Leihbiblivther deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur n Eduard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. eution⸗ Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme † eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: e E auf 1 Monat: TN— Pf. 1 „ — 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Die beiden Da⸗ men waren voͤllig gleich gekleidet, denn beide trugen dunkelblaue ſeidne Ueberrocke, beider Haupt zierten ſchwarze Huͤte, mit weißen wallenden Fe⸗ dern geſchmuͤckt, in denen der laue Wind an⸗ muthig ſpielte, um beider ſchlanken Leib flatter⸗ ten zarte Baͤnder durch die Luft, beider niedli⸗ cher Fuß war gleich bekleidet, kurz ſie waren nicht nur in Gewändern und Kleidung, ſondern in Mienen, Geſtalt und Weſen ſelbſt einander ſo außerordentlich aͤhnlich, daß Jedermann, der ſie erblickte, ſtaunte, und meinte, ſie waͤren Zwillingsſchweſtern. So verhielt es ſich aber nicht, ſondern die um etwas weniges Großere, A 2 war die Schweſter, die Kleinere aber die Frau des jungen Mannes. Wollte man ſie jedoch unterſcheiden, ſo mußte man beide ſehr aufmerk⸗ ſam und nahe betrachten, wo man dann wohl fand, daß die Frau Otbertè, dieß war der Na⸗ me des jungen Mannes, etwas weicheres in ih⸗ rem Geſichtszuͤgen und einem ſchwaͤrmeriſchen Blick des dunklen Auges hatte, Eleonora aber, die Schweſter, mehr Hoheit und ſtrengen Ernſt in ihren Mienen zeigte. Dieſe drei nun, wan⸗ derten wie geſagt, zum Thore hinaus in den neuen Fruͤhling, erfreut uͤber die Wiedergeburt des Jahres, und die zuruͤckgekehrte Geſundheit Eleonorens. Du wirſt doch, ſagte Otbert zu dieſer, unſeren gewoͤhnlichen Spatziergang jetzt ſchon wieder aushalten koͤnnen, oder duͤrfen wir es noch nicht wagen, einen ſo weiten Weg zu unternehmen, ſage es ja meine Liebe, damit wir uns nachher nicht Vorwuͤrfe zu machen haben, oder du gar wieder einem neuen Krankheitszu⸗ falle ausgeſetzt wuͤrdeſt. Nein, ſprach Eleonora, ich bin ſo geſund, wie faſt niemals, und ich denke, wir wandern, wenn auch etwas langſa⸗ mer, wie gewoͤhnlich, doch getroſt zu unſerm Lieblingsplaͤtzchen hin. Dieß war ein Gaſthaus in der Nähe, etwas von der Straße abgelegen, wo die Familie haͤufig unter dem Schatten brei⸗ ter Buchen ihr Mittagsmahl in froͤhlicher Laune verzehrte, dann die Hitze des Tages abwartete, und Abends erſt von dort, in die Wohnung zu⸗ ruͤckkehrte. Welch ſchoͤner Tag iſt doch heute, fing aufathmend Ottilie, Otberts Frau wieder an, wie blau und rein iſt der Himmel, uͤppig draͤngen ſich Graͤſer und Blumen hervor, und Alles freut ſich der wiederkehrenden Waͤrme, und des vollen Lebens in der Natur. Ja, nahm Eleonora das Wort, der Fruͤhling macht auf mich immer den Eindruck eines ſorgloſen, uͤber⸗ muͤthigen Taumels, etwa wie ein kuͤhnes, glaͤn⸗ zendes Luſtſpiel eines erhabenen Dichters. Du haſt recht, unterbrach ſie Otbert, man konnte wohl den Fruͤhling das Luſtſpiel der Natur nennen. Indem zog an ihnen ein Trupp wan⸗ dernder Handwerksburſchen voruͤber, denen man ihre Armuth und Heiterkeit auf den erſten Blick anſah. Einige von ihnen hatten die Roͤcke ab⸗ gezogen, und gingen in bloßen Hemdaͤrmeln, die Stoͤcke, woran das Kleid hing, uͤber den — ₰ Rücken gelegt, andere trugen die Stiefeln in der Hand, und wanderten barfuß, mit etwas zag⸗ haften Schritten, wegen der Steine im Wege, nach; noch andere hatten dem Hut auf's rechte Ohr gedruͤckt, man ſahe ihnen ihre Erfahrungen und Kenntniſſe des Wanderlebens augenblicklich an und merkte leicht, daß ihnen die Faͤhrlich⸗ keiten deſſelben, die Schlaͤgereien in den Schen⸗ ken, die Maͤdchen, das Bier und der Tabak von ganz Deutſchland genau bekannt waren, daher gingen ſie auch leicht, raſch und meiſterhaft ein⸗ her, mit einer Miſchung von Stolz und Freund⸗ lichkeit in ihren Zuͤgen, waͤhrend manche, durch ihr rundes Geſicht, das ſie ſchwitzend zur Erde unter der Laſt des Felleiſens wandten, die Anfaͤnger und Neulinge in der edlen Kunſt des Fechtens zeigten. Alle jedoch waren, oder ſchie⸗ nen wenigſtens luſtig und guter Dinge zu ſeyn, hatten kurze Pfeifen im Munde, ihrem Reiſehut ſauber mit Wachötaffet uͤberzogen, und rauch⸗ ten, waͤhrend ſie allerhand frohliche Lieder ſangen, ihren ſchoͤnen Wenzel in die blaue Fruͤhlingsluft. Wie froh doch die Armuth iſt, ſprach laͤ⸗ chelnd Otbert, hoͤrt einmal, wie ſie ſingen, laßt — — uns horchen, ob wir vielleicht etwas von ihren Liedern verſtehen koͤnnen, denn ihre Gedichte ſind oft huͤbſch, und manche von den Leuten haben eine angenehme Stimme. Otbert ſchwieg, und die Handwerköburſchen ſangen folgende Strophen: Lied. Du froher heller Maientag, Wie biſt du doch ſo ſchön! Froh tirileit der Lerchenſchlag, Gruͤn ſind nun alle Hohn. Du lichter, goldner Sonnenſchein Ihr Blumen allzumal Gruͤßt mir die Allerliebſte mein 6 Auch ihr, Quell, Berg und Thal. Sagt ihr von mir ade! ade! Ich wandre fort, weit weit; Denn Scheiden ach! thut gar ſo weh! Groß iſt mein Herzeleid. Doch, wenn der Mai'mal wieder lacht, Nach dreien Jahren ſchoͤn Und Sonne ſcheint in voller Pracht, Auf Berg und Thal und Höhn;z Dann komme ſie zum gruͤnen Wald, Die Allerliebſte mein, Im grünen Buſch, da mach ich Halt, Da ſoll ſie warten feinz Dann will ich druͤcken ſie an's Herz, Sie bruͤnſtig kuͤſſen, ſchon, Voruͤber iſt dann aller Schmerz, Juchhei! froh Wiederſehn! Sie zogen vorbei und gruͤßten, worauf ſie jauch⸗ zend und lachend allerhand andere Geſaͤnge der Art anſtimmten, um Langeweile oder Schwer⸗ muth von ſich abzuhalten. Waͤhrend ſie nun ſo an unſern Spazier⸗ gaͤngern vorbei wanderten, ſagte einer von dem Erfahrenen zu einem der Juͤngern, indem er ihm lachend einen derben Schlag auf die Schulter gab: Na, Bruder Wuͤrzburger! wer wird ſo ſauertoͤpfiſch auf die Straße kucken, als wenn er etwas verlohrenes ſuchte, nach drei Jahren findeſt du ja dein Maͤdel wieder, ſchau lieber auf und ſieh, welche närriſche Capriolen der Kerl da auf dem Pferde ſchneidet. Durch dieſe Worte wurden Otberts und aller uͤbrigen Augen nach der Gegend hingerichtet, wo ſich der Reiter befand, und man ſah eine Scene, welche die Aufmerkſamkeit der Maͤnner feſſelte, —— —— 4 9— und die Frauen in Schrecken ſetzte. Ein Reiter nehmlich ſtrengte ſich vergeblich an, ſein Pferd zu baͤndigen, welches mit ihm durchgegangen war, und ſich nun bemuͤhte, ihn abzuwerfen, um frei Querfeldein davon rennen zu koͤnnen. Bald baͤumte es ſich dergeſtalt in die Hoͤhe, daß es ſchien, als wuͤrde es ruckwaͤrts niederſturzen, dann warf es ſich plotzlich auf die Vorderfuße, und ſchlug weit in die Luft aus, indem es auf dieſe Weiſe, ſich und den Reiter in eine un⸗ durchdringliche Staubwolke huͤllte. Das La⸗ chen und Singen der vorbeiziehenden Handwerker aber machte es vollends ſcheu, ſo daß es mit einigen gewaltigen Säͤtzen pfeilſchnell bei Otbert und den Seinigen voruͤber die Straße entlang ſchoß. Die Frauen hatten dieß Alles mit gro⸗ ßem Entſetzen angeſehn, und einigemale laut auf⸗ geſchrieen, in der Meinung, der Fremde werde herabſturzen, dieſer aber, ein zu gewandter Rei⸗ ter, ſaß auf dem wilden Pferde mit einem eben ſo edlen Anſtande, als bewundernswerther Fe⸗ ſtigkeit. Nachdem ſie nun endlich ſich einiger⸗ maßen von den ausgeſtandenen Schrecken erhohlt hatten, fing Ottilie an: mir daͤuchte, als ob 1 10 der Fremde auf dem Pferde, der junge Baron von Elft geweſen ware, der uns faſt gegenuͤber, in dem neuen großen Hauſe am Markte wohnt; Gott gebe nur, daß er keinem Schaden nimmt, denn das Pferd war doch gar zu unbaͤndig. Es ſchien mir auch ſo, erwiederte Eleonora, als ob es der Wildfang waͤre; ich könnte ihn ſo ſehr nicht bedauern, er iſt jedoch ſchon außer Gefahr, fuhr ſie fort, indem ſie ſich umwandte, denn er hat das Pferd wieder zum Gehorſam gebracht, und hält dort an der Biegung der Straße, wo er Jemanden zu erwarten ſcheint. In dieſem Augenblick ritt an ihnen, einen Hut in der Hand, auf ſchaumbedecktem Pferd, ein Diener vorbei, den ſie ſogleich an der Livree fur einen von des Barons Leuten erkannten. Sobald der Diener den Herrn erreicht hatte, gab dieſer dem Pferde die Sporen, und beide verſchwan⸗ den aus dem Augen der Zuſchauer. Was mag ihn nur hieher gefuͤhrt haben? begann Ottilie, ſo abwärts von der Straße, gewiß wieder ir⸗ gend ein toller Streich, oder ein unbeſonnenes Abentheuer, denn ſo oft wir ſonſt auch dieſen Wes gegangen ſind, bin ich ihm doch nienials — — — begegnet. Das kann wohl ſein, ſprach Eleono⸗ ra, er liebt es uͤberhaupt viel Comdodie zu ſpie⸗ len, und mit Gewalt auffallen zu wollen, und wenn ich es nicht zu beſtimmt wuͤßte, daß er uns hier nicht vermuthen konnte, ſo wuͤrde mich nichts in der Welt von der Meinung abbringen, er habe den ganzen Spectakel mit dem Pferde blos angefangen, um unſere Aufmerkſamkeit fuͤr ſich zu gewinnen. Das ginge noch alles an, nahm Otbert das Wort, wenn er nur nicht den Kenner in Dingen ſpielen wollte, wel⸗ che ihm in der That fremd ſind, z. B. bei Ge⸗ maͤhlten, woruͤber er vielleicht allerhand ohne Ordnung und oberflaͤchlich geleſen, etwas we⸗ niges leichtſinnig geſehen haben mag, und da⸗ durch wenn er nun ſeine halben Bemerkungen anbringt, ſich in ein eben ſo lächerliches als bedauernswerthes Licht ſetzt, wogegen ihn ſein von Natur ſcharfer Verſtand und ſein angebohr⸗ nes Talent nicht ſchuͤtzen konnen, obwohl ſie ihn zu mancher feinen geiſtreichen Bemerkung fuͤhren. Sonſt aber ſcheint er mir ein guter Menſch, und oft habe ich mit vielem Vergnuͤgen ſeiner wirklich großen Kunſt im Tanzen, Rei⸗ ten und namentlich im Fechten zugeſehn. Unter ſolchen Geſpraͤchen waren ſie bis zu dem erwaͤhnten Gaſthauſe gekommen, und woll⸗ ten eben ruhen, als ſie zwei Frauenzimmer wel⸗ che fremd zu ſeyn ſchienen auf ihren gewöhnli⸗ chen Plaͤtzen bemerkten. Die Fremden waren beide ſehr anſtaͤndig gekleidet, und die eine, wel⸗ che die Herrin ſchien, etwas reicher und ſorgfaͤl⸗ tiger als die andere. Otbert und die Seinigen ſahen, daß ſobald die Fremde ſie bemerkte, ſie ſich in ihren Schleier verhuͤllte, und es un⸗ moͤglich machte, ſie naͤher zu erkennen, während ſie mit aͤngſtlichen Blicken auf die Landſtraße hinſah, als fuͤrchtete ſie von dorther irgend et⸗ was; das andere Frauenzimmer war aͤltlich, hatte ein auslaͤndiſches Anſehn, dunkles Haar, ſchwarze Augen und ein ziemlich breites Geſicht. Sie trug ein bunted Cattun⸗Camiſol, ein wei⸗ ßes Kleid und eine ſchwarze Tafftſchuͤrze. Die Angekommenen gruͤßten ſie, und ſetzten ſich un⸗ weit davon den beiden Fremden gerade gegen⸗ uͤber; ſie hatten nicht lange ſo geſeſſen„als die verſchleierte Dame aufſtand, zu ihnen herantrat, * — ——— — 13— und zu Otbert in einem etwas ſchwerfaͤlligen doch anmuthigen Deutſch ungefaͤhr folgendes ſprach: Sie verzeihen, mein Herr, wenn ich Ih⸗ nen vielleicht zu frei erſcheine, indem ich es wa⸗ ge, als eine Ihnen gaͤnzlich Unbekannte Sie hier anzureden, ja, was noch mehr iſt, Sie um eine große Gefälligkeit zu bitten; allein meine Lage noͤthigt mich dazu, und Ihre Zuͤge haben etwas ſo Zutrauen einfloͤßendes, daß ich nicht umhin kann, mich gerade an Sie und die Ihrigen zu wenden. Otbert verſicherte ſie, ihm waͤre ihr Zutrauen ſehr ſchaͤtzbar, ſie ſollte nur befehlen, und gewiß uͤberzeugt ſeyn, daß er Alles aufbie⸗ ten werde, was in ſeinen Kraͤften ſtehe, ihr zu dienen. Nun wohl, ſprach die Fremde, ſetzte ſich zu ihnen, und ſchlug den Schleier, welcher ihr Geſicht verhuͤllte, zuruͤck, ſo wage ich denn an Sie, mein Herr, die Bitte, mich fuͤr einige Zeit in Ihrer Wohnung, als einer Freiſtatt, aufzunehmen, denn mich zwingt ein unſeeliges Geſchick mein Vaterland zu verlaſſen, und in einer fremden Gegend die Guͤte unbekannter Men⸗ ſchen für mich in Anſpruch zu nehmen. Otbert und die beiden Frauen ſaßen vor Erſtaunen ge⸗ —— feſſelt, ohne im Stande zu ſehn, auch nur ein Wort des Troſtes und der Beruhigung dem wei⸗ nenden Madchen zu ſagen, ſo uͤberraſchte alle die außerordentliche Schoͤnheit der Fremden. Sie ſchien ohngefaͤhr neunzehn Jahr alt zu ſeyn, und ihre Geſtalt, obwohl aͤußerſt zart und fein, feſſelte dennoch durch eine gewiſſe reiende Uep⸗ pigkeit und Fuͤlle das Auge des Beſchauers. Das dunkle Haar floß an der Stirn geſcheitelt in vollen Locken nieder, und erhob das blaͤhen⸗ de Geſicht, wie der Rahm von Ebenholz ein wunderliebliches Miniaturgemälde. In ihrem Zuͤgen ſpielte eine unbeſchreibliche Anmuth um das friſche Roth des Mundes, zu welchem die großen braunen Augen einen frappanten Gegen⸗ ſatz bildeten, der aber durch einen ſchwermuͤthi⸗ gen Reitz derſelben, nicht ſtorend wirkte, ſon⸗ dern den Blick des Beſchauers leicht und wil⸗ lig zu der ſchonen Naſe und den feinen Augen⸗ braunen fuͤhrten. Ueber der ganzen Erſcheinung lag ein Hauch ſehnſuͤchtiger Melancholie, wie oft am ſchoͤnen Fruhlingsmorgen ein duftiger Nebel uber einer frifchen Landſchaft hängt. ſie ſprach, blickte durch die Lippen ein — 15— de Reihe von Zähnen, und alles vereinigte ſich den Anblick bezaubernd zu machen, ſelbſt der muͤhſame und ſchwerfällige Ausdruck im Deut⸗ ſchen. Als ſich Otbert von ſeiner Beſtuͤrzung und Ueberraſchung etwas erhohlt hatte, verſicherte er der Weinenden, ſie ſolle nur aufhoͤren Thra⸗ nen zu vergießen, er wolle ſehr gern eine Dame aufnehmen, deren Weſen ihren Worten den groͤßten Nachdruck gaͤbe, die Frauen wuͤrden ſie lieben und halten wie ihre eigne Schweſter, ſie moͤchte verweilen, ſo lange es ihrer Lage dien⸗ lich ſchiene, und falls er in irgend etwas behuͤlf⸗ lich ſeyn koͤnnte, wurde er nicht ermangeln, ihr mit all dem Eifer, den das Ungluͤck und ihr Geſchlecht verdienten, beizuſtehn. Sie dankte ihm, indem ſie unter den Thränen zauberiſch laͤchelte. Eleonora und Ottilie fuͤhlten ſich zu der ſeltſamen Fremden auch vom erſten Augen⸗ blick an hingezogen, und wer hätte auch bei ſo viel edler Anmuth und ſo feinem Betragen, als die Unbekannte verrieth, kalt oder gleichgultig blebun Wmen. Von ſo großer Macht iſt die Schonheit in Thränen, daß nicht nur Männer 6— ſondern ſelbſt Weiber ſich hingezogen fuhlen, bei denen doch ſonſt jede Regung von Mitleid ſo keicht durch einem einzigen eiferſuͤchtigen Gedan⸗ ken zerſtoͤrt wird. Als die Fremde Otberts Be⸗ reitwilligkeit, ſie zu ſchutzen vernommen hatte, ſprach ſie leiſe zu der ältlichen Frau einige Worte, worauf dieſe ſich entfernte. Otbert wollte hierauf eben einige Fragen an die Unbe⸗ kannte richten, als plötzlich Ottilie aufſprang und rief: mein Gott, was iſt denn das? da kommen ja vier Maͤnner mit einer Bahre, worauf ein fuͤnfter, wahrſcheinlich todter liegt. Aller Au⸗ gen wandten ſich nun nach der Gegend hin, und man erblickte die Leute ſo wie die Bahre, welche unterdeſſen naͤher gekommen waren. Ei⸗ ner von denen, welche ſich bei derſelben befan⸗ den, ging auf Otbert zu und ſagte indem er mit einer beſcheidenen Miene den Hut abnahm: Wer ſie auch ſeyn moͤgen, haben ſie die Gewo⸗ genheit unſerm unglucklichen, ſchwer verwunde⸗ ten Herrn beizuſtehn. Otbert war indeſſen an die Bahre getreten, und ſah, daß auf derſelben ein leichenblaſſer bildſchoͤner Mann lag der Bruſt verwundet ſchien. Der — 1— welcher dabei ſtand, erklarte, die Wunde ſey gefaͤhrlich, wenn der Kranke viel Bewegung zu leiden haͤtte, und hieß die Leute in ein Wirthö⸗ haus gehen, um fuͤr ihren Herrn ein Bett auf⸗ zuſchlagen. Unterdeſſen fragte Otbert einen der Diener, auf welche Weiſe denn ihr Herr ver⸗ wundet worden ſey? Dieſer aber verſicherte, es ware ihm das ſtrengſte Stillſchr eigen uͤber dieſen Vorfall anbefohlen, ſo daß er nichts thun koͤnnte, als der traurigen Pflicht genuͤgen, ſei⸗ nen Herren zu bewachen, und tiefes Schweigen u beobachten. Jetzt kam die Wirthin des Gaſt⸗ ßeſe heraus, eine muntre alte Frau von etwa fuͤnf und ſechzig Jahren, um den Verwundeten zu ſehn. Ach Herr Jeſus, ſchrie ſie auf, daß ſich Gott erbarme, wie das ausſieht! das arme Herrchen!— Ei, ei, ſolch ein bildſchoͤner Mann, es waͤre doch Schade, wenn der ſterben ſollte. He! Chriſtine, Margarethe, Anne, Carolina, Barbara! wo nur der Teufel all die Maͤdchen hat, ei, ei, gerade in die Bruſt, das iſt doch ein malicidſer Schlug geweſen,— nun ſeyhd ihr da, ihr Sackermenter, macht die Thuͤre auf, uͤber⸗ zieht das Bett in No. 3. denn ſolch ein Herr B 18 bedarf eines gar weichen Lagers und ſchönen Zimmers. So recht, Maͤdchen, macht die Thuͤre auf, daß die Bahre hinein kann,— ſachte, ihr Bengels, daß ihr nicht anſtoßt; Herr Je⸗ mine, ſolch ein ſchoͤner Herr! was doch Ungluͤck kreiſchend als redend, wiegte ſie bald den Kopf hin und her, winkte bald mit hoch erhobenen Haͤnden, waͤhrend ſie den Maͤdchen Behutſam⸗ keit und Stille anbefahl, bis ſie endlich dem Zuge folgte. Hier iſt nicht gut bleiben, hub Ot⸗ bert an, nachdem alle fort waren, unſer froͤhli⸗ cher Tag iſt ohnedem durch alle dieſe ernſten Begebenheiten ganz zerſtort, ſo daß ich es fuͤr das Beſte halte, wir wenden ſaͤmmtlich um und gehen nach Hauſe. Verzeihen Sie mein Freund, denn ſo darf ich ſie jetzt wohl nennen, begann darauf die Fremde zu Otbert, ich moͤchte gern ſo wenig auffallend als moglich erſcheinen, und ſo unbemerkt, als es geſchehen kann, in die blick zu weilen, bis ich mich habe umkleiden koͤn⸗ nen. Waͤhrend deſſen haben Sie wohl die Guͤte, meinem Kutſcher das Haus zu bezeichnen, we ſeyn ſoll. Dieß und noch vieles Andere mehr Stadt kommen, deshalb bitte ich einen Augen⸗ — ———— — 19— er heute Abend vorfahren ſoll und bleiben kann, ohne daß man auf irgend einer Weiſe den Wa⸗ gen bemerkt. Sehr gern, erwiederte O und beide gingen. Ottilie und Eleonora blieben nun allein. Und was denkſt du von allem dieſem? begann die Erſtere; nun was ſoll ich denken? ſagte Ele⸗ onora, als das es dem Himmel einfaͤllt, uns eine neue uͤberaus reizende Freundin zuzufuͤhren, daß alle dieſe Begebenheiten intereſſant ſind, Stoff zu mancher Abendunterhaltung geben, und daß ich entſetzlich von Neugier geplagt werde, bald etwas Näheres ſowohl uͤber unſere ſchoͤne Unbekannte, als auch uͤber den huͤbſchen jungen Verwundeten auf der Bahre zu erfahren. Daß ich es nur offen geſtehe, erwiederte Ottilie, mich aͤngſtigen alle dieſe außerordentlichen Dinge, und den jungen Mann habe ich mir vor Schrecken nicht einmal angeſehn, ſo daß ich gar nicht weiß, ob er huͤbſch iſt oder nicht. Gett mag aber auch wiſſen, entgegnete ihr Eleonora, wovor du dich nicht furchteſt, ſieht denn die unbekannte Schoͤnheit etwa ſo entſetzlich aus? Indeſſen beide ſo ſprachen, war ein ſchlicht B 2 —— gefleideter Mann noch zu ihnen heran getreten, und fing beide genau zu muſtern an. Ottilie, deren Phantaſie ſchon ganz mit Raͤubern und Mord erfuͤllt war, ſchrie vor Schrecken laut auf, und ſelbſt Eleonora faßte ſich nur muͤhſam, doch nahm ſie ſich zuſammen und fragte den Frem⸗ den in einem feſten Tone, was er wolle? Hm! ſprach der, ohne ſich in ſeinem Betrachtungen ſtoren zu laſſen, nun weiß ich doch hohl mich der Teufel nicht, wem ich's geben ſoll, ich den⸗ ke aber es war die Kleinere, die hat auch ſo etwas ſchmachtendes, und faͤhrt einen nicht ſo an, wie die Große; damit griff er in den Bu⸗ ſen, und Ottilie, die ſchon in Gedanken den Dolch in der Bruſt fuͤhlte, rief nach Huͤlfe. Laͤchelnd zog der Fremde ein weißes Papier aus der Seitentaſche ſeines Ueberrocks, druͤckte es der erſtarrten Ottilie in die Hand, und war verſchwunden, ehe dieſe Worte finden konnte, ihn wegen des Briefs, denn das war es der Form nach, auszuforſchen. Eleonora war die erſte, welche ſich wieder faßte. Nun was wird es denn weiter ſein, ſprach ſie halb lachend, als ein verruͤckt erſonnener, und albern ausgefuhrter — — Liebesantrag irgend eines lächerlichen Hertn. Ottilie ſtand immer noch leichenblaß und zit⸗ terte an allen Gliedern. So nimm dich doch zuſammen, fuhr Eleonora fort, und bedenke, wo du biſt, anderthalb viertel Meile von Bamberg, dicht bei einem Gaſthof, am lichten hellen Mit⸗ tag, wovor fuͤrchteſt du dich denn? Iſt er fort, fragte Ottilie, und ſah ſich ſcheu nach al⸗ len Seiten um. Ei fteilich, lachte Eleonora und ſieh, welch' ein theures Pfand in deiner Hand zuruͤckgelaſſen worden iſt. Aber mach' doch das duftende Papierchen auf, denn ich bin erſtaun⸗ lich neugierig, wem es denn eingefallen iſt, ſich in die ſchoͤne Frau des jungen Mahlers Otbert zu verlieben. Sieh, fuhr ſie fort, und nahm der Freundin das Blatt aus der Hand, wie fein duftend nach Roſenol und Lavendelwaſſer, o koͤſtlich, was muß das fuͤr ein gefährlicher junger Mann ſehn, wenn er ſich des Herzens ſo leicht als der Naſe bemeiſtert, o! koſtlich, herrlich; und dazu mit blauer Oblate geſiegelt! ei ei, wie ſchoͤn, aber bitte, bitte, oͤffne doch. Unter dieſem Reden war Ottilien die Be⸗ ſinnung wieder gekommen, und ſie fing an recht herzlich uͤber ihre Furcht zu lachen. Endlich er⸗ oͤffnete ſie das Billetchen, welches auf zartem Papier ſehr zierlich geſchrieben war, und wer beſchreibt beider Erſtaunen, als ſie folgenden Anfang last:? Theuerſte, geliebteſte Eleonora! ſiehſt du, unterbrach ſich lachend Ottilie, dieſe vortreffliche Verwechslung habe ich blos deiner Aehnlichkeit mit mir zu danken, der geprieſenen Schweſter des jungen Mahlers Ottbert, o! wie koſtlich das riecht, ei, ei, welch' ein gefaͤhrli⸗ cher junger Mann, wenn er ſich ſo leicht des Herzens, wie der Naſe bemeiſtert. Wobei er aber auch ſehr leicht eine bekommen kann, un⸗ terbrach Elconora die Spottende, aber gieb her, iſt das Blatt an mich, will ich es auch bekannt machen. Damit nahm ſie das Papier, und las, von Lachen und Scherzen oft unterbrochen, folgendes: 8 Theuerſte, geliebteſte Eleonora! Wenn Dich dies Blatt beleidigt, ſo klage Deine Reitze an, welche mich ſo verwegen machen und nicht mich, der ja in allen Dei⸗ nem Willen folgen muß, und gezwungen den Befehl Deiner Schoͤnheit vollzog, indem * er dieſe Zeilen niederſchrieb. Wenn Dich aber dieſe Worte nicht gegen mich Armen aufbringen, . o dann verzeih' auch meiner brennenden Liebe die Bitte, welcher dieſer Brief enthaͤlt, und willſt Du mich ganz begluͤcken, gewaͤhre ſie. Ich muß Dich ſehen, ich muß zu Deinem Fuͤ⸗ ßen muͤndlich bekennen, was dieſen todten Buchſtaben ſelbſt das gluͤhendſte Leben ein⸗ haucht, däß ich Dich liebe. Mein Schickſal liegt in Deiner Hand. Wenn Du in der Vesper dem Manne, welcher rechts am Weih⸗ keſſel ſtehn wird, das Loos zum Leben oder zum Tode einhaͤndigen willſt, wird es dehmuͤ⸗ thig empfangen, Dein in ewiger Liebe Dir lebender von Elft. O der alberne Narr, rief zornig Eleonora, was er ſich einbildet. Von Elft, wiederhohlte verwundert Ottilie, zeig her, iſt es moͤglich von Elft? nun ich gratulire Frau Baroneſſe. Laß mich mt den Laffen zufrieden, rief gluͤhend Ele⸗ onora, ich dachte, du kennteſt mich, indeſſen will ich mich raͤchen, daß er trotz ſeiner wenigen Ge⸗ danken, daran doch denken ſoll. Nun, nun, er⸗ ———— * wiederte lächelnd OSttilie, nur nicht zu heftig; aber hoͤre, ſo laͤcherlich auch dieſer ganze Vor⸗ fall iſt, ſo betruͤbt iſt es doch, das faͤllt mir bei dem abgeſchmackten Briefe ein, daß wir von Richard ſo lange gar keine Nachricht haben, ob und wenn er kommen will. Ja freilich iſt das ubel, entgegnete Eleonora, und wollte eben et⸗ was Entſchuldigendes fuͤr ihren abweſenden Braͤutigam hinzufuͤgen, als ſie von Otbert unterbrochen wurde, der ſeine Frau mit einer etwas umwoͤlkten Stirn fragte, als er das Blatt ſo ſorglos in ihren Haͤnden erblickte, was haſt du denn da fuͤr einen Brief? Gar nicht an mich, erwiederte dieſe ruhig, nimm und lies den ſeltſamen Einfall bei mehr Muße, denn hier ſehe ich eben unſeren Gaſt aus der Thuͤre des Hauſes treten, und auf uns zukommen. Otbert ſteckte den Brief ein, bewillkommte die Fremde, welche ſich in ein einfaches, aber ge⸗ ſchmackvolles Gewand geworfen hatte, und lud ſie nochmals ein, mit ihnen jetzt zu gehen. Gern erwiederte dieſe, meine alte Dienerin, werde ich auch hier laſſen, und wo fuͤr den Wagen, die Pferde und den Kutſcher geſorgt wird, da wird —,— ſich wohl auch ein Plaͤtzchen fuͤr die treue Alte ſinden. Unterwegs fragte Ottilie die Fremde, ob denn wirklich der Verwundete ſo ſchoͤn gewe⸗ ſen ſey, wie Eleonora ihn geprieſen, erhielt aber von dieſer die Antwort, es ſey ihr unmoͤglich Blut zu ſehn, ſie laufe Gefahr, beim Anblick deſſelben in Ohnmacht zu fallen, und ſie habe ſich waͤhrend des ganzen Vorfalles u mgewandt, um nur nichts zu bemerken. Als ſie nach Haufe gekommen waren, eilte Eleonora ſogleich auf ihr Zimmer und von da zur Kirche in die Vesper. Sie fand den bezeichneten Mann, gab ihm die bejahende Antwort in die Hand, worauf dieſer ſich ſchweigend empfahl, und ſie ſich ungeſtort der Andacht uͤberlaſſen konnte. Unterdeſſen war es Abend geworden und Kutſcher, ſo wie Wa⸗ gen und Pferde ſicher und unbemerkt im Hauſe ei nes verſchwiegenen ch itegeltehtert Ganz anders ſih es am Morgen nach je⸗ nem Ungluͤckstage in dem Gaſthofe aus, wohin man den Verwundeten gebracht hatte. Bei ſei⸗ nem Erwachen fand er ſich auf einem armen aber reinlichen Bette, in einer Stube, deren Wände mit buntbemalten Kupferſtichen geſchmuͤckt — 6 E— 1 26— waren, und deren Fenſter in einem reichen Obſt⸗ garten ſahen. Neben ihm ſaß auf einer Art von Lehnſtuhl die alte Wirthin des Hauſes und trocknete die haͤufigen Thraͤnen von den Augen mit ihrer Schuͤrze, waͤhrend ſie zu ihm hinuͤber blinzelte, wie es ihm wohl gehen moͤchte. Als ſie bemerkte, daß er die Augen aufſchlug, ſprach ſie ſchluchzend: Na Gott ſey Dank, daß Sie noch leben, ich ſagte es wohl, die verfluchten Degen und Pruͤgeleien, ich habe ſie mein Lebetage ver⸗ wuͤnſcht, aber das junge Volk hoͤrt nicht. Es iſt nur gut, gnädiger Herr, daß Sie endlich er⸗ wachen, ich glaubte wahrhaftig, Sie wuͤrden ſterben, oder bei meiner Seele, wenigſtens verruͤckt aufwachen, ſolches Zeug haben Sie im Schlafe geſprochen. Und was habe ich denn geſagt? frug der Fremde. Ja du lieber Gott, ich hab's nicht behalten, auch war's meiſt in einer unbe⸗ kannten Sprache, aber Sie ſchlugen dabei um ſich, Gott verzeih mir's, wie toll und raſend, ſo daß mir angſt und bange wurde. Hoͤrt! mei⸗ ne gute Frau, ſagte darauf der Kranke, wollt Ihr wohl zur Thuͤre hinaus rufen, daß Georg der Jager herauf kommen ſolle. Ja, herzlich — gern, gnädiger Herr, aber ſprechen Sie um Gottes Willen nicht zu viel, denn der Herr Gregorius hat es verboten; hierauf rannte ſie fort, und rief den Jäger. Als dieſer kam, frag⸗ te ihn der Kranke, ob waͤhrend der Zeit ſeines bewußtloſen Zuſtandes etwas von Wichtigkeit vorgefallen waͤre. Allerdings gab dieſer zur Ant⸗ wort, ein alter reich gekleideter Herr fragte nach Seiner Gnaden, allein da wir gemeſſenen Befehl vom Arzte hatten, niemanden zu Ihnen zu laſ⸗ ſen, wer es auch ſeyn moͤchte und es bei Ihrem Zuſtande auch nutzlos geweſen waͤre, hat er ſich entſchließen muͤſſen, auf Ihre Beſſerung zu war⸗ ten. Geh' ſogleich hin, antwortete der Fremde, und ſage: ich ließe mich Seiner Durchlaucht dem Herzoge zu Fuͤßen legen und bäte um die Gna⸗ de Ihres Beſuchs, da Sachen von der hochſten Wichtigkeit Ihrer warteten. Der Diener ging und kaum war er fort, als die Alte den Frem⸗ den flehentlich bat, ſeine ſchwache Geſundheit zu ſchonen, und zu bedenken, daß man ſeinem Le⸗ ben mehr als dem Dienſte anderer Herren ſchul⸗ dig ſey. Der Kranke lächelte, dankte ihr und hieß ſie ruhig ſeyn. In diſem Augenßlickt trat —— —— ein Mann, deſſen ergrautes Haar das nahende Alter verkuͤndete, langſam herein, und indem er mit Muͤhe die Thraͤnen aus dem wuͤrdevollen Angeſichte verbannte, ſagte er zu dem Kranken ihm die Hand reichend: es thut mir leid, En⸗ rico, Sie in dieſem Zuſtand wieder finden zu muͤſſen, den ich doch theilweiſe ſelber, aber Gott im Himmel weiß, mit wie anderer Hoffnung verurſacht habe. Laſſen wir das, antwortete Enrico italieniſch, und hoͤren Sie Durchlaucht lieber den Verlauf der Sache: Wie wir es ver⸗ abredet hatten, entließ ich an der Graͤnze von„ Deutſchland alle meine Leute und nahm Deut⸗ ſche in dem Dienſt, von dem kein Einziger, we⸗ der mich, noch auch unſerm beiderſeitigen Feind kennt. Ich rreiſ'te raſch nach eingezogenen Er⸗ kundigungen hierher, ſuchte und fand ihn. Daß die Sache keinen gluͤcklichern Ausgang fuͤr mich hatte, lag zum Theil in meiner Laune des Gluͤcks, zum Theil in der groͤßeren Gewandheit meines Gegners. Aber bei Gott fuhr er heſtiger fort, daß die Augen gluͤhten und das ganze Antlitz wie mit Blut uͤbergoſſen ward, beim Himmel, mein Dolch ſoll noch den Weg zu ſeinem Her⸗ zen ſo ſicher finden, wie der Vogel ſein Neſt. Ach du lieber Gott, rief hier die Wirthin, wel⸗ che zugegen war, beſter Herr, ereifern Sie ſich nicht, ei ei, bedenken Sie doch Ihr ſchoͤnes jun⸗ ges Leben, ich bitte Sie doch gar zu ſehr. Was bemuͤhn Sie ſich doch lieber Enrico, entgegnete ihm wehmuͤthig der Herzog, fuͤr ein Weſen, das weder fuͤr Sie noch fuͤr mich da iſt, und da ſeyn darf, was fechten Sie gegen einen Mann, der es vielleicht am Ende nicht werth iſt; uͤber⸗ laſſen Sie mir es mein Freund, eine Sache auszumachen, welche mich um alle meine Freude und Zufriedenheit gebracht hat. Hier konnte cr die hervorquellenden Thraͤnen nicht laͤnger hal⸗ ten, ſtuͤtzte ſein Haupt in ſeine Hand, und weinte die bitterſten Thraͤnen des Schmerzes. Die Wirthin wurde durch den Anblick des ehr⸗ wuͤrdigen Mannes ſo geruͤhrt, daß ſie mit an⸗ fing zu weinen, obſchon ſie von der ganzen Un⸗ terhaltung kein Wort verſtand. Als ſich alle wieder etwas beruhiget hatten, ſagte Enrico: mein Gebieter, keineswegs will ich mich eines fur uns Alle leider geſtorbenen ungluͤcklichen We⸗ ſens annehmen, es raͤchen oder vertheidigen, ſon⸗ ——— dern einzig und allein einen Nichtswuͤrdigen vom Antlitze der Sonne vertilgen, deſſen frecher Sinn es wagte, das edelſte Haus in ganz Italien zu beflecken, ſonſt beruͤhmt durch ſein Alter, wie ſeine Sittenreinheit, und dieß auszufuͤhren, ha⸗ be ich Ihnen und mir geſchworen, wenn mir Kraft und Leben bleibt. Nun wohl, erwiederte der Herzog, ſo ſey es, indeſſen aber waͤhrend ————— gung jenes Elenden, ich reiſe ſogleich mit einem Ihrer beiden Diener in die Stadt und ſuche ihn auf, wovon ich Ihnen dann ſchriftlich Nachricht geben will. Ja wohl, ſo ſey es, ewiederte En⸗ rico, und legte ſich auf das Kiſſen wieder zu⸗ ruͤck, ermattet von der Leidenſchaftlichkeit des Geſpraͤchs und den Folgen der Wunde. Der Herzog wandte ſich zur Wirthin und bedeutete ihr, ſie ſolle ſchweigen und den Verwundeten gut verpflegen, an Gelde ſolle es ihr nicht man⸗ geln. Die Alte war uͤber die plotzliche Anrede ſo verwirrt, daß ſie lange nichts thun konnte, als einen Knix nach dem andern Shen, mit beiden Haͤnden an dem Saume ihrer Schuͤrze herunterſtreichen, und endlich ganz verlegen ant⸗ 4 Ihrer Krankheit uͤberlaſſen Sie mir die Verfol⸗ —— worten, ſie wolle ſchweigen wie der Tod und den Kranken wie ihrem Sohn halten. Waäh⸗ rend deſſen kam der Arzt, bezeugte ſeine Zufrie⸗ denheit mit Enricos Zuſtande, empfahl ihm Ru⸗ he und verließ mit dem Herzog das Zim⸗ mer des Kranken. Der Letztere warf ſich von einem Diener Enricos begleitet ſogleich in den Wagen und fuhr nach Bamberg, woſelbſt an⸗ gekommen, er dem Diener auf das ſtrengſte be⸗ fahl, weder ſeinen Namen noch Stand auf ir⸗ gend eine Weiſe zu enthuͤllen; und ſogleich an die Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens dachte. Mit ganz andern Ausſichten, als der arme Enrico erwartete, Elft den Abend dieſes fuͤr ihn ſo langen Tages, denn er ſollte nach Eleo⸗ norens Antwort, ſie im Parke hinter dem Hauſe Otbertö, in einem von den dortigen kleinen Pa⸗ villons ſehn, und ihr ſeine Liebesleiden klagen duͤrfen. Eleonora indeſſen hatte ihre neue Freun⸗ din alsbald in ihr Geheimniß eingeweiht, und dieſe nach einigen Schwierigkeiten glucklich uͤber⸗ redet, ihre Rolle zu ſpielen. Gut, ſagte Anto⸗ nie, ſo ließ die Fremde ſich nennen, ich will es thun, aber unter der Bedingung, daß ich mein ———— — 32— wahres Ausſehen durch kuͤnſtliche Mittel verſtel⸗ len darf, eine Sache, die wohl uͤberhaupt noth⸗ wendig fuͤr mich ſeyn mochte, wenn ja irgend Jemand herkaͤme, deſſen Kenntniß meiner Per⸗ ſon, der Plan meines Hierſehns durchkreuzte, und doß ich ſo lange ich mich hier aufhalte fuͤr eine Anverwandte des Hauſes gelte. Eleonora geſtand Alles gern zu, und bat Sie nur ſich in dem Pavillon zu begeben, da es ſchon zu dun⸗ keln anfange. Sie that es, ließ alle Vorhaͤnge des Zimmers herunter, um jedem Zufall erkannt zu werden, vorzubeugen, und ſetzte ſich ſehr be⸗ wegt auf ein Canape nieder. Unſer verliebtet“ 7 Ritter indeſſen ſchlich ſich leiſe durch den Park nach dem bezeichneten Pavillon hin, und erkann⸗ te bald an dem verabredeten Zeichen, daß er den Weg nicht verfehlt habe. Er trat ein, trunken vor Freude und Entzucken, ſah auf dem Soßha eine weibliche Geſtalt, und gezwungen hielt er ſie fuͤr Elconoren. Zu ihr hinzueilen, ſich vor ihr niederzuwerfen und in den gluͤhendſten Aus⸗ druͤcken ihr ſeine Liebe zu bekennen, war eins. Antonie hob ihn unter vielen Thraͤnen, ohne nur ein Wort zu ſprechen auf, zog ihn neben ſich — 33— auf das Canape und erwiederte weinend ſeine heißen Kuͤſſe. Weshalb vergießeſt du ſo viele Thränen, fuͤßes Leben, ſprach von Elft, an meiner Seite, deſſen Treu niemals von dir wei⸗ chen wird. Du ſprichſt auch nicht?— Angſt und Schmerz, ſcheint es, rauben deiner Zunge die Macht der Sprache. Holdes, geliebtes We⸗ ſen, was aͤngſtet Dich?— Nimm als Unter⸗ pfand der wahren Treue dieſen Ring, er verlobt mich mit dir, und ich habe meiner Mutter auf dem Sterbebette ſchwoͤren muͤſſen dieſen Ring nie wegzuſchenken, es ſey denn an meine ver⸗ lobte Braut. Er zog einen Ring vom Finger, und ſteckte ihn an Antoniens Hand. Dieſe druͤckte den Baron unter heißen Thraͤnen an ſich, und umarmte ihn, ohne einen andern Laut von ſich zu geben, als ein zitterndes Ach. Noch nicht beruhigt? rief Elft, und Antonie ſchuttelte das Haupt. Nun ſo will ich morgen zu dei⸗ nem Bruder gehen, und ihm nach einiger Be⸗ kanntſchaft meine Liebe und die Abſicht dich zu heirathen, bekennen, wenn dich das ruhiger ma⸗ chen kann. Antonie neigte bejahend das Haupt und kuͤßte ihn unter unzähligen Thraͤnen. End⸗ C — lich ſetzte die Zeit, welche ihn gehen hieß, ſeinen Liebkoſungen ein Ziel, und nachdem die Lieben⸗ den unſaͤglich oft Abſchied genommen, und immer mit der Trennung gezoͤgert hatten, mußte ſich von Elft entſchließen zu ſcheiden. Er ging berauſcht von ſeinem nahen Gluͤck nach Hauſe, um einige Zeit in die Arme des Schlafs zu ſinken, und dann zum Schein den guten Otbert zu beſuchen, um Eleonoren, wie er dachte, deſto gewiſſer zu beruͤcken. Auch Antonie eilte nun auf ihr Zimmer, wo ſie die ganze Nacht ſchlaflos unter den ſchmerzlichſten Thraͤnen zubrachte. Gleich am folgenden Morgen ſandte von Elft ſeinen Diener zu Otbert, und ward gern angenommen. Wahrend Otbert, den Baron zu erwarten, in ſeinen Studierzimmer umherging, und ſeinen Gedanken Raum gab, welche ſich ſeltſam durchkreuzten, trat Eleonora zu ihm, und da ſie ihn ſo unruhig ſah, fragte ſie, was ihm denn fehle? Meine alte Untugend erwiederte der Bruder, oder Hypochondrie, oder wie du es ſonſt nennen willſt, faͤngt wieder an, mich zu beherrſchen. Dein Verzweifeln alſo, nahm Eleo⸗ nora das Wort, an dir und an Allem? Ja, erwiederte Otbert, ſieh nur, wenn ich bedenke, wie unſaͤglich ich mich quäle und muͤhe, mit wel⸗ chem Fleiß ich arbeite, ohne daß etwas mich aufmuntert, oder mir zeigte, wie weit ich vor⸗ geſchritten ſey, o dann mochte ich meine Palet⸗ te zertruͤmmern und meinen Pinſel zerbrechen. Denke ich denn vollends erſt an die Werke Ande⸗ rer, deren Groͤße, Leichtigkeit und Beſonnenheit, dann komme ich mir ſo klein und arm vor, daß ich aus Gram und Verzweiflung ſterben koͤnnte. Dennoch aber, das iſt eben das Raͤthſelhafte in mir, woruͤber ich ſoviel, aber vergebens nach⸗ denke, dennoch giebt es Stunden, wo ich, ohne eitel zu ſeyn, fuͤhlen und ſagen kann: Auch ich bin ein Mahler. Dein unſeliges Speculiren ſagte Eleonora, iſt es eben, was dich abhaͤlt, etwas Ausgezeichnetes hersorzubringen, dahinter glaube ich ſteckt mancherlei, und Alles dieß ver⸗ dirbt dir deine ſchoͤnſten Gedanken und Ent⸗ wuͤrfe; wenn du nicht ſo viel gruͤbelteſt und zweifelteſt, haͤtteſt du unſtreitig ſchon mehr Aus⸗ gezeichnetes geleiſtet, aber laſſen wir das, von Elft, weiß ich, hat ſich anmelden laſſen. Ja, ſagte Otbert, was der nur wollen mag? Nun, C 2 ———— erwiederte die Schweſter, was wird er wollen? Deine Bekanntſchaft machen, meinethalben ſich bei dir einſchmeicheln; laß dir aber gar nicht, lieber Bruder, merken, daß du etwas von ſei⸗ nem abgeſchmackten Liebesbriefe weißt, ſondern nimm ihn ſo leicht und unbefangen als moͤglich auf, und ſollte er Antonien vielleicht ſehen und nach ihr fragen, ſo daͤchte ich, waͤre es am beſten, ſie in eine Verwandte zu verwandeln. Gewiß, ſagte Otbert, du haſt ſehr recht. In dieſem Au⸗ genblick trat ein Diener ein, und meldete den Baron von Elft, worauf Eleonora entſchluͤpfte und Otbert dem Fremden entgegen ging. Sie verzeihen, redete der Baron den Mah⸗ ler an, daß ich ſo, dreiſt bin, Sie in der Woh⸗ nung Ihrer Muſe außzuſuchen, wo die zuͤchtige Kunſt ſich dem geweihten Freunde mit ihren ge⸗ heimſten Reitzen entſchleiert, allein die Begier einen Mann Ihres Genies kennen zu lernen, uͤberwog die Bedenklichkeiten des Verſtandes, und des Gefuͤhls. Es kann mir, erwiederte Ot⸗ bert, nicht anders als ſchaͤtbar ſeyn, daß ein Mann, von ſo anerkannter Bildung als der Herr Baron die Gewogenheit hat, mich aufzu⸗ ſuchen, und wenn es mir moͤglich ſeyn ſollte, Ihnen in irgend einer Sache, welche meine Kraͤfte nicht uͤberſteigt, zu dienen, ſo wuͤrde ich mich gluͤcklich ſchätzen, es thun zu konnen. Das eben iſt es, ſagte von Elft, was mich zum Theil mit zu Ihnen fuͤhrt; ich will nur meinen Egois⸗ mus gleich bekennen, um ihn dadurch wenigſtens etwas wieder gut zu machen. Das Geburtsfeſt einer meiner Tanten ſoll bei mir durch eine Feierlichkeit verherrlicht werden, und daruͤber wuͤnſchte ich Ihren Rath, als den eines geiſt⸗ reichen Fuͤnſtlers zu hoͤren, wie man wohl auf eine feine Weiſe dieſer ehrwuͤrdigen Dame hul⸗ digen koͤnnte. Wenn ich nicht irre, heißt Ihre Frau Tante Maria: ſprach Otbert, und ſo wärs vielleicht nicht ohne Bezichung und angenehm, wenn man der verſammelten Geſellſchaft eine Darſtellung in ſogenannten lebenden Bildern gaͤ⸗ be, worin ihr die Geſchichte jener heiligen Maria, auf eine wuͤrdige Weiſe vor die Augen gefuͤhrt wuͤrde. Vortrefflich! rief von Elft aus, zu deſ⸗ ſen Plan dieſe Aeußerung Otberts vollkommen paßte, und duͤrfte ich wohl Ihre und der vor⸗ trefflichen Ihrigen thaͤtige Huͤlfe bei dem Feſie ——— 6— in Anſpruch nehmen? Sehr gern, erwiederte etwas uͤberraſcht der Mahler, indeſſen ſetzen Sie mich dadurch in die äußerſt unangenehme Ver⸗ legenheit, an Sie Herr Baron eine vielleicht un⸗ beſcheidene Bitte wagen zu muͤſſen. Ob Sie nehmlich einer Verwandtin unſers Hauſes, wel⸗ che kuͤrzlich erſt aus Frankreich zu uns gekom⸗ men iſt, uns zu beſuchen, gnädigſt erlauben wollten, mit uns dort erſcheinen zu duͤrfen. Es iſt ein angenehmes, ſchoͤnes Maͤdchen, und wir ſind verpflichtet, ſie ſo hoch zu halten, daß wir uns unmoͤglich von ihr trennen koͤnnen. Es wuͤrde mir leid thun, entgegnete der Baron, ein Glied Ihrer vortrefflichen Familie zu wiſſen und es nicht zu kennen, Sie verbinden mich, wenn Sie ſelbſt mir die Gelegenheit geben, eine gewiß ſchätzbare Dame zu ſehn. Unter PVerſicherungen der hoͤchſten Achtung empfahl ſich hierauf der Ba⸗ ron, und Otbert ging zu den Seinigen, ihnen die Einladung wiſſen zu laſſen. Als er zu den Frauen kam, erſtaunte er nicht wenig uͤber An⸗ toniens Verwandlung; denn ſtatt der ſchwarzen Locken umfloß wie ein Heiligenſchein goldgelbes Haar den Nacken, ihre Tracht war ſo ſeltſam, — daß man ſie gar nicht wieder erkannte, und doch ſo reizend, daß man ſie niemals anders zu ſe⸗ hen wuͤnſchte, kurz ſie hatte es verſtanden ſich ſo ganz in eine andere liebliche Form zu umgie⸗ ßen, daß Jeder getauſcht werden mußte. Als ſie Otberts Ueberraſchung ſah, fragte ſie ihn ob wohl Jemand, der ſie niemals ſo geſehn haͤtte, im Stande ſeyn wuͤrde, die vorige An⸗ tonie aus ihr heraus zu finden, welches Otbert verneinte. Nachdem er ihnen hierauf den Zweck des eben empfangenen Beſuchs und an ſie er⸗ gangene Einladung mitgetheilt hatte, kam man nach vielen Vorſchlaͤgen, welch ein Bild wohl darzuſtellen wäre, darin uͤberein, daß es die Madonna von Raphael ſeyn ſolle und zwar ſo, daß Eleonora die Madonna, Antonie die Bar⸗ bara und Otbert dem Sixtus uͤbernaͤhme. Fuͤr die Darſtellung der Engelkinder unten am Fuße des Bildes verſprachen Antonie und Eleonora paſſende Knaben aufzufinden. Von Elft indeſſen taumelte mehr vor Ver⸗ gnügen die Straßen entlang, daß ſeine Plaͤne ſo herrlich und ohne Hinderniſſe gediehn, als er ging, und das Entzuͤcken, womit er ſich den ———— — 40— Gedanken an die weitere Ausfuͤhrung des ange⸗ ſponnenen Abenteuers uͤberließ, hoͤrte nicht eher auf, als bis ihn ein Fremder anredete. Er ſah auf, und vor ihm ſtand zu ſeinem groͤßten Erſtaunen der Herzog. Er faßte ſich bald, und fragte ihm, was er wuͤnſche. Ich habe mich verirrt, lautete die Antwort, duͤrfte ich Sie bitten, mir den Weg zum goldnen Loͤwen, woſelbſt ich abgeſtiegen bin, nachzuweiſen. Herzlich gern, erwiederte von Elft, wenn ich Sie erſuchen darf, mit mir zu gehen, da meine Straße mich bei jenem Gaſthof vorbeifuͤhrt. Im Verfolg der Un⸗ terhaltung fragte ihn dann auch der Herzog, ob er nicht einen Baron von Elft wohnen wiſſe, welches der Gefragte ohne die mindeſte Verlegen⸗ heit bejahte. Dann, fuhr der Herzog fort, wuͤrden Sie mich ſehr verbinden, wenn Sie mir das Haus zeigten, und falls es Ihnen moͤglich ſeyn ſollte, die Stunde beſtimmten, wo ich ihn am beſten ſprechen koͤnnte. Da ich, antwortete von Elft, den Baron perſoͤnlich ſehr genau kenne, ſo bin ich ſo frei, Ihnen anzubie⸗ ten, morgen mit mir eine Geſellſchaft zu beſu⸗ chen, wo Sie vorlaͤufig, ohne eben außzufallen, ſeine Bekanntſchaft ſehr leicht werden machen — 41— toͤnnen. Der Herzog nahm dieſe gute Gelegen⸗ heit wahr, ſagte zu, und freute ſich uͤber einen ſo gluͤcklichen Zufall. Beide verſtellten hierauf ihre Namen, indem der Herzog ſich Baron von Rheinsberg, von Elft aber von Roſenfeld nannte. Obſchon es mir, ſagte der Herzog, etwas aben⸗ teuerlich ſcheint, auf eine Art, die ſo allen Ge⸗ ſetzen der Sitte widerſpricht, mit dem Herrn Baron bekannt zu werden, ſo entſchließe ich mich doch um ſo eher dazu, als ich erfahren habe, daß er das Abenteuerliche und Ueberraſchende liebt, und mir ſo vielleicht durch dieſen Zufall gereitzt, eine großere, wenn auch unverdiente Aufmerkſamkeit ſchenkt. Seyn Sie unbeſorgt, erwiederte von Elſt, ihm durch die Art ſeine Bekanntſchaft zu machen, etwa zu mißfallen, im Gegentheil haben Sie vollkommen Recht; in⸗ deſſen was Sie uͤber den Charakter des Barons ſagen, und was die Aufmerkſamkeit gegen Sie betrifft, ſo ſeyn Sie verſichert, daß er niemals deren genug gegen einen Mann wird zeigen kon⸗ nen, deſſen edles und wuͤrdiges Betragen die hoͤchſte Achtung und feinſte Dienſtbereitwilligkeit fordert und— Ihre Zuͤge, erwiederte der verſtellte Varon, tragen ſo viel Adel und Groß⸗ — — 2— muth au ſich, daß ich Ihnen blindlings vertraue ohne Sie naͤher zu kennen, und mich gänz⸗ lich auf Ihren Edelmuth als ein Fremder und Huͤlfloſer verlaſſe. Daher bitte ich Sie, wenn Sie mich morgen mit dem Baron von Elft wollen bekannt machen, die Guͤte zu haben und mich aus dem Gaſthof abzuholen, da da es mir als einen Fremden ſchwer fallen wuͤr⸗ ₰ de, Ihre Wohnung aufzufinden. Nun warlich, rief von Elft, Sie werden ſich in mir nicht betro⸗ gen finden, obwohl ich bedauern muß, Sie nicht abholen zu koͤnnen; indeſſen mein Wagen wird Sie ſicher an den Ort bringen, wo Sie den Ba⸗ ron kennen lernen werdenz doch hier iſt der Gaſt⸗ hof, leben Sie wohl, auf baldiges und frohes Wiederſehn. Sie trennten ſich und der Herzog ſchrieb den glucklichen Beginn ſeines Plans dem Verwundeten, voller Freude, ſo zufaͤllig und ſo raſch dem Verhaßten entgegen treten zu koͤnnen. kinder erfreut, aber nicht weniger von Gedanken und Planen beſtuͤrmt, vollendete von Elft den Weg zu ſeiner Wohnung. Das freie, edle Zutrauen des Herzogs zu ihm, die Art, wie ſich das Abenteuer mit Elconoren geſtalten — ſollte, die Vorbereitung zum morgenden Feſte, alles das beſturmte wechſelsweiſe ſeine Seele, ſo daß es ihm ſchwer fiel, jenes Gleichgewicht zu behalten, was in ſolchen außerordentlichen Faͤllen alles entſcheidet. Was hilft es mir nun, ſprach er fuͤr ſich, daß ich den wuͤthenden En⸗ rico fur eine Zeitlang wenigſtens unſchaͤdlich ge⸗ macht habe, da jetzt der alte Vater ſelhzr kommt, und mit Waffen gegen mich ficht, denen ich nicht ſo gewachſen bin, wie dem Degen des jungen Mannes? Wer kann wohl einem ſo ed⸗ len und freien Zutrauen mit Pinterliſt und Falſchheit begegnen? und bin ich offen, wie ich denn nicht anders kann, ſo laͤuft mein Leben die hoͤchſte Gefahr von Enricos Dolche erreicht zu werden, wenn auch der Herzog, wie ich glaube, viel zu groß und erhaben denkt, als daß ſolche heimtuͤckiſche Rache ſeine Billigung haben ſollte. Dieß und vieles der Art durchkreuzte ſeine See⸗ le, ohne daß er haͤtte zu einem andern Reſul⸗ tate ſein 5 Denkens gelangen koͤnnen, als dem, ſich in dieſer Sache dem Zufall oder beſſer der Vorſchung zu uͤberlaſſen, und zu handeln, wie Ehre und Klugheit es forderten. Von allen Seiten alſo ward das Geburts⸗ ſeſt der Frau Maria von Elft mit mehr oder weniger Unruhe von keinem mit groͤßerer Be⸗ ſorgniß als von Antonien erwartet. Dieſe war von aller Standhaftigkeit ſo verlaſſen, daß ſie nicht anders konnte, als ſich an Eleonorens Bruſt werfen und ausrufen: Liebe, liebe Freun⸗ din! Sie druͤckte ſie dann heftig an ſich und weinte unaufhoͤrlich ſo daß beide Frauen drin⸗ gend baten, ihnen mitzutheilen, was ſie denn ſo außerordentlich bewege. Endlich, nachdem ſich Antonie etwas beruhiget hatte, ſagte ſie: Ich bin Ihnen meine Freundinnen ſchon ſeit lange aus doppelten Grunde die Erzaͤhlung mei⸗ nes Lebens oder vielmehr meines Leidens ſchul⸗ dig, und will daher nicht länger zoͤgern; vorher aber laſſen Sie mich noch Einiges beſorgen. Sie erhob ſich hierauf, entfernte ſich einige Augen⸗ blicke, und begann ſodann den horchenden Freun⸗ dinnen Folgendes ohngefaͤhr zu erzählen. Ich ſtamme aus einer angeſehenen Familie Italiens, deren Namen hier nichts zur Sache thut, und den ich auch weder zu nennen noch zu fuͤhren wage, weil ich leider fur Alles dieſes geſtorben bin. Ich lebte bis in mein ſechzehntes Jahr ungeſtoͤrt und unberuͤhrt von jeder Leiden⸗ ſchaft. Da jedoch meine Eltern ein bedeutendes Haus machten, in welchem ſich Alles verſammelte, was nur einigermaßen unter Fremden und Einhei⸗ miſchen auf Adel und Bildung des Geiſtes An⸗ ſpruch machen durfte, ſo konnte es nicht fehlen, daß ich mich bald von einer Menge junger Leu⸗ te aus den vornehmſten Staͤnden umringt ſah, welche ſich alle beſtrebten, mir auf eine edle und ihrer wuͤrdige Weiſe zu dienen. Ich ſcherzte neckend bald mit dieſem, bald mit jenem, ohne jedoch einem von Allen mehr als jenes fluͤchtige Wohlwollen zu ſchenken, welches die Geburt ei⸗ nes Abends iſt, und von demſelben Abende be⸗ graben wird, was vielleicht darin lag, daß ich bemerkte, wie ſich alle bemuͤhten, mir dienſtbar zu ſeyn. So verlebte ich die Zeit ſo raſch, daß ich ihrem ſchweren Tritt nicht hoͤrte, und hatte keinen andern Wunſch, als daß ich ſtets meine Tage ſo zubringen moͤchte. Aber der Himmel hatte es anders beſchloſſen, und wenn es auch ſcheint, als habe er fuͤr mich nur Ungluͤck und Pein aufzubewahren gehabt, ſo muß ich ihn ——— — 46— doch preiſen, da dieß Alles mir unſtreitig dien⸗ licher geweſen iſt, als das getraͤumte und ſo haͤufig gewuͤnſchte Gluͤck. Hinter unſerem Hauſe befand ſich ein weitlaͤuftiger Garten, deſſen dun⸗ kele, verſchlungene Gaͤnge und haͤufige Lauben ich zu meinen gewoͤhnlichen Aufenthaltsorte in den Daͤmmerungsſtunden machte. Eines Abends hatte ich mich auch wie gewoͤhnlich aus meinen Zimmer in demſelben hinunter begeben, und ſaß in Träumereien und Sinnen daruͤber, welche neue Neckereien ich mit meinen Anbetern vor⸗ nehmen wollte, ganz verſunken, als plotzlich mich ein Geraͤuſch aufmerkſam machte, welches klang, als wenn Jemand von der Mauer in den Garten hinabſpringe. Ich blickte auf, und ehe ich mich ſammeln konnte, lag ein Mann tief in einen Mantel verhuͤllt, den Degen an der Seite zu meinen Fuͤßen. Göttliche Erſchei⸗ nung, fing er an, verzeih meiner Kuͤhnheit, dich in deinen reinſten Heiligthum zu ſuchen, aber meine ungläckſelige Leidenſchaft für dic zwingt mich zu dieſem Schritt, und wird mich zu noch verwegenern trelben. So erſchrocken ich auch war, konnte ich doch nicht umhin, einer unſeligen Neugier Raum zu laſſen, welche mich trieb, wenigſtens die Zuͤge des neuen Anbeters zu ſehen, daher ſagte ich ihm, er ſolle ſich er⸗ heben, was er denn auch ſogleich that, und mir dadurch ſein Angeſicht zeigte, deſſen ich mich wohl erinnerte, da ich es oͤfterer in der Meſſe geſehn hatte, das ich aber damals ganz obenhin betrachtete, weil es mich nicht intereſſirte. Ich bin, ſagte er, ein Fremder, wie Ihnen das leicht Anſtand und Sprache verrathen werden, ich weiß ich bin in Ihrer Gewalt, aber ich habe mich freiwillig und gern derſelben uͤbergeben, und werde geduldig ertragen, was daraus entſpringt. Dieß Alles ſagte er mit ſo vielem Anſtande und einer ſolchen Liebenswuͤrdigkeit, daß mein Herz augenblicklich an ſeine Erſcheinung gefeſſelt war. Da er mich noch immer ſtumm ſah, fragte er mich, was ich ihm zu thun befohle. Mich au⸗ genblicklich zu verlaſſen, war meine Antwort, wel⸗ che ich in einem recht zornigen Weſen und mit blitzenden Augen vorbringen wollte, allein der Ton meiner Stimme ſtrafte die Form meines Gebots Luͤgen; er bereitete ſich folgſam zu ſehn, bat aber um die Erlaubniß, meine Hand kuͤſſen —— zu duͤrfen, und ich gewaͤhrte ſeine Bitte. Er ging. Vergebens machte ich mir Vorwuͤrfe uͤber mein Betragen, nachdem er fort war das le⸗ bendige Bild des jungen Mannes, war durch ſeine Liebenswuͤrdigkeit, den Muth, womit er meinethalben augenſcheinliche Gefahren uͤberwand, und die ueberraſchung des Augenblicks zu tief in meine ungluͤckliche Seele gegraben. Ich hatte von dem Augenblicke an alle Ruhe verloren, und ſo oft ich mir auch vornahm, ihn zu ver⸗ geſſen, ſo wenig konnte ich meiner Phantaſie gebieten, welche mir immer wieder jene Scene im Garten vorzauberte. Ich ſuchte ihn verge⸗ bens unter den vielen Fremden auf, welche unſer Haus beſuchten; denn ich dachte er wuͤr⸗ de dieſe Gelegenheit als die ſchicklichſte und ſchonſte mich kennen zu lernen, ohne daß es auf⸗ fallen konnte, ergreifen, allein ich irrte mich. Meine Leidenſchaft wuchs taͤglich und ſo raſch und furchtbar, daß ich ſelbſt daruͤber erſchrak, zu koͤnnen. Erſtaunen Sie nicht, meine Freun⸗ dinnen uͤber dieſe Gluth noch daruͤber, wenn ſie in Verlauf der Erzählung Dinge horen ſollten, 6 ohne es verhindern oder mich daruber betruͤben welche Ihren Begriffen nach die weibliche Zartheit und Sittſamkeit verletzen, ſondern bedenken Sie wohl, daß jedes Land ſeine Gebraͤuche und Ge⸗ wohnheiten hat, welche unſer Thun und Laſſen un⸗ abaͤnderlich beſtimmen, ſo daß was in einem Lande als unzuͤchtig und ſittenlos verdammt wird, in dem andern kaum die Aufmerkſamkeit der Zuſchauer erregen wuͤrde. So verfloß alſo eine lange Zeit, ohne daß ich meinen Geliebten, deſſen Namen und Stand mir uͤbrigens gaͤnzlich verborgen war, anders ſah als des Abends vor meinem Fenſter, und auf der Straße. Er pflegte dann vorbei zu gehen, unverwandt nach dem Fenſter hinaufzublicken, und mir verſtohlen ein Papier zu zeigen. Ich verſtand ihn, und nachdem mei⸗ ne Vernunft mir eine Zeitlang vergebens die Thorheit meines Unternehmens vorgeſtellt hatte, nahm ich eines Abends die Guitarre von der Wand und ging, nachdem ich damit an das Fenſter getreten war, in den Garten. Ich war kaum einige Minuten dort, und hatte wenige Accorde gegriffen, ſo flog uͤber die Mauer ein Blatt Papier an einen Stein gebunden, wel⸗ ches ich aufnahm und las. Es war ein Billet D 7 von dem jungen Manne, worin er mich mit den feurigſten Ausdruͤcken beſchwor, ſeine Leiden⸗ ſchaft nicht zuruͤckzuweiſen, er ſey ein Deutſcher und ſein Name, welchen Sie meine Freundinnen wohl laͤngſt errathen haben werden, von Elft. Hier ſchwieg ſie, und ein Strom von Thra⸗ nen brach aus ihren lieblichen Augen, waͤhrend die beiden Frauen voll theilnehmenden Schmer⸗ zes und verwundert ſchwiegen. Endlich erholte ſich Antonie wieder und fuhr in ihrer Erzaͤhlung fort: Ferner ſagte er mir in ſeinem Schreiben, wenn ich ihn liebe, ſo ſolle ich am folgenden Abend um die gewoͤhnliche Stunde im Fenſter erſcheinen und ein rothes Band in Haͤnden ha⸗ ben, wo nicht, ſo moͤchte ich entweder gar nicht oder wie gewoͤhnlich am Fenſter ſtehn. Dann beſchwor er mich noch einmal, ſeine Leidenſchaft zu erhoͤren; denn er waͤre der ungluͤcklichſte Mann unter der Sonne, wenn ich ihn ver⸗ ſchmaͤhte. Das Blatt goß einen ſuͤßen Taumel durch meine ganze Seele, und trotz aller ſtarken und ſchwachen Ermahnungen meines Verſtandes, beſchloß ich voll tauber Leidenſchaft, den folgen⸗ den Abend in bezeichnetem Schmucke zu erſchei⸗ nen. Er ſah es und verſchwand. Den ganzen folgenden Abend war ich in der glänzendſten Geſellſchaft innerlich mißmuthig, wenn ich es auch verbarg, fand meine ſonſtigen Vergnuͤgun⸗ gen fade, und fuͤhlte mitten unter dieſem Ge⸗ wuͤhl die tiefſte Einſamkeit. Meine Aeltern, ſo wenig wie meine Freundinnen, begriffen, wie ich ſo kalt bei den Bewerbungen ſo vieler ange⸗ ſehener und ſchoͤner junger Maͤnner bleiben konn⸗ te, und bei dieſen war ich bekannt als ein We⸗ ſen, deren Buſen unverwundbarer ſey, als Dia⸗ nens oder Minervas Bruſt. Ich allein wußte wohl, wie falſch dieſe Meinungen waren, und ſchaͤmte mich oft meiner Verſtellungsgabe, wel⸗ che in kurzer Zeit ſo ausgebildet war, daß ich Alle, ſelbſt meine ſcharfſichtige Mutter betrog. Ich ward nicht eher innerlich vergnuͤgt, als bis ich auf die gewoͤhnliche Art von meinem Gelieb⸗ ten einen zaͤrtlichen Brief empfangen hatte; dieß wiederholte ſich nun haͤufiger, und in allen ſei⸗ nen Briefen druͤckte ſich ein eben ſo edler als feuriger Geiſt ab, der nur ganz in mir lebte. So verging wieder eine geraume Zeit, ohne daß wir uns ſahen, eine Sache, um die er in je⸗ D2 — nem Briefe flehte, und welche ich ihm niemals gewaͤhrte, weil meine Furcht vor etwaiger Ent⸗ deckung eben ſo groß war, als meine Liebe und der Wunſch, den Gegenſtand derſelben ewig zu beſitzen. So ſaß ich auch eines Abends in meinem Zimmer, eben ſchwankend, ob ich ihm die ge⸗ wuͤnſchte Zuſammenkunft gewaͤhren oder verſa⸗ gen ſolle, als ſich die Thuͤr offnete, und meine Mutter mit einem heitern aber ernſten Geſichte herein trat. Sie ſetzte ſich zu mir und ſagte, daß ein Vater aus liebevoller Beſorgniß für meine Zukunft mich mit dem jungen Enrico da Ponte verſprochen habe, einen eben ſo angeſehe⸗ nen als gebildeten Cavalier, mit dem ich die gluͤcklichſten Tage meines Lebens theilen ſollte, und daß ich mich von dieſem Augenblicke an als die verlobte Braut des reichen und maͤchtigen Grafen anſehen moͤchte. So ſehr mich dies auch beſtuͤrzte, lehrte mich doch die Klugheit meiner Leidenſchaft, der Mutter danken und ihr verſi⸗ chern: ich wuͤrde nicht vergeſſen, meines Vaters gehorſame Lochter zu ſeyn. Dieſe Antwort ſchien meine Mutter kaum erwartet zu haben, „— — 6 ſie ſiel mir um den Hals, ſegnete mich und ſagte, daß ich heute zu den vielen Freuden ihres Lebens die koſtbarſte hinzufuͤgte, indem ich eben ſo verſtaͤndig als liebevoll die Wahl meines Va⸗ ters billige. Ach, hätte die ehrwuͤrdige Matrone gewußt, was waͤhrend dem in meinem Inneren vorging und wie ſehr meine Falſchheit ſie be⸗ trog, die arglos und edel nicht ahnden konnte, was ich dachte, ſie wuͤrde mich eher verabſcheut als geſegnet haben. Sie ging, und kaum war ſie fort, ſo war in meiner Seele der Plan feſt, meinem geliebten Eugen eine Zuſammenkunft zu gewähren; ich ſtellte mich alſo um die beſtimmte Zeit, in dem verabredeten Anzuge, einem rothen Fleide, an das Fenſter, und erwartete ſein Vor⸗ uͤbergehen, wo ich ſein Entzuͤcken deutlich in ſei⸗ nen Mienen las. Denſelben Abend war ein großes Feſt bei meinem Vater, es ward vor⸗ läufig mein neuer Brautſtand bekannt gemacht, und alle junge Maͤnner beneideten den abwe⸗ ſenden Enricd. Den Abend darauf ſah ich meinen Geliebten zum erſten Male, in einer verſchwiegenen Laube unſers Gartens, in wel⸗ che er auf die gewoͤhnliche Art gelangte, und und wir wiederholten uns muͤndlich die ſuͤßen Schwuͤre ewiger Treue, obwohl ich ihm nicht verhehlte, daß ich nach dem Entſchluſſe meiner Aeltern die Braut des Grafen da Ponte waͤre. Er ſchien daruͤber traurig, faßte ſich aber bald wieder und ſagte, wenn ich ihn nur liebte und getreu waͤre, fragte er nach den Beſchluͤſſen und Wuͤnſchen Anderer wenig. Wir ſchieden, nach⸗ dem wir eine zweite Zuſammenkunft verabredet hatten, und kamen mit immer erhoͤhter Sehn⸗ ſucht zu der folgenden. Ich ergab mich dem ſuͤßen Taumel der Leidenſchaft, die mich begluͤck⸗ te und vernichtete mit der vollen Kraft der Ju⸗ gend, war taͤglich heiterer, ſchoͤner, von Allen angebetet, von den Aeltern vergoͤttert, bis zu ſpaͤt der gottliche Rauſch verflog, und die tiefſte Trauer meine Seele umhuͤllte. Ich fuͤhlte mich bald durch die Folgen jenes ſeligen Umgangs elend, und wußte lange keinen Ausweg fuͤr meine Verzweiflung. Endlich gab mir die guͤ⸗ tige Vorſehung den Gedanken ein, vor der Of⸗ fenbarung meiner Schande zu entflichen, und bald noͤthigte mich meine Lage, dieſen Entſchluß auszufuͤhren. Ich machte alſo die alte Dienerin — 55— meiner Mutter, deren Ergebenheit von mir ſchon oft geprobt war, zu meiner Vertrauten, raffte alles Geld, meine Juwelen und alle Koſtbarkei⸗ ten, deren ich habhaft werden konnte, zuſam⸗ men, hinterließ in einem Briefe meinen bekuͤm⸗ merten Aeltern die Nachricht meines Fehltritts, ſo wie meines Entſchluſſes, mit der Bitte, mich ruhig ziehen zu laſſen und fuͤr geſtorben zu hal⸗ ten, und entfloh mit meiner Vertrauten in der Nacht aus dem väterlichen Hauſe. Von Elft hatte ich weder von meinem Entſchluſſe benach⸗ richtigen koͤnnen, noch hatte ich ihn ſeit einiger Zeit geſehen, ſo ſpurlos ſchien er verſchwunden. Ich beſchloß, ihm nach Deutſchland zu folgen; denn ich hatte theils, ich weiß nicht mehr ge⸗ nau wie, vernommen, dorthin ſey er abgereiſt, theils trieb mich auch dazu die Beſorgniß, von meinen Aeltern entdeckt und nach Hauſe ge⸗ ſchleppt zu werden. Die von Neuem unaufhaltſam hervorſtrö⸗ menden Thraͤnen ihrer Augen, durch die Erin⸗ nerung, ſchien es, an die qualvolle Vergangen⸗ heit entlockt, unterbrachen gewaltſam den Lauf ihrer Erzaͤhlung, bis ſie nach einer Pauſe das — 56— vermehrte Mitleid der Zuhorerinnen durch fol⸗ genden Beſchluß ihrer Geſchichte noch erhoͤhte. Bald nach meiner Flucht wurde ich durch einen lieblichen Knaben beſtändig an die vergangene Gluͤckſeligkeit und Schuld, ſo wie an den Urhe⸗ ber von beiden erinnert, und kaum ließen meine Kraͤfte die Wanderung zu, als ich von Neuem meinem Geliebten nachpilgerte. Meine Koſtbar⸗ keiten machte ich alle nach und nach zu Gelde, und das letzte faſt, wandte ich daran, den Wa⸗ gen zu kaufen, weil ſowohl mir als beſonders meinem Kinde der Weg zu Fuß viel zu be⸗ ſchwerlich werden mußte. So ſtreifte ich drei Jahre ſchon umher, bis mich endlich das wun⸗ derbarſte Zuſammentreffen mit Ihnen, und durch Cleonoren mit von Elft zuſammen fuͤhrte, daher meine Thränen und die Bereitwilligkeit, Ihre Stellvertreterin im Pavillon zu werden, einer Sache, welche ſonſt wohl unerhört und frech zu nennen geweſen waͤre. Was meine Aeltern an⸗ belangt, ſo weiß ich nicht, ob ſie noch leben, oder ich ſie als todt beweinen ſoll; und mein Herz hegt keinen andern Wunſch, als daß der Himmel mich noch mit ihnen verſöhnen möge, ——— damit ich durch verdoppelte Sorgfalt und Liebe den Kummer einigermaßen wenigſtens abbuͤßen moͤge, den ihnen meine Jugend und Thorheit verurſacht haben. Sie ſchwieg, und Eleonora umarmte ſprach⸗ los die Freundin, waͤhrend die weichere Ottilie ſich in Thraͤnen uͤber ein ſo großes Leiden eines ſo jungen und zarten Weſens ergoß. Antonie ent⸗ wand ſich den Armen ihrer Freundin, und ſagte, in⸗ dem ſie die Thuͤr oͤffnete und einen dreijährigen Knaben an der Hand den Frauen zufuͤhrte: Hier iſt das Zeugniß meines Ungluͤcks und meiner Liebe. Ottilie und Eleonora nahmen den Knaben auf den Schooß und herzten und kuͤßten ihn beſtaͤn⸗ dig, ohne ſatt werden zu koͤnnen, das ſchoͤne Kind zu betrachten. Gut, ſagte endlich Eleo⸗ nora, von Elft iſt nicht ſo entartet, daß alle edleren Gefuͤhle von Milde und Redlichkeit in ihm ſollten untergegangen ſeyn, laſſen Sie mich, meine Freundin, Ihre Sache faͤhren, und hof⸗ fentlich bringe ich ſie zu einem guten Ende. In⸗ dem trat Otbert in das Zimmer, und als er den Knaben erblickte, konnte er nicht umhin, zu ragen, weſſen das ſchoͤne Kind ſey. Unſer aller, gab laͤchelnd Ottilie zur Antwort, es ſoll den einen Engel in dem Bilde beim Baron darſtel⸗ len. Das Kind hatte ſich indeſſen auf die Erde geſetzt und ſpielte, waͤhrend Antonie, die ihre Bewegung noch nicht verbergen konnte, ſich uͤber daſſelbe beugte und unter heißen Thränen beſtaͤndig ſein goldenes Haar ſtreichelte. Als Otbert dies ſah, fuhr er, wie ſich beſinnend, mit der Hand uͤber die Stirn, und auf die Frage der Frauen, weshalb er ſo gedankenvoll wuͤrde, erwiederte er läͤchelnd, es iſt nichts, wohl nur ein Traum. Aber, fuͤgte er abbrechend hinzu, kommt, laßt mich, waͤhrend wir zum Baron gehen, die Ur⸗ ſache von Antoniens Thraͤnen und Eurer Bewe⸗ gung erfahren, damit ich, wenn auch nicht hel⸗ fen, doch troͤſten kann, ſo weit in menſchlicher Macht ſteht. Sie gingen, und von Eleonoren er⸗ fuhr er nicht ohne Entruͤſtung uͤber von Elft und voll Schmerz uͤber Antoniens betrogene Liebe den ganzen wunderbaren Zuſammenhang der Ge⸗ ſchichte. Was iſt denn Liebe? dachte er ſo fuͤr ſich, wenn ſie ſo raſch verduften kann, wie die von Elfts gegen ein ſo reizendes Geſchöpf, wie Antonie? Was iſt denn ſicher und zuverlaͤſſig, . wenn es nicht einmal das Gefuͤhl iſt, was es doch am erſten ſeyn ſollte, da wir ſelbſt durch daſſelbe entſtanden? Wie ſchwankt doch Alles, und wir ſelber am meiſten! Wir muͤſſen denken, ohne zu wiſſen, ob wir das Rechte denken; wir ſind gezwungen, zu glauben, ohne die Wahr⸗ heit des Geglaubten ergruͤnden zu koͤnnen, ge⸗ nothigt zu handeln, ohne zu erfahren, ob rich⸗ tig oder falſch, kurz, Alles im Leben ſteht ſo ſchwankend und unſicher, wie das Leben ſelbſt, von dem wir weder den Anfang noch das Ende zu beſtimmen im Stande ſind. Unter ſolchen Gedanken ging er ſchweigend weiter, und die uebrigen ſtoͤrten ihn nicht, weil Jeder ſeinen Gefuͤhlen oder Plänen nachhing, bis ſie Alle vor dem großen glänzenden Hauſe des Barons ſtanden. Sie traten ein, und fanden eine eben ſo zahlreiche als glaͤnzende Geſellſchaft verſammelt. Obwohl ſie ſchon viel von der fuͤrſtlichen Pracht des Barons gehoͤrt hatten, ſo mußten ſie ſich doch beim Eintritt geſtehen, daß ſie kaum eine Vorſtellung davon gthabt hätten, ſo ſehr uͤber⸗ traf die Wirklichkeit hier die Erfindungen der Phantaſie. Sie befanden ſich in einem geräu⸗ migen Saale, deſſen Decke und Waͤnde lauter Spiegel waren, von denen der Glanz der Kron⸗ leuchter hundertfach wiederſtrahlte. Ringsum waren auf einer teraſſenfoͤrmigen Erhoͤhung die ſeltenſten und duftendſten Gewächſe des Suͤdens in TDoͤpfen aufgeſtellt, welche einen ſuͤßen natuͤr⸗ lichen Wohlgeruch verbreiteten, und den Saal eher in ein Feenland als in das Haus eines Barons zu Bamberg verſetzten. Unter allen die⸗ ſen praͤchtigen Naturſchoͤnheiten, welche die Kunſt hier verſammelt und geordnet hatte, befanden ſich Sitze fuͤr die Theilnehmer des Feſtes, ſo daß ein Jeder, wie in einer duftenden Laube dem Schauſpiel, welches eine am andern Ende des Saals errichtete Buͤhne verſprach, ungeſtort zu⸗ ſehen konnte. Von Elft kam erſtaunlich zuvor⸗ kommend auf Otbert zu, und ward nicht wenig durch Antoniens außerordentliche Schoͤnheit ge⸗ feſſelt, als ſie Otbert als eine aus Frankreich gekommene Anverwandte vorſtellte. Sie waren kaum eingetreten, ſo erſchien auch der Herzog, und ward ehrfurchtsvoll von von Elft bewill⸗ kommt. Er fuͤhrte ihn ſogleich auf eine bejahrte Dame mit ehrwuͤrdigen Geſichtszuͤgen hin, und „ F — 61— ſagte, nachdem er ihr den Herzog als Baron von Rheinsberg vorgeſtellt hatte: Frau Maria von Elft, der zu Ehren das heutige Feſt von ihrem Neffen veranſtaltet worden iſt. Der Herzog ſagte ihr einige Artigkeiten, entſchuldigte ſo gut er konnte, ſein Eindraͤngen in ein Familienfeſt, und wandte ſich hierauf mit der Bitte an von Elft, ihn nun auch nach ſeinem Verſprechen dem Wirthe ſelber vorzuſtellen. Von Elft verſicherte darauf dem Herzoge, er ſelber ſeyh der Geſuchte, und bat ihn, einen Scherz ſo leicht zu nehmen, als er gegeben ſey, indem er hinzufuͤgte, daß er ſich nicht habe die Freude verſagen koͤnnen, ſo einen lieben Gaſt ſelbſt bei ſich einzufuͤhren. Antonie indeſſen zitterte am ganzen Koͤrper, und hielt ſich feſt an Eleonoren geklammert, der ſie zufluͤſterte: Gott ſteh mir bei, da iſt mein Va⸗ ter, der Himmel weiß es, wie er mag erfahren haben, daß ich hier bin. Ihre Freundin begriff dieſe Worte gar nicht, und glaubte, die vorhe⸗ rige und jetzige Anſpannung ihrer Seelenkraͤfte habe ſie einem Anfall von Fieber ausgeſetzt, ſo daß ſie beſorgt, dies dem Otbert ſowohl als der Ottilie mittheilte. Von Elft, der aus allem — 62— was vorging„ die Beſorgniß der Familie um Antonien ſah, trat heran, und erkundigte ſich nach der Urſache ihrer Beſtuͤrzung, wodurch auch der Herzog und die uͤbrigen Mitglieder der Ge⸗ ſellſchaft um die Familie verſammelt wurden. Der Herzog ſah Antonien, welche zitternd und faſt bewußtlos da lag, lange, und wie es ſchien, be⸗ wegt, an, ohne ein Wort zu ſprechen, waͤhrend die Uebrigen beſchaͤftigt waren, der Ohnmaͤchti⸗ gen zu helfen. Auch von Elft konnte nicht ohne ein wunderbares Gefuͤhl auf die bleichen Zuͤge der Fremden ſehn; um ſich einer truͤben Stim⸗ mung, welche ihn unwillkuͤrlich beſchlich, erweh⸗ ren zu können, beeilte er ſich, das Feſt begin⸗ nen zu laſſen. Antonie indeſſen erholte ſich aus ihrer Betaͤubung, und da ſie ſich weder von von Elft noch von ihrem Vater erkannt ſah, belebte das ihren geſunkenen Muth ſo ſehr, daß ſie ſich auf eine ſogar gewandte leichte Art bei der Ge⸗ ſellſchaft uͤber die unwillkommene Stoͤrung ent⸗ ſchuldigte. Nachdem ſich alſo auf dieſe Weiſe die Gemuͤther wieder gefaßt hatten, gab von Elft das Zeichen, die Feierlichkeit zu beginnen. Es ertoͤnte nun eine Muſik, von der Niemand — 63— entdecken konnte, aus welcher Gegend ſie kam. Bald ſchien es, als duftete ſie aus den wun⸗ derbaren Bluͤthen und Blumenkelchen des Saa⸗ les heraus, bald quoll ſie ſcheinbar von der Decke hernieder, dann durchwogte ſie den gan⸗ zen Raum in leichten und glaͤnzenden Tonen, und bemeiſterte ſich jedes Ohres. Endlich verei⸗ nigte ſie ſich mit Stimmen, welche leiſe und zart folgendes Lied in einer ſanften, faſt ſchwer⸗ muͤthigen Melodie ſangen: i Wenn des Fruͤhlings Roſengluthen Alle Blumen leis umduͤften, Und des Winters Schleier luͤften: Spiegelt wieder in den Fluthen Sich die hohe goldne Sonne; Alle Baume gruͤnen wieder, Voͤgel ſingen frohe Lieder, Und die Menſchen trinken Wonne. Der Erinnrung Abendroſen Moͤgen freundlich Dich umbuften, Liebe weh' aus allen Luͤften Freude Dir, mit Dir zu koſen. Und wenn unter Luſt und Scherzen Raſch die Stunden uns entſchwinden, — 64— Freudengotter Kränze winden, Auf ſich thun der Menſchen Herzen, Dann erſcheint das bunte Leben In dem äͤchten Farbenglanze, Gleich dem leicht beſchuhten Tanze Um den Engel liebend ſchweben. Mag die jetzge Freudenſtunde Ewig laͤchelnd wiederkehren, Dich zu lieben, Dich zu ehren, Unter dieſem frohen Bunde. Wenn der Morgenſonne Strahlen Kuͤhn die goldnen Wolken kuͤſſen, Daß ſie leiſ' errothen muͤſſen, Und den Himmel gluͤhend malen, Jauchzt der Wald in frohen Rauſchen, Alle Blumen duften dankend, Licht und Schatten ſieht man ſchwankend, Neckend ſich die Plätze tauſchen. Ja der Zukunft Morgenflimmer Moͤge freundlich an Dich laͤcheln, Bluͤthenduft Dich ſanft umfäͤcheln, Kuͤndend Dir des Gluͤckes Schimmer. Die Muſik tonte nach dem Geſange in im⸗ mer leiſeren Schwingungen fort, daß ſich der Seele das Gefuͤhl aufdraͤngte, was Jeden durch⸗ zuckt, wenn ſich vor ſeinen Blicken ein Adler immer hoͤher und hoͤher in die blaue Luft verliert, bis ſie endlich ſich ganz leiſe in getragenen Harmonikatonen aufloͤſte, welche die Gemuͤther der Zuhoͤrer zu einer heiligen, fuͤr die nachfol⸗ genden Gegenſtaͤnde geeigneten Stimmung erho⸗ ben. Plotzlich verſchwanden die Lichter, ein ma⸗ giſcher Wohlgeruch durchwallte den Saal, ge⸗ räuſchlos erhob ſich der Vorhang der Buͤhne, und zeigte die drei Genien des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung, als Kinder dargeſtellt, von denen Glauben und Hoffnung mit ihren Attributen ſpielten, waͤhrend die Liebe mit ſeli⸗ gen Blicken auf die beiden hinſchaute. Die Muſik wiegte dazu in leichten Toͤnen auf gol⸗ denen Fluͤgeln der Sehnſucht durch den Saal, und fluͤſterte holden Schmerz und Liebesglut, bis ein leiſer Nebel das Bild den Augen der Geſellſchaft entzog. Hierauf folgte eine be⸗ tende Maria, der engliſche Gruß, eine im Schmerz verſenkte Maria, und andere Darſtel⸗ lungen aus dem Leben der Jungfrau, alle mit beſcheidener, paſſender Muſik begleitet. Plotzlich erſchollen Klagetoͤne, und in ſchmerzhaften weh⸗ muͤthigen Melodieen bereitete die Muſik Alle auf — 66 ein raͤthſelhaftes Bild vor. Otbert nemlich hatte raſch beſchloſſen, die Stellung, in welcher er heut Antonien fand, ehe ſie zum Baron gingen, zu benutzen; und als der entſchwundene Vor⸗ hang das neue Bild enthuͤllte, ſaß Antonie an einem Tiſche, die eine Hand im goldgelben Haa⸗ re verborgen, die andere auf das Haupt des Knaben gelegt, uͤber das Kind, wie es ſchien, weinend gebeugt, welches ſorglos zu ihren Fuͤ⸗ ßen ſich kindiſchen Spielen uͤberließ. Endlich verſchwand auch dieſes Bild, und zum Beſchluß erſchien die Madonna, di San. Siſto. Von Elft hatte Alles aufgewandt, was be⸗ zaubern und ruͤhren konnte. Die Muſik ſpielte in leiſen Gaͤngen einen wunderbaren Choral, S die Stimmen piano dazu ſangen: O sanctissima O piissima Dulcis virgo Maria Mater amata Intemerata Ora, ora, pro nobis. Dies Alles vereint mit dem, was dem Auge geboten wurde, riß Jeden, der es erblick⸗ te, zu einem faſt unglaublichen Taumel von — 7 — Entzuͤcken und Begeiſterung hin. Dies hatte auf die Darſtellenden ſelbſt einen ſo großen Ein⸗ fluß, daß ſie kaum mehr etwas Menſchliches als die Form zu haben ſchienen. Die Gäſte ſtaun⸗ ten ſprachlos die Hoheit an, welche aus Eleo⸗ norens erhabenen Zuͤgen zu ihnen ſprach; ſo hatte ſelbſt Otbert ſie nie geſehen; ſie ſchien nicht mehr auf Erden zu wandeln, ſondern von Engelsglorie getragen in den Wolken zu ſchwe⸗ ben. Der natuͤrliche Schmerz Antoniens und das Hinunterblicken auf ihren Sohn gab ihr eine reizende Miſchung von Demuth, Schmerz und Anmuth, ſo daß ſie den Eindruck hervor⸗ brachte, als werde auch ſie mehr von den En⸗ geln getragen, als ihre tiefe Demuth zu denken wage, und Otberts kräftige Zuͤge begeiſterte dieſer doppelte herrliche Anblick ſo, daß aus ſeinen Augen Feuer der Poeſie und Begeiſterung ſtrahlte. Von Elft vermochte nicht den Blick vom Bilde zu wenden, und eine Miſchung von tauſend Gefuhlen tobte in ſeiner Bruſt bei dieſem Anblicke, der ihn wie ein Echo verronnener Stunden ſuͤßen Gluͤckes er⸗ ſchien, ohne daß es ihm doch moͤglich geweſen wäre, zu einer deutlichen Empfindung zu kommen. E 2 Endlich verſchwand auch dieſes Bild, die Lichter erleuchteten wieder den Saal, die uͤberirdiſchen Erſcheinungen waren traumartig entflogen, die Muſik toͤnte weltlicher, der Vorhang rauſchte empor, ein Tanz von Genien, reich an gracieu⸗ ſen taͤndelnden und leichten Wendungen, ſchwebte voruͤber, waͤhrend die unſichtbaren Saͤnger ſchlie⸗ ßend folgende Worte in einer einfachen edlen Melodie ſangen: Lied. So entſliegen alle Bilder In des Lebens leichten Schlummer, Scherz und Luſt wie Schmerz und Kummer Werden dem Erwachten milder. ¹ Die niemalen Schmerzen fuͤhlten, Kennen weder Luſt noch Scherzen, Feuer gluͤht dem nicht im Herzen, Deſſen Glut nie Thraͤnen kuͤhlten. Und wen liebevoll hienieden Dieſes Lebens goldne Wogen Zu den Sternen bald gezogen Und beſchenkt mit holden Frieden; Bald in Schmerzensfluth umſchweben, Daß der Hoffnung Sterne ſchwinden, — 69— Und ihn Gram und Angſt umwinden, Der nur lebt ein wahres Leben. Darum heißet ſtets willkommen, Scherz und Luſt, wie Schmerz und Kummer In des Lebens leichtem Schlummer, Den Erwachten wird's genommen. Die Laͤnzer verſchwanden, die Toͤne ver⸗ klangen, die Sänger verſtummten, und das ganze luftige Feſt ſenkte ſich faſt unmerklich in die gewoͤhnlichen Regionen der Geſellſchaftlichkeit hinab. Der erſte, welcher Worte fand, war der Herzog, welcher den neben ihm ſtehenden Otbert fragte, wer denn der ſinnvolle Anordner des Ganzen waͤre, worauf Otbert den Baron nannte, und ihn auch als Dichter der geſunge⸗ nen Strophen bezeichnete. Als der Herzog erfuhr, Otbert ſey ein Ma⸗ ler, ſo bat er ihn um die Erlaubniß, ſein Stu⸗ dierzimmer beſuchen zu duͤrfen, da er ſelbſt ein ſehr großer Freund, wenn auch kein Kenner von Bildern ſey. Von Elfſt hatte bis dahin traͤumend neben den beiden geſtanden, und ward nicht eher aus ſeinem Nachdenken erweckt, als bis der Herzog fragte, wer denn der Knabe ge⸗ —— weſen waͤre, welcher in dem Bilde den Engel zur rechten Seite vorgeſtellt habe; dies war, er⸗ wiederte Otbert, der Sohn eines Nachbars von mir, und der andre? unterbrach heftig von Elft den Maler; meiner verſtorbenen Schweſter Sohn, entgegnete dieſer. In dieſem Augenblick trat Eleonora heran, um bei von Elft Antonien zu entſchuldigen, welche ſich unter dem Vorwande von Unwohlſeyn mit ihrem Sohne ſogleich nach Beendigung der Vorſtellungen nach Hauſe bege⸗ ben hatte. Wie lebendig haben Sie, ſprach von Elft zu Eleonoren verbindlich gewendet, ganz des großen Meiſters wuͤrdig, das Bild, oder vielmehr den Geiſt des Bildes, das Sie dar⸗ ſtellten, aufgefaßt, ſo, daß es mir wieder ganz vor die Seele geruͤckt ward, und meinen Geiſt mit dem ehrfurchtsvollen Schauer uͤbergoß, den ich empfand, ſo oft ich das Bild betrachtete. Es giebt wohl kein Gemaͤlde, in welchem ſo Ernſt, Strenge, Liebe und Milde vereinigt waͤ⸗ ren, wie in dieſer Raphaeliſchen Madonna, und ſo oft ich es betrachtet habe, bin ich von der unendlichen Groͤße der Darſtellung beſeligt wor⸗ den, ohne daß ich eigentlich beſtimmt hätte ſa⸗ —— —,— —,— —— gen koͤnnen, hierin oder darin liegt der Grund dieſes Gefuͤhls. Das ueberirdiſche in dem Ge⸗ ſichte der Madonna wird durch die dazu geſtell⸗ ten Figuren des Sextus und der Barbara eben ſo vortrefflich hervor gehoben, wie das Göttliche am Jeſuskind durch die beiden unten ſtehenden Engelsköpfe; gerade wie es keineswegs will⸗ kuͤrlich iſt, daß auf der Seite des Kindes der Papſt, und an der freien Seite der Jung⸗ frau die heilige Barbara knieet, ſondern dies iſt eine eben ſo feine Beobachtung der Ideen⸗Sym⸗ metrie, wie es die beiden Engelsgeſtalten ſind, von denen die eine uns Schweigen befiehlt, und durch ihren aufwaͤrts erhobenen Blick unwillkuͤr⸗ lich den unſern leitet. Nicht minder groß und zart iſt der Ausdruck irdiſcher Weiblichkeiten der Barbara, welche zur Erde blickt, indem ſie von der Engelsglorie gehoben und getragen wird; wogegen harmoniſch der Stellvertreter Chriſti auf Erden, kuͤhn und voller Bewußtſeyn ſeines hohen Amtes zur Mutter des Erloͤſers aufſchaut. Alle Verſuche uͤbrigens, dies Werk in Worte zu faſſen, kommen mir klein vor, und jedes Mal, wenn ich es ſah, und preiſen hoͤrte, ſie⸗ — 72— len mir unwillkurlich die großen Worte des Dich⸗ ters ein, welche wohl nicht ganz unwuͤrdig wa⸗ ren, darunter geſetzt zu werden: Odi profanum vulgus, et arceo; favete linguis! Die Unruhe, welche in von Elft's Seele wogte, ließ ihn nicht lange bei betrachtenden ruhigen Geſpraͤchen weilen, daher ſaͤumte er auch nicht lange, die Geſellſchaft zum Tanzſaal zu fuͤhren; dieſer, nicht minder geſchmackvoll als) das verlaſſene Zimmer, war gewoͤlbt, ſchlanke Pfeilerſaͤulen trugen den kuͤhnen Bau, um⸗ wunden ſchien es von Epheu, welches als leben⸗ diges Laubwerk die Decke fuͤllte, ſo, daß Jeder ſich in kuͤhle Baumgaͤnge eines herrlichen Wal⸗ des gezaubert fuͤhlte. Ringsum winkten einla⸗ dende Polſter den Ermuͤdeten, und Liſche mit Erfriſchungen beſetzt, warteten des Zuſpruchs. Bald erklang die Muſik, und der Tanz begann. Angelehnt an eine Saͤule ſah Otbert dem hei⸗ tern Spiele zu, während ſein Geiſt ſich noch an den verſchwundenen Bildern ergoͤtzte, und die Schweſter Eleonora als Madonna ſeine Seele ———— — fuͤllte. Auch der Herzog nahm nicht Theil an dem allgemeinen Vergnuͤgen; denn in ſeiner Bruſt kreuzten ſich tauſend Fragen und Plaͤne. Wie ſoll ich, mußte er ſich beſtaͤndig fragen, die Aufnahme bei von Elft deuten? Er kannte mich, glaube ich, nicht, ſo wenig als ich ihn; war es ein leichter Scherz oder ein tiefer Spott, mit dem er mich zu ſich lud? Was ſoll ich fuͤr meine Ehre thun? O! wenn ich einen Men⸗ ſchen wuͤßte, der weniger geblendet von Leiden⸗ ſchaft, als Enrico, und ruhiger als ich, dieſe Angelegenheit betrachtete, daß er mir rathen koͤnnte. Waͤhrend dieſe beiden ſo von ihren Gedanken der Geſellſchaft entriſſen wurden, ſuch⸗ te von Elft eine innere Stimme, welche ihn aͤngſtete, durch Tanz und Wein zu uͤbertäuben, und trat deshalb zu Eleonoren, mit der Bitte, ob ſie ihm nicht erlauben wolle, an ihrer Hand durch den luftigen Saal zu fliegen. Sie ent⸗ ſchuldigte ſich mit einem leiſen Anfall der ver⸗ gangenen Bruſtſchmerzen, allein von Elft, der dies fuͤr einen bloßen Vorwand hielt, rief den Bruder, um ſeine Bitte bei der Schweſter zu unterſtuͤtzen, und beide ließen nicht eher nach, — 74— als bis ſich Eleonora entſchloß, ihnen zu will⸗ fahren. Waͤhrend nun beide, er, in dem ſuͤßen Wahne, die bald Bethoͤrte in den Armen zu halten, durch den Saal ſchwebten, liſpelte ihm Eleonora zu: Es ſind Perſonen hier, deren Naͤhe Ihnen unvermuthet ſeyn muß, vielleicht ungele⸗ gen. Von Elft ſtutzte, und bat um Erklaͤrung dieſer Worte; wenn Sie uns, beſter Baron, er⸗ wiederte Eleonora, bald beſuchen wollen, wird ſich Ihnen das Raͤthſel ſchnell loͤſen. Er ver⸗ ſprach es gern, und Eleonora freute ſich, einen Schritt naͤher zum Ziele gethan zu haben. Der Herzog naͤherte ſich indeſſen Otbert, und mehr um etwas zu ſprechen als aus Neugier fragte er den Maler, ob er aus Bamberg gebuͤrtig ſey, und wo er ſeine Kunſt zuerſt geuͤbt haͤtte. Nein, antwortete Otbert, ich bin nicht von hier, ſon⸗ dern eigentlich aus Muͤnchen. Aus Muͤnchen? fragte der Herzog, und kannten Sie dort viele Ihrer aͤltern Kunſtgenoſſen? O ja! ent⸗ gegnete Otbert; denn mein eigener Vater war daſelbſt Maler. Ihr Vater? frug der Herzog, und ſein Name? denn ich kannte froͤher die meiſten der dortigen Kuͤnſtler, da ich lange Zeit ———————— ———— — in Muͤnchen lebte. Er hieß Johann Waidberg, ſagte Otbert. Wie! rief der Herzog, Johann Waidberg? O, den habe ich ſehr wohl gekannt; was waren denn ſeine ſpaͤteren Schickſale? er war ſolch ein wackerer Mann; und deſſen Sohn ſind Sie?— Ich habe vergebens nach ſeinem Leben und den Umſtänden, weshalb er ſich von Muͤnchen wandte, geforſcht, auch habe ich nie den Ort ſeines ſpaͤtern Aufenthalts erfahren koͤnnen. Er ſelbſt, nahm Otbert das Wort, war ſehr duͤſter und wortkarg, und eigentlich weiß auch ich die tiefſten Gruͤnde ſeiner Entfer⸗ nung von Muͤnchen nicht, obwohl die Kaba⸗ len und Schleichwege ſeiner Kunſtgenoſſen das Ihre zu dieſem Entſchluſſe beitragen moch⸗ ten, ſo wie das Gefuͤhl ſeiner Verarmung. Kurz er verkaufte Alles, bis auf einige koſtbare Ringe und andere Kleinigkeiten, von denen er behaup⸗ tete, ſie koͤnnten mir einmal noch von großer Wichtigkeit ſeyn, packte den Erlos zuſammen, und zog mit meiner Mutter, meiner Schweſter und mir nach Colln, woſelbſt er kärglichen Er⸗ werb durch die Arbeiten ſeiner Hand ſuchte. Bald darauf ſtarb meine Mutter, und gerade in meinem achtzehnten Jahre zog ihn der Gram um ſeine geliebte Frau dieſer nach. Ich war allein, Coͤlln mißfiel mir der truͤben Vergangenheit hal⸗ ber, ich nahm den wenigen Reſt des väterlichen Vermoͤgens, reiſte hierher und lebe in dem Kreiſe der Meinigen recht glucklich. Der Herzog ſchien ſehr bewegt und fragte den Maler, ob ihm ſein Vater niemals von einem Herzoge von Chiara monte erzaͤhlt habe. Niemals, nahm Otbert das Wort, auch erinnere ich mich noch ſehr wohl, wie tief er alles Italiaͤniſche haßte, was ſo weit ging, daß ſelbſt ihr großes und wahr⸗ haftes Verdienſt um die Malerei, weniger von ihm geſchaͤtzt ward, als es wohl ſollte, und es geſchehen waͤre, haͤtte ihn nicht ein unuͤberwind⸗ licher Haß mit ſcharfen Tadel gegen jeden noch ſo kleinen Fehler in den Werken auch der gro⸗ ſten Meiſter aller Schulen finden laſſen. Wun⸗ derbar, antwortete der Herzog, und doch kannte ich ihn noch als jungen Mann, wo er gerade umgekehrt, hohe Begeiſterung fuͤr alle italiäni⸗ ſche Kunſt zeigte, und wo niemand ihm gewo⸗ gener war, als eben der Herzog von Chiara⸗ monte, der ihm auch viele und koſtbare Ge⸗ ſchenke zukommen ließ. Ich war damals im Gefolge jenes Herzogs, und ſollten die Koſtbar⸗ keiten, welche Sie noch beſitzen, von ihm ſehn, ſo wuͤrde ich ſie leicht erkennen, und im Stande ſeyn, Ihnen zu berichten, bei welchen Gelegen⸗ heiten Ihr Vater die ruͤhmlichen Beweiſe ſeiner anerkannten Kunſtfertigkeit und der Gewogenheit des Herzogs empfing. Otbert erfreut, einen Mann gefunden zu haben, der ihm vielleicht Vieles in dem verfloſſenen Kuͤnſtlerleben einer ihm ſelbſt dunkeln Zeit, aufhellen koͤnnte, lud den vermeinten Baron von Neuem recht drin⸗ gend ein, ja ſein Verſprechen nicht zu vergeſſen, und dieſer ſagte es gern mit ſichtlichen Spuren einer inneren wunderbaren Ruͤhrung zu. Nach und nach zerſtreuten ſich nun die Gäſte, das glanzende Feſt ſtarb, ermuͤdet warfen ſich Tän⸗ zer und Taͤnzerinnen in die Arme des Schlafes, und auch Otbert mit den Seinen, wie der Her⸗ zog, ſchieden vom Wirthe. Den Letzteren uͤberſchuͤttete das Ueberlebte mit ſolch einer Fuͤlle von Gedanken und Ideen, daß er ſich mehr verwirrte als klar ſah, und mehr angſtete als freute. Mit Ungeduld erwar⸗ —— tete er daher den folgenden Abend, und wie einem Liebenden, weilte ihm die Sonne viel zu lange, ehe ſie am oͤſtlichen Horizont erſchien, und noch viel mehr zu lange, ehe ſie am weſtlichen wieder verſchwand. Ein Gluͤck war es, daß ihm Enrico einen Brief ſandte, welcher doch einigermaßen ſei⸗ nen Geiſt beſchaͤftigte. Dieſer ſchrieb darin, daß er geneſen ſeh, und durch die Gruͤnde des Herzogs vollkommen uͤberzeugt, ihm alle weitere Verfol⸗ gungen von Elfts uͤberlaſſen wolle, daher habe er ſich denn entſchloſſen, was auch ohnehin zur Befeſtigung ſeiner immer noch ſchwankenden Ge⸗ ſundheit nothwendig ſey, nach Italien zuruͤck zu kehren. Sollte es aber dem Herzoge nicht ge⸗ lungen ſeyn, den Boͤſewicht von Elft won der Erde zu vertilgen, ehe er ganz geſundet ſey, ſo werde er es als Pflicht anſehn, ein ſo wuͤrdi⸗ ges und großes Amt wieder zu uͤbernehmen. Eines Theils war dies dem Herzog lieb; denn es lag ſchon nicht mehr in ſeinen Planen, von Elfts Leben als Buße und Rache zu fordern, obwohl er fuͤr jetzt keinen Weg ſah, welcher ihn rächte, des Gegners Leben nicht gefaͤhrdete und der Größe des Verbrechens nicht nachſtand. S —— S Auf der andern Seite that es ihm leid, den letten, wenn auch leidenſchaftlichen Freund ſei⸗ ner Sache verloren zu haben. Unter ſolchen Zweifeln und Bangen kam ihm der Pewi Abend heran. Eben ſo unruhig, aber aus ſehr verſchiede⸗ nen Gruͤnden, hatte von Elft die Nacht ver⸗ wuͤnſcht, den Tag langweilig gefunden und den Abend herbei geſehnt. Was iſt es nur, fragte er ſich ſelbſt, indem er mit raſchen Schritten in ſeinem Zimmer auf- und abging, das mich ſo treibt und aͤngſtet, iſt es die Anweſenheit des Herzogs, welcher meint, ich kenne ihn nicht, und deſſen Abſichten und Geſinnungen mir nur zu wohl bekannt ſind?— Iſt es Enrico, deſſen Schwert mein Leben ſucht? Das waͤre Furcht, und nie habe ich die gekannt; oder iſt es die Erinnerung an eine ſelige bittere Vergangenheit, welche ſich unmerklich in mein Herz ſtiehlt? Er warf ſich gedankenvoll in einen Seſſel und ver⸗ ſank in Traͤumereien und Erinnerungen. Iſt es nicht am Ende bloß der Widerſchein jenes Him⸗ mels, jenes Landes, jener wohl bekannten le⸗ ben Staͤtte und des verronnenen Gluͤcks, was — 80— mir der Anblick dieſer lange nicht geſehenen Menſchen vor die Seele zuruͤckbringt? Iſt auch nicht am Ende die Madonna, di San Siſto, daran ſchuld? Trafen dich nicht die Zuͤge der Barbara, das wunderbare Kindergeſicht des En⸗ gels mit einem ſeltſamen Echo der Vergangen⸗ heit? Ruft dies Alles nicht die wehmuͤthigen Gefuͤhle, welche meine Bruſt zerriſſen, und die ſich wie Furcht und Ahnung einkleiden, um nur einen Vorwand fuͤr ihr unaufhaltſames Eindrin⸗ gen in meine Bruſt zu ſinden?— Ja, ſprach er nach einigem Stillſchweigen, du heilige Ver⸗ gangenheit wahrer Liebe, du heilige Zeit, in die mich noch ein einziges Wort, eine einzige ent⸗ fernte Aehnlichkeit mit ihr hinein zaubern kann, ſo daß ich noch einmal in der Erinnerung lebe; holde Laube des erſten Sehens, ſuͤße Laute des weichen, italiäniſchen, theuren Mundes, der mir von Liebe ſprach! Warum iſt das Alles hin? Warum bin ich ſo kalt, ſo leer, ſo verſtaͤndig geworden? Weshalb hat das Alles ausgegluht, und wie ſind nur noch davon die Schlacken uͤb⸗ rig?— Warum verſchwand ſie ſo eilig? Wes⸗ halb mußte ich mich in jenen unſeligen Zwei⸗ — 81— kampf einlaſſen, welcher meinen Gegner hin⸗ ſtreckte, und mich zwang, Italien zu verlaſſen? O, ich Thor! ich Thor! und nun, da mir die Vergangenheit noch einmal ſo nahe tritt, da es ſcheint, als wolle das Leben ſich noch einmal ſo wiederholen, bebeſt du!— Bange Gefuͤhle um⸗ wehen mich, und es beſchleicht mich das wun⸗ derbare Gefuhl„ welches mich oft ergriff, wenn ich die Sage vom Doppelgaͤnger las, das dun⸗ kle Gefuͤhl des nahenden Todes, deſſen Tritt man hoͤrt, ohne erſpaͤhen zu koͤnnen, von wo er naht. Nein! rief er, ſey es, wie es wolle, komme, was kommen ſoll, ich kann es nicht hindern, ſondern nur maͤnnlich ertragen, und Manches ſchon hat mich gelehrt, gelaſſener die Schickung einer hoͤhern Macht hinzunehmen, als ich es ſonſt that, und alles ruhig zu dulden, was die Klugheit mit der Ehre vor ihrem Rich⸗ terſtuhle billigen. Dies, und wie er ſich gegen Eleonoren, den Herzog und Enrico in Zukunft benehmen wollte, beſchaͤftigte ſeinen Sinn die ganze Nacht und den folgenden Tag hindurch ſo, daß endlich auch ihm der Abend erſchien, den er ſo aͤngſtlich erwartet hatte, und ihm nun, als er da war, doch fuͤr ſeine Gedanken zu ſchnell herein gebrochen war. Weit unbefangener und ruhiger als jene Beiden, erwartete Otbert mit den Seinigen den Abend. Otbert vergnuͤgt, weil er uͤber eine vergangene Reihe von Jahren Aufſchluͤſſe zu er⸗ halten glaubte, Ottilie und Antonie ruhig, weil keine von beiden den entſcheidenden Augenblick ſo nahe dachte, und Eleonora gefaßt, weil ſie ſich eines ſchoͤnen und guten Vorſatzes bewußt war. Otbert war ausgegangen, Einiges zu be⸗ ſorgen, und die drei Frauen ſaßen in der Abend⸗ daͤmmerung beiſammen und unterhielten ſich. Eleonora, welche Ottiliens furchtſames Gemuͤth wohl kannte, und deren kuͤhner Geiſt es liebte, mit dem Grauſenvollen und Entſetzlichen zu ſcher⸗ zen, wandte nach und nach das Geſpraͤch auf Geiſter und deren Erſcheinungen, wovon ſie ſo viel Geſchichten zu erzaͤhlen wußte, daß die An⸗ dern immer mehr von Furcht und Schrecken uͤber⸗ waͤltigt murden. Endlich ſagte Ottilie: Sey ſtill mit deinen Geiſtergeſchichten, man wird ja ganz furchtſam, und du kennſt das Sprichwort: Mit dem Teufel iſt nicht gut Kirſchen eſſen. Beſte S —————— „ ——— Ottilie, unterbrach ſie Eleonora, nur noch eine Einzige, dann ſchweige ich. Gut, erwiederte dieſe, unter der Bedingung uͤberwinde ich mich auch, dieſe noch mit anzuhoͤren. Eleonora ſetzte ſich zurecht und begann darauf, wie folgt: In einem tiefen Walde, weit entfernt von allen Menſchen, lebte ganz einſam eine uralte Frau mit ihrer Enkelin. Niemand kam in die Gegend, als dann und wann ein umherſtreifen⸗ der Jaͤgerburſche, oder ein von der Straße ver⸗ irrter Wanderer, welcher in der Huͤtte gegen Sturm und Regen Zuflucht ſuchte. So verleb⸗ ten ſie beide den groͤßten Theil des Jahres all⸗ ein, im Sommer war der gruͤne Wald mit ſeinem lebendigen Rauſchen, die ſingenden Vo⸗ gel und klingenden Quellen, im Winter das Geſangbuch oder Erzaͤhlungen der alten Groß⸗ mutter ihre Geſellſchaft. So ſaßen ſie auch eines Abends im Winter beiſammen, und die Großmutter las eben eifrig im Gebetbuche, als man es unten heftig an die Thuͤre klopfen hörte. Es war ein dunkler Decemberabend. Der Schnee flog in haͤufigen Flocken auf die weiße Erde, der Wind warf von den knarrenden Bäu⸗ F 2 — 84— men die duͤrren Aeſte, und Enkelin konnte, als ſie vom Fenſter hinunter ſah, nichts unterſchei⸗ den. Es wird wohl, ſagte ſie zur Alten, nichts geweſen ſeyn, als der Wind, welcher einen Aſt gegen die Thuͤre geworfen hat. In dieſem Au⸗ genblicke klopfte es zum zweiten Male. Sieh hinunter, wer es iſt, ſagte die Großmutter, wohl ein armer verirrter Wanderer. Das Maͤdchen nahm die Leuchte, ging hinunter und fragte, wer draußen waͤre?— Keine Antwort. Sie offnete die Thuͤre, Niemand'war da. Dacht ich's doch, ſagte ſie fuͤr ſich, und wollte im Finſtern hinauf gehen, da ihr der Wind beim Oeffnen der Thuͤre das Licht ausgeloͤſcht hatte; es war ein Aſt, vom Winde gegen die Thuͤr geſchleu⸗ dert. Zu ihrem Entſetzen hoͤrte ſie aber neben ſich die Treppe hinauf ſchwere Tritte tappen. Halb todt gelangte ſie hinauf, oͤffnete die Stu⸗ benthuͤr weit, Niemand war zu erblicken; aber plotzlich, als ſie ſich umwandte, und die Thuͤre geſchloſſen war, ſaß neben der Großmutter, tief in einen dunkelfarbigen Mantel gehuͤllt, ein Mann. Ein Schrei des Schreckens entfuhr dem geaͤng⸗ ſteten Maͤdchen, aber bald gefaßt, fragte ſie den — Mann mit zitternder Stimme, wer er ſey? Der Fremde antwortete nicht, aber die Großmutter bedeutete ſie ernſt, ruhig zu ſeyn; denn der Un⸗ bekannte ſey der Tod, welcher komme, ihr die Sterbeſtunde zu verkuͤnden. In dieſem Augen⸗ blicke unterbrach der Schall toͤnender Fußtritte die Erzaͤhlung, und Ottilie ſammt Antonien fuhren auf, und faßten ſchreiend einander in die Arme, ſelbſt Eleonora ward blaß. Es oͤffnete ſich die Thuͤr, und Otbert trat herein. Nun, rief er lachend, was fuͤrchtet Ihr Euch? ich bin es ja! aber Eleonora hat Euch gewiß einmal wieder bang gemacht, mit allerhand Geſchichten. Er ließ darauf Licht kommen, und nicht lange nachher trat der Herzog ein. Schoͤn, daß Sie kommen, Herr Baron, rief ihm Otbert entge⸗ gen, ich hoffe, in der Erinnerung an eine zwar truͤbe Vergangenheit doch einen recht heitern Abend zu verleben. Nach einigen unbedeutenden Fragen beiderſeits, wandte ſich das Geſpraͤch auf Malerei, und die ſchoͤpferiſche Kraft des Kuͤnſtlers durch die Form, ſo wie auf die Ein⸗ wirkungen der vergangenen Wirklichkeit auf die Production in der Kunſt. Es iſt wunder⸗ — 86— bar, ſagte der Herzog, wie oft ein vom Maler zufaͤllig zu einer ganz andern Zeit erblickter Ge⸗ genſtand, weit ſpaͤter bei der Schoͤpfung irgend eines Werkes wieder vor die Seele tritt, und gleichſam neugeboren dieſelbe und doch eine an⸗ dere hoͤhere Erſcheinung iſt. Sehr wahr, erwie⸗ derte Otbert, allein dieſe Kraft iſt nichts, als das geuͤbte Auge, welches auf den erſten Blick das Characteriſtiſche eines Gegenſtandes oder Ge⸗ ſichts aufzufaſſen, das Verhältniß der uͤbrigen Theile des Koͤrpers zu dieſem characteriſtiſchen zu uͤberſehn und zu beſtimmen verſteht, und jene dieſen unterzuordnen weiß, ohne unnatuͤrlich zu werden. Die rege, oft bewußtloſe Thaͤtigkeit des Geiſtes nun fuͤr dieſe, jedem Maler ſo noth⸗ wendige Sicherheit des Blickes, fuͤhrt uns denn am Ende dahin, daß wirklich alles Erlebte Stoff zu neuen Productionen wird, ja das geht ſo weit, daß man ſogar Träume fruͤherer Jahre wie etwas wirklich Erlebtes ſieht, und aus der Phantaſie, wie man es traͤumte, zu ma⸗ len im Stande iſt. Hat man, fragte der Herzog, davon Beiſpiele? Ich ſelbſt, nahm Otbert das Wort, kann ein unbedeutendes lie⸗ fern; ich habe einen Traum, deſſen Andenken mich jedesmal wunderbar genug ruͤhrt, ſo feſt bis auf die kleinſten Cigenheiten behalten und malen koͤnnen, daß ich geneigt waͤre, ihn fuͤr etwas Erlebtes zu halten, wenn es fuͤr mich nicht unbegreiflich waͤre, warum und in wel⸗ chem Zuſammenhange ich es ſollte erlebt haben. Alle baten ihn geſpannt, die Sache zu erzaͤh⸗ len. Mir traͤumte nemlich, fuhr Otbert fort, kurz vor unſerer Abreiſe nach Coͤlln, ich wuͤrde von meinem Vater in ein enges kleines Zimmer gefuͤhrt, das wie eine Kloſterzelle ausſah, und worin eine wunderſchoͤne Frau, wie es ſchien, im Gebet und Betrachtung verſunken, ſaß. Auf einem einfachen hoͤlzernen Tiſche ſtand ein Kru⸗ zifir hinter einem Todtenkopfe, an den ſie ein Buch gelehnt hatte; ſonſt war, außer einer Strohdecke auf einer hoͤlzernen Pritſche, von Ge⸗ raͤthſchaften nichts im Zimmer. Als die Frau uns herein treten ſah, ging ſie uns entgegen, nahm mich auf ihren Arm, herzte und kuͤßte mich, und ich ſpielte mit ihren ſchoͤnen blonden Locken. Sie ſetzte ſich auf den Stuhl, ich ſpielte iu ihren Fuͤßen, ſie ſegnete mich und weinte „ ſchmerzlich uber mich gebeugt. Dieſer Augen⸗ blick praͤgte ſich mir ſo tief ein, daß ich ihn nachher nie vergaß, und endlich, vom innern Drange getrieben, malte. Hier iſt das Vild, ſprach er, indem er aufſtand, von der Wand ein kleines Gemaͤlde auf Holz abnahm und es dem Herzoge uͤberreichte. Dieſer hatte es kaum be⸗ trachtet, als er die Farbe wechſelnd ausrief: Angelika, o du theure, geliebte Angelika! dann unter Thraͤnen den beſtuͤrzten Otbert umarmte, und ſprach: Es iſt kein Traum, keine Erſchei⸗ nung der Phantaſie, was hier gemalt iſt; nein, ſie hat gelebt, o geſchwind, zeigt mir die ver⸗ wahrten Kleinodien, ſie enthuͤllen gewiß ein theures Geheimniß. Hier, ſprach Otbert uͤber⸗ rraſcht, iſt was ich habe, und uͤberreichte dem Berzoge einige Ringe, welche dieſer kaum er⸗ blickte, als er ſie auch heftig an den Mund preßte. Waͤhrend deſſen war von Elft herein getreten, und hatte verdrießlich den Herzog be⸗ grußt, als dieſer plotzlich Otbert umarmte und freudetrunken ausrief: So iſt es denn endlich, dem Himmel ſey Dank! gelungen, endlich du Langgeſuchter, Vielbeweinter, biſt du mir wie⸗ der geſchenkt; o mein Sohn, mein theurer ge⸗ liebter Sohn! Hier quollen ſeine Augen uͤber, und laut weinend hielt er den erſtarrten Otbert feſt, und preßte ihn heftig an ſeine Bruſt. Als er ſich wieder etwas geſammelt hatte, rief er von Neuem: Du Ebenbild meiner Angelika! du— o darum ſprachen deine Zuͤge gleich ſo freundlich zu mir, darum wallte mein Herz dir entgegen, o wie wunderbar ſind oft die Wege Gottes, wenn er Getrennte vereinigen will. Von Elft und die Uebrigen hoͤrten ihn erſtaunt, am bewegteſten ſchien es die heute kraͤnkelnde Eleonore, zu. Endlich, nachdem ſich der Sturm ſeiner Em⸗ pfindungen ſo weit gelegt hatte, daß es ihm moͤglich ward, von einzelnen Ausrufungen zu einer zuſammenhaͤngenden Erzahlung uͤberzuge⸗ hen, begann er wie folgt: Ihr werdet, meine Freunde, in Verwunde⸗ rung ſeyn, und dieſe Thraͤnen, welche haͤufig uͤber meine Wangen rollen, thoͤricht nennen, aber wenn Ihr alle die zum Theil wunderbaren Be⸗ gebenheiten, welche ich Euch mittheilen will, werdet vernommen haben, ſo wird Euch dies Alles dem Lauf der Natur gemaͤß erſcheinen, und Ihr werdet aufhoͤren, mich zu tadeln. Er hielt, waͤhrend er ſprach, Otbert feſt umſchlun⸗ gen, ohne ihn waͤhrend der ganzen Erzaͤhlung auch nur einmal loszulaſſen, gleich als ob er befuͤrchtete, das Erlebte ſey nur ein Traum, und wenn er erwachen wuͤrde, koͤnnte alles das ver⸗ ſchwunden ſeyn, und er nichts von dem Ge⸗ traͤumten beſitzen. O! nur zu wahre Empfin⸗ dung, man koͤnnte es Ahnung nennen; denn er ſah nicht voraus, wie ſich Alles geſtalten wuͤr⸗ de, und zu welchen Leiden ſein Alter aufbehal⸗ ten war. Antonie hatte allem dieſen auf das Geſpannteſte zugehoͤrt, und ward jetzt bald blaß bald roth vor Erwartung, als ſie bemerkte, daß ihr Vater einen Theil ſeiner Lebensgeſchichte er⸗ zaͤhlen wollte. Eleonora hatte ſich an Ottilien gelehnt, ſie fuͤhlte ſich krank, aber der Aufruhr in ihrer Seele uͤberwand die Schwaͤche ihres Koͤrpers, und ſie mit ihrer Schwaͤgerin erwar⸗ tete begierig den Beginn der Erzaͤhlung. Der Herzog, nachdem er noch einmal, die hoͤchſte Ruͤhrung im Geſichte, Otbert an ſich ge⸗ druͤckt hatte, begann zu Aller Erſtaunen folgende Erzaͤhlung. Als ich einſtmals, waͤhrend meines Aufenthalts in Muͤnchen, durch die Straßen ritt, wie ich es zu thun pflegte, wenn meine Zeit es mir erlaubte, kam ich bei einem Fenſter vorbei, wo, nach den Gemaͤlden, welche daran ſtanden, zu ur⸗ theilen, ein Maler zu wohnen ſchien. Ich hielt mein Pferd an, um die Bilder, wovon ich ein großer Freund war, naͤher zu betrachten, ergotzte mich an ihnen, und wollte eben weiter reiten, als ich ein Bildniß bemerkte, welches ich vorher uͤberſehen haben mußte. Es war das Portrait einer jungen Dame von ſo himmliſcher Schoͤnheit, daß ich den Odem vor Erſtaunen und Bewunderung anhielt, um ihre Zuͤge recht in mein Gedächtniß einzupraͤgen. Ihr glaͤnzen⸗ des blondes Haar, die ſanften blauen Augen, das reine unſchuldige Antlitz,—— doch was bemuͤhe ich mich, eine Schoͤnheit zu beſchreiben, deren treues Abbild Otberts Phantaſie in meine Haͤnde legte. Ja, fuhr er fort, indem er lie⸗ bevoll das Bild betrachtete, das er noch immer feſt hielt, du haſt ſie herrlich getroffen, das war ſie. O der hohen Wirkung einer Schoͤnheit! ſich noch ſelbſt in eines Knaben Gedächtniß ſo einzupraͤgen, daß der Juͤngling ſie getreu wieder geben konnte. Wie geſagt alſo, ich hielt die Zuͤgel meines Pferdes noch einmal an, ritt ganz trunken von dem ſchoͤnen Bilde, wohl zehn Mal die Straße auf und nieder, und endlich gefan⸗ gen, voll ſuͤßer Schmerzen in meine Wohnung zuruͤck. Ich ſandte Diener aus, erkundigte mich ſelbſt ſo genau ich konnte, allein vergebens; es war unmoͤglich, etwas Naͤheres uͤber das Ori⸗ ginal zu dem Bilde zu erfahren. Schon gab ich jede Hoffnung verloren, jemals die Wunderge⸗ ſtalt in der Natur zu finden, und glaubte, des Makers kuͤhnſte Phantaſie habe gewagt, ein un⸗ erreichtes Bild ſeiner Sehnſucht außzuſtellen, als ich plotzlich durch einen gluͤcklichen Ungluͤcksfall eines Andern belehrt wurde. Ich durchritt nem⸗ lich einſtens die Umgegenden Muͤnchens, und kam bei einem der vielen etwas von der Stadt entfernten einzeln ſtehenden Landhaͤuſer vorbei, wo mein Pferd, angebellt von einem Hunde, ſcheu ward, einige Sätze that, und mich ab⸗ warf. Ich hatte neben mir einen Schrei ver⸗ nommen, wußte aber nicht von wem, da ich die Beſinnung verlor. Als ich wieder erwachte, — füͤhlte ich meinen linken Arm verbunden, und fand mich in einem ſchoͤnen, reich mit Gemaͤlden verzierten Zimmer. Waͤhrend ich, um meine Sinne zu ſammeln, nachdenkend an der Wand unter den Bildern umher irre, ſehe ich mein geliebtes Portrait wieder. Erfreut wende ich mich zu dem an meinem Bette ſitzenden Maͤdchen hin, nach dem Bilde zu fragen, und o Himmel, was glich meinem Erſtaunen, als ich es in ihr ſelbſt erblickte. Mich uͤberſtroͤmte die Heftigkeit meiner Liebe mit ſolcher Glut, daß ich keine Schmerzen mehr em⸗ pfand, ſondern mit leuchtenden Augen der ſcho⸗ nen Waͤrterin meine vollkommene Geneſung ver⸗ ſicherte, ſeitdem ich ſie erblickt. Laut pries ich mein gluͤckliches ungluͤck, und wuͤnſchte nie zu geneſen, da ſolche Pflegerin an meiner Seite ſey. Sie bat mich, ich ſolle mich ruhig halten; denn im Fall hätte ich mir den Arm verletzt, und wenn ich nicht dreifach leiden ſollte, muͤſſe der Verband nicht im Mindeſten verſchoben wer⸗ den. Sie beugte ſich bei dieſen Worten uͤber mich, um zu ſehen, ob es nicht vielleicht ſchon der Fall waͤre; ich, taumelnd voll Liebe und voll Gluͤcks, ſie gefunden zu haben, nahm den — 94— Zeitpunkt wahr, ergriff mit meiner geſunden Hond die ihrige, und ſagte in den flammendſten Ausdruͤcken, wie ſehr ich ſie liebe. Sie hoͤrte mich an, richtete ſich wurdig in die Hohe, ver⸗ beugte ſich ſtumm, wie es ſchien beleidigt, und verſchwand. Kaum war ſie entfernt, als ich die unglaubliche Kühnheit meiner Handlung fuͤhlte, aufſprang, mich ankleidete, und der eintretenden Dienerin die Verſicherung gab, ich beduͤrfe wei⸗ ter keiner Pflege. Trotz aller Bitten beſtand ich darauf, mein Pferd zu beſteigen und in die Stadt zuruͤck zu reiten. Da man meine Un⸗ biegſamkeit ſah, gab man endlich nach, und mit verwundetem Arme und noch verwundeterem Her⸗ zen ritt ich nach meiner Wohnung, welche ich drei volle Wochen nicht verlaſſen durfte. End⸗ lich hergeſtellt, eilte ich ſogleich nach jenem Landhauſe, um der reizenden Beſitzerin deſſelben fuͤr die gehabte Sorge zu danken, allein ich fand ſie nicht, ſondern ward, als ich eintrat, von einem jungen duͤſteren melancholiſch blicken⸗ dem Manne ausgezeichnet zuvorkommend em⸗ pfangen. Vergebens drehte und wendete ich das Geſpräch, umſonſt ſtattete ich ihm meinen Dank — 95— ab, es war nicht moͤglich, dem Zwecke meines Beſuchs naͤher zu kommen, und auf eine ge⸗ ſchickte Weiſe jenes Portraits und des Urbildes zu erwaͤhnen. Ich brach alſo bei ſchicklicher Ge⸗ legenheit das Geſpraͤch ab, nahm Abſchied, und ritt auf einem andern Wege hinter das Haus, um zu verſuchen, ob ich vielleicht ſo meiner ſchoͤnen Unbekannten anſichtig werden koͤnne, aber vergebens. Wenn ich alſo nun gleich wußte, daß meine Liebe kein leerer Traum war, und daß meine Geliebte ſich unter den Lebenden befand, ſo war meine Trauer dadurch eher ver⸗ mehrt als gemindert, indem ich ſah, wie ſicht⸗ bar ſie ſich vor mir zuruͤckzog und es mied, auf irgend eine Weiſe mit mir zuſammen zu kom⸗ men. Daruͤber haͤrmte ich mich, und durch⸗ wanderte in dieſer Trauer die Umgegend jenes Hauſes und der Stadt, ohne jemals das zu er⸗ reichen, was meine Seele ſuchte. Auf meine Erkundigung erfuhr ich, das Haus gehore einem Maler, Namens Johann Waidberger, der mit ſeiner Frau und Schweſter dort wohne, und deren beider ausgezeichnete Schoͤnheit mir Jeder⸗ mann ruͤhmte. Wer hatte mich gepflegt? Wem — 96— hatte ich meine Liebe geſtanden? Weſſen Bild hatte meine Seele entzuͤndet? Dieſe Fragen durchkreuzten meinen beſchäſtigten Sinn, und ihre Loͤſung ward fuͤr jetzt das Hauptziel mei⸗ ner Forſchungen. Was Andern unmoͤglich ge⸗ ſchienen haͤtte, wurde mir nicht ſchwer; denn ich liebte, und dieſe Leidenſchaft, wenn ſie gleich ſchaͤrft doch auf der andern den unſerer Seele innewohnenden Takt in ſolchem Grade, und feſ⸗ ſelt das Gluͤck und den Zufall auf eine ſo wun⸗ derbare Weiſe an unſere Schritte, daß den Lie⸗ benden Dinge gelingen und leicht werden, welche kalten beſonnenen Menſchen außerordentlich mend naͤmlich, wie faſt immer, ging ich eines Tages durch eins der abgelegenen Stadtviertel, bei einem großen Garten voruͤber, aus welchem mir eine anmuthige Stimme entgegen toͤnte. Worte aus dem holden Munde meiner Pflege⸗ rin vernommen hatte, erkannte dennoch mein ploͤtlich feines Gehoͤr die Aehnlichkeit dieſer auf der einen Seite uns blind und taub macht, ſchwer, ja wohl unmoͤglich erſcheinen. Traͤu⸗ Ich blieb ſtehen, und obwohl ich nicht zwantig Stimme mit der ihrigen. Ich ſah durch die — Breterwand des Zauns, und, o Himmel! ja ſie war es, mit Begießen von Blumen beſchäftigt. Ich konnte mich kaum ſo weit bezwingen, daß ich nicht in den Garten ſprang, und ihr zum zweiten Male meine Liebe klagte. Ich beſchloß jedoch, dieſes Mal vorſichtiger zu ſeyn, um zuerſt die Lage der Dinge zu erforſchen. Ich ging alſo zuruͤck, merkte mir genau Haus und Stra⸗ ße, und zog neue Erkundigungen ein. Der Er⸗ folg davon war nicht glaͤnzend; denn ich hoͤrte, daß das Haus, wo meine Geliebte ſich befand, einer alten grillenhaften menſchenſcheuen, uͤberdies ſehr geizigen Tante zugehore, welche ihre Nichte in ſtrenger Aufſicht und unter ſtetem Gewahrſam einer alten Magd halte. Von meiner Geliebten er⸗ fuhr ich, ſie heiße Angelika und ſeyh die Schwe⸗ ſter des Malers Johann Waidberg. Erfreut uͤber den letzten Theil der Nachrichten baute ich den Plan meine Angelika zu ſehn, auf den un⸗ erhoͤrten Geiz ihrer Tante, welche bei jeder nur erdenklichen Gelegenheit ſich und den Ihrigen et⸗ was abdarbte, um nur ihrem Schatze etwas hinzufuͤgen zu koͤnnen. Ich verkleidete mich nem⸗ lich als Trodeljude, nahm eine reiche Schmuck⸗ — nadel, und ging keck zu der Alten, ihr dieſelbe zu verkaufen. Eine muͤrriſche Weibsperſon off⸗ nete mir die Pforte und fuͤhrte mich zu ihrer Gebieterin; dieſe fand ich bettelhaft, gekleidet in einem ſchlechten Zimmer auf einem zerriſſenen Lehnſtuhle ſitzend, und neben ihr, wer nennt das Entzuͤcken!— Angelika. Die Alte handelte mit mir, und fuͤr einen Spottpreis ließ ich ihr endlich die Nadel. Sie ſchien uͤber den gloͤckli⸗ chen Kauf erfreut; denn ihre Augen glaͤnzten, der welke eingefallene Mund bewegte ſich, indem ſie fuͤr ſich ſprach, die knoͤcherne magere Hand zitterte beim Aufzaͤhlen des Geldes, und ihr ganzer Ausdruck ſagte, daß ſie zufrieden ſeh. Als ich die Summe eingeſtrichen hatte, fragte ich ſie, ob der anſtoßende Garten ihr zugehoͤre, und als ſie dies bejahte, ob ſie daraus wohl Blumen verkaufen wolle, ich waͤre davon ein großer Freund, und erinnerte mich nicht, jemals ſo ſchoͤne geſehen zu haben. Nach einigem Be⸗ denken, waͤhrend deſſen ſie die Nadel von allen Seiten her beſehen und dann mit ihrer Nichte eine heimliche Unterredung gehabt hatte, ſprach ſie: Obwohl ich eigentlich keine Blumen aus —— meinem Garten zu verkaufen gewohnt bin, ſo will ich doch bei Euch davon eine Ausnahme machen, meine Nichte ſoll Euch in den Garten fuhren, Ihr moͤgt Euch ausſuchen, welche Blu⸗ men Euch gefallen, ſie dann herauf bringen, und wir wollen ſchon ſehen, ob wir Handels eins werden koͤnnen. Hierauf ſah ich noch, wie ſie der Magd winkte, ihr die Nadel gab und mit ihr ſprach, waͤhrend wir, Angelika und ich, in den Garten hinab gingen. Folgſam fuͤhrte mich meine Geliebte zu den ſchoͤnſten und reichſten Beeten und ich ſchwamm in Entzuͤcken. Kaum ſah ich mich daher allein und war ſicher, daß Niemand uns folgte, als ich heftig Hut und Bart abwarf, zu ihren Fuͤßen ſtuͤrzte, ihr ent⸗ deckte wer ich ſey, weshalb ich ſo und nicht an⸗ ders gekommen, und zum zweiten Mal ſagte, was mich meine Leidenſchaft lehrte. Sie hieß mich aufſtehen und ſagte mir dann mit einer un⸗ beſchreiblichen Miſchung von Anmuth und Wuͤr⸗ de, welche, ſtatt meine Leidenſchaft zu dämpfen, ſie nur noch mehr entflammte: Mein Herr! horen Sie auf, mich zu verfolgen, die ich niemals die Ihrige werden kann; brauchen Sie nie wie⸗ G 2 der den Zufall auf eine Ihrer ſo unwuͤrdige Weiſe, und wiſſen Sie, daß, wenn Sie mir auch weniger unleidlich waͤren, doch Ihr Stand mir verbieten wuͤrde, jemals an eine Liebe, ge⸗ ſchweige denn an eine Verbindung zu denken. icht aber mir allein, ſondern auch ſich ſelbſt haben Sie durch die unvorſichtige Art zu han⸗ deln eine Kraͤnkung bereitet, wenn Sie die Dreiſtigkeit haben ſollten, Blumen zu nehmen und auf das Zimmer meiner Tante zuruͤck zu kehren; denn dieſe, durch ihre Tracht und den Preis, fuͤr den Sie eine koſtbare Nadel verkauf⸗ ten, irre gefuͤhrt, halt Sie fur einen gemeinen Landſtreicher und hat bereits zum Viertelsmei⸗ ſter geſchickt, Sie oben bei Ihrer Ruͤckkunft zu empfangen, indem ſie mir befahl, Sie ſo lange als moͤglich im Garten aufzuhalten. Ich ſtand ganz erſtaunt und wußte nicht, was ich aus dieſen Eroffnungen machen ſollte. Hier iſt, fuhr ſie fort, indem das Beben ihrer Stimmung hor⸗ barer ward, ein Schlaͤſſel zu dieſer Thuͤr, ge⸗ brauchen Sie ihn, damit Ihre Freiheit zu er⸗ langen und nicht weiter. Sie bog bei dieſen Worten die Zweige einer Laube aus einander — 101— welche eine verborgene Thuͤr zeigten. Halten Sie uͤbrigens, ſprach ſie weiter, dieſen Schritt von meiner Seite nicht etwa fur eine Gunſtbe⸗ zeugung, ſondern glauben Sie, daß ich blos dem peinlichen Gefuͤhl entgehen moͤchte, welches mir ſagt, daß ein Mann Ihres Ranges, dem ein Scherz in eine ihm nicht gebuͤhrende Kleiz dung warf, meinetwegen die unverdiente Strafe eines gemeinen Gauners leiden konnte. Auch wollte ich Ihnen und mir gern die Beſchaͤmung und das nachtheilige Licht erſparen, welche bei der Entdeckung Ihres wahren Standes und Na⸗ mens nothwendig auf uns fallen muͤßte. Hier iſt der Schluͤſſel, leben Sie wohl, hoffentlich ſehen wir uns nie wieder. Sie verließ mich, und ſprachlos ſtand ich da, in der Hand den verhaͤngnißvollen Schluͤſſel. Sollte ich mir das Verfahren ihrer Warnung zum Trotze guͤnſtig auslegen, oder war ich auf immer edelmuͤthig verſtoßen, war ihr Schritt wirklich blos Folge der Ueberlegung und des Mitleidens, oder hatte ſie dennoch ein anderes Gefuͤhl dazu uͤberredet? Dies durchkreuzte meine Seele ſo, daß ich Alles um mich her vergaß, und wohl im Garten ſie⸗ — 102— hen geblieben waͤre, wenn nicht die kreiſchende Stimme der Alten— welche rief: Hier im Garten muß der Spitzbube noch ſeyn,— mich an meine Lage erinnert haͤtte; ich ermannte mich, ſchloß eilig die bekannte Thuͤre auf, entſchluͤpfte aus dem Garten unbemerkt, warf von der Dunkel⸗ heit beguͤnſtigt, raſch meine verraͤtheriſche Ver⸗ kleidung ab, und kam, den geliebten Schluͤſſel feſt in meiner Hand haltend, in meiner Woh⸗ nung gluͤcklich an. Hier uͤberließ ich mich wie⸗ der tauſend Hoffnungen und ſchmerzlichen Ge⸗ danken, ob Angelika mich wirklich verſtoßen habe oder nicht, ohne jedoch daruͤber mit mir einig und klar werden zu koͤnnen, ſo daß eine lange Zeit verſtrich, bevor ich es wieder wagte, mich auch nur in der Naͤhe ihrer Wohnung blicken zu laſſen. Dies Schwanken hätte vielleicht noch laͤnger gedauert, wenn nicht Briefe von meinem Vater eingetroffen wären, welche mir ſchleunige Ruͤckkehr in mein Vaterland anbefohlen. Dieſer umſtand gab mir den Muth Alles zu wagen, nur um ſie noch einmal zu ſehen und ihr fur meine Befreiung zu danken. Ich ſchlich alſo zum Garten, oͤffnete zitternd die heimliche Thuͤr, — und ſtand, von fluͤſternden Zweigen verdeckt, hinter der Laube, worin Angelika ſaß, den Kopf in die Hand geſtuͤtzt, auf dem Schooße ein No⸗ tenblatt, auf welches ſie nachdenkend blickte„in⸗ dem ſie leiſe ſang: Ade, Ade, Ade! Ach Scheiden und Melden thut weh. Ich machte einiges Geraͤuſch, ſie blickte auf, ich glaubte mich verrathen und ſtuͤrzte hervor zum dritten Male zu ihren Fuͤßen. Sie erblickte mich, erſchrak und ſprach, indem ſie ſich faßte, halbzuͤrnend mit einem Seufzer: Ungluͤcklicher! was wollen Sie denn hier, habe lich Ihnen denn nicht ausdrucklich verboten, mich jemals wieder zu ſechen?— O, Angelika! gab ich zur Antwort, nur die Dankbarkeit fuͤr Ihr edelmuͤ⸗ thiges Betragen macht mich ſo kuͤhn, noch ein⸗ mal mein verhaßtes Antlitz vor Ihre Augen zu aͤhren. Sie haben mir den Tod gegeben, voll⸗ enden Sie jetzt; meine Aeltern rufen mich zu⸗ ruͤck, ewig werde ich, getrennt von dieſem Bo⸗ den, ein verhaßtes Leben zu fuͤhren; ſagen Sie noch einmal, Sie haſſen mich, und ſtumm werde Hingebung, und fand ihr hoͤchſtes Gluͤck, ihre 104— ich mich entfernen. Nun denn, nahm Angelika das Wort, ſo fahre denn hin, nutzloſe Verſtel⸗ lung, du, welche mich bewahren ſollte, das Schickſal will es ja nicht anders, und ich kann nur folgen. Steh auf, fuhr ſie zu mir gewandt fort, du Theurer, vom erſten Augenblick an, da ich dich ſah, Geliebter, ſteh auf und lebe. Ich war ſo erſtaunt, ſo erſchrocken, daß mir die Sprache verſagte, die Thraͤnen in die Augen traten, und ich eine unnennbare ſelige Angſt fuͤhlte, welche ſich in unzaͤhligen Kuͤſſen und uberſtroͤmenden Augen aufloſte. Ich weiß, ſagte ſie bewegt nach einer Pauſe, es wird mich Alles koſten, was ich Theures und Liebes beſitze, aber wer kann ſeinem Geſchicke und der Liebe des Herzens widerſtreben? Es waͤre nutzloſe Thor⸗ heit, ja, komm an dies Herz und ermiß, wie heiß dich Angelika liebt. Doch jetzt, fuhr ſie fort, ſolle ich ſcheiden, hier ſey es zu gefähr⸗ lich. Darauf beſtimmte ſie mir freiwillig Zeit und Ort zu einer zweiten Zuſammenkunft, und wir ſchieden gluͤcklich. Hatte ſie mir vorher hartnaͤckig widerſtanden, ſo war ſie nun ganz — 3 — — 105— höchſte Zufriedenheit darin, mir Alles zu opfern, was ſie vermochte. Meine Liebe, zu meiner Schmach muß ich es bekennen, ſchwand in dem Grade, als ich ihre Gunſtbezeugungen erhielt, und als ich Alles erreicht hatte, folgte ich gern dem wiederholten Rufe meiner Aeltern, in die Heimath zuruͤck zu kehren und mich ſtandesge⸗ maͤß nach ihrer Wahl zu vermaͤhlen. Ich lebte mit meiner jungen Gemahlin gluͤcklich, keine Sorge truͤbte mein Auge, bis plotzlich ein Brief von Angelikas Hand mich aus dem bunten leich⸗ ten Traume riß. Sie ſchrieb mir, ohne mir den mindeſten Vorwurf zu machen, ihr Bruder habe ihren Zuſtand entdeckt und ſie furchtbar ge⸗ mißhandelt, indem er ſie erſt eingekerkert und dann bis zur Ohnmacht geſchlagen habe. Bald darauf habe ſie einen Knaben geboren, den er ihr abgenommen und als Sohn zu erziehen verſpro⸗ chen habe, weil, wie Waidberg ſich ausdruͤckte, der Sohn nie die Schande der Mutter erfahren ſollte; denn ſonſt muͤßte er ſie verachten. Ihr habe er befohlen, in ein Kloſter zu gehen, dort fuͤr ihre Suͤnden zu buͤßen, und durch Froͤm⸗ migkeit vergangene Verbrechen zu tilgen. Dies — 106— habe ſie gethan, und vom Kloſter aus ſchreibe ſie mir nach dem Befehl ihres Bruders. Sie beweine nicht, was ſie aus Liebe gethan, und wolle gern erdulden, was ſie ihres Vergehens halber verdient habe. Schließlich ſagte ſie mir noch, ich ſolle mir keine Muͤhe geben, jemals zu er⸗ fahren, wo ſie oder ihr Bruder lebe; denn beide wuͤrden getrennt Muͤnchen verlaſſen, und ſie . ſolle ich als todt und begraben anſehen, ohne mein jetziges Gluͤck, deſſen ungetruͤbte Dauer ſie herzlich wuͤnſche, durch ein Andenken an ſie zu ſtoren. Dies Schreiben vernichtete mich, aber meine Gemahlin erhob mich wieder durch ihre milden und edlen Geſinnungen. Ihr konnte es nicht verborgen bleiben, und ſie verband ſich mit mir, zu leider vergeblichen Forſchungen, um Waid⸗ berg und die Seinigen aufzufinden. Gezwungen gab ich es auf, und die Zeit linderte den Schmerz in meiner Bruſt, bis mich eine Reihe von Un⸗ gluͤcksfällen belehrte, daß der Himmel keine Söuͤnde vergiebt, ſondern ſie furchtbar an dem Menſchen raͤcht. Meine eigene Lochter, mein einziges Gut, that meinem Hauſe, dem alten — 107— Hauſe der Chiaramonte dieſelbe Schmach an, 3 der ich Angelika verleitet hatte. Sie bekannte bei ihrer Entweichung das Verbrechen ihrer Schwaͤche, und ich mit ihrem verſprochenen Vraͤutigam, Enrico da Porte, reiſten hieher, nicht um das ungluͤckliche Weſen(denn das iſt todt foͤr mich und Alle) aufzuſuchen, ſondern die Schmach eines unbefleckten und ruhmvollen Hauſes an dem Elenden zu ſtrafen. Aber nicht genug, das Maas meiner Leiden zu fuͤllen muß der Böſe⸗ wicht den wackern Enrico im Zweikampfe beſie⸗ gen, mir einen neuen Schmerz zufuͤgen, ja ich muß ihn hier noch vor meinen Augen ſtehen ſe⸗ hen, und dulden, daß er meine Schmach hoͤrt und triumphirt. Dort ſteht er, dieſer von Elft, der wohl nicht dachte, ſeinen Todfeind einzula⸗ den, als er mich in ſeine Behauſung fuͤhrte, und der ſich einbildet, ein Werkzeug der Rache in der Hand des Geſchicks zu ſeyn, aber wie denn Koͤnige wohl den Verrath, nie aber den eigen⸗ mächtigen Verraͤther loben, ſo will das Schick⸗ ſal wohl Rache, nie aber eigenmaͤchtige Werk⸗ zeuge, und auch ihn wird der Fluch ſeiner Suͤnde treffen. Jetzt aber danke ich dem Him⸗ — 108— mel, daß er mich auf meiner Reiſe zur Tilgung meiner Schmach dich treffen ließ Otbert; denn du biſt Angelikas Sohn, mein Blut bezeugt es, dies Gemaͤlde, die Ringe mit meinem Wap⸗ pen, und der Name deines Vaters. So verſtat⸗ tet mir das Geſchick, doch wenigſtens einiger⸗ maßen das gut zu machen, was deine edle Mutter meinethalben litt. Alles war ſtumm, vor freudigem oder ſchmerz⸗ lichem Erſtaunen; von Elft verlegen, ſich auf dieſe Weiſe entdeckt und behandelt zu ſehen; Antonie blaß und zitternd uͤber die letzten Worte ihres Va⸗ ters; Otbert erſtaunt und bewegt, eine Schwe⸗ ſtet zu verlieren, und einen Vater und eine Schweſter wieder zu finden; und Eleonora einer Ohnmacht nahe. Endlich wollte ſich von Elft eben mit einem toͤdtenden Blicke auf den Herzog entfernen, als ſich Eleonora trotz ihrer Schwaͤche aufrichtete, und obſchon ſie Ottilie zitternd und zagend ab⸗ halten wollte, feſten Schrittes auf von Elft zu trat. Ein hoheres Roth uͤberzog ihre heut unge⸗ woͤhnlich blaſſen Wangen, ihre Augen funkelten; ſie nahm die zitternde Antonie bei der Hand und ſprach, indem ſie dieſelbe zu von Elſt fuͤhr⸗ te, zu dieſem: Sie hatten die Dreiſtigkeit, Herr Baron, mich mit einem Liebesbriefe zu beehren, der mir hätte erſtaunlich ſchmeichelhaft ſeyn muͤſ⸗ ſen, wenn mich nicht die Erfahrung von den aͤltern bei weitem gegruͤndeteren Anſpruͤchen die⸗ ſer Dame belehrt haͤtte. Sie war ſtatt meiner im Pavillon, ſie empfing den brillantenen Ver⸗ lobungsring, ihr ſind Sie die Erfuͤllung Ihres Verſprechens ſchuldig. Vor Ihren Augen ſtehen die ungluͤcklichen Glieder einer Familie, deren Elend Sie noch vermehrt haben, die Milde der Vorſehung laͤßt Ihnen Raum, Ihre Suͤnden zu buͤßen und gut zu machen, thun Sie es. Jetzt verwandelte die Verzweiflung Antoniens Rieder⸗ geſchlagenheit und muthloſes Zittern in die großte —— — Kuͤhnheit. Ja, ſprach ſie, indem ſie ihm den Ring zeigte und die falſchen blonden Haare her⸗ unterriß, ich bin es Verraͤther, geliebter Eugen, ich bin es. Sie ſtand mit einem Male in nie geſehener Schoͤnheit, mit gluͤhenden Wangen und perlenden Augen, das ſchoͤne ſchwarze Haar unordentlich um das Haupt gerollt, vor dem zermalmten von Elft und dem uͤberraſchten Her⸗ — 110— zog da. O, Eugen! rief ſie aus, zertritt mich, vernichte mich, erſchlage mich, ich bin es ja, o verzeih meiner Liebe die lächerliche Verfolgung, ſo wie meine unwuͤrdige Liſt gegen dich. Hier iſt dein Sohn, ſchau ihn an, und liebe den we⸗ nigſtens, wenn nicht mich, ich will ja gern ein⸗ ſam und verachtet ſterben; denn ich bin ja todt. Bei dieſen Worten ſank ſie um und ſturzte be⸗ wußtlos zur Erde. Es thut mir leid, ſagte der Herzog, indem er erſchuͤttert Otbert an ſich druͤckte, daß ich den kaum gefundenen Sohn einer wahnſinnigen ungluͤcklichen Perſon willen auch ſogleich wieder verlieren ſoll; allein wer waͤre wohl der, der nicht entflieht, wenn er die Peſt in einem auch geliebten Hauſe ſicht? Alſo gezwungen ſage ich Lebewohl; ſchaffe die, er zeigte auf Antonien, fort, und gern bewill⸗ kommne ich das Haus meines Sohnes. Unter dieſen Worten war Antonie wieder zu ſich ge⸗ kommen, und hatte gehoͤrt, was der Herzog ge⸗ ſprochen. Als dieſer ſich nun umwandte und fortgehen wollte, ſchrie ſie außer ſich, indem ſie ihr Lockenhaar ausraufte: Vater! Vater! um Gotteswillen ſo verlaßt mich nicht! Bedenkt, ——— . — 111— Haß und Zorn hat ſeine Grenzen, beſtraft bin ich genug, verlaßt mich ja nicht! Vater, das iſt allzuſchwer zu ertragen! Eugen, geliebter Mann, ſo hilf doch bitten! Was ſtehſt du ſo traͤumend und blickſt ſtarr, wie das boͤſe Gewiſ⸗ ſen auf einen Fleck? Der Herzog ſah ſie lange an, nahm ſeine Faſſung muͤhſam zuſammen, ſagte kalten Tons: Geh, rede nicht mit mir; ich bin dein Vater nicht, meine Tochter iſt todt, und wandte ſich, um fort zu gehen. Herr, mein Heiland! ſchrie Antonie, welche noch im⸗ mer auf den Knieen lag, und mit gefalte⸗ ten Haͤnden, thraͤnenden Augen, bebenden Lip⸗ pen und blaſſen Wangen zum Herzog hinkroch, indem ſie flehend nach ſeinen Haͤnden fuhr und beſtaͤndig ausrief: Herr Gott! mein Va⸗ ter, herzlich lieber Vater, verlaß dein armes Kind und deinen elenden Enkel nicht! Vater! mein Herr, mein Koͤnig, ich will buͤßen, ver⸗ ſtoß mich nicht! Ja, ich bin todt, geſtorben, eine Leiche, verpeſtet, aber verſtoß mich nicht! Der Herzog machte eilig ſeine Haͤnde los, um einem ſo thraͤnenvollen Anblicke zu entfliehen, als ihm von Elft in den Weg trat. So wie Antonie die Unverſöhnlichkeit ihres Vaters ſah, war ſie von Reuem in Ohnmacht geſtuͤrzt, und lag ſtarr und leblos zu des Herzogs Fuͤßen. Was wol⸗ len Sie? donnerte dieſer von Elft an, Friedens⸗ ſtorer meines Hauſes, Raͤuber meiner Ehre, Morder meines Namens. Nichts, entgegnete von Elft ruhig, als was Natur und Ehre von Ihnen fordern. Das wirſt du mich nicht leh⸗ ren, rief der ergrimmte Herzog. Wohl, ant⸗ wortete der Baron, ich liebe Antonien noch, und bin bereit, ſie zu der Meinigen zu machen, Ihr aber, müßt Eurer Tochter, Herzog, einen Fehler verzeihen, woiu ſie von der Liebe fuͤr mich, wie Angelika fuͤr Euch, verfuͤhrt wurde. Wir ſprechen uns morgen anders, Schurke! Geſellſchaft. Von Elft ließ ihn gehen, knieete neben der hingeſturzten Antonie nieder, und ſprach, indem er die Hand aufhob: Nun, ſo ſchwore ich beim Himmel, will es der alte un⸗ barmherzige Thor nicht anders, deine Schmer⸗ zen, theures Weib, ſollen gerochen werden, und wenn ich das nicht kann, ſo moͤge der Tod mich zehnfach zermalmen. Hierauf nahm er die Ohn⸗ rief der Herzog, und enteilte der verſammelten — 113— mächtige auf den Arm, legte ſie auf ein Sopha, und eilte, ohne Abſchied von den Ucbrigen zu nehmen, ins Freie, um den Herzog zu finden. Otbert und die weinende Ottilie waren indeſſen um Eleonoren beſchaͤftigt, welche, durch die hef⸗ tigen Anſtrengungen dieſes Abends uͤberwaͤltigt, einen Ruͤckfall ihrer uͤberſtandenen Krankheit be⸗ kommen hatte. Ein heftiger Blutſturz raubte ihr alle Beſinnung, und ihre letzten Worte wa⸗ ren: O, Himmel! und du nicht mein Bruder?— Dabei hatte ſie krampfhaft Otberts Hand ge⸗ faßt und ſchien ihren Geiſt auszuhauchen. Dies Alles beſtuͤrmte wild durch einander Otberts Seele, er dachte, ohne recht klar zu wiſſen, was, aber fuͤhlte, daß er ſich Vorwuͤrfe mache, ohne ergruͤnden zu konnen, weshalb. Er befahl ſo⸗ gleich, Eleonoren auf ihr Zimmer zu bringen, zum Arzte zu ſchicken, und bat Antonien, welche ſich etwas erholt hatte und ſtarr ohne rechtes Vewußtſeyn vor ſich hinſah, ſich doch von die⸗ ſem Schauplatz des Schmerzes zu entfernen. Als er nun allein war, ging er ſinnend die Stube auf und ab, indem er ſich fragte: Was ſind doch die gluͤcklichen Stunden im Leben? H — 114— Sind ſie nicht blos da, Muͤtter neuer Martern zu werden, welche dann uns raubgierig uͤberfal⸗ len und mit Wolluſt die paar Tropfen Freude ausſaugen, welche die glucklichen Augenblicke in unſer Herz ſchuͤtteten?— O! was heißt le⸗ ben?— Schmerzen leiden; Sterben iſt gebo⸗ ren werden.— Was hat Eleonore geſuͤndigt, daß ſie den ungeheuern Schmerz erdulden muß, ihre einzige Stutze, ihren Bruder durch mich in mir zu verlieren, daß ſie urplotzlich ſich fremd und verlaſſen ſieht, unter Menſchen, die ſonſt ein Theil ihres Selbſt waren.— Muͤſſen die Suͤnden der Väter an den Kindern geraͤcht wer⸗ den?— und warum?— Etwa die Aeltern zu beſſern und endlich den Menſchen einzupragen, man muͤſſe nicht allein ſeiner ſelbſt wegen, ſon⸗ dern auch ſeiner Nachkommen halber tugendhaft ſeyn?— Ach Gott! Jahrtauſende und Schick⸗ ſale ganzer Volker haben den Menſchen nicht davon belehrt; wahrhaftig, dieſe kleinen Bei⸗ ſpiele konnen es auch nicht!— Was habe ich gethan, daß dieſer Schmerz ſich laſtend auf meine Bruſt ſenkt, kann ich dafuͤr, daß meine Mutter verfuͤhrt ward?— Iſt denn der Fehler —,——— — 115— Antoniens ſo ungeheuer, daß nichts ihn ſuͤhnen kann, kein Bitten, kein Flehen, kein Schmerz, keine Reue, keine Buße? Hat meiner Mutter ihr Kloſterleben gar nichts geholfen, ſo gar nichts? Und du, heiliger Gott! was muß denn die ſchuldloſe Ottilie mit uns leiden? Etwa oder viel⸗ mehr gewiß, weil ſie einen Baſtard zum Manne und eine Verfuͤhrte zur Schwaͤgerin hat?— Iſt das ſo, iſt das wirklich ſo?— O, der trau⸗ rigen Ausſicht in die oͤde Zukunft!— Nein, es kann nicht ſo ſeyn, es muß doch etwas an⸗ ders der Grund davon ſeyn!— Iſt unſer Le⸗ ben dem Himmel vielleicht zur Laſt? Weshalb ſchuf er uns dann? Er konnte uns ja im Keime vernichten. Man ſagt, die hoͤchſte Weisheit, Ordnung, Guͤte und Gnade regieren die Welt, und wenn das wahr iſt, ſo muͤſſen auch in die⸗ ſen Begebenheiten die Spuren und Keime davon liegen. Hahaha! lachte er plotzlich laut, wo finde ich da den Ausweg, wenn ich mein Leben verfolge! Muß ich deshalb ſo großes Talent zur Malerei haben, und mit einer Phantaſie be⸗ gabt ſeyn, welche mir ſcharf und beſtimmt alle Gebilde weit vergangener Zeiten zuruͤck ruft, ſo 82 — 116— daß ich ſie fuͤr Jeden erkennbar der Leinewand anvertrauen kann, damit ich durch dieſe Gaben das Unheil meiner ganzen Familie werde? Sind unſere beſten, ſchonſten, gepflegteſten Eigenſchaf⸗ ten nichts als die Diener des Schlechten und Boͤſen? Run bei Gott, da waͤre es ja beſſer, Tageloͤhner geworden zu ſeyn, als Maler!— Muß ich darum einer edlen Unglucklichen Huͤlfe leiſten, damit ich nachher Gefahr laufe, eine geliebte Schweſter zu verlieren?— Schoͤne Fruͤchte der Wohlthaͤtigkeit, der Uneigennuͤtzig⸗ keit und des Erbarmens, herrlicher Nutzen all unſerer Tugenden! Dieſe Gedanken und viele andere bittere ſchmerzliche Anklagen gegen ſich und dem Himmel waͤlzten ſich in Otberts Seele tobend durch einander umher, ohne daß er im Stande geweſen waͤre, ſie zu ordnen und zu widerlegen, weil ſein aufgeregter traͤber Geiſt alle ruhige Betrachtung unmoͤglich machte. Endlich beſchloß er, zu ſeiner Eleonora zu gehen„um zu erfahren, wie ſie ſich befaͤnde. Er traf ſie ſchlummernd und ſehr bleich; an ih⸗ rem Lager ſaßen Antonie und Ottilie. Erſtere eilte als Otbert eintrat, dieſem entgegen und — 117— klagte ſchkuchzend ſich als Quelle all dieſer Lei⸗ den an. Otbert aber nahm weich ihre Hand, nannte ſie ſeine theure wieder gefundene Schwe⸗ ſter, und bedeutete ihr, die hohere Hand allein, welche uͤber ihr ſchwebe, habe dies Alles uͤber ſie verhaͤngt, ohne daß einer mehr Quell dazu geweſen ſey als die Uebrigen. Sie ſolle glau⸗ ben Eleonora werde geneſen, und in Frieden und Freude leben. Am folgenden Tage eilte der Herzog ſo⸗ gleich zu dem Platze, welchen er ſich und von Elft als den beſtimmt hatten, wo der Degen die verlorene Ehre wieder erkaͤmpfen ſollte. Als er hin kam, fand er dieſen ſchon ſehr ernſt und bleich an dem bezeichneten Orte. Herzog, fing er an,— kein Wort, unterbrach ihn dieſer, ziehen Sie Ihren Degen, und nur der Fall des Einen oder des Andern darf unſern Kampf beendigen. Schweigend leiſtete von Elft der Aufforderung Gehorſam, zog den Degen und begann kaltbluͤ⸗ tig und beſonnen den Kampf. Es war ein ſchoͤner Tag, der Fruͤhling ſah recht freundlich aus dem Laube und den bunten Graͤſern, waͤh⸗ rend die beiden Feinde in der holden Einſamkeit — 118— *. gierig ihren gegenſeitigen Tod ſuchten. Ohne Zweifel wuͤrde der juͤngere, ruhiger fechtende von Elft dem heftigen Herzoge ein aͤhnliches Schick⸗ ſal, wie fruͤher dem Enrico, bereitet haben, waͤre ihr Kampf nicht auf die unvermutheſte Weiſe unterbrochen worden. In der groͤßten Hitze des Gefechts naͤmlich ſtuͤrzte plotzlich Antonie, welche voll banger Ahndung ihren zuͤrnenden Vater auf jedem Schritte beobachtet hatte, und ihm, auf empfangene Nachricht vom Zweikampfe zwiſchen ihm und von Elft, ihren Knaben auf dem Arme, angſtvoll gefolgt war, aus dem Gebuͤſche her⸗ vor, und trat furchtlos zwiſchen die Degenſpitzen, ſo daß die Gegner nothwendig aufhoͤren mußten. Sie hielt dem Herzoge ihren Knaben entgegen, welcher weinte, ſchrie und die Haͤnde gegen ihn ausſtreckte, indem ſie rief: Da, dieſen ermorde zuerſt, dann mich, und dann, dein ſcheußliches Amt zu vollenden, bringe den Gatten um; was hat er dir gethan? Ich allein habe mich gegen dich vergangen. Fort von hier! ſchrie der wuͤ⸗ thende Herzog. Nein, antwortete Antonie, ich weiche nicht; ich bin es, welche dieſen Mann in Todesgefahr ſturzte, ich will auch ſein Schild — — — 119— gegen den Tod und ſeinen Diener ſeyn. Nun wohl, ſprach der Herzog, und ſtieß den Degen in die Scheide, ſo finden wir uns ein andermal anderswo. Er wandte ſich und ging. Antonie redete nun von Elft an, indem ſie ihn ſchmerz⸗ lich anblickte: Mann, o Mann! du haſt mir Alles genommen, du biſt aber auch mein Alles, und wenn du dich mir wieder giebſt, ſo habe ich Ehre, Ruhm, Gluͤck und Alles. O, Gelieb⸗ ter! rief ſie aus, umarmte ihn, druͤckte ihn hef⸗ tig an ſich und weinte, manche Schmerzen habe ich deinethalben erduldet, aber jetzt duͤnken ſie mich ſuͤß, und gern wollt ich ſie doppelt noch einmal ertragen, wenn ich wuͤßte, dadurch konnte ich den verlornen Vater wieder gewinnen und mit dir ausſoͤhnen. Still, ſtill, o Geliebte! erwiederte geruͤhrt von Elft, komm, komm, ich fuͤhre dich auf einem Wege nach Hauſe, welcher dich davor bewahrt, deinem unbarmherzigen Va⸗ ter wieder zu begegnen. So ſuchte er, obſchon innerlich ſelbſt zerriſſen, doch Antonien zu tro⸗ ſten, und geleitete ſie zu ihrer Wohnung. Als der Herzog nach Hauſe kam, fand er einen Diener Otberts vor, welcher ihn dringend — 120— einlud, zu ſeinem Herrn zu kommen, indem Eleonora ſehr nach ihm verlangt habe. Da der Herzog wußte, er werde dort Antonien noch nicht treffen, und ihm der Diener ohnehin verſi⸗ chern mußte, daß Niemand, deſſen Gegenwart ihn belaͤſtigen oder kraͤnken koͤnne, da ſeyn wuͤr⸗ de, ſo entſchloß er ſich hinzugehen, da er von Eleonorens lebensgefaͤhrlichem Zuſtande benach⸗ richtigt worden. Als er in das Zimmer der Kranken trat, fand er die Leidende aͤußerſt bleich aber ruhig, und die ganze Familie ringsum in Thraͤnen. Sobald Eleonora ihn erkannte, winkte ſie ihm, naͤher zu tkiten, erhob etwas den Kopf und fing an, ihn folgendermaßen anzureden: Mein Herzog, ich fuͤhle, daß meine Lebenszeit verronnen iſt, und ich bald fuͤr dieſe Welt nicht mehr ſehn werde. Wenn Sie es daher nicht fuͤr unrecht halten, daß eine Sterbende Sie bittet, ſich mit Ihrer Tochter zu verſoͤhnen, ſo Zlehe ich Sie an, meinen letzten Wunſch zu erfuͤllen, der armen Gebeugten zu verzeihen, und Ihre väterliche Milde wieder belebend in ihr tobtes Herz ſtrahlen zu laſſen.— Ol werden nicht unmuthig, glauben Sie Herzog, dieſe 3 1 — 121— abergroße Strenge iſt eben ſowohl Suͤnde, als ein zu hoher Grad von Milde, und wenn Sie ſich fragen, hat Antonie nicht genug⸗ ſam gebuͤßt? Sie haben in Otbert Ihren Sohn wieder gefunden, und fuͤhlen das Gluck, einen Fehltritt gut machen zu koͤnnen, welchen Sie Ihr Leben hindurch bitter bereut haben. Der Himmel hat Ihnen dazu auf eine wunder⸗ bare Weiſe Gelegenheit gegeben, waͤhrend Sie ſchon zweifelten, es jemals auf Erden im Stande zu ſeyn; ahmen Sie dem Himmel nach, er hat Ihnen auch dazu den Weg gebahnt. Ihre ungluͤckliche Tochter ringt mit der Verzweiflung. Sie haben ihr bewieſen, wie furchtbar ſich jede Verletzung der Ehre raͤchen muß, zeigen Sie ihr nun auch, wie wunderbar erhaben väterliche Liebe und Gnade ſeyn kann, was nuͤtzt uns das Gefuͤhl einer befriedigten Rache, oder die Rettung der aͤußern Ehre, wenn wir daruͤber. die wahrhaft menſchliche Ehre verlieren?— We⸗ nig oder vielmehr gar nichts, und dieſer Eifer dafuͤr beſtraft ſich, glaube ich, eben ſo, wie eine zu große Vernachlaͤßigung derſelben; ſeyn Sie alſo nicht unerbittlich, ſonſt mochte zu ſpate — 122— Reue Ihre Zukunft verbittern. Ich will von gar keiner Verſoͤhnung mit von Elft ſprechen, das ziemt mir nicht, mag das Ihr Gefuͤhl, Ihre Ehre, Ihr Gewiſſen entſcheiden, allein was An⸗ tonien betrifft, ſo bitte ich Sie nochmals, von dem Lager meines Todes aus, fuͤr die Arme um Verzeihung und Gnade. Bedenken Sie, Herzog, Jeder iſt ſuͤndhaft, und die, welche nie verzeihen, am meiſten. Hier war ſie ſo erſchoͤpft, daß ſie ſchwei⸗ gen mußte, die Augen ſchloß und wie ohnmaͤch⸗ tig da lag. Der Herzog hatte ihre Hand ge⸗ faßt, und ſagte geruͤhrt: Wohlan denn, da ſich Alles fuͤr ein armes ungluͤckliches Geſchoͤpf, wie Antonie iſt, vereinigt, ſo will ich eine Haͤrte fahren laſſen, welche mehr von meinem Ver⸗ ſtande unterſtuͤtzt wurde, als ſie aus meinem Gefuͤhle entſprang, mag ſie herkommen, die Va⸗ terarme ſtehen ihr offen, wie laͤngſt nur blutend das Herz ſie von ſich ſtieß. Eleonora laͤchelte und dankte ihm durch einen leiſen Haͤndedruck. Hierauf wandte ſie ſich nach einer kleinen Pauſe an Otbert, und ſprach: Mein Bruder, obſchon ich dich als ſolchen leider verloren habe, ſo kann —,—————ꝛ — 123— ich doch weder aufhoͤren dich zu lieben, noch dich anders als ſo nennen, lebe wohl, und der Him⸗ mel mag dir alle die Freuden in Fuͤlle ſchenken, welche mir ſeine Weisheit zu verſagen ſcheint. Mein Richard iſt nicht unter uns, ſchreib ihm mein letztes Lebewohl, ich hätte ihn treu geliebt, und hoffte auf ewige Vereinigung jenſeits, wo alle dieſe Schmerzensthraͤnen der Erde hinweg gewiſcht waͤren, und wir reiner und freier ſeyn wuͤrden. Meine Ottilie lebe wohl, weine nicht ſo, meine Traute, ſondern bedenke, daß wir Alle durch dieſe dunkle Pforte wandern muͤſſen, und es doch im Grunde gleichgoͤltig iſt, wie fruͤh oder ſpaͤt. Ich danke dir fuͤr alle deine Liebe, fuͤr jede Freundſchaft, fuͤr alles Gute, und mir iſt es nur ſchmerzlich, daß ich es nicht erwiedern oder belohnen kann, aber meine beſten Wuͤnſche werden ſtets mit dir ſeyn. Lebt wohl! Euch Herzog, dankt meine ganze Seele in die⸗ ſen letzten Augenblicken, Ihr habt mich von einer ſchmerzlichen Laſt befreit, Euer Edelmuth buͤrgt mir fuͤr Antoniens Zukunft. Sie ſchwieg wie⸗ der ermattet, waͤhrend Alle ringsumher erſchuͤt⸗ tert ſie umſtanden. Lebt wohl! o, lebt wohl! — 124— rief ſie plötzlich, da kommt ja das Schiff mit goldenen Maſten und ſchwellenden Segeln, was mich in das gluͤckliche Land hinfuͤhren wird, wo ich Alle wiederfinde, welche mich geliebt ha⸗ ben, und die ich liebe, o wie ſchoͤn!— Sie ſeufzte noch einmal tief, faßte krampfhaft ihre Decke, und ihre Seele war entflohen. In dieſem Augenblick trat Antonie ein, und wollte in der Thuͤre umwenden, als ſie den Her⸗ zog im Zimmer erblickte, dieſer aber erweicht und geruͤhrt, breitete die Arme aus und rief: Komm zu mir, du wieder gefundenes theures Gut, komm an deines Vaters Bruſt. Antonie ſtand ſchweigend und zweifelnd einen Augenblick ſtil, und wußte nicht, ob ſie dem Rufe folgen ſollte, dann aber ſtuͤrzte ſie in des Herzogs Arme und konnte nur unverſtandliche Laute her⸗ vor bringen. Als endlich der ſchmerzlich ſuͤße Taumel der gefundenen Gnade und der wieder geſchenkten Vaterliebe voruͤber war, und ſie Eleo⸗ norens Leiche erblickte, ward ſie dadurch zu neuem Kummer aufgerufen. O, ſprach ſie, theure Eleonora, jetzt unheilkuͤndende lebloſe Zeu⸗ gin dieſer Verſohnung, ſo fruchtlos meine Shri⸗ . — 125— nen fließen, dich in dies arme Leben zuruͤck zu weinen, ſo ahndet mir es, wird meine Verſoͤh⸗ nung, die erhaltene Verzeihung, dein Werk, mein gluͤcklichſter Schmerz zu ſpaͤt kommen, und die aufgerufenen Rachegoͤttinnen des Geſchicks wirſt du unſchuldiges Opfer nicht verſohnen. O, geliebte, theure, geſchiedene, treuloſe Elev⸗ nora, o nimm mich zu dir, erloͤſe mich vom Leben. Bei dieſen Worten kniete ſie am Bette der Verſtorbenen nieder und druͤckte ihr Geſicht laut weinend in die Kiſſen. Otbert trat zu ihr und ſprach, indem er ihre Hand faßte, ſtill, Schweſter, ſie iſt hinuͤber und gluͤcklich, ihr Antlitz laͤchelt, dieſe irdiſche Huͤlle iſt nicht mehr Eleonora; klage dich nicht an, ich habe wohl eben ſo viel, vielleicht noch mehr Schuld an den unſaͤglichen Schmerzen und Bewegungen, welche ihr ſchnelles Scheiden von uns herbei fuͤhrten. Er richtete Antonien auf und fuͤhrte ſie mit Ottilien ins Nebenzimmer, um Alles, was die traurige Nothwendigkeit erforderte, ru⸗ higer anordnen zu koͤnnen. Nicht lange darauf war Eleonorens Begräbniß, Alle, welche ſie ge⸗ kannt hatten, ſchloſſen ſich trauernd dem Leichen⸗ — 126— zuge an; der Schmerz des Herzogs war ſo groß, daß er nicht nur ruhig die Gegenwart von Elfts ertrug, ſondern ihn ſogar nicht ungern ſah. So lindernd iſt Theilnahme ſelbſt vom Feinde gezollt, daß ſogar die erbittertſten Gemuͤther ih⸗ ren Haß vergeſſen, wenn ſie ſehen, ihr Gegner ehre ihre Schmerzen. Angekommen auf dem Got⸗ tesacker, ward der Sarg eingeſenkt und nach allen gebraͤuchlichen Ceremonien der Grabhuͤgel daruͤber errichtet. Die erſten dumpfen Schau⸗ felwuͤrfe weckten Otbert aus ſeinem Hinbruͤten, er ſah auf und ward bleich. Ottilie wurde vor Schmerz faſt ohnmaͤchtig, und mußte von ihm und dem Herzoge in den Wagen gehoben und nach Hauſe gebracht werden. So blieben Antonie und von Elft allein am Grabe der Freundin. Dort ruht ſie nun, begann Antonie, ſie, welche meinethalben, moͤchte ich faſt glauben, ihr Leben endete, und mein Dank bleibt leerer Wortſchall, den ſie nicht einmal hoͤrt!— Ach Eugen, wie ſchwach ſind wir!— Von Elft ſtand und ſah ſtumm auf den friſchen Huͤgel, dann raffte er ſich ge⸗ waltſam auf, fuͤhrte Antonien zum Wagen und kehrte allein zuruͤck. Er ſetzte ſich unweit des ——— — 127— Grabes auf eine ſteinerne Bank und uͤberließ ſich ſeinen Gedanken. Dies alſo waren die druͤckenden Ahndun⸗ gen, welche dich ängſteten, und nicht ich, der es verdiente, fiel, ſondern du ſchuldloſes Opfer. O, von Elft, von Elft! ſeufzte er und ſchuͤttelte den Kopf, Alles, Alles das iſt die bittere Frucht deiner treuloſen Seele. Warum iſt denn Alles in meiner Bruſt ſo leer, ſo hohl, als wenn ich keine Seele mehr haͤtte? Weshalb ruͤhrt und er⸗ ſchuͤttert mich dies Alles nicht bis auf den tief⸗ ſten Grund meines Lebens?— ſonſt konnte es ein Gedanke, ein Traum der Phantaſie.— Warum?— weil du ſie nicht liebſt. Wohlan denn, rette was zu retten iſt, verſohne dich mit dem Herzoge, fuͤhre Antonien als dein Weib in dein Haus, verzichte ſtill auf alles Gluͤck, auf alle Freuden, leb in ſteter Reu und Buße.— Ja, rief er ploͤtzlich aus, das ſag ich wohl, aber ich fuͤhle den Sinn der Worte nicht; o wir Menſchen, uͤbertuͤnchten Graͤbern gleichen wir, unſere Verzweiflung ſelbſt wird ein Spiel der todten Eitelkeit.— Doch, fuhr er nach eini⸗ gem Schweigen wieder fort, vielleicht kommt — 128— aller Frieden, alle vertriebene Heiterkeit und Luſt mit ihrem Fruͤhlingsſchein in unſere Herzen zu⸗ ruͤck, und eine hoͤhere Jugend thut ſich uns Al⸗ len auf. Er verſank in Nachdenken und Traͤu⸗ mereien uͤber die Zukunft. Sey ehrlich, fing er nach einiger Zeit wieder an, liebſt du ſie noch? Iſt ſie nicht eben ſo ſchon, ja noch ſchoͤner, wie ſie es war, als du Unſeliger ſie kennen lernteſt, und du liebteſt ſie nicht mehr?— Warſt du berauſcht von der Umgebung, und war es nicht der heilige Taumel wahrer Liebe, welcher dich damals durchgluͤhte?— Wohl, dem ſey wie ihm ſey, Antonie wird die Meine fuͤr dies Le⸗ ben, und der Himmel fuͤge das Uebrige nach ſeiner Weisheit. Mit dieſem Vorſatze ſtand er auf und ging nach ſeiner Wohnung zu. Kaum war Otbert nach Hauſe zuruckge⸗ kehrt, als er in ſein Zimmer ging und ſich ein⸗ ſchloß; denn ſeine volle Seele ſuchte die Ein⸗ ſamkeit. Alſo iſt ſie todt! rief er wie ſich beſin⸗ nend aus, wirklich todt!— Ja wirklich, fuhr er dann nachdenklich fort, in der That, dieſe Augen ſahn ſie ſcheiden, dieſe Ohren horten den dumpfen Klageton der aufgeſchuͤtteten Erde.— — 129— und wer fuͤhrte wohl anders dieſe bittere Tren⸗ nung ſo ſchnell herbei, fuhr er nach langem Sinnen und Gruͤbeln fort, als ich ungluͤcklicher? Konnte ſie wohl den Schmerz uͤberleben, mich, den Bruder geiſtig und korperlich zu verlieren! denn der verlorne Bruder iſt ja ein Baſtard.— Das alſo ſind die gluͤcklichen Folgen der Liebe! O Himmel, Himmel! Liebt denn der unbeugſame Herzog ſein Kind, da ihn nur die Bitte einer Sterbenden mit ihr verſoͤhnen kann! Liebe ich denn dieſen meinen Vater, durch deſſen Erſchei⸗ nen die zarteſten Bande der Erde zerriſſen und vernichtet wurden?— Liebt von Elft Antonien, welche er um ihr Alles gebracht hat?— Soll Liebe von Ehre bezwungen werden? Soll es einen Kampf gegen dieſe Empfindung unſerer Seele geben?— Iſt es eine Empfindung unſerer Seele, dieſe Liebe?— Wie?— Oder iſt ſie etwa nur ein ſinnliches Gefuͤhl, entſteht und ver⸗ rauſcht ſie vielleicht durch den Augenblick des Genuſſes, und bleibt durch die Gewohnheit des Glaubens?— O heiliger Gott, habe ich bis jetzt nicht gedacht, ich liebe, ja, und glaube es noch, und muß ich mir nicht gerade die ſchwer⸗ — 130— ſten Vorwuͤrfe uͤber Eleonorens Tod machen?— Nein, nein, ich bin ein boßes Werkzeug, nichts als Maſchiene, ich habe es ja nicht ge⸗ wollt, weshalb Vorwuͤrfe fuͤr mich!— Aber ſie iſt todt, doch todt! rief er aus, druckte ſchmerzlich die Hand feſt an die Stirne, fuhr dann damit uͤber die Augen, und ſagte weich: Ja todt, und wir muͤſſen uns faſſenz faſſen, fuhr er fort, ſchlug die Augen auf mit einer bedenklichen Bewegung der Hand, es iſt geſchehen, Gott mag wiſſen, wozu es gut iſt, wir Menſchen ſehn es oft nicht, und halten fur Zufall und Willkuͤr, was nothwendig war und Abſicht. Dieſe verwirrten formloſen Betrachtungen dienten ihm einigermaßen ſtatt Troſtes, und er ging hinunter zu Ottilien, um gefaßter, dieſe wenigſtens etwas aufzurichten. Er fand den Herzog bei ihr, der mit vergeblicher Muͤhe Alles aufbot, was Ottiliens Schmerz lindern konnte. Ach mein Otbert, ſprach ſie, als ſie ihn er⸗ blickte, ſie iſt nicht mehr hier! o, ſie ſcherzte ſo lieb und war ſo treu, ſo gut, ſie liebte uns alle ſo recht innig, ſie iſt entflohn die Freun⸗ din, und alle Liebe, alle Sehnſucht nach ihr —— — 131— will ich auf dich uͤbertragen; denn ſie hat dich ja herzlich geliebt, du warſt ihr letztes Wort. Beruhige dich, Tochter, ſprach der Herzog, und glaube, daß es Jeder fuͤhlt, was du und wir Alle verloren. Ach! fuhr weinend Ottilie fort, ſo habt Ihr ſie alle nicht geliebt, wie ich, und es war meine Pflicht. Hatte ſie ſich nicht der verwaiſten armen Ottilie angenommen, lebte ſie nicht ganz allein fuͤr mein Gluͤck, glich etwas ihrer Freude, als ſie Otberts und meine Liebe ſah, fuͤllte nicht die Wonne uͤber unſere Vereinigung ihre Seele ganz? und, o nun kann ſie nicht einmal die Fruͤchte der Dankbarkeit genießen! Kalte Erde, kalter Stein, falſches Holz umfaſſen ſie nun, ſtatt des warmen Herzens, daß ſie nur lieben konnte. O, theure Eleonore! du, welche das Gluͤck der Liebe ſo fuͤhlte, ſo verſtand, ſich an unſerer Zaͤrtlichkeit ſo freute, du ſelbſt gluͤhend in edler Leidenſchaft, darfſt nicht ihre Wonne genießen; Ach, Otbert! das arme Kind, du bedauernswerthe Blume, o weh!— Sie weinte ſo heftig und ſchluchzte ſo laut, daß Jedem, der es hoͤrte, das Auge voll Thranen rann. ———— ——— Der Schmerz ſchien bis zum Wahnſinn zu ſtei⸗ gen; denn lange Zeit ſaß ſie da, eine Hand in die Locken geſchlungen, auf einen Punkt hinſtar⸗ rend, und wiegte ſeufzend das Haupt, waͤhrend ſie nichts als die Worte ſprach: O, arme Eleo⸗ nore! o, bedauernswerther Richard! o ungluͤck⸗ ſeliges Paar, o, oh!— Endlich uͤberwaltigte korperliche Ermattung den Aufruhr der Seele, und ſie ſank in einen tiefen Schlaf. Otbert ließ ſie in ihr Zimmer tragen, waͤhrend er nach muͤhſamer Faſſung rang und ſie erreichte. Alle trennten ſich, und Jeder hing dem Gedanken ſei⸗ nes Schmerzes nach, mit dem Entſchluße zu warten, bis die Zeit den Gram etwas gemil⸗ dert habe. So verfloſſen mehrere Wochen, ohne daß etwas von Wichtigkeit geſchehen waͤre; denn der Herzog hatte alle Rache gegen von Elft wäh⸗ rend dieſer Zeit untertauchen laſſen; von Elft ſelbſt ſah' Antonien nur verſtohlen, und dieſe war nebſt Otbert und ihrem Vater zu ſehr um die erkrankte Ottilie beſchaͤftigt, als daß ein an⸗ derer Gedanke in ihrer Seele mehr als voruͤber⸗ gehend hätte Raum finden koͤnnen. Ottilie er⸗ —— — 133— holte ſich bald, ihre gute Natur beſiegte raſch den Anfall von Krankheit, und mit ihrem Ge⸗ ſunden ſtellte ſich auch jene ruhigere Ueberlegung der Dinge ein, welche nothwendig erfolgt, ſo⸗ bald ein groͤßerer Zeitraum die Vergangenheit von der Gegenwart trennt. Sie bat Otbert, Eleonorens Bild zu malen; denn ihm koͤnne das ohnmoglich ſchwer fallen, und ihr wuͤrde es große Beruhigung und Freude gewaͤhren, im Bilde wenigſtens ihre liebe Schweſter zu beſitzen. Dieſe Aufforderung traf mit Otberts Sinn leicht zuſammen, und voll von dem Gedanken begann er das liebe Werk. Er zeichnete das Portrait auf, und Jeder dem es gezeigt wurde, bewun⸗ derte die ungemeine Aehnlichkeit. Durch ſolch einen unbegrenzten Beifall ermuthigt, begann er es zu malen, allein jeder Pinſelſtrich, ſchien es, raubte einen Zug der hingezauberten Aehn⸗ lichkeit, und als es vollendet war, ſah man wohl, es ſolle Eleonore ſehn, allein ein unbe⸗ greifliches Etwas mangelte dem Bilde, was man wohl fuͤhlte, aber nicht ſagen konnte. Ot⸗ bert bemuͤht den Fehler zu finden und zu beſ⸗ ſern, ſann vergebens uͤber den Grund deſſelben nach, und beſſerte umſonſt, ja noch un⸗ glucklicher als er gemalt hatte. Je mehr er an dem Bilde aͤnderte, deſto weniger ward es ſeine Eleonore und je laͤnger er daran arbeitete, deſto ſchwaͤcher ſtand das Urbild vor ſeinem gei⸗ ſtigen Augen. Daruͤber gerieth er in Verzweif⸗ lung; unmuthig warf er den Pinſel und die Pa⸗ lette hin, und ging im Zimmer auf und nieder, ſich die ſchoͤnen Zuge recht zu vergegenwaͤrtigen, allein es war umſonſt. Wie? rief er plötzlich aus und blieb ſtehen, ſoll ich auch die Gewalt uͤber mich verlieren?— Warum prägte ſich mir das Bild meiner Mutter ſo tief in meine Seele, und Eleonore nicht, die ich doch taͤglich geſehen, gekannt, die ich geliebt habe, wie? Nein ich traͤume! Warum kann ich ſie denn nicht malen, weöhalb ſteht mir ihr Antlitz nicht ſo lebhaft vor Augen, wie die Zuͤge von hundert andern? — Er dachte an Bekannte, Freunde, Verſtorbene, welche er nur als Kind geſehn hatte, und alle traten lebhaft vor ſeine Seele, aber ganz ohn⸗ moͤglich ward es ihm, jemehr er ſich bemuͤhte Cleonorens Zuͤge ſeinem Geiſte genau und treu zuruͤckzurufen. Bin ich behext oder beſeſſen! rief er endlich aus, was iſt das?— verſchwinden ſo bald in dem kurzen Raume weniger Wochen, theure Zuge unſerm Gedächtniſſe?— Theure? Sie muͤſſen uns ſehr theuer geweſen ſeyn, wenn ſie uns ſo ſchnell entſchwinden! Faſt ſollte man glauben ich hätte all die Liebe gegen Eleonoren nur geheuchelt, ſo unmoͤglich ſcheint es Zuͤge zu vergeſſen, welche dem Menſchen wahrhaft lieb geweſen ſind. 4 Er beſchloß die Arbeit einige Tage ruhen zu laſſen, und ſie dann kaͤlter mit erneuter Kraft zu beginnen. Aber auch dieſer Verſuch ſchlug fehl, und es ſchien als ſolle es dem armen Ot⸗ bert nicht gelingen. Sein Hang zu gruͤbeln und ſeine bruͤtende Schwermuth wurden dadurch in ſeiner Seele ſo maͤchtig, daß er ſich bald dem Gram und Truͤbſinne ganz ergab; er konnte Stunden lang ſitzen ohne ein Wort zu ſprechen, die Augen ſtarr in die Luft richten und denken, dann plotzlich lächeln und weinen, ſich vor die Stirn ſchlagen, und wieder malen. Oft ſchloß er ſich in ſein Cabinett, ohne den ganzen Tag hindurch Speiſe und Trank zu ſich zu nehmen. Ottilie, der Herzog und Antonie bemerkten ſein — 166— Schweigen, ſeinen ſteigenden Truͤbſinn und ga⸗ ben ſich vergebliche Muͤhe den Grund davon zu erfahren, oder ihn zu zerſtreuen. So oft er befragt wurde, lächelte er bloß bitter, hob die Augen zum Himmel, ſeufzte und ſagte: O, es iſt ſchlimm, ſehr ſchlimm! dann ging er in ſein Zimmer, verſchloß es, und arbeitete den ganzen Tag ohne Aufhoͤren am Bilde ſeiner Schweſter. Er ward mager, blaß und hohlaͤugig, ſchlich den ganzen Tag mit ſtieren Blicken umher, als wenn er etwas in der Luft oder am Boden ſu⸗ che, laͤchelte dann, und ſagte, nein, nein, ſo war ſie nicht! Weg, die Augen ſind zu klein, auch am Munde fehlt das ſchelmiſche Lächeln, und der leichte ironiſche Zug um den Lippen.— Ach Eleonore! dann fuhr er auf, trocknete ſich die Augen, und ſprach: Seh ruhig, ruhig, ſiehſt du, das iſt nun vorbei, wir alle haben nichts anderes zu erwarten, arme Ottilie, bedaurungs⸗ wuͤrdiges Kind.— Willſt du wiſſen, weshalb? ha! dabei faßte er Ottiliens Haͤnde, und ſetzte ſich auf einen Stuhl. Dieſer Anblick erſchuͤt⸗ terte dann das arme Weib ſo, daß ſie mit thraͤnenden Augen rief: O beſter Otbert, ge⸗ — — 137— liebter Otbert, o geliebter theurer Mann! Ge⸗ liebt? theuer? unterbrach ſie ſtier laͤchelnd Ot⸗ bert, ſtill, ſtill, davon kenn ich ein Maͤhrchen. Er legte die Finger auf die Stirn, trommelte damit auf derſelben umher, und ſagte dann, vor ſich hinſehend, das iſt ja Alles nichts, kei⸗ ner Erwaͤhnung werth! ich ſage dir Ottilie, es giebt gar keine Liebe, ſondern nur Heuchelei, die wuͤthendſte Heuchelei! O es iſt ſchlimm, gar zu ſchlimm, ja, ja, ich habe auch geſagt, daß ich dich liebte, glaube es nicht, o glaube es ja nicht; ich ſage es dir ganz im Vertrauen, es iſt gar nicht wahr, erlogen, deine Ruhe wäre hin, wenn du mir glaubteſt und deine Keuſch⸗ heit opferteſt.— Aber wunderlich genug, meine Liebe iſt begraben, und warum?— o ungluck⸗ ſelige Ottilie— du fragſt weshalb, gut, ver⸗ ſprich mir zu ſchweigen, gieb mir die Hand darauf, er hielt die ſeine hin, und weinend leg⸗ te die zermalmte Ottilie die ihre hinein— er lächelte und ſagte: So gut, nun will ich dir es erzͤhlen, willſt du?— Ottilie neigte ſchwei⸗ gend den Kopf.— Schoͤn, ſchoͤn, ich verſtehe dich, ganz im Vertrauen, ſoll ich dir's ſagen, gut, ich ſage dir es in's Ohr. Ottilie, die ar⸗ me Ottilie hat einen Heuchler, einen Baſturd, einen Moͤrder zum Mann;— verſtehſt du,— ja du lieber Gott, es kann weit mit uns kom⸗ men— hoͤre, fuhr er dann fort; indem er naͤ⸗ her an ſie heran ruckte, ich moͤchte Todtengrä⸗ ber ſeyn, dazu bin ich geſchaffen; denn ich habe Eleonoren erſt umgebracht, und dann in die kal⸗ te Erde gelegt, ohne zu weinen!— da ſchlaͤft ſie nun alle Tage, aber des Nachts kommt ſie zu mir.— Ihr ſeht mich groß an, ei nun, was thut's, es iſt ja meine Schweſter— und ſagt mir, du biſt nicht mein Bruder, o! wenn nur dieſe boſen hochmuͤthigen Träume nicht waͤ⸗ ren, ich ſage dir Ottilie, ich werde recht ge⸗ plagt!— Wart, nun will ich malen, die fri⸗ ſchen Lippen, die ſchoͤnen Wangen, die brennen⸗ den Augen!— ach Gott, wie erbaͤrmlich und lumpig iſt doch unſere Kunſt gegen die Naturz ei, ei, ich habe das niemals ſo geglaubt, wie jetzt, das ſind boſe Zeichen!— In dieſem Au⸗ genblicke trat der Herzog ein, und ſah das be⸗ jammernswerthe Schauſpiel. Otbert auf einen Seſſel, die Hand aufgeſtuͤtzt auf der Lehne, mit * — — 130 den Fingern an der Unterlippe ſpielend und ſtarr auf einen Fleck hinblickend, Ottilie zu ihres zer⸗ ſtorten Mannes Fuͤßen, mit ihren beiden Haͤn⸗ den ſeine Linke haltend, ihn unaufhoͤrlich unter Thraͤnen anblickend, ohne vor Schmerz etwas anders hervor bringen zu können, als ein Stoͤh⸗ nen oder bebendes Zucken um die krampfhaft geſchwollenen Lippen. Herr des Himmels! rief der Eingetretene, was iſt das? O Huͤlfe, Huͤl⸗ fe, weinte ihm Ottilie entgegen, ſprang auf und füͤrzte in ſeine Arme, ſehn Sie, mein theu⸗ rer Otbert iſt zerſtort, zerruͤttet, fur ſein ganzes Leben, ſein Truͤbſinn iſt Vater dieſes Wahn⸗ witzes geworden, ach ich arme Beklagenswerthe! — Otbert ſah den Eintretenden lange an, dann ergriff er des Herzogs und Ottiliens Hand und ſprach, indem er die Letztere liebkoſte und weh⸗ muͤthig anſah: Weine nicht mein Kind, ſich was hilft's, ich bin doch der Morderz ja, ja, durch von Elftö Tanzen habe ich Eleonoren ge⸗ todtet— ja es war ein gutes Kunſtſtuͤck, und macht mir Ehre!— es wäͤre mir aber auch nicht gelungen, wenn ich ſie geliebt hätte, aber heucheln und todtſtechen iſt eins und daſſelbe —— und vertraͤgt ſich gut.— Richts, gar nichts anders giebt es als das!— Laßt mich nur machen, redet mir nicht von Liebe! Liebe, o ja, die laßt die Kinder in Ohnmacht fallen, und die Muͤtter in Kloͤſtern verhungern! Glaubſt du denn, der Herzog liebt ſeine Tochter, o, laß dir ſagen, er geht darauf aus, ſie zu vergif⸗ ten, das ſchwoͤr ich dir, und das iſt auch das Vernuͤnftigſte, was er thun kann! Iſt es moͤg⸗ lich, rief der bewegte Herzog, iſt es moͤglich, das alles um eine verlorne Schweſter! Wer findet den lichten Faden, in dieſer Finſterniß, der uns haͤlt, daß wir nicht vernichtet ſterben oder alles Luͤge und Betrug ſchelten, was iſt. — Plotzlich ſchlug Otbert ſich vor die Stirn, und rief aus:— Otbert, Otbert, du ver⸗ traͤumſt die Zeit, geh hin, Arbeit ſcheucht die truͤben Gedanken, lebt wohl. Glaubt keinem Menſchen, ja, gar keinem— ich will Eleonoren malen. Hierauf ging er ohne Jemanden zu bemerken, auf ſein Zimmer, ſchloß ſich ein, und begann mit eben ſo vergeblicher Muͤhe von Neuem Eleonorens Portrait, als er viele derſel⸗ hen ſchon vollendet hatte. — —. Dieſer unſeelige Wahnſinn Otberts ſtürtzte Ottilien und den Herzog in neue Betrubniß, beſonders da der gerufene Arzt die Krankheit fuͤr unheilbar, wenigſtens fuͤr ſehr langwierig er⸗ klärte. O welch' ein Mann, pflegte Ottilie oft im Uebermaaße ihres Schmerzes auszurufen, iſt uns untergegangen! Armer beklagenswer⸗ ther Otbert, was haſt du gethan, verbrochen, daß alles ſich beſtrebt, das kleine ſchuldloſe Le⸗ ben zu vernichten? Wenn nicht mein Glaube eine hohere Weisheit als urheberin aller dieſer Truͤbſale kennte, welche dieſe Leiden zur Laͤute⸗ rung, Pruͤfung und Befeſtigung im Glauben an ſie, uͤber unſer Haupt ſendete, ſo wuͤrde mein Verſtand an der Ordnung und Weisheit der Menſchenſchickſale zweifeln muͤſſen. Der Herzog gab durch die Zeit und Umſtaͤnde gezwungen, immer mehr und mehr den Plan ſeiner Rache auf, und konnte ſchon, belehrt gleichſam und gewarnt durch ſein bisheriges Geſchick dem Ge⸗ danken an Ausſohnung mit von Elft ertragen, ja hätte ihn vielleicht ſehr raſch ausgefuͤhrt, wenn nicht dieſer eine Unglͤcksfall ſeines Hau⸗ ſes alle ſeine Kräfte in Anſpruch genommen hät⸗ — 142—. te. Er lebte eine lange Zeit nur dafuͤr Otberts Geiſt wieder herzuſtellen, Ottiliens Klagen zu hoͤren, die Arme zu troſten, und ſelber innerlich vom Schmerz zerriſſen zu werden, den er verge⸗ bens mit Gruͤnden der Vernunft bekaͤmpfte. Dieß alles, an ſich ſo Schreckliche, trug den⸗ noch dazu bei, das neue Liebesband zwiſchen Antonien und von Elft immer feſter zu knuͤpfen. Niemand im Hauſe konnte ſo ſehr uͤber Anto⸗ niens Schritte wachen, daß ihr ohnmoͤglich ge⸗ weſen ſeyn ſollte, ihren geliebten Eugen heim⸗ lich ofter und oͤfter zu ſprechen. Das hatte die gluͤckliche Folge, daß ſſie je oͤfter es geſchah, deſto ruhiger und beſonnener die Angelegenheiten der Ihrigen betrachtete, und ſo bald eine allen unentbehrliche Stuͤtze des ganzen Hauſes ward. Dieß vermehrte ihren Muth fur die Zukunft nicht wenig, und ſie fing an in ihren Traͤumen man⸗ ches Gluͤck derſelben feſter auszumalen. Manate indeſſen vergingen ohne daß Ot⸗ berts Krankheit irgend eine Spur von Beſſe⸗ rung zeigte, obwohl es von allen ſchon als ein gutes Zeichen angeſehen wurde, daß ſich ſein Zuſtand nicht verſchlimmerte. Ottilie fing an ſich auch in dieſe unſtelige Lage der Dinge ge⸗ duldig zu fuͤgen, und die Zeit, welche uͤber⸗ haupt das Gute oder Schlimme in ſich tragt, uns gegen alle Leiden und Freuden abzuſtum⸗ pfen, uͤbte auch hier, wiewohl ſpat und ſchwer ihre Macht, ſo daß ſie ruhiger an Vergangen⸗ heit, Gegenwart und Zukunft dachte. Otberts ſchwermuͤthiger Wahnſinn hatte dieſen noch mil⸗ der gemacht, ganz kindlich, aber auch ganz theil⸗ nahmlos fuͤr alles, was die Seinigen betraf. Sein ganzer Malereifer beſchraͤnkte ſich darauf, Eleonorens Bild zu entwerfen, auszufuͤhren, unaͤhnlich zu finden, und bei Seite zu ſtellen, um ein neues Gemaͤlde mit demſelben Erfolge zu beginnen. Etwas Anderes dachte, konnte, woollte er nicht als das Eine; ſo daß ſeine Ser⸗ le durch dieſem einen Gegenſtand ſo im Inner⸗ ſten aufgeregt war, daß ſie fuͤr alles Andere gleichſam in Starrſucht geſunken, fur nichts als dieß Eine Sinn zu haben ſchien. Trotz dieſes beſtaͤndigen ſchmerzlichen Anblicks aber— ſolch ein wunderbares Geſchoͤpf iſt nun einmal der Menſch— den Otberts Geiſteszerruͤttung taͤglich ſeiner Um⸗ gebung darbot, uͤbte dennoch die maͤchtige Ge⸗ — 144— wohnheit ſo ſehr ihr Recht an den uebrigen aus, daß Ottilie ſowohl als der Herzog nicht nur ruhiger wurden, ſondern das Geſpraͤch ſie ſogar oft in der Erinnerung in jene ſo ungluͤck⸗ ſeelige Vergangenheit zuruͤckfuͤhrte. Otbert aͤu⸗ ßerte, obwohl er gewoͤhnlich dabei war, an al⸗ lem nicht den mindeſten Antheil, oder wenn er ja etwas ſprach, waren es halb verworrene, un⸗ paſſende bittre Reden, welche er an niemanden eigentlich richtete, und die mehr unwillkuͤrlich laut gewordenen Gedanken, als zuſammen haͤn⸗ genden Reden glichen. So ſaßen auch einſtmals Antonie, Ottilie und der Herzog beiſammen, und das Geſpraͤch fiel zufaͤllig auf die Erinnerung an jenen Abend bei von Elft, als Otbert eintrat, und ganz voll Gedanken, ſich theilnahmlos unweit von ih⸗ nen niederließ. Ja, ſagte im Verlauf des Ge⸗ ſpraͤchs der Herzog, wer von uns haͤtte wohl ahnden koͤnnen, daß der Mann, welcher an je⸗ nem Abende wahrhaft verklaͤrt und ſchoͤn da ſtand, jetzt dort ſo betruͤbt und ſinnlos die leere Luft anſtarren konnte; wie klein und ſchwach iſt doch des Menſchen Daſeyn! Und wer, nahm 16— Antonie das Wort, haͤtte damals geglaubt, daß wir Eleonoren ſobald nachher verlieren ſoll⸗ ten. O, ſprach wehmuͤthig begeiſtert Ottilie, wie ſchoͤn, wie wahrhaft maͤnnlich groß war er im Bilde, wie erhaben ſtand er da, voll Kuͤhn⸗ heit und begeiſtertem Bewußtſein ſeines großen Platzes. Ich geſtehe, ſagte Antonie, daß ich es haͤtte ſehn moͤgen. Du waͤrſt erſtaunt gewe⸗ ſen, fuhr Ottilie fort, welch eine Flamme von Begeiſterung aus allen hervorgluͤhte. Die wun⸗ derbare Muſik, die ſchoͤnen Engelskoͤpfe, du ſel⸗ ber als Barbara, er als Sixtus und vor al⸗ lem die Madonna! Dieſe Poeſie der Darſtellung, dieß Niederſteigen des Gottlichen in menſchlicher Form, ohne dadurch etwas von der Erhaben⸗ heit des Gegenſtandes und des goͤttlichen Geiſtes zu verlieren, war wohl das Hoͤchſte, was die ſchaffende Darſtellung eines plaſtiſchen Kunſt⸗ werks erreichen konnte. Hoͤheres als das, was ſie in der Darſtellung der Madonna gegeben hatte, konnte Eleonore nicht geben, deshalb nahm ſie der Himmel, den ſie ſo gewaltig her⸗ ab gezaubert hatte, wieder in ſeine heiligen Wohnungen auf. Eleonore war die kuͤhnſte Of⸗ K — 16— fenbarung poetiſcher Begeiſterung. Otbert ſtand auf, laͤchelte ſtill, und begab ſich auf ſein Zim⸗ mer. Da geht er hin, ſagte Ottilie ihm weh⸗ muͤthig nachblickend, um in vergeblichem Fleiß den Tag zu toͤdten, das entſchwundene Gotter⸗ bild zu erhaſchen. Waͤhrend dieſer Rede war der Herzog ſinnend das Zimmer mehrere Mal auf und nieder gegangen. Jetzt blieb er vor Otti⸗ lien ſtehn, ſahe ſie lange an, dann ſprach er: Ich glaube meine Theure, ein Mittel gefunden zu haben Otberts Krankheit ganz zu heben⸗ Ich bin uͤberzeugt, daß der Truͤbſinn, welcher ſeine Seele druͤckt, ſchwinden wuͤrde, wenn er im Stande waͤre, Eleonorens Bild treu der Lei⸗ newand anzuvertrauen. Gewiß, verſicherte Ot⸗ tilie. Nun, fuhr der Herzog fort, habe ich, wenn meine Beobachtung mich nicht trugt, ſehr wohl bemerkt, daß, ſo oft von jenem Feſte bei von Elft die Rede geweſen, und namentlich wenn die ſiptiniſche Madonna erwähnt wurde, in Otberts Seele ein Daͤmmerſchein der Erinnerung an jenes Bild und Eleonoren aufleuchtete. Eine koͤrperliche Erſcheinung alſo dieſet Madonna, welche Eleonorens Zuͤge truͤge, — 147— und auf dieſe Weiſe ihm erſchutternd das vet⸗ gangene Bild vor die Seele ruckte, wuͤrde die Heilung, duͤnkt mich, bewirken. Das waͤre moͤglich, ſagte Antonie, wenn die Erſcheinung zu bewerkſtelligen waͤre. Das eben glaube ich, erwiederte der Herzog, durch Ottilien hervorbrin⸗ gen zu koͤnnen. Sie ſelbſt haben mir ja oft erzaͤhlet, zu wie vielen Scherzen Ihre nicht un⸗ bedeutende Aehnlichkeit mit Eleonoren Veranlaſ⸗ ſung geweſen ſeh, ich habe oft ſtill die wahr⸗ haft wunderbare Uebereinſtimmung beider Ge⸗ ſtalten betrachtet; wenn alſo Ottilie ſich ent⸗ ſchließen koͤnnte dem Otbert zu erſcheinen, ſo wuͤrde dieſe Aehnlichkeit, verbunden mit der Stille der Nacht und dem Wunderbaren des Eindrucks gewiß nicht anders als hoͤchſt guͤnſtig erregend auf die zerſtorten Seelenkraͤfte des Kran⸗ ken wirken. Dieſem Vorſchlage hoͤrte Ottilie nicht ohne inneres Beben zu. Ihr von Natur furchtſames Gemuͤth, ſagte ihr, es ſey unrecht, mit Todten, und vor allem mit der Erſcheinung einer ſo geliebten Perſon zu ſpielen; es heiße das, ſich den Armen einer uͤberirdiſchen, den Menſchen vielleicht feindſeligen Gewalt hinge⸗ K 2 — 148— ben, und leicht ſey es moͤglich, daß dieſe dann zur Suͤhne das eigene Leben forderten. Zu dieſen Vorſtellungen geſellte ſich noch außerdem ein Schauer vor dem Heiligen des Gegenſtan⸗ des; es ſchien frevelhaft die Madonna ſpielen zu wollen, und moͤglich den Himmel durch den Mißbrauch heiliger Geſtalten fuͤr irdiſche Zwek⸗ ke zu erzuͤrnen. Dieſe Gedanken bewogen ſie den beiden zu erwiedern, der Vorſchlag ſey un⸗ ausfuͤhrbar; denn, fuͤgte ſie hinzu, wenn ich auch das innere Grauſen, Heilige und Todte, durch dieß Nachaͤffen ihrer koͤrperlichen Erſcheinung zu verſpotten, uberwinden wollte, glaubt Ihr nicht, daß Otbert an tauſend Dingen und Kleinigkei⸗ ten, mich fuͤr das, was ich bin, erkennen, und dann von aller Beſinnung verlaſſen, wer weiß, was beginnen wuͤrde?— und nun ſetzt den Fall, ich erſchiene ihm wirklich, ohne gluͤcklichen Erfolg, glaubt Ihr denn, daß es auch ohne Schaden fuͤr ſeine Geſundheit bleiben wuͤrde? daß ſich vielleicht ſeine, doch wohl noch zu hebende Schwermuth nicht in ein unheilbares„ uebel verwandle? Nein, ſchloß ſie, die Sache iſt auf jeden Fall viel zu gefaͤhrlich, und beſſer, — 149— ſie nterbleibt ganz, als daß ſie ſchlecht ausge⸗ fuͤhrt, mehr Unheil als Gluͤck mit ſich braͤchte. Der Herzog und Antonie fuͤhrten ihr hierauf an, wie die Nacht, das beſtändige Beſchäftigtſeyn Otberts mit Eleonorens Bild, der tiefe Ein⸗ druck den ſichtlich die Darſtellung bei von Elft auf ihn gemacht haͤtte, die Ueberraſchung des Augenblicks und tauſend andere Kleinigkeiten weit eher fuͤr das Gelingen, als das Mißgluͤk⸗ ken des Planes ſpräͤchen. Dieſem wußte ſie noch ſo viel Gruͤnde des Verſtandes und des Gefuͤhls hinzuzufuͤgen, daß Ottilie endlich, ob⸗ wohl innerlich wiederſtrebend, einwilligte, und ſogar die kommende Mitternacht, fuͤr den ent⸗ ſcheidenden Verſuch beſtimmte. Am meiſten be⸗ wog ſie zur Unterdruͤckung ihres Widerwillens der Gedanke: daß ſie eigentlich doch ihren Mann, durch ihre Bitte um Eleonorens Bildniß erſt in dieſen unſeligen Zuſtand geſtuͤrzt habe, daß ſie alſo auch aus doppeltem Grunde verpflichtet ſeh, alles zu wagen, um ihren ungluͤcklichen Gatten von dem ſtarren Banden des Truͤbſinns zu er⸗ retten. Waͤhrend nun die Andern eifrig alles, ihr Vorhaben glucklich auszufuͤhren in Bereit⸗ — 150— ſchaft ſetzten, hatte Otbert den ganzen Tag ſei⸗ nen vergeblichen Bemuͤhungen geweiht, und war endlich ermattet am Abend entſchlummert. Wie es nun oft geſchieht, daß unwillkuͤrlich eine zu⸗ fallig erwahnte Sache in der Nacht das wun⸗ derbare Spiel des Traumes wird, und gaukelnd mit ſeltſamen Bildern die Seele erfuͤllt, ſo ging es auch hier dem kranken Otbert, deſſen ganze Seele von dem Streben erfullt war, ſich Elev⸗ norens Geſichtszuͤge klar und beſtimmt vor die Phantaſie zuruͤck zurufen. Er hatte kaum die Augen geſchloſſen, als ſich ein wunderbarer Traum ſeiner ganzen Seele bemaͤchtigte. Ihm duͤnkte naͤmlich, als wenn er plotzlich die Kraft bekommen haͤtte, zu fliegen, und er fuͤhlte ſich durch eine unſichtbare Macht immer weiter und weiter durch die blaue Luft raſtlos vorwaͤrts ge⸗ trieben. Endlich ſenkte ſich ſein Flug aus dem heiteren Himmel zur Erde nieder. Die unruhi⸗ ge Sehnſucht, welche ihn vorher beſtaͤndig wei⸗ ter getrieben hatte, verſchwand, und er ſah ſich auf einer unendlichen mit Nebel bedeckten Ge⸗ gend. Anfangs ſchien ihm dieſe Ebene mit ih⸗ ren grasbewachſenen gruͤnen Huͤgeln und Ver⸗ — 151— tiefungen, wie ein großes ſturmbewegtes Meer, als aber der Nebel etwas lichter ward, fand er ſich auf einem ungeheuern Kirchhof, in deſſen Mitte ſich eine große kuͤhn gebaute Kirche her⸗ vorhob, welche er bald fur den Dom des heili⸗ gen Petrus zu Rom erkannte. Voll Staunen und innerem Beben verlor ſich Otbert in Sin⸗ nen uͤber die wunderbare Stille des Todes rings⸗ umher; denn kein Baum fluͤſterte mit ſeinen weichen Blättern hier, kein Vogel zwitſcherte ſein lebendiges Lied, es ſchien nicht einmal eine Sonne, obwohl Alles von einem ſeltſamen, un⸗ erforſchlichen Lichte erglaͤnzte. Plotzlich ſagte ihm eine Stimme aus den Wolken: Die Men⸗ ſchengeſchlechter ſind vergangen, die lebenden Weſen, die Pflanzen und Baͤume umgekommen, die Erde iſt geſtorben, und ein ungeheures Grabgewoͤlbe worden, es naht der Tage Tag, der Abend, das Endziel aller Dinge, der unge⸗ heure Bringer von Lohn und Strafe. Der Ne⸗ bel, welcher bis dahin die Ebene bedeckte, war unter dieſen Worten, deren Klang Poſaunen⸗ donner war, ganz gewichen und hatte ſie ent⸗ ſchleiert. Zu ſeinem Erſtaunen ſah Otbert, daß — 152— alle großen und herrlichen Kirchen des ganzen Eirdreichs zuſammen geruͤckt waren, zu einer ein⸗ zigen ungeheuern großen Kirche, ſchien es, ver⸗ bunden, welche uͤber dem Tode und dem Ver⸗ gehn menſchlicher Kraft und Groͤße allein ein Phoͤnix und eine Wunderblume des ewigen Le⸗ bens auf Erden, kuͤhn empor gebluͤht war. Während nun Otbert alles dieß voll Erſtaunen und Bewunderung betrachtete, ertonte plotzlich von dem Himmel hernieder ein Saͤuſeln, wie wenn Aeolsharfen vom Winde durchhaucht klin⸗ gen, und ward immer ſtaͤrker und ſtaͤrker, bis es endlich deutlich zu einer herrlichen praͤchtigen Muſik ward, welche mit Geſang und Jubelhym⸗ nen vereint, wunderbar an Otberts Ohr ſchlug. Wie Donner rollten Paukentone und Poſaunen⸗ Flänge durch die glaͤnzende lichterfullte Luft, lieblich und zart tonten alle anderen Inſtru⸗ mente darein, waͤhrend ein Lobgeſang des Hoch⸗ ſten von tauſendmal tauſend jauchzenden Stim⸗ men die Luͤfte durchhallte. Mit einem Male fůͤhl⸗ te Otbert die Erde unter ſich beben; Geheul drang zu ihm auf, und wunderbare Geſtalten ſtigen aus der geborſtenen Erde an das Licht. —— Als ſie Otberts Auge naͤher betrachtete, waren es die Teufel und Diener des Satans, welche mit fletſchenden Zaͤhnen, glaͤnzenden Klauen und raubgierigen Bruͤllen der Dinge warteten, die da kommen ſollten. Alle waren mit dunkel⸗ braunen zottigen Fellen bedeckt, hatten rollende kohlſchwarze Augen, Tiegerkrallen und Affenlei⸗ ber, mit verſchiedenen furchtbaren und doch laͤcherlichen Thiergeſichtern, die dennoch dem menſchlichen ſo nahe kamen, daß ihnen nur das Milde fehlte, um es zu ſeyn. Nun oͤffne⸗ te ſich der Himmel, tauſend Engelgeſtalten er⸗ ſchienen, alle bewaffnet mit Schild und Schwerd und Palmenzweigen, mit ihnen vereint die Hei⸗ ligen und Maͤrtyrer, welche alle einen großen Kreis um die ungeheure Kirche ſchloſſen, uͤber der ſich plotzlich ein Regenbogen wie eine ſtolze Brucke rollte.— Aus der unabſehbaren Liefe des Glanzes erſcholl eine Stimme wie Donner, aber mild wie Liebe, welche rief: Der Gerichts⸗ tag iſt erſchienen, die Vollendung des Himmels und der Erde! und Otbert ſah, wie vier Engel in Poſaunen ſtießen, und alles zum Richter⸗ ſpruch verſammelten. Die gruͤnen Grabhuͤgel — 154— fingen darauf an, ſich wie Wellen zu bewegen, und unter dem Geſange der Engel entließen die Graͤber ihre Todten aus ihrem Kerker. Da ſchritten alle, Reiche und Arme, Kaiſer und Koͤnige, Herren und Knechte, Maͤnner und Weiber heran voll Zittern und Beben, um ge⸗ richtet zu werden. Auf dem Regenbogen ſitzend, die Erdkugel als Fußſchemel, die rechte Hand zum Segnen erhoben fuͤr die Gerechten, die Linke gelegt in die heilige Wunde der Bruſt, lohnte und ſtrafte lautlos richtend der Herr. Otbert vernahm Geheul der Verdammten, Lob⸗ preiſen der Gerechten und erblickte unter der za⸗ genden Menge derer, welche den furchtbaren Richterſpruch noch erwarteten, den Herzog, An⸗ gelika, von Elft, Antonien, ſeinen vermeinten Vater und viele Bekannte und Freunde. Stumm fuhr der Richter in ſeinem ungeheuern Amte fort, nichts unterbrach die erwartungsvolle Stille außer dem Wehgeſchrei der zerfleiſchten Verdamm⸗ ten, als plotzlich ein lieblicher unſchuldsvoller Geſang die Luft erfuͤllte, deſſen Worte waren: 0O sanctissima O piissima —— — 155— Dulcis virgo Maria, Mater amata, Intemerata Ora, ora, pro nobis. Otbert ſah auf, und getragen und umſchwebt von Engelsglorie, erſchien die Madonna di san. Sisto, zu ihrer Seite Sixtus und Barbara. Die Mutter Gottes ſelbſt trug Eleonorens Zuͤge, ſie neigte ſich zu dem beſtuͤrzten Otbert herab, er fuͤhlte ſeine Lippen von den ihrigen beruͤhrt, er erwachte, hoͤrte es zwolfe ſchlagen, ſah ver⸗ wundert die Stube matt erhellt, und neben ihm ſtand, wer beſchreibt ſein Erſtaunen, die Madon⸗ na des Traumes. Eleonore, ſchrie er auf, ihr Heiligen des Himmels, biſt du's? Er ſtreckte nach der Erſcheinung die Hand aus, Finſterniß umgab ihn, neben ihm rauſchte es, er ſchlug Licht an, ſetzte ſich begeiſtert zur Staffelei und malte ohne Aufhoren die ganze Nacht. Als die Sonne in ſeine Fenſter ſchien, beleuchtete ſie Eleonorens fertiges getreues Bild; aus Otberts Seele war aller Truͤbſinn verſchwunden, und er ſtand mit frohen Blicken ganz in ſeine Scho⸗ pfung verſenkt. Ja ſprach er heiter, da ſtehſt — 156— du liebes wehmuͤthiges Bild meiner theuren Eleonore, wie du mich ſo lebendig und friſch anblickſt, komm mit mir hin zu meiner Ottilie, daß auch deren Freude ſich mit der meinen ver⸗ eine. Er nahm das Bild von der Staffelei und eilte damit auf das Zimmer ſeiner Frau, dieſe mit dem Geſchenke zu uͤberraſchen. Als er aber eintrat, verſcheuchte der Anblick der blaßen fieberhaften Ottilie mit einem Male alle jauch⸗ zende Freude ſeines geneſenen Herzens. Zu beiden Seiten des Bettes ſaßen der Herzog und Antonie. Ja meine Lieben, hub die Kranke an, ich ſcheide von Euch, ich weiß es; denn kaum war ich wieder aus dem Schlafgemache getreten, ſo fuͤhlte ich mich von eiskalten Armen umſchloſ⸗ ſen, und einen eiſigen Kuß auf meine Lippen gedruͤckt. Theures Kind, ſprach der Herzog, die erhitzte Phantaſie und nicht der kalte Arm des Jodes, wird dich begraben, wenn du ja von uns ſcheiden ſollteſt; deine Furcht vor Geiſtern hat deine Seele ſo geaͤngſtet, daß eingebildete Schreckniſſe deinen Koͤrper zerſtoͤren. Nein, nein, erwiederte Ottilie, Eleonore war es, ich war ja von dem Augenblick an, wo ich es unternahm, als Eleonore zu erſcheinen, dem Reiche des To⸗ des verpfaͤndet. Unſelige Gruͤbelei einer krank⸗ haften Einbildung, rief der Herzog, ihr werdet ſie morden. Otbert hatte dieſem beſturtzt zuge⸗ — 157— hoͤrt, zeigte Ottilien das fertige Bild und fragte, was ſie denn an das Lager feſſele. Stell nur das Bild dort hin, ſagte angeſtrengt die Kran⸗ ke, daß ich es beſtaͤndig vor Augen habe; denn es thut mir wohl. Ja, ja, fuhr ſie lächelnd fort, ſo war ſie ganz; dieß wunderbare Lächeln, dieſe ernſte Stirn, dieſer leichte witzige gutmuͤ⸗ thige Spott in den Geſichtszuͤgen, dieſer edle Ausdruck aller Formen, ja ſogar die kleine Warze am Halſe, war ſo und nicht anders ge⸗ ſtaltet; ich habe oft uͤber das wunderliche Maal gelaͤchelt; ich danke dir lieber Otbert. Hierauf erzaͤhlte ſie dem verſtummten Otbert den ganzen Verlauf der Sache in der verfloſſenen Nacht, und behauptete feſt, ſie muͤſſe ſterben. Ich ha⸗ be, fuhr ſie dann angeſtrengter fort, nur noch wenige Momente, meine Eleonore winkt mir; iſt das Bild doch ſo getreu, als erſchiene ſie ſelber lächelnd dort hinter dem Stuhle, und winkte mit troͤſtenden Blicken. Laßt mich den kurzen Zeitraum ihrer wuͤrdig anwenden. O, mein Vater, der Himmel hat dir Sohn und Tochter geſchenkt, gieb du die Tochter der Welt und der Ehre wieder, durch eine Verbindung mit von Elft. Ich weiß, er liebt ſie redlich, denn mir waren Antoniens und ſeine Zuſam⸗ menkuͤnfte kein Geheimniß, die Zeit und man⸗ che ſchmerzliche Erfahrung hat ihn gebeſſert, und den edlen Gehalt ſeiner Seele von dem Schlacken und Untugenden gelaͤutert; er verdient Antonien, auch wenn es nicht ſo waͤre wie es iſt. Laß mich Eleonoren die frohe Vothſchaft Eurer Verſoͤhnung bringen, und jenſeits noch wird ſie deine Guͤte und Milde freun. Der Herzog in der Hoffnung, ſie noch wieder herge⸗ ſtellt zu ſehn, gab ihr ſein fuͤrſtliches Wort zur Ausſohnung mit von Elft, und Antonie kniete am Bette und kuͤßte, haͤufige Thraͤnen vergie⸗ ßend, Ottiliens kalte Hand. Dank, Dank, be⸗ gann ſie ganz ermattet, Vater, Dank und Lebe⸗ wohl; denn ich fuͤhle mein Ende. Stumm hat⸗ te Otbert allem dieſen zugeſehn, und unver⸗ wandt das Antlitz Ottiliens im Auge behalten. Komm, ſprach ſie zu dieſem, ſchenke mir noch einen Kuß, damit ich meine Seele unter den geliebten Lippen aushauche. Otbert that es, beugte ſich zu ihr nieder, kuͤßte ſie, und gleich darauf entwand ſich ihre Seele dem Koͤrper, unter dem Ausruf: O Tod— Otbert!— Als dieſer ſeine Frau erblaſſen ſah, faßte er das Bild Eleonorens, biß heftig die Zaͤhne zuſam⸗ men, runzelte die Stirn, ballte die linke Hand, und rief verzweifelt mit ſtarren trockenen Au⸗ gen: Ottilie! Ottilie! dann zerſchlug er ſein Bild und ſank um. Aufſchreiend eilte ihm die Dienerſchaft Antoniens und des Herzogs zu Huͤlfe, waͤhrend Antonie ſelbſt vor Schrecken ſtarr, einer Bildſaͤule gleich regungslos daſtand. Alle Verſuche ihn in's Leben zuruͤckzurufen, wa⸗ ren vergebens, der Schmerz hatte ihn getdodtet. Waͤhrend man noch mit Belebungsverſuchen Otberts beſchaͤftigt war, trat plotzlich allem un⸗ erwartet, Enrico, zwei Diener hinter ſich, in die Thuͤr des Zimmers. Eure Ehre iſt gerochen, Herzog, rief er dieſem zu, und mein Schwur geloͤſt; er zeigte zugleich auf den ermordeten von Elft, dem der Dolch bis an's Heft im Herzen ſtack. Er hat ſich lange ſchlau vor mir verſteckt, lachte Enrico, aber ich fand ihn dochz ſeht ihr, als er heute zu, weiß Gott, welchem Liebchen ſchleichen wollte. Lautlos war Anto⸗ nie umgeſunken. Nun!— fuhr Enrico gegen den Herzog und die Diener gewandt fort, was ſtarrt ihr mich ſo an!— iſt das mein Dank fuͤr meinen Eifer deine Ehre zu retten, daß du dich nun abwendeſt, und mir winkſt mich zu entfernen?— Wir waren verſoͤhnt, ſprach der Herzog tonlos. Schwacher Mann! erwie⸗ derte Enrico, das ahnete ich wohl, und des⸗ halb, damit, wenn auch Euer weichherziges Ge⸗ muͤth dem Verbrecher verzeihen ſollte, er den⸗ noch nicht gerechter furchtbarer Rache entrinnen konne, ſchrieb ich Euch den Brief, worin ich meine Ruͤckkehr nach Italien vorgab, um Euch — 160— zu taͤuſchen; es iſt gelungen, lebt wohl! mich ſieht Euer ſtumpfes Auge nicht wieder, der Krieg ſoll mich begraben. Er wandte ſich um, und ging. Muͤhſam erholte ſich Antonie. Voater, ſagte ſie, komm laß uns dieß Grabgewoͤlbe fliehn; Bamberg iſt ein Leichenhaus geworden, ich will meine Suͤnden buͤßen, dich pflegen, und wenn der Himmel dich dereinſt zu ſeinen Freuden ruft, ſo mag ein Kloſter auch mich begraben. Nimm deinen ungluͤcklichen Enkel an Sohnes Statt an, und wenn du kannſt liebe ihn. Der Herzog ſtimmte ſeiner weinenden Tochter bei, und kurze Zeit nachher kehrten die Ungluͤcklichen in ihr Vaterland zuruͤck, wo ſie die bittere und wunderbare Vergangenheit oft noch in der Erinnerung verlebten, und den Ge⸗ ſchiedenen eine zaͤrtliche Thraͤne ſchenkten. Der verwaiſte Knabe erwuchs, eine Freude des Her⸗ zogs und Antoniens; in ihn hatte das Geſchick die zarteſte Freude fuͤr die arme Mutter und den Herzog gelegt, ſo daß nach einem ſtuͤrmi⸗ ſchen und wolkichten Lebensmorgen, den beiden Einſamen in der Jugend des Kindes die Abend⸗ ſonne des Lebens noch recht heiter in das ver⸗ blutete Herz ſchien. —— Folgen eines Sonntag ſchen Concerts, Rovelle von Otto v. Deppen. * * 3.2 Es war am ſiebenten December des Jahres 1825, als Fraͤulein Henriette Sonntag im Saale des Konigl. Schauſpielhauſes zu Berlin ihr erſtes Concert gab. Schon viele Tage vor⸗ her war dies Ereigniß das Geſpraͤch der gan⸗ zen Stadt. Alles ſtroͤmte hin, ſich ſchleunigſt Billets zu verſchaffen; nur der junge Doctor Lomberg, obwohl Willens, einer der Horer und Seher zu ſeyn, vergaß, ſich mit einer Ein⸗ laßkarte zu verſorgen. Er war am Tage des Concertes ſelbſt, mit ſeinen drei Patienten ſehr bald fertig geworden; allein ſo mancherlei Sor⸗ gen, die ihn ſeit einiger Zeit quaͤlten, ſo wie eine ihm nicht ſelten eigene Confuſion, hatten ihn die Feſtlichkeit vergeſſen laſſen, und ſchon war es vier uhr Nachmittags„als er in tiefen L 2 — 164— Gedanken uͤber den Duͤnhofsplatz nach der Wal⸗ ſtraße ging. e, Lomberg! rief ihn dicht beim ehe⸗ maligen deutſchen Hauſe der Referendarius von Marwing an. Gehſt Du nicht in das Con⸗ cert der Sonntag? Potz tauſend! rief der Doctor, das hab' ich rein vergeſſen; i nun, ich bekomme wohk noch an der Caſſe ein Billet! Ach Caſſe! ſprach Marwing, welche proſaiſche Idee! Haſt Du denn nicht geleſen, bei der Sonntag findet keine Caſſe ſtatt! Wer jetzt noch kein Billet hat, bekommt keines, oder er muß einen Louisd'or zahlen; uͤberdies aber ſollen falſche Karten circuliren und mithin hat jeder Kaͤufer die Angſt obenein; die Entſchuldi⸗ gung aber iſt ſchon, wenn es ſo voll iſt, daß die Haͤlfte wieder fahren muß! O pfui! rief der Doctor; aus Dir ſpricht der Seidlerianer, lauter vorgefaßte Meinun⸗ gen! Sonntag bleibt Sonntag, mag die Milder der Feſt- und die Seidler der Feier⸗ tag ſehn, moͤgen dieſe prunken und glaͤnzen wie — 165— Weihnachtsfeſte, die Sonntag gicht dem freundlichen Pfingſten! Einzige Vergleiche! ſprach Marwing. Sehr hohe! fiel ihm der Freund ein; jener aber ſprach von Hyper⸗Poeſie, Hyper⸗Muſik und theilte endlich dem Doctor mit, daß auch Fraͤu⸗ lein von Mallwitz im Concerte ſeyn werde, eine von den ſiebzehn Damen, die ein Siebzehn⸗ theil von des flatterhaften Lomberg Herzen beſaß. Die Mallwitz drin? rief er, o dann muß ich hin! Ich habe ſie ſeit ihrer Reiſe nicht geſehen und ſie ſoll hundert Procent ſchoͤner ge⸗ worden ſeyn, als ſie war. O tauſend! meinte Marwing, aber ver⸗ zeih, ich muß gehen, damit ich einen Platz be⸗ komme; denn um zwei Uhr ſollen ſchon einige dicke Damen, als Platzmacherinnen fur ihre re⸗ ſpectiven Familien, vor dem Eingange poſtirt geweſen ſeyn. Sieh Du zu, wie Du Deine un⸗ verzeihliche Nachlaͤſſigkeit Dir ſelbſt vrgil um ein Billet zu erlangen. O ich kleide mich ſchnell um, ſprach Lom⸗ berg und folge ſchleunig; bei ſolchen Gelegen⸗ — 166— heiten ſind mir die Goͤtter guͤnſtig und ich er⸗ lange gewiß noch am Eingange ein Billet. Als Lomberg in ſeine Wohnung kam, nach No. 600 der Poſtſtraße, war es bereits ziemlich ſinſter, ſein Bediente war aber nicht da, um Licht anzuzuͤnden; denn das Pauſchquantum ſei⸗ ner drei Patienten litt die Haltung großer Be⸗ dienung noch nicht. Er ſuchte vergeblich nach den Schwefelhoͤlzern, warf ſeinen Hut gegen das Licht, ſtieß das Dintefaß uͤber die heute von der Waͤſcherinn gebrachte, und, unordentlich genug, noch nicht in die Commode gelegte Waͤ⸗ ſche, und lief endlich fluchend und ergrimmt uber ſeine Ungeſchicklichkeit, zu der Wirthin, die er, weil er noch Miethe verſchuldete, ungern plagte. Mit großer Noth erhielt er Licht. Jetzt ſieht er erſt alle Verwuͤſtungen, aber nun gerade wollte er in das Concert gehen, nicht ſo⸗ wohl wegen Fraͤulein Mallwitz, als uͤber⸗ haupt aus Neugier und um bei den nächſten Baällen auf die vielfachen Fragen, wie ihm das Concert gefallen, nicht ſagen zu brauchen, er ſey nicht darin geweſen. — 167—„ Es iſt, wie wenn ich nicht hingehen ſollte! rief er aus, die ganz durch und durch geſchwaͤrz⸗ te Waͤſche betrachtend, aber nun gerade und wenn mir Alles entgegen geht! Mein Halstuch iſt bei Abend noch rein genug, das Uebrige paſ⸗ ſirt.— Er machte aus dem einzigen disponibeln Hute mit Eau de Cologne das Talg aus, naͤh⸗ te hoͤchſtſelbſt das in der Eil geriſſene Tragband und flog nun in einer, durch einen Extra⸗Sil⸗ bergroſchen befluͤgelten Droſchke dem erſehnten Gensd'armes Markt zu. um nur einiger Maaßen ſchnell an den Eingang zu gelangen, mußte er ſchon viele hun⸗ dert Schritte vor demſelben ſein Fuhrwerk ver⸗ laſſen, als er aber etwas näher kam, rief ihn ein Gensd'armes an:„wollen Sie ins Con⸗ cert?“ und hieß ihn, da er bejahte, ſich an den langen Zug anſchließen, der von dem Eingange bis zur Seehandlung hin, ſich zu formiren be⸗ gann. Bald genug ſah auch er ſich in einer preßhaften Lage, allein er war abgehartet und fand oft genug Geſchmack an ſo buntem Ge⸗ wuͤhl;— hier bald mit Recht, denn rings um⸗ — 168— gaben ihn die niedlichſten Madchen, nicht ſelten heftig an ihn gepreßt, ja nach wenigen Minu⸗ ten war er in der Naͤhe einer wunderſchoͤnen Blondine, die an der Seite einer feurigen Bru⸗ nette nur mit Muͤhe von einem alten Herrn be⸗ ſchuͤtzt ward. Er warf ſich zum Protector des ſchonen Zweiblatts und zum Gehuͤlfen des alten Herrn auf und wurde, als ſchoͤner und gewand⸗ ter Mann, in jetziger Noth gern als Schutzen⸗ gel angenommen, allein, endlich bis in die Vor⸗ hallen gelangt, mußte er aus Mangel des Bil⸗ lets, zuruckbleiben. Da entdeckte er zwei Maͤn⸗ ner, die um eine Karte handelten; er ſtellte mit ſeinem Concurranten, einem Juden, eine formli⸗ che Auction an und war ſo gluͤcklich, endlich fur drei Thaler, die letzten, die er hatte, den Zu⸗ ſchlag zu erhalten. Nun ſtuͤrmte er, des Man⸗ tels entledigt, ſchleunigſt die Treppen hinauf nach dem praͤchtigen Saal. In dieſen zu ge⸗ langen, war vollig unmoͤglich, ja die Gallerie und die an den Saal grenzende Vorhalle, die Plätze an den Treppen, Alles war bereits an⸗ gefullt und an einen Sitzplatz auch nicht die entfernteſte Idee. Da gewahrte er eben an — 169— den Stufen, die von der Gallerie nach dem Saale fuͤhren, den Oberſten von Mallwitz mit ſeine Familie, im Geſpraͤche mit dem jungen Kaufmann Romme, welcher ſchon lange auf das ungeheure Vermoͤgen des Fraͤuleins ſpecu⸗ lirte. Ei ſich doch! dachte Lomberg, iſt dieſer Ladendiener ſchon wieder da, den wollen wir doch ausſtechen! Er beſchloß dieſe guͤnſtige Gelegenheit zu nutzen, der Mallwitz'ſchen Familie, die er nur aus einigen Geſellſchaften kannte und bei der er ſelbſt nicht eingefuͤhrt war, ſich zu empfehlen, und eilte daher, als er bemerkte, daß die Oberſtin um Plätze verlegen war, ſich zu naͤ⸗ hern und bot, waͤhrend Romme ſich entfernte, ſchleunigſt ſeine Dienſte an, um zu 3. Im ganzen Hauſe war kein Schemel mehr. Lomberg bot fuͤr das Stuͤck acht Groſchen— denn zwanzig hatte er nur noch— aber verge⸗ bens; endlich oͤffnete ein guter Genius von Chuͤrſteher ihm die Seitenthuͤr nach dem Thea⸗ — 170— ter hin und es gelang ihm aus der dortigen Conditorei, durch ſeine Bonbons⸗Connexionen zwei Stuͤhle zu erringen, die er, in eigner Per⸗ ſon, gleichſam triumphirend, der Oberſtin und ihrer Tochter brachte. Der Dank war' groß, allein— o Himmel! nun hatte ſich auch die Großmutter eingefunden. Sie beklagte ſich gleichfalls und meinte, es ließe ſich herrlich ab⸗ wechſeln, aber das war offenbar nur eine Auf⸗ munterung, ihr gleichfalls noch einen Sitz zu verſchaffen. Lomberg verſtand, und der Gluͤckli⸗ che— er ſchaffte! Fraͤulein Mallwitz war heute reizend, lieb⸗ lich, wie noch nie, ſie konnte dreiſt hintreten neben Fraͤulein Sonntag, Madame Neumann, Frau von Ricambier und andere Schoͤnheiten des Tages; ihre ſeelenvollen Augen, ihre uͤppig blonden Locken, ihr kluger Mund und ihre bir⸗ kenſchlanken Tritte machten einen ſo maͤchtigen Eindruck auf Lomberg, wie noch nie. Ihre ſechszehn Nebenbuhlerinnen traten in den Hin⸗ tergrund. Nein, nimmermehr! dachte er, dieſer jam⸗ mervolle Ladendiener, der blos ihr Geld, nicht — 171— aber das himmliſche Madchen mit ihren herrli⸗ chen Talenten zu ſchaͤtzen verſteht, nein, der ſoll ſie wahrlich nicht haben— mag auch der Va⸗ ter, dieſer wunderliche Kauz, die Kaufleute und Speculanten uͤber Alles preiſen, mag er den ſeichten Haſenfuß hervorziehen, ich will einmal meinen Angriff auf Mutter und Tochter thun, und vielleicht geht es gluͤcklich! Da kam der ſuͤßliche Rommez er brachte einen ganz zerriſſenen Stuhl und ſchoß einen wuͤthenden Blick auf den Doctor, den er vor⸗ her, ehe er denſelben bei der Familie von Mall⸗ witz erblickt, ganz zu uͤberſehen, ſich den An⸗ ſtrich gegeben hatte. Beide kannten ſich, aber konnten ſchon ſeit langer Zeit ſich nicht leiden. Romme war jetzt kleinlich genug, ſich immer ſo zu drehen, daß Lomberg, wo moͤglich, gar nicht mit den Damen reden ſollte, dieſer aber mochte ſich fuͤr den Augenblick nicht vordraͤngen, um mehreren hinter ihm ſitzenden vornehmen Damen nicht die Ausſicht zu ſperren. „Kennen Sie denn meine Damen?“ fragte endlich Romme leiſe den Doctor. Ihre Damen? ſagte dieſer.— Sie mei⸗ nen die Frau von Mallwitz und deren Tochter? O ja, verſteht ſich. Der Kaufmann zog ein finſteres Geſicht und fuhr fort, dem Fraͤulein Suͤßigkeiten zu ſa⸗ gen, Lomberg aber ſchaffte ſich Gelegenheit, an die Großmutter zu gelangen und ſuchte ſich die⸗ ſer zu empfehlen. Sein ſprudelnder Witz kam ihm zu Hilfe und er erregte bald der alten Da⸗ me ein ſo maͤchtiges Lachen, daß ſie ihn um aller Himmel willen bat, ihrer Bruſt zu ſcho⸗ nen. Es fehlte nicht viel, ſo haͤtte Romme mit dem Fuße geſtampft, das ſchoͤne Fraͤulein aber, die holde Natalie, hoͤrte nur wenig oder viel⸗ mehr nur ſcheinbar noch nach ihm, ihr Engels⸗ kopfchen lauſchte hinuͤber nach der witzigen Un⸗ terhaltung des Doctors, und als er endlich ſich ſo geſtellt hatte, daß er auch die Mutter ins Geſpraͤch zog, da vergaß ſie mehrmals dem Kaufmann zu antworten, und ließ einige Be⸗ merkungen in Lombergs Rede mit einfließen.— Jener knirſchte innerlich und ſchwur dem Doctor ewige Rache; er hatte zwei Thaler fuͤr ſeinen zerriſſenen Stuhl gegeben, hatte heut ſicher ge⸗ hofft, ſich recht hervorzuthun, ja vom Vater vor⸗ — 173— hin abermals ſehr aufmunternde Winke erhal⸗ ten, und nun ſollte dieſer abſcheuliche Lomberg nicht blos ihn um die zwei Thaler, ſondern am Ende gar um des Maͤdchens hundert Tauſend bringen, nein, das waͤre ihm zu viel geweſen. Drum wollte er alle Schleuſen außziehen und wie einen ungeheuern Strom ſeine Machinatio⸗ nen hervorſchießen laſſen. Da erging ein Ruhegebot durch den gan⸗ zen Saal; Fraͤulein Sonntag begann ihre erſte Arie; Alles beſtrebte ſich, die liebliche durch ih⸗ re Freundlichkeit aller Herzen bezwingende Nach⸗ tigall im weißen Prunkgewande zu ſehen⸗ Vie⸗ le der vornehmſten Damen, durch des Schick⸗ ſals Tuͤcke und ihrer Herren geringen Dienſtei⸗ fer bis in den fernſten Hintergrund verſchlagen, ſetzten heute das Aeußere bei Seite und traten, wenigſtens vier Minuten auf die Stuͤhle⸗ omme beeilte ſich, der Oberſtin und den an⸗ dern Damen ein Gleiches vorzuſchlagen, und obwohl ſie dies Anerbieten mehrfach ausſchlu⸗ gen, ſo ließ er dennoch nicht nach, als bis ſie ihm willfahrteten, und er ſie nun der Reihe nach halten konnte. Der Oberſt winkte ihm Beifall, — 174— that fortwaͤhrend als bemerkte er den Doctor gar nicht und zog, bei der eingetretenen Pauſe, den Kaufmann ins Geſpraͤch, indem er auf die uͤbergroße Fuͤlle des Hauſes, die ſchreckliche Hitze und den Mangel der Platze ſchmaͤhte. In einer abermaligen Pauſe mußte Lom⸗ berg von Seiten des Oberſten eine Lobrede auf die Kaufleute hoͤren, ja endlich richtete der alte Herr ſogar an ihn ſelbſt die Worte: Nun, wie waͤr' es; ich daͤchte, Herr Doctor! Sie wuͤrden ein Kaufmann! Sie ſe⸗ hen, daß nur ein ſolcher ein tuͤchtiger Mann werden kann. Die Beiſpiele liegen zu nahe! Geld regiert die Welt; nur freilich, der Kauf⸗ mann muß Speculant, muß Juriſt und Politi⸗ ker dabei ſeyn, muß die Finanzwiſſenſchaft und Weltklugheit bei den Jeſuiten ſtudirt und aus dem Quell des praktiſchen Lebens geſchoͤpft ha⸗ ben. Ein junger Mann, der noch am Wende⸗ punkt ſeines Schickſals ſteht und waͤhlt nicht die Kaufmannſchaft, der gefaͤllt mir nicht— ich bin gerade heraus— Sie nehmen es nicht uͤbel!— aber wahrhaftig, wär' ich juͤnger, ich — 175— wuͤrde heute Kaufmann— Juriſt bin ich gewe⸗ ſen; denn ich bin durch ſonderbare Conſtellatio⸗ nen, deren Erzaͤhlung jetzt zu weitlaͤuftig iſt, gleich vom Auscultator zum Compagnie⸗Chef avancirt! Da begann Herrn 56 gers Arie und der alte Herr mußte, des vielfachen Ziſchens wegen, die Fortſetzung ſeiner Rede verſparen, Natalie aber ließ bald den Zettel, bald ihr Taſchentuch fallen und Lomberg, aufmerkſamer und flin⸗ ker als Romme, hob ſie ihr jedesmal ſchnell wieder auf. Ihre Blicke begegneten ſich dabei und in des Doctors freudigen Augen lag eine offne Liebes⸗Erklaͤrung in ihrer ganzen Beſchei⸗ denheit. Natalie hatte dieſelben noch nie ſo nahe geſehen, jetzt machten ſie, im Verein mit des Doctors angenehmen Weſen und lebendigen Witz einen maͤchtigen Eindruck auf ſie. Es be⸗ gann jenes unbeſchreibliche von Liebaͤugeln ſo ganz entfernte, durchaus decente und demunge⸗ achtet ſo viel bedeutende Augenſpiel, wo die Blicke ſich vermeiden und dennoch ewig finden. Romme war aͤrger als ein Grenzjaͤger mit ſei⸗ ner Controlle, er zitterte vor Wuth; denn, da er — 176— mit Argus⸗Augen die Blicke ſeines medicini⸗ ſchen Gegners bewachte, ſo merkte er natuͤrlich, daß dieſer weniger nach den Buͤſten Ifflands und Flecks, als nach der himmliſchen Natalie ſah · Sehen Sie dort das herrliche Gemaͤlde— flͤſterte er endlich dem Doctor zu, ihn auf die Seite ziehend, um ihn aus der Naͤhe des Fraͤu⸗ leins zu entfernen und dann durch geſchickte Stellung, ihm den Ruͤckzug abzuſchneiden; allein Lomberg merkte die Kriegsliſt und wich nicht; da nahm Romme in voller Wuth, ploͤtzlich Hut und Stock und empfahl ſich auf eine laͤcherlich haſtige Weiſe, ohne den Nebenbuhler auch nur eines Blicks zu wuͤrdigen, nachdem er zuvor noch einem abgezehrten Italiener⸗Geſicht ei⸗ nige Worte ins Ohr gefloͤſtert hatte. Lomberg laͤchelte innerlich, benutzte aber die jetzt abermals eintretende Pauſe, die Damen zu unterhalten. Nicht weit entfernt ſaß eine hochſt phantaſtiſch und poſſierlich gekleidete Frau. Der Doctor machte das Fraͤulein darauf aufmerkſam und dieſe konnte kaum ihr Lachen verbergen, verglich aber die Geſchmuͤckte mit einer in Doͤ⸗ — 177— rings Phantaſiegemaͤlden geſchilderten Dame. Lomberg kannte die Stelle und gab ihr Recht, die Oberſtin aber beklagte, daß leider in den Leihbibliotheken, ſelbſt von den vorzuͤglichſten Werken, ſo wenige Exemplare waͤren, daß ſie bis jetzt noch nicht habe koͤnnen zu den weitern Baͤnden jenes Werkes gelangen. Das iſt mir eine Freude, meine gnaͤdige Frau, ſprach der Doctor, wenn Sie mir er⸗ lauben, ſo geb' ich mir die Ehre Ihnen in die⸗ ſen Tagen den ganzen Doͤring zu uͤberbringen; denn ich beſitze ihn eigenthuͤmlich, nota bene, im Papier. . Wenn Sie die Guͤte haben wollen, ihn uns ſelbſt zu bringen, ſo wird er uns doppelt angenehm ſeyn, ſprach die Oberſtin, eine ſehr gebildete, von allem Adelſtolze entfernte Frau.— Zudem habe ich gehoͤrt, daß Sie ein votzuͤgli⸗ cher Vorleſer ſeyn ſollen, wollten Sie uns da⸗ her naͤchſtens eines Abends dieſen Genuß ſchen⸗ ken, ſo wuͤrden wir Ihnen dreifach verpflich⸗ tet ſehn. Na, die Hitze iſt zu arg! ſprach der Oberſt; es iſt abſcheulich, einen Menſchen ſo M — 178— einzupockeln! Sehen Sie, Herr Doctor, waͤren Sie ein Scribent, ein Speculant, ſo ſetzten Sie ſich noch heute um Mitternacht hin und fabri⸗ cirten eine Invertive auf die Hyper-Humanitaͤt des Berliner Publikums, das ſich Alles gefallen laßt und ſich die Haͤnde wund klatſcht uͤber das, was es geſehen, gehoͤrt und nicht gehoͤrt hat. Mir kommt es vor, das Berliner Publikum, wie ein junger Herr, der immer nur die Schoͤ⸗ ne anbetet, die ihm gerade gegenwaͤrtig iſt! Sehr richtig, verſetzte der Doctor, doch ſollte ich meinen, Mademoiſelle Sonntag ver⸗ diene vollkommen— Wie, Mademoiſelle Sonntag verdiene— rief der Oberſt entruͤſtet— ich daͤchte gar; ſie ver⸗ dient viel, aber verdient Nichts! Ihre ſchwache Stimme, wie will ſich die mit der, unſerer Seidler meſſen! Der figurirte Geſang iſt ſtets der Verraͤther des Mangels an Kraft, Ton und Seele, da iſt keine Tiefe, kein Gemuͤthz das laͤuft dahin, wie der Wind durch die Stop⸗ peln. O mein Herr Oberſt, meinte der Doctor, Sie urtheilen wohl zu hart. Gerade mit Ma⸗ — 6— dame Seidler, dächte ich, koͤnnte Fraͤulein Sonntag ſich am erſten meſſen. Leicht wie ein Weſtwind, ſaͤuſelt ihre Stimme dahin, zart, wie der Morgenhauch, ohne Anſtrengung und doch voll Kraft, mit einer Gracie und Anmuth ſon⸗ der Gleichen. Moͤgen die Schulz und Milder im heroiſchen, im majeſtatiſchen Style die Meiſte⸗ rinnen ſeyn, in dem Geſang der zarten Liebe, ge⸗ rade in den ſeelenvollen Toͤnen des Gemuͤths ſcheint mir der Sonntag die Palme zu gebuͤh⸗ ren! Pſt, pſt! rief der Oberſt, Sie kommen in Ertaſe. Was doch ſolch Lärochen nicht kann! Eb iſt das erſte nicht, was die Berliner verblen⸗ det und fehlende Eigenſchaften erſetzt hat. Waͤ⸗ ren Sie alt, ich glaubte unbedenklich, Sie haͤt⸗ ten zur Fahne der alten Garde geſchworen, die, wie voreinſt um Madame Neumann, das engli⸗ ſche Frauchen, jetzt um Fraulein Sonntag ſich gebildet haben ſoll. Nein, ich ſitze nie auf der erſten Bank im Pargquet, entgegnete Lomberg, der bisher ziemlich leiſe geredet, aber ſich doch geaͤrgert hatte, daß M 2 —— er fur ſeinen jetzigen Plan, faſt zu laut und zu eifrig geworden war. Waͤhrend er noch mit dem Oberſten ſprach, bemerkte er, daß der Italiener, deſſen wir eben gedachten, ſehr haͤufig mit der alten Dame, die er vorhin dem Fraͤulein zeigte, fluͤſternd nach ihm hinblickte und dabei ſehr verächtliche Mie⸗ nen machte. Lomberg faßte jetzt gleichfalls denſelben ins Auge. Das Geſicht kam ihm bekannt vor: markirte Zuͤge, tiefliegende Augen, ganz eingefal⸗ lene Wangen, um deren Vertiefungen zwei ſehr ſteif geſtärkte hochemporſtehende Backen⸗Klap⸗ pen, vulgo Vatermoͤrder genannt— aus eigem ſchwarzen Halstuche ſich aufwaͤrts hoben. Er mußte den Menſchen ſchon fruher geſehen ha⸗ ben. 5. Das Concert war bald zu Ende. Lomberg freute ſich ſchon des Augenblicks, wo er die Damen wuͤrde zum Wagen begleiten konnen. Da raͤusperte es ſich hinter ihm und rief ihn beim Namen. Es war der geheime Medicinal⸗ rath O., ſein großer Goͤnner⸗ — 181— Pſt, Doctorchen, ein Wort! fluͤſterte der alte Herr, und Lomberg mußte dem Gebote folgen. Kommen Sie mit! ſprach Jener, ich will Ihnen blos die Treppe zeigen; ſo lange koͤnnen Sie Ihre Damen ſchon warten laſſen, Sie ſol⸗ len Ihr Wunder ſehen! Wie ein Lager ſchaut es aus! Die Damen haben ſich auf den Stu⸗ fen niedergelaſſen— und verzehren da ihr Eis. — Sie ſollen aber oben mit mir ein Gläschen Madera trinken auf ihr gluͤckliches Vorwaͤrts⸗ ſchreiten. Ich habe geſtern eine Recenſion Ih⸗ rer neuſten Abhandlung geleſen.— Sie iſt koſt⸗ lich! kommen Sie! Der Doctor, ſo ſehr er ſich entſchuldigte und ſtraͤubte, mußte folgen, kaum aber waren ſie oben auf der Gallerie, zum Buͤffet gelangt, als der Auſhrg begann. Lomberg ſuchte ſich ſo ſchnell es icend die umſnde zuließen, los⸗ zumachen, allein nun war bereits die Treppe geſperrt und ein D Durchdeingen unmoͤglich. Er ronnte daher auf“ keine Weiſe wiederum zu Fraͤulein von Mallwitz gelangen; dagegen fiel 8 3 ihm ſehr bald, am Fuße der Treppe, das un⸗ 1— verkennbare Geſicht des Italieners ins Auge, deſſen Blicke ihm wie leuchtende Kohlen das Herz durchgluͤhen zu wollen ſchienen. 6. Nach einer halben Stunde war er gluͤcklich bis zum Ausgange gelangt; der Italiener war ihm noch immer in der Nähe, Fraͤulein Mall⸗ witz dagegen ſamt Anhang verſchwunden, jetzt aber entdeckte er die Frau Profeſſorin Worbig nebſt Tochter und eilte, da er ſie ohne Beglei⸗ ter ſah, letztere aber in die Zahl ſeiner ſiebzehn gehoͤrte, ſich zum Fuͤhrer und Wagen⸗Beſorger anzutragen. Es wurde, da Worbig's ohne Kutſche gekommen waren, mit Vergnuͤgen don ſeinem Arme und ſeiner Begleitung Gebrauch gemacht und er zog, nachdem er die Damen gluͤcklich aus dem lebensgefaͤhrlichen Getuͤmmel in Sicherheit gebracht hatte, mit ihnen durch den Luſtgarten nach ihrer Wohnung, demnaͤchſt aber denſelben Weg zuruͤck. Kaum jedoch war er jetzt in der Gegend, wo an der Bretterwand, welche den Bau des neuen Muſeums vom Luſt⸗ garten trennt, gewöohnlich eine kleine Obſtbude ſteht, als er ploͤtzlich zwei ſtarke Schlaͤge auf — 183— den Ruͤcken bekam und drei Männer ihn um⸗ ringten, einer aber ihm zurief: Pour le futur ne vous moquez pas plus! G'est pour la moquerie. Er glaubte ſogleich, ungeachtet der Verkappung, den Italiener zu erkennen, hob den Stock, ſchrie um Hilfe und erklaͤrte, daß hier ein Mißver⸗ ſtaͤndniß ſey; die drei Verhuͤllten aber verſetzten ihm noch einige tuͤchtige Streiche und flohen darauf ſchleunigſt der Gegend des Domes zu. Lomberg eilte nach dem Schloſſe hin, woll⸗ te den Vorgang der Wache anzeigen, beſann ſich jedoch eines andern und konnte, als er den Vorfall uberdachte, kaum zweifeln, daß Romme im Einverſtaͤndniß mit dem Italiener ihm dieſen Streich geſpielt habe; denn er erinnerte ſich jetzt, daß jener dieſem beim Fortgehen ins Ohr gefluͤſtert, und der Italiener darauf ihn fort⸗ waͤhrend fixirt hatte. Gewiß war dieſem von Seiten des Kaufmanns verſichert worden, daß der Doctor ſich uͤber ihn luſtig gemacht, gewiß hatte Romme ſich fruͤher entfernt, um nach⸗ her mit jenem ihm aufzulauern. —— 7. Am andern Tage ging er mit einigen Thei⸗ len von Doͤrings Phantaſie⸗Gemälden, zur Oberſtin. Der alte Herr war nicht zu Hauſe, Mutter und Tochter dagegen nahmen den Dienſt⸗ fertigen ſehr freundlich und guͤtig auf. Nachdem lange das geſtrige Concert der Gegenſtand des Geſpraͤchs geweſen war, flog die Unterhaltung auf die Buͤhne uͤber. Ich verkenne deren herrliche Seiten in der That nicht, ſagte die Oberſtin unter an— dern; aber es iſt denn doch wahrhaft ermu⸗ dend, wenn man nicht bloß in allen Journalen und Zeitungen, ſondern auch in allen Geſell⸗ ſchaftskreiſen, bei jeder Mahlzeit, ja beim Auf⸗ ſtehn und Schlafengehn von Nichts als Theater hoͤrt. Ich moͤchte faſt kein Zeithlatt mehr in die Hand nehmen, aus Furcht, die Halfte deſſel⸗ ben mit breitem Gewäſch uͤber triviale und un⸗ wichtige Schauſpiele angefuͤllt zu finden. Ja, wahrhaftig, mir iſt dies Theater⸗ Geſchrei auch recht unangenehm! fiel Natalie ein. Da ſind viele Herren, z. B. Herr Romme, deten erſtes und lehtes Wort iſt es — 185— Haben Sie die Sonntag geſehen? Sind Sie im Schnee geweſen? Iſt der Spitzeder nicht einzig? und dergl. mehr, und wenn ſie mit dem Luſtſpiele endigen, ſo fangen ſie mit der Tragddie wieder an. Nun, Natalie, wandte die Mutter ein, da thuſt du Herrn Romme denn doch wohl unrecht; ſeine Bildung geht uͤber die vieler Kaufleute hinaus, Ja, in ſeiner Meinung! entgegnete die Tochter, die Mutter aber warf ihr, dem Doctor unbemerkt, einen verweiſenden Blick zu, und fuhr fort: Seine Anſichten ſind meiſtens ſehr rich⸗ tig, und er hat in der That einen guten ſchmack. Ich kenne den Herrn wenig, meinte Lomberg, aber ich mochte der gnaͤdigen Frau in dieſem letztern Puncte faſt Recht geben; im uebrigen ſcheint er mir indeſſen ſeinen Stand zu uͤberſchätzen. Wer thut das nicht? ſiel die Oberſtin ein. Es giebt wohl nur Wenige, die ihren Stand verachten oder auch nur gering ſchaͤtzen, — 186— und die dies thun, handeln in meinen Augen nicht alizuweiſe; denn den Meiſten giebt der Stand ihre Ehre, und nur Wenige ehren umge⸗ kehrt durch ſich ihren Stand.“ Sehr wahr! bemerkte Lomberg, das Fraͤulein aber ſtand, waͤhrend deſſen, am Fen⸗ ſter, und zupfte an der Gardienen-Schnur. Ach, da geht die ſchoͤne IJdda M—! rief ſie ploͤtlich, und die Oberſtin ſprach; Wie finden Sie das Maͤdchen, Herr Do⸗ ctor? Sie ſind ja Kenner! Bitte ſehr! meinte dieſer. Indeß offen ge⸗ ſagt, zur Frau mocht' ich ſie nicht haben; zum Anſehn iſt ſie recht huͤbſch, und doch auch das Geſicht nicht geiſtreich genug; ihr Gang gar zu geziert und uͤberhaupt das ganze Weſen ſo be⸗ rechnet. Einen Mann zu frſſen, ſcheint ihr Ziel! Ei, ei, ſo hart! ſprach Natalie, die ſich bisher wenig in die Unterredung gemiſcht hatte. Ich haͤtte Sie fuͤr milder gehalten, Herr Do⸗ ctor! denn ich glaubte, als ein Freund von Doͤrings Phantaſie⸗Gemaͤlden und van der Velde's herrlichen Schriften muͤßten Sie äußerſt ſanft ſeyn!“— Ich wuͤrd' es anzeigen, meinte der Re⸗ ferendar v. Marwing am naͤchſten Tage zum Doctor, der ihm den Unfall im Luſtgarten mit⸗ getheilt hatte. Es wird zwar nichts Beſtimm⸗ tes ermittelt werden, da alle Beweiſe fehlen, allein die Polizei kann doch fuͤr die Zukunft ein wachſames Auge haben, und das Postlestum iſt das Beſte fuͤr die Polizei! Ich mag des Scandals wegen keine Oef⸗ fentlichkeit, meinte Lomberg; uͤberdies kommt die Sache mit dem Kaufmann H. dazu, vie denn doch wahrhaftig ſo häßlich iſt, daß ich noch immer nicht weiß, ob ich mit dem blauen Auge davon komme. 5 Das iſt freilich wahr! zrn zu, aber bleib Du nur beim Leugnen. Es iſt ſchon viel gewonnen, daß man Dir den Arreſt erlaſſen hat. Nur huͤte Dich, irgend wo ein Wort fallen zu laſſen, und jeden Falls bring' mich nicht mit ins Spiel. Es hilft Dir Nichts und verderbt mir Alles. Beſonders nimm Dich — 188— vor dem Italiener in Acht! Es iſt eine zwei⸗ deutige Creatur, ein Weſen, das, wie gewiſſe Leute, uͤberall und unvermeidlich iſt; denn ich treffe den Patron an allen Orten, und er ſcheint viel Freunde zu haben. Romme iſt zwar un⸗ wichtig, aber er hat eine Anzahl von Verwand⸗ ten, und namentlich der aufgeblaſene Geheim⸗ Secretaͤr Bell, iſt wegen ſeines ſchrecklichen Mundwerks und unvergleichlichen Spaͤh-Or⸗ gans wohl zu fuͤrchten.— Aber, eh' ich es vergeſſe, beſuchſt Du keine Ausſtellungen? Ich daͤchte, die muͤßten in Deinem Plane liegen. Da triffſt Du die Holde ſicherlich, uͤbrigens aber, wenn die Leute Conduite haben, ſo muͤſ⸗ ſen ſie Dich ohnehin ja naͤchſtens bitten. Jetzt komm und laß uns fruͤhſtuͤcken! Sie giengen zu d'Heureuſe, dem Conditor an der Schleuſenbruͤcke, wo man die beſten der heutigen Zeitungen und Journale findet, und trafen daſelbſt, hoͤchſt unvermuthet, den Oberſt. Ei, ſieh da! rief er dem Doctor entge⸗ gen, beſuchen Sie die Conditoren auch, mein Beſter, das iſt Recht. Nun, ſo werden Sie ein neucs unternehmen gewiß auch unterſtuͤ⸗ — 189— ten. Ich werde eine Conditorei etabliren, ver⸗ ſteht ſich, nicht unter meinem Namen, aber mit meinem Capitale, auf eine ganz moderne Weiſe; ſpeculativ, mein Lieber, ſpeculativ, es ſoll zie⸗ hen, maͤchtig ziehen; denn ich habe das„Ubi?“ und das„Ouomodo?“ uͤberdacht! Ich bin begierig! verſicherte Lomberg, während Marwing ſich mit den Ladendemoi⸗ ſelles unterhielt, begieriger als auf Herrn Sa⸗ phir's neue Zeitſchrift, von der ich hier wie⸗ der eine der 1000 ausgeflogenen Annoncen fin⸗ de. Auf die Schnellpoſt ſind Sie nicht begie⸗ rig? fragte der Oberſt haſtig. Mein Gott! das jammert mich! Der Mann hat ja einen enormen Witz, einen ganz ſchrecklich ſchlagenden Witz, als ob er ſich nach r a Santa Clara gebildet haͤtte. Ja, in Bezug auf die Derbheit wohl, meinte Lomberg; auch hinſichtlich der Wortſpie⸗ le, doch im Uebrigen— Nun, lund im uebrigen? eiferte der Oberſt; im Uebrigen iſt er ein ganzer Mann, ein geborner Recenſent, recht fuͤr Berlin gemacht, — 190— um in den Koͤpfen auszufegen und mit den Borſtwiſch ſeines Witzes die Seelen durchzukeh⸗ ren. Ein ſolcher Satyricus hat gefehlt! Ich daͤchte nicht! verſetzte Lomberg be⸗ ſcheiden; denn mir kommt Herr Saphir et⸗ was plump vor und ſein Borſtwiſch etwas ſchmutzig! Herr! donnerte der Oberſt, Herr! Sie haben weder gustum noch judicium, ich bin gerade heraus, aber bei meiner Ehre! Sie mocht' ich nicht zum Schwiegerſohne! Herr Oberſt! ſprach Lomberg, Sie brechen die Haͤndel vom Zaun. Was hat Ihr Schwiegerſohn mit mir und Saphir zu thun? Behalten Sie Ihre Anſichten, aber beleidigen Sie mich nicht! Das merken Sie ſich fuͤr die Zukunft! Und damit nahm er ſeinen Hut und ging zur Thuͤr hinaus; Marwing folgte, der Oberſt aber ſah ihm verwundert nach und ſprach halb zu ſich, halb in den Laden: Ich habe wohl zu viel geſagt? Nun, immerhin! Mag er's ubelnehmen! Mein Schwiegerſohn ſoll er 1 — 191— doch nicht werden; es fehlt ihm die wahre Spe⸗ culation und der Unternehmungsgeiſt! 9. Es war Sonnabends„ am 10. December des gedachten Jahres, als Lomberg, nachdem er ſich von einem reichen Freunde zwanzig Thaler geborgt, einige der Ausſtellungen zu beſuchen eilte, die zur Weihnachtszeit ſo viel Berliner zu den Conditoren locken, um die dargeſtellten Ge⸗ genden, Feſte und Figuren zu ſehen. Fuͤr die⸗ ſen Abend hatte er ſich Teichmann, Gru⸗ now und Fuchs erkoren, das Zuckerbaͤcker⸗ Trio, das auf der rechten Seite der Linden, die⸗ ſer ſchonen Hauptſtraße Berlins, fuͤr Suͤßigkei⸗ ten ſorgt. Bei Teichmann war das Tuͤrkiſche Zelt, ein Kaffeehaus in Charlottenburg, ſammt einem Theile der Hauptſtraße dieſes Stadtchens vorgeſtellt, vor dem Wirthshauſe bewegte ſich aber in buntem Getuͤmmel eine Menge bekann⸗ ter Perſonen aus Berlin, wie denn der ge⸗ wandte Conditor, der zugleich akademiſcher Kuͤnſt⸗ ler iſt, alljährlich ſich eine dem B erliner Pu⸗ blicum bekannte Gegend waͤhlt, und bei dieſer — 192— Perſonen darſtellt, welche ſich vielfach vor den Augen der Berliner zeigen, oder beſonders auffallend ſind. Der Andrang der Zuſchauer war unendlich groß; das kleine Local vermochte kaum, ſie zu faſſen, und Lomberg mußte daher im vordern Zimmer zuruͤck bleiben. Er hatte des Benehmens und der Worte des Oberſten noch nicht vergeſſen; allein demungeach⸗ tet waten ſeine Geſinnungen gegen die liebliche Natalie natuͤrlich nicht geaͤndert. O kaͤme ſie doch heute hierher! dachte er; wenn auch der Vater dabei waͤre. Ich will ſu⸗ chen, auf ſeine Ideen einzugehen! Er iſt ein wunderlicher Mann, jedoch nicht ſchlecht; ich kann ihm ja den Gefallen thun! Er hatte ſich dies vorher ſchon vorgenom⸗ men; allein, wenn der alte Herr mit der aͤrg⸗ ſten Heftigkeit ſeine ſonderbaren Meinungen vorbrachte, war es in der That nicht leicht, zu ſchweigen. Da ging die Thuͤre auf. Eine aͤltliche Da⸗ me trat ein, hinter ihr Nataliens Mutter, ſie — 193— ſelbſt und die Großmama; keine maͤnnliche Be⸗ gleitung. Der Doector begruͤßte ſie aufs hoͤflichſte; allein Natalie und die Mutter dankten ſehr kalt. Sie haben wieder eine uͤble Zeit getroffen, meine gnaͤdige Frau, ſprach er zur Oberſtin, ohne das kalte Danken, uͤber das er ſich ſelbſt getaͤuſcht zu haben waͤhnte, zu beachten; es iſt ſo voll, daß in einer halben Stunde kaum durchzudringen ſehn wird. So?! verſetzte die Mutter, ſehr einſil⸗ big; Natalie aber zog die andern Damen ins Rebenzimmer. Sind die gnaͤdige Frau ſchon bei Fuchs geweſen? fragte Lomberg, um das Ge⸗ ſpraͤch zu heben und ſeine Verwunderung ver⸗ hehlend. Die Ausſtellung ſoll nichts taugen, wenigſtens die Figuren tadelt man. Wir wollen heute nicht hin, und ſind auch nicht da⸗ geweſen, ſagte ſie, gleichfalls in das angrenzen⸗ de, nach der Ausſtellung fuͤhrende Zimmer ge⸗ hend. Lomberg folgte. Eben ſtand eine Ge⸗ ſellſchaft auf und es wurden drei Plaͤtze leer; N — 194— die Oberſtin und die beiden ältern Damen nah⸗ men ſie ein, er aber ſprang fort, um fuͤr Nata⸗ lie einen Stuhl zu beſorgen. Sie dankte ſehr kalt, und verſicherte, auf eine faſt eigenſinnig ungezogene Art, daß ſie ſich doch auf keinen Fall ſetze, er moͤge ſich daher nicht bemuͤhen. Er er⸗ ſtaunte und kaum noch ſeinen Unwillen verber⸗ gend, beſchloß er, ſich ohne Abſchied zu ent⸗ fernen. Da begruͤßte ein neuer Ankoͤmmling, ihm ſchon von Anſehen bekannt und unangenehm, die Damen, und dieſe bewieſen demſelben beim Danken die groͤßte Aufmerkſamkeit, beſonders Natalie und deren Mutter, obwohl derſelbe, wie wenigſtens Lomberg fand, in ſeinen Benehmen etwas Gemeines hatte. Die Oberſtin ſprach ſehr artig zu ihm, und auch die Großmama, an welche der Doctor jetzt ſeine Rede gerichtet, ſchien nur auf jenen zu hoͤren. Jetzt wandte ſich derſelbe an Natalie; ſie lachte, ja beinahe zu laut, ſchien viel Theil an ſeiner Unterhaltung zu nehmen, und als Lomberg jetzt einige Worte einfließen ließ, drehte ſie ſich kaum nach dieſen hin und ſchien ihn gar nicht zu beachten. — 195— Da trat er ruhig in den Laden zuruck, und ging, von Aerger durchwogt, ins Freie. 10. Was iſt denn denen begegnet? dachte er, abſichtslos die Linden hinunterwandelnd, das iſt ja ein ſchreckliches Benehmen. Haben ſie ſich ſo vom Vater umſtimmen laſſen? Nicht moͤglich! Jeden Falls aber ein kleinliches, un⸗ wuͤrdiges Betragen. Vor mir ſollen ſie ruhig bleiben! Ich will ſie mit meiner Gegenwart nicht wieder belaͤſtigen! Nach einigem Gruͤbeln ging er zu Grunow, dem nächſten Conditor. Dort war es leer. Niemand ſchien ſich an dem hoͤlzernen Waſſer⸗ fall von Trivoli und an den noch hoͤlzerneren Figuren zu erbauen. Er eilte zu Fuchs. Dort in den glänzenden Zimmern, wo die Decken und die Waͤnde ein fortlaufender Spiegel zu ſeyn ſcheinen, wo Alles blitzt und funkelt und Stu⸗ fen hinab zur Ausſtellung fuͤhren, dort war es voll, vielleicht, ja faſt gewiß, mehr des ſchoͤnen Locals und der huͤbſchen Ladenmaädchen, als des Bacchus⸗Feſtes wegen, bei dem die Landſchaft N2 — 196— das Meiſte that; denn in den Figuren ſchien kein rechter Weingeiſt zu leben. um die Daͤmonen ſeines Aergers zu ver⸗ ſcheuchen, unterhielt er ſich mit der lieblichen Blondine, welche die Blicke aller Herren vom Bacchus⸗Feſte nach ſich hinzog und hinter dem kleinen Buͤffet die Directrice der Erfriſchungen war. Allmählig erwachte ſeine Laune wieder und das Lauffeuer ſeines Witzes begann. Da that er einen Blick auf die Zuſchauer und be⸗ gegnete den Augen Nataliens, die ihn fixirt hat⸗ ten und nun ſchleunigſt einen andern Gegen⸗ ſtand ſuchten. Er aͤrgerte ſich im erſten Augenblick zwar, daß die Oberſtin ihm ausdruͤcklich geſagt, ſie fuͤhren heute nicht zu Fuchs, und daß ſie nun doch da waren; allein er freute ſich auch wieder, daß Natalie, die heute ſo unartig gegen ihn ge⸗ weſen war, ſich ein wenig daruͤber zu aͤrgern ſchien, daß er der lieblichen Hebe, die ſo elfen⸗ haft durch die gruͤnen Vochaͤnge ſchwebte, mit augenſcheinlich glucklichem Erfolge den Hof mach⸗ te. Er fuhr daher noch eifriger fort, bot alle ſeine Kraft auf, luſtig und heiter zu ſeyn, ut — 197— entfernte ſich erſt, nachdem er gewiß ſeyn konn⸗ te, daß die Mallwitz'ſche Familie das Fuchs'ſche Local verlaſſen hätte. Als er zu Hauſe kam, fand er ſeinen Do⸗ ring auf dem Liſche. Bei näherer Nachfrage entſchuldigte ſich die Wirthin, daß ſie ihn nicht eher ausgeliefert; denn ſie habe ihn bereits Vor⸗ mittags erhalten. Er war hoͤchſt verdrießlichz ſann und ſann, und konnte ſich dies Benehmen nicht genuͤgend erklären, mochte aber durchaus nun ſeiner Seits Nichts thun, um eine Suͤhne herbeizufuͤhren; denn es kraͤnkte ihn viel zu ſehr, daß Natalie ihn ſo offentlich und namentlich vor jenen un⸗ bedeutenden Fremden ſo unartig zuruckgeſetzt hatte. Nein, wahrhaftig, dachte er, ich will mich nicht aufdringen. Denken ſie vielleicht, ich ge⸗ hore zu denjenigen Leuten, die ſich uͤberall an⸗ zuſchmiegen und einzuniſten ſuchen, ohne wahre Abſichten zu haben, blos des Zeitvertreibes we⸗ gen, ſo irren ſie ſich; ich will mich nicht auf⸗ dringen. Sie ſollen vor mir ſicher ſeyn 13 5 —— Da kam Marwing. Ich ſehe daß Du noch Licht haſt, ſprach er, und ſtuͤrme, im Vor⸗ beigehen in aller Nacht noch herauf, um Dir zu ſagen, daß uͤbermorgen ein Termin zu Deiner Vernehmung anſteht; morgen wirſt Du wohl die Vorladung erhalten. Laͤugne nur, hoͤrſt Du! und ſprich ſo unbeſtimmt als moͤglich! 5 8 11. dn Wie ich Ihnen ſchon geſagt habe: ſein Vater iſt ein Schuhputzer und er ein Barbier, nichts weiter als ein Barbier, ſprach am näch⸗ ſten Abende, eben jene aͤltliche Dame zur Ober⸗ ſtin, die mit ihr bei Fuchs geweſen war, die Kriegsraͤthin Sperling. Mit den Scheerbeu⸗ tel iſt er in Wien durch die Straßen gezogen, Herr v. Melini, den er raſirte, wie geſagt, hat ihn ſelbſt oft genug geſehen und da koͤnnen Sie denn doch wohl glauben, daß er kein Vermoögen beſitzt. Ach ja! ich glaube es wohl, ſprach die. Großmama, waͤhrend ſie alle im Zimmer der Oberſtin um den Theetiſch ſaßen. — 100— Er ſoll mehr Schulden als Haare haben, fuhr die Kriegsräthin fort, und wie mir mein Friſeur verſichert hat, nicht nur ſeinen Barbier das Lohn ſchuldig ſeyn, ſondern auch noch von dieſem armen Teufel vier Thaler geborgt haben; aͤberdies fluͤſtet man, wie ich Ihnen ja auch ſchon einmal geſagt habe, ſtark davon, daß er etwas tief in die Geſchichte mit dem Kaufmann H. verwickelt und einer von den Haupthehlern geweſen ſey; ich begreife alſo nicht, wie man dieſen Menſchen noch loben kann. Sudem be⸗ ſitzt er, wie mir die Frau v. Melini geſagt hat, die Gaben, alle Menſchen durchzuhecheln, und die edle Verſtellungskunſt in einer abſchreckenden Pollkommenheit, und hat eine Liſte von allen reichen Maͤdchen in der Stadt, mit beigefugten innern und aͤußern Eigenſchaften, ja ſogar einen Entwurf, wie eine jede am leichteſten zu fangen ſey. Er geht alſo rein darauf aus, ein reiches Maͤdchen zu angeln; ein neuer Beweis, daß er ein armer Schlucker ſeyn muß, ein Abenteurer, an dem kein gutes Härchen iſt, geſchweige denn Stoff zu einem guten Ehemann. Ueberdies, was Allem die Krone aufſetzt, verſichert man 200— ziemlich ſtark von ihm, wie mir Herr Aſſeſſor Waller geſagt, daß er der Verfaſſer des famdoſen Buchs—„die Kunſt zu lieben“*) ſey, worin er ſeine ganze liebenswuͤrdige Politik enthullen und ſo recht herzlos zeigen ſoll, wie man junge Mädchen in ſein Netz ziehen kann. Das muß ja ein recht ausgelernter Patron ſehn! ſprach die Großmama. Gott ſey Dank! daß er uns vom Halſe iſt, bemerkte die Oberſtin.— genug haben wir es gemacht! 3 Ich daͤchte wohl! meinte Natalie. Nein, 3 aber iſt's moͤglich. Ich kann es noch immer nicht begreifen. uUnd doch ſchien mir in der That, ſo wenig mir dies fruͤher aufgefallen iſt, geſtern Abend ſein Benehmen etwas barbiermä⸗ ßig; beſonders, als er die Ladenjungfer unter⸗ hielt, die denn doch vi ſo Kn huͤbſch gar nicht zu nennen iſt. J behuͤte! fiel die in ein. Das Maädchen hat ja gar keine Taille! Darauf ſieht † *) Berlin, bei Burchardt 1825, — 201— aber freilich ein Barbier ſo ſehr nicht, von dem kann man nicht viel Geſchmack erwarten. Der gute Romme verſichert uͤberdies, er habe ihn ſchon ſehr oft mit ganz haͤßlichen, ſogar ver⸗ dächtigen Mädchen am hellen Tage gehen ſehen. Nun, das ſind vielleicht Patienten geweſen, meinte Natalie, die ihn doch, vermoͤge ihrer ur⸗ ſpruͤnglichen Gutmuͤthigkeit, nicht vollig ſinken laſſen wollte. Patientinnen? ſiel die Kriegsraͤthin ein. Wollte Gott, er hätte eine; wer wird ſich den anvertrauen? Nicht mein Moͤpöchen, geſchweige mich. Der Doctor Gruͤtz meinte neulich: er habe drei Patienten, und fur die ließ er noch die Medicin machen, ſonſt wuͤrden ſie auch nicht aushalten. Dann muͤßte er doch ſo ganz von nichts ſeyn, ſiel die Oberſtin ein. Ja wohl, meinte Natalie; uͤbrigens habe ich doch immer gehort, er ſey ein geſchicktet Arzt! Ich merke ſchon— verſetzte die Kriegsraͤ⸗ thin. Das Fräulein iſt doch noch in ihn ver⸗ — 20— liebt! Wie kann ein Barbier wohl geſchickt ſehn? 42. Natalie ſchlief mit ihrer Mutter in einem Zimmer. Der Doctor und Romme waren noch lange ein Gegenſtand ihrer Geſpraͤche im Bette; die Mutter ruͤhmte den letztern und tadelte den erſtern, weniger, um eine Verbindung mit je⸗ nem zu befoͤrdern, den ſie nicht beſonders achte⸗ te, als um dieſen bei Natalien, auf die er ſo ſchnell großen Eindruck gemacht hatte, und zum Theil noch zu machen ſchien, voͤllig zum Sinken zu bringen. Endlich ſie uͤber ihre Be⸗ muͤhungen ein. Es iſt doch Schade— dachte Natalie nun, ihr ſchones Kopfchen von einer Seite des Kopf⸗ kiſſens auf die andre legend— es iſt doch Scha⸗ de, daß man ſich ſo täuſchen kann. Der Menſch gefiel mir ſo gut, und nun— Ich eine Zierpuppe— ein eingebildetes Gaͤnschen— und das ſo oͤffentlich zu ſagen, daß es gleich die halbe Stadt erfaͤhrt— das verraͤth wenig Klugheit und Bildung. Daß er gemeint hat, er ſpetulire auf mich hlos des Geldes wegen, das — 203— wollte ich ihn noch eher verzeihen, ſo arg es iſt; daß ein Madchen es ſich ſoll gefallen laſſen, zuerſt nach ihrem Geldgewichte beurtheilt zu werden— es iſt freilich arg, aber das wollte ich ihm zur Noth haben durchgehen laſſen; denn er konnte es ja auch aus Urſachen geſagt haben.— Die Kriegsräthin iſt doch aber eine wahre Stadt⸗Poſaune. Sie mag auch viel zugeſetzt haben, und ich finde es ſehr unzart, daß ſie uns haarklein Alles wieder erzaͤhlt; aber fteilich— eigentlich— und das Meiſte muß ja wahr ſeyn; ſie nannte ja die Perſonen, und daß er hinter jedes Mädchen her iſt, das habe ich ja bei der Ladendemoiſelle geſehen.— Sein Aeu⸗ ßeres iſt wahrhaftig nicht haͤßlich, wenigſtens zehn Mal huͤbſcher als bei Romme, und man muͤßte ganz ungerecht ſeyn, wenn man nicht zu⸗ geben wollte, daß er recht liebenswuͤrdig ſeyn koͤnnte— wenigſtens zuweilen— aber freilich— ein Barbier— nein— das ginge ſchon des⸗ halb nicht; alle meine Bekannten wuͤrden ja daruͤber reden und ſagen: Ein geweſener Bar⸗ bier, eine ſchdne Partie!—— Nein, nein, es geht nicht.— Und wenn dies Alles nicht wäre, 3 3 — 20— es wuͤrde doch nicht gehen; denn nun, wo ihn der Vater ſo derb die Wahrheit geſagt hat, wo wir ihn ſo unartig behandelt haben, nun iſt ja Alles vorbei; denn, iſt er nur halb ſo trotzig, als ihn Romme und die Kriegöraͤthin ſchilderten, ſo wird er keinen Schritt wieder thun,— und wir— 13. Am naͤchſten Abende, Montag am 12. De⸗ cember, ſaßen Romme und der Ftaliener mit der Frau Kriegsräthin im träulichen Stubchen bei einer Bole Punſch. Das iſt ja herrlich, meinte der erſtere, im Fortgang des eben begonnenen Geſpraͤchs, ſo wird es ja hoffentlich gut gehen, und dann— verlaſſen Sie ſich darauf— bekommen Sie, meine theuerſte Freundin, die bedungenen 2000 Thaler noch vor der Hochzeit. und auch Sie mein Freund, ſprach er zum Italiener, ſol⸗ len ſehen, daß ich ein Mann von Wort bin! Auf baldige Hochzeit! ſagte die Kriegsräthin, und ſie ſtießen jubelnd die Glaͤſer aneinander. Die Kriegsraͤthin war eben jene Dame, uͤber die ſich Lomberg im Concerte gegen Nata⸗ lie luſtig gemacht. Romme kannte ſie halb und halb und fand, nachdem er an jenem Abende ſich ſcheinbar bei Mallwitz's empfohlen und den Italiener, der der Freund eines ſeiner Bekann⸗ ten, zugleich aber ein Guͤnſtling der Kriegsraͤ⸗ thin war, inſtruirt hatte, ſehr bald eine Gele⸗ genheit zu näherer Bekanntſchaft. Seinen Raͤn⸗ ken gelang es, die intriguante Frau ſchnell in ſein Intereſſe zu ziehen, zumal, da ſie ſich von dem Doctor perſoͤnlich beleidigt glaubte, und ſo hatte er, mit ihr und dem Italiener, der in der That ein Herr di Melini war, ein foͤrmliches Complott errichtet, deſſen Zweck es war, den Doctor in uͤbeln Credit zu bringen und ihn ſelbſt,„den guten Romme,“ gegen freundſchaft⸗ liche Verguͤtigungen, die Hand und durch dieſe das große Vermoͤgen des Fraͤuleins iu ver⸗ ſchaffen. Sehr glucklich für den loͤblichen Verein hatte es ſich ſo gefuͤgt, daß die Kriegsräthin, gleich unmittelbar nach dem Concerte der Frau⸗ lein Sonntag, mit der Oberſtin in einer Geſell⸗ ſchaft zuſammen getkoffen war, und daß ſie die⸗ ſelbe als eine alte Freundin, aus Breslau her, ₰ — 206— erkannte und nun einen Vorwand zu oͤftern Be⸗ ſuchen und vertraulichen Ergießungen hatte. Woher die Scene im Luſtgarten gekommen war, erhellt hiernach von ſelbſt. 14. Am naͤchſten Dienſtag gegen neun Uhr Abends ging der Doctor ziemlich raſch die Jaͤ⸗ gerſtraße entlang, nach dem ehemaligen Fuͤrſten⸗ hauſe zu. Nicht weit von dem Seehandlungs⸗ Gebaͤude holte er drei Herren ein, die ziemlich laut mit einander ſprachen. Er erkannte die Stimme des Oberſten, und hielt daher ſeine Schritte an, huͤllte ſich tiefer in den Mantel, und ſchlich in einiger Entfernung unbemerkt nach. O es iſt ja ein trauriger Menſch! meinte der Oberſt. Alles Ingenium geht ihn ab. Ei⸗ nen Mann, wie Saphir, weiß er nicht einmal zu ſchätzen, und die Sonntag erhebt er zur Goͤttin. Auf Speculationen verſteht er ſich gar nicht, und als ich guͤtig und offen genug, ihn einen Blick in unſer gemeinſames Project einer Univerſal⸗Journal⸗Conditorei thun laſſe, bleibt er ſo lau, als ob ich vom Wetter oder von — 207— der— leider hier engliſchen!— Gaserleuch⸗ tung geſprochen haͤtte! Und uͤberdies! fiel eine andre Stimme ein, welche der hoch aufhorchende Lomberg ſogleich fuͤr Romme's feinen Tenor erkannte, der zuwei⸗ len in den Discant uͤberſchnappte, uberdies klei⸗ det er ſich ſo engliſch! Ja wohl! ſprach eine abermals andere Stimme, welche, der Figur nach zu urtheilen, von dem winzigen Italiener herſtammte. In der That, ſagte der Oberſt, Sie haben vollkommen Recht, meine Herren. Er gehoͤrt zu denjenigen Thoren, welche mit der heutiges Tags unter uns graſſirenden Anglomanie, der gefaͤhr⸗ lichſten Krankheit fur einen Deutſchen, behaftet ſind, und vergißt, daß wir die Englaͤnder als die aͤrgſten Feinde unſerer Speculationen haſſen muͤſſen, ein neues Zeichen, daß an ihm nichts Speculatives iſt. Wehe den Deutſchen, die engliſche Rocke tragen! Wehe den Juͤnglingen, die, wie er, den Walter Scott mit ſeiner plumpen Breit⸗ und Weitſchweifigkeit preiſen! Wehe, wehe! Sie untergraben den ohnehin ſo — 208— ſchwach ſtehenden deutſchen Geiſt und verdienen deshalb Verachtung. Er ſoll auch, wie ich geſtern erſt gehoͤrt habe, meinte der Italiener, in der Popenſtraße ein Schaͤtzchen wohnen haben, eine ganz ge⸗ woͤhnliche Perſon, die außer ihm noch ſechs alte Herren hat. Vortrefflich! meinte der Oberſt, waͤhrend ſie in die Wallſtraße einbogen und nach dem Palais des Konigs entlang gingen; Lomberg aber konnte aus den Reden, die er zu Anfang gehoͤrt hatte, nicht mehr zweifeln, daß ſie uͤber ihn ſprachen, und folgte ihnen daher noch wei⸗ ter; doch konnte er nicht mehr viel verſtehen, indemſie wegen der ihnen jetzt dfter begegnen⸗ den Leute, zuweilen leiſer redeten, aus einigen Worten und Geſticulationen aber, vorzuͤglich auch aus dem Gange, nahm er ab, daß ſie den Herrn Bacchus hatten tuͤchtig leben laſſen. Dem⸗ ungeachtet wollten ſie jetzt von neuem in ein Weinhaus. Er uͤberlegte lange, ob er, ſobald ſie wieder auf ihn ſchmaͤhten, unter ſie treten, oder ob er ſchweigen ſollte, flog aber endlich, da Romme aufs neue ſchrecklich uͤber ihn herzog, — 209— von der Hitze uͤberwaͤltigt, unter ſie und erklaͤr⸗ te, daß er ihre Geſpraͤche mit angehoͤrt, daß er den Italiener und Romme jedoch fuͤr zu erbärm⸗ lich halte, um von ihnen Genugthuung zu for⸗ dern, und gegen den Oberſten, aus beſondern Gruͤnden, Nichts unternehmen wolle. Die drei Herren waren ſehr erſchrocken; Romme ſchwieg, der Italiener brauſte auf, und der Oberſt griff nach den Degen, mußte jedoch, da er in Civil war, die Hand wieder zuruͤckzie⸗ hen. Wir ſchlagen uns! rief der Italiener. Ich auch! bramarbaſirte Romme, plotzlich muth⸗ voll geworden, der Oberſt aber redete von Arre⸗ tiren. Ich rechne Ihnen Allen wegen des Weines Etwas zu Gute! ſagte Lomberg. Mit Ihnen, mein Herr Romme, und mit Ihnen— er wand⸗ te ſich zum Italiener— wird weder geſchlagen noch geſchoſſen, weil Sie zu ſehr unter meiner Wuͤrde ſindz; dem Herrn Oberſt verzeihe ich, uͤbrigens werde ich mir Genugthuung verſchaf⸗ fen, die glaͤnzender ſeyn ſoll, als jede Abbitte! 0 — 210— Er eilte fort, und das Kleeblatt ſah ſich wech⸗ ſelſeitig an. Gleich, ſobald er zu Hauſe angelangt war, erzhlte der Oberſt das Abenteuer, und ſtellte den Doctor als einen hoͤchſt feigen Menſchen dar, der die Ausforderung muthlus abgelehnt habe. 3 Natalie hatte ihm das nicht zugetraut. Sein Auge war ihr fruͤher als der Spiegel kuͤhnen Muthes und ruͤſtiger Kraft erſchienen, aber ſie ſah jetzt, daß ſie auch hierin ſich ge⸗ taͤuſcht hatte, und nun war bei ihr fuͤr ihn Al⸗ les verloren. ½ Als ſie auf einen Augenblick das Zimmer verließ, ergoß ſich der Oberſt noch heftiger, und erzaͤhlte ſeiner Frau die groͤßten Schäͤndlichkei⸗ ten, die der Doctor begangen hätte. Es iſt ſchrecklich, ſprach er endlich, wie un⸗ gluͤcklich kann man nicht ſein Kind oft machen, wenn man das ftuͤhere Leben der Verehrer nicht kennt, und bloß nach der Gegenwart urtheilt. Wie mancher Vater gaͤbe dem Lomberg nicht — gern ſeine Tochter, weil er ein ziemlich gutes *. — 211— Aeußere, als Arzt einigen Ruf und gute Aus⸗ ſicht hat, Niemand aber ahnt, wie immoraliſch er iſt, wie er von Jugend auf ſich in die Arme aller Laſter geworfen hat. Die Mutter nahm, während des Entklei⸗ dens, und nachtraͤglich im Bette, Gelegenheit, noch viel ͤber Lomberg und ſeine Immoralität zu reden, erzaͤhlte noch Einiges, was der Vater geſagt, und fuͤgte hinzu, daß ihr die Geheim⸗ räthin R— heute verſichert habe, er gehoͤre zu den jungen Herren, die von einem Mädchen zur andern flattern, jeder Hoffnungen erregen und keiner erfuͤllen. Waͤhrend man ſo viel im Mallwitz'ſchen Hauſe uͤber ihn redete, klangen zwar dem Do⸗ ctor nicht gerade die Ohren, allein er dachte wenigſtens an den Oberſt, an Romme und den Italiener. Er hatte zwar von glaͤnzender Ge⸗ nugthuung geredet; allein er wußte ſelbſt noch nicht, wie er ſich dieſe verſchaffen ſollte. Gern haͤtte er ſich mit allen dreien geſchoſſen, aber mit dem Oberſt mochte ers Nataliens wegen nicht, da ſie ihm noch immer nicht gleichgiltig war, indem er oft mit Freuden an ihre gleichgeſtimm⸗ O 2 — 212— ten Gefuͤhle zuruͤck dachte; die andern Beiden ſchienen ihm dagegen eines Duells unwerth, weil ſie ihn fruͤher ſo banditenmäßig uͤberfielen. Er ſann lange nach, endlich fand er einen Ausweg. Er beſchloß naͤmlich, am naͤchſten Abend in das nahe Weinhaus zu gehen, wo der Italiener und Romme in der Regel hauſten, dort oͤffentlich ihre Erhärmlichkeit kurz und buͤndig darzulegen und einem Jeden einen tuchtigen Backenſtreich zu geben, was er um ſo fuͤglicher konnte, da er von ſtarken Kräften war. Der Backenſtreich war von guter Wirkung geweſen. Lomberg hatte die Lacher auf ſeiner Seite gehabt, und ohnehin Niemand gewagt, gegen ihn aufzutreten, weil ihn zufaͤllig ein großer Kreis von Freunden umringte. Der Italiener wollte ihm zwar eine Flaſche gegen den Kopf ſchleudern, und Romme war gleich⸗ falls aufgeſprungen, jedoch zwei kraͤftige Rhein⸗ laͤnder hielten ſie dergeſtalt feſt, daß ſie ſich nicht ruͤhren konnten, uͤberdies aber verlangten viele Stimmen ihre Entfernung, ein Begehren, den das Widerſprechen einiger Rommeſchen — 213— Freunde nicht hatte die Wirkung nehmen kön⸗ nen. Sie mußten, furchterlich mit Hohn ver⸗ folgt, ſich ſchnell entfernen, und ſollen nachher nie eine Injurien⸗Klage angeſtellt haben.; Zugleich mit dem Geruͤchte von dieſer Ge⸗ nugthuung flog der Ruf einer vortrefflichen Cur des Doctors, wodurch er ſich die Achtung der erſten Mediciner erworben, durchs Publicum, allein dies Alles hielt das Geruͤcht ſeiner Theil⸗ nahme an den Fruͤchten der H— ſchen Dieb⸗ ſtähle nicht zuruͤck, und konnte noch weniger die Flecken wegzaubern, mit denen er jetzt vor Na⸗ taliens Augen erſchien; ja er ſank, wenige Ta⸗ ge nach dem Abenteuer, bei ihr faſt noch tiefer, als Romme wegen des erlittenen Schimpfs. Am 14. December des oft gedachten Jah⸗ res, war ſie naͤmlich in einer großen Abendge⸗ ſellſchaft, welche die Kriegsräthin zur Vorfeier ihres auf den nächſtfolgenden Tag fallenden Ge⸗ burtstages veranſtaltet hatte, und ganz zufällig kam die Rede auf die Aerzte, von dieſen aber noch zufaͤlliger, wie es mindeſtens ſchien, auf Lomberg. Nach mehrern allgemeinen Aeußerun⸗ gen uͤber ſeine ſo herrlich vollbrachte Cur, nahm ein fremder Kaufmann— ein geheimer Freund der Kriegsräthin— das Wort, und verſicherte, daß es ihm leid thue, einen hier ſcheinbar hoch⸗ geachteten Mann, nicht ganz verunglimpft laſ⸗ ſen zu konnen. Er kenne den Herrn Lomberg von Gera her, wo er eine Zeitlang mit ihm zu⸗ ſammen gelebt, als einen ſehr immoraliſchen WMenſchen. Er ſey auch von dort bei Nacht und Nebel mit Zuruͤcklaſſung vieler Schulden fortge⸗ gangen, ohne auch nur im mindeſten fuͤr ſeine jetzt noch dort lebende Frau und drei unmuͤndi⸗ ge Kinder zu ſorgen; ja ſeine Schlechtheit gegen die ohnehin nur ſchwaͤchliche Frau ſey eines Ta⸗ ges ſo weit gegangen, daß er dieſelbe um Mit⸗ ternacht, weil ſie auf ſeinen Befehl nicht gleich das ſchreiende Kind gezuͤchtigt, vor die Thuͤr hinausgeworfen, und mehrere Stunden lang auf dem kalten Flur habe frieren laſſen. Die ganze Geſellſchaft war uͤber den Bar⸗ baren empoͤrt, und Natalie verlor auch 8 letzte Spur von Zuneigung. Iſt es moglich? dachte ſie im Stillen, daß die Verſtellungskunſt ſo weit gehen kann? Ja, „ — —ꝛ — 215— die Kriegsräthin hat Recht; er iſt ein Meiſter in der Heuchelei. O, wiſſen Sie denn, meine Herrſchaften, fing hierauf ein Hauptmann an, gleichfalls ein ſehr vertrauter Freund der Kriegsraͤthin, wie es um Lomberg's Verhältniß zu H— jetzt ſteht? Die ganze Sache iſt aufgeklaͤrt. Ich habe geſtern Jemanden vom Criminal⸗Gericht geſprochen. Freund Lomberg iſt, wie man lange im Stillen geaͤußert hat, der ärgſte Hehler der geſtohlenen Sachen geweſen und hat ganz allein durch H—*s Diebſtähle eriſtirt. Es konnte ohnehin Niemand begreifen, wie er als junger Anfaͤnger, bei ſeinen drittehalb Kunden, ſo ſchnell Cquipage zu erlangen vermochte. Jetzt iſt es klar. Von dem geſtohlnen Gelde hat er ſie angeſchafft. In dieſen Tagen wird er nach Spandau auf die Feſtung abgefuͤhrt; bloß gegen eidliche Caution hat man ihn, auf hohe Verwendung, bis jetzt auf freien Fuß gelaſſen, nicht wegen ſeiner Un⸗ ſchuld, und nur einigen Freunden von Einfluß hat er es zu danken, daß das Geruͤcht ſeiner Schlechtheit noch nicht gleichmaͤßig durch alle Theile der Stadt gedrungen iſt. Er verdient — 216— es aber, daß man ſeinen Namen oͤffentlich an den Pranger ſtellt. Die ganze Geſellſchaft Se Natalie er⸗ ſtarrte. Sie ſchaͤmte ſich faſt, zu dem Abſcheu⸗ lichen je ein freundliches Wort geredet zu ha⸗ ben. Man ſprach noch lange von ihm, und das arme Maͤdchen nahm ihn mit nach Hauſe in ihre unruhigen verworrenen Traͤume. 49 Am 20. December war ſie in Wauer's Concert. Viel, ſehr viel hatte ſich bis dahin umgeſtaltet. Romme, dieſer ihr ſo verächtliche Menſch, war ſeit der Abendgeſellſchaft bei der Kriegsraͤthin, zwei Mal bei dem Vater geweſen, und dieſer, der jede auch noch ſo entfernte und noch ſo heimliche Erinnerung an den Backen⸗ ſtreich hoch verpoͤnte, hatte ihn beide Male zu Liſche gebeten. Es waren unverkennbar hier Abſichten im Spiele. Sie kannte des Vaters Vorliebe fuͤr den„ſpeculativen“ Kaufmann, ſie wußte, daß dieſer ſelbſt laͤngſt auf eine Gelegen⸗ heit gehofft, ſich gegen ſie zu erklaͤren, und dieſe Gelegenheit war gekommen. Er hatte ſich er⸗ — 217— klärt und ſie, obwohl zum Neinwort bereits feſt entſchloſſen, der Form wegen,— Bedenk⸗ zeit ſich erbeten. Jetzt war ſie aus dem Concerte zuruͤckgekehrt, in das ſie der Vater, um ſie zu 3 zerſtreuen, halb gewaltſam gefuͤhrt hatte. Die Mutter lag, des Kopfſchmerzes wegen, bereits im Bette, ſie aber ſetzte ſich im einſamen Ne⸗ . benſtuͤbchen das Nachthaubchen auf und dachte: Die Julie B. iſt Braut, die Ida, die Emilie, Thereſe und Jettchen ſind verlobt, ſogar die kleine ſchiefe Louiſe ſteht im Begriff, ſich zu verſprechen, und ich allein bin noch einſam.— Aber der Menſch iſt gar zu veraͤchtlich.—— Soll ich oder ſoll ich nicht?— Koͤnnte nicht ein Beſſerer kommen, koͤnnte man nicht ſagen, ein Fraͤulein, eine Oberſtötochter einen Buͤrger⸗ lichen, einen Kaufmann, einen Menſchen, der oͤffentlich Ohrfeigen bekommen hat— da muß Noth geweſen ſeyn.—— O daruͤber ſind wir hinweg! Er hat Geld, viel Geld, iſt nicht haͤß⸗ lich, wenn er will, recht angenehm, hat eine † ſchone Figur— manches Maͤdchen wuͤrde ihn mtt Freuden annehmen, aber— der edlere Geiſt fehlt ihm!— Und die Miene, die er machte, als ich — 218— mir Bedenkzeit erbot, und auf ſein Beſtuͤrmen bei dieſer Forderung blieb, die Miene hat mir ſchlecht gefallen. Jedoch— er hat mir unend⸗ lich viel Guͤte und Artigkeit erwieſen; welche Aufmerkſamkeit war es nicht, mir das Stick⸗ muſter ſogleich zu verſchaffen, nachdem ich neu⸗ lich ganz beilaͤufig in ſeiner Gegenwart Fraͤulein Berg fragte.— Die Ohrfeigen ſind ſchon ver⸗ geſſen, und wie mancher hochgeehrte Mann hat deren nicht zu gewiſſen Zeiten oͤffentlich em⸗ pfangen— das thut Nichts.— O ja, er hat viel gute Eigenſchaften, und nun uͤberdies— Wagen und Pferde, er liebt die Reiſen— viel⸗ leicht geht es kuͤnftigen Sommer nach Toͤplitz— doch pfui! ich wollte ja nie auf ſolche Aeußer⸗ lichkeiten ſehen— mein beſſeres Selbſt ſagt: Nimm den traurigen Menſchen nicht!—— Wenn Lomberg ſo waͤre, wie er zu ſeyn heu⸗ chelt, und wenn der dann kaͤme, das wäre frei⸗ lich ein ganz andrer Mann— wie herrlich ging der in meine Ideen ein, wie ſo ganz gleichge⸗ ſtimmt ſchien ſeine Scele, als er ſich uͤber den weitſchweifigen Hoffmann und den ſeelenvollen Schiller ſo gefuͤhlvoll aͤußerte.— Ach, ewig ————————— — 219— Schade, daß der Mann nicht ſo iſt, wie er ſich zuweilen den Anſchein giebt— aber— Biſt Du allein? fragte der Vater, den Kopf durch die Thuͤrſpalte ſteckend. Ich habe Dir Wichtiges zu ſagen. Du biſt ſtets meine gute liebe Tochter geweſen und wirſt auch jetzt meine Worte kindlich erwaͤgen.— Mein Gott! Vater, ſprach Natalie, was iſt Ihnen, Sie ſind ja ganz außer ſich. O, denke Dir nur— fuhr der Oberſt fort— ich bin ruinirt; mein ganzes Vermoͤgen, das ich der M— ſchen Handlung in H— vertraute, iſt verloren durch deren Falliſſement. um Gottes willen!— rief Natalie— iſts moͤglich?. Es iſt gewiß! ſagte der Vater, und ich muß kuͤnftige Woche hier 5000 Thlr. zahlen, oder ich bin ein Schurke; denn ich habe mein Ehrenwort gegeben. Nur Du kannſt helfen. Gieb dem Romme Dein Jawort. Dann muß er mich retten. Kein Menſch darf mein Ungluͤck erfahren, ſonſt ſchieß ich mich todt. O Gott im Himmel! ſchluchzte das arme — 220— Maͤdchen. Dies iſt die ſchrecklichſte Woche mei⸗ nes Lebens! Willſt Du, oder willſt Du nicht? fragte der Vater, und ſeine ſonſt ſo kräftige Stimme bebte. Ich will Dich nicht zwingen, aber be⸗ denke Deines armen Vaters Heil. Natalie ſchwieg ein Paar Minuten, wäh⸗ rend große Thränen uͤber ihre Wangen perlten, und der Vater mit gefalteten Haͤnden„ ſie ſtarr anſehend, vor ihr ſtand. Ich will! ſprach ſie endlich mit dem Tone der Entſchloſſenheit. Schreiben Sie morgen an Romme, daß ich die Seinige bin. Der Vater fiel ihr in die Arme und am andern Tage ging an Romme das ſchriftliche Jawort ab. 18. Dieſer ſchritt eben, den Boden ſtampfend, wuͤthend in ſeinem Zimmer auf und ab, als der Ueberbringer des Briefes vom Oberſt an ſeine Thuͤr klopfte. Mit Haſt erbrach er das Schreiben und war entzuͤckt, die Zuſage von Nataliens Hand zu finden. — 221— Das rettet mich! rief er, nachdem er den Boten entlaſſen.— Nein, daß es ſo ginge, haͤtt' ich nie gedacht. Statt bei einem Ban⸗ querutt zu gewinnen, 10,000 Thaler zu verlie⸗ ren, das iſt zu arg. Nun, vierzehn Tage will ich es ſchon noch hinziehen und verheimlichen, inzwiſchen muß die oͤffentliche Verlobung erfol⸗ gen und dann, mag er wollen oder nicht, muß der Alte weiter helfen! Jetzt zu dem reichen Braͤutchen und ſchnell eine heitre Miene aufgeſetzt! Er trat vor den Spiegel, ordnete Haar, Halstuch und Jabot, und flog in die Wohnung des Oberſten. Das Fraͤulein iſt krank! kam ihm das Maͤdchen entgegen; ſie liegt zu Bett, hat ſich wahrſcheinlich geſtern im Concert erkaͤltet, aber ich werde Sie melden. Die Oberſtin, von ihrem Manne votberei⸗ tet und fuͤr Romme laͤngſt durch ſeine Schmei⸗ cheleien gewonnen, empfing ihn ſehr freudig, und von beiden Seiten wurden die herzlichſten Verſicherungen gegeben; zu denen der Oberſt, ſobald er ins Zimmer kam, unter haͤufigen Um⸗ armungen die ſeinigen hinzufugte. Natalie wird gleich aufſtehen! ſagte er, ihr iſt ſchon wohler, und dann wollen wir hinuͤber gehen. Sieh doch zu, Mutterchen, daß ſie ſich ein Wenig beeilt. Das Mädchen iſt gar zu aͤngſtlich ſeit ihrer letzten Krankheit, die denn doch wahrlich auch nichts weiter war, als ein gelindes Flußfieber, und da legt ſie ſich gleich, ſo wie ihr das Geringſte zuſtoßt; doch fuͤrchten Sie darum Nichts fuͤr den heiligen Eheſtand, Herr Sohn; denn ſie iſt ſonſt kerngeſund und dies nur ein voruͤbergehender Periodus. O das wird ſich unter zaͤrtlicher Pflege ſchon geben! meinte Romme, die Oberſtin aber ſprach: Das denk' ich auch! und beurlaubte ſich fuͤr wenige Minuten. Wie ſtehen die Geſchaͤfte? ffragte der Oberſt. Man munkelt“), wie die Berliner ſagen, entgegnete Romme, daß durch den Tod des Kai⸗ ſers Alexander viel große Verluſte im Anzug ſeyen. Manche haben ſich ſtark verſpeculirt und — *) d. h. es geht das Geruͤcht. D. v. D — ₰ da wird viel fallen. Mit dem Papierhandel iſts immer eine unſichre Sache. Ja, ſehen Sie! ſagte der Oberſt, ich be⸗ haupte immer, derjenige, der mit Papieren ſpe⸗ culirt, muß die Politik verſtehen, wie der erſte Staatsmann. Politik, Politik, das iſt die Haupt⸗ ſache. Wer die nicht verſteht, der wird in der Welt nicht viel Seide ſpinnen. Drum mein ich auch, der Finanzminiſter eines großen Staats muͤſſe zuvoͤrderſt Miniſter des Auswärtigen, oder noch beſſer umgekehrt, der Chef des Auswarti⸗ gen muͤſſe zuvoͤrderſt Miniſter der Finanzen ge⸗ weſen ſeyn; denn die Finanzverwaltung muß mit der Politik Hand in Hand gehen, ſonſt witd es nimmermehr etwas Geſcheides. Das iſt ganz meine Meinung! ſprach Romme, und entwickelte, ſo unangenehm ihm jetzt dies Thema war, einige ſeiner Anſichten uͤber die Finanzen; nach einem Weilchen aber rief die Oberſtin, und ſie gingen zu Ratalie. 19. Waldteufel, Windmählen, Pyrgamithen, halloh, wer koft?! riefen Abends in der brei⸗ ten Straße— es war Freitags am 23.(De⸗ 224— cember 1823) unzaͤhlige Jungen bei dem fun⸗ kelnden Glanz der Lichter des Weihnachtsmark⸗ tes; Knatren ſchwirrten, Kinder ſchrieen, Hoker tobten, Pfeifen gellten, Alles draͤngte ſich und das Gewuͤhl der Gaffenden nahm mit jeder Mi⸗ nute zu. Auch der Oberſt war in dem Gedrän⸗ ge, abet nicht, um ſich in dem Getuͤmmel zu vergnuͤgen, ſondern um eine Pfefferkͤchlerin zu ermitteln, an die ihn ein vertrauter Freund we⸗ gen eines Darlehns gewieſen. Er war ſelbſt ge⸗ gangen, um kein Aufſehn zu machen, und hatte den Abend gewählt, weil er am Tage wenig von Nataliens Krankenbett fortgekommen war⸗ So rauh er zuweilen ſie behandelte, und ſo wenigſtens, wo es eine Speculation galt, ihrer ſchonte, ſo konnte er doch nicht ganz alle Liebe gegen das herrliche Mädchen verlaͤugnen. Eben gedachte er ihrer und Romme's; da entdeckte er plotlich, zu ſeinem hochſten Erſtaunen, den letz⸗ tern, rechts an der Seite der Buden, neben zwei niedlichen Maͤdchen gehend, welche das Anſehn von Stickerinnen hatten. Alle Blit! dachte der Oberſt, iſt der Patron von dieſer Sorte? Das iſt doch ſchaͤnd⸗ — 225— lich! Daß dich der Kuckuck! Vorgeſtern erſt ver⸗ lobt und nun ſchon extra! J ſo mußt du ja die Peſtilenz kriegen!— Potz Blitz! ſchrie er nach einer Pauſe faſt uͤberlaut, jedoch von einem veruͤberſauſenden Waldteufel⸗Jungen uͤbertobt— Potz Blitz! nun giebt er ihr gar den Arm.— Na, das muß ich doch abwarten.. Er druckte ſich auf die entgegengeſetzte Sei⸗ te und ſchlich nach. Romme ging nach der Roßſtraße zu. Die Freundin empfahl ſich; er ging mit der andern weiter. Sie kuͤßten ſich, er umfaßte ſie— ſie kuͤßten ſich wieder—„mein engliſches Jul⸗ chen“— ſie traten in ein dunkles Haus, nicht fern vom Hof von Holland*). Alle Blitz! brummte der Oberſt und ging, ſich tiefer in ſeinen Mantel huͤllend, langſam vor dem Hauſe vorbei. Das iſt zu bunt, dach⸗ te er, jedoch was hilfts— ich muß ſchweigen! Wenn er das Geld nur ſchafft! Morgen werd' ich's ihm entdecken! Er ging zuruͤck. *) ein Gaſthef. P Den Montag? fluͤſterte welche Zeit? um ſieben! ſprach das Maͤdchen. Sehr ſchoͤn! wer zuerſt kommt, der war⸗ tet; jedoch ich bin gewiß der erſte. Nun aber muß ich nach den Linden eilen! Wohin wird er nun gehn? dachte der Oberſt; ich will doch den Patron heut, wo die Gelegenheit ſo guͤnſtig iſt, noch ein Wenig aufs Korn nehmen. Er huͤllte ſich ganz tief in den Mantel und ſchlich dem baldigen Schwiegerſohne nach. Derſelbe nahm zwar anfangs die Rich⸗ tung nach den Linden, wich jedoch bald ab, be⸗ gann mit einem vor ihm gehenden Maͤdchen ein Geſpräͤch, wollte dieſe kuͤſſen, wurde von ihr hart abgewieſen, eilte dann weiter und blieb endlich in der Koͤnigsſtraße vor dem Hauſe ſte⸗ hen, wo die Kriegsräthin wohnte. Hier klatſchte er zwei Mal in die Haͤnde, und nach wenigen Minuten ſah ein weibliches Geſicht aus dem Fenſter. Hier gilt es ſpeculiren und Speculation! dachte der Oberſt, Romme aber eilte ins Haus. Da muß ich nachgehen! fuhr jener in ſei⸗ tomme jetzt. Um nen Gedanken fort. Der Patron hat wohl gar mit der alten Koquette ein Liebesverſtaͤndniß. Sie hat Geld— hm, hm! Ich muß doch wahrhaftig ein Mal ein Wenig horchen. Was iſt da weiter? Es iſt ja an und fuͤr ſich nichts Boͤſes— und ertappen wird mich Niemand— geſchieht es, nun, ſo frag' ich nach Herrn Muͤl⸗ ler und habe mich verirrt. Er ſchlich ins Haus und war bald mit dem Ohr am Schluͤſſelloch. Es geht nicht! ſprach Romme ſehr heftig. Es gehet durchaus nicht! Es muß aber! meinte die Kriegsraͤthin. Der Executor iſt heute ſchon zum zweiten Male hier geweſen. Kommt er zum dritten Mal, ſo läßt er ſich nicht mehr abſpeiſen. Sie muͤſſen Rath ſchaffen oder ich hintertreibe die ganze Sache! Das thun Sie! rief jener und ſchlug mit der Fauſt auf den Tiſch. Mir iſt die Geſchich⸗ te ſchon leid. Papa hat das Geld lange nicht ſo dicke, als ich dachte. Der alte Eſel iſt ein Filz; er giebt gewiß keine 8000 Thlr. mit! Das thut der Oberſt nicht! ſagte jene; er P 2 giebt wenigſtens 20,000 mit! und genug, wenn Sie morgen nicht 400 Thlr. ſchaffen, ſo entdecke ich die ganze—„ Jetzt kam Jemand raſch die Treppe herauf, und der Oberſt eilte, zu mehrerer Sicherheit, in das folgende Stockwerk, lauſchte jedoch uͤber das Treppengelaͤnder und ſah einen kleinen Mann in das Zimmer der Kriegsraͤthin ſtuͤrmen. Er kehrte auf ſeinen Poſten zuruͤck. Denken Sie ſich, Herr von Melini, ſprach die Kriegsraͤthin, Herr Romme will mir nicht einmal auf Abſchlag jetzt, obgleich ich ſo ſehr in Roth bin, 400 Thaler— Da kam ſchon wieder Jemand. Der Oberſt wollte nur einſtweilen ſich zuruͤckziehen, allein es war eine Köchin, zu der ſich bald, ohne Zweifel verabredeter Maßen, ein Bediente geſellte, und der Anfang ihrer Mittheilungen ließ kein baldiges Ende hoffen; der arme Schwiegervater eilte daher ins Freie. Alſo dieſe edle Geſellſchaft hat mein armes Kind verkuppelt! dachte er. Bravo, Frau Kriegsräthin, Sie ſind eine reſpectable Frau. Er hing ſeinen Gedanken nach, ſuchte vergebens noch lange nach der erſehnten Pfefferkuchlerin, und kam erſt ſpaͤt nach Hauſe. 20. Am folgenden Morgen uͤberbrachte ihm der Referendar von Marwing einen Brief, den er durch Einſchluß erhalten hatte. Ich wuͤrde mir die Ehre fuͤr heute Mittag ausbitten, Herr Referendar, ſagte jener, wenn meine Tochter nicht todtkrank waͤre. Mein Gott, was fehlt denn Ihrer Fraͤu⸗ lein Tochter? Ach Gott! anfangs war es ein nervoͤſes, Fieber; jetzt hat es ſich mehr nach dem Halſe gezogen und droht, eine haͤutige Braͤune zu wer⸗ den. Die Aerzte geben wenig Hoffnung. Da kam Romme. Nach den gewoͤhnlichen Begruͤßungen ſagte Marwing: Mein Himmel, warum haben Sie aber noch nicht den Doctor Lomberg kommen laſſen? Er ſoll ja in Bezug auf Halskrankheiten jetzt der erſte Arzt hier ſeyn. Wirklich? fragte der Oberſt. Ich traue dem Manne wenig zu; uͤberdies die H— ſche Geſchichte— — 230— Ja wohl! die famoͤſe Geſchichte! ſtimmte Romme bei. Auch habe ich oft gehoͤrt, daß Lomberg der beſte Goͤnner der Todtengraͤber ſey. 6 Sie ſind in jeder Hinſicht ſehr ſchlecht un⸗ terrichtet! ſagte Marwing, faſt entruſtet, mit etwas ſtarkem Tone. Die vorzuͤglichſten Aerzte ruͤhmen ihn und die H— ſche Geſchichte iſt be⸗ reits ganz zu ſeinem Vortheil aufgeklärt, ſo uͤbel ſie fuͤr ihn ſtund, da er nach allen Ver⸗ haͤltniſſen als ſehr verdaͤchtig erſcheinen mußte. Sein ganzes Verbrechen lag darin, daß er den Schurken H— fuͤr ehrlich gehalten, was ſo leicht begegnen kann, und in dieſer Vorausſez⸗ zung hatte er viele Sachen von ihm durch Kauf und Schenkung erhalten, ohne zu ahnen, daß ſie geſtohlen ſeyen. Seine Unſchuld, die Jedem, der ihn genauer kannte, nicht einen Au⸗ genblick zweifelhaft war, iſt jetzt auch juriſtiſch feſtgeſtellt und er autoriſirt, ein gerichtliches Document hieruͤber offentlich abdrucken zu laſ⸗ 3 ſen. Das iſt mir ganz neu! ſprach der Oberſt, Marwing aber ſetzte noch einiges zum Lobe des — 231— Freundes hinzu, ohne des nahen Verhaͤltniſſes zu demſelben zu erwaͤhnen, und empfahl ſich⸗ Das iſt des Lomberg beſter Freund! mein⸗ te Romme, als jener fort war. Der ſucht ihn uͤberall anzupreiſen. Huͤten Sie ſich vor ihm. So?! meinte der Oberſt. Ich danke fuͤr den guͤtigen Rath. Wie geht es denn meinem lieben Braͤut⸗ chen? fragte Romme hierauf. Das Maͤdchen ſagt, ſie ſchliefe. Da will ich jetzt nicht ſtoͤren, ſondern nachher wieder nachfragen. Jetzt kom⸗ men Sie mit Herr Papa. Laſſen Sie Ihren Kummer ſchwinden und verſuchen Sie den herr⸗ lichen Caviar und Champagner bei Moller. Sie muͤſſen ſich zerſtreuen, kommen Sie! So mißtrauiſch der Oberſt war, ſo ging er dennoch mit, und that, als ob er von Richts wuͤßte; er dachte: Ich werde tuchtig einſchen⸗ ken laſſen, vielleicht lock' ich ihn in meine Plaͤ⸗ ne, und, hat er ein Plaͤnchen gegen mich, ſo will ich mich ſchon huͤten. Bei Moller's war es ganz leer, wie ge⸗ wohnlich; denn der Herr von Pohl pflegte zu 5 — 232— ſagen: Dies iſt das anſtaͤndigſte Weinhaus in Berlin; ich bin hier in der Regel ganz allein. Sie ſetzten ſich und begonnen zu fruhſtucken. unglucklicher Weiſe, zum beiderſeitigen Leidwe⸗ ſen, kam heute noch Jemand. Er ſetzte ſich ih⸗ nen gegenuͤber und knuͤpfte bald ein Geſpraͤch an. Unverkennbar hatte er ſchon ein Raͤuſch⸗ chen und alle ſeine Reden waren wie entzuͤnde⸗ ter Weingeiſi. Potz Element! ſagte er unter Andern. Wenn es wahr iſt, daß ſo viele Banquerotte im Anzuge ſind, ſo hole der Kuckuck den Credit. Das Falliren— fallor, fefelli i. e, betruͤ⸗ gen— wird bald Mode werden. Unſere Geſetze ſind viel zu gelind. Was wagt Mancher nicht fur 10,000 Thaler? Da laſſen ſich Viele ſchon zwei Jahr Feſtung gefallen. Kommen ſie nachher wieder ins Freie, ſo leben ſie von dem, was ſie zuſammen betrogen haben, kboſtlich und in Freuden, und entſchaͤdigen ſich leicht fur die kurze Feſtungsſtrafe. Drum ten ſolche Schuldner hart gezüchtigt verden. Sie ſind ja aͤrger als Diebe, weil⸗ſᷣ ſchwerer oder gar nicht zu vermeiden ſind. Wollte Gott, es fallirten gerade jetzt recht Viele, dann wuͤr⸗ de die neue Geſetzcommiſſion vielleicht haͤrtere Strafe feſtſetzen auf dieſe ſchaͤndlichſte Art des Betrugs. Ihr Diener, meine Herren. Er ging,— und der Oberſt und Romme dankten im Stillen dem Himmel. Aus dem ſprach der Wein! meinte der letztere; doch laſſen wir das! Ich habe ein koſt⸗ liches Plaͤnchen Ihnen zu eroffnen, ein Planchen, das ſeine 10,000 Thaler werth iſt. Das waͤre! ſagte der Oberſt und ſchenkte wieder ein. Es iſt ſicher! ſprach Romme. Doch es gehoͤrt baar Geld dazu, und ich habe in voriger Woche große Zahlungen gehabt. Ich 6 erſt neue Gelder haben. Aha, dachte jener, doch dieſer fuͤllte die abermals geleerten Glaͤſer wieder, und ließ zwei neue Flaſchen Champagner bringen. Neue Gelder, neue Gelder, 6* der Oberſt, ſpeculativ, mein Lieber, ſehr ſpecula⸗ tiv.— Ja, ſagen Sie'mal, wenn Sie doch ein⸗ — 234— mal beim Heben ſind, da konnten Sie fuͤr mich ſo circa 10,000 Thaler mit heben. O, mit Vergnuͤgen! fiel Romme mit vie⸗ len Dienern ein, und ſeine Miene verklaͤrte ſich. Wo ſtehen ſie aus? Sind es ſichere Forderun⸗ gen? Wechſel, Staatspapiere? Nur Nichts vom Koͤnigsſtädter.— Nein, nein! eiferte der Oberſt, ich habe keine ausſtehenden Activa. Sie ſollen mir Geld“ verſchaffen, Freundchen; denn ich bin in tauſend Nothen, und ſchaffen Sie keins, ſo bekommen Sie meine Tochter nicht! Er ſtuͤrzte das zwolf⸗ te Glas hinunter. S Romme machte ein langes Geſicht, ſchlug ein Schnippchen und ſprach: Ah ſo! das iſt was Andres! Na, eine Liebe iſt der andern werth! Daß Sie's nur wiſſen, mein Herr Ex⸗Schwiegerpapa in spe, ich bin banquerutt! Sie bezahlen wohl die Ze⸗ che!? Ihr Diener! 66 Er ſtuͤrzte fort. Kerl, infamer Kerl! kraͤhte der Verlaſſene. Der Seebaͤr! Der Erzſtrick! Einen ſo anzu⸗ — — 235— fuͤhren! Nicht einen Heller bezahl' ich! Der Fripon, der Betruͤger.— Ei, ei, Herr Oberſt! ſprach ein eintreten⸗ der Freund, der Regierungsrath Paulow. Sie ſind ja ſo boͤſe, was haben Sie denn? O, denken Sie nur! entgegnete der Er⸗ hitzte und erzaͤhlte, des Weines voll, ohne den geringſten Ruͤckhalt. Aber wie befindet ſich denn Ihr Fräulein Tochter? meinte endlich der Regierungsrath. O ſehr ſchlecht! Die Braͤune ſchnuͤrt ihr den Hals zu. Ich habe ſchon vier Aerzte! Nun ſo nehmen Sie den fuͤnften an Lom⸗ berg; deſſen Sphaͤre iſt ja der Hals! Lomberg, Lomberg— wie iſt mir denn, ach ja— ja, ja, ja, den kenn' ich ſchon; nun, iſt er denn wirklich ſo gut.— Sein Vater ſoll ein Schuhflicker ſeyn, vielleicht iſt er ein guter Menſchenflicker! Er iſt mein Landsmann, ſprach Paulowz ſein Vater iſt todt und war ein achtbarer Kauf⸗ mann; der Sohn aber iſt ſehr geſchickt. O, praͤchtig geſchickt! wenn Sie erlauben, daß ich mit rede— meinte der Marqueur; er — 236— kommt vielleicht bald zum Herrn, den er auch in der Cur hat. Er hat ſchon Wunder gethan! Lupus in fabula! ſagte Paulow. Da iſt der Herr Dortor! O willkommen, Herzensmann, kraͤchzte der Oberſt, und taumelte auf den Erſtaunten zu, um ihn zu umarmen. Sind Sie noch boͤſe? O vergeben Sie mir! Ich will auch vergeſſen, daß Sie auf Saphir geſchmäht und die Sonn⸗ tag gelobt haben; bitte, bitte, ſehn Sie nicht mehr boͤſe; und helfen Sie meiner armen Toch⸗ ter— aber gleich, ſchnell, das heißt, kommen Sie gleich mit! Herr Oberſt! ſagte Lomberg; ich achte Saphir ſehr und goͤnne ihm alles Gute, auch uͤberſchaͤtz ich Fräulein Sonntag nicht, und ich hoffe, wir werden uns noch verſtaͤndigen. Was Ihr Fraͤulein Tochter betrifft, ſo will ich mir zwar nicht ſchmeicheln, da, wo andre alte Mei⸗ ſter verzweifeln, mit meiner Kunſt zu triumphi⸗ ren, doch halte ich es fuͤr meine Pflicht als Arzt, Ihren Verlangen zu folgen. Lomberg hatte die arme Ratalie in einer — 237— tiefen Ohnmacht gefunden, ihm gleich und ihr hinterher gewiß ſehr angenehm; denn das erſte Wiederſehn mußte fuͤr beide ſehr peinlich ſeyn. Die Oberſtin, als Frau von Welt, hatte keine Verlegenheit blicken laſſen; beide Eltern bezeigten ihm die hoͤchſte Aufmerkſamkeit und beſonders ſchien der Oberſt, ſeitdem er ſich mehr fuͤr Saphir und weniger fuͤr die Sonntag intereſſir⸗ te, ihn jetzt vorzuglich zu lieben; wozu der Um⸗ ſtand, daß Lomberg's Vater, nach Paulow's Verſicherung, ein tuͤchtiger Kaufmann geweſen, und daß er ſelbſt, nach neuern zuverlaͤſſigen Be⸗ richten, noch nie verheirathet geweſen, gewiß nicht wenig beitrug. Auch der Stein der 5000 Thlr. wurde den armen Oberſt bald vom Herzen genommen. Es gingen gluͤckliche Briefe und viel ſchon auf⸗ gegebene Summen ein; nur mit der guten Na⸗ talie ward es täglich ſchlimmer und dadurch ſank auch wieder Lomberg's Credit, jedoch end⸗ lich am Neujahrstage fuͤhlte ſie ſich Plotzlich ſo wohl, wie noch nie, und das Bewußtſeyn, das ihr lange gefehlt hatte, ſchien jetzt zum erſten Male wieder lebhaft in ihr wach zu ſeyn⸗ Sie erkannte Lomberg, ſchien ſehr ver⸗ wirrt und wagte nicht, die Augen aufzuſchla⸗ gen. Allmaͤhlich gab ihr die Mutter einiges gelinde Licht von dem, was ſich begeben hatte, 5 — 238— und ſichtbar ſchien dies auf ihre Herſtellung zu wirken. Sie freute ſich unendlich, daß der Ret⸗ ter ihres Lebens kein Heuchler, ſondern ein edler Mann war, und Alles, was ſie fruͤher ſchon fuͤr ihn gefuͤhlt, erwachte mit verdoppelter Staͤrke. Es iſt ein himmliſches Mädchen! dachte Lomberg, der ſich inzwiſchen durch ein bedeuten⸗ des Darlehn geholfen und jetzt zur herrlichſten Praxis Ausſicht hatte, jetzt faſt taglich. Nun ſeh' ich erſt recht, welche Perle hier dem Unter⸗ gange nahe war. O wenn ſie mich lieben wollte! Bald muß e nun hergeſtellt ſeyn und dann—— Er verlor ſich zin heiteren Plaͤnen; jedoch— warum noch laͤnger mit dem Aufziehn des Vorhangs zoͤgern, da doch bereits jetzt Je⸗ der ſieht, was dahinter ſich begeben ſoll? Nichts trauriger, als eine Entwickelung, wo die Verwickelung keine mehr iſt.— Drum kurz,— am 16. Januar war die Verlobung Nataliens und Lomberg's. Beide ſind jetzt gluͤcklich in den herrlichen Vorhallen des Tempels der Ehe. Romme ſoll verſchwunden ſeyn, Marwing geht — um ſo zu ſagen— auf Freiers Fuͤßen, Herr di Melini befindet ſich, dem Geruͤchte nach, mit der Kriegsraͤthin auf der Reiſe nach Stuttgard.