1 * — Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen.. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Ahonnement. Daſſelbe muß voraus ſbezahlt werden und eträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: eeee auf 1 Monat: 2 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „ ** 7„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zuruckſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 3 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — — — 3 b. E l. e—— 7 Capitel 12. S Die Soirce.— Verſchiedene Stimmung.— Zerwürfniß mit ſich ſelbſt.— Will⸗ tommener Ritt.— Das Pferderennen.— Die gewonnene Wette.— Das Boardinghaus.— Die Einladung. Einige Tage ſpäter wurde Abends die Charles⸗ ſtraße durch ein ungewöhnlich anhaltendes Raſſeln vieler Kutſchen belebt, und in der Nähe von Forney's Hauſe hatte ſich eine Menge Neugieriger aufgeſtellt, um die feſtlich geſchmückten Damen ausſteigen zu ſehen; denn dies, aus allen ſeinen Fenſtern Licht ſtrahlende Gebäude war das Ziel der zahlreichen, von verſchie⸗ denen Seiten her der Charlesſtraße zueilenden Carroſſen. Zwei ſchwarze Bedienten in feinen, ſchwarzen An⸗ zügen erwarteten am Fuße der hohen Marmortreppe die Wagen, um den Schlag zu öffnen und den Gäſten ihres Herrn beim Ausſteigen behülflich zu ſein, wäh⸗ rend zwei andere dieſelben in dem glänzend erleuch⸗ teten Corridor empfingen, um ihre Dienſte zum Tragen von Mänteln, Shawls und dergleichen Gegenſtänden bis zu dem Garderobezimmer zur Verfügung zu ſtellen. Die breite marmorne Treppe, welche von der Ve⸗ ſtibüle zu dem erſten Stock hinaufführte, war zu ihren Ralph Noorwod. I. 1 2 beiden Seiten mit den herrlichſten Treibhauspflanzen eingefaßt,* ſaftigem Grün die prächtigſten Blumen tr r Vegetation in den mannichfachſten Tintep hervorleuchteten. Blühende Azalien, Rhodo⸗ dendriins und Camelien in den reichſten, glühendſten Farben prangten, wie ſchön beleuchtetes, buntes Ge⸗ wölk, an dem zierlich gewundenen eiſernen Geländer hinauf und begrenzten den mit reichem Teppich be⸗ legten Weg bis zu den großen Flügelthüren des Em⸗ pfangſaals, neben denen ſich rieſengroße, mit rothen und weißen Blüthen überſäete Camelien erhoben, die von zwei ſchlanken graziöſen Palmen überdacht wurden. In dieſem erſten, mit gelb ſeidenen Möbeln deco⸗ rirten Salon, deſſen Wände die gleiche Farbe trugen, empfing der Präſident ſelbſt ſeine Gäſte und geleitete ſie in den daranſtoßenden, weit größeren Saal, in welchem durchgängig die hellblaue Farbe herrſchte. Dort, auf dem mit leichtem Schwung zu beiden Seiten ausgebogenen und mit meiſterhaft geſchnitzten Arabesken verzierten Sopha ſaß Eleanor, begrüßte als Dame vom Haus die Freunde und nahm mit freudig ſtrahlenden Blicken die Glückwünſche hin, welche dieſe der Braut darbrachten. Wie eine Feſtgöttin vor dem Blau des Himmels, war ſie von dem durchſichtigen Gewölk eines leichten Schleiers umgeben, durch welchen der glänzende Faltenwurf ihres weißen Atlasgewandes hervorſchimmerte. Ein koſtbarer Perlenſchmuck war in — 4 8 3 ihren goldenen Locken, auf ihrem blendend weißen Nacken und um ihre zarten, vollen Aume vertheilt; doch aller Glanz, alle Pracht, die ſie uingab, verblich vor dem Wonneblick ihrer tief dunkeln Augen, mit dem ſie die Freunde bewillkommnete, die ſich um ſie reihten. Die Zahl der Gäſte mehrte ſich ſchnell. Frauen und Mädchen ließen ſich in Eleanor's Nähe nieder und bildeten einen Kranz von wunderbarer, vollendeter weiblicher Schönheit. Neben der Braut auf dem Sopha ſaß die Frau des Kriegsminiſters, welche mit ihrem Gemahl von Waſhington herüber⸗ gekommen war, um dem Feſte beizuwohnen und ihrem langjährigen Freunde Forney und deſſen Tochter ihre Glückwünſche darzubringen. Sie war eine Frau von junoniſcher Schönheit, an der kaum zwanzig von den ſechsunddreißig Jahren, die ſie zählte, zu erkennen waren. Eine andere der ſchönen Frauen in der Nähe Eleanor's, eine Freundin ihrer verſtorbenen Mutter, war die Gattin des Finanzminiſters, der gleichfalls mit ihr von Waſhington zu dieſem Feſte hierher⸗ gereiſt war. Viele andere der höchſten Staatsbeamten und mehrere Congreßmitglieder der Vereinigten Staaten hatten ſich von dort hier eingefunden, und von Alexandria waren die Officiere einiger Fregatten, die dort vor Anker lagen, gegenwärtig. Mehrere der 1 — größten Staatsmänner Amerika's waren anweſend, und die angeſehenſten Kaufleute Baltimore's, über deren Privatflagge die Sonne nie unterging, ſowie Bangquiers, deren Unterſchrift über dem ganzen Erd⸗ ball als baares Geld genommen wurde. Frank Arnold war der Held des Abends und wurde mit großer Aufmerkſamkeit und Auszeichnung begrüßt. Ein Jeder hatte ſich von ihm, als dem Bräutigam der ſchönen, hochangeſehenen Eleanor, ein ungewöhn⸗ liches Bild entworfen und ſeine Erwartungen hoch geſtellt. Dennoch entſprach Frank denſelben durch ſeine edle, kräftige Geſtalt, ſowie durch ſein anſpruch⸗ loſes, beſcheidenes, doch unbefangenes Benehmen und die klaren, verſtändigen Anſichten, die er bei ſeiner Unterhaltung ausſprach. Er war ein Pflanzer, der ſein Geſchäft auf das Erfolgreichſte betrieb, und ge⸗ hörte ſomit einem Stande an, der in Amerika, als die Grundlage des Staates, zu den geachtetſten ge⸗ zählt wird. Außerdem war er Frontiermann, und zwar an der Grenze eines Indianergebietes, auf wel⸗ ches augenblicklich die Aufmerkſamkeit der Amerikaner mit großer Spannung gerichtet war, ſo daß die Sym⸗ pathie, welche dieſelben überhaupt für die Grenz⸗ bewohner, als die Gründer der neuen Staaten, hegen, für Frank doppelt angeregt wurde. Außer den Fähig⸗ keiten und Leiſtungen aber, die er als Pflanzer auf⸗ zuweiſen hatte, kannte er die Verhältniſſe und die 5 Intereſſen ſeines Vaterlandes und insbeſondere des Staates, den er ſeine Heimath nannte, aufs Gründ⸗ lichſte, und war mit der Politik Amerika's vollkommen vertraut. Dieſe Eigenſchaften reichten hin, um ihm Achtung zu verſchaffen, auch ſelbſt, wenn er nicht der Bräutigam der gefeierten Eleanor geweſen wäre. Achtung und Ehrerbietung wird in dieſem Lande nur dem eigenen Verdienſt der Perſon gezollt, nie⸗ mals dem Namen, dem Stande, und ſtolz iſt der Amerikaner nur darauf, daß er Bürger ſeiner großen Nation iſt, und auf Das, was er ſelbſt geleiſtet, ſelbſt geſchaffen hat, nicht aber etwa auf die Verdienſte eines Vaters, eines Großvaters, oder gar eines Vor⸗ fahren, der Jahrhunderte vor ihm gelebt hat. * Im Gefühl ſeiner Würde als Amerikaner, im Be⸗ wußtſein ſeiner Leiſtungen als Mann bewegte ſich Frank in dieſem, ihm ungewohnten Kreis frei und mit der unbefangenen Sicherheit und dem natürlichen Anſtand, der dem Amerikaner eigen iſt, und gab dem hohen Staatsbeamten, dem Gelehrten, dem Soldaten und dem Kaufmann die Ehre, die er als Pflanzer in gleichem Maße von ihm erwartete. Auch Ralph ward mit warmer Theilnahme durch Forney, ſowie durch Frank vorgeſtellt und die Freund⸗ ſchaft des Letzteren war Empfehlung genug, ihm eine freundliche Aufnahme zu verſchaffen. Wenn die Natur ihn aber auch in gleichem Maße wie Frank vortheil⸗ ——— —— haft ausgeſtattet hatte, ſo fehlte ihm doch der Stolz, als Mann und als Staatsbürger ſeine Schuldigkeit gethan zu haben und ſomit auch das Bewußtſein, mit den Leuten, denen er vorgeſtellt wurde, auf gleicher Stufe zu ſtehen. Die Erinnerung an die ſchönen Jahre, die er ſo unnütz vergeudet, an die Kräfte und Fähigkeiten, die er ſo unrecht verwandt, trat entmu⸗ thigend vor ihn und drückte ſchwer auf ſeine Seele. Wenn man ihn fragte, ob auch er Pflanzer ſei, wie viel Acker er in Cultur habe, und wie viel Baumwolle er erzeuge, fühlte er ſich befangen und verlegen und ſuchte ſich immer ſo ſchnell als möglich von der Unter⸗ redung los zu machen. Die Säle hatten ſich gefüllt, und nur noch von Zeit zu Zeit verkündete eine vorfahrende Kutſche, daß noch ein Gaſt angekommen ſei. Unter dieſen Verſpä⸗ teten war auch der Commodore Perrywill, der mit allgemeiner Ehrerbietung empfangen wurde, denn er war ein Mann, welcher ſich große Verdienſte um die Amerikaniſche Marine erworben, der als Staatsmann eine bedeutende Rolle geſpielt und ſich als Mitglied im Congreß das Vertrauen und die Liebe des Volkes errungen hatte. Man ſuchte ſich in ſeiner Nähe zu halten, um die Gelegenheit, ihn zu begrüßen, wahrnehmen zu können. Der Kriegsminiſter war der Erſte, der nach Forney ſeine Freude gegen ihn ausſprach, ihn hier zu ſehen, * „ 6 die Marine⸗Officiere von Alexandria ſchätzten ſich glücklich, ihn ihrer Hochachtung verſichern zu können und ein Jeder bemühte ſich, dem alten rüſtigen, lebens⸗ fröhen Herrn etwas Angenehmes zu ſagen. Ohnge⸗ achtet weit über hundert Perſonen hier verſammelt waren, fühlte man ſich doch in keiner Weiſe beengt, man konnte ſich frei und ungehindert nach allen Rich⸗ tungen bewegen und eine friſche angenehme, durch den Duft herrlicher, in Vaſen und Urnen prangender Blu⸗ men leicht gewürzte Luft durchzog wohlthuend die großen prächtigen Räume, in welchen die Gäſte ſich vertheilten.. Hier und dort bildeten ſich Gruppen, wo die ver⸗ ſchiedenſten Gegenſtände in geiſtreicher Unterhaltung beſprochen wurden, die Herren, welche von Waſhington gekommen waren, mußten über politiſche Fragen, über Intereſſen des Landes und des Volkes Auskunft geben, die Marineofficiere beredeten mit dem alten Commo⸗ dore Fragen, die augenblicklich über der Seemacht Amerika's ſchwebten, die Kaufleute tauſchten die letzten Nachrichten aus den verſchiedenen Welttheilen aus, und die jungen Männer hatten ſich den Damen zuge⸗ ſellt, und pflogen jene leichte, mit reicher Phantaſie durchblitzte Unterhaltung, die dem friſch erblühten Leben entſprudelt. Nirgends war aber trotz dem vielen Reden, trotz der frohen Stimmung, die man dabei allenthalben *— — — „ gewahrte, ein lautes Wort, ein lautes Lachen zu ver⸗ nehmen, ein feierliches Summen wehte durch die Ge⸗ mächer und nur die heitern Mienen verriethen, wie ſehr man ſich des Zuſammenſeins erfreue. 8 Ein jeder Fremde, der einen Blick in dieſe Räume gethan hätte, würde gefühlt haben, daß er ſich in der ausgewählteſten, eleganteſten Geſellſchaft befände, und doch wurde dies nirgends durch einen goldgeſtickten Kragen, durch ſchwere Epauletten, durch Orden oder Ordensbänder, noch durch das Wort„von“ oder„Ex⸗ cellenz“ verrathen. Nur die Officiere, die einzigen auf Lebenszeit angeſtellten Staatsdiener, wurden mit dem Grad, den ſie einnahmen, angeredet, die Civil⸗ beamten hießen ſämmtlich„Herr“ und die Damen „Madame“ oder„Fräulein.“ Es gab hier keine Rang⸗ klaſſe, als die der Bildung und des perſönlichen Ver⸗ dienſtes, keine Auszeichnung, als die, welche dieſen beiden freiwillig gezollt wurde, und der Anſtand war nach natürlicher Eleganz bemeſſen, nicht nach vorge⸗ ſchriebenen Formen und Redensarten. Der Präſident ſelbſt war allenthalben zugegen, wußte einem Jeden etwas Intereſſantes mitzutheilen, und ließ Niemanden einen Augenblick allein ſtehen. Dabei glitten die ſchwarzen Diener lautlos über den glatten parquettirten Fußboden hin und her und boten den Gäſten die köſtlichſten Erfriſchungen dar. An der rechten Seite des Empfangsſalons, dem — 9 großen Saale gegenüber, befand ſich der Speiſeſaal, wo auf einem prächtigen Credenztiſche Weine aller und der vorzüglichſten Arten aufgeſtellt waren, damit die Herren dort nach eigenem Geſchmack ſelbſt aus⸗ wählen könnten. An der andern Seite des blauen Saales öffnete ſich ein dunkelroth decorirtes geräumiges Zimmer, aus welchem jetzt die vollen Aecorde eines Piano's hervor⸗ klangen und Herren und Damen heranlockten. Nancy, die eine der Brautjungfern, hatte vor dem Inſtrumente Platz genommen, um Laura zum Geſang zu begleiten. Die einleitenden Accorde des Lieds erklangen in me⸗ lodiſcher Weiſe, und mit gefühlvollem Ausdruck und zauberiſch ſüßer Stimme ſang Laura„die Harfe“ von Thomas Moore. Die tiefe Stille, die dem herrlichen Liede folgte, bekundete, wie richtig die Sängerin deſſen Geiſt auf⸗ gefaßt und wie ſehr ſie den edlen Geſchmack ihrer Zu⸗ hörer befriedigt hatte. Wiederholt, und immer zu ähnlichem Genuſſe rief während des Abends der Ton des Inſtruments die Gäſte zu dieſem Gemache. In dem angrenzenden Zimmer waren auf großen Tafeln Mappen mit werthvollen Kupferſtichen und Prachtausgaben von Bilderwerken ausgelegt, die Vielen der Anweſenden Stoff zur Unterhaltung gaben und in dem nächſten, einem kleinen Salon, ſtanden einige — ———— Spieltiſche, an denen ſich die älteren Herren und Damen die Zeit vertrieben. In einer Fenſterniſche des blauen Saales ſtand Frank mit dem Kriegsminiſter und mehreren Mitglie⸗ dern des Congreſſes, den Vertretern verſchiedener nördlicher Staaten. Florida war der Gegenſtand ihrer Unterhaltung. „Intereſſant iſt es mir, gerade in Ihnen, einem ſo nahen Nachbarn dieſer zügelloſen Wilden, der Semi⸗ nolen, einen ihrer Vertheidiger zu finden, Herr Ar⸗ nold; ich hatte erwartet, die gerechteſten Klagen über dieſelben von Ihnen zu vernehmen,“ ſagte der Abge⸗ ordnete des Staates New⸗York. „Wer von den Gewaltthaten der Seminolen gegen die Weißen hört, ohne die Ungerechtigkeiten, die Grau⸗ ſamkeiten zu kennen, welche Letztere ununterbrochen an den armen Wilden verüben, der muß ſich darüber wundern, wenn ich dieſe in Schutz nehme,“ erwiederte Frank.„Wer giebt aber den Weißen in Florida das Recht, den Seminolen mit den Waffen in der Hand ein Stück Land nach dem andern zu rauben und ſie mit Feuer und Schwert in die Wälder und Sümpfe ihres Landes zurückzutreiben, während die Regierung der Vereinigten Staaten in einem bündigen Friedens⸗ vertrag ihnen das Land als freies Eigenthum zuge⸗ ſichert hat? Verdenken Sie es den Leuten, daß ſie — — dieſes Eigenthum und ihr Leben gegen die Angriffe der Weißen vertheidigen?“ „Sie werden mir aber doch zugeben, daß dies ſchöne Land nicht dazu beſtimmt ſein kann, von einer Horde Barbaren bewohnt zu werden, deren Thun und Treiben ſo ganz mit den Einrichtungen unſerer Staaten in Widerſpruch ſteht und die Sicherheit und das Auf⸗ blühen der Nachbarländer gefährdet. Das kleinere Intereſſe muß hier dem allgemeinen weichen,“ ſagte der Deputirte des Staates Penſylvanien. „So mag man ehrlich mit den Menſchen zu Werke gehen, ſie aber nicht durch Freundſchaftsverſicherungen betrügen, wie es bisher geſchehen iſt, man kaufe ihnen das Land ab und ſchaffe ſie nach dem Weſten zu ihren rothen Brüdern, wo ihnen die Möglichkeit geboten wird, ſich eine neue Heimath zu gründen, man morde aber nicht mit kaltblütiger Ueberlegung eine ganze edle Nation,“ antwortete Frank mit Wärme. „Das iſt ein Vorſchlag, der ſchon mehrere Male im Congreß vorgebracht iſt, aber immer als unaus⸗ führbar zurückgewieſen ward,“ ſagte der Kriegsminiſter. „Könnte man dieſe Ueberſiedelung bewerkſtelligen, ſo dürfte und würde das Gouvernement kein Opfer dabei ſcheuen, ſo aber werden die Beſchwerden und Klagen gegen die Wilden immer häufiger, immer dringender und ich ſehe kein anderes Ende für dieſe Uebelſtände, als durch einen gänzlichen Vertilgungskrieg gegen die⸗ ſelben, den doch die heiligſten Intereſſen unſerer Na⸗ tion unumgänglich fordern, ſo hart er auch in Betracht der Wenigen, die darunter leiden werden, erſcheinen Frank bot all ſeine Rednergabe auf, um die Um⸗ ſtehenden von der Gerechtigkeit und der Ausführbarkeit ſeiner Anſicht zu überzeugen, doch umſonſt, man wollte kein anderes Mittel anerkennen, ſich der Wilden zu entledigen, als ihre gänzliche Ausrottung. „Eine intereſſante, für einen jeden braven Ameri⸗ kaner erfreuliche Neuigkeit kann ich Ihnen mittheilen,“ ſagte der Finanzminiſter, der ſich an der andern Seite des Saales mit mehreren Männern unterhielt.„Der treue bewährte Freund unſerer Nation, Lafayette, hat unſere Einladung, uns nochmals mit einem Beſuch zu beehren, angenommen und wird im kommenden Jahre ſeine Reiſe von Frankreich hierher antreten. Ob er die ihm zu Ehren erbaute Fregatte Brandewyne zu ſeiner Ueberfahrt benutzen wird, iſt noch nicht ent⸗ ſchieden, jedenfalls wird ſie nach dort abgehen, und zu ſeiner Verfügung geſtellt werden. Eine ſchwere Ver⸗ pflichtung gegen dieſen Ehrenmann, ſowie gegen ſeine hochherzige Nation laſtet noch auf uns, und mit Jubel wird das Amerikaniſche Volk die Gelegenheit ergreifen, ſeinen ewigen Dank gegen Frankreich und gegen La⸗ fayette, deſſen edlen Sohn, ausſprechen zu können.“ „Es giebt ein Freudenjahr für unſer Volk,“ ſagte N 13 ein Congreßmitglied,„denn es bietet ſich ihm auch die Gelegenheit dar, einem unſerer Landeskinder, dem es eben ſo vielen Dank ſchuldet, dieſen abzutragen, unſer verdienter General Jackſon wird nämlich als Candidat für unſer nächſtes Präſidium auftreten.“ Während dieſer Zeit ſtand der Commodore Perry⸗ will mit den übrigen Marineofficieren in dem Empfang⸗ ſalon, in eifrigem Geſpräch begriffen, und Erſterer ſagte:. „Es iſt kein Zweifel mehr darüber vorhanden, daß ein Pirat ſein Weſen an unſern Küſten treibt, denn wenn man auch annehmen wollte, was mehrere Zei⸗ tungen ausgeſprochen haben, daß die Brigantine, die an der Küſte von Florida ans Land trieb, durch Meu⸗ terei unter dem Schiffsvolk zu Grunde gegangen ſei, ſo ſind doch in letzterer Zeit bei ganz ruhigem Wetter viele Küſtenfahrzeuge verſchwunden, ohne daß man auch nur errathen könnte, was aus ihnen geworden ſei. Mehrere derſelben wurden noch an der Küſte von Florida von andern Fahrzeugen als geſehen gemeldet, und von da an hat man nichts weiter von ihnen ge⸗ hört. Ich für mein Theil bin der feſten Anſicht, daß es das Werk eines Piraten iſt und halte es für die Schuldigkeit der Regierung und meiner ſelbſt, in dieſer Beziehung Schritte zu thun, bis man ſich überzeugt hat, daß dieſe Anſicht irrig war. Sonderbarer Weiſe hat aber in den letzten Tagen ein fremdes Fahrzeug, der Sturmvogel, welches von Havannah hier ange⸗ kommen iſt, Aufſehen unter den Seeleuten an der Point erregt und man raunt ſich allerlei Vermuthungen darüber in die Ohren. Namentlich ſoll ſeine Mann⸗ ſchaft, die größtentheils aus Spaniern und Portugieſen beſteht, ein ſehr verdächtiges Anſehen haben, und nur unter Begleitung des Oberſteuermanns ans Land gehen, der, wie es ſcheint, eine Art militairiſche Ge⸗ walt über ſie ausübt. Der Capitain heißt Flournoy, iſt Amerikaner und ein gebildeter Mann, doch das Schiff gehört nach Havannah und iſt hier an das Haus Ballard adreſſirt. Ich habe mich ſchon auf dem Zollhauſe erkundigt, ob alle ſeine Papiere genau in Ordnung ſeien und dies auf's Beſtimmteſte bejaht er⸗ halten, ich habe ferner durch die Zollhausbeamten das Schiff heimlich unterſuchen laſſen, ob ſich Waffen an Bord befänden, oder ob ſie irgend Vorrichtungen darauf bemerken könnten, die auf das Aufſtellen von Kanonen ſchließen ließen, doch nirgends iſt ein Zeichen davon entdeckt, auf welches man vor Gericht einen Verdacht begründen könnte. Es mag nun ſein, daß nur die Gerüchte über einen Piraten dieſe Vermuthungen her⸗ vorgerufen haben, und daß das Schiff auf ganz recht⸗ lichen Wegen ſegelt, demohngeachtet wäre auch das Gegentheil möglich; der Burſche könnte irgendwo an den waldigen Ufern der Bay ſeine Armatur zurückge⸗ laſſen haben, um ſie im Auslaufen wieder einzuneh⸗ men, und ich halte es für zweckmäßig, ihn zu beobach⸗ ten, und ihn namentlich außerhalb der Bay anzuſprechen und zu unterſuchen, ob er dort vielleicht Zähne zeigt.“ Dann wandte ſich der Commodore, der bis jetzt zu allen um ihn Verſammelten geſprochen hatte, an einen derſelben, den Capitain einer der bei Alexandria lie⸗ genden Fregatten und ſagte zu ihm:„Laſſen Sie zu dieſem Zwecke morgen den Gouvernementskutter Lion unter Segel gehen und vor Cap Henry kreuzen, bis beſagtes Schiff erſcheint, worauf er es anſprechen und borden ſoll. Weigert es ſich, beizulegen und ſucht die Flucht, ſo ſoll er es als verdächtig verfolgen und durch Gewalt zwingen, ſich der Unterſuchung zu fügen. Hier iſt die ganz genaue Beſchreibung des Fahrzeuges, deſſen Segelzeug ſo ſehr von dem anderer Schiffe abweicht, daß eine Verwechſelung gar nicht möglich iſt. Ich habe ſie mir noch heute Abend ausfertigen laſſen, und dies war der Grund, weßhalb ich ſo ſpät hier erſchienen bin.“ Bei dieſen Worten griff der alte Herr in die Taſche ſeines Rockes und zog aus derſelben ein Papier hervor, welches er dem Capitain überreichte. In dem rothen Zimmer ertönte jetzt abermals das Piano, die jungen Mädchen hatten ſich aus Eleanor's Nähe entfernt und dorthin begeben, als die Gattin des Kriegsminiſters zu dieſer ſagte: „Fürchteſt Du Dich denn aber nicht, liebe Eleanor, — — —= — 16 ſo in die Nähe der Wilden zu ziehen? es iſt doch recht gefährlich, man hört von ſo vielen ſchrecklichen Be⸗ gebenheiten.“ „Frank iſt ja bei mir,“ erwiederte Eleanor und warf einen glänzenden Blick nach dem kräftigen jungen Mann, um den ſich ein Kreis von Zuhörern verſam⸗ melt hatte, die ſeinen Mittheilungen über das Leben und Treiben der Florida⸗Indianer mit größter Auf⸗ merkſamkeit lauſchten. „Er wird aber nicht immer bei Dir ſein können, beſte Eleanor,“ fuhr die ſchöne Frau fort. „Um ſo mehr werde ich mich dann beſtreben, ſeiner würdig zu ſein. Die Frau Franks darf ſich nicht fürchten, ſonſt paßt ſie nicht zu ihm,“ antwortete Eleanor mit ſtolzer Beſtimmtheit. „Nun, wahrlich, Du biſt eine größere Heldin, als ich; mir würde ſchon der Gedanke, mich in der Nähe ſolcher Unmenſchen zu befinden, fürchterlich ſein. Außer⸗ dem iſt es ein recht großer Entſchluß von Dir, all die Herrlichkeiten, die Dich hier umgeben, gegen ein ein⸗ ſames Blockhaus zu vertauſchen.“ „Und zugleich ein Herz, wie das Franks, zu er⸗ halten! O wie wohl thut mir Ihre Verwunderung! Sie haben ſo unzählig viel mehr Menſchen kennen ge⸗ lernt, als ich, Sie ſind ſo viel mehr in der Welt be⸗ kannt geworden, und doch haben Sie, wie es ſcheint, noch nie von einem ſolchen Herzen gehört, für das 17 man Alles, ja Alles im Leben mit Freuden hingiebt. Ja, es iſt wahr, Frank iſt ein ganz ungewöhnlicher Mann,“ ſagte Eleanor lebhaft ergriffen und ſah wieder nach ihrem Geliebten hin, als dieſer ſeinen Namen von der ſüßen Stimme nennen hörte, ſich raſch um⸗ wandte und auf Eleanor zueilte. Vergeſſen war der Zwang, den die Rückſichten gegen ihre Umgebung dem ſchönen Mädchen auflegte, ſie ſprang auf, warf den wehenden Schleier zurück und empfing den Geliebten ihres Herzens in ihren offenen Armen. „Ja, Frank, eine Welt würde ich für Dich hin⸗ geben, wenn ich ſie beſäße,“ rief ſie mit überſtrömen⸗ dem Gefühl, und mit gedämpfterer Stimme fügte ſie dann hinzu:„ſo kann ich Dir nur mich ſelbſt geben.“ Alle im Saal Anweſenden ſchauten überraſcht auf das glückliche Paar und auch aus den Nebenzimmern waren mehrere Gäſte in die Thüren getreten; denn eine ſo' lebhafte offene Kundgebung perſönlicher Ge⸗ fühle ſtörte die feierliche Ruhe, in der ein Jeder ſich nur in Rückſichten für Alle zu bewegen ſchien. Doch ine angenehme, eine wohlthuend überraſchende Stö⸗ rung war es, da ſie das überſchwängliche, beneidens⸗ werthe Glück des jungen Paares laut verkündete, und weil alle Freunde Eleanors ihrer edlen hochherzigen Leidenſchaftlichkeit gern Alles zu Gute hielten. „Wir ſind Leute von der Frontier, wo die Herzen noch nicht durch die Feſſeln der Civiliſation zuſammen⸗ Ralph Norwood. IM. 2 18 geſchnürt ſind,“ ſagte Eleanor, indem ſie den über⸗ raſchten Blicken der Freunde mit einem ſeligen Lächeln begegnete, und ſtrich ihre goldigen Locken zurück, als wolle ſie mit ihnen den Purpurhauch von ihren Wangen wiſchen, den ſie dort brennen fühlte. Ihr Vater, der auch zu ihr hingetreten war, legte liebkoſend ſeine Hand auf ihren ſchlanken Nacken, drückte ſeine Lippen auf ihre hohe freie Stirn und ſagte zärtlich: „Du bleibſt doch immer mein undezügeltes, mein unabhängiges, ſüßes, liebes Kind; der Himmel gebe, daß die Menſchen Dein ſchönes offenes Herz niemals einengen mögen.“ Nochmals küßte er Eleanor und ſagte lächelnd: „Du wirſt den Indianern ſehr gut gefallen, auch ſie lieben nicht, ihren Gefühlen Zwang anzuthun.“ Der alte würdige Hausfreund, der Commodore Perrywill, der Eleanor oft als Kind auf ſeinen Armen gehalten hatte, reichte ihr mit den Worten die Hand: „Es iſt auch mein Grundſatz, Jedermann, Freund und Feind, immer offen die Flagge ſehen zu laſſen, unter der man ſegelt; es zeigt, daß man einer guten Sache dient. Du kannſt Dir auf die Deinige etwas zu Gute thun,“ und hiermit ergriff er mit ſeiner Linken die Hand Franks, führte Eleanor nach dem Sopha und ließ ſich neben ihr in einem Seſſel nieder, 19 rend der glückliche Bräutigam an ſeiner andern Seite Platz nahm.„ Es war ſchon gegen Mitternacht, als die erſten Wagen vorfuhren, um die Gäſte nach ihren Wohnungen zurückzubringen, und erſt als die Letzten ſich entfernt hatten, verabſchiedeten ſich Frank und Ralph, um nach ihrem Gaſthaus zurückzukehren. Franks Glück hatte ſich von Tag zu Tag geſteigert und ſein Herz konnte kaum noch die Wonne faſſen, die ihm heute wieder zu Theil geworden war. Anders ſtand es mit Ralph; ſein Herz hatte ſich krampfhaft zuſammengezogen, er hatte Vergleiche zwi⸗ ſchen ſich und den Leuten angeſtellt, mit denen er bei Forney's zuſammengetroffen war, und noch niemals hatte er ſo kleinlaut über ſich ſelbſt gedacht, als an dieſem Abend. Er fühlte mit verbiſſenem Grimm gegen ſich ſelbſt, daß er Nichts war, daß er Nichts geleiſtet hatte, worauf er hinweiſen, worauf er ſtolz ſein konnte. Bisher war ihm der Gedanke ein Troſt geweſen, daß er ſeit geraumer Zeit nichts Unrechtes, nichts Böſes gethan, daß er fleißig mit Frank gear⸗ beitet hatte; jetzt aber reichte dieſer Troſt nicht mehr hin, ihn mit ſich ſelbſt zu verſöhnen; ein Gefühl tiefſten Mißmuths und einer aufkeimenden inneren Abneigung gegen die Menſchen, denen er ſich untergeordnet fühlte, ſtieg zum erſten Male in ſeiner Bruſt auf. Ralph löſchte erſt ſpät das Licht aus und zwar 3 2* 20 ſchweigend, obgleich er nicht wußte, daß Frank ſchon in den Armen eines beglückenden Schlafes ruhte. Am andern Morgen, als Frank in der frohſten Laune erwachte und ihn freudig und herzlich begrüßte, war er wortkarg und die Heiterkeit, die Jener ihm entgegenbrachte, fiel wie Wermuth in ſeinem Herzen nieder. Er ſuchte aber ſeine bittere Stimmung vor Frank zu verbergen, welches ihm leicht gelang, denn dieſem ſchien die ganze Welt zu lächeln und Alles um ihn her fröhlich zu ſein. Ralph blieb allein in ſeinem Zimmer zurück, als Frank ſchon frühzeitig ihn verließ, um noch einige Be⸗ ſorgungen zu machen, ehe er der Ouelle ſeines Glückes wieder zueilte. Ralph ſaß in einem Armſtuhl neben dem Tiſch und hielt den Kopf auf ſeine Hand geſtützt, während die Unzufriedenheit, die Unruhe in ſeinem Innern fortwährend zunahm. Wie der Fieberkranke ſich nach einem Flug durch die Luft, oder nach etwas Sauerm ſehnt, ſo wäre Ralph im Augenblicke nichts erwünſchter geweſen, als ein halsbrechender Ritt auf einem Jagd⸗ renner, oder ein Gefecht, Mann gegen Mann, mit dem Meſſer in der Hand. Es klopfte an die Thür. „Herein in drei Teufels Namen!“ ſchrie er mit lauter, barſcher Stimme; die Thür öffnete ſich und„ Garrett trat jubelnd mit den Worten herein: 4 21 „Hallo, Freund, Sie können um elf Uhr eines unſerer beſten Pferde laufen ſehen, es giebt ein präch⸗ tiges Rennen, denn ſein Gegner ſoll auch ein Matador ſein.“ „Ich bin dabei!“ rief Ralph, indem er ſich auf⸗ richtete und Garrett die Hand reichte,„wollen wir gleich gehen?“ „Es iſt noch zu früh, wir haben nur ein halb Stündchen zu fahren, oder zu reiten, wenn Sie dies vorziehen ſollten. In unſern Leihſtällen find herr⸗ liche Pferde zu bekommen.“ „So laſſen Sie uns reiten, ich bin gerade zu einem luſtigen Ritt geſtimmt.“ „Wit können ja vorher Etwas frühſtücken, wir haben hinlänglich Zeit dazu,“ ſagte Garrett; Ralph ergriff ſeinen Hut, mit raſchen Schritten verließen ſie das Hotel und eilten in der Straße hinunter dem Leih⸗ ſtall zu, um ein Paar Reitpferde für ſich zu beſtellen Bald hatten ſie das große Haus erreicht, in wel⸗ chem ſich der Stall befand, traten in deſſen weites Thor ein und Ralph blickte verwundert in der langen hohen Halle hinunter, in welcher auf jeder Seite über fünfzig ſchön gehaltene und blank geputzte Roſſe ſtanden. „Ei, das muß ich geſtehen, das ſind ja herrliche Pferde,“ ſagte Ralph ganz überraſcht,„da hat man die Auswahl.“ „Nicht wahr, Freund?“ erwiederte Garrett,„ſehen — 22 Sie dieſen Dunkelſchimmel an, kann man ſich etwas Schöneres denken?“ „Der Fuchs daneben gefällt mir beſſer, es iſt mehr Blut in ihm,“ ſagte Ralph, indem er zu dem Pferde trat und demſelben mit der Hand auf die Croupe ſchlug. „Das iſt aber ein wilder Burſche, den nicht ein Jeder reiten kann; er kommt voft ohne ſeinen Reiter nach Hauſe,“ ſagte einer der Wärter, ein junger Mann von anſtändigem Aeußern, mit blank geglänzten Stie⸗ feln, feinem ſchwarzem Beinkleid und einem runden ſchwarzen Hut auf dem Kopfe; die Weſte und der Rock fehlten bei ſeinem Anzuge, deſto ſauberer und weißer aber war das Hemd mit fein gefaltetem Buſen⸗ ſtück, welches er trug. „Dieſer Gaul iſt einer der zwölfe, die unter meiner Pflege ſtehen, gute Wartung iſt halbes Futter, ſehen Sie, wie glatt ihm das Haar anliegt,“ fuhr der Wärter fort und ſtrich dem Roß mit der Hand über den Rücken. „Das Pferd möchte ich wohl reiten, kann ich es bekommen?“ fragte Ralph den Wärter, wobei dieſer einen prüfenden Blick auf die hohe Geſtalt des Er⸗ ſtern gleiten ließ und dann erwiederte: „Nun, ich glaube wohl, daß Sie mit ihm fertig werden können, er ſteht zu Ihren Dienſten; Sie dürfen ihn aber nicht aus den Zügeln und Schenkeln laſſen, ſonſt haben Sie das Spiel mit ihm verloren.“ 23 „Verſuchen will ich es wenigſtens, ob ich ſein Meiſter werden kann,“ ſagte Ralph und folgte Garrett, der an den Pferden hinuntergegangen war, um auch eins für ſich auszuwählen. Seine Wahl fiel auf einen Schimmel, ein Pferd von ſehr edlem Blut. Die beiden Gefährten baten nun den Wärter, die Roſſe um halb eilf Uhr zu ſatteln, um welche Zeit ſie wieder hier eintreffen würden, und begaben ſich dann nach einer Reſtauration, welche nur einige Straßen⸗ viertel von hier gelegen war. Die drei großen Flügelthüren des Saales, in welchem dieſelbe ſich befand, waren weit geöffnet und durch ſie drängten ſich viele Männer von der Straße ein und aus dem Hauſe heraus. Den Thüren gegen⸗ über ſtand ein langer Schenktiſch, hinter welchem zwei Kellner den herzutretenden durſtigen Gäſten die ver⸗ langten Getränke anfertigten, und im Saale umher waren viele kleine Tiſche nebſt Stühlen für den Ge⸗ brauch der Fremden aufgeſtellt. Beim Eintreten wurde Garrett von allen Seiten her angerufen und mit großer Vertraulichkeit begrüßt, mitunter auch von Perſonen, deren Aeußeres gerade nichts ſehr Empfehlendes hatte. Er erwiederte die Grüße mit derſelben Vertraulichkeit, gab aber Keinem die Gelegenheit, eine Unterhaltung mit ihm zu be⸗ ginnen, ſondern wandte ſich immer ſchnell nach einer andern Seite durch die Menge, bis er mit Ralph den . 24 langen Schenktiſch erreicht hatte, auf welchem ein Im⸗ biß aufgetragen ſtand. Ein ungeheuerer kalter Rinds⸗ braten, ein großer abgekochter Schinken, Butter und Biseuits machten dies Frühſtück aus, welches gegen zehn Cent für die Perſon zur allgemeinen Selbſthülfe hingeſtellt war, und von dem man ſich mit den dabei gelegten Meſſern nach Belieben ein Stück zueignete und es aus der Hand verſpeiſte. Dabei wurde den, aus Cognae, Genever, Whisky, Portwein oder Madeira mit Waſſer, Zucker, Muskatnuß und Krauſemünze ge⸗ miſchten Getränken in reichlichem Maße zugeſprochen. Auch Ralph und Garrett bedienten ſich in obiger Weiſe des Frühſtücks, und auf die Frage des Kellners: was man zu trinken wünſche, ließ ſich Garrett die Flaſche mit Madeirawein reichen, Ralph aber forderte Cognae und füllte damit ſein Waſſerglas bis über die Hälfte. Seine augenblickliche Stimmung verlangte den ſtärkſten Trank und mit einer gewiſſen Zufrieden⸗ ſtellung ſetzte er das geleerte Glas mit den Worten auf den Tiſch: „So, nun laſſen Sie uns zu unſern Pferden gehen, ein tüchtiger Ritt wird uns gut thun.“ Garrett war mit dem Bezahlen für das Genoſſene ſeinem Gefährten zuvorgekommen, obgleich dieſer da⸗ gegen proteſtirte, nahm deſſen Arm und eilte mit ihm in raſchen Schritten nach dem Stalle zurück. Die beiden Roſſe ſtanden ſchon geſattelt zu ihrem Dienſt bereit, der Wärter reichte Garrett Sporn und Peitſche, Ralph aber nur die letztere, indem er ſagte: „Sporn werden Sie wohl nicht nöthig haben, der Gaul verträgt ſie auch nicht.“ „Er ſoll ſie ſchon vertragen lernen, geben Sie mir nur ein Paar“, erwiederte Ralph, worauf der Wärter ſeinem Wunſche nachkam und lächelnd bemerkte: „Wie Sie wollen, ich habe Sie gewarnt.“ Dann führte er den Fuchs aus dem Stand, ein zweiter Wärter brachte für Garrett den Schimmel herbei und die beiden jungen Männer hoben ſich in die Sättel. Kaum hatte Ralph ſeinen Sitz eingenommen und der Wärter das Pferd aus ſeiner Hand gelaſſen, als daſſelbe ſich hob und in kurzen Langaden zum Stall hinaus in die Straße eilte. Ralph drückte die Schenkel feſt an den Sattel und verkürzte mit ruhiger Hand die Zügel; der Fuchs aber ſträubte ſich gegen die Ge⸗ walt, die ihm angethan wurde, ſchoß in einem hohen Brogenſatz vorwärts und ſchlug, ſobald er die Erde wieder erreicht hatte, mit den Hinterfüßen hoch in die Luft. Ralph gerieth in Zorn, riß des Thieres Kopf in die Höhe und ſtach ihm beide Sporn in die Flanken. Dieſe Strafe brachte das Roß gänzlich außer ſich, laut ſchnaubend blies es die rothen Nüſtern auf, ſeine weitgeöffneten Augen blitzten vor Wuth und in raſchen Seitenſprüngen ſuchte es ſeinen Reiter durch gewal⸗ 26 tiges Prellen aus dem Sattel zu werfen. Dieſer aber ſaß wie angeklettet auf ſeinem Rücken und erwiederte jeden Sprung mit einem neuen Spornſtoß, bis plötzlich das Thier die Stange mit den Zähnen erfaßte, den Kopf vor die Bruſt ſetzte und in fliegender Carriere auf dem glatten Steinpflaſter dahinſtob, daß die Funken unter ſeinen Hufen ſprühten. Garrett ließ ſeinem Schimmel die Zügel und folgte ſeinem Gefährten in voller Flucht, ſo daß ſchon von weither in der Straße Alles ängſtlich zur Seite bog, um den beiden Heranſtürmenden Platz zu machen. Bald hatten ſie die letzten Häuſer der Stadt hinter ſich zurückgelaſſen und Garrett hatte ſeinen Gefährten erreicht, deſſen ſchweißtriefendes Roß mit jedem Sprunge die weißen Schaumflocken von dem Gebiß ſchleuderte. „Können Sie ihn noch nicht halten?“ rief er Ralph zu. „Halten?“ antwortete dieſer athemlos.„Verdammt, jetzt ſoll er für mein Vergnügen laufen!“ ſtieß dem Fuchs abermals die Sporn in die Seiten und hieb ihn mit der Peitſche über die Croupe, ſo daß er wie raſend dahinflog und ſeinen Kameraden wieder weit hinter ſich zurückließ. Die Rennbahn war erreicht, und vor dem Wirths⸗ haus an der andern Seite der Straße wurden die beiden Reiter von mehreren hundert Männern, an denen ſie jetzt vvrüberſauſten, jubelnd begrüßt. 27 „Bei Gott, Garrett! Hurrah für den Fuchs!“ ſchrie es aus der Menge hervor, worauf die beiden Dahinjagenden bald über der nächſten Höhe vor den Blicken der Nachſchauenden verſchwanden. Endlich waren die Kräfte des Fuchſes gänzlich er⸗ ſchöpft, er verlor den Athem, und weder Sporn noch Peitſche vermochte ihn im Laufen zu erhalten. „Ich denke, der Burſche iſt auf Lebenszeit eurirt“, ſagte Ralph, indem er ſein ermattetes Pferd auf der Straße zurücklenkte und ſich ſelbſt die Stirn wiſchte. „Ihr Schimmel hat doch mehr edles Blut, als mein Fuchs, er iſt noch bei vollem Athem.“ „Er iſt aber auch nicht ſo hart angegriffen, wie Ihr Gaul. Ich glaube auch, daß dieſer die Lehre nicht ſo bald vergeſſen wird. Allen Reſpect übrigens vor Ihrem Sitz, es thut Ihnen ſo leicht kein Anderer es nach“, erwiederte Garrett, und im Schritt erreich⸗ ten ſie bald darauf wieder das Wirthshaus an der Rennbahn. Die dort verſammelten Männer drängten ſich um die Angekommenen und verlangten zu wiſſen, wer von ihnen Beiden den Wettlauf gewonnen hätte, brachen aber in ein ſchallendes Gelächter aus als ſie erfuhren, daß das Pferd mit Ralph durchgegangen ſei. Die beiden Roſſe wurden einem Wärter übergeben, der ſie zum Abkühlen umherführen mußte, und Garrett ſtellte 4 28 nun Ralph ſeinen Bekannten vor, die ſich unter der Menge befanden. Die Verſammlung beſtand größtentheils aus ſo⸗ genannten Sportsmen, Leuten, die entweder aus Liebhaberei und zum Zeitvertreib Pferdehandel, Wett⸗ rennen, Jagden und dem Spiel folgten, oder aber ein wirkliches Geſchäft daraus machten. Die reichſten, eleganteſten jungen Männer, wenn ſie dieſen Leiden⸗ ſchaften folgen, ſowie die gemeinſten Schurken und Betrüger werden mit dieſem Namen belegt und Nie⸗ mand findet etwas Anſtößiges dabei, ein Sportsman genannt zu werden. Heute hatten ſich dieſe Leute hier verſammelt, um ein Privatrennen unter ſich abzuhal⸗ ten, worauf bedeutende Wetten ſtanden. Turk, ein ſchwarzer, und Gar, ein brauner Hengſt, waren die beiden Pferde, welche heute den Wettlauf beſtehen ſollten. Ihre Eigenthümer, zwei reiche, an⸗ geſehene junge Männer, ſuchten beide einen Stolz darin, das ſchönſte und beſte Pferd zu beſitzen, und ein Jeder von ihnen pries das ſeinige als das flüch⸗ tigſte. Sie hatten auf dieſe Behauptung hin eine Wette von fünftauſend Dollar unter ſich eingegangen, die heute entſchieden werden ſollte, und außerdem waren noch viele hohe Beträge von Andern auf das eine oder andere Pferd geſetzt. Als Ralph und Garrett herzutraten, war man immer noch eifrig beſchäftigt, Wetten anzubieten und 29 abzuſchließen, welche dann immer an dem Schenktiſch mit einem ſtarken Trunk bekräftigt wurden. Auch Ralph war von ſeinem Begleiter in den Trinkſaal geführt, wo er ſich abermals Cognae reichen ließ, um ſich nach ſeinem wilden Ritt zu erfriſchen, und wo ſich noch mehrere Bekannte Garretts das Vergnügen ausbaten, ein Glas mit ihm zu trinken. Dabei wurden viel luſtige Geſchichten erzählt, es wurde ge⸗ ſcherzt und gelacht und Ralph befand ſich in kurzer Zeit in einer ſo heitern, ſorgloſen Stimmung, wie ſie ihm ſeit langer Zeit fremd geweſen war. Die Trompete rief die Verſammlung hinaus zu der Rennbahn, wo jetzt die beiden Pferde erſchienen, um ihre Schnelligkeit und Ausdauer gegen einander zu meſſen. Beide waren ganz edle, vollblütige Thiere und zeigten deutlich das arabiſche, ſowie auch das engliſche Blut, aus welchem die jetzt ſelbſtſtändige amerikaniſche Pferderace entſtanden iſt. Der Rappe, ein Virginier, kohlſchwarz, ohne ein weißes Haar, war größer und von mächtigerem Körperbau, als ſein Gegner; doch ſeine Bewegungen waren leicht und raſch und ſein glänzendes großes Auge, ſowie ſeine weitgeöffneten, rothen Nüſtern zeugten von feurigem Temperament. Sein nicht ſehr kleiner Kopf war ſcharf und aus⸗ drucksvoll geſchnitten, ſein Haar fein und glänzend 30 und ſein hochgetragener voller Schweif berührte bei⸗ nahe die Erde. 4 Der Braune, in Tenneſſee geboren, trug mehr die Zierlichkeit und Grazie des Arabers zur Schau, unter ſeinem goldbraunen, feinen Haar war jede Ader, jede Muskelbewegung zu ſehen, die glänzend ſchwarze Mähne und der hochgehobene Schweif waren ſeiden⸗ weich und leicht gekräuſelt, der Kopf klein, das Auge verſtändig und lebhaft und ſeine Glieder fein und zierlich. Beide Thiere wurden jetzt noch einer genauen, prüfenden Anſchauung unterworfen und auch Ralph trat mit Garrett hinzu, um ſich ein Urtheil über die⸗ ſelben zu ſchaffen. Nach gründlicher Unterſuchung er⸗ klärte Jener ſich für den braunen Hengſt und hatte 3 ſich kaum zu deſſen Gunſten ausgeſprochen, als mehrere 3 der Umſtehenden, die ſich für den Rappen bekannten, ihm Wetten anboten. Es waren kleine Beträge, auf 3 die er ohne Bedenken einging, wobei er mit großem Eifer die Richtigkeit ſeiner Anſicht geltend zu machen —— —— — ſuchte, und auch Garrett parirte mit verſchiedenen ———————— —— Bekannten, daß der Braune gewinnen müſſe. Während dieſer Zeit wurden die beiden Knaben, welche die Pferde reiten ſollten, mit Sattel und Zeug gewogen und der Unterſchied ihrer Schwere durch Ge⸗ 3 wichte hergeſtellt. Dann wurden die Pferde geſattelt, die Knaben darauf gehoben und mit Spannung wartete 31 man auf den Trompetenſtoß, der das Zeichen zum Rennen geben ſollte. Die beiden feurigen Thiere bäumten ſich und waren kaum noch durch die Wärter zurückzuhalten, als die Trompeten erſchallten und der Rappe und der Braune neben einander in der Renn⸗ bahn dahinflogen. Ein lautes, jubelndes Hurrah folgte ihnen hinter⸗ drein und mit wachſender Begeiſterung hielten die Zuſchauer ihre Blicke auf die flüchtigen Thiere geheftet, die ſchon die Hälfte des Zirkels erreicht hatten, ohne daß eins derſelben dem andern einen Fuß Vorſprung gegeben hätte. Lauter Beifall für beide Roſſe ſchallte von den Lippen der Zuſchauer, und als dieſelben in der zweiten Hälfte des Kreiſes wieder zu dieſen heranſtürmten, ohne einander einen Vortheil zu geben, brach der Jubel in ein donnerndes Hurrah aus, das mit Schwenken der Hüte und Wehen der Tücher be⸗ gleitet wurde. „Hurrah für den Rappen! Hurrah für den Brau⸗ nen!“ ſchrie die Menge wild und tobend, als die Pferde bei ihr vorüberſauſten und die zweite Meile ihres Laufes begannen. „Verdammt, der Rappe gewinnt, er hat in einem Knochen mehr Kraft, als der Braune im ganzen Leibe!“ ſchrie einer der Zuſchauer, mit welchem Ralph gewettet hatte. — „Zur Hölle mit dem Rappen!“ rief dieſer mit heftiger Aufregung, und Jeder in der Menge ſchrie ſeinem erwählten Pferde ſtürmiſchen Applaus zu. Wieder hatten die Renner die zweite Hälfte des Kreiſes erreicht, da fing der Rappe an, Vorſprung zu gewinnen, und hatte ſeinen Gegner um zwei ſeiner Längen hinter ſich zurückgelaſſen, als er mit ihm abermals bei den Zuſchauern vorüberflog, um zum dritten und letzten Male die Bahn zu durchrennen. Wie ein Sturm donnerten ihm die Beifallrufe nach und übertönten laut die Hurrah's, die dem Braunen galten. „Der Braune gewinnt!— tauſend Dollar gegen den Rappen!— Wer nimmt ſie auf?“ ſchrie jetzt Ralph in toller Begeiſterung und ſchwenkte ſeinen Hut hoch durch die Luft. „Ich nehme die Wette an— tauſend Dollar gegen den Braunen!“ rief ein junger Mann, der unweit von Ralph ſtand und drängte ſich raſch zu ihm hin, um die Wette durch Aufrufen von Zeugen gültig zu machen. „Ich bin Zeuge und dieſer Herr iſt gut für den Betrag“, rief Garrett, indem er ſeine Hand auf Ralph's Schulter legte und noch zwei andere junge Leute herbeirief, denen man gleichfalls die Ueberein⸗ kunft mittheilte. Während dieſer Zeit wurden die beiden Roſſe 38 50 wieder an der andern Seite des Kreiſes vor der Staubwolke ſichtbar, die ſie eine lange Zeit den Blicken der Zuſchauer entzogen hatte, und immer noch blieb der Braune um einige Pferdelängen hinter dem Rappen. Der Lauf nahte ſich ſeinem Ende, die zweite Hälfte des Zirkels ward ſchon von den flüchtigen Hufen der Thiere betreten und im Sturm raſten ſie zu dem Ziele heran, das nur noch wenige hundert Schritte vor ihnen lag. Da ſchwang der Reiter des braunen Hengſtes die Peitſche durch die Luft, ſtach ihm beide Sporn in die naſſen Seiten, ſchoß mit Blitzes Schnelle bei dem Rappen vorüber und ließ ihn nun mehrere Schritte hinter ſich zurück. Der Jubelſturm, der den heranſchnaubenden Pferden entgegenſchallte, hatte jetzt keine Grenzen mehr; auch der Reiter des Rappen vergrub beide Sporn in den Flanken des edlen Roſſes und ſenkte die Peitſche über deſſen ſchaumbedeckten Rücken; mit wilder Raſerei ſtürmte es dem Braunen nach und ſuchte ihn zu er⸗ reichen, aber umſonſt, die leichten Hufe dieſes ſchönen Thieres ſchienen kaum den Boden zu berühren und mit weit ausgeſpannten, blutrothen Nüſtern und wie im Triumph hellglänzenden Augen flog es zuerſt zu dem Ziele hin. „Hurrah für den Braunen“, ſchrieen Alle, die auf ihn gewettet hatten, und„Verdammt, der Schwarze!“ Ralph Norwood. M. 3 34 riefen ihre Gegner, als die Pferde vorüberſauſten und nach und nach durch ihre Reiter parirt wurden. „Glück zu, Norwood!“ rief Garrett, indem er den Hut ſchwenkte,„die tauſend Dollar konnten Sie nicht ſchneller verdienen; nun aber einen kühlen Trunk auf den Spaß. Kommen Sie nach dem Schenktiſch“, und hiermit ergriff er Ralph's Arm und eilte, von ſeinen jubelnden Bekannten umgeben, nach dem Wirthshaus. Dort wurden unter Scherzen, Lachen und Fluchen die Wetten bezahlt und Ralph erhielt von ſeinem beſiegten Gegner Anweiſung von tauſend Dollar auf eine Bank. „Sie eſſen mit mir zu Mittag, Norwood“, ſagte Garrett zu dieſem, als ſie ihre Pferde wieder beſtiegen, um nach der Stadt zurückzureiten. „Ich habe Nichts dawider. Ich fühle mich auch verdammt wenig dazu aufgelegt, an dem Tiſche des Herrn Forney in ſteifer Geſellſchaft zu erſcheinen. Da muß man jedes Wort auf die Wagſchale legen und ſich bedenken, ob man lachen oder einen Scherz machen darf“, antwortete Ralph und ließ den Fuchs, der jetzt gehorſam ſeinem Zügel folgte, tüchtig austraben. „Ich mache Ihnen mein Compliment über Ihr Reiten, Herr“, ſagte der Wärter zu Ralph, als er dieſem vor dem Stalle das Pferd abnahm,„ich glaubte wirklich nicht, daß Sie und der Fuchs zugleich wieder hierher zurückkehren würden.“ 35 „So haſt du doch deinen Meiſter gefunden“, ſetzte er noch, zu dem Pferd gewandt, hinzu, indem er demſelben den Nacken klopfte und es in den Stall führte. Das Miethgeld wurde nun von beiden Reitern entrichtet, und Arm in Arm ſchritten ſie dann in der Straße hinunter. „Ich muß nothwendig vor Tiſch noch einmal in mein Hotel gehen, um dort zu hinterlaſſen, daß ich nicht zu Forney zum Eſſen kommen werde“, ſagte Ralph zu ſeinem Gefährten. „Das können Sie ja thun, es liegt uns gar nicht weit aus dem Wege!“ erwiederte dieſer und bog mit Ralph in die nächſte Straße ein, durch welche ſie bald das Gaſthaus erreichten. Ralph ſprang ſchnell die hohe Treppe hinan, er⸗ kundigte ſich, ob Frank Arnold auf ſeinem Zimmer ſei, und als die Frage mit„Ja“ beantwortet ward, trug er einem der ſchwarzen Diener auf, ſeinem Freund zu ſagen, daß er nicht bei Forney zur Tafel erſcheinen werde. Dann eilte er in die Straße zurück zu Garrett und begab ſich mit ihm nach deſſen Bovardinghaus. Daſſelbe befand ſich in einer abgelegenen Straße des ältern der Stadt und hatte weder im Aeußern noch in ſeinem Innern das Anſehen eines Etabliſſements Ranges. In dem ſchmalen Cor⸗ ridor lag, wie auch auf der Treppe, zwar ein Streifen Teppich, und der Fußboden en Parlvur war gleich⸗ falls mit einem ähnlichen Stoff bedeckt, aber die Zimmer waren düſter, die Tapeten alt und beſchmutzt und die Vorhänge von rothem Wollenzeug trugen das Gepräge langjähriger Dienſtzeit. In dem Empfangs⸗ zimmer hatten ſich mehrere Männer, deren Kleidung mit der Ausſtattung des Zimmers in Einklang ſtand, auf dem altmodiſchen Sopha und auf Stühlen nach⸗ läſſig hingeworfen und nickten Garrett, als er mit ſeinem Gaſt eintrat, zu, ohne ſich dabei aus ihrer Lage zu bringen. Die beiden Freunde hatten ſich an einem der Fenſter niedergeſetzt und Garrett ſagte leiſe zu Ralph: „Das Anſehn dieſes Hauſes iſt nicht beſonders em⸗ pfehlend, aber man lebt hier ſehr gut und ungenirt, man kann kommen und gehen, wann man will, ohne zu ſtören, und die Wittwe, von der es gehalten wird, iſt eine gefällige Frau.“ Bald darauf ertönte in dem Gange eine kleine Schelle, als Zeichen, daß das Mittageſſen auf dem Tiſche ſtehe, worauf ſich die Männer von ihren Sitzen erhoben, den Kautabak aus ihrem Munde in den Kamin warfen und nach dem Speiſezimmer eilten, wohin ſich auch Garrett und Ralph begaben. Beim Eintreten in das ziemlich düſtere, niedrige Zimmer empfing ſie eine Frau, die ſich bereits oben an der — — 37 Tafel niedergelaſſen hatte, mit einem ſtummen Kopf⸗ nicken; doch, als ſie Garrett gewahrte, ſagte ſie zu ihm: „Herr Garrett, es hat ein Neger das Billet, wel⸗ ches auf Ihrem Leller liegt, hier abgegeben; Antwort, ſagte er, bedürfe es nicht.“ Garrett nahm mit Ralph Platz und öffnete das Schreiben, welches er kaum geleſen hatte, als er ſich mit den Worten zu ſeinem Gaſt wandte: „Sieh, das iſt ja prächtig, ſo bleiben wir heute beiſammen. Mein Freund, Herr Ballard, ſchickt mir für mich und für Sie eine Einladung für heute Abend und ſagt, daß wir die Schönheiten Baltimore's bei ihm verſammelt finden würden. Es geht dort munter und ungenirt her, und ich bin überzeugt, Sie werden ſich vortrefflich amüſiren.“ „Ich habe aber meinen Beſuch noch nicht bei ihm gemacht“, bemerkte Ralph. „Thut gar nichts, es war ihm genug, daß ich Sie ihm an der Börſe vorſtellte“, antwortete Garrett und bat dann die Wirthin, ſchnell durch einen Neger einige Flaſchen Champagner für ihn holen und in Eis ſtellen zu laſſen. Die Frau blickte ihn einen Augenblick ver⸗ wundert an, ſtand aber dann auf und ging in das nächſte Zimmer, um ſeinem Wunſche nachzukommen. Sie kehrte ſogleich wieder zurück und präſidirte wäh⸗ rend der Mahlzeit. Der Champagner erſchien bald in einem Blech⸗ Glas davon reichen und auch einige der anweſenden 38 eimer mit Eis, er war gut, und das erſte Glas wurde von Garrett und ſeinem Gaſt auf die gewon⸗ nenen Wetten geleert. Der Wirthin ließ Garrett ein Herren mußten ihn koſten. Nach dem Eſſen, als der Kaffee erſchien, hatte ſich Einer derſelben entfernt und kehrte mit einem Packet Karten in der Hand zurück, die er vor Ralph auf den Tiſch legte und ſagte: „Iſt's gefällig, ein Spielchen zum Kaffee?“ Doch Garrett ſchob die Karten raſch mit den Worten zur Seite:„Wir ſpielen nicht“, wobei er den Bringer derſelben mit einem verweiſenden Blick anſah. Dann ſchlug er ſeinem Gaſt vor, eine Spazier⸗ fahrt zu machen, ſchickte den Hausneger fort, um einen Wagen zu holen, und kurze Zeit darauf wurde ein elegantes, offenes, zweirädriges Cabrivlet, in 5 welchem zwei Perſonen Raum hatten, vor das Haus gefahren. Garrett und Ralph ſtiegen ein, Erſterer ergriff die Zügel, ſchwang die zierliche Peitſche über dem ſtolzen Pferde und in geſtrecktem Trabe eilte daſſelbe mit dem leichten Fuhrwerk durch die Straßen hin, zur Stadt hinaus. — Capitel 13. Der Schuhmacher.— Der Gang nach der Kirche.— Zudringlichkeit.— Große Bangigkeit.— Die Ohnmacht.— Die Fahrt wider Willen.— Die alten Romanenhelden.— Der Wächter. G war Abend geworden, und an den Werften der Point verkündete der helle Klang von Schiffs⸗ glocken den Arbeitern, daß ihre Werkſtunden abgelaufen ſeien. Auch über das Werft, an welchem die Tritonia lag, ſchritten wohl über hundert ſchwarze und weiße Schiffszimmerleute von den Schiffen her nach dem Ausgangsthor, welches ſich an der andern Seite des Werftes einige hundert Schritte vom Waſſer neben dem großen Lagerhaus befand; denn der ganze Platz war bis an das Ufer mit einer hohen Dielenwand umgeben. Das Thor ſtand zwiſchen dem Lagerhaus und einem kleinen Backſteingebäude, welches letztere nur ein Zimmer enthielt, deſſen Thür auf die Straße führte. Hier wohnte ein alter, deutſcher Mann mit ſeiner Frau, welchem von dem Herrn des Werftes, einem berühmten, reichen Schiffsbauer, die Aufſicht über daſſelbe gegeben war, wofür er dieſe Wohnung und auch einen kleinen Gehalt erhielt. Er war Schuh⸗ ————————— ——————— —— 40 macher von Profeſſion, betrieb immer noch ſein Hand⸗ werk, und fand reichliche Arbeit bei den Matroſen und den vielen Leuten, die an den Schiffen beſchäftigt waren. Er nannte ſich Sukop, mochte aber wohl in ſeiner alten Heimath, in Braunſchweig, Saukopf ge⸗ heißen und des Wohllauts wegen ſeinen Namen in dieſer Weiſe in's Engliſche überſetzt haben. Alt und Jung an der Point kannte das alte Paar und war ihm freundlich zugethan, denn es hatte hier ſchon ſeit einer langen Reihe von Jahren gelebt und Niemanden eine Veranlaſſung zur Unzufriedenheit gegeben. Im Gegentheil, Sukop hatte ſich um die ſtändigen, ſowie um die wechſelnden Bewohner der Point gar viele Verdienſte und manchen Dank von ihnen erworben, indem er häufig ganz für verloren gegebene Stiefeln wieder brauchbar machte. Man hatte ihm zur Aner⸗ kennung ſeiner Geſchicklichkeit den Namen Schuhdoktor gegeben, da das Geſchäft des Schuhflickens in Amerika bis jetzt noch ſehr wenig Aufmunterung genoß und die Amerikaner ihre Stiefeln gewöhnlich ſo lange trugen, bis ſie zum Dienſt untauglich geworden waren und ſie dann wegwarfen. Namentlich aber war er denen Seeleuten, deren Schiffe an dieſem Werfte anlegten, auch um deswillen von vielem Nutzen, weil ſowohl er, wie auch ſeine Frau, denſelben ſehr dienſtfertig und gefällig waren, kleine Aufträge und Beſtellungen für ſie und von ihnen annahmen und beſorgten, und — 41 bei längerer Bekanntſchaft ſie auch manchmal mit einer Taſſe gutem Kaffee's traktirten. Waren Güter aus den Schiffen auf das Werft ge⸗ bracht, die bis zum einbrechenden Abend nicht mehr nach den Lagerhäuſern geſchafft werden konnten, ſo übernahm Sukop gegen eine ſehr billige Vergütung die Nachtwache dabei, zu welchem Zweck in der Mitte des weiten Platzes ein Schilderhaus ſtand, in dem er bei ſolchen Gelegenheiten, mit einer großen Muskete bewaffnet, die Nacht zubrachte. Augenblicklich lagen außer der Tritonia und einem noch im Bau begriffenen großen, dreimaſtigen Schiff eine Menge anderer Fahrzeuge an dieſem Werfte, unter denen mehrere deutſche, von Hamburg und Bremen angekommen, mit deren Capitainen Sukop ſchon ſeit Jahren befreundet war. Auch auf der Tritonia war er bekannt, dieſelbe hatte ſchon auf ihrer vorigen Reiſe mehrere Wochen hier am Werfte gelegen, zu welcher Zeit er den alten Doſamantes und ſeine damals noch lebende Gattin kennen gelernt hatte, und da auch ſeine Frau mit der letztern häufig in Berührung gekommen war, ſo freute ſich das alte Ehepaar, Eloiſe, die Tochter der⸗ ſelben, zu ſehen und die Zuneigung für die Mutter auf dieſe zu übertragen. Elviſe verließ ſelten das Werft, oder kehrte auf daſſelbe zurück, ohne bei den alten Leuten vorzuſprechen, 42 ſich nach ihrem Befinden zu erkundigen und, wenn es ihre Zeit erlaubte, ſich ein Wenig mit ihnen zu unter⸗ halten. Sie that dies um ſo lieber, als ihr die Ge⸗ legenheit erwünſcht war, deutſch zu ſprechen, welches ſie in der Erziehungsanſtalt in New⸗Vork bei einer deutſchen Lehrerin gelernt hatte und recht geläufig redete. Die Alten erzählten ihr dann aus ihrer deut⸗ ſchen Heimäth, über Schickſale, die ſie hier betroffen, die ſich aber alle zu ihrem Beſten gewendet hatten, und machten ihr Mittheilungen über ihre ſechs Kinder, die ſämmtlich in dieſem Lande glücklich verheirathet waren, und von denen ein Jedes ſie ſo und ſo viel mal zu Großeltern gemacht hatte. Eloiſe wunderte ſich zwar darüber, daß ſie hier ſo allein lebten, und nicht zu einem ihrer Kinder gezogen ſeien, doch Sukop ſagte dann, daß er ſeine alte Hei⸗ math verlaſſen habe, um unabhängig und frei zu leben, wie es dem deutſchen Manne gezieme, und daß er ſich deshalb nicht in eine abhängige Stellung hätte begeben wollen. „Der Mann iſt frei und wär' er in Ketten ge⸗ boren,“ dieſe ſchönen Worte hat ein Landsmann von mir, ein gewiſſer Herr von Schiller, geſagt,“ bemerkte Sukop bei einer ſolchen Gelegenheit, ſchob die große Brille von der mächtigen Naſe bis auf die hohe, kahle Stirn, ließ den Stiefel, an dem er arbeitete, auf die lederne Schürze in den Schooß fallen, und hob die magere Rechte, mit dem Pfriemen bewaffnet, ſtolz in die Höhe. „Erinnerſt Du Dich noch des ſchönen Buches, welches er geſchrieben hatte, Dorothea? Ich habe es Dir als Bräutigam vorgeleſen,“ ſagte er dann zu ſeiner Frau, worauf dieſe ihr Strickzeng gleichfalls in den Schvoß ſinken ließ und ausrief: „Ach Gott, es war ja gar zu ſchön!“ Heute Abend wurde es ſehr dunkel, und das blen⸗ dend helle Licht der mit Waſſer gefüllten Glaskugel, welche vor der Lampe auf Sukop's Tiſch ſtand, fiel durch die ganz voffene Thür ſeines Hauſes auf den Platz vor demſelben und bildete auf dem finſtern Bo⸗ den einen ſcharf begrenzten hellen Fleck. Plötzlich trat Elviſe aus der Dunkelheit in dieſes helle Licht, ſchritt bis an die offene Thür und wünſchte Sukop und deſſen Frau einen guten Abend. „Ei, ei, Fräulein Elviſe,“ ſagte der Alte, indem er über die Brille zu dieſer hinblickte und die Hände auf den Stiefel ſinken ließ, den er flickte,„wohin denn noch ſo ſpät?“ „Zur Kirche, Herr Sukop. Die Glocke hat ſchon geläutet und ich habe noch eine gute Viertelſtunde zu gehen, bis ich hinkomme; der Weg zur Stadt über den öden, ſumpfigen Platz iſt gar unangenehm. Ich muß mich eilen.“ „Sie gehen doch nicht allein, Fräulein Eloiſe?⸗ fragte Madame Sukop. „O nein, Loredo begleitet mich und wartet auf mich an der Kirchenthür; außerdem hat mir Herr Strabv, unſer Oberſteuermann, verſprochen, mich dort zu erwarten und mit mir bis zu dem Schiffe zurück zu gehen. Dem Vater war der Weg zu weit.“ „O, dann ſind Sie ſicher; auch ich würde Ihnen nicht rathen, dieſen Weg allein zu machen. Es iſt für einen einzelnen Mann gefährlich, in der Nacht von hier nach der Stadt zu gehen, wie viel mehr für ein Frauenzimmer.“ „Der Mond wird auch aufgegangen ſein, wenn ich zurückkomme. Gute Nacht, gute Nacht,“ ſagte Elviſe und eilte in die Dunkelheit, wohin ihr der alte Loredo mit einem ſchweren Stock in der Hand raſch folgte. Kaum waren ſie bei dem Thor des nächſten Werftes, an welchem der Sturmvogel lag, vorübergeſchritten, als die Tritte eines Mannes hinter ihnen hörbar wur⸗ den, der denſelben Weg eingeſchlagen zu haben ſchien. Er blieb in einiger Entfernung hinter ihnen, bis ſie das letzte Haus der Point zurückließen und aus der Helligkeit des Scheines einer Laterne, die an deſſen Ecke brannte, dem öden Platze zu in die Finſterniß traten. Sie folgten dem Weg, der über dieſe wüſte Strecke führte, und hörten bald darauf, daß der Mann hinter ihnen ſchnell näher kam. 45 „Komm dicht neben mich, Loredo,“ ſagte Elviſe zu dem Neger und blickte ſich nach dem Unbekannten um. Gegen den Schein der ſchon ziemlich fernen Laterne konnte ſie erkennen, daß er ein ſehr großer, breitſchul⸗ teriger Mann ſei, der ſie ſchon bis auf wenige Schritte erreicht hatte. Elviſe trat unwillkürlich etwas zur Seite, und Lo⸗ redo ſtellte ſich zwiſchen ſie und den Fremden. Dieſer aber nahm den Hut ab und ſchritt mit den Worten auf ſie zu: „Ich erkenne eine beſonders glückliche Fügung mei⸗ nes Schickſals darin, mit Ihnen, verehrtes Fräulein, zuſammenzutreffen, und werde es als eine hohe Be⸗ günſtigung Ihrerſeits betrachten, wenn Sie mir ge⸗ ſtatten wollen, Sie bis zur Kirche zu begleiten; denn dorthin führt Sie ſicher Ihr Weg. Ich hatte ſchon das Glück, Ihre Bekanntſchaft zu machen, mein Name iſt Flournoy, der Capitain des Sturmvogels.“ Er ſprach dieſe Worte mit ſo viel Höflichkeit und Anſtand, daß Elviſe, ſo ungern ſie auch ſeine Beglei⸗ tung annahm, nicht, ohne unhöflich zu ſein, dieſelbe zurückweiſen konnte. „Wenn Sie doch Ihr Weg nach der Stadt ſhrt, Herr Capitain, ſo habe ich Nichts dawider, daß wir bis zur Kirche zuſammen gehen,“ erwiederte Elviſe, zog ihren ſchwarzen Si vor das Geſicht und folgte dem Wege. 45 Flournoy ſchritt an ihre Seite und bat um die Erlaubniß, ihr das Geſangbuch tragen zu dürfen. „Das iſt ja keine Bürde für mich, ich trage es gern,“ antwortete Elviſe. „Auch mir iſt ein Geſangbuch etwas Liebes, doch dies Buch iſt für mich doppelt geheiligt, da es von Ihren Händen gehalten, von Ihren himmliſchen Augen durchblickt iſt. Die Heiligen pflegen Barmherzigkeit zu üben; verſagen Sie mir die Ihrige nicht, Fräulein, laſſen Sie mich das Buch tragen, damit meine Lippen den Fleck berühren dürfen, auf dem Ihre ſchönen Hände geruht haben.“ „Herr Capitain, ich bin auf dem Wege zur Kirche. Ihre Complimente paſſen beſſer für eine luſtige Ge⸗ ſellſchaft in einem Salon oder Tanzſaal.“ „Sie thun mir Unrecht, Fräulein, ich redete mit den heiligſten Gefühlen meines Herzens, die ich Ihnen gern in der Kirche laut beſtätigen möchte. Seien Sie barmherzig und zürnen Sie wenigſtens nicht über meine Verehrung für Sie, die Sie ſelbſt mir in's Herz gelegt haben.“ „Herr Capitain, unſere flüchtige Bekanntſchaft be⸗ rechtigt Sie nicht, mir ſolche Erklärungen zu machen, noch legt ſie mir die Verpflichtung auf, dieſelben an⸗ zuhbren. Ich muß jetzt bitten, mich allein gehen zu laſſen,“ ſagte Elviſe entſchloſſen, trat einen Schritt zurück an die Seite Loredo's und blieb ſtehen. 47 „Ihr leiſeſter Wunſch, Fräulein, iſt mir Befehl, ſelbſt wenn er mein Glück, mein Leben koſten ſollte. Es bleibt mir aber ſchmerzlich, für meine reine, auf⸗ richtige Verehrung ſo ſchwer beſtraft zu werden. Wollen Sie, daß ich voran gehe, oder darf ich Ihnen wie einer Heiligen folgen?“ ſagte Flournoy, indem er den Hut abnahm und ſich ehrerbietig verbeugte. „Wenn Sie wirklich Achtung vor mir im Herzen trügen, Herr Capitain, ſo würden Sie ſich mir mit mehr Beſcheidenheit genaht haben,“ antwortete Elviſe, indem ſie ſich leicht verneigte und einen Schritt vor⸗ wärts that. „In wenigen Tagen ſchon tragen uns die Wogen des Weltmeeres nach entgegengeſetzten Richtungen, können Sie mir zürnen, daß ich den Augenblick zu er⸗ greifen ſuchte, von dem, ich fühle es, das Glück mei⸗ nes Lebens abhängt?“ rief Flournoy mit Begeiſterung, indem er Elviſe beide Arme entgegenhielt; dieſe aber beeilte, ohne ihn einer weitern Antwort zu würdigen, ihre Schritte und erreichte, von dem Capitain in einiger Entfernung gefolgt, die Kirche, aus deren hell erleuchteten, offenen Fenſtern und Thüren der Klang des dort angeſtimmten frommen Liedes hervorſchallte. Ohne ihren Schleier zurückzuſchlagen, und ohne ſich umzuſehen, ging ſie raſch zwiſchen den Andächtigen hin, in deren vorderſten Reihen ſie ſich niederließ. Elviſe war beherzt und entſchloſſen, ſie verlor nicht 48 leicht die Geiſtesgegenwart, war aber eigentlich noch nie in ihrem Leben, ſich ſelbſt überlaſſen, in einer Gefahr geweſen, und hatte auch dieſen Abend, ſo wie ſchon oftmals früher, ihren Weg zur Kirche allein mit dem alten Loredo ganz ſorglos angetreten. Die Zu⸗ dringlichkeit des Capitains, über welchen ſich ihr Vater zu verſchiedenen Malen nicht günſtig geäußert, hatte ſie überraſcht, und ſie fühlte ſich in großer Aufregung, ihr Herz ſchlug ängſtlich und ihr Geſicht brannte. Sie fürchtete, und ſie war beinahe davon überzeugt, daß der Capitain ſie auf ihrem Heimwege abermals anreden würde und fühlte, daß ſie jetzt nicht mehr ſo viel Muth beſäße, ihm zu antworten, weil er ihr nicht mehr ſo gleichgültig, weil er ihr zuwider war, ja un⸗ heimlich und gefährlich vorkam. Was ſollte ſie thun, wie ſollte ſie es anfangen, um den Mann von ſich fern zu halten? Gern hätte ſie ſich einmal nach dem Eingang umgeſehen, ob ſie nicht den Steuermann Strabo unter den dort ſtehenden Männern bemerken könne, ſie fürchtete ſich aber, dem Blicke des verhaßten, frechen Menſchen zu begegnen. Sie ſchlug den Schleier zurück und ſah ſchüchtern zur Seite, ob ſie nicht zu⸗ fällig Jemanden erkenne, um ihm ihr Leid zu klagen und Schutz bei ihm zu ſuchen; die Leute, die ſie um⸗ gaben, waren ihr aber ſämmtlich fremd. Auf Strabo ſtützte ſich noch ihre Hoffnung, er hatte es ihr ja ge⸗ ſagt, daß er auch zur Kirche kommen und ſie von da 49 nach dem Schiffe zurück begleiten würde. Aber in dem Gedränge beim Hinausgehen war es leicht möglich, daß er ſie nicht bemerkte, es wurde ihr immer bänger um's Herz, ſie konnte ja nicht wiſſen, was der fremde Capitain gegen ſie im Sinne führte; zudringlich genug hatte er ſich gezeigt, um noch mehr von ihm zu fürchten. Sie hörte nicht, was der Geiſtliche ſagte, ſie ſtimmte nicht mit in die Geſänge ein, und ſah, wenn ſie in das Geſangbuch blickte, immer den Mann mit dem großen, ſchwarzen Barte vor ſich. Es zog ihre Blicke unwiderſtehlich zu der Thüre hin, um ſich nach dem Steuermanne umzuſehen; ſie ſetzte ſich etwas ſeitwärts auf der Bank und wandte dann raſch ihren Kopf um. Wie ein Dolchſtoß begeg⸗ neten ihr die großen, finſtern Augen Flournoy's, der, mit einer Hand im Buſen, an dem Eingang ſtand und über die Umſtehenden hinweg nach ihr herſah. Ein Angſtſchrei erſtickte auf ihren Lippen, ſie blickte raſch auf ihr Geſangbuch und fühlte, daß ſie bleich wurde. Allein mit dem alten Neger über die wüſte Strecke zurückzugehen, das, beſchloß ſie, wollte ſie keinenfalls thun, lieber wollte ſie ſich nach irgend einem Hotel in der Stadt begeben und dort einen Wagen und eine Begleitung zu erlangen ſuchen. Das letzte Lied wurde jetzt angeſtimmt, Elviſe hielt das Buch bebend in der Hand, und als der Geſang zu Ende war und die Verſammlung ſich erhob, drängte Ralph Norwood. II. 4 50 ſie ſich zwiſchen die Damen und wankte mit ihnen der 3 Wieder richtete ſie ihre Blicke nach dem Eingang, und abermals ſah ſie den Mann mit dem Barte un⸗ beweglich dort ſtehen und ſeine Augen auf ſie heften, 4 als ob er ſie mit ſeinem Blick durchbohren wollte. Sie kam näher, ſie wurde kälter, ſie fühlte den Boden unter ſich wanken und mit einem halblauten: „Großer Gott!“ ſank ſie zuſammen. Es war unmit⸗ telbar an der Thür, die Frauen drängten ſich um ſie, hoben ſie auf, ſetzten ſie auf einen Stuhl nieder und hielten ihr Riechfläſchchen vor; doch das Leben ſchien ſie verlaſſen zu haben. Flournoy war aus der Kirche Fen vor wel⸗ ——— — cher mehrere Damen im Begriff ſtanden, einen ihrer harrenden Fiaere zu beſteigen; er trat zu ihnen hin, ſtellte ihnen vor, daß die Tochter eines ihm befreun⸗ deten Capitains, deſſen Schiff an der Point liege, ohnmächtig geworden ſei, bat ſie, ihr den Wagen zu überlaſſen, und eilte dann in die Kirche zurück zu dem immer noch ohnmächtigen Mädchen. Das Geſangbuch nahm er aus Elviſens Schooß und verbarg es in ſeiner Rocktaſche, hob ſie dann auf ſeinen Arm, trug ſie ſchnell in den Wagen, winkte dem ihm nachſtür⸗ zenden Loredo, ſich zu dem Kutſcher zu ſetzen und nahm ſelbſt neben der Ohnmächtigen Platz. Fort rollte der Fiaere über die ſumpfige Fläche, 51 auf der jetzt das taghelle Licht des Mondes lag. Die friſche Luft und die heftige Bewegung der Kutſche rief das Leben in Elviſe zurück, ſie ſchlug mit einem tiefen Seufzer die Augen auf, blickte erwachend um ſich, und wußte nicht, wo ſie ſich befand. „Beruhigen Sie ſich, Fräulein,“ ſagte Flournoy theilnehmend,„eine Ohnmacht hatte Sie in der Kirche befallen, und ich war ſo glücklich—“ „Großer Gott, wo führen Sie mich hin?“ ſchrie Eloiſe, zum Tode erſchreckt, und machte eine Bewegung gegen den Kutſchenſchlag. „Nach Ihres Vaters Schiff,“ erwiederte Flournoy, indem er ihren Arm ergriff und ſie ſanft in den Sitz zurückzog,„ich hoffe, daß ich mir nicht nochmals Miß⸗ billigung zuziehe, weil ich Ihnen zu Hülfe kam.“ Elviſe ſah in dieſem Augenblick, daß der Wagen ſich der Laterne an dem äußerſten Hauſe der Point näherte, und erkannte im hellen Mondſchein die lange Reihe von Maſten, die über den Werften emporragten. Der Groll gegen den Urheber ihrer Angſt und Noth verminderte ſich in dieſem Augenblick, da ſie ſeine Hülfeleiſtung nicht in Abrede ſtellen konnte und in wenigen Minuten von ſeiner Gegenwart befreit werden mußte. Sie ſchwieg und blickte vor ſich nieder, wäh⸗ rend der Wagen jetzt die gepflaſterte Straße an der Point erreicht hatte und dem erſehnten Werft zurollte. Noch waren ſie nur einige hundert Schritte von dem⸗ — ———— 52 ſelben entfernt, als Elviſe„Halt!“ zu dem Wagen hinausrief und der Kutſcher die Pferde parirte. „Sie erlauben mir, Herr Capitain, daß ich hier ausſteige und mich allein nach unſerm Schiff begebe,“ ſagte Elviſe, indem ſie ſchnell den Schlag öffnete und aus dem Wagen ſprang.„Für Ihre Hülfe nehmen Sie meinen Dank,“ ſetzte ſie dann noch hinzu und eilte, von Loredo gefolgt, der auch bereits abgeſprungen war, in dem Schatten der Häuſer auf dem Trottvir hin, während ſie den Wagen mit Flournoy nach der Stadt zurückrollen hörte. Jetzt holte ſie tief Athem, ſie hatte das Gefühl der Sicherheit wieder erlangt und ſie machte ſich Vor⸗ würfe über ihre kindiſche Furcht. Die Straße war ſtill und kein lebendes Weſen darin zu ſehen, denn hier ſtanden die Kaufläden, welche jetzt geſchloſſen waren, und nur von dem andern Ende der Point her, wo ſich die Trink⸗ und Tanzhäuſer be⸗ fanden, ſchallte der Jubel luſtiger Matroſen herüber. So näherte Elviſe ſich dem Thor vor dem Werfte, an dem die Tritonia lag, und als ſie es erreichte, hörte ſie ein lautes Schluchzen, welches aus dem Hauſe Sukops zu kommen ſchien. Die Thür war ein wenig geöffnet und durch die Spalte ſchimmerte das Licht der Lampe hervor. Eloiſe trat an dieſelbe heran, um ſich zu überzeugen, ob ſie ſich nicht geirrt habe; doch es war wirklich ſo, ſie hörte jetzt deutlich die ſchluch⸗ 53 zenden und jammernden Stimmen der beiden alten Leute. Betroffen und mit der innigſten Theilnahme öffnete ſie langſam die Thür und ſah mitleidig bewegt auf das traurige weinende Ehepaar. Sukop ſaß vor dem Tiſch, auf welchem hinter der blendend beleuchteten Glaskugel die Lampe ſtand, hatte das rechte Bein übergeſchlagen und ließ ſeine linke Hand auf einem Buche ruhen, welches geöffnet auf ſeinem Knie lag. Mit der rechten Hand hielt er ein blaugeſtreiftes baumwollenes Taſchentuch, in welches er ſein Antlitz geſenkt hatte und ſeine Thränen ergoß. „Ach mein Gott, es is jar zu draurig,“ ſeufzte er mit gebrochener Stimme in ſeiner vaterländiſchen Mundart und ſchluchzte laut dazu, während ſeine Frau ihm gegenüber ſaß, beide Hände um ihr buntes Ta aſchen⸗ tuch gepreßt in ihrem Schvoße hielt, ihren Kopf ge⸗ ſenkt hatte und bitterlich weinte. „Aber mein Gott, welches Unglück iſt Ihnen denn widerfahren?“ fragte Eloiſe, auf's Tiefſte ergriffen, indem ſie ihre gefalteten Hände gegen ihre Bruſt drückte und vor die Trauernden hintrat.„Kann ich oder mein Vater Ihnen vielleicht helfen, oder iſt Ihnen eins Ihrer Kinder geſtorben?“ „Ach nein, ach nein, ach Gott, es is jar zu ſchröc⸗ lich,“ ſchluchzte wieder der alte Mann, blies heftig durch die Naſe in das Taſchentuch und wiſchte ſich die Thränen von den Wangen. — . 54 „Aber was iſt es denn für ein Unglück, das Sie betroffen?“ fragte Eloiſe wieder, der auch die Augen feucht geworden waren. „Ach Gott, er is ja todt!“ ſtotterte die alte Frau und hob das blaue Tuch zu ihren Augen. „Alſo doch einer Ihrer Söhne? ach, Ihr armen guten Leute!“ ſagte Elviſe weinend, und legte ihre Hand auf des Alten Schulter. „O nein nicht unſer Sohn, Gott bewahre! Es is nur ſo eine draurige Geſchichte. Sehen Sie, die Eltern wollten nicht, daß er ſie haben ſollte, und da hat er ſich todtgeſchoſſen. Ach, denken Sie ſich dies, es is doch jar zu fürchterlich!“ ſagte Sukop, mehr ge⸗ faßt, und blickte Elviſe halb verwundert an, obgleich immer noch ſchwere Thränen an ſeinen Lidern hingen. „Ja, aber um Gpotteswillen, ſo ſagen Sie mir doch nur, wer ſich todtgeſchoſſen hat?“ rief Elviſe, in⸗ dem ſie zurücktrat und die beiden Leute verwundert anblickte. „Ei ja, der Heinrich, hier in dieſem ſchönen Buche ſteht es geſchrieben, es iſt von Spieß, und wir haben's eben ausgeleſen,“ antwortete Sukop, indem er die Brille ganz auf der Stirn hinaufſchob, das Buch zu⸗ ſchlug, abermals ſeine Naſe in das Tuch zwiſchen ſeine beiden Hände klemmte, und aus Leibeskräften hinein⸗ blies, daß es laut durch die ſtille Straße ſchallte. „Um aller Heiligen Willen, iſt es möglich, ſind 55 Sie denn ganz von Sinnen? Ueber einen albernen Roman verbittern Sie ſich Ihre Abendſtunden und jammern und klagen, als ob Sie das Theuerſte ver⸗ loren hätten. Nein, das überſchreitet alle Grenzen der Vernunft.“ „Erlauben Sie, Fräulein,“ ſagte Sukop mit Würde, indem er ſeinem Riechorgan einige Priſen aus einer tombackenen Doſe einverleibte und dieſe darunter hielt, um Nichts von dem Taback zu verlieren,„erlauben Sie, Spieß iſt ein Mann, der Einen wohl zu Thränen rühren kann. Ich werde Ihnen das Buch leihen, da⸗ mit Sie ſich ſelbſt davon überzeugen.“ „Nein, nein, ich danke herzlich, ich will es nicht leſen,“ rief Elviſe laut auflachend,„ich muß aber gehen, Vater wird auf mich warten.“ „Einen Augenblick, Fräulein, ich gehe mit Ihnen. Ich habe heute Nacht Dienſt, die Güter muß ich be⸗ wachen, die noch ſpät aus dem Bremer Schiff ausge⸗ laden wurden und auf dem Werft liegen blieben. Dorothea, reich' mir meine Waffen,“ ſetzte er dann noch hinzu, indem er ſich an ſeine Frau wandte, ſteckte die Tabatiere in die Taſche, ſetzte einen runden ſchwarzen, ſehr hohen Hut auf, zog einen langen grauen Schlafrock an, und nahm nun ſeiner Frau zuerſt einen ſchweren krummen Säbel ab, deſſen Lederriemen er über die Schulter hing, und dann die große Muskete, welche ihm Dorothea entgegenhielt. „So, mein Fräulein, nun werde ich Sie ſicher bis zu Ihrem Schiff geleiten,“ ſagte er, indem er Eloiſe bat, voran zu treten. Dann wandte er ſich zu ſeiner Ehehälfte, reichte ihr die Hand und ſagte: „Lege Dich zur Ruhe, Dorothea, ich werde vor Tagesanbruch nicht zurückkehren, denn es ſind werth⸗ volle Güter, die ich bewachen muß, und die vielen fremden Schiffe, die augenblicklich im Hafen liegen, brachten uns ſo wildes fremdes Matroſenvolk hierher, daß man die Augen nicht ſchließen darf, will man ſeinen Rock auf dem Leibe behalten.“ Dann ſchritt er in die Straße hinaus, ſchulterte die Muskete und ging mit Eloiſe durch das Thor über das hell vom Monde beleuchtete Werft bis an die Seite der Tritonia, wo er ſeiner jungen Freundin eine angenehme Ruhe wünſchte und ſich dann nach dem Schilderhaus wandte, während Jene mit Hülfe Lo⸗ redo's das Verdeck des Schiffes erſtieg. Sukvp ſtimmte, als er über das Werft zurückſchritt, das ihm unvergeßliche Lied an, welchem er ſo oft zu mächtlicher Stunde in den Straßen ſeiner geliebten Vaterſtadt Braunſchweig bei dem melodiſchen Tone einer Drehorgel gelauſcht hatte: „Der Ritter muß zum blut'gen Kampf hinaus, Für Freiheit, Ehr' und Vaterland zu ſtreiten!“ Das Schilderhaus, dem er entgegenſchritt, drehte ſich auf einer Spindel, ſo daß man ſeinen Eingang 6 57 immer von dem Winde abwenden konnte, es war in ſeinem Innern mit einer Bank, und an ſeinem Ein⸗ gang mit einer niedrigen Thür verſehen, die der darin ſitzenden Perſon nur bis an die Kniee heraufreichte, ſo daß dieſelben und die Füße gegen die Zugluft ge⸗ ſchützt wurden, und doch der obere, größere Theil des Eingangs vffen blieb, um einen ungehinderten Blick ins Freie zu geſtatten. Sukop trat an dies Schilderhaus heran, drehte es mit dem Eingange nach den Kiſten und Ballen hin, die in einiger Entfernung auf dem Werfte lagen, richtete ſeine hohe magere Geſtalt in voller Größe auf, und warf einen prüfenden Feldherrnblick um ſich über die helle Fläche. Darauf hob er ſeine Muskete über die niedrige Thür in das Schilderhaus, ſetzte ſie neben der Bank nieder, ſtieg dann ſelbſt, ohne die Thür zu öffnen, über dieſelbe hinein, und blieb einen Augen⸗ blick ſtehen, wie es ſchien, um dem fernen Jubelton der Matroſen zu lauſchen; denn er beugte ſich aus dem Eingang hervor und hielt ſein Ohr nach der Gegend hin, von wo der Ton herkam. Darauf zog er den Schlafrock um die Kniee, brachte den Säbel, der ihm auf dem Rücken hing, an ſeine Seite, und ließ ſich auf der Bank nieder. Hier ſaß nun der Wächter, nach vorn gebeugt, und ließ ſeinen wachſamen Blick bald links nach dem Thor, bald rechts nach den Schiffen gleiten, und jedes, auch 58 das leiſeſte Geräuſch zog ſeine Aufmerkſamkeit auf ſich. Alles blieb ruhig, ſelbſt die Wimpeln auf den hohen Maſten der Schiffe hingen, wie in Schlaf geſunken, unbeweglich herab, und das monotone Plätſchern der Wellen unter den coloſſalen Körpern der Fahrzeuge rauſchte wie eine Schlafmelodie. Sukop hielt ſeine Augen geöffnet und blickte von Zeit zu Zeit nach dem Monde, der ihm heute ſehr langſam vorwärts zu ſchreiten ſchien. Eine Stunde verſtrich und abermals meldete der Zeiger auf des Wächters Uhr, die dieſer in das Mondlicht hielt, daß er ſeinen Lauf um das Zifferblatt vollbracht habe, da verſenkte Sukop dies alte ſilberne Familienſtück wieder in die große Weſtentaſche, zog den Schlafrock feſter um ſich und lehnte ſich zurück gegen die hintere Wand des Schilderhauſes. Es wurde kühl, Sukop fielen einige Male die Augen zu, wobei er mit dem Kopfe nickte, ſchnell aber wieder aufſchreckte und vor ſich nach den Gütern ſah. Aber⸗ mals hatte er die Augen geſchloſſen, diesmal aber feſter, als vorher, denn bald verkündete ein heftig ſchnarchender Ton, daß er in einen tiefen Schlaf ver⸗ ſunken ſei. Um dieſe Zeit kehrte ein Schwarm von einigen zwanzig Matroſen aus einem Tanzhaus zurück, um ſich an Bord der Schiffe zu begeben, welche an dem Werfte lagen, auf welchem Sukop Wache hielt. Sie 59 kamen ſingend zu dem Thore herein, verſtummten aber alsbald, um ihre ſpäte Rückkehr ihren Capitainen nicht zu verrathen. Als ſie in einiger Entfernung an dem Wachtpoſten vorüberſchritten, drang der ſchnarchende Ton des Wächters zu ihren Ohren. „Bei Gott, der alte Doktor Sukop ſchläft!“ „Laßt uns ihm einen Streich ſpielen!“ „Wir wollen ihn drillen!“ So flüſterten ſich die übermüthigen luſtigen Bur⸗ ſchen lachend zu, indem ſie die Köpfe zuſammenſteckten und nach dem Schilderhauſe zeigten. Der Vorſchlag fand allgemeinen Beifall. Einige von ihnen, worunter der Steuermann eines Bremer Schiffes, ſprangen nach dieſem Fahrzeug hin, und kamen nach wenigen Augenblicken mit einem aufgerollten Segeltau zurück. Geräuſchlos ſchlichen ſie zu dem ſchlafenden Wächter, ſie wanden ebenſo leiſe nach und nach das lange Tau um den untern Theil des Schilderhauſes, und als nur noch ſo viel von dem Ende des Strickes übrig war, daß ſie Alle daran anfaſſen konnten, ergriffen ſie das⸗ ſelbe und rannten damit ihrem Schiffe zu. Das Haus fing an, ſich ſchnell zu drehen, und Sukop erwachte. Sein Auge konnte ſchon durch den Eingang draußen im Freien keinen Gegenſtand mehr erfaſſen, bald ſah er die Maſten der Schiffe, bald die Dielenwand, bald das Lagerhaus und das Thor, und 60 ſchneller und ſchneller flogen dieſe Gegenſtände vor ſeinen überraſchten Blicken vorüber. Dabei fühlte er die drehende Bewegung und ſein Sitz fing an, ſehr unſicher zu werden. Zugleich erblickte er von Augen⸗ blick zu Augenblick den davonrennenden Männerhaufen, erfaßte wüthend ſeine Muskete, die bald links, bald rechts gegen die Wände des Hauſes ſchlug, und rief mit aller Kraft ſeiner Stimme: „Räuber, Mörder, ich ſchieße!“ Doch ſtatt der Antwort hörte er durch das Sauſen, welches ihn jetzt wie ein Sturmwind umgab, nur ein lautes ſchallendes Gelächter, und flog ſelbſt ſo macht⸗ los im Hauſe herum, daß er die Muskete fallen ließ und ſich mit beiden Händen gegen die Seiten des Eingangs ſtemmte, um der immer zunehmenden Ge⸗ walt, die ihn aus demſelben hinauszog, zu widerſtehen. Wie ein Wirbelwind flog er jetzt im Kreiſe herum, immer noch wehrte er ſich mit aller Macht gegen die Kraft, die ihn nach außen drängte, auch die Beine hatte er weit auseinander geſpreizt, um ſich damit zu ſtützen, doch den Kopf konnte er ſchon nicht mehr in dem Hauſe erhalten, und mit weit aufgeriſſenem Mund und ſtieren Augen hing er bald mit dem ganzen Ober⸗ körper im drehenden Fluge im Freien, und klammerte ſich mit den Händen in dem Eingang feſt. Die Muskete verließ das Haus zuerſt und flog weit⸗ hin über das Werft, dann ſauſte der Hut in der ent⸗ 61 gegengeſetzten Richtung durch die Luft, der Säbel hing noch an den Schultern des Wächters und beſchrieb mit deſſen, aus dem Schilderhaus hervorhängenden Oberkörper den äußerſten Zirkel der ſich fliegend dre⸗ henden Maſſe. Endlich konnte Sukop dem raſenden Wirbel nicht länger widerſtehen, er ließ die Hände von den Seiten des Eingangs abgleiten und flog, wie aus einer Ka⸗ none geſchoſſen, weithin in den Sand auf das Werft, wo er, wie ein gepritſchter Froſch, regungslos ausge⸗ ſtreckt auf dem Rücken liegen blieb. Es war ihm, wie man zu ſagen pflegt, Hören und Sehen vergangen, es ſauſte und brauſte ihm wild vor den Ohren, und der Boden unter ihm ſchien ſich noch mit ihm zu drehen, als er die Augen nach einer Weile aufſchlug und nach dem Mond über ſich blickte. Er ſetzte ſich auf, hielt ſich aber mit beiden Händen an der Erde feſt, da es ihm immer noch war, als drehe er ſich im Kreiſe. Er konnte ſich nicht klar machen, was eigentlich mit ihm vorgegangen ſei und wie er überhaupt aus ſeinem Schilderhaus hierher auf den Sand gerathen wäre. Voll Verwunderung blickte er nach dem Wachthaus hin, es ſtand ruhig da auf ſeinem alten Fleck und nirgends auf dem Werfte zeigte ſich etwas Ungewöhn⸗ liches.— Der erſte Verſuch Sukops, ſich aufzuſtellen, miß⸗ 62 lang, denn er hatte den einen Fuß auf das Ende des Schlafrocks geſetzt und wurde, als er ſich erhob, wieder von dieſem niedergezogen. Abermals unternahm er es, ſich aufzurichten, trat aber auf den ihm treu gehliebenen Säbel und ſtürzte wieder in den Sand; das drittemal jedoch ſetzte er ſeinen Vorſatz durch, und erhob ſich. Trotz des Schwindels, der ihn immer noch nicht ver⸗ laſſen hatte, ging er zu dem Schilderhaus hin und betrachtete es von allen Seiten, es war aber keine Veränderung daran wahrzunehmen, außer, daß deſſen Eingang nicht mehr nach den zu bewachenden Gütern, ſondern nach der entgegengeſetzten Richtung zeigte. All⸗ mählig kehrte in Sukop die Erinnerung wieder, es kam ihm in das Gedächtniß zurück, daß er geſchlafen hatte, daß er über die drehende Bewegung des Hauſes erwacht war, daß er einen Haufen Männer habe über das Werft laufen ſehen, daß er ein ſchallendes Hohn⸗ gelächter gehört und daß ihm in einem Wirbelſturm die Sinne vergangen waren. Mit Entrüſtung blickte er um ſich, denn jetzt wurde es ihm klar, daß er einer Bande von Taugenichtſen zum Narren, zum Spielball gedient hatte; in ſeinem edlen Zorn griff er nach dem Säbel und verſuchte die gute Klinge aus ihrer Haft hervorzuziehen; umſonſt, ſie war eingeroſtet. Sein Zorn ſteigerte ſich, er dachte an die Muskete, Rache für dieſe Schmach mußte er nehmen, er blickte in das Schilderhaus, die Waffe war verſchwunden. Man — 63 mußte ſie ihm geſtohlen haben, um ihn wehrlos zu machen. „Ha, feige Böſewichter!⸗ dachte er und hob den widerſpenſtigen Säbel drohend in die Höhe, als ſein Auge auf die Muskete fiel, die in einiger Entfernung mit dem langen Bajonnet ſchief in dem Sande ſteckte und den Kolben in die Höhe hielt. Sein Ingrimm hatte den höchſten Grad erreicht, er ſtürzte auf ſie zu, riß ſie aus der Erde, ſpannte den Hahn und hätte ſie gegen eine ganze Armee abgefeuert, wenn er eine ſolche vor ſich gehabt hätte. Doch ſeiner Wuth mußte er einen Ausweg verſchaffen, er mußte Feuer geben, er blickte ſich vergebens hin und her nach einem Gegen⸗ ſtande um, an dem er ſeine Rache auslaſſen könne, warf endlich das Gewehr gegen die Schulter, richtete es gegen den Mond, drückte ab, und mit einem Krach, der dem Donner glich, entlud die Muskete den, ſeit Jahren in ihr eingeroſteten Schuß. Wie vom Blitz getroffen, war Sukop auf die Erde geſchmettert und lag wie todt mit ausgeſtreckten Armen und Beinen auf dem Rücken und neben ihm die Muskete. Der erſchütternde Knall des Gewehres brachte nicht allein die Mannſchaft der Schiffe in wenigen Augen⸗ blicken auf das Werft, ſondern auch Dorothea, die ihren geliebten Gatten mit der mörderiſchen Waffe auf der Wacht wußte, ſprang von ihrem Ruhelager auf und ſtürzte, ohne an ihre leichte Bekleidung zu 3 64 denken, durch das Thor herein den Männern zu, die ſich bereits um Sukop geſammelt hatten. „Er hat ſich todt geſchoſſen!“ riefen ſie ihr entgegen und „Sukop, lieber Mann!“ ſchrie die Frau in vollſter Verzweiflung und riß die Matroſen zur Seite, um zu ihm zu gelangen. Die theure Stimme der geliebten Lebensgeführtin berührte kaum die Ohren des todtgeglaubten Sukop, als er ſich aufſetzte und ſagte: „Hier bin ich, Dorothea!“ Dieſe faßte ihn hülfreich unter die Arme und bat ihn, aufzuſtehen. „Biſt Du denn verwundet, Sukop?“ fragte ſie ihn theilnehmend, indem ſie ihr leichtes, weißes Nacht⸗ gewand über ihrer Buſengegend zuſammenfaßte und den Arm um ihres Mannes Schultern legte. „Ich weiß nicht, mein Backen ſcheint mir ange⸗ ſchwollen,“ er, indem er den Kopf etwas auf eine Seite hielt,„eine Bande Diebe wollten die Güter raube doch ich gab Feuer auf ſie.“ Ein jubelndes, ſchallendes Gelächter brach jetzt unter den Matroſen los. Nach dem Monde hat er geſchoſſen, Hurrah für Sukop!“ ſchrieen ſie ein über das andere Mal und übertönten die wohlverdienten ſtrafenden Worte, die Madame Sukop in höchſter Entrüſtung an ſie richtete. „Wo haſt Du denn Deinen Hut, Mann?“ fragte ſie, indem ſie das Mordgewehr von der Erde aufnahm. „Der Wirbelwind hat ihn ihm vom Kopfe genommen und dort oben am Thor niedergelegt. Es war eine ſtürmiſche Nacht,“ rief einer der Matroſen, und Alle brachen in neue wilde Hurrahs aus, während Madame Sukvp wie ein rettender Engel neben ihrem Mann dem Thore zuſchritt, wo der vermißte Hut deutlich im Mondlicht zu erkennen war. Ralph Norwood. II. 5 4 Capitel I4. Der Ball.— Die ſchöne Blondine.— Bethörung.— Die Reſtauration.— Die Spielhölle.— Der Rauſch. Bet Wagen, welcher Elviſe an dieſem Abend von der Kirche nach der Point geführt hatte und dann nach der Stadt zurückrollte, ſetzte Capitain Flournoy eine Viertelſtunde ſpäter vor dem Wohngebäude des Herrn Ballard ab, deſſen Eingang weit geöffnet war und, ſo wie ſämmtliche Fenſter des Hauſes, das helle Kerzenlicht aus dem Innern deſſelben in die Straße ausſtrömen ließ. Flournoy verweilte nur einen Augenblick in dem Parlour gleicher Erde, um vor dem großen Wand⸗ ſpiegel ſeine Tilette zu ordnen, ſprang dann eilig die Treppe hinan in den erſten Stock, von woher der luſtige Ton einer Violine im Tacte eines Cotillons erklang. Er trat in den glänzend erleuchteten Saal, mußte aber in der Nähe der Thür verweilen, da vier Cotillons zugleich getanzt wurden und die Zuſchauer ſich an die Wände drängten, um den, ſich lebhaft durcheinander irrn Tänzern und Tänzerinnen Raum zu 67 geben und ihre Füße vor den Pas der erſteren zu be⸗ wahren. In der Thür des Saales, welche nach der linken Seite in das daranſtoßende Zimmer führte, ſtand ein Neger in ſchwarzem Frack und weißer Weſte und ſpielte auf der Vivline den Cotillon, wonach dieſe vier Abtheilungen und noch zwei andere, welche ſich in dem anſtoßenden Zimmer aufgeſtellt hatten, tanzten. Zu⸗ gleich rief er mit lauter Stimme die jedesmalige Tour ab und trat mit dem Fuße den Takt. — das viele Gold, ſowie die reichen bunten Seidenf Nach Europäiſchen Gebräuchen würde dies Ball⸗ orcheſter Veranlaſſung zur Unzufriedenheit und zu Be⸗ merkungen gegeben haben, hier aber regierte das Sprich⸗ wort:„Wer gern tanzt, dem iſt leicht gepfiffen,“ und gern tanzten die hier Herumſpringenden ſicher, denn Fröhlichkeit leuchtete von jedem Antlitz. Herr Ballard hatte keine Unwahrheit geſagt, wenn er in ſeiner Ein⸗ ladung an Garrett und Ralph bemerkte, daß ſie viele Schönheiten bei ihm verſammelt finden würden; denn wohin man ſah, begegnete man den Blicken reizender, wunderbar geſchmackvoll evſtümirter junger Mädchen. Die Brünetten waren am zahlreichſten vertreten, doch auch der zarten Blondinen ſah man hinreichend, um jeden Geſchmack auf das Vollſtändigſte zu befrie⸗ digen. Die reiche bunte Tvilette, die fliegenden Bän⸗ der, die wehenden Spitzen und Gewänder trugen viel dazu bei, um das Auge überraſchend zu feſſeln und 68 womit der Saal überladen decorirt war, gaben dem Bild das Gepräge von großem Reichthum und Ueberfluß. Bei näherer Betrachtung aber fand man, daß hier und dort die Farben in der Decoration des Saales nicht mit einander harmonirten, daß die Formen der Spiegel, der Möbel, der Kronleuchter nicht in Einklang ſtanden, und daß die goldenen Verzierungen nur an⸗ gebracht waren, um überhaupt Gold zu verwenden. Auch die hier verſammelte Geſellſchaft ſchien nicht ganz zu einander paſſend zuſammengeſetzt zu ſein, was ſich theils in der Art und Weiſe der Kleidungen, mehr aber noch durch das Benehmen und in der Unterhaltung der Einzelnen verrieth. Die Tanzenden ſtimmten am beſten miteinander überein, ſie ſchienen von nur einem Geiſte beſeelt und nur einem Gefühl zu huldigen: dem der Heiter⸗ teit und des Frohſinns. Bei den Nichttanzenden aber war dies nicht der Fall; man ſah ernſte, nachdenkende Leute, auf deren Zügen man es deutlich leſen konnte, daß ſie mit ihren Gedanken nicht in der Geſellſchaft gegenwärtig waren; man ſah Andere, deren einfache, aber ganz gewählt feine Tpilette gegen die der Mehr⸗ heit abſtach, in deren gemeſſenem elegantem Beneh⸗ men man bemerken konnte, daß ſie ſich unter dieſem ungenirt fröhlichen Gemiſch nicht heimiſch, nicht wohl befanden, und daß ſie ſich aus irgend einer Urſache St anthaten, hier zu verweilen. Wieder ſah man 69 junge Männer von vornehmem Aeußern, die durch ihr unbekümmertes, luſtiges und freies Weſen ſehen ließen, daß es ihnen recht gut bekannt war, hier nicht in ihrer Sphäre zu ſein, daß ſie aber dennoch hierhergekommen waren, um ſich zu amüſiren. Viele derſelben tanzten, ſcherzten hier, oder neckten ſich dort mit den Tänzerinnen und flüſterten wohl auch im Vorübergleiten ein heim⸗ liches Wort, zeichneten ſich aber doch in jeder ihrer Bewegungen durch eine gewiſſe graziöſe Haltung aus. In dem Cotillon zunächſt der Thür, durch welche Flournoy eingetreten war, tanzten Ralph und Garrett, beide, wie man deutlich ſehen konnte, in der glück⸗ lichſten, frohſten Stimmung. Kaum war Flournoy erſchienen, als Garrett ſeiner anſichtig wurde, ihm zuwinkte und ihm durch Zeichen zu verſtehen gab, daß er ſehr erfreut ſei, ihn wieder⸗ zuſehen. Der Capitain erwiederte die Begrüßung, wenn auch weniger in der Balllaune. Ralph aber ſchien in einem Himmel voll Vergnügen zu ſchwelgen und ließ ſeine freudeſtrahlenden Blicke, ungeachtet er eine reizende Brünette zur Tänzerin hatte, bald hier, bald dorthin über den Kreis der vielen weiblichen Schönheiten wandern. Flournoy hatte nur wenige Minuten geſtanden, als Herr Ballard aus der Thür an der rechten Seite des Saales hervortrat und, ihn bemerkend, ſich zu ihm durchdrängte, um ihn willkommen zu heißen. Er 70 machte ihm Vorwürfe, daß er ſo lange habe auf ſich warten laſſen; der Capitain entſchuldigte ſich mit Ge⸗ ſchäften, die ihn an Bord ſeines Schiffes zurückgehalten hätten, bis plötzlich der Ton der Violine verhallte, der Neger die Thür verließ, und die Tänzer und Tänze⸗ rinnen ſich trennten. Sogleich trat Garrett auf Flournoy zu und be⸗ grüßte ihn als einen alten Bekannten, wunderte ſich, daß er ſeine Ankunft nicht früher erfahren, ihm auch nicht an Orten begegnet ſei, die ſie früher oft zuſammen beſucht hatten und rechnete darauf, nun deſto häufiger ſich ſeiner Geſellſchaft zu erfreuen. Ralph war gleichfalls herzugetreten und Garrett ſtellte ihn ſeinem alten Freunde, dem Capitain Flournoy, vor, erzählte dieſem ſogleich von dem Glück, welches Ralph heute Vormittag bei dem Wettrennen gehabt, und bedauerte, daß der Capitain nicht dabei geweſen wäre, da er unbedingt gleichfalls auf den Braunen gewettet haben würde. Herr Ballard nahm Flournoy nun beim Arm und führte ihn in das Zimmer rechts, wo ſeine Frau, von reich geputzten älteren Damen umgeben, im Sopha ſaß. Sie empfing den Capitain mit großer Aufmerk⸗ ſamkeit, beſchwerte ſich, daß ſie ihn noch nicht bei ſich geſehen habe, und entließ ihn nach einer Weile mit der Bemerkung: ſie rechne morgen ſicher auf ſeinen Beſuch. In dem nächſten Zimmer ſtand der Credenztiſch mit den verſchiedenen Weinen, mit Cognae, Genever und Whisky reichlich verſehen. Hier ging es beſonders ungenirt her, und manches luſtige Wort, mancher Scherz, der nicht laut geſagt werden durfte, wurde hier leiſe mitgetheilt und laut belacht. Ralph und Garrett waren während des Abends, regelmäßig nach dem Tanz, hier eingekehrt und hatten den guten Getränken des Herrn Ballard fleißig zu⸗ geſprochen. Sie waren abermals, und zwar mit Flournoy, vor den Credenztiſch getreten, um mit die⸗ ſem ein Glas zu leeren, was kaum geſchehen war, als die Violine wieder zum Tanze rief. Ralph ent⸗ ſchuldigte ſich und eilte in den Tanzſaal, doch Garrett und Flournoy ſchritten zuſammen nach dem Sopha und ließen ſich dort nieder. „Sie ſind diesmal ſehr lange ausgeblieben, Flournoy“, ſagte Garrett,„haben Sie vielleicht eine Reiſe um das Cap Horn gemacht?“ „Doch nicht, ich bin mehreremale von Havannah aus in Buenos Ayres und nach Braſilien geweſen und gehe von hier nach Havannah zurück“, erwiederte der Capitain. „Was macht denn der grüne Tiſch, beſuchen Sie ihn noch gern?“ „O ja“, antwortete Flournoy,„das Spiel, welches ich vor einigen Jahren, wie Sie wiſſen, als Brod⸗ 72 erwerb trieb, iſt Leidenſchaft bei mir geblieben, und die ſpannende Erwartung, ob eine Karte gewinnt oder verliert, wird mir immer ein angenehmes Gefühl bleiben, wenn ſich an die Summe, die darauf ſteht, auch nicht mehr, wie früher, meine Exiſtenz für die nächſte Zukunft knüpft. Mit einem Worte, ich ſpiele nicht mehr, um zu gewinnen, ich ſpiele, um mich zu unterhalten. Um unſere Exiſtenz ſpielen wir ja in unſerm täglichen Leben mehr oder weniger Alle, Der mit offenen, Der mit verdeckten Karten. Die Meiſten aber ſpielen ein erbärmliches Hellerſpiel, Wenige nur ſagen: Va banque!“ „Und Viele, die es gern ſagen möchten, können nicht zu dem Tiſche gelangen“, bemerkte Garrett, in⸗ dem er mit ſeiner zarten kleinen Hand durch ſeine reichen blonden Locken fuhr. „Sind Sie ſchon ſeit Ihrer Ankunft in der Nord⸗ ſtraße bei unſerer alten Freundin geweſen?“ „Bei Madame O.? Nein, noch nicht.“ „So laſſen Sie uns von hier noch ein wenig hin⸗ gehen, es iſt ja doch eine angebrochene Nacht. Freund Norwood geht ſicher auch gern mit.“ „Ich bin es wohl zufrieden; wenn es hier nur nicht gar zu lange dauert.“ „Sicher nicht länger, als Mitternacht, und dann geht ja das Leben bei der O..... erſt recht an. 73 Wie lange bleiben Sie denn diesmal mit Ihrem Schiffe hier liegen?“ „Es iſt noch ungewiß, ich habe viele Ausbeſſerungen an meinem Fahrzeug vorzunehmen, wodurch ich noch längere Zeit hier aufgehalten werden kann.“ „Nehmen Sie ſich nur in Acht, daß ſie dem Pi⸗ raten, von dem ſo viel geredet wird, nicht in die Hände fallen, denn er ſoll gerade an der Küſte Flo⸗ rida's, an der Sie hinuntergehen, ſein Weſen treiben. Er möchte Ihnen Va banque bieten.“ „Und ich könnte vielleicht das Spiel gewinnen“, antwortete Flournoy und ſetzte noch hinzu:„mein Schiff ſegelt ſehr ſchnell und, ohne mich zu wehren, würde ich mich nicht ergeben. Uebrigens iſt es nur leeres Gerede mit dem Piraten; auf der Brigantine, die an der Küſte von Florida an's Land trieb, war Meuterei ausgebrochen und die Matroſen haben ſie ſelbſt in Brand geſteckt. Laſſen Sie uns aber in den Tanzſaal gehen, die Auswahl von Schönheiten dort iſt wirklich auffallend.“ Bei dieſen Worten erhob ſich Flournoy und begab ſich mit Garrett in den Saal, wo ſie nahe an dem Eingang ſtehen blieben. Der Neger mit der Violine hatte wieder ſeinen Platz in der Thür gegenüber eingenommen und geigte unermüdlich die eintönige Weiſe eines Cotillons, welche in dieſem Saale und in dem Zimmer daneben die 74 Tänzer und Tänzerinnen auf's Höchſte begeiſterte und ſie anfeuerte, ſich möglichſt geſchickt und leicht zu bewegen. In dem Cotillon zunächſt bei Flournoy tanzte eine zierliche Blondine, die wegen ihrer lieblichen Erſchei⸗ nung und ihrem anmuthigen Benehmen viel Aufſehen erregte und auf welche Flournoy, da ſie ihm gerade gegenüberſtand, ſeine Blicke geheftet hielt. Sie war eben an der Tour, faßte mit ihren feinen Fingerſpitzen in die Falten ihres ziemlich kurzen, him⸗ melblauen Florkleides, zog es nach beiden Seiten hin auseinander, hob ſich auf die Fußſpitzen, richtete ihre linke Schulter etwas vor und hüpfte, mit graziöſer, leichter Coquetterie auf ihr vorgeworfenes Füßchen blickend, ihrem Gegenpart zu. »Balancez!“ ſchrie der Neger, und die kleine Blondine wiegte ſich, als ob ſie ſchwebe, mit einem ſeligen Lächeln hin und wieder. „Quatre pas en arridre!“ rief der Schwarze, und mit einer leichten, ſchelmiſchen Neigung nach Vorn glitt das goldgelockte kleine Mädchen, kaum den Boden berührend, wieder zurück und reichte ihrem Herrn die niedliche Hand, denn das Orcheſter hatte„grande chaine!“ gerufen. Hin und her die linke, und dann die rechte Hand abwechſelnd den ihr entgegenkommen⸗ den Herren reichend, ſchlängelte ſie ſich durch den * 75 Kreis und kam an Flournoy vorüber, als dieſer zu Ralph ſo laut, daß ſie es hören mußte, ſagte: „Um des Himmels Willen, wer iſt dieſer kleine blondgelockte, reizende Engel? Etwas ſo Liebliches habe ich nie im Leben geſehen!“ Dabei faßte er Ralph mit dem linken Arm um die Schulter, ergriff, wie in höchſter Begeiſterung, mit der Rechten ſeine Hand und näherte ſeinen Kopf dem ſeinigen, als habe er die Worte nur ihm zuflüſtern wollen, hielt jedoch ſeine dunkeln Augen dabei feſt auf die Tänzerin geheftet. Unwillkürlich, als ſeine Worte ſie erreichten, fuhr dieſe herum und blickte überraſcht zu dem großen ſchönen Manne auf, der dieſelben geſprochen hatte, wandte aber eben ſo ſchnell ihr jetzt glühend mit Carmin übergoſſenes, liebliches Geſicht von ihm ab und blickte zur Erde nieder, ſelbſt noch, als ſie ihren Platz wieder eingenommen hatte. Sie ließ ihren Fächer ſpielen, ſie zupfte bald an einem Band, bald an einer Falte ihres Kleides, ſie glättete ihre ſchneeigen Handſchuh, aber für keine Welt hätte ſie den großen Mann noch einmal angeſehen; und doch mußte ſie ihren ſchönen blauen Augen Gewalt anthun, daß ſie nicht wenigſtens an ihm vorübereilten. Sie fühlte, wie ihre Wangen brannten, ſie hörte ſelbſt deutlich ihr Herz pochen; ſo etwas hatte ihr aber auch noch Niemand geſagt. Er hatte es ihr ja 76 aber nicht geſagt, er hatte es nur ſeinem Nachbar zu⸗ geflüſtert, ſie hatte es ja nur zufällig gehört, vielleicht hatte er ſie gar nicht gemeint?— aber außer ihr war doch keine Blondine in dieſem Cotillon;— er mußte ſie gemeint haben—; in dieſem Augenblick erhob ſie ihre Augen und begegnete abermals dem unbeweg⸗ lichen Blick Flournoy's. Sie ſah nicht, daß der Tänzer ihr gegenüber ihr entgegenkam, ſie dachte nicht daran, daß es an ihr war, zu tanzen. „Aber Melanie, an was denkſt Du? es iſt ja an Dir!“ rief die Tänzerin zu ihrer Linken ihr zu; ſie erfaßte, anſtatt dem Herrn vor ihr die Hand zu reichen, ihr Kleid mit beiden Händchen und ſie hatte die Pas und die Touren vergeſſen. Der Cotillon war gänzlich in Unordnung gerathen, man mußte pauſiren, bis die neue Tour begann. Melanie ſuchte ſich jetzt mit Gewalt zu ſammeln, in ihre vorige heitere, un⸗ befangene Ruhe aber konnte ſie ſich nicht wieder ver⸗ ſetzen, ihre Wangen glühten fort, ihr Herz blieb im raſchen Schlagen, und ſie konnte ſich des Gedankens nicht erwehren, daß der große Fremde die dunkelſten Augen habe und daß er der ſchönſte Mann ſei, den ſie je geſehen. Der Tanz war vorüber; Melanie ergriff raſch den Arm einer ihrer Freundinnen und ging mit ihr nach der andern Seite des Saales. 57 „Haſt Du den großen Mann mit dem ſchwarzen Bart geſehen?“ fragte ſie dieſelbe, indem ſie ſich mit dem fliegenden Fächer Kühlung zuwehte. „Er ſtand dort an der Thür, nicht weit von da, wo Du tanzteſt. Ich habe ihn wohl bemerkt, weiß aber ſeinen Namen nicht; ein ſchöner Mann iſt e erwiederte die Freundin. „Auch ich habe ihn früher nie geſehen⸗, ſagte Melanie, als ſie das Ende des Saals erreicht hatten, von wo ſie ihre Blicke rückwärts wandte. „Mein Gott, ich glaube, er kommt auf uns zu“, ſetzte ſie dann mit halblauter Stimme hinzu und preßte die Hand ihrer Freundin. Einen Augenblick nachher trat Herr Ballard mit Flournoy zu den beiden jungen Damen, nahm dieſen bei der Hand und ſagte: „Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen den Capitain Flournoy vorſtelle— Fräulein Melanie Terrel, Fräu⸗ lein Olivia Lathrop.⸗ Nachdem man ſich gegenſeitig verneigt und geſagt hatte, daß es ſehr angenehm ſei, die Bekanntſchaft zu machen, wandte ſich Ballard an Olivig Lathrop und verſicherte ihr, wie außerordentlich er ſich freue, daß ſie dieſen Abend durch ihre Gegenwart verſchönere, ſagte ihr einige Artigkeiten in Bezug auf ihre Schön⸗ heit, ihre geſchmackvolle Tvilette, und bat ſie ſchließ⸗ lich, ihn zu ſeiner Frau zu begleiten, die ſchon den ganzen Abend darnach verlangt habe, ſie bei ſich zu ſehen. Melanie bemerkte gar nicht, daß ihre Freundin ſie verließ, oder beſſer, daß ſie ihr entführt wurde, ſie war in tiefem Geſpräch mit Flournoy begriffen, das heißt, dieſer ſprach zu ihr, ſie lauſchte ſeinen ſüßen gefühlvollen Worten, erröthete bald und wurde bald wieder bleich, ſpielte mit ihrem Fächer und gab ihm verlegene Antworten. Als aber nach einer ziemlich langen Pauſe plötzlich die Violine wieder ertönte, führte ſie der ſchöne, große Capitain Flvurnoy zum Tanze daher und freudeſtrahlend ließ Melanie ihre kleine Linke in ſeiner Hand ruhen. Die Muſik er⸗ klang, der Cotillon begann, und jetzt vergaß Melanie teinen Pas, keine Tour, ſie hatte nie in ihrem Leben ſo ſchön und ſo gern getanzt, als diesmal. Sie ſchlug die Augen nicht mehr nieder; wenn ſie Flournoy die Hand reichte, ſo gab ſie ihm dieſelbe mit Blicken, in denen er das Glück und die Wonne leſen konnte, womit der leiſe Druck ſeiner Hand ſie beſeelte. Auch Flournoy tanzte mit Eleganz und augen⸗ ſcheinlich mit Leidenſchaft, ſeine Bewegungen waren ungezwungen, geſchmeidig und graziös und zeigten die ſchönen Formen ſeines krüftigen Körpers im vortheil⸗ hafteſten Lichte. Die Zuſchauer drängten ſich immer mehr nach der Seite des Saales, wo Flournoy und Melanie tanzten, und als die Muſik verſtummte und der Capitain ſich vor der ſchönen Blondine verneigte, wurde ihnen von allen Seiten her der lebhafteſte Beifall gezollt. Herr Ballard aber trat zu Melanie, ergriff ihre Hand und führte ſie zu ſeiner Frau, neben welcher ſie auf dem purpurnen, mit Gold durchwirkten Sopha Platz nehmen mußte. „Sie haben ſo ſchön getanzt, liebe Melanie“, ſagte Madame Ballard mit warmer Herzlichkeit, indem ſie des Mädchens Hand ergriff.„Sie hatten aber auch einen ſchönen Tänzer!“ Melanie ſchlug die Augen nieder. „Capitain Flournoy iſt ein ſehr liebenswürdiger, ſehr braver Mann und ſehr gut ſituirt“, fuhr ſie fort. „Er hat die Hälfte Antheil an dem Sturmvogel und deſſen Ladungen und wird ſich ſicher in wenigen Jahren in Ruhe ſetzen. Es könnte ſich ein junges Mädchen wohl gratuliren, von ihm auserwählt zu werden.“ Melanie gab keine Antwort, ſah aber mit einem wonnigen Lächeln nach der Thür hin, durch welche Flournoy in das Zimmer trat. In dieſem Augenblick ging ein ſchwarzer Bedienter, der einen Teller mit mehreren Champagnergläſern und eine Flaſche dieſes Weines trug, an ihm vorüber; er hielt denſelben bei der Schulter zurück, nahm ihm den Teller und die Flaſche ab und trat zu Melanien hin. 80 „Ich hege die beſten Wünſche und die innigſten Dankgefühle für Sie, Fräulein Melanie, und möchte gern mit Ihnen ein Glas darauf leeren, daß die erſtern in Erfüllung gehen mögen und mir die Ge⸗ legenheit werde, die letztern durch die That zu be⸗ weiſen. Madame Ballard rufe ich als Zeugin auf und bitte ſie, das dritte Glas zu nehmen.“ Bei dieſen Worten hob er die Flaſche über die Gläſer und ließ den ſchäumenden Wein in ſie hinab⸗ ſchießen. Melanie ergriff eins derſelben, ihre Wangen glüh⸗ ten, um ihren Mund ſchwebte ein Ausdruck des Ent⸗ zückens, und in ihren glänzenden, ſchönen Augen ſpie⸗ gelte ſich ein Himmel voll Seligkeit und Hoffnung. Sie ſah zu Flournoy auf, der in dieſem Augenblicke das Glas zum Munde führte, hob das ihrige an ihre friſchen, vollen Lippen, ſo daß die leichten Schaum⸗ perlen, wie der Morgenthau eine kaum erſchloſſene Roſe, ſie benetzten, und leerte das Glas. Auch Ma⸗ dame Ballard führte das ihrige zu ihrem Munde und ſagte:„Daß alle Deine Wünſche in Erfüllung gehen mögen, ſüße Melanie!“ Der Neger nahm Teller und Flaſche und ging in das andere Zimmer zurück, um mit den übrigen Die⸗ nern ſämmtlichen Damen Champagner zu reichen, während die Herren ſich nach dem Credenztiſch be⸗ gaben, um ſich dort ſelbſt dazu zu verhelfen. 03 81 Es war gegen Mitternacht, als die Carroſſen vor⸗ fuhren, die Gäſte ſich bei Madame und Herrn Ballard empfahlen und ſich nach dem Garderobezimmer be⸗ gaben. Capitain Flournoy begleitete Melanie bis an die Thür deſſelben, und als ſie mit ihrer Freundin und deren Mutter wieder heraustrat, reichte er ihr den Arm, führte ſie die Treppe hinab, aus dem Hauſe, bis zu dem Wagen, und hob ſie in denſelben hinein. Auch Olivia und ihre Mutter wurden von ihm beim Einſteigen unterſtützt, der Wagen wurde geſchloſſen, nochmals begegneten die Glück ſtrahlenden Augen Melaniens dem Blicke Flournoy's, und dieſer eilte, mit dem Buſenſtrauß der ſchönen Blondine in der Hand, nach dem Credenztiſch zurück, wo mit vielen Andern auch Ralph und Garrett ſich befanden, um noch einen Abſchiedstrunk zu ſich zu nehmen. Beim Eintreten in das Zimmer verbarg Flournoy den Strauß Melaniens in ſeinem Buſen und wurde von Garrett herbeigerufen, um ſich bei dem Tyoaſt auf die Schönheiten Baltimores zu betheiligen. Dann verabſchiedeten ſie ſich von Herrn Ballard, deſſen Gattin ſie ſich ſchon empfohlen hatten, nahmen ihre Hüte und eilten hinaus in die Straße, wo ſich Flournoy, Ralph und Garrett von den übrigen Herren trennten und durch die nächſte enge Gaſſe ſchritten. Ralph hatte viel Wein getrunken und befand ſich in einer wilden, leidenſchaftlichen Stimmung; da ihm Ralph Norwood. I. 6 82 aber nur Angenehmes widerfahren war, ſo äußerte ſich dieſe Aufregung in ausgelaſſener Heiterkeit. Er und ſeine Begleiter hatten die Nordſtraße er⸗ reicht, bogen in dieſelbe ein und traten bald darauf in das große, prächtige Haus der Madame O... aus deſſen Fenſtern zwiſchen den Spalten der Jalvuſien helles Licht hervorbrach und bekundete, daß die Zeit der Ruhe hier noch nicht begonnen hatte. In dem großen Saal gleicher Erde befanden ſich noch viele Gäſte, denn hier hielt man Reſtauration, die namentlich ſpät Nachts am meiſten beſucht wurde. Das Haus hatte keinen guten Namen, noch viel weniger aber die Eigenthümerin deſſelben, Madame D„ und dennoch wurde es ſowohl von ledigen, jungen Männern, als auch von verheiratheten, ſelbſt aus den höchſten Ständen, häufig beſucht. Madame S. gab öfters große Mittagseſſen, wozu ſie ihre Stammgäſte einlud und ſie auf das Köſtlichſte trak⸗ tirte. Solchen Eſſen folgte ſtets ein Ball, zu welchem Jedermann gegen einen hohen Eintrittspreis Zutritt hatte und von dem es bekannt war, daß ſtets die ſchönſten Frauenzimmer, wenn auch nicht aus der erſten Geſellſchaft, zugegen waren. Madame O... war eine Frau von einer halben Million im Vermögen und vergnügte ſich an einem ungebundenen, geräuſchvollen Leben, welches ihr ſeit Jahren zur andern Natur geworden war. Sie hatte früher nur die Hälfte dieſes Straßenviertels beſeſſen, während auf der andern Hälfte eine Methodiſtenkirche ſtand. Als aber die Gemeinde derſelben unter ſich uneins geworden war und die Kirche meiſtbietend unter dem Hammer verkauft wurde, erſtand ſie Ma⸗ dame D zum höchſten Preis und wandelte ſie in einen Tanzſaal um. Die Frau war immer von Freundinnen umgeben, deren Schönheit wohl auch mit die Urſache war, daß die Reſtauration, welche für die theuerſte in der Stadt galt, ſo fleißig beſucht wurde. Alles aber, was man in dieſem Hauſe erhielt, war das Friſcheſte, das Schmackhafteſte, das Beſte, und die Pracht und der Comfort, womit alle Räumlichkeiten deſſelben aus⸗ geſtattet waren, ließ Jedermann den hohen Preis für die mannigfach dargebotenen Genüſſe leicht überſehen. Hinter dem Haus und um den Tanzſaal lag ein großer Garten, der während neun Monaten im Jahre durch die üppigſten Baum⸗ und Gebüſchgruppen be⸗ ſchattet wurde, die manch trauliches, dunkles Plätzchen für ſchwärmeriſche Seelen boten, und zwiſchen denen ſorgſam gepflegte Beete mit den herrlichſten Blumen hervorglänzten. Unter alten dichten Eichen ſtand eine geſchmackvoll erbaute, kleine, mit ſilbernem Halbmond gekrönte Moſchee, in welcher ſich ein in Marmor aus⸗ gehauenes Bad befand, und hier und dort zwiſchen den vollen Laubmaſſen hob ſich eine Laterne auf zier⸗ 84 lichem eiſernen Pfeiler, um in den angenehmen Som⸗ mernächten, wenn der Wind kühlend und labend von der Bay her über die Stadt zog, dem Garten ein beſcheidenes, nicht ſtörendes Licht zu gewähren. Garrett ſchien hier ganz zu Hauſe, liéß Flournoy und Ralph in dem vordern, prachtvoll möblirten Saal zurück und begab ſich in das große Zimmer dahinter, wo Madame O.. und ein halbes Dutzend auf das Glänzendſte gekleideter junger Damen von ausgezeich⸗ neter Schönheit in Sopha's, Divans und Schaukel⸗ ſtühlen ſaßen, ſich mit der doppelten Zahl junger Männer laut und luſtig unterhielten und dem Cham⸗ pagner und Kuchen fleißig zuſprachen, der bei ihnen die Runde machte. Garrett mußte ſehr in der Gunſt der Madame ſtehen, denn ſie bewillkommnete ihn, als er eintrat, mit einem Freudenausruf, hielt ihm die Hand entgegen und lud ihn ein, an ihrer Seite im Sopha Platz zu nehmen. Er ſchritt zu ihr hin, drückte ihr die Hand und flüſterte ihr nur einige Worte in das Ohr. Madame O.. nickte ihm als Antwort darauf zu und machte mit der Hand ein Zeichen, welches „oben im Hauſe“ zu heißen ſchien. Garrett reichte ſeiner Freundin abermals die Hand begrüßte mit leichtfertiger Manier die jungen Mädchen, — mit denen er gleichfalls bekannt ſein mußte, und eilte in den Saal zu ſeinen beiden Freunden zurück. Seine Abſicht war, Ralph zu dem Schenktiſch zu führen, um ein Glas mit ihm zu leeren. Flournoy aber war ihm ſchon zuvorgekommen, ſo daß er nur als Dritter in dem Bunde, der hier in Portwein ge⸗ ſchloſſen wurde, eintreten konnte. „Nun kommen Sie, hier iſt es langweilig“, ſagte Garrett zu ſeinen Gefährten und ſchritt ihnen voran in den Corridor und dann die Treppe hinauf, die nach dem obern Stock führte. Dort klopfte er an eine verſchloſſene Thür, ſie that ſich auf und ein Neger trat daraus hervor. „Ah, Sie ſind es, Herr Garrett, treten Sie näher“, ſagte der Diener, und Jener ging, von Ralph und Flournoy gefolgt, in das dunkele Zimmer, klopfte dort an eine zweite Thür, die ſich gleichfalls öffnete, und durch welche ſie dann in einen hell erkeuchteten Saal gelangten. In der Mitte deſſelben ſaßen und ſtanden viele Männer um einen grünen Tiſch, über welchem zwei blendend ſtrahlende Lampen brannten, und ſpiel⸗ ten Monte, ein Spiel, welches unter den Amerikanern ſehr beliebt iſt. Der Montetiſch iſt durch einen Strich in m Hälften getheilt, die Karten werden gemiſcht, durch einen Ppinteur coupirt und die oberſte und die unterſte wird durch den Banquier offen auf die beiden Hälften 86 des Tiſches gelegt. Auf eine dieſer Karten ſetzen die Pointeurs nun nach Belieben. Dann wendet der Banquier das Spiel Karten in ſeiner Hand um und zeigt die unterſte. Iſt dieſe eine der Karten, die auf dem Tiſche liegen, ſo heißt es, ſie iſt in Port, und ſie gewinnt drei Viertel des Satzes. Iſt dies aber nicht der Fall, ſo zieht der Banquieur langſam die Karten ab, die erſte gewinnt und die andere verliert. Viele andere Männer gingen im Saal umher und wieder andere verweilten ſeitwärts bei dem Schenktiſch und nahmen einen ſtarken Trunk zu ſich. Der Anblick des Spieltiſches überraſchte Ralph und machte einen unangenehmen Eindruck auf ihn, der wie ein warnendes Gefühl ihn von demſelben zurück⸗ drängte und dunkele, verworrene Bilder des Vorwurfs und der Reue aus ſeinem vergangenen Leben vor ſei⸗ nem vom Wein erhitzten Geiſte aufſteigen ließ. Er ſtutzte einen Kugenblick; da warf der Crvupier eine Hand voll Gold auf den Tiſch und ſchob ſie einem der Spielenden hin. Das Gold erinnerte Ralph an die heute eingenommenen tauſend Dollar, er ſah kein Unrecht darin, ſie zu wagen, denn er hatte ſie ja gewonnen, es war ihm Nichts an dieſem Gold gelegen, und vielleicht konnte er die Summe vervopgeln. Garrett hatte ſeinen Arm in dieſem Augenblick erfaßt und ſagte: 5 „Wer Nichts wagt, der Nichts gewinnt; Sie ſind ————— 6 „* „* 87 heute im Glück!“ wobei er Ralph zu dem Tiſche führte, an welchem ihm ſofort ein Sitz eingeräumt wurde. Er erkannte den Spieler, der die Karten in der Hand hielt, nicht wieder, obgleich er derſelbe Mann war, der ihm heute beim Kaffee ein Spiel anbot, noch viel weniger aber die anderen Männer, mit denen er gleichfalls zu Mittag geſpeiſt hatte, und die ſämmt⸗ lich jetzt hier an dem Tiſche ſaßen. Auch bemerkte er nicht, daß Garrett mit ihnen Allen Blicke wechſelte, als Ralph ſich auf den Stuhl niederließ, ſogleich ſeine Brieftaſche hervorzog und dem Croupier eine Bank⸗ note von Fünfhundert Dollar hinwarf, um ſie für Gold umzuwechſeln. So geraume Zeit er auch keine Karte angerührt, und ſo ſehr er ſich bemüht hatte zu vergeſſen, daß er jemals Selave des Spiels geweſen war, ſo hatte ihn doch die Leidenſchaft ſchon wieder mit aller Macht er⸗ faßt, und er fühlte ſich ganz in ſeinem Element. Er ſetzte hundert Dollar auf die Dame und rief dem ſchwarzen Diener zu, ihm ein Glas Grog und eine Cigärre zu bringen. Die Dame gewann, das Gold wurde ihm aus⸗ gezahlt, znd er ließ es auf der Karte ſtehen. Die Dame gewann wieder, abermals ſchob ihm der Croupier das Gold zu und er ließ wieder den ganzen Betrag auf der Karte ſtehen. 88 „Das iſt unſere Farbe“, ſagte er lächelnd zu Gar⸗ rett, der neben ihm ſaß, und leerte dann ſein Glas. Die Dame verlor, und der Croupier zog das ganze darauf ſtehende Gold ein. „Verdammt, ſie iſt uns untreu geworden; Weiber⸗ treu und Aprilswetter!“ rief er lachend.„Laß ſehen, ob der Bube ein braver Kerl iſt? er iſt erſt einmal dageweſen.“ Damit ſetzte er die übrigen vierhundert Dollar auf dieſe Karte, und winkte dem Diener, ihm noch ein Glas Grog zu bringen. 4 Der Bube verlor. Ralph brummte einen Fluch durch die Zähne, nahm abermals eine Fünfhundert⸗ Dollarnote aus der Brieftaſche und ſetzte ſie ganz auf das Aß. Garrett hatte ſeine Augen feſt auf den Spieler geheftet, und als derſelbe ihn in dieſem Augenblick anſah, warf er ihm einen bedeutungsvollen Blick zu. Das Aß gewann und es wurden Ralph fünfhundert Dollar ausgezahlt. „König oder Bettelſack!“ rief er jetzt, und ſetzte zu den tauſend Dollar, die nun auf der Karte ſtanden, noch die Anweiſung von demſelben Betrage, die er heute früh gewonnen hatte. „Die Anweiſung iſt gut“, ſagte Garrett zu dem Spieler und winkte ihm mit den Augen. Das Aß verlor und Ralph war um zweitauſend Dollar ärmer. Mit einem lauten Fluch ſchlug er auf ———— ———————————————— — 89 den Tiſch und ſagte:„Zur Hölle mit dem Glück, es kehrt mir den Rücken zu.“ „Wird ſchon wieder freundlich werden“, ſagte Garrett. „Ich habe kein Gold mehr bei mir, doch habe ich einen Creditbrief von zweitauſend Dollar⸗, antwortete Ralph leiſe. „Zweitauſend Dollar für dieſen Herrn, auf meine Rechnung“, ſagte Garrett zu dem Crvupier, und dieſer ſchob Ralph die verlangte Summe theils in Papier, theils in Gold hin. Flournoy hatte Anfangs eine Zeit lang an dieſem Tiſch geſtanden und dem Spiel zugeſehen, vor ſich hin genickt, geſchüttelt und gelächelt, und ſich dann, als ob er ſich von Dem, was er zu wiſſen wünſche, über⸗ zeugt habe, von dem Tiſch abgewandt und war zu dem Büffet hingetreten. Jetzt ſaß er an einem kleinen Nebentiſchchen einem jungen Mann gegenüber und ſpielte Pochen mit ihm. Mitunter hatte er von hier aus einen aufmerkſamen Blick nach dem Montetiſch geworfen, doch als Ralph mit der Fauſt auf den Tiſch ſchlug, ſenkte er die Hand mit den Karten, ſah nach Jenem hinüber und ſagte dann zu ſeinem Gegner: „Die Federn haben ſie dem Vogel ſchon aus⸗ gerupft, jetzt geht es an die Haut und an das Fleiſch. Der junge Mann ſcheint noch ziemlich grün zu ſein.“ 90 Dann that er einen Schluck aus dem neben ihm ſtehenden Glaſe und ſpielte mit ſeinem Gefährten weiter. Es war kaum eine halbe Stunde vergangen, als Ralph plötzlich aufſprang, mit einem raſenden Fluch die Karten auf den Tiſch warf, das leere Glas, welches neben ihm ſtand, auf demſelben in tauſend Scherben zerſplitterte, dann den Stuhl erfaßte, ihn mit einer Hand hoch durch die Luft ſchwang und mit ſolcher Macht auf den Tiſch niederſchmetterte, daß dieſer unter der Wucht zuſammenbrach und das darauf liegende Gold und die Karten weit im Saal umherflogen. Die Männer, die ſich in der Nähe befanden, waren ihm ſchnell ausgewichen, fielen ihm jetzt aber in die Arme und hielten ihn mit Gewalt davon ab, noch weitere Verwüſtungen vorzunehmen, denn er hatte eben den zerbrochenen Stuhl mit einer Rieſenkraft durch den Saal hin auf den Schenktiſch geſchleudert, daß Karaffinen, Gläſer und Teller von demſelben klirrend umherfielen. Auch Flournoy war zu ihm hingeſprungen und hielt ſeinen rechten Arm mit ſeinen eiſernen Händen feſt, während er und Garrett beruhigend zu ihm ſprachen, und Letzterer ihm wiederholt zurief, daß er ihm ſo viel Geld anſchaffen wolle, wie er verlange. Mit guten Worten und theils mit Gewalt ſchoben ſie ihn hinaus auf den Gang und ſchloſſen die Thüren 9¹ hinter ihm. Von hieraus nöthigten ſie ihn die Treppe hinunter, auf der ſie ihn mit den Armen unterſtützten, damit er nicht falle, und führten ihn in das hintere Zimmer, wo Madame O..... noch immer mit ihren Freunden und Freundinnen beim Champagner ſaß. So ſehr der Zorn über ſeinen Verluſt und die in Uebermaaß genoſſenen geiſtigen Getränke Ralph's Sinne auch verwirrt hatten, ſo übte doch der Anblick der Damen einen mächtig beſchwichtigenden Einfluß auf ihn aus. Er verſtummte, ſuchte ſich zu verneigen und wurde von Garrett und Flournoy neben eine ſchwarzäugige Brünette in einer Cauſeuſe niedergeſetzt. Mit verwirrtem, gläſernem Blick ſchaute er ſeine Um⸗ gebung an, ſeine Gedanken konnten ſeine augenblick⸗ liche Situation nicht erfaſſen, bald vergaß er den Spielſaal und ſeinen Verluſt, ſah nur die reizenden Frauenzimmer, die ihm, wie liebliche Bachantinnen, den ſchäumenden Champagner eredenzten, ließ den perlenden Wein in bewußtloſer Wonne über ſeine Lippen gleiten, und lauſchte in bezaubertem Taumel der ſüßen Stimme der ſchönen Brünette. Capitel 15. Vermiſſen.— Erkundigung.— Das Geſangbuch.— Troſtloſigkeit.— Vorſchlag zur Fälſchung.— Einwilligung.— Der Fiscus.— Die Quadrone.— Der Matroſe. Ber Morgen zog heiter und klar am Himmel auf und ſein erſtes helles Licht drang durch die Fenſter in Frank Arnold's Schlafgemach, als dieſer aus einem erquickenden, ruhigen Schlafe erwachte und ſich von ſeinem Lager aufrichtete, um einen Blick nach Ralph's Bett zu thun. Daſſelbe war leer und noch ſeit geſtern unberührt. Frank war erſchrocken, denn ſein erſter und einziger Gedanke war, daß ſeinem Freunde ein Unglück zugeſtoßen ſein müſſe. Der Stubenwärter hatte ihm zwar am Abend vorher bei ſeiner Rücktehr von Forneys mitgetheilt, daß Ralph zu einem gewiſſen Herrn Ballard eingeladen ſei und hinterlaſſen habe, er werde erſt ſpät von da zurück⸗ kehren. Warum aber war er noch nicht hier, was konnte ihn noch am frühen Morgen fern halten, wenn er dazu fähig war, ſich nach Hauſe zu begeben? In der größten Unruhe und Eile kleidete Frank ſich an, ſuchte in dem Adreßbuch die Wohnung des Herrn Ballard auf und eilte in die ſich eben belebende Straße hinaus, um über das Schickſal ſeines Freun⸗ des Erkundigung einzuziehen. Er hatte bald das beſagte Haus erreicht, zog die Schelle und ein Neger erſchien in der Thür mit der Frage„was er begehre“. Nachdem er dem Diener den Namen ſeines Freundes genannt und ihm deſſen Perſon beſchrieben hatte, erhielt er auf ſeine Erkun⸗ digung die Antwort, daß ſich dieſer Herr in Beglei⸗ tung des Capitains Flournoy von dem Sturmvogel und eines Herrn Garrett gegen Mitternacht von hier entfernt habe. Mit derſelben peinigenden Ungewißheit, mit der er es verlaſſen, kehrte Frank in das Hotel zurück, er⸗ wartete das Frühſtück und nahm nach demſelben einen Fiaere, um zuerſt bei Capitain Flournoy ſich wegen Ralph zu befragen. Der Wagen ſetzte ihn an dem Thore des Werftes ab, und an der Seite des Sturm⸗ vogels angelangt, erkundigte er ſich bei einem finſter ausſehenden Seemann, der über die Brüſtung des ſchwarzen Fahrzeuges zu ihm herabblickte, ob der Capitain an Bord ſei. Die Frage wurde mit Ja beantwortet, Frank ſtieg auf das Verdeck hinauf und der Mann, welcher der Oberſteuermann Ritcher war, führte ihn in die Cajüte. Hier lag auf einem Divan unter den Fenſtern, die aus dem hintern Theil des Schiffes auf das Waſſer 94 zeigten, Capitain Flournoy in einem bunt ſeidenen Schlafrocke hingeſtreckt und ſchien aus einem Schlum⸗ mer zu erwachen, als Frank zu ihm eintrat. Er ſprang ſchnell von ſeinem Lager auf und ging Dieſem höflich entgegen, indem er ihn bat, Platz auf dem Divan zu nehmen und ihm mitzutheilen, womit er ihm dienlich ſein könne. Frank trug ihm nun ſeine Beſorgniß vor und bat, ihm jede Auskunft und Muthmaßung über Ralph's Verſchwinden zu ertheilen, damit er deſſen Spur ver⸗ folgen könne. „Sie machen ſich, wie ich glaube, unnöthige Sorgen über den jungen Mann“, ſagte der Capitain,„er wird wohl in irgend einen Frolie gerathen, oder vielleicht von einem zarten Abenteuer umgarnt ſein. Ich für meine Perſon kann Ihnen nichts Näheres über ihn mittheilen, als daß er in der heiterſten Laune mit mehreren jungen Leuten das Haus Ballard's gegen Mitternacht verließ. Warten Sie es ruhig ab, wenn der Champagnerrauſch verflogen iſt, wird er ſich ſchon wieder einfinden. Er ſchien mir empfänglich für eine luſtige Aventüre.“ „Ein Diener des Herrn Ballard, von dem ich ſo eben komme, ſagte mir, daß Herr Norwood mit Ihnen und einem Herrn Garrett das Haus verlaſſen habe. Wer iſt dieſer Herr, und wo kann ich ihn wohl finden?“ fragte Frank ſehr beunruhigt. „So viel mir von demſelben bekannt, iſt er ein anſtändiger junger Mann, bei dem ſich weniger Sorgen, als Dollar aufhalten, denn er lebt höchſt vergnügt und ſehr elegant. Wo er wohnt und was er treibt, kann ich Ihnen nicht ſagen. Uebrigens folgen Sie meinem Rath, und warten Sie ruhig, bis Ihr Freund von ſelbſt zurücktehrt, denn einen Fremden in dieſer Stadt aufſuchen zu wollen, möchte wohl erfolglos bleiben.“ Der Capitain, welcher eine kleine ſilberne Schelle mit einem zierlichen Griff von Perlmutter ertönen ließ, hatte einem eintretenden Diener einen Wink ge⸗ geben, und wenige Minuten nachher trug derſelbe einen ſilbernen Teller mit einer Bouteille und zwei Gläſern auf den Tiſch vor den Divan. „Sie müſſen mir die Ehre erzeigen, ein Glas Wein mit mir zu trinken und zwar auf das Wohl⸗ ergehen meines Sturmvogels. Es bringt Glück, wir Seeleute ſind abergläubiſch“, ſagte der Capitain, in⸗ dem er die Gläſer mit Portwein füllte und ſeinem Gaſt den Teller zuſchob. Frank, obgleich nicht in der Stimmung, Wein zu trinken, that dem Capitain den Willen, und leerte ſein Glas, dann aber entſchuldigte er ſich, geſtört zu haben, und empfahl ſich. Flournoy geleitete ihn über das Verdeck, wo viele ſonnverbrannte, wüſt ausſehende Matroſen umherſaßen und ſtanden, bis an die Brüſtung, reichte Frank zum Abſchied die Hand, und dieſer eilte ————— 96 zu ſeinem Wagen zurück, um nun dem Herrn Ballard ſelbſt ſeinen Beſuch zu machen. In deſſen Hauſe angekommen, wurde er von dem ſchwarzen Diener in den Parlour geführt, derſelbe bat ſich ſeinen Namen aus und ging, um ſeinen Herrn von dem Beſuch zu unterrichten. Herr Ballard trat nach einer kleinen Weile in das Zimmer, ſchritt auf Frank zu und begrüßte ihn wtig, worauf dieſer ihm die Urſache ſeines Hierſeins mittheilte und ihn um Auskunft bat, wo er den Herrn Garrett wohl auffinden könne. „Das vermag ich Ihnen wirklich nicht zu ſagen⸗, antwortete Ballard,„ich traf Herrn Garrett an der Börſe, wo er mir Ihren Freund vorſtellte, und wo ich Beiden die Einladung ſelbſt übergab. Herr Garrett hält ſich um dieſe Zeit wenig in der Stadt auf, da er Sportsman iſt und die Jagden in der Umgegend fleißig ausübt. Ich bin überzeugt, er hat heute früh Ihren Freund mit hinunter in die Bay nach einer der Inſeln auf die Entenjagd genommen, die wohl in der Welt nicht beſſer anzutreffen iſt, als an dieſem Ort. Jedenfalls iſt er mit ihm auf die Jagd, darüber bin ich nicht im Zweifel.“ „Wer iſt denn der Herr Garrett, und was treibt er?“ fragte Frank dringend. „Wie geſagt, er iſt Sportsman, aber ein ſehr an⸗ ſtändiger junger Mann und lebt von ſeinem Gelde. 97 Das iſt Alles, was ich Ihnen über ihn ſagen kann,“ erwiederte Ballard, und Frank mußte ſich mit dieſer unzureichenden Auskunft begnügen; doch gab ihm beim Weggehen Ballard die Zuſicherung, daß er ihm Nach⸗ richt in ſein Hotel zuſenden werde, im Fall er über Garrett oder über ſeinen Freund Etwas erfahren ſollte. Tauſend Möglichkeiten zogen als Urſachen von Ralphs Verſchwinden durch Franks Gedanken, nament⸗ lich aber beunruhigte ihn ſehr, daß man ihm Garrett als einen Sportsman bezeichnet hatte. Sollte ſein Freund vielleicht in böſe Geſellſchaft gerathen ſein, ſollte er wieder geſpielt, oder gewettet und bedeutende Verluſte gehabt haben und ſich nun ſcheuen, mit ſeinem Unrecht vor ihn zu treten? Jetzt fiel ihm ein, daß Ralph auch, wie er ſelbſt, einen Creditbrief auf das Haus H.... dahier beſaß, und er beſchloß, ſich dort zu erkundigen, ob ſein Freund denſelben vielleicht ſchon benutzt habe. Er rief dem Kutſcher zu, nach dem Comptvir des Herrn H.. zu fahren. Dort war er ſelbſt noch nicht geweſen, als er aber ſeinen Namen nannte, ſagte der Chef des Hauſes: „Sie wünſchen wahrſcheinlich auch Geld für Rech⸗ nung des Herrn Behrend zu empfangen, der Herr Norwood, von dem uns dieſer Freund anzeigte, er werde mit Ihnen unſere Stadt beſuchen, hat vor einer Ralph Norwood. I. 98 halben Stunde zweitauſend Dollar von uns auf ſeinen Creditbrief erhalten.“ Wie ein Blitzſtrahl traf dieſe Mittheilung den jungen Arnold, denn nun war kein Zweifel mehr über die Urſache von Ralphs Verſchwinden.“ Er fragte, ob man ihm vielleicht Auskunft über deſſen augenblicklichen Aufenthalt geben könne, was aber nicht der Fall war, und ſo begab er ſich ſchweren Herzens nach ſeinem Wagen zurück, um ſein Leid nun, ſo wie Alles, was er bisher über Ralph in Erfahrung gebracht hatte, auch Forney's mitzutheilen. „Bei Ballard iſt Norwvod zum Ball geweſen?“ ſagte der Präſident, als Frank ihn von Allem unter⸗ richtet hatte;„da iſt er in keine gute Geſellſchaft ge⸗ rathen. Ballard iſt ein Emporkömmling, von dem man nicht weiß, auf welche Weiſe er zu einem ſo großen Geſchäfte in ſo kurzer Zeit gekommen iſt. Noch vor wenigen Jahren hauſirte er mit Cigarren und war damals als Spieler bekannt. Jetzt macht er ein großes Haus, ſeine Geſellſchaft aber iſt ſehr gemiſcht und ich beſorge, daß Ihre Befürchtungen nur zu ge⸗ gründet ſind. Ich will gleich einem Conſtabel Auftrag geben, ſich nach dem Herrn Garrett umzuſehen, denn iſt er ein Spieler, wie ich vermuthe, ſo findet er ihn ſicher bald aus.“ Auch Eleanor nahm den innigſten Antheil an der Bekümmerniß ihres Geliebten und machte ihm Hoff⸗ 99 nung, daß das Räthſel ſich doch noch Vortheil Ralph's löſen könne. Nachdem Frank Arnold den Sturmvogel verlaſſen hatte, legte Capitain Flournoy ſeinen Schlafrock ab und nahm den ſchwarzen Frack aus dem Schrank, um ihn anzuziehen. In dieſem Augenblicke trat Loredo, der alte Diener von Doſamantes, in die Cajüte und bat im Namen ſeiner jungen Herrin um das Ge⸗ ſangbuch. Flournoy warf den Frack auf den Divan und ſagte: „So früh? Deine Herrin hat wohl meinen Be⸗ ſuch verhindern wollen. Sage ihr, ich ſei ſpeben im Begriff geweſen, ihr das Buch ſelbſt zu bringen.“ Dann nahm er das Geſangbuch aus der Tiſchlade hervor, ergriff eine Feder, ſchrieb auf das erſte weiße Blatt die Worte: „Auf Wiederſehen!“ und überreichte es dann dem Schwarzen mit ſeiner Empfehlung an Fräulein Eloiſe. Kaum hatte der alte Neger das Schiff verlaſſen, als Ritcher, der Oberſteuermann, in die Cazüte trat und zu Flournoy ſagte: „Konnte der Kerl keine Auskunft geben, wann die Tritonia ſegeln wird?“ Ich weiß kaum mehr unſere Leute und die hieſigen Arbeiter zu beſchäftigen. Der Sturmvogel iſt in ſo vollkommenem Zuſtand, als ob er vollſtändig die Mauſer überſtanden⸗ es fehlt ihm keine Feder.“ 7* —— 100 „Du mußt immer noch Etwas zu thun ausfinden, beſonders für die gemietheten Arbeiter, ſo daß wir einen anſcheinenden Grund haben, noch hier liegen zu bleiben. Wir dürfen nur einen Tag früher ſegeln, als die Tritonia, ſonſt möchte ſie unſern⸗Fingern ent⸗ wiſchen. Dort unten bei Cap Henry iſt um dieſe Zeit oft wildes Wetter und dicke Luft, und wenn wir uns weit von der Brigg entfernen, könnte es uns ſchwer werden, ſie aufzufinden,“ bemerkte der Capitain. „Der alte Kerl macht immer noch keine Anſtalt zum Abfahren. Wie ich höre, ſo wartet er auf Mehl,“ ſagte der Steuermann.„Daran iſt uns nicht viel ge⸗ legen; ich wollte, er nähme etwas Werthvolleres an Bord.“ „Uebrigens ſoll er eine ſehr reiche Ladung haben und geht von hier gerade an der Küſte hinunter in unſer Jagdrevier. Entgehen darf er uns nicht,“ ſagte Flournoy mit einem ſtechenden Blick. „Wüßte auch nicht, wie das zugehen ſollte; ſegelt er durch den Bahamaeanal, ſo läuft er uns direkt in die Zähne.“ „Wenn wir ihn fangen, ſollſt Du noch fünfhundert Dollar von meinem Antheil an der Beute haben, Ritcher. Ich mache aber eine Bedingung dabei.“ „Weiß ſchon, Capitain. Das Schwarzauge an Bord ſoll ich Ihnen dafür einhändigen. Sie iſt es werth.“ 101 „Biſt Du es zufrieden?“ „Es iſt ja unſer erſter Handel nicht. Ich liefere ſie Ihnen; zeigen Sie mir nur auf See die Maſten⸗ ſpitze der Tritonia. Es darf aber hier nicht mehr zu lange dauern, es fällt in der Stadt auf, daß unſere Leute nur unter meiner Aufſicht ausgehen.“ „Sie müſſen ſich ſo ſelten, als möglich, ans Land begeben. Laß auf das Schiff holen, was ſie eſſen und trinken wollen, erfülle Jedem ſeine Wünſche, doch wenn ſie getrunken haben, laß keinen Fremden an Bord. Wir find mit dem Zollhaus fertig und nun bin ich Kaiſer auf dieſem Verdeck; nicht der Präſident der Vereinigten Staaten darf es betreten ohne meine Erlaubniß. Nur Vorſicht mit den Leuten, Ritcher, und wird einer von ihnen gefährlich— kurz Ge⸗ richt, ein Stück Blei an den Hals und über Bord mit ihm.“ Gerade während dieſer Zeit hatten Ralph und Garrett ſich nach dem Comptvir des Herrn S begeben und die zweitauſend Dollar auf den Eredit⸗ brief des Herrn Behrend erhoben, welche Garrett zu ſich nahm, um ſie, wie er ſagte, dem Spieler zurück⸗ zuzahlen, der Ralph am Abend vorher dieſen Betrag vorgeſchoſſen hatte. Ralph fühlte ſich, als ſie das Haus verließen, ſehr niedergeſchlagen. Garrett aber ſprach ihm Muth ein, und erbot ſich, ihm ferner Geld zu borgen, damit er 102 das Glück nochmals auf die Probe ſtellen könne. Der Mißmuth und die Reue, die ſich Ralph's bemeiſtert hatten, wurden darauf in dem nächſten Trinkhaus gegen tobende wilde Luſtigkeit ausgetauſcht, Ralph holte dann, nachdem er ſich überzeugt, daß Frank nicht auf ſeinem Zimmer ſei, ſeine Effecten von dort ab, Garrett zahlte ſeine Rechnung in dem Hotel und führte ihn darauf nach einem Boardinghaus, welches ſich nicht weit von dem, wo er ſelbſt lebte, in einer engen Gaſſe befand. „Es ſoll mich gar nicht wundern, wenn man von mir Auskunft über Sie zu erhalten ſucht,“ ſagte Gar⸗ rett, als er mit Ralph auf deſſen engem, weiß ange⸗ ſtrichenem Stübchen an dem Fenſter ſaß, welches in den jetzt verödeten kleinen Blumengarten hinter dieſem hölzernen Hauſe zeigte. „Um keinen Preis der Welt dürfen Sie mich ver⸗ rathen, Garrett, ich will Niemanden von der Geſell⸗ ſchaft wiederſehen,“ antwortete Ralph, indem er ſein Halstuch abriß und den Kragen ſeines Hemdes öffnete, denn ſein Geſicht glühte noch von den genoſſenen ſtarken Getränken und das Blut jagte pochend durch ſeine Adern. „Wir müſſen Geld zu machen ſuchen, Norwood,“ bemerkte Garrett nach einer Weile.„Sie ſind blank und auch ich habe verloren. Was ich noch habe, theile ich gern mit Ihnen, wenn wir aber noch eine Nieder⸗ ——2———— — ů* 103 lage erleiden, ſo ſitzen wir auf dem Sand. Ich ſorge gern in Zeiten.“ „Geld machen? Das iſt ſchnell geſagt, aber nicht ſo ſchnell gethan,“ erwiederte Ralph,„ich wenigſtens wüßte nicht, wie ich es ausführen ſollte.“ „Ich weiß es; es koſtet Ihnen nichts mehr, als eine Reiſe nach New⸗Vork und zurück, und ein Jeder von uns hat Geld genug.“ „Bei Gott, darum mache ich zehn Reiſen nach New⸗Vork. Wo bekomme ich aber das Geld?“ „Das iſt ganz einfach. Ich habe einige Geſchick⸗ lichkeit, Namensunterſchriften treu zu eopiren, ſo, daß der Schreiber derſelben meine Schrift ſelbſt als die ſeinige anerkennen muß. Ein Brief von einem bedeu⸗ tenden Banquierhaus in New⸗York, welches ſeine Wechſelgeſchäfte mit den Herren B....& Co. hier in Baltimore macht, iſt in meinem Beſitz. Ich ſchreibe Ihnen einen Creditbrief von dem New⸗YVorker Haus auf B. 4 Co. hier, und fertige zugleich einen Avisbrief an dieſe Herren aus. Dieſen geben Sie in New⸗Vork auf die Poſt, kommen zugleich mit ihm hier an, präſentiren den Creditbrief bei B.. Co., und empfangen dagegen die Summe, welche wir be⸗ ſtimmen. Ich denke, wir nehmen viertauſend Dollar, damit werden wir vor der Hand ausreichen,“ ſagte Garrett, indem er Ralphs Geſicht beobachtete, um den Eindruck zu erkennen, den der Vorſchlag auf ihn machte. 104 „Das wäre ja eine Fälſchung, ein offenbarer Be⸗ trug,“ erwiederte Ralph überraſcht. „Betrug? lieber Gott, iſt denn nicht der ganze Handel Betrug? Sucht denn nicht ein Jeder den Andern zu übervortheilen? und wer es am beſten ver⸗ ſteht, der iſt der reichſte, der angeſehenſte Mann,“ ent⸗ gegnete Garrett. „Wenn man mich dabei erwiſchte!“ ſagte Ralph zögernd. „Davon kann keine Rede ſein, denn Niemand kennt Sie hier, am wenigſten die Herren B....& Co., und auszahlen werden ſie den Betrag ſofort, dafür ſetze ich mein Leben zum Pfande. Kurz entſchloſſen, es trägt einem Jeden von uns zweitauſend Dyllar. Sind Sie es zufrieden?“ „Man wird mir hier nachſpüren und mich endlich doch ausfinden,“ antwortete Ralph, immer noch zögernd. „Zum Teufel, Sie können ja gleich mit dem Gelde abreiſen. In Ihrer jetzigen Lage, nackt wie eine Kirchenmaus, wüßte ich nicht, wie Sie nach Georgien zurücktommen wollten. Oder ziehen Sie es vor, Ihrem Freunde, Herrn Arnold, oder Herrn Forney zu beichten und ſich von ihnen Reiſegeld geben zu laſſen? Luſtig, friſch ans Werk, es giebt einen Spaß, und wir lachen die Schafsköpfe aus, daß ſie uns aus der Noth geholfen haben. Sie laufen nicht die mindeſte Gefahr dabei. Wollen Sie?“ „Was bleibt mir übrig? mag es denn gehen, wie es will, Geld muß angeſchafft werden!“ erwiederte Ralph aufſpringend und ſchritt in der Stube umher. „So will ich eilen und die Briefe ſchreiben, damit Sie noch heute abreiſen können“, ſagte Garrett, nahm ſeinen Hut und ſprang zur Thür hinaus. Ralph blieb in der Mitte des Zimmers unbeweg⸗ lich ſtehen, hielt die Hände krampfhaft ineinander ge⸗ preßt vor die Bruſt und blickte ſtarr auf den Fußboden vor ſich nieder. „So weit iſt es alſo durch den erſten Fehltritt, den ich auf der Bahn der Beſſerung gethan hatte, ſchon mit mir gekommen!“ dachte er, zog ſeine Brauen fin⸗ ſter zuſammen und biß die Zähne aufeinander. Er fühlte ſich wie in einer Falle eingeklemmt, wenn auch das beſſere Selbſt, welches noch in ihm aufflackerte, ſich gegen dieſe Feſſeln, die ihn in Verderbtheit und Laſter hielten, ſträubte und ſie zu zerreißen ſuchte. Aber nirgends ſah er einen Ausweg oder beſſer geſagt, er wandte ſeine Blicke von ihm ab; denn der Ge⸗ danke, ſein Unrecht ſeinem Freunde zu bekennen und ihn um Vergebung und Hülfe anzuſprechen, erſchien ihm zu ſchrecklich, ja unmöglich, ihn auszuführen. Mit einem verbiſſenen Fluch trat er auf den Fußboden, daß das Fenſter klirrte und ſchlug ſich mit der geballten Fauſt vor die Stirn. Dann aber ſanken ſeine Hände gefaltet vor ihm herunter, er blickte mit einem tiefen 106 Seufzer gegen die niedrige Decke des Zimmers und wieder vor ſich auf den Fußboden, und ſtand unbe⸗ weglich wie eine Bildſäule da. „Was hilft es Alles!“ ſagte er nach einer langen Weile,„ich kann nicht anders, ich muß vorwärts, zu⸗ rück darf ich nicht mehr. So ſei es denn, in des Teufels Namen!“ und dieſe letzten Worte rief er mit einer wilden Geberde, ſtampfte abermals mit dem Fuße auf den Boden und ſchritt dann, wie entſchloſſen, im Zimmer auf und nieder, bis ihn der Ton der Schelle hinunter in das Eßzimmer zu einem ſehr kärg⸗ lichen Mittagseſſen rief. Bald nach Tiſch kam Garrett wieder, und fand Ralph auf ſeinem Zimmer in trüben Gedanken am Fenſter ſitzen. „Friſch ans Werk; hier ſind die Briefe, und nun vergleichen Sie die Unterſchriften mit der in dieſem Schreiben, welches ich mir vor einiger Zeit von den Herren in New⸗Vork zu verſchaffen wußte. Ich hatte nämlich denſelben, um ihre Handſchrift zu erhalten, einen Vetter, obgleich ich keinen ſolchen habe, als Commis in ihr Geſchäft angeboten, worauf die Herren mir dieſe abſchlägige Antwort zuſchickten. Betrachten Sie deren Namenszug und den von mir geſchriebenen, ob Sie jemals etwas Treueres geſehen haben.“ Hiermit reichte er Ralph den Credithrief und den 07 Avisbrief und hielt dann das an ihn gerichtete Schrei⸗ ben zum Vergleich daneben. „Das iſt meiſterhaft copirt; wenn ſonſt Alles gut geht!“ ſagte Ralph mit augenſcheinlicher Zaghaftigkeit. „Bei Gott, ich habe Ihnen ſtrammere Nerven zu⸗ getraut. Wenn ich nicht ſo bekannt hier wäre, ich würde das Geſchäft allein machen. Jetzt nicht lange mehr gezaudert und ans Werk, in drei Tagen ſind Sie wieder hier und dann haben wir Geld genug. Kommen Sie, das Dompfbvot geht in einer halben Stunde ab.“ Ralph ſagte kein Wort weiter, nahm ſeinen Hut, ging mit Garrett nach dem Dampfſchiff, wo derſelbe ihm das nöthige Reiſegeld einhändigte, und ehe eine halbe Stunde verfloß, war er auf dem Wege, um ein Betrüger zu werden. Erſt am dritten Tage darauf brachte der Conſtabel die Nachricht zu dem Präſidenten Forney, daß er den Aufenthaltsort des beſagten Herrn Garrett, der als ein profeſſionirter Spieler und als Schwindler bekannt ſei, ausgefunden habe und nannte ihm das Brarding⸗ haus, in welchem er wohnte. Frank Arnold eilte nach dieſer Mittheilung ſogleich zu Garrett hin, wurde ſehr höflich von ihm empfangen und mit der Frage in den Parlour geführt: wodurch er ihm gefällig ſein könne? „Ich habe in Erfahrung gebracht,“ begann Frank, 108 „daß ein Freund von mir, ein Herr Norwood, in Ihrer Geſellſchaft den Ball bei Herrn Ballard ver⸗ laſſen hat, und da derſelbe ſeit jenem Abend ver⸗ ſchwunden, ſo bitte ich Sie, mir zu ſagen, was Ihnen von ſeinem ſpätern Aufenthalt vielleicht bekannt iſte⸗ „Ach ſo, der junge Mann von Georgien! Es iſt mir wirklich leid, Ihnen keine weitere Auskunft über ihn geben zu können, als daß ich ihn mit mehreren Herren, die gleichfalls auf dem Balle geweſen waren, eine andere Straße einſchlagen ſah, als die, welcher ich folgte. Wer ſeine Begleiter waren, iſt mir ebenſo wenig bekannt, da ich nicht darauf Acht gab. Sie ſagen, er ſei verſchwunden? Das klingt ja ſonderbar,“ erwiederte Garrett mit einem überraſchten Ausdruck. „Alſo wirklich, Sie wiſſen weiter Nichts über ſein ſpäteres Schickſal?“ fragte Frank mit bekümmertem Tone. „Nichts, als was ich Ihnen geſagt habe,“ antwor⸗ tete Garrett auf das Beſtimmteſte, und Frank mußte ſich damit begnügen, obgleich er die Ueberzeugung hegte, daß der Spieler ihm die Wahrheit verſchwieg. Kaum hatte aber Frank das Haus verlaſſen, als Garrett ſeinen Hut nahm und ſich mit raſchen Schritten nach dem Werft begab, wo das Dampfſchiff, mit wel⸗ chem Ralph ankommen mußte, ſeinen Platz hatte. Er trat dort in ein Trinkhaus, nahm ein Glas Brannt⸗ wein und Waſſer zu ſich, und ſetzte ſich vor die Thür, 109 um ſich mit Rauchen einer Cigarre die Zeit zu ver⸗ treiben und das Boot zu erwarten. Erſt nach einer Stunde wurde eine Rauchwolke unterhalb des Forts über der Bay ſichtbar, dann erſchien das Dampfſchiff in der Ferne, und als es ſich dem Werfte näherte, erkannte Garretts ſpähender Blick ſofort den zurück⸗ kehrenden Ralph auf dem Verdeck. „Gut beſorgt?“ fragte er, als er ihm auf der brei⸗ ten Bohle entgegenſprang, die von dem Schiff auf das Werft geſchoben war. „Auf's Beſte!“ entgegnete Ralph mit feſter Stimme, trat mit Garrett in die Straße und fuhr ſich, den Hut abnehmend, mit der Hand durch das dichte ſchwarze Haar. Es ſchien ihm ſehr warm zu ſein, denn ſein Ge⸗ ſicht war geröthet und der Glanz ſeiner Augen ließ vermuthen, daß er den guten Getränken an Bord des Dampfſchiffes fleißig zugeſprochen habe. Garrett führte ihn zu dem nahen Trinkhauſe, dort leerten ſie auf glückliche Ausführung ihres Unternehmens ein Glas, und eilten dann zu Ralphs Wohnung, um die Sache mit Muße zu bereden. Der Avis über den an Herrn Johnſon ertheilten Creditbrief, denn dieſen Namen hatte Garrett ſeinem Freunde Ralph darin gegeben, mußte zwar in einer Stunde in den Händen der Herren B. 4 Co. ſein, doch hielt es Garrett für rathſamer, bis 1¹0 zum folgenden Morgen zu warten, ehe Ralph den Herren ſeinen Beſuch machte, um das Geld zu em⸗ pfangen. Garrett blieb zum Abendeſſen bei ſeinem Freunde, und als die Dunkelheit ſich über die Straßen gelegt hatte, wanderten ſie Arm in Arm hinaus, um die freie Luft zu genießen. Nach ihrem Spaziergang kehrten ſie in einen Auſter⸗ keller ein, ergötzten ſich an den ganz friſch von Nor⸗ folk angekommenen köſtlichen Auſtern und einigen Flaſchen Porterbier, und beſchloſſen dann, den Eirecus zu beſuchen, in welchem heute, außer verſchiedenen Luſt⸗ ſpielen, auch vortreffliche Reiterkünſte aufgeführt werden ſollten. Das Haus war ungewöhnlich mit Zuſchauern gefüllt und die beiden Freunde konnten nur noch Eintrittskarten in die untern Logen unmittelbar an der Brüſtung der Reitbahn bekommen, welche den ganzen innern Raum, in welchem ſich in andern Theatern das Parterre be⸗ findet, einnahm, und an deſſen einem Ende der Vor⸗ hang die Theaterbühne abſchloß. Ueber den Unter⸗ logen erhob ſich der erſte, der zweite und der dritte Rang, welcher letztere auch das Paradies genannt wurde, der erſte mit, durch Bretterwände abgetheilten Logen, der zweite aber ohne dieſelben mit nach hinten aufſteigenden Sitzen, weßhalb derſelbe im Lichten höher war, als die andern, und der dritte mit nur einer 111 Reihe von Sitzplätzen vorn an der Brüſtung, während die Zuſchauer hinter dieſen ſtehen mußten. Alle vier Abtheilungen waren Kopf an Kopf be⸗ ſetzt, und insbeſondere auf dem erſten und dem dritten Rang war die glänzendſte Damentvilette ſichtbar. In einer der Logen des erſten Ranges, deren vor⸗ dere Plätze von reich in ſchweren Seidenſtoffen ge⸗ kleideten und mit blitzendem Schmuckſtrahlenden Damen eingenommen waren, erblickte man hinter dieſen eine zarte weibliche Geſtalt, welche durch ihre ganz ſchwarze Kleidung und namentlich durch den dichten ſchwarzen Schleier, der ihr Geſicht verhüllte, gegen jene auffällig abſtach. Sie ſaß unbeweglich, hielt ihren Kopf ge⸗ ſenkt, und nur, wenn der elegante junge Mann, der hinter ihrem Stuhle ſtand, ſich zu ihr niederbeugte und ihr einige Worte zuflüſterte, hob ſie ihr Geſicht im Umwenden in die Höhe, um ihm zu antworten. Die geputzten Damen auf den vordern Sitzen hatten ſämmtlich ſchon neugierige Blicke nach der unbekannten dunkeln Geſtalt geworfen, und die Herren, die den hintern Theil der Loge füllten, bemühten ſich, den dichten Schleier zu durchſchauen, um zu ſehen, ob das Geſicht der Fremden mit ihrer Geſtalt in Einklang ſtehe, denn dieſe war wunderbar graziös und ſchlank und ließ die anmuthigſten Formen erkennen. Der junge Mann hinter dem Stuhl der ſchwarzen Dame * bemerkte die lüſternen Seitenblicke der Herren und 5 ſchien ſich nicht ganz damit zufrieden ſtellen zu wollen, denn er trat, ſo viel es der Raum erlaubte, zwiſchen ſie und die Dame, warf ihnen finſtere Blicke zu, hu⸗ ſtete mehrere Male in zornigem Ton und ſpielte mit ſeinem Stock. 2 Endlich hob ſich der Vorhang und zog die Auf⸗ merkſamkeit aller Zuſchauer nach der Bühne hin. Ein junges Mädchen in der Tracht einer Türkin ruhte dort unter einem Palmenbaum und ſchien zu ſchlummern. Jetzt bewegte ſie ſich und mit einer Todtenſtille wartete das Publikum auf ihre erſten Worte. „Wo bin ich?“ fragte ſie erwachend und ließ ihre zarte Hand über ihre Stirn gleiten. „Im Cirkus, drei Häuſer von Hitchrocks Auſter⸗ keller!“ rief ein luſtiger Matroſe von dem dritten Rang herab, indem er ſich mit der linken Hand an der Eiſen⸗ ſtange hielt, die von einem Pfeiler zum andern führte, und, ſich weit über die Sitzplätze herausbeugend, mit der Rechten ſein Taſchentuch wehen ließ. Einem Erdbeben gleich folgte dieſer Antwort der ſtürmiſche Beifall, ein Hurrah übertönte das andere und das Trommeln mit den Füßen und Stöcken wollte kein Ende nehmen. Kaum aber ließ der Sturm ein wenig nach, als der ungebetene Redner vom dritten Rang herab mit einem komiſchen Ernſte ſagte: „Ich danke Ihnen, meine Herren und Damen!“ Abermals brach der Applaus los, und trotz mehr⸗ ſeitiger Aufforderungen zur Ruhe, konnte die Schau⸗ ſpielerin erſt nach einer Weile wieder zu reden an⸗ fangen. So unterbrachen laute Bemerkungen und Da⸗ zwiſchenreden häufig das Spiel auf der Bühne und namentlich, als dort geſungen wurde, ertönten einige der allergellendſten, faſt unmenſchlichſten Schreie von dem dritten Range herab. Demohngeachtet ging das Schauſpiel ſeinen Gang fort, und als der Vorhang fiel, folgte ein wilder, toben⸗ der Beifall. Derſelbe wurde aber durch den hellen, ſchmetternden Ton einer Trompete zum augenblicklichen Schweigen gebracht. Aller Augen richteten ſich hinab in die Reitbahn, um welche ſich die Logen erhoben, und dem Theater gegenüber ſprengten durch den weiten Eingang einige zwanzig phantaſtiſch gekleidete Reiter und Reiterinnen auf nackten Pferden in den mit Sand bedeckten Kreis. Ein lautes Hurrah von Seiten der Zuſchauer be willkommnete dieſe Lieblinge des Volkes, die Jahr aus Jahr ein der fröhlichen Laune deſſelben neue Nahrung zu geben verſtanden. Auch der Clown erſchien im Kreiſe, bedankte ſich für die wohlverdiente Anerkennung, und gab nun, während er die allerunglaublichſten, übernatürlichſten Sprünge und Kraftſtücke ausführte, eine Menge ſeiner Ralph Norwood. I. 8 114 Witze und Späße zum Beſten, diie namentlich vom dritten Rang her mit vielem Beifall aufgenommen und mit den kräftigſten Erwiederungen beantwortet wurden. Beſonders zeichnete ſich der noch immer aus dem Paradieſe hervorhängende Matroſe mit dem wehen⸗ den Taſchentuch hierbei aus, und es entſpann ſich eine nachhaltige Unterhaltung zwiſchen ihm und dem Clown in der Reitbahn in der luſtigſten Weiſe. Während dieſer Zeit vollbrachten die Reiter und Reiterinnen die von der allerunerhörteſten Gewandt⸗ heit zeugenden Stücke auf ihren Pferden, wobei auch Letztere eine Dreſſur bekundeten, die an dos Unglaub⸗ liche grenzte. Ein junges bezaubernd ſchönes Mädchen, Fräulein Adeline, der Liebling des Publikums, riß namentlich Aller Herzen mit ſich fort, als ſie zuletzt, als Semi⸗ nole⸗Indianerin gekleidet, auf einem edlen Rappen hereinſprengte und ſich fliehend mit Bogen und Pfeilen gegen eine Parthie Dragoner vertheidigte, ſich hin und her mit einer raſenden Schnelligkeit zwiſchen ihnen durchwand und bald an den Seiten, bald unter dem Bauch des flüchtigen Pferdes ihren Griffen, ihren Hieben, ihren Schüſſen auswich. Donnernde Hurrahs für die Seminolen folgten dem ſchönen Mädchen, als ſie den Bemühungen der ſie verfolgenden Cavalleriſten entging, mit ihrem Rap⸗ 1¹⁵ pen über die geſchloſſene hohe Brüſtung hinwegſetzte und durch den Eingang verſchwand. Der Jubel für die Reiterin dauerte noch lange fort, und ſtürmiſche Ausrufe für den Schutz und die Freiheit der Seminolen ſchallten laut dazwiſchen. Es war eine Pauſe eingetreten und man war be⸗ ſchäftigt, einige Vorrichtungen für die nächſte Vorſtel⸗ lung in der Reitbahn zu machen, als plötzlich eine weibliche Stimme von dem dritten Rang die Worte herabrief: „Fräulein Levnide, Sie ſchwarzer Engel, kommen Sie doch zu uns herauf in das Paradies; wir leben hier in einem Sclavenſtaat, und es fehlt uns an Schwarzen.“ Die Augen aller Zuſchauer richteten ſich nach der Stimme hinauf und erblickten dort eine junge ſchwarz⸗ gelockte weibliche Schönheit, deren langer weißer Schleier über ihre entblößte rechte Schulter herab⸗ wehte, während ſie aus den weiten Spitzenärmeln ihren ſchneeigen Arm nach dem erſten Rang hinhielt und mit der Linken die Eiſenſtange erfaßt hatte, um ſich weit vorbeugen zu können. Alles folgte jetzt der Richtung ihrer Hand, und die allgemeine Aufmerkſamkeit heftete ſich auf die Loge, in welcher die verſchleierte ſchwarze Dame ſaß. Dieſe ſchien bei den Worten der frechen Rednerin 116 in ſich ſelbſt zu verſinken, ſie neigte ihren Kopf noch tiefer und hielt beide Hände vor ihr Geſicht. „Schlagen Sie Ihren Schleier zurück, Fräulein Leonide, damit die weißen Damen Ihr Afrikaniſches Blut erkennen und die Ehre würdigen können, die ihnen durch Ihre Geſellſchaft zu Theil wird,“ rief wieder das Frauenzimmer von der Gallerie herab und eine große Zahl anderer, reich geputzter ſchöner Mäd⸗ chen drängte ſich um daſſelbe und rief: „Komm nur herauf zu uns, Levnide Bentley, bringe Deinen Liebhaber mit; Du brauchſt nicht eiferſüchtig zu ſein, denn er liebt das ſchwarze Fleiſch; hier iſt nur weißes zu finden.“ Der Tumult auf dem dritten Range nahm von Augenblick zu Augenblick zu, auch aus den andern Ab⸗ theilungen des Hauſes wurden die Rufe gehört; „Hinaus mit den Niggers!“ und die ſchwarze Geſtalt erhob ſich von ihrem Stuhl, ſank aber kraftlos wieder auf denſelben zurück. Der junge Mann hinter ihr hatte, wie tröſtend, ſeine Hand auf ihre Schulter gelegt und warf wuth⸗ ſlammende Blicke um ſich, während die Damen und Herren in der Loge ihre Augen mit Entrüſtung auf die Unbekannte geheftet hielten. „Wenn Du nicht kommſt, ſo holen wir Dich, ſchwarze Schönheit; Dein Geld und der Name Deines Vaters wiſcht die Farbe nicht von Deiner Haut,“ — ſchrieen jetzt viele Stimmen aus dem Mädchenhaufen, der ſich auf der Gallerie hin und her drängte. Nochmals erhob ſich die Verſchleierte in dem erſten Rang und der junge Mann ſchlang ſeinen Arm um ſie, um ihr behülflich zu ſein, da flog die Logenthür auf, Mädchen ſtürzten herein und riſſen der Fremden den Schleier ab. Wie das Geſicht einer Bildſäule ſchaute jetzt das wunderbar ſchöne Antlitz des jungen Mädchens aus dem ſchwarzen Flor heraus und richtete die großen dunkeln, von langen Wimpern überſchatteten Augen nach oben. In demſelben Augenblicke hatte aber der junge Mann hinter ihrem Stuhle die nächſte Angreiferin mit der Linken erfaßt und ſchleuderte ſie gegen die Logenwand zurück, indem er einen Dolch aus dem Buſen zog und ihn drohend emporhob. Sein Arm ward aber von den in der Loge befindlichen Männern ergriffen, die Waffe ſeiner Hand entwunden und er ſelbſt auf die Erde niedergeworfen, während die Mäd⸗ chen von dem dritten Range die unglückliche Quadrone erfaßten, ſie aus der Loge riſſen und im Triumph mit ſich fort nach der Gallerie führten. Wenige Minuten nachher langte die freche Schaar auf dem dritten Range an, hielt die jetzt ohnmächtige „Leonide hoch in ihren Armen zur Schau empor und ließ ein wildes Lachen und Jubeln ertönen. 118 Leonide war die Tochter eines vermögenden Mannes, Namens Bentley, und einer freien Mulattin. Ihre vielſeitig ausgebildeten geiſtigen Vorzüge, ſo wie ihre ſeltene körperliche Schönheit hatten den Sohn reicher Eltern aus der erſten Geſellſchaft gefeſſelt, und da die Geſetze ihr nicht erlaubten, ſeine Frau zu werden, ſo mußten ſie in geheimer Verbindung ihre Seligkeit finden. Unüberlegter Weiſe hatte er ſich von ſeiner innigen Liebe verleiten laſſen, Leonide verſchleiert in die Geſellſchaft zu führen, welcher ſich zu nahen ihr das Vorurtheil, der Fluch, der auf dem Afrikaniſchen Blute in den Vereinigten Staaten laſtet, nicht erlaubte. Ein Conſtabel kam dem unglücklichen Mädchen zu Hülfe, entriß ſie den Händen ihrer Peinigerinnen und gab ſie dem Geliebten zurück. Durch das Wiederbeginnen der Vorſtellung wurde die Ruhe hergeſtellt und alle Aufmerkſamkeit abermals in die Reitbahn gelenkt. Der Clown erſchien mit einer ſehr langen Leiter, vermittelſt welcher er bewunderungswürdige Stücke ausführte. Er war wieder mit dem redſeligen Ma⸗ troſen auf dem dritten Range in Unterhaltung ge⸗ treten, der ſeine Laune durch einige kräftige Trunke angefeuert zu haben ſchien und zur Beluſtigung des Publikums dem Narren keine Antwort ſchuldig blieb. Er rief dieſem zu, er ſolle auf ſeiner Leiter zu — 119 ihm heraufſteigen, worauf derſelbe ihn bat, ihm die Hand zu reichen, ſeine Leiter in der Mitte der Reit⸗ bahn frei hinſtellte, mit großer Schnelligkeit an der⸗ ſelben in die Höhe lief, ſich mit den Füßen auf deren Spitze ſchwang, ſtrack ſich aufrichtete und auf der Leiter balancirte. „Nun reiche mir die Hand, wenn Du wirklich ein fliegender Matroſe biſt!“ rief er zu dieſem hinauf und ſtreckte ihm ſeine Hand entgegen. „Hier nimm ſie, aber halt ſie feſt, damit ich Dich nicht fallen laſſe“, antwortete der Matroſe ſcherzend und legte ſich weit über die Sitzenden, hinter denen er ſtand, hinaus. In dieſem Augenblick aber glitt ſeine linke Hand von der glatten Eiſenſtange ab, er überſchlug ſich, fing ſich mit den Fingern an einer Verzierung, die an der untern Hälfte der Brüſtung angebracht war und hing nun ſchwebend in der Luft. „Ach Gott, hilf mir!“ rief er kläglich,„hilf mir, großer Gott— hilf mir!“ rief er wiederholt und immer flehender; es konnte aber Niemand ſogleich zu ihm gelangen, um ihn ſeinem Schickſal zu entreißen. Der Schrecken und das Entſetzen der Tauſende von Zuſchauern ſteigerte ſich von Augenblick zu Augen⸗ blick, da jeder folgende den Sturz des Unglücklichen und deſſen Zerſchmettern auf dem Grunde herbeiführen konnte. Alle Blicke waren in banger Erwartung auf iaM.akitMvccc—— 120 ihn geheftet und manche bebende Stimme der Theil⸗ nahme und des Erbarmens brach in Angſtrufe und Klagegeſchrei aus. Immer noch klammerte ſich der junge Mann mit der Kraft der Verzweiflung an die zoll weite Verzie⸗ rung feſt, man ſah aber, ſeine Kräfte gingen zu Ende, er fing an krampfhaft zu zittern und blickte ſeitwärts in die Tiefe hinunter, als wolle er den Fleck erſpähen, auf dem er niederfallen müſſe. „So mag mich denn der Teufel zur Hölle führen!“ ſchrie er plötzlich, ſeine Hände glitten von der Ver⸗ zierung ab und unter einem einſtimmigen Schrei der entſetzten Zuſchauer ſtürzte er hinab in die Reitbahn. Der Clown, der bereits wieder die Erde erreicht hatte, ſprang zu ihm hin und trug ihn, wie leblos, aus dem Kreis. Die Störung wurde jedoch gleich⸗ falls bald vergeſſen, denn die Reiter und Reiterinnen erſchienen jetzt als Seminolen, um eine Quadrille zu Pferd auszuführen. Der Jubel, womit ſie begrüßt wurden, kannte keine Grenzen und übertönte die Muſik; dann folgten die erſtaunten Blicke den zierlichen, leichten Wen⸗ dungen der ſchönen Pferde und den grazibſen Be⸗ wegungen der Reiter und Reiterinnen, und nur ein⸗ zeln gab ſich noch die Bewunderung der Zuſchauer durch Ausrufe zu erkennen. Nach dieſer Vorſtellung folgte ein Luſtſpiel auf dem Theater; ehe ſich aber der Vorhang hob, trat einer der Reiter in die Bahn und verkündete, daß der Matroſe ſich bereits erholt und nur einen gebrochenen Arm davongetragen habe, ſich im Uebrigen aber wohl befände. Capitel 16. Der Betrüger.— Die Promenade.— Der Buchhalter.— Väterliche Erklärung. Liebesnoth.— Heimliche Zuſammenkunft.— Das Verſprechen.— Beruhi⸗ gung.— Vorbereitung. Am folgenden Morgen, bald nach dem Frühſtück, trat Garrett zu Ralph in's Zimmer, um deſſen be⸗ vorſtehenden Beſuch bei den Herren B.... Cv. nochmals mit ihm zu beſprechen. Er fand ihn weit entſchloſſener, als er geglaubt hatte, ihn zu treffen, und redete ſo leicht als möglich über die Ausführung des Unternehmens, um ihn immer noch feſter in ſei⸗ nem Entſchluß zu machen. Er ſagte, daß nur Memmen ſich durch Bangigkeit überwältigen ließen und ſich durch ihre Zaghaftigkeit verriethen, daß aber ein Mann von Muth ſelbſt dem Teufel, ohne zu blinzeln, in's Auge ſehen und ihm einen ſelbſtgemachten Wechſel zur Zah⸗ lung präſentiren müſſe. In dem nächſten Trinkhaus wurde dann das letzte Aufkeimen von Bedenken in Ralph durch ein Glas e beſchwichtigt und er ſchritt, vollkommen mit nig, dem Cvomptvir der Herren B....& Cv. zu. Eintreten in das Zimmer ſahen mehrere junge 123 Männer von ihren Schreibpulten zu ihm auf, und einer derſelben fragte ihn, was ſein Begehren ſei. „Ich wünſche den Herrn B.... zu ſprechen“, war ſeine Antwort. „Darf ich um Ihren Namen bitten“, ſagte der Cvmmis. „Mein Name iſt Johnſon“, entgegnete Ralph. „Sind Sie vielleicht der Herr, welcher einen Credit von viertauſend Dollar von Newyork auf uns in Händen hat?“ „Derſelbe“, antwortete Ralph mit vollkommener Ruhe, worauf der junge Mann in das Nebenzimmer ging und gleich darauf mit Herrn B.... aus dem⸗ ſelben zurückkehrte. Herr B... ſchritt mit den Worten auf Ralph zu: „Ich habe geſtern ſchon den Avis über den, Ihnen von meinen Freunden geſtellten Credit erhalten, Herr Johnſon, das Geld ſteht zu Ihrer Verfügung. Haben Sie den Creditbrief bei ſich und wünſchen Sie die Summe jetzt ganz oder theilweiſe zu empfangen?“ „Ich bitte um den ganzen Betrag, da ich ihn ſchon während der erſten Tage gebrauchen werde“, erwiederte Ralph, indem er dem Herrn B.... den Creditbrief reichte. „Ganz wohl. Nehmen Sie gefälligſt einen Augen⸗ blick Platz“, ſagte B.... und begab ſich in das Ne⸗ benzimmer zurück. ——- ———„—— Ralph hatte ſich auf einem Stuhl niedergelaſſen und harrte nun auf das Ende ſeines Unternehmens. Es waren die ſchwerſten Minuten ſeines bisherigen Lebens, die er auf dieſem Stuhle zubrachte. Seine Spannung ſchien in das Rad der Zeit einzugreifen und es anzuhalten, denn die Augenblicke wurden ihm zu Minuten. Er hielt den Rand ſeines Hutes zwiſchen den Knieen feſt in ſeine Hände gepreßt und blickte bald an die Wände, bald an die Decke über ſich, bald auf den Fußboden, er wußte nicht, wie er ſich ſetzen ſollte, um gleichgültig und unbefangen zu erſcheinen und die Angſt zu verheimlichen, die ſich entſetzlich in ihm ſteigerte. B.... war verſchwunden; es war ja möglich, daß er den Betrug entdeckt und nach einem Conſtabel geſchickt hatte, um ihn gefangen nehmen zu laſſen. Er blickte nach der Thür und war entſchloſſen, für einen ſolchen Fall durch Hülfe ſeiner Kräfte ſich in Freiheit zu ſetzen. Er lauſchte nach dem Neben⸗ zimmer hin; dort mußte aber der Fußboden mit einem Teppich belegt ſein, denn der Tritt des Herrn B war ſogleich verhallt. Eine Ewigkeit war für Ralph verfloſſen, als plötzlich der Ton einer großen Papier⸗ ſcheere in dem Nebenzimmer erklang und gleich darauf Herr B.. mit einem Papier in der Hand in das Comptvir zurückkehrte. „Hier iſt eine Anweiſung auf die Bank von vier⸗ tauſend Dollar, Herr Johnſon“, ſagte er und hän⸗ — — 125 digte Ralph das Papier ein. Dann wandte er ſich an einen Commis, beauftragte ihn, eine Quittung über dieſen Betrag auszufertigen und ſie von dem Herrn Johnſon unterzeichnen zu laſſen, und bat Ralph, ihn zu entſchuldigen, da er im Augenblick eilige Briefe für das nächſte Packetbvvt nach England zu beendigen habe. Ralph beurlaubte ihn von Grund ſeines Herzens gern, ſteckte die Anweiſung in ſeine Bruſttaſche, un⸗ terzeichnete die Quittung und eilte mit einem tiefen Athemzuge aus der Thür in die Straße. Er mußte ſich Gewalt anthun, um ſich nicht in fliegenden Lauf zu ſetzen, es kam ihm vor, als müßten die Vorübergehenden die Urſache ſeiner Eile erkennen; aber er machte ſehr große Schritte, und mit jedem, um den er die Entfernung zwiſchen ſich und dem Ge⸗ ſchäftslokal der Herren B....& Cv. vergrößerte, ſank die Laſt mehr und mehr von ſeinem Herzen. Er hatte die nächſte Straßenecke erreicht, warf noch einen Blick nach dem Comptoir und nun hielt er ſich nicht länger zurück. Im Sturmlauf rannte er davon, als wenn er von Feuerflammen verfolgt würde. Athemlos und die Stirn mit Schweiß bedeckt erreichte er das Trinkhaus, wo ihn Garrett erwarten wollte, und dieſer kam ihm mit den Worten entgegen: „Alles gut gegangen?“ „Alles“, antwortete Ralph, erfaßte Garrett's Arm 126 und ſchritt mit ihm in die nächſte kleine Gaſſe, um ihm das Reſultat mitzutheilen. „Das iſt ein verdammter Streich, daß die An⸗ weiſung auf dieſe Bank lautet; denn dort iſt Forney Präſident. Wenn er Sie erblickte, ſo wären wir ſo⸗ fort entdeckt, und ich darf dies Geld nicht eineaſſiren, da mich ſämmtliche Beamten in der Bank kennen. Einen Dritten in das Geheimniß ziehen, iſt gefährlich und würde uns einen Theil des Verdienſtes koſten“, ſagte Garrett; dann ſtand er einen Angenblick, ſinnend vor ſich niederſehend. „So geht es!“ fuhr er plötzlich auf,„Forney be⸗ giebt ſich nicht früh nach der Bank, vielleicht iſt er noch in ſeinem Hauſe. Ich mache ihm einen Beſuch, um mich zu erkundigen, ob Nachricht über Sie ein⸗ gelaufen ſei und halte ihn lange genug auf, um Ihnen Zeit zu geben, das Geld zu empfangen. Außer ihm kennt Sie ja keine Seele an der Bank.“ Dann eilte er mit Ralph nach der nächſten Mieth⸗ kutſche, beide ſprangen in dieſelbe hinein, zogen die Gardinen vor die Fenſterſcheiben und fuhren nach Forney's Haus. Dort ſtieg Garrett aus, ſchloß den Schlag hinter ſich, zog die Schelle an der Hausthür, und als der ſie öffnende Diener die Frage,„ob Herr Forney ſich zu Hauſe befinde“, bejaht hatte, wandte ſich Garrett nach dem Kutſcher um und gab ihm einen Wink, fortzufahren. ——— 127 Garrett ließ ſich nun bei dem Präſidenten an⸗ melden, und dieſer trat, mit dem Hut in der Hand, zu ihm in den Parlour, da er gerade im Begriff ſtand, ſich nach der Bank zu begeben. Garrett nannte ſeinen Namen und theilte nun Herrn Forney mit, daß er komme, um ſich zu er⸗ kundigen, ob noch keine Nachrichten über den Aufent⸗ halt des vermißten Herrn Norwood, nach welchem man ſich ſo dringend bei ihm erkundigt habe, ein⸗ gelaufen ſeien, bemerkte aber zugleich, daß er hoffe, zu deſſen Auffindung die Mittel und Wege angeben zu können. Der Präſident, der ihn mit innerm Widerwillen empfangen hatte, erblickte in dieſer Bereitwilligkeit b einen guten Zug in Garrett's Charakter, dankte ihm dafür und bat ihn um Mittheilung der Gründe, die ihn zu dieſer Hoffnung berechtigten. „Vor allen Dingen muß ich die Handſchrift des Herrn Norwood ſehen, dann werde ich beurtheilen können, ob ich mich getäuſcht habe, oder nicht“, ſagte Garrett. „Das iſt ein Leichtes, denn mein zukünftiger Schwiegerſohn beſitzt unſtreitig Schreiben ſeines Freundes. Er iſt im Augenblick noch nicht hier, doch wird er ſehr bald kommen, wenn Sie nur hier auf ihn warten wollen“, erwiederte der Präſident. „Können Sie ihn nicht hierher rufen laſſen, denn 28 ich möchte nach Anſicht der Handſchrift noch eine Auskunft von Ihnen erfragen, Herr Präſident“, ſagte Garrett. „Ich brauche nicht nach ihm zu ſchicken, er wird ohnedies bald hier ſein. Ein Aufenthalt iſt mir nur gerade jetzt unangenehm, meine Zeit iſt knapp, ich werde auf der Bank erwartet“, entgegnete Forney. „Es hängt aber vielleicht das Schickſal des jungen Mannes von dieſer Auskunft ab, Herr Präſident. Wenn es Ihnen einigermaßen möglich iſt, ſo thäten Sie doch ſehr wohl, bis zur Ankunft Ihres Herrn Schwiegerſohns hier noch zu verweilen“, antwortete Garrett mit geheimnißvollem Ton. „Nun, wenn es von Wichtigkeit iſt, ſo muß ich mich fügen. Es liegt uns unendlich Viel daran, Nachricht über Norwood zu erhalten“, ſagte der Prä⸗ ſident, ſtellte ſeinen Hut auf den Tiſch und ſchritt nach dem Fenſter, um in der Straße hinunter zu blicken, ob er noch nichts von Frank gewahre. „Könnten Sie mir denn Ihre Fragen nicht jetzt vorlegen und ſpäter von Herrn Arnold die Handſchrift Norwood's erhalten?“ fragte Forney nach einer kleinen Weile, indem er wieder zu Garrett hintrat, der es ſich im Sopha bequem gemacht hatte. „Das geht nicht, Herr Präſident; denn wenn die Handſchrift des Herrn Norwood nicht dieſelbe iſt, welche ich zufällig anderswo geſehen habe, ſo habe ich 129 mich getäuſcht und bin zu den Fragen nicht berechtigt, indem ich dann das Geheimniß eines Fremden ver⸗ rathen würde, welches in gar keiner Beziehung zu der Angelegenheit des Herrn Norwood ſteht“, erwiederte Garrett mit großer Beſtimmtheit. „Das iſt ja ſonderbar“, ſagte der Präſident und trat ungeduldig an's Fenſter zurück; Frank aber wollte immer noch nicht erſcheinen. Garrett blickte von Zeit zu Zeit auf ſeine Uhr, wobei ſein Antlitz immer heiterer wurde, während die Ungeduld Forney's ſich ſteigerte, denn es war bereits eine Stunde unter vergeblichem Warten verfloſſen. Endlich erblickte er Frank in der Straße und eilte ſelbſt an die Hausthür, um ſie ihm zu öffnen. „Haben Sie vielleicht eine Handſchrift Ihres Freundes Norwood bei ſich, lieber Arnold?“ fragte er den Angekommenen ſchon im Corridor,„der Garrett iſt im Zimmer und hofft uns Auskunft über Jenen verſchaffen zu können, er ſagt aber, er müſſe erſt ſeine Handſchrift ſehen.“ „Ei ja wohl, ich habe noch einige Notizen in meiner Brieftaſche, die er geſchrieben hat“, erwiederte Frank mit freudiger Ueberraſchung, indem er die Taſche hervorzog und mit Forney in's Zimmer ſchritt. Er entfaltete nun verſchiedene Papiere und reichte ſie Garrett mit der beſtimmten Verſicherung hin, daß die Schrift darauf von Ralph herrühre. Ralph Norwood. M. 9 — 130 „Sind Sie deſſen auch gewiß?“ fragte dieſer, nachdem er die Papiere eine Weile mit größter Auf⸗ merkſamkeit betrachtet hatte. „Ganz gewiß, es iſt kein Zweifel darüber, denn ich ſelbſt habe ihn dies ſchreiben ſehen“, erwiederte Frank. „Dann muß ich Ihnen zu meinem Leidweſen ge⸗ ſtehen, daß ich mich geirrt habe und daß die Spur, auf der ich mich befinde, nicht die des Herrn Norwood ſein kann. Uebrigens beruhigen Sie ſich darüber, ich werde dennoch ausfinden, was aus ihm geworden iſte⸗ ſagte Garrett und wandte ſich dann zu Herrn Forney mit den Worten:„Ich bedauere unendlich, Herr Prä⸗ ſident, daß dieſer Irrthum in meinem Eifer, Ihnen nützlich zu werden, mich verleitete, Sie ſo lange von Ihren Geſchäften abzuhalten. Ich hoffe aber, ich bin bei Ihnen entſchuldigt.“ Dann ergriff er ſeinen Hut, empfahl ſich raſch und verließ eilig das Haus. Ralph war von Forney's Wohnung direkt nach der Bank gefahren, hatte dort gegen die Anweiſung ſofort den ganzen Betrag in Banknoten empfangen und ſich nach Abrede dann nach ſeinem Boardinghaus auf ſein Zimmer begeben, wo ihn Garrett fand, als er von ſeinem Beſuch bei dem Präſidenten zurückkehrte. „Nun, Freund, haben Sie das Geld?“ fragte Garrett, indem er in die Stube ſprang. „Hier iſt es, in gutem Papier“, entgegnete Ralph und legte ein Packet mit Banknoten auf den Tiſch. „Verdammt, wenn wir das Ding nicht ſchlau an⸗ gefangen haben! und der letzte Spaß war der beſte. Der alte Forney ſtand wie auf glühenden Kohlen, um nach der Bank zu gehen, ich aber hielt ihn mit der Ausſicht, ihm Nachricht über Sie geben zu können, zurück, und nach Verlauf einer Stunde erklärte ich ihm ſchließlich, daß ich mich geirrt habe. Laſſen Sie jetzt ſehen“, ſagte Garrett, indem er das Packet öffnete,„wir wollen ſogleich theilen, dann haben wir reine Rechnung.“ Das Geld theilten ſie nun unter ſich, und als Ralph ſeine zweitauſend Dollar in die Taſche ſteckte, ſagte er:„Nun muß ich mich erkundigen, wann das nächſte Boot nach Richmond abgeht, denn meines Bleibens iſt hier nicht länger.“ „Ei, wo denken Sie hin?“ entgegnete Garrett; „vor morgen erhält das Newyorker Haus die Aufgabe von der Zahlung an Sie nicht, und dann geht wieder mehr als ein Tag darüber hin, bis die Herren B.... 4 Co. die Nachricht bekommen, daß ſie ange⸗ führt ſind. Bis dahin alſo können Sie ganz ruhig hier bleiben, und ſogar ſpäter droht Ihnen keine Ge⸗ fahr; denn es kennt Sie Niemand hier und Sie werden wohl den Herren B....& Cv. Ihre Auf⸗ wartung ſo bald nicht wieder machen. Außerdem iſt 9* 132 geſtern das Dampfſchiff nach Richmond abgefahren und es geht in jeder Woche nur eins dorthin ab. Heute Abend iſt Hahnengefecht, da werden Sie ſich amüſiren. So vollblütige Hähne haben Sie in Ihrem 3 Leben nicht geſehen, wie ſie heute Abend auf den Kampfplatz kommen. Auch wird dort geſpielt, und ich dächte doch, daß Sie Ihr verlorenes Geld nicht im Stiche zu laſſen geſonnen ſind.“ „Das wußte der Teufel, ſolches Unglück habe ich früher nie gehabt. Ich will mich aber doch nach dem Abgang des Bootes erkundigen, denn mit dem aller⸗ erſten reiſe ich ganz beſtimmt ab. Holen Sie einen Fiaere hierher, ich mag bei Tage nicht mehr durch die Straßen gehen“, ſagte Ralph, und Garrett ent⸗ fernte ſich, um ſeinem Wunſche nachzukommen. X Es war einer von jenen herrlichen Decembertagen Nord⸗Amerika's, an denen der Sommer ſich herein⸗ gedrängt zu haben ſcheint, um dem Winter die Herr⸗ ſchaft ſtreitig zu machen. Der Himmel wölbte ſich in 3¹ ſeinem klarſten, reinſten Blau über Land und See, 3 tein Wölkchen, auch nicht der leiſeſte weiße Hauch war an ihm zu ſehen, die Sonne ſpiegelte ſich golden auf den leichten, tanzenden Wellen der Bay und be⸗ leuchtete die unzähligen, blendend weißen, großen und kleinen Segel, die ſchaukelnd und nickend über die 133 grüne, durchſichtige Fluth glitten, ſie glänzte auf den Thürmen und Kuppeln der Stadt Baltimore, und warm und freundlich ruhten ihre Strahlen auf der breiten, endloſen Marketſtraße, auf deren Trottvirs zu ihren beiden Seiten die weit und breit berühmten Schönheiten dieſer Stadt in reichſter Toilette auf und nieder gingen. Koſtbare Carroſſen ſah man hier und dort vor den prächtigen Kaufläden halten oder in der Straße hinrollen, um geſchmackvoll geputzte Damen von einem Laden zum andern zu führen, und faſhio⸗ nable junge Männer tummelten ihre edlen Pferde hin und her, oder bewegten ſich, langſam ſpazierend, auf den Trottvirs fort, um die junge Damenwelt zu bewundern. Ein Paar unter den Hunderten, die hier luſt⸗ wandelten, erregte allgemeine Aufmerkſamkeit; es war Flournoy an der Seite der ſchönen Melanie. Der ziemlich eng anſchließende, ſchwarze Anzug des Capi⸗ tains zeigte die kräftigen Formen ſeiner edlen Geſtalt, deren auffallende Größe die Blicke aller Vorüber⸗ gehenden unwillkürlich anzog. Sein ſchönes, männ⸗ liches Geſicht war von einem ſehr ſtarken, gekräuſelten, glänzend ſchwarzen Barte umgeben und unter ſeinem etwas auf eine Seite geſetzten, runden Hut quollen die vollen Locken ſeines rabenſchwarzen Haars hervor. Trotz ſeines herkuliſchen Baues ging er leicht und elaſtiſch neben der reizenden, zierlichen Blondine, halb — —— 434 zu ihr hingewandt, und neigte ſich während der lebendigen Unterhaltung, die ſie pflogen, häufig zu ihr nieder, um ihr einige leiſe Worte zuzuflüſtern. Melanie ſchien die Aufmerkſamkeit, welche ſie er⸗ regten, mit einem wohlthuenden Gefühl zu bemerken, und ging ſo hoch auf ihren niedlichen Füßchen, als es ihr nur möglich war, um neben dem großen, ſchönen Manne nicht zu klein zu erſcheinen; denn vft hörte ſie Vorübergehende ſagen:„Wer mag der ſchöne große Mann ſein?“ oder:„Das war ja ein bild⸗ ſchöner Mann!“ und ſüß und entzückend klangen ſolche Worte in ihrem Herzen wieder. „Ich habe es nach Deinem Wunſche geſtern Abend meinen Eltern mitgetheilt, daß Du mich heirathen wollteſt, Alfred“, ſagte Melanie zu Flournoy, denn dies war ſein Taufname,„der Vater aber ſagte; er wolle ſich erſt über Dich erkundigen, ehe er ſeine Zuſtimmung gäbe.“ „Du haſt ihn doch an Ballard verwieſen? denn dieſem allein ſind hier meine Verhältniſſe genau be⸗ kannt. Dein Vater wird wohl keine Einwendungen gegen unſere Verbindung zu machen haben.“ „O, ſicher nicht, Alfred; wer kann Dir denn wohl nicht gut ſein!“ erwiederte Melanie und hob ihre großen blauen Augen liebewarm zu ihm auf. „Ich werde es heute Abend erfahren, nach dem Abendeſſen komme ich, wie gewöhnlich, zu Euch. Wie 2 135 aber, wenn er uns ſeine Zuſtimmung verweigerte— würdeſt Du von mir laſſen, engelſüße Melanie?“ „Nimmermehr, eher gebe ich die ganze Welt auf!“ antwortete das Mädchen raſch und entſchloſſen und ſah Flournoy mit einem erſchrockenen Blick an. „So ſoll uns auch keine Macht der Erde trennen!“ ſagte Flournoy feurig,„Du mußt aber bald mein werden, theure Melanie; denn Du weißt, mein jetziger Aufenthalt hier wird nur noch von kurzer Dauer ſein. Wenn ich aber zurückkehre, dann richte ich es ein, recht lange bei Dir zu bleiben. Das iſt nun einmal das Lvos des Seemanns, daß der Abſchied dem Will⸗ kommen ſeiner Lieben immer bald folgt. In der guten Jahreszeit aber mußt Du mich begleiten, mein Leben, mein Alles; es iſt ſo ſchön auf See!“ „O, wie gern folgte ich Dir gleich diesmal, mein Alfred, wenn Du es mir nur erlauben wollteſt.“ „Nicht in dieſer Jahreszeit, beſtes Mädchen. Die See kann auch fürchterlich ſein“ antwortete Flournoy mit einem düſtern Blick und halb in Gedanken ver⸗ ſunken.— Dann fuhr er nach einigen Augenblicken fort:„Wenn Du mein biſt, miethen wir uns in ein gutes Brardinghaus ein, und dort kannſt Du wohnen bleiben, bis ich zurücktehre, wenn Du es nicht vor⸗ zieheſt, während dieſer Zeit bei Deinen Eltern zu wohnen.“ „Ganz, Du es wünſcheſt, Alfred; ich habe —,— 8 6 ——— ———— keinen Willen, keinen Wunſch mehr, als das zu thun, was Dir Freude macht.“ Sie hatten die Straße erreicht, welche von der Marketſtraße nach der Wohnung Melaniens führte, und hier blieb dieſe ſtehen und ſagte: „Es iſt Zeit, daß wir uns trennen; Vater wird jetzt bald von dem Comptoir nach Hauſe gehen. Wenn es nur ſchon Abend wäre, daß ich Dich wieder⸗ ſähe. Du böſer, lieber Mann, bald machſt Du mir die Stunden zu Minuten und dann wieder die Mi⸗ nuten zu Stunden!“ ſagte Melanie mit einem ſeligen Lächeln.„Könnte ich nur immer bei Dir ſein, ich wollte ja gern auf alle übrige Welt verzichten!“ „Bis heute Abend, mein Engelsmädchen!“ Mit dieſen Worten nahm Flournoy ſeinen Hut ab, ver⸗ neigte ſich in aller Form, nochmals begegneten ſich ihre glückſtrahlenden Blicke, und kaum den Boden berührend ſchwebte die kleine Melanie auf dem Trottvir der Seitenſtraße ihrer Wohnung zu. Dieſe beſtand in einem einſtöckigen, drei Fenſter breiten Backſteinhaus mit einer hohen, weißen, höl⸗ zernen Treppe vor der Thür, auf deren Höhe mehrere Stühle Raum hatten. Das Haus, mit einem tiefen Erdgeſchoß und einem kleinen, ſauber gehaltenen Garten dahinter, war das Eigenthum des alten Buch⸗ halters Terrel, der ſchon ſeit vielen Jahren in Dienſten der Herren B....& Cv. ſtand. —————— —— ₰ 48 Terrel war ein ernſter, verſtändiger Mann, der den größten Theil ſeines Lebens damit zugebracht hatte, in dem Geſchäft, dem er diente, Ordnung und Pünktlichkeit zu handhaben, und dieſe hatte er beide nicht allein in ſeine häuslichen, ſondern in alle ſeine Lebensverhältniſſe übertragen. Alles, was er that, überlegte er vorher ruhig und reiflich, und that es dann ſo, wie es gethan werden mußte. Er war einer von den Menſchen, denen faſt niemals etwas Unge⸗ wöhnliches begegnet und die in dem täglichen Einerlei ihr Glück finden. Seine Geſchäftszeit verbrachte er in ungeſtörter, glücklicher Ruhe und hatte die Freude, am Ende jeden Jahres eine bedeutende Summe als Verdienſt ſeiner Brodherren auf das Capitalcvnto zu übertragen. Sein Familienleben war bisher eben ſo heiter und ungetrübt geweſen; denn er hatte eine brave, häusliche und ſparſame Frau, die Alles im Hausweſen zu ſeiner vollſten Zufriedenheit beſorgte, und ſeine fünf Kinder, von denen Melanie das älteſte war, hatten ihm bis auf die Stunde nur Freude gemacht. Kaum war Melanie in ihr Zimmer eingetreten, als auch der alte Terrel nach Hauſe kam und ſich auf den kleinen Hof zu dem dort ſtehenden Waſchtiſch begab, um ſich, nach ſeiner Gewohnheit, die Hände zu ſäubern, ehe er an Tiſch ging. Darauf ſchritt er in das Wohnzimmer, wo ſeine Frau eben beſchäftigt war, den Tiſch zu decken, ſetzte ſich nahe dem Fenſter in einem Armſtuhl nieder, entfaltete die heutige Bal- timore Chronicle, um ſie flüchtig zu durchblicken und namentlich die Congreßverhandlungen in Waſhington zu leſen.. Bald darauf war die ſämmtliche Familie verſam⸗ melt, und Madame Terrel bat, zu Tiſch zu kommen. Terrel beobachtete während der Mahlzeit ein un⸗ gewöhnliches Schweigen und ſchien über eine Ange⸗ legenheit von Wichtigkeit nachzudenken. Nach Tiſch hatte ſich Melanie kaum auf ihr Zimmer begeben, als ihr Vater zu ihr eintrat und mit ernſtem Tone ſagte: „Melanie, ich habe mich nach dem Capitain Flournoy erkundigt, und in keiner Weiſe befriedigende Auskunft über ihn erhalten.“ Melanie wurde bei dieſen Worten bleich und ſtützte ſich mit der Hand auf den Tiſch, da ſie fühlte, daß ihre Füße zu wanken begannen. „Ich habe zuverläſſige Leute geſprochen,“ fuhr Ter⸗ rel fort,„die ihn vor einigen Jahren gekannt haben, als er Steuermann auf einem Oſtindienfahrer geweſen war und die mir ſagten, daß er ſich hier als profeſ⸗ ſionirter Spieler in der verdorbenſten Geſellſchaft um⸗ hergetrieben habe. Jetzt iſt er allerdings Capitain eines Schiffes, welches, wie man ſagt, einem Havan⸗ neſer Haus gehört, und an welchem er, wie er be⸗ — . hauptet, einen Antheil hat. Ueber dieſem Schiffe und ſeiner Mannſchaft ruht aber etwas Geheimnißvolles, wenigſtens haben ſich unter den Seeleuten allerlei un⸗ heimliche Gerüchte darüber verbreitet. Capitain Flour⸗ noy iſt nicht der Mann, dem ich mein Kind als Lebens⸗ gefährtin anvertrauen kann.“ Melanie hatte ſich bis jetzt aufrecht erhalten, die letzten Worte ihres Vaters aber verwirrten ihre Sinne, ihre Bruſt zog ſich krampfhaft zuſammen, die Stube drehte ſich mit ihr, und ohne einen Laut ſank ſie am Tiſche nieder. Der erſchrockene Terrel hob ſie in ſeinen Armen auf, ſetzte ſie in das Sopha, benetzte ihre Schläfe mit kaltem Waſſer und redete beruhigend zu ihr. Nach wenigen Minuten öffnete Melanie ihre Augen wieder und ein Thränenſtrom brach aus ihnen hervor. „Ich werde zur Erlangung vollſtändiger Gewißheit über ihn ſofort nach Havannah ſchreiben, Melanie,“ ſagte Terrel beſorgt und beſchwichtigend.„Wenn die Auskunft von dort günſtig lautet, ſo habe ich ja Nichts gegen Deine Verbindung mit Flournoy; ich will nur Dein Glück, mein Mädchen.“ „Mein Glück, Vater? Es giebt für mich ohne Alfred kein Glück mehr in der Welt!“ ſagte Melanie, preßte beide Hände feſt auf ihr Herz und ſenkte, in ihren Schooß niederblickend, ihren goldgelockten Engels⸗ kopf. ———— 1440 „Wenn er ein rechtſchaffener Mann iſt, ſo haſt Du Grund dazu, ſo zu reden, iſt er es aber nicht, ſo wirſt Du bei ihm kein Glück finden. Wir müſſen Gewiß⸗ heit darüber haben, bis dahin wirſt Du Dich fern von ihm halten. Ich habe ihm geſchrieben und ihn erſucht, vor der Hand mein Haus nicht mehr zu be⸗ treten.“ Melanie zuckte zuſammen, auf's Neue entquollen Thränen ihren Augen und rollten über ihre bleichen Wangen in die gefalteten Hände hinab; ſie ſagte aber kein Wort, es wurde kein Klagelaut von ihr hörbar. Stumm und regungslos ſaß ſie da, und ſchien die be⸗ ruhigenden tröſtenden Reden ihres Vaters nicht zu hören. Terrel glaubte, daß es gut ſei, die Tochter jetzt ihren eigenen Betrachtungen zu überlaſſen, legte die Hand auf ihre Schulter und ſagte: „Bedenke Dein eigenes und Deiner Eltern Glück und gieb der Vernunft Gehör!“ Dann verließ er das Zimmer. Kaum aber hatte ſich die Thür hinter ihm geſchloſſen, als die ſtumme Verzweiflung, die ſich Melaniens be⸗ meiſtert hatte, in lautes Weinen und Klagen überging; händeringend richtete das unglückliche Mädchen die thränenſchweren Blicke nach oben, warf ſich auf die Kniee nieder und verbarg das Antlitz in ihren kleinen Händen. Dann ſprang ſie wieder, wie zu einem Ent⸗ ſchluß gekommen, auf, ging raſch und ſtier vor ſich hin⸗ —— 3—————— blickend im Zimmer auf und nieder, und ſank endlich ermattet und erſchöpft auf das Sopha, wo ſie regungs⸗ los in brütendem dumpfem Schmerze noch hingeſtreckt lag, als die Sonne ſchon lange die letzten Strahlen von dem Fenſter des Stübchens zurückgezogen und der Nacht die Herrſchaft über die Erde abgetreten hatte. Die Mutter Melaniens war wiederholt zu ihr ge⸗ treten, um ihr Vernunft einzureden, und ihr zugleich, wenn auch nur ſchwache Hoffnung als augenblicklichen Troſt zu geben. Beides aber fand in dem liebenden Herzen der Tochter keinen Eingang, und mit zärtlichem kindlichem Flehen bat ſie die Mutter, ſie mit ihrem Schmerz allein zu laſſen. Plötzlich klang ein heller Ton, als wenn ein Stein⸗ chen an das Fenſter geworfen wäre, zu ihrem Ohr; wie ein elektriſcher Funke fuhr er durch ihre Nerven, ſie ſprang auf, blickte mit weitgeöffneten Augen und mit verhaltenem Athem nach den Scheiben, durch welche das matte Licht einer nicht ferne von dem Hauſe ſtehenden Laterne in das Zimmer drang; da erklang das Glas wieder, mit einem Sprunge hatte Melanie das Fenſter erreicht, riß es auf, und ihr erſter Blick fiel auf die wohlbekannte theure Geſtalt des Ge⸗ liebten, der, in einen großen Mantel gehüllt, von der andern Seite der Straße her auf das Haus zutrat. „Komm in den Garten,“ flüſterte Flournoy der Geliebten zu und winkte mit dem weißen Tuche in —————— 142 der Richtung hinter das Haus. Dann ging er mit eiligen Schritten in der Straße hin und Melanie ſchloß mit bebender Hand das Fenſter. Nicht einen Augenblick hatte ſie ſich zu befinnen, ſie ergriff ihren großen grauen Shawl, hing ihn über den Kopf, zog ihre Schuhe aus, nahm ſie in die Hand, und indem ſie das Tuch feſt um ſich zog, glitt ſie lautlos über den Gang. Dort öffnete ſie eben ſo ge⸗ räuſchlos die hintere Thür des Hauſes, und hyuſchte durch den Garten nach der Dielenwand, welche deſſen Rückſeite von einem wüſten Bauplatze trennte. Kaum war ſie dort angelangt und wieder in die Schuhe getreten, als Flournoy's dunkele Geſtalt über der Bretterwand emporſtieg, ſich über dieſelbe in den Garten ſchwang und Melanie ſich in ſeine Arme warf. „Man will uns trennen, Melanie! kannſt Du mich verlaſſen?“ ſagte Flournoy, indem er das zarte Mäd⸗ chen an ſeine Bruſt und ſeine Lippen auf ihren roſigen Mund drückte. „Nun und nimmermehr— ich bin Dein und will es bleiben, ſo lange mein Herz ſchlägt,“ rief Melanie mit unterdrückter Stimme und ſchlang ihre Lilienarme um den Nacken des Geliebten. „So gehe morgen Abend zur Kirche, nimm, um allen Verdacht zu vermeiden, Deine Freundin Olivia mit Dir, und nach beendigtem Gottesdienſte laſſen wir uns durch den Friedensrichter trauen. Dann biſt Du „ . —. meine Frau, und kein Geſetz der Erde kann uns gegen unſern Willen wieder trennen. Willſt Du, Melanie — willſt Du morgen mein ſüßes, mein geliebtes Weib werden?“ „Ob ich will, Alfred? Giebt es denn in dieſem Leben noch ein anderer Wunſch für mich? Ich komme, um auf ewig Dein zu ſein!“ Hiermit hielt ſie Flournoy ihre vollen Lippen zum langen innigen Kuſſe hin, reichte ihm nochmals ihre kleine Hand, eilte zu dem Hauſe zurück und wieder ohne Schuhe durch deſſen Gang in ihr Zimmer, ohne daß die Ihrigen einen Ton von ihr vernommen hätten. Sie hatte ſchnell ihren Platz auf dem Sopha ein⸗ genommen, und als bald darauf ihre Mutter mit einem Lichte in der Hand in das Zimmer trat, ſchloß ſie ihre Augen feſt und that, als ob ſie eingeſchlafen wäre. Die Mutter trat mit inniger Theilnahme zu der geliebten Tochter, hielt das Licht über ſich und blickte mitleidig auf die Schlafende, deren Wangen ſich wieder lebhaft, ja höher, als gewöhnlich, geröthet hatten, und zögerte, ſie zu wecken. Doch das Abendeſſen war be⸗ reit, Herr Terrel hatte ſchon am Tiſche Platz genom⸗ men, aund ohne Melanie, das wußte die Frau recht gut, würde es ihm nicht munden. „Mein beſtes Mädchen!“ ſagte ſie, indem ſie die Ruhende auf die friſch rothe Wange küßte,„komm zum Abendeſſen, der Vater ſitzt ſchon am Tiſch.“ Dabei hatte ſie ihre Hand unter die Schulter der Tochter geſchoben, und zog ſie zu ſich auf. „Ach, liebe Mutter, ich bleibe viel lieber hier auf meinem Zimmer,“ antwortete Melanie und fuhr, wie erwachend, mit der Hand über die Angen. „Nein, nein, komm mit mir; das iſt nichts für ein junges Mädchen, ſo ſeinem eigenen Kopf zu folgen. Sei nun gut und ſei vernünftig, komm, laß Vater nicht ſehen, daß Du haſt. Biſt auch mein beſtes Kind.“ Melanie folgte der Litte ihrer Mutter, ging mit ihr nach dem Wohnzimmer und nahm ſchweigend ihren gewohnten Platz am Tiſche ein. Sie blickte nicht von ihrem Teller auf und ihr Vater ſchien ſeine Worte abſichtlich nicht an ſie richten zu wollen, ſondern unter⸗ hielt ſich, zu ſeiner Frau gewandt, über die Neuig⸗ keiten des Tages. Dabei aber warf er einige ver⸗ ſtohlene Blicke ſeitwärts auf Melanie, und ſchien mit Zufriedenheit ihre getrockneten Augen und wieder ge⸗ rötheten Wangen zu bemerken. Als dieſelbe nach Tiſch ein Licht nahm und eine Ruhe wünſchte, ſagte er mit beſonderer „Gute Nacht, liebe Melanie; der Himmel gebe Dir einen recht geſegneten erquickenden Schlaf!“ Melanie aber ging nicht auf ihr Zimmer, um zu ruhen, denn Schlaf war fern von ihren Angen. Als 145 ſie die Thür hinter ſich verſchloſſen hatte, öffnete ſie ihre Commode und ihr Nähkäſtchen, und betrachtete alle die vielen, ihr lieben Kleinigkeiten, welche ſie hier aufbewahrt hielt, und welche größtentheils Geſchenke und Andenken von Freunden und Verwandten waren. Sie traf eine Auswahl unter ihnen und legte die⸗ jenigen, welche ſie bei ihrer Entfernung aus dem elter⸗ lichen Hauſe begleiten ſollten, in das Nähkäſtchen allein, um ſie morgen zuſammen in ihrem Beutel und ihren Taſchen unterzubringen. Dann legte ſie den vollſtändigen Anzug, den ſie am folgenden Abend benutzen wollte, zurecht, und be⸗ gann zuletzt mit der Durchſicht ihrer Papiere, welche in Briefen von ihren jungen Freundinnen beſtanden, und wovon ſie die größere Zahl dem Feuer in dem Kamin übergab. Dabei wichen ihre Gedanken nicht einen Augenblick von dem geliebten Bilde Flournoy's, welches vor ihrem Geiſte ſchwebte, wohin ſie auch blickte, und das Gefühl, für ihn, deſſen liebende Ge⸗ danken jetzt ſicher auch bei ihr waren, Opfer zu brin⸗ gen, war ihr ein ſüßes, ein beſeligendes. Ralph Norwood. U. 10 Capitel 17. Das Hahnengefecht.— Der Geplünderte.— Die Trauung.— Die junge Frau. — Die Entführung.— Die Heirath. lournoy ſtand um dieſe Zeit, in ſeinen Mantel gehüllt, in dem hellen Scheine einer großen Zahl von Fackeln zwiſchen einigen hundert Männern, die bei einem vor der Stadt gelegenen Wirthshauſe zuſammen⸗ gekommen waren, um Hahnengefechte abzuhalten. Hier und dort in der Menge ſtand ein Mann mit einem Hahn auf dem Arm, um ihn in der Verſamm⸗ lung zu zeigen, ſeine Schönheit, Größe, Kraft, Aus⸗ dauer und namentlich ſeinen Muth zu preiſen, und liebkoſte ihn, wogegen das Thier dann laut und heraus⸗ fordernd aufkrähte, und worauf demſelben von den verſchiedenen Seiten her von andern Hähnen geant⸗ wortet wurde. Mitunter traten zwei ſolcher Hahnen⸗ eigenthümer zuſammen, wo ſich dann die Thiere mit Gewalt aus den Armen ihrer Herren zu befreien ſuchten, um ſich aufeinander zu ſtürzen, und ſich mit den Schnäbeln wüthend entgegen hackten. Allenthalben wurden die Vortrefflichkeiten und die Mängel dieſer 147 Kämpfer beſprochen, ihre Abſtammungen genannt, die glorreichen Thaten ihrer Vorfahren, die meiſt alle den Heldentod auf dem Kampſplatz geſtorben waren, ge⸗ rühmt, und Wetten auf ſie abgeſchloſſen. Die Unter⸗ haltung wurde immer lebhafter, wozu die ſtarken Ge⸗ tränke, denen an dem Schenktiſch in dem offenen Trinkzimmer fleißig zugeſprochen wurde, viel beitrugen; denn durch deſſen Thür drängten ſich die Männer fortwährend aus und ein, und zur allgemeinen Auf⸗ munterung wurden auch die Hähne zu dem Trinktiſch getragen, und mußten dort ihre lauten Stimmen er⸗ tönen laſſen. Hier wurden nun auch die Schiedsrichter für die bevorſtehenden Kämpfe gewählt, die ſich dann zuſammen hinaus in das Freie begaben, um den Hähnen die Halsfedern und die Schwänze abzuſchnei⸗ den, damit ſie ſich leicht bewegen könnten und ihren Gegnern weniger Gelegenheit böten, ſich durch Feſt⸗ halten mit dem Schnabel an ihnen ihre Spornſchläge zu verſtärken. Sie ſetzten ſich zuſammen auf Bänke nieder und nahmen, mit Scheeren bewaffnet, die kunſt⸗ gerechten Operationen vor, während ſich ein Kreis von Fackelträgern um ſie bildete, die ihnen das nöthige Licht zu Theil werden ließen. Nachdem nun die Hälſe der Hähne vollkommen kahl geſchoren und ihre Schwänze geſtümpft waren, wurden die drei Zoll langen, dreiſchneidigen, ſehr ſpitzen Stahlſporen den Richtern vorgelegt, dieſelben 10* gegen einander verglichen, den Hähnen ihre natürlichen Sporen mit einer feinen Säge gekürzt, und die me⸗ tallenen Waffen vermittelſt lederner Riemen darauf befeſtigt. Der ſchmetternde Ton einer Trompete, der anzeigte, daß der Kampf beginnen ſollte, rief die Menge zu der Arena und wurde von den Hähnen mit Krähen aus vollem Halſe beantwortet. Die Verſammlung, mit den Hahnenträgern in ihrer Mitte, zog nun dem unweit gelegenen Kampſfplatz zu, der in einem, einige zwanzig Schritt weitem und mit einer niedrigen Befriedigung umgebenen Kreis beſtand, deſſen ſandige Fläche glatt und feſt geſtampft war. Alles drängte ſich nun ſo nahe als möglich an die Einzäunung und namentlich nahmen die Fackelträger unmittelbar an derſelben ihren Stand. Es war eine todtſtille dunkle Nacht, durch welche das Fackellicht um ſo glühender und heller leuchtete. Die Schiedsrichter ſtanden einander gegenüber an der Einzäunung und riefen jetzt die Eigner der beiden Hähne, die den Kampf beginnen ſollten, beim Namen. Dieſelben traten von entgegengeſetzten Seiten in den Kreis und ſtellten ſich, mit den Kämpfern auf den Armen, einige Schritte von einander entfernt hin. Der eine dieſer beiden Männer, der einen gelben Hahn trug, war Mac Dower, der Händler, welcher Tallihadjo, dem Seminolenhäuptling, den Schimmel verkauft hatte. — 149 Kaum hatte er ſeinen Stand eingenommen, als er ſeitwärts in die Verſammlung blickte und ausrief: „Ich bin verdammt, wenn das nicht Ralph Nor⸗ wood iſt! Bei Gott, alter Kamerad, wie kommt Ihr hierher, habt Ihr das Singen bei dem alten Bet⸗ bruder aufgegeben und ſeid wieder ächter Sportsman geworden? Willkommen hier; nun wettet einmal gleich auf meinen Hahn; beſſeres Blut hat nie auf Amerikaniſcher Erde gefochten.“ Ralph, der neben Garrett und Flournoy ſtand, gab ihm keine Antwort, auch befahlen die Schieds⸗ richter in dieſem Augenblick, die Hähne niederzuſetzen. Kaum hatten die Thiere den Boden erreicht und fühlten ſich frei, als ſie mit einer ſolchen Gewalt auf⸗ einander zuflogen, daß ſie in der Luft mit den Brüſten zuſammenſchlugen und, rückwärts prallend, auf die Erde ſtürzten. Im Augenblick aber waren ſie wieder auf den Füßen, ſprangen ſich abermals entgegen und ſchlugen mit den langen Stahlwaffen auf einander ein. Ein wildes Hurrah ſchallte jetzt aus der Menge hervor, die Fackeln wurden geſchwungen, und neue Wetten herüber und hinüber angeboten und abge⸗ ſchloſſen. Der ſchwarze Hahn ſchien bei weitem ſtärker, als der gelbe zu ſein, denn bei jedem Zuſammenprallen wurde Letzterer von ihm weit in den Kreis zurückge⸗ worfen, doch der gelbe war gewandter und gebrauchte ſeine Flügel mit mehr Leichtigkeit. „Nun, Ralph, ich wette hundert Dollar auf meinen gelben Hahn, haltet Ihr ſie auf den ſchwarzen?“ rief Mae Dower ſeinem alten Bekannten zu, ließ einige wilde Schwüre und Flüche folgen und ſchwang ſeinen grauen Filz durch die Luft. „Ich halte ſie, hundert Dollar auf den ſchwarzen!“ antwortete Ralph, da in dieſem Augenblick der ſchwarze Hahn ſeinen Gegner wieder weit zurückgeſchleudert hatte, dieſer auf dem geſtümpften Schwanz auf der Erde ſaß und ſeine blutige Bruſt zeigte. „Hoho, Gelber, brauche deine Flügel, bei Gott, du wirſt doch deinem Blute Ehre machen!“ rief Mac Dower ſeinem Hahn zu, während ein donnerndes Hurrah für den ſchwarzen aus hundert Kehlen ertönte. „Zweihundert Dollar auf meinen gelben! Ralph, ſetzt Ihr noch hundert zu?“ rief Mae Dower dieſem durch den Tumult zu. „Ich bin es zufrieden!“ antwortete Ralph, und ſchloß auch mit Flournoy eine Wette zum gleichen Be⸗ trage auf den ſchwarzen Hahn ab. Der gelbe aber hatte ſich wieder erhoben, flog ſeinem Gegner praſſelnd zu, ſie trafen ſich mit lautem Flügelſchlag in der Luft, und ſtürzten beide neben einander regungslos zu Boden. Der Jubel und die Hurrahs mengten ſich jetzt mit dem Schmettern der Trompete, die wild geſchwungenen 15¹ Fackeln ſchlugen gegen einander und ihr Funkenregen Iprühte über den Kampſfplatz hin. „Bei Gott, ſie ſind beide zur Hölle gefahren,“ ſchrie es dazwiſchen, und die beiden Eigner der Hähne hoben dieſe vom Boden auf. Der Stahlſporn des gelben war durch den Schädel des ſchwarzen gedrungen, ſaß darin feſt, und 1 hatte das Thier augenblicklich getödtet. Sobald aber der Sporn aus dem Kopfe deſſelben gezogen war, ſtellte ſich der gelbe Hahn hoch auf ſeine Füße und verkündete durch lautes Krähen und Schlagen mit den Flügeln ſeinen Sieg. Es wurden zwei andere Hähne in den Kreis ge⸗ tragen, und mit derſelben Begeiſterung nahmen die Zuſchauer Partei für den einen oder den andern. Die Thiere kämpften mit der größten Erbitterung, ſchon bluteten ſie beide aus vielen Wunden, die ihnen die ſcharfen, durch ſie hin fahrenden Stahlwaffen geſchlagen hatten, ſchon waren ſie nicht mehr im Stande, die Flügel zu gebrauchen, ſie konnten nicht mehr auf ihren Füßen ſtehen, und doch hackten ſie, vor einander ſitzend, mit den Schnäbeln aufeinander ein. Die Schiedsrichter erklärten den Sieg unentſchieden, und riefen den Eigenthümern der Kämpfer zu, ſie aus dem Kreis zu entfernen, aber Jeder von ihnen be⸗ hauptete immer noch die Ueberlegenheit ſeines Hahnes, und der eine rief: 152 „Wir wollen ihnen die Beine abſchneiden und dann ſehen, welcher noch fechtet.⸗ Beide Männer hatten unter ſtürmiſchem Beifall⸗ rufen der Zuſchauer ihre Meſſer gezogen, durchſchnitten damit den Hähnen die Kniegelenke, und ſetzten ſie ſo ohne Füße in den Sand, worauf beide Thiere noch wüthend miit den Schnäbeln aufeinander loshackten. Der ſtürmiſche Jubel über dieſes wundervolle glän⸗ zende Gefecht verrieth deutlich die überwiegenden Ge⸗ fühle, die in den Herzen der hier verſammelten Männer lebten und in manchem von ihnen flammte die ihm angeborene Mordluſt auf, der es nur augenblicklich an einem Gegner fehlte, um ſich durch die That kund zu geben. „Verdammt— das heißt Fechten!“—„Bei Gott, das iſt Blut, wie mancher Kerl nicht in den Adern hat!“ und ähnliche Ausbrüche der Begeiſterung hörte man aus dem tobenden Haufen hervorrufen, während den verſtümmelten Thieren die Köpfe abgeriſſen und ihre Plätze in der Arena durch friſche Hähne erſetzt wurden. So folgte ein Kampf dem andern und die Luſt daran, ſowie die Wetten ſteigerten ſich unaufhaltſam, bis es an Hähnen fehlte, das Spiel fortzuſetzen. Es war ſchon gegen Mitternacht, als die Fackeln erloſchen und die Männer ſich in das Wirthshaus zu⸗ — 6 K 6 tückbegaben, Umn einem ktäſtigen Sn die ta— lotenen Wetten zu berichtigen. Ralph hatte nach und nach fünfhundert Dollar an Mae Dower, dreihundert an Flournoy und noch einige— andere Wetten verloren, ſo daß er ſchon über die Hälfte des Geldes, welches er heute früh ſo leicht er⸗ worben hatte, weggeben mußte. Er befand ſich in einer ſehr gereizten Stimmung, denn er hatte viel ge⸗ trunken, und die Spannung, mit der er den Entſchei⸗ dungen ſeiner Wetten gefolgt war, hatte ihn unge⸗ „wöhnlich aufgeregt. Jene dumpfe Verzweiflung hatte ihn erfaßt, der ſich der ſchwache, charakterloſe Mann nach wiederholten ſchweren Unglücksfällen mit dem Gedanken hingiebt:„Mag es nun auch gehen, wie es will!“ und ſomit ſeinem Untergang blindlings und ohne Verſuch zur Rettung entgegeneilt. Mehrere Gläſer ſtarken Grog's, die er mit den Gewinnern ſeines Geldes bei veſſen Auszahlung trank, nahmen ihm noch vollends den letzten Reſt aller Ueberlegung und Einſicht; kaum war er ſich klar bewußt, daß Gar⸗ rett und Mae Dower ihn in das Spielzimmer und an den grünen Tiſch führten, und daß er dort Karten immer wieder mit Gold beſetzte, wenn der Croupier das darauf ſtehende zu ſich gezogen hatte. Die Lichter ſchienen ihm mit jeder Minute düſterer zu brennen und ſo wie die Karten einen weißen Lichtſchein um ſich zu ziehen, er wankte mit dem Kopf herüber und —————B 154 hinüber, fiel zuletzt mit dem Geſicht auf ſeine Arme, die er vor ſich auf dem Tiſche gekreuzt hatte, und er⸗ wachte aus dem todtenähnlichen Schlaf, der ihn hier überwältigte, erſt am andern Morgen in ſeinem Zim⸗ mer auf dem Bett, wo er in ſeinen Kleidern aus⸗ geſtreckt lag. Mit dem erſten Augenblick des Bewußtſeins trat auch die Erinnerung an ſeine verworfenen Handlungen rächend und folternd vor ſeine Seele und er ſchloß die Augen wieder, als ſcheue er ſich, das Tageslicht und in ihm ſich ſelbſt zu erblicken. So hatte er eine Weile gelegen und verſucht, den Schlaf wieder zu ſich heranzuziehen, um in ihm die letzte, ihm ſchreckliche Vergangenheit zu vergeſſen; die Vorwürfe und die Reue aber, ſo wie die Bilder der unausbleiblichen Folgen ſeiner Schlechtigkeit wurden mit jedem Augenblick in ſeinen Gedanken lebendiger, bald fühlte er ſich kalt, bald warm, ein Angſtgefühl ſchien ihm die Bruſt zuſammenzuſchnüren und mit einem Satze ſprang er von dem Bett in die Mitte der Stube. Sein erſter Griff war in die Bruſttaſche nach ſeiner Brieftaſche. Er zog ſie haſtig hervor, öffnete ſie mit bebenden Händen, und fand ſie leer. Auch nicht einen Dollar hatte man ihm gelaſſen! Mit einem gräulichen Fluch preßte er die Brieftaſche in ſeinen Fäuſten zu einer Kugel zuſammen, ſchleuderte ſie auf den Fuß⸗ ———— 13 boden und ſtampfte wüthend mit dem Fuß darauf. Dann vergrub er die Hände in den Taſchen ſeiner Beinkleider und lief wie raſend in dem Zimmer auf und nieder. Endlich blieb er plötzlich ſtehen, fuhr mit der Hand durch ſein wild um den Kopf hängendes Haar und begegnete ſeinen ſtieren hohlen Augen in dem Spiegel. „Goddam!« ſchrie er mit knirſchender Wuth, und ſtampfte abermals auf den Fußboden. Hätte er in dieſem Augenblick einen Gegner vor ſich gehabt, er würde ihn mit den Zähnen zerfleiſcht haben; ſo aber ſtand er, immer nur ſich ſelbſt vor Augen, da, und ſeine Vorwürfe, ſeine Wuthausbrüche waren nur gegen ſich ſelbſt gerichtet. Bald tobte er, bald ſchien ihn ein Schwächegefühl übermannen zu wollen, wobei er dann auf ſein Bett niederfiel und ſein Geſicht in den Kiſſen verbarg, bis der Sturm ſeiner Gefühle abnahm und er anfing, ſeine Lage ruhiger zu überblicken. Noch war es vor der Frühſtückszeit, er mußte Gar⸗ rett jedenfalls noch zu Hauſe treffen, er nahm ſeinen Hut, drückte ihn tief in die Augen, eilte in die Straße, und dicht an den Häuſern hin zu deſſen Wohnung. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor, bis man ihm die Thür öffnete; er fragte, ob Garrett zu Hauſe ſei, und bekam die Antwort: derſelbe wäre vor einer Stunde in einem Wagen von hier abgefahren. Ralph wurde todtenbleich bei dieſer Nachricht, er fragte mit auffallend 156 verſtörter Miene, ob man nicht wiſſe, wann er zurück⸗ kehren werde? Die Negerin erwiederte aber, daß Herr Garrett Nichts darüber hinterlaſſen habe. Schwei⸗ gend verließ Ralph das Haus, und kehrte auf ſein Zimmer zurück, um dort mit ſeiner Verzweiflung allein zu bleiben. 4 Es war gegen zehn Uhr, als viele ſtattliche Car⸗ roſſen der Wohnung des Präſidenten Forney zueilten, Damen und Herren in feinſter Toilette an der hohen Marmortreppe ausſtiegen und durch die weit geöffneten Flügelthüren in das Haus eintraten. Heute ſollte Frank Arnold und Eleanor Forney getraut werden. In dem blauen Saal verſammelten ſich die, zu dieſer Feierlichkeit geladenen genauern Freunde des Präſidenten und deſſen Tochter, alle mit dem Ausdruck der Heiterkeit und der innigſten, freudigſten Theilnahme an dem Glück des Brautpaares und Forney's. Ein Hauch des Friedens ſchien die Räume zu durchwehen, die Unterhaltung war leiſe, und mit Verlangen ſah man dem Erſcheinen der Braut und des Bräutigams entgegen. Der Präſident bemühte ſich, ſeine glückliche Auf⸗ regung zu verbergen und allen Pflichten gegen ſeine Gäſte nachzukommen; er war aber ſehr bewegt, und „ — 157 oft verlor er den Faden der Unterhaltung und richtete ſeine glückſtrahlenden Blicke nach der Thür. Es ſchlug eilf Uhr, als ein Wagen vorfuhr, worauf alsbald der Geiſtliche in den Saal trat. Der Prä⸗ ſident eilte ihm entgegen, bewillkommnete ihn mit aller Form und Herzlichkeit, und empfing dagegen deſſen innigſte Glückwünſche. Bald darauf rollte abermals eine Carroſſe vor die Marmortreppe, es war der Wagen Forney's, und Frank Arnold, von zwei jungen Marine⸗ offizieren begleitet, ſprang aus demſelben hervor. Auch ihm eilte der Präſident entgegen und empfing ihn in ſeinen Armen. Dann ſtellte er ihn dem Geiſtlichen vor, der ihm ebenfalls ſeine Glückwünſche darbrachte, und nun ging Frank von Einem zum Andern in der Verſammlung, um Worte der Liebe und Freundſchaft zu empfangen und zu geben. Endlich öffneten zwei ſchwarze Diener die Flügel⸗ thüren des Zimmers, traten mit ehrfurchtsvoller Ver⸗ neigung zur Seite, und Eleanor ſchritt, von ihren beiden Brautjungfern geführt, in den Salvn. Glaube, Liebe und Hoffnung waren unverkennbar die Gefühle, die ihren Buſen hoben, die ſich auf ihren wunderbar ſchönen liebreizenden Zügen, in ihren ſeelenvollen dunkeln Augen ſpiegelten. Wonne und Seligkeit lag in dem ſüßen Lächeln ihres ſchönen Mundes, in der Thräne, die unter ihren langen Wimpern hervorglänzte. Ueberraſcht und anſtaunend waren die Blicke aller ihrer Freunde und Freundinnen auf ſie gerichtet, denn ſo ſchön, ſo lieblich hatten ſie Eleanor nie zuvor ge⸗ ſehen.— Der Präſident nahm freudebebend ihre Hand und führte ſie dem Geiſtlichen entgegen, der ſie mit ſeinen beſten Wünſchen überhäufte. Dann aber wandte ſie ſich mit einem Blick voll Seligkeit zu Frank, reichte ihm diesmal nur die kleine Hand und empfing dann von allen übrigen Freunden die Verſicherungen wärmſter Theilnahme an ihrem Glück. Der weiße Saal wurde nun geöffnet, der Präſident nahm die Hand des Geiſtlichen und ſchritt mit ihm voran durch die weite Thür, Eleanor, von ihren Brautjungfern geführt, folgte ihnen, ihr nach ging Frank Arnold zwiſchen den beiden Marineoffizieren, und paarweiſe traten dann die andern Freunde in den Saal und reihten ſich im weiten Halbzirkel um den weißbedeckten Tiſch, vor welchem der Geiſtliche ſeine Stellung nahm. Frank und Eleanor ſtanden ihm gegenüber in dem Halbzirtel der Freunde, und zu ihren Seiten ihre Führer und Führerinnen. Wenn Eleanor auch im gewöhnlichen Leben leicht der Gewalt des Augenblicks erlag, und Freude wie Leid ſie gleich mächtig bewegte, ſo war ſie des gegen⸗ wärtigen doch vollkommen Herrin, und ſie ſchien dar⸗ thun zu wollen, daß nicht Zufälligkeiten, ſondern ihr feſter, vollkommen erkannter Wille ſie hierhergeführt hatte. Auch an Frank war es zu ſehen, daß er des Ernſtes, der Wichtigkeit dieſes Augenblicks ſich bewußt ſei, und Beide folgten aufmerkſam den an ſie gerichteten er⸗ greifenden Worte des Geiſtlichen. Er ſprach von Herzen zu Herzen, einfach und gefühlvoll, und manche Thräne der Rührung verkündete ſein Lob. Die Trauung war in hehrſter Feierlichkeit vollzogen, die Ringe gewechſelt und der Geiſtliche hatte dem jungen Ehepaar ſeinen Segen ertheilt. Mit gleicher Seligkeit ſanken ſich Frank und Eleanor in die Arme, gaben einander den Kuß ewiger Liebe und Treue, und empfingen dann unter Freudenthränen die Segens⸗ wünſche des Präſidenten und aller Anweſenden. Der Präſident war das Bild vollkommenſten Glücks, der Ernſt und die Ruhe, die ihn ſonſt niemals ver⸗ ließen, waren von ihm gewichen, es war ihm, als müſſe er die ganze Welt an ſein Herz preſſen, als müſſe er ſeine Freude auf Jedermann übertragen. Den alten Commodore Perrywill ſchloß er wiederholt in ſeine Arme; hier drückte er die Hand eines Freundes, dort berührten ſeine Lippen die einer Freundin, und überall verkündeten ſeine Worte die beglückenden Ge⸗ fühle, welche ſeine Bruſt ſo freudig bewegten. Nach der Trauung begab man ſich in den blauen Saal zurück, wo die Brautjungfern Eleanor in das Sopha führten und zu ihren beiden Seiten Platz nahmen, damit ſie nun auch die vielen andern Freunde, welche nicht an der Feierlichkeit ſelbſt Theil genommen, empfangen und deren Wünſche entgegen nehmen konnte; denn das Haus war nach Landesſitte nun für Jeder⸗ mann geöffnet, und als die Glocke zwölf ſchlug, be⸗ gannen ſich alle Säle mit Bekannten und mit Frem⸗ den zu füllen. In einer endloſen Reihe wandelten Alle zu der ſchönen jungen Braut, wie die junge Frau während der Flitterwochen immer noch genannt wird, um ihr etwas Schönes, etwas Angenehmes zu ſagen und ihr Huldigungen zu ſpenden. Von ihr begab man ſich dann in den weißen Saal, wo auf der langen Tafel rieſenhafte, bei Hochzeiten unvermeidliche Fruit- kakes und auf dem Credenztiſch die beſten Weine und Spirituoſa aufgeſtellt waren, und ein Jeder mußte den Kuchen koſten und ein Glas auf das Wohl der jungen Eheleute leeren. Während des ganzen Tages dauerten dieſe Beſuche bei der Braut fort, und erſt als der Abend hereinbrach, beſchränkte ſich wieder die Zahl der Gäſte in Forney's Haus auf die nähern Freunde der Familie. Ralph Norwood hatte den Tag in finſterm brüten⸗ dem Nachdenken auf ſeinem Zimmer zugebracht und war zuletzt zu dem Entſchluß gekommen, an Garrett zu ſchreiben, da er vermuthete, er ſei zu Hauſe ge⸗ weſen und habe ſich nur vor ihm verläugnen laſſen. Er ſchrieb ihm, daß er weiter nichts vyn ihm bean⸗ ſpruche, als ihm behülflich zu ſein, wieder in ſeine Heimath zurückzukehren, ſagte ihm aber, daß er be⸗ ſtimmt und ohne alles weitere Bedenken den Betrug bei B....& Co. ſelbſt anzeigen werde, für den Fall, daß er ihn im Stich ließe. Dieſe Erklärung bekräf⸗ tigte er noch mit einem fürchterlichen Schwur, ſchloß dann den Brief und trug ihn, als das Tageslicht aus den Straßen verſchwunden war, auf die Stadtpoſt. Um dieſe Zeit war Flournoy in ſeiner Cajüte be⸗ ſchäftigt, Toilette zu machen, während Ritcher, der Oberſteuermann, auf einem der Feldſtühle ſaß, aus einer kleinen Pfeife rauchte, und dann und wann Unterhaltung mit dem Capitain führte. „Die wievielte Frau wird dieſe reizende Blondine denn ſein, die Sie heirathen, ſeit ich Steuermann auf dem Sturmvogel bin?“ fragte er lachend, indem er nach dem Capitain aufblickte, der vor dem Spiegel ſtand und das weiße Halstuch, welches er umgebunden, in eine zierliche Schleife verknüpfte. „Was weiß ich?“ antwortete Flournoy lächelnd, „noch haben wir der Landungsplätze viele, in denen keine Frau auf meine Ankunft wartet. Es iſt doch ſchön, wenn man allenthalben eine häusliche Einrichtung findet.“ „Wenn die Weiber nur nicht ſo leicht ungeduldig darüber würden, daß ſie niemals Nachricht von Ihnen bekommen, auch nichts Gewiſſes über den Sturmvogel Ralph Norwood. M. 11 162 erfahren können und am Ende über allerlei Verdachts⸗ gründe ſich zu Tode grämten. Ein Glück, daß Sie nicht bei allen Leichenbegängniſſen Ihrer Frauen zu⸗ gegen ſein müſſen; dieſe Ehre ward bis jetzt nur denen zu Theil, welche ihre häusliche Einrichtung auf dem Sturmvogel gemacht hatten,“ bemerkte Ritcher. „Hoffentlich werde ich nicht lange Strohwittwer in dieſem meinem Hauſe bleiben, nachdem wir wieder auf dem blauen Waſſer ſchwimmen; wenn es nur die ſchöne Eloiſe zieren möchte! Sie bringt eine reiche Ausſteuer mit, und wird den Oberſtenermann ganz beſonders bedenken.“ „Soll mir angenehm ſein. Ich dagegen werde ihr zu der Copulation verhelfen; eine Hand wäſcht die andere,“ ſagte der Steuermann, ſchlug ein Bein über und blies eine Rauchwolke nach der Decke der Cajüte, indem er ſeinen Kopf zurück gegen die Wand ſinken ließ. „Warum wird denn der ſchönen Blondine die Ehre nicht zu Theil, auf dem Sturmvogel zu reſidiren? dann würden doch die Flitterwochen etwas länger dauern,“ fuhr er nach einer Weile fort. „Ihr habt Eloiſe vergeſſen, es könnte Eiferſucht geben,“ erwiederte Flournoy. „Dem wäre leicht vorzubeugen: die erſte Frau wanderte nur von Ihrer Cajüte in die unſtige, wie 6 163 der Broſamen von der Tafel des reichen Herrn zu dem armen Manne.“ „Und wenn wir wieder einmal eine Ladung hier abſetzen wollten?“ „Nun, dann thut Madame einen Fehltritt über Bord.“ „Und man verlöre ſeinen guten Namen hier. Nein, es iſt beſſer, ſie führt während der Zeit meinen Haus⸗ halt in Baltimore, und wenn ſie bis zu meiner Rück⸗ kehr das Warten nicht überdrüſſig geworden iſt, ſo ſind wir wieder Mann und Frau,“ ſagte Flournoy und zog den Frack an, den er aus dem Schranke ge⸗ nommen hatte.„Wo bleiben aber meine Heiraths⸗ zeugen, Garrett und Mae Dower? Es wird bald Zeit, nach der Kirche zu gehen,“ fuhr er nach einer Weile fort, indem er vor den Spiegel trat, um ſein Haar zu ordnen. „Ich glaube, ich höre ſie kommen,“ erwiederte Ritcher, ſtand auf und ging auf das Verdeck hinaus. „Hallo! Hier ſind die Hochzeitsritter; iſt der Bräutigam bereit, ſeinem Junggeſellenſtand Valet zu ſagen?“ rief einige Augenblicke ſpäter Garrett und ſchritt mit Mae Dower in die Cajüte. „Ich ſtehe gleich zu Dienſten,“ erwiederte Flournoy mit einer Verbeugung;„die Herren trinken aber wohl erſt ein Glas Wein?“ „Wein iſt die Bibel des Sportsman, in der er 11* 164 Begeiſterung findet. Laſſen Sie uns ein Capitel daraus leſen!“ entgegnete Garrett, legte Hut und Stock zur Seite und ſank in dem weichen Divan nieder, während Mae Dower auf einem Stuhle Platz nahm. 2 „Und in dem Willen des Herrn Schwiegervaters iſt alſo keine Aenderung eingetreten,“ fuhr er fort, „was kann der alte Contofabrikant für einen Grund haben, Ihnen ſeine Tochter zu verweigern? Der Ca⸗ pitain eines ſo ſchönen Fahrzeugs, Theilhaber an dem⸗ ſelben, und der ſchönſte Mann in Baltimore! Ich möchte wiſſen, was für einen Schwiegerſohn ſich der alte Tintenkleckſer eigentlich wünſcht?“ „Er hat nichts weiter von ſich hören laſſen, und mir kann es nur angenehm ſein, ſo bekomme ich doch nicht die ganze Familie auf die Taſche,“ antwortete Flournoy, welcher in den Eingang getreten war und dem Cazütendiener befohlen hatte, Wein zu bringen. „Wenn der alte Kerl den Braten nur nicht riecht und ſein Töchterchen einſperrt,“ bemerkte Mae Dower. „Ich hoffe nicht; wir müſſen es abwarten,“ ant⸗ wortete Flournoy und machte auf dem Tiſche Raum für den Wein und die Gläſer, welche der Diener darauf niederſtellte. Flournoy ſchenkte ein und Garrett ſagte, indem er ein Glas ergriff: „Auf das Wohl der ſchönen Braut!“ X „Und auf glücklichen Erfolg!“ fiel Mae Dower ein, und alle Drei leerten ihre Gläſer. „Helfen Sie ſich ſelbſt, Gentlemen, und entſchul⸗ digen Sie mich für einige Augenblicke“, ſagte der Capitain und verließ die Cajüte, um mit Ritcher, der auf dem Verdeck ſtand, noch einige Worte zu wechſeln, während welcher Zeit Mae Dower die Gläſer noch einigemale füllte und mit Garrett leerte. „Ein verdammt guter Wein“, bemerkte Letzterer, indem er das Glas niederſetzte.„Sollte Ralph Nor⸗ wood denn gar kein Geld mehr anſchaffen können? Er hat viel Land und viel Vieh in Georgien. Viel⸗ leicht könnte er einen Wechſel auf dortige Gegend hier verkaufen“, ſagte Mae Dower. „Keinen Dollar. Er hat allen Credit benutzt, der ihm hier zu Gebote ſtand. Wir wollen uns fern von ihm halten, ſonſt wird er uns läſtig“, antwortete Garrett, als Flournoy mit den Worten eintrat: „Wenn ich jetzt bitten dürfte, meine Herren“, und ſeinen Mantel, den er aus dem Schranke hervornahm, über die Schulter warf. Er ſchraubte darauf das Licht der über dem Tiſche hängenden Ampel zu einer kleinen Flamme herab und verließ mit ſeinen beiden Ge⸗ fährten die Cajüte. Auf dem Verdeck ſagte er im Vorübergehen leiſe zu Ritcher: „Scharfe Wacht. Bis morgen“; ſtieg dann auf 166 das Werft hinunter und ging nach dem Wagen, der an dem Thor ſeiner harrte. Alle Drei beſtiegen denſelben und fuhren dann der Kirche zu, deren hellerleuchtete Fenſter bald durch die Finſterniß über den öden Platz zu ihnen herüberſchienen. Noch hatte der Geſang in dem Hauſe Gottes nicht begonnen, als Flournoy mit ſeinen Begleitern in einiger Entfernung davon den Wagen verließ und dem Kutſcher die Weiſung gab, hier in der Dunkelheit bis zu ſeiner Rückkehr zu warten. Die Zahl der Kirchengänger ſchien heute groß zu ſein, denn als der Capitain in die Kirchenthür trat und an deren innerer Seite, in ſeinen Mantel ge⸗ hüllt, ſtehen blieb, drängten ſich die Menſchen eilig bei ihm vorüber, um möglicher Weiſe noch einen Platz zum Sitzen zu bekommen. Garrett und Mae Dower waren außerhalb des Gebäudes zurückgeblieben. Flournoy hatte beim Eintreten ſeine Blicke ſpähend durch die Kirche geſandt und ſich überzeugt, daß Me⸗ lanie ſich noch nicht eingefunden hatte. Nun hielt er ſeine Augen auf den Eingang geheftet und richtete ſie auf das Geſicht jedes Eintretenden, da das durch die Thür hinausſtrömende Licht die Leute bis zur Straße hin erkennen ließ. Melaniens Engelszüge wollten aber immer noch nicht erſcheinen. Er fing an, unruhig zu werden, ſeine Augen ſpähten immer ſchärfer in die Straße hinaus und ſeine Brauen zogen ſich düſter zuſammen. Plötzlich tauchten weithin aus der Finſterniß zwei weibliche Geſtalten hervor, ſie waren beide nicht ſehr groß, es mußte die eine von ihnen Melanie ſein. Sie war zwar verſchleiert, doch es war ihr Gang; jetzt hatten ſie das Licht erreicht, ſie traten in die Thür ein, und mit einem Blick, der die Seligkeit des Himmels ausſprach, ſchauten die großen blauen Augen Melaniens zu dem Heißgeliebten auf. Bebend preßte ſie den Arm der Freundin feſter an ihren Buſen, als wolle ſie das Klopfen ihres Herzens unterdrücken, ſie ſenkte den Kopf und ſchritt auf die letzte Bank zu, wo ſie mit Olivia an deren Ende Platz nahm. Die Andächtigen ſtimmten jetzt das Lied an, und auch Melanie öffnete ihr Geſangbuch; ſie erkannte aber keinen Buchſtaben darin, ſie wußte nicht, welches Lied geſungen wurde und ließ ihre ſüße Stimme nicht ertönen, denn Alfred ſtand ja vor ihrer Seele und ſagte ihr Worte der Liebe, die den Geſang weit übertönten. Der Geiſtliche erhob ſich nun und verrichtete das Gebet, Melanie hörte ihn nicht; er begann ſeine Rede und ſprach von Tugend und Sünde, von Himmel und Hölle, zu Melanien drang keines ſeiner Worte, es gab für ſie Nichts weiter, als den Himmel der Liebe, in dem ſie ſich befand. Das letzte Lied ward angeſtimmt und Melanie war 168 unter den Erſten, die ſich erhoben und der Thür zuſchritten. Flournoy hatte ſeinen Platz verlaſſen, ſie erkannte ihn aber weithin in der Dunkelheit; ſie ging bebenden Schrittes an dem Arm ihrer Freundin auf ihn zu, er trat ihr entgegen, legte ihren Arm in den ſeinigen, ſagte mit bewegter Stimme einige Worte des Dankes zu Olivia und eilte mit Melanie, Garrett und Mac Dower nach dem Wagen, während Jene ſich in dem Gedränge der Kirchengänger, die der Straße in die Stadt folgten, verlor. Flournoy hatte ſeine ſüße Bürde in den Wagen gehoben und neben ihr Platz genommen, Garrett hatte ſich auf den Rückſitz geſetzt und Mae Dower den Bock neben dem Kutſcher beſtiegen, als dieſer die Peitſche ſchwang, die Pferde mit ihnen quer über den wüſten Platz davonjagten und bald darauf die nächſte Straße erreichten, welche zurück in die Stadt führte. Bald ging es gerade aus, bald links, bald rechts, und nach zehn Minuten hielt der Kutſcher in einer Straße, in welcher nur hier und dort eine düſtere Laterne brannte, vor einem niedrigen Backſteinhaus die flüchtigen Roſſe an. Mae Dower war der erſte, der die Thür er⸗ reichte, die auf den Ton der Schelle ſich öffnete und durch welche Flournoy mit Melanie am Arm jetzt ein⸗ trat. Seine Begleiter folgten ihm in ein erleuchtetes ——— ——— * Zimmer, wo der Friedensrichter, wie er dem Capitain zugeſagt hatte, ſeiner harrte. Flournoy hatte Hut und Mantel von ſich geworfen und ſchlug dann den Schleier von Melaniens lieb⸗ lichem Antlitz zurück. Sie war bleich und ein Aus⸗ druck von war bei ihr nicht zu verkennen; als ſich aber ihr Geliebter zu ihr niederbeugte und ſie zärtlich in ſeine Arme ſchloß, erglänzten ihre Augen wieder und die Thräne, die ſich hervorſtahl, wurde von einem ſeligen Lächeln begleitet. Flournoy nahm ihren Hut von ihren goldenen Locken, befreite ihre ſchöne, volle Büſte von ihrem Mantel und führte ſie vor den Tiſch, auf welchem zwei Lichter brannten und eine Bibel lag. Der Friedensrichter ließ ſich nun die Namen des Brautpaars und die der beiden Zeugen nennen, trug ſie in ein Buch ein und trat vor den Tiſch, um die Traunng im Namen des Geſetzes zu vollziehen. Nach⸗ dem dies mit wenigen Worten geſchehen war, wech⸗ ſelten die Neuvermählten die Ringe und empfingen dann die Glückwünſche des Friedensrichters, ſowie die der beiden Zeugen. Flournoy ſchloß Melanie jetzt in ſeine Arme und gab ihr den erſten ehelichen Kuß. „Ewig, ewig Dein, Alfred!“ ſagte ſie in ſeligem Bewußtſein ihres nun vollkommenen Glückes und ſchlang zärtlich ihre ſchneeigen Arme um ſeinen Nacken. 170 „Cnig Dein, Melanie!“ flüſterte er iht zu, grif dann nach ihrem Hut und Mantel und war ihr be⸗ hülflich, ihre Tvilette zu ordnen. Dem Friedensrichter drückte er Gold in die Hand, führte ſeine junge Frau nach dem Wagen, hob ſie auf ſeinen Armen hinein und rief Garrett und Mae Dower morgen!“ zu, als er den Schlag hinter ſich ſchloß. Melanie lag, die Glücklichſte aller Sterblichen, in den Armen ihres Gatten und die Pferde flogen mit ihnen durch die Straßen dahin, um ſie dem Boarding⸗ haus zuzuführen, in welchem Flournoy mit ſeiner jungen Frau ſich eingemiethet hatte.. Capitel 13. Die Matroſencajüte.— Der Streit.— Execution.— Angenehme Nachricht.— Verwunderung.— Die trauernden Eltern.— Der Brief.— Flucht in das Land.— Das Signalement.— Der Reſt der Ladung.— Falſche Zuſage. — Der kalte Ritt.— Große Eile.— Das erſchreckte Pferd.— Der rettende Schuß. Ge war nach Mitternacht; auf dem Werfte, an welchem der Sturmvogel lag, ſowie auf den daran⸗ grenzenden herrſchte ungeſtörte Ruhe und ſelbſt das Plätſchern und Murmeln der Wellen unter den Seiten der Schiffe war verſtummt, denn auch die Bay ſchien in Schlaf geſunken zu ſein, und auf ihrer dunkeln Oberfläche war kaum noch eine Bewegung zu erkennen. Rikcher, der Oberſteuermann, ging mit unter⸗ geſchlagenen Armen auf dem Verdeck des Sturmvogels hin und her, richtete oft ſeine Blicke nach den Maſten der Tritonia, die gegen den ſternbedeckten Himmel zu erkennen waren, und blieb mehrmals, ehe er ſich bei ſeinem Gang auf dem vordern Theile des Schiffes vor der Matroſencajüte umwandte, ſtehen und lauſchte auf die Stimmen, die in derſelben ſchon ſeit einiger Zeit laut und immer lauter geworden waren. Innerhalb dieſer Cajüte ſaßen viele der wetter⸗ ————— — gebräunten, wüſt und wild ausſehenden Geſellen, aus denen die zahlreiche Schiffsmannſchaft beſtand, um einen roh gezimmerten Tiſch, der augenſcheinlich nur für die Gegenwart geſchaffen war, und ſpielten Karten. Andere lagen und ſaßen auf dem Fußboden und noch andere hatten ſich auf die in den Wänden angebrachten Betten hingeſtreckt und hielten, rchhend oder Tabak kauend, ihre Aufmerkſamkeit auf den Gang des Spiels gerichtet. Die Cajüte war ſehr niedrig, ſo daß ein großer Mann nicht aufrecht darin ſtehen konnte, wes⸗ halb der Rauch der vielen brennenden Tabakspfeifen ſie ſo dicht und undurchſichtig angefüllt hatte, daß das einzige Oellicht, welches in der alten ſchmutzigen, unter der Decke hängenden Laterne brannte, nicht im Stande war, mit ſeinem Schein den Raum vollkommen zu durchdringen und, aus einiger Entfernung geſehen, wie eine rothe, feurige Kugel erſchien. Zwiſchen den dunkeln, ſchwarzbehaarten Geſichtern war ein blonder Kopf zu ſehen, der einem gedrun⸗ genen, breitſchulterigen Burſchen angehörte und den deutſchen Matroſen erkennen ließ. Wilhelm, ſo war der Name dieſes Seemann unter welchem er ſeinen Kameraden bekannt war, wurde von dieſen kurzweg Will genannt, und ſtach von ihnen ab, wie ein weißer Rabe zwiſchen ſeinen ſchwarzen Gefährten. Auf dem Tiſche ſtand ein Krug mit Branntwein, ein anderer mit Waſſer und ein Glas, aus welchen. ſich bald der Eine, bald der Andere zu einem Trunk verhalf. „Du haſt betrogen!“ rief Will plötzlich einem ihm gegenüber ſitzenden Portugieſen zu,„ich habe es recht gut geſehen, daß Du die Karte unter dem Tiſche vertauſchteſt.“ „Verdammter Deutſcher!“ ſchrie der Andere und warf ihm die Karten in's Geſicht. Will aber beantwortete den Gruß mit einem deut⸗ ſchen Fauſtſtoß auf die Stirn ſeines Widerſachers, ſo daß derſelbe von dem leeren Mehlfaß, auf dem er ſaß, rücklings zu Boden ſtürzte. Wuthſchäumend war der Portugieſe aufgeſprungen, hatte ſein Meſſer gezogen und wollte auf Wilhelm, in deſſen Hand gleichfalls ein langer Stahl blitzte, zuſtürzen, als der Ruf Jerco's, des zweiten Steuer⸗ manns:„Ruhe, im Namen des Capitains Flournoy!“ die Umſtehenden zwiſchen die Streitenden warf, dieſe dem Deutſchen ſowohl wie dem Portugieſen das Meſſer entwanden und ſie von einander abhielten. Jerco, der nahe an dem Eingang in einem der Betten gelegen und von dort aus ein wachſames Auge über die Mannſchaft gehalten hatte, war jetzt mit dem Rücken an die Thür getreten und ſagte mit einer durchdringenden, wenn auch nicht ſehr lauten Stimme: „Ihr habt vergeſſen, was für eine Strafe auf Raufereien unter Euch ſteht. Glaubt ja nicht, daß der Copitain ſie Euch erließe. Ihr würdet Beide, ſobald wir in See kämen, an einem Tau unter dem Kiel des Schiffes durchgezogen werden, wenn er dieſen Auftritt gewahr würde. Alſo ſeid ruhig, wenn ich ſchweigen ſoll.“ „Ho, ho, meinetwegen könnt Ihr es ihm ſagen“, rief der Portugieſe,„er wird mir Recht geben, wenn ich ihm verrathe, daß dieſer Schurke mir vor einigen Tagen den Vorſchlag machte, zu deſertiren. Er ſprach auch davon, daß man ſpäter, wenn die Regierung einen hohen Preis auf den Piraten geſetzt haben würde, deſſen Schlupfwinkel verrathen und eine be⸗ deutende Belohnung dafür davontragen könnte.“ Wilhelm gab keine Antwort auf dieſe Anſchul⸗ digung, riß aber einem der Umſtehenden das Meſſer aus der Scheide, warf mit einer Löwenkraft die ihm entgegentretenden Männer zu Boden, ſprang über ſie hin, und würde im nächſten Augenblick ſeine Waffe in der Bruſt des Portugieſen vergraben haben, hätte Jereo nicht von hinten ſeinen Arm erfaßt und ihn zurückgehalten. Die ganze Mannſchaft fiel jetzt über den Deutſchen her, band ihm Hände und Füße und ſtopfte ihm einen Theil eines rothen wollenen Hemdes in den Mund, um den gellenden Schreien, welche er ausſtieß, ein Ende zu machen. In dieſem Augenblick ertönten an der Thür drei — ſchwere Schläge, die wie drei Zauberworte alle Stim⸗ men in der Cajüte verſtummen ließen. Niemand regte ſich und Alle blickten nach dem Ausgang. Nur Jerev öffnete die Thür und ſchritt auf das Verdeck hinaus, wo Ritcher in der Dunkelheit vor ihm ſtand. „Das war wieder Will; der Kerl thut nicht gut“, ſagte der Oberſteuermann. „Fabiano, der Portugieſe, warf ihm vor, er habe ihn zur Flucht aufgefordert und eine hohe Belohnung in Ausſicht geſtellt, wenn ſie unſere Schlupfwinkel ver⸗ riethen. Er hat ihm nicht widerſprochen“, ſagte Jerev. „Ich habe ihm niemals getraut; wir ſchenkten ihm das Leben und nahmen ihn unter uns auf, als wir das Schiff, auf dem er fuhr, in den Grund verſenkten. Er iſt gegen ſeinen Willen unter uns und könnte uns gefährlich werden. Laßt zwei Barren Blei herauf⸗ holen“, ſagte Ritcher, trat an die Brüſtung des Schiffes und blickte über ſie hinunter in das ruhige, dunkele Waſſer. Jerco war in die Cajüte gegangen, von wo er ſogleich mit vier Matroſen zurückkehrte und dieſelben in den untern Schiffsraum ſandte. Bald darauf ſtiegen dieſe wieder aus der Luke auf das Verdeck empor und legten hier zwei ſchwere Stücke Blei nieder. Dieſelben wurden einzeln mit Stricken in Segeltuch eingebunden und auf Ritchers Befehl in die Matroſen⸗ eajüte getragen, wohin er ſelbſt nun folgte. Ein 176 Wink dieſes Mannes war hinreichend, der Mannſchaft zu ſagen, was ſie zu thun habe; die Stücke Blei wurden dem gebundenen Wilhelm ſchnell um den Hals und um die Füße befeſtigt, der Oberſteuermann winkte abermals und der gefeſſelte Matroſe wurde, trotz der verzweifeltſten Anſtrengungen, trotz Zuckens und Stoßens mit den Füßen, von ſechs Mann auf⸗ gehoben und, da ihm der Mund verſtopft war, lautlos hinaus auf das Verdeck an die Brüſtung getragen. Ritcher, der dorthin vorangegangen war, beugte ſich abermals über das Waſſer, ſchaute ſpähend eine Weile auf demſelben hinauf und hinab, warf dann noch einen Blick in die Tiefe unter ſich und winkte den Matroſen zu, indem er einen Schritt zur Seite trat, und ſagte:„Ueber Bord mit ihm; den Kopf voran.“ Im Augenblick nachher ward Wilhelm auf die Brüſtung gehoben; ſein Oberkörper ſenkte ſich zuerſt, von dem ſchweren Blei gezogen, an der Seite des Schiffes hinunter, ſeine Füße folgten ihm nach, er ſchoß in die Tiefe hinab, ein dumpfer Schlag und ein hohles Gurgeln des Waſſers wurde gehört, und Alles war wieder ruhig. Die Matroſen waren mit Jerco in die Cajüte zu⸗ rückgekehrt, Ritcher blieb allein auf dem Verdeck. Er legte ſich mit ſeinen Armen auf die Brüſtung, da, wo Wilhelm von ihr hinabgeſunken war, und hielt ſeine Blicke auf die Waſſerfläche unter ſich gerichtet, die — 177 ſich kaum noch in leichten Kreiſen bewegte und auf der die Sterne hell und glänzend funkelten. Bald darauf zog von Norden her ſchweres Gewölk am Himmel auf, ein ſchneidend kalter Wind ſtrich über das Land, und als der Morgen kam, trieb er einen eiſigen Regen und Schneegeſtöber vor ſich hin. „Gottlob!“ ſagte der alte Doſamantes zu Elviſen, indem er zu ihr in die Cajüte trat, wo dieſelbe den Frühſtückstiſch deckte,„heute Abend oder ſpäteſtens morgen wird das Mehl hier ankommen, auf das ich ſo lange habe warten müſſen. So eben erhalte ich einen Brief von Richmond, daß es abgeſchickt iſt. Wäre es länger ausgeblieben, ſo hätten wir hier ein⸗ frieren und Monate lang liegen können; ſo aber werden wir hoffentlich in wenigen Tagen ſegel⸗ fertig ſein.“ „Auch ich bin froh, Vater, daß wir bald dieſen Platz verlaſſen, die Nähe der Leute auf jenem ſchwarzen Schiffe iſt mir unangenehm. Auch freue ich mich dar⸗ auf, den ſonnigen, ſchönen Süden wiederzuſehen. Wenn wir nur erſt in See ſind“, erwiederte Elviſe, nahm das nöthige Tiſchgeräth aus einem Wandſchrank und trug es auf die Tafel. „Ich weiß auch gar nicht, worauf der Capitain Ralph Norwood. I. 12 — des Sturmvogels noch wartet? Er läßt immer noch an dem Schiffe arbeiten, und, ſo viel ich ſehen konnte, war es ſchon lange ſeefertig. Ladung nehmen ſie nicht ein, das Wetter droht mit ſtarkem Froſt und doch rührt ſich noch Niemand auf dem Verdeck, um Anſtalt zur Abreiſe zu machen. Ich werde nicht klug aus dem Burſchen. Wenn er nur hier liegen bleibt, bis wir fort ſind“, ſagte Doſamantes, indem er ſich an dem Tiſche niederließ und Loredo die Speiſen auf⸗ trug. Eloiſe hatte das Futterglas von dem Vogel⸗ bauer genommen, um es für ihren kleinen Liebling mit Samen zu füllen, als der alte Diener ſagte: „Der Capitain des Sturmvogels hat ſich geſtern Abend verheirathet.“ Elviſe ſchrak bei dieſen Worten ſo heftig zuſammen, daß ihr das Glas und die Schachtel mit Samen aus der Hand an die Erde fiel. Sie war bleich geworden und bückte ſich raſch zur Erde nieder, um die Körner zuſammenzuſtreichen und den Eindruck vor ihrem Vater zu verbergen, den dieſe unerwartete Neuigkeit auf ſie gemacht hatte. „Ja ſo, nun iſt es mir erklärlich, weshalb er ſo lange hier gezögert hat“, ſagte Doſamantes und fragte dann den Schwarzen: „Hat der Capitain denn ſeine junge Frau bei ſich an Bord?“ „Nein, er wohnt mit ihr bei der Wittwe Henſchaw, ie kin Boartinghans hält. Sie iſt Madame Sutoy heute früh auf dem Markt begegnet und hat ihr die Neuigkeit erzählt“, erwiederte Loredo; dann wendete er ſich zu Eloiſen und ſagte: „Bemühen Sie ſich nicht, Fräulein, ich werde den Samen ſogleich aufnehmen.“ Doch dieſe fuhr fort, denſelben ſelbſt mit einem Tuch zuſammenzuſtreichen und ihn in die Schachtel zu ſchütten. Zu derſelben Zeit, als Doſamantes mit ſeiner Tochter das Morgenbrod verzehrte, ſaß auch die Fa⸗ milie Terrel bei dem Frühſtückstiſch. Der alte Buchhalter hatte den Kopf auf ſeine linke Hand geſtützt und blickte, in Gedanken verſunken, in die Kaffeetaſſe, in der er mit dem Löffel rührte. Madame Terrel hatte auch keine Worte, ſie hob von Zeit zu Zeit die Taſſe an ihren Mund und trank einen Schluck von dem Lieblingsgetränk, doch ſah man es ihr an, daß ihre Gedanken anderswo weilten und daß ihr Inneres ſchmerzlich bewegt war, denn ſie bemühte ſich vergebens, die Thränen, die ihren Augen mt guollen, zurückzuhalten, und ihre Athemzüge waren oft tief und von einem krampfhaften Beben begleitet. Die Kinder hatten den Tiſch verlaſſen, ihre Bücher genommen und waren zur Schule gegangen, als Terrel, ohne ſeine Stellung zu ändern, zu ſeiner Frau ſagte: „Das iſt nun der Dank für alle Pflege und Sorge, 1 180 die wir auf das Mädchen verwendet haben! Keine Koſten, keine Mühe haben wir geſcheut, um ſie Alles lernen zu laſſen und ihr eine anſtändige, fromme Er⸗ ziehung zu geben, und nun geht ſie uns heimlich mit einem fremden Manne durch, von dem man nur weiß, daß er ſich noch vor nicht langer Zeit in der ſchlech⸗ teſten Geſellſchaft herumgetrieben hat.“ „Gott mag es wiſſen, was das Kind ſo bethören konnte!“ ſeufzte die Frau und trocknete ihre Augen. „Was ſie bethört hat? Die glatten Worte eines ſchönen Verführers“, antwortete Terrel, indem er die Fauſt ballte. „Giebt es denn aber kein Geſetz, das uns gegen ihn beſchützt?“ „Geſetz?— Liebe Frau, Du weißt doch wohl, daß wenn ſie ſich haben trauen laſſen, worüber kein Zweifel iſt, Niemand in der Welt, ſelbſt der Präſident nicht, das Recht hat, dem Mann die Frau zu nehmen. Das Geſetz ſchützt ihn, nicht die Eltern, denen er das Kind geraubt hat“, ſagte der Buchhalter und ließ beide Arme vor ſich auf den Tiſch ſinken. In dieſem Augenblick wurde die Schelle an der Hausthür gezogen, Madame Terrel eilte hinaus, um zu ſehen, wer da ſei, und kam mit einem Brief zurück, den ſie weinend und mit zitternder Hand vor ihren Mann auf den Tiſch legte; denn nur zu wohl erkannte ſie in der Aufſchrift die Hand ihrer Tochter. Terrel, an welchen der Brief gerichtet war, öffnete und las ihn. „Wie ich es ſagte, ſie iſt verheirathet und bittet um unſere Vergebung. Sie nennt ſich die glücklichſte Frau auf Erden; Gott mag es geben, daß ſie es wird. Sie hat ihr Schickſal in ihre eigenen Hände genommen, wir haben keinen Theil mehr daran.“ „Vielleicht wendet ſich doch noch Alles zum Guten, lieber Terrel; ſie hat Flournoy lieb und die Liebe der Frau hat großen Einfluß auf den Mann“, ſagte Madame Terrel mit einem bittenden Tone. „Das will ich ihr wünſchen. Sie hat ſich von uns losgeſagt und wir ſind geſchieden“, erwiederte der Buchhalter mit vollſter Beſtimmtheit, ſtand auf, hüllte ſich in ſeinen Mantel, nahm ſeinen Hut und Regen⸗ ſchirm und verließ das Haus, um ſich nach dem Ge⸗ ſchäftslokal zu begeben. Ralph Norwood verbrachte dieſen Tag, ſowie den vorigen in einem Zuſtand der Verzweiflung, denn Garrett hatte noch Nichts von ſich hören laſſen. Er ſelbſt wußte ſich ohne deſſen Hülfe nicht zu rathen, er hatte weder Geld, länger hier leben zu können, noch weniger, ſich nach ſeiner Heimath zurückzubegeben, er durfte ſich hier nicht einmal öffentlich ſehen laſſen, aus Furcht, erkannt und wegen ſeiner Fälſchung zur Rechenſchaft gezogen zu werden, und er ſah keinen andern Ausweg aus dieſer peinlichen Lage, als ſeinem Leben, welches nichts als Schande und Vorwürfe für ihn hatte, ein Ende zu machen. Die Nacht hatte er abermals ohne allen Schlaf zugebracht und blickte bei dem neuen Tageslicht auf die ſchneebedeckten Häuſer und Gärten, auf welche ihm ſein kleines Fenſter die Ausſicht gewährte. Er dachte an ſeine ſonnige Hei⸗ math zurück, dachte an die immergrünen Wälder, an die ſchönen Blüthen und goldenen Früchte der Ba⸗ nanen⸗, Orangen⸗ und Granatbäume, ſah in Ge⸗ danken das alte, vermoderte Blockhaus ſeines todten Vaters, und blickte dann in dem engen Zimmer um⸗ her, in dem er jetzt, wie in einem Gefängniß, ſaß, und dann wieder hinaus auf den Schnee. Ach, wie wünſchte er ſich in jene verfallene Hütte zurück, wie gern hätte er den Pflug und die Axt in die Hand genommen und gearbeitet, bis ihm das Blut unter den Nägeln geſtanden hätte. Aber von hier fort zu kommen, war nicht möglich ohne die Hülfe des treu⸗ loſen Freundes. Plötzlich öffnete ſich die Thür und Garrett trat eilig herein. „Sie ſind in Sorgen geweſen, Norwvod“, ſagte er, indem er ihm die Hand reichte,„es war mir aber nicht möglich, Sie von der dringenden Reiſe, die ich gemacht habe, vorher zu unterrichten. Ich bin ſpeben zurückgekehrt und komme, Ihnen zu ſagen, daß Sie ſofort die Stadt verlaſſen müſſen, da man Ihnen auf der Spur iſt. Sie dürfen keine Stunde länger hier verweilen. In der ſpeben erſchienenen Zeitung haben die Herren B....& Co. eine ſo treffende Beſchrei⸗ bung von Ihnen, nebſt unſerm Spaß, den wir ihnen geſpielt haben, veröffentlicht, daß Sie ein Jeder er⸗ kennen muß, der Sie einmal geſehen hat. Außerdem weiß ich von einem Conſtabel, mit dem ich bekannt bin und der mir und meinen Freunden ſchon manchen Dienſt heimlich erwieſen hat, daß man hart auf Ihrer Fährte iſt; darum ſchnell fort von hier, ehe es zu ſpät wird. Machen Sie ſich fertig, ich laufe raſch hin und hole einen Wagen.“ Hiermit ſprang Garrett, ohne Ralph's Antwort zu erwarten, zur Thür hinaus und ließ dieſen mit dem Schreck und der Angſt, in die ihn jene Mitthei⸗ lung verſetzt hatte, allein zurück. Nur wenige Minu⸗ ten ſpäter trat er abermals in's Zimmer, rief Ralph zu, ihm zu folgen, und Beide eilten aus dem Hauſe in die Kutſche, die ihrer vor der Thür harrte. Als ſie den Schlag hinter ſich geſchloſſen hatten und der Wagen mit ihnen davon rollte, ſagte Garrett zu ſeinem ſtummen Gefährten: „Ich bringe Sie zu einer mir bekannten Frau, die einige Meilen von hier an der Straße nach Phila⸗ delphia ein einſam gelegenes Haus bewohnt und mir und meinen Freunden verpflichtet iſt. Wir geben ihr ihren Lebensunterhalt, wogegen ſie uns gelegentlich 184 auch gefällig ſein muß; wir dürfen uns auf dieſelbe verlaſſen, denn eher ſetzte ſie ihr Leben ein, ehe ſie uns verrathen würde. Dort ſind Sie vor der Hand ſicher, und noch heute will ich mit Flournoy ſprechen, der ſoll Sie, wenn er von hier abfährt, bis nach Norfolk, oder dort in die Nähe mitnehmen, von wo aus Sie dann mit dem Dampfſchiff über Rich⸗ mond nach Hauſe reiſen können. Hier ſind hundert Dollar, die vollkommen zur Beſtreitung der Reiſe⸗ koſten ausreichen.“ Ralph ſteckte das Geld ein und dankte Garrett für ſeine Freundſchaft, denn jetzt, als die letzten Häuſer der Stadt von ihnen zurückgelaſſen waren, athmete er wieder freier, und die Hoffnung, ſeine Heimath wieder zu ſehen, gab ihm neuen Muth. In weniger als einer Stunde hielt der Wagen mitten im hohen Walde unweit der Straße vor einem kleinen Bretterhauſe an, und Garrett wurde beim Ausſteigen von der Bewohnerin Weli einer Frau Slvan, begrüßt. „Siehe da, Herr Garrett, habe ja lange nicht das Vergnügen gehabt, Sie bei mir zu ſehen. Was bringen Sie mir Neues und womit kann ich Ihnen dienen?“ ſagte die Frau, eine hagere, knochige Geſtalt, mit ſchwarzem ungeordnetem Haar und blitzenden dunkeln Augen. Ihre vernachläſſigte Kleidung ſtimmte mit der Ausſtattung des Zimmers, in welches ſie ihre — beiden Gäſte führte, vollkommen überein, denn es ſah ärmlich, unordentlich und ſchmutzig darin aus. Von dem einzigen Stuhl, den man hier erblickte, war die halbe Rücklehne abgebrochen, auf dem alten Tiſch lag ein Haufen ſüßer Kartoffeln nebſt den Schalen derer, die ſchon geſchält waren, vor dem kleinen Holzfeuer in dem Kamin ſtand eine blecherne Kaffeekanne und ein eiſerner Brattopf, und in der altergrauen wurmſtichigen Bettſtelle lagen eine Menge zerriſſener Decken, unter denen an den Seiten das Stroh hervorſah, welches das Lager bildete. Frau Sloan ſtellte den Stuhl vor das Kamin, rückte noch einen hölzernen Kaſten dabei, bat die Gäſte darauf Platz zu nehmen und lehnte ſich dann an das Geſimſe des Kamins, um zu hören, was Garrett von ihr wünſche. Dieſer theilte ihr nun mit, daß Ralph ſich einige Zeit bei ihr verborgen halten ſolle und daß ſie alle Vorſicht anwenden müſſe, um ihn etwaigen Nach⸗ forſchungen zu entziehen. „Nichts leichter, als dies“, ſagte die Frau, obei Tag geht der Herr auf die Jagd, dort im Schrank ſteht eine gute Doppelflinte, und wenn er mit der Dunkelheit nach Hauſe kommt, verſchließen wir die Thür. Sie kennen ja den Weg an dem Seil aus dem Dachfenſter herab, Herr Garrett, für den Fall, daß man uns einen nächtlichen Beſuch machen ſollte; 186 der Strick hängt dort immer zur Hand und, einmal aus dem Hauſe, iſt man gleich im Walde. Der Herr iſt hier außer aller Gefahr.“ Nach nochmaliger Aufforderung zur Vorſicht nahm Garrett Abſchied von Ralph, verſprach ihm, bei ſeiner Rücktehr zur Stadt ſofort mit Flournoy zu reden, damit dieſer ihn bis Norfolk als Paſſagier mitnähme, drückte dann der Frau Slvan einige Dollar in die Hand und begab ſich in den Wagen, der ihn eilig zur Stadt zurücktrug. Der Präſident Forney war heute zur Frühſtücks⸗ zeit in den Speiſeſaal getreten, noch ehe das junge Ehepaar dort erſchienen war. Er ging mit Heiterkeit und glücklicher Zufriedenheit auf ſeinen Zügen, wäh⸗ rend die Diener die Speiſen auf den Tiſch trugen, im Zimmer auf und ab, ſchaute im Vorüberſchreiten aus den Fenſtern auf den ſchneebedeckten Garten und warf wiederholt einen erwartungsvollen Blick auf die Seitenthür, von woher ſeine Kinder kommen mußten. Jetzt öffnete ſich dieſelbe und Frank und Eleanor tra⸗ ten Arm in Arm in den Saal. Sie eilten dem Prä⸗ ſidenten entgegen, Eleanor ſchlang ihre Arme um den geliebten Vater und küßte ihn zum Morgengruß, während Frank ihm die Hand mit Liebe und Wärme drückte und ſeine Freude darüber ausſprach, ihn ſo friſch und wohl zu ſehen. „Mir hat der liebe Gott nun alle meine Wünſche — erfüllt, und jeder Tag, um den er mein beneidens⸗ werthes glückliches Leben noch verlängert, iſt eine Zugabe, wofür ich ihm noch beſonders dankbar ſein muß“, ſagte der Präſident, indem er um beide Kinder ſeine Arme ſchlang und ſie zu dem Frühſtückstiſch führte. „Den Froſt hat der Himmel mir auch zu Gefallen geſchickt“, fuhr er fort, als ſie Platz genommen hatten, „damit ich Euch noch länger bei mir behalte, denn die Bay wird ſich bald mit Eis bedecken, ſo daß kein Dampfboot mehr fahren kann, und mit der Poſt dürft Ihr in dieſer Kälte nicht reiſen.“ „Wie gern laſſen wir uns bei Ihnen zurückhalten, hierzu bedarf es ſo ſtrenger Mittel nicht“, erwiederte Frank. „Könnten wir Dich nur mit uns nehmen, guter, beſter Vater!“ ſagte Eleanor, indem ſie zärtlich ſeine Hand ergriff und ihre Lippen darauf drückte. „Einen alten Baum darf man nicht in eine fremde Erde verpflanzen, das verträgt nur die Jugend. Aber beſuchen werde ich Euch in Eurem Paradieſe, und wenn es dort im Sommer zu heiß wird, dann nehme ich Euch mit mir hierher“, erwiederte Forney, als ein Diener eintrat und die neue Zeitung auf den Tiſch legte. Der Präſident nahm ſie auf, um ſie in gewohnter Weiſe zu durchblättern, drehte ſeinen Stuhl etwas 188 zur Seite, um das Licht beſſer auf das Blatt fallen zu laſſen, und legte ſich behaglich zurück gegen die Lehne des Seſſels. Frank hatte ſeinen Arm um Eleanor geſchlungen und wartete mit ihr auf die Mittheilungen, die der Präſident ihnen aus der Morgenzeitung ſtets zu machen pflegte. Dieſer hatte ihnen einen Artikel über den bevor⸗ ſtehenden Beſuch Lafayettes vorgeleſen, dann Bruch⸗ ſtücke aus den Verhandlungen im Congreß zu Waſhington zum Beſten gegeben, und mehrere Ex⸗ ploſionen auf Dampfbvoten hervorgehoben, als er nach einer Weile ſagte: „Da iſt wieder ein ſchändlicher Betrug an einem unſerer Mitbürger begangen worden. Den Herren B....& Cv. dahier hat ein Gauner einen gefälſchten Creditbrief von 4000 Dollar vorgezeigt und das Geld dafür ausgezahlt bekommen. Da ſteht auch die Be⸗ ſchreibung des Spitzbuben, der die Fälſchung verübt.“ Dann ſchwieg er, blickte eine Zeit lang mit auf⸗ fallender Spannung auf das Papier, ein Ausdruck der Entrüſtung zeigte ſich auf ſeinem Geſicht, er faltete das Papier zuſammen und verbarg es in ſeiner Bruſt⸗ taſche. Frank ſowohl als Eleanor hatten den Eindruck be⸗ merkt, den der Artikel auf den Präſidenten gemacht hatte, und Erſterer fragte denſelben: — 189 „Hat der Betrug, von dem Sie laſen vielleicht einen Bezug auf die Bank?“ „Nein, nein“, antwortete der Präſident,„es iſt mir nur leid, daß er die Herren B....& Cv. betraf, ſie ſind mir ſehr befreundet. Es wird aber Zeit, daß ich mich nach der Bank begebe.“ Mit dieſen Worten erhob ſich Forney, empfing von Eleanor noch einen Kuß, drückte Frank die Hand und verließ das Zimmer. „Ich möchte doch wiſſen, was der Vater da Un⸗ angenehmes in der Zeitung geleſen hat. Er war ernſtlich davon ergriffen und hat gegen ſeine Gewohn⸗ heit das Blatt mit ſich genommen“, ſagte Eleanor, als ſie durch das Fenſter dem Präſidenten nachblickte, der raſchen Schrittes in der Straße hinunter ging. „Das können wir bald gewahr werden“, erwiederte Frank,„das Zeitungsbüreau iſt ja hier in der Nähe. Ich will ſchnell ein Exemplar davon holen laſſen.“ Er zog die Schelle und trug dem darauf eintreten⸗ den Diener auf, das Blatt ſchnell zu holen. Nur kurze Zeit nachher kam derſelbe mit der Zeitung in der Hand in das Zimmer zurück und überreichte ſie Frank. „Ich bin doch neugierig, was das geweſen ſein mag. Es war entweder der Artikel über den Betrug, oder ein anderer, der ganz nahe dabei ſtand“, ſagte Frank, indem er an das Fenſter trat und das Blatt 190 öffnete, wobei Eleanor ihre Hand auf ſeine Schulter 4 legte und über dieſelbe auf das Papier ſchaute. „Dies iſt der Artikel, den Vater geleſen hat und hier folgt die Beſchreibung des Gauners“, fuhr Frank fort und las nun das Signalement. Er las es aber nur halb zu Ende, als er die Hand mit der Zeitung vor ſich herabſinken ließ und Eleanor ſagte: „Um Gottes Willen, die Beſchreibung gleicht ja dem Herrn Norwood.“ Frank gab keine Antwort, er war bleich geworden, trat an das Kamin und warf die Zeitung in das Feuer. „Es iſt unmöglich, ſo tief kann Ralph nicht ge⸗ fallen ſein“, ſagte er, auf das Heftigſte erſchüttert, „und doch ſteht die Beſchreibung ganz und gar mit ſeinem Aeußern in Einklang.“ „Ach nein, es iſt ja nicht möglich, das Signale⸗ ment paßt ja auf hundert Andere. Wie ſollte der Herr Norwvod dazu kommen, da Du ja hier wareſt und er Dich um Hülfe anſprechen konnte, wäre er in der Noth geweſen“, ſagte Eleanor beſchwichtigend. „Falſche Scham, beſte Eleanor, führt oft zum Verbrechen“, antwortete Frank, indem er ſeine junge Frau bei der Hand nahm und den Saal mit ihr verließ. Einige Tage ſpäter war keine Wolke am Himmel zu ſehen, die Sonne ſchien heiter und prächtig auf die ſchneebedeckte Landſchaft, und die Leute in den Straßen der Stadt Baltimore bewegten ſich mit verdoppelter Eile, denn die Kälte war ungewöhnlich ſtreng und ſtand im grellſten Widerſpruch mit der glühenden Hitze, die während des Sommers hier herrſcht. Der Arm der Bay, der ſich an der ſüdlichen Seite des Forts von Baltimore hinaufzieht, wo ſich bei Spring Garden der Patapscofluß in denſelben ergießt, ſo wie das Baſſin an der Stadt ſelbſt war ſchon mit einer ſtarken Eisdecke überzogen, und auch an der Point, wo die größern Seeſchiffe lagen, fing das Waſſer in der Nähe der Ufer an zu frieren. Es war Nachmittags, als ein Schooner an die Seite der Tritonia anlegte und die Mannſchaften beider Schiffe ſich mit allen Kräften daran begaben, die Ladung Mehl, welche der Schvoner gebracht hatte, auf das andere Fahrzeug überzuladen. Dabei ging der alte Doſamantes, mit den Händen in den Taſchen ſeines dicken Winterrocks, geſchäftig auf dem Verdeck auf und ab, um die Arbeit der Matroſen zu über⸗ wachen und ſeine Befehle, wo ſie nöthig waren, zu ertheilen; denn er hoffte am nächſten Tage ſeine La⸗ dung zu complettiren, an dem darauf folgenden zu ſegeln, und ſo noch der Gefahr, einzufrieren, zu ent⸗ gehen. 192 Auf dem Sturmvogel dagegen wurden noch immer teine Vorbereitungen zur Abreiſe gemacht, doch viel Aufmerkſamkeit von Seiten der auf die Geſchäftigkeit an Bord der Tritonic verwandt. Ritcher ſaß auf der Brüſtung ſeines Schiffes und hielt ſeine Blicke auf Doſamantes und deſſen Leute geheftet, die Matroſen blickten neugierig aus ihrer Cajüte nach jenem Fahrzeug hin und Flournoy, der mit Garrett auf dem obern Verdeck an dem Steuer⸗ ruder ſtand, wendete ſeine Augen während der Unter⸗ haltung nicht von der Tritonia ab. „Sie müſſen mir den Gefallen thun, Capitain, und den Norwvod bis nach Norfolk mitnehmen, wenn Sie ihn nur dort in der Gegend irgendwo an das Land ſetzen“, ſagte Garrett dringend zu Flournoy. „Sie ſagen, er habe hier Schulden gemacht und ſeine Gläubiger ſuchten ihn. Seien Sie überzeugt, daß dieſelben ein wachſames Auge auf mein Schiff haben werden, wenn ich abfahre, und wollte er ſich hier an Bord begeben, ſo würden ſie ihn ſogleich fangen“, erwiederte der Capitain. „Dieſerhalb dachte ich, mit ihm zehn Meilen von hier an Swanspoint auf Sie zu warten, wenn Sie dort ein Boot ausſetzen und ihn an Bord holen wollten; dann iſt alle Gefahr für ihn vermieden“, ſagte Garrett. „Ja ſo, nun, das kann ich ja wohl thun“, ant⸗ — 193 wortete Flournoh leicht hin, doch ſchien er an ganz etwas Anderes zu denken. „Alſo bleibt es dabei, Morgen früh, vor acht Uhr fahren Sie doch nicht von hier ab; um dieſe Zeit werde ich ſchon mit Norwood auf der Landſpitze ein⸗ treffen und Ihr Schiff erwarten.“ „Das ſoll ein Wort ſein“, erwiederte Flvurnoy eben ſo gleichgültig, als habe er gar nicht gehört, was Garrett geſagt hatte, und ſchoß einen glänzenden Blick nach der Tritonia hinüber. „Was Teufel! Wer iſt das ſchöne Mädchen auf jenem Schiffe? Ich habe ſie vor längerer Zeit ein⸗ mal in der Straße geſehen und damals nicht aus⸗ finden können, wer ſie war. Ein Paar ſolcher Augen vergißt man nie“, ſagte Garrett, indem er nach dem Verdeck der Tritonia zeigte, auf welchem Elviſe jetzt zu ihrem Vater getreten war und mit ihm ſprach. „Sie iſt die Tochter des Capitains“, antwortete Flournoy mit erzwungener Gleichgültigkeit, die aber ſeine Blicke Lügen ſtraften, denn ſeine Augen glühten und hingen unbeweglich an dem ſchwarzumlockten, ſchönen Mädchen. „So leben Sie denn wohl, Capitain Flournoy, und nehmen Sie im Voraus meinen Dank für die Gefälligkeit und den Dienſt, den Sie meinem Freunde erzeigen werden“, ſagte Garrett, und hielt dem Eapi⸗ tain die Hand hin. Ralph Norwood. I. 13 194 „Hat gar Nichts zu ſagen, gern geſchehen, leben Sie wohl“, antwortete dieſer, reichte Garrett die Hand und wandte ſich raſch von ihm ab zu Ritcher, augenſcheinlich, um den läſtigen Gaſt los zu werden. „Die Tritonia wird übermorgen ſegeln, wir müſſen morgen aufbrechen. Wenn nur das Wetter hell bleibt, damit ſie uns nicht im Nebel entgeht“, ſagte Flournoy zu dem Steuermann. „Entgeht? Da müßte ſie auf ihren Segeln durch die Luft davonfliegen. Wir warten auf ſie zwiſchen Cap Henry und Cap Charles, das iſt ein ſchmales Loch, aus welchem ſie hinaus muß, um in den Oeean zu kommen. Die Kugel aus unſerem Long Tom(eine lange Kanone, die ſich auf einer Spindel dreht) reicht über den ganzen Paß hinüber. Hat Nichts zu ſagen, ich liefere ihnen den ſchwarzen Lockenkopf“, antwortete Ritcher, und Flournoy ging auf das Verdeck über der Cajüte zurück, von wo aus er im Auf⸗ und Nieder⸗ gehen nach Eloiſen hinüber ſah. Der Tag verſank, die letzten glühenden Strahlen der Sonne färbten die Schneemaſſen auf Wald und Flur mit einem röthlichen Schimmer, der Abendſtern funkelte und blitzte, und der Mond ſtieg glänzend an dem klaren Himmel auf. Sein helles Silberlicht ruhte ſtill und friedlich auf der weiten Schneeland⸗ ſchaft und tanzte zitternd und ſpiegelnd auf den leicht hewegten Wellen der Bay. Es war eine kalte Nacht „ — „ 195 und der Wind, der über die Gebirgszüge vom Weſten herwehte, zog ſcharf und ſchneidend durch die Straßen von Baltimore. Nur wenige Fußgänger zeigten ſich auf den Trottvirs und alle waren in großer Eile, um das Ziel ihres Weges zu erreichen. Es ſchlug acht Uhr, als Garrett in größter Haſt von der Marketſtraße kam und nach dem Miethſtalle eilte, aus welchem er mit Ralph damals ein Paar Pferde erhalten hatte, um mit ihm zu dem Wett⸗ rennen zu reiten. „Iſt der Fuchs im Stalle und der Schimmel, den ich nach dem Wettrennen ritt?“ fragte er den Wärter, indem er in den warmen, hell erleuchteten Stall trat. „Sie ſind beide hier, Herr Garrett; Sie wollen doch bei dieſer Kälte nicht reiten, man verfriert ja die Ohren“, antwortete der junge Mann. „Die Wärme der Liebe iſt ſtärker, als der Froſt draußen; ich reite zu einem intereſſanten Abenteuer. Schnell, ſatteln Sie mir die beiden Pferde“, rief Garrett und ſchnallte ſich ein Paar Sporn an. „Das muß eine heiße Liebe ſein!“ ſagte der Wärter, indem er zu den Pferden ging und ſich be⸗ eilte, ihnen Sattel und Zeug aufzulegen. Nach wenigen Minuten hatte er dies vollbracht, und als er den Schimmel aus dem Stand führte, fragte er ſcherzend: „Wollen Sie denn beide Pferde zugleich reiten?“ 31 196 „Ich nehme den Fuchs an die Hand, er wird doch folgen?“ „Ganz gut“, erwiederte der junge Mann und führte dies Pferd zu Garrett hin, der während der Zeit den Schimmel beſtiegen hatte. Dann öffnete er das Thor, und als der Reiter mit den beiden Thieren den Stall verließ, rief er ihm lachend nach: „Viel Vergnügen, nehmen Sie ſich in Acht, daß Sie ſich nicht, trotz der heißen Liebe, erkälten!“ Garrett hörte kaum noch den Nachruf, denn im Galopp jagte er in aller Haſt davon. Ohne den Thieren einen Augenblick Zeit zum Verſchnauben zu geben, ſprengte er bergauf, bergab auf der einſamen Straße dahin und fragte nicht nach der eiſigen Kälte, die ihm den Bart mit Rauhreif überzog. Endlich erkannte er das dunkle Haus der Wittwe Slvan in dem ſchneebedeckten Walde, noch ein paar Minuten und er hatte es erreicht. Alles war ſtill und kein Licht mehr durch die Fenſter zu erblicken, auf deren Glasſcheiben ſich das Mondlicht ſpiegelte. Garrett war an die hintere Seite des Hauſes unter das Dachfenſter geritten und rief mit lauter Stimme: „Ralph, Ralph, ſchnell kommen Sie herab!“ worauf ſich ſogleich das Fenſter öffnete und der An⸗ 197 gerufene verwundert und erſchrocken aus demſelben herabblickte. „Mein Gott, ſind Sie es, Garrett, was iſt ge⸗ ſchehen?“ „Schnell, ſchnell, verlieren Sie keinen Augenblick, ſonſt werden Sie gefangen. Kommen Sie herab!“ rrief ihm Garrett zu; das Fenſter ſchloß ſich, und eine Minute nachher ſtürzte Ralph aus der Thür mit dem Rock in der Hand, den er im Laufen anzog. „Raſch auf den Fuchs und davon“, ſagte Garrett; Ralph ſprang in den Sattel, und fort ſtoben die Pferde, daß der Schnee weit hinter ihnen aufflog. „Das war hohe Zeit⸗, ſagte Garrett, nachdem ſie über eine Meile in fliegender Eile zurückgelegt hatten und die Pferde vor einer ſteilen Anhöhe in Schritt fielen.„Ich war vor acht Uhr zum Abendeſſen in einem Auſterkeller eingekehrt, und wollte von da zu Ihnen herausfahren, um Sie nach Swanspoint hin⸗ unter zu bringen, da morgen früh der Sturmvogel ſegeln wird und der Capitain Sie an jener Landſpitze mit ſeinem Bovte abholen will. Ich hatte mich kaum an einem der Tiſche niedergelaſſen, als der mir be⸗ freundete Conſtabel hereintrat und mir im Vertrauen mittheilte, daß einige ſeiner Collegen Ihren Aufent⸗ halt entdeckt und im Begriff wären, hinaus zu reiten, um Sie gefangen zu nehmen. Ich ließ mein Abend⸗ eſſen im Stich, rannte nach dem Stall, ließ die Gäule 198 5 ſatteln und kam noch zeitig, um Sie zu retten; denn ich bin überzeugt, daß jetzt ſchon die Herren Conſtabels bei Frau Slvan nach Ihnen ſuchen. Laſſen Sie uns aber raſch reiten, denn die Burſchen könnten unſerer Spur folgen, es iſt ſo hell wie bei Tage.“. „Wohin reiten wir denn?“ fragte Ralph, indem er ſein Pferd in Trab ſetzte. „Swanspoint iſt eine Landſpitze, die ſich weit in die Bay hinaus erſtreckt, und auf welcher ein freier Neger, der von der Jagd lebt, mit ſeiner Familie wohnt. Es iſt auf mehrere Meilen im Umkreis kein Haus in ſeiner Nähe, weshalb ich häufig auf der Jagd bei ihm eingekehrt bin, um von ihm einen⸗ friſchen Trunk zu erhalten. Dort wollen wir die Pferde ſtehen laſſen und uns erwärmen, der Kerl ſoll uns einen Kaffee machen, und wenn der Tag kommt, gehen wir auf das Ende der Landzunge, um das Boot Flournoy's zu erwarten.“ Es wurde immer kälter, der Wind wehte ſtärker und einzelne Wolken trieben eilig an dem Monde vorüber. Die Reiter hielten ihre Pferde im ſcharfen Trabe und waren nur noch einige Meilen von dem Ziel ihrer Reiſe entfernt, als plötzlich nahe vor Ralph's Pferd eine ſchwarze Kuh aus einem Buſche aufſprang und der Fuchs erſchreckt zur Seite prallte, ſo daß ſein„ Reiter den Sitz verlor. Ralph, erzürnt hierüber, ver⸗ ſetzte dem Roß einige heftige Schläge mit dem Stock, 199 der ihm als Peitſche diente, die das Thier mit Aus⸗ ſchlagen und Bäumen beantwortete, und worauf es, trotz der verkürzten Zügel, in weiten Bogenſätzen vor⸗ wärts ſprang. Ralph riß es gewaltſam zurück, doch der Grimm des Fuchſes ſteigerte ſich mit jedem Augen⸗ blick, er biß knirſchend auf die Stange und prallte mit ſeinem Reiter von einer Seite der Straße zur andern. Nochmals ſenkte Ralph ſeinen Stock mit aller Kraft auf die Croupe des Pferdes, als daſſelbe wuth⸗ ſchäumend zur Seite in eine Vertiefung ſetzte, auf 1 dem Abhang ausglitt und zuſammenſtürzte. Ralph war aus dem Sattel gefallen und blieb, als der Fuchs aufſprang, mit dem linken Fuß in dem Bügel hängen, ſo daß ihn das davonjagende Thier mit ſich fortſchleifte. Dahin ging es nun in fliegender Carriere auf der tiefbeſchneiten Straße, der Fuchs voran und der Spieler auf dem Schimmel ihm nach. Garrett erkannte die Gefahr ſeines Gefährten, er ſtach beide Sporn in die Flanken ſeines Schimmels, kam mit wenigen Sprüngen an die Seite des Fuchſes, riß eine Piſtole unter ſeinem Rock hervor und feuerte ſie auf den Kopf des reiterloſen Pferdes ab. Mit dem Knall ſtürzte das Thier zuſammen und blieb regungslos neben Ralph liegen. Die Kugel war ihm durch den 3 Schädel gedrungen und hatte es im Augenblick ge⸗ tödtet. Garrett konnte erſt nach und nach ſeinen Schimmel pariren, und als er ihn zu Ralph zurück⸗ — ——— 200 wendete, ſah er mit Freuden, daß dieſer ſich bereits* ſeiner Feſſel entledigt hatte und bei ſeinem todten Roß ſtand. „Die Knochen noch ganz?“ rief er ihm von Weitem „Wie es mir ſcheint, ſo bin ich heiler Haut davon⸗ gekommen,“ antwortete Ralph und ſchlug ſich den Schnee von dem Rocke,„nur meinen Hut habe ich verloren.“ „Der liegt nicht weit,“ ſagte Garrett und ritt auf der Straße zurück nach dem Platz, wo Ralph geſtürzt war. Bald kam er mit dem Hut an und ſagte, in⸗ dem er ihn ſeinem Gefährten reichte: „Es iſt ein Glück, daß wir ſo nahe bei dem Hauſe des Negers ſind; dort oben, wo die Straße die Bie⸗ gung macht, geht der Fußpfad nach deſſen Hauſe ab. Den Gaul müſſen wir hier ſchon liegen laſſen, aber Sattel und Zeug wollen wir ſeitwärts in dem Walde 13 verbergen.“. Hiermit ſtieg er ab, hing den Zügel ſeines Pferdes 3 über die Schulter und beugte ſich zu dem Fuchs nie⸗ der, um ihm den Zaum abzunehmen, während Ralph ihm die Sattelgurten löſte. „Ein verdammt guter Schuß! Flüchtig, wie die Beſtie war, hieß es drauf gehalten. Hätte ich gefehlt, ſo hätten Sie Ihren letzten Ritt gemacht gehabt,“ ſagte der Spieler. 1 —————————— — ².— 201 „Ich danke Ihnen mein Leben, Garrett, und noch mehr, meine Freiheit, mag mir der Himmel ſpäter Gelegenheit geben, mich Ihnen durch die That dank⸗ bar zu zeigen; jetzt freilich muß ich Ihre Güte noch ferner in Anſpruch nehmen,“ ſagte Ralph, indem er Garrett die Hand reichte. „Hat nichts zu ſagen, iſt Alles ſchon ausgeglichen. Heute mir, morgen dir,“ erwiederte der Spieler, und nahm den Zaum von dem Kopf des todten Pferdes. Ralph hatte den Sattel von ihm abgezogen und trug Beides in den Wald hinein, wo er es unter dem Ge⸗ büſch verbarg; dann kehrte er zu Garrett zurück, und ſetzte mit ihm die Reiſe zu Fuße fort, während der Schimmel ihnen am Zügel folgte. Capitel 19. Der Neger.— Die Entenjagd.— Der Schwan.— Das erwartete Schiff.— Betrogene Hoffnung.— Die Fahrt in die Bay.— Das umgeſchlagene Boot.— Trotz dem Schickſal.— Der Hut.— Rückkehr nach der Stadt.— Das Erkennen.— Reiſe nach der Heimath. Der Weg, nachdem die Straße verlaſſen war, wurde ſchlecht, und nur das helle Mondlicht machte es möglich, denſelben zu verfolgen; denn bald führte er durch hohe dichte Waldſtriche hin und her, bald verlor er ſich auf vielen Pfaden in wüſten überſchneiten Grasflächen. Garretts Ortskenntniß aber geleitete ihn richtig, und es war kaum nach Mitternacht, als die Beiden das Ziel ihrer Reiſe, das einſame Blockhaus, erreichten. „Hallo, Dick!“ rief Garrett und klopfte an die Thür, worauf man bald Geräuſch in dem Hauſe ver⸗ nahm und eine Mannsſtimme fragte: wer da ſei? „Mache nur auf, Dick, es iſt ein alter Bekannter von Dir mit ſeinem Freunde, der ſich eine Stunde bei Dir wärmen will,“ antwortete Garrett, worauf ſich der kleine Laden vor dem Fenſterloch öffnete und der Neger daraus hervorſah. „Sogleich, meine Herren,“ rief jetzt der Schwarze, 203 ſchloß den Fenſterladen wieder, und bald darauf wurde Licht durch die Fugen zwiſchen den Baumſtämmen, aus welchen die Wände des Gebäudes beſtanden, ſicht⸗ bar. Dann that ſich die Thür auf, und Dick bat ehrerbietig die beiden weißen Gäſte, einzutreten. Eine ſtarke, ſchön gebaute Negerfrau kniete vor dem Kamin und blies das Feuer an, ein ſchwarzer Junge von etwa vierzehn Jahren ſtand, noch halb im Schlafe, neben dem Feuerplatz und rieb ſich die Augen, und in dem großen roh gezimmerten Bette bewegten ſich unter vielen zerriſſenen Decken und Lumpen noch drei kleinere ſchwarze Kinder.“ „Gleich ſoll das Feuer gut brennen, ſo daß Sie ſich erwärmen können,“ ſagte der trüftige Neger Dick und rückte zwei Stühle vor das Kanün, damit ſeine Gäſte Platz nehmen konnten. „Du mußt uns einen guten Kaffee brauen, Dick; haſt doch welchen im Hauſe?“ ſagte Garrett. „Ei, ja wohl, Herr Garrett, Kaffee iſt unſer ein⸗ ziges Labſal, den laſſen wir nicht ausgehen. Gleich ſoll meine Frau eine Kanne voll kochen,“ erwiederte der Neger und ſetzte dann, indem er ſich nach der Thür wandte, hinzu:„Ich will aber Ihr Pferd unter den Schoppen führen, da iſt es gegen den Wind ge⸗ ſchützt und wenn der Tag kommt, ſou es etwas Mais haben.“ * 204 Hiermit verließ er das Haus und kehrte, ſich die Hände reibend, bald zurück. „Es iſt bitter kalt, und wenn es noch einige Tage ſo ſtark friert, ſo wird kein Schiff mehr nach Balti⸗ more hinauf fahren können,“ ſagte er eintretend. 3„Wenn der Tag kommt, wollen wir nach der Land⸗ ſpitze gehen, um dort ein Schiff zu erwarten, welches meinen Freund hier an Bord nehmen ſoll. Der Ca⸗ pitain wird ihn in ſeinem Boote abholen,“ ſagte Gar⸗ rett zum Neger, der noch Holz auf das Feuer warf, welches ſchon hoch aufflackerte. „Das wird ſeine Schwierigkeit haben. Die Bay iſt ſchon ſehr unruhig und der Wind iſt im Zunehmen. Ein Ruderbvot lauft Gefahr umzuſchlagen, wenn es in die Brandung kommt,“ bemerkte Dick. Als er aber ſah, daß ſeine Worte einen beunruhigenden Eindruck 3 auf ſeine Gäſte machten, fügte er hinzu: „Das hat aber nichts zu ſagen, wenn die See für das Boot zu hoch geht, ſo bringe ich Sie in meinem Segelbovt an Bord des Schiffes. Ich habe in wil⸗ derem Waſſer, als dieſes, darin die Bay befahren.“ „Wo liegt Dein Boot, Dick?“ fragte Garrett. „Gerade am Ende der Landſpitze. Ich benutze es häufig, um geſchoſſene Enten aus der Bay zu holen. Sie wiſſen, jetzt iſt die Strichzeit und ich ſchieße man⸗ chen Morgen zwei, auch drei Dutzend Enten. Sie ſind jetzt auf dem Markt in Baltimore im Preis; das 2. Paar Canvasbackduck(eine ausgezeichnete Ente, die ausſchließlich nur auf der Cheaſepeakebay angetroffen wird) koſtet zwei Dollar. Wenn es Ihnen Vergnügen macht, ſo können Sie dieſen Morgen einige Schuß darnach thun. Flinten habe ich für Sie Beide.“ Das große Feuer im Kamin warf jetzt ſeine Gluth durch das Haus und machte den Aufenthalt in dem⸗ ſelben angenehm und behaglich, während der Wind in den Fugen der Wände pfiff und die hölzernen Schin⸗ deln des Daches raſſelnd bewegte. Bald hatte die Negerfrau den Kaffee bereitet, den ſie ihren Gäſten mit Honig eredenzte und der dieſelben vollkommen wieder erwärmte und ſie die Beſchwerden ihres Rittes vergeſſen ließ. Sie plauderten, lachten und ſcherzten, Garrett, froh, weil er Ralph aus dieſem Lande fort⸗ zuſchaffen im Stande war, da ſeine eigene Sicherheit davon abhing, daß deſſen Perſon dem Gericht nicht ins die Hände fiel, und Ralph, weil er der Hoffnung lebte, nun bald ſeine ferne Heimath wieder zu erreichen, wo er vor den Folgen ſeines begangenen Unrechts ſicher war. Der Neger hatte von Zeit zu Zeit aus der Thür geblickt und zeigte nun an, daß der Tag graue. „Wenn es den Herren nicht zu kalt und unfreund⸗ lich iſt und Sie wollen einige Schüſſe nach Enten thun, ſo würde es jetzt Zeit ſein, aufzubrechen. Die Landſpitze iſt nur wenige tauſend Schritt von hier ent⸗ 206 fernt und dort ſind wir ziemlich gegen den Wind ge⸗ ſchützt,“ ſagte er, indem er eine Jacke von ſehr dickem Matroſentuch anzog, eine Jagdtaſche umhing und eine ungeheuer große ſchwere Flinte, die einen ſtarken Mann erforderte, um ſie zum Schuß anzuſchlagen, aus der Ecke des Zimmers nahm. „So laſſen Sie uns aufbrechen,“ ſagte Garrett zu Ralph, indem er aufſtand,„ich bin tüchtig durchge⸗ wärmt und kann nun wieder ein gutes Theil Kälte vertragen.“ „Und je eher wir am Waſſer ſind, deſto ſicherer können wir ſein, daß wir das Schiff nicht verfehlen,“ bemerkte Ralph, indem er ſich gleichfalls erhob. „Wo haſt Du denn aber Flinten für uns, Dick?“ fragte Garrett den Neger. „Dort hinter dem Bett; Mary, hole ſie doch her,“ vantwortete der Neger, indem er ſich zu ſeiner Frau wandte. Dieſe zog zwei lange Gewehre hinter der Bettſtelle hervor, wiſchte mit einem Tuche den Staub davon ab und reichte ſie den Gäſten hin. Dann gab ihnen Dick noch zum gemeinſchaftlichen Gebrauch ein Pulverhorn, ſowie einen Beutel mit grobem Schrot und die Rüſtung zu der Entenjagd war beendet. Der Neger verließ darauf mit ſeinen Gäſten das Haus, indem er ſeiner Frau den Auftrag gab, für ein zeitiges Frühſtück zu ſorgen, begab ſich dann nach dem 207 naheſtehenden Kuhſtall, neben welchem in einem gut verwahrten und mit trockenem Laub überdeckten Ver⸗ ſchlag ein ungewöhnlich großer ſchwarzer Neufundländer Hund an der Kette lag, befreite denſelben und ſchritt nun auf einem ſchmalen Pfad durch die hohen Baum⸗ gruppen voran, welche die einſame Anſiedlung auf der Südſeite einſchloſſen. Als die drei Männer nach wenigen Minuten aus dem Holz hervortraten, lag vor ihnen die weite Bay ausgebreitet, in welche das Land, auf dem ſie ſich be⸗ fanden, ſich weit hinaus erſtreckte, immer ſchmaler wurde und zuletzt in eine Spitze endigte. Auf dieſer Landzunge hin lag der Fußpfad, den die Jäger ver⸗ folgten. Der heftige Wind, dem ſie hier ohne allen Schutz preisgegeben waren, umſtrich ſie pfeifend und ſchnei⸗ dend; ſie drückten ihre Hüte tief in den Kopf und verbargen ihre Hände unter dem Rock, um ſich gegen die Kälte zu ſchützen. Der Himmel hatte ſich mit vielen Wolken bedeckt, die fliegend an ihm hinjagten, der Mond blickte nur für Augenblicke klar zwiſchen ihnen durch, und ſein Licht kämpfte fortwährend mit dem Düſter, welches das Gewölk über die Erde ver⸗ breitete. Die See ging hoch, die Wogen ſtürzten wild aufſchäumend durcheinander hin und warfen ſich don⸗ nernd und ziſchend zu beiden Seiten der Landzunge gegen das hohe Ufer. 208 Die Jäger hatten bald die letzte Spitze des Landes erreicht und Dick führte ſeine Gäſte dort in ein, in die Erde gegrabenes viereckiges, drei Fuß tiefes Loch, in welchem wohl ſechs Menſchen auf den darin ange⸗ brachten Bänken Raum zum Sitzen hatten, und deſſen oberer Rand von einer zwei Fuß hohen Brüſtung von Reiſig überragt wurde, durch welche der ſchmale Ein⸗ ſtieg in die Vertiefung führte. Hier waren die Männer gegen den eiſigen Wind vollkommen geſchützt, ſie ſtell⸗ ten ihre Flinten zum Gebrauch fertig an die Wände und ließen ſich auf die Sitze nieder, während Neptun, der große langhaarige Hund, ſich zwiſchen ſie auf den Boden legte und ihnen die Füße wärmte. Der bleiche Schimmer des kommenden Tages brei⸗ tete ſich raſch am öſtlichen Himmel aus, das Mond⸗ licht verlor ſeine Kraft und die Morgendämmerung trat ein. „Dort kommen Enten; machen Sie ſich fertig,“ ſagte Dick, ergriff raſch das koloſſale Gewehr, hob es, nach Oſten hin in die Luft gerichtet, gegen ſeine Schul⸗ ter, und feuerte es einem Zug von einigen tauſend Enten entgegen ab, die mit einer raſenden Schnellig⸗ keit in bedeutender Höhe über die Landſpitze hinflogen. Dem dröhnenden Krach des Gewehres folgte deutlich der ſchlagende Ton der Schrote auf das Gefieder der flüchtigen Enten und über ein Dutzend von ihnen ſenkten die langen Hälſe der Erde zu und ſchoſſen 209 pfeilſchnell aus dem Schwarm theils auf die Land⸗ zunge, theils über dieſelbe hin in die See hinab. Neptun war mit dem Schuſſe aus der Vertiefung geſprungen, hielt ſeine Augen auf die, in die See fal⸗ lenden Enten gerichtet und ſtürzte ſich ihnen nach in die brauſende Fluth. Wie einen ſchwarzen Punkt ſah man ihn weithin aus dem Schaum der Wogen auf⸗ tauchen und wieder zwiſchen denſelben verſchwinden, bald aber zu dem Ufer zurückkehren, welches er, mit zwei Enten im Gebiß, erſtieg und mit ihnen zu ſeinem Herrn hinſprang. Kaum hatte ihm dieſer dieſelben abgenommen, ſo eilte der Hund in die See zurück, um die übrigen erlegten zu holen. Jetzt kamen die Enten Zug auf Zug in ſolchen Maſſen über die Landſpitze geflogen, daß die drei Jäger ihre Gewehre nicht raſch genug laden konnten. Neptun trug die Beute auf das Ufer und kehrte immer ſchnell wieder in die Fluth zurück, um den weiter er⸗ legten Enten nachzuſchwimmen. Da kam ein langer Zug von Schwänen herange⸗ ſtrichen, und die Jäger verbargen ſich hinter dem Rei⸗ ſig, um nicht von ihnen geſehen zu werden. Mit langſamem, ſingendem Flügelſchlag hatten die ſtolzen Vögel bald die Landzunge erreicht, und ſchwebten über dem Verſteck der Jäger hin, als dieſe ſich erhoben und ihre drei Feuerſchlünde nach ihnen entluden. Zwei Schwäne ſtürzten todt auf die Erde herab, ein dritter Ralph Norwood. I. 14 aber war nur leicht am Flügel verwundet und ſchoß, da er ſich nicht länger in der Luft zu erhalten ver⸗ mochte, in die See hinab. Neptun, der mit einer Ente dem Ufer zuſtrebte, ſah ihn fallen, ließ die Ente los, und wandte ſich dem Schwan nach, der der offenen See zuruderte. Von den Wogen auf und nieder ge⸗ worfen, folgte ihm der Hund nach, die Entfernung zwiſchen ihnen ward ſchnell verkürzt, und ſchon hatte Neptun ihn bis auf einige Fuß Entfernung erreicht, als der Schwan ſich auf ſeinen Verfolger zuwandte, ſich blähend hoch über dem Waſſer erhob und mit einem gewaltigen Schlag ſeiner Flügel den Hund ſo kräftig auf den Kopf traf, daß derſelbe verſank. Dick war mit einem Satze aus der Vertiefung ge⸗ ſprungen. „Ich muß im Boot dem Hunde zu Hülfe kommen oder der Schwan tödtet ihn!“ rief er aus und ſtürzte nach ſeinem Schiff hin, welches einige hundert Schritt weiter zurück in einer kleinen Bucht befeſtigt lag, doch noch ehe er es erreichte, war Neptun wieder auf der Oberfläche erſchienen, der Schwan hatte einen neuen Angriff auf ihn gemacht und der Hund hatte denſelben beim Kopfe erfaßt. „Ho, ho, nun ſoll er ſchon allein mit ihm fertig werden!“ rief Dick triumphirend und eilte der Stelle zu, auf welche jetzt der Hund ſeine Beute zuſchleppte. . 4 211 Bald hatte derſelbe das Ufer erreicht und zog den mächtigen todten Schwan ſeinem Herrn entgegen. Die Jäger hatten in ihrem Eifer Sturm und Kälte, ja Ralph und Garrett hatten ſogar den eigent⸗ lichen Zweck ihres Hierſeins vergeſſen, als ein großes dreimaſtiges Schiff, welches mit vollen Segeln auf der Bay herabgezogen kam, dieſe an den Sturmvogel erinnerte. Es war heller Tag geworden, die Sonne blickte nur hier und dort zwiſchen dem eiligen Gewölk hervor und der Wind ſchien an Heftigkeit zuzunehmen. Das Schiff kam in gerader Richtung auf die Land⸗ ſpitze zu, als es aber wohl noch eine Meile davon entfernt war, wandte es ſich ab und zog in einem weiten Bogen vor ihr vorüber, bis es ſich ihr unter⸗ halb wieder mehr näherte und dann mit dem vollen Winde die Bay hinunterſegelte, während andere kleine Küſtenfahrzeuge unmittelbar unter dem Ufer, da, wo die Jäger ſtanden, vorbeifuhren. „Das Fahrwaſſer für größere Schiffe iſt der andern Seite der Bay näher, hier vor der Landzunge iſt es ſeicht. Wollen die Herren jetzt aber nicht mit mir nach meinem Hauſe gehen? Der Entenſtrich iſt vor⸗ über und meine Frau wird das Frühſtück bereitet haben,“ ſagte der freundliche Neger zu ſeinen beiden Gäſten, indem er die erlegten Enten zuſammenband und ſie an der ſchweren Flinte über die Schulter hing. 14* 212 „Das dürfen wir wohl nicht wagen, das Schiff, auf welches wir warten, möchte in der Zeit vorüber⸗ ſegeln,“ antwortete Ralph, indem er Garrett fragend anſah. „Beſſer, wir bleiben hier,“ ſagte dieſer zu dem Neger. „Das iſt unnöthig, man kann ja ein Schiff viele Meilen weit auf der Bay hinauf erkennen, und bis es in die Nähe gelangt, ſind wir ſchon lange hier am Platze. Ich werde meinen Jungen außerhalb der Bäume auf die Wacht ſtellen, er ſoll uns rufen, ſo⸗ bald ein großes Schiff ſichtbar wird. Kommen Sie getroſt mit mir, Sie laufen keine Gefahr, das Fahr⸗ zeug zu verpaſſen,“ ſagte Dick, ergriff mit ſeiner Rech⸗ ten die Schwäne und ſchritt voran auf dem ſchmalen Erdſtrich hin ſeinem Hauſe zu, während Ralph und Garrett ihm, mit Zuverſicht in ſeine Worte, nach⸗ folgten. Mary, die Frau des Negers, hatte ihn und die beiden Fremden kommen ſehen und bereits das Früh⸗ ſtüͤck auf den weiß gedeckten Tiſch geſtellt, als ſie das Haus betraten. Mit einem freundlichen:„Help your self!“ zeigte ſie nach dem Tiſch und trug nun die große Kaffeekanne von dem Kamin herbei, deſſen Feuer eine ſehr will⸗ kommene Wärme durch das Haus verbreitete. Garrett und Ralph nahmen Platz und ließen ſich 2¹3 von der Frau bedienen, während Dick ſeinen älteſten Knaben hinaus vor das Holz ſandte, um dort nach dem Schiff auszuſpähen und ſogleich deſſen Erſcheinen in dem Hauſe zu melden. Darauf trug er dem Pferde Garretts einigen Mais zu, tränkte es, und brachte dann Neptun, ſeinem treuen Hunde, das Futter. Erſt, nachdem die beiden Gäſte ihr Frühſtück beendet und ſich bei dem Kamin nieder⸗ gelaſſen hatten, ſetzte ſich Dick mit ſeiner Frau an den Tiſch, um gleichfalls das Morgenbrod einzunehmen. Vollkommen beruhigt über ein mögliches Verpaſſen des Sturmvogels, ſaßen Garrett und Ralph beim wohlthuenden Feuer, rauchten und ſchwatzten mit ihrem freundlichen Wirth, der den gebratenen Enten, geröſtetem Speck und dem heißen Maisbrod, aus welchem das Frühſtück beſtand, mit ächtem Jägerappetit zuſprach, und richteten von Zeit zu Zeit ihre Aufmerkſamkeit auf den, an Heftigkeit zunehmenden Wind, wenn er die Thür oder den Fenſterladen ſchüttelte und durch den Lehmſchornſtein herab in das Feuer ſtieß. Plötz⸗ lich rief es draußen: „Ein Schiff, ein Schiff!“ und gleich darauf rannte der Negerknabe in das Haus und verkündete, daß ein großes Fahrzeug auf der Bay herabkomme. Dick, ſowie ſeine beiden Gäſte ſprangen auf, er⸗ griffen ihre Hüte und ſtürzten aus dem Hauſe, Gar⸗ rett und Ralph der Landſpitze zu, während der Neger — * 2¹4 den Hund von der Kette befreite und ihnen dann im vollen Laufe folgte. „Das iſt der Sturmvogel!“ rief Garrett, als er mit Ralph aus den Baumgruppen hervorſprang, und nach dem Schiffe blickte, welches unter vollen Segeln vor dem Winde herangeeilt kam, und Beide rannten nun vorwärts, ſo raſch ſie ihre Füße zu tragen im Stande waren. Ralph war der Schnellſte, er ließ Garrett weit hinter ſich zurück, hatte ſeinen Hut ab⸗ genommen, mit der andern Hand ſein weißes Taſchen⸗ tuch hervorgezogen und winkte während des Sturm⸗ laufes mit demſelben hoch über ſeinem Kopfe. Der Athem verſagte ihm, es war ihm, als wolle ihm die Lunge aus dem Munde ſpringen, dennoch blieb er im Laufen und erreichte die Landſpitze, als der Sturm⸗ vogel ſich oberhalb derſelben in der größten Nähe be⸗ fand. Ralph hielt ſich trotz der übernatürlichen An⸗ ſtrengung auf den Füßen und ſchwang das Tuch hoch durch die Luft, indem er ſeine ſehnſüchtigen Blicke auf das Schiff heftete und von Augenblick zu Augenblick erwartete, das rettende Bvot auf den Wogen erſcheinen zu ſehen. Der Sturmvogel aber wandte ſeine Spitze vvn dem Lande ab und ſteuerte der jenſeitigen Küſte der Bay zu, ohne daß von ihm ein Boot ausgeſetzt worden wäre. Auch Garrett hatte athemlos das Ende der Land⸗ 2¹5 zunge erreicht und ſah mit Entſetzen dem Schiffe nach, auf welchem man keine Notiz von ihnen zu nehmen ſchien. „Er ſegelt vorbei, ohne ein Boot auszuſetzen!“ tiefen Beide einſtimmig und ſchwangen mit größerer Heftigkeit ihre Tücher durch die Luft, als auch Dick zu ihnen kam und gleichfalls verkündete, daß der Ca⸗ pitain nicht geſonnen ſei, Ralph an Bord zu holen, indem er ſonſt das Boot bereits ausgeſetzt haben müßte. Mit Verzweiflung ſahen ſich Ralph und Garrett an und blickten dann wieder dem ſich raſch entfernen⸗ den Schiffe nach. „Kommen Sie, meine Herren, ich bringe Sie an Bord!“ rief der Neger und ſprang zu der Bucht zu⸗ rück, wo ſein Schiff lag, Garrett und Ralph eilten ihm nach und wenige Minuten ſpäter trug ſie das kleine Fahrzeug unter vollem Segel durch die hohe Brandung in die ſtürmiſche See hinaus. Der Neger hatte am Steuer Platz genommen und neben ſich ſeinen treuen Hund an einer Kette, die an der Brüſtung befeſtigt war, angeſchloſſen, um durch deſſen etwaiges Ueberbordſpringen nicht aufgehalten zu werden, während ſich Garrett und Ralph an der hohen Seite des Schiffes niederſetzten, das von der Gewalt des Windes auf die andere niedergedrückt wurde. Fort ging es die Wogen hinauf und hinab, die ſcharfe Spitze des kleinen Fahrzeuges ſchoß durch die weißen Köpfe der Wellen hindurch und ihr Schaum ſprühte brauſend und ziſchend über daſſelbe hin. „Ziehen Sie das Segel ſtraffer an!“ rief der Ne⸗ ger Ralph zu, der das Tau an dem Ende deſſelben um einen Nägel geſchlungen hielt, und der ſchwanke Maſt beugte ſich unter der Gewalt des Leinens. Der Sturmvogel hatte bereits die Mitte des Bo⸗ gens, welchen er beſchreiben mußte, erreicht und nä⸗ herte ſich dem dieſſeitigen Ufer wieder, als Dick und ſeine beiden Gefährten bemerkten, daß Flurnoy noch mehr Segel aufziehen ließ und ſein Schiff mit noch vergrößerter Schnelligkeit über die Wogen jagte. 5 „Es hilft ihm nichts, wir ſchneiden ihm den Weg ab!“ rief Dick und hielt das Schiffchen noch ſchärfer gegen die Wogen, daß ſie rauſchend mit ihren Köpfen auf daſſelbe niederſtürzten. In Schaum und Giſcht eingehüllt, ſchoß es vorwärts und näherte ſich raſch dem mächtigen Fahrzeug, welches jetzt brauſend daher⸗ gezogen kam und die Wellen hoch vor ſich aufſteigen ließ. Nur noch fünfzig Schritte lagen zwiſchen dem Sturmvogel und dem Segelboote, als Garrett und Ralph Beide dem Oberſteuermann Ritcher, der auf der Brüſtung ſaß, zuſchrieen und ihn flehentlich baten, Ralph aufzunehmen, während Dick das Boot der Seite des Sturmvogels zuführte. Ritcher aber ſchüttelte den Kopf und winkte ihnen, fern zu bleiben. 217 Nur wenige Augenblicke gehörten noch der Hoff⸗ nung, dann erfaßte Ralph und Garrett Entſetzen und Verzweiflung, denn der Sturmvogel ſchoß an ihnen vorüber, und nun war jede Möglichkeit dahin, denſel⸗ ben nochmals einzuholen. „Es iſt umſonſt, meine Herren, wir müſſen ſuchen, das Land wieder zu gewinnen,“ ſagte Dick, indem er das Schiff dem Winde zuwandte und Ralph und Gar⸗ rett das Segel an dem Maſt zuſammenzogen, um es langſam auf die andere Seite zu bringen und es dort vorſichtig wieder zu entfalten. Es glückte, nach und nach gaben ſie das Schiff dem Winde wieder frei und es zog nun parallel mit der fernen Küſte nach der Landſpitze zurück. In ſtummer Verzweiflung blickte Ralph dem Sturm⸗ vogel nach, mit dem ſeine ganze Hoffnung dahinfloh, Garrett ſtieß halblaute Flüche und Verwünſchungen gegen Flournoy aus und Dick ſah mit Beſorgniß bald auf das tief über die See gebeugte Segel, bald auf die heranrollenden Wogen, bald nach ſeiner Heimath hinüber. Die Höhe der Landſpitze war erreicht, und um das Schiff dem Lande zuzuſteuern, mußte abermals das Segel auf die andere Seite gebracht werden. Ralph und Garrett hatten es erfaßt und zogen es vorſichtig an dem Maſt zuſammen, während Dick mit dem Ruder das Fahrzeug wandte. 218 „Nehmen Sie ſich in Acht und laſſen Sie das Segel um Gotteswillen nicht aus den Händen gleiten, ſonſt ſind wir Alle verloren!“ rief der Neger den Beiden durch den Sturm zu, Ralph und Garrett hielten mit aller Kraft das Segel zuſammen, doch plötzlich ſtieß der Wind ſo heftig in ſeine Falten, daß er es ihren Händen entriß, es mit einem Knall auf⸗ blähte, mit dem Maſt auf die See hinunter preßte und das Boot umſchlug. Alle drei Gefährten ſtürzten über Bord und wurden* ſofort von den Wogen verſchlungen. Das Schiff trieb, mit dem Kiel nach oben, auf den Wellen und Neptun tauchte unter ihm hervor und ſprang oben darauf. Er blickte um ſich, im nächſten Augenblick erkannte er ſeinen Herrn, von Garrett umklammert, aus der See auftauchen, er ſtürzte ſich heulend in die Fluth, um ihm zu Hülfe zu eilen; doch die Kette hielt ihn zurück und ſeine Kräfte reichten nicht hin, das ſchwere Schiff fortzuziehen. Er bellte und heulte, ſprang wieder auf den Kiel hinauf und hoch an ſeiner Kette in die Höhe, indem er ſeine treuen Augen auf ſeinen Herrn gerichtet hielt, der mit Garrett rang, um ſich von deſſen Armen zu befreien; doch bald ſanken Beide und tauchten nicht wieder auf. Das Geheul des Hundes ſchallte weit hin durch den Sturm und auch zu Ralph's Ohr, deſſen kräftige . 2¹9 Arme die Wuth der Wellen bekämpften und ihn Zug für Zug der Landſpitze zuführten. Im Sturmlauf rollte ſich jetzt eine Woge mit ihm der Küſte zu, warf ihn weit auf das Ufer hinauf, und ehe die nachfolgende Welle ihn erreichen konnte, hatte er die Höhe der Landſpitze erklommen. Seine Blicke ſchweiften über die See, doch außer dem Hund, der auf dem Schiffchen ſchon weit in der Bay hinunter getrieben war, konnte er kein lebendes Weſen erkennen. Garrett und der Neger waren verſchwunden. Hier ſtand Ralph, ſchwerer vom Schickſal bedrängt, als jemals vorher in ſeinem Leben. Das Schiff, auf welches er ſeine letzte Hoffnung geſetzt hatte, war kaum noch wie ein weißer Punkt an dem fernen Ho⸗ rizont zu erkennen und hinter ihm lag der Weg nach Baltimore, wo die Häſcher nach ihm ſpäheten. Seine Gedanken ſchreckten zurück und ſammelten ſich um ſein Ich, die Willenskraft, die ihm die Natur ver⸗ liehen und die jetzt verſtärkt wieder in ihm auflebte, ſträubte ſich gegen die Gewalt des Schickſals, das ihn zu vernichten drohte; er ballte die Fäuſte, knirſchte mit den Zähnen und ſtampfte mit dem Fuße den Boden. Die Wuth der Elemente, die ihn umbrauſten, ſtand mit ſeiner Seelenſtimmung in Einklang, entſchloſſen hielt er ſein Geſicht dem Sturm entgegen und ſchaute auf der Bay hinauf, wo Baltimore lag. Er warf noch einen ſpähenden Blick über die See vor ſich 220 und eilte dann flüchtigen Schrittes nach der Wohnung des Negers. „Ich bin in das Waſſer gefallen!“ rief er Dick's Frau in ſcherzendem Tone zu, als er in das Haus eintrat,„deshalb komme ich allein, um mich zu trocknen, Dick iſt mit meinem Freunde nach der nächſten Landſpitze gefahren, um ihn von dort aus auf das noch nicht erſchienene Schiff zu bringen, denn das, welches Ihr Junge uns meldete, war nicht das rechte.“ „Ihren Freund? ich glaubte, Sie wollten mit dem Schiffe weiterreiſen!“ antwortete die Frau. „Bewahre, das iſt ein Irrthum, ich werde nach Baltimore zurückreiten, ſobald ich meine Kleider ge⸗ trocknet habe“, ſagte Ralph, hing ſeinen Rock vor das Feuer und ſtellte ſich nahe vor daſſelbe hin, um ſich von der Gluth umſtrahlen zu laſſen. Nach einer Weile ſagte er zu der Frau: „Habt Ihr vielleicht etwas Branntwein im Haus? dann könntet Ihr mir ein Glas heißen Grog bereiten. Ich bin ſehr durchfroren.“ „Ja wohl, Dick hat vor einigen Tagen, als er die Enten nach Baltimore zu Markte führte, einen Krug mit Whisky mitgebracht, und heißes Waſſer habe ich vorräthig“, erwiederte die Negerin, worauf ſie den verlangten Trank raſch anfertigte und Honig dazu bot, womit Ralph ihn verſüßte. 221 Dann füllte die Frau den Keſſel über dem Feuer mit Waſſer und ſagte: „Ich will das Waſſer heiß halten, wenn mein Mann nach Hauſe kommt, ſo ſoll er auch ein Glas Grog trinken; er wird ſehr naß geworden ſein, denn die See muß bei dieſem ſtarken Winde außerordentlich hoch gehen.“ Das Gefühl der Theilnahme und des Mitleids war in Ralph's Bruſt durch eigenes Mißgeſchick er⸗ ſtict; dennoch ward ihm der liebevolle Blick, mit dem die Frau ihres Mannes gedachte, unerträglich, und er wandte ſich um, als wolle er dem Feuer eine andere Seite zum Trocknen zukehren. „Das Schiff, welches Ihr Freund erwartet, ſollte doch heute früh von Baltimore abſegeln?“ fragte die Frau nach einer Weile, indem ſie einige Kleidungs⸗ ſtücke ihres Mannes in der Nähe des Feuers zum Wärmen aufhing,„manchmal aber verzögert ſich die Abfahrt dort, ſo daß das erwartete Schiff wohl erſt gegen Abend hier vorüberkommen wird. Wenn es nur nicht zu ſpät geſchieht, es iſt ſehr gefährlich, bei ſo ſtarkem Winde in dem kleinen Schifſchen in die See hinauszufahren. Ich hahe Dick oft gebeten, es bei ſolchem Wetter nicht zu wagen, er aber will von Gefahr Nichts hören.“ Ralph lag es ſchwer, wie ein ungeheueres Gewicht, auf der Bruſt, und es lief ihm bei den Worten der 222 Frau eiskalt über den Rücken; er ſagte aber Nichts und befühlte nur ſeine Kleidung, als unterſuche er, wie weit ſie getrocknet wäre. Nach Verlauf von einigen Stunden war dies voll⸗ kommen geſchehen und Ralph beſchloß, ſich von hier zu entfernen. „Euer Mann hat mir geſagt, ich ſolle mir von Euch ſeinen alten Hut geben laſſen, weil der meinige im Waſſer verſunken iſt“, ſagte er zu der Negerin. „Ich hoffte ihn noch ſelbſt vor meiner Abreiſe hier zu ſehen, es wird mir aber doch zu ſpät, denn die Sonne ſteht ſchon ſehr niedrig.“ „Dick's alten Hut?“ erwiederte die Frau lachend, „nun, der iſt ſicher alt, da hat er ein wahres Wort geſprochen, ich glaubte gar nicht, daß er von deſſen Vorhandenſein noch etwas wiſſe. Ich habe denſelben immer noch aufgehoben, für den Fall, daß man ein⸗ mal ein Stück Filz gebrauchen wollte. Den Hut können Sie unmöglich aufſetzen, er iſt ſelbſt für einen Neger zu ſchlecht.“ „Es wird Nacht, bis ich nach Baltimore komme, und dort finde ich einen andern. Geben Sie mir ihn nur her“, antwortete Ralph, worauf die Frau den alten, zerriſſenen Filz unter dem Bett hervorzog und ihn dem Gaſte lachend mit den Worten hinreichte: „Wenn Dick dieſen Hut aufſetzte, ſo ließe ich mich von ihm ſcheiden.“ 223 Ralph aber drückte ihn auf den Kopf, zog ſeinen Rock an, reichte der Frau einige Dollar zum Geſchenk und ging nach der Thür, um das Pferd zu ſatteln. „Sie ſagten, mein Mann ſei mit Ihrem Freunde nach der nächſten Landſpitze hinüber gefahren?“ fragte die Negerin beſorgt. „Ja wohl, weiter auf der Bay hinab, dort, glaubte er, würde das Schiff näher an dem Lande vorüber⸗ kommen“, erwiederte Ralph und ſchritt zu der Thür hinaus. „Das muß Moorespoint, vier Meilen von hier, ſein. Mag der Himmel ihn vor Unglück behüten!“ ſagte die Frau halblaut vor ſich hin, indem ſie ihre Hände faltete und einen flehenden Blick nach Oben wandte. Dann trat ſie zu dem Kamin, hing die Kleider ihres Mannes nun in der Mitte vor dem Feuer auf und warf noch ein Stück Holz auf die Gluth. Wenige Minuten ſpäter ritt Ralph auf dem Schim⸗ mel vor der Thür vorüber, die Negerin blickte aus derſelben hervor, wünſchte ihm freundlich eine glück⸗ liche Reiſe und bald war er in dem Wald vor ihren Augen verſchwunden. In langſamem Schritt zog er auf dem einſamen Weg dahin und ſchaute der Sonne nach, deren letzte Strahlen auf den Schneemaſſen um ihn her blitzten, während der Wind den Rauhreif wie einen glänzend ſchillernden Staubregen von den Bäumen herab ihm 224 entgegenwehte. Der Himmel vor ihm färbte ſich blut⸗ roth, als die Sonne verſank, und die Kälte nahm raſch zu; doch Ralph fühlte ſie nicht, die Erlebniſſe der letzten vierundzwanzig Stunden und die Gefahr, der er zuritt, hielten ſein Blut in ſo heftiger Wal⸗ lung, daß ihm der Sturm wohlthuend war. Die Nacht breitete ſich bald über die Erde aus, Ralph hatte die Hauptſtraße erreicht und ritt an ſei⸗ nem todten Roß vorüber. Ein Gefühl des Mitleids und der Dankbarkeit regte ſich in ihm, als er auf das Pferd ſchaute und Garrett's gedachte, der ihm hier das Leben gerettet und der ſeinetwegen jetzt auf dem Grund der See ſchlief, er dachte auch an den Neger Dick, der ſeinethalben von den Wogen ver⸗ ſchlungen war, ſah in Gedanken den Hund, wie er ſich an ſeiner Kette bäumte, um ſeinem Herrn zu Hülfe zu eilen, und von den Wellen zu gleichem Un⸗ tergange mit fortgeriſſen wurde; die Frau, die durch ſeine Schuld zur Wittwe und die Kinder, die zu Waiſen geworden waren, ſtanden jammernd und weh⸗ klagend vor ſeiner Seele: ſein Herz wurde weich und ſeine Augen wurden feucht. Dann aber fiel ihm ſeine Schuld ein, er dachte an die Häſcher, die ſeiner war⸗ teten, dachte an Frank und deſſen Glück, und die guten Gefühle, die in ihm erwacht waren, ſchrumpften mit ſeinem Herzen zuſammen; er ſtieß einen halb⸗ lauten Fluch aus, preßte Garrett's Sporn, die er 225 angelegt hatte, in die Flanken des Schimmels und ſprengte ſeinem Schickſal mit trotziger Stirn entgegen. In dem Hauſe der Frau Sloan war kein Licht mehr zu ſehen, Ralph wünſchte aber, von ihr zu er⸗ fahren, ob man bei ihr wirklich nach ihm geſucht habe. Er ritt dicht vor das Gebäude und rief die Frau bei Namen. Gleich darauf öffnete ſich die Thür, die Angerufene ſtreckte den Kopf aus derſelben in das Mondlicht hervor und war überraſcht, Ralph zu ſehen. „Wo wollen Sie hin?“ fragte ſie ihn erſchrocken, man hat Sie in vergangener Nacht, als Sie kaum fortgeritten waren, hier geſucht und mir heute Ihrent⸗ halben noch kurz vor Sonnenuntergang einen zweiten Beſuch abgeſtattet. Sie thun beſſer, die Straße zu verlaſſen.“ „Ich muß nach Baltimore, können Sie mir einen andern Weg als dieſen angeben?“ ſagte Ralph ent⸗ ſchloſſen. „Bei der erſten Farm, die Sie erreichen, nehmen Sie die Straße rechts, die bringt Sie auf die Hog⸗ ſtownchauſſee, welche gleichfalls nach Baltimore führt. Wo haben Sie Herrn Garrett gelaſſen?“ erwiederte Frau Slvan. „Der wird erſt in einigen Tagen zurückkehren“, antwortete Ralph, winkte der Frau einen Gruß zu und trabte davon. Bald hatte er den bezeichneten Seitenweg Ralph Norwood. M. 15 226 folgte demſelben bis zu der ihm genannten Haupt⸗ ſtraße und gelangte auf dieſer wieder nach Baltimore. Ohne mehr zu wiſſen, als daß er ſich in dem weſtlichen Theile der Stadt befand, durchzog er die noch ſpärlich angebaute Vorſtadt und lenkte ſein müdes Pferd in eine breite Straße, die, nach Süden zeigend, vor ihm lag. Es ſchlug elf Uhr, er ritt zwiſchen hohen Häuſern hin, hatte den alten, zerriſſenen Hut tief über die Augen gezogen und hielt den Kopf ge⸗ ſenkt, aus Furcht, daß ihn einer der wenigen Fuß⸗ gänger auf den Trottvirs erkennen möchte. Plötzlich zog der helle Lichtſchein, der aus den Fenſtern des zu ſeiner Rechten ſtehenden prächtigen Gebäudes hervorſtrömte, ſeine Blicke an und er er⸗ kannte zu ſeinem Schrecken die Wohnung des Prä⸗ ſidenten Forney. Wie ein Blitzſtrahl traf ihn der Anblick dieſes Hauſes, er ſank in ſich zuſammen und ſah ſcheu unter dem Hut hervor nach den hellen Fenſtern hin. Da ſtand Frank Arnold und die ſchöne Eleanor Arm in Arm hinter den großen Spiegelſcheiben und blickten auf den verſpäteten, einſamen Reiter nieder. Wie gelähmt hing Ralph auf dem Pferde, ſein Athem ſtockte und er wagte keine Bewegung, um den Schimmel zu ſchnellerem Gehen anzutreiben. Das volle Licht beleuchtete jetzt ſeine Geſtalt, er fühlte es, ſie mußten ihn erkennen und das Roß ſchien ihm ſtill zu ſtehen. 227 Es zog aber mit ihm vorüber, das Licht traf ihn ſchon nicht mehr und es war ihm nun unmöglich, davon abzuſtehen, noch einmal ſeitwärts nach dem Fenſter zu blicken. In dieſem Augenblick trat der Mond hell und klar zwiſchen den Wolken hervor, ſein Licht fiel mit Tages⸗ helle auf Ralph's Geſicht und Frank und Eleanor hatten ihn erkannt, denn ſie ſtreckten die Hände nach ihm aus und zogen ſich eilig von dem Fenſter zurück. Ralph ſah es, ſtach dem Schimmel die Sporn in die Seiten und ſprengte in Carriere in der Straße hinunter nach der Marketſtraße, in dieſer fort und dann wieder nach Süden, bis er an dem andern Ende der Stadt die letzten Häuſer hinter ſich zurückließ und in den öden Wald hineinritt. Es war lange nach Mitternacht, als er in einem einſam gelegenen Wirthshaus an der Straße nach Wafhington einkehrte, um ſich und ſeinem Pferd einige Stunden Ruhe zu geſtatten. Zeitig am folgenden Morgen aber war er wieder zu Roß und verfolgte noch drei Tage lang ſeinen Weg, worauf er in einem kleinen Städtchen Virginiens den Schimmel für hun⸗ dert Dollar verkaufte und von hier aus die Reiſe nach ſeiner Heimath mit der Poſt fortſetzte. 152 — Capitel 20. Der Abſchied.— Verwandlung.— Bewaffnung der Kutter.— Der Kampf.— Der verlorene Maſt.— untergang.— Scharfe Wache.— Die Tritonia. — Das Raubſchiff.— Das Segel.— Flucht.— Verfolgung.— Hoffnungs⸗ ſtrahl.— Der Sturm.— Verzweifelter Entſchluß. In dem Morgen, als Capitain Flournoy Balti⸗ more verließ, war man auf der Tritonia nicht wenig erſtaunt, mit dem Grauen des Tages die eiligen Vor⸗ kehrungen zur Abreiſe des Sturmvogels zu gewahren. Doſamantes war noch nicht erwacht, als Loredo zu ihm in die Cajüte trat und ihm meldete, daß jenes Schiff auf dem Punkte ſei, abzuſegeln. Der Copitain eilte auf das Verdeck, um ſich von der Wahrheit dieſer Kunde zu überzeugen und ſah die⸗ ſelbe zu ſeiner Verwunderung beſtätigt, denn die Segel waren bereits angeſchlagen, die Luken mit Theerleinen überdeckt und die Matroſen eilten geſchäftig hin und her, um das Tauwerk zur Abfahrt zu ordnen. Bald darauf wurden die Segel entfaltet und die Stricke, welche das Schiff an dem Werfte feſthielten, gelöſt. Jetzt trat auch Elviſe zu ihrem Vater auf das Verdeck, um das verhaßte Fahrzeug mit ſeinem ihr noch ver⸗ haßteren Kapitain das Werft verlaſſen zu ſehen, als 229 in dieſem Augenblick Flournoy mit Melanie im Arm aus ſeiner Cajüte hervortrat und mit ihr dem Verdeck ſtehen blieb. Laut weinend und ſchluchzend ſchlang die kleine 3 Blondine ihre zarten Arme um den von ihr ſo heiß geliebten Mann, als ſei es ihr unmöglich, ihn von ſich zu laſſen. Er drückte ſie wiederholt an ſeine Bruſt und ſprach tröſtende Worte zu ihr; doch Me⸗ lanie wollte in Thränen vergehen und hing ſich mit Verzweiflung um ſeinen Nacken. Endlich folgte ſie ſeiner Leitung auf das Werft, an deſſen Ausgang ein Wagen ihrer harrte; Flournoy drückte ſie abermals an ſeine Bruſt, der Sturmvogel fing an ſich zu be⸗ wegen, noch einmal preßte der Capitain ſeine Lippen auf den roſigen Mund der weinenden Melanie, riß ſich dann von ihr los, ſprang auf das Verdeck ſeines Schiffes und im nächſten Augenblick wandte ſich dieſes von dem Lande ab in die Bay hinaus. Der Wind ſtieß mit Gewalt in die Segel, die Matroſen zogen dieſe ſtraffer an, pfeilſchnell ſchoß der Sturmvogel davon und Melanie ſtreckte wehklagend ihre kleinen Hände nach dem ſchönen, geliebten Manne aus, der auf dem hohen Verdeck über der Cajüte ſtand und ihr mit ſeinem ſchneeweißen Tuch Lebe⸗ wohl zuwinkte. Dahin zog das Schiff, bis in die hohen Spitzen ſeiner Maſten von Segeln umwölkt und von den ſehn⸗ 230 ſüchtigen Blicken der verlaſſenen Melanie verfolgt, bis es in weiter Ferne unterhalb des Forts vor ihren thränenvollen Augen verſchwand und ſie, das Geſicht in ihr Tuch verſenkt, dem auf ſie wartenden Wagen zuwankte. 2 Mit dem innigſten Mitleid für die Trauernde und dem tiefſten Abſcheu gegen ihren Bethbrer hatte Elviſe dem Abſchied zugeſehen und einen glühend leidenſchaft⸗ lichen Blick Flournoy's mit vollſter Verachtung zurück⸗ gewieſen, als der Sturmvogel bei ihres Vaters Schiff vorüberzog. Jetzt ſchwankte ſie: ſollte ſie der unglück⸗ lichen Melanie Aufklärung über den Charakter ihres Gatten geben oder nicht? Es war aber nur ein Au⸗ genblick des Bedenkens, dann warf ſie ſich den Wunſch nach Vergeltung vor, der ſeinen Theil an dem auf⸗ teimenden Gedanken hatte, und ſtand von ihrem Vor⸗ haben ab. Es war ja möglich, daß Flournoy die Liebe, die er ihr nur geheuchelt hatte, für Melanie wirklich im Herzen trug und deren Lebensglück da⸗ durch begründen würde. Sie ſelbſt fühlte ſich erleich⸗ tert und beruhigt durch die Abreiſe des widrigen Mannes und ſeiner unheimlichen Umgebung, und mit Heiterkeit begab ſie ſich an die Arbeit, um die letzten Vorkehrungen für ihre am kommenden Tage anzu⸗ tretende lange Reiſe zu beenden. Die ganze Mannſchaft beeilte mit aller Kraft die Einladung des Mehls, machte die Segel zum Ge⸗ 231 brauch fertig und bereitete Alles vor, um am fol⸗ genden Morgen abfahren zu können. Als der Sturmvogel bei dem Schiffchen des Negerz Dick vorübergeſegelt war, ohne Ralph aufzunehmen, blieben trotz des heftigen Windes ſeine Maſten ſchwer mit Segeln belaſtet, ſo daß ſie unter deren Gewalt ſich beugten und ächzten; ihre Kraft aber war in ge⸗ waltigeren Stürmen erprobt und das Schiff ſchwamm ſo leicht und nachgiebig auf den Wogen, daß der Sturm nur wenig Widerſtand in den großen Segeln fand und das ſcharfgebaute Fahrzeug mit fliegender Eile vor ſich hertrieb. Es war nach neun Uhr des Abends, als das Schiff, nur noch zwanzig Meilen von dem Ausfluß der Bay in den Ocean entfernt, in eine kleine Bucht an der öſtlichen Küſte einlief und dort in wenigen Minuten, all ſeiner Segel beraubt, vor Anker ge⸗ legt wurde. Während die Mannſchaft auf der ganzen Reiſe, hinter den Brüſtungen vor dem Winde geſchützt, müßig umhergelegen hatte, war jetzt Alles reges Leben an Bord. Kaum ſchaukelte ſich das Fahrzeug auf dem ruhigern Waſſer, als Viele der Matroſen ſich in Tauen über Bord hingen, Andere ihnen Töpfe mit weißer Delfarbe und Pinſel reichten, und Jene begannen, das ſchwarze Schiff weiß anzuſtreichen. Mehrere nahmen das große, aus Holz geſchnittene Bild des Sturm⸗ 232 vogels unter dem Bugſpriet ab und trugen es in den untern Schiffsraum. Zugleich ward in der Cajüte der Tiſch und der Teppich entfernt und eine Anzahl Bohlen aus dem Fußboden vorſichtig hervorgehoben, wodurch ein Eingang in einen geheimen Verſchlag unter der Cajüte geöffnet ward. Dieſer ganze Raum war mit Waffen und Munition angefüllt, die jetzt auf das Verdeck hinausgetragen wurden. Nachdem eine große Anzahl von Gewehren, Piſtolen, Säbeln und Aexten herausbefördert war, wurde an der Decke der Cajüte ein Flaſchenzug angebracht und an demſelben eine ſehr lange Kanone, ein Vierund⸗ zwanzigpfünder, aus dem Verſteck hervorgehoben, den die Mannſchaft als den„long Tom“(Lange Thomas) begrüßte. Auch das Geſtell dazu, welches in einem ſchweren, hohen Klotz beſtand, wurde heraufgezogen, in der Mitte des Schiffes mit eiſernen Banden be⸗ feſtigt und die Kanone darauf gelegt, die ſich auf demſelben auf einer Spindel im Kreiſe drehen ließ. Zuletzt trug man die Munition für dieſelbe, ſo wie die für die Gewehre herbei und vertheilte letztere unter die Mannſchaft. Flournoy ging ſchweigend auf dem Verdeck hin und her und überwachte die Arbeit, während Ritcher und Jerco die Anordnungen bei derſelben trafen. Erſt als der Tag graute, war die Rüſtung beendet 233 — und das ſchwarze Kleid des Fahrzeugs in ein weißes verwandelt. Das Frühſtück war bereit, es wurde den Matroſen mit demſelben ein reichliches Quantum Branntwein gereicht, und nachdem ein Boot mit dem Kiel nach Oben über die Kanone gelegt worden war, ſo daß ſie aus der Ferne nicht durch Gläſer erkannt werden konnte, begab ſich die Mannſchaft zur Ruhe, um ſich von der Arbeit zu erholen. Flournoy allein blieb, mit einem Fernglas in der Hand, auf dem Verdeck und hielt ſein wachſames Auge auf die vielen, in weiter Ferne auf⸗ und abſegelnden großen und kleinen Schiffe geheftet. Erſt gegen Mittag trat er zu dem Lager des Oberſteuermanns und weckte ihn aus ſeinem Schlafe. Nach wenigen Minuten war wieder Alles in Bewegung, die Matroſen ſprangen in die Maſten hinauf, um die Segel zu löſen, der Anker wurde ge⸗ hoben und in unglaublich kurzer Zeit darauf zog der Sturmvogel ſtolz aufgebläht über die gewaltigen Wogen dem ſchmalen Ausgang zwiſchen Cap Henry und Cap Charles zu, um in den Oeean hinaus zu ſteuern. Der Wind blies immer noch ſehr heftig von Nord⸗ Weſt her und die See ging ungewöhnlich hoch. Flournoy ließ die größere Zahl der Segel einnehmen, weil das Schiff gewaltig gegen die Wellen arbeitete und weil er nur den Ocean gewinnen wollte, um dort vor der Mündung der Bay zu kreuzen, bis die 234 Tritonia erſcheinen würde. Darum wurde es nach drei Uhr, als der Sturmvogel ſich jenem Ziele nahte, während mit ihm zugleich eine Menge kleiner Schooner dem Weltmeer zuſteuerte. Auch eine nicht geringere Zahl ſolcher Küſtenfahrzeuge kamen aus See in die Bay herein und mußten, da ſie den Wind gegen ſich hatten, hin und her laviren. Schon befand ſich das Piratenſchiff zwiſchen Cap Henry und Cap Charles, als Flournoy, der mit dem Fernglas auf dem obern Verdeck ſtand, den Ober⸗ ſteuermann zu ſich rief und zu ihm ſagte: „Was für ein Schiff mag das ſein? Es ſteuerte Süd und hat ſo eben umgelegt, jetzt ſteuert es Nord. Es will alſo nicht in die Bay herein.“ Dabei reichte er ihm das Fernglas und zeigte auf einen ſehr großen Kutter, der unter vollen Segeln vor dem Ausgang der Bay hinzog. Ritcher hatte einige Augenblicke durch das Glas nach dem bezeichneten Fahrzeug geſchaut, als er ſagte: „Ich traue dem Burſchen nicht, er iſt nicht wie ein Kauffahrer gebaut, auch fällt es mir auf, daß man Niemanden auf dem Verdeck ſieht. Sollte es ein Fahrzeug Onkel Sams(Vereinigten Staaten) ſein, und die Burſchen ihre Adler nicht zeigen wollen?“ Flournoy hatte wieder das Glas vor das gehoben, und rief plötzlich: „Auf mit den Segeln, dort kreuzt ein Gouverne⸗ 235 mentskutter! Wenn er den Sturmvogel fangen will, ſo muß er fliegen lernen!“ In wenigen Minuten ſtiegen die Segel in die Höhe und verdoppelten die Schnelligkeit des Schiffes, doch zugleich hatte der verdächtige Kutter abermals ſeinen Cvurs geändert und kam jetzt mit günſtigem Winde auf den Sturmvogel eingeſegelt, während er zum Zeichen, daß er ihn zu ſprechen wünſche, die Flagge der Vereinigten Staaten aufzog und ſeine Luken öffnete, aus denen ſeine Geſchütze hervorblickten. „Er hat ſeine Maske abgenommen!“ rief Flournoy. „Vor ihm können wir nicht mehr durch, macht Euch fertig, daß wir das Schiff umlegen, gegen den Wind ſoll er uns wohl laufen laſſen.“ Die Matroſen waren zu den Segeltauen geſprungen und erwarteten das Commandowort ihres Capitains, der auf dem obern Verdeck ſtand und ſeine Augen auf das heranziehende Schiff geheftet hielt. Daſſelbe war jetzt auf Kanonenſchußweite vor dem Sturmvogel gerade in deſſen Cvurs gelangt, als Flournoy den Befehl gab, das Schiff zu wenden. Trotz des Sturmes und der vielen Segel war das Commando in der nächſten Minute ausgeführt und der Pirat jagte nahe bei dem Wind nach Norden, um vor Cap Charles den offenen Ocean zu gewinnen. In dieſem Augenblick entquoll den Seiten des Kutters 236 eine dichte Rauchwolke und mehrere Kugeln flogen über den Sturmvogel hin. „Hervor mit dem long Tom, zeigt ihm, daß Ihr die Sprache beſſer redet, als er!“ ſchrie Flournoy ſeiner Mannſchaft zu, während der Kutter gleichfalls umlegte und der Sturmvogel einen bedeutenden Vor⸗ ſprung gewann. Sofort ward das Boot von der langen Kanone entfernt, Ritcher war hinter dieſelbe geſprungen, richtete ſie und erwartete den Augenblick, wo das Schwanken des Schiffes ſie mit dem Kutter in eine Linie brachte. Dann feuerte er ſie ab und im nächſten Augenblick flatterte ein kleines, von der Kugel losgeriſſenes Segel auf dem Kriegsſchiff in dem Winde. Ein lautes Hurrah erſchallte jetzt auf dem Verdeck des Piraten und noch ehe der Kutter ſeine Wendung ausgeführt hatte, feuerte Ritcher zum zweiten Male und ſandte ſeine Kugel durch das Hauptſegel des Feindes. Gleich darauf jedoch blitzte es wieder auf dem Kriegsſchiff und eine ſeiner Kugeln fuhr über das Verdeck des Sturmvogels und riß auf ſeinen bei⸗ den Seiten ein Stück der Brüſtung mit hinweg. „Zieht die Segel ſtramm, halt't voll gegen den Wind! Der Kerl ſegelt mit dem Teufel!“ rief Flournoy jetzt, denn er ſah, daß der Kutter ihm näher rückte. Ritcher hatte inzwiſchen mehrere Kugeln vergebens nach dem Feinde hinübergeſandt, auch die Schüſſe des * 237 Kriegsſchiffs hatten nicht getroffen und Flournoy konnte, trotz aller Anſtrengung, die Entfernung von demſelben nicht vergrößern. Dabei drängte ihn der Kutter nach Cap Charles hin, um ihm den Am in den Oecean abzuſchneiden. „Legt das Enterzeug zur Hand!“ rief Flournoy, ſprang in die Cajüte und kehrte nach einigen Augen⸗ blicken bewaffnet auf das Verdeck zurück. Er trug zwei Piſtolen im Gürtel, einen breiten kurzen Säbel an der Seite und einen koloſſalen Musquedonner in der Hand. „Zeigt ihm unſere Farben, damit er weiß, mit wem er fechtet!“ rief der Capitain und im Augenblick nachher entfaltete ſich über ſeinem Haupte eine un⸗ geheuere blutrothe Fahne und flatterte lautſchlagend in dem Winde. „Haltet Euch fertig, die Segel nachzulaſſen; kom⸗ men wir vor Cap Charles nicht durch, ſo laufen wir auf ihn ein und entern“, rief Flournoy ſeiner Mann⸗ ſchaft zu, während die Kugeln von dem Kriegsſchiff um den Sturmvogel ſauſten und Ritcher aus dem long Tom ihm von Minute zu Minute antwortete. Wir müſſen ihn borden, denn wir werden nicht durchkommen. Macht Euch fertig!“ rief der Capitain nach einer Weile und ſetzte dann, zu Ritcher gewandt, noch hinzu: „Kannſt Du ihm keinen Flügel lähmen?“ 238 In dieſem Augenblick feuerte der Oberſteuermann, und der Hauptmaſt des Kutters ſtürzte mit den Segeln über Bord. Das Schiff war nun den Wogen preis⸗ gegeben, die ſchäumend ſich gegen ſeine Seiten warfen und ſich über ihm brachen. Ein donnerndes Jubel⸗ geſchrei ertönte auf dem Kaperſchiff, denn nun war für daſſelbe alle Gefahr vorüber. Das Kriegsſchiff dagegen wurde von dem Maſt auf die Seite niedergezogen und die Wogen warfen es wie einen Spielball hin und her. Flournoy gab den Befehl, ſein Schiff zu wenden und nahe an den Kutter heranzuſegeln, deſſen Mann⸗ chaft daran arbeitete, ſich von dem Maſt zu befreien und ihn über Bord zu werfen. „Gieb Acht, Ritcher, daß Du ihn unter dem Waſſerſpiegel triffſt, damit er ſinkt, ehe er den Maſt los wird und ſeine Geſchütze wieder gebrauchen kann“, rief er dem Oberſteuermann zu, der gebeugt hinter der langen Kanone ſtand und auf den Augenblick wartete, wo er dem Wh den Todesſchuß beibringen könne. Woge auf, Woge nieder ſtürmte der Pirat auf das Kriegsſchiff ein und nur noch hundert Schritt hatte er zu durchſchwimmen, um an deſſen Seite zu ge⸗ langen, als die Mannſchaft auf dem Kutter von dem Kappen des Maſtes abſtand und zu den Ge⸗ wehren griff. Jetzt war der Sturmvogel auf nur dreißig Schritt neben dem Kriegsfahrzeug, heftiges Gewehrfeuer ſandte einen Kugelregen auf beide Schiffe, dann blitzte es aus der langen Kanone des Piraten, ein dicker Pulver⸗ dampf verhüllte gegenſeitig die Streiter und der Sturm⸗ vogel ſchoß an dem Kutter vorbei. Flournoy aber gab den Befehl, ſein Schiff abermals zu wenden, um nochmals an die Seite des Kriegsſchiffes zu gelangen, als man gewahrte, daß die Mannſchaft deſſelben eilig das Boot ausſetzte und Anſtalt machte, das Schiff zu verlaſſen. „Der Kutter iſt im Sinken, gebt den Burſchen Zeit, ihn zu verlaſſen, dann ſegelt ſie in den Grund, damit Keiner von ihnen das Mährchen von dem Sturmvogel erzähle!“ rief Flournoy und ſein Schiff entfernte ſich weiter von dem Gegner. Bald darauf ſah man das große Boot mit der Mannſchaft des Kriegsſchiffes von demſelben abſtoßen und Cap Charles zurudern, worauf Flournoy ſein Schiff wenden ließ und auf die Flüchtigen einſegelte. Der Capitain derſelben ſtand an dem Steuer und winkte mit einem weißen Tuche, doch der Pirat ließ ſeinen Lauf nicht ändern, er kam brauſend heran⸗ geſtürmt, ſein Bugſpriet ſtreckte ſich bald über das Boot hin, ſein Kiel erfaßte es und, darüber hinjagend, begrub er es unter ſich in der Fluth. Hier und dort tauchten Einzelne der Mannſchaft auf, ſie dienten aber — ihnen in Norfolk einlaufen, wo mehrere Gouver⸗ 240 den Piraten als Zielſcheibe und wurden von ihren Kugeln auf den Grund der See geſchickt. Der Kutter ſank raſch, die Wogen wälzten ſich immer mächtiger gegen ſeine Brüſtung, rollten bald über ihn hin, er fing an, ſich zu drehen und ſchoß in die Tiefe hinab. Ein ſtürmiſches Hurrah war der Grabgeſang, der ihm und ſeiner Mannſchaft von den Piraten nach⸗ geſandt wurde. Doch auch auf dem Sturmvogel hatte der Tod ſeine Opfer gefordert; vier ſeiner Männer lagen, von den Kugeln der Feinde hingeſtreckt, auf dem Verdeck und unter ihnen befand ſich Fabiano, der Portugieſe. Die Leichen wurden in die See ver⸗ ſenkt, die Segel des Piraten bis auf nur wenige eingezogen und die Beſchädigungen, welche die Geſchütze des Kutters ihm zugefügt hatten, wurden ausgebeſſert. Das Schiff trieb nun unter dem ſpärlichen Leinen, welches ſich an ſeinen Maſten blähte, langſam vor der Mündung der Bay auf und nieder und wurde von den Mannſchaften der vielen kleinen aus⸗ und einlaufenden Fahrzeuge mißtrauiſch betrachtet. „Der Kutter verräth den Sturmvogel nicht“, ſagte Flournoy zu Ritcher, der, als die Nacht herein⸗ brach, bei ihm auf dem obern Verdeck ſtand,„es haben aber zwei Schvoners, die in die Bay geſteuert ſind, unſern Kampf mit angeſehen, und ſie werden den Untergang des Kriegsſchiffes verkünden. Sollte einer 241 nementsſchiffe auf Station liegen, ſo haben wir die⸗ ſelben auf dem Hals, ehe der Morgen graut.“ „Der Wind geht immer mehr nach Norden herum, und würde uns auf einer Flucht gerade den Bahama⸗ Inſeln zutreiben; dort hinein verfolgt uns kein Schiff, denn es müßte beim Eingang ſchon die Rippen brechen. Uebrigens iſt die Tritonia heute am Vormittag ge⸗ ſegelt und muß beim Anbruch des Tages hier ſein“, erwiederte der Oberſteuermann. Der Himmel war mit ſchwerem Gewölk bedeckt, der Mond blickte nur für Augenblicke klar hindurch und verſilberte dann die weißen Häupter der gewal⸗ tigen Wogen, die ſich brauſend gegen die Mündung der Bay rollten; auf dem Sturmvogel wurde aber ſcharfe Wacht gehalten, ſo daß kein Fahrzeug den Oeean gewinnen konnte, ohne dort bemerkt zu werden. Der Wind nahm mit jeder Stunde der Nacht an Heftigkeit zu, und wehte beim Grauen des Tages in fliegendem Sturm auf der Bay herab. Alle Fahr⸗ zeuge, die ſich dort befanden, hatten eiligſt bei dem zunehmenden Winde die nächſte der vielen Buchten zu erreichen geſucht, ſo daß bei Anbruch des Tages die unzähligen kleinen Segel, die dieſes Gewäſſer fort⸗ während zieren, verſchwunden waren.. Nur ein Schiff ſah man auf der ſtürmiſch beweg⸗ ten Fluth dahin jagen und dem Ocean zuſteuern. Es war die Tritonia. Sie trug immer nöch mehr Ralph Norwood. II. 16 242 Segel, als ein anderes Fahrzeug bei ſo heftigem Winde und ſo hoher See gewagt haben würde, und mancher Pflanzer ſchaute ihr von den Ufern verwundert und kopfſchüttelnd nach. Der alte Doſamantes ſtand mit einem lackirten Hut und einem Ueberwurf von Oelleinwand auf dem Verdeck über der Cajüte neben dem Matroſen, der das Schiff ſteuerte und hielt ſeine Aufmerkſamkeit auf jede Bewegung des Fahrzeuges gerichtet, während die Wogen hinter ihm herjagten und ihren Schaum über die ganze Länge des Verdecks ſprühten. Es war heller Tag, als Cap Henry und Cap Charles vor ihm ſichtbar wurden und er bald darauf in der Ferne ein Fahrzeug gewahrte, welches zwiſchen beiden Landſpitzen unter wenig Segeln gegen den Wind ankämpfte. Doſamantes rief dem Stuart zu, ihm das Fernglas zu reichen, denn er konnte nicht begreifen, daß jenes Schiff, welches augenſcheinlich nicht die Bay zu gewinnen ſuchte, nicht in die offene See hinausſteuere. Loredo reichte ihm das Glas und lange ſtand der Capitain mit demſelben vor dem Auge unbeweglich da und beobachtete das fremde Schiff. Dann winkte er Strabo, den Oberſteuermann, zu ſich herauf, reichte ihm ſchweigend das Inſtrument und deutete auf das Fahrzeug. Auch dieſer blickte eine geraume Zeit zu demſelben hinüber, und ſagte dann: — —— 243 „Das Schiff iſt weiß; wäre es ſchwarz, ſo würde ich mein Bedenken haben.“ „Sie denken an unſern Nachbar in Baltimore, Strabo. Auch mir fällt die Aehnlichkeit im Bau und Segelzeug mit jenem Schiffe auf. Dieſes iſt aber weiß und es kann demnach unmöglich der Sturmvogel ſein. Jetzt legt es um, ſonderbar, wohin mag es wollen?“ „Gerade dahin wieder zurück, wo es herkommt?“ ſagte Strabo bedenklich nach einer Weile, als das fremde Schiff ſich umgewandt hatte,„das iſt auffal⸗ lend; bei ſolchem Wetter hält man ſich doch nicht zum Spaß ſo nahe an der Küſte.“ Beide ſetzten ihre Betrachtungen verwundert fort und kamen dem Schiffe bald viel näher, konnten jetzt aber, außer dem Manne am Steuer, Niemanden auf dem Verdeck gewahren. Die Tritonia näherte ſich Cap Henry, um unweit dieſer Landſpitze in den Ocean hinaus zu fahren und auch das fremde Schiff ſteuerte auf dieſelbe los. „Wir wollen ihn vor uns vorüber laſſen“, ſagte Doſamantes zu Strabo und wandte ſich dann zu dem Manne am Ruder: „Halte mehr Oſt bei Nord, damit wir hinter jenem Fahrzeug durchkommen“, ſagte er zu ihm und hob dann abermals das Fernglas vor das Auge. 16 244 Plötzlich fuhr der alte Mann erſchrocken uſammen und rief: „Um Gottes Willen, es iſt der Sturmvogel, ich habe Capitain Flournoy erkannt!“ Er warf das Glas auf die Bank, ſtierte noch ein⸗ mal nach dem Schreckensſchiff hinüber und rief dann mit verzweifelter Stimme den Befehl auf das Verdeck hinunter, das Schiff Nord⸗Nord⸗Oſt vor Cap Charles vorüber zu ſteuern. Zugleich ließ er noch mehr Segel aufziehen, ſo daß ihre Gewalt die Maſten beugte und das Schiff mit raſender Schnelligkeit über die Wogen trieb. „Die Maſten können die Segel unmöglich tragen, Herr!“ ſagte Strabo, und zeigte auf deren Spitzen. „Beſſer, wir ſegeln in den Grund, als daß wir den Männern auf jenem Schiffe in die Hände fallen. Sehen Sie, jetzt wenden ſie es gleichfalls und ſetzen mehr Segel auf“, erwiederte Doſamantes und blickte entſetzt nach dem Sturmvogel hin, der nun denſelben Cours wie er eingeſchlagen hatte und ſeine s⸗ keit zuſehends vermehrte. Brauſend ſtürmten die beiden Fahrzeuge die unge⸗ heuern Wogen hinan, theilten deren Häupter, die ſich donnernd gegen ihre Seiten warfen und ſtürzten von deren Schaum umwölkt in die jähen Schlünde hinab, als wollten ſie ſich unter der nächſten Woge begraben, die Tritonia aber hatte bedeutenden Vorſprung ge⸗ wonnen und, trotz aller Anſtrengung auf dem Piraten, konnte dieſer ihr nicht näher kommen.* Bald wurde es unter ſämmtlicher Mannſchaft auf der Tritonia bekannt, daß es der Sturmvogel ſei, der ſie verfolge, und der alte Loredo trat an die Thür des Gemaches ſeiner jungen Herrin, klopfte an die⸗ ſelbe und rief:* „Ach, Fräulein Elviſe, wir werden von Capitain Flournoy verfolgt!“ Wenige Minuten darauf ſtürzte das entſetzte Mäd⸗ chen aus ihrem Zimmer hervor und eilte zu ihrem Vater auf das Verdeck, über welchem ſie ſich kaum erhob, als der Sturm ihr Haar löſte, ihre Locken wild um ihren Kopf flattern ließ und ihr Tuch von ihren Schultern riß. „ Um aller Heiligen Willen, iſt es wahr, Vater, iſt das der Sturmvogel?“ rief ſie, indem ſie nach dem ihnen folgenden Schiffe hinſtierte und ihr Tuch wieder um ſich zog. „Er iſt's, wie ich es befürchtete, ich habe den Capitain durch das Glas erkannt“, antwortete Do⸗ ſamantes und hielt ſeine ängſtlichen Blicke auf den Piraten geheftet. „So mag uns Gott gnädig ſein!“ ſagte Elviſe mit bebender Stimme und blickte, ihre Hände faltend, zu dem ſchweren Gewölk auf, womit der Himmel bedeckt war. „Geh hinunter, Eloiſe, es iſt gefährlich hier auf ₰ dem Verdeck, der Wind könnte eine Segelſtange her⸗ abſchlagen“, ſagte ihr Vater und blickte über ſich in die Segel, die jeden Augenblick ſchienen, vor dem Winde berſten zu müſſen. „Nein, nein, Vater, wo Du bleibſt, bleibe auch ich. Laß uns fliehen, wenn Flucht noch möglich iſt!“ antwortete das Mädchen und ſank an der hohen Seite des ſchräg liegenden Schiffes unter dem Schutz der Brüſtung auf ihr Knie, um ſich vor dem Winde zu verbergen. In demſelben Augenblick ſtieg auf dem Piraten eine dicke, weiße Rauchwolke auf und die Kugel aus dem long Tom ſauſte pfeifend über der Tritonia hin. „Wir ſind verloren!“ rief Doſamantes, entſetzt zur Seite fahrend,„er kann uns noch mit ſeinen Kugeln erreichen, und trifft er unſer Segelzeug, ſo holt er uns bald ein.“ Aller Augen waren angſtvoll auf den Piraten ge⸗ richtet, und mit angehaltenem Athem wartete man auf den aufſteigenden Rauch, der eine andere Kugel ver⸗ künden würde, als plötzlich das große Segel an dem Hauptmaſt des Sturmvogels herabſtürzte und weit über das Schiff hinaus an den Tauen hin und her flog. „Gott, der Allmächtige, kommt uns zu Hülfe!“ rief Doſamantes und wandte ſeine Blicke von dem Piraten nach ſeinen eigenen Segeln hinauf. Auf dem Sturmvogel war Alles in größter Be⸗ wegung, die Matroſen kletterten in die Maſten d ſchwankten in deren Spitzen weit über der rollenden See, während der Sturm ſich in ihrer Kleidung fing und ſie jeden Augenblick mit ſich fortzureißen drohte. Sie ſuchten das ſchwere Segel wieder zu ſich heran⸗ 5 zuziehen und es aus den Tauen der andern zu löſen, „ die es durch die Gewalt des Sturmes aus ihrer Stellung zog. Mit einem eſen Zuch ſtampfte Flournoy . das Verdeck und die ganze Mannſchaft ſah ſcheuen Blickes zu dem wüthenden Manne hin, als er rief: „Ich ſchieße Euch Hunde wie Schwalben aus den 6 Maſten, wenn Ihr das Segel nicht einholt!“ Mit aller Kraft riſſen die Matroſen an den Tauen und klammerten ſich mit einer Hand feſt, um nicht von dem Sturm fortgeſchleudert zu werden, als Ritcher ſelbſt mit noch ſechs Leuten ihnen zu Hülfe kam und 1* ſie endlich Meiſter des Segels wurden. Sie zogen es 6 auf das Verdeck herab, banden es an der Segelſtange zuſammen und die ganze Mannſchaft arbeitete, um es nun wieder an ſeinen Platz den Maſt hinauf zu bringen und es dort zu befeſtigen, während Flournoy das Ruder erfaßt hatte und das Schiff ſteuerte. „Wenn Ihr nicht bald damit fertig werdet, ſo entgeht uns der Spanier und die reiche Beute!“ ſchrie er den Matroſen zu. 248 „Schon hat der Schurke uns umgangen und ſegelt vor dem Winde nach Süden. Der Teufel muß ihm die Maſten halten, ſonſt wären ſie längſt ſchon ge⸗ brochen. Auf mit dem Segel, ſage ich!“ Dabei ſtampfte er mit dem Fuße das Verdeck und hielt ſeine blitzenden Augen auf die Tritonia gerichtet, die jetzt, vor dem Winde ſteuernd, noch mehr Segel aufzog. Bald aber war der Schaden auf dem Sturmvogel nothdürftig wieder hergeſtellt, das Segel, wenn auch nicht in ſeiner vollen Größe, wieder entfaltet, andere noch zur Beihülfe aufgezogen und nun ging es in voller Jagd mit dem Sturme nach Süden hinter der fliehenden Tritonia her, die einen bedeutenden Vor⸗ ſprung gewonnen hatte. Stunde auf Stunde verſtrich, die Entfernung zwiſchen den beiden Schiffen verminderte ſich nur unbedeutend, der Tag neigte ſich und noch war der Pirat der Tritonia nicht viel näher gekommen. Flournoh hoffte, daß der Mond durch das Gewölk hervorbrechen und die Segel der Tritonia beleuchten würde, damit er ſie während der Nacht nicht aus dem Geſicht verlöre, und Doſamantes flehte zum Himmel, daß er ſchwarze Nacht über die See ausbreiten möge, damit er ſeinen Cours ändern und unter ihrem Schutz dem Schreckensſchif entrinnen könne. Das Düſter des Abends färbte ſchon die Wogen ——— ſchwarz, die Furche in denſelben hinter der Tritonia leuchtete ſchon im Phosphorlichte und Doſamantes konnte nur mit Hülfe des Fernglaſes noch das weiße Segelzeug des ihm folgenden Sturmvogels erkennen, als er zu Strabo ſagte:. „Gott hat uns früh Morgens vor dem Untergang 1 beſchützt, er wird uns auch in dieſer Nacht gnädig ſein 1* und uns vor den Blicken des Piraten verbergen. Sobald wir ihn nicht mehr erkennen können, nehmen wir einen öſtlichen Cvurs und ſteuern dann außerhalb der weſtindiſchen Inſeln nach Süden. Er wird uns, wenn der Tag kommt, vor ſich ſuchen, und dann ſind wir gerettet.“ „Mag es der Allmächtige ſo fügen. Die Wolken ſind aber leichter geworden und heben ſich höher, ich fürchte, der Mond bricht durch,“ erwiederte der Ober⸗ . ſteuermann, und Beide, ſowie auch Elviſe, die neben ihrem Vater auf dem Verdeck ſtand, ſchauten bang „ und erwartungsvoll nach dem Gewölk, das eilig über ihnen hinzog. Plötzlich aber theilten ſich die Wolken, der Mond blickte hell und klar zwiſchen ihnen hervor und warf ſein weißes friedliches Licht über die ſturmbewegte See. Krampfhaft faltete Elviſe ihre Hände und blickte 1 flehend zu ihm hinauf, als bäte ſie ihn, ſich hinter 7 den Wolken zu verbergen; dieſe aber entfernten ſich weiter und weiter von ihm, es funkelten die Sterne 5 250 bald am dunkeln Himmelszelt und der Wind ſchien an Gewalt zu verlieren. Die Blicke Aller auf der Tritonia hingen angſtvoll an der hohen Segelpyramide des Sturmvogels, die ihnen ihre volle Lichtſeite ent⸗ gegenhielt und unverändert und unbewegt, wie ein böſer Geiſt, ihnen über die Wogen nachſchwebte. Nie⸗ mand auf der Tritonia dachte an Schlaf; Rettung vor den Barbaren, war der Gedanke, der ihre Be⸗ wohner wach erhielt, und mit Abnahme des Windes wurden noch die Seitenſegel aufgezogen, ſowie die höchſten Spitzen der Maſten mit Leinen umwölkt und Alles gethan, um die Schnelligkeit des Schiffes zu vermehren. Auch die hohe weiße Säule des Piraten wurde breiter und zeigte den Fliehenden, daß dort eben ſo wie hier jede mögliche Hülfe angewandt wurde, um das Schiff zur größten Eile anzutreiben; die Entfer⸗ nung zwiſchen beiden Fahrzeugen wechſelte aber nur wenig. Oft ſchoß die Tritonia an Schiffen vorüber, die mühſam gegen Wind und Wogen ankämpften; wie gern hätten die Verfolgten deren Mannſchaft um Schutz angerufen, Niemand aber konnte ihnen zu Hülfe kommen, ihre einzige Rettung blieb die Schnelligkeit ihres guten Schiffes. Die Nacht verblich, der Tag zog heiter und klar am Himmel auf, die Sonne ſtieg, wie ein glühender Ball, aus dem Meere empor und vergoldete vor den Blicken der Fliehenden die weiße Geſtalt ihres furcht⸗ baren Verfolgers. Noch aber blies der Wind von Nordweſt, ſo daß Doſamantes alle ſeine Segel ge⸗ brauchen konnte, und ſeitdem ihm derſelbe im Rücken ſtand, war ihm der Pirat kaum näher gekommen. Unbezweifelt dagegen war der Sturmvogel der Tritonia an Schnelligkeit ſehr überlegen, wenn der Wind ihnen entgegen wehte, und daß dies nicht der Fall werden möchte, beteten Aller Herzen auf dem fliehenden Schiffe. Die Küſte von Nord⸗Carolina hatten ſie ſchon hinter ſich zurückgelaſſen, die hochbewaldeten Ufer von Süd⸗Carolina traten mit ihren Landſpitzen bald weit in das Meer heraus, bald drängte ſie daſſelbe in den Buchten in weite, blaue Ferne zurück; immer ſtürmten die beiden Schiffe vorwärts, ohne einander viel näher zu rücken. Schon glühte die ſinkende Sonne über dem Pur⸗ purſtreifen, der die Küſte von Süd⸗Carvlina bezeichnete, und Doſamantes ſchaute ſehnſüchtig nach der Gegend hin, in welcher der Hafen von Charleſtown liegen mußte, er konnte es aber nicht wagen, ſich ihm zu⸗ zuwenden, denn ohne Lootſen und in vollem Laufe durfte er ſich der Küſte nicht nahen, und nur wenige verſäumte Minuten waren ja hinreichend, ihn in die Hände ſeines Feinves zu liefern. Abermals wich das Tageslicht dem Silberſcheine 252 des Mondes, abermals hob ſich die Sonne in ihrer ganzen Pracht aus der dunkeln Fluth, und immer noch blähte derſelbe Wind die Flügel der Tritonia, aber auch immer noch zog das Unheil drohende Schiff, hoch mit Segeln bedeckt, ihr, wie ein Geſpenſt, nach und gab ihr keinen Augenblick Zeit, irgendwo an der Küſte einen Rettungsplatz vor ihm zu ſuchen. Die Noth macht erfinderiſch; Alles war ſchon von Doſamantes und ſeinem Oberſteuermann überlegt und verſucht, um dem Schiffe mehr Schnelligkeit zu geben, da ſchlug Strabo vor, einen Theil des Gewichtes, welches deſſen Vordertheil belaſtete, von demſelben abzunehmen, damit es leichter die Wogen hinan⸗ ſteigen könne. Sofort war die ganze Mannſchaft an der Arbeit, eine große Zahl ſchwerer Fäſſer mit Branntwein, die auf der vordern Hälfte des Verdecks aufgeſtapelt waren, wurden auf das hintere Theil des Fahrzeuges gebracht, die Waſſerfäſſer gleichfalls dahin befördert und ſelbſt aus dem untern Raume des Schiffes ein Theil der Ladung von vorn nach hinten geſchafft. Wer beſchreibt die Freude, den Jubel, als es ſich nach Verlauf einiger Stunden deutlich und augen⸗ ſcheinlich herausſtellte, daß der Sturmvogel um ein Bedeutendes weiter zurückgelaſſen war. Hoffnung gab jetzt der Mannſchaft neues Leben, alle Segel wurden ſtraffer angezogen und von Minute zu Minute in dem 253 Waſſer die ie Schnelligteit des Schiffes gemeſſen, um ſich zu überzeugen, daß ſie zugenommen hatte. Nachmittags wurde der Wind wieder bedeutend heftiger, ſo daß ſich Doſamantes durch die Nothwen⸗ digkeit getrieben ſah, Segel einzunehmen, denn die Maſten knarrten und ächzten unter ihnen. Die Küſte von Florida ward bald zur Rechten ſichtbar und zur Linken hoben ſich die Tauſende von ſchwarzen Felſen, die ſich von den Bahamainſeln bis nach Cuba hin⸗ unter ziehen, aus dem Meere hervor, deſſen Wogen ſich ſchäumend und an ihnen S über ihren Spitzen brachen. Die warme Luft bekundete, wie weit das Schiff nach Süden vorgedrungen war, und ihre Schwüle, . ſowie das in Südoſt aufſteigende ſchwere Gewölk ver⸗ —————— kündete Gewitter. Mit banger Ahnung blickte die Mannſchaft der Tritonia nach jenen Wolken und dann wieder zurück nach den Segeln des fernen Sturmvogels. Der Abend nahte, das ſchwarze Gewölk verdrängte das letzte Blau des Himmels von dem weſtlichen Ho⸗ rizont und verdeckte die ſich ſchon neigende Sonne. 4 Ein unheimliches Düſter hatte ſich über die See ge⸗ legt, die dunkeln Wogen hoben ſich höher und über⸗ ſchlugen ſich mit ihren weißen Köpfen, die Wolken ſchienen ihre Wucht nicht länger tragen zu können und ſich auf die wogende Fluth herabzuſenken. 254 Plötzlich ließ der Wind nach, die Segel flatterten hin und her und eine gräßliche Stille trat für Mi⸗ nuten ein. Die Tritonia ſteuerte nicht mehr, ſie ſchwankte nur auf den Wellen herüber und hinüber. Doſamantes hielt das Fernglas auf den Sturmvogel gerichtet und erkannte dentlich, daß auch er in ſeinem Laufe ge⸗ hemmt war.„ Die Ungewißheit aber über Das, was folgen ſolle, währte nicht lange, ein glühender Blitz und ein be⸗ täubender Donnerſchlag, der um den ganzen Himmels⸗ rand rollte, verkündete das ſchwere Gewitter, das jetzt, von einem heftigen Wind getragen, von Süd⸗Oſt her losbrach. Kaum hatten die Matroſen die Tritvnia ihrer meiſten Segel beraubt und nur wenige ſtehen laſſen, um ſie ſteuern zu können, als der Sturm ihr heulend entgegenbrauſte und pfeifend durch ihr Tauwerk ſtrich. Die Strömung des Golfs, gegen welche das Schiff ankämpfte, ſchien ſich zu verdoppeln und die Wogen ſich von Minute zu Minute zu vergrößern. Der Wind war immer noch ſeitwärts genug, um die Tritonia ihren Cours verfolgen zu laſſen, doch trotz aller An⸗ ſtrengung kam ſie mit ihrer ſchweren Ladung unter den wenigen Segeln nur langſam vorwärts. Zum Schrecken und Entſetzen der Mannſchaft aber nahte ſich jetzt das Raubſchiff zuſehends, obgleich auch — —,———— daſſelbe nur wenig Leinen trug. Die Nacht brach herein und mehrte die Verwirrung, die Angſt, die auf der Tritonia herrſchte. Bald konnte man durch die Finſterniß die weißen Segel des immer näher kom⸗ menden Piraten nicht mehr erkennen, außer wenn für Augenblicke ein Strom von Blitzen ſie geiſterhaft be⸗ leuchtete und bei jedem ſolchen momentanen Lichte ſie in größerer Nähe zeigte. Abermals hatte das Feuer des Himmels die See blendend erhellt und wieder war ſie und die Schiffe von der Finſterniß verſchlungen, als es auf dem Sturmvogel blitzte und mit dem Donner der Kanone ihre Kugel über die Tritonia hinſauſte. Wieder fuhren zackige Feuerſtrahlen durch die ſchwarzen Wolken hin und her, abermals ſtand der furchtbare Feind, von ihnen beleuchtet, der Tritonia näher, und wieder ſchleuderte er ſeine Kugel über das Schiff, als Doſa⸗ mantes zu ſeiner Rechten ein Licht durch die Finſterniß blicken ſah und in ihm das Feuer eines Leuchthauſes an der Küſte von Florida erkannte. —— In wenigen Minuten mußte ihn der Pirat er⸗ reichen, ſein Untergang war dann gewiß; vielleicht, 6 vielleicht konnte ihm die Küſte noch Rettung bringen, wo nicht, ſo wollte er lieber zwiſchen ihren Felſen zerſchellen, als den Räubern in die Hände fallen. 3 Raſch ließ er das Schiff wenden, ließ Segel auf⸗ 256 ziehen und ſchoß nun vor dem Sturm hin über die tobenden Wogen dem Leuchthaus zu. „Der Kerl iſt wahnſinnig!“ rief Flournoy, als er bei dem Lichte der Blitze die plötzliche raſche Flucht der Tritonia gewahrte,„er rennt in die Felſen hinein, aus denen kein Teufel ihn wieder zurückführt. Feuer, Ritcher, Du haſt doch ſonſt gut treffen können!“ Abermals krachte das Geſchütz, doch ſeine Kugel hielt das fliehende Schiff nicht auf. Auch Flournoy hatte den Sturmvogel wenden laſſen, mehr Segel aufgezogen, und folgte der Tritonia in kurzer Entfernung; plötzlich aber blickte er auf den Kompaß, von ihm nach dem Leuchthauſe hinüber, er erkannte nach der Richtung, in welcher das Licht ſtand, den Platz, wo er ſich befand, und rief durch das Sprachrohr der Mannſchaft zu: „Kehrt!“ „Nun ſind ſie verloren, verdammt, auch für uns, Ritcher, Du haſt ſchlecht Wort gehalten!“ ſchrie er dann dem Oberſteuermann zu, während das Schiff ſich drehte und nach Norden davoneilte. Capitel A. Vor Anker.— Die Maſten gekappt.— Erwartung.— Das Scheitern.— Der Leuchtthurm.— Das Erwachen.— Der Menſchenfreund.— Der Eilbote.— Die Wilden.— Der Angriff.— Feuer.— Rettung.— Der Ritt mit den Indianern. „Jaßt den Anker fallen!“ rief Doſamantes durch den Sturm nach dem vordern Verdeck hin, und wenige Augenblicke darauf rollte die ſchwere Kette mit dem gezahnten Eiſen dröhnend über Bord. Das Schiff, in ſeinem Lauf ſo plötzlich zurückgehalten, ſchwang ſich mit dem Sturme herum und bäumte ſich hoch, wie ein Roß vor dem Zügel, an der eiſernen Feſſel. Durch den Widerſtand zu doppelter Wuth angeregt, thürmten ſich die Wogen unter dem Vordertheile des Schiffes auf, hoben es wie auf Bergesſpitze empor und ſchlenderten es in die jähe, ſchwarze Tiefe hinab. Dann ſtürzten ſie fliehend ihren Schaum rückwärts über das Fahrzeug und begruben es donnernd unter dem Giſcht, aus dem die nächſte Woge daſſelbe wieder hervortrug. Dabei krachte es in allen ſeinen Fugen, als wolle es zerberſten, und die Fäſſer ſtürzten rollend von einem Ende des Verdecks zum andern, ſo daß die Ralph Norwood. H. 17 258 Mannſchaft vor ihnen flüchten mußte. Doſamantes aber war vertraut mit den Schrecken der See und zeigte ihnen die Stirn entſchloſſener, als dem Piraten, den jetzt ſein Blick nicht mehr erſpähen konnte. Er trug Laternen hinaus und befeſtigte ſie auf dem Ver⸗ deck, er ſelbſt legte Hand an eins der rollenden Fäſſer und warf es mit Hülfe Strabo's und Kelly's über Bord. Nun folgten die Matroſen ſeinem Beiſpiel, und bald war das Verdeck geräumt. Noch ein zweiter Anker wurde dann in die See verſenkt, um durch ſeine Kette das Schiff noch mehr zu feſſeln, und dann ließ der Capitain die Luken öffnen und begann die Ladung über Bord zu werfen. Der Sturm aber nahm mit jeder Minute an Gewalt zu und mächtiger und wüthender ſtürzten ſich die Wogen gegen das Fahrzeug. Elviſe ſtand bebend in dem Eingang der Cajüte, hielt ihre Augen auf ihren Vater geheftet und ſandte flehend ihre inbrünſtigen Gebete zum Himmel. Dabei leuchtete das Feuer von dem Leuchthaus immer heller durch die Finſterniß herüber und deutete den Be⸗ drängten auf der Tritonia an, daß man dort ihre Gefahr bemerkt habe. Mit einem Krach, als berſte das Schiff ausein⸗ ander, brach plötzlich die ſtärkſte Ankerkette und das Fahrzeug erbebte unter dem Riß an der andern. „Kappt die Maſten!“ ſchrie Doſamantes der Mann⸗ ſchaft zu, ſprang ſelbſt, mit einer Axt in der Hand, 259 zu dem Hauptmaſt hin und führte die erſten Schläge gegen ihn. Die Taue wurden durchhauen, Schlag auf Schlag dröhnte es gegen das ſturmgeprüfte gute Holz, in wenigen Minuten ſtürzte es donnernd über die Brüſtung und wurde von den Wellen verſchlungen. Auch der zweite, kleinere Maſt mußte geopfert werden, um dem Schiffe die Gewalt der Schwingung zu neh⸗ men, und nun trieb es, eine unbehülfliche Holzmaſſe und ein Spiel der tobenden See, an der einen Kette auf und nieder. Noch ein dritter Anker wurde jetzt an einem ſchweren Tau von dem hintern Theile des Fahrzeuges in die Fluth verſenkt, um deſſen heftige Schwingung zu bemeiſtern; kaum aber hatte er den felſigen Grund erreicht, als die zweite eiſerne Kette mit einem lauten Knall zerriß, das Schiff mit dem Sturm herumflog und jetzt nur noch von dem Tau gehalten wurde. Dies war das Todesurtheil für die Tritonia; denn nun mußte man von Augenblick zu Augenblick dem Zerreißen des Ankertaues und dem Hinſtürmen des Schiffes gegen die felſige Küſte entgegenſehen. Jammernd ſchlang Doſamantes ſeine Arme um ſeine Tochter und ſagte ihr, daß ein und dieſelbe Woge ſie Beide begraben ſolle. Er führte Elviſe in die Cajüte, kniete dort mit ihr nieder und betete mit ihr ein heißes, inbrünſtiges Gebet, worauf er ſie abermals umſchlang und nun feſt und gefaßt Abſchied 17* 260 von ihr nahm. Dann öffnete er einen Schrank, reichte ſeinem Kind ein verſiegeltes, in Wachsleinen ein⸗ gehülltes Packet mit Werthpapieren, bat ſie, all ihren Schmuck und den ihrer ſeligen Mutter zu ſich zu nehmen und führte ſie in die finſtere Nacht hinaus auf das Verdeck, wo die Mannſchaft vor der Cajüte ſich verſammelt hatte. Nur, wenn man ſich an Etwas feſthielt, war es möglich, zu gehen, und ſelbſt dann wurde man bei jedem Zuck, den das entmaſtete Schiff an dem Ankertau that, zu Boden geworfen. Die Matroſen ſchleppten jetzt einen Nothmaſt her⸗ bei, um Elviſe an demſelben feſtzubinden, was ihr Vater ſelbſt ausführte. Der Maſt wurde mit der einen Spitze über die Brüſtung geſchoben, Elviſe ſtellte ſich daneben an dieſelbe, und Doſamantes befeſtigte ſie mit Stricken an das ſchwere Stück Holz. Dann preßte er die geliebte einzige Tochter an ſeine Bruſt und ver⸗ einigte ſeine Thränen mit den ihrigen. Strabv und Kelly, der Unterſteuermann, ſtellten ſich dicht bei den Vater und ſein Kind, Loredo kniete neben ihnen nieder und die ganze Mannſchaft drängte ſich nahe zu ihnen heran. Alle ſtierten in die ſchwarze Sturmesnacht hinaus, ſahen die ungeheuern Wogen, wie ſie zu dem Schiffe heranrollten, ſich krachend gegen ſeine Seite ſtürzten und es hoch empor warfen, und mit jeder neuen Welle erwartete man das Zerreißen des Ankertaues. — — Dabei rollte und dröhnte der Donner faſt ununter⸗ brochen und die Finſterniß verſchlang raſch wieder die Schreckensbilder, die der Blitz für einen Augenblick erkennen ließ. Der Sturm ſauſte und heulte über das Verdeck hin, ſo daß es ſchwer ward, einander zu verſtehen, und trieb den Schaum der Wogen fliegend vor ſich her. Da riß das Tau.— VNoch einmal bäumte ſich, nun als Wrack, das noch vor einigen Stunden ſo ſchöne, kräftige Schiff, mit einem Schrei klammerten ſich die unglücklichen Scheiternden an ein⸗ ander feſt und fort ſtürmte das Fahrzeug, der Felſen⸗ küſte entgegen. Von Schaum umſprüht jagte es mit den Wogen dahin, bis es plötzlich durch einen furcht⸗ baren Stoß in ſeinem Lauf angehalten wurde und auf einem Felſen ſitzen blieb. Die nächſte Welle aber hob es wieder empor, warf es abermals auf die Klippen, ſo daß es aus ſeinen Fugen barſt, ſein Verdeck ſich ſpaltete, ſeine Wände zerbrachen und die tobenden ſchwarzen Fluthen es ſtückweiſe verſchlangen. Die Männer ſämmtlich hatten ſich um Eloiſen ge⸗ reiht, um ſie wenigſtens der See lebendig zu ent⸗ reißen. Aber was vermochte die Kraft des Menſchen gegen die Wuth der Elemente? Kaum trieb der Maſt in der Fluth, als die Mannſchaft von dem Holz hin⸗ weggeriſſen und nach allen Richtungen auseinander⸗ geworfen wurde. Auch den alten Doſamantes hatte die See verſchlungen, nur Strabo und Kelly klam⸗ 262 —— merten ſich neben Elviſen an dem rollenden Maſte feſt und hielten den Kopf des Mädchens über dem Waſſer. Mit Sturmeseile trieben ſie dem Leuchthaus ent⸗ gegen, das auf hohem, einſamem Felſen vor ihren Blicken aus der See auftauchte. Sie ſahen, daß die Wächter des Leuchtthurms mit Fackeln, Stangen und Tauen an den Fuß der Felſen rannten, an denen ſich die Wogen brachen, und erkannten, daß ſie von ihnen bemerkt wurden. Noch eine Woge rollte zwiſchen den Geſcheiterten und der Felſeninſel, die nächſte warf ſie hinauf auf das Geſtein, die Wächter hielten mit Stricken und behakten Stangen den Maſt mit der regungsloſen Elviſe zurück, die See rollte wieder in die ſchwarze Tiefe hinab und mit ſich fort zog ſie die beiden Steuerleute, um ſie nicht wieder auftauchen zu laſſen. Die Wächter des Leuchtthurms hatten den Maſt mit Elviſen aus dem Bereiche der Brandung auf die Felſen gezogen, durchſchnitten bei dem hellen Fackel⸗ lichte die Taue, die ſie an dem Holz feſthielten, und trugen ſie auf dem in das Geſtein gehauenen Pfade nach der Höhe hinauf, auf welcher der Leuchtthurm ſtand. „Eine Leiche haben wir gerettet und die zwei lebenden Männer, die neben ihr an dem Maſte hingen, hat uns die See wieder entriſſen“, ſagte einer der 1 Wächter, indem er die Fackel über das unbeweglich daliegende, bleiche Mädchen hielt. — 263 „Ich glaubte, die Beiden ſeien gleichfalls an dem Maſt feſtgebunden, ſonſt hätte ich wenigſtens Einen von ihnen mit meinem Haken gefaßt. Es war zu ſpät, als ſie die Arme aus der Welle nach uns her⸗ vorhoben, die ſie von dem Maſte wegriß“, ſagte ein Anderer. „Vielleicht iſt das Mädchen noch in's Leben zu⸗ rückzubringen. Laßt uns ſie in den Thurm zu dem Kaminfeuer tragen“, fiel ein Dritter ein, worauf die Männer Eloiſen durch die enge Thür in das ſteinerne Gebäude trugen und ſie in dem gemeinſchaftlichen Zimmer vor dem Kamin auf wollene Decken nieder⸗ legten. „Sie iſt jung und ſchön und muß reicher Leute Kind ſein. Seht nur das Halsband hier, ich glaube, das find Diamanten⸗, ſagte einer der Männer. „Das iſt einerlei, ob ſie alt oder jung, reich oder arm iſt, wenn ſie nur wieder in's Leben zurückkehrt. Es iſt wenig genug, nur Ein Menſchenleben von den vielen, die ſicher verloren gegangen ſind, gerettet zu haben. Die See ging aber zu hoch, ich habe ſie nie⸗ mals ſo toben ſehen. Wer konnte da helfen!“ ſagte ein alter, wettergebräunter Mann, der, wie es ſchien, hier den erſten Rang einnahm. Er ſelbſt hatte Eloiſen die Bekleidung von den Füßen genommen und dieſelben dem Feuer zugewandt, wuſch ihr die Schläfe und den Nacken mit Brannt⸗ 264 ——— wein und rieb und ſchüttelte ſie eine lange Zeit ver⸗ gebens; doch endlich entquoll ihren bleichen Lippen ein Strom Waſſer, ihre Bruſt fing krampfhaft ſich zu heben an und ſie ſchlug die Augen auf. Wie aus einem Traum erwachend ſah ſie erinnerungslos und verworren um ſich, blickte die ſonnverbrannten Männer an und ſchloß die Augen wieder. „Sie kommt zu ſich, legt noch ein Stück Holz auf das Feuer und hängt den Keſſel mit Waſſer darüber, damit man ihr eine Taſſe Thee bereiten kann“, ſagte der alte Mann und benetzte Elviſen's Schläfe aber⸗ mals mit Branntwein. Bald öffneten ſich ihre Augen wieder, ſie faltete ihre Hände auf ihrer Bruſt und ein Thränenſtrom bekundete, daß ihre Gedanken ſich ordneten und das ungeheuere Geſchehene erfaßten. „Mein Vater— mein Vater!“ waren die erſten Worte, die ſie in ihrer Verzweiflung ausſtieß, dann weinte und jammerte ſie laut, rang die Hände und bedeckte mit denſelben ihr Geſicht. Capitain Burnham, der alte Mann, unter deſſen Befehl dies Leuchthaus ſtand, redete tröſtend zu Elviſen, pries die Gnade Gottes, der ſie auf eine ſo wunderbare Weiſe gerettet habe, ſagte ihr, daß ſie hier vor aller Gefahr geſichert ſei und daß ſie mit dem erſten Gouvernementſchiff, welches Proviſivnen 265 hierher bringen würde, nach dem Orte abreiſen könne, wohin ſie zu gehen wünſche. Das Unglück aber, welches ſie betroffen, war zu gräßlich, als daß Troſtworte ihren Schmerz hätten lindern können, in ſtummer Verzweiflung verbrachte ſie die Nacht, und erſt, als das Licht des neuen Tages durch die kleinen Fenſter in den Thurm fiel, ſenkte ſich ein leichter Schlummer mitleidig über die unglück⸗ liche Verwaiſte und ließ ſie auf kurze Zeit das Schreck⸗ liche ihrer Lage vergeſſen. Burnham entfernte die Mannſchaft, die aus zehn Männern beſtand, aus dem Zimmer, wo Elviſe noch vor dem Kaminfeuer ruhte, damit dieſe nicht durch Geräuſch geweckt werde, und gebrauchte ſelbſt alle Vorſicht, kein ſolches zu erzeugen. Er unterhielt das Feuer, hatte Thee, Kaffee und ein Frühſtück für die Geſcheiterte bereitet und beobachtete jede ihrer Be⸗ wegungen, um ihr beim Erwachen Nahrung zu reichen. Endlich regte ſie ſich wieder und ihr erſter Blick begegnete dem des Vertrauen einflößenden alten Man⸗ nes, der neben ihr ſaß und theilnehmend auf ſie nie⸗ derſah. Die Thränen, die ihren Augen entquollen, zeigten, daß mit dem Augenblick ihres Erwachens auch ihr Elend in ſeinem ganzen Umfange wieder vor ihre Seele getreten war, ſie ſetzte ſich auf und verbarg ihr Geſicht in ihren Händen. „Faſſen Sie Muth, Fräulein!“ ſagte der Alte mit 266 liebevollem Ton, indem er ſeine Hand auf Elviſen's Schulter legte,„wir dürfen nicht murren, wenn Gptt uns ſchwer prüft und herbe Schickſale über uns ſendet, wir ſollen Alles, was er uns beſchert, dankbar hin⸗ nehmen, auch das Unglück; denn er weiß es am beſten, was gut für uns iſt. Wie viel ſchlimmer wäre es für Sie geweſen, wenn Sie, ſtatt an dieſe Felſen, irgend anderswo an die Küſte geworfen und in die Hände der Wilden gefallen wären, die dieſes Land noch bewohnen! Hier ſind Sie wenigſtens ſicher, und ich werde Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um Ihnen den Aufenthalt bei uns erträglich zu machen. Hatten Sie denn Verwandte auf dem Schiffe?“ „Mein Vater war deſſen Capitain“, ſchluchzte Elviſe und brach wieder in lautes Jammern aus. Burnham aber wußte, daß das Herz ſich erleich⸗ tert, wenn es ſeinem Schmerz Worte giebt, darum fragte er weiter, und Elviſe mußte ihm den ganzen Verlauf ihres Unglücks mittheilen. Der Alte war außer ſich, als er von dem Piraten hörte und ſprach ſeine Zuverſicht aus, daß derſelbe bald in die Hände der amerikaniſchen Kreuzer fallen müßte, denen er mit der erſten Gelegenheit Kunde über das Geſchehene zuſenden wolle. Dann ſagte er tröſtend: »Meine Leute ſind ſchon während des ganzen Morgens beſchäftigt, von den Gütern, womit Ihres 267 Vaters Schiff beladen war, aufzufangen. Die See treibt viele derſelben an das Land und was davon gerettet wird, ſoll treulich für Sie aufbewahrt werden.“ Bei dieſen Worten war Eloiſe aufgeſprungen und wankte nach der Thür, indem ſie bittend ſagte: „O laſſen Sie mich hinausgehen, vielleicht trägt die See auch meinen Vater an das Ufer“, und Burnham nahm ſie bei dem Arm und führte ſie aus dem Thurm. Der Sturm empfing ſie auf der kleinen Fläche, die das Leuchthaus umgab, und jagte die wilden Wogen brauſend gegen den Fuß der nackten ſchwarzen Felſen, an denen ſie ſich donnernd brachen und ziſchend ihren Schaum an ihnen hinaufwarfen. Rund um die Felſeninſel wogte das Meer, nach Oſten hin, eine ſturmbewegte Waſſerfläche bis an den fernen Ho⸗ rizont, wo derſelbe vor dem Blick mit dem grauen Gewölk des Himmels verſchwamm, nach Weſten bis an die nicht ferne Küſte Florida's von unzähligen Klippenmaſſen unterbrochen, die ſchwarz und drohend aus ihm hervorblickten und die Wellen Jahr aus Jahr ein an ſich brechen ließen. Am Fuße der Inſel waren außer dem Bereiche der Brandung viele Boote befeſtigt, eine Menge Anker, Ketten und Taue lagen auf den Klippen umher in Bereitſchaft, um ſie Schiffen in der Noth zu bringen, wenn es die Aufregung der See noch geſtattete, und Rettungswerkzeuge aller Art ———————— 268 erblickte man in der Nähe des Thurmes. Die Mann⸗ ſchaft war beſchäftigt, Kiſten, Fäſſer und Ballen, welche die Brandung auf das Geſtein ſchleuderte, auf⸗ zufangen und in Sicherheit zu bringen, und hatte auch ſchon einen großen Vorrath von Holz aus den Trümmern der Tritonia auf die Inſel geſchafft. Auf den nicht fernen, aus der See hervorſtrebenden Felſen ſah man hier ein Faß, dort einen Ballen, da ein Stück von einem Maſt hängen, und hin und wieder trugen die Wogen Güter aus dem geſcheiterten Schiffe im Fluge vorüber. Elviſe ſtand weinend im Sturme, hielt ihr langes ſchwarzes Lockenhaar vor ihrer Bruſt zuſammen und ſchaute über die wildbewegte Fluth; den geliebten Vater aber konnte ſie nicht erſpähen, er ſchlief mit allen ſeinen Gefährten in der Tiefe des Meeres. Von der See her tobte der Sturm durch die unab⸗ ſehbaren Wälder Florida's und ſtürzte Rieſenbäume krachend zur Erde nieder, ſo daß ſie die ungeheuern Wutzelballen nach Oben kehrten. Alles, was lebte, ſuchte Schutz vor dem wuthentfeſſelten Element und lauſchte bang und geängſtigt ſeiner furchtbaren Stimme. Am folgenden Morgen aber ſpannte ſich der Himme wieder blau und heiter über dieſem ſonnigen Lande aus und der ewige Frühling hatte hier ſeine Herr⸗ ſchaft wieder angetreten. X — — 269 Wenige Wochen ſpäter, als nach einem warmen, wonnigen Tage die Sonne ihren Scheideblick über Florida ſandte, ruhte Tallihadjo mit den Seinigen vor ſeiner Hütte um das Lagerfeuer herum und zwiſchen ihnen ſaß Ralph Norwood und beſchrieb die Länder, Städte und Menſchen, die er auf ſeiner Reiſe geſehen hatte, wobei der Häuptling aufmerkſam und ſinnend ſeiner Rede lauſchte und nicht ein Wort unbeachtet ließ. Nur ſelten unterbrach er ihn und bat ihn um nähere Erklärung des Geſagten, namentlich aber fragte er mit augenſcheinlichem Intereſſe nach der Einwohner⸗ zahl der Orte, welche Ralph beſucht hatte. Die Nacht brach ſchon herein, als der Hufſchlag eines flüchtigen Pferdes von weither durch den Wald ſchallte und Tallihadjo ſich auf ſeiner Pantherhaut umwandte und ſein Ohr dem nahenden Tone ent⸗ gegen hielt. „Ein Eilbote“, ſagte er halblaut vor ſich hin,„ein neuer Hülferuf von meinen mißhandelten Brüdern“, fuhr er kaum verſtändlich fort. „Wann— wann, Tallihadjo, wann!“ murmelte Onahee; der Häuptling aber ſah ſie mit einem Vor⸗ wurf an und blickte dann wieder in der Richtung nach dem Walde, von woher das Pferd zu kommen ſchien. Bald darauf ſprengte ein Reiter aus den dunkeln Schatten der Bäume hervor und ſprang bei dem Feuer 270 Tallihadjo's von ſeinem Pferde. Es war ein Semi⸗ nole, der an der Oſtſeite Florida's an der Küſte Weltmeeres ſeinen Wohnſitz hatte. Tallihadjo winkte ihm, bei dem Feuer ſich zu ruhen, ſeine Frauen brachten ihm Speiſe und Trank, und dann reichte ihm der Häuptling die Pfeife, die bei den Indianern einem jeden Geſpräch von Wich⸗ tigkeit vorangehen muß. Nachdem der Gaſt zur Genüge Rauch aus der⸗ ſelben verſchluckt hatte, hub er, zu Tallihadjo ge⸗ wandt, an: „Osmakohee, mein Häuptling, der nördlich von dem Häuptling Homathlan an der Grenze Georgiens wohnt, ſendet mich zu Tallihadjo, um ihm zu ſagen, daß Homathlan die Krieger der Seminolen von weit her zu ſich beruft, um mit ihnen das ſteinerne Wigwam, welches die Bleichgeſichter auf dem Felſen im Meere erbaut haben und auf dem ſie ein großes Feuer leuchten laſſen, zu zerſtören und ſich mit ihrem Sealpe zu ſchmücken. Osmakohee wartet wohl verlangend auf den Kriegsruf Tallihadjo's, hört aber nicht auf den von Homathlan. Er läßt Dir ſagen, Du miüßteſt Dein ſchnellſtes Pferd reiten, wenn Du eher an der Felſeninſel ſein wollteſt, als Homathlan mit den Krie⸗ gern, um dieſen Deine Stimme, der allein ſie folgen werden, hören zu laſſen.“ „Das ſteinerne Wigwam auf den Felſen hat der große Vater der Weißen(der Präſident der Vereinigten Staaten) erbaut, er hat ſeine Krieger dort hingeſandt, damit ſie in der Nacht ein Feuer weithin über die See leuchten laſſen, um den beflügelten Schiffen da⸗ durch zu zeigen, wo die Klippen ihnen mit Gefahr drohen; nicht aber, um die Seminolen zu beläſtigen. Wenn Homathlan das Wigwam zerſtört und den Weißen dort die Scalpe raubt, ſo wird deren großer Vater ſo viele Krieger nach Florida ſenden, wie in deſſen Wäldern Bäume ſtehen, und wird die Semi⸗ nolen in den Sümpfen ihres Landes umkommen laſſen“, antwortete Tallihadjo dem Eilboten, trug dann Tomorho auf, fünfzig Krieger aufſitzen zu laſſen, und befahl einem der Neger, für ihn ſelbſt den edlen Schimmel zu ſatteln. Als Beide ſich entfernt hatten, ſagte er zu Ralph: „Du wirſt den Seminolen einen Liebesdienſt er⸗ zeigen, wenn Du mit mir reiteſt und den weißen Kriegern auf der Felſeninſel ſagſt, daß nicht unſer Volk, ſondern Hamathlan allein die Kriegskeule gegen ſie erhoben habe, und daß er für das Böſe, welches er ihnen vielleicht ſchon zugefügt, zur Beſtrafung an ſie ausgeliefert werden ſolle. Wir haben es ſo bei unſerm letzten Friedensſchluß mit den Weißen beſtimmt.“ Ralph willfahrte dem Wunſch des Häuptlings und ließ ſich gleichfalls ſein Pferd herbeiholen. Er war nach ſeiner Zurückkunft nicht zu den alten Arnolds gegangen; ſein ſchuldbeladenes Gewiſſen hielt ihn ab, den biedern Leuten, die es ſo ehrlich und herzlich gut mit ihm gemeint und ihn ſo liebevoll behandelt hatten, unter die Augen zu treten. So ſehr er auch ſeine Vergehen bereute, ſo ſchienen ſie ihm doch zu groß, als daß er auf eine Vergebung hätte hoffen dürfen, und er war zu Tallihadjo geeilt, um bei ihm ſeine Schande vor ſeinen weißen Mitbürgern zu verbergen. Der Häuptling hatte ſeinen Entſchluß, bei ihm zu wohnen, mit Freuden vernommen, da er nun die Bitte, die Ralph's ſterbender Vater an ihn gerichtet hatte, erfüllen konnte. Eilig machten die Frauen Tallihadjo's alle Vor⸗ bereitungen zu deſſen, ſowie zu ſeines Sohnes und Gaſtes Abreiſe; ſie füllten die ledernen Reiſebeutel mit getrocknetem Hirſchfleiſch, bereiteten ſchnell Mais⸗ brod für ſie zum Mitnehmen und richteten das Abend⸗ eſſen her. Tomorho kam mit der Nachricht zurück, daß die Krieger bald hier erſcheinen würden, ſetzte ſich zu den Seinigen bei das Lagerfeuer, und als ſie das Abendbrod zuſammen genoſſen hatten und ihre Waffen aus der Hütte hervortrugen, ſammelten ſich die ſtets kriegsbereiten jungen Männer vor derſelben. Latochee ſelbſt führte Tallihadjo den geſattelten und geſchmückten Schimmel vor, zärtlich nahm er von ihr, ſowie von ſeinen Kindern Abſchied, beſtieg dann 277 konnten auch wegen ihres geringen Raumes nicht von den Wilden zum Eindringen in das Gebäude benutzt werden, die Pforte war ſo ſtark und ſo gut verrammelt, daß ſie allen Anſtrengungen derſelben widerſtehen mußte und ſelbſt, wenn die Thür wirklich erbrochen werden ſollte, ſo war doch die ſehr enge ſteinerne Treppe, die von ihr zu dem erſten Zimmer führte, ſo leicht zu ver⸗ theidigen, daß Burnham wirklich außer aller Sorge war und ſich zu ſeinen Leuten auf die Höhe des Thurmes begab, um ſelbſt ſich von der Zahl der An⸗ greifer zu überzeugen. Der Platz um das Gebäude war jetzt dicht mit Indianern bedeckt und ſämmtliche Mannſchaft des Leuchthauſes richtete ihre, mit dickem Schrot geladenen Gewehre auf die Maſſe hinab und feuerte unter ſie. Ein furchtbares Geheul war die Antwort auf den Donnergruß, und bezeugte unverkennbar, daß das unter die Wilden geſchleuderte Blei eine ſchreckliche Wirkung hervorgebracht hatte; kaum aber zeigten ſich die Wächter abermals über dem Rand des Thurmes, als ein Kugelregen aus den Büchſen der Indianer ihnen entgegen flog und einer von Burnhams Mann⸗ ſchaft, durch den Kopf geſchoſſen, todt an der Brüſtung niederſank, während ein Zweiter, in die Schulter ge⸗ troffen, zurückwankte und ſeine Waffe aus der Hand fallen ließ. Der Verwundete wurde hinab auf ſein Lager ge⸗ 278 führt, dort von Burnham verbunden, und dann ver⸗ theilte dieſer ſeine Leute an den Fenſtern und nament⸗ lich hinter der Thür, gegen welche der Sturm immer tobender von den Indianern fortgeſetzt wurde. Dabei ſchallte das Kriegsgeſchrei der Stürmenden immer wüthender und ſchauerlicher durch die Nacht und wurde häufig von einzelnen gellenden Stimmen übertönt. Plötzlich aber ging es in einen lauten Jubel über, der den Belagerten verrieth, daß die Feinde einen Vortheil über ſie errungen haben mußten; worin der⸗ ſelbe aber beſtand, konnten ſie nicht entdecken, denn die Nacht war zu dunkel, um von Oben herab die einzelnen Bewegungen der Wilden erkennen zu können. Außerdem war es zu gefährlich, einen Blick über den obern Mauerrand des Thurmes zu wagen, denn gegen den Himmel konnten die Stürmenden jeden dort oben erſcheinenden Gegenſtand gewahren und ihre Kugeln ſicher darnach ſenden. Der Jubel verwandelte ſich bald in ein anhaltendes Zurufen, wie wenn man ſich gegenſeitig bei einer ſchweren Arbeit unterſtützt und anweiſt, die Schläge gegen die Pforte verhallten, und nur ein dumpfes Dröhnen, welches innerhalb des Thurmes fühlbar ward, wurde von Zeit zu Zeit gehört. Mit banger Erwartung ſahen die Belagerten einer Aufklärung über das Beginnen der Wilden entgegen und hofften mit Sehnſucht auf den Anbruch des Tages, der wohl nur noch eine Stunde entfernt bleiben konnte. 279 Burnham ſaß bei Elviſen in dem gemeinſchaftlichen Zimmer und ſuchte ſie durch ſeine eigene erzwungene Ruhe zu tröſten und ſie zu überzeugen, daß die Feſtig⸗ keit des Thurmes ſie vor jeder Gefahr ſicher ſtelle, als plötzlich das Zimmer wie mit Tageshelle erleuchtet wurde und Feuerflammen vor den Fenſtern an dem Gebäude emporpraſſelten. Ein ſtürmiſches Freuden⸗ geſchrei der Wilden begleitete das Auflodern der Flammen, die bald den ganzen Thurm mit ihrer Gluth umarmten. Die Indianer hatten den bedeutenden Vorrath von Brennholz um das Gebäude getragen, hatten alles ſchwere Schiffsholz, welches die Wächter aus der See auf die Felſen gezogen, darüber aufgethürmt und das vorgefundene Tau⸗ und Segelwerk dazwiſchen ver⸗ breitet, welches erſtere durch ſeinen Theergehalt dem Feuer eine reiche Nahrung gab. Die innern Räume des Thurmes füllten ſich ſchnell mit Rauch, ſo daß die Belagerten ſich auf deſſen Höhe flüchten mußten, um nicht zu erſticken. Sobald jedoch das Holz in vollem Brande war, verminderte ſich der Rauch wieder und Burnham begab ſich mit ſeinen Leuten in die untern Zimmer zurück, um zu verhindern, daß das Feuer ſich durch die Fenſter nach Innen ver⸗ breite. Er ließ den Vorrath von Segeln in Waſſer tauchen und die Fenſteröffnungen damit verſtopfen, wodurch die Gluth zugleich vermindert wurde, die 280 durch dieſelben hereinſtrömte, und ebenſo verwendete er alle Bettdecken. Die Hitze nahm aber dennoch zu und es war kaum möglich, in den Zimmern lange genug zu verweilen, um das Zeug in den Fenſtern naß zu erhalten. Die Mannſchaft arbeitete mit Verzweiflung und folgte willig den Anordnungen ihres Vorgeſetzten. Burnham ließ Mundvorrath und Waſſer in Menge auf die Höhe des Thurmes ſchaffen, da er noch der Hoffnung lebte, daß das vorräthige Holz nicht hinreichen würde, um den Thurm auszubrennen, und daß ſpäter, wenn das Feuer erloſchen ſein würde, er den Eingang gegen die Stür⸗ menden mit Erfolg vertheidigen könne. Endlich graute der Tag und erlaubte den Belagerten einen Blick in die Umgebung. Zu ſeinem Schrecken überzeugte ſich Burnham bald, daß auch die Wilden das Unzureichende des Holzvorrathes erkannt hatten und ſchon eilig beſchäftigt waren, vom Lande her Fichtenſtämme nach der Inſel zu flößen, um das Feuer damit zu erhalten, bis das Gebäude bis auf ſeine Mauern von ihm verzehrt ſein würde. Hierbei aber trat ihnen die vortheilhafte Stellung der Belagerten ſehr hinderlich in den Weg, denn vom Thurme aus waren es kaum fünfzig Schritte bis an den Fuß der Felſen, wo dieſe ſich in die See verſenkten und Burn⸗ ham, ſowie ſeine Leute griffen jetzt zu ihren Büchſen, um von der Höhe der Mauer herab das Landen des 281 Holzes zu vereiteln. Das erſte Kanve, welches einen ſchweren Fichten⸗ ſtamm nach ſich zog, wurde von vier Indianern ge⸗ rudert, und nur noch wenige Schritte von dem Lan⸗ dungsplatz entfernt, ſtürzten die Ruderer ſämmtlich, von den Kugeln der Amerikaner getroffen, in die Fluth. Noch mehrere Andere der Wilden, die an das Ufer geeilt waren, um bei der Landung des Holzes behülf⸗ lich zu ſein, wurden gleichfalls durch die Schützen von dem Thurme herab getödtet, ſo daß nun der wilde Schwarm der Belagerer ſich mit Wuthgeheul ſo viel als möglich dem Feuer näherte, um ſich aus der ſichern Schußlinie der Wächter zu entfernen. Zugleich hielten ſie aber ein wachſames Auge und ihre Büchſen nach dem Thurmrand gerichtet, um bei dem erſten Sicht⸗ barwerden eines der Belägerten nach ihm zu feuern. Bald darauf ſtießen mehrere Boote mit Indianern von dem Feſtlande ab, naheten ſich mit nach der Höhe des Thurmes gerichteten Büchſen und feuerten, als ſie in Schußweite kamen, nach den Amerikanern hinauf. Sie erreichten, ohne von dieſen getroffen zu ſein, einen Felſen, der ſich, etwa hundert Schritte von dem Thurme entfernt, aus dem Meere erhob, und landeten hinter demſelben, um, von ihm geſchützt, das Feuer der Be⸗ lagerten zu erwiedern. Mit einem Triumphgeſchrei wurden dieſe Krieger von der Menge auf der Inſel 282 begrüßt mit Büchſenſchützen vom Feſtlande ab, um gleichfalls hinter den Felſen in der Nähe der Inſel ſich feſtzu⸗ ſetzen und die Amerikaner zu beſchießen. Jetzt wagten ſich die Wilden auf der hinunter theilten ihn mit ihren Aexten in Stücke und warfen dieſelben in die Gluth, die um den Thurm herum loderte. Inſel wieder an das Waſſer Viele Kanves wurden nun nach dem Feſtlande hin⸗ übergerudert, um mehr Holz herbei zu ſchaffen, als plötzlich dort auf dem Ufer ein Trupp Reiter erſchien, vor denen eine hohe Indianergeſtalt auf einem Schimmel hielt. Man ſah von der Inſel aus, daß der Mann mit heftigen Bewegungen zu den Wilden dort redete und daß dieſelben ſeinen Worten Gehör zu geben ſchienen, denn diejenigen von ihnen, die beſchäftigt waren, Holz nach dem Strande hinunter zu ſchaffen, hielten mit ihrer Arbeit ein und ſetzten ſich in einiger Entfernung von ihm nieder. „Tallihadjo!“ ſchallte es plötzlich aus hundert Kehlen von der ſel und dann trat eine Todten⸗ ſtille ein. Tallihadjo, denn dieſer war der Reiter des Schimmels, war abgeſtiegen, ſchritt, von Tomorho, Ralph und zweien ſeiner Krieger begleitet, in ein Boot und ließ ſich der Inſel zurudern. Bald war er und bald darauf ſtießen noch mehrere Boote zogen den Fichtenſtamm auf dieſelbe herauf, 283 ——— Höhe derſelbe unter die hier ver n erſtiegen und trat gelandet, hatte die ſammelten Se⸗ ernſt und gebieteriſch minolen. WMit lauten, gewichtigen Worten hielt er ihnen das Thbrichte und Unnütze ihres Unternehmens vort, zeigte ihnen die Gefahren, denen ſie ſich und ihr ganzes alte ihnen die Schrecken, Volt dadurch ausſetzten, und m die der große Vater der Weißen dafür über ſie ſenden 31 würde, in den furchtbarſten Farben. Alles ſchwieg und ſuuchte dem Blick Tallihadjo's auszuweichen, nur eine Stimme verſuchte es, gegen ihn ſich zu erheben; es war die des Häuptlings Homathlan. Tallihadjo aber erdrückte ihn unter ſeinen Donnerworten und gab zu⸗ 3 letzt den Befehl, ihn gefangen zu nehmen und zu binden. Eine Minute nur zauderten die Indianer, ſeinen Befehl auszuführen, noch ein Wort, noch ein Wink, ſie fielen über Homathlan her und hatten ihn in wenigen Augenblicken gefeſſelt. Nun ließ Tallihadjo mit den Rettungsſtangen der Belagerten das brennende Holz von dem Thurme ent⸗ fernen und über die Felſen hinunter ſtürzen, rief Bedrängten in dem Gebäude mit lauter Stimme zu, daß Tallihadjo, der erſte und mächtigſte Häuptling der Seminolen, gekommen ſei, ſeine be⸗ ſeine weißen thörten Brüder von dem Unrecht gegen Freunde abzuhalten und den Urheber dieſer abſcheu⸗ lichen That in ihre Hände auszuliefern. Burnham erſ und hörte zu ſei ert plötzliche Einſte Feindſeligkeiten einem ₰ dianer zu verdanken habe. Zugleich war er erſtaunt, einen Weißen bei ihm zu ſehen und rief Beiden Worte des innigſten Dankes zu. Tallihadjo befahl jetzt den Seminolen, ein ledernes Kanve mit Seewaſſer zu füllen und es herauf vor den Eingang des Thurmes zu tragen, ließ, als dies ge⸗ ſchehen war, die Thür und die Mauern in deren Um⸗ gebung mit dem Waſſer kühlen und rief dann zu Burnham hinauf, er möge nun aus ſeinem Thurm hervorkommen, da Niemand ihn mehr behelligen werde. Zugleich ſchickte er alle Indianer, mit Ausnahme ſeiner eigenen Begleiter, an das Feſtland zurück und trug ihnen auf, ihn dort zu erwarten. Bald darauf ertönten heftige Schläge und Stöße hinter der Thür, ſie öffnete ſich und Burnham trat mit Eloiſen an der Hand, und von den Wächtern ge⸗ folgt, aus dem Thurm hervor. Ralph that erſtaunt einen Schritt zurück und hing mit ſeinen Blicken unbeweglich an der ſchönen, bleichen Unbekannten; ihre Erſcheinung traf ihn, wie eine un⸗ beſtimmte Erinnerung aus einer frühern Zeit und doch wußte er dieſe Zeit nicht zu nennen. Geſehen hatte er dieſe Augen, dieſe Brauen, dieſe Locken, wo und wann— konnte er ſich nicht erinnern, wohl wußte er