der zum Erſatz des Ganzen iee Leihbibliother deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Gdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. eih und geſebedingungen 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Ein⸗ pfangname nd der Bücher jeden Tag von Morgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zhrückerſtattet wird. ½ S Aonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1— Pf. 1 Mr. 50 Pf⸗ 2 Mk.— Pf. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 5. auswürtige onnenten haben für Hin und Zurückſendung. der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. Saat und Ernte. 3 Roman von — Armand, Verfaſſer von„Bis in die Wildniß“,„An der Indianergrenze“,„Ralph Norwvod'“, „Der Sprung vom Riagarafall“„. ac. Dritter Vand. Leipzig. 1 Ernſt Julius Günther. 1866. Druck von Heinr. Merey in Prag. Erſtes Kapitel. Der Herbſt war gekommen und Harry's Ernte war eingebracht, als er ſich auf die Bitte ſeiner Mutter ent⸗ ſchloß, eine Reiſe nach den Vereinigten Staaten z ma⸗ chen. Madame Williams hatte nämlich eine Gelegenheit wahrgenommen, ihre Beſitzung auf der Inſel Galveſton zu einem ſehr hohen Preiſe zu verkaufen, weil ſie es ihrer Tochter ſchuldig zu ſein glaubte, dieſelbe in feinere Geſellſchaft zu bringen als die, worauf ſie in ihrem bisherigen Aufenthalt beſchränkt geweſen waren. Die Tochter war fünfzehn Jahre alt und es fehlte ihr ſowohl an der nöthigen Schulbildung als auch an dem geſellſchaftlichen Benehmen, welches ihr Name bean⸗ ſpruchte. Madame Williams war aus Natchez am Miſſiſſippi gebürtig, ſie hatte dort noch Verwandte und Bekannte, und namentlich war dort in den letzten Jahren ein aus⸗ gezeichnetes Erziehungsinſtitut für junge Mädchen ge⸗ Armand, Saat und Ernte. MI. 1 2 — gründet worden, in welchem ſie ihrer Tochter Gelegenheit zu weiterer Ausbildung geben wollte. Harry, der anfing, ſich nach einer Unterbrechung des alltäglichen Einerleis zu ſehnen, war gern bereit, ſeine Mutter nach ihrem Geburtsort zu begleiten, zumal da ſeine Anweſenheit auf ſeiner Plantage augenblicklich nicht nothwendig war. Er übergab ſeinem Bruder Aſhmore die Aufſicht über dieſelbe, eilte nach Galveſton hinab und ſchiffte ſich von dort mit den Seinigen nach Neu⸗ orleans ein. Dort hielt er ſich nur einige Tage auf, vervollſtän⸗ digte ſeine Toilette auf das gewählteſte, machte Beſuche bei den vornehmſten Familien, die ihm noch von ſeinem frühern Aufenthalt her bekannt waren, und wurde von den⸗ ſelben jetzt als reicher Plantagenbeſitzer mit doppelter Auszeichnung empfangen. In der That, ſein Ruhm war ihm vorangegangen und man begegnete ihm allenthalben mit der größten Achtung. Auf die Freude, ſeinen Freund Holeroft zu ſehen, mußte er verzichten, da derſelbe auf eine unbekannte Unternehmung ausgegangen war. Von vielen Freunden begleitet, begab ſich Harry mit ſeiner Mutter und ſeinen beiden jungen Geſchwiſtern an Bord eines prächtigen Dampfers und erreichte ohne beſondern Aufenthalt das Ziel ſeiner Reiſe, Natchez. 2 5 Harch ſelbſt bezog dort das erſte Gaſthaus, wäh⸗ rend er die Seinigen in einem Logirhauſe erſten Ranges einmiethete. Eine ſo auffallende und zu gleicher Zeit ſo ange⸗ nehme Perſönlichkeit wie Harry Williams konnte nicht verfehlen, ſofort Aufmerkſamkeit zu erregen, zumal da er ſelbſt Alles zu dieſem Zwecke aufbot. Seine Empfeh⸗ lungs und Creditbriefe von Texas aus an die hieſige Bank und an die erſten Geſchäftsleute bezeichneten ihn als einen der reichſten und angeſehenſten Männer jenes Landes, und aus ſeinen Unterhaltungen ging deutlich her⸗ vor, daß er ein ſehr großes Vermögen beſitzen mußte. Seine höchſt elegante Kleidung, ſein vornehmes und doch zuvorkommend artiges Benehmen und die Unbekümmert⸗ heit, mit wetcher er bei jeder Gelegenheit viel Geld aus⸗ gab, machten ihn ſehr bald in allen Kreiſen der Geſell⸗ ſchaft bekannt und zum Gegenſtand der Unterhaltung. Harry war allenthalben zu ſehen; in den Gaſthäu⸗ ſern und Trinklokalen tractirte er freigebig ſeine Be⸗ kannten, auf den Promenaden begleitete er die ſchöne junge Welt, abends bei den Spazierfahrten trieb er einen prächtigen Schimmel in einem Cabriolet und im Theater oder Circus liebäugelte er mit den ſchönſten Augen. Er beſuchte auch täglich den Leſeclub, in welchen — Ihre nähern Freunde noch unbekannt waren, ſo unter⸗ 4 ihn ein angeſehener Kaufmann eingeführt hatte und wo alle die wichtigſten Zeitungen Amerikas und Europas ausgelegt waren. Eines Morgens hatte er noch nicht lange vor einem der vielen Leſepulte Platz genommen, als der Kaufmann, durch den er eingeführt war, mit einem ältlichen Herrn zu ihm trat und ihm denſelben als den Rentier Herrn Dandon vorſtellte. Harrh mit ſeiner gewohnten Höflichkeit erklärte ſich ſehr erfreut über deſſen Bekanntſchaft, da er ſeinen Na⸗ men ſchon vielfach auf das vortheilhafteſte habe nennen hören. Dandon verneigte ſich darauf und ſagte: „Ich dachte mir, daß wir beide uns kennen lernen müßten, weil Leute von unſern Mittel und unſerer Stellung im Leben nur durch eine kleie⸗ Zahl in der Geſellſchaft vertreten werden und wir darum uns an einander anſchließen müſſen, wenn wir nicht allein ſtehen oder uns mit armen Teufeln auf gleiche Stufe ſtellen wollen.“ „Gleiche Verhältniſſe, gleiche Anſichten ziehen einan⸗ der an, und ſo habe ich ſchon von Anfang meines Hier⸗ ſeins auf eine Gelegenheit gehofft, mich Ihnen vorſtellen zu laſſen, Herr Dandon; doch da es mir nicht gleich⸗ gültig ſein konnte, durch wen dies geſchah, und weil mir 5 blieb es bis jetzt; um ſo erfreulicher aber iſt es mir nun, daß Sie mit ſo viel Artigkeit meinem Wunſche entgegenkommen.“ Bei dieſen ſehr höflich geſagten Worten verneigte ſich Harry wiederholt, und Dandon that ein Gleiches, worauf er ſeine gelbſeidene Weſte glattſtrich und durch eine drehende Bewegung ſeines Kopfes dem Hals in dem Hemdkragen wieder die rechte Lage zu geben ſuchte. „Sie beſitzen, wie ich höre, bedeutendes Grundeigen⸗ thum in Texas“, hob er dann an, indem er die Rechte auf den Rücken legte und mit ſeiner Linken an der Uhrkette ſpielte. „Allerdings und unter den augenblicklichen Ver⸗ hältniſſen des Landes eigentlich mehr, als mir lieb iſt“, entgegnete Harry.„Doch ich rechne auf die Zukunft; Texas beſitzt unſtreitig die beſten Bodenverhältniſſe auf unſerm ganzen Continent.“ „Laſſen Sie es ſich nicht leid ſein. Nach dem, was ich von Texas gehört habe, muß es über kurz oder lang eine große Rolle ſpielen; ſein natürlicher Reichthum ſoll ja unberechenbar ſein“, ſagte Dandon mit einem wohlgefälligen Blick auf Harrh. „Dieſe Anſicht war es, die mich beſtimmte, bei meiner zufälligen Anweſenheit in Mexico ſo viel Land von der Regierung zu kaufen, obgleich das Kapital für * 6 die erſten Jahre ein todtes iſt“, fuhr Harry fort und ſetzte noch mit einem gleichgültigen Tone hinzu:„Ich wußte aber im Augenblick nicht, was ich mit dem vor⸗ rräthigen Gelde machen ſollte.“ „Da iſt es Ihnen ergangen, wie es mir ſehr oft geht; es dreht ſich beim Anlegen der Kapitalien immer nur um die gewöhnlichen Procente, will man ſie nicht irgend einem armen Teufel anvertrauen und Gefahr laufen, darum betrogen zu werden. Die Zeit großer Speculationen iſt vorüber“, fiel Dandon ein. „Nun, ich weiß nicht, es bietet ſich doch mitunter noch Gelegenheit zu einer guten Unternehmung. Eben mit Land in Texas iſt doch immer noch ein ſchöner Ver⸗ dienſt zu machen. Ich habe bedeutende Striche in Na⸗ eogdoches und San⸗Auguſtine nahe an der Grenze der Vereinigten Staaten, wovon ich jetzt noch den Acker zu fünf Dollars verkaufe, und wenn die Einwanderung ſo fortgeht, muß dies ſelbige Land in wenigen Jahren zwanzig Dollars der Acker koſten. Ich glaube, eine ſo ſchlechte Speculation wäre es doch nicht, jetzt zu kaufen. Wie geſagt, ich habe zu viel Land“ verſetzte Harry leichthin. „Wohl wahr, Herr Williams; wiſſen Sie aber wohl, was Texas fehlt, um ſein Land werthvoll zu machen?“ nahm Dandon das Wort. „Sklaven“ antwortete Harrh. 7 „Ganz recht“ fiel Dandon ein.„Wer aber kann Sklaven nach Texas führen dort ſind ſie ja frei und gehen davon. Das iſt ein großer Uebelſtand.“ „Haben Sie die letzten Neuigkeiten aus Texas ge⸗ leſen, Herr Dandon?“ fragte Harry ſinnend und ſchien einen wichtigen Gedanken zu verfolgen. „Sie meinen die Gefangennehmung Ihres Abge⸗ ordneten Auſtin? Es ſoll große Aufregung in Texas herrſchen.“ „Eine Aufregung, die ſchließlich eine Lostrennung von Mexico zur Folge haben wird und möglicherweiſe eine Vereinigung mit den Vereinigten Staaten“, ſagte Harry eifrig.„Was meinen Sie, wieviel dann der Acker Land in Texas koſten würde?“ „Allerdings, verehrter Freund, wenn die Zeit zom men ſollte, würde viel Geld daran verdient werden, aber eine Speculation darauf wäre doch ſehr für die ungewiſſe Ferne berechnet“, entgegnete Dandon ausweichend. „Ei freilich. Es iſt fern von mir, Jemand dazu zu rathen, aber ich, der ich nun einmal das Land billig gekauft habe, ich mag ſchon darauf ſpeculiren“, verſetzte Harry und gab dem Geſpräch ſchnell eine andere Wen⸗ dung; der Gedanke aber, daß Dandon der Mann ſei, von dem er Nutzen ziehen werde, hatte feſte Wurzel in ihm geſchlagen. 8 Nach längerer Unterhaltung ſchaute Dandon auf ſeine Uhr, ſagte Harrh noch, er würde ſich bald wieder das Vergnügen bereiten, ihn zu ſehen, und ſchritt dann nach ſehr freundlich genommenem Abſchied aus dem Le⸗ ſezimmer, während Harry ihm finnend nachblickte und noch mehrere Minuten, nachdem die Thür ſich hinter ihm geſchloſſen hatte, ſein Bild vor ſeinen ſcharf berechnenden Gedanken feſthielt. Dandon eilte geraden Wegs nach Hauſe und trat mit den Worten zu ſeiner Tochter Blancha in das Zimmer: „Da habe ich mich etwas verſpätet ü ber einer höchſt intereſſanten Bekanntſchaft, die ich im Leſeclub machte. Wirklich, einer der liebenswürdigſten jungen Männer, denen ich jemals begegnet bin! Es iſt ein Herr Williams aus Texas, ein ſehr reicher Mann, der dort ungemeſſene Beſitzungen hat. Ich denke, ich bitte ihn morgen zum Mittagseſſen, damit auch Du ihn kennen lernſt, denn ich weiß im voraus, er wird Dir ungemein gefallen. Er iſt ebenſo ſchön und angenehm, als er reich iſt. Ich will es noch einigen Freunden und Bekannten ſagen laſſen, und dann könnte man ja wohl einmal wieder dem jungen Randolph die Ehre anthun; er iſt zwar arm, aber ein famoſer Kopf, der mir oder vielmehr Dir die zwanzigtauſend Dollars gerettet hat, die Portman ————— 9 ſelbſt ſchon für verloren hielt. Er kann einmal ein rei· cher Mann werden.“ Dandon ſah nicht den freudeſttahlenden Glanz der Augen Blancha's, denn er ſchritt ihr etwas voran aus der Thür, um ſich nach dem Speiſeſaal zu begeben. Der Proceß, in welchem Albert Randolph ein Gut· achten für Dandon ausgearbeitet hatte, war nach dieſem von Portman geführt worden und vor einem halben Jahre vor dem Gerichte in Natchez zur Entſcheidung ge⸗ kommen. Portman, ſtolz auf das Talent ſeines Zöglings, hatte es bewirkt, daß bei dieſer Entſcheidung Albert ſelbſt die Vertheidigungsrede für das Recht Dandon's halten ſollte, da ihm allein der Ruhm gebühre, wenn der Proceß von dieſer Seite gewonnen würde. Das perſönliche Inter⸗ eſſe, welches man an dem geiſtreichen, allgemein beliebten jungen Mann in Natchez nahm, füllte das Gerichtshaus zum Erdrücken mit Zuhörern, und als Albert vor die Schranken trat, um ſeine Rede zu beginnen, wurde er mit ſtürmiſchem Beifall begrüßt. Sein ſeltenes großes Talent machte ſich auch in der Löſung der ihm heute geſtellten Aufgabe ſo über alle Grenzen der Erwartung hinaus geltend, daß er wiederholt durch den ungezügelten Beifall der Zuhörer zu langen Unterbrechungen gezwungen wurde, und als er endlich ſeine Rede ſchloß, da wollten die donnernden Hurrahs für Randolph und für den Dichter 10 Albert kein Ende nehmen. Portman ſelbſt leitete ihn unter den Beifallsrufen der aufgeregten Menge an ſeiner Hand von den Schranken hinweg und wünſchte ihm Glück zu dem Froßen Erfolg, welchen er ſich errun⸗ gen hatte. Der Proceß wurde zu Gunſten Dandon s entſchieden. Dandon ſelbſt hörte den Verhandlungen mit größter Aufregung und Spannung zu, und als ihm endlich das Recht zugeſprochen ward, eilte er zu Albert hin, ergoß ſich in Lobeserhebungen über ſeine Leiſtungen, wünſchte ihm Glück zu der Geſchäftsbahn, die er ſich gebrochen habe, und bat ihn, mit nach ſeinem Hauſe zu gehen und bei ihm zu Mittag zu ſpeiſen. In der Freude ſeines Herzens vergaß der alte Herr ſo ſehr ſeine Grundſätze und Vorurtheile, daß er Albert's Arm in den ſeinigen nahm und ihn ſo zur Verwunderung der Menge von dem Gerichtshauſe nach ſeiner Wohnung geleitete. Die Freude Blancha's, als ſie den Einziggeliebten ihrer Seele mit ihrem Vater Arm in Arm über den Platz herankommen ſah, entlockte ihren Augen beſeligende Thränen, und nur der großen Bewegung, die den alten Herrn erfaßt hatte, verdankte ſie es, daß ſi ihr Glück vor ihm verheimlichen konnte. Seit dieſem Tage wurde Albert von Zeit zu Zeit von Dandon zu Tiſche geladen, und jedesmal, wenn ſie ————*—————Üům—— 11 bei Tafel ſaßen, ſagte der Alte ſcherzend zu ſeiner Tochter, daß ſie Herrn Randolph ſehr dankbar ſein müſſe für die zwanzigtauſend Dollars Nadelgeld, die er ihr gerettet habe. Blancha konnte heute kaum den Abend erwarten, wo ſie Albert bei ihrer Freundin und zugleich Beſchützerin ihrer geheimen Liebe, bei Madame Newberry treffen würde, um ihm im voraus die Glücksnachricht zu bringen, daß ihr Vater ihn morgen zum Eſſen einladen wolle. Nach Tiſche machte ſ ſie mit dieſem eine Spazierfahrt in das Land, kehrte bei Sonnenuntergang nach Hauſe zurück und ſetzte ſich dann auf ihren Lieblingsplatz auf den Balkon hinaus. Von dort aus hatte ſie eine Zeit lang über den Platz geſchaut, als ſich die Hausthür in Albert's Wohnung öffnete und Luch, des Mulattenmädchen der Madame Newberry, daraus hervortrat. Luch war ſiebzehn Jahre alt und von ſo ungewöhn⸗ licher Schönheit, daß ſie in ganz Natchez nur die ſchöne Luch genannt wurde. Sie war eine ſchlanke, mittelgroße Geſtalt, ihre Formen waren zierlich, doch üppig gerundet und ihre Bewegungen leicht und gefällig. Durch die braune Farbe ihrer zarten Wangen ſchimmerte ein warmer röthlicher Ton, der bei jedem Erglänzen ihrer großen tiefbraunen Augen wie verborgenes Feuer erglühte und ihr mitunter bis in die glänzenden ſchwarzen Locken ſchoß, die von ihren Schläfen herab auf ihren Buſen 12 wallten. Sie war ſehr gut erzogen, geſchickt in aller Arbeit und, was in den ſüdlichen Staaten zu den Aus⸗ nahmen gehörte, recht gewandt mit der Feder. Madame Newberrh hatte ſie aufgezogen, und es hatte ihr Vergnügen gemacht, aus dem reizend ſchönen Kinde eine in jeder Weiſe tüchtige Dienerin für ſich ſelbſt heranzubilden. Luch hing mit dankbarem Herzen an ihrer Herrin und kannte von den Freuden des Lebens noch keine andern als die, welche Madame Newberrh ihr verſchaffte. Sie war nach und nach in das Geheimniß der Liebe Albert's zu Blancha gezogen worden, indem ſie oft Briefe und Be⸗ ſtellungen hinüber und herüber befördern mußte, und ſie that dies mit Freuden, weil ſie beiden von Herzen gut war und liebevoll von ihnen behandelt wurde. Flüchtig wie ein Reh ſprang ſie jetzt über den Platz und hielt ihren Blick nach dem Balkon, auf welchem Fräulein Dandon ſaß, hinauf gerichtet; als ſie aber über die Straße nach der Hausthür ſchritt, zog ſie einen Brief aus ihrem Buſen herbor und ließ ihn Blancha ſehen. Dieſe empfing einige Augenblicke ſpäter die Mulattin an ihrer Zimmerthür und nahm ihr den Brief haſtig mit den Worten ab: „Ich danke Dir, liebe Luch. Komm herein, ich will ſehen, ob Du Antwort mitbekommſt.“ Sie trat, den Brief öffnend, mit der Dienerin in 13 das Zimmer, durchflog den Inhalt des Schreibens und ſagte dann zu ihr: „Es bedarf keiner Antwort, Luch. Empfiehl mich nur Deiner Herrin und ſage ihr, ich würde heute Abend zum Thee zu ihr kommen, mein Vater ſei ausge⸗ beten.“. Hiermit entließ ſie die Mulattin, rief ihr aber an der Thür noch zu:„Warte einen Augenblick, Luch!“ und eilte in das Nebengemach, von wo ſie ſogleich mit einem bunten ſeidenen Tuch in der Hand zurückkehrte und es dem Mädchen mit den Worten reichte: „Das iſt für Dich, Luch; damit ſollſt Du Dich putzen, wenn Du in die Kirche gehſt und ſollſt immer an mich denken, wenn Du das Tuch umthuſt.“ „Ach, Fräulein Blancha, Sie ſind gar zu gut gegen mich! Sie haben mir ſchon das ſchöne Kleid geſchenkt und nun noch dies prächtige Tuch. Womit habe ich denn das Alles verdient?“ „Weil Du immer gut ausrichteſt, was Dir aufge⸗ tragen wird, und weil Du überhaupt ein ſo braves Mäd⸗ chen biſt; ich werde immer für Dich ſorgen. Nun aber eile und grüße Madame Newberry recht ſchön von mir“, ſagte Blancha, klopfte der erfreuten Sklavin freundlich auf die Schulter und entließ ſie. Kaum aber hatte ſich die Thür geſchloſſen, als Blancha den Brief wieder aus 14 ihrem Kleid hervornahm, ihn mit Innigkeit an ihre Lippen drückte und nochmals ſeinen Inhalt las. Albert ſchrieb ihr darin, daß er wegen ſehr vieler Arbeit nicht frühzeitig das Geſchäftslokal verlaſſen könne, daß er aber hoffe, ſie bei ſeiner Nachhauſekunft bei Ma⸗ dame Newberrh noch zu treffen. Die Dunkelheit brach herein, die Lichter wurden angezündet und Blancha ſaß mit einem Buch in der Hand in dem Sopha, ſie las aber nicht, ſondern hielt ihre Aufmerkſamkeit auf den Corridor geheftet und war⸗ tete ihres Vaters Tritt zu vernehmen. BVald ließ ſich Dandon auch hören und trat in das Zimmer, um ſich bei ſeiner Tochter zu verabſchieden. „Werde nur nicht ungehalten, liebe Blancha, daß ich Dich ſo oft abends allein laſſe, es iſt aber wieder eine Einladung, der ich nicht aus dem Wege gehen konnte. Stanton, bei dem ich ſpeiſe, iſt einer der reich⸗ ſten Männer in der Stadt. Wenn nur mehr ſolche Fa⸗ milien hier lebten, damit es Dir nicht ſo ſehr an Ge⸗ ſellſchaft fehlte! Ich kann aber doch unmöglich aus mei⸗ ner Sphäre treten.“ „Sei unbeſorgt, lieber Vater, ich fühle mich ſehr glücklich mit meinen wenigen Bekannten und im Noth⸗ falle tröſte ich mich immer mit der guten Newberry, die mir, ſeit meine liebe Anna bei ihr wohnte, immer 15 ſo außerordentlich freundlich und gefällig geweſen iſt; ich möchte wohl wiſſen, ob ſie mir irgend etwas ab⸗ ſchlagen könnte.“ „Ja wohl, ſie iſt eine ſehr gute Frau, wenn ihr Mann auch ein armer Teufel iſt. Nun muß ich aber gehen. Halte gut Haus!“ Hiermit reichte Dandon ſeiner Tochter die Hand und eilte aus dem Zimmer. Kaum hörte Blancha unten die Hausthür öffnen und ſchließen, ſo ſchritt ſie an das Fenſter, ſah ihrem Vater, der im eiligen Schritt über den Platz ging, noch einige Augenblicke nach und zog dann die Schelle. Als ihre ſchwarze Dienerin eintrat und nach ihrem Befehle fragte, hatte Blancha ſchon den Shawl umge⸗ worfen, eine Handarbeit aus dem Nähtiſch hervorge⸗ nommen und eilte nun, von der Negerin begleitet, aus dem Hauſe und über den Platz zu Madame Newberry. Dieſe öffnete ſelbſt für ſie die Hausthür und hieß ſie in der herzlichſten Weiſe willkommen. Das Wohnzimmer, in das ſie eintraten und welches ſehr einfach, aber ſehr ſauber ausgeſtattet war, wurde außer durch eine große Lampe, die auf dem Tiſche ſtand, noch durch ein Flackerfeuer in dem Kamine erleuchtet. Der Hauptgrund zu ſolchen Abendfeuern, wie ſie in den ſüdlichen Staaten Gebrauch find, liegt darin, daß ſie 16 die Luft in dem Zimmer reinigen und gegen herrſchende Fieber ſchützen ſollen, nebenbei aber liebt man abends dabei zu ſitzen und ſich durch ihr Flackern und Kniſtern unterhaltenizu laſſen, während die Wärme, die ſie ausſtrö⸗ men, zu unbedeutend iſt, als daß ſie läſtig werden könnte. „Wollen wir uns an das Kamin ſetzen, liebe Blancha? Ich meine, es wäre traulicher bei dem Feuer“, ſagte Madame Newberry zu dieſer und winkte dann Luch herbei, damit ſie ihr helfe, den Tiſch mit der Lampe näher nach dem Kamine zu ſchieben. „So, jetzt haben wir das Licht von beiden Seiten und es iſt hell genug, um die feinſte Perlenarbeit zu machen“ fuhr die freundliche Frau fort, nachdem ſie Luch aus dem Zimmer geſandt hatte.„Nun ſetzen Sie ſich an Ihr altes Plätzchen, beſte Blancha, und laſſen Sie uns plaudern. Schade nur, daß unſer lieber Albert noch nicht kommen kann, wir wären heute Abend ſo ganz unge⸗ ſtört beiſammen, da mein Mann gleichfalls wie Ihr Vater auswärts eſſen wird.“ „Albert hat mir ja geſchrieben, daß er ſehr viel zu thun habe“, fieb⸗Blancha ein und ſetzte lächelnd noch hinzu:„Er kommt aber doch ein wenig früher, als ſeine Arbeit es eigentlich erlaubt.“ „Nur ein ſo ſtreng gewiſſenhafter Mann wie Albert kann ſich durch ſeine Pflicht von einem ſo lieben Engel —.————————— — wie Sie fern halten laſſen“, verſetzte die Frau mit in⸗ nigem, liebevollem Ausdruck. „Einem Engel, liebe Newberry?“ entgegnete Blancha herzlich auflachend.„Dazu fehlen mir alle Erforderniſſe. Aber Albert iſt gut und brav, das iſt wahr.“ „Wenn nur Ihr Vater—“ hob die Frau an. „Mein Vater hat mich ſehr lieb, beſte Newberry, und wird ſchließlich meinem Glück nicht in den Weg treten“ fiel Blancha ihr in das Wort,„nur muß man ihm Zeit geben, daß die gute Meinung, welche er von Albert hat, nach und nach ſtärker wird als ſeine Vor⸗ urtheile; Sie wiſſen es ja, daß nur reiche Leute ſein Mit⸗ gefühl beſitzen. Er iſt aber Albert gut, achtet und ſchätzt ihn hoch, und wenn derſelbe ſein eigenes Geſchäft hier gegründet hat und eine Frau ſelbſt ernähren kann, dann werde ich meinem Vater unſere Liebe geſtehen und ihn um ſeine Einwilligung zu unſerer Vereinigung bitten.“ „Und wenn er nun ſeine Zuſtimmung nicht geben ſollte?“ warf Madama Newberry ein. „Dann werde ich doch Albert's Frau“, entgegnete Blancha entſchloſſen fügte aber ſchnell hinzu:„Er wird es aber thun. Ich will Ihnen etwas anvertrauen, liebe Newberch, es muß aber unter uns bleiben: Albert hat mir geſagt, Portman wolle ſich bald zur Ruhe ſetzen und ihm ſein Geſchäft abtreten.“ Armand, Saat und Ernte. IHI. 2 18 „Nun, wenn dies geſchieht, dann kann er wohl eine Frau ernähren“, verſetzte die Newberrh mit freudigem Tone;„dann wird er auch bald den Ruf des alten Port⸗ man bekommen und für einen der größten Advocaten des Südens gelten.“ „Namentlich aber wird dann ſeine Stellung bei meinem Vater der beſte Fürſprecher für uns ſein“, be merkte Blancha und rückte mit ihrer Handarbeit der Lampe etwas näher. „Gott gebe es, daß Sie bald ein Paar werden und daß der Himmel Sie mit eben ſo vielem Glück ſegne, wie es unſerer lieben Freundin Anna zu Theil geworden iſt“, ſagte die Frau, heftete ihren Blick wohlgefällig auf Blancha's Arbeit und fuhr fort:„Sie ſticken aber die Weſte gar zu ſchön! Wie wird ſich Albert darüber freuen! Weiß er es denn ſchon, daß ſie für ihn beſtimmt iſt?“ Blancha lachte bei dieſen Worten der Frau hell auf und ſagte: „Nein, nein, er hat keine Ahnung davon, was ich arbeite. Denken Sie ſich, ich habe ihm weiß gemacht, es wäre ein Mieder für mich ſelbſt, und er meinte, dieſes matte Gelb müſſe mir außerordentlich gut ſtehen. Was meinen Sie zu einem ſolchen ſeidenen Mieder?“ Hierbei lachte Blancha abermals recht herzlich und die Newberch ſtimmte mit ein, indem ſie ſagte: 19 „Ja, ja, es iſt ſpaßhaft, wie wenig die Männer von unſerer Toilette verſtehen; ſie fühlen es wohl, wenn wir geſchmacklos gekleidet ſind, wiſſen aber niemals, wo der Fehler liegt. „Nun noch etwas Neues“ fiel Blancha wieder ein. „Morgen will mein Vater Albert zum Mittagseſſen bitten. Ich freue mich ſehr darüber, denn ich weiß, wie es ihn beglücken wird. Es iſt nämlich ein ſehr reicher junger Mann aus Texas hier, deſſen Be⸗ kanntſchaft mein Vater heute gemacht hat und den er morgen bitten will; er ſagte mir, derſelbe wäre ebenſo ſchön und liebenswürdig, wie er reich ſei. Ich werde ihn aber darum ſehr liebenswürdig finden, weil er die Ver⸗ anlaſſung dazu gab, daß mein Albert gebeten wurde. Vater nannte mir auch ſeinen Namen, ich habe ihn aber vergeſſen.“ „Es iſt unbegreiflich, wie die Leidenſchaft für Geld alle andern Gefühle beherrſchen kann. Ihr Vater würde ſich nicht bedenken, einem ſo reichen Manne aus Texas ſeine einzige geliebte Tochter zur Frau zu geben und ſie mit ihm in ein ſolches wüſtes, wildes Land ziehen zu laſſen während er ſie hier in ſeiner Nähe ſo glücklich ſehen und ſich ſelbſt dadurch beglücken könnte. Der Geld⸗ ſtolz iſt wahrlich der thörichtſte von allen“, ſagte Madame Newberry und warf ein Stück Kienholz auf das Feuer. „Nun, er ſoll doch noch recht glücklich durch uns werden“, ſagte Blancha ſo recht aus tiefem Herzen und ließ ihre Arbeit in den Schooß ſinken,„und dann ſoll er auch wiſſen, wie ſehr er Ihnen, liebe Newberry, dafür zu danken hat.“ „Gebe Gott, daß ich dieſe Freude erlebe“, verſetzte die Frau und erzählte Blancha dann, wie ſie Luch durch das ſchöne Halstuch hoch beglückt habe. So plauderten ſie bald ernſt, bald ſcherzend und lachend, Blancha hielt aber immer ihr Ohr nach der Hausthür gerichtet und lauſchte jedem auf dem Trottoir vorüberziehenden Tritt. Da ſchlug es acht Uhr und Luch trat ein, um zu melden, daß das Abendeſſen bereit ſei. „Wollen wir nicht noch ein wenig warten? Albert kommt vielleicht bald“, wandte ſich Madame Newberrh zu Blancha. „Ach ja, noch ein Viertelſtündchen, es wäre doch hübſch— Ha, da iſt er!“ rief dieſe mit freudigem Schreck, warf ihre Arbeit auf den Tiſch und ſprang aus dem Zimmer nach der Hausthür, wo eben die Schelle gezogen wurde. „Mein Albert!“ ſagte ſie zu ihm, als ſie die Thür geöffnet hatte und er haſtig eintrat, und ſchlang ihren Arm um ſeinen Nacken.„Dank, Dank, tauſend Dank, 21 daß Du ſchon kommſt. Nicht wahr, meine Sehnſucht nach Dir hat Dir keine Ruhe gelaſſen?“ „Nein, nein, es war meine Sehnſucht, die Deine Gedanken zu mir zog. Du angebetetes, einziges Mäd⸗ chen, o wie verſüßeſt Du mir jeden Augenblick durch Deine Liebe!“ entgegnete Albert, preßte Blancha mit einem innigen Kuſſe an ſein Herz und führte ſie dann von ſeinem Arm umſchlungen in das Zimmer, wo Ma⸗ dame Newberrh ihrer harrte. „Das iſt ja prächtig, Herr Randolph, daß Sie ſo früh kommen“ ſagte dieſe ihm entgegentretend.„Nun füh⸗ ren Sie Ihre ſchöne Braut auch gleich in das Eßzim⸗ mer, denn das Abendbrod iſt bereit.“ Dann ergriff ſie die Lampe und ſchritt den beiden Glücklichen voran nach einem kleinen Gemach in dem hintern Theile des Hauſes, wo der Tiſch gedeckt ſtand und Luch eben die einfachen Speiſen auftrug. „Sie müſſen den Herrn vom Hauſe vorſtellen, Herr Randolph; mein Mann iſt ausgebeten“, ſagte Madame Newberrh, ſich am Tiſche niederlaſſend. „Um dieſem Platz Ehre zu machen, muß man unter liebender Leitung erſt einige Erfahrung ſammeln; ich werde ſehr unbehülflich erſcheinen, will aber mein Beſtes thun“, entgegnete Albert lächelnd und verſorgte dann die Teller der beiden Damen mit gebackenem Huhn, ge⸗ bratenem Schinken, mit Eiern und gekochtem Mais, während Madame Newberry Kaffee und Thee einſchenkte und Lucy das glühheiße Brod und dampfende ſüße Kar⸗ toffeln herumreichte. „Nun rathe aber, Albert, welche Freude unſer mor⸗ gen harrt“, ſagte Blancha, mit glänzendem Blick zu ihm gewandt, und legte ihre kleine Linke auf ſeinen Arm. „Welche Freude? Für uns gibt es nur eine Freude, die unſeres Zuſammeinſeins. Wird dieſe mir zu Theil werden?“ „Ja wohl. Aber wo?“ fragte Blancha lächelnd. „Am liebſten hier bei unſerer beſten Freundin und ſo ungeſtört wie heute Abend“, entgegnete Albert, Blan⸗ cha's Hand küſſend. „Nein, ich will es Dir nur ſagen— in unſerm Hauſe. Vater wird Dich morgen zum Eſſen bitten laſſen.“ „Du guter, lieber Engel, das habe ich doch nur Dir zu danken!“ „Nein, nein, ich habe nichts dazu gethan. Vater zeigte mir nur an, daß er morgen einen Herrn aus Texas, deſſen Namen ich vergeſſen habe, zum Mittags⸗ eſſen laden würde und bemerkte dabei aus freien Stücken, daß er es auch Dir ſagen laſſen wollte. Du biſt der einzige Menſch ohne großes Vermögen, dem er dieſe Artigkeit erzeigen würde“, antwortete Blancha, ergriff 23 Albert's Hand und ſetzte mit Begeiſterung noch hinzu: „Es iſt der große Reichthum Deines Geiſtes, mein Albert, den mein Vater anerkennt.“ „Und wie klein und unbedeutend iſt dieſer Reichthum gegen den Deiner Seele, Du Engelsmädchen!“ erwiderte Albert im überwallenden Gefühl ſeines Glücks. „Sie müſſen aber Ihren Dienſt wahrnehmen, Herr Randolph. Fräulein Blancha nimmt vielleicht noch etwas Fleiſch oder Mais“ fiel Madame Newberry ein. „Ich danke, ich danke, beſte Newberrh. Ich habe Ihrer Küche alle Ehre angethan“, entgegnete Blancha herzlich. „Nun, ſo laſſen Sie uns wieder zu unſerm Kamin⸗ feuer gehen, dort iſt es doch traulicher“, ſagte die Frau, in welchen Vorſchlag ihre Gäſte gern einſtimmten und ihr ſogleich nach dem Wohnzimmer folgten. Dort ließ ſich Albert an Blancha's Seite nieder, die ihre Arbeit wieder ergriff und zu ſticken begann. „Sieh Dein ſchönes Mieder; ich freue mich ſchon, Dich darin zu ſehen“, hob Albert an und betrachtete die für ihn beſtimmte Weſte, worauf Blancha zu lachen begann und ſich vergebens bemühte, ernſthaft zu bleiben, denn Madame Newberry ſtimmte jetzt mit ein und beide lachten nach Herzensluſt. „Ach liebſter, beſter Albert, werde nicht böſe über unſere Kinderei“, begann Blancha immer noch lachend. 24 „Die Newberry war daran ſchuld, weil ſie auch zu lachen begann. Ich will es Dir aber geſtehen, was uns dazu brachte.“ „Nein, nein, Blancha, das dürfen Sie nicht thun. Herr Albert wird es noch zeitig genug erfahren und uns beiden unſere Unart dann recht gern vergeben“ fiel die Frau ein.„Nicht wahr, Herr Randolph, Sie wollen es jetzt noch gar nicht wiſſen? Um unſerm Lachen aber ein Ende zu machen, will ich mich entfernen und noch einige Haushaltsangelegenheiten beſorgen. Sie entſchul⸗ digen mich für eine kurze Zeit“ Hiermit erhob ſich Madame Newberrh und eilte aus dem Zimmer, Blancha aber legte die Arbeit auf den Tiſch, rückte näher zu Albert heran und ſchmiegte ſich von ſeinem Arm umſchlungen an ſeine Bruſt. Zweites Kapitel. Während dieſer Zeit ſaß Harry Williams an der Seite einer reich geputzten Dame in ſeinem Sopha und ſuchte ſie unter Schmeichelreden und liebevollen Auf⸗ merkſamkeiten zu bewegen, ihr Glas, welches er aber⸗ mals mit Champagner gefüllt hatte, zu leeren. Sie be⸗ wohnte mit ihm denſelben Gaſthof, in welchem ſie als die Frau eines Herrn Sulton vor kurzem angekommen war, und hatte an dieſem Abend Harry's Einladung an⸗ genommen, in ſeinem Salon ein Glas Champagner mit ihm zu trinken, denn Sulton war ſchon ſeit einigen Ta⸗ gen abgereiſt, um im Staate Ohio Geſchäften nachzuge⸗ hen. Harry hatte ſich der vereinſamten Dame ſogleich angenommen, führte ſie zu Tiſche, begleitete ſie vormit⸗ tags auf ihrer Promenade, fuhr ſie bei Sonnenuntergang ſpazieren und ging abends mit ihr zur Kirche. Dieſe Aufmerkſamkeiten des ſchönen, reichen ungen Mannes verfehlten nicht, einen vortheilhaften Eiüdru die ———————— 26 Dame zu machen und ihm den Weg zu ihrer Gunſt zu bahnen. Schon nach Verlauf der erſten Tage vertraute ſie ihm unter dem Siegel tiefſter Verſchwiegenheit an, daß ſie noch nicht mit dem Herrn Sulton verheirathet ſei und daß ſie dieſerhalb auch kein Unrecht darin er⸗ kennen könne, während deſſen Abweſenheit die Artigkei⸗ ten eines ſo liebenswürdigen Mannes, wie Herr Wil⸗ liams, anzunehmen. Durch ihr häufiges Zuſammenſein waren ſie bald ſehr bekannt mit einander geworden und in einem traulichen Geſpräch hatte die Dame ihrem jun⸗ gen Freunde Harry einen Blick in das Leben und den Charakter ihres ſogenannten Gatten thun laſſen. Sie ſagte ihm, daß derſelbe eine unglaubliche Geſchicklichkeit darin beſäße, Papiergeld nachzumachen, Geſchriebenes von einem Papier zu entfernen und Buchſtaben zu verändern oder durch andere zu verſetzen. Sie rühmte ſeine Kunſt mit einem gewiſſen Stolze und ſagte, daß er für Ver⸗ änderungen einzelner Worte in Documenten ſchon Tau⸗ ſende bezahlt erhalten habe. Harry hatte dieſe Mittheilungen mit dem aller⸗ größten Intereſſe vernommen, und an dieſem Abend, als er mit der Dame bei dem ſchäumenden Weine ein ſo ungeſtörtes Plauderſtündchen hielt, fragte er ſie, ob Herr (nn verſtehen werde, ihm die Kunſt, bon einem Papier entfernen, zu lehren; es ſei 27 ihm daran gelegen, in das Geheimniß eingeweiht zu werden, um einen bedeutenden Betrug, der in dieſer Weiſe an ihm begangen ſei, zu beweiſen. Er erklärte ſich zugleich erbötig, ein hohes Lehrgeld dafür zu zahlen, und die Dame übernahm es, den Künſtler ſeiner Rückkehr für Harrh's Wunſch zu ſtimmen. Dankgefühl für das Verſprechen der Schönen, bot nun alle ſeine Liebenswürdigkeit auf, ihre freundlichen Geſin⸗ nungen für ſich noch mehr zu beleben, er ließ ein feines Abendeſſen auf das Zimmer bringen, credenzte ihr dabei die koſtbarſten Weine und überraſchte ſie ſchließlich noch mit einem ihrer Lieblingsgetränke, mit Ananaspunſch. Am folgenden Morgen ertönte ſchon zum dritten Male die Glocke, die zum Frühſtück rief, als Harrh ſich mit großer Anſtrengung den Armen des Schlafes ent⸗ wand und ſich von ſeinem Lager erhob. Er hatte ſchnell Toilette gemacht und war im Begriff, ſich in den Speiſe⸗ ſaal zu begeben, als ein ſchwarzer Diener in ſein Zim⸗ mer trat und ihm einen Brief von Herrn Dandon brachte. Das Schreiben enthielt in den höflichſten Worten eine Einladung für heute zum Mittagseſſen. Harry legte den Brief auf den Tiſch, griff in die Taſche und reichte dem Su zwei Dolla den Worten hin: „Das iſt für Deinen Weg, Bob, oder wi Dieſer, im 28 ßen magſt. Sage Deinem Herrn, ich ließe mich ihm er⸗ gebenſt empfehlen und würde die Ehre haben, mich zur beſtimmten Zeit bei ihm einzufinden. 2 Der Schwarze öffnete, auf die zwei blanken Dollars Hand ſchauend, ſeine Augen vor Verwunderung immer weiter und ſchien ſeiner Sache nicht gewiß zu ſein, ob er das Geld mitnehmen ſolle, Harry aber, der dies bemerkte, ſagte: „Die zwei Dollars gehören Dir, Bob; für mich hebt Niemand eine Hand oder einen Fuß auf, ohne daß ich ihn dafür bezahle. Du gefällſt mir außerdem. Du biſt ein geſcheidter, gewandter Burſche und magſt Dich mitunter bei mir melden, vielleicht habe ich dieſen oder jenen kleinen Auftrag, den Du für mich ausrichten kannſt. Nun geh, Bob, und empfiehl mich Deinem Herrn.“ Der Neger konnte vor Verwunderung kaum ſein: „Danke, Herr!“ hervorſtottern und verließ mit vielen tiefen Verbeugungen das Zimmer. Kaum aber hatte er die Thür hinter ſich geſchloſſen, als Harry den Brief Dandon's vom Tiſche nahm und ihn abermals öffnete. Sein Blick heftete ſich zuerſt auf den Namenszug, auf welchem er eine Zeit lang verweilte, und dann ſchaute er, wie einem Gedanken folgend, hin und her über die Schrift. ſchreibt eine ebenſo ungewöhnliche Hand, ungewöhnlich kleidet“, ſagte Harrh ſinnend 29 vor ſich hin und faltete langſam den Brief wieder zu⸗ ſammen. Nun begab er ſich in den Speiſeſaal, wo er ſich allein zum Frühſtück an der langen Tafel niederließ, n die übrigen Gäſte hatten daſſelbe lange vor nommen. Als er den Saal wieder verließ, trat die hohe Treppe vor dem Hauſe und wußte für den Augenblick nicht, was er beginnen ſollte. Die Luft war aber ſo erfriſchend und einladend und that ihm nach der verſchwelgten Nacht ſo wohl, daß er in die Straße trat und ohne beſtimmtes Ziel in derſelben hinwandelte. So erreichte er den Markt, der bereits von Käufern und Verkäufern verlaſſen war, und trat in das Hallengebäude, in welchem man hier und dort noch ſolche Lebensmittel feilbot, welche zu jeder Tageszeit verlangt wurden. An einem der Pfeiler ſaß eine alte Negerin, die Maismehl, geſchälten ganzen Mais, getrocknete Bohnen und Erbſen, Sellerie, ſüße Kartoffeln und Gemüſe verſchiedener Art zu verkaufen hatte, und vor ihr ſtand Luch, die Dienerin der Madame Newberry, mit einem Körbchen am Arm und unterſuchte die weißen Bohnen, welche in einem Sack auf dem Tiſche ſtanden. Ihre Geſtalt war Harry ſchon von weitem aufge⸗ fallen, und als er näher trat, wurde er von ihrer Schönheit ſo überraſcht, daß er neben ihr ſtehen blieb 30 „Ei, Du biſt ja ein reizendes Mädchen; wie heißeſt Du denn?“ Luch ſah ſich verwundert nach Harry um und ſchlug, dem Blick des hübſchen, vornehmen Herrn begegnend, erröthend die Augen nieder. „ rauchſt Dich nicht zu ſchämen, Du ſüßes Mädchen; Du biſt der Bewunderung eines jeden fühlen⸗ den Gentlemans werth. Sage mir doch Deinen Namen“, fuhr Harrh mit aller Weichheit ſeiner Stimme fort und legte ſeine Hand liebkoſend unter ihr Kinn. „Ich heiße Luch, Herr“, antwortete dieſe mit we⸗ niger Bangigkeit und hob ihre großen glänzenden Au⸗ gen zu Harrh auf. „Und bei wem biſt Du?“ „Ich gehöre Madame Newberry“, antwortete Luch freundlich. „Iſt es nicht ſündhaft, daß ein ſolcher Engel Jemand als ein Stück Eigenthum angehört!“ ſagte Harry mit tief gefühlvollem Tone.„Wäreſt Du bei mir in Texas, ſo würdeſt Du meine Herrin und ich Dein Sklave ſein; dort iſt Jedermann frei, welche Farbe ſeine Haut auch trägt, und nur der eigene Wille, das Herz macht erge⸗ ben und unterwürfig. Ich könnte Dich zum Verzwei⸗ feln lieben, Du reizender Engel!“ F zog Harry ſeine Börſe aus der Taſche, nahm 31 ein Goldſtück daraus hervor und drückte es Luch mit den Worten in die Hand: „Dafür kaufe Dir etwas, was Dir Freude ncht, und wenn Du an mich denkſt, ſo glaube, daß ich Dir gut bin und Dich ſehr lieb habe.“ Dann reichte er auch der alten Negerin einen Dol⸗ lar hin, ſtrich Luch nochmals über die Wange und ſchritt mit den Worten davon: „Denke an mich, Du liebes Mädchen.“ „Mein Gott, er hat mir fünf Dollars gegeben. Wenn es Madame Newberry hört, ſo wird ſie mich ſchel⸗ ten, daß ich ſie angenommen habe“, ſagte die Mulattin und zeigte der Negerin das Goldſtück. „Du Närrchen, Du wirſt wohl nicht ſo dumm ſein und es Deiner Herrin auf die Naſe binden. Für fünf Dollars kannſt Du Dir viele ſchöne Sachen kaufen, und wenn Dich Deine Madame fragt, woher Du ſie haſt. ſo ſagſt Du ihr, Du habeſt ſie geſchenkt bekommen. Komm heute Abend zu mir— Du weißt ja, wo ich wohne— dann will ich Dir das Geld wechſeln und uns Kuchen und etwas Gutes zum Trinken holen. Ich wünſchte, der Herr käme alle Tage hierher. Haſt Du ihn Dir denn wohl recht angeſehen, wie ſchön er war? Einen ſo feinen Liebhaber nähme die erſte, vnnſ in der Stadt.“ 32 Luch ſagte nichts über Harrh, ihre Wangen aber glühten, ihr Herz ſchlug ſchnell und ein wonniges Gefühl wie ſie es noch nicht gekannt hatte, durchſtrömte ihre Nerven. Sie kaufte ſchnell die Bohnen, verſprach der Negerin, ſie heute Abend zu beſuchen, und eilte fliegen⸗ den Schritts nach Hauſe. Die von Dandon zum Mittagseſſen beſtimmte Stunde kam heran. Harrh hatte mit der allergrößten Sorgfalt ſeine Toilette beendet, trat nochmals vor den Spiegel und begab ſich dann auf den Weg nach Dan⸗ don's Haus. Er hatte daſſelbe erreicht, die hohe Mar⸗ mortreppe erſtiegen und war im Begriff, die Schelle zu ziehen, als die Thür ſich öffnete und Luch hinausſchrei⸗ ten wollte. Sie fuhr erſchrocken in den Corridor zu⸗ rück, Harrh aber trat raſch zu ihr ein, ergriff ihre Hand, preßte ſeine Lippen darauf und ſagte: „Du liebliches, ſchönes Mädchen, ich muß Dich bald wiederſehen, hörſt Du?“ Mit einem glühenden Blick eilte er dann von ihr hinweg und die breite Treppe hinauf in den erſten Stock, wo ein ſchwarzer Diener die Salonthür für ihn öffnete. Dandon ſelbſt empfing ihn hier mit der zu⸗ vorkommendſten Höflichkeit und führte ihn nach dem Tiſche, um den die ſchon anweſenden Gäſte ſich er⸗ hoben und hinter welchem Blancha in dem Sopha ſaß. 33 Harrh ſchritt raſch bis zu dieſer vor und verneigte ſich tief vor ihr, während ihr Vater ihn als Herrn Wil⸗ liams aus Texas ihr vorſtellte, dann aber wandte er ſich zu den Herren, mit denen ihn Dandon nun gleich⸗ falls der Reihe nach bekannt machte. Der letzte, dem er vorgeſtellt wurde, war Albert Randolph, welcher während der ganzen Zeit ſeinen er⸗ ſtaunten Blick auf ihn geheftet hatte. „Herr Williams, Herr Randolph“, ſagte Dandon und beide verneigten ſich gegenſeitig. Beide hatten ein⸗ ander erkannt, doch beide berührte dies Erkennen unan⸗ genehm, Albert, weil ihm die Nacht einfiel, in welcher der alte Williams ſeines Vaters Mulatten ſo unmenſch⸗ lich auspeitſchen ließ. Harry, weil der ſtolze Name Wil⸗ liams in Kentuckh einen böſen Klang bekommen hatte. Sie wandten ſich ſchweigend von einander ab, Albert, um mit einem der Herren ſeine Unterhaltung fortzuſetzen, Harrh aber, um ſich Blancha Dandon zu nahen. Ihre Schönheit hatte ihn ſchon beim Eintreten in den Salon überraſcht und mit Bewunderung richtete er jetzt ſeinen Blick wieder auf ihre reizende Geſtalt. Harrh's berechnender Geiſt konnte aber bei allem Zauber ihrer Erſcheinung die reiche Erhin nicht in ihr überſehen, und im Bewußtſein des Eindrucks, den er auf den alten Dandon gemacht hatte, baute er im Angenblick ſein Armand, Saat und Ernte. II. 3 ₰ 34 Luftſchloß und ſah ſich im Geiſte als Gemahl der ſchö⸗ nen Blancha und als Eigenthümer ihres dereinſtigen gro⸗ ßen Vermögens. Er hatte die Verlegenheit, welche ihn bei dem Er⸗ kennen Albert's ergriff, überwunden, trat nun mit der unbefangenen Sicherheit, die ihm ſo eigen war, zu Blancha hin und ſagte mit gefühlvollem Tone: „Endlich wird mir das heiß erſehnte Glück zu Theil, ſchönes Fräulein, in Ihre beſeligende Nähe treten zu dürfen und von Angeſicht zu Angeſicht den Inbegriff von Lieblichkeit und Anmuth zu bewundern.“ Der freundliche, heitere Ausdruck auf Blancha's Antlitz, mit dem ſie Harry empfangen, verſchwand bei deſſen Worten von ihren Zügen, es zog wie eine dunkle Wolke über ihre Stirn und ſich gerader ſetzend, ſah ſie ihm ernſt und ſtolz in die Augen. Mit magiſcher Gewalt trieb ihr unbeweglicher Blick die ſüßen Worte, die noch auf Harrh's Lippen ſchweb⸗ ten, von ihnen zurück, und für einen Augenblick hatte er ſeine Faſſung verloren, dann aber ermannte er ſich wie⸗ der und fuhr mit noch ſchmelzenderer Stimme fort: „Wer kann in das Licht der Sonne treten, ohne deren göttliche Macht zu fühlen und ſie anzubeten!“ Hier aber ſtockte Harry abermals in ſeiner Rede, denn Blancha's noch immer regungsloſer Blick war noch 53 ernſter, noch ſtolzer geworden und mit kalter Stimme ſagte ſie nun, als ob ſie ſeine Worte gar nicht gehört hätte: „Werden Sie ſich noch lange in Natchez aufhalten, Herr Williams?“ Die Frage war ihm, wenn auch eine bittere Me⸗ diein, doch in ſeiner augenblicklichen Verlegenheit will⸗ kommen und er antwortete raſch: „Leider nicht ſo lange, als mich meine Neigung wohl hier halten möchte; meine Güter in Texas bean⸗ ſpruchen bald meine Gegenwart.“ Während Harrh dieſe Worte aber ſagte, warf er einen Blick nach Albert hinüber, als wolle er ſich über⸗ zeugen, ob derſelbe ſeine Niederlage bemerkt habe, und wie ein Dolchſtich fuhr es ihm durchs Herz, als er deſſen Augen freudig glänzend auf Blancha gerichtet ſah, die ihm in dieſem Augenblick mit den ihrigen mild und ſeelenvoll begegnete. Harry verſtummte und wurde bleich, er legte ſich in ſeinem Seſſel zurück und ſpielte mit der zierlichen Goldkette an ſeiner Uhr. Jetzt trat ein Diener ein und zeigte an, daß das Eſſen aufgetragen ſei. Alle erhoben ſich. Herr Ferg⸗ huſſen, der reichſte Mann in der Stadt, gab Blancha ſeinen Arm, um ſie zu Tiſche zu führen, Dandon nahm Harrh bei der Hand und alle folgten der nach * 36 dem Speiſeſaale. Eine fürſtliche Pracht war hier ent⸗ faltet, wenn auch in Ausſtattung und Anordnung der eigenthümliche Geſchmack Dandon's nicht zu verkennen war, denn wie ſeine Röcke, Weſten und Beinkleider ſtets in den bunteſten Farben ſpielten, ſo trugen hier Vor⸗ hänge. Möbel und Teppich alle Farben des Regenbo⸗ gens. Die Tafel aber war mit glänzendem Silber- und Goldgeſchirr überladen, und auf den Nebentiſchen waren die Speiſen mit großen ſilbernen Glocken bedeckt. Viele ſchwarze Diener in blendend weißen Anzügen umſtanden den Tiſch, bereit, die Gäſte zu bedienen. Dandon führte Harrh an die rechte Seite ſeiner Tochter, während zu ihrer Linken der reiche Ferghuſſen Platz nahm. Kaum hatten ſie ſich niedergelaſſen, als Blancha ſich mit Artigkeit zu Harry wandte und ihn fragte: „Aus welchem Staate ſind Sie gebürtig, Herr Wil⸗ liams? Texas iſt wohl nicht Ihr eigentliches Voterland.“ „Aus Kentucky“, antwortete Harrh mit gedämpfter Stimme und ſah nach Albert hinüber, der an dem an⸗ dern Ende des Tiſches ſaß.— „Dann haben Sie einen Landsmann ßier Herr Rondolph iſt auch in Kentuckh geboren. Vielleicht kennen Sie ſeine Familie?“ „Doch nicht, Fräulein, ich zog ſchon als Knabe nach Texas.“ 40 A. 37 „Nun, dann wird er Ihnen als Dichter Albert be⸗ kannt ſein; dieſen feiert ja jeder Amerikaner.“ „Bis jetzt, Fräulein, iſt von der Civiliſation nur die Proſa nach Texas vorgedrungen, der Poeſie fehlt es dort noch an fruchtbarem Boden“, entgegnete Harry mit leichterem Tone und fügte nach einigen Augenblicken noch hinzu:„Um poetiſche Gefühle in ſich zu wecken, muß man nach Natchez kommen.“ Blancha beachtete die letzten Worte Harry's nicht und fragte ihn nun über die poli⸗ tiſchen und geſellſchaftlichen Zuſtände in Texas. Dandon, welcher neben Harrh oben am Tiſche ſaß, hielt ſeine Aufmerkſamkeit auf deſſen Unterhaltung mit ſeiner Tochter gerichtet und jetzt in dieſelbe ein, in⸗ dem er ſagte: „Alles, was Texas fehlt, um es zum reichſten Lande dieſes Continents zu machen, iſt die Wohlthat der Skla⸗ verei. Was wäre unſer Süden ohne dieſe Arbeits⸗ kraft!“ „Die Zeit dieſer Wohlthat iſt in Texas nicht fern, Herr Dandon, und wenn ſie kommt, ſo wüßte ich eine Unternehmung, die ihresgleichen noch nicht aufzuweiſen hätte. ee könnten dabei in wenigen Wochen verdient werden“ ſagte Harry mit einem aufleuchtenden deutlich zeigte, daß dieſer Gedanke ſo eben zum e in ihm erſtanden war. 38 „Und welche Unternehmung würde dies ſein?“ t Dandon neugierig.. „Ich werde mich ſpäter darüber ausſprechen 6 ehrter ben Dandon. Solche Geſchäfte wollen ruhig über. legt ſein.“ „Schön, ſchön, ich verſtehe Sie, lieber Freund. Heute Abend gehen Sie mit mir in den Club, da ſind wir ungeſtört und können die Sache beſprechen“ verſetzte Dan⸗ don und nickte Harry mit einem bedeutſamen Blick zu. Dieſem aber ſchien der Gedanke, der plötzlich in ihm erwacht war, von ungewöhnlicher Wichtigkeit zu ſein denn er nahm an der heitern Stimmung, welche bald allgemein wurde, wenig Antheil und man ſah es ihm an, daß ſein Geiſt ſich mit etwas Anderem als mit ſeiner Umgebung beſchäftigte. Deſto lebendiger war Albert mit ſeiner ganzen Seele gegenwärtig. Er erhaſchte jede Gelegenheit, die ihm Blancha bot, mit ihr zu reden, und wo ihm das Wort nicht vergönnt ward, da begegnete ſein Blick dem ihrigen und ſagte ihr mehr, als alle Worte auszudrücken vermochten. Sie war der belebende Funke in nterhaltung, ſie vereinte das Geſpräch der ganzen iſchgeſellſchaft, zwang einen Jeden, ſich daran zu betheiligen, würzte es mit geiſtreichen Bemerkungen, mit Scherz And itz 39 Als das Deſſert aufgetragen wurde, erhob ſich Blancha, wünſchte den Herren zum Weine eine fröh⸗ liche Laune und verabſchiedete ſich von ihnen. Meh. rere der jungen Männer, unter denen auch Ferghuſſen und Albert Randolph, baten um die Erlaubniß, ſie be⸗ gleiten zu dürfen, und folgten ihr aus dem Saale. Harry aber blieb bei den ältern Herren zurück und wollte den fragenden Blick Dandon's nicht verſtehen. Die Nähe dieſes Randolph, dem er ſchon in früher Jugend feindſelig gegenüber geſtanden hatte, war ihm jetzt unerträglich. Die Sonne war ſchon verſunken, als Dandon mit ſeinen Gäſten die Tafel verließ und dieſelben zu ſeiner Tochter begleitete, bei welcher ſie ſich empfehlen wollten. Sie fanden Blancha in dem Salon mit Albert Randolph allein, denn die andern Herren hatten ſich ſchon bei ihr verabſchiedet. „Iſt Ferghuſſen auch ſchon davongelaufen?“ fragte Dandon in heiterer Weinlaune, zu Blancha tretend. „Meine Macht reichte nicht hin, die Herren länger hier zu feſſeln, Herr Randolph allein hat mir ein Opfer gebracht und treulich bei mir ausgeharrt“, entgegnete Blancha nicht ganz ohne Befangenheit. „ Randolph, das will ich meinen, er iſt der Retter in der Noth und hilft, wo keine Hülfe mehr zu 40 hoffen ſteht“, fuhr der Alte in ſeinem Humor fort und wandte ſich dann mit den Worten zu Harrh:„Dieſer junge Herr hat meiner Tochter zwanzigtauſend Dollars gerettet, die ich ihr in einer verloren gegebenen Forde⸗ rung zum Geſchenk gemacht hatte.“ „Nein, Herr Williams, verſtehen Sie meinen Vater nicht unrecht, er hat mir dieſelben verehrt, nachdem durch die Geſchicklichkeit des Herrn Randolph der Proceß be⸗ reits zu ſeinen Gunſten entſchieden war“, fiel Blancha ein. „Sehr liebenswürdig von Ihrem Herrn Vater“, ſagte Harrh mit erzwungenem Lächeln und wandte ſich zu Dandon hin, um den Anblick des verhaßten Ran⸗ dolph zu meiden. Albert trat nun zu Blancha vor, dankte ihr für die ihm erwieſene Artigkeit und empfahl ſich ihr in ernſter Form, worauf die andern Gäſte ſeinem Beiſpiel folgten, während Dandon zu Harrh ſagte: „Sie bleiben noch bei meiner Tochter, bis ich meine Toilette gewechſelt habe, dann gehen wir zuſammen nach dem Club.“ Darauf geleitete er die andern Gäſte nach der Thür, dankte ihnen dort für die Freude ihrer Ge⸗ ſellſchaft und verließ mkt einem ſnen Wink nach Harry das Zimmer. Dieſer war wieder ganz Herr ſeiner ſe dſoh mit der ihm natürlichen b 41 dem Augenblick entgegen, wo er mit Blancha allein ſein würde, um einen neuen Angriff auf ihr Herz zu machen oder ſeine Niederlage an ihr zu rächen. Kaum hatte ſich die Thür geſchloſſen, als er zu Blancha trat und mit höflichem, doch ernſtem Tone ſagte: „Sie haben vor Tiſche meine Worte mißdeu⸗ et, Fräulein Blancha. Ich bin es Ihnen, aber auch mir ſelbſt ſchuldig, Ihnen zu ſagen, daß dieſelben nichts Anderes als den Ausdruck eines tiefinnigen Ge⸗ fühls enthielten, daß ich Sie aber bitte, dieſelben als nicht geſagt zu betrachten, wenn ſie Ihnen aus irgend einem mir unbekannten Grunde unangenehm waren.“ Hierbei verneigte ſich Harrh ehrerbietig und erwar⸗ tete Blancha's Antwort. Dieſe änderte nichts in ihrem Aeußern, nur ſchien ein leichter Schatten ihren hellen Blick zu verdunkeln. „Setzen Sie ſich, Herr Williams“, ſagte ſie nach einer kurzen Pauſe ruhig und zeigte auf den neben dem ihrigen ſtehenden Stuhl, und als Harrh ſich niederge⸗ laſſen hatte, fuhr ſie ebenſo gelaſſen fort: „Ich habe Ihnen auf Ihre Rede vor Ziſche und auf Ihre jetzige Erklärung nur wenige Worte zu ant⸗ orten und bitte damit dieſe Angelegenheit zwiſchen uns als vollſtändig erledigt anzuſehen. Eine jede über⸗ 4² triebene Artigkeit iſt eine Unhöflichkeit! Nun nicht ein Wort weiter darüber, wenn ich bitten darf.“ Harrh biß ſich auf die Lippen, er fühlte ſich aber⸗ mals beſiegt und zugleich entwaffnet; doch würde er der ſchönen Blancha gegenüber den Kampf nicht aufgegeben haben, vor der reichen Erbin aber beugte er ſich als Geſchlagener und ſagte: „Ihr Wunſch, Fräulein Blancha, iſt mir das hei⸗ ligſte Geſetz und führte es mich zum Tode! Ich werde mich beſtreben, den unangenehmen Eindruck, den meine Worte gegen meine Abſicht auf Sie gemacht haben, aus Ihrer Erinnerung zu verwiſchen, und bitte flehentlich die. Gelegenheit dazu, welche nur in Ihrer Macht liegt, mir nicht vorzuenthalten.“ „Sie werden in unſerm Hauſe ſtets willkommen ſein, Herr Williams“, entgegnete Blancha mit einer ar⸗ tigen leichten Verneigung. Da trat Dandon in einem bronzefarbenen Oberrock und mit einem goldgekrönten Stock in der Hand in das Zimmer und erklärte ſich marſchfertig. Harry, dem er ſehr erwünſcht kam, erhob ſich raſch, dankte Blancha für den glücklichen Mittag, den ſie ihm geſchaffen, und em⸗ pfahl ſich ihrem geneigten Wohlwolle Als er mit Dandon über den Plaß geſchritten war und in die nächſte Straße einbog, erreichte Blancha ſchon . 43 die Wohnung ihrer Freundin Newberry und wurde an der Thür von Albert Randolph empfangen. Während Harrh und Dandon nun in der Straße hinſchritten, legte dieſer, mit dem Stocke ſpielend, ſeine Hände auf den Rücken, ſah ſeitwärts nach ſeinem Be⸗ gleiter und ſagte: „Nun, verehrter Freund, die große Unternehmung, deren Sie bei Tiſche erwähnten?“ „Die brillanteſte unſtreitig, die in dieſem Jahrhun⸗ dert gemacht iſt“, entgegnete Harrh bedächtig, als über⸗ lege er noch, in welcher Weiſe er beginnen ſollte. „In der That, Sie machen mich ſehr ſhe6 verſetzte Dandon. „Wir ſprachen von Sklaverei in Texas und von dem großen Gewinn, der dort aus Negerarbeit zu er⸗ zielen ſei“, begann Harry wieder.„Angenommen, die politiſchen Verhältniſſe des Landes geſtalteten ſich daß Sklaverei dort eingeführt würde, ſo müßten einige Hundert Neger, wenn man das paſſende Land beſitzt, ihnen volle Beſchäftigung zu geben, einen ungeheuren Ertrag liefern.“ „Darüber ſind wir ja einig, lieber Williams“, fiel Dandon ein,„nur liegt die Hauptbedingung, die Ein⸗ führung der Sklaverei, noch zu ſehr in blauer Ferne, als daß man uf ſpeculiren könnte.“ 44 „Ich ſagte ja: angenommen, daß dieſe Bedingung erfüllt ſei, oder beſſer, mit aller Wahrſcheinlichkeit in der Kürze erfüllt werden würde, dann wäre die Zeit zu mei⸗ ner großen Unternehmung gekommen.“ „Und die Unternehmung ſelbſt, worin würde ſie be⸗ ſtehen?“ fragte Dandon ungeduldig. „Es iſt Ihnen bekannt, daß infolge der Verträge zwiſchen England und Spanien in Bezug auf den Skla⸗ venhandel dieſe beiden Mächte die auf Sklavenſchiffen gefundenen Schwarzen nach ihren Colonien führen und ſie dort für eine gewiſſe Anzahl von Jahren als Skla⸗ ven oder ſogenannte Lehrlinge der Freiheit verkaufen. England führt die ſeinigen nach Sierra⸗Leone und nach ſeinen weſtindiſchen Beſitzungen, Spanien bringt die ſeinigen nach Cuba. Solche Sklaven, da ſie gewöhnlich nur für zehn Jahre verkauft und nach Ablauf derſelben frei werden, ſind viel weniger werth als ſolche, welche für Lebenszeit Sklaven bleiben; ſie werden mit hundert⸗ fünfzig bis zweihundert Dollars bezahlt. Ihr Werth vermindert ſich natürlich mit dem Ablaufe ihrer Dienſt⸗ zeit, ſodaß ein Neger, der nur noch ein oder zwei Jahre Sklave bleibt, für eine ſehr unbedeutende Summe zu kaufen ſteht. Havanna iſt der beſte Markt für ſolche Freiheitslehrlinge und man kat kurzer Zeit einige Hundert derſelben für einen Durch⸗ 45 ſchnittspreis von vielleicht hundert Dollars per Stück anſchaffen.“ „Das iſt ſehr begreiflich. Danach Waare, danach Geld“, bemerkte Dandon noch ungeduldiger.„Doch wo liegt der ungeheure Nutzen?“ „Das iſt gerade das werthvolle Geheimniß, welches ich Ihnen jetzt offenbaren will“, antwortete Harrh.„Was meinen Sie, lieber Dandon, wenn einige Hundert ſolcher Neger, zu etwa hundert Dollars per Kopf gekauft, als lebenslängliche Sklaven auf einem meiner reichen Land⸗ ſtriche in Texas Baumwolle pflanzten, welchen Werth würden die zweihundert Neger dort haben und wie viel würden ſie ihrem Herrn jährlich verdienen?“ Bei dieſen Worten Harry's blieb Dandon plötzlich ſtehen, ſtrich ſich mit der Hand über die Augen, als er⸗ wache er aus einem Traume und ſagte dann begeiſtert: „Ein Rieſengedanke, ein göttlicher Gedanke!“ Nach eini⸗ gen Augenblicken aber fuhr er mit gedämpftem Tone fort: „Wie aber die Neger von Havanna nach Texas ſchaffen? Sie ſelbſt ſowie die Behörden werden gegen ihre Einſchiffung proteſtiren.“ „Ganz einfach. Man ladet ſie in Havanna ein unter dem Vorwand, ſie nach einem andern Platz an der führen zu wollen, und hat man ſie erſt ee, ſo iſt jeder Weg der rechte. Man * auf der hohen 46 fährt ſie nach Texas, landet ſie in einem der Flüſſe und treibt ſie ohne Complimente auf mein Land. Den gün⸗ ſtigen Augenblick für die Unternehmung wird die Schild⸗ erhebung von Texas zu ſeiner Unabhängigkeit von Mepico bieten, während welcher Zeit ſich Niemand um Pribat⸗ angelegenheiten kümmern kann Sind die Neger dann einmal in dem Laonde, ſo bleiben ſie unumſchränktes Eigenthum für Lebenszeit.“ Hier ſchwieg Harrh, denn ſie waren vor dem Club⸗ groß!“ Sie fanden die Räume der Geſellſchaft ſchon ſehr belebt. Dandon winkte nur einzelnen Mitgliedern des Clubs im Vorübergehen einen guten Abend zu und nahm Harrh mit ſich in ein ganz entlegenes, noch leeres Zimmer, wo er mit ihm in dem Sopha Platz nahm. „Groß iſt der Gedanke, mein Freund, und Niemand anders als ich ſelbſt ſoll ihn ausführen helfen“, nahm er jetzt mit wachſender Aufregung das Wort.„Sagen Sie keinem Menſchen eine Silbe davon, und wenn der Augenblick zum Handeln gekommen iſt, bin ich Ihr Mann wir machen das Geſchäft für gleiche Rechnung.“ „Den Beweis, daß ich Ihnen gern den Vorzug vor jedem Andern gebe, verehrter Herr Dandon, habe ich gebäude angelangt und traten in daſſelbe ein, nur Dan. don ſagte wiederholt halblaut vor ſich hin:„Groß, rieſig „ 47 Ihnen durch Mittheilung meines wichtigen Geheimniſſes ertheilt, und es wird mir eine Freude ſein, den unge⸗ heuren Gewinn, der uns nicht entgehen kann, mit Ihnen zu theilen. Sie werden ſehen, die Zeit zur Ausführung iſt nicht mehr fern“ entgegnete Harry.„Halten Sie nur Kapi⸗ talien zur augenblicklichen Verwendung frei, da ich nicht weiß, ob ich in der Zeit Geld flüſſig machen kann.“ „Das Geld iſt bereit“, verſetzte Dandon mit ſtol- zem Tone.„Laſſen Sie ſehen, welcher Betrag würde er⸗ forderlich ſein?“ „Nun, wir wollen den höchſten Preis von zwei⸗ hundert Dollars für den Kopf annehmen, dann würde für zweihundert Neger eine Summe von vierzigtauſend Dollars beanſprucht. Nehmen wir nun noch Koſten zu zehntauſend Dollars, ſo würden fünfzigtauſend Dollars ausreichen, wenn wir auch die höchſten Preiſe zahlen müßten, was doch nicht anzunehmen iſt. Dieſe Sklaven würden in Texas tauſend Dollars das Stück werth ſein und einen reinen Gewinn von hundertfünfzigtauſend Dol. lars geben außer dem doppelten und dreifachen Nutzen, den wir durch ihre Arbeit erzielen würden.“ „Alles klar, Alles richtig. Sie ſind ein ſcharfer Kopf, Freund Williams“, verſetzte Dandon in höchſter Bewunderung und drückte Harry wiederholt die Hand. Lange noch unterhielten ſich die Beiden über ihre Pläne 48 und es war elf Uhr, als Harrh dem alten Herrn vor ſeinem Hauſe gute Nacht wünſchte, ihn bat, ſeiner Tochter ſeine Empfehlung zu machen, und nach ſeinem Hotel eilte. Kaum war er dort in ſein Zimmer eingetreten, als ſeine Freundin, die ſogenannte Madame Sulton, ihn erſuchen ließ, zu ihr zu kommen. Er fand ſie allein und ſie theilte ihm eilig mit, daß Sulton zurückgekehrt und erbötig ſei, ihm ſeine Kunſt zu lehren. Er wäre augenblicklich nicht zu Hauſe, würde Herrn Williams aber am folgenden Morgen ſeinen Beſuch machen. Harry verabſchiedete ſich bald bei der gefälligen Dame, um nicht vielleicht in Herrn Sulton unnöthig Eiferſucht zu erwecken, zumal da Madame ihm die an⸗ genehme Mittheilung machte, daß der Künſtler ſich nur wenige Tage hier aufhalten und dann wieder eine kleine Geſchäftsreiſe machen werde. Harrh hatte noch durchaus keinen beſtimmten Zweck für das Erlernen der Kunſt, Tinte von Papier zu ent⸗ fernen, es lag aber für ihn ein Reiz darin, es zu können; Schaden konnte der Beſitz dieſer Kunſt ja nicht bringen. Am folgenden Morgen machte Herr Sulton ver⸗ abredetermaßen Harrh ſeine Aufwartung, dieſer wurde einig mit ihm, hundert Dollars Lehrgeld zu zahlen, und dann begaben ſie ſich zuſammen nach Sulton's Zimmer, wo derſelbe die nöthigen Vorrichtungen, Stoffe und 49 Flüſſigkeiten zur Ausübung ſeiner Kunſt aus einem klei⸗ nen Reiſekoffer hervornahm und nun ſeine Belehrung und praktiſche Anweiſung begann. Harry's gelehriger Geiſt faßte ſchnell, auch ſeine aus⸗ übenden Verſuche glückten auf das vollkommenſte, und nach Verlauf von einigen Stunden war er im Beſitze des ganzen Geheimniſſes. Er zahlte dem Lehrmeiſter den bedungenen Preis, nahm die gemachten Proben mit ſich auf ſein Zimmer und verwahrie ſie in ſeinem Koffer. Es war noch eine Stunde bis zur Eſſenszeit. Harry verlangte nach einem Spaziergang, und da es ihm gleich⸗ gültig war, welchen Weg er nahm, ſo ſchlug er den ein, der ihn nach dem Markte führte. Er dachte dabei an das wunderſchöne Mulattenmädchen von geſtern, die rei⸗ zende Luch, möglicherweiſe war ſie wieder bei der Bohnen⸗ verkäuferin. Als er in die Markthalle trat, ließ er ſeinen Blick ſpähend dieſelbe durchſchweifen, doch unter den wenigen Leuten, die ſich darin befanden, konnte er Luch nicht erkennen. Die alte Negerin, bei welcher Harrh ſie geſtern getroffen, ſaß auf demſelben Platze, ſie empfing ihn ſchon von weitem mit freudeſtrahlendem Geſicht, und als er zu ihr trat, ſagte ſie: „Der ſchöne Herr hat geſtern dem jungen Mädchen das Köpfchen und das Herzchen in Brand geſteckt; hat das Ding eine Freude gehabt, daß ihm am Abend die Armand, Saat und Ernte. II. 4 „ 50 Wangen noch glühten, als könne man ſich daran ver⸗ brennen!“ „So haſt Du ſie am Abend geſehen, Alte?“ fiel Harrh ihr in das Wort. „Ei freilich, ſie war bei mir in meiner Wohnung und da haben wir Kuchen gegeſſen und auf des Herrn Wohlſein Punſch getrunken. Ich wollte, Sie hätten ſie da geſehen; wie eine dunkle Roſe leuchtete ſie.“ „Kannſt Du ſie nicht wieder zu Dir einladen, Alte? Dann würde ich auch kommen, und Ihr könntet Euch einen guten Abend machen“, ſagte Harrh aufmunternd. „Recht gern. Luch kommt geflogen, wenn ich ihr ſage, daß auch Sie, Herr, ſich einfinden würden. Soll ich ſie auf dieſen Abend bitten?“ „Wenn Du es kannſt, ja. Um welche Zeit wird ſie bei Dir ſein?“ „Nach acht Uhr, nachdem ihre Herrſchaft zu Nacht geſpeiſt hat. Sie muß aber vor zehn Uhr wieder zu Hauſe ſein.“ Nun ließ ſich Harry von der Alten genau beſcheiden, wo ſie wohnte, und dann ſagte er, indem er ihr zwei Dollars in die Hand drückte: „Ich komme um acht Uhr, und wenn ich Luch bei Dir ſpreche, ſo ſollſt Du auch ſo ein Goldſtück von mir erhalten. Thue nur Dein Möglichſtes, daß ſie ſich einſtellt, 51 und ſage ihr, ich könnte nicht länger leben, ohne ſie wiederzuſehen.“ „Das hübſche Ding wird närriſch werden vor Freude. Es iſt aber der Mühe werth, denn ſie iſt ebenſo lieb, wie ſie ſchön iſt“, ſagte die alte Negerin und ſetzte noch hinzu:„Der Herr braucht ſich nicht zu ſchämen, zu mir zu kommen, ich bin eine freie Farbige und habe mein eigenes Häuschen ganz ſauber eingerichtet.“ „Schon gut, Alte, um acht Uhr“, erwiderte Haxry, nickte der Schwarzen noch freundlich zu und eilte davon. Er begab ſich nach der Poſt, um zu fragen, ob ein Brief für ihn von ſeinem Bruder Aſhmore angekommen ſei, an den er vor einigen Wochen um Geld geſchrieben. Er hatte ihn bevollmächtigt, Land zu irgend einem Preiſe zu verkaufen, um einige Tauſend Dollars anzuſchaffen, oder dieſelben auf ſein Land für ihn zu borgen; denn ſeine Ausgaben waren bedeutend geweſen und er ſah ein, daß ſeine Kaſſe nicht bis zu ſeiner Rückkunft nach Texas aus⸗ reichen werde. Es war aber kein Brief für ihn einge⸗ troffen. Von der Poſt ging er zu ſeiner Mutter, um bei ihr zu Mittag zu ſpeiſen, da ſie ihm Vorwürfe ge⸗ macht, daß er ſie ſo ſelten und dann immer nur auf Minuten beſuche. 4* Drittes Kapitel. Je näher der Abend kam, um ſo lebendiger und ſehnlicher dachte Harry an die ſchöne Luch. Er hatte während ſeines Lebens in Neuorleans viele reizende Mulattinnen und Quadronen geſehen und kennen ge⸗ lernt, doch einen ſolchen feſſelnden Eindruck wie dieſes Mädchen hatte nie eine Farbige auf ihn gemacht. Der Rieſenplan des mit Dandon eingeleiteten Geſchäfts, die intereſſante geheime Kunſt, welche er ſo eben von Sul⸗ ton gelernt hatte, ja ſelbſt die ſchöne Blancha mit ihrem großen Vermögen waren augenblicklich vor dem Zauber, den die Mulattin auf ihn ausübte, in den Hintergrund getreten und im Geiſte ſah er ihr ſchon in die großen, redenden Augen, fühlte ihre glänzenden, weichen Locken zwiſchen ſeinen Fingern und küßte ihre ſchwellenden, üppigen Lippen. Endlich verſank die Sonne, die Dämmerung zitterte durch die Straßen und Harrh verabſchiedete ſich bei ſei⸗ 53 ner Mutter, die er durch ſein langes Verweilen bei ihr ſehr beglückt hatte. Es war noch zu früh, um nach dem Hauſe der Negerin zu gehen, doch in deſſen Nähe wollte er ſeine Schritte lenken, um es ſich zu merken und in der Dunkelheit nicht danach ſuchen zu müſſen. Es ſtand in einem Außentheile der Stadt und er erkannte es nach der Beſchreibung der Negerin ſchon von weitem. Da trat die Alte ſelbſt in die Thür und ſchaute ſich um. Harry, der im Begriff ſtand, die Straße zu verlaſſen, ging nun auf dem ſandigen Wege weiter, und als er an der Negerin langſam vorüberſchritt, fragte er ſie: „Kommt Luch?“ „Ja, Herr, in einer halben Stunde. Sie zählt die Minuten, bis ſie Sie wiederſehen wird.“ „In einer halben Stunde“, wiederholte Harry zu der Alten gewandt und wandelte weiter nach dem Ufer des Miſſiſſippi, auf welchem er in die Stadt zurückkehrte. So lang, meinte er, wäre ihm niemals eine halbe Stunde vorgekommen. Endlich waren die letzten Minuten derſelben abgelaufen, die Dunkelheit war hereingebrochen und die Lichter wurden angezündet. Harry ſchritt jetzt eilig durch die Straßen der Vorſtadt zu und hatte bald das Ziel ſeiner Wanderung erreicht. Die Negerin empfing ihn mit den Worten: „Sie iſt noch nicht da, treten Sie aber herein.“ 54 „Wer weiß, ob ſie kommt“, ſagte Harry beſorgt „Ob ſie kommt?“ wiederholte die Alte.„Und wenn ſie durch ihr Grab gehen müßte, würde ſie kommen. Das afrikaniſche Blut iſt heißer als das der weißen Menſchen, und ein ſo ſchöner junger Herr kann wohl das Herz einer Mulattin in Sturm bringen. Gehen Sie in die Stube, ich will hier bleiben und ſie erwarten; ſie wird gleich kommen.“ Harrh trat in das kleine Zimmer der Negerin, deſſen Ausſtattung ſehr einfach war und nur in einem Tiſch, einigen hölzernen Schemeln und einem Schaukelſtuhl be⸗ ſtand; doch war es friſch geweißt und ſehr ſauber ge⸗ halten. Auf dem Tiſche ſtand eine Lampe mit einem Schirme, in dem Kamin brannten einige Holzſpäne und vor demſelben ſtand eine Bank, auf welcher eine bunte Lappendecke zuſammengefaltet als Polſter lag. Harry ſetzte ſich auf dieſelbe nieder und lauſchte mit fieberiſcher Ungeduld nach der Straße hinaus, denn Alles war ſtill und nur die hölzerne Uhr an der Wand und die Heim chen in dem Kamin unterbrachen durch ihr Ticken und girpen die Ruhe, welche um ihn herrſchte. Plötzlich hörte er das Rauſchen eines Kleides und zugleich ein leiſes eiliges Flüſtern, die Thür ging auf und Luch trat herein. „O Du ſüßes, herziges Mädchen!“ ſagte Harry mit 55 halblauter Stimme und ſchlang ſeinen Arm um die Mu⸗ lattin.„Biſt Du auch wirklich mir zu Liebe gekommen?“ Luch aber hatte keine Worte, ſie bebte und barg ihr ſchönes Haupt an Harry's Bruſt. „Komm, meine Engels⸗Luch, Du ſollſt es mir ſa⸗ gen, daß Du mich lieb haſt“, fuhr Harrh ſchmeichelnd fort, hob ihr weiches Kinn empor und ſah ihr liebeglü hend in die großen Augen. „Ja, Herr!“ ſagte ſie mit zitternder Stimme und ſchlug die Augen nieder, Harry aber preßte ſeine Lippen auf ihren friſchen Mund und ſchloß ſie feſter in ſeine Arme. „Ich liebe Dich, Luch, liebe Dich mehr als die ganze Welt und will Dir Deine Liebe lebenslang danken. Du mußt und ſollſt mein werden!“ ſagte Harry mit überſtrömender Leidenſchaft und zog die Mulattin zu ſich auf die Bank. „Das kann ich ja nicht, Herr; meine Herrin läßt mich nicht von ſich“, antwortete ſie und richtete ihre glänzenden Augen auf die ſeinigen. „So nehme ich Dich heimlich mit mir Biſt Du einmal in Texas, ſo biſt Du frei und keine Gewalt der Erde ſoll uns wieder trennen. Du ſollſt glücklich ſein, wenn meine Liebe Dich wirklich glücklich machen kann!“ 56 „O Herr!“ flüſterte das braune Mädchen mit auf- flammendem Blick und ſchlang liebebebend ihren Arm um Harrh's Nacken. „Ja, ja, ich mache Dich glücklich, Du ſollſt den Him⸗ mel auf Erden haben“, rief Harrh wonnetrunken. Heißer und glühender hielten ſie einander umſchlungen und ſtatt der Worte hatten ſie nur noch Küſſe. „Du mußt mich Harrh nennen, Deinen Harrh, ſüßes Mädchen, denn ich bin und bleibe Dein für immer und ewig“, brach dieſer zuerſt wieder das Schweigen. „Aber willſt Du auch ganz mein werden?“ „Wenn ich es kann, ja, und wenn es mir das Leben koſten ſollte“, antwortete Luch entſchloſſener. „Du kannſt es. Laß mich nur ſorgen, ich nehme Dich mit mir“, fuhr Harry fort.„Kannſt Du denn jeden Abend hierher kommen?“ „Nein, nicht jeden Abend, denn wenn Fräulein Dandon zu uns kommt, ſo Fi es manchmal ſpät mit dem Abendeſſen.“ „Fräulein Dandon, iſt ſie befreundet mit Deiner Herrin?“ fragte Harry überraſcht. „Ja, ſehr, aber noch mehr befreundet mit Herrn Ran⸗ dolph, der bei uns wohnt. Sie hat eine Liebſchaft mit ihm, wovon ihr Vater nichts wiſſen darf, und da treffen ſie ſich oft bei meiner Herrin, die ihnen beiſteht. Fräulein 57 Blancha iſt ſehr gut gegen mich, weil ich ihr immer die Briefe von Herrn Randolph bringe.“ Harry wurde bei dieſer Mittheilung eiskalt, und während einiger Minuten ſaß er ſchweigend da, ſodaß dem Mädchen ſein plötzlicher Ernſt auffiel und es ſagte: „Ach, ich hätte es wohl nicht verrathen ſollen?“ „Weshalb denn nicht, Luch?“ fiel Harrh raſch ein. „Ich ſage es ja nicht weiter, denn mir kann es ganz gleichgültig ſein, mit wem Fräulein Blancha eine Lieb⸗ ſchaft hat. Ich wundere mich nur darüber, weil ſie doch eine ganz andere Partie machen könnte.“ „Sie würde aber nicht von Herrn Randolph laſſen, und wenn ſie ihr Vater darüber enterben wollte; ſie haben ſich ſehr lieb“, fuhr Luch fort. „Doch nicht halb ſo lieb, wie wir uns haben“, ſagte Harry und liebkoſte die Mulattin von neuem. „Nein, nein, gewiß nicht!“ flüſterte dieſe und ſchmiegte ſich mit zärtlicher Innigkeit in ſeine Arme. Die Entdeckung Harry's, daß der ihm verhaßte Randolph ſeine Abſichten auf Blancha's Hand und Vermögen vereitelt habe und als ſiegreicher Neben⸗ buhler über ihn triumphire, erfüllte ihn mit einem Grimm und einem Rachegefühl, wie er es nie vor⸗ her gekannt, und er mußte ſich Gewalt anthun, um vor der Mulattin die Veränderung, die in ihm vorgegangen 58 war, zu verbergen. Ihre Liebkoſungen aber waren doch zu wonnig, ihre Augen zu feurig, ihre Arme zu weich und ihre Küſſe zu glühend, als daß ſie die böſen Gefühle nicht bald wieder aus Harry's Bruſt verdrängt und ſeiner Leidenſchaft für ſie die Herrſchaft wiedergegeben hätten. Es war kurz vor zehn Uhr, als die alte Negerin an die Thür klopfte und daran mahnte, daß es für Luch Zeit ſei, ſich nach Hauſe zu begeben. „Ich muß gehen“ ſagte dieſe, ſtrich die zügellos um ihren Kopf hängenden ſchwarzen Locken zurück und ſank dann nochmals mit aller Glut erſter Liebe in Harry's Arme. „Aber bald muß ich Dich wiederſehen“ ſagte die⸗ ſer bittend. „Sobald ich kann, Herr“, antwortete die Mulattin, ſich aus ſeiner Umarmung windend. „Nein, nicht Herr, Luch, ich bin Dein Harrh, Dein Dich einzig liebender Harry“ flehte dieſer. „Nun denn, wenn ich es darf, mein Harry, mein Geliebter“, rief das Mädchen außer ſich vor Seligkeit und warf ſich ihm noch einmal an die Bruſt. „Sage der Alten morgen auf dem Markte, ob Du abends kommen kannſt.“ „Ja, ja, Geliebter, ich hoffe morgen“, entgegnete 59 Luch, empfing den letzten Kuß auf ihren brennenden Lippen und ſprang zur Thür hinaus. „Nun, Herr, hab ich zu viel von ihr geſagt?“ fragte die Negerin eintretend. „Nein, nein, ſie iſt ein Engel, ſie iſt das ſüßeſte Mädchen, das ich je geſehen“, antwortete Harry im Sturme ſeiner Leidenſchaft, griff in die Taſche und gab der Alten ein Goldſtück.„Da nimm“ ſagte er,„ich werde gut für Dich ſorgen. Daß aber keine Seele etwas davon erfährt!“ „Meine Lippen mögen abſterben, wenn jemals ein Wort davon über ſie geht.“ „Will ſie morgen wiederkommen?“ „Wenn ſie kann. Sie wird es Dir auf dem Markte ſagen und ich hole mir dort die Nachricht von Dir. Gute Nachtl“ verſetzte Harry und eilte aus der Thür. „Der Segen des Himmels begleite Sie“, rief ihm die Negerin nach. Kaum aber war Harry in der Straße, ſo trat der Gedanke an Randolph wie ein Geſpenſt wie der vor ſeine Seele. „Darum die verächtliche Kälte, darum ſein leuch⸗ tender Blick!“ ſagte er halblaut im Vorwärtsſchreiten. „Ich werfe Euch aber Gift in Eure Seligkeit, ich werde dem Alten Glück wünſchen zu ſolchem Schwiegerſohne!“ 60 Dieſem erſten in Harry's Zorn auflodernden Gedanken folgte aber bald die berechnende Frage ſeines kalten Ver⸗ ſtandes, was die Folgen davon ſein würden. Vielleicht bahnte er ſelbſt ihnen dadurch den Weg zu ihrer Ver⸗ einigung. Hatte Luch nicht geſagt, daß Blancha nicht von Randolph laſſen würde und wenn der Alte ſie enterben wollte? Sie hatte zwanzigtauſend Dollars von dieſem zum Geſchenk bekommen, die er ihr nicht vorenthalten konnte, Randolph verdiente genug, um ſie ernähren zu können, und ein offener Bruch mit Dandon führte ſie ſicher zuſammen. Das durfte nicht geſchehen! In düſtere Gedanken verſunken, ſchritt Harrh lang⸗ ſam durch die Straßen hin und hundert Rachepläne zogen an ſeinem ſcharf berechnenden Geiſt vorüber, keiner davon aber fand ſeine Genehmigung. In dieſer Stim mung wanderte er fort, und anſtatt geraden Wegs nach dem Hotel zu gehen, ſchlug er den nach Dandon's Hauſe ein. Es war eine finſtere Nacht und das Licht der Later⸗ nen drang nur ſehr matt bis zu der Mitte des Platzes, wo Harrh ſtehen blieb. Die Fenſter Blancha's waren hell, doch war nichts von ihr zu ſehen. Auch Ran⸗ dolph's Fenſter waren erleuchtet und in dieſem Au⸗ genblick ſchaute der Verhaßte aus einem derſelben hervor⸗ Er ſah nach Dandon's Haus hinüber, und als Harry ſich nach demſelben umwandte, trat Blancha in die offene 61 Balkonthür. Sie ſchaute nach Randolph hin, ſie winkte ihm mit der Hand, ſie winkte ihm mit dem Batiſttuche, und es war Harrh, als ſtieße ſie mit jedem Winke ihm einen Dolch in die Bruſt. „Ha, dieſer Lump, dieſer Bauerjunge!“ knirſchte Harry zwiſchen den Zähnen hervor und ballte die Fäuſte. Er konnte nur den Umriß von Blancha's hoher Ge⸗ ſtalt erkennen, dennoch ſah er ſie im Geiſte jetzt ſchöner vor ſich, als ſie ihm in unmittelbarer Nähe erſchienen war. Stände dieſer Randolph ihm nicht im Wege, ſo war er überzeugt, daß ſie ſeine Frau geworden wäre, und welch großes Vermögen mußte dieſer Dandon haben! „Dandon ſoll dafür zahlen!“ ſagte Harry wieder halblaut vor ſich hin, warf noch einen grimmen Blick nach den beiden Liebenden und eilte nun auf der Mitte des Platzes fort, ſodaß er von ihnen ungeſehen die nächſte Straße erreichte. In heftiger Aufregung langte er in ſeinem Zimmer an, warf den Hut auf den Tiſch und ging mit verſchränkten Armen auf und nieder. Sein Geiſt war zu größter Thätigkeit angeſpornt. Bald war es ſeine Heirath mit Blancha, die er ſich in allen leuch⸗ tenden Farben ausmalte, bald ſeine Rache an Ran⸗ dolph, die er ſchmiedete, bald wieder bearbeitete er die große Negerſpeculation mit Dandon, und immer 62 drängte ſich das Bild der reizenden Luch und die Frage dazwiſchen, wie er dieſelbe unbemerkt mit ſich nach Te⸗ ras nehmen könnte. Es wurde Mitternacht, ehe er ſeinem raſtloſen Denken ein Ziel ſetzte und ſich zur Ruhe begab. Am folgenden Morgen gleich nach eingenommenem Frühſtück eilte Harry nach der Poſt und diesmal wurde ihm dort der erſehnte Brief von ſeinem Bruder ausge⸗ händigt. Haſtig erbrach er ihn in der Hoffnung, einen Wechſel oder eine Anweiſung darin zu finden, das Schrei⸗ ben war aber leer und ſein Bruder theilte ihm darin mit, daß er beim beſten Willen kein Geld für ihn habe anſchaffen können. Die politiſchen Verhältniſſe, ſagte er, geſtalteten ſich täglich ernſter und bedenklicher, man ſähe mit Hoffnung, aber auch mit Bangen einer entſcheidenden Kataſtrophe entgegen und Niemand wolle bei der unge⸗ wiſſen Zukunft des Landes ſich vom Gelde trennen oder auf Speculationen eingehen. Er rieth ihm, ſobald als möglich zurückzukommen, da er ſelbſt kein Geld habe, um die Arbeiter auf Harry's Farm zu bezahlen, und weil der Ausbruch der Revolution jeden Augenblick erwartet würde. Harry erſchrak, denn er hatte ſicher darauf gerechnet, daß der Brief ihm Kaſſe bringen würde. Woher ſollte er Geld nehmen, um ſeine Schulden hier zu bezahlen und die Unkoſten ſeiner Rückreiſe nach Texas zu beſtreiten? Seine Mutter konnte ihm nicht helfen, denn ſie hatte von ihrer verkauften Farm auf der Inſel Galveſton nur einen kleinen Theil des Kaufgeldes ausgezahlt bekommen, und ſich um ein Darlehen an ein hieſiges Haus wenden, durfte er keinesfalls, da Dandon davon hören konnte und er dann gewiß deſſen Vertrauen verlor. Harry, für den Augenblick rathlos, ſteckte den Brief in die Taſche und wanderte dem Fluſſe zu, um außerhalb der Stadt mit ſeinen Gedanken allein zu ſein und ſeinen unternehmenden Geiſt ungeſtört arbeiten zu laſſen; denn Geld mußte er ſchaffen. Nach Verlauf von einigen Stunden kehrte er in die Stadt zurück und zwar augenſcheinlich zufrieden mit ſei⸗ ner geiſtigen Arbeit, denn ſeine Züge hatten ſich erhei⸗ tert, ſein Schritt war leicht und das Spiel mit dem Spazierſtock in ſeiner Rechten verrieth Unbekümmertheit und Sorgloſigkeit. Er ging den nächſten Weg nach dem Markte und eilte durch 3 Hallengebäude zu der alten Negerin. „Haſt Du ſchon von Luch gehört?“ fragte er ſie haſtig. „Nein, Herr, ſie war noch nicht hier, ich erwarte 3 aber jede Minute“, antwortete die Alte. „Es liegt mir unendlich viel daran, ſie heute Abend zu ſprechen, und wenn es auch nur auf einige Minuten wäre“, fuhr Harry dringend fort.„Wenn ſie nicht zu 64 Dir kommen kann, ſo frage ſie, ob ich mich in der Nähe ihrer Wohnung einfinden ſoll und wo und wann. Sieh zu, daß Du es bewerkſtelligſt, ich belohne Dich gut. Nach Tiſche hole ich mir die Antwort von Dir.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich, Herr, Sie ſollen Luch ſprechen, hoffentlich in meinem Hauſe. Ich glaube, ſie käme, wenn man ſie einſchlöſſe; ſie würde zum Fenſter hinausſpringen“, antwortete die Negerin lachend, und Harrh verließ ſie eilig. Es war jetzt gerade die Zeit, wo Dandon gewöhn⸗ lich das Leſezimmer verließ, und Harrh verdoppelte ſeine Schritte, um ihn dort noch zu treffen. Als er in daſſelbe eintrat, bemerkte er ihn auch ſofort unter den vielen Le⸗ ſern vor dem Pulte, auf welchem die Times aufgelegt war. Geräuſchlos ſchritt er durch die ſchweigſame Ver⸗ ſammlung zu Dandon hin, klopfte ihm auf die Schulter und flüſterte ihm in das Ohr: „Gute Nachricht von Texas, unſer Weizen wird bald blühen!“ „Wirklich?“ ſtieß Dandon freudig überraſcht aus, nahm Harrh beim Arm und ging mit ihm in das nächſte ſogenannte Sprechzimmer. „Nun laſſen Sie hören, Freund chen. Welche Nach⸗ richten haben Sie erhalten?“ hob er dort an, indem er ſich mit Harrh am Fenſter niederließ. 65 „Die beſten von der Welt“, antwortete dieſer mit begeiſtertem Tone.„Mein Bruder bittet mich dringend, möglichſtſchnell zurückzukommen, da man von Tag zu Tag dem Ausbrechen der Revolution entgegenſähe.“ Hiermit hatte Harry den Brief aus der Taſche gezogen, ihn geöffnet und zeigte Dandon nun die letzte Seite deſſelben, auf welcher Aſhmore ſeine Anſichten über die politiſchen Zuſtände von Texas ausſprach. Er neigte ſich mit dem Blatt zu Dandon hin, ſodaß deſſen Blick die Schrift überſehen konnte, und las ihm dieſelbe vor. „Vortrefflich!“ ſagte der Alte, als Harrh damit zu Ende war.„Es geht Alles nach Wunſch und wir müſſen uns rüſten. Reiſen Sie bald zurück, damit Sie mir zei⸗ tig, wenn der Augenblick zum Handeln gekommen iſt, Nachricht geben können. Der Aufſtand muß ausgebrochen ſein und während des Kampfes mit Mexico müſſen die Neger gelandet werden. Daß Texas ſich frei machen wird, darüber habe ich keinen Zweifel, denn es iſt ja amerikani⸗ ſches Blut, welches ſich dort empört, und Onkel Sam wird ſeine Kinder nicht im Stiche laſſen.“ „Ich habe gedacht, ob wir nicht vielleicht jetzt ſchon—“ hob Harry ſinnend an, doch Dandon fiel ihm ſchnell in das Wort und ſagte: „Nein, nein, ſicher müſſen wir gehen, denn bliebe Armand, Saat und Ernte. II. 5 66 die Revolution einmal aus, ſo hätten wir die zweihun- dert Freiheitscandidaten in Havanna auf dem Halſe und wüßten nicht, wie wir ſie wieder loswerden ſollten.“ „Sie mißverſtehen mich, verehrter Herr Dandon“, nahm Harry wieder das Wort, als er ſah, daß der Alte noch nicht an das Geſchäft gehen und ſomit auch noch kein Geld vorſchießen wollte.„Ich dachte nur, ob wir uns nicht jetzt ſchon ein Haus in Havanna aus⸗ machten, durch welches wir über den Stand des Marktes und über die Preiſe von ſchwarzem Fleiſch uns Auskunft verſchafften. Ich glaube, dies wäre ganz gut.“ „So, ſo; allerdings, da haben Sie wieder Recht, Freund Williams; Sie ſind ein tüchtiger Geſchäftsmann. Ich werde dies morgen ſchon beſorgen und Ihnen den Bericht gleich nach Empfang nach Texras ſenden. Wann gedenken Sie abzureiſen?“ „Noch einige Tage muß ich hier bleiben, es halten mich noch verſchiedene Geſchäfte zurück; aber ſobald ich loskommen kann, reiſe ich“, entgegnete Harry und ſetzte ſich erhebend, noch hinzu: „Wir gehen ja wohl zuſammen, Herr Dandon, es wird beinahe Zeit zum Eſſen ſein.“ Beide nahmen Hut und Stock und verließen den Leſeclub, und als ſie in der Straße hinſchritten, ſagte Dandon: 67 „Da fällt mir ein, vielleicht macht es Ihnen Freude, mich heute Abend zu beſuchen; ich habe eine kleine Soirse bei mir, nur reiche Leute erſten Ranges. Kommen Sie ein wenig, meine Tochter wird ſich freuen, Sie zu ſehen. Unter uns geſagt, Sie haben einen außerordentlich guten Eindruck auf ſie gemacht, ſie war ganz entzückt über Ihre geiſtreiche Unterhaltung.“ „Das thut mir doch wahrlich ſehr leid, ich bin aber für heute Abend ſchon feſt verſagt. Kann ich mich jedoch früh losmachen, ſo komme ich noch. Rechnen Sie aber nicht auf mich, verehrter Freund“ verſetzte Harrh mit dem Ausdruck tiefen Leidweſens. Vor Dandon's Woh· nung nahm er Abſchied von dieſem, gab ihm nochmals das Verſprechen, wenn möglich heute Abend ſich bei ihm einzuſtellen, und eilte dann nach ſeinem Hotel. „Prächtig!“ ſagte er vor ſich hin.„So kann Fräulein Blancha heute Abend nicht ihren Süßkönig beſuchen und Luch wird nicht durch ſie an das Haus gebunden.“ Seine Hoffnung ging in Erfüllung, denn nachmit⸗ tags gab ihm die Negerin auf dem Markt die Zuſiche⸗ rung, daß die Mulattin abends in ihre Wohnung kom⸗ men wolle. Mit raſtloſer Thätigkeit verfolgte Harry ſeine Pläne und ſpann ſie in hundertfacher Entwicke. lung und unter Berechnung aller möglicherweiſe ein⸗ tretenden Zufälligkeiten zu dem vorgeſteckten Ziele aus. 68 v 2 ſeines einſamen Spaziergangs am Nachmittag über die von ihm einzuſchlagenden Schritte vollkommen mit ſich einig, und mit Ungeduld erwartete er die Dunkelheit, um den erſten derſelben für ſein Vor⸗ haben zu thun und ſich zugleich in den Armen der ſchönen Mulattin von ſeinen geiſtigen Anſtrengungen zu erholen. Diesmal harrte das heißliebende Mädchen ſeiner ſchon in der matt erleuchteten Stube der Negerin und ſlog ihm beim Eintreten mit dem überwogenden Gefühl ihres ſtürmiſch ſchlagenden Herzens an die Bruſt. Auch Harry vergaß in den Zauberarmen der Liebe Luch's den eigentlichen Zweck, der ihn an dieſem Abend hierher führte, und erſt als die Wogen der Leidenſchaft ſich glät⸗ teten und die Mulattin in wonniger Ermattung an ſeinem Herzen ruhte, befreite ſich ſein Geiſt von dem Liebes⸗ rauſche, der ihn umfangen hielt, und erfaßte wieder das ſcharf berechnete Ziel, welches zu verfolgen er be⸗ ſchloſſen hatte. „Höre, Luch, Du könnteſt mir einen Dienſt erweiſen“, hob er mit zutraulichem Tone an und legte ſeine Hand unter das weiche Kinn des glücklichen Mädchens. „Fordere mein Leben, Geliebter, es iſt Dein Eigen⸗ thum!“ entgegnete die Mulattin mit hellſtrahlendem Blick. 69 „Du ſüßes Lieb, es iſt nur eine Kleinigkeit, die Du mir zu Gefallen thun ſollſt. Es liegt mir nämlich viel daran, die Handſchrift des Herrn Randolph zu erhalten, und ich glaube, es muß Dir ein Leichtes ſein, mir die⸗ ſelbe zu verſchaffen. Es iſt nämlich einer Dame, die mir ſehr befreundet iſt, von einem Unbekannten ein Gedicht zu⸗ geſandt worden und da möchte ich mich gern überzeugen, ob Herr Randolph daſſelbe geſchrieben hat.“ „Ei ja, das iſt leicht möglich, er iſt ja Dichter und hat auch Fräulein Blancha ſchon viele Gedichte zugeſchickt. Seine Handſchrift kann ich leicht für Dich bekommen; ſein Tiſch iſt immer mit Papieren, die er beſchrieben hat, bedeckt, da kann ich eins wegnehmen, ohne daß er es gewahrt“, antwortete Luch erfreut, dem Geliebten ihres Herzens einen Wunſch zu erfüllen. „Das dachte ich mir“, fuhr Harry mit demſelben bedeutungsloſen Tone fort.„Nur ſuche mir aber ein Schriftſtück aus, welches er deutlich geſchrieben hat, nicht etwa ſo eine flüchtige Notiz, in welcher man keinen Buch⸗ ſtaben erkennen kann. Ich behalte das Blatt nur einen Tag und dann kannſt Du es wieder auf ſeinen Platz legen.“ „Ich will es ſchon gut beſorgen, mein Harry. Mor⸗ gen früh, wenn Herr Randolph ausgegangen iſt, hole ich das Papier von ſeinem Tiſche. Soll ich es der Negerin auf dem Markte geben?“ 70 „Das kannſt Du thun, mußt es aber in ein ande⸗ res Blatt einſchlagen und der Alten ſagen, daß ſie es nicht öffnen ſolle“, verſetzte Harry. „Ach, ſie kann ja nicht leſen“, antwortete Luch la⸗ chend.„Ich werde es aber mit einer Oblate verſiegeln.“ „Das wird am beſten ſein“, ſagte Harry und wandte unter Liebkoſungen das Geſpräch nun wieder auf die glückliche Zukunft, die er Luch bereiten wollte. Dieſe ſchwamm in einem Himmel voll Seligkeit, es gab für ſie keine andere Welt mehr als die, welche von ihrer Liebe für Harrh eingeſchloſſen wurde, denn mit dieſer Liebe fühlte ſie, daß ſie jeden Zweck, jedes Ziel ihres Lebens vollſtändig erreicht habe. Als die Zeit zum Abſchied gekommen war, klagte Luch, daß ſie am folgenden Abend zu Hauſe bleiben müſſe, da Fräulein Blancha wahrſcheinlich ihre Herrin beſuchen werde, und bat Harry dann, ob er nicht einige Augenblicke in die Nähe ihrer Wohnung kommen wolle, damit ſie, wenn auch nur für Augenblicke, das Glück ſei— ner Gegenwart fühlen dürfe. Harry ſagte es ihr zu, nach neun Uhr in der engen, abgelegenen Straße hinter Newberry's Haus ſie zu erwarten, und ſchied dann von ihr unter vielen Betheuerungen ewiger Liebe und Treue. Schon frühzeitig am folgenden Morgen empfing Harty auf dem Markte aus den Händen der Negerin 71 das ihm ſo wichtige Papier, auf welchem ſich die Su ſchrift des verhaßten Randolph befand. Als ob er deſſen Schickſal in ſeiner Hand hielte ſo ſchaute er das Papier an, verbarg es in ſeiner Taſche und eilte raſchen Schritts nach dem Hotel zurück. Er ſchloß ſich in ſeinem Zimmer ein und ging lange Zeit ſinnend und vor ſich niederblickend in demſelben auf und ab. Dann aber, als wenn er nun nichts mehr zu überdenken habe, legte er ſein Schreibmaterial auf dem Tiſche zurecht, holte Dandon's Brief aus ſeinem Koffer und ſetzte ſich mit der größten Ruhe und Gelaſſenheit an dem Tiſche nieder. Zuerſt nahm er Dandon's Brief vor und copirte deſſen Unterſchrift auf einem Bogen Papier wieder und wieder, bis die Abſchrift von dem Original nicht mehr zu unterſcheiden war. Dann ſchrieb er eine Anweiſung von zweitauſend Dollars zu Gunſten der Madame New⸗ berry auf die Bank und unterzeichnete ſie mit dem Na⸗ men Dandon's. Er fertigte drei ſolche Anweiſungen aus und erſt mit der dritten war er ganz zufrieden, der Namenszug Dandon's darunter war mit dem in deſſen Brief vollſtändig gleich. Er zerriß die beiden zuerſt ge⸗ ſchriebenen Anweiſungen und legte die dritte ganz gelun⸗ gene, nachdem er ſie lange mit Zufriedenheit betrachtet hatte, zur Seite. Nun nahm er das Papier mit der 72 Schrift Randolph's zur Hand und begann dieſelbe ab⸗ zuſchreiben. Langſam zeichnete er jeden Buchſtaben, je⸗ den Federſtrich nach und verharrte bei dieſer Arbeit über eine Stunde. Seine Schrift wurde der Randolph's immer ähnlicher und immer ſchneller floß ſie auf das Pa⸗ pier. Endlich ſchien er mit den Verſuchen zufrieden zu ſein und verglich ſie mit der Originalſchrift. „Es kommt ja gar nicht darauf an, daß ſie ganz treu iſt“, ſagte er vor ſich hin.„Man wird denken, er habe abſichtlich ſeine Hand entſtellt.“ Hierauf ſchrieb Harry der Schrift Randolph's ſo ähnlich als möglich ein Billet an die Bank, worin er bat, den Betrag inliegender Anweiſung des Herrn Dan⸗ don der Mulattin Luch in Banknoten mitzugeben, und unterzeichnete das Schreiben mit dem Namen der Ma⸗ dame Newberry. Das Datum ſetzte er auf den folgen⸗ den Tag. Nachdem er die beiden zerriſſenen Anweiſun⸗ gen in das Kamin geworfen und verbrannt hatte, nahm er die zwei angefertigten Schreiben, ſetzte ſich damit nahe an das Fenſter und überblickte ſie nochmals mit der größten Aufmerkſamkeit. „Vollkommen gut“, ſagte er, nachdem er die An⸗ weiſung mit Dandon's Namen lange betrachtet hatte, legte ſie in ſeinen Koffer und las dann noch einmal das Schreiben mit der Unterſchrift der Madame Newberrh 73 durch. Auch dieſes legte er zu dem erſten, fügte dann noch den Bogen, auf dem er die vielen Verſuche mit Dandon's Namen gemacht hatte, hinzu und verſchloß den Koffer. Indem er nun den Schlüſſel in die Taſche ſteckte, ſagte er: „In der Bank wird man ſich keinen Augenblick be⸗ denken, der Mulattin das Geld auszuzahlen, da dieſelbe von Jedermann als die Dienerin der Madame Newberry gekannt iſt, und von den Beamten der Bank hat wohl keiner jemals die Unterſchrift dieſer Dame geſehen. Sie werden glauben, die zweitauſend Dollars wären Privat⸗ vermögen derſelben, welches Dandon in Händen habe. Es iſt Alles richtig berechnet und ein Mißlingen nicht denkbar. Nun noch das Mädchen und ich bin ſchlag⸗ und reiſefertig.“ Wieder und wieder nahm Harry im Laufe des Ta⸗ ges die beiden Schriftſtücke aus dem Koffer hervor und unterwarf ſie neuen Unterſuchungen, und immer zufriede⸗ ner legte er ſie in den Verſchluß zurück. Nachmittags ging er nach dem Werft am Fluſſe, um ſich die Dam⸗ pfer, welche dort angekommen waren, anzuſehen und Er⸗ kundigungen einzuziehen, welche Schiffe morgen vom Nor⸗ den her auf ihrer Fahrt nach Neuorleans erwartet wür⸗ den. Zu ſeiner Genugthuung erfuhr er, daß deren meh⸗ rere erſten Ranges am folgenden Tage eintreffen würden. 74 Der Abend kam und ſchon vor neun Uhr ſtand Harrhy hinter dem Hauſe Newberry's und harrte auf das Erſcheinen der Mulattin. Es war ſehr finſter und das Gäßchen ſo einſam, daß er nicht durch Vorübergehende beläſtigt wurde Er ſchritt nahe an der Thür in der Breterwand, welche den Hof hinter dem Hauſe umgab, auf und ab und war eben wieder vor dieſelbe getreten, als ſie ſich leiſe öffnete und Luch aus ihr hervorkam. Mit einem unterdrückten Freudenrufe glitt ſie in Harry's Arme, reichte ihm ihre weichen Lippen zum Kuſſe und dankte ihm unter tauſend Liebkoſungen mit herzinnigen Worten dafür, daß er gekommen. „Morgen Abend, mein Harry, erwarte ich Dich bei der Negerin, denn Madame Newberry iſt dann in Geſellſchaft gebeten und da kann ich ſchon nach ſieben Uhr abkommen“, ſagte ſie in ihrem Glück, warf ihre Locken zurück und ſchlang beide Arme um den Nacken des geliebten Mannes. „Das hat der Himmel ſo gefügt, Luch, denn der morgende Abend ſoll das Glück unſeres Lebens entſchei⸗ den. Morgen ſollſt Du Deine Sklavenketten abwerfen und meine Herrin werden!“ verſetzte Harry mit liebe⸗ athmender Stimme. „Morgen?“ wiederholte Lueh erſchrocken und preßte ihre kleinen Hände um ſeinen Arm. 75 „Kommt Dir das Glück zu früh oder iſt Dir die gewohnte Herrin lieber als Dein Harry?“ fragte dieſer mit einem Ausdruck leiſen Vorwurfs. „O mein Geliebter, was ſagſt Du da! Verlange, daß ich die ganze Welt verlaſſen und Dir in dieſem Augenblick folgen ſoll, und ich will wie Dein Schatten Dir nachziehen und ginge es in Elend und Tod! Nur in Deiner Nähe gibt es Leben, gibt es Seligkeit für mich. Wann und wie ſoll ich Dir morgen folgen?“ „Morgen Abend, geliebtes Mädchen. Du mußt aber ein Opfer bringen“, entgegnete Harry und ſetzte lächelnd noch hinzu:„Werde ich Dir ſo viel werth ſein?“ „Alles in der Welt, ſage mir nur, was es iſt“, fiel Luch ſtürmiſch ein. „Es koſtet Dir Dein prächtiges Haar und Deine Mädchenkleidung; Du mußt Junge werden.“ „O wie gern, Harry. Dann kann ich ja immer bei Dir ſein“, ſagte die Mulattin und ſchmiegte ſich an ſein Herz. „Nun höre, Luch. Du haſt noch Mancherlei für unſer Glück zu thun“, begann Harry wieder und zog Papiere aus ſeinem Rocke hervor.„Hier iſt das Schriftſtück des Herrn Randolph; lege es wieder dahin auf ſeinen Tiſch, wo Du es wegnahmſt. Dieſen Bogen aber, auf welchem nichts weiter geſchrieben ſteht als der Name Apollo 76 Dandon, lege zwiſchen Randolph's Papiere ſo, daß er ihm nicht in die Augen fällt.“ Harry hatte die beiden Blätter zuſammengefaltet, reichte ſie der Mulattin und dieſe verbarg ſie in ihrem Kleide und ſagte: „Ich werde es genau ſo beſorgen, wie Du mir be⸗ fahlſt, Geliebter.“ „Nun iſt hier aber noch ein Pref von größerer Wichtigkeit; er enthält eine Anweiſung auf die Bank von zweitauſend Dollars, die Du für mich einkaſſiren ſollſt. Morgen Nachmittag genau um ein Viertel vor drei Uhr gehſt Du in die Bank und gibſt dort den Brief ab, empfängſt die Summe in Banknoten und eilſt dann die Hochſtraße hinauf aus der Stadt, wo ich Dir begegnen und Dir das Geld abnehmen werde. Aber genau um ein Viertel vor drei mußt Du in der Bank eintreffen, denn um drei Uhr wird ſie geſchloſſen“, ſagte Harrh und reichte Luch den verſiegelten Brief. „O, ich bin mit den Herren in der Bank bekannt, ich habe ſchon oft Geld dort für die Herrin geholt und gewechſelt“, antwortete die Mulattin und ſetzte noch hinzu:„Freilich ſo viel habe ich nie dort empfangen.“ „Das bleibt ſich ja gleich, ob man hundert oder tauſend Dollars empfängt. Nun aber noch eins. Du mußt ſagen, Deine Herrin ſchicke Dich, das Geld für 77 ſie zu holen. Ich habe meinen guten Grund dabei, und die Herren in der Bank werden ja nie im Leben gewahr, ob Madame Newberry oder ein Anderer es holen ließ. Es kann ihnen ja auch ganz gleichgültig ſein, denn ſie ſind verbunden, die Anweiſung, welche in dem Briefe liegt und die auf den Inhaber derſelben lautet, zu zahlen. Wer dieſer Inhaber iſt, das geht ſie nichts an und danach fragen ſie nicht. Ich kann mich darauf verlaſſen, daß Du es mir gut beſorgſt, nicht wahr, Luch?“ verſetzte Harry lächelnd und ſtrich ihr zärtlich über die Wange. „Sicher, ſo gut, als ob Du es ſelbſt thäteſt. Wenn es nur eine größere Aufgabe wäre, die Du mir ſtellteſt, hierin liegt ja gar kein Verdienſt für mich“, antwortete das Mädchen mit heiterer Unbefangenheit. „Und morgen Abend“, fuhr Harrh fort,„wollen wir uns nicht bei der NRegerin, ſondern auf demſelben Platze treffen, wo Du mir nachmittags das Geld ge⸗ ben wirſt; dann nehme ich Dich mit mir, um mich nie⸗ mals wieder von Dir zu trennen. Nur mußt Du die Auf⸗ träge, die ich Dir gegeben habe, gut ausführen. Haſt Du mich auch recht verſtanden?“ „Vollſtändig, Harry. Du ſollſt mit mir zufrie⸗ den ſein, ich werde ganz ernſthaft das Geld für meine Herrin fordern“ antwortete Luch, glücklich in der Vor⸗ ausſicht, dem Geliebten einen Dienſt erweiſen zu können. 78 Sie hatte auch den Brief in ihrem Kleid verborgen und gab ſich nun der Seligkeit hin, die ſie bei den Lie⸗ besbezeigungen Harry's, womit derſelbe ſie jetzt überhäufte, durchbebte. Die Zeit flog, doch Luch lauſchte dem Glocken⸗ ſchlage und nach Verlauf einer halben Stunde ſagte ſie mit traurigem Tone, daß ſie Harrh jetzt verlaſſen müſſe. „Noch eine Nacht und noch einen Tag, ſüßes Mäd⸗ chen, dann wirſt Du Dich nimmer wieder von mir trennen“ verſetzte Harry und nahm mit den Worten Abſchied von ihr: „Richte Alles gut aus und laſſe Niemand die Papiere ſehen.“ „Sei unbeſorgt, Geliebter!“ rief ſie ihm im Davon⸗ eilen zu und verſchwand durch die Thür. Am folgenden Morgen begab ſich Harrh wieder nach dem Fluſſe hinunter, wo die Schiffe lagen und wo vor einer Stunde ein prächtiger Dampfer von Cincinnati angekommen war. Harrh ging an Vord deſſelben zu dem Kapitän und hörte von ihm, daß er am nächſten Morgen ſeine Reiſe nach Neuorleans antreten werde und zwar mit dem erſten Grauen des Tags. „So wird es am beſten ſein, wenn ich ſchon heute Abend an Bord komme“, ſagte Harry,„denn ich will 79 mit Ihnen nach Neuorleans fahren und möchte nicht unnöthig in meiner Morgenruhe geſtört werden.“ „Freilich thun Sie wohl daran und ich glaube, daß meine Betten vollkommen ſo gut ſind als die in den Hotels der Stadt“ entgegnete der Kapitän, worauf Harry für ſich und für ſeinen Mulattenjungen die Paſ⸗ ſage zahlte, eine Kajüte auswählte und mit dem Bemer⸗ ken, daß er ſich am Abend einfinden werde, das Schiff verließ. Nun begab er ſich zu Dandon und zeigte demſelben an, daß er ſeine Geſchäfte hier beendet habe und am folgenden Morgen ſchon abreiſen werde. Dandon war ſehr erfreut darüber, da er glaubte, daß Harry's Gegen⸗ wart in Texas für ihr beabſichtigtes Unternehmen von großer Wichtigkeit ſei; er bat ihn um pünktliche Mit⸗ theilung über alle politiſchen Bewegungen und verſicherte ihm noch ſchließlich, daß er ſich vollſtändig gerüſtet hal⸗ ten werde Harry verabſchiedete ſich dann noch bei Blancha, die ihn mit ihrer gewohnten Ruhe empfing und entließ, und nun eilte er zu ſeiner Mutter, um auch ihr Lebe⸗ wohl zu ſagen. Bei ihr verweilte er bis halb drei Uhr, worauf er in der herzlichſten Weiſe Abſchied von ihr nahm und ſie verließ. Der entſcheidende Augenblick nahte ſich, Harry jedoch ſchritt mit ruhig ſchlagendem Herzen durch die 80 Straßen, ja es ſchien, daß die Gefahr jeden ſeiner Ner⸗ ven nur noch ſtraffer ſpannte, es war kein Wanken, kein Zweifeln, kein Bangen in ihm. In der heiterſten Laune nahm er auf ſeinem Weg durch die Stadt von mehreren Bekannten Abſchied und lud ſie ein, ihn auf ſeinen Beſitzungen in Texas zu beſuchen, und es ſchlug drei Viertel, als er das Ende der Stadt erreichte und in dem ſandigen Wege langſam fortſchritt. „Jetzt zahlen ihr die geſcheidten Herren das Geld aus“, ſagte er lachend vor ſich hin.„Ich wollte, Hol⸗ croft wäre hier, er würde mir ein Belobungsſchreiben geben.“ Dann verfinſterte ſich ſein Blick, und in ernſtem Tone fuhr er fort: „Herr Randolph, der Triumph wird nun wohl auf meine Seite kommen!“ Im Vorwärtsgehen ſah er wiederholt nach der Uhr, berechnete, wie bald Luch hierher kommen könne, und wandte ſich dann auf demſelben Wege nach der Stadt zurück. Er hielt ſeinen ſpähenden Blick auf die letzten Häuſer gerichtet, denn es war Zeit für das Mädchen zu erſcheinen.„Vielleicht hat man ſie nicht gleich abge⸗ fertigt“, dachte Harry und ging immer langſamer, um der Stadt nicht zu nahe zu kommen. Immer noch erſchien ſie nicht. Sollte man Argwohn 81 geſchöpft und vielleicht zu Madame Newberry geſandt haben? 6 „Thorheit!“ antwortete ſich Harry laut.„Dazu ſind die Herren zu dumm. Madame Newberry iſt ja eine reſpectable Dame und die ſchöne Luch iſt als braves Mädchen bekannt, wie kann man an der Richtigkeit zweifeln? Sieh, dort kommt ſie ja herangeflogen, man ſieht ihre Freude in ihren Schritten, ſie hat das Geld!“ Harry ging jetzt ſchneller und wenige Minuten ſpäter kam Luch ihm jubelnd entgegen und ſagte: „Habe ich meinen Auftrag nicht ſchnell ausgeführt? Hier, Geliebter, hier iſt das Geld!“ „So gut haſt Du ihn ausgeführt, daß Du dafür lebenslang meine Herrin ſein ſollſt, Du einziges Mäd⸗ chen. Nun aber eile Dich, geh jenen Fußweg, er führt Dich von der andern Seite in die Sladt. Deinen Lohn erhälſt Du heute Abend, ich werde um ſieben Uhr hier ſein. Auf Wiederſehen, meine Luch!“ Hiermit empfing Harry das Papier mit den Bank⸗ noten ſteckte es in ſeine Bruſttaſche und ging eiligen Schritts nach der Stadt zurück. So gut wie heute bei ſeinem Mittagsmahl hatte Harry der Champagner lange nicht geſchmeckt. Nach Tiſche zahlte er ſeine Rechnung in dem Gaſt⸗ hauſe, packte ſeinen Koffer und ließ ſeine Effecten an Armand, Saat und Ernte. II. 6 82² Bord des Dampfſchiffs bringen. Er ſelbſt begab ſich nach einem Kleiderladen, wählte mehrere Anzüge für Luch, kaufte eine ſchwarze Wachstuchkappe für ſie und ließ dieſe Sachen gleichfalls nach dem Dampfſchiffe ſen⸗ den, wohin er ſelbſt voranging. Viertes Kapitel. Alle Gefahr war vorüber, die Bank geſchloſſen und vor Morgen konnte keine Entdeckung ſtattfinden, dann aber befand Harry ſich ſchon hundert Meilen weit von Natchez entfernt, und die Spur des verſchwundenen Mädchens aufzufinden war unmöglich. Mit Sehnſucht ſah Harry dem Abend entgegen, um ſein Werk durch den Beſitz der Mulattin zu krönen. Er richtete ſich in ſeiner Kajüte ein, legte einen vollſtän⸗ digen Leinenanzug für Luch zuſammen und ging dann auf das Verdeck hinaus, um dort den Uebergang der Dämmerung zur Dunkelheit abzuwarten, denn die Sonne war hinter dem Urwalde an der andern Seite des Stroms verſunken und der Abendſtern begann zu blitzen. Die Lichter in dem großen Salon und auf dem Verdecke des Schiffes waren angezündet, als Harry in ſeine Kajüte trat, das Paquet mit der Kleidung für Luch unter den Arm nahm, die Kappe für ſie in die Taſche ſteckte 84 und ſich an das Land begab, indem er dem Kapitän zu⸗ rief, er werde zum Abendeſſen ſich einfinden. Mit raſchen Schritten durcheilte er die Stadt und ging aus der Hochſtraße hinaus nach dem Platze, wo er am Nach⸗ mittag von Luch geſchieden war. Die Dunkelheit be⸗ ſchränkte den Blick auf die nächſte Umgebung, doch der Weg war nicht ſehr breit, ſodaß Niemand an Harry vorübergehen konnte, ohne von ihm bemerkt zu werden. Wohl eine halbe Stunde lang war er langſam auf und nieder geſchritten, ohne daß ein menſchliches Weſen ſich genaht hätte, und die Zeit, zu welcher die Mulattin er⸗ ſcheinen wollte, war längſt verſtrichen. Harry wurde unge⸗ duldig, unruhig und beſorgt. Wie, wenn die Leute in der Bank nun doch Verdacht geſchöpft hätten, oder wenn durch irgend einen unglücklichen Zufall einer derſelben mit Herrn Newberry zuſammengetroffen wäre und dieſer den Betrug aufgedeckt haben ſollte! Es war nicht wahrſchein⸗ lich, aber doch möglich, und dann kam Harrh in eine ſehr mißliche Lage. Mit jedem Augenblicke ſteigerte ſich ſeine Unruhe und mit größter Anſtrengung lauſchte und ſpähte er um ſich; da kam es ihm vor, als höre er Tritte; er horchte ſchärfer, jetzt hörte er ſie wieder, ſie kamen auf der Straße von der Stadt her, es waren eilige, leichte Schritte, er ging ihnen raſch entgegen und nach wenigen Augenblicken flog ihm Luch in die Arme. 85 „Da bin ich, Geliebter, Dein in Leben und Tod!“ rief ſie athemlos und ſchmiegte ſich an Harry's Bruſt, dem mit ihrem Erſcheinen eine ſchwere Laſt vom Her⸗ zen gefallen war. „Gott Lob, daß Du da biſt!“ ſagte er frei auf⸗ athmend.„Du bliebſt lange, ich fing an beſorgt zu werden.“ „Ich mußte meiner Herrin bei ihrer Toilette helfen“, ſagte die Mulattin mit weicher Stimme, welche Thränen in ihren Augen verrieth.„Es ward mir doch recht ſchwer ums Herz wenn ich dachte, daß ſie mich bei ihrer Rück⸗ kehr nicht mehr finden würde. Sie war mir mehr Mutter wie Herrin!“ „Die nichts Unrechtes darin fand, einen ſolchen Engel wie meine Luch als Sklavin zu beſitzen und zu behandeln“, bemerkte Harrh mit Zärtlichkeit. „Das darf man ihr nicht ſo hoch anrechnen. Ich wurde ihr als Sklavin geboren, und daß ich mehr Bildung er⸗ hielt als andere Farbige, dafür habe ich ihr ja zu danken“, entgegnete Luch wehmüthig, fuhr dann aber ſchnell fortr „Aber Dir, mein Geliebter, habe ich tauſendmal mehr zu danken, denn nicht nur meine Freiheit willſt Du mir geben, Du gabſt mir Deine Liebe und durch ſie meinem Leben einen Werth; es iſt Dein Eigenthum und ſoll es ewig bleiben!“ 86 „Und ich gebe Dir das meinige dafür, Du liebes Mädchen. Nun aber laß uns gehen, dieſer Weg führt uns durch das Holz am Fluſſe, dort kannſt Du Dich um⸗ ziehen; ich habe Deine Jungenkleider mitgebracht.“ „Und ein treuer Junge werde ich ſein“, ſagte die Mulattin freudig und hing ſich an Harry's Arm. Sie hatten bald das Holz erreicht und traten vom Wege ab in das Buſchwerk, wo Luch ihren Anzug mit Beinkleid, Weſte und Rock vertauſchte, ihr ſchönes Haar auf dem Kopfe zuſammendrehte und die Wachstuchmütze darüber ſetzte und dann die abgelegten Sachen, in ein Bündel gepackt, unter den Arm nahm. „Ich bin neugierig, mich zu ſehen“, ſagte ſie la⸗ chend, indem ſie Arm in Arm mit Harry den Wege nach der großen Straße am Fluſſe folgte. Sie waren bald an derſelben angelangt und im Begriff, zwiſchen den letzten Büſchen herauszutreten, als zwei Leute an ihnen vorüber auf der Straße hinſchritten. „Mein Gott, das iſt Herr Randolph!“ ſagte Luch erſchrocken zurücktretend und barg ſich mit Harrh hinter dem Laubwerk. „Wen mag er da bei ſich haben?“ fragte Harrh, ſeine Blicke auf das Paar heftend, auf welches der ferne Lichterſchein von den am Ufer liegenden Schiffen fiel. „Es iſt wahrhaftig Fräulein Blancha, ich kenne ſie 87 am Gange und wenn ſie noch tiefer verſchleiert wäre“, entgegnete Luch überraſcht. „Und man könnte auch glauben, Du ſeieſt es, mit der er luſtwandelt. Du und Fräulein Blancha, Ihr habt ziemlich ähnliche Geſtalten“, verſetzte Harry ſinnend. „O nein, Harry, ſie iſt viel größer als ich“, fiel Luch ein. „Dennoch könnte man behaupten, Du ſeieſt es ge⸗ weſen“, fuhr Harrh immer noch in Gedanken verſunken fort, indem er den beiden Liebenden nachblickte, bis ſie an der Biegung des Fluſſes verſchwanden. „Nun aber, theure Luch, mußt Du in Deine Rolle eintreten, die Du bis an die Grenze von Texas zu ſpielen haſt— Du biſt nun mein Diener Charles. Bleib einige Schritte hinter mir zurück, die Straße wird hier ſchon ziemlich hell; nimm aber um des Himmels willen Deine Kappe nicht ab. Sobald wir auf das Schiff kommen, folgſt Du mir ſchnell in meine Kajüte.“ Harrh eilte nun, von der Mulattin gefolgt, dem Werfte zu, welches hell erleuchtet und noch ziemlich be⸗ lebt war, und ſchritt, ohne ſich umzuſchauen, über daſſelbe hin nach dem Dampfer, auf dem er ſeine Fahrt nach Neuorleans bedungen hatte. Raſch ging er mit Luch in den Salon und von dort in ſeine Kajüte, deren Thür er hinter ſich verſchloß. 88 „„So, mein ſüßes Mädchen, nun noch das größte Dpfer, Dein ſchönes Haar, und wir gehören einander an für ewig“, ſagte Harrh, während Luch ihre Kappe ab⸗ warf und ihr prächtiges langes Haar in ſchweren Locken herabfiel. „Es iſt kein Opfer, Harry, wird mir doch das Glück dafür, in Deiner Nähe leben zu dürfen! Gib mir eine Scheere und ich ſchneide ſie ſelbſt ab“, antwortete Luch mit freudig glänzendem Blick. Harry aber nahm die Scheere aus ſeinem Koffer hervor und ſagte: „Laß mich es thun geliebtes Mädchen, ich will mir das Haar zum Andenken aufbewahren.“ Dann ſetzte Luch ſich auf den Stuhl nieder und Harry ſchnitt ihr die Locken ab, ſodaß ihr Haar ganz kurz ſich um ihren. kleinen Kopf kräuſelte. Als er die Arbeit ſauber be⸗ endet hatte, ſchlang er liebkoſend ſeinen Arm um die Mulattin, küßte ſie und ſagte: „So, mein hübſcher Charles, nun betrachte Dich einmal im Spiegel und ſieh, ob Du nicht ein prächti. ger Junge biſt.“ Darauf packte er die Locken vorſichtig in ein Pa⸗ pier, legte ſie in ſeinen Koffer und fuhr dann fort: „Bei Tiſche mußt Du aber hinter meinen Stuhl treten und mich bedienen. Armes Mädchen, wie gern 89 würde ich hinter Deinem Stuhle ſtehen! Es muß aber nun einmal ſein, ſo leid es mir auch thut.“ „O wie glücklich macht es mich, ſelbſt etwas für mein Glück zu thun. Sollſt ſehen, wie natürlich ich Dei⸗ nen Diener ſpiele; bin ich es ja doch wirklich mit Leib und Seele“, antwortete Luch und ſchlang ihren Arm liebeglühend um Harrh's Nacken. Dieſer betrachtete nun den Anzug Luch's von allen Seiten, band dann noch ein ſchwarzſeidenes Halstuch mit zierlicher Schleife um ihren zarten Hals und ſagte: „Ein prächtiger Junge; es ſollte mich nicht wun⸗ dern, wenn man mir große Summen für Dich böte“, und ſetzte, die Mulattin küſſend, noch hinzu:„Doch alles Geld in der Welt würde nicht hinreichen, Dich von mir zu kaufen, meine Luch!“ Da ertönte die Glocke, welche zum Abendeſſen rief, Harry verſchloß ſeinen Koffer, küßte das Mädchen noch⸗ mals mit den Worten:„Nun komm, beſte Luch!“ und trat in den Salon hinaus, wo ſchon einige vierzig Paſ⸗ ſagiere ſich um den Tiſch gereiht hatten und auf die Damen warteten, die jetzt aus ihrem Salon hervortra⸗ ten und ſich oben an der Tafel niederließen. Dann nah⸗ men alle Platz und Luch trat hinter Harrh's Stuhl. Sie bediente ihn ſchnell und unverzagt, und nachdem das 90 Eſſen beendet war und die Paſſagiere den Saal ver⸗ laſſen hatten, trat der Kapitän zu ihm und ſagte: „Sie haben da einen herrlichen Jungen. Haben Sie ihn hier gekauft?“ „O nein“, entgegnete Harry.„Ich brachte ihn mit von Texas, ich habe ihn aber während meines Aufent⸗ halts hier im Lande bei einem Freunde wohnen laſſen, da ich hier ſeine Dienſte nicht brauchte und weil er mich im Lande nichts koſtete. Es iſt ein guter Junge.“ Nachdem nun die Beamten des Schiffes gleichfalls geſpeiſt hatten, ſetzte ſich die ſchwarze Dienerſchaft an den Liſch und mit ihnen auch Luch, um ihr Mahl einzuneh⸗ men. Harrh hatte eine Cigarre angezündet und ſich hinaus auf das obere Verdeck begeben, wo er ſich niederließ und in Gedanken verſunken ſeinen Blick über das Werft ſchweifen ließ, da trat Luch zu ihm und ſagte leiſe: „Habe ich meinen Dienſt nicht gut verſehen? Zur Belohnung will ich mich aber nun zu meines Herrn Füßen hinſetzen, das wird ja nicht auffallen.“ „Ganz und gar nicht, ſüßes Mädchen“, antwortete Harry ebenſo leiſe.„Jetzt darfſt Du immer bei mir blei⸗ ben!“ worauf die Mulattin ſich neben ihm auf den Fuß⸗ boden niederließ. Es ging auf elf Uhr, die Paſſagiere hatten ſich zur Ruhe begeben und auch auf dem Werfte wurde es 1 91 leer, nur hier und dort waren noch einzelne Arbeiter mit Wegſchaffen von Gütern beſchäftigt, da ſchritt plötz⸗ lich Albert Randolph unweit des Dampfſchiffs vorüber und folgte dem Wege am Fluſſe hin. „Randolph wieder!“ ſagte Harrh überraſcht.„Wohin will der noch ſo ſpät?“ „Das thut er oft. Er geht häufig noch um elf Uhr in der Nacht ſpazieren, namentlich aber bei Monden⸗ ſchein, der heute freilich fehlt“, entgegnete Luch, gleich⸗ falls Albert nachſchauend. „So“, ſagte Harry gedankenvoll, ſprang nach eini⸗ gen Minuten raſch auf und eilte, von Luch gefolgt, in ſeine Kajüte. Dort nahm er ſchnell ſein Schreibzeug aus dem Koffer und ſchrieb mit verſtellter Hand: „Der Advocat Albert Randolph hat die Muhattin Luch des Herrn Newberry um elf Uhr in dieſer Nacht in den Fluß geworfen.“ Dann ſchloß er den Brief, verſiegelte ihn mit einer Oblate und adreſſirte ihn an den Staatsprocurator. Er bat Luch in der Kajüte zu bleiben, nahm Hut und Stock und eilte nun fliegenden Schritts nach der Poſt, wo er den Brief in den Kaſten warf. Um elf Uhr kehrte Madame Newberry aus der Ge⸗ ſellſchaft zurück und wurde von ihrem Gemahl ſelbſt an der Hausthür empfangen. 92 „Warum haſt Du mir Luch nicht geſandt? Ich habe allein nach Hauſe gehen müſſen“, ſagte ſie ten beim Eintreten. „Luch? Iſt Luch nicht bei Dir?“ antwortete Herr Newberry erſtaunt.„Sie iſt nicht hier; wir glaubten, ſie wäre fortgegangen, um Dich abzuholen.“ „Luch nicht hier? Du erſchreckſt mich! Luch nicht hier? Das iſt ja unmöglich, wo wäre ſie denn? Es muß ihr ein Unglück zugeſtoßen ſein“, ſagte die Frau mit zunehmender Angſt, trat in das Zimmer und warf Hut und Shawl von ſich. „Iſt Herr Randolph zu Hauſe 7“ fuhr ſie dann haſtig fort. „Nein, er iſt noch nicht gekommen“, erwiderte berrh. „Mein Gott, was kann mit dem Mädchen geſche⸗ hen ſein?“ nahm die Frau wieder das Wort. „Sollte ſie fortgelaufen ſein?“ verſetzte der Mann. „Biſt Du wahnfinnig? Luch fortlaufen! Eher ver⸗ laſſen alle Sklaven in den Vereinigten Staaten ihre Her⸗ ren, ehe Luch von mir ginge. Nein, nein, es iſt ihr ein Unglück begegnet. Wenn nur Herr Randolph hier wäre“, fuhr Madame Newberrh in höchſter Aufregung fort, doch nach einer Weile ſagte ſie, ſich plötzlich beruhigend: „Ach, ſie iſt mit Herrn Randolph gegangen, jetzt 8—— 93 wird mir die Sache klar; unſere liebe Blancha hat wahr⸗ ſcheinlich auf einer Promenade eine Dienerin bei ſich ha⸗ ben wollen. Ja, ja, ſo iſt es“, rief ſie lachend aus. „Wie man doch ſo dumm ſein kann ſich ſo zu ängſtigen!“ „Du haſt Recht, ſo iſt es auch, und Randolph hat die Entſchuldigung für das Mädchen bei uns übernom⸗ men“, verſetzte Newberrh. „Es iſt aber elf Uhr, ſie müſſen doch nun bald zurückkommen. Ich will ſie hier erwarten, damit ich Luch beim Umkleiden bei mir habe“, nahm die Frau wieder das Wort und ſetzte ſich vollſtändig beruhigt bei dem Kamin in einen Armſeſſel, während ihr Gemahl ſich an dem Tiſche niederließ und die Abendzeitung zur Hand nahm. „Ich begreife aber doch nicht, wo ſie bleiben“, hob Madame Newberrh nach einiger Zeit wieder an. „Der alte Dandon muß zum Abendeſſen ausgebeten ſein, ſonſt könnte Blancha nicht ſo lange vom Hauſe bleiben.“ Sie ſtand auf und ſchritt im Zimmer auf und nie⸗ der und ſagte wiederholt:„Unbegreiflich, räthſelhaft!“ Plötzlich aber blieb ſie mit den Worten ſtehen: „Da ſchlägt es halb zwölf! Es iſt irgend etwas ge⸗ ſchehen, ſonſt wäre Luch hier, und doch, wo kann ſie ſein als mit Randolph?“ Da ertönten Tritte vor dem Hauſe und Madame 94 Newberry ſprang mit dem Ausruf:„Gott Lob, da find ſie!“ in den Corridor hinaus. Die Hausthür öffnete ſich und Albert trat allein herein. „Iſt Luch nicht bei Ihnen, Herr Randolph?“ fragte die Frau mit bebender Stimme. „Luch? Ich habe Luch nicht geſehen. Iſt ſie nicht hier?“ entgegnete Albert verwundert und ſchritt mit Ma⸗ dame Newberry in das Zimmer. „Nein, nein, ſie iſt nicht hier“, rief dieſe jetzt außer ſich, und alle drei ſtanden beſtürzt und rathlos da. „Sie muß fortgelaufen ſein“, nahm Newberry zuerſt wieder das Wort, ſeine Frau aber und Albert wider⸗ ſprachen ihm auf das allerbeſtimmteſte und behaupteten, daß ſie durch irgend etwas gewaltſam möſſe abgehalten ſein, nach Hauſe zu kommen. In dieſer Nacht aber war es nicht möglich, Schritte zu ihrer Auffindung zu thun, und ſo begab man ſich mit Angſt und Sorgen zur Ruhe. Am frühen Morgen jedoch verließ Herr Newberry ſowohl wie auch Albert das Haus, um in verſchiedenen Richtun⸗ gen Erkundigungen über die Mulattin einzuziehen. Das Verſchwinden derſelben wurde bald in der Stadt bekannt und allenthalben erregte die Nachricht davon großes Er⸗ ſinunen, da Jedermann das gute Verhältniß zu ihrer Herrſchaft kannte und wußte, wie ſie mehr als Kind denn als Sklavin in der Familie behandelt worden war. 95 Madame Newberry wartete zu Hauſe mit zuneh⸗ mender Beſorgniß von Minute zu Minute auf Nachricht über das Schickſal des Mädchens, denn daß daſſelbe aus eigenem Antrieb entflohen ſei, das kam ihr nicht einen Augenblick in den Sinn. Es war zehn Uhr, als die Schelle gezogen wurde, und mit geſpannter Erwartung eilte die Frau ſelbſt an die Hausthür und öffnete dieſelbe. Der Staatsprocurator Heald trat herein und fragte, ob Herr Newberry zu Hauſe ſei, und als deſſen Gattin die Frage verneinte, bat er um die Erlaubniß einer kur⸗ zen Unterredung mit ihr ſelbſt. „Iſt Ihr Mulattenmädchen Luch Newberry?“ fragte er, mit dieſer in das Zimmer tretend. „Ach nein, Herr Heald, wir ſind in der größten Beſorgniß um ſie. Sie kam geſtern Abend nicht nach Hauſe“, antwortete die Frau. „Um welche Zeit iſt ſie denn weggegangen, und wiſſen Sie, wohin ſie ſich begab?“ „Sie begleitete mich zu Shields am Markt, wo ich den Abend verbrachte, und von dieſem Weg iſt ſie nicht wieder zurückgekehrt.“ „Wiſſen Sie, ob Herr Randolph geſtern Abend zu Hauſe war oder um welche Zeit er zurückkam?“ „Er war während des ganzen Abends aus und 96 tehrte um halb zwölf Uhr zurück; ich ſelbſt empfing ihn an der Thür, weil ich glaubte, daß es Luch ſei.“ „Iſt Ihnen nicht bekannt, ob Herr Randolph ein Verhältniß mit dem Mädchen gehabt hat?“ „O nein, Herr Heald, ſicher nicht. Luch iſt ein äußerſt braves unſchuldiges Mädchen und für Herrn Randolph kann ich bürgen, daß er niemals mit einem Gedanken ihr nachgeſtrebt hat; er iſt ein Muſter von einem jungen Mann, wie man ſelten findet“, antwortete die Frau lebhaft. „Er iſt alſo um halb zwölf Uhr nach Hauſe gekom⸗ men“, ſagte Heald nachdenkend, als abermals die Schelle an der Hausthür erklang. Gleich darauf trat der Kaſſi⸗ rer der Bank herein und ſchaute betroffen den Staats⸗ procurator an. „Ich will gar nicht ſtören, Madame Newberry“, ſagte er ſich verneigend,„wir hören aber ſo eben, daß Ihre Mulattin Luch verſchwunden ſei, und ich wollte mich erkundigen, ob ſie das Geld an Sie abgeliefert oder ob ſie es vielleicht mitgenommen hat.“ „Welches Geld?“ fragte die Frau überraſcht. „Die zweitauſend Dollars, welche Sie uns ſchrift⸗ lich gebeten haben dem Mädchen auszuzahlen.“ „Ich?“ rief Madame Newberry erſchrocken.„Ich habe kein Geld durch ſie einkaſſiren laſſen.“ „Wäre es möglich? Sollte ein Betrug an uns ver⸗ 97 übt worden ſein?“ verſetzte der Kaſſirer gleichfalls er⸗ ſchrocken.„Hier iſt Ihr Schreiben, Madame.“ Hierbei zog er den Brief, welchen Harrh im Na⸗ men der Frau an die Bank geſchrieben hatte, aus der Taſche hervor und reichte ihr denſelben hin. „Das habe ich nicht geſchrieben, es iſt eine Fäl⸗ ſchung, Herr!“ antwortete die Frau und gab ihm das Schreiben zurück. Der Staatsprocurator hatte ſchweigend der Unter⸗ haltung zugehört und bat den Kaſſirer jetzt, ihm den Brief zu zeigen.„ Er las denſelben durch, ſchaute noch einige Augen⸗ blicke gedankenvoll auf das Papier und ſagte dann zu dem Kaſſirer:„Sie vertrauen mir wohl auf eine Vier⸗ telſtunde den Brief an? Ich möchte einige Worte mit Ma⸗ dame Newberrh reden und werde Ihnen dann das Schrei⸗ ben ſelbſt in die Bank bringen; es kann möglicherweiſe für Ihr Intereſſe ſein.“ „Sehr gern, Herr Heald. Ich werde Sie in der Bank erwarten“, erwiderte der Kaſſirer, empfahl ſich und verließ das Haus. „Können Sie mich wohl einen Blick auf den Schreib⸗ tiſch des Herrn Randolph thun laſſen? Sie würden mich ſehr dadurch verbinden“, wandte ſich jetzt der Proeurator an die Frau. Armand, Saat und Ernte. MI. 7 98 „Sehr gern. Sein Zimmer iſt offen“, antwortete dieft verwundert, worauf Heald mit ihr aus der Stube ging und ſich durch ſie nach Albert's Zimmer führen ließ. Dort trat er raſch an den Schreibtiſch, öffnete den Briefe welchen ihm der Kaſſirer gelaſſen hatte, und ver⸗ glich nun die Schrift mit der Handſchrift Albert's, welche ſich auf unzähligen auf dem Tiſche liegenden Papieren ſeinen Blicken darbot. Seine Aufmerkſamkeit, mit wel⸗ cher er dieſelbe betrachtete, ſteigerte ſich mit jedem Au⸗ genblick, er nahm immer wieder ein neues Blatt zum Vergleich vor ſich, bis er plötzlich, wie zu einem Reſul- tat gekommen, den Brief in ſeiner Taſche verbarg und, ſich an Madame Newberrh wendend, ſagte: „Ich bin Ihnen ſehr dankbar, bitte Sie aber im Namen des Geſetzes, Herrn Randolph nichts von mei⸗ nem Beſuch wiſſen zu laſſen für den Fall, daß er bald nach Hauſe kommen ſollte.“ Dann ſchritt er eilig aus dem Zimmer, verabſchie⸗ dete ſich bei der Frau und verließ das Haus. Er begab ſich geraden Wegs nach der Bank, wo er von dem Präſidenten derſelben empfangen und in deſſen Privatzimmer geführt wurde. „Unſer Kaſſirer hat Sie bereits von dem geſtern an uns verübten Betrug in Kenntniß geſetzt, Herr Heald“, 99 hob der Präſident an, indem er ſich mit jenem in Prm- ſeſſeln niederließ. „Das iſt der Grund meines Beſuchs bei Ihnen, Herr Präſident“, antwortete der Staatsprocurator und zog den Brief aus der Taſche.„Höchſt ſonderbare Zu⸗ ſammentreffen werfen großen Verdacht auf eine Perſon, die eigentlich über allem Verdacht hoch erhaben ſteht. Wer aber kann dem Menſchen in das Herz ſehen?“ „Und darf ich wiſſen, wer dieſe Perſon iſt?“ fragte der Präſident ſehr geſpannt. „Was ich Ihnen mittheile, Herr Präfident, bleibt auf das ſtrengſte unter uns“, verſetzte Heald, rückte dann ſeinen Stuhl näher zu jenem hin und fuhr fort: „Heute früh erhielt ich einen Brief ohne Unter⸗ ſchrift, in welchem mir angezeigt wurde, daß der junge Advocat und Dichter Albert Randolph geſtern Nacht um elf Uhr die Mulattin Luch in den Fluß geworfen habe.“ „Randolph? Das iſt unmöglich!“ ſagte der Prä⸗ ſident mit augenſcheinlicher Entrüſtung. „Ebenſo unmöglich erſchien es mir“, nahm der Staatsprocurator wieder das Wort.„Ich wollte mich aber doch überzeugen, ob die Mulattin wirklich vermißt würde, und begab mich dieſerhalb zu Madame Newberry, wo ich nun durch Ihren Kaſſirer von dem Betrug in Kennt⸗ niß geſetzt wurde, den man an Ihnen geſtern mit 7 100„ Hülfe dieſer Mulattin verübt hat. Die Anzeige von dem Mord gewann durch die Betheiligung des Mäd⸗ chens an dem Betrug an Glaubwürdigkeit, und bei An⸗ ſicht des Vriefes an die Bank kam mir der Gedanke, die Handſchrift mit der des angeblichen Mörders Ran⸗ dolph zu vergleichen. Ich bat Madame Newberry, mich auf deſſen Zimmer zu führen, verglich dort deſſen Hand⸗ ſchrift mit dem Briefe und fand zu meiner großen Be⸗ ſtürzung eine unverkennbare Aehnlichkeit zwiſchen beiden, ja ich konnte mich nicht gegen die Ueberzeugung wehren, daß Randolph dieſen Brief geſchrieben habe.“ „Es iſt ja aber gar nicht möglich, Herr Heald!“ fiel ihm der Präſident in das Wort.„Dieſer Randolph, das Muſter eines anſtändigen, ſoliden, edlen jungen Mannes!“ „So fühle auch ich, und doch, was das Auge ſieht, glaubt das Herz. Es iſt meine Pflicht, die Sache zu verfolgen und mich der Perſon Randolph's zu verſichern.“ „Es wäre ja aber ſchrecklich für ihn, wenn er un⸗ ſchuldig wäre Bedenken Sie ſeine hohe, gefeierte Stellung vor der Welt.“ „Es wäre ein Unglück, welches das Schickſal über ihn brächte, und dennoch bleibt mir nichts übrig, als ihn gefangen nehmen zu laſſen und ſeine Papiere durch⸗ zuſehen, ob ſich weitere Verdachtsgründe in denſelben 101 finden. Es thut mir leid, meine Pflicht aber läßt mir keinen andern Weg frei, denn er kann ſich jeden Augen⸗ blick entfernen. Ich bitte, mir nun auch die Anweiſung, die in dem Briefe gelegen hat, einzuhändigen.“ „Sehr gern“, antwortete der Präſident, zog die Schelle und ließ ſich durch den eintretenden Beamten die Anweiſung bringen. „Sie iſt mit dem Namen des Herrn Dandon unter zeichnet und zwar in deſſen Handſchrift ſo treu, daß er ſelbſt glauben muß, er habe es geſchrieben“, bemerkte der Präſident, indem er Heald die Anweiſung reichte. Derſelbe betrachtete das Papier und ſagte dann: „Dieſe Schrift iſt wieder eine ganz andere, ſie hat mit der Randolph's gar keine Aehnlichkeit. Ich will nun gehen, um die nöthigen Schritte zur Verhaftung des jungen Mannes zu thun, und werde ihn ohne alles Aufſehen zuerſt nach meiner Wohnung kommen laſſen; dort will ich mit ihm reden und ſehen, welchen Eindruck die Anklage auf ihn macht.“ Hiermit erhob ſich der Staatsprocurator, reichte dem Bankpräſidenten die Hand und ſagte im Weg⸗ gehen: „Ich bitte nochmals um ſtrengſte Verſchwiegenheit.“ Madame Newberry war, als der Staatsprocurator ihr Haus verließ, ſchnell an das Fenſter getreten und 10 6 hatte dann, ſoweit ihn ihr Blick verfolgen konnte, ihm ſtaunend nachgeſehen. Was in aller Welt hatte der Mann wohl mit ſeinen Fragen über Herrn Randolph gewollt und aus welchem Grunde hatte er den gefälſchten Brief mit deſſen Hand⸗ ſchrift verglichen? Sah es doch wahrlich aus, als ob er Verdacht gegen dieſen edlen, unvergleichlich braven Jüngling habe! Eine unnennbare Unruhe hatte ſich bei Gedanken dieſer Art der Frau bemächtigt, und bald drängte es ſie, Blancha von dem Geſchehenen zu unterrichten, bald aber Randolph aufſuchen zu laſſen und ihn von Heald's Be⸗ tragen in Kenntniß zu ſetzen. Dieſer hatte ihr ja aber im Namen des Geſetzes Schweigen aufgelegt, und ſo durfte ſie, ohne ſich an demſelben zu vergehen, nichts von ſeinem Beſuche laut werden laſſen. Wer konnte denn aber auch wiſſen, was er gewollt hatte und in welcher Weiſe ſein Verfahren mit Ran⸗ dolph's Perſon in Beziehung ſtand! Ein Unrecht konnte man in dieſem unmöglich ſuchen. Die Glocke in dem Hotel, in welchem Albert zu Mittag ſpeiſte, rief zu Tiſche, als dieſer mit dem Ad⸗ vocaten Portman in deſſen Office ſaß und mit ihm einen wichtigen Rechtsfall beendet hatte, deſſen Entſcheidung nahe bevorſtand.„Ihre Anſichten ſtimmen mit den S 103 meinigen vollkommen überein und der Proceß muß ver⸗ loren gehen; ich kann und werde die Vertheidigung für keinen Preis übernehmen“, ſagte Portman, indem er die Papiere, welche ſie durchgeſehen hatten, zuſammenlegte und ſie Randolph hinreichte. Dann lehnte er ſich in dem großen Armſeſſel zurück, ſchlug ein Bein über, und fuhr mit freundlichem Tone fort: „Mit Ablauf des Jahres, lieber Randolph, habe ich nun feſt beſchloſſen, meine Praxis aufzugeben und Ihnen dieſelbe zu überlaſſen; ich bin ſtolz darauf, einen ſolchen ehrenwerthen, talentvollen Nachfolger zu bekom⸗ men. Halten Sie ſtets, wie ich es that, an dem Grund⸗ ſatz feſt, ſich immer nur des Rechts anzunehmen, nie aber ſich herabzuwürdigen, aus dem Unrecht Recht zu machen; einen Schurken können Sie niemals zum ehr⸗ lichen Manne erheben, wohl aber ſich ſelbſt mit ihm auf gleiche Stufe ſtellen. Der Gewinn, den Sie aus dem Unrechte ziehen, wird ſich Ihnen ſtets in Verluſt um⸗ wandeln, und unterliegen Sie auch in der Vertheidigung des Rechts, ſo bleiben Sie in dem Gefühl jedes recht⸗ lichen Mannes doch immer Sieger. Wir wollen bald die Ankündigung veröffentlichen, daß Sie mit dem neuen Jahre meine Praxis übernehmen werden.“ „Ihr liebevolles, väterliches Wohlwollen, Herr Port⸗ 104 1 man, macht mich mehr wie glücklich und ich werde durch Fleiß und unbedingtes Feſthalten an Ihren ehrenhaften Grundſätzen mich beſtreben, Ihrer Güte, Ihres Vertrauens würdig zu ſein“, ſagte Albert tief ergriffen, erfaßte die Hand des alten Biedermannes und küßte ſie. Da öffnete ſich die Thür Office und der Sheriff trat herein. „Nun, was bringen Sie uns, Herr Sheriff?“ 5 Portman zu ihm aufſehend. „Ich habe mich eines Auftrags zu entledigen, den ich gern einem Andern überlaſſen haben würde“, ant⸗ wortete dieſer mit befangener Stimme. „So ernſt, Herr Sheriff? Sie wollen mich doch nicht verhaften?“ ſagte Portman lächelnd. „Nein, Herr Portman. Nicht Ihnen, dem Herrn Albert Randolph gilt mein Beſuch; im Namen des Ge⸗ ſetzes muß ich Beſitz von ſeiner Perſon nehmen“, ent⸗ gegnete der Beamte und heftete ſeinen Blick auf Albert, der ihn lächelnd und fragend anſchaute, als erwarte er nun die Erklärung des Scherzes. Im nächſten Augen⸗ blick aber wurden ſeine Züge ernſt und mit feſter, un⸗ muthiger Stimme ſagte er: „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Sheriff, und verbitte mir ſolche Thorheiten.“ „Es iſt voller Ernſt, Herr Randolph. Hier iſt der 6 105 Verhaftsbefehl gegen Sie“, antwortete der oete und zeigte ihm denſelben vor. „Was iſt das?“ rief Portman aufſpringend, er⸗ griff das Papier und warf einen flüchtigen Blick auf daſſelbe, dann fuhr er mit Entrüſtung fort:„Auf wel⸗ chen Grund hin will man meinen Geſchäftsführer ver⸗ haften?“ „Das kann ich nicht ſagen, Herr Portman“ er⸗ widerte der Sheriff.„Ich ſoll den Herrn Randolph zu dem Staatsprocurator führen.“ „Eine Rückſichtsloſigkeit ſondergleichen!“ ſagte Port⸗ man mit zornigem Tone.„Ich dächte, dieſem Herrn Heald, der mir ſeine Stelle zu verdanken hat, wäre der Weg wohl nicht zu weit geweſen, ſelbſt hierher zu kommen und dieſen einfältigen Spaß zu erklären.“ Dann wondte er ſich zu Randolph und ſagte be⸗ ruhigend: „Kommen Sie, mein lieber junger Freund, ich werde Sie ſelbſt zu dieſem großthuenden Herrn begleiten und eine genugthuende Aufklärung erbitten.“ „Nein, nein, beſter Herr Portman. Warum ſollen Sie ſich ärgern? Laſſen Sie mich allein gehen, ich denke ſchon mit ihm fertig zu werden“, fiel Albert mit unter⸗ drücktem Zorn ein, nahm ſeinen Hut und ſagte zu dem Gerichtsdiener:„Ich bin bereit, Herr Sheriff, Ihnen zu folgen!“ Doch Portman ſchlang Randolph's Arm mit den Worten in den ſeinigen: „Wer Sie angreift, greift mich an, und wo Sie bleiben, bleibe auch ich. Kommen Sie, der Mann ſoll wiſſen, wer wir ſind!“ Hiermit ſchritt der alte Herr mit Albert ſtürmiſch in die Straße hinaus und der Sheriff folgte ihnen ſchweigend. Mit wachſender Aufregung und Spannung eilten ſie dahin und erwiderten kaum die vielen Grüße, die ihnen von allen Seiten geboten wurden. „Was um des Himmels willen mag es nur ſein, was ſie vorhaben! Irgend eine juriſtiſche Spitzbüberei, Sie zu verhaften!“ ſagte Portman im Vorwärtsſchreiten mit vor Zorn bebender Stimme. „Gott weiß, ich habe gar keine Ahnung davon; es ſoll aber dem Urheber ein theurer Scherz werden“, ver⸗ ſetzte Albert, ſeine Entrüſtung bekämpfend. „Haben Sie denn mit Jemand Streit gehabt oder eine Drohung gegen irgend Jemand ausgeſtoßen?“ „Durchaus nicht, ich lebe mit Jedermann in Frieden und gutem Vernehmen. Meines Wiſſens habe ich gar keinen Feind“ entgegnete Albert, und hin und her den⸗ kend und fragend erreichten ſie die Wohnung des Staats⸗ procurators. 107 Der Sheriff trat mit ihnen in das Haus ein und öffnete die Zimmerthür Heald's mit den Worten: „Hier bringe ich den Gefangenen Albert Ran⸗ dolph.“ „Und hier iſt John Portman, um Rechenſchaft über ein ſo rückſichtsloſes Verfahren gegen meinen Geſchäfts⸗ führer und alſo auch gegen mich von Ihnen zu fordern, Herr Heald“, ſagte Portman, indem er mit Albert in das Zimmer trat, wo der Staatsprocurator ſie mit einer ernſten Verbeugung empfing. „Setzen Sie ſich, meine Herren!“ nahm dieſer das Wort und deutete auf zwei Stühle, welchen gegenüber er ſelbſt Platz nahm. Dann fuhr er mit ruhigem Tone fort: „Es iſt mir lieb, Herr Portman, daß Sie ſelbſt mitgekommen ſind, damit Sie ſich davon überzeugen, daß Sie unter denſelben Verhältniſſen vollſtändig ebenſo ge⸗ handelt haben würden wie ich.“ „Sie machen mich wirklich neugierig, Herr Heald“, entgegnete Portman ungeduldig. „Herr Randolph iſt des Mordes bei mir angeklagt und deſſelben ſowie einer bedeutenden Fälſchung ver⸗ dächtig“, ſagte Heald und heftete ſeinen Blick feſt auf Albert. Halb erſchrocken fuhr Portman bei dieſen Worten 108 8 herum und ſah Albert an, als wolle er deſſen Antwort auf ſeinem Geſichte leſen. Dieſer aber warf dem Staatsprocurator einen wuth⸗ flammenden Blick zu und ſagte mit vor Zorn zitternder Stimme: „Daß Sie, Herr Heald, einer ſolchen nichtswürdi⸗ gen Verleumdung Ihr Ohr leihen und darüber eine Frage an mich ſtellen können, erkläre ich für eine Theil⸗ nahme an dieſer Schandthat ſelbſt. Es iſt unter meiner Würde, darauf zu antworten.“ Albert ſagte dieſe Worte mit ſo unverkennbarer innerſter Entrüſtung und mit ſolchem Stolz, daß der Staatsprocurator für den Augenblick die Faſſung verlor und mit einem entſchuldigenden Tone antwortete: „Wenn ich auch ſelbſt nicht an Ihre Schuld ge⸗ glaubt habe, ſo darf ich in meiner Stellung doch mei⸗ nem eigenen Gefühl nicht folgen, ſondern muß ſolche triftige Verdachtsgründe, wie gegen Sie vorliegen, be⸗ rückſichtigen. Um aber ſo ſchonend als möglich gegen Sie zu verfahren, habe ich Sie zu mir hierher führen laſſen.“ „Ich bitte, mir die Verdachtsgründe, auf welche hin man mich verhaften konnte, zu bezeichnen und mir mei⸗ nen Ankläger zu nennen“, verſetzte Albert mit feſtem, ſtolzem Tone. „Sie ſind angeklagt, die Mulattin des Herrn New⸗ 109 berry in verfloſſener Nacht in den Fluß geworfen zu haben. Das Mädchen iſt verſchwunden“, ſagte Heald. „Und wer hat die Anzeige hiervon bei Ihnen ge⸗ macht?“ „Ein Unbekannter durch einen Brief, welchen ich heute früh erhielt.“ „Zweifelsohne war es der Mörder ſelbſt, der die⸗ ſen Brief ſchrieb, Herr Heald“, fiel Portman raſch ein. „So dachte auch ich“, fuhr der Staatsprocurator fort,„bis ich hörte, daß dieſe Mulattin Luch geſtern in der Bank auf eine gefälſchte Anweiſung zweitauſend Dollars einkaſſirt habe.“ „Und darin können Sie einen Verdachtsgrund gegen Herrn Randolph finden?“ nahm Portman mit verbiſſe⸗ nem Zorn wieder das Wort. „Nein“, antwortete Heald ruhig.„Die Anweiſung wurde aber der Bank in einem gefälſchten Schreiben übergeben und in dieſem Schreiben fand ich den Grund zu dem Verdacht“, entgegnete Heald, nahm Harry's Brief von dem Tiſch und reichte ihn Portman mit den Wor⸗ ten hin:„Was halten Sie von dieſer Handſchrift?“ Bei dem erſten Blick, den der alte Herr auf das Schreiben that, fuhr er wie vom Blitz getroffen zuſam- men, ſtierte noch eine Weile auf das in ſeiner Hand zitternde Papier und hob nun ſeine Augen fragend zu 110 Albert auf. Dieſer aber ſah ihn verwundert an und ſagte mit unbefangenem, doch erſtauntem Tone: „Und in welcher Weiſe wirft dieſer Brief einen Ver⸗ dacht auf mich?“ „Haben Sie dieſes geſchrieben, Randolph?“ fragte Portman jetzt mit feierlichem Tone und reichte Albert das Papier hin. Dieſer erſchrak ſichtbar und wurde bleich, auch in ſeiner Hand zitterte das Blatt und ſein Blick ſtierte die Schrift an, als ob er ein Geſpenſt vor ſich ſähe. Dann aber ſchaute er dem Alten offen in die Augen und ſagte: „Nein, ſo wahr ich an Gottes Barmherzigkeit glaube! Es iſt eine Schandthat, die ein Nichtswürdiger an mir verübte, indem er meine Handſchrift fälſchte.“ „Ich hoffe, ich bin nun vor Ihnen beiden gerecht⸗ fertigt wegen meines Verfahrens“, hob der Staatsprocura⸗ tor an, indem er den Brief aus Albert's Hand empfing. „Vollkommen, Herr Heald. Es iſt Ihre Pflicht, das gerichtliche Verfahren gegen meinen jungen Freund fortzuſetzen. Wieviel Caution verlangen Sie für deſſen Freiheit während der Zeit der Verhandlungen?“ verſetzte Portman mit einer höflichen Verbeugung, worauf der Staatsprocurator einige Augenblicke finnend vor ſich hinſchaute und dann ſagte: 111 hntauſend Dollars iſt keine zu hohe Forderung bei einer ſo ſchweren Anklage.“ „Ich übernehme es, dieſe Sicherheit für ihn zu leiſten, und werde ſogleich den Betrag nach Ihrer Ver⸗ fügung niederlegen“, erwiderte Portman aufſtehend und reichte Albert die Hand mit den Worten: „Nun laſſen Sie uns nach Hauſe gehen und den Aerger über dieſe Schurkerei zu vergeſſen ſuchen.“ „Ich habe die Zimmer des Herrn Randolph verſie⸗ geln laſſen müſſen, weil ich deſſen Papiere durchzuſehen genöthigt bin, und vor morgen früh werde ich nicht zu dieſer Arbeit ſchreiten können“, fiel Heald ein und fügte noch höflich hinzu:„Ich wollte dieſes Geſchäft aus Rück⸗ ficht für Sie beide, meine Herren, keinem Andern über⸗ tragen.“ „So werde ich unſern Gefangenen mit mir nach meinem Hauſe nehmen“, ſagte Portman lächelnd, reichte Heald die Hand zum Abſchied, Albert that ein Gleiches und dann begaben ſie ſich nach Portman's Wohnung. Fünftes Kapitel. Herr und Madame Newberry hatten ſich heute eben am Tiſche niedergelaſſen, um zu Mittag zu ſpeiſen, als ein Gerichtsdiener in das Haus kam und ſich von ihnen den Schlüſſel zu Albert's Zimmer ausbat. Beftürzt und geängſtigt begleiteten beide den Mann hinauf nach Al⸗ bert's Wochnung, wo derſelbe, nachdem er alle Fenſter geſchloſſen hatte, mit der Thür ein Gleiches that und dieſelbe dann mit dem Gerichtsſiegel verſiegelte. „Aber um Gotteswillen, warum geſchieht dies denn?“ fragte Madame zu Tode geängſtigt den Diener. „Das weiß ich nicht“, antwortete dieſer theilnahm⸗ los.„Wie man aber ſagt, ſoll die Verhaftung des Herrn Randolph mit dem Verſchwinden Ihres Mulattenmäd⸗ chens zuſammenhängen. 4 „Verhaftung?“ rief Madame Newberrh entſetzt aus und ſchlug die Hände zuſammen. Der Gerichtsdiener 113 aber te den Schlüſſel in ſeine Taſche und verließ das Haus. Kaum war der Mann in der Straße, als Madame Newberry an Blancha Dandon ſchrieb und ſie bat, ſie unfehlbar an dieſem Abend zu beſuchen, da ſie ihr eine höchſt dringende Mittheilung zu machen habe. Sie ſandte das Schreiben durch ein Negerkind hinüber und trug dieſem auf, den Brief Fräulein Dandon ſelbſt zu über⸗ geben. Blancha ſaß am Fenſter und harrte ihres Va⸗ ters, denn es war beinahe deſſen Zeit, aus dem Leſe⸗ elub zurückzukehren, um zu Mittag zu ſpeiſen. Da ſah ſie das Negerkind über den Platz geſprungen kommen und in ihre Wohnung eintreten, und ſie eilte in den Corridor hinaus, um ihm den Brief abzunehmen, den Albert ihr wahrſcheinlich überſandte. Am Morgen um die gewohnte Stunde hatte ſie vergebens nach der Woh⸗ nung des Geliebten hinübergeſchaut, um ihn dieſelbe ver⸗ laſſen zu ſehen; er mußte heute aus irgend einem Grunde ſchon ſehr früh ausgegangen ſein. „Bringſt Du mir einen Brief, kleine Cecil?“ ſagte Blancha freundlich zu dem Kinde und nahm ihm den Brief aus der Hand, bemerkte aber ſogleich ihren Irr⸗ thum, indem er nicht von Albert, ſondern von Madame Newberrh überſchrieben war. Armand, Saat und Ernte. MI. 8 114 „Warum hat nicht Luch mir den Brief gebracht fragte Blancha, indem ſie denſelben öffnete. „Luch iſt fort“, antwortete die Kleine, während jene das Schreiben las. „Was ſagſt Du? Luch iſt weg? Wohin iſt ſie denn?“ fuhr Blancha raſch fort und blickte von dem Brief erſtaunt auf das Negerkind. „Die Herrin weiß es nicht, ſie iſt aber fort“, erwi⸗ derte die kleine Sklavin. „Das iſt ja ſonderbar“, bemerkte Blancha vor ſich hin, klopfte dann dem Kind auf das wollige Köpfchen und ſagte:„Grüße Deine Herrin von mir und ſage ihr, ich würde heute Abend zu ihr kommen.“ Die Kleine ſprang die Treppe hinab und Blancha begab ſich gedankenvoll in ihr Zimmer, „Luch fort?“ dachte ſie„Sie kann doch unmöglich fortgelaufen ſein. Dies iſt ſicher der Grund, weshalb mich die Newberry zu ſprechen wünſcht.“ Sie hatte ſich eben in das Sopha niedergelaſſen, als die Schelle laut ertönte und gleich darauf die Tritte Dandon's im Corridor hörbar wurden. Mit ungewohnter Haſt trat er zu Blancha in das Zimmer und ſagte, ſeinen Hut auf den Tiſch ſtellend, in großer Aufregung: „Da haben wir es. Nun, ich ſagte es ja immer, man ſoll einem Lump nicht weiter trauen, als man ihn ſehen kann!“ „Was iſt denn geſchehen, Vater? Du erſchreckſt mich“, ſagte Blancha, geängſtigt auf ihn zutretend. „Was geſchehen iſt? Dieſer Lump hat eine An⸗ weiſung über zweitauſend Dollars auf die Bank ausge⸗ ſchrieben und meinen guten Namen darunter gefälſcht, und zwar ſo ſchlecht, daß ich nicht begreife, wie die Herren das Geld daraufhin bezahlen konnten. Ich bin ſo eben bei dem Staatsprocurator geweſen und habe das Gekritzel ſelbſt angeſehen. Die Leute müſſen keine Augen gehabt haben. Er hat das Geld durch Newberry's Mu⸗ lattin einkaſſiren laſſen und das Mädchen dann in der Nacht in den Fluß geworfen. Er iſt aber ſchon in den Händen der Gerechtigkeit und wird bald den Galgen zieren. Das hat man davon, wenn man ſich mit Lum⸗ pen abgibt.“ 4„Aber um Gotteswillen, Vater, von wem ſprichſt Du denn?“ fragte Blancha mit geängſtigter Stimme. „Von wem anders als von dieſem Lump, dieſem Randolph“, antwortete er im höchſten Zorn. „H Gott!“ ſtieß Blancha aus, preßte beide Hände auf ihr Herz und wankte nach dem Sopha zurück, aber noch ehe ſie daſſelbe erreichte, ſank ſie leblos auf dem Teppich zuſammen. 8* 6 „Blancha, Blancha, mein Kind!“ rief der Alte zu Tode erſchrocken und ſuchte ſie aufzurichten, ſie aber lag bleich wie ein Marmorbild da und alles Leben ſchien aus ihr gewichen zu ſein. „Hülfe, Hülfe!“ ſchrie Dandon jetzt und riß ſo heftig an dem Schellenzug, daß derſelbe von der Wand fiel, dann ſtürzte er an die Thür und rief in den Corri⸗ dor hinaus. Die Dienerſchaft eilte herbei, Blancha wurde auf das Sopha gehoben, es wurde nach dem Doctor ge⸗ ſchickt und die Sklavinnen wuſchen der Ohnmächtigen Schläfe und Nacken mit belebenden Eſſenzen, umſonſt, der Tod hielt ſie feſt in ſeinen Armen. Starr und leb⸗ los fand ſie noch der herbeieilende Arzt, und auch ſeiner Kunſt widerſtund noch lange die tiefe Ohnmacht, die ſie umfangen hielt; endlich aber bewegte ein leichtes Zittern ihre bleichen Lippen, ihr Buſen begann ſich müh⸗ ſam zu heben und das Leben kehrte in ſie zurück. Matt und wirr hing ihr Blick an ihrer nächſten Umgebung, ſie ſchien ſich zu beſinnen und nach dem Gräßlichen zu ſuchen, vor deſſen Gewalt ſie aus dem Leben geflohen war und deſſen furchtbar erſchütternder Eindruck noch wie ein Alp auf ihrer Seele lag. Da trat ihr Vater glückathmend leiſe an ihre Seite, ergriff ihre Hand und ſagte, ſich zu ihr niederbeugend, mit leiſer Stimme: 117 „Gott Lob, meine Blancha, daß Du Dich erholſt, Du biſt ſo ſehr über dieſen Nichtswürdigen erſchrocken.“ Wie wenn der Blitz die Nacht erhellt, ſo durchzuckte Blancha die volle Erinnerung an das Furchtbare, welches ſie niedergeſchmettert hatte, das Wort Verhaftung durch⸗ dröhnte ihre Seele, und alle Kraft zuſammenraffend, wollte ſie ſich erheben. Der Arzt aber verhinderte ſie daran, bat ſie, ſich der vollſten Ruhe hinzugeben, er⸗ laubte nur ihrer Dienerin Suſanna bei ihr zu bleiben und verließ mit Dandon das Zimmer. Kaum hatten dieſelben ſich entfernt, als Blancha nach ihrem Schreibtiſch wankte und dort mit bebender Hand an Madame Newberrh ſchrieb: „Sagen Sie mir mit wenigen Worten, was Sie von Albert wiſſen; ſagen Sie mir aber die Wahrheit. Heute Abend komme ich zu Ihnen.“ Schnell faltete ſie das Papier zuſammen, verſiegelte es und ſandte es durch Suſanna an Madame Newberry. So lange hatte Blancha's Willenskraft ihr die äußere Ruhe erhalten, doch als die Thür ſich hinter der Dienerin ſchloß, da brach der Sturm ihres entſetz⸗ lichen Unglücks die Feſſeln, die Hände ringend ftürzte ſie vor dem Sopha nieder, und ſich ihrer Verzweiflung hingebend, entquollen Ströme von Thränen ihren Augen. „Mein Glück, meine Seligkeit, mein Albert, mein 118 braver, guter Albert!“ jammerte ſie und verbarg bald ihr Antlitz in ihren Händen, bald hob ſie dieſelben zit⸗ ternd empor und ſah mit herzzerreißendem, wehevollem Blick nach oben. Jeder klare Gedanke hatte ſie verlaſſen, wild verworrene Schreckbilder jagten ſich vor ihrem Geiſte und aus allen ſchauten ihr die ernſten Augen Albert's entgegen. Sie hatte abermals ihr Antliz mit ihren Händen bedeckt und war mit demſelben auf das Sopha niedergeſunken, als ihre Dienerin in das Zimmer trat, ſie, ſich aufraffend, ihr entgegeneilte und den Brief von Madame Newberry aus ihrer Hand nahm. Kaum war ſie im Stande, denſelben mit ihren zit⸗ ternden Händen zu öffnen; ſie wankte in das Sopha zurück, wo ſie die Zeilen las: „Albert iſt verhaftet, doch alle Gerichte der Welt werden ihn keines Unrechts zeihen können. Seien Sie ruhig und gefaßt, theure Blancha, ein Zweifeln an ſſeiner Unſchuld wäre ein Verbrechen. Ich erwarte Sie heute Abend.“ Miit einem krampfhaften tiefen Athemzug ließ Blancha ihre Hände mit dem Briefe in ihren Schooß ſinken und ſchaute durch die Thränen, die ihre Augen füllten, un⸗ beweglich vor ſich auf den Fußboden nieder. So ſaß ſie lange Zeit; ihr ſonſt ſo ſtarker, willensfeſter Geiſt war durch den unerwarteten Schlag niedergeſchmettert und 119 betäubt und vergebens ſuchte ſie nach einem Gedanken zum Handeln, um ſich an ihm aufzurichten. Was ſollte, was konnte ſie thun, um Albert zu Hülfe zu kommen und vielleicht noch größeres Unglück von ihm abzuwehren? Da fiel ihr der Arzt ein, der wahrſcheinlich bei ihrem Vater zum Mittagseſſen bleiben würde und der ihr ſo dringend Ruhe anempfohlen hatte; ſie durfte nicht mehr krank ſein, wollte ſie nicht abends ihren Vater am Aus⸗ gehen hindern und ſich ſelbſt um ihren Beſuch bei Ma⸗ dame Newberry bringen. Ihre ganze Willenskraft zuſammennehmend, ging ſie in ihr Schlafgemach, kühlte ihre verweinten Augen, Suſanna mußte ihre Toilette ordnen, und entſchloſſen, ihre äußere Erſcheinung zu beherrſchen, verließ ſie ihr Zimmer und begab ſich nach dem Speiſeſaale. „Um des Himmels willen, Fräulein!“ rief ihr der Arzt entgegen, der mit Dandon vor ihr eingetreten war, und dieſer eilte mit den Worten auf ſie zu: „Aber, beſte Blancha, Du ſollteſt ja auf Deinem Zimmer bleiben und Dich ruhen.“ Blancha aber ſagte mit möglichſt feſter Stimme: „Ich habe mich vollſtändig erholt, lieber Vater; es war ja nur der Schreck, der mich betäubte“, und ſchritt nun zu ihrem Stuhl am Tiſche, da ſie fühlte, wie ihre Füße ihr wieder den Dienſt verſagen wollten. „Gott Lob denn, daß wir mit der Angſt davonge⸗ kommen find!“ nahm Dandon beruhigt abermals das Wort und führte den Arzt zu der Tafel, indem er ſagte: „Wenn auch die Veranlaſſung eine ſehr böſe war, ſo haben wir doch nun die Freude, unſern lieben Doctor einmal bewirthen zu können. Sie machen ſich ſo ſelten, beſter Freund.“ „Mein Beruf vergönnt es mir nicht verehrter Herr Dandon, meiner Neigung zu folgen und meine Freunde zu beſuchen, auch ohne daß ſie meiner Hülfe be⸗ dürfen. Meine einzige Erholung iſt mir in unſerm Club beſchieden; Jedermann weiß, daß ich während der Abend⸗ ſtunden dort zu finden bin. Kommen Sie heute ein wenig?“ „Wenn meine Blancha mich auf einige Stunden beurlauben will, ſo werde ich mich einfinden“, entgeg⸗ nete Dandon ſcherzend und drückte dabei ſeiner Tochter die Hand. „Aber, lieber Vater, Du weißt es ja, daß Du mir keine größere Freude machen kannſt, als wenn Du in Deine Geſellſchaft gehſt“, erwiderte Blancha mit erzwun⸗ genem Lächeln und that ſich Gewalt an, gerade zu ſitzen, denn es war ihr, als müſſe ſie jeden Augenblick um⸗ finken. 6 „Ste ſollten aber ein Glas Wein trinken, Fräulein! Die Ohnmacht hat Sie doch etwas angegriffen; Sie ſind ſehr blaß“, ſagte der Doctor zu ihr, und Dandon füllte ihr Glas ſchnell mit Madeira, indem er bemerkte: „Ja, ja, das wird Dir ſicher gut thun, es iſt der beſte Wein in der Stadt.“ Blancha trank davon, anſtatt aber ſich dadurch ge⸗ ſtärkt zu fühlen, trieb der Wein ihr das Blut nach Kopf und Herzen, es war ihr, als verlöre ſie den Athem, und eine entſetzliche Angſt kam über ſie. Dennoch blieb ſie aufrecht ſitzen und beſchäftigte ihre Hände mit Meſſer und Gabel, denn ſie durfte nicht krank erſcheinen, und wenn ſie todt umgefallen wäre. Sie ſaß wie auf der Folterbank, bald heiß, bald kalt lief es ihr durch die Glieder, ſie ſtützte ſich mit beiden Armen auf den Tiſch, hielt mit aller Gewalt ihr Ohr auf die Unterhaltung der beiden Männer gerichtet, um ihnen nicht abweſend zu erſcheinen, und zwang ſich, jeden ihrer Blicke mit einem Lächeln zu beantworten. Dabei durchzerrte der Gedanke an Albert ihre Seele mit Weh und Verzweiflung, und ihr Herz zog ſich krampfhaft im Schmerz zuſammen. Endlich war es ihr vergönnt, ſich zu erheben. Ein Diener brachte andern Wein und friſche Gläſer, ein zweiter ſtellte einen Teller mit Cigarren und eine brennende Wachskerze auf den Tiſch, und Dandon gab Blancha den bei ſolchen Gelegenheiten gewohnten Seitenblick. Sie ſtand auf, wünſchte den Herren lächelnd fröhliche Laune und ſchritt wie auf ſchwankendem Boden zum Saale hinaus. Als aber die Thür ſich hinter ihr geſchloſſen hatte, ver⸗ ließen ſie plötzlich ihre Kräfte, ſodaß ſie kaum noch die Treppe, welche in den zweiten Stock führte, erreichen konnte; ſie ſetzte ſich auf derſelben nieder und lehnte, die Augen ſchließend, ihre Stirn gegen das Geländer, denn ihre Umgebung drehte ſich mit ihr im Kreiſe. Der Zufall führte gleich darauf Suſanna durch den Corridor; erſchrocken ſprang dieſelbe ihrer Herrin zu Hülfe, richtete ſie auf und geleitete ſie nach ihren Zimmern. Machtlos und gänzlich erſchöpft ſank Blancha dort in das Sopha, ihre Hände lagen gefaltet auf ihrer Bruſt und ihre Augen hatten ſich wieder geſchloſſen. Sie war todtenbleich und nur der zitternde Ton des von Zeit zu Zeit aus tiefer Bruſt aufgeſtoßenen Athems verrieth, daß ſie noch zu den Lebenden gehöre. Suſanna hatte ſich vor ihr auf den Fußboden niedergeworfen und ſah ängſtlich zu ihr auf, als zähle ſie ihre Athemzüge, und als Blancha ihre Hand von ihrer Bruſt herabſinken ließ, ergriff ſie die Negerin und preßte ſie zärtlich gegen ihre Wange. Lange Zeit hatte Blancha ſo geruht, als ſie die Augen aufſchlug und zu der Sklavin ſagte: „Du biſt ein gutes, treues Mädchen, Suſanna, 123 und haſt mich lieb, vielleicht iſt jetzt die Zeit gekommen, wo Du mir Deine Treue, Deine Liebe durch die That beweiſen kannſt.“ „Mit Hingabe meines Lebens, wenn es nöthig iſt, will ich ſie Ihnen beweiſen, meine einzig geliebte Herrin!“ antwortete die Negerin raſch und drückte ihre Lippen wieder und wieder auf Blancha's Hand. „Lege das Buch dort von meinem Secretär hier auf den Tiſch, Suſanna, dann aber gehe hinaus in den Corridor, und ſobald die Herren den Saal verlaſſen, komm ſchnell zu mir, der Doctor wird ſich, ehe er geht, noch von meinem Befinden überzeugen wollen.“ Die Sklavin that, wie ihr befohlen, und verließ das Zimmer, während Blancha wieder die Augen ſchloß und in ihre vorige Abgeſpanntheit verſank. Nicht daß dieſe erzwungene Ruhe ihren Seelenſchmerz gelindert oder daß Schlummer ſich ihrer erbarmt hätte, mit der Dunkelheit aber, in welche ſie ihren Blick hüllte, wurden die Bilder ihres Unglücks undeutlicher, ihre Gedanken wurden verworrener und der Quell ihrer Thränen ver⸗ ſchloß ſich. Nach Verlauf einer Stunde glitt Suſanna plötz⸗ lich in das Zimmer und zeigte ihrer Herrin an, daß die beiden Herren jetzt den Speiſeſaal verließen. Blancha ſetzte ſich raſch auf, ergriff das Buch und ſchien, die 124 Stirn auf ihre Hand geſtützt, in daſſelbe vertieft zu ſein, als der Arzt mit ihrem Vater eintrat. „Sieh da, unſere Patientin im Leſen vertieft! Ich kann ſie von der Krankenliſte ſtreichen“, ſagte der Doctor, indem er ſich Blancha näherte, reichte ihr dann die Hand und verabſchiedete ſich aufs freundlichſte bei ihr. Dandon geleitete ihn aus dem Zimmer und entließ ihn an der Thür mit den Worten: „Auf Wiederſehen heute Abend, lieber Doctor!“ Dann kehrte er in den Salon zurück und ſagte, ſeinen Halskragen in die Höhe ziehend: „Gott Lob, Blancha, daß der Schreck keine weitern Folgen gehabt hat! Du warſt entſetzlich lange ohnmäch⸗ tig. Um einen ſolchen Lump ſich ſo abängſtigen zu müſ⸗ ſen! Er ſoll aber ſeiner verdienten Strafe nicht entgehen! Heute Abend werde ich ſicher noch Näheres über ihn hören und will es Dir dann morgen erzählen. Jetzt habe ich noch einen Brief zu ſchreiben und gehe dann in den Club. Darum gute Nacht, liebe Blancha! Lege Dich früh zur Ruhe, Du biſt doch noch angegriffen, man ſieht es Dir an.“ Blancha's Herz ſetzte ſeine Schläge aus und es war ihr, als würde ihr die Bruſt zuſammengeſchnürt, der Gedanke an ihren Beſuch bei der Newberry aber machte ihr ein Lächeln möglich, und die Hand ihrem Vater hinhaltend, ſagte ſie: 125 „Gute Nacht, lieber Vater!“ „Deine Hand iſt wirklich ganz kalt. Du ſollteſt eine Taſſe warmen Thee mit etwas Portwein trinken, es würde Dir gut thun“, verſetzte Dandon, ihre Hand zwi⸗ ſchen den ſeinigen haltend. „Ja, ich will es thun“ erwiderte Blancha, dem Umſinken nahe, als Dandon ſie noch auf die Schulter klopfte und dann mit nochmaligem„Gute Nacht!“ das Zimmer verließ. „Ein Glas Waſſer!“ rief Blancha mit machtloſer Stimme, ſank in das Sopha zurück und ſchloß die Au gen, doch in der nächſten Sekunde flog Suſanna ſchon mit dem Trunk herbei und hielt ihn ihrer Herrin an die bleichen Lippen. Die Ohnmacht ging vorüber und unter einem Strome von Thränen kam Blancha wieder zu ſich. „O Gott, wo ſoll ich die Kraft hernehmen, mich aufrecht zu erhalten!“ ſagte ſie halblaut, preßte ihre gefalteten Hände auf ihr Herz und fiel mit ihrem Haupte wieder auf das Polſter, während die Sklavin das Glas auf den Tiſch geſtellt hatte und nun ihrer Herrin lieb⸗ koſend die Locken ſtrich. „Wenn das Unglück am größten, iſt Gott am näch⸗ ſten, Herrin!“ ſagte die Negerin, ſich ſchmerzerfüllt über Blancha neigend, und hielt ihre großen braunen Augen auf déren bleiche Züge geheftet. 126„ Es war ſehr düſter im Zimmer geworden, als Blancha ſich plötzlich erhob und nach dem Fenſter ſchaute „Geh, Suſanna, und erkundige Dich, ob mein Vater ſchon ausgegangen iſt“, ſagte ſie zu der Die nerin. „Soll ich nicht vorher die Lampe anzünden?“ ent⸗ gegnete dieſe. „Nein, das Halbdunkel thut mirzwohl. Geh, Su- ſanna!“ antwortete Blancha, worauf die Negerin ſich entfernte. Bald darauf kehrte dieſelbe zurück und brachte die Nachricht, daß Herr Dandon ſchon Licht habe und noch am Schreibtiſche ſitze. Blancha war an das Fenſter getreten und ſah nach Newberry's Haus hinüber; deren Wohnzimmer war ſchon hell, dunkel aber Albert's Fenſter. Blancha ließ ihre gefalteten Hände vor ſich niederſinken und heiße Thränen netzten ihre Wangen. Mit welcher Seligkeit, mit welchen Hoffnungsträumen hatte ſie ſo unzählige Male nach jenen Fenſtern geſchaut, und wie oft hatte Albert's Blick ihr die Erfüllung aller ihrer Wünſche verheißen! Wo war jetzt Hoffnung, wo war Glück! Mit der Stirn an die kühlen Fenſterſcheiben ge⸗ lehnt, ſtand Blancha unbeweglich daß es wurde dunkel, in der Straße wurden die Laternen angezündet und vor 127 den hellen Fenſtern in Newberry's Haus wurden die Laden geſchloſſen, da ertönte die Thürſchelle in Dan⸗ don's Wohnung und Blancha ſah ihren Vater hinaus in die Straße ſchreiten. „Meinen Shawl, Suſanna!“ rief ſie der Sklavin zu. Im Augenblick war ihr Befehl ausgeführt, ſie nahm das große Tuch, warf es über den Kopf, hüllte ſich hinein und eilte von der Negerin gefolgt aus dem Zimmer. Sie ſollte von Albert hören! Mit ſchnellen Schrit⸗ ten erreichte ſie die Straße und betrat den Weg über den Platz, aber nicht mit dem gewohnten lauten Herz⸗ ſchlag, der beſeligenden Sehnſucht, dem Glück der Hoff⸗ nung, die ſie ſo oft hinüberbegleitet hatten; mit Angſt und Schrecken ſchaute ſie nach den dunklen Fenſtern Albert's hinauf und mit Thränen in den Augen erreichte ſie die Hausthür. Madame Newberry ſelbſt öffnete die⸗ ſelbe und nahm Blancha ſchweigend in ihren Arm. Auch nachdem ſie in das Zimmer eingetreten waren, fehlten beiden noch die Worte, und erſt als Blancha den Shawl von ihrem Kopfe ſinken ließ und die Frau deren Thränen ſah, ergriff ſie die Hand des weinenden Mäd⸗ chens und ſagte: „Faſſung, beſte Blancha, es wird ja ſicher Alles gut werden. Die Unſchuld, die Tugend muß ſiegen; 128 kommen Sie, ſetzen Sie ſich und laſſen Sie uns über⸗ legen, was wir thun ſollen.“ Hiebei ſchlang die Frau mit innigſter Theilnahme ihren Arm um Blancha und führte ſie nach dem Seſſel vor dem Kamin. Dort fuhr ſie fort: „Mein Mann iſt ausgegangen, um noch genauere Erkundigungen einzuziehen, und wird uns, wenn er zu⸗ rückkommt, auch ſeinen Rath geben. Mein Gott, es iſt ja ganz unmöglich, daß Herr Randolph nicht Gerechtigkeit und vollſte Genugthuung finden ſollte, er hat ſo viele Freunde!“ Hierauf theilte ſie Blancha alles Vorgefallene mit und ſchloß ihren Bericht mit den Worten: „Unbegreiflich nur bleibt es mir, in welcher Weiſe Luch, das unglückliche Mädchen, dazu vermocht worden iſt, das Geld einzuziehen, ſie muß wirklich geglaubt ha⸗ ben, es ſei für mich beſtimmt geweſen. Das arme Kind hat es mit ſeinem Leben zahlen müſſen!“ Hin und her beredeten ſie das geheimnißvolle ſchreck⸗ liche Ereigniß, tauſend Vermuthungen und Betrachtungen wurden von ihnen aufgeſtellt, immer wieder brach Blancha in Thränen aus und immer ſuchte die treue Freundin ſie zu beruhigen, zu tröſten. „Newberry muß ja nun bald kommen, es it Zeit zun Abendeſſen“, ſagte die Frau. Hoffentlich bringt er 129 uns gute Nachricht mit.“ Dabei horchte ſie einige Au⸗ genblicke nach der Straße und ſetzte dann aufſtehend hinzu:„Da kommt Jemand, das wird er wohl ſein.“ Raſche Tritte auf dem Trottoir nahten ſich dem Hauſe, die Schelle ertönte, dann hörte man das Neger⸗ kind den Eingang öffnen, die Zimmerthür ſprang auf und Albert trat herein. Mit einem Schrei flog Blancha aus dem Seſſel empor und ſtürzte mit dem Rufe:„Mein Albert, mein Glück!“ ihm in die Arme. Schluchzend, weinend und wieder mit ſeligem Lächeln zu ihm aufblickend, hielt ſie ihre Arme um ſeinen Nacken geſchlungen, als wolle ſie ihn nimmer wieder von ſich laſſen, und Albert, für den Augenblick ſein Schickſal vergeſſend, preßte ſie immer feſter, immer heißer an ſeine Bruſt. „Frei, frei— Du mein Leben, Du mein Albert! Gott im Himmel ſei gedankt!“ brach Blancha endlich mit einem Jubelton aus tiefſtem Herzen das Schwei⸗ gen und ſah ihm unter Freudenthränen in die dunklen Augen. „Ja, Geliebte, ich bin frei durch Portman's Liebe und Güte; er leiſtete zehntauſend Dollars Sicherheit für mich. Freigeſprochen werde ich aber erſt, wenn die un⸗ erhörte Schandthat vor Gericht verhandelt iſt. Hoffent⸗ lich wird man den Thäter entdecken.“ Armand, Saat und Ernte. MI. 9 130 „Das gebe der Allmächtige!“ ſagte Blancha mit einem Blick nach oben. „O Du gutes, Du angebetetes Mädchen! Wie furcht⸗ bar hat mich der Gedanke gefoltert, daß Dir die Nach⸗ richt überbracht würde, Dein Albert ſei der Fälſchung, des Mordes angeklagt; das Herz wollte mir brechen!“ fuhr Albert fort und drückte Blancha wieder an ſeine Bruſt. „Und ich bin beinahe geſtorben, Albert; ich glaubte, ich könnte es nicht überleben“, antwortete dieſe und ſtrich liebkoſend des Jünglings ſchwarze Locken zurück. „Gott Lob! daß wir Sie wieder bei uns haben, Herr Randolph. Nun wird ſich ſchon Alles zum Guten wenden“, nahm Madame Newberry das Wort und rückte die beiden Stühle für die Liebenden vor dem Kamin zuſammen. Arm in Arm ließen dieſe ſich vor dem Flackerfeuer nieder, und Albert gab nun einen ausführlichen Bericht über Alles, was ihm begegnet war. Er hatte ſeine voll⸗ fommene Ruhe und Faſſung wiedererlangt, die ihm während der Bedrängniſſe des Tages namentlich der Ge⸗ danke an Blancha geraubt hatte. Und auch dieſe vergaß in der Nähe ihres Geliebten den entſetzlichen Zuſtand, in welchen ſie die Rachricht über deſſen Schickſal verſetzt hatte. 5 131 „Aber, mein Albert, dieſer edle, dieſer brave Port⸗ man! Werden wir jemals im Stande ſein, ihm unſere Schuld abzutragen?“ hob Blancha im Ueberwallen ihres Dankgefühls an. „Doch, meine Blancha. Solcher Edelmuth verlangt nur dankbare Anerkennung und unſere Liebe. Unſere treue Anhänglichkeit ſoll es Portman lebenslang zeigen, daß wir der guten That werth waren.“ „Und Ende des Jahres will er Dir wirklich ſeine Praxis übergeben?“ fragte Blancha mit hoffnungſtrah⸗ lendem Blick. „Mit dem erſten Januar, theures Mädchen“, ant⸗ wortete Albert.„Wenn nur dieſe nichtswürdige Anklage nicht die Vorurtheile Deines Vaters noch ſteigert und unſerer Vereinigung noch größere Hinderniſſe entgegen⸗ ſtellt!“ Blancha ſah vor ſich nieder und ſchwieg, nach eini⸗ gen Augenblicken aber hob ſie ihre ſeelenvollen Augen wieder zu Albert auf und ſagte mit ruhiger Stimme: „Meiner Liebe, meiner Treue für Dich kann die ganze Welt kein Hinderniß in den Weg ſtellen. ich Dir nicht mit Leib und Seele?“ „O Du guter Engel, das weiß ich ja, und dennoch bange ich um Deinen Beſitz“, entgegnete Albert mit einem ſchmerzlichen Ausdruck. 9* 132 „Niemand ſoll ihn Dir vorenthalten, mein Albert. Ich werde Dein, ſobald Du es wünſcheſt, und wenn ich Dir auch nichts bringen könnte als mich ſelbſt. Doch mein Vater iſt gut und hat mich unendlich lieb; wenn Du freigeſprochen biſt, ſo wird er es bereuen, Dir Un⸗ recht gethan zu haben. Sei ohne Sorgen; wenn Du Dir Deinen Herd gegründet haſt, ſoll Dir Deine Blancha nicht dabei fehlen, und müßten wir von Brod allein leben!“ So beredeten die beiden Liebenden wieder das Glück ihrer Zukunft, alle Sorgen und Gefahren ſchwanden aus ihrem Herzen und ſie wunderten ſich ſchließlich darüber, wie ſie über eine ſo lächerliche, verrückte Anklage ſich ſol- cher Angſt hatten hingeben können. Die Verſicherung Albert's, daß er morgen, nachdem der Staatsprocurator ſeine Papiere durchgeſehen haben würde, wieder in ſeine Wohnung einziehen wolle, nahm die letzte trübe Wolke aus Blancha's Seele, und vollſtändig beruhigt entließ ſie vor zehn Uhr den Geliebten auf Wiederſehen am fol⸗ genden Tage. Frühzeitig am nächſten Morgen ſchrieb Herr Port⸗ man an den Staatsprocurator und bat ihn um die Er⸗ laubniß, mit Albert zugegen ſein zu dürfen, wenn er deſſen Papiere durchſehen werde. Die Antwort lautete günſtig und Heald beſtimmte eine der ſpätern Morgen⸗ ſtunden dazu. 133 Portman und Albert hatten ſchon eine Zeit lang bei Newberrys geſeſſen und auf den Staatsprocurator gewartet, als dieſer ſich, von einem Gerichtsdiener ge⸗ folgt, gleichfalls einfand und beide höflich begrüßte. Sein Blick aber, indem er ſich vor Albert verneigte, war ernſter als der beim Abſchied am Tage vorher, ſowie auch ſeine Rede an dieſem Morgen gemeſſener und wort⸗ karger war. Es ſchien, als hätten neue Zweifel an Al⸗ bert's Unſchuld bei ihm Wurzel geſchlagen, als wären ihm neue Verdachtsgründe oder gar Beweiſe gegen den⸗ ſelben überbracht worden. Nach kurzer Begrüßung ſagte er mit kalter Höflich- keit:„So laſſen Sie uns an das Werk gehen, meine Herren!“ und ſchritt mit dem Gerichtsdiener voran nach Albert's Zimmer. Die Thür wurde geöffnet. Alle tra⸗ ten ein und Albert reichte dem Staatsprocurator, ſich ruhig und ſtolz verbeugend, ſeine Schlüſſel mit den Worten:. „Hier ſind meine ſämmtlichen Schlüſſel, Herr!“ Dann ging er nach den Fenſtern, öffnete ſie, holte aus ſeiner Schlafſtube eine Kanne mit Waſſer und be⸗ goß ſeine Blumen. Kaum aber hatte er damit begon⸗ nen, als auch Blancha in einem ihrer Fenſter erſchien, ihm verſtohlen ihre Grüße zuſandte und die ſeinigen da⸗ gegen empfing. 134 Der Staatsprocurator hatte ſich vor dem Schreib⸗ tiſch niedergelaſſen und begann die darauf aufgehäuften Papiere durchzuſehen, während Portman ſeinen Stuhl an die Seite des Tiſches gezogen hatte und der Arbeit ſchweigend ſeine Aufmerkſamkeit ſchenkte. Nachdem letzterer geraume Zeit jenem zugeſchaut hatte, lehnte er ſich mit dem Arm auf dem Tiſche nach ihm hin, ſah ihn lächelnd an und ſagte: „Herr Heald, wie können Sie nur für einen Augen⸗ blick dem Gedanken Raum geben, daß Sie irgend etwas in dieſen Papieren finden werden, was unſern jungen Freund möglicherweiſe verrathen könnte, wenn er wirk⸗ lich der Verbrechen, deren man ihn anklagt, ſchuldig wäre. Ich meine, die Stellung, die er als Rechtsge⸗ lehrter einnimmt, müßte Sie es vorausſetzen laſſen, daß er Ihnen hier keine Beweiſe gegen ſich zurecht gelegt haben werde.“ „Wenn ich auch dieſelbe Ueberzeugung habe wie Sie, Herr Portman“, antwortete der Staatsprocurator, ruhig in den Papieren weiter blätternd,„ſo darf ich ſie doch nicht gelten laſſen, da ich jede mögliche Gelegenheit ergreifen muß, mir Aufklärung über das Verbrechen zu verſchaffen, und eine Möglichkeit liegt auch hier vor, denn die böſe That macht ſelbſt den gewandteſten Ver⸗ brecher oft blind und nachläſſig.“ — Während er dies ſagte, hatte er einen großen Stoß von Papieren, welche hinten auf dem Tiſche gelegen hatten, an ſich gezogen und begann ſie Blatt für Blatt zu überblicken und umzuſchlagen. „Ganz recht“, fuhr Portman fort, indem er ſich in ſeinem Stuhl zurücklegte und ungeduldig mit den Fingern auf dem Tiſche ſpielte.„Für jeden andern Ver— brecher laſſe ich Ihre Anſicht gelten, nur nicht für einen Juriſten, wie Herr Randolph einer iſt.“ Der Staatsprocurator gab keine Antwort darauf, ſondern ſchlug etwas eiliger die Blätter um, als er plötz- lich wie erſchrocken zuſammenfuhr, das Papier, welches er gerade aufgedeckt hatte, mit beiden Händen ergriff und ſeinen Blick ſtier darauf heftete. In demſelben Augenblick ſprang Portman auf und ſah auf das Blatt, welches auf beiden Seiten dicht be⸗ ſchrieben war und zwar nur mit dem Namen Apollo Dandon. Augenſcheinlich war die Schrift eine Uebung im Schreiben dieſes Namens geweſen. Beide Männer hatten während einiger Augenblicke das Papier angeſtiert, als der Staatsproeurator daſſelbe in die Brüchen zuſammenlegen wollte, in die es früher ſchon gefaltet geweſen ſein mußte. „Ich bitte Sie, Herr Heald“, ſagte Portman ſicht⸗ bar beſtürzt und legte ſeine Hand auf deſſen Arm, 136 „laſſen Sie das Papier Herrn Randolph ſehen, es ver⸗ liert dadurch nichts an ſeiner Beweiskraft:“ Dabei wandte ſich der alte Herr nach Albert um, der, als er ſeinen Namen nennen hörte, vom Fenſter aus nach ihm herblickte. Heald zögerte und wollte das Blatt dennoch zuſammenlegen, als Albert neben ihn ge⸗ treten war und Portman haſtig zu ihm ſagte:„Weſſen Schrift iſt dieſes?“ wobei er zugleich das Papier aus der Hand des Staatsprocurators nahm und es auf dem Tiſche ausbreitete. Albert blickte verwundert darauf, wurde aber im nächſten Augenblick bleich und ſagte mit entſetzter Stimme: „Ich habe dies Papier niemals früher geſehen. Es muß heimlich und abſichtlich hierher gelegt ſein, um als Beweis gegen mich zu dienen.“ „Herr Randolph, Herr Randolph! Die Verdachts⸗ gründe haben ſich ſeit geſtern ſehr gehäuft, und wenn ich die Bürgſchaft des Herrn Portman nicht ſchon ange⸗ nommen hätte, ſo würde ich ſie jetzt verweigern“, hob Heald nun mit ſtrengem Tone an, verbarg das Papier in ſeiner Taſche und fuhr zu dem alten Herrn gewandt fort: „Ich muß Sie bitten, mich allein zu laſſen, bis ich meine Arbeit hier vollendet habe.“ „Kommen Sie, Randolph“, verſetzte Portman hier⸗ auf, indem er Albert fragend anſchaute und mit ihm 137 aus dem Zimmer ſchritt. Draußen aber blieb er ſtehen und ſagte, ihm feſt in die Augen ſehend: „Sie wiſſen nichts von dieſem Papiere?“ „Nichts, bei meiner Seligkeit!“ antwortete Albert, den Blick ebenſo feſt erwidernd. „Gut. Ich habe auch noch keine Sekunde an Ihrer Unſchuld gezweifelt und fange an, das Gewebe der un⸗ erhörten That gegen Sie zu durchſchauen. Nur Ruhe, junger Freund, und wenn die Hölle ſelbſt gegen Sie los⸗ gelaſſen wird, ſo ſoll auf Ihrem ehrenwerthen Namen kein Fleck haften bleiben!“ Bei dieſen Worten ergriff der würdige alte Herr Albert's Hand, ſchüttelte ſie kräftig und ſchritt mit ihm die Treppe hinab nach Newberry's Zimmer, wo ſie mit dieſem und deſſen Frau verweilten, bis der Staatspro⸗ eurator nach Verlauf von einigen Stunden ſich gleich⸗ falls einfand, Albert erklärte, daß er wieder Beſitz von ſeinem Zimmer nehmen könne, und ſich mit kalter Höf⸗ lichkeit empfahl. Sechstes Kapitel. Hatte die Nachricht von der Fälſchung und von dem Mord ſchon viel Aufſehen in der Stadt gemacht, ſo ſetzte die Kunde von Albert's Anklage die ganze Ein⸗ wohnerſchaft in die allergrößte Aufregung. In allen Familienkreiſen, an allen öffentlichen Orten wurde bei⸗ nahe von nichts Anderem mehr geredet, und der Name Albert Randolph ging von Mund zu Mund. Obgleich vor dieſer entſetzlichen Beſchuldigung wohl niemals ein unfreundliches, ein nachtheiliges Wort über ihn laut geworden war, und obgleich auch jetzt noch die allge⸗ meine Stimme ſich zu ſeinen Gunſten erhob, ſo hörte man doch hier und dort Zweifel über ihn ausſprechen, und die Bemühungen, Verdachtsgründe gegen ihn aufzu⸗ finden, überſtiegen täglich mehr die Anſtrengungen, ſeine Unſchuld zu verfechten. Bei allen aber wuchs das In⸗ tereſſe für die Sache ſelbſt mit jeder Stunde und jede neue Zeitung brachte neue Nachrichten, Vermuthungen, Anfragen, Auskünfte und Anſichten darüber. 139 Mit der größten Spannung und Ungeduld ſah man der öffentlichen Verhandlung des Proceſſes gegen Albert entgegen und mit raſtloſer Leidenſchaftlichkeit arbeiteten die beiden Parteien, die ſich unter der Einwohnerſchaft der Stadt für und gegen Randolph gebildet hatten, für ihre Zwecke. Namentlich wurden von denſelben bei der Ernennung der Geſchworenen alle Mittel zu Gunſten oder zum Nachtheil des Angeklagten in Bewegung geſetzt und alle Einflüſſe, alle Gewalten aufgeboten, deſſen Freunde oder deſſen Widerſacher in die Jurh zu bringen. Der Hauptführer der Partei, die gegen Albert ar⸗ beitete, war Apgloo Dandon. Er ſprach ſich offen und laut gegen ihn aus und erklärte, daß er ihn an den Gal⸗ gen bringen werde, und wenn es ihn die Hälfte ſeines Vermögens koſten ſollte. Um dem gefährlichſten Wider⸗ ſacher ſeines Vorhabens, Portman, bei den Gerichtsver⸗ handlungen die Spitze zu bieten, ließ er den berühmte⸗ ſten Advocaten von Neuorleans, Namens Rammon, nach Natchez kommen und ſchloß einen Vertrag mit ihm ab, wonach er ihm zehntauſend Dollars auszahlen wollte, wenn der Angeklagte gehangen würde. Die Freunde Albert's aber ſahen in deſſen Unſchuld und in dem unbeſiegbaren alten Portman ſo feſte Stützen und ſetzten in ſie ſo unerſchütterliches Vertrauen, daß 140 ein Gedanke an einen ungünſtigen Ausgang des Pro⸗ ceſſes gar nicht in ihnen Wurzel faſſen konnte. Namentlich ſchwand aus Blancha's Seele alle Ban⸗ gigkeit, alle Beſorgniß, denn ſie ſah Albert an jedem Abend, und ſeine Ruhe, ſeine Zuverſicht ließen keinen Zweifel mehr in ihr aufkommen. Mit Sehnſucht war⸗ tete auch ſie auf das Beginnen der Verhandlungen, welche ja mit dem Siege Albert's über ſeine Feinde enden mußten. So verſtrich noch eine Woche, alle Vorbereitungen zu dem Gerichte waren beendet, die Zeugenverhöre ge⸗ halten, und endlich erſchien der Tag, der über Albert's Schickſal entſcheiden ſollte. Schon langg, ehe die laute Stimme des Sheriffs aus dem Gerichtsgebäude die Er⸗ öffnung der Verhandlungen verkündete, war der Platz um daſſelbe Kopf an Kopf angefüllt, und das Drängen nach der Thür des Hauſes war ſo groß, daß man nur mit Lebensgefahr dieſelbe erreichen konnte. Eine große Anzahl von Damen aus den erſten Klaſſen der Geſell⸗ ſchaft traten zuerſt ein. Die Achtung, die man ihrem Ge⸗ ſchlechte zollte, verſchaffte ihnen ungehinderten Zutritt. Dann aber ſtürzte Alles der Thür zu, und nur mit Ge⸗ walt konnte man ſich den Eingang erkämpfen. Der große Gerichtsſaal war zum Erdrücken mit Zuhörern gefüllt und vor den Eingängen ſtanden die 141 Menſchen in dem Corridor ſo dicht zuſammengepreßt, daß ſie aller Bewegung beraubt waren. Vor dem Hauſe aber auf dem Platze wogten die Volksmaſſen hin und her, und bald hier, bald dort erſchallten wilde Hurrahs für Albert Randolph. In dem Hauſe und in dem Ge⸗ richtsſaale ſelbſt dagegen herrſchte eine Todtenſtille und mit verhaltenem Athem lauſchte man der Eröffnung der Verhandlungen durch den Staatsprocurator, welcher mit ernſter, feierlicher Stimme die Anklage gegen Albert vortrug. Er berief ſich zuerſt auf den Verdachtsgrund, daß die Handſchrift in dem Briefe an die Bank, mit dem Namen der Madame Newberrh unterzeichnet, unver⸗ kennbar die des Angeklagten ſei, und legte das Schrei⸗ ben ſowohl wie auch mehrere von Randolph beſchriebene Papiere den Geſchworenen zu eigener Beurtheilung vor. Während das Blatt nun unter den Männern von Hand zu Hand ging, konnte man es auf ihren Zügen leſen, daß ſie alle der Meinung des Staatsprocurators bei⸗ ſtimmten. Auch der Richter, dem die Papiere gereicht wurden, machte ein ernſtes, bedenkliches Geſicht und warf einen zweifelnden Blick auf Albert, welcher im ſchwarzen Frack mit vollkommener Ruhe auf der Anklagebank ſaß. Darauf brach der Staatsprocurator abermals das Schwei⸗ gen und verkündete, daß auch der Name Apollo Dandon, welcher unter der Anweiſung auf die Bank ſtehe, von Ran⸗ 142 dolph geſchrieben ſein müſſe, indem er unter deſſen Pa⸗ pieren einen Bogen gefunden habe, auf dem derſelbe au⸗ genſcheinlich ſich im Schreiben dieſes Namens geübt habe. Dabei legte er die Anweiſung und den beſagten Bogen gleichfalls den Geſchworenen zur Begutachtung vor. Nachdem dieſelben ſowie auch der Richter die Pa⸗ piere genau betrachtet und abermals durch ihre Mienen ihre Zuſtimmung zu Heald's Anſicht gegeben hatten, be⸗ merkte dieſer noch, daß der vorliegende Bogen mit der Uebungsſchrift genau ſolches Papier ſei, wie der Ange⸗ klagte überhaupt zu ſeinen Schriften benutzt habe. Während dieſer Verhandlung richtete ſich Dandon, der in kaffeebraunem Rock und gelbſeidener Weſte auf der vorderſten Bank unter den Zuhörenden ſaß, wieder⸗ holt in die Höhe und machte mit den Händen lebhafte Bewegungen nach den Geſchworenen hin, als könne er ſich kaum noch zurückhalten, gleichfalls ſeine Anſicht aus zuſprechen; dann ſtrich er wieder ſeine Weſte glatt, ſpielte mit den goldenen Petſchaften an ſeiner Uhrkette oder zupfte an ſeinem Hemdkragen, um ſeiner Ungeduld durch irgend eine Beſchäftigung Luft zu machen. Der Staatsprocurator führte nun an, daß die Mu⸗ lattin Luch ein durchaus braves, wohlerzogenes Mädchen ohne alle Bekanntſchaften oder Verhältniſſe geweſen ſei, welches der Angeklagte allein hätte dazu bewegen kön⸗ 143 nen, das Geld einzukaſſiren, indem ſie in der Aufforde⸗ rung dazu durch einen Fremden ſogleich einen Betrug gegen ihre Herrin erkannt und dieſer Mittheilung davon gemacht haben würde. Dann ſagte er, daß die Mulattin Luch zuletzt ge⸗ ſehen worden, als ſie abends ihre Herrin nach Shield's Hauſe begleitet habe daß Randolph kurze Zeit vor ihr ausgegangen und daß er um halb zwölf Uhr in ſeine Wohnung zurückgekehrt ſei, während die Mulattin um elf Uhr in den Fluß geſtürzt worden ſein ſolle, und zwar nach der Anzeige eines Unbekannten durch Albert Randolph. Auf die Frage, wo dieſer den ganzen Abend bis zu ſei- ner Rückkehr nach Hauſe verbracht habe, ſei ſeine Ant⸗ wort, daß er ſpazieren gegangen wäre, doch habe er kei— nerlei Nachweis über dieſe lange Promenade geben wol— len. Durch mehrere Zeugen wäre es nun feſtgeſtellt, daß Randolph vor elf Uhr über das Werft und den Weg am Fluſſe hinaufgegangen ſei, ein Weg, der in ſo dunkler Nacht durchaus keine Annehmlichkeiten zum Spa⸗ zierengehen böte. Nachdem der Staatsprocurator alle Gründe ge⸗ nannt und erörtert, weshalb Albert Randolph der Fälſcher der Anweiſung und des Briefes an die Bank, ſowie der Mörder der Mulattin Luch ſein müſſe, überließ er es den Geſchworenen, ihr Schuldig über den Angeklagten auszu⸗ 144 ſprechen, und bezeichnete die geſetzliche Strafe für ſolche Verbrechen mit Tod durch den Strang. Ein im Ausbruch erſtickter Schrei wurde bei dieſen Worten oben auf der Gallerie, wo die Damen ſaßen, gehört, und eine Bewegung, die ſich nach zwei verſchleier⸗ ten Frauengeſtalten im Hintergrunde richtete, wurde un⸗ ter ihnen bemerkt, doch im nächſten Augenblick wandten ſich aller Blicke wieder nach der Gerichtsverhandlung, denn der ehrwürdige gefeierte Portman nahm das Wort, um den Staatsanwalt in ſeinen Behauptungen zu wider⸗ legen und die angeführten Verdachtsgründe zu beſtreiten. Er ſagte, daß das Verſchwinden der Mulattin gerade für die Unſchuld Albert's zeuge, indem ſie und Niemand anders es geweſen ſei, die dem Fälſcher geholfen und die den Bogen mit Dandon's Faeſimiles zwiſchen die Papiere des Herrn Randolph gelegt habe. Der Fäl⸗ ſcher ſelbſt, ſagte er, hätte den Mord an dem Mädchen angezeigt und Herrn Randolph als deren Mörder ge⸗ nannt, nirgends aber habe der Herr Staatsprocurator nachgewieſen, daß überhaupt ein Mord geſchehen ſei, denn das Verſchwinden des ſchuldigen Mädchens beweiſe wohl deſſen Flucht, keineswegs aber deſſen Tod. Die Mulattin, fuhr er fort, iſt, nachdem ſie das Geld einkaſſirt hat, mit dem Fälſcher, für den ſie es that, entflohen und der allgemein geachtete, hochgefeierte Herr Randolph 145 kann mit ihrem Verſchwinden in keiner Weiſe in Be⸗ ziehung gebracht werden. Daß er an jenem Abend einen langen Spaziergang gemacht hat, worauf der Herr Staats⸗ proeurator ſo großes Gewicht legt, hat nichts Auffallen· des, da erwieſen iſt, daß ſolche nächtliche Promenaden zu ſeinen Gewohnheiten und Neigungen gehörten. Port⸗ man ſprach mit ruhigem, gleichgültigem Tone, als ob es ſich nur um ein geringes Polizeivergehen handle, und ſchloß ſeine einfache kurze Rede mit der Erklärung, daß die Anklage gegen Randolph vollſtändig aller Begrün⸗ dung entbehre. Der Staatsprocurator trat jedoch abermals vor die Schranken und kam wieder auf den langen nächt⸗ lichen Spaziergang des Angeklagten zurück. „Zweifelsohne iſt dieſe über vier Stunden lange Promenade, über welche der Angeklagte keine nähere Auskunft zu geben vermag, den Herren Geſchworenen ebenſo wie mir ſehr verdächtig erſchienen“, hob er mit lauter verdammender Stimme an,„wieviel mehr aber wird ſie als Beweis der Schuld daſtehen, wenn ich ſage und darthue, daß Randolph zwiſchen acht und zehn Uhr mit der verſchwundenen Mulattin Luch Arm in Arm an dem Fluſſe hinwandelnd geſehen worden iſt! Drei glaubwürdige Zeugen ſind zugegen, welche dieſe Thatſache zu beſchwören bereit ſind!“ Armand, Saat und Ernte. II. 10 146 Bei dieſen Worten winkte Heald ſeitwärts nach dem Eingange hin und drei Männer traten von dorther vor die Schranken. Eine Todtenſtille folgte, dann aber lief ein un⸗ williges Murmeln durch den Saal und alle Blicke rich⸗ teten ſich auf Albert, den die Worte ſichtbar heftig erſchüttert hatten, wie die Todtenbläſſe zeigte, die ſein Antlitz überzog. Auch Portman war zuſammengefahren und bleich geworden, er war aufgeſtanden und hielt ſeinen ſtarren Blick einige Sekunden auf Albert geheftet, dann aber faßte er ſich und ſagte mit einem Ausdruck, als ob er den in ihm aufgeſtiegenen Zweifel beſiegt habe: „Herr Randolph wird uns am beſten ſelbſt hier⸗ über Auskunft geben können. Iſt dieſe Ausſage wahr?“ „Nein!“ antwortete Albert ſich erhebend mit feſter Stimme.„Wenn dieſe drei Zeugen ihre Ausſage be⸗ ſchwören, ſo leiſten ſie falſchen Eid!“ „Ich bitte die drei Zeugen zu vernehmen“, fiel der Staatsprocurator raſch ein, worauf dieſelben beeidigt wurden und dann ausſagten, daß ſie Herrn Randolph nach neun Uhr am Fluſſe begegnet ſeien, wo er mit der Mulattin Luch am Arm in traulichem Geſpräch ſpazieren gegangen wäre. „Können Sie es nun noch leugnen?“ fragte der 147 Staatsprocurator mit verächtlichem Tone, indem er ſich nach Albert hinwandte. „Nochmals, es iſt eine Unwahrheit!“ entgegnete dieſer auffahrend.„Ich habe die Mulattin an jenem Abend mit keinem Blicke geſehen!“ „So iſt es wohl nur ein Irrthum in der Perſon und das Frauenzimmer, mit welchem Sie ſpazieren gin⸗ gen, iſt ein anderes als die Mulattin geweſen“, nahm Portman raſch das Wort. „So iſt es, ich werde aber den Namen niemals über meine Lippen gehen laſſen“, antwortete Albert entſchloſſen. „Und doch ſind Sie es ſich ſelbſt und auch mir ſchul. dig, den Namen zu nennen, um ſich von dieſem ſchwe⸗ ren Verdacht zu reinigen, Herr Randolph!“ ſagte Port⸗ man ernſt und mit einem Ausdruck von Vorwurf. „Nimmermehr!“ entgegnete Albert mit feſter Be⸗ ſtimmtheit und ſah bittend nach Portman hin. „So werden Sie mir ſelbſt die Möglichkeit nehmen, Sie gegen die Anklagen zu vertheidigen“ ſagte Portman beſtürzt.„Bedenken Sie, daß es ſich um Leben und Tod handelt!“ „Wohlan, der Name wird mir auch über das Grab hinaus heilig bleiben“, rief Albert heftig ergriffen und warf einen aufleuchtenden Blick durch den Saal. 10* 148 „So werde ich ihn nennen!“ ſchrie es in dieſem Augenblick von der Gallerie hinab. Die Damen ſprangen in großer Verwirrung von ihren Sitzen auf, drängten ſich durch einander hin, es ſtürmte die Treppe herab, und mit dem Rufe:„Platz! Platz!“ ſtürzte Blancha Dan⸗ don durch den Saal heran bis vor die Schranken. „Ich war es“, rief ſie in wilder Entſchloſſenheit, „die mit dieſem edlen hochherzigen Jüngling Arm in Arm an jenem Abend den Fluß entlang ging, ich war es, die jene drei Männer an der Seite Albert Randolph's geſehen haben, und ich werde es ſein, die mit ihm, meinem Geliebten, meinem Verlobten, leben und ſterben wird.“ Dieſe Worte hatte ſie den Geſchworenen zugerufen, warf ſich Albert dann an die Bruſt und ſchlang ihre Arme um ihn, als wolle ſie ihn jetzt ſelbſt gegen jede Gewalt vertheidigen. 3 Der alte Dandon aber, entſetzt, als ob die Welt über ſeinem Haupte zuſammenbreche, hatte Blancha erreicht, ſie erfaßt und wollte ſie in ſeiner blinden Wuth von Albert hinwegreißen, er ſah aber nicht, daß ſie jetzt kalt und regungslos in deſſen Armen lag und jedes Lebenszeichen aus ihr gewichen war. i „Schurke, Mörder meines einzigen Kindes!“ ſchrie er plötzlich in Raſerei und Verzweiflung und nahm Blancha aus Albert's Armen in die ſeinigen. 149 In demſelben Augenblick drängte ſich Madame Newberrh heran, es folgten ihr viele Damen nach, Blancha wurde hinausgetragen und Dandon fuhr ſie in einem herbeigeholten Fiaker ohnmächtig nach Hauſe. Der Auftritt hatte ſo lähmend auf die ganze Ver⸗ ſammlung gewirkt, daß eine geraume Zeit darüber ver⸗ ging, ehe man wieder zum vollen Bewußtſein gelangte, weshalb man ſich hier befand; der Eindruck aber, den er auf die Gemüther machte, war ſehr verſchiedener Art. Im Allgemeinen hatte die ergreifende Scene nicht zu Gunſten Albert's gewirkt. Blancha Dandon war eine der geachtetſten und beliebteſten Perſönlichkeiten in der Stadt, und mit einem Gefühl des Bedauerns, des Widerwillens hatte man ſie in den Armen eines ſo ſchwerer Ver⸗ brechen Angeklagten vor den Schranken des Gerichts geſehen. Das heimliche Verhältniß des mittelloſen Rechts⸗ candidaten mit dem reichen ſchönen Mädchen erſchien ſehr Vielen wie ein Unrecht, wie ein Betrug, ein Raub an dem alten Dandon, der, wenn auch durchaus nicht beliebt, doch als ein reicher Mann in großem An⸗ ſehen ſtand. Es war mit einem Wort eine ſehr unan⸗ genehme Störung geweſen und gegen Albert richtete ſich der Vorwurf darüber. Letzterer war wie vernichtet auf der Sünderbank zu⸗ ſammengeſunken und hörte und ſah nicht mehr, was um ihn 150 her vorging. Erſt als der Staatsprocurator wieder ſeine Stimme laut erſchallen ließ und die frühere unheimliche Ruhe in dem Saale herrſchte, trat ſein Schickſal wieder an ihn heran und zwar jetzt noch drohender als vorher, denn er las in allen Geſichten, daß die Stimmung ſich ſehr gegen ihn gewandt hatte. „Um welche Zeit, Albert Randolph, haben Sie ſich an jenem Abend von Fräulein Dandon getrennt?“ fragte der Staatsprocurator ihn mit barſchem Tone. „Ich geleitete ſie um zehn Uhr bis vor ihre Woh⸗ nung, wo wir von einander ſchieden“, antwortete Albert ſich wieder ſammelnd. „Und wo waren Sie dann von zehn Uhr bis halb zwölf, wo Sie in Ihre Wohnung zurückkehrten 2* fragte Heald wieder. „Ich ging von Dandon's Haus zuerſt in der Stadt umher, kam nach dem Werfte hinunter und wanderte dann an dem Fluſſe hinauf und wieder zurück, bis ich meine Wohnung erreichte. Dies iſt ganz genau die Art und Weiſe, wie ich die Zeit bis halb zwölf Uhr ver⸗ brachte.“ „Sind Sie auf dem Wege am Fluſſe mit Niemand zuſammengeweſen?“ „Nur mit meinen Gedanken, Herr Heald“, antwor⸗ tete Albert ſich ermannend. 151 „Sie waren ja aber ſo eben von dem Fluſſe zu⸗ rückgekehrt und hatten Ihre Promenade beendet, wie kamen Sie nun dazu, noch einmal und zwar allein zu ſo ſpäter Stunde und in ſolcher Dunkelheit die Stadt zu verlaſſen und ſich dorthin zu begeben? Sie müſſen doch einen Zweck dabei gehabt haben, denn Vergnügen oder Erholung konnte der Weg Ihnen ja nicht bieten.“ „Wer die Reize, die Schönheit, das Geheimniß der Nacht nicht fühlen kann, dem kann man auch keine Be⸗ ſchreibung davon machen, darum muß ich Ihre Frage unbeantwortet laſſen, Herr Heald“, antwortete Albert ſtolz. „Ein ſehr ſchwacher Deckmantel für Ihre Schuld, die ich offen und unbezweifelt zu Tage legen werde“, fuhr der Staatsanwalt in drohendem Tone fort.„Zwiſchen zehn und elf Uhr gingen Sie, als Sie Fräulein Dan⸗ don verlaſſen hatte, über das Werft nach dem Fluſſe zu⸗ rück, um elf Uhr wurde die Mulattin in das Waſſer geſtürzt und um halb zwölf langten Sie nach dieſer zweiten Promenade wieder zu Hauſe an!“ Während der Staatsprocurator dies mit ſcharfer Betonung ſagte, wurde es unruhig in dem Saale, und Albert, der ſo oft die Wirkungen der Rede auf das Publikum beobachtet und ſtudirt hatte, erkannte in dem ſummenden, murmelnden Geräuſch ſehr wohl, daß es der Ausdruck eines Gefühls gegen ihn war. Er blickte . 152 nach Portman hin, welcher mit geſenktem Haupte daſaß und in Gedanken verſunken vor ſich niederſah. Der Staatsprocurator hatte zwei Männern, die unweit der Thür ſtanden, ein Zeichen gegeben, und als dieſelben darauf vor die Schranken traten, ſagte er zu dem Richter: „Euer Ehrwürden wollen dieſe beiden glaubwür⸗ digen Zeugen noch vernehmen laſſen, die ſich heute früh aus eigenem Antrieb bei mir meldeten und ſich erboten, Aufſchluß über den begangenen Mord zu geben.“ Alles verſtummte und ſah mit Ueberraſchung und Spannung nach den Männern hin, Albert aber erſchrak vor ihnen, denn es ſtand auf ihren Zügen nichts Gutes geſchrieben. Auch Portman fuhr zuſammen, obgleich er keinen derſelben perſönlich kannte. Beide waren anſtändig und nach der Mode geklei⸗ det, und bei Angabe ihrer Namen nannten ſie ſich Ge⸗ ſchäftsleute, in welchem Titel jede mögliche Art von Erwerb einbegriffen iſt. Sie wurden beeidigt und jeder von ihnen ſagte dann aus, daß an jenem Abend gegen halb elf Uhr der Angeklagte auf dem hell erleuchte⸗ ten Werfte an ihnen vorüber und am Fluſſe hinauf gegangen ſei. Sie hätten ſich auf demſelben Wege be⸗ funden und wären langſam hinter Randolph hergeſchrit⸗ ten. Nicht weit von der Stadt, dort, wo das Holz ſich 153 bis an den Weg zöge, hätten ſie ihn mit einem farbi⸗ gen Mädchen in eifrigem Geſpräch angetroffen und bei dem Lichtſchein, welcher von den Schiffslaternen dorthin gedrungen wäre, habe es ihnen geſchienen, als ob das Mädchen die ſchöne Luch von Newberrys ſei. Sie wä⸗ ren an ihnen vorbei auf dem Wege fortgeſchritten und Randolph mit dem Mädchen ſei ihnen langſam nach⸗ gefolgt, ſodaß die Entfernung von ihnen ſich bald auf einige Hundert Schritte vergrößert habe. Plötzlich hätten ſie hinter ſich am Fluſſe einen unterdrückten Schrei und gleich darauf einen ſchweren Fall in das Waſſer ver⸗ nommen, ſie ſeien raſch zurückgelaufen und hätten einen Mann, dem Anſchein nach Randolph, über die Straße in den Wald hineinſpringen ſehen; von dem Mädchen aber wäre ihnen nichts wieder zu Geſicht gekommen. In den Worten, welche dieſe Männer ſagten, er⸗ kannte Albert ſein Todesurtheil, ſie nahmen ihm den letzten Hoffnungsgedanken aus der Seele und mit Schau⸗ dern und Entſetzen verfolgte er den Eindruck, den ihre Ausſage auf die Geſchworenen machte. Nachdem Heald noch mehrere Fragen an die beiden Männer gerichtet hatte, wandte er ſich an Albert und ſagte: „Was haben Sie auf dieſe Ausſage zu antworten?“ „Daß ich das unſchuldige Opfer von hölliſchen 154 Verbrechern ſein werde, daß ich bereit bin, vor Gott zu treten, und daß ich bei ſeiner Barmherzigkeit die Ausſage dieſer beiden Männer Wort für Wort als die unerhör⸗ teſte Lüge zurückweiſe“, verſetzte Albert mit feſter, ent⸗ ſchloſſener Stimme. Der Staatsprocurator erklärte bald darauf, daß er nichts weiter in der Sache zu ſagen habe, da es keiner weitern Beweiſe bedürfe, um ein Schuldig auszuſprechen, und trat von den Schranken zurück, um den Advocaten gegen und für den Angeklagten das Wort zu laſſen. In dieſem Augenblick kehrte Dandon mit vor Wuth glühendem Geſicht in den Saal zurück. Sein racheſprühen⸗ der Blick ſuchte Rammon, den Advocaten von Neuor⸗ leans, und als er ihn im Begriff ſah, vor die Schranken zu treten, ging er eiligen Schritts zu ihm hin und raunte ihm, giftig nach Albert hinſchauend, einige Worte ins Ohr. Dann ſchob er ſeine geballten Fäuſte in ſeine Taſchen und ſetzte ſich wieder auf ſeinen frühern Platz, während Rammon vor die Schranken trat. Dieſer war ein langer, hagerer Mann mit röthlichem, dünnem Haar, kleinen, unruhigen grauen Augen und einer ſpitzen Naſe, die ſich, ſobald er in Aufregung gerieth, in Falten in die Höhe zog, wie wenn ein Raubthier die Zähne fletſcht. Jetzt ſtand er ruhig da und heftete ſeinen finſtern Blick auf Albert. Kein Laut, keine Bewegung unterbrach die 155⁵ Stille, jedes Auge war auf des Advocaten Lippen ge⸗ richtet, als warte man darauf, ſein erſtes Wort zu er⸗ haſchen. Da zog es über Rammon's mit Sommerflecken be⸗ decktes Geſicht wie Spott und Verachtung, ſeine Naſe zog ſich in Falten zuſammen, ſeine großen einzeln ſtehen⸗ den weißen Zähne wurden ſichtbar, ſeine Lider öffneten ſich weit, ſodaß das ganze Weiß ſeiner Augen entblößt ward, und ſeinen rollenden Blick auf Albert richtend, ſagte er mit ſchneidendem, höhniſchem Tone: „Welch eine Unwahrheit, welche Verdorbenheit un⸗ ter einer edlen, genialen Erſcheinung! Gefeiert und ge⸗ ehrt wegen der ſeltenen, ihm von Gott verliehenen Gei⸗ ſteskräfte ſitzt er hier entlarvt als Fälſcher, als Mörder, der große Dichter Albert, der gelehrte Advocat Ran⸗ dolph, als zehnfacher Sünder, da er das Gute, das Edle kannte und verkündete und das Schlechte, das Verwor⸗ worfene in vollſter Erkenntniß, in klarſtem Bewußt⸗ ſein that. Ja, ſieh mich an mit Deinem Heuchler⸗ blick, Ungeheuer! Die Vergeltung für Deine Schand⸗ thaten ſteht vor Dir und keine Gewalt der Erde ſoll Dich der Gerechtigkeit entziehen! Dennoch wird die Strafe mit Deinem furchtbaren Verbrechen nicht in Einklang treten, denn das Geſetz verfolgt hier nur den Fälſcher, den Mörder, den ruchloſen Zerſtörer des See⸗ 156 lenfriedens, der Unſchuld, des Familienglücks kann es nicht erreichen, für ſolche ungeheure That erwartet Dich jenſeits die Strafe. Wäre ein Funke von Menſchlichkeit in Deiner Raubthierſeele geweſen, ſo hätte ihn die unver⸗ diente, durch hölliſche Künſte errungene Zuneigung eines ſo edlen, ſo hochherzigen Weſens wie Fräulein Dandon zur Flamme auflodern laſſen, in der jeder böſe Keim er⸗ ſticken mußte; ſo aber wandteſt Du Deine verruchte Hand aus der Hand eines Engels zum Mord gegen ein armes Mulattenkind, in deſſen Tod Du Sicherheit für Deinen Betrug, Deinen Diebſtahl an der Bank zu finden hoff⸗ teſt! Des Himmels Rache aber hat Dich erreicht, Deine ſchöne, Deine edle Maske iſt gefallen, und als nackter Böſewicht, als herzloſer Verbrecher ſitzeſt Du vor dem weltlichen Gericht, um durch dieſes der ewigen Vergel⸗ tung übergeben zu werden!“ Bei dieſen letzten Worten ſprang Rammon auf Al⸗ bert zu und hielt ſeine geballte Fauſt über ihn, ſeine Augen blitzten ihm Vernichtung drohend entgegen und ſeine Stimme ſchien ihn zerſchmettern zu wollen. Al⸗ bert aber ſaß ſtolz und aufrecht da, hielt ſeine dunklen großen Augen mit tiefſter Verachtung auf Rammon ge⸗ heftet und wies ihn gebietend mit erhobener Hand von ſich. „Halt, nicht weiter, Sie elender, Sie erkaufter 157 Schurke!“ ſchrie plötzlich der alte Portman aufſpringend dem Advocaten mit donnernder Stimme zu und wandte ſich dann mit erzwungener Gelaſſenheit an den Richter, indem er ſagte: „Euer Ehrwürden wollen dieſen Schandredner zur Ordnung verweiſen, da ich es nicht länger dulden werde, daß er eitken Angeklagten mit Schmähungen und Belei. digungen überhäuft, die mit den Gerichtsverhandlungen in keiner Verbindung ſtehen und gegen alles Recht und Geſetz dazu dienen ſollen, bei den Geſchworenen und den Zuhörern Vorurtheile gegen den Beſchuldigten zu erzeu gen und ſie parteiiſch zu ſtimmen.“ Ehe aber der Richter noch das Wort nehmen konnte, wandte der entrüſtete Alte ſich abermals zu dem Advo⸗ caten Rammon, ſtreckte, auf ihn zeigend, die Hand nach ihm aus und ſagte mit zorniger Stimme: „Sie aber, Herr, Sie erbärmlicher Helfershelfer der Elenden, die an dieſem edlen, fleckenreinen jungen Manne einen Mord begehen wollen, Sie ſind mir, dem alten Portman, perſönlich für die Beleidigungen, die Sie ihm zu ſagen ſich erlaubten, verantwortlich, und wenn Sie dies Haus verlaſſen, werde ich Sie darüber zur Rechenſchaft ziehen!“ Ein donnerndes Hurrah für Portman von den Zu⸗ hörern her erſchütterte den Saal und wurde draußen auf 158 dem Platze aus tauſend Kehlen wie von einem Echo wiedergegeben, und umſonſt rief für einige Minuten der Richter zur Ruhe, denn die Widerſacher Albert's ließen gleichfalls ihre Stimmen fluchend und ſchwörend erſchal- len und von beiden Seiten zeigte man mit erhobenen Fäuſten und Stöcken eine drohende Stellung. Der Ruf des Sheriffs aber übertönte den Lärm, der Sturm verwogte und die Ruhe wurde wiederhergeſtellt. Der Richter ermahnte Rammon nun in ernſten Worten, ſich aller Beleidigungen gegen den Angeklagten zu enthalten und ſtreng bei der Sache zu bleiben. Auch dieſe zweite Störung wirkte gegen Albert. Die Rede des berühmten fremden Advocaten, auf die man mit Spannung und Intereſſe gewartet hatte, war unter⸗ brochen und der Redner durch den alten Portman eingeſchüchtert worden, man ſah eine gewiſſe Eiferſucht des alten Mannes gegen den Fremden darin und der Unmuth darüber kehrte ſich gegen die Veranlaſſung dazu gegen den Angeklagten. Rammon, durch den Angriff Portman's in verbiſſene Wuth verſetzt, ſprühte jetzt in ſeiner Rede Gift und Galle gegen Albert, aber dadurch, daß er es nun vermied, perſönlich zu werden, feierte er einen um ſo größern Sieg über die öffentliche Meinung, und Mancher, der früher eben wegen der unpaſſenden Ausfälle gegen Albert dieſem ſeine Theilnahme zugewandt haben würde, kehrte ſich nun ſchroff gegen ihn. Rammon ſprach geiſtreich, klar und überzeugend, und als er ſeine Rede ſchloß und von den Schranken zurücktrat, wurde er mit ſtürmiſchen Hurrahs entlaſſen. Der alte Portman, der gefeierte Liebling des Vol⸗ kes, trat nun als Vertheidiger Albert's vor, um die letzte Anſtrengung für deſſen Rettung zu machen. Er erkannte aber nur zu wohl die unüberſteiglichen Hinder⸗ niſſe, die das Schickſal heute ſeinem gewohnten ſiegrei- chen Auftreten entgegenſtellte. Der Zorn verſagte ihm die zum Herzen dringende blumenreiche Sprache, und das Gefühl, ſeinem ſchuldfreien, edlen jungen Freunde nicht helfen zu können, verwirrte ſeinen ſonſt ſo freien, klaren Gedankenflug. Seine Rede hatte keine Wirkung und die fortdauernde Stille nach ſeinen letzten Worten erfüllte ihn mit Schrecken und Entſetzen. Die Thränen ſtanden ihm in den Augen, als er nach ſeinem Sitz zurückſchritt und ſich niederließ, und es war ihm nicht möglich, nach Albert hinzuſehen. Dieſer aber ſah ſein Verhängniß Schritt für Schritt ſich nahen, und die Todtenſtille, die um ihn herrſchte, durchrieſelte ihn eiſig kalt. Er fühlte, er wußte es, es war um ihn geſchehen, und der Gedanke an Blancha, an ſeinen Vater, ſeine Mutter und Schweſter nahm 160 ihm die letzte Kraft, dem Schickſal die Stirn zu bieten. Wieder und wieder hob er ſeinen Blick von dem Fuß⸗ boden zu ſeinem väterlichen Freunde Portman auf. Ver⸗ gebens ſuchte er deſſen Augen zu begegnen, der alte würdige Mann ſaß wie vernichtet da und ſchaute re⸗ gungslos vor ſich nieder. Währenddeſſen hielt der Richter ſeine Anſprache an die Jury, wiederholte mit kurzen Worten die Haupter⸗ gebniſſe der Verhandlung, ermahnte die Geſchworenen an ihren Eid und an ihr Gewiſſen und entließ ſie end⸗ lich mit der Weiſung, nach beſter Ueberzeugung ihr Schuldig oder Nichtſchuldig auszuſprechen. Sie erhoben ſich und wurden von dem Sheriff aus dem Gerichtsſaal nach einem Gemach im obern Stock des Hauſes geleitet. Stumm und ſtarr ſaß noch während mehrerer Mi⸗ nuten, nachdem die Geſchworenen abgetreten waren, die ganze Verſammlung da und alle Blicke hingen an der Thür, aus welcher dem Angeklagten die Entſcheidung ſeines Schickſals gebracht werden ſollte. Dann begann die Menge das Haus zu verlaſſen, ſodaß der Saal bald, wenn auch nicht leer, doch weniger gedrängt gefüllt war. Man ging und kam wieder und wieder, Stunden verfloſſen, der Tag neigte ſich und die Sonne war im Sinken, doch immer noch hatten die Geſchworenen ſich über den Wahrſpruch nicht geeinigt. 161 „Fort, fort, Suſanna!“ ſagte Blancha zu ihrer Dienerin und ſtrich ſich mit wirrem, ſtarrem Blick die gelöſten Locken aus dem bleichen Antlitz.„Eile, ſo raſch Dich Deine Füße tragen wollen, und bringe mir Nachricht, ob ſein Urtheil geſprochen iſt. Fort, die Ungewißheit die Angſt bringt mich um!“ Dabei fuhr ſie wie erſchreckt aus ihrem Sopha auf. wankte eilig nach dem Fenſter und ſandte einen ſpähen den, ängſtlichen Blick über den Platz; dann aber barg ſie ihr Geſicht in den Händen und ließ mit den halblauten be⸗ benden Worten:„O Gott, o Gott!“ ihre Stirn gegen die Wand ſinken. „Faſſung, Faſſung, Herrin, es wird ſich noch Alles zum Guten wenden!“ flehte die Sklavin und ſuchte Blancha von dem Fenſter hinwegzuführen. „Biſt Du noch hier, Suſanna? rief dieſe, wie aus einem Traum aufſehend.„Willſt auch Du mir untreu werden?“ „Nein, nein, Herrin, nimmermehr!“ antwortete die Negerin erſchrocken.„Aber Madame Newberry muß ja gleich kommen, ſie hat verſprochen, ſofort zurückzukehren.“ „Geh, Suſanna; ſieh Deine Herrin, ſie bittet Dich. O fliege hin und zurück, ſonſt gehe ich ſelbſt, koſte es, was es wolle“, ſagte Blancha mit zitternden Lippen und drängte die Negerin nach der Thür. Armand, Saat und Ernte. M. 11 —— — —— 162 „Wie darf, wie kann ich Sie jetzt verlaſſen, Herrin!“ antwortete dieſe mit einem flehenden Blick. „Ja, ja, Du darfſt es, es wird, es ſoll mir nichts zuſtoßen; nur eile, ſo ſehr Du kannſt“, fuhr Blancha pittend fort, und Suſanna eilte aus dem Zimmer. Blancha ſchloß die Thür hinter ihr und wandte ſich abermals dem Fenſter zu, in der Mitte des Gemachs aber blieb ſie ſtehen, faltete die Hände hob den Blick nach oben und ſank mit den Worten:„O Gott, ſtehe Du ihm bei, rette ihn, rette uns beide!“ auf ihre Kniee nieder. Sie zitterte wie im Fieberfroſt und hob wieder und wieder ihre Hände flehend empor, dann aber ſenkte ſie ihr Antlitz, ließ ihre Arme herabfallen und ſchien unter der Gewalt ihres Wehs zuſammen brechen zu wollen. Doch im nächſten Augenblick raffte ſie ſich wieder auf, ſtrich ihr Haar zurück und ſtürzte abermals dem Fenſter zu. Ihr erſter Blick traf auf die erſehnte Freundin, auf Madame Newberrh, und Suſanna, welche ſo eben, mit einander aus der Straße gegenüber kommend, den Platz betraten. „Allmächtiger, ſei mir gnädig, halte mich aufrecht, laſſe mich ihn retten!“ ſagte Blancha mit krampfhafter Stimme und rang die Hände auf der Bruſt.„Sie brin⸗ gen keine Hoffnung, keine Rettung ſie bringen Tod! O 163 Gott, ſtehe mir bei!“ ſtöhnte ſie wieder und klammerte ſich an das Fenſter, um nicht niederzuſinken. Madame Newberry ſchritt mit der Dienerin in das Haus und wenige Augenblicke ſpäter die Treppe herauf. als Blancha aus ihrem Zimmer in den Corridor trat und mit der Entſchloſſenheit der Verzweiflung zu der erſtern ſagte: „Sie bringen keine gute Nachricht, beſte Newberrh. Sie bringen das Schlimmſte, Sie bringen Tod!“ Dabei zitterte und erſtarb ihre Stimme, als ob ihr letzter Athemzug ſie verlaſſen habe, jene aber nahm ſie in ihren Armen auf, geleitete ſie ſchweigend langſam in das Zimmer zurück und hielt ihren Arm noch um ihren Nacken geſchlungen, als ſie auf das Sopha niederſank. Minuten vergingen ohne Wort, ohne Bewegung, Blancha, wie von der Hand des Todes erfaßt, ſtarrte trockenen Au⸗ ges vor ſich hin, als ſuche ſie das Ungeheure ihres Elends zu ermeſſen, und Madame Newberry, als wehre ſie den Augenblick zurück, wo ſie das furchtbare Wort über die geliebte Freundin ausſprechen müſſe, ſtand regungslos neben Blancha und verbarg ihre Thränen, ihr Schluchzen. Da richtete Blancha ſich langſam auf; bleich, kalt, aber feſt ſah ſie der Freundin in die thränenſchweren Augen und ſagte in gefaßtem Tone: „Die Zeit zum Weinen, zum Klagen iſt vorüber, 11* 164 beſte Newberry, wir müſſen handeln!“ Dabei ergriff ſie deren Hand mit ungewohnter Kraft, hielt ihre Augen feſt auf ſie gerichtet und fuhr nach einigen Augenblicken mit klangloſer, hohler Stimme fort: „Alſo verurtheilt?“ „Verurtheilt!“ antwortete die Freundin kaum hör⸗ bar, denn ihr Schluchzen erſtickte halb das Wort. Blancha zuckte zuſammen und hielt ſich an der Schulter der Freundin aufrecht, dann aber, wie nach Kräften ringend, holte ſie tief Athem und ſagte: „Ich werde ihn retten oder mit ihm ſterben!“ „Retten müſſen wir ihn, Blancha; der Allmächtige wird uns beiſtehen!“ fiel Madame Newberrh ein, ſchlang ihren Arm um des unglücklichen Mädchens Nacken und dieſe barg ihr Antlitz an dem Buſen der treuen theil— nehmenden Freundin. Dieſe aber fuhr beruhigend fort: „Der biedere Portman verläßt Herrn Randolph ſicher nicht, er wird Alles für ſeine Rettung aufbieten und außerdem hat dieſer ſelbſt ſo viele Freunde.“ Blancha jedoch ſchüttelte wehmüthig das Haupt und ſagte:„Wir haben ſo feſt auf dieſe Freunde gebaut und wozu haben ſie ihm geholfen! Nein, nein, gute New⸗ berrh, jetzt dürfen wir uns nur noch auf uns ſelbſt ver⸗ laſſen, und keine Gewalt der Erde ſoll unſere Hülfe von Albert abwehren. Ich habe Gold, um ſeinen Kerker 165 damit zu öffnen, und reicht dieſe Macht nicht aus, ſo habe ich Einfluß und will die Stadt in Aufruhr ſetzen und ſollten für Albert's Leben Ströme Blutes die Straßen fließen.“ „Mein Mann hat eine ausgebreitete Bekanntſchaft unter den beſten, rechtlichſten Leuten; er ſoll uns Rath geben“, nahm Madame Newberry das Wort. „Nein, gute Newberry. Die Tugend ſiegt nur langſam über das Laſter und unſer Sieg muß ſchnell kommen wie der Blitzſtrahl, ſonſt kommt er für ewig zu ſpät“, ſiel ihr Blancha ins Wort.„Es lebt ein Mann hier, Namens Mac⸗Coor, der Alles unternimmt, wenn er dafür bezahlt wird.“ „Mac⸗Coor? Um des Himmels willen, Mac⸗ Coor, der Schrecken der Stadt?“ rief die Freundin entſetzt aus.„Er ſoll ja ein feiler Mörder ſein!“ „So wird er ſich auch dingen laſſen, um das Leben eines Unſchuldigen, eines Edlen, den man morden will, zu erhalten“ entgegnete Blancha entſchloſſen.„Ich muß ihn ſehen, muß ihn ſprechen und Sie müſſen mir dazu verhelfen!“ „Aber, beſte Blancha, bedenken Sie Ihre eigene Sicherheit!“ bat Madame Newberry. „Meine Sicherheit, mein Leben für das Leben Al— bert's! Ich will dieſen Mac⸗Coor ſehen, und wenn ich 166 ihn ſelbſt unter dem Laſter ſuchen ſoll“, fuhr Blancha mit noch größerer Beſtimmtheit fort.„Wird Herr New⸗ berry mir dazu verhelfen wollen?“ „Wenn Sie darauf beſtehen, ja; was würde er Ihnen zu Liebe wohl nicht thun!“ entgegnete die Frau in ängſtlichem Tone. „So bangen Sie nicht, wir müſſen Alles wagen. Bitten Sie Ihren Mann, daß er dieſen Mac⸗Coor mor⸗ gen Abend in Ihr Haus beſtellt, dort will ich ihn treffen.“ Als Blancha dies ſagte, ertönte die Schelle an der Hausthür.„Wer kommt da, Suſanna?“ fuhr ſie raſch fort und deutete nach der Thür, worauf die Negerin hinaus in den Corridor ſprang, im nächſten Augenblick aber in den Salon zurückkehrte und ihrer Herrin leiſe zurief; „Ihr Herr Vater, Fräulein!“ Blancha ſchrak zuſammen und erbebte.„Gott, vergib es mir, ich kann ihn nicht ſehen!“ ſagte ſie, die Hand abwehrend ausſtreckend, und wandte ſich dann mit den Worten an ihre Freundin: „Bitte, gute Newberry, gehen Sie in den Corridor, und wenn mein Vater nach mir fragt, ſo ſagen Sie ihm, ich ſei nicht krank, er möchte mir aber verzeihen, daß ich ihn nicht ſehen, nicht ſprechen würde, es wäre mir unmöglich.“ 167 Die Frau trat in den Gang hinaus, als Dandon eben die Treppe erſtiegen hatte; ohne ſie aber eines Blickes zu würdigen, ſchritt er an ihr vorüber und be⸗ gab ſich nach ſeinem Zimmer. „Er iſt ſchweigend an mir vorbeigegangen“, berich⸗ tete Madame Newberrh, wieder zu Blancha eintretend. „Gott Lob! daß er mich meidet“, ſagte dieſe mit einem ſchweren Athemzug.„Wie könnte ich Worte der Liebe für ihn finden, da er meines Lebens Glück, meine Seligkeit morden will! Der Vater oder der Geliebte— Dein bin ich, Albert, bis in den Tod!“ Bei dieſen Worten hob Blancha die Hände wie bekräf⸗ tigend empor und verbarg dann in ihnen in einem neuen Ausbruch der Verzweiflung ihr Antlitz, Madame Netoberry aber legte liebevoll ihren Arm um ſie und flößte ihr Hoffnung und Vertrauen in ihren Beiſtand ein. Blancha verließ weder heute noch am folgenden Tage ihre Gemächer, und außer Suſanna durfte nur ihre Freundin Newberry zu ihr eintreten. Dem alten Dandon war dieſe Zurückhaltung Blan. cha's erwünſcht, denn ſo gewaltig ſeine Wuth bei der Entdeckung ihres Verhältniſſes mit dem verhaßten Ran⸗ dolph auch geweſen war, blieb ſeine Liebe für ſein einziges Kind doch Siegerin in dem Kampfe gegen ſeine 3 jü 3 1 3 ——— *. 2 —— 168 grenzenloſe Entrüſtung und es bangte ihm davor, Blancha zu begegnen, theils aus Beſorgniß, daß eine abermalige ſtürmiſche Gemüthsbewegung ihr Leben gefährden könne, theils aber, weil er die Unerſchütterlichkeit ihres Willens kannte und ſich fürchtete, einen Auftritt mit ihr herbei⸗ zuführen, der ſie für immer geiſtig und körperlich von ihm entfernen würde. Der Tod des Störers ſeines Hausfriedens machte ja deſſen Verhältniß mit' ſeiner Tochter ein Ende, und er hoffte, daß dann die Zeit auch deren Andenken an denſelben nach und nach verwiſchen und wieder Frieden und Ruhe in ſein Haus zurückbrin- gen würde. Er hatte dem Advocaten Rammon die be⸗ dungenen zehntauſend Dollars ausgezahlt, und dieſer, der nach beendigter Verhandlung auf dem Platze vor dem Gerichtsgebäude von dem alten Portman ange⸗ halten und vor tauſend Zuſchauern für einen Schurken erklärt worden war, hatte mit dem erſten abgehenden Dampfſchiff die Stadt verlaſſen, weil ſich unter dem Volke drohende Bewegungen gegen ihn zeigten. Siebentes Kapitel. Albert war von den Geſchworenen für ſchuldig er- kannt und das Todesurtheil über ihn ausgeſprochen worden. Der Sheriff hatte Albert, nachdem das Urtheil über denſelben gefällt war, in einem geſchloſſenen Wagen nach dem Gefängniß gefahren, auf welchem Wege das Fuhrwerk ſich der vielen Menſchen halber, welche die Straßen füllten, nur langſam und mit wiederholten Un⸗ terbrechungen hatte vorwärts bewegen können. Deſſenunge⸗ achtet war kein Laut, kein Hurrah, keine Verwünſchung unter dem Volke hörbar geworden, denn die Verurthei⸗ lung des gefeierten, geehrten Randolph war noch Jeder⸗ mann ſo unglaublich, daß ſelbſt ſeine Feinde wie be⸗ täubt verſtummten. Die äußere Ruhe aber, die auf der Einwohnerſchaft lag, war eine Ruhe eine Stille, wie ſie einem Sturm vorauszugehen pflegt. Alle Gemüther waren in großer Aufregung und an allen Orten, in allen 170 Kreiſen der Geſellſchaft war von nichts Anderem als von Albert Randolph die Rede. Die zwei Parteien, die ſich von Anfang des Proceſſes für und gegen ihn gebildet hatten, traten ſchon an dieſem Abend beſtimm⸗ ter auf, die eine von dem Staatsprocurator, die andere von Portman geführt, und beide hielten an dieſem Abend geheime Berathungen, die bis ſpät in die Nacht hinein dauerten. Auch am folgenden Tage herrſchte dieſelbe unheim⸗ liche Ruhe; die Freunde ſowohl wie die Feinde Albert's trugen möglichſte Gleichgültigkeit gegen ihn zur Schau, und doch ſah man allen die Geſchäftigkeit, das hohe Intereſſe an, womit ſie im Stillen ihre Zwecke verfolg⸗ ten. Unzählige Gerüchte und Vermuthungen gingen durch die Stadt, in welcher Weiſe die Freunde des Verurtheil⸗ ten demſelben zu Hülfe kommen und ihn retten wollten, und Befürchtungen wurden vielſeitig rege, daß es um ſeinetwillen zu ernſten, vielleicht blutigen Auftritten kom⸗ men würde. Zehn Tage war die Lebensfriſt, welche das Geſetz Albert noch nach ſeiner Verurtheilung geſtattete und während welcher es ihm auch in ſeiner Zelle die Befrie⸗ digung jedes Wunſches erlaubte, wenn dieſelbe die Voll⸗ ſtreckung des über ihn geſprochenen Urtheils nicht gefähr⸗ dete. Zu dieſer Vergünſtigung gehörte namentlich die 171 Erlaubniß, Beſuche zu empfangen. Es durfte Jedermann, den Albert ſehen wollte, zu ihm eintreten und ſich im Beiſein des Gefangenwärters bei ihm aufhalten; ebenſo mußten ihm alle Sendungen an Speiſe und Trank, womit ſeine Freunde ihn ſchon am Tage nach ſeiner Verurtheilung überhäuften, verabreicht werden. Auch durfte er Briefe, freilich nur unverſiegelte, empfangen und abſenden. Der erſte Freund, der ſich am Morgen nach ſeiner Verhaftung bei ihm anmelden ließ, war der alte Port⸗ man. Albert öffnete ihm ſelbſt die Thür ſeiner Zelle und reichte ihm ſchweigend die Hand, Portman aber ſchlang ſeinen Arm um ihn und preßte ihn an ſeine Bruſt. Dem alten Manne fehlten gleichfalls für den Augenblick die Worte, ſeinen Jammer, ſeinen Schmerz auszuſprechen, Thränen füllten ſeine Augen und ſeine Athemzüge erbebten unter der Laſt des Wehs, das ſein Herz erfüllte. Der Druck ſeiner Hand aber war feſt und entſchloſſen, als wolle er Albert damit ſagen, daß er ihn ſeinem Verhängniß noch nicht überlaſſen werde. Sie hatten ſich zuſammen auf das Bett geſetzt und der Wärter war an das Fenſter getreten und ſchaute zwiſchen den ſtarken Eiſenſtäben hinab in den Hof, der das Haus umgab. „Muth, junger Mann, noch lebt ein gerechter Gott über uns und noch leben Ihre Freunde!“ flüſterte der — 172 Alte dem Gefangenen kaum hörbar zu und ſah ihm mit aufleuchtendem Blick in die Augen; Albert aber ſchüt⸗ telte wehmüthig das Haupt, und dem biedern Manne die Hand drückend, ſagte er: „Dank, Dank, lieber Herr Portman! Meine Hoff⸗ nung iſt auf eine beſſere Welt 6 geſetzt.“ „Nicht doch, Randolph. Die Zahl Ihrer Freunde wächſt von Stunde zu Stunde, der Gedanke, daß Sie unſchul⸗ dig ſind und daß das Recht mit Füßen getreten wurde, um Sie perſönlichen Intereſſen zu opfern, greift um ſich. Dem Unrecht wird man Gewalt entgegenſetzen; wir wer⸗ den Sie retten!“ flüſterte Portman abermals ſeinem unglücklichen Freunde zu, doch die Hoffnung hatte Albert verlaſſen, er drückte dem Alten die Hand, ſchüttelte wie⸗ der das Haupt und richtete ſeinen Blick nach oben. Dann ſagte er mit matter, tonloſer Stimme: „Das Schickſal hat es mir nicht vergönnen wollen, Ihnen, meinem väterlichen, beſten Freunde, meinen Dank für Ihre Liebe und Freundſchaft durch die That zu be⸗ weiſen. Ich muß als Ihr großer Schuldner aus dieſer Welt gehen, und dennoch habe ich noch eine dringende Bitte an Sie.“ Dabei ſah Albert durch die Thränen, die ſeine Au⸗ gen füllten, zu Portman auf, dieſer aber erfaßte ſeine Rechte mit beiden Händen und flüſterte ihm tief er⸗ 173 173 griffen zu:„Ermannen Sie ſich, Randolph, und verlaſſen Sie ſich auf mich und meine Freunde; wir alle ſetzen unſer Leben für das Ihrige ein. Sagen Sie mir jetzt. was wünſchen Sie, daß ich für Sie thun ſoll?“ „An meinen guten, braven Vater ſchreiben und ihn überzeugen, daß ich ſeiner nie mit einer Handlung, mit einem Gedanken unwürdig war! Ich ſelbſt habe ihm vorgeſtern Abend geſchrieben, meine Worte aber waren auf meine Unſchuld geſtützt; ich ſagte ihm, daß ich über meine Feinde ſiegen und rein und fleckenlos vor der Welt daſtehen würde. O Gott, nun bin ich ein verur⸗ theilter Verbrecher!“ Bei dieſen Worten ſank Albert in ſich zuſammen und barg das Antlitz in ſeinen Händen. „Die Zeit, Randolph, wird Ihre Unſchuld darthun und die Verbrecher entlarven“, nahm Portman wieder tröſtend das Wort und redete ihm immer wieder Hoff⸗ nung und Muth ein, indem er ihm die angeſehenſten, einflußreichſten Männer der Stadt als ſeine Freunde be⸗ zeichnete, die in dem feſten Glauben an ſeine Unſchuld Alles daran ſetzen würden, ihn zu retten. „Nun will ich an Ihren Vater ſchreiben und ihm ſagen, daß der alte Portman Sie hochachtet und verehrt und Ihr Leben mit dem ſeinigen ſchützen wird“, ſagte der Alte dann ſich erhebend, drückte Albert mit einem — — 174 ermuthigenden Blick nochmals die Hand und verließ eilig die Zelle. Die Sonne verſank und die Dunkelheit der Nacht hatte ſich über die Stadt gelegt, als Blancha ihren Shawl über den Kopf hing und von Suſanna gefolgt ihre Wohnung verließ. Mit entſchloſſenen eiligen Schritten ging ſie über den Platz nach Newberrh's Haus und zog dort die Thürſchelle. „Iſt Mac⸗Coor da?“ fragte ſie heftig bewegt mit bebender Stimme, als Madame Newberrh ihr die Thür öffnete. „Noch nicht, beſte Blancha; er wird aber kommen“, entgegnete dieſe und geleitete ſie in das Zimmer. „Wird er auch ſicher kommen? Ich muß und will ihn ſprechen“, nahm Blancha abermals das Wort. „Ganz ſicher. Er hat es meinem Manne verſprochen“, antwortete die Frau. „Wenn er kommt, beſte Newberry, ſo laſſen Sie mich mit ihm allein, damit man Ihnen kein Zeugniß über meine Unterhaltung mit ihm abfordern kann.“ „Gern thue ich, was Sie wünſchen, gute Blancha; es ſchaudert mir aber, Sie mit dieſem Menſchen allein zu wiſſen. Seien Sie vorſichtig mit ihm, er könnte Ihr 175 Vertrauen mißbrauchen und Sie und Herrn Randolph verrathen.“ „Nein, nein, gute Newberry. Auch der böſeſte Menſch thut gern etwas Gutes, wenn es ihm ebenſo viel ein⸗ bringt als das Böſe; es iſt eine Wohlthat, eine Beru⸗ higung für ſein Gewiſſen. Der Allmächtige hat mich mit dem Glück geſegnet, leicht Eingang in den Herzen der Menſchen zu finden; ich will dieſes harte, verſtockte Sün⸗ derherz erweichen, es ſoll ſich mitleidig meinen Bit⸗ ten öffnen und ſein Blut freudig für das Leben meines Albert einſetzen. Sie werden es ſehen, beſte Newberrh, dieſer feile Mörder, dieſer Mac⸗Coor iſt noch tau⸗ ſendmal beſſer als dieſe herzloſen Menſchen, die Albert verdammten!“ Da erklang die Schelle. Blancha preßte erſchrocken beide Hände auf ihr Herz und die Frau ſah ängſtlich nach der Thür; es war aber nur ein Augenblick des Zö⸗ gerns, dann ſchritt Blancha raſch in den Sorridor hinaus und öffnete die Hausthür. Wie vor dem Manne, der hereintrat, fliehend, eilte ſie in die Stube zurück und blieb, ſich nach ihm umſe⸗ hend, erſt vor dem Kamin ſtehen. Ein nicht ſehr großer, muskulös gebauter junger Mann mit glänzend ſchwarzem Lockenhaar und tief dun⸗ keln Augen trat im ſchwarzen Frack in den Eingang des 176 Zimmers und verneigte ſich ehrerbietig mit den Wor— ten:„Die Damen wollen entſchuldigen, wenn ich ſtöre, Herr Newberry aber ließ mich um dieſe Zeit hierher entbieten und Pünktlichkeit iſt meine Gewohnheit.“ „Ich, Blancha Dandon, bin es, Herr Mac Coor, die Sie bitten ließ, hierher zu kommen, und ich danke Ihnen dafür, daß Sie meinen Wunſch erfüllten“, ſagte Blancha mit freundlichem Tone und ging dem jungen Manne einige Schritte entgegen„Treten Sie näher und nehmen Sie Platz!“ fuhr ſie dann fort, indem ſie auf den Arm. ſtuhl neben dem Kamin zeigte und ſich demſelben gegen⸗ über in einen Seſſel niederließ. Zugleich winkte ſie mit den Augen ihrer Freundin zu, welche noch zögernd an der Thür ſtand, und als dieſelbe darauf das Zimmer verließ, hob ſie zu Mae Coor gewandt wieder an: „Setzen Sie ſich, Herr Mac⸗Coor, ich habe eine Bitte an Sie zu richten.“ Mac⸗Coor aber blieb in ſeiner Stellung neben dem Armſtuhl, auf deſſen Lehne er ſeinen linken Arm ſtützte ſtehen und ſagte: „Es iſt nicht ſchwer, dieſe Bitte zu errathen, Fräu⸗ lein. Ich war im Gerichtshaus, als Sie für Herrn Ran⸗ dolph vor die Schranken traten.“ Blancha erfaßte es eiskalt und vergebens rang ſie nach Worten, Mac⸗Coor aber kam ihr zu Hülfe, indem er fortfuhr: 177 „Es iſt der ſchmählichſte Mord, den man an Herrn Randolph begehen will. Er iſt ein Ehrenmann und das Opfer des elendeſten Brodneids. Die beiden Zeugen, welche ausſagten, ihn mit der Mulattin am Fluſſe ge⸗ ſehen zu haben, waren falſch und durch einen hieſigen. Advocaten erkauft, denſelben, der mich zu gleicher Aus⸗ ſage dingen wollte. Ich wies ſeinen Antrag zurück, obgleich er ein hohes Gebot that.“ „Gerechter Gott! dann ſteht es ja in Ihrer Macht, das über Herrn Randolph gefällte Urtheil umzuſtoßen und ſeine Unſchuld an den Tag zu bringen“ fiel ihm Blancha heftig in das Wort und ſtreckte ihm ihre beiden Hände bittend entgegen. „Das ſcheint ſo, Fräulein, und doch könnte es zu nichts führen. Der Advocat würde es ableugnen, da keine dritte Perſon ſein Anerbieten mit anhörte, und außerdem hat er Mittel in Händen, um meine Glaubwürdigkeit mit Erfolg in Abrede zu ſtellen. Ich darf nicht gegen ihn auftreten.“ „So ſagen Sie mir, liegt es in Ihrer Macht, Herrn Randolph durch Liſt oder durch Gewalt zu be⸗ freien, zu retten? Sie wurden mir genannt als ein Mann, der vor keinem Unternehmen zurückſchrecke. Ich beſitze die Mittel, Sie zu belohnen“, ſagte Blancha ent⸗ ſchloſſen. Armand. Saat und Ernte. IIM. 12 178 „Gewalt würde ſofort ſeinen ſichern Untergang nach ſich ziehen. Man ſpricht von einem ſolchen Vor⸗ haben ſeiner Freunde; bei dem erſten Verſuch aber, ihn gewaltſam zu befreien, wird man ihn im Gefängniß tödten und einen Aufſtand dadurch im Aufkeimen er⸗ ſticken. Es find hierzu bereits die nöthigen Vorkehrungen getroffen und Aufträge gegeben worden. Liſt und Geld allein ſind die Mittel, womit man es wagen darf, ihm zu Hülfe zu kommen“, entgegnete Mae⸗Coor und ſah, die Rechte langſam in den Bien ſchiebend, ſinnend vor ſich nieder. 3. „Das Geld dazu iſt in meiner Hand und um Ihre Hülfe flehe ich Sie an“, ſagte Blancha ſich erhebend und trat, ihre Hände vor ihrer Bruſt faltend, dicht vor den gefürchteten Mann.„Sie thun ein gutes, ein edles Werk, ein Werk der Barmherzigkeit, für das der Allmächtige Ihnen ſeinen Segen nicht verſagen wird. Helfen Sie, Herr Mac⸗Coor, auch mir werden Sie dadurch das Leben erhalten!“ „So wäre es möglich“ ſagte dieſer nach einer Weile noch immer in Gedanken verſunken und fuhr dann, ſeine dunkeln Augen auf Blancha heftend, fort: Ich bin bereit, Fräulein, das Unternehmen zu wagen, und hoffe, es wird gelingen, Sie ſelbſt aber müſſen mir dabei behülflich ſein.“ „Mit Gefahr meines Lebens werde ich Alles wagen. uuin———„— 179 Was ſoll ich thun?“ antwortete Blancha mit aufſtrah⸗ lendem Blick. „Ich habe oftmals eine Negerin Ihnen folgen ſehen, iſt ſie treu und können Sie ſich auf ſie verlaſſen?“ „Unbedingt. Sie iſt hier im Hauſe“, entgegnete Blancha raſch. „Bitte, laſſen Sie dieſelbe hereinkommen, ich möchte ſie nur einen Augenblick ſehen“, ſagte Mac⸗Coor mit einer Verneigung, worauf Blancha die Schelle zog und der eintretenden Dienerin auftrug, Suſanna in das Zimmer zu ſenden. Wenige Augenblicke nachher erſchien die Negerin, Mac.Coor trat neben ſie, maß ſie mit den Augen und hieß ſie dann ſich wieder entfernen. Darauf wandte er ſich abermals zu Blancha und ſagte: „Sie iſt beinahe ſo groß wie ich und wird ganz meinem Zweck entſprechen. Es iſt Ihnen bekannt, Fräu⸗ lein, daß es Ihnen frei ſteht, Herrn Randolph in ſeiner Haft zu beſuchen. Machen Sie von dieſem Rechte morgen und übermorgen Gebrauch und zwar gegen Abend und nehmen Sie die Negerin mit in ſeine Zelle. Laſſen Sie ſie dabei einen Sonnenhut mit langem Schirm aufſetzen, damit möglichſt wenig von ihrem Ge⸗ ſicht zu ſehen iſt, und verſorgen Sie dieſelbe mit einem recht großen Tuche. Man geſtattet Ihnen vorzugsweiſe gern den Eintritt zu dem Gefangenen. Deſſen Wärter 180 wird ſchon von ſelbſt, ſicher aber auf Ihren Wunſch das Zimmer verlaſſen und durchaus nicht unwillig ſein, zur Belohnung dafür einige Goldſtücke von Ihnen beim Abſchied zu empfangen. Auch den andern Wärtern, welche die Thüren für Sie öffnen, laſſen Sie eine ſolche Belohnung zukommen. Auf dem Rückweg bitte ich dann mir hier im Hauſe, wo ich Sie erwarten werde, eine Unterredung zu geſtatten. Ich hege die beſte Hoffnung für das Gelingen des Unternehmens und erlaube mir nun auch die Frage, Fräulein, wie viel die Freiheit und Sicherheit des Herrn Randolph Ihnen werth ſein wird.“ Bei dieſen letzten Worten machte Mac⸗Coor eine höfliche Verbeugung und ſetzte noch hinzu:„Ich wage meine eigene Freiheit und Sicherheit.“ „Einen Preis kann ich nicht dafür beſtimmen, Herr Mae⸗Coor. Nennen Sie ihn ſelbſt, hoffentlich werde ich im Stande ſein, ihn zu zahlen“, entgegnete Blancha mit einem bittenden Blick. „Für die Bemühungen, Herrn Randolph dem Tode zu weihen. erhielt der Advocat Rammon zehntauſend Dollars; ich denke, die Rettung vom Tode wird ebenſo viel werth ſein“, verſetze Mac Coor leichthin. „Ich verbürge mich mit meinem Worte, mit mei⸗ ner Ehre, Herr Mae⸗Coor, Ihnen dieſen Betrag aus⸗ zuzahlen, ſobald Herr Randolph in Sicherheit iſt“, ant⸗ 1. 181 wortete Blancha, in wachſender Hoffnung tief aufathmend, und ſetzte ſehr bewegt noch hinzu:„Auf meine Dankbar⸗ keit aber dürfen Sie rechnen, ſolange ich lebe!“ „Und ich werde mir Ihren Dank verdienen, Fräu⸗ lein. Ich will Herrn Randolph retten oder mit ihm un⸗ tergehen. Es iſt nicht oft, daß meine Hülfe zu einer guten That geſucht wird“, ſagte Mac⸗Coor und gab Blancha nun noch mancherlei Winke, wie ſie ſich bei ihren Beſuchen in dem Gefängniß verhalten ſolle.„Nun muß ich aber gehen und meine Freunde aufſuchen für den Fall, daß ich ihrer bedürfen ſollte“, verſetzte er ſchließlich, ver⸗ neigte ſich ehrerbietig und entfernte ſich mit dem Ver⸗ ſprechen, am folgenden Abend ſich wieder hier einzu⸗ finden. Erſt nach Mitternacht ſuchte Blancha das in vergan⸗ gener Nacht nicht von ihr berührte Lager, geiſtig und kör⸗ perlich erſchöpft ſank ſie darauf nieder, doch die Bilder, die ihr die aufgekeimte Hoffnung vorſpiegelte, wurden immer freundlicher und bald führte ſie der mitleidige Schlaf im Traume an das Herz des Geliebten. Lange Zeit hatte am folgenden Morgen Suſanna an dem Lager ihrer Herrin geſtanden und die glückliche Ruhe auf deren bleichem Antlitz hatte ihre Augen mit Thränen gefüllt; es war ja nur ein Traum, der dieſe Ruhe hervorbrachte, und mit Bangen harrte die treue 182 Dienerin des Augenblicks, wo ihre Herrin erwachen und die gräßliche Wirklichkeit wieder vor ſich ſehen würde. Jetzt trat Suſanna zurück, denn Blancha bewegte ſich und ſchlug die Augen auf. Kaum aber war ſie vollſtändig erwacht, als ſie ihr Antlitz in dem Kiſſen verbarg und bitterlich zu weinen begann. „Weinen Sie nicht, Fräulein; hoffen Sie, daß noch Alles gut werden wird. Der Allmächtige ſteht Ihnen ſicher bei“, ſagte die Sklavin, ihre eigenen Thränen be⸗ zwingend, und neigte ſich zu ihrer Herrin nieder, dieſe aber trocknete ihre Augen und erhob ſich ſchnell von ihrem Lager. Die machtloſe Ergebung in ihr namen⸗ loſes Unglück, welche ſie beim erſten Erwachen über⸗ mannte, wich vor der Hoffnung, die Mac⸗Coor in ihr belebt hatte, und der Gedanke, daß ſie an dieſem Abend ſelbſt den Geliebten wiederſehen, ſelbſt ſchon etwas für ſeine Rettung thun ſolle, richtete ſie auf und fachte ihre Willens⸗, ihre Lebenskraft von neuem an. Bedenklich⸗ keiten, Rückſichten gab es auf dem Wege zu dieſem Ziele nicht mehr für ſie, und ſelbſt die Möglichkeit, daß ihr Vater ihr hindernd entgegentreten könne, ſchreckte ſie nicht, da ſie entſchloſſen war, äußerſten Falls von ſeiner Gewalt ſich loszuſagen. Nach beendigtem Frühſtück, als Suſanna das Zim· mer verlaſſen hatte, verſchloß Blanche die Thür und — ——— ue—. 183 öffnete dann in ihrem Secretär ein geheimes Fach, deſſen Vorhandenſein nur ihr ſelbſt bekannt war. Sie nahm viele Werthpapiere aus demſelben hervor, unter denen ſich auch die zwanzigtauſend Dollars befanden, welche Albert ihrem Vater gerettet und dieſer ihr zum Geſchenk gemacht hatte Außerdem enthielten die Papiere kleinere Kapitalien, welche Blancha von ihren ſeligen Mutter geerbt hatte, und dann auch die von ihrer Zin⸗ ſen zurückgelegten eigenen Erſparniſſe. Obige zwanzig⸗ tauſend Dollars, welche in ſtädtiſchen Obligationen be⸗ ſtanden, verbarg Blancha in ihrem Kleide, legte die andern Papiere wieder in das geheime Fach und verſchloß den Secretär. Sie hatte dabei fortwährend das Haus des Herrn Newberry bewacht, weil die Zeit ſich nahte, wo derſelbe ſich gewöhnlich nach ſeinem Geſchäftslokal begab, denn ſie wünſchte ihn vorher noch zu ſprechen. Schnell ſetzte ſie nun ihren Hut auf, warf einen leichten Seidenſhawl um und eilte hinüber zu Newberry, dem ſie in dem Au⸗ genblick, als dieſer das Haus verlaſſen wollte, begegnete. „Ich habe eine Bitte an Sie, Herr Newberry“, ſagte ſie, indem er ſie in das Zimmer geleitete.„Sie ſollen mir die zwanzigtauſend Dollars ſtädtiſche Obli⸗ gationen, welche Sie die Güte hatten, mir damals an⸗ zuſchaffen, als mein Vater mir das Kapital ſchenkte, in 184 Banknoten umſetzen. Ich werde, wie Sie wiſſen, hoffent⸗ lich das baare Geld bald nöthig haben.“ „Gott gebe, daß Sie deſſelben bedürfen“, ent⸗ gegnete Newberry.„Es ſind aber doch nur zehntauſend Dollars, die dieſer Mac⸗Coor für die Befreiung des Herrn Randolph verlangt?“ „Ganz recht. Doch wenn der Himmel mir dabei gnädig iſt, ſo werde ich das übrige Geld auch gebrau⸗ chen“, fuhr Blancha tief bewegt fort.„Wechſeln Sie mir die ganze Summe in Noten zu fünfhundert Dollars um, nur eine Note laſſen Sie ſich in kleinem Gelde geben.“ Während Blancha dies ſagte, zog ſie die Papiere aus ihrem Kleid hervor, entfaltete ſie und zählte ſie Herrn Newberry zu. „Mögen ſie die erſehnten Zinſen tragen, dann wird nie ein Kapital beſſer angelegt ſein; Gott gebe ſeinen Segen dazu!“ ſagte Newberry mit innigſter Theilnahme und verbarg die Papiere in ſeinem Rock. Dann fuhr er fort:„Wo ſoll ich Ihnen das Geld aushändigen?“ „Ich werde es gegen Abend hier ſelbſt abholen“, entgegnete Blancha, worauf Newberry ſich auf den Weg machte, um den Auftrag auszuführen, jene aber zu deſſen Frau in das Erdgeſchoß ging, wo dieſelbe mit häusli⸗ chen Obliegenheiten beſchäftigt war. 185 Nach kurzer Beſprechung mit Madame Newberry, wobei letztere die Hoffnung Blancha's mit allen ihr zu Gebote ſtehenden tröſtlichen Worten zu beleben ſuchte, verließ dieſe das Haus und begab ſich nach Portman's Wohnung. Die ſchwarze Dienerin, welche ihr die Thür öffnete, geleitete ſie in das Empfangszimmer und entfernte ſich dann, um ſie bei ihrem Herrn zu melden. Blancha war heftig ergriffen; der Augenblick vor den Schranken in dem Gerichtsgebäude, wo ſie Port⸗ man zuletzt geſehen hatte, ſtand mit ſeiner ganzen ſtür⸗ miſchen Aufregung wieder lebendig vor ihrer Seele, ſie bebte und wankte und ließ ſich in einen Armſeſſel nie⸗ derſinken. Es war ihr ſo beklommen, ſo eng um das Herz, mit angehaltenem Athem lauſchte ſie durch die ſie umgebende Stille nach dem Tritte des alten Herrn, und doch mußte ſie ihn ſehen, mußte ihm ihr Herz aus⸗ ſchütten und mit ihm über die Rettung des Geliebten reden. Er kam immer noch nicht. Sollte er ſie nicht ſe⸗ hen wollen? dachte Blancha und erhob ſich wieder aus dem Stuhl. Sie mußte ihn ſprechen! Da hörte ſie langſame Schritte durch den Corridor herankommen und gleich darauf trat Portman in den Salon. „Mein Gott! Sie, verehrtes Fräulein!“ ſagte er faſt erſchrocken.„Die Negerin hat mir einen verkehrten * 186 Namen genannt; wie kann ich mich daß ich Sie habe warten laſſen?“ „Keine Entſchuldigung, Sie edler braver Mann; helfen Sie mir lieber Worte finden, um Ihnen meinen Dank, meinen heißeſten Dank für Ihre Hochherzigkeit, Ihren Edelſinn auszuſprechen, mit denen Sie ſich mei⸗ nes unglücklichen Geliebten angenommen haben!“ rief Blancha ihn unterbrechend, ergriff ſeine Hand und preßte, noch ehe er es verhindern konnte, ihre Lippen auf die⸗ ſelbe, während ihre Thränen ſie benetzten. „Ruhig, ruhig, Sie edles Mädchen, noch iſt nicht Alles verloren“, ſagte Portman tief ergriffen, indem er ihr ſeine Hand entzog, ſeinen Arm züärtlich um ihre Schultern legte und ſie nach dem Armſeſſel führte. „Herrn Randolph's Freunde mehren ſich von Stunde zu Stunde“, fuhr der alte Herr fort, indem er ſich auf einem Stuhl neben Blancha niederließ.„Die Ueberzeugung von ſeiner Unſchuld geht wie ein Lauffeuer von Haus zu Haus und ſeine Feinde werden es kaum wagen, uns entgegen zu treten, wenn wir mit Gewalt ſeine Freiheit fordern.“ „Um Gotteswillen nicht!“ rief Blancha erbleichend und erfaßte mit beiden Händen die Rechte Portman's. „Man wird ihn bei dem erſten derartigen Verſuch in ſeinem — — ————— 187 Kerker tödten. Die Weiſungen dazu ſind bereits gegeben. Um des Himmels willen keine Gewalt!“ Portman erſchrak ſichtbar und verſtummte, ſeinen Blick auf Blancha heftend, für einige Sekunden, dann ſagte er raſch: „Das kann nicht ſein, Fräulein. Von wem erhielten Sie dieſe Kunde?“ Blancha fuhr zuſammen, ſie ſchaute erröthend vor ſich nieder und ſchwieg, Portman aber, der bemerkte, daß ſie die Quelle nicht zu nennen wünſchte, aus welcher ihr die Nachricht zugekommen war, fuhr beruhigter fort: „Nein, nein, das iſt ja nicht möglich. Das Geſetz ſelbſt kann ja keinen Mord begehen und würde es doch thun, indem es dem Verurtheilten die Lebensfriſt ab⸗ kürzte, die es ihm geſtatten muß. Bauen Sie auf mich, Fräulein. Sie ſollen ſehen, es geht Alles gut.“ „Nein doch, verehrter Herr Portman, es wird nicht gut gehen, wenn man Gewalt gebrauchen will“, fiel ihm Blancha außer ſich in das Wort.„Man wird Herrn Randolph tödten. Mae⸗Coor hat es mir geſagt!“ „Mac⸗Coor?“ ſtieß Portman zurückfahrend aus. „Mac⸗Coor, der Bandit?“ „Ja, Herr Portman. An den Banditen habe ich mich gewandt, um das Leben des Geliebten gegen Mörder zu ſchützen!“ rief Blancha entſchloſſen, wie —————— 188 Wetterleuchten blitzten Ihre Augen dem Alten ent⸗ gegen. „Dann haben Sie ihre eigene Sicherheit in die Hand des gefährlichſten Menſchen gelegt. Mac⸗Coor wird Sie an die Feinde Randolph's verrathen“, verſetzte Portman ängſtlich. „Das wird er nicht, mein Gold wiegt ſo ſchwer wie das unſerer Feinde und eine gute That iſt leichter gethan als eine böſe. Mac⸗Coor will Randolph retten oder mit ihm untergehen!“ entgegnete Blancha begeiſtert und theilte Portman nun mit, was der Bandit ihr auf⸗ getragen hatte, zu thun. Portman ſchwieg und ſchaute finnend vor ſich hin, nach einer Weile aber ſagte er: „Es wäre nicht unmöglich, daß dieſer Menſch es ehrlich meinte, und nicht unmöglich, daß er ſein Ver⸗ ſprechen ausführte; er iſt einer der gewandteſten Gauner, denen ich im Leben begegnet bin.“ „So ſtören Sie ihn in dem Verſuche nicht; die Ge⸗ walt bleibt ja immer noch ein letztes Mittel“ bat Blancha, indem ſie die Hand des Alten ergriff. „Freilich, freilich, es wäre ſo beſſcr für den Fall, daß man ſolche Vorkehrungen gegen eine gewaltſame Befreiung Randolph's getroffen hätte. Dieſer Mac⸗Coor weiß mehr als andere Leute“, verſetzte Portman, wie zu 3 189 einem Entſchluß kommend, und nach einigen Augenblicken fuhr er entſchloſſen fort: „So ſteht unſere Hoffnung nun auf zwei Stützen. Gebe der Himmel, daß das gute Werk durch Ver⸗ mittlung gekrönt werde!“ Dann rieth er Blancha noch, Niemand weiter in das Geheimniß zu ziehen, und verſicherte ihr, daß er für„ den Nothfall mehr wie hinreichend Freunde ſtellen werde, um die Befreiung Randolph's durchzuſetzen. Mit neuer Hoffnung belebt, verließ Blancha unter Thränen des Dankes den treuen väterlichen Freund ihres Albert und kehrte nach Hauſe zurück, um dort in Sehnſucht und Bangen die Stunden bis zum Wie⸗ derſehen des Geliebten ihrer Seele zu verbringen. Endlich, endlich neigte ſich der Tag und die Sonne ſtand nahe über dem endloſen Urwalde an der Weſtſeite des Miſſiſſippi, als Blancha in Schwarz gekleidet und von Su⸗ ſanna gefolgt über den Platz nach Newberry's Wohnung eilte. Herr Newberrh harrte ihrer bereits mit dem Gelde, welches er für ſie eingewechſelt hatte, und überreichte es ihr mit dem nochmaligen Wunſche, daß es ſegensreiche Zinſen tragen möchte. Blancha empfing es dankend, ver⸗ barg es in ihrem Kleide und bat dann Herrn Newberry, einen verſchloſſenen Wagen für ſie kommen zu laſſen, der ſie nach dem Gefängniß bringen ſolle. Während der 190 freundliche Mann ſogleich ſelbſt davoneilte, um ihren Wunſch zu erfüllen, ſuchte Madame Newberrh ihr Muth für die Ausführung ihrer Aufgabe einzuflößen und er⸗ klärte, daß ſie ſelbſt mit ihrem Gemahl Blancha bis nach dem Gefängniſſe begleiten werde, um ihr dort behülflich zu ſein, ohne Schwierigkeiten Einlaß zu bekommen. Herr Newberry, ſagte ſie, wäre perſönlich mit dem erſten Be⸗ amten des Hauſes bekannt. Bald darauf kam Newberry mit dem Wagen vor⸗ gefahren, die beiden Damen nahmen mit ihm darin Platz, Suſanna ſetzte ſich zu dem ſchwarzen Kutſcher auf den Bock und fort ging es in geſtrecktem Trabe durch die Stadt dem Gefängniſſe zu. An dem Thore angelangt, welches durch die hohe Mauer in den großen Hof führte, der das Gefangen⸗ haus rund umgab, verließ Herr Newberry den Wagen, zog die Schelle und bat den Wächter, der die kleine Pforte öffnete, er möge den Inſpector Huskin in ſeinem Namen bitten, auf einige Augenblicke zu ihm zu kom⸗ men. Der Wächter ſchloß den Eingang wieder, und kurze Zeit darauf erſchien der Inſpector. Aus der Pforte tre⸗ tend, erkannte er ſogleich Newberry und ſagte freundlich: „Ah, Herr Newberry! Wie komme ich zu dieſer Ehre?“ „Es iſt nicht für mich, beſter Herr Huskin, daß 191 ich Ihre Güte in Anſpruch nehme; es iſt für eine Dame, der Sie ſicher gern eine Gefälligkeit erzeigen werden“, entgegnete Newberry, den Mann begrüßend, und drückte ihm mit Herzlichkeit die Hand. „Für eine Dame?“ wiederholte dieſer, indem er ſeinen Blick auf den verſchloſſenen Wagen richtete.„Womit kann ich denn derſelben dienen?“ „Der Name wird es Ihnen ſchon ſagen“, fuhr New⸗ berry fort.„Es iſt Fräulein Blancha Dandon, die ſich mit einer Bitte an Sie wendet.“ „Fräulein Dandon?“ verſetzte Huskin überraſcht. „Wohl weiß ich es, weshalb ſie hierher kommt. Wer wollte ihr nicht gern gefällig ſein!“ Hier ſchwieg der Inſpector einen Augenblick und ſagte dann: „Es iſt zwar gegen Vorſchrift, nach Sonnenunter⸗ gang noch Beſuch zu dem Verurtheilten einzulaſſen, mit Fräulein Dandon aber wird man ſich wohl eine Ausnahme erlauben dürfen. Offen geſagt, bei hellem Tage, wo viele Menſchen hier ein und aus gehen, würde es nicht einmal ganz paſſend für die junge Dame ſein, einzutreten.“ Bei dieſen Worten ſchritt der artige Mann an den Wagenſchlag, öffnete denſelben und ſagte, ſich ehrerbietig verneigend: „Gern, hochgeehrtes Fräulein, erfülle ich Ihren Wunſch, obgleich meine Dienſtpflicht es mir eigentlich nach Sonnenuntergang unterſagt. Ich halte es als Chriſt für meine Fflicht, dies Werk der Liebe zu unter⸗ ſtützen.“ 6 Hiermit reichte er Blancha die Hand und war ihr behülflich, den Wagen zu verlaſſen, während Madame Newberrh ihr folgte und ſich im die Augen trocknete. „Der Allmächtige wird Sie mit ſeiner Barmherzig⸗ keit, ſeinem Segen dafür belohnen“, ſagte Blancha, ihre Thränen bekämpfend, zu dem Manne und legte ihre ge⸗ falteten Hände aufs Herz. Dann fuhr ſie in bittendem Tone fort: „Meine Dienerin Suſanna darf mich wohl beglei- ten und mit mir bei Herrn Randolph eintreten?“ „Natürlich darf ſie das, Fräulein. Wollte Gott, ich könnte Ihnen mehr gewähren als dieſes!“ ſagte Huskin tief bewegt und begegnete dem dankſtrahlenden Blick des unglücklichen Mädchens. „Soll der Wagen Sie hier erwarten, Fräulein?“ fragte Newberrh. 13 „Ach nein, Suſanna iſt ja bei mir, ich gehe lieber* zu Fuße nach Hauſe“, entgegnete Blancha, drückte dann ihrer Freundin zum Abſchied die Hand, grüßte deren . 193 Gatten und wandte ſich nun der Pforte zu, durch welche ſie, von Suſanne gefolgt, mit dem Inſpector eintrat. Es war düſter geworden; öde und ſtill lag der weite Hof um das Gebäude, an deſſen Fenſtern Blancha's Blick ſuchend hin und her ſchweifte und vor denen ſie 3 ſchaudernd die ſtarken Eiſenſtäbe erkannte. Da ſchritt der wachthabende Poſten mit der Büchſe im Arm auf ſeinem Rundgang um das Gefängniß hinter deſſen Seite 3 hervor und Blancha verhüllte ſchnell ihr Geſicht mit dem Schleier. Vebenden Schritts ging ſie neben dem Inſpector her. Bald hörte ſie das Pochen ihres eigenen Herzens, bald ſetzte daſſelbe ſeine Schläge aus, der Athem ſtockte in ihrer Bruſt und es war ihr, als müſſe ſie zuſammen⸗ ſinken; im nächſten Augenblick aber durchſtrömte ſie wie⸗ der neue Kraft bei dem Gedanken an das nahe Wieder⸗ ſehen des Geliebten und ſie hätte die Schritte des Man⸗ nes an ihrer Seite beflügeln mögen. Der Eingang war erreicht, die ſtarke Thür öffnete ſich und Huskin ließ mit einer Verbeugung Blancha vor ſich eintreten, dann wandte er ſich ihr folgend zu dem Thürwächter und ſagte, auf die hinter ihm gehende Su⸗ * ſanna zeigend: „Unterſuchung iſt bei dieſer nicht nöthig, ſie iſt Fräu⸗ lein Dandon's Dienerin.“ Armand, Saat und Ernte. II. 13 3 194 Hierauf geleitete er Blancha nach dem erſten Stock, zog dort an der verſchloſſenen Gangthür die Schelle und gab dem ſie öffnenden Thürwächter eine gleiche Weiſung in Bezug auf die Negerin. Auch im zweiten Stock, wo⸗ hin er Blancha führte, überhob er den Wärter der Ver⸗ pflichtung, die Dienerin zu unterſuchen, ob ſie irgend⸗ welche unerlaubte Gegenſtände bei ſich trage, und ſchritt nun in dem langen Corridor voran bis an eine ſchwer mit Eiſen beſchlagene Thür. Hier blieb er mit dem Wärter ſtehen, wandte ſich zu Blancha und ſagte: „Dies iſt die Zelle des Herrn Randolph, Fräu⸗ lein. Wünſchen Sie bei ihm angemeldet zu werden?“ „Nein, ich danke ſehr. Ich will mich ſelbſt anmelden“, entgegnete Blancha mit bebender Stimme, indem ſie zit ternd den Thürgriff erfaßte.„Vorher aber ſage ich Ihnen, verehrter Herr, für die Barmherzigkeit, die Sie an mir üben, meinen tiefinnigſten, heißeſten Dank.“ „Iſt keines Dankes werth, Fräulein; ich that nicht mehr als Menſchenpflicht. Sollten Sie heute oder ſpäter noch meiner Dienſte bedürfen, ſo bitte ich mich durch den Wärter benachrichtigen zu laſſen.“ Hierbei verneigte ſich der Inſpector, ſagte dann dem Diener leiſe einige Worte und ging nun eilig in dem Corridor zurück, während Blancha mit zitternder Hand die Thür der Zelle öffnete. 105 Albert ſtand in der Fenſtervertiefung, mit der Schul⸗ ter gegen den Fenſterrahmen gelehnt, ſeine gefalteten Hände hingen vor ihm herab, ſein Haupt war hinten⸗ über an die Wand geſunken und ſein Blick folgte den Wolken, die eilig über ihm am Himmel da hinzogen. Da hörte er die Thür ſich öffnen und erwartete den Wärter hereinſchreiten zu hören, der Tritt aber war ein faſt lautloſer, Albert ſah ſich nach der Thür um, trotz des Düſters der hereinbrechenden Nacht erkannte er eine Frauengeſtalt, die die Arme ausbreitete—„Blancha, Blancha!“ rief er mit einem herzzerreißenden, halberſtick⸗ ten Schrei und hielt die Geliebte in ſeinen Armen, an ſeinem Herzen. Es war ein Augenblick höchſter Seligkeit und tief⸗ ſter Verzweiflung, und hätte ſelbſt ein qualvoller Tod * ſie jetzt erfaßt, ſo wären ſie glücklich geſtorben. Kein Wort, kein Laut kam über ihre Lippen, ihre Thränen floſſen ungehindert, und nur das leiſe Schluchzen der treuen Suſanna, welche die Thür hinter ſich geſchloſſen hatte, unterbrach die Stille. Lange Zeit ſtanden ſie ſo einander feſt umſchlingend da, die unglücklichen Lieben⸗ den, ohne ihrem Schmerze Worte zu geben, und der letzte Tages ſchein war verblichen, als Blancha zuerſt das Schwei⸗ gen brach und ſagte: „Ich bringe Dir Hoffnung, Albert!“ 196 Dieſer aber ſchwieg und ſchloß, das Haupt ſchüt⸗ telnd, Blancha's Mund mit ſeinen Lippen. „Doch, doch, Albert. Ich hoffe ja ſelbſt; laß mich Dir ſagen, worauf“, hob Blancha wieder an; da klopfte es leiſe an die Thür, und indem dieſelbe ſich ein wenig öffnete, drang ein heller Lichtſtrahl in das kleine Zimmer. Albert trat raſch hinaus, empfing von dem Wärter eine brennende Lampe und trug ſie herein auf den Tiſch. Suſanne hatte abermals die Thür zugedrückt, wäh⸗ rend Blancha ihren Arm um den Geliebten ſchlang und ſich mit ihm auf der Bank neben dem Tiſche niederließ. „Nun höre, mein Albert, worauf ſich meine Hoff⸗ nung gründet“, hob Blancha wieder an, indem ſie ihre Thränen zu bemeiſtern ſuchte.„Ich habe mir den Beiſtand eines Mannes gewonnen, deſſen Name Dich vielleicht erſchrecken wird, den aber auch Dein beſter, treueſter Freund, der alte Portman, für befähigt hält, Deine Rettung zu vollbringen. Es iſt Mac⸗Coor.“ „Mae⸗Coor?“ wiederholte Albert langſam und ſin⸗ nend.„Mac Coor iſt ein gefährlicher Menſch und doch habe ich auch Gutes von ihm gehört; er hat ſeine Frei⸗ heit, ſein Leben häufig ohne alles Eigenintereſſe für ſeine Freunde eingeſetzt. Was will er denn für mich thun? Wie will er mir zu Hülfe kommen?“ ———— ——— ——— —— 197 „Das weiß ich nicht, er hat mir aber gelobt, Dich zu retten oder mit Dir unterzugehen, und daß er es wirklich ſo meinte, habe ich in ſeinen Augen geleſen“, antwortete Blancha mit erglänzendem Blick, drückte ihre Hände feſt um Albert's Rechte und theilte ihm nun Alles mit, was Mac⸗Coor ihr aufgetragen hatte, ihm zu ſagen und ſelbſt zu thun. Dann berichtete ſie auch ihre Unterredung mit Portman und ſchloß mit den Worten: „Laß uns hoffen, Albert, Gott wird uns nicht ver⸗ laſſen!“ Wenn nun auch dieſe Hoffnung an ſchwachen Fäden hing, ſo belebte ſie doch die Herzen der beiden Lieben⸗ den und ließ während ihres kurzen Zuſammenſeins die Verzweiflung nicht aufkommen. Zwar verſiegten ihre Thränen nicht, kein Lächeln ſtahl ſich auf ihre abge⸗ härmten Züge, und kein frohes, freudiges Wort trat auf ihre Lippen, aber Worte des Troſtes hatten beide für einander und Worte der Liebe, der Treue bis über das Grab hinaus. Eilig und unbemerkt wie wenige Minuten war ihnen bereits eine Stunde verfloſſen, als Blancha zum Ab⸗ ſchied noch einmal ſich in die Arme des Geliebten ſchmiegte, noch einmal ſeine heißen Küſſe empfing und ihre Thränen mit den feinigen vereinigte; dann wieder⸗ 1 i 198 geſagt hatte, hüllte ſich in ihren Shawl und ſchied von Albert ſchmerzdurchbebt, doch mit dem Verſprechen, am folgenden Abend wiederzukommen. Als ſie in den Corridor hinaustrat, kam ihr der Wärter entgegen, um die Thür, welche aus dieſem Stock in den erſten hinabführte, für ſie zu öffnen. „Ich danke Ihnen, Herr, für Ihre Güte“, ſagte Blancha mit dem ſüßeſten Ton ihrer Stimme und drückte mehrere ſchwere Goldſtücke in die Hand des Mannes.„Bis morgen“, fügte ſie ihn grüßend noch hinzu, indem ſie mit Suſanna die Treppe hinabſchritt, und wurde dann am Fuße derſelben von dem Wächter im erſten Stock empfangen Auch dieſen ſowie gleichfalls den an dem Ausgange aus dem Hauſe belohnte ſie in derſelben freigebigen Weiſe, und als ſie dann den Hof durchſchritten und das Thor in der denſelben umgebenden Mauer erreicht hatte und der Pförtner ſie in die Straße hinausließ, beſchenkte ſie dan⸗ kend auch dieſen reich und ſagte ihm, daß ſie am folgen⸗ den Abend wiederkommen und ſeine Güte abermals in Anſpruch nehmen werde. Kurze geit, nachdem Blancha die Zelle Albert's ver⸗ laſſen hatte, trat deſſen Wärter in dieſelbe ein, um ihm ſeine letzten Dienſte für dieſen Tag zu widmen. Albert lag, dem Zimmer den Ricken zukehrend, holte ſie nochmals, was ſie ihm im Auftrage Mae⸗Coor's. —— —=———— 199 zuſammengekauert auf ſeinem Bett, hatte ſeinen Kopf in den Kiſſen verborgen und bedeckte mit ſeinem Ta- ſchentuch, welches er vor die Augen hielt, noch vol⸗ lends das Geſicht, ſodaß von ſeinem Kopfe nichts zu ſehen war als ein Theil ſeines ſchwarzen Locken⸗ haares. Der Wärter blieb einen Augenblick ſtehen und ſchaute mitleidig nach ihm hin, dann trug er Waſſer in das Waſchgefüß, holte eine Caraffine mit friſchem Waſſer zum Trinken und fragte Albert nun mit theil- nehmendem, höflichem Tone, ob er noch einen Dienſt von ihm verlange Albert aber gab ihm keine Antwort, än⸗ derte ſeine Lage nicht und winkte nur mit der Hand rückwärts nach dem Wärter hin, um ihm anzudeuten, daß er ihn verlaſſen ſolle. Dieſer folgte ſchweigend dem Winke, indem er in Albert's Benehmen nur deſſen grenzenloſe Verzweiflung erblickte, trat in den Gang hinaus und verriegelte und verſchloß die ſtarke Thür. Es war aber nicht die Verzweiflung, welche Albert in dieſer Weiſe auf das Bett niedergeworfen hatte, es war der Hoffnungsfunke, der ihm durch die Geliebte ge⸗ bracht worden war, denn Mac⸗Coor hatte ihm dies Be⸗ nehmen durch Blancha vorſchreiben laſſen. Kaum hatte der Wärter die Thür hinter ſich geſchloſſen, als Albert Zimmers auf die Kniee warf und mit erhobenen Hän⸗ den zum Allmächtigen flehte, ihm mit ſeiner Barmher⸗ zigkeit beizuſtehen und ſeine Rettung gelingen zu laſſen. Ende des dritten Bandes. von ſeinem Lager aufſprang, ſich in der Mitte des S Farbkarte 613