6 7—— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur? von on. 6 Ednard Oikmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ceih und Seſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Vei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 2 3. Gaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mt.— f. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 5 W* e„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zexriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 4 —— S ————— N— St. Nelly. Zweiter Band. Leipzig, 1828. Bei Chriſtian Ernſt Kollmann. Ihro Epyrellenz der Frau Conferenzminiſterin von Roſtitz und Jaͤnkendorf vo U Ehrfurcht gewidmet von Jn 8 5 5 von St. Nelity. 3 weiter Band. — II. 1 Die Mondnacht. De Mond ſchwamm ruhig und hell am klaren Himmel. Miriaden Sterne blickten freundlich auf mich hernieder. Die Luft war warm und mild. Ich trat vom geoffneten Fenſter zuruck. Ein fluchtiger Blick auf die Actenſtoͤße in mei⸗ nem Zimmer ſagte mir, daß mein Tagewerk vollendet. Johann! rief ich, von der Luſt beſeelt, ſchnell hinaus zu gelangen ins Freie. Johann, ſpann an! Wir wollen fort! Kopfſchuttelnd betrachtete mich der Alte. So ſpät, lieber Herr? fragte er; oder ſo fruͤh? Wo ſoll es denn hingehen? Und werden die 1* ——— Braunen auch ſattſam ruhen können, da Sie morgen fruͤh nach Tannenhof wollen? O ja, lieber Johann, antwortete ich, dem treuen, ehrlichen Diener auf die Achſel klopfend; ſie ſollen ruhen, und zwar im Tannenhofer Stalle ſelbſt— denn dorthin ſoll noch heut' unſer Weg fuͤhren. Johann ſah mich fragend anz obgleich ihm ſeines Alters wegen und der langen Dienſtjahre, die er in meiner Familie zugebracht, das Recht des Einredens ſchon laͤngſt ſtillſchweigend einge⸗ raͤumt worden war, ſo ſchwieg er doch jetzt, ſah, nachdem er den forſchenden Blick von mir ab auf die drei Grazien gewendet hatte, die in ma⸗ leriſcher Stellung das Zifferblatt meiner Uhr hielten, dorthin, deutete mit dem Finger auf dieſe— und ging zur Thuͤr hinaus. Ich folgte dem Fingerzeig. Acht Uhr! ſprach ich leiſe fuͤr mich. Sicherlich hat der Alte ſagen wollen, es ſey viel zu ſpäͤt, eine Fahrt von drei Stunden zu machen— indeß, die Braunen haben einige Tage geſtanden, legen wohl den Weg bis 10 Uhr zuruͤck, und dann— Welcher Genuß geht wohl uͤber denjenigen, den ich jetzt gierig mit vollen Zuͤgen ſchluͤrfen will! In ſtiller, milder, freundlicher Herbſtnacht, ruhig, frohlich, ohne Sorgen ſo ſuͤßen Phanta⸗ ſien nachhängen zu konnen, zu welchen ein guͤ⸗ tiges Geſchick mir hinlaͤnglich Stoff bot? Was weiß ſo ein Johann vom eigentlichen Genuß! Von wahrem Seelengenuß! raiſonirte ich weiter, indem ich mir freudig die Haͤnde rieb⸗ Ihm geht freilich der Triumph verloren, als Leib⸗ kutſcher des neuen Gutsherrn Morgen durch die Reihen der geſchmuͤckten Dirnen und Burſche, in der Prachtlivree paradiren zu koͤnnen— ihm waͤre wohl auch mancher ſchoͤne Blumenſtrauß zu Theil geworden, manches Maͤdchens Auge haͤtte freundlich nach ihm geſchaut— vielleicht haͤtte ihm manch' ſchelmiſches Geſicht hold ge⸗ lächelt— doch— dies Alles kann ich nicht be⸗ ruckſichtigen; ich, in deſſen Buſen Millionen ſuͤße Phantaſien ſchlummern, die ſo ein veran⸗ ſtalteter Einzugsſchmaus mit ſeinem kalten Ge⸗ praͤnge nur ertoͤdten muͤßte! Johann fuhr vor. Ich warf mich in die weichen Saffiankiſſen— ich ſchob den Hut aus der Stirn und lächelte freundlich und mild, wie der Mond uͤber mir, jedem Voruͤbergehenden. Jetzt bog der Wagen aus der alten Lindenallee, 8 welche die Stadt umgab— die Spazierenden wurden ſeltener— der Weg zwiſchen Wieſen und Feldern freier, meine Stimmung immer 3 heiterer. Ich gedachte der vielen Anſtalten, welche Freund Selbig zu meinem Einzuge in Tan⸗ 6 nenhof wuͤrde getrofſen haben— der Blumen⸗ kraͤnze, die ſchon gewunden; der Verſe, die wahr⸗ ſcheinlich eben jetzt noch memorirt wuͤrden; und ich lachte in mich hinein, wenn ich des langen Geſichts gedachte, mit welchem Selbig morgen 3 in meine Stube treten wuͤrde— denn ich rechnete, wie die vielen heutigen Geſchaͤfte den ohnedies ruhrigen Mann wuͤrden ermuͤdet haben, wie er deshalb fruͤh zu Bett gehen, und daher meine Ankunft ihm erſt morgen kund gethan werden 5 wuͤrde. Sſelbig war mein Freund. Wir hatten zuſammen ſtudirt, kannten und liebten uns ſeit den Knabenjahren. Geſchaͤfte fuͤhrten uns oft, unſere Freundſchaft faſt taͤglich zuſammen. Jetzt auf einmal fiel mir das große, ſchone Gut Tan⸗ nenhof, als Erbe eines Onkels zu. Selbig war daſelbſt Gerichtshalter, und unſere Freude, auf dieſe Weiſe einander wieder naͤher zu kommen, groß. Nun aber bat er mich, ihm zu vergoͤnnen, ein paar Tage zuvor hinausfahren zu duͤrfen, um den Einzugsſchmaus mit Pfarrer, Richter und Verwalter ordnen zu köͤnnen— ich ſuchte ver⸗ geblich ihm das große Feſt auszureden. Aber, lieber Doctor, fiel er mir immer wieder ins Wort, goͤnne mir die Freude, ſo etwas iſt meine Luſt; Du biſt nun durch die Erbſchaft ein klei⸗ ner Croͤſus geworden, gonn' nun auch mir mei⸗ nen Theil; und ſomit gings nach Tannenhof. Die redſelige Baſe aber, die ſeit Menſchen⸗ gedenken in meiner Familie lebte und die nach Abſterben meiner Eltern gleichſam als Inventa⸗ riumſtuͤck mir zugefallen war— die in meiner Junggeſellenwirthſchaft das Scepter uͤber die weibliche Dienerſchaft meines Hauſes ſchwang— die in meinem Hauſe ſo gemuͤthlich, gluͤcklich und froh lebte als nur möglich, ſuchte denn ihre Dankbarkeit mir dadurch an den Tag zu legen, daß ſie mir ſo viel wie moglich Alles getreulich referirte, was um und neben mir vorging. Wie wenig ich auch gewohnlich geneigt war, ihren Erzählungen mein Ohr zu leihen, ſo lauſchte ich diesmal doch neugierig, als ſie mir von des Feſtes Anſtalten in Tannenhof ſprach. Mein Freund hatte Alles recht wohl ausge⸗ ſonnen, nur ein einziges falſches Facit hatte der kluge Rechner mit herausgebracht— nemlich, daß meine 1jůhrige Muͤndel Mimi auf einem Atlaskiſſen mir nebſt einem Blumenkranz(ein Myrthenkranz mochte ihm denn doch zu bedeu⸗ tend geweſen ſeyn) die Schluͤſſel vom ererbten Schloß uͤberreichen ſollte. Die Mutter meiner Muͤndel, die verwitt⸗ wete Commerzienraͤthin Strumpf, hatte mir ſchon laͤngſt nicht ganz undeutlich zu verſtehen ge⸗ geben, wie aus dem Vormund ein nicht ganz uͤbler Ehemann werden koͤnnte— ſie hatte mich zum oͤftern in ihr Haus gebeten— wie gern ich es aber immer von mir abgelehnt haben wuͤrde, außer wenn meine Geſchaͤfte mich dazu noͤthig⸗ ten, bei ihr zu erſcheinen, ſo durfte ich doch, um des lieben Anſtand's willen, nicht immer abſchlägliche Antworten geben. Nun aber ward — Fraͤulein Mimi mit jedem Monat groͤßer, ſtär⸗ ker, bluͤhender, huͤbſcher.— Die Mama dachte offenbar, da ich dieß mit Worten nicht bemerkte, ſie muͤſſe mich darauf aufmerkſam machen; ſie lobte dann bald Mimi's ſtolze, ſchoͤne Hal⸗ tung, bald ihr demuͤthiges, beſcheidenes Betra⸗ gen, dann wieder einmal die froͤhliche Laune, neben all' den Fertigkeiten und Kenntniſſen, die ſich das Mädchen errungen. Mir ſtand oftmals der Angſtſchweiß auf der Stirn, bei all dieſem Geplaudre, in welches ich am Ende denn doch Ehren halber mit einſtimmen mußtez doch, ſey es wie es ſey, der Mutter ewiges Loben ihrer Jochter machte mich mehr und mehr kalt gegen dieſe. Ich fuͤhlte wohl, Mimi haͤtte mir etwas werden koͤnnen; doch war es durchaus ein falſcher Weg, den die Mutter zu meinem Detzen ein⸗ ſchlug. Geliebt, wahrhaft herzlich geliebt hatte ich noch nie, obgleich ich in huͤbſcher Mädchen Geſellſchaft recht gern war. Fruher ſchlug mein Herz fuͤr Pferde, fuͤr Jagden, fuͤr tolles, luſtiges Treiben und Toben; ſpäter ſtuͤrtzt' ich mich der Rechtswiſſenſchaft in —— die Arme, ich wollte im 4ten Jahre auf Univerſitaͤt nachbringen, was ich in den 3 etſten verſaͤumt— ich war ſehr fleißig. Mein Vor⸗ ſatz ging durch, ich kam als tuͤchtiger Juriſt mit dem Doctorhut geſchmuckt in meiner Eltern Haus zuruck. Nun, mein Sohn, ſprach mein Vater, als mir bald darauf ein bedeutender Poſten ward, nun waͤhle unter den Töchtern des Landes! Du kannſt vermoͤge Deines Standes, Deiner Ver⸗ wandtſchaft in jede Familie kommen, waͤhle Dir ein junges, ſchoͤnes, reiches Maͤdchen! Ja, hei⸗ rathe mein Sohn! ſprach auch meine Mutter— doch, wie geſagt, die Liebe war meinem Herzen fremd geblieben, und ſo dacht' ich immer und ſagt' es oft: Es iſt zum Heirathen ja noch im⸗ mer Zeit genug! Doch ward meine Lage ziem⸗ lich mißlich. Meine Eltern waren beide geſtor⸗ ben, und ſonderbar war es, faſt auffallend, daß alle jungen Wittwen mich zum Curator, dieje⸗ nigen aber, die erwachſene Tochter hatten, mich zum Vormund fuͤr die letztern wählten.— Faſt fehlte mir es an Zeit, dem Andrang von Geſchäften des weiblichen Theils meiner Va⸗ terſtadt gnuͤgend zu begegnen. Jeder Morgen ſah mich uͤberſchuͤttet von einer Anzahl von Bil⸗ lets, aus welchen bald die rege Dankbarkeit ei⸗ ner gefuͤhlvollen Curantin, bald ein ſuͤßes Ge⸗ ſuch um guten Rath einer zaͤrtlichen Muͤndel ſprach— ich hatte zu thun, ſie alle gnuͤgend ab⸗ zufertigen. Am meiſten aber heizte mir Mi⸗ mi's Mutter ein; ihr Mann war ein Freund meines Vaters geweſen— ſie wußte tauſend Dinge zu thun, zu Tauſenden mich zu veran⸗ laſſen, die mich immer naͤher in ihren Kreis zo⸗ gen, und gar bald war ich in der Stadt als Mimi's Braͤutigam bekannt, indeß ich ſelbſt keine Ahndung davon hatte, es ſeyn zu wollen. Jetzt war ich Erbherr auf Tannenhofz eine Rente von 4000 Thalern war demnach mein geworden. Mama Commerzienräthin mochte mit Freund Selbig geheim conferirt haben— letzterer ſah mich ſo gut, als die ganze uͤbrige Stadt, fuͤr Mi⸗ mi's Praͤtendenten an, und— der Plan war fertig, mir durch ſie, an der Spitze der mich im Prunk empfangenden Mädchen, die Schluſ⸗ ſel vom Schloſſe uͤberreichen zu laſſen. Bäschen hatte zur guten Stunde geplau⸗ dert, und mein Sinnen im ſtillen Mondſchein war Folge des von ihr Gehorten— ich wuͤnſchte der verhaßten Schluſſelgeſchichte entgehen zu kon⸗ nen, und ſo entſchloß ich mich ſchnell, alle Pläne dadurch zu vereiteln, daß ich am Abend zuvor ſchon nach Tannenhof fuhr. Wie geſagt, ich ſaß im Wagen und ſann uͤber mein Schickſal nach. Der Verſtorbene war ein guter Menſch ge⸗ weſen, alle Menſchen erkannten ihn dafüͤr. Es herrſchte nur eine Stimme uͤber ſeinen Lebens⸗ wandel, uͤber ſeine Klugheit, uͤber Ki liches Herz · Nur einmal hatte ich ihn geſehen, atz Ge⸗ ſchaͤfte mich nothigten, mich ihm zu nähern. Ich fuhr zu ihm nach Tannenhof, das er ſein Paradies, das ſtille Plaͤtzchen ſeiner Freu⸗ den nannte. Er war ein großer, ſchoner Mann, mit einer ſehr ausdrucksvollen Phyſiognomie— ein Paar ſanften guͤtigen blauen Augen, einer ruͤhrenden, weichen Stimme. Im Schloſſe herrſchte Freude und Gluͤck— er war die Stutze der Armen, die Zuflucht der Ungluͤcklichen, der Troſt der Betruͤbten; er war geliebt— angebetet — — 13— von ſeinen Unterthanen. Mit ſeligen Blicken hieß er/ mich willkommen. Sieh' da, Vetter, ſprach erz treibt Dich etwa das Verlangen heraus, ein Haus voll gluͤcklicher Menſchen zu ſehen, ſo tritt unter mein Dach, Du findeſt, was Du geſuchtz Gott ſey Dank, in meinem Kreiſe iſt der Kum⸗ mer, die Sorge nicht gekannt. Ich druͤckte den Hochbegluͤckten an meine Bruſt— ich weidete mich an ſeiner ruhigen, ſtillen Gluͤckſeligkeit; mir war ſo wohl in ſeinem Hauſe, ich haͤtte es nimmer verlaſſen moͤgen! Auf einmal ſtarb er— ein tiefer Schmerz hatte das Herz des edeln Mannes gebrochen, ſeine naͤchſten Verwandten hatte ein Fieber hin⸗ weggerafft, mir war die reiche Erbſchaft uner⸗ wartet zugefallen— und Morgen ſollte ich den Einzugsſchmaus feiern. Halt' in der Pappelallee, Johann! rief ich leiſe meinem Johann zu; ich will ausſteigen und zum Pförtchen hineingehen— ich werde ſachte Dir das Thor offnen laſſen— fahre ein ohne Geräuſch. Mein Freudenrauſch war verflogen. Die Gedanken an den lieben Verſtorbenen, an den Schmerz, der ſein ſchones Herz gebrochen, hatten mich wehmuͤthig geſtimmt. Ich bat den Ver⸗ walter, mich leiſe in ein Zimmer zu fuͤhren; da Alles bereits im Schlafe ſey, mir das erſte, beſte zu oͤffnen. Da zuckte der alte Mann die Achſeln— Herr Doctor, Sie wiſſen, noch iſt nach des Krieges Verwuͤſtung nicht alles wieder hergeſtellt, faſt alle bewohnbare Zimmer ſind fuͤr dieſe Nacht mit Fremden zum morgenden Feſte 5 beſetzt— nur das Zimmer des Verſtorbenen iſt leer— doch weiß ich nicht, ob Sie gern dort werden ſchlafen wollen, noch ſteht und liegt alles, wie er es verlaſſen—— Warum ſollte ich nicht dort ſchlafen wol⸗ len? fragte ich nicht ohne leiſem Schauer.— War er doch ein ſo frommer, guter Menſch!— Ein Engel! lieber Herr Doctor, ſfiel mir der Verwalter in's Wort, indem er ſich die Augen trocknete; ein Engel war er— zu gut fuͤr dieſe Welt— das wußte der dort Oben, darum hat er ihn hinaufgenommen in ſein großes Freudenreich!— Ich trat in's Zimmer. Der Vetwalter ſtellte mir zwei brennende — Zt 15— Kerzen und eine Flaſche alten Rheinwein auf den Arbeitötiſch des Seligen, warf einen wehmuͤthi⸗ gen Blick auf das lebensgroße Bild deſſelben, das an der gegenuͤberſtehenden Wand hing— und verließ mich, mir eine gute Nacht wuͤnſchend. Ich war allein. Gedankenvoll ließ ich mein Auge umherſchweifen. Hier, dachte ich, hier hat er gelebt— gewaltet— ſo manche Freude genoſſen, ſo unendliche Wohlthaten geuͤbt!— Sein ſchoͤnes ſtilles Leben war eine ununterbro⸗ chene Reihe edler, großmuͤthiger Handlungen ge⸗ weſen! Er hatte das hoͤchſte Gluͤck verdient, den reichſten Lohn fuͤr ſein fleckenlos⸗reines Ge⸗ muͤth!— und dennoch brach ein graͤßlicher Schmerz das ſchoͤne Herz des edlen Mannes! Welch' ein Schmerz mag es geweſen ſeyn? fragt' ich mich ſinnend. Ich trat vor das Bild. Die Wangen, die ich einſt ſo bluͤhend ſah, ſchienen mir jetzt vleichz das reine helle Auge von Kummer getruͤbt; um den feinen Mund ſchien ein tiefer Schmerz zu ſchweben— das ſchoͤne, männliche Geſicht ſah mit ruͤhrender Schwermuth auf mich herab— all' meine Freude hatte ſich in tiefe Wehmuth aufgelbſt— ich legte die Hand auf das ängſt⸗ lich⸗beklommene Herz— ich fuͤhlte mein Auge ſich von Thranen befeuchten— ich druckte einen leiſen, innigen Kuß auf das Bild.— O lebteſt Du, guter, frommer Menſch! ſagte ich ſo ſanft es mir moglich war. O lebteſt Du! Vermochte ich es, den Schmerz zu lindern, der Dein ſchö⸗ nes Herz brach! In dieſem Augenblicke ſchlug die Thurmuhr die Mitternachtsſtunde— die tie⸗ fen melancholiſchen Tone verhallten bebend in der lautloſen Stille der hellen Mondnacht— das langſame Verklingen der maͤchtig⸗ſtarken Tone mahnte mich an das ſtille Scheiden meines ver⸗ ewigten Freundes, und erfuͤllte mich mit leiſen Schauern— meine aufgeregte Phantaſie malte ſich ein Bild, das mir faſt zur täuſchenden Wirklichkeit ward. An Schlaf war gar nicht zu denken, und ich trat pruͤfend den andern Ge⸗ genſtänden im Zimmer naͤher. Ueber dem Arbeittiſch hing ein Miniatur⸗ bild; ich nahm es von der Wand, um es genau zu betrachten. Es ſtellte einen, in grauem Mantel gehuͤll⸗ ten, ſterbenden Menſchen vor, vor welchem eine Nonne knieend betete— indeß aus waldigem, dunklem Hintergrund rauhe Krieger vordrangen, und mit gezuckten Saͤbeln ſie und den Sterben⸗ den bedrohten— die edle Geſtalt eines jungen Offiziers gebot den Unbaͤndigen Ruhe. Ich pruͤfte gedankenvoll den Sinn dieſes Gemaͤldes— der Sterbende hatte unverkennbare Aehnlichkeit mit dem lebensgroßen Bilde meines Freundes. Jetzt betrachtete ich die Nonne ge⸗ nauer, ihr Geſicht war nicht gerade ſchön zu nennen, doch gab der Kummer, welcher aus dem großen blauen Auge ſprach, die Angſt, die Theil⸗ nahme, die innige, heilige Zuverſicht, mit wel⸗ cher ſie betete, dieſen geiſtvollen Zuͤgen einen Ausdruck, eine Kraft, Lebendigkeit— daß man jeden Moment erwartete, ſie wuͤrde ſich erheben, und hinaustreten in das wirkliche Leben. Das find Copien, ſagte ich mir leiſe, dieß iſt kein Phantafieſtuͤck eines Kuͤnſtlers— dieß iſt eine wirkliche Scene aus dem erſt kuͤrzlich geendeten Kriege! Richtig— da die Jahrzahl 1813, und der Name, Schloß Felsburg, das eine Stunde von hier dem damaligen Comman⸗ danten zum Aufenthalt diente. II. — Mir war ein dämmernder Schein aufge⸗ gangen, welcher mir des Vetters Geſchichte, in den letzten Jahren ſeines Lebens, beleuchten zu wollen ſchien.— Ich war in der geſpannteſten Erwartung, welch einen Zuſammenhang dieß al⸗ les gewinnen muͤſſe, da blieb mein Blick auf einem mit Silber beſchlagenen Käſtchen von ſchwar⸗ zem Ebenholz hangen, das unter dem kleinen Ge⸗ maͤlde auf dem Liſche ſtand. Auf dem Tiſch ſelbſt lag ein Bund Schluͤſſel— ich verſuchte mehrere, und fand gluͤcklich den rechten— ich erſchloß das Kaͤſtchen, und fand ein Paquet Briefe mit ſchwarzem Band umwunden— ich warf, die Hand danach ausſtreckend, einen fragenden Blick auf das bleiche Bild des Verſtorbenen: von der todten Leinwand ſchien es mir Gewaͤhrung ſchmerzlich zu lächeln— ich nahm Platz auf dem gegenüͤberſtehenden Sopha, und las fol⸗ gende Geſchichte: Antonie war die Gattin eines— ſchen Offiziers. In ihrem 16ten Jahre war das bluͤ⸗ hende, hochgebildete, geiſtvolle Maͤdchen an ei⸗ nen Mann verheirathet worden, deſſen einziger Vorzug in einem unermeßlichen Vermögen beſtand⸗ — 19„— Antonie liebte ihren Gatten nicht. Sie hatte ihn nie geliebt. Wie hatte auch in das große Herz des Maͤdchens ein Funke von Liebe fuͤr ſo einen gemeinen Menſchen, wie der Frei⸗ herr v. Atſtein war, eindringen köͤnnen? Des zaͤrtlich geliebten Vaters Bitten, deſſen zerruͤttete Vermoͤgensumſtände ihn in den Bewerbungen des Barons ein untruͤgliches Rettungsmittel ſe⸗ hen ließen, vermochten die großherzige Tochter, den Schritt zu ihres Vaters Zufriedenheit zu thun, von welchem ſie leider vorausſah, daß er ihr ganzes, kuͤnftiges Lebensgluͤck unter⸗ „graben muͤſſe. Sdie ſchwankte nur einen Augenblick in aͤngſtlicher Beklommenheit, dann trat ſie ernſt und feſt vor den tiefbekummerten Vater, und reichte mit ſtolzer, kalter Ruhe dem Baron ihre Hand. Der Vater umarmte dankbar geruͤhrt ſein Kind. Meine Antonie, ſprach er, mein geliebtes Kind! Gott ſieht Dein ſchönes Opfer— ich bin gerettet— er wird Dich ſegnen fuͤr den heldenmuͤthigen Entſchluß, mit welchem Du des Vaters Ehre gerettet! Der Baron iſt gut— Du wirſt ihn lieben lernen, und gluͤcklich ſeyn!— 2* — Aber der Vater hatte ſich geirrt. Antonie lernte den Gatten nicht lieben— der Baron war ein Boͤſewicht, und ſeine Gattin grenzen⸗ los ungluͤcklich.— Selbſt die Geburt eines lieblichen Mädchens konnte ihren Kummer nur mehren, da deſſen Vater ein ſo zuͤgelloſer Ver⸗ ſchwender war, daß Antonie, die arme Antonie mit Schaudern ſah, ihre und des geliebten Kin⸗ des Zukunft koͤnne— muͤſſe, dem Betragen ihres Gemahls zufolge, nur hochſt unglücklich ſeyn⸗ Endlich nothigte ein Duell den Baron, ſchnell das Land zu verlaſſen, da er in ungluͤck⸗ lich⸗blinder Hitze ſeinen Gegner getodtet.— Er nahm ſchnell alles baare Geld— alle Juwelen mit ſich, und uͤberließ ſeine Gattin, uͤberhauft von einer Schuldenlaſt und den quä⸗ lendſten Sorgen, allein mit ihrem Kinde der baͤngſten Zukunft. Antonie nahm die geliebte Tochter an ihre Hand— ſie ſtieg mit bebendem Herzen die brei⸗ ten Marmorſtufen hinab— leiſe wankte ſie in Garten, ſie ſuchte das dichteſte Gebuͤſch auf, und warf ſich betend auf die Knie nieder. Der Himmel war grau umduͤſtert, der Strom rauſchte in finſtern Wogen— ein kal⸗ ter, heulender Sturm fuhr durch die Wipfel der Baͤume, ein unheimliches Grauſen wehte durch die ganze Natur, und ſteigerte das Gefuͤhl des Ungluͤcks in Antoniens Bruſt zur unertrag⸗ lichen Schwere. O wäͤr' ich todt! ſeufzte ſie. Koͤnnte ich mit Dir ſterben, jetzt enden, meine Roſa, mein geliebtes Kind! Naähm' uns Beide der guͤtige Vater dort hinauf! O mir waͤr' wohl, uͤber⸗ ſchwenglich wohl!— Was weinſt Du nur, meine Mutter? fragte mit zärtlichem Ton die kleine Roſa. Was be⸗ kuͤmmert Dich ſo ſehr, und warum willſt Du ſterben, da es ſo ſchoͤn iſt auf/ der Erde! Gott iſt groß! Gott iſt unendlich guͤtig! lehrteſt Du mich ja ſelbſt, ſein Vaterauge ſieht auf uns herab— o ſey gut, ſey ruhig, Mutter! er giebt ja denen, die ihn lieben, täglich tau⸗ ſend Beweiſe ſeiner unendlichen Huld; er wird Dich und mich nimmermehr verlaſſen. In dem Augenblick trat die Sonne ſtrahlend aus zerriſſe⸗ nen Wolken hervor— es ſchien, als wolle ſie des Maͤdchens Verheißungen bekraͤftigen, denn ſie barg nach einem Moment ſich wieder in die duͤſtere Huͤlle. Antonie bebte freudig zuſammen. Ja, Va⸗ ter, rief ſie ermuthigt, ich will hoffen, ich will glauben— deine Barmherzigkeit iſt endlos— und mein Glaube an dich ſey ihr gleich; ſie er⸗ hob ſich, ſie betrat mit neuem Muth ihr Zim⸗ mer. Kann ich doch wirken, kann ich doch han⸗ deln, ſprach ſie ermuthigt; iſt er doch fern, der der Storer meines Handelns, der Peiniger mei⸗ nes Lebens war! Noch bin ich nicht ſo gebeugt, daß ich verzweifeln ſollte!— Ich verlaſſe muth⸗ voll dieß ſtolze Schloß— es verfalle den Glaͤu⸗ bigern— die Anſpruͤche Fremder werden befrie⸗ digt— ich nehme aus dem Glanz, der Pracht, die bisher mich ſtrahlend umgaben, einen großen Schatz mit hinuͤber in meinen kuͤnftigen armen Zuſtand: ein fleckenlos- reines Gewiſſen und eine gute, fromme, hoffnungsvolle Tochter. Ich war eine ungluckliche Gattin, ich bin eine hoͤchſt gluͤckliche Mutter— und dankbar geruͤhrt preiſe ich Gott, daß er mich nicht das Entgegengeſetzte erleben ließ.— Sie warf ſich in den Wagen, ſie fuhr von ihrem Schloſſe herein in die Stadt zu ihrem Rechtsconſulenten, dem Hofrath Er⸗ win, meinem Vetter. Antonie ſprach mit wenig Worten ihm ihr ungluͤck aus, aber ihr großes, ſeelenvolles Auge war beredeter, als ihre Lippen— ihre Hand ruhte waͤhrend des Sprechens auf dem blonden Lockenkopf ihres Kindes— ihre Wange er⸗ bleichte, ihr Auge fuͤllte ſich mit Thraänen, als ſie an deſſen huͤlfloſen Zuſtand gedachte; ihre Geſtalt hob ſich ſtolz und hoch empor, als ſie von eigener Armuth, von Einſchraͤnkung ſprach, welche ſie vornehmen wolle, um die Anſprüche der Glaͤubiger zu befriedigen. Erwin lauſchte mit inniger Theilnahme ih⸗ rer Rede— er faßte, als ſie geendet, ihre Hand. Gnädige Frau, ſprach er, ich bin geruͤhrt von dem Vertrauen, daß Sie mir bezeigen; ich hoffe, Ihre Lage iſt nicht ſo ſchlimm, als Sie glauben— ich werde alle Papiere genau durch⸗ ſehen, ich denke, es wird ſich noch ſo Manches thun laſſen, um Allem ein guͤnſtiges Anſehen, einen leidlichen Ausgang zu verſchaffen. Zum Verkauf des Schloſſes Felsburg rathe ich jedoch ſelbſt— doch nur aus dem Grunde, weil Felsburg der Grenze ſo nah gelegen, und bei jetzigem, ſchreck⸗ lichen Kriege eine ſo große Beſitzung fuͤr eine Dame allein doppelt beſchwerlich ſeyn moͤchte— begluͤcken Sie mich ferner mit Ihrem Vertrauen, ich denke, es ſoll Alles recht gut werden. Antonie kehrte beruhigt zurüͤck— der Hof⸗ rath ging mit raſtloſer Thaͤtigkeit ans Werk— Felsburg ward verkauft, die Schulden getilgt. Antonien blieb zwar nur ein kleines Capital, doch hinreichend genug, um mit Anſtand leben, die Erziehung ihrer Tochter leiten zu konnen. Der Baron hatte fremde Dienſte genom⸗ men— aus einem rauſchenden Bankett rief ihn die Trompete zur Schlacht— halb trunken ſtuͤrzte er ſich einem feindlichen Haufen entgegen, und— die erſte Flintenkugel machte ſeinem Leben ein Ende— er ſank blutend— erſtarrend, ſterbend vom Pferde. Die Nachricht traf Antonien bald— ſie warf einen großen Blick zu Gott empor. Ihm iſt wohl— ſprach ſie leiſe— und— o Gott im Himmel! mir hat Deine Guͤte das beſte Theil erwählt! Jetzt war die Barynin Wittwe. Der ſchwarze Wittwenſchleier erhob das friſche, bluͤ⸗ hende Geſicht der ſchoͤnen Frau, gab ihren ern⸗ ſten, geiſtvollen Zuͤgen einen hohen, unwider⸗ ſtehlichen Reiz— das ſchien der Hofrath zu fuͤhlen— ſein Blick ruhte oft nachdenkend auf Antonien— ſeine Stimme ward bebend, ſprach er von ſeiner Freundſchaft fuͤr ſie— ſeine Wange rothete ſich, traf ihn Antoniens Blick— ſeine Rede ſtockte, beruͤhrte ſie im Eifer des Geſpraͤchs ſeine Hand— er ward noch guͤtiger, noch ſanfter, als er bisher geweſen, war er bei ihr— obgleich er in ſeiner haͤuslichen Umgebung durchaus ein Anderer ward. Unſtaͤt ging er von einem Geſchaͤft zum andern uͤber. Ich muß doch wohl auf einige Tage hinaus nach Tannenhof— dachte er— ich arbeite hier zu viel— dort in der reinen, freien Vergesluft wird mir wohler werden! Da wird die aͤngſt⸗ liche Beklemmung meiner Bruſt ſchwinden!— Ja, ich muß nach Tannenhof!— Aber kaum in den Bergen angelangt— kehrte die ängſt⸗ liche Beklemmung verdoppelt wieder.— Mein Gott, wie vorſchnell bin ich auch! ſprach er bei ſich ſelbſt— wie kann ich jetzt das Vergnuͤgen auf'm Lande ſuchen? Sie weiß nicht einmal, daß ich die Stadt verlaſſen! Vielleicht eben jetzt ſchickt ſie zu mir! Vielleicht bedarf ſie mei⸗ nes Rathes!— und ich ſollte zwei, drei Tage zoͤgern, der Trauernden dieſen zu ertheilen? Was kann in der Zwiſchenzeit nicht Alles vor⸗ fallen?— Nein, da muß ich gleich zuruͤck— wie dürfte ich mir jemals vergeben, ſie auch nur eine Minute in Angſt geſetzt zu ſehen!— Er kehrte zuruͤck. Aber von Antonien keine Nachricht— ſie hatte nicht geſchrieben, nicht geſchickt. Errothend laͤchelte Erwin— meine Vorſicht war unnuͤtz— ſie iſt ruhig, ſie iſt gluͤcklich! Wer weiß, ob ſie in der Zeit meiner Abweſen⸗ heit ein einziges mal an mich gedacht hat!— Er verſank in tiefes, truͤbes Sinnen— ihm dunkte die Zlit ſo lang, ſeit er die Baronin nicht geſehen— mechaniſch griff er nach dem Hute— er ſchlich durch mehrere Straßen, un⸗ entſchloſſen, was er thun wolle— und ihm ward wohler, als er plötzlich vor ihrem Hauſe ſtand— — aus ſeinen unruhigen Schwanken hatte ſich ſieg⸗ reich der Entſchluß losgerungen, Antonien zu beſuchen. Aber ein leiſes Beben uͤberſiel ihn, als er ins Zimmer trat— Seine Phantaſie hatte ſich ihr Bild in ernſter, nachdenkender Stellung gemalt— den ſchwarzen Schleier uͤber den blonden Locken, das ſinnende Geſicht auf den weißen, vollen Arm geſtuͤtzt— er wußte ſich ſelbſt nicht zu erklaͤren, warum er die trauernde, ſinnende Geſtalt ſo gern vor Augen ſah— er oͤffnete ihre Thuͤr— und die rauſchenden Toͤne ihres Inſtruments toͤnten ihm entgegen— ihm laͤchelte ein roſiges, heite⸗ res Geſicht— der Schleier hing uͤber der Stuhl⸗ lehne, in uͤppiger Fuͤlle umwallten die blonden Locken die glaͤnzend⸗weiße Stirn, den ſchoͤnen Nacken.— So iſt ſie dennoch ſchöner! ſprach leiſe eine Stimme in ſeinem Innernz und den⸗ noch— o ewiger Widerſpruch in einer Maͤnner⸗ bruſt!— und dennoch hatte ihr rauſchendes Spiel — ihr heiterer Blick das zarteſte Gefuͤhl ſeines Innern verletzt!— Mit raſtloſer Anſtrengung, mit großmüthi⸗ ger, edler Freundſchaft hatte Erwin Alles auf⸗ geboten, Antoniens Verhaͤltniſſe dahin zu geſtal⸗ ten, daß ſie vor jedem Mangel, jeder Sorge ge⸗ ſichert ſey.— Stets war er emſig bemuͤht, Al⸗ les aus dem Wege zu räumen, was ſie betruͤ⸗ ben, ihre Stimmung verduͤſtern koͤnnte. Und kam ſie mit heiterm, laͤchelnden Geſicht ihm entge⸗ gen— ſtrahlten ihre Augen voll freudiger Dankbarkeit— ſo dachte er bei ſich: O, ſie iſt glucklich! ſie iſt zufrieden, heiter und froh— nur ich!— Er legte gedankenvoll die Hand an die Stirn— Was ſann er denn?— Erwin war der juͤngere von zwei Brütern. Leo und er liebten ſich mit inniger, unend⸗ licher Liebe; Leo war ein ſchoͤner Mann, mit einem hohen, herrlichen Wuchs. Seine Liebens⸗ wuͤrdigkeit ſowohl, als ſeine Schoͤnheit, ſein Verſtand, ſeine Herzensguͤte, machten ihn bald zum Gegenſtand aller Maͤdchen Blicke. Aber— Leo flatterte hier hin und dort hin— fuͤr ihn ſchien Amor keine Feſſeln zu haben. Er ver⸗ wundete mit ſeinen dunkeln Feueraugen tauſend Mädchenherzen— ihm lächelten Alle— ihm gefielen Alle, aber gewoͤhnlich dauerte der Rauſch ſeiner Verliebtheit nur ſehr kurze Zeit— er ward nuͤchtern, ſobald die Schoͤne ihn gefangen zu haben glaubte, und umflatterte eine Andere auf aͤhnliche Weiſe. Nicht ſo Erwin. Ihm galt die Liebe fuͤr das Hochſte, Edelſte, Groͤßte auf der Welt— und hatte er gleich noch nie geliebt, ſo fuͤhlte er doch: erwache je⸗ mals das Gefuͤhl in ſeiner Seele, er die Ge⸗ liebte hochhalten, lieben wuͤrde fuͤr Zeit und Ewigkeit! Aber er konnte nicht von dieſen Ge⸗ fuͤhlen, die ihm heilig galten, ſprechen. Er ſprach üͤberhaupt von keinem Mädchen, obgleich auch ihm ſeine Geſchaͤfte, ſeine Verhaͤltniſſe oft noͤthigten, mit Damen zuſammen zu ſeyn. Endlich ſtarb ein alter Freund ſeines Va⸗ ters, und hinterließ eine Tochter von 17 Jahren. Erwin ward, nach dem Willen des Va⸗ ters, Vormund fuͤr das Maͤdchen. Virginia war nicht ohne ein bedeutendes Vermoͤgen— aber es ſank zuruͤck in nichts, ſtellte man es den geiſtigen und körperlichen — 30— Vorzuͤgen zur Seite, womit die Natur dieß himm⸗ liſchreine, fromme Maͤdchen ſo reichlich ausge⸗ ſtattet hatte.— Sie war ein beſcheidenes Veil⸗ chen, das im Verborgenen bluͤht, denn des Va⸗ ters eiſerne Strenge erhielt das Maͤdchen bei groͤßter Eingezogenheit.— Erwin hatte Virginien kaum zweimal ge⸗ ſehen, ſo rief es laut und maͤchtig in ſeinem Innern: Dieſe iſt's, dieſe werd' ich lieben fuͤr Zeit und Ewigkeit! Doch ſein ſchuͤchterner Mund wagte das Bekenntniß nicht. Virginias Auge ruhte bald mit dem Ausdruck der innig⸗ ſtens Liebe auf Erwinz in ihrer reinen, un⸗ ſchuldigen Bruſt erhob ſich das Gefuͤhl einer unendlichen Liebe— ſie wußte, daß Erwin ſie liebte, obgleich ſeine Lippe es ihr nicht verrieth, ſie ſchwelgte in dem Bewußtſeyn, von dem ſcho⸗ nen, edeln, jungen Mann geliebt zu ſeyn— warum ſollte ſie, die argloſe, unbefangene Un⸗ ſchuld, gegen ihn ihr Geheimniß aͤngſtlich huͤten? Erwin erkannte ihre Liebe— und ſtill be⸗ gluͤckt— innig froh, wollte er ſich an Leo's Bruſt ſtuͤrzen, ihm ſeine Neigung, Virginia's Gegenliebe entdecken, da trat der Bruder auf ihn zu. 1* 9 —— O, mein Erwin, ſprach der Frohe mit jauchzenden Tonen, wie unausſprechlich glücklich bin ich!— Du, mein Theurer, nimmſt ge⸗ wiß den redlichſten Antheil an meinem Gluͤck! darum auch ſollſt du der Erſte ſeyn, dem ich mich entdecke.— Des Fuͤrſten Gnade uͤberraſchte mich dieſen Morgen mit der Gewaͤhrung mei⸗ nes innigſtens Wunſches— die ehrenvolle Aus⸗ zeichnung ward mir, eine Stelle im Cabinet er⸗ halten zu haben. Aber nun wird es auch Zeit, daß ich die Schmetterlingsfluͤgel abwerfe— ich will ernſter, ſolider werden, ich will heirathen Bruder. Ich habe ein Maͤdchen gefunden, Bru⸗ der, einen himmliſchen Engel! lächle nicht Erwin! dießmal iſt's Ernſt— ich fuͤhle, daß die Liebe zu ihr mir ewig, unverganglich im Herzen leben wird, und darum Bruder, und weil ich von des Mädchens hoher Tugend, ihrer reinen Seele, ihrer Schoͤn⸗ heit ewig gefeſſelt bin, will ich ihr den Antrag machen, will ich ſie heirathen. Erwin ſah mit hellen Augen, lächelnd in des Bruders begeiſtertes Angeſicht.— Ueber⸗ eile Dich nicht, theurer Bruder, ſprach er dann, pruͤfe erſt Dein Herz, ob dieſe Liebe die wirkliche ſey— Du haſt Dich ſo oft ge⸗ taͤuſcht— Dießmal nicht, Bruder, antwortete Leoz glaube mir— ich fuͤhle, ich liebe das Maͤdchen uͤber alles in der Welt— und ewig. Und wer iſt ſie? fragte Erwin voll Freude, den geliebten Bruder ſo gluͤcklich zu ſehen. Mein Gott! hab' ich Dir den Engel wirk⸗ lich noch nicht genannt?— Es bedarf Deiner Einwilligung, mein Bru⸗ der, ſprach Leo, Du biſt des Engels Vormund, und— Ehre dem Ehre gebuͤhrt— ich bitte bei Dir zuerſt um ihre Hand. Es iſt Virginia Werben! Eine Todtenbläͤſſe bedeckte Erwins Wange— der Athem ſtockte in ſeiner Bruſt— es ward Nacht vor ſeinem Auge.— Wer? fragte er mit bebender Stimme. Wen haſt Du genannt, Bruder? Virginia Werben? ohnmöglich! Leo war im hoͤchſten Entzücken— er be⸗ merkte Erwins Erſchuͤtterung nicht. Ja! rief er, den Bebenden voll ſturmiſcher Freude an ſein Herz druͤckend; ja, Virginia iſt's! dieß Göt⸗ termaͤdchen! Nicht wahr, Du billigſt, Du freueſt Dich dieſer Wahl? Erwin legte die Hand auf fein ſchmerzlich, tief verwundetes Herz. Weiß Virginia? fragte er leiſe. Noch nicht, ſprach Leo; aber von Dir gehe ich zu ihr— ich geſtehe ihr meine Liebe, bitte ſie um ihre Hand, und bin glucklich! Er eilte fort. Erwin faltete leiſe die Haͤnde uͤber der tief bewegten Bruſt— Thraͤnen des in⸗ nigſten Schmerzes drangen ihm ins Auge— o, mein Gott, das iſt zu viel! ſeufzte er aus gepreßtem Herzen; er wankte zum Sopha, er verhuͤllte die weinenden Augen mit beiden Haͤnden, er verſank in den quaͤlendſten, tiefſten Schmerz. Virginia liebte ihn mit der ganzen Gewalt eines reinen, ſchuldloſen, jungen Herzens; ſie nahm Leo mit holder Freundlichkeit auf, ihr Ge⸗ ſicht erheiterte ſich mehr und mehr, als dieſer ihr ſagte: er komme von ſeinem Bruder, von ihrem Vormund in ernſter Angelegenheit.— Jetzt wußte Virginia, Leo wuͤrde ihr des Bruders Liebe fuͤr ſie geſtehen, um ihre Hand fuͤr dieſen bitten— ſie war hoch begluͤckt— und obgleich in ihrem liebenden Herzen ſich leiſe die Frage regte, warum der Geliebte nicht lieber II. 3 ſelbſt gekommen, ihr das begluͤckende Geſtaͤndniß ſeiner Liebe zu bringen, ſo reichte ſie doch voll ſuͤßer Zutraulichkeit Leo'n beide Haͤnde dar.— Reden Sie frei, ſprach ſie hold erroͤthend, als ſie ſah, daß auch ſeine Stimme bebend ward, wie des geliebten Erwin's Stimme— reden Sie frei, ich ahnde, was ſie mir ſagen werden. Leo ſah ihr mit ſeligen Blicken in die ſchö⸗ nen Augen.— Virginia, ſprach er dann, ihre Haͤnde auf ſeine Bruſt druckend, Virginia, ich liebe Siel ich liebe Sie unausſprechlich— und bitte Sie, machen Sie mich zum gluͤcklichſten Manne— ſchenken Sie mir Ihre Hand, Ihr Herz, Ihre Liebe!— Virginia ſah ihn mit ſtarren Augen einen Moment an.— Wie war das? fragte ſie, die Hand an die Stirn legend; Sie lieben mich? und Erwin— 7— O, theure Virginia, ich liebe Sie uͤber Alles in der Welt, das ſagt' ich Erwin, und er ſegnet unſern Bund. Da fuhr ein heißer, un⸗ endlicher Schmerz durch Virginia's Bruſt— fie wankte einige Schritte vorwaͤrts— und ſank ohnmächtig zuſammenſtuͤrzend in Leo's Arme. Erwin hatte ſich in den Wagen geworfen, er eilte nach Tannenhof. Melde mir, ſchrieb er an Leo, den Tag Deiner Vermaͤhlung, mein geliebter Bruder— ich kehre dann zuruͤck nach der Stadt. Fuͤr jetzt feſſeln mich fuͤr unbe⸗ ſtimmte Zeit hoͤchſt noͤthige Geſchaͤfte in Tan⸗ nenhof. Gott ſegne Deinen Bund mit Virgi⸗ nien, Gott moͤge Euch das hoͤchſte Gluͤck geben.— Aus treuem Herzen wuͤnſcht es Dein Erwin. Virginia erholte ſich— ſie nahm all' ihre Kraft zuſammen— ſie bat Leo'n, nicht in ſie zu dringen— ſie fuͤhle ſich hoͤchſt geehrt durch ſeinen Antrag, ſie achte ihn aus voller Seelez aber ſie bat ihn, ihr Zeit zu gönnen, ſich von der Ueberraſchung, in welche ſie das Geſtändniß ſeiner Liebe geſetzt, erholen zu können. Sie ſchrieb an Erwin, ſie geſtand ihm frei und offen ihre Liebez ſie bat ihn, ihr eben ſo offen zu ſagen, warum er ſie ſo eilig verlaſſen, woher ihr der ganz unerwartete Antrag des Bru⸗ ders käm'— ſie bat ihn, ihr Geſchick zu entſcheiden. Erwin las den Brief des ſo heiß, ſo un⸗ ausſprechlich geliebten Maͤdchens mit ſeligem Ent⸗ zuͤcken— aber ſein edles, weiches Herz ermaß 3* die Leiden, denen der geliebte Bruder unterwor⸗ fen ſey, dafern er ihm die Hand Virginia's ent⸗ zogez er drückte ſtill duldend den Dolch der Ent⸗ ſagung in ſein eignes Herz. Er opferte ſich fuͤr das Gluͤck ſeines Bruders. Erwiedern Sie, theure Virginia, ſchrieb er, meines geliebten Bruders Liebe— er iſt ein guter, vortrefflicher Menſch Begluͤcken Sie ihn durch Ihre Hand, und verkennen Sie das edle Herz nicht, das für die Ewigkeit ſich Ihnen dar⸗ bietet. Sie erfuͤllen meine ſchonſten Wuͤnſche, indem Sie die Seinigen erhoren. Virginia kämpfte lange mit ſich ſelbſt— ſie kämpfte muthig— doch ihre zarteſten Lebens⸗ bluͤthen waren gebrochen— ſie erkannte das edelmuͤthige Betragen Erwins gegen ſeinen Bru⸗ der, aber ſein Opfer brach ihr Herz— ſie wußte, ſie werde das Schwere, das er von ihr forderte, nicht uͤberleben. Leo drang in ſie, ihm ihre Hand zu geben.— Gut denn, ſprach ſie— noch iſt Erwin mein Vormund. Laſſen Sie uns zu ihm nach Tannenhof fahren, er lege meine Hand in die Ihre. Sie traten vor Erwin. O, laß mich mein hochſtes Gut aus Deiner Hand empfangen, mein Bruder! bat Leo— und die blaſſe Wange Erwins erbleichte noch mehr— ſein truͤbes Auge ward truͤber. Er warf den kummervollen Blick auf die bleiche, zitternde Virginia, er ergriff bebend ihre, von Todesangſt gekaͤltete, zitternde Hand, legte ſie ſchweigend in Leo's Rechte— und wankte zur Thuͤr hinaus. Leo's Entzuͤcken war unbegrenzt— Vir⸗ ginia raffte all' ihren Muth, ihre Kraft zuſam⸗ men, ſie duldete die ſtuͤrmiſchen Umarmungen Leo's— ſie kehrte mit ihm nach der Stadt zu⸗ ruͤck— ſie duldete, daß er ſie als ſeine Braut offentlich erklaͤrte, daß er in 4 Wochen die Ver⸗ maͤhlung feſt ſetzte— ſie zwang ſich ruhig, heiter zu ſeyn.— Doch— ſchon nach 3 Wochen ſtand Leo verzweifelnd am Sterbebette des geliebten Maͤdchens— Ihre Phantaſie verirrte ſich in truͤben ſchrecklichen Bildern— ſie fiel in ein hitziges Fieber, und der Tag, an welchem die Vermaͤhlung anberaumt war, brach ihr Auge, brach ihr Herz— ihre Pſyche entwand ſich der ſterblichen Huͤlle, und eilte hinauf, wo ihr ein ſchonerer Freudenkranz bluͤhte, als derjenige war, den Leo's Liebe ihr hienieden zu bieten vermochte. Voll ſtarren Schmerzes folgten beide Bruͤ⸗ der der Leiche des geliebten Maͤdchens.— Ich habe Dich geliebt, Erwin, hatte ihr ſterbender Mund dem Geliebten geſagt— ich konnte ewig nur Dich lieben!— Jetzt druͤckte dieſer einen leiſen Kuß an die kalten, bleichen Lippen der Entſchlafenen. Ruhe ſanft, Geliebte, fluſterte er, ich liebe Dich, ich liebe Dich ewig, und nie, ich ſchwöre es Dir, wird dieſer Arm ein Weib liebend umfaſſen— nie dies Herz an einem weiblichen Herzen ſchlagen— Dir allein gehoͤrt meine Liebe— ewig Dir meine Treue!— Duͤſter und ſchwermuͤthig kehrte Erwin nach Tannenhof zuruͤck— doch ſeiner gefuͤhlvollen Seele warteten noch herbere Schmerzen!— Der Krieg war ausgebrochen. Leo wollte ſeinen Schmerz hinaustragen ins wilde Getuͤm⸗ mel des Kriegs— er ſank Abſchied nehmend in Erwin's Arme.— O, bleib! bat dieſer; doch vergebens— Leo ſchloß ſich einem Freicorps an— er kaͤmpfte muthig und kuͤhn— ſchon zierten mehrere Or⸗ den die Heldenbruſt— ſein Streben ging ho⸗ her. Mit groͤßter Beſonnenheit und kuͤhnem Muth fuͤhrte er einen Haufen Freiwilliger an⸗ Er that Wunder der Tapferkeit— er fuͤgte den Feinden betraͤchtlichen Schaden zu.— Des commandirenden Generals Augen weil⸗ ten mit Bewundrung auf Leo's kuͤhnen Thaten.— Der heutige Tag bringt Ihnen das eiſerne Kreuz! ſagte freundlich der biedere Held zu Leo, am Mor⸗ gen einer begonnenen Schlacht. Das ſpornte Leo's Muth— er ftͤrzte in das dichteſte Gewuͤhl der Feinde— er eroberte eine Fahne— mit aͤngſtlicher Haſt arbeitete er ſich vor den General.— Das eiſerne Kreuz! rief er mit gewaltiger Stimmez mir das Kreuz— ich hab' es redlich verdient! und ſank leblos zu des Commandeurs Fuͤßen nieder. Ein Lanzenſtich hatte ihm die Bruſt durch⸗ bohrt, ſein Leben ſchnell geendet. Erwin hielt die Orden des gebliebenen, theu⸗ ern Bruders, die man ihm geſchickt, in der zit⸗ ternden Hand, er druckte eine Haarlocke von ihm an ſeine Lippen. So haſt auch Du geendet, Leo! Nur meine Bruſt trifft jeder Pfeil, ohne ſie zu durchbohren! Er warf die thraͤnenden Augen in die Wol⸗ ken— ſein Herz ſagte ihm, dort erbluͤhe ihm Erſatz fuͤr Alles, was auf Erden ihm geraubt wurde. Er verließ Tannenhof, er kehrte in die Stadt zuruͤck— er warf ſich mit verdoppelter Regſamkeit in ſeine Geſchaͤfte; dieß wirkte wohlthätig auf ſein truͤbes Gemuͤth— es zerſtreute ſeine duͤſtern Gedanken— allmaͤhlig kehrte die Ruhe in ſeine Bruſt zuruͤck. Der Schmerz hatte die beherr⸗ ſchende Gewalt uͤber ihn verloren— die Zeit heilte ſeine Wunden— da lernte er Antonien kennen, und ſein Herz— obgleich er es ſich ſelbſt kaum zu geſtehen wagte, ſein Herz hing bald mit heißer, gluͤhender Liebe an der liebens⸗ wuͤrdigen Frau. Antonie war ihm gegenuͤber in einer pein⸗ lichen Lage— allmaͤhlig ſchwand der Frohſinn von dem blühenden Geſicht— das helle, klare Auge umwölkte ſich— ihr Buſen klopfte un⸗ ruhig— der Schlaf floh ihr Lager— ſie uͤberraſchte ſich oft ſelbſt in wehmuͤthigem Sin⸗ nen. Was iſt mir denn? fragte ſie ſich verwun⸗ dert; welch' banges, truͤbes Gefuͤhl in meiner Bruſt! Welch' unbekanntes, nie zuvor empfun⸗ denes Sehnen? Was will ich denn? Was be⸗ deuten die Thraͤnen in meinem Auge? was das ungeſtuͤme Klopfen meines Herzens? Bin ich krank? Sie ſprach mit ihrem Arzte. Dieſer rieth Zerſtreuung, eine Badereiſe. Antonie glaubte ihm Folge leiſten zu muͤſſen, da ihr Zuſtand immer bedenklicher ward. Erwin kam zu ihr— ihr Ausſehen er⸗ ſchreckte ihn. Was iſt Ihnen, Antonie? fragte er mit weicher Stimme; was bleicht Ihre Wange? was truͤbt Ihr Auge? Antonie legte die Hand auf die Bruſt. Ich bin krank, antwortete ſie leiſe; der Arzt rieth mir ein Bad zu gebrauchen; ich will mor⸗ gen reiſen. Erwin ſtarrte gedankenvoll zur Erde nie⸗ der.— Reiſen? wiederholte er langſam; Sie ſind krank? Sie wollen fort? Antonie, was fehlt Ihnen? Muͤſſen Sie wirklich reiſen? Antonie lehnte den Kopf an Erwins Schul⸗ ter— ihr Auge befeuchtete ſich— ſie lächelte ſchmerzlich durch Thränen— ganz leiſe flüſterte ſie den Namen: Erwin!— Erwin druͤckte die Errothende an ſeine Bruſt— ſeine Lippen druckten einen heißen, gluͤhenden Kuß auf ihren Mund— in ſein Auge trat eine Thräne— im Buſen wogten und ſtuͤrmten tauſend ſchmerzlich⸗ſuͤße Gefuͤhle— klar ſtand vor ſeinem geiſtigen Auge das Be⸗ wuſtſeyn: er liebe Antonien über Alles in der Welt.— Alber erbleichend ſchauderte er in ſich zuſammen, vor ſeine Seele trat Virginia's todte, bleiche, ruͤhrende Geſtalt, und ſchien ihn an den Schwur zu mahnen, den er freiwillig ihr mit in's Grab gegeben. Mit leiſem Beben druckte er die Geliebte ſanft aus ſeinen Armen zuruͤck, ſtand ſchnell auf und verließ das Zim⸗ mer. Antonie breitete ihre Arme aus, als ſie allein war— ſie warf ſich auf die Kniee nie⸗ der— Erwin! rief ſie mit Thränen— Erwin, ich liebe Dich!— Ja, ich liebe Dich mit allen Kraͤften meiner Seele!— Aber— weh' mir! Ich bin ungluͤcklich— Deinem Herzen iſt die Liebe fremd! —,— ,,— — — 143— Antonie erkrankte nun wirklich. Das ſchöne, bluͤhende Geſicht deckte eine ruͤhrende Blaͤſſe— die frohliche, jauchzende Stimme ſank zum lei⸗ ſen Fluͤſtern herab— auf die geiſtvolle Stirn hatte die tiefſte Schwermuth ſich gelagert. Warum verſchweigt ſein Mund mir, daß er mich liebt? fragte ſie ſich unaufhoͤrlich; ſein Auge verraͤth mir die gluͤhendſte Liebe, ſeine Lippe ſchweigt— er kaͤmpft wie ich, er ſieht meinen Gram— er ſieht, wie der Kummer alle Kraͤfte meiner Seele aufreibt— er leidet um meinetwillen— warum nur ſchweigt er? Ach, Erwin war unglucklicher, als Anto⸗ nie— er ſah, er fuͤhlte wie ſie— er ahndete, der Kummer wuͤrde auch ihr Herz brechen, wie das Herz Virginia's— er wußte, auch er werde in Gram ſich verzehren, und dennoch konnte er nicht ſprechen.— Nein, es war unmoglich— die todte Geliebte hatte ja ſei⸗ nen Schwur mit in's Grab genommen. Antonie ſchied von ihm. Sie riß ſich mit Macht von Allem los, was ihrem Herzen theuer war— ſie erfreute fich Erwin's Liebe nicht— nur dieſe war fuͤr fie das höchſte, großte Gut— nichts anders auf der Welt, das fuͤhlte ſie zu tief, konne ihr Erſatz bieten fuͤr das, was fuͤr ſie nicht zu erlangen ſchien— darum riß ſie ſich los von Allem— ſie waͤhlte eine kleine Grenz⸗ ſtadt— zwei Stunden von Tannenhof— hier kaufte ſie ein kleines Gartenhaus— hierher zog ſie mit ihrer Roſa, und ſuchte durch die an⸗ geſtrengteſte Aufmerkſamkeit, welche ſie der Tochter Erziehung widmete, ihren Kummer zu mildern. Fortwaͤhrend blieb ſie in Briefwechſel mit ihrem Freunde— doch mieden Beide, ſo viel wie moͤglich, jede Zuſammenkunft. Antonie ſuchte muthig den Schmerz zu bekämpfen, der ihre Bruſt zerriß, ſie muͤhte ſich durch ihre Briefe Erwin glauben zu machen, ſie lebe ruhig und glucklich. Dieſer entſiegelte ihre Briefe jedesmal mit ſußem Vorgefuhl— doch las er, wie ſie ſich des erwachten Fruͤhlings freue, wie ſie frohlich Theil an kleinen Geſellſchaften nehme— wie ſie wieder viel Muſik treibe, ſo legte er mit ſchmerz⸗ lichem Lächeln den Brief in ſein Bureau.— Es war Taͤuſchung, ſagte er ſanft, ſie taͤuſchte ſich— ich taͤuſchte mich mit ihrem Gefuͤhl, ſie hat mich nie geliebt— ſonſt— o Gott! wie konnte ſie ſonſt frohlich und gluͤcklich ſeyn— da ſie entfernt von mir lebt!— Fuͤhle ich doch, wahre Liebe iſt endlos, und kann mit keiner Freude ſich vereinen, entfernt vom geliebten Ge⸗ genſtand!— Da entflammte ſich mehr und mehr die furchtbare, Alles verheerende Brandfackel des Kriegs, und beleuchtete mit ihrem blutigen Schein die veroͤdeten Staͤdte und gepluͤnderten Doͤrfer.— Tauſende von armen, ungluͤcklichen, ver⸗ ſtuͤmmelten Menſchen irrten ohne Wohnung, ohne Kleidung, ohne Brod in der Gegend umher⸗ Der laͤndliche Aufenthalt ward immer gefahr⸗ voller, die Bewohner kleiner Städte fluͤchteten in die Refidenz, wo ſie eher Schutz zu finden hofften. Erwin bat Antonien, auch dahin zu⸗ ruͤckzukehren, ihm ahndete die groͤßte Gefahr für ſie, in der kleinen See welcher nah' ihr Gartenhaus lag. Antonie fuͤrchtete ſeine Naͤhe mehr, als die Schreckniſſe des Kriegs— ſie fuhlte, ihr gebrach 3½ — 6— die Kraft, ihm gegenuͤber ein Gefuͤhl zu bekäm⸗ pfen, das ihre ganze Seele mit ſolcher Gluth erfuͤllte. Brieflich beruhigte ſie ſeine Beſorgniſſe, und blieb. Da zog ein feindliches Regiment im Städt⸗ chen ein— es diente jedoch nur als Vortrab eines ganzen Armeecorps, das ſich hier, zuruͤck⸗ geſchlagen, noch einmal feſtſetzen wollte— Antoniens Haus wimmelte von Einquartirung. Schloß Felsburg hatte der Marſchall eingenom⸗ men— in Tannenhof war ein General mit ſei⸗ nen Offizieren— alle Dörfer und Straßen wa⸗ ren voll hin- und herſprengender Reiterei, Fuß⸗ volk, Pulver⸗ und Munitionswagen. Es war als wuͤchſen die Mannſchaften aus der Erde her⸗ aus. Mit jedem Augenblick vermehrte ſich ihr Andrang. Antoniens Lage war ſchrecklich— ſie war jung, ſie war ſchon— ihre beiden Dienerin waren es ebenfalls— außer ihnen aber war Niemand, als ein alter, treuer Bedienter im Haus. Jetzt kam ein junger Obriſt, ſein dant, 4 ſubalterne Offiziere und eine Meie 2 meiner Soldaten in ihr Haus. Der Obriſt war ein feiner, artiger Mann. Die ruhige Wuͤrde, die ſtolze Haltung, mit welcher ihn Antonie aufnahm, erfuͤllten ihn mit Ehrfurcht gegen ſie— doch die leichte Entzuͤnd⸗ lichkeit ſeiner Nation, die angeborne Galanterie derſelben, verſcheuchten nur zu bald das ernſte Benehmen gegen die liebenswuͤrdige Wirthin⸗ Der Obriſt ſprach Antonien von Liebe. Betroffen erſt, dann voll Abſcheu, trat Antonie einen Schritt zuruͤck. Der Zorn tröthete ihre Wange, und blitzte aus ihrem Auge. Herr Obriſt, ſagte ſie ſtolz, ich bin eine Teutſche! Ich ſehe den Jammer meines Volks, verurſacht durch den Uebermuth des Ihrigen— ich hoͤre tauſend ſeufzende, klagende Stimmen der Mei⸗ nigen— ich fuͤhle die Wunde jedes Einzelnen ſchmerzend in meiner Bruſt— wie verächtlich muͤßte ich ſeyn, könnte ich jetzt von Liebe ſpre⸗ chen— mit Ihnen von Liebe ſprechen!— Der Obriſt richtete ſich hoch auf vor ihr— er maß ſie mit einem langen, ſtolzen Blick vom Kopf bis zu den Füͤßen— in ſein Geſicht ſtieg eine dunkle Rothe— die Lippen preßten ſich heftig zuſammen— er trat, kämpfend mit ſich ſelbſt, einen kleinen Schritt auf ſie zu, dann verließ er ſie plotzlich in finſterm Schweigen. Antonien erfuͤllte die ſchnelle Veraͤnderung ſeines ganzen Weſens mit unheimlichem Grauen — ſie ſah mit ängſtlich⸗ſcheuen Blicken in die Zukunft; ſie bat mit Zittern, Gott moge den Sieg den Ihrigen verleihen, daß dieſe Unholde aus ihrer Naͤhe entfernt wuͤrden— doch ſtand dieß leider ſobald nicht zu erwarten— im Ge⸗ gentheil ward ein Waffenſtillſtand auf längere Zeit feſtgeſetzt. 57 Antonie ſandte ihren alten Gaͤrtner nach Tannenhof, heimlich Erkundigungen einzuziehen, wie es dort gehe— ihr fehlte ſo lange ſchon jede Nachricht von dort her. Walter kam mit aͤngſtlichem Geſicht zu⸗ ruͤck. O Gott, gnädige Frau, ſprach er, druͤ⸗ ben herrſcht wohl noch groͤßere Angſt, als bei uns. Der Herr Hofrath hat Streit gehabt mit dem General. Die Ofſiziere mißhandeln die Bauern, ängſtigen Weiber und Toͤchter— die Soldaten pluͤndern— Alles ſturzt auf den Hof⸗ rath ein, Huͤlfe, Rettung von ihm erwartend— der Herr trat endlich vor den General— er bat, — er flehete— die Sache ward nur aͤrger— da drohte der Hofrath, ſich an den Marſchall ſelbſt wenden zu wollen— und— die Folge dieſer Drohung war, daß er Tag's darauf gefangen nach Felsburg abgefuͤhrt ward. Gerechter Gott! ſchrie Antonie, in ſich zu⸗ ſammenſturzend; ſie raffte ſich mit Muth auf— ihr kalter ſtarrer Blick ſchweifte im Zimmer um⸗ her— tauſend Stimmen in ihrem Innern rie⸗ fen: Auf! ermanne Dich! rette ihn!— und einer Wahnfinnigen gleich ſturzte ſie in den Gar⸗ ten hinab.— Der Obriſt ſaß in einer Laubez ſie bemerkto ihn nicht.— Erwin! rief ſie auf die Kniee ſin⸗ kend; Erwin, ich liebe Dich! ich liebe Dich ewig! Barmherziger Gott, verleihe mir die Kraft ihn zu retten! Da nahte ſich ihr der Obriſt, die größte Beſorgniß im Geſicht. Antonie hatte Alles ver⸗ geſſen, Alles, nur ihre grenzenloſe Liebe nicht— der Obriſt ſchien ihr in dieſem Moment ein ihr vom Himmel geſendeter Engel— ſie fuͤhlte, er muͤſſe ihr zu Erwins Rettung beiſtehen. St. Marc! rief ſie noch immer knieend; St. Marc, ſeyn Sie ein Menſch— ſeyn Sie mir ein Engel! Retten Sie das Leben eines edlen Mannes! Sie ſagten mir, daß ſie nicht ohne Gefuͤhl fuͤr mich ſind! O, St. Marc, wenn Sie mich lieben— ſo beſchwoͤre ich Sie bei dieſer Liebe! bei Allem, was jemals wahr in Ihrem Innern gelebt! Helfen Sie mir! Sa⸗ gen Sie mir, was muß ich thun, das Leben des beſten Menſchen zu retten, den der Ueber⸗ muth Ihrer Kammeraden dem ſchmachvollſten Ver⸗ derben in die Arme ſturzt! St. Mare hob Antonien auf. Mon dieu, ſagte er, Madame, welche Aufwallung! Mon dieu, Sie erſchrecken mich! Haͤtte ich doch kaum geglaubt, daß ſo ſtuͤrmiſche Gefuͤhle in der Bruſt einer Teutſchen wohnen koͤnnten! Was iſt Ihnen? Faſſen Sie ſich— kann ich etwas thun? Bei Gott, ich will es, ich will Alles gern thun.— Antonie erzaͤhlte ihm den Vorgang in Tan⸗ nenhof. St. Mare biß die Lippen auf einander. Dieſer Teutſche, ſprach er dann endlich, dieſer Teutſche iſt ein ſo geſchworner Feind der gro⸗ ßen Armee, ein Wirrkopf, ein Aufwiegler, ma foi, ein Rebell, daß jeder redlich Gefinnte ſeine Gefangennehmung wuͤnſchen mußte. Es thut mir leid, Madame, fuͤgte er mit boshaftem Lächeln hinzu— er ſcheint ihrem Herzen ſehr theuer zu ſeyn, darum en verité ſchmerzt es mich um Ihretwillen, ich glaube, wie die Sa⸗ chen jetzt ſtehen, wird er kaum mit dem Leben— Halten Sie ein! ſchrie Antonie. Barm⸗ herziger Gott, ſieh' herab auf meine Thränen— auf meine namenloſe Angſt! O, ſende du mir Troſt, Rath, Huͤlfe von oben herab! Sie wandte ſich an den Adjutanten des Obriſten. Jeantors, ſprach ſie mit erſchuͤtternder Stimme zu dem jungen Mann, ſagen Sie mir, lieber Jeantors, was ſteht zu befuͤrchten? Der Adjutant war ein guter, gefuͤhlvoller Menſch— er druckte Antoniens Hand an ſein Derzz o, wuͤßten Sie, Madame, ſprach er, wie es hier ſturmt, wuthet, ich glaube an des Hofraths Unſchuld, aber, o Gott! der von ihm belei⸗ digte General iſt ein boͤſer, rachſuͤchtiger, klein⸗ licher Menſch, dem jedoch der Marſchall alle Ur⸗ ſache hat, gefällig zu ſeym— Zudem iſt St. Marc's Anklage der Art, daß Ihre Verwendung fur den Freund ſehr ge⸗ faͤhrlich fuͤr Sie ſelbſt werden könnte.— Schon hat St. Marc ein Wort davon fallen laſſen, daß Sie mit dem Hofrath im Einverſtändniß ſind; Aufwieglung, Verrath iſt's, weſſen der Hofrath angeklagt worden. Schon ſind Mehrere, die ſeine Sache fuͤhren wollten, gefangen nach Felsburg abgefuͤhrt wordenz o huͤten Sie ſich, Madame, Sie wuͤrden nichts verbeſſern, nur des Freundes Geſchick, das eigene ſchrecklicher machen. Mit Entſetzen hatte Antonie Jeantors Rede gehoͤrt. Iſt es moglich, fragte ſie jetzt, St. Marc hat Erwin angeklagt? O, Jeantors! ich ſtuͤrze mich zu des Mar⸗ ſchalls Fuͤßen! ich verbuͤrge mich mit meinem Leben fuͤr feine Unſchuld— ich bitte ihn ſo lange knieend, bis er mir ihn losgiebt— ich entdecke ihm St. Marc's Niederträchtigkeit. Um Gotteswillen, Madame, rief der Ad⸗ jutant, faſſen Sie ſich, uͤbereilen Sie ſich nicht! Es ſind jetzt leider nicht die Zeiten, wo eines gefangenen Menſchen Unſchuld lange unterſucht wird; der Marſchall braucht ſeine braven Offi⸗ ziere. Was gilt ihm ein Menſchenleben, wenn es darauf ankommt, ſie ſich zu verpflichten! fallen doch Tauſende der Unſrigen in einer Schlacht. O mein Gott! ſeufzte Antoniez kalter Schweiß trat ihr auf die Stirn— Fieberfroſt ruͤttelte ihre Glieder an einander, ihr gebrach die Kraft ſich aufrecht zu erhalten— jede Stunde duͤnkte ihr eine martervolle Ewigkeit, und den⸗ noch dachte ſie jeden Morgen, jeden Abend, wie we⸗ nig Zeit dazu gehoͤre, ein Menſchenleben zu enden. Jeantors Nachrichten blieben lange Zeit die⸗ ſelben; der Hofrath ſaß gefangen, geſchloſſen, wie ein gemeiner Verbrecher— doch war uͤber ſeine Zukunft noch nichts beſtimmt. Da endete die Zeit des Waffenſtilleſtandes— noch einmal nahte ſich der Obriſt Antonien. Das Leben des Geliebten, Madame, ſteht in Ihrer Hand— ein Wort von mir, und er iſt Ihnen gerettet!— Antonie ſtuͤrzte zu ſeinen Fuͤßen nieder. Richt ſo, Madame, ſprach er laͤchelndz in meine Arme, an mein Herz— erhören Sie meine Liebe, und ich mache Sie gluͤcklich, in⸗ dem ich Ihnen den Gefangenen losgebe. Antonie ſtieß ihn mit Abſcheu von ſich; Teufel! rief ſie, boshafter, giftiger Teufel! Ster⸗ ben kann ich, wie er, doch Dir angehören nie! Da blitzten St. Marc's Augen vernichtend auf ſie hernieder— wohlan denn, rief er im grimmigſten Zorn 5 Sie haben entſchieden; Ihre Hand warf ihm das Todesloos. Jeantors Blicke weilten mit der großten Angſt auf Antoniens Geſicht, als er am Abend in ihr Zimmer trat. Was haben Sie gemacht? rief er; o Gott, der Obriſt iſt hinuͤber nach Felsburg. Um Mitternacht lautet die Ordre zum Aufbruch. Wir ſehen morgen einer fuͤrch⸗ terlichen Schlacht entgegen— und die Gefange⸗ nen auf Felsburg enden vielleicht ſchon dieſen Abend! Antonie ſank mit einem lauten Schrei in Jeantors Arme. Lebt Dir ein Vater? Menſch; lebt Dir eine Mutter? Haſt Du Geſchwiſter? Juͤngling; hat je der Arm einer Geliebten Dich umſchlungen? ſo beſchwöre ich Dich bei allen heiligen, begluͤckenden Banden in der Natur, wirf einen Blick auf die qualvolle Angſt, die meine Bruſt zerreißt! O, hilf mir das Leben des Geliebten retten! Jeantors war tief erſchuͤt⸗ tert— 0 Gott, rief der Juͤngling, was kann ich Armer? Mir fehlt die Kraft ſo gut als Ih⸗ nen! Ich bin mit den Zugaͤngen in Felsburg gar nicht bekannt.— Da ſchien auf einmal ein Lichtſtrahl von oben, in das duͤſtere Gemuͤth Antoniens ge⸗ fallen— ſie entwand ſich Jeantors Armen. Hab' Dank, rief ſie, edler, guter Menſch! Du warſt mir ein Engel— Du zeigteſt Vnir die Moͤglichkeit, ihn zu retten— ich bin in Fels⸗ burg genugſam bekannt. O, laß mich eilen, das große Werk zu vollbringen! Mein Gott, was wollen ſie thun? fragte Jeantors. Aber Antonie warf ſchnell den dichten Schleier uͤber ihre Geſtalt— ſie barg die blon⸗ den Locken unter ein weißes Tuchz ohne zu wiſſen was ſie that, huͤllte ſie ſich in die Tracht der Bewohnerinnen des nahen Kloſters, ſie ent⸗ riß Jeantors ein geladenes Piſtol, und ſtuͤrzte hinaus in die ſinſtere, ſtuͤrmiſche Nacht, den Weg nach Felsburg zu. Ihr blieb kein Moment der ruhigen, klaren Beſinnung. Mit hochſter Anſpannung aller ihrer Seelenkraͤfte drang ſie raſch vorwärts. Nur ein Bild ſchwebte ihrer aufgeregten Phan⸗ taſie vor, das Bild des gefangenen, ſterbenden Geliebten. Sie ſah nicht das ſturmiſche, feind⸗ liche, wilde Treiben und Toben neben ſich.— Kanonen fuhren an ihr voruͤber, Pulver⸗ wagen— Regimenter wogten dahin und dort⸗ hin. Dort ſtand ein Dorf in lichten Flammen, das Winſeln der Sterbenden, Fliehenden drang nicht in ihr Ohr— ſie war taub, gefuͤhllos— nur ein Laut durchbebte ihr Inneres— der letzte, erſterbende Laut Erwin's.— Mit ſtar⸗ ren Blicken, mit pochender Bruſt, mit fiebernder, fliegender Roͤthe auf den Wangen erreichte fie endlich Felsburg. Sie lehnte einige Momente an der Gartenmauer, ſie zog die aͤngſtlich wal⸗ lende Bruſt voll Athem, ihre Kniee bebten. Gieb mir Kraft, o Gott, Vater im Himmel! ſtieß ſie ans bleichen, trocknen Lippen hervor. Laß mich ihn retten, und nimm mein Le⸗ ben fuͤr das Seine! Da nahte ſich ihr langſam die Geſtalt ei⸗ nes Mannes. Was willſt Du hier, fromme Schweſter? fragte die ernſte Stimme; o kehre zuruͤck in Dein ſtilles Haus, und fliehe den Ort des Schreckens, des Graͤu'ls! Die Stimme war Antonien bekannt.— Berthold, ſprach ſie, biſt Du es? und erkennſt mich nicht? Großer Gott, gnadige Frau! rief der ehe⸗ malige Diener Antoniens; Sie hier! in dunkler, gefahrvoller Nacht, und in dieſer Vermummung? O, antworte ſchnell, ſprach Antonie, ich ſehe es als ein gutes Zeichen an, daß der Him⸗ mel mir giebt, daß er Dich in meinen Weg ſandte. O, ſag' ſchnell, lebt er? Zögre nicht! lebt er? Wer? gute, gnädige Frau! fragte Bert⸗ hold; wer ſoll leben, oder geendet haben?— Gott! ſchrie, Antonie, Du fragſt noch? Ich meine den Hofrath, den Herrn von Tan⸗ nenhof? Noch lebt er! antwortete Berthold, die ſo mächtig angegriffene Frau bei Seite ziehendz noch leben die Gefangenen alle, doch wartet man nur des Obriſten St. Marc's Ankunft ab, um— Antonie ließ ihn nicht enden. Wo iſt er? o, rede Berthold! wo iſt der Hofrath? Berthold deutete auf die kleine Kirche, die außerhalb des Schloſſes, doch in den Ringmau⸗ ern deſſelben erbaut war— dort, ſprach er, ſich die Augen trocknend— dort— o, es iſt keine Möglichkeit, ihn zu retten! Noch lebt er, noch iſt alle Hoffnung mir. nicht geſchwunden— ſie raffte ſich zuſammen— ſie nahte der Kapelle, ſie bat die Schildwacht, vor dem Altar derſelben für die Gefangenen be⸗ ten zu duͤrfen— ihr Bruder ſey unter dieſen, es wuͤrde ihm den Gang zum Tode erleichtern, wuͤßte er die Schweſter fuͤr ſeine Seele beten.— Der Soldat ſtieß eine wilde Lache aus.— Gieb Dir keine Muͤhe, ſpottete er, wir beduͤrfen Deiner Faxen nicht!— Sie zog ein reiches Halsband aus ihrem Buſen: Nimm, ſprach ſie, und laß mich nur einen Moment in die Ka⸗ pelle!— O ho, antwortete dieſer, biſt Du ſo reich, Du heilige Beterin? Immer her damit, ſo et⸗ was kann ich gebrauchen; er nahm ihr das Hals⸗ band, und ſtieß ſie zuruͤck.— In dem Moment hörte Antonie Pferdehuf⸗ ſchlag auf dem Schloßhofe. St. Marc! erzit⸗ terte es in ihrem Innern; und in raſender Ver⸗ zweiflung riß ſie das Piſtol aus dem Guͤrtel: Laß mich hinein, bruͤllte ſie den Soldaten an, oder Du biſt des Todes! Der Soldat gab ihr mit dem Flintenkol⸗ ben einen Stoß vor die Bruſt, daß ſie ruͤcklings umſank— doch fiel ſie nicht zur Erde— ſie fuͤhlte ſich von ein paar Armen umfangen, ſie blickte auf, und ſah in das bekuͤmmerte Geſicht Jeantors. Ungluckliche Frau, ſprach er in gebrochenem Teutſch; es ahndete mir wohl, daß ich Sie hier treffen wuͤrde! Glauben Sie den Gefangenen retten zu koͤnnen, wenn ich ihn hierher bringe? Antonie bejahte kopfnickend„ ihr gebrach die Kraft ſprechen zu konnen. Nun dann, rief Jeantors— er fluͤſterte einige Worte mit dem Soldaten— dieſer entfernte ſich einige Schritte, ſchnell drang Jeantors in die Kapelle. Nach ei⸗ nigen Minuten trat er mit Erwin wieder her⸗ aus:— Fliehen Sie ſchnell, fluͤſterte er in Antoniens Ohr— die Minuten ſind gezählt— — 60— wein Leben iſt verwirkt, entdeckt man, daß ich ihn gerettet— eilen Sie— Gott ſchuͤtze ihren Weg!— Antonie konnte nur mit Anſtrengung aller ihrer Kräfte ein paar Schritte vorwaͤrts thun— Erwin folhte ihr zitternd, ſchwankend— Gott, wo ſollte ſie hin mit ihm! Wo war ſie, wo er vor St. Marc's Nachſtellungen ſicher? Endlich ſchlug ſie den ſchmalen Weg uͤber'n Kirchhof ein; ſie wollte den Weg durch den Park nach Bertholds Jaͤgerhäuschen nehmen.— Die Nocht war finſter, ſtuͤrmiſch, kalt. Von allen Seiten hörten ſie Schuͤſſe fallen, rechts, links, uͤberall war der Tod in fuͤrchterli⸗ cher Geſtalt los, und wuͤthete grauſig und ver⸗ nichtend⸗ In der Angſt hatte Antonie den Weg ver⸗ fehlt— jetzt kam ſie auf die offne Straße.— Wo ſind wir? fragte ſie bebend den vor Froſt und Hunger zitternden Gefaͤhrten. Wo gedenkſt Du mich hinzuführen, theures Weſen? fragte Erwin's ſanfte Stimme, der ſie nicht erkannte. Wo Rettung fuͤr Dich iſt, antwortete An⸗ i „ — — 64— tonie— aber, o Gott! wir find vom Wege abgekommen— dort ſcheint es ruhiger zu ſeyn, laß uns auf jene Seite uns halten— und muthvoll drangen ſie weiter vorwaͤrts— jetzt erkannte Antonie den Weg— noch tauſend Schritt und ſie waren an der Hintekthuͤr ihres Gartens— einen Moment durchzuckte ein ſuͤßes Entzuͤcken ihre Bruſt— da ward ploͤtzlich Er⸗ win's Gang ſchwankender, langſamer— ſein Athemholen matter. Hab' Dank, Du Gute, Unbekannte! ſtieß er mit letzter Kraft hervor;— ich ſterbe— ich kann nicht mehr— Was iſt Dir? fragte Antonie, mit graͤß⸗ licher Seelenangſt⸗ Ich— o Gott! Antonie!— Mit dieſem Laut ſank er ohnmaͤchtig zu Boden.— Jetzt hatte Antoniens Qual den höchſten Grad erreicht— ſie warf ſich neben dem Ge⸗ liebten zu Boden.— Stirb nicht, Erwin! ſchrie ſie mit graß⸗ lichen Toͤnenz o, ſtirb nicht, mein Geliebter! Sie raffte mit maͤchtiger Gewalt den Ohn⸗ maͤchtigen auf— ſie verſuchte ihn zu tragen— unmoͤglich— ſie ſank unter der Laſt zu Boden. 6 Da kam uͤber den Feldweg ein einſames Lichtlein auf ſie zugewankt, und, 9 Gott, wer fuͤhlt ihr Entzuͤcken! es war der alte Gärt⸗ ner, der die geliebte Herrin zu ſuchen ausgegan⸗ gen war. Er lud den Hofrath auf ſeine Schultern, Antonie wankte voran— noch wenige Schritte, und ſie waren an der Gartenmauer ihres Hau⸗ ſes— da ſtuͤrzte ein Trupp Reuter aus dem Gebuͤſch auf ſie zu.— Leg' ihn auf'n Boden, bat Antonie den Gaͤrtner— und bevor die Reuter ſie errreicht, kniete ſie in betender Stellung zu dem Ohn⸗ maͤchtigen nieder— Gott inbruͤnſtig bittend, daß er nur jetzt ihn nicht erwachen laſſen ſolle. Es war ein Trupp Reuter, die, den Ent⸗ flohenen aufzuſuchen, von St. Mare ausge⸗ ſandt waren. Er iſt es! bruͤllte die wilde Rotte, ſich auf die Beiden losſtuͤrzend; haut ihn in tauſend Stuͤcke, und die alte Betſchweſter dazu.— Da trat der edle Jeantors vor.— Halt, Bruͤder, rief er, laßt mich ſehen, ob er es iſt, ich kenne den Verräther genau.— —— Er zog den Mantel, den Antonie uͤber Er⸗ win gebreitet hatte, von deſſen Geſicht— Ihr irrt Euch, Kammeraden, ſprach er dann— dieſer gleicht den Entflohenen nicht— jener iſt ein rothwangiger, bluͤhender Mann— dieſer ſcheint dem Tode ſchon laͤngſt verfallen— laßt uns vorwaͤrts eilen— entkommen darf er nicht— Raſch ſetzte er ſeinem Pferde die Sporen ein— im Nu entſchwand die fuͤrchterliche Menge.— Schnell lud der Gaͤrtner Erwin auf, und trug ihn ins Haus.— Erwin ſchlug die Augen auf.— Wo bin ich? fragte er, den Blick auf den alten Gärtner gerichtet. Wo iſt ſie, die mich gerettet? in ſeine Arme ſtuͤrzte Antonie⸗ Mit dem anbrechenden Morgen begann die Hauptſchlacht— ſie war fuͤrchterlich— aber entſcheidend. Immer dumpfer toͤnten die Schuͤſſe — immer entfernter der Tumult— die Feinde wurden zuruͤckgedraͤngt, und freier athmete manche ſchwer„bedruͤckte Bruſt, inniger ſtiegen die Dankgebete zu dem großen Vater dort oben, zu dem Lenker der Schlachten— aus rauchenden — 64— Gebaͤlk ſuchte der Landmann die letzten Truͤmmer ſeiner Habe zuſammen. Auf verwuͤſteten Fel⸗ dern ruhte der trauernde Blick— der Mutter Thranen fielen in die Wunden ihrer verſtuͤmmel⸗ ten Soöhne— Kinder knieten am Sterbelager der Vaͤter— der Braͤute verweinte Augen ſuch⸗ ten vergeblich nach den Lieblingen ihrer Herzen— Tauſende hatte die raſende, moͤrderiſche Schlacht hinweggerafft.— Und dennoch ſtiegen aus warmen, gefuͤhl⸗ vollen Herzen Dankgebete zu Gott empor!— dennoch jauchzten Tauſende! dennoch erklangen Sieges⸗, Jubellieder! Nur ein Gefuͤhl belebte Aller Bruſt.— Das Gefuͤhl der Hoffnung, auf baldigen, dauernden Frieden! Die Hoffnung taͤuſchte nicht. Bald verkuͤndete der freudige Donner der Kanonen, das freudige Gelaͤute aller Glocken, das Ende der Schreckenszeit— den Anfang ei⸗ nes neuen, hoffnungsreichen Lebens. Nur eine Bruſt zerriß der Schmerz!— Nur ein Auge blickte verzweifelnd zum Himmel empor! Nur ein Mund ertoͤnte von herzzer⸗ — 6— reißenden Jammerlauten— es war Erwin's— der arme Erwin, der am Sterbebette Antoniens kniete! Antonie hatte Uebermenſchliches gethan— ſie hatte mit Rieſenſtaͤrke gekämpft, gelitten, ge⸗ handelt. Erwin's Erwachen, ſeine gänzliche Erholung, ließen ſie endlich einen Blick auf ſich ſelbſt thun. Der groͤßten Anſpannung aller ihrer Kraͤfte folgte die größte Erſchlaffung derſelben, zitternd vor Mattigkeit mußte ſie zu Bett gebracht werden. Die Begebenheiten der vergangenen Tage— die Scenen der letzten Nacht wirrten ſich vor ihren Sinnen— ihre Phantaſie beſchäͤftigte ſich mit dem gräßlichen Bilde von Erwin's Ge⸗ fangenſchaft, von den Reutern, die ſo nah am Ziel ihr— ihm noch einmal mit dem Tode drohten.— Es dauerte lange, bevor ſie die gluckliche Wirklichkeit von des Geliebten Ret⸗ tung klar faſſen konnte, ehe ſie es glaubte, die Tone der geliebten Stimme erklaͤngen ihr wirklich. Sie hing mit ſeliger, unausſprechlicher Liebe an Erwin's Auge, ſeinen Lippen, ſeiner Ge⸗ ſtalt— ſie lauſchte mit wonnigen Empfindungen II. 5 5 den Verſicherungen ſeines Dankes, ſeiner un⸗ endlichen Liebe— mit dem— ach ſo unaus⸗ ſprechlich begluͤckenden Bewußtſeyn, ſich verſtan⸗ den, geliebt zu fühlen, ſah ſie ſich von Erwin's Armen umſchloſſen.— Aber des reichen Freudenkranzes Bluthen, die ſich ihr boten, ſollten ſie nicht lange erfreuen— Ein empfindlicher Schmerz auf der Bruſt, verurſacht von jenem Kolbenſtoß, erſchwerte ihr das Athmen, raubte ihr des Lebens letzte Kraft— das Blut quoll ihr unaufhaltſam aus dem Munde— und unter dem Donner der Kanonen, der den Frieden verkuͤndete, verklangen die Schmerzenslaute Erwin's, der die ſterbliche Huͤlle der Geliebten der Erde uͤbergeben mußte⸗ Zweimal ſah er den Huͤgel gruͤnen, der ihre Aſche deckte— zweimal die Roſen bluͤhen, die ſeine ſorgliche Hand um das theure Grab ge⸗ pflanzt. Sein großer Schmerz war eine tiefe, ſtille Schwermuth geworden— ſein Auge hatte keine Thrane mehr, aber ſein Herz loſ'te ſich auf in namenloſer Wehmuth ⸗ Da nahte auch ihm ſich der Engel des Todes— und küßte das Leben ihm vom Auge.— —,. — — 3— Sein Geiſt ſchwang ſich hinauf in jenes Leben, wo kein Schmerz die Bruſt belaſtet— kein Tod die Verbundenen trennet.— MRoſa war det letzte Troſt des Leidenden geweſen— jetzt hatte die Verwaiſte den letzten Beſchutzer verloren.— Dort auf'm Kirchhofe ruhte er, neben der Mutter Grab!— Des Mondes letzte, erbleichende Strahlen zitterten Abſchied nehmend uͤber der ſtillen Erde, da druͤckte ich die naſſen Augen auf die theuern Blätter, die mir das Leiden des geliebten Freun⸗ des kund gethan, und ſchlich leiſe hinuͤber nach dem Kirchhof, das ſtille Todtenopfer den Ru⸗ henden zu bringen. Das ſchwere, eiſerne Git⸗ terthor war offen, ich trat in die bemooste Huͤ⸗ gelreihe, ſpähend nach dem Grabe der Geliebten. Da gewahrte ich, zwiſchen hohen Roſenbuͤ⸗ ſchen, eine zarte, ſchlanke, in ſchwarze Schleier gehuͤllte Geſtalt.— Betroffen bebte ich zuruͤck— unſchlſſig ſtand ich einen Moment— der friſch aufgewor⸗ fene Hügel, das üppig bluhende Grab daneben— die Geſtalt zwiſchen Beiden, mir ſagte es mein 5* ahnend Herz, es war Roſa, die arme verlaſſene Waiſe, die hier den ſchweren K Kummer ihrer jun⸗ gen Bruſt mit den Thranen ausſtroͤmen ließ⸗ Gute Roſa! meinte ich ſtill in mich ſelbſt hineingerufen zu haben, aber unwillkuͤhrlich war das Gefuͤhl zum leiſen Ausruf geworden— das Maͤdchen richtete ſich erſchrocken in die Hoͤh'.— Wer ruft mich? ſprach ſie, ſchnell um⸗ ſchauend, und mit dem durchdringenden Ton des hochſten Schreckens.— O Gott, er iſt's! Es iſt Erwin ſelbſt, rufend, ſank ſie ohnmaͤchtig auf der Mutter Grab⸗ Beſtuͤrzt trat ich ihr näher— vor und theilnehmender Beſorgniß nahm ich die Er⸗ vleichte in meine Arme— Roſa, bat ich ſanft, voll Ruͤhrung auf das ſchone Maͤdchen blickend, die auf der Grenze ſtand zwiſchen Kind und Jungfrauz liebe, ſuͤße Roſa, erholen Sie ſich— o mein Gott, erſchrecken wollte ich Sie gewiß nicht, theure, gute Roſa! Aber Roſa horte mich nicht— ihre Lebens⸗ geiſter ſchienen entflohen— bleich und kalt lag ſie in meinen Armen. Welche Huͤlfe konnte ihr werden, hier auf dem feuchten, kalten Grabe? . ———— . — 65— Ich trug ſie leiſe, wie ich gekommen, in mein Zimmerz hier legte ich ſie auf's Sopha, und verſuchte es, ihr einige Tropfen Wein einzuflöſen. Mach einigen Minuten ſchlug ſie die Au⸗ gen auf— und die erſten Purpurſtrahlen der aufgehenden Sonne fielen durch die hell glaͤnzen⸗ den Fenſterſcheiben auf ihr Geſicht, und uͤber⸗ hauchten die ſanften Engelszuͤge mit unausſprech⸗ lichem Reize. Sie blickte mit dem großen, blauen Auge auf das Bild des verewigten Freun⸗ des. Wie kam ich hierher? fragte ſie verwun⸗ dert. War es Dein Geiſt, Erwin, der mich hierher geleitet? ich ſah Dich ſelbſt— es war Dein Geiſt— o Erwin!— Sie breitete die Arme nach dem Bilde aus— da ſiel ihr Blick auf mich, der ihr zur Seite ſtand.— Noch einmal bebte ſie erſchrocken zuſam⸗ men— dann ſank ſie in Thränen ausbrechend auf die Kniee nieder. Wer iſt das? fragte ſie ſchluchzend hinaufſchauend, und ſchuͤchtern nach mir deutend, als ſolle ihr die todte Lein⸗ wand Antwort geben. Wer iſt das? Erwin! Du biſt's nicht— und doch biſt Du es! ſo ganz konnen zwei Menſchen ſich nicht gleichen! Ich endete ihre Angſt, ich ſagte ihr wer ich ſey, und wie ich ſie gefunden, und Roſa's reines, helles Auge blickte vertrauenvoll in mein Geſicht.— So ſind Sie Erwin, ſprach ſie guͤtig, der neue Gutsherr von Tannenhof? der Neffe meines geliebten, väterlichen Freundes? Ja, Sie find es, mir ſagt es mein Herz, das den Verwandten Erwin's in Ihnen herausfindet! Ich faßte ihre beiden Haͤnde— ach! das Maͤdchen ſtand wie ein lieblicher Engel des Lichts vor mir— ſie wendete ſich lächelnd ſeitwaͤrts, läͤchelnd in ſich hinein, dann fuhr ſie fort: Es iſt doch gar zu ſonderbar, was dieſe Aehnlichkeit der Geſichtszuͤge in mir ſchafft!— Da ich Sie noch nicht geſehen, und alle Men⸗ ſchen nur Gutes von Ihnen ſprachen, da fuͤhlte ich doch hier, ſie deutete aufs Herz, einen unerklär⸗ lichen Widerwillen, vor Sie treten zu ſollen. Ich kam geſtern Abend ſpaͤt heruͤber, von unſerm treuen Walter begleitet.— Es war meiner guten Mutter Sterbetag— ich wollte mich noch ein⸗ mal recht ſatt weinen an ihrem Grabe, daß nun ein doppelt Theures fuͤr mich geworden, da es mir auch den beſten Freund einſchließt.— Ach, — ich durfte Sie mir gar nicht denken, und die vielen Vorkehrungen zu Ihrem morgenden Em⸗ pfang.— Ach, Sie erfuͤllten mich mit banger Furcht— hier wuͤrde nun auf einmal Alles an⸗ ders werden, dachte ich mir— und die ſtille, heilige Freude werde wohl auf immer verſcheucht werden aus dieſen Mauern— nein, das war zu viel fuͤr mein trauernd Herz.— Ich muͤhte mich, Sie nicht zu haſſen— und mußt' ich es nicht, da Sie derjenige waren, der das ein⸗ zig Theure auf dieſer Welt, die Gräber meiner Eltern, mir verleiden muͤßte. Ich wollte Sie nicht ſehen— ich wollte Sie nie ſehen— darum kam ich in der Nacht, bevor Sie den glaͤnzen⸗ den Einzug halten wuͤrden. Aber das iſt nun plotzlich Alles anders ge⸗ worden— ich weiß zwar nicht wodurch, aber ich fuͤrchte Sie nicht mehr— und obgleich ich Sie vor einigen Minuten das erſtemal geſehen, ſo iſt mir's doch, als haͤtte ich Sie ſchon ſehr lange gekannt— das mag wohl die Aehnlich⸗ keit mit dem Bilde zu Wege bringen— ſie blickte dort hinauf. Ich ergriff die Hand des lieblichen Mädchens.— Finden Sie die Aehn⸗ lichkeit wirklich ſo groß, ſprach ich, um die ſchö⸗ nen, frommen Augen wieder auf mich zu lenken. Gewiß, nickte ſie lächelnd— die hohe, reine Stirn, ſie deutete nach dem Bilde, aber ihr Blick blieb pruͤfend auf meinen Zuͤgen haͤn⸗ gen— der Mund iſt es ganz— die Wangen ſcheinen dieſelben, die Augen— nein, ſprach ſie errothend, die ihrigen zu Boden ſenkend, nein, die Augen ſind es doch nicht.“ Roſa, ſagte ich, aufgelöſt in Entzuͤcken uͤber die reine Himmelsunſchuld des Maͤdchens— ſollte ich Ihnen mißfallen, weil die Farben meiner Augen vielleicht heller oder dunkler iſt, als Erwins Augen waren? ich nahm von Neuem ihre Hand. Die Farbe, antwortete ſie langſam den Kopf ſchuͤttelnd; die Farbe iſt es nicht— es iſt der Geiſt, der aus Ihnen ſpricht— und der unheimlich in mein tiefſtes Herz dringen will. Fuͤhlen Sie ſelbſt, ſprach ſie in ſuͤßer, heiliger Unſchuld; fuͤhlen Sie, wie unruhig mein Herz ſich bewegt— ach, das war bei Oneles An⸗ blick nicht ſo— ich konnte ihm ſtundenlang in die Augen ſchauen— und in immer ſicherer Ruhe wiegte ſich mein Herz— das iſt anders bei . Ihnen.— Ich moͤchte Ihnen nicht gern weh thun, weil Sie des guten Erwin's Neffe ſind— aber Ihre Augen— nein, Ihre Augen gleichen des Oncles Augen gar nicht— ich werde nie⸗ mals ſo recht vertrauenvoll hineinſchauen koͤn⸗ nen!— Sie ließ das Engelsköpfchen auf dem zart geformten, jugendlichen Buſen haͤngen— und einzelne, große Thraͤnen tropften von der langen, ſeidenen Wimper. Auch in mein Auge drangen Thränen— Thraͤnen eines ſuͤßen, nie empfundenen Gefuͤhls. Roſa, ſprach ich mit weicher Ruͤhrung, Roſa, er war Dir ein vaͤterlicher Freund, der nun von Dir geſchieden! gute Roſa, er war's auch mir— Cr liebte Deine Mutter, ſuͤßes Maͤdchen— himmliſche Roſa, laß ſeine Liebe zu Deinem Herzen fuͤr mich ſprechen! Auch ich heiße Erwin, wie er— auch ich liebe Dich wie er Deine Mutter geliebt. An dem Grabe der theuern El⸗ tern fanden wir uns— o, laß mich Dein Freund ſeyn!— Sey mein, ſuͤßes, holdes Geſchoͤpf! Vor dem Bilde des Verſtorbenen ſchwöre ich Dir reine, heilige, ewige Liebe! Roſa ſchlug ſchamhaft das dunkle Auge zu Boden— ihre warme, weiche Hand zitterte in der meinen.— Schweigend ſtanden wir einen Moment— da zog ich die Hand an meine Lippen. Sprich ein Wort, ſuͤße Roſa, bat ich— Langſam hob das Maͤdchen den Himmels⸗ blick auf zu mir— meine Arme offneten ſich— und ergluͤhend ſank die Holde an meine Bruſt. Trompeten und Pauken weckten mich aus dem ſeligen Rauſch des erſten Kuſſes. Selbig ſchritt an der Spitze des frohen Zuges durch den Hof— ihm folgte Mimi mit dem Kranze aus weiß und rothen Roſen— Hunderte von Maͤdchen und Burſche mit Blu⸗ mengewinde folgten ihnen. Sie ſchritten auf mein Zimmer zu— Roſa barg ſchuͤchtern ihr Engelsköpfchen an meiner Bruſt. Du biſt meine Braut, Holde, ſprach ich— goͤnne mir die Freude, meinen Unterthanen ihre ſchoͤne, junge Herrin vorſtellen zu duͤrfen. Erzitternd wand ſich Roſa aus meinen Armen. Braut? ſprach ſie halb leiſe. Erwin, mein Vater!— ſie ſah nach dem Bilde— er nennt mich ſeine Braut!— Als ſey ſie uͤber ſich ſelbſt in Zweifel, legte ſie die kleine, weiße Rechte an ihre Bruſt.— Wie iſt denn das ſo plötzlich gekommen? ſprach ſie ſinnend. Geſtern noch— am Grabe meiner Eltern, eine arme, verlaſſene Waiſe— heut'— Erwin's Braut? Ihr zar⸗ tes, weiches Haͤndchen an meine Stirn gelehnt, fluͤſterte ſie leiſe: O, der Menſch hat ſchlimme Augen— die mit Macht mein Herz ihm zu⸗ wenden— ſie ſank in meine Arme. Da öͤffnete ſich die Thuͤr, und hereinſtroͤm⸗ ten Alle— und Alle blickten verwundert auf die zarte, holde Jungfrau in meinen Armen. Meine Braut!— ſprach ich, ſie den Erſtern vorſtellend. Kinder, rief ich dem jungen Bau⸗ ernvolk zu, Eure Herrin!— Ein leiſes Murmeln lief durch die Menge— in einem Moment war meine Roſa uͤberſchuͤttet mit den ſchoͤnſten Blumen. O, Heil unſerm neuen Herren! riefen Alle⸗ Heil ihm, der ſolche Wahl getroffen! Jeder draͤngte ſich herzu— Jeder wollte die längſt ſo hoch Geliebte ſchauen, die jetzt als die Braut ihres Gutsherrn vor ihnen ſtand.— Wonnethränen glänzten in jedem Auge, unaus⸗ — 76— ſprechliches Entzuͤcken leuchtete von jedem Ge⸗ ſicht.— Ein ſeliges Gefuhl ſchwellte meine Bruſt, meine Roſa mußte ein Engel ſeyn⸗ da Alle, Alle ſie ſo liebten! Und ſie war es auch.— Sie war der Engel, der mich durchs Leben fuͤhrte, der den wahren Werth des Lebens mich empfinden lehrte. Das Bild des Oheims blieb in unſerm Zimmer haͤngen.— Nach einem Jahr, als meine Roſa mich mit dem kleinen Erwin beſchenkte, hing ſie einen friſchen Bluͤthenkranz dort hin⸗ auf;— ſo oft ſich unſer Familienkreis vermehrt— erneuert ſie das Bluͤthenopfer, und laͤchelnd in ſeliger Vaterfreude ſehe ich, wie der Raum des Bildes bald ausgefuͤllt iſt.— Bald wird kein neuer Kranz mehr dort Platz finden.— Noch lächeln die wohlwollenden Augen, unbedeckt, zwiſchen den Bluͤthen auf uns herab— und Roſa ſpricht, ihr liebes Haupt an meine Bruſt legend: Ja, der Segen kommt von Oben! St. Relly. — —= — — — — — — — — — — S — — G Aus den Papieren der Fr. v. M. Die Braut aus Holland. Aus den Papieren der Fr. v. M. J ſtand am geoͤffneten Spiegelfenſter, und ſchaute voll ſuͤßem Wohlbehagen hinaus in die himmliſch ſchoͤne, reiche Landſchaft. Durch uͤppig gruͤnende Wieſen und Aecker zog ſich die breite, ſchnurgleiche Landſtraße von Niernſtein nach Mainz. Dichtbelaube Nußbaäume umſchatteten den ſchmalen Fußſteig von beiden Seiten.— In weiter Entfernung blinkten die Thuͤrme von Nackenheim und Lerzweiler heruͤber, und ſchienen im Strahlengold der untergehenden Sonne mit den Weinbergen zu liebaͤugeln, die aus dem Hintergrund ihre Traubenfuͤlle empor⸗ hoben. In ſtillem Anſchauen verſunken dachte ich: Endlich iſt es mir doch gelungen, einen Ort aufzufinden, um den es ſich verlohnt, die vielen Unruhen und Kreuz- und Querzuͤge erduldet zu haben! Das freundliche Bodenheim vermag es ſchon, alle fruͤher ertragene Unannehmlichkeiten in Vergeſſenheit zu bringen— das mochte der ſchlaue Obriſt wohl auch denken! deshalb wur⸗ den wir wahrſcheinlich sans rimes et sans rai- son hierher gefuͤhrt! Ob er minder mit den Weinfaͤſſern zu liebaͤugeln gedachte, als jene Thurmſpitzen es mit den Bergen zu thun ſchie⸗ nen? ich mag es nicht in Abrede ſtellen— ge⸗ nug, daß wir hier ſind, und daß der Entſchluß bereits unterzeichnet iſt, unſern Aufenthalt hier⸗ ſelbſt noch 6 volle Wochen dauern zu laſſen. Welch ein gluͤcklicher Zufall! Welch ein erfreuliches Begegniß, uns gerade hier ins ſchoͤnſte Haus einquartirt zu haben! Der beſte Wirth⸗ die liebenswuͤrdigſte Wirthin ſind uns zu Theil geworden!— Die bequemſten Zimmer— Him⸗ mel! und dieſe wonnige, reizende Gegend!— Der Mohrenſchimmel des Br. St. ſtörte mich aus meinem Raiſonement auf— ſein kuͤhner Reuter, in knapper, dunkelblauer, reich beſchnuͤr⸗ ter Piqueſche, ſchwenkte, dicht an die untern Fenſter heranreitend, die leichte Feldmuͤtze.— Die Muſen waren mir heut' nicht hold, lispelte er aus dunkelm Schnautzbart hervor, darum eile ich die Grazien zu begruͤßen! Zuͤrnt meine Göt⸗ tin, fuhr er, naͤher zum Parterrefenſter ſich neigend, fort, wenn ihr Sklave es wagt, auf einen Moment ihr näher zu treten? Ich hatte bei ſeinem Annaͤhern mich hinter die Bluͤthenpracht des Citronenbaums verſteckt, der mein Fenſter beſchattete— jetzt neigte ich mein Ohr ein wenig tiefer, ich mußte die Ant⸗ wort ſeiner, mir bis dahin unbekannten Goͤttin erlauſchen. Bachus, wisperte die Ergluͤhende, Bachus iſt in ſeinem Reich und ich heiße den Mars willkommen! Schnell ſprang St. vom Mohrenſchimmel herab, und des Thieres ſtolzen Hals klopfend, ſprach er: Geh', Achill— ſuche Deinen Stall! mir ſteht der Himmel offen— ich kann Dein Fuͤhrer nicht ſeyn.— Folgſam trabte Achill, die üͤppigen Mähnen II. 6 freudig ſchuͤttelnd, ſeinem Wohnort zu, indeß St. zur Thuͤr hineinſchlüpfte⸗ Ich lächelte in mich hinein, und mußte den⸗ noch mißbilligend den Kopf ſchuͤtteln: Ei, ei, Madame, Sie thun nicht recht, dachte ich⸗ Was verblendet Ihr Auge, daß Ihnen aus der Liebe ſußlichem Geſchwätz des Barons nicht der Pferdefuß ſichtbar wird, der aus dieſem hervor⸗ leuchtet? O weh, armer Bachus! je hoͤher ſich Herr Mars auf der Gluͤcksleiter hinaufſchwingt, je tiefer muſſen Sie natuͤrlich ſinken— ei, ei!— Herr Bachus war ein kleiner, runder, aber grundguter Menſch. Die ſchonſten Berge der Umgegend gehörten ihm.— Ein unuͤberſehbarer Keller, den er in Niernſtein beſaß, barg in Rie⸗ ſenfaͤſſern ſeinen, mit jedem Jahre wachſenden Schatz, den er voll unermuͤdeter Speculation in alle Laͤnder zu verzweigen wußte— welches Geſchaͤft ihn daheim zum kleinen Croͤſus machte. ſein Gefuͤhl aber, ſo ſchien es, ertodtete mehr und mehr fur Alles, was nicht Berg, Wein, oder Traube hieß. Daher auch mochte es kommen, daß die Tochter des verarmten Großiſten Weingarten⸗, die ſchone Roſine, Alberge, einen ganz ei⸗ genen Reiz fuͤr ihn hatte.— Die reichſten, ſchoͤnſten Maͤdchen der Umgegend hatte Herr Bachus unbeachtet gelaſſen— und trotz dem, daß des alten Weingartens finanzielle Verhältniſſe eher zuruͤckſtoßend, als anziehend fur einen Kauf⸗ mann waren, beharrte Herr Bachus doch auf ſeinem Sinn, den bluͤhendſten Zweig des genann⸗ ten Weingartens in ſeine Berge zu verpflanzen. Er trat mit ſeiner Bitte vor den alten Herrn, und Roſine ward von dem uͤbergluͤckli⸗ chen Vater beordert, Herrn Bachus als ihren Praͤtendenten zu betrachten. Roſine ſchlug ſchuͤchtern das Auge auf— ihr Blick traf in ein freundliches, rundes Ge⸗ ſicht— ihre etwas abentheuerliche Stimmung ſchien erkunden zu wollen, wie viel bei dieſer Liebe von Schwaͤrmerei, ſchmachtendem Gelispel, ritterlichen Thaten, Entführung, Rendezvous, Duell und Mord und Brand zu erwarten ſtehe.— Das mit Romanideen angefullte Koͤpfchen gefiel ſich nicht in der trocknen Proſa des Eheſtandes— ſie mußte wiſſen, ob Herr Bachus auch ſeufzen, dichten, ſingen könnez ob ſich ſeiner Liebe zu ihr 6* ein kleines Romänchen unterſchieben laſſe— und peſturzt ſenkte ſie die Augenwimper, als ſie die hellen, freundlich⸗gluͤhenden Augen ſah, aus denen ſich alles Andere, nur nicht was ſie wuͤnſchte, heraus buchſtabiren ließ. Der gluͤckliche Vater zweifelte keinehwegß, daß ſein Roſinchen mit beiden Haͤnden nach ſolch einem reichen Freier greifen wuͤrde. Herr Bachus vollends hatte in ſeiner gluͤcklichen Selbſtzufrie⸗ denheit keinen Gedanken, daß ein Maͤdchen andere Anſpruͤche machen konne, als er zu befriedigen im Stande ſey. Roſinens aͤngſtliche Verwirrung, ihr ſcheues Zurucktreten ward von beiden Maͤnnern gar nicht beachtet.— Ich ſegne Euch, meine Kinder, ſprach Herr Weingarten, ſeine Haͤnde auf Beider Haͤupter legend; und ehe Rofine Zeit gewonnen hatte, ſich recht zu befinnen, was mit ihr vorgehen ſollte, hatte Herr Bachus ſchon ſeine breiten, dik⸗ ken Lippen ſchmatzend auf ihren Mund gedruͤckt, und der reiche Brillantring der Verlobung ſaß feſt an ihrem kleinen Finger. Wie vom ſchweren Traum erwachend, ſtarrte ſie auf dieſen, als Herr Bachus bat, die Hoch⸗ zeit ſpätſtens in 8 Tagen feſtzuſetzen, weil ſeine Geſchaͤfte um dieſe Zeit eine Reiſe noͤthig mach⸗ ten, und er nothwendig eine tuͤchtige Wirth⸗ ſchafterin an die Spitze ſeines Hausweſens ſtel⸗ len muͤſſe, waͤhrend der Zeit ſeiner Abweſenheit⸗ Das ulſo iſt Liebe, ſprach Rofine ſchau⸗ dernd zu ſich ſelbſt, als ſie auf ihrem Stuͤbchen angelangt, die uͤberſtroͤmenden Aen ins S kiſſen barg! O Himmel, welch ein gräßlich Loos, ver⸗ handelt zu werden gleich einem Stuͤck verbliche⸗ ner Waare! Wo ſind ſie nun hin, all' die gol⸗ denen Traͤume meiner Jugend, die tauſend ſuͤßen Bilder, die meine Phantaſie in gluͤcklichen Stun⸗ den ſich geſchaffen? Ach Clara und Clairiant! Ach St. Ju⸗ lien, und all' Ihr gluͤcklichen Kinder Lafon⸗ taines! Konntet Ihr jetzt aus Eurer Verklaͤrung auf mich herabſchauen! Euch Allen ſchuf die Liebe ein Paradies— mich— verſetzt ſie in ei⸗ nen Weinkeller— Euch lächelte in voller Glorie der himmliſche Amor— mich umfaͤngt der runde, breite Bachus!— 7 Zu welchen kuͤhnen Heldenthaten begeiſterte der ſußen Liebe Allgewalt Eure Geliebten!— O Himmel, der meinige iſt nur von Wein zu begeiſtern! Welch eine Zukunft bietet ſich mir bei dieſem ſpeculativen Weinſchlauch, der im Moment ſeiner gluͤhendſten Verliebtheit nur daran denkt, ſich am Tage ſeiner Abreiſe verheirathen zu wollen, damit, waͤhrend er in fernen Laͤn⸗ dern Geld einkaſſirt, der rege Fleiß ſeiner Gat⸗ tin daheim auch Schaͤtze ſammle.— Und was dann, wenn er endlich wiederkehrt? O Himmel, wenn er als mein Gatte wiederkehrt? Nein, lieben werde ich dieſen Mann ewig nicht! Nein, der iſt nicht zum Lieben— ich werde ungluͤcklich ſeyn, ich werde weinen, ſeuf⸗ zen und klagen mein Leben lang— und— nicht lieben. O Gott! ſo alſo endet der ſchoͤne Traum meiner Jugend? Roſinens Wange erbleichte, das Auge war von Thränen geröthet.— In froher Geſchäftigkeit ſah der Vater darüber hin. Wird ſich alles geben, meinte er— und, es wird ſich gewiß geben, ſetzte Herr Bachus verſichernd hinzu. Da ertonte des Kirchthurms feſtlich Gelaͤute, — die Wagen rollten vor Weingartens Haus. Be⸗ kraͤnzte Jungfrauen draͤngten ſich hinzu, und feſtlich gekleidete Juͤnglinge umſtanden in weitem Kreiſe des Tempels Pforten. Tauſend Bluͤthen ſanken zur Erde hernieder, um den Pfad des Brautpaars zu ſchmuͤcken— in ſeliger Verklä⸗ rung blickten die Eltern auf den uͤberreichen Schmuck der braͤutlichen Tochter— Herr Ba⸗ chus draͤngte ſich durch die jubelnde Menge. Das älteſte Faß, voll des koſtlichſten Inhalts, war dieſer von dem Uebergluͤcklichen heut zu Theil geworden, und ein dreimaliges Hoch! begruͤßte zum Dank dem reichen Geber⸗ Er nickte rechts, er nickte linksz wie ein Koͤnig ſchritt er durch den Jubel ſeiner Braut entgegen. Jetzt ſetzte ſich der frohe Zug in Bewegung nach der Kirche und Rofine wankte, ihrer Sinne kaum mehr maͤchtig, vor des Altars Stufen. Die Worte der Weihe waren ausgeſprochen, das laute Ja des Bräutigams, das kaum ver⸗ nehmbare der Braut verklungen, die Segens⸗ wuͤnſche der Verſammlung waren dargebracht— die Kuchen gegeſſen, die Flaſchen geleert— da hob, bei einbrechender Dunkelheit, Herr Bachus ſein junges Weib in den bereitſtehenden Wagen und vier raſche Fuͤchſe die Halbbetaͤubte nach Bodenheim. Mit Zittern betrat ſie die elegant eingerich⸗ teten Wohnzimmer. Sey willkommen, Traute, Beſte, ſprach Herr Bachus, ſie umarmend. Gott gebe Dir und mir Gluck zu Deinem Eintritt in mein Haus! Hier, ſprach er, die Schweigende an einen Schreibtiſch fuͤhrend, hier wirſt Du alle Rechnungen ſinden, in groͤßter Ordnung und Puͤnktlichkeit. Wie Du das Werk begonnen findeſt, muß Alles fortgeſetzt werden. Alles puͤnktlich— Alles ordentlich— dies, Traute, iſt fortan Dein Geſchaͤft. Und hier, fuhr er fort, hier ſind die Schluͤſſel zu Allem im ganzen Haus— hier zu dem großen Keller in Niern⸗ ſtein. Erhalte Alles bei großter Ordnung. Du biſt mir ſchnell angetraut worden, wir kennen uns noch nichtz die Zeit wird Dir zeigen, daß ich ein ehrlicher Mann bin, der aus redlichem Herzen Dein Gluͤck dauerhaft zu gruͤnden wuͤnſcht — Du wirſt meinen guten Willen nicht ver⸗ kennen— jetzt will ich Dich meinen Leuten vorſtellen.— Roſine, Du findeſt lauter ehrliche, treue Menſchen unter ihnen— behandle ſie gü⸗ tig— es ſteht der Herrin wohl, guͤtig und freundlich gegen treue, gute Dienſthoten zu ſeyn— Du trittſt in einen Kreis, in dem jedem Einzelnen die ſtrenge Ausuͤbung ſeiner Pflicht das heiligſte Geſetz iſt— mit wahrer Liebe ſchlagen Aller Herzen der geliebten Herrin entgegen— gönne mir jetzt die Freude, Dich in Deiner Schoͤne ihnen vorſtellen zu koͤnnen— und dann, Liebe, leg' Dich zu Bett— Du biſt angegriffen von des heutigen Tages Feier. Engel mogen einen ſanften Schlaf auf Dich herabſenken. Ich muß noch dieſen Abend fort— morgen fruͤh ſchon habe ich Geſchaͤfte in Frankfurt— lebe ruhig, lebe gluͤcklich— mache Dich bekannt in Deinem Hauſe, in Deinen Geſchaͤften, in 2 Monaten bin ich wieder bei Dir. Herr Bachus hielt Wort. Nach der Prä⸗ ſentation druͤckte er einen Kuß auf ſeines Weib⸗ chens Mund, und ließ ſich von der einbrechenden Nacht ſeiner Gattin entfuͤhren. Roſine huͤllte die weinenden Augen in die ſeidene, leichte Decke.— Iſt es denn wirklich ——————— kein Traum? fragte ſie ſich immer wiederz und ich bin wirklich Frau? bin wirklich Bachus Gattin? Der Trauring an ihrem Finger, der Myrthen⸗ kranz auf dem hellpollirten Nachttiſch— die fremde Umgebung, in der ſie ſich befand— Alles— ach, Alles ſagte ihr ja, daß ſie nicht träume, daß Alles bittere Wirklichkeit ſey—— Die Nacht verging ihr ſchlaflos, und unter ſtetem Sinnen und Gruͤbeln, was ſich aus der troſtloſen Lage, in welche ſie ſo ſchnell gerathen, noch Gutes machen laſſe.— Ach, ſie ſah keinen Ausweg!— Hemmte nicht der fuͤrchterliche Ring an ihrem Finger all' ihre Schritte? Am andern Morgen ſehr fruͤh trat die Aus⸗ geberin vor ihr Bett. Mochte es Ihnen gefallen, Madame, ſprach mit ſanfter Stimme die Alte, jetzt aufzuſtehen. In einer halben Stunde iſt Alles im Hauſe auf den Beinen, dann wird zum Fruͤhſtuͤck ge⸗ läutet— ich aber erwarte, daß Sie mir daſſelbe herausgeben. Ich? rief Rofine vntruͤſtet, ich ſoll jetzt ſchon aufſtehen? und fruͤher als meine Leute, damit dieſe nicht auf das Fruͤhſtuͤck warten? Wer denkt denn an mich? Bin ich nicht Frau? Gehört mir nicht die erſte Aufmerkſamkeit? Allerdings, begann Brigitte. Allein da Sie als Herrin geſtern die Schluͤſſel uͤbernommen, nichts herausgegeben haben, und hier Alles puͤnktlich unter Verſchluß iſt, ſo konnte nichts bereitet werden.— Dort liegen die Schluͤſſel! rief Roſine, nehm' Sie, und laſſe Sie mich allein!— Brigitte ſchuttelte langſam mit dem Kopf— die Schluͤſſel, liebe Madame, darf ich nicht neh⸗ men— das wuͤrde Herr Bachus Ihnen und mir ſehr uͤbel auslegen. Hier im Hauſe weiß Jeder, was er thun muß und darf— und ohne ganz außergewohnliche Faͤlle darf Niemand ſeine Pflicht verletzen⸗ Unverſchäͤmte! ſprach Roſine auffahrend, erkenneſt Du nicht, daß der Befehl Deiner Herrin alle außergewöhnliche Faͤlle uͤberſteigt? Nimm die Schluſſel— ich befehle es— und verlaß mich!— Brigitte ſah einen Moment mit den alten ehrlichen Augen nach der jungen, zuͤrnenden Frau, nahm dann ſeufzend die Schluͤſſel, zog ein klei⸗ nes Taſchenbuch aus dem Buſen, ſchrieb mit Bleiſtift einige Worte, und verließ das Zimmer⸗ Halt, noch ein Wort! rief ihr Roſine, von dem ſonderbaren Benehmen der Alten ſeltſam erſchuͤttert, nach; halt⸗ Brigitte!— ſie wandte ſich erroöthend zu dieſer— Brigitte, was haſt Du in dis Suu⸗ aufgezeichnet? Was uns Allen der gute en bei ſeiner Abreiſe ſtreng geboten, erwiederte die Alte, das Taſchenbuch in Roſinens Hand gebend: jede Ab⸗ weichung und deren Veranlaſſung von der hier im Hauſe ſeit zwanzig Jahren herrſchenden Sitte. Ich werde, fuhr ſie weich fort, ich werde dem guten Herrn ſagen muͤſſen, daß ſeine ſchone, junge Frau ſchon am erſten Morgen die Ge⸗ ſeze unbeachtet gelaſſen, die uns Alle ſo lange Jahre in ihrer weiſen Ordnung begluͤckten! Es wird mir ſehr ſchwer werden, dem guten Herrn durch dieſen Bericht wehe thun zu muͤſſen, ſetzte ſie muthiger hinzu, da ſie ſah, daß Rofine nur verlegen, nicht böſe warz allein meine unbe⸗ — 93— grenzte Achtung fuͤr ihn fordert mich zur ſten Wahrheit auf. Unwillig, weil ſie die innere Beſhimunz nicht gewaͤltigen konnte, richtete ſich Roſine halb auf im Bettz Brigitte ſtand erwartend vor ihr. Nach einer Pauſe nahm die junge Frau das Wort, mit ſanfter Stimme fragte ſie: Warum gehſt Du nicht? Mit treuherzigem Lächeln erwiederte die Alte: Weil es mir nicht zukommt, meiner Herrin eine Handlung zu rauben, die Sie uns ſo hoch ſtellen muß, wie Ihren verehrten Gatten— nur die ſtrengſte Erfuͤllung, auch der allerkleinſten Pflicht, wird Sie unſerm Auge ſo groß darſtellen, als es Herr Bachus wirklich iſt.— Da uͤberwallte noch einmal ein verkehrtes Gefuͤhl Roſinens Bruſt. Ob ich Euch groß er⸗ ſcheine, rief ſie mit ſpottiſchem Lachen; o wahr⸗ haftig, ob ich Euch groß erſcheine nach Eurer Art! es gilt mir ganz gleich— ich muͤßte mir ſelbſt ganz erbaͤrmlich vorkommen, wenn mein Streben nach Eurer Liebe oder Bewund'rung ge⸗ hen ſollte.— Ihr ſeyd meine Untergebenen! Ich bin Eure Herrin! Euch geziemt es, nach mei⸗ nem Beifall zu ſtreben— mir— Euch Befehle zu ertheilen— und ſo befehle ich Dir denn, nimm die Schluͤſſel— geh', und Niemand wage es, mich fruͤher zu ſtbren, als bis ich klingeln wer⸗ de! Fort!— Brigitte verließ ſeufzend das Zimmer. Roſine verſuchte zu ſchlafen— es war ver⸗ gebens— das Gefuͤhl war zu mächtig aufge⸗ regt in ihrem Innern— zu widerſtrebend alle Empfindungen in ihrer Bruſt.— Die Liebe iſt dahin, ſeufzte ſie— ich bin ihm verhandelt worden— mein Gluͤck ging unter mit dem Brautkranz, den er in meine Locken dr ete— mir bleibt nichts— dahinten liegt Alles, was meine Jugend begluͤckt— ſoll ich mich ty⸗ rannifiren laſſen von eines Mannes Willen, den die beſchränkten Gemüther ſeiner Untergebenen wie einen Gott verehren? Nein, ich will es nicht— ich will meine ganze Kraft aufbieten, das Gebaͤude uͤber'n Haufen zu werfen, das der ſtolze Eigenduͤnkel eines Mannes ſo unumſtößlich feſt fundirt glaubt!— Mögen ſie ihn lieben, die ſchwachen Seelen— vor mir ſollen ſie zit⸗ tern— er ſoll es, ſie Alle ſollen es— vor len die unverſchaͤmte Alte.— — — 85 Da fiel ihr Blick auf die Brieftaſche, die ſie Brigitten abverlangt und aufs Bett geworfen hatte.— Laß doch ſehen, ſprach ſie lachend, wie die Alte meine Anklage niedergeſchrieben hat— ha, ha, ha, wie werde ich zittern muͤſſen, wenn der ſtrenge Richter vor mich treten wird! Sie ſchlug das kleine Buch auseinander— ſie uͤberflog die erſten Zeilen des Inhalts— ihr Blick ward ernſt, als ſie eine Weile geleſen hatte— allmaͤhlig ſtieg eine dunkle Röthe in ihr Geſicht— das Auge oͤffnete ſich weiter— der Buſen bewegte ſich ſtuͤrmiſcher— ſie las die ruͤhrenden Worte Brigittens, am Hochzeits⸗ tage ihres edlen Herrn niedergeſchrieben— das einfache, doch wahrhaft⸗fromme Gebet, das al⸗ len Segen des Himmels auf die Neuvermaählten herabrief— dann— mit zitternder Hand ge⸗ ſchrieben: Er iſt uns aufgegangen der Stern des Gluͤcks!— Mit dem Einzuge der ſanften, hol⸗ den Herrin leuchtet uns Allen ein neuer Hoff⸗ nungsſtrahl! Moͤchte er in friſcher, jugendlicher, ungetrͤbter Klarheit uns immer ſcheinen!— Ein leuchtend Vorbild der hoͤchſten Tugend, Milde d Liebe uns Allen!— Gott prägte die ſanften Zuͤge der hochſten Milde in das ſchoͤne Geſicht— möge das Herz erfuͤllen, was dieſe Zuͤge verſprechen! Roſinens Augen fulten ſich mit Thraͤ⸗ nen—— leiſe Stimmen riefen in ihrem In⸗ nern, daß ſie dennoch ſchon ſeyn muͤſſe, die Liebe ſo guter, einfacher Menſchen— uͤberraſcht von einer ſprachloſen Ruͤhrung ſtarrte ſie auf die Blätter— da fielen 2 große Tropfen aus ihrem Aug' auf die letzten erſt vor einigen Minuten geſchriebenen Zeilen Brigittens, und verlöſchten die Worte, die Rofine eine Anklage genannt.— Raſch fuhr ſie mit dem Tuch daruͤber hin— raſch ſprang ſie aus dem Bett— ohne ſich klar bewußt zu ſeyn, was fie eigentlich wolle, warf ſie ſchnell einen Mantel uͤber und eilte Brigit⸗ ten nach.— Pier Alte, rief ſie, Du haſt Dein Buch vergeſſen, hier iſt es zuruͤck; zuͤrne mir nicht! Ich habe Dir vielleicht weh' gethan— ich will es nicht wieder— lehre mich jetzt, was ich thun muß, um zu erfuͤllen, was mir nach Deiner und meines Gatten Anſicht obliegt.— Brigitte neigte ſich weinend auf Rofinens 2 —— — 0 — Hand.— Seyn Sie immer gut, ſprach ſie tief geruͤhrt— o wahrlich, es iſt ſchoͤner, geliebt, als gefuͤrchtet zu ſeyn! Der grundguͤtige Gott hat Sie in ein Paradies geſetzt— o, ſeyn Sie fromm und gut, wie unſer Herr, daß er es Ih⸗ nen Beiden erhalte!— Nein, Rofine hatte keinen freien Moment, um uͤber ihre Gefuͤhle vielfaltige Betrachtungen anzuſtellen.— Das wollte ich ja doch eigentlich nicht, ſagte ſie ſich jeden Abend, als ſie ihr Herz ſich mehr und mehr dem ſie umgebenden Kreis voll Liebe zuneigen fuͤhlte.— Dieſe Menſchen ſpielen ja mit mir, wie mit einem Kinde.— Wiſſen ſie nicht geſchickt Allem den Schein zu geben, als ſey es mein Befehl, was ſie thun? Und iſt ihr fleißiges Wirken etwas anders, als der ruhige Fortgang deſſen, das nur er befohlen? und immer nur er an des Be⸗ fehls Spitze?— Nein, es muß anders werden— es ſoll morgen ſchon anders werden— heut noch will ich es zeigen.— Aber da kamen die Maͤgde, ihre Befehle zu empfangen, was den Tag uͤber geleiſtet werden ſollte— Roſine ſchwankte einen Augenblick— aber ſollte ſie II. 7 ſelbſt widerrufen, was ſie geſtern ernſtlich gebo⸗ ten? Dann ſchickte der Winzer aus den Ber⸗ gen, ihre Gegenwart fordernd, zu einer Obſt⸗ ernte, die heut gehalten werden muſſe. Nun brachte Brigitte das feine Geſpinſt, die ſchnecige Leinwand, hier mußte Arbeit vertheilt, dort in Empfang genommen werden— am Abend lag das dicke Rechnungsbuch vor ihr aufgeſchlagen— ſie ſah, wie bisher alles ſorglich darin bemerkt war— Paͤchter und Verwalter brachten ihre Rechnungen. Hier mußte ſie quittiren, dort ein⸗ tragen, das Eſſen ward im Fluge verzehrt, ſchon ſtampften die Roſſe voll Ungeduld den Boden— eine Beſichtigung in Niernſtein rufte ſie dorthin.— Mein Himmel, wie muͤde bin ich, ſprach ſie jeden Abend zu Brigitten, ich halte das Leben nicht aus! Brigitte unterſtuͤtzte ſie mit allen Kraͤften, aber die Hauptſachen lagen immer der Hausfrau ob, und ſtets wußte die Alte es ſo zu wenden, daß ſie zu denſelben keine Hülfe annahm. Nach einigen Wochen ſchrieb ſie dem Vater, ihr die Schweſter zu ſenden, ſie muͤſſe unter der Laſt ihrer haͤuslichen Geſchäfte unterliegen⸗ — 5 Clementine darf die krankhafte Mutter jetzt nicht verlaſſen, antwortete dieſer— in Kur⸗ zem werden wir Alle Dich beſuchen. Roſine ahndete bei dieſer abſchlaͤglichen Ant⸗ wort nicht, daß Herr Bachus ſeinen Schwiegerva⸗ ter gebeten hatte, ſeine junge Frau ſich ganz allein in der Wirthſchaft zurechtfinden zu laſſen. Der Bote, der die Antwort brachte, lä⸗ chelte halb verlegen, als Rofine nach Mutter und Schweſter ihn ausfragte; die Letztere, hub er dann an, die Letztere hat mir heimlich etwas zugeſteckt, daß Sie aber auch Riemand ſehen laſſen ſollen— er langte ein Buch heraus— Sie ſollen das leſen, es wuͤrde Sie erfreuen—— Geſchwind griff Roſine danach— Eduard, oder der Maskenball, las ſie— o Gott, und von meinem geliebten Lafontaine! O wie lange habe ich das entbehren muͤſſen! Schnell warf ſie ſich in's Sopha— die alte Lieblingsneigung erwachte in ihr— der Schlaf floh heute ihr Lager— das Eſſen blieb unangerührt auf dem Tiſche ſtehen.— Gleich, gleich, hatte ſie zehnmal geantwortet, als Bri⸗ gitte ſie mahnte, daß dieſes und jenes noch zu „* * vollbringen fey— aber ſie konnte das Buch nicht weglegen. Die finnige, ſtille Adelheid, das lamm⸗ fromme Suschen, die dralle Jungfrau Roſe— ach, Alle waren viel tauſendmal glücklicher als ſie— ſie Alle hatten die Suͤßigkeit der Liebe bis auf den letzten Tropfen geſchluͤrft; da gab es im Ueberfluß, wo nach ſie ſelbſt ſich frucht⸗ los geſehnt: Schmachten, Seufzen, neckendes Suchen und Finden, Entfuͤhrung und am Ende uͤberſchnelle Heirath. Ach, nur das letzte war ihr zu Theil geworden, und nur, um jede Bluͤthe aus dem Kranze ihres hoffnungsreichen Lebens gewaltſam zu entblättern! Welchem von all' den reizenden Liebhabern ſollte ſie ihren breiten, runden Bachus zur Seite ſtellen? mit welcher der beneidenswerthen Bräute ſich vergleichen? Da ſtand auf einmal ihr ſo ſchmaͤhlich ver⸗ lorenes Paradies vor ihrem geiſtigen Auge, und die Wirklichkeit erregte ihr Schaudern, Thraͤnen und Ekel— das hatte Clementinens thörichte Sorgfalt fuͤr die Schweſter gethan!— Brigitte gewahrte mit Entſetzen die plötz⸗ liche Veraͤnd'rung— vergebens aber bot ſie alle — 101— ihre Beredſamkeit auf— vergebens ſtrengte die gute Alte ihren Scharffinn an, was zu thun ſey— Rofine verſank in truͤbes, duſteres Sin⸗ nen— und wie die Alte mit liebevoller Er⸗ gebenheit in ſie drang— es war unmoͤglich, ſie ihrer Unthaͤtigkeit zu entreißen— bis der auf⸗ geregte Sturm ihrer Empfindung ſie wirklich auf's Krankenbett warf. Jetzt kam ihr Vater, auf Brigittens Ver⸗ anlaſſung, ſeine Tochter zu beſuchen.— Mein Kind, was fehlt Dir? fragte er mit liebender Beſorgniß. Roſine hatte nur Thraͤnen ſtatt Antwort— und Weingarten ſuchte Brigitten auf, um ſie uͤber den Zuſtand ſeiner Tochter auszuforſchen. Nach langer Unterredung mit der wackern Alten enthuͤllte ſich ihm die Krankheit ſeiner Tochter— aber auch das wahrhaft edle Herz Brigittens, die hoͤchſt ſchätzenswerthen Eigen⸗ ſchaften ſeines Schwiegerſohnes.— Voll freudigem Erſtaunen blickte der Vater auf die ordnungsreiche, vortreffliche Einrichtung des ganzen Haushaltes— voll froher Ruͤhrung hoͤrte er ſeiner Tochter Lob aus dem Munde der — 102— Alten; durch Thränen nickte er verſichernd, als dieſe ihm ſagte, ſie habe alle Eigenſchaften des Gluͤckes wuͤrdig dazuſtehen, mit welchem der Himmel ſie uͤberſchuͤttet— nur muͤſſe ihre Kraft auf gleichem Wege ausſtroͤmen koͤnnenz nicht, da ſich dieſelbe erſt zu entwickeln beginne, durch Nebendinge zerſtreut werden.— Beifällig nickte Weingarten zu Brigittens Reden— aber voll Sorn ſchlug er die Häͤnde in einander, als dieſe ihm ſagte: das Alles habe ſo kommen muͤſſen durch ein Buch, welches ihrer Herrin vor eini⸗ gen Tagen zugeſendet worden, und aus welchem dieſe gierig den Teufelsſpuk, den es enthalte, herausgeleſen.— Laß das, gute Alte, ſprach nach kurzer Pauſe Weingarten— ſie wird das vergeſſen, ich gebe Dir mein Wort— ihr beſſeres Gefuͤhl wird dieſe Schwäche beſiegen— durch Clemen⸗ tinen ſoll ſie kein Buch mehr erhalten, ich ſtehe dafuͤr. Jetzt muͤſſen wir vor allem ſie zur Thä⸗ tigkeit zuruͤckfuͤhren— ſie muß mit mir dort hinuͤber in die Berge fahren, ſie muß mir ihr herrliches Beſitzthum zeigen— ſorge Du indeß fuͤr's Haus und dafuͤr, daß wenn wir zuruck⸗ — 103— kommen, viel Arbeit ihrer warte— ich werde ihr helfen— ſie muß Alles einbringen, was ſie verſͤumt hat— ich bleibe ſo lange hier, bis Alles wieder ins rechte Gleis gekommen— und des Vaters Gewalt uͤber das gute Herz ſeiner Tochter, geleitet von Brigittens unermuͤdeter Liebe fuͤr ihren Herrn, und das kluge Betragen gegen deſ⸗ ſen junge Gattin heilten gluͤcklich Roſinens erkrank⸗ tes Gemuͤth, und erfullten ihr Herz mit aufrichtiger, wahrhafter Freude, als endlich Bachus wieder kam, und mit vor Wonne leuchtenden Augen der Gattin reges, klugliches Benehmen uͤberall erſchaute. Voll Ruͤhrung ſank ſie an ſeine Bruſt, als er, ſie belobend, die herrlichen Praͤſente auskramte, die er, aller Orten ihrer gedenkend, fuͤr ſie ge⸗ kauft. Aber die unverkennbare Achtung, die treue Liebe, die grenzenloſe Freude, die aus Al⸗ ler Augen auf den geliebten Herrn ſich richtete, erfuͤllte ihr Herz mit Wohlwollen gegen ihn.— Deine Zufriedenheit, theurer Bachus, glaube mir, ſprach ſie ſich an ihn ſchmiegend, Deine Zufrie⸗ denheit gilt mir mehr als die reichen Gaben, mit welchen Deine Guͤte mich uͤberſchuttet.— Ich will Deine Liebe zu verdienen ſuchen— die Liebe und Achtung Deiner guten treuen Die⸗ ner— und— gluͤcklich ſeyn in dieſer. Bachus druckte das holde Weib an ſeine Bruſt. Und Rofine hielt Wort. Die Ausübung ihrer Pflichten machte ſie froh und heiter— ihres Bachus Liebe zufriedenz und regten ſich auch dann und wann in ihr die alten Schwächen— ſo belaͤchelte ſie ſelbſt ihren fruͤhern ſchwärmeriſchen Wahn. Ich habe einem Phantom gehuldigt, ſprach ſie dann zu ſich ſelbſt— es giebt keine andere Liebe als die, welche auf Achtung und Freundſchaft gegruͤndet iſt— Beides fuͤr Bachus zu fuͤhlen, zwang mich ja mein Herz, das ſeinen Werth erkennen lernte — ſollt' ich nicht gluͤcklich mich fuͤhlen im Be⸗ ſitz des Seinen? Und bald erhöhte die Geburt eines lieblichen Knaben dieß Gluͤck, und ſtellte auch Bachus, der, dem Weinerfinder zu Ehren, ſeinen Erſtge⸗ bornen Noah nannte, auf den der ſten Freude. So waren ſechs Jahr in reger Thäͤtigkeit und ſtiller Zufriedenheit voruͤbergegangen— der Krieg hatte in der letzten Zeit Herrn Bachus ——— ——,——— Geſchaͤfte ein wenig ins Stocken gebracht— doch noch hatte nichts die ſchoͤne Eintracht ſei⸗ nes Hauſes geſtort.— Da fiel es dem Com⸗ mandeur unſers Regiments, deſſen Drang nach glorreichen Siegen mit einemmal durch die ihn in Frankfurt treffende Nachticht, von Unter⸗ zeichnung des Friedens, grauſam niedergeſchmet⸗ tert ward, ein, ſeinem, beinah aus lauter rei⸗ chen, lebensluſtigen, bedeutenden Maͤnnern be⸗ ſtehenden Regiment wenigſtens die Freude zu machen, ſie uͤber den Rhein zu fuͤhren, damit ſie den Grimm, uͤber all' die dem Vaterland nutzlos dargebrachten Opfer, in dem edlen Saft der Reben, an Ort und Stelle gereicht, gekeltert und gealtert, erſaͤufen konnten. Mit frohem Jauchzen nahm das Offizier⸗ corps dieſe Nachricht auf— auch mir, ich mag es nicht leugnen, war dieſer neue Ausflug nicht unwillkommen;z hatte ich mich doch in ſtrengſter Jahreszeit aus dem fernen Norden durch mehrere Fuͤrſtenländer bis Frankfurt a. M. ſchleppen laſſen, hatte ich doch die 6 bis 8 Monat dauern⸗ den, nutzloſen Kreuz⸗ und Querzuͤge mitge⸗ macht— was Wunder, daß ich mich endlich 106— nach Ruhe ſehnte— nach ſtillem, frohen Seelen⸗ genuß, und was Wunder, wenn die Hoffnung meine Bruſt ſchwellte, dieſen in den Rheinge⸗ genden zu finden. Nun, meine Erwartungen waren denn auch nicht getäuſcht worden! Die Offiziere unſers Regiments nahmen aus Artigkeit darauf Ruͤckſicht, daß ich die ein⸗ zige Dame war, die mit des Commandeurs Be⸗ willigung ihren Mann auf dem Feldzuge beglei⸗ ten durfte. Meines Mannes unbegrenzt frohe Laune erwarb ihm viele Freunde— ſeine ſtets offene Boͤrſe viel Anhaͤnger, und ſo geſchah es ohne mein Zuthun, daß uns ſtets die beſten Quartiere zu Theil wurden, und von allen Sei⸗ ten fuͤr meine Bequemlichkeit mit aller Sorg⸗ falt gehandelt ward. Dießmal mußte beſonders ein guͤnſtiger Stern uͤber mir gewaltet haben, als die Quar⸗ tiermacher in das ſchoͤne Bodenheim einritten, die Dragoner, bei welchen mein Mann ſtand, unterzubringen. Die koſtlich ausmeublirten Zimmer in Herrn Bachus Hauſe— die liebenswuͤrdige Hausfrau, die viele Dienerſchaft, die ſich zeigte, Alles hatte * N v* ———— 1 ſie beſtimmt, fuͤr uns das Quartier zu fordern— und freudig uͤberraſcht ſtieg ich aus dem Wagen, als ich die herrlichen, fuͤr mich getroffenen Ein⸗ richtungen ſah. Herr Bachus, von Geburt ein Teutſcher, begruͤßte mich in franzoſiſcher Sprache mit den tauſend weitlaͤufigen, im Grunde nichts ſagenden Redensarten eines aͤchten Pariſers. Ich antwortete ihm laͤchelnd, wie ich weder Franzoͤſin, noch eine Teutſche ſey, daß ich ihn aber bitten muͤſſe, die letztere Sprache mit mir zu ſprechen, weil mein Mann nicht franzöfiſch ſpreche und die Mehrzahl der Verbuͤndeten, worunter wir doch gehoͤrten, ihren jetzt wohl verzeihlichen Haß gegen die Franzoſen, ungerechter Weiſe, bis auf deren Mundart ausdehnten.— Leicht, fuhr ich fort, koͤnnte die Sprache, da man weiß, daß Sie ein Teutſcher ſind, Ihnen Unannehm⸗ lichkeiten bei unſern jungen Feuerkoͤpfen ma⸗ chen— und das ſollte mir um Ihretwillen ſehr leid ſeyn. Madame Bachus, deren leicht aufzuregen⸗ des Gefuͤhl aus meinen Worten ſchon ein freund⸗ ſchaftliches Annaͤhern an ihre Familie ſah, um⸗ armte mich mit vieler Zärtlichkeit. Ach, ſprach ſie, ach, wie ſehr erfreuen Sie mich! Sehen Sie, ich liebe die Teutſche gar ſehr— und habe mich herzlich gefreut, Sie in meinem Hauſe zu ſehen— Sie ſollen auch die ſchoͤnſten Simmer bekommen, und alles, was wir Sie nur thun können, Liebes und Gutes. Und Madame Ba⸗ chus hielt Wort: ich lebte in ihrem Hauſe wie im Himmel. Das geſchäftige, rege Leben gefiel mirz nach einigen Tagen war ich einheimiſch in Boden⸗ heim— und der Familie ein willkommener Gaſt. Ich half Herrn Bachus ſeine Correſpondenz in fremden Sprachen fuͤhren— ich nahm die Schluͤſſel, wenn die Hausfrau anders beſchäf⸗ tigt war, und gab Brigitten heraus— ich ſagte der Koͤchin, wie man dieß und jenes bei uns bereite— ich ſchnitt den Kindern neue Kleider⸗ chen zu, und wies die Naͤhterin an— und trat ich dann einen Augenblick in mein Zimmer, ſo folgte bald Herr Bachus, bald Roſine, bald die Kinder mir nach— Erſtere wollten ſchwatzen, die Kleinen wollten ſpielen— Jedes fuͤhlte ſich zu mir gezogen— und ich ſegnete tauſendmal — . —,—— S 00 des Obriſten Einfall, uns nach Bodenheim ge⸗ fuͤhrt zu haben. Mit uns wohnte der Major im Hauſe— ein alter, biederer Mann. Der Obriſt hatte ei⸗ nen Ausflug nach Paris gemacht, ihm war in⸗ deß das Commando zugefallen— dieß zog nun natuͤrlich taͤglich alle Offiziere in unſer Haus. Die Freigebigkeit unſers Wirths— ſein Wohlwollen fuͤr uns, erkannte denn bald diejeni⸗ gen aus dem ganzen Kreiſe, die uns vorzuglich angenehm waren, und taͤglich wurden außer dem Major und meinem Mann vier bis ſechs Offiziere zu Tiſch geladen. Herr Bachus war immer vergnügt— Ro⸗ ſine immer liebenswuͤrdig; da uͤberreichte eines Tages, als wir bei Tiſch ſaßen, die Ordonnanz meinem Mann ein Billet, und freudig ſprang dieſer auf, nachdem er fluͤchtig geleſen; St. iſt da! rief erz das iſt auf Ehre ganz charmant! den muß ich gleich beſuchen! Er machte Anſtalt fortzugehen. Nicht doch, rief Herr Bachus, bleiben Sie doch, wir muͤſſen heute den 48ger koſten— ich habe aus dem Mutterfäßchen gezapft, Sie duͤr⸗ fen nicht fort. God dam! ſprach der kirſchbraune R., ſein Glas in die Hohe haltend; God dam, unſer Wirth ſoll leben! das iſt doch noch, auf Ehre, ein mordbraves, deutſches Haus! Alle ſtießen jubelnd die Gläſer zuſammen. Was befehlen der Herr Lieutenant, fragte die Ordonnanz, daß auf das Billet geantwortet werde? Soll kommen— tönte es aus allen Keh⸗ len; Lieutenant St. muß gleich her!— Sich räuspernd ſprach der Major: Meine Herrn— Baron St. hat ſich noch nicht von Urlaub zuruͤckgemeldet— ich bitte— Soll ſich gleich melden, winkte mein Mann dem baͤrtigen Dragoner zuz fort— und ge⸗ ſchwind! Fuͤnf Minuten ſpaͤter trat Br. St. mit militairiſcher Begruͤßung vor dem Major. Herr Obriſtwachtmeiſter, ſprach er, ich melde mich von Urlaub zuruͤck. Freut mich, freut mich herzlich, antwortete dieſer— find zur guten Stunde gekommen⸗ Hier giebt es heute ein großes Feſt, das Feſt unſerer lieben Frauen!— er verbeugte ſich gegen — 11 Roſinen, die ergluͤhend ihm dankte; ergluͤhend, denn nun war's verrathen, warum Hr. Bachus vom Mutterfaͤßchen gezapft hatte. Es war heut Roſinens Geburtstag. Hoch! und dreimal hoch! riefen Alle, die Glaͤſer maͤchtig zuſammenſtoßend. Aber mit der Feinheit eines hochgebildeten Mannes neigte ſich jetzt der Baron St. zu der Geburtstaͤgerin, und in zarten Reimen löſ'ten ſich die Worte von der bartigen Lippe, die, tief aus dem Innern zu quellen ſchienen, und uns zum lauten Beifall, Roſinen zu ſtiller Bewundrung hinriſſen. St. konnte in jeder Hinſicht bei oberflaͤch⸗ licher Bekanntſchaft fuͤr einen ſehr intereſſanten Mann gelten. Als einziger Sohn des reichen Freiherrn St. war ihm eine wahrhaft vornehme Erziehung zu Theil geworden. Sein Leben in der Reſidenz, in den erſten Zirkeln, ſeine Liebe zu den beſten Dichtern, ſein Talent zur Muſik, ſeine uͤber⸗ wiegende Neigung zur Malerei hatten ſeinen Ge⸗ ſchmack verfeinert, und ihm jene ungezwungene Grazie verliehen, die jedem Auge im erſten Mo⸗ ment den hohen Grad von Ausbildung verräth.— Sein Aeußeres war kaum ſchoͤn zu nennen—* der Wuchs zwar war groß und edel, doch lieh ihm die Blaͤſſe ſeiner Wangen, die vorſtehenden Backenknochen ein krankhaftes Ausſehen— das mattblaue Auge war nur ſchoͤn, wenn es von innerer Bewegung belebt ward, dann ſtrahlte es von geiſtigem Feuer, dann auch roͤthete ſich all⸗ mählig die bleiche Wange— dann trat jeder Zug des Geſichts ſprechend, lebhaft hervor— und ich habe ſelbſt mehr als einmal von Frauenlip⸗ pen den Ausruf gehort: Baron St. iſt wirklich ein ſchoͤner Mann!— Ich konnte dieſem Ausruf niemals beiſtimmenz ich hatte St. zu oft ge⸗ ſehen, ich kannte ihn zu genau, um nicht immer in ſolchen Momenten zu denken: Es iſt das ſchnelle Aufblitzen einer minutenlangen Be⸗ geiſterung; iſt dieſe voruͤber, ſo folgt die Er⸗ ſchlaffung— das ſchoͤne Auge verſinkt in ſein mattes, nichts ſagendes Blau— die Begeiſterung in unausſtehliche Hypochondrie, die ihm und Andern nur laͤſtig ſeyn kann. Leugnen mag ich es darum keinesweges, daß ich ihn ſehr gern ſin⸗ gen und ſpielen hoͤrte— eben ſo wenig, daß ich die Erzeugniſſe ſeiner Poeſie gern las, und 6 daß es mich mit wahrem Entzuͤcken erfullte, wenn er ſeine ſchoͤnen Zeichnungen vorzeigte, an denen ein eminentes Talent unverkennbar war. Mein Mann liebte ihn unbeſchreiblich; ich habe niemals dem Grund dieſer Liebe recht auf die Spur kommen koͤnnen— er und St. bildeten in Allem ſolch einen ſchreienden Gegenſatz, daß mir ihre beiderſeitige Anhaͤnglichkeit bis dieſe Stunde noch ein Raͤthſel iſt. Nur in Einem waren ſie ſich gleich— ſie waren Beide die einzigen Sohne ſehr reicher Väter und— paſſionirte Pferdeliebhaber. Der letzte Grund auch hatte ſie Beide be⸗ ſtimmt, ſich dem Regimente anzuſchließen, bei welchem jedem Offiziere vergönnt war, ſo viele Pferde mit ſich zu fuͤhren, als ihm beliebte. Mein Mann that es jedem Andern zuvor. Vier brandſchwarze Rappen zogen meinen Wa⸗ gen— er ſelbſt ritt durch jede Stadt, die wir paſſirten, einen andern Paradeur— Reitknecht und Ordonnanzen fuͤhrten die Handpferde— wir haͤtten eine halbe Escadron damit beritten ma⸗ chen können. Doch immer noch ſtach ihm St.*s Achill in die Augen, und ich glaube, deſſen Be⸗ II. 8 — ſitz haͤtte ihn getröſtet uͤber den Verluſt von ſei⸗ nes Herrn Liebe— obgleich er taͤglich tauſend⸗ mal bei ſeiner Ehre ſchwur, der Baron ſey ihm der liebſte Menſch auf Gottes ganzer weiter Welt. St. hatte ſich auf 4 Wochen nuch Wis⸗ baden beurlaubt— jetzt waren dieſe verfloſſen, und er ſtand in ſeiner beſten Laune vor uns. Roſine ruͤckte naͤher zum Major hinuͤber. Einen Stuhl! befahl ſie. Der Bediente ſchob dieſen zwiſchen mich und ſie, und St. nahm an unſerer Seite Platz. Nun wurde erſt wacker getrunken. Die Herren kannten nicht Ziel, nicht Maas— Herrn Bachus breites Geſicht ward immer breiter, je mehr er ſah, daß ſein Wein mundete— der Major erzaͤhlte vom ſiebenjährigen Kriege, den er als Faͤhnrich mitgemacht— R. von ſeinen Stu⸗ dentenjahren— F. von ſeinen Reiſen— mein Mann von ſeinen Pferden. Alle ſprachen— Alle lachten, Keiner hoͤrte auf den Andern, und ergötzte ſich hochlich an den eignen Späſen.— Herr Bachus fuͤllte immer wieder mit neuen Sorten die leeren Glaͤſer— die Schlemmerei — 1 1 — 115— ſchien kein Ende nehmen zu wollen. Ich gab Rofinen einen Wink; wir entfernten uns ins Nebenzimmer. St. folgte uns dahin— da lag Roſinens Guitarre! O glucklicher Fund!— St. griff in die Saiten, und ſchoner hatte ich ihn nie ſingen hoͤren. Welch ein Meer von wehmuͤthig ſuͤßer Er⸗ innerung tauchte auf in meiner Bruſt bei ſei⸗ nem Geſange! Ach, wie oft hatten mich dieſelben Lieder aus dem Munde meiner Lieben in der Heimath erfreut! Ich ſah mich umringt von Eltern, Ge⸗ ſchwiſtern und Freunden— ich hoͤrte ihre ſuͤßen Worte der Liebe! Daſſelbe Lied hatte meine ſanfte Bella mir ſo oft geſungen! Ach, und wie oft hatte ich in meiner Jugend erſtem Lenze nicht auch von andern befreundeten Lippen dieß gehort!— In welch einem Wonnemeer harmloſer Freude bewegte ich mich damals! Galt ich nicht fur die Gluͤcklichſte im ganzen weiten Kreiſe meiner Jugendgeſpielinnen? und ſagte die froh wallende Bruſt mir nicht in jedem Moment, daß ich es wirklich ſey?— — 116 Ach, wie ganz anders war dieß jetzt!— Ich hatte beide Haͤnde vor die Augen ge⸗ legt— meine Thraͤnen rannen— meine Bruſt durchzog eine weiche Sehnſucht.— Wo ſeyd. Ihr hin, Ihr glͤcklichen Tage der Vergangen⸗ heit? fragte ich leiſe in mich hinein. Ihr ſeyd verrauſcht— der Sturm verwehte eure Bluͤ⸗ then— die Sonne, die meiner Jugend Roſen⸗ bahn geſchienen— ſie iſt untergegangen— dunkle, ſchwuͤle Luft umgiebt mich— die Freude iſt von mir gewichen— das Herz iſt geſtorben— und keines Freundes Hand ſtreckt liebend ſich mir entgegen auf der Dornenbahn, in welche das Schickſal mich geſchleudert— Und werden ſie nie mir wieder lächeln, die—— Da ſang des Barons weiche, ausdrucksvolle Stimme: umſonſt, umſonſt mein Sehnen ruft vergebens Geſtorbene Freuden wieder wach! ꝛc. Ih ſchlich mich leſſe auf den Balkon hin⸗ aus— ich ſtieg die Treppe hinab in den Gar⸗ 8 ten— ach! hier unter Gottes freiem, weitem Himmelsgewölbe breitete ich meine Arme weit aus— als koͤnne ich damit alle die Fernen an mein liebend Herz ziehen!— Ich hatte Alles daheim gelaſſen, Alles— und meine Bruſt durchbebten die Worte: umſonſt, umſonſt! mein Sehnen ruft vergebens!— Ich war allein— die Pflicht hatte mich vom Vaterland und Allen getrennt, die mein Herz mit unendlicher Liebe umſchloß— das vitterſte Gefühl regte ſich jetzt in meiner Bruſt— welch ein Lohn ward mir fuͤr das ſchwere Opfer, das ich gebracht?—— Von dieſem Tage an war der Baron St. unſer täglicher Gaſt. Bald fuͤhrte ihn ein An⸗ liegen zu meinem Mann, war dieſer nicht da, ſo hatte er mit dem Major zu ſprechen— dann unterhielt er ſich mit Herrn Bachus, lehrte die Kin⸗ der allerlei kleine Kuͤnſte, ſang und ſpielte, dich⸗ tete ein leichtes Sonnet, oder zeichnete den Um⸗ riß von Noah's kleinen Engelsköpfchen. Die Mutter lächelte ihm mit ſuͤßer Dankbarkeit, der Vater freute ſich der Aehnlichkeit ſeines kleinen Lieblings, er druͤckte voll Freude des Baron's Hand— und der Baron brachte bald die Mehr⸗ zeit des Tages als ſtets gern geſehener Gaſt in Bachus Hauſe zu. Da ſagte mein Mann eines Morgens: Der St. iſt doch wahrlich ein ganzer Narr! Bis jetzt hab' ich ſein Larifari fuͤr Spas genommen, ich kenne ſeine Art ſchon— wenn ihm ein Weib nur mit halbem Auge laͤchelt, ſo brennt ſein Herz auch gleich in vollen Flammen— Engel— Grazie, Göttin— das find dann gewöhnlich Ausdruͤcke, die jeder Bauerdirne zu Theil wer⸗ den— er pluͤndert auf Ehre die ganze Mytho⸗ logie, um eine Benennung fuͤr ſeine Heldin zu ſinden.— Na, ich kenne das genugſam— der erſte Hufſchlag eines Pferdes reißt ihn dann gewöhnlich aus ſeinem Taumel— er vergißt Engel, Göttin und Grazie— und rennt dem Thiere nach— hat aber ja einmal ſeine ver⸗ liebte Narrheit tiefere Wurzel geſchlagen— ſo heilt ihn unſer Spott— unſer ſtichelnder Witz— wir ſuchen ſeine Thorheit zu blamiren, wir ahmen ſeine Seufzer und Rarrenspoſſen nach— und f—£ — 119— ehe wir's uns verſehen, iſt die Liebelei beſiegt; dießmal aber— auf Ehre, dießmal ſcheint es Ernſt zu ſeyn— er iſt ordentlich zum Raſend⸗ werden in unſere Wirthin verliebt. Das wolle Gott verhuͤten, unterbrach ich ihn, daß der Baron hier den Saamen der Zwie⸗ tracht ſaͤete! Herr Bachus iſt ein herrlicher Mann, und Roſine, ihre kleinen Zierereien abge⸗ rechnet, herzensgut. Na, ſprach mein Mann, wenn Du es ſo gut mit Beiden meinſt, ſo warne Herrn Ba⸗ chus bei Zeiten— St. geht mit Sturm auf Roſinens Herz los— und ich glaube, nichts fuͤr ungut, aber ich glaube die Praliminaͤren find ſchon in vollem Gange— dauert das noch eine Weile, ſo kapitulirt Madame Roſine— den ſuͤßen Verſen, womit ſie St. uͤberſchuͤttet, wi⸗ derſteht ihre Empfindſamkeit nicht.— Erſchrocken hatte ich mich von meinem Mann ab ins Fenſter gewendet— mir fiel ein, wie St. ſie geſtern ſeine Göttin genannt— wie die ſonſt ſo ſittſame Frau gelispelt: Bachus iſt nicht da— und Mars willkommen! Mir fiel ſo Manches andere ein, das tch fruͤher⸗ nichts ahndend, uͤberſehen— die ganze Geſchichte der Verheirathung, die Herr Bachus mir er⸗ zählt— ich ſann Allem nach— auch Roſinens fruͤhern, kleinen Schwärmereien— mein Mann aber ſtörte mich aus meinem Sinnen, lachend fuhr er fort: Es iſt auf Ehre ein tolles Haus, der Baron! In Wisbaden hat er ſich mit einem allerliebſten Mädchen verſprochen— ſeiner Wirths⸗ tochter macht er auch die Cour, und jetzt gar auch Madame Bachus!— und das Tollſte von Allem iſt, daß er wahrſcheinlich ſich ſelbſt hin⸗ tergeht— er liebt keine von allen Dreien, er will bloß den Triumph, ſie in ſich verliebt zu ſehen. Und das ſoll ihm, wenigſtens bei Roſinen, nicht gelingen, ſprach ich— es gilt nur, wenn es wirklich möglich waͤr', daß ſie auf einen Mo⸗ ment, uͤber ſeinen ſchimmernden Talenten, den vortrefflichen Charakter ihres Mannes uͤberſehen konnte, ihr den Beweis zu heben„daß er Jenen die Cour macht, gleich ihr—— und— zu dieſem Beweis biſt Du mir wohl behuͤlflich, wenn ich Dichfrechtſbitte? Warum nicht gar! lachte mein Mann— — ein Kamerad wird doch dem Andern nicht das Spiel verderben ſollen?— Ich brach ab— ich kannte meinen Mann— ihm galt die ernſthafteſte Sache in dieſer Hin⸗ ſicht nur als zeitvertreibendes Spiel— ich ſah, ich mußte allein wirken. Die Freundſchaft fuͤr beide Gatten forderte mich dazu auf.— Mein Verdacht wuchs von Stunde zu Stunde, da ich ſah, daß Roſine jetzt viel ſtiller als zuvor ward— daß ſie oͤfters ſchweigend, ſinnend bei unſern heitern Geſpraͤchen ſaß— und daß ſie, wenn ich die Hand auf ihren Arm legte, um ſie ins Geſpräch zu ziehen, ſichtlich zuſammenbebte, als habe man ſie aus ſuͤßen Traͤumen geſtort— meines Wiſſens war ſie faſt nie mit St. allein geweſen— immer war Ge⸗ ſellſchaft da— immer war ich um ſie— und hatte ſie Geſchaͤfte außer'm Haus, ſo ſtand die treue Brigitte ihr zur Seite. Muͤndlich konnke wohl kaum eine Erklaͤrung erfolgt ſeyn— aber?—— des Barons ſchö⸗ nes Talent, ſich ſchriftlich auszudruͤcken!— Sollte er ihr geſchrieben haben?— ſo dachte ich eben, als ich einmal raſch nach Roſinen in's Speiſe⸗ — 12 gewölbe trat, um mir aus dieſem etwas zu er⸗ bitten. Gleich nach meinem Eintritt rufte Bri⸗ gitte ihre Frau ab— es war ein Bote aus Mainz gekommen— Rofine bat mich: Nehmen Sie, was Sie wollen— verzeihn Sie, ich muß fort. Ich ſchnitt mir ein Stuͤck Honig ab, und weil kein Teller in der Nähe war, ſah ich nach einem Papier mich um, da glaͤnzte ein weißes, feines Blättchen am Boden— wo Rofine ge⸗ ſtanden— ich nahm es auf— und erkannte des Barons Hand— Rofine mußte es verloren haben. Mit innerer Angſt blickte ich auf die Zeilen, die nur die gluͤhendſte, kuͤhnſte, heftigſte Leidenſchaft dictirt haben konnte. Mit wehmuͤ⸗ thiger Angſt gedachte ich Roſinens weichen nur zu leicht aufzuregenden Gefuͤhls— und mit wehmuͤthiger Theilnahme an den guten, ehrlichen Bachus!— In erſter Aufwallung wollte ich mit Ro⸗ ſinen uͤber meinen Fund ſprechen— doch— welcher Beſchaͤmung ward ſie dadurch ausgeſetzt, gab ich ihr die Gewißheit, ich wiſſe um ihren Irrthum!— NRein, ſie liebte und achtete mich— — ſie durfte gar nicht ahnden, daß ich ſie einer Schwäche fuhig hielt. Der Baron hatte ſie mit gluͤhendem Feuer nur um eine Zeile Antwort gebeten— ich zitterte, daß ſie dieſe ihm geben wuͤrde, und dennoch erſah ich die Moͤglichkeit nicht, wie dieß zu verhindern ſey. Am andern Morgen kam Herr Bachus zu mir waͤhrend der Zeit des Exercirens. Erlauben Sie mir, theure, gnaͤdige Frau, ſprach er, daß ich in einer mich beunruhigenden Sache Ihren guͤtigen Rath in Anſpruch nehme— die Herrn ſind jetzt bei'm Exerciren, Roſine iſt nach Nak⸗ kenheim gefahren, wir ſind ganz allein im Hauſe. Darf ich Ihnen mittheilen, was mich bedruͤckt? Voll Erwartung und Ahndung druͤckte ich ihm die Hand. Wenn ich helfen kann, ſprach ich, ſo rechnen Sie auf meine thaͤtige Hulfe— wir ſetzten uns. Meine Rofine, fing Bachus an, und ſeine Stimme ward bebend; meine Rofine iſt ein herzensgutes, braves Weib— Sie wiſſen, theure Gnädige, wie uͤber Alles ich ſie ſchätze und liebe — Sie werden daher ermeſſen, wie unendlich ich jetzt leide, ſie nicht mehr ſo froh und heiter — 124— zu ſehen, als ſie ſonſt war— ich muß fuͤrchten, ihr Gemuͤth leidet— ſie ſcheint krankhaft an⸗ gegriffen. Vergebens habe ich geſonnen, wie ihr zu helfen ſey— ich allein finde das Mittel nicht, ſie von ihrem Uebel zu befreienz da komme ich Sie zu bitten, mir zu ſagen, was Sie wohl davon denken? †ch fragte ich halb verlegen. Lieber Herr Bachus, wie ſollte ich wiſſen, was Ihrer Gattin fehlt! Vielleicht taͤuſchen Sie ſich!— Gewiß nicht, gnaͤdige Frau, unterbrach er mich; ſo wenig, als es Ihnen gelingen ſoll, mich zu taͤuſchen. Langſt ſah ich, daß Ihr hel⸗ les Auge den Sitz von Roſinens Krankheit auf⸗ geſpuͤrt— Sie wiſſen das Alles ſo gut als ich— und Ihre Unruhe hat mir laͤngſt ver⸗ rathen, daß Sie nicht ohne Theilnahme ſind gegen ein Begegniß, das mein ganzes Gluͤck zu unter⸗ graben droht— darum auch nur allein an Sie konnte ich mich wenden. Sie werden mir ſagen, was Sie daruͤber denken, und wie Alles zu än⸗ dern ſey.— Ich war ganz ſonderbar ergriffen von der Art, wie der Mann die Sache nahm— 6 — — — 125— Herr Bachus, ſprach ich nach einer Weile, ich halte Roſinen fuͤr unſchuldig. Ich gewiß auch, antwortete mit Waͤrme Herr Bachus— ich weiß, meine Gattin iſt tu⸗ gendhaft und gut, ich zweifle keine Minute, daß ſie es bleiben wird; daß ſie jetzt leidet, ruͤhrt wohl von dem Kampf in ihrem Innern her— Sie kennen ihre fruͤhere Erziehung, und daß es Muͤhe gekoſtet hat, ihr zu beweiſen, das wahre Gluͤck der Ehe ſey ein anderes, als welches in ihren Buͤchern gedruckt ſteht— ich weiß— ich fuͤhle es mit Ueberzeugung, ſie liebt mich wahr⸗ haft— aber ihr Herz neigt ſich den ſuͤßen Ge⸗ ſaͤngen des Barons— ſie leiht ihr Ohr ſeinen Verſen, ſeinen Worten, und dieſe malen ihr eine Liebe vor, die dem Bilde gleicht, das ſie in ihren Jugendtraͤumen ſich tauſendfältig aus⸗ gemalt hat— natuͤrlich findet ſie von dieſen keinen Zug mir ähnlich. Nehmen Sie an, daß Roſine beinahe meine Tochter ſeyn konnte— der Baron hochſtens 24 Jahr alt iſt—— je tiefer ſie ſich in des Barons ſuͤßes Gelispel ver⸗ ſtrickt, je unruhiger muß ſie werden. Jener kann ihr nie etwas werden, und— ich bin ihr Gatte. Mein Gott, unterbrach ich ihn, Sie wiſ⸗ ſen das Alles, und dulden noch ferner ſein Kom⸗ men?— Verbieten Sie ihm doch Ihr Haus!— Das wuͤrde ich thun, ſprach Bachus ruhig, wenn dieß von Nutzen ſeyn koͤnnte— allein ich fuͤrchte dadurch Roſinens Zuſtand zu verſchlim⸗ mern, und meine Ruhe zu untergraben. Der Baron ſteht jetzt als das Ideal aller Vollkom⸗ menheit vor ihren aufgeregten Sinnen— braͤchte ich einen raſchen Bruch zu Wege— ſo wuͤrde er ewig als Solches vor ihrem geiſtigen Auge ſchweben— ich— ihr aber als Tyrann erſchei⸗ ner, und— ihre Liebe verlieren. Guter Bachus, ſprach ich geruͤhrt— Sie ſind wahrlich ein ſeltener Ehemann! ein wahrhaft guter Menſch.— Warum erkennt Roſine nicht, wie edel Sie find?— Sie wird es, antwortete er freundlich; glauben Sie mir, gnaͤdige Frau, ſie wird es gewiß, wenn ſie den Baron ganz kennen wird— dann ſinkt ſie gewiß, erſchuͤttert uͤber ihre Tau⸗ ſchung, in meine Arme— und meine Liebe ſoll die leichte Wunde heilen.— Aber— wie ihr die Binde luͤften, die N * . f . jetzt ihr Auge umhuͤllt? das iſt die ſchwere Frage. Ich ſagte ihm von meinem fruͤhern Einfall, meinen Mann ins Spiel ziehen zu wollen.— Bachus laͤchelte. Beweiſe, ſprach er— um Beweiſe iſt mir's nicht zu thun— die gab der Oheim des Mäͤdchens, die St. in Wisbaden ge⸗ liebt, längſt in meine Haͤnde— aber darf ich davon Gebrauch machen? Darf Roſine jemals ahnden, daß ich ſie einer Schwaͤche faͤhig halte?— Duͤrfen Sie es? Liegt ihr nicht an Ihrer Ach⸗ tung ſo viel, als an meiner Liebe? Sehen Sie, theure, gnaͤdige Frau, man muß nur die Sache ganz ſo nehmen wie ſie iſt— ich allein kenne Rofinens mildes, weiches Herz ganz wie es iſt, darum muß die zarteſte Huͤlfe ihr werden, ohne daß ſie unſern Eingriff ahndet. In Ihrer Reſidenz freilich— in den gro⸗ ßen weiten Zirkeln, da bildet des Weibes Blick in fruͤhſter Jugend ſich zur klaren, hellen An⸗ ſchauung.— Sie wuͤrden den Baron auf tau⸗ ſend Meilen Weite richtiger durchſchaut haben, als meine Roſine— aber es liegt in der Ver⸗ ſchiedenheit Ihrer Erziehung— zuͤrnen Sie darum meiner Gattin nicht.— In ihrer einfachen Gutmuͤthigkeit, nie an das vielfache Treiben geſellſchaftlichen Lebens ge⸗ woͤhnt— iſt ihr, auf einmal in dieſes gerathen, Alles fremd, Alles neu.— Der Baron weiß ihr ein Leiden zu ſchil⸗ dern, das ihre Liebenswuͤrdigkeit in ſeine Bruſt gelegt haben ſoll— da neigt ſich ihre Gutmuͤthig⸗ keit es mildern zu wollen— ſie hat keinen Be⸗ griff davon, wie man etwas ſagen ſollte, was nicht iſt— natuͤrlich glaubt ſie an des Barons Liebe— ſie zu erwiedern— faͤllt ihr gewiß nicht ein— aber ihr Leiden muß ein zwiefaches wer⸗ den— je weniger ſie fuͤr ſich und ihn ein gnuͤ⸗ gendes Ende abſehen kann.— Wie iſt dieſer Kampf ſanft zu enden? Wenn der Baron fuͤr einen neuen Gegenſtand intereſſirt wird, ſagte ich raſch— und— glauben ſie mir, lieber Bachus, das wird nicht ſchwer halten. St. verliebt ſich leicht in jedes weibliche Weſen— die gute, fromme Roſine ſoll keine Thraͤne um ihn vergießen— Sie wiſſen, daß ich Sie beide herzlich achte— und wie theuer mir . ————,——————— ece — 129— Ihre Ruhe iſt— laſſen Sie uns finnen, was zu thun iſt— warum auch ſetzte ich hinzu, warum auch bitten Sie nur immer Männer in Ihr Haus? Warum niemals Frauen? Veranſtalten Sie einmal einen kleinen Ball — ich weiß Roſine tanzt nicht— deſto lieber und ſchöner tanzt der Baron— was gilt's, er vergißt beim Ball ſein Leiden, und ver⸗ nachläſſigt Ihre Frau uͤber zehn andern huͤb⸗ ſchen Maͤdchen— dann macht ſich das Uebrige von ſelbſt.— In dieſem Moment trat mein Mann ins Zimmer. Ei, ſeht mir doch den allerliebſten Herrn Bachus! ſprach er lachendz was machen Sie denn hier, wenn ich nicht da bin? Rechen⸗ ſchaft, Herr, oder— er ſchlug lachend an ſei⸗ nen Säbel.— Ich ſchauderte vor den bekannten, unzarten Witzelei'n meines Mannes, darum ſprach ich ge⸗ ſchwind: Herr Bachus hat uns zu einem Fruhſtuͤck in ſeinem großen Keller in Niernſtein geladen, und kam eben von dort her, um zu erfahren, II. 39 wenn wir die Fahrt machen wollen— er glaubte Dich zu Hauſe— an mich geht wohl die Ein⸗ ladung nicht, Ihr habt mich ja ſchon laͤngſt fuͤr die allermiſſerableſte Trinkerin erklaͤrt, die es auf dieſem Erdenrund geben kann. Was? rief mein Mannz Bachus, Freund, Engel— Sie geben uns ein Fruͤhſtuͤck in Jh⸗ rem Keller? Gott verdamm' mich, das iſt auf Ehre gottlich!— Ich will doch hoffen, Sie laden das ganze Offiziercorps? Alle, ſprach Bachus— und fort ſtuͤrmte mein Mann, ſeinen Kameraden die freudige Mähr zu verkuͤnden. Bachus ſah mich ſchweigend eine lange Weile an.— Iſt es Ihnen unangenehm, unterbrach ich endlich die Pauſe, daß ich den Stuͤrmer mit einer kleinen Luͤge auf Ihre Rechnung abfertigte? Gewiß, ſehr erwuͤnſcht, gnadige Frau, ant⸗ wortete Bachus— konnte ich nur alle Verlegen⸗ heiten, deren ſeine wilde Laune Sie ausſetzt, auf meine Rechnung nehmen— es ſollte mein groß⸗ tes Verdienſt ſeyn, ſie Alle tilgen zu wollen!— —— ——ͤ— Wie kommt es doch, ſprach ich ausbeugend, daß Sie uns noch nicht nach Niernſtein eingeladen haben? Ich hore, es ſoll ein huͤbſcher Ort ſeyn! O ja, erwiederte Bachus in halbem Sin⸗ nen— der Ort iſt recht huͤbſch!— Nun, und die Bewohner? Ich denke eben daran, ſprach Bachus, daß dort ein junges, ſchoͤnes, frommes, gutes Maͤd⸗ chen mit 300,000 Thalern in Vermögen— in grauſamer Bedruͤckung ſchmachtet— für dieſe moͤchte ich Sie wohl intereſſiren. Und die findet in dieſer Gegend keinen Be⸗ freier? fragte ich. Nun das nimmt mich Wun⸗ der! Wie geht das zu? Ach das iſt wohl eine lange, ruͤhrende Ge⸗ ſchichte, ſprach Bachus— davon iſt viel zu ſa⸗ gen— wollte Gott, ich könnte der Ungluͤcklichen helfen! Wollte Gott, ich könnte jedem Ungluͤck⸗ lichen helfen! Warum nur iſt unſer Wille ſtets größer als die Kraft? Warum vermoͤgen wir nicht, jedes Leiden, das wir an Schuldloſen er⸗ ſchauen, von ihnen zu nehmen? Sie machen mich begierig— ſollte dem guten Kinde nicht zu helfen ſeyn? 9* Mancher Menſchen Schickſal, fuhr Herr Bachus fort, iſt wahrlich ſo von Grund aus bitter, daß an eine Hülfe von Menſchenhand gar nicht zu denken iſt— glucklich freilich, wenn Muth und Kraft, wenn wahre Seelengroͤße dem Leidenden es geſtattet, den marternden Schmerz, der ſeine Bruſt durchwuͤhlt, der Menge zu ver⸗ bergen— doch jedes Auge, ſprach er langſam, den Blick auf mich richtend, jedes Auge laͤßt ſich nicht täuſchen— und oft, wo es vielleicht am wenigſten vermuthet wird, erwäͤchſt eine Theil⸗ nahme, eine ſtille Bewunderung, die, je tie⸗ fer ſie dem Buſen entquillt— je ſicherer den Pfeil erkennt, der das Herz des Leidenden ver⸗ wundet. fragte ich nicht ohne Verlegenheit. Sie kennen meine Verehrung fuͤr Sie, fuhr er nach einer Pauſe fort— Sie wiſſen, wie Roſine Sie liebt— geachtet und geliebt von Allen, die Sie kennen, ſtehen Sie da— ver⸗ zeihen Sie dem theilnehmenden Herzen eines Mannes, der ſo gern alle Menſchen gluͤcklich Was können Sie meinen, Herr Bachus? ſehen mochte, daß es Ihnen in dieſem Moment — ————————— — 3 den Schmerz enthuͤllt, der es erſchuͤttert— Sie — nicht gluͤcklich zu ſehen!— Herr Bachus, fragte ich mit einiger Be⸗ wegung, wie kommen Sie darauf?— Haben Sie mich jemals unzufrieden geſchen? Erwarten Sie vielleicht, daß ich uͤber mein Schickſal kla⸗ gen ſoll? Gewiß nicht, antwortete er— Ihnen möchte ich faſt ſagen, Sie tragen das Ungluͤck mit ſo viel Wuͤrde, mit ſo einer wahrhaft zu bewun⸗ dernden Kraft, daß man ſagen koͤnnte, der Schmerz, der auf Ihnen liegt, ziere Ihre Stirn mit der ſchoͤnſten Strahlenkrone— faſt, fuhr er fort, faſt kann ich mir Sie nicht denken ohne dieſen— waͤren Sie nicht wie Sie ſind, ſo wuͤrde ich glauben, Sie ſuchten Ihren Stolz darin, durch Ihr ruhiges Laͤcheln der Welt zei⸗ gen zu koͤnnen, die innere Seelengroße ſey zu beugen. Muͤßte ich mich nicht gluͤcklich ſchätzen, wenn mir dieß Streben gelaͤnge?— und, Herr Ba⸗ chus! wuͤrden Sie mich verdammen, wenn ich wirklich meinen Stolz darin ſuchte, mein Unglück vor der Welt zu verbergen? Wo das Schick⸗ ſal mit ſeiner unerſchuͤtterlichen Macht auf mich eindringt, da liebe ich nicht zu weinen, zu klagen, zu jammern— ich ſtehe allein— und darum muß ich feſt ſtehen. Doch— ich bitte, laſſen Sie uns das Geſpräch enden— ich liebe nicht, uͤber Dinge zu ſprechen, die nicht zu än⸗ dern ſind.— Noch eine einzige Frage erlauben Sie dem Freunde: Was konnte Sie bewegen, Ihr bluͤ⸗ thenvolles, hoffnungsreiches Leben einem ſo rohen Manne zu opfern? Eben ein Opfer, das man von mir forderte, und das ich zu bringen den Muth hatte. Sie ſind Mutter? Gottlob! ſeit einem Jahre, Mutter eines ſchoͤnen, lieben Knaben Sie haben noch Eltern, Geſchwiſter, Ver⸗ wandte— ein liebenswuͤrdiges Kindz und Alles dieß ließen Sie daheim, um einem Mann zu folgen, den, vergeben Sie, den Sie kaum ach⸗ ten koͤnnen? Ich uͤbe nur die Pflicht aus, die als Gattin mir obliegt— Meines Mannes Erziehung ward vernach⸗ —,— — — 135— läſſigt, er braucht Rath und Beiſtand in jedem Augenblicke ſeines Lebens. Herr Bachus, Sie wuͤhlen mit Ihren Fra⸗ gen in einer wunden Bruſt— muß ich es Ih⸗ nen ſelbſt ſagen, daß ohne mich ſeine Ehre tau⸗ ſendmal untergegangen waͤre? Und iſt meine Ehre— die Ehre meines Kindes— der Ruf der ganzen Familie nicht unauflöslich feſt an die Seine geknupft?— Ach alle Fiebern meines Her⸗ zens ziehen mich nach der Heimath, die Pflicht allein feſſelt mich hier— und fragen Sie nicht, wie ſchwer es mir wird, dieſe immer ſtreng zu uͤben!— Was aber belohnt Sie fuͤr den ſteten, un⸗ ausſprechlichen Kampf? Mein Bewußtſeyn, Recht gethan zu haben— der Glaube an Gott— meine unbegrenzte Liebe zu meinem Kinde und— die Achtung guter Menſchen.— Ich druͤckte ſeine Hand, er zog die Meine an ſeine Lippen. Vater! rief in dieſem Augenblick S kleine Noah, den Kopf zur Thuͤr hereinſteckend. Vater, der Baron iſt da— ach, was hat er doch fuͤr ſchoͤne Bilder fuͤr die Mutter mitgebracht!— Komm geſchwind!— Sie ſind mir noch die Geſchichte jenes ge⸗ fangnen Mädchens ſchuldig, ſprach ich, das er⸗ zahlen ſie mir auf'n Abend bei Rofinen; ich werde es einzurichten ſuchen, daß wir drei allein bleiben. Ueber den Baron ſprechen wir wohl noch gelegentlich.— Bachus ging mit Noah hinab. Ich lehnte mich ins Fenſter— mein Inneres war tief be⸗ wegt— viele Bilder gingen an meiner Seele voruͤber.— Ach, deine Erde iſt wohl ſchoͤn, guͤtiger Gott, dachte ichz wie namenlos bitter aber das Leiden, das ſie in ſich faßt!— Giebt es wohl einen Menſchen auf dem weiten Erden⸗ rund, den dein vaͤterliches Auge uͤberſchaut, deſ⸗ ſen Leben ganz ohne truͤbe Stunden voruͤber gegangen waͤre?— Eine Bruſt, die den Schmerz nie gekannt?— Ein Herz, das alle ſeine Wuͤnſche geſehen?—— nicht.— Aber du blickſt mit Liebe uns Ane herab— du ſenkteſt den Troſt des Glaubens in unſere Bruſt, und die belebende Hoffnung, daß kein Schmerz laͤnger währt, als das kurze Menſchenleben! Sollen wir klagen? Sollen wir —— —,————— — 7— murren, da eine Ewigkeit voll himmliſcher Freuden uns dort erwartet?— 2 Der Theetiſch ſtand bereitet. Roſine kam mich hinab zu rufen; die Ruheſtoͤrer waren ent⸗ fernt; der kleine Roah ſchlief im Winkel des Sopha's. Herr Bachus begann: Marietta's Mutter, der junge Roſier und ich wuchſen als Nachbars Kinder in freundlicher Eintracht erſt, dann in einiger Freundſchaft auf. Der alte Oheim Sabinens, in deſſen Hauſe das Maͤdchen erzogen ward, liebte uns drei mit vaͤ⸗ terlicher Liebe— die ſanfte, ſchwarzäugige Sa⸗ bine war ſein Herzblatt— obgleich er unſern freundſchaftlichen Umgang mit dem Mädchen kei⸗ nesweges beſchraͤnkte, ſo gab er uns doch zum oͤftern deutlich zu verſtehen: Sabinens kuͤnftiges Loos ſey von ihm ſchon unwidertuflich beſtimmt, und wie lieb er uns Drei auch habe, ſo wuͤrde er das Maͤdchen ohne Weiteres aus unſerer Naͤhe entfernen, zeige ſich in unſerm Benehmen jemals etwas anderes als ſchuldloſe Freundſchaft.— Sabine war mir eine geliebte Schweſter, die reinſte Zutraulichkeit einte uns. Anders ſchien Roſier fuͤr ſie zu empfinden— die langen, dun⸗ — 138— kelgluͤhenden Blicke, die er auf das Mädchen warf, verkuͤndeten mir ein maͤchtiger Gefuͤhl in ſeiner Bruſt— ob Sabine ahndete gleich mir— ich weiß es nicht; oft ſchien es, als fuͤrchte ſie ſeine Nähe— ſie ſchien ihn zu fliehen, und ſchmiegte ſich voll Zärtlichkeit an meinen Arm, wenn der Oheim uns in die Berge ſandte, oder wenn es ſonſt wo ein Geſchaͤft gab, zu welchem wir vereint geſchickt wurden; doch kaum hatte Roſier ihr Zuruͤckziehen gemerkt, ſo brannte des Zornes wilde Glut auf ſeinen Wangen— die Hände ballten ſich feſt zuſammen— die Stirn zog ſich in duͤſtere Falten— er trat vor Sa⸗ binen und blickte mit dem Feuerauge auf ſie. Du willſt ohne mich gehen? ſprach er mit beben⸗ der Stimme. Leb' wohl, Sabine— ich gehe zu Haus, um Deine Freude nicht zu truͤben! Boͤſer Menſch, rief Sabine, ſich ſchluchzend an ſeinen Hals werfend— mußt Du denn im⸗ mer Streit ſuchen? Soll ich Dir denn immer ſagen, wie lieb ich Dich habe? Das ſollſt Du nicht, ſprach Roſier troz⸗ zend; aber Du ſollſt nichts thun, das mir das Gegentheil beweiſt. Darf ich denn Bachus nicht lieben? und liebſt Du ihn nicht gleich mir? Roſier ſchlang ſeinen Arm um mich. Ich, Sabine, ſprach er dann— ich lieb' ihn mit al⸗ len Kraͤften meiner Seele— aber Dich— Dich lieb' ich noch mehr— und Du ſollſt ihn nicht mehr lieben als mich.— Das thue ich ja auch nicht, Rofier; aber Roſier, Du biſt ſo wild— ſey gut und ſanft, wie er— ich will Euch wie meine Bruͤder lie⸗ ben.— Sie ſchmiegte ſich zaͤrtlich an uns— ihre Liebkoſungen verſcheuchten die duͤſtern Falten von Roſiers Stirn— aber Sabine mußte ihm immer lacheln— mit Niemand freundlich ſprechen, ſonſt ward ſeine Laune noch um Eins ſo finſter. Roſiers Vater war geſtorben— ein Ge⸗ ſchäft rufte den Sohn nach Heidelberg— es war die erſte Trennung, die uns bevorſtand— Rofier brachte den letzten Abend bei mir zu. Wollen wir nicht zu Sabinen gehen? fragte ich ihn; nicht doch, Bachus, antwortete er mir, ich habe ſchon Abſchied von ihr genommen, ich komme von dort her. Mir war es lieb, ihn ſo ruhig und gefaßt zu ſehen— ich begleitete ihn des folgenden Tages eine Strecke Weg's und war kaum zu Hauſe angelangt, als Sabinens Oheim mich zu ſich rufen ließ. Ich fand einen ſchoͤnen jungen Mann bei ihm, den er mir ſogleich bei meinem Eintritt als Sabinens Braͤutigam vorſtellte. St. Martin war ein liebenswuͤrdiger Juͤng⸗ ling— unſer beiderſeitiges vertrauliches Annaͤ⸗ hern verkuͤndete mir ihn bald als einen guten Menſchen, und ich ſegnete den guten Oheim, der fuͤr die ſanfte, ſchoͤne Sabine ſolch' eine Wahl getroffen hatte. Sabine ſchien ſehr uͤberraſcht— es ſchien, als könne ſie ſich nicht gleich in ihr Schickſal zurechtfinden, doch betrachtete ſie den Braͤutigam nicht mit Widerwillen— und ich hielt ihr ſcheues Zurückziehen bei deſſen freundlichen An⸗ naͤhern mehr fuͤr mädchenhafte Se . fuͤr ſonſt etwas.— Nach einigen Tagen bat mich Satin mit gabthn und zitternder Stimme, ich moͤchte doch an Rofier ſchreiben, und ihn davon benach⸗ richtigen, daß ihr Oheim ihre Hochzeit in ſechs Wochen feſtgeſetzt habe.— —,——— —,———— — 141 Ich entledigte mich des Auftrags— und theilte die ſchon nach kurzer Zeit eingegangene Antwort Roſiers dem aͤngſtlichen, befangenen Maͤdchen mit.— Roſier ſchrieb: Ich bin ein Bettler— die gehoffte Erbſchaft loſ't ſich in nichts auf— es iſt Alles verloren— viel Gluͤck Sabinen zu ihrer Hochzeit— ich werde ſobald nicht zuruͤckkehren— lebt wohl. Nach 4 Wochen war Sabinens Hochzeit, und St. Martin fuͤhrte ſein ſchoͤnes, junges Weib mit ſich nach Frankreich zuruͤck. Die Ehe war eine ruhige, ſtill gluͤckliche. Nach mehreren Jahren gebar Sabine eine Toch⸗ ter, und ihre Briefe uͤberzeugten mich, daß ſie ſich ſehr gluͤcklich fuͤhle. Die großen Kenntniſſe St. Martins, ſeine weitlaͤufigen Perbindungen, die mannichfaltigen Speculationen, die ihm Alle gluͤckten, erhohten von Jahr zu Jahr ſeinen Wohlſtand und mach⸗ ten ihn endlich zum reichen Manne, als ſein Oheim in Holland ſtarb, und ihm als einzigen Erben ſein ungeheures Vermögen hinterließ. St. Martin mußte ſich nun, ſo hatte es der Verſtorbene gewollt, von Frankreich trennen, und ſeine Geſchaͤfte in Holland uͤbernehmen; allein das veraͤnderte Klima ſagte St. Martin nicht zu, er ward krankhaft und verfiel in ein auszehrendes Fieber, welches nur zu fruͤh ſein ſchones Leben endete. Sabine war Wittwe. Mariette zehn Jahr. Da gedachte die Mutter ihrem Schmerze Linde⸗ rung zu verſchaffen durch die Zerſtreuung einer Reiſe, und uͤberraſchte mich, ohngefaͤhr ſechs Wochen nach meiner Verheirathung mit Roſinen, mit ihrem Beſuch.— Noch umſchloß mein Herz ſie mit der alten bruͤderlichen Liebe— und es that der Trauern⸗ den wohl, ſich in unſerm Kreiſe nicht ganz ver⸗ waiſt zu fuͤhlen. Rofine und ich, wir uͤberhaͤuften ſie mit Bitten, bei uns zu bleiben; doch vergebens. Nein, ſprach ſie, dringt nicht in mich, ich habe dem ſterbenden Gatten verſprochen, ſeine Geſchaͤfte fortzufuͤhren— dem theuern Todten halte ich Wort— aber, ſprach ſie zoͤgernd und erroͤthend, ſage Du mir, mein Bruder, was iſt aus Roſier geworden, dem theuern Gefaͤhrten —,— —— — unſerer gluͤcklichen Jugendjahre? Lebt er noch? und habt Ihr wohl zuweilen meiner gedacht? Warum ſah ich ihn noch nicht bei Dir? Rofier? gute Schweſter!— Es ward mir ſchwer, der ohnedieß tief Trauernden auch dieſen Schmerz vorfuͤhren zu muͤſſen— Roſier ſtarb vor mehreren Jahren. Sabine verhuͤllte die weinenden Augen— dann ſprach ſie nach einer Pauſe: Und er ver⸗ ließ Niemand?— Iſt er immer allein geblie⸗ ben? Hatte er kein Weib? ſetzte ſie ſtockend hinzu. Du warſt verheirathet, liebe Sabine, ant⸗ wortete ich— kurz nach Deiner Abreiſe mußte Roſier auf ſein kleines Guͤtchen nach Lerzweiler zuruͤckkehren— die Mutter war ihm geſtorben— ſeine Wirthſchaft machte die Hausfrau nothig— er heirathete, war aber nicht gluͤcklich— in ſei⸗ nen Geſchaͤften, wollte ich hinzuſetzen, doch Sa⸗ bine legte mit einem Strom von Thränen ihre Hand auf meinen Mund.— O ſchweig', Bru⸗ der, unterbrach ſie mich— o, ich werde es nie vergeſſen, wie er am Vorabend meiner Hoch⸗ zeit— o, Ihr Alle wißt nicht, daß er heimlich — 144— gekommen war, mich noch einmal zu ſehen— wie er mich in ſeine Arme druͤckte, daß es mich ſchmerzte, und mir ins Ohr fluͤſterte: Der Him⸗ mel moͤge all' den Schmerz, den dieſer Schritt auf meine Bruſt ladet, fuͤr Dich in Segen wandeln— Du wirſt gluͤcklich ſeyn— ich werde fortan nur weinen!— Sie bat uns, ſie al⸗ lein zu laſſen— wir verließen ſie in tiefer Be⸗ truͤbniß. Am andern Morgen ſtand ich im Garten, als ein Knabe mir einen Brief uͤberbrachte; ver⸗ tieft in deſſen Inhalt hatte ich kaum bemerkt, daß Sabine neben mich getreten war.— Mein Gott, ſprach ſie voll tiefer Bewegung, meine Arm faſſend— um Gott, Bruder, wer iſt der Knabe mit dem dunklen, blitzenden Auge, mit dem ſchoͤnen, goldlockigen Haar— o Gott— iſt das nicht die trotzige, hohe Stirn— der lieb⸗ lich laͤchelnde Mund?——— Sabine, antwortete ich— Dein Auge taͤuſcht Dich nicht— es iſt Roſiers Sohn— Etienne Roſier!— Und Sabine umfing den Knaben mit bei⸗ den Armen— ihre Thraͤnen bethauten ſeine bluͤhende Wange.— Etienne, ſprach ſie immer wieder— Etienne, guter Etienne! Der Knabe ſchloß ſich bald vertraulich an die ſchoͤne, ihm ſo wohlwollende Frau, und kaum war der erſte Sturm ihrer Empfindung gewaͤltigt, ſo fragte ſie mich: Glaubſt Du, Bruder, daß die Mutter mir den Knaben laſſen wird? Biete ihr Gold, wenn ſie arm iſt— biete ihr Alles, ich bewillige Alles— Etienne ſoll mit mir reiſen nach Hol⸗ land. Er iſt 13, meine Marietta 10 Jahr— Bruder, ſtore mir nicht den ſeligen Traum! er ſoll mein Sohn ſeyn— ich will ihn lieben wie eine Mutter, und einſt ſoll er durch Marietta's Hand begluͤckter werden, als es ſein Vater war.— Roſiers Wittwe war arm, das kleine Guͤt⸗ chen, welches ihr Gatte ihr hinterlaſſen hatte, war verſchuldet— ſie hatte außer Etienne noch einen Knaben— meine Ueberredungskraft ſiegte. Etienne reiſte mit Sabinen nach Holland. Sechs Jahre gingen voruͤber— was Sa⸗ bine gewuͤnſcht, gehofft hatte, ſtand in ſchönſter Erfuͤllung vor ihrem Auge— Etienne war ein vortrefflicher Juͤngling geworden, Marietta das II. 10 — 146— ſchoͤnſte Mädchen und Beide liebten ſich mit un⸗ ausſprechlicher Liebe.— Da rufte plotzlich ein Brief der Wittwe Roſier ihren Sohn in ſeine Heimath zuruͤck. Seinen Bruder hatte ein hitziges Fieber hin⸗ weggerafft— die Mutter litt an einem bedeu⸗ tenden Augenuͤbel; ihr innigſter Wunſch, da ſie fuͤrchten mußte blind zu werden, war, ihren Etienne noch einmal ſehen zu konnen. Dem konnte Sabine nichts entgegnen. Reiſe mit Gott, mein Sohn, ſprach ſie, Ma⸗ rietta's Hand iſt Dir gewiß. Bleibe ſechs Mo⸗ nat— bleibe ein Jahr bei Deiner Mutter, wenn ſie nicht zu bewegen iſt, mit Dir zu uns zu kommen— pflege ſie— laß es an nichts feh⸗ len— Gieb uns oft Nachricht von Dir, und kehre zu uns zuruͤck, ſobald es der Zuſtand Dei⸗ ner Mutter erlaubt. Wähle fuͤr Deinen Braͤutigam ein Ge⸗ ſchenk, mein Kind! ſprach Sabine, vor Mariet⸗ ten ein großes Juwelenkaͤſtchen auf den Tiſch ſtel⸗ lend; wähle, was Deinem Herzen das Koſtbarſte duͤnkt! Und Marietta, in den Perlen und Dia⸗— manten waͤhlend, ergriff einen einfachen Gold⸗ — 147— ring mit einem vom Pfeil durchſtochenen Her⸗ zen, und, lächelnd durch Thränen, ſteckte ſie ihn an Etiennes Finger. Mein Herz ſoll brechen, ſprach ſie— wenn es nicht ewig voll treuer Liebe nur Dir ſchlagen wird.— Erſchuͤttert wendete Sabine das erbleichende Geſicht weg.— Wehe, rief ſie, von dunkler Ahndung durchſchauert— die einſt dieſen Ring empfing— brach in muthwilligem Leichtſinn ein treues Herz!— Marietta! mein Kind, muß⸗ teſt Du dieſen Ring waͤhlen? Frau Roſiers Zuſtand verſchlimmerte ſich täglich nach Etiennes Ankunft. Schon waren ſechs Monate verſchwunden, noch war keine Beſſerung zu hoffen. Duldſam in truͤbem Schweigen ſaß der Juͤng⸗ ling auf einer Gartenbank neben mir, der ich gekommen war, ihn zu beſuchen, als der Poſtbote von Mainz zuruͤckkehrte, und ihm einen ſchwarz⸗ geſiegelten Brief, zitternd, als ahne er deſſen Inhalt, uͤberreichte. Leichenbläſſe uͤberzog Etiennes Woe— er mußte ſich feſthalten am Geländ're der Bank, um nicht zu finken. — 148— Was iſt's? fragte ich voll banger Beſorgniß. Schweigend ließ Etienne das Blatt in meine Hand gleiten— ich las.— Sabine war vom Schlagfluß getroffen worden— unerwartet plotz⸗ lich geſtorben. Marietta beſchwor mit herzzer⸗ reißendem Jammer den Geliebten, ſo ſchnell als moͤglich zu ihr zu eilen— die Mutter habe nicht mehr vermocht, ihren letzten Willen aufzuſez⸗ zen— von der Boöheit ihres Stiefoheims aber, der zu ihrem Vormund beſtellt worden iſt, ſey das Schlimmſte zu befuͤrchten—— Welch ein furchtbarer Donnerſchlag fuͤr den armen Etienne! Laß uns uͤberlegen, junger Mann, ſprach ich, ihm die Hand druͤckend— und nach minu⸗ tenlangem Sinnen: Du mußt fort, ſchnell fort! Meine Roſine ſoll die Pflege fuͤr Deine Mutter uͤbernehmen, waͤhrend der Zeit Deiner Abweſen⸗ heit.— Mit erſterbendem Auge blickte Etienne auf den Ring an ſeiner Hand.— Sie ahndete es wohl, ſprach er mit bebender, gebrochener Stim⸗ me, als ſie aus tauſend andern Sachen gerade dieſen Ring waͤhlte! Mein Herz wird brechen 5 wie dieſes— und das Herz des Engels gleich dem Meinen! O weh' uns Alien! Bachus machte eine Pauſe, die Erinnerung hatte ſein Auge mit Thraͤnen gefuͤllt, Roſine weinte ſanft. Vor meinem geiſtigen Auge be⸗ wegte ſich die ganze Geſchichte ſo lebhaft, daß Etienne und Marietta mir laͤngſt bekannte, innig befreundete Geſtalten ſchienen.— Das Schickſal, ſprach ich weich, das Schick⸗ ſal wird nicht muͤde, des Menſchen ſchönſte Hoff⸗ nungsbluͤthen zu zerſtoren— es fuͤhrt uns die Liebe in tauſend reizenden Geſtalten vor die trunkenen Sinne. Immer bleibt in ihrer ſtrah⸗ lenden Schoͤnheit ſie kennen lernen zu wollen, das maͤchtigſte Streben unſerer Bruſt. Wir ahnden ihre Unvergänglichkeit— wir fuͤhlen ihre goͤttliche Allgewalt— wir verweben ſie mit aller Kraft in unſer Seyn— und Kum⸗ mer, Seufzer und Thraͤnen ſind unſer Loos— gebrochene Herzen— endloſe Pein. Wie We⸗ nigen nur iſt es gegoͤnnt, ihre Seligkeit unge⸗ truͤbt zu ſchmecken!— Roſinen entglitt ein leiſer Seufzer. Und fragen wir, fuhr ich, dieſen bemerkend, ausbeugend fort, fragen wir, was iſt die Liebe? ſo ſtehen wir vor dem enthuͤllten Bilde der Iris, deren Schleier keines Menſchen Hand hob. Wir fuͤhlen nur, daß ſie ſey; was ſie ſey, vermöͤgen wir mit dem Geiſte nur zu faſſen, nicht zu er⸗ klären. Stellen Sie hundert Menſchen neben einander, und Sie werden hundert verſchiedene Meinungen, Gefuͤhle, Anſichten finden; dennoch wird die Liebe in Aller Herzen wohnen— dieß můßte uns zu der Idee fuͤhren, es exiſtire eine beſtimmte Form fuͤr ſie, die ſich in jeder Bruſt wiederfindet— doch dem iſt nicht ſo— Wir hoͤren des Donners Getöſe— wir ſehen des Blitzes feuriges Leuchten— wir fuͤhlen des Sturmes Brauſen— es ſind gewaltige Erſcheinungen in der Natur, die oft eben ſo un⸗ erwartet uͤber uns hereinbrechen, wie die Liebe— dennoch wiſſen wir zu erklären, was des Don⸗ ners Getoſe, des Blitzes Leuchten verurſacht— warum ſie, ihrer Natur zufolge, uns ſo erſchei⸗ nen muͤſſen. Kann aber Einer von Allen, die der Liebe Allgewalt fuhlen, jemals ſagen, was ſie iſt, und warum ſie mit folcher Macht auf uns wirkt?— Nein, wir koͤnnen die Liebe nur fuͤhlen, nur ahnden— ihre Exiſtenz nur an⸗ nehmen— aber niemals ſagen, was ſie iſt.— Ich mochte Ihnen ein Bild davon malen, ſprach Herr Bachus; ich mochte Ihnen erkla⸗ ren, was ſie iſt.— Die Liebe iſt ein reiner Funke, den Gott in jedes Menſchen Bruſt ſenkte— ein wohlthuendes Feuer, das, jemehr es ſich verbreitet, uns die hoͤchſte Tugend erken⸗ nen und ihr nachſtreben läßt— ein Baum, der ſchuͤtzend ſeine Aeſte uͤber uns breitet, wenn des Mittags Sonnenglut uns zu erſticken droht— ein ſicherer Hafen vor jeden Sturm— ein hei⸗ liger Tempel, in den unſere Seele fluͤchtet aus dem Druck des irdiſchen Lebens. Sie iſt die urkraft all' unſerer beſſern Handlungen. Nen⸗ nen Sie jede Tugend einzeln her: Edelmuth, Großmuth, Menſchlichkeit, Seelengroße— ent⸗ ſprießen ſie nicht alle aus der Liebe? Die Liebe iſt das Allerheiligſte, das Gott in jedes Menſchen Bruſt legte— und wer ſie tief im Herzen empfindet, hat hienieden ſchon den Himmel gefunden. Gut, ſprach ich lächelnd, Ihre trunkenen Augen wuͤrden Sie mir, wenn ich die Gewiß⸗ — 43— heit davon nicht ſchon langſt hätte, als ſolch ei⸗ nen mit dem Himmel Begabten jetzt beurkunden, Sie haben in der Eheſtandslotterie gluͤcklich ei⸗ nen Treſſer gezogen. Es war ein Wagſtuckz Sie heiratheten ſich erſt, dann lernten Sie ſich kennen— und die Liebe mußte naturlich dieſem Erkennen folgen, da Sie Beide gut ſind. Anders aber iſt es, wenn der Blick aus des Geliebten Auge wie ſchneller Blitz den Fun⸗ ken der Liebe in des Mädchens Bruſt entzuͤndet. Wenn ein leiſes Wort, ein halber Seufzer oft nur den ruhig ſchlummernden Funken in glut⸗ volle Flamme wandelt; wenn zwei Weſen, die ſich fruͤher nie gekannt, nie geſehen, beim erſten Erblicken in hoher Liebe ſich begegnen— bei ſolch einem Erſcheinen, ſo ſollte man glauben, beurkunde ſie erſt recht ihre göttliche Abkunft. Sie bemächtigt ſich nicht allein des Herzens— ſie feſſelt den Verſtand— ſie reißt oft den Kluͤgſten zu Narrheiten hin— und erleuchtet wunderbar die beſchraͤnkteſten Gemuͤther. Was keiner Macht gelungen, vollbringt ſie ſpielend, leicht. Staunend ſehen wir oft, wozu ihre All⸗ gewalt leitet— jemehr ſie aber ihre Kraft ubt, je reinern Urſprungs ſollte man ſie glauben, je unvergaͤnglicher. Je hoͤher die Begeiſtrung, wo⸗ mit ſie die Herzen erfuͤllt, je unumſtößlicher in uns die Vorausſetzung, ſie könne nicht beſtehen, ohne Vertrauen, Achtung, Treue mit ſich zu fuͤhren. Aber ſo iſt es nicht— wie oft zeigt ſie uns, daß die Flamme, die ſie ſo gewaltig entzuͤndet, verliſcht nach kurzem Ergluͤhen— und daß mit ihrem Verloͤſchen die entgegen ſtrebend⸗ ſten Neigungen geboren werden, Haß, Verach⸗ tung, Menſchenfeindlichkeit— Dazu, ſprach Roſine, kann doch wohl nur die Ueberzeugung fuͤhren, daß der Gegenſtand unſerer Liebe, der heiligen Empfindung, von welcher unſere Bruſt fuͤr ihn erfuͤllt war, und die wir im Bewußtſeyn eigner Groͤße in ihm ahndeten, unwuͤrdig ſey.— Sollte nicht auch oft Eigennutz die Flamme verloͤſchen? Selbſtliebe?— Ich denke mir im⸗ mer, fuhr ich fort, zu Roſinen gewendet, ich denke mir immer, Eigenliebe iſt die Mutter je⸗ der andern Liebe!— Nehmen Sie zum Beiſpiel an, Roſier hätte mich geliebt, mit ſtiller, reiner, heiliger Liebe, — 164— waͤr' ich ein Mäͤdchen geweſen und mein Herz noch frei, ſo hätte er eine gleiche Empfindung in mir erweckt, oder ich hätte fuͤhllos ſeyn muͤſſen, ich hätte ihn aus Dankbarkeit geliebt— weil es doch einmal nichts Sußeres auf der Welt giebt, als ſich wahrhaft geliebt zu wiſſen. Nehmen Sie dagegen den Fall, er haͤtte ſpaͤ⸗ ter ſein Auge von mir weg, aufeinen andern Gegen⸗ ſtand gewendet— glauben Sie, daß ich ihn ferner zu lieben im Stande geweſen waͤre— bei der Ue⸗ berzeugung, er habe nur ſein Spiel mit mei⸗ nem Herzen getrieben? Roſine ſprach: Sie haͤtten ihn verachten muͤſſen— und ihm wäre Recht geſchehn. Da haben Sie den Eigennutz, die Selbſt⸗ liebe.— Doch ich bitte, Herr Bachus, laſſen Sie uns zu Marietten zuruͤckkehren— Etienne muß ſchon laͤngſt in Holland angekommen ſeyn. Die Geſchichte, begann Herr Bachus, nimmt von nun an eine eben ſo traurige, als unange⸗ nehme Wendung. Der arme Etienne trat in Marietta's Haus, mit einem Herzen voll unausſprechlicher Liebe⸗ —,— — ————————————————— — Er war Tag und Nacht gereiſt, er hatte ſich keine Ruhe, keinen Schlaf gegönnt, das Bild des geliebten, trauernden Maͤdchens, die nach ſeinem Troſt verlangte— hatte ſeine Schritte mit Windeseil befluͤgelt— da endlich lag die Stadt vor ihm, und, dem Wagen entſtiegen, verdoppelte er ſeine Schritte, das Haus zu er⸗ reichen. Der Abend war finſter und kalt— der Regen goß in Stroͤmen herab— der Sturm fuhr heulend durch die Straßen— einzelne Lich⸗ ter nur ſchimmerten noch hier und da— kein Menſch war zu ſehen, Alles oͤde und ſtill auf Markt und Gaſſen— Jeden hielt das entſetz⸗ liche Wetter im Zimmer gebannt— und wohin der Juͤngling ſeine Schritte wendete, er war allein, mit der Bruſt voll ſchmerzlicher Gefühle, die mit jedem Moment erhoͤht wurden, durch Finſter⸗ niß und heulenden Ungeſtuͤm, der ihn umgab. Endlich erreichte er, zitternd vor Froſt, durch⸗ naͤßt bis auf die Haut, das wohlbekannte Haus— das einen Himmel voll Seligkeit ihm erſchloſ⸗ ſen hatte— ach, und in welchem ihm vielleicht jetzt ſchon jede Hoffnung grauſam untergegangen war.— Aus dunkler Nacht ſtarrte das Eck⸗ 66 fenſter ihn an, an welchem Marietta zu arbeiten pflegte— voll unendlicher Wehmuth und dennoch voll ſuͤßer Freude hob er den Blick dort hin⸗ auf— aber die Vorhänge waren zugezogen, die Fenſter geſchloſſen. Alles beurkundete ſchon von Außen die Trauer, die im Innern herrſchen mochte.— Einen Moment ſtand der Juͤngling, die bedruckte Bruſt voll Athem ſchoͤpfend, dann zog er an der Klingel, die des Hauſes Thuͤr ihm erſchließen ſollte— aber Niemand regte ſich, Grabesſtille herrſchte drinnen. Noch einmal zog er ſtaͤrker, und der Ton der Glocke hallte bang wieder in dem großen Gebäude. Unſchluͤſſig ſtand Etienne; ergriffen vom Schauer bängſter Ahndung, wußte er nicht gleich was er beginnen, wohin ſich wenden ſollte— da ſchien es ihm, als rege ſich drinnen in der Unterſtube etwas, und er naͤherte ſich dem Fen⸗ ſter, um an deſſen geſchloſſenen Laden zu klopfen. Wer iſt's? fragte jetzt eine hohle Stimme leiſe; ich oͤffne Niemand ſo ſpaͤt in der Nacht! Etienne erkannte der alten, treuen Mar⸗ got Stimme. Oeffne, gute Margot, bat er, ich bin es, Etienne Roſier⸗ Roſier! ſchrie die Alte; Roſier hier? und im Moment ward die Thuͤr geoͤffnet, und Mar⸗ got zog den Juͤngling voll Ueberraſchung ins Zimmer. Jeſus Maria! rief ſie bei ſeinem An⸗ blick; lieber Herr, wie ſeht Ihr aus? Um aller Heiligen Willen, ſagt, wo kommt Ihr her? und was wollt Ihr jetzt hier in dem oͤden Haus, das Niemand bewohnt außer mir?— Margot, bat Etienne, ſich an einen Stuhl haltend, liebe Margot, verwirre meine Sinne nicht— Du weißt nicht, wie der Schmerz wuͤhlt in dieſer Bruſt. Wo iſt Marietta? Wo iſt meine Marietta? Soll ich ſie nicht ſehen? O, ſprich, wo iſt ſie? Da uͤberſtromten die alten Augen der treuen Margot.— O Gott, ſo wißt Ihr noch nicht? ſeufzte ſie; Marietta iſt fort!— Die gute, fromme Herrin iſt todt— Alle ſind fort, mich haben ſie allein gelaſſen in dem großen, weiten Hauſe, Marietta iſt entfuͤhrt, von ei⸗ nem Boͤſewicht, fuͤrchte ich faſt. Da brach die ſchwache Kraft Etiennes, mit einem leiſen Seufzer ſank er ohnmaͤchtig in Margots Arme. Als er erwachte, ſchuͤttelte ein — 188— heftiges Fieber ſeine Glieder an einander— ſein Geiſt verlor ſich in wilde, ſchreckliche Phantaſie— bald raſ'te er gegen Marietta's ſchändlichen Ent⸗ fuͤhrer, bald ſah er das Maͤdchen todt vor ſeinen Augen— er beſchwor die Todte mit ruͤhrendem Flehen, ihn zu ſich hinauf zu ziehen— dann fuͤhlte er, wie die wiederkehrende Kraft des Kör⸗ pers die Seele gefangen hielt, und ihres Loßrin⸗ gens ſpottete— er tobte gegen Margot, die ihn pflegte— er grollte allen Menſchen, er wuͤthete gegen ſich ſelbſt, und ſtill duldend, mit der Sanftmuth einer Heiligen, ſaß Margot an ſei⸗ nem Bett und wehrte mit kluger Beſonnenheit der Heftigkeit des Fiebers. Vier aͤngſtliche lange Wochen ſchwebte ſein Leben in der größten Gefahr— da ſenkte ſich ein wohlthaͤtiger Schlummer auf ſeine Augen⸗ lieder, und ſtaͤrkte des kranken Korpers ermattete Kraft. Die Beſinnung kehrte ihm wieder— ſein Geiſt vermochte die Wirklichkeit, wie ſchreck⸗ lich ſie war, klar zu erfaſſen— und mit ſanf⸗ ter Gelaſſenheit bat er Margot, ihm die naͤhern umſtände alles Vergangenen aus einander zu ſetzen · Sabine war heftig erſchuͤttert durch den ————— — Beſuch des Herrn Jerowe, eines Stiefbruders ihres verſtorbenen Gatten. St. Martin hatte in langer, bittrer Feind⸗ ſchaft mit dieſem gelebt, von deſſen Exiſtenz mit Sabinen faſt nie geſprochen, und obgleich der⸗ ſelbe in Niernſtein wohnte, ihn bei ſeiner Ver⸗ heirathung mit Sabinen weder beſucht, noch da⸗ von in Kenntniß geſetzt. Die Erbſchaft von St. Martins Oheim hatte die Familie nach Holland verſetzt. Der Verſtorbene war nur St. Martins Verwandter, nicht der ſeines Stiefbruders, abermal ein Grund, warum es Sabinens Gatten uͤberfluͤſſig duͤnkte, Herrn Jerome von allen dieſen Vorgängen zu benachrichtigen. Plötzlich ſtarb St. Martin und die Wittwe fuͤhrte nach ſeinem Wunſche die Ge⸗ ſchaͤfte glucklich fort. Mit einemmale kam ihr ein Brief des nie gekannten Stiefbruders ihres verſtorbenen Man⸗ nes, der ihr ſeine Hand antrug, und ganz ge⸗ wiß annehmend, daß ſie dieſelbe nicht ausſchla⸗ gen wuͤrde— ſie zugleich von ſeinem des ehe⸗ ſtens erfolgenden Beſuche benachrichtigte. Der Brief traf Sabinen einige Tage nach — 160— Etienne's Abreiſe, ſie glaubte der Unruhe, in welche er ſie verſetzte, ſchnell ſteuern zu muͤſſen, und antwortete dem Herrn Jerome, daß ſie nie wieder heirathen wuͤrde, am wenigſten es aber jetzt zu thun Willens ſey, da ſie ihre ſechszehn⸗ jährige Tochter, Marietta, bereits mit dem jun⸗ gen Roſier verlobt, und dieſen, nach vollzogener Hochzeit, die Geſchaͤfte zu uͤbertragen beſchloſſen, um im Kreiſe ihrer Kinder den Abend ihres Le⸗ bens ruhig genießen zu koͤnnen. Nachdem ſie dieſen Brief abgeſendet, glaubte ſie die Sache abgethan— und ſtrebte die Un⸗ ruhe zu gewältigen, in welche ſie Jeromes An⸗ naͤhern verſetzt hatte. Allein eine dunkle Ahndung vermochte ſie nicht zu bekämpfen— immer mußte ſie unwill⸗ kuͤhrlich an jenen Ring denken, den Marietta für ihren Verlobten gewahlt— und deſſen An⸗ blick ſie immer mit Schaudern erfuͤllt hatte, weil ihr Gewiſſen ihr, in Hinſicht auf deſſen Geber, auch in ihren gluͤcklichſten Momenten leiſe Vorwuͤrfe gemacht.—— Durfte ſie Gluͤck hoffen, fuͤr ihre Tochter, von der ver⸗ hangnißvollen Wahl dieſes Ringes? ——— 16 Sabinens Stimmung war, ſeit jenem Be⸗ gegniß, nicht mehr jene frohe, heitere, die ſie fruͤher geweſen— dazu kam, daß Etienne abwe⸗ ſend war— jetzt erſt lernte ſie ganz fuͤhlen, mit welcher unendlichen Liebe ſie den Juͤngling um⸗ ſchloß— auch Marietta's Auge war über deſſen Abweſenheit von Thraͤnen getruͤbt. Mutter und Jochter blickten voll duͤſterer Ahndung in die Zukunft, und wagten es nicht, ſich gegenſeitig auszuſprechen, aus zarter Scheu, durch den eignen Schmerz der Andern Kummer zu mehren. Zudem erneute ſich jetzt bei Sabinen ein Bruſtuͤbel, an welchem ſie in fruͤhern Jahren ſchon gelitten hatte, mit ſolch einer Heftigkeit, daß es Ma⸗ rietten doppelt Pflicht duͤnkte, der Mutter gereiz⸗ ten Gemuͤthszuſtand moglichſt zu ſchonen. Eines Abends ſaßen die Frauen in ſtiller Ruhe beiſammen— Marietta ſchwieg in duͤſterm Sinnen, mehrere Poſttage waren voruͤber, Etienne hatte nicht geſchrieben— ſie wagte nicht den Blick zu erheben auf die Mutter; ſie wagte nicht die Lippe zu öffnen, aus Furcht, daß die Thraͤnen hervorſturzen muͤßten, und die gute leidende Mutter durch ihren Schmerz erſchuttert II. 11 ——— wuͤrde. Auch Sabine ſchwieg— ihr mattes Haupt ruhte am Lehnſeſſel— mechaniſch ſchuͤrte ihre Hand die Kohlen im Kamin zuſammen— da ſprang kniſternd ein Funke mittend ins Zim⸗ mer, und Margot, die Gelegenheit wahrnehmend, ein Geſpraͤch anknuͤpfen zu koͤnnen, ſprach: Wir werden Beſuch bekommen— ſolch ein kniſternder Funke verkuͤndet jedesmal einen Gaſt. Wollte Gott! ſeufzte Marietta leiſe— und— das wollte Gott nicht! ſprach im glei⸗ chen Moment Sabine mit ſchwacher Stimme!— Ueberraſcht ſahen ſich die Frauen einander an— da zog es an der Klingel der Hausthuͤr— und Margot bebte erſchuͤttert ob des entgegen⸗ geſetzten Ausruf's beider Herrinnen— Marietta war aufgeſprungen mit gluͤhendem Geſicht.— Er kommt! rief ſie— und wieder im gleichen Moment ſprach Sabine, mit bleichen Zuͤgen: Er kommt! O Gott, meine Ahndung! Mrargot wußte nicht, ſollte ſie gehen oder bleiben, bis ein zweiter heftiger Zug ſie zu dem Erſtern trieb. Ein Fremder trat in des Hauſes Thuͤr, die Margot leiſe geöffnet. Ich muß Frau St⸗ —5 ———— — 163— Martin ſprechen, ſagte erz geh' Alte, melde mich ſogleich. Margot zoögerte. Die Frau iſt krank, ſprach ſie, die Augen ſenkend vor des Fremden drohen⸗ den, wilden Blicken— kommt morgen wieder, lieber Herr!— Der Fremde druͤckte Margot zuruͤck.— Melde mich, rief er, alte Hexe— oder ich melde mich ſelbſt. Sag', ich muͤſſe ſie ſprechen. Ein Anverwandter ihres Mannes, da bedarf es keiner Umſtaͤnde. Sabine erbleichte, als Margot zitternd die Anmeldung that. Laß ihn kommen, ſprach ſie endlich, ſich faſſend— und was ſie laͤngſt in banger Ahndung gefuͤrchtet, verwirklichte ſich jetzt. Herr Jerome trat vor ſie. Margot konnte die ſpatern Vorgaͤnge nur unvollkommen erzaͤhlen. Herr Jerome hatte Sabinen, deren ab⸗ ſchlägliche Antwort ihn mit Rache und Wuth erfuͤllte, gefragt: Ob ſie nicht wiſſe, daß ihr ver⸗ ſtorbener Mann ein rechtglaͤubiger Katholik ge⸗ weſen? Ob ſie in ihrem irrigen Wahn glaube, die in des Vaters Religion erzogene Tochter ————————————— ——— — 164— an einen Proteſtanten verheirathen zu duͤrfen? Er, des Mädchens Oheim, habe bis jetzt zu ih⸗ rem Thun und Treiben geſchwiegen, allein jetzt gebiete die Pflicht ihm, ſich in die Sache, die ernſthaft werden köͤnne, zu mengen.— St. Martin habe in ſeinen letzten Tagen an ſeinen Jugendlehrer, den frommen Pater Hubertus ge⸗ ſchrieben, und ihm ſeinen ausdrucklichen Willen zu erkennen gegeben, daß Maria, ſein einziges Kind, unter die Obhut ſeines Stiefbruders, des Herrn Jerome, geſtellt werde, und bei leiſeſter Widerſetzlichkeit gegen deſſen einſichtsvolle Lei⸗ tung, ihren Ungehorſam auf immer in einem Floſter buͤßen ſollte.— Thorichte Frau, rief Herr Jerome mit ſa⸗ taniſchem Laͤcheln, als er die von Todesſchauer durchdrungene Sabine ſah— thoͤrichte Frau, ich meinte es gut mit Ihnen— ich weiß, mit welcher Liebe Sie einander zugethan ſind, darum ſuchte ich, bei der unerlaßlichen Pflicht, die St. Martins letzter Wille mir auferlegt, Ihnen eine Trennung zu erſparen— ich bot mich Ih⸗ nen zum Gatten an— wir haͤtten Marietten gemeinſchaftlich erzogen.— Sie haͤtten ſich nie — ————— ——— — 165— von ihr trennen ſollen— Sie ſchlugen mein Anerbieten aus— ich mag die Gruͤnde, die Sie dazu beſtimmten, nicht unterſuchen— al⸗ lein, Sie melden mir voll Spott, daß Sie meines Bruders Tochter an einen Ketzer ver⸗ ſprochen— jetzt war es Zeit, daß ich auftrat— und— bevollmaͤchtigt durch den Brief, den der fromme Pater Hubertus in meine Haͤnde gab, ford're ich jetzt Marietten von Ihnen— ſchicken Sie ſich zur Trennung an— mogen⸗ nehme ich ſie mit mir. Wer vermoͤchte es, Sabinens, Marietta's Gefuͤhle zu ſchildern, ſchaudernd ſank die Er⸗ ſtere ins Sopha zuruͤck— mit einer Ohnmacht kaͤmpfend die Letztere zu der Mutter Fuͤßen.— O Jammer ohne Maaß! Herr Jerome ſtand kalt und fuͤhllos ihnen gegenuͤber. Da raffte am andern Morgen Sabine all' ihre Krafte zuſammen. Zittre nicht, mein Kind, ſprach ſie, uns muß die Gerechtigkeit ſchuͤtzen— Du haſt von Jeromes Drohungen ſo wenig, wie vom Kloſter zu fuͤrchten. Noch ſcheint er das Geheimniß nicht zu wiſſen, deſſen Richtig⸗ * keit St. Martins hinterlaſſene Papiere der Welt beſtätigen muͤſſen— Kirche und Kloſter konnen Dir nichts anhaben— Du Margot, bitte den Buͤrgermeiſter auf dieſen Mittag zu mir, bleib' dann bei Marietten, ich ſpreche erſt mit g Jerome.— Voll zartlicher Bekuͤmmerniß bat Marietta ihre Mutter, ſich zu ſchonen.— O, theure Mutter, ſprach ſie, uͤbernimm nicht Staͤrkeres, als Deine Kraͤfte auszuhalten vermogen— ſieh' wie ſieberiſch Deine Wange brennt— wie ſchwer und ſtockend der Athem Deiner ſchwachen Bruſt entſteigt— hat nicht des Arztes ſorgende Vor⸗ ſicht uns ſtreng geboten, Alles zu entfernen, was Dich erſchuͤttern koͤnnte? Mutter, ſprach das Mädchen mit Thränen, Sabinens Haͤnde an ihre ſchmerzlich-bewegte Bruſt druͤckend— Mutter, wie vermöchteſt Du eine Unterredung mit ihm auszuhalten, Du vermagſt ja ein⸗ mal das Bett zu verlaſſen?— So beſcheidet ihn an dieſes, ſprach Sabine— was ich ihm ſagen muß, wird alle ſeine Ent⸗ wuͤrfe zu Boden ſchmettern— er muß erfahren, wovon er jetzt noch keine Ahndung hat— und ———,— —— vor allen ſeinen fernern Plaͤnen ſchuͤtzt Dich dann die Obrigkeit— Alles, Alles muß heut' beendet werden— und ſollte meine letzte Kraft daruͤber ſchwinden. Margot entfernte ſich mit der weinenden Marietta, als Herr Jerome in Sabinens Ge⸗ mach trat. Eine ängſtliche, bange Stunde ging vor⸗ uͤber— eine zweite, tauſendmal qualvollere ſchlich ihr langſam nach— da offnete Herr Jerome die Thuͤr:— Steht Eurer Frau bei, ſprach er, Margot ins Zimmer ſchleudernd— in zwei Stunden bin ich wieder hier. Sabine lag ohne Lebenszeichen auf ihrem Bett. Nach einer langen, tiefen Ohnmacht ſchlug ſie das Auge auf.— Sind wir allein? fragte ſie matt. Schluchzend nickten Marietta und Margot. So hoͤrt, was ich Euch ſagen werde. Der Brief St. Martins iſt nicht von ihm. Es iſt ein holliſches Bubenſtuͤck Jeromes oder des Pfaf⸗ fen, die ſeine Handſchrift nachgemacht. Gebt mir Feder und Dinte— ihre Pulſe ſchlugen — ihre zitternde Hand vermochte kaum — 468— die Feder zu halteu.— Dieſen Brief, Marietta, ſprach ſie mit letzter Anſtrengung, dieſen Brief gieb Du ſelbſt in Roſiers Hand— verbirg ihn ſorgfältig— Margot— verlaß mein Kind nicht— dort— jenes Käſtchen nimm Du— ſein Inhalt muß die Liebenden vor Jeromes Verfolgungen ſichern— ich ſegne Roſier— ich ſegne Euch!— O Gott, ſchuͤtze du meine Kinder!—— Ich— meine Bruſt!— ich kann nicht mehr!— Vertraut, wenn Ihr Huͤlfe braucht, Euch dem edlen——— ihr Athem ſchwand— das Auge brach— erſtarrt und leblos ſank ſie in Marietta's Arme. Kaum hatte die beſonnene Margot Zeit ge⸗ habt, Brief und Käſtchen zu verbergen, ſo trat Herr Jerome herein. Der Anblick der todten Frau deckte auch ſein Geſicht auf einen Moment mit Leichenblaͤſſe; doch, ſich ſchnell faſſend, fragte er Margot: Hat ſie Euch noch geſprochen vor ihrem Tode? Verneinend ſchuͤttelte die Alte das thränende Haupt, ſtill ſich freuend ob die⸗ ſer klugen Luͤge, deren Gewichtigkeit ihr Herr Jeromes tuͤckiſch Laͤcheln beurkundete.— Herr Jerome hatte ſich den Behörden als Marietta's —— ———— Oheim legitimirt— die ungeheure Erbſchaft ward unter ſeine Verwaltung geſtellt— und 14 Tage ſpaͤter befahl er dem Mädchen, in den Wagen zu ſteigen, um mit ihm zu reiſen. Wohin? hatte vergebens die treue Margot geforſcht. Anfäͤnglich hatte es geſchienen, als ſey Herr Jerome mit ſeinem Reiſeplan ſelbſt noch nicht im Reinen; doch nur zu bald verrieth ſein ſchadenfrohes Laͤcheln, dem Plane ſtehe nichts mehr im Wege— raſch, wie er begonnen, ſchritt er zur Ausfuͤhrung— Margot mußte zuruͤckbleiben; ihr ward die Aufſicht des Hauſes uͤbertragen. Und haſt Du gar, auch gar nicht erforſchen konnen, wohin ihr Weg gegangen? fragte Etienne, als Margot geendet. Mit Gewißheit, erwiederte dieſe, weiß ich Ihnen nichts zu ſagen. Der eine Diener ſprach von Paris, ein Anderer von Romz doch geſchah es wohl nur, um uns zu ir⸗ ren. Meiner Vermuthung nach, doch auch dieſe kann irrig ſeyn— meiner Vermuthung nach, ſind ſie nach Niernſtein zuruͤckgekehrt; denn ein⸗ mal, als ich im Nebenzimmer war, wo Herr Jerome mich nicht vermuthete, und Marietta den Hartherzigen beſchwor, ihre alte Margot. nicht von ihr zu trennen, hoͤrte ich ihn ſagen: Schweig' ſtill, thörichtes Mäbchen. Wir fin⸗ den in meinem Hauſe eine beſſere Geſellſchaft fuͤr Euch. Etienne ſchuͤttelte zweifelnd den Kopf. Das glaub' ich kaum, ſprach erz Riernſtein liegt ſo nah bei Lerzweiler, ſollte er nicht wiſſen, daß ich dort lebe? Nein, antwortete Margot, das weiß er nicht— Sabine hat ihm geſagt, Sie ſeyen auf einer weiten Reiſe begriffen; und dann auch, wenn er es wuͤßte— glauben Sie, Herr Ro⸗ ſier, daß er Sie fuͤrchten wuͤrde?— Vergeſ⸗ ſen Sie nicht, daß es Mauern und Riegel giebt— daß Herr Jerome ein ſteinreicher Mann iſt, und— daß Pater Hubertus ihm zur Seite ſteht. Haſt Recht, liebe Alte, ſeufzte Etienne. Aber fort muß ich, wie hoffnungslos auch mein Weg immer ſey— ich muß fort, ſie zu ſuchen. Leb' wohl; einſt vielleicht wird es mir gegoͤnnt ſeyn, Dir alle Liebe zu lohnen, die Du mir bewieſen⸗ 6 3 V Doch, Margot, was befand ſich im Käſt⸗ chen, das Sabine Dir anvertraute? Ein Paquet Papiere, guter Herr, von St. Martins Hand. Wir vermochten nicht, es durchzuleſen— wir waren zu ſtreng beobach⸗ tet— doch gab ich Alles in Marietta's Hand. Vielleicht gluͤckt es ihr eher, einen nützlichen Gebrauch davon zu machen. Wer kann wiſſen, wie nah' ihr die Gefahr zu Halſe geht.— Sie aber, Herr Roſier, wuͤrden gut thun, glaube ich, wenn Sie vor allem Herrn Bachus die Geſchichte vertrauten— er war Sabinens älteſter, treueſter Freund; und wie ſehr ich auch mit Marietten geſonnen, wen die gute Ster⸗ bende unter dem Edeln, deſſen Namen auszuſpre⸗ chen der ſchnelle Tod ſie verhinderte, konne ge⸗ meint haben— immer beſtätigte ſich meine Ver⸗ muthung, ſie muͤſſe ihn gemeint haben, weil die Suruͤckgezogenheit, in der wir immer gelebt„jede andere trauliche Freundſchaft verhindert. Und Roſier that nach Margot's Wunſche. Vor zwei Monaten kehrte er zuruͤck nach Lerzweiler— hier ergriff ein neuer Sturm des Juͤnglings Herz. Seine arme Mutter war er⸗ — 172— blindet, ihr huͤlfloſer Zuſtand hätte ſeinen Plan, die geliebte Marietta zu ſuchen, vereiteln muͤſ⸗ ſen— ach, mit unſäglichen Schmerzen warf der Arme ſich an meine Bruſt— mit unend⸗ licher Freude erfuͤllte es mich, ſeinen großen Kummer in etwas lindern zu können— fruͤher namlich, als Roſier angekommen, ward mir durch Herrn Jeromes Haushaͤlterin, die mich zuweilen in meinem Keller in Niernſtein aufſucht, die Nachricht: ihr Herr ſey von einer Reiſe aus Holland zuruͤckgekehrt, und habe ein junges, ſchö⸗ nes Maͤdchen mit ſich gebracht. Wer anders konnte das ſeyn, als Marietta?— Dieſe Nachricht erheiterte allerdings den armen, ungluͤcklichen Etienne auf einen Mo⸗ ment— allein ein Annähern an ſeine Geliebte blieb, trotz allen Verſuchen, unmöglich.— Herr Jerome haͤlt das Maͤdchen in einem verſteckten Zimmer ſeines Hauſes eingeſperrt. Niemand hat Zutritt bei ihm außer dem Pa⸗ ter Hubertus, und dieſer iſt nicht zu gewinnen. Und von der Haushälterin läßt ſich nichts erwarten? fragte ich.— Durchaus nichts, antwortete Herr Bachus; „— wie ſtreng Herr Jerome ihr verboten haben mag, mit irgend Jemand von ſeinen haͤuslichen Affai⸗ ren zu ſprechen, erſah ich an der Todesangſt, in welche Suſette gerieth, als ich am folgenden Tag ſie wieder in meinen Keller lockte, um ſie uͤber Marietten auszuforſchen— heut' leugnete die Alte gerade zu, daß ein Maͤdchen, außer ihr, in Herrn Jeromes Hauſe ſey— ſie ſchalt ſich eine Thorin, die im Weinrauſch ſo Albernes ge⸗ ſchwatzt haben muͤſſe— ihr Herr ſey niemals in Holland, und niemals ſey die Rede von dor⸗ tigen Verwandten geweſen— ſie beſchwor mich um aller Heiligen willen, den Namen Marietta nicht zu nennen, er klinge ihr ſo fuͤrchterlich, daß ſie denſelben nie uͤber die Zunge bringen wuͤrde. Suſette iſt uͤbrigens ein ſehr beſchränktes Weſen, die von der Welt und ihrem Treiben nichts weiß; ſie lebt ſeit wanzig Jahren in Je⸗ romes Hauſe, wohin ſie als junges Mädchen kam— ſie iſt ſtreng bigott, verehrt den Pater Hubertus wie einen Heiligen— in ein Geheim⸗ niß iſt ſie ſchon um deßwillen nicht zu verflech⸗ ten, weil ſie in ihrer Einfalt auch das Aller⸗ unſchuldigſte dieſem verrathen wurde. 4174— Und hat Herr Jerome immer ſo einge⸗ zogen gelebt? Iſt er nie verheirathet geweſen? Niemals, erwiederte Roſine— er iſt ein garſtiger widriger Menſch, mit brennend⸗rothem Haar und ſchielendem Auge. Die alte Su⸗ ſette ruͤhmt ſich zwar, daß er ſie in fruͤhern Jahren ſehr geliebt, und ihr die Ehe verſprochen habe—— auch hat ſie durch ihren Einſpruch wirklich einmal eine Heirath zerſchlagen, die Jerome mit einer ſteinreichen Wittwe knuͤpfen wollte— doch— wer kann wiſſen, was dieß. fuͤr Bewandtniſſe hat— ſo viel iſt ausgemacht, kein Menſch in hieſiger Gegend haͤlt Freund⸗ ſchaft mit ihm— mein Mann ſelbſt, der fruͤ⸗ her einige Geſchäfte mit ihm hatte, ward durch ſeine unredliche Denkungsart auf immer von ihm entfernt. Wuͤßten wir, ſprach ich nach einer Pauſe, daß er Suſetten wirklich die Ehe verſprochen haͤtte, ſo konnte uns dieß, wenn wir der Alten die ſuͤße Hoffnung des Gelingens vorſpiegelten, vielleicht einen Weg ebnen, auf dem wir zu Marietten gelangten!— Die Geſchichte iſt mir ſehr intereſſant— den ——— 15— jungen Roſier mochte ich wohl kennen lernen— und Suſetten muͤſſen Sie durchaus in unſere Naͤhe locken, wenn wir Ihren Keller in Niern⸗ ſtein beſuchen. Vielleicht gluͤckt es uns doch, ſie bei einem guten Glaͤschen Wein zu be⸗ ſchwatzen— vielleicht laͤßt ſich da etwas Gutes ſtiften— vielleicht gluͤckt es, Marietten einen Troſt zufluͤſtern zu können!— Schau', lieber Mann, ſprach Roſine, Ba⸗ chus Hand faſſend, es iſt doch gut, daß wir der gnaͤdigen Frau Alles geſagt haben! Ach, es wär' doch gar erwuͤnſcht, wenn ſich etwas thun ließe! Laſſen Sie uns nicht zu fruͤh und nicht zu kuͤhn hoffen. Erſt muͤſſen wir das Terrain re⸗ cognoſciren, dann— wenn Huͤlfe moͤglich iſt— mit Gott friſch drauf los.— Am Mittagstiſch des folgenden Tages wandte ſich Herr Bachus an meinen Mann. Ich weiß, ſprach er, welch ein großer Pferdekenner Sie ſindz duͤrfte ich wohl, da dieſe Kenntniß mir ganz abgeht, eine Bitte an Sie wagen? Recht gern, antwortete dieſer, Herzens⸗ Bachus, womit kann ich dienen? — 4176— Sie wiſſen, fuhr Bachus fort, daß mein braunes Handpferd einen leichten Verſchlag auf dem rechten Hinterfuß hat— Freund, unter⸗ brach ihn mein Mann, bockſteif iſt es, ſag' ich Ihnen, auf Ehre, und buglahm obendrein; ſchaffen Sie es fort, das iſt zu gar nichts mehr zu gebrauchen. Laͤchelnd antwortete Herr Bachus: Fort⸗ ſchaſſen will ich es nicht; das Thier hat mir lange treu und gut gedient, aber ein anderes will ich kaufen, damit das Kranke mehr Ruhe und Pflege genießen kann— und zu dieſem Kauf wollte ich mir Ihren guten Rath erbitten. Na, rief mein Mann, den Schnauzbart drehend, na, da haben Sie ſich auf Ehre an den rechten Mann gewendet— God dam! ich darf ein Pferd auf hundert Schritt weit nur mit halbem Auge ſehen, und ich will gleich den allerkleinſten Fehler erkennen. Haben Sie ſchon Eins im Vorſchlag? Ja, antwortete Herr Bachus, einer meiner Freunde in Lerzweiler will, wegen Mangel an Futter, ein Pferd verkaufen. Wenn es Ihnen nicht entgegen waͤre, mit mir dorthin zu kommen? Lerzweiler, dachte ich— ich ſah Herrn Bachus errathend an— ei, ganz und gar nicht, antwortete mein Mann. Wir können gleich dieſen Nachmittag hinuͤberreiten— ich ſteh' zu Dienſten, wenn Sie wollen. Liegen wir doch ohnedieß hier auf der faulen Baͤrenhaut. Dann wuͤrde ich Sie aber bitten, begann Herr Bachus, noch einmal den Wagen zu un⸗ ſerm Fortkommen zu waͤhlen— ich halte es fuͤr zu vermeſſen, mit Ihnen reiten zu wollenz er verbeugte ſich. Auch gut, erwiederte der Geſchmeichelte mit einem angenehmen Lächelnz ja, ja, wir wollen fahren, da muß meine Frau auch mit— ohnedem haben die Rappen ſo lange geſtanden— Sie fahren mit meiner Frau, und ich kutſchire vom Bock herunter lang— Herr, Sie ſollen ſehen, die Pferde gehen wie der Teufel!— Wir fahren zu Roſier, ſprach Herr Bachus zu mir, als mein Mann hinaus war, die An⸗ ordnung, was er immer that, ſelbſt zu treffen. Iſt es Ihnen recht?— Vollkommen, antwortete ich, ihm die Hand druͤckend. II. 12 — 178— Fahren Sie mit uns, liebe Roſine? Dießmal nicht. Ich erwarte eine Coufine von Wisbaden, die auf mehrere Tage zum Be⸗ ſuch kommt— um fie zu empfangen, bleibe ich zu Haus. Von Wisbaden? fragte ich Herrn Bachus, als wir im Wagen ſaßen. Ja, ſprach er, tadeln Sie es nicht. Der Oheim des Maͤdchens ſchrieb mir deren S mit dem Baron St. Das Maͤdchen vergeht in Trauer, weil ſie den Baron fuͤr einen hochſt vortrefflichen Mann haͤlt—— und ſein Stillſchweigen auf Rech⸗ nung ihrer Verwandten ſchiebt, von denen ſie glaubt, ſie unterſchlagen ihr ſeine Briefe— nichts kann ſie uͤberzeugen, daß des Barons Schwuͤre nur voruͤbergehende Launen geweſen ſeyn ſollten— ſie zieht ſich zuruͤck von allen — Vergnuͤgungen— ſie blickt mit Mißtrauen auf alle Menſchen, und huͤllt ſich mehr und mehr in eine duͤſtere Schwermuth, die ihre Geſund⸗ heit zu untergraben droht— der Oheim meldet mir dieß Alles— und in meinem Kopfe regte ſich ein Plan.— Iſt der Baron ein Mann —— ———— 9 von Wort— ſo muß es ihn freuen, das Mäd⸗ chen, dem er Liebe und Treue geſchworen, hier unerwartet wieder zu ſehen. Vom Oheim ward ich in dieſem Fall mit Voll⸗ machten verſehen— obgleich ungern— ſo will er doch die Hand des Mädchens dem Baron nicht verſagen, ſobald ſeine Abſichten redliche ſind— hat er jedoch nur ein Spiel mit Lu⸗ gie's Herzen getrieben, und ſeine Falſchheit wird entdeckt, welches, da Rofine und das Mädchen genaue Freundinnen ſind, vielleicht ſchon in der erſten Viertelſtunde ihres Beiſammenſeyns ge⸗ ſchieht— ſo zieht er ſich beſchaͤmt aus unſe⸗ rer Näͤhe zuruͤck. Wir ſind ſeiner Geſellſchaft quitt— und Ihre Klugheit, Roſinens Zureden, mehr noch des Mädchens gekränkte Eigenliebe, werden ſein Andenken gewiß bald in Lucie's Herzen verloͤſchen. Vielleicht gluͤckt es uns noch des Oheims ſehnlichſten Wunſch in Erfüllung gehen zu ſehen, der ſeiner Nichte Hand ſo gern dem Kaufmann M. in Mainz geben möchte— die Parthie iſt aͤußerſt vortheilhaft und entſpricht den Wuͤnſchen der ganzen Familie. Jedenfalls, ich mochte das Alles uͤberlegen, — 160— wie ich wollte, ſchien es mir zweckdienlich, das Mädchen kommen zu laſſen— deshalb ſandte ich dieſen Morgen einen Boten nach Mainz, wo ſich ſeit einigen Tagen der Oheim Geſchäfte halber aufhaͤlt, und wohin ihn das Mäͤdchen begleitet hat— ich zweifle nicht, wenn wir auf den Abend zuruͤckkehren, finden wir S ſchon bei Rofinen. Roſine iſt dann freilich die Einzige, die ſchmerzlich angeregt wird— doch hoffe ich, ſie wird die leichte Taͤuſchung gern verſchmerzen, uͤber dem Gluͤck ihrer Couſine, die ſie herzlich liebt— in meinen Augen hat ſie durch dieſem Irrthum ihrer Gefuͤhle nichts verloren, und— ihre Grundſaͤtze offenbarte ſie uns ja geſtern zur Gnuͤge.— Nein, guter Bachu, ſprach ich, Ihnen hat ſie ihre Stärke noch nicht ſattſam offenbart— Sie ſind gut— Roſine iſt es wahrlich auch— mag ſie mir vergeben, wenn ich etwas, daß Ihnen Geheimniß bleiben ſollte, jetzt verrathe.— Der Baron hat die Verwegenheit gehabt, Ihrer Gattin ſeine Liebe zu verrathen— in ſo gluͤ⸗ henden— ſo ruͤhrenden Ausdruͤcken, daß ich, — —— ——— die ſeinen Brief geleſen, mich lange nicht von meinem Erſtaunen erholen konnte.— Daß eine leiſe Stimme in Roſinens Buſen füͤr den ſchönen, unglucklich-liebenden Juͤngling ſprach— ich glaube es faſt. Mit heimlicher Angſt beobachtete ich ſie, nachdem ſie jene Zei⸗ len geleſen— mit wachſender Angſt ſah ich ih⸗ ren innern Kampf— der Baron hatte ſie bei allem, was ihr heilig ſey, beſchworen, ihm nur eine Zeile Antwort zu geben, und— Rofine wankte, kämpfend mit ſich ſelbſt— zaudernd, doch endlich zum Schreibtiſch.— Wir waren allein, ich folgte jeder ihrer Bewegungen— ſchon draͤngte ein warnendes Wort fich auf meine Lippe— da ſah ich Roſinens rechte Hand von Blut uͤberſtromt.— Mein Gott, rief ich, * Roſine, was iſt geſchehen?— Roſine ſank in meine Arme.— Beſſer ein Schnitt in meine Hand, ſagte ſie mit einer Ohnmacht ringend, als ein Schnitt durch mei⸗ nes edlen Gatten Herz—— ſie hielt mir des Barons Brief hin— jetzt, ſagte ſie laͤchelnd, iſt der Verſucher gebannt— ich werde nicht ſchreiben können.— Ich ſuchte das Blut zu ſiil⸗ len— der Schnitt war tief— Roſine, ſprach ich tief bewegt, Sie können den Finger verlieren. Und meines Gatten Liebe erhalten, und Ihre Achtung— o fragen Sie nicht, wie ſchwach mein Herz zu werden anfing— da mußte ein raſcher Entſchluß gefaßt werden— ich habe mich uͤberwunden, und jetzt iſt mir beſſer— ſo wohl, daß ich es weiß, mein Herz wird nie wieder ſchwanken— Und hatte ich Unrecht, daß ich dieſem Her⸗ zen ſo unbedingt getraut? ſprach Herr Bachus mit feuchtem Auge. Welch ruͤhrend Denkmal ihrer heiligen Treue ſoll mir fortan die verwundete Hand ſeyn!— Da hielt der Wagen. Mein Mann hatte ein Meiſterſtuͤck ſeines Kutſchertalents abgelegt— wir waren wie in den Luͤften nach Lerzweiler geflogen. Ein aͤltlicher Mann empſing uns. Wo iſt Roſier? fragte Herr Bachus, und: Wo ſteht der Braune? mein Mann. Dem Erſtern antwortete der Gefragte: Drinn im Zimmer— dem Letztern deutete er auf den gegenuberliegenden Stall. — 3 Wollen Sie nicht erſt hier hereintreten! bat Herr Bachus. Wir koͤnnen doch Ihre Frau Gemahlin nicht mit in den Stall nehmen.— Wir traten herein. Ein ſchoͤner, bleicher, junger Mann mit großem, dunklem, geiſtvollem Auge kam uns einige Schritte entgegen. Mein theurer Freund, ſprach er mit ſanfter Stimme, Bachus Hand faſſend, ſehe ich Sie endlich wieder!— Sein Zuſtand war ſo ein gereizter, daß ihm die Thraͤnen in die Augen drangen, als Bachus ihn umarmend fragte: Wie geht es, guter Roſier?— Ungeduldig zupfte mein Mann Bachus Aer⸗ mel. Ich will doch nicht hoffen, ſprach er leiſe, daß wir mit dieſem Thraͤnenpinſel einen Pferde⸗ handel machen ſollen?— Nicht doch, antwortete dieſer; wir mußten ja doch erſt Ihre Frau Gemahlin unterbringen⸗ Ha, ha, ha, das machen Sie auf Ehre gut, bei dem Pinſel wird ſie ſich gut unterhalten! Ich gab Bachus einen Wink zu gehen, und trat an den Seſſel heran, auf welchem Frau Roſier ſaß, und zu welchem ihr Sohn gleich — 184— nach unſerer Begrußung getreten war, wahr⸗ ſcheinlich um die Blinde zu unterrichten, wer gekommen ſey. Vergeben Sie, redete ich dieſe unwillkuͤhr⸗ lich ſo ſanft, als es mir möglich war, an. Hier ſteht, glaub' ich, ein Pferd zu verkaufen; die Herrn ſind gekommen den Handel abzuſchließen, darf ich Sie bitten, mir zu erlauben, indeß Geſellſchaft zu leiſten? Frau Roſier reichte mir ihre Hand. Sie find uns herzlich willkommen, ſprach ſie. Ich bin ſo ungluͤcklich, fuhr ſie nach einer Pauſe fort, nicht ſehen zu können— da fitze ich nun in meiner finſtern Nacht, und mache wohl mit meinem Ungluͤck den guten Sohn großen Kum⸗ mer, der nun auch gar keine Zerſtreuung hat und immer nur auf meine Geſelſſhaft beſchraͤnkt iſt— das ſage ich Ihnen nur, damit Sie ſich uͤberzeugen mogen, uns Ihr Beſuch ſehr erfreut.— Sie find wohl eine Fremde? fragte ſie bald darauf wieder. Ich höre es an Ihrer Aus⸗ ſprache. Kommen Sie weit her? Sehrlweit, antwortete ich; und um Etienne, der in theilnahmloſem Schweigen verſunken da⸗ ſaß, anzuregen, erlaubte ich mir die kleine Luͤge hinzuzuſetzen: Jetzt komme ich von Holland. Wie ein zuͤndender Blitz hatte dieß Wort ihn getroffen— er ſprang vom Stuhl auf, dann die Rechte gewaltſam auf's Herz druͤckend, als habe er dort einen ſich aufregenden Sturm niederzukaͤmpfen, ſetzte er ſich, erröthend, lang⸗ ſam wieder nieder. Die Mutter ſeufzte. Vergebens hatte ich jedoch erwartet, daß Roſier mit mir uͤber ein Land ſprechen ſollte, in welchem er ſo lange gelebt— er beharrte in ſeinem duͤſtern Schweigen, wie weitläufig ich auch mit der Mutter uͤber Vielerlei ſprach.— Endlich ſah ich mich im Zimmer um— ein ſchones Pianoforte ſtand an der Wand. Sie ſind muſikaliſch? fragte ich die Mutter. Ich nicht, antwortete ſie; aber ich liebe die Muſik uͤber Alles, und ſonſt hat mein guter Sohn mir manchen langen Abend verſchoͤnt durch ſein Spiel und Geſang. Und das thun Sie jetzt nicht mehr? wandte ich mich zu Etienne; ei, das iſt nicht recht! — 186— Dafuͤr ſollten Sie billig geſtraft werden, fuhr ich ſcherzend fort, daß Sie der guten Mutter ſo lange keine Freude gemacht haben.— Kommen Sie, junger Herr, ſpielen und ſingen Sie uns etwas vor— ich hatte ſeinen Arm gefaßt.— Ja, thue es, lieber Sohn, ſprach die Mutter. Etienne ſah mich mit einem weh⸗ muͤthig⸗bittenden Blick an. Ich hatte ein Notenbuch aufgeſchlagen. Da iſt ein Duett, ſagte ich, das wollen wir ſingen, ſpielen Sie.— Nicht das, ſprach Etienne mit unendlich⸗ weicher Stimmez glauben Sie mir, fuhr er fort, die Hand verſichernd auf die Bruſt legend, ich vermochte nicht einen Ton zu ſingen. Seine Wange gluͤhte, das Auge war ge⸗ ſenkt, ſeine Stellung eine ſo gebeugte, daß mich ſein Anblick unbeſchreiblich ruͤhrte. Faſt that es mir leid, ihn gebeten zu haben, ſingen zu ſol⸗ len. Ich ſah, wie alles ihn erſchuͤtterte, welch' unnennbarer Schmerz ſeine Bruſt belaſtete, es duͤnkte mich eine Grauſamkeit, dieſen beruͤhren zu ſollen— und— ich ſah es ja deutlich, der Geſang mußte, da er jedes Lied vielleicht zum öftern von Marietten hatte fingen horen, ihm neue Nahrung geben. unſchluſſig, was ich thun ſollte, war ich einen Schritt ſeitwaͤrts getreten; da raffte Etienne ſeine Stärke zuſammen, es ſchien mir, er ſchäme ſich ſeiner unendlichen Weichheit einer Fremden gegenuͤber, raſch oͤffnete er das Juſtrument, ſeine Haͤnde flogen uͤber die Taſten, ſeine Finger griffen die rauſchendſten, maͤchtigſten Accorde— es war, als wolle er durch dieſe ſeinen Schmerz gewaltſam uͤbertaͤuben. Sein Spiel war die Sprache des innigſten, waͤrmſten Gefuͤhls.— Die blinde Mutter verſtand die Worte der rau⸗ ſchenden Toͤne, voll Theilnahme beugte ſie ihr Haupt vorwaͤrts, um keinen Ton zu uͤberhören— ich ſah mit Bewundrung auf das meiſterhafte Spiel, das in ſeinen wilden Phantaſien alle Grade der Empfindung ſo wahr bezeichnete.— Endlich hatte der Sturm ausgeraſ't— die Toͤne wurden ſanfter und klagender— mit hin⸗ reißender Sicherheit bezeichneten ſie den Ueber⸗ gang von muthvoller Kraft zu trauernder Schwer⸗ muth— immer leiſer ward das Spiel, das wie Geiſterhauch aus weiten Fernen zu uns heruber⸗ wehte— Etienne hatte die Welt um ſich her vergeſſen, und uns mit ſich fortgeriſſen, ihm in das dunkle Reich ſeiner Träume zu folgen.— Da loͤſ'te ſich ſein tiefaufgeregtes Gefuͤhl in leiſen Klagetönen von ſeinen Lippen, er ſang durch Thränen laͤchelnd:. Doch ſonſt an keinem Orte Wohnt die erſehnte Ruh'! Nur durch die dunkle Pforte Geh'n wir der Heimath zu.— Jetzt hatte er geendet. Seine Haͤnde ruh⸗ ten laͤſſig in ſeinem Schoos— die Augen wa⸗ ren halb geſchloſſen— ſein Herz ſchien ſtill zu ſtehen— die Mutter weinte ſanft— ich wagte kaum zu athmen. Da traten die Herrn ins Zimmer. Herr, ſprach mein Mann zu dem Fremden, Herr, ſchlagen Sie los! Sacre dieu! Solch einen Kaͤufer finden Sie nicht alle Tage! Es gilt, antwortete dieſer, wenn Sie noch einige Louisdor zuſetzen; die Summe, die Sie mir boten— — 189— Still, winkte mein Mann— er ſprach einige Worte leiſe mit beiden Herrn— dann nach mir ſich wendend, ſprach er: Haſt Du denn die ſchoͤnen Blumen im Garten geſehen? Gewiß noch nicht.— Geh' doch hinab, und ſieh Dich um, Du wirſt Dich freuen, ſo etwas iſt ja Deine Paſſion.— Ich muß geſtehen, dieſe Unterbrechung kam mir hoͤchſt erwuͤnſcht— ich fuͤhlte, wie ſchwer, eine Unterredung anzuknuͤpfen, nach Etiennes Spiel und Geſang, uns allen Dreien haͤtte werden muͤſſen— ich fragte daher Frau Ro⸗ ſier, ob ſie mir vergoͤnnen wolle, ſie hinabzu⸗ leiten. Sie dankte mir ſehr verbindlich, bat mich aber, die Geſellſchaft ihres Sohnes anzunehmen, um deſſen Pfleglinge, ſeine einzige Freude, ſetzte ſie hinzu, in Augenſchein zu nehmen. Rofier ſchritt ſtumm an meiner Seite durch die langen Beete der in aller ihrer Pracht herrlich⸗ bluͤhenden Stauden und Straͤucher. Ich buͤckte mich zu einem vorzuͤglich ſchonen Aurickel nie⸗ der.— Wie wunderſchoͤn! ſprach ich; ich habe dieß Bluͤmchen in tauſendfacher Bluͤthe geſehen, die dunkeln Augen einen Moment auf mich chen. Dieß Bluͤmchen aus Ihrer Hand ſoll und daheim in meinem Garten gezogen, ſo ſchön aber ſah ich noch Keines.— Darf ich es Ihnen anbieten? fragte Ro⸗ ſier, den Kopf aufhebendz lieben ſie das kleine Bluͤmchen? Vorzuͤglich, ſagte ich, es aus ſeiner Hand nehmend; allein ſo lieb mir dieſe Gabe iſt, ſo werde ich Sie doch bitten muͤſſen, mir zu erlau⸗ ben, es wieder verſchenken zu duͤrfen.— Sie reiſen vielleicht bald fort? fragte er, richtend. Das iſt noch unbeſtimmt. Allein ich denke morgen eine Bekanntſchaft in Niernſtein zu ma⸗ mich dort empfehlen. Roſier ſah mich mit einiger Verwirrung an. Fuͤr wen konnte, ſprach er mit Errothen, eine Blume, außer dem Werthe, den ſie da⸗ durch erhaͤlt, von Ihnen zu kommen, noch einen Vorzug haben? Fuͤr ein gutes, ſchoͤnes, frommes Maͤdchen, antwortete ich, meine Hand auf ſeinen Arm le⸗ gend— fuͤr eine Ungluͤckliche, welche die teuf⸗ — 9 liſche Bosheit eines Oheims gewaltſam vom bre⸗ chenden Herzen der Mutter riß— die eine un⸗ erhoͤrte Betruͤgerei von treuem Herzen des Ge⸗ liebten zu reißen willens iſt— fuͤr— Wie— unterbrach mich Etienne, meine beiden Haͤnde faſſend; wie, Sie wiſſen?— Alles, antwortete ich, des jungen, leiden⸗ ſchaftlich⸗aufgeregten Mannes Hand druͤckend— ſeyn Sie ruhig Etienne, kann es Ihren Schmerz lindern, den Kreis Ihrer Freunde um ein wahr⸗ haft⸗theilnehmendes Herz erweitert zu ſehen, ſo wiſſen Sie, ein ſolches ſchlaͤgt in meiner Bruſt.— Der Wunſch, Sie kennen lernen zu wollen, fuͤhrte mich hierherz der lebhafte Wunſch, Ihnen Beiden zu helfen, bewegt mich, ſeit ich Ihre Geſchichte weiß. Noch weiß ich zwar nicht, wie es geſchehen könnte— aber vertraun Sie auf Gott— vielleicht gelingt es uns, das Buben⸗ ſtuͤck Jeromes oder des Pfaffen der Welt zu er⸗ hellen.— Hoffen Sie, und ſuchen Sie den Sturm zu beſchwichtigen, der jetzt ſo verderblich Ihre Bruſt durchwuͤhlt. Morgen ſpreche ich Marietten. Nein, es duldet keine Beſchreibung, wie meine Worte das in groͤßtem Schmerz verſunkene Gemuͤth des Juͤnglings urplotzlich aus der hoͤch⸗ ſten Erſchaung zu hoͤchſter Anſpannung ſtei⸗ gerte. Sie werden Marietten ſprechen? rief er mit freudig⸗glaͤnzenden Blicken; Sie werden ſich unſrer annehmen? O, guter Gott! Ja, ich hoffe— es kann ja nicht fehlſchlagen, was Sie beginnen— hat mich doch Ihr erſter An⸗ blick erſchuͤttert, als traͤte ein hoheres Weſen vor mich.— Ja, Sie, mir ſagt es mein Herz, Sie werden der Schutzgeiſt unſerer Liebe ſeyn— und unſere Freudenthraͤnen werden tau⸗ ſendfachen Segen auf Sie herabrufen!— Ach, was iſt ein Hoffnungßrahl in das Gemuͤth eines Trauernden. Ich ſah es jetzt an Roſier, den ein einzi⸗ ges Wort aus der dunklen Hoͤhle ſeines Grams in einen Himmel voll Seligkeit ſchnell verſetzte Maͤßigen Sie ſich, guter Etienne, bat ich ſehen Sie mich nicht in Ihrer Freude fuͤr eine Goͤttin an— ich bin ein ſchwaches, kraftloſes Weib, und fern davon, allmächtig zu bewir⸗ ken, was ich nur ſehnlich wuͤnſche. Täuſchung waͤre grauſam— noch iſt uns nichts gelun⸗ gen— wir wuͤnſchen nur und duͤrfen nur hoffen. Morgen alſo— ach, guter Gott, morgen alſo, ſprach Etienne, werden Sie die gute Ma⸗ rietta beſuchen? und dieſe Blume von mir wol⸗ len Sie ihr bringen? Nein, da muß ich doch noch eine Andere ausſuchen, fuhr er in ſeinem Entzuͤcken fort; und laͤchelnd gewahrte ich, wie er zwanzig Toͤpfe aufhob und bei Seite ſtellte— Alles wollte er ihr gern geben, und ich haͤtte einen ganzen Wa⸗ gen vollpacken muͤſſen, haͤtte ich all' die Blumen nehmen wollen, die er fuͤr das geliebte mir aufdrang. Endlich war der pferdehandel abgeſchloſſen, und an meines Mannes hellglänzenden Blicken ſah ich, zu deſſen größter Zufriedenheit. Wir ſtiegen in den Wagen. Freund„ rief mein Mann, ſich vom Kutſcherſitz herein zu Ba⸗ chus wendend, auf meine Ehre, wir haben einen Prachthandel gemacht!— Es macht mir eine außerordentliche Freude, das Pferd fur ſolch ei⸗ nen Spottpreis losgekriegt zu haben— auf II. 13 Ehre, der Braune iſt der ſtattlichſte Carroffier in ganz Bodenheim, und muß zu Ihrem Sattel⸗ pferde paſſen, wie dazu beſtellt; das ſoll eine Luſt ſeyn, die Pferde einzufahren! und Freund, das muͤſſen Sie wahrlich mir uͤberlaſſen! Sie ſollen Ihr blaues Wunder ſehen, wie das gehen ſoll!— Bachus lächelte— wie Sie wollen, ſprach erz ich bin Ihnen fuͤr die Fahrt ſehr vielen Dank ſchuldig— und irre ich nicht, fuhr er leiſe zu mir ſich wendend fort, ſo haben auch Sie ſich große Dankbarkeit erworben?— Ich bin ſehr frohlich, antwortete ich ihm, und voll der beſten Hoffnung; Roſier hat mir ſehr gefallen, ich danke Ihnen, daß Sie mich dieſe Bekanntſchaft haben machen laſſen. Wer ſollte ſich nicht aus vollem Herzen fuͤr ſo lie⸗ benswuͤrdige Menſchen intereſſiren!— Ganz vertieft in Roſiers und Marietta's Geſchichte, hatte ich wenig Luſt, ins Geſellſchafts⸗ zimmer zu treten, als wir zu Haus vorfuhren; allein Lugie war angekommen— Roſine brannte vor Verlangen, ſie mir vorzuſtellen, und taͤuſchte mich mein Blick nicht, ſo deutete Lucies vom Weinen getruͤbte Augen, und das ungewoͤhnliche — 5 Feuer auf Rofinens Wange von einer bereits ſtatt gefundenen ausfuͤhrlichen Erklaͤrung zwiſchen beiden Freundinnen uͤber St. und ſeine Flat⸗ terhaftigkeit. Lugie ſchmiegte ſich immer trau⸗ lich an Roſinen, als ſuche ſie bei dieſer Schutz gegen den auf fie eindringenden doppelten Schmerz; die junge Frau druͤckte dagegen von Zeit zu Zeit des Maͤdchens Hand, als wolle ſie ſagen: Laß nur, ſeine Falſchheit ſoll beſtraft werden.— Bachus war heiterer und liebenswuͤrdiger als je⸗ mals— aus ſeinen Augen leuchtete die b heiligſte Liebe fur ſeine Gattin. Nun ein Kaͤrtchen! rief mein Mann Al- lons meine Herrn— ehe es Abend wird! Bachus, der Major, mein Mann und R. hatten ſich zum Spiel geſetzt. Wir Frauen waren im Nebenzimmer— mich hielten die Zei⸗ tungen, die der Poſtbote eben gebracht hatte, im Fenſter feſt— Lugie ging ab und zu, den Thee beſorgend; Roſine ſaß, taͤndelnd mit Noah, im Sopha; da trat St. herein.— Ich war in der groͤßten Spannung, doch zog ich mich nach den Begruͤßungsworten wieder ins Fenſter zuruͤck. 13* Roſine ſchien es zu wuͤnſchen, mit dem Baron ungeſtort in ein Zwiegeſpräch verflochten zu werden. Endlich ein laͤngſt ſo heiß erſehnter Augen⸗ blick! lispelte halb laut der Baron zu Roſinen gewendet. Schoͤne, grauſame Frau! wie lange habe ich darnach ſchmachten muͤſſen! Und wa⸗ rum, ſetzte er ſchmeichelnd hinzu, warum tha⸗ ten Sie nicht, warum ich ſo innig bat?— Warum bekam ich nicht eine Zeile don Ihrer ſchonen Hand, die mich aus meinen marternden Zweifeln geriſſen hätte?— Hetr Baron, begann Roſine lächelnd, wie konnen Sie glauben, daß eine ſchlichte Haus⸗ frau, wie ich bin, es vermoͤchte, in ſo hohen poetiſchen Phraſen ſich auszudruͤcken, wie es Ih⸗ nen eigen iſt? Sie ſchrieben mir vor einigen Tagen, daß Sie mich zu ſprechen wuͤnſchen— ich mußte lächeln, daß Sie ſchriftlich darum ba⸗ ten, da es Ihnen ja nicht verſagt iſt, täglich in unſer Haus zu kommen— das brauchte ich Ihnen ja nicht erſt zu beantworten.— O, mein Gott, mit welcher Kaͤlte ſagen Sie mir dieß! Konnte die Gluth meiner Empfindun⸗ gen, die ich aus innerſter Herzensfuͤlle aufs Papier hauchte, Sie nicht ruͤhren? Grauſame, himmliſche Frau, konnte meine gluͤhende Liebe nicht einen Funken entzuͤnden in dieſer Marmor⸗ bruſt? Herr Baron, ſagte Roſine ernſt, ich fuͤhle wohl, daß ich Ihnen jetzt, da Sie die Kuͤhnheit ha⸗ ben, mir muͤndlich zu ſagen, was in Ihrem Briefe hochſtens mein Lächeln aufgereizt, ganz anders antworten ſollte— allein ich will es nicht— ich will Ihnen die Schwäche verzeihn— ahnden Sie doch vielleicht ſelbſt nicht, in welchen Gluth⸗ ſtrom Ihre Feder ſich taucht, wenn Sie, Ihre Phantaſie walten laſſend, an den Schreibtiſch ſich werfen— dem Dichter geſtaltet ſich dann jeder Gegenſtand, den er ergreift, zum Idealz jedes weibliche Weſen, daß ſeiner Seele vorſchwebt, uͤberhaucht ſeine Illufion mit himmliſchem Reiz. Anbetend finkt er vor der Lichtgeſtalt nieder, die — ſeine Phantaſie zu dieſer ſchuf— nicht be⸗ ruͤckſichtigend, wie weit ſeiner Einbildung Fluͤ⸗ gel ihn uͤber die Erde und ihre Bewohner er⸗ hebt.— Es muß ſchoͤn ſeyn, wenn die Begeiſterung — 193— bis zum Göttlichen erhebt— allein es iſt ge⸗ fährlich, wenn der Dichter das Göttliche bei den Menſchen ſucht— gefaͤhrlich, weil er ſich ſelbſt tauſcht— und Andre täuſchen will.— Schon umhullt das feine Gewebe der hoͤch⸗ ſten Begeiſtrung ſein Auge, daß es nicht klar erkenne, was es erſchaut— der hoͤchſte Reiz, den er an Andern ahndet, lebt oft nur in ſeinem Gedankenfluge— das maͤchtige Sehnen, das Bild, das in ihm lebt, Andern zur Anſchauung bringen zu wollen, treibt den Dichter in den Kreis gewoͤhnlicher Menſchen— hier lockt ihn ein Auge, aus dem ihm Geiſtesgroͤße lächelt, dort eine ſchwellende Lippe, die ihm geformt ſcheint, die ſchoͤnſten Verſe zu ſprechen— dann feſſelt ihn ein hoher, ſchlanker Wuchs, der ihn an Juno oder Minerven erinnert. Der erſte Blick nimmt alle ſpaͤtern gefangen— Ahndung wird Gewiß⸗ heit— der winzige Funke zur helllodernden Flamme— alle fruͤhern Erſcheinungen ſind ver⸗ geſſen— alle Bande geloͤſ't— der in hoher Begeiſtrung nur das Goöͤttliche erſchaut— wie konnten ihn die erbärmlichen Bande menſchli⸗ cher Sitte zuruͤckhalten!— Unaufhaltſam treibt — es ihn vorwärts— ihm giebt ſeine Schwaͤrmerei die höchſte Gluͤckſeligkeit— ſollte es nicht jeden Andern begluͤcken, von ihm mit hineingeriſſen zu werden in den Strudel ſeiner Gefuͤhle? ſo denkt er— der Tumult im Innern will frei ausſtro⸗ men koͤnnen— die Gewandtheit des Schreibers giebt den todten Worten Leben— tauſend Lie⸗ besſeufzer werden fluͤchtig aufs Papier geworfen— der Bruſt entſteigt nicht einer— die Feder ſpricht von ſchmerzlichen Thraͤnen— Auge netzt nicht eine.— Himmelswonnen und Hoͤllenqualen find in des Dichters Munde nur Redensarten, die mit⸗ unterlaufen, um den Reim herbeizufuͤhren, oder das poetiſche Gemaͤlde gehoͤrig mit Licht und Schatten zu verſehen— damit das Ganze an Glanz gewinne und dem beſchauenden Auge imponire.— Koͤnnen Sie mir verargen, Ba⸗ ron, daß ich im erſten Moment Ihre Zeilen gar nicht verſtand, dann fuͤr Spott hielt— und endlich in ein Lächeln daruͤber ausbrach, da mir klar ward, daß Sie in dem Bilde Ihrer Liebe nur ſich ſelbſt lieben, daß Ihre eignen Worte Sie entzuͤcken.— — 200— Halten Sie ein, Grauſame! Ha, bei allen Grazien, die Sie an Schoͤnheit uͤberſtrah⸗ len, halten Sie ein!— Sie wuͤhlen in einer Bruſt voll unſaͤgli⸗ cher Schmerzen, wenn Sie an meiner Liebe zweifeln!— An Ihrer Liebe, ſprach Roſine, ihn ſanft ins Sopha zuruͤckdraͤngend, da er Miene gemacht hatte, ſich ihr zu Fuͤßen ſtuͤrzen zu wollen— an Ihrer Liebe?— Mißbrauchen Sie das Wort nicht, vun ich bitte— Alles geſtaltet ſich anders vor meinem geiſtigen Auge, wenn Sie, nach dem was ich Ihnen ſo eben geſagt, noch das Wort Liebe gegen mich fuͤhren wollen.— und kann ich anders, ſeufzte der Baron— da meine ganze Seele nur von Ihrem. Bilde er⸗ fullt iſt? Sie taͤuſchen ſich, Baron, ſprach Roſine ernſt, doch guͤtig— die Eitelkeit verfuͤhrte Sie— Sie wollten ſehen, ob die Frauen am Rhein leichtglaͤubiger find, als bei Wn im Pater⸗ lande. — Laſſen Sie mich nicht glauben, es ſey Ih⸗ nen ſchon zur Gewohnheit geworden, mit Wei⸗ berherzen zu ſpielen und ſpielend ſie zu zer⸗ brechen— ich muͤßte Sie verachten, verabſcheuen, koͤnnte ich ſo Niedriges Ihnen zutrauen— und— was wollen Sie denn eigentlich von mir, wenn ich an Ihre thoͤrichte Liebe glaube? Welch einen Ausgang erwarten Sie denn, wenn ich Ihren leichtfinnigen Schwuͤren Gehoͤr gebe?— Ach, weiß ich ſelbſt, was ich wuͤnſche, was ich hoffe?— Mich bengt die Centnerlaſt meines Ungluͤcks zu Boden, und raubt mir alle Vorſtellung von der Zukunft— ich lebe nur der Gegenwart, und fuͤhle, daß ich Sie liebe— daß ich Sie mit allen Kraͤften meiner Seele— In dieſem Moment trat Lucgie zur Thuͤr herein, den langen, durchbohrenden Blick auf den Baron wendend, der auf ein Knie niederge⸗ ſunken war vor Roſinen. Eine lange, martervolle Pauſe trat ein— der Baron erhob ſich erbleichend vom Boden— Lucie ſchwankte— die Seene, obgleich vorberei⸗ tet, erſchuͤtterte ſie maͤchtig— ich ſprang hinzu, ſie zu unterſtuͤtzen. — 202— Schlemm, rief mein Mann aus'm Spiel⸗ zimmer heruͤber— Herr Bruder, das iſt das Drittemal, nun keine Karte mehr angeruhrt heute, nun kommt und laßt uns ſehen, ob die Frauen das Abendeſſen bereitet haben, mich hungert wie ein Wolf. Die Stuͤhle wurden geruͤckt, die Spieler ſtuͤrmten herein·— Ei, guten Abend, Herzens⸗„St. riefen Alle; wie Teufel biſt Du hereingekommen? Es hat Dich ja kein Menſch kommen ſehen? Sie ſcheinen nicht wohl zu ſeyn, Herr Baron, ſprach der Major theilnehmend, zu St. tretend, der in der ſchrecklichſten Verlegenheit wie feſtgewurzelt ſtand⸗ Allerdings, mir iſt— er wollte ſprechen— man ſah's, die Kehle war ihm zugeſchnuͤrt.— Geh' an die Luft, Herr Bruder, rief mein Mann; auf Ehre, Du ſiehſt ganz miſerable aus.— Der Baron verbeugte ſich langſam— lang⸗ ſam ſchritt er durch die Menge zum Zimmer hin⸗ aus, und— als jage der Sturmwind ihn von hinnen, ſturzte er ins Freie. — 203— Roſine und ich nahmen Lugien in unſere Mitte. Danke Gott, Liebe, fluͤſterte die Erſtere leiſe in ihr Ohr, daß Du ihn haſt kennen ge⸗ lernt, da es noch Zeit iſt.— Danke Gott auch Du, entgegnete das Maädchen mit einiger Kaͤlte.— Herr Bachus ſah mich an— es bedurfte des Ausſpruchs nicht— wir wußten Beide, daß auch wir Gott dankten, daß Alles ſo ſchnell ſich geloͤſ't hatte. Spaͤt am Abend brachte des Barons Be⸗ dienter einen Brief an Lugien— Lugie bat um ein Stuͤckchen Papier; ſie ſchrieb mit feſter Hand: Ich freue mich, daß Sie mir Gelegenheit geben, die Anzeige meiner Verlobung mit dem wuͤrdigen M. aus Mainz ſicher in ihre Haͤnde gelangen laſſen zu koͤnnen. Leben Sie wohl, und denken Sie zuweilen der Frauen am Rhein.— Dieß Blatt legte ſie zu dem uneroͤffneten Brief, und gab es dem Bedienten. Alſo wirklich, Coufine, rief Bachus, wirk⸗ lich ſchon verlobt? — 204— Ich hoffe das Feſt morgen in Euerm Hauſe zu feiern, antwortete Lucie; morgen kommt mein Oheim mit M. hierher. Bravo, riefen wir Alle, und tauſend, tauſend Gluͤck der ſchoͤnen Braut! Nun aber nach Niernſtein, bat ich, als wir Alle innig⸗froh am folgenden Tage wirklich Lu⸗ cies Verlobung gefeiert hatten! Lieber Bachus, mich verlangt nach der trauernden Marietta, die Sie uͤber aller Luſt und Herrlichkeit ganz ver⸗ geſſen zu haben ſcheinen.— Scheinen, gnaͤdige Frau, antwortete Ba⸗ chus— der Schein truͤgt oft, und wahrlich auch dießmal. Lugies Ohm iſt ein weitlaͤufiger Anver⸗ wandter vom Abt Innocenz in Mainz, zu deſſen Orden der Pater Hubertus gehoͤrt. Die Freude, ſeine Nichte mit M. verlobt zu ſehen, entriß den Ohm das Verſprechen, der Küche ein großes Praͤſent machen zu wollen.— Gern, ich weiß es, legt Marietta, wenn unſer Plan gluͤckt, ein paar 1000 Thaler dazu— dieß ſagt mor⸗ gen der Ohm dem Abte, zu gleicher Zeit in ihn dringend, Huberten zu ſich zu beſcheiden, um, was St. Martins Brief betrifft, auf den al⸗ lein Herr Jerome ſeine Gewalt uͤber Marietten begruͤnden kann, die Wahrheit zu erforſchen⸗ Iſt das Schreiben, wie wit glauben, fälſchlich untergeſchoben, ſo darf der Pater zu Herr Je⸗ rome nicht wieder zuruͤckkehren— ſeine Ausſage begruͤndet dann ohne weiteres die Anklage wider ſei⸗ nen Goͤnner, die wir gehörig unterſtuͤtzen wollen— und Marietta wird bis zur Entſcheidung des Pro⸗ zeſſes der Priorin im St. Clarenkloſter uͤbergeben⸗ Dieß Alles traͤgt der Ohm morgen dem Abte vor, und ich zweifle keinen Augenblick, daß dieſer ſich vollkommen unſerm Plane geneigt zei⸗ gen wird. Was meinen Sie?— Ich meine, Sie haben Recht— doch die Idee mit dem Clarenkloſter geben Sie auf— ich fuͤrchte, fuͤr die geiſtlichen Schweſtern moͤchte ſolch ein Gold⸗ fiſchchen einen zu gewaltigen Reiz haben. Sie find im Stande, Marietten zuſammt ihren 300,000 Thalern dem Herrn Jerome zu ent⸗ reißen, um ſie fuͤr ſich zu behalten. Nein Herr, da koͤnnte das Uebel aͤrger werden— warum kamen Sie nicht auf den Einfall, ſie hier in Haus zu nehmen? — 26— 3 Dieß zu thun, wird mir nicht geſtattet werden— Herr Jerome wird gewiß Alles ge⸗ gen uns aufbieten— und tritt nicht von Sei⸗ ten der geiſtlichen Obrigkeit ein Befehl ein, der ihn zum Gehorſam zwingt, ſo iſt, glaub' ich, mit ihm nichts auszurichten. Aber Ihre geiſtliche Obrigkeit gerade iſt es, die ich am allermeiſten fuͤrchte— das Gold hat fuͤr ſie einen zu hlendenden Glanz— und Ma⸗ rietta, einmal in ihren Haͤnden, moͤchte ſchwer⸗ lich daraus zu retten ſeyn!— den letzten Punkt Ihres Plans kann ich durchaus nicht billigen. Jetzt zeigen Sie ſich mir das erſtemal als Proteſtantin, ſprach laͤchelnd Herr Bachus— Ihr Mißtrauen gegen unſere Religion geht zu weit. Mißtrauen? gegen Ihre Religion? Herr Bachus, mißdeuten Sie meine Worte nicht— Sie ſind wahrlich trotz Ihres Roſenkranzes und Ave Maria in meinen Augen ein ganz vortreff⸗ licher Mann— ich achte Roſinen trotz der Ver⸗ ſchiedenheit unſerer Religion gewiß aus vollem Herzen— ich bin uͤberzeugt, daß tauſend edle, vortreffliche Menſchen unter Ihren Glaubensge⸗ noſſen ſind—— den Kloͤſtern aber traue ich nicht— die tauſend Plane, die dort im Finſtern geſponnen werden, verachte ich, und ich leugne Ihnen nicht, daß ich bei weitem mehr vor dem Gedanken zittre, Marietten in der Priorin Hän⸗ den zu ſehen, als in Herrn Jeromes Hauſe⸗ Roſier, ich bin es uͤberzeugt, wuͤrde denken wie ich— und— beſter Bachus, ich hätte darauf ſchworen wollen, Sie wuͤrden derſelben Meinung ſeyn. Halb und halb moͤgen Sie Recht haben, ſprach Bachus; ich geſtehe, bei reiferm Nach⸗ denken wuͤrde auch mich das Mißtrauen beſchli⸗ chen haben— ſo iſt es doppelt gut, daß ich nichts ohne Ihre Zuſtimmung ausgefuͤhrt— den Ohm will ich wohl zu dem erſtern bereden— aber immer wird die Frage ſeyn: Wh Fnſ weilen mit Marietten? Am Ende, ſprach ich tichelnd, wäre eine Entfuͤhrung das Beſte— und ich dazu erbötig. In 14 Tagen, vielleicht fruͤher, reiſen wir ab— ich nehme das Mädchen mit mir in meine Hei⸗ math— der Prozeß nimmt ſeinen Fortgang, und zu Ende deſſelben kommt 4 und nach, ſeine Braut zu holen. — 208— und halten Sie es fuͤr ſo leicht, in Jero⸗ mes Haus zu dringen? und— nun mochte ich Sie fragen: Fuͤrchten Sie nichts von Seiten der geiſtlichen Behoͤrde, da Marietta, nach Je⸗ romes Ausſage, halb und halb fur's Kloſter be⸗ ſtimmt iſt?— In unſerm Lande, lieber Bachus? Sie vergeſſen, daß Ihre Prieſter dort keine Macht haben!— Doch— ſtreiten wir uns jetzt nicht daruͤber— nothwendig muͤſſen wir erſt wiſſen, in wiefern auf Marietten ſelbſt zu rechnen iſt, und was in Sabinens Briefe an Roſier ſteht— ich denke, wenn es mir gluͤckt, ſie morgen zu ſprechen, ſo giebt ſie die Papiere in unſere Haͤnde— dann erſt läßt ſich auskluͤgeln, wie die Sache am beſten auszufuͤhren ſey. Bachus theilte dem Oheim Alles mit— dieſer hilligte meine Vorſicht, und veiſte zum Abt, als wir in den Wagen ſtiegen, nach Riern⸗ Fim zu fahren. 1p. Herr Jerome lag im Fenſter, als unſere Geſelſ chaft vor dem nen Keller jubelnd Halt machte. Einige unſerer Offiziere waren ngeßinit, ihn anzureden, und ihn in unſern Kreis zu locken— es gelang uͤber Erwarten, und— auch Pater Hubertus, den Herr Jerome nicht gern allein im Hauſe zuruͤcklaſſen zu wollen ſchien— ließ ſich ſehr leicht geneigt finden, mit von der Par⸗ thie zu ſeyn.— Herr Bachus war unermuͤdet thätig, ſeine Gäße aufs Beßte zu bewirthen. Die Schläuche wurden angelegt. Aus Rieſenfaͤſſern floß der Goldſtrom des aͤlteſten Rheinweins; die großen, ſteinernen Humpen gingen von Hand zu Hand, immer war die zuletzt gekoſtete Sorte die Beſte, und Schwuͤre und Fluͤche der freudetrunkenen Menge bekraͤftigten, daß die Folgende dennoch beſſer ſey. In Mitten des Kellers ſtand eine große Tafel voll der leckerſten Speiſen. Der Rhein⸗ ſalm zeigte ſich gekocht, marinirt und geràu⸗ chert; koſtliche Wuͤrſte und Schinken, geſalzene Schweinsfuͤße, Preßkopf und Gebäcke aller Art uͤberfullten die lange Tafel— der Keller hallte wieder vom Jubelgeſchrei der zechenden Menge— ich konnte ſicher ſeyn, nicht vermißt zu werden, und Roſinen einen Wink gebend, ſchlichen wir uns fort. II. 14 Das Schwerſte war noch zu thun, das fuͤhlten wir, als wir vergebens zehnmal am gro⸗ ßen Ring vor Herr Jeromes Hausthuͤr gezo⸗ gen hatten, die ſchwere Glocke immer in dem weitlaͤufigen Gebaͤude wiederhallte, und Niemand ſich geneigt zeigte, uns einlaſſen zu wollen. Be⸗ denklich ſahen wir einander an, wir wußten nicht was zu thun ſey; da taumelte Herr Je⸗ rome auf uns zu. Welch ein Dämon fuͤhrt den jetzt hier her! ſprach Roſine aͤngſtlich— faſt fuͤrchte ich, jetzt iſt Alles verloren! Kaum hatte ich Zeit ihr zuzufluͤſtern: Sa⸗ gen Sie, ich ſey plotzlich unwohl geworden, und wuͤnſche ein halb Stuͤndchen zu ruhen— da trat der weinbegeiſterte Herr zu uns. Roſine trug ihm unſere Bitten vor, bei Frau Suſetten eintreten zu duͤrfen, weil mein Kopfſchmerz im Toben der jubelnden Menge einen ſchrecklicheu Grad erreicht habe— und wir fuͤrchten muͤßten, im Wirthshauſe eben ſo wenig Ruhe zu finden, als dort.— O, recht ſehr gern, laͤchelte Herr Jeromez treten Sie ein, meine ſchonen Damen—— — — t— doch— Sie werden ſich in meinem Hauſe nicht gefallen, hier iſt nichts, gar nichts, was die Aufmerkſamkeit ſo ſchöner, junger Damen auf ſich ziehen könnte.— Sie wiſſen, Madame Bachus, ich bin ein armer, alter Mann— ſchlicht und gerecht— ich lebe ſo zuruͤckgezogen von der Welt— Niemand kommt in mein Haus, außer dem frommen Pater, meinem Seelſorger, und der alten Suſette, die die morſche Huͤlle noch pflegt, ſo lange ſie noch unter den Drang⸗ ſalen der böſen Welt ſich herumwerfen muß.— Ach, aber, meine ſchönen Damen, es thut mir nur leid, daß ich nicht einmal ſo glucklich ſeyn kann, Ihre vortreffliche Geſellſchaft zu genießen! Ach, lieber Gott— ich habe da denen Herren da druͤben— wahrlich, ganz charmante, prächtige Leute, aufs Leben verſprochen, wiederkommen zu wollen— wollte nur verſchiedene Flaſchen und Fläſchchen hinuͤberſchaffen laſſen— Herr Ba⸗ chus, der edle Mann! Hab' ihn wahrlich noch gar nicht ſo recht gekannt! Hat mir einige Prob⸗ chen verſprochen.— Indeß Herr Jerome Vieles zu Herrn Ba⸗ chus Lob lallte, und zwiſchendurch mit ſchwerer 14* Zunge ſeine einfache Lebensweiſe und Zuruͤckge⸗ zogenheit von der Welt uns Shilderte— hatte er die Thuͤr aufgeſchloſſen, wir traten in ein gro⸗ ßes, gewölbtes Zimmer— Herr Jerome bat uns hier der Ruhe zu pflegen, rief dann Suſet⸗ ten, befahl dieſer einen Flaſchenkorb mit ſich zu nehmen und ihm zu folgen. Ich hatte, zu Folge meines erſonnenen Ue⸗ belbefindens, ſogleich auf dem großen, ledernen Canapee Platz genommen— Herr Jerome bat Roſinen, ja nicht von meiner Seite zu weichen, er wuͤrde ſein Möglichſtes thun, ſich recht bald von der lieben, charmanten Geſellſchaft da druͤ⸗ ben los zu machen, um zu uns zuruͤckkehren zu koͤnnen— gab vor, er habe nur einen Schluͤſſel zu allen Thuͤren ſeines Hauſes— bat uns um Vergebung, daß er uns einſchließen muͤſſe, um die Hausthuͤr nicht offen ſtehen zu laſſen, und entfernte ſich mit Suſetten, die einen Blick voll des hochſten Erſtaunens bald auf uns, bald auf ihren Herrn warf, und ſich unſer Erſcheinen durchaus nicht erklren zu können ſchien. Roſine ſing an zu lachen, als wir allein waren.— Der Fuchs hat uns uͤberliſtet, ſprach ſie— im Hauſe ſind wir glucklich— aber wir haben nichts gewonnen— bemerken Sie gefaͤlligſt die eiſernen Stäbe vor den Fenſtern und— die verſchloſſene Thuͤr.— Was nun beginnen?— Verdrießlich ſprang ich vom Canapee auf.— Es iſt abſcheulich, ſo nah' am Ziel dennoch nicht finden zu ſollen, was wir ſuchen!— In dem ganzen infamen Gewoͤlbe iſt auch nicht eine ver⸗ borgene Thuͤr zu erſpaͤhen— kein Bild, kein Schrank, hinter welchem ſich eine ſolche vermu⸗ then ließe!— Nichts als das uralte, lederne Canapee, der wurmſtichige Tiſch— ein Kruzifix und diverſe Todtenkoͤpfe und Knochen.— Roſine ſprach: Mit welcher ſorgloſen Ruhe mag der alte Fuchs da druͤben ſchwelgen!— Aber uns ſeufzt vielleicht Marietta, wir— ſeufzen hier unten— Schloß und Riegel ſichern ihm dieſe— Schloß und Riegel ſichern ihm uns!— Gott weiß, wie lange unſere Gefangen⸗ ſchaft dauern wird!— Was iſt das! rief ich in dem Augenblick. Rofine, ſehen Sie doch— ich hatte mit vieler Muͤhe die ſchwere Kaminthuͤre geoffnet— ſieh' — 214— da fuͤhrte ein kleines enges Treppchen aufwärts. Die Thuͤre war kaum anderthalb Ellen hoch— ich kroch in die Oeffnung.— Bleiben Sie hier, Rofine, bat ich— ich verſuche da hinauf zu ſteigen— und kaum hatte ich zehn Stufen erſtiegen, da ſchimmerte ein Lichtſtrahl von oben — muthig ſetzte ich meinen Weg fort und trat bald auf einen großen Vorſaal, aus welchem viele Thuͤren in verſchiedene Zimmer fuͤhrten— ich verſuchte alle, aber ſie alle waren feſt ver⸗ ſchloſſen— ich wagte es, Marietta's Namen zu rufen— Alles blieb ſtill— Niemand antwor⸗ tete.— Voll Unmuth wollte ich ſchon wieder hinabſteigen, da gewahrte ich zur Seite ein le⸗ bensgroßes Bild, dicht daneben eine, nur an⸗ gelehnte, kleine Thuͤr.— Wahrſcheinlich war das Bild beſtimmt, dieſe Thuͤr zu verbergen, und durch Sorgloſigkeit Suſettens nicht an Ort und Stelle geruͤckt worden— geſchwind trat ich in dieſelbe— ein ſchmaler, dunkler Gang fuͤhrte mich einige Schritte vorwaͤrts, abermal ſtand ich vor einer kleinen Treppe— ich ſtieg hinauf, oben wendete ſich der ſchmale Ausgang— rechts war eine dunkle, leere Kammer— links gingen —— ————— 215 einige Stufen abwaͤrts, ein kleines, vergittertes Fenſter, durch welches das Licht ſparlich herein⸗ drang, ging in Hof.— Langſam die Stufen abwaͤrts ſteigend, war es mir, als vernaͤhme ich einen ſchwachen Laut—— ich ſtand ſtill und horchte— da wieder— es klang wie halb un⸗ terdruͤckter Schmerzenslaut—— jetzt ſchritt ich raſch die letzten Stufen hinunter, erſt zeigte ſich mir ein kleines Gewoͤlbe, wie die ſchmuckloſe Zelle einer Nonne— dann legte ich leiſe die Hand an den Druͤcker der mir gegenuͤber ſtehen⸗ Thuͤr— und trat in ein kleines, ziemlich dunk⸗ les Cabinet. Die Spannung, mit welcher ich mein Su⸗ chen begonnen, das lautloſe Schweigen in dem großen, weiten Hauſe, das Abendtheuerliche der ganzen Sache hatte, ich geſtehe es, mein Herz zu ſchnellern Schlaͤgen gebracht— ſpähend ſchau⸗ ten die Augen umher— und uͤberraſcht blieb ich an den Gegenſtaͤnden haͤngen, die meinem Blick ſich boten. Ein dunkelrothſeidener Vorhang trennte das Cabinet in zwei Hälften, auf beiden Seiten zuruckgehalten durch an zwei Saͤulen befeſtigte, metallne Haken— die weißen Waͤnde waren bedeckt mit Urnen und Vaſen, denen in uͤppi⸗ ger Fuͤlle die ſchoͤnſten Bluͤthen entſproßten, und die dahingeſtellt zu ſeyn ſchienen, um den widri⸗ gen Anblick von Bildern halb geſchundener und gebratener Heiligen, womit das Cabinet angefuͤllt war, zu mildern.— Im Fenſter ſtand ein kleiner Tiſch— dicke Gebetbuͤcher fuͤllten den engen Raum— ein grauſiges Todtengerippe grinzte unter einem langen, feinen Spitzenſchleier hervor— ihm zur Seite ſtand eine ſchoͤne Pedalharfe— Alles ſtand, den ſchreiendſten Gegenſatz bildend, neben ein⸗ ander— man ſah, zwei ungleich geſtimmte Ge⸗ muͤther walteten hier.— Die hintere Haͤlfte des Cabinets ward von einer, von der Decke herabhaͤngenden, Lampe matt erleuchtet— uͤber einer, mit rothem Tuch belegten Betbank hing das Bild der heiligen Jungfrau, unter dieſem der Heiland am Kreuze, und davor lag eine betende, weibliche Geſtalt— mein Herz ſagte mir, ich habe Marietten ge⸗ funden.— 7 Je koſtbarer mir die Minuten ſchienen, ſo — 217— — hatte ich doch faſt nicht den Muth, die Betende zu unterbrechen. Voll inniger Andacht war ſie hingeſunken— ihre Stellung zeigte, das Irdiſche hatte ſich ihren Sinnen verſchloſſen— die Seele ſchwebte dort hinauf, vor dem Himmelsthron deſſen, der allein die Kraft hat, des Menſchen Geſchick zu geſtalten. Nach einigen Minuten ſprach ich leiſe den Namen Marietta aus. Da erhob ſich die ſchlanke, hohe Geſtalt— und die langen, dunklen Locken von der Stirn ſchuͤttelnd, wandte ſie den Blick auf mich. Nein, niemals ſah ich ein ſchoͤner Geſicht!— Das große, ſchone Auge umhuͤllte eine leiſe Schwermuth— die feine Lilienhaut der Wange uͤberhauchte bei meinem Anblick eine ſanfte Roͤthe— der kleine Pupurmund ſchien ſich zu einer Frage offnen zu wollen— die Arme hoben ſich halb, wie zu einer Umarmung— die freu⸗ dige Ueberraſchung, ein menſchliches Weſen zu ſehen, hob ihren Fuß vorwaͤrts auf mich zu— indeß eine unbeſchreiblich reizende Schuͤchternheit ſie an den Boden feſſelte— das lange, feine, weiße Gewand ſchmiegte ſich in dichten Falten um die ſchlanke Taille, die reiche Fuͤlle der dunk⸗ len Locken fielen bis auf die Kniee herab— der Lampenſchimmer uͤber ihr warf ſein blendend Licht auf Augen und Stirn.— Ja, Marietta war in dieſem Moment unendlich ſchon!— Ich bot ihr die Hand. Marietta, ſprach ich, holdes Maͤdchen, werden Sie mir verzeihn, daß ich, ohne Sie zu kennen, bis in Ihr Hei⸗ ligthum gedrungen? Mit einem Lächeln wahrhaft-himmliſcher Schoͤnheit antwortete ſie mir: Ich frage nicht, woher Sie meinen Namen wiſſen— nicht was Sie zu einer Unglücklichen fuͤhrt— aber ich danke Ihnen fuͤr Ihren Beſuch. Ach, ſeufzte ſie, ich habe ſo lange, außer meinen Peinigern, keinen Menſchen geſehen! Und wie ſehr ich Gott darum bat, ein fuͤhlend Herz mir zuzuwenden— ſo mußte ich faſt verzweifeln, daß es jemals wuͤrde geſchehen können— da mein Aufenthalt ſo un⸗ zugänglich allen Menſchen, und das Haus, worin ich zu leben gezwungen bin, Tag und Nacht feſt verſchloſſen iſt.— Durch welch Wunder, ſetzte ſie hinzu, ward es Ihnen moglich, zu mir zu gelangen?— Ich erzählte ihr, wie Alles gekommen ſey— — 219— und dann, daß ich vor einigen Tagen Roſier ge⸗ ſprochen habe.— Roſier, rief ſie erroͤthend, die ſchönen Au⸗ gen zu Boden ſenkend, Sie ſprachen Roſier? Er iſt hier?— O, guter Gott!— Doch ſtill, unterbrach ſie ſich— ſehr ſtill— nennen Sie ſeinen Namen nicht— hier— ſie deutete auf die Wand— hier dicht daneben iſt Herr Jeromes Zimmer— ich hore jedes ſeiner Worte, das er mit dem Pater ſpricht— ihr Geſpraͤch peinigt mich alle Tage— mein Zimmer hat nur einen Ausgang— es fuͤhrt hinab in das Seine— entkommen kann ich nicht— zu mir kann Niemand, als durch ſein ZSimmer— er hort die lei⸗ ſeſte meiner Bewegungen— wie mag es Ihnen nur gelungen ſeyn, ohne ſeine Huͤlfe zu mir zu gelangen? Sie ſehen beſte Marietta, eine hoͤhere Macht iſt freundlich mit im Spiel— fuͤr den Moment haben wir von Jerome nichts zu be⸗ fuͤrchten, vertrauen Sie der Erſtern.— Sa⸗ gen Sie mir, was Sie zu Ihrer Rettung thun wollen— ich— Roſier, Herr Bachus und ſeine Gattin ſtehen Ihnen huͤlfreich zur Seite. Was beſchließen Sie?— Marietta fiel mir weinend um den Hals— o, theure Frau, ſchluchzte ſie, erlauben Sie, daß ich eine Bitte an Ihr edles Herz lege!l Nein, ich ſchame mich meines Geſtaͤndniſſes nicht— ich liebe Roſier mit allen Kräften meiner Seele! Er iſt der Mann, den meiner guten, ſeligen Mutter Wille mir zum Gatten beſtimmt— all' unſere Freunde und Verwandte wiſſen dieß— ein heiliger, feſter Schwur bin⸗ det mein Herz ewig an das Seine.— Noch habe ich einen Brief, den meine gute, ſelige Mutter einige Augenblicke vor ihrem Tode ſchrieb, und den ich in Roſiers Hände zu geben noch nicht Gelegenheit fand. Darf ich dieß Schreiben Ihnen uͤbergeben? Gern, gute Marietta, ich rechnete darauf, daß Sie es mir anvertrauen wuͤrden.— Dann noch Eins, ſprach das Mädchenz es iſt bis jetzt Geheimniß vor der Welt geblie⸗ ben— ich moͤchte es Ihnen ſo gern entdecken— ſie ſah mit dem dunklen Flammenblick feſt in mein Auge. Vielleicht, ſprach ſie zögernd— vielleicht wage ich zu viel— meine Mutter, Sie werden das wiſſen, meine Mutter war Proteſtan⸗ „ tin— ſie wendete ſchuͤchtern den Blick von mir— und ſchwieg verlegen.— Ich glaubte ihr Zuruͤckhalten zu verſtehen⸗ Marietta, ſprach ich daher— auch Ihr Roſier iſt es— Beide verdienen von Ihnen geliebt zu werden. Sollten Sie mir mißtrauen, weil auch ich es bin?— Da noch einmal umſchlangen mich die Arme des Maͤdchens.— O Gott! rief ſie— o, Gott ſey Dank, daß Sie es ſind!— Nun iſt die Scheidewand geſtuͤrzt zwiſchen uns!— Ich war meiner Sache nicht ganz gewiß, daher mein Zoͤgern, meine Verlegenheit. Vergeben Sie— o, nun ſollen Sie Alles, Alles erfahren⸗ Hier, ſie oͤffnete behutſam ihre Pedalharfe, hier nehmen Sie dieſe Papiere, ſie befanden ſich in dem Kaͤſtchen, das meine Mutter bei ihrem Sterben der alten, treuen Margot gab.— Mein Vater war Katholik, ich bin in Frankreich geboren— und ward auf des Vaters Religion getauft, in Holland jedoch von einem lutheriſchen Prieſter unterrichtet. Mein Vater bekannte ſich, zwei Jahr vor ſeinem Tode gleich⸗ falls zu lutheriſchen Kirche. Hier das eigenhän⸗ .— 222— dige Bekenntniß ſeines Uebertritts. Hier ferner der ausdruͤckliche Befehl an mich: meine Hand nur einem Proteſtanten zu geben— Sie werden die Gruͤnde leſen, die ihn dazu bewogen haben— vor Allem ſein Haß gegen ſeinen Stiefbruder, und die Mahnung an uns, nie mit dieſem in irgend eine Verbindung zu treten— und dies ſein ausdruͤckliches Verlangen, im Nothfall, falls der Stiefbruder ſein heilloſes Spiel mit uns be⸗ ginnen wollte— der erſten, beſten, weltlichen Obrigkeit zu uͤbergeben, die uns dann gegen deſſen Raͤnke in Schutz nehmen muͤſſe. Mein zuverſichtlicher Glaube an Gott, und dieſe Papiere hielten meinen Muth aufrecht— auch da noch, als mir durch Hubertus die Nach⸗ richt ward, Roſier ſey nach England gegangen, mich zu ſuchen, und ſey Willens, nach Amerika zu gehen, weil ihm durch Jeromes Leute die Kunde geworden, dieſer ſey entſchloſſen, ſeinen Aufenthalt mit mir dort zu nehmen. Und weiß Jerome, daß Sie nicht katholiſch ſind? Er weiß es— und hier der Grund, warum mein Umgang nur auf ihn und den Pater be⸗ ſchraͤnkt iſt.— O, laſſen Sie mich davon ſchweigen, mit welcher Macht ſie Beide auf mich eindringen, um mich auf ihren Pfad zu leiten— der Pater droht mir mit Fegefeuer und ewiger Verdammniß— Herr Jerome mit lebenslaͤngli⸗ cher Gefangenſchaft, dafern ich ihren Rathſchla⸗ gen mich nicht neige. Voll Standhaftigkeit wußte ich bis jetzt Alles zuruͤckzuweiſen— aber vor den Andrängen von Jeromes Liebesverſiche⸗ rungen weiß ich kaum mehr mich zu ſchuͤtzen— wie abſcheulich ſie mir ſind— ſo weiß ich ſeinen Zudringlichkeiten faſt nicht auszuweichen— da ich den Eingang in mein Zimmer nicht verſchlie⸗ ßen kann— und keinen Moment vor ſeinem Kommen geſichert bin.— Es iſt entſetzlich, unterbrach ich ſie— doch faſſen Sie Muth, liebe Marietta— die Pa⸗ piere ſollen ſchnell Alles zur Entſcheidung brin⸗ gen. Heut' noch fahre ich zu Etienne, heut' noch erfaͤhrt er Alles, und bald, theure, gute Mari⸗ etta, hoffe ich, Sie den Mauern dieſes verhaß⸗ ten Hauſes entfuͤhren zu koͤnnen. Dankbar druckte die Geruͤhrte meine Haͤnde an ihre Bruſt— da vernahm ich Roſinens Stimme, die meinen Namen rief— ſchnell packte ich die Papiere zuſammen, druͤckte das ſchoͤne Maͤdchen in meine Arme— ſtieg das kleine Treppchen herauf und hinab, und trat eben durch das Kamin in Jeromes Zimmer, als Ro⸗ ſine voll Angſt Suſetten zuruͤckhielt, die dem heimkehrenden Pater die Thuͤr offnen wollte. Schnell war das Kamin wieder verſetzt— Rofine nahm noch einmal Suſetten das Verſpre⸗ chen ab, ihren beiden Herren Alles zu verſchwei⸗ gen— und verſprach ihr goldenen Lohn, falls ſie Wort halten wuͤrde— da fuͤhrten zwei un⸗ ſerer Diener den, ſeiner Sinne nicht mehr mäch⸗ tigen, Pater ins Haus.— Jerome folgte ihm auf dem Fuße nach.— Nun zu Bett, lallte er— das nenne ich ein Feſt!— Ach, meine ſchönen Damen, was haben Sie verloren, nicht dabei geweſen zu ſeyn!— Wollen Sie uns denn nun wirklich ſchon verlaſſen? Meine Freundin, ſprach Roſine, auf mich deutend, meine Freundin iſt ſterbenskrank— wir muͤſſen fort— und danken Ihnen fuͤr die Ruhe, die Sie uns hier, auf Ihrem köſtlich⸗ weichen Canapee gegoͤnnt.— — 225 Ja, köſtlich, lallte Herr Jerome, den ge⸗ wohnten Platz einnehmend— ganz köſtlich weich— ſtammelte er gähnend— ich— ganz wohl— ja, ich empfehle mich Ihnen— er ſchlief ein. Wir ſtiegen in den Wagen. Ich denke, ſprach ich zu Roſinen, wir fahren uͤber Lerzwei⸗ ler nach Haus, indeß unſere Herrn den Rauſch ausſchlafen, beſorgen wir Marietta's Brief in Roſiers Hand.— Was meinen Sie?— Charmant! rief Rofinez ich bin Alles zu⸗ frieden, was mir Gelegenheit giebt, ungeſtört mit Ihnen ſchwatzen zu koͤnnen— Suſette iſt gewonnen, ich habe Ihnen viel, ſehr viel zu er⸗ zählen. Ich Ihnen nicht minder— alſo fort nach Lerzweiler! Rofiers Freude war unbeſchreiblich, als er uns ausſteigen ſah— ohne Grenzen, als ich ihm alle Details der Geſchichte gegeben hatte. Sabinens Brief netzte des gefühlvollen Juͤnglings Auge mit ſanften Thränen.— O, ſchaue herab, du Verklärte, rief er, aus deinem Himmel voll Seligkeit! Schaue II. 15 herab auf meine Thränen, und vernimm mei⸗ nen Schwur; durch meine treue Liebe zu deiner Tochter mich deiner Wohlthat wuͤrdig erweiſen zu wollen!— 6 Ihr ſeyd ſo gluͤcklich, fing endlich Roſine an, daß ich es beinah aufgeben moͤchte, Euch zu ſagen, was ich durch Suſetten erfahren.— Es iſt ein undankbares Geſchaͤft, den Hoff⸗ nungshimmel froher Menſchen truͤben zu ſollen⸗ Allein, ich halte es fuͤr meine Pflicht, Alles getreulich zu ſagen, damit es verhindert werde, daß die Bosheit am Ende dennoch den Sieg davon trage. Alſo hört: Was Euch ohnmoͤglich ſcheinen wird, iſt wahr.— Herr Jerome iſt geſonnen, ſich Mariettens zu verſichern, es koſte, was es wolle. Ob er fuͤrchtet, daß ſeine Betruͤgereien offenbar, und ihm das Maͤdchen entriſſen werden könne? Ich weiß es nicht, doch gebar vielleicht gerade dieſe Befuͤrchtung den entſetzlichen Ent⸗ ſchluß in ihm, Marietten— heirathen zu wollen.— Um dieſes leichter bewerkſtelligen zu konnen, hat er ſich einen Befehl zu loſen gewußt, kraft 2 welchem ihn jeder Geiſtliche trauen muß. Er hofft, daß die ſtrenge Gefangenſchaft Marietta's ihre Liebe zu Roſier ertoͤdten ſoll— wie dem auch ſey— er hofft fie zu uͤberliſten— der Pater ſteht ihm treulich bei— und, welchen entſetzlichen Qualen das Mädchen täglich blos⸗ geſtellt iſt, konnte mir Suſette nicht genugſam ſchildern. Denke ich mir nun, fuhr Roſine fort— das ängſtlich gemarterte Gemuͤth des Maͤdchens, denke ich mir, daß fie eine rechtglaͤubige Chriſtin iſt— daß, trotz ihres Widerſtrebens gegen Je⸗ rome, Hubertus tägliche Ermahnungen dennoch Eingang finden muſſen in ihr religiöſes Herz;z ſo, fuͤrwahr, ſo zittre ich, trotz allen Ihren Hoffnungen und Sabinens Brief an Roſier. Der Letztere ſah mich an— wir ſchwiegen Beide. Doch nicht, wie Roſine glauben mochte, aus Furcht vor den eindringlichen Reden des Paters, ſondern, weil Beide wir uns ſcheuten, ihr, die wir herzlich liebten, zu ſagen, was Sabine Roſiern entdeckt haben mochte, und was mir aus Marietta's Mittheilungen und St. Martins Papieren bekannt worden war; nem⸗ 15* — 22 lich, daß Marietta eine rechtgläubige Chriſtin, nach ihrer Anſicht der Religion, nicht ſey. Bachus aber mußte um das Geheimniß wiſſen— deshalb beeilte ich mich, dieſen zu ſprechen. Ein ſehr bedeutender, einfluß ⸗reicher Mann in Mainz ward ebenfalls unſer Vertrauter— zu ihm fuhren Bachus und Roſier, um alle Pa⸗ piere in ſeine Hände niederzulegen— der Edle unternahm es, mit dem Abte zu ſprechen, da⸗ mit durch dieſen Alles in Gute geſchlichtet werde, um alles Aufſehen zu vermeiden. Hubertus ward vor den Abt gefordert— und geſtand dem gefuͤrchteten Obern, daß er von St. Martin nie einen Brief bekommen habe— ja, daß er durch Jerome des Erſtern Abfall aus dem Schoos der allein ſelig machenden Kirche, nach deſſen Ruͤckkehr aus Holland, erfahren, nichts deſto weniger aber von Jerome die Wei⸗ ſung erhalten, Marietten mit allen Schrecken der heiligen Kirche zu bedrohen, und ſie Jero⸗ mes Plänen gemeigt zu machen. Eine weitläufige Unterſuchung war hier gar nicht nothig— die Sache lag klar vor uns Allen— Jerome ſtand als Betruger entlarvt— Hubertus mußte in ſein Kloſter zuruͤck, ohne ſeinen Goͤnner noch einmal ſprechen zu duͤrfen, und ſich in dieſem einer ſtrengen Buße unterwer⸗ fen.— Jeromes Beſtrafung uͤberließen wir der weltlichen Obrigkeit, und von dieſer ſollte uns zum naͤchſten Morgen der Befehl ausgewirkt werden, Marietten in jedem Moment aus ihrer Haft erloͤſen zu koͤnnen. Voll unausſprechlicher Freude ſaßen wir Alle um die dampfende Punſchterrine herum. Roſier war den Abend gekommen, uns zu beſu⸗ chen; da er in ſeiner Freude mehrere Becher des Gluthſtroms hinunterſtuͤrzte, den Bachus mit ſeltener Virtuoſität zu brauen verſtand, ſo verſicherte mein Mann, bei dem ein tuͤchtiges Trinken den aͤchten Mann beurkundete: Auf meine Ehre, aus dem Thränenpinſel iſt ein capi⸗ taler Menſch geworden! Na, da ſieht man recht, was gute Geſellſchaft thut!— Plötzlich ward unſere Freude durch einen kleinen Knaben geſtoͤrt, der athemlos ins Zimmer ſturzte und Herrn Bachus einen offnen Zettel hinhielt. Was iſt's? fragten wir Alle. Herr Bachus ſah uns erbleichend an— da ſchreibt mir Suſette, ſprach er, hort nur!— Ach um der heiligen Jungfrau und aller Heiligen willen! Ach, vielgeſchaͤtzter Herr Ba⸗ chus, und liebwertheſte Frau Roſine! Ach, das Ungluͤck! Ich bin ſo zerſtreut, daß ich, verzeih' mir's der heilige Bonifazius, daß ich nicht einmal den Roſenkranz mit Andacht abbeten kann!— Nun die Heiligen mögen uns beiſtehen, das geht nimmer gut— das wird ein ſchreckliches Ende nehmen!— Ach, die ungluͤckliche Marietta! ach, wer haͤtte das gedacht! Ach, das Kind iſt verloren! Doch davon ein andermal— jetzt habe ich noth⸗ wendigere Dinge zu berichten, die mich betref⸗ fen— und die heilige Jungfrau moge mir ver⸗ zeihen, wenn ich weniger um das Seelenheil des verirrten Maͤdchens bekuͤmmert bin, als um mein eignes Gluͤck. Ach, vielgeſchaͤtzter Herr Bachus und ehren⸗ werthe Frau! Ach, ſtehen Sie uns bei! und weil ich es Ihnen verſprochen gethan habe, die⸗ — 231— weil ſie immer ſo gutig waren, die arme Su⸗ ſette mit einem Nachttränkchen aus Dero herrli⸗ chen Keller zu verſehen, daß ich Ihnen, ehren⸗ werthe Frau, ſollte Nachricht geben von allen Vorgaͤngen in unſerm Hauſe, da thue ich ver⸗ melden, daß wir uͤber Hals und Kopf Alles einpacken haben gemußt, und daß wir um Mit⸗ ternacht unſere Wand'rung zu Fuß ſollen an⸗ treten, allwo auf dem naͤchſten Dorfe ein Wa⸗ gen bereitſteht, um uns in die weite Welt— ach Jeſus, Maria und Joſeph, ich glaube gar uͤber's Meer, wo die Heiden ſeyn ſollen, hin⸗ bringen ſoll.— Und denken Sie ſich das Jammer! Der alte Herr will ſich in dieſer Nacht mit der Jungfer Marietta verheirathen thun— und— nun Sie wiſſen ja Alles, da brauche ich mich nicht zu ſchämen, ich bin ſeit. 15 Jahren ſeine erſte und treue Braut, dieweil er mir's verſprochen hat. Ach, helfen Sie doch, und laſſen Sie uns nicht fort— ich ſterbe ſonſt, ehe ich an das Meer komme. Dero wohl affectionirte Suſette. Wir muͤſſen fort— jetzt gleich! rief Ro⸗ ſierz; ich werfe mich dem alten Schurken in den Weg. Dieß letzte Bubenſtuͤck ſoll ihm nimmer gelingen. Jetzt gilt es Marietten zu entfuͤhren! Ich will dem Betruͤger zeigen, daß Etienne Ro⸗ ſier noch Mark in den Knochen habe!— He Freund, rief mein Mann, ich bin dabei! Eine Entfuͤhrung? Das iſt auf Ehre ganz meine Sache! Ich bin dabei, auf mich können Sie rechnen. Auch ich, auch ich, ſprach der alte Majorz Kinder, wenn es eine Ehrenſache iſt, ſo bitte ich, laßt mich nicht dahinten. In dem Augenblick fiel ihm der Gedanke zentnerſchwer auf's Herz, daß der Obriſt ſeit drei Tagen zuruͤckgekehrt ſey, und daß ohne deſ⸗ ſen Erlaubniß kein Officier ſich des Nachts aus ſeinem Standquartier entfernen duͤrfe. Roſier und Bachus allein— das war zu gefährlich— denn Jerome hatte jedenfalls ein paar tuͤchtige Maͤnner bei ſich— jedenfalls war die Rotte zu ſolch einer weiten Reiſe bewaff⸗ net— jetzt war guter Rath theuer. Denn obgleich Roſier es ſich getraute, mit zehn Bewaffneten fertig zu werden, ſo ſollte doch 233 Gewalt und Blutvergießen ſo viel wie moͤglich vermieden werden. Bachus ſah nach der Uhr. Neun Uhr, ſprach er— dann ſich zu uns wendend. Sie kennen den Obriſten! Was meinen Sie, ob man ihn von der Sache unterrichtet? Ja, gut, toͤnte es von allen Seiten. Und Bachus, Roſine und ich machten uns auf, ihm ſogleich einen Beſuch zu machen. Der Obriſt laͤchelte recht angenehm, nach⸗ dem er uns mit vieler Aufmerkſamkeit zugehoͤrt hatte. Es freut mich, ſprach er nach kurzem Sin⸗ nen, vor unſerm Abgang mein Regiment noch einmal in eine kleine Activitaät ſetzen zu kon⸗ nen— ich werde ſogleich an die Dragoner den Befehl ertheilen, die in Lerzweiler liegenden Jä⸗ ger zu uͤberfallen— vereint moͤgen ſie die Hu⸗ ſaren in Nackenheim aufſchrecken. Moögen die Herren ſich einmal den Spaß machen, Krieg zu ſpielen, da derſelbe in der Wirklichkeit zu unſer aller Heil beendet iſt. Die Dorfſchaften kommen dadurch alle in Allarm— die Oeffentlichkeit einer Entfuͤhrung wird vermieden— Sie erreichen Ihren 2 Zweck— die Mannſchaften tummeln ſich ein wenig unter einander herum— daß der ſaubere Herr Jerome ein wenig geneckt werde, brauche ich wohl nicht erſt zu befehlen, da der Lieut. M. um die Geſchichte weiß, und ſich fruͤher in al⸗ ler Stille mit fuͤnf Mann an Roſier anſchließen kann, um die Entfuͤhrung zu vereiteln. Verſchweigen Sie jedoch, ich bitte, die kleine Attaque; ich muß doch ſehen, ob meine Leute ſchnell aus den Federn zu bringen ſind. Voll unausſprechlicher Freude eilten wir mit der Nachricht zu Haus. Mein Mann ſchnallte ſeinen Hieber um, vier blind geladene Piſtolen nahmen er und Ro⸗ ſier; fuͤnf junge, ruͤſtige Dragoner ſchloſſen ſich dem Zuge an, den Herr Bachus begleitete, um alle Thaͤtlichkeiten zu verhuͤten. Roſine und ich ſetzten uns in den Wagen. Ohnfern Niernſtein in einem kleinen Gehoͤlz hiel— ten wir— der Obriſt hatte die Ordre zur At⸗ taque, nach unſerm Wunſch, eine halbe Stunde vor Mitternacht ertheilt. Die Nacht war rabenfinſter, aber ſtill und mild— kein Luͤftchen ruͤhrte ſich— lautloſes Schweigen herrſchte rings um uns her. Da toͤnte bang und ſchaurig die Glocke vom nächſten Thuͤrmchen zu uns heruͤber.— Jetzt ſchlagt es zwölf Uhr, ſprach Roſine, mich leiſe anſtoßend— iſt Jerome puͤnktlich, ſo werden wir nicht lange mehr zu warten brauchen— Still, unterbrach ich ſie, ſehen Sie nicht dort in der Nußallee eine Leuchte? Mich duͤnkt, dort regt ſich etwas!— In dem Augenblicke fielen mehrere Schuͤſſe in der Gegend von Lerzweiler— das Lichtlein ſchwankte von der Straße links ab, auf unſern Verſteck zu— da verdoppelten ſich die Schuͤſſe— in Nackenheim ward Alles lebendig— vor uns, hinter uns ertoͤnte das Kriegsgeſchrei und Knall auf Knall.— Sie ſind es, ſprach Rofine wieder leiſe, ſehen Sie nicht, daß vier ſchwarze Geſtalten ſich uns naͤher bewegen?— Wir entſtiegen dem Wagen, ließen den Kutſcher langſam funfzig Schritt weiter fahren, und ſchlichen uns ſeit⸗ waͤrts den Kommenden in Ruͤcken. Das Außenbleiben Roſiers und ſeiner Ge⸗ treuen machte uns bange— da ſtöhnte eine — 236— Stimme, die wir alſo bald fuͤr Suſetten er⸗ kannten. Hilf Jeſus Maria! Wo moͤgt Ihr uns hinſchleppen, lieber Herr Jerome, hoͤrt doch das Schießen und Schreien von allen Seiten!— Schweig', alte Hexe, brummte dieſer; hab' es ja meinem Mariettchen gleich geſagt, daß des Krieges verderbliche Wolke ſich von Neuem uͤber unſern Häuptern zuſammenzieht— deshalb muͤſ⸗ ſen wir fort von hier, eilig fort. Thomas! rief er dann ſeinem Knechte zu, ich fuͤhre die Frauen bis an die große Linde, ſieh' zu, ob dorthin der Weg rein iſt, der Satan mag wiſſen, was das Schießen bedeutet! Nein Herr! antwortete der Diener— ich gehe nicht einen Schritt allein, oder ich laufe gerade wieder zu Hauſe. Hier hat offenbar der boͤſe Feind ſein Spiel; wer hieß Euch auch ge⸗ rade in der Geiſterſtunde aufbrechen! Hilf hei⸗ liger Antonius! ſie kommen gerade von Niern⸗ ſtein!— und den Wanderern im Ruͤcken ſprengte ein Haufe heran.— Hurrah, hurrah! tönte es durch die Luͤfte, die Schuͤſſe fielen von allen Seiten. Suſette war auf die Kniee geſunken— Marietta lehnte ſich an einen Baum, Jerome hielt fie feſt an der Hand.— Schweigt, bat er, um's Himmelswillen ſchweigt— wir verbergen uns hier— vielleicht gewahrt uns die Satans Rotte nicht, in der, Gott ſey Dank, ſtockfinſtern Nacht. Aber, als habe ſich Himmel und Erde wi⸗ der ihn verſchworen, trat auf einmal der hell⸗ leuchtende Mond aus verhuͤllendem Gewölk her⸗ vor.— Entſetzt ließ Herr Jerome Marietta's Hand los— entſetzt nach uns ſtarrend, die wir Beide, ganz ſchwarz verhuͤllt, ſeinen ebenfalls ſchwarz gekleideten Frauen nah' zur Seite ge⸗ treten waren. Geiſter, Geiſter! ſchrie Thomas, ſich zu Boden werfend.— Jerome ſtand erblaſſend und zitternd vor uns— aber kein Moment der Be⸗ ſinnung blieb ihm. Mein Mann, Rofier und die fuͤnf Dragoner ſtuͤrzten auf uns zu.— Gefangen! ſchrie der Erſtere, vom Pferde ſpringend— gefangen! Wer ſeyd Ihr? Was wollt Ihr um Mitternacht hier im Gebuͤſch?— Ihr ſeyd Spione! He Kameraden, bindet die noble Geſellſchaft, und fort mit Allen in's Haupt⸗ quartier!— Rein, ich ſchildere die Scene nicht, die nun anhob.— Bachus hatte vollauf zu thun, den von allen Seiten auf uns eindringenden Mannſchaf⸗ ten zuzufluͤſtern, was hier vorgehe— und mei⸗ nes Mannes Benehmen nicht durch ihr Ein⸗ miſchen zu ſtoͤren. Das kleine Gebuͤſch wim⸗ melte voll Soldaten, und die ganze Gegend hallte wider von ihren Schuͤſſen und Schreien. Jerome lag indeß auf den Knieen vor mei⸗ nem Mann, der ihm, das Piſtol auf die Bruſt haltend, zuſchrie: Bekenne Schurke, du biſt ein Spion! Du haſt uns verrathen wollen!— Neugierig ſchloſſen die Offiziere einen Kreis um uns.— Ach Herr! ſeufzte Jerome; Herr Major, oder Obriſt, ich ſchwore es bei meinem Leben, es iſt mir nicht in den Sinn gekommen, ſo eine tapfere, uͤber Alles ehrenwerthe Schaar ver⸗ rathen zu wollen!— Ach Herr, ich armer Mann lebe daheim ſo ſtill und ruhig— ich be⸗ kuͤmmre mich um die ganze Welt nicht, und hätte mir geahndet, daß Ew. Excellenz dieſe Nacht— nein, nein, mich haͤtte nichts aus — 239— meiner armſeligen Zelle bringen ſollen— und hätte es die Befriedigung meines liebſten Wun⸗ ſches gegolten!— Was aber Kerl, ſchrie mein Mann, was bewog Dich, ſo vermummt um Mitternacht hier herum zu ſchleichen?— Ach, Ew. Excellenz haben Sie nur die Gnade, dieſem, Dero Mordgewehr eine andere Richtung zu geben; ich will ja gern Alles ge⸗ ſtehen, Alles:— Ich armer Mann bin durch Geſchaͤfte gezwungen, meinen Wohnort zu ver⸗ laſſen— ich habe nichts— in Blut und Leben nichts bei mir als ein Mädchen, ein armes, frommes Kind, meine Braut— ſie iſt von ihrer ſterbenden Mutter mir uͤbergeben worden— ſie reiſet mit mir— und dort in jenem Kirchlein ſollten wir getraut werden— ſchon wartet der Prieſter unſerer— ach, lieber, gnaͤdigſter Herr, ſtoͤren Sie eines armen, ſchlichten Mannes ein⸗ zige Freude nicht.— Iſt dos wahr? fragte mein Mann. Ja, ja, gnädigſter Herr, gewiß und wahrhaftig! Aber Kerl, dort ſtehen ja vier Frauen— Du wirſt doch nicht vier Braͤute haben? ——— — 240— Nein, beſter, liebſter, gnaͤdigſter Herr! ant⸗ wortete Jerome Athem ſchoͤpfend— nur Eine— die Andern will ich gern zu aller hoͤchſt Dero Dispoſition laſſen, weiß ich doch wahrlich nicht, durch welch ein Wunder ſich die Geſellſchaft ſo vermehrt hat.— Na gut, um dieſen Preis wil ich Dir glauben— Du alſo behältſt Eine, und Drei ziehen mit uns. Ja, ja, in Gottes Namen, gnaͤdigſter Herr, wenn ich mein Mariettchen bekomme, konnen Sie die drei Andern behalten. Alſo Marietta heißt Deine Braut? Welche von Euch iſt dieſes Mannes Braut, die folge uns getroſt. Kamerad, fuhr er zu Ro⸗ ſier gewendet fort, Du begleiteſt mit drei Mann die Frauen ins Hauptquartier, das iſt unſere Beute— drei Mann folgen mir— wir bringen dieſen Menſchen und ſeine Braut zur Kirche— hat er wahr geſprochen, daß er ſich verheirathen will, ſo iſt ſein Vorſatz ein löblicher, da er ein ar⸗ mes Mädchen gewählt— wir wollen ſeine Freude nicht ſtören— hat er gelogen, ſo baumelt er in zwei Stunden zwiſchen Himmel und Erde am näch⸗ ſten Eichbaum— dann iſt er ein Spion— und mit Solchen werden keine Umſtände gemacht. Allons! vorwaͤrts, marſch! commandirte mein Mann. Drei Mann umringten Herrn Jerome, drei Andere die Braut, und fort ging es zur Kirche. Wir ſtiegen mit Roſier und Marietten in Wagen.— Der Morgen daͤmmerte herauf; die Attaque war zur größten Beluſtigung der Mann⸗ ſchaften und zur Zufriedenheit ihrer Offiziere herr⸗ lich ausgefuhrt worden.— Roſier und Marietta lagen ſich noch immer in den Armen— Bachus, Roſine und ich jubelten laut auf ob des errungenen Sieges, da ſprengte mein Mann auf den Hof.— Einen Stuhl! riefer vom Pferde ſpringend; Kin⸗ der! einen Stuhl, daß ich mich ſetzen kann— ich falle ſonſt um vor Lachen! Wir konnten uns das Ende ſchon denken, und wir hatten richtig gerathen. In der Capelle angelangt, zeigte Jerome mei⸗ nem Mann den Befehl vor, kraft deſſen er und ſei⸗ ne Braut von jedem Geiſtlichen getraut werden ſoll⸗ ten. Der Pater war durch einen Boten fruͤher von Jerome unterrichtet worden, daß die Feierlichkeit ſtattfinden ſollte; ihn wunderte nichts, als die mili⸗ II. 16 — 242— tairiſche Begleitung— er ſtand, die Trauung zu vollziehen, bereit; da trat auch die Braut unter glei⸗ cher Escorte herein, und Jerome, an deſſen Seite mein Mann mit blankem Saͤbel ſtand, wagte nicht das Auge aufzuſchlagen. Schnell ſtieß er ſein Ja heraus, das ihn von der Luftparthie am Eichbaum retten ſollte, und entſetzt prallte er drei Schritt zu⸗ ruck, als eine andere Stimme ihm zur Seite, nicht Marietta's Silberton, ebenfalls ſchnell Ja ſagte— halt, halt! wollte er ſagen, doch die Soaͤbel der Dragoner drangten ſchnell jeden Laut in die be⸗ klemmte Bruſt zuruͤck. Die Ceremonie war geendet, der Prieſter ſprach den Segen uͤber die Neuvermaͤhlten— und mein Mann trat gluͤckwuͤnſchend vor die Braut.— Der neidiſche Schleier, ſprach er zu dieſer, birgt ohne Zweifel hohe Schönheit! Es iſt grauſam von Ih⸗ nen, Schoͤnſte, daß Sie uns Ihr holdes Anklitz nicht zeigen wollen— doch haben wir im Kriege nicht alle Sitte verlernt— Sie ſollen uͤber Unbe⸗ ſcheidenheit nicht zu klagen haben— vielmehr wol⸗ len wir uns Ihre volle Zufriedenheit erwerben, und darum, beſter Freund, wandte er ſich zu Jerome, werden Sie ſo guͤtig ſeyn, ſich wieder zuruͤck nach — 243 Niernſtein zu begeben— in jetzigen kriegeriſchen Zeiten iſt das Reiſen gefahrlich— darum werden Sie erlauben, daß meine Leute Sie begleiten, und bei Ihnen bleiben bis auf weitere Ordre von Mainz. Was wollen Sie damit ſagen? ſtammelte Herr Jerome. inn Daß wird ſich morgen erklären— jetzt werde ich Sie zum Wagen begleiten— laſſen Sie ſich die Pochzeit wohlbekommen— und— Kameraden, Ihr begleitet den Herrn nach Niernſtein, und bleibt hei ihm bis auf weitere Ordre. 30 Am andern Morgen ſtattete Roſter und in ſchoͤne Braut dem Obriſten ihren Beſuch ab.— Es freut mich unendlich, ſprach dieſer, nicht ganz unactiv bei dieſer Sache geweſen zu ſeyn— machen Sie uns nun noch die Freude, ſchone Braut, Ihren Hochzeitstag mit feiern zu koͤnnen— in drei Tagen brechen wir auf.— Und am Morgen des dritten Tages ward mir die Auszeichnung, der unausſprechlich reizenden Braut die mit Perlen und Demanten reich durch⸗ flochtene Myrthenkrone ins dunkle Lockenhaar ſetzen zu duͤrfen. Herr Bachus fuͤhrte die blinde Mutter, der Obriſt die Braut, ich und Roſine den wonne⸗ — 244— trunkenen Roſier zur Kirche— unſere Dragoner ſtanden in Parade vor derſelben— das ſämmtliche Offizierscorps umſtand in höchſtem Glanz den Al⸗ tar— und Mancher unter ihnen mochte den gluͤck⸗ lichen Braͤutigam beneiden— Aller Augen waren auf die ſchone, reiche, holländiſche Braut gerichtet. Der Tag war ein Tag der höchſten, reinſten Freude. Herr Bachus bewirthete als reicher Mann die vielen Gäſte mit furſtlicher Pracht— und als die Nacht durchtanzt, durchſchwärmt, durchjubelt war, blieſen am Morgen unſere Trompeter zum Aufbruch! Da lagen wir Alle, Abſchied nehmend, Eins in des Andern Armen.— Marietta, Roſier, Ba⸗ chus Roſine, die blinde Mutter— ach Alle ſchloſſen mich geruͤhrt in ihre Arme.— Gedenken Sie unſerer! baten Alle, und— kehren Sie zu uns zuruͤck! Auf immẽr zu uns zuruͤck! baten Alle.— Ich verſprach— ach, es thut ſo weh, von ſo theuern Lieben ſcheiden zu muͤſſen1— ich verſprach aus vollem Herzen Beides Noch ſtand das Letztere zu erfullen, nicht in meiner Macht.— Kommen dieſe Blaͤtter in ihre Hände, ſo mogen ſie ſehen, daß ich wenigſtens das Erſtere treu erfuͤllt. nn St. Nelly⸗ 2———————— Die rothe Bandſchleife. Nach einer wahren Begebenheit. A 2 Die rothe Bandſchleife. Nach einer wahren Begebenheit. We gluͤcklich Du biſt, Erwine! hatte die liebliche Anne zu mir geſagt, als ſie zum Ball mich ſo herrlich ſchmuͤckte. Wie gluͤcklich! Immer neue Vergnuͤgungen warten Deiner! Von einer Luſtbarkeit zur andern wirſt Du gleichſam gedraͤngt, indeß wir Andern hier ſitzen und vor langer Weile nicht wiſſen, wie wir die Zeit hinbringen ſollen! Sie hatte Recht, die gute Anne. Und ich uͤberdachte manchmal, wenn mich die raſchen Fuͤchſe der Fuͤrſtin aus der glänzendſten Aſſem⸗ blee zum herrlichſten Ball, wie im Fluge dahin⸗ trugen: ich bin doch gewiß Eins von Fortunas Lieblingskindern! Immer heiter, immer froh, immer genußreich entrollt mir ein Tag nach dem andern, und dieß ſtets ohne mein Zuthun;z mich ſucht die Luſt— nicht ich ſie. Heut' aber ſollte ſich mein Gluͤck bis in's Unendliche erhöhen. Muͤde vom vielen Tanzen, ermattet vom Hoͤren und Sehen, den Kopf voll bunter Gaukeleien, wollte ich eben aus meinem lyoner Ballkleide in's Nachtkorſet ſchluͤpfen, als die Kammerfrau der Fuͤrſtin mich zu der Letztern entbot. Was kann ſie wollen? dachte ich. Vor zwei Mi⸗ nuten erſt verließ ich fie, jetzt, Morgens drei Uhr! Muͤde vom Ball! Schon im halben Negligee? Indeß, trotz allen meinen Betrachtungen, mußte ich dem Befehl gehorſamen— und ſo ſtand ich, halb ſchlaftrunken, faſt mit zufallen⸗ den Augen, vor der Fuͤrſtin, in deren Hauſe ich die Stelle eines Geſellſchaftsfraͤuleins beklei⸗ dete, und fuͤr deren Liebling ich nebenbei galt. Ich fand die Furſtin ziemlich verduͤſtert, mit einem Briefe in der Hand auf'm Sopha ſizend. Erwin, ſprach ſie, mein gutes Kind, ich bekomme da eben ein Schreiben von der re⸗ — 249— gierenden Herzogin von*, meiner intimen Freun⸗ din, deſſen Inhalt Dich betrifft. Nemlich, fuhr die Fuͤrſtin langſam mit er⸗ hoͤhter Stimme fort, um mich aufmerkſam zu machen, da ſie ſah, daß ich gar nicht neugierig war— nemlich, Dein Vater ward vor einiger Zeit berufen, einige Monate in dieſem Sommer auf dem Luſtſchloſſe der Frau Herzogin zu ver⸗ leben, um ein ſehr wichtiges Geſchaͤft ins Reine zu bringen. Die Frau Herzogin wuͤnſchte, Dein Vater mochte Dich, fuͤr ihre Tochter Hortenſia, zur Geſellſchaft, mit ſich nehmen, und Dein Vater ſchlug Dich ihr ab, da Du in meinem Hauſe biſt. Nun wendet die Herzogin ſich um Deinetwillen an mich, und ich ſehe mich faſt gezwungen, den Wunſch meiner Freundin zu erfullen, ſo ungern ich Dich fuͤr dieſe Zeit miſſen werde. Der Fuͤrſtin trat eine Thräne ins Auge, und ſie umarmte mich mit vieler Liebe— ich druckte dankbar geruͤhrt ihre Hände an meine Lippenz da ſprach ſie weiter: Du gehſt einer langen Reihe von Vergnuͤgungen entgegen, mein Kind! Tauſende von Freuden werden Dich um⸗ — ſchweben! Das Leben wird ſich Dir von ſeiner ſchönſten, lockendſten Seite entgegenſtellen. Du wirſt Bekanntſchaften machen, Freundſchaften knuͤpfen, man wird Dich lieben, man wird Dir ſchmeicheln. Du betrittſt am Hofe der pracht⸗ liebenden, ſchoͤnen Herzogin einen äußerſt ſchlü⸗ pfrigen, gefaͤhrlichen Boden— und— Erwine, Du ſtehſt allein! denn Deines Vaters Geſchaͤfte werden ihm nicht erlauben, Dich ſehr zu beachten. Verſprich mir, Du wolleſt Deiner Lebhaf⸗ tigkeit Schranken ſetzen— Du wolleſt nicht je⸗ dem Vergnuͤgen, das ſich Dir darbietet, Dich uͤberlaſſen— Du wolleſt an mich zurͤckdenken, und in der größten Luſt es immer bedenken, wie oft ein einziger Moment unſer ganzes zerſtöͤren kann. Drei Tage ſpäter ſaß ich mit meinem Va⸗ ter in einer vierſpännigen wiener Chaiſe, und fort ging's, als jagte der Sturmwind uns von dannen, nach dem Luſtſchloſſe der Herzogin. Ich blinzte die Augen zu, damit ich in mei⸗ nem Nachdenken nicht geſtort wuͤrde, und unter⸗ druͤckte nur mit Muͤhe mein inneres Jauchzen⸗ Ja, ja, die gute Anne hat Recht! dachte ich, ich werde zu allen Vergnuͤgungen ordentlich recht gedraͤngt— wie Viele mögen mich jetzt be⸗ neiden! Ach, es iſt doch ſchon auf der Welt! Und ich moͤchte doch ſehen, dachte ich weiter, was jetzt kommen muͤßte, das meine Freude ſtören koͤnnte!— O, wie gluͤcklich, mein Fräulein ſind Sie! ſagte ſeufzend auf der letzten Poſtſtation des Poſtmeiſters huͤbſche Tochter zu mir; wie benei⸗ denswerth gluͤcklich.— Der Aufenthalt der Herzogin iſt ein Paradies, ſie ſelbſt ein Engel, und der Vergnuͤgungen und Zerſtreuungen giebt's bei ihr ohne Ende! Ich band die Baͤnder meines Staubmantels auf— ich lüftete ihn mehr und mehr, als ſey der leichte Taffet mir zu ſchwer. Eigentlich war dieß nur ſo eine Angewohnheit von mir, wenn mein Herz in ſchnellerm Takte ſchlug, und eben jetzt huͤpfte es in Preſtiſſimo, denn wir näherten uns dem vorerwaͤhnten Paradies. Noch einmal knallte der Poſtillion in die Pferde— wir donnerten uͤber die Zugbrucke, und waren im Schloßhof. Viele reichgekleidete Bediente umringten un⸗ ſern Wagen. Aber in ihren Mienen lag ſtumme Trauer. Der Haushofmeiſter fuͤhrte uns in die uns beſtimmten Zimmer— auf ſeinem Geſicht malte ſich der Kummer ſo deutlich, daß ich be⸗ fuͤrchtete, er wuͤrde jeden Moment zu weinen anfangen. Was iſt das? fragte ich mich leiſe; wird dieß Paradies von Jammergeſtalten bewohnt? Mein Vater fragte nach der Hergogin, um ihr ſogleich ſeine Ehrfurcht bezeugen zu koͤnnen— der Haushofmeiſter antwortete: Ihro Durch⸗ laucht ſind verreiſ't, auf einige Tage, um ſich zu zerſtreuen. Ich wiederholte die Worte: um ſich zu zerſtreuen, und ſah meinen Vater fragend an. Endlich ließ dieſer ſich bei Prinzeß Hortenſien melden, ward angenommen, erſchien aber bald darauf wieder, mit einem ſehr ver⸗ duͤſterten Geſicht— mir ward bange— ich warf mich in ſeine Arme. Lieber Vater, rief ich, auch Sie? Was iſt es denn, das ſo ſchreckend mir heute vor Augen tritt? Ich leſe Trauer auf jedem Geſicht! Welch ein Ungluͤck iſt denn geſchehen? — Da nahm mein Vater mich bei der Hand, und fuͤhrte mich uͤber'n Schloßhof, einem gro⸗ ßen, hellerleuchteten Saal zu, indem er ſehr ernſt ſagte: S Erwine, ich fuͤhre Dich an den Sarg ei⸗ nes ſehr ſchoͤnen, ſehr ungluͤcklichen Mädchens! Drucke ihr Bild feſt in Deine Seele. Morgen ſollſt Du ihre Geſchichte hoͤren. Ich ſchauderte in mich zuſammen— dieß hatte ich nicht erwartet! Ich hielt meines Va⸗ ters Arm feſt, und trat mit ihm in den Saal. Im Sarge, von mattem Kerzenſchein um⸗ daͤmmert, lag in weißem Kleide, mit einer blut⸗ rothen Schleife auf der Bruſt, ein, ſo ſchien es, ſchlummernder Engel. Die ſchwarzen Locken hingen bis an die Kniee herab— die linke Hand hielt ein kleines Kruziſix, indeß die rechte auf dem ſtillgeſtandenen Herzen ruhte. Das Auge, obgleich geſchloſſen, verrieth dennoch die Schon⸗ heit, die es lebend von ſich ſtrahlte— die hohe, blendendweiße Stirn deutete von ſo viel Geiſt, das ganze Geſicht von ſo unausſprechlich viel Liebreiz, die feine, zarte Lippe ließ die ſiegende Gewalt ahnden, mit welcher die Töne, die ihr — 254— entſchwebt, unwiderſtehlich hingeriſſen; dennoch war es unverkennbar, daß ein graͤßlicher Schmerz ſich feindlich uͤber dieſe ruͤhrend⸗ſchoͤnen Zuͤge gebreitet.* Es waren viele Menſchen im Saal— viele Fremde aus der Umgegend, und ich hoͤrte die leiſen Worte hinter mir ſprechen: Sie gab ſich den Tod ſelbſt. Die blutrothe Schleife bedeckt die Wunde! Ich bat meinen Vater, mit mir den Saal zu verlaſſen. Meine Kniee bebten, ich ſchauderte und zitterte wie im Fieber zuſammen. Ich warf mich auf's Bett, als ich auf mein Zimmer kam— ich fuͤhlte mich krank— und war es wirklich, ſo hatte der Anblick, ſo die Worte auf mich gewirkt. Als ich am andern Morgen aus einem un⸗ ruhigen Schlummer erwachte— war die Ungluͤck⸗ liche ſchon zur Erde beſtattet— und der Hof⸗ rath der Herzogin theilte uns die traurige Ge⸗ ſchichte ihrer Verirrung mit. — — — 255— Duval, der ae Sohn ſehr wohlha⸗ bender Eltern aus Paris, lernte in Bourde⸗ aux bei dem Vater Lugiens ſein Handwerk. Duval iſt 18, Lucie 12 Jahr, als die Mutter der Letztern ſtirbt. Der Vater, ein ro⸗ her Mann, verſchmerzt den Verluſt nur gar zu bald, nicht ſo Lucie, welche die Mutter uͤber Alles geliebt hat. Duval ſieht des Kindes tiefen Schmerz, und ſein Herz neigt ſich mit zärtlicher Theil⸗ nahme der mutterloſen Waiſe zu. Er ſpart ſein Sonntagsgeld, um ihr durch kleine Spielerein, die er kauft, immer neues Vergnuͤgen zu ma⸗ chen; er geht nicht mehr wie ſonſt mit ſeinen Kameraden ſpazieren, ſondern ſchleicht dem ar⸗ men, trauernden Kinde auf den Kirchhof nach, und weiß, durch unendliche Aufmerkſamkeit, die er ihr beweiſt, ſie endlich zu zerſtreuen, zu be⸗ ruhigen. Da aber heirathet Lugiens Vater wieder, und mit dem Eintritt der neuen Mutter in ih⸗ res Vaters Haus, geht Luciens Leiden an.— Die junge Frau gewahrt nicht ſobald des vier⸗ zehnjährigen Maͤdchens aufbluͤhende Schoͤnheit, —— — 256— als daſſelbe für ſie ein Ziel des bitterſten Spot⸗ tes, der tiefſten Kraͤnkung wird. Was auch Lucie thut, der Mutter Liebe zu gewinnen, Alles iſt umſonſt— und als endlich nach einem Jahre Jener ſelbſt ein Toͤchterlein ward, da erreichte ihr Haß gegen Lugien den hochſten Grad. Der Vater, deſſen erſte Gattin die Sanft⸗ muth und Guͤte ſelbſt war und der bei dem furienhaften Weſen der Zweiten ſelbſt boͤſes Spiel hatte, neigte ſich nach und nach zu ſeinem armen, gemißhandelten, erſten Kinde. Nun keimte der Entſchluß in der jungen Frau, Lugien, den unſchuldigen Gegenſtand ihrer Wuth, es koſte was es wolle, aus dem Hanſe entfernen zu wollen.— Lange ſann ſie verge⸗ bens, einen ſchicklichen Grund dazu aufzufinden— endlich, mit Huͤlfe des Beichtvaters, ward derſelbe gefunden— Lucie ſollte den Schleier nehmen. So ſehr auch zu Anfange der Vater dieſen Plan verwarf, ſo ſah er am Ende ein, das dieß das einzige Mittel ſey, ſein armes Kind vor den Verfolgungen ſeiner Frau ſicher zu ſtellen— er willigte in der Mutter Plan, und— es war un⸗ wiederruflich beſchloſſen, Lugie muſſe in's Kloſter. Kaum ward dem Mädchen die Nachricht, als ſie ſich vor Duval auf die Kniee warf, und ihn vor Gott und allen Heiligen beſchwor, ſie zu retten. Duval trocknete ihr die Thraͤnen von den ſchoͤnen Augen— er ſchloß ſie bewegt an ſein Bruſt. Ich rette Dich, Lugie! rief er; ſey ruhig, ſcheine Dich ruhig in Dein Schickſal ergeben zu wollen— ſo wahr Gott mir einſt helfen moͤge, ſo wahr werde ich Dir helfen! Lugie druͤckte dankbar geruͤhrt ſeine Haͤnde an ihre Bruſt. O Du unausſprechlich⸗guter, Du geliebter Duval, ſchmeichelte ſie. Da erſchien der Tag der Abreiſe, und am Vorabend rief der Vater ſein Kind zu ſich. Du ſcheideſt von uns, mein Kind, ſprach er— und es iſt eine große Beruhigung fuͤr mich, Dich ſo ruhig und gefaßt ſcheiden zu ſehen. Wie ſchreck⸗ lich mir auch die Trennung von Dir iſt— der Gedanke, daß Du an dem Orte, wohin ich Dich bringen werde, vor allen Verfolgungen geſichert biſt, wird mir den ſuͤßeſten Troſt gewaͤhren. Glaube mir, mein Kind, es mußte ſo ſeyn— II. 17 „ — 2⁵8— und ſollteſt Du auch anfanglich mich vielleicht der Haͤrte beſchuldigt haben, bald wird Dein Herz Dir ſagen, daß ich Dir das beſte Theil erwaͤhlt. Lugie war geruͤhrt— ſie dachte, wie viel eher ſie ſich vom Vater trennen wuͤrde, als er meinte, und kuͤßte mit Thränen ſeine Haͤnde.— Auf ihrem Stübchen angelangt, warf ſie ſich vor ihrem Schutzheiligen auf die Kniee; ſie betete laut: O, ſchuͤtze du mich! Rette du mich, wenn des Freundes Huͤlfe zu ſchwach ſeyn ſollte! Da vernahm ſie ein leiſes Klopfen an he rem Fenſter, und haſtig griff Lucie nach dem kleinen Paͤcktchen Waͤſche, das ſie mitzunehmen gedachte, und ſchlich leiſe hinunter in Garten⸗ Die Nacht war ſehr finſter. Duval ſchloß das zitternde Mädchen in ſeine Arme.— Leb' wohl, Lugie, ſtammelte erz mein Freund Ge⸗ orge bringt Dich nach Paris zu meinen Elternz ſobald meine Lehrzeit voruͤber iſt, ſehe ich Dich wieder. Grorge hob das zitternde Mädchen — — den bereitſtehenden Wagen, rollte ſchnell mit ihr davon, und Duval kehrte in ſein Stuͤbchen zuruͤck. Die Beſtuͤrzung der Eltern, beim Ver⸗ miſſen ihrer Tochter, war groß— vergebens indeß alle Nachforſchungen— vergebens aller Verdacht— Lugiens einziger Freund war Duval— und dieſer, das wußten ja Alle, war nicht aus dem Hauſe gekommen. Die Stiefmutter, die nun doch zum Theil ihren Willen, Lugien zu entfernen, erfuͤllt ſah, beruhigte ſich am erſten— und da nach einem Jahr Duval's Lehrzeit voruͤber war, verließ auch er das Haus, und kehrte nach Paris zu ſeinen Eltern, zu Lugien zuruͤck. Wie aber erſtaunte der Juͤngling, als er Lugien, das große, ſchone, bluͤhende Mädchen wiederſah!— Das reizende Kind war zur vollkommnen Jungfrau herangereift.— Mit ausgebreiteten Armen, mit dem Ruf: mein Freund, mein Retter, mein unausſprechlich ge⸗ liebter Duval! ſtuͤrzte die Holde an des Juͤng⸗ lings Bruſt— und zitternd, erröthend trat dieſer zurͤck— ihm duͤnkte es ein Frevel, den 172 —— — — 260— Kuß des ſchoͤnſten Mädchens annehmen zu ſollen!— Sein Auge hing mit unausſprechlichem Entzucken an ihrer edlen Geſtalt— er folgte mit trunkenen Blicken jeder ihrer Bewegun⸗ gen— er fuͤhlte, ein reizenderes Weſen gaͤb' es fuͤr ihn auf der Welt nicht mehr— aber er hatte nicht den Muth, ihr zu ſagen, wie unendlich ſchon er ſie faͤnd'— er wagte es nicht, ihre Hand zu faſſen; doch ſtreifte er von ohn⸗ gefaͤhr an ihr Kleid, ſo fuhr ein ſuͤßer durch ſein ganzes Weſen. Seine Eltern liebten Lucien wie ihr Kind— obgleich ihre Lebhaftigkeit, ihr Hang zu rauſchenden Vergnuͤgungen— ihre Sucht zu gefallen, ſie zum mit Sorge er⸗ fuͤllten. Endlich, nachdem die jungen Ste ein Jahr zuſammen waren, ſich täglich ſahen, ſich hundertmal ihre Liebe verſichert hatten, drangen die Eltern in Duval, dem Spiel, wie ſie es nannten, ein Ende zu machen, und ſich mit Lugien zu verheirathen. Aber Luie ſagte mit ſchmeichelnden Worten: Sie iſt ſo ſchoͤn, die erſte Zeit der jungen Liebe— wir Beide noch ſo jung— warum uns uͤbereilen? und Duval wagte nicht, etwas dawider einzureden. Da erſchien der Winter, und Hunderte von Luſtbarkeiten boten ſich nun Lugien dar, die ſie um ſo eher genießen zu köonnen gewiß glaubte, da ſie in Geſellſchaft ihres Braͤuti⸗ gam's uͤberall ſeyn konnte, wo ihr im vorigen Jahr der Anſtand verbot zu erſcheinen, da ſie al⸗ lein war. Lucie tanzte ſehr ſchon— und ſo war bald kein Ball in ihrer Bekanntſchaft, wozu das ſchone Maͤdchen nicht geladen worden waͤre. So ungern Duval in Geſellſchaft ging, er vermochte es nicht, den ſuͤßen Bitten der Geliebten etwas abzuſchlagen, und nun ſah er, der nie tanzte, wie Lugie, gleich einem Saphir, dahinſchwebte, wie ſich Alle um das holde Mädchen drängten— und wie ſie— gluͤhend vor Freude— ihn goͤnzlich uͤberſah, fuͤr jeden aber ihrer Tänzer ein unwiderſtehlich Lächeln hatte. S — 262— Grimmig ballte der Juͤngling die Häͤnde zuſammen— er zog die Stirn in důſtere Fal⸗ ten— wild rollte ſein Auge— immer roͤther brannte ſeine Wange, und oftmals kam er keu⸗ chend, athemlos allein zu Hauſe geſtürzt und ſchwur hoch und theuer, ſie nie wieder ſehen zu wollen, die er ſo grenzenlos liebe, und die ſein Leben zur Hölle machte. Lugie beruhigte ihn jedesmal ie aber die Mutter fing doch an den Kopf zu ſchuͤtteln, daß Lugie immer noch nichts von einer nähern Verbindung wiſſen wollte.— Da drang Duval einmal mit Ungeſtuͤm in ſie. Lugie, ſprach er, entweder Du wirſt mein Weib, oder ich muß fort von hier— ich liebe Dich bis zur Raſerei— entſcheide— und Lugie warf ſich mit Thränen an ſeine Bruſt. Böſer Menſch! rief ſie; Dir gnuͤgt nicht an meiner heißen Liebe— Du willſt mich qualen! Was thue ich, daß Dich beruhigen koͤnnte? Ich tanze gern— ich mag es gern, daß man mich auszeichnet, liegt darin wohl etwas Boͤſes? — 263— Genieße auch Du die Freuden der Jugend, und verſcheuche die duͤſtern Falten von der Stirn, die ich furchte— ich werde niemals Dich mit Eiferſucht quälen, und erwaͤhlſt Du auf Baͤllen Dir die ſchoͤnſten Mäͤdchen— ich weiß ja, daß Du mich treu liebſt, und hoͤher ſtelleſt, als Alle— aber Duval, laß auch mir die paar Jahre der Jugend— der Lenz eines Mädchens vergeht ohnedieß ſo geſchwind— bin ich ſo alt, wie Du jetzt, dann wird ſich vielleicht dieſe raſche Lebhaftigkeit gelegt haben— man⸗ ches Bild ſich vor meinem Auge anders geſtal⸗ ten, das mich jetzt mit ſeinem Glanz zur Freude ladet— Du magſt alsdann die ſtille, ehrbare Jungfrau zum Traualtar fuͤhren, und Dich an der Ernſthaftigkeit Deines jungen Wei⸗ bes ergotzen. Dießmal gelang es jedoch Lucien nicht, Duval'n zu beruhigen; er drang mit allem Feuer der Beredſamkeit in ſie, ihm ihre Ent⸗ ſcheidung geben zu ſollen.— Entweder Trau⸗ ung, Lucie! rief erz oder— ich reiſe. Und Lugie entſchied— fuͤr die Reiſe. Am andern Morgen war Duval fort— —z——— — ——— ——— „ ——— 2 die armen alten Eltern daruͤber untröſtlich. Sie ahndeten nur zu bald den Grund dieſer ſchnel⸗ len Reiſe, und überhaͤuften Lucien mit bittern Vorwuͤrfen. Die Mutter ward heftig, und Lugie, die gehört hatte, wie die junge, ſchone Herzogin von*eben in Paris ſey, und ein ge⸗ bildetes Maͤdchen ſuche, das bei ihr die Stelle einer Kammerjungfer einnehmen ſollte, meldete ſich ſofort bei dieſer, gefiel und ward ange⸗ nommen. Lugiens natuͤrlicher Verſtand und ein ho⸗ her Grad von Liebenswuͤrdigkeit, den ſie ſich, das ſchonſte Vorbild vor Augen habend, immer mehr und mehr anzueignen wußte, die uner⸗ muͤdete Aufmerkſamkeit, womit ſie ihre hohe Herrin zu behandeln verſtand, vor Allem aber der reine, ſchoͤne Dialekt, in dem ſie ſprach, beſtimmte die Letztere nur zu bald, Lugien den Antrag zu thun, ſie ſolle die Stelle einer franzöfiſchen Gouvernante bei Hortenſien uͤber⸗ nehmen. Das kam Lugien unerwartet! Solch ho⸗ hes Gluck hatte ſie ſich nicht träumen laſſen— ihr ſchwindelte vor dem ehrenvollen Antrag— das wohlthuendſte Gefuͤhl uͤbergoß ihre Wange mit einer Purpurgluth— aber ihr Stolz hieß ſie ihre Freude jedem fremden Auge ſorgſam verbergen— ſie kuͤßte mit tiefem Gefuͤhl der hohen Herrin ſchone Hand, und geſtand dieſer mit vor Freude bebender Stimme, wie ſie nur aus einer unuͤberwindlichen Neigung fuͤr Die⸗ ſelbe, ſich entſchloſſen habe, ihr ihre Dienſte anzubieten, weil ihr dieß die einzige Moͤglich⸗ keit geſchienen, ſtets um ſie, die ſie mit an⸗ betender Liebe und Ehrfurcht liebe, ſeyn zu duͤrfen. Die Herzogin heftete die ſchoͤnen Augen ge⸗ ruͤhrt auf Lucien.— Gutes Mädchen, lispelte ſie, Du wirſt dem Platz Ehre machen, fuͤr. welchen meine Liebe Dich warb, und— Ma⸗ demoiſelle Luqie Vernou kam als Gouvernante Hortenſiens hier an. Die Hetzogin, die bei unendlich viel gei⸗ ſtigen Vorzuͤgen dennoch eine große Vorliebe fuͤr Paris nicht bekaͤmpfen, und Alles, was ſie um und an ſich hatte, nur von dorther wiſſen wollte, ließ denn auch vor einem halben Jahre neue Meubles und Tapeten einkaufen, um den ſogenannten Fremdenflügel ihres Schloſſes neu meubliren zu laſſen. Zu gleicher Zeit befiehlt ſie, wie ein geſchickter Tapezier die verlangten Sachen begleiten ſolle, damit unter ſeiner Auf⸗ ſicht Alles gut hierher gelange, und hier verar⸗ beitet werde. Die beſtellten Sachen kommen an— mit ihnen Duval. Sey es nun, daß Lucie deſſen Ankunft gewuͤnſcht— ſey es, daß ſie ernſter, kluͤger geworden; genug, Duval betritt kaum ſein ihm angewieſenes S ſo ſtuͤrzt Lugie in ſeine Arme. O wie ſegnet nun der Juͤngling ſeinen Entſchluß, ihr nachgeeilt zu ſeyn! Wie ruͤhrend beſchwoͤrt er ſie, der huldvollen Herzogin ſofort ihr Verhaͤltniß zu entdecken— damit nach vollendeter Arbeit ſie vereinigt nach Paris zu⸗ ruͤckreiſen können! Lucie druͤckt den Bittenden an ihre liebe⸗ gluͤhende Bruſt.— Duval, ſpricht ſie, verlange nichts Un⸗ mogliches von mir— Du kennſt mein Verhält⸗ niß zu Hortenſien— um dieſer willen müſſen — 267— wir jetzt noch ſchweigen— vollende Deine Ar⸗ beit— erringe Dir die Zufriedenheit der Her⸗ zogin— bei Allem, was mir und Dir hheilig iſt, ich liebe Dich wahrhaft— aber ſchweige, bis der Zeitpunkt kommt, da ich nach Deiner vollbrachten Arbeit Dir folgen kann.— Und Duval ſchweigt— obgleich ſeine Lage, bei ſeinem Hange zur Eiferſucht, zu den Schreck⸗ lichſten gehoͤrte. Lugie aß mit der Prinzeß— Lucie fuhr mit ihr— Lugie tanzte auf den Bällen der Herzogin, und Duval? Hoͤchſtens war es ihm erlaubt, von weitem zuſehen zu duͤrfen, wie Lucie, das bildſchöne Mädchen, von den anweſenden Herren umflattert ward! Indeß nahm ſich Lugie zuſammen, und wie ſcharf auch Duvals Auge ſah— wie ſchluͤ⸗ pfrig der Boden war, auf welchem Lucie, durch die Verhältniſſe gezwungen, ſtand: Duval hatte keinen triftigen Grund, ſie irgend eines kleinen Fehlers zu beſchuldigen— gab es doch der ſuͤßen Momente ſo Viele, wo Lucie unbelauſcht und unbemerkt in Duvals Arme ſchluͤpfen konnte⸗ — 266— Da kam vor einigen Monaten Graf C. o, dem Lucie von Paris her bekannt, und deſſen Nachſtellungen ſie dort nur mit größ⸗ ter Muͤhe entgangen war. Er ſah ſie kaum, ſo richtete er einen lan⸗ gen, durchdringenden Blick auf das Mädchen, und Lucie ſchlägt erröthend das Auge nieder. Der Graf war in Paris gewoͤhnt, ſie als ein ſchlichtes Buͤrgermaͤdchen zu behandeln— er ſtimmte jetzt, dem Standpunkt angemeſſen, auf welchem er ſie hier fand, die Saiten hö⸗ her— er nannte ſie Mlle. de Vernou, und kußt ihr mit tiefer Ehrfurcht die Hand, wo er ſie ſonſt zutraulich an's Kinn gefaßt. Lugie fuͤhlt ſich geſchmeichelt, zittert aber, ſo oft ſie in des ſchoͤnen Mannes Nähe kommt— endlich aber gewinnt ſie Zutrauen, da ſie ſieht, wie die Achtung des Grafen ſich gegen ſie mehr und mehr erhöht; ſie glaubt am Ende, er habe ſie nicht wieder erkannt, ſo fremd, ſo fein be⸗ handelt ſie der Graf. Hortenſiens ganzer Tag war beinah aus⸗ ſchließend den Lehrſtunden gewidmetz dieß auch war es, welches die Sitte zu Wege gebracht, daß die Viſiten, die man der fungen Fuͤrſtin machte, nur waͤhrend der Eſſenszeit angenom⸗ men wurden.— Der ſchoͤne, geiſtreiche Graf fand ſich täglich um dieſe Zeit ein, und wuͤrzte durch ſeinen Witz, durch ſeine feine Unterhal⸗ tungsgabe das ganze Mahl. 4 Einmal traf es ſich, daß gerade ſehr viel uͤber eine Heirath geſprochen ward, welche der Baron St. mit einem Buͤrgermäͤdchen zu ſchlie⸗ ßen auf'm Punkt ſtand, als Graf C. 0 4 hereintrat. Helfen Sie mir! rief ihm das alte Fräu⸗ lein Bernwill, der Prinzeß Hofmeiſterin, ent⸗ gegen; helfen Sie mir, lieber Graf! der Ge⸗ heimerath nimmt des Barons Parthie, und ich ſinde es unverantwortlich, ganz abſcheulich, daß ein Mann von Bildung, von Verſtand, ſich ſo ſehr vergeſſen kann, durch ſolch eine Heirath ſeine ganze Familie zu beſchimpfen! Mein Fräulein, erwiedert der Graf mit verbindlichem Ton; ſo ſehr ich Ihrem ausge⸗ zeichneten Verſtand auch volle Gerechtigkeit wi⸗ derfahren laſſe, ſo muß ich doch in dieſem Punkt der Meinung des Geheimeraths beipflich⸗ * — — 270— ten. Glaubt nemlich der Baron Anſpruͤche auf Gluͤck machen zu duͤrfen, und welcher Menſch glaubte dieß nicht? ſo muß er auch ſtandhaft den Weg verfolgen, der zu dem fuͤhrt, was fuͤr ihn Gluͤck iſt. Er liebt das Maͤdchen. Er hat alle Be⸗ weiſe, daß auch ſie ihn liebt— waͤr' es nicht Raſerei von ihm, wenn er dem einzig⸗wahren Gluͤck, daß wiederum einzig in wahrer Liebe beſteht, entſagen wollte, weil ſeiner Geliebten ein Stammbaum, ein beruͤhmter Name fehlt? Und giebt es wohl auf der Welt einen aͤltern Stammbaum, als den der Tugend, der Schoͤn⸗ heit, der Liebe? Einen beruͤhmtern Ramen, als Geliebte, Gattin, Mutter?— O mein Fraͤulein, ich kenne den Baron nicht— aber ich achte, ich liebe ihn, um der Feſtigkeit wil⸗ len, mit welcher er alle Dämme der Convenienz durchbrach, um gluͤcklich zu ſeyn. Herr Graf! rief das Fraulein aufgebracht: Ihr Gluͤck, daß die Frau Herzogin, Ihre durch⸗ lauchtige Couſine, dieſe Grundſaͤtze in Ihnen nicht ahndet! Warum? fragte der Graf. Glauben Sie, — 271— mein Fräulein, es konne ein Menſch im Stande ſeyn, es hindern zu wollen, daß ich es heut' dem Baron nachthue? O wär' ich geliebt, wie der Baron, fuhr er mit Begeiſtrung fort, und ſein ſchmachten⸗ des Auge blickte einen Moment nach Lucien— ich wuͤrde, o glauben Sie mir, ich wuͤrde alle Schranken des alten Herkommens durchbrechen— und muͤßte ich mit dem Gegenſtand meiner Liebe in einen andern Welttheil entfliehen— ich wuͤrde freudig Allem entſagen— nur mei⸗ ner Liebe nicht!— Eine minutenlange Pauſe folgte dieſem Ausruf. Das alte Fräulein war um Hortenſiens willen hochſt verlegen, dem Geſprach dieſe Wen⸗ dung gegeben zu haben— der Graf ſchien in Nachdenken verſunken, und Lucie—* Mit pochender Bruſt, mit gluͤhenden Wangen, mit niedergeſchlagenen Augen ſaß ſie da— ſie hatte die brennenden Blicke wohl ge⸗ ſehen, mit welchen der Graf während ſeiner Rede ſie faſt verſchlang.— Seine Grundſaͤtze, die er ſo frei offenbarte, ſeine Aufmerkſamkeit —— ee auf ſie, ſeine gluͤhenden, zaͤrtlichen Blicke!— Nein, nein, es war kein Zweifel— der Graf, der ſchoͤne, reiche, gefeierte Graf liebt ſie! Mit groͤßter Muͤhe nur errang ſie Faſſung bei Tiſch— es koſtete ſie alle Anſtrengung ih⸗ rer Krafte, ſo viel Ruhe zu erringen, daß nicht Jedermann ihre Gefuͤhle errathen moͤchte— ſie beeilte ſich, nach aufgehobener Tafel auf ihr Zimmer zu eilen.— Dort angelangt, ſindet ſie ſich den widerſtrebendſten Empfindungen preis⸗ gegeben. Ach, ſo unendlich viel Reiz fuͤr ſie in dem ſtolzen Bewußtſeyn liegt, ſich von dem Grafen geliebt zu wiſſen— darf ſie ſeiner Liebe ſich freuen? Darf ſie jemals ein Geſtaͤndniß von ihm anhoͤren?— Ach! iſt ſie nicht durch ihre thörigen Schwuͤre auf ewig an Duval ge⸗ feſſelt? Da kam der Graf, um ſie zu einer Ue⸗ berraſchung einzuladen, die es der geliebten Herzogin gelten ſollte.— Still, ſtill, da hin⸗ ab durch den Garten im Park, ſprach er— und Lugie war ſchwach genug, ihm zu glau⸗ ben, ihm zu folgen, als er ſie die entlegen⸗ —— 5 ſten Gaͤnge zum dunklen Park fuͤhrt— noch nie war ſie mit ihm allein geweſen, zitternd windet ſie ſich mit ihm durch's dicht verwach⸗ ſene Gebuͤſch— hier endlich, umſchattet von finſtern, alten Eichen, in halber Dämmerung, weit genug vom Schloß, daß Niemand ſie hö⸗ ren, Niemand ſie ſehen kann, ſtuͤrzt der Graf vor ihr auf die Kniee, und ſchwoͤrt, daß ſie ihn hoͤren muͤſſe— daß er ſie voll gluͤhender Liebe anbete. Großer Gott! ruft Lugie; ſie will ent⸗ fliehen— umſonſt! Der Graf umfaßt ihre Kniee, er bittet— er beſchwort— das große, dunkle Auge blickt durch Thraͤnen auf die Ge⸗ liebte, und Lugie— ſinkt mit einem Strom von Thraͤnen an ſeine Bruſt. Voll unausſprechlichem Entzücken dringt nun der Graf in ſie, ſie oͤfterer allein ſehen zu wollen— Lugie wagt es nicht, ihm ihr Verhaͤltniß zu Duval zu geſtehen, aus Scham, daß der Graf es laͤcherlich finden möchte.— Endlich, da die ſuͤße, verfuͤhreriſche Stimme nicht nachlaͤßt mit Bitten, verſpricht Lucie, ihm II. 18 ———— — 274— ein Zeichen geben zu wollen, wenn ſie ihn ſpre⸗ chen kann. Das Zeichen wird gegeben und verſtan⸗ den— ſie ſehen ſich und ſprechen ſich oft, und immer will Lugie Duvals Namen nennenz doch immer verſiegelt die Scham ihre Lippen⸗ Eines Tages ſteht Lugie mit Hortenſien auf'm Balkon, als der Graf ausreiten will. Als er eben in ſeiner knappen, reichgeſtick⸗ ten Jagdpiqueſche zu Pferde ſteigt, kommt Du⸗ val im ſchmutzigen Oberrock aus der Herzogin Palais, wo er gearbeitet ſe„und in ſeine Wohnung gehen. He! mein Freund! ruft der Graf, ſchnalle Er mir doch einmal den Buͤgel kurzer!— und Duval gehorcht, indeß der Graf den Damen vom Pferde hinauf Kuͤſſe zuwirft. Lucie ſteht wie vernichtet; ſie fuͤhlt ſich durch Duvals bereitwilligen Gehorſam gedemuͤ⸗ thigt— ſie haßt ihn um ſeiner einfaͤltigen Be⸗ reitwilligkeit— und als er nun den Befehl des Grafen erfuͤllt, wirft dieſer ihm ein Goldſtuͤck zu.— Nun kann ſich Lucie nicht mehr hal⸗ — ten, ſie ſchwankt ins Zimmer, ſie zittert heftig, ſie wagt nicht, die ſtolze, ſchone Geſtalt des Grafen mit Duvals knechtiſcher Demuth zu ver⸗ gleichen— ſie kann den Gedanken nicht faſſen, daß auch nur eine Seele ihr Verhältniß mit Duval ahnden ſolle— ſie ſchaͤmt ſich ſeiner— nein, ſie kann, ohne zu errdthen, der Thor⸗ heit, ihm Liebe gelobt zu haben, nicht ge⸗ denken— ſie ſitzt in finſtern Traͤumereien ver⸗ ſunken— immer ſtellt ſich das Bild des Gra⸗ fen ihrem geiſtigen Auge als das Ideal aller Vollkommenheit;— Duval dagegen? O Him⸗ mel! er taugt nicht zu des Grafen Schatten!— Froſt und Hitze wechſeln in ihrem Innern; ſie fährt zuſammen, als ſie endlich Abends des Grafen Stimme in den Appartements der Prin⸗ zeſſin hort.— Sie will auf ihr Zimmer eilenz ſe kann nicht fort— da tritt der Graf hinter ihren Stuhl und ſchmeichelt leiſe: Lucie, um zehn Uhr auf Ihrem Zimmer, nur einen Moment!— Erbleichend wendet ſich Lugie— ſie will rufen: Um Gotteswillen nicht!— Aber der 18* Graf iſt verſchwunden. In unnennbarer Angſt klopft des Maͤdchens Herz— ihre Sinne wir⸗ ren ſich— o Himmel! was ſoll ſie beginnen? Da ſchlägt es halb zehn Uhr.— Gott, denkt ſie, wenn Duval—! Der Gedanke macht das Blut zu Eis gefrieren in ihren Adern— ſie mag nicht an ihn denken— ſie kann es nicht— ſie haßt ihn— aber der Graf iſt denn doch zu gefährlich— ſie muß auch ihm ent⸗ fliehen, wie dem gehaßten Duval— ſchnell eilt ſie daher auf ihr Zimmer— eilig ſchließt ſie hinter ſich zu— voll namenloſer Seelenangſt wankt ſie in ihr Schlafkabinet— dem Sopha zueilend taumelt ſie in die Arme des Grafen, der fruͤher als ſie zur Thuͤr herein geſchli⸗ chen war. Den leiſen Schreckenslaut, der Lugiens Lippen entfliehen will— erſticken des Grafen gluͤhende Kuͤſſe; ſie wendet ſich ab von ihm— ſie ſtößt ihn zuruͤck— in namenloſem Schmerz ſinkt ſie auf's Sopha— der Graf bot alle Kuͤnſte der Beredſamkeit auf, und— Duvals Gluͤck ging auf ewig unter⸗ — 1* — 21— Von dieſem Augenblick an ward Lucie kaͤl⸗. ter gegen Duval— des Grafen Gluthgefühl hatte jede fruͤhere Empfindung in ihr vertilgt— ſie wußte nun, daß ſie den Letztern mit heißer, gluͤhender, unendlicher Leidenſchaft liebe— daß ſie mit gleicher Liebe geliebt wuͤrde, hatte ihr ja der Graf knieend geſchworen.— Jetzt rech⸗ nete ſie auf Duvals Edelmuth— ſie wollte ihm ihr Geheimniß anvertrauen— ſie wollte ihm des Grafen Liebe zu ihr entdecken, und ihm ſagen, welche herrliche Ausſichten ſich ihr bei des Grafen Grundſaͤtzen oͤffneten.— So feſt ſie jedoch uͤberzeugt war, es wuͤrde ihr gelingen, den gluͤhenden Liebhaber Duval in ihren Freund zu verwandeln— ſo fuͤhlte ſie doch nur zu gut, wie ſchwierig der Schritt war, den ſie zu thun im Begriff ſtand, und mit welcher Zartheit die Sache von allen Seiten angegriffen ſeyn wollt', daß auch der Graf nicht compromittirt werde. Ihr Zuſtand ward peinlicher, je weniger ſie ſich beeilte, ſich mit Duval zu verſtaͤndigen. Der Graf behandelte ſie ſeit jenem Abend mit —— — 278— einer faſt ruckſichtsloſen Vertraulichkeit, die oft⸗ mals verletzend fuͤr ſie ward, da des alten Fräulein Bernwill's Blicke nur zu deutlich ſagten, man ahnde den Grund Vertrau⸗ lichkeit. Zudem hatte ſie nicht mehr den Muth ihr Zimmer zu verlaſſen, weil Duval ihr uͤberall auflauerte, um ſie zu ſprechen— immer ſchuͤt⸗ telt ſie verneinend den Kopf, wenn Duval aus der Ferne ihr das bekannte Zeichen gab, ſie dieſen Abend ſehen zu wollen. Endlich kommt ſie eines Abends aus den Appartements der Herzogin, die Augen voll Thraͤnen— die Bruſt zerriſſen von dem guälendſten Schmerz der fuͤrchterlichſten Eiferſucht. Eine junge Dame aus der Nachbarſchaft war den Abend in der Aſſemblee, und Lucie muß ſich ſelbſt geſtehen, ein geiſtreicheres, ſchoͤneres, liebenswuͤrdigeres Mädchen nie geſehen zu haben— Graf C. hatte nur Augen fuͤr die neue, glänzende Er⸗ ſcheinung; ſeine ganze Aufmerkſamkeit, ſein un⸗ ermuͤdliches Beſtreben zu gefallen, ging nur auf ſie. Vergebens hatte Lugie ſich ihm einigemal — —— — 279— genaͤhert— vergebens mit dieſer oder jener Frage das Geſpräch zu unterbrechen geſucht— der Graf ſah ſie mit einem kalten, ſtolzen Blick fragend an— und ſetzte ſein Geſpraͤch mit der jungen Dame fort. Lugie riß die Blumen aus ihrem Ha— ſie warf das ſchone Kleid von ſich— mit Schaudern trat ſie vom Spiegel zuruͤck, als ſie ihre von Schmerz und Wuth entſtellten Zuͤge darin erblickte. Sie brach in lautes Schluchzen aus— mit raſchen Schritten, als wolle ſie ihrem Gefuͤhl entlaufen, ging ſie im Zimmer auf und ab—— da ſchlich es leiſe uͤber'n Corridor.— Waͤr's moglich, denkt ſie, der Graf!— O Gott, der Graf kommt mich zu verſohnen!— Mit unausſprechlicher Sehnſucht blickt ſie der Thuͤr— ihr Buſen arbeitet heftig— alle Pulſe fiebernd— da offnet ſich die Thuͤr— voll Entzuͤcken ſturzt ſie ihm entgegen— und ſiuͤrzt— in 6 Arme. at Ihre Situation war fuͤrchterlich— ſie barg das gluͤhende Geſicht ins Sopha— ſie wollte ſich ſammeln, um ruhig mit Duval ſpre⸗ chen zu koͤnnen— ſie vermochte es nicht— ein tiefer, ſchmerzlicher Seufzer arbeitete ſich muͤhſam vom zerriſſenen Herzen los, und halb bewußtlos ſank ſie von Neuem in Duvals Arme. Ern Meine Lugie, ſprach endlich dieſerz meine ſuͤße, himmliſche Lugie, Du biſt uͤberraſcht, daß ich ſo ſpaͤt zu Dir komme— vielleicht, weil ich im tiefen Negligee Dich treffe! O wuͤß⸗ teſt Du, Lugie, wie unaus ſprechlich ſchon Du in dieſem biſt!— Doch vergieb!— Zuͤrne mir nicht! O Lucie, die Freude macht mich zum Gott— meine Arbeit iſt vollendet! Mor⸗ gen ſieht die Herzogin Alles— belohnt mich fuͤrſtlich und dann— o dann kehren wir ver⸗ eint in die Arme der geliebten Eltern zuruͤck.— Sieh', Lugie, dieſe Nachricht konnte ich Dir nicht länger vorenthalten— ich ſehe Dich jetzt ſo wenig— ach, ſo lange genoß ich die Götter⸗ wonne des Alleinſeyns mit Dir nicht— da mußte ich ſchon etwas wagen, und darum be⸗ ſucht ich mein Bräutchen noch tief in der Racht⸗ —— — 28 Voll entſetzlichem Schmerz windet Lucie ſich aus ſeinen Armen los— voll Verzweiflung ringt ſie die Hände— das todtbleiche Geſicht— die ſtarren Augen heften ſich an's Getäfle des Fußbodens— eine lange, furchtbare Pauſe tritt ein— da fragt Duval mit leiſer, beben⸗ der Stimme: Was iſt Dir, Lucie? Du liebſt mich doch? Und als Lugie immer noch bewegungslos ſitzt, faßt Duval ſie mit rollenden Aug' wild beim Arm.— Lucie ruft er, und wie mur⸗ melnder Donner loͤſen die Worte des muͤhſam unterdruͤckten Grimmes ſich vom erſchuͤtterten Herzen— Lugie, rede, was iſt Dir? Liebſt Du mich? Und darf ich nun endlich mit der Herzogin ſprechen? 7 Da kömmt Lucie zu ſich ſelbſt, und er⸗ ſchrickt vor Duval's wilder Geberde, vor ſeinem lauten Sprechen, das in Hortenſiens Simmern gehoͤrt werden kann, da ſie dicht neben dieſen wohnt— ſie bittet Duval'n zu ſchweigen— ſie druͤckt ihm die zitternde, kalte Hand auf die Lippen— ſie will ſprechen— doch — 28— Duval fragt mit gräßlicher Kaͤlte: Lucie, zum letztenmal, ſoll ich morgen mit der Herzogin ſprechen oder nicht?— Lucie ſchaudert zuſammen— doch um den ihr jetzt ſchrecklich erſcheinenden Juͤngling ſchnell von ſich zu entfernen, ſpricht ſie in namenloſer Angſt: Ja Duval, lieber Duval, thue das— thue was Du willſt— aber ver⸗ laß mich jetzt— o Duval, wenn Du Mit⸗ leid haſt, verlaß mich jetzt— ich fühle mich ſo krank— ſo angegriffen!— O Gott— zum Tode krank!— Geh' nur jetzt— Du⸗ val— laß mich allein. Duval wirft einen ei fuͤrchterlichen Blick auf ſie, und geht.— Lugie ſchließt die Nacht kein Auge, tau⸗ ſend Gedanken zermartern ihr Gehirn, tauſend ſchmerzliche Gefuͤhle ihre Bruſt. Liebt mich der Graf wirklich, denkt ſie, wie wuͤrde er es jemals vergeben konnen, daß ich mit Duval— mit einem gemeinen Menſchen, in irgend einem Verhältniß geſtanden?! Nein hier ſteht Alles auf'm Spiel— Duval und — der Graf! Himmel, welch ein Unterſchied! Verſtund und Herz neigt ſich dem Letztern zu— Verſtand und Herz heißt mich das große Wagſtuͤck beginnen— entweder Alles ge⸗ wonnen— oder Alles verloren— die Wuͤrfel find in meinen Händen— der Wurf muß gluͤcken, der Graf darf nie ahnden, daß ich einen Andern, als ihn, jemals geliebt habe. Sehr fruͤh am Morgen ſchmuͤckt ſich Lucie mit allem Glanz— ſie ſtuͤrzt in der Herzogin Schlafgemach, ſie wirft ſich vor dem Bett auf die Kniee. Ew. Durchlaucht! ruft ſie mit zitternder, banger Stimme— Ew. Durchlaucht, retten Sie mich! Schutzen Sie mich!— Ent⸗ fernen Sie mich von hier, ſchnell, ſehr ſchnell⸗ bevor ein Ungluͤck geſchieht!— Schon laͤngſt fiel der ſtille Truͤbfinn des pariſer Tapeziers Mehreren auf, und auch Ew⸗ Durchlaucht geruhten vor einiger Zeit die Be⸗ merkung zu machen: wie der junge Mann einem ſtillen Wahnfinnigen gleiche— ach, Ew. Durch⸗ laucht! Er iſt wahnfinnig! Er bildet ſich ein, mich zu lieben, von mir geliebt zu ſeyn— jetzt will er mich gar heirathen!— O Ew. Durchlaucht— retten Sie mich!— O retten Sie mich vor dieſem Menſchen!— Sey ruhig, meine gute Vernou! ſprach die huldvolle Herzogin; Du ſtehſt unter mei⸗ nem Schutz— Dir ſoll kein Leid zugefügt werden. Aber Du bleibſt hier bei mir— nicht fort ſollſt Du— doch er ſoll es— ohnedem ſagte man mir geſtern, daß ſeine Arbeit voll⸗ endet iſt— geh' auf Dein Zimmer— und verlaß es nicht eher, bis der Ungluͤckliche ent⸗ fernt iſt— ich werde Sorge tragen, daß dieß ſogleich geſchehe.— Geh' jetzt, mein gutes Kind.— Lucie ging— aber alle Furien mit ihr. Als zum Fruͤhſtuͤck ſich Alles bei der Her⸗ zogin verſammelt hatte, ward der junge Tape⸗ zier Duval gemeldet. Die Herzogin hatte be⸗ reits den Vorfall ihren Gäſten mitgetheilt— man bedauert den fleißigen, talentvollen, jun⸗ gen Mann allgemein— nur Graf C. ſchuͤt⸗ telt zweifelnd den Kopf.— Richt moglich! ruft erz es iſt nicht ſo!— Mit Waͤrme bittet er ſeine Couſine, den jungen Mann vor ſich zu laſſen— und ſeinen Antrag wenig⸗ ſtens zu hoͤren. Bald pflichten mehrere Stimmen ihm bei— und die Herzogin ſetzt, mit einem kleinen Schauer, ſich hinter die anweſen⸗ den Herrn und Damen— und— Duval tritt ein Mit ruhiger Wuͤrde ſagt er, wie ſeine Arbeit nun vollendet— und zwar— wie er gewiß glaube— zu aller Zufriedenheit— dann bittet er, wo moͤglich ſeiner baldigen Ruͤckkehr nach Paris nichts mehr in den Weg zu legen— und endlich entdeckt er mit höchſt ruͤhrenden Worten ſeine hohe, reine Liebe zu Lucien. Die Herzogin lächelt mit einem ver⸗ legenen Geſicht.— Endlich ſagt ſie ihm, wie er, ſobald er wolle, abreiſen koͤnne— daß er ihre volle Zufriedenheit mit ſich nehme— daß aber Lucie ſich unter ih⸗ ren Schutz begeben— daß dieſe ihr bereits Alles geſagt— und wie dafuͤr geſorgt wer⸗ 19 ——————— — den ſolle, daß er noch heut' mon 3o ver⸗ laſſen konne⸗ Duval ſieht ſtarr auf die Szuchente— ſeine Mienen verrathen deutlich, er verſtehe kein Wort von dem Geſagten.— Endlich, aufgemuntert durch des Grafen Ausruf: Mademoiſelle Lucie muͤßte hier gegen⸗ wärtig ſeyn— ſie allein muͤßte entſcheiden, wirft er ſich der Herzogin zu Fuͤßen, und beſchwort fie mit thraͤnendem Aug', Lucien rufen zu laſſen. Auf der Herrin Befehl tritt endlich dieſe bleich und zitternd herein— ihr ſchoͤner Blick vermag es nicht, auf dem Ungluͤcklichen zu haf⸗ ten.— Da ſagt ſeine ruͤhrende Stimme: O, Lugie, ich bitte Dich, o ſage ſelbſt, wie lange, wie innig wir uns ſchon lieben! Wie unzaͤhlig oft ich Dir— Du mir die heiligſte Treue geſchworen! Wie noch in der verwichenen Nacht— auf Deinem Zimmer Du mir ver⸗ ſprochen, bald— ja heut' noch mit mir nach Paris reiſen zu wollen.— Voll entſetzlicher Angſt hebt Lugie bei S dieſen Worten ihren Blick— und ſehend, wie des Grafen blitzendes Augenpaar— wie ein ſpottiſches Lächeln durchdringend auf ihr ruht— ſturzt ſie ſich zu der Herzogin Fuͤßen, und ruft laut und verzweifelnd: Er iſt wahnſinnig! O retten mich Ew. Durchlaucht! Ich kenne ihn nicht, ich lieb' ihn nicht! Ich hab' ihn nie geliebt!— Da faͤhrt ein graßlicher Schmerz durch Duvals Seele— erſtarrt und bleich ſteht er da— er muͤht ſich reden zu können— er kann es nicht— der furchtbare Schmerz, der ſeine Sinne wirrt, raubt ihm die Kraft, ſich ausſprechen zu koͤnnen— er heftet die ſtieren Augen feſt auf Lugien— ſeine Bruſt arbeitet heftig— ſeine Haͤnde ballen ſich feſt zuſammen. Mit Todesangſt giebt ihm die den Befehl, ſich zu entfernen. Der Kammerdiener muß ihn wegfuͤhren, denn Duval iſt beſinnungslos.— Man bringt ihn auf ſein Zimmer. Da ſitzt er ſtumm und bleich— er ißt nicht— er trinkt nicht— bewegungslos, ſtumm und 10 bleich ſitzt er den ganzen Tag.— Endlich am andern Tag ſcheint er ſich zu beſinnen; er ſteht auf und naͤhert ſich ſeinem Schreibtiſch— irrig lächelnd greift er nach einer Brieftaſche, er holt ein kleines Bild daraus hervor, und haͤlt es mechaniſch dem Kammerdiener hin.— Ja, ſagt dieſer; guter, armer Duval, ich kenne dieß wohl— es iſt Mlle. Lucie, ich ſah ihr Bild ſchon beim Herrn Grafen. Kaum hat er die ungluͤcklichen Worte ge⸗ ſprochen— als mit einem entſetzlichen Lachen ſich Duvals ganzes Geſicht verzerrt. Seine lang verhaltene Wuth bricht fuͤrchterlich aus— er ſtuͤrzt durch die Kuͤche, wo er eine Axt ergreift, nach Hortenſiens Zimmer— dort glaubte er Lugien und den Grafen zu finden— und wuͤrde ohnfehlbar Dieſe oder Jenen ſeinem Grimm ge⸗ opfert haben, wäre er nicht mit dem Fuß an einem Teppich hängen geblieben und geſtuͤrzt— worauf man ſich ſogleich ſeiner bemaͤchtigte, und ihn, deſſen Raſerei nun zum volligen Ausbruch kam, auf ſeinem Zimmer gebunden einſchloß. Der Graf beurlaubte ſich bei der Herzogin; 2 er gab eine kleine, hoͤchſt dringende Reiſe vor; zuvor aber ſprach er zu Lucien: „Sie entledigen ſich Ihrer Anbeter auf eine „grauſame Art, Mademoiſelle! Sie verleugnen „den jungen, ſchoͤnen Mann, mit dem Sie, wie „man gehoͤrt, ſchon halb und halb am Altar ge⸗ „ſtanden— was wuͤrden Sie wohl mit mir ma⸗ „chen, wenn ich nicht kluglich mich ſelbſt zuruͤckzög 2 „Seyn Sie in Zukunft weniger guͤtig ge⸗ „9en Ihre Liebhaber— ſo wird die allzugroße „Strenge nachher nicht noͤthig ſeyn.“ Lugie bot ihren ganzen Stolz, ihre ganze Kraft auf— aber das Lachen mißlang, das ſie dem Grafen nachſchicken wollte— kraftlos ſank ſie in ſich ſelbſt zuſammen. Teufel! ſtohnte ſie, als der Graf vom Hofe fuhr. Sie zwang ſich, an der Tafel der Prinzeß ruhig zu erſcheinen, obgleich eine ganze Hölle in ihrem Buſen wuͤthete. Der Schlaf floh ihr Auge— ſie irrte im Traum, und traͤumte im Wachen— da fuhr ein Wagen vor. Man bringt ihn weg! ſchrie die Kammer⸗ frau, und Lugie wankt zum Fenſter. ——— — Viele Wächter brachten den Unglucklichen in Ketten feſt geſchloſſen. Seine Stirn, ſeine Hände bluteten von dem ſchweren Eiſen. Man hob ihn in Wagen— da ſah ſein irres Auge in die Höhe, und Lucie fuhr voll Entſetzen vom Fenſter zuruͤck. Schleud're Deine Blitze auf mich herab! rief ſie; Herr Gott im Himmel! Raͤche den Ungluͤcklichen, deſſen bluthenvolles Daſeyn ich durch eine gräͤßliche Tauſchung auf ewig vergiftete. Sie riß ſich die Bruſt auf, und ſtieß tief den Dolch in ihr Herz, ehe es die dabeiſtehende Kammerfrau verhindern konnte. St. Nelly. ——————— N * S 2———— . ——