Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cduard Ollmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih und geſebedingungen. 1orensein der Bihliothek. Die Bibliothek ſteht zur En⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. S . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für whchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Ml.— Pf. 1 Mr 50 Pf 2 Mi.— Pf. „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Fir beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S . ———— Roman Armand, Verfaſſer von„Bis in die Wildniß“,„An der Indianergrenze“,„Ralph Norwood“, „Der Sprung vom Niagarafall“ e. ve. Vierter Vand. Leipzig, Ernſt Julius Günther. 1866. Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung vor. Druck von Heinr. Mercy in Prag. Erſtes Kapitel. Am folgenden Abend war es noch etwas ſpäter geworden, als Blancha ſich mit ihrer Sklavin im Ge⸗ fängniſſe einfand und von den verſchiedenen Thürwächtern mit größter Zuvorkommenheit begrüßt und begleitet wurde. Diesmal trat Blancha dem Geliebten nicht mit Thränen entgegen, mit hellglänzendem Blick flog ſie an ſein Herz und verkündete ihm, in Seligkeit erbebend, mit flüſternder Stimme, daß morgen ſeine Rettung un⸗ ternommen werden ſolle. Mae Coor hatte ſie am Abend vorher bei ihrer Rückkehr zu Madame Newberry in ſei⸗ nen Rettungsplan eingeweiht, und mit aufjauchzender Begeiſterung theilte ſie Albert denſelben jetzt mit. Dieſer hörte ihr mit wachſender Spannung zu, von Augenblick zu Augenblick ſteigerte ſich ſeine Hoff⸗ nung, und als ſie ihren Bericht beendet hatte, fielen ſie ſich mit den Worten:„Gott gebe ſeinen Segen dazu!“ in die Arme. Nun beſprachen ſie die Aus⸗ „ Armand, Saat und Ernte. IV. 3 2 führung des Vorhabens hin und her, beredeten, was in den vielen möglicherweiſe eintretenden Zwiſchenfällen zu thun ſein würde, und dachten ſich ſo ſehr in das Ge⸗ lingen des Unternehmens hinein, daß ihnen alle Ban⸗ gigkeit aus dem Herzen ſchwand und ſie ſich ganz wie⸗ der dem Glücke ihrer Liebe hingaben. Dennoch überwachte Blancha die Zeit und ſetzte nach Verlauf einer Stunde ſelbſt ihrem augenblicklichen Vergeſſen ein Ziel, indem ſie aufbrach und den Geliebten mit dem Troſte verließ, ihm am folgenden Abend als Rettungsengel zu erſcheinen. Auf ihrem Wege aus dem Gefängniſſe ließ ſie abermals den Wärtern reiche Goldſpenden in die Hände gleiten und ſagte ihnen mit ihrer ſüßen Stimme Worte des Dankes. Wieder warf ſich Albert, ſobald die Thür ſich hin⸗ ter Blancha geſchloſſen hatte, auf ſein Bett und verbarg ſein Geſicht in Kiſſen und Tuch, und wieder erweckte er die Theilnahme des bald darauf eintretenden Wärters. Derſelbe blieb einige Augenblicke in der Mitte des Zim⸗ mers ſtehen, ſchaute auf den unglücklichen, dem Anſcheine nach verzweifelnden Verurtheilten nieder und ſchüttelte mitleidig den Kopf. Dann aber vollbrachte er die ihm obliegenden Dienſtleiſtungen für den Gefungenen, blickte nochmals traurig nach ihm hin und verließ, ohne ihn —— — 3 weiter zu ſtören, das Zimmer, welches er wie gewöhnlich hinter ſich verſchloß. Der erſehnte folgende Tag erſchien und mit raſt⸗ loſer Ungeduld verbrachte ihn Blancha in hundertfachem geiſtigem Durchleben der Ereigniſſe, welche an dieſem Abend ſtattfinden ſollten, immer aber blieb das Reſul⸗ tat ihres Gedankenflugs, daß Albert gerettet war. Ihre Unruhe, ihre Aufregung ſteigerte ſich von Stunde zu Stunde, und als endlich die Sonne ſich neigte, da hatte ſie nirgends mehr Raſt, ſie ſchritt in ihrem Zimmer auf und nieder, als könne ſie dem Augenblick des Handelns entgegeneilen. Kaum aber verblich das Tageslicht und die Dämmerung legte ſich über die Stadt, ſo eilte ſie hochſchlagenden Herzens, von Suſanna gefolgt, zu ihrer treuen Freundin Newberry. Mac Coor hatte ſich dort laut Abrede bereits eingefunden, und zwar war er durch die Hinterthür in das Haus gelangt. „Es wird Alles gut gehen, Fräulein“ ſagte er, ſie mit einer Verbeugung begrüßend.„Verlaſſen Sie ſich unbedingt auf mich und handeln Sie ruhig und ent⸗ ſchloſſen, dann iſt kein Fehlſchlagen möglich. Nun an das Werk!“ Hierbei wandte er ſich zu Suſanna und dieſe reichte ihm ein zuſammengerolltes Kleid, daſſelbe, welches ſie an den beiden vorhergehenden Abenden getragen hatte. Er warf nun ſchnell Rock, Weſte und Halsbinde ab und zog das lange Kleid der Negerin an, wobei ihm dieſe ſowie auch Blancha und Madame Newberrh be⸗ hülflich waren. Darauf nahm er einen auf dem Stuhle liegenden ſehr langen aufgerollten Strick und befſtigte denſelben unter dem Kleide um ſeine Hüfte.„Das große Tuch wird meine unförmliche Geſtalt ſchon verbergen“, ſagte er lachend, nahm ein Büchschen aus ſeinem abge⸗ worfenen Rock hervor, trat damit vor den Spiegel und rieb ſich mit der ſchwarzen Farbe, welche daſſelbe ent⸗ hielt, das Geſicht, ſodaß es nach wenigen Augenblicken ebenſo ſchwarz war wie das der Sklavin ſelbſt. Dann rollte er ſein Beinkleid bis über die Kniee auf, ſodaß die weißen Strümpfe in den Frauenſchuhen, welche er trug, ſichtbar wurden. Sein lockiges ſchwarzes Haar ſtrich er nun zurück, ſetzte Suſanna's grauen Leinenhut auf, der vor ſeinem Geſichte weit vorſtand und deſſen Seiten in Falten bis auf ſeine Schultern herabhingen, ſodaß von ſeinem Antlitz wenig oder gar nichts zu ſehen war, und ließ ſich ſchließlich noch das große Wollentuch der Negerin umhängen. Indem er dann die ſchwarzen ledernen Hand⸗ ſchuhe anzog, drehte er ſich wohlgefällig vor dem Spie⸗ gel und ließ ſich durch die beiden Damen von allen Seiten beleuchten.„Suſanna, wie ſie leibt und lebt“, ſagte er lachend und machte dann einige Gänge auf und — —— „ ab durch das Zimmer, ſodaß Blancha und Madame Newberry ihn verwundert anſahen, denn er ging ebenſo wie Suſanna und ſeine ganze Erſcheinung war derſelben vollkommen gleich. Während dieſer Zeit fuhr der beſtellte Wagen vor das Haus. Mit einem halblauten„In Gottes Namen!“ warf Blancha ihren Shawl um, drückte die Hand der Freundin zum Abſchied gegen ihr Herz und wandte ſich der Thür zu, indem ſie zu Maec⸗Coor ſagte: „So laſſen Sie es uns wagen.“ „Nicht wagen, Fräulein, ſondern vollbringen. Mit meinem Leben verbürge ich es Ihnen“, antwortete Mac⸗Coor und trat zur Seite, um Blancha vorangehen zu laſſen. Madame Newberrh geleitete dieſelbe zu dem Wagen, wünſchte ihr dort mit einem Kuſſe noch des Himmels Segen und ſchloß dann den Schlag. Mac Coor hatte ſich neben den Kutſcher auf den Bock geſetzt und fort ging es eilig dem Gefängniſſe zu. Der Pförtner an dem Thore in der Mauer öffnete ſchon beim erſten Tone des heranrollenden Wagens die Pforte, beeilte ſich, als derſelbe anhielt, den Schlag zu öffnen, und verneigte ſich tief vor Blancha, als dieſe ausſtieg. Dann ſprang er raſch voran bis an die Pforte, ließ Blancha und ihre vermeintliche Dienerin eintreten und geleitete ſie dann bis an die Thür des Hauſes. Das Geräuſch des Wagens hatte auch dort den aufmerkſamen Thürwächter bereits hervorgelockt, und Blancha trat ohne allen Aufenthalt mit Mac⸗Coor hin⸗ ter ſich ein. So durchſchritten ſie auch die Thüren im erſten und zweiten Stock und wurden von Albert's Wärter nach deſſen Zelle geführt, wo dieſer mit einer Verneigung die Thür vor ihnen öffnete. Die Lampe brannte ſchon auf dem Tiſche und Albert trat mit dem Batiſttuch vor den Augen auf Blancha zu, als der Wär⸗ ter mit einem wehmüthigen Blick nach ihnen die Thür hinter ihnen ſchloß. „Gott der Allmächtige ſei gelobt!“ ſagte Blancha leiſe mit einem Athemzuge aus tiefſter Bruſt, ſank dem Geliebten in die Arme und barg die Thränen, welche die ſtürmiſche Aufregung ihr in die Augen drängte, an ſeiner Bruſt. Dann richtete ſie ſich auf, wandte ſich nach Mac⸗Coor um und ſagte: „Wie ſollen wir Ihnen jemals unſere Schuld ab⸗ tragen, wenn das Werk vollbracht ſein wird!“ Dabei trat ſie mit Albert nahe zu ihm hin, und beide reichten ihm aufs tiefſte ergriffen die Hand. „Ich laſſe mich ja dafür bezahlen, Fräulein“, ent⸗ gegnete Mac⸗Coor im Aufwallen ſeines beſſern Selbſt mit einem Ausdruck von Scham und ſetzte dann raſch noch hinzu:„Glauben Sie mir aber, ich würde für 2 . 7 Sie beide ganz daſſelbe gethan haben, wenn Sie nicht die Mittel beſeſſen hätten, mich zu erkaufen.“ „Soll Herr Randolph ſich aber nicht umziehen?“ fragte Blancha ungeduldig. „Nein, nicht eher, als Sie gehen wollen, und Sie müſſen ungefähr dieſelbe Zeit einhalten wie ge⸗ ſtern“, entgegnete Maec⸗Coor und fuhr dann zu Albert gewandt fort: „Sobald Sie ins Freie kommen, Herr Randolph, eilen Sie an dem Fluſſe hinauf bis nach deſſen erſter Biegung. Dort, wo die hohen Pappeln ſtehen, finden Sie ein Boot und einige meiner Freunde, welche Sie ſofort über den Fluß ſetzen werden. Einer derſelben wird Sie dann eine Meile am Waſſer hinauf zu einem Farmer, gleichfalls einem meiner Freunde führen, wo Sie Alles finden, was zu einem langen, ſehr ſcharfen Ritte erfor⸗ derlich iſt. Dort ruhen Sie ſich bis gegen Morgen, hof⸗ fentlich bin ich vor Tagesanbruch bei Ihnen. Sollte dies aber nicht der Fall ſein und es wird hell am Him⸗ mel, ſo brechen Sie auf, einer meiner Freunde wird Sie dann begleiten und Sie ſicher über den Sabinefluß nach Texas führen; dorthin reicht die Mörderhand unſerer Juſtiz nicht!“ „Wo ſoll ich Ihnen Ihren tauſendfach verdienten Lohn dann zahlen?“ fragte Blancha. „Ich werde von Texas aus, wohin ich ſelbſt Herrn Randolph begleiten will, an Sie ſchreiben, Fräulein; ehe derſelbe die Grenze überſchritten hat, habe ich noch keinen Anſpruch auf Belohnung“, antwortete Mac⸗Coor. † „Nein, Herr“ fiel ihm Blancha in das Wort.„So⸗ bald Herr Randolph dieſes Haus verlaſſen hat, können Sie über das Geld verfügen; ich trage es bei mir.“ „Nun denn, Fräulein, ſo würde ich Ihnen dankbar dafür ſein, wenn ich es in dieſer Nacht empfangen könnte, ehe ich die Stadt verlaſſe; es würde Ihnen aber Ihre Nachtruhe rauben.“ „Was iſt die Ruhe einer Nacht gegen den Dank, 3 den ich Ihnen ſchulde! Kommen Sie vor unſer Haus, ich ſelbſt werde Ihnen das Geld geben“ verſetzte Blancha ſehr bewegt. „Ich hoffe zwiſchen Mitternacht und ein Uhr bei Ihnen zu ſein. Das Lebewohl, welches ich dieſen Mauern zu ſagen habe, iſt ernſter als das des Herrn Randolph“, nahm Mae Coor wieder das Wort und gab Albert dann noch vielerlei Lehren, wie er ſich auf ſeiner Reiſe zu verhalten habe. Da klopfte es plötzlich an die Thür, alle drei fuhren zuſammen; Blancha aber behielt ihre Geiſtesgegenwart, ſchlang ihren Arm um Albert's Nacken, hob ihr Batiſttuch vor die Augen und wandte ſich wie in Verzweiflung von der Thür ab, während Mac Coor — —— 9 auf dem hölzernen Stuhle neben dem Eingange zuſam⸗ menſank und den Kopf neigte, als ſei er eingeſchlafen. Die Thür wurde aber nicht geöffnet, ſondern das Klo⸗ pfen nach einigen Augenblicken wiederholt, worauf Albert mit dem Tuch vor den Augen und wie vom Schmerz gebückt an dieſelbe trat und ſie öffnete. Der Wärter ſtand draußen und ſagte höflich:„Sollten Sie meiner bedürfen, ſo bitte ich, daß Fräulein Dandon nur die Gewogenheit haben möchte, an die Treppe zu gehen und dort die Schelle zu ziehen. Ich muß mich auf einige Minuten in den erſten Stock verfügen.“ „Ach nein, wir bedürfen Ihrer Dienſte ja nicht frü⸗ her, als wenn Fräulein Dandon mich verlaſſen will, und eine halbe Stunde darf ſie mir doch wohl noch ſchen⸗ ken“ ſagte Albert mit betrübtem Tone. „Solange Sie wollen, Herr Randolph“ entgegnete der Wärter;„es ſoll Sie Niemand ſtören.“ Dann eilte er davon und Albert machte die Thür zu. „Nun raſch, jetzt iſt es Zeit“, ſagte Mac⸗Coor auf⸗ ſpringend, warf Hut, Tuch und Kleid von ſich und löſte den Strick von ſeinen Hüften, den er ſchnell in dem Bette verſteckte. Während Blancha mit großer Eile Albert das Kleid ihrer Negerin anzog, ſchlüpfte Mac⸗Coor in deſſen abgeworfenen Rock, ließ ſeine Beinkleider wieder herunter — —— und trat in Albert's Pantoffeln, indem er dieſem ſeine Frauenſchuhe hinſchob. Die Anzüge waren in wenigen Minuten gewechſelt, Mae⸗Coor hatte ſich ebenſo ſchnell das Geſicht wieder weiß geputzt, nahm dann das Büchs⸗ chen zur Hand und färbte Albert das Geſicht raben⸗ ſchwarz. Der Leinenhut wurde dieſem aufgeſetzt, das Tuch umgehangen, und er war zur Flucht bereit. Mac⸗ Coor hatte einige kleine eiſerne Sägen und eine Anzahl feiner Stahlblätter aus ſeiner Taſche hervorgenommen und ſie bei dem Stricke im Bette verborgen, dann bat er Blancha, ſich zum Aufbruch bereit zu machen und trat nun an die Thür, öffnete ſie ein wenig und lauſchte in den Corridor hinaus. „Sobald der Mann kommt, müſſen Sie gehen“, ſagte er und hielt ſein Ohr an die Thürſpalte, doch hatte er ſich kaum hingebeugt, als er zurückſprang und flüſternd rief: „Fort, fort! Er kommt.“ Dann verkleinerte er die Flamme in der Lampe, nahm ſein Batiſttuch in die Hand und warf ſich in derſel⸗ ben Weiſe, wie Albert es zu thun pflegte, auf das Bett. Blancha aber öffnete langſam die Thür und trat hinaus in den Corridor dem heranſchreitenden Wärter entgegen, während Albert in Suſanna's Kleidern ihr auf dem Fuße folgte. 11 „Ich danke Ihnen, Herr“, ſagte Blancha an der Treppe zu dem Wärter und ließ das Gold freigebig in ſeine Hand fallen, worauf dieſer ſie bis zu ſeinem Col⸗ legen im erſten Stock begleitete, der ſie wiederum dem Thürſchließer des Hauſes überantwortete. In dem Augenblick, als ſie mit Albert in den Hof hinaustrat und noch das Licht aus der offenen Thür auf ſie fiel, ſchritt der Wachtpoſten heran und blieb, ſie beide muſternd, ſtehen. Blancha erbebte, es lief ihr eis⸗ kalt durch die Glieder, dennoch verließ ſie ihr Muth nicht, ſie wandte ſich im Vorwärtsſchreiten zu Albert um und ſagte mit lauter Stimme: „Laß uns eilen, Suſanna, es iſt ſchon ſpät“, worauf Albert nahe hinter ſie ſchritt und die Ent⸗ fernung von der neugierigen Schildwache ſchnell ver⸗ größerte. Der Thorwächter harrte ihrer bereitz an dem Pfört⸗ chen, Blancha konnte, als ſie ihm das Gold in die Hand legte, kaum noch die Worte:„Ich danke Ihnen, Herr!“ hervorſtammeln, denn noch ein Schritt weiter und der Geliebte ihrer Seele war gerettet. Und ſchnell war dieſer Schritt gethan, die Pforte ſchloß ſich und Blancha warf ſich Albert in die Arme. „Halte mich aufrecht, Albert, ich ſinke zuſammen“, ſagte ſie erſchrocken, die Machtloſigkeit fühlend, die ſie 12 plötzlich überkam, doch Albert hielt ſie feſt umſchlungen und flüſterte ihr zu: „Ich trage Dich von hier, Blancha!“ „Nein, nein, Albert, es geht ſchon vorüber. Gott Lob, es war nur die Aufregung“, verſetzte ſie und holte, ſich emporrichtend, tief Athem. Dann that ſie mühſam und wankend einige Schritte vorwärts, ſtützte ſich feſt auf den Arm des Geliebten und gewann nach wenigen Minuten ihre Kräfte wieder. Sie beeilte ihre Schritte immer mehr, und immer weiter blieb die ſchwarze Maſſe des Gefängniſſes hinter den Fliehenden in der Dunkelheit zurück, aber nicht nach der Stadt lenkten ſie ihre eiligen Tritte, ſie folgten einem Nebenweg, der um dieſelbe führte und in die Straße am Fluſſe hinauf ausmündete. Ohne Raſt eilten ſie vor⸗ wärts, erreichten den Wald und gelangten auf dem Wege durch denſelben bis nahe an die Straße, dorthin, wo Harrh mit der Mulattin ſich an jenem verhängnißvollen Abend hinter den Büſchen verbarg, als Albert und Blancha luſtwandelnd vor ihnen vorübergingen. Hier hemmte Blancha plötzlich ihre Schritte und öffnete dem Geliebten ihre Arme, der ſie auf dem Wege bis hierher wiederholt, aber vergeblich aufzuhalten geſucht hatte, um dem Gefühl ſeines Herzens Ausdruck zu geben. Jetzt aber warf er ſich vor ihr nieder, umklammerte x — — ihre Kniee und ſtammelte Dank zu ihr auf, doch Blancha zog ihn an ihr Herz empor und erſtickte ſeine Worte mit ihren Küſſen. In dem beſeligenden Gefühl, das gräßliche Verhängniß abgewehrt, das Schickſal überwunden zu ha⸗ ben, floſſen ihre Thränen zuſammen, und lange Zeit fehlten ihnen die Worte, ihr Glück ausſprechen zu können; dann aber dankten ſie dem Allmächtigen laut und aus tiefſter Seele für ſeine Gnade und flehten ihn um ſeinen fernern Beiſtand an. Nahe hinter dem Glücke aber, dem ſie ſich für den Augenblick hingaben, ſtand die Trennung für lange unbeſtimmte Zeit, und ſo ſehr ſie den Gedanken daran auch von ſich abwehrten, ſo drängte er ſich ihnen doch von Minute zu Minute mehr auf. Nur Worte der Liebe, der Treue kamen von ihren Lippen, und wieder und wieder verſicherte Blancha dem Gelieb⸗ ten, die Seinige werden zu wollen, ſobald es ihr die Rückſichten gegen ihren Vater geſtatten würden. Da tönten die gleichmäßigen Ruderſchläge von einem unweit des Ufers auf dem Fluſſe hinabfahrenden Boote zu den Ohren der Liebenden und mahnten ſie daran, daß die Freunde Maec⸗Coor's auf die Ankunft Albert's war⸗ teten, um ihn über den Strom zu ſetzen. „Ach, Albert, wir müſſen ſcheiden!“ hob Blancha an und ſchaute nach der dunkeln Flut hinüber, in der ſich die hellfunkelnden Sterne ſpiegelten.„Ehe wir aber 14 ſcheiden, habe ich noch eine Bitte an Dich, Geliebter, die Du mir gewähren mußt.“ Bei dieſen Worten zog Blancha zwei Paquete aus ihrem Kleide hervor und fuhr fort: „In dieſem Papier befinden ſich tauſend Dollars in Banknoten von kleinen Beträgen, die Du während Dei⸗ ner Reiſe benutzen willſt.“ „Aber, beſte Blancha, ſo viel Geld werde ich nicht gebrauchen, wenn ich auch ein Darlehn von einigen hundert Dollars von Dir annehmen muß“, fiel ihr Al— bert ſchnell in das Wort und weigerte ſich, ihr das Pa⸗ pier abzunehmen. „Nein, nein, Albert, weiſe mich nicht damit zurück; Du mußt und ſollſt es nehmen. Wer weiß, wie nöthig Du es in der einen oder andern Weiſe brauchen könn⸗ teſt, um die Landesgrenze ſicher zu erreichen.“ Dabei zwang ſie es ihm in die Hand hinein und ließ ſeine Gegenrede durchaus nicht aufkommen. Nachdem Albert ſich endlich ihrem Willen gefügt und das Paquet auf ſeiner Bruſt verborgen hatte, nahm Blancha abermals das Wort und ſagte: „Das Geld, welches Du meinem Vater gerettet haſt und welches er mir zum Geſchenk machte, iſt Dein Eigenthum, Albert, und Du mußt den Reſt, den ich noch davon beſitze, von mir annehmen. Es ſind noch 15 neuntauſend Dollars, die ich in dieſes Papier eingeſie⸗ gelt habe.“— Hiermit ergriff Blancha die Hand Albert's und wollte ihm das Paquet hineinlegen, er aber zog ſie ſchnell zurück und ſagte mit mildem bittendem Ton: „Unter keiner Bedingung, Blancha; muthe mir das nicht zu, es würde mich in meiner eigenen Achtung herabſetzen.“ Dann aber ſchloß er ſie heiß und innig wieder an ſein Herz, als wolle er durch Liebkoſungen ſich ihre Ver⸗ zeihung dafür erbitten, daß er ihr einen Wunſch nicht gewährt habe. Wieder vergaßen ſie in ihrem beſeligenden Zu⸗ ſammenſein die Gefahr, die ja immer noch drohend über Albert's Haupt ſchwebte, bis ſie abermals durch die Ru⸗ derſchläge vorüberfahrender Schiffer an den Abſchied ge. mahnt wurden. „Laß uns nach Deinem Boote gehen, Albert, damit Du über den Strom kommſt, dort biſt Du ſchon der Gefahr ferner als auf dieſem Ufer“, ſagte Blancha wie erſchrocken über ihr eigenes Zögern, ſchlang ihren Arm in den ſeinigen und eilte nun auf der Straße der nahen Biegung des Fluſſes zu, wo die hohen dunkeln Säulen der Pappeln den Landungsplatz der harrenden Freunde bezeichneten. Kaum traten ſie von der Straße ab der 16 Landſpitze zu, als eine Mannsgeſtalt ſich über das Ufer erhob und ihnen entgegentrat. „Glück auf, Herr Randolph!“ ſagte der Mann in heiterem Tone„Wir fingen an beſorgt zu werden, daß gegen alles Erwarten die Sache verkehrt gegangen ſein möchte. Wenn nur auch Mac⸗Coor glücklich durchkommt! Ich will vorangehen und Ihnen den Weg zeigen.“ Hiermit ſchritt der Mann auf dem Graſe hin bis an den Uferabhang, unter welchem das Schiff ſich ſchau⸗ kelte, und dort rief er einem ſeiner Kameraden zu, den Rock und den Hut für Herrn Randolph heraufzubringen. Dann wandte er ſich zu Blancha und ſagte: „Dieſer Mann, Fräulein, wird Sie nach der Stadt zurückbegleiten; Mac⸗Coor hat ihn damit beauftragt.“ Gleich darauf ſprang ein junger Burſche auf das Ufer, reichte Albert, der ſchnell die Frauentracht von ſich warf, einen Rock und einen Hut, nahm dann die abge⸗ legte Kleidung vom Boden auf und ſtellte Blancha ſeine Dienſte zur Verfügung. „Wenn es nun gefällig iſt, Herr Randolph, ſo wollen wir fahren, denn wir müſſen wieder hierher zu— rückkommen, um Mac-Coor überzuſetzen, und er dürfte leicht in größerer Eile hier erſcheinen als Sie. Der Strom iſt ſtark und die Fahrt wird viel Zeit ko. ſten“, ſagte der Mann von vorher zu Albert, wäh⸗ 17 rend dieſer eben ſein letztes, herzzerreißendes Lebewohl an Blancha gab. Es war ein ſchwerer Abſchied und den⸗ noch ein beglückender, denn es war ein Abſchied an den Tod bei Rückkehr in das Leben. Trennen aber konnten die Liebenden ſich immer noch nicht, bis der Mann aus dem Boote heraufrief:„Herr Randolph, es iſt die höchſte Zeit!“ worauf dieſer noch einmal die Geliebte an ſein Herz preßte und dann vom Ufer hinab in den Nachen ſprang. „Lebe wohl!“ tönte es zwiſchen den eiligen Ruder⸗ ſchlägen von der dunkeln Flut herauf und„Lebe wohl!“ antwortete Blancha mit bebenden Lippen und ſtreckte ihre Arme weit über den Abhang hinaus dem Schiffchen nach, das wie ein ſchwarzer Punkt über die dahinja⸗ genden finſtern Wogen zu fliegen ſchien. Das Auge ver⸗ lor bald den letzten Haltpunkt an dem fliehenden Ge⸗ liebten, doch Blancha's Ohr lauſchte noch lange dem einförmigen Ton der Ruder, und erſt als deren letzter Klang auf der weiten Waſſerfläche in der Ferne ſich verlor, trat ſie in ſtummem Dankgebet zu dem Allmäch⸗ tigen, von dem fremden Manne gefolgt, den Heimweg an. Bald nachdem Blancha mit Albert das Gefängniß verlaſſen hatte, kehrte der Wärter nach der Zelle des Verurtheilten zurück und ſagte, indem er ſich der Thür nahte, halblaut vor ſich hin: Armand, Saat und Ernte. UII. 2 18 „Das arme Mädchen! Mit all ihrem vielen Gelde kann ſie doch ſein Leben nicht retten. Hinge es von mir allein ab, ich machte ihn frei; dann aber müßte es Gold regnen!“ Als er die Thür öffnete, fand ſein Blick den ver⸗ meinten Randolph wieder in Verzweiflung auf ſein Lager hingeſtreckt, den Kopf in dem Kiſſen vergraben und mit dem weißen Tuche auf dem Geſichte. Der Wärter trat leiſe auf, als wolle er ihn in ſeinem Schmerze nicht noch mehr durch ſeinen Tritt an ſeine Lage erinnern. Er beſorgte ſchnell und geräuſchlos, was ihm oblag, blickte dann noch einmal nach dem Unglück⸗ lichen zurück, dachte daran, daß die freigebige Dame nur noch wenige Beſuche hier machen könne, und verließ die Zelle. Kaum war der Schlüſſel aus dem ſtarken Thür⸗ ſchloß gezogen, als Mac⸗Coor ſchon an dem Fenſter ſtand, daſſelbe leiſe öffnete und die vier ſtarken Eiſen⸗ ſtäbe vor demſelben befühlte. Dann trug er ebenſo ge⸗ räuſchlos die Bank unter das Fenſter, ſtellte ſich auf dieſelbe und ſtieg auf die Brüſtung, um mit dem Kopf bis oben in die Heffnung zu gelangen und dadurch ſich einen Blick in den Hof zu verſchaffen. Er ſchien mit den Ergebniſſen ſeiner Unterſuchungen vollſtändig zufrie⸗ den zu ſein, ging nach dem Bett zurück und nahm eine der kleinen eiſernen Sägen, die er darin ver⸗ 19 ſteckt hatte, aus demſelben hervor. Dann ſtellte er den hölzernen Stuhl an den Tiſch, ſetzte ſich an dieſem nieder und prüfte das feine Stahlblatt der Säge, wel⸗ ches aus einer Uhrfeder gemacht zu ſein ſchien. Auch hiermit war er zufrieden, denn er legte das Werkzeug auf den Tiſch, ſchlug das eine Bein über, fal⸗ tete ſeine Hände vor dem Knie und ſchwenkte ſeinen Fuß wie in gemüthlichem Gedankenſpiele auf und nie⸗ der. Nachdem er ſo eine Zeit lang ſinnend dageſeſſen hatte, zog er eine prächtige goldene Uhr aus der Taſche, ſah nach der Stunde, gähnte einigemal und begab ſich dann nach dem Bett zurück, auf dem er ſich der Länge nach ausſtreckte. Es war erſt neun Uhr und er konnte noch zwei Stunden ſchlafen, denn vor elf Uhr durfte er nichts be⸗ ginnen. Das Licht in der Lampe hatte er auch ſehr klein gemacht und ſo ſchloß er ſo unbekümmert, als ruhe er zu Hauſe in ſeinem eigenen Bett, die Augen und ſchlief bald ein. Sein wachſamer Geiſt aber ließ ihn nicht eine Mi⸗ nute zu lange ruhen; es war, als hätte derſelbe über ihn gewacht und die Stunden gezählt, denn die Glocke in der Stadt hatte die elfte Stunde noch nicht ausgeſchlagen, als Mac⸗Coor plötzlich die Augen aufthat und mit leich⸗ tem Schwunge aus dem Bette ſprang. Er blieb in der 20 Mitte des Zimmers ſtehen, ſah auf ſeine Uhr, lauſchte eine Zeit lang ſcharf und ſtieg dann, nachdem er die Lampe unter den Stuhl geſetzt und die Bettdecke dar⸗ über gehangen hatte, auf die Bank, von wo er hinter den Eiſenſtäben zum Fenſter hinaus in den Hof blickte. 3 Alles war ruhig und ſtumm, und nur von dem Fluſſe her wurde die Stille manchmal durch den krächzenden Schrei eines Reihers oder eines Waſſerraben unterbro⸗ chen. Mac-Coor ſtieg nun auf die Fenſterbrüſtung, um 3 den Hof näher nach dem Hauſe hin überſchauen zu kön. nen. Hier ſtand er lange Zeit, unbeweglich hinabblickend; da ſchritt der Wachtpoſten mit der Büchſe auf der Schul⸗ 1 ter langſam unter dem Fenſter hin und verſchwand dann an der Seite des Gebäudes. Schnell glitt Mae⸗Coor hinab nach dem Tiſche, ergriff die eiſerne Säge und kehrte an das Fenſter auf die Bank zurück, wo er das ſcharfe Werkzeug in der Mitte der einen Eiſenſtange anſetzte und es dann mit Blitzesſchnelle hin und her bewegte. Die Zähne der Säge waren ſo fein, daß ihr Einſchneiden in die Eiſenſtange kaum zu hören war, dennoch hielt Mac⸗Coor von Zeit zu Zeit in ſeiner Ar⸗ beit inne, um auf den Tritt des Wachtpoſtens zu lau⸗ ſchen. Sobald derſelbe an dieſer hintern Seite des Ge⸗ fängniſſes erſchien, ſetzte ſich Mac⸗Coor auf die Fenſter⸗ bank, ſah lächelnd zu ihm hinab, bis er wieder um die 21 Ecke geſchritten war, und begann dann eilig abermals ſeine Arbeit. Noch vor Ablauf einer halben Stunde hatte er die Eiſenſtange durchſchnitten und begab ſich zu der Lampe, bei deren Licht er ein neues Stahlblatt in die Säge ein⸗ ſchraubte. Mit gleicher Anſtrengung und Vorſicht begann er nun den zweiten Schnitt am Fuße der Eiſenſtange, vollbrachte ihn in noch kürzerer Zeit als den erſten und legte das herausgeſchnittene Stück geräuſchlos auf den Fußboden nieder. Die Oeffnung zwiſchen den Stangen war jetzt vollkommen groß genug für Mac⸗Coor, um durch dieſelbe ſeine Flucht zu bewerkſtelligen, ehe er ſie jedoch antreten durfte, mußten ihm ſeine Freunde ihre Nähe anzeigen, denn ohne ihren Beiſtand konnte er die hohe Mauer, die den Hof umgab, nicht überſteigen. Mitternacht war die für ihr Erſcheinen verabredete Zeit, und zum Zeichen ihrer Gegenwart ſollte der wieder⸗ holte Ruf einer Eule dienen. Es hatte noch nicht zwölf geſchlagen, als Mac⸗Coor das lange Seil aus dem Bette hervorholte, deſſen Ende löſte und es an einem der Eiſen⸗ ſtäbe im Fenſter befeſtigte, worauf er ſich auf die Brü⸗ ſtung ſetzte und nach der Mauer hinüberſchaute. Die Nacht war ſternhell und geſtattete dem Auge, ziemlich weithin Gegenſtände zu erkennen, Mac⸗Coor konnte aber noch nichts von ſeinen Freunden auf der Mauer bemerken. Eben war der Wachtpoſten wieder unter dem 22 Fenſter vorübergeſchritten, da ſchlug es zwölf, und gleich nach dem letzten Glockenſchlage ertönte von der Mauer her der wimmernde Ruf einer Eule. Zugleich ſah Mae⸗ Coor jetzt einen dunkeln Punkt ſich über die Mauer er⸗ heben und wieder verſchwinden, während der Eulenruf noch einigemal wiederholt wurde. Jetzt war die Zeit zur Flucht gekommen, nur mußte der Poſten noch ein⸗ mal vorübergehen. Mac⸗Coor lag zum Fenſter hinaus gebeugt und ſpähte nach der Seite des Hauſes hin, wo derſelbe wie⸗ der erſcheinen mußte, und berechnete zugleich die Zeit, welche dieſer zu ſeinem Rundmarſche bedurfte, um zu ermeſſen, ob er während derſelben ſeine Flucht ohne Schwierigkeit ausführen könne. Da trat der Mann mit der Büchſe links neben dem Gebäude hervor. Obgleich derſelbe diesmal ſeinen Weg ſehr ſchnell zurückgelegt hatte, wollte Mac⸗Coor dennoch die Flucht wagen. Er hielt den loſe aufgerollten Strick in der Hand, und kaum war der Poſten rechts um die Ecke getreten, ſo ließ Mac⸗Coor das Seil aus dem Fenſter hinabfallen. Unglücklicherweiſe aber hatte ſich daſſelbe verſchlungen und erreichte nicht mit ſeinem Ende den Boden. Mac⸗ Coor zog es haſtig wieder zu ſich herauf, löſte den ver⸗ ſchlungenen Theil mit möglichſter Eile und ließ es wieder in den Hof hinabfallen. Dann zog er ſchnell ein Paar 23 dicke wildlederne Handſchuhe an, die wie der Strick ſelbſt mit Colophonium beſtrichen waren, trat aus dem Fenſter hinaus, erfaßte das Seil mit beiden Händen und ließ ſich an demſelben in den Hof hinabgleiten. Mit den Füßen den Boden berührend, ſprang er von dem Hauſe weg und lief mit Sturmeseile über den weiten Hof der Mauer zu, auf welcher jetzt vier Mannsgeſtalten ſich hoch erhoben und ihm die Richtung bezeichneten, die er zu nehmen hatte. Kaum aber war er einige zwanzig Schritte vom Gefängniſſe entfernt, als ein Büchſenſchuß hinter ihm krachte und er, ſich umſchauend, den Poſten erkannte, der fliegenden Laufs hinter ihm herſtürmte. Alle Muskeln, alle Sehnen Mac⸗Coor's waren zum gerreißen geſpannt, wie ein Blitz ſchoß er vorwärts der Mauer zu zog aber im Dahineilen eine Piſtole und einen Dolch aus ſeinem Gürtel. Der Wachtpoſten, ein großer ſchlanker junger Mann, kam ihm indeß näher und näher, und als Mac⸗Coor die letzten Sprünge nach der Mauer thun wollte, hatte ihn ſein Verfolger bis auf wenige Schritte erreicht. „Zurück, bei Ihrem Leben!“ ſchrie Mac⸗Coor ihm zu und wandte ſich von der Mauer mit gehobener Pi⸗ ſtole nach ihm um, im ſelbigen Augenblicke blitzte es aber von der Mauer herab und mit dem Knall des dort abgefeuerten Gewehrs ſtürzte der Poſten zuſammen. 24 „Schnell, Mac.Coor, hier iſt die Leiter!“ riefen ſeine Freunde von oben ihm zu; er erfaßte die Strick. leiter, ſchwang ſich auf die Mauer und war wenige Mi⸗ nuten ſpäter, von ſeinen Freunden umgeben, im Freien. Blancha ſaß am offenen Fenſter und ſchaute mit thränenfeuchten Augen zu den Sternen auf; es waren aber Glücksthränen, die ihnen entquollen, Thränen des Dankes, den ſie in ſtillem Gebet zum Himmel ſandte, Es war ihr ſo leicht, ſo wohl um das Herz, als ſei ihr eine erdrückende Laſt von demſelben genommen, und tief athmete ſie auf als athme ſie die Freiheit des Ge⸗ liebten. Da fiel ein Schuß, Blancha fuhr zuſammen, der Schall kam in der Richtung von dem Gefängniſſe her. „Gott beſchütze Mac⸗Coor, er hat ſein Leben, ſeine Freiheit für Albert eingeſetzt“ ſagte ſie halblaut und faltete zum Himmel aufblickend die Hände vor ihrer Bruſt. Da krachte ein zweiter Schuß von dem Gefäng⸗ niſſe her durch die ſtille Nacht. „O Gott, ſei ihm gnädig, er hat eine gute That gethan!“ flehte Blancha wieder und ſah lauſchend nach der Gegend hin, wo das Gefängniß ſtand. Alles blieb aber jetzt ſtill und nur Trink. und Wirthshausgäſte be⸗ lebten noch von Zeit zu Zeit die Straßen. Blancha hatte ſich wieder am Fenſter niedergelaſſen und ſpähte immer unruhiger, immer beſorgter auf den 25 Platz hinab. Da ſah ſie aus der Straße gegenüber drei Männer eilig heranſchreiten, von denen zwei in der Mitte des Platzes ſtehen blieben, während der dritte auf ihr Haus zukam. Es war Mac⸗Coor; Blancha erkannte ihn trotz des matten Lichts, welches die Laternen ver⸗ breiteten. Sie ſprang vom Fenſter weg zum Zimmer hinaus und öffnete nach wenigen Augenblicken die Thür des Hauſes. Sie hatte ſich nicht getäuſcht, der Retter ihres Albert trat ihr mit den Worten entgegen: „Das Glück iſt mir günſtig geweſen, Fräulein, und nun, da ich Herrn Randolph ſelbſt begleiten kann, darf ich Ihnen für ſeine Sicherheit einſtehen. Dennoch würde ich Sie nicht gebeten haben—“ „Es iſt mein eigener Wunſch, Herr Mac Coor, Ihnen dieſen kleinen Theil meiner großen Schuld jetzt abzutragen. Hier iſt das Geld, nehmen Sie es mit mei⸗ nem endloſen Dank“, fiel ihm Blancha ins Wort und reichte ihm ein verſiegeltes Papier. Dann, nachdem Mac-Coor daſſelbe in ſeinem Rock verborgen hatte, er⸗ griff ſie bewegt ſeine Hand und ſagte: „Schützen Sie meinen Albert, mein Gebet wird Sie begleiten und mein Dank wird Ihnen ewig ge⸗ hören.“ „Mit meinem eigenen Leben will ich es thun, ſeien Sie unbeſorgt, Fräulein“ entgegnete Mac Coor tief er⸗ 26 griffen, nahm dann ein Papier aus der Taſche hervor und reichte es Blancha mit den Worten hin: „Hier, Fräulein, haben Sie eine Abſchrift von einem Schreiben, welches ich in der Zelle des Herrn Randolph zurückgelaſſen habe; es wird zu Ihrer Sicherheit dienen.“ Während Blancha daſſelbe erſtaunt entgegennahm fuhr er raſch fort: „Jetzt muß ich eilen, die Minuten ſind mir koſtbar. Leben Sie wohl, Fräulein, und nehmen Sie das Ver⸗ ſprechen von mir, daß Mac⸗Coor nie wieder eine ſchlechte That begehen wird.“ Blancha wollte ihm antworten, er aber ſprang von ihr hinweg zu ſeinen beiden Gefährten und verſchwand mit ihnen in der nächſten Straße. Blancha eilte nun in ihr Zimmer zurück und las dort auf dem Papier, wel⸗ ches ihr Mac⸗Coor gegeben hatte: „Ich, Charles Mac⸗Coor, erkläre hiermit, daß ich mich in die Zelle des Herrn Randolph eingeſchlichen und ihn befreit habe. Er war unſchuldig; die beiden Zeugen, auf deren Ausſagen er verurtheilt wurde, waren durch den Advocaten Hanley, der mich ſelbſt zu dieſem falſchen Zeugniß dingen wollte, erkauft.“ Die Kunde von Albert's Flucht verſetzte am fol⸗ genden Morgen die Einwohnerſchaft von Natchez in große Aufregung; allenthalben traten die Leute zuſammen, um 27 das Nähere darüber zu erfahren, und die Freunde ſo⸗ wie die Feinde Albert's waren geſchäftig bemüht, die Aufregung zu ſeinen Gunſten oder zu ſeinem Nachtheil zu benutzen. Die ſchriftliche Erklärung Mac-Coor's aber, welche in der Zelle auf dem Tiſche vorgefunden worden und deren Inhalt man an allen Straßenecken anſchlug, wurde eine mächtige Waffe in den Händen von Albert's Freunden, und wenn es dem alten Portman auch nicht gelang, den darin verdächtigten Advocaten Hanley ſei⸗ tens des Gerichts gefänglich einziehen zu laſſen, ſo be⸗ gannen doch Viele, welche von Albert's Schuld überzeugt geweſen waren, jetzt daran zu zweifeln. Das Gericht ſelbſt that ſeine Schuldigkeit und ſandte am frühen Morgen in allen Richtungen Kundſchafter aus, um die Spur des Flüchtigen ſowie die ſeines Retters ausfin⸗ dig zu machen.. Zweites Kapitel. Harry Williams lebte während dieſer Zeit als ein allgemein hochgeachteter, ſehr angeſehener Mann auf ſeiner reizenden Plantage am Bernardfluſſe und die ſchöne Mulattin Luch, welche die Männerkleidung wieder gegen die Frauentracht umgetauſcht hatte, führte ihm den Haushalt. In ihrer Stellung ihm gegenüber war nicht viel geändert, denn wenn ſie auch nach dem Ge⸗ ſetze des Landes ebenſo frei war wie ein weißer Menſch, ſo blieb ſie doch in der That Harry's Sklavin und wurde von Jedermann als ſolche angeſehen. Ihr eigenes Benehmen aber gab hierzu die Hauptveranlaſ⸗ ſung, denn ſie nannte Harry vor den Leuten nie anders als ihren Herrn, trat immer nur als deſſen Dienerin auf und vermied es, ſich in der Gegenwart von Weißen nie⸗ derzuſetzen. Sie that dies aber nicht etwa in dem ſtlaviſchen Gefühl ihres eigenen geringen Werths, ſon 29 dern ſie that es aus Liebe zu Harry, um Alles zu ver⸗ meiden, was ihm nur die kleinſte Unannehmlichkeit oder Verlegenheit hätte bereiten können. Ihr Glück war vollkommen und ſie hatte keinen Wunſch mehr, als ſich dieſes ihr Glück zu erhalten. Sie liebte Harry grenzenlos und unbedingt, und nichts in der Welt wäre im Stande geweſen, ihrer Liebe für ihn den mindeſten Abbruch zu thun. So weit Harry's Selbſtſucht es erlaubte, liebte er auch ſie eben ihrer Liebe wegen und weil ſie ihm jeden Gedanken abzulauſchen ſuchte, um Alles ſo zu thun, ſo einzurichten, wie er es gern hatte. Ihre vielen Fä. higkeiten, namentlich ihre Kochkunſt, kamen ihr in dieſem Beſtreben ſehr zu Hülfe, und die Reize ihrer ungewöhn⸗ lichen Schönheit hielten ſeine Aufmerkſamkeit auf ihr Thun und Treiben gerichtet. In ſeinem Hauſe herrſchte die größte Ordnung und Reinlichkeit, ſeine Zimmer wa⸗ ren an jedem Morgen mit friſchen Blumen geſchmückt, und mit der größten Sorgfalt überwachte Luch die Thü⸗ ren, Fenſter und Jalouſien, um ſie ſtets zur rechten Zeit zu öffnen oder zu ſchließen und dadurch immer die Luft in den Gemächern friſch und kühl zu erhalten. Kam Harry abends von einem Ritt nach Hauſe, ſo brachte ihm Luch den leichten luftigen Schlafrock und die Pan⸗ toffeln, und wenn ſie ihm dann das Abendbrod gereicht 30 hatte und er ſich in dem Schaukelſtuhl vor dem Flacker⸗ feuer im Kamin niederſetzte, ſank ſie vor ihm auf den Fußboden hin, unterhielt ſich, mit ihren wonneſtrahlen⸗ den Augen zu ihm aufſchauend, mit ihm oder legte glück durchbebt ihr ſchönes Haupt auf ſeine Kniee und ließ ihn mit der Pracht ihrer glänzenden ſchwarzen Locken ſpie⸗ len. War er verſtimmt und ernſt, ſo nahte ſie ſich ihm ſehr vorſichtig und ſuchte durch ihren ſeelenvollen Blick, durch ein theilnehmendes herzliches Wort die Schatten von ſeiner Stirn zu verſcheuchen und ließ dann erſt ihren liebeglühenden Gefühlen freien Lauf. Ihr häuslicher Kreis war ihr irdiſcher Himmel, den ſie niemals verließ. Harry dagegen war ſehr oft vom Hauſe entfernt, denn er war eine Hauptperſönlichkeit in der politiſchen Welt. Sein Ziel, Texas von Mexico getrennt und als ſelbſtſtändige Republik oder als Staat der Vereinigten Staaten zu ſehen, hatte er nie einen Moment aus den Augen verloren und raſtlos hatte er unter der ame⸗ rikaniſchen Bevölkerung gearbeitet, ſowie keine Koſten geſcheut, um ſeine Anſichten, ſeine Wünſche zu allgemei⸗ nen zu machen. Die Unzufriedenheit der Texaner mit der Centralregierung in Mexico, welche unter dem durch Santa⸗Anna geſtürzten Präſidenten Buſtamente ſchon ſo ſehr groß geweſen war, hatte ſich nach Vereitlung der hochfliegenden Hoffnungen, die man in Santa⸗Anna 31 ſetzte, allgemein noch ſehr geſteigert, und deſſen wort⸗ brüchiges, grauſames Verfahren gegen den texaniſchen Abgeſandten Auſtin hatte in allen Theilen des Landes Stimmen dafür laut werden laſſen, daß man ſich von Mexico trennen müſſe. Die endliche Freilaſſung Auſtin s und deſſen Rückkehr nach Texas hatten allerdings viel zur augenblicklichen Beruhigung der Gemüther beigetra⸗ gen, dennoch blieb der Ausſpruch allgemein, daß es ſo, wie es ſei, nicht bleiben könne, nicht bleiben ſolle. Wie es aber werden müſſe, darüber waren die Anſichten noch verſchieden, und es hatten ſich zwei Parteien gebildet, von denen die eine für Verbleiben in dem meicaniſchen Staatenverband, die andere für Austritt aus demſelben und für das Erheben von Texas zu einer ſelbſtſtändigen Republik ſtimmte. Der Führer der erſten Partei war General Houſton, ein von der Natur zu einer der bedeutendſten Perſön⸗ lichkeiten ſeiner Zeit beſtimmter Mann. Er glaubte nicht, daß ſchon der Zeitpunkt für Texas gekommen ſei, um ein gewaltſames Losreißen von Mexico wagen zu dür⸗ fen, und verlangte nur Sicherſtellung der Conſtitution von 1824, wonach es Texas frei ſtand, ſich von Coahuila zu trennen und einen ſelbſtſtändigen mexicaniſchen Staat zu bilden. Die andere Partei wurde von Harry Williams ge⸗* 32 führt, der durchaus keine Beziehung zu Mexico mehr gelten laſſen wollte und im Guten oder mit Gewalt der Waffen die ſelbſtſtändige Republik verlangte. Er erhielt in dem aus ſeiner unerhörten Gefangenſchaft zurückge⸗ kehrten Oberſt Stephan Auſtin einen mächtigen Ver⸗ bündeten, und wenn auch die Zahl ſeiner Anhänger noch die kleinere war, ſo vergrößerte ſie ſich doch von Tag zu Tag, denn die Regierung in Mexico ſandte un⸗ ermüdlich immer neue Laſten neue Ungerechtigkeiten, neue Gewaltthaten über Texas. Alle Amerikaner waren aus dem Staatsdienſte entfernt und ihre Stellen durch die verhaßteſten Mexicaner beſetzt worden, neue Abgaben wurden ausgeſchrieben, Erpreſſungen für das geſetzliche Anerkennen von Landberechtigungen wurden gemacht und der Handel in jeder erdenklichen Weiſe erſchwert und gehemnit. Je mehr die eingewanderten Amerikaner ihre Un⸗ zufriedenheit gegen ſolchen Druck laut werden ließen, je mehr Widerſetzlichkeit ſie den mexicaniſchen Behörden zeigten, um ſo ſchärfer, um ſo gewaltſamer traten dieſel⸗ ben auf und um ſo zahlreicher wurden die mkxicaniſchen Beſatzungen im Lande. Die Geldſtrafen, welche über der⸗ artige Verbrecher verhängt und mit Gewalt bon ihnen einkaſſirt wurden, waren ungeheuer, und einzeln hatte man auch ſchon ſolche Miſſethäter nach Mexico abge⸗ — 33 führt und ſie zu langjähriger Arbeit in den Bergwerken verdammt. Namentlich in der Gegend, wo Harry Williams wohnte, war die Unzufriedenheit ſehr groß und ein Auf⸗ lehnen gegen die Behörden häufig, denn er war raſtlos in ſeinen Bemühungen, den Haß gegen die Mexicaner unter ſeinen nahen und fernen Nachbarn anzuſchüren und zu nähren, und predigte allenthalben Gewalt gegen Gewalt. Es verging ſelten ein Tag, wo er nicht nach irgend einer Richtung hin einen Rundtritt bei einer Anzahl von Farmern machte und mit ihnen das Uner⸗ trägliche, das Herabwürdigende des mexicaniſchen Jochs beſprach. Bei einer ſolchen Gelegenheit hielt er eines Tags bei einem Farmer Namens Dougall am nahen Brazos⸗ fluſſe ſein Pferd an, um mit ihm zu Mittag zu ſpeiſen. Dougall war einer der älteſten amerikaniſchen An⸗ ſiedler in dieſem Lande, ſehr wohlhabend und galt un⸗ ter ſeinen Nachbarn für einen biedern, unbedingt zu⸗ verläſſigen Mann. Seine herkuliſche, ſchöne Geſtalt be⸗ zeichnete den Kentuckher, der auch in ſeinem freundlichen, gutmüthigen, aber doch ſehr beſtimmten Weſen ausge⸗ prägt war, und das Silber in ſeinem Haar verrieth, daß er den Sechzigen näher ſtand als den Fünfzigen. Der Himmel hatte ſeine glückliche Ehe nur mit Armand, Saat und Ernte. IW. 3 34 zwei Töchtern geſegnet, welche beide noch unverheirathet unter dem väterlichen Dache lebten. Madame Dougall, eine kleine freundliche Fiat war die erſte, welche Harry, als er vom Pferde ſtieg, bewill. kommnete, denn ſie ſaß unter der ſchattigen Veranda vor dem Hauſe und hechelte Wolle. Dann kamen die beiden Töchter, Alice, die ältere, und Kate, die jüngere, um ihn zu begrüßen, und zuletzt erſchien der alte Dougall ſelbſt mit einem Zügel in der Hand, da er eben ein Pferd aus der Weide geholt und in den Stall geführt hatte. „Herzlich willkommen, Herr Williams“, ſagte der Alte, indem er den Zaum auf das Geländer der Ve⸗ randa legte und Harry dann die Hand reichte.„Sie kommen mir wie gerufen, denn ich hatte mir ſo eben ein Pferd aus dem Gras geholt und wollte nach Tiſche zu Ihnen hinüberreiten, um mir Ihren Rath auszu⸗ bitten; es iſt mit dieſen mexicaniſchen Gaunern bald nicht mehr auszuhalten.“ „Habe ich es Ihnen nicht immer geſagt, daß es täglich ſchlimmer werden und daß auch Ihnen zuletzt die Galle überlaufen würde?“ verſetzte Harry raſch und heftig.„Was will denn das Volk von Ihnen?“ „Ach, Herr Williams, es iſt ſo ſchlimm nicht, wie Dougall meint; gegen den Strom kann man nicht ſchwimmen und gegen den Stachel nicht lecken; wer das Schwert in der Hand hat, der regiert“, ſiel Madame Dougall beruhigend ein und warf Harry einen Blick zu, als bäte ſie ihn, die Sache ihrem Manne auszureden. Harry aber wollte ſie nicht verſtehen und entgegnete mit Begeiſterung: „Ganz recht, Madame Dougall; darum muß man ſelbſt das Schwert in die Hand nehmen.“ „Denken Sie ſich nur, Herr Williams“, nahm der Alte wieder das Wort,„kommt da heute früh eine ſolche elende Kröte von einem Mexicaner von Brazoria herauf und bringt mir von der dortigen Be⸗ hörde den Befehl, ich ſolle keinen Ballen Baumwolle eher abſenden, als bis ich ſie ſämmtlich fertig gepackt hätte. Man wollte genau wiſſen, wie viel Pfund ich ge⸗ zogen hätte, um danach meine zu zahlende Abgabe zu berechnen. Iſt Ihnen ſchon ſo etwas vorgekommen? Will man mir einen ſolchen Kerl hierher in mein Eigenthum ſchicken, der mir meine Baumwolle nachwiegen ſoll!“ „Schändlich, ſchimpflich, unerhört!“ verſetzte Harry in entrüſtetem Tone.„Und werden Sie es ſich gefallen laſſen?“ „Nimmermehr, ſo wahr ich ein Kentuckher bin“, ant⸗ wortete Dougall mit der vollen Kraft ſeiner Stimme und ſchlug ſich mit der mächtigen Rechten auf ſeine hochgewölbte breite Bruſt. 3* 36 „Aber, beſter Dougall, was willſt Du denn thun gegen die Gewalt? Willſt Du Dich im gelindeſten Falle einer ſchweren Geldſtrafe ausſetzen oder Dich gar nach Mexico in die Bergwerke ſchicken laſſen? Nimm doch Vernunft an!“ fiel ihm die Frau abmahnend ins Wort. „Dann reden wir Nachbarn auch noch ein Wort mit; ſo leicht führt man einen angeſehenen Mann wie Dougall nicht von Haus und Hof fort“, ſagte Harry mit einer drohenden Handbewegung. „Wie können Sie nur ſolchen Rath geben, Herr Williams! Warum führte man denn ſchon viele angeſe⸗ hene Männer von Haus und Hof fort, ohne daß man es verhindern konnte? Sie wiſſen doch, daß in Brazoria eine Beſatzung von einigen hundert Mann liegt und daß Colonel Bradburn, ein Amerikaner, dort commandirt“, hob die Frau wieder an. „Dieſer Schurke, dieſer Verräther an ſeinen eigenen Landsleuten, der ſich für elendes Gold erkaufen läßt, freie Männer unter das Joch ſolch elenden heuchleriſchen Geſindels wie dieſe Mexicaner zu zwängen, er wird ſeinem Lohne nicht entgehen!“ fiel Dougall mit Entrüſtung ein. „Was kannſt Du aber allein gegen ſo Viele thun, lieber Vater? Gott bewahre uns vor ſolchen Schreckens⸗ ſcenen!“ bat Kate ängſtlich.„Und was liegt denn daran, ob man die Baumwolle hier wiegt oder nicht?“ N 37 „In unſerm Eigenthum?“ fiel ihr die ältere Schwe⸗ ſter Aliee heftig in das Wort.„Ei, dann dürfen ſie uns auch das Brod zuwiegen und wiſſen wollen, wie viele Eier unſere Hühner legen. Soll mir einer in das Haus kommen!“ Bei dieſen heftigen Worten blitzten des Mädchens tiefſchwarze Augen ihrer blonden Schweſter entgegen und ihre Wangen überflog ein feuriges Roth. „Das iſt echtes Kentuckyblut, welches aus Dir ſpricht, Alice. Soll man denn nicht mehr Herr in ſeinem Eigenthum ſein?“ verſetzte Dougall mit einem belohnen⸗ den Blick auf die energiſche Tochter. „Wer ſich treten läßt, verdient getreten zu werden“, warf Harry kurz ein. „Soll denn der Vater ſein eigenes und unſer aller Glück um einer ſo unwichtigen Veranlaſſung willen auf das Spiel ſetzen, Herr Williams 7 Die Abgabe müſſen wir ja doch bezahlen, ob die Baumwolle hier oder anderswo gewogen wird“, ſagte Kate noch ängſtlicher als vorher und ſetzte dann mit mildem, beſänftigendem Tone hinzu: „Sie ſollten dem Vater zum Nachgeben rathen.“ „Kann ich ihm rathen, ſich beſchimpfen, entehren zu laſſen, Fräulein?“ entgegnete Harry in anſcheinend höch⸗ ſter Entrüſtung. „Ich ſehe durchaus nicht ein, wie eine Gewaltthat 38 entehren kann, Herr Williams“, verſetzte Madame Dougall, aufgebracht über das Benehmen Harrh's. „Wenn Sie uns die Macht geben können, die Gewalt ohne Gefahr für unſere häusliche Ruhe, unſern Frieden zurückzuweiſen, ſo werde ich ſelbſt das Schwert in die Hand nehmen; ſo aber halte ich Ihren Rath weder für vernünftig noch für freundſchaftlich.“ „Frau, thue dem Herrn Williams nicht Unrecht, er meint es gut“, fiel Dougall ihr ſchnell in die Rede. „Wohin wird uns unſere Langmuth, unſere Geduld denn zuletzt führen, Madame Dougall!“ nahm Harry wieder das Wort.„Man wird die Laſten, die Gewalt⸗ thätigkeiten ſo lange ſteigern und erneuern, bis wir end⸗ lich doch losbrechen und Haus und Herd gegen unſere Unterdrücker vertheidigen müſſen. Warum denn nicht ſchon jetzt dieſem Gefindel zeigen, daß wir freie Männer ſind?“ „Sie haben Recht, Herr Williams, und wenn mir noch einmal einer dieſer erbärmlichen Wichte in meine Ein⸗ zäunung kommt, ſo werfe ich ihn wie einen Froſch dar⸗ über hinaus, ſo wahr ich Dougall heiße!“ ſagte jetzt der Alte entſchloſſen und ſetzte dann noch kurz hinzu: „Nun genug, denn wenn ich der Hülfe bedürfen ſollte, ſo habe ich Freunde genug, und dann wird Herr Wil⸗ liams auch nicht unter ihnen fehlen.“ 39 „Darauf dürfen Sie ſich verlaſſen, ein Wink von Ihnen und ich ſetze die ganze Gegend in Aufruhr“, erwiderte Harry mit anſcheinender Begeiſterung. Madame Dougall aber erhob ſich ſchweigend und begab ſich in das Haus. Auch Kate blieb ſtumm und ergriff die Hecheln, welche ihre Mutter aus der Hand gelegt hatte, nur Alice mußte ihrer Aufregung noch ein⸗ mal Worte geben und ſagte, mit ſtrahlendem Blick lä⸗ chelnd zu Harry aufſchauend: „Wenn Sie Ihre Freunde unter die Waffen rufen, Herr Williams, ſo vergeſſen Sie Alice Dougall nicht.“ Harry blieb zum Mittagseſſen, und als er nach Tiſche ſein Pferd beſtieg und Dougall ihm zum Abſchied die Hand reichte, ſagte dieſer: „Es bleibt bei der Abrede; wenn etwas geſchehen ſollte, ſo laſſe ich es Ihnen wiſſen“, worauf jener ihm nochmals ſeinen Beiſtand unter allen Verhältniſſen zu. ſicherte. Harry hatte ſchon lange darauf gehofft, daß Dou⸗ gall mit den Behörden in Zerwürfniß gerathen möchte, denn dieſelben hatten ihre Gewalt bisher nur die klei⸗ nern Farmer recht drückend fühlen laſſen, die wohlha⸗ bendern, einflußreichern waren weniger unmittelbar ihren Chicanen ausgeſetzt geweſen. Dougall aber war gerade der Mann, der eine ernſte Demonſtration gegen ſie herauf⸗ 40 beſchwören konnte; er hatte ſehr viele Freunde, ſehr großen Einfluß, und ſein Name wurde im ganzen Lande mit Hoch⸗ achtung genannt. Wenn einem ſolchen Manne ein ernſtes Leid angethan wurde, dann konnte es an Thätlichkeiten gegen die Behörden und gegen das Militär nicht fehlen, und war einmal der Feuerfunke in die Mine gefallen, ſo mußten die Flammen emporlodern, dann mußten auch die Gemäßigten zu den Waffen greifen, denn ſicher war es, daß die Mexicaner ohne Unterſchied gegen ſie vor⸗ gehen würden. War aber einmal der Schild erhoben, dann legten die Amerikaner auch die Waffen nicht eher nieder, als bis ſie die Unabhängigkeit von Mexico er⸗ rungen hatten, und im ſchlimmſten Falle rechnete Harrh auf die Vereinigten Staaten, die ihre Kinder in Texas ſicher nicht im Stiche laſſen würden. Mit der Unab. hängigkeit von Texas aber würde auch unfehlbar Skla⸗ verei in ihm eingeführt werden, dann machten Harry's Ländereien ihn zum reichen Manne und ſein mit Dan⸗ don verabredetes großes Unternehmen, Sklaven von Ha⸗ vanna einzuſchmuggeln, konnte ins Leben treten. Es verſtrich eine Woche, ohne daß Harry etwas über Dougall's Angelegenheiten mit den Behörden ver⸗ nahm, er hatte aber die Zeit benutzt, den Fall in der ganzen Umgegend mit den Pflanzern zu bereden und das Unerhörte deſſelben allenthalben in das grellſte Licht zu 41 ſetzen. Da eines Abends kam ihm bei ſeiner Rückkehr von einem langen Ritte Luch entgegen und theilte ihm mit, daß ein Neger Dougall's wiederholt da geweſen ſei, um ihm zu ſagen, ſein Herr ſei verhaftet und nach Brazoria abgeführt worden. Derſelbe hätte einen Wa⸗ gen mit Baumwolle nach der Galveſtonbai abgeſchickt, die Mexicaner hätten denſelben mit Beſchlag belegen wollen und Dougall habe dann Gewalt gegen ſie gebraucht und mehrere derſelben verwundet, worauf man ihn überwältigt und in Ketten fortgeſchleppt habe. Madame Dougall, ſagte Luch, ließe Harrh fle⸗ hentlichſt bitten, ihrem Manne zu Hülfe zu kommen, da ſie fürchte, man würde ihm ein Leid anthun. Harry hörte den Bericht nachdenkend mit an und kam nach langem Ueberlegen zu der Anſicht, daß es bei weitem ſtärker auf die amerikaniſche Bevölkerung wirken werde, wenn Dougall wirklich nach Mexico in die Berg⸗ werke abgeführt würde, als wenn man ihn jetzt aus den Händen der Mexicaner befreite. Er ritt ſofort nach deſ⸗ ſen Wohnung, wo er die Frau und die Töchter in Ver⸗ zweiflung fand, tröſtete ſie aber mit dem Verſprechen, noch in dieſer Nacht alle Nachbarn von der Gewaltthat in Kenntniß zu ſetzen und am folgenden Tage mit den Wäffen in der Hand den Gefangenen frei zu machen. Der folgende Tag aber verſtrich, ohne daß Jemand zu 42 Dougall's Rettung erſchien, und am nächſten Morgen lief die Kunde ein, daß Colonel Bradburn Standrecht über ihn gehalten und ihn habe erſchießen laſſen. Jetzt war Harry Feuer und Flamme, von Farm zu Farm, von Haus zu Haus ſpornte er ſein Pferd und rief zur Rache auf für das Blut eines der angeſehenſten, brabſten Bürger. Stephan Auſtin's Wort hatte ungleich mehr Tragweite als das Harrh's, auch er zog mit der Auf⸗ ruhrfahne durch das Land und rief zu den Waffen, Ge⸗ neral Houſton jedoch weigerte ſich immer noch auf das beſtimmteſte, die Fackel der Revolution zu entzünden. Harry Williams und Stephan Auſtin an der Spitze von einigen hundert bewaffneten Männern zogen am Tage, nachdem Dougall erſchoſſen worden war, gegen Brazoria, griffen die dortige Beſatzung unter Colonel Bradburn an und ſchlugen ſie nach kurzem Widerſtand in die Flucht. Die Truppen flohen nach der Meeres⸗ küſte, erhielten dort aber Verſtärkung und trieben dann die Aufſtändiſchen wieder zurück über Brazoria hinaus, in welchem Orte ſie abermals Garniſon bezogen Colo⸗ nel Bradburn verfolgte ſeinen Sieg nicht, und die Ge⸗ richte thaten keine Schritte gegen die Aufrührer, ſondern ließen den Sturm verwehen, wohl aber ſandten ſie auf verſchiedenen Wegen Eilboten mit Berichten nach Me⸗ rico an die Centralregierung. 43 Das Frühjahr von 1835 zog neu belebend und ver⸗ jüngend über das von der Natur zum Paradieſe der Welt geſchaffene wunderbar ſchöne Mexico, auf ſeinem Volke aber lagen düſtere Schatten, denn die Blutſpuren des Bürgerkriegs waren kaum verraucht und ſchon ließ er wieder ſeine entſetzliche Stimme durch das Land ſchallen. Namentlich in der Hauptſtadt herrſchte ein dum⸗ pfes, unheimliches Schweigen denn die Thrannei mit dem Henker in ihrem Gefolge ging durch ihre Mauern. Der Präſident General Santa⸗Anna hielt ſtrenges Gericht über Unzufriedenheit und Auflehnung gegen ſeine Regierung und der Donner von Gewehrſalven verkündete den Bewohnern der alten Kaiſerſtadt wieder und wieder, daß das Haupt der Republik ſich zum Kaiſer über ſie erheben wollte und einen jeden ihm dabei gefährlich Entgegentretenden erſchießen ließ. Santa⸗Anna war durch die Volkspartei auf den Präſidentenſtuhl gehoben worden, hatte ſich aber ſofort gegen dieſelbe und für die der Ariſtokraten erklärt, und als jene darauf die Waffen ergriffen, um ihre Rechte zu ſchützen, hatte er ſie in mehreren Schlachten ge⸗ ſchlagen und zerſprengt und hielt ſie dann mit grau⸗ ſamer Strenge nieder. In allen Provinzen des Reichs hatte er geheime Berichterſtatter angeſtellt, und wehe dem, welchen dieſelben ihm als verdächtig bezeichneten. 44 Namentlich aber in der Hauptſtadt war die geheime Po⸗ lizei ſehr zahlreich und thätig, und es gehörte zu den gewöhnlichen Ereigniſſen, daß Perſonen ohne Angabe eines Grundes aus ihren Wohnungen geholt und ohne Verhör in den Kerker geworfen wurden. Seit den letzten Aufſtänden war in Merxico ſowie in allen größern Städten des Reichs das Standrecht eingeführt, und wen man als Aufrührer ergriff, der wurde nach kurzem Kriegsgericht erſchoſſen. Solche Maßregeln, ſolche Gerichtspflege in einer Republik konnten wohl nicht verfehlen, das Volk gegen den Regenten aufzubringen und es immer wieder zu neuen Verſuchen anzutreiben, deſſen Gewalt zu brechen. Santa⸗Anna aber hatte ſeine Fäden fein und weit über das Land geſponnen und die Intereſſen der Mächtigen des Reichs ſo in die ſeinigen verwoben, daß ſie ſelbſt ihm den Weg zum Kaiſerſtuhle bahnen ſollten. Der ſehr begüterte einflußreiche Adel ſah ſich ſchon als Pfeiler des Throns nächſt dem Kaiſer ſtehen, die Geiſtli hkeit mit ihren unermeßlichen weltlichen Schätzen ſah ihre Macht ſchon weit über deſſen Macht erhaben, da er ſich ſelbſt demüthig vor ihr beugte, und das Militär fühlte ſich als rechter Arm, als ausführende Gewalt Santa⸗Anna's, der es mit Ehren, mit Orden und mit Gold überſchüt⸗ tete. Die bei weitem größere Maſſe des Volkes, die 45 Indianer, hatte er dem Geſetze gegenüber für unver⸗ nünftig erklärt, hatte ihnen jedes bürgerliche Recht ge⸗ nommen und ſie unter die unumſchränkte Gewalt der Alcalden geſtellt, deren thranniſches Verfahren gegen ſie durch das Militär und durch die Geiſtlichkeit unterſtützt wurde. Je hoffnungsloſer, je verzweifelter aber die Lage der republikaniſchen Partei ſich von Tag zu Tag geſtal⸗ tete, um ſo heißer, um ſo mächtiger glühte in ihr der Wille, das Joch abzuwerfen und die Thrannei zu ſtürzen, und immer wieder lieferte ſie derſelben blutige Opfer. Da erhoben ſich im März vier Provinzen, unter denen auch Texas ſich befand, und proclamirten die Re⸗ form von Zacatecas. Auch die benachbarten Provinzen betheiligten ſich, wenn auch nicht öffentlich, an der Em⸗ pörung und lieferten Soldaten, Geld und Waffen, ſodaß bald ein bedeutendes Heer verſammelt war, welches dem Präſidenten ſeinen Weg zum Kaiſerthron ſtreitig machen und ihn auf das Schaffot führen wollte. Die Hauptſtadt bebte, denn man ſah auch in ihren Mauern dem Ausbruch des Bürgerkriegs entgegen, ſobald die Truppen ſie verlaſſen würden, um gegen den Feind zu ziehen. Santa⸗Anna aber wählte nur eine geringe Zahl von ihnen aus, um ihm zur Schlacht zu folgen, die übrigen ließ er in der Hauptſtadt zurück, beſetzte namentlich die 46 Citadelle ſehr ſtark und gab dem Commandanten derſelben den Befehl, bei dem erſten Ausbruch von Unruhen die Stadt in den Grund zu ſchießen. Mit klingendem Spiel zog er, der gefeierte Kriegs⸗ gott, an der Spitze ſeiner ihn anbetenden ſieggewohnten Soldaten hinaus, griff die Empörer an und ſchlug ſie aufs Haupt. Sein Triumphzug in die Hauptſtadt zurück war einer ſeiner glänzendſten; die Häuſer waren aufs feſtlichſte geſchmückt, die Straßen, durch die er ritt, mit Blumen beſtreut, und von den Balkonen herab begrüßten ihn die Schönen Mexicos unter dem feierlichen Geläute aller Glocken und unter dem Jubel des freude⸗ und prunk⸗ ſüchtigen Volkes. Jetzt ſah Santa⸗Anna ſeinen Weg zum Throne offen und vorſichtig that er den nächſten Schritt an ihn hinan, indem er ſich für Lebenszeit zum Dictator des Reichs ausrief. In der That war er jetzt Kaiſer, denn er ergriff unumſchränkt die Zügel der Regierung und ſein Wille allein war Geſetz; die Krone wollte er ſich dann erſt auf das Haupt ſetzen, wenn er ſeinen Thron hinreichend befeſtigt haben würde. Er kannte die Mexicaner und ihre Leidenſchaft für öffentliche berauſchende Beluſtigungen; er ließ die auf ſeinen Befehl geſchloſſenen Tanzhäuſer öffnen, ließ die — 47 Muſikcorps ſeiner Regimenter an öffentlichen Vergnü⸗ gungsorten ſpielen, hielt glänzende Militärſchauſpiele ab, zeigte ſich täglich von ſeinem prunkenden zahlreichen Stabe umgeben und gab Volksfeſt über Volksfeſt, woran er in eigener Perſon ſich betheiligte. Sein Palaſt ſtrahlte Nacht für Nacht einen blendenden Lichterglanz aus und rauſchende Janitſcharenmuſik ſchallte aus deſſen Fenſtern der jauchzenden Volksmenge in den Straßen zu. Aus allen Theilen des Reichs ſtrömte der Adel in die Haupt⸗ ſtadt, um in dem Lichte der ihnen aufgegangenen Sonne zu glänzen und ſich um den Thron ihres künftigen Kaiſers zu ſchaaren, und die Geiſtlichkeit, deren weltliche Intereſſen er dem Volke gegenüber ſchützte und förderte, flehte in allen Kirchen den Segen des Himmels auf ihn herab. Der Tag, an welchem man dem Dictator huldigte, war ein Feſttag, wie ihn Mexico noch nicht geſehen hatte; alle Pracht, aller Reichthum ward entfaltet, Jubel und Luſt tönte durch die geſchmückte Stadt und Glocken⸗ geläute und Geſchützdonner ließ ſie in ihren Grundmauern erbeben. Die Schatten der Nacht zogen ſpurlos über das Lichtmeer hin, in dem ſie ſchwamm und das ſie in bunten Feuergarben über ſich ausſtrahlte, und die ge⸗ wohnte nächtliche Stille floh vor den brauſenden Tönen der Feſte, der Luſtgelage, die in ihr begangen wurden. 48 Keiner der vielen feurig glänzenden Paläſte Mexicos aber bot einen ſolch zauberhaften Anblick als der des Gra⸗ fen Don Ventura Romero. Wie ein Feenſchloß mit Guirlanden und Kränzen geſchmückt, zitterte das präch⸗ tige Gebäude in dem Scheine der zahlloſen Lichter, die es beleuchteten; vor ſeinen Miradors glänzten die präch⸗ tigſten Blumen aus ſaftigem Grün hervor und über ſeinem platten, mit Palmen und Magnolien gezierten Dache wehten die mexicaniſchen Farben in koloſſalen Flaggen. Auf dem großen, mit blühenden Tropenge⸗ wächſen beſetzten Balkone über dem Eingange aber prangte der Namenszug des Dietators in brillantfarbenen Lichtern. Santa⸗Anna wurde bei dem Grafen Romero zum Balle erwartet. Kopf an Kopf ſtand die entzückte Volksmenge vor dem Palaſt zuſammengedrängt und ließ kaum Raum genug für die koſtbaren Equipagen, welche raſch ſich fol— gend vor die Marmortreppe fuhren und dort ihre rei⸗ zenden, in Brillanten ſchimmernden Ladungen abſetzten. Wie freudeſtrahlende Baechantinnen ſchwebten die ſchönen Mexicanerinnen aus den Carroſſen hervor und die Treppe hinauf in den hellerleuchteten, zu beiden Seiten mit Blütengeſträuch geſchmückten Corridor, wo ſie von den reich galonirten Dienern des Grafen empfangen und nach den breiten Treppen geleitet wurden. Immer wieder erſchallten die jubelnden Vivas der freudig be⸗ 49 wegten Menſchenmaſſe vor dem Palaſte, bis ſie plötz⸗ lich in einen Sturm von jauchzenden Hochs ausbrach, denn der Gott des Tages, der Dictator Santa⸗Anna nahte ſich in ſeinem mit Gold überladenen, von ſechs prächtigen Schimmeln gezogenen Staatswagen. Kaum hatte das Fuhrwerk Raum genug, um ſich vorwärts zu bewegen, ſo drängte ſich das begeiſterte Volk zu ihm heran, um einen Blick nach dem irdiſchen Herrgott thun zu können. Als er aber endlich die Treppe erſtieg, da glich der Jubel der Menge einem Erdbeben, und die Vivas ſtürmten noch ohne Unterbrechung fort, als Santa⸗ Anna von dem Grafen und der Gräfin Romero an der Salonthür feierlichſt empfangen und in Ehrerbie tung begrüßt wurde. Wie in einem Feenreiche ſchritt der große ſtolze Mann durch die beiden langen Reihen glänzend geſchmück⸗ ter ſchöner Frauen- und Mädchengeſtalten und erwiderte mit huldvoller, doch vornehmer Artigkeit deren Gruß ſowie die tiefe Verbeugung der Männer, die hinter ihnen ſtanden. Dann ließ er ſein ſcharfes Auge durch die Ver⸗ ſammlung ſchweifen und hatte bald die Perſönlichkeiten gewählt, die er auszeichnen wollte. Sein Blick zog ſie zu ſich heran, und ihnen entge⸗ gentretend, goß er in gewandter Rede ſeine Huld und Gnade über ſie aus. Alles ſtand in Hoffnung und Ver⸗ Armand, Saat und Ernte. IV. 4 ——— — — —— S . 1 —— 50 langen nach einem Wort, einem Blick von ihm, und wen ſein Auge traf, deſſen Haupt neigte ſich in Verehrung und Unterthänigkeit. So wandte er ſich, Glück und Hoffnung ſpendend links und rechts, ließ aber auch durch Nichtbeachtung in mancher Bruſt Bangigkeit, Neid und Haß aufkeimen. Von dem ſchönen Geſchlecht, welches er ſtets mit größter Aufmerkſamkeit und feinſter Artigkeit behandelte und welches ihm immer die ſchönſten Kränze für ſeine Siege geflochten hatte, wurde er wahrhaft vergöttert, und auch an dieſem Abend ſtrahlten ihm die Augen der vielen um ihn verſammelten Schönheiten höchſte, leiden⸗ ſchaftlichſte Begeiſterung entgegen. Er war ein elegan⸗ ter, hoher, kräftiger Mann, unumſchränkter Herrſcher des weiten mexicaniſchen Reichs und Wittwer, drei Eigenſchaften, die ſeinen Werth als liebenswürdiger Cavalier, als Held ſo vieler Schlachten in den Herzen der Schönen noch ſehr erhöhten. Die Brillantenſaat überfunkelnd, waren die Augen der Damen feſt auf ihn gerichtet, die blitzenden Fächer wurden mit unnachahmlicher Grazie und Koketterie ge⸗ ſchwungen, da öffnete ſich die weite Flügelthür zum an⸗ ſtoßenden Saale und die gewaltig rauſchenden Klänge der Muſik riefen zur Polonaiſe. Es war nur ein Augenpaar im Salon, das beim 51 Ertönen der Muſik in begeiſterter Hoffnung und Erwar⸗ tung nach Santa⸗Anna hinſchaute und in wonnigem Ent⸗ zücken aufblitzte, als es ſeinem Blick begegnete. Die Gräfin Donna Laodice Romero war es, die ſeiner Einladung zur Polonaiſe ſehnlichſt harrte und der er ſich jetzt mit auszeichnender Artigkeit nahte. Er verneigte ſich tief vor ihr, empfing ihre Hand und für die ſchmeichelnden Worte, die er ihr ſagte, ihren Seligkeit ſtrahlenden Blick und führte ſie nun in graziöſem Schritt den andern Paaren voran in den Saal. Stolz wie eine Kaiſerin und triumphirend wie eine Siegesgöttin ſchritt die ſchöne Frau im Takte der Polonaiſe dahin und beantwortete die ſüßen Worte ihres Führers mit wonnehauchender Stimme, mit glühenden und wieder ſehnſüchtig erſterben⸗ den Blicken und mit erwiderndem, bebendem Druck ihrer Lilienhand. Die Polonaiſe ging zu Ende und Santa-Anna führte die Condeſa in den Salon zurück nach dem Divan, in welchem er ſich, ſeine Lippen dankend auf ihre Hand drückend, neben ihr niederließ. Sie waren zwei ſchöne Geſtalten, und alles Licht ſchien von ihnen auszugehen, denn des Diectators Bruſt war mit den koſtbarſten Or⸗ den bedeckt und die Juwelen der Gräfin waren wür⸗ dig, eine Kaiſerkrone zu ſchmücken. Die Tänzer und Tänzerinnen folgten dem hohen 4* 52 Paare in den Salon, blieben aber von dem Divan fern und zogen ſich bald wieder in den Tanzſaal zurück, denn ſie ſahen Santa⸗Anna in eifrigem Geſpräch mit der Condeſa und fürchteten, daß ihm ihre Gegenwart mög⸗ licherweiſe nicht erwünſcht ſei. So wanderten nur noch einige Paare hin und her durch den Salon, und bald verſammelte die Muſik alle wieder in dem Saale, nur Santa⸗Anna und die Gräfin blieben in dem Divan ſitzen, während der glückliche Graf bei den Tanzenden alle Liebenswürdigkeit als Wirth entfaltete. „Der Sieger in ſo vielen Schlachten iſt auch der Beſieger der Frauenherzen; ich zähle mich zu Eurer Herrlichkeit glücklichſten Sklavinnen“, erwiderte die Con⸗ deſa auf eine Frage, welche Santa⸗Anna ſo eben leiſe an ſie gerichtet hatte, und faltete, lächelnd ihre ſchwimmen⸗ den Augen zu ihm erhebend, ihre ſchönen Hände vor der Bruſt. „Eine Sklavin, vor der auch der Kaiſer ſeine Kniee beugen wird“, hob Santa⸗Anna ſchwärmend wieder an. „Und eine Sklavin, wie ſie der Kaiſer nie ergebe⸗ ner und treuer beſitzen wird“, fiel ihm die Condeſa be⸗ geiſtert in das Wort. Dabei wurden ihre ſchönen Züge immer ernſter, und nach einigen Augenblicken fuhr ſie fort: „Eure Herrlichkeit wollen nur eine Friedenskrone 53 ſich auf das ſo oft bekränzte Heldenhaupt ſetzen, das Glück des Friedens aber wird dem Lande nie zu Theil werden, ſolange das Feuer auf dem Herde der Revo⸗ lution nicht gelöſcht iſt, ſolange man noch gegen Texas mit Milde und Nachſicht verfährt und ſeine Aufrührer durch Güte und Gnade zu Freunden zu machen hofft; ſie ſind Schlangen, die wir im Buſen nähren, bis ſie uns ihr Gift in das Herz gegoſſen haben. Dieſer letzte Aufruhr kam wieder von Texas herüber, von den Un-⸗ gläubigen, den Ketzern, und unſere innern Provinzen haben die Schrecken des Kriegs dafür ertragen müſſen; Texas ſelbſt blieb verſchont. Ueber Santa⸗Anna's Züge flog es wie ein Schat⸗ ten und ſeine buſchigen Brauen näherten ſich finſter. „Ich weiß es, ſchöne Condeſa“, ſagte er nach einer kurzen Pauſe und vergrößerte die ſehr geringe Entfernung von ihr, welche während der leiſen vertrauten Unterhal- tung entſtanden war.„Dieſes Texas iſt ein Krebsſchaden in unſerm Reiche, und nur die gänzliche Vernichtung des böſen welcher darin lebt, läßt eine dauernde Heilung zu.“ „So muß man das Glüheiſen anwenden und die ſchadhafte Stelle ausbrennen; das feurige Schwert Eurer Herrlichkeit hat ſchon manche Kur vollbracht“, verſetzte die Gräfin mit aufflammendem Blick. 54 „Zu lange ſchon hat man milde Mittel verſucht und hoffte immer, durch Güte ſich dort ein treues, ener⸗ giſches Volk als Bollwerk gegen die habſüchtigen Ame⸗ rikaner zu ſchaffen. Es war ein Irrthum, ein thörichter Glaube, dieſes Ketzervolk ſtill ſtehen und zufrieden zu ſehen; wenn es die halbe Welt ſein eigen nennte, ſo würde es auch die andere Hälfte noch verlangen. Nur die größte Strenge kann uns Teras retten; ſie iſt dem Amerikaner unerträglich, und ſteht dann die Bevölkerung in offener Empörung auf, ſo werde ich dort ein Beiſpiel ſtatuiren, welches auf lange Zeit alle Einwanderungsluſt nach Texas erſticken ſoll. Ich will die mit Blumen über⸗ ſäeten Prairien mit amerikaniſchem Blute tränken.“ Dieſe Drohung ſagte Santa⸗Anna in einem ſchar⸗ fen, verbiſſenen Tone, als verlange er nach dem Augen⸗ blick, wo er ſie wahr machen könne, fügte dann aber ruhiger hinzu: „Ich erwarte ſtündlich Depeſchen aus Texas.“ „Die treue Sklavin Eurer Herrlichkeit kann Ihnen vielleicht die neueſten Nachrichten von dort mittheilen“, nahm die Gräfin wieder das Wort;„ich habe heute Briefe aus Velasco erhalten. Die Amerikaner in der Umgegend von Brazoria haben mit den Waffen in der Hand und mit großer Uebermacht die dortige Be⸗ ſatzung angegriffen und Colonel Bradburne genöthigt, 55 ſich nach der Meeresküſte zurückzuziehen. Dort iſt mein Vetter, der Hauptmann Don Alejo Munoz, von Velasco aus zu ihm geſtoßen, und vereint haben ſie die Aufrüh⸗ rer wieder in die Flucht geſchlagen.“ „Bradburne wird ſie dafür züchtigen“, entgegnete der Dictator;„er iſt ein gewiſſenloſer Schurke, der für unſer Gold ſeine eigenen Londsleute verräth und geißelt. Er wird die Rädelsführer erſchießen laſſen und neue Aufſtände dadurch veranlaſſen, bis eine allgemeine Em⸗ pörung mir vor der Welt das Recht gibt, mit einem Heere gegen die Provinz vorzugehen und mit Gewalt die Ruhe herzuſtellen; es ſoll die Ruhe des Todes ſein!“ „Warum nicht das Haupt der Schlange abſchlagen und dadurch ein allgemeines Blutbad vermeiden?“ fiel die Gräfin leidenſchaftlich ein.„Es ſteht nur ein Miſſe⸗ thäter an der Spitze der Revolution und ſein Tod wird allein hinreichen, Texas zur Ordnung zurückzuführen.“ „Nicht doch, Condeſa; es find zwei revolutionäre Parteien in Texas, die eine von Houſton, die andere von Auſtin geführt“, entgegnete Santa⸗Anna. „Eure Herrlichkeit ſind nicht wahr unterrichtet“, nahm die Gräfin wieder das Wort.„Die Partei, welche Houſton leitet, will ſich nicht von Mepico trennen, ſie verlangt ja nur die der Provinz früher zugeſicherten 56 Rechte zu genießen, die andere Partei aber, welche Los⸗ reißung von uns verlangt, wird nicht von Auſtin geleitet, der nur ſeinen Namen dazu hergibt, ein giftigerer Feind Mexicos führt ſie und zieht durch ſeine raſtloſen Um⸗ triebe täglich mehr Anhänger zu ihr hin.“ „Sie ſetzen mich in Erſtaunen, Condeſa! Meine Nachrichten reden nur von Auſtin; wer ſoll denn der Uebelthäter ſein?“ „Ein Böſewicht, dem die Natur den Stempel des Guten, des Edlen auf das Antlitz drückte, ein Undank⸗ barer, den Eure Herrlichkeit ſelbſt mit Freundlichkeit, mit Wohlwollen beehrten und dem auch unſer Haus mit Vertrauen und Herzlichkeit geöffnet wurde; es iſt jener Williams, den der amerikaniſche Conſul Eurer Herr⸗ lichkeit vorſtellte.“ „Williams, der blonde, elegante junge Mann, der hier ſo viel Aufſehen machte?“ verſetzte Santa⸗Anna überraſcht. „Derſelbe“, antwortete die Gräfin mit gewaltſam unterdrückter Heftigkeit.„Er war es, der die Empörer ge⸗ gen Colonel Bradburne führte, und er iſt es allein, der unermüdlich das Feuer des Aufruhrs durch die Provinz verbreitet. Eure Herrlichkeit können ſich ſelbſt davon über⸗ zeugen.“ Bei dieſen Worten zog die Gräfin einen Brief aus 57 ihrer Robe hervor und reichte ihn Santa⸗Anna hin, der ihn haſtig öffnete und durchlas. „Ei, ei, junger Herr, biſt du ein ſolcher Freiheits⸗ held? Ich will dir den Lorbeer um die Stirne flechten“ ſagte er, den Brief zuſammenfaltend, und gab ihn der Gräfin dann mit den Worten zurück: „Ich danke Ihnen, Condeſa, für die Nachricht, die möglicherweiſe unſerer Provinz Texas viel Leid erſparen kann. Ich werde ſofort Maßregeln ergreifen, um den gefährlichen Menſchen unſchädlich zu machen.“ „Nur ſein Tod kann dies vollbringen“, verſetzte die Gräfin heftig und für einen Augenblick ihrer innern Bewegung nachgebend, fuhr aber ſogleich in milderem Tone fort:„Bedenken Eure Herrlichkeit, wie vieler Men⸗ ſchen Leben dadurch verſchont bleiben könnte!“ Die Muſik verſtummte. Santa⸗Anna küßte der ſchönen Frau abermals die Hand und beide erhoben ſich, um unter die in den Salon zurückkehrende, vom Tanze aufgeregte Menge zu treten. Prittes Kapitel. Wenige Tage ſpäter weckte der feierliche Ton aller Glocken der Hauptſtadt deren Bewohner und verkündete, daß ein hoher heiliger Feſttag, Fronleichnam erſchienen ſei. Die Straßen belebten ſich, Menſchen aus allen Klaſſen der Geſellſchaft eilten hin und her, und allen ſah man es an, daß ſie eine frohe, feſtliche Begeiſterung bewegte. Indianer, Neger und Miſchlinge von allen Hautfarben ſowie das Heer der Leperos bildeten die Volksmaſſen, zwiſchen welchen Bürger und Handwerker in ihrem Sonntagskleide, Geiſtliche und Mönche, mit Gold und Orden gezierte Offiziere und Staatsbeamte ſich hin und her drängten, alle in der Richtung nach der Kathedrale. Auf dem großen Platze vor derſelben verſammelten ſich die Gilden, die Beamten der verſchie⸗ denen Collegien, der Univerſität, der Schulen, das ganze Offiziercorps und eine Abtheilung von Grenadieren mit ihrer Muſikkapelle. 59 Es war ein glühend heißer Morgen, die unbewegte Luft zitterte in dem blendenden Sonnenlicht und ein feiner Staub ſchwebte wie ein durchſichtiger Schleier über den Tauſenden von Menſchen, die, wohin man ſchaute, harrend zuſammengedrängt ſtanden. Da verkündeten die Glocken, daß der Gottesdienſt beginnen ſolle, und die auf dem Platze verſammelte Menge folgte ihrem Rufe in den Dom. Das Innere des letztern war aufs feſtlichſte ge⸗ ſchmückt, allen Heiligenbildern waren ihre prächtigſten, von Edelſteinen funkelnden Gewänder angelegt und von dem Hochaltare ſtrahlte ein unberechenbarer Schatz von Gold⸗ und Silbergeſchirr ſeinen Glanz aus. Der Erzbi⸗ ſchof, umgeben von der ganzen Geiſtlichkeit und allen Mönchsorden, hielt Hochamt. Währenddeſſen füllte ſich das Straßenviereck an der Weſtſeite des Domplatzes immer mehr mit Menſchen, da durch daſſelbe die Proceſſion ihren Weg nehmen ſollte. Dieſe Straßen glichen einem Zeltgang durch einen Blumengarten, denn hoch über den Balkonen der Pa⸗ läſte zu beiden Seiten der Straßen war ein Sonnen⸗ dach von weißen Leinen von Haus zu Haus geſpannt, alle Fenſter, Altane und Miradors waren mit Blü⸗ ten, Kränzen, Guirlanden, koſtbaren Teppichen und reichen Draperien geſchmückt und die Straßen ſelbſt 60 mit Blumen beſtreut. In dichten Maſſen ſtand das Volk an den Häuſern zuſammengedrängt und harrte in der Glut, die es athmete, des Augenblicks, wo es das Bild der Gottheit von deren Dienern umgeben erblicken ſollte. Da erſchallten von dem Dome her die luſtig ſchmet⸗ ternden Töne der Janitſcharenmuſik, die der Proceſſion voranſchritt, und bald darauf bewegte ſich der feierliche Zug von dem Domplatze in die Straße herein. Ein präch⸗ tiger, offener, von ſechs weißen Pferden gezogener Wa⸗ gen trug das blendend in Diamanten und bunten Edel⸗ ſteinen ſtrahlende und in Gold und Seide gekleidete Symbol der Gottheit, ein Generallieutenant des mexi⸗ caniſchen Heeres ſaß in reicher glänzender Uniform, die Bruſt mit Orden bedeckt, als Kutſcher auf dem Bock, und zwei Generale, gleich prächtig aufgeputzt, ſtan⸗ den als Lakaien hinten auf dem Wagen. Der ehrwür⸗ dige, allgemein gefeierte Erzbiſchof mit ſeinen Domherren, von ſämmtlicher Geiſtlichkeit und allen Mönchen gefolgt, theilte im Vorwärtsſchreiten ſeinen Segen links und rechts an die heilig ergriffene Menge aus, und der Dictator Santa-Anna, welcher, dem Offiziercorps voran, den Die⸗ nern der Kirche entblößten Hauptes nachſchritt, trug den Ausdruck tiefſter Demuth und Ergebenheit in ſeinem Aeußern. Alle Beamten, alle Gilden folgten nach und eine Compagnie Grenadiere ſchloß den Zug. 61 Bei dem erſten Erſchallen der Muſik hatten ſich alle Fenſter, alle Balkone zu beiden Seiten der Straße mit reich geputzten Damen gefüllt, deren glänzende, mit Silber und Gold verzierte Fächerſchaar in ihrem fliegenden Spiele Blitze an der Häuſerreihe hinzuſenden ſchien. In den Fenſtern und auf den Balkonen des Pa⸗ laſtes Romero war die höchſte Nobleza verſammelt und die Gräfin Laodice ſelbſt war, als der Zug um die nahe Straßenecke ſich ihrem Palais zuwandte, auf den großen Altan getreten. Dieſem und jener Straßenecke gegenüber befand ſich vor einem prächtigen Gebäude eine hohe, zu beiden Seiten mit Sphinxen verzierte Marmortreppe, welche Kopf an Kopf mit Zuſchauern beſetzt war. Es waren dies Leute aus den niedern Volksklaſſen, die ſich vor den ſengenden Strahlen der Sonne nicht ſcheuten, denn durch die Biegung der Straße war in dem Leinendach über derſelben eine Oeffnung entſtanden, durch welche die Sonne gerade auf die Treppe niederſchien. Die Männer beſchatteten ihre Geſichter durch die breitrandi⸗ gen Hüte, welche ſie trugen, und die Weiber hatten ihre großen wollenen Tücher über die Köpfe gehangen, um die Sonne von ſich abzuhalten. An der rechten, ſich ſteil auf das Trottoir hinab⸗ ſenkenden Seite der Treppe ſtand in der Ecke an die 62 Steinwand angelehnt eine Mannsgeſtalt, von der wenig zu erkennen war. Der ſchwarze breitrandige Hut ſaß ihm tief in die Augen gedrückt und die wollene braune Manga, die ihm bis unter die Waden hinabreichte, verhüllte ihn auch bis dicht an den Rand des Hutes, ſodaß nur mit⸗ unter, wenn er zwiſchen den beiden vor ihm ſtehenden alten Waſſerträgern hindurch nach der nahenden Pro⸗ ceſſion blickte, ſein Geſicht geſehen werden konnte. Daſſelbe war ſehr bleich, die Augen aber, die daraus hervorſa⸗ hen, hatten einen unheimlichen Glanz und drückten große Unruhe und Beſorgniß aus; ihre raſchen Bewegungen, die von Entſchloſſenheit zeugten, contraſtirten ſeltſam mit der äußern Ruhe, ja Regungsloſigkeit, in welcher der Mann verharrte. Er ſtand augenſcheinlich abſicht⸗ lich ſo ſtill, um unbemerkt zu bleiben, denn er drückte ſich in die Ecke neben der Treppe und machte ſich klei⸗ ner, als er wirklich war. Die beiden alten Waſſerträger, die vor ihm ſtanden, ſchienen ihm ein paar willkom⸗ mene Geſtalten zu ſein, um ſich hinter ihnen zu ver⸗ bergen, denn der eine derſelben, ein dunkelgebräunter Miſchling, wandte ſich nach ihm um und trat etwas zur Seite, indem er ſich mit ſpaniſcher Grandeza ver⸗ neigte und dann, ſich ſtolz aufrichtend und ſeinen zer⸗ lumpten, in Fetzen um ihn hängenden Mantel vornehm über die Schulter werfend, ſagte: 63 „Entſchuldigen Sie, Don Ignacio Rejon, ich hatte Sie nicht erkannt“, worauf der Angeredete den Waſſer⸗ träger bei der Schulter erfaßte und ihn bat, wieder vor ihn zu treten. „Bleib nur vor mir ſtehen, Gabriel, ich kann über Dich hinwegſehen“, ſagte er mit dumpfer Stimme zu ihm, hob ſeine Manga wieder vor ſein Geſicht und blickte durch die ſchmale Oeffnung zwiſchen ſeinem erhobenen Arm und ſeinem Hute hindurch nach der langſam na⸗ henden Proceſſion. „Iſt das Ignacio Rejon, der hinter uns ſteht?“ flüſterte der zweite Waſſerträger dem erſten in das Ohr. „Ja wohl, der Goldſchmied, deſſen Bruder Santa⸗ Anna vorige Woche erſchießen ließ; er will nicht geſehen ſein, denn er gehört zu derſelben Partei, für die ſein Bruder ſtarb, und auch er iſt ſchlecht angeſchrieben“, ent⸗ gegnete Gabriel ebenſo leiſe.„Stelle Dich ein wenig näher an mich heran, Manuel, dann kann man ihn nicht ſehen.“ „Sein Bruder war ein guter Mann; ich habe ihm lange Zeit das Waſſer in das Haus getragen und man⸗ ches Geſchenk von ihm erhalten. Auch ſeine Frau iſt gut, ſie gab mir immer etwas zu eſſen, wenn ich zu ihnen kam. Ich habe ihn erſchießen ſehen; der arme 64 Mann, er wollte keinen Kaiſer haben“, flüſterte der zweite Waſſerträger. „Wozu gab er ſich auch mit Dingen ab, die ihn nichts angingen! Kaiſer oder Dictator oder Präſident, was kümmert es mich, der eine gibt mir ſo wenig wie der andere“, antwortete Gabriel, warf ſeinen Mantel abermals mit Grazie über die Schulter und nahm nun ſeinen Hut vom Kopfe, denn der Wagen mit dem Bilde der Gottheit zog jetzt heran und das Volk zu beiden Seiten warf ſich auf die Kniee nieder. Auch Ignacio Rejon war niedergeſunken, doch nur auf ſein rechtes Knie, wobei er ſein entblößtes Haupt, als ob er bete, bis auf daſſelbe hinabbeugte; als aber der Erz- biſchof vorüberſchritt, ſchaute Ignacio mit einem flehenden Blick zu ihm hinüber, als wolle er ſeinen Segen erhaſchen. Das Ende des langen Zugs der Geiſtlichkeit und der Mönche, der dem Erzbiſchof folgte, war jetzt bis vor die Treppe gelangt, neben welcher die beiden Waſ⸗ ſerträger knieten, und Santa⸗Anna ſchritt heran. Da zuckte Ignacio zuſammen, wandte ſich, indem er ſeine rechte Schulter zurückzog, mehr dem Dietator zu und machte unter ſeinem Mantel eine Bewegung, als wolle er ſich erheben, doch in dieſem Augenblick ſchaute Santa⸗ Anna nach ihm hin, und abermals ſenkte Ignacio ſeine Stirn auf ſein Knie. 65 Während der Dictator nun vorüberging, erhoben ſich die Leute in der Nähe der Treppe und verneigten ſich tief vor ihm. Auch Ignacio verbeugte ſich hinter den beiden Waſſerträgern, hielt aber ſeinen wild aufflam⸗ menden Blick auf den dahinſchreitenden Santa⸗Anna geheftet, hob, ſeinen Mantel zurückwerfend, raſch eine kurze Büchſe an ſeine Wange empor und gab Feuer. Der Donner des Gewehrs entlockte tauſend Kehlen einen Angſtſchrei, alle Blicke richteten ſich auf den Pul⸗ verdampf, der noch über der Treppe ſchwebte, und als dieſer ſich vorgezogen, ſah man die beiden Waſſerträger mit Ignacio beſchäftigt, der auf dem Boden zuſam⸗ mengeſunken war. Alles drängte ſich zu ihm heran; er war eine Leiche, ſein eigener Dolch ſtak ihm im Herzen. Die Kugel aus ſeiner Büchſe war Santa⸗Anna durch den Federhut ge⸗ flogen. In der erſten Beſtürzung gerieth der Zug in Un⸗ ordnung, die Muſik war verſtummt, und in größter Ver⸗ wirrung drängte man ſich fragend hin und her, um Auf⸗ klärung über die Urſache der Störung zu erhalten, die Kunde aber, daß ein Mordverſuch auf den Dictator miß⸗ glůckt und dieſer unbeſchädigt geblieben ſei, beruhigte die Gemüther bald wieder und die Feierlichkeit nahm ihren Fortgang. Armand, Saat und Ernte. 1V. 5 66 Die beiden Waſſerträger Gabriel und Manuel hatte man als Mitverſchworene verhaftet und auf Santa⸗ Anna's Befehl wurden ſie beide am folgenden Morgen erſchoſſen. In Texas hatte die Execution des Pflanzers Dou⸗ gall große Aufregung zur Folge gehabt, und mit Be⸗ ſorgniß ſahen die Civilbehörden ſowie das Militär einem allgemeinen Aufſtand entgegen. So ſehr aber die revolutionäre Partei auch an Macht zugenommen hatte und ſo ſehr Stephan Auſtin und Harry Williams ſich bemühten, die allgemeine Empörung zum Ausbruch zu bringen, ſo behielten doch die Gemäßigten unter Houſton die Oberhand, und es wurde nach vielen öffentlichen Berathungen beſchloſſen, eine ernſte Beſchwerdeſchrift nach Mexico an die Regierung abzuſenden und ſomit noch einmal das Recht auf dem Wege der Güte zu ſuchen. Da warf Santa⸗ ſelbſt den Funken in die Pulverkammer, denn ein Befehl von ihm traf in Texas ein, daß Jedermann bei Todesſtrafe ſeine ſämmtlichen Waffen an die Militärbehörden abliefern ſollte. Das war mehr, als der Amerikaner vertragen konnte, und die Erklärung, dem Befehl nicht Folge lei⸗ 67 ſten zu wollen, ging einſtimmig durch das ganze Land. Die Gemäßigtſten ſtellten ſich jetzt an die Spitze der Empörung, alle Waffen wurden hervorgeſucht und zum Gebrauch in Stand geſetzt und Jedermann verſorgte ſich mit Pulver und Blei. In allen Theilen des Landes hielt man Berathungen über die Wege, die man der drohenden Gewalt gegenüber einzuſchlagen habe, man wählte Wachſamkeitsausſchüſſe, welche die Schritte der Behörden beobachten mußten, ſandte insgeheim Ab⸗ geordnete an die Regierung der Vereinigten Staaten nach Waſhington und ließ ihr die Zuverſicht und das Vertrauen der Amerikaner in Texas ausſprechen, daß ſie eine Mißhandlung ihrer Landeskinder ſeitens Mexicos nicht dulden werde. Während dieſer Vorbereitungen zum Widerſtand traf die Regierung in Mexico Maßregeln, um den Befehl Santa⸗Anna's auszuführen, und verſtärkte alle Militär. poſten in Texas um das Doppelte und Dreifache. Statt aber die amerikaniſchen Anſiedler dadurch einzuſchüchtern, wurden dieſelben nur noch mehr dadurch gereizt und aufgebracht und nahmen jede Gelegenheit wahr, den Be⸗ hörden den Gehorſam zu kündigen. Harrh Williams war allenthalben thätig, die erſehnte Selbſtſtändigkeit von Texas herbeizuführen, und ſparte weder Mühe noch 5* 68 „ Koſten, um dieſem Ziele näher zu kommen. In ſeinem Hauſe wurden ſehr häufig geheime Zuſammenkünfte ab⸗ gehalten, namentlich fanden ſich die Vorſteher der ver⸗ ſchiedenen Ausſchüſſe oft bei ihm ein, theils um ihm die Reſultate ihrer Bemühungen mitzutheilen, theils um ſich mit ihm über weitere Schritte zu bereden. Eines Abends nach Einbruch der Dunkelheit kamen zu dieſem Zwecke zwei hervorragende Männer nach Harry's Wohnung geritten und wurden mit großer Auszeichnung von ihm empfangen. Der eine war ein Richter Namens Jack, ein hochangeſehener Herr im Lande, und der an⸗ dere Colonel Travis, ein Mann von anerkanntem Muth und Entſchloſſenheit. Ihre Pferde waren zur guten Pflege abgeführt und ſie ſelbſt hatten mit Harrh einige Zeit in deſſen Wohn⸗ zimmer zugebracht und ihm Berichte abgeſtattet, als die ſchöne Luch ihnen anzeigte, daß das Abendeſſen aufge⸗ tragen ſei. Harry geleitete ſeine Gäſte nun nach dem Speiſezimmer, wo ſie bei Tiſche ihre begonnene Unter⸗ haltung eifrig fortſetzten. Es war ſchon nach neun Uhr, als der Richter Jack daran mahnte, daß es Zeit ſei, den Heimweg anzutreten, wogegen Harry ſich jedoch auflehnte und darauf beſtand, daß ſie vorher ihm noch die Freude machen möchten, eine Flaſche Madeira mit ihm zu trinken. Er gab Luch 69 6 einen Wink und bald darauf kehrte ſie mit dem Wein in das Zimmer zurück und trug mit den Gläſern auch Cigarren auf den Tiſch. Sie hatte ſo eben auch einen Becher mit Fidibus hinzugefügt und warf Harry einen fragenden Blick zu, ob er noch einen Befehl für ſie habe, als die Thür ſich langſam aufthat und ein mexicaniſcher Offizier herein⸗ trat, hinter welchem in dem Corridor Soldaten ſichtbar wurden. „Im Namen der Regierung verhafte ich Sie, Herr Williams, Herr Jack und Colonel Travis“, ſagte er und trat zur Seite, um ſeinen Soldaten Einlaß zu geben. Harrh ſprang erſchrocken auf und mit ihm ſeine Gäſte, ſie ſahen aber ſehr gut ein, daß von einer Ge⸗ genwehr gar keine Rede ſein konnte, zumal da der Offi⸗ zier ihnen mittheilte, daß das ganze Haus umſtellt ſei. Dabei gab er den Soldaten einen Wink und dieſe nah⸗ men die drei Gefangenen in ihre Mitte und ketteten ſie mit den Händen zuſammen. Luch ſtand im erſten Augenblick vom Schreck ge⸗ lähmt da, dann aber erfaßte ſie Verzweiflung; ſie wollte ſich zu Harrh hindrängen, der Offizier jedoch wies ſie un⸗ ſanft zurück und gab Befehl zum Abmarſch. Fort ging es nun in die Dunkelheit hinaus. Den 6 70 Gefangenen war es nicht wohl ums Herz, denn was ihnen bevorſtand, war leicht zu errathen. Sie waren den Mexicanern ſehr gefährliche Perſonen und es unterlag keinem Zweifel, daß man ſie erſchießen laſſen würde. Harry hatte wiederholt ſeiner treuen Luch bedeut⸗ ſame Blicke zugeworfen, denn mit ihr zu reden hatte ihm der Offizier unterſagt. Die Nacht verhinderte das Bekanntwerden ihrer Verhaftung, und wenn auch am folgenden Morgen die Kunde davon eilig durch die Umgegend ziehen würde, ſo war es dann wahrſcheinlich ſchon längſt zu ſpät, ihnen zu Hülfe zu kommen. Mit ſolchen ſchweren Betrachtun⸗ gen ſchritten die Gefangenen ſchweigend in der Mitte der Soldaten auf der Straße nach Brazoria durch die Dunkelheit hin und ſchloſſen im Stillen ihre Rechnung mit der Welt ab. Kaum aber hatte das Militär mit ſeiner Beute die Plantage verlaſſen, als Luch ihr großes Tuch um ſich warf, eine Reitpeitſche ergriff und nach der Einzäu⸗ nung lief, wo die Reitthiere ſtanden. Ein alter Neger kam ihr dort mit zwei Pferden entgegen; auf das eine ſchwang ſie ſich ſelbſt, das andere beſtieg der Alte, und fort ſprengten ſie durch die Nacht dahin. Der Neger voran, die Mulattin hart hinter ihm, blieb Meile auf Meile zurück ohne daß ein anderer Laut als der Hufſchlag und 71 das Schnauben der flüchtigen Roſſe zwiſchen ihnen hör⸗ bar geworden wäre, da erreichten ſie den Urwald, der ſich meilenbreit an beiden Seiten des Vrazosfluſſes hin⸗ zieht und in deſſen tiefem Dunkel ſie die Eile ihrer Thiere mäßigen mußten Nur eine kurze Strecke waren ſie in den himmelhohen Wald eingedrungen, als der Neger ſein Pferd anhielt, mehrere lange Stücke Kienholz aus einem am Sattel hängenden Bündel zog und dieſelben anzündete, um bei ihrem Fackellicht den Weg verfolgen zu können. Kaum aber brannte das Holz, als Luch ihren Führer wieder zur höchſten Eile antrieb, ſodaß die rothe Flamme der Fackel mit ihrem ſchwarzen Rauche weit im Winde verwehte. Der Weg war ſumpfig und grundlos, hier ſperrten ihn rieſige Baumſtämme, die über ihn hingeſtürzt lagen, dort unterbrachen ihn breite Grä⸗ ben, in welche das Waſſer vom Fluſſe aus zurückgetre⸗ ten war, nichts aber vermochte die Mulattin aufzuhal⸗ ten, und bald erreichten ſie das Ufer des Brazosfluſſes. Hier ſtand unter den weit ausgeſtreckten Rieſenäſten ur⸗ alter Eichen und Platanen ein verwittertes kleines Blockhaus, deſſen Aeußeres nicht vermuthen ließ, daß es einem Menſchen als Obdach diene. Dennoch wohnten zwei Amerikaner darin, welche ſeitens der Aufſtändi⸗ ſchen hier als Fährleute gehalten wurden, um eilig und unbemerkt Botſchaften von einem Ufer zum andern ge⸗ 72 langen zu laſſen, denn die Fähren an den Hauptſtra⸗ ßen waren von mezicaniſchen Soldaten beſetzt und bewacht. Der Neger ſprang von ſeinem Pferde und klopfte an die Thür des Blockhauſes, worauf ſofort Stimmen darin hörbar wurden und im nächſten Augenblick ſich die Thür öffnete. Zwei junge Männer traten heraus und hielten, vom Licht geblendet, die Hand über die Augen, um zu ſehen, wer ihre Dienſte verlange. „Biſt Du nicht Herrn Williams' Aron?“ fragte der eine den Neger und fuhr dann zu Luch auf⸗ ſchauend fort: „Sieh, da iſt ja Herrn Williams' ſchöne Luch auch! Mein Gott, es iſt ihm doch nichts geſchehen?“ „Die Mexicaner haben ihn ſammt dem Colonel Tra⸗ vis und dem Richter Jack in unſerm Hauſe gefangen genommen und ſie nach Brazoria abgeführt“, antwortete Luch mit vor Angſt bebender Stimme.„Fahren Sie mich ſchnell über den Fluß, damit ich den Bruder des Richters, den Colonel Jack, zur Hülfe herbeirufen kann, ſonſt ſind die Gefangenen verloren; man wird ſie mor⸗ gen erſchießen. Helfen Sie mir, ſchnell, ſchnell!“ „Da iſt freilich nicht viel Zeit zu verlieren, denn der Tag wird nicht mehr fern ſein, wenn Sie, „ 73 ſchöne Luch, bei dem Colonel eintreffen. Wir wol⸗ len uns beeilen; Aron, führe die Gäule am Ufer hin⸗ unter.“ Bei dieſen Worten nahm er dem Neger die Fackel aus der Hand und ſchritt der Mulattin voran an dem ſteilen Ufer hinab, während Aron die Pferde auf einem Umweg nach dem Waſſer hinuntergeleitete. Auch der zweite Fährmann fand ſich bei dem dort liegenden Na⸗ chen ein, der Neger trug die abgenommenen Sättel in das Schiffchen und trat, nachdem Luch und die beiden Amerikaner darin Platz genommen hatten, die Pferde an den Zügeln hinter ſich herführend, ſelbſt hinein. Die Fährleute trieben mit ihren Rudern den Kahn langſam vom Ufer ab, und Aron zog die Roſſe hinter dem Na⸗ chen her in das Waſſer, ſodaß ſie demſelben ſchwim⸗ mend folgen mußten. Luch hielt während der Fahrt die Fackel hoch über ſich, um die Ruderer die Köpfe der Pferde ſehen zu laſſen, damit ſie ihren Ruderſchlag mit deren Eile in Einklang bringen könnten. So zo⸗ gen ſie ſchweigend über den gewaltigen Strom, und bald beleuchtete das Licht der Fackel die zum Himmel auf⸗ ſtrebende Baumwand mit ihren von den Aeſten bis auf das Waſſer herabhängenden grauen Moosfahnen. Zwi⸗ ſchen denſelben hindurch glitt der Nachen dem Ufer zu, welches hier nicht ſo hoch und ſteil war als an der an⸗ 74 dern Seite, und leicht erklommen die beiden Pferde von Aron geführt das Land. Nach wenigen Augen⸗ blicken hatte der Neger ſie wieder geſattelt, die Fähr⸗ leute halfen Luch ihr Roß beſteigen, und Aron auf dem ſeinigen voran folgten ſie abermals dem oft kaum zu erkennenden Wege durch den Wald. Schon nach Ver⸗ lauf von einer halben Stunde hatten ſie deſſen Ende erreicht und trieben in der offenen Prairie abermals die Pferde zum Galopp an, denn je näher Luch ihrem Ziele kam, um ſo größer wurde ihre Angſt, ihre Verzweiflung. Ihre Blicke ſchweiften fortwährend an dem öſtlichen Ho⸗ rizont und ſpähten nach dem gefürchteten Tag, doch war noch kein Schimmer von ihm zu erkennen, als Hundegebell zu ihren Ohren drang und gleich darauf der Neger eine dunkle Baummaſſe als die Niederlaſſung des Colonels Jack bezeichnete. Im Galopp ſprengten ſie vor die unter den Bäu⸗ men verſteckte Wohnung, und während die Hunde ſie lärmend umkreiſten, ließ der Neger wiederholt ein lautes, dringendes„Hollah!“ erſchallen. „Wer iſt da?“ antwortete es aus einem ſich öffnen⸗ den Fenſter. „Der Richter Jack iſt am vergangenen Abend in dem Hauſe des Herrn Williams mit dieſem und dem Colonel Travis von den Mezxicanern verhaftet und 75 nach Brazoria abgeführt worden“, rief Luch dem Manne im Fenſter zu. „Mein Bruder?“ ſchrie dieſer.„Hölle und Teufel!“ Dann war es wieder ſtill, gleich darauf aber erhellten ſich die Fenſter, die Thür des Hauſes wurde geöffnet und Colonel Jack ſtürzte aus derſelben hervor. „Mein Gott— Luch!“ rief er überraſcht.„Stei⸗ gen Sie ab und kommen Sie in mein Haus. Wie ſoll ich es Ihnen danken, daß Sie mir die Nachricht bringen?“ Dann wandte er ſich zu dem Neger und ſagte: „Aron, reite, ſo ſchnell Du kannſt, zu Sheffield, ſage ihm, was geſchehen iſt, und bitte ihn in meinem Namen, mit allen waffenfähigen Männern, die er aufbringen könne, nach der untern Fähre am Brazos zu kommen; er möge keine Minute verlieren.“ Zugleich hob er Luch von ihrem Pferde, befeſtigte daſſelbe mit dem Zügel an einem Baum und geleitete die Mulattin nun in das Haus, wo ihnen bereits die Frau, die Töchter und zwei erwachſene Söhne des Co⸗ lonels entgegenkamen. „Charles, reite zu Dickens und bringe aus der Um⸗ gegend alle Männer mit, und Du, Ralph, jage zu Town⸗ ſend“, ſagte der Colonel zu ſeinen Söhnen und gab 76 dann ähnliche Befehle an zwei Negerburſchen, welche in die Thür getreten waren. Dieſe ſowie die beiden Söhne ſprangen eilig fort, während der Colonel ſich wieder an Luch wandte und ſagte: „Sie können hier bei meinen Damen bleiben, Luch, denn allein dürfen Sie nicht zurückreiten.“ „Nein, nein, Colonel Jack, ich begleite Sie, ich reite mit Ihnen nach Brazoria zu meinem Herrn“, ant⸗ wortete die Mulattin auf das beſtimmteſte und wies jede dagegen gemachte Vorſtellung zurück. „Wie Sie wollen, Lucy“, verſetzte der Alte.„Es wird aber einen heißen Ritt geben und vielleicht ein noch heißeres Zuſammentreffen.“ Dann zog er einen Stuhl vor das Kamin, in welchem jetzt ein Feuer aufflackerte, und ſagte zu der Mulattin: „Setzen Sie ſich, Sie braves Mädchen; Sie ſind mir und den Meinigen lieber und willkommener als manche unſerer weißen Nachbarn. Nun will ich mich rüſten.“ Dann rief er ſeiner Frau noch zu, das Frühſtück zu beeilen, und verließ das Zimmer. Auch die Damen hatten ſich entfernt, um in der Küche hülfreiche Hand zu leiſten, da trat Luch an das Fenſter und ſchaute bebenden Herzens unter dem dun⸗ keln Laubdach, welches das Haus in tiefe Schatten legte, 77 nach dem Himmel im Oſten. Der bleiche Streif über der flachen Ferne wurde breiter und heller und der erſte Schimmer des Tages begann die Dunkelheit von der Erde zu verdrängen. Luch hatte ihre Hände auf ihrer Bruſt gefaltet, hielt ihre Augen flehend zum Himmel aufgerichtet und betete inbrünſtig um Rettung für den Geliebten ihres Herzens. Je heller es wurde, um ſo trüber, um ſo ban⸗ ger legte es ſich um ihre Seele, und wenn ſie ſich auch ſagte, daß noch viele Stunden vergehen müßten, ehe die Soldaten in Brazoria erwachen und Gericht über die Gefangenen halten würden, ſo war es ihr doch, als ob die Angſt ſie verzehren wolle, als müſſe ſie fort zu dem Geliebten fliegen. Immer wieder ſchaute ſie nach ihrem Pferde hin, welches noch ruhig unter dem Baum vor dem Hauſe ſtand. Was konnte ihr aber das Thier helfen? Sie kannte keinen Weg von hier nach Brazoria, und wenn ſie auch wirklich dorthin gelangen könnte, ſo lag es ja außer ihrer Macht, nur das Geringſte für Harrh zu thun. Da fuhr es ihr wie ein Lichtſtrahl durch die Seele; es dröhnte wie ferner Donner zu ihrem Ohr, es kam näher und näher und immer deutlicher erkannte ſie den Hufſchlag vieler flüchtigen Roſſe. Es waren Freunde Harry's, es waren Männer, die zu ſeiner Rettung herbei⸗ 6 78 jagten. Mit ſtürmiſcher Eile ſprengten jetzt von ver⸗ ſchiedenen Seiten einige vierzig Reiter zu dem Haus heran, befeſtigten die Zügel ihrer Pferde an den Bäumen und traten dann, ihre langen Büchſen an der Treppe aufſtellend, in das Gebäude ein. „Dank, Dank, meine Freunde!“ rief ihnen Colonel Jack entgegen und führte ſie in das Beſuchszimmer.„Wer noch nicht gefrühſtückt hat, iſt herzlich willkommen, der Kaffee ſteht bereit; wer aber einen kräftigen reinen Mor⸗ gentrank zu haben wünſcht, der findet ihn dort auf dem Kredenztiſche. Helfen Sie ſich ſelbſt, Gentlemen.“ Sämmtliche Gäſte machten von letzterer Einladung Gebrauch und bedienten ſich auch der Cigarren, die Co⸗ lonel Jack für ſie hingeſtellt hatte, während dieſer ſich zu den Seinigen begab und mit ihnen und Luecy ſchnell ſein Morgenbrod einnahm. Nach ſehr kurzer Zeit aber kehrte er mit der Büchſe in der Hand zu ſeinen Freunden zurück und ſagte: „Nun, in Gottes Namen, laſſen Sie uns reiten, damit wir in die Nähe von Brazoria kommen, ehe die mexicaniſchen Schurken erwachen.“ Alle eilten hinaus zu den Pferden, Colonel Jack hob Luch in den Sattel und wenige Minuten ſpäter ſtürmte die ganze Schaar im Galopp davon. Ohne den Thieren Raſt zum Verſchnaufen zu geben, erreichten ſie 79 bereits nach einer Stunde den Brazoswald, wo der ſchmale, ſumpfige Weg ihrer Eile Einhalt that. Den⸗ noch trieben ſie ihre Roſſe zu möglichſter Schnelligkeit an, und als die Sonne ihren erſten Blick über die Erde ſchoß, hielten ſie an dem Ufer des Stroms. Die drei großen Boote, welche hier gleichfalls von den Amerikanern gehalten wurden, hatten bereits die Söhne des Colonels nebſt den Freunden, die ſie herbei⸗ geholt, über den Fluß geſetzt, und während dieſer ſich mit ſeiner Schaar einſchiffte, langte auch Aron mit noch mehreren Männern an. Die drei Gefangenen ſaßen während dieſer Zeit zu— ſammen in einem düſtern Blockhaus in der nahe an der andern Seite des Stroms gelegenen Stadt Brazoria und ſchauten, in ſehr ernſte Betrachtungen verſunken, nach den kleinen Heffnungen in den Wänden und in dem Schindeldache, durch welche das heitere Licht des Mor⸗ gens zu ihnen eindrang. Sie ſaßen ſchweigend neben einander auf dem Fuß⸗ boden, denn Möbel enthielt das Gefängniß keine, und ein jeder von ihnen dachte an das, was ihm das Liebſte auf Erden war. Da brach Colonel Travis zuerſt das Schweigen und ſagte: „Wäre es im Kampfe für die Freiheit dieſes Lan⸗ des, ſo würde ich gern ſterben, aber ſo wie Schlacht⸗ 80 vieh durch dieſes heuchleriſche, feige Geſindel hinausge⸗ führt und erſchoſſen zu werden, das iſt mir ſchrecklich!“ Dabei warf er einen verzweifelnden Blick nach der Thür und ſchüttelte die Kette an ſeinen Händen. „Wenn nur mein Bruder Kunde von unſerer Ver⸗ haftung erhielte, er würde uns retten oder ſein eigenes Leben verlieren“, hob der Richter Jack an.„Meiner Frau und meinen Kindern aber fällt es gar nicht auf, daß ich geſtern nicht nach Hauſe gekommen bin, es iſt dies in letzter Zeit zu oft der Fall geweſen. Der Himmel mag ſich ihrer erbarmen!“ Harry ſaß in Gedanken verſunken und ſah unbe⸗ weglich vor ſich nieder, nach einer Weile aber ſtrich er ſeine ſchönen Locken zurück und ſagte: „Ich gebe die Hoffnung auf unſere Befreiung noch nicht ganz auf. Jedenfalls ſind in der Nacht noch alle unſere Nachbarn von der That in Kenntniß ge⸗ ſetzt worden, ſodaß ſie die Gefahr kennen, in der wir ſchweben, und es iſt unglaublich, daß ſie gar keinen Ver⸗ ſuch zu unſerer Befreiung machen ſollten. Meine Mulattin Luch hat ſie ſicher beſchworen, es zu thun.“ „Die Militärmacht hier iſt jetzt zu groß, als daß wenige Männer einen Angriff wagen könnten; es lie⸗ gen augenblicklich über dreihundert Mann hier in Gar⸗ niſon“, bemerkte Travis. 81 „Und doch würden es unſere Freunde wagen, wenn ſie Nachricht von unſerm Schickſal hätten“, verſetzte der Richter. Da wurde von außen der Schlüſſel in das Thürſchloß geſteckt, und alle drei ſahen ſich erſchrocken an. „Es geht zu Ende mit uns, die Schurken ſind in Eile, weil ſie befürchten, daß man uns zu Hülfe kommen möchte“ ſagte Travis, als die Thür ſich öffnete und ein Hffizier mit mehreren Soldaten hereintrat. Derſelbe gab letztern einen Wink, und ohne ein Wort zu reden ſchritten ſie zu den drei Gefangenen, nahmen ihnen die Ketten ab und banden ihnen dafür die Hände auf dem Rücken zuſammen. „Ohne Verhör, ohne Urtheil?“ fragte der Richter entſetzt, der Offizier antwortete ihm aber nicht, ſondern winkte ihnen nur, das Haus zu verlaſſen. Widerſtand war unnütz, darum folgten alle drei ſchweigend der Aufforderung und traten in das Freie hinaus, wo eine Compagnie Soldaten ſie in ihre Mitte nahm und mit ihnen abmarſchirte. Das Gefängniß lag an der Außenſeite der Stadt, ſodaß der ernſte Zug, ohne Aufſehen zu erregen, aus derſelben gelangte, wo er ſich dann zwiſchen Maisfeldern hin dem Walde zu bewegte, der das Ufer des nahen Stroms krönte. Schweigend ſchritten die drei ei vor⸗ Armand, Saat und Ernte. IV. 82² wärts und maßen die kurze Lebensfriſt, die ihnen noch vergönnt war. Colonel Travis ging ſtolz und hoch aufgerichtet mit zornflammendem Blick dahin, als ſei er es, der die Me⸗ xicaner zum Tode führe; der Richter Jack dagegen war niedergebeugt und murmelte wiederholt mit tiefem Seufzer: „Mein Weib, meine Kinder!“ Nur Harry glaubte noch nicht unbedingt an ſein Ende, wenn er ſich auch nicht ſagen konnte, worauf er jetzt noch hoffen dürfe, denn es waren ja nur noch wenige Schritte bis auf die Grasfläche vor dem Walde, auf welcher, wie er wußte, auch der alte Pflanzer Dou⸗ gall erſchoſſen worden war. Ein unnennbares Gefühl des Vertrauens auf eine unerwartete Hülfe kämpfte in ihm lebendig gegen die Ergebung in das Schickſal, welches ſo nahe, ſo drohend vor ihm ſtand, und mit immer grö⸗ ßerer Eile ließ er ſeinen ſpähenden Blick hin und her durch die Umgegend ſchweifen. Er dachte an ſeinen Schiff⸗ bruch und an ſeinen Ritt auf dem Brete in dem Ocean; dort war eine Rettung noch viel unglaublicher geweſen als hier, wo jeden Augenblick ſeine Freunde erſcheinen und ihn befreien konnten. Soweit er aber auch ſeinen Blick umherſandte, ſo konnte er doch nichts erkennen, was ſeine Hoffnung gerechtfertigt hätte, und wie ein Nebelbild ſank ſie in dem Augenblick zuſammen, als er 83 die Grasfläche betrat, auf welcher Dougall erſchoſſen worden war. Er erſchrak, ein eiſiger Froſt lief ihm durch die Glieder, ſein Schritt wurde unſicher und wankend und ſeine Augen füllten ſich mit Thränen. Scheiden ſollte er von dem ſchönen Leben, das ihn ſo ſonnig be⸗ ſchien— gab es denn gar keine Hoffnung, keine Rettung mehr? Keine! Wie gern hätte er ſeine Schritte ver⸗ zögert, ſeine Henker aber, die herzloſen Soldaten, hielten nicht inne, bis ſie auf den kleinen, von einer wilden Hecke eingeſchloſſenen Platz kamen, auf dem mehrere friſche Grabhügel aus dem langen Graſe hervorſahen. „Halt!“ rief der Offizier, die Soldaten neben den Gefangenen ließen dieſe nebeneinander niederknien und alle ſtellten ſich dann auf Commando in kurzer Entfer⸗ nung vor ihnen in zwei Reihen auf. Der Offizier trat jetzt zur Seite,„Achtung!“ rief er ſeinen Leuten zu und ſein Mund öffnete ſich zum weitern Commando, da krachten Büchſenſchüſſe von dem nahen Walde her, der Offizier und viele der Soldaten ſanken getroffen zuſammen und mit einem Hurrah, das dem Sturme glich, ſtürzten die Amerikaner aus dem Dickicht hervor. Wie Spreu vor dem Winde ſtoben die Mexicaner nach allen Richtungen auseinander und ließen ihre Verwundeten und ihren Offizier zurück, und die Mulattin voran, ſtürmten die Retter über die Grasfläche 6* 84 den Gefeſſelten entgegen, die jauchzend und jubelnd auf⸗ ſprangen und deren Freudengrüße beantworteten. Luch war in der That die erſte, die ſie erreichte; zitternd und bebend fiel ſie vor Harry nieder und umklammerte ſchluch⸗ zend und unter Thränen höchſter Seligkeit ſeine Kniee, dann aber ſprang ſie auf, löſte die Bande von ſeinen Armen und drückte wieder und wieder ihre Lippen auf ſeine Hände. Das Zuſammentreffen der Brüder Jack war ein ergreifendes; immer von neuem fielen ſie ſich in die Arme und prieſen den Allmächtigen für die Rettung, womit er ſie geſegnet, bis endlich mehrere Stimmen laut wur⸗ den, daß es Zeit ſei, ſich über den Fluß zurückzuziehen, da Colonel Bradburne bald mit ſeiner ganzen Macht erſcheinen werde. „Ich hätte große Luſt, ſelbſt ihn anzugreifen; ich glaube, wir trieben die ganze Bande bis nach dem Golf hinab“, rief Colonel Travis auffordernd. „Jetzt nicht, Travis“ fiel ihm Colonel Jack in das Wort.„Wir müſſen uns zu einem ernſtern, bedeutendern Schlag rüſten. Eins aber dürfen wir jetzt nicht unter⸗ laſſen, wir müſſen dem rettenden Engel danken, der uns noch zeitig hierher gebracht hat; ohne unſere ſchöne Luch hätten wir unſere drei Freunde nimmermehr wieder⸗ geſehen!“ — Dabei trat der Alte zu der Mulattin hin, ergriff ihre Hand und dankte ihr mit heißen, innigen Worten für den Dienſt, den ſie ihm und dem Land erwieſen habe. Sein Bruder und Travis thaten es gleichfalls in tief ergreifender Weiſe, und alle Uebrigen folgten ihrem Beiſpiele. Trommeln, Hörner und Trompeten ſchallten von der Stadt her, als die Sieger mit ihren drei ge⸗ retteten Freunden den Fluß bereits erreicht hatten und ſich nach dem andern Ufer einſchifften. Viertes Kapitel. Um dieſelbe Zeit trug ſich weiter im Weſten von Texas ein Ereigniß zu, bei welchem die amerikaniſche Bevölkerung noch viel offener und in größerem Maß⸗ ſtabe den Mexicanern mit Gewalt entgegentrat. An dem wunderbar ſchönen Guadelupefluſſe, einige ſechzig Meilen öſtlich von San⸗Antonio, dem Sitz der Provinzialregierung, lag ein Städtchen Namens Gonzales, deſſen Einwohnerſchaft größtentheils aus Amerikanern beſtand. Die unendlich vielen Reize, welche die Na⸗ tur hier jahraus jahrein entfaltete, hatten die wandern⸗ den, eine Heimat ſuchenden Familien hier zuſammen⸗ geführt und ſie ſchon ſeit Jahren an dieſes Land ge⸗ feſſelt, trotz der großen Gefahren, welche ihnen die Urbewohner, die Indianer, bereiteten, indem dieſelben fortwährend mit ihnen um den Beſitz dieſes ihres ſchö⸗ nen Eigenthums kämpften. Was aber waren alle Ge⸗ fahren gegen ein irdiſches Paradies, wie es hier an den 87 ewig grünen, ewig mit Blumen geſchmückten Ufern der kryſtallklaten, rauſchend dahinſchäumenden Guadelupe aus⸗ gebreitet lag! Wolkenlos und durchſichtig ſpannt ſich hier der blaue Aether über den weiten, ſaftig grünen, wellen⸗ förmig auf. und abſteigenden Prairien, belebend und ewig verjüngend reizt das Sonnenlicht die reiche Erde zu ununterbrochener ſchaffender Thätigkeit, und der vom Golf ungehindert und fortwährend über ſie hinziehende erfriſchende Seewind erquickt und ſtärkt die Keime, die in üppiger Lebenskraft ſtrotzend aus ihr hervorſchießen. Und durch dieſe mit hohen feinen Gräſern und tauſend⸗ farbigen Blumen wogenden, unabſehbaren Grasfluren, aus denen ſich kleine ſchattig dunkle Waldgruppen wie In⸗ ſeln aus dem Meere erheben, ſchlängelt ſich in graziöſen Windungen und überſchattet von majeſtätiſchem Walde die zauberiſch ſchöne Guadelupe und ſtürzt ſich bald to⸗ bend und brauſend über mächtige Felsſtücke, von denen ihr weißer Giſcht emporſprüht und kühlend und erfri- ſchend das heimliche Dunkel über ihr durchweht, bald gleitet ſie geräuſchlos zwiſchen den üppigen Rieſenpflan⸗ zen ihrer Ufer hin und ſpielt mit deren glühend farbi⸗ gen Blumen und mit den blühenden Ranken und Schling⸗ gewächſen, die aus dem dunkelgrünen Laubgewölbe in ihre klare Flut herabhängen. Dabei zeigt ſie dem ſtau⸗ nenden Auge in ihrer tiefſten Tiefe das blendend weiße 88 Geſtein auf ihrem Grund, die zwiſchen ihm grünenden zierlichen Waſſerpflanzen und die goldigen Fiſche und Schildkröten, die ſpielend ihre krhſtallene Flut beleben. Kein Wunder war es, daß um dies ſchöne Land die Indianer mit den Weißen, die es ihnen entreißen woll— ten blutige Kämpfe fochten, und ſehr erklärlich war es, daß dieſe keine Gefahr ſcheuten, ſich in einem ſolchen Paradieſe zu behaupten. Die Wälder ſpendeten ihnen den koſtbarſten Honig und die ſüßeſten Früchte in unglaub⸗ licher Fülle, Bären, Hirſche, Antilopen, wilde Truthüh⸗ ner und Prairiehühner gab es hier in endloſer Zahl und die Erde lieferte bei der oberflächlichſten Bearbeitung die reichſten Ernten. Der Menſch brauchte hier kaum zu ſorgen, die Natur gab ihm Alles freigebig und machte es ihm ſelbſt unnöthig, ſich ein Obdach zu bauen, da es eine ſchönere Wohnung auf der weiten Welt nicht gab, als in dem Schatten der rauſchenden Bäume an der kühlen, brauſenden Guadelupe. Dennoch hatten die Bewohner von Gonzales ſich recht ſaubere, dem herrlichen Klima angepaßte Wohnun⸗ gen aus Holz erbaut und dieſelben mit ſtarken Einzäu⸗ nungen umgeben, um ſich gegen einen raſchen Ueberfall der Indher zu ſchützen. Sie waren, wie es überhaupt dein Amerikaner eigen iſt, mit den Waffen vertraut und reichlich damit verſehen und hatten ſchon ſeit Jahren 89 einen Freund in ihrer Mitte, der durch ſeine Donner⸗ ſtimme die Wilden ſchon manchmal in die Flucht ge. trieben hatte. Es war eine Kanone, ein Zehnpfünder, der ſtets mit Kartätſchen geladen bereit ſtand, einem Feinde ſeinen Eiſeninhalt zuzuſchleudern, und dem Gon⸗ zales es zum großen Theile verdankte, daß es bei ſo vielen Sturmangriffen der Wilden nicht in Schutt und Aſche gelegt worden war. Dieſe vortreffliche Waffe hatten die Mexicaner nun ſchon lange mit neidiſchem Auge angeſehen und na⸗ mentlich in letzterer Zeit war ſie ihnen in den Händen der ihnen feindlich gegenüberſtehenden Bevölkerung von Gonzales als ein unangenehmer Trumpf erſchienen. Aus dieſen Gründen beſchloß der Gouverneur von Texas, der in San⸗Antonio ſeinen Wohnſitz hatte, bei Zeiten dieſes gefahrdrohende Inſtrument aus Gonzales zu entfüh⸗ ren und nach San⸗Antonio zu bringen, und gab einigen hundert Dragonern den Befehl zur Ausführung dieſer Vorſichtsmaßregel. Die Amerikaner aber hatten in San⸗Antonio wie überall im ganzen Lande ihre Kundſchafter, die jeden Schritt der Mexicaner überwachten, und kaum war der Befehl erlaſſen worden, als auch ſchon die Nac icht da⸗ von durch einen Eilboten nach Gonzales getragen wurde. Mit großer Entrüſtung empfingen die Bewohner 90 die Kunde und beſchloſſen einſtimmig, die ungebetenen Gäſte bei ihrem Eintreten mit der Kanone ſelbſt zu be⸗ grüßen. Dieſelbe wurde ſofort in die Straße gefahren, durch welche die Reiterei in die Stadt einziehen mußte, und vor das Geſchütz ſtellte man einen großen Kaſten⸗ wagen hin, der daſſelbe vor dem Blick der Mexicaner verbergen ſollte. Die ganze männliche Bevölkerung aber griff zu den Waffen und vertheilte ſich hinter den Fen⸗ ſtern, Thüren und Seiten der Häuſer, um zugleich mit der Kanone den Feinden ein blutiges Wn zu geben. 3 Es war ein heißer, ſtiller Tag und die Sonne hatte ihren höchſten Stand erreicht, als die vor der Stadt auf einer Anhöhe ausgeſtellten Wachen die Nach⸗ richt in dieſelbe brachten, daß eine dichte Staubwolke in der Prairie von San⸗Antonio her heranziehe und daß man Reiterei darin erkannt habe. Alle Männer ſpran⸗ gen auf ihre Poſten, die Büchſen wurden zum Schuß bereit gemacht, und mit wachſender Spannung ſchaute man veiſohle aus den Verſtecken in der Straße hin⸗ auf und ſah von Augenblick zu Augenblick dem Erſchei⸗ nen der verhaßten Feinde entgegen. Da erſchallte der hellklingende Ton von Trompeten und zwiſchen drei⸗ 91 und vierhundert Dragoner kamen in geſchloſſenen Rei⸗ hen in die Straße hereingetrabt. Bei dem Kaſtenwagen vor dem Geſchütz ſtand eine Anzahl von Männern, wie an demſelben beſchäftigt, und bei der Kanone dahinter verbargen ſich lauernd vier kräftige junge Burſchen, bis die Dragoner ſie auf fünfzig Schritte erreicht hatten. Da zog man den Wagen mit Blitzesſchnelle zur Seite, ein ſchwarzgelockter Jüngling drückte die brennende Lunte auf das Geſchütz, die Cavallerie ſtutzte, aber im ſelbigen Augenblick entlud ſich die Kanone und ſchleuderte mit einem Donnergruß ihren Eiſenregen in die dicht zuſam⸗ mengedrängte Reiterei. Zugleich aber blitzten und krach⸗ ten Hunderte von Büchſen von beiden Seiten der Straße und ſandten ihr tödtliches Blei unter die Dragoner, die jetzt in Schreck und Entſetzen ſich wandten und in der Flucht ihr Heil ſuchen wollten. Zu dicht aber zuſam⸗ mengepreßt, kamen ſie nicht vom Platz. Mac⸗Coor, einer der Bedienung bei dem Geſchütz, ſchob eine neue Büchſe mit Kartätſchen in daſſelbe hinein, Albert Randolph, der die Lunte hielt, drückte ſie wieder an den Zünder und abermals flog die Eiſenladung donnernd und pfeifend in die verworrenen Reihen der Mexicaner. Jetzt hatten die letzten Glieder derſelben das Weite ge⸗ ſucht, alle ſtürmten nun über ihre gefallenen Kame⸗ raden hinweg aus der Stadt hinaus, und noch manche 92 Büchſenkugel flog ihnen nach. Gegen achtzig Dragoner blieben unberitten, verwundet oder todt in der Straße zurück, und die Männer und Weiber von Gonzales eil⸗ ten den Verwundeten zu Hülfe, um ihnen beizuſtehen und ihre Schmerzen zu lindern. Mit Feſtigkeit und Entſchloſſenheit aber wurden jetzt eiligſt Anſtalten getroffen, die Stadt zu befeſtigen und gegen einen Angriff einer größern Truppenmacht. welche man unfehlbar am folgenden Tage von San— Antonio her erwarten mußte, zu vertheidigen. Albert Randolph hatte, von Mac⸗Coor geführt, ſeine Flucht aus den Vereinigten Staaten glücklich voll⸗ bracht und war, durch Texas nach deſſen geprieſenem Weſten ziehend, durch die Schönheit der Natur um Gon⸗ zales an dieſes Städtchen gefeſſelt worden. Niederge⸗ beugt vom Schickſal und zerfallen mit der Menſchheit, hatte er hier ſtill und ungekannt gelebt, bis die ameri⸗ kaniſche Bevölkerung ſich gegen die mexicaniſche Thrannei zu ſträuben begann und dieſe die Ketten noch feſter zu ziehen ſich bemühte. Bei der Rückkehr Auſtin's aus der Gefangenſchaft in Mexico trat Albert zuerſt aus ſeiner Unthätigkeit, ſeinem Unbekanntſein hervor in das politiſche Leben und nahm Partei für Auſtin. Er war oft und viel mit ihm zuſammen, Auſtin lernte bald ſeinen hohen geiſtigen Werth kennen und ſah in ihm — 93 einen Mann, der in der politiſchen Geſtaltung von Te⸗ xas eine große Rolle ſpielen müſſe. Bei allen Volks⸗ verſammlungen und Berathungen in dieſem weſtlichen Theile des Landes wurde Albert's Stimme gehört, das Begeiſternde, Hinreißende ſeiner prächtigen, klaren und doch hochpoetiſchen Rede gab immer bei Verſchiedenheit der Meinungen die Richtung an, der man ſchließlich folgte, und ſeinem weitgreifenden klaren Blick in die po⸗ litiſchen Zuſtände ſowie ſeiner Thätigkeit verdankte die Partei Auſtin's die Macht, die ſie bald erlangte. Gänzlich unbekannt aber blieb es, daß er der Dichter Albert ſei, er war nur der Advocat Randolph, ein Name, der über ganz Amerika verbreitet iſt. Zugleich mit Entfaltung ſeiner Thätigkeit für die Freiheit von Texas widmete er ſich wieder literariſchen Arbeiten, und wohl ſeine werth⸗ vollſten poetiſchen Schöpfungen verdanken dieſer Zeit ihre Entſtehung. Sie erſchienen im Norden der Ver⸗ einigten Staaten unter dem Namen Albert, während Niemand wußte, wo der Dichter lebte. Was ihm aber ſein hartes Geſchick erträglich machte, war ſeine Correſpondenz mit der Geliebten ſeines Herzens, mit Blancha, die ihm regelmäßig wöchentlich Nachricht von ſich gab, und aus vielen ſeiner wunderbar herrlichen Poeſien klingt ſeine hochbegeiſterte ſchwärmeriſche Liebe für die ferne Geliebte hervor. 94 Albert war neben Auſtin eine der bedeutendſten Perſönlichkeiten im Weſten von Texas und ſein Name ſtand in San⸗Antonio und ſelbſt in Mexico ſehr ſchwarz angeſchrieben. Mae Coor folgte ihm, wo er ging und ſtand, wie ſein Schatten nach, obgleich er ihm ſeine Geſellſchaft nie aufdrängte, im Gegentheil, er vermied es vor der Welt, als ein näherer Bekannter von ihm zu erſcheinen, und wenn ihm Albert im Gefühl ſeiner unverlöſchlichen Dankbarkeit manchmal einen leiſen freundlichen Vorwurf darüber machte und ihm ſagte, daß er ſeit ihrem Bekannt⸗ werden nur Gutes von ihm geſehen habe und daß er ſeiner Freundſchaft werth ſei, ſo antwortete ihm Mac⸗ Coor in einem Ton der Selbſtverdammung, daß er für das Gute, welches er ihm gethan, ſich habe be⸗ zahlen laſſen und daß es dadurch jeden Werth verlo⸗ ren habe. Sowie die Männer von Gonzales bei allen öffent⸗ lichen Angelegenheiten Albert's Wort zu Rathe zogen, ſo leitete er auch an dem Abend, nachdem die Drago⸗ ner zurückgeſchlagen waren, die Vorkehrungen zu einer nachdrücklichen weitern Vertheidigung, welche ſchnell mit aller Energie getroffen wurden; denn in San⸗Antonio lagen gegen dreitauſend Mann mepicaniſche Truppen, die ſicher bald erſcheinen würden, um die Niederlage ihrer Kameraden an Gonzales und deſſen Vewohnern zu rä- chen. Während Albert nun die Eingänge i in die Stadt durch Gräben und Erdaufwürfe für Cavallerie unzu⸗ gänglich machen ließ, ſandte er auch zugleich reitende Boten nach allen Richtungen in das Land und rief die in der Umgegend wohnenden Amerikaner zu den Waffen. Es war ſchon ſpät in der Nacht und noch herrſchte in Gonzales die größte Thätigkeit, als plötzlich eine ganz unerwartete Hülfe in der Noth erſchien: Stephan Au⸗ ſtin langte mit einigen hundert bewaffneten und beritte⸗ nen Männern vor der Stadt an. Auſtin, welcher in der nach ſeinem Vater genannten Stadt Auſtin lebte, hatte gleichfalls am frühen Morgen von dem beabſichtigten Ueberfall der Mexicaner Kunde erhalten und etligſt alle Männer in ſeiner Nähe zur Hülfe aufgerufen und hier⸗ her geführt. Außer ihnen trafen aber in der Nacht noch viele Streiter aus der Umgegend von Gonzales ein, ſodaß, als der Morgen graute, gegen vierhundert Män⸗ ner in der Stadt ſich befanden, die jetzt mit begeiſter⸗ tem Verlangen dem Erſcheinen des Feindes entgegen⸗ ſahen. Derſelbe ließ auch nicht lange auf ſich warten, denn die Sonne ſtand noch ziemlich hoch über dem fla⸗ chen Horizont, als zweitauſend Mann Mexicaner mit zwei Geſchützen vor der Stadt anlangten und ſofort 96 Anſtalten zum Angriff machten. Ehe eine halbe Stunde verging, war der Kampf im vollen Gange. In der Ueber⸗ zeugung, die kleine Macht, welche ihnen die Stadt Gon⸗ zales entgegenzuſetzen vermochte, erdrücken zu können, ſtürmten die Mexicaner mit hartnäckiger Wuth gegen ſie an, wurden aber von dem mörderiſchen Feuer der kalt⸗ blütigen Amerikaner immer wieder zurückgeworfen, bis ſie an ihrem großen Verluſte erkannten, daß die Stadt Hülfe von außen erhalten haben müſſe. Nach zweiſtün⸗ digem Gefechte zogen ſie ſich zurück, um ihren Heim⸗ marſch anzutreten, da brach aber Auſtin mit allen be⸗ rittenen Männern aus der Stadt hervor und trieb die Feinde meilenweit auf ihrer tollen Flucht davon, bis die Nacht der Verfolgung ein Ziel ſetzte. Die beiden Kano⸗ nen der Mepicaner wurden erbeutet und im Triumph in die Stadt Gonzales eingeführt. Die Fahne des Aufruhrs war jetzt entfaltet und die Kriegspoſaune ſchallte durch ganz Texas von dem Sa⸗ bine bis zum Rio Grande. Allenthalben griff man zu den Waffen, ſammelte ſich in Schaaren und verjagte alle kleinen Militärpoſten der Mezxicaner; der Oberſt Bradburne wurde in Brazoria angegriffen, zog ſich aber nach der Meeresküſte bis Velasco zurück und fand bei deſſen Vertheidigung ſeinen Tod. Nachdem ſeine Truppen zerſprengt waren, ſetzten die Sieger nach 97 der Inſel Galveſton, dem einzigen Hafen von Texas für große Seeſchiffe, über, entwaffneten die mexicaniſche Be⸗ ſatzung des dortigen Forts und vergrößerten deſſen Pr theidigungswerke. Nur die beiden mit Befeſtigungen verſehenen Städte San⸗Antonio und Goliad waren noch mit mexicaniſchen Beſatzungen verſehen, ſonſt war das ganze Land von ihnen geſäubert, und mit ihnen waren auch alle mexica⸗ niſchen Behörden verſchwunden. Die Unabhängigkeit, die ſelbſtſtändige Republik von Texas war ausgerufen, es wurde ein Präſident gewählt, und unter ihm trat in San⸗Felipe der Congreß zuſammen, um das neue Reich zu regieren. Der letzte mexicaniſche Soldat ſollte nun auch noch aus dem Lande vertrieben werden, und um dies zu voll⸗ bringen, ſammelte und organiſirte Stephen Auſtin am Coloradofluſſe eine Streitmacht. Bis hierher hatte Harry Williams mit raſtloſer Thätigkeit, mit Aufbieten aller ſeiner Kräfte, ſeines gan. zen Einfluſſes an der politiſchen neuen Geſtaltung von Texas gearbeitet und ſelbſt ſeine eigene Sicherheit mit⸗ unter aus den Augen geſetzt, jetzt aber war das Ziel erreicht, für welches er Alles gethan hatte, und mit hoch⸗ fliegenden Hoffnungen wandte er ſich nun ſeinem alleinigen Intereſſe zu, um die Früchte ſeiner Bemühungen zu Armand, Saat und Ernte. IV. 6 6 98 ernten. Im Stillen ſagte er der neuen Republik und den Gefahren Lebewohl, übergab ſeinem Bruder Aſhmore die Aufſicht über ſein Eigenthum und ſchiffte ſich nach Neuorleans ein. Endlich konnte er ſich einmal wie⸗ der den Genüſſen der Weltſtadt hingeben, und ſo ſehr ihn auch ſein Eigennutz nach Natchez zog, ſo verzö⸗ gerte er doch mehrere Tage ſeine Abreiſe und genoß in vollen Zügen die Freuden, die ihm hier geboten wurden. Wie verabredet, hatte er Dandon immer von Texas aus mit dem Gange der Dinge dort bekannt gemacht und ihn ſchließlich davon in Kenntniß geſetzt, daß er in Kürze bei ihm eintreffen werde, um nun die große Sklavenſpeculation ins Leben treten zu laſſen. Nachdem er ſich in möglichſter Eile für die Entbeh⸗ rungen in Texas entſchädigt und ſeine in dieſem wilden Lande ſehr verwahrloſte Toilette wieder vervollſtändigt hatte, begab er ſich auf einen der prächtigen Dampfer, welche regelmäßig zwiſchen Neuorleans und Cincinnati fahren. Auf dieſen Schiffen hält ſich jahraus jahrein eine große Zahl von Leuten auf, die ſich Sportsmen nennen, unter welchem Namen nicht allein Liebhaber von Pferde⸗ rennen, Hahnengefechten und Wetten, ſondern Glücksritter im Allgemeinen und insbeſondere Spieler, Schwindler und Gauner aller Art verſtanden werden. 99 Sie leben von der Unvorſichtigkeit, der Unerfahren⸗ heit, Dummheit und Gutmüthigkeit der Paſſagiere, indem ſie denſelben in irgend einer Weiſe das Geld abzuneh⸗ men wiſſen. Kaum hatte ſich das Schiff auf welchem Harrh ſich befand, den Fluß hinauf in Bewegung geſetzt, als auch ſofort in der großen Kajüte ein Spieltiſch etablirt wurde, an welchem einige Sportsmen Platz nahmen und die herzutretenden Reiſenden einluden, ſich an einem ge⸗ meinſchaftlichen Kartenſpiel zu betheiligen. Harry ſtand unweit des Tiſches und unterhielt ſich damit, zu beobachten, wie ſich ſo viele bethören ließen und wie ſchnell und geſchickt ſie von dieſen Gaunern um ihr Geld betrogen wurden. Da öffnete ſich die Kajütenthür und Harrh's Blick wurde in höchſtem Erſtaunen von einem eintretenden Mann gefeſſelt, welcher eine ſo große Aehnlichkeit mit Herrn Dandon in Natchez hatte, daß er ihn wirklich im erſten Augenblick für denſelben gehalten hatte. Freilich war des Mannes Erſcheinung eine ganz andere als die Dandon's, denn er war ſehr abgeriſſen in ſeiner Klei⸗ dung und bewegte ſich mit einer Art von Schüchternheit, dennoch blieb die Aehnlichkeit mit Dandon in Geſicht und Geſtalt eine ganz auffallende, ungewöhnliche und hielt Harry's Aufmerkſamkeit gefeſſelt. 7* 100 Der Mann hatte ſich ſehr langſam und von den um den Tiſch Verſammelten unbemerkt denſelben genä⸗ hert und ſich hinter mehreren der Spielenden dem Bank⸗ halter gegenüber aufgeſtellt und ſchien dem Spiele zu⸗ zuſehen, ohne ſich im entfernteſten dafür zu intereſſi⸗ n. Nur Harrh, der immer noch ſeinen verwunderten Blick auf ihm ruhen ließ, bemerkte bald, daß er keines⸗ wegs ſo unthätig daſtand, ſondern mit dem Bankhalter in vollſter Thätigkeit war, indem er demſelben fortwäh⸗ rend Zeichen gab und zugleich in den Karten der vor ihm ſitzenden Spielenden las. Er war alſo ein gehei⸗ mer Verbündeter der Sportsmen und ſeine Hülfe er⸗ probte ſich auch als eine ſehr wirkſame, denn die Spie⸗ lenden verloren ihr Geld, ſie mochten ſetzen, wie ſie wollten. Nach Verlauf von einer Stunde war Nie⸗ mand mehr da, der noch Geld verlieren wollte; die Sportsmen forderten umſonſt zum Spiel auf, ſie blie⸗ ben allein am Tiſche zurück. Das Ebenbild Dandon's wandelte wie in Gedanken verloren einigemal in der Kajüte auf und ab und ging dann hinaus auf das Verdeck. Harrh's Intereſſe für den Mann hatte ſich noch mehr geſteigert und er folgte ihm, um ſeine perſönliche Bekanntſchaft zu machen. „Ich darf Sie wohl um etwas Feuer bitten“, ſagte 101 er zu ihm tretend und nahm eine Cigarre aus ſeiner Taſche hervor. „Mit Vergnügen“, antwortete der Mann indem er Harry ſeine brennende Eigarre reichte, wobei er ihn ſcharf fipirte. An dieſe erſte Annäherung knüpfte Harry nun, in⸗ dem er dem Fremden ſeinen Namen nannte, eine wei⸗ tere Unterhaltung, ſprach vom Wetter, von dem Schiff. auf dem ſie fuhren, und von ſchlechten Zeiten und lud ſchließlich den Mann ein, mit ihm ein Glas zu leeren. Sie begaben ſich in die Kajüte nach dem Schenktiſche, und als der Kellner ihnen die Gläſer, den Zucker und die Flaſche mit Cognae zugeſchoben und der Mann ſein Waſſerglas mit Branntwein gefüllt und noch ein wenig Waſſer hinzugegoſſen hatte, ſagte Harry mit zutraulichem, freundlichem Tone: „Nun weiß ich aber noch nicht, auf weſſen Wohl ich trinken werde.“ „Mein Name iſt Capper“, antwortete der Fremde, verneigte ſich mit den Worten:„Ihr Wohlſein, Herr Williams!“ und leerte das Glas bis auf den letzten Tropfen, während Harrh, ihn in gleicher Weiſe be⸗ grüßend, nur wenig trank, dann ſeinen neuen Be⸗ kannten beim Arm nahm und wieder mit ihm hin- aus auf das Verdeck ging. Dort reichte er ihm eine neue Cigarre und ſagte im Laufe der Unterhaltung zu ihm: „Sie ſind Sportsman, ſowie auch ich es früher war, doch ſcheint das Glück Ihnen weniger hold gewe⸗ ſen zu ſein als mir.“ Capper ſah Harrh überraſcht an und entgegnete mit einem verbiſſenen Lächeln: „Es war mir recht hold geweſen und ich hielt den beſten Spieltiſch zwiſchen Neuorleans und Cincinnati, da fiel ich einer Bande von geſchicktern Sportsmen, als ich es war, in die Hände, die mich ausplünderten und dann verhöhnten. Einem derſelben vertrieb ich das La⸗ chen, ich ſtach ihm fünf Zoll Eiſen in die Rippen und würde dafür in Natchez gehangen worden ſein, wenn nicht mein alter Freund, der Advocat Hanley, mir durch⸗ geholfen hätte. Nun muß ich wieder klein anfangen.“ „Sie thun mir leid, alter Kamerad“, ſagte Harrh mit Theilnahme, zog ſeine Börſe und reichte Capper einige Goldſtücke mit den Worten hin:„So wird Ihnen ine kleine Hülfe nicht unwillkommen ſein.“ „Ich nehme ſie mit Dank an, und kann ich Ihnen gelegentlich dienlich ſein, ſo dürfen Sie es mich nur wiſ⸗ ſen laſſen. Ich fahre regelmäßig auf dieſem Boote, bin aber auch immer in unſerm Club in Neuorleans in der Burgundyſtraße zu erfragen; da Sie ſelbſt Sportsman 103 waren, ſo wiſſen Sie dort Beſcheid. Den Bob Capper kennt Jedermann.“ „Wer kann ſagen, wann und wie man einen Freund nöthig hat“ verſetzte Harry leichthin und gab dann der Unterhaltung eine andere Richtung. Harry hatte in der That keinen, auch nicht den ent⸗ fernteſten Grund, weshalb er dieſen Mann ſich ver⸗ pflichtete oder überhaupt deſſen Bekanntſchaft machte, es war lediglich der innere Trieb, keine Gelegenheit un⸗ benutzt vorübergehen zu laſſen, die ihm möglicherweiſe einen Vortheil über ſeine Mitmenſ chen verſchaffen konnte, und wer wußte, wie ihm die auffallende Aehnlichkeit dieſes Mannes mit Dandon noch von Nutzen werden mochte? Er ſtand auf dem Punkte, mit dieſem in eine Geſchäfts⸗ verbindung zu treten, deren Tragweite nicht abzuſehen war und durch welche er jedenfalls einen möglichſt ho⸗ hen Gewinn von Dandon zu ziehen hoffte. Während der Fahrt unterhielt ſich Harry häufig mit Capper, tractirte ihn oftmals an dem Schenktiſch und bat ihn ſchließlich, als er ſelbſt in Natchez das Dampfboot verließ, immer in dem beſagten Club in Neuorleans zu hinterlaſſen, wo man ihn finden könne. Mit ſchwellenden Erwartungen betrat Harrh wieder die Stadt, von der er bei ſeinem letzten Hierſein ſeiner Meinung nach einen ſo gewandten, genialen Abſchied genommen hatte, und lächelnd ließ er auf ſeinem Wege nach dem Hotel alle Abenteuer, die er hier beſtanden, an ſeiner Erinnerung vorüberziehen. Auch das Bild des verhaßten Randolph trübte ſeine begeiſterte Laune nicht, denn ihn hatte er ja glücklich aus ſeinem Wege geſcho⸗ ben, wenn derſelbe auch, wie ihm der alte Dandon geſchrieben hatte, dem Galgen entgangen war. Kei. nesfalls hatte er in ihm noch einen Nebenbuhler zu fürchten. In dem Hotel angelangt, machte er ſchnell Toi⸗ lette, denn es war noch Zeit zu einem Vormittagsbe⸗ ſuch, beſtieg den beſtellten Wagen und fuhr nach Dan⸗ don's Haus. Der Diener, der ihn an der Thür empfing, theilte ihm mit, daß Herr Dandon ausgegangen ſei, worauf Harry ihm ſeine Karte gab und ihn bat, ihn bei Fräu- lein Blancha zu melden. Nach wenigen Augenblicken jedoch kehrte der Neger mit der unangenehmen Antwort zurück, daß Fräulein Dandon für ihn nicht zu ſprechen ſei. arrh entfärbte ſich und war im Begriff, ſeinem Zorn Worte zu geben, doch der Gedanke an Dandon und den Gewinn, den er von ihm ziehen wollte, ließ ihn ſeinen Aerger verbeißen, und ſchweigend kehrte er in den Wagen zurück, der ihn eiligſt nach dem Leſeclub 105 führte. Kaum trat er in das Zimmer ein, als Dan⸗ don ihm entgegeneilte und ihn mit den Worten bewill⸗ kommnete: „Endlich, endlich, beſter Freund! Wo blieben Sie ſo lange? Ich habe Sie ſchon vor mehreren Tagen er⸗ wartet.“ „Dringende Geſchäfte hielten mich in Neuorleans auf“, antwortete ihm Harrh und begab ſich mit ihm nach einem andern Zimmer, wo ſie allein waren und im Sopha Platz nahmen. „Gott Lob, daß Sie da ſind“, hob der Alte nun in großer Aufregung an.„Ich habe mit Ungeduld Ihrer Ankunft entgegengeſehen. Wir dürfen keine Stunde ver⸗ lieren, das Eiſen iſt heiß, es muß geſchmiedet werden. Alles iſt ja über jede Erwartung nach Wunſch gegan⸗ gen, und unſer Gewinn wird enorm ſein.“ „Ganz ſo, wie ich es Ihnen vorausgeſagt habe; meine Berechnung war richtig“, bemerkte Harrh in gleichgültigem Tone und legte ſich nchlüſis in die Ecke des Sophas. „Sie ſind eine Perle von einem Geſchäftsmann“, fuhr Dandon begeiſtert fort.„Auch in Havanna ſtehen die Sachen günſtig, die Neger ſind niedrig im Preis und in Menge zu haben. Laſſen Sie uns das Geſchäft möglichſt bedeutend machen.“ 106 „Wir müſſen uns leider nach der Decke ſtrecken“, ſagte Harrh ruhig. „Wie ſo nach der Decke ſtrecken?“ fiel ihm Dan⸗ don haſtig in das Wort.„Meine Decke iſt lang, länger, als wir ſie bedürfen, das Geld liegt bereit!“ „Ja, ja, verehrter Herr Dandon, daran habe ich auch nicht gezweifelt“, antwortete Harry, ohne ſeine Lage zu ändern;„wir ſind aber an das Fahrzeug gebunden, denn nur ein kleiner Schooner kann in die Flüſſe von Texas einſegeln, und wenn wir die Neger wie Häringe zuſammenpacken, ſo bringen wir doch nicht mehr in ein ſolches Schiff als hundert Stück.“ „So nehmen wir zwei Schiffe, beſter Fieund Unter zweihundert Stück dürfen wir das Geſchäft nicht machen; es wäre ja unverzeihlich und eine Sünde, eine ſolche Ge⸗ legenheit nur halb benutzt vorübergehen zu laſſen.“ „Da haben Sie wohl Recht; zweihundert Neger wäre nicht zu viel und ſie werfen ſchon einen ſchönen Nutzen ab, namentlich durch ihre Arbeit in Texas. Wiſſen Sie wohl, beſter Herr Dandon, daß dort ein guter Neger durch Baumwollenpflanzen jährlich doppelt ſeinen eigenen Werth einbringt?“ „Ungeheuer!“ ſagte Dandon, ſich wohlgefällig die Hände reibend.„Nun aber an das Werk; wann wollen Sie abreiſen?“ 107 „Je eher, deſto lieber. Es würde aber wohl gut ſein, wenn Sie mich bis Neuorleans begleiteten und dort meine Nachricht von Havanna, daß ich die Neger zu⸗ ſammengekauft, abwarten wollten, damit Sie die beiden Schiffe ganz genau nach meiner Vorſchrift abſenden könn⸗ ten“, entgegnete Harry. „Sehr gern, ich habe ohnehin Neuorleans ſeit meh⸗ reren Jahren nicht im Feſtkleide geſehen. So laſſen Sie uns übermorgen reiſen“, verſetzte Dandon eifrig. „Recht ſehr bedaure ich, Ihrer Fräulein Tochter nicht meine Aufwartung machen zu können“ ſagte Harrh nun.„Ich ließ mich, ehe ich hierher kam, bei ihr anmel⸗ den, erhielt aber die Antwort, daß ſie für mich nicht zu ſprechen wäre; ich muß Ihnen geſtehen—“ „So macht ſie es mit allen Freunden. Sie hat ſeit jenem unglückſeligen Ereigniß, von dem ich Ihnen ſchrieb, auch nicht einen Beſuch angenommen, noch iſt ſie erſchienen, wenn meine Freunde bei mir waren. Es iſt ein wahres Schickſal; ich habe eigentlich keine Tochter mehr, und all dies Unglück habe ich jenem Schurken zu verdanken, jenem Randolph, den der Teufel zuletzt noch gerettet hat.“ „Wiſſen Sie nicht, wohin er geflohen iſt?“ fragte Harry. „Nein, man hat durchaus ſeine Spur nicht finden 108 können. Vor einigen Tagen las ich in den Nachrichten von Texas, daß ein Advocat Namens Randolph dort eine Rolle ſpielt, er iſt die rechte Hand von Auſtin, und ich dachte, ob er nicht am Ende der Böſewicht ſei, der hier unter dem Galgen fortlief.“ „Nein, nein, das iſt ein Anderer, ich habe ja viel von ihm gehört; er iſt ein Mann, der ſchon ſeit Jahren in Gonzales gewohnt haben ſoll“, entgegnete Harry be⸗ ruhigend. „Laſſen Sie uns nicht weiter daran denken und ge⸗ hen Sie mit mir nach Hauſe, Sie müſſen bei mir eſſen“, ſagte Dandon, ſich erhebend. „Das kann ich nicht gut, verehrter Herr Dandon. Ich bin noch nicht bei meiner Mutter geweſen und werde wohl bei ihr zum Eſſen bleiben müſſen. Aber nach Tiſche komme ich zu Ihnen damit wir unſer Geſchäft voll⸗ ſtändig beſprechen können“, erwiderte Harry, verließ mit Dandon den Leſeclub und begab ſich zu ſeiner Mutter. Er war ſehr viel mit Dandon zuſammen, bekam aber Blancha mit keinem Auge zu ſehen und ſchiffte ſich mit dem Alten am zweitfolgenden Morgen wieder nach Neuorleans ein. Das erſte Geſchäft, welches die beiden neuen Com⸗ pagnons vornahmen, war, daß ſie zwei ſchnellſegelnde Schooner mietheten, groß genug, um zweihundert Neger 109 in ihnen unterbringen zu können. Dann ließ Dandon durch ſeinen Banquier einen Credit von fünfzigtauſend Dol⸗ lars nach Havanna für Harry ausfertigen, und wenige Tage ſpäter befand ſich dieſer mit hochſtrebenden Plä⸗ nen am Bord eines Paquetſchiffs auf den grünen Wogen des Golfs. Gleich nach ſeiner Ankunft in Havanna gab er ſeine Empfehlungsbriefe an die erſten dortigen Häuſer ab und wurde mit der allergrößten Auszeichnung empfangen. Er ſtellte ſich als Theilhaber einer bedeutenden Be⸗ ſitzung auf der Inſel vor, welche an der Südſeite der⸗ ſelben unweit Trinidad de Cuba gelegen und welche zu bebauen er von Neuorleans herübergekommen ſei. Er ſagte, daß er ſeinen Antheil erſt kürzlich in Neuorleans gekauft habe, ohne ſelbſt auf der Beſitzung geweſen zu ſein, und daß er jetzt beabſichtige, einige hundert Neger, welche nur auf gewiſſe Zeit Sklaven wären, zu kaufen, um ſie nach der Beſitzung zu verſchiffen und dieſelbe durch ſie bearbeiten zu laſſen. Die Erzählung hatte alle Glaubwürdigkeit, zumal da ſie durch einen Credit von fünfzigtauſend Dollars un⸗ terſtützt wurde, und Jedermann war gern behülflich, ein für Cuba ſo ſegensreiches Unternehmen zu unterſtützen und zu fördern. Von allen Seiten erbot man ſich. Harry bei dem Ankauf der Neger behülflich zu ſein, und er be⸗ 110 gann unter den vielen ihm käuflich angebotenen Sklaven diejenigen auszuwählen, welche nur noch ganz kurze Dienſtzeit hatten. An jedem Morgen nach dem Frühſtück fand ſich ein Sklavenmäkler, Namens Serrado, bei ihm ein, um ihm neue Anerbietungen in ſeiner Waare zu machen, und da die meiſten käuflichen Sklaven ſich auf den Plan⸗ tagen in der Umgegend von Havanna befanden ſo fuhr Harrh ſehr oft, von dem Mäkler begleitet, in einem Cabriolet in das Land, wo er dann oftmals auch die Nacht zubrachte. Fünftes Kapitel. Eines Morgens kam Serrado mit der Nachricht, daß auf einer zehn Meilen weit im Lande gelegenen Kaffeeplantage einige zwanzig ganz vorzügliche Sklaven billig zu kaufen wären, welche ſämmtlich nur noch ein bis zwei Jahre zu dienen hätten. Es wurde beſchloſſen, ſogleich hinauszufahren, und nach einer halben Stunde ſaß Harry mit Serrado in einem gegen die Sonne ge⸗ ſchützten Cabriolet und trieb den flüchtigen Traber ge⸗ gen den erfriſchenden Morgenwind, der kühl und labend von den purpurblauen Bergen herab ihm entgegenwehte. Hin und her lag der Weg zwiſchen den reizendſten Villen und Anſiedelungen, deren hohe Einzäunungen von roth blühenden Granatbüſchen ſie wie feurige Wolken umga⸗ ben und über denen hundert Fuß hohe ſchlanke Königs⸗ palmen ihre graziöſen Wipfel in der Morgenluft wieg⸗ ten, während dichte Orangen- und Citronenhaine, aus 112 deren Dunkel die goldigen Früchte glühten, ihren ge⸗ würzigen Blütenduft um ſich her aushauchten. Harry athmete die erquickende Luft mit tiefen Zü- gen ein, er fühlte ſich ſo friſch, ſo lebenskräftig, und es ſchien ihm, als ob, wohin er blicke, die Welt ihm zu⸗ lächele. Es war aber nicht die Schönheit der Natur, die ſich in dem Paradieſe um ihn vor ſeinen Blicken ent⸗ faltete, es war nicht die heitere, bezaubernde Stimme der Schöpfung, welche ſeine Seele erhebend erfaßte; was ihn ſo hoch begeiſterte, was ihn ſo thätig belebte, war der unabſehbare Gewinn, den er daraus ziehen wollte, aus Sklaven, welche in kurzer Zeit freie Männer ſein mußten, Sklaven für Lebenszeit zu machen. Das Glück ſchien ſeine übervolle Schale über ihn ausgießen zu wol⸗ len, denn es war außer Zweifel, daß er die zweihundert Sklaven für einige zwanzigtauſend Dollars erſtehen würde und daß er dem alten Dandon die doppelte Summe dafür in Rechnung bringen könne, und daß er es thun wollte, darüber war er vollkommen mit ſich einig. War es denn nicht auch billig, daß ihm ein größerer Theil des Gewinns zufalle als dem Alten? War denn nicht die ganze Speculation aus ſeinem eigenen Kopfe hervor⸗ gegangen? Dandon konnte ja ſehr froh ſein, daß er ohne die geringſte Mühe ſo viel Geld verdiente! Unter ſolchen Betrachtungen und Berechnungen langte 113 Harry bei der Plantage des Don Bermudez de Olearh an und fuhr durch die lange Palmenallee zwiſchen der reizenden Kaffeepflanzung hin dem eiſernen Gitterthor zu, welches durch die hohe Hecke von niedriggehaltenen, bis auf den Boden belaubten und mit Früchten und Blüten überſäeten Citronen- und Orangenbäumen führte. Innerhalb dieſer Einzäunung erhob ſich, von Palmen und Bananen umgeben, die Wohnung des reichen Be⸗ ſitzers, ein prächtiges, wenn auch aus Holz aufgeführtes zweiſtöckiges Gebäude. Don Olearh empfing Harrh mit großer Zuvorkom⸗ menheit und Artigkeit, führte ihn in einen prächtig de⸗ corirten kühlen Saal und ſtellte ihn dort ſeiner Familie vor. Es wurden ihm Erfriſchungen gereicht, dann ver⸗ ſahen ſich die Damen ſowohl wie die Herren mit Ci⸗ garren, und nun begab man ſich unter die Veranda, um das Geſchäft, welches Harty hierher geführt hatte, vorzunehmen. Fünfzehn kräftige junge Männer, ſo ſchwarz wie ſie Afrika liefern konnte, und ſieben ſchöne geſunde Ne⸗ gerinnen harrten bereits des kaufluſtigen Fremden und begrüßten ihn ſämmtlich mit ſorgloſer Heiterkeit. „Ihr wißt, meine Kinder“, hob Don Olearh an, „weshalb ich Eure kurze Dienſtzeit gern einem andern Herrn verkaufen möchte; ich habe der Arbeiter zu viele. Armand, Saat und Ernte. IV. 8 114 Ihr wißt aber auch, daß ich Euch bei Eurer Ankunft in dieſem Euch fremden Lande nur aus Mitleid kaufte, damit Ihr nicht getrennt werden möchtet, und nur un⸗ ter dieſer Bedingung werde ich Euch einem andern Herrn überlaſſen. Der Herr hier hat eine bedeutende Beſitzung unweit Trinidad de Cuba und will dort mit einigen hun⸗ dert Arbeitern eine Kaffeeplantage einrichten, wobei Ihr ihm ſehr hülfreiche Hand leiſten könnt. Daß Ihr es dort ebenſo gut haben werdet und vielleicht beſſer wie bei mir, könnt Ihr verſichert ſein.“ Harrh hatte, während Don Olearh redete, mit überaus wohlwollendem, freundlichem Lächeln die Schwarzen ange⸗ blickt und nahm nun das Wort, indem er zu ihnen ſagte: „So gut ſollt Ihr es haben, meine Freunde, wie es in meinen Kräften ſtehen wird, es Euch zu geben; ich hoffe ja darauf, daß Ihr, wenn Eure Dienſtzeit ab⸗ gelaufen iſt, bei mir bleiben und für Lohn für mich ar⸗ beiten werdet. Ueberlaßt Euch mir mit unbedingtem Vertrauen, ich werde für Eure Zukunft ſorgen.“ Bei dieſen Worten war Harrh zu den Sklaven ge⸗ treten und reichte allen mit Herzlichkeit und Wohlwollen auf ſeinen Zügen die Hand. „Und Sie dürfen ſich auch auf uns verlaſſen, Herr“, nahm einer der Neger das Wort.„Don Olearh wird uns ſicher ein gutes Zeugniß mitgeben.“ 115 „Gewiß thue ich das, Francisco. Ihr ſeid brave, fleißige Menſchen, und wenn ich nicht der Arbeiter zu viele hätte, ſo würde ich Euch nimmer von mir gehen laſſen“, antwortete Don Oleary und wandte ſich dann an Harrh, indem er ſagte: „Dieſe Leute wurden vor etwa acht Jahren durch eins unſerer Kriegsſchiffe, welches ſie auf hoher See einem Sklavenhändler abgejagt hatte, hierher gebracht und auf zehn Jahre meiſtbietend verkauft. Sie flehten ſo innig und dringend, man möge ſie nicht trennen, weil ſie in ihrer Heimat zuſammengelebt hätten, daß ich mich entſchloß, ſie ſämmtlich zu kaufen, obgleich ich ſie nicht nöthig hatte. Einzeln hätte ich ſie nun ſchon oft ver⸗ kaufen können, ich hatte es ihnen aber einmal verſpro⸗ chen, ſie nicht zu trennen, und ſo blieben ſie bei mir. Beſſere Diener und beſſere Arbeiter bekommen Sie auf Cuba nicht, Herr Williams.“ Harry reichte darauf den Sklaven noch einmal die Hand, ſagte ihnen, daß er ſich freue, ſo biedere Diener zu bekommen, und daß er es ihnen wiſſen laſſen werde, wenn er die Schiffe bereit habe, um ſie nach Trinidad de Cuba fahren zu können. Darauf entfernten ſich die Sklaven und Harrh ſchloß nun den Handel mit Don OHleary für die geringe Summe von dreitauſend fünfhundert Dollars für die zweiundzwanzig Menſchen 8* 116 ab, während er frohlockend daran dachte, daß ſie ihm in Texas als lebenslängliche Sklaven ie Dollars werth ſein würden. „Ich bin ein abgeſagter Feind der Sklaverei“, ſagte er, ſich nach abgemachtem Geſchäfte an die Damen wen⸗ dend,„darum kaufe ich jetzt nur ſolche Neger, welche bin⸗ nen kurzer Zeit zu ihrer Freiheit gelangen. Ich werde während dieſer Zeit mit ihnen und ſie werden mit mir bekannt, und wenn wir uns dann gegenſeitig zuſagen, ſo behalte ich ſie gegen Lohn bei mir, ſodaß ich in einigen Jahren nur freie Arbeiter um mich habe.“ „Das iſt ein ſehr lobenswerther, ſehr weiſer Grund⸗ ſatz, Don Williams“, ſagte Donna Olearh.„Auch mir iſt das Eigenthum an einem Menſchen kein angenehmes, wir ſuchen aber durch unſere Handlungsweiſe gegen die Sklaven das Unrecht gut zu machen, welches in ihrem Beſitze liegt.“ Harry mußte zum Eſſen bleiben und wurde dann von ſeinen freundlichen Wirthen mit der Bitte entlaſſen, ſie während ſeines Aufenthalts in Havanna noch recht oft mit ſeinem angenehmen Beſuch zu erfreuen. Nach Verlauf von einer Woche hatte Harry die feſt⸗ geſetzte Zahl von zweihundert Sklaven gekauft und mit wenig mehr als dreißigtauſend Dollars bezahlt, worauf er an Dandon nach Neuorleans ſchrieb, daß er die Ne⸗ 117 ger in der vorzüglichſten Qualität, wenn auch zu uner⸗ wartet hohen Preiſen erſtanden habe. Die geſammte dafür gezahlte Summe gab er auf fünfundvierzigtauſend Dollars an und bat, die beiden gemietheten Schiffe ſo⸗ fort herüberzuſenden. Die Hauptarbeit für die Unternehmung war nun ge⸗ than und zwar für Harrh ſchon mit dem anſehnlichen Gewinn von fünfzehntauſend Dollars. Die Nachrichten von Texas, welche er in den amerikaniſchen Zeitungen fand, lauteten überaus günſtig, denn das ganze Land blieb im Aufſtand und das Vernehmen zwiſchen Mexico und dem Kabinet in Waſhington hatte ſeine freundliche Stim⸗ mung verloren. Nach den letzten Verichten war Auſtin im Begriff, gegen San⸗Antonio vorzurücken, und wenn das Glück es gab, daß Harrh mit ſeinen Ladungen Men⸗ ſchen gerade während entſcheidender Lebensfragen in der neuen Republik anlangte, ſo war er ſicher, daß ſich Nie⸗ mand um ſolche Nebenſachen wie das Einführen von einigen hundert Negern kümmern werde, zumal da Ar⸗ beitskräfte ein Haupterforderniß für das junge Reich waren. In dem triumphirenden Gefühl, eine der großartigſten Speculationen ſo weit glücklich ohne eigene Mittel, nur mit dem Kapital ſeines geiſtigen Vermögens durchgeführt zu haben, trat ihm ſein Lehrmeiſter Holeroft wiederholt vor die Erinnerung und ſeine Eitelkeit wünſchte denſel⸗ 118 ben oftmals zur Stelle, um ihm zu zeigen, welchen ge⸗ lehrigen Schüler er an ihm gehabt habe; denn unter allen Unternehmungen, die ihm von dem Sklavenhänd⸗ ler bekannt waren, konnte ſich doch keine mit ſeinem Compagniegeſchäft mit Dandon meſſen. Harry hatte nun einige Wochen Zeit auf ſeinen bis jetzt errungenen Lorbeeren zu ruhen, da er vor Ankunft der Schiffe nichts weiter in dem Geſchäfte thun konnte, und ſo gab er ſich denn den Freuden, den Genüſſen hin, welche ihm Havanna, die Stadt des Ueberfluſſes, der Ueppigkeit und des ſchnellen Lebens bot. Durch ſeine Empfehlungen in den erſten Geſellſchaften eingeführt, wurde er mit den Schönen andaluſiſcher Abkunft bekannt und brachte die Vorzüge ſeiner perſönlichen Erſcheinung zur Geltung. Er trat als Mann von ungeheuerem Vermö- gen auf, erweckte Hoffnungen, wo ſich ihm die Gelegen⸗ heit dazu bot, und ſchwur Liebe und Treue, wo ihm ein paar feurige ſpaniſche Augen lächelten, ein ſchwirrender Fächer ihm winkte. Er begleitete die ſchöne Welt abends auf den Promenaden, wenn die erfriſchende Seeluft be⸗ lebend über die Inſel zog und das Silberlicht des Mon⸗ des ſich auf den ſchwarzen Augen, auf den ſchimmernden Vrillanten der Spanierinnen ſpiegelte, er ſaß mit ihnen in der Oper, in den Concerten, pries in glühenden Wor⸗ ten ihre Reize, ihre Liebenswürdigkeit, ſtand in ſtiller 119 Nacht unter ihren Balkonen und wechſelte mit ihnen Worte der Liebe, der Sehnſucht. Zu ſchnell verſtrichen Harry die Tage, deren jeder ihm neue ſüßere Freuden brachte, und die plötzliche An⸗ kunft der beiden Schooner weckte ihn aus dem Taumel, in den ihn Luſtbarkeiten und Genüſſe aller Art gewiegt hatten. Der Gewinn, die Reichthümer, die er an ſich reißen wollte, erfaßten wieder ſein ganzes Sein und mit aller Eile und Umſicht traf er Anſtalten zur ſchleu⸗ nigen Einſchiffung der gekauften Menſchen. Wenige Tage reichten hin, Alles zur Abreiſe fertig zu machen, er ſelbſt geleitete in der zutraulichſten, ſorg⸗ ſamſten Weiſe die Sklaven an Bord, bedauerte unendlich, daß der Raum für ſie ſo ſehr beſchränkt ſei, tröſtete ſie aber, daß die Reiſe ja nur kurze Zeit dauern werde, und ließ ſie aufs beſte bewirthen. Mit Luſt und Freude drängten ſich die Schwarzen zuſammen, ſie ſangen und tanzten auf den Verdecken und ließen ihren neuen Herrn hoch leben. Der Morgen vor dem zur Abreiſe beſtimmten Tage erſchien und Harrh wollte ſein Hotel verlaſſen, um die letzten Geſchäfte hier am Ort abzumachen, als er durch das Fenſter des Gaſtzimmers bemerkte, daß die Straße ſich ganz ungewöhnlich belebte. er wandte ſich an einen Kellner mit der Frage 120 nach der Veranlaſſung dieſes Volksauflaufs, worauf ihm derſelbe bemerkte, daß ein Pirat gehangen werden ſolle, welchen eins der königlichen Kriegsſchiffe gefangen und hier den Gerichten übergeben habe. „Da bringen ſie ihn ſchon. Treten Sie nur an das Fenſter, er kommt hier vorbei“, ſagte der Kellner zu Harry und dieſer ſprang ſchnell vor, um den Verbrecher auf ſeiner letzten Fahrt zu ſehen. Wer beſchreibt aber den Schreck, das Entſetzen Harrh's, als er Holcroft, ſeinen Freund, ſeinen Lehrmeiſter, vom Henker geleitet, auf dem Karren ſitzen ſah! Wie erſtarrt wankte er vom Fenſter zurück, um dem Blick ſeines Kumpans zu entgehen, Holeroft's Falkenauge aber hatte ihn erkannt und mit einem eiſigen Lächeln winkte er ihm ſein Lebewohl zu. Der Henker, die Begleiter des Karrens und das Volk in der Straße folgten mit ihren Blicken dem Gruße des Verurtheilten nach dem Fenſter, hinter welchem Harry ſich zurückzog, und der Kellner ſah ihn erſtaunt an, er aber verließ den Saal und begab ſich auf ſein Zimmer. Harrh war tief erſchüttert. Sein Lehrmeiſter, von dem er ſich mit Stolz geſagt hatte, daß er ihn über⸗ troffen habe, war auf dem Wege, ſein Leben an einem Strick zwiſchen Himmel und Erde zu beſchließen! Harrh 121 ſchauderte zuſammen; er war im Begriff, eine That zu begehen, vielleicht noch viel ſtrafbarer als die, für welche Holcroft aufgehangen wurde, denn er wollte zweihundert Menſchen mehr als das Leben, er wollte ihnen ihre Freiheit nehmen. Er ſchritt mit den Händen in den Ta⸗ ſchen im Zimmer auf und nieder und dachte ſich in die Stelle Holcroft's. Dann aber begann er Vergleiche zu ziehen zwiſchen deſſen That und der, welche er begehen wollte; die ſeinige kam ihm nicht ſo ſtrafbar vor, das Geſetz wenigſtens würde ihn nimmer dafür zum Tode verurtheilen, es war ja nur ein Geſchäft, eine Specu⸗ lation, wofür ihn am Ende die Welt noch preiſen würde. Außerdem drohte ihm ja nirgends Gefahr; hatte er die offene See erreicht und ſteuerte ſtatt nach Trinidad de Cuba nach der Küſte von Texas, ſo hatte ihn Nie⸗ mand darüber zur Rede zu ſtellen, und dort war im Augenblick Alles Recht. Er trat vor den Spiegel, ordnete ſein Haar, ſetzte ſeinen Hut auf und eilte aus dem Hauſe, um ſeine Geſchäfte zu beſorgen. Am Abend beſuchte er nochmals eine hochangeſe⸗ hene altſpaniſche Familie, mit deren älteſter, reizend ſchöner Tochter er ſich verlobt hatte, nahm den zärtlich⸗ ſten Abſchied von ihr und verſprach alsbald zurückzukeh⸗ ren, wenn er auf ſeiner neuen Beſitzung die nöthigen Einrichtungen zu ihrem Empfang gemacht haben würde. 122 Der Abſchied in Gegenwart der ganzen Familie aber genügte den beiden glücklichen Liebenden nicht, die traute Stunde der Nacht führte ſie abermals zuſammen, um noch einmal die Schwüre ewiger Liebe, ewiger Treue auszutauſchen. Der Morgen graute, als Harry in ſein Gaſthaus zurückkehrte, ſchnell ſeine Rechnung zahlte, ſein Gepäck an Bord des einen ſeiner beiden reich beladenen Schoo⸗ ner bringen ließ und Havanna Lebewohl ſagte. Die Segel blähten ſich im friſchen Morgenwind über den ſchlanken Schiffen, leicht und eilig glitten ſie hinaus aus dem prächtigſten Hafen der Welt, und die Jubel und Freudenrufe der zweihundert ſchwarzen Men⸗ ſchen, die einem frohen Leben entgegenzuziehen glaubten, wogten nach der Küſte von Euba zurück. Stephen Auſtin ſtand um dieſe Zeit mit ungefähr tauſend Texanern vor der Stadt San Antonio und hatte ſie ſo eingeſchloſſen, daß keine Zufuhr hinein und keiner der dreitauſend mepicaniſchen Soldaten, die ſie verthei⸗ digten, herauskommen konnte. Obgleich die Belagerer durch mexicaniſche Cavallerie, welche von der Weſtgrenze herüberkam und das Land durchzog, fortwährend beunruhigt wurden, ſchloſſen ſie 123 dennoch ihren Kreis um die Stadt täglich enger und drängten die Beſatzung nach mehreren Wochen in das alte ſpaniſche Fort, in die Alamo hinein. Bald darauf ergab ſich die Beſatzung und erhielt von den Siegern freien Abzug ohne Waffen. Nun zog Auſtin mit ſeinem täglich wachſenden Heere nach der Feſtung Goliad hinab und ließ derſelben gleiches Schickſal widerfahren. Texas war jetzt von all und jeder mexicaniſchen Beherrſchung frei, ſeine Häfen waren dem Handel ge⸗ öffnet und ſeine Verwaltung wurde durch den Congreß in San⸗Felipe eingerichtet. Niemand war aber ſo kurzſichtig, zu glauben daß es nun in Ruhe und Frieden ſeiner Entwicklung als ſelbſtſtändiges Reich entgegengehen könne, man wußte nur zu gut, daß Mexico ſeine aufrühreriſche Provinz Te⸗ xas nicht ſo ohne weiteres von ſich ſcheiden laſſen werde, und man kannte Santa-Anna beſſer, als daß man den⸗ ken konnte, er würde die Schmach, die man ſeinen Trup⸗ pen angethan hatte, ungeſtraft und ungerächt hinnehmen. Darum rief Burnet, der Präſident von Texas, zu den Woffen und brachte in wenigen Wochen ein Heer von zweitauſend Mann zuſammen, deſſen Obercommando er dem General Samuel Houſton übertrug. Was wollten aber zweitauſend Mann Freiwillige —— —— 124 gegen eine geregelte Heeresmacht ſagen, wie ſie Merico im Stande war ins Feld zu ſtellen! Kaum hatte Houſton den Befehl übernommen, als die Nachricht eintraf daß Santa⸗Anna ſich ſelbſt an die Spitze einer Armee von zwanzigtauſend Mann geſtellt habe und ſich in Eilmärſchen nahe, um die ganze Bevölke⸗ rung von Teras von der Erde verſchwinden zu laſſen; denn:„Keine Gnade!“ war der Ruf, der dieſen grim⸗ men, rache. und blutdürſtigen Wüthrichen voranging. General Houſton legte fünfhundert Mann unter Al- bert Randolph in die Stadt San⸗Antonio und achthun⸗ dert Mann unter Colonel Fannin in die Feſtung Go⸗ liad, er ſelbſt aber nahm mit ſiebenhundert Streitern am San⸗Antoniofluß eine ſolche Stellung, daß ſich alle drei Abtheilungen gegenſeitig unterſtützen konnten. Da ſtanden die Männer von Texas, wie ſie den Pflug und die Axt verlaſſen hatten, und ſahen dem na⸗ henden Ungeheuer entgegen, das ſie verſchlingen wollte, doch ſie bebten nicht, ſie wankten nicht, ſie ſtanden ja vor ihrem Herd, vor Weib und Kind, und zu dieſen ging der Weg nur über ihre Leichen. Weſtlich von San⸗Antonio und Goliad bis an den Rio Grande lagen keine amerikaniſchen Anſiedelungen mehr, es war eine unbewohnte, zweihundert Meilen weite Wildniß, durch welche nur wenige alte Militärſtraßen, 125 hier und dort mit einem einzelnen mexicaniſchen Wirths. haus verſehen, führten. Darum waren die Nachrichten über die Annäherung des Heeres unter Santa⸗Anna un⸗ gewiß und ſchwankend, und ganz Texas wurde durch dieſe Ungewißheit, dieſes Erwarten in eine fieberiſche Aufregung verſetzt. Die herzloſe, unmenſchliche Grau⸗ ſamkeit der Mexicaner war zu gut bekannt, als daß man nicht in dem Familienleben mit Bangen den Schreckensſcenen entgegengeſehen hätte, die ihm bei de⸗ ren Erſcheinen bevorſtanden.§ Dennoch dachte Niemand an Flucht, die Städte wurden in Vertheidigungszuſtand geſetzt, jede einzelne Farm wurde befeſtigt, und auch die Frauen und Mäd⸗ chen übten ſich, entſchloſſen, dem Feinde die Stirn zu zeigen, im Gebrauch der Waffen. Während dieſer allgemeinen Thätigkeit, dieſes Wirr⸗ warrs im ganzen Lande ſteuerten die beiden von Harry Williams beladenen Schooner über den ruhigen Golf der Sabinebai der äußerſten öſtlichen Grenze von Teras zu, wo Harry einlaufen und ſeine lebenden La⸗ dungen an dem Sabinefluß landen wollte. Er hatte dieſen Fluß gewählt, weil derſelbe die Grenze zwiſchen den Vereinigten Staaten und Texas bildete, und weil er dort, im Falle man ihm von ſeiten der texaniſchen Behörden Schwierigkeiten in den Weg legen ſollte, für 126 den Augenblick ſeine Sklaven auf nordamerikaniſchem Gebiete landen und ſie dann weiter oben am Fluſſe nach Texas hinüberſchmuggeln konnte. Es war Nachmittag und die bewaldeten blauen Ufer tauchten über dem Golf auf, als ſchweres Gewölk vom Süden her raſch und drohend am Himmel emporſtieg und bald darauf ein heftiger Wind die Wogen mit Schaum krönte. Die beiden Schiffe ſegelten noch einan⸗ der ſehr nahe und Harrh rief von dem Verdeck, auf dem er ſich befand, dem Kapitän des andern Schooners zu, Alles aufzubieten, um ihm nahe zu bleiben, keinesfalls aber ohne ihn in einen Hafen einzulaufen. Der Wind ſteigerte ſich von Minute zu Minute, und ehe eine Stunde verging, blies ein Sturm über das Meer und thürmte die Wogen zu Bergen auf. Die Segel auf beiden Schiffen waren möglichſt ver⸗ kleinert, beide wandten ſich in aller Eile von der Küſte ab der offenen See wieder zu und ſuchten einander nahe zu bleiben. Die einbrechende Nacht aber machte dies bald unmöglich und der Sturm und die furchtbaren Sturzwellen ließen die Mannſchaften der beiden Fahr⸗ zeuge an nichts weiter mehr denken als an die eigene Erhaltung. Harrh ſtand an den weit über die See hinaus ſchwankenden Maſt angelehnt und folgte entſetzten Blicks 127 und bangen Herzens den an dem Schiffe vorüberjagenden Wogen, deren weiß gekrönte Häupter er durch die Dun⸗ kelheit erkennen konnte. Er dachte an die Nacht, in wel⸗ cher ihn eine ſolche Welle von der Seite Holcroft's weg⸗ riß, und ſchauderte zuſammen, denn er meinte jetzt den Sklavenhändler vor ſich zu ſehen, wie er im Sturme an dem Strick unter dem Galgen hin und her flog. Dann erinnerte ihn wieder das laute Beten der Sklaven, wel⸗ ches aus dem innern verſchloſſenen Raume des Schiffes zu ſeinen Ohren drang, an den unberechenbaren Werth ſeiner Ladungen, welche er nicht verſichert hatte, nicht hatte verſichern können. Der Donner jeder neuen, ſich gegen das Schiff ſtürzenden Woge, jeder Pfiff des Stur⸗ mes durch das Tauwerk, jedes Aechzen des Maſtes ließ ihn erbeben und die Summen aufzählen, die mit den Schiffen für ihn verſinken würden. Es war eine ſchreck⸗ liche Nacht, die See drohte jeden Augenblick das Fahr⸗ zeug zu begraben, denn ſie ſtürzte ſich über ſein Verdeck und die Matroſen ſchlangen Taue um ſich, damit ſie nicht mit fortgeriſſen würden. Endlich graute der Morgen, und wenn i das Bild, welches er zu beleuchten begann, ein drohendes, ein fürchterliches war, ſo athmete Harrh doch freier als wäh⸗ rend der Finſterniß der Nacht, wo ſeine Phantaſie ihm noch entſetzlichere Bilder ausmalte. 128 Mit aller Anſtrengung ſpähte er durch die Däm⸗ merung und durch den fliegenden Giſcht der Wogen um⸗ her, um den andern Schooner aufzufinden, doch immer blieben ſeine Bemühungen vergeblich. Es wurde heller Tag, mit der Helligkeit aber ſtei⸗ gerte ſich die Gewalt des Sturms, er fegte die Wogen und drückte ſie nieder, ſodaß ſie ihre Häupter nicht mehr erhoben und ihre Schaumkronen nicht mehr tragen konn⸗ ten. Dabei nahm der Himmel und das Meer ein und dieſelbe helle graue Farbe an und die Luft wurde durch⸗ ſichtig und klar bis in die weiteſte Ferne. Der Wind pulſirte nicht mehr, er kam nicht mehr ſtoßweiſe, er ſtrich ſteif und feſt über das gewaltſam nie⸗ dergedrückte tobende Element und ſchien den Maſt des Schooners, auf dem Harry ſtand, in die Flut hinab⸗ beugen zu wollen. „Iſt das nicht ein Segel?“ fragte Harry den Kapi⸗ tän, der ſich dicht zu ihm neigte, um ſeine Worte zu hören, und zeigte über die See hinaus. „Bei Gott, ja, es iſt unſer Kamerad“, antwortete der Kapitän.„Er trägt beinahe gar keine Segel mehr und der Maſt kann kaum noch in die Höhe kommen. Wenn wir nicht in irgend einen Fluß einlaufen, ſo ſind wir verloren; ſolchen Sturm habe ich noch nie erlebt.“ „Wie ſollen wir aber einen Fluß finden?“ ſagte 129 Harrh, außer ſich vor Angſt und Beſorgniß um ſeine Schätze, die unter ihm im Schiffsraum jammerten und beteten. „Ich kenne die Küſte hier wie meine Taſche und die Luft iſt ſo klar, daß man weit ſehen kann; wir müſſen dem Lande zuſteuern, mag es gehen, wie es will“, verſetzte der Kapitän. „So ſuchen Sie zu unſerm andern Schooner zu kommen, damit wir zuſammen es wagen“, fuhr Harry fort. „Den können wir bald erreichen, er treibt ja vor uns im Winde“, ſagte der Kapitän und gab dem Mann am Steuerruder Befehl, gerade auf das Schiff zuzu⸗ ſteuern. Mit fliegender Eile ſtürmte jetzt der Schooner vor dem Sturme dahin und erreichte bald das andere Schiff., an dem er nun dicht vorüberflog, in welchem Augenblick der Kapitän durch das Sprachrohr ſeinem Kameraden zurief, ihm zu folgen. Beide Fahrzeuge jagten jetzt in tollem Sturmlauf dem Lande zu, welches nun bald vor ihnen über der See emporſtieg. „Was ſoll aber aus uns werden, wenn wir keinen Fluß treffen? Von dem Lande zurück können wir bei dieſem Sturme doch nicht ſegeln?“ hob Harrh in ſeiner Angſt wieder an. Armand, Saat und Ernte. IV.. 9 „Aber lange an der Küſte hin können wir ſteuern, ehe wir hinausgetrieben werden“, antwortete der Kapi⸗ tän, der dem Schiffe nun eine andere Richtung geben ließ. „Hier ſind wir verloren und auf dem flachen Strande können wir vielleicht mit dem Leben davonkommen.“ So ſtanden ſie lange Zeit an dem Maſt zuſammen und ſpähten nach dem Lande hinüber, wo der Kapitän die dunkeln Waldſtreifen, die hier und dort ſich über demſelben erhoben, zu zählen ſchien. „Gott Lob!“ ſagte er plötzlich,„dort iſt Fort Pelasco. Nun ſind wir gerettet; dahinter der Waldſtrich iſt der Brazoswald, wir laufen gerade in den Fluß hinein.“ Harrh holte tief Athem, es war ihm, als ob eine Centnerlaſt ihm von der Bruſt fiele, und ſchnell ſah er ſich nach dem andern Schooner um, der in kurzer Ent⸗ fernung ihnen nachſtürmte. Das hölzerne Fort Velasco trat raſch aus der Ferne hervor, in fliegendem Laufe wandten ſich beide Schiffe vor den Wind und nach einer halben Stunde ſchoſſen ſie in die Mündung des Brazosfluſſes hinein und ließen wie im Fluge das ſtürmende Meer hinter ſich zurück. „Gewonnen, bei Gott!“ rief Harrh frohlockend aus, als die Schiffe auf der trüben Flut gegen den gewal⸗ tigen Strom hinanfuhren, zu deſſen beiden Seiten der Wald immer höher zum Himmel aufſtrebte.„Tauſend 131 Dollars zahle ich Ihnen ſowie dem andern Kapitän als Belohnung aus.“ Jetzt wurden die Segel wieder vergrößert und im⸗ mer weniger konnte die Gewalt des Sturms die Schiffe treffen, während er ſeine Wuth an den Rieſen des Ur⸗ waldes ausließ und bald hier, bald dort der Donner ſtürzender Bäume erſchallte. Immer ſchwerer hatten die Schiffe gegen die zunehmende Gewalt des angeſchwollenen Stroms zu kämpfen, und der Tag begann ſich zu nei⸗ gen, als Harry dem Kapitän auftrug, vor Anker zu ge⸗ hen, da er ſich hier nur einige Meilen von Brazoria be⸗ fände, wohin er ſich zu Fuße begeben wolle. Beide Schooner ließen nun nebeneinander in der Mitte des Stroms die Anker fallen. Harrh erſuchte die beiden Kapitäne, Niemand, wer es auch ſei, an Bord zu laſſen, und ließ ſich dann an das Ufer überſetzen. Im Triumph eilte Harry mit beflügelten Schrit⸗ ten der Stadt zu und ſuchte mehrere bekannte, ihm er⸗ gebene Männer auf, denen er im Vertrauen mittheilte, daß er einige hundert Sklaven auf dem Brazos liegen habe, und ſie bat, ihm bei deren Landung behülflich zu ſein. Dann beſtieg er ein Pferd und jagte im ſchwel⸗ lenden Gefühl des errungenen Sieges nach ſeiner Be⸗ ſitzung am Bernardfluſſe. Die Dämmerung war eingebrochen, als er dem 132 athemloſen Pferde nochmals die Sporen in die Seiten ſtach und ſeiner Wohnung zuſprengte, aus welcher Luch mit jubelndem Willkommen ihm entgegenflog, ihre Lip⸗ pen auf ſeine Hände preßte und unter Freudenthrä⸗ nen der Leitung ſeines Arms folgte, den er zärtlich um ihren ſchlanken Körper ſchlang und ſie in das Haus führte.. „Iſt Aſhmore hier?“ fragte er ſie beim Eintreten in das Zimmer. „Ja ja, mein Harrh, mein Geliebter, er iſt in ſei⸗ ner Stube. Gleich will ich ihn rufen, nur laß mich noch einmal erſt in Deine ſüßen Augen ſehen, noch einmal erſt Deine Lippen küſſen. O wie habe ich mich nach Dir geſehnt, wie hat Deine Luch nach Dir gejammert!“ Dabei ſchlang ſie ihre ſchönen Arme um Harry's Nacken und preßte ihre ſchwellenden Lippen in überwäl⸗ tigender Wonne auf ſeinen Mund. Dann ſprang ſie fort aus der Thür, und kaum hatte Harrh Hut und Mantel abgelegt, als ſein Bruder Aſhmore freudig überraſcht in das Zimmer trat und ihn aufs herzlichſte willkommen hieß. „Hoffentlich bringſt Du gute Neuigkeiten mit, denn hier im Lande ſieht es, wie Du ſchon gehört haben wirſt, bös aus; es wird einen Kampf auf Tod und Leben ge⸗ ben“, ſagte Aſhmore, indem er Harrh die Hand ſchüttelte. 133 „Gute Nachricht bringe ich allerdings. Ich habe zwei⸗ hundert Neger gekauft, ſie ſchwimmen in zwei Schoo⸗ nern auf dem Brazos unterhalb Brazoria, und wir wol⸗ len ſie beim Grauen des Morgens hierher treiben. Du mußt mit mir gehen“, antwortete Harry flüchtig. „Was ſagſt Du? Zweihundert Neger? Du ſcher⸗ zeſt wohl“, verſetzte Aſhmore, ihn verwundert an⸗ ſchauend. „Kannſt ſie ja ſelbſt zählen“, fuhr Harry fort. „Mache Dich fertig, gleich nach dem Abendeſſen reiten wir fort; wir nehmen unſere Waffen mit für den Fall, daß die ſchwarzen Kerle ſich ſtörrig zeigen ſollten. Flinte und Piſtole ſind die beſten Dolmetſcher; das Volk ver⸗ ſteht kein Engliſch.“ „Du ſprichſt in Räthſeln, Harry“, ſagte Aſhmore immer erſtaunter. „Wirſt ſchon Alles gewahr werden; jetzt laſſe uns keine unnöthige Zeit verlieren“, bemerkte Harry und ging dann in die Ecke des Zimmers, wo ſeine Waffen ſtan⸗ den und hingen, um eine Auswahl für ſich zu treffen, während Aſhmore ſich entfernte, um das Nöthige zu dem Ritt vorzubereiten. Die Nacht war eingebrochen und der Sturm jagte das Gewölk am Himmel dahin, als die beiden Brü⸗ der zu Roß nach Brazoria eilten. Dort harrten ihrer 134 bereits acht bewaffnete, durch Harrh gedungene Män— ner, welche mit Kienfackeln verſehen mit ihnen zu Fuß den Weg durch den Wald antraten. Noch immer wühlte der Sturm in den Wipfeln der Bäume und ließ dieſe in ihren Wurzeln ächzen und knarren, und nah und fern dröhnte von Zeit zu Zeit der Sturz eines Baums durch die Nacht. In dem Grunde des Waldes aber war es ſtill, die rothen Flammen der Fackeln ſtiegen hoch über den Wanderern empor und ihr Licht drang weithin durch die Heffnungen zwiſchen den Gebüſchgruppen. Es war elf Uhr, als Sie mit ſeinen Gefährten an dem Fluſſe anlangte, auf deſſen Mitte ſeine beiden reichen Ladungen ſchwammen. Sogleich ſandte einer der beiden Kapitäne ein Boot zu ihm an das Ufer, in wel⸗ chem er ſich nach dem nächſtliegenden Schooner begab. Die Sklaven lagen ſämmtlich in den untern Räu⸗ men der Schiffe in tiefem Schlafe und erholten ſich von der Angſt und den Schrecken, welche ſie während des Tages ausgeſtanden hatten. Sie wußten ſich ja ſicher in einem Fluſſe unweit Trinidad de Cuba und waren mit dem frohen Gedanken eingeſchlafen, daß ſie am fol genden Morgen ihr ſchönes Cuba wieder be⸗ treten würden. Kaum befand ſich Harry an Lord des Fahr⸗ zeugs, als von beiden Schiffen die großen Boote in das Waſſer hinabgelaſſen wurden, eine Anzahl Matroſen ſich in dieſelben begab und, nachdem die Anker gehoben waren, dem Ufer zurudernd, vermittelſt eines Taues die Schooner hinter ſich herzog. Dort wurden dieſelben befeſtigt und der ſchmale Zwiſchenraum zwiſchen Verdeck und Land mit Bohlen überbrückt, während die Männer aus Brazoria zwei große Feuer auf dem Ufer auflodern ließen. Harry ſelbſt ſtieg nun mit einer Laterne zu den Sklaven hinab und zeigte ihnen mit freundlichen, liebe⸗ vollen Worten an, daß er jetzt mit ihnen nach ſeiner Veſitzung aufbrechen wolle, wo ſie ſich ganz nach Be⸗ lieben von ihren Strapazen erholen und ausruhen könn⸗ ten. Mit Jubel wurde die Aufforderung von den Schwar⸗ zen begrüßt und freudig ſprangen ſie aus dem dumpfen engen Raum hervor, in dem ſie gegen alles Erwarten ſo lange hatten aushalten müſſen. Wohl fielen ihnen die bewaffneten Männer auf, wohl kam ihnen der Wald anders vor als die Wälder, die ſie in Cuba geſehen hatten, dennoch war nicht ein einziger unter ihnen, in deſſen Bruſt eine Ahnung von der unerhörten That aufgeſtiegen wäre, die an ihnen vollbracht wurde. Harry hielt aber auch durch ſein zutrauliches, freund⸗ 136 liches Weſen jeden Zweifel fern von ihnen; er nannte ſie ſeine Freunde, fragte ſie, ob ſie vor ihrem Marſche noch etwas eſſen wollten, und lachte mit den Männern und ſcherzte mit den Mädchen. Alle ſprangen guter Dinge mit ihrem Bündel an das Land und harrten auf den Augenblick zum Aufbruch. Harry nahm Abſchied von den beiden Kapitänen mit dem Verſprechen, am folgenden Tage wiederzukom⸗ men, um mit ihnen abzurechnen, und rief dann den Skla⸗ ven luſtig zu:„Nun, friſch auf, meine Kinder, laßt uns unſern Marſch mit Gott antreten!“ worauf er, von einem Fackelträger begleitet, den Zug eröffnete und die Sklaven ihm guter Dinge, gleichfalls von ſolchen unter⸗ ſtützt, nachfolgten. So ſchritten ſie tapfer darauf los, und als ſie das Ende des Waldes erreicht hatten, ſchlug Harry den Weg nicht nach Brazoria ein, ſondern nahm die gerade Richtung weſtlich nach dem Bernardfluſſe hinüber, weil an deſſen Ufern hinauf bis zu ſeiner Wohnung keine weitere Anſiedelung lag und keine gangbare Straße dort den Weg kreuzte. Dabei miſchte er ſich bald hier, bald dort in den langen Zug, ſprach freundlich und Vertrauen einflößend zu den Sklaven und ſagte ihnen, daß ſie nun bald das Ziel ihrer mühſeligen Wanderung erreicht hät⸗ ten, wo ihrer ein ſorgenfreies, frohes Leben harre. 137 Und ſorglos und voller Hoffnung für ihre Zukunft eilten die ſchmählich Betrogenen dieſem ihrem Ziele zu, wenn ſich ihnen auch ein Gefühl des Fremdſeins auf⸗ drängte, weil ſie bis jetzt von ihren Begleitern außer von Harrh noch kein ſpaniſches Wort vernommen hatten. Sie erklärten ſich dies jedoch leicht, weil ſie wußten, daß ihr neuer Herr ein Amerikaner war, und fanden es na⸗ türlich, daß derſelbe auch Amerikaner als Freunde bei ſich habe. Als der Tag aber graute und die Landſchaft ſich vor ihren Blicken heller und deutlicher ausbreitete, da überfiel ſie unwillkürlich das Gefühl des Fremden; der Wald, an deſſen Rand ſie hinſchritten, war ein nie vorher geſehener, die weite, unabſehbare üppige Grasfläche vor ihnen war ihnen ein ganz neues unbekanntes Bild⸗ und wo waren die blauen, zum Himmel aufſtrebenden Berge, die ſich in Cuba immer ihren Blicken gezeigt hatten? Dennoch ſtieg in ihnen noch kein Zweifel darüber auf, daß ſie ſich unweit Trinidad de Cuba befänden, und alles Neue um ſie her erregte nur ihre Verwunderung, ihr Staunen. Dies wurde noch bei der Annäherung an Harry's Beſitzung durch deren Anblick vermehrt, denn auch ſie trug ein ganz anderes Anſehen als die Anſiedelungen in Cuba. Da aber der Sturm ſich gelegt hatte, das graue Gewölk ſich zertheilte und die Sonne heiter und warm 138 vom blauen Himmel niederſchien, ſo begrüßten die Skla⸗ ven dieſe ihre neue Heimat mit freudigem Herzen und zogen jubelnd in dieſelbe ein. Mit Luſt und Liebe eilten ſie ſchon am ſelbigen Tage an die Arbeit und begannen unter Aſhmore's Leitung Wohnungen für ſich zu bauen. Sechstes Kapitel. Das Werk war vollbracht. Mit einem Gefühl von Größe, Macht und Gewalt ſah Harry die für ihre Lebenszeit der Freiheit beraubten Menſchen ver⸗ gnügt und ſorglos an die Arbeit gehen. Wohl tönte die Kunde von dem Erſcheinen des furchtbaren Hee⸗ res unter Santa⸗Anna unangenehm in ſein Ohr und der Gedanke, daß Texas trotz des amerikaniſchen Ele⸗ ments, welches daſſelbe zur ſelbſtſtändigen freien Repu⸗ blik erhoben hatte, unterliegen möchte, wollte mitunter folternd in ihm aufſteigen, die Zuverſicht in ſeine Be⸗ rechnungen aber verſcheuchte immer wieder bald jeden Zweifel an dem vollſtändigen Erreichen ſeines vorgeſteck⸗ ten Ziels. An demſelben Morgen, an welchem Harrh die Kunde überbracht wurde, daß Santa⸗Anna vor San⸗Antonio ſtehe, erhielt er auch Nachricht von Dandon, daß dieſer laut getroffener Verabredung in den wichtigſten Zei⸗ 140 tungen der Vereinigten Staaten fortwährend hatte drin⸗ gende Aufforderungen an die Regierung in Waſhington ergehen laſſen, die Landeskinder in Texas in ihrer er⸗ rungenen Freiheit zu beſchützen und zu erhalten, ſowie daß dieſe Aufforderungen ſeitens des amerikaniſchen Vol⸗ kes den erwünſchten Zweck erreicht hätten, indem bereits Bundestruppen nach Texas eingerückt ſeien und Nacog- doches, San⸗Auguſtin und mehrere andere öſtlich gele⸗ gene Plätze dieſes Landes von ihnen beſetzt wären. „Vortrefflich, vortrefflich!“ ſagte Harrh, nachdem er die Depeſche zum zweiten Male durchleſen hatte. „Beſſer ſind aber auch niemals Karten ausgeſpielt wor⸗ den. Nun noch eine Partie mit Ihnen, Herr Dandon; ich biete Va banque!“ Harrh hatte am Tage nach ſeiner Ankunft den Ka⸗ pitänen der beiden Schooner die verſprochene Beloh⸗ nung von je tauſend Dollars ausgezahlt und ihnen da⸗ bei Schweigen über das gemachte Sklavengeſchäft auf⸗ gelegt. Der eine von ihnen war am folgenden Morgen, nachdem der Sturm ſich gelegt hatte, wieder in See gegangen, den andern aber, denſelben, mit welchem Harry gefahren war, hatte dieſer auf ſeinem Ankerplatze zu⸗ rückgehalten, weil er ſelbſt ſich auf deſſen Schooner nach Neuorleans einſchiffen wollte. Blieb Harrh hier, ſo mußte er oder ſein Bruder 141 Aſhmore in das Heer eintreten, und ſein Leben im In- tereſſe des Landes auf das Spiel zu ſetzen, hielt er für die größte Thorheit, die er überhaupt hätte begehen kön⸗ nen. Jetzt, nachdem er ſeinem Leben erſt den wahren Werth gegeben hatte, jetzt, wo er daſſelbe nach allen Richtungen hin und in vollſten Zügen genießen konnte, jetzt ſollte er ſich für andere Leute zum Krüppel ja viel- leicht gar todtſchießen laſſen? Das fiel Harry nicht im Traume ein. Er hatte das Seinige für die Freiheit der Republik gethan, aus welchem Grunde, das war gleich; mochten die Texaner das Fechten nun ohne ihn thun, und fechten mußten ſie, denn jetzt galt das alte Sprichwort:„Vogel friß oder ſtirb!“ An Gnade ſei⸗ tens der Mexicaner war nicht zu denken, und darum blieb den Texanern nichts Anderes übrig, als zu kämpfen oder die Flucht zu ergreifen und Haus und Hof, Ern⸗ ten und Heerden den Feinden als Beute zu überlaſſen. Daß ſie dieſes nicht thun würden, das wußte Harrh ſehr wohl, und kämpften ſie für ihr eigenes Eigenthum, ſo fochten ſie ja auch für das ſeinige, ſeine Gegenwart war deshalb zum Schutze deſſelben ſehr entbehrlich, ſei- nem Wohle aber, ſeiner perſönlichen Sicherheit ſtand ſie ſchroff entgegen. Er hatte ſich darum kurz entſchloſſen, der Republik und den Gefahren, denen man ſich jetzt in ihr ausſetzte, Lebewohl zu ſagen und ſtatt des Schießens 142 und Mordens eine angenehmere, mehr lohnende Beſchäf⸗ tigung in den Vereinigten Staaten zu ſuchen. Außer den Freuden, den Genüſſen, die ſeiner dort harrten, hatte er neue kühne Pläne für den Erwerb noch größern Reichthums zu verfolgen, als der war, welchen er bereits in ſeinem Antheil an dem Compagniegeſchäft mit Dandon beſaß. Er übergab daher ſeinem Bruder Aſhmore die Verwaltung ſeines Eigenthums, eilte im Stillen an Bord des Schooners und glitt ungeſehen auf dem Bra⸗ zosfluſſe hinab aus dem Lande des Kriegs, aus Texas hinaus in den Golf, auf deſſen ſonnig überfunkelten grünen Wogen er ſeinen Weg nach Neuorleans richtete. In dieſer Zeit rollte ununterbrochen der Donner von Geſchützen durch die weiten Prairien um San⸗An⸗ tonio und Goliad, denn beide Städte wurden von Heeres⸗ abtheilungen Santa-Anna's hart bedrängt, während er ſelbſt an der Spitze ſeiner Kerntruppen die texaniſche Armee unter General Houſton mit großer Uebermacht ſchlug und über den Guadelupefluß zurückwarf. San⸗Antonio wurde von nur fünfhundert Texanern unter Colonel Albert Randolph vertheidigt, dennoch wag⸗ ten es wochenlang die Belagerer kaum, ſich auf Schuß⸗ weite der Stadt zu nähern, denn das Feuer der Be⸗ lagerten war mörderiſch und richtete furchtbare Verhee⸗ rungen unter ihnen an. Da erſchien Santa⸗Anna mit 143 ſeinen ſiegreichen Kriegern vor der Stadt und gab den Befehl zum Sturm. Dreimal wurden die Sturmcolonnen mit ungeheuern Verluſten zurückgeſchlagen, beim vierten Angriff aber drangen ſie in die Stadt ein und Albert Randolph zog ſich mit ſeiner kleinen Schaar in die alte ſpaniſche Fe⸗ ſtung, die Alamo, zurück. So unbedeutend und ſchwach dieſe Burg gegenüber einer ſolchen Streitmacht, wie ſie Santa⸗Anna befehligte, auch erſcheinen mochte, ſo ver⸗ breitete ſie doch Schrecken und Entſetzen unter den Me⸗ xicanern, denn ſobald ſich dieſe den alten Mauern nah⸗ ten, ſprühten aus denſelben einige vierzig Feuerſchlünde Tod und Verderben in ihre Reihen. Santa⸗Anna's Wuth gegen die Helden, die das alte Schloß vertheidigten, ſtei⸗ gerte ſich von Tag zu Tag; während einer ganzen Woche ließ er ſein Geſchützfeuer gegen die Mauern richten und mit grimmer Freude begrüßte er den Augenblick, wo das alte Geſtein unter ſeinen Kugeln zuſammenbrach und die Breſchen ſich zum Stürmen öffneten. In jeder Nacht, ſobald die Dunkelheit dem Feuer der Belagerer ein Ziel ſetzte, hatte Albert alle Schäden, welche die Mauern erlitten hatten, ſoweit es möglich war, wieder ausbeſſern laſſen, an dieſem Tage aber war das alte Gemäuer an mehreren Stellen ſo ſehr zuſammen⸗ geſtürzt, daß die wenigen Stunden der Nacht zur Wie⸗ 144 derherſtellung deſſelben ſelbſt dann nicht ausgereicht haben würden, wenn die Vertheidiger noch bei vollen Kräften geweſen wären. Zu Tode ermüdet durch die unausgeſetzte Arbeit unter Todesgefahr, durch Entbehrung von Schlaf und hinreichender Nahrung waren die Männer in der Alamo kaum noch im Stande, ſich aufrecht und wach zu erhal⸗ ten, ſobald der Donner der Kanonen und das Praſſeln und Schmettern der Kugeln in dem alten Gemäuer den Schlaf nicht mehr von ihnen verſcheuchten. An dieſem Abend verſank die Sonne blutroth auf der weiten flachen Ferne, als das Rollen und Stürzen des Gemäuers die Belagerten abermals erſchreckte und ein Sturm von Jubelrufen aus dem mexicaniſchen Heere zu ihren Ohren herüberſchallte. Bald darauf aber ſchwie⸗ gen die Geſchütze. Albert ſtand in der Kuppel, die ſich über einen Theil der Alamo wölbte, und ſchaute nach der ſinkenden Sonne hinüber, als nähme er zum letzten Male Abſchied von ihr. Er dachte an Blancha; morgen mußten die entſcheidenden Würfel fallen. An eine längere Verthei⸗ digung der Veſte war nicht zu denken, ihre Mauern waren zerſtört, die Kräfte der Beſatzung aufgerieben und die Munition für viele der Geſchütze bis auf den letzten Schuß verbraucht. Einen ehrenhaften freien 145 Abzug von dem Feinde zu erlangen, daran war jetzt nicht mehr zu denken, ein Sieg über ihn lag außer den Gren⸗ zen der Möglichkeit, und ſo blieb nur ein ehrenvoller Tod unter der Fahne der jungen Republik übrig. Wohl ließ Albert ſeinen Blick nach Weſten und nach Süden ſchweifen, woher konnte aber wohl Hülfe gegen eine ſolche Uebermacht kommen! Er ſah die Sonne verſinken, eine Thräne trat in ſeine Augen, er ſagte Blancha Lebewohl! Die Dämmerung zog über die Erde; im mexicani⸗ niſchen Lager wurde es ſtill und die Feuer und Lichter in demſelben fingen an zu funkeln. Da trat Albert in 6 den geräumigen Hof, wo auf den Mauertrümmern die noch lebenden Männer der Beſatzung umherſaßen und lagen, deren bleiches und entkräftetes Ausſehen mit der Todtenſtille in Einklang ſtand, die unter ihnen herrſchte. Als Albert aber zwiſchen ſie ſchritt, erhoben ſie ſich ſämmtlich und richteten ihre Blicke ernſt, doch mit Hin⸗ gebung ihm entgegen. „Habt Ihr beſchloſſen, Brüder, was wir thun ſol⸗ len?“ fragte er in einem Tone, als wiſſe er ihre Ant⸗ wort ſchon.„Morgen wird Santa⸗Anna zum Sturme ſchreiten, wenn wir nicht die weiße Fahne aufziehen.“ Alle ſchwiegen und erſt nach einer langen Pauſe hob Albert abermals an: Armond, Saat und Ernte. V. 10 146 „Noch iſt es Zeit, die Waffen freiwillig zu ſtrecken und unſer Leben möglicherweiſe zu retten. Sagt mir offen, was iſt Euer Entſchluß?“ Dabei ließ Albert ſeinen Blick durch die Verſamm⸗ lung ſchweifen, als wolle er den Mann herausfinden, dem ſeine Andeutung willkommen geweſen ſei. Kein Wort wurde laut, doch in aller Augen ſtand ihre Ant⸗ wort geſchrieben. „Ihr ſchweigt, Ihr hofft noch auf Hülfe von außen“, fuhr Albert mit feſterem Tone fort.„General Houſton iſt geſchlagen, Fannin iſt in Goliad eingeſchloſſen, wo⸗ her ſoll Hülfe kommen? Entweder die weiße Fahne aufziehen oder als Männer ſterben; was wollt Ihr thun? Ihr müßt Euch bald entſcheiden.“ Da trat ein alter Mann mit weißem Haar aus der Menge vor und ſagte: „Ihr wißt es wohl, Randolph, daß nicht einer un⸗ ter uns iſt, der Eure Frage anders beantworten würde als Ihr ſelbſt. Euch folgen wir alle, auch morgen zu unſerm letzten Siege!“ „Iſt es wirklich ſo, meine Brüder? Wollt Ihr mir folgen auch in den Tod?“ rief Albert begeiſtert aus und ließ ſeinen aufflammenden Blick über die welken Ge⸗ ſtalten ſeiner Gefährten wandern. „In den Tod!“ riefen alle wie aus einem Munde und ließen dann drei donnernde Hurrahs für Randolph folgen, daß es weit hinaus aus der alten Veſte in das Lager der Mexicaner hinübertönte. „So öffnen Sie unſere Vorräthe, Kapitän Ram⸗ bels, und laſſen Sie einen Jeden davon nehmen, was er will“ ſagte Albert zu einem der Offiziere und fuhr dann wieder zu der Menge gewandt fort: „Morgen ſpeiſen wir zuſammen dort oben!“ Die Nacht war ſehr dunkel, und um das aus ſchnee⸗ weißem Geſtein erbaute alte Fort Alamo glühten die Feuer der Mexicaner und über ihm blitzten und funkelten die Sterne wie Juwelenſaat, in ſeinen Mauern aber herrſchte tiefe Stille. Es war die erſte Nacht ſeit dem Be⸗ ginnen der Belagerung, in welcher ihre Vertheidiger ſich der Ruhe, dem Schlafe hingaben. Sie hatten ſich mit der Ueberzeugung niedergelegt, daß dieſer Schlaf ihr letzter in dieſer Welt ſein würde; alle hatten ihre Rechnung mit ihr abgeſchloſſen und allen hatten die unnatürlichen Anſtrengungen, die große Entkräftung die Augen zuge⸗ drückt. Wohl waren im Hinſinken mancher Bruſt ſchwere Seufzer entſtiegen, mancher heiße Abſchiedsgedanke war entſandt worden und manches Auge hatte im Schließen eine Thräne zerdrückt, jetzt aber lagen die Helden re⸗ gungslos da in den barmherzigen Armen des erquicken⸗ den, ſtärkenden Schlafes. 10* 148 Die Nacht verblich, der neue Tag zog heiter und wolkenlos am Himmel auf und die Klänge des Kriegs begrüßten ihn aus dem Lager der Mexicaner, in der Alamo aber blieb Alles ſtumm und ſtill, als ob ſie ausgeſtorben ſei; kein Horn, keine Trommel ertönte, und kein Kanonenſchuß forderte zum neuen Kampf heraus. Die todesmuthige Schaar in der Veſte war indeß ſchon lange gerüſtet und ſtand bereit, ihr Leben theuer zu ver⸗ kaufen. Noch glänzten die Perlen des Thaues auf Gras und Blume der Prairie, als das mezicaniſche Heer ſich ſammelte und Santa⸗ Anna hoch zu Roß ſelbſt die Sturmeolonnen ordnete. Mit klingendem Spiel näher⸗ ten ſie ſich der Burg und bald kamen ſie im Sturm⸗ ſchritt gegen ſie angezogen. Bis auf fünfzig Schritte hatten ſie die Breſchen erreicht, ohne daß ſie ein Schuß begrüßt hätte, da aber brüllten die Kanonen ihnen ihren Donner zu und ein Eiſenregen flog in ihre dicht zuſam⸗ mengedrängten Reihen. Sie wankten, ſie wichen zurück, kein Commando wurde mehr gehört und in wilder Ver⸗ wirrung flohen ſie aus der Nähe der furchtbaren Ge⸗ ſchoſſe. Angriff auf Angriff wurde von den Belagerten zurückgeſchlagen und der Weg nach den Breſchen war mit Leichen bedeckt, da ließ Santa-Anna Cavallerie hinter den ſtürmenden Regimentern folgen und gab den ——,——— 149 Befehl, jeden Fliehenden niederzuhauen. Umſonſt ſtell⸗ ten ſeine Generale ihm vor, daß es eines ſolchen Blut⸗ bads nicht bedürfe, da in kurzer Zeit der Mangel an Lebensmitteln die Beſatzung zwingen werde, ſich zu er⸗ geben, er hörte ſie nicht und ſchwur, daß keiner der Ver⸗ theidiger die Sonne ſolle untergehen ſehen. Wieder trieb er die Regimenter zum Sturme gegen die Alamo vor, doch diesmal ſchwiegen die Kanonen der Belagerten, denn ihre Munition war verbraucht. Von zwei Seiten drangen die Stürmenden in die Breſchen ein und Mann gegen Mann raſte der Kampf jetzt in den engen Räumen der Burg. Ganze Schichten von Leichen deckten den Boden und auf ihnen hin und her wogte das Morden und Schlachten. Das Häuflein der Texaner ſchmolz raſch zuſammen, denn immer neue Truppen ſtürmten durch die Breſchen heran, da ſtellten ſich die Letzten der Heldenſchaar in dem Hofe um Albert Randolph auf, um ihn mit ihren Kör⸗ pern gegen die Wuth der Angreifer zu ſchützen. Dicht vor ſeine Bruſt trat Mac Coor, als wolle er mit der ſeinigen die feindlichen Streiche für ihn auf⸗ fangen, doch kaum ſtand er da, als Albert, von einem Bichſenſchuß am Kopf getroffen, zu Boden ſank. Mac⸗Coor warf ſich bei ihm nieder, wiſchte das Blut von Albert's Stirn und hielt ſeine Hand auf die 150 Wunde gedrückt, um die Blutung zu ſtillen, da ftürzten die fechtenden Männer um ihn mit dem Tod im Her⸗ zen über ihn hin und bedeckten ihn und Albert mit ihren blutenden Körpern. Mac⸗Coor rührte ſich nicht, er hielt die Hand feſt auf Albert's Wunde und fühlte, daß das Leben nicht aus ihm gewichen ſei. Der letzte der Helden lag bald entſeelt auf dieſem Hügel von Leichen, die Schreckensaccorde des Kampfes verhallten und in der zerſtörten Veſte herrſchte die Stille des Todes. Da regte ſich Albert unter der Hand Mac⸗Coor's, als wolle er das Gewicht, welches ihn preßte, von ſich ſchieben, dieſer aber flüſterte ihm in das Ohr: „Rühren Sie ſich nicht, Randolph, vielleicht iſt noch Rettung für uns möglich.“ Albert's Bewußtſein kehrte zurück, er erkannte Mac⸗ Coor an ſeiner Seite, verſtand deſſen Worte und beide lagen nun ſo unbeweglich als möglich, wenngleich letzterer nach und nach zwiſchen den Leichen über ſich eine Heffnung bereitete, um freier Athem ſchöpfen zu können. So verſtrichen wohl einige Stunden in ununterbro⸗ chener Stille, als plötzlich laute Stimmen hörbar wur⸗ den und Albert erkannte, daß die Mezxicaner ihre Todten aus der Veſte trugen, um ſie zu beerdigen. Immer nä⸗ —— — 151 her kamen dieſelben mit ihrer Arbeit, bis ſie dicht um den Leichenhügel, unter welchem Albert und Mac⸗Coor lagen, die gefallenen Mexicaner wegzogen. „Wer wird die Ketzer, die Amerikaner begraben?“ hörten die beiden einen Soldaten ſagen. „Wir ſicher nicht, denn wir marſchiren morgen frühzeitig; die Geier werden ſich an ihnen füttern“, antwortete ein Anderer, und ſo kamen und gingen die Leichenbeſtatter, bis nach und nach ihre Arbeit be⸗ endet war und die Todtenruhe wieder in der Alamo herrſchte. Albert und Mac Coor hatten die Leichen ihrer auf ſie gefallenen Kameraden von ſich geſchoben und ſchauten zu dem Himmel empor. Es wurde düſter in dem Hofe, die Sterne wurden ſichtbar und die Nacht brach raſch herein. Mac-Coor hatte ſich und Albert gänzlich von ihrer Laſt bereit und beide erhoben ſich und ſchritten über die Todten nach der Treppe, die hinauf in die Kuppel führte. Albert's Wunde war nur ein Streifſchuß und wenn auch noch ſehr ſchmerzhaft, ſo hatte ſie doch aufgehört zu bluten. In der Kuppel angelangt, band er ſich ein Tuch um die Stirn und ſchaute dann mit ſeinem Gefährten rund um die Alamo auf die Stadt und die Umgegend. Nur im Süden derſelben brannten Lagerfeuer der Mexicaner, 152 während im Norden die Prairie öde und verlaſſen zu erkennen war. Vorſichtig ſchlichen ſich die beiden Geretteten wieder in die Burg hinab und über die Leichen ihrer Kamera⸗ den hin aus derſelben hinaus bis an die Mauer, welche ſie in weitem Kreiſe umgab. Nirgends war ein lebendes Weſen zu erkennen. So gelangten ſie ungehindert in die Prairie hinaus und flo⸗ hen nun mit aller Schnelligkeit, die ihre Kräfte noch er⸗ laubten, durch die Nacht davon. Sie waren die Einzigen von der ganzen Beſatzung, die ihr Leben retteten. Einen theuern Sieg hatte Santa⸗Anna erfochten, er koſtete ihn über zweitauſend Mexicaner. Von San⸗Antonio richtete er ſeinen Vertilgungs⸗ zug nach der von ſeinen Truppen bereits eingeſchloſ⸗ ſenen Feſtung Goliad, um ihr ein gleiches Schickſal wi⸗ derfahren zu laſſen. Colonel Fannin befehligte die neun⸗ hundert Mann ſtarke Beſatzung derſelben und leiſtete während einer Woche dem Feinde feſten Widerſtand, dann aber gingen die Vorräthe an Lebensmitteln und Munition auf die Neige. Fannin ließ einen Kriegsrath halten, in welchem man beſchloß daß ſechshundert Mann unter Kapitän Ward die Feſtung verlaſſen und ſich durch den Feind ſchlagen ſollten, um den texaniſchen General Houſton zu 153 erreichen und mit ihm vereint der in Goliad zurückblei. benden Beſatzung zu Hülfe zu kommen. Der Ausfall wurde ſehr plötzlich gemacht, Kapitän Ward warf die ihm entgegenſtehenden Feinde über den Haufen und eilte nun in die Prairie hinaus dem Gua⸗ delupefluſſe zu, doch bald holte ihn die flüchtige mexica⸗ niſche Reiterei ein und hemmte ſeinen raſchen Marſch. In ein geſchloſſenes Viereck zuſammengetreten, wieſen die Texaner zwar jeden Angriff der zahlreichen Cavallerie blutig zurück, doch wurde ihre Eile ſo ſehr dadurch ge⸗ hemmt, daß ſie gegen Abend ſtatt des erſehnten Fluſſes nur auf halbem Wege eine kleine Waldinſel in der Prairie erreichten. Hier verbrachten ſie die Nacht, und als der Tag ihnen die rundum gelagerten Feinde zeigte, ſahen ſie, daß ſich auch ein Scharfſchützencorps und Ar⸗ tillerie bei demſelben eingefunden hatte. Kapitän Ward erkannte ſehr richtig, daß Wider⸗ ſtand unmöglich ſei; ſeine Leute waren nur für heute noch mit Lebensmitteln verſehen, Waſſer führten ſie gar nicht mit ſich und ihre Munition war ſehr ſpärlich. Er ſchlug daher in einer gemeinſchaftlichen Berathung vor, mit dem Feinde zu unterhandeln und womöglich freien Abzug zu erlangen. Das ganze Corps ſtimmte ſeinem Vorſchlag bei und Capitän Ward ſelbſt begab ſich als Unterhändler in das mexicaniſche Lager. Der dort 154 befehligende General nahm das Anerbieten an, beſtand aber darauf, daß man die Waffen zurücklaſſe. Es war eine harte Bedingung, und als Ward ſie ſeinen Gefährten überbrachte, erklärten dieſe faſt einſtimmig, daß ſie lieber mit den Waffen in der Hand ſterben wollten. Ward aber überzeugte ſie, daß der Feind ſich außer dem Be⸗ reiche ihrer Büchſen halten und nur ſeine Kanonen ſpie⸗ len laſſen werde, welche in Verbindung mit Durſt und Hunger ihm bald den Sieg über ſie geben müßten, ohne daß er einen Mann dabei einbüße. Nach langem Zögern wurde die Bedingung angenom⸗ men. Ward ließ ſeine Leute hinaus in die Prairie mar⸗ ſchiren, dort ſtellten ſie ihre Gewehre zuſammen und traten nun unbewaffnet ihren Weg nach dem Guadelupe⸗ fluſſe an. Kaum aber hatten ſie ſich einige hundert Schritte entfernt, als die mepicaniſchen Dragoner auf ſie einſprengten und ſie niederzumetzeln begannen. Wie verwundete Tiger ſprangen die Texaner an die Reiter, riſſen viele von ihren Pferden und zerfleiſchten ſie mit ihren Meſſern, mit ihren Zähnen; die Uebermacht aber war zu groß, nach kurzer raſender Gegenwehr wurden ſie überwältigt, und nur drei Mann von den Sechshundert retteten ſich, indem ſie ſich während der Verwirrung in dem hohen Graſe verſteckten. Santa⸗Anna hielt die Feſtung Goliad, ohne ſie weiter 15⁵5 zu beſchießen, noch acht Tage eingeſchloſſen, in welcher Zeit ihre Beſatzung ſämmtliche Lebensmittel verbraucht hatte. Am folgenden Morgen wehte die weiße Fahne über ihren Mauern, und bald darauf ſchritt eine Ge⸗ ſandtſchaft aus ihr hervor, um mit Santa-Anna über die Capitulation zu unterhandeln. Er bewilligte freien Abzug ohne Waffen und verlangte denſelben vor Ablauf einer Stunde. Als die Deputation den Belagerten dieſe Antwort überbrachte, ſprach Colonel Fannin gegen die Annahme der geſtellten Bedingung und rieth, ſich mit den Waffen in der Hand einen Weg durch die Feinde zu bahnen, da der Treuloſigkeit der Mexicannr kein Glauben zu ſchenken ſei; er wurde aber von der Be⸗ ſatzung überſtimmt, und ehe die geſtellte Friſt abgelaufen war, verließ dieſelbe die Feſtung und die Mexicaner zogen in dieſelbe ein. Ein gleiches Schickſal, wie es Kapitän Ward und ſeine Gefährten betroffen hatte, war auch Colonel Fannin und ſeinen Leuten beſchieden, denn kaum hatten die Mexicaner ihnen den Rückweg in die Veſte abgeſchnitten, als Santa⸗Anna ſeinen Dragonern den Befehl gab, ſie niederzuhauen. Erbarmungslos wurde das Urtheil vollſtreckt und ſämmtliche dreihundert Te⸗ xaner hauchten, ohne Waffen kämpfend, ihr Leben unter dem Mordſtahl von Santa⸗Anna's Henkern aus. Wie Todesſchauer zogen die Nachrichten dieſer un⸗ 156 geheuern Thaten durch das Land und wie hölliſche Mächte folgten die Schaaren Santa⸗Anna's ihnen nach. Alles floh, um von ihrem Tod bringenden Erſcheinen nicht überraſcht zu werden, und ganze Züge von Weibern, Greiſen und Kindern zu Fuß, zu Pferd und zu Wagen eilten auf den Flügeln der Angſt, des Entſetzens nach Oſten. Die ſchönen Städtchen, die paradieſiſchen Nieder⸗ laſſungen an der Guadelupe und an den vielen kryſtall⸗ klaren, rauſchenden Bächen zwiſchen ihr und dem Colo⸗ radofluſſe wurden verlaſſen und die zügelloſen Banden Santa⸗Anna's ließen ſie in Flammen auflodern. Eine ſeiner Heeresabtheilungen raſte mit Feuer und Schwert an der Meeresküſte hin gegen Velasco, eine andere zog nördlich auf San Felipe; er ſelbſt mit einigen tauſend Mann ſeiner Kerntruppen führte das Centrum. General Houſton hatte alle Streiter an ſich gezo⸗ gen, doch nicht mehr als ſechshundert Mann zuſammen⸗ bringen können, eine zu unbedeutende Zahl, um der feindlichen Macht in offener Schlacht zu begegnen. Er war Schritt für Schritt zurückgewichen und hatte ſich darauf beſchränken müſſen, durch unerwartete plötzliche Ueberfälle dem Feinde kleine Nachtheile beizubringen, denn ſeine Leute waren ſämmtlich beritten und Büch⸗ ſenſchützen erſten Ranges. — 157 Er ſtand in San Felipe, bei der Nachricht aber von dem Heranziehen der mexicaniſchen Diviſion unter Gene⸗ ral Viesea ging er mit ſeinen Reitern und ſechs Ge⸗ ſchützen über den Fluß, um ſich nach Harrisburg in ſumpfiges Land zurückzuziehen. Nur fünfzig Mann ließ er in der Stadt zurück, um deren Einwohnerſchaft unter ihrem Schutze Zeit zur Flucht zu geben, namentlich aber die vor dem barbariſchen Feinde heranziehenden flüchti⸗ gen Weiber- und Kinderſchaaren aufzunehmen und über den Fluß zu befördern. Der Führer dieſes kleinen Corps war Albert Randolph. Seit General Houſton das Obercommando über die texaniſchen Streitkräfte übernommen hatte, war Albert deſſen rechte Hand geweſen und hatte ihn mit Rath und That unterſtützt. Wenige Tage nach ſeiner Rettung aus der Alamo hutte er mit Mac⸗Coor Houſton's Lager erreicht und war mit ſtürmiſchem Jubel von dem Heere begrüßt worden. Schon am folgenden Tage übernahm er das Commando über ein Streifcorps und führte binnen kur⸗ zer Zeit mehrere Transporte Lebensmittel, welche er dem Feinde abgejagt hatte, den Texanern zu. Jetzt hatte er mit ſeinen wenigen Leuten die Häu⸗ ſer an dem Eingange in die Stadt San Felipe beſetzt, um das Corps Viesca's aufzuhalten, und eben war man 158 damit beſchäftigt, die Pferde ſeiner Mannſchaft über den Fluß zu befördern, da wurde ihm die Nachricht ge⸗ bracht, daß nur wenige Meilen rückwärts an der Straße eine Anzahl Frauen und Kinder ſich in eine verlaſſene Farm geflüchtet hätten und daß der Feind ſich raſch nahe. Ohne ſich einen Augenblick zu bedenken, befahl er die Pferde herbeizuholen, ließ auffitzen und ſprengte nach der Farm, wo er ſechs Frauen und vier Kinder vor⸗ fand, die vor Ermattung nicht hatten weiter flüchten können. Albert erkannte die Frauen, ſie waren aus Gon⸗ zales und ihre Männer waren ſämmtlich in der Alamo getödtet worden. Er ließ ſie ſowie die Kinder ſchnell hinter ſo viele ſeiner Schützen auf deren Pferde heben und wollte mit ihnen den Rückzug nach San Felipe antreten, als Trompetenton auf der nahen Biegung der Straße erſchallte und eine Abtheilung mexicaniſcher Dragoner, welche dem Heere des Generals Viesca vor⸗ auszog, herangeſprengt kam. „Fort, fort!“ rief er den Reitern mit den Frauen und Kindern zu, und während dieſe davoneilten, ließ er ſeine Leute ſich zum Schuß gegen den herannahen⸗ den Feind fertig machen. Alle ritten ihre jagdgewohnten Pferde und alle hatten ihre Büchſen auf die Dragoner gerichtet, als Al⸗ bert ihr Feuer noch zurückhielt, indem er ihnen zurief: 159 „Laßt ſie nahe herankommen, ſodaß keine Kugel fehl⸗ geht.“ Dann commandirte er:„Feuer!“ und einige dreißig Dragoner ſtürzten von ihren Roſſen. „Es lebe die Republik Texas!“ rief Albert jetzt und ſtürmte mit wildem Hurrah ſeinen Schützen voran auf die verworrene Maſſe der Dragoner ein, die nun in wilder Flucht den Piſtolenkugeln und Säbelhieben der Texaner zu entkommen ſuchten. Weit verfolgten dieſe die Fliehenden nicht, denn das Corps Viesca's konnte nicht mehr fern ſein. Albert ließ halten, wieder laden und jagte dann mit ſeinen Gefährten, ſo ſchnell die Gäule ſie tragen konnten, nach San Felipe zurück. Mit den geretteten Frauen und Kin⸗ dern zugleich, denn die Mexicaner ſchonten auch ſolcher Leben nicht, langten ſie in der Stadt an und Albert führte ſie eilig nach dem Fluſſe, wo mehrere große Boote die Ueberfahrt unterhielten. Die letzten Bewohner der Stadt waren eingeſchifft, ſämmtliche Schützen hatten ihre Waffen in die Boote gelegt, und als dieſelben die Mitte des Fluſſes erreicht hatten, ſpornten die Reiter ihre Pferde in den Strom hinein. Da ertönten wieder die Trompeten des Feindes, und nach wenigen Minuten ſchwärmte die mexicaniſche Cavallerie auf dem Ufer hin und her, ihre Piſtolenku geln aber erreichten die Schützen auf ihren ſchwimmen⸗ 160 den Roſſen nicht mehr, und ſelbſt zu Pferde ihnen zu folgen, unternahmen die Mexicaner nicht. Ihre Wuth ließen ſie aber an den hölzernen Häu⸗ ſern aus, denn noch ehe Albert's Corps das jenſeitige Ufer verließ und der Straße nach Harrisburg folgte, war die Stadt San⸗Felipe in Flammen und Rauch gehüllt. Alle Anſiedlungen am Brazosfluſſe und weiter öſtlich an den kleinen Gewäſſern wurden verlaſſen, Alles floh nach Oſten und ſtrebte der Grenze der Vereinigten Staa⸗ ten zu. Santa⸗Anna's Heer überſchritt an drei Punkten den Brazosfluß und bezeichnete ſeine Wege mit Raub, Brand, Mord und Greuelthaten der unerhörteſten Art. Er ſelbſt führte an der Spitze von zweitauſend Mann und ſechzehn Geſchützen die Mitte und nahm ſeine Richtung nach dem nordweſtlichen Arme der Galveſtonbai, un⸗ weit deren Ufer er ſüdlich von der Mündung des San⸗ Jaeintofluſſes in dieſelbe ein Lager aufſchlagen und daſ⸗ ſelbe verſchanzen ließ. Hier wollte er die Diviſion des Generals Vilaſola, welcher an der Meeresküſte heranzog, erwarten, um dann mit der ganzen Armee nach dem Trinityfluſſe vorzugehen und den öſtlichen, am zahlreichſten bevölkerten Theil von Texas mit Feuer und Schwert zu überziehen. 3 Ende des vierten Bandes. 6 578 6 g1% veqne