1. ſ 1 Leihbibfiothef deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Seſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rück abe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei eines gelichenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir 4. ent Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträg für mchentlic 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 2— ———.— auf 2 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 P 2 Mk.— Pf. 3 5 Answärtige iponnenten! haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Pin auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Sein kleines Herr war noch mehr zuſammengeſchmolzen und zählte kaum noch fünf⸗ hundert Mann, denn die Mehrzahl der Männer, aus denen es beſtand, waren im öſtlichen Texas zu Hauſe, und viele von ihnen entfernten ſich, um für Frau und Kind zeitig Sorge zu tragen. Ueberhaupt war die Stimmung unter ihnen eine ſehr trübe und niedergeſchlagene und alle feurigen, begeiſterten Reden für Freiheit und Ehre, welche Albert Randolph ihnen wiederholt abends beim Lager⸗ feuer hielt, waren nicht im Stande, die Wirklichkeit vor ihren Augen zu verdecken, denn ſie konnten es ja gar nicht wagen, dem ſo ſehr überlegenen Feinde eine ent ſcheidende Schlacht anzubieten. Kam aber Texas, woran ja nicht zu zweifeln war, wieder unter die Herrſchaft Mexicos, ſo war ihres Bleibens nicht mehr in dieſem Armand, Saat und Ernte. V. 1 2 Lande und all ihr Eigenthum in demſelben für ſie auf immer verloren. Es war am 20. April 1836, als die kleine Schaar ſtumm und ernſt bei den Lagerfeuern ſaß und ein Jeder ſich ſeinen eigenen finſtern Gedanken hingab. Die Feuer brannten düſter, denn es regnete und eine kalte Luft zog über die finſtere Prairie und rauſchte in den Bäumen der Waldinſel, um welche die Texaner ſich gelagert hatten. General Houſton, ein koloſſal gebauter ſchöner Mann mit kleinen glänzend blauen Augen, ſchien auch in ſchwere Gedanken verſunken und dachte wohl gleichfalls an Haus und Hof, denn ſeine ſehr bedeutenden Beſitzungen lagen am Trinityfluß, an deſſen Ufern hinauf auch ſeine Heer⸗ den von zehntauſend Stück Rindvieh weideten. Solange es möglich geweſen war, hatte er den Aufſtand zu unterdrücken geſucht und bis zu dem Ent⸗ waffnungsbefehl Santa⸗Anna's für Verbleiben im mepi⸗ eaniſchen Staatenverband geſtimmt, beim Ausbruch der Empörung aber blieb ihm keine Wahl übrig, wollte er nicht ſein ganzes Eigenthum aufs Spiel ſetzen, er mußte Partei für die Republik nehmen. „Wo bleibt Randolph?“ ſagte er, ſich in ſeinen Gedanken unterbrechend, zu einem Offizier an ſeiner Seite, der ein Stück Hirſchfleiſch an einem Stocke über —— ———— 3 die Kohlenglut hielt, um ſein Abendeſſen daraus zu be⸗ reiten. Er müßte ſchon längſt hier ſein, er iſt ja nur nach Lynchbury und San⸗Jacinto geritten, um zu ſehen, ob unſere Vorräthe angekommen ſind“ entgegnete der Offizier. „Wenn dieſelben noch nicht eingetroffen ſind, ſo werden ſie uns nichts mehr helfen können, denn wir müſſen uns nach dem Trinityfluß zurückziehen. Dort tritt wohl noch mancher Mann zu uns unter die Waffen, um ſein Eigenthum zu vertheidigen, hier laufen uns die Leute fort, wir werden täglich ſchwächer“, ſagte Houſton, indem er eine kleine Pfeife aus dem Rock her- vorzog und ſie anzündete. Da wurde in der Ferne der Hufſchlag flüchtiger Pferde laut, Houſton horchte auf und bald ſprengte Albert, von mehreren Reitern begleitet, ins Lager. Die Eile, womit ſie von ihren Pferden ſprangen und zu General Houſton ſchritten, und die Haſt, mit welcher derſelbe ihnen in das Dunkel der Bäume folgte, zeigten, daß die Reiter eine wichtige Meldung zu machen hatten. Der eine der Begleiter Albert's war ein Kund⸗ ſchafter, der die Nachricht brachte, daß Santa⸗Anna mit nur zweitauſend Mann ein verſchanztes Lager bezo⸗ gen habe. Es war ein Augenblick der Entſcheidung für das 1* 4 Schickſal von Texas, vielleicht der einzige, der für ſeine Selbſtſtändigkeit noch eine Hoffnung bot. Ge⸗ lang es, Santa-Anna zu überraſchen, ihn zu überwäl⸗ tigen und ſeiner Perſon habhaft zu werden, ſo war Te⸗ ras gerettet, wo nicht, ſo verfiel es unabänderlich in die tiefſte mexicaniſche Knechtſchaft. Aber auch das Schickſal aller um Houſton verſam⸗ melten Streiter hing an dieſem Augenblicke, denn alle hatten in Texas ihr Eigenthum, ihre Familie, oder ſie 3 hatten die Vereinigten Staaten unter Verhältniſſen ver⸗ laſſen, die ihnen unterſagten, jemals wieder ihren Fuß über deren Grenzen zu ſetzen. 1 Houſton trat nach kurzer Unterredung aus dem 8 Dunkel der Bäume hervor und verkündete der ſich um ihn drängenden Menge, welche Nachricht ihm überbracht worden ſei, kaum aber war die Kunde ſeinen Lippen entſchwebt, als ein Sturm von Hurrahs durch die Nacht ſchallte und man einſtimmig den Angriff auf Santa⸗ Anna's Lager verlangte. Alles war jetzt Leben. Der ganze für die Nacht ge⸗ ſammelte Holzvorrath wurde auf die Feuer geworfen, ſodaß ſie hoch aufloderten und den kampfgierigen Män⸗ nern dazu leuchteten, ihre Waffen in Stand zu ſetzen, die Pferde wurden aus dem Graſe geholt und geſat⸗ telt, die vier Geſchütze beſpannt, und ehe eine Stunde 3 3 —— — „. ——— — 5 verfloſſen war, zog die ſchlachtmuthige Schaar von den hellen Feuern hinweg in die finſtere ſtürmiſche Nacht hinaus dem Regen und Wind entgegen. Schweigend eilten ſie dahin, die letzten Streiter der jungen Republik, mit dem eiſernen, unumſtößlichen Entſchluß, zu ſiegen oder zu ſterben, und als der Morgen graute, hatten ſie das Lager Santa⸗Anna's bis auf die Entfernung einer halben Meile erreicht. Das hohe Erlengebüſch auf den Ufern eines Bachs verbarg ſie den Blicken der mepicaniſchen Poſten. Hou⸗ ſton ließ abſitzen, die Pferde wurden an den Erlen befeſtigt, die Waffen zum Gebrauch bereit gemacht, und nun ſetzte ſich die Schaar mit den Geſchützen nach Santa⸗ Anna's Lager hin in Bewegung. Noch lagen einige tauſend Schritte zwiſchen den Texanern und den Schanzen, als auf denſelben Rauch⸗ wolken aufſtiegen und mit dem Donner der dort abge⸗ feuerten Kanonen deren Kugeln über den Köpfen der Heranziehenden hinbrauſten; dieſe aber gaben keine Ant⸗ wort darauf, ſondern beeilten ſchweigend nur noch mehr ihre Schritte. Bis auf Büchſenſchußweite hatten ſie jetzt das La⸗ ger erreicht, ihre Geſchütze wurden gerichtet, dieſelben ſchleuderten ihren Kartätſchenregen über die Wälle und mit den Schreckensrufen:„Alamo, Goliad!“ ſtürzten die 6 Freiheitskämpfer, mit Büchſe, Piſtolen und Jagdmeſſer bewaffnet, ihren Kugeln nach. Die Erdaufwürfe um das Lager waren hoch und die Gräben vor ihnen tief, doch was waren den Stürmenden in dieſem Augenblicke Hin⸗ derniſſe und Gefahren! Nach wenigen Minuten hatten ſie die Wälle erklom- men. Nicht wie Menſchen, wie wuthſchäumende Raub⸗ thiere ſtürzten ſie ſich in die dichtgedrängten Maſſen der Mexicaner hinein und ſchoſſen und hieben ſie unter den nicht verhallenden Rufen:„Alamo, Goliad!“ reihenweiſe nieder. Da half kein Befehlen, kein Wehren, kein An⸗ feuern der mexicaniſchen Offiziere, unaufhaltſam wie eine Windsbraut raſten die Stürmenden in allen Richtungen durch das Lager und nach fünfzehn Minuten des gräß- lichſten Mordens und Schlachtens war der Sieg für Texas entſchieden. Das ganze Lager glich einer großen Blutlache, in der die Sterbenden und Verwundeten ſich krümmten und die Beſiegten ſich vor den Siegern niederwarfen und um Gnade, um Erbarmen flehten. Der Ruf nach Santa⸗Anna machte dem Morden plötz- lich ein Ende, ſein Name tönte wie ein lähmendes Wort von Mund zu Mund, denn ohne ihn gefangen zu haben, war kein Sieg erfochten, ſein Entkommen verhieß ganz Teras den Untergang. Nirgends war er zu finden, weder N 5 —, 7 unter den Gefangenen, noch unter den Todten. Da ließ Houſton ein Dutzend mexicaniſcher Generale vor ſich bringen und drohte ihnen mit Erſchießen, wenn ſie nicht die Richtung der Flucht ihres Befehlshabers verriethen. Sie ſagten aus, daß derſelbe gleich beim Beginn des Kampfes mit mehreren Begleitern in einem leichten Wagen das Lager verlaſſen habe, und bezeichneten die von ihm genommene Richtung. Die friſche Wagenſpur bekundete die Wahrheit der Ausſage, und nun hing Alles davon ab, den Flüchtling einzuholen. Houſton ließ ſofort zweihundert Mann ihre Pferde beſteigen und trug ihnen auf, Santa⸗Anna womöglich lebendig einzufangen Unter dieſen Reitern befand ſich auch Albert Randolph. Fort jagten ſie in flüchtigem Galopp, der Wagenſpur folgend, bis ſie nach Verlauf von einer halben Stunde ſich einer verlaſſenen Farm näherten. Schon von weitem ſahen ſie dort den Wagen ſtehen, aber ohne Pferde. Augen⸗ ſcheinlich hatte Santa⸗Anna mit ſeinen Begleitern die Thiere, welche ihn bis hierher gezogen hatten, beſtiegen, um ſchneller und ungehinderter ſoiilommen, und nach kurzem Suchen fanden die Texaner auch die Spuren der Pferde auf. Wieder folgten ſie denſelben mit möglichſter Eile und erkannten, daß die Fliehenden immer ſchneller geritten waren. Das Grasland, durch welches ſie zogen, ward bald vielfach von kleinen Bächen durchſchlängelt und 8 der Boden wurde immer ſumpfiger, ſodaß die Pferde oftmals bis an die Kniee einſanken. Die Hoffnung, den Entflohenen einzuholen, ſteigerte ſich mehr und mehr, denn die von ſeinen Roſſen zertre⸗ tenen Grashalme und Kräuter zeigten deutlich, daß dies erſt ſo eben geſchehen ſei. Immer mehr trieben die Ver⸗ folger ihre Pferde zur Eile an, als ſie plötzlich aus einem Erlengebüſch hervorritten und vor ſich in dem Graſe die drei Reitthiere Santa⸗Anna's ruhig weiden ſahen. Er hatte alſo ſeinen Weg zu Fuße fortgeſetzt; doch trotz aller Mühe und Anſtrengung konnten die Streif⸗ ſchützen ſeine Fährte nicht entdecken. Nach langem vergeblichem Spüren hielten ſie eine Berathung und beſchloſſen, ſich in kleinern Abtheilungen von einander zu trennen und in den verſchiedenſten Rich⸗ tungen die Gegend zu durchſuchen. Albert Randolph zog es vor, ohne zahlreiche Be⸗ gleitung zu reiten, und nahm nur Mac⸗Coor mit ſich. Dieſer behauptete, Santa⸗Anna habe die gerade Richtung nach der Meeresküſte eingeſchlagen, weil er dort leicht eines Bootes habhaft werden könne, und auf dieſe Ver. muthung hin wandten die beiden Reiter ihre Roſſe nach Oſten, wo ſie aber bald ſo in Büſche und ſumpfigen Boden geriethen, daß ſie zu Pferde nicht weiter vordrin⸗ gen konnten. Sie hielten an einem kaum einen Schritt —— „ = ₰ 6 breiten, doch ſchnell fließenden, zu beiden Seiten mit Erlenbüſchen bewachſenen Waſſer und ſchauten durch eine Oeffnung zwiſchen denſelben, als Mac⸗Coor plötz lich ſagte: „Bei Gott, hier ſind ſie durchgegangen! Sehen Sie da an der andern Seite des Waſſers den zierlichen Fuß⸗ tritt? Ich laſſe mich hängen, wenn dies nicht Santa⸗Anna ſelbſt geweſen iſt.“ Er ſowie Albert waren von ihren Roſſen geſprun⸗ gen und nahmen die Fährte genau in Augenſchein, wo. bei ſie einige Schritte weiter noch zwei Männerſpuren fanden. Es lag außer allem Zweifel, daß Santa⸗Anna mit zwei Begleitern hier durchgeſchritten war, und fern konnte er unmöglich ſein. Zu Pferde weiter vorzudringen ließ jedoch der ſumpfige Boden nicht zu. Albert und Mac⸗ Coor befeſtigten darum ſchnell ihre Thiere an die Erlen⸗ büſche und eilten nun den deutlich ausgedrückten Fuß tritten der Fliehenden nach. Wieder und wieder hatten ſie Gebüſchſtreifen zu durchſchreiten, die ihnen den Blick in die Ferne wehrten, doch plötzlich öffnete ſich vor ihnen eine weite Grasfläche, an deren fernem Ende ſie drei Männer, dem Anſcheine nach Offiziere, erkannten, die dem dichten Gebüſche im Laufſchritte zueilten. „Da ſind ſie! Vorwärts!“ ſchrie Albert und ſprang 10 Mac⸗Coor voran, der eine Büchſe trug, während er ſelbſt nur mit Piſtolen und Säbel bewaffnet war. Noch hatten ſie aber kaum die Mitte der Grasebene erreicht, als die Fliehenden in dem Gebüſch verſchwanden. Mit Blitzesſchnelle folgte ihnen Albert mit ſei⸗ nem Gefährten; ſie hatten nach wenigen Minuten die Büſche durcheilt, und vor ihnen auf einer kaum vierzig Schritte breiten Grasflur ſtürmten die drei Flüchtlinge dem nächſten Gebüſche zu. „Steht, oder wir ſchießen!“ ſchrie Albert ihnen auf Spaniſch nach, doch noch ehe er es verhindern konnte, gab Mac⸗Coor neben ihm Feuer und einer der drei Offiziere ſtürzte zuſammen. Die andern beiden fuhren herum, und während Albert und MacCoor auf ſie zu⸗ eilten, erhob einer bon ihnen eine Piſtole und gab Feuer. Zugleich aber ſchoß Mac⸗Coor eine Piſtole nach ihm ab; der Mann wankte einen Augenblick und ſank dann in das Gras nieder. „Ich bin getroffen“, ſagte jetzt Mae Coor mit krampfhafter Stimme und hielt die Hand gegen ſeine Bruſt.„Eilen Sie, Randolph; laſſen Sie mich lie⸗ gen und fangen Sie den Hund dort, es iſt Santa⸗ Anna.“ Der Offizier jedoch ſprang jetzt flüchtigen Schrittes davon und in die nächſten Büſche hinein, während Al⸗ 11 bert ſeinen Gefährten in ſeinen Armen aufrecht zu hal⸗ ten ſuchte. „Laſſen Sie mich los, Randolph, mir können Sie nicht helfen, Texas aber können Sie retten. Eilen Sie, ehe er Ihnen entkommt“, ſtöhnte Mac⸗Coor und ſank, ſich den Armen Albert's entwindend, auf den Boden nieder. Dieſer aber ſtürzte nun dem Flücht⸗ linge, ſo ſchnell ihn ſeine Füße tragen wollten, nach und ſtürmte ſpähenden Blicks durch das Buſchwerk hin, bis er an deſſen anderer Seite abermals eine offene weite Grasfläche erreichte. Santa-Anna war nirgends zu ſehen. Er mußte ſich in den Büſchen verſteckt haben. Schnell ſprang Albert zurück durch das Dickicht bis auf den Platz, wo er den Fliehenden hatte in daſſelbe eindringen ſehen, nahm dort deſſen Fährte auf und folgte derſelben nun mit Piſtole und Degen in den Händen Schritt für Schritt. Sie führte ihn ſeit⸗ wärts in dem dichten Geſtrüpp hin, zwiſchen welchem der Boden ſo ſumpfig wurde, daß Albert nur auf den Wurzeln der einzeln ſtehenden Büſche noch fußen konnte, auf denen er gleichfalls den Tritt des vor ihm fliehen⸗ den Mannes im Auge hielt. So drang er, immer eifri⸗ ger ſpähend, vorwärts und war eben an einem ſehr dich⸗ ten Gebüſch vorübergeeilt, als er plötzlich den Fuß⸗ tritt vor ſich vermißte. Er blieb ſtehen, blickte rund um 12 ſich, nirgends eine Fährte; er wandte ſich nach dem dichten Buſche zurück, theilte das Laub mit ſeinen Hän⸗ den auseinander und blickte plötzlich einem todtenbleichen Mannesantlitz in die Augen, welches ihn aus dem ſum⸗ pfigen Pfuhl in der Mitte des Dickichts anſtierte. „Erbarmen! Schonen Sie mein Leben!“ flehte der Mann jetzt mit bebenden Kinnladen und richtete ſich aus dem ſchwarzen Sumpfwaſſer, in welches er ſich der Länge nach niedergeworfen hatte, empor.„Retten Sie mich und ich will Sie fürſtlich belohnen. Ich zahle Ihnen jede Summe, wenn Sie mich in Sicherheit bringen!“ Dabei hielt er Albert ſeine gefalteten Hände entgegen und zitterte am ganzen Körper. Es war ein ekelerregen der Anblick, dieſen großen, breitſchulterigen Mann mit dem Säbel an der Seite in elender, nichtswürdiger Feig⸗ heit um ſein Leben flehen zu ſehen, und Albert trat mit Verachtung von ihm zurück, indem er ſagte: „Sie, Santa⸗Anna, der herzloſe Mörder der Männer von Alamo und Goliad, der ſieggekrönte Held ſo vieler Schlachten, mit der Kaiſerkrone Mepicos in der Hand und dem Degen an der Seite, Sie ſchämen ſich nicht, um Ihr Leben zu betteln, Sie ſcheuen ſich nicht, einen Ame⸗ rikaner durch Beſtechung ſeine Ehre, ſeine Pflicht vergeſ⸗ ſen machen zu wollen! Treten Sie heraus aus dem 13 Pfuhl und geben Sie mir Ihren Degen, das iſt der Preis, den ich für Ihre Gefangennehmung fordere.“ Bei dieſen Worten trat Albert zur Seite und Santa⸗Anna ſchritt aus dem Sumpfwaſſer, in welchem er noch bis an die Kniee ſtand, hervor. Dann reichte er Albert ſeinen Säbel und ſagte mit derſelben flehenden, bebenden Stimme: „Retten Sie mich, junger Mann! Sie haben ein ganzes Leben vor ſich, ich will Ihnen Schätze geben, um es genießen zu können, ich nehme Sie mit mir nach—“ „Schweigen Sie, ehrloſer Mann“ fiel ihm Albert entrüſtet ins Wort.„Wären Sie nicht in meiner Ge⸗ walt, ſo würde ich Sie für Ihre Beleidigungen züchtigen. Sie ſind Eigenthum des Volkes von Texas, das Sie mit ſeinem Blute erkauft hat und dem Sie als Bürg⸗ ſchaft für ſeine Freiheit, ſeinen Frieden dienen ſollen. Schreiten Sie vor mir hin auf dem Wege, den Sie gekommen ſind!“ Dabei winkte ihm Albert verächtlich zu und Santa— Anna, der Dictator, der nach der Kaiſerkrone von Me⸗ xico ſtrebende Kriegsgott, ging mit bebenden Gliedern, ſchwarz mit Schlamm beſudelt vor dem gefeierten Dich⸗ ter Amerikas hin und rief murmelnd die heilige Jung⸗ frau von Guadelupe um Beiſtand, um Rettung an. —— 14 Bald erreichten ſie den Platz, wo die beiden Adju⸗ tanten Santa-Anna's entſeelt im Graſe lagen; letzterer ſah kaum nach ihnen hin und ſchritt, nur mit ſeinem eigenen Schickſal beſchäftigt, an ihnen vorüber. Als ſie ſich aber Mac⸗Coor nahten, eilte Albert an dem Gefangenen vorbei zu ſeinem Gefährten und ſank bei ihm auf ſeine Kniee; Mac⸗Coor lag regungslos und ſtarr, das Leben war aus ihm gewichen. Albert war tief ergriffen und vergaß, ſeines Retters kalte Hand in der ſeinigen haltend, für den Augenblick den Gefangenen, in welchem er das Schickſal von Te⸗ ras zu hüten hatte. Er dachte an Blancha, an Mac⸗ Coor's Hülfe und dankte ihm ſchweigend mit ſeinen Thränen. Darauf unterſuchte er die Taſchen des Todten, nahm deſſen Börſe und Brieftaſche zu ſich und winkte Santa⸗Anna, der ihm, ohne ſich zu rühren, zugeſehen hatte, den Rückweg zu verfolgen, wobei er ihm mit der Piſtole in der Hand nachſchritt. Er hatte bald die Erlenbüſche erreicht, wo ſein Pferd und das ſeines todten Gefährten befeſtigt war, band ſie los, ließ den Gefangenen letzteres beſteigen, nahm deſſen Zügel in die Hand, ſchwang ſich auf ſein Roß und eilte nun, das Thier Santa⸗Anna's neben ſich herleitend, im Trabe in der Richtung nach dem Lager davon. 15 Dort herrſchte große Unruhe und Beſorgniß unter den Siegern, denn alle ausgeſandten Streifſchützen wa⸗ ren bereits zurückgekehrt, ohne Santa⸗Anna aufgefun⸗ den zu haben. Hatte derſelbe, wie anzunehmen war, die Meeresküſte erreicht, ſo trug ihn wahrſcheinlich jetzt ſchon ein Boot dem dort heranziehenden General Fila⸗ ſola entgegen, und wehe dann Texas, wenn er an die Spitze von deſſen Truppen trat! Die Sonne neigte ſich ſchon; General Houſton hatte die kleine Zahl der zu Gefangenen gemachten Mexicaner und die verwundeten Texaner nach Harrisburg bringen laſſen und berieth jetzt mit ſeinen Gefährten die ernſte Zukunft, die ihnen zunächſt bevorſtand. General Viesca drohte ihnen von San Felipe her und konnte ſie jeden Augenblick mit ſeinem Corps über⸗ raſchen, Filaſola nahte ſich ihnen von Süden und ihre eigene Zahl war auf weniger als vierhundert Mann zu⸗ ſammengeſchmolzen. Hier ſtehen zu bleiben, war nicht rathſam, denn ſo⸗ bald ihnen der Weg nördlich um die Galveſtonbai durch Viesca abgeſchnitten wurde, fielen ſie vollſtändig in die Gewalt des Feindes. Freilich blieben die zu Gefangenen gemachten Mexicaner als Geißeln in ihren Händen, was fragte S nt aber nach einigen hundert Menſchenle⸗ 16 ben, wenn er ſeiner Selbſtſucht, ſeiner Rache fröhnen konnte! Hin und her wurde berathſchlagt und ſchließlich der Entſchluß gefaßt, am folgenden Morgen nach Harrisburg und von da ohne Aufenthalt nach dem Trinityfluſſe zu marſchiren, um ſich im Nothfall an die Grenze der Ver⸗ einigten Staaten zurückzuziehen und ſich unter den Schutz von deren Truppen, welche in Texas eingerückt waren, zu ſtellen. „Unbegreiflich, daß Colonel Randolph noch nicht zurückgekehrt iſt. Wer hat ihn denn begleitet?“ ſagte General Houſton zu den bei ihm ſtehenden Männern. „Mac Coor allein iſt mit ihm geritten, Randolph wollte Niemand außer ihm bei ſich behalten“, entgegnete einer derſelben. „Wenn ihm nur nichts zugeſtoßen iſt, er ſetzt immer Kopf und Kragen ein“, fuhr Houſton fort und trug dann den Offizieren auf, die gefallenen Kameraden begraben zu laſſen. „Dort kommt Randolph mit Mac Coor angeritten“, rief jetzt einer der Soldaten und zeigte nach der ſchon in der Dämmerung verſchwindenden Ferne, wo zwei Reiter wie zwei ſchwarze Punkte erſchienen. „Gott Lob, ich fing ſchon an, um ihn beſorgt zu werden“, ſagte Houſton, ſeinen Adlerblick auf die beiden 17 Reiter heftend, und ſetzte nach einer kurzen Pauſe hinzu: „So iſt denn auch die letzte Hoffnung auf Santa⸗Anna's Gefangennehmung verſchwunden.“ Er wandte ſich nun mit verſchiedenen Befehlen an die Offiziere, blickte aber immer wieder nach den beiden Reitern hin, die ziemlich raſch näher kamen. „Verdammt, wenn das Mac⸗Coor iſt, den Randolph bei ſich hat“, ſagte jetzt einer der Soldaten.„Der Kerl iſt ja noch einmal ſo groß als Mac.“ „Nein, Mae⸗Coor iſt das nicht“, fuhr ein anderer fort und alle richteten jetzt ihre geſteigerte Aufmerk⸗ ſamkeit auf die Nahenden. „Hängen laſſe ich mich, wenn Randolph nicht einen Gefangenen bringt. Bei Gott, er hält ja den Zügel von deſſen Pferd“, ſchrie jetzt einer aus der Menge und ſprang über mehrere todte Mexicaner hin auf den Wall des Lagers hinauf, um deutlicher ſehen zu können. „Sollte er Santa⸗Anna bringen?“ ſagte Houſton halblaut in einem Tone, der die große Bewegung verrieth, die ihn in dieſem Augenblick ergriff. Alle um ihn verſtummten in dem Hoffnungsgedanken, den er in ihnen wachgerufen, und alle Blicke hingen, als ob die nächſte Minute über Leben und Tod entſcheiden müſſe, an den beiden Heraneilenden. In raſchem Trabe kam Albert jett näher; augen⸗ Armand. Saat und Ernte. V.. 2 18 ſcheinlich hatte er eine gute Botſchaft, denn er trieb beide Pferde zur Eile an. Noch lagen wohl fünfzig Schritte vor ihm bis zu ſeinen Kameraden, als er ſich hoch im Sattel emporhob und mit jubelnder Stimme ihnen zurief: „Es lebe die Republik Texas! Hier bringe ich Santa⸗ Anna!“ Mit einem Donner, als ob die Welt zuſammen— ſtürze, begrüßten mit ſtürmiſchen Jubelrufen die Sieger von San⸗Jacinto die Freudennachricht und jauchzend und frohlockend ſchaarten ſie ſich um Albert und ſeinen Gefangenen. Ein Bild des Entſetzens ſaß der mexicaniſche Gott Santa⸗Anna in Todesangſt zuſammengekauert auf dem Pferde und ſchreckte bei jeder Bewegung der ſich um ihn drängenden Menge auf. Dennoch wagte er es nicht, ſeinen Blick zu erheben; er ließ ſein langes, breites Kinn auf die mit Schlamm beſchmuzte goldgeſtikte Bruſt herabhängen und hielt ſeine Hände vor ſeinem Leib gefaltet. „Das iſt alſo der Hund, der meine beiden Brüder vor Goliad ermorden ließ?“ rief ein Soldat, raſch durch das Gedränge zu dem Gefangenen hinſchreitend, und zog ein langes Meſſer aus ſeinem Gürtel. „Zurück, Kerneh, wenn Euch Euer Leben lieb iſt!“ 19 rief Albert ihm zu und richtete ſeine Piſtole auf ihn. „Santa⸗Anna iſt mein Kriegsgefangener und Niemand ſoll ihm ein Haar krümmen. Außerdem hängt da Schickſal von Texas an ſeinem Leben.“ Dann wandte er ſich an General Houſton und ſagte: „General, ich übergebe Ihnen hiermit den Gefan⸗ genen und bitte ihn mit einer Schutzwache zu verſehen.“ Hierauf ſprang er von ſeinem Pferde und wandte ſich zu Santa⸗Anna mit den Worten: „Steigen Sie ab, Herr, und beſchimpfen Sie ſich nicht noch mehr durch Ihre Feigheit und Todesangſt. Ihr Leben wird nicht gefährdet werden.“ General Houſton übergab Santa⸗Anna einer von einem Offizier befehligten Wache und verkündete laut unabänderliche Todesſtrafe über denjenigen, welcher dem Gefangenen ein Leid zufügen würde. Dann öffnete er ſeine Arme, um Albert Randolph an ſeine Bruſt zu drücken. „Kommen Sie, Sie unſer aller Retter, Sie Retter von ganz Texas, laſſen Sie mich den erſten ſein, der Ihnen im Namen der Republik, im Namen ihrer ganzen Bevölkerung dankt.“ Dabei umarmte er Albert und ſchloß ihn an ſein Herz, und als er ihn aus ſeinen Armen entließ, dräng⸗ 2* 20 ten ſich alle zu ihm heran, um ihm die Hand zu ſchüt⸗ teln und ihm ihren Dank auszuſprechen. Mit Jubel und Jauchzen führte ihn die frohlockende Schaar faſt ſchwebend nach einer Gruppe von uralten Lebenseichen, unter welchen für General Houſton und deſſen Stab das Lager aufgeſchlagen war, und dort mußte er nun berichten, in welcher Weiſe es ihm ge⸗ lungen ſei, den mexicaniſchen Feldherrn gefangen zu nehmen. Mac⸗Coor's Tod wurde allgemein bedauert. Houſton verſammelte darauf die Offiziere um ſich und berieth mit ihnen, wie man den Beſitz Santa⸗ Anna's für das Wohl des Landes ausbeuten ſolle. Während dieſer Berathung wurde Albert's Stimme oft gehört und ſeiner Anſicht ſtimmten alle bei. Er rieth, mit dem Gefangenen im Namen Mexicos einen Vertrag abzuſchließen, wonach dieſes die Provinz Texas aus ſeinem Staatenverband entlaſſen und als ſelbſtſtändige Repu blik anerkennen ſolle. Ferner empfahl er, Santa⸗Anna ſo lange gefangen zu halten, bis Texas von allen me⸗ ricaniſchen Truppen befreit wäre, und ihn dann gefan⸗ gen nach Waſhington an die Regierung der Vereinigten Staaten abzuliefern, damit dieſe Mexico verantwortlich dafür mache, den Vertrag zu halten, den ſein Dictator mit Texas abgeſchloſſen habe. 21 Nachdem man ſich über die zu thuenden Schritte geeinigt hatte, befahl Houſton den Feldherrn vorzu⸗ führen. Santa⸗Anna ſaß in kurzer Entfernung unter einer dichtbelaubten Eiche auf einer wollenen Decke, welche man dort für ihn ausgebreitet hatte. Um ihn her lagen die Männer, deren Aufſicht er übergeben war, ein Wachtpoſten ſchritt Gewehr in Arm um den Baum und hielt die texaniſchen Reiter ab, ſich zu dem Gefan⸗ genen zu drängen. Wenn dieſe nun auch den Befehl Houſton's ehrten und dem verhaßten Manne nicht thät⸗ lich zu nahe traten, ſo hielten ſie ſich doch nicht davon zurück, ihn mit Beſchimpfungen aller Art zu überhäufen und durch Worte ihrem Ingrimme gegen ihn Luft zu machen. Er aber ſaß regungslos mit gefalteten Händen da und ſchien zu beten. Bei der Aufforderung, ſich zum General Houſton zu begeben, ſchrak er zuſammen, erhob ſich aber ſchnell, um dem Befehl Folge zu leiſten. Er trat mit kriechender Höflichkeit in den Kreis der Offiziere, verneigte ſich zuerſt tief vor Houſton und dann vor dieſen und erklärte ſich gern bereit, Alles zu thun, was in ſeinen Kräften ſtände, um ſich ihrer Gnade werth zu zeigen. Es mache ihn glücklich, ſagte er, ſolchen hoch⸗ herzigen, wahrhaft edlen Helden in die Hände gefallen 22 zu ſein, und dabei verbeugte er ſich wieder und wieder nach allen Seiten. Die Männer um ihn aber ſahen mit Verachtung auf ihn hin und würdigten ihn keiner andern Antwort. Aus Santa⸗Anna's Zelt in dem eroberten Lager war ein Feldtiſch und ein ſolcher Stuhl herbeigeholt worden, auf welchem erſtern man Schreibmaterial ausge⸗ legt hatte, und Houſton erſuchte Santa⸗Anna jetzt an demſelben Platz zu nehmen, welcher Aufforderung dieſer ſchnell nachkam. „Schreiben Sie, Herr Dictator, an Ihre Generale Viesca und Filaſola, daß ſie ſich ſofort aus den Gren⸗ zen der Republik Texas zurückziehen ſollen, und ſagen Sie ihnen, daß Ihr Leben von der Ausführung dieſes Ihres Befehls abhinge, da ich im Weigerungsfalle Sie würde hängen laſſen“, ſagte Houſton, indem er ſich an dem Stamme einer Eiche auf ein Lager von Büffel⸗ häuten niederließ, während auf ſeinen Wink zwei Sol⸗ daten mit Kienfackeln in der Hand zu Santa⸗Anna tra⸗ ten und mit deren Flammen den Tiſch beleuchteten. Santa⸗Anna ergriff raſch die Feder und ſchrieb mit zitternder Hand die beiden Befehle. Er unterzeichnete ſie und fügte mit dem Petſchaft an ſeiner Uhr ſein Siegel darunter. „Die Befehle werden ſofort vollzogen werden, Eure 23 Herrlichkeit“, ſagte er aufſtehend und hielt Houſton die Papiere hin; Albert Randolph aber nahm ſie ihm ab und las ſie beim Lichte der Fackeln. „Sie ſind in Ordnung. Wer ſoll ſie den Gene⸗ ralen überbringen, General Houſton?“ ſagte Albert zu dieſem gewandt. „Die Oberſten Gordon und Jack will ich damit beauftragen; ich glaube, ſie zählen zu den wenigen unſe⸗ rer Offiziere, welche heute ohne Wunde davongekommen ſind, obgleich ſie dort kämpften, wo die meiſten ausge⸗ theilt wurden“, antwortete Houſton mit einer Verneigung gegen die genannten Männer. Dieſe traten vor, empfingen die Depeſchen, nach⸗ dem Houſton's Schreiber dieſelben verſiegelt hatte, und ehe eine halbe Stunde verging, ritten ſie, von Abthei⸗ lungen Streifſchützen gefolgt, davon. Die Nacht war für die Texaner ſeit langer Zeit die erſte Nacht der Ruhe, des ſorgloſen, glücklichen Schlafes. Alles ſchlief im Lager feſt und regungslos, nur Santa⸗Anna konnte die Augen nicht ſchließen; die Schreckensdrohung Houſton's, daß er ihn unter Umſtän⸗ den werde hängen laſſen, tönte ihm in den Ohren und verſcheuchte den Schlaf von ſeinem Lager. Am folgenden Morgen wurden die letzten gefalle. nen Texaner beerdigt, unter denen ſich auch Mac⸗Coor befand, welchem Albert Randolph an dem Orte, wo der⸗ ſelbe ſich verblutete, die letzte Ehre erzeigte. Am Abend mit finkender Sonne langten die ſiegge⸗ krönten Helden von San-Jacinto vor Harrisburg an und wurden von der Einwohnerſchaft im Triumph empfangen. Hier wurde der Vertrag mit Santa⸗Anna im Na⸗ men Mexicos in Bezug auf die Freiheit von Texas ausgefertigt und abgeſchloſſen und von hier aus wurde der Dictator unter Bedeckung nach Waſhington an die Regierung der Vereinigten Staaten geſandt, welche die junge Republik anerkannte und ihr ihren Schutz zuſagte. Erſt im folgenden Jahre kehrte Santa⸗Anna nach Me⸗ rico zurück. Wenige Tage nach dem Einzug in Harrisburg zeigte Albert der Mutter Mae Coor's, welche in Baltimore lebte, den Tod ihres Sohnes an und überſandte ihr die Börſe und die Brieftaſche deſſelben, welche letztere die Werthpapiere enthielt, die er von Blancha Dandon er⸗ halten hatte. Texas war nun frei, jede Gefahr war von ihm gewichen, das abgelebte, verkommene ſpaniſche Element verſchwand wie verpeſtete Luft vor einem friſchen Winde aus ſeinen Grenzen und das lebenskräftige amerikaniſche Blut ließ es wie durch einen Zauberſchlag zum reichſten, geſegnetſten Lande dieſes Continents erblühen. 25 Zu Tauſenden ſtrömten Einwanderer aus allen Staa⸗ ten der Union in ſeine paradieſiſchen Gefilde, die Ufer ſeiner Gewäſſer ſchmückten ſich mit Baumwollen- und Maisfeldern, ſeine Prairien bedeckten ſich mit zahlloſen Viehheerden und Handel und Gewerbe belebten ſeine Städte, ſeine Straßen. Albert Randolph war der gefeierte Retter der Re⸗ publik und eine der beliebteſten Perſönlichkeiten im Lande, doch ſein Ruhm als Dichter war Niemand bekannt. Nach Beendigung des Kriegs ging er an die ſchöne Guadelupe nach Gonzales zurück und ließ ſich dort als Advocat nieder. Zweites Kapitel. Harry Williams hatte ſich nach ſeinem ſtillen Ab⸗ ſchied von dem kampfbewegten Texas einige Zeit in Neuorleans aufgehalten und war dann nach Natchez ge⸗ fahren, um ſeinem Compagnon einen Beſuch abzuſtatten. Er fand Dandon in großer Beſorgniß über den Ausgang des Kriegs in Texas, denn die Niederlagen der Aufſtändiſchen in Alamo und Goliad waren bereits in den Zeitungen gemeldet. Harry jedoch ſchien vollſtändig unbeſorgt zu ſein und ſprach Dandon Muth zu, indem er namentlich auf die Demonſtrationen der Vereinigten Staaten hinwies und ſagte, daß die Amerikaner ihre Brüder in Texas nicht im Stiche laſſen würden. Er deutete Dandon aber zu⸗ gleich an, daß man in keiner Weiſe die öffentliche Aufmerk⸗ ſamkeit auf ihre Neger am Bernardfluſſe lenken dürfe, man müſſe ſie ruhig unter der Leitung ſeines Bruders Aſhmore fortarbeiten laſſen, bis die Angelegenheiten in 27 Texas eine andere Geſtalt annehmen würden. Bis dahin ſei das plötzliche Erſcheinen der Sklaven vergeſſen und Niemand würde mehr danach fragen, woher ſie gekom⸗ men ſeien. Dandon fand dies ſehr in der Ordnung, konnte aber ſeiner Beſorgniſſe wegen des Ausgangs des Kriegs nicht Herr werden, ſo unbezweifelt ihm Harry denſel⸗ ben auch als einen erwünſchten ſchilderte. Dieſer hielt ſich nur kurze Zeit in Natchez auf und eilte dann nach dem Norden, um die Bäder zu beſuchen und die dort gebotenen Lebensfreuden zu genießen. In Saratoga, dem Sammelplatz der reichen, ſchönen Welt, hatte er beſchloſſen, den Sommer zu verbringen und dort die Entſcheidung der Kämpfe in Texas abzu⸗ warten, doch kaum war er dort angelangt, als die Nach⸗ richt von der Heldenſchlacht von San Jacinto wie ein Lauffeuer durch die Vereinigten Staaten ging und auch ihn erreichte. Eine Stunde nach Empfang derſelben ſagte er Saratoga Lebewohl und eilte zu Dandon zurück. Mit welchem Jubel, mit welcher Freude aber wurde er von dieſem empfangen! Derſelbe nannte ihn ſeinen Herzensfreund, ſchwur, daß Harry der ſchärfſte Geſchäfts⸗ mann ſei, den Amerika geboren, und erklärte, daß er große Luſt habe, ihn jetzt ſelbſt nach Texas zu begleiten, 8. 28 um ihr gemeinſchaftliches Cigenthum in Augenſchein zu nehmen. Harrh bedeutete ihn aber, daß dies ſehr un⸗ vorſichtig ſein dürfte, denn gerade jetzt, wo die Verhält— niſſe in Texas geordnet würden, müſſe man ſich gar nicht auf der Plantage ſehen laſſen. Dandon überzeugte ſich auch bald von Harrh's richtiger Anſicht, und ſo reiſte dieſer allein nach Neuorleans zurück und ſchiffte ſich mit dem erſten nach Galveſton abgehenden Schiffe ein. Dort angelangt, trat er ſtolz auf und verkündete die ſchwierigen Aufgaben, welche er für das Wohl von Texas gelöſt habe. Er erzählte, daß er es geweſen ſei, der früher durch ſeine Correſpondenz und in der letzten Zeit durch ſeine perſönliche Anweſenheit in Waſhington die Regierung dort veranlaßt, die Truppen nach Texas zu ſchicken, um, im Falle die Texaner unterliegen ſollten, mit Gewalt ſie von Mexico frei zu machen. Er fand williges Gehör, denn ſeine frühern raſtloſen Bemühungen zu Gunſten der Republik, wobei er ſelbſt ſein Leben in Gefahr gebracht hatte, waren ja allgemein bekannt, wenn auch der Beweggrund dazu ſein alleiniges Geheimniß blieb. Er war während der Zeit der Empörung ein ſo herborragender Mann geweſen, daß man ſeine Abweſenheit in den Augenblicken des ent⸗ ſcheidenden Kampfes nicht anders deuten konnte, als er ſie ſelbſt erklärte, nämlich nur im Intereſſe von Texas. Darum blickte man auch jetzt zu ihm auf wie zu einem ——————— 8 29 Hauptpfeiler, auf welchem die Republik erbaut war, und feierte ihn als einen ihrer wahrhafteſten Freunde. War er aber ſchon aus dieſem Grunde ein Mann des Volkes, ſo hob ihn ſein großer Reichthum noch mehr in der Achtung deſſelben und ſeine perſönliche Liebenswürdig⸗ keit verſchaffte ihm aller Zuneigung und Wohlwollen. Er war mit Jedermann vertraut und befreundet, und wenn man ihn auch allgemein für einen geriebenen, ſcharfen Geſchäftsmann hielt, ſo war die Bezeich⸗ nung„smart man“ nur ein Compliment. Und mit einem Compliment nur ſah man auf ſeinen Beſitz der zweihundert Sklaven, die er, Niemand wußte wie, an ſich gebracht hatte; der Beſitz ſelbſt rechtfer⸗ tigte die unbekannten Mittel, durch welche er ſie er⸗ worben hatte, und ehrte deren Eigenthümer in den Augen der Welt. Es waren allerdings durch die Klagen und den oft laut werdenden Jammer der um ihre Freiheit betroge⸗ nen unglücklichen ſchwarzen Menſchen Vermuthungen und Gerüchte über deren Erwerb aufgetaucht, doch was galt ein Neger! Jedermann lachte und applaudirte dem„smart man“ Harry Williams. Sklaverei war in die Conſtitution der Repubüt aufgenommen, ſie war der mächtigſte Hebel für das Aufblühen des Landes, und jeder in ſeine Grenzen eintre⸗ 30 tende Sklave wurde als eine Wohlthat für daſſelbe will⸗ kommen geheißen. Die Sklaven Harrh's hatten ſich in ihr Schickſal ergeben, weil ihre Klagen nirgends Gehör fanden, weil ſie durch Widerſetzlichkeit ihre Läge nur verſchlimmerten und weil Aſhmore Williams ſie menſchlich und liebevoll behandelte. Es ſchien, daß derſelbe das Unrecht, welches ſein Bruder an ihnen begangen hatte, durch ein freund⸗ liches, mildes Verfahren gegen ſie gut machen wolle, und ſo erkannten ſie bald in ihm den einzigen Troſt, der ihnen in ihrem Unglück blieb. Sie folgten ſeinen Be— fehlen willig und ſuchten ſich durch Thätigkeit und An⸗ hänglichkeit ſein Wohlwollen zu erhalten. So hatten ſie die Felder am Bernardfluſſe im Schweiße ihres Ange⸗ ſichts zu einer ungeheuren Ausdehnung erweitert und eine Baumwollenernte vorbereitet, wie ſie Texas noch nie ge⸗ ſehen, eine Ernte, die einen Gewinn von mindeſtens fünfzigtauſend Dollars verſprach. In dieſem Zuſtande fand Harry bei ſeiner Rück⸗ kehr ſeine Plantage. Er war jetzt ein ſehr reicher Mann, denn außer dem Vermögen, welches er hier am Bernardfluſſe beſaß, war ſein Grundeigenthum in den öſtlichen Theilen von Texas ſo im Werthe geſtiegen, daß er durch deſſen Verkauf auf Hunderttauſende rechnen konnte. 31 Dennoch war ihm der Gedanke, daß ein Ande⸗ rer Anſpruch auf einen Theil ſeines Reichthums hatte, ein unerträglicher, und er ſah die Zeit gekommen, wo er ſich der läſtigen Compagnieſchaft Dandon's entledi⸗ gen könne. Dieſer Wunſch war kein neuer, erſt entſtande⸗ ner, auch war der Plan, wie er Dandon aus ſeinem Rechte drängen wollte, nicht unüberdacht, im Gegentheil, derſelbe war ein vollſtändig zur Reife gelangter und nach allen Richtungen hin überlegter. Jetzt ſollte das Geheimniß, mit Tinte geſchriebene Schrift von dem Papier verſchwinden zu machen, welches er in Natchez von dem Schwindler Sulton erkauft hatte, große Be⸗ deutung für ihn erhalten. Wenige Tage nach ſeiner Ankunft zu Hauſe begab ſich Harry nach dem Frühſtück in ſein Zimmer und ver⸗ ſchloß die Thür. Er nahm die in ein Paquet zuſam⸗ mengebundenen vielen Briefe Dandon's aus ſeinem Secretär hervor und wählte nach langem Prüfen und Vergleichen einen derſelben zum Gebrauch. Mit größter Sorgfalt löſchte er nun nach der Anweiſung Sulton's alle Schrift von dem Papier, nur die Namensunter⸗ ſchrift Dandon's ließ er unberührt darauf ſtehen. Die Arbeit gelang zu ſeiner vollſten Zufriedenheit, und mit einem wohlgefälligen Lächeln ſchaute er auf den ſaubern * 32 Briefbogen, auf welchem nie ein anderer Federſtrich als der zu Dandon's Unterſchrift gethan zu ſein ſchien. Nachdem das Papier vollſtändig getrocknet und geglättet war, holte Harrh eine fingirte Abrechnung mit Dandon aus ſeinem Koffer, welche er ſchon lange entworfen und vielfach verändert und verbeſſert hatte und worin dieſer erklärte, ſich mit Harrh abgefunden und den ihm aus dem Compagniegeſchäfte zukommen⸗ den Antheil mit achtzigtauſend Dollars baar erhalten zu haben. Dieſe Abrechnung ſchrieb er in Dandon's Handſchrift auf den gereinigten Briefbogen über die Un⸗ terſchrift deſſelben. Das Werk war vollendet und Harry trat mit dem Papier in der Hand an das Fenſter und betrachtete es mit der größten Aufmerkſamkeit. Er hielt es gegen das Licht, um zu ſehen, ob auch nirgends darin mehr ein Schimmer von der alten ausgelöſchten Schrift Dandon's zu erkennen ſei. Es war aber nichts daran zu ſehen und das Document mußte vor jedem Gerichte unumſtößlich für echt gelten. Mit der größten Zufriedenheit legte Harrh das Pa. pier zuſammen und verſchloß es in ſeinem Koffer. Nach dem Mittagseſſen ſetzte er ſich mit Aſhmore zu Pferde und ritt durch die prächtig blühenden Baum⸗ wollenfelder und unabſehbaren, mjt Mais bepflanzten Flã· „ 33 chen, beſuchte dann die weiten üppigen Grasfluren, wo ſeine zahlreichen Viehheerden, Pferde und Maulthiere weideten, und zollte allenthalben ſeinem Bruder Aner⸗ kennung und Dank für deſſen Thätigkeit. „Du haſt Unglaubliches hier geſchaffen, Aſhmore“, ſagte er zu ihm,„und der Gehalt von tauſend Dollars, den Du Dir ſelbſt angeſetzt haſt, ſteht in gar keinem Verhältniß zu Deinen Leiſtungen. Ich will, daß Du Dir in dieſem Jahre zehntauſend Dollars gutſchreibſt.“ „Ich danke Dir, Harry, für Deine Freigebigkeit, ich habe aber meine Freude an der Arbeit gehabt und finde den ſchönſten Lohn für dieſelbe in Deiner Zufrieden⸗ heit“, entgegnete ihm Aſhmore und reichte ihm dankend ſeine Hand. „Es rufen mich wieder Geſchäfte nach den Verei⸗ nigten Staaten und ſchon übermorgen werde ich ab⸗ reiſen. Meine Intereſſen hier ſind aber durch Dich ſo muſterhaft überwacht, daß meine Anweſenheit in keiner Hinſicht nöthig iſt. Ein wichtiges Geſchäft ſteht mir be⸗ vor, nämlich die Auseinanderſetzung und Abrechnung mit einem Theilhaber in der Negerunternehmung, der das Geld dazu vorſchoß. Es iſt ein Herr Dandon in Natchez, ein alter Gauner, mit dem ich lieber nichts mehr zu thun haben will. Ich habe jetzt die Mittel in Händen, ihm ſeinen Antheil herauszuzahlen, 1 bin tuiſc Armand, Saat und Ernte. V. 34 es zu thun, um nicht ferner für ihn zu arbeiten“, ſagte Harry, während ſie ihre Pferde wieder der Plantage zulenkten. „Ich habe es mir wohl denken können, daß Dir fremde Mittel bei ſolchen großartigen Unternehmungen zu Gebote ſtanden, doch bin ich ganz Deiner Anſicht, daß es beſſer iſt, ſein Geſchäft allein zu treiben, dann iſt man Niemand Rechenſchaft ſchuldig“, antwortete Aſhmore. 3 „Ja, namentlich wenn man es mit einem ſo ge⸗ riebenen Gauner zu thun hat, wie dieſer Dandon einer iſt“, fuhr Harry fort und trug Aſhmore beim Abſteigen von den Pferden dann auf, den Negern am folgenden Tage, einem Sonntag, friſches Ochſenfleiſch. Weizenmehl. Kaffee, Zucker und Branntwein zu geben, damit ſie ſich eeinen luſtigen Tag machen möchten. Montag früh reiſte Harry nach Galveſton ab und ſchiffte ſich von dort nach Neuorleans ein. Nach einer kurzen Fahrt landete er in der Nacht in dieſer Weltſtadt und bezog das St.-Charleshotel. Es war öde und ſtill in demſelben, denn die Fieberzeit hatte die Fremden ver⸗ trieben, und Harry würde ſich ſchon am folgenden Mor⸗ gen nach dem Norden eingeſchifft haben wenn nicht eine beſondere Veranlaſſung ihn noch einen Tag zurückgehalten hätte. Er wünſchte nämlich über den Aufenthalt Capper's, 35 des Mannes, welcher mit Dandon eine ſo außerordent⸗ liche Aehnlichkeit hatte und mit welchem er den Fluß hin⸗ aufgefahren war, Auskunft zu erhalten, und dieſe konnte er nur abends in dem Club der Sportsmen bekommen. Den Tag verbrachte er in behaglicher Ruhe in der kühlen marmornen Rotunde des prachtvollen Gaſthauſes und ſchwelgte in den Genüſſen, welche ihm deſſen Küche und Keller boten. Doch als die Dunkelheit eingebrochen war, hüllte er ſich in ſeinen Mantel und begab ſich nach der Burgundhſtraße, in welcher ſich der beſagte Club befand. Das Haus war ihm aus früherer Zeit, wo er es mitunter in der Geſellſchaft Holeroft's beſucht hatte, noch im Gedächtniß und die rothe Laterne zeigte ihm ſchon von weitem den Eingang in daſſelbe. Es befand ſich in dem vordern Gebäude eine Reſtauration zweiten Ranges, und Harry trat, ſeinen Mantel vor das Geſicht haltend, in den Salon ein, an deſſen beiden Seiten ſich mit rothen Vorhängen geſchloſſene kleine, mit Tiſchen und Bänken verſehene Räume an einander reihten. Es ſaßen nur wenige Gäſte darin und auch an dem Schenktiſch ſtanden nicht mehr wie ſechs Männer von zweifelhaftem Aeußern, die ſich gegenſeitig Branntwein mit Waſſer zutranken. Als Harrh eintrat, wandten dieſelben ſich neugierig nach ihm um, er aber ſchritt raſch an ihnen 36 vorüber und durch die hintere Thür aus dem Salon hinaus in einen langen, von einer düſtern Hellampe ſchwach erleuchteten Gang. Am fernen Ende deſſelben befand ſich eine ſchmale Treppe, welche Harrh erſtieg und auf welcher er abermals einen Gang erreichte, der noch weniger erhellt war als der untere. Dennoch er⸗ kannte er die Thür, durch welche er früher mit dem Sklavenhändler eingetreten war, und hörte jetzt in dem Zimmer, zu welchem ſie führte, laute zornige Stimmen. Einen Augenblick blieb Harrh zögernd ſtehen, dann aber öffnete er raſch die Thür und trat ein. „Zurück, Jem, oder bei Gott!“ rief in dieſem Augenblick ein athletiſch gebauter ſchlanker junger Mann mit hochgeſchwungener Fauſt, in der ein langes Meſſer blitzte, einem andern jungen Burſchen zu, der gleichfalls den blanken Stahl in der Hand hielt und einen dritten ältlichen Mann zu erreichen ſuchte, welcher ruhig auf ſeinen Angriff zu warten ſchien, indem er eine geſpannte Piſtole zum raſchen Gebrauch aus dem Buſen gezo⸗ gen hatte. „Seid Ihr verrückt? Wollt Ihr uns die Polizei über den Hals bringen, die nur auf eine Veranlaſſung wartet, unſern Club aufzuheben? Verdammt, wenn ich noch ein lautes Wort von Euch dulde; hier wird nicht gefochten oder ich fechte mit!“ ſagte der Athlet und 37 drängte den wuthentbrannten Jem zurück; da bemerkten ſie, daß ein Fremder eingetreten war, und ſteckten, ver⸗ dutzt nach Harry hinſchauend, ſchnell die Waffen ein. Dieſer aber trat ruhigen Schritts auf ſie zu und ſagte, ſie mit einfachem Kopfnicken begrüßend: „Ich bin langjähriger Gaſt hier, meine Herren. Holeroft hat mich eingeführt.“ „Holeroft? Gott habe ihn ſelig! Die Schurken, die Spanier in Havanna, haben ſeinem genialen Leben ein Ende gemacht. Seien Sie willkommen!“ ſagte der Athlet und reichte Harry die Hand. „Ich wünſche Capper zu ſprechen oder zu erfahren, wo ich ihn finden kann“, fuhr Harry fort. „Capper? Den treffen Sie dort in der Stube nebenan, er hat einige Lehrlinge bei ſich, die er im Kar⸗ tenſpiel unterrichtet, worin er Meiſter iſt“, entgegnete der Angeredete und deutete nach dem fernen Ende des Saa⸗ les, wo eine Thür halb geöffnet war. In dem niedrigen, mit Tabaksrauch gefüllten und von düſtern Oellampen ſchlecht beleuchteten Saale befan⸗ den ſich einige vierzig Männer, die in Gruppen umher⸗ ſaßen und ſtanden und ſich in ihren Unterhaltungen durch den Streit nicht hatten ſtören laſſen. Viele von ihnen ſpielten Karten, die bei weitem größere Zahl aber war in eifrigem Geſpräch begriffen. Ihr Aeußeres war ſehr 38 verſchieden und zeigte Männer aus allen Klaſſen der Geſellſchaft, von dem zerlumpten Straßenräuber bis zu dem eleganten, modiſchen Lebemanne der vornehmen Welt; hier aber ſchienen ſie ſich alle zu einer Rang⸗ ordnung zu zählen.. Harry ſchritt raſch durch den Saal und trat in das anſtoßende Kabinet ein, wo auf einer Bank vor einem Tiſch von Tannenholz ſein alter Bekannter Capper ſaß und bei dem rothen Scheine eines Oellichts drei junge Burſchen, die kaum aus den Kinderſchuhen getreten wa⸗ ren, im falſchen Kartenſpiel unterrichtete. Harry klopfte ihn auf die Schulter und ſagte: „Nun, alter Freund, ſo fleißig?“ Capper ſah ſich um und ſprang dann, die Karten auf den Tiſch werfend, mit den Worten auf: „Sieh da, Herr Williams! Habe ich doch heute früh noch an Sie gedacht!“ „Ich kann Sie wohl einen Augenblick allein ſpre⸗ chen, Capper?“ fuhr Harrh fort, und der Spieler ent⸗ fernte mit einem Wink ſeine drei Zöglinge ſofort aus dem ZBimmer. „Setzen Sie ſich, Herr Williams!“ ſagte Capper und zog die Bank etwas vom Tiſche zurück.„Gibt es etwas für mich zu thun?“ „Ich habe tauſend Dollars für Sie vorräthig, wenn 39 Sie mir einen Dienſt erzeigen wollen“, antwortete Harry zutraulich und reichte dem Spieler eine Cigarre. „Zwei für einen. Womit kann ich helfen?“ ver⸗ ſetzte Capper mit aufſtrahlendem Blick. „Ich bin in die Hände eines Betrügers gefallen, aus denen Sie mich befreien ſollen. Hören Sie, Freund“ fuhr Harry fort,„in acht Tagen ſchiffen Sie ſich nach Galveſton ein und erwarten mich dort; ich werde einige Tage nach Ihnen eintreffen. Laſſen Sie ſich wäh⸗ rend Ihres Aufenthalts ſo wenig als möglich ſehen und gehen Sie täglich um die Mittagsſtunde an dem Unionshotel vorüber; dort werde ich abſteigen und Sie dann wiſſen laſſen, wo wir uns ſprechen können. Hier ſind fünfzig Dollars für die Reiſe und tauſend zahle ich Ihnen nach abgemachter Sache; der Dienſt, den Sie mir erweiſen ſollen, iſt eine Spielerei für Sie, für mich aber von größtem Werthe.“ „Darf ich denn wiſſen, worin er beſteht?“ fragte Capper. „Später, ſpäter, lieber Capper. Wenn wir uns in Galveſton treffen, ſollen Sie Alles erfahren. Alſo in einer Woche unfehlbar?“ ſagte Harry und hielt dem Spieler die Hand hin. „Unfehlbar“, antwortete dieſer einſchlagend. „Nun will ich Sie auch nicht länger ſtören; auf 40 Wiederſehen in Galveſton, wo Sie ſtreng vermeiden wollen, Aufmerkſamkeit zu erregen! früh reiſe ich den Fluß hinauf.“ Bei dieſen Worten erhob ſich Harrh, drückte ſeinem neuen Verbündeten die Hand, verbat ſich ſeine Beglei⸗ tung und eilte raſch, wie er gekommen war, durch den Saal hinunter in die Reſtauration und hinaus in die Straße. Frohlockend über den glücklichen Zufall, der ihn das für ſeine Pläne ſo nothwendige Werkzeug gleich hier finden ließ, ſah Harrh darin eine günſtige Vorbe⸗ deutung für das Gelingen ſeines Vorhabens und mit von Hoffnung geſchwelltem Geiſte eilte er nach dem Ho⸗ tel zurück. Schon am frühen nächſten Morgen befand er ſich an Bord eines der prächtigen Dampfer, die täglich nach Cincinnati abfuhren, und langte am folgenden Tage wohl⸗ behalten in Natchez an. Er ſandte ſofort ſeine Karte zu Dandon, um ihn von ſeiner Ankunft zu benachrichtigen, und noch ehe er ſeine Toilette beendet hatte, klopfte es an ſeine Thür und jener trat mit freudeſtrahlendem Antlitz zu ihm in das Zimmer. „Ich konnte unmöglich warten, bis Sie zu mir kommen würden. Da bin ich ſelbſt, um Sie willkommen 41 zu heißen, beſter Freund!“ ſagte Dandon, auf Harrh zueilend und ihm die Hand reichend. Dann legte er Hut und Stock auf einen Tiſch und fuhr fort: „Laſſen Sie ſich nicht ſtören, Herzensfreundchen! Machen Sie Ihre Toilette; ich ſetze mich ſo lange in das Sopha. Was bringen Sie Neues von unſerer Plan⸗ tage mit?“ „Gute, ſehr gute Nachricht, verehrter Herr Dandon“, antwortete Harry mit Begeiſterung.„Alles iſt gegen Er⸗ warten nach Wunſch gegangen, Niemand fragt mehr nach den Negern und eine Ernte haben ſie vorbereitet, wie ſie in Texas noch nie geſtunden hat. Was hilft aber alles Erzählen, ſo etwas muß man ſehen, um es glauben zu können. Jetzt lade ich Sie ein, ſelbſt die Wunderwerke in Augenſchein zu nehmen, die mein Bru⸗ der Aſhmore für uns geſchaffen hat. Haben Sie Zeit und Luſt, ſo begleiten Sie mich auf meinem Rückwege nach Hauſe.“ „Luſt?“ ſiel Dandon ein. Söhe mit unendlichem Verlangen auf dieſen Augenblick gewartet und bin jede Minute reiſefertig. Wann wollen wir aufbrechen?“ „Geſchäfte mit meiner Mutter riefen mich hierher und ſie werden mich wohl eine Woche zurückhalten, dann aber bin ich zu Ihren Dienſten“, ſagte Harry, in⸗ dem er ſeinen ſchwarzen Frack anzog. 42 „Und jetzt laſſen Sie uns nach dem Leſeclub ge⸗ hen bis zum Mittagseſſen, wozu Sie meine Einladung nicht zurückweiſen dürfen“, verſetzte Dandon, indem er ſich erhob und vor den Spiegel trat, um ſeine gelbe ſeidene Weſte und ſeinen kaffeebraunen Frack glatt zu ziehen. „Wer hat Ihnen denn dieſen ſchönen Frack wie⸗ der gemacht?“ fragte Harry, bewundernd auf Dandon ſchauend.„Sie haben immer eine Toilette, ſo geſchmack⸗ voll wie kein Anderer. Von welchem Schneider iſt der Frack verfertigt? Er ſitzt wie angegoſſen. Ich muß mir Mehreres machen laſſen; in unſerm halbwilden Texas konn man nichts nach der Mode bekommen.“ „O ja, der Frack iſt gut. Der Schneider Townſon am Markt hat ihn gemacht, doch mein Hauptarbeiter iſt Kellogg; wenn Sie etwas Schönes haben wollen, ſo wenden Sie ſich an dieſen“, antwortete Dandon und ſpielte wohlgefällig mit den goldenen Knöpfen ſeines Fracks. „Ich danke Ihnen Alſo Kellogg iſt Ihr Lieblings⸗ ſchneider?“ verſetzte Harry, immer noch den Anzug Dan⸗ don's muſternd. „Jawohl, Kellogg“, erwiderte dieſer.„Ich ließ dieſen Frack bei Townſon machen, weil er das Tuch be⸗ ſaß und daſſelbe mir wegen ſeines goldigen Scheins ſo beſonders geſiel. Sehen Sie nur dieſe Farbe!“ 43 Dabei hielt er den Arm gegen das Licht, um Harry darüber hin blicken zu laſſen. „Wundervoll, in der That!“ ſagte dieſer.„Ich trage aber in der Regel Schwarz und darum werde ich mich an Kellogg wenden.“ „Nun laſſen Sie uns gehen, Freund Williams“, hob Dandon an und ergriff Hut und Stock. „Nach dem Leſezimmer kann ich Sie nicht begleiten, verehrter Freund“, ſagte Harry.„Ich muß ſogleich zu meiner Mutter gehen; wenn Sie mir aber erlauben, ſo finde ich mich bei Ihnen zu Tiſche ein.“ „Nun ſchön, ſo erwarte ich Sie“, entgegnete Dan⸗ don. Auch Harry nahm ſeinen Hut, und ſo verließen ſie zuſammen das Gaſthaus. Vor demſelben aber trennten ſie ſich, weil ihre Wege in verſchiedenen Rich⸗ tungen lagen. Während Dandon nun wie ein Goldfaſan gemeſſe⸗ nen, ſtolzen Schritts davonging, eilte Harrh durch einige Nebenſtraßen ziemlich in derſelben Richtung hin wie Dandon und begab ſich nach dem Markt zu dem Schneider Townſon. Derſelbe empfing ihn mit großer Höflichkeit und fragte nach ſeinem Begehr. „Ich habe ſo eben einen Frack geſehen, den Sie für einen gewiſſen Herrn Dandon gearbeitet haben. Beſitzen 44„ Sie noch von demſelben Tuche?“ ſagte Harry mit gleich⸗ gültigem Tone. „Von demſelben Stück iſt noch Vorrath da; darf ich Ihnen einen Rock davon anfertigen?“ fragte der Schneider, das Maß aus der Taſche ziehend. „Nicht doch, ich trage ſo buntes Zeug nicht“, ent⸗ gegnete Harrh;„einer meiner Freunde aber in Alabama hat denſelben Geſchmack wie Herr Dandon, und da er genau dieſelbe Figur beſitzt wie dieſer, ſo möchte ich ihm wohl eine Ueberraſchung bereiten und ihm einen ſolchen fertigen Frack mitbringen.“ „Wie Sie befehlen, ich kann ihn genau nach dem Maße des Herrn Dandon machen“ ſagte der Schneider. „Schön“, verſetzte Harry,„aber er muß ganz ebenſo werden. Kennen Sie die gelbe ſeidene Weſte Dandon's?“ „Ei freilich, er hat ſie ja auch von mir bekommen.“ „Nun, ſo machen Sie mir auch eine ſolche Weſte, aber ebenſo wie ſie Dandon erhalten hat“, ſagte Harry. „Wann kann ich die Sachen abholen laſſen? Ich bleibe nur wenige Tage hier.“ „Bis zum Dienſtag will ich ſie Ihnen verſprechen“, antwortete der Schneider. „So werde ich ſie Dienſtag abholen laſſen“, verſetzte Harrh und wandte ſich mit einem:„Guten Morgen!“ nach der Thür, blieb dort aber ſtehen und ſagte: 45 „Da fällt mir bei, Herr Townſon, Dandon iſt ein eigener Kautz und kann es nicht leiden, wenn Andere ähnliche Kleider tragen wie er; ſagen Sie nichts da⸗ von, daß Sie einen Frack wie den ſeinigen gemacht haben.“ „Ei bewahre! Weshalb ſollte ich denn? Nein, nein, er wird nichts davon gewahr werden“, entgegnete der Schneider, und Harry ging mit einem freundlichen Gruß und den Worten:„Bis Dienſtag!“ in die Straße hinaus. Er eilte nun zu ſeiner Mutter, wo er mit großer Freude und mit einer wahren Verehrung bewillkommnet wurde, denn nicht allein ſeine Briefe, ſondern auch Nach⸗ richten von Bekannten aus Texas hatten ſie immer von dem Ruhme und dem Anſehen ihres Lieblingskindes unterrichtet. Wie oft, wie unzählige Male ſchon hatte die Frau an die Knabenzeit Harry's zurückgedacht, in welcher ſie ſo ſehr um ſeine Zukunft bangte, und wie glücklich. wie ſegensreich hatte ſich ſein Leben entwickelt, welches Muſter von einem Manne war nun aus ihm geworden! Mit Dank gegen den Himmel dachte ſie an Harrh, wenn ſie früh erwachte und abends auf ihrem Lager die Augen ſchloß. Noch ein Jahr wollte ſie ihrer Tochter opfern und in Ratchez bleiben, dann aber mußte 46 ſie wieder zu ihrem Lieblinge, zu ihrem Harry ziehen, um in ſeiner beſeligenden Nähe ihre Tage zu beſchließen. Als Harrh bei Dandon zum Mittagseſſen erſchien, hatten ſich noch mehrere Herren dort eingefunden. Blancha aber wurde nicht ſichtbar. Auf die Frage Harry's nach ihr antwortete Dan⸗ don, daß ſie immer noch mit gleichem Eigenſinn ſich von jeder geſellſchaftlichen Berührung mit Herren fernhalte und daß es umſonſt ſei, ſich bei ihr anmelden zu laſſen. Während Dandon aber heute mit ſeinen Gäſten vergnügt zu Tiſche ging, war auch Blancha eine Freude bereitet worden, eine Freude, über die ſie augenblicklich alles erduldete Leid, allen Jammer vergaß. Sie hatte einen Brief von Albert erhalten, worin derſelbe ihr mel⸗ dete, wie ſeine Verhältniſſe ſich täglich günſtiger geſtalte⸗ ten. Er ſagte ihr, daß ſein Ruf als Advoeat ſich ſo ſehr verbreitet habe, daß man ihm aus allen Theilen des Landes die ſchwierigſten und bedeutendſten Proeeſſe übergäbe und daß ſein Einkommen ihn bald zu einem unabhängigen reichen Manne machen werde. Er theilte ihr auch mit, daß er ein Grundſtück an den Ufern der ſchönen Guadelupe gekauft habe, auf welchem er ſich einen Wohnſitz gründen wolle, um Blancha, ſobald es ihre Verhältniſſe zulaſſen würden, eine Heimat an ſei⸗ nem Herzen bieten zu können. 47 Blancha war theils durch Albert's Briefe, theils aber auch durch die Zeitungen fortwährend von der po⸗ litiſchen Entwickelung der Republik, ſowie von dem ruhm⸗ vollen Antheil, den Albert daran genommen hatte, unter⸗ richtet worden; mit Stolz und Verehrung hatte ſie im Geiſte den gefeierten Helden von Texas, den Geliebten ihrer Seele auf ſeiner ehrenvollen Bahn verfolgt und ihr treues, liebendes Herz hatte ſie von Tag zu Tag mit heißerer, innigerer Sehnſucht nach ihm hingezogen. Und doch hielt ſie die Kindespflicht bei ihrem alleinſte⸗ henden Vater zurück, deſſen unüberwindliche Vorurtheile zwiſchen ihr und ihrem unſchuldigen, hochherzigen, braven Albert ſtanden. So fern ihr aber die Ausſicht zu einer Vereinigung mit dieſem auch lag, ſo baute ſie doch bei jeder guten Nachricht von ihm ihre Luftſchlöſſer, höher auf, und jetzt träumte ſie ſich in das Paradies an der reizenden Gua⸗ delupe und gab ſich der beſeligenden Hoffnung hin, dort an dem Herzen des Geliebten einſt alles irdiſche Glück zu finden. Sie kannte ſchon ſeit längerer Zeit keine an⸗ dere Freude mehr, als an Albert zu ſchreiben und Briefe von ihm zu empfangen, und dieſe Freude, dieſes alleinige Vergeſſen ihres Unglücks würde ſie ſich von Niemand ha⸗ ben rauben laſſen, ſelbſt nicht von ihrem Vater. Sie hatte es ihm geſagt, mit klaren, offenen Worten geſagt, daß 48 ſie ſelbſt Albert aus dem Gefängniß befreit, hatte ihm geſagt, mit welchem Gelde ſie die Hülfe dazu er⸗ kauft, und ihm erklärt, daß, wofern er noch einen einzigen Schritt gegen Albert oder gegen ihre Correſpon⸗ denz mit ihm thue, ſie ihn unwiderruflich verlaſſen und Albert folgen werde. Sie hatte ihn ermahnt, ſich niemals nach dem Aufenthalte deſſelben zu erkundi⸗ gen, damit er ſich der Verſuchung, gegen ihn zu han⸗ deln, nicht ausſetzen und ſich nicht kinderlos machen möge. Jetzt, während Harrh Williams an der Mittags⸗ tafel Dandon's das Wort führte und ſeine Heldenthaten im Freiheitskampfe der Republik Texas in den glän⸗ zendſten Farben ausmalte, ſaß Blancha ſtill und die Welt um ſich vergeſſend an ihrem Secretär und ſchrieb an Albert. An dieſem Tage ſah Blancha ihren Vater nicht mehr, denn den Abend bis ſpät in die Nacht hinein verbrachte derſelbe bei Harry Williams in deſſen Gaſt⸗ hof, am folgenden Morgen aber begrüßte ſie ihn beim Frühſtück mit dem ernſten, wehmüthigen und doch liebe⸗ voll ergebenen Weſen, in welchem ſich das zerriſſene Glück ihres Lebens und zugleich die fromme kindliche Anhänglichkeit gegen den Vater ausſprach. „Ich werde Dich auf einige Wochen verlaſſen, 49 Blancha“, hob der Alte in freundlichem Tone an, wäh⸗ rend er die Serviette in ſeinen Buſen ſchob, um ſeine Weſte vor Flecken zu ſchützen. „Du willſt doch nicht nach Neuorleans reiſen? Das gelbe Fieber iſt dort heftig aufgetreten“, ſagte Blancha beſorgt. „Ich werde mich dort gar nicht aufhalten, ſondern ſogleich auf ein anderes Dampfboot gehen. Ich reiſe nach Texas“, fuhr Dandon fort. Blancha ſchrak zuſammen, ſie wurde bleich und ihr Blick heftete ſich feſt auf die Züge des Alten, als wolle ſie in ihnen leſen, ob ſeine Reiſe zu der ihres Geliebten in Bezug ſtehe. „Du erſchrickſt, liebe Blancha, Texas iſt nicht mehr das Land, in dem man ſich mit Meſſer und Piſtole den Weg bahnen muß, es iſt jetzt ein Land des Frie⸗ dens und des Aufblühens, in welchem Recht und Geſetz ſo gut und ſicher gehandhabt werden wie hier bei uns“, nahm der Alte wieder das Wort. „Recht und Geſetz hier bei uns? Großer Gott, dann mag der Himmel Dich in ſeinen Schutz nehmen!“ ant⸗ wortete Blancha mit einem ſchweren Athemzuge und einem verzweifelnden Blick nach oben. Beide ſchwiegen Dandon kannte und fürchtete die Stimmung ſeiner Tochter zu ſehr, als daß er ſie in Armand, Saat und Ernte. V. 4 50 derſelben noch zu weitern Worten veranlaßt hätte, er bediente ſich der vor ihm ſtehenden Eier und des gebra⸗ tenen Schinkens und nahm dann einige Buchweizenkuchen dazu auf ſeinen Teller. Nach einer kurzen Pauſe begann er wieder in freundlichem Tone: „Ich kann es Dir jetzt ſagen, was bisher noch ein Geheimniß war, daß ich in Texas mit Herrn Williams ein ſehr bedeutendes Eigenthum, eine Baumwollenplantage beſitze, die mir jährlich wohl fünfundzwanzig bis dreißig⸗ tauſend Dollars einbringen wird. Sie ſoll in einer wun⸗ dervollen Gegend liegen, und ich geſtehe Dir, ich hatte große Luſt, Dich mit mir zu nehmen, doch Herr Wil⸗ liams erklärte mir, daß für die Bequemlichkeit einer Dame auf Reiſen in Texas noch zu wenig gethan werden könne, ſodaß ich den Wunſch habe aufgeben müſſen. Nächſtes Jahr aber, ſo Gott will, ſollſt Du mich einmal dorthin begleiten; dieſes Texas muß wirklich das Paradies der Erde ſein.“ Blancha ſchlug die Augen nieder und beſchäftigte ſich ſchnell mit Meſſer und Gabel, denn ſie fühlte, wie ihr das Blut heiß in die Wangen ſtrömte. Dandon aber bemerkte es nicht und fuhr heiter fort: „Dieſer Williams iſt ein ganz ungewöhnlicher, aus⸗ gezeichneter Menſch und ehrlich und freundſchaftlich, wie ich wenig Männer kenne. Ich habe nur ſeiner uneigen⸗ 51 nützigen Zuneigung dieſe Quelle des Reichthums zu verdanken.“ „Ich habe eine andere Meinung von ihm und würde Dir rathen, vorſichtig bei ihm zu Werke zu gehen. Er iſt unwahr, lauernd und ſelbſtſüchtig, und ich glaube. er würde ſeinen beſten Freund ſeinem Intereſſe opfern“, verſetzte Blancha. „Du thuſt ihm Unrecht, beſte Blancha. Die Zu⸗ kunft wird Dich davon überzeugen“, ſagte Dandon und gab dem Geſpräch ſchnell eine andere Wendung. Der Dienſtag, an welchem Harry den beſtellten Frack und die Weſte empfangen ſollte, war gekommen, und nachdem er noch ein blaues ſeidenes Halstuch und einige Hemden mit ſo hohen Kragen, wie ſie Dandon trug, gekauft hatte, begab er ſich zu dem Schneider und fand die Kleidungsſtücke fertig. Sie waren ganz genau ſo gemacht wie die, welche Dandon trug; Harrh be⸗ zahlte ſie und ließ ſie ſich durch einen Diener des Schnei⸗ ders in ſein Hotel nachtragen. Dort verſchloß er ſie in ſeinem Koffer. Als er ſpäter mit Dandon nach dem Leſeclub gehen wollte, ſagte er zu ihm: „Ich möchte mir wohl einen guten Strohhut kau⸗ fen; können Sie mir ſagen, wo ich einen ſolchen finde?“ „Wir gehen an einem Hutgeſchäft vorüber, da wollen 4* 52 wir eintreten“, entgegnete der Alte und führte ſeinen jungen Freund gleich darauf in einen Laden ein. Während der Kaufmann eine Menge Hüte auf den Tiſch trug, ſagte Harrh zu Dandon: „Ohne Strohhut können Sie auch nicht nach Texas reiſen, verehrter Freund; dort würden Sie in Ihrem grauen Biber zerſchmelzen.“ „Ja, daran hätte ich nicht gedacht. Laſſen ſie uns alſo gleiche Hüte ausſuchen“, antwortete Dandon und ſetzte einen der vor ihm liegenden auf. „Der ſteht Ihnen prächtig und dieſer paßt mir, wie für mich gemacht; wir haben ziemlich gleiche Kopf⸗ größe“, ſagte Harry, gleichfalls einen Hut wählend. „Gleiche Brüder, gleiche Kappen“, verſetzte Dandon lachend und bat den Kaufmann, den Hut nach ſeinem Hauſe zu ſenden, während Harrh den ſeinigen nach ſei⸗ nem Gaſthof beorderte. Die Tage verſtrichen ſchnell, der zur Abreiſe be⸗ ſtimmte Morgen erſchien und Dandon nahm tief ergrif⸗ fen Abſchied von Blancha. Er verſprach ihr, ſich nicht in Neuorleans aufzuhalten und überhaupt vorſichtig zu ſein, namentlich in Texas bei ſeinen Reiſen zu Pferde. Als er an dem Werfte bei dem Dampfſchiffe anlangte, welches ihn nach Neuorleans tragen ſollte, ließ Harry, der ſich bereits an Bord befand, ſofort das Gepäck 53 des Alten auf das Schiff bringen. Er hatte auch ſchon eine Kajüte für ihn ausgewählt und führte ihn ſelbſt zu derſelben hin. Die Fahrt ging ohne Störung ſchnell von ſtatten und ſchon in der folgenden Nacht begaben ſich die beiden Reiſenden in Neuorleans von dieſem Dampfſchiff auf ein anderes, welches am nächſten Morgen ſeine Fahrt nach Galveſton antrat. Drittes Kapitel. 7 Das Wetter war herrlich, der Golf ruhig und glatt wie ein Spiegel und Dandon befand ſich in einer ſo roſigen Laune, wie ihn Harrh nie früher geſehen hatte. Er ſchritt mit jugendlicher Spannkraft ununter⸗ brochen auf dem Verdeck auf und nieder und unterhielt ſich, Cigarre über Cigarre rauchend, unermüdlich mit Harrh über ihre gemeinſchaftliche Plantage am Bernard⸗ fluſſe. Er hatte unzählige Fragen zu ſtellen, unzählige Vorſchläge für Verbeſſerungen in der Geſchäftsführung zu machen und erklärte, daß er gar nicht abgeneigt wäre, im Falle das Land wirklich ſo ſchön ſei, wie es Harry ihm beſchrieben, ſich auf der Plantage ein Haus zu bauen und einen Theil des Jahres dort mit ſeiner Tochter zu verbringen. Harrh äußerte ſich ſehr erfreut über dieſen Gedanken und ſprach die Hoffnung aus⸗ 55 daß Dandon ſchließlich ſeinen feſten Wohnſitz dorthin verlegen würde. Der faſt ewig heitere Himmel des ſonnigen Golfs von Mexico wölbte ſich klar und durchſichtig über der grü⸗ nen Küſte von Texas, als das Dampfſchiff ſich mit Harry und ſeinem Compagnon der Inſel Galveſton näherte und bald darauf an der Stadt gleichen Namens anlegte. Es ſchien, als habe ſich die ganze männliche Bevölkerung der Stadt auf dem Werfte eingefunden, um das Schiff landen zu ſehen, denn Hunderte von Männern aus allen Ständen drängten ſich zu ihm heran, und kaum war die Verbindungsbrücke auf das Werft gelegt, als alle an Vord eilten, um Freunde zu bewillkommnen, Briefe und geitungen zu empfangen, Neuigkeiten zu erfragen oder auch nur ſich einen friſchen Trunk an dem Schenktiſch in der Kajüte zu kaufen. „Sieh, Harry!“„Willkommen Harrh!“„Hollah, Williams!“„Freut mich, Herr Williams!“ ſchallte es Harry von allen Seiten entgegen, und er hätte zehn Hände haben müſſen, hätte er alle die Hände drücken wollen, die ihm zu gleicher Zeit entgegengehalten wurden. Dandon fühlte ſich durch die Ehrenbezeigungen und Freundlichkeiten, womit man ſeinen Aſſocit empfing, ge⸗ ehrt, warf ſich in die Bruſt und ſuchte durch ſeinen 56 wohlgefälligen, halbgrüßenden Blick daß er zu ihm gehöre Dabei ſtellte Harry ihn mit unglaublicher Schnellig— keit einer großen Zahl von Herren vor, ſodaß Dandon gar keine Zeit blieb, ſich mit dem einen oder andern derſelben in ein Geſpräch einzulaſſen; er konnte ſich nur verneigen und kaum ſeine Freude ausſprechen, als Harrh ihn ſchon wieder einem andern Bekannten mit den Worten: „Mein Freund, Herr Dandon!“ zuführte, bis er ihn ſchließ⸗ lich am Arm ergriff und ihn, links und rechts grüßend, raſch mit ſich durch die Menge auf das Werft hinauszog und mit ihm in der Straße hinauf nach dem Unionshotel eilte. „Gott ſei Dank, daß wir hier ſind!“ ſagte Harrh zu ſeinem athemloſen, von Schweiß triefenden Compagnon. „Man kann ſich ja gar nicht vor Freundlichkeiten und Höf⸗ lichkeiten retten. Alles was Recht iſt und was man ertragen kann!“ Dabei führte er Dandon aus der glühenden Sonne in den kühlen Corridor des Gaſthauſes und rief einem ihm entgegenkommenden und ihn begrüßen⸗ den Kellner zu, ihnen zwei Zimmer im erſten Stock an⸗ zuweiſen. „So, verehrter Freund. Willkommen in Texas!“ ſagte Harrh zu Dandon, als er mit ihm in den reich ausgeſtatteten Salon trat.„Nun ſetzen Sie ſich in das — 57 Sopha und ruhen Sie ſich aus. Wir haben noch einige Stunden bis zur Tiſchzeit vor uns.“ „Sie haben hier ſo viele Freunde, daß ich vor lau⸗ ter Vorſtellen eigentlich mit keinem bekannt geworden bin“ ſagte Dandon, ſich behaglich niederſetzend. „Sie ſollen ſie alle kennen lernen; ehrlich geſagt, zu viele Freunde iſt auch eine Laſt“, entgegnete Harry. „Aber auch eine Ehre“, fiel Dandon mit einer Ver⸗ neigung des Kopfes ein. „Wünſchen Sie jetzt noch etwas? Wollen Sie etwas trinken oder eſſen, verehrter Freund, ſo dürfen Sie nur befehlen, dort hängt der Schellenzug“ ſagte Harry.„Ich habe nun einige Beſorgungen, die ich noch vor Tiſche ab⸗ machen kann, werde mich aber zeitig wieder bei Ihnen einfinden, um Sie zur Tafel zu geleiten.“ „Laſſen Sie ſich durch mich nicht von Ihren Ge⸗ ſchaften abhalten; ich will ein wenig ruhen“, ant⸗ wortete Dandon, worauf Harry ihn mit einem freund⸗ lichen Gruß verließ. Er begab ſich hinunter in das Gaſtzimmer, zündete eine Cigarre an und ſetzte ſich an das offene Fenſter. Es war nicht weit mehr von zwölf, Harrh haite nach der Uhr geſehen und ſchaute nun in der ſandigen, rohen Straße hinauf und hinab. Nur einzeln eilte ein Neger vorüber, die weiße Bevölkerung ſetzte ſich den 58 ſenkrechten Strahlen der Sonne nicht aus. Kaum aber hatte es zwölf geſchlagen, als in der Ferne vom Werfte her ein Mann in ſchmuzigem Leinenanzug mit einem alten, beſchädigten, breitrandigen Palmblatthut auf dem Kopfe herangeſchritten kam. Harry faßte ihn ſcharf ins Auge, denn er konnte in ihm den erwarteten Spieler Capper noch immer nicht erkennen. Und doch war es derſelbe, und als Harrh ihn erkannte, ſetzte er ſeinen Hut auf, ging in die Straße hinaus und gab, die Cigarre aus dem Munde nehmend, mit dieſer Bewe⸗ gung dem heranſchreitenden Spieler zugleich einen Wink, ihm zu folgen. Dann ging er raſchen Schritts in der Straße hinauf, wo in kurzer Entfernung die letzten Häuſer ſtanden, und folgte nun einem Fußpfad, der durch eine weite Grasfläche nach den Dünen und über dieſelben hin an die Meeresküſte führte. Die Sonne brannte glühend auf Harrh nieder, doch der friſche Seewind zog ihm kühlend entgegen und machte die Luft angenehm und er⸗ quickend. Er hatte ſich einmal umgeſehen und bemerkt, daß der Spieler ihm folgte, doch erſt als er die Dünen überſchritten und den öden Strand erreicht hatte, blieb er ſtehen und erwartete Capper. „Sie ſind ein Mann von Wort und pünktlich wie eine Kirchenuhr“ ſagte Harrh, ihm entgegentretend, und hielt ihm die Hand zum Gruße hin. 59 „Und bereit für Ihren Dienſt. Worin beſteht er?“ entgegnete Capper und drückte Harry die Hand. „Sie ſollen morgen früh gegen elf Uhr auf wenige Minuten die Rolle des Mannes ſpielen, der mich betrü⸗ gen will. Ich habe einen Anzug mitgebracht, genau ſo, wie dieſer Mann ihn trägt, und da Sie eine auffallende Aehnlichkeit mit ihm haben, ſo wird Jedermann Sie für ihn halten. Heute Abend gegen zehn Uhr finden Sie ſich bei den letzten Häuſern, an denen wir vorübergingen, ein, damit ich Ihnen die Kleider einhändigen kann. Der Mann heißt Dandon und iſt ein vornehmer eitler Geck, der in ſeiner Toilette ſeinen größten Stolz findet, und Sie müſſen dieſen Ausdruck in Ihre Erſcheinung legen.“ „Das ſoll mir nicht ſchwer fallen“, entgegnete Capper;„ich bin in meiner Jugend Schauſpieler geweſen.“ „Vortrefflich, lieber Freund!“ fuhr Harrh fort.„Nun hören Sie weiter. Morgen frühzeitig werfen Sie ſich in die Kleider, die ich Ihnen dieſen Abend zuſtellen werde, und machen eine Promenade hierher und an dem Strande hinaus, ſodaß Sie gegen neun Uhr auf dieſen Platz zu⸗ rückkehren, wo ich Sie dann erwarten will. Wir gehen von hier zuſammen in die Stadt, in wenigen Minuten iſt das ganze Geſchäft abgemacht und dann eilen Sie nach Ihrem Quartier zurück, ziehen dieſe Ihre Kleider wieder an und ſchiffen ſich mit der allererſten Gelegen⸗ 60 heit nach Neuorleans ein. Das iſt die Arbeit, die Sie für mich thun ſollen und für die ich Ihnen, ehe wir ſcheiden, tauſend Dollars bezahlen werde.“ „Und mit meinem beſten Dank im voraus will ich ſie ausführen“, antwortete Capper vergnügt. „Apropos, ich habe Ihren ganzen Anzug mitge⸗ bracht, nur fehlen die Stiefeln, und dieſe, welche Sie anhaben, möchten ſchlecht zu der übrigen Kleidung paſ⸗ ſen; kaufen Sie ſich heute ein feines Paar, damit Sie den Modeherrn vollkommen ſpielen können“, nahm Harrh nochmals das Wort, drückte Capper dann die Hand und verließ ihn eilig auf Wiederſehen an dieſem Abend. Als er wieder zu Dandon in den Salon trat, war derſelbe eingeſchlafen und träumte wahrſcheinlich von der Plantage, den Negern und den dreißigtauſend Dol⸗ lars, die ihm dieſelben einbrachten, denn ein behagli⸗ ches, wohlgefälliges Lächeln, wie es ſich oft bei dem Gedanken an ſeinen Reichthum auf ſeine Züge ſtahl, um⸗ ſpielte ſeine Lippen. Harry blieb vor ihm ſtehen und lächelte gleichfalls, es war aber mehr das Lächeln eines Triumphs, mit dem er auf den Schläfer niederſchaute, und zugleich lag etwas Verächtliches in ſeinem Blick, als fühle er ſeine große Ueberlegenheit über den kurzſichtigen, leichtgläubi⸗ gen Mann. 61 „Nun, verehrter Freund“, ſagte er, ſeine Hand auf Dandon's Schulter legend,„das Klima von Texas ſcheint Ihnen ſehr gut zu bekommen, ein ſo wonniger Schlaf iſt der beſte Zeuge von ungetrübter Geſundheit. Wo⸗ von haben Sie geträumt?“ Dandon hatte bei der Berührung die Augen auf⸗ geſchlagen und ſah Harry verwundert an, dann aber richtete er ſich lächelnd auf und ſagte: „Wahrhaftig, ich glaube, ich war im Geiſte ſchon auf unſerer Plantage am San Bernard! Da ſehen Sie, wie ſehr ich danach verlange.“ „Machen Sie Toilette, das Tamtam wird bald zu Tiſche rufen!“ verſetzte Harrh und ſagte Dandon, daß auch er ſich bereit machen und ihn dann abholen wolle. Bald darauf ſaßen die beiden Compagnons in dem Speiſeſaale vor der reich beſetzten Tafel und fröhnten den Genüſſen, welche die franzöſiſche Küche ihnen bot. Freilich hatte ſich auch ein Anklang der ſpaniſchen hin⸗ eingeſchlichen, denn die Speiſen waren ſo ſtark mit ſpaniſchem Pfeffer gewürzt, daß Dandon wiederholt den Mund aufſperrte, um kühle Luft in denſelben einzulaſ⸗ ſen, ganz wie die Hühner zu thun pflegen, wenn ſie der heißen Sonne ausgeſetzt werden. Harry aber kam ihm dann immer zu Hülfe, indem er ſein Glas mit gekühltem 62 Champagner füllte und ihn durch irgend einen Toaſt zum Trinken aufforderte. „In dieſem Lande ſcheint Alles heiß zu ſein; in der Sonne zerfließt man, beim Eſſen verbrennt man und beim Trinken erglüht man“, ſagte Dandon lachend, indem er ſein leeres Glas auf den Tiſch ſtellte. „Das Transſpiriren bekommt vortrefflich, der ſpa⸗ niſche Pfeffer hält das kalte Fieber ab und der Cham⸗ pagner belebt“ fiel Harry ein, füllte die Gläſer aber⸗ mals und ſagte dann, das ſeinige erhebend: „Möge Ihnen unſer Klima recht gut bekommen, verehrter Freund!“ Dandon trank mit erhöhter Begeiſterung ſein Glas aus und fragte dann mit muthiger Stimme: „Wann brechen wir denn nach dem San Bernard auf?“ „Nun, ich denke übermorgen, wenn es Ihnen genehm iſt“, antwortete Harry. „Genehm7 Ich dürſte nach der Prairieluft, meinet⸗ wegen können wir morgen ſchon reiſen“, verſetzte Dan⸗ don und ſchob ein Stück Antilopenbraten zwiſchen ſeine Lippen. „Den morgigen Tag möchte ich wohl zur Ruhe vor unſerm langen Ritte vorſchlagen“, nahm Harrh wieder das Wort.„Außerdem, verehrter Freund, wäre es mir 63 lieb, wenn Sie die Mühe und Zeit daran wenden woll⸗ ten, alle Rechnungen und Belege ſowie das Inventar unſeres Geſchäfts durchzuſehen, dann ſind Sie doch vor⸗ bereitet auf den Augenſchein, den Sie nehmen ſollen, und beſſer im Stande, ein Urtheil zu fällen. Ich dachte, daß Sie dies Geſchäft am beſten morgen früh vorneh⸗ men könnten.“ „Mein Gott, Freundchen, haben Sie denn die Pa⸗ piere bei ſich?“ fragte Dandon mit aufſtrahlendem Blick. „Ja wohl. Ich wollte ſie Ihnen ſchon in Natchez vorlegen, da fehlte aber immer die Ruhe, denn man muß ſolche Arbeiten gründlich anfaſſen oder gar nicht. Aber morgen früh iſt nichts vorhanden, was Sie ab⸗ ziehen oder unterbrechen könnte. Nach dem Frühſtück ſchließen Sie ſich in Ihrem Salon ein und öffnen nicht, und wenn der Kaiſer von Marokko ſelbſt Ihnen ſeine Aufwartung machen wollte. Sie können ganz gut bis zum Mittagseſſen mit dem Durchſehen der Papiere fer⸗ tig werden, auch wenn Sie ſich kleine Notizen und Aus⸗ züge daraus machen wollen.“ „Gern, gern, Herzensfreund, gehe ich morgen früh gleich nach dem Frühſtück an die Arbeit, und Sie ſollen Ihre Freude an mir erleben. Wenn es gilt, kann Apollo Dandon ſchaffen wie Wenige!“ ſagte dieſer mit unter. 64 nehmendem Tone und richtete ſein rothglühendes, fett⸗ glänzendes Antlitz auf ſeinen jungen Aſſocié. „Den Kaffee laſſen Sie uns auf dem Balkon vor Ihrem Zimmer trinken, dort iſt es luftig und kühl, denn die Sonne trifft ihn nicht mehr und dort wird uns eine feine Cigarre ganz vortrefflich ſchmecken“, ſagte Harry nach gehaltener Mahlzeit, ergriff den Arm ſeines augen blicklich etwas ſchwerfälligen Compagnons und führte ihn hinauf und durch ſein Zimmer auf den Altan. Sie ſetzten ſich hinter dem leichten Eiſengeländer in Armſeſſeln nieder, ließen ſich von der friſchen See⸗ luft umfächeln und ſchwelgten in dem Genuſſe, den ihnen der ſtarke Kaffee und die feine Cigarre gewährten. Die Straßen hatten ſich ungewöhnlich belebt, denn am folgenden Tage ſollte eine politiſche Verſammlung in Galveſton abgehalten werden, wozu eine große Zahl von Bewohnern des Feſtlandes ſchon heute auf die In⸗ ſel gekommen war. Harrh war mit dieſen ebenſo gut bekannt wie mit den Einwohnern von Galbeſton, und von beiden wurden ihm im Vorüberſchreiten viele Grüße nach dem Balkon heraufgewinkt, welche Dandon dann immer zugleich mit ihm erwiderte. Als aber die Sonne ſich neigte, ließ Harry ein Cabriolet aus dem Miethſtall holen und beſtieg daſſelbe mit ſeinem Compagnon, um die Kühle des Abends zu 65 genießen. Er fuhr Dandon hin und her durch die be lebten Straßen der Stadt und dann hinaus an den Meeresſtrand, wo jetzt Hunderte von Herren und Damen zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen erſchienen. Allenthalben wurde er begrüßt, und mit Neugierde wurde der fremde Herr im kaffeebraunen Rock und mit der gelben Weſte betrachtet, doch bei keinem ſeiner Freunde hielt Harry an, ſodaß Dandon keine Gelegenheit geboten wurde, Bekanntſchaften zu machen. Das Abendeſſen ſtand ſchon auf dem Tiſch, als ſie in das Hotel zurückkehrten, und gleich nach demſelben begleitete Harry ſeinen Freund auf ſein Zimmer und rieth ihm, ſich früh zur Ruhe zu begeben, damit er am folgenden Morgen zur Arbeit friſch ſei. Dandon war durch das viele Eſſen und Trinken ſowie durch die lange Fahrt in der Seeluft ermüdet und ging ſchon vor zehn Uhr zu Bett, während Harry um dieſe Zeit mit dem Anzug für Capper nach den bezeichneten letzten Häuſern eilte und ihn demſelben übergab. „Hier nehmen Sie auch dieſe Uhr mit goldener Kette“, ſagte Harry zu dem Spieler und fügte dann lachend hinzu:„Ich erbitte ſie mir aber morgen wieder zurück, ſie gehört nicht zu dem Anzug, den Sie nach Belieben verwenden können; doch würde ich Ihnen rathen, ſpäter die goldenen Knöpfe des Fracks gegen andere zu vertauſchen.“ Armand, Saat und Ernte. V. 5 66 Harry machte ſeinen Helfershelfer nun noch auf viele Eigenthümlichkeiten in der Erſcheinung Dandon's aufmerkſam, gab ihm verſchiedene Winke in Bezug auf Bewegung und Benehmen und ſchied dann von ihm auf Wiederſehen um neun Uhr am folgenden Morgen auf dem Strande. Der Tag kam, und kaum hatte das Tamtam zum Frühſtück gerufen, als Dandon ſich mit Harrh im Speiſe⸗ ſaal einfand und beide eilig ihr Morgenmahl zu ſich nahmen. Kaum hatte Dandon es aber beendet, als er ſich raſch erhob und mit geſchäftigem Eifer zu Harrh ſagte: „Nun an die Arbeit, Freund, ich bin ſo recht dazu aufgelegt.“ „Das freut mich zu hören, ich werde Ihnen ſogleich das Material dazu in Ihr Zimmer bringen“, antwor⸗ tete Harry, eilte auf ſeine Stube und trug dann einen ganzen Stoß von Papieren zu Dandon in deſſen Salon. Dieſelben enthielten die von Aſhmore Williams geführ-. ten Rechnungen über die Geſchäfte auf der Plantage ſowie über das ganze Inventar auf derſelben. „Hier, verehrter Freund, haben Sie den Nach⸗ weis über den Stand unſeres gemeinſchaftlichen Beſitzes, und nun bitte ich, ſich durch nichts in der Durchſicht dieſer Documente ſtören zu laſſen. Haben Sie noch 67 etwas nöthig, ſo befehlen Sie es vorher bei dem Kell⸗ ner, dann aber verſchließen Sie Ihre Thür und geben Niemand mehr ein Lebenszeichen von ſich, bis Sie Ihre Aufgabe gelöſt haben.“ Mit dieſen Worten hatte Harrh ſeinem Compagnon die Papiere übergeben, derſelbe geleitete ihn mit dem Bemerken, daß er ſofort an die Arbeit gehen werde, an die Thür und verſchloß dieſelbe hinter ſich, daß das Schloß laut erklang. Als Harry dies hörte, wandte er ſich lächelnd nochmals nach der Thür um, ging dann nach ſeinem Zimmer, um ſeinen Hut zu holen, und begab ſich nun auf den Weg nach der Meeresküſte. Als er über die Dünen ſtieg und den erſten Blick auf den Strand warf, brach er in ein ſchallendes Gelächter aus, denn der leib⸗ haftige Dandon ſchritt ihm von dort entgegen. „Koſtbar! Unvergleichlich!“ ſchrie er dem heran⸗ ſchreitenden Capper zu, der, wie ein Pfauhahn ſich brüſtend, ſeine gelbſeidene Weſte glatt ſtrich und mit der ſchweren goldenen Uhrkette ſpielte.„Nein, eine ſolche Komödie iſt noch nie in dieſer Welt aufgeführt worden. Bei Gott, ich ſelbſt würde, wenn ich Ihnen anderswo begegnete, darauf ſchwören, daß Sie der alte Narr Dandon in eigener Perſon wären!“ Die Aehnlichkeit war aber auch in der That ganz 5* 68 unglaublich und überraſchend und Harry zweifelte nicht im geringſten mehr daran, doß ſeine geiſtige Ueber⸗ legenheit über die gewöhnlichen Menſchen abermals trium⸗ phiren werde. Er nahm den Arm Capper's und ging mit ihm nach der Stadt zurück. Es war nicht lange nach neun Uhr, als Harrh mit ſeinem falſchen Compagnon am Arme durch eine Seiten⸗ ſtraße unweit des Werftes in die Hauptſtraße einbog. Dort war es ſehr belebt, denn um elf Uhr ſollte die politiſche Berathung beginnen und man ſammelte ſich in der Nähe des dazu beſtimmten Lokals, um vorher noch Mancherlei mit einander zu beſprechen. Namentlich vor den Trinkhäuſern fand man ſich zuſammen, um die Be⸗ redungen und Begrüßungen mit einem Morgentrunk zu krönen. Harry ſchritt mit dem falſchen Dandon am Arme langſam durch die Menge hin, indem er mit größter Heiterkeit und Freundlichkeit die vielen Grüße, die ihm von allen Seiten zu Theil wurden, erwiderte, und ließ dabei ſeinen Späherblick um ſich ſchweifen, um die Per⸗ ſönlichkeiten aufzufinden, die er ſuchte. Plötzlich verdoppelte er mit ſeinem Gefährten ſeinen Schritt und eilte durch das Gedränge einem Trinkhaus zu, vor welchem eine Gruppe von Männern ſtand, die der beſſern Geſellſchaft anzugehören ſchienen. 69 Er trat nun langſam zu dieſen hin, zog dabei mit einer nachläſſigen Bewegung die gefälſchte Abrechnung mit Dandon, welche er auf deſſen von der Schrift be⸗ freiten Brief geſchrieben hatte, aus der Taſche und legte dann mit einem zutraulichen:„Guten Morgen, meine Herren!“ ſeine Hände auf die Schultern des Richters Jack und des Kaufmanns und zugleich Colonels Kinney⸗ zwei der angeſehenſten Leute von Texas. „Sieh, Williams!“„Guten Morgen!“ antworteten ihm beide und drückten ihm die Hand; Harrh aber ließ ſie nicht weiter reden, ſondern ſagte: „Ich darf mir wohl eine Gefälligkeit von Ihnen erbitten, meine Herren. Mein Freund hier, Herr Dandon, und ich haben eine geſchäftliche Abrechnung unter uns gemacht und bedürfen für dies Document den Namen zweier ehrenwerther Männer als Zeugen, und ein paar die⸗ ſer Anforderung mehr entſprechende Perſönlichkeiten, als Sie es ſind, dürfte man in Texas wohl nicht finden.“ Dann ſtellte er ihnen ſeinen Gefährten als Herrn Apollo Dandon von Natchez vor, und von beiden Seiten verneigte man ſich höflich. „Mit dem größten Vergnügen, lieber Williams“, ſagten die beiden Herren nun zu Harry, und dieſer bat ſie, mit ihm in das nahe Geſchäftslokal des Friedens⸗ richters Turner zu treten. 70 Dieſer empfing ſie freundlich, und indem Harrh ihm die Hand reichte, ſagte er: „Ich muß Sie einen Augenblick ſtören, lieber Tur⸗ ner. Mein Freund, Herr Dandon aus Natchez, und ich haben Sie um Ihre gerichtliche Beglaubigung dieſer zwiſchen uns gemachten Abrechnung zu bitten, und meine lieben Freunde, die Herren Jack und Kinney, wollen ſo gütig ſein, ihre Namen als Zeugen darunter zu ſetzen.“ Der Friedensrichter nahm Harry das ihm hinge⸗ haltene Papier aus der Hand, trat damit an ſein Pult und reichte dem Richter Jack und dann dem Oberſten Kinneh ſeine Feder hin, welche beide ihre Namen unter das gefälſchte Document ſetzten. Dann trat Harry mit ihnen zur Seite und ſtellte einige Fragen in Bezug auf die heutige Verſammlung an ſie, während der falſche Dandon zu dem Friedensrichter an das Pult ging, als wolle er ſich von der Richtigkeit der Unterſchriften und der Beglaubigung überzeugen. Kaum aber hatte Turner ſein Siegel unter ſeinen Namenszug geſchlagen, als Harry das Papier ihm ab⸗ nahm, eine Fünfdollarnote auf das Pult legte und mit den Worten:„Ich komme nachher wieder vor, jetzt bin ich in der Eile!“ ſeinen falſchen Compagnon beim Arme nahm und den beiden Zeugen tauſend Dank ſagend in die Straße hinauseilte. 71 Er ſchritt mit Capper ſchnell in das dichteſte Men⸗ ſchengewühl und dann einer Seitenſtraße zu, durch welche er bald nach einem entferntern, jetzt menſchenleeren Theile der Stadt gelangte. „Abgemacht!“ ſagte Harrh mit leiſem, aber jubeln⸗ dem Tone.„Verdammt, wenn dies nicht mein Meiſter⸗ ſtück war!“ Dabei zog er ein Papier aus der Taſche hervor und reichte es dem Schwindler mit den Worten: „Hier find Ihre tauſend Dollars mit meinem Dank für Ihre Hülfe. Nun aber eilen Sie ſich, daß Sie unge⸗ ſehen aus dieſer Faſanentracht herauskommen, und ver⸗ laſſen Sie mit dem erſten Schiff. und wenn es ein Fiſcherboot wäre, dieſe Inſel.“ Capper nahm das Papier mit dem Gelde, dankte für die ihm gegebene Arbeit und empfahl ſich für gele⸗ gentliche fernere Beſchäftigung, indem er Harrh zum Abſchied die Hand reichte und ſich von ihm wandte. „Hollah, Capper, meine Uhr! Bei Gott, die hätte ich bald vergeſſen“, rief ihm Harrh zu, wobei der Spie⸗ ler ein einfältig lächelndes Geſicht machte und, die Uhr ihm hinreichend, ſagte: „Wirklich, auch ich hätte ſie beinahe vergeſſen.“ Harry ſteckte ſie in ſeine Taſche, erſuchte Capper nochmals, ſobald als möglich ſich von der Inſel zu ent⸗ 72 fernen, drückte ihm zutraulich dabei die Hand und eilte dann von ihm hinweg und durch eine Seitenſtraße ſeinem Hotel zu. Er ſchritt leiſe an Dandon's Zimmerthür und blieb lauſchend vor derſelben ſtehen, bis ſein Compagnon ein⸗ mal huſtete und ihm dadurch verrieth, daß er noch eifrig an ſeiner Arbeit ſitze. Darauf ging Harry in ſein Zim⸗ mer, warf ſich in das Sopha und zog das für ihn jetzt ſo werthvolle gefälſchte Document aus der Taſche hervor. Mit einem Triumph im Blick ſchaute er auf das Papier. Da ſtanden ſie, die Namen der beiden angeſe⸗ henſten, würdigſten Männer von Texas und gaben Zeug⸗ niß, unumſtößliches Zeugniß, daß Harrh ſeinem Com⸗ pagnon Dandon nicht einen Dollar mehr ſchulde. Seine Züge erglühten im Bewußtſein ſeines Siegs, ſeine Augen erglänzten im Gefühl ſeiner geiſtigen Ueber⸗ legenheit, und das Papier zuſammenfaltend und wieder in ſeine Taſche ſchiebend, ſagte er: „Wo gibt es ein beſſeres Kapital als die Men⸗ ſchen ſelbſt!“ Dandon ſaß eifrig an ſeinem Schreibtiſche, machte ſich Notizen über ſein bedeutendes Vermögen in der Plantage am San-Bernardfluſſe, und kurz vor dem Mit⸗ tagseſſen hatte er die Arbeit zu ſeiner größten Zu⸗ 73 friedenheit beendet. Mit freudeſtrahlendem Antlitz trat er, den Stoß Papiere in der Hand, zu Harrh in das Zimmer und ſagte: „Nun, mein theurer, liebenswürdiger Aſſocic, was ſagen Sie jetzt zu Apollo Dandon? Iſt er nicht ein Ar⸗ beiter, wie er im Buche ſteht? Fir und fertig, ſage ich Ihnen, und auch nicht eine Zahl überſehen. Die Sache ſteht brillant und Ihr Bruder verdient eine beſondere Anerkennung für ſeine Leiſtungen. Wir ſind es ihm ſchul⸗ dig, ihm eine beſondere Gratification von einigen hun⸗ dert Dollars zukommen zu laſſen.“ Harry verzog bei den letzten Worten Dandon's die Lippen zu einem verächtlichen Lächeln, i die Papiere in Empfang und ſagte: „Sie ſind ein wahres beitsgent, verehrter Freund. Sie denſelben Grundſatz wie ich: Was man thun will, ſoll man mit ganzer Seele thun oder es unter⸗ laſſen. Sie ſind alſo zufrieden?“ „Zufrieden? Rein, ich bin überglücklich und kann kaum den Augenblick erwarten, wo ich mit eigenen Au⸗ gen unſere Schätze ſehen werde. Es bleibt doch dabei, daß wir morgen früh reiſen?“ „Unwiderruflich“, antwortete Harry.„Ich habe ſchon einen Wagen beſtellt, der uns an die Weſtſpitze der Inſel bringen ſoll; von da laſſen wir uns an das Feſtland 74 überſetzen, beſteigen die beſtellten, dort unſer harrenden Pferde, und dann geht es in einer Tour bis auf die Plantage. Es wird ein harter Ritt werden, verehrter Freund, und erſt ſpät in der Nacht können wir unſer Ziel erreichen.“ „Apollo Dandon kann viel, wenn es nöthig iſt“, verſetzte dieſer, ſich in die Bruſt werfend, und noch be⸗ riethen ſie ihre Reiſe, als ſie zu Tiſche gerufen wurden. Nachmittags lud Harrh wieder ſeinen Compagnon in ein Cabriolet und führte ihn in Parade durch die Stadt und dann hinaus nach der prächtigen See, von wo ſie erſt ſpät zum Abendeſſen zurückkehrten, ſodaß Dandon wieder keine Gelegenheit geboten wurde, per⸗ ſönliche Bekanntſchaften zu machen. Dann gingen ſie früh zu Bett und am folgenden Morgen noch lange vor Tagesanbruch fuhren ſie ſchon auf dem Strande hin nach dem weſtlichen Ende der Inſel. In einem Na⸗ chen ſetzten ſie über den ſchmalen Arm der Bai nach der Küſte hinüber, dort beſtiegen ſie die bereitgehaltenen Pferde und gegen Mitternacht erſt langten ſie auf der Plantage am Bernardfluſſe an. Dandon war mehr todt wie lebendig. Die ungewohnte ſchaukelnde Bewegung auf dem paßgehenden Pferde hatte ihn ſehr empfindlich berührt und ſchon vor Ablauf einer 1* 75 halben Stunde nach ſeiner Ankunft lag er ausgeſpreizt auf ſeinem Ruhelager und träumte von dem harten Sattel und dem unermüdlichen Roſſe. Luch war durch einen Brief Harry's von der Plan⸗ tage entfernt worden und befand ſich bei Colonel Jack, wo ſie ſchon ſeit langer geit einen Beſuch zugeſagt hatte, ſodaß ſie Dandon nicht begegnen und erkennen konnte. Am folgenden Tage beſchränkten ſich, weil Dandon ſehr ermüdet war und das Reiten nicht vertragen konnte. ſeine Wanderungen auf die nahe Umgebung des Wohngebäudes; er beſuchte mit Harry das Milch⸗ und Rauchhaus und ſah mit Wohlgefallen dort die Vorräthe, dann begab er ſich nach den Negerhütten, ließ ſich die farbigen Kinder vorführen und durchwanderte den Obſt⸗ und Gemüſegarten, und abends, als die Sklaven aus den Feldern zurückkehrten, ließ er ſie ſämmtlich an ſich vorüberparadiren, ſprach Worte des Lobes zu ihnen und ſagte ihnen, daß ſie es immer recht gut bei ihm und Herrn Williams haben ſollten. Am nächſten Morgen aber nach dem Frühſtück fühlte er ſich wieder ſo erfriſcht, daß er es unternahm, ein Maulthier zu beſteigen, über deſſen Sattel eine dicke wollene Decke ausgebreitet lag, und ritt nun mit Harrh in die Felder, um den Reichthum mit eigenen Augen zu 76 betrachten, der dort für ihn der Erde entſtieg. Auf den unabſehbaren Baumwollenfeldern glänzte die von den Stauden in langen Troddeln herabhängende ſchneeige Wolle aus deren friſchem Grün hervor, während die Farbenpracht der Blüten ihre Spitzen krönte. Es war ein prächtiger, dem Auge des Beſchauers wohlthuen⸗ der Anblick; auf Dandon aber machte er einen beſon⸗ ders angenehmen Eindruck, denn er ſah im Geiſte ſchon die ſchöne Wolle in Geld verwandelt und über⸗ dachte, wie er die Kapitalien am vortheilhafteſten anle⸗ gen könnte. Von den Feldern ritten ſie hinaus in die Grasflu⸗ ren und ſuchten die dort weidenden Heerden auf, und auf dem Rückwege nahmen ſie die Baumwollenmühle und die Preſſe, wo die Wolle verpackt wurde, in Au⸗ genſchein, denn das Fflücken derſelben hatte begonnen und täglich wurde eine große Anzahl von Ballen zum Verſenden fertig geſtellt. „Wir haben nun noch nicht eſtiutmt an welches Haus in Neuorleans wir unſere Baumwolle zum Ver⸗ kauf ſenden wollen“, hob Dandon hier an.„Ich ſchlage jedenfalls Hardridde& Comp. daſelbſt vor. Sie ſind langjährige Freunde von mir und wir kön⸗ nen uns auf deren Pünktlichkeit und Rechtlichkeit ver⸗ laſſen.“ 7 „Sehr wohl, verehrter Freund“, antwortete Harrh. „Das wollen wir thun.“ „Und dann wollte ich Sie noch bitten, die Ballen mit unſerer gemeinſchaftlichen Firma Dandon& Wil⸗ liams zu bezeichnen; die beiden Namen zuſammen wer⸗ den einen guten Klang in der kaufmänniſchen Welt haben.“ „Ganz wie Sie es wünſchen, beſter Freund“, ent⸗ gegnete Harry.„Alſo Dandon& Williams!“ „Ja wohl. Ich glaube, das wird gut ſein“, ſagte Dandon, ſich die Hände reibend. Harry bot Alles auf, um ſeinem Compagnon das Leben auf der Plantage ſo angenehm wie möglich zu machen; er hatte für Küche und Keller ſowie für feine Cigarren beſte Sorge getragen, ritt täglich ganz nach Dandon's Wunſch mit ihm umher, ging mit ihm auf die Jagd und fiſchte mit ihm in dem ſchönen San⸗ Bernard, und die Abende verbrachte er mit ihm unter der luftigen, von duftig blühenden Schlingpflanzen und Roſen umrankten Veranda, wobei ein junges hübſches Negermädchen dem Alten mit einem Pfauenſchweif Küh⸗ lung zuwehen mußte. So verbrachte Dandon einige Wochen im ungetrüb· ten Glauben an das Glick, welches ihm aus dieſer Plan⸗ tage erwuchs, und es wurde ihm ſchwer, ſich von ihr zu 78 trennen. Er that es auch nur mit der feſten Erklärung, bald wieder kommen zu wollen und dann jedenfalls in Begleitung ſeines geliebten Kindes Blancha, deren Al⸗ leinſein ihn jetzt nach Natchez zurückziehe. Harry ſprach ſeine größte Freude über dieſe be⸗ glückende Zuſicherung aus und begleitete dann ſeinen entzückten Compagnon nach Galveſton zurück. Dort führte er ihn abermals zur Schau durch die Stadt und nahm insbeſondere einen Augenblick wahr, wo er wußte, daß er die bei ſeinem Betrug als Zeugen benutzten Herren Jack und Kinneh nach eingenommenem Morgentrunk unter der Veranda eines Trinkhauſes fin⸗ den würde, mit Dandon an dieſen vorüberzugehen, wo⸗ bei er ihnen ſeinen Gruß zuwinkte und, raſch vorbeiſchrei⸗ tend, zurief: „Nochmals unſern Dank für Ihre Freundlichkeit!“ Mit größter Umſicht aber hielt er Dandon von jeder Unterhaltung mit einem Dritten fern und wünſchte ihm nach zweitägigem Aufenthalt eine recht vergnügte, glückliche Reiſe nach Neuorleans, die der alte betro⸗ gene Mann auf einem dorthin abgehenden Dampfboot antrat. Kaum hatte der Dampfer das Werft verlaſſen, als Harry zu dem Countyſecretär, welcher die Hypotheken⸗ bücher führte, eilte und ihm die gefülſchte Abrechnung —— 79 zum Eintragen in dieſelben übergab. Sobald dies Ge⸗ ſchäft aber abgemacht war, ließ er ſich nach dem Feſt⸗ lande überſetzen, ritt zu Colonel Jack, um die Nacht bei ihm zu bleiben, und kehrte dann am folgenden Morgen mit Luch auf ſeine Plantage zurück. 3 Viertes Kapitel. Die Ernte fiel über alle Erwartung günſtig aus und Harrh begann mit der Verſendung der Baumwolle nach Neuorleans. Er übermachte dieſelbe aber nicht dem von Dandon bezeichneten Hauſe Hardridge& Comp., ſondern einem andern, ihm perſönlich befreundeten, und zeichnete die Ballen auch nicht Dandon& Williams, ſondern einfach mit H. Williams. Gegen das Ende des October hatte Harrh bereits gegen fünfhundert Ballen Baumwolle an ſeinen Com⸗ miſſionär in Neuorleans abgeſchickt, als er eines Mor⸗ gens einen Brief von Dandon erhielt. „Endlich!“ ſagte er, auf die Adreſſe ſchauend.„End⸗ lich wird der alte Schafskopf doch entdeckt haben, daß man ſeine Befehle wenig achtet.“ Dabei öffnete er das Schreiben und las daſſelbe mit der größten Ruhe durch, als ob er auf deſſen In⸗ halt gewartet hätte. 65 81 „So, nun kann der Tanz beginnen. Ich werde dir luſtig aufſpielen, du alter Narr!“ fuhr Harry ebenſo ruhig fort und begab ſich an ſeinen Schreibtiſch. Dandon hatte in dieſem Briefe an Harry ſich dar⸗ über beklagt, daß er die Baumwolle nicht ihrer Abrede gemäß an Hardridge& Comp. geſandt und daß er ſie auch nicht mit Dandon& Williams gezeichnet habe, und erſuchte ihn, ihm die Gründe zu nennen, aus welchen er ſo ganz gegen Uebereinkunft gehandelt habe. Na⸗ mentlich aber bat er Harrh, das Haus, an welches er die Baumwolle geſchickt habe, zu veranlaſſen, die Hälfte des Erlöſes daraus an ihn nach Natchez zu ſenden und die betreffende Abrechnung darüber beizufügen. Harrh beantwortete den Brief folgendermaßen: „Herr Dandon! Ich habe Ihren Brief vom 19. Oetober heute er⸗ halten und ihn geleſen. Ueber den Inhalt deſſelben aber bin ich noch immer ebenſo im Unklaren, als hätte ich ihn nicht geleſen. Ich verſtehe nicht, mit welchem Rechte Sie ſich jetzt noch in meine Angelegenheiten miſchen können, nachdem wir uns auseinandergeſetzt und vollſtändig abgerechnet haben und Sie Ihr Gut⸗ haben von mir bei Dollar und Cent baar empfingen. Im erſten Augenblick hielt ich das ganze Schreiben für einen Scherz, nachdem ich mich nun aber von dem Armand, Saat und Ernte. V. 6 82 wirklichen Ernſte ſeines Inhalts überzeugt habe, bleibt mir nichts Anderes von Ihnen zu denken übrig, als daß Sie verrückt geworden ſein müſſen. Ich hoffe und wünſche, daß dieſer Krankheitsanfall keine dauern⸗ den ſchlimmen Folgen für Sie haben möge, und bleibe mit dieſem Wunſche Ihr ergebener Harry Williams.“ Laut auflachend ſchloß und verſiegelte Harrh dieſen Brief, ſteckte ihn nebſt Dandon's Schreiben in ſeine Bruſttaſche und trat dann in ſeinem Cabriolet, von einem Neger zu Pferd gefolgt, ſeine Reiſe nach Galveſton an, wo er den Brief am folgenden Tage ſelbſt der Poſt übergab. Sein nächſter Weg von dort aus war zu dem Frie⸗ densrichter Turner. „Willkommen, Herr Williams!“ rief dieſer ihm freudig zu.„Endlich ſieht man Sie einmal wieder. Wo haben Sie denn ſo lange geſteckt?“ „Die Baumwollenernte macht mir viel zu ſchaffen, doch ehrlich geſagt, ich konnte es nicht länger zu Hauſe aushalten und mußte meine Freunde in Galveſton ein⸗ mal wiederſehen“ antwortete Harry, indem er die ihm von Turner gebotene Hand mit großer Herzlichkeit drückte. „Doch Alles wohl und friſch zu Haus; kein Fieber unter den Negern?“ fuhr der Friedensrichter fort. 83 „Gott Lob! Der Arzt wird in dieſem Jahre nicht viel bei mir verdienen“ erwiderte Harry.„Ich habe aber eine recht traurige Kunde aus einem Brief erſehen, wel⸗ chen ich geſtern erhielt. Denken Sie ſich, mein früherer Aſſocié, Herr Dandon in Natchez, der vor einiger Zeit hier war, muß den Verſtand verloren haben. Sie wiſ— ſen, Sie haben doch meine Abrechnung mit ihm, nach welcher er keinen, auch nicht den entfernteſten Anſpruch mehr an mein Eigenthum zu machen hat, ſelbſt beglau⸗ bigt, und nun ſchreibt mir der Mann über unſer Ge⸗ ſchäft und macht mir Vorwürfe über meine Baumwol⸗ lenverſendungen.“ „Das iſt wohl nicht möglich!“ fiel Turner ein. „Bündiger und reiner kann ja ein Geſchäft gar nicht ab⸗ gemacht werden, als es zwiſchen Ihnen beiden geſchehen iſt. Wos fällt dem Manne ein?“ „Er muß übergeſchnappt ſein, eine andere Erklärung gibt es nicht dafür“, ſagte Harrh, die Achſeln zuckend, und ſetzte, den Brief Dandon's aus der Taſche hervor⸗ ziehend hinzu:„Da iſt ſein Schreiben Leſen Sie ſelbſt und ſagen Sie mir, ob der Mann ſeine fünf Sinne noch beiſammen hat oder nicht.“ Turner öffnete den Brief, und als er denſelben durchblickt hatte, gab er ihn Harry zurück, indem er ſagte: 6* 84 „Der Mann iſt toll, denn die Abſicht, Sie zu be⸗ trügen, zu berauben, kann man unter den obwaltenden Verhältniſſen ja nicht annehmen, es würde ja jedes Ge⸗ richt der Welt ſeine Klage gegen Sie als einen Wahn⸗ ſinn zurückweiſen. Offen geſagt, verehrter Herr Wil⸗ liams, er kam mir ſchon bei ſeinem Hierſein mit Ihnen ſonderbar vor, wie er zu mir an das Pult trat und mir auf die Finger ſah, als zweifle er an der richtigen Beglaubigung des Documents. Ich ſehe ihn noch vor mir ſtehen!“ „Ach nein, beſter Turner, damals war er bei ganz gutem Verſtande, denn er hat mir bei der Abrechnung wahrlich nichts geſchenkt. Es iſt aber ſeine Habgier, die ihn toll gemacht hat. Ich habe ihm auch ganz kurz und bündig geſchrieben, daß er verrückt ſein müſſe“, ſagte Harry leichthin und wandte dann das Geſpräch auf Politik. Ehe er den Friedensrichter verließ, bat er ihn, bei ihm im Gaſthof zu Abend zu ſpeiſen, und bemerkte, daß er noch mehrere Freunde einladen wolle. Dann ſuchte er den Richter Jack und auch Colonel Kinney auf, theilte ihnen daſſelbe mit, was er Turner geſagt hatte, und er— hielt von ihnen dieſelbe Antwort, nämlich daß Dandon verrückt geworden ſein müſſe. Auch ſie nahmen ſeine Einladung auf den Abend an, und außer ihnen fand 85 ſich noch ein Dutzend der angeſehenſten Männer aus Galveſton bei ihm ein. Bei dieſer Gelegenheit wurde die Sache mit Dandon nun abermals vielſeitig beſpro⸗ chen, und alle erklärten ihn einſtimmig für toll. Harry blieb auch noch am folgenden Tage in der Stadt, um ſein Verhältniß zu Dandon ſowie deſſen un⸗ erklärliches Betragen möglichſt bekannt werden zu laſſen und die Stimmung allgemein gegen denſelben zu rich⸗ ten; denn daß derſelbe die Antwort auf ſeinen Brief ſofort in eigener Perſon bringen werde, darüber konnte Harry nicht im Zweifel ſein. Nachdem er nun glaubte ſeinem verabſchiedeten Compagnon in Galveſton den nõ⸗ thigen Empfang bereitet zu haben, reiſte er ab und begab ſich nach Brazoria, wo deſſen Klage gegen ihn zur Entſcheidung kommen mußte, wenn ſie überhaupt von dem Gerichte angenommen wurde. Dort benutzte er abermals ſeinen ganzen Einfluß und ſeine ausge⸗ breitete Bekanntſchaft, um Vorurtheile gegen Dandon zu erzeugen, ſprach aber dabei ohne jedes ſichtbar⸗ liche eigene Intereſſe und bedauerte nur das Unglück, welches den ihm befreundeten armen Mann betroffen habe. Mit einem Gefühl von Triumph kehrte er abends nach Hauſe zurück und mit wahrem Verlangen wünſchte er die Ankunft Dandon's herbei, um ihm gegen⸗ über zu treten und ihn in offener Schlacht zu ſchlagen. 86 Luch küßte Harry die Hand, als derſelbe aus dem Cabriolet ſtieg, doch als ſie ihm in ſein Zimmer folgte und die Lichter auf dem Tiſche unter dem Spiegel an⸗ zündete, da ſchlang er zärtlich ſeine Arme um ſie und führte ſie nach dem Kamin, wo ein leichtes Feuer auf⸗ flackerte. „Du biſt doch meine ſüße, meine reizende Luch und bleibſt mir immer lieber als alle Mädchen der Welt!“ ſagte er zu dem wonnetrunkenen, in Seligkeit erzittern⸗ den Mädchen und zog ſie, in den Schaukelſtuhl nieder⸗ ſinkend, auf ſeinen Schooß. „Und Du biſt mein geliebter, mein einziger Harry, biſt mein Glück, meine Welt, für die ich jeden Augenblick bereit bin, meinen letzten Blutstropfen hin⸗ zugeben“, ſagte die Mulattin und preßte, ihre vollen weichen Arme um ſeinen Nacken ſchlingend, ihre üppi⸗ gen, liebeglühenden Lippen in langem Kuſſe auf ſeinen Mund. „Ach Herr, ach Geliebter“, fuhr ſie nach einer beſeligenden Pauſe mit bebender Stimme fort,„könnte ich doch durch die That Dir meine Liebe, meine Treue, meine Anhänglichkeit darthun!“ „Haſt Du dies nicht gethan, als Du mir hierher folgteſt?“ antwortete Harry, ſich an der Innigkeit des treuen Mädchens weidend. 87 „Ich that es nicht aus freiem Willen, ich that es, weil ich nicht anders konnte, that es auch nicht für Dich, ich that es für mich ſelbſt, für mein eigenes Glück, für meine Seligkeit“, ſagte Luch mit leiſerer Stimme und barg ihr glühendes ſchönes Antlitz tiefer an Harry's Bruſt. „Sieh, Du erinnerſt mich an ein ſehr wichtiges, werthvolles Papier in meiner Bruſttaſche, welches ich die größte Luſt hätte ins Feuer zu werfen“, hob Harrh an und zog die gefälſchte Abrechnung mit Dan⸗ don hervor. Einige Augenblicke ſah er ſinnend auf das Document und fuhr dann fort:„Dies Papier iſt hun⸗ derttauſend Dollars werth und doch ſollte ich es den Flammen übergeben, denn es könnte möglicherweiſe mein Leben in Gefahr bringen.“ „Wirf es hinein, ſchnell! Laß mich es thun, Gelieb⸗ ter meiner Seele“, rief Luch erſchreckt aus und griff nach dem Papier, doch Harry entzog es ihrer Hand und ſagte lächelnd: „Es iſt nicht ſo ernſt gemeint, ſüßes Mädchen; wenn ich es aber ruhig bedenke, ſo hat dies Papier eigentlich doch gar keinen Werth mehr für mich, und es iſt Thorheit, daß ich mich nicht entſchließen kann, es zu verbrennen. Es iſt ein Doecument, welches ich in das Hypothekenbuch in Galveſton habe eintragen laſſen und 88 deſſen Vorhandenſein nun gänzlich unnöthig iſt, während es mir doch wirklich gefährlich werden könnte.“ „O ſo vernichte es, Harry. Gib es den Flammen hin, damit ſeine Aſche mit dem Rauch durch den Schorn⸗ ſtein verwehe. Warum zögerſt Du noch?“ ſagte Luch bittend und ſuchte, ihm h des Papiers hab⸗ haft zu werden. „Nein, nein, es ſoll leben. Dieſen Triumph kann ich mir nicht verſagen“, verſetzte Harry und trug das Document nach ſeinem Schreibtiſch, wo er es mit noch andern Papieren, die er bei ſich trug, verſchloß. Lange ſollte Harry nicht auf die Nachricht von Dan⸗ don's Ankunft in Galveſton warten, denn kaum hatte er die Möglichkeit berechnet, daß derſelbe ſeinen Brief erhalten und den Weg bis nach der Inſel zurückgelegt haben könnte, als er auch ſchon einen Expreſſen von ſeinem Spediteur in Galveſton erhielt, durch den derſelbe ihm meldete, daß Herr Dandon dort eingetroffen wäre. Harry brach ſofort auf und langte am folgenden Morgen gleichfalls auf der Inſel an. Beim Eintreten in das Unionshotel empfing man ihn ſogleich mit der Neuigkeit, daß ſein früherer Compagnon in dem Waſhingtonhotel eingekehrt ſei, daß er verrückt wäre, wie ein brüllender Löwe in der Stadt umherlaufe und vergebens Jemand zu finden ſuche, der ſeine tol⸗ 89 len Geſchichten glauben wolle. Er ſei ſchon bei allen Advocaten geweſen und habe ihnen Geld auf Geld ge⸗ boten, ſeine Klage gegen Harry zu übernehmen, ſie hät⸗ ten ihn aber alle ausgelacht und ihm gerathen, er möge ſich eines Beſſern beſinnen und wieder nach Hauſe reiſen. Harry jubelte und jauchzte bei dieſer Erzählung in ſeinem Innern auf, ſeine äußere Erſcheinung aber be⸗ hielt den Ausdruck des Bedauerns und der Theilnahme, und wiederholt ſagte er mit einem leidvollen Athemzug: „Der arme Mann! Es iſt recht traurig für ihn“ Kaum hatte er ſeine Toilette geordnet, als er ſich zu dem Richter Jack begab, der ihn auch mit der Nach⸗ richt von Dandon's Erſcheinen begrüßte. „Er iſt richtig da und ſo toll wie möglich. Den⸗ ken Sie ſich, daß der Mann es mir ins Geſicht abge⸗ leugnet hat, mit Ihnen bei dem Friedensrichter geweſen zu ſein und mich und Kinney aufgefordert zu haben. eine Abrechnung mit Ihnen dort zu bezeugen. Da hört denn doch wirklich Alles auf.“ „Er iſt toll, wie ich Ihnen geſagt habe, denn eine ſolche Frechheit bei geſundem Verſtande iſt nicht denkbar“ ſagte Harry.„Dennoch wollen wir verſu⸗ chen, ob wir ihn nicht dadurch zur Vernunft zurückfüh⸗ ren können, wenn Sie und Kinney mit mir vor ihn tre⸗ ten Es iſt ja gar nicht möglich, daß er es dann noch 90 in Abrede ſtellen kann. Haben Sie jetzt Zeit, ſo laſſen Sie uns Kinneh abholen und zuſammen zu dem Manne gehen, vielleicht gelingt uns das gute Werk, ihm den Verſtand wiederzugeben.“ Der Richter Jack war gern erötig. Harry's Vor⸗ ſchlag auszuführen, und beide eilten nun zu Kinneh, der ſie gleichfalls mit Worten der Verwunderung über Dandon's Verrücktſein empfing. Auch er erklärte ſich ſofort bereit, einen Verſuch zu machen, ob man ihn nicht zu Verſtande bringen könne, und einige Minuten ſpäter traten ſie in das Waſhingtonhotel ein. Der Wirth theilte ihnen mit, daß Herr Dondon auf ſeinem Zimmer wäre, und meldete Farch auf deſſen Erſuchen bei jenem an. „Wo iſt der Menſch?“ rief Dandon und eilte der Thür zu, als Harry, von ſeinen Begleitern gefolgt, ru⸗ hig in das Zimmer auf den Alten zutrat. „Aber, verehrter alter Freund, iſt es denn möglich, daß Gott weiß was Ihnen die Erinnerung ſo weit ge. raubt haben ſollte, daß Sie unſere freundſchaftliche Aus einanderſetzung und Abrechnung ſowie den Empfang Ihres Guthabens von mir vergeſſen haben könnten?“ ſagte Harrh mit theilnehmendem Tone und hielt Dan⸗ don die Hand dann mit den Worten hin:„Beſinnen Sie ſich doch! Wir waren ja zuſammen bei dem Frie⸗ 91 densrichter Turner, und dieſe beiden Herren erzeigten uns ja die Gefälligkeit, das von Ihnen ausgeſtellte und mit Ihrem Namen unterſchriebene Document zu be⸗ zeugen.“ „Elender, nichtswürdiger Schwindler, wie kannſt Du die unerhörte Frechheit haben, mir eine ſolche Lüge ins Geſicht zu ſagen!“ rief Dandon, mit raſender Wuth auf ihn zu und wieder von ihm zurückſpringend, als ſei er von einer Natter gebiſſen worden. „Herr Dandon, Ihre Anſchuldigung gegen Herrn Williams trifft auch mich und meinen Freund, den Co⸗ lonel Kinney hier, und wenn wir beide nicht die Ueber⸗ zeugung hätten, daß Sie toll wären, ſo würden wir Sie für Ihre Beleidigung zur Rechenſchaft ziehen. Einem Verrückten gegenüber kann aber von Beleidigung keine Rede ſein. Sie ſind nicht zurechnungsfähig“ ſagte der Richter Jack in höchſter Entrüſtung und fügte mit zorniger Stimme noch hinzu:„Kinneh und ich, wir beide haben Ihre Abrechnung mit Herrn Williams in Ihrer Gegenwart vor den Augen des Friedensrichters Turner als Zeugen unterſchrieben und alle Gerichte der Welt können an der Vollſtreckung Ihrer vollſtändigen Abfindung mit Herrn Williams nicht zweifeln.“ „Es iſt nicht wahr, es iſt hölliſcher Raub, der an mir begangen werden ſoll, und weder Sie noch dieſen 92 Herrn Kinney oder den Friedensrichter habe ich in mei⸗ nem Leben von Angeſicht zu Angeſicht geſehen“, ſchrie Dandon umherſpringend und ſich wie ein Raſender geberdend. „Laſſen Sie uns gehen, meine Herren“, nahm Kin⸗ ney das Wort.„Der Kerl iſt toll, und wenn er ſich ferner unterſteht, Schmähreden gegen uns auszuſtoßen, ſo werde ich ihn von Gerichtswegen gefangen nehmen und nach Hauſe ſenden laſſen.“ „Aber, alter Freund, ſo nehmen Sie doch Vernunft an und machen Sie ſich nicht lächerlich“, ſagte Harry mit gutmüthigem, mitleidigem Tone, wieder auf Dandon zutretend. Doch dieſer fuhr wie vor einem Peſtkranken zurück und rief mit entſetzter Stimme: „Komm nicht in meine Nähe, Du Ungeheuer, Du Ausgeburt der Hölle!“ „Kommen Sie, Williams! Laſſen Sie den wahnſin⸗ nigen Menſchen gehen; wenn er noch piel Unfug macht, ſo bringen wir ihn in Sicherheit“, nahm der Richter Jack das Wort wieder, ergriff Harry's Arm und zog ihn mit ſich aus dem Zimmer, während Dandon die Hände über ſeinem Kopfe rang und ſeiner Wuth durch Stampfen mit den Füßen und durch unzuſammenhän- gende Worte der Verzweiflung Luft machte. Kaum hatten die Drei ihn verlaſſen, als er in 93 fliegender Eile zu einem Kaufmann Namens Miers rannte, um bei ihm ſein verzweifelndes Herz auszuſchüt⸗ ten. Miers war der einzige Mann in der Stadt, der in Dandon keinen Narren, wohl aber in Harry Williams einen ruchloſen Betrüger ſah. Erklären konnte er ſich es nicht, wie die Fäden geſponnen waren; daß Dandon aber niemals mit Harry Williams abgerechnet hatte, davon war er überzeugt. Dandon kam wie vernichtet zu ihm in das Zimmer geeilt und berichtete ihm mit ſtotternder Stimme die ungeheure That, die Harry Williams ſo eben durch ſein Erſcheinen vor ihm begangen habe. „Es wäre kein Wunder“, ſagte er mit bebender Stimme,„wenn man verrückt würde, denn die Hölle ſelbſt kann keine größern Martern erfinden, als dieſer ruchloſe Böſewicht über mich gebracht hat. Was ſoll ich thun, was ſoll ich anfangen, um wenigſtens als ver⸗ nünftiger Menſch angeſehen zu werden und meinem Rechte einen Weg zu verſchaffen?“ „Sind Sie denn bei dem Advocaten Osler zni ſen?“ fragte Miers, indem er Dandon einen Lehnſeſſel hinſchob und ihn nöthigte, ſich darin niederzulaſſen. „Bei allen, bei allen war ich ſchon; ſie verhöhnten mich lachten mich aus, nannten mich toll und ver⸗ rückt und riethen mir, Vernunft anzunehmen und wie 94 der nach Hauſe zu reiſen“, antwortete Dandon, die Hände ringend. Miers ſchwieg jetzt und ſchien einem plöhlich in ihm aufkeimenden Gedanken zu folgen, nach einer kurzen Pauſe aber ſagte er: „Hier finden Sie keinen Rechtsbeiſtand, man hat zu ſehr gegen Sie vorgearbeitet.“ Dann ſchwieg er wieder einige Augenblicke und hielt die Lippe zwiſchen ſeinen Fingern gefaßt, fuhr aber gleich wieder fort: „Es gibt einen Advocaten in Texas, der Ihnen hel- fen würde, wenn Sie ihn zu ſprechen bekämen, ehe man ihn gegen Sie einnimmt. Er iſt einer der angeſehen⸗ ſten, rechtlichſten Männer im Lande und vielleicht der erſte Advocat auf dem ganzen amerikaniſchen Continent.“ „Um Gottes willen, nennen Sie mir den Mann, damit ich zu ihm fliegen kann!“ rief Dandon aufſprin- gend und ergriff mit beiden Händen die Rechte des Kaufmanns. „Er heißt Randolph und wohnt in Gonzales“, ant⸗ wortete Miers. Dandon fuhr zuſammen. „Randolph ſagen Sie? Wo iſt er zu Hauſe? Kam er aus den Vereinigten Staaten?“ fragte er mit klangloſer Stimme, als ob eine Schuld ſie in ſeiner Bruſt zuſammenklemme. 95 „Ja, Randolph iſt ſein Name; er muß ſchon ſehr lange in Gonzales wohnen, hat aber erſt, ſeit Texas frei iſt, ſeine Praxis als Advocat begonnen“, entgegnete Miers und ſah Dandon verwundert an, da ihm die plötz⸗ liche Veränderung von höchſter Aufregung zu vollſtän⸗ diger Erſchlaffung ſeines Weſens auffiel. Dandon holte tief Athem und ſagte beruhigt: „So, er wohnt alſo ſchon ſeit vielen Jahren in Gonzales.“ Darauf ſchwieg er einige Augenblicke, während wel⸗ chen er ſich wieder in den Stuhl ſinken ließ, und ſagte dann: „Ich will fofort zu ihm reiſen und ihn um ſeinen Beiſtand bitten.“ „Thun Sie es, wenn es dunkel geworden iſt, da⸗ mit Ihre Feinde nichts von Ihrer Abreiſe gewahr werden und Ihnen nicht folgen können“, ſagte Miers. „Ich will ſogleich einen Expreſſen nach der Weſtſpitze der Inſel ſenden und die Ueberfahrt von dort für Sie be⸗ ſtellen. Auch will ich ſorgen, daß ein Wagen nach eingebro. chener Dunkelheit für Sie bereit ſteht. Machen Sie ſich zur Reiſe fertig und am Abend kommen Sie wieder hierher.“ Dandon ſchöpfte neue Hoffnung und verließ den theilnehmenden Helfer in der Noth unter tauſend Dank⸗ ſagungen. 96 Mit einbrechender Nacht war Dandon auf dem Wege nach dem weſtlichen Ende der Inſel und am fol⸗ genden Morgen beſtieg er auf dem Feſtlande ein Maul⸗ thier, welches ihn in fliegendem Paßgange in der Rich⸗ tung nach Gonzales davontrug. Ohne mehr Raſt oder Ruhe, als ſeinem Thiere nothwendig war, eilte Dandon dahin, und ſchon am vierten Abend, als die Sonne hin⸗ ter der flachen duftigen Ferne verſank, erreichte er dus Ziel ſeiner mühevollen Reiſe. Kaum nahm er ſich in dem Gaſthof die Zeit, den Staub von ſeiner Kleidung zu wiſchen oder ſeinem ſonſt ſo gepflegten Aeußern einige Aufmerkſamkeit zu ſchenken, er fragte nur nach der Wohnung des Advocaten Ran. dolph und wandte dann eilig ſeine Schritte aller Ermüdung derſelben zu. Albert ſaß hinter dem kleinen, mit blühenden Ro⸗ ſenranken überhangenen Fenſter ſeines Arbeitszimmers, hatte die Feder niedergelegt und ſchaute in den däm⸗ mernden Abend hinaus; er folgte aber mit ſeinen Ge⸗ danken nicht der Sonne, deren Bahn noch durch das glü⸗ hende Roth am weſtlichen Himmel bezeichnet wurde, ſie zogen nach Oſten hin, zu der Geliebten ſeiner Seele, zu ſeiner Blancha. Da ſah er einen fremden Herrn raſch unter dem Fenſter vorübergehen und hörte gleich darauf im Hauſe 97 ſeinen Namen nennen. Er ſtand auf und wandte ſich der Thür zu, da flog dieſelbe auf und Dandon und Albert ſtanden einander gegenüber. Starr und regungslos wie zwei Bildſäulen hielten ſie ihre Blicke auf einander gerichtet und beider Ober⸗ körper blieben für einige Augenblicke in der wie im Schreck zurückweichenden Stellung, doch faßte ſich Albert zuerſt, indem er die Worte ausſtieß: „Mein Gott, Herr Dandon!“ Dieſer hatte den Thürpfoſten ergriffen, um ſich an ihm aufrecht zu halten, denn ſeine Glieder zitterten und es war ihm, als müſſe er in die Erde ſinken. Endlich ermannte er ſich aber und ſagte: „Ich habe nicht geahnt, daß Sie es wären, bei dem ich Hülfe ſuchen wollte, Herr Randolph. Verzeihen Sie!“ Dabei trat er rückwärts wieder mit dem Fuße aus der Zimmerthür. „Nicht doch, Herr Dandon!“ rief Albert ihm aber zu„Treten Sie herein; wenn Sie Hülfe bei mir ſuchen wollten, ſo ſoll das Unrecht, welches Sie mir thaten, nicht zwiſchen uns ſtehen. Womit kann ich Ihnen dienen?“ Dabei ſchritt er zu dem Alten hin, legte ſeine Hand auf deſſen Schulter, führte ihn ſo in das Zimmer und nöthigte ihn, ſich in einem Seſſel niederzulaſſen. Dandon blickte wie vernichtet vor ſich nieder und Armand, Sagt und Ernte. V. 98 ſchwieg, Albert aber ſetzte ſich zu ihm und fuhr beruhi⸗ gend fort: „Sagen Sie mir offen, Herr Dandon, womit ich Ihnen helfen kann, und ſeien Sie meiner Hülfe ge⸗ wiß. Ich trage keinen Groll gegen Sie im Herzen.“ Er ſagte dieſe Worte mit unverkennbarer tiefer Er⸗ griffenheit und nahm dabei die Hand des Alten freund⸗ lich in die ſeinige. „Herr Randolph“, ſtotterte Dandon jetzt, heftig er⸗ ſchüttert, ohne zu Albert aufzublicken,„wie kann, wie darf ich Ihre Hülfe in Anſpruch nehmen! Ich war es „Laſſen Sie die Vergangenheit ruhen, Herr Dan⸗ don“, fiel ihm Albert raſch ins Wort.„Ich habe nur einen Vorwurf für das Unrecht, welches ich ſelbſt thue, nicht aber für das, was mir zugefügt wird. Vertrauen Sie mir! Es macht mich glücklich, wenn ich Ihnen einen weſentlichen Dienſt erweiſen kann. Was bringt Sie ſo ſchnell nach Texas zurück, welches Sie noch vor kurzer geit ſo zufrieden verlaſſen hatten? Haben Sie ſich in dem Herrn Williams geirrt?“ „So iſt's, Herr Randolph. Der Mann iſt der Hölle entſprungen! Woher aber wiſſen Sie?“ rief Dandon außer ſich. „Das thut nichts zur Sache. Theilen Sie mir ſchnell 99 mit, was Ihnen hier begegnet iſt; ich ſehe, es muß etwas Ernſtes, etwas Wichtiges ſein! Schnell! Ich helfe Ihnen, wenn es in meiner Kraft ſteht“, ſagte Albert in wachſender Aufregung und ergriff abermals die Hand des Alten. Dieſem war es jetzt, als habe ſich ſeine Bruſt ge⸗ öffnet und das Angſtgefühl, das ihn zu erſticken drohte, einen Ausweg gefunden. Er erfaßte die Rechte Albert's mit krampfhafter Bewegung und ſagte: „Ja, ja, Sie ſind ein edler Menſch, mein Freund, mein Retter in der höchſten Noth. Sie können, Sie wer⸗ den mir helfen, ſchon wegen des Andenkens an mein einziges Sie verehrendes Kind, an meine brave gute Blancha werden Sie es thun!“ Und nun erzählte er ſo ſchnell, als ſeine Aufregung es erlauben wollte, was zwiſchen ihm und Harry Williams ſich zugetragen hatte. Albert hörte ihm zu, ohne ihn zu unterbrechen, und auch nachdem Dandon ſeine Mittheilung beendet hatte, ſaß er noch eine Zeit lang in ſich verſunken da, als ver⸗ gleiche er die verſchiedenen Gedanken, die ſich ihm bei der Erzählung des Alten aufgedrängt hatten. Nach einer Weile hob er ſeinen Blick langſam zu ihm auf, ſah ihn ernſt und forſchend an und ſagte ihn feſt im Auge haltend: 4* 7* 100 „Iſt das Alles Wahrheit, was Sie mir da geſagt haben, Herr Dandon?“ „Wahrheit, lautere, reine Wahrheit, Herr Randolph. Ich ſchwöre es bei dem Wohle meines einzigen Kindes, meiner theuern Blancha, daß ich Ihnen Alles ſo berich⸗ tete, wie es ſich zugetragen, und daß ich Ihnen nichts verſchwieg“, antwortete Dandon mit mehr beſi gkeit und Vertrauen. „So haben Sie ein ſchweres W begangen, Herr Dandon, und aus der böſen Saat iſt eine böſe Ernte für Sie erwachſen. Ihr Theilnehmer an dem Skla⸗ vengeſchäft hat ſich gegen Sie gewandt, um Ihnen die Strafe dafür zu geben und wahrſcheinlich ſpäter ſelbſt die Strafe für ſein doppeltes Vergehen zu ernten. Ich bin Ihr Richter nicht und will es nicht ſein, ich werde Sie vor Gericht gegen Ihren ruchloſen Widerſacher ſchützen, doch niemals aus dem Auge verlieren, was ich der Menſchheit ſchuldig bin. Ich will morgen mit Ihnen nach Brazoria aufbrechen, um Ihre Klage anhängig zu machen, denn in acht Tagen hält dort das höchſte Ge⸗ richt ſeine Sitzung.“ Als Albert dies ſagte, ergriff Dandon mit ſtürmi⸗ ſcher Bewegung deſſen Hand und ſtammelte dann Worte des Dankes hervor, doch Albert bat ihn, ſich zu beru⸗ higen, und fragte dann: 101 „Haben Sie Ihre Correſpondenzen mit Williams bei ſich?“ „Hier ſind meine ſämmtlichen Papiere, welche Be⸗ zug auf meine Geſchäftsverbindung mit ihm haben“, antwortete Dandon, zog zwei Paquete aus ſeinen Taſchen hervor und reichte ſie Albert hin. „Wir dürfen den verbrecheriſchen Erwerb der Skla⸗ ven jetzt nicht berühren, ſondern müſſen bei dem gemein⸗ ſchaftlichen Beſitz beginnen, denn der Erwerb war ein Criminalverbrechen, Herr Dandon, und Niemand kann aus einem ſelbſt begangenen Unrecht vor dem Ge⸗ ſetze ein Recht herleiten. Auch unſere Gegner müſſen in ihrer Vertheidigung vermeiden, dieſes Erwerbs zu erwähnen, und deshalb ſind Ihre Correſpondenzen mit Williams von um ſo größerer Wichtigkeit. Ich will die Papiere noch heute durchſehen und werde morgen früh bereit ſein, die Reiſe mit Ihnen anzutreten.“ Bei dieſen Worten erhob ſich Mbert, geleitete Dan⸗ don aus ſeiner Wohnung und entließ ihn mit dem Ver⸗ ſprechen, am folgenden Morgen zur Abreiſe vor ſeinem Gaſthauſe ſich einzufinden. Den Ritt nach Brazoria legten ſie in drei Tagen zurück, und am vierten reichte Albert im Namen Dan⸗ don's die Klage ein. Niemals hatte in Texas eine Pribatangelegenheit 102 größeres Aufſehen gemacht und allgemeineres Intereſſe erweckt, als der Rechtsſtreit zwiſchen Harry Williams und Apollo Dandon, zumal da Albert Randolph als Vertreter für die Rechte des letztern auftrat; denn Ran⸗ dolph und Williams waren zwei Namen, die in dem Siegeslorbeer der jungen Republik als zwei Edelſteine glänzten. Aus der ganzen Umgegend von Brazoria ſtrömten die Männer dieſer Stadt zu, um den Gerichts⸗ verhandlungen beizuwohnen, und von Galveſton fanden ſich Hunderte zu gleichem Ende dort ein. Daß Dandon in dem Advocaten Randolph aus Gonzales einen Rechtsbeiſtund gefunden hatte, war für Harry eine unerwartete, jedoch nicht beunruhigende Nach⸗ richt, wenn er auch gehofft hatte, daß irgend ein talent⸗ loſer, in der Achtung des Volkes nicht ſo hochſtehender Anwalt in Brazoria ſeinen Gegner vor Gericht vertreten würde; denn es war ja unmöglich, die Echtheit der Ab⸗ rechnung mit Dandon und die von deſſen Quittung in Zweifel zu ziehen, geſchweige denn ihre Fälſchung zu beweiſen. Er ſah nicht nur mit der größten Zuverſicht einer für ihn günſtigen Entſcheidung des Gerichts ent⸗ gegen, nein, er verlangte nach dem Augenblick des Tri⸗ umphs, den er über den alten betrogenen Mann feiern würde; mochte der ihm perſönlich nicht bekannte Advocat Randolph einen noch größern Namen haben, als es ſchon 103 der Fall war, ſo mußte ſeine Geſchicklichkeit ja doch an den unumſtößlichen Beweiſen, die Harry gegen Dandon in Händen hatte, ſcheitern. Der Tag, an dem die Sitzungen des höchſten Ge⸗ richts in Brazoria ihren Anfang nehmen ſollten, erſchien, und das Haus, in welchem ſie gehalten wurden, füllte ſich zum Erdrücken mit Zuhörern. Harry mit ſeinem Rechtsbeiſtand, dem Advocaten Watrous, hatte ſich auf die vorderſte Bank geſetzt, die Geſchworenen nahmen ihre Plätze ein, und der Richter begab ſich nach ſeinem Sitze, als Albert Randolph, von Dandon gefolgt, in den Saal trat und der vorderſten Bank zuſchritt. Wie vom Blitz getroffen, fuhr es Harry beim An⸗ blick Albert's durch die Glieder, er wurde todtenbleich und der Herzſchlag ſtockte in ſeiner Bruſt; dennoch hielt er ihm ſeine Augen offen entgegen, um ihm zu zeigen, daß er ſeinem Blicke nicht ausweiche. Albert ſah mit eiſerner kalter Ruhe und Geringſchätzung auf ihn nieder, ſchritt, ohne ihn weiter zu beachten, an ihm vorüber und ließ ſich an Dandon's Seite auf der Bank nieder. Der Sheriff zeigte jetzt an, daß die Klage Dandon's gegen Williams verhandelt werden ſolle. Albert erhob ſich und trat vor die Schranken, um die Klage zu begründen, und eine Todtenſtille lag auf „ . 104 der verſammelten Menge, als Harry plötzlich von der Bank emporſchoß und, die Hand nach dem Richter hin aus ſtreckend, rief: „Geſtatten Sie mir wenige Worte, Euer Ehrwürden, damit das Gericht nicht durch einen verurtheilten, unter dem Galgen entſprungenen Verbrecher entehrt werde. Dieſer Randolph wurde in Natchez wegen Mord und Fälſchung zum Tode durch den Strick verurtheilt und entfloh dort aus dem Gefängniſſe; er kann hier nicht im Namen meines geiſteskranken Widerſachers gegen mich deſſen vermeinte Rechte vertreten. Ich rufe Herrn Dandon als Zeugen gegen ihn auf, denn die Fälſchung, die Randolph beging, war gegen dieſen ſelbſt gerichtet!“ Wie ein Donnerſchlag trafen dieſe Worte Richter und Zuhörer, wie betäubt ſtierten alle nach Albert hin, und Jedermann ſchien den Athem anzuhalten und auf die Antwort des hochgeachteten, gefeierten jungen Man⸗ nes zu warten, Albert aber ſchwieg, ließ ſtolz und hoch⸗ aufgerichtet ſeinen aufflammenden Blick über die Menge hinſchweifen und wandte dann ſeine großen dunkeln Au⸗ gen fragend nach dem Richter. Dieſem fehlten für einige Augenblicke die Worte, dann aber ſagte er mit feierlicher Stimme: „Albert Randolph, Held von Alamo, Retter der Republik, was haben Sie hierauf zu antworten?“ 105 Noch waren die Worte des würdigen alten Mannes nicht verhallt, als es wie ein Sturm von aller Lippen losbrach und die Hurrahs für Albert Randolph Haus in ſeinen Grundmauern erſchütterten. Albert aber winkte dankend und um das Wort bittend nach der Zuhörermenge hin, die jubelnden Don⸗ nerrufe derſelben verhallten und eine Todtenruhe trat wieder ein. „Das Opfer von Neid und Mißgunſt wurde ich in Natchez zum Tode verurtheilt; ich war ſchuldlos an den Verbrechen, deren man mich anklagte, und ſchwöre dies bei dem allmächtigen Gott, der mir zu Hülfe kam und mir in meiner letzten Stunde gnädig ſein möge.“ Hier ſchwieg Albert einen Augenblick, gab aber durch eine Bewegung mit der Hand zu verſtehen, daß er weiter reden wolle, und fuhr dann mit lauter Stimme fort: „Mit der Unabhängigkeitserklärung von Texas aber wurde zugleich die allgemeine Vergebung für die began⸗ genen Sünden der Freiheitskämpfer der Republik ausge⸗ ſprochen und darum weiſe ich den Proteſt dieſes Herrn Williams gegen mein Auftreten für Herrn Dandon hier auf das beſtimmteſte zurück.“ Sobald das letzte dieſer Worte auf Albert's Lippen erſtarb, brach abermals der Sturm von Hurrahs aus 106 der Verſammlung hervor, und erſt nach geraumer Zeit gelang es dem Sheriff, die Ruhe wiederherzuſtellen. Dann nahm der Richter das Wort und bat Albert, mit Begründung der Klage gegen Williams zu beginnen. Derſelbe folgte dieſer Aufforderung, legte dann aus Harry's Briefen an Dandon dem Gerichte eine große Anzahl von Beweiſen vor, daß die Baumwollenplantage am Bernardfluſſe gemeinſchaftliches Eigenthum dieſer beiden Herren ſei, und verlangte ſchließlich, daß Williams darthue, in welcher Weiſe er ſich mit Herrn Dandon über deſſen Antheil an demſelben abgefunden habe. Der Advocat Watrous trat nun für Harrh vor, zog mit einem verächtlichen Lächeln die gefälſchte Abrechnung aus ſeiner Taſche und reichte ſie dem Richter mit den Worten hin: „Ich glaube, Euer Ehrwürden, es wird außer dieſem rechtsgültigen Document keiner weitern Beweiſe bedürfen, um feſtzuſtellen, daß Herr Dandon nichts mehr von Herrn Williams zu fordern hat und daß die Klage jenes Herrn nur auf einer Störung ſeiner geiſtigen Kräfte be⸗ gründet iſt.“ Das Erſcheinen dieſes entſcheidenden Documents brachte allgemein das größte Erſtaunen hervor, der Rich⸗ ter las es mit wachſender Ueberraſchung und gab es dann mit einem verdammenden Blick auf Dandon den 107 Geſchworenen zur Anſicht hin, die nun gleichfalls ver⸗ wundert und verächtlich nach dieſem ſchauten. „Sie haben mir von einer Abrechnung mit Herrn Williams ja nichts geſagt, Herr Dandon“, hob Albert mit einem Vorwurf im Tone zu dieſem gewandt an. „Ich habe auch nie eine ſolche mit ihm gemacht und weiß nichts von dieſem Doeument“, antwortete Dandon erbleichend mit bebenden Lippen, worauf Albert mit ihm an den Tiſch trat, um das Papier ſelbſt in Augenſchein zu nehmen. Immer ernſter, immer finſterer wurden beim Durchſehen deſſelben Albert's Züge und als er endlich Dandon's Unterſchrift und die der beiden geugen ſowie die Beglaubigung des Friedensrichters erblickte, ſagte er mit harter Stimme: „Haben Sie dies unterſchrieben, Herr Dandon?“ Dandon zitterte am ganzen Körper, ſeine Augen ſchienen aus ihren Höhlen ſpringen zu wollen, und indem er das Papier mit bebender Hand erfaßte, ſtotterte er: „Es iſt meine Unterſchrift!“ „Was ſagen Sie?“ rief Albert entrüſtet aus und ergriff zornig den Alten bei der Schulter. „Ja, ja, es iſt meine Unterſchrift, doch das ganze Document iſt mir fremd; ich habe niemals mit Wil⸗ liams abgerechnet, ſo wahr mir Gott helfe!“ fiel ihm Dandon raſch ins Wort. 108 Der Advocat Watrous war hinzugetreten und wollte Albert das Papier aus der Hand nehmen, doch dieſer wies ihn zurück und ſagte: „Entſchuldigen Sie, ich wünſche es noch näher zu betrachten.“ Dann wandte er ſich mit beruhigendem Tone wie⸗ der zu Dandon und ſagte flüſternd zu ihm: „Faſſen Sie ſich, Herr Dandon, und betrachten Sie das Papier genau. Iſt es nicht ſolches Papier, welches Sie zu Ihren Briefen benutzen? Ich meine, mehrere Ihrer mir eingehändigten Notizen wären auf ſolches ge⸗ ſtreiftes bläuliches Papier geſchrieben.“ „Ja, ja, es iſt mein Briefpapier; ich kaufte es vor vielen Jahren in Philadelphia und glaube kaum, daß außer mir noch ein Anderer ſolches Papier beſitzt“ ent⸗ gegnete Dandon, das Blatt betrachtend. „Haben Sie jemals bemerkt, daß die Tinte, die Sie gebrauchen, nach einiger Zeit dieſen röthlichen Schein annimmt, und benutzen Sie immer nur eine und dieſelbe Tintes“ fragte Albert mit zunehmender Spannung. „Niemals wird meine Tinte roth und ſchon ſeit Jahren gebrauche ich nur eine und dieſelbe Tinte“, ver⸗ ſetzte Dandon ſich ermuthigend, als Harrh ſeinem Anwalt einige Worte zuflüſterte und dieſer wieder zu Albert trat und ihm das Document aus der Hand nehmen wollte. 109 „Noch einen Augenblick, Herr Watrous“, ſagte Al⸗ bert zu dem Advocaten, wandte ſich dann raſch nach dem Richter um und ſagte, indem er ihm das Papier ent⸗ gegenhielt: „Ich erkläre dies Document hiermit für eine Fäl⸗ ſchung und werde den Beweis für meine Behauptung führen. Euer Ehrwürden wollen die weitern Verhand⸗ lungen auf morgen verlegen und für die Sicherheit die⸗ ſes Documents Sorge tragen, denn es iſt wahrſcheinlich in das Hhypothekenbuch in Galveſton eingetragen, und man könnte es jetzt wohl rathſam finden, dies Original aus der Welt zu ſchaffen.“ Bei dieſen ſehr laut und beſtimmt geſprochenen Worten entſtand eine allgemeine Bewegung und Laute der Verwunderung, der Entrüſtung und des Beifalls wurden gehört. Da erhob ſich Colonel Kinney von ſeinem Sitze und ſagte in ungehaltenem Tone:„Herr Ran⸗ dolph, Ihre Erklärung wird ſich hoffentlich nur auf das Document ſelbſt beziehen, nicht aber auf meine und des Herrn Jack Unterſchrift, die wir in Gegenwart und auf Anſuchen des Herrn Dandon darunter ſetzten.“ „Es iſt nicht wahr, ich habe dies Papier nie früher geſehen, noch habe ich Sie um Ihre Unterſchrift als Zeuge gebeten“, fiel Dandon ihm heftig in das Wort, worauf der Richter Ruhe gebot und die Klagſache 110 Dandon gegen Williams bis auf den folgenden Morgen vertagte. Albert dankte dem Richter, nahm Dandon beim Arm und verließ eiligſt das Haus. In dem Hotel an⸗ gelangt, ließ er ſofort ſein Pferd ſatteln, ermahnte Dandon, nach eingebrochener Dunkelheit den Gaſthof nicht zu verlaſſen, und ſprengte mit dem Verſprechen davon, in der Nacht wieder zu ihm zurückzukehren. Fünftes Kapitel. Etwa zwanzig Meilen oberhalb Brazoria wohnte ein deutſcher Apotheker Namens Schütz, welcher früher in Gonzales gelebt hatte und dort mit Albert befreundet geweſen war. Dieſer hatte ihn als einen wiſſen⸗ ſchaftlich gebildeten Mann hochſchätzen gelernt, ſtand immer noch in Briefwechſel mit ihm und wollte jetzt deſſen Kenntniſſe als Chemiker in Dandon's Angelegen⸗ heit zu Rathe ziehen. Albert war nämlich durch Dandon's Benehmen zu der vollſten Ueberzeugung gekommen, daß die Abrech⸗ nung, welche Williams dem Gerichte vorgelegt hatte, gefälſcht ſei, und die Gleichheit des eigenthümlichen Pa⸗ piers, welches Dandon ſchon ſeit Jahren zu ſeinen Brie⸗ fen benutzt hatte, mit dem, auf welches die Abrech⸗ nung geſchrieben war, hatte ihn auf den Gedanken ge⸗ bracht, daß ein Brief Dandon's benutzt worden ſein könnte, 112 um das Document mit ſeiner Originalunterſchrift zu verſehen. Es war Abend, als Albert die Wohnung des Apo⸗ thekers erreichte und derſelbe ihn mit freudiger Ueber⸗ raſchung empfing. Nach den erſten Begrüßungen theilte er Schütz ſofort den Grund ſeines Erſcheinens mit und ſtellte die Frage an ihn, ob es möglich ſei, nachzuwei⸗ ſen, daß Schrift auf einem Papiere geſtanden habe, wenn ſie auf chemiſche Weiſe von demſelben entfernt worden wäre. Schütz erklärte dies nicht allein für mög⸗ lich, ſondern für eine gar nicht ſchwierige Aufgabe und bot in vorliegendem Falle mit Freuden ſeine Dienſte an. Er ließ zeitig das Abendeſſen auftragen, verſorgte Albert nach Beendigung deſſelben mit einem friſchen Pferde, und kaum war die Nacht hereingebrochen, als ſchon beide, ſo ſchnell die Thiere ſie tragen konnten, auf der Straße nach Brazoria dahinritten. Es ging gegen Morgen, als ſie in der Stadt anlangten und ſogleich ſich zur Ruhe begaben, um noch einige Stunden ſich von ihrem ſcharfen Ritte zu erholen. Harry hatte den Abend und die Nacht in ganz an⸗ derer Weiſe verlebt. Er hatte außer einer großen Zahl ſeiner Bekannten alle Gerichtsperſonen und alle anwe⸗ ſenden Advocaten zum Abendeſſen zu ſich eingeladen, hatte beim ſchäumenden Weine die Nacht mit ihnen 113 durchſchwelgt und ſaß noch zechend und jubelnd in ihrem Kreiſe, als Albert mit ſeinem Reiſegefährten das Ruhe⸗ lager ſuchte. So heiter und ſorglos ſein Aeußeres aber auch erſchien, ſo ſtand doch der Gedanke an eine mög⸗ liche Aufdeckung ſeines Verbrechens wie ein drohender Rieſe vor ſeiner Seele, und die Reue, das Document nicht den Flammen übergeben zu haben, folterte ihn auf das entſetzlichſte. Die Reue aber kam zu ſpät, das Document befand ſich in den Händen des Gerichts, und nur Feſtigkeit und Entſchloſſenheit konnten noch zum Siege führen. Die laute Stimme des Sheriffs hatte am Morgen kaum das Wiederbeginnen der Gerichtsverhandlungen verkündet, als der Gerichtsſaal ſich auch wieder Kopf an Kopf mit Zuhörern füllte, die mit geſpannter Erwartung der Entwicklung der geheimnißvollen Verhältniſſe zwiſchen Dandon und Williams harrten. Harry erſchien wie immer in eleganteſter Toilette mit Heiterkeit und Frohſinn auf ſeinen ſchönen Zügen und Witz und Scherz auf ſeinen Lippen. Links und rechts grüßte er beim Eintreten in den Saal mit fröh⸗ lichen Worten und luſtigen Winken, und ehe er ſich auf der Bank niederließ, ſammelte er einen Kreis ſeiner Gäſte von vergangener Nacht um ſich und brach mit ihnen wiederholt in lautes Lachen aus. Als aber der Armand, Saat und Ernte. V. 8 114 Richter eintrat und ſeinen Platz einnahm, ſetzte ſich Harry nieder, ſchlug ein Bein über das andere und wehte ſich mit ſeinem parfümirten Batiſttuch gemüthlich Kühlung zu, während er von Zeit zu Zeit lächelnd einige Worte mit ſeinem Advocaten wechſelte. Ein ganz anderes Bild bot Albert in ſeiner Unter⸗ haltung mit Dandon; der Ernſt und die Wichtigkeit der nahenden entſcheidenden Augenblicke ſtanden auf ſeinen edlen Zügen geſchrieben und in ſeinen Augen war der feſte Glaube, ſiegreich aus dem Kampfe hervorzugehen, zu leſen. Nur flüchtig und im Vorübergleiten warf er einen Blick ſeitwärts nach dem Eingange in den Saal, wo zwiſchen den zuſammengedrängten Zuhörern der Apo⸗ theker Schütz ſtand, und dann wieder ſah er verlangend nach dem Richter hin. Da klopfte dieſer einigemal auf ſein Pult, um die nöthige Ruhe zum Begin⸗ nen der Verhandlungen herzuſtellen, und ſagte dann mit einem Wink nach Harry's Advocaten: „Der Anwalt des Angeklagten kann mit ſeiner Vertheidigung fortfahren.“ „Wir ſtützen uns ausſchließlich auf das Document, welches wir geſtern dem Gericht übergeben haben“, begann Watrous, ſich erhebend, mit einer Verbeugung gegen den Richter. „Es iſt uns ſehr angenehm, daß unſere Gegner ſich 115 ausſchließlich auf dieſes Document ſtützen“, nahm Albert jetzt das Wort und hob ſich von ſeinem Sitz empor, „denn wir werden den Beweis führen, daß daſſelbe uns gegenüber ein gänzlich werthloſes Papier, ein gefälſchtes Document iſt, und wir erſuchen den Richter um die Erlaubniß, einen Fachmann an die Schranken treten zu laſſen, der das Papier einer Unterſuchung und einer Probe unterwerfen ſoll.“ „Wir proteſtiren dagegen, das Document, unſer Eigenthum, irgend einer Beſchädigung auszuſetzen“, rief Harry's Advocat aufſpringend,„denn mit ihm würde unſer Beweismittel zerſtört werden.“ „Das Papier iſt für unſere Gegner von gar keinem Werthe mehr, denn es iſt in dem Hypothekenbuch in Galveſton eingetragen“, fiel ihm Albert raſch in das Wort.„Euer Ehrwürden wollen darum geſtatten, daß es uns zur Beweisführung der Fälſchung übergeben werde.“ Watrous ſprach abermals dagegen, doch der Richter gebot Ruhe und fuhr dann zu Albert gewandt fort: „Hier iſt das Doeument. Laſſen Sie Ihren Fach⸗ mann vortreten und die Probe damit vornehmen.“ Albert winkte nun nach Schütz hin. Dieſer trat mit einer Verneigung gegen den hohen Richter vor die Schranken und empfing aus deſſen Hand das Document. 8* 116 Er betrachtete daſſelbe mit größter Aufmerkſamkeit und ſagte dann nach einer Weile in ruhigem, entſchie⸗ denem Tone: „Ich glaube, daß dies Papier einem chemiſchen Proceſſe unterworfen worden iſt, um Schrift davon zu entfernen, welche früher darauf geſtanden hat, und ich habe die Ueberzeugung, daß ich dieſe Schrift wieder ſichtbar machen kann.“ „So verſuchen Sie es, Herr!“ verſetzte der Rich⸗ ter, worauf Schütz eine Porzellanſchüſſel unter ſeinem Rock hervornahm, ſie auf den Tiſch ſtellte, das Papier darauf legte und nun eine Flaſche aus der Taſche zog, deren flüſſigen Inhalt er darauf goß. Dabei neigte er ſich über das Papier und ſagte nach einigen Augen⸗ blicken: „Es iſt ſo, wie ich vermuthete; da ſteht die alte Schrift deutlich zwiſchen der neuen.“ Zugleich hob er das Papier aus der Flüſſigkeit her⸗ aus, ließ dieſelbe von ihm ablaufen und legte es dann vorſichtig auf Löſchpapier, welches er zuvor auf dem Tiſche ausgebreitet hatte. Der Richter verließ in großer Aufregung ſein Pult und trat an des Apothekers Seite, um ſich von der Wahr⸗ heit zu überzeugen, doch kaum hatte er ſeinen Blick auf das Papier geheftet, als er in höchſter Entrüſtung ausrief: 117 „Es iſt ein Vrief des Herrn Dandon geweſen. Hier ſteht:„Mein lieber Freund Williams!“ und oben darüber: „Natchez, den 12. Juli!““ Dabei warf der alte würdige Mann einen Blick voll der tiefſten Verachtung nach Harryh hin, ergriff dann das gefälſchte Document und legte es mit den Worten vor die Geſchworenen auf den Tiſch: „Ueberzeugen Sie ſich ſelbſt, meine Herren! Es iſt eine ruchloſe, teufliſche Fälſchung, und ich glaube nicht, daß Herr Watrous noch weitere Anſtrengungen machen wird, einen ſo vollſtändig überführten Verbrecher zu ver⸗ theidigen.“ Harry war bleich geworden wie der Tod, er bebte am ganzen Körper, und als ſein neben ihm ſitzender Ver⸗ theidiger ſich erheben wollte, um dem Richter zu antworten, zog er ihn krampfhaft zu ſich heran und ſtotterte ihm zu: „Berufen Sie ſich auf die Zeugen Kinney und Jack.“ „Euer Ehrwürden wollen erlauben!“ hob Watrous ſich erhebend nun an.„Die Herren Kinney und Jack ſowie der Friedensrichter Turner ſind ja bereit, es zu beſchwören, daß Herr Williams mit Herrn Dandon ſie aufforderte, das Document zu unterzeichnen, was ſie auch in Gegenwart des Friedensrichters thaten, demnach muß Herr Dandon doch mit Herrn Williams abgerech⸗ net haben.“ 118 „Wir ſind bereit, zu beſchwören, daß Williams mit einem Manne, der Herrn Dandon ſehr ähnlich ſah, uns aufforderte, das Doecument zu bezeugen“ fiel ihm Kinney mit heftiger Stimme in das Wort;„daß dieſer Mann aber kein Anderer als Herr Dandon war, darauf können wir nicht ſchwören, denn wir haben uns nicht mit ihm unterhalten, wir haben ihn nicht einmal ein Wort reden hören.“ „Ich habe nichts mehr zur Vertheidigung des An⸗ geklagten vorzubringen“, nahm jetzt Watrous das Wort, zog ſeine Hand aus den Händen Harry's, der dieſelbe krampfhaft umfaßt hielt, und trat mit einem verächtlichen Blick von ihm hinweg. Dieſer aber ſank wie vernichtet in ſich zuſammen und ſtierte mit hoffnungsloſer Ver⸗ zweiflung vor ſich auf den Fußboden. Die Verhandlung hatte ihr plötzliches Ende erreicht; das ſtarre Schweigen, welches die Zuhörermenge erfaßt hatte, gab einem ſchnell lauter werdenden Gemurmel Raum, aus dem nur Worte der Entrüſtung, der Verdammung hörbar wurden, und einzelne Stimmen riefen Schmähun⸗ gen nach dem Fälſcher hin, ſodaß der Sheriff ſeine Gewalt geltend machen mußte, um die Ruhe herzuſtellen. Der Richter gab nun eine kurze Ueberſicht über den verhandelten Fall, ermahnte dann die Geſchwo⸗ renen, nach Pflicht und Gewiſſen ihren Wahrſpruch zu 119 fällen, und ließ ſie durch den Sheriff aus dem Saale führen. Harry ſaß allein und verlaſſen auf der Sünderbank zuſammengekauert und dachte an Holeroft, wie derſelbe ihm von dem Wagen des Henkers ſeinen Abſchiedsgruß zuwinkte. Dandon zitterte und bebte in dem Glück, welches ſo plötzlich über ihn gekommen war, und die ungeheuern Summen, welche er in ſeinen Negern beſaß und welche dieſelben ihm nun einbringen ſollten, tanzten wie nes Gaukelſpiel vor ſeinem Geiſte. Er drückte wiederholt Albert's Hand und Arm und flüſterte ihm Worte des Dankes zu. „Sie ſind mein Retter, mein guter Engel geweſen; Apollo Dandon hat ein dankbares Herz, er gibt Ihnen ſein einziges Kind, ſeine Blancha dafür!“ ſtotterte er in ſeinem Glücke hervor und drückte dann wieder die Hand Albert's in der ſeinigen. „Laſſen Sie uns hinausgehen, Herr Dandon, ich habe mit Ihnen zu reden“, ſagte Albert, gleichfalls überglücklich, nahm den Arm des Alten und ſchritt mit ihm durch die Menge, die ehrerbietig Raum für ſie machte und Ausrufe des Lobes, der Verehrung er⸗ tönen ließ. „Das ſchändliche Unrecht, welches man Ihnen in Natchez 120 angethan hat“, hob Dandon, als ſie in das Freie hinaus traten, wieder an,„verbietet Ihnen, in den Vereinigten Staaten zu wohnen, ich werde aber mit Blancha auf meine Plantage am Bernardfluſſe ziehen und Ihnen, meinem Ret⸗ ter, dort deren Hand geben. Wir wohnen dann zuſammen und theilen den ungeheuern Nutzen, den wir dort ernten.“ „Herr Dandon“, nahm Albert das Wort, indem er deſſen Hand ergriff und ſtehen blieb,„die Sprache hat keine Worte für das Glück, für das Dankgefühl, wo. mit Sie durch Ihre Einwilligung in meine Verbin⸗ dung mit Ihrer Tochter Blancha meine Seele erfüllt haben, laſſen Sie aber auf unſerer Vereinigung keine Sünde, keinen Fluch laſten. An jedem Dollar, den Ihre Neger am Bernardfluſſe Ihnen werth ſind, hängt eine Thräne, die Ihnen in Ihrer letzten Stunde auf der Seele brennen wird. Geben Sie den unglück⸗ lichen, ihrer Freiheit beraubten Menſchen dieſelbe zurück, und jeder Dollar, den ſie Ihnen erarbeiten werden, wird Ihnen Glück, Segen und Freude bringen.“ „Herr Randolph,“ ſtieß Dandon wie vom Blitz ge⸗ troffen hervor und ſtierte ihn zurückfahrend an,„bedenken Sie, daß dieſe Neger einſt Ihr Eigenthum werden!“ „Solange eine Sünde an ihrem Beſitz klebt, mag mich Gott davor behüten!“ entgegnete Albert mit einem 121 Ausdruck des Entſetzens, fuhr aber gleich in mildem, freundlichem Tone fort, indem er zugleich Dandon's beide Hände ergriff: „Hören Sie mich, Herr Dandon; folgen Sie mir um Ihres eigenen, um des Glücks Ihres Kindes willen! Sie ſind ohne die Neger ein ſehr reicher Mann; die⸗ ſelben werden gern für Sie arbeiten und Ihnen noch mehr Schätze verdienen; geben Sie die Unglücklichen, Betrogenen frei und der Allmächtige wird Sie tauſend⸗ fach dafür ſegnen.“ „Nimmermehr! Wo denken Sie hin, Herr Ran⸗ dolph! Wiſſen Sie denn nicht, welches Kapital damit ver⸗ loren gehen würde? Unter keiner Bedingung!“ rief Dandon in höchſter Aufregung und zog ſeine Hände zurück. „So werde ich ſofort die Klage wegen Betrug und Raub gegen Sie anhängig machen, Herr Dandon, und Arreſt auf die Sklaven und auf Ihre Perſon legen laſſen“, nahm Albert nun mit ernſter Stimme das Wort.„Ueber⸗ legen Sie wohl, was Sie thun, Herr Dandon, und be⸗ denken Sie, daß ich Ihnen bei dieſer Klage nicht als Retter erſcheinen würde.“ Dandon wurde bleich und zitterte an allen Gliedern; er bat, er flehte, er beſchwur, drohte mit dem Ver⸗ luſte Blancha's, Albert blieb unerſchütterlich feſt bei 122 ſeiner Erklärung und verlangte augenblickliche Entſchei⸗ dung. Er ließ dem Alten nicht einen Zoll breit Spiel⸗ raum, drängte ihn unabläſſig und zwang ihn endlich, ſeine Zuſtimmung zu ſeiner Forderung zu geben. Dann nahm er ihn beim Arm, ſuchte Aſhmore Williams mit ihm auf und ſtellte dieſem als dem muthmaßlichen ſpätern Beſitzer der Sklaven gleichfalls die Wahl, die⸗ ſelben frei zu geben oder ihretwegen vor Gericht gezogen zu werden. Aſhmore, gebeugt von dem Schickſale, welches über ſeinem Bruder ſchwebte, willigte gern ein und verſprach, wenn er in den Beſitz der Sklaven kommen ſollte, den Freiheitsbrief für dieſelben durch Albert ausfertigen zu laſſen. Ein wilder, wogender Lärm von dem Gerichtsge⸗ bäude her unterbrach plötzlich ihre Verhandlungen und der Ruf„Schuldig!“ verkündete, daß die Geſchworenen ſchon ihren Wahrſpruch abgegeben hatten. Alles drängte ſich jetzt nach dem Hauſe hin, um das Urtheil zu ver⸗ nehmen, welches über Harrh gefällt werden würde. Unweit des Eingangs in das Gebäude ſtand Luey an die Wand gelehnt und hielt ihr Antlitz in dem Tuche, welches ſie über den Kopf gehangen hatte, ver⸗ borgen. Sie weinte bitterlich und rang unter dem Tuche ihre Hände in tiefſter Verzweiflung. 123 „Er wird gehangen werden“, tönte es wiederholt von Vorübergehenden in ihr Ohr, und dann zuckte ſie zuſammen, als führe ihr ein Dolchſtoß durch das Herz. Dennoch blieb ſie ſtehen; ſie mußte das Urtheil wiſſen, welches jetzt über Harrh geſprochen wurde, ſie mußte ihn retten oder mit ihm ſterben. Ihre Angſt, ihre Verzweiflung ſteigerten ſich von Minute zu Minute, es war ihr, als wollten ihre Kniee zuſammenbrechen, als fühle ſie ihr Herzblut fließen, der Gedanke aber an den einzig Geliebten ihrer Seele hielt ſie aufrecht, bis plötzlich die Menſchen aus dem Gerichtsgebäude hervor⸗ ſtrömten und ſie die Worte vernahm:„Zum Galgen verurtheilt!“ Ihre Kniee zitterten, ihr Herzſchlag ſtockte, und mit dem kaum hörbaren Rufe:„Gott, ſei barmherzig!“ ſank ſie zuſammen. Kaum aber hatte ſie mit ihren Händen den Boden berührt, als ſie ſich wieder aufraffte und mit fliegenden Schritten davoneilte. An dem letzten Hauſe der Straße, die am Fluſſe hinaufführte, ſtand ihr Pferd, ſie riß deſſen Zügel von der Einzäunung, an der ſie denſelben befeſtigt hatte, ſchwang ſich in den Sattel und ſprengte in Carrière davon. Ohne dem Roſſe eine Minute Zeit zum Verſchnaufen zu geben, jagte ſie auf der Straße dahin und erreichte Harry's Plantage, wo ſie dem ſchaumbedeckten Thier Sattel und Zeug ab⸗ 124 nahm, es dann ſich ſelbſt überließ und eilig nach Harry's Zimmer eilte. Wie immer, wenn derſelbe ſich vom Hauſe entfernte, hatte er ihr auch diesmal die Schlüſſel zu ſeinem Secretär eingehändigt; ſie zog die⸗ ſelben aus ihrem Kleide hervor, öffnete raſch den Schreib⸗ tiſch und nahm ſämmtliches darin vorräthiges Geld aus ihm hervor. Es belief ſich auf beinahe ſechstauſend Dollars, theils in Gold, theils in Banknoten. Dann ging ſie in ihr Zimmer, warf ſich in der Mitte deſſelben auf ihre Kniee nieder und flehte unter Thränen zum Allmächtigen auf, er möge ihr beiſtehen, Harry zu retten. In Jammer und Wehklagen verbrachte ſie den Tag in ihrer Stube, als aber der Abend kam und die Däm⸗ merung über die Erde ſtrich, da eilte ſie hinaus nach der Einzäunung, in welcher Harry's Reitpferde umher. gingen. Sie ſattelte die beſten zwei von ihnen, füllte die Satteltaſchen mit Mundvorrath und Kleidungsſtücken, beſtieg das eine Roß und trat, den Zügel des andern in der Hand, eilig den Rückweg nach Brazoria an. Harrh war zum Tode verurtheilt worden, weil das Geſetz dieſe Strafe für eine derartige Fälſchung beſtimmte, dennoch hatten die Richter dieſelbe ungern über ihn aus⸗ 125 geſprochen, und die Nachricht davon wurde im Allgemei⸗ nen mit großem Widerſtreben aufgenommen. Die Zeit war noch zu neu, wo Harrh ſein Leben für das Wohl des Landes und des Volkes in Gefahr gebracht und in demſelben Gefängniſſe geſeſſen hatte, in dem er jetzt eingeſchloſſen war. Außerdem aber hatte er ſo unzählig viele Bekannte und Freunde und war ſo Vielen gefällig und hülfreich geweſen, daß man ſich dem Gedanken nicht hingeben wollte, Harry könne gehangen werden. Auf ſeinem Wege nach dem Gefängniſſe wurde ihm mancher tröſtliche Blick, mancher beruhigende Wink zugeſandt, und hin und wieder hörte er die Worte:„Hat nichts zu ſagen, Williams, Eure Freunde leben noch!“ Jetzt ſaß er in dem Blockhauſe eingeſchloſſen und vor demſelben ging ein Wachpoſten auf und nieder. Es war Nacht. In den Straßen von Brazoria herrſchte lautes Leben, denn die vielen Fremden aus dem Lande, welche bei den Gerichtsverhandlungen be⸗ theiligt waren oder nur ihnen beiwohnen wollten, nah⸗ men die Gelegenheit wahr, mit ihren Freunden und Be⸗ kannten den Abend vergnügt zu verbringen. Die Trinkhäuſer waren mit Menſchen überfüllt und vor denſelben ſaßen und ſtanden die Leute zuſammen, und allenthalben wurde die Verurtheilung Harry's be⸗ ſprochen. So ſehr man aber auch dem Richterſpruche 126 Gerechtigkeit widerfahren ließ, ſo machte ſich doch das Gefühl des Bedauerns, des Mitleids für den Verur⸗ theilten allgemein geltend und Aeußerungen wie:„Schade um den netten Kerl!— Verdammt, Texas ſchuldet ihm mehr als ſeine Begnadigung!— Wenn der Vogel nur morgen früh ausgeflogen wäre!“ hörte man häufig, von kräftigen Flüchen begleitet, laut werden. Dieſe guten Wünſche hatten aber keine längere Tragweite und in der Gegend des Gefängniſſes blieb es öde und ſtill. Es ging auf Mitternacht, als ſich Jemand dem Kerker näherte und der Wachpoſten:„Wer da?“ rief. „Ein Freund“, antwortete eine zarte Stimme und ein Mulattenknabe trat leiſen Schritts zu dem Poſten heran. Es war die treue Luch in ihrer frühern Knaben— tracht, die ihrem Herrn, ihrem Geliebten zu Hülfe kom⸗ men wollte. „Ich bin der Hausburſche des Herrn Williams“, ſagte ſie zu dem Poſten, indem ſie die Mütze von ihrem ſchönen Kopfe nahm, den ſie abermals ſeines Schmucks, der prächtigen Lockenfülle, beraubt hatte.„Ich komme mit der Bitte, mich mit meinem Herrn reden zu laſſen, wenn Sie es erlauben dürfen, Herr.“ „Bei Gott, ich würde es Dir erlauben, Burſche, und 127 wenn ich es auch nicht dürfte! Williams iſt ein braver Texaner, und es wäre eine Schande für die Republik, wenn man ihn eines alten Geizhalſes wegen, der vom Miſſiſſippi herüberkam, aufhängen wollte; er hat ja ſein Leben oft für unſere Freiheit eingeſetzt, und hinge es von mir ab, ſo ſollte er nicht lange in dieſem verdammten Käfig ſitzen“, erwiderte der Poſten, indem er nach dem Blockhauſe zeigte, von welchem ſie noch einige vierzig Schritte entfernt ſtanden. „Es hängt ja aber von Ihnen ab, Herr, meinem guten Gebieter, dem Freund des Volkes, die Freiheit zu geben; er wird ſich Ihnen gewiß dankbar zeigen“, antwortete Luch raſch und faltete bittend die Hände auf ihrer Bruſt. „Es hängt von mir ab, allerdings, doch würden die Herren vom Gerichte mich morgen ſelbſt in dieſen Kaſten ſetzen und als einen Criminalverbrecher richten. Williams hat keine Macht und keine Mittel mehr, mich zu ſchützen oder mich zu entſchädigen, wenn ich das Weite ſuchen müßte“, ſagte der Poſten und ſchüttelte den Kopf. „Wenn mein Herr nun aber doch noch Mittel in Händen hätte, um Sie zu belohnen und Sie zu entſchä⸗ digen für den Fall, daß Sie hier Ihre Heimat auf⸗ geben müßten, wie groß ſollte die Summe ſein?“ nahm 128 Luch wieder das Wort und ſuchte ihre Bewegung zu bemeiſtern. „Ja, wenn ich ein paar tauſend Dollars dabei verdienen könnte, dann möchte das Gericht zur Hölle gehen; mich ſollte es wohl laufen laſſen“, ſagte der Poſten auf den Vorſchlag eingehend. „So helfen Sie ihm, Herr, ich bitte, ich beſchwöre Sie! Helfen Sie Herrn Williams, er zahlt Ihnen zwei⸗ tauſend Dollars ſofort baar aus; er iſt im Beſitz des Geldes“, fiel Luch weinend ein und warf ſich, ihre Hände flehend zu dem Mann erhebend, vor ihm auf ihre Kniee nieder. „Hat er wirklich das Geld, Burſche? Verdammt, hätteſt Du mir eine Lüge geſagt, ſo ſollte es Dir das Leben koſten“, verſetzte der Mann und hob die Fauſt drohend empor. „Nein, nein, ich ſage keine Lüge, er wird Ihnen die Summe ſogleich aushändigen, ſo wahr ein Gott über uns lebt! Laſſen Sie mich einige Worte mit ihm reden und dann wird er es Ihnen ſelbſt ſagen“ antwor⸗ tete Luch und ſprang, ohne die Antwort abzuwarten, nach der Thür des Gefängniſſes. „Herr. Herr, ich bin es, Ihr Burſche Charly!“ rief ſie an die Pforte ſchlagend.„Ich habe ſechstauſend Dol⸗ lars bei mir und der Poſten will Sie für zweitauſend 129 befreien; ſagen Sie ihm, daß Sie das Geld bei ſich haben!“. In dieſem Augenblicke trat der Wächter herzu und rief: „Hollah, Herr Williams, können wir ein Geſchäft zuſammen machen?“ „Jawohl, Freund. Ich zahle Ihnen ſofort zweitau⸗ ſend Dollars, wenn Sie mich befreien, und meinen ewi⸗ gen Dank bekommen Sie mit in den Kauf“, antwortete Harry und ſetzte nach einigen Augenblicken noch hinzu: „Ich glaubte, ich hätte keine Freunde mehr. Wer ſind Sie, edler Mann, der noch nicht vergeſſen hat, daß ich hundertmal mein Leben für Texas und deſſen Volk aufs Spiel ſetzte?“ „Ich bin John Hahs, derſelbe, welcher Ihre Mu⸗ lattin Luch über den Fluß ſetzte, als ſie in der Nacht zu Colonel Jack ritt, um deſſen Bruder und Ihnen Hülfe gegen die verdammten Mexicaner, die Sie erſchießen wollten, zu verſchaffen. „D Freund Hays, helfen Sie mir auch jetzt! Mit zweitauſend Dollars können Sie ſich im Weſten eine ſchöne Heimat gründen, wenn man Ihnen hier Ihre edle That mit Undank lohnen wollte“, rief Harrh mit aller Gewalt ſeiner Beredtſamkeit. „Haben Sie das Geld auch wirklich, Herr Wil⸗ Armand, Saat und Ernte. V. 9 130 liams? Sie wiſſen recht gut, daß meines Bleibens hier nicht länger wäre“, ſagte Hays noch zögernd. „Ich ſchwöre es Ihnen, Freund, bei Allem, was mir heilig iſt; ich zahle Ihnen zweitauſend Dollars aus, ſobald Sie mich befreit haben. Nun eilen Sie!“ antwortete Harry in dringendem Tone. „So ſei es!“ verſetzte der Poſten nach einer augen⸗ blicklichen Pauſe.„Ich will mir einen Schlüſſel für dieſe Thür holen, eine Axt, und komme ſogleich zurück.“ Damit ſprang er fort, den Häuſern zu, welche in einiger Entfernung durch die Dunkelheit zu erkennen waren. „Du mein Glück, mein Leben, meine Luch, wie ſoll ich Dir danken, Du braves, gutes Mädchen!“ rief Harry jetzt mit überſtrömendem Gefühl ſeiner neu er⸗ wachten Hoffnung. „Ach, Harry, rede nicht von Dank, es iſt ja mein eigenes Leben, für das ich handle, für das ich den Schutz des Allmächtigen anrufe. Wenn der Mann nur Wort hält!“ antwortete Luch, ſich feſt an die Thür anlehnend. „Er hält Wort“, ſagte Harrh, ſich ſelbſt beruhigend. „Zweitauſend Dollars ſind für ihn eine große Summe, und außerdem iſt er mir zugethan, er wird keine Zeit verlieren, um das Geld zu verdienen.“ „Haſt Du Pferde mitgebracht?“ 131 „Den Falben und den Rappen, Geliebter; ſie ſtehen dort unten im Holze. Auch für Lebensmittel habe ich geſorgt“ entgegnete Luch und kämpfte gegen die Thrä⸗ nen, die ihr die Angſt und die freudige Hoffnung in die Augen drängten. Die Hoffnung ſollte aber ſiegen, denn bald wurden flüchtige Schritte hörbar und Hays kam durch die Dun⸗ kelheit herangeeilt. Er trug eine Axt, ſtellte ſeine Büchſe an das Blockhaus und trat mit den Worten an deſſen Thür: „Da bin ich, Herr Williams. Gehen Sie von der Thür weg, damit Ihnen kein Splitter in die Augen fliegt.“ Dann ſchwang er die ſchwere Axt durch die Luft und ließ ſie ſauſend gegen das Thürſchloß fliegen, daß es weit durch die Nacht hinſchallte. Hieb auf Hieb führte er nun ſchneller und gewaltiger gegen die ſtarke Pforte, bis ſie plötzlich aufflog und Harry aus ſeinem Kerker hervortrat. „So, das wäre geſchehen. Nun laſſen Sie uns ſchnell abrechnen, Herr Williams“, ſagte Hays und zog ihn wieder in das Blockhaus.„Ich habe ein Licht mitge⸗ bracht, daß wir ſehen können.“ Während er nun das Licht anzündete, trat Luch zu Harry und reichte ihm ein Papier mit Banknoten, wel⸗ ches dieſer eiligſt öffnete und ſeinem Befreier die be⸗ dungene Summe daraus zuzählte. 9* 132 „Meinen Dank, Herr Williams!“ ſagte Hahs.„Nun will ich machen, daß ich fortkomme. Auch Sie werden ſich wohl nicht länger hier aufhalten!“ „Verkaufen Sie mir Ihre Büchſe, Hays“, nahm Harrh das Wort,„ich möchte ihrer vielleicht dringend be⸗ dürfen.“ „Meinetwegen; für fünfzig Dollars ſteht ſie Ihnen zu Dienſten“, antwortete Hahs, reichte Harry das Ge⸗ wehr und ſeine Kugeltaſche hin und empfing das Geld dafür. Dann drückte er Harrh die Hand, wünſchte ihm eine glückliche Flucht und verſchwand eiligſt in der dun⸗ keln Ferne, während jener mit der Mulattin dem nahen Gehölz zueilte, wo die Pferde ihrer harrten. Harrh trat ſchnell zu dem Rappen hin und wollte deſſen Zügel von dem Aſte löſen, da warf die Mulattin ſich ſchluchzend und unter Freudenthränen an ſeine Bruſt, ſchlang ihre Arme um ſeinen Nacken und ſtammelte Worte überwältigender Seligkeit hervor. „Ja, ja, Du biſt mein guter Engel, meine Luch“, ſagte Harrh, ſie an ſich drückend.„Jetzt aber laß uns eilen, die Minuten ſind koſtbar.“ Hiermit entwand er ſich der Umarmung des wonne⸗ trunkenen Mädchens und ſchwang ſich auf ſein Pferd, während Luch ihre Thränen trocknete und den Falben beſtieg. Der anbrechende Tag fand ſie ſchon viele Meilen 133 von Brazoria entfernt, auf einſamem Wege den weiten Prairien des Nordens von Texas zueilend. Die Nachricht von Harry's Flucht wurde in Bra⸗ zoria mit großer Freude begrüßt und Niemand fiel es ein, ihn zu verfolgen; dagegen wurde an dieſem Morgen die Straße nach dem Gefängniſſe nicht leer, man wollte den leeren Käſig, aus welchem der Vogel ent⸗ flohen war, in Augenſchein nehmen, und manches Hur⸗ rah für Harry Williams wurde vor der zerſprengten Thür des Gefängniſſes laut. Wenige Tage ſpäter friſchte eine Nachricht von Gal⸗ veſton die Erinnerung an Harrh noch einmal unter der Einwohnerſchaft von Brazoria auf; man hatte nämlich in jener Stadt in dem Wirthshauſe, in welchem der Spieler Capper ſich damals aufgehalten hatte, von deſſen ſonderbarer Veränderung ſeiner Kleidung gehört, ſie mit dem an Dandon verübten Betrug in Zuſammen⸗ hang gebracht und ſomit denſelben aufgeklärt. Die Be⸗ gebenheit erhielt dadurch etwas Komiſches, es wurde darüber wie über einen guten Scherz gelacht und Alles wünſchte dem genialen, liebenswürdigen Urheber deſſelben eine glückliche Reiſe. Aſhmore Williams trat als Dandon's Aſſocié in die Stelle ſeines Bruders ein und beide Compagnons erſchienen mit Albert Randolph vor Gericht und ſtellten 134 Freibriefe für ihre von Havanna eingeſchmuggelten Sklaven aus. Dieſelben verblieben jedoch mit Aus⸗ nahme von nur wenigen auf der Plantage am Bernard⸗ fluſſe und arbeiteten dort für einen geringen Lohn. Dandon blieb noch mehrere Wochen auf der Be⸗ ſitzung, und als er von ihr ſchied, um ſich nach Nat⸗ chez zurückzubegeben, übernahm es Albert, ſeine In. tereſſen auf der Plantage zu überwachen und von Zeit zu Zeit perſönlich ſich Einſicht in den Stand der Dinge dort zu verſchaffen. Sechstes Kapitel. Albert's Glück hatte jetzt ſchon einen Höhepunkt er⸗ reicht, zu welchem ihn ſeit ſeiner erſten Bekanntſchaft mit Blancha ſeine kühnſte Phantaſie nicht hatte tragen wollen, denn er ſollte ſie ſein eigen nennen, ohne ihrer Kindesliebe einen ſchmerzlichen, unangenehmen Augenblick zu bereiten. Der Herbſt, wo die Reiſe über Neuorleans keine Gefahr durch Krankheit mehr in ſich ſchloß, war zu ihrer Vereinigung beſtimmt, und Albert zählte jetzt ſchon die Wochen bis zu dem Augenblick, wo Dandon ihm ſeine Blancha in die Arme führen würde. Mit gleicher unnennbarer Sehnſucht begrüßte Blancha Dandon jeden neuen Morgen, als um einen Tag ihrem vollendeten Glücke näher gerückt, und mit beſeligender Geſchäftigkeit machte ſie alle Vorbereitungen zu ihrer Ueber⸗ iedlung nach dem ſchönen Texas, dem Paradieſe, das e Erfüllung ihrer höchſten irdiſchen Wünſche in ſich trug. 136 Auch Dandon arbeitete mit ganzer Seele an ſeinem Umzug nach Texas, wo er ſeinen Reichthum noch ver⸗ mehren und ſich und ſeiner Tochter ſo recht vergnügte Tage verſchaffen wollte. Er wand ſeine geſchäftlichen Verbindungen in Nat⸗ chez ab, verkaufte mit Ausnahme des Wohngebäudes all ſein Grundeigenthum in der Stadt und in deren Umgebung und legte alles Geld in der Bank nieder, um mit einem bedeutenden Baarvorrath nach der neuen Heimat zu ziehen. Der Sommer rückte vor, als Dandon von einem langjährigen Freunde, einem Pflanzer in Südearolina, einen Brief erhielt, worin derſelbe ihm anzeigte, daß ſein Sohn in einigen Tagen nach Neuorleans reiſen werde, um dort Sklaven für ihn zu kaufen. Er bat Dandon, dieſem ſeinem Sohne einen Credit von zehn⸗ tauſend Dollars in Neuorleans zu eröffnen und den Brief in das St. Charleshotel zu ſenden, in welchem ſein Sohn abſteigen werde. Dandon hatte mit dieſem alten reichen Freunde ſchon ſehr oft ähnliche Geſchäfte gemacht und immer dabei ſeinen Nutzen gehabt, darum war ihm auch dies⸗ mal der Auftrag willkommen und ohne Zeitverluſt ließ er durch die Bank in Natchez dem Sohne ſeines Freundes die zehntauſend Dollars in der Bank von Neuorleans 137 zur Verfügung ſtellen und ſchrieb das Nähere darüber in das beſagte Hotel. Mit rückkehrender Poſt erhielt er denn auch die Anzeige von der Bank, daß der junge Mann das Geld empfangen habe, und nun ſchrieb er an deſſen Vater und theilte ihm mit, daß er ſeinem Wunſche gemäß mit Freuden die verlangten zehntauſend Dollars an ſeinen Sohn in Neuorleans habe auszahlen laſſen. Wer beſchreibt aber Dandon's Entſetzen, als er als Antwort darauf von ſeinem Freunde einen Brief erhielt, worin dieſer ſein Bedauern ausſprach, daß er ſich habe von einem Schwindler anführen laſſen; denn ihm ſelbſt ſei es nicht eingefallen, ihn um einen Credit für ſeinen Sohn anzugehen. Er bat ihn, den gefälſchten Brief mit ſeinen frü⸗ hern Schreiben zu vergleichen, wobei er ſicher finden werde, daß er betrogen worden ſei. Dandon war in Verzweiflung, er tobte, wüthete und ſchwur, daß er nie wieder einem Menſchen oder gar einem Briefe trauen werde, doch das Geld war fort und es war keine Spur von dem Miſſethäter, der es genommen hatte, aufzufinden. Der Betrug wurde vielſeitig in den Zeitungen aller Staaten beſprochen, zumal da er mit einem andern un⸗ gleich bedeutendern in Verbindung gebracht wurde, den 138 man in ähnlicher Weiſe an dem großen Hauſe Gebrü⸗ der Bron& Comp. in Neuyork verübt hatte. Die Summe, welche dieſen Herren durch gefälſchte Empfeh- lungs· und Creditbriefe abgenommen war, belief ſich auf hundertundzwanzigtauſend Dollars, und dieſelben hatten zwanzigtauſend Dollars Belohnung ausgeſetzt für den, welcher den Betrüger vor das Gericht bringe. Die ganze handelnde Welt Amerikas war durch dieſe Fälſchungen in Schrecken geſetzt, denn welcher Namensunterſchrift durfte man noch Glauben ſchenken, wenn Bankiers wie Gebrüder Brown& Comp. getäuſcht werden konnten! In allen Zeitungen war eine genaue Beſchreibung von der äußern Erſcheinung des Betrügers veröffentlicht worden, nach welcher er ein höchſt eleganter, ſchöner und fein gebildeter junger Mann mit ungewöhnlich reichem blondem Lockenhaar, prächtigem Bart und ſehr gewählter Toilette geweſen war. Nirgends aber konnte man die lei⸗ ſeſte Spur von ihm entdecken; der Herbſt goß ſchon ſein Gold und ſeinen Purpur über die Wälder Amerikas, und noch war die äußerſt gewandte, raſtlos thätige Po⸗ lizei dem Ziele ihrer Forſchungen nicht um einen Ge⸗ danken näher gekommen. Der ſchlaue, gewandte Betrüger ſaß aber um dieſe Zeit vergnügt und ſorglos in einem Privatlogirhaus in Philadelphia, welches in der Südfrontſtraße dieſer Stadt 139 von einer geachteten Wittwe Namens Phillips gehalten wurde. Der Name, den der junge Mann augenblicklich führte, war Caldwell und zwar Colonel Caldwell, doch in der That war es Niemand anders als Harry Wil⸗ liams. Er hatte ſchon ſeit einiger Zeit in dieſem Hauſe in ſtiller Zurückgezogenheit gelebt und ſich, da er bei Tage nicht ausging, die Zeit angenehm damit verkürzt, der älteſten Tochter der Wittwe, der wunderſchönen Molly Phillips, ſich angenehm zu machen und ihr von Natur weiches Herz den Verſicherungen ſeiner Liebe zu öffnen. Er las ihr intereſſante, ſpannende Liebesgeſchich⸗ ten vor, wiegte ſie in ihrem Schaukelſtuhle und wehte ihr mit einem großen Fächer Kühlung zu, lachte, ſcherzte und tändelte mit ihr und drückte, wenn er dabei ihre Lilienhand erhaſchte, ſeine Lippen in feurigem Kuſſe darauf, und oftmals ſpielten ſie Piquet und Kreuzmariage zuſammen. Nach dem Abendeſſen erging er ſich in der freien Luft und wanderte nach einem entfernten Theile der Stadt, wo er die treue Luch eingemiethet hatte, bei welcher er oft bis zu ſpäter nächtlicher Stunde ver⸗ weilte. Mochte es aber auch noch ſo ſpät ſein, Niemand anders öffnete ihm bei der Rückkehr in ſeine Woh⸗ nung die Thür als die ſchöne Molly, welche er dann zum Schluſſe des angenehm verlebten Tags nochmals ſeiner aufrichtigen Zuneigung verſicherte. 140 Bei dieſem leichten, fröhlichen Liebesſpiele war Harry es aber nicht gewahr geworden, daß die ſchöne Molly ihre Zaubernetze immer feſter um ihn zog und daß ſein Herz von Tag zu Tag heißer und verlangender für ſie erglühte, und erſt als ſie ihn in einem ſtürmi⸗ ſchen Ausbruch ſeiner Leidenſchaft mit liebevollem, ſehn⸗ ſüchtigem Lächeln von ſich drängte und ihn bat, mit ihrer Mutter zu reden, da fühlte er, daß er die roſigen Ketten, die ſie um ihn geſchlungen hatte, nicht mehr brechen könne. Hingeriſſen von lodernder Leidenſchaft bat er Molly jetzt, für einen Augenblick mit ihm auf ſein Zimmer zu gehen, wogegen ſich dieſe nur wenig ſträubte. Dort an⸗ gelangt, öffnete er einen ſeiner Koffer, aus welchem er ein Paquet mit Banknoten, hervornahm. „Sieh, Molly!“ ſagte er zu dem ſchönen Mädchen und ſtrich ihr die glühende Wange,„Du ſollſt wiſſen, daß ich im Stande bin, eine Frau zu ernähren; dies ſind ſämmtlich Banknoten von fünfhundert Dollars; die Paquete, welche Du hier in dem Koffer liegen ſiehſt, ent⸗ halten gleiche Papiere und der Beutel hier iſt mit Gold gefüllt. Ich beſitze über hunderttauſend Dollars und gebe Dir zwanzigtauſend dabon als Eigenthum, wenn Du mich morgen früh heiratheſt und abends mit mir nach Neuyork abreiſeſt, um von dort eine Vergnügungstour 141 nach Europa zu machen Beſinne Dich nur nicht lange, rede mit Deiner Mutter und theile mir nach Tiſche Deinen Entſchluß mit.“ Darauf ſchlang Harrh in großer Aufregung ſeinen Arm um Molly, dieſe ſchmiegte ſich mit ſüßer Hinge⸗ bung an ſeine Bruſt und ihre roſigen Lippen verſprachen ihm in wonnigem Kuſſe die Erfüllung ſeiner höchſten Wünſche. Madame Phillips war ebenſo ſehr erfreut wie überraſcht, einen ſo reichen Schwiegerſohn zu be⸗ kommen, und legte noch vor Tiſch die Hand ihrer geliebten Molly in die des liebenswürdigen jungen Mannes. In der Freude ihres Herzens beſuchte ſie am Nachmittag eine ihr ſehr befreundete Nachbarfamilie, die des Polizeicommiſſars Child, und theilte der Frau unter dem Siegel der Verſchwiegenheit mit, welches Glück ihr begegnet ſei. Noch redeten die beiden Damen über die Begebenheit, als Child in das Zimmer trat und deſſen Frau zu Madame Phillips ſagte: „Meinem Manne müſſen wir es doch erzählen, er nimmt ja den innigſten Antheil an Ihrem Wohlergehen“ worauf Madame Phillips den Commiſſar auch in das Geheimniß zog. Derſelbe hörte mit ſichtlicher Ueberraſchung und 142 wachſender Spannung der Erzählung der Frau zu, ſprach dann ſeine Freude über ihr und ihrer Tochter Glück aus und ließ ſich ſchließlich ein Bild von ihrem zukünf⸗ tigen Schwiegerſohne entwerfen. „Alſo morgen Abend ſchon will er mit der jungen Frau abreiſen?“ hob der Commiſſar an. „Jawohl, um mit dem erſten Paquetſchiff nach England zu fahren.“ „Das wird eine ſehr angenehme Reiſe für Fräu⸗ lein Molly werden“, verſetzte Child, augenſcheinlich an etwas Anderes denkend, erhob ſich von ſeinem Stuhle, wünſchte der Frau nochmals alles Glück und verließ das Zimmer. Harry und Molly verbrachten die Nachmittagsſtun⸗ den im Wonnerauſche der jungen beflügelten Liebe, und abends mußte die ſchwarze Dienerin ſie zweimal zum Abendeſſen rufen, ehe ſie ſich von der trauten Dämmer⸗ ſtunde trennen konnten, welche ſie in dem Parlour ge⸗ halten hatten. An dieſem Abend nahm Molly oben am Tiſche an der Seite ihres Verlobten, ihres Heißgeliebten Platz und dieſer ließ Champagner bringen, um in dem kleinen Familienkreiſe die Verlobung beim ſchäumenden Weine zu feiern. Da wurde die Schelle an der Hausthür gezogen 143 und gleich darauf trat der Polizeicommiſſar Child in das Speiſezimmer. „Wie freue ich mich, Herr Commiſſar, Sie bei uns zu ſehen!“ rief ihm Madame Phillips zu und eilte ihm entgegen.„Nun müſſen Sie auch zum Abend⸗ eſſen bleiben.“ „Ich konnte es doch nicht unterlaſſen, Fräulein Molly noch einmal vor ihrer Abreiſe zu ſehen und ihr ſelbſt meinen Glückwunſch zu bringen“ entgegnete Child, nach dem Tiſche ſchreitend, und warf einige ſpähende Blicke auf Harrh, der ſich gleichfalls mit Mollh er⸗ hoben hatte. „Erlauben Sie mir, Ihnen meinen zukünftigen Schwiegerſohn, Colonel Caldwell, vorzuſtellen“, ſagte Madame Phillips nun zu Child und wandte ſich dann mit den Worten zu Harry:„Der Polizeicommiſſar Herr Child“, wobei ſie auf dieſen zeigte. Beide verneigten ſich gegenſeitig und hefteten ihre Blicke aufeinander. In Harry's äußerer Erſcheinung war nicht die mindeſte Veränderung zu bemerken; bei ſeiner Verbeu⸗ gung ſagte er in höflichem, ruhigem Tone: Es iſt mir ſehr angenehm, Herr Commiſſar, Ihre Bekanntſchaft zu machen. Setzen Sie ſich zu uns und er⸗ lauben Sie mir, daß ich Ihnen ein Glas reiche.“ 144 Hiermit deutete er auf den Stuhl an ſeiner Seite und beide ließen ſich nieder. Wer aber in das Innere Harrh's hätte blicken, wer das eiſige Gefühl hätte empfinden können, das bei dem Worte Polizeicommiſſar ihm durch die Nerven fuhr, der würde nicht an die Möglichkeit geglaubt haben, daß ein Menſch bei ſolchem innern Entſetzen ein ſo heiteres, unbefangenes Aeußeres bewahren könne. Harrh füllte jedoch mit feſter Hand das Glas des Commiſſars und ſagte zu ihm, das ſeinige erhebend und mit wonnigem Lächeln nach Molly hinſchauend: „Laſſen Sie uns auf das Wohl meiner ſchönen Braut trinken, Herr Commiſſar!“ „Mit großer Freude“, antwortete dieſer, augen⸗ ſcheinlich überraſcht durch die Feſtigkeit und Heiterkeit, mit welcher Harry die Worte ſagte. Er leerte ſein Glas mit einer Verneigung gegen Mollh und fuhr dann in entſchuldigendem Tone fort: „Ich bedaure ſehr, Fräulein, daß meine Zeit es mir nicht länger erlaubt, das Glück Ihrer Geſellſchaft zu genießen, es iſt aber beinahe acht Uhr und ich habe es mehreren Freunden verſprochen, ſie um dieſe Stunde in einem fernen Theile der Stadt zu treffen.“ Dabei erhob er ſich, verneigte ſich höflich und verließ, ohne nochmalige Glückwünſche auszuſprechen, das Zimmer. 145 Dieſer ſchnelle kurze Abſchied des Polizeibeamten beſtätigte in Harry's ſcharfem, beobachtendem Geiſte den Verdacht, daß derſelbe ſeinetwegen hierher gekommen und daß er nur gegangen ſei, um Schritte gegen ihn zu thun, und der Entſchluß war ſchon in ihm gefaßt, ſo⸗ bald der Commiſſar das Haus verlaſſen haben würde, ſeine Schätze aus dem Koffer zu nehmen, durch den Hof über deſſen Mauer in das Nachbarhaus zu eilen und ſo in eine dahintergelegene Straße zu gelangen, um Philadelphia ſofort Lebewohl zu ſagen. Er ſaß zum Aufſpringen bereit und lauſchte nach der Hausthür hin, da hörte er, wie dieſelbe ſich öffnete, zugleich aber auch ein Geräuſch wie das leiſe herein⸗ ſchleichender Fußtritte. Es wurde ihm bald heiß, bald kalt ums Herz, denn das Geräuſch nahte ſich der Zim⸗ merthür, und herein trat abermals der Polizeicommiſſar, jetzt aber mit einem ganz andern Ausdruck auf ſeinen Zügen. Erſchrocken ſprang die Tiſchgeſellſchaft auf, denn in der offenen Thür erſchienen viele Männer, die ſämmtlich ihre hellleuchtenden Blicke auf Harry richteten, während der Commiſſar auf dieſen zuſchritt und in ernſtem, ge— bietendem Tone zu ihm ſagte: „Im Namen des Geſetzes verhafte ich Sie, Harrh Williams“, wobei er ſeine Hand auf deſſen Schulter legte. Armond, Saat und Ernte. V. 10 146 Ein Schrei des Entſetzens entſtieg den erbleichenden Lippen der ſchönen Molly und ohnmächtig ſank ſie in die Arme ihrer angſterfüllten Mutter, Harry aber hatte ſeine äußere Ruhe wiedererlangt und ſagte zu dem Commiſſar: „Ich verſtehe Sie nicht, Herr! Ich kenne keinen Herrn Williams und weiß nicht, auf welchen Grund Sie mich verhaften dürfen.“ „Darüber habe ich Ihnen keine Auskunft zu geben. Folgen Sie mir jetzt auf Ihr Zimmer, damit ich Ihren Koffer in Empfang nehme.“ „Ich proteſtire feierlichſt gegen die Gewalt, die Sie mir anthun, und mache Sie verantwortlich für Ihre Handlung“, verſetzte Harryh und ſchritt mit Child aus dem Zimmer, wo ihn mehrere Polizeibeamte in ihre Mitte nahmen. Dann wurden die Koffer Harry's von ſeinem Zimmer geholt, es fuhr ein Wagen vor das Haus, Child ſtieg mit dem Gefangenen und mit zwei ſeiner Unterbeamten in denſelben ein, und fort ging es in geſtrecktem Trabe nach dem Gefangenhauſe. Schon am folgenden Morgen trat Child mit Harry die Reiſe nach Neuyork an und am zweitfolgenden Tage führte er ihn auf einem Dampfſchiff den Hudſon⸗ jluß hinauf nach Albanh, dem Sitz der Regierung des Staates Neuyork. 147 Der Proceß gegen den ſchlauen Fälſcher machte großes Aufſehen in den ganzen Vereinigten Staaten. Harry wurde überführt, den Raub an Gebrüder Brown& Comp. ſowie auch den von zehntauſend Dollars an Apollo Dandon begangen zu haben, und das Gericht verdammte ihn zu zehnjähriger Haft in dem großen Staatsgefängniß Sing-Sing am Hudſonfluſſe. Es war ein entſetzlicher Augenblick für Harry, als man dort Hand an ſeinen Stolz, an ſein ſchönes Locken⸗ haar und ſeinen Bart legte, ihn dann in die geſcheckte grobe Gefangenenkleidung ſteckte und ihn ſchließlich als Lehrling in die Abtheilung der Schuhmacher einreihte. Nur wenige Wochen aber beugte ſich ſein Geiſt in Ergebung unter das Schickſal, das ihn ereilt, dann be⸗ gann er ſich wieder aufzurichten, und mit ſcharfem Blicke beobachtete er ſeine Umgebung, um Mittel und Wege für ſeine Befreiung zu entdecken. Er bot ſeine ganze Liebenswürdigkeit auf, ſich ſei⸗ nen Wächtern gefällig zu erzeigen, zog ihre Aufmerk⸗ ſamkeit auf ſich hin, begann ihnen ſein Schickſal und das Unrecht zu klagen, welches man ihm gethan hatte, und deutete die großen Reichthümer an, die er in Teras in Grundeigenthum beſäße. Kaum aber hatten die Wächter ihm ihr Ohr geliehen, als er das Gift der Verführung zum Unrecht in ihre Herzen tropfte und 10* 148 ihnen Schätze verhieß, wenn ſie ihm zu ſeiner Freiheit verhelfen würden, ſodaß er in Texas über ſeinen Grund⸗ beſitz verfügen könne. Mit größter Vorſicht zog er in dieſer Weiſe zwei der Gefangenwärter in ſein Intereſſe, und bald waren dieſelben bereit, ihm zu helfen, wenn ſie ſelbſt ſich keiner Gefahr dabei ausſetzen würden. Den erſten Schritt, den er zu einer Aenderung in ſeiner Lage that, war, daß er ſich krank ſtellte und vor⸗ gab, an Bluthuſten zu leiden. Das Blut, womit er aber ſeine Lippen, ſeine Kleidung und ſein Bett be⸗ leckte, zapfte er aus Wunden, die er ſich ſelbſt an ſei⸗ nem Körper zu dieſem Zwecke beibrachte. Er täuſchte den Arzt auf das vollkommenſte, ſodaß ihm auf deſſen Verordnung die Arbeit erleichtert und erlaubt wurde, täglich gegen Abend auf der prächtigen Terraſſe, welche ſich vor dem Gefängniß hoch aus den dahin ſchäumenden Wogen des Rieſenſtroms erhebt, ſich in der friſchen Luft zu ergehen. Nur wenige Male hatte er dies ge⸗ than, als ſein Falkenauge an dem Ufer eine menſchliche Geſtalt erſpähte, in der er ſeinen rettenden Engel ſeine treue Luch erkannte. Er gab ihr ein Zeichen, daß er ſie bemerkt, und empfing von ihr ein gleiches. Nun verſchaffte er ſich durch jene zwei Wärter Schreibmaterial und begann durch die Vermittlung der⸗ 149 ſelben eine Correſpondenz mit der Mulattin, welche in Knabenkleidung vom frühen Morgen bis in die ſpäte Nacht die Ausgänge des Gefängniſſes bewachte. Eines Abends, als Harry nach Sonnenuntergang. ſeinen raſtloſen Gedanken folgend, auf der Terraſſe umherging, ſah er, daß man einen am Tage vor⸗ her geſtorbenen Gefangenen über die Zugbrücke aus dem Gefängniß nach dem in einiger Entfernung von demſelben gelegenen Friedhof trug, um ihn dort zu begraben. „Wenn du ſtatt des Todten in dem Sarge lägeſt“, dachte Harry,„ſo könnte Luch dich mit Leichtigkeit bei einbrechender Nacht aus dem Grabe erlöſen“, und mit dieſem Gedanken folgte ſein Blick dem Leichenzug, der aus zwei Trägern und einem dritten Manne beſtand, welcher Schaufeln und Hacken trug. Der Plan, ſich als Todter aus dem Gefängniſſe tragen zu laſſen, reifte ſchnell in Harry's thätigem Geiſte, und er theilte ihn ſeinen beiden vertrauten Wärtern mit Er überzeugte ſie von der Ausführbarkeit des Unterneh— mens und beſeitigte ihre Furcht vor Entdeckung dadurch, daß einer derſelben, während ſich Harrh im Sarge be⸗ finden würde, verkünden ſolle, daß er ſich von der Ter⸗ raſſe in den Fluß geſtürzt habe. Es lagen mehrere Kranke in dem Gefängniſſe, deren 150 Tod man ſtündlich erwartete, und mit Sehnſucht ver⸗ langte Harry nach deren Scheiden aus dieſer Welt. Schon nach wenigen Tagen ſollte ſein Hoffen in Erfüllung gehen, denn frühmorgens überbrachte ihm einer ſeiner Vertrauten die Nachricht, daß einer der Kranken geſtorben ſei und daß derſelbe am folgenden Tage nach Sonnenuntergang begraben werden würde. Harrh empfing mit hochaufjauchzender Seele dieſe Kunde, denn morgen ſchon konnte er dieſen furchtbaren Mauern Lebewohl ſagen, und noch einmal wollte er frank und frei auf den Flügeln ſeines Talents die Welt durchſtreifen und auf Koſten ſeiner Mitmenſchen ſich einen irdiſchen Himmel ſchaffen. Er ſchrieb ſogleich an Luch, theilte ihr ſein Vor⸗ haben mit und beſchwor ſie bei ſeiner ewigen, treuen Liebe, ihm morgen Abend auf dem Friedhof zu Hülfe zu kommen. Siebentes Kapitel. Die Sonne neigte ſich am folgenden Tage den blauen Gebirgen im Weſten zu, als Harry gebückt und huſtend auf der Terraſſe auf und nieder ſchlich und ſich langſam nach dem Eingange in die Erdgeſchoſſe des Gefängniſſes bewegte. Da winkte ihm von dort her der eine ſeiner vertrauten Wärter; er trat ſchnell zu ihm in den düſtern Raum, einen Holzſtall, in welchem der Sarg mit dem Todten ſtand. Der Deckel des Sarges war bereits durch den Wärter beſeitigt, er und Harrh nahmen die Leiche aus dem Sarge hervor, begruben ſie unter dem Holze und Harry legte ſich an deren Stelle in den Sarg hinein. Der Wärter befeſtigte den Deckel, jedoch ſo leicht, daß ihn Harry ohne große Anſtrengung ab⸗ werfen konnte, verließ dann eilig mit der Mütze Harry's den Holzſtall und eilte über die Terraſſe hin bis zu deren Brüſtung über dem Abhange nach dem Fluſſe. Dort ſchrie er Hülfe, daß es weit hinſchallte, und als man aus dem Gefängniſſe herbeikam und nach der Urſache ſeines Rufs fragte, verkündete er mit ent— ſetzter Stimme, daß der Gefangene Harry Williams, deſſen Kappe auf der Brüſtung lag, ſich in den Fluß hinabgeſtürzt habe. An eine Rettung war nicht entfernt zu denken, darum ſchaute man nur einige Augenblicke in den Strom hinunter und ging dann mit dem Be⸗ merken:„Ihm iſt wohl!“ wieder ſeinen Geſchäften nach. Bald darauf ſchritten zwei Männer mit einer Trage, auf welcher ein von leichtem Holz roh zuſammengena— gelter Sarg ſtand, über die Zugbrücke und trugen Harry Williams in demſelben dem Kirchhofe zu, während der ihm vertraute Wärter ſelbſt mit Schaufei und Hacke ihm nachfolgte. Die Schatten, welche die nahen Gebirge warfen, hatten ſich ſchon über den Fluß geſtreckt und hüllten be— reits die mächtigen Höhen an der öſtlichen Seite deſſelben bis zu ihren Spitzen hinauf, wo noch das letzte Licht des Tages ſich zu halten ſuchte, in ihren Purpur, als der Leichenzug den Friedhof erreichte und ſich zwiſchen den vielen alten und friſch aufgeworfenen Hügeln hin nach einer neugegrabenen Grube bewegte. Dort ſetzten die Träger ihre Bürde nieder und machten Anſtalt, den Sarg der Erde zu übergeben. „Das Grab iſt zu tief gegraben. Werft wieder 153 einen Theil der Erde hinein“, hob der Wärter an, in⸗ dem er an die Grube trat und in dieſelbe hinabſchaute. „Sie wollen es wohl dem Todten erleichtern, aus dem Grabe emporzuſteigen, wenn dereinſt die große Poſaune zur Auferſtehung geblaſen wird?“ ſagte der eine der Männer und nahm einen Spaten, um dem Be⸗ fehl des Wärters nachzukommen. „Es iſt ja Thorheit, ſo tiefe Löcher zu graben und ſo viel unnütze Zeit und Mühe dabei zu verſchwenden. Ich habe mich ſchon oft dagegen ausgeſprochen, die Leute wollen aber nun einmal nicht hören“, nahm der Wärter wieder das Wort, ergriff ſelbſt die Schaufel und warf Erde damit in die Grube. „Nun wird es aber wohl genug ſein“ ſagte der an⸗ dere der Männer,„ſonſt kommt der Kerl ja gar nicht unter die Oberfläche.“ „Laßt den Sarg hinab!“ befahl jetzt der Wärter und ſchlang ſelbſt eins der Taue um denſelben. Langſam glitt der Sarg mit Harrh hinunter, die Stricke wurden heraufgezogen und die Erdſchollen polterten auf den Sarg hinab, ſodaß bald die Vertie⸗ fung ausgefüllt und der Hügel darüber aufgeworfen war. „So iſt's gut. Laßt uns gehen!“ ſagte der Wärter, indem er Hacke und Schaufel auf die Trage legte und von den beiden Männern gefolgt, raſch nach der Zug⸗ 154 brücke und über dieſelbe hin nach dem Gefängniſſe zu⸗ rückſchritt. An dem fernen Ende des Friedhofs ſaß Luch hinter einem Buſche vor der Mauer zuſammengekauert und blickte mit freudeſtrahlenden Augen und hochſchla⸗ gendem Herzen den Trägern nach, bis ſie an der andern Seite der Brücke verſchwanden, dann ſpähte ſie, ſich etwas erhebend, um ſich und wandte wieder und wieder ihren Blick flehend gegen den dunkelnden Himmel. Die Sehnſucht, das Verlangen, den Geliebten zu erlöſen, ihn zu befreien, ihn an ihr Herz zu drücken, wollte ihr die Bruſt zerſprengen und krampfhaft preßte ſie ihre gefalteten Hände gegen ihren Buſen. Noch war es zu hell, um an das Werk zu gehen, und doch war jeder Augenblick der Verzögerung ja eine Ewig⸗ keit für den Geliebten. Wie ſchlichen die Minuten, wie ewig langſam breitete heute die Nacht ihre Fittige über die Erde aus! Wollte denn der Himmel ſeine Lich⸗ ter heute gar nicht anzünden? Endlich, endlich begannen die Sterne zu blitzen, das Gefängniß verſchwamm mehr und mehr in dem Schatten der Nacht und bald ſtand es wie eine ſchwarze Silhouette vor dem ſternüberfunkelten Himmel. „Ich komme, ich komme, mein Harry!“ rief jetzt die Mulattin mit fieberiſcher Bewegung, ergriff den 155 Spaten und die Hacke, die vor ihr im Graſe lagen, und ſprang nun fliegenden Trittes über die Gräber hin nach dem Hügel, unter welchem der Geliebte ihrer Hülfe harrte. Links und rechts flogen Schaufeln voll Erde von dem Hügel herab, Stoß auf Stoß ſchoß der Spaten in denſelben hinein und dann ſchwer beladen zur Seite, der Hügel verſchwand und die Vertiefung öffnete ſich raſch unter der übernatürlichen Anſtrengung des treuen Mädchens. „Harry, mein Harry, gleich, gleich ſollſt Du be⸗ freit ſein!“ rief Luch athemlos in die Grube hinein und immer geringer wurde das Gewicht der Erde, die ſie mit ihren Schaufelſtößen aus der Tiefe hob. Dennoch arbeitete ſie fort und fort, obgleich ſie kaum noch den Spaten heben konnte, da ſtieß ſie mit deſſen Eiſen auf den Sarg und jubelnd neigte ſie ſich in die Grube hinab und rief: „Hier bin ich, Harrh! Deine Luch iſt es, Deine treue Luch iſt es, Geliebter, die Dich befreit!“ Doch kein Laut kam ihr als Antwort aus dem Sarge entgegen. „Harry, Harry!“ rief ſie jetzt wieder und eine un⸗ nennbare Angſt goß ihr neue Kräfte in die Glieder. Wieder flogen ſchwere Schaufeln voll Erde aus der Grube, nach wenigen Minuten war der ganze Sargdeckel 156 davon befreit und mit zitternder Stimme rief das zu Tode erſchöpfte Mädchen in die Tiefe hinab: „Harrh, gib mir Antwort, um der Gnade Gottes willen gib mir Antwort, Harry!“ Kein Ton, kein Laut, keine Bewegung wurde in dem Sarge hörbar. Da erfaßte Angſt und Entſetzen die Mulattin. Sie neigte ſich hinab in die Grube, zwängte die Hacke unter den Sargdeckel und riß ihn mit ihrer letzten Kraft em por. Sie warf ihn zur Seite und ſtreckte nun bebend ihre Hände hinab zu dem Geliebten. Er rührte ſich nicht, er gab ihr keine Antwort. „Harry, mein Harrh!“ ſchrie ſie wieder mit herzzer⸗ reißender Stimme, warf ſich zu ihm hinab und hob ſeinen Kopf an ihre Bruſt. Harrh aber gab ihr keine Antwort, Harry bewegte ſich nicht. Von wilder raſender Verzweiflung ergriffen, hob Luch ihn jetzt in ihren Armen aus dem Sarge empor und zog ihn aus der Grube, klammerte ihre Hände um ihn und trug ihn halb ſchwebend in das Gras, dort aber ſank ſie mit ihm nieder und preßte ihre Lip— pen auf ſeinen Mund. Starr und regungsles lag er an ihrem Herzen; ihre liebenden Worte, ihre heißen Küſſe wollten ihn nicht erwecken, ſeine Lippen wur⸗ den kälter und kälter, ſeine Glieder wurden ſtarrer 157 und kein Athemzug bewegte ſeine Bruſt. Harrh war eine Leiche. Die Angſt- und Hülferufe der Mulattin verhallten in der Nacht, ihre Kräfte verließen ſie, ihre Sinne ſchwanden und bewußtlos ſank ſie bei dem Todten hin. Wohl kehrten ihre Sinne von Zeit zu Zeit zurück, doch der kalte Mund Harry's warf ſie immer wieder dem Scheintod in die Arme, und ſo fand ſie der neue Tag ohne ein Zeichen von Leben mit dem todten Ge⸗ liebten in ihren Armen neben dem Grabe liegen. In dieſer Nacht war abermals ein Kranker in dem Gefängniſſe geſtorben und der Todtengräber begab ſich am frühen Morgen nach dem Friedhof, um noch ein Grab neben dem geſtern gemachten aufzuwerfen. Schon von weitem bemerkte er die Zerſtörung deſſelben, er ſchritt raſch näher und ſah nun in der Vertiefung zwiſchen den Hügeln die beiden Geſtalten in dem Graſe liegen. Er ſprang hinzu, es war ein Sträfling in den Armen eines Mulattenknaben, es war der neue Sträfling Williams. Der Todtengräber erkannte ihn ſofort, und als er ſeitwärts in das Grab hinab⸗ blickte, ſah er, daß der Sarg in demſelben offen und leer war. Staunend ſchaute der Mann auf die beiden räth⸗ ſelhaften Geſtalten nieder. Sie ſchienen beide entſeelt zu 158 ſein, wenigſtens der Sträfling trug deutlich die Farbe des Todes; er fühlte deſſen Hand an, ſie war kalt, doch die des Knaben war noch warm. Da warf er Spaten und Hacke hin und rannte, ſo ſchnell ihn ſeine Füße tragen konn⸗ ten, nach dem Gefängniß zurück, um das Unbegreifliche dort zu verkünden. Mehrere der Beamten eilten ſofort nach dem Kirch⸗ hofe und ließen Harry und Luch in das Gefängniß tra⸗ gen. Der Arzt kam herbei und erklärte, der Züchtling Williams ſei entſeelt. In dem Mulattenknaben aber fand er noch Leben, öffnete deſſen Rock, um nach ſei⸗ nem Herzſchlag zu fühlen, und zu aller Umſtehenden größ⸗ tem Erſtaunen erkannte man jetzt in der Knabenkleidung ein Mulattenmädchen. Kräftige Mittel wurden angewandt, um ſie ins Leben zurückzurufen, und bald ſchlug ſie die Augen auf. Wie aus einem ſchweren Traume erwachend, ſah ſie die Männer an und ſetzte ſich mühſam auf. Da fiel ihr Blick auf Harry's Leiche und mit einem Schrei, als würde ihre Seele von ihrem Körper losgeriſſen, ſtürzte ſie ſich über den Leichnam hin. „Mein Harry!“ ſtöhnte ſie mit erſterbender Stimme und ſank ohnmächtig bei ihm nieder. 6 Der erſte Beamte des Gefängniſſes ließ ſie nun in das Haus tragen und übergab ſie der ſorgſamſten Pflege 159 des Arztes, da nur von ihr Auskunft über die räthſel— hafte Begebenheit zu erwarten ſtand. Luch wurde abermals dem Leben wiedergegeben, und in ſtummer Verzweiflung verbrachte ſie den Tag; weder gute, noch böſe Worte konnten ſie zu einer Ant⸗ wort bewegen. Sie ſaß regungslos wie erſtarrt auf ihrem Lager und blickte vor ſich nieder, kein Wort der Klage, des Jammers, keine Thräne linderte ihren Schmerz. Und ſo ſaß ſie während der ganzen folgenden Nacht, doch als am Morgen der Arzt zu ihr in das Zimmer trat, da faltete ſie ihre Hände auf ihrer Bruſt und flehte ihn um die Erlaubniß an, dem entſeelten Williams, ihrem Herrn, bei ſeiner Beerdigung folgen zu dürfen. Mit freundlichem, wohlwollendem Tone ſagte ihr der Doctor die Gewährung ihrer Bitte zu, wenn ſie ihm das Verſprechen gäbe, einen treuen Bericht über das Vorgefallene abzuſtatten. Luch gab das Verſprechen, und bald darauf wankte ſie, von dem Arzte unterſtützt, hinter dem Sarge drein, in welchem Harry nach ſeiner letzten Ruheſtätte getragen wurde. Ihre Kräfte reichten aber nicht weiter als bis an das Grab; da ſank ſie abermals bewußtlos zur Erde und erwachte erſt wieder in dem ihr angewieſenen Zimmer auf ihrem Lager. Noch an demſelben Abend legte ſie ein vollſtändiges 160 Bekenntniß über die Begebenheit auf dem Kirchhofe ab und ſchloß mit der Bitte, ſie nach Natchez zu ihrer guten Herrin, der Madame Newberry, zu bringen, der ſie entſprungen ſei, um Herrn Williams nach Texas zu folgen. Es war im Spätherbſt, als in Natchez in dem Hauſe des Herrn Dandon die letzten Vorbereitungen zu ſeiner gänzlichen Ueberſiedlung nach Texas gemacht wurden. Dieſelbe war lange über die früher dazu beſtimmte Zeit aufgeſchoben worden, weil Dandon durch den Pro⸗ ceß gegen Harry Williams in den Vereinigten Staaten zurückgehalten worden war Er hatte nach Neuorleans reiſen müſſen, um den Kaſſirer der Bank, der die zehn⸗ tauſend Dollars an Harrh ausgezahlt hatte, nach Albany zu führen, damit derſelbe Zeugniß gegen den Fälſcher ablegen könne. Er ſelbſt hatte dort den Gerichtsver⸗ handlungen bis zur Verurtheilung Harry's beigewohnt und ſeinen Antheil an dem bei dieſem vorgefundenen Gelde ausgezahlt bekommen. Um ſo eifriger aber betrieb er jetzt den Umzug nach Texas und wurde dabei von Blancha und Madame New⸗ berry auf das eifrigſte unterſtützt. Alles war gepackt und in 161 einer Woche wurde das Dampfboot erwartet, welches ſie nach Neuorleans tragen ſollte. Die Abende verbrachte Blancha immer in Geſell⸗ ſchaft der treuen Newberry, und ſo ſaß ſie auch eines Abends bei ihr an dem Kaminfeuer, vor dem ſie ſo manche glückliche und auch ſo viele traurige Stunden verlebt hatte. Jetzt aber war Alles Freude und Hoff⸗ nung und jedes Wort von Blancha's Lippen athmete Seligkeit. Da wurde die Schelle an der Hausthür ſtürmiſch gezogen. Madame Newberry wandte ihren Blick halb erſchrocken nach der Zimmerthür, als dieſe aufflog und die Mullatin Luch hereinſtürzte. „Tödte mich, Herrin! Tödte mich, die Verbrecherin!“ ſchrie das Mädchen in wilder Verzweiflung und warf ſich, ihr Haar zerraufend, vor Madame Newberry auf den Fußboden nieder, während dieſe ſowie Blancha entſetzt auf ſie hinſtierten wie auf einen Geiſt, der der Ewigkeit entſtiegen. Es war aber nur ein Augenblick der Erſtarrung, dann ſtürzte Blancha mit einem wilden Freudenſchrei auf die Mulattin zu und rief mit aufjauch⸗ zender Stimme: „Luch, Luch, großer Gott, biſt Du es wirklich? Biſt Du nicht todt, biſt nicht ermordet? O Allmächtiger, Deine Gnade, Deine Barmherzigkeit!“ Armand, Saat und Ernte. V. 1 162 Dabei riß ſie das Mulattenmädchen an der Schulter vom Boden auf und ſchaute ſie an, als traue ſie noch immer ihren Augen nicht, und wieder warf ſie ſich ihrer treuen Newberrh in die Arme, weinte und ſchluchzte laut und ſtammelte die Worte: „Albert, mein braver, treuer Albert! Gott, der Grundgütige, iſt uns gnädig!“ Lange Zeit konnte ſie ſich nicht faſſen, ihrer Freudenthränen nicht Herrin werden, dann aber er⸗ griff ſie ihren Shawl und eilte fliegenden Fußes nach Hauſe zu ihrem Vater, um ihm die Glücksnachricht zu bringen. Der alte Geldmann, als er die Kunde vernahm, war nicht mehr er ſelbſt, er zitterte, bebte, weinte und ſchlang ſeine Arme um ſein Kind und ſagte, ſeine Hände faltend und zuſammenpreſſend: „O ewige Gerechtigkeit! O Gott, allmächtiger Gott, Deine Gnade, Deine Barmhetzigkeit iſt groß!“ Das Glück, womit dieſer Sieg des Edlen über das Böſe ihn beſeelte, war mächtiger als alles Glück, welches ſein Reichthum ihm gegeben, er erbebte unter deſſen Ge⸗ walt und hatte lange Zeit keinen andern Ausdruck dafür, als Blancha wieder und wieder an ſeine Bruſt zu drücken. Plötzlich aber, als triebe ihn ſein überwogendes Gefühl, ſelbſt für das neue Glück zu handeln, ergriff er die * —,— —— 163 X Hand ſeiner Tochter, preßte ſeine Lippen darauf und ſagte ſtürmiſch bewegt: „Randolph muß hierher kommen. Hier, wo die Sünde ihn verderben wollte, hier ſoll er über ſie, über ſeine Feinde triumphiren, und vor der Welt, vor der ich ihm feindlich gegenüberſtand, will ich mein Unrecht bekennen und mir ſeine Vergebung erbitten!“ Dann wollte er forteilen, doch Blancha hielt ihn zurück, warf ſich an ſeine Bruſt, küßte ſeine Lippen, ſeine Hände und benetzte ſie mit Thränen der Freude, des Dankes. „Gut, gut Kind! Nun laß mich aber gehen, jede Minute des Zögerns iſt eine Sünde“, rief der alte Mann, ergriff ſeinen Hut und ſtürmte davon. Ehe eine Sunde verging, war ein Kurier auf dem Wege zu Albert Randolph. Dandon hatte ihn mit der Weiſung abgeſchickt, Tag und Nacht zu reiſen und kein Geld zu ſparen, um in der kürzeſten Zeit ſeine Miſſion auszurichten, und ihn reich mit Gold beſchenkt. Er ſandte durch ihn die Nachricht von der Rückkehr der Mulattin Luch an Albert und beſchwor ihn, keine Minute zu verlieren, um an das Herz ſeiner Blancha und in die Arme ſeines väterlichen Freundes Apollo Dandon zu eilen. 164 Zwei Wochen vergingen nach der Abreiſe des Eil⸗ boten, die Zeit erſchien, wo Albert ſeine Reiſe zurückge⸗ legt haben konnte, und die Sehnſucht hatte in Blancha's Herzen ihren Höhepunkt erreicht; ſie zählte die Stunden, die Minuten, bis ſie den Geliebten ſehen, ihm in die Arme fliegen würde, Tag und Nacht lauſchte ſie bei jedem Geräuſch, jedem Fußtritt in der Straße, und bei jedem Ertönen der Schelle an der Hausthür fuhr ſie mit be⸗ ſeligendem Schreck zuſammen. Es war Abend. Blancha hatte den Tag abermals in vergeblichem Hoffen und Sehnen hingebracht und die Freundin Newberrh zu ſich bitten laſſen, um ihr ihre Ungeduld zu klagen. Die gute, theilnehmende Frau rechnete ihr vor, daß Albert ja unmöglich ſchon hier ſein könne, auch wenn alle Zufälligkeiten günſtig für die ſchnelle Reiſe des Eilboten gewirkt und die Um⸗ ſtände ſowie die Verhältniſſe Albert's ſeine ſofortige Abreiſe zugelaſſen hätten, Blancha aber hatte eine ganz andere Rechnung gemacht, ſie hatte die Meilen auf den Flügeln der Liebe, die Stunden mit dem Maße ihrer Sehnſucht gemeſſen. „Ja, ja, beſte Newberry, er könnte hier ſein, wenn ihm nichts Hinderliches in den Weg gekommen wäre Wenn es nur nichts Unangenehmes für ihn war, wenn ihm nur kein Unglück zugeſtoßen iſt!“ ſagte ſie in wachſender Aufregung. 5 — —— —= 165 „Ach meine liebe Blancha, es iſt ja rein unmöglich; es ſind gegen ſechshundert Meilen, die er zu reiten hat, wenn er über Land kommt. Ueber Galveſton und Neu⸗ orleans kann man ſchon gar keine Rechnung machen, auf dieſem Wege hängt man ganz von dem zufälligen Abgehen der Dampfboote ab“, antwortete Frau New⸗ berry beruhigend und fügte noch lächelnd hinzu:„Die Liebe allerdings läßt ſolche Verzögerungen nicht gelten. Noch einige Tage, beſte Blancha, müſſen Sie Ihrem Herzchen Feſſeln anlegen.“ „Aber er kommt ja über Land, gute Newberrh. Wie können Sie denken, daß er ſich dem Zwang einer Reiſe zu Waſſer überlaſſen würde, ſolange er ein Pferd bekommen kann! Nein, nein, er kommt zu Land und hätte ſchon vorgeſtern hier ſein können“, ſagte Blancha, fuhr aber im nächſten Augenblick mit dem halber⸗ ſtickten Ruf:„Großer Gott, da iſt er!“ aus dem Stuhle auf, denn die Schelle an der Hausthür wurde gezogen. „Beſte Blancha!“ rief die Newberry und wollte ſie zurückhalten, doch fort ſauſte jene mit den Worten: „Er iſt's, mein Albert, meine Seligkeit!“ aus dem gimmer und ſtürzte die Treppe hinab dem Geliebten entgegen, der mit ausgebreiteten Armen von unten zu ihr heranflog. In ſtummer Wonne hielten ſie einander umſchlun⸗ 166 gen, ihre Lippen brannten wie zu ewiger Vereinigung feſt aneinander, ihre Freudenthränen floſſen und ihre Herzen ſchlugen in lauten Schlägen zuſammen; der Ort, wo ſie ſtanden, ihre Umgebung war vergeſſen, und erſt als Dandon zu ihnen eilte und ſie mit den Worten um⸗ armte:„Der Allmächtige hat Euch wieder vereinigt, er ſegne Eure Verbindung!“ wandten ſich ihre Seelen zu der Welt zurück und beide ſchlangen ihre Arme mit Liebe und Dankbarkeit um den glücklichen Alten. Arm in Arm erſtiegen ſie nun die Höhe der Treppe, wo die treue Freundin ihrer harrte und gleichfalls ihrem überſtrömenden Glücksgefühl Ausdruck gab. Mit Staub bedeckt trat der edle Jüngling Albert Randolph, von dem Arme der ſchönen Blancha um⸗ ſchlungen, in den hell erleuchteten Salon, wo das lie⸗ bende Mädchen ihren wonnetrunkenen Blick über ſeine kräftige Geſtalt gleiten ließ und mit Sh der Freude im Auge ſagte: „Ja, ich wußte, mein Albert, daß Du zu Lande kommen würdeſt, und fühlte es an dieſem Abend deutlich, daß Du mir nahe warſt.“ Madame Newberry aber warf noch einen freude⸗ ſtrahlenden Blick auf das glückliche Paar und ſchlich ſich dann aus dem Zimmer, um ihrem Gatten und durch dieſen dem alten Portman die Glückskunde von Albert's Ankunft —— 167 zu überbringen, während auch Dandon den Salon ver⸗ ließ, um Albert's Satteltaſche aus dem Hotel, vor wel⸗ chem derſelbe vom Pferd geſprungen war, in ſein Haus holen zu laſſen, denn er ſollte unter keinem andern Dache wohnen als unter dem ſeinigen. Den erſten Gruß, den Albert am folgenden Tage empfing, brachte ihm ſein väterlicher Freund Portman. Derſelbe ſtürmte ſchon in ſein Zimmer, als er ſich kaum von ſeinem Ruhelager erhoben hatte, und unter Thränen machte der Alte der Freude ſeines Herzens Luft. Bald aber ging die Kunde von der Rückkehr der Mulattin Luch ſowie die von der Ankunft des einſt ſo hochgefeierten und doch ſo ſehr mißhandelten Albert Randolph von Mund zu Mund durch die Stadt. Der Platz zwiſchen den Häuſern der Herren Newberrh und Dandon füllte ſich Kopf an Kopf mit Menſchen, die den unſchuldig Verurtheilten bewillkommnen und das ihm angethane Unrecht ſühnen wollten, ſein Name ertönte aus tauſend Kehlen und die Hurrahs für ihn wurden immer dringender, immer ſtürmiſcher, bis Albert id⸗ ich mit ſeiner Retterin, ſeiner Blancha, auf den Balkon hinaustrat und dankend die Jubelgrüße empfing, die aus der aufgeregten, wogenden Menge zu ihm empor⸗ ſtiegen. „Hier bleiben! Hier bleiben!“ ſchrie es jetzt von * 168 allen Seiten zu ihm hinauf, wieder erſchallten donnernde Hurrahs und wieder ſchwenkte die begeiſterte Volksmenge die Hüte über ſich durch die Luft. Da trat Albert an die Brüſtung des Altans vor, winkte mit der Hand und jeder, auch der letzte Laut war verhallt. Mit lauter kräftiger Stimme dankte er in poe⸗ tiſcher Begeiſterung mit aller Gewalt⸗ ſeiner edlen blütenreichen Sprache für die Freundlichkeit, für die „ hochherzige Theilnahme, die man ihm durch dieſen Empfang kund gegeben, und erklärte ſich mit Freuden bereit, der Einladung zu willfahren, wenn es Verhältniſſe geſtatten würden. Kaum aber hatte er den Balkon nſſen und war mit Blancha zu dem glücklichen Dandon in den Salon zurückgekehrt, als ein Dutzend der angeſehenſten Bürger von Natchez, an deren Spitze ſich der alte Portman be⸗ fand, ſich bei ihm anmelden ließen und im Namen der Einwohnerſchaft der Stadt ihn baten, ſeinen Wohnſitz unter ihnen zu wählen. Portman ſelbſt erklärte, daß er ihm nicht nur ſeine ganze Praxis übergeben werde, ſondern daß er ihm auch als treuer Helfer und Rathgeber zur Seite ſtehen wolle. Tief ergriffen gab Albert ſeinem Dankgefühl Worte, —— 169 wandte aber ſeinen fragenden Blick zu Blancha und ihrem Vater, doch dieſe beiden erklärten unter Freuden⸗ thränen, daß nur er allein ſeinen Wohnort zu beſtimmen habe und daß ſie, wo dieſer auch ſein möge, alles ge⸗ hoffte Glück finden würden. Die Ueberſiedlung nach Texas wurde aufgegeben und wenige Wochen ſpäter ſtanden Albert und Blancha in dem Hauſe Gottes vor dem Altare und empfingen zu 4 ihrer Vereinigung den kirchlichen Segen, während Tau. ſende von Zuſchauern in das Gebet für das Glück des— edlen hochgefeierten Paares einſtimmten. Ende. Verlag von Ernſt Julins Günther in Leipzig. Nurora J lonyd. Roman von M. E. Braddon, Verfaſſerin von„Lady Audley's Geheimniß“. us dem cEngliſchen bvon F. Sehbold. Autoriſirte Ausgabe.. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Die Marien der Königin. Ein Roman von Holyrood von G. J. Whyte Melville, „ Vne von„Der Dolmetſcher“,„Kate Cobentry“„e. Aus dem Engliſchen. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. —— Verlag von Ernſt Julius Günther in Leipzig. Durchs Jeben üherwunden. Roman von John Cordy Jeaffreſon. Aus dem Engliſchen von Marie Seott. Autoriſirte Ausgabe. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 2 Thlr. 20 Ngr. Die crbinnen. Ein Lebensbild von Perey B. St. John. Aus dem cöngliſchen von Anguſt Kretzſchmar. 5 Bände. 8. Geheftet. Preis 3 Thlr. 10 Rgr. Verlag von Ernſt Julins Günther in Leipzig⸗ Die JIrau in Weiß Wilkie Collins. Rus dem cEngliſchen von Marie Seott. Autoriſirte Ausgabe. Zweite Auflage. 4 Bände. 8. Geheftet. Preis 3 Thlr. Die That einer Nacht. Roman von Eliſabeth C. Gaskell, Verfaſſerin von„Marh Barton“,„Shlbia's Freier“ o. Alus dem cöngliſchen. 7 Autoriſirte Ausgabe. 8. Geheftet. Preis 20 Ngr.