſtets den Verhältniſſen Rechnung tragen, wenn man es zu etwas bringen will. Vergeſſen Sie das nicht, denn Sie ſind zuweilen etwas raſch und ungeduldig. Sie nehmen dieſen wohlgemeinten Rath gewiß nicht übel. Ihr aufrichtiger Freund Wehring.“ Nun, haſt Du gute Nachrichten, mein Sohn? fragte Walther's Mutter, als er auch dieſen Brief langſam und nachdenkend zuſammenfaltete. Sind ſie Alle wohl? Ja, liebe Mutter, erwiederte er träumeriſch, denn die Bilder vergangener und jetzt durch die Erinnerung doppelt verſchönerter Tageſtanden lebhaft vor ſeiner Seele — ja, ſie ſind alle wohl und gedenken meiner mit der alten, unveränderten Theilnahme. Doch ſprechen wir jetzt von Dir, Du wirſt gewiß von der langen und anſtren⸗ Lenden Reiſe ſehr ermüdet ſein. Leider iſt hier nicht der Ort, um Dich auszuruhen, und auch zu Haufe, in unſerer neuen Häuslichkeit, ſetzte er lächelnd hinzu, wirſt Du vor⸗ läufig manches entbehren müſſen. Aber es iſt dort immer beſſer, als hier in dieſer unheimlichen Judenkneipe, und da wir nur noch eine gute Stunde zu fahren haben, ſo laß uns ſo bald als möglich aufbrechen. Ich bin bereit und ſehne mich gleichfalls ſehr, den 105 Ort zu ſehen, wo mein liebſter Wunſch in Erfüllung gehen ſoll, fortan vereint mit Dir zu leben. So laß uns fahren, damit Du dieſen Ort noch vor Eintritt der Dunkelheit erreichſt.— Der ordnenden Hand von Walther's Mutter gelang es ſehr bald, den Räumen, in denen ſie mit ihrem Sohne jetzt zuſammen lebte, ein freundliches und wohnl iches An⸗ Sen zu geben; ſie hatte dazu vollkominen Zeit und Muße, denn Walther ſelbſt war faſt den ganzen Tag draußen und wurde dann bei ſeiner Rückkehr immer zuch irgend eine, wenn auch unbedeutende Verbeſſerung oder Verſchönerung überraſcht, die ſo nahe gelegen, ſeinem Auge aber doch bis⸗ her entgangen war. Nach einer Woche, als auch die von Breslau früher abgeſandten Sachen der an ſich höchſt ein⸗ fachen Einrichtung von Walther's Mutter eingetroffen wa⸗ ren, als an den Fenſtern Gardinen hingen und jedes Ge⸗ räth und jedes Möbel ſeinen geeigneten Platz erhalten, war es in den Zimmern des neuen Inſpectors ſo wohnlich ge⸗ worden, daß er ſich ſelbſt behaglich und heimiſch darin zu fühlen begann. Es mochten vierzehn Tage vergangen ſein, als Wal⸗ ther eines Morgens zum Grafen auf das Schloß entboten wurde. Dieſer empfing ihn in gewohnter Weiſe in ſeinem Zimmer, indem er in ſeiner Gegenwart eine Unter⸗ haltung mit ſeinem L Leibdiener fortſetzte, die ſich lediglich auf Gegenſtände ſeines Anzuges bezog und eigentlich nicht 106 für das Ohr eines Fremden berechnet war. Friedrich be⸗ nahm ſich dabei, wie immer, gegen den Grafen wenig rück⸗ ſichtsvoll, und die Unterredung endete damit, daß der Graf ſeinem Diener in heftigem Tone zu gehen befahl und ihm, wie er ſchon unendlich oft gethan, eröffnete, daß er werde genöthigt ſein, ihn doch noch fortzujagen. Friedrich ließ die oft gehörte Drohung mit großem Gleichmuthe über ſich ergehen und entfernte ſich in ſchwei⸗ gendem Ingrimme. Auf Walther, welcher ſo der unfreiwillige Zeuge ei⸗ ner Scene geworden, in welcher ſich der Graf von der rein menſchlichen Seite gezeigt hatte, machte dieſelbe einen pein⸗ lichen Eindruck; der Graf ſchien dies jedoch nicht im ge⸗ ringſten zu empfinden, wahrſcheinlich aus dem Grunde, weil er es nicht der Mühe werth hielt, ſich vor einem ihm untergebenen Beamten Zwang anzuthun. Er ordnete, un⸗ verſtändliche Worte murmelnd, noch Einiges an ſeiner Toi⸗ lette, nachdem Friedrich das Zimmer verlaſſen hatte, und winkte endlich ſeinem Inſpector, ſich zu ſetzen. Ich habe Ihren Wirthſchaftsplan genau durchſtudirt, ſagte er dann; im Ganzen bin ich zwar damit einverſtan⸗ den, aber Sie wollen die Sache zu großartig anfangen, das koſtet zu viel, und wird ſich ſchließlich doch nicht rentiren. Ich bin vom Gegentheil überzeugt, bemerkte Walther; es geht mit der Landwirthſchaft wie mit allen anderen Ge⸗ 107 werben: wer nicht mit den neueſten Erfahrungen fortſchrei⸗ tet, bleibt zurück. Es wird ſo Vieles als neueſte Erfahrung in die Welt hinaus geſchrieben, was doch nichts iſt als Schwindel und nutzloſe Projectenmacherei, an welche man ſein Geld ver⸗ geblich wegwirft. Ich glaube meine Anſichten überall genau begründet und durch Zahlen belegt zu haben. Ja, ja, Zahlen ſind geduldig und laſſen ſich leicht auf das Papier ſchreiben; ſie bilden dann zuſammengezogen wieder Zahlen, gegen deren richtige Addition ſich nichts ein⸗ wenden läßt, die aber doch unrichtig ſind, weil die einzel⸗ nen Anſätze falſch waren.. Ich muß es dem Herrn Grafen lediglich anheimſtel⸗ len, ob Sie meinen Plan annehmen oder die Güter in der bisherigen Weiſe fortbewirthſchaftet haben wollen, erwie⸗ derte Walther verletzt; der Ertrag wird im letzteren Falle zwar ein größerer ſein, als bisher, denn es iſt auch in die⸗ ſer Beziehung Vieles verſäumt worden, aber eine erheb⸗ liche Steigerung wird nicht eintreten. Es freut mich, daß Sie das zugeben, ſagte der Graf, in dem Wirthſchaftsplane blätternd; bis jetzt habe ich ſo en Vorwerken bezogen, es iſt un⸗ viel wie nichts aus dieſ verantwortlich— unverantwortlich, ſette er mit einem Seufzer hinzu, und jetzt kommen Sie und fordern noch Geld dazu— und viel Geld! 108 Nicht viel, Herr Graf, nur das Nothwendigſte. Das iſt wieder einer von den vieldeutigen Ausdrücken und Begriffen. Ich will Ihnen einen Vorſchlag machen, fuhr er fort, Walther mit ſeinen klaren, grauen Augen feſt anſehend, wir wollen uns theilen.— Sind Sie damit zufrieden? Ich verſtehe den Herrn Grafen nicht. Neue Capitalien kann ich auf die Vorwerke nicht ver⸗ wenden, dazu habe ich kein Geld, auch ſind die jetzigen Zei⸗ ten nicht dazu angethan. Ich will Ihnen aber tauſend Thaler zur Ausführung Ihres Planes auf Einem Vor⸗ werke vorſchießen, die Sie mir binnen Jahresfriſt erſtatten müfſen aus den Revenuen des anderen, das Sie in bishe⸗ riger Weiſe fortbewirthſchaften. Ich verzichte alſo noch ein Jahr lang auf jeden Ertrag aus beiden Vorwerken, damit Sie Ihre Verbeſſerungen ausführen können— ich glaube damit mehr als genug zu thun. Und der Herr Graf ſtellen mir für jetzt tauſend Tha⸗ ler zur Dispoſition, die ich nach meiner Anſicht verwenden darf? fragte Walther erfreut. Ja, tauſend Thaler, erwiederte der Graf, mit einem Seufzer und mit einem Seitenblicke nach dem kleinen, mit einer eiſernen Thür verſehenen Gewölbe, wo er ſein Geld und ſeine Werthpapiere aufbewahrte; das heißt natürlich nicht auf einmal, denn auf einmal werden Sie ſo viel Geld nicht bedürfen. —— 109 Ich danke Ihnen, Herr Graf, ſagte Walther mit ſicht⸗ licher Freude; ich bedarf des Geldes nicht auf einmal, und Sie können Sich feſt davon überzeugt halten, daß es im künftigen Jahre nach der Ernte nebſt mindeſtens dem Vier⸗ fachen dieſer Summe wieder in Ihre Caſſe zurückge⸗ floſſen iſt. Dem Vierfachen? fragte der Graf mit einem zwei⸗ felhaftem Blicke; verſprechen Sie nicht zu viel, Herr In⸗ ſpector, es iſt immer beſſer, wenig geloben und viel halten. Ich verſpreche nicht mehr, als ich nach meiner Ueber⸗ zeugung auch halten kann, es müßten denn ganz außerge⸗ wöhnliche Ereigniſſe eintreten— Krieg oder eine totale Mißernte, Dinge, die Niemand vorausſagen kann. Sehen Sie, es kommen ſchon die„Aber.“ Nun, das wird ſich finden. Ich habe Vertrauen zu Ihnen; Sie ſind mir von meinem Neffen ſehr empfohlen worden und haben auch meine Wolle preiswürdig verkauft— ich weiß das und habe bis jetzt keine Urſache gehabt, in meinem Ver⸗ trauen zweifelhaft zu werden. Alſo wie viel bedürfen Sie für jetzt? Vor allen Dingen muß der Viehſtand um die Hälfte vermehrt werden, damit wir Zugkräfte und Dünger erhal⸗ ten; ich will hinüber fahren nach Oeſterreich und vorläufig zwanzig Stück Ochſen kaufen, wenn der Herr Graf für jetzt fünfhundert Thaler zu meiner Verfügung ſtellen wollten. Fünfhundert Thaler? wiederholte der Graf langſam — iſt ſo viel auf einmal nöthig? Für jetzt würde es ausreichen. Der Graf verharrte noch eine Zeit lang in nachden⸗ kendem Schweigen, ſtand dann mit einem Seufzer auf und ging an die eiſerne Thür ſeines Geldgewölbes; hier drückte er an einer verborgenen Feder, worauf ein Schlüſ⸗ ſelloch ſichtbar wurde, in welches er einen kleinen Schlüſſel brachte, den er an einer goldenen Kette um den Hals trug, die Thür ſprang auf und der Blick des Grafen weilte mit einer Art von Inbrunſt auf dem Inhalte des Gewölbes, der, ſo viel Walther bemerken konnte, ſehr viele Geldrollen und mehrere ſorgfältig zuſammengelegte Papierpackete enthielt. Hier ſind fünfhundert Thaler, ſagte er dann, nachdem er die Thür wieder ſorgfältig geſchloſſen hatte, in lauter guten, harten Thalern, die jetzt leider immer ſeltener wer⸗ den, keine Treſorſcheine, die kein Menſch mehr will— Sie ſehen, ich habe ein großes Vertrauen zu Ihnen. Ich hoffe es zu rechtfertigen, erwiederte Walther, in⸗ dem er lächelnd das Geld einſteckte, auf dem die Blicke des Grafen, ſo lange es ſichtbar war, unausgeſetzt weilten; der Augenblick, in dem ich es mit reichlichen Zinſen zurücker⸗ ſtatte, wird für mich viel freudiger ſein, als der jetzige, wo ich es in Empfang nehme. Für mich auch, Herr Inſpector, erwiederte leiſe mit 111 dem Kopfe nickend der Graf. Gehen Sie jetzt, fuhr er dann förmlicher fort, und beginnen Sie. Seien Sie un⸗ ermüdlich thätig, damit der von Ihnen erſehnte Augenblick ſo bald als möglich eintrete. In gehobener Stimmung ritt Walther heimwärts. Wenn auch der Graf nicht vollſtändig auf ſeinen Plan ein⸗ gegangen war, der Anfang war gemacht und das Uebrige mußte ſich finden, ſobald die Erfolge die Richtigkeit ſeiner Maßnahmen darthun würden. Es war ihm jetzt ein neues und lohnendes Feld ſeiner Thätigkeit geöffnet, und zum erſten Male, ſeit er hier verweilte, blickte er mit fro⸗ hem und freudigem Muthe in die Zukunft. Wehring hat ganz Recht, ſprach er vor ſich hin, während er ſein Pferd raſch austraben ließ, aller Anfang iſt ſchwer, und man darf von Hinderniſſen nicht zurückſchrecken.— Er dachte noch an mancherlei, auch daran, daß jetzt ſeine Reiſe nach der Fichtenau im künftigen Sommer mehr Ausſicht auf Erfolg habe, ohne daß er ſich einen Grund anzugeben ver⸗ mochte, woher dieſe Gedanken kamen. Er hatte vor Allem das Bedürfniß, ſeiner Mutter die eingetretene günſtige Wendung mitzutheilen, und wollte dann morgen ſchon ins Oeſterreichiſche hinüber, um den ſo ſehr mangelhaften Viehſtand auf den dortigen größeren Märkten zu ergänzen. Als er in den Hof ritt, ſah er zu ſeinem Erſtaunen das Pferd der Gräfin von einem Knechte herumführen und 112 erfuhr, daß dieſe ſich ſchon ſeit einer halben Stunde bei ſeiner Mutter befinde. Er wußte nicht, was er von dieſem ungewöhnlichen Beſuche zu halten habe; da er aber den ſtolzen und hoch⸗ fahrenden Sinn der jungen Gräfin kannte und ſich jedes Mal, wenn er mit ihr znſammengekommen war, dadurch verletzt gefühlt hatte, ſtieg er vom Pferde, ließ es in den Stall führen und ging, ohne das Wohnhaus zu betreten, in eines der Wirthſchaftsgebäude. Als er nach einiger Zeit wieder heraustrat, ſah er die Gräfin mit ſeiner Mutter vor der Thür des Wohnhauſes ſtehen; das Pferd war vorgeführt und ſie im Begriffe, aufzuſteigen. Es wäre im höchſten Grade unſchicklich ge⸗ weſen, auch jetzt ſich fern zu halten; er trat daher zu den beiden Frauen heran, indem er die Gräfin ehrfurchtsvoll und förmlich begrüßte. Ich konnte es mir nicht verſagen, Ihre Frau Mutter kennen zu lernen, Herr Inſpector, ſagte Hedwig mit freund⸗ licher Herablaſſung; mein Weg führte mich hier vorbei, und Ihre Frau Mutter war ſo gütig, mich mit einem Glaſe köſtlicher Milch zu erquicken. Die gnädige Comteſſe find ſehr gütig, erwiederte Walther mit einem zweideutigen Lächeln; wir wiſſen die Ehre eines ſo hohen Beſuches zu würdigen. Sie ſah ihn einen Augenblick feſt an, als ob ſie er⸗ 113 forſchen wolle, ob dieſe Worte in ihrem ganzen Umfange richtig gemeint ſeien; dann verlangte ſie nach ihrem Pferde. Ich hoffe, Sie bald einmal auf dem Schloſſe zu ſehen, Frau Rohneck, ſagte ſie mit einem gewinnenden Lächeln, auf welche Bemerkung ſich Walther's Mutter mit freundlicher Miene verneigte. Als ſie den Zügel ergriff, trat Walther raſch näher und hielt ihr den Steigbügel. Paßt es ſich auch für einen Officier, mir den Bügel zu halten? fragte ſie, Walther ſpöttiſch anſehend. Es iſt für einen jeden Mann eine hohe Ehre, einer ſchönen Dame einen ſo geringen Dienſt zu leiſten, erwie⸗ derte er verbindlich. Sehr galant, ſagte ſie leichthin, ſchwang ſich in den Sattel und ſprengte, nochmals zum Abſchiede winkend, im flüchtigen Galop aus dem Hofe. Was wollte ſie hier? fragte Walther, als er ſich mit ſeiner Mutter im Zimmer befand. Sie wollte mir einen Beſuch machen, mein Sohn, erwiederte dieſe im ſcherzenden Tone. Findeſt Du das nicht ganz in der Ordnung? Sie iſt ein ſtolzes, hochmüthiges Weſen, ſagte er hart, und es wundert mich wirklich, daß ſie ſich herabge⸗ laſſen hat, die Schwelle eines Beamten ihres Vaters zu en ſie war offenbar entweder neugierig oder wirklich urſtig. Ich glaube, Du beurtheilſt ſie doch falſch, mein Sohn, 8 Gräfin und Margquiſe. I. 114 denn ſie gab ſich freundlich natürlich und und hat mir wohl gefallen. Nichts als gnädige Herablaſſung. Ich bin feſt über⸗ zeugt, wenn ich nicht Officier geweſen wäre, würde ſie es mit ihrer Würde unvereinbar gehalten haben, Dir einen Beſuch zu machen, oder beſſer geſagt, Dich damit zu beehren. Hat ſie ſich doch bei mir ausdrücklich erkundigt, von wem mein Officiers⸗Patent ausgeſtellt ſei, und als ich ihr den Steigbügel hielt, kam ja wieder der Officier zum Vorſchein. Ich habe von Allem dieſem nichts bemerkt; ſie erkun⸗ digte ſich theilnehmend nach meinem Ergehen, fragte mich, ob ſie mir in irgend einer Beziehung gefällig ſein könne, und bat mich dann in einer ſo anſpruchsloſen Weiſe um ein Glas Milch, daß es mir eine wahrhafte Freude berei— tete, ihr dies bringen zu können. Sie war aiſo durſtig, ſagte er mit einem ſpöttiſchen Lächeln— es iſt eine recht unvollkommene Einrichtung der Natur, daß auch ſo vornehme Weſen den gewöhnlichen menſchlichen Bedürfniſſen unterworfen ſind. Ich weiß nicht, was du gegen ſie haſt, aber ich wie⸗ derhole Dir, ich glaube, Du thuſt ihr Umecht, denn ich habe mit Beſtimmtheit erfahren, daß ſie im Stillen viel Gutes thut, arme Familien unterſtützt und auch in die niedrigſten Hütten zu den Kranken geht. Man hat Dir allerlei Märchen aufgebunden, liebe Mutter— das Volk hier lügt aus reinem Gefallen am 115 Lügen, und ſo eine vornehme Gräfin ſteht bei ihnen dicht hinter ihren roh gemalten Heiligenbildern— ich habe ſelbſt geſehen, wie ſie gefühllos vorüberritt, während an einem. allerdings verworfenen Subjecte die Prügelſtrafe executirt wurde. Keine Miene ihres ſtolzen Geſichtes zuckte, ſie ritt langſam weiter, als ob das entſetzliche Geſchrei und Ge⸗ ſtöhne ihr Ohr gar nicht berührt hätte.— Doch laſſen wir das, was kümmert uns die Gräfin. Ich bin mit dem Grafen im Reinen, er billigt meinen Plan, wenn auch nicht im ganzen Umfange, und er hat, ſo ſchwer es ihm geworden iſt, Geld zur Ausführung bewilligt. Hier iſt der Anfang, fuhr er in heiterem Tone fort, indem er die Geldrollen auf den Tiſch legte, lauter gute, harte Thaler, wie der Graf fagte, und morgen will ich ins Oeſterreichiſche hinüber, wo das baare Geld doppelten Werth hat, und Ochſen kaufen. Ich wünſche Dir von Herzen Glück, erwiederte ſie erfreut, Dein ſehnlichſter Wunſch iſt ja nun erfüllt und Du wirſt gewiß mit Luſt und Liebe an Dein Geſchäft gehen. Das will ich und ich werde Alles aufbieten, um meine Verſprechungen zur Wahrheit zu machen. Meine Ehre iſt dabei verpfändet— wenn auch nicht meine Officiers⸗Ehre, ſetzte er lächelnd hinzu. Ich freue mich, daß Du wenigſtens die Uniform ab⸗ gelegt haſt, erwiederte ſie, ihn mit einem zärtlichen Blicke anſehend. S 8* Achtes Capitel. Es waren wieder mehrere Wochen vergangen, in wel⸗ chen Walther mit unermüdlicher Thätigkeit ſeinen Ge⸗ ſchäften obgelegen hatte. Der Beginn der diesmal weit umfangreicheren Winterbeſtellung und die ſorgſame Ueber⸗ wachung der ſonſt ſehr läſſig vorgenommenen Arbeiten nahm ſeine Zeit ſo ſehr in Anſpruch, daß er gewöhnlich den ganzen Tag draußen im Freien zubrachte und Abends erſchöpft und müde heimkehrte. Es war Samſtag⸗Abend; der etwas erhöhte Tagelohn für die Woche war, der ſon⸗ ſtigen Gewohnheit entgegen, den Arbeitern pünctlich aus⸗ bezahlt worden, und Walther ſtand im Begriffe, in ſeine Wohnung zu gehen, als er durch Alfred's Beſuch über⸗ raſcht wurde. Beide hatten ſich mancherlei zu erzählen, und als Alfred dann ziemlich ſpät das Vorwerk verließ, um nach dem Schloſſe zu reiten, hatte er Walther das Verſprechen — 117 abgenommen, morgen zu Mittag bei dem Grafen zu er⸗ ſcheinen. So ungern ſich Walther dazu verſtanden, er vermochte es dem Freunde nicht abzuſchlagen, und ritt daher am folgenden Tage zur beſtimmten Zeit hinüber. Es waren verſchiedene Gäſte, auch der Baron von Kalden, anweſend, aber außer Walther keiner von den Beamten des Grafen. Da Walther neben Alfred ſaß, ſo war, wenigſtens hinſichtlich der Form, kein Unterſchied zwiſchen ihm und den anderen Gäſten ſichtbar. Hedwig ſchien beſonders geſprächig, neckte ſich mit Alfred, witzelte mit dem Baron von Kalden und war mehrmals ſichtlich bemüht, Walther in das Geſpräch zu ziehen. Nach und nach wich auch von dieſem der Druck, welcher als unterge⸗ ordnetes Mitglied der gräflichen Tafel auf ihm laſtete, und da auch der Graf ſeiner Thätigkeit Anerkennung zollte, verlor ſich bei ihm die gezwungene Stimmung und er gab ſich frei, heiter und offen. Der Herbſt geht bald zu Ende, ſagte Hedwig im Laufe des Geſpräches, möchten wir nicht endlich einmal die vielbeſprochene Partie nach der Liſſa Hora unternehmen? Das Wetter läßt wahrlich nichts zu wünſchen übrig, und ich ärgere mich jedesmal, wenn ich den ſchönen Berg aus der Ferne ſo blau und verlockend herüberwinken ſehe, daß ich noch niemals auf ſeinem Gipfel geſtanden habe. Ach, laß doch dieſe thörichten Ideen, mein Kind, ewiederte der Graf; es iſt eine unwirthliche Gegend, 118 ſchlechte Wege, elende Dörfer, überhaupt nichts, gar nichts dort zu holen. Als eine herrliche, gewiß entzückende Ausſicht— nennſt Du das nichts, Papa? Was kümmern uns die ſchlech⸗ ten Wege und die unwirthlichen Dörfer— das verſchwindet Alles, wenn wir oben ſtehen und die ganze Kette der fernen Karpathen ſich vor unſeren Blicken erſchließt. Nein, ich laſſe mir dieſe Partie nicht auch wieder als unausführbar und unmöglich hinſtellen; ich werde vielmehr eines Mor⸗ gens ganz allein hinaufreiten, wenn die Herren Bedenken tragen ſollten, mich zu begleiten. Sie wiſſen, erwiederte der Baron von Kalden, daß es mein eifrigſtes Beſtreben iſt, Ihnen gefällig zu ſein, Fräulein Hedwig; Sie haben ganz über mich zu beſtimmen, Ihr Wunſch iſt mir Befehl, aber.... Aber, unterbrach ihn Hedwig, aber nur dies nicht— alles Andere— man kennt dergleichen Redensarten. Sie laſſen mich gar nicht ausreden und ergänzen meine Sätze in einer gauz irrigen Weiſe. So werden Sie alſo Theil nehmen? Wenn Sie es befehlen, oder auch nur wünſchen, ohne Frage— aber.... Wieder ein Aber? Aber ich möchte Ihnen doch zu bedenken geben, daß der Lohn unſerer keineswegs unbedeutenden Anſtrengungen — — ein ſehr geringer ſein wird, ſich möglicher Weiſe auf nichts reduciren kann. Das wird ſich Alles finden, Herr Baron, unterbrach ſie ihn wieder lebhaft; vorläufig habe ich Ihr Wort, daß Sie mitfahren, reiten oder gehen, wie es kommt, und das genügt. Wie ſteht es mit Dir, Couſin Alfred? Natürlich werde ich Dich nicht einen ſo hohen und ge⸗ fährlichen Berg allein beſteigen lafſen, erwied erte er lächelnd; wenn Dir ein Unglück zuſtieße, wenn Du vielleicht gar von der wilden Bevölkerung geraubt würdeſt— ich würde mir ja Zeit meines Lebens die bitterſten Vorwürfe machen. Spotte immerhin! rief ſie in fröhlicher Laune— ich habe jetzt zwei Ritter und die Gewißheit, daß die Sache zur Ausführung kommt— aber ſo ſehr ich dieſen Rittern auch vertraue, Vorſicht iſt die Mutter der Weisheit, und da ihr die Bewohner der Beskiden ſo wild und jungfrauen⸗ äuberiſch geſchildert habt, ſo möchte ich mein Gefolge noch vermehren— würden Sie uns vielleicht auch beglei⸗ ten, Herr Inſpector? wandte ſie ſich plötzlich an Walther, ihn mit einem flüchtigen Blicke ſtreifend. Ich? erwiederte dieſer, durch die unerwartete Frage ſichtlich in Verlegenheit gebracht— wir ſind jetzt draußen ſo ſehr beſchäftigt, daß— daß ich kaum werde abkommen können, erwiederte er zögernd. Gib dieſe phantaſtiſche Idee auf, mein Kind, nahm 120 jetzt der Graf wieder das Wart. Die Liſſa Hora iſt ein ganz bewaldeter Berg, von dem man nicht einmal eine Ausſicht haben wird; dazu liegt er im Auslande und wird von rohen und wilden Menſchen bewohnt. Wenn es Friede wird— und es wird doch endlich einmal wieder dauernd Friede werden—, wollen wir nach der Schweiz reiſen, da gibt es viel höhere Berge, gute Wirthshäuſer und gebil⸗ dete Menſchen. Nein, nein! rief ſie, das ſind weit ausſehende Pläne, Papa; wer weiß, ob es jemals Friede wird— die Liſſa Hora liegt uns nahe, und ich muß endlich einmal von ihrem Gipfel auf das Fleckchen Erde da drunten hinabſehen. Iſt dies wirklich der einzige Grund, Herr Inſpector, wes⸗ halb Sie Anſtand nehmen, uns zu begleiten? Ich wüßte keinen anderen, erwiederte er verlegen. So befiehl ihm, Papa, einen Tag die Wirthſchaft ſich ſelbſt zu überlaſſen, ſie wird deshalb nicht zu Grunde ehen. Aber, mein Kind, erwiederte der Graf, wie ſoll ich— der Herr Inſpector muß das ſelbſt am beſten wiſſen. Es bedarf eines ſolchen Befehles nicht, ſagte Walther in mehr ernſtem Tone; Sie haben ganz Recht; es wäre zu bedauern, wenn ich nicht einen Tag aus der Wirthſchaft abweſend ſein könnte— wenn Sie es daher befehlen und der Herr Graf.... Schön, herrlich! rief ſie ausgelaſſen. Mein Gefolge — 121 iſt jetzt ſo zahlreich, daß ich allen Gefahren Trotz bieten kann— ich habe drei Ritter, von denen einer allein zu meinem Schutze genügen würde.— Nun wollen wir aber auch keinen Augenblick mehr zögern. Am liebſten möchte ich noch heute Abend aufbrechen— aber ich will Ihre Entſagung nicht auf eine zu harte Probe ſtellen, Herr Baron, wandte ſie ſich mit ſpöttiſchem Lächeln an dieſen. Wir ſchicken heute Abend die Reitpferde bis zum Fuße des Berges und fahren morgen früh, recht früh, in zwei leichten Wagen bis dorthin— natürlich mit allen Vorräthen, die wir bedürfen möchten, reichlich verſehen, ſetzte ſie abermals mit einem lächelnden Blicke auf den Baron hinzu. Ungeachtet der Graf bei ſeinem Widerſpruche beharrte, und auch der Baron, dem dieſe Partie keineswegs zuſagte, einige leichte Schwenkungen zu ihrer Beſeitigung machte, ſo ſetzte Hedwig doch, wie gewöhnlich, ihren Willen durch, diesmal von Alfred unterſtützt, der ſich darauf freute, die Einförmigkeit des ländlichen Aufenthaltes in Wallfort durch ein ungewöhnliches Ereigniß unterbrochen zu ſehen. Walther verhielt ſich, ſchon ſeiner Stellung wegen, zwar ſchweigſam, im Ganzen aber war ihm die Partie doch nicht unange⸗ nehm, denn der ſchöne, blaue, ferne Berg hatte ſchon lange ſehnſuchterweckend zu ihm herübergewinkt; auch dachte er nicht ohne geſteigertes Intereſſe daran, zu ſehen und zu beobachten, wie ſich Hedwig auf dieſem Zuge benehmen werde. Es war für die Jahreszeit, Mitte October, ſehr früh und noch dunkel, als aufgebrochen wurde. Man ſaß in zwei leichten ungariſchen offenen Wagen, die, von muthi⸗ gen Pferden gezogen, roſch dahinflogen. In jedem Wagen befand ſich außer dem Kutſcher noch ein Bedienter, und Walther lächelte mit leiſem Spotte, als er die umfaſſen⸗ den Vorbereitungen zu einer Reiſe ſah, die für ihn kaum aus der Gränze des Gewöhnlichen heraustrat. In den zierlichen, für die größeren Treibjagden beſtimmten Be⸗ ſtecken, Kobern und Flaſchenkörben war Alles enthalten, was eine viel zahlreichere Geſellſchaft zu ihrer körperlichen Nahrung bedurft hätte. Teller, Taſſen, Gläſer, ſilberne Beſtecke, Flaſchen mit Ungar⸗ und Rothwein, kalter Braten, Wurſt, Kaffee, verſchiedenartiger Liqueur, ſelbſt kleine, zier⸗ liche Damaſt⸗Servietten und ein eben ſolches Tiſchtuch bil⸗ deten den Inhalt und bewieſen, daß man zwar darauf gefaßt war, unterwegs von eigenen Vorräthen leben zu müſſen, aber ſich deshalb doch keinerlei Entbehrungen auf⸗ zuerlegen geſonnen war. Alfred fuhr' mit Hedwig in dem erſten Wagen, Walther mit dem Baron in dem zweiten. Sechs Reit⸗ pferde und ein Packpferd waren ſchon am Abende vorher nach einem ungefähr eine Meile vom Fuße des Berges ge⸗ legenen Dorfe abgegangen. Das bleiche Licht der Sterne erblaßte, im Oſten rö⸗ thete ſich der Himmel, und bald darauf ſtieg die Sonne —— 123 gerade über der Liſſa Hora empor, während dieſe, in pur⸗ purnen Duft gehüllt, ſchweigend und ernſt vor ihnen da zog. Hedwig's grüner Schleier wehte aus dem vorderen, raſch dahineilenden Wagen, von dem leichten Morgenwinde bewegt, herüber, und bei einer Wendung des Weges wandte ſie ihren Kopf zurück und deutete mit der ausge⸗ ſtreckten Hand auf den nahe gerückten Berg, das Ziel ihrer Reiſe. Es war ein anregendes Bild, die beiden im flüch⸗ tigen Trabe dahinrollenden, von dampfenden, muthigen Pferden gezogenen leichten Wagen, von deren erſterem Hedwig's grüner, flatternder Schleier wie die Flagge des Admiralſchiffes herabwehte. Der Baron hatte bis jetzt äußerſt wenig geſprochen, nur hin und wieder über Kälte geklagt und ſich dann feſter in ſeinen Mantel gewickelt. Als die Sonne emporſtieg, zog er ſeine Mütze tiefer herab und bemerkte, daß das Weiter ſich wenigſtens gut anließe, wiewohl es viel zu ſpät in der Jahreszeit ſei, um ſolche halsbrechende, nutzloſe Partien zu unternehmen. Auch Walkher fühlte kein Be⸗ dürfniß, eine Unterhaltung mit ſeinem Begleiter anzu⸗ knüpfen, und ſo gelangte man dann nach drei Stunden zu dem Dorfe, wo die Pferde ihrer warteten. Hedwig ſprang vom Wagen und empfing die etwas ſpäter Ankommenden mit einem muthwilligen Lachen. Sie ſehen ja aus, als ob Sie frören, Herr Baron! rief ſie— es war eine köſtliche Fahrt— aber wir haben 124 keine Zeit zu verlieren. Zu Pferde, meine Herren, zu Pferde! Dieſer gute Mann hat uns belehrt, daß man von hier fünf Stunden bedürfe, um die Spitze der Liſſa Hora zu erreichen— es iſt jetzt halb Neun— wir dürfen daher nicht ſäumen! So weit— erwiederte der Baron mit ſichtlichem Schrecken— ach, das iſt Uebertreibung— dummes Zeug, ich kenne dieſes Volk. Eine kleine Erfriſchung würde uns wohlthun, man muß.. Nein, nein, hier nicht in dem ſchmutzigen Dorfe! Sobald wir einen paſſenden Punct erreicht haben, mit einer hübſchen Ausſicht, droben im Walde— wollen wir decken laſſen und uns ſtärken! Weiterer Widerſpruch wäre vergeblich geweſen, und ſo beſtieg man denn die Pferde und ſetzte den Weg fort, von einem Einwohner des Dorfes geführt. Der Zug, welcher außer den genannten Perſonen noch aus zwei Livrée⸗Bedienten und einem Packpferde beſtand, welches mit den beſchriebenen Vorräthen, Decken und Mänteln be⸗ laden war, brachte ſämmtliche Bewohner des abgelegenen Dorfes in Bewegung, welche aus den niedrigen und klei⸗ nen Fenſtern und Thüren der ungewöhnlichen Erſcheinung mit neugierig⸗dummen Mienen nachſtierten. Nach einer Stunde war man endlich zu einer Stelle gelangt, welche Hedwig zum Frühſtücken für geeignet er⸗ klärte. Man genoß von derſelben eine wenn auch noch et⸗ — 125 was beſchränkte Ausſicht vorzugsweiſe auf den Theil der Gegend, aus der man gekommen. Walther ſchien es jedoch, daß Hedwig jetzt weniger wählerikch in dieſer Beziehung geworden ſei, wahrſcheinlich, weil ſie nun ebenfalls das Bedürfniß zu frühſtücken empfand, wie er, ohne es zu äußern. Der ſchon gelblich ſchimmernde Raſen eines leichten Abhanges wurde mit Decken belegt, worauf man ſich ſetze. Vor denſelben breiteten die Bedienten das Tiſchtuch aus, welches ſich bald mit ſehr einladenden Speiſen und Ge⸗ tränken bedeckte. Die friſche Morgenluft des October hatte den Appetit rege gemycht, und man langte ohne weitere Umſtände zu, da Hedwig mit gutem Beiſpiele voranging. Die Heiterkeit des Barons, welche bis dahin ſich in einem gebundenen Zuſtande befunden hatte, fing an, flüſſig zu werden, je mehr er ſelbſt mit den vor ihm ſtehenden ver⸗ lockenden Flüſſigkeiten ſich ſtärkte, und da dieſe Stimmung ſich auch den Anderen mittheilte, ſo unterbrachen bald föhliches Gelächter und heitere Scherzreden die feierliche Stille der ſchweigſamen Natur. Ich hätte mir die Partie kaum ſo ſchön gedacht, be⸗ merkte der Baron, indem er ſein Glas wieder füllte; man hat hier eine recht weite Ausſicht, und oben wird natürlich noch viel ſchöner ſein— die Hälfte haben wir jetzt zurück⸗ gelegt— O, noch lange nicht— kaum ein Viertel, lachte Hed⸗ wig, und der ſchlechte Weg kommt erſt. Bis hieher war es, wie bei uns, gewöhnlich,— aber jetzt kommt das Außer⸗ gewöhnliche, und wenn wir erſt nicht mehr reiten können, ſondern zu Fuße gehen müſſen, werden die ganz außer⸗ gewöhnlichen Dinge kommen— ich freue mich kindiſch darauf. Zu Fuße gehen? fragte der Baron mit ſichtbarem Schrecken, weshalb zu Fuße? Warum ſollten die Pferde nicht bis oben hinauf können? Es kann ja überhaupt nicht mehr weit ſein! Fragen Sie den Mann da, ſagte Hedwig auf den Führer deutend; das iſt für jetzt unſer Orakel. Wie iſt es, kann man bis hinauf reiten 7 O nein, gnädiges Fräulein, erwiederte der Gefragte, oben hats nichts als Felſen und Geröll und der Weg hört ganz auf. Es ſind noch zwei tüchtige Stunden, das heißt für Unſereinen, der ſich aus dem Geſtein nichts macht— aber mit Ihnen wird's wohl etwas länger werden. Wenn's noch was ſehen wollen von den karpathener Bergen, müſ⸗ ſen's Sich eilen, ſetzte er mit einem Blicke nach dem Ho⸗ rizonte hinzu—'s fängt an, hägerich zu werden, und's kann Nebel kommen— wir kennen das. Das fehlte gerade! rief der Baron. Ich bin der beſte Menſch von der Welt, aber Sie können mir nicht zumuthen, im Nebel auf einen hohen Berg zu ſteigen, wo nur Steine und Geröll ſein ſollen— an Ausſicht wäre gar nicht zu — — denken! Es gibt entſchieden Nebel— der Mann hat einen ſichern Blick— ſolche Leute irren ſich niemals! Begnügen wir uns daher mit dem, was wir hier ſehen— die Aus⸗ ſicht iſt unübertrefflich und kann oben auch nicht beſſer ſein! Wir haben keine Zeit zu verlieren! rief Hedwig auf⸗ ſpringend, alſo fort— wenn Sie es vorziehen, zurückzu⸗ kehren, oder uns hier zu erwarten, es ſoll ein Diener zu Ihrem Schutze bei Ihnen bleiben, nebſt den nöthigen Er⸗ friſchungen an Speiſe und Trank, ſetzte ſie mit ſpöttiſchem Lächeln hinzu. Der Baron war ſichtlich verletzt und ſchwieg, indem er ſein Geſicht in ernſte Falten legte. Man beſtieg wieder die Pferde und ſetzte, ſo raſch es der immer ſteiler anſtei⸗ gende Weg zuließ, den Marſch fort. Nachdem man zwei Stunden ſtets bergan geritten war, gelangte man auf einen Platz, der durch eine Berg⸗ lehne geſchützt, mit niedrigen Zwergbüſchen beſtanden war. Von hier vermochte der Blick zum erſten Male ungehin⸗ dert weit in die Ferne zu dringen. Der Führer erklärte nun, daß die Pferde zurückgelaſſen werden müßten, da der Pfad nach dem Gipfel nur für Menſchen gangbar ſei. Der Ba⸗ ron machte wieder den Verſuch, die mühſelige Reiſe hier zu beenden; da Hedwig jedoch darauf keine Rückſicht nahm, ſo ſetzten Alle bald darauf den Weg zu Fuße fort. Es ging jetzt ſteil bergan, über loſe liegendes Gerölle, oft über giatte Felſen, und dem Baron entfloh mancher Seufzer und 128 manche heimliche Verwünſchung, während Hedwig an der Spitze des Zuges ſo eilig voranſchritt, daß die Uebrigen kaum zu folgen vermochten. Endlich war der Gipfel des Berges, ein felſiges Plateau, erreicht, und das Auge konnte nun ungehindert nach allen Seiten weit in die Ferne ſtrei⸗ fen. Wie es ſo häufig bei der Beſteigung hoher Berge geht, war es leider auch hier: der Himmel hatte ſich bezogen, ein grauer Duft lagerte am Horizont und verhüllte die weiter gelegenen Gegenſtände. Nur im Oſten und Süden war es noch klar, und die Karpathen ſtanden, wenn auch etwas verſchleiert, doch noch ſichtbar in ernſter Majeſtät da. Es lohnt ſich wahrlich nicht der Mühe, bemerkte der Baron, nachdem er zu Athem geksmmen war, hier herauf zu klettern, um ſich dieſes nebelige Chaos anzuſehen. Ei⸗ gentlich ſieht man gar nichts, und es wird immer undeut⸗ licher; dazu iſt hier ein exorbitanter Zug. Nun, Cvuſine Hedwig, fragte Alfred lächelnd, biſt Du befriedigt? Es könnte klarer ſein, erwiederte ſie; indeſſen man kann nicht immer Alles haben— ſiehſt Du den Schnee dort von der Lomnitzer Spitze herüberleuchten— dieſer Anblick allein iſt die Reiſe werth— wie mag es dort in der großartigen, eiſigen Bergeinſamkeit ſein— ſchade, daß wir nicht dort drüben auf jenem Schneefelde ſtehen! Ich dächte, es wäre hier ſchon friſch genug, bemerkte der Baron; Sie werden Sich erkälten, denn es iſt hier ein — Z und e, wir kehren zu s kommt Nebel, gnädigſte Herrſchaften, ſagte der Führer; in längſtens er Stunde iſt Alles bezogen und fällt dann ſchwer de zu finden. Hö el Sie a8 ſer E fahr S edwigs Aug ſonſt e en eigenen Bewegung an d werdenden Umriſſen der K ſie chteten Worte gar nicht geh ört zu hab 3 die höchſte Zeit, gnädigſte Comt holte mit lar iterer Stimme der Baron— bel— haben Sie gehört— wir müſſen uns Sönnen Sie wig jetzt zu ihrer Wir kör nnen ſen, ganz u verfehlen, erwiederte ſie, und bitte, wenn ich es verlange, ſetzte ſie 9 130 mit Nachdruck hinzu— ſo werden Sie hoffentlich meinem Wunſche nicht entgegen ſein.. Darf ich auch nicht bei Dir, wenigſtens nicht in Dei⸗ ner Nähe bleiben, bemerkte Alfred, ich werde mich ſo ſtel⸗ len, daß Dich meine unbedeutende Perſon nicht im minde⸗ ſten genirt. Willſt Du mir den Gefallen thun oder nicht, Coufin Alfred? fragte ſie, indem ihre Brauen ſich finſter zuſam⸗ menzogen— zwingen kann ich Niemanden von den Her⸗ ren, aber.. Wir gehen, Couſine, wir gehen und werden Dich er⸗ warten, erwiederte Alfred, der aus Erfahrung wußte, daß ein weiterer Widerſpruch doch vergeblich und nur eine un⸗ nöthige Verzögerung herbeiführen würde. Kommen Sie, meine Herren, und Du, Couſine Hedwig, folge uns ſo bald als möglich. Der Baron machte noch einige Einwendungen, die Hedwig jedoch keiner weiteren Antwort würdigte, und ſo verließen denn Alle das Plateau des Berges, mit Aus⸗ nahme von Hedwig, die mit Ungeduld ihrem Abzuge ent⸗ gegenſah und ſich dann, an einen Felsvorſprung gelehnt, ihren einſamen Betrachtungen hingab. Nach zehn Minuten hatte man den Platz, wo die Pferde ſtanden, erreicht, und der Baron entwickelte ſogleich eine rege Thätigkeit, um die mitgebrachten Vorräthe ſervi⸗ ren zu laſſen, wie die Comteſſe befohlen hatte. 131 Sie wird ſehr bald hier ſein, ſagke er geſchäftig, und ſich dann freuen, Alles ſo comfortable zu finden, wie es auf dieſem verdammten Berge zu arrangiren möglich iſt— ich bin der beſte Menſch von der Welt und habe heute den größten Beweis meiner Hingebung geliefert. Lege Er die Decken hinter den großen Stein, wo es weniger zieht, damit die gnädige Comteſſe dort Platz neh⸗ men kann— hier das Tiſchzeug— ſo nun die Flaſchen und der Braten. Der Führer hatte ſchon während des Rückweges oft bedenklich nach dem Himmel geblickt und ſeine Unruhe ſtei⸗ gerteſich immer mehr. Es kommt Nebel, ſagte er dann, und der Nebel iſt ſchlimm hier oben. Er kommt oft mit Einem Male und kann ſo dick ſein, daß man die nächſten Gegenſtände nicht mehr ſieht— der Weg iſt dann ſchwer zu finden. Was krächzt der Rabe, rief der Baron, indem er ein Glas Ungarwein leerte, was ſchwatzt der Kerl von Nebel und den Weg nicht finden?— Ich wünſche aber, daß die Gräfin nun bald käme, ſetzte er mit einem ängſtlichen Blicke nach oben hinzu. Da iſt er ſchon, rief der Führer, als plötzlich ein fei⸗ ner, feuchter Dunſt ſich über den Platz wälzte, wo ſie ſa⸗ ßen— ich habe es vorausgeſagt! Ah, das wird vorübergehen, rief der Baron, es wird 9* ſchon wieder heller— aber es wäre Zeit, daß die Gräfin käme. Es geht nicht vorüber, ſondern es wird ſchlimmer, bemerkte der Führer, bald werden wir nichts mehr er⸗ kennen. Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als dicke, un⸗ durchſichtige Nebelmaſſen heranzogen, noch einen Au⸗ genblick wie ein grauer Ballen ſich über den Platz, wo ſie ſaßen, fortwälzten, dann aber Alles in ihren dichten, feuch⸗ ten Schleier hüllten, ſo daß ſich ſelbſt die gegenüber ſitzen⸗ den Perſonen kaum mehr zu erkennen vermochten. Das iſt eine wahre Höllenwirthſchaft hier oben krief der Baron, aufſpringend. Wo ſind die Pferde? Ich ſehe ſie nicht mehr! Entfernen Sie Sich nicht, gnädiger Herr, man würde Sie nicht wiederfinden, warnte der Führer— im Nebel weiß Niemand, wo er iſt und wo er hingeht; vielleicht wird es wieder lichter aber ich glaub's kaum. Nun, ſo wolit' ich, daß ich mich nie und nimmer zu dieſer tollen Partie hätte beſchwatzen laffen Daß ihr Euch nicht rührt da hinten mit den Pferden, rief er in die Fin⸗ ſterniß hinaus, daß Ihr nicht vom Platze w damit man Euch finden kann. Aber Hedwig, Hedwig! rief Alfred in ſichtlicher Be⸗ ſtürzung— ſie iſt immer noch nicht hier, wir müſſen hinauf und ſie holen! 133 Ja— aber wo iſt hinauf? frägte der Baron. Ich weiß es nicht mehr; geht es dahin oder dorthin? Bleiben Sie hier, Herr Baron, und rufen Sie von Zeit zu Zeit oder laffen Sie rufen; ich will mit dem Füh⸗ rer n— er wird den Weg finden, nicht wahr? hoffe es, erwiederte dieſer ungewiß. fort, fort! Vergeſſen Sie nicht zu rufen! Ich werde rufen, ſagte der Baron mit ſichtlicher Be⸗ friedigung über die ihm zugetheil lte Aufgabe, und wenn ich ſelbſt nicht mehr kann, ſollen die Kerle ſchreien, daß man es meilenweit hört! Ich begleite Dich, be Sitt te Walther, indem er eine wollene Decke aufnahm und über die Schulter ſchlug. So komm, erwiederte Alfred. Der Führer ging vorſichtig voran, und nach wenigen Augenblicken waren die Geſtalten der drei Männer in dem immer dichter werdenden Nebel verſchwunden. Nicht ohne Mühe gelang es dem Führer, den Weg nach dem Plateau zu finden; es währte faſt eine halbe Stunde, da man zuweilen inſhlüßſg und überlegend ſte⸗ hen bleiben muße, bis man den Gipfel des Berges er⸗ reichte. Nur die Ortskenntniß des Führers bezeichnete die Stelle, wo man ſich befand, als die geſuchte, denn jede Ausſicht in die allernächſte Nähe war unmöglich, und Al⸗ fred ſowohl als Walther wurden wieder zweifelhaft, ob ſie ſich wirklich oben befanden, denn Hedwig war nicht dort. „ Hier an dieſem Felſen hat die gnädige Gräfin ge⸗ ſtanden, verſicherte der Führer, einen feſten, plötzlich vor ihnen auftauchenden Gegenſtand mit der Hand berührend — gehen Sie nicht weiter vor, denn dort iſt ein Abgrund — ſehen Sie, hier liegt auch ein Handſchuh, den ſie ver⸗ loren hat— aber ſie iſt nicht mehr hier— und kann leicht verunglückt ſein. Rufen wir, vielleicht iſt ſie in der Nähe. Man ließ ein lautes Halloh ertönen, das jedoch im Nebel dumpf verhallte— keine Antwort. Mit unheimli⸗ chem Brauſen zogen die dicken Nebelmaſſen über die Spitze des Berges fort, zuweilen ſich unmerklich lichtend, um ſo⸗ gleich ſich wieder zu verdichten. Sie hat den Rückweg angetreten und dieſen wahr⸗ ſcheinlich verfehlt, ſagte Alfred mit ängſtlicher Beſorgniß; wir müſſen ſie ſuchen. Das verſteht ſich von ſelbſt, erwiederte Walther, und uns trennen; wir haben dann um ſo mehr Wahrſcheinlich⸗ keit, ſie zu finden. Wenn wir aus einander gehen, warnte der Führer, ſo werden die Herren ſich eben ſo verirren,— weiß ich doch ſelbſt den Weg kaum zu finden! Darauf kann es jetzt nicht mehr ankommen, entgeg⸗ nete Walther; je mehr ſie ſuchen, deſto eher wird ſie g⸗ funden werden. Es iſt vor Allem nöthig, daß ſie von ir⸗ gend Jemandem gefunden wird. Laß den Mann zum San * 135 melplatze zurückgehen, Alfred, und die Bedienten aus⸗ ſchicken, wenn ſie noch nicht dort ſein ſollte; wir wollen von hier aus nach verſchiedenen Richtungen abgehen. Alfred war einverſtanden, und nach wenigen Minu⸗ ten waren die drei Männer von der Stelle, wo ſie vereint geſtanden, verſchwunden, indem ein jeder einen andern Weg einſchlug. Für ſie ſelbſt wäre es nach wieder wenigen Minuten ſchon nicht mehr möglich geweſen, ſich zuſammen zu finden. Neuntes Capitel. Da der Nebel ſo dick iſt, daß man einen Felſen oder einen Baumſtamm nur auf höchſtens drei Schritte zu er⸗ kennen vermag, ſo iſt es uns ebenfalls nur möglich, Einem der Suchenden zu folgen; wir wählen natürlich hierzu Walther, da er als Held dieſer Geſchichte darauf den meiſten Anſpruch beſitzt. Er lenkte ſeine Schritte bergab, er es für unzweifelhaft hielt, daß Hedwig ebenfalls in dem Verſuche, den Sammelplatz zu erreichen, bergab gegangen war. Er hätte übrigens kaum nöthig gehabt, dieſen nahe liegenden Schluß zu machen, da er ſich auf dem höchſten Gipfel des Berges befand und daher, wohin er ſich auch wenden mochte, immer bergab gehen mußte. Nach ungefähr einer Viertelſtunde, während welcher Zeit i i er, öfter ſtillſtehend, ſeinen lauten Ruf. jedoch vergeblich, hatte ertönen ſaſſen, gelangte er auf etwas weniger ab⸗ ſchüſfiges Terrain und erkannte, daß er die höchſte Kuppe 1 6 7 des Berges inabteſtlegen und ſich wahrſcheinlich in glei⸗ cher Höhe mit dem verlaſſenen Samme lplatze befinde. Er blieb hier einen Augenblick ſtehen, unſchlüſſig, welche Richtung er einſchlagen ſolle. Der Wind blies ſcharf über dieſe Stelle, und er wandte ſich unwillkürlich, ſo daß er ihm den Rücken zukehrte. Der Gedanke kam ihm, daß Hedwig, wenn ſie an dieſer Stelle herabgegangen, dies ebenfalls gethan haben werde, und er beſchloß daher, un⸗ verwandt in Richtung fortzugehen. Der Weg blieb ſehr beſchwerlich, da Gerölle, größere Felsblöcke und zähes, mit ſeinen krummen, knorrigen Zweigen am Boden hin⸗ kriechendes ſogenanntes Knieholz das Fortkommen hin⸗ derten. Zeder gebahnte Pfad hatte längſt aufgehört, und er war daher genöthigt, die mannigfachen Hindernifſe, welche ſich ſeinem Fortkommen entgegenſtellten und die er erſt zu ſ ſehe vermochte, wenn er dicht davor ſtand, zu um⸗ gehen oder zu überſpringen. Die einzige Norm blieb für ihn die Richtung des Windes, in welcher er unverändert fortſchritt. Von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen und ließ ſeinen lang gedehnten Ruf ertönen, aber er verhallte in dem Brauſen und unheimlichen Heulen des Windes, mit welchem dieſer die dichten Nebelmaſſen über den Berg forttrieb. So mochte er, langſam und von Zeit zu Zeit immer Wiedet ſtehen bleibend, eine Stunde fortgegangen ſein, als er Weg aufing, weniger beſchwerlich zu werden, das 138 Steingerölle und das Knieholz hörten auf, und er erkannte an den im Nebel auftauchenden Baumſtämmen, von denen er jedoch nur den unteren Theil zu ſehen vermochte, daß er ſich in einem Walde befinde. Hier wurde das Brauſen des durch die Gipfel ziehenden Windes noch ſtärker und nahm jenen eigenthümlichen Ton an, der fernen verhallen⸗ den Orgelklängen gleicht, vermiſcht mit dem Kuarren und Seufzen der Aefte, welche, aus ihrer ſchlummernden Ruhe aufgeſchreckt, ächzten und ſtöhnten. Die Hoffnung, Hedwig in dieſem Chaos zu finden, hatte er bereits aufgegeben, und er überlegte daher, was er zu thun habe. Mag es ſein, wie es will, dachte er, ich ſetze meinen Weg aufs Gerathewohl fort, und finde ich kein Dorf oder Haus, nun, ſo bleibe ich die Nacht im Walde— es iſt ja nicht die erſte Nacht, die ich ſo zuge⸗ bracht habe. Er beſchloß nun, möglichſt ſchnell bergab zu gehen, um den Fuß des Berges zu erreichen. Indein er dieſes Vorhaben ausführte, ließ er jedoch immer wieder nach kurzen Zwiſchenräumen ſein lautes Halloh ertönen. Da war es ihm, als ob durch das Brauſen des Windes und das Rauſchen und Knarren der Baumgipfel der ſchwache Ton einer menſchlichen Stimme an ſein Ohr ſchlage. Er lauſchte mit verhaltenem Athem, aber er hörte nur den ſauſenden Sturm und hatte ſich offenbar getäuſcht. Abermals ließ er, ſo laut er es vermochte, ſei⸗ nen Ruf erſchallen— und wieder war es ihm, als ob er 139 den Ton vernehme. Raſch ſchritt er nach dieſer Richtung, immer rufend, fort— aber er hörte nichts mehr. Es war eine Täuſchung, ſprach er vor ſich hin, wie wäre es auch möglich, in dieſem Brauſen den Ruf eines Menſchen zu vernehmen! Alfred!— hier! tönte jetzt, wenn auch kaum ver⸗ nehmbar, aber deutlich Hedwig's Stimme. Raſch und wiederholt rufend, eilte er der Richtung zu, zwiſchen den ſchwarzen, naſſen Stämmen der alten Tannen hindurch, bis er plötzlich ganz in ſeiner Nähe die Worte ſprechen hörte: Hier, hier bin ich— Du gehſt vorüber, Alfred! Er wandte ſich wieder zurück und ſah jetzt Hedwig dicht vor ſich an den Stamm einer Tanne gelehnt. Gott ſei Dank, daß ich ſo glücklich war, Sie zu fin⸗ den, rief er erfreut— ich hatte ſchon die Hoffnung aufge⸗ geben und danke es lediglich dem Zufalle, daß er mich in dieſe Richtung geführt hat! Sie ſind es, Herr Inſpector, ſagte ſie mit ſichtlicher Ueberraſchung— Sie hat der Zufall zu meinem Ritter gemacht, fuhr ſie lachend fort— ich hielt Ihre Stimme für die meines Couſins. Ich bedauere es, daß mein Freund Alfred, Ihr Herr Couſin, ſich nicht an meiner Stelle befindet, gnädige Gräfin; Sie werden aber in dieſem außergewöhnlichen 140 Falle mit meinen geringen Dienſtleiſtungen Sich behelfen müffen. Seien Sie nicht böſe über meine Aeußerung, erwie⸗ derte ſie mit einem freundlichen Lächeln, ſie galt keineswegs Ihrer Perſon; ich glaubte nur beſtimmt, Alfred's Stimme erkannt zu haben, und war daher verwundert, als Sie plötzlich aus dem Nebel auftauchten. Sie kamen mir dabei im erſten Augenblicke ſo ungewöhnlich groß vor, fuhr ſie lachend fort, daß ich Sie gar nicht erkannte— das macht der Nebel, er verändert und vergrößert Alles Wir werden nun vor Allem einen Entſchluß darüber zu faſſen haben, was zu beginnen iſt, erwiederte er ernſt und ihre letzte Bemerkung überhörend. ——— Sehr richtig, ſagte ſie, immer in heiterem Tone, der Entſchluß wird ſehr einfach ſein, nämlich, unſere Pferde aufzuſuchen; aber ich glaube, daß die Ausführung mit weſentlichen Schwierigkeiten verbunden ſein wird. Ich meine eben die Ausführung. Wir befinden uns bereits an einer weit tieferen Stelle, als wo die Pferde zurückgeblieben ſind, und, ſo viel ich aus der Richtung des Windes folgere, auch an einer anderen Seite des Berges. 6 —— Wollen wir den Verfuch machen, die Pferde aufzuſuchen, ſo müſſen wir wieder bergan gehen und den Wind im Ge⸗ ſichte behalten. Weshalb haben Sie denn dieſe Richtung einge⸗ ſchlagen? 141 Weil ich annahm, die gnädige Gräfin würden es vor⸗ gezogen haben, dieſen kuitin, naſſen heftigen Wind ſc eb enfalls nicht in das Geſicht wehen z ulaſſen. Wos für feine Schlußfol gerungen Sie machen, aber Sie haben ganz Recht, wenn ich vielleicht auch nur unbe⸗ wußt ſo gehandelt habe Das nahm ich an. Aber was rathen Sie jetzt? Das Aufſuchen der Pferde halte ich für unſicher. Wenn wir auch die muthmaßliche Richtung einſchlagen. Es wird uns doch nicht gelingen, unterbrach ſie ihn — Sie haben Recht, i fänden wir endlich nach län⸗ gerem Suchen wirklich die Stelle, ſo wird es dun kel, das heißt, ganz dunkel, und ſe ſind auf und davon. Das glaube kaum, im Gegentheile.. Sie glauben, der Baron würde oben auf dem Berge die Nacht n rief ſie lachend— S haben Sie für einen überſchwär il lich ſtarken Gl auben! Der Baron iſt der beſte Menſch von der Welt, aber auch die beſten Men⸗ ſchen müſſen ihre gewohnten Bequemlichkeiten haben und in einem guten Bette ſchlafen. Alfred iſt zugegen, bemerkte Walther, er wird gewiß nicht allein, das heißt, ohne die gnädige Gräfin.... Wenn es Ihnen genehm iſt, ſo wollen wir auf dieſer außergewöhnlichen Irrfahrt die„gnädige Gräfin“ ſo viel als möglich beſeitigen, unterbrach ſie ihn. 142 Ich befürchte nur, Alfred wird ſich auf ähnlichen Wegen wie wir ſelbſt befinden und die Pferde ebenfalls verfehlt haben. Woraus ſchließen Sie das? Wir ſuchten Sie auf dem Gipfel des Berges, wo Sie zurückgeblieben waren, und als wir Sie nicht fanden, ſchlugen wir, um Sie aufzuſuchen, verſchiedene Richtungen ein, indem wir den Führer nach den Pferden zurück⸗ ſandten. Alſo er ſucht mich doch auch, erwiederte ſie nicht ohne Befriedigung; nun, ich habe das von ihm erwartet. Konnten Sie daran zweifeln? Meine Anſicht wäre, auf dem kürzeſten Wege bergab zu gehen, um ein Dorf oder auch nur eine menſchliche Wohnung zu erreichen, wo Sie Schutz finden und Boten zum Herbeiholen der Wagen ausgeſandt werden können. Sie haben die Ordre zu ertheilen— ich ſie zu be⸗ folgen, erwiederte ſie nicht ohne Muthwillen— alſo gehen wir— rechts, links oder gerade aus, wie Sie beſtimmen, ſo ſoll es geſchehen. Der Wind weht aus Nordweſten; folgen wir ſeiner Richtung, ſo gelangen wir im Schutze des Berges an den ſüdöſtlichen Abhang desſelben. Hier iſt eine Decke, fuhr er fort, machen Sie davon Gebrauch, denn es iſt kalt und naß, obgleich ich mich beſcheide, daß ſie ſonſt nicht paſſend für Sie iſt— jedoch, man muß den Umſtänden Rechnung tragen. Ich danke Ihnen, erwiederte ſie, indem ſie ohne Wei⸗ gerung die Decke umſchlug, denn es fängt wirklich an, mich zu frieren— aber ich beraube Sie ſelbſt. Ich bin warm gekleidet und habe die Decke nur in der Erwartung, Sie zu finden, mitgenommen. Sie ſah ihn einen Augenblick ernſt und forſchend an, dann gewann die Heiterkeit wieder bei ihr die Ober⸗ hand, und ſie rief lachend, indem ſie ſich ſelbſt betrachtete: Ich ſehe wirklich recht komiſch aus, wie ein Jäger in den Urwäldern Amerika's, und freue mich ſchon unendlich dar⸗ auf, wenn wir, heimgekehrt, am lodernden Kaminfeuer die Abenteuer dieſer Fahrt gemüthlich erzählen und darüber lachen werden. Es iſt doch einmal etwas Anderes! Wenn es Ihnen genehm iſt, brechen wir auf; der Abend iſt nicht fern, und es würde doch vielleicht des An⸗ deren zu viel werden, wenn uns die Nacht in dieſem un⸗ wirthlichen Walde überraſchte. Meinen Sie?— Doch Sie haben Recht, gehen wir. Es war eine ſehr beſchwerliche Wanderung, denn der Nebel blieb in gleicher Stärke, und dazu fing es an, ſicht⸗ lich dunkler zu werden. Er war genöthigt, ſie öfters zu führen und ihr beim Ueberſchreiten beſonders ſchwieriger Stellen behülflich zu ſein. Zuerſt ſuchte ſie dies ſcherzend abzulehnen, bald jedoch ließ ſie es als ſelbſtverſtändlich ge⸗ ſchehen. Das Licht des ſcheidenden Tages, durch Nebel und Bäume ohnehin gehindert, war bereits faſt ganz ver⸗ ſchwunden, als ſie an einen tiefen, raſch hinſtrömenden Bach gelangten, deſſen Lauf die Richtung ihres Weges kreuzte. Unentſchloſſen blieben ſie ſtehen, denn es unterlag keinem Zweifel, daß Hedwig den Bach nicht durchſchreiten konnte. Wenn wir dem Laufe des Baches nachgehen, ſagte er, ſo gelangen wirunzweifelk haft in das Thal hinab, wir wer⸗ den aber genbthigt ein, ſeinen vielen Krümmungen zu fol⸗ gen; dazu ſind die Ufer ſolcher Bäche gewöhnlich mit dich⸗ tém und dornigem Gebüſch bewachſen— es iſt ſchon faſt ganz dunkel und es würde daher ſehr vortheilhaft für uns ſein, d den Bach zu ibeſchtitet Sie blickte von dem hohen Rande in den tiefen, dun⸗ keln Cin chnitt hinab, auf deſſen Sohle das Waſſer rauſchte, und fragte dann mit etwas gezwungener Heiterkeit, wie das bewerkſtelligt werden ſollte. Ich werde das Terrain recognoseiren, erwiederte er, indem er ſich den Abhang hinabgleiten ließ. Dann hörte ſie ihn durch das Waſſer gehen und ſah die unſicheren Um⸗ riſſe ſeiner Geſtalt am jenſeitigen Ufer erſcheinen. Es wird ohne F Führniß gehen, i Stimme wieder von unten, Fit Sie geſtatten, daß ich Sie hin⸗ über trage— ſonſt iſt es nicht möglich. Aber dies wird ebenfalls nicht möglich ſein. 145 Es iſt ſowohl möglich als leicht ausführbar und wird nur davon abhangen, daß Sie Sich dazu entſchließen— rechnen Sie es mit zu den Abenteuern dieſer außergewöhn⸗ lichen Fahrt, bemerkte er in ſcherzendem Tone, und denken Sie, es ginge nicht anders. Entſchließen Sie Sich aber bald— ich halte es wirklich für nothwendig. Iſt das Waſſer tief? fragte ſie unſchlüſſig— könnte ich nicht allein? Es reicht mir faſt bis an die Knie— für Sie iſt es unmöglich. Werden Sie mich auch tragen können? Seien Sie ganz ohne Beſorgniß, aber je eher Sie Sich entſchließen, um ſo beſſer wird es ſein, noch haben wir einen Schimmer von Licht. Die ganze ſonderbare Unterhaltung wurde geführt, ohne daß die Sprechenden ſich zu ſehen vermochten, worin für Hedwig eine große Beruhigung lag. Was muß ich thun? fragte ſie dann. Hier iſt meine Hand, ſprach er, dieſelbe zu ihr hinauf⸗ reichend, halten ſie dieſelbe recht feſt und laſſen Sie Sich dann ohne Beſorgniß heruntergleiten.— So, fuhr er fort, als ſie bald darauf an dem ſchmalen unteren Rande des Baches dicht neben ihm ſtand— nun geſtatten Sie, daß ich Sie trage. Er hob ſie auf— ſie mußte den Arm um ſeinen Gräfin und Marquiſe. 11. 10 146 Nacken legen, dann trug er ſie, Schritt vorher vor⸗ ſichtig prüfend, hinüber. DDieſe unbedeutende Schwierigkeit wäre überwunden, ſagte er in lachendem Tone, indem er ſie ſanft niederglei⸗ ten ließ; ich hoffe, wir werden nun keine Stromübergänge mehr zu machen haben, ſondern recht bald in Freundesland einrücken. Sie war ſchweigſam und ernſt geworden, das Aben⸗ teuerliche der Fahrt fing nachgerade an, etwas zu aben⸗ teuerlich zu werden, und ſie begann, ſich nach dem Ende zu ſehnen. Ich danke Ihnen, ſagte ſie leiſe— Sie päben mei⸗ netwegen recht viel Mühe und Beſchnerde Wir werden hoffentlich bald das Ende des Waldes erreicht haben oder doch irgend einen gebahnten Weg fin⸗ den; für jetzt müſſen Sie mir ſon Ihre Hand reichen, damit ich vorgehe und Sie führe, denn es iſt ſo dunkel ge⸗ worden, daß man ſelbſt einen Baumſtamm nit eher er⸗ kennt, bis man ihn berührt. Er ergriff ihre Hand und ſie war genöthigt, ihm faſt wie eine Blinde zu folgen. Wir befinden uns hier offenbar auf einem freieren Platze, ſagte er nach einiger Zeit, mit ſeinem Stocke um⸗ hertaſtend, und wie ich aus der Beſchaffenheit des Bodens ſchließe, auf einem verlaſſenen Kohlenmeiler. Geſtatten Sie, daß ich mich überzeuge. 5 Er ließ bei dieſen Worten 147 ihre Hand los und war ſogleich in der jetzt vollſtändigen Finſterniß verſchwunden. Es beſchlich ſie ein unheimliches, der Furcht ähnelndes Gefühl, als ſie plötzlich ſo allein ſtand, und ſie mußte ſich geſtehen, daß es ein ſehr günſtiger Zu⸗ fall geweſen ſei, der ihn ſie hatte finden laſſen. Wo ſind Sie? ertönte feine Stimme aus einiger Ent⸗ fernung— es iſt wirklich ſo dunkel, daß man keine Hand vor Augen ſehen kann. Hier! erwiederte ſie mit ſichtlicher Beruhigung und ſetzte dann, als er zu ihr herantrat, mit gezwungen heite⸗ rem Tone hinzu: Ich habe es bis jetzt nicht für möglich gehalten, daß es überhaupt im Freien ſo finſter werden könnte. Das macht der Nebel, der ſich mit der Nacht verbun⸗ den hat. Es iſt ſo, wie ich gedacht, fuhr er fort, wir befin⸗ den uns auf einem verlaſſenen Kohlenmeiler und deshalb wahrſcheinlich auch noch fern von allen menſchlichen Woh⸗ nungen, an denen in dieſer Gegend ohnehin kein Ueberfluß iſt. Drüben ſteht eine große Eiche— ich habe den Stamm mit meinen Händen als ſolchen erkannt— ſie ſchützt voll⸗ ſtändig vor dem Winde. Ich hoffe ihn wiederzufinden und möchte Ihnen den Vorſchlag machen, in ſeinem Schutze ſo lange auszuruhen, bis der Mond aufgeht; wir werden dann wenigſtens ſo viel Licht erhalten, um den Weg, der von dieſem Platze aus hinabführen muß, erkennen zu können. 10 Wie lange wird es dauern, bis der Mond aufgeht? Der Mond geht um elf Uhr auf; nach meiner Rech⸗ nung iſt es jetzt acht. Alſo noch drei Stunden? Ich werde verſuchen, ein Feuer anzumachen— Feuer⸗ zeug habe ich bei mir, und ich hoffe hier etwas Holz zu fin⸗ den, welches, in Verbindung mit dem Kohlenſtaube, es mir möglich machen wird, mit dem Feuer zu Stande zu kom⸗ men. Es iſt nach meiner Anſicht das zweckmäßigſte, was wir thun können, und wenn Sie erſt im Schutze der Eiche beim lodernden Feuer ſitzen, wird Ihnen dieſe finſtere, feuchtkalte Nacht weniger unbehaglich erſcheinen. Zehntes Capitel. Hedwig hatte weiter keine Einwendungen und ließ ſich von Walther nach der Eiche führen, welche nach län⸗ gerem Suchen wieder aufgefunden wurde. Sie ſetzte ſich am Fuße derſelben nieder, während er ſich damit beſchäf⸗ tigte, Feuer anzuzünden. Es war dies keine leichte Aufgabe, da die erſten Materialien dazu nur mit Hülfe des Taſtens gefunden werden konnten; es gelang jedoch n vergeblichen Verſuchen, und als erſt eine Flamme emporloderte, war es ni rer weiteren Nahrung Ueberfluſſe um 150 fing an ſich behaglicher zu fühlen und das etwas ernſt ge⸗ wordene Abenteuer wieder von einer heitereren Seite zu be⸗ trachten. Auch die Erwägung gewann jetzt bei ihr die Ober⸗ hand, daß ſie keine Schwäche zeigen dürfe, namentlich die⸗ ſem ihr ſo fern und unter ihr ſtehenden und ſich dabei ſo ſelbſtſtändig und doch rückſichtsvoll benehmenden Manne gegenüber. Sie haben wohl ſchon öfter an einem ſolchen Feuer des Nachts auf ihrem Kriegszuge geſeſſen? fragte ſie da⸗ her in heiterem Tone— mir wollte, ſo oft ich Derartiges geleſen, es doch immer ſcheinen, als ob man das Ange⸗ nehme einer ſolchen Situation abſichtlich übertreibe, aber ich finde es wirklich recht behaglich hier und hätte nie ge⸗ glaubt, daß es ſo ſein könne. Wir vergleichen immer die Zuſtände, in denen wir glinden, mit anderen, die nahe liegen, und da es al⸗ ſowohl an Licht als an Wärme gänzlich mnen der jetzige angenehm vor. Wä⸗ em Zimmer hieher verſetzt ich ein ganz an⸗ 0 5 151 Zeit vor, denn der Beſitz ſelbſt ſättigt uns immer wieder ſehr bald. Ach, rief ſie lachend, Sie dürfen wirklich nicht in ſo vieldeutigen Ausdrücken reden! In wie fern? Sie ſprechen von Sättigen, und wenn ich aufrichtig ſein ſoll— ich bin gewaltig hungrig und würde es durch⸗ aus nicht verſchmähen, mich an dem Beſitze eines Theiles der mitgenvmmenen Vorräthe zu ſättigen, welche jetzt der Baron, dieſer beſte Menſch von der Welt, wahrſcheinlich mit großer Befriedigung allein verzehrt. Es that mir unendlich leid, erwiederte Walther, der dieſe Aeußerung der Gräfin nach eigener Wahrnehmung ſehr erklärlich fand, daß ich es verſäumt habe, irgend et⸗ was mitzunehmen; es war unvorſichtig von mir— aber es iſt vielleicht möglich, einige Heidelbeeren zu finden mit Hülfe eines brennenden Holzſcheites— Nein, nein! rief ſie, als er Miene machte, dieſen Vorſchlag auszuführen— es war eine Aeußerung, ledig⸗ lich durch die Ihrige hervorgerufen— bleiben Sie— Sie würden mich erzürnen! Erzürnen? wiederholte er, das brennende Holz wie⸗ der in das Feuer legend— es ſei fern von mir, etwas zu thun, was Ihren Zorn oder auch nur Ihr Mißfallen erre⸗ gen könnte, gnädigſte Gräfin. Seien Sie nicht böſe, ſagte ſie in freundlichem, faſt bittendem Tone, denn ich wünſche nur, daß Sie Sich mei⸗ netwegen nicht noch weiteren Mühen unterziehen; ich be⸗ finde mich deshalb ohnehin ſchon in einer großen Schuld gegen Sie. Er erwiederte nichts auf dieſe Aeußerung, ſondern legte neues Holz an das Feuer, in welches ſie mit nachden⸗ kenden Blicken ſchweigend hineinſah. Auch er ſchwieg und überließ ſie ihren Gedanken. So ſaßen ſie längere Zeit, ohne daß ſie das Geſpräch wieder aufnahm. Sie hatte ſich feſter in die Decke gewickelt und die Augen geſchloſſen, der Widerſchein des Feuers ſpielte mit magiſchen Reflexren auf ihrem ſchönen, ſtolzen Geſichte. Sie ſchlief nicht, denn ſie öffnete zuweilen un⸗ merklich die Augen und blickte auf einen kurzen Moment in der unſicheren, flackernden Beleuchtung nach ihm hinüber. Er ſchien dies nicht zu beachten, ſondern ſtarrte ge⸗ dankenvoll in das Feuer, als ob erſich im Geiſte mit ganz anderen Dingen beſchäftigte. Der Mond iſt aufgegangen, gnädigſte Gräfin, ſagte er dann, umherblickend, nach einiger Zeit, auch der Nebel hat nachgelaſſen— wir werden im Stande ſein, den Weg zu finden— wenn es Ihnen daher genehm iſt, ſo brechen wir auf. Ah, erwiederte ſie, indem ſie lächelnd und erſtaunt aufſah— ich habe ein wenig geſchlummert, wenigſtens mit halbem Bewußtſein— wir ſind wirklich noch im Walde? 153 — Sie haben Recht, es iſt die höchſte Zeit, und ſo ange⸗ nehm es hier auch war an der alten Eiche beim Feuer, wir müſſen fort. Aber ich will nächſtens wieder hierher zurück, um mir den Platz bei Tage anzuſehen, wo ich in Ihrem Schutze einen Theil der Nacht in ſo anßergewöhnlicher Weiſe zugebracht habe. Der Weg, welcher von dem verlaſſenen Kohlenmeiler in das Thal herabführte, war jetzt nicht mehr ſchwer zu finden, denn der Nebel hatte gänzlich aufgehört, und der Mond, obgleich noch tief am Himmel ſtehend und im Walde ſelbſt nicht ſichtbar, verbreitete doch ſo viel Licht, daß man alle Gegenſtände erkennen konnte. Nach einem Marſche von einer Stunde gelangten die einſamen Wan⸗ derer endlich aus dem Walde. Hedwig blieb unwillkührlich ſtehen, als plötzlich die dunkeln Schatten der hohen Tan⸗ nen, in welchen ſie bisher fortgegangen waren, aufhörten und die Gegend, vom Scheine des Mondes magiſch er⸗ leuchtet, zu ihren Füßen ſich ausbreitete. Der Himmel war klar und rein geworden, der Wind hatte ſich völlig gelegt, und unter ihnen lag das Land in wellenförmigen, wei⸗ ten Umriſſen, einem unendlichen, fern wogenden Meere gleichend. Wie wunderbar ſchön das iſt, ſagte ſie— dieſer An⸗ blick entſchädigt allein für die unbedeutenden Beſchwerden unſerer nächtlichen Reiſe— der Nebel hängt nur noch wie 154 ein weißer Schleier oben am Gipfel der Liſſa Hora, ſonſt iſt Alles klar und hell. Freuen wir uns, daß ir dem Bereiche des Nebels entrückt ſind, ſo anmuthig dieſer Schleier von hier auch ausſieht. Hoffentlich werden wir nun bald zu einer menſch⸗ lichen Wohnung gelangen. Wir befinden uns, wie ich ver⸗ muthete, auf der ſüdlichen Seite des Berges, und es wird einige Zeit nöthig ſein, ehe die Wagen hieher beordert find. Es währte noch eine Stunde, ehe ſie endlich ein klei⸗ nes, nur aus wenigen elenden Häuſern beſtehendes Dorf erreichten. Die Hunde wurden lebendig, und bald hatte Walther auch die Bewohner des am beſten ausſehenden Hauſes aus dem Schlafe erweckt. Hedwig war ſehr müde geworden, obgleich ſie es nicht eingeſtand, auch hungrig, und Walther bemühte ſich, ſo viel es irgend möglich war, ihren wenn auch nicht ausgeſprochenen Wünſchen abzuhelfen. Zuerſt wurde ein Bote mit der Weiſung nach dem Dorfe, wo die Wagen ſtanden, abgeſandt, ſogleich einen derſelben hierher zu ſchicken. Der Bote meinte, daß der Wagen in drei Stunden zur Stelle ſein könne. Dann nahm man Beſitz von der kleinen, niedrigen, dumpfigen Stube, nach⸗ dem man vorher die Fenſter eine Zeit lang geöffnet und Feuer angezündet hatte. An Nahrungsmitteln war nichts vorhanden, als einige Eier und friſche Milch, welches Bei⸗ des, auf ſehr urſprünglichen irdenen Tellern ſervirt, doch keineswegs verſchmäht, ſondern von Hedwig mit unver⸗ 155 kennbarem Genuſſe verzehrt wurde. Nach und nach ver⸗ ſtummten jedoch die Scherze, welche dieſes improviſirte Frühſtück begleiteten; man wurde ſchweigſamer, und es trat jene ernüchternde Periode ein, welche, geſättigt von außergewöhnlichen und unbehaglichen Znſtänden, das Ver⸗ langen nach den gewohnten Bequemlichkeiten um ſo ſtär⸗ ker und fühlbarer wieder hervortreten läßt. Sie hatte den hölzernen Stuhl, welcher ihr zum Sitze diente, in eine Ecke des Zimmers geſtellt, den Kopf an die Wand gelehnt und verſuchte die Zeit bis zur Ankunft des Wagens, eine Zeit, die ihr außergewöhnlich lang vorkam, zu ſchlafen. Er hatte das Zimmer verlaſſen und ging drau⸗ ßen auf und ab. Die nächtliche Ruhe war ihm wohlthu⸗ end, und während er langſam im Scheine des Mondes hinwandelte, zogen ſeine Gedanken weit fort und hinüber nach der fernen Fichtenau. Es war Manches in ſeiner jetzigen Umgebung, welches ihn an das Thal des Harzes erinnerte, die Berge, der rauſchende Bach und ſo Vieles, was ſeine geſchäftige Phantaſie ergänzte. Um jenen Vorſprung muß ich gehen, träumte er weiter, dort werde ich die Feuer der Hefen ſehen, und dann— dann— da ſchlug das ferne Rollen eines nahenden Wagens an ſein Ohr, und dieſer Ton verſetzte ihn wieder in die Wirklichkeit zurück. Ah, ſie kommen, ſprach er mit einem leichten Spotte vor ſich hin— die gnädige Gräfin wird froh ſein, das Abenteuer ſo weit beſtanden zu haben und ihres Ritters 156 ledig zu werden, der ebenfalls nichts dagegen einzuwenden hat.— Es ſind wirklich beide Wagen, und in einem ſitzt der Baron— das iſt ja über alle Erwartung. Wo iſt die Gräfin, Herr Inſpector? rief der Baron, noch ehe der Wagen hielt— ich hoffe doch ganz wohl? Ich würde mir Zeit meines Lebens die bitterſten Vorwürfe machen, wenn ihr irgend etwas zugeſtoßen wäre! Die gnädige Gräfin befinden ſich ganz wohl hier in dieſem Hauſe. In dieſer Baracke, wollen Sie ſagen— das ſind die Folgen ſolcher Ertravaganzen— ich habe, ſo lange ich lebe, einen ſolchen Rebel nicht geſehen, und werde den Weg von dieſem verdammten Berge niemals vergeſſen; aber zeigen Sie mir, wo.... Guten Morgen, Herr Baron! fagte Hedwig, in der Thür des Hauſes erſcheinend— Sie haben Sich ſelbſt hieher bemüht? Welche unnöthige Anſtrengung! Glaubten Sie wirklich, ich hätte Sie hier in dieſer Räuberhöhle ohne Schutz laſſen können— ſobald ich nur eine Ahnung davon hatte, wo Sie Sich befinden konnten, war es mein erſtes Geſchäft, zu Ihnen zu eilen. Hier iſt Ihr Mantel— hier, nehmen Sie ihn nur, denn es iſt kalt und feucht— wollen Sie Sich nicht etwas ſtärken— bringe er die Speiſen und den Wein, Johann aber raſch, die gnädige Gräfin werden es bedürfen. Ach, was habe ich Ihretwegen für Angſt ausgeſtanden! es läßt ſich gar 157 nicht beſchreiben! Erſt warteten wir oben faſt noch zwei Stunden, bis es anfing, dunkel zu werden, aber es kam Niemand wieder zurück, weder Sie noch der Baron, der noch immer verloren iſt, noch der Inſpector; da mußten wir uns, ſo ſchwer es mir wurde, entſchließen, nach dem Dorfe hinabzugehen— denn von Reiten war keine Rede — ich werde an dieſen Gang denken, an die verdammten Wurzeln und Steine, die man erſt bemerkte, wenn man ſich daran geſtoßen oder darüber gefallen war. Wir glaub⸗ ten, Sie ſicher unten zu finden— als wir halb todt dort ankamen— keine Spur— keine Idee!— Ich bin der beſte Menſch von der Welt, und den Schrecken gönne ich uicht meinem ärgſten Feinde— Sie können denken. Alſo Alfred iſt noch nicht zurück? unterbrach Hedwig den unaufhörlich ſprechenden Baron— er wird ſich auch verirrt haben.... Natürlich? Wer hätte in der Dunkelheit den Weg finden können? Nie habe ich eine größere Freude gehabt, nie in meinem ganzen Leben, als in dem Augenblicke, wo Ihr Bote kam und ich erfuhr, daß Sie glücklich wieder an Land gekommen ſeien! Aber wie iſt es Ihnen ergan⸗ gen? Sie müſſen uns das ausführlich erzählen— ich habe keine Idee. Ganz gut, Herr Baron, erwiederte Hedwig in ge⸗ meſſenein Tone— der Herr Inſpector hat dafür geſorgt, daß es mir an nichts gemangelt hat. An nichts gemangelt? fragte der Baron mit erſtaun⸗ ter Miene— dafür geſorgt? Ja, manche Menſchen haben ein exorbitantes Glück— ich habe Alles aufgeboten, um Sie zu finden— aber vergebens— ich mußte allein die⸗ ſen nichtswürdigen Berg in der ſtockfinſtern Nacht mit obligatem Nebel dazu hinabſteigen und begreife es ei⸗ gentlich noch bis dieſen Augenblick nicht, daß ich lebendig und mit heilen Gliedern hinabgekommen bin. Der Himmel hat Sie offenbar in ſeinen Schutz ge⸗ nommen, erwiederte ſie ſpöttiſch, Tugend wird belohnt— aber fahren wir jetzt— ich ſehne mich ebenfalls nach dem Ende. Befehlen Sie nicht einige Erfriſchungen? Ich danke, ich habe bereits gefrühſtückt. Haben bereits gefrühſtückt? fragte er verwundert. Ja, und es hat mir lange nicht ſo gut geſchmeckt. Herr Baron, nehmen Sie an meiner Seite Platz, der Herr Inſpector wird ſich des andern Wagens bedienen. Nachdem Hedwig ihre Wirthe reichlich belohnt hatte, reichte ſie dem Baron die Hand und ließ ſich von ihm in den Wagen helfen, und ſo rollte das leichte Fuhrwerk, ge⸗ folgt von dem anderen, als eben der öſtliche Himmel ſich zu röthen begann, aus dem kleinen Dorfe in raſchem Trabe fort. Zu Hedwig's Freude und Beruhigung fanden ſie, an dem erſten Sammelplatze angekommen, Affred, welcher in * 159 ähnlicher Weiſe die Nacht zugebracht, und ebenfalls erſt nach dem Aufgange des Mondes den Weg aufgefunden hatte. Er war ſichtlich ermüdet und abgeſpannt, und ſo ſehr man ſich auch bemühte, eine fröhliche und heitere Laune an den Tag zu legen, die Folgen einer ungewohnt durchwachten Nacht traten überall, ſelbſt während des Frühſtückes hervor, das man jetzt aus den mitgebrachten Vorräthen einnahm. Es ſehnte ſich ein Jeder nach dem Ende und nach Ruhe, und man beeilte daher die Abfahrt ſo viel als möglich. Hedwig fuhr wieder mit Alfred zuſammen und der Baron mit Walther, wie auf der Hinfahrt. Die Sonne war inzwiſchen aufgegangen und es wehte ein erfriſchender, kühler Morgenwind. Sie wickelte ſich feſter in ihren Man⸗ tel und hörte ſchweigend Alfred's Erzählung von ſeinem Ergehen während der Nacht. Seine Fragen beantwortete ſie nur kurz, und er war ungewiß darüber, ob ſie ermüdet oder abgeſpannt ſei, oder ob ſie die weitere Mittheilung ihrer Abenteuer zu vermeiden ſuche. Dein Freund hat mir weſentliche Dienſte geleiſtet, ſagte ſie mit halb geſchloſſenen Augen— ich bin ihm zu Dauke verpflichtet. Er iſt in ſolchen Dingen erfahren und weiß ſich überall zu helfen. Wir haben mehrere Stunden an einem Feuer zugebracht, das er angezündet— das hat mir beſonders wohlgethan. Dann ſchwieg ſie und ſchloß die Augen, ſo daß ihr gleichfalls ermüdeter Begleiter es vorzog, keine weiteren Fragen au ſie zu richten, ſondern ſo gut es gehen wollte, den verſäumten Schlaf nachzuholen. In dem anderen Wagen wurde das Geſpräch lebhaf⸗ ter geführt, wenigſtens von Seiten des Barons, der in ſeiner ausführlichen Weiſe die entſetzlichen Beſchwerden des beſtandenen Nachtmarſches ſchilderte und dabei ſtets wie⸗ derholte, daß die Beſorgniß um das Ergehen der Gräfin ihn vollſtändig moraliſch aufgerieben, ja, vernichtet habe. Wie fanden Sie dieſelbe, wo war ſie, wie ſah ſie aus, wie benahm ſie ſich? fragte er dann in Einem Athem weiter. Ich fand ſie, wie ſchon bemerkt, ungefähr eine Stunde von dem Gipfel der Liſſa Hora; ſie ſah aus wie immer und benahm ſich auch wie immer— ich wüßte auch nicht, wie es anders hätte ſein ſollen! Ja, ſie hat einen ſtarken Geiſt— aber das liegt im Blute, iſt angeboren— iſt Race, wenn ich mich dieſes Ausdruckes bedienen darf. Ein gewöhnliches Frauenzim⸗ mer hätte geklagt und geweint— aber nicht wahr, keine Klage— keine Thränen? O, ich kenne das— es iſt Race, ſage ich Ihnen. Ich glaube, ſie könnte ihren Vater ſterben ſehen und würde nicht weinen! Das wäre doch unnatürlich, Herr Baron. Ach, gehen Sie mir mit Ihrer Natürlichkeit! Der hö⸗ her ſtehende Menſch weiß ſeine Natur im Zaume zu halten 161 und läßt ſich nicht von ihr knechten. Dadurch unterſcheidet er ſich von der Gewöhnlichkeit. Aber ſo etwas iſt angebo⸗ ren, liegt im Blute— Sie verſtehen mich vielleicht nicht? Nein, Herr Baron, ich verſtehe Sie nicht, da ich zu den gewöhnlichen Menſchen gehöre, erwiederte Walther mit ſichtlichem Spotte. Nun, darauf kommt es auch nicht an. Das Factum ſteht feſt, und das werden Sie begreifen. Vollkommen. Ich wünſchte, wir wären zu Hauſe oder wenigſtens in Wallfort, ſeufzte der Baron nach einiger Zeit— ich habe dieſes unbequeme Fahren herzlich ſatt. Ihr Wunſch wird bald in Erfüllung gehen, die Fen⸗ ſter des Schloſſes leuchten ſchon zu uns herüber. Sie haben gute Augen. Es iſt eine verkehrte Welt— denn man muß ſich nun am Morgen ins Bett legen. Bald darauf erhielten die Wagen vor dem Portale des Schloſſes. Der Graf war gegen ſeine Gewohnheit ſelbſt herabgekommen, um ſeine Tochter zu empfangen, deren nächtliches Ausbleiben ihn ſehr beunruhigt hatte. Nun, biſt Du endlich da, mein Kind? rief er ihr ent⸗ gegen— ich ſagte Dir ja gleich, daß die Partie ſich in ei⸗ nem Tage nicht machen ließe, aber Du nimmſt ſtets keine Rückſicht auf meinen Rath! Nur der Zufall oder vielmehr der Nebel hat uns ge⸗ ſtern Abend an der Rückkehr verhindert, erwiederte ſie, Gräfin und Marquiſe. IMI. 11 162 leicht vom Wagen ſpringend; aber wir ſind Alle munter und wohlbehalten wieder da, lieber Papa, und haben uns vortrefflich amuſirt. Nun, das freut mich, freut mich; aber treten wir ein, denn es zieht hier und ich bin leicht gekleidet. Herr Inſpector, wandte ſich Hedwig mit einem freund⸗ lichen Ausdrucke ihrer fonſt ſo ſtolzen Augen an Walther, empfangen Sie vorläufig meinen aufrichtigen Dank für Ihre Bemühungen um meine Perſon, zugleich mit dem Wunſche, daß Ihnen die Fahrt gut bekommen möge. Mit einer graziöſen Verneigung entfernte ſie ſich, von den Andern gefolgt. Walther aber, der eine Einla⸗ dung zum Eſſen abgelehnt hatte, ritt bald darauf, in man⸗ cheriei Gedanken vertieft, ebenfalls ſeiner Wohnung zu. —— Elftes Capitel. Der Winter war mit ungewöhnlicher Strenge einge⸗ treten, die Beſchäftigung im Freien hatte aufgehört und Walther lebte einſam und zurückgezogen auf ſeinem Vor⸗ werke faſt ausſchließlich im Umgange mit ſeiner Mutter. Er füllte mit Leſen und Muſiciren ſeine Zeit aus und traf, ſo viel es thunlich war, Vorbereitungen, um beim Eintritte der beſſeren Jahreszeit die ihm obliegenden Geſchäfte mit umfaſſender Thätigkeit beginnen zu können. Auf dem Schloſſe ging es häufig ſehr lebhaft zu, denn es wurden große Treibjagden gehalten, an denen ſich Walther, ob⸗ gleich dazu aufgefordert, nicht betheiligte. Er gab vor, kein Jäger zu ſein, und ſtieg durch dieſe negative Eigenſchaft noch mehr in der Gunſt des Grafen, der es nicht liebte, wenn ſeine Beamten dergleichen noble Paſſionen beſaßen. Der wahre Grund ſeiner Weigerung lag jedoch lediglich in dem Umſtande, daß er es vermeiden wollte, bei dieſen von 11 164 dem höheren Adel der Umgegend faſt ausſchließlich beſuch⸗ ten Jagden, wo Hunderte von Dorfbewohnern in der Frohnde treiben mußten, eine ſo untergeordnete Rolle zu ſpielen, wie ſie den Beamten des Grafen zugewieſen wurde. Sie hatten die Treiber zu führen und in Ordnung zu hal⸗ ten und durften entweder gar nicht oder nur dann auf ein Stück Wild ſchießen, wenn es außer der Möglichkeit lag, das dasſelbe noch von den Schützen erlegt werden konnte. Er zog es daher vor, ließer Nichtjäger zu ſein, und be⸗ ſuchte überhaupt das Schloß nur dann, wenn er dies aus amtlichen Gründen thun mußte. Hedwig hatte er nach der Fahrt auf die Liſſa Hora zwar mehrmals, aber immer nur ſehr flüchtig geſprochen und die Unterhaltung dann ſtets abſichtlich in einer ſo förmlichen Weiſe geführt, daß ſie ihn jetzt völlig unbeachtet ließ. Alfred war einige Male zu ſehr kurzen Beſuchen in Wallfort geweſen, da er es vorzog, den Winter über iu Breslau zuzubringen, weil ihm die großen Jagden und die damit verbundenen Diners ebenfalls nicht zuſagten. Wäh⸗ rend der kurzen Anweſenheit ſeines Freundes hatten Beide zwar in alter Weiſe mit einander verkehrt, ſich jedoch nur wenig geſehen, da Walther auch dann auf ſeiner Weige⸗ rung beharrte, das Schloß zu beſuchen. So war der Winter vergangen und die Stürme des März begannen die Annäherung des Frühlings zu verkün⸗ den. In dieſe Zeit fiel Walther's Geburtstag. Seine —— 165 Mutter hatte es ſich nicht nehmen laſſen, dieſen Freuden⸗ tag, an welchem ſie ihren Sohn vor ſechsundzwanzig Jah⸗ ren geboren, zu feiern, und er empfing mit dankbarem Her⸗ zen die an ſich werthloſen, aber mit Liebe gegebenen Ge⸗ ſchenke, welche ſie mit eigener Hand für ihn gefertigt hatte. Du biſt viel zu gut, liebe Mutter, ſagte er, indem er abermals ihre Hand zärtlich drückte, und Du haſt Dir viel zu viel Mühe gemacht. Nicht Mühe, ſondern Freude hat es mir verurſacht, denn ich kann ja dieſen Tag wieder vereint mit Dir feiern. Im vorigen Jahre warſt Du weit, weit im fremden Lande, und ich wußte nicht, ob ich Dich jemals wieder an mein Herz drücken würde. Im vorigen Jahre— wiederholte er mit einem Seuf⸗ zer— ja, im vorigen Jahre— da war ich drüben in der Fichtenau. Sie waren doch ſpäter ungehalten darüber, als ein Brief von Dir kam, daß ich von meinem Geburtstage geſchwiegen hatte— es wäre ſehr ſchlecht von mir, ſagte Margot, daß ich ihr dieſe Freude nicht gegönnt habe, ſetzte er mit einem wehmüthigen Lächeln hinzu. Darin hatte ſie auch vollkommen Recht, mein Sohn, denn wenn man Jemanden werth hält, ſo gibt es keine größere Freude für uns ſelbſt, als ihm eine zu bereiten. In dieſem Jahre wiſſen ſie aber Deinen Geburtstag, fuhr ſie mit einem vielſagenden Lächeln fort, und da haben ſie es ſich nicht nehmen laſſen, ſich dieſe Freude zu machen, . 166 wenn ſie auch fern von Dir ſind— hier iſt ein Brief und ein Packet— ich gebe es Dir jetzt erſt, denn man muß das Beſte immer bis zuletzt aufbewahren. Mit freudiger Ueberraſchung nahm Walther Beides in Empfang. Es waren Briefe von Wehring, von ſeiner Frau und von Margot. Der Erſtere überſandte in einem eleganten Kaſten ein Paar ſchöner Lütticher Piſtolen mit dem Wunſche, zur geeigneten Zeit und je eher, je lieber Gebrauch davon zu machen; die Frau Wehring ſchrieb herz⸗ liche Wünſche mit der Verſicherung, daß ſie Alle ſeiner täg⸗ lich gedächten und hofften, ihn bald zum Beſuche bei ſich zu ſehen; Margot endlich ſandte eine zierliche, von ihr ge⸗ ſtickte Brieftaſche, in deren einem Behälter zwei welke Blu⸗ men lagen. Was ſie ſchrieb, haben wir nicht geleſen, aber der Inhalt ihres Briefes, welcher dieſes Mal von größerer Länge war, brachte jedenfalls die von der Schreiberin be⸗ abſichtigte Wirkung hervor, denn ſeine Augen erglänzten in freudiger Bewegung, als ſie raſch über die eng geſchrie⸗ benen Zeilen glitten, die er geküßt haben würde, wenn ihn die Anweſenheit ſeiner Mutter nicht daran gehindert hätte. Du ſiehſt, daß ſie Deiner nicht vergeſſen haben, mein Sohn, ſagte ſie nach einiger Zeit, und jetzt, im gegenwär⸗ tigen Augenblicke, denken ſie gewiß recht lebhaft an Dich. Meinſt Du, liebe Mutter? fragte er, indem ſeine Au⸗ gen ſich unwillkürlich nach Weſten richteten. Wie kannſt Du nur daran zweifeln, würden ſie ſonſt ———— —— 167 geſchrieben und Dir Geſchenke geſandt haben? Welch' hübſche Brieftaſche, fuhr ſie fort, und wie zierlich und müh⸗ ſam geſtickt; das gute Kind muß ſich recht lange mit die⸗ ſer feinen Stickerei beſchäftigt haben. 7 Glaubſt Du? fragte er mit einem freudigen Blicke, 3 indem er die Brieftaſche wieder aus den Händen ſeiner Mutter entnahm und ſie mit erneueter Aufmerkſamkeit be⸗ trachtete— es iſt viel zu ſchön, viel zu zart für mich. Und bei jedem Stiche hat ſie meiner gedacht, fuhr er ſinnend fort— ſolche Geſchenke können wir Männer niemals ge⸗ ben— niemals— aber ich will jetzt hinaufgehen, liebe Mutter— Du haſt auch noch mancherlei zu beſorgen— und ich habe die Briefe nur fehr flüchtig geleſen. . Thu' das, lieber Sohn, erwiederte ſie zärtlich, ich werde Dich zum Eſſen rufen laſſen. Walther nahm die Briefe und die Brieftaſche, wäh⸗ rend er den Piſtolenkaſten ſtehen ließ, und war im Be⸗ griffe, ſich zu entfernen, als ein Reitknecht des Grafen in voller Livree mit einem Handpferde in den Hof ritt. Er⸗ ſtaunt blickten Mutter und Sohn durch das Fenſter auf dieſen unerwarteten Beſuch. Das Pferd, welches der Reit⸗ knecht an der Hand führte, war kohlſchwarz und von edler arabiſcher Zucht. Walther kannte es, es war eines der werthvollen Pferde des Grafen und zum ſpäteren Dienſte der jungen Gräfin von dieſer beſtimmt. Der Reitknecht 168 hatte beide Pferde draußen abgegeben und trat jetzt in das Zimmer. Eine Empfehlung von der gnädigen Gräfin, ſagte er zu Walther gewendet, ich ſoll dem Herrn Inſpector dieſe Karte geben und das Pferd, welches ich mitgebracht habe. Er überreichte Walther mit dieſen Worten eine zier⸗ liche Viſitenkarte, worauf in Kupfer geſtochen die Worte ſtanden:„Hedwig, Comteſſe de Wallfort“; darunter waren mit Tinte die Buchſtaben p. f. geſchrieben. Walther drehte erſtaunt und unentſchloſſen die Karte mehrmals in der Hand herum, während der Reitknecht in gerader Haltung vor ihm ſtehen blieb. Wollen der Herr Inſpector das Pferd in Empfang nehmen? fragte dieſer dann. Welches Pferd? Die Walli— jetzt heißt ſie aber anders— ſie ſteht draußen. Mit ſehr gemiſchten Gefühlen folgte Walther dem Reitknechte hinaus auf den Hof. Dort ſtand das ſchöne, kohlſchwarze Pferd, ungeduldig mit dem Fuße ſcharrend. Es trug nur eine Trenſe von gelbem Leder, welche an⸗ muthig gegen das ſchwarze, ſeidenartige Haar abſtach, oben auf dem Stirnriemen befand ſich eine kleine ſilberne Platte, auf welche die Worte gravirt waren: Liſſa Hora. So heißt ſie jetzt, ſagte der Reitknecht mit einem ei⸗ 169 genthümlichen Lächeln, als Walther's Blicke auf der Platte hafteten— die gnädige Gräfin hat befohlen, ſie ſo zu nennen. Und das Pferd ſoll hier bleiben? fragte Walther mit finſterer Miene. Natürlich, die gnädige Gräfin machen es ja dem Herrn Inſpector zum Geſchenk. Warte Er einen Augenblick, ich komme ſogleich zurück, ſagte Walther, indem er eilig und aufgeregt zu ſeiner Mutter in das Zimmer trat, die noch immer neugierig am Fenſter ſtand. Denke Dir, Mutter, rief er mit ſichtlichem Unwillen, die Gräfin ſchickt mir ein Pferd nebſt einer Viſitenkarte! Es ſoll wahrſcheinlich ein Geburtstags⸗Geſchenk, eine Ab⸗ findung für die geringen Dienſte ſein, die ich ihr bei jener abenteuerlichen Fahrt geleiſtet, denn man hat dem Thiere den Namen Liſſa Hora gegeben. Man hätte kaum eine zartere Form zum Quittiren einer drückenden Schuld auf⸗ finden können— ich werde es jedenfalls zurückſchicken. Das darfſt Du nicht, mein Sohn, erwiederte ängſt⸗ lich und begütigend ſeine Mutter, Du würdeſt die Gräfin mit Recht erzürnen. Es iſt jedenfalls gut gemeint; ſolche vornehme Leute haben ihre eigenen Formen, und es liegt immer eine große Aufmerkſamkeit darin, daß ſie an Dei⸗ nen Geburtstag denkt. Du mußt die Sache in einem an⸗ deren Lichte betrachten und würdeſt ſie empfindlich verletzen, 170 wollteſt Du das Geſchenk zurückweiſen, Deine ganze Stel⸗ lung unhaltbar machen. Faſſe doch das Ganze von der leichten Seite auf, fuhr ſie fort, als Walther unentſchloſſen ſchwieg, ſtoße Dich nicht an die Form, fondern verletze dieſe Deinerſeits ebenfalls in keiner Weiſe. Sei recht höflich und ſo förmlich dabei, wie Du willſt— aber zurückſchicken darfſt Du das Pferd nicht! Nun, ſo mag es denn hier bleiben, ſagte er mit un⸗ terdrücktem Aerger; Du haſt Recht— ich ſehe das ein, und wenn ich es auch nicht einſähe, ich müßte es doch thun! Führe das Pferd in den Stall, befahl er einem Die⸗ ner, und Er, wandte er ſich an den Reitknecht, mache Er meine gehorſamſte Empfehlung an die gnädige Gräfin, ich würde mich ſelbſt perſönlich bei ihr bedanken. Werd's ausrichten, Herr Inſpector, erwiederte der Reitknecht, indem er ſich auf ſein Pferd ſchwang und aus dem Hofe ſprengte. Am andern Tage ritt er nach Wallfort hinüber. Es war ein heller, ſonniger Tag, die Lerchen ſtiegen aus der ſchon grün ſchimmernden Saat empor und jubelten, dro⸗ ben in der blauen Luft verſchwindend, dem kommenden Frühlinge entgegen; das Gebirge lag klar in duftig blauer Färbung am Horizont und die Liſſa Hora winkte freund⸗ lich zu ihm herüber einem lächelnden Mädchen gleich, von dem man es nicht für möglich hält, daß ſie auch finſter und 171 zornig ausſehen könne. Es gewährte ihm ein unverkennba⸗ res Vergnügen, das edle, muthige Pferd zu reiten, welches nach Hedwig's Laune jetzt den Namen jenes Berges führte. Raſch flog er damit über die Ebene hin und ergötzte ſich als ein gewandter Reiter an ſeinen anmuthigen und leb⸗ haften Bewegungen. Das drückende Gefühl, daß dieſes Pferd ein Geſchenk der ſtolzen Gräfin ſei, verſchwand für den Augenblick in dem Genuſſe, es zu reiten und ſeine Dreſſur und Fähigkeiten zu prüfen. Brav, brav, rief er, den ſchlanken, ſeidenartigen Hals klopfend, als es ſo eben mit einem graziöſen Satze einen Graben überſprungen hatte, brav, Liſſa! Es ſcheint mir, wir werden gute Freunde werden. Das Pferd wandte den Kopf, indem es ſeine großen Nüſtern aufblies, als hätte es ſeine Worte verſtanden. Er ließ es langſam weiter ſchrei⸗ ten, denn ſeine Gedanken fingen jetzt an, ſich mit anderen Dingen zu beſchäftigen.— Es freut mich, ſagte Hedwig, nachdem er ihr in ziem⸗ lich förmlicher Weiſe ſeinen Dank für das ſo unerwartete Geſchenk, wie er ſich ausdrückte, abgeſtattet hatte, es freut mich, wenn Ihnen das Pferd gefällt. Sie können Sich in jeder Beziehung darauf verlaſſen, ich habe mich ſelbſt über⸗ zeugt. Ich habe ihm den Namen Liſſa Hora gegeben, da⸗ mit Sie Sich zuweilen an unſere nächtliche Wanderung erinnern, für welche ich ſtets Ihre Schuldnerin bleiben werde. Auch jetzt noch, fragte er mit einem zweifelhaften Lã⸗ cheln, auch jetzt noch, nachdem Sie mich ſo überaus reich⸗ lich für jene geringen und ſelbſtverſtändlichen Dienſte ent⸗ ſchädigt haben? Sie ſah ihn fragend an und allmälig verfinſterte ſich ihr Auge, das bisher mit gewinnender Freundlichkeit auf ihm geruht hatte. Ich muß es Ihnen überlaſſen, in dieſer Beziehung nach eigener Anſicht zu denken, ſagte ſie ernſter; meine Ab⸗ ſicht war, mich erkenntlich zu bezeigen— Ihnen eine Freude zu machen— ich muß es dahingeſtellt ſein laſſen, ob ich dieſe Abſicht erreicht habe. Wie können Sie daran zweifeln? Ich fühle mich be⸗ ſchämt und jetzt tief in Ihrer Schuld. Das ſollen Sie aber nicht! rief ſie mit ungewöhnli⸗ cher Lebhaftigkeit. Wenn der Beſitz des Pferdes ſo quä⸗ lende und beſchämende Gedanken bei Ihnen erzeugt, ſo ge⸗ ben Sie es zurück— laſſen Sie es hier! Ich habe mich vielleicht nicht richtig ausgedrückt, er⸗ wiederte er, ſie ruhig anſehend, und wollte nur ſagen, daß ein ſo werthvolles Geſchenk mit den geringen Dienſten, die ein günſtiger Zufall mich Ihnen leiſten ließ, in keinem Ver⸗ hältniſſe ſtände. Das iſt meine Sache, entgegnete ſie, indem ſie ihre Brauen zuſammenzog; der Werth eines Geſchenkes richtet ſich nach demjenigen, der es macht— der Werth iſt über⸗ 173 haupt Nebenſache; für mich bleibt er wenigſtens ſtets ohne alle Bedeutung. Ich theile darin ganz Ihre Anſicht, gnädige Gräfin, ſagte er nicht ohne Verlegenheit, und empfinde jetzt doppelt das Glück und die Ehre des mir erwieſenen Wohlwollens. Wie Sie wollen, ſagte ſie mit ſichtlichem Aerger, und ſetzte dann in dem Beſtreben, jede Empfindlichkeit zu ver⸗ bergen, mit gezwungen freundlichem Lächeln hinzu: Ich hoffe alſo, die Liſſa Hora wird bei Ihnen keine unangenehmen Erinnerungen erwecken. Ich werde ſtets der freundlichen Geberin eingedenk ſein, erwiederte er jetzt wieder unbef angen, und erlaube mir daher, nochmals meinen aufrichtigſten Dank abzuſtatten. Ganz aufrichtig? fragte ſie. Wie können Sie daran zweifeln— ich würde mich ſonſt nicht ſo ausgedrückt haben! Sollten Sie wirklich ſo aufrichtig ſein, wie Sie Sich jetzt geben? Ihr Auge ruhte bei dieſer Frage mit einem Gemiſche von Muthwillen und Zweifel auf ihm und blickte ihn da⸗ bei ſo feſt und uwerwandt an, daß er das ſeinige unwill⸗ kürlich abwandte. Ich habe es ſtets für unehrenhaft gehalten, unwahr zu ſein— und hier wäre außerdem dazu nicht die mindeſte Veranlaſſung. Das Letztere freut mich beſonders, ſcherzte ſie, und ich 174 glaube Ihnen jetzt. Empfehlen Sie mich Ihrer Frau Mut⸗ ter; ich habe ſie lange nicht geſehen und hoffe, daß ſie ſich wohl befindet. Ganz wohl, gnädige Gräfin. Wenn das Wetter erſt beſſer ſein wird und der Wald anfängt, grün zu werden, wollen wir öfter, ſoweit es Ihre Zeit erlaubt, zuſammen in den Wald reiten, damit ich mich überzeuge, ob die Liſſa Hora auch Ihre Gunſt verdient. Die gnädige Gräfin haben ganz über mich zu verfü⸗ gen— was aber die Liſſa Hora betrifft, ſo habe ich mich heute ſchon überzengt, daß ſie nichts mehr zu wünſchen übrig läßt. Grüßen Sie Ihre Frau Mutter, fagte ſie, leicht die Hand zum Abſchiede bewegend, ich werde mich nächſtens perſönlich nach ihrem Befinden erkundigen— alſo auf Wiederſehen! Er empfahl ſich und ritt gedankenvoll heimwärts. Die Unterhaltung mit der Gräfin hatte ihn aufgeregt; es lag etwas Geſuchtes, etwas Abſichtliches in ihren Worten, eine Miſchung von Stolz und dem Beſtreben, liebenswür⸗ dig gegen ihn zu ſein; denn was hatte ſie ſich überhaupt um ihn zu bekümmern, weshalb kam ſie immer wieder auf jene längſt der Vergeſſenheit angehörende Fahrt zurück und friſchte die Erinnerung daran durch ein ſo eigenthümliches Geſchenk wieder auf? Wie war ſie zu der Kenntniß ſeines Geburtstages gelangt? Dieſer letzte Gedanke, der ihm 175 bisher gar nicht gekommen war, fing jetzt an, ihn beſonders zu beſchäftigen, und er ſagte ſich, daß in dieſem Umſtande, in der darin ausgedrückten zarten Aufmerkſamkeit wohl eigentlich der wahre Werth des Geſchenkes liege und daß ſie dies habe andeuten wollen, ohne daß er es verſtanden oder davon Erwähnung gethan. Er wurde ſichtlich ver⸗ ſtimmt und mit ſich unzufrieden und glaubte zu fühlen, daß er ſich wohl anders hätte benehmen können.— Dann gin⸗ gen ſeine Gedanken jedoch zu anderen, ihm lieberen Ge⸗ genſtänden über, und als die Dächer des Vorwerkes zu ihm im Sonnenſcheine herüberleuchteten, lockerte er den Zügel ſeines Pferdes, welches, raſch dahintrabend, ihn bald vor die Thür ſeiner Wohnung brachte. Nun, fragte ſeine Mutter, als Walther zu ihr in das Zimmer trat, iſt Dein Geſchäft beendet? Nicht wahr, Du haſt jetzt eingeſehen, daß es nöthig war, ihr Deinen Dank abzuſtatten? Gewiß, liebe Mutter, ſagte er— da ich das Pferd angenommen, mußte ich mich auch dafür bedanken. Wie benahm ſich die Gräfin? Sie war gnädig und herablaſſend, ich fühle mich ſehr geehrt, erwiederte er mit einem ſpöttiſchen Lächeln. Du haſt gegen ſie eine vorgefaßte Meinung, be⸗ merkte ſie, die Gedanken ihres Sohnes errathend, und be⸗ urtheilſt ſie hart und lieblos. O, nicht doch, Mutter, ſie hat offenbar ihre guten und anerkennenswerthen Eigenſchaften, beſonders anerken⸗ nenswerth bei einer ſo reichen und vornehmen Gräfin— aber der Stolz iſt doch immer der Grundzug ihres Cha⸗ rakters; deshalb werde ich bemüht bleiben, ſo wenig als möglich mit ihr in Berührung zu kommen. Der Graf iſt mein Brodherr, fuhr er erregter fort; ich bin in ſeine Dienſte getreten mit der Abſicht, mir dadurch eine eigene Erxiſtenz zu begründen, was mir mit Gottes Hülfe auch gelingen wird; ich habe ſeine Befehle zu erfüllen, ſeine Launen und Eigenheiten zu ertragen, deren er vielleicht mehr als ge⸗ wöhnliche Menſchen beſitzt— ſeine Tochter aber geht mich nichts, gar nichts an, und ich bin weder verpflichtet, mich zum Spielzeug ihres Stolzes noch ihrer gelegentlichen Großmuth herzugeben. Du haſt wahrlich keine Urſache zu einer ſo leiden⸗ ſchaftlichen und faſt feindſeligen Auffaſſung, denn ſo viel ich wahrgenommen, iſt die Gräfin ſtets rückſichtsvoll gegen Dich geweſen; ich wüßte wirklich nicht, wie ſie anders hätte ſein ſollen. Mit dem Geſchenke des Pferdes hat ſie Dir doch offenbar eine Freude und Ueberraſchung bereiten wol⸗ len, aber es ſcheint faſt, daß ſie ihre Abſicht ſehr ſchlecht erreicht hat. Sprechen wir nicht mehr davon, ſagte er finſter, die Sache iſt ja nun abgethan. Die Gräfin war ſo gnädig, ſich auch nach Deinem Befinden zu erkundigen, will Dich nächſtens beſuchen und dann auch zuweilen in meiner Ge⸗ — J 177 ſellſchaft Spazierritte in den Wald unternehmen, um ſich zu überzeugen, ob die Liſſa Hora— ich möchte dem Pferde eigentlich einen anderen Namen geben— meinen Anfor⸗ derungen entſpricht. Das ſcheint Dir Alles unangenehm zu ſein? Wenigſtens im höchſten Grade gleichgültig. Gott ſei Dank kommt jetzt die Zeit, wo ich draußen vollauf zu thun haben werde, denn ich muß dieſes träge Volk ſelbſt und genau beaufſichtigen, wenn ich den beabſichtigten Er⸗ folg erzielen will. Da wird mir ſehr wenig Zeit zu roman⸗ tiſchen Spazierritten übrig bleiben und die Gräfin wird ge⸗ wiß dann auch bald erkennen, daß der Verwalter zweier Vorwerke ihres Vaters nicht die geeignete Perſon iſt, um ihr auf ſolchen Ritten zum Begleiter zu dienen. Ich hoffe, lieber Sohn, ſagte ſeine Mutter mit ihrem freundlichen Lächeln, die gereizte Stimmung, in welcher Du Dich jetzt aus mir unbekannten Urſachen befindeſt, wird dann aufgehört haben und Du das Alles viel unbefange⸗ ner beurtheilen. Möglich— möglich— aber ich glaube keineswegs jetzt in einer gereizten Stimmung zu ſein— doch, wie Du meinſt— ſprechen wir nicht mehr davon. Gräfin und Marquiſe. I. Zwölftes Capitel. Der Monat Mai war gekommen und die Natur hatte auch in dem ſonſt etwas rauhen Klima Oberſchle⸗ ſiens ihr Blüthengewand angezogen. Das Stückchen Erde ſelbſt, welches man Europa nennt, von welchem, wie von dem Gehirn des Menſchen, alle Nervenfaſern der Erde auslaufen und den ganzen Körper nach ſeinem Willen bewegen, dieſes Stückchen Erde, daß ſchon ſo oft mit Blut geſättigt worden iſt, ohne dadurch an ſeiner Fruchtbarkeit und Zeugungsfähigkeit zu verlieren, hatte in den wenigen Monaten, die wir mit Walther in dem ent⸗ legenen Winkel Oberſchleſiens zugebracht haben, ſich wieder weſentlich verändert. Der Friede von Schönbrunn, wel⸗ cher nach dreimonatlicher Unterhandlung am 14. Oetober des vorhergegangenen Jahres 1809, geſchloſſen war, ko⸗ ſtete Oeſterreich 2000 Quadratmeilen und 3 ½ Millionen Menſchen, welche der allgewaltige Eroberer theilweiſe an die neugeſchaffenen Könige des Rheinbundes und an das Herzogthum Warſchau vertheilt, theilweiſe an die neuge⸗ ſchaffenen Könige des Rheinbundes und an das Herzog⸗ thum Warſchau vertheilt, theilweiſe ſich ſelbſt vorbehalten hatte. Oeſterreich war jetzt gänzlich vom Meere abge⸗ ſchnitten und immer weiter nach Oſten zurückgedrängt. Was es den Polen geraubt, war ihm wieder geraubt worden— aber Napoleon zögerte immer noch, dieſe ihm ſo treu ergebene Nation, welche alle ihre Hoffnungen auf ſeine Sympathie baute, wieder herzuſtellen— es paßte ihm nicht, und hat ihm niemals gepaßt.— So ſehr Oeſterreich auch durch dieſen Frieden gedemüthigt und ge⸗ ſchwächt worden, es war damit noch nicht abgethan, es mußte noch in anderer Weiſe den Plänen ſeines Erzfein⸗ des förderlich werden. Napoleon wollte eine Dynaſtie gründen, einen Sohn und Erben haben, dem er alle dieſe Macht und Herrlichkeit hinterlaſſen konnte— und Joſephine, welche als reiche Wittwe des Generals Beau⸗ harnais den armen Diviſions⸗General Bonaparte gehei⸗ rathet und alle ſeine Siege und Erhebungen mitgemacht hatte, die jetzige Kaiſerin der Franzoſen— gebar keine Kinder. Napoleon bedurfte aber nicht nur eines Erben, er wollte auch das Princip der Legitimität vollſtändig beſei⸗ tigen und daher eine Kaiſerstochter zu ſeiner Gemahlin machen. Rußland hatte die Ehre abgelehnt und dadurch 12* 180 den Keim des ſpäteren Krieges gelegt, Oeſterreich aber befand ſich jetzt nicht mehr in der Lage, dem Legitimitäts⸗ Principe derartige Opfer zu bringen, es mußte dem Wil⸗ len ſeines Beſiegers auch in dieſer Beziehung gehorchen, und ſo ſchwer es dem Kaiſer von Oeſterreich auch wurde, ſeine Tochter Marie Louiſe Napoleon zu geben, eine Wei⸗ gerung war unmöglich. Die letzte Königin Frankreichs, Marie Antvinette, war auch eine Tochter des öſterrei⸗ chiſchen Kaiſerhauſes, die Tante des damaligen Kaiſers Franz, geweſen— ihre Hinrichtung fiel noch in das erſte Jahr ſeiner eigenen Regierung— und jetzt ſollte er ſeine Tochter in dasſelbe Land ſchicken, um den Thron eines verhaßten Mannes zu theilen, den dieſelbe Revolution, welche das Blut der öſterreichiſchen Kaiſertochter getrun⸗ ken, auf dieſen Thron erhoben hatte, eines Mannes, der Oeſterreich bis in ſeinen innerſten Lebensnerv zerriſſen und ihm zweimal in ſeiner eigenen Hauptſtadt mit dem Ueber⸗ muthe des Eroberers einen ſchimpflichen Frieden dictirt hatte. So ſchmerzlich alle dieſe Erwägungen ſein moch⸗ ten, das Geſchick der Töchter der Kaiſer und Könige be⸗ ſtimmt nicht ihr Herz oder ihre Neigung, ſondern die Po⸗ litik. Die Tochter des Kaiſers von Oeſterreich fuhr daher bald darauf als die Gemahlin Napoleon's über dieſelbe Stelle der Metropole Frankreichs, auf welcher erſt vor ſiebzehn Jahren das Haupt ihrer Großtante unter dem Beile der Guillotine gefallen war. In Paris wurde —,— —— ihre Ankunft und Vermählung mit einem bis jetzt ſelbſt unter Ludwig XIV. nie dageweſenen Prunke gefeiert. Fünf Königinnen trugen der jungen Kaiſerin die Schleppe, und was der menſchliche Geiſt zu erdenken und zu erſinnen vermochte, um die irdiſche Nichtigkeit in Formen gottähn⸗ licher Macht und Größe zu kleiden, hatte man zur Aus⸗ führung gebracht, um dieſen für Frankreich und ſeine Zu⸗ kunft ſo wichtigen Tag glänzend zu begehen. Es war Friede in Europa, oder beſſer, Europa lag gefeſſelt in den Banden des gewaltigen Eroberers, und wenn die Völker auch heimlich an dieſen Feſſeln rüttelten und damit klirrten, ſie waren feſt und ſicher angelegt und ſtörten den Jubel und die Feſte in der Seineſtadt nicht. Nur England war unbeſiegt und ſeine Flotten beherrſchten die Meere, und Spanien konnte nicht völlig erobert wer⸗ den, ſo viel Blut und Menſchen man auch ſchon deshalb geopfert hatte. Aber es war Friede, nach langer Zeit ein⸗ mal ein allgemeiner Friede, denn derjenige, welcher bisher allein nach ſeinem Willen und den Eingebungen ſeines Ehrgeizes den Krieg entfeſſelt hatte, immer wieder von Neuem und immer als Sieger— er mußte ſein Hochzeits⸗ feſt feiern und eine Dynaſtie gründen, daher verkündete er laut, der Friede allein ſei der Segen der Völker, die große Nation habe des Glückes jetzt genug geſpendet, ſie und die anderen ſollten ausruhen, um des Genuſſes desſelben nun⸗ mehr theilhaftig zu werden.— — iti 9 8 Sc 182 Walther hatte längſt die Briefe aus der Fichtenau beantwortet, wieder Antwort erhalten und wieder geant⸗ wortet; dabei hatten die Briefe an Margot ſtets an Länge zugenommen und ench die ihrigen in gleicher Weiſe ſich in ausführlicheren Schilderungen ergangen. Sie ſchrieb an ihn zuletzt tagebuchartig, damit er immer wiſſe, was ſie treibe, wie es ihr gehe und ob ſie auch Fortſchritte mache. Wie war das Alles ſo kindlich und mit der ganzen Hinge⸗ bung eines offenen, vertrauenden Mädchenherzens ge⸗ ſchrieben! Er ritt in tiefen Gedanken längs den wogenden Saat⸗ feldern, die in einer Ueppigkeit und Fülle prangten, wie nie zuvor. Der Graf, welcher vor einigen Tagen dort geweſen, hatte ſich erfreut und anerkennend darüber ausgeſprochen. Mit einer genugthuenden Empfindung ſah er die weitge⸗ dehnten grünen Kornfelder in dem leichten Winde wie ein großes Meer wogen und den Staub der reichen und gleich⸗ mäßigen Blüthe einer Wolke gleich darüber hinziehen. Es ſtimmt uns nichts innerlich froher und⸗ heiterer, als wenn wir unſere Mühen und Anſtrengungen durch den Erfolg ge⸗ krönt ſehen. Es gibt Niemanden, der nur der Arbeit we⸗ gen arbeitete, Niemanden, der nicht den Lohn ſeiner Arbeit genießen wollte, und Niemanden, der es nicht ſchmerzlich empfände, wenn ihm derſelbe verkümmert würde. Und doch arbeiten die meiſten Menſchen nicht für ſich, ſondern für Andere. Was ihnen an Lohn und Anerkennung wird, iſt * 4 183 kaum nennenswerth, während diejenigen, welche die Macht beſitzen, ſei es die Macht der Gewalt, der Geburt, des Gel⸗ des oder der Intelligenz, die Arbeit des großen Theiles der Menſchheit beſtimmen, ſich dienſtbar machen und ihre Früchte für ſich in Anſpruch nehmen. Der Meiſter baut das Haus, er hat den Gewinn und den Ruhm davon, die Geſellen und Handlanger kommen gar nicht in Betracht. Der Ge⸗ neral ſchlägt oder wird geſchlagen, Er iſt der Sieger, wel⸗ cher den Lorbeer um ſeine Stirn ſchlingt— die Hunderttau⸗ ſende, die Leben, Geſundheit, Gut und Blut dabei geopfert, es ſind Zahlen, welche in der Verluſt⸗ und Gewinnrechnung gegenübergeſtellt werden. So urtheilte man ſtets überall auf dieſer unvollkommenen Welt, und deshalb iſt der Ehr⸗ geiz eine ſo gewaltige und mächtige Leidenſchaft, daß der davon Ergriffene häufig die innere Ehre opfert, um die äußere zu erwerben!— Ob Walther ähnlichen Gedanken ſich hingab, als er in langſamem Schritte jetzt einen ſo engen Weg durch die Kornfelder hinritt, daß ſein Pferd, die ſchlanke Liſſa Hora, ab und zu einehn Halm abriß und dann ſpielend wieder hinwarf, wir wiſſen es nicht und vermögen nur zu erkennen, daß er in tiefem Sinnen verloren iſt, denn er achtet weder auf den Weg, noch auf die kleine Unart ſeines Pferdes. Jetzt blickt er eben auf und, wie aus tiefem Sinnen erwa⸗ chend, umher. Soll ich es ihr ſchreiben? ſprach er dann vor ſich hin — ich hätte es längſt ſchreiben können, und ſie weiß es, ſie muß es wiſſen, wenn ich es auch nicht ausdrücklich geſchrie⸗ ben habe. Nein, nein, das wäre ein unrichtiger, unpaſſen⸗ der Weg— ſie könnte— nein, ich muß hin, muß ſie ſe⸗ hen, muß ſie ſprechen, muß mich überzeugen, ob das, was ſie empfindet, nicht bloß der Ausfluß der Achtung für den⸗ jenigen ift, den ſie, ach, ſo ganz unverdienter Weiſe, als ei⸗ nen höher begabten Menſchen betrachtet. O, wie reizend, wie demüthigend für mich iſt dieſe kindliche Beſcheidenheit, die aus jedem Worte ihrer Briefe hervorleuchtet— ich muß hin, hin zu ihr, muß in ihren unſchuldsvollen Augen leſen, wie ihr Herz empfindet— und wenn es ſo iſt, wie ich es in vielleicht trügeriſcher Hoffnung annehme, ſetzte er mit leiſe bebender Stimme hinzu— wenn es wirklich ſo ſein könnte— dann, ja, dann will ich ihr Alles, Alles ſagen — ach, ich darf dieſen Gedanken nicht ausdenken— aber hin will ich— und ſo bald als möglich! Das Wiehern ſeines Pferdes erweckte ihn aus dieſen Betrachtungen, und als er aufblickte, ſah er die Gräfin, ſei⸗ ner wartend, unfern von ihm halten. 5 Guten Tag, Herr Inſpector, rief ſie ihm zu; Sie ma⸗ chen ja einen recht einſamen Spazierritt. Ich beſehe die Felder, erwiederte er, zu ihr heranſpren⸗ gend, es gehört zu meinen Geſchäften. Wie Sie wollen. Der Vater iſt ganz entzückt über den Stand Ihrer Saaten; ich würde es auch ſein, wenn ich etwas davon verſtände, was leider nicht der Fall iſt. Ich war drüben bei Ihrer Frau Mutter und hatte die Ab⸗ ſicht, Sie zu dem verabredeten Ritte in den Wald abzuho⸗ len, oder haben Sie meine Aufforderung vergeſſen? Wie könnte ich das! Iſt es Ihnen jetzt genehm? Die gnädige Gräfin haben zu befehlen. Ich fragte Sie, ob es Ihnen angenehm ſei, ſagte ſie mit erregterem Tone, liegt in dieſer Frage vielleicht ein Be⸗ fehl? Haben Sie eine Abhaltung oder ſonſt etwas— ſo laſſen wir's. Weshalb wollen Sie annehmen, daß es mir nicht an⸗ genehm ſein ſollte— wie kann dies überhaupt einem Zwei⸗ fel unterliegen? Ich habe mich vielleicht falſch ausgedrückt, ſetzte er mit einem verbindlichen Lächeln hinzu— Ihr Wunſch iſt mir ſtets Befehl. Nun, meinetwegen, erwiederte ſie, ſichtlich auch durch dieſe Antwort nicht befriedigt— ſo laſſen Sie uns denn reiten— Galop, wenn es Ihnen genehm iſt, damit wir ſo bald als möglich aus dieſen einförmigen Kornfeldern hin⸗ wegkommen, die einmal kein Intereſſe für mich haben, mö⸗ gen ſie auch noch ſo ſchön ſtehen. Sie flogen dahin, Hedwig lockerte den Zügel ihres Pferdes immer mehr, und die beiden edlen Roſſe, ihrem feurigen Temperamente überlaſſen und von gegenſeitigem Wetteifer angeſpornt— denn auch die Thiere beſitzen Ehr⸗ geiz,— trugen ihre Reiter mit der Geſchwindigkeit des Windes dem Walde zu. Den Weg verlaſſend, ſetzte Hed⸗ wig über einen breiten Graben und ſchlug die kürzere Rich⸗ tung über die Haide ein, unbekümmert um die Hinderniſſe, welche ſich dem raſchen Laufe der Pferde entgegenſtellten. Er blieb dicht an ihrer Seite und war genöthigt, zuweilen den Zügel ſeines leidenſchaftlichen Thieres zu kürzen, da⸗ mit er ihr nicht einen Vorſprung abgewinne. Da wären wir! rief Hedwig, als ſie den letzten tiefen n Graben, welcher die Haide vom Walde trennte, hinter ſich hatten— es war ein ſchöner, wunder⸗ voller Ritt! Die Pferde haben ſich brav gehalten, erwiederte er ruhig, indem er den Hals des ſeinigen klopfte, und verdie⸗ nen die vollſte Anerkennung. Dadurch unterſcheidet ſich ein edles Pferd von einem gewöhnlichen— es iſt bei den Thieren wie bei den Men⸗ ſchen; doch laſſen Sie uns jetzt langſam weiter reiten, wir haben nun den Wald und mit ihm etwas dürftigen Frühling. Weshalb nennen Sie dieſen Frühling einen dürfti⸗ gen? fragte er. Iſt er es vielleicht nicht? fragte ſie, indem ihre gro⸗ ßen, glänzenden Augen mit einem ihnen oft eigenen kalten Ausdrucke auf den Bäumen ruhten. Dieſe Tannen haben gar keinen Frühling, denn ſie gehören eigentlich dem Win⸗ 187 ter an; ſie gleichen alten Männern, die ſich in der Winter⸗ ruhe am behaglichſten fühlen und ſich im Frühlinge wider⸗ willig zu einer gezwungenen Anregung aufrütteln— und dieſe Birken! Die Birke iſt mir noch unleidlicher, wie die Tanne. Sie iſt eine gemeine und dabei ſentimentale Bauerndirne, die immer nur auf ſchlechtem, unfruchtbarem Boden wächſ't und dabei ihre grünen, dünnen Zweige wie ungekämmte Haare herabhangen läßt— deshalb ſucht ſie auch ſtets die langweilige Geſellſchaft der ſchon alt gebo⸗ renen Kiefern— nein, nein, hier iſt kein wirkticher, wahrer echter Frühling, nur eine Parodie, eine Satire desſelben. Sie fällen ein hartes Urtheil über unſere armen Bäume, erwiederte er lächelnd, aber ſo geht es immer in der Welt. Statt der Anerkennung, die ihnen dafür ge⸗ bührt, daß ſie auf dieſem unfruchtbaren Boden wachſen, den ihre bevorzugteren Brüder verſchmähen, und dieſe ſonſt reizloſe Gegend, ſo gut ſie es vermögen, verſchönern, wird es ihnen vorgeworfen, daß ſie minder ſchön ſind, als die ſtolzen Eichen und die ſchlanken, ariſtokratiſchen Buchen— Undank iſt der Welt Lohn! Mag ſein, ſagte ſie leichthin, aber Sie werden doch zugeben müſſen, daß es weit, weit ſchöner iſt in einem Walde voll ſtolzer Eichen oder ariſtokratiſcher Buchen, wie Sie dieſe Bäume nicht mit Unrecht zu nennen belieben? Wenn ich das auch zugebe, ich verkleinere deshalb 188 nicht das Verdienſt dieſer alt geborenen Tannen oder die⸗ ſer gemeinen, ſentimentalen Birken. Nun, wie Sie wollen— ein Jeder hat ſeine An⸗ ſichten, und ich will zugeben, daß die Tannen und die Birken immer noch beſſer find, als gar keine Bäume— deshalb bleiben ſie jedoch immer, was ſie ſind. Das gemeine Volk unter den Bäumen, ſagte er mit einem ſpöttiſchen Lächeln— ich glaube, das wollten Sie ſagen. So ungeführ— doch ſprechen wir von etwas Ande⸗ rem. Haben Sie die Beſchreibung der Hochzeits⸗Feier⸗ lichkeiten in Paris geleſen? Mir iſt lange keine Zeitung zu Geſicht gekommen. Sie beſchäftigen ſich gar nicht mehr mit Politik? Was man erfährt, iſt ſo unerfreulich, daß es beſſer iſt, gar nichts zu erfahren. Da haben Sie Recht. Daß Oeſterreich einen ſo nachtheiligen Frieden geſchloſſen hat, dazu war es durch die Gewalt gezwungen; es ließ ſich nicht mehr ändern, nachdem man Fehler auf Fehler begangen; aber daß es dieſe Schmach auf ſich geladen, daß es eine kaiſerliche Prinzeſſin, eine legitime Kaiſerstochter, ſeinem Unterdrücker zur Frau gegeben hat— das iſt eine Handlung, die es in meinen Augen vollſtändig entehrt. Auch dazu war es durch die Umſtände gezwungen— 189 der Friede und die Heirath, beides wurde ihm auf Wa⸗ grams blutge düngten Feldern abgezwungen. Nie und nimmer würde ich eingewilligt haben, wenn ich Marie Louiſe geweſen wäre, man hätte mich lebens⸗ länglich einſperren, man hätte mich tödten können! rief ſie leidenſchaftlich. Die Kaiſerstochter von Oeſterreich hat ihrem Vater⸗ lande ſich zum Opfer gebracht und damit ihre Pflicht als Kaiſerstochter erfüllt. Es gibt keine Pflicht, welche der Ehre zuwider iſt, denn die Aufrechthaltung der Ehre iſt die erſte Pflicht. Mag er ſich ſo viel Kronen auf ſein Haupt ſetzen, ſich mit ſo viel Kaiſers⸗ und Königsmanteln behangen, wie er will, er bleibt doch immer ein Uſurpator— ein Emporkömm⸗ ling, immer der Sohn des Advocaten von Ajaccio! Jedes, auch das älteſte und legitimſte Kaiſer⸗ und Königshaus hat einen Anfang gehabt und der Begründer war niemals ein geborener Kaiſer oder König. Mag ſein— ich würde einen ſolchen Begründer auch niemals geheirathet haben, wenn ich eine Fürſten⸗ tochter wäre— denn es gibt vieles, was erſt ſeinen Werth durch die Zeit erhält. Weniger ſeinen Werth, als ſein Alter. Dieſes Alter iſt ſein Werth; denn eben dieſes Alter läßt ſich nicht machen, nicht ſchaffen mit keiner Gewalt, mit keiner Macht, und deshalb bleibt Napoleon ein Empor⸗ 190 kömmling, nichts weiter, und wenn er die ganze Erde eroberte! Möge er bald aufgehört haben, es zu ſein, ſagte er, dem ihm peinlich gewordenen Geſpräche eine andere Wen⸗ dung gebend; er ſteht jetzt auf dem Höhepuncte ſeiner Macht, und jeder ſchnell aufſteigende Stern hat eine eben ſo ſchnell abwärts gehende Bewegung. Nach menſchlicher Einſicht iſt dies nicht anzunehmen, erwiederte ſie gedankenvoll. Die menſchliche Einſicht iſt immer eine unvoll⸗ kommene, und die Vorſehung lenkt die Geſchicke der Menſchheit. Glauben Sie an eine ſolche Vorſehung? fragte ſie, ihn forſchend anſehend; ich meine, an eine Vorſehung, welche ſich um die Geſchicke der Menſchheit, alſo auch um das Geſchick jedes einzelnen Menſchen beſonders beküm⸗ mert, es leitet und beſtimmt? Ich bekenne mich zur chriſtlichen Religion, ſagte er ernſt. Das thue ich auch, entgegnete ſie mit einem ſpötti⸗ ſchen Lächeln, das thun wir Alle; auch die beſchränkteſten und abergläubiſchſten Menſchen ſind Chriſten— aber ein jeder Menſch hat ſein eigenes Chriſtenthum oder vielmehr ſeinen eigenen Glauben, wie überhaupt ein jeder Menſch etwas Beſonderes, Verſchiedenes iſt. Dennoch vermag ich nur denjenigen einen Chriſten 193 die Sache als abgemacht an, unterbrach ſie ihn, und wel⸗ ches iſt das Ziel Ihrer Reiſe, wollen Gi nach Breslau? Nicht nach Breslau, die Stadt hat keinen Reiz für mich— ich will nach der Fichtenau, ſetzte er zögernd hinzu, meine Freunde dort beſuchen, die mich ſo freundlich und theilnehmend Fe haben. Heißt nicht ſo der Ort im Harze, wo Sie Sich nach Ihrem ung iichihen Feldzuge eine Zeit lang aufgehalten haben? Allerdings; ich habe faſt ein Jahr dort zugebracht. Alfred erzählte mir davon, auch die romantiſche Ge⸗ ſchichte eines jungen Mädchens, einer Franzöſin, der Sie, wenn ich mich recht erinnere, das Leben gerettet haben. Es war ein unbedeutender Zufall, nicht der Erwäh⸗ nung werth, erwiederte er, ſeinen B Blick abwendend. Warum nennen Sie das einen unbedeutenden Zufall? fragte ſie, ihn lächelnd und forſchend anſehend— es liegt auch eine Ueberhebung darin, wenn man ſeine eigenen Handlungen abſichtlich verfleinert. Es war dennoch ein unbedeutender Zufall. Nun, meinetwegen, erwiederte ſie mit demſelben ihm unangenehmen Tone— und iſt das junge Mädchen noch immer dort? Wie ich nicht anders weiß. Man wird ſich gewiß recht ſehr freuen, Sie wieder⸗ zuſehen, und es wäre daher unverantwortlich, Sie an der Gräfin und Marguiſe. II. 13 194 Ausführung eines ſo edlen Unternehmens zu hindern. Reiſen Sie, ſo bald Sie wollen, das Heu wird auch in Ihrer Abweſenheit eingebracht werden, denn ich habe immer gefunden, daß es eine ſehr einfache Dperation iſt. Sie ſind ſehr gültig, ſagte er in ſichtlicher Verſtim⸗ mung, denn er bereute es jetzt, ihre Mitwirkung in dieſer Angelegenheit erbeten zu haben; der Gedanke jedoch, daß er wirklich früher, vielleicht ſchon in wenigen Tagen reiſen könnte, zündete plötzlich in ſeiner Seele— was kümmerte ihn die Gräfin, wenn er ſeinen Zweck erreichte! Sie beurtheilen die Sache ganz richtig, ſagte er daher mit einer etwas gezwungenen Freundlichteit, ich glaube jedoch nicht, daß Ihr Herr Vater.... Ueberlaſſen Sie das ganz mir, Herr Inſpector, un⸗ terbrach ſie ihn— und nun, da wir die Frühlings⸗Em⸗ pfindungen der Birken und Tannen genug genoſſen haben, laſſen Sie uns heimreiten— wenn Sie morgen Urlaub verlangen, können Sie übermorgen reiſen. Sie gab bei dieſen Worten ihrem Pferde einen leich⸗ ten Schlag mit der Reitgerte, und ſie flogen wieder im raſchen Galop neben einander hin, eben ſo, wie ſie gekvm⸗ men waren. Hier geht der Weg nach Ihrem Vorwerke, ſagte ſie nach einiger Zeit, ihr Pferd parirend— Adieu, Herr In⸗ ſpector, es bleibt bei der Abrede— Papa wird morgen nichts gegen Ihren Urlaub einzuwenden haben. S — — Dreizehntes Capitel. Es ergreift uns ſtets ein Gefühl der Bangigkeit, wenn die Erfüllung eines lang gehegten Wunſches, eines oft überdachten und erwogenen Planes plötzlich in die nächſte Nähe gerückt wird. Wir befürchten dann mehr als je, es möge noch ein unvorhergeſehenes Hinderniß eintreten und unſere Hoffnung zu Schanden machen— dieſe Hoffnung, welche uns ſo lange in einſamen Stunden beglückt und die Erfüllung mit glänzenden und leuchtenden Farben ausge⸗ malt hat. So ging es auch Walther. Der Graf hatte, wenn auch mit ſichtbarem Widerwillen, den Urlaub bewil⸗ ligt, Hedwig dem ſich verabſchiedenden Inſpector mit ei⸗ nem eigenthümlichen Lächeln glückliche Reiſe gewünſcht, und ſeine Mutter, obgleich von dem plötzlichen Entſchluſſe ihres Sohnes überraſcht, geſchäftig alle Vorbereitungen, die zur Ausführung nöthig waren, beſorgt und ſeinen Kof⸗ fer gepackt— es war Alles fertig— morgen ſollte er rei⸗ ſen. Er ſelbſt war ungewöhnlich aufgeregt und bewegt. Es wäre ihm eine große Erleichterung geweſen, offen und rückhaltlos mit ſeiner Mutter zu ſprechen, denn immer, wenn das Gefühlsleben bei dem Menſchen in den Vorder⸗ grund tritt und mit dem Verſtande ſich in Einklang zu bringen fucht, hat er das Bedürfniß nach Mittheilung. Sein eigenes Empfinden iſt ihm zu überwältigend; er hat das Verlangen, einen Theil davon auf einen Anderen zu übertragen, eben weil er es nicht allein zu bewältigen ver⸗ mag; auch um das ſeinige zu ſtützen und zu kräftigen. Wie oft hatte er, ſelbſt bei unbedeutenden Anläſſen, dieſe Stütze, dieſe Kräftigung in ſeiner Mutter gefunden, und dennoch ſchwieg er jetzt— er wußte ſelbſt nicht, weshalb! Früh am Morgen des anderen Tages reiſ'te er ab, von den Segenswünſchen ſeiner Mutter begleitet— die Hoffnung war zur Erfüllung geworden— wenigſtens zur Erfüllung des Anfanges. Wir wollen ihn auf der langen und anſtrengenden Reiſe, auf den ſchlechten Poſtwagen, und eben ſo ſchlechten Wegen nicht begleiten— auf einer Reiſe, die, ſo ſehr er ſie auch beeilte, doch acht Tage dau⸗ erte, die meiſten Nächte mit eingerechnet. Aber die Schnel⸗ ligkeit der Ortsveränderung iſt immer ein relativer Be⸗ griff, und wenn wir jetzt auf den Flügeln des Dampfes dahinzuſchweben glauben, ſo entſpringt dieſe Vorſtellung dem Vergleiche der bisher möglichen Beförderungsweiſe; damals lag es außer der Möglichkeit, ſchneller zu reiſen, ———⅛YÜÜ ———————— 197 und die Sehnſucht und das Verlangen fügte ſich eben ſo in die langſamere Beförderungsart, wie ſie ſich jetzt darin fügt, nur mit dem Dampfe und nicht mit dem elektriſchen Strome fahren zu können. Er hatte ſeine Ankunft nicht angemeldet. Einmal, weil es ſehr unwahrſcheinlich war, daß ſein Brief vor ihm anlangen werde, dann aber auch, weil er es ſich beſonders ſchön ausmalte, unerwartet anzukommen. Nur in ſeltenen Fällen werden ſolche Ueberraſchungen von dem Erfolge be⸗ günſtigt und verwirklichen die dabei vorausgeſetzten Erwar⸗ tungen. Derjenige, welcher ſie bereitet, beabſichtigt, das Glück oder die Freude zu ſteigern indem Beides diejenigen, welche ſie empfinden ſollen, plötzlich und unerwartet trifft. Er vergißt aber ſtets, welche unberechenbare Rolle hierbei dem Zufalle zugetheilt wird und daß dem Ueberraſchten der große Genuß der Erwartung geraubt wird, ein Genuß, deſſen der Ueberraſchende ſelbſt im ganzen Umfange theil⸗ haftig wird. Doch die Umſtände ſprachen hier zu Walthers Entſchuldigung, der, je näher er der Gegend kam, welche ſeine Sehnſucht längſt erreicht hatte, immer frendiger be⸗ wegt wurde. Alle bangen Beſorgniſſe, die ihn in mancher ſchlafloſen Nacht gequält und beunruhigt hatten, waren verſchwunden— Margot ſtand vor ihm in ihrer ganzen kindlichen, blühenden Schönheit— er ſah ihre großen, klaren Augen mit dem Ausdrucke von Schrecken und Freude auf ſich gerichtet, er hörte ihre Lippen ſeinen Namen aus⸗ ſprechen, er ſah ihre ausgebreiteten Arme— ach, er ſah und hörte ſo Vieles, was ihm ſeine geſchäftige Phantaſie— dieſe luftige Brücke, auf welcher die Götter zu den ſterbli⸗ chen Menſchen herniederſteigen— mit glänzenden Farben ausmalte! Die blauen Berge des Harzes begannen am Hori⸗ zonte emporzuſteigen, der Raum in dem langſam dahinrol⸗ lenden Poſtwagen wurde ihm zu eng, und nur die Erwä⸗ gung, daß er in ſchnellerer Weiſe nicht fortkommen könne, hielt ihn darin feſt. Endlich war die Station erreicht, von welcher er die wenigen Meilen nach der Fichtenau zu Fuße gehen mußte, wenn er nicht einen zeitraubenden Umweg machen wollte. Wie glücklich war er, als er hier vom Wa⸗ gen ſprang, ſeinen Koffer einem Boten übergab mit der Weiſung, ihn nach der Fichtenau zu bringen, und dann ei⸗ ligen Schrittes die lezten Berge emporſtieg, welche ihn noch von dem Thale trennten! Endlich leuchteten die bekannten Berglinien vor ihm auf; jene Linien, die ſich jetzt, ſo wie in ſeinem, auch in ih⸗ rem Auge abſpiegelten— endlich ſtand er faſt athemlos auf derſelben Stelle, von welcher er zum letzten Male in das Thal beim Abſchiede hinabgeblickt hatte. Wie traurig, wie voll Schmerz war damals ſeine Seele geweſen und jetzt— wie freudig, wie ungeduldig ſchlug ſein Herz! Dennoch mußte er hier eine Zeit lang verweilen, er mußte ſich ſammeln, denn es ergriff ihn plötzlich eine ihm uner⸗ —, —,, —— 199 klärliche Bangigkeit— ſie konnte krank, ſie konnte über⸗ haupt nicht ſo ſein, wie er es ſich gedacht— ihr letzter Brief war vor ſechs Wochen geſchrieben— er bereute es ietzt ſehr und zum erſten Male, ſeine Ankunft nicht vorher gemeldet zu haben, ſie würden ihm dann entgegengekom⸗ men ſein— wären vielleicht hier— doch er raffte ſich auf und eilte beflügelten Schrittes den wohlbekannten Weg in das Thal hinab.— Da lag es jetzt vor ihm! Zuerſt er⸗ blickte er den Rauch der Eſſen, dann die Hämmer ſelbſt, dann das Wohnhaus— er konnte jetzt die Fenſter erken⸗ nen, und das ihrige glänzte im Scheine der Abendſonne wie ein Stern zu ihm herüber. Vorbei war es mit aller Beſorgniß, mit aller Furcht — ſein Herz jauchzte freudig auf, und bald war er unten. Seine Blicke flogen nach all den Stellen, von denen er wußte, daß ſie gern dort verweilte, immer hoffend den leuchtenden Schimmer ihres Kleides zu erblicken, und immer ſich täuſchend. Als er eiligen Schrittes an dem unfern des Hauſes gelegenen Hammer vorbeiging, erkannten ihn einige Arbei⸗ ter und es entſtand ſofort eine freudige Bewegung. Man begrüßte ihn mit Herzlichkeit, und er konnte es nicht ver⸗ hindern, hier eine kurze Zeit zu verweilen. Herr Wehring iſt wohl? fragte er den Hammermei⸗ ſter, der noch immer ſeine Hand ſchüttelte. Wohl und munter, Herr Ruhland— auch die Frau Wehring. Und das Fräulein, fragte er mit gepreßter Stimme weiter, Fräulein Margot? Fräulein Margot? wiederholte der Gefragte mit eigenthümlich langſamer Betonung. Nun ja, Fräulein Margot? Ja, wohl war ſie— aber— aber.... Nun, ſo ſprecht doch, Menſch! rief Walther, h ſeine Aufregung zu verbergen— was iſt's mit Fräulein Margot? Vor zwei Stunden iſt ſie fortgereiſſt— fort, mit dem vornehmen Herrn und der vornehmen Dame, die ge⸗ ſtern gekommen ſind— ſie ſagen nach Paris. Abgereiſ't? Nach Paris? rief Walter erbleichend und mit bebender Siimme— wie— wie wäre das möglich? Wo iſt Herr Wehring? Ich muß ihn ſogleich ſprechen! Der iſt mit, mitgefahren— auch die Frau Wehring — es iſt Niemand zu Hauſe. Wehrings nach Paris? Unmöglich— unmöglich! Nicht nach Paris, das heißt, Herr Wehring iſt nicht nach Paris— laſſen Sie mich nur zu Worte kommen, Herr Ruhland, ich werde Ihnen die Sache erzählen, ſo viel ich davon weiß. So ſprecht, ſprecht! 1 201 Geſtern Nachmittag kam eine vornehme Equipage mit Extrapoſt, darin ſaß ein Herr und eine Dame, Sie ſtiegen bei Herrn Wehring aus, und es wurde bald erzählt, ſie ſeien gekommen, um Fräulein Magot zu ihren Eltern nach Paris zu bringen. Dieſe ſollten ſehr vornehme Leute, ich glaube, Marquis, der ſo etwas, ſein, wie ſie es nann⸗ ten. Ich kann weiter nichts ſagen, denn Herr Wehring hat nichts darüber geſprochen; nur ſo viel ſteht feſt, daß Fräulein Margot viel geweint hat, aber doch vor ungefähr zwei Stunden mit den Fremden abgefahren iſt. Der Maire, wie ſie jetzt den Schöſſen nennen, kam heute her⸗ über und erklärte, daß alle Papiere in Ordnung ſeien und er den Befehl erhalten habe, der Verabfolgung des Fräu⸗ leins, welches ihre Eltern endlich aufgefunden hätten, keine Hinderniſſe entgegen zu ſtellen. Herr und Frau Wehring müſſen ſich auch davon überzeugt haben, denn ſo betrübt die letztere war, ſie mußten ſich fügen, und vor zwei Stun⸗ den ſind ſie abgefahren. Vorzwei Stunden, rief Walther, kaum ſeiner Sprache mächtig— und Herr Wehring und ſeine Frau ſind mit? Nur bis zum Dorfe— ich glaube, Fräulein Margot hat ſo lange darum gebeten, bis der fremde Herr einge⸗ willigt; ſie iſt auch mit Herrn und Frau Wehring in dem⸗ ſelben Wagen bis dahin gefahren. So wäre es vielleicht möglich, ſie dort noch zu ſehen — zu ſprechen? 202 Möglich? Wenn ſie ſich dort aufhalten und Sie ein raſches Pferd haben. Schaffen Sie mir ein Pferd, rief Walther, ſchaffen Sie ein Pferd, ich will jeden Preis dafür zahlen, aber ſo⸗ gleich, ſogleich— ſonſt iſt es vergebens! Dürfen wir Herrn Wehring's Pferd ſatteln? Sattle, ſattle!— doch nein, ich will es ſelbſt thun — rief er, in raſchem Laufe forteilend— vielleicht wäre es noch möglich! Die Arbeiter ſahen ihm kopfſchüttelnd nach und ihre Verwunderung ſteigerte ſich noch mehr, als ſie kurze Zeit darauf den ſonſt ſo ruhigen und ernſten Inſpector auf dem Pferde ihres Herrn in raſendem Galop dahinſpren⸗ gen ſahen. Er wird ſie nicht mehr einholen, bemerkte der Ham⸗ mermeiſter, und wenn er ſie auch einholt— was kann's ihm nützen!— So ſehr Walther das Pferd auch antrieb, es verging doch eine Stunde, ehe er das Dorf erreichte. Er mußte dem ſchaumbedeckten, keuchenden Thiere eine kurze Ruhe gönnen, denn er hatte immer noch einen weiten Weg durch das langgeſtreckte Dorf zurückzulegen. Vorwärts, rief er nach wenigen Minuten, das Pferd von Neuem in Galop ſetzend, vorwärts, jeder Augenblick iſt koſtbar! Jetzt konnte er am Ende der langen Dorfſtraße die Apotheke ſehen. Vor derſelben hielt ein Wagen, den mehrere Perſonen um⸗ ₰ 203 ſtanden— es ſchien ihm, als ob man Abſchied nehme. Sie iſt noch da— noch nicht fort! rief er wieder, nur von dieſem Einen Gedanken erfaßt, indem er das Pferd unbarmherzig von Neuem antrieb. In raſendem Galop flog er weiter— da fuhr der Wagen ab. Als Walther vor der Apotheke hielt, war der Wagen kaum hundert Schritte entfernt. Margot lehnte, Abſchied winkend, her⸗ aus— es ſchien ihm, als bemühe ſie ſich, halten zu laſ⸗ ſen— aber er fuhr nur um ſo ſchneller davon. Ohne auf Weiteres zu achten, war er im Begriffe nachzuſprengen, als Wehring den Zügel ſeines Pferdes ergriff. Bleiben Sie, ſagte er in faſt befehlendem Tone, blei⸗ ben Sie! Sie ſind ein Mann!— Das arme Kind hat ohnehin genug gelitten! Er hatte wenig Acht auf dieſe Worte, ſein Blick hing nur an dem ſich raſch entfernenden Wagen und an dem Wehen ihres Tuches— jetzt war er verſchwunden, und er ſtarrte in dem leer gewordenen Raum mit einem Gefühle, als ob ihm in dieſem Augenblicke alles Glück der Erde geraubt wäre. Steigen Sie ab, ſprach dann Wehring ruhiger— ſteigen Sie ab, ſage ich Ihnen, wiederholte er, als Wal⸗ ther immer noch bewegungslos ſitzen blieb. Kommen Sie herein, ich werde Ihnen dann ſagen, weshalb ich Sie ge⸗ — 204 hindert habe, dem Wagen nachzujagen— und ich hoffe, Sie werden mir Recht geben. Willenlos folgte Walther Wehring's Weiſungen und ging mit ihm, faſt von ihm geleitet, in das Hans, ſtumm und verzweiflungsvoll, ohne ein Wort der Begrüßung für den Mann, dem er ſo zu Dank verpflichtet war, ohne ein Willkommen für die noch immer in Thränen aufgelöſ'te Frau und den freundlichen theilnehmenden Apotheker. Wehring führte ihn allein in ein Zimmer. Setzen Sie Sich, ſagte er dann, und verſuchen Sie, ruhiger zu werden. Sie ſehen aus, als ob Sie wieder aus einem Gefechte kämen— und ich hätte allerdings nicht geglaubt, Sie ſo wiederzuſehen. Walther antwortete nur mit einem tiefen Seufzer, indem er erſchöpft auf einen Stuhl ſank. Plötzlich ſprang er wieder auf und fragte mit heftigem Tone: Weshalb ha⸗ ben Sie mich gehindert, ſie noch einmal zu ſprechen, ihr Lebewohl zu ſagen? Wer gibt Ihnen ein Recht dazu 2 Bin ich deshalb Tag und Nacht gereiſt, um jetzt Ruhig, ruhig, Mann, unterbrach ihn Wehring— Ihr Benehmen überzeugt mich noch mehr, daß ich recht gehandelt, wenn es überhaupt zweifelhaft ſein könnte. Wollen Sie mich anhören? Wollen Sie Ihrer Vernunft ſo viel Herrſchaft über Ihre Leidenſchaft einräumen— nach meinen Begriffen erfordert dies ſchon Ihre Ehre, ſelbſt die geringen Rückſichten, welche Sie mir ſchuldig ſind. 205 Und während ich Sie höre und mir ſagen laſſe, was ich ja ſchon weiß, rief er leidenſchaftlich, wird der Raum zwiſchen ihr und mir immer größer, die Möglichkeit, ſie noch einmal zu ſehen und zu ſprechen, immer unmöglicher! Das iſt Alles ohnehin längſt unmöglich geworden, ſagte Wehring hart— aber handeln Sie nach Ihrem Belieben— es ſollte mir leid thun, wenn ich mich in Ih⸗ nen geirrt hätte! So reden Sie, erwiederte Walther mit einem tiefen Athemzuge. Ich will von vorn anfangen, damit Sie mich und Alles verſtehen, ich will offen und ehrlich zu Ihnen reden, wie es unter Männern Sitte iſt, die ſich gegenſeitig achten gelernt haben. Sie mögen dann Ihre weitere Handlungs⸗ weiſe ſelbſt beſtimmen. Schon einige Zeit vor Ihrer Pb⸗ reiſe ſchien es uns, meine Frau meinte es wenigſtens, und Frauen haben in ſolchen Dingen immer einen ſchärferen Blick, als ob Margot eine Neigung zu Ihnen gefaßt habe. Sie iſt indeſſen ein ſo unſchuldiges Kind, harmloſes Kind, daß es ſchwer war, zu erkennen, ob dieſe Neigung mehr ſei, als das Gefühl der Dankbarkeit gegen ihren Lehrer. Margot war uns ſehr lieb geworden— wir haben keine Kinder, fuhr er mit ſichtlich bewegter Stimme fort, des⸗ halb ſtand es längſt bei uns feſt, daß ſie unſere Tochter ſein ſolle. Sie beſaß ja auch keine Eltern und keine Ver⸗ wandten. Da kam Ihre Abreiſe. Es war mir lieb, daß 206 Sie gingen, und ich redete Ihnen deshalb zu; nicht als ob ich es ungern geſehen, wenn Sie ſpäter Sich gefunden hätten— nein, es wäre mir dies ſogar ſehr erwünſcht ge⸗ weſen— aber Sie mußten Sich zuerſt eine ſelbſtändige Exiſtenz verſchaffen, und die Entfernung war ſowohl für Margot als für Sie die beſte Prüfung darüber, ob wirk⸗ lich dieſe anſcheinende Neigung mehr ſei, als eine Spie⸗ lerei und das Ergebniß eines ungeſtörten täglichen Bei⸗ ſammenſeins. Wie ich in dieſem Augenblicke darüber denke, iſt unnöthig, Ihnen mitzutheilen, nachdem die Verhältniſſe ſich völlig geändert haben. Walther, der mit fieberhafter Aufmerkſamkeit dieſer Mittheilung gelauſcht, ſtand im Begriffe eine Frage zu thun— eine Frage, deren Beantwortung alle anderen bei ihm in den Hintergrund treten ließ, als Wehring, der dies zu erwarten ſchien, raſch fortfuhr. Die Marquiſe de Beaumont, die einzige Erbin eines ſehr großen Vermögens, die Tochter eines beim kaiſerlichen Hofſtaate hochgeſtellten Mannes— kann nicht der Gegen⸗ ſtand Ihrer Neigung ſein— wie es die Adoptiv⸗Tochter des Fabrikanten Wehring war, ſetzte er mit leiſerer Stimme hinzu. Margot— Margot wäre— rief Walther erblei⸗ chend. Sie iſt, was ich Ihnen geſagt habe. Geſtern kam ein kaiſerlich franzöſiſcher Commiffär in Begleitung einer Dame 207 mit einem Schreiben des Präfecten an mich— es war Alles in der beſten Ordnung und ließ ſich nichts dagegen ſagen. Die Eltern, welche jahrelang dieſes Kind als ver⸗ loren beweint und es endlich aufgefunden hatten, forderten es zurück, indem ſie mir zugleich den Erſatz der gehabten Auslagen anboten. Und Margot? fragte Walther mit bebender Stimme. Margot, wiederholte Wehring in einem Tone, der ſeine eigene innere Bewegung nur zu deutlich verrieth— Margot mußte dem Verlangen, dem Befehle ihrer Eltern entſprechen— das Kind iſt zum Gehorſam verpflichtet— auch hatte man dafür geſorgt, jeden etwaigen Widerſtand zu beſeitigen. Wehring ſchwieg und trat ans Fenſter, um Walther ſich ſelbſt zu überlaſſen. Dieſer ſaß tiefgeſenkten Hauptes, regungslos da; ſeine Augen ſtierten auf einen Punct des Fußbodens, und nür von Zeit zu Zeit hob ein tiefer, ge⸗ preßter Athemzug ſeine Bruſt. Kommen Sie, ſagte Wehring dann nach längerer Zeit— Sie haben ja den Apotheker und meine Frau noch gar nicht begrüßt.— Und dann wollen wir heimfahren, Margot hat einen Brief für Sie zurückgelaſſen. Einen Brief? rief er, freudig emporſpringend— o, kommen Sie, kommen Sie, laſſen Sie uns eilen! Lierzehntes Capitel. Wir haben Margot zugleich mit Walther verlaſſen und ſie mit ihm ebenfalls nur einen kurzen Moment wie⸗ dergeſehen. Wir ſind daher genöthigt, in unſerer Erzäh⸗ lung bis zu dem Tage zurückzugehen, an welchem Walther die Fichtenau verließ und ſeine Reiſe nach Wallfort antrat. Als er wirklich fort war, als ſie die Gewißheit hatte, daß ſie nun allein, ohne ihn ſei, und er nicht wiederkehren werde, wie ſonſt— als ſie dieſen Gedanken zum erſten Male einſam auf ihrem Zimmer ausdachte, während ihr thränenfeuchtes Auge au dem Berge haftete, über den er gewandert war— da war es ihr, als ob ſie nun von Allen verlaſſen, ganz einſam ſei und ihr Daſein keinen Zweck mehr habe. Jetzt mit Einem Male empfand ſie, was er ihr geweſen— Alles, Alles, der Retter ihres Lebens, ihr Freund, ihr Lehrer— kurz, die Vereinigung und der In⸗ begriff Alles deſſen woran ihre Seele hing und mit feſten, unauflöslichen Banden gekettet war. Sie empfand dies, ohne es ſich klar zu machen, nur an der Heftigkeit und Gewalt des Schmerzes, welcher ihre junge, unſchuldsvolle Seele, wie der Raubvogel eine weiße Taube, mit ſcharfen, gierigen Krallen erfaßt hatte und ſich an ihrem Todes⸗ flattern weidete. Sie hatte eine tiefe, unüberwindliche Sehnſucht nach dem Erliegen in dieſem Kampfe, und das Aufhören eines Daſeins, welches ſtets ſo freudenlos ge⸗ weſen und deffen einzige kurze Frühlingszeit der Gewitter⸗ ſturm eines bie dahin ungekannten Schmerzes wieder zer⸗ ſtört hatte, heimelte ſie ſo verlockend an, wie den Müden der Schlaf.— Was denkt und empfindet ein junges Mädchen in ſolchen Stunden nicht Alles, deſſen Herz und Seelenleben noch nicht zum ſelbſterkennenden Bewußtſein gekommen iſt? Sie wird die willenloſe Beute ihres Schmerzes und ihrer Freude, denn erſt wenn die Erfahrung des Lebens uns ab⸗ geklärt hat, ſind wir befähigt, uns ſelbſt von unſeren Ge⸗ fühlen Rechenſchaft zu geben, ſie zu zergliedern und von einem außer uns ſelbſt befindlichen Standpuncte wie eine fremde Erſcheinung zu betrachten. Auf einem ſolchen Standpuncte der Selbſterkenntniß angelangt, hat es mehr oder weniger aber mit dem Gefühlsleben ſelbſt ein Ende; denn wir betrachten uns dann ſelbſt wie der Arzt einen Kranken oder der Techniker eine Maſchine, und ſind bemüht Gräfin und Morquiſe. M. 14 ——— 210 oft jedoch dennoch vergeblich, die ſich zeigenden Unregelmä⸗ ßigkeiten des Gefühls durch die Arzeneien des Verſtandes wieder zu beſeitigen. Eine ſolche objective Anſchauung und Behandlung unſeres Ichs erlangen jedoch nur Menſchen von ſogenann⸗ tem hervorragenden Geiſte, Frauen, bei denen das Ge⸗ fühlsleben immer überwiegend iſt, faſt nie, und unter den Männern auch nur die Auserwählten, die wir ſelbſt um dieſe Eigenſchaft, welche den Herven der Menſchheit eigen ift, wenig beneiden.— Margot— ein faſt noch der Kindheit angehöriges junges Mädchen— erlag daher eben ſo unbewutzt und willenlos ihrem Schmerze, wie ſie unbewußt den Zuſtand des Glückes empfunden hatte. Wehrings ließen ſie ge⸗ währen, ſie waren unbefangen und liebevoll gegen ſie und ſprachen oft und lange von dem Geſchiedenen, wohl er⸗ kennend, daß Margot's Herz ihm angehöre und es am beſten ſei, weder durch Schweigen noch durch Reden es ihr kund werden zu laſſen, daß man dieſes ihr ſelbſt noch verſchleierte Geheimniß längſt entdeckt habe. Man machte keine Bemerkungen darüber, daß ſie die von ſeiner Hand geſchriebenen Notenhefte mit auf ihr Zimmer nahm und wie ein Heiligthum bewahrte; man ließ ſie oben ungehindert allein und freute ſich, als ſie nach einigen Tagen anfing, mit leiſer Stimme gegen Abend ſeine Lieblingslieder zu ſingen; man richtete keine Frage an ſie, die in irgend einer Beziehung zu ihm ſtand, aber man ſprach von ihm in ganz unbefangener Weiſe, verfolgte ſeine Reiſe, freute ſich auf den nun gewiß bald ankommen⸗ den Brief— kurz, man wandte die richtigen Mittel an, um ſie wieder mit ihrem jetzigen Zuſtande zu verſöhnen, indem man die Vergangenheit durch die Erinnerung und die Zukunft durch die Hoffnung mit der Gegenwart vereinte. Laß ſie ruhig gewähren, ſagte Wehring zu ſeiner Frau, welche ſie gern in anderer Weiſe getröſtet hätte, und ſprich von ihm nur ſo, wie wir immer von ihm ge⸗ ſprochen haben, und als ob wir es gar nicht bemerkten, daß ſie ihn liebt. Sie weiß es ſelbſt nicht und würde er⸗ ſchrecken, wenn man es ihr ſagte.— Die Zeit wird's bringen. Liebt er ſie auch, iſt ihre beiderſeitige Neigung eine wahre und nicht eine bloße Gefühlsſpielerei— ſo wird er wiederkommen— und wenn er wiederkommt— nun, dann habe ich nichts dagegen— warum ſollte ſie nicht ſeine Frau werden— ich wüßte keinen Hinderungs⸗ grund, denn er iſt ein ehrenwerther Mann und wird ſie glücklich machen— wenn er ſie liebt. Aber wenn er nun nicht wiederkommt? Dann iſt es gut, daß er gegangen iſt, und ſie wird ihn vergeſſen. Glaubſt Du? fragte ſie zweifelnd. Margot gehört nicht zu dieſen leichtfertigen Mädchen, welche... 14* 212 0 ⸗ Ich weiß, was Du ſagen willſt— aber wenn ihre Liebe nicht einmal die Probe einer Trennung beſtehen kann, dann iſt ſie überhaupt nicht vorhanden und ſie werden ſich Beide tröſten— mein Gott, wie viel tauſendmal geſchieht das!— Nochdem ſein erſter Brief angelangt war, wurde ſie ſichtlich heiterer; die Hoffnung, ſtets bereit, wenn auch mit Täuſchungen, uns zu tröſten, erfüllte wieder ihre Seele— er war zwar fort, aber er dachte, er ſchrieb an ſie— er war nur nicht bei ihr, ſie konnte nicht in ſein Auge ſehen, nicht ſeine Stimme hören— aber er lebte, wenn auch fern von ihr. Länder, Berge und Ströme lagen zwiſchen ihnen, aber ihre Gedanken flogen ungehindert darüber hinweg, und wie ihn ſeine Beſtimmung fortgeführt hatte in das ferne, fremde, unbekannte Land, ſo konnte er auch wieder zurückkehren. Er würde dann oben, wo er hinüber⸗ gefahren war an jenem traurigen Morgen— dort an der⸗ ſelben Stelle würde er wieder ſtehen, um in das Thal hinab zu eilen— ſie würde ihm vielleicht entgegengehen können— warum nicht, Wehrings würden ſie ja begleiten. — Wie ſchön, wie lieblich find ſolche Mädchenträume— ſie find ſo ſchön und lieblich, daß es unmöglich iſt, ſie zu ſchildern; wir wollen daher auch dieſen vergeblichen Verſuch aufgeben und es Deiner Phantaſie überlaſſen, geneigte Leſerin, ſie Dir ſelbſt auszumalen.— Sie ſchrieb an ihn. Es war dies ein Ereigniß, wel⸗ . . ches ſie viele Tage und Nächte beſchäftigte. Oft erröthete ſie, obgleich ſie ganz allein war, denn ſie hatte einen Satz, einen Ausdruck gedacht, den ſie ſo nicht ſchreiben durfte, und als dann endlich der kurze Brief geſchrieben und ab⸗ geſandt war, machte ſie ſich die bitterſten Vorwürfe, daß derſelbe ſo kurz, ſo förmlich— ſo theilnahmlos geweſen. Aber er mußte dies keineswegs empfunden haben, denn ſeine Antwort war viel länger und machte ſie unendlich glücklich, obgleich wir wiſſen, daß er mit ähnlichen Gedan⸗ ken zu kämpfen hatte. Sie hatte ſeine Briefe an Wehrings ebenfalls mit hinaufgenommen, und da man nicht weiter darnach fragte, verwahrte ſie dieſelben mit den ihrigen. Ihre glücklichſten Stunden waren diejenigen, wo ſie das rothe Band, wel⸗ ches ſie um den ſaubern Umſchlag derſelben gewunden hatte, löſen konnte, um den werthvollen Inhalt wieder und wieder zu betrachten. Außer den Briefen, die ſie längſt auswendig wußte, lagen darin einige vertrocknete Blumen, auch ein welker Strauß von Waldblumen, den er ihr einſt auf einem Spaziergange gepflückt hatte— jedes einzelne dieſer an ſich ſo werthloſen Dinge hatte ſeine Erinnerun⸗ gen, denen ſie ſich hingeben, welche ſie ſich vergegenwärti⸗ gen konnte. Wie machte ſie das ſo glücklich, wenn auch oft ein tiefer Seufzer die Sehnſucht ihres Herzens bekun⸗ dete! Dann las ſie wieder die Briefe und fand jedes Mal noch etwas darin, was ihr bisher entgangen war. Erſt ————— 214 wenn ſie das kleine Packet wieder ſorgfältig geordnet, zu⸗ gebunden und verſchloſſen hatte, ging ſie zur Ruhe, und der Schlummer kam zu ihr auf den Schwingen des Gebe⸗ tes für ſein Glück. So verging der Winter, und als der Frühling er⸗ ſchien und er ſchrieb, daß er in wenigen Monaten dort ein⸗ treffen werde, war aller Kummer, aller Schmerz verſchwun⸗ den. Sie zählte die Tage bis dahin, von jedem Tage die Stunden, und freute ſich immer, wenn die Zeit ſich um einen dieſer Abſchnitte verkürzt hatte. Während ſie die Arbeit zu ſeinem Geburtstage fertigte, waren nur Feſttage für ſie, und ſie vermochte den Jubel ihres Herzens kaum zu unterdrücken, als ſeine Antwort und mit ihr die aber⸗ malige Beſtätigung ſeines Beſuches eintraf. Ihr kleines. Packet war jetzt ſchon viel umfangreicher geworden, und ſie konnte ſich Stunden lang damit beſchäftigen, ſeinen In⸗— halt zu genießen. Es war ein heiterer, ſonniger Tag in demjenigen Monate, den man ſo oft mit Unrecht den Wonnemonat nennt, als ſie Nachmittags zuſammen in der Laube ſaßen, Margot den Kaffee einſchenkte und mit dem alten heiteren Muthwillen plauderte. Sie hatte es ſich ausgerechnet, 4 daß es, ohne den heutigen Tag mitzuzählen, noch zweiund⸗ vierzig Tage ſeien, bis er kommen würde— mehr als die Hälfte der Zeit, für welche ſie dieſe Rechnung angefangen, — 215 lag bereits hinter ihr— das machte ſie ſo innerlich heiter und froh. Es iſt heute der erſte warme Tag, ſagte die Frau Wehring; wollen wir gegen Abend einen Spaziergang machen, Margot? Ach ja, liebe Mutter, rief dieſe freudig, laß uns ein⸗ mal hinauf auf die Höhe gehen, von welcher man eine ſo ſchöne Ausſicht in das Thal hat! Es ſind hier viele Höhen, mein Kind, erwiederte lächelnd Wehring's Frau; welche meinſt Du? Margot deutete mit der halb erhobenen Hand, in⸗ dem ſie leiſe erröthete, nach dem dem Leſer bekannten Berge hin. Wenn es nicht zu weit ſein wird? O, es iſt nicht weit; wir gehen langſam. Oben ruhen wir uns aus— in höchſtens einer Stunde können wir oben ſein. Ich werde Euch begleiten, ſagte Wehring lächelnd; der Wald muß jetzt ſehr ſchön ſein— doch was iſt das? Ein Poſthorn? Ein Poſthorn? rief Margot, während Schrecken und Freude ſich guf ihrem Geſichte abſpiegelten— könnte es möglich ſein?— Wahrſcheinlich eine Geſchäftsſache, bemerkte Wehring, während alle Drei den heranfahrenden Wagen mit ſicht⸗ barer Spannung betrachteten. Er hält vor dem Hauſe 216 — ich will hinabgehen und werde Euch nun wohl nicht begleiten können; aber laßt Euch deshalb nicht ſtören, und wenn es mir möglich iſt, komme ich nach. Ungeachtet dieſer Weiſung blieben die beiden Frauen doch, von Neugierde gefeſſelt, auf ihrem Standpunete ſtehen und ſahen jetzt einen Herrn und eine Dame aus dem Wagen ausſteigen Der Erſtere ſprach eine kurze Zeit mit Wehring, worauf dieſer Beide in das Haus führte. Wir wollen doch lieber unſeren Spaziergang aufge⸗ ben oder wenigſtens verſchieben, ſagte die Frau Wehring; es iſt eine Dame dabei, da könnte meine Gegenwart nöthig ſein— ich kann mir gar nicht denken, was ſie wollen. Ein Geſchäft, liebe Mutter, erwiederte Margot ſicht⸗ lich enttäuſcht; was könnte es anders ſein?— Wir folgen Wehring, als er hinabging, um die un⸗+ erwarteten Gäſte zu empfangen. Habe ich die Ehre, den Herrn Fabrikanten Wehring zu ſehen? fragte der Fremde, nachdem er ausgeſtiegen und ſeiner Gefährtin, einer älteren Dame, aus dem Wagen ge⸗ holfen hatte. Zu dienen, mein Herr— wen habe ich die Ehre? Ich habe in wichtigen Angelegenheiten mit Ihnen zu verhandeln, wenn Sie daher geſtatten— ſetzte er mit ei⸗ nem Blick auf die Hausthür hinzu. ———— — 217 Ich bitte einzutreten, erwiederte Wehring, indem er die Fremden in das Zimmer führte. Der Angekommene war ein Mann in der Mitte der Vierzig mit einem ſchlauen, intelligenten, franzöſiſchen Ge⸗ ſichte. Daß er dieſer Nation angehöre, bekundete außerdem der Dialekt, mit welchem er das Deutſche ſprach. Ich komme im Auftrage des Herrn Marquis und der Frau Marquiſe de Beaumont, ſagte der Fremde, nachdem man ſich geſetzt hatte, und werde Ihnen ſpäter meine Voll⸗ macht und die übrigen nöthigen Papiere überreichen. Des Herrn Marquis de Beaumont? fragte Wehring verwundert— ich habe bisher nicht die Ehre gehabt, in Geſchäftsverbindungen mit dem Herrn Marquis zu ſtehen. Das wäre auch kaum möglich geweſen, lächelte der Andere; der Herr Marquis, Kammerherr und Almoſenier Sr. Majeſtät des Kaiſers der Franzoſen, treibt keine Ge⸗ ſchäfte— doch ich ſehe, Sie warten auf eine nähere Er⸗ klärung, und will daher ohne Umſchweife dazu übergehen. Der Herr Marquis gehört zu einem alten Adelsgeſchlechte Frankreichs und war genöthigt, während der Revolution mit ſeiner Familie zu emigriren. Die Wiederherſtellung der Ordnung und die Gerechtigkeit Sr. Majeſtät des Kai⸗ ſers haben ihn nach Frankreich zurückgeführt und ihn, ſo⸗ weit dies möglich war, wieder in den Beſitz ſeiner umfang⸗ reichen Güter geſetzt. Außerdem hat Se. Majeſtät die Gnade gehabt, ihn zum Kammerherrn und Almoſenier zu ernennen. So ſehr er durch dieſen günſtigen Unſtand für die traurige Vergangenheit entſchädigt wurde, fuhr der Sprechende fort, während ihm Wehring, ungewiß, was dieſe für ihn gänzlich unintereſſanten Mittheilungen beab⸗ ſichtigten, mit geſpannter Aufmerkſamkeit zuhörte— ſo ſehr die jetzige Lage den Herrn Marquis und die Frau Marquiſe auch für die Vergangenheit entſchädigten— es war Ein Verluſt, den ſie auf das Tiefſte beklagten und ſie die günſtige Veränderung ihrer Lage doch nur Fnvollkom⸗ men empfinden ließ— dies war der Verluſt ihrer Tochter. Ihrer Tochter? rief Wehring plötzlich, von einer un⸗ beſtimmten Ahnung ergriffen. Ja, ihrer Tochter, wiederholte der Fremde langſam. Der Herr Marquis und die Frau Marquiſe lebten als Emi⸗ granten in der Schweiz und im füdlichen Deutſchland un⸗ ter dem Namen Villers mit einem alten ihnen treu ergebe⸗ nen Caftellan eines ihrer Schlöſſer, Namens Viorne. Viorne, Viorne! rief Wehring wieder, wäre es mög⸗ lich— Margot.. Ich ſehe, Sie fangen an, mich zu verſtehen, fuhr der Sprechende in ſeinem freundlich lächelnden Tone fort; ge⸗ ſtatten Sie mir, mich weiter zu erklären. Dieſer Viorne hatte ſich aus freien Stücken an den Herrn Marquis ange⸗ ſchloſſen, ſeine Verbannung getheilt, und ſeine Treue und Anhänglichkeit erſchien daher über jeden Zweifel erhaben. Dennoch war ſie es nicht— wenigſtens iſt ſeine Hand⸗ — lungsweiſe ſonſt nicht zu erklären. Die Heere der Republik marſchirten in Deutſchland ein, und der kleine Ort, wo ſich der Herr Marquis aufhielt, wurde von den franzöſiſchen Vorpoſten beſetzt. Damals galt noch ein emigrirter frau⸗ zöſiſcher Edelmann für vogelfrei, und es war daher das Schlimmſte zu erwarten, wenn der Herr Marquis, was nicht ausbleiben konnte, als ſolcher erkannt wurde. Man verließ daher in der Nacht dieſen in ſo hohem Grade ge⸗ fährdeten Aufenthalt— es war eine etwas eilige Flucht, auf welcher, um es kurz zu machen, der treuloſe Caſtellan mit der damals ſechsjährigen Tochter des Herrn Marquis verſchwand, ohne daß es möglich geweſen wäre, ſeine Spur wieder aufzufinden. Was die ſorgfältigſten und unausge⸗ ſetzt fortdauernden NRachforſchungen jedoch nicht vermocht hatten, machte, wie dies ſo häufig iſt, der Zufall möglich. Der Sohn des Herrn Marquis, welcher eine Zeit lang auf Befehl des Kaiſers der weſtphäliſchen Armee zugetheilt war und bei den Hußaren diente, hat ſeine verlorene Schweſter wiedergefunden— hier bei Ihnen, mein Herr, denn die junge Dame, deren Sie Sich ſo uneigennützig angenom⸗ men haben, Fräulein Margot, iſt die Tochter des Herrn Marquis. Wie wäre das möglich? fragte Wehring in ungewiſ⸗ ſem Tone, obgleich er an der Wahrheit dieſer ſo unerwarte⸗ ten Mittheilung ſelbſt nicht mehr zweifelte— wie wäre das möglich? 220 Ich werde jetzt die Ehre haben, Ihnen die nöthigen Papiere vorzulegen, welche meine Angaben außer allen Zweifel ſtellen. Hier iſt zuerſt mein Paß, hier die Voll⸗ macht des Herrn Marquis, daß ich in ſeinem Auftrage handle und ermächtigt bin, ſeine Tochter von Ihnen zurück⸗ zunehmen und ſie ihren Eltern zu überbringen— notariell beglaubigt, ſetzte er hinzu, während Wehühng die Schrift las— Sie werden an der Echtheit nicht zweifeln. Hier iſt endlich ein Befehl des Präfecten an Sie, deſſen Unter⸗ ſchrift Sie kennen, woraus heworgeht, daß ich derjenige bin, als welchen ich mich bezeichnet, mit der Weiſung, der Ver⸗ abfolgung der jungen Marquiſe de Beaumont an mich und an die Hofmeiſterin derſelben, welche mich zu dieſem Zwecke begleitet, keine Hinderniſſe entgegen zu ſtellen. Aber weshalb kommen Sie ſo ſpät, mein Herr? fragte Wehring, der begierig nach einem Umſtande ſuchte, welcher ihn hätte berechtigen können, dieſer Weiſung doch nicht zu folgen. 2 So ſpät? fragte der Andere— was meinen Sie damit? Der Sohn des Marquis, der junge Officier, welcher ihr Bruder ſein ſoll, war vor länger als einem Jahre hier — die angeblichen Geſchwiſter haben ſich damals kaum geſprochen— aber ſie haben ſich geſprochen und müſſen ſich daher auch erkannt haben. Weshalb haben denn die troſtloſen Eltern nicht ſofort ihre verlorene Tochter zu ſich ₰ ₰ gefordert, von deren Aufenthalt hier bei mir ſie doch ſchon länger als ein Jahr unterrichtet geweſen ſein müſſen? Ich habe ſchon die Ehre gehabt, Ihnen zu bemerken, erwiederte der Bevollmächtigte mit einem leiſen Räuspern, daß die beiden Geſchwiſter in ſehr früher Kindheit getrennt worden ſind. Der junge Marquis erinnerte ſich noch ſeiner Jugendgeſpielin, aber daß dies ſeine Schweſter geweſen, wußte er ſelbſt nicht; man hatte es ihm, weshalb, iſt mir unbekannt, verſchwiegen, denn ich bin nicht ſo intim in die Familien⸗Verhältniſſe des Herrn Marquis eingeweiht. Von hier aus wurde der junge Herr direct zur Armee nach Spa⸗ nien commandirt und mußte dahin abgehen, ohne ſeine El⸗ tern wiederzuſehen. Erſt vor Kurzem hat er in einem Briefe beiläufig erwähnt, daß er die Geſpielin ſeiner Ju⸗ gend hier bei Ihnen zufällig wiedergefunden und ſich ſehr darüber gefreut habe. Dieſe ganz unerwartete Mittheilung führte natürlich ſogleich zu weiteren und ſehr ausführlichen Erkundigungen, und nachdem man dadurch in den Beſitz aller näheren Umſtände gelangt und es zweifellos gewor⸗ den war, daß ſich die Tochter des Herrn Marquis wirklich bei Ihnen befinde, ſind die Schritte, ſie ihren Eltern zu⸗ rückzubringen, gethan worden, welche ebenfalls, zur Beſei⸗ tigung aller Hindernifſe, nicht ohne Zeitverluſt bewerkſtel⸗ ligt werden konnten. Wehring hatte dieſer längeren Mittheilung mit ern⸗ ſtem Schweigen zugehört. Er nahm nochmals die auf dem Tiſche liegenden Papiere und las ſie langſam und aufmerk⸗ ſam durch. Es ſcheint zweifellos, ſagte er dann mit einem tiefen Athemzuge. Es ſcheint nicht nur, mein Herr, ſondern es iſt zwei⸗ fellos! bemerkte der Andere. Hier iſt auch ein Brief von dem Herrn Marquis und der Frau Marquiſe an ihre Toch⸗ ter— aber es möchte vielleicht zweckmäßiger ſein, ihr den⸗ ſelben erſt ſpäter zu übergeben. Es wird nöthig ſein, ſie auf dieſen unerwarteten Wech⸗ ſel erſt vorzubereiten; ich glaube, Sie werden damit einver⸗ ſtanden ſein? Natürlich, und ich habe dies nicht anders von Ihnen erwartet. Sie werden dadurch zu den vielen Verbindlich⸗ keiten, welche der Herr Marquis Ihnen bereits ſchuldet noch eine weitere hinzufügen. Wann wollen Sie wieder fort? fragte Wehring, ohne die letzte Bemerkung zu beachten. Wenn es möglich wäre, noch heute— wenn aber... Das iſt nicht möglich, mein Herr! unterbrach ihn Wehring faſt heftig; es würde eine Grauſamkeit ſein! Nun, alſo morgen, mein Herr. Morgen?— Doch wozu eine längere Zögerung— 223 ich werde meine arme Frau und auch Margot vorbereiten. Morgen ſollen Sie reiſen— morgen Nachmittag, ſetzte er wieder ſchwankend hinzu.— Nehmen Sie bis dahin in meinem Hauſe fürlieb— Ihre Zimmer follen ſogleich be⸗ reit ſein. ** ,,,,, . 2 —— 4 K — Farbkarte 113