—— —— ——— Leihbiblivthet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 6enard Ottmunn in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Ceih und geſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ t pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eins Buches, eie em Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4. Abonnment. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: f für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: Seee auf 1 Monat: TW— P. N V 3 5. Auswärtige Ahonnenren haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer jumn Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausieihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ſtehen haben. * Jugendbilder 6 4 von St. Nelly. . Herausgegeben 5 von Fanny Tarnow. 5 Bei Chriſtian Ernſt Kollmann. Vorwort. —— Eine um die Erziehung und den Un⸗ terhalt ihrer drei liebenswuͤrdigen Kinder eben ſo zaͤrtlich als ſchmerzlich bekuͤmmerte Mutter hat dieſe beiden Erzaͤhlungen mit einem Vertrauen in meine Hand gelegt, das den lebhaften Wunſch in mir er⸗ zeugt hat, ſie mit etwas beſſerem, als eben nur mit dem Wunſch ausſtatten zu koͤnnen, daß ſie viele freundliche und nach⸗ ſichtige Leſer und Leſerinnen finden moͤ⸗ gen.— Man vergoͤnne mir hier, aus einer meiner eignen Erzaͤhlungen einige Worte anfuͤhren zu duͤrfen, in denen der Wunſch— die Bitte und die Hoffnung, 8 mit denen ich dieſe Blaͤtter dem Publikum uͤbergebe, ausgeſprochen ſind: „Ein hochgeiſtiges Leben iſt fuͤr uns „Frauen immer ein kraͤnkelndes, und meine „eigne Erfahrung, ſo wie die Beobach⸗ „tungen, die ich zu machen Gelegenheit „fand, haben mich uͤberzeugt, daß das „eben einer: Schriftſtellerin oder einer „Kuͤnſtlerin, faſt ohne Ausnahme, vom „Druck der Unnatur verkuͤmmert wird. „Vor der Göttlichkeit des aͤchten Dichter⸗ berufes muß freilich die Anforderung je⸗ „Nes irdiſchen Verhaͤltniſſes verſchwinden; allein die Ratur macht oft in einem Jahrtauſend nur eine Ausnahme im weib⸗ lichen Geſchlecht, und dieſe mag denn „Freilich, wie es z. B. bei Frau von „Stael der Fall war, als Ausnahme gel⸗ zten. Der Mann darf die Liebe, er darf Gatten⸗ und Vaterfteude, den Frie⸗ „den ſchoͤner Haͤnslichkeit, der Kunſt „oder auch ſeinem Beruf als Staatsdiener „opfern, und doch wird das Verhältniß, „„welches ihm ein ſolches Opfer abfordert, 5„immer nur ein ſtrenges und ungewohn⸗ „liches ſeyn; allein den Frauen giebt die „ſelbſtſchoͤpferiſche Genieskraft, die dieſe zur „genialiſchen Einheit verbindet, und damit „iſt auch dem verkuͤnſtelten Kuͤnſtlerleben, „dem jetzt ſo viele Franen nachſtreben, —„das Urtheil geſprochen. Ein andres aber „iſt es, wo das Schickſal eine Frau mit „allen Anſpruͤchen ihres Herzens auf Gluͤck, „zur Reſignation beſtimmt hat— wo das „Grab vielleicht ihre iebe deckt und die heili⸗ ge Treue ihres Herzens ſie ohne ein aͤußres „kirchliches Geluͤbde zur Nonne weihete— „oder wo ſie ihres Talentes bedarf, ſich ſelbſt „und ihrer Familie das Rothduͤrftige zu er⸗ „werben—: da werde ihr die Gunſt eines „ſchonenden, nachſichtigen Urtheils zu Theil, b. „und der Wunſch, daß es der Poeſie ge⸗ „lingen moͤge, dem Dornenkranz, den ſie „traͤgt, die ſcharfen Spitzen zu nehmen, und „ihr die dunklen Trauerſtunden ſchmetzlicher „Sorge zu erhellen. Doch ihr ſelbſt gelte „die Schriftſtellerei in ſolcher Lage nur fuͤr „einen Nothbehelf, denn jeder Standpunkt „im leben, der ihr haͤusliche Thaͤtigkeit, Regſamkeit fuͤr Andre, Fleiß, Verborgen⸗ „heit, Beſchraͤnkung auf einen kleinen Kreis 3„ſichert, wird dem Frieden ihres Herzens, „ihrer Ruhe und ihrem Gluͤck ſtets heilſamer „ſeyn und bleiben, als es irgend eine Art „von literariſcher oder kunſtleriſcher Be⸗ „ruͤhmtheit zu werden vermag.“ Dresden, den 5. Sept. 1827. Fanny Tarnon. Das Alpenroslein. C Ich mußte einen Freudenſprung machen. Weiß der Himmel, das beſeligende Gefuͤhl, eine mühvolle, doch gerechte Sache gut durch⸗ gefuͤhrt zu haben, ſchwellte meine Bruſt und drohte mein Inneres zu zerſprengen. Noch einmal griff ich nach dem Briefe des alten, wackern General's— Ja, ja es iſt richtig, ganz richtig, es trifft Alles zu, wie „ ich es geſtern in meinen ſeligſten Traum kaum zu hoffen wagte, ich ſehe es vor mir, ſchwarz auf weiß, es iſt nicht anders. 1* den hellen Kriſtallbecher voll des köſtlich duf⸗ tenden Rheinweins, und langte meinem wak⸗ kern Kilian, der uͤber all' die Viktoria und Halleluja's, welche ſo deutlich aus meinen Ge⸗ ſichtszugen hervorleuchten mochten, laͤngſt voll Verwund'rung nach mir geſchaut hatte, auch eine Flaſche zu. Trink, rief ich voll Entzuk⸗ ken, dem in ſcheuer Ehrfurcht zuruͤckweichenden freundlich nickend; trink alter Junge, und freue Dich heut', freue Dich des Lebens heut', denn der Himmel hat mir eine That gelingen laſ⸗ ſen, aus welcher, will's Gott, nichts als Heil und Seegen quellen ſoll. Ich war aufgeſprungen vom Stuhl, und hatte in frendiger Bewegung einen beſtaͤubten Aktenſtoß über'n Haufen gerannt, den Kilian von ſeinem Drehſtuhl herüber, kunſtgewandt, doch vergeblich, mit dem linken Fuße aufzuhal⸗ ten ſtrebte, indeß die Rechte gierig nach der ihm dargereichten Flaſche griff, und ein Freu⸗ denlaut ſeinen trocknen Lippen entſchwebte. Der Und im Uebermaas meiner Freude goß ich Griff verſetzte ihn ſchnell aus einer wag'rechten in eine ſenkrechte Linie, der Drehſtuhl glitt aus unter ihm, und begrub ihn plötzlich unter die am Boden liegenden Akten. Der Frendenruf ward zum Schmerzenslaut, als das Blut der gequetſchten Naſe entquoll, und ich den vollen Becher leerte, um den Strom zu ſtillen. Der Oheim trat ins Zimmer. Ei, ei, was geht hier vor? fragte er, voll Verwunderung und Bedauern ſeinen alten Lieblingsſchreiber naher tretend, und einen Blick voll des höchſten Erſtaunens auf die durch einander geworfenen Akten werfend. Was geht hier vor, Neffe? Was treibſt Du? und welch' ein Unfall iſt meinem Kilian zugeſtoßen? Ein ganz unbedeutender, hochgeehrter Herr Patron und Gönner! wisperte, ſich beſchämt aufraffend, die Weinflaſche ſorgſam verbergend, der wackre Schreiber; der junge Herr haben, er blickte verlegen nach dem alten Herrn und 3 — brach ſchüchtern ab, als er deſſen verduͤſtert Geſicht ſah; das heißt, verbeſſerte er, ich ha⸗ be— er huſtete und raͤusperte ſich, denn mein Lachen brachte ihn aus der Faſſung.— Nun, fuhr der Oheim mit polternder Stimme fort, was haſt Du?— Ich ergriff des fragenden Hand, und führte ihn zum Schreibpult, wo des Generals Brief lag. Werfen Sie hierher einen Blick, lieber, theurer Oheim, ſprach ich, und gönnen Sie uns die Freude, die wohl nur um deswillen beinah verderblich für Kilian geworden war', weil ſie ſo ſelten bei ihm einkehrt.— Der Oheim uͤberſchaute mit ſchnellem Blick das Papier, dann warf er das ſich befeuch⸗ tende Auge zum Himmel— Gott Lob! rief er mit freudigem Jauchzen!— Viktoria, lieber Neffe! Es iſt ein Meiſterſtüͤck, das uns gelun⸗ gen, und das Gelingen bringt Dich ſchnell der* Erfüllung Deines Lieblingswunſches nah.— Packe nun ſo ſchnell Du kannſt— Du mußt — nuun fort, eilig fort, wenn der General nicht eine nutzloſe Reiſe machen ſoll— Du mußt ihm zuvor kommen. Ach, wie beneide ich Dich um das Gluͤck, des alten theuern Freundes ſo langjaͤhrigen Kummer mit Einemmal auflöſen zu können! Wie um die Seligkeit, ſeine Freu⸗ denthraͤnen zuerſt ſchauen zu können!— Du wirſt ihn ſehen, Neffe, den biedern, vortrefflichen Mann, dem das Geſchick ein ſo ſchweres Joch auferlegte. Und die ſchöne, ſanfte Frau mit dem Engelsangeſicht, das der Ver⸗ tuſt ihres einzigen Sohnes mit ſolch einem unbeſchreiblich ruͤhrenden Schmerzenszug uͤber⸗ hauchte. Du wirſt durch Deine Nachrichten den Schmerz auf ewig von ihr ſcheuchen, denn ſieh, mein Sohn, ſetzte er ſelig laͤchelnd hin⸗ zu, er lebt, den die Eltern ſo lange als todt oder verloren beweint, und das, das iſt meine Entdeckung und der Theil, den ich an den Freu⸗ denthraͤnen der theuern Familie habe!— er lebt!— ihr Schmerz wird ſich in Freude ver⸗ wandeln, und Du— Du— Dir wird die Seligkeit, der Ueberbringer dieſer Freude zi ſeyn!— o Neffe, wie beneide ich Dich um die Reiſe, eines ſolchen Zieles wegen!— Wie, mein Oheim, rief ich uͤberraſcht, und jetzt erſt ſchwellte die allerſeligſte Freude meine Bruſt!— ich ſoll den General aufſuchen? ich ſoll in die Schweiz zu ihm reiſen? Der Oheim nickte be⸗ jahend, und trat in die Thuͤr ſeines Cabinets zurück, um aus ſeinen Schriften mir eine brei⸗ te Relation zu geben— doch ich— ich hoͤrte nichts weiter— vor mein geiſtig Auge draͤng⸗ ten ſich ſchnell die reizendſten Gemälde, die der ſeit Jahren ſo ſorglich genährte Wunſch, dorthin reiſen zu können, in mir geboren. Meine gluͤhen⸗ de Phantaſie ſtellte mich auf die höchſte Spitze der Alpen— dort glaͤnzte in reinem Silber der Zuͤricher See, und umſchlang mit ſanften Umarmungen die wild ſchäumende Limat— einen flͤchtigen Gruß nur warf ich dem netten Zürich und ſeinen geiſtreichen Bewohnern zu— das Albis zog mich mit magiſcher Gewalt an ſich. Da ſtand ich auf der lieblich gruͤnenden Höhe und mein Auge ſchwelgte in dem Reich⸗ thum, den die Natur zu meinen Fůßen entfaltete.— Sey mir gegruͤßt! Du ſchönes freundliches Luzern! Du Denkmal heldenmuͤthiger Kraft und Freiheitsliebe. Blicken dort nicht am linken Ufer Deines vierarmigen See's aus duͤſtern Ulmen und Buchen die grauen Ueberreſte der Feſte Habsburg heruͤber? Erhebt nicht aus dem Hintergrunde der ſtolze Riggi mächtig ſein Haupt empor?— Und wo! Wo iſt Kuͤßtnacht? fragt mit Ungeduld das klopfende Herz. Wo der ſichere Pfeil des kühnen Schuͤtzen, die Bruſt des Tyrannen traf? Wo ſchwuren die muthvollen Maänner den Eid der Treue? Wo brannten die Feuer zum Zeichen, die Stunde der Freiheit ſey gekommen? Wo iſt die Platte, auf welche der kühne Schiffer den Rettungsſprung that, das Schifflein des Würgers hinausſchleudernd in die toſende Fluth? ————— Und freundlich nicken die dunklen Augen einer Mimili unter dem breitgeranderten Hut. hervor, und aus blendendweißem, weiten Hemd⸗ ermel faſſen die zarten roſigen Finger des Fra⸗ genden Hand, und der kleine Fuß uͤberſpringt behend' des Schiffleins Rand, und leicht glei⸗ tet der Kahn uber die Silberfläche des See's, und die purpurnen Lippen oͤffnen ſich, um in entzuͤckenden Tonen dem lauſchenden Fremd⸗ ling die tauſend Merkwuͤrdigkeiten des Wunder⸗ landes zu enthuͤllen.— Und weiter geht es nach allen Richtungen des See's, und das Land nimmt uns auf bei Alpnacht, um uns uͤber den Kaiſerſtuhl hinauf zu führen nach Grundelwald. Die freundliche Mimili, die lieblichſte aller Alpenblüthen, eine wahre Prachtausgabe Claurenſcher Schoͤpfung, bleibt meine Begleiterin, und friedlich ſchlum⸗ mert Ebalts Wegweiſer durch die Schweiz, in meinem Coffre zu Luzern.— Ach, das ſüße Himmelskind weiß mit ſo hinreißender Schön⸗ heit zu ſprechen, und dem Unwiſſenden Alles zu erklären— daß es des geiſtreichen Ebalts Zurechtweiſung gar nicht bedarf. Da endlich ſchaut mit ernſtem, majeſtä⸗ tiſchen Blick das ſilberumlockte Haupt der ſtolzen Jungfrau zu uns heruͤber— und wir ſtehen, beim Aufgange der Sonne, hoch oben auf der Wanger Alp, um das freundliche Er⸗ röthen zu ſehen, mit welchem die Aufſteitzende der Keuſchen Wangen uͤberhaucht. Sey auch mir gegruͤßt! du Keuſche, Rei⸗ ne, rufe ich mit Ehrfurcht erfuͤllter Bruſt!— und unwillkührlich falten ſich die Haͤnde, und die bewegte Seele, ſolche Wunder erſchauend, beugt ſich tief in ſtillem Gebet vor der hohen Allmacht deſſen, der ſeine Welt ſo wunderbar herrlich geſtaltet, und der beſchrankte Gedanke wird zum unenplichen Gefuͤhl der innigſten An⸗ betung, der heißeſten Liebe und Sehnſucht, um zuruck zu kehren in das Herz und es zu erfullen mit dem Drange, ſich zu legen an ein ver⸗ wandtes Herz— und die Thraͤnen der Ruͤh⸗ rung wandeln ſich in Thränen der Sehnſuc des Hoffens— und die Arme breiten ſich aus, ein Weſen zu umfangen, das uns verſtehe in Frerid' und Schmerz— das des kühnen Gei⸗ ſtes Adlerſchwung wie die Beſchränkung der ir⸗ diſchen Natur gleich uns empfinde— und das ſelige Gefuͤhl beim Anſchauen dieſer Rieſengro⸗ ße löſt ſich auf im heißeſten Schmerz uͤber die Beſchränktheit der eignen Kraͤfte. O nimm mich auf an Deinem kindlichreinen, frommen Herzen. Du zarte Alpenroſe, deren Gefuͤhl ſich auflöſt in ſtaunende Anbetung, gleich den Meinen, das aber in frommer Einfalt nicht ahndet, daß ein Schmerz hervor gehen könne aus dem Schauen ſolcher Groͤße— Dich ent⸗ zůckt in gnügſamer Einfalt die Herrlichkeit der Dich umgebenden Natur, ohne daß beim Be⸗ ſchauen des Sternenhimmels, des leuchtenden Mondes, der Miriaden Wunder in des erhabe⸗ nen Meiſters Schöpfung Dir die Frage ſich aufdrängt: Warum dem Verſtande— dem Geiſte des Menſchen bei ſeinem Gefuͤhl die Be⸗ ſchränkung, nur Schauen, nicht Faſſen zu kön⸗ nen? D Mimili, nimm mich auf an Deinem kindlichen Herzen, voll frommer Einfalt! Kehre mich Dein ſtilles, gnügſames Gluͤck verſtehen, und heile die Wunden meiner Bruſt, die ein nie zu erſättigendes Gefühl mir ſchlug! Ich hatte meine Arme feſt um die, vor meinem geiſtigen Auge ſchwebende, Mimili ge⸗ ſchlungen, und drückte meine naſſen Augen an ihre Bruſt— da ſtörte mich die wispernde Stimme Kilians aus meinem ſeligen Traum, der ſich zufolge der ſchnellgeleerten Rheinwein⸗ flaſche, in einer tiefbewegten Stimmung, wahr⸗ ſcheinlich von dem nämlichen Drange beſeelt, ſein uͤbervolles Herz an ein verwandtes zu legen, halb zaͤrtlich, halb ſcheu meinen Umarmungen hingegeben hatte, feindſelig auf.— Mimili? fragte er, ſich die tropfenden, gläſernen Augen mit dem Stöpfſel trocknend? Mimili? ich?— Vergebung, theurer Herr, ich heiße eigentlich Kilian. Der Traum entſchwand— das Bild, d meine glůͤhende Phantaſie geboren, erloſch, u ich ſchauderte zuruͤck vor der Wirklichkeit, d den alten, vergelbten Aktenhelden mir an die vom ſelig ſten Gefühl geſchwellte Bruſt geworfen.— Beſchämt machte ich aus ſeinen Armen mich los, als des Oheims Ruf zum wiederhol⸗ ten Male aus ſeinem Cabinet, wo er in ge⸗ ſchaͤftiger Eil die zu meiner Reiſe nöthigen Pa⸗ piere ordnete, erſcholl. Ich beeilte mich, dem Ruf zu folgen, und faßte mich ſchnell, um vor den Wartenden zu treten. Dies Mal hielt ich meine Phantaſie im Zaum, denn es galt die Veranlaſſung, zu hö⸗ ren, welche mich der Erfuͤllung meines ſehn⸗ lichſten Wunſches, dem der Oheim ſeit Jahren ſich nach Kraͤften widerſetzt, auf einmal, wie durch Zaubermacht ſo nah gebracht, zu erfahren. Ich war von der Univerſitaͤt zurüͤck ge⸗ kehrt. Meine Studien waren beendet— und — 5— ich warf mich in ſtuͤrmiſcher Freude an die Bruſt des geliebten Oheims, in welcher mir ein Herz voll väterlicher Liebe ſchlug. Jetzt, mein Oheim, iſt Ihr Wunſch erfuͤllt, ſprach ich, dem Guͤtigen die Zeugniſſe meines Fleißes üͤberreichend, ich habe gethan, was Sie befohlen; ich habe genau den Weg verfolgt, den Ihre väterliche Einſicht mir vorgezeichnet. Und der fuͤr Dich ein erfreulicher ſeyn ſoll, fiel der Oheim ein, da er Dich hoffentlich bald in den Stand ſetzen wird, Dir einen eignen Heerd, ein ſchoͤnes, haͤusliches Glück zu gründen. Folge ferner meiner Leitung— es wird Dir an einem ſchnellen Aufſchwingen bei denen Bekanntſchaften, die ich habe, nicht fehlen.— Vor Allem, fuhr er fort, iſt es nö⸗ thig, daß ich Dich, und das ſoll morgen ge⸗ ſchehen, meinen Gonnern, dem Miniſter R., dem Geheimrath Y. und dem Praͤſidenten Z. vor⸗ ſtelle— dann nimmſt du bis auf weitere Be⸗ förderung einen Sitz in meiner Erpedition ein, ich gebe Dir den wackern, alten Kilian an Hand, er iſt in Geſchaften bei mir grau ge⸗ worden, er wird Deiner Unerfahrenheit vovn großem Nutzen ſeyn, und ſo arbeiteſt Du Dich pen à peu in die Geſchaͤfte ein, bis zu erſter Vacanz irgend einer conſiderablen Stelle. Mein Gott, unterbrach ich den Redſeligen; theurer Oheim, es wird doch nimmermehr Ihre Meinung ſeyn, mich ſogleich fuͤr die Lebens⸗ zeit anſchmieden zu wollen? Sie wiſſen, Theu⸗ rer, wie in meiner Bruſt das Verlangen glüht, mich erſt in der Welt umſehen zu wollen!— Gönnen Sie mir einen kurzen Ausflug von ei⸗ nigen Jahren! Noch habe ich von der Welt und ihrem Treiben nichts kennen gelernt, was nicht im engſten Zuſammenhang mit meiner Wiſſenſchaft geſtanden.— Es treibt mich hin⸗ aus, ins Weite, ins Freie— ich mochte wiſ⸗ ſen, welche Menſchen hinter jenen Bergen le⸗ ben! ich möchte ihre Sitten, ihr Thun und Treiben kennen, beurtheilen lernen. Mein Oheim, laſſen Sie mich reiſen!— Alber des Oheims Stirn verfinſterte ſich— das große helle Auge blickte duͤſter auf mich— Was willſt Du, Julius? fragte die ernſte Stimme. Und glaubſt Du, mein Herz werde aufhören zu bluten, bei dem Gedanken, daß die Reiſewuth es war, die mir das Theuerſte auf der Welt gierig raubte. Ware Dein Vater ruhig in der Heimath geblieben, wie ich, er lebte noch. Aber es trieb ihn fort uͤber Land und Meer, bis ein Sturm auf dem letztern ſeinem Leben und Treiben ein Ende, und Dich zur Waiſe machte.— Die unſelige Luſt, fuhr er nach einer Pauſe fort, fremde Länder kennen lernen zu wollen, ergriff vor drei Jahren meinen Sohn— und ſein unendlich Bitten rang mir endlich die Ein⸗ willigung zu einer Ueberfahrt nach England ab.— Du weißt wie er ſtarb— Du warſt zu⸗ gegen, als uns die Nachricht ſeines Todes kam— die Mutter konnte den Verluſt des ein⸗ zigen Sohnes nicht ertragen— ſie folgte ihm 2 ſchnell in das Land, wo keine Trennung m iſt— ich blieb allein zuruͤck! Ein vereinzelter Stamm!— Du allein biſt mir geblieben von einer zahlreichen Verwandtſchaft! O Julius, vor zwei Jahren dachteſt Du beſſer, als jetzt! Du warfſt Dich an mein tief verwundetes Herz, und ſchwurſt, durch Deine Liebe mir Gattin und Sohn erſetzen zu wollen! Jetzt willſt auch Du mich verlaſſen? Der Schmerz hatte in dieſem Moment ei⸗ nen maͤchtig erſchütternden Zug über die ſonſt ſo liebevollfreundlichen Züge des Oheims ge⸗ haucht. Die kräftige, hohe Geſtalt ſtand ge⸗ beugt, durch die innere Anregung, vor mir. Und die zitternde Stimme, mit welcher er die letzten Worte ſprach, nahm mir alle Wun⸗ ſche aus der Bruſt, die nicht im Einklange wa⸗ ren mit dem Wollen des theuern Greiſes.— 4 Ich ſchwieg, und reichte ihm geruͤhrt beide Haände dar.— Er fand mehr in meiner Bewegung, als ich ſelbſt geahndet hatte, er druͤckte meine Haͤnde feſt und ſprach: Ich nehme Deinen Händedruck als Verſprechen, daß Du dieſen Punkt nie wieder beruͤhrſt. Du biſt mein Sohn— das einzige mir verwandte Weſen auf dieſer Welt. — O gieb dem Gedanken nie wieder Raum, Dich von mir trennen zu wollen! Am andern Morgen brachte Kilian einen ſchweren Aktenſtoß, hinter dem Oheim in mein Zimmer tretend, zu mir herein. Hier, mein Sohn, ſprach der letztere, es iſt ein verwickeltes Geſchäft, welches ich Dir vorlege.— Aber ein Belohnendes, wills Gott — wenn es uns gluckt, den Knoten zu zerhauen, den Falſchheit und Gewiſſenloſigkeit geſchuͤrzt.— Du ſiehſt, mein Sohn, fuhr er erlaͤuternd fort, es handelt ſich hier um das ſehr anſehn⸗ liche Vermogen einer Verſtorbenen, das ver⸗ möge eines falſchen Teſtaments der vorgebliche 2* — 20— Herr von Wahlau, als Schwiegerſohn des rath Salden, an ſich geriſſen. Der Beweis, das ein guͤltiges Teſtament von der Verſtorbenen zu Gunſten eines Pflege⸗ ſohns da ſeyn müſſe, ergiebt ſich aus dieſen Papieren, ſo wie die Wahrſcheinlichkeit, daß der Hofrath einen Avanturier mit dem Namen von Wahlau belegt, um durch ihn zur Herr⸗ ſchaft uͤber das Vermogen zu gelangen. Der flegeſohn ward durch beiſpielloſe Raͤnke um ſein rechtmaͤßiges Erbe gebracht— und arm und bloß hinaus geſtoßen in die Welt.— Es gilt, ſeinen Aufenthalt zu erforſchen, um ihm das Seinige, das den Händen der Betrüger entriſſen werden muß, auszuliefern.— Iſt er todt, wie der Hofrath vor einem Jahre in Umlauf gebracht, ſo liegt hier ein ſchwach dammernder Schein, daß ſeine Eltern in Po⸗ len oder Rußland leben; über ſeine wirkliche Abſtammung von dieſen ſind wir freilich noch im Dunklen; jedoch ein ſorglich Suchen muß uns auf den rechten Weg leiten, und dies, mein Sohn, uberlaſſe ich Dir— ſo wie die Rriſion der ganzen Acten uͤber den Prozeß, den die Legitimation des vorgeblichen Herrn v. Wahlau, von ſeinem Schwiegervater eingeleitet, und das vor einiger Zeit daruͤber entſtandene Mißtrauen einer hohen Obrigkeit herbei gefuͤhrt. Ich ſchauderte zuruͤck vor den ſinnenverwir⸗ renden Labyrinth, vor welches der Oheim mich ſtellte. 3„ch ſollte einen vornehmen, reichen Be⸗ truͤger entlarven, eine angeſehene Familie vom Gipfel irdiſchen Glücks herab in die grauſige Tiefe ſtürzen? Einen ſeit Jahren verſchwun⸗ denen Jüngling in ſchriftlichem Grübeln auf⸗ ſuchen, und dann ebenfalls ſchriftlich den Schein ſeiner möglichen Abſtammung von polniſchen oder ruſſiſchen Eltern mühſam erhellen? Welch kaͤrglicher Gewinn, einer durch ih⸗ ren Reichthum mächtigen Familie ihre Strahlen⸗ krone zu entreißen, um ſteinfremde, vicleicht längſt gemoderte, Menſchen damit zu ſchmücken? Ich warf nach ſtundenlangem, tiefen, muͤrriſchen Sinnen die Papiere bei Secite und mich auf meinen ſchlanken Goldfuchs, um mich hinaus tragen zu laſſen in die weite, freie Ebene. 1 Ach mein ſchöner Plan, die Welt zu ſehen, vor allem das Land, in welches es mich mit unwiderſtehlicher Gewalt zog, die Schweiz— ach, er war vernichtet!— und meine Phantaſie ihrer Zaubereien beraubt, durch einen gehaßigen 1 Prozeß, den ich zu revidiren hatte!— In wildem Unmuth druͤckte ich meinem Fuchs die Sporen tief in die Weichen, und ſchnell wie der Sturmwind jagte der Fluchtige mit mir durch Wieſen und Felder, bis die la⸗ chenden, freundlichen Umgebungen allmählig Ruhe brachten in mein aufgeregtes Gemuͤth. f Aber ich mußte am folgenden Tag doch —— wieder an das verhaßte Geſchaͤft— und ſo — 23— widrig mir auch anfänglich die Arbeit erſchien, meines Oheims freundliche Güte, die täglich zunahm, machte, daß ich gar bald— ach! der Menſch iſt ja ein Gewohnheitsthier— ſo vielen Geſchmack an dem regelmäßigen Arbeiten fand, als er ſelbſt— zudem gedieh mein Fleiß zuſehend, und ward endlich zum beſeligendſten Gefühl in mir, als ich den elenden, ränkeſüch⸗ tigen Hofrath entlarvt, und in dem biedern, vortrefflichen General, einen vertrauten Freund meines verſtorbenen Vaters und des guten Oheims, den Vater des verſchwundenen Pflege⸗ ſohn's, und da dieſer aller Wahrſcheinlichkeit todt, den rechten Erben des großen Vermögens aufgefunden hatte. Der General meldete mir, wie er nur die Vermaͤhlung ſeiner Tochter vollziehen, und dann ſogleich die Reiſe zu uns antreten wolle. Den Brief hatte ich dem Oheim mitge⸗ theilt, als dieſer in entzückter Freude mir die —— Nachricht gab, des Generals Sohn ſey ebe falls gefunden. Ein Correſpondent aus d Schweiz habe heraus gebracht, wie der junge Mann unter einen fremden Namen auf einem Landhauſe unweit Zuͤrich im tiefſten Gram über den Verluſt ſeiner Pflegemutter und den Ver⸗ rath einer treuloſen Geliebten lebe. Du mußt nun hin, Julius, ſchloß der Oheim ſeine Rede mit vor Freude leuchtenden Augen; Du mußt hin, um den Göttergenuß zu haben, den Eltern, die ihren Sohn beinahe ſeit ſeiner Geburt als todt beweint, den Ver⸗ lornen zuzufuͤhren, und des jungen Mannes tiefen Gram zu heilen, durch die Nachricht, daß Eltern und Geſchwiſter, die er nie gekannt und doch Jahrelang ſo ſorglich vergebens ge⸗ ſucht, an deren Exiſtenz er endlich verzweifeln mußte, mit ihm in einem Lande wohnen. O eile, mein Sohn! Hier ſind die Pa⸗ piere, hier die ganze Geſchichte, die Dir den Zuſammenhang enthullen wird— das magſt Du unterwegs leſen, um dann ſo recht die Be⸗ lohnung ſchmecken zu koͤnnen, welche Dir wird nach einem muͤhvollſauern Geſchaͤft. Ich ſaß im Wagen. Freund Ebalt machte mich vorlaͤufig mit allen Sehenswerthen be⸗ kannt, und wenn ich gierig alle Schoͤnheiten auffaßte, die das Leſen ſeines Wegweiſers mir verhieß, ſo mahnte mich erſt ganz leiſe, dann laut und lauter eine Stimme im Innern, der ſchwelgeriſchen Phantaſie Claurens mit kühnem Schwunge zu folgen, und mich an den herzigen Kindern ſeiner Illuſion zu erlaben. Aus roſigen Nebeln meiner Einbildungs⸗ kraft ſchwebte ſie herauf, die liebliche Mimili, Liesli und Elſis, und entzuͤckten mich durch die rührende Einfalt ihrer Sitten, und mein Geiſt uͤberflog den weiten Raum, der noch zwi⸗ ſchen mir und ihnen lag— und ich breitete meine Arme aus, ſie Alle, die zarten Alpen⸗ blüthen, an mein frohbewegtes Herz zu druͤcken. urplötzlich tauchte aus dem Gluthſtrom meiner Phantaſie glanzumfloſſen Mariens lieb⸗ liche Geſtalt auf— und mit Entzuͤcken üͤber⸗ ſchaute ich die Vergangenheit— wie ein heller Stern glaͤnzte in dem Kranze lieblicher Erinne⸗ rungen eine Begebenheit meiner erſten Univer⸗ ſitaͤtsjahre auf. Stroͤmborſt war mein vertrauteſter Jugend⸗ freund. Als die Zeit der Ferien heran kamen, ſprach er: Reiſe mit mir zu meinem Oheim auf ſeine Guͤter am Rhein. Julius, reizt Dich der Ge⸗ danke nicht, den Rheinſtrom kennen zu lernen? Ich warf mich in ſeine Arme— ich gehe mit Dir! rief ich freudig; und als die Ferien⸗ zeit erſchien, eilten wir uͤber Frankfurt und Darmſtadt auf Oppenheim zu. Da ſtanden wir am diesſeitigen Ufer, und ein unnennbares Gefuͤhl bewegte mein Herz beim Beſchauen der reinen, gruͤnlich ſchimmernden Wogen des ma⸗ — jeſtätiſchen Fluſſes, beim Anblick der Reben⸗ umkränzten Berge jenſeits. Stroͤmborſt ſuchte einen Jugendfreund auf, indeß die Fähre, welche im Hinuͤberſchwimmen war, ruͤckkehren ſollte, um uns nach Oppenheim zu bringen. Allein ging ich, an der Ausſicht mich er⸗ labend, unter den dichtumlaubten Nußbäumen am Ufer auf und ab, als auf einmal der Ruf einer zarten Mädchenſtimme in mein Ohr ſcholl. O mein Gott! tönte es hinter mir; o war⸗ tet doch noch einen Augenblick! Marie iſt ja noch hier— Vater! Mutter! Jakuſche! Ich ſah mich um, und aus dunkelm Ge⸗ buͤſch ſtürzte ein ohngefaͤhr dreizehnjahriges ſchönes Kind auf mich zu. 6. Betroffen ſtand ſie bei meinem Anblick— dann richtete ſie wieder das große Auge nach der Fähre, welche oben am jenſeitigen ufer — landete, und ſank mit einem Jammerlaut die Kniee nieder. War es die tiefe Bewegung des Kindes, oder das ſeltſame ihrer Kleidung, ihres ganzen Weſens, was meine Zunge feſſelte? ich weiß es ſelbſt nicht; doch bedurfte es einiger Augen⸗ blicke, ehe ich mich faſſen und ſie fragen konnte, was ihr Rufen, ihre Angſt bedeute. O mein Gott! ſtieß die Kleine aus beben⸗ den Lippen hervor; ſehen Sie denn nicht? Sehen Sie denn nicht dort drüben meine Eltern, meine Jakuſche? Sie Alle ſind hinuber— und— großer Gott— ſie ſind Alle druͤben in denen Wagen, um weiter zu reiſen; ich, allein, ich ganz allein bin hier zuruͤck, und Niemand weiß, daß ich hier bin— und ich kann ja nun nicht hinuͤber! O rufen Sie doch! Schreien Sie doch recht laut, damit man Sie und mich hore! Ihr Ton war heiſer geworden von vielen Rufen, und auch ich ſtrengte vergebens mich & an— die Fähre war gedraͤngt voll Menſchen und Wagen geweſen; die letztern fuhren jetzt, drüben gelandet, nach verſchiedenen Richtungen. Am diesſeitigen Ufer ſammelten ſich Neugierige, die des Kindes Angſtgeſchrei herbei gelockt— theilnehmend, bedauernd, troͤſtend und rathend umſtand uns die Menge— und erſchöpft und laut weinend ſank Marie in meine Arme. Beruhigen Sie ſich, liebes Kind, bat ich; wie weit koͤnnen Ihre Eltern fahren, da wird man Sie vermiſſen, man wird von der erſten Station zuruͤck kehren, es kommt vielleicht nur auf ein paar kleine Stunden an, dann ſind Sie wieder bei den Ihrigen, indeß bleibe ich bei Ihnen, oder fuͤhre Sie den Suchenden ent⸗ gegen. Welchen Weg wollten Ihre Eltern nehmen? — Marie weinte ſanft und ſchmerzlich. Ach, rief ſie immer wieder, meine arme gute Mut⸗ ter! Welche Angſt wird ſie um mich erdulden! Und ich albernes Kind bin allein Schuld an die⸗ ſem traurigen Begegniß! Ich bat ſie, mir zu erzählen, wie ſie hier⸗ her gekommen ſey, wer ihre Eltern ſind, wo⸗ hin ſie reiſen ꝛc. Marie ſah mich durch Thränen lächelnd an— ich heiße Marie, ſprach ſie halbleiſe, ſchuͤchtern nach den uns Umſtehenden blickend— und mehr muſſen Sie mich nicht fragen— wir wohnen auf einem ſchoͤnen Landhauſe un⸗ weit Baſel, und mein Vater heißt dort Lörrach, nach dem Orte, den wir bewohnen; als ich noch ganz klein war, fuhr ſie ſanft und ganz leiſe fort, da führten wir einen andern Namen, aber den darf nun ſeit langer Zeit Niemand von uns mehr neunen— Jakuſche aber meinte, als meine Eltern ſo freudig die Reiſe nach Frankfurt antraten, dies wuͤrde ſich nun Alles andern— aber ſie hat doch Unrecht gehabt, denn meine Eltern fanden dort viele Briefe vor— und meine gute Mutter ward recht krank, und — S Vater rief immer: ich heiße Lörrach, hort Ihrs? ich habe nie anders geheißen— und nun ward ſchnell wieder gepackt; anſtatt daß unſere Reiſe nach Teutſchland gehen ſollte, kehrten wir wie⸗ der zuruͤck. Mein Vater hatte keine Ruhe, bis wir hier angelangt waren, weil aber meine Mutter immer kränker ward, da befahl mir mein Vater, zu meiner Jakuſche im Wagen zu ſteigen, damit die Mutter mehr Bequemlichkeit habe— ich ſah dort im Gebuͤſch ſo viel ſchoͤne Bluͤmchen ſtehen, und weil die Fähre noch nicht gelandet war, um uns aufzunehmen, ſo wollte ich meinem Mütterchen einen Strauß zum Ab⸗ ſchied pfluͤcken— aber je weiter ich ins Ge⸗ büſch drang, je mehr Bluthen fand ich— und als ich nun endlich Kränze und Sträußer ge⸗ wunden, und zu meiner Mutter eilen will, iſt der Wagen fort— und ſie Alle ſind fort— und mich haben ſie zuruͤck gelaſſen, gewiß weil die Eltern glauben, ich ſey bei Jakuſchen, und . dieſe, weil ſie mich im erſten Wagen ver⸗ muthet. ihres Vaters, der Sanftmuth ihrer Mutter, Nun ſehen Sie, liebe, holde Marie, tro ſtete ich, weil ich ſah, daß ihre Thränen von Neuem floſſen; da werden Sie gewiß ſehr bald vermißt werden— und bis dort hinüber be⸗ gleite ich Sie, auch gern noch weiter, bis Sie— wieder bei Ihren Eltern ſind. Darum ſeyn Sie ruhig und vertrauen Sie ſich mir an. Stroͤmborſt kam in dieſem Moment, und eben ſtieß die Fähre an's Ufer. Ich erzaͤhlte dem Erſtern das kleine Abentheuer, hob die liebliche Marie in's Schiff, und ſchwamm auf Oppenheim zu.— Marie ſchien ſehr ermuͤdet, doch ſtrengte ſie ſich ſichtlich an, das Geſpräch im Gang zu erhalten, und mir durch ihre traulichen Mit⸗ theilungen die Dankbarkeit zu beweiſen, welche ſie mir fuͤr mein Anerbieten, ſie zu ihren El⸗ tern bringen zu wollen, ſchuldig zu ſeyn glaubte. Mit liebenswurdiger Offenheit erzählte ſie mir von ihrer fruͤhern Kindheit— von der Güte und wie ihr Landhaus ſo unausſprechlich reizend gelegen— ſie nur mit Entzuͤcken daran denke, dorthin zuruͤck kehren zu koͤnnen c. Auf ein⸗ mal aber brach der Ton ihrer Stimme, die 1 großen blitzenden Augen überſtroͤmten von Neuem, und von Neuem gab ſie ſich dem groͤßten Schmerz hin.— Was iſt Ihnen, holde Marie? fragte Stroͤmborſt und ich. Ach! ſprach das Mädchen mit Schluch⸗ † zen, ach, wie bin ich doch ſo ungluͤcklich!— Eben fällt mir ein, daß mein Vater unſern Leuten befohlen hat, ohn' Aufenthalt zu Hauſe zu reiſen, und daß die Krankheit meiner Mut⸗ ter ein weit langſamer Fahren erheiſcht; nun wird mich Niemand eher vermiſſen, bis ſie, zu Hauſe angelangt, Alle zuſammen treffen;— aber, o Himmel! wie lange muß das dauern und wo ſoll ich ſo lange bleiben? Dieſer Einfall machte mich ſelbſt auf Au⸗ 3 geublicke beſturzt, doch hütete ich mich w meine Gedanken laut auszuſprechen, vielmeh wies ich Marien darauf hin, wie ſie in Ström⸗ borſt's Hauſe, an deſſen Couſinen, eine erfreu⸗ liche Geſellſchaft finden wuͤrde, und wie wir, dort angelangt, mit mehr Ruhe uͤberlegen könn⸗ ten, wie ſie leicht und ſchnell den Ihrigen zu⸗ zuführen ſey. In Oppenheim ließen wir Mariens Ad⸗ dreſſe im Wirthshaus— und da wir Beide, Strömborſt und ich, die Reiſe zu Pferde ge⸗ macht hatten, und uns die Fortſchaffung der lie⸗ benswürdigen Marie verlegen machte, ſo entſchloſ⸗ ſen wir uns, die Fahrt auf'm Rhein fortzuſetzen, bis wir den zwei Stunden von Oppenheim ent⸗ fernten Aufenthalt des Freiherrn von Ström⸗ borſt erreicht haben wuͤrden. Das ſanfte Schaukeln des Kahns wiegte gar bald die von Angſt und Weinen angegriffene Marie in einen ſuͤßen Schlummer, und be⸗ wundernd blickte ich, und geruhrt, auf das ſchöne, ſchlafende Mädchen, ein Bild der hei⸗ üigſten, reinſten Unſchuld, herab. Jetzt erſt fuͤhlte ich, was mich bei ihrem erſten Anblick ſo tief ergriffen hatte— es war das Fremdar⸗ tige ihrer Kleidung, das durchaus einem andern Lande angehoͤrte, aber die aufkeimenden Reize des Mädchens unendlich erhoöhte. Kunſtlos fielen die hellbraunen Locken in uͤppiger Fülle auf die Lilienhaut der Stirn und des Halſes, ein friſcher dichter Kranz drängte ſeine farbigen Blüthen durch das weiche, ſchoͤne Haar— ein hellgelbes, kurzes, vorn herunter zugetnöpftes Kleid, mit weiten, aufgeſchlitzten, polniſchen Aermelu; die feinen, weißen Bein⸗ kleider, die kleinen, niedlichen, dunkelrothen Stiefelchen gaben dem Mädchen das Anſehen einer Koſakin— dann aber ſchien uns der große, breitgeraͤnderte Hut, der ihr am Arme hing, die ſchweizeriſche Abkunft zu beurkunden; daß Marie einer vornehmen Familie angehöre, bewies ihr zarter feiner Ton— die feine Bil⸗ dung ihres ganzen Benehmens;— den Reich⸗ 3 thum derſelben konnten wir abnehmen vom — 36— ßen blitzenden Demantkreuz, das am breiten ſchwarzen Band auf dem ſchon geformten, zar⸗ ten Buſen ſich wiegte.— Je mehr wir das Mädchen betrachteten, je lebhaftere Trauer er⸗ fuͤllte uns, uns denken zu ſollen, welchem Schmerz die armen Eltern beim Vermiſſen ih⸗ res Kindes ausgeſetzt ſeyn wuͤrden.— Freude empfing uns, als wir in Ström⸗ borſi's Haus traten— die herzlichſte Bewill⸗ kommung. Lauter Jubel erſcholl, als der längſt erwartete Neffe endlich angekommen war. Scherz, Vertrauen und heitere Laune flogen eng ver⸗ ſchwiſtert im traulichen Kreiſe umher— und Jedes bemuͤhte ſich wetteifernd, der liebenswuͤr⸗ digen Marie Theilnahme und Liebe zu erwei⸗ ſen— allein, des Mädchen Augen wurden truͤb' und truͤber— bittend hingen Mariens Blicke an mir; und als ich fragte: Was be⸗ kuͤmmert Sie von Neuem, holdes Mädchen? da lispelte die weiche Stimme: Kommen Sie hinab in Garten, daß ich Ihnen ſage, was mein Herz bedruͤckt; hier, im Gewuͤhl der frohen Menſchen, vermag ich es nicht. Wir ſtanden am hohen Eiſengelaͤnder des Balkons, unſere Blicke ſchweiften hinaus über den breiten Strom, der leiſe murmelnd den Uferrand kußte, und, als ob es ihn mit Schmerz erfuͤlle, die himmliſche Gegend verlaſſen zu muͤſſen, ſeine Wogen nur langſam fort waͤlzte. Des Mondes reiner Glanz zitterte auf der bewegten Silber⸗ fluth, fernher ertönte der leiſe Geſang eines Fiſcherknabens, und druͤben in den Bergen bra⸗ chen ſich die Töne des Waldhorns, das ihn be⸗ gleitete— eine warme, reine Luft umgab uns, und tauſend Bluͤthen hauchten ihren Balſam⸗ duft aus den dunklen Gebüſchen des weitlaufi⸗ gen Gartens— Maria's kleine Hand zitterte fiebernd in meiner Rechten;— ich mußte Sie ſprechen, ſprach ſie ernſt, nach einer Pauſe, ich mußte Ihnen ſagen, was ich vorhabe, aber Ihnen ganz allein, Sie ſind ſo gut, und— darum konnte ich Sie nicht betruͤben— aber— Sie müſſen mir nicht einreden— nicht meinen Plan ſtoren wollen— denn ich bin feſt, feſt entſchloſſen, ihn auszufuhren. — 36— Ich ſah das Maͤdchen erwartungsvoll an es war ſo etwas Entſchloſſenes in ihrem We⸗ ſen— ſo ein ernſter Ton, daß die Kleine ſchnell um 6 Jahr älter ſchien. Was fuͤr einen Plan haben Sie, holde Maria? fragte ich. Sie hielt mir die Hand hin: Verſprechen Sie mir erſt, daß Sie mich gewähren laſſen wollen, fuhr ſie fort, dann ſollen Sie Alles wiſſen— ſonſt zwingen Sie mich zur Heim⸗ lichkeit, die mich ſchmerzen wuͤrde, weil— ſie brach erröthend ab— ich richtete ihr ge⸗ ſenktes Engelsköpfchen in die Höhe, und bat— tief ergriffen von einem ſeltſamen Gefuͤhl— enden Sie, meine ſuße Maria! nun? weil?— Marie lehnte ſchweigend einen kleinen Moment ihre Wange an meine Bruſt, dann ſprach ſie raſch— ich muß fort, Julius— ich reiſe in dieſer Nacht— der Mond leuchtet hell— die— Nacht iſt freundlich— ich gehe zu Fuß bis Oppenheim zuruͤck, ich bin eine Schweizerin und — daran gewöhnt, ſo weit und noch weiter zu gehen— bis dorthin nehme ich einen Fuhrer, und von dort Poſtpferde; ich eile meinen Eltern nach, und ereile ſie gewiß bald, denn meine gute, arme Mutter kann ihrer Schwäche hal⸗ ber nur kurze Reiſen machen. Aber, theure Maria, wollte ich ihr ein⸗ reden— doch ſie druͤckte ihr Sammethaͤndchen auf meinen Mund— Nicht ein Wort, bat ſie, ſonſt muß ich bereuen, Ihnen vertraut zu haben— und mein Entſchluß ſteht feſt, ich muß die Seelenangſt meiner guten Mutter enden— und ſagt' ich Ihnen nicht, fuhr ſie leiſe und ſchuͤchtern fort, mein Vater müſſe ſchnell in die Schweiz zuruͤck kehren?— Welchen Aufenthalt bringe ich un⸗ beſonnenes Maͤdchen zu Wege?— Nein, nein! ich muß fort, ich habe Alles genau uͤberlegt— aber heimlich von Ihnen gehen konnte ich doch nicht. Als ich den feſten, unabaͤnderlichen Ent⸗ ſchluß des Mädchens ſah— und all die An erwog, die aus dieſer durch ihr Kind herbei ge⸗ fuͤhrten Säumniß fuͤr die Eltern hervor gehen könne, ergriff ich Maria's beide Haͤnde und — ſprach: Wohlan denn, Maria— Sie reiſen in dieſer Nacht— doch nicht heimlich— nicht allein— ich begleite Sie, und trenne mich nicht von Ihnen, bis Sie ihren guten Eltern zuruͤck gegeben ſind. Maria ſah mich einen Moment an— dann offnete ſie weit die Arme, als wolle ſie mich umfangen; doch, als ich die Liebliche an mein Herz druͤcken wollte, entwand ſie ſich be⸗ hende meinen Umarmungen, ſchnell hinab eilend durch den Garten. Mit Muͤhe gewann ich es über ſie, den Freiherrn von unſerm Vorhaben erſt benachrichtigen zu dürfen— die heißeſte Sehnſucht nach ihren Eltern befloͤgelte Maria's Schritte. Strömborſt's raſche Fuͤchſe brachten uns nach Oppenheim zuruͤck; und als der Sonne erſte Strahlen die fernen Berge glän⸗ zend begruͤßte, ſchrie Marie laut auf vor freu⸗ diger Wonne; dort, vor dem einſam im Walde liegenden Wirthöshaus, ſtand der Wagen ihrer Ekltern, und Jäger und Bediente waren be⸗ ſchäftigt, denſelben zur Weiterreiſe in Stand zu ſetzen. Valentin! rufte Maria mit Jauchzen ei⸗ nem alten Diener zu— und Valentin ſtürzte mit einem Freudenlaut an unſern Wagen. O Gott ſey Dank, da ſind Sie ja! ſprach er. O eilen Sie geſchwind, ehe die Angſt die guten gnädigen Herrſchaften tödtet. Maria flog aus dem Wagen die Treppe hinauf. Seliger Moment des Wiederſehens! Die Eltern hatten Maria's Abweſenheit nicht bemerkt, da ſie dieſelbe wirklich in Jaku⸗ ſchens, einer alten Kammerfrau, Wagen glaub⸗ ten. Doch ſpät am Abend, als Valentin von dieſem zu ſeiner Herrſchaft zuruck kehrt, um et⸗ was, das dort vergeſſen war, zu holen, iſt . 3 — 42 natürlich die erſte Frage des Vaters nach Befinden ſeines Kindes; und ein gräßlicher Schreck feſſelt ſeine Zunge, als Valentin die Meldung that, das Fraͤulein ſey nicht dort. Vorſichtig wollte der Vater ſeiner kranken Gattin die ſchreckliche Nachricht verſchweigen, in tiefer Bekuͤmmerniß Boten da hin und dort hin nach dem verlornen Kinde ausſendend— allein der Mutter Scharfblick ahndete ein Un⸗ glůck— jammernd beſchwor ſie den Gatten, zu ſagen, was vorgefallen ſey— und bewußt⸗ los— bleich und ohnmächtig ſank die Arme auf's Bett zuruͤck, als ihr die Nachricht ward von dem Verſchwinden des einzigen uͤber Alles geliebten Kindes. Haͤnderingend ſtand der Vater— jammernd die Dienerſchaft— weinend blickte die Mutter troſtlos in ein Leben, in das ſie nur wieder erwacht ſchien, um einen entſetzlichen Schmerz endlos zu fühlen— da öoͤffnete ſich die Thur— und Maria— die verloren Geglaubte, ſtuͤrzt — an die Bruſt ihrer Eltern. Seliger Moment des Wiederſehens!— Feſt umſchloſſen, in engſter Umarmung hielten Vater und Mutter ihre geliebte Tochter, und die weinenden Augen hingen an der lieb⸗ lichen Geſtalt, die, ein verklärter Engel, vor den Fragenden ſtand, und mit beredten Lippen zum tauſendſten Mal die Geſchichte der ver⸗ gangenen Nacht, des geſtrigen Tages erzählte.— Da auch fiel des Vaters froher Blick auf mich, und uun auch umſchlangen mich ſeine Arme, und die ſchoͤne, bleiche Mutter kam auf mich zu und ſchloß mich an ihre Bruſt— theurer Retter meines Kindes! ſtammelte ſie.— Ein eigner Reiz umgab die kleine Familie, ein eigner Reiz feſſelte mich unauflösbar an ſie— aber— die Stunden flohen ſchnell vor⸗ uͤber— ſie wollten vorwärts eilen, ich mußte zuruͤck— der Trennung Augenblick erſchien— voll unaus ſprechlicher Ruͤhrung ſchloſſen mich die Eltern in ihre Arme— o kommen Sie bat mit ſuͤßer Stimme: Nehmen Sie die Blü — 4— einſt, kommen Sie bald zu uns! baten Beid und Maria reichte mir die Bluͤthen des Kra zes dar, die geſtern ihr Haar ſchmückten, u then zum Andenken— mich verlockten ſie zu dem Unglück, mich von meinen guten Eltern verloren zu haben— Sie mögen ſie erinnern an die Rettung eines Madchens, das ewig dankbar Ihrer gedenken wird.— und haſt Du kein beſſer Andenken für den Freund? ſprach der Vater lächelnd: Maria! welke Bluͤthen nur reichſt Du ihm?— Maria hielt mir die kleine weiche Hand hin.— Kommen Sie einſt zu uns, Julius, ſprach ſie, hold erroͤthend, dann pflücke ich Ihnen die friſcheſten, glänzendſten Alpenblä⸗ then.— Ich druͤckte den Strauß an meine Lippen, Maria's Haͤndchen an mein Herz. Als ich allein im Wagen ſaß, blickte ich ſinnend auf das ſchwarze Band, welches die ——,— Blumen zuſammen hielt— warum nur Maria, dachte ich, die zartſinnige Maria, ein ſchwarzes . Band gewählt haben mag? und uberraſcht fuhr ich zurück, als ich ſah: Maria hatte das große Demantkreuʒ„welches geſtern an ihrem Halſe hing, ſorgſam in die Bluͤthen verſteckt, und mit dem daran befeſtigten Bande die Blumen umwunden.— Mir fiel ein, wie ſie im Laufe des Geſprächs mir geſagt, daß dies Kreuz das Liebſte ihr ſey, von Allem, was ſie jemals be⸗ ſeſſen habe— und heut' gab ſie es in meine Hand, zum Andenken an ſie.— Traäumend, ſinnend kam ich bei Stroͤm⸗ borſt an— Sinnend ſuchte ich die Stelle im Garten auf, wo Maria mich zu ihrem Vertrauten machte, um mich durch Heimlichkeit nicht zu betruͤben, weil— Ich ſann dem weil nach— ich ſah ihr holdes Erröthen— der ſuͤße Ton ihrer Stimme bebte durch mein Herz— das ſchöne, holde Kind ſchwebte vor meinem geiſtigen Auge ich fühlte: die reinſte, heiligſte Empfindung befreundete mich der holden Erſcheinung— und das Andenken an ſie werde ewig fortleben in meiner Seele. Jahre ſchwanden im ſchnellen Flug— tau⸗ ſend liebliche Erſcheinungen gingen an meiner Seele voruͤber, aber keine vermochte den hellen Glanz zu verdunklen, mit welchem umſtrahlt, Marias Bild in meiner Erinnerung lebte. Da ward mir plötzlich des Oheims Erlaub⸗ niß, in die Schweiz reiſen zu dürfen— und ein ſüßes, wohlthuendes Gefühl durchzog meine Bruſt, wenn ich des Wiederſehens gedachte, nach ſo langer Trennung. Ich beſchloß vor Allem, was der Oheim mir ſtreng aubefohlen hatte, den General aufzuſuchen, der in Luzern wohnte, dann, wenn dies Geſchäft beendet, nach Baſel zu eilen, um Marien und ihre Eltern zu begruͤßen.— Da fiel, in ſüßen Traͤumereien über all' die Freud' und Wonne, welcher ich entgegen ging, mein Blick auf das Paquet, das der Oheim mir zur Durchſicht mit gegeben— ich druͤckte mich behaglich zuruͤck in die ſchwellenden Saffiankiſſen meines Wagens, uͤberſchleierte alle Bilder meiner geſchäftigen Phantaſie, trat in die Wirklichkeit und las: Vergebens muͤhte ſich Erwine, den mohn⸗ bekränzten Gott einige Koͤrner abzugewinnen, der Schlaf floh für dieſe Nacht ihr Lager. Bald ſtörte ſie das Hin- und Herſchreiten im Zim⸗ mer uͤber ihr, welches ſie dem polniſchen, bei ihr einquartierten Obriſten eingeräumt, und welches dieſer gerade heut' nach allen Richtun⸗ gen durchmeſſen zu wollen ſchien; dann glaubte ſie wieder ein leiſes Wimmern zu vernehmen, und zwiſchen durch den Angſtruf einer maͤnnli⸗ chen Stimme. Ihr theilnehmendes Herz neigte ſich voll Mitleid zu dem bleichen, ſchoͤnen, jun⸗ gen Mann, welcher in des Obriſten Begleitung, ſo ſorglich und zärtlich von dieſem geliebt, allen ging. Wer mag er ſeyn? Was mag ihm feh len? fragte ſie ſich halb leiſe, und erſchreckt bebte ſie vor den eignen, halb laut geſproche⸗ nen Worten zurück— denn aus des Schlaf⸗ zimmers dunklen Hintergrund ſchien die hohe, magre Geſtalt des muͤrriſchen Gatten auf ſie zuzutreten, und der drohende Blick, die hohle Stimme ſchienen ihr zu ſagen: Was kümmert Dich der Fremdling? Mir allein gehoͤren alle Deine Pflichten. Laß ihn ziehen und verſchließe Dein Herz jeder mitleidigen Regung! Erwine huͤllte ſich enger in die ſeidene, leichte Decke— ein behagliches Gefuhl folgte bald dem Minuten langen Schreck, welchen die Erſcheinung ihr eingejagt— denn er war fern der Störer ihrer Freuden, der Peiniger ihres Lebens— und frei konnte ſie ſich hin⸗ geben einem edlen Mitgefühl, der menſchen⸗ 1 freundlichen Güte und Liebe. O ihr Armen, Guten! wisperte ſie daher, — 49— die Ihr ſo innig verbunden durch der Freund⸗ ſchaft heiliges Band, warum muß durch das körperliche Leiden des Einen der Lebensfriede Beider geſtört werden. Warum erſcheint Euch eine kurze Trennung ſo unertraͤglich? Und war⸗ um ſorgt der Obriſt, der ſeinen jungen Freund ſo unendlich liebt, nicht lieber, daß dieſer bis zu ſeiner Geneſung, unter guten Menſchen, an einem friedlichen, ſtillen Orte bleibe? Erwine hatte dem Obriſtens welcher ſeit mehrern Tagen in ihrem Schloſſe einquartiert war, und ſich durch ſein artiges, feines Be⸗ nehmen ſo ſehr ihrer Theilnahme wuͤrdig bezeigt, dieſe Frage gethan, als derſelbe mit Wehmuth des krankhaften Zuſtandes ſeines Geſellſchafters gegen ſie gedachte. Voll Wärme hatte der dankbar gerührte Mann ihre Hand ergriffen, er glaubte in dieſer Frage den Vorſchlag zu ahn⸗ den, ſie ſelbſt wolle auf ihrem ſo friedlich und freundlich gelegenen Landhauſe ſich der Pflege des Kranken unterziehen. Könnten Sie, ſprach er daher, ſo freundſchaftlich, ſo edel ſeyn, ſich des theuern Juͤnglings annehmen zu wollen? 4 Ja, gnädige Frau, ich geſtehe Ihnen frei, 4 mir kam ſchon der Gedanke. Wo, dachte ich, dürfte mein Endarius beſſer aufgehoben ſeyn, als im Hauſe einer ſo höchſt liebenswürdigen, gütigen Frau? O gewiß, fuhr er mit erhoh⸗ tem Tone fort, gewiß Sie würden ſich ange⸗ zogen an ihn fuͤhlen, je mehr Sie ihn kennen lernen würden! Es iſt ein ſo liebevolles, gutes Geſchöpf! o gnäd'ge Frau, ein mir ſo überaus theures Weſen!— Nur mit täglich zunehmen⸗ der innerer Angſt dulde ich ſeine weitere Be⸗ gleitung, und dennoch bin ich zu ſchwach, ſei⸗ nen Bitten die beſtimmte Weiſung, zuruͤck blei⸗ ben zu ſollen, entgegen ſtellen zu können! Aber Ihnen würde er nicht widerſtehen— Ihrer ſuͤßen Beredſamkeit nicht— Sie wür⸗ den ihm vorſtellen, wie gewagt es ſey, in ſei⸗ uem Zuſtande— o Sie würden mir erlauben, Sie mit dem Geheimniß, das uns an einander bindet, bekannt machen zu duͤrfen. Sie wur⸗ den meinen Endaxius lieben, er Sie— wie Geſchwiſter würden Sie mit einander leben, bis das Ende des Krieges oder ein günſtiger Zeitpunkt mir erlaubte, zuruͤckzukehren, Ihnen dan⸗ ken zu können, mich auf ewig mit dem Theuern— Halb todt geängſtigt, mit dem Roth der höchſten Verlegenheit uͤbergoſſen, ſtand die junge ſchöne Frau, lauſchend der Rede des Obriſten, vor dieſem. Nein, das hatte ſie nicht gemeint, als ſie theilnehmend nach den Leiden des Jünglings forſchte— nein, das konnte ſie in ihrer Lage nicht gemeint haben.— Allerdings ſtieg ein hohes Intereſſe in ihrem Buſen auf, als ſie vom Balkon herab die bleichen ſchoͤnen Züge des Juͤnglings zuerſt erblickt, der, tief in Mäntel gehüllt, auf den Arm des Obriſten geſtützt, nur langſam aus'm Wagen ſtieg— nur muͤhſam die paar Schritte bis ins Schloß that. Aber welches Weibes Iutereſſe wird nicht aufgeregt beim Anblick eines ſo ſchonen, lei⸗ denden Jünglings? 4* — Allerdings ſorgte ſie mit der zarteſten Auf⸗ merkſamkeit, daß des Kranken Ruhe nicht ge⸗ ſtört wurde— daß es an keiner Erquickung ihm fehlen moge! Vielleicht— vielleicht war auch leiſe und dunkel der Wunſch im verſchwie⸗ genen Buſen aufgeſtiegen, nur die Hälfte der Sorgen und Muͤhen an den Juͤngling wenden zu dürfen, welche ſie ſo reichlich dem bejahrten, mürriſchen, unfreundlichen Gatten vpfern mußte! Aber ſo ſtill und dunkel war der Wunſch auf⸗ geſtiegen, ſo unbewußt ihrer ſelbſt, daß ſie er⸗ ſchrocken zuruͤck fuhr, als der Obriſt jetzt ihren leiſeſten Gedanken frei ausſprach; ſie gedachte des abweſenden Gatten, ſie ſchauderte zuruͤck vor den tauſend und aber tauſend Verlegenhei⸗ ten, in welche ſie ſolch ein Zuſammenleben mit einem fremden, jungen Manne bei des Gatten Mißtrauen bringen müſſe— ſie ſchwieg, ver⸗ legen die Augen niederſchlagend, als der Ein⸗ tritt einer Ordonanz dieſem peinlichen Auftritt ein Ende machte, des Obriſten warmen Rede⸗ fluß hemmte. Haſtig griff der Obriſt nach dem ihm dar⸗ gereichten Papier, eine leichte Bläſſe flog uͤber ſein Geſicht, als er ſchnell den Inhalt deſſel⸗ ben durchlaufen— noch einige Worte rief er der ſich entfernenden Ordonanz nach, dann ſprach er raſch, Erwinens Hand ergreifend: Wir muͤſſen fort, gnaͤd'ge Frau!— dies Pa⸗ pier enthält die Ordre, ſchon in dieſer Nacht aufzubrechen— jetzt, ſetzte er mit ſchwanken⸗ der Stimme hinzu, jetzt gilt es die Trennung von dem theuerſten Weſen, das auf dieſer Welt mir lebt!— Aber, ich ſcheide gefaßt— Ihre edle Guͤte buͤrgt mir dafuͤr, daß Endaxius an nichts Mangel leiden werde— es gilt nur noch, ihn zu überreden, daß er in die jetzige Trennung von mir willige— und darum bitte ich Sie, cheure, großmüthige Frau— helfen Sie mir ihm vorſtellen, wie ſein Hierbleiben jetzt das Zweckmäßigſte ſey. Welch eine Lage fuͤr Erwinen! Durfte ſie jetzt dem Manne, der mit edlem Vertrauen ſein höchſtes Gut in ihrem Schutz geben wollte, die Engherzigkeit ihres Gatten ſchildern? Konnte ſie ihm ſagen, wie derſelbe ſie, die in den Dreiſigen lebende Frau, leicht mit dem achtzehn⸗ bis neunzehnjährigen Juͤng⸗ ling in einen ſie entehrenden Verdacht ziehen könnte— konnte ſie ihm jetzt ſagen, daß bei einem muſterhaften Betragen in ihrer mehr als zehnjaͤhrigen Ehe es ihr dennoch nicht gelingen wollte, das Mißtrauen des Gatten zu beſchwich⸗ tigen, das, ewig rege, ihr Leben zur Hölle ſchuf? Erwine fuͤhlte, welch' Vertrau'n der Obriſt in ſie ſetzte; ſein achtungsvolles Benehmen ehrte ſie hoch, und entzuckte ſie, indeß der Gedanke an die Ruͤckkehr ihres Gatten ſie mit Pein er⸗ füllte. Doch kein Moment blieb ihr, der Ueber⸗ legung, wie hier kluͤglich ein Ausweg zu finden ſey— des Obriſten bittendes Auge hing an ihr, ſeine Hand erbat die ihrige zur Begleitung nach Endarius gimmer— und Erwine folgte dem Ruf, bebend vor Angſt, und kämpfend mit den widerſtrebendſten Gefühlen, trat ſie endlich vor das Ruhebett, auf welchem hingeſtreckt Endaxius lag. Der Obriſt umarmte den Juͤngling voll zärtlicher Liebe— und drückte die beiden ihm dargereichten Haͤnde an ſeine Bruſt— lange dauerte die Unterredung in fremder Sprache, und ſchmerzlich mußte der Inhalt dem Kranken ſeyn, denn auf einmal ging die leiſe, ſchmel⸗ zende Stimme in lautes Weinen über, dem großen, ſeelenvollen Auge entſtürzten heiße Thra⸗ nen, und ehe der Obriſt es verhindern konnte, fiel der Jüngling vor ihm nieder— umfaßte ſeine Kniee, und rief, das Geſicht Erwinen zuwendend: Ich— ihn verlaſſen? ewig nicht! ich— Alles verlaſſen, Eltern, Vaterland— Freun⸗ de!— er— mein Alles auf der Welt— ich mit ihm ſterben!— Und nun überzog Leichenbläſſe das ſchöne Geſicht— das Auge ſchloß ſich, und eine tiefe Ohnmacht folgte der Anſtrengung, welche dieſe Unterredung dem Juͤngling gekoſtet. Schmerzerfuͤllt legte der Obriſt den Leb⸗ loſen auf's Bett zuruͤck— und Erwine ent⸗ fernte ſich, tief ergriffen von dieſer Liebe. * Spaͤt Abends kam, Abſchied nehmend, der Obriſt auf ihr Zimmer. Es iſt vergebens, ſprach er ſanft, Endarius verlaßt mich nicht— ſein Leben häͤngt an dem meinigen. Ich komme, Ihnen in ſeinem Namen fuͤr Ihre Guͤte zu danken— wir werden Sie nie vergeſſen— und, ſetzte er zögernd hinzu, möchten auch Sie unſerer mit Liebe gedenken— möchte es Sie nie mit Zorn erfuͤllen, daß wir das größte, innigſte Vertrauen in Sie geſetzt— er druckte bei dieſen Worten Erwinens Hand an ſeine Bruſt, ſein funkelndes, ſchwarzes Auge ruhte in ihrem Blick— und leiſe rollte eine Thräne uͤber die gebräunte Wange. Denken Sie unſerer mit Liebe, ſprach er noch einmal mit bebenden Tönen— und tief erſchuttert durch ein unnennbar wehmůthiges Gefuͤhl, ſank Erwine an des Kriegers Bruſt.— Ein Kuß des heiligſten, innigſten Gefuühls ward gegeben, genommen— und als Erwine aus ihrer Wehmuth ſich erhob, ertheilte bereits des Obriſten Stimme unter ihren Fenſtern den Be⸗ fehl zum Aufbruch. Gott ſey Dank! lispelte ſie leiſe, ſich bald darauf zu Bett legend; Gott ſey Dank, daß des Schickſals Gebot ſie von dannen ruft! Dieſer Obriſt mit dem grenzenloſen Vertrauen— der kranke, leidende Jüngling— wahrhaftig ſie haben meine ganze Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen! Welch' Gefuͤhl iſt es, das mich ſo mächtig zu Beiden zieht?— Erwine ſchloß die Augen, ſie wollte die Gedanken verſcheuchen, einem erquickenden Schlaf ſich uͤberlaſſen, allein es war umſonſt— die Unruhe uͤber ihr, in dem Zimmer der Fremden, vermehrte nur die ihrige mehr und mehr— da horte ſie, wie gegen Morgen zum Aufbruch geblaſen ward, wie die Mannſchaften aufſaßen und der Obriſt leiſe noch Worte des zärtlichſten Abſchieds an ihrer Thuͤr flüſterte. Bald darauf verließ ſie das Bett; ſie fuͤhlte ſich angegriffen von den Scenen des geſtrigen Tages, von der ſchlafloſen Nacht; ſie wollte hinaus treten unter — 58— die bluͤhenden Orangen auf ihrem Balkon. Die erfriſchende Kuͤhle der Morgenluft, der Anblick der aufſteigenden Sonne ſollten beruhigend wir⸗ ken auf das erregte Gemüth.— Erwine öffnete die hohen Spiegelthuͤren, und trat hinaus. Wo magſt Du weilen jetzt, armer, kranker Endaxius? war ihr erſter Ge⸗ danke— und, wirſt Du geſunden? Werde ich jemals Dich froh und beglückt wieder ſehen? Da gewahrte ihr Auge ein Körbchen, das an einem blauſeidenen Bande aus der obern Zim⸗ merreihe herab gelaſſen, vor ihr am Boden ſtand. — Was iſt das? fragte ſie erſchrocken. Kennt man in Euerm Lande die Gaſtfreund⸗ ſchaft ſo wenig, daß Eure Dankbarkeit glaubt, ſich durch Geſchenke ausſprechen zu müſſen?— Sie griff zögernd nach dem Papier, das ihr vom Körbchen entgegen ſchimmerte— es war feucht— von Thränen— die Schrift zum ———— „ Theil verwiſcht.— Erſchrocken, ahndend, zit⸗ — 5— ternd las ſie mit bebenden Lippen: Gedenke unſerer mit Liebe— wir legen unſer höchſtes Gut vertrauensvoll in Deine Haͤnde. Erwine ſchwankte, ihre Linke griff ſich feſt in das Eiſengelaͤnder des Balkons, indeß die Rechte den Shwal vom Körbchen zog. Ein Schrei des Erſchreckens entfloh ihren Lippen! Die lange, leiſeſte Ahndung ihres Bu⸗ ſens war erfüllt— aus dem Körbchen lächel⸗ ten ſie die Zuͤge eines neugebornen Kindes an. Endaxius, der bleiche, ſchoͤne Juͤngling, war ein Weib— das geliebte Weib des Obri⸗ ſten— die geheimnißvolle Krankheit nun ent⸗ huͤllt— ſie hatte in der Nacht das Kind ge⸗ boren— doch ihre Liebe zu dem Manne ihres Herzens war großer denn Schmerz und Freude, ſie folgte dem Liebling ihrer Seele auf ſeinem Beruf, vertrauend das Kind ihrer Liebe einer Frau zurück laſſend, welche ſo theilnehmend, guͤtig ſich den Fremdlingen gezeigt. Lange ſtand Erwine im ſtillen Sinnen— dann hob ſie das dunkle Auge zum hellen Him⸗ mel— Guter Gott! flüſterte ſie leiſe, erfullſt du ſo den heißeſten innigſten Wunſch meiner Seele— ſoll dies Kind mir ein Schutzgeiſt werden auf der dunklen Bahn meines Lebens? ſo ſey es mir gegruͤßt um des Heils meiner Seele willen! Sie ſank tief bewegt auf ihre Kniee nieder, und druͤckte einen leiſen Kuß auf die kleine Engelsſtirn.— Sey mir gegruͤßt! fuhr ſie fort, mit dem Zeichen des Kreuzes den Nengebornen ſegnend— Gottes weiſe Güte gab 3 Dich in meinen Schutz, ſey mir willkommen als Zeichen ſeiner unendlichen Barmherzigkeit! Dein Gluͤck ſey fortan meine heiligſte Pflicht, und der Allmächtige, der Dich mir gab, wird meine Kraft ſtärken, daß ich zum Guten Dich leite.— Nur wer gleich Erwinen das Qualvolle ei⸗ ner ungluͤcklichen Ehe kennt, nur wer gleich ihr in fruchtloſem Sehnen zehn lange, lange Jahre durchtrauert, kann ermeſſen, welch' beſeligendes Gefuͤhl ihre Bruſt hob— jetzt ſo plotzlich, ſo unerwartet den geheimſten Wunſch ihrer Seele erfullt zu ſehen.. Freudig, geſchaͤftig, trug ſie den Knaben in ihr Schlafgemach, aͤngſtlich durchſuchte ſie das Körbchen, fuͤrchtend, als duͤrfe deſſen In⸗ halt ihr näheres Licht über die Verhältniſſe des Obriſten geben, als müſfe ein Zeitpunkt beſtimmt ſeyn, wenn man den Knaben zuruͤck fordern werde; und erſt, als ſie nichts, auch gar nichts fand, rief ſie mit freudigem Entzücken: Ja, Du biſt mein, holder, ſchoͤner Knabe, Du ſollſt mein Sohn ſeyn— Erwin ſollſt Du heißen, nach mir— und meine Liebe ſoll Dir Mutter und Vater— ein bittres Gefühl durchzuckte ihr Inneres— ſie konnte nicht vollenden— ihr frendig gehobenes, glänzendes Auge ſenkte ſich plötzlich verduͤſtert.— Vater, ſtammelte ſie leiſe.— Wird er ihm Vater ſeyn wollen? Er, deſſen tyranniſche Härte mir jeden Lebens⸗ genuß verſagt? Wird er mir die ſelige Freude gönnen, der Waiſe wohlthun zu dürfen?— Weh' dir, arme Erwine! Dein ſchuldloſes Herz ahndete, welch' einen bittern Kelch du dir ſelbſt bereitet, als du dich großherzig des dir anvertrauten Kindes annahmſt— als du die ganze, ungetheilte Zärtlichkeit einer Mutter ihm zuſicherteſt!— Selten nur ſchläͤft die Bosheit, und der Argwohn ſpinnt, wie die Spinne, ſeine tauſend Fäden im Verborgenen, bis das Netz vollendet, das die Unſchuld rettungslos umſtrickt. Der Herr von Wahlau kehrte von ſeiner Geſchäftsreiſe zuruͤck, als der kleine Erwin, auf Erwinens Schvoße ſitzend, das erſte Mal den Namen Mutter zu ſtammeln verſuchte— Mut⸗ ter! ſtammelte das ſchoͤne Kind, und mit müt⸗ terlicher Wonne kuͤßte Erwine die friſchen, blü⸗ henden Lippen. Ja, Du biſt mein Sohn! mein unaus ſprechlich geliebtes, einziges Kind! ſprach ſie, da trat ihr Gatte mit doppelten Gläſern vor den Augen aus dem Gebuͤſch auf ſie zu. Erwine ward bleich— ſie hatte des Gat⸗ — — — 63— ten Ruͤckkehr nicht erwartet— ſo ſchnell we⸗ nigſtens nicht— jetzt erſt, in ſeiner Abweſen⸗ heit, in der ſtillen, häuslichen Ruhe, in ſtetem Zuſammenſeyn mit dem Knaben, deſſen War⸗ tung und Pflege ſie ganz allein uͤbernommen hatte, war ihr das Geheimniß der höchſten, irdiſchen Gluͤckſeligkeit enthuͤllt worden— ſie fuͤhlte nur, wie höchſt gluͤcklich ſie war— und dachte nie daran, wie nahe ihr die Möglichkeit ſtehe— ihr ganzes Glück zertruͤmmert zu ſehen! Der erſte Anblick des ruͤckkehrenden Gatten floͤßte ihr die baͤngſte, ſchmerzlichſte Ahndung ein— erbleichend ſprang ſie vom Raſenſitz auf— muͤhſam ſtrebte ſie dem Herrn von Wahlau ei⸗ nige freundliche Worte des Willkommens zu ſagen; doch der feſte, ſtechende Blick, welchen die ſer tief, als wolle er ihre Seele durchſchauen, in ihr Auge bohrte, drängte gewaltſam jedes freundliche Wort in die beklemmte Bruſt zuruͤck. Und wie, fragte mit hoͤhniſchem Lächeln, als ſie am andern Morgen beim Frühſtuͤck ſaßen, zum zehnten Mal der Herr von Wahlau Er⸗ winen, wie kam der Knabe in mein Haus? 1 hoher Schuldloſigkeit, gab die Begebenheit treu und wahr. Und wie hieß der Herr Obriſt? Von wel⸗ chem Regimente war er denn? Das wirſt Du doch noch wiſſen, mein Kind! Und als Er⸗ wine ſich damit entſchuldigte, bei den außer⸗ ordentlich häufigen Durchmarſchen niemals ſo recht nach den Namen der Einquartierten ge⸗ forſcht zu haben, als ſie verſicherte, den Obri⸗ ſten nur immer von Endarien Caſimir nen⸗ nen gehoͤrt zu haben, da fertigte Wahlau Bo⸗ ten da hin und dort hin ab, und er ſelbſt fuhr in die nahe Stadt, wo das Etappenbüreau ge⸗ weſen, um zu ergründen, was es ſey, das er zu glauben, zu fürchten habe.— Allein ein Unſtern ſchien uͤber allen Nach⸗ forſchungen zu walten, Wahlau's Bemühungen waren umſonſt— und auf keiner der nahe lie⸗ genden Etappen wollte man einen Obriſten, wie Erzaͤhle das doch ausfuͤhrlich, liebes Herzchen! Du weißt nicht, wie hoͤchſt intereſſant mir die Geſchichte iſt. Und Erwine, mit der Würde ——,—— — 65 3 Erwine Caſimir beſchrieb, und einen ihn beglei⸗ tenden, kranken Juͤngling geſehen haben.— Immer mürriſcher ward der Gatte, immer beißender, verwundbarer ſein Spott, immer furchtbarer die Kraͤnkungen, womit Erwine„ die Scheltworte, womit der Knabe überhäuft ward. Da fiel ihm zuletzt ein, als der Friede be⸗ reits längſt geſchloſſen, die Völker in ihre Hei⸗ math rückgekehrt waren, und keine Nachricht kam von Eaſimir und Endaria, er muͤſſe in den Zeitungen ſie aufrufen, in den Zeitungen ihre Verfügungen uͤber den zurück gelaſſenen Knaben auffordern, und— hälfe auch dies letzte Mit⸗ tel nicht, dann ſey er überzeugt, Erwine habe ihn getäuſcht— der Knabe ſey ihr Kind— die Frucht einer verbotenen Liebe— und dann wehe ihr!— ihr, und dem Baſtard!— Erwine ſah das feindſelige Treiben und To⸗ ben ihres Gatten— ſie ſchauderte vor dem Ge⸗ danken zuruck, ſo frevelhaftes Beginnen auf ſich laden zu laſſen, ſie ſtrebte unabläſſig, den erzuͤrnten Gatten zu beſänftigen, von ihrer Un⸗ 5 ſchuld zu überzeugen, und dennoch zitterte ſie mehr noch vor der Möglichkeit, daß durch den Aufruf in den Zeitungen Erwin ihr emtriſſen werden könnte.— So zum erſten Mal in ihrem Leben quäl⸗ ten Widerſpruͤche und ſich entgegen ſtrebende Wünſche ihre friedliche Bruſt— und je länger die gehofften Nachrichten dem Herrn von Wah⸗ lau ausblieben, je ſchonungsloſer er Erwinen behandelte, jemehr er den ſchuldloſen Knaben tyranniſirte, je inniger umſchloß Erwine ihren Pflegling— je reiner, höher, unaus ſprechlicher ward ihre Liebe zu ihm. Da endlich in einem Anfall von entſetz⸗ licher Wuth, drang Wahlau in ſeine Gattin, ihn zu geſtehen, daß Erwin ihr Sohn ſey. Und als Erwine das fromme, helle Auge hob, und, betheuernd die Hand auf die Bruſt legend, die feierlichen Worte geſprochen: Gott gab das Kind in meine Hand— ſein Auge, das in's Ver⸗ borg'ne ſchaut, ſchaut auch mein Juneres, und kennt meine Unſchuld— ſeiner Allmacht dürfte † es ein Leichtes ſeyn, den Schleier von Erwins Geburt zu heben— er thut es nicht— und ſtill beruhigt, durch mein reines Bewußtſeyn, ehre ich ſeinen Willen, und trage, was ſeine Weiöheit uͤber mich verhaͤngt— Dir aber ſage ich noch einmal— der Knabe iſt nicht mein Sohn— aber ich liebe ihn wie mein Kind— und bin entſchloſſen, wenn Deine unnatuͤrliche Härte ihn verſtößt, die Rechte einer leiblichen Mutter uͤber ihn zu vertheidigen— bis Gott es anders ſchicken wird— ſchrie Wahlau, ſchäu⸗ mend vor Wuth: Nun denn, Madam, verthei⸗ digen Sie welche Rechte Sie wollen— allein nicht hier— nicht eine Stunde länger in mei⸗ nem Hauſe. Nehmen Sie Ihren Baſtard, der Ihnen lieber iſt, als Gemahl, Ehre und Glůck— nehmen Sie ihn, und von Ihren Sachen, was Ihnen beliebt. Doch mir ſey es erlaubt, Sie an einen Ort zu bringen, wo Sie ungeſtoͤrt und unbeſchadet meiner Ehre, Ihren noblen Faſſions ferner froͤhnen können. Acht Tage ſpäter fand ſich Erwine auf dem tief im Walde gelegenen Vergſchloß Fels⸗ 8 4 0 burg wieder— und der Anblick der ſtarten, ſchroffen Felſen, die ſie umgaben; der uralten hohen Eichen, welche ſtill und groß ihre Häup⸗ ter bis in die Wolken erhoben; des wild rau⸗ ſchenden Baches, der ſchäumend in die Tiefe ſich ſtürzte; der dunklen Felsſchluchten; der üp⸗ pig bluhenden Wieſen und Thäler, welche ſie vom hohen Söller des Schloſſes herab uͤberſchauen konnte, erfüllten ihre Bruſt mit der heiligſten Ahndung, und gaben ihr, hier in der Verban⸗ nung, eine ſtille, ſelige Ruhe, nach welcher ſie vergeblich in dem rauſchenden Kreiſe ihres Ge⸗ mahls ſich geſehnt haben wuͤrde. Großherzig verſchwieg ſie Erwin die Ur⸗ ſache ihrer Verbannung— ſie ließ in des Kna⸗ ben Bruſt auch nicht die leiſeſte Ahndung auf⸗ keimen, als könne ſein Daſeyn mit der Ver⸗ änderung ihrer Lage auch nur in der entfernte⸗ ſten Verbindung ſtehen. Stillſchweigend hatte ſie ſich durch die Folgſamkeit, mit welcher ſie ſich auf Felsburg verweiſen ließ, in des Ge⸗ mahls Augen zu Erwins Mutter bekannt— laut bekannte ſie ſich jetzt dem Knaben als ſolche— und hätte dieſer, trotz ſeines jugendlichen Leicht⸗ ſinns, ſich auch jemals andern Deutungen uͤber⸗ laſſen können— Erwinens alles aufopfernde Liebe fuͤr ihn hätte ihm ſagen muͤſſen, nur in ihrer Bruſt lebe fuͤr ihn die wahre, ächte Mut⸗ terliebe und Treue. Der fromme, heilige Ernſt des Ciſterzien⸗ ſermönchs, welcher Erwins Lehrer ward; das tiefe, warme, reine Gefühl Erwinens; die große, herrliche Natur, in welcher er lebte, bildeten des Knaben Gemuth, und gaben ihm jene Empfaͤnglichkeit, jene phantaſiereiche Fülle, den romantiſchen Schwung, welcher bei Kennt⸗ niß des eignen, innern, tiefen Gemüths ſo leicht das Auge an andern Gegenſtaͤnden verblendet, die klare Anſchauung roher Wirklichkeit erſchwert, und dem warmen, fuͤhlenden Herzen Täuſchun⸗ gen bereitet, welche leider nur zu leicht das ganze Leben mit Schmerz erfuͤllen, der Seele Frieden ſtören. Erwin hing mit ſchwärmeriſcher Liebe an ſeiner Mutter— er achtete und liehte ſie gleich — 6— einem höhern Weſen; jede ihrer Handlungen, auch die allerkleinſte, welche der augenblickliche Zufall oft beſtimmte, erſchienen ihm das Re⸗ ſultat eines tiefen Denkens, eines reinen, großen Herzens— er ehrte die hochſte Vollkommenheit in ihr— allein er fühlte nicht, daß oft, was er als das Edelſte, Groͤßte an Andern bewun⸗ derte, nur durch ſein eignes, reines, tiefes Em⸗ pfinden zu dem Edelſten, Größten geſtempelt ward. Die ſtete Exaltation ſeines Gemuͤths, ſeine ſchwärmeriſche, blüthenreiche Phantaſie, ſein reines, edles Herz, zauberten um ihn ei⸗ nen Kreis der höchſten Vollkommenheit— ſeine Herzensgůte kannte kein Mißtrauen, keine Heu⸗ chelei— mit unausſprechlicher Liebe geliebt von dem kleinen Kreiſe, der ihn umgab, liebte auch er unausſprechlich, und ſo floſſen in ſuͤßer, hei⸗ liger Ruhe, in ungetrübter Freude, ſeine Kna⸗ benjahre voruͤber, und der Zufriedenheit hoͤchſter Reiz lächelte dem Jüngling entgegen, als plt⸗ lich Alles dies durch einen Brief des Herrn von Wahlau geſtört ward, welcher vom Sterbebette geſchrieben, die Gattin an dieſes rief. Erwine machte ſich ſchnell auf, das Ge⸗ heimniß zu erfahren, welches, wie Wahlau ihr ſchrieb, er noch vor ſeinem Ende ihr anzuver⸗ trauen wünſche— ahndend, daß es Einfluß haben koͤnne auf Erwins Geburt, ſann ſie ei⸗ nen Moment, ob ſie deſſen Begleitung der ein⸗ ſamen Reiſe vorziehen ſolle, als die Bitten des Juͤnglings, ihm zu erlauben, den Ort wieder ſehen zu duͤrfen, wo ihn zuerſt das Licht der Welt begruͤßt, uͤber ihr Schwanken entſchieden. Sie betrat an ſeiner Hand nach einer zwölfjäh⸗ rigen Abweſenheit das Schloß Wahlau wieder. Der Anblick des Gatten machte ſie ſchau⸗ dern. Seine Pſyche ſchien ihr nur gezögert zu haben, der irdiſchen Huͤlle ſich zu entwinden, damit ihm die Moͤglichkeit werde, ſich mit der zuruck bleibenden, tief gekräͤnkten Gattin noch einmal zu beſprechen, die Verzeihung des ihr zugefugten Unrechts zu erlangen. So dachte ſie, und darum legte ſie mild und gütig die Finger auf ſeine bleichen Lippen, als es ſie dünkte, er ſtrenge ſich an, um Worte der Entſchuldigung hervor zu bringen. Hoch auf horchte ſie aber, maͤchtig ſchwoll ihr Herz voll Verwundrung und Erſtaunen, als Wahlau zögernd ihr geſtand, es ſey bald nach ihrer Entfernung einſt des Abends in prächtig glänzender Equipage ein großer, ſtattlicher Herr, in Begleitung einer ſehr ſchoͤnen, doch bleich und kraͤnklich ausſehenden Dame, bei ihm er⸗ ſchienen, welche ſich ſehr angelegentlich nach ihr zuerſt, dann nach dem Kinde erkundigt, welches in dem erſten Feldzuge der Beſitzerin des Schloſſes anvertraut worden ſey. Hier ſtörte ein anhaltender Huſten die ohnedies langſame Rede des Kranken— Er⸗ winens Bruſt ſchlug hoch, voll banger Erwar⸗ tung. Nun! rief ſie mit ſchneller Haſt; und was gaben Sie ihnen zur Antwort? O mein Gott, reden Sie! Was antworteten Sie Er⸗ wins Eltern? denn das waren die Fremden gewiß!— Da durchblitzte Wahlau's Auge eine bos⸗ hafte Freude— ſie waren es, ſprach er mit Lächeln— ja freilich waren ſie es.— Enden Sie meine Qual, bat Erwine— welche Antwort gaben Sie den Fragenden? und warum ſuchten ſie mich nicht auf? warum nicht ihren Sohn? Sie waren todt fuͤr mich, fing nach einer Pauſe Wahlau an— Sie wollten todt ſeyn fͤr mich, als ich Ihnen die Wahl ließ zwiſchen mir und dem Knaben, Sie entſchieden fuͤr den Letztern, Sie wollten fuͤr Niemand außer ihm leben, und ſo waren Sie todt füͤr mich— todt füͤr die Welt— dies ſagte ich den Fremden; ſie beweinten Sie als todt. Und Erwin? fragte tief erſchuͤttert Erwine, was ſagten Sie, das aus dieſem geworden? Ihr Tod, ſprach Wahlau, habe ihn nach ſich gezogen— er ſey Ihnen gefolgt. Erwine ſchauderte in ſich zuſammen.— Guter Gott, fragte ſie mit ſanften Thraͤnen, hatten Sie kein Gefühl fuͤr den 5 Schmerz der armen Eltern? Ich hatte nur ein Gefuͤhl, antwortete Wahlau, das ſuͤße Gefühl der Rache, die Sie in meinem Innern angefacht. Ihre Thraͤnen, ihr Jammer, wenn Ihnen dieſe Nachricht wuͤrde, ſchienen mir die ſüßeſte Genugthuung dafür, daß Sie um eines fremden Knaben willen mich verlaſſen konnten— ſo dachte ich damals— ſo dachte ich Jahrelang— und jetzt— Erwine verhuͤllte ihr Haupt;— welch eine Nachricht! Das hatte ſie nicht erwartet!— O Gott, welch ein unermeßlicher Schmerz fur ihre weiche Seele! Sie erwog in der eignen Bruſt das Jahre lange Hoffen und Wünſchen der armen Eu⸗ daxia— ſie horte die ſanften Troſtesworte des Obriſten— ſie begleitete die liebenden Eltern durch die langen Jahre der Trennung von ihrem Kinde— ſie empfand all' ihre Furcht⸗ ihr Bangen, ihr Hoffen, ihre Luſt bis zum Augen⸗ blick, wo ſie den Ort betraten, der ihnen die höchſte Freude, oder den höchſten Schmerz geben mußte. Ihre Phantaſie malte ſich das Bild — —„5— der bleichen, ſchoͤnen Endaria— die Erwar⸗ tung, die aus ihren, aus des Obriſten Geſichts⸗ zügen leuchtete— und nun umhullte Dunkel ihr weiteres Sinnen— Entſetzen ſchüttelte ihre Glieder an einander— ein Menſch war es— ihr Gatte, der aus wahnſinniger, thoͤrigter Rache irre geleitet, ſo vieler Menſchen reinſten Freudenhimmel truͤbte, die höchſte Gluckſeligkeit kaltherzig untergrub. Voll Abſcheu hatte ſie ſich von ihm ge⸗ wendet, doch das ſchnellere Athemholen des Kranken, ſein dumpfes Röcheln dünkten ihr bei ſeinem furchtbaren Ausſehen die gewiſſen Vor⸗ boten des Todes— mit ſchneller Beſonnenheit unterdruͤckte ſie daher jedes aufgeregte Gefuͤhl, ſie ergriff mit ihren lebenswarmen Händen die ſchon halb erſtarrten des Gemahls;— ich ver⸗ gebe Ihnen Alles, ſprach ſie ſanft— bei Gott, bei dem hoͤchſten Richter, vor welchem Sie vielleicht in wenig Augenblicken ſtehen werden, ſchwore ich es Ihnen, ich vergebe Ihnen, was Sie an mir und dem ſchuldloſen Erwin gethan— aber ſagen Sie mir dafuͤr, was Sie wiſſen. „— Wer waren die Fremden? Wie heißen ſie? Und wo findet ſie Erwin? Sie fragen mich zuviel, antwortete mit ſchwacher Stimme Wahlau— ich habe nach nichts gefragt— es duͤnkte meiner Rache ſo ſuͤß, Ihnen jede Aufklaͤrung vereiteln zu koͤn⸗ nen— jetzt fuhle ich anders, ich hätte fragen ſollen— fragen muſſen— ich that es nicht— und ließ ſie ſcheiden. Und ſie ſchieden wirklich? ſprach leiſe halb füͤr ſich Erwine. Nicht ſuchten ſie das Zimmer auf, das geheiligt ihnen ward durch die Geburt ihres Sohnes? Nicht den Ort, wo ſie mich ihn finden ließen? O doch! unterbrach mit letzter Anſtrengung Wahlau die leiſe geſprochenen Worte— o doch, ſie ſuchten das Zimmer in dem obern Stock⸗ werk auf, und den Balkon, wo unter Bluͤthen ſie des Knaben erſtes Lager bereitet;— ſie ſchieden dann— und ein reicher Schmuck ward mir, die Koſten zu verguͤten, wahrſcheinlich die des Knaben fruhere Erziehung mich— hier erſtarben die letzten Worte, Erwine hoͤrte nichts mehr— Wahlau's Pſyche war entfloh'n— und vor ihr lag die todte Hulle. £ Zwei Jahre ſpäter, als an einem milden ſchoͤnen Herbſtabend die Sonne ſo ſanft und golden hinter den Bergen hinab ſank, und Er⸗ wins freundliches Auge benetzt ward von ſanf⸗ ten Thraͤnen, durch ſeine eigene Geſchichte, welche Erwine unter fremdem Namen ihm er⸗ zählt, deutete die Erzählende auf die Schei⸗ dende und ſprach: Erweckte der Anblick der ſinkenden Sonne nicht in mir den Gedanken eines baldigen, moͤg⸗ lichen Scheidens von Dir, mein geliebter Sohn, würde ich kaum noch gewagt haben, eines Vor⸗ falls zu erwaͤhnen, welcher ſo tief eingreifend in mein Leben war, Dir, mein Sohn, eine lang genaͤhrte, gewiß ſuͤße Täuſchung ſtören muß, doch— bei all' dieſem mir die Beruhi⸗ gung geben ſoll, aus Deinem Munde das Be⸗ kenntniß zu hören, es habe Dich begluͤckt, von — 6— mir in dieſer Taͤuſchung erhalten worden zu ſeyn. Darf ich offen mit Dir reden? Und fuhlſt Du Dich ſtark genug, das Allerunerwar⸗ teſte zu vernehmen? Beſtuͤrzt blickte Erwin in der Mutter lie⸗ bevolles Auge— was meinſt Du, meine Mut⸗ ter! fragte er beklommen. Was iſi es, das ich erfahren ſoll? Und welche Täuſchung könnteſt Du mir bereitet haben? Erwine öffnete ein Juwelenkäſtchen, und die letzten Strahlen der untergehenden Sonne brachen ſich in den tauſendfachen Farben, welche von einem ſehr koſtbaren Schmuck dem Juͤng⸗ ling entgegen blitzten. Sie legte den Strahlen⸗ den in Erwins Hand, und hielt einen Ring, auf welchem die Namen Caſimir und Endaxia ſtanden, ihm vor. Dieſer Schmuck, mein Theurer, ſprach ſie dann, iſt ein Andenken Deiner Eltern; der Ring trägt ihren Namen; im Deckel des Käſi⸗ chens iſt Dein Familienwappen angebracht— taͤuſchen mich meine Vermuthungen nicht, ſo biſt Du der junge Graf Pavanskoi, deſſen Geſchichte ich Dir ſo eben erzählt— Du weißt nun, wie Du in meine Hände gekommen, und ahndeſt gewiß, warum ich das Geheimniß Dei⸗ ner Geburt Dir bis jetzt noch nicht enthuͤllt. Erwine ſchwieg— ſie erwartete, daß der Jüngling ſprechen ſollte, aber ſtumm, bewe⸗ gungslos und bleich ſaß dieſer vor ihr, in⸗ deß einzelne Thränen dem großen Auge ent⸗ quollen, langſam die Wange befeuchtend. Sanft ſtrich Erwinens Hand die dunklen Locken von der weißen Stirn des Jünglings. Mein theurer Sohn! ſprach ſie, ihn an ſich drückend. Da belebten ſich von Neuem die bleichen, ſtarren Zuͤge— und mit einem Strom heißer Thraͤnen umfaßte Erwin der geliebten Mutter Kniee. O warum mußteſt Du die ſelige Täu⸗ ſchung ſtören, meine Mutter? Warum ließeſt Du mir nicht den ſüßen, begluͤckenden Glauben? —— — — 55— Du nicht meine Mutter? Warum ſprachſt Du es aus, das harte Wort, das alle meine Freu⸗ den auf ewig zernichtet? Weil, ſprach Erwine tief bewegt, weil ich Dir gegeben habe, was zu geben ich vermocht— ein ganzes Leben voll unendlicher Mutterliebe und Zärtlichkeit— ich fühle mich, mein Sohn— ich fühle, daß ich noch mehr zu geben nicht vermag. Mein Leben geht zu Ende— ich ſcheide vielleicht bald von Dir— der letzte Athemzug meiner Bruſt ſoll Dir gehören, mein Sohn. Damit Du aber nach meinem Tode nicht allein ſteheſt in der Welt, gebe ich Dir im Scheiden noch die Weiſung an eine zweite muͤtterliche Freundin. Suche ſie auf nach meinem Tode— die Zerſtreuung der Reiſe wird den Schmerz um die Trennung von mir in Deiner Bruſt mildern. Suche ſie auf— und findeſt Du ſie am Leben, ſo ſey Endaria Dir Erwine, und Erwine wird Dir fortleben in der Liebe Endaria's. — 81— Der letzte bange, ſchwere Moment war fuͤr Erwinen voruber gegangen, ſie hatte ihrem Lieb⸗ ling das Geheimniß enthůllt, von welchem ſie eine tiefe Erſchuͤtterung voraus ſah— jetzt ſprach ſie ruhiger über die Verfuͤgungen nach ihrem Tode.— Erwin hoͤrte nicht, was ſie ſprach; doch ſchien er aufmerkſam darauf, weil ſein Zart⸗ gefuͤhl ihm ſagte, es muſſe der geliebten Pflege⸗ mutter Freude machen, ihm die Beweiſe ihrer Liebe geben zu koͤnnen. Nach ihrem letzten Willen ſollte er Erbe ihres ganzen, ſehr bedeutenden Vermogens wer⸗ den. Seine Seele beſchaftigte ſich während ihrer Rede mit dem Schickſal ſeiner Eltern, das ihm dunkel war; er überdachte, wie ſie ihn vertrauensvoll in jener Nacht des Schreckens Erwinen uͤbergeben, wie dieſe das in ſie geſetzte Vertrauen durch ihren Edelmuth gerechtfertigt— er fuͤhlte, welchen Schmerz es ihm verurſache, daß ſie nicht ſeine Mutter ſey, und dann zog es ihn wieder unerklärbar mächtig zu Endarien; er ſuchte mit ſehnſuͤchtigem Blick die Stelle auf'm Balfon zu erſpaͤhen, wo ſeine Eltern ihn, 6 6— gewiß unter heißen Thraͤnen und Segenswunſchen aus ihren Fenſtern herab gelaſſen hatten— er drückte, ſich ſelbſt unbewußt, den Ring, die Namen an ſeine Lippen, ſeine Bruſt— die Hand mit dem Schmuck, den gewiß ſeine Mur⸗ ter getragen hatte, ruhte auf dem glůͤhenden Herzen.— Meine Mutter! ſeufzte er immer wieder leiſe, und er wußte nicht, rufe er mit dieſem heiligen Namen die ihm nahe Erwine oder die ferne Endaxia, bis die Erſtere auf die Stelle deutete, das Korbchen, ſein erſtes Bett, vor ſich hinſtellend, ſprach: Hier— hier fand ich Dich!— Da beugte ſich tief zum Boden die hohe Geſtalt des Jünglings, und ſeine Lip⸗ pen berührten das Koͤrbchen, die daran befeſtigte blaue Schnur, welche die Hande ſeiner Eltern erfaßt. Weit breitete er die Arme aus, als wolle er die Fernen damit an ſeine mit gluͤhen⸗ der Sehnſucht erfullte Bruſt ziehen, und in lei⸗ ſen Tönen löſtte ſich der ſuͤße Vater- und Mut⸗ tername vom bewegten Herzen— dann ſanken die thräͤnenſchweren Blicke von Neuem auf das Körbchen zuruͤck— und im ſtummen Schmerz druckte er es immer wieder an ſein Herz— es —,—— — war ja fuͤr dieſen großen Moment des heilig⸗ ſten Gefuͤhls das Einzige, das ſeine Sinne er⸗ ſchauen, erfaſſen konnten!* Erwine lächelte in ſchmerzlicher Freude— ſie fuͤhlte zum erſten Mal in ihrem Leben, daß die heiligen, innigen Bande, welche unſichtbar Natur um Mutter und Kind geſchlungen, auch durch jahrelange Alles aufopfernde Liebe nicht geloſ't, erſetzt werden können.— Sie hatte mit edler, großmüthiger Liebe das verlaſſene Kind aufgenommen, den Knaben, den Juͤngling beglückt— und jetzt war es den⸗ noch das ſchonſte, heiligſte Gefuͤhl, das ihn ab⸗ zog von ihr, zu der Mutter, die nichts ihm gab, als ein Daſeyn voll Mangel und Kummer, wenn Erwinens Großmuth ihn nicht ſchirmte.— Durfte ſie aber einem Gefuͤhl zuͤrnen, das ſo mächtig des Jünglings reine Seele bewegte? Erwine ehrte des Juͤnglings Schmerz um ſeine Eltern— ſie fachte ſeine Sehnſucht nach ihnen an— durch das tauſendmalige Wieder⸗ holen auch der aller unbedeutendſten Begebenheit, welche ſich während ihres kurzen Beiſammen⸗ ſeyns zugetragen. 6* — —— —— Erwine, die edle, großherzige Erwine fuhlte, wie unendlich ihr Erwin ſie liebe; wie, obgleich ſein Herz ihn zu ſeiner rechten Mutter zog, er dennoch mit unausſprechlicher Liebe und Dank⸗ barkeit an ihr hing— ſie fuͤhlte, wie der Schmerz um ihren Tod ſein weiches Herz verwunden werde; wie er, bei ſeinem tiefen Gefühl, ſich der Schwermuth uͤberlaſſen wuͤrde— und für dieſe Trauer ſuchte ſie einen Ableiter, und glaubte den ſicherſten darin gefunden zu haben, daß ſie ſeine Sehnſucht nach den geliebten El⸗ tern anfache— damit die Reiſe ihn zerſtreue— ſeinen Schmerz mild're;— ſie ſelbſt traf daher noch bei ihrem Leben alle Anſtalten zu ſeiner Reiſe, und Erwin mußte ihr das feierliche Ver⸗ ſprechen leiſten, ſogleich nach ihrem Tode und der Beſitznahme der Güter das Land verlaſſen zu wollen, um ſeine Eltern aufzuſuchen. Erwine war todt, die Beſitznahme der Gůter mit mehreren Schwierigkeiten verknüpft— und Erwin genöthigt, den Hofrath Salden die Führung ſeiner Angelegenheiten zu uͤbertragen, welches er um ſo lieber that, da der Hofrath ein weitlaufiger Verwandter der Wahlauſchen 8 * Familie war— und die Dankbarkeit gegen ſeine geliebte Wohlthäterin ſeinem guten Herzen die Pflicht auflegte, gütig und freundſchaftlich zu ſeyn gegen jedes auch noch ſo entfernt anver⸗ wandte Glied der verſtorbenen Familie. Der Hofrath maaß den Jüngling mit ei⸗ nem langen Blick— ſein ſcharfes Auge erſah nur zu bald, wie viel Vortheil aus dem frei⸗ willigen Annaͤhern Erwins fuͤr ihn und die Sei⸗ nigen zu ziehen ſey. Schweigend blätterte er in den ihm dargereichten Papieren; immer lä⸗ chelnder ward der ſchlaue Blick, da immer rei⸗ zender das Gemälde ward, das vor ſeinem gei⸗ ſtigen Auge erſtand— mit ſchneller Entſchloſ⸗ ſenheit bildete ſich vor ſeiner Seele ein Plan— und gierig verfolgte der Hofrath denſelben bis zu ſeinem ſchoͤnſten Gelingen. Und darum lä⸗ chelte er den argloſen Juͤngling freundlich, und darum verſicherte er ihn ſeiner thatigſten Freund⸗ ſchaft, und bat um ſein ferneres, unumſchraͤnk⸗ tes Vertrauen— aber kaum hatte Erwin ſein Haus verlaſſen, ſo fertigte der Hofrath einen Expreſſen ab, der durch einen langen, breiten Brief ſeine in der Reſidenz lebende Schweſter von dieſem Plan in Kenntniß ſetzen mußte. Ei das iſt ja offenbar Gottes Finger, ſchrieb der Hofrath unter andern, der mir den Jüngling in die Hände giebt; wär' ich nicht ein Thor, dieſen Strahlenſchein einer goldenen Hoff⸗ nung nicht möͤglichſt feſt zu faſſen, und nach Kraften mitzuwirken, wo das Schickſal ſo freundlich mir entgegen kommt? Du kennſt nun meinen Willen, liebe Schweſter, fuhr er fort, und Deiner Klugheit überlaſſe ich es, auch meine Tochter Tina dafuͤr zu gewinnen. Leite die Sache ein, wie Du willſt, nur vergiß nie⸗ mals, daß ich feſt entſchloſſen bin, Tina wird Erwins Gattin, das Vermögen, auf welches wir vermoge der Anverwandtſchaft ſowohl die gerechteſten Anſpruche haben, kommt in unſere Hände— und am Hochzeittage der jungen Leute lohnt Dein Bemuͤhn das niedliche Eichgruͤn, welches Du Dir ſchon laͤngſt zum Beſitzthum gewünſcht. Leb' wohl, bald ein Mehreres. Nach einiger Zeit forderte ihn der Hofrath zu einer Reiſe auf ein entfernt liegendes Gut auf— eine dunkle Ahndung ſtieg in Erwin auf, 4 — als muͤſſe recht Schmerzvolles ihm bevorſtehen, als er dieſelbe antrat. Seine Bruſt war ſo be⸗ klommen, er ſo überaus wehmuͤthig geſtimmt, daß die erſten Meilen in ſtummer Einſylbigkeit zuruͤck gelegt wurden. Was iſt Ihnen? hatte Salden mehrere Mal gefragt. Allein Erwin wußte die Frage nicht anders zu beantworten, als ein unerklaͤrliches Gefuͤhl beängſtige gerade heut' ſeine Bruſt— ſein Geiſt war bei Erwi⸗ nen.— Warum fehlſt Du mir, dachte er ſtill fur ſich— o welche unnennbare Seligkeit wäre es fuͤr mich, heut' meinen Schmerz an Deinen Buſen ausweinen zu können! Könnte ich heut' nur den ſuͤßen Ton Deiner Stimme hoͤren! Den Ton, der jeden Sturm in meiner Bruſt beſchwichtigt!— Ach wie ſchrecklich iſt mir, wie unertraͤglich das Gefuͤhl des Alleinſeyns!— Da lenkte der Kutſcher links von der Straße ab in eine hohe ſtolze Pappelallee, und freund⸗ lich und einladend blickte am Ende derſelben ein nettes Landhaus hervor. ⁰ Wo fahren wir hin? fragte aus ſeinen Traumen aufwachend Erwin. Wir beugen von der Straße ab? Bemerken Sie das wirklich? fragte lächelnd der Hofrath. 3 Nun ja, allerdings wird es nöthig ſeyn, daß wir uns ein wenig das Ziel verruͤcken. Sie ſind ſo ſtumm, junger Herr, ſo unzugaͤng⸗ lich, daß ich mir alle an Sie gerichteten Fra⸗ gen ſelbſt beantworten muß— und— ſehen Sie, ich bin ein tedſeliger Patron, ich muß Jemand haben, mit dem ich ſchwatzen kann, der mir etwas vorſchwatzt— und ſo befahl ich mit Ihrer Erlaubniß dem Kutſcher, einen klei⸗ nen Umweg zu machen, damit wir nach dem Gute meiner Schweſter kämen. Meine Tochter Tina iſt bei ihr, dieſe wollen wir abholen, ſie ſoll die Fahrt mit uns machen, dann kommt mehr Leben in unſern ſtillen Kreis. Erwins Stimmung paßte heute durchaus nicht fuͤr die laute Freude, dies fuͤhlte er nur zu gut; allein ſeine Artigkeit erlaubte ihm nicht, dem Hofrath Einwendungen zu machen— doch mußte ihm das billigende Lächeln mißlingen, mit welchem er Saldens Vorſchlag, der freund⸗ lich erwartend ihn anſah, erwiedern wollte— da er im Augenblick ſich beängſtigt fuͤhlte durch . den Gedanken des laͤngern Beiſammenſeyns mit einem Mädchen, das der Ruf ihm längſt als Eins der klugſten, ſchoͤnſten, aber auch muth⸗ wrilligſten geſchildert hatte. Der Wagen hielt. Die Frau von Senk kam die Ankommenden zu begraͤßen, aber Tina war nicht da.— Das Madchen iſt im Gar⸗ ten, ſprach endlich die Tante; Du weißt, lieber Bruder, daß wir jetzt die Obſternte haben, und wie gern das froͤhliche Mädchen aus jeder Klei⸗ nigkeit ein frohes Feſt macht. Sie hat die jun⸗ . gen Leute aus der Nachbarſthaft zuſammen gebeten, und nun iſt die Geſellſchaft im Gar⸗ ten beſchäftigt, die Bäume zu pluͤndern, das Obſt in die Koͤrbe zu fuͤllen und an den Ort ſeiner Beſtimmung zu bringen. Der Hofrath blickte lächelnd auf Erwin. Da werden Sie helfen müſſen, junger Herr, ſprach er, Sie kennen und lieben ja die laͤnd⸗ lichen Beſchaͤftigungen! Und ehe Erwin noch recht geantwortet hatte— befand er ſich in dem großen, herrlichen mit den außerleſenſten Obſtbäumen angefullten Garten, und aus den duftenden Buͤſchen, von den mit Obſt prangen⸗ * — den Bäumen jauchzten ihm die fröhlichen Stim⸗ men des jungen Völkchens entgegen. Tina ſprang dem Vater in die Arme, dann bot ſie Erwin freundlich nickend die Hand, ſie zog ihn mit ſich fort in den Kreis der jubeln⸗ den Menge— und wie ſchuͤchtern der Juͤngling der Leitung des Mädcheus folgte, ſeine Blödig⸗ keit mußte ſchwinden vor der holden Zutrau⸗ lichkeit, mit welcher Tina ihn behandelte, die mit raſcher Gewandtheit ihm uͤber jede Ver⸗ legenheit weg half, und ſo in ihm das drük⸗ kende des Fremdſeyns im Aufkeimen ſchnell er⸗ ſtickte. Tina war bei ihrer Tante, welche in der Reſidenz einen glaͤnzenden Haushalt fuͤhrte, er⸗ zogen, und fruͤhzeitig mit aller Feinheit, Grazie und Gewandtheit bekannt worden, welche das große Leben erforderte— ihr natürlicher Ver⸗ ſtand, ein hoher Grad von Liebenswuͤrdigkeit, ihre blendende Schönheit, machten ſie bald zum Gegenſtand allgemeiner Bewundrung— des Vaters Eitelkeit, welche auf die ſeltene Schoͤn⸗ heit ſeiner Tochter die hochfahrendſten Pläne baute, erachtete es fuͤr unumgänglich nothig, das ſchöne Maͤdchen mit jeden blendenden Glanz äußerer Vorzuͤge zu ſchmüͤcken. Tina war eine Virtuoſin in allen das Auge gewinnenden Kuͤn⸗ ſten. Die Ausbildung ihres Herzens— Klei⸗ nigkeit, dachte der Vater— uͤberließ man der Zeit, den Verhältniſſen, am Ende dem klugen Kinde ſelbſt— und ſo reifte Tina zur ſchön⸗ ſten Jungfrau heran— zur kluͤgſten, geſtand die Menge— zur gefährlichſten, Jünglinge und Greiſe— zur gefährlichſten endlich auch die Tante, wenn ſie ſah, wie kalt, herzlos, feſt entſchloſſen das Mädchen Alles unter ihren Scepter beugte— bewundernd drängte ſich alle Welt an ſie— liebend ſtand Niemand ihr zur Seite— und Tina's feuriges, glutherfuͤlltes Herz ſehnte ſich, die Liebe kennen zu lernen— ſuchte— fand ſie endlich an einem Gegenſtande, fuͤr welchen ſie des Vaters Beifall zu gewinnen nie erwarten durfte— und nun erſt hatte das Leben ſeine Reize für ſie, da ſie in ihren ſüße⸗ ſten Empfindungen, den beſeligendſten Gefuͤhlen— allein, zwanglos, abgeſchloſſen von jeder ſiö⸗ renden Einmiſchung daſtand— Niemand ahn⸗ dete ihre gluͤhende Liebe— ſchlau wußte ſie Jeden uͤber die Regung ihres Herzens zu taͤuſchen— und dieſe Kunſt, dieſe Täuſchung beglůckte ſie, weil es ihr das ſüßeſte Vergnü⸗ gen duͤnkte, bei dem Anſcheine, von Andern be⸗ herrſcht zu werden, ſelbſt und allein zu herrſchen uber Andere. Tina kannte Erwin nicht, doch reizte ſie die Schilderung, welche der Vater von ihm machte.— Ein ſchwaͤrmeriſcher ʒzing„ hatte Sal⸗ den geſagt, mit heißem Gluthgefühl für alles Gute und Schoͤne, ein wahrer, aufrichtiger Menſch, deſſen Lippe auch die allerkleinſte Luge noch nicht entweiht— und— ein reines, ganz unſchuldiges Herz. Tina ordnete die dunklen Locken auf der weißen Stirn, ſie warf den Blick in den großen Spiegel, und mit ſüßem Lächeln that ſie ſich ſelbſt die Frage, ob ſie es wohl wagen dürfe, den Kampf mit ſolch einem Herzen aufzuneh⸗ men? Es duͤnkte ihr auf Augenblicke doch ſo ſüß, der Abgott eines ſo glühenden Gefuͤhls zu ſeyn; ſo entzückend, ausſchließend, eines ſchwär⸗ moriſchen Jünglings Phantaſie zu füllen, die erſten Regungen eines ſo reinen, der Liebe noch ganz unkundigen Herzens zu beobachten, daß ſich ihr, wenn auch nur ganz leiſe, doch zum oͤftern der Wunſch aufdrang— noch frei zu ſeyn wie er— oder das Buͤndniß löſen zu kön⸗ nen, welches ſie mehr in trotzigem Uebermuth, ihren Willen haben zu wollen, als aus wahrer Liebe geknuͤpft.— Uneins mit ſich ſelbſt— ſtand ſie auf einmal kalt und gefuͤhllos in dem ſie ſonſt begluͤckenden Kreiſe, willig folgend des Vaters Ruf, die Reſidenz zu verlaſſen, dem ſie allein, fruͤher nach allen Kraͤften, 63 öf⸗ tern ſich widerſetzt. Der Tante entging dieſe plotzliche Ver⸗ änderung keinesweges— doch ſann ſie ver⸗ gebens den Gruͤnden, welche ſie herbei gefuͤhrt haben konnten, nach.— Denkbar ſchien es ihr nicht, daß Tina, ſobald ſie die Pläne ihres Vaters ahndete, ſeinem Willen ſich ſo ganz leicht neigen ſollte— ſie kannte nur zu gut des Maͤdehens unbeugſamen Charakter— und— das Buͤndniß, welches Tina geſchloſſen— allein nur zu gut fühlend, daß es in ihrer Macht nicht ſtehe, des Mädchens Handlungen auch —————— — nur im entfernteſien leiten zu können— zudem die geiſtige Ueberlegenheit Tina's kennend— blieb der Tante zur Beguͤnſtigung der Pläne ihres Bruders kein anderer Weg— als blind⸗ lings zu befolgen, was dieſer fur gut befinde— und die aller heimlichſten, verſteckteſten Mittel aufzugrübeln, welche dazu dienen konnten, das ſchlaue Mädchen zu uͤberliſten, in ihren eignen Netzen zu fangen. Willig fuͤhrte die Tante des Madchens Entſchluß, den Spätherbſt auf'm Lande verleben zu wollen, aus— um ſo wil⸗ liger, da der ländliche Aufenthalt ſie in die Naͤhe von Eichgruͤn brachte, welches ſie nach des Bruders Verheißungen ſchon halb und halb als das ihrige betrachtete. Hier nun ſchuf ſich Tina's Phantaſie die Scenen der erſten Bekanntſchaft mit Erwin, und hundert Plane entwarf ſich das eitle Maäd⸗ chen, wie ſie dem ſchönen Juͤngling zuerſt er⸗ ſcheinen, welchen Eindruck ſie auf ſein Herz machen wolle, und wie dies am guͤnſtigſten zu bezwecken ſey— und als der Wagen, wie durch eine augenblickliche Idee des Hofrath beſtimmt, dem Schloſſe zulenkte, war Tina's Plan ent⸗ — worfen, die Rolle, welche ſie gegen Erwin ſpie⸗ len wollte, laͤngſt einſtudirt. Nur ein ſo ganz reines Gemuͤth, wie das Gemuͤth des Jünglings wirklich war, ahndet keine Plaͤne, wo doch ſo ſichtbar, ſo eingreifend Eins in des Andern Thun und Sagen gehan⸗ delt wird. Salden hatte der Tante mit zwei Worten ſeine Ankunft gemeldet— dieſe ganz gleich⸗ gultig hingeworfen, über Tiſch mit der Nichte davon geſprochen, und wiederum Tina die Nach⸗ richt mit der ſcheinbarſten Ruhe aufgenommen; — aber trotz dem, daß man über die Sache beinahe kein Wort ſprach, ſtand doch augenblick⸗ lich vor dem Scharfblick des Maͤdchens klar und hell des Vaters Plan— lächelnd zwar, doch feſt und pruͤfend ſchaute ſie einen Moment nach der Tante hinuͤber— ſie mußte wiſſen, in wie fern ſich dieſe und auf welche Seite ſie ſich neige— und als ſie die nieder geſchlagenen halb verlegenen Blicke derſelben gewahrte— ůbergoß ein dunkles Roth des Madchens Wange— ein ungewöhnliches Feuer durchblitzte ihr Auge— ſie ahndete ſich verrathen von der Frau, die ſie ——— fuͤr ihre wahrſte, einzige Freundin hielt— und unumſtoößlich feſt grub ſich der Entſchluß in ihre Bruſt, ſich, es koſte was es wolle, des Vaters Willen, dem auch die Tante ſich zu⸗ neigte, widerſetzen zu wollen— Tina ſchwankte, ob ſie des Jünglings Bekanntſchaft machen ſollte— dann aber mußte ſie ja ſich ſelbſt be⸗ kennen, ſie habe aus Furcht ſich zuruck gezogen, weil ſie ſich die Stärke nicht zugetraut, ihm ge⸗ genͤber ihren Willen durchfuͤhren zu können.— Sie erroͤthete:— ein Mann ſollte meinen Wil⸗ len beſchränken? dachte ſie— ein Gefuͤhl mich beherrſchen, das nicht mein freier, kuͤhner Wille geboren?— Lächelnd reichte ſie der Tante die Hand— ſich ſelbſt belächelnd und ihre Schwachheit, die auf einen Moment erzittern konnte vor den Plä⸗ nen eines Andern, die den ihrigen widerſtrebten. Die Tante errieth ihr Lächeln nicht, aber ſie druͤckte die Hand des Mädchens mit herz⸗ licher Freude— ſah ſie doch zum erſten Mal in ihrem Leben, daß dieſe willig und folgſam erſchien wie ein frommes Kind— und gern ließ ſie dieſelbe gewaͤhren, als ihr, der verzärtelten Städterin, auf einmal die Luſt kam, ſich in eine ganz einfache, niedliche, ländliche Tracht zu werfen, die Beſchäftigung eines Landmaͤdchens nachahmen zu wollen. Aus der Nachbarſchaft ward ſchnell eine Anzahl junger Leute gebeten, denen das Obſtleſen eine gewohntere Beſchäf⸗ tigung war, und auch mehr Freude machte, als dem ſchoͤnen Fräulein, das ſich nur zu Folge ihres Plans unter das Treiben und To⸗ ben der Menge begab; und ſo geſchah es, daß Erwin das hoch gebildete, kluge Mädchen ganz anders erblickte, als er mit heimlicher Angſt erwartet hatte. Hier ſah er, wohin er blickte, die ſchönſte, harmloſeſte Natur— aus jedem Zuge des freundlichen Geſichts ſprach ihn ein unwiderſtehlicher Liebreiz an— aber wenn das Mädchen die ſeidene Wimper hob— wenn des himmliſch ſchoͤnen, klaren Auges Stern auf ihh ſich lenkte; wenn der ſüße, liebevolle Blick ihn traf— dann war es, als ſchaue ſein Auge in die helle Sternenpracht des tief blauen Him⸗ mels, eine ſuͤße, ſelige Ruhe zog ein in ſeine Bruſt, die begluͤckendſte Ahndung durchbebte ſein Innres, er fuͤhlte ſich erhoben, der Eyde ent⸗ 5 ruͤckt, und freudig hätte er ſein Leben hinge⸗ worfen, hätte er, in dies Auge verſenkt, ſterben können.— Armer Erwin! Und konnteſt du die war⸗ nende Stimme, welche ſo laut, ſo mächtig in deinem Innern geſprochen, welche durch ein dich beängſtigendes Gefuͤhl ſich kund gab, ſo leicht vergeſſen?— ſo wenig der truͤben Ahndung gedenken, welche auf der ganzen Reiſe dich beſchlich?— Der Abend war voruͤber— unter tauſend Luſt und Scherzen waren ſchnell die Stunden enteilt. Gute Nacht! lispelte Tina, des Juͤnglings Hand zutraulich faſſend— gute Nacht— und, fuhr ſie, mit dem Finger drohend, lächelnd fort, nicht zu lange geſchlafen morgen, denn fruͤh ſchon will der Vater fort, und ich muß Ihnen ja doch erſt den Sonnenaufgang von der Waldhoͤhe herab zeigen. Erwin drückte die Hand des engelſchoͤnen Maädchens an ſeine Bruſt.— Wie himmliſch gut Sie ſind! ſtammelte er leiſe.— Ein Diener fuͤhrte ihn in das ihm ange⸗ wieſene Schlafzimmer und trat, ſeiner Befehle harrend, an die Thuͤr zuruͤck. Erwin bemerkte ihn nicht— ſein Herz war voll— zum Zerſpringen voll der Ein⸗ drücke der vergangenen Stunden— wie ermat⸗ tet ſank er auf einen Stuhl, und ſchaute mit gefaltenen Händen und ſtarren Augen zum Bo⸗ den hernieder, bis ein ſeliges Laͤcheln die todten Zuge belebte— nun ſuchte die Hand unwill⸗ kührlich den Weg nach dem glühenden Herzen, der Frende leuchtender Schein flog uͤber Aug' und Wange, die friſchen rothen Lippen beweg⸗ ten ſich und ſprachen leiſe Worte, und ſchnell, als wolle er dem hochſten Glück entgegen eilen, ſprang er auf und ſtuͤrzte zum Fenſter, um hinaus zu ſchauen in die nun einſame Land⸗ ſchaft, den Ort zu erſpähen, wo er das Maäd⸗ chen zuerſt erblickt, das ſeine Seele mit ſo ſußen Regungen fuͤllte. Da fragte zum dritten Male des Dieners leiſe Stimme: Befehlen Ew. Gnaden?— Erſchrocken fuhr Erwin aus ſeinem ſelig⸗ ſten Traum auf— zornig auf den Schuͤchter⸗ nen zufahrend: Was willſt Du, rief er dro⸗ 3 — 100— hend Mit Windeseil entwich der beſtürzte Diener, indeß der Juͤngling in höchſter Beſcha⸗ mung, ſich beſinnend, daſtand. Sinnend legte er die Hand an die Stirn— einen ſchweren Athemzug tief aus der Bruſt herauf holend— Träum' ich denn? fragte er ſich ſelbſt? Was war mir denn? Und aus dem Sinnen über die Veranlaſſung zu ſeinem wachenden raum verſank er allmählig wieder in denſelben. Da klangen die leiſen Accorde einer Harfe aus der Stille der Nacht zu ihm herauf„ und Tina's Silberſtimme traf in melodiſchem Ge⸗ ſang ſein Ohr— er oͤffnete das Fenſter und lauſchte den frommen, ruͤhrenden Abendgeſang der Holden, und mit den Tönen zog die Liebe ſiegreich in ſein Herz— mit unendlich weichem, ſeligen Gefuͤhl gab er den neuen Eindrücken ſich hin.— Bis jetzt galten ſeine Sehnſucht, ſeine Seufzer der geſchiedenen Erwine, an ihrem Bnſen wuͤnſchte er, wenn eine ſuße Wehmuth ihn beſchlich, ſeine Thränen weinen, ſeine Kla⸗ gen ausſtroͤmen laſſen zu koͤnnen— jetzt trat Tina's Bild neben Erwinen, das bluͤhend ſchöne, lebenswarme Madchen, mit dem ſanften Him⸗ — 101— melsblick, neben die bleiche, kalte Erwine mit dem erſtorbenen Auge— und leiſe, ihm ſelbſt unbemerkt, neigte ſein Herz ſich der Erſtern zu. Erwine! ſeufzte er, der Abgeſchiedenen denkend— aber die Lebende trat vor ſeine be⸗ wegte Seele, und verdraͤngte ſiegreich den blei⸗ chen, geliebten Schatten. Aber auch Tina hatte ihre Traume, ſo gut als der Jüngling. Sie gedachte, wie ihr Vater, der kluge Weltmann einſt geſagt: Die ſchwerſte und großte Kunſt im Leben iſt die genaue Kenntniß des menſchlichen Herzens. Der unruhige, leiden⸗ ſchaftliche Menſch wird niemals zu einer rich⸗ tigen„klaren Anſchauung ſeiner ſelbſt und an⸗ derer Menſchen Handlungen gelangen. Die großte Nuͤchternheit allein in allen Verhältniſſen des Lebens ſich erhalten zu kön⸗ nen, daraus allein gehe die Möglichkeit hervor, ſich trotz allen widrigen Einwirkungen des Ge⸗ ſchicks ein dauerndes Gluͤck zu gründen. Der Menſch muß vom Anbeginn ſeiner Laufbahn klar wiſſen, was er will— weiß er dies aber einmal feſt, beſtimmt, hat ſein Ver⸗ — 102— ſtand das Ziel gewählt, ſo darf auch kein Be⸗ gegniß in der Welt ihn irren. Für ſeinen Zweck waͤhle die Klugheit einen Weg— und dieſen verfolge mit Muth das ſtarke Gemuͤth. Eine kühne Seele ſchreitet ungehindert voran, und gäbe es tauſend Schwierigkeiten zu bekämpfen. Ein Schwäͤchling nur laͤßt ſich irren. Tina fragte: Wie aber, mein Vater, wenn zwei feſt beſtimmte Menſchen mit ihrem ern⸗ ſten Wollen auf entgegen geſetztem Wege ſich begegnen, Jeder von ihnen mit Entſchloſſenheit gewaffnet iſt, und Keiner von ſeinem Wege weicht?. Dann giebt es den ſchönſten Triumph fuͤr ein muthiges, kuͤhnes Herz, erwiederte Salden; und der Ueberwundene wird, wenn auch blu⸗ tend in den Staub getreten, dennoch bekennen muͤſſen: Ich bin beſiegt, aber meinem Ueber⸗ winder gebührt die höchſte Achtung, um ſeines Muthes, ſeiner Ausdauer willen. Salden hielt ſeinen Plan feſt im auht als er ſeiner Tochter mit Pathos ſeine Anſich⸗ ten darlegte— die Gelegenheit, ihr zeigen zu können, wie unerſchuͤtterlich feſt er einſt ihr 4 6 5 gegenuͤber zu treten Willens ſey, kam ihm er⸗ wuͤnſcht.— Tina war fruher mit ſich in Richtigkeit— allein ſie wollte erfahren, aus des Vaters Munde erfahren, welche Stellung derſelbe gutwillig, gegen ſeinen Willen, ihr einräumen wuͤrde— und entzuckt hielt ſie den Blick auf ihrem Vor⸗ haben feſt— der Vater hatte ja dem kuͤhnen Ueberwinder die hochſte Achtung zuerkannt. Aber Erwin?— mußte er das Opfer dieſes Kampfes werden? Nein, ſein ungiůck war Tina's Vbſi icht nicht. An einer ſo leichten Wunde, meinte ſie, wie ſie ſeinem Herzen zudachte, verbluiet kein Menſchenleben.— Und— ſtand es nicht jeden Moment in ihrer Gewalt, dies Spiel zu enden, wenn es einen zu ernſten Anſtrich bekommen ſollte? Zeigen aber mußte ſie nebenbei können, welche Opfer ſie ihren Entſchluſſen zu bringen fähig ſey, eben ſowohl wie die Größe der Ge⸗ walt, welche ſie uͤber ein Menſchenherz auszu⸗ uͤben ſich erworben. — 104— Am andern Morgen trat ihm Tina lächelnd aus der dunklen Weinlaube entgegen. Aber tief erſchüttert ſtand Erwin in ihrem Anblick ver⸗ ſunken, und vermochte vor innerer Bewegung nicht des Maͤdchens freundlichen Morgengruß zu erwiedern. War es ein Traum, der vor ſeinen Blicken ſchwebte? Hatte ſeine Phantaſie das Bild ge⸗ boren? War es Tina, die vor ihm ſtand; oder Erwine, wie er ſie im Leben ſo oft geſehen, und wie ihr Bild im Saale zu Felsburg hing? Das war das nmliche tief blaue Kleid, der purpurrothe Shwal mit der breiten aus tau⸗ ſend Blumen durchwirkten Kante— ſo hielt der ſchwarze Gürtel auch Erwinens faltenrei⸗ ches Gewand unter der Bruſt zuſammen; ſo ſielen die dunklen Locken auf die weiße ſchöne Stirn— und war es nicht die nämliche glaͤn⸗ zend reine Perlnſchnur, welche Tina's Buſen zierte, die Erwine im Leben getragen? Tina bemerkte mit imnigem Vergnugen die ſichtbare Bewegung des Juͤnglings; allein ihr gnügte der ſtille Triumph nicht, ſie mußte aus ſeinem Munde hören, in wie fern es ihr ge⸗ — — 5— lungen, durch die genaue Nachahmung von Er⸗ winens Kleidung ihn zu überraſchen. Darum faßte ſie ſeine Hand, und darum fragte ſie ſo ſchmeichelnd, ſo freundlich: Was macht Sie ſo ſtumm heut', guter Erwin? Warum ſehen die Augen ſo duͤſter, die Stirn ſo ernſt?— Da überſtrömten auf einmal beredet des Jünglings Lippen— und Lina erfuhr, wie be⸗ ſeligend ihm die Täuſchung geweſen; wie er ge⸗ glaubt habe, in ihr Erwinen zu erblicken, und wie es ihn jetzt noch höher beglucke, anſtatt dieſer ſie vor ſich ſtehen zu ſehen— wie Er⸗ wine ſo unausſprechlich gut und mild geweſen ſey, und wie fort und fort er ihrer gedenken müſſe— und wie er glaube, Tina ſey auch ſo gut— und er um deßwillen ſich ſo wunderbar mächtig zu ihr gezogen ſich fuhle.— Tina zerdrückte eine Thräne im großen ſeelenvollen Auge, und lispelte leis und mit bewegtem Tone: D warum hab' ich ſie nicht gekannt, die großherzige, edle Frau, über deren Leben nur eine Stimme herrſcht! Warum durfte ſie mir nicht als Vorbild dienen, als Leiterin auf der dunklen Bahn des Lebens? — 106— Erwin griff die letzten Worte auf, denn ſein Herz neigte ſich in warmer Theilnahme zu dem Maädchen. Dunkel, ſprach er vaher, dunkel nennen Sie die Bahn Ihres Lebens, theure Tina? O mein Gbtt„wie taͤuſchend iſt doch der Schein! Ich hielt Sie fuͤr ſo zufrieden mit Ihrem Ge⸗ ſchick— und, ſagen Sie e⸗ laͤchelt Ihnen nicht jedes Gluͤck?— Da ſchůttelte Tina ſanft den dunklen Lok⸗ kenkopf— ich bin nicht glucklich, ſprach ſie halb leiſe, wie fuͤr ſich— dann faltete ſie die weißen Hände uͤber der Bruſt— und ſenkte das große Auge zu Boden. Doch einen Mo⸗ ment nur ſtand ſie ſo, dann wandelten ſich ſchnell die ernſten Zuͤge in ein ſüßes Lächeln, und als wolle ſie den Schmerz aus ihrem Ge⸗ ſichte wiſchen, fuhr ſie mit der Hand uber Stirn und Auge:— Verzeihen Sie, ſprach ſie dann— ich wollte Sie erfreu'n, guter Erwin, und ſtecke Sie an mit meiner Schwermuth. Kommen Sie ſchnell auf, daß wir Beide ver⸗ geſſen; und ſomit zog ſie den Juͤngling mit ſich fort, die Anhöhe hinauf, durch die blühenden — 107— Büſche und weinbelaubten Gaͤnge, bis ſie aus hohen Buchen und Eichen heraus traten auf die freie Anhöhe, und das roſige Gewoͤlk auf den gegenuͤber liegenden Bergen den Sonnen⸗ aufgang verkuͤndete. Erwins Auge ſchwelgte im Anblick der himmliſch ſchönen Gegend— und ſein bewegtes Herz erhob ſich hoch uber Sonne und Wolken zu dem Vater, der ſo wunderbar herrlich dieſe Erde geſchaffen— todt war für ihn in dieſem Moment die Welt und ihr Treiben— eine ſelige Ruhe war in ſeiner Bruſt, und all' die ſtürmen⸗ den Gefühle ſeines Innern lößten ſich auf in dem einzigen Gedanken der— des Glau⸗ bens an Gott. Da traf ſein trunkner Blick, der langſam aus den Wolken hernieder ſank, Tina's Auge, das mit der hochſten Freude an ſeiner Ueber⸗ raſchung ſich weidete. O Tina! rief er, voll Entzücken des Mädchens Hände ergreifend; o Tina, wie ſchön iſt dieſe Erde! und wie gluͤck⸗ lich der Menſch, der rein und vorwurföfrei ſein Auge erheben kann zu dem dieſer herr⸗ lichen Welt! *„ Welch' Ungluͤck iſt denkbar, das der Menſch nicht zu tragen vermöchte beim Hinblick auf die ewig dauernde, Liebe und Allmacht Gottes! Meine Bruſt blutet noch von der Wunde, welche Erwinens Tod mir geſchlagen, aber wenn ich hinaus ſchaue in ſtiller, einſamer Nacht— und mein Auge ſie erſchaut, die Mi⸗ riaden Sterne, welche Gottes Allmacht in ſtiller, ruhiger Größe herauf ziehen läßt am dunklen Himmel, und die Jedem, auch dem Ungluͤck⸗ lichſten blitzen, ein leuchtend Denkmal ſeiner Größe;— wenn ich des Mondes ſanftes, mil⸗ des Licht betrachte, und der Sonne feuriges Glaͤnzen, dann erweitert ſich meine Bruſt, und mein geiſtig Auge dringt hinauf zu Gott, und ich fuͤhle, daß der Gott, der die Liebe ſo feſt, ſo innig verwebt in unſer Seyn, uns nicht trennen kann durch den Tod, und daß der Schmerz, der unſer innerſtes Leben trifft, uns näher bringt ſeinem Himmel voll Seligkeit, uns hinauf zieht zu den lieben Abgeſchiedenen, die ja doch als verklaͤrte Geiſter in uns fort leben, und nur als ſichtbare Körper unſerm Auge ent⸗ — 100— rückt ſind— trauern mocht' ich dann, daß der Schmerz, der ſo beſeligend uns erhebt, nicht ewig waͤhrt.— Welch Gefühl kann in ſeiner Erſchuͤtterung groͤßer, ſeliger ſeyn, als ſich verlaſſen, un⸗ gluͤcklich zu wiſſen, losgeriſſen von jedes Men⸗ ſchen Theilnahme, und dann hinſinken zu kön⸗ nen, zu weinen, zu klagen am Buſen der Na⸗ tur, aus welcher Gottes Stimme ſo laut, ſo vernehmbar dem fühlenden Menſchen tauſend Troſtesworte ſpricht! Welch' Gefühl kann dem gleich kommen, ſich erheben zu können über alle irdiſche Uebel und Mängel, rein in ſich aufzu⸗ nehmen das Bild der Alles beglückenden, ewigen Güte und Größe, die uns leuchtet aus der don⸗ nernden Wolke— dem heulenden Sturm„den tobenden Wellen!— O Tina, ich mochte an der fernſten Wolke Saum mich haͤngen! Es zieht mich hinauf in den zurnenden Himmel— hinab in die toſende Fluth— ich möchte meine glhende Bruſt kühlen in dem Rauſchen der ſchäumenden Wogen, meine Anbetung hinaus rufen in die emporte Natur— und jedem ſanf⸗ ten Luftchen zulispeln: Ich fuhle Dich, Gott!— Ich glaube und erkenne Dich ewig!— Glauben Sie mir, holdes Mädchen, fuhr er nach einer Pauſe fort, da er ſah, daß Tina die Stille nicht unterbrach— ich fuͤhle in die⸗ ſem Moment ſehr lebhaft, wie wahr es iſt, was ich Ihnen geſagt— denn wuͤßten Sie, wie truͤbe und finſter noch geſtern meine Stimmung geweſen, wie ich, im Wagen neben Ihrem Va⸗ ter ſitzend, mich recht ungluͤcklich gefuͤhlt, und wie mächtig meine Sehnſucht ward nach einem ſtillen, einſamen Moment, wo ich meine Kla⸗ gen ausſtrömen laſſen könnte, und mein trau⸗ ernd Herz beſchwichtigen durch das Anſchauen einer herrlichen großen Natur, wie Sie jetzt vor mein Auge gefuͤhrt— und wie der Schmerz dann immer maͤchtiger in mir ward, und ich vergebens mir ſelbſt die Frage that, was es wohl ſey, daß gerade in dieſem Augenblicke mich ſo mit Wehmuth erfulle, und wie ich um⸗ ſonſt mich loszuringen ſtrebte von der duͤſtern Schwermuth, die mich gefangen hielt— und die Sie in Ihrem heitern Kreiſe nie gekannt zu haben ſchienen— Sie wuͤrden fühlen wie ich, welch ein Troſt in der vergangenen Nacht und dem heutigen Morgen fuͤr mich liegt. Ich bin ſo glucklich heut', ſo froh und heiter geſtimmt— und iſt das Gefuͤhl, das vorherrſchend allen Andern ſo beſeligend in meinem Buſen lebt, et⸗ was anderes, als die Ruhe, der Friede, wel⸗ cher mit tauſend Stimmen aus Gottes ſchöner Natur zu uns ſpricht, und welcher auch einge⸗ drungen in meine bewegte Seele? Sie lächeln, Tina? O ſagen Sie, ob es anders iſt mit Ihnen? Ob Sie anders em⸗ pfinden? und— ob man überhaupt anders fuͤhlen kann? Ja, Tina lächelte— aber Erwin errieth es kaum, daß es aus Verlegenheit halb ge⸗ ſchah, weil ſie die Sprache ſeines Gefühls nicht verſtand, und dann aus Mitleid uͤber die Täu⸗ ſchung, in welche er ſich ſelbſt hullte. Ihr Gefuhl verrieth ihr beſſer, warum ihm geſtern an der Seite ihres Vaters weniger wohl geweſen, als heut' und am vergangenen Abend, an der ihrigen— ſie wußte, daß ihre Stimme ihm tröſtender war, als die todte Sprache der Natur; und wenn gleich ihr ſelbſt die Ausſicht, welche ſie ſo gut zum erſten Mal heut' ſah, wie er, auch recht hübſch vorkam— ſo— das mußte ſie ſich doch wohl bekennen— ſo wuͤrde ihm dieſelbe nicht halb ſo entzuͤckend geſchienen haben, ſtuͤnde jetzt an ihrer Stelle die alte Tante, hätte er mit dieſer des Berges Hoͤhe erſtiegen. Warum aber dies ſichtliche Verhuͤllen der Entſtehung ſeiner Gefuͤhle? Wollte er ſie täu⸗ ſchen? Oder täuſchte er ſich ſelbſt? Tina druckte lächelnd des Juͤnglings Hand, und nun oͤffnete ſie die roſigen Lippen, und Erwin ſchlug erroͤthend, beſchämt das Auge nieder, und ſchwur ſich ſelbſt, nicht mehr reden zu wollen, ſo lange er mit Tina zuſammen ſey; denn wie arm, wie duͤrftig erſchien ihm nur Alles, was er in ſeiner Begeiſt'rung geſagt— wie ſchoͤn, wie hinreißend ſchön und wahr ſprach die holde Jungfrau dagegen. Langſam und ſchweigend ging Erwin an ihrer Seite den Berg hinab, jedes ihrer Worte in ſeinem Herzen be⸗ wegend— und Tina lächelte abermals, in ſtil⸗ lem Triumph, den ſie ſich bereitet— ſie wußte, ſie hatte nichts geſagt, als was er durch ſeine — 443— Schwaͤrmerei erſt in ihr angeregt— aber es mußte darum ihm neu und entzückend geklungen haben, weil ſie mit künſtlichem Ausdruck und geiſtreicher Wuͤrze das eigene Thema ihm be⸗ arbeitet. Als ſie in's Haus kam ihnen ein Diener mit einem Billet entgegen.— Was ſoll das? fragte Ting, an welche er daſſelbe abgab. Sie öffnete ſchnell, und— tiefſte Purpur uͤberzog beim ſchnellen Leſen ihre Wange; mit unnachahmlicher Grazie, welche die halbe Be⸗ ſchämung des Mädchens verrieth, ſie dem Jüngling das Blatt. Erwin las die flüchtigen Zeilen der Tante: Du haſt unſern Gaſt auf die Waldhöhe gefuͤhrt, liebes Kind, ohne zu vermuthen, daß ich geſtern Abend mit Deinem Vater die Abrede getroffen, heut' recht fruͤh hinuͤber nach Eich⸗ gruͤn fahren zu wollen, um den Contract mit dem neuen Pachter abzuſchließen. Da nun aber dies Geſchaft den ganzen Tag erfordert, Ihr aber immer noch nicht zurück gekehrt ſeyd, ſo bleibt mir nichts anders uͤbrig, als die Fahrt 8 — 44— mit Deinem Vater allein zu machen, und Dir nun zu uͤberlaſſen, unſerm Gaſt die Zeit unſe⸗ rer Abweſenheit nicht all' zu lang werden zu kaſſen. Dein Vater ſagt mir, daß ſein junger Freund ein Liebhaber von Gemaͤlden ſey— oͤffne ihm die Bibliothek, wenn es Dir an Stoff fehlen ſollte, ihn zu unterhalten„und bitte den redſeligen Paſtor zu Liſch, damit ſeine gelau⸗ fige Zunge Deinen Mangel an Unterhaltungs⸗ gabe unterſtuͤtze. Erwin ſchaute uͤber das Blatt, das er zwei Mal geleſen, nach Leontina, und wagte leiſe nur die Frage an die im tiefen Sinnen Schweigende: Und iſt es Ihnen ſo unangenehm, durch das Vergnuͤgen, das Sie mir bereitet, ſich die Fahrt nach Eichgruͤn vereitelt zu haben?— O nein, antwortete Tina, ſich faſſend; das gewiß nicht. Aber mir bangt dafür, wie Sie nun die Abweſenheit der alten Herrſchaften in meiner Geſellſchaft ertragen werden— der Tag iſt ſo lang— was ſoll ich beginnen, das Ihnen eine angenehme Unterhaltung gewaͤhren kann? — 115— Iſt es das? ſprach Erwin freudig. Kann es das wirklich ſeyn, was Sie beſtuͤrzt macht, theure, gute Tina? O dann ſeyn Sie unbe⸗ ſorgt;— wahrhaftig, ſetzte er in ſeiner Natuͤr⸗ lichkeit hinzu: ſeit ich bei Ihnen bin, ſcheint die Zeit mit doppelten Flügeln zu enteilen. Es iſt ſo ſchön hier bei Ihnen!— Sie ſprechen ſo hinreißend uͤber Alles, ſo wahr, ſo aus dem reinen, unentweihten Innern hervor, daß ich Tage lang nur Ihrer Rede lauſchen mochte— und dann ſind Sie ſo himmliſch gut— O liebe Tina, laſſen Sie immerhin die alten Herrſchaften ihren Contract abſchließen oder erneuern, auch der gute Paſtor bleibe un⸗ geſtört in ſeiner Ruhe; ich denke, es wird viel eher Abend werden, als ich es wuͤnſche, und ohne daß mir die Zeit nur einen Augenblick zu lang werden wird. Nun denn, ſprach Tina, ſo laſſen Sie ſehen, was ich thun kann, um ihr Vertrauen zu rechtfertigen. Schuell ertheilte das Madchen einige Be⸗ fehle im Haus— wie durch Zauberſchlag er⸗ ſchien Alles auf ihren Wink, und als ſie nun 8* 1 1 ein herrliches Fruͤhſtuͤck genoſſen, und Tina den Jüngling bekannt gemacht hatte mit allem Sehenswerthen im Schloſſe, trat Erwin immer wieder vor das kleine Miniaturbild, welches, einen ſchönen, phantaſtiſch gekleideten Juͤngling darſtellend, uͤber Tina's Arbeitstiſchchen hing. Welch' ſeltſames Gefuͤhl war es, das beim Beſchauen deſſelben ihn ſo beaͤngſtigend beſchlich? 1 Was war es, das ſeine Wange mit dem höch⸗ ſten Roth färbte, das Blut ihm ſchneller durch 1 die Pulſe jagte, ſo oft ſein Blick darauf hän⸗ gen blieb? Tina hatte die Hand auf das Bild gelegt, als er das dritte Mal davor trat, und ihm den Finger auf die Lippen gedruͤckt, als er endlich die Frage ſtammelte, weſſen dies Bild ſey? Warum verſchwieg ſie, die ſich mit ſo un⸗ “ begrenzter Zutraulichkeit ihm gab, die mit ſo natuͤrlicher Offenheit uͤber Alles mit ihm ſprach, gerade das Einzige, was ihm das Wiſſenswer⸗ theſte darum erſchien? Bemerkte Tina ſeine Unruhe? Errieth ſie den Grund derſelben? Lächelnd, mit einem halben Seufzer, barg ſie das kleine Bild in — 117— ein geheimes Fach, dann ſprach ſie heiter: Sie haben erfahren, Erwin, weſſen dies Bild, und wie theuer es mir iſt— doch fragen Sie nicht— der Moment kommt ja wohl von ſelbſt, wo ſich die Gelegenheit zur Aufklärung bietet— jetzt laſſen Sie uns hinüber fahren auf die kleine Inſel, welche ſo reizend Ihnen ſchien, als wir dieſen Morgen am See voruͤber gingen— und Hand in Hand gingen Beide durch den Park, aus welchem ihnen der tauſendſtimmige Geſang der Vogel entgegen tönte. Tina glühte wie die Freude. Heiter und ſinnreich trieb ſie tauſend Poſſen— wie im Fluge beruͤhrte ſie tauſend Gegenſtände— geiſt⸗ reich brachte ſie die aller entgegen ſtrebendſten Dinge hervor— wie das Leuchten des Blitzes ſprühten die Funken ihres Witzes— ihre Un⸗ terhaltungögabe ſchien unerſchopflich— Aber es gelang ihr nicht, den truͤben Ernſt zu verſcheuchen, welcher auf Erwins Stirn ſich gelagert, das wehmuthige Lächeln zu verſcheu⸗ chen, das um ſeinen Mund ſchwebte— ſie kannte ſein tiefes Gefühl nicht, nicht die Reiz⸗ barkeit ſeiner Seele, ſein reines Gemůth · — 118— Tief hatte es ihn ergriffen, als das Mad⸗ chen am Morgen mit geſenktem Blick und ge⸗ faltenen Händen vor ihm ſtand, und mit lei⸗ ſen Tönen die Worte: ich bin nicht glücklich— hervor hauchte.— Noch nie in ſeinem Leben war ein weibliches Weſen ihm erſchienen, an welches er ſo machtig ſich angezogen fuhlte, als im erſten Moment an ſie.— Was konnte es ſeyn, daß zu ihrem Gluck ihr fehlte? So dachte er, als er mit ihr des Berges Höhe er⸗ ſtieg— und plotzlich draͤngte ſich ſeinem ſchuld⸗ loſen Herzen der Gedanke auf, der Tod habe auch Tina's Bruſt eine Wunde geſchlagen, wie der ſeinigen— er entſann ſich des ſchmerzlichen Ausrufs Erwinens, als der Hofrath Salden ihr den Tod ſeiner Gattin meldete— und ſie verläͤßt eine Tochter, die ſo früh Vollendete! Ein ſchones Kind, wie man ſagt— Weh' der Armen, die losgeriſſen und allein jetzt ſteht, ohne die ſchirmende Liebe einer geliebten, treuen Mutter! r Er fuͤhlte, Tina muͤſſe in dieſem Moment, durch die Andeutung des Unglücks, der verlor⸗ nen Mutter gedenken— und darum meiſt ſeine Exclamation auf der Hoͤhe des Berges— er ſtrebte, durch die Anſicht, die er aͤußerte, Bal⸗ ſam zu traͤufeln in des Maͤdchens wunde Bruſt— und war erfreut, beſeligt, als ſie Alles, was er ſo tief empfunden, tauſend Mal ſchoner ihm ausſprach. Jetzt auf ein Mal trat das Bild des Juͤng⸗ lings vor ſein dunkles Sinnen— und immer klaͤrer ward ihm der Gedanke, immer anſchau⸗ licher, wie Tina's Ungluͤck eng mit dieſem zu⸗ ſammen hing. Wer war der Juͤngling? In welcher Beziehung ſtand er zu ihr? Ein glůͤ⸗ hender Schmerz fuhr durch ſeine Seele— er wagte nicht zu denken, daß ſie ihn liebe.— Bedauernd blickte er auf das Maͤdchen— die wie die Freude ihn umſchwebte. Sie ſucht den Schmerz nirderzukaͤmpfen, ſagt er ſich ſelbſt, der ihre Bruſt zerreißt— doch der Moment, in dem ſie zu vergeſſen ſucht, geht voruͤber und ermattet, und kraftlos ſinkt ſie der Verzweiflung in die Arme.— Weh' der Armen! Wer wird ſie troͤſten? Wo wird ſie die Bruſt finden, in welcher ein Herz, fuͤhlend ihren Kummer, gleich dem ihrigen ſchlaͤgt? — Ungluͤckliche Liebe muß wohl das aller Schrecklichſte ſeyn!— Da wiederholte ſich der Schmerz in ſeinem Innern, und ſein Auge befeuchtete ſich— er hatte in ſtummem Sinnen nicht gehört, was Tina geſprochen; er ergriff ihre Hand und legte ſie halb bewußtlos auf ſein ſchmerzlich klopfen⸗ des Herz— es war ihm, als muͤſſe er nieder⸗ ſinken vor ihr— und er ſchaute mit ſeinem großen Auge einen Moment in das ihrige, dann ſchlug er den truͤben Blick in die Wolken, ein tiefer Seufzer rang vom bewegten Herzen ſich los, er wollte ihr ſagen: Suche Troſt an mei⸗ nem Herzen! Aber es war ihm mit einem Mal, als wenn tauſend Stimmen laut in ihm riefen: Du bedarfſt des Troſtes mehr, denn ſie, du Armer! denn deine Liebe iſt die ungluͤckliche!— Du liebſt das Madchen, die einem Andern ge⸗ hört, mit aller Kraft deines Herzens. Es lag in des Juͤnglings Seele, wie es ja oft ſo warmen, phantaſiereichen Gemüthern eigen iſt, die Begebenheiten Anderer nach eignen Empfinden ſich auszuſchmuͤcken, ihre Frende, — ihren Schmerz nach dem Maasſtab eignen Ge⸗ fuͤhls zu meſſen. Das harmloſe, gluͤckliche Kind ſieht nur die bunten Farben der Freude an jedem Gegen⸗ ſtande, der vor ſein Auge tritt.— Dem mit duͤſterm Ungluͤck Kaͤmpfenden huͤllt ſich Alles in die dunklen Schleier der Schwermuth— der reine, gute Menſch ſchmückt mit tugendhaftem Gefuͤhl, was er erfaßt— und nur das Ge⸗ meine haͤlt die mit Neid und Gallſucht ſchwarz gefaͤrbten Gläſer vor, wo es gilt, die Thaten Anderer zu erſchauen. Erwin fuͤhlte tief und innig, aber was ihn am meiſten bewegte, daruͤber vermocht er nur in ſich ſelbſt zu ſprechen.— Anders war es mit Tina, die mit Gewandtheit und Leichtig⸗ keit uͤber Alles ſprach, und meiſtens nichts da⸗ bei empfand. Gewoͤhnt, mit der ganzen Welt fertig zu werden, hatte ſie es ſich nicht ſchwer gedacht, auch den Juͤngling gut zu unterhalten. Jetzt fühlte ſie, vielleicht zum erſten Male, es ſey nicht leicht, ein ſo tiefes Gefühl, das ſo natürlich und doch ſo ſ ſich äußere, im⸗ mer zu verſtehen.— — 122— Sie ſah mit Errothen, Erwin habe auf die ganze Unterhaltung, die ſie ſo geſucht, geiſt⸗ reich gefuͤhrt zu haben feſt uͤberzeugt war, gar nicht gehört— ihn beſchäftige ganz etwas an⸗ deres, als ſie vor ſeine Phantaſie gefuͤhrt zu haben glaubte. Sie blickte betroffen in das wogende Meer von Gefühlen in ſeiner Bruſt, das in ſeinen Bewegungen ſich aͤußerte— aber— ſie ward irre an ihm— an ſich ſelbſt— denn ſie ver⸗ ſtand des Juͤnglings tiefen Schmerz nicht.— Den Gang ſeiner Ideen aber konnte ſie um deßwillen nicht errathen, weil ſie von der Wahrheit, mit welcher des Junglings Seele er⸗ fuͤllt war, ſich keinen Begriff machen konnte. Daran gewoͤhnt, ſich jedem Eindruck hinzu⸗ geben, den der fluͤchtige Moment ihr brachte, entſchwand die ſchmerzliche Anregung eines truͤ⸗ ben Begegniſſes ſchnell vor der Freude, die der naͤchſte Augenblick ihr bot. Bei dem ſchwermuͤthigen Ernſt, aus dem großen, dunklen Auge Erwins ſo un⸗ verkennbar hervorleuchtete, war der Gedanke in ihr aufgeſtiegen— ihm eben ſo ernſt erſcheinen — f — 123— zu wollen— um ſeine Theilnahme fuͤr ſich zu gewinnen, weil es in ihrem Plane lag, ſich ei⸗ nes Herzens zu bemächtigen, welches ihr Va⸗ ter, ſeiner Schuldloſigkeit halber, fur unbeſieg⸗ bar auch durch die geuͤbteſten Kuͤnſte erklaͤrte. Daß aber dieſer Aeußerung des ſchlauen Hofraths eine Abſicht zum Grunde lag, die hell⸗ ſehende Tina errieth es nicht. Unterrichtet von dem Verhältniß, welches Leontine in thoͤrichtem Leichtſinn mit einem jun⸗ gen Mann in der Reſidenz angeknüpft, er⸗ ſchrocken halb vor dem Eindruck, den dieſe Liebe auf ſeine Tochter gemacht— zu ſtolz, um mit ihr uͤber eine Regung des Herzens zu ſprechen, deren Moͤglichkeit ihm ſo entwürdigend erſchien, feſt entſchloſſen aber, jeden Weg zu verfolgen, der ihn zum Gelingen ſeines Planes fuͤhren koͤnne— erſah er ſchnell, wie die einzige Hand⸗ habe, woran LTina's Wille zu faſſen ſey— in des Mädchens ungemeſſener Eitelkeit beſtehe— dieſe in ihren Grundtiefen aufzuregen, war ſein Vorſatz— Tina mußte ſich fuͤr den Jüngling intereſſiren, das zu bewerkſtelligen, dunkte dem Hofrath leicht— allein ſie mußte, durch eine —— Tauſchung von ihrer erſten Liebe abgezogen, fuͤr eine Verbindung mit Erwin gewonnen werden— und das war bei dem Maͤdchen, welches ver⸗ möge ihres Scharfſinns auch die aller kleinſte Intrigue auf tauſend Meilen weit uͤberſchaute, nicht leicht, das ſagte ſich der Hofrath ſelbſt, der es fuhlte, daß es unendlich ſchwerer ſey, den mit Weltkenntniß und Erfahrung ausgeruͤſteten Menſchen fur die Anregungen der Freundſchaft und Liebe empfänglich zu machen, den Glauben an Wahrheit der Empfindung in ihm zu gruͤn⸗ den, als dem ſchuldloſen, unerfahrnen, reinen Gemůth. Nach dem Maasſtab eignen Gefuͤhls er⸗ wägt der Menſch die Handlungen der Men⸗ ſchen.— Den reinen, tugendhaften Juͤngling zieht es mächtig, ſein liebend Herz zu legen an ein gleiches Herz— und Unſchuld ſtrahlt dem Unverdorbenen, aus jedes Weibes Auge, das ſeinen Sinnen gefällt. Geſchäftig weiß die ein Mal aufgeregte Phantaſie das Bild ſeiner Liebe zu ſchmuͤcken mit allen Reizen der eignen Lie⸗ benswuͤrdigkeit, und jeder Schatten weicht von dem Gemälde, oder wird ſorglich umſchleiert — — — 123— mit dem klaren, feinen Gewebe tugendhafteſter Illuſion.— Der erſte Gegenſtand eines reinen Herzens, könnte er exiſtiren, wie das fromme, tugendhafte Herz in ſeiner heiligen Begeiſt'rung ihn erſchaut, es muͤßte ein der Gottheit aͤhn⸗ liches Weſen ſeyn!— Aber dies unendliche Bemuͤhen, nur hohe Vollkommenheiten in dem Gegenſtand unſerer Liebe zu erblicken, das Gluthgefuͤhl unſerer Nei⸗ gung durch die Verſchmelzung geiſtiger und phy⸗ ſiſcher Schonheit in Einklang bringen zu wol⸗ len, dient es nicht zum Beweis, daß wahre Liebe hoͤchſt edler Natur iſt, daß ihr Urſprung rein und wahrhaft göttlich ſey? Und wie auch Verhaltniſſe oft die Flamme zu erſticken ſtre⸗ ben, die der heiligen Liebe erſt Gefuͤhl entzuͤn⸗ det, der Götterfunke, der belebend in des Men⸗ ſchen Bruſt geſunken, trotzt der irdiſchen Macht, und glimmt fort bis jenſeits des Grabes.— Doch wehe dem Menſchen, deſſen heilig, rein begeiſterte Phantaſie ſich uber Zeit und Wirklichkeit erhebt— der das Ideal ſeines Her⸗ zens ſich ſelbſt erſchafft, der das Irdiſche um⸗ ſchleiert mit dem ätheriſchen Glanze hoͤchſter — Tugend, der anbetend niederſinkt vor dem blen⸗ denden Lichtflor, den die eigene Groͤße ſo herr⸗ lich und ſtrahlend um den Gegenſtand ſeiner Liebe gewoben— ſorglos die Seele hingiebt den Eindruͤcken der heiligſten Liebe— und auch dann noch Seligkeit in hoher Begeiſtrung ahn⸗ det, wenn ſchon die Hand gehoben, die grau⸗ ſam den ſüßen Wahn zerſtört, das argloſe Herz auf ewig dem Schmerze weiht!— Wehe ihm, naht einſt der Schreckensmo⸗ ment der grauſamen Enttaͤuſchung! Zerreißt der Schleier, und ihn ſtarren aus der ſtrahlenden Lichtflor die hohlen, tückiſchen Augen des Ver⸗ raths, der Gemeinheit entgegen! Wehe ihm! das eigen große Herz grub ihm ein Grab, in das er lebend ſtuͤrzt, um in end⸗ loſen, langſamen Martern die ſelbſt geſchaffene Täuſchung zu beweinen— ein qualvolles Da⸗ ſeyn allmaͤhlig auszuhauchen!— Doch drei Mal Wehe dem, der die Taͤu⸗ ſchung des Schuldloſen mit gleiſender Boöheit genaͤhrt!— Es iſt der ſchwaͤrzeſte Flecken im Leben des Menſchen, Freundſchaft zu heucheln, Liebe — 17— zu nähren, ohne ſich wirklich von der heiligen Flamme beider beſeelt zu fuͤhlen— nicht Gift, nuicht Dolch vermag die Schmerzen zu geben, mit welchen Täuſchung des Schuldloſen Herz bricht.— Salden hatte richtig gerechnet— Leonti⸗ nens ganzes Herz flammte dem Unüberwindli⸗ chen entgegen— ihre Eitelkeit war mächtig aufgeregt— doch ſchon den erſten Abend zog ſie, erſchrocken vor des Junglings Gluthgefuhl, das ſo gewaltig ihr entgegen ſtrömte, ſorgſam die Grenzmarken ihres Benehmens— ein ihr unbekanntes Gefühl der innigſten Theilnahme regte ſich in ihrem Buſen— und errothend ge⸗ dachte ſie, wie ſie in frevelndem Uebermuth, den reinen Spiegel ſeiner Seele trben zu wollen, ſich vorgenommen hatte— die Eitelkeit begann bald nachher den Kampf mit den beſſern Ge⸗ fuͤhlen— und rang ſiegend dieſe endlich zu Boden— als Erwin, nach ihrer Meinung, theilnahmlos uͤber ihre Liebenswürdigkeit hin⸗ weg blickte— ſich mit Gegenſtaͤnden beſchäf⸗ tigte, die ſie zu errathen ſich vergeblich an⸗ ſtrengte. — 128— Entweder, ſagte ſie ſich ſelbſt, entweder er iſt ein Heuchler— oder— eine fruͤhere Nei⸗ gung feſſelt ſein Herz— und abermal brannte in dunklem Erglühen ihre Wange— es galt die Probe, den hoͤchſten Sieg zu erringen. Und nun erſt ſtrebte ſie ihn recht zu ge⸗ fallen. 6 Und es gelang ihr uͤber Erwarten; denn mit unaus ſprechlicher Innigkeit kettete der Juͤng⸗ ling bald ſeine ganze Seele an ſie feſt. Tina verbarg ihren Triumph nicht— und kopfſchüttelnd ſah die Tante, mit hochſter Zu⸗ friedenheit der Vater das ſchnelle Gedeihn ſeines Plans.— Der Winter rief die Landbewohner zuruͤck in die Stadt— und Erwin, deſſen ganze Seele noch vor Kurzem voll war von den beſeligenden Gedanken, ſeine Eltern aufſuchen zu wollen, gab ſich den Vorſchlägen Saldens, die Reiſe erſt zum Fruͤhjahr antreten zu ſollen, um ſo williger hin, da eine leiſe Stimme in ſeinem Innern ihm die ſuͤße Hoffnung flüſterte, es durfte ſeiner Liebe bis dahin gelingen, das theure Madchen zu überreden, ihn als ſeine Gattin zu begluͤcken. Allein ſchon nach den erſten Wochen der Rückkehr in die Stadt beſchlich ein beäng⸗ ſtigendes Gefuͤhl des Juͤnglings Seele— Tina war durchaus eine Andere geworden, als er ſie fruͤher erkannt— worin aber lag dieſe gänzliche Veränd'rung? Erwin vermochte es nur ſchmerz⸗ lich zu fuͤhlen, doch nicht es ſich deutlich zu er⸗ klären.— Erwin beſuchte täglich Saldens Haus— er lebte nur in des angebeteten Maͤd⸗ chens Naͤhe— was aber hielt den offnen, zu⸗ traulichen Jüngling ab, ihr ſeine Liebe zu ge⸗ ſtehen? Ach, ſein ganzes Herz lag in ſeinen Blicken— das heiligſte, reinſte Gefühl ſeines Innern ſchwamm in ſeinem Aüge, wenn er, Leontinens Hand an ſeine Bruſt druͤckend, ihr gegenüber ſtand.— Lina! ſeufzte die bebende Lippe— und mächtig quoll das heiligſte Ge⸗ fuͤhl herauf, um ſich durch Worte kund zu geben— da traf ein fremder— ſchneidender Blick des Mädchens ſein benetztes Auge— und Eiſeskälte uberhauchte den Gluthſtrom ſeiner Em⸗ pfindungen und drängte jedes Geſtaͤndniß in ſtill verſchwiegnen Buſen zurück.— Sie liebt mich nicht!— klagt er verzweiflungsvoll in einſamer 9 130— 5 dunkler Nacht— ſie liebt mich nicht!— und ſtarres, undurchdringliches Dunkel umhuͤllt mein Daſeyn, wie mich jetzt die dunkle, todte Nacht umgiebt!— Aber fröhlich jauchzend blickt er bald nach⸗ her in die helle Sternenpracht des tief blauen Himmels.— Iſt es nicht Liebe? fragt er ſich ſelbſt, iſt es nicht die gluͤhendſte, heiligſte Liebe, die mir aus den hellen Augen des Mädchens leuchtet? Geſtand mir der warme Händedruck heut' nicht des Engels Gefühl? Ach, warum war der Vater, warum die Tante zugegen— warum durft' ich nicht zu ihren Fuͤßen ſinken und ihr ſagen, daß ich ſie liebe— glühend— mit dem heiligſten Gefühle meiner Seele— und ewig uber Alles! Hört es, ihr Sterne— und höre es, du freundliche Nacht— und ihr ziehenden Wol⸗ ken, hört meinen Schwur— und ihr ſäuſelnden Luͤfte, tragt die Toͤne zu der Geliebten Ohr— o Tina! ich liebe Dich— ich liebe Dich ewig! Am andern Morgen ſtand er früh am Fen⸗ ſter, die Worte erwägend in ſeinem bewegten Herzen, mit welchen er heut' ſeine Liebe be⸗ kennend vor die Geliebte treten wollte— ein Wagen rollte voruͤber— er ſah uberraſcht hinein, als er Saldens Livree erkannte— und ſah Tina, die heiter und glücklich laͤchelnd neben der Tante ſaß, um hinaus zu fahren auf's Gut.— Warum erfuhr ich von deſer Fahrt nichts? fragt er ſich nach langem Sinnen mit beben⸗ den Tönen; warum faͤhrt ſie ohne mich? Kann ſie vergnügt ſeyn, wenn ſie an mich zuruͤck denkt und ſich ſagen muß, daß es mich betrubt, ſie nicht begleiten zu dürfen? Liebſt Du mich, Tina? fragt endlich, un⸗ widerſtehlich hingeriſſen von dem Liebreiz des Madchens, Erwin, als er allein des Abends mit ihr im Zimmer iſt— Tina's Hand an ſein gluͤhend Herz drückend. Ob ich Dich liebe? ſprach ſie ſanft; weiß ich es doch ſelbſt kaum— Du biſt ein Schwär⸗ mer— und— ſie lieben Dich ja Alle, die Dich kennen, das muß Dich begluͤcken, Erwin! — frage nicht wieder.— Einen Augenblick beglückte dieſer unraht ihrer Liebe den glutherfuͤllten Juͤngling— doch 9* — wieder ſchwaͤcher ward der Schein, der ihm ein helles Leuchten verhieß— und bange Zweifel durchbohrten von Neuem ſeine Bruſt— als Tina nach dieſem Auftritt ſo ſichtlich das Allein⸗ ſeyn mit ihm vermied.— Ein ander Mal ſprach er: Tina, glebtes Madchen, darf ich mit Ihren Verwandten ſpre⸗ chen? Darf ich ihnen unſer Verhältniß ent⸗ decken? Ich bin ein Mann, Tina, ein Mann von Ehre— mit redlichen Abſichten— es ent⸗ wuͤrdigt mich langer dieſe Heimlichkeit— warum darf Ihr Vater, warum die Tante von uns nicht erfahren, was ja doch die ganze Stadt ſchon weiß, daß wir uns lieben?— Ein heißes Roth uberflog Leontinens Wange — ſie barg das Geſicht einen Moment an des Jünglings Buſen, dann wand ſie ſich aus ſei⸗ nen Armen, ſann einen Augenblick und ſprach mit feſtem Ton: Brechen Sie den Umgang mit mir, Erwin, wenn Sie nicht ſchweigen können— ich fühle, was der Ruf Ihnen gelten muß— können Sie es nicht ertragen, daß můßige Men⸗ ſchen über ein Verhältniß ſprechen, das an ſich ſo ſchuldlos und rein iſt— und mich nur ſo — 4433— wie es iſt, begluͤckt, ſo— meiden Sie mich — brechen Sie mit mir— es iſt nicht meine Abſicht, Ihren Ruf beeintraͤchtigen zu wollen. Guter Gott! rief der Jüngling erſchrocken, und das wird Ihnen ſo leicht mir zu ſagen, und ich ſoll glauben, daß Sie mich lieben? Sie koͤnnen den Gedanken ertragen, mich von ſich getrennt zu ſehen?— ich ſoll Sie meiden, und Sie können dieſen grauſamen Schmerz auf meine Seele laden wollen? o Tina! Leontine richtete des Jünglings gebeugtes Haupt auf und ſprach nach einem Moment ernſt, doch ſanft: Weißt Du, Erwin, wie Du mir einſt ſag⸗ teſt, es ſey kein Schmerz denkbar auf der Welt, den ein frommes, reines Gemuͤth, in Hinblick auf Gottes unausſprechliche Liebe, nicht zu ertragen vermoͤchte? Soll ich glauben, Du habeſt nur geprahlt, als Du mit Begeiſterung riefſt: Der Menſch kann Alles, was er will!— Wiſſen wir, was der nächſte Moment uns bringen kann? was das Schickſal uͤber uns beſchloſſen? Ob es uns zur Freude oder zum Schmerz erkohren? — 134— Waͤr' es nicht thöricht von mir, eine Ver⸗ bindung mit Dir feſt knüpfen zu wollen, im Moment, wo Du Dir nicht ſelbſt, nicht allein angehörſt? Weißt Du, wer Deine Verwandten ſind, und was ſie über Dich beſchließen werden? Tina! rief Erwin mit bewegter Seele, iſt es moͤglich! Wär' es dies, was Dein Handeln beſtimmen könnte? O theure, unausſprechlich Geliebte, ich gehöre Dir mit vollem, ungetheil⸗ ten Herzen— an Dich knuͤpft mich das Band der innigſten, heiligſten Liebe— Dir dank' ich es, dies beſeligende Gefühl kennen gelernt zu haben— Jene— kenne ich nicht einmal— und Gott mag mir es vergeben, aber ſollen ſie nuur ſtörend zwiſchen uns treten, ſo mag ich ſie nie kennen lernen— Du weißt es, wie die Großmuth der Frau von Wahlau mich in den Stand geſetzt, ohne ſie leben zu koͤnnen, ihre Güte— Hat Dich gewiß gelehrt, fiel Tina ſchnell ein, jedes Band mit Ehrfurcht zu betrachten, das die Natur um Eltern und Kind gewoben! Nun dem, ſprach Erwin, iſt es das, ſo reiſe ich Morgen. Und Morgen beginne ich mein Suchen, und kehre nicht eher zuruͤck, als bis ich ſie gefunden, oder Dir die uͤberzeugendſten Beweiſe bringen kann, es exiſtire kein Menſch, dem ich mehr angehoͤre, als Dir. Wirſt Du mir ſchreiben, Leontine, um mir die Leiden der Trennung erträglich zu machen? Wozu das, Erwin? Kann ein Brief Dir mehr ſagen, als Du ſchon weißt? O Gott, Tina! Und fuͤhlſt Du nicht gleich mir das Bedürfniß, das uͤbervolle Herz auszu⸗ ſchuͤtten, die Gefuhle hinſtroͤmen zu laſſen aufs Papier? O welche Seligkeit liegt in ſolch einer ſchriftlichen Mittheilung! Sieh, Geliebte! Du goönnſt mir die Freude, Dich täglich ſehen zu duͤrfen— Dir jedes Gefuhl zu entſchleiern, das meine Bruſt bewegt— und dennoch, wenn ich des Abends mich in meinem Zimmer wieder finde und kaum erſt Minuten voruber ſind, ſeit ich Dich ſah, ſo zieht es mich mächtig an mei⸗ nen Schreibtiſch— mir fällt ſo tauſenderlei ein, das ich Dir ſagen möchte, das ich im An⸗ ſchauen verſunken, als ich bei Dir war, ver⸗ geſſen— es drängt mich, mit Dir zu reden— 1 die einſame Nacht— der Sternenhimmel— die aufgehende Sonne, jedes Luftchen weht mir Deinen Namen zu— und erzeugt in mir das Verlangen, Dir ſchreiben zu müſſen— ich mochte jauchzend es hinaus rufen in die Natur, daß ich Dich liebe!— ich möchte es Dir in Verſen und in Proſa ſagen— ſingen möchte ich es Dir mit jauchzenden Tönen— und die Sprache duͤnkt mich ſo arm— und die Töne ſo beſchraͤnkt— ich werfe mich begeiſtert an mein Inſtrument— das allein in ſeinem mäch⸗ tigen, ranſchenden Klange die Seligkeit in mei⸗ nem Innern auszuſprechen verſteht— und in den ſanften, leiſen Toͤnen die Sehnſucht kund giebt, die mich zu Dir zieht— Aber die leiſen Harmonien verſchweben, und Du hörſt ſie nicht— das Traumbild meiner Seele zerrinnt, Du ſiehſt es nicht, da muß ich denn doch wohl meine Zuflucht zum Papier neh⸗ men, wenn Du ahnden ſollſt, was mich, ent⸗ fernt von Dir, beſeelt.— Du biſt ein Schwaͤrmer, ſprach Tina; es iſt Dir eigen, mit Begeiſtrung uber Alles zu ſprechen, ich höre Dir gern zu, ich leſe auch gern, was Du geſchrieben— es klingt huͤbſch, da Du es verſtehſt, Deine Worte in den Gluth⸗ ſtrom einer bluͤhenden Phantaſie zu tauchen; ob aber jedes Gefuͤhl ſo mächtig in Deiner Seele lebt, wie Du mich es überreden willſt— wie Du es ſelbſt zu glauben ſcheinſt— 2— Ich bin proſaiſcher, als Du— ich lege nicht gern mehr in meine Worte, als der ruhige, beſonnene Menſch klar zu deuten verſteht. Die Tante wagte nicht zu fragen, warum Leontine, bei den ſprechenden Beweiſen ihrer veraͤnderten Geſinnungen gegen den Gegenſtand ihrer erſten Liebe, ſo ſorgſam vermied, ihr Ver⸗ hältniß mit Erwin öffentlich zu bekennen; ein Mal nur hob ſie lächelnd, drohend den Finger und ſprach, um zu einer Erklärung zu gelangen: Wie lange meinſt Du, das Geheimniß Deines Herzens noch verbergen zu wollen? Glaubſt Du, wir Alle haben keine Augen?— Tina ſah mit ernſtem Geſicht zu ihr auf— welch' Geheimniß meinen Sie? fragte ſie kalt. Nun erwiederte dieſe, halb verlegen durch die Art des Mädchens: Ich meine das Geheim⸗ niß Deiner Liebe zu Erwin.— — 138— Da richtete ſich Leontine hoch auf vor der Fragenden, und warf einen Blick der tiefſten Verachtung auf ſie. Meinen Sie vielleicht, ſprach ſie mit einem von Zorn gerötheten Ge⸗ ſicht, meinen Sie„ich ſey ein Kind, oder ſo leicht zu gewinnen, als Sie? Nöthigen Sie mich nicht, mich über mein Verhaͤltniß mit Erwin auszuſprechen.— Sie wuͤrden ein ganz ander Bekenntniß horen„als Sie vielleicht jetzt wuͤnſchen— jetzt, da der Eigennutz Sie bewog, mir die Treue, welche ſo oft Sie mir gelobt, zu brechen.— Mein Gott! rief die Tante erſchrocken; Tina, wie verſtehe ich dieſe Rede? Sehe ich etwa nicht deutlich, wie Du Er⸗ win täglich feſter an Dich knüpfſt? Sehe ich nicht, und Alle Andere mit mir, daß Du ſeit einem Jahre, und länger, nur für ihn lebſt? Nur durch ihn? Haſt Du nicht, und klüglicher Weiſe, jeden Umgang mit Guido ingſ ſchon abgebrochen? Meinen Sie? fragte Tina ſcharf; meinen Sie wirklich? Mein Gott! fuhr die Tante halb zitternd — 130— fort, Tina, wie wär es möglich? Du koͤnnteſt mich, Du könnteſt Deinen Vater, Du könnteſt den edlen Erwin taͤuſchen, dem Du ſo oft die Schwüre Deiner Liebe gegeben? Tante, ſprach das Mädchen mit einem Ton, vor welchem dieſe erbebte; wenn ich Sie wirklich täuſche, ſo uͤbe ich nur das Vergeltungsrecht. — Mit meinem Vater will ich wohl fertig wer⸗ den, er lehrte mich die Kunſt, den eignen Wil⸗ len feſt zu behaupten— und Erwin?— wenn er jemals zu der Ruhe gelangen wird, unſer Ver⸗ hältniß klar zu uͤberſchauen, ſo wird er ſich ge⸗ ſtehen müſſen, daß ich nur das Bekenntniß ſei⸗ ner Liebe angehoͤrt— nie erwiedert habe.— O Gott, Madchen! rief die Tante erblaſ⸗ ſend, Du treibſt ein grauſames Spiel! Warum ſprachſt Du Dich nicht offen gegen Deinen Va⸗ ter aus?— Wozu das? fragte Tina kalt. Hat der Vater jemals ein Wort uͤber ſeine Plaͤne mit mir geſprochen? Hätte er mir geſagt, daß ſein Wille mir Erwin zum Gatten beſtimmt, ſo wuͤrde auch ich mich beſtimmt dagegen erklärt haben.— — 140— Sie Beide intriguiren im Stillen. Meinen Sie, ich wuͤßte es nicht, was Sie gethan, um durch die dritte Hand Guido'n in meinen Au⸗ gen herab zu ſetzen? Dieſen von meiner zu uͤberzeugen?— Sie nöthigten mich, durch die Maske der Falſchheit, die Sie vorgenommen, zu gleicher Falſchheit.— Jeder das eigene Spiel ſpielend, ſtanden wir einander gegenüber— Sie und mein Vater auf der einen— ich allein auf der an⸗ dern Seite— laſſen Sie ſehen, wer am glück⸗ lichſten ſpielt— am muthigſten. Mich dauert Erwin— fuhr ſie nach einer langen Pauſe fort, mich dauert der Jüngling, deſſen bluͤthenvolles Leben Sie durch eine ſchmerz⸗ liche Täuſchung vergiften!— Ich!— rief die Tante erſchrocken, ich Tina? Was fällt Dir ein! Sie, antwortete Leontine kalt. Sie kannten mein Verhaͤlniß mit Guido— Sie begünſtigten es— Sie naͤhrten des leicht⸗ ſinnigen, unerfahrenen Maädchens thörichte Lei⸗ denſchaft. Guido hatte meinen Schwur, früher als ich Erwin geſehen.— Vielleicht— haͤtte —————— — 11— ich dieſen geliebt, waͤre das frühere Buͤndniß nicht vorher gegangen.— Vielleicht— ſetzte ſie mit wankender Stimme hinzu, vielleicht wäre ich gluͤcklicher durch ſeine Liebe geworden, als ich jetzt bin— allein es war zu ſpät— Ihre Nachſicht grub meiner heiligſten Empfindung— meiner Tugend ein Grab— Ihre Treuloſigkeit fuͤhrt einen ſchuldloſen Jüngling dem Abgrund entgegen, in welchen eine qualvolle Täuſchung ihn ſtürzen muß— ſein Unglück— wie das meinige komme uͤber Sie!— Die Tante ſchwieg betroffen. Das eigene Herz ſagte ihr, wie ſie, die ſie wirklich um des Vortheils Willen dem Vater der Nichte Ge⸗ heimniß verkauft, nicht verdiene, daß dieſe ihr ferner vertraue— allein ſie glaubte des Mäd⸗ chens Worten nicht— ſie fand es, nachdem ihr Erſchrecken voruber gegangen war, lächerlich, daß Tina den Schein, als ſey ſie den Plaͤnen des Vaters noch immer nicht geneigt, trotz allen widerſprechenden Beweiſen beizubehalten ſtreb⸗ te—— dann aber fragte ſie ſich, plotzlich wieder ernſt werdend:— Sollte das Maͤdchen wirklich ihren heim⸗ — ½2— lichen Umgang mit Guido——2 Sie erſchrack vor der Moͤglichkeit, die auf einmal ſchreckend aus des dunklen Sinnens Hintergrunde leuch⸗ tend ihr vor Augen trat— ſie verdoppelte ihre Aufmerkſamkeit auf das Mädchen— ſie ſtellte heimlich ihre Kammerfrau auf die Lauer— und— ſie ſah nur zu bald mit Klarheit— ſie ſey betrogen— der ſchlaue Salden war es— und mit ihnen Erwin— der liebens⸗ wuͤrdige, ſchuldloſe Erwin. Auf ein Mal zog die Tante zitternd vor dem, was kommen könnte, was kommen mußte, die Hände aus dem gefaͤhrlichen Spiel— voll Mitleid betrachtete ſie das reine, ſchöne Herz Erwins, welches Tina ſchonungslos dem Un⸗ tergange weihte— voll geheimen Grauen der Nichte Betragen— voll innerer Vorwuͤrfe, voll Abſcheu ihr früheres Einmiſchen. Sie ſtrebte jetzt, den Hofrath auf die Ungleichheit der Cha⸗ raktere Erwin's und Tina's aufmerkſam zu ma⸗ chen— ſie wagte ſogar, durch leiſe Anſpielun⸗ gen den Jungling mit der Gefahr bekannt zu machen, die ihm drohe— doch immer nur blieb ſie ihren eigenen, ſie marternden Gewiſſensbiſſen —— — 446— Preis gegeben. Tina ſchritt raſch auf der ſich bezeichneten Bahn voran— Salden war ge⸗ fangen durch ſeinen ſelbſt entworfenen, dem An⸗ ſchein nach ſo glücklich gelungenen Plan— und Erwin laͤchelte ſelig— in Traumen ſeines un⸗ ausſprechlichen Gluͤcks. Der Trennung bittrer Augenblick ricte naͤher. Von Neuem flehte Erwin die Geliebte, durch Verlobung vor ſeiner Abreiſe das Ver⸗ hältniß feſt grüͤnden zu wollen. Wozu das, fragte Tina? Kannſt Du die Zukunft ſchauen, Ernin? Weißt Du, was auf der Reiſe Dir, was mir während Deiner Abweſenheit bevor ſteht? Weißt Du genau, ob Deine Geſinnungen immer die⸗ ſelben ſeyn werden? Weiß es ein Menſch, bei den tauſend unvorher geſehenen Begegniſſen? Und, ſoll ich den Wahn auf mich laden, durch ein unauflösbar Bündniß, Dir einen einzigen Plan beſchränkt zu haben?— der auch nur auf Mo⸗ mente Dich beglücken koͤnnte?— Wollteſt Du es?— it Zum erſten Male drangen bei dieſen Wor⸗ — 4— ten die Thraͤnen eines furchtbaren Schmerzes in des Juͤnglings Auge.— O Tina! ſeufzte er, ſich ſanft von der Geliebten wendend— o Tina, wie verwunden mich Deine Worte!— Wäre das Bewußtſeyn Deiner Liebe nicht eng und feſt in meine Exi⸗ ſtenz verwebt— vermoͤchte ich es, den leiſeſten Zweifel zu ertragen— jetzt möchte ich Dich fragen: Liebſt Du mich auch wirklich? Haſt Du mich auch jemals geliebt?— Da heftete Tina das dunkle Auge auf die Thränenbenetzten des Jünglings, und ihre Arme hoben ſich langſam; zum erſten Mal mit reiner, heiliger, unausſprechlicher Liebe ſtand ſie tief erſchuttert vor dem Juͤngling.— Erwin, ſprach ſie zitternd— heimlich, als fuͤrchte ſie der Ver⸗ rath belauſche ihre Worte; Erwin, wirf einen Blick in mein von tauſend Qualen ſchmerzlich zerriſſenes Herz!— Ich erkenne Dich, mit der hohen, heiligen Liebe, die Dein reines Herz ver⸗ dient!— O ſieh des Schmerzes Thräne in meinem Auge— o ich es, Dich zu begluͤcken!— Wehe mir! Wehe Dir!— Im heiligen Mo⸗ — 145— ment des Scheidens magſt Du meinen Schmerz, Dir dies Bekenntniß geben zu muſſen, erken⸗ nen!— Ich— verdiene Deine Liebe nicht!— Unaufhaltſam riß ein Trugbild mich fort— das Verhaͤngniß— mein Herz.— Eine leichte Ohnmacht verſchlang die letzten Worte, Erwins Arme umfaßten die bleiche, leb⸗ loſe Geliebte. Tina bat den Jüngling, nachdem ſie ſich erholt, ſie jetzt zu verlaſſen.— In dunklen, träumeriſchen Sinnen ſchied Erwin. Am andern Morgen ſchrieb Tina: Erſpare mir den Schmerz des Abſchiedneh⸗ mens, mein theurer Freund. Reiſe glücklich— ſchreibe mir nicht.— Ich habe Dir geſtern mein Herz enthuͤllt, wie es noch kein Menſch erblickt. Erwaͤge klar jedes Wort, was ich Dir geſagt. Liebe, Schmerz, Verzweiflung durchzit⸗ tern wechſelsweiſe meine Bruſt.— Bedaure mich— aber fluche mir nicht!— Was iſt das? fragte Erwin, in ſchmerzli⸗ cher, ſchrecklicher Ahndung. Großer Gott! Was meint Leontine? Was kann ſie meinen? Warum 10* ſie ſehen, rief es in ihm, ich muß ſie ſehen— — 46— ſollt' ich der Engelreinen fluchen? Welch' fuͤrch⸗ terlich Geheimniß deutet ſie mir an! Vergebens, in ängſtlichem Schmerze hatte Erwin ſich müde geſonnen.— Es blieb ihm ein furchtbares, nicht zu loͤſendes Räthſel, was Tina meinen könne.— Tauſend Mal hatte er ſie beſchworen, ihm zu ſchreiben, nur ein ein⸗ ziges Mal ihm zu ſchreiben, daß er im Schauen der geliebten Schriftzuͤge Troſt finden koͤnne, wenn die jetzt öfter aufſteigenden Zweifel an ihre Liebe ſeine Bruſt ſchmerzend beſchlichen.— Immer hatte Leontine laͤchelnd den Kopf geſchuttelt— wozu das? hatte ſie immer ge⸗ ſagt.— Jetzt endlich lag ein Brief— ein ſo heiß erſehnter Brief vor ihm— und Schauder erfüllte ſeine Seele, als er deſſen Inhalt mehr und mehr durchdachte. Tauſend Gefühle durchkreuzten ſeine Bruſt— tauſend Vorſtellungen wirrten ſeine Sinne— endlich legte ſich der Sturm in ſeinem Innern, und entſchloſſen, von Leontinen ſelbſt erfahren zu wollen, was ihm ihr Brief bedeute, ging er ſchnell auf Saldens Haus zu.— Ich muß — ſie ſelbſt ſoll mir ſagen, warum ich mit Flu⸗ chen ihrer gedenken könnte. Raſch öffnete er die Thür— raſch und ungehindert durchſchritt er die ihm bekannten Zimmer— aber Alles war ſtill und öde, bis er mit klopfendem Her⸗ zen Tina's Wohnzimmer oͤffnete, und zurück⸗ bebte vor der Geſtalt des Hofraths, welcher vor Leontinens geoͤffnetem Schreibtiſch ſtand, und mit großem Eifer ein Paquet Briefe durchſah.— Eine leichte Blaͤſſe fuhr üͤber Saldens Geſicht bei Erwins Eintritt. Sie hier? fragte er halb verlegen. Hat Ihnen meine Tochter nicht geſchrieben? ſetzt er nach einer Pauſe ſchuͤchtern hinzu.— Erwin reichte in ſprachloſem Schmerze Sal⸗ den das kleine Zettelchen hin.— Hier, ſprach er, unendlich beklommen— das ſchrieb Tina— aber ich komme ſie zu bitten, mir dieſe Räth⸗ ſel zu enthüllen.— Wo iſt ſie?— Wo iſt Leontine?— Saldens Auge uͤberflog mit gewohnter Schnelle Tina's Zeilen, dann erheiterte ſich ſein Auge— ein leichtes Laͤcheln draͤngte ſich in 10* — 148— die bleichen Züge, und üͤberhauchte ſie mit neuer, belebender Röthe. Lieber, junger Mann, ſagte er endlich, in⸗ dem er zutraulich Erwins Rechte faßte, machen Sie ſich keine ernſten Gedanken uͤber eine Sonder⸗ barkeit des Maädchens, der wahrlich nichts au⸗ ders zum Grunde liegt, als eine kleine roman⸗ tiſche Grille, wenn Sie wollen, und— der Schmerz der Trennung von Ihnen.— Ein Blick in dieſen Brief läßt mich zu glei⸗ cher Zeit einen Blick in Ihr Verhältniß mit dem Madchen thun— Sie lieben Tina wirklich?— Da ſchwanden wie durch Zauberſchlag alle dunklen Gebilde von Erwins Seele.— Sein heftiger Schmerz ſank hinab in ein verſchlingen⸗ des Grab— und aus dem Allerheiligſten ſei⸗ nes Innern tauchte das reine, mächtige Gefuͤhl ſeiner fleckenloſen, hohen, innigen Liebe auf— und durchzog ſeine Bruſt mit einer beſeligenden Ruhe— denn des Vaters Frage gab ihm in milden, himmliſchen Toͤnen die Gewährung ſeines Gluͤcks.— Ob ich Leontine liebe? ſprach er daher, die Hand auf das gluͤhende Herz legend— ich ——————— — ——————— liebe ſie mit reiner, unausſprechlicher—— ich liebe ſie ewig!— Nun denn, antwortete Salden, ihn in Arme ſchließend, ſo reiſen Sie mit Gott, junger Mann! Auch meine Tochter gab mir das Ge⸗ ſtändniß ihrer Liebe.— Reiſen Sie, und keh⸗ ren Sie bald zuruͤck— alles Andere beſeitigt ſich ſchnell, iſt ſchon beſeitigt, nur reiſen Sie— nach Ihrer Rückkunft— ich Leontinen in Ihre Arme.— Noch ein Mal wollte Erwin fragen, doch des feſte— Stimme beru⸗ higte ihn.—. Meine Tochter, hatte er endlich geſagt, hat eine kleine Reiſe mit der Tante gemacht— ich war ihrem Schmerze dieſe Zerſtreuung ſchul⸗ dig— ſie iſt in dieſer Nacht abgereiſt— und waͤhnt ſich gewiß jetzt ſehr weit von Ihnen. Erwin eilte auf tgeln der heißeſten eehn⸗ ſucht durch Schleſien und Polen— er durchſtreifte einen Theil des ruſſiſchen Reichs— das Juwe⸗ lenkaͤſtchen war ſein treuer Begleiter, und half ihm endlich einen ſchwachen Hoffnungsſchimmer 1 * — auffinden, als es ihn auf das Stammſchloß der Grafen Pavanscoi leitete. Allein ein mäch⸗ tiges Weh durchzuckte ſein Innres, als er daſſelbe öde und halb verfallen fand.— 6 Der letzte Sprößling dieſer einſt ſo großen, mächtigen Familie war die Großmutter des Fuͤr⸗ ſten Muchinoff;— außer ihr gab es keine Seele dieſes Namens im ganzen, weiten ruſſiſchen Reiche— in der ganzen, weiten Welt.— Er⸗ win ſuchte beklommen den Fürſten Müchinoff auf. Die Großmutter deſſelben war geſtorben— der Fürſt, ein ſchöner Mann mit einem geiſt⸗ vollen Auge, das jedoch ein Zug des tiefſten Schmerzes ſichtbar umhuͤllte.— Erwin fuͤhlte ſich gedruͤckt in ſeiner Nähe, obgleich ein ge⸗ heimes, mächtiges Gefühl ihn unwiderſtehlich zu dem Fürſten zog;— er wagte nicht, trotz der freundlichen, guͤtigen Aufnahme, die ihm zu Theil ward, einen Gegenſtand zu erforſchen, der ihm ſo nahe anging, weil eine ſchmerzlichs Ahn⸗ dung ihm fluſterte, des leidenden Fuͤrſteu wunde Bruſt müſſe erſchuttert werden durch jede weh⸗ muͤthige, wenn auch fremde, Anregung da⸗ her ſuchte er in des Fürſten Umgebung auf ei⸗ nen Menſchen zu ſtoßen, der ihm einige Auf⸗ klärung zu geben im Stande wäre— und be⸗ ruhigt blieb und ermuthigt ſein Auge auf dem Pater Emanuel häͤngen, deſſen wundervolles, Ehrfurcht gebietendes Weſen ihn ſchon längſt zum Vertrauten aller Geheimniſſe in des Fuͤrſten Familie gemacht.— Erwins inniges Annaͤhern, ſeine offene, reine Zutraulichkeit blieb nicht unbelohnt— Emanuels Herz neigte ſich ihm zu voll war⸗ mer, vaͤterlicher Liebe— und bald nachher öff⸗ nete ihm der Juͤngling ſein Herz, erzählte ihm die Geſchichte ſeiner Jugend, hoffend, Licht zu bekommen über ein Ereigniß, das ihn mit Kum⸗ mer erfulle, weil es zu erhellen ihm bis jetzt nicht gelungen. zi unverkennbar, tief erſchuͤtternd war der Eindruck, den des Jünglings Erzählung auf ſeinen Zuhoͤrer machte. Eine große Thraͤne trat in Emanuels Auge, als Erwin ihm von der Reiſe ſeiner geliebten Mutter erzählte, die durch des Herrn von Wah⸗ lau irrige Rache nutzlos ward.— Arme, unglückliche Endaxia! ſeufzte des 52— Paters bleiche— als er dmn ge⸗ dachte! Kanntet Ihr meine Murter? ſnzi Emnin, von den Zeugen des gewaltigen Schmerzes er⸗ griffen— theurer Pater, kanntet Ihr Endaxien? Emanuel erhob ſich langſam von ſeinem Sitz, und fuͤhrte den Juͤngling durch die Irr⸗ gänge des weitlaͤufigen, prächtigen Gartens, ei⸗ nem dunklen Gebuͤſch von Cypreſſen und Trauer⸗ weiden zu, ber deren Wipfel die goldene Kup⸗ pel einer kleinen Kapelle ſichtbar ward.— Schweigend folgte der Jüngling mit be⸗ klommener Bruſt— ſchaudernd endlich, als der Pater einen Schlůſſe aus der Taſche zog, und die Kapelle offnete, welche zu dem Erbbe⸗ graͤbniß fuͤhrte. Eine kleine Lampe warf ihren matten, bebenden Schein in das heilige, ruhige Dunkel, welches die Beiden jetzt betraten.— Wo führt Ihr mich hin? ſtieß ahndend, bang der Juͤngling aus bleichen Lippen hervor. Da deutete des Paters zitternde Hand auf einen Sarg— Erwins ſtarres Auge folgte ſchüchtern dem Fingerzeig, und mit einem Schrei des tiefſten Schmerzes ſank er zu Boden— er . — 153— hatte das Grab ſeiner Mutter gefunden. Mit⸗ leidig hafteten am andern Morgen Emanuels Blicke an der bleichen, ruhrenden Geſtalt des geliebten Juͤnglings.— Erwin, ſprach er weich, Du haſt geſehen, was ich Dir zeigen mußte, höre nun auch, was mein de mich zwingt, Dir zu ſſagen. n2 2tit nint Der Fuͤrſt Muchiuff tiebte Doine Nuttet, die, ein armes Fräulein, von ſeiner Großmut⸗ ter erzogen ward. Endaria war ſchöͤn— das galt nicht viel— aber ſie war ein Engel an Sanftmuth und Himmelsgüte, das machte ſie mir werth;— ich ward ihr Lehrer, und liebte ſie, wie ein Vater ſein Kind zu lieben vermag. Des Fürſten Milchbruder ward mit dieſer er⸗ zogen, und Muchinoffs Edelmuth hielt den ar⸗ men, unbedeutenden Juͤngling als einen Freund, einen Bruder— in Caſimirs Buſen ſchüttete er zuerſt das Geheimniß ſeiner hohen, unendli⸗ chen Liebe zu Endaria, und glaubte, als er deſſen ungewöhnliche, ganz außerordentliche Auf⸗ regung bei Anhörung der Geſchichte ſah, ſie ruͤhre von der Furcht her, die dieſer habe, vor den unuͤberſteiglichen Hinderuiſſen, welche man — 164— von Seiten ſeiner Familie uͤber eine Heirath mit dem armen Fräulein ihm entgegen ſtellen würde, und ſchloß aus dieſem Grunde ſein Herz um ſo inniger an den Vi viel ver⸗ — Freund. Anders aber war es, als der ehi Fuͤrſt wähnte— Caſimir liebte Endarien mit einer gluͤhenden Leidenſchaft, welche in ihrem Feuer des ſanftern Fürſten Liebe tauſendfach überſtieg. In ſeinem edelmuͤthigen Herzen begann ein furcht⸗ barer Kampf.— Schon laͤngſt hatte er die beſeligende Ahndung von Endariens Gegenliebe— ſchon längſt ſchwellte die aller ſüßeſte Hoffnung ſeine Bruſt, und nur Schen— die Scham vor ſeinen immer noch beſchraͤnkten Verhältniſſen hielten ihn zuruͤck, ſich ſeinem fuͤrſtlichen Freunde zu entdecken. Jetzt ward ihm plötzlich ſein ſchönſtes Traumbild geſtört— er vernahm des Fürſten Liebe zu ſeiner angebeteten Geliebten, tauſend Martergefühle durchſtroͤmten bei dieſem Bekenntniß ſeine Bruſt. Dem edlen Fürſten hatte er ſein Alles zu verdanken— zu danken ihm, daß er aus dem Staube der Niedrigkeit empor gehoben, gleich — 155— ihm erzogen worden. Des Fürſten Mutter war um des edlen Sohnes willen auch ihm eine mütterliche Freundin geweſen. Er ſah ſirh ge⸗ liebt, geachtet von allen Menſchen, und ihm, den er allein dies erhebende Bewußtſeyn zu danken hatte, ihm ſtand er jetzt im Begriff dasjenige Gut zu rauben, das Jener als das einzige Glück ſeines Lebens erkannte— welch' furchtbarer Kampf fuͤr den edlen Caſimir! Sein Edelmuth ſiegte in dem ſchrecklichen Kampf zwiſchen Pflicht und Liebe. Standhaft mied er von Stund' an jedes Zuſammentreffen mit der geliebten Endaria— ſtumm und bleich ſtand er im Kreiſe ſeiner Freunde— das erwärmende, beſeligende Feuer in ſeinem Innern war er⸗ loſchen— das Leben hatte ſeinen Reiz fuͤr ihn verloren.— theilnehmend hingen des Fuͤrſten Blicke an ihm, unſtät und fragend Endaxia's⸗ Die alte Fuͤrſtin allein ſchien den Kampf zu ahnden, der des geliebten Jüngling Inneres durchwuͤthete— ſanft drang ſie ihn, ihr ſeine Leiden zu enthuͤllen— ſtandhaft leugnete Ca⸗ ſimir— und die lange, bange Untertedung ſchloß endlich von ſeiner Seite mit der Bitte, — 155— ihn hinaus zu laſſen in das Getuͤmmle des Kriegs, weil die enge Einförmigkeit des Schloſ⸗ ſes ihn ertödte in furchtbarem Schmerz. Die gütige Fürſtin bewilligte mit großem Kummer des Jünglings Bitte.— Die Anſtal⸗ ten der Reiſe wurden raſch, doch heimlich ge⸗ macht— Niemand ahndete, wie bald der bit⸗ tern Trennung Stunde ſchlagen wuͤrde„als al⸗ lein die alte Fuͤrſtin und Caſimir. Am Abend endlich warf mit einem Thrä⸗ nenſtrom der Letztere ſich in meine Arme. Segue mich, mein Vater! bat er; ſegne mich, mir ſagt es mein ahndend Perz: wir ſehen uns nie wieder! Mit meinem beſten Segen, denn i liebte den Theuren wie meinen Sohn, ſchlich er um Mitternacht in Garten hinab„ſchluchzend, uͤber⸗ wältigt vom großten Schmerz, warf er ſich be⸗ tend auf die Knie nieder— da umſchlangen ihn ſanft ein paat weiche Arme— und— ſich erhebend, findet er ſich an Endaxia's Buſen wieder. Laß mich u daribet gehen, Jüngling!— N Am andern Morgen erfuͤllte Wehklagen das ganze Schloß— Caſimir war fort.— Zwei Monat ſpater bekannte mir Endaria in der Beichte ihren Fehltritt— ſie fuͤhlte ſich Mutter— und auf der alten Fürſtin Befehl vollzog ich in einer fernen Kloſterkirche, kurze Zeit nachher, die Trau⸗ ung ganz insgeheim an Caſimir und Endaxia. Verſehen mit einem reichen Geſchenk der alten Fürſtin, verließen die Neuvermählten auf gehei⸗ men Wegen das Land— der Krieg beguͤnſtigte ihre Flucht.— Niemals fand der Fürſt ihre Spur, wie vielfach auch ſeine eigenen Reiſen, ſeine unzähligen Nachforſchungen waren. In Aufwallung ſeines erſten, furchtbaren Zorws über die Flucht ſeiner Geliebten, uber die Treuloſigkeit ſeines Freundes, deſſen Liebe zu Endaxia er jetzt erſt ahndete, ſchwur er mit gräßlichen Eiden, nicht eher ruhen zu wollen, bis er die Flüchtlinge ereilt— ihren Verrath geraͤcht habe, und ſollte er ſuchen bis an ſeines Lebens Ende. Geſchreckt durch dieſen Schwur theils, meils beſorgt um ihre geliebte Endaria, auch der Hoff⸗ nung voll, daß wenn ihr Enkel Kunde von der —— Entflohenen Tode bekäme, er ſich endlich ſeinem Schmerze entreißen, die Verfolgungen einſtellen werde, beſchwor mich die alte Fuͤrſtin, ein Mit⸗ tel zu erſinnen, welches dies zu Wege bringen könnte.— Ich ſchrieb an den Abt des Kloſters Wettingen bei Zuͤrich, weil ich vermuthete, die Theuern könnten ſich in die Schweiz gewendet haben, und bat ihn, durch ſeine Bekanntſchaft in allen Klöſtern, durchs ganze Land forſchen zu laſſen, ob Kunde zu erlangen ſey von den Verlorenen, und ſie zu ſchirmen, falls ſie des Schutzes bedürfig ſeyn ſollten. Kurz darauf ging des Abts Antwort ein; er ſchrieb: Eine junge Dame ſey mit einer äl⸗ tern geiſtlichen Schweſter aus einem polniſchen Kloſter nach Genf geſandt worden, um dort den Ciſterzienſer-Orden ihr Geluͤbde abzulegen. Es habe ſich dieſelbe einer heimlichen Flucht aus dem Hauſe ihrer Pflegeeltern, um einer widrigen Verbindung zu entgehen, angeklagt— und wolle dieſen Schritt durch das Geluͤbde ewi⸗ ger Keuſchheit ſühnen. Man habe, ihren Bit⸗ ten Gehör gebend, das Probejahr gekurzt, und ihr den Schleier gereicht— doch ſchon nach — kurzen Monden ſey ſie verſtorben, und bereits ſeit einem Jahre begraben. Ein kurzer Zettel, mit nur unſerm Orden verſtändlicher Schrift ge⸗ ſchrieben, ſagte mir, daß Caſimir wirklich mit Endaria in der Schweiz, die ganze vom Abte berichtete Geſchichte nur eine Dichtung ſey, ge⸗ rechtfertigt durch den Zweck, ſo vieler guter Menſchen Ruhe ſichern zu wollen. Des Fürſten Zorn verſchwand allmählig nach dieſem Berichte— und als bald darauf die alte Fürſtin ſtarb, und ihr letztes Wort an den Enkel die Bitte war, ſich mit den Ent⸗ fernten zu verſoͤhnen, ihrer mit Liebe zu geden⸗ ken— die ja, der Eine ſo weit von ihm, die Andere todt ſey— da veranſtaltete Muchinoff ein feierliches Begraͤbniß, und in gehöriger, großer Prozeſſion ward ein leerer Sarg, auf deſſen Deckel Endaria's Name ſtand, in der Familiengruft beigeſetzt. So iſt meine Mutter nicht todt? rief in plötzlicher Freude Erwin. Still, um Gottes willen ſtill, ſprach der Pater, dem Juͤngling den Finger auf die Lippen drückend. — W— Du ſiehſt, welch' tiefer, ruͤhrender Schmerz des edlen Fuͤrſten Geſicht uͤberhaucht. Seine Bruſt blutet noch— ſie wird ewig bluten, des Verluſtes gedenkend, der Geliebten.— Goͤnne ihm die Beruhigung, welche fuͤr ihn in der Tau⸗ ſchung liegt, das Grab umſchlinge den Abgott ſeiner treuen Liebe, nicht die Arme eines gelieb⸗ ten Mannes. Ob Endaria noch lebt, weiß ich nicht— auch nicht, welchen Namen ihr Gemahl im fer⸗ nen Lande führt.— Vielleicht weiß der Abt Gervaſius im Kloſter Einſiedeln Dir einige Nach⸗ richt zu ertheilen!— Willſt Du zu ihm rei⸗ ſen, ſo gruͤß' ihn von mir— dieſer Ring von mir, den er genau kennt, wird Dir ſein Herz geneigt machen, ſein Vertrauen gewinnen. Erwin warf ſich, mit heißen Thraͤnen Abſchied nehmend, an die Bruſt des vaäterlichen Freundes, und ſchnell, auf Fluͤgeln der Sehn⸗ ſucht und Liebe, durcheilt er die fremden Lande, um heimzukehren, wo der Athem der theuern Ge⸗ liebten ihm weht. Er kam in der Reſidenz an, und ward ſelt⸗ ſam uͤberraſcht, als Salden, welchem er während 1„ — ſeiner Abweſenheit ungemeſſene Vollmacht ertheilt hatte, uͤber alle ihn betreffende Angelegenheiten ihm ſagte, es ſey während ſeiner Reiſe ein junger Mann erſchienen, welcher ſich als Neffe des verſtorbenen Herrn von Wahlau legitimirt, und welcher aus dieſem Grunde Anſpruche auf die Nachlaſſenſchaft des Oueles mache. Der Herr von Wahlau war ohne Teſtament geſtorben— ſeine Beſitzungen, da ein näherer Verwandter ſich nicht gemeldet, ſeiner Frau uͤberlaſſen geblieben; dieſe habe ſie allerdings ihm, den jungen Erwin, vermacht— allein da derſelbe weder gerichtlich als ein Sohn des Herrn von Wahlau erkannt ſey, noch ſeine nä⸗ here Auwartſchaft auf die Beſitzungen, welche ſchon Frau von Wahlau unrechtmäßig beſeſſen, darthun könne, ſo ſtehe zu erwarten, daß des Neffen Sache ſehr guͤnſtig fuͤr dieſen ausfallen wuͤrde— und Erwin die ſchoͤnen, reichen Be⸗ ſitzungen nicht nur wuͤrde hergeben muͤſſen— ſondern wohl noch auf eine Entſchädigung für die lange Zeit des Beſitzthums würde zu denken haben. Erwins Gerechtigkeitsliebe ließ ihn nicht 11 —„ einen Moment in Zweifel ziehen, was hier zu thun ſey. Sind, ſprach er daher, des Neffen Anſprüche wirklich begruͤndet? Werden ſie als gerecht erkannt? ſo nehme er, was ihm gehört— ich ſtreite nicht um unrecht Gut. Hm, meinte Salden, ſo ſehr ich fuͤhle, daß Sie auf einer Seite Recht haben, ſo Un⸗ recht haben Sie auf der andern. Verſuchen Sie doch einen Vergleich— vielleicht iſt der Neffe nicht ſo hart, Ihnen Alles nehmen zu wollen;— freilich, ſetzte er nach einer Weile hinzu, frei⸗ lich gehoͤrte das ganze Vermögen dem Herrn von Wahlau— ſeine Frau hatte nichts, gar nichts, doch— es gilt dem Verſuch.— Erwin weigerte ſich lange, dieſen Verſuch machen zu wollen— es beleidigte ſein Ehrgefühl, ſich denken zu ſollen, er verdanke der Großmuth ſeines Gegners auch nur eine Hand breit Lan⸗ des— dies ſagte er dem Hofrath— aber Leontine trat vor ſeine Seele— ſo ſchmerzlich ſchien ihm aus ihrem Auge die Frage hervor⸗ zugehen: Und willſt du denn um meinetwillen gar nichts thun, ſtolzer Mann? In tiefer Er⸗ ſchuͤtterung reichte er Salden die Hand.— — — 163— Machen Sie, ſprach er, thun Sie, was Sie wollen und für's Beſte halten, ich werde jede Ihrer vemühungen mit dankbarer Ruͤhrung er kennen. Er eilte zu Leontinen. Mit ſchuͤchterner, halb verſtohlener Zinüchker ward er von dieſer empfangen. Eine leichte Bläſſe ſchien auf immer die Roſen von ihren Wangen verdraͤngen zu wol⸗ len— das glaͤnzende Feuer ihrer Augen war in ein ſanftes Schmachten uͤbergegangen— unſtät ſchien ihr Gang— unſicher, angſthaft ihr ganzes Benehmen— des Auges ſcheuer Blick ſchien die Blicke des Jünglings nicht er⸗ tragen zu können— das fröhliche Jauchzen ihrer Stimme war einem leiſen, unterdruͤckten Weinen ähnlich geworden.— Erſchrocken ge⸗ wahrte der liebende Jüngling die ginzliche Ver⸗ änderung. um Gott, Tina! fragte er oft, was iſt Dir,„ Geliebte? Was fehlt Dir? Er drang in Salden, ſein ihm gegebenes Verſpre⸗ chen, nach ſeiner Rückkehr Leontinens Hand in die Seinige legen zu wollen, zu erfůͤllen.— Da ging die Nichticht ein, wie von einer 11* hoͤchſten Behoͤrde der junge Herr von Wahlau bereits als Neffe des alten Herrn erkannt— und Salden bat Erwin, bis zu völliger Aus⸗ einanderſetzung des ſehr weitläufigen, verwik⸗ kelten Erbſchaftgeſchaͤfts die Lui der Heirath aufzuſchieben. Erwin ſchwieg. Im Bewußtſeyn ſeiner hohen, reinen Liebe konnte in ihm kein Miß⸗ trauen aufſteigen gegen die hoch heilig Geliebte. Der Prozeß nahm ſeinen Fortgang— Erwin ſah ſeine Tina ſeltener— ſie war krank⸗ haft, ſo oft er kam— ſeine Beſuche griffen die Leidende ſichtbar an.— Salden bat ihn, eine Zeitlang nicht ſo oft zu kommen, da Tina der Ruhe bedürfe— die Bitte uͤberhauchte Er⸗ wins Herz mit endloſer Wehmuth. Sie liebt mich, ſprach er bei ſich ſelbſi, und ich ſoll ſeltener kommen, um ihre Krank⸗ heit nicht zu vermehren? W. löſt mir dies neue Räthſel?— Scheu wich er ſeinen ſeinen Freunden aus— es ſchien ihm, als wenn Aller Blicke bedauernd auf ihm ruhten. O Gott, ich bin doch wohl ſelbſt krank! ſprach er dann; welch' aͤngſtlich, banges Eefüht be⸗ klemmt denn meine Bruſt? Er reiſte auf einige Tage nach puzbug — er nahm ſchriftlichen Abſchied von Tina— ich komme nicht eher zuruͤck, bis Du mich ſe⸗ hen willſt, ſchrieb er.— Aber zum erſten Mal dünkte ihm Felsburg ein offenes Grab, er fand die Ruhe nicht, die er dort zu finden hoffte— von Tina keine Nachricht. Da konnte er, als acht Tage gorste wa⸗ ren, die Sehnſucht nicht länger gewältigen— er ſchwang ſich auf ſein und jagte der Reſidenz zu. Am Abend endlich, als er aus truͤbem, ängſtlichen Sinnen auf fuhr, fand er ſich dem Gute der Frau von Senk nahe. Truͤbe lächelnd gewahrte er, wie ſein Roß von der Straße ab in die Pappelallee eingebogen war.— Dort! ſeufzte er, auf die Waldhöhe deutend, welche das nachtliche Gewölk bereits zu verhüllen be⸗ gann— dort dämmerte das Gluͤck meines Le⸗ bens auf! Wird es wieder mit ſeinem hellen, reinen Glanze mich umſtrahlen, wie ſonſt? Ein ferner Donner rollte tief murmelnd uͤber — 166— ſeinem Haupte hinweg, und finſtere Wolken ſchienen ihn um die ganze Erde verhüllen zu wollen. Langſam, ſchweigend, in tiefem Schmerz verſunken, ſtieg Erwin vom Pferde, und trat in die Wirthsſtube ein, in welche der freund⸗ liche Wirth ihn zu treten nothigte. Gedankenvoll ſtarrten ſeine Augen aus dem kleinen Fenſter in das Dunkel, welches den Schloßgarten umgab— ihm war es, als ſaͤhe er durch die Nacht eine weiße Geſtalt ſchim⸗ mern, dann, als bewege ſich der Schein eines matten Lichtes vor der dunklen, einſamen Grotte, welche Zeuge war ſeiner glucklichſten Momente. Eine unwiderſtehliche Gewalt zog ihn hinab in die Gänge des Gartens, aus wel⸗ chen er das Leuchten geſehen zu haben glaubte.— Tief in ſeinen Mantel gehüllt, ſchlich er bang und leiſe durch das fallende Herbſtlaub, tiefes, undurchdringliches Dunkel verhullte die ganze Gegend, und nur durch das momentane Leuchten der fahlen Blitze ward es ihm mog⸗ lich, ſich zurecht zu finden. Starter, graͤßli⸗ cher Schmerz beklemmte ſeine Bruſt, und — 167— machte ihn gefühllos gegen Sturm und Ge⸗ witter über ihm. Sein Inneres war mächtiger emport, als die Natur um ihn— und zucken⸗ der, als die fahlen Blitze durch die Luft, zuckte ein unnennbares Wehe durch das Dunkel ſeines truben Sinnens. Halb bewußtlos löſte in unter⸗ druͤcktem Jammerlaut der Name Tina ſich von ſeinen Lippen— und erſchrocken ſchauderte er in ſich zuſammen„ als Leontine mit den Wor⸗ ten: Nun, biſt Du endlich da, Guido? ſeine Hand ergriff. Eine furchtbare Ahndung durchzuckte ihn, und lähmte ſeine Zunge— da zog ihn Lina nach ſich in die Grotte.— Tritt leiſe auf, Guido, ſprach ſie, und ſtill, er ſchläft, Deine rauhe Stimme könnte ihn wecken, wie ſie die Stimme meines Gewiſſens weckt— und— ihm iſt wohl, wenn er ſchlaͤft; o waͤre er nie erwacht! Sie ſank erſchöpft auf eine Raſenbank. Stumm, erſtarrt ſtand Erwin vor ihr, in furchterlicher Erwartung.— nb Leontine erhob nach einigen Minuten ſich wieder, und mit tonloſer, hohler Stimme fragte ſie: Willſt Du Dein Kind nicht ſehen? Guido! — 4668— FZuͤrchteſt Du den Seugen eines bübiſchen Ver⸗ raths?— nznn Sie zog die Decke von einem Korbe. In dem Augenblick erhellte ein gräͤßlicher Blitz die dunkle Grotte— Erwin ſtand erblei⸗ chend vor dem Kinde— Lina ſtarrte mit graß⸗ lich geſpenſtiſchem Auge nach ihm— ein Schrei des tiefſten Entſetzens loſte ſich von ihrer Bruſt— und leblos ſtürzte ſie zu Boden. Monden waren vergangen im trůͤben Lauf— Erwin war der ſchmerzlichen Krankheit entron⸗ nen— ſein Körper gewann neue Kraͤfte. Doch der Seele heiliger Friede war geſtoͤrt— des Geiſtes Kraft gebrochen— matt blickte das umdüſterte Auge in die reizende Gegend, die der Fruͤhling mit ſeinen tanſend und aber tau⸗ ſend Bluthen in jugendlicher Schöne ſchmückte. Seine Seele blieb ungeruͤhrt. Ungehoͤrt verklangen die Töne der flötenden Nachtigall— ſie drangen nicht in das truͤbe Dunkel, welches ſein Gemuth umfangen hielt.— Vergebens muͤhte ſich der redliche Arzt und ſeine Familie, des Juͤnglings Phantaſie neue Schwungkraft zu geben— bleich und theilnahmlos ſtand er in ihrem freundlichen Kreiſe— wehmuthig lächelnd ihrer nutzloſen Be⸗ muͤhung;— ſein Herz war gebrochen— und kein Troſt, kein Heilmittel vermochte den Riß zuſammen zu fugen, welchen die furchtbare Täu⸗ ſchung durch ſeine Exiſtenz gezogen. Unaufhör⸗ lich im finſtern Gruͤbeln erwog er die Groͤße von Tina's Schuld.— Hatte ſie ihn betrogen in kalter Gewiſſenloſigkeit? oder hatte der Gluth⸗ ſtrom ſeiner Phantaſie ſein Auge verblendet und ihn verhindert, deutlich zu erkennen, mit welchem Gefuͤhl ſie ſich ihm zugeneigt? Tauſend Mal hatte er die ganze ſchmerzliche Begebenheit durch geſonnen— tauſend Mal jedes Wort, das Tina mit ihm geſprochen, in ſeiner Bruſt bewegt— und nach langem Kampfe endlich ſich ſelbſt ge⸗ ſtanden, Tina habe zwar unrecht, doch nicht ſo verbrecheriſch an ihm gehandelt, als es im er⸗ ſten, gräßlichen Moment ihm geſchienen.— Armer, edler Jüngling! — Die ſchoönſten Bluthen aus dem friſchen Kranze Deines Lebens zertraten ſchonungslos Leichtſinn, Gefallſucht, Stolz und Uebermuth. Du ſtandeſt hoffnungslos vor dem finſtern Grabe Deines Gluͤcks— und dennoch ſuchte Dein edles Herz die That zu entſchuldigen, nicht vermögend, an ſo frevelhaftes Beginnen unter den Menſchen zu glauben. Tina ward die Gattin des Herrn von Wahlau. Der rauſchende Prunk ihres Hochzeitfeſtes durchzitterte das von den allerheilloſeſten Schmer⸗ zen umdunkelte Gemüth des ungluͤcklichen Jüng⸗ lings. In ſtummem Gram ſank er auf Erwinens Grab— dort unten ruhte die Huͤlle, in welcher allein ihm ein Herz voll unerſchuͤtterlicher Treue geſchlagen hatte!— Das fernere Leben, ohne Liebe, duͤnkte ihm eine endloſe Qual, die Erde ein weites, dunkles Grab— die Vergangenheit erfüllte ihn mit bangem Schrecken, die Gegen⸗ wart lag ertödtend auf ihm, fuͤr die Zukunft— umhuͤllte Nacht ſein Sinnen— und als ſeine Freunde theilnehmend, helfend ſich des Verrathe⸗ nen, Betrogenen annehmen wollten, war er verſchwunden, und kein Forſchen, wie ſorgfältig es auch war, vermochte die Spur zu ſne des Verlorenen. Wollen Sie nicht hinaus zum Rheinfall ſpazieren? fragte mit beſonderer Freundlichkeit die dicke Traubenwirthin in Schafhauſen— Sie ſcheinen ſo uͤbel gelaunt, junger Herr— fuhr ſie gutmuͤthig fort, machen Sie ſich den Spaziergang, ehe die Pferde kommen, und ge⸗ wiß der Anblick, der jeden Menſchen erfreut, wird auch Sie erfreun und in heitere Laune ſetzen;— auch— ſetzte ſie ſchmunzelnd hinzu, auch werden Sie draußen Geſellſchaft finden, die leicht ein junges Blut wie Sie ſind, zur höchſten Freude ſtimmt— und— vielleicht ver⸗ mag es das ſchoͤne Maidli mehr noch, als der Rheinfall. Laſſen Sie das, erwiederte ich, enet verſtimmt, ihre Einladung ablehnend, denn — 172— wahrhaftig, meine glühende Phantaſie war ge⸗ waltig abgekuͤhlt worden— meine Erwartun⸗ gen um ein Beträchtliches herab geſtimmt— ſchon war ich ſeit mehrern Tagen in der Schweiz, und noch nicht ein einziges, auch nur leidliches Geſicht war mir begegnet;— die lieblichen Alpenblüthen, von denen ich geträumt — die holden Himmelskinder, welche Clauren vor meine Phantaſie gefuͤhrt— wo waren ſie? Wo ſollte ich ſie ſuchen? Bis jetzt hatte ich nur ganz alltägliche Geſichter geſehen, und Sitten und Sprache, die mehr abſußend als anziehend waren. In Rheineck ſah ich ein ſchlankes, niedli⸗ ches Kind— ich thue einige Fragen an ſie, um den ſüßen Zauberlaut des Schweizerlandes von ihren rothen Lippen gierig aufzuſaugen— da ſieht das Mädchen mich mit großen Augen an, und frägt: Epper, was wotſcht da do?— Ich fuhr beinah erſchrocken zuruͤck— das wotſcht klang ſo abſcheulich, daß ich das weitere 5 gen einſtellte. Ich gedachte der lieblichen, wolden Maria — und wie ſuͤß und ſanft der Ton ihrer 178— Stimme war— wie rein ihr Dialekt.— Him⸗ mel! dachte ich, wenn Maria, die jetzt zur ſchönſten Alpenblüthe heran gereift ſeyn muß, mich auch fragen könnte: Epper, was wotſcht? — Ich ſaß da in finſterer Verſtimmtheit— eine lange Reihe dunkler Bilder gingen an mei⸗ ner Seele voruͤber. Jahrelang war Maria mein ſchoͤnſtes, mein liebſtes Traumbild— und ſorg⸗ lich hatte meine Phantaſie die ſchöne Jungfrau mit allen Reizen und Vollkommenheiten ge⸗ ſchmuͤckt;— nie war mir, auch nur entfernt, der Gedanke gekommen: es koͤnne anders ſeyn, als ich gedacht— jetzt beſchlich eine ſchmerz⸗ liche Ahndung mein banges Herz.— Auf ein⸗ mal erfuͤllte mich eine grauſe Furcht, die ich ſonſt nie gekannt— ich dachte mir jetzt Ma⸗ rien noch viel ſchöner, als jemals— und plötzlich drängte ſich mir der Gedanke auf, daß ſechs Jahre ſeit um Zuſammentreffen voruͤber waren.— Ich hatte bis jetzt ſo felſenfeſt geglaubt, auch ihre Seele muͤſſe ſich in jenem kurzen Zeitraume des Zuſammenſeyns auf ewig der meinigen zugeneigt haben— jetzt durchzuckte — 1— mich das allererſte Mal der Gedanke, daß ich mich wohl getaͤnſcht haben könne— daß Ma⸗ ria damals noch ein halbes Kind geweſen— daß ſechs Jahre ein langer, verhaͤngnißvoller Zeitraum in dem Jugendlenze eines Maͤdchens ſind— daß ſie vielleicht ſchon verheirathet, oder die Braut eines Andern ſeyn könne— und dennoch wußte ich nicht, was mir peinlicher war, dieſe trübe Vorſtellung fortzuſpinnen, oder mir denken zu ſollen, daß das liebliche Kind ein ganz alltägliches Mädchen geworden ſey, die mir vielleicht auch mit einem Spper⸗ was wotſcht? entgegen treten konnte. Die dicke Traubenwirthin aber ließ ſich nicht ſo leicht abſpeiſen, ihre flotte Zunge war einmal im Gange, und darum fing ſie wieder an: Nun, ſehen muͤßten Sie das holde Maidli doch. Sie ſind ein Tuͤtſchlaͤnder, und wenn Sie heim kehren, können Sie dann erzaͤhlen, Sie haben das ſchonſte Kindli in der Weltgeſehen— nun, nun, lächeln Sie nur nicht— ich ſage Ihnen nicht zu viel, und Sie können es im ganzen Cauton beſtätigt horen, Mimili iſt des ſchönſte, reizendſte— Wie! rief ich aufſpringend— giebt es denn wirklich hier eine aͤchte Mimili? Die Wirthin lächelte freundlich:— Ja, Herr! geht, ſeht ſie, es iſt ein wunderholdes, herzigſchoͤnes, from⸗ mes Kindli— und Jedermann freut ſich, wenn der Jahrestag heran ruͤckt, an welchem ſie regelmãßig von Loͤrrach herüber koͤmmt, um den Rheinfall zu begruͤßen.— Frau! rief ich, die Sprechende bei beiden Haͤnden faſſend, und eine ſelige Ahndung nahm mir den Athem aus der Bruſt— was ſprechet Ihr da von Lörrach? Sagt das noch ein Mal, ſagt ſchnell! Aengſtlich machte die Wirthin ihre Hände los. Mein Gott! ſprach ſie erſchrocken— wie Ihr nun gleich ſeyd! erſt ganz ſtumm und kalt, nun auf ein Mal wie glühender Feuerbrand! Nun ja, ſchoͤn Mimili wohnt mit ihren Eltern dort drüben im fernen Lörrach— es iſt das ſittigſte, froͤmmſte Maidli im ganzen Gau— und Ihr könnt denken, Herr, daß es für uns ein wahres Feſt iſt, wenn die Zeit ihrer Wand'rung beginnt— ſie ſoll ein Mal am Rhein in großer Gefahr geweſen ſeyn, aus welcher, wie ſie ſagt, ein Engel ſie gerettet— zu deſſen An⸗ denken ſie nun alljährlich nach Kloſter Einſie⸗ deln wallfahrtet, wenn ſie zuvor den Rheinfall begruͤßt, und ein Opfer der ſchönſten Blumen und Bluͤthen auf ſeinen Silberwellen ver⸗ ſtreut.— Seht, Herr, warum ſie das thut— wir wiſſen es nicht, wohl aber, daß uns ihr Kommen mit unausſprechlicher Freude erfüllt; — Jung und Alt drängt ſich dann herzu, die Liebliche, die mit jedem Jahre ſchöner wird, zu ſchauen— und da glaubte ich Euch dann auch eine Freude zu machen, wenn ich Euch aus euerm finſtern Schmollen aufrüttelte, und Euch nöthigte, das ſchöne Maidli zu begruͤßen. — Darum geht, junger Herr, es wird Euch nicht gereuen, und wenn Ihr fein raſch ſeyd, holt Ihr ſie noch ein bis zum Rheinfall.— Mimili? fragte ich, im Innern erſchüttert, von Lörrach? die alljährlich den Rhein begrußt, einer Fährlichkeit denkend, in welcher ſie um dieſe Zeit geſchwebt.— BZitternd riß ich mein Taſchenbuch 8— eine große Thräne draͤngte ſich gewaltſam in mein Auge und umdunkelte die Stelle, nach — 1— welcher ich ſchaute— aber mein Herz bebte in ſeliger Wonne, ich fühlte mehr, als ich es deutlich ſah— heut' war der Tag— heut⸗ vor ſechs Jahren gab ich die holde, liebliche Marie ihren Eltern wieder— ich griff in ſeli⸗ ger Freude an mein hoch ſchlagendes Herz— dort hing ſeit jenem Tage Mariens Kreuz. Welche Seligkeit durchzog mit einem Mal mein Inneres, welche Wonne durchbebte meine Bruſt! Maria! rief ich mit Entzucken, ſüße himm⸗ liſche Mimili! Du liebſt mich, wie ich Dich liebe— mit reiner und heiliger Liebe! und im Uebermaas meiner Freude preßte ich die dicke Traubenwirthin in meine Arme. Um Gott! rief die Erſchrockene, ſich ſträu⸗ bend; Herr, ſeyd Ihr toll geworden? Nun trieb es mich fort mit heißem Sehnen, und meine Seele war voll von der ſeligen Freude des Wiederſehens.— Wie ferner Donner rollte das furchtbare Getoſe des ſtůrzenden Fluſſes mir entgegen, es zog mich fort, und immer naͤher der Stelle, wo ich Maria finden ſollte.— Nehmet ein Boot, lieber Herr, hatte der 12 — 178— Fuhrer zu mir geſagt— der Weg zu Fuß iſt ſo weit, wir kommen ſchneller zum Ziel auf dem pfeilſchnell fluthenden Strom.— Schaut, ſprach er, aus allen Kraͤften be⸗ muͤht, den ſchnellen Flug des Nachens noch mehr zu fordern, ſchaut, dort ſchwimmt ſchon ein Kähnlein vor uns— es tragt das Maidli von Lörrach, ich ſehe es an dem Blumengewinde, womit das Schifflein angefuͤllt iſt.— Rudeli, rief er erſchrocken hinſchauend— um Gott! der Trunkenbold Rudeli iſt des Kähnleins Fuͤhrer!— und's Maidli hat ſich ſorglos ſeiner Führung anvertraut!— Moͤge die heilige Jungfrau ſie beſchützen, wenn der reißende Strom das Schiff⸗ lein zwiſchen die Felsſtücke treibt!— Der Athem ſchwand mir aus der Bruſt bei Wälti's Rede— Maria, ſprach ich halb leiſe— und meine Augen verſchlangen die hohe, zarte Jungfrauengeſtalt, die zehn Schritt vor uns im Schifflein ſtand— das fortgeriſſen ward mit uͤbermenſchlicher Schnelle von dem Berg ab laufenden Strom.— Schaudernd erblickte ich die Gefahr, die je⸗ dem Augenblick dem Kaͤhnlein drohte.— Rechts, „ „ links und uberall Sb aus dem ſer hervor.— Mit Lütesſchel ſog der Kahn— die großte Sicherheit eines erfahrenen Fuͤhrers ge⸗ hoͤrte dazu, zwiſchen der entſetzlichen Gefahr ſich durchlenken zu können— und Rudeli ein Trunkenbold!— und Maria, meine heiß ge⸗ liebte Maria ſeiner Fuͤhrung blos geſtellt!— Ich zitterte mehr noch vor ihrem Kaͤhnlein, als dem unſrigen— ich trieb meinen Wälti an, das Schifflein zu erreichen— ich hoͤrte den Angſtruf von Maria's Begleiterin— ich hoͤrte Rudelis Schelten dazwiſchen— es trieb mir die Haare zu Berge— das Schifflein war verloren, ich ſah es vor Augen.— Wie waren die Menſchen zu retten, wenn es an einen der unzähligen Felſen ſtieß, zwiſchen welche es, wie ein ſchneller Gedanke, ſich kunſigewandt durch lenken ſollte!— Jetzt endlich kamen wir nah und näher— jetzt ganz nah;— Maria wandte ſich nach uns— Julius!— wollte 6 mich erkennend, rufen.— Herr Gott! da krachte das winzige Kähn⸗ lein an einen Stein— und ſchlug uber—— im 12* Moment waren vor unſern Augen drei Menſchen ein Raub der grimmig toſenden Wogen!— Ein Schrei des tiefſten Entſetzens ward gehört— mein gedacht im ſchnellſten Gefühl, und— es riß mich fort mit übermenſchlicher Kraft— ich ſtuͤrzte in die brauſende Fluth— und umſchlang mit dem rechten Arm die bleiche, geliebte Maria— indeß der Linke ſich feſt hielt am ſchroffen Felſenriff. Rudeli arbeitete ſich glücklich unter dem Kaͤhnlein hervor, ein lebloſes Weib, Maria's Begleiterin, nach ſich ziehend.— Wir ſind ge⸗ rettet! rief er— Walti, nimm uns auf in Dei⸗ nen Boot!— Aber Wälti konnte den Strom nicht gewältigen— und Rudeli warf ſchnell die Gerettete in den Kahn, ſich feſt klammernd am Hintertheil des Schiffes. Mir ſchwand der Athem aus der Bruſt:— Nimm uns auf! keuchte auch ich mit letzter Anſtrengung; ich fühlte, wie ſchwach ich ward— und daß ich uns zu hal⸗ ten nicht mehr vermochte.— Der Strom trieb zu gewaltſam gegen meine Bruſt— das bleiche, todte Mädchen im Arm, vergingen mir die Sin⸗ ne— ich ſah, wie der Kahn mit Rudeli, Wälti — 181— und der Geretteten zum Ufer trieb— aber uns konute er nicht erreichen;— noch einen Blick voll ſchmerzlicher Sehnſucht warf ich der mog⸗ lichen Rettung entgegen— da umdunkelte Nacht mein Auge— ich fühlte mich wanken— jetzt hob mich das Waſſer— Maria! ſeufzte ich in erſterbendem Laut, die Geliebte feſter an mich druͤckend— Maria, ich ſterbe mit Dir!— und vereint ſank ich mit der Geliebten in das naſſe/ kuͤhle Grab!— Wo bin ich, und was beginnt Ihr mit mir? fragte ich, verwundert die Augen auf⸗ ſchlagend, die Maͤnner und Frauen, die mein Lager umſtanden. Was iſt mir geſchehen? fragte ich mich beſinnend, und Thraͤnen traten mir in's Auge, als ich die Wonne, das Ent⸗ zůcken der Umſtehenden ſah, womit ſie einander zuriefen: Dank ſey Gott und der heiligen Jung⸗ frau! er lebt— er iſt gerettet! der Strom ver⸗ ſchlang ſein blͤhend Leben nicht!— Da kehrte mir plotzlich die Beſinnung wieder— und zit⸗ ternd bat ich die Menſchen, mir zu ſagen, was aus dem Mädchen geworden, das ich den Flu⸗ then abzutrotzen gedachte? Sie ward gerettet mit Euch, ſprach der ehrliche Waͤlti— ſeyd ruhig, Herr, um ihret⸗ willen ſtuͤrzen ſich Alle gern in Lebensgefahr— Alt und Jung verfolgte vom Ufer druͤben das Schifflein, das die Jungfrau trug— und als ſie das Schwanken gewahrten, ſtürzte ſich der kühne Elmi in die Fluth— ſeine Gewandtheit rettete Euch und ſie— und nun beneiden Alle den glücklichen Elmi, der das Maidli von Lör⸗ rach rettete— aber Ihr, Herr— Euren Na⸗ men wird der ganze Canton uenten, ſo lange der Rhein fließen wird.— Wälti, rief ich, des Geſchwätzigen Hand faſſend— ſage mir, Wälti, wo iſt ſie?— ich wollte aufſpringen vom Lager— ein em⸗ pfindlicher Schmerz auf der Bruſt entkräftigte mich— noch ein Mal war es mir, als wenn die Eiſeskälte des Stromes mich überrieſelte— die ſchmerzlichſte Angſt benahm mir das fer⸗ nere Sinnen— von Neuem umdunkelte Nacht mein Ange, ich ſnt erſchöpft in die Kiſſen zurůͤck!— Finſtere Traͤume gingen an meiner Seele voruͤber— dumpfer Glockenton ſchlug an mein — 133— Ohr— und Todtengeſaͤnge durchbebten leiſe und klagend die Luͤfte— eine lange unabſeh⸗ bare Reihe von Frauen und Mädchen, in dunkle Schleier gehuͤllt, ſchlichen langſam voruͤber— in der Mitte des langen, düſtern Zuges ſchwenkte ein Sarg— mein ſtarres Ange ruhte auf den welken Bluthen, die ihn ſchmuͤckten— und ſchuͤchtern griff ich danach mit bebenden Fingern. In gräßlichem Schmerze der Vernichtung er⸗ kannte ich ſie dennoch— es waren Maria's Blüthen, die ich ſo ſorgſam aufbewahrt hatte— und das ſchwarze lange Band jlatterts ſanft getragen vom leiſen, ſchweigenden Winde— Aber die Blüthen waren vertrocknet— und zer fielen beim leiſeſten Berühren in Aſche und Staub. Schmerzlich lächelnd ſagt' ich mir ſelbſt: Bluthen vergehen mit der Zeit— das Andenken Maria's lebt ewig in meiner Seele— da ſan⸗ gen in tief gehaltenen, melancholiſchen Tonen die Nonnen, langſam den Sarg zur Erde ſtel⸗ lend: Requiem aeternam dons eis Pomine, et lun perpetua luceat jis! Und alle Um⸗ ſtehenden ſanken auf die Kniee nieder, leiſe fluͤ⸗ ſternd: Domine, propitius sis animae! — 18 ½— Ich aber ſtand zu des Sarges Häupten, und es riß mich mit Gewalt, mich in das kuͤhle Grab zu ſtuͤrzen— aber mein Auge war er⸗ ſtarrt— meine Kraft gelähmt, nur die Seele durchzitterte ein unermeßlicher Schmerz, im Ge⸗ fuͤhl des vergeblichen Losringens von der ſtar⸗ ren gefeſſelten Kraft des Koͤrpers— Da ſchwebte langſam der Deckel vom Sarge— und Maria's Engelsangeſicht lä⸗ chelte ſanft und freundlich in ſtiller Ruhe himm⸗ liſcher Verkläͤrung— und meine Seele ſtrebte mit Rieſengewalt dem Engelsbild nãher:— Laß mich ſterben mit Dir, Geliebte! wollte ich ru⸗ fen— da hob ſich die erſtorbene Hand— und wie Geiſterhauch durchſaͤuſelte es die Luͤfte— flammend ſtrahlte, und immer heller und großer werdend, das Demantkreuz, welches Maria noch ein Mal mir darreichte, vor mir auf— und Maria verſank in kuhler Erde— und tau⸗ ſend Stimmen fluͤſterten um ihr Grab: Po⸗ mine, propitius sis animae!— Mich aber zog es auf die Kniee nieder— ich faltete meine Hände vor dem flammenden Kreuze— Thré⸗ nen netzten die welken Bluͤthen auf Maria's — — —— — 185— Sarge, und ich betete leiſe: Wh mise- rere mei!— Tiefe Stille war um nij als ich er⸗ wachte— die Behänge meines Bettes waren zugezogen— mattes Licht ſchimmerte hindurch und leiſes, kaum vernehmbares Fluſtern rauſchte ſanft durch das Helldunkel, das mich umgab— ich muͤhte mich, mich zu beſinnen, wo ich war— ob Alles, was ſich ſo ſchmerzlich durch meine Seele gerungen, nur Traum geweſen ſey— ich wagte nicht, der letzten Scenen zu geden⸗ ken— mit unnennbarer Angſt gedachte ich Ma⸗ ria's— die Furcht vor der Wirklichkeit hielt mich in ſtiller Bewegungsloſigkeit gefangen— ich fühlte an dem brennenden Schmerz auf der Bruſt, wie angreifend der bloße Traum auf mich gewirkt habe— und zitterte, mir ſelbſt klar bewußt zu werden, wie viel davon der Wirklichkeit angehören könne— da regten ſich die Gardinen meines Bettes, und eine himm⸗ liſch ſüße Stimme hauchte leiſe den Namen: Julius, aus. War das auch Traum? Zitternd vor ſeli⸗ ger Wonne wagte ich es, ein ganz klein wenig das Auge zu offnen— eine hohe, zarte Mad⸗ chengeſtalt bog ſich auf mich hernieder, und ſchien meinen Athemzügen ſorglich zu lauſchen— der ſuͤße Athem ihres Mundes ſpielte um meine Wange, und die warme, weiche Hand beruͤhrte leiſe meine gluhende Stirn.— Ihr werdet ihn wecken, Maria! ſprach eine Stimme aus dem Zimmer— goͤnnet ihm den ſtärkenden Schlummer!— Da fiel eine Thräne aus dem himmliſchen Auge des Maädchens auf meine Wange— halb erſchrocken beugte ſie ſich zuruͤck; ich aber, von ſeliger Wonne durchſchauert, ſchlug mein Auge auf und druckte die zitternde Hand des Engels an meine froh bewegte Bruſt. Maria! rief ich mit unausſprechlich weichem Gefühl. Und Ma⸗ ria ſank mit einem Freudenlaut in meine Arme. Das Fieber hatte mich verlaſſen, der Traum war entſchwunden, die Schreckniſſe der vorher gehenden Tage waren glucklich uͤberſtanden— herzlich ſchuttelte mir Wälti die Hand— glück⸗ wünſchend begruͤßte mich die dicke Trauben⸗ wirthin, in deren Haus zuruͤck ich um der beſ⸗ ſern Pflege willen ſchuell war geſchafft worden— ————— — 187— mit ſuͤßem Himmelsblick lächelte mir Maria's ſchönes Auge— ach! die Wirklichkeit umfing mich mit Allem, was das Leben nur Begluk⸗ kendes zu geben vermag— ich fuͤhlte mich ge⸗ ſund— geſtaͤrkt, neubelebt.— Sie haben mich zum zweiten Mal einer großen Gefahr entriſſen, ſprach Maria, nach⸗ dem der erſte Rauſch der Freude voruͤber, ich mit ihr in der Laube des Gärtchens hinterm Hauſe der dicken Traubenwirthin ſaß— Ju⸗ lius, wie ſeltſam fuͤhrt das Schickſal Sie im⸗ mer in meinen Weg, wenn für mich die Ge⸗ fahr am dringendſten iſt. O meine angebetete Maria! erwiederte ich⸗ des engelſchönen Mädchens Hand an meine Bruſt drückend— wie beneidenswerth gluͤcklich macht mich der Zufall! Kann es einen ſchö⸗ nern— einen glücklichern Moment in meinem Leben geben, als derjenige war, wo ich mit dem Gefuhl, Sie dem Tode entriſſen zu haben, Sie in meinen Armen hielt?— Die Welt konnte vergehen und in Truͤm⸗ mern ſtürzen— die Erde ſich aus ihren Angeln reißen— ich hielt ihr höchſies Kleinod in mei⸗ — nen Armen— Sie waren gerettet— oder wir ſtarben vereint!— Erbleichend machte Maria ihre Hte aus den meinigen frei— ihr großes, ſchönes Auge blickte langſam zur Erde nieder. Vereint ſter⸗ ben! lispelte ſie leiſe, kaum horbar; ihre Hande falteten ſich krampfhaft in einander, und ein Zug des tiefſten Schmerzes druͤckte ſich in das immer mehr erbleichende, ſchoöne Geſicht.— Sterben!— hauchte ſie noch leiſer— warum mußten gerade Sie mich einem ſuͤßen Tode ent⸗ reißen, um mich für ein ſchmerzvolles Leben zu erhalten!— Maria! wollte ich„durchſchauert von einer ſchmerzlichen Ahndung, fragen— Maria, was können Sie damit meinen? Da nahte ſich Moria's Begleiterin, unſer Alleinſeyn ſtörend, mit der Frage, ob ich auch ganz wohl mich fühle, um die Wallfahrt, wie wir geſtern verabredet antreten zu können?— In ſchmerzlicher Bewegung blickte ich nach Maria— ſanft und freundlich bot ſie mir die liebe Hand dar.— Kommen Sie, ſprach ſie — 189— gütig, den Schmerzenszug, der ihr ſchones Ge⸗ ſicht überhaucht hatte, hinweg lächelnd— kom⸗ men Sie, die Zeit vergeht geſchwind, und meine Eltern erwarten in einigen Tagen meine Ruͤckkehr. Wir kamen von Klnſter Einſiedeln zrüch, wir hatten den Rigi beſtiegen— Maria hatte ihre ſechſte Wallfahrt zurück gelegt— morgen ſollte es hinunter nach Weggis gehen, um die Silberfläche des Luzerner See's zu uͤberſchiffen. Maria wollte in Luzern eine Bekannte beſuchen, und ihre Eltern hatten ihr verſprochen, ſie von dort abholen zu wollen— es waren die letzten Stunden, die mir vergönnt waren, um die Lieb⸗ liche zu ſeyn— und ſchweigend ſaßen wir Beide auf des Rigi's hochſter Spitze, verſunken ich im ungeheuerſten Schmerz der nahen Drennung, die Maria's räthſelhafte Worte mir anzudeuten ſchien. Ach, ich fühlte mit jedem Pulsſchlag mehr, wie unbeſchreiblich ich das engelſchoͤne Mädchen liebe— und der leiſe, bebende Ton ihrer Lippe— der tiefe Schmerz im Auge, das Zitternde, Schwankende ihrer ganzen Haltung, die langen, dunkeln Blicke, die ſo ſprechend auf — 100— mir ruhten— verrieth dies Alles nicht auch mir den Zuſtand ihres Herzens, das ſich ge⸗ waltſam losreißen ſollte von dem Geliebten, um ſich in ungeheuerm Schmerze unerfüllter Sehn⸗ ſucht langſam zu verbluten!— Was aber war es, das ſiieend zwiſchen uns ſtand? Ich gedachte meines fůnchterlichen Fut mes nach jenem Schreckensmoment— ich ge⸗ dachte Maria's Worte: Warum mußten Sie gerade mich einem ſuͤßen Tode entreißen, um mich fur ein ſchmerzvolles Leben zu erhalten?— Nein, ich konnte nicht länger ſchweigen.— Die allerglůhendſte, heiligſte Liebe durchflammte meine Bruſt.— Maria, ſprach ich mit un⸗ ausſprechlich weichem Gefuͤhl, Maria, ich liebe Dich! ich liebe Dich mit allen Kräften meiner Seele!— dort— ich deutete auf das nahe Luzern— dort erwarten Dich Deine Eltern. Darf ich Dich ihnen zufuͤhren? Darf ich aus ihrem Munde erfahren, ob ich über Alles gluͤcklich ſeyn, oder— ob mein ferneres Le⸗ ben einem endloſen Schmerze geweiht ſeyn ſoll? — 11— Maria lehnte ihre bleiche Wange an meine Bruſt— Julius! ſprach ſie dann, ſich hoch aufrich⸗ tend vor mir, als müſſe ſie zu dem, was ſie mir ſagen wollte, ihre ganze innere Kraft zu⸗ ſammen nehmen— Julius, ich will Ihnen die geheimſten Falten meines Herzens zeigen— ich will es mit Wahrheit und ungeſcheut thun, zum Zeichen meines ungemeſſenen Vertrauens— dann aber Julius— der Ton ihrer Stimme ward zitternder— dann— muͤſſen wir ſcheiden fur dieſes Leben.— Fragen Sie nicht, ob 6 Sie geliebt von jenem Moment an, als wir bei Oppenheim zu⸗ ſammen trafen— ich war noch ein halbes Kind damals— aber tief in meine Seele druͤckte ſich Ihr Bild— und nicht Zeit noch Entfernung vermochten den Eindruck zu ſchwächen, den jene Begebenheit auf mich gemacht. Meine Mutter belächelte die kindiſchen Traume meines Herzens— allein ſie wehrte nicht, daß ich oft von Ihnen ſprach, und mei⸗ nen Schmerz beſchwichtigte durch den feſten Glauben, daß Sie einſt gewiß wieder kommen —— wurden— daß Sie einſt mir ſagen wuͤrden, auch Sie haben mit dieſer Anhänglichkeit mei⸗ ner gedacht.— Meine guten Eltern ſind nicht ganz glücklich; ein fruͤheres, ſehr ſchmerzliches Begegniß laſtet drückend auf dem Frieden ihrer Seelen.— In meinem funfzehnten Jahre er⸗ fuhr ich von ihnen, daß ich für das Kloſter be⸗ ſtimmt ſey— ich uͤbergehe es, welchen Eindruck dieſe Nachricht auf mich gemacht— der Gedanke, mich von meinen geliebten Eltern trennen zu ſol⸗ len— ach, Julius, warum ſoll ich es Ihnen nicht geſtehen?— der Gedanke, mein ſchoͤnſtes Traum⸗ bild zu verlieren— mich fuͤr mein ganzes, lan⸗ ges Leben in die finſtern, kalten Mauern eines Kloſters vergraben zu wiſſen— er erfüllte mein Herz mit grauſigem Schrecken, und bewog mich, Alles aufzubieten, meiner guten, doch ſchwaͤrmeriſch frommen Mutter Entſchluß ſchwan⸗ kend zu machen. Die Zeit rückte heran, wo meine Eltern mir erlaubt hatten, die Wallfahrt nach Einſiedeln, welche ich ſeit meiner Bekannt⸗ ſchaft mit Ihnen alljährlich gemacht, antreten zu dürfen— es fiel gerade in eine Zeit, wo mein Vater, eines dringenden Geſchäfts wegen, eine Reiſe in die Berner Oberlande machen mußte— meine Mutter begleitete ihn, und ich ging mit unſerer guten, alten Jakuſche allein— erſt den Rheinfall zu begrüßen, dann Ihrer gedenkend, im Kloſter Einſiedeln fuͤr Ihr Wohl zu beten. Ich fand nach meiner Ruͤckkehr einen jun⸗ gen Mann bei meinen Eltern, deſſen gramerfull⸗ tes, ſchmerzvolles Auge mir auf den erſten Blick einen Unglücklichen errathen ließ. Die unaus ſprechliche Zartheit und Guͤte, womit meine Eltern ihn uͤberhaͤuften, ließen mich ſchlie⸗ ßen, wie wenig er es verdiene, daß das Schick⸗ ſal ihm einen ſo beugenden Schmerz aufgeladen. Nach den erſten Bewillkommungscompli⸗ menten erzählte mir meine Mutter, wie der junge Mann meinen Vater einer ſehr großen Fährlichkeit entriſſen habe— und wie dankbar verpflichtet, ſie und ich, ihm lebenslanglich fuͤr dieſe That ſeyn mußten.— Er ſcheint nicht ganz gluͤcklich zu ſeyn! fuhr ſie fort— doch habe er meinen Vater gebeten, niemals nach der Urſache ſeines Schmerzes zu forſchen, wel⸗ ches dieſer ihm auch verſprochen.— Doch dies 13 —— bittre Geſchick des Jünglings, ſprach ſie wei⸗ ter, legt Dir die doppelte Pflicht auf, mit ſchweſterlicher Liebe und Theilnahme Dich ihm zu nahen. Sechs Monate vergingen— der junge Mann war beinah unſer täglicher Gaſt— er hatte eine kleine Beſitzung ohnweit Bern, dieſe verkaufte er, und zog auf ein Landhaus, nahe dem Kloſter Wettingen, deſſen Prior ſein in⸗ nigſter, beſter Freund war, zwiſchen ihm und meinem Vater theilte er nun ſeine ganze Liebe — ſein ganzes Leben.— Nach und nach ver⸗ ſchwand der truͤbe Ernſt von ſeiner Stirn, er ward heiterer, zufriedener— und meine Eltern bemerkten dieſe Veränderung mit inniger Freude. Vor zwei Monaten endlich nahm meine Mutter mich allein— Maria, ſprach ſie ſanft und freundlich, Deine Bitten haben das Herz Deines Vaters erweicht— und auch mich zu andern Geſinnungen gebracht.— Wir haben den Gedanken aufgegeben, Dich den Schleier nehmen zu laſſen— Du ſollſt leben in der Welt, und fröhlich Deine Jugend genießen— eine ſchone Beſtimmung wartet Deiner— Du — 5 ſollſt das Leben eines edlen Mannes mit Dei⸗ uer Liebe begluͤcken— Maria— Dein Vater hat dem theuern Felsburg Deine Hand gelobt.— Maria verhüllte ihr Haupt— ſie ſchwieg — erſchuͤttert blickte ich aus meinem Ungluͤck auf— tief erſchüttert fragte ich, Maria's Hand ergreifend: Welchen Namen nanuten Sie, Maria? Felsburg?— Erwin von Felöburg? Er iſt hier? Ihm iſt Ihre Hand beſtimmt? Maria war zu ſchmerzlich bewegt, ſie fragte nicht, woher ich ihren Verlobten kannte — ſie druckte blos bejahend meine Hand, dann fuhr ſie, ſich ſammelnd, fort: Vergebens rang ich nach Faſſung, meiner Mutter auf ihren Antrag etwas erwiedern zu können— ich fuͤhlte, daß das Blut aus mei⸗ nen Wangen wich— ich fuͤhlte, daß das Le⸗ ben ſich los rang von meinem Herzen. Vor drei Jahren hatten meine Eltern mich für's Kloſter beſtimmt— ich ſah damals aus dieſer grauſamen Beſtimmung das größte Ungluͤck fuͤr mich hervor gehen— ich hatte mich getäuſcht — jetzt erſt— jetzt durchſchauerte mich die ſchmerzliche Ahndung ganzlicher Vernichtung— — 196— ich konnte nicht ſprechen— aber meine Mut⸗ ter drüͤckte ihre Lippen auf meine Stirn— Gott ſegne Deine Folgſamkeit! ſprach ſie— Du beglückſt mein und Deines guten Vaters Leben damit!— Bewußtlos ſank ich an ihre Bruſt— meines Vaters Arme umſchloſſen mich— und Felsburg druckte den Verlobungs⸗ kuß auf meine Lippen.— Ich bin Braut, Julius, fuhr Maria nach einer langen, ſchmerzvollen Pauſe fort— ich bin die Braut eines edlen, jungen Mannes, den meine Eltern uͤber Alles lieben.— Mit dieſer Vorſtellung trat ich vor acht Tagen meine— letzte Wallfahrt an— ich wollte den Rhein beſuchen, um mit den ſchönſten, fri⸗ ſcheſten Bluͤthen, die ich mit mir nahm, zu⸗ gleich das ſchoͤnſte Traumbild meines Lebens in ſeinen Fluthen zu verſenken.— Noch ein Mal— ſo bat ich den Himmel— noch ein Mal wollte ich ungeſtört in dem Meere ſeliger Rückerinnerungen ſchwelgen— ich wollte noch ein Mal in ungetruͤbtem Glanze das goldene Traumbild meiner Jugend uͤberſchauen— und dann muthvoll dem Unvermeidlichen entgegen ———— ———— — 197— gehen;— o Julius! der Himmel gewährte mir mehr, als ich zu bitten wagte!— ich habe Dich ſelbſt wieder geſehen!— ich habe im ſü⸗ ßen, heiligen Frieden die Wallfahrt mit Dir zuruͤck gelegt— jetzt ſtehe ich auf des Rigi's höchſter Spitze mit Dir allein— geſchieden von allen Feſſeln, die Zwang oder Verhaͤltniſſe dem Menſchen aufbuͤrden— ich ſtehe mit rei⸗ nem, liebenden Herzen vor Dir— dort taucht hinter die fernen Alpen die glänzende Sonne hinab— bald werden dunkle Wolken einer kal⸗ ten, finſtern Nacht uns umhüllen, dann brei⸗ tet ein erſtarrender Schlummer ſeine Fittige uͤber die ganze Flur, und zeigt uns in ſeiner laut⸗ loſen Stille das Bild des Todes. Doch erwarmend belebt ja nach kurzer Nacht, der milde Athem eines gůtigen Gottes die erſtarrte Flur, und ruft mit neuer, beleben⸗ der Kraft jedes Gewuͤrm und Geſträuch hervor. Dort auch, wo die hellen Sterne jetzt am dunklen Himmelsbogen herauf ziehen, wird uns ein milder Athem des liebenden Vaters, nach kurzem Erdenſchlummer, zu einem höhern, rei⸗ nern Gluͤck hervor rufen! — 196— Julius!— betend— weinend— hoffend ſinke ich hin vor Gottes Strahlenthrone! Ich habe Dich geliebt mit aller Kraft eines jugend⸗ lich reinen Herzens— ich vertraue gläubig Gottes endloſer Barmherzigkeit— dort uͤber den Sternen werden wir uns wieder finden, für ein langes Leben voll Freude— ohne Schmerz. Darum laß uns ruhig ſcheiden— ohne Kummer— in feſtem, unerſchütterlichen Glauben. Die heutige Nacht— die morgenden Fruh⸗ ſtunden— es ſind die letzten, die meiner Frei⸗ heit gehoren— in drei Tagen bin ich Felsburgs Gattin.— Feſt umſchlangen mich Maria's Arme— laut und hörbar ſchlug ihr Herz an dem mei⸗ nen— einen kurzen Moment ſchmolzen die Seelen in einander in ſprachloſer, heiliger Liebe!— Aber der Schmerz war großer als die Freude— oder das Leben entwich bei der zu gewaltigen Steigerung Beider— Maria er⸗ bleichte— matter ſchlugen die Pulſe— er⸗ ſchlafft ſanken die Arme den Koͤrper hinab— und in einer Ohnmacht löſten die ſchmerzlich —.———.—— —, ſüßen Gefuͤhle ſich auf.— Jakuſche nahm die Lebloſe aus meinen Armen, um ſie auf's Ruh⸗ bett zu geleiten— ich aber irrte hinaus in fin⸗ ſterer, dunkler Mitternacht— und ſuchte meine glähende Stirn zu kühlen am eiſigen Thau, der auf Blumen und Gräſern erſtarrend hing, die ſchneidend kalte Bergluft gierig einathmend in meine von den glühendſten Schmerzen zerwuͤhlte Bruſt. Starr Hlickte mein Auge zum dunkel verhuͤllten Himmel empor— ſtarr in die graͤß⸗ liche rabenfinſtere Tiefe zu meinen Füßen— es zog mich mit Macht hinab, ein Leben zu enden, das mit ſeinen endloſen Qualen ſchrek⸗ kend vor mein geiſtig Auge trat.— Mimili, rief ich in wildem, verzweifelnden Lachen, meiner ſchönſten, Jahre langen Traͤume gedenkend!— Mimili! Maria! Felsburg!— gütiger Gott— ſchutze mich vor Wahnſinn! Warum verſank ich nicht ins kühle, feuchte Grab mit ihr! Warum ließ der Ohm mich nicht vor einem Jahre reiſen? Mußte ich darum nur ſie dem Tode entreißen, damit ihr Leben einen Andern beglücke?— Krampfhaft ballten meine Hände ſich zu⸗ — 260— ſammen, und Fiebergluth und Todeskaͤlte durch⸗ rieſelten ſchnell wechſelnd mein Gebein.— Felsburg? Was that ich ihm? Jahre lang habe ich mit raſtloſem Bemuͤhn im mühſamen Geſchaft ſein Glück auf gegruͤbelt— und jetzt— zum Dank für meine Opfer, ſtößt er ſchonungs⸗ los den Dolch mir in die Bruſt! Und Maria?— ihr Leben wird welken gleich dem meinen— o warum verſchlangen uns nicht die Wellen? jetzt— jetzt wären wir dort, wo ihre fromme, glaͤubige Seele ewige Freude ahndet, ohne Schmerz!— Ja, jetzt wird mir der Traum klar— ſie wird vergehen, wie ich ſie im Traume geſehen— ſie wird welken, zerfallen in Staub, wie die Bluthen, die ſie mir reichte— und in ungeheuerm Schmerze werde auch ich hinſierben— Domine, mise rere mei!— Wir kamen nach Luzern. Dorthin ſchwebte Maria, die hoch heilig Geliebte, am Arme Ja⸗ kuſchens ihren Eltern entgegen eilend, und— ihm!— Weh' mir! Ein empfindlicher Schmerz durchzuckte mein Inneres, als ſie meinen Blik⸗ ken entſchwand— und eiſig kalt überhäuchte ein feindſelig Geſchick alle Blüthen meines Le⸗ bens!— In ſtarrer Betaͤubung wankte ich dem Wirthshauſe zu.— Nach langem, ban⸗ gen, duſtern Sinnen fiel mir ein, daß ich hier den General aufſuchen ſollte.— So ſoll ich auch dieſe Freude ihm geben? dachte ich in wildem Grimme, durch mich ſoll er Vater, Mutter, Vermogen und Gluͤck em⸗ pfangen, und mir raubt er das einzige Glück meines Lebens? Ich ſoll ihn vielleicht ſehen?— ſehen ich, wie er die Geliebte mit frecher Luſt umſchlinget, die ich hoch halte, die ich anbete mit rein⸗ ſten, heiligſten Liebe? Nein, ich kann ihn nicht ſehen!— ich will ihn niemals ſehen— der ungeheure Schmerz, der auf mir liegt, könnte mich verleiten ihm zu fluchen!— Fort von hier! rief es mit tauſend Stim⸗ men in mir, fort ſo ſchnell, ſo weit als mog⸗ lich. Ich beſtellte die Pferde und ſchrieb von Bern aus an den General, meldete ihm Alles auf ſeine Angelegenheit Bezug habendes, ſprach — 202— von einer ſehr dringenden Reiſe nach Mailand, und verſprach, nach einem halben Jahre, wenn ich von dort zuruͤck kehren wuͤrde, bei ihm ein⸗ ſprechen zu wollen. Lch! den Todespfeil im„ hilft nicht Zeit, nicht Reiſe.— Maria's Bild be⸗ gleitete mich über'n Gotthard— ihre bleichen, ſchmerzvollen Zuͤge verhuͤllten mir alle Schoͤn⸗ heiten der bluͤhenden Natur— die Silberwellen des Comarſees zeigten mir ihre Thränen— und aus Mailands bluͤhenden Gefilden blickte mir Verzweiflung, Grab und Tod.— Ich hatte auf dem Gipfel irdiſcher Gluͤck⸗ ſeligkeit geſtanden— hoch oben auf des Rigi's höchſter Spitze hatte ich einen Moment in ſe⸗ liger Freude das höchſte Glück gekoſtet— ich war mir des unermeßlichen Himmels voll Se⸗ ligkeit in meiner Bruſt bewußt worden— da ſtieß mich eine tuͤckiſche Macht hinab in die finſtere Tiefe des Erdenlebens— und die Grenz⸗ marken meines hochſten Glůͤcks wurden gleich⸗ zeitig die Grenzmarken des tiefſten Elends.— Maria war auf ewig für mich verloren! Auf ewig mein Leben einem finſtern Schmerze — — — 203— geweiht.— Meinem Oheim hatte ich Alles ge⸗ ſchrieben, Alles— und es ſeinem Willen an⸗ heim geſtellt, ob ich weiter reiſen ſollte, nach Italien, oder auf andern Wegen zu ihm zuruck kehren. Nur Baſel, thenrer Oheim, nennen Sie mir nicht, und— Luzern nicht, ſchrieb ich ihm. Die Wunde blutet zu ſchmerzlich in meiner Bruſt, ich kann Niemand ſehen von der Familie. Ein langer Zeitraum war voruͤber— da ward mir endlich des Oheims Antwort. Es war der erſte frohe Moment ſeit vier bang durchſchleppten Monaten, als ich die Hand⸗ ſchrift des theuern Greiſes erkannte. Haſtig brach ich das Siegel entzwei, haſtig riß ich den Brief heraus, und erſtaunt blickte ich in langer Ueberraſchung auf die einzige Zeile, die er enthielt: Komm nach Zürich, Julius, im goldnen Schwert daſelbſt erwartet Dich eine große Freude und nähere Aufklärung!— Mein Gott, fragt ich mich wohl innſend Mal in einem Tage— mein Gott, was kann der Oheim meinen? — W— Sinnend ſetzte ich mich in Wagen— ſin⸗ nend eilte ich der Weiſung nach, und tief in finſterm Sinnen langte ich endlich in Zürich an. Sind Sie, fragte freundlich lächelnd der Kellner, vielleicht Herr Julius“ 123 Ja, antwortete ich erwartungsvoll, warum? Nun, ſprach der Freundliche, ſo iſt das Zimmer Nro. 4 ſchon ſeit drei Tagen fuͤr Sie beſtellt— man erwartet Sie!— Mein Gott— Freund, ſprach ich, ihn beim Arme faſſend, ſagen Sie ſchnell, wer iſts? Wer erwartet mich?— Achſelzuckend ſprang der Schnellfüßige vor mir die Treppe hinauf, kaum daß ich ihm fol⸗ gen kounte.— Im Zimmer war kein Menſch— ich ſah mich nach dem Kellner um— er war verſchwunden.— Aber auf dem hellpolirten Liſche lag ein Brief unter meiner Adreſſe. Wie⸗ der des Oheims Hand— ich öffnete wieder ſchnell— und abermal nur eine Zeile: Bereite Dich auf eine große Freude vor; im Kloſter zu Wettingen beim Prior das Nähere. Nun beim Himmel! rief ich im bittern Grimm, wenn hier nicht ein neckender Daämon — 205— die Hand im Spiel hat, ſo weiß ich nicht!— Was ſoll mir des Oheims rathſelhaftes Ge⸗ ſchreibſel?— Was ſollen ſeine einzelnen Worte bedeuten?— und warum führt er mich, wie einen Knaben, am Narrenſeil, von einer Stelle zur andern?— Wie kann er, der die blutende Wunde meines Herzens kennt, mir von einer großen Freude ſprechen? Spottet er wohl gar meiner Schmerzen? Aber trotz aller dieſer Gedanken ſaß ich doch bald nachher im Wagen, um nach Wet⸗ tingen zu fahren. Die herrliche Lage des Kloſters— die dunklen, melancholiſchen Gange des Gartens— die ſtille, heilige Ruhe der Kirche— das laut⸗ loſe Schweigen rings umher— der tief ge⸗ haltene, feierliche Geſang der Moͤnche, der ſanft, von Weihrauchwolken getragen, Himmelan ſchwebte— die freundliche Milde, womit der Prior mich empfing— es wirkte wohlthätig, beruhigend auf mein aufgeregtes Gemuͤth— es beſchwichtigte wunderbar die Schmerzen mei⸗ ner Seele— und ließ mich hier, in gänzlicher Abgeſchiedenheit von der Welt, tief und wahr⸗ — haft fühlen, es gab einen hoͤhern Frieden, als derjenige war, den ein feindſeliges Geſchick bemuͤht war, mir zu rauben— es gab ein höheres Gluͤck, als dieſe Erde uns zu bieten vermag— und darum ſchwanden Groll und Haß aus meinem Herzen. Wer die reine, überſchwängliche Liebe Gottes tief im Buſen erkennt und fuͤhlt, der blickt verſöhnt auf die Welt herab— und neigt ſich voll Liebe jedem Menſchen zu— ich hatte die Stärke gefun⸗ den, ſogar Felsburgs mit Liebe zu denken.— Hatte der Oheim vielleicht dieſe Stimmung bezweckt— geahndet— vorher geſehen? Was ſoll ich von Euch erfahren, hoch⸗ wuͤrdiger Herr? fragte ich den Prior, als ich ſchon mehrere Stunden im Kloſter war, ohne die gehoffte Aufklärung zu erhalten. Ein erſt kuͤrzlich in unſern Orden aufge⸗ nommener Bruder wuͤnſcht Euch zu ſprechen, theurer Herr! antwortete er— wollet gütig und freundlich gegen ihn ſeyn, er fürchtet, daß Ihr ihn haſſen könntet, und dennoch iſt Eure Liebe zu erlangen, das mächtigſte Streben ſei⸗ nes Herzens— verſohnt Euch mit ihm!— — hhee ———— — 207— bietet ihm hier an heiliger Stelle des Friedens und der Eintracht, ſreundlich die Hand!— Ihr ſprecht in Räthſeln, hochwuͤrdiger Herr!— ich kenne den Bruder nicht— mich hat Eures Ordens, Eures Glaubens Niemand beleidigt— ich haſſe Niemand— ſeyd im Irrthum mit mir! Erlaubt, nahm der Prior das Wort, daß Bruder Gervaſius Euch ſelbſt ſpreche— er wartet Eurer im Garten— iſt es Euch ge⸗ fallig, ſo leite ich Euch hinab⸗ Nun beim Himmel, ſprach ich bei mir ſelbſt, das Labyrinth wirrt ſich ſonderbar vor meinen Blicken! Welch' einen Ausgang ſoll dies Alles gewinnen?— Aus des Gartens dunklen S trat ein junger, bleicher Pater auf mich zu— und wunderbar mächtig ſprach aus ſeinen edlen Zů⸗ gen, aus dem großen, dunklen, ſeelenvollen Auge eine Stimme zu meinem Herzen. Welch' eine Erinnerung ſchwebt da vor meiner Seele herauf?— Kenne ich Euch nicht ſchon längſt, theurer Gervaſius? rief ich, die Arme öffnend; wo ſah ich Euch?— o ſprecht doch ſchuell! — Bei Gott— Ihr ſeht, daß die Thranen einer weichen Ruhrung mir den Blick umdunklen— ſprecht theurer Pater, kannte ich Euch vielleicht früͤher? Sah ich Euch vielleicht in fernen Landen? Gervaſius ſchlug das dunkle, feuchte Auge zu den Wolken auf— Friede ſey mit Euch! ſprach er, mit dem Finger meine Stirn berüh⸗ rend— ich danke Euch, Herr, für Eure Freund⸗ lichkeit, ſie thut meinem Herzen wohl.— Aber— Ihr ſaht mich nie— ich Euch nie;— doch liebe ich Euch, und möchte den Schmerz gern von Euch nehmen, der Eure Bruſt belaſtet— und darum bat ich Euch, mir Eure Gegenwart zu ſchenken— bevor Ihr in den rauſchenden Kreis der Freude tratet.— Bald werden die Arme eines geliebten Oheims Euch umfangen, bald werdet Ihr aus den ſeligen Blicken einer geliebten Gattin Vergeſſenheit ei⸗ nes truben Begegniſſes ſchlürfen— bald wer⸗ den die Arme vieler guter, glucklicher Menſchen Euch umſchließen— Ihr werdet auf den Gipfel des höchſten Gluͤckes ſtehen— dann denket mei⸗ ner in Eurer Freude— und verſchmaͤht es jetzt nicht, ein Andenken von demjenigen zu nehmen, deſſen Unſiern es wollte, daß er die Lebensfreu⸗ den eines edlen Mannes, die Eurigen auf ei⸗ nen Moment truͤben mußte. Gebet mir den Kuß der Verſöhnung, neh⸗ met dafuͤr von mir dies Paquet, das Euch die Anwartſchaft giebt auf das höchſte Glück— 3 löſet jedoch die Siegel nicht eher, bis Ihr zu⸗ rüͤck gekehrt ſeyd nach Zuͤrich;— bald ſeht Ihr mich wieder.— Friede ſey mit Euch!— Das Paquet in meiner Hand überzeugte mich, daß ich nicht geträumt habe.— Gerva⸗ ſius war verſchwunden— ich ſtand am Aus⸗ gange des Gartens— ungeduldig ſtampften, des laͤngern Wartens maͤde, die Roſſe den Bo⸗ den— ich ſtieg in den Wagen, und ehe ich noch recht klar die ganze Begebenheit durch⸗ dacht hatte, befand ich mich in meinem Zim⸗ mer, im Schwert zu Zürich. 5 Ein fremder Herr wuͤnſcht Ihnen aufzu⸗ warten, ſprach der freundliche Kellner, als ich die Hand an das Siegel des Paquets legte. Verdrüßlich wandte ich mich um— aber eine ſelige Freude verdrängte ſchnell den Ver⸗ druß;— mein Hheim trat zur Thür herein. 14 Sie hier! rief ich, mich an ſeine Bruſt werfend— o theurer Oheim! was fuͤhrt Sie hierher? Die Sorge fur Dein Gluͤck! ſprach der Gütige mit feuchtem Auge.— Guter Junge, welche Unruhe machten mir Deine Briefe! Ei, ei, die Liebe hat Deinem Herzen arg mit⸗ geſpielt, fuhr er halb ſcherzend fort— da mußte ich auf Heilmittel ſinnen— und ich kam ſelbſt hierher, mich umzuſchauen, wo ſol⸗ che zu finden ſeyn möchten— und ich war glůͤcklich, Julius— ich habe ein Alpenröslein gefunden, das ſchnell alle Wunden Deiner Bruſt heilen ſoll.— Mein theurer Oheim, bat ich den Redſeli⸗ gen unterbrechend, ich bitte herzlich, berühren Sie dieſen Punkt nicht— Sie wiſſen wohl— ich ſchrieb Ihnen— Ei was Larifari, fing der Oheim wieder an— haſt Du etwa Luſt, es dem Pater Ger⸗ vaſius nach zu machen? Gut, ſprach ich, daß Sie mich an bieſen erinnern, lieber Oheim; erlauben Sie, daß ich dies Paquet— * —— — 211— Heffne? fragte er ſchnell; nein, Neffe, das erlaube ich nicht, wenigſtens jetzt nicht— erſt mußt Du das Alpenröslein ſehen, das ich Dir beſtimmt habe.— Verſchonen Sie mich, bat ich in halber Verſtimmtheit— ich ſchrieb Ihnen, mit wel⸗ chem Gluthgefuͤhl ich Maria geliebt— glau⸗ ben Sie mir Oheim, ich werde ſie lieben, ſo lange ich lebe, darum— Neffe, ſprach der Oheim, thu' was Du willſt— aber ſehen mußt Du, was ich fuͤr Dich gewaͤhlt habe— ſiöre mir meinen Plan nicht, fuhr er halb ſchmollend fort— ſieh' Ju⸗ lius, um Deines Gluͤckes willen habe ich die weite Reiſe gemacht— Deinem Gluͤcke Geld und Zeit geopfert— ich habe fuͤr Dich das Maͤdehen von ihren Eltern erbeten— die Vor⸗ bereitungen zur Hochzeit ſind gemacht— die Eltern ſind hier— das Madchen mit ihnen.— Julius, das Leben hängt oft an einem Augen⸗ blick— ich bin ein alter Mann, wie lange werde ich noch leben?— Deine Verheirathung iſt der letzte Wunſch meines Lebens— Julius— ſchlag ein— dort im Nebenzimmer iſt die Braut. 14* — 242— Julius, Junge— einziger Sohn, folge us dies einzige Mal! Gott! welch' ein Sturm für mein Herz! Ich kann nicht, rief ich, theurer, gůtiger Oheim! Martern Sie mich nicht— es iſt un⸗ möglich!— Julius, ſprach der Oheim, ſich die Augen trocknend, auf einmal ſehr ernſt: Julius, es iſt ein ſchoͤnes, engelreines, gutes Madchen, mit einer Mitgift von 200,000 Thlr.;— beſter Junge, ſchlag ein!— Oheim, rief ich, aufgeregt, im tiefſten Schmerze— Geld heilt die Wunden meines Herzens nimmer;— ach⸗ Maria hätte mich begluͤckt in einer Strohhuͤtte— im leinen Kleide.— Nun zum Teufel! polterte der Oheim, ſo wirf die Mitgift von Dir— ziehe meinetwe⸗ gen in eine Strohhuͤtte, nur nimm das Mäd⸗ chen!— Sieh' ſie nur wenigſtens;— meinet⸗ wegen, wenn ſie Dir gar nicht gefällt, nun gut, Du ſollſt ja nicht gezwungen werden— am Ende nehme ich ſie— wenn Du gar nicht zu bewegen biſt. Ein bittres Lächeln rang ſich aus meiner Verzweiflung hervor— der Oheim deutete es falſch— er riß mich ſchnell mit ſich fort— die Thür des Nebenzimmers flog weit auf— die Kerzenhelle von unzaͤhligen Luͤſtres ſchimmerte mir entgegen. Im Hintergrunde des Zimmers ſtand ein Altar mit tauſend duftenden Bluthen geſchmückt; vom Altar her aber ſchwebte, in der ſchonſten Berner Tracht, ein ſchlankes Mäd⸗ chen auf mich zu, die Ellen langen, Hand brei⸗ ten Flechten des dunklen Haares mit den rein⸗ ſten, glänzendſten Alpenroſen umwunden— weit öffneten ſich die weißen Arme— Himmel und Erde ſchwand vor meinen Sinnen. Mimili! rief ich in ſeligſter Ueberraſchung— und Ma⸗ ria— die engelſchoͤne Maria ſank an meine Bruſt. Stimmen ſummten um mich— und Gluͤckwuͤnſche und Kuͤſſe von allen Seiten er⸗ druckten mich faſt— und zwiſchen durch ſchallte das Lachen des Oheims— aber das bunte, freudige Gewirre zu durchſchauen vermochte ich nicht;— ich hielt Marien in meinen Armen, ihre Lippen brannten auf den meinen— ich war todt fuͤr Alles um mich her— nur ein Gefuͤhl belebte meine Bruſt— das Gefuͤhl der ſeligſten, glücklichſten Liebe!— Endlich rang ſich Maria aus meinen Ar⸗ men los.— Meine Eltern, Julius, bat ſie, ſie wollen Dich begruͤßen! Und von Neuem ſe⸗ lige Freude des Wiederſehens!— Herr von Lörrach! ſtammelte ich, vor Maria's Vater tretend.— Was da, Lörrach! rief der Oheim, dies iſt jetzt vorbei; der Herr General Caſimiro⸗ witſch.— Mein Gott! fragte ich verwundert, zur Beſinnung kehrend, Caſimirowitſch?— Ich erhob mich aus der Umarmung— mein ahndender Blick flog auf Endarias ſchönes, bleiches Geſicht— ich ſah auf meine Maria — und hell und klar ſtand auf ein Mal vor meiner Seele der Zuſammenhang— aber ihn, den ich ſuchte, ſah ich nicht— ſein, von allen bittern Taͤuſchungen des Lebens gebrochenes Herz verblutete langſam und ſtill unter dem Monchösgewand im Kloſter zu Wettingen. Der Oheim errieth meine Bitte. Am an⸗ dern Morgen erzahlte er mir.— Maria kehrte von ihrer ſechſten Wallfahrt 65 nach Haus. Freudig umfingen ſie die Arme der geliebten Mutter— mit ſtiller, reiner Liebe die Arme des edlen Felsburgs— aber alle Liebe, mit welcher das ſchöne Mädchen von allen Seiten umſchloſſen ward, vermochte nicht den truben, finſtern Ernſt von ihrer Stirn zu verſcheuchen— die Bläſſe ihrer Wangen zu mindern. Leiſ und zitternd ſchlich das ſonſt ſo heitere Maͤdchen einher— bebend war der Ton ihrer Stimme— ein unruhiges Schwan⸗ ken ihr Gang— ihr heiterer, froher Sinn eine halb verklarte Engelsmilde geworden. Was iſt Dir, geliebtes Kind? fragten ſor⸗ genvoll die Eltern. Was bekümmert Dich, meine Maria? fragte auch Felsburg. Maria ſchttelte, nur ſanft verneinend, das Engels⸗ köpfchen, die Hand auf die ſchmerzende Bruſt druͤckend.— Niemand errieth, Niemand ahn⸗ dete, welch ein tiefer Schmerz dort wuͤthete. Da ruckte der Hochzeitstag heran— mit ſorgli⸗ cher Hand ſchmuͤckte die liebende Mutter das bleiche, ſchoͤne Mägdlein, das ſchier in ihrem Schmucke eher einer Todten, als einer gluckli⸗ chen Braut glich Im Saale ſtanden der General und En⸗ daria— Maria's Freundinnen waren verſam⸗ melt— Felsburg hatte gebeten, zu erlauben, daß ſein alter Freund, der Prior des Kloſters zu Wettingen die Trauung vollziehen ſolle— und fort waren die Pferde des Generals ge⸗ gangen, den Prieſter zu holen. Ich biete Dir einen köſtlichen Schnuch meine theure Maria, ſprach Felsburg, der ge⸗ liebten Braut ein Juwelenkaäſtchen in die zit⸗ ternden Hände legend, meine Eltern hinterließen mir dies einzige Denkmal ihrer Liebe— es gehöre Dir von heut' an, da ich Dir Liebe und Treue gelobe fuͤr die Ewigkeit— Maria hielt das Kaͤſtchen in der Hand, da öffnet ſich die Thür und Pater Emanuel tritt herein. Iſt es ein Blendwerk meiner Sinne, ruft er zuruͤck bebend, als er das Maͤdchen erblickt— Endaxia, um aller Heiligen willen! Seyd Ihr es ſelbſt, oder Euer Geiſt? Erbleichend umfaͤngt Felsburg das ſchwan⸗ kende Madchen— da ruft der Pater, das Käſi⸗ chen erblickend— Ihr ſeyd es, Endaxia! das iſt der Schmuck, den Euch die alte Fuͤrſtin in — 217— jener Nacht Eurer Flucht gab. Und wohl mir, daß ich Euch endlich finde— der Fürſt iſt todt— er hat Euch verziehen— bei ſeinem Sterben ſagte ich ihm, daß Ihr lebt— und er ſtarb verſöhnt mit Euch. Euch, Endaria, hinterließ er ſeine reichen Beſitzungen— mit dem Edlen ſtarb mein beſter Freund in Ruß⸗ land— der Abt Gervaſius nöthigte mich freund⸗ lich, die Reiſe hierher zu machen— ich kam gern— in der Hoffnung Euch zu finden, Euch dieſe Nachrichten zu bringen;— Dank dem Himmel! ich fand Euch— wie ich vor 26 Jah⸗ ren Euch ſah in friſcher, bluhender Jugend⸗ ſchöne— meine theure Tochter Endaxia!— Fetzt traten die Eltern näher— zitternd, erbleichend erkennt Endaxia ihren geliebten Leh⸗ rer aus Pavanskoi— Caſimir ſturzt in ſeine Arme— da löſtt ein Schrei des tiefſten Schmer⸗ zes, der ſeligſten Freude von Felsburgs erſchüt⸗ terten Herzen ſich los— und beſtürzt blicken die Eltern auf die Gruppe ihrer Kinder. Ich bin Euer Sohn, ſtoßt Felsburg aus bleichen, trocknen Lippen hervor— Maria— meine Braut! Du biſt meine Schweſter! und — 218— ohnmächtig ſtuͤrzt er der mit dem Tode ringen⸗ den Maria zu Füßen. Als er erwachte, fand er ſich in ſeiner El⸗ tern Umarmung— Maria war nicht da— und es that ſeinem Herzen wohl„ ſie jetzt nicht zu ſehen.— Der Eltern Liebe verhieß ihm ein laͤngſt erflehtes, köſtliches Gluͤck— aber— es zog ihn ab aus ihrer freundlichen Nähe; ſobald der erſte, gewaltige Sturm in ſeinem Innern ſich gelegt hatte, begleitete er ſeinen Freund. Emanuel in die ſtille, friedliche Zelle ſeines Kloſters. Nimmm mich auf, bat er, in Deinen friedlichen, ruhigen Hallen! Laß mich in dem myſtiſchen, traulichen Dunkel dieſer geheiligten Stätte den Frieden ſuchen, den die Welt zum zweiten Male mir geraubt!— Und Emanuels väterliche Liebe heilte das Herz, das der Jung⸗ ling, den irdiſchen Freuden entſagend, mit dem Ciſterzienſermonchskleide bedeckte.— Maria lag daheim in den Armen ihrer El⸗ tern, bleich und krank; auch ihres Lebens Friede war geſtört, auch ihres Lebens friſche Bluͤthe neigte welkend ihr Haupt.— Wo ſollten die noch vor Kurzem ſo glück⸗ — 219— lichen Eltern Troſt ſuchen, fuͤr den Schmerz, der ihnen bevor ſtand, die geliebte Tochter dem Grabe rettungslos verfallen zu ſehen!— In dieſer Seelenangſt ſchrieb der General an meinen Oheim, ſeinen alten Freund— und einige Tage ſpäter ging mein Brief bei dieſem ein. Des Oheims Plan war ſchnell gefaßt— er ſiegelte meinen Brief an den General ein. Ein Fingerzeig auf das Uebel, das Maria quält, ſchrieb er an dieſen, und das Remedium dafür, fuhre ich Euch zu— Gott ſegne Euch Alle— in vier Wochen bin ich bei Euch. Und nun auf, und vorwärts, alter Junge! rief er ſeinen alten Liebling Kilian zu; Du mußt mit mir in die Schweiz! Vielleicht fin⸗ det ſich auch fuͤr Dich eine Art Mimili oder ſo etwas dergleichen!— Erröthend ſenkte der alte, vergelbte Schrei⸗ ber die verſchaͤmten Blicke— aber— der Oheim hatte Recht geahndet. Denn als in ſüßer, himm⸗ liſcher Freude die erſten Wonnemonden meiner Ehe mit Maria voruͤber geflogen waren, und ich mein ſußes Alpenröslein in Wagen hob, um auf unſere Guter nach Deutſchland, welche der edle Felsburg— Gervaſius mir abgetreten hatte, zuruͤck zu kehren, da ſtanden Mosje Ki⸗ lian und Jakuſche mit eng in einander gedrück⸗ ten Haͤnden vor einander„znd vermochten ſchier vor Thränen und Schluchzen die Abſchiedsworte nicht zu finden.— Soll ich etwa den Prieſter rufen laſſen, Alter? fragte der Oheim lächelnd; und ein lei⸗ ſes: Ach ja, Hochzuverehrender! entſchwebte den wispernden Lippen. Nun, ſo heirathet Euch in Gottes Mc fiel der General ein, und bewirthſchaftet meine Güter hier, bis ich wieder kehre!— Ein Himmel voll Seligkeit breitete ſich auf Kilians Geſicht aus— und— Jakuſchli, Wimili! rief er, in der Geliebten Arme ſtͤr⸗ zend.— —5 ———— —— Jugendliebe. ———— Un heirathe ich ein Mal! hatte ich mir im⸗ mer gedacht, wenn ich mich ſo des Abends recht behaglich in die ſchwellenden Kiſſen meines Sor⸗ genſtuhls druckte, und in die helllodernde Flamme meines Kamins ſchaute, heirathe ich— ſo muß die Trauung an meinem Geburtstage vollzogen werden, nicht anders— denn die lieblichſten Erinnerungen meiner, ach, ſo gluͤcklich verleb⸗ ten, Jugend, knuͤpfen ſich an dieſen Tag. Schon in meiner Eltern Hauſe war mein Geburtstag dasjenige Feſt, welches mit recht raffinirten Seelengenuͤſſen gleichſam uͤberſchuͤttet ward; an meinem Geburtstage war es auch, als mir vor drei Jahren die Erbſchaft des alten — 224— Oheims zufiel. Zwar war das Capital kein außer⸗ ordentliches— aber die Summe reichte gerade zu, mir den Göttergenuß zu verſchaffen, des armen Vetter Julius bedraͤngter Lage abhelfen, den wackern, braven Jungen ſeine Studien voll⸗ enden laſſen, ihm zu Amt und Wuͤrden, ja, zu einem überaus hubſchen Weibchen obendrein, verhelfen zu können.— Die Liebenden ſchoben mir zu Ehren ihren Hochzeitstag bis zu meinem Geburtstage auf, um an dieſem Tage mir die Seligkeit ſo recht anſchaulich zu machen, welche in dem Be⸗ wußtſeyn liegt, zweier guter Menſchen Glück gegrundet zu haben. un Ja, es war ein froher Tag, als ich, mit vor Freude zitternden Händen, der ſchoͤnen Braut die Myrthenkrone ins ſchwarze Ringelhaar ſetzte, und an der Hochzeitstafel mir der Ehrenplatz ward— als Geburtstaͤger, wie die Andern mein⸗ ten, als Stifter des höchſten Gluͤcks, wie das Brautpaar mir unter Wonnethränen zuflüſterte, und— Sonderbar! Abermal war es an meinem Geburtstage, als ich des glücklichen Paares der⸗ —— ben Erſtgeborenen aus der Taufe hob. Als wir ſo frohlich und traulich im engen Kreiſe ſich innig befreundeter Menſchen beiſammen ſaßen, die Welt und ihr Thun und Treiben rings um uns vergeſſen hatten, und nur im ſeligen Ge⸗ fuͤhl ſtiller Haäuslichkeit, innigſter Liebe und Freundſchaft ſchwelgten— und dort im heim⸗ lichen, traulichen Stuͤbchen die helle Kamin⸗ flamme loderte, um durch ihren Schein die Verklaͤrung auf den frohen Geſichtern zu voll⸗ enden, da dachte ich in ſtillem Entzuͤcken: Ja, ſolch eine Kaminflamme darf auch dereinſt mei⸗ ner häuslichen Einrichtung nicht fehlen— es iſt mir immer, als duͤrfe ohne dieſe mir nie ſo recht behaglich zu Muthe werden. Nun denn an meinem Geburtstage die Trauung— und im netten, kleinen Wohnſtuͤb⸗ chen ein Kaminfeuer— ſo hatte ich Jahre lang gedacht— ſo hatte ich Jahre lang getraͤumt— beſonders als es mir geglückt war, die Haupt⸗ ſache, eine ſchöne, gute, geliebte Braut wirk⸗ lich gefunden zu haben— nun war eine andere Vorſtellung mir nicht denkbar— und demnoch, 15 — 226— denuoch kam Alles anders, als ich ſo ſüͤß, ſo oft geträumt!— Ich ſtand in der neuen Wohnung, die ich ſeit einigen Tagen fuͤr meine bisherige einge⸗ tauſcht hatte, und der Verdruß über einen Ent⸗ ſchluß, welcher mich ſchon nach den erſten Stunden ein voreiliger duͤnkte, machte meine finſtere Laune um eins noch ſo murriſch. Mein Blick ſchweifte im Zimmer umherz allein, welchen Gegenſtand ich auch ins Auge faſſen mochte„ Alles ſtarrte mich an in frem⸗ der, kalter Gefühlloſigkeit. Nein, nein, das Quartier behagte mir nicht, trotz allen Lobeserhebungen, welche meine plauderſuͤchtige Wirthin daruͤber ausſprach— da fehlte mir nur gleich vor Allem das trau⸗ liche Kamin, ohne deſſen Exiſtenz mir nun ein⸗ mal nicht ganz wohl werden konnte— und— mein Sorgenſtuhl, deſſen ſchwellende Kiſſen am Tage meinen gutmüthigen Mops, in den Abend⸗ ſtunden mich zu traulicher Pflege aufnahmen— dort an der großen Wand mein Buͤcherſchrank, welcher in ſeinen Spiegelglasthuͤren, wenn ich ſie oͤffnete, mir das gegen mir uͤberliegende Haus mit ſeinen freundlichen Bewohnerinnen zeigte. Wie oft hatte ich da, in ſuͤßem Nichts⸗ thun, manch' halb Stuͤndchen mit dem Rücken zum Fenſter gekehrt geſeſſen, und unbemerkt und ungeſehen die loſen, reizenden Mädchen belauſcht, die ganz rückſichtslos in meine Fen⸗ ſter lächelten, mit einander wispernd und ki⸗ chernd, ſich von dem fleißig Leſenden unbemerkt glaubend. Freilich war dies Alles aus Gruͤnden mir in den letzten Tagen zur wahren Höͤllenqual geworden— doch, ehe dieſe Tage gekommen, wie oft hatte es mich da nicht erfreut!— Ach, es war doch eine ſchöne Zeit— und wie ge⸗ ſagt, mein neues Quartier hatte nicht halb den Reiz fuͤr mich, wie das ſo ſchnell verlaſſene! An's Fenſter mochte ich nun gleich gar nicht treten; dort arbeitete im Parterre ein Grob⸗ ſchmidt mit ſeinen Geſellen; eine Treppe höher gähnte mich das gelbe Geſicht einer alten Bet⸗ ſchweſter an, und vom Dache herab begrußten mich gar die ſchmutzigen Geſichter einiger ben⸗ gelhaften Schuſterjungen. 6 15* — 228— Nein, es iſt zu arg! brummte ich in mich hinein, unwillig die Pfeife weg legend. Mein Blick fiel in den großen Pfeilerſpiegel, und ich fuhr erſchreckt zuruͤck vor meinen eignen Ge⸗ ſichtsʒůgen. Der Gram in den letzten Tagen hatte mich um zehn Jahr älter gemacht. Wenn das ſo fort geht, dachte ich, ſo bin ich in Jahr und Tag eine lebendige Mumie. Ach Winchen! Winchen!— Ja, ſie war an Allem ſchuld, das heilloſe Maͤdchen! Hatte ſie nicht durch ihren Liebreiz die Flamme einer ewigen Liebe in meiner Bruſt ent⸗ zůndet?— Hatte ich, um ſie zu begluͤcken, nicht Alles, Alles dahin geworfen— meine Traͤume, meine Freude, mein Glück?— und dennoch— Durfte ich ihr wohl zürnen?— Ich fuhr mit der Hand uͤber die Augen— es war mir, als wenn ſich etwas naſſes in den⸗ ſelben gebildet hätte— ich dachte noch ein Mal zurůck der ſeligen Vergangenheit— ich durch⸗ ſchwelgte noch ein Mal den ſußen Traum mei⸗ ner Liebe— noch ein Mal öffnete ſich meinem geiſtigen Auge das Paradies des hochſten — * ——— * — 220— Gluͤcks— ich ſchalt mich einen Thoren, das Gebaͤude meiner ſchoͤnſten Hoffnung ſelbſt zer⸗ truͤmmert zu haben; doch— da ſtellte ſich mei⸗ ner Phantaſie Alwinens großes, ſchones, in Thraͤnen ſchwimmendes Auge, die edlen, ſchmerz⸗ vollen, bleichen Zuͤge— nein, nein! rief es laut und maͤchtig in meinem Innern— mir blieb keine Wahl— ich konnte nicht anders— bei Gott, ihr Schmerz haͤtte mich getodtet! Sie mußte glucklich ſeyn, und ſollte mein Herz im Todesſchmerz der Entſagung brechen!— Alwinens Vater war geſtorben. Der trau⸗ ernden Wittwe fiel aus dem Nachlaſſe ihres Gatten, den alle Welt für einen kleinen Croͤſus hielt, nichts als eine beträchtliche Schuldenlaſt anheim. Das große Vermoͤgen des Verſtorbenen war, zuſamt ſeiner erklecklichen Beſoldung, an Gaſtereien, prachtvolle Silbergeräthe, engliſche Meubles und koſtbare Equipage verthan wor⸗ den— wie das nun ſo der Weltlauf iſt. Ein Heer guter Freunde hatte dem ſchwa⸗ chen Manne treulich geholfen, tauſend und aber⸗ mal Tauſende durchzubringen. Die koſtbare Anlage eines engliſchen Gartens, welcher wie — 260— durch Zauberſchlag mit ſeinen duftenden Blůthen und Straͤuchern dort aus jenem wuͤſten Sand⸗ fleck ſich erhob, raffte gierig hinweg, was jene Schmauſer uͤbrig gelaſſen, und ſo geſchah es, daß der Begraͤbnißtag des alten Silberburgs mit ſeinem kalten Gepraͤnge den letzten blendenden Strahlenglanz auf die Zuruͤckgebliebenen warf. Mutter und Tochter waren arm— das Heer der guten Freunde entſchwand, vor dem Schreckensruf, mit welchem dies Gerucht ſich verbreitete. Der ſchimmernde Brillantring, wel⸗ chen kurz zuvor, bei der Verlobung, der reiche Hofrath Glanzheim an der angebeteten Alwine Hand geſteckt, und an deſſen Prachtfeuer ſich die überglückliche Mutter, wohlgefällig lächelnd, geweidet hatte, erblindete plötzlich vor ihren Blicken, als ein kurzes, geſchraubtes Billet Glanzheims ihr meldete, die Aerzte haben ihm, deſſen Bruſt ſeit dem böſen Nervenfieber ſo an⸗ gegriffen ſey, eine Reiſe nach Frankreich und Italien verordnet— ſein Herz blute zwar, wenn er ſo einer langen Trennung, wie die Reiſe na⸗ türlich herbei fuhren müſſe, gedenke, doch troſte ihn die Hoffnung, nach Jahr und Tag geſunder — 231— zurůckzukehren, und Mutter und Tochter als⸗ dann die treuen Geſinnungen beweiſen zu kön⸗ nen, mit welchen er ihnen lebenslanglich an⸗ hange ꝛc.— 3 Die hellſehende Fran wußte dies Briefchen zu deuten. Sie hatte geglaubt, ihrem zukünf⸗ tigen Schwiegerſohn ein genaues Detail ihrer Verhältniſſe geben zu müſſen; ſie hatte ihm nicht verſchwiegen, welch' große Schuldenlaſt der Verſtorbene ihr üͤberlaſſen, und wie der Ver⸗ kauf ihrer Grundſtuͤcke, Meubles ꝛc. kaum zu⸗ reiche, die Anſpruche der Glaͤubiger zu decken. Sie hoffte auf des Hofraths Liebe zu Al⸗ winen, welche dieſer noch vor Kurzem ſo gluͤhend heiß, unausſprechlich geſchildert hatte— ihre Hoffnungen hatten ſie betrogen— ſie kannte den eigenſuchtigen, habſüchtigen Hofrath nicht, der ſeiner Habſucht das Sdelſte, Beſie zu opfern im Stande war. Selbſt ſehr reich, hatte er doch ſeit Jahren geſchwankt, welchem der reich⸗ ſten Madchen er ſeine Hand bieten koͤnnte, bis er Alwinens Bekanntſchaft machte, welche der Ruf an die Spitze der Reichſten geſtellt.— Alwine zitterte bei dem Gedanken einer — 232— Verbindung mit einem Manne, deſſen erſter Anblick ſie mit Grauen erfuͤllte— doch— ſie mußte den Befehlen des Vaters gehorchen, ob⸗ gleich ihr Herz dem bangen Kummer, ſich ſo geopfert zu ſehen, faſt unterlag. Jetzt, nach des Vaters Tode, theilte die Mutter ihr den Entſchluß mit, dem Hofrath, wrelcher von der grauſigen Verändrung des Ver⸗ mogenszuſtandes in der Familie ſeiner Braut keine Ahndung hatte, den wahren Zuſtand der Dinge mittheilen zu wollen. Ein leichtes Roth flog uͤber Alwinens bleiche Wange— unwillkuͤhrlich ſtreifte ihre Rechte den ſchimmernden Brillantring vom Fin⸗ ger, und legte ihn in der Mutter Hand.— Er giebt mich auf, ſprach ſie ſanft, als dieſe verwundert einen kleinen Schritt zuruͤck trat— glaube mir Mutter, er giebt mich auf, ſetzte ſie verſichernd, leiſe hinzu, vorausſehend, wie weh' dieſe Verſicherung dem mutterlichen Herzen thun wuͤrde, das in dem reichen Schwie⸗ gerſohn die letzte Stütze der eignen Be heit erblickte. Zitternd ſchrieb die Mutter die verhaͤngniß⸗ — — — 233— vollen Zeilen, und wirklich entglitt ihren Hän⸗ den der Verlobungsring, als die Antwort des Hofraths ihr der Tochter Muthmaßungen be⸗ ſtaͤtigte. Alwine warf ſich, tief aufathmend, an der Mutter Bruſt.— O wohl mir! rief ſie, wohl uns Beiden, daß es ſo gekommen iſt! O Mut⸗ ter, ſetzte ſie ſchmeichelnd und tröſtend hinzu, kannſt Du wirklich klagen, daß Dein Kind ge⸗ rettet iſt? Und wußteſt Du nicht längſt, daß ich den Hofrath nie geliebt? Konnteſt Du hof⸗ fen, Heil zu finden in einer Verbindung, welche der ſchmutzigſte Eigennutz geknüpft? Glanzheim iſt ein gemeiner Menſch— er muß erröthen, wenn er ſeines Betragens gedenkt— indeß uns, die wir wahr und ſchuldlos ſind, der Vortheil wird, ihn verachten zu können.— Die Mutter ſchickte den Ring zurück— die Verlobung war aufgelöſ't— Alwine frei. Mutter und Tochter bezogen ein nettes Quar⸗ tier in der Vorſtadt, und hier war es, wo ich Alwinens Bekanntſchaft machte, da ich bereits die eine Hälfte der Etage inne hatte, deſſen andere Hälfte ſie mit ihrer Mutter bezog. — 234— Anfänglch ſah ich das ſchone Maͤdchen ſehr ſelten, und trotz meinem Annaͤhern, das ſie mit freundlicher Hoflichkeit erwiederte, wollte es mir nicht gelingen, mehr als einen freundlichen Gruß von ihr zu erlangen— ſchlank und leicht, wie ſie war, ſchwebte ſie ſchnell an mir vor⸗ uͤber, wenn wir uns auf dem Vorſaal begegne⸗ ten, und drängte ſo, beinah abſichtlich, wie es ſchien, jedes mögliche Geſpräch in mich zurück. Ein kleines Begegniß indeß machte uns, nachdem ein halb Jahr ſo lautlos uns ent⸗ ſchwunden war, auf ein Mal bekannter und ver⸗ trauter. Alwine, die ſchöne, jugendlich friſch bluͤ⸗ hende Alwine ward plötzlich kränklich.— Der Arzt gebot dem jungen Mädchen mehr Bewegung, das anhaltende Sitzen, meinte er, ſie arbeitete faſt Tag und Nacht, widerſtrebe ihrer kraͤftigen Natur.— Allein ſo ſehr auch Mutter und Tochter die Nothwendigkeit, des Arztes Gebot zu befolgen, fuͤhlten— Alwine ward mit Arbeiten ſo ſehr überhaͤuft, daß das Spazierengehen von einem Tag zum andern verſchoben ward.— — 235— Auf ein Mal brach das längſt gefurchtete uebel heftig hervor— ein Schwindel überfiel das Maädchen, ſie ward bleich, ſchwankte, und eine Ohnmacht warf ſie an meine Bruſt, als ich eben Hut und Stock ergreifend, an der Kuͤche vorüber eilen wollte, in welcher Geſchäfte ſie hielten. Ich half der halb todt i Mut⸗ ter die Kranke auf's Bett zu bringen, indeß mein Bedienter nach dem Arzte ſprang. Dieſer verordnete alſo bald einen Aderlaß, und die noch immer Ohnmaͤchtige ward in einen Seſſel gehoben. Jetzt bat der Arzt die Mutter, den Leler zu halten, indeß er den weiten, feinen Muslin⸗ ärmel von Alwinens Kleide aufſtreifte. Allein die ängſtliche Mutter konnte kein Blut ſehen, ſie warf den bittenden Blick auf mich, und ich trat zitternd und ängſtlich zum Arzte. Mein Auge hing ſeſt auf den bleichen, ſchönen Engelszugen der Ohnmächtigen, und als das purpurne Blut am weißen Marmorarm langſam und warm herab rieſelte, und Alwine ſauft die großen, ſeelenvollen Augen aufſchlug, die blaſſen Lippen ſich allmaͤhlig rötheten, und ein roſiger Schimmer die Sammetwange uͤber⸗ hauchte— da faßte mich ein unnennbar weh⸗ müthig, ſüßes Gefühl— und meine bebende Hand vermochte kaum den LTeller zu halten, der Athem erſtarb in meiner Bruſt, ich haͤtte niederſturzen und ſterbend rufen mögen: Al⸗ wine, ich liebe Dich— ich liebe Dich ewig! Die Krankheit war vorüber, Alwine das ſanft heitere Geſchöpf wie vorher; allein in meinem Buſen hatte der Aderlaß eine Flamme entzuͤn⸗ det, welche raſch um ſich greifend, mich zu verzehren drohte— ich fuͤhlte, ich liebte Al⸗ winen mit einer Stärke, von deren Möglich⸗ keit ich fruher gar keine Ahndung hatte.— ch naͤherte mich dem Mädchen mehr und mehr— ſeit der Krankheit war die Mutter zutraulicher gegen mich geworden, ich hatte ſie waͤhrend derſelben oͤfterer beſucht— jetzt ſetzte ich dieſe Beſuche fort, und zu offen in allen meinen Handlungen, hatte ich, ſchüchtern erſt, dann beherzter, der Mutter meine Abſichten auf ihre Tochter merken laſſen, und gab mich den ſe⸗ ligſten Lräumen hin, als ich ſah, wie die Mut⸗ f— 23„ ter, wohlwollend lächelnd, in meine Anſichten einging.— Auch Alwine war freundlich, hold und gůtig gegen mich, obgleich es mich bedün⸗ ken wollte, dies große, ſeelenvolle Auge müſſe weit ſprechendere Liebe verrathen, wenn das ſchöne, heilige Gefuͤhl die keuſche Bruſt wirk⸗ lich bewegte. So war wieder ein halb Jahr voruber ge⸗ gangen, als einer meiner Freunde, der Sekre⸗ ttair des mächtigen Miniſters von Holm ſtarb, und die ſehr eintraͤgliche mit vielen Vortheilen verknüpfte Stelle vacant ward. Bis jetzt hatte ich nach keiner ſiren An⸗ ſtellung getrachtet— auf ein Mal aber ward mir klar, ich müſſe mich beim Miniſter, der mir wohlwollte, um die Stelle bewerben, und— bei der Mutter mir Alwinens Hand erbitten. Das Letztere that ich zuerſt, es war naturlich, lag es mir doch am nächſten. Die Mutter nahm mich mit großer Zuvor⸗ kommenheit auf, ſie hatte um meine Neigung zu ihrer Tochter ſchon längſt gewußt— ſie ſchloß mich mit mutterlicher Zärtlichkeit in die Arme— und verhieß mir tauſendfach Glück und Segen. Alwine reichte mir mit einem zaubti⸗ ſchen Laͤcheln die Hand, zwar ſchien es, als verhuͤlle ein leichter Nebelflor das helle Auge, als wollten die Roſen von den Wangen gleiten, doch— ſie laͤchelte ja— ſie reichte mir ja willig die liebe, kleine, warme, weiche Hand— ihre Lippen oͤffneten ſich ja, um den Namen: Theodor, halb leiſe hervor zu hauchen. Ich ſchlang meinen Arm um die feine, zarte Taille— ich druckte das ſuͤße Geſchoͤpf an mein freudig klopfendes Herz— ich nannte ſie meine Braut, das ſuͤßeſte, höchſte Gluͤck meines Le⸗ bens— da hauchten noch ein Mal in leiſeſtem Ton ihre Lippen den Namen: Theodor!— und ohnmächtig hing die Geliebte, leblos, bleich und kalt in meinen Armen!— Der Miniſter nahm mich huldvoll auf. Lieber Sternau, ſprach der Gütige, es iſt mir lieb, daß Sie ſich um die Stelle bewerben, weil ich ſie gern durch ſolch einen tuͤchtigen Mann beſetzt ſehe, obgleich, ich geſtehe es ganz ehr⸗ lich, mich die Bitte meines Neffen, einen ſei⸗ ner Jugendfreunde in das Amt zu ſetzen, ein wenig in Verlegenheit bringt. Allerdings habe — 235— ich gegen dieſen einige Verbindlichkeiten— und laſſe ſeine Wünſche ungern ohne Beruͤckſichti⸗ gung, doch— hoffe ich, das zu aller Zufrieden⸗ heit arrangiren zu können.— Sie bekommen die Stelle, die gerade offen iſt, und ehe Ihr Nebenbuhler, der fern iſt, hier eintrifft, findet ſich vielleicht auch für ihn ein paſſend Amt.— Ich dankte dem Gütigen, und flog auf Flügeln der Liebe zu meiner ſuͤßen Alwine, ihr das Gelingen meines Plans mitzutheilen. Aengſt⸗ lich, wie es ſchien, forſchte die Mama nach dem Namen des Nebenbuhlers— und taͤuſchte mich nicht Alles, ſo ſpitzte auch Winchen ihr niedliches Ohr, und horchte geſpannt heruber, um den Namen zu erfahren. Der Miniſter hatte ihn nicht genannt, und ich es fuͤr unbeſcheiden gehalten, danach zu fra⸗ gen, dies ſagte ich der wißbegierigen Mama, deren Neugierde mich frappirte— und— ſie fragte nicht weiter. Auf mein Bitten ſtellte nun mein Braͤut⸗ chen ihr häufiges Arbeiten ein, und genoß die ſchönen Tage des Spätherbſtes, bald mit der Mutter, bald mit Hedwig, einer Freundin, welche uns gegenuͤber wohnte, ſpazieren gehend, da es mir, dem mit unendlichen Geſchäften Ue⸗ berhaͤuften, nur ſelten gegoͤnnt war, ſie beglei⸗ ten zu koͤnnen. Aber trotz der vielen Bewegung in freier Luft, trotz meiner unermudeten Aufmerkſamkeit und Zartlichkeit gegen ſie, trotz der Mutter of⸗ ter geaͤußerten, fröhlichen Vorſtellung von un⸗ ſern kuͤnftigen, gluͤcklichen Leben, ſchwand die Röthe zuſehend von Alwinens Wangen, des reinen, hellen Auges Glanz erloſch, und immer tiefer druͤckte ſich, immer ſichtbarer ein feindli⸗ cher Schmerz in die ſchoͤnen, erbleichenden Züge. Was fehlt Dir Geliebte? hatte ich ſchon oft gefragt. Aber Alwine ſchuͤttelte ſanft den blonden Lockenkopf, nur leiſe, kaum bemerkbare Seuf⸗ zer enthauchte die bedrängte Bruſt— dann hob ſie das bedeckte Auge, ſah mit deſſen Flammen⸗ ſtern auf mich, als wolle ſie meine Seele durch⸗ ſchauen, druͤckte leiſe meine Hand, und ent⸗ ſchlupfte den weitern Fragen. Ich fand mich aus dunklem Sinnen auf meinem Sorgenſtuhl wieder— nur matt noch —— glimmte das Feuer im Kamin— zehn Mal hatte ich meine Pfeife angezundet, aber im re⸗ gen Gedankenſpiel war Flamme und Tabak er⸗ loſchen—— ich ſchurte die Kohlen zuſammen, da loderte luſtig und hell das Feuer empor und ein behagliches Gefuͤhl kam in meine Bruſt. Ach gliche dies Bild meinem Gluͤcke! ſeufzte ich leiſe. Aber wie Alwine ſchuͤttelte ich gleich darauf den Kopf, ich fuhlte, es war etwas Stö⸗ rendes zwiſchen uns; was es war? ich vermochte nicht es zu ergruͤnden. Einige Tage nachher ſaß ich am ßenſer, ich mußte einer Berichtigung halber in mehreren Büchern nachſchlagen, ich hatte mich und die Welt um mich vergeſſen, ich hatte ſeit einer Stunde vergeblich die mir fehlende Stelle geſucht, das machte mich muͤrriſch, ich warf unſanft das Buch zur Erde, und mich zuruͤck an die Lehne meines Stuhls. Mein Blick fiel in die Spiegelſcheibe meines Buͤcherſchrankes, und Hedwig ſchwebte vor mir, freundlich und lächelnd, verſtohlen ein Briefchen heruͤber zeigend. Gilt mir das? fragte ich mich betroffen. 16 — 242— Da ſah ich, wie das Mädchen bittend die Fleine, weiße Rechte auf die Bruſt legte, und mit den Augen ſanft und wehmuͤthig den Wunſch wiederholte. Ganz verwirrt fuhr ich vom Fenſter zurück, und ſtand, kaum athmend, mitten im Zimmer. Sie winkt mir, ſprach ich ganz leiſe für mich, was kann ſie wollen? Und nach einigem Zögern naht ich mich dem Fenſter wieder. Die Scene hatte ſich geaͤndert. Hedwigs Fenſter war leer, aber mitten im Zimmer drüben hielten zwei weib⸗ liche Geſtalten ſich eng umſchloſſen— ich griff nach meinem Glaſe, und ſieh' da, ein blondes Lockenköpfchen erhob ſich von Hedwigs Schulter, es war das Köpfchen meiner Braut, ihr alſo, nicht mir hatte Wink und Brief gegolten! Jetzt nahm Alwine das Blatt aus Hedwigs Haͤnden, und nachdem dieſe ſehr eifrig in ſie hinein gepredigt hatte, trocknete ſich Alwine die Augen, entfaltete den Brief ſchnell und las mit immer ſteigerndem Intereſſe. Reden Sie ganz offen mit mir, Theure, Beſte, hatte ich zu der Mama geſagt, als ich um Alwinens Hand bei ihr warb. Iſt Alwinens — — — 243— Herz auch frei? Sind Sie auch gewiß uͤberzeugt, daß ich mit meinem Antrag nicht ſtörend zwi⸗ ſchen ein fruͤheres Bündniß trete? Mama hatte mir verſichernd die Hand gedruͤckt. Guter Ster⸗ nau, hatte ſie geſagt, Alwine iſt frei, glauben Sie mir, und zum Beweis, daß ich die Wahr⸗ heit rede, will ich Ihnen das einzige Geheimniß euthuͤllen, das wir bis jetzt vor Ihnen gehabt. Allerdings feſſelte eine Jugendneigung Al⸗ winens Herz. Sie iſt mit Hedwig, welche Sie kennen, und deren Bruder aufgewachſen; der tetztere war ein überaus liebenswuͤrdiger Jüng⸗ ling, mit den ſchonſten Talenten reich ausgeſtat⸗ tet, welche zu den groͤßten Hoffnungen berech⸗ tigten— allein— er war arm— die Ausſicht auf eine baldige Anſtellung bei ſeiner Jugend eine ſehr ferne, und ſo mühte ich mich, meiner vernuͤnftigen Alwine anſchaulich zu machen, daß unter ſolchen Umſtaͤnden, ein feſtes Band zu knuͤpfen, ſehr vernunftwidrig ſey. Alwine war ein folgſames Mädchen, zudem, moͤgen Sie doch lächeln, nur wenig abergläubig; ihr hatte in den Kinderjahren eine Zigeunerin ein Mal geſagt, ſie werde zwei Mal den Verlobungsring aus den 16* — 4— Haͤnden geben, und dennoch erſt der dritte Braͤn⸗ tigam ihr Mann werden— dieſer thörichte Aus⸗ ſpruch ſchreckte das Mädchen zuruͤck— nun ja, ſie hatte Hedwigs Bruder ſehr lieb, ſie glaubte ihn um deſto eher zu verlieren, wenn ſie wider der Alten albernen Orakelſpruch handle, darum weigerte ſie ſich ſtandhaft, ihm den Verlobungs⸗ ring zu geben, als er bei ſeiner Abreiſe, es zu thun, in ſie drang. Er iſt alſo fort? fragte ich tief aufath⸗ mend. Fort, erwiederte die Mama. Graf Holm ging auf Reiſen, der junge Mann begleitete ihn⸗ Graf Holm? unterbrach ich ſie wieberz iſt das etwa der Neffe unſers Miniſters? Derſelbe, antwortete die Kwiſlee ken⸗ nen Sie ihn? Ich trocknete mir den Schweiß von Stirn. Ich bin nicht ſo glucklich, ſprach ich kleinlaut; doch, ich bitte, ſprechen Sie weiter.— Nun denn, ein Jahr verging— der junge Mann hatte mir das Verſprechen geben müſſen, Alwinen nicht zu ſchreiben, er hat es gehalten⸗ und die ſeltenen Nachrichten, welche wir von — 245— Hedwig bekamen, waren Alles, was uns zu Ohren gekommen, bis— Nun, bis? fragte ich zitternd⸗ Mama trocknete ſich die Augen und drück⸗ te leiſe meine Hand; bis uns vor einem hal⸗ ben Jahre die Nachricht ward, der junge Mann ſey auf einer Fahrt auf dem Vierwaldſtädter See verungluͤckt.— 6 Das Schifflein, auf welchem er ſich be⸗ fand, um den Grafen einzuholen, welcher von Luzern aus eine Reiſe in die Berner Oberlande zu machen, bei Sarlen gelandet war⸗ habe der Sturm erreicht, und mit Mann und Maus ohnfern Alpnacht begraben. So iſt er todt? unterbrach ich endlich die ſchmerzvolle Pauſe, welche die zartfuͤhlende Mama offenbar dem Nachdenken uͤber die Ver⸗ gänglichkeit alles Jidiſchen widmete. Todt, guter Sternau, ſprach ſie ſanft— aus der Schweiz ruͤckkehrende Freunde brachten zuerſt die betruͤbende Nachricht, dann auch ward Hedwigs Eltern die Beſtätigung derſelben von ſicherer Hand. Etwas näher darauf Bezug⸗ habendes konnte Riemand erfahren, da Graf — 246— Holm weiter gereiſt war, ohm' Aufenthalt, ohne daß Jemand wußte wohin. Und was ſagte Alwine dazu? fragte ich jetzt, der Mama ganz zärtlich die Hand kuͤſ⸗ ſend; mir war auf ein Mal, ich weiß nicht, wie es kam, recht behaglich zu Muthe gewor⸗ den, und die Mama erſchien mir um eins noch ſo liebenswurdig, als zum Anfange der Ge⸗ ſchichte. Meine Alwine, fuhr Mama fort, litt mit Hedwig und deren Eltern, welche an dem hoff⸗ nungsvollen Sohne die letzte Stütze verloren; was ihr Herz dabei gefuͤhlt, weiß ich nicht, da die Nachricht in die Zeit fiel, als ſie ſchon mit Ihnen bekannt war, und ihr Intereſſe für Sie mehr und mehr durch die ſprechendſten Beweiſe des Antheils, welche Sie uns gerade in dieſen Tagen gaben, erhoͤht ward. Alſo wohl gerade zur Zeit des Aderlaſſes? wisperte ich. Am Tage vorher, berichtigte die Mama. Am Tage vorher war Alwine bei Hedwig; dieſe hatte geglaubt, die von vielen Arbeiten ange⸗ griffene Freundin ſchonen zu muſſen— ſie — 27— hatte daher blos geſagt, ihr Bruder ſey ge⸗ fährlich krank— das Dienſtmaͤdchen aber hatte der unſrigen, nach Art dieſer Geſchöpfe, Alles haarklein erzaͤhlt, und ſo kam es, daß Alwine die ganze Geſchichte erfuhr— nun⸗ Sie wiſ⸗ ſen ſelbſt, Sie ward ohnmächtig, ihr mußte Blut weg gelaſſen werden; doch Sie wiſſen auch, daß häufige ſitzende Arbeiten ſie in den krankhaften Zuſtand verſetzt hatten, Sie hör⸗ ten ja ſelbſt des Arztes Ausſpruch.— Nun genug, Alwine iſt wieder munter, friſch und geſund— Theodor iſt vergeſſen, und das Mäd⸗ chen iſt Ihre glückliche Braut. Theodor? fragte ich leiſe, und eine ſchmerz⸗ volle Ahndung uͤberhauchte eiſig kalt mein glůͤ⸗ hend heißes Herz!— Theodor, wiederholt ich, mich in meinen Sorgenſtuhl druͤckend— und die ſchwellenden Kiſſen unter wir ſchienen in einen glühenden Roſt ſich zu verwandeln.—— Und— ſeufzte ſie nicht leiſe Theodor, langſam ihr Leben in einer Ohnmacht aushauchend, als ich den braͤut⸗ lichen Kuß ihr auf die bebende Lippe druͤckte? NRich entzuͤckte der Name, aus ihres Her⸗ —— zens Fuͤlle gefprochen, der auch der meinige iſt, obgleich ich im erſten Moment nicht errathen konnte, woher ſie ihn wiſſe, da ſie mich immer nur Sternau genannt!— Galt auch damals mir der Ausruf wirklich? Oder— war es der letzte, ſchmerzliche Ab⸗ ſchiedsruf, welcher den zerriſſenen Herzen ſich abgerungen, das jetzt durch der Mutter Zureden beſtimmt, einen ungeliebten Manne ſich ſollte?— Was bedeutet Hedwigs geheinnißvoles Winken? Was der Brief, welchen Alwine ſich erſt geweigert zu leſen, und welcher jetzt, da es geſchehen, des Madchens Schwermuth auf's Aeußerſte ſteigert?— Hm, Theodor iſt ja todt!— Sollte etwa ein Anderer? Sagte die alberne Zigennerin nicht, erſt der dritte Verlobte würde ihr Mann werden? War die Mama ehrlich, ſo bin ich Nr. 2. Hm, Alwinens Gram! ihre Sie ihre Angſi, wenn des Hochzeitstages nur gedacht Dies Räthſel muß ſich mir loſen, ich muß ——— — 2— hell ſehen— klar und deutlich muß ich wiſſen, ob mich Alwine liebt— ſie ſelbſt ſoll es mir ſagen, und ſollte ich durch einen Hauptſturm das Bollwerk nieder ſchmettern, mit welchem die ſchlaue Mama ſo recht geſucht jedes moͤg⸗ liche zu einer Erklärung fuͤhrende téte à tére mit Alwinen mir umſchanzt. Alwine ſelbſt ſoll ihres Herzens geheimſte Falte mir enthuͤllen, und dann entweder morgen mein Weib werden, oder— Ich war aufgeſprungen, ich legte ſinnend die Hand an die Stirn— oder— ſagt ich noch ein Mal! Aber vor meinem ſtarren Auge öffnete ſich ein grauſiger Abgrund, und erſchreckt bebte ich in mich ſelbſt zuſammen! ⁵ Ich liebte Alwinen mit reiner, wahrer, unendlicher Liebe— ich fühlte, ein Leben ohne ſie würde mir ein zehnfach qualvoller Tod ſeyn— darum erſtarb das Oder auf meinen Lippen, je⸗ der fernere Gedanke daruͤber in meiner Bruſt. Am Nachmittage kam die Mama auf mein Zimmer. Lieber Herr Sohn, ſprach ſie, mir freund⸗ — 20— lich die Hand druͤckend, ich komme Ihnen einen Vorſchlag zu machen. Ich bat ſie, auf dem Sopha Platz zu neh⸗ men, ſetzte mich neben ſie, und ſie begann: Schon zum öftern drangen Sie in mich, Ihren Hochzeitstag mit meiner Alwine beſchleu⸗ nigen zu ſollen— ich hatte meine Gründe, das Feſt immer noch aufzuſchieben, Sie wiſſen, wir Frauen ſind darin ſonderbare Geſchöpfe, die Ausſtattung meines Kindes war noch nicht com⸗ plet, das zwang mir die Weigerung ab, Ihre beiderſeitigen Wuͤnſche bis jetzt zu erfullen, doch jetzt iſt Alles beſeitigt.— Den 2. kuͤnftigen Monats iſt, wie mir bekannt, Ihr Geburtstag, und da ich weiß, wie Sie gern Ihre liebſten Handlungen an dieſem Tage be⸗ gehen, ſo daͤchte ich, wenn es Ihnen recht iſt, feierten wir ein doppeltes Feſt, wir veranſtalte⸗ ten die Trauung auf dieſen Tag! Ich kuͤßte dankbar entzuͤckt der Gütigen Hand.— Theure, beſte Mutter! jauchzte ich.— Die ganz nahe Ausſicht, endlich den gluck⸗ lichſten Tag meines Lebens erleben zu ſollen, mein Geburtstag fiel in drei Tagen, erfullte ℳ———— — — 251— mich mit unbeſchreiblicher Wonne, und ließ mich alles Andere vergeſſen. Alle bangen Ahndungen von dieſem Mor⸗ gen waren entſchwunden, alle Scrupel getilgt. Alwine war mein! in drei Tagen mein Weib! Meinem geiſtigen Auge ſtellte ſich die from⸗ me, keuſche, liebliche Alwine mit dem bräutli⸗ chen Myrthenkranz im goldlockigen Haar— ich fuhlte, von Wonne durchbebt, die ſuͤßen, be⸗ rauſchenden Kuͤſſe; ich ſah die roſig verſchämte Wange, das niedergeſchlagene Auge der jungen Frau; ich horte die liebliche Stimme ſauft flö⸗ ten: Theurer, geliebter Mann! Ein Heer von lieblichen Vorſtellungen jagte meiner trunknen Seele voruͤber, die reizendſten Bilder der Zukunft umgaukelten mich— jetzt, jetzt ward endlich wahr, was ich ſo oft, ſo ſtill, ſo heimlich gewünſcht— jetzt ſaß ich nicht mehr des Abends allein im traulichen Stuͤbchen am hell lodernden Kaminfeuer— ſie war bei mir!— ſie, die ich ſo unendlich liebte, ſie waid mein Weib an meinem Geburtstage! ſie freute ſich mit mir des netten, heimlichen Stuͤb⸗ chens— ſie theilte des Abends ſchalkhaft, ko⸗ ſend den großen Sorgenſtuhl mit mir— wir laſen zuſammen, wir plauderten in ſeliger Won⸗ ne.— Jetzt raubte ich ihr einen Kuß, den bald tauſend andere folgten;— nein ſo, ſo hatte meine Phantaſie noch nicht gemalt! ſo meine Sinne noch nicht verwirrt! Ich legte in ſeliger Freude einen ganzen Arm voll Kienholz ins Kamin, damit die Flamme recht luſtig bren⸗ ne— und warf meinen ſůß ſchlummernden Mops vom Stuhl, als muͤſſe er jetzt ſchon der jungen Herrin weichen.— Die Mama lächelte— die gute Mama! Hatte ſie nicht wie durch Zauberſchlag alle dieſe herrlichen Gemaͤlde vor mein geiſtig Auge ge⸗ ſtellt? durch das einzige Wort Hochzeitstag!— Ich umarmte ſie dafuͤr in ſturmiſcher Freude, und druͤckte die glühendſten Küͤſſe auf Stirn und Wangen der ſich jungfraͤulich Sträubenden, bis ſie ſich halb ſchmollend meinen Armen ent⸗ wand, und behende zur Thuͤr hinaus ſchluͤpfte. Alſo in drei Tagen, rief ich jauchzend, mir mit der Hand in die Locken fahrend, und vor dem Spiegel Jabot und Halskrauſe ordnend— in drei Tagen! —,——— ———— 3— 8— Da trat des Miniſters Kammerdiener her⸗ ein, und uͤberreichte mir, geheimnißvoll lächelnd, ein Billet ſeines Herrn— ich las— und die Buchſtaben tanzten im Takt der Hochzeits⸗ polonaiſe, welche ich halb laut für mich ſummte, vor meinen Augen. Der Miniſter ſchrieb: Den 2. kuͤnftigen Monats Vormittags 9 Uhr erwarte ich Sie, lieber Sternau, um ſie dem Kabinet als meinen Sekretair vorzuſtellen ꝛc. Zu viel, zu viel! wisperte ich, die wei⸗ nenden Augen am Freudenblatte trocknend; o guter Gott! Ich ſchickte ein Dankgebet, aus tiefſter Bruſt, zu dem Geber aller Güter, dem Vater dort oben, der ſo gnaͤdig ſeines beſten Segens Fuͤllhorn uͤber mich Unwuͤrdigen ſchüttete, dann pochte ich leiſe an die Nebenthür, um meine allerliebſte kleine Frau Kabinetsſecretairin zu begrußen. Alwine war ausgegangen. Mama bewill⸗ kommte mich aͤngſtlich, und halb verſchämt zu⸗ folge meines vorigen ungeſtuͤmen Betragens. Mich kuͤhlte ihr ſichtliches Sprodethun um ein —— Merkliches ab— und ich legte ziemlich ver⸗ ſtimmt die Praͤſente, welche ich ſchon laͤngſt fuͤr mein Braͤutchen eingekauft hatte, und ihr eben überreichen wollte, auf den Tiſch. Dem Scharfblick der Mama entging meine Verſtimmung keinesweges, doch rieth ſie fälſch⸗ lich auf die Veranlaſſung zu derſelben— ſie entſchuldigte, daß Alwine ausgegangen ſey— ſie ſey zu Beſuch bei einer Freundin, welches um ſo verzeihlicher ſey, wie ſie meinte, da ihre Tochter von dem uͤbermorgenden Hoch⸗ zeitstage noch keine Ahndung habe. Sie, Mama, habe ſich das Alles ſo ausgedacht: Alwine ſolle bis auf den letzten Augenblick nichts erfahren, und dann, zu einem Spazier⸗ gang aufgefordert, in die Kirche gefuͤhrt und plötzlich vor den Prediger geſtellt werden— Mama werde den Brautkranz bereit halten, ſo wie ein gutes Abendeſſen beſorgen. Wir kehren dann aus der Kirche zuruͤck, ſchloß ſie, Alles iſt in geraͤuſchloſer Stille voruͤber— kein Menſch hat darum gewußt— und Alwine iſt Ihre Gattin. Eben wollte ich nach der Urſache dieſes Heimlichthuns fragen, welches immer, nach meiner Idee, bei einem Hochzeitsfeſte ein kran⸗ kes Gewiſſen des Einen oder des Andern be⸗ urkundet, als Alwine, von einem Schwarme junger Mädchen begleitet, ins Zimmer trat, und der Mama nur noch ſo viel Zeit ließ, mir den Finger auf den Mund zu druͤcken, und halb verſtohlen zuzufluͤſtern: Bedarf es noch einer Erklaͤrung, ſo gehe ich dieſen Abend ins Theater, die Reihe iſt an mir— begleiten Sie mich— ohne dem iſt, ſetzte ſie halb laut hinzu, der Freiſchütz Ihre Lieblingsmuſik, und mich ziehen die neuen Decorations zur Wolfs⸗ ſchlucht, die dem Muͤnchner Theater nichts nachgeben ſollen. Ich ſtand in der Loge. Vergebens er⸗ ſchoͤpfte die Mama ihre koͤſtliche Unterhaltungs⸗ gabe, vergebens klangenrings um mich die bewun⸗ dernden: A! O! und Ach's! bei jeder veränder⸗ ten Scene— vergebens toͤnten mir ſelbſt die herrlichen Melodien des einzigen Webers— mein Herz war krampfhaft ſchmerzlich zuſam⸗ men gedrückt— Mama's heimlich ſo ſchnell veranſtalteter Hochzeitstag hatte Mißtrauen, Argwohn, Zweifel aller Art in meinem In⸗ nern geboren, und meine Bruſt zu einen La⸗ byrinth ſtuͤrmender Gefuͤhle gemacht, aus wel⸗ chen ſich endlich nach einer ſchmerzvollen Stunde klar der feſte Vorſatz los rang, es koſte was es wolle, erfahren zu müͤſſen, ob Alwine mich liebe, ob ein begluckter Nebenbuhler mir lebe.— Auf ein Mal erleuchtete ein Gedanke mein Innres— die Mama, dachte ich, wird von der Wolfsſchlucht feſt gehalten— Alwine iſt allein zu Hauſe— ſie nur, ſie allein vermag es, den Schleier zu lichten, welcher das mar⸗ ternde Geheimniß mir verbirgt— ich ſchlich mich leiſe zur Loge hinaus, und ſchob den Schon⸗ geiſt, den Aſſeſſor Zierlich, hinter Mamas Stuhl— rufte mit Caspern: Samiel hilfl druckte den Hut in die Stirn, und eilte meiner Wohnung zu. Alwine war, wie ich gehofft hatte, allein; ſie war beſtuͤrzt, mich ohne die Mama kommen zu ſehen, und drehte mit raſcher Fertigkeit den Schirm des Lichts, damit ich ihre roth gewein⸗ ten Augen nicht ſehen ſollte.— Allein, ich hatte ſie geſehen— ich hatte ſogar geſehen, wie ſie bei meinem Eintritt ſchnell — 267— das Tuch über ein Papier warf, welches ihr zur Seite auf dem Sopha lag— ich ſah noch mehr— ich ſah eine dunkle Haarlocke und ei⸗ nen kleinen gold'nen Ring vor ihr auf dem hell⸗ polirten Tiſche liegen— ich faßte Alwinens Hand, ich druͤckte ſie an meine Lippen, aber ich fuͤhlte, wie ſie zitterte, wie ſie ſchwankte und es kaum vermochte, ſich auf den 2 zu erhalten. Alwine, ſprach ich ſunft, von der genalh ſamen Anſtrengung, mit welcher ſie ſich auf⸗ recht zu erhalten ſtrebte, tief erſchuͤttert: gute Alwine, wollen Sie mir eine vertraute n redung gönnen?— Sie ſah mich ſchůchtern an— u ſente die lange, ſeidene Wimper. Gern, guter Ster⸗ nau, ſprach ſie leiſe, was! wuͤnſchen Sie zu wiſſen? Ich zog ſie ſanft Sopha nieder, und ihre Hand an mein Herz druͤckend, bat ich: Daß Sie mir ganz offen über Ihr Verhältniß mit Hedwigs Bruder ſprechen, Alles ſagen, theure Alwine, Ihre Liebe, Ihre Hyfuunge⸗ Ihren Schmerz.— 17 Alwine druͤckte die überſtroͤmenden Augen in ihr Tuch— dann raffte ſie e ſi ich auf und fragte betroffen: Mein Gott! iſt in dieſem unglüͤcklichen Ver⸗ haltuiſſe noch das allerleiſeſte, das Ihnen durch meine Mutter nicht aufgeklärt ward?— Ihre Mutter, gute Alwine, fuhr ich fort, wird wie jede fein fuͤhlende Ihres Geſchlechts, es empfinden, daß es Ihnen, theures Maädchen, zukommt, Ihrem Freunde Ihr Herz ruckſichts⸗ los zu enthüllen— und auch nur durch Sie will ich erfahren, welch ein Ende Ihre Liebe zu dem früher Geliebten genommen— ich bitte Sie, Alwine, mir zu vertrauen, mir zu glau⸗ ben, wenn ich Ihnen ſage, daß Ihr Glück, Ihre Zufriedenheit mir höher gilt, als die eigene. Alwinens Thränen floſſen; ich ſah, wie friſch blutend noch die Wunde war, welche der Tod Theodor's ihrem Herzen geſchlagen.— Gutes Mädchen, ſagte ich daher mit den ſanf⸗ teſten Tönen, welche ihr meinen Antheil ver⸗ rathen, und das unheimliche Gefuͤhl des gall⸗ ſüchtigen Neides niederdruͤcken ſollte, das in mei⸗ nem Buſen aufſtieg— gutes Mädchen, ſind — —= 250— Sie auch gewiß uͤberzeugt, daß Ihr Freund den Tod in den Wellen gefunden? Wer gab Ihnen die Nachricht? Wann und wo ſtarb er? Alwine rang verzweiflungsvoll die Hände— druckte einen Moment die bleiche Wange in die Sophakiſſen, dann ſprang ſie mit einer Lebhaf⸗ tigkeit, die ich an dem Mädchen noch gar nicht kannte, auf, warf ſich mitten im Zimmer auf die Kniee nieder, und ſchrie mit herzzerreißen⸗ den, bebenden Tönen: Theodor ſtarb nicht!— Es war eine Verwechslung. Es war ein Frem⸗ der, der auf dem verungluckten Schiffe ſich be⸗ funden— Theodor lebt! und liebt mich!— er iſt hier, ſein Herz hängt mit unwandelbarer Treue an mir— und ich— weh' mir! ich morde dies treue Herz, 6 n die Braut eines Andern!— Wer ti. es, in meinem Buſen zu ſchildern! Die knieende, bleiche, mit einer Ohnmacht ringende, geliebte Alwine vor mir, verdrängte durch den Schmerz, welcher aus ihrem Auge ſprach, alle Gefuͤhle des eige⸗ nen Schreckens, des Ungluͤcks in meiner Bruſt— ich nahm ſie in meine zitternden Arme— ich 260 legte ihre thraͤnenfeuchte Wange an mein ſchmerz⸗ lich bewegtes Herz, und bat ſie, ſelbſt mit Thränen, nach eigner Faſſung ringend, ſich zu beruhigen, und dann meiner unendlichen Liebe zu ihr zu vertrauen, mir, Alles zu er⸗ 3. Alwine aʒhle nach einigen Momenten. Wirklich hatte ſich die Nachricht von Theo⸗ dor's Tode in der Stadt verbreitet, und war, wie ich richtig vermuthet hatte, die alleinige Urſache von Alwinens Krankheit, ihrem nach⸗ herigen Truͤbſinn. Ihre Mutter hatte mich liebgewonnen, in mir einen anſtändigen Verſorger fuͤr ihre Toch⸗ ter gefunden, und Alwine um ſo lieber den dringenden Vorſtellungen der Mutter nachge⸗ geben, als ich ihr wirklich der einzige Mann, welcher aus dem ganzen Männerkreiſe allein ihr die Stelle ihres Theodor's zu erſetzen vermoͤchte, erſchienen. Plötzlich habe Hedwig vor einigen Wochen einen Brief vom Bruder bekommen— aus welchem ſie erſehen, daß er ſelbſt keine Ahndung hat von dem Geruͤcht, das ihn un⸗ ter die Todten geworfen— vielmehr eines ge⸗ — 261—. heimen Geſchafts des Miniſters zufolge ſich mit deſſen Neffen in Mailand aufgehalten habe— und da dies nun gluͤcklich beendet, der uͤber⸗ raſchten Schweſter und ihren Eltern die frohe Gewißheit von ſeiner baldigen Ruͤckkehr und einer gewiß zu erwartenden Velohnung von Sei⸗ ten des Miniſters gebe. Zum Schluſſe denkt er mit Wärme ſeiner geliebten Braut— bittet Hedwig, ihr die erfreuliche Ausſicht mitzuthei⸗ len und ſie von ſeiner unwandelbaren Treue zu uͤberzeugen ꝛc. Alwine hatte dieſen Brief an die Schwe⸗ ſter ſelbſt geleſen und die Mutter beſchworen, mich von all' dieſen Vorgängen in Kenntniß zu ſetzen— die Mutter ihr darauf erwiedert, daß ich mich auf die vollzogene Verlobung, die nun ſchon zu Jedermanns Kenntniß gelangt ſey, berufe und wie vor auf der Verbindung be⸗ ſtehe, die auch Alwinen bei weitem willkommen ſeyn müſſe— da der mütterliche Segen auf ihr hafte ꝛc. und von Alwinens Neigung zu Theodor nichts zu fuͤrchten ſey, da ſie durch ihr vernünftiges Betragen zur Gnuͤge bewieſen, daß ſie ihn vergeſſen koͤnne. — 260— Nun ſey Theodor vor einigen Tagen mit des Miniſters Neffen angekommen, bei dieſem abgeſtiegen; die Nochricht aber von ſeiner Ge⸗ liebten bevorſtehender Vermählung habe ihn auf's Krankenlager geworfen, ein heftiges Fieber drohe ihn zu toͤdten; ſein letzter, einziger Wunſch ſey nur, Alwinen ein einziges Mal zu ſehen, um von ihr zu erfahren, ob ſie wirklich hoffe⸗ mit mir gluͤcklich zu werden. Dies habe er geſtern Hedwig gſcheben und dieſe die Freundin beſchworen, des geliebten Bruders letzten Wunſch zu erfüllen. Allein das Pflichtgefuͤhl füͤr mich, das Bewußtſeyn ihres unvermeidlichen Schickſals, die Schwaäche, deren ſie ſich nur zu gut bewußt ſey, habe ſie bis jetzt wankend in Entſchlüſſen gehalten.. und Sie haben Theodor wirklich nicht ge⸗ 6 ſehen, beſtes Maͤdchen? fragte ich; vermochten Sie es, dem Jugendgeliebten ſeine letzte Bitte abzuſchlagen? Alwine lehnte ihr thrinenſeuchtes Angeſt icht auf meine Achſel. Ich habe ihn nicht geſehen, ſprach ſie mit kaum hörbaren Tönen— ſein Herz bricht vielleicht— vielleicht das meine „ 155— auch;— aber Sie zu hintergehen, Sternau, vermochte ich trotz allen dieſen Ne Vorſtellungen nicht. Alwine, bat ich, ſcyn Sie vßen; wenn ich nicht ſtörend zwiſchen dies Bundniß getteten wäre, glauben Sie mit Theodor— ge⸗ worden zu ſehn? 4 Alwine ſah mich mit ſchuͤchternen Blicken an.— Wozu Sie mich dies fragen Sternau, ich errathe es nicht— doch zwingt mich die reinſte Achtung, Ihnen wahr, aus tiefſter Bruſt zu antworten;— hätte ich Sie richt ſo glaube ich es faſt— Doch da Du mich kenneſt, himmliſches Maädchen, ſprach ich, gierig den ſchwachen Hoff⸗ nungs ſchimmer aufgreifend, der aus Awintus Worten mir leuchtete. wi Da ich Sie kenne, zerreißt der Kummer mir die Bruſt— denn in unruhigem Schwan⸗ ken und Sinnen neigt mein Herz ſich bald maͤchtig dem Jugendfreunde, bald jede andere Regung gewältigend, ſich Ihnen zu. Dort feſſeln mich die Roſengewinde der er⸗ ſten, reinſten, heiligſten Jugendliebe, hier um⸗ — 264— ſchlingen mich die Vande der Achtung, des Vertrauens, der edelſten Freundſchaft.— Haͤtte ich Sie nie gekannt, ſo waͤr' ich mit Theodor gluͤcklich geworden. Aber würde ich mit ihm Sie jemals vergeſſen können? Und darf ich mit Ihnen des Gegentheils gewiß ſeyn? Ich entdeckte mich meiner Mutter, ihrem Herzen, ihrem Geiſie vertrauend— und dieſe nahm nach ruhiger Ueberlegung mir heut das Verſprechen ab, vor den 2. kuͤnftigen Monats nichts beſchließen zu wollen, was nur im ent⸗ ferntſten Bezug auf Theodor haben könne. Nun errieth ich die Mama und ihr Heim⸗ lichthun. ueberraſcht ſollte die ſchwankende Alwine mir angetraut werden, überraſcht ihre kämpfen⸗ den Entſchluͤſſe feſt, felſenfeſt begründet wer⸗ den durch der ſchnellen Trauung feſtes, unauf⸗ lösbares Band.— Gerührt blickte ich auf Alwinen, die im heiligen, kindlichen Vertrauen ihr argloſes Herz der Mutter uͤbergab, um von deren ruhig klugender Beſonnenheit vielleicht— den Todesſtoß zu empfangen! Erzitternd blickte ich in mein Inneres, das dem heftig aufge⸗ regten, wild brauſenden Meere glich— tau⸗ ſend ſich widerſtrebende Gefuͤhle tauchten auf und unter in meiner Bruſt— mir lachte ein Himmel voll Seligkeit neben einem Abgrund voll Grauſen und Moder.— Der einzige Weg, endlich aus dieſem Labyrinthe zu gelangen, er⸗ hellte ſich vor meinen Blicken— allein es war ein anderer, als der, welchen die Mama ein⸗ zuſchlagen im Begriff ſtand. Alwine mußte die freie Wahl haben i ſchen mir und Theodor;— und ſie ohne der Mama Vermittlung auf den Punkt zu ſtellen, daß ihr dieſe werde, war jetzt der Gedanke, der mich, vorherrſchend allen andern, beſchaf⸗ tigte— darum bat ich die ſo Wntuc geregte: Beſchließen Sie auch nichts, gute Ar⸗ wine— ich danke Ihnen fuͤr Ihr offenes Ge⸗ ſtaͤndniß, obgleich es mir den ſuͤßen Traum meines Glucks auf ewig ſtört— Wie meinen Sie das, lieber Sternau? fragte bebend Alwine. Beruhigen Sie ſich, fuhr ich fort— und vor Allem verſprechen Sie mir, Niemand von 266 unſerer Unterredung zu ſagen——— Mutter nicht. Wollen Sie das? 4 Alwine nickte durch—— fuhr ich fort, und ein beſeligendes Gefuͤhl durchzuckte auf einen Moment mein Inueres; ferner verlange ich Vertrauen von Ihnen, Al⸗ wine, ungemeſſenes, unbegrenztes⸗ Vertrauen; was auch in dieſen Tagen geſchehen möge, verſprechen Sie mir, im„ an mich nicht wanken zu wollen. Alwine hob das ſchöne, reine, auf mich, und ſprach: Wie Gott mein Jnneres durchſchaut, ſo enthuͤllte ich es Dir, Sternau⸗ wie ich Gott vertraue, will ich Dir vertrauen — feſt und heilig—= es geſchehe, was da wolle! pnn Der Morgen meines Geburtstages däm⸗ merte herauf— ich hatte ſo viel wie möglich in den Zwiſchentagen vermieden, der ſelig Lä⸗ chelnden Mama Rede zu ſtehen.— Die vielen Geſchaͤfte, die nothwendigen Gänge zur Ver⸗ anſtaltung der Trauung, die nöthigen Unterre⸗ dungen mit meinem Goͤnner, dem Miniſter, hatten mir den Protert geliefert, den ganzen — 25— Tag außer dem Hauſe ſeyn zu können.— Jetzt oͤffnete ſich, da ich kaum Zeit gehabt, in meinen Schlafrock zu fahren, die Thur mei⸗ nes Zimmers, und Mama trat herein, mir eine Auswahl der ſchoͤnſten Blumen bringend.— — Zum heutigen Feſte, ſagte ſie mit bedeut⸗ ſamem Lacheln, auf ein Myrthenreis blickend. Alwine reichte mir zitternd ein Papier— aus.. mir„ ins Ohr. Ich entfaltete es, ats ich alein war.— Eine ſchoͤne Locke von Alwinens langem, ſeide⸗ nen Haar umgab eine zierliche Brieftaſche, worauf das einzige Wort: Vertrauen, mit ſchönen vrientaliſchen Perlen auf lichtblauem Sammet geſtickt war.— Ich barg Vr und Locke in meinen Buſen. Sie werden doch heut mit uns eſen? hatte die Mama gefragt; ich verneinte, ver⸗ ſprach aber gegen Abend wieder kommen zu wollen, um ſie und Alwinen zu einer kleinen, auf heut veranſtalteten, Feierlichkeit abzuholen. Wiederum nickte die Mama bedentend, 18 — 268— 36 erwiederte das Zeichen und eilte vr in Um ſechs upr Abends ien be eg ℳ Alwinens Thür— zitternd und bleich kam mir dieſe, laͤchelnd, frendig die Mama entge⸗ gen— ich bpt den Damen meinen Arm— wir ſtiegen ein, und raſch fuhr der— vor 2 Schloßkirche. Alwine warf den niſibeen Blic auf —— ich mußte ſie aus dem Wagen tra⸗ ſie zitterte und ſchwankte heftig. Wir traten in die Kirche. IEins blendende Kerzenhelle ſtrahlte„5 vom Altar entgegen— Hedwig und der ganze Alwinen befreundete Kreis ſtand, auf meine Anordnung, mit Blumen geſhmöthn die Braut erwartend. n Ich bat Alwinen, Hut. Nannt nehmen, und ſetzte die mit den ſchönſten Perlen reich durchflochtene Myrthenkrone auf die blon⸗ den, ſchoönen Locken, dann fuͤhrte ich die Be⸗ bende dem Altar zu, deſſen Pfeiler die Geſtalt eines jungen Mannes bargen. q 6 6 — 109— Alwine, ſprach ich leiſe, meine Freundin, meine Geliebte— ich danke Dir, daß Du im Vertrauen zu mir nicht gewankt haſt— dort ſteht Theodor— Dein Jugendgeliebter— ihn liebteſt Du mit dem reinſten Ergluͤhen der er⸗ ſten heiligen Jugendliebe— ſo wie er Dich.— Alwine, ſprach ich, die Erbleichende an meine Bruſt druͤckend— Alwine, auch ich liebe Dich mit unausſprechlicher Innigkeit— doch bin ich ſtark genng, mein Glück dem Deinigen zum Opfer bringen zu wollen, wenn Du ihn wählſt — waͤhle Alwine! wähle frei zwiſchen uns Beiden, die wir Dich mit Liebe lieben — Du biſt freil„6— jun Alwine umſchlang mih jeſ mit beiden Armen— aber ihr Auge ſuchte nach Theodor — und als des Jünglings bebende Lippe ſich öffnete, und leiſe der Name der innig treu Geliebten ſich von dem bewegten Herzen löſte, da ſank mit frendigem Entzücken Alwine an ſeine Bruſt— und die friſchen, roſigen Lip⸗ pen lispelten ihm das Geſtändniß ihrer unge⸗ theilten, heiligen Liebe ins volle, trunkene Herz ⸗ 18* — 270— Trauen Sie, Herr Prediger, rief ich dem zögernden Diener Gottes zu, welchem die Ma⸗ ma ein ſchnelles Halt zuflůſterte— trauen Sie in Gottes Namen, auf meine Verantwor⸗ tung— und leiſe, als die erſten Worte er⸗ toͤnten, und aller Augen ſich auf das ſchoͤne Brautpaar hefteten, ſchlich ich mich fort aus der Kirche, und eilte wie ſinnenlos durch die Straßen, bis ich in den beſchneiten Gängen des oͤden Schloßgartens mich wieder fand. Der Schnee kniſterte unter meinen Trit⸗ ten, die lautloſe Stille der herauf ſteigenden Nacht umgab mich— zahlloſe Sterne ſchauten auf mich herab— der Mond ging kalt und ruhig ſeine gewohnte Bahn, kein Luͤftchen wehte mir Theilnahme zu— in der ganzen Natur herrſchte tiefer, heiliger Friede— nur meine Bruſt zerriß der Schmerz— nur in meinem Innern wogten und ſtürmten tauſend ſchmerz⸗ liche Gefühle— ich ſank auf die Kniee nie⸗ der— ich druͤckte meine heiße Stirn in den kalten Schnee, einzelne brennende Tropfen ent⸗ quollen ſchnell und ſchneller meinen Augen— —— ihm hatte ich das hoͤchſte Gluͤck gegeben— ihm und ihr, die ich ſo unausſprechlich ge⸗ liebt;— ich hatte ſein Herz vor Verzweif⸗ lung gerettet— ich hatte eine gute That ge⸗ than.— Aber mein Herz rang mit dem hef⸗ tigſten Schmerze; hatte ich ſie nicht verloren auf ewig?— und hatte ich mit ihr nicht alle ſo ſchon getraͤumten Lebensfreuden mit einem Mal auf ewig verloren?— Und heut' war mein Geburtstag:— de Tag, von dem ich wähnte, er ſolle mich auf den hoͤchſten Gipfel des Gluͤcks und der Zu⸗ friedenheit ſtellen?— Ich brachte die Nacht bei einem meiner Freunde zu— und einem Verbrecher gleich, ſchlich ich am andern Morgen ſacht und leiſe nach meinem Zimmer hinauf. Da haben Sie nun etwas Schoͤnes ge⸗ macht, Herr Sternau! rief mir die Mama halb ſchmollend entgegen; es iſt ganz gut, daß die That wie eine großmüthige erſcheint— nun, die jungen Leute vergöttern Sie auch da⸗ für, und die halbe Stadt nennt lobpreißend — 272— Fhren Namen—— doch ich, die Mutter, die mun freilich ſo erwas mit nüchternen Au⸗ gen anſehen muß, ich frage Sie, was ſoll nun werden, der junge Mann hat kein be⸗ ſtimmtes Brod, und Sie wußten, daß wir S Vermoͤgen beſitzen. ih n Da griff ich üͤberraſcht in meine Taſche— nin Sie, ſprach ich, mich ermattet in einen Stuhl ſetzend, denn es war mir nach dem geſtrigen Tage, als habe ich eben tauſend Meilen zu Fuß zurück gelegt, wergeben Sie, da habe ich in der Zerſtreuung das Beſie vergeſſen. Wollen Sie wohl ſo gütig ſeyn, dies Papier Ihren Herrn Schwiegerſohn zu ſenden? Der Miniſter trug mir 7 8 geſtern einzuhaͤndigen. Die Mama griff danach— und zwei Minuten ſpäter lag Theodor in meinen Armen, indeß ſeine ſchöne, junge Gattin meine Hand mit ihren Thraänen uͤberſtrömte.— Mein Wohlthaͤter! ſchrie der Erſtere. edler Mann! beſter Freund! die Letztere. Die Mama hatte entdeckt, daß auf meine Bitte der Miniſter Theodor'n die Stelle ge⸗ geben, welche früher mir beſtimmt war— und nun auch warf ſie die dankenden Blicke O wie gut ſind Siel ſprach ſie, meine Hand zärtlich druckend. Nun, gewiß, unſere Liebe ſoll Ihnen ver⸗ gelten! Wir wollen Sie fortan auf den Haͤn⸗ den tragen. Aber all' dieſe Verheißungen vermochten nicht, das bittere Gefuͤhl in mir zu ertödten, welches mehr und mehr überhand nahm, je öfterer ich das junge mir gegenuͤber bei Hed⸗ wigs Eltern wohnende Ehepaar ſo zaͤrtlich und glůcklich ſah.— Ich ſagte daher trotz allen herrlichen Vorſätzen, welche die Mama mit mir gefaßt, das Quartier auf, vermeinend, den Sturm in meinem Innern beſchwichtigen zu koͤnnen, ſo⸗ bald neue, freundliche Gegenſtaͤnde meiner ge⸗ ſchaͤftigen Phantaſie eine andere Richtung ge⸗ ben wuͤrden— allein ich hatte mich getäuſcht. Der wahren Liebe heilige Flamme hatte —— mein Innres durchgluͤht. Ich hatte geliebt— ich hatte entſagt— aber das Bewußtſeyn, meiner Seele ſchoönſtes Traumbild verloren zu haben, ward zum Stachel, welcher meines Lebens Freuden ertodtete. ———— „ ——— 5⸗ 1 3 — O7S 3 36 * 9„ S1 onenqae