— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und Fefebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von ſe jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 5 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————————— auf 1 Monat: 1 Wi.— Ff 1 M 5 Pf 2 W.. 3 — *„„ p„ F 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —————— — 8— um—————— . 8* * * — * ——. ——-— 2 .——„„. ————. 6——————— 6 X Erſtes Kapitel. Der Teſer macht die Bekanntſchaft eines Menſchenfreundes. Spät an dem Nachmittage eines froſtigen Februartages ſaßen in einem gut möblirten Speiſezimmer der Stadt P. in Kentuckh zwei Herren allein bei ihrem Weine. Kein Diener war zugegen. Die beiden Herren, welche ihre Stühle nah zuſammengerückt hatten, ſchienen einen Gegenſtand mit Ernſt zu beſprechen. Der Schicklichkeit halber ſprachen wir bis hier⸗ her von zweien Herren, jedoch einer von ihnen, wenn wir ihn genau beurtheilen ſollen, ſchien nicht gerade zu den Her⸗ ren zu gehören. Es war ein kurzer und dick-unterſetzter Mann mit einem rauhen Alltagsgeſicht, mit jener niedrigen maßung, welche einen gemeinen Mann bezeichnet, der ſich mit dem Ellenbogen ſeinen Platz durch's Leben zu erſucht. Gar ſehr war er überladen, denn er trug eine ſchreieſd⸗ ute Weſte, ein blaues Halstuch mit luſtig gelben Tupfen, mit ſtolzer Schleife prangend, welche mit dem Herru ſelbſt gleichen Rang hielt. Seine rauhen, großen Hände waren mit vielen Ringen bedeckt, auch trug er eine goldene Uhr⸗ kette mit einem Gehänge von Pettſchaften von anſehnlicher Größe und mancherlei Farbe, womit er, im Eifer des Ge⸗ ſpräches, mit ſichtlichem Vergnügen raſſ elte und ſpielte. Seine Unterhaltung verſtieß frei und ungebunden gegen Murrey's Sprachl ehre und war in paſſenden Zwiſchenräumen mit ge⸗ meinen Ausdrücken geziert, welche wir, ſelbſt wenn es ge⸗ wünſcht würde, nicht wiedergeben würden. Sein Begleiter, Herr Shelby, hatte das Aeußere eines 1 3 Gentlemans, und die Einrichtung des Wohngebäudes und der Wirth ſchaft zeigten behagliche und wohlhabende Umſtände. Beide wie bereits erwähnt, in tiefem Geſpräch. „Das iſt die Weiſe, wie ich die Sache regeln würde,“ ſagte Mr. Shelby. 4 „Ich kann auf dieſe Art das Geſchäft nicht abmachen — ich kann es in der That nicht, Mr. Shelby,“ entgeg⸗ nete der Andere, ein Glas Wein zwiſchen ſein Auge und das Licht haltend. „Ah, Haley, Tom iſt ein ſehr geſcheidter Burſche und die Summe gewiß werth; er iſt ſtill, ehrlich und gewandt, ſo daß er meine ganze Wirthſchaft wie eine Maſchine im Gange hält.“ „Sie denken, ehrlich wie die Neger alle ſind,“ ſagte Haley, ein Glas Branntwein ſich einſchenkend. „Nein, er iſt's in der That. Tom iſt ein guter, fleißi⸗ ger, vernünftiger und frommer Burſche, bei einer Feldpredigt⸗ verſammlung iſt er vor vier Jahren fromm geworden, und ich denke, ſeine Frömmigkeit iſt die rechte Art. Seit dieſer Zeit habe ich ihm Alles, was ich beſitze— Geld, Haus, Pferde— zu verwalten gegeben und überall im Lande um⸗ 5 hergehen laſſen und ihn ſtets rechtſchaffen erkannt.“ „Die meiſten Leute zweifeln, daß es fromme Neger giebt, Shelby,“ erwiderte Haley mit einer Handbewegung, um ſei⸗ nen Worten Nachdruck zu geben,„ich glaube es. Unter dder letzten Truppe, die ich nach Orleans brachte, befand ſich ein Burſche, deſſen Gebet zu hören eben ſo gut war wie eine Predigt, und er war ſo ſanft und ſtill wie irgend Einer. Er brachte mir auch ein ſchönes Sümmchen ein; denn ich kaufte ihn billig von einem Manne, der gezwungen war, . Gut zu veräußern und erhielt Sechshundert für ihn. Die Religion bei einem Neger halte ich für eine koſtbare Sache, wenn ſie ächte, reine Waare iſt.“ „Nun, wenn ſie je ein Menſch beſeſſen hat, ſo hat Tom die ächte Waare,“ ſagte der Andere.„Im vergangenen Herbſt„ 3 ließ ich ihn erſt nach Cincinati gehen, um dort Geſchäfte für nntch abzumachen und fünfhundert Dollar mitzubringen. Tom, ſagte ich ihm, Dir vertraue ich, weil ich weiß, daß Du ein Chriſt biſt— ich weiß auch, daß Du mich nicht hintergehen wirſt. Tom kam richtig auch wieder— ich wußte dies be⸗ ſtimmt. Ich hörte ſogar, daß einige gemeine Menſchen zu ihm geſagt hätten: Warum, Tom, gehſt Du nicht nach Ca⸗ nada?—„Der Herr hat mir getraut und ich kann ihn nicht * hintergehen!“ Die ganze Geſchichte iſt mir wiedererzählt worden und es thut mir weh, mich von Tom zu trennen. Nehmen Sie ihn für die ganze Schuld, Haley, und Sie müſ⸗ ſen es thun, wenn Sie ein Gewiſſen haben.“ „ Nun, ich habe ſo viel Gewiſſen, wie nur irgend ein Geſchüftsmann haben kann,— ſo viel, um darauf zu ſchwö⸗ ren,“ ſagte der Handelsmann ſcherzend,„und ich bin erbötig, Alles, was ſich nur machen läßt, zu thun, um meinen Freun⸗ den zu Dienſten zu ſein; doch dies hier, ſehen Sie, wäre ein wenig zu ir mich— ein wenig zu viel.“ Der Handelsmann ſtieß einen hörbaren Seufzer aus und goß ſich noch ein Glas Branntwein ein.— „Nun Haley, auf welche Weiſe wollen Sie das Geſchäft machen?“ ſagte Mr. Shelby nach einer peinlichen Zwi⸗ ſchenzeit. „Haben Sie nicht irgend einen Jungen oder ein Mäd⸗ chen, das Sie in den Kauf mit Tom geben könnten?“ „Ach!— ich beſitze kein Kind, welches ich gern wegge⸗ ben möchte, und die Wahrheit zu geſtehen, es iſt nur die eiſerne Nothwendigkeit, die mich zum Verkaufen zwingt. Es iſt mir unangenehm, mich von irgend einem meiner Leute zu trennen, das können Sie mir glauben.“ Jetzt öffnete ſich die Thür des Zimmers und ein kleiner, vier⸗ bis fünfjähriger Quadron⸗Knabe trat in daſſelbe. Sein Aeußeres war einnehmend und merkwürdig ſchön; ſein ſchwar⸗ zes, ſeidenartiges Haar hing um ſeine runden Grübchenwan⸗ gen in glänzenden Locken und ſeine großen, dunkeln Augen ſchauten voll Feuer und Sanftheit aus den dichten, langen Wimpern heraus, als er neugierig forſchend in das Zimmer te. Ein buntes, ſauber gemachtes und eng anſchließendes, Aeidchen von arahtnhi und gelbgeſtreiftem Zeuge, ließ ſeine Schönheit auf das Vortheilhafteſte hervortreten und eine von einiger Schüchternheit begleitete komiſche Zuverſicht zeigte, daß er gewohnt war, von ſeinem Herrn verzogen und beachtet zu werden. „Hollah, Jim Crow!“ rief Mr. Shelby, ihm eine Roſi nentraube zuwerfend,„da lange auf!“ Das Kind eilte, ſo raſch es konnte, unter dem Lachen ſeines Herrn auf den Leckerbiſſen zu. „Komm her, Jim Crow,“ ſagte der Andere. Das Kind näherte ich und der Herr ſtreichelte ihm ſei⸗ nen Lockenkopf und faßte ihm unter das Kinn. ——— „Nun Iim, zeige dieſem Herrn, wie du tanzen und ſin⸗ gen kannſt.“ Der Knabe begann eines jener wilden, bunten Lieder,„ wie ſie unter den Negern gewöhnlich ſind, nit ſeiner vollen, klaren Stimme zu ſingen, und begleitete daſſelbe mit komiſchen Bewegungen und Verzerrungen der Hände, Füße und des übrigen Körpers. „Bravo!“ ſagte Haley, ihm das Viertel einer Orange zu⸗ werfend. „Nun gehe einmal wie der alte Onkel wenn er Rheumatismus hat, Jim,“ ſagte ſein Herr. 7 Des Kindes geſchmeidigen Glieder nahmen augenblicklich ein verzerrtes, ungeſtaltetes Ausſehen an; ſein Rücken krümmte ſich und er ſchwankte, in der Hand den Stock ſeines Herrn, mit kläglich verzogenem Geſicht, bald nach rechts, bald nach links ausſpeiend, im Gemache umher.— Die beiden Männer lachten aus vollem Halſe. „Nun, Jim,“ ſagte ſein Herr,„zeige uns auch, wie der Kirchenvorſteher Roblins den Pſalm anſtimmt.“ Das runde Geſicht des Knaben nahm die größtmöglichſte Länge an, und er ſtimmte eine Pſalmmelodie mit unerſchütter⸗ licher Gravität durch die Naſe an. „Bravo, Hurrah! das iſt ein Junge!“ ſchrie Haley,„der iſt ein ganzer Burſche. Ich will Ihnen etwas ſagen,“ fügte er plötzlich hinzu, Mr. Shelby auf die Schulter klopfend: „geben Sie mir noch dieſen Burſchen und das Geſchäft h abgethan. Sie werden ſelbſt die Einſicht haben, daß ich ni mehr fordere, als billig iſt.“ Die Thüre wurde in dieſem Augenblicke leiſe geöffn und eine junge Quadronin von ungefähr uaei Jahren trat in das Zimmer.— Es bedurfte nur eines Blick auf ſie, um ſie als die Mutter des Kindes zu finden. Sie hatte das nämliche glänzende, volle dunkle Auge mit den lan⸗ gen Wimpern, das nämliche wollige ſeidenartige, ſchwarz⸗ glänzende Haar. Die braune Hautfarbe auf der Wange wich einer deutlich ſich zeigenden Röthe, die ſich verſtärkte, als ſie den Blick des fremden Mannes mit dreiſter unverſtell⸗ ter Bewunderung uf ſich geheftet wahrnahm. Die Kleidung ſaß ihr wie angegoſſen und hob die ſchön geformte Geſtalt auf das Angenehmſte hervor. Eine zart gebaute Hand und ein hübſcher Fuß und Knöchel waren Gegenſtände, welche den ſcharfen Augen des Handelsmannes nicht entgingen, welcher gewohnt war, auf den erſten Blick die guten Eigenſchaften eines ſchönen weiblichen Handelsartifels zuſammenzufaſſen. „Nun, Elizia!“ ſagte ihr Herr, als ſie unſchlüſſig ſtehen blieb und ihn anſah. „Verzeihen Sie, mein Herr, ich wollte Harry holen,“ und der Knabe rannte auf ſie zu und zeigte ihr die Beute, die er in ſeinem Kleidchen eingewickelt hatte. „Nun, ſo nimm ihn mit,“ ſagte Mr. Shelby, und ſie ent⸗ fernte ſich eilig mit dem Kinde, das ſie auf ihren Arm nahm. „Beim piter!“ ſagte der Handelsmann verwunderungs⸗ ihm gewendet,„dies nenne ich eine Waare! In Or⸗ iten Sie mit dieſem Mädchen Ihr Glück machen, wenn Sie wollten. Ich habe ſchon über Tauſend bezahlen ſehen, die um Nichts hübſcher waren.“ „Ich habe nicht die Abſicht, durch ſie ein reicher Mann zu werden,“ ſagte Shelby trocken, und er verſuchte das Ge⸗ ſpräch auf etwas Anderes zu bringen, indem er eine andere Weinflaſche öffnete und ſeinen Geſellſchafter über den Inhalt derſelben befragte. „Vortrefflich, Sir!— erſte Qualität,“ entgegnete der Händler; er wendete ſich jedoch wieder gleich um, indem er Shelby auf die Schulter klopfte und ſagte:„Nun, wollen Sie ein Geſchäft mit dem Mädchen machen? Was ſoll ich bieten, was wollen Sie haben? 5 „Mr. Haley“ entgegnete Shelby,„ſie kann nicht ver⸗ kauft werden, meine Frau würde ſie nicht hergeben, ſelbſt wenn man ſie mit Gold aufwiegen möchte.“ „Ja, ja, die Weiber ſagen ſtets dergleichen Dinge, weil ſie nicht rechnen können. Zeigen Sie ihnen nur, wie viel Uhren, Juwelen und andern Schmuck man mit der Goldlaſt von der Schwere eines Menſchen ſich erkaufen kann, ſo wird die Sache bedeutend anders, dafür bürge ich.“ „Ich ſage Ihnen, Haley, davon kann nicht die Rede ſein; ich habe es ſchon früher abgeſchlagen und bleibe dabei“, erwiderte Shelby entſchieden. „Nun, den Jungen überlaſſen Sie mir doch!“ ſagte der Handelsmann. Sie werden zugeben, daß ich ſehr gutes Ge⸗ bot auf ihn gemacht habe.“ „Was in aller Welt wollen Sie mit dem Kinde anfan⸗ gen?“ fragte Shelby. „Nun, ich beſitze einen Freund, der die Art des Geſchäfts betreibt, hübſche Jungen aufzukaufen, um ſie für den Markt zu erziehen. Sie ſind nichts als Phantaſieſachen, die als 6 Bedienter u. ſ. w. für Reiche dienen, die einen hübſchen Jun⸗ gen bezahlen können. Ein wirklich hübſcher Burſche iſt die Zierde eines vornehmen Hauſes, wenn er die Thüre öffnet und die Aufwartung macht; Sie geben mir ein ſchönes Sümm⸗ chen zu verdienen, und dieſer kleine Teufel iſt gerade eine muſikaliſche Range, der dazu vollkommen geſchaf⸗ en iſt.“ „Ihn möchte ich nicht gern los veh. ſagte Shelby nachdrücklich;„ich bin ein menſchenfreundlicher Mann, Sir, und es iſt ſehr, unangenehm den Burſchen pon ſeiner Mut⸗ ter zu trennen.“ „Ach, haben Sie etwas von der Natur an Sie ganz! Es iſt öfter ſehr ſchwer mit den bern fertig zu werden; auch ich haſſe die Schrei⸗ und Kreiſchanfälle. Sie ſind höchſt unangenehm, doch auf die Weiſe wie ich es betreibe, ſuche ich ſie gewöhnlich zu vermeiden, Sir. Wie wäre es, wenn Sie das Mädchen auf einen Tag oder auf eine Woche wegſchafften? die Sache ließe ſich dann in Ruhe abthun und würde vorbei ſein, wenn ſie nach Hauſe kommt. Ihre Frau könnte ihr, um ſie zu beruhigen, ein Paar Ohrringe oder ein neues Kleid, oder eine ähnliche Kleinig⸗ keit kaufen.“ Ich befürchte, das würde nicht gehen.“ „Du lieber Gott! Warum nicht? die Geſchöpfe hier ſind nicht ſo wie die Weißen, das wiſſen Sie— ſie verſchmerzen Alles, wenn es nur recht angefangen wird. Man ſagt, bemerkte Haley, indem er verſuchte eine trauliche, offenher⸗ zige Miene anzunehmen,„daß mein Geſchäft die Gefühle er⸗ ſticke, doch habe ich es nie gefunden. Wahrhaftig, ich habe es nie auf jene Art betreiben können wie viele Andere. Ich kannte Leute, die es über ſich brachten, das Kind einem Weibe von den Armen zu reißen, um es zu verkaufen, wäh⸗ rend das Frauenzimmer ſich wie toll gebärdete— ſehr ſchlechte Politik— beſchädigt den Artikel— und macht ihn öfters ganz unbrauchbar. In Orleans habe ich einmal ein ſehr hübſches Mädchen geſehen, das durch ſolches Verfahren ganz zu Grunde ging. Der Mann, welcher ſie an ſich brachte, mochte ihr Kind nicht haben und ſie war von einer aufbrau⸗ ſenden Art, wenn ihr Blut in Wallung gerieth. Ich ſage Ihnen, ſie preßte das Kind feſt an ſich und ſprach und geberdete ſich wahrhaft grauſenerregend. Es iſt mir ſchreck⸗ lich noch jetzt daran zu denken, denn als ihr das Kind ab⸗ genommen und ſie eingeſperrt war, wurde ſie raſend und ſtarb — Haley mit acht Tage darauf. Ein baarer Verluſt von tauſend Dollar, Sir, und nur aus Mangel an Vorſicht— dies war Alles. Nach meinen Erfahrungen iſt es immer das beſte menſchen⸗ freundlich zu verfahren.“ Und der Händler lehnte ſich zurück in ſeinen Stuhl und kreuzte die Arme mit ſo tugendhafter Miene, daß er ſich für einen zweiten Wilberforce zu halten ſchien. Der Gegenſtand ſchien ihm ein großes Intereſſe einzuflößen, denn während Mr. Shelby im Nachdenken eine Orange abſchälte, begann iner großen Beſcheidenheit von Neuem, jedoch als don der Gewalt der Wahrheit getrieben würde, folgende Worte zu ſagen: „Es ſteht freilich nicht gut, ſich ſelbſt zu loben, aber ich ſage es nur, weil es die Wahrheit iſt. Ich glaube, den Ruf zu haben, daß ich die ſchönſten Neger mitbringe, die zu haben ſind— wenigſtens iſt es mir in's Geſicht geſagt worden, und nicht einmal, ſondern mehr als hundertmal— ſie ſind alle von guter Conſtitution— dick und anſehnlich, und ich habe ſo wenig Verluſt, wie nur irgend Einer in meiner Branche. — Ich rechne dies nur meinem Verfahren zu Gute und von der iſt die Menſchlichkeit das Fundament, Sir.“ Mr. Shelby, wußte nicht, was er darauf antworten ſollte und ſagte daher:„Wirklich!“ „Ich bin ausgelacht worden wegen meiner Gedanken, Sir, und es ſind mir deshalb Vorſtellungen gemacht worden; ſie ſind beliebt und allgemein, jedoch ich habe an ihnen feſt⸗ gehalten, Sir, ich habe ſie ausgeübt und ſchönes Geld damit verdient, das kann ich wohl ſagen!“ und der Händler be⸗ lachte ſeinen Einfall. Es war etwas ſo Pikantes und Originelles in dieſer Auffaſſung der Menſchenfreundlichkeit, daß Mr. Shelby ſich nicht zurückhalten konnte in ſein Gelächter einzufallen. Viel⸗ leicht lachſt Du auch, guter Leſer, doch ich weiß, daß die Menſchenfreundlichkeit ſich heut' zu Tage in einer Menge ſon⸗ derbarer Formen zeigt und daß menſchenfreundliche Leute manchmal curioſe Sachen reden und thun. Das Gelächter von Mr. Shelby munterte den Händler zum Fortfahren auf. „Es iſt in der That eigen, daß ich es nie den Leuten habe in die Köpfe treiben können. Sie hätten meinen alten Compagnon Tom Loker in Natchez gekannt haben ſollen; er war ein tüchtiger Burſche— das war er, aber ein ganzer Teufel gegen die Neger— er that es aus Grundſatz, ſehen Sie, denn ein gutmüthigerer Burſche hat nie das Brot ge⸗ ob er geſſen. Es war ſein Syſtem, Sir. Manchmal machte ich Tom Vorſtellungen. Ach, Tom, pflegte ich zu ſagen, was nützt es, Deine Mädchen auf den Kopf zu ſchlagen und zu knuffen, wenn ſie ſich grämen und weinen? Es iſt thöricht und nutzt nicht im Mindeſten. Ich meinerſeits ſehe nichts Böſes in ihrem Weinen ſagte ich, es iſt natürlich, ſagte ich, und wenn die Natur ſich auf die eine Art keinen Ausgang verſchaffen kann, verſchafft ſie ſich ihn auf eine andere. Uebri⸗ gens Tom, ſagte ich, verdirbt es Dir Deine Mädchen, ſie werden krank und maulhängeriſch und zuweil r häßlich — beſonders die gelben Mädchen, und es iſt rteufelte Arbeit, ſie abzurichten. Ei, ſagte ich, wesh willſt Du ihnen nicht lieber gute Worte geben und ihnen ſchmeicheln? Glaube mir, Tom, eine kleine Beigabe von Menſchenfreund⸗ lichkeit wirkt viel mehr, als all' Dein Schelten und bringt auch mehr ein; darauf kannſt Du Dich verlaſſen, ſagte ich. Aber Tom hat ſich nie darein finden können und verdarb mir ſo Viele, daß ich gezwungen wurde, mich zu trennen, trotzdem er ein gutmüthiger Burſche und ein gewandter Geſchäfts⸗ mann war.“ „Alſo finden Sie Ihre Art des Geſchäftsbetriebs vor⸗ theilhafter, als die Tom's?“ fragte Mr. Shelby. „Gewiß, Sir, daß iſt nicht abzuſtreiten. Sehen Sie, ſobald ich es nur kann, nehme ich bei den unangenehmen Theilen des Geſchäfts, beim Verkaufen von Kleinen u. ſ. w. ſtets Rückſicht— ich bringe die Mädchen aus dem Wege— aus den Augen, aus dem Sinn, wie Sie wiſſen; und wenn es gethan iſt und die Sache ſich nicht mehr ändern läßt, er⸗ geben ſie ſich darein. Es iſt nicht ſo, wiſſen Sie, als ob es Weiße wären, die in der Erwartung erzogen werden, Wei⸗ ber und Kinder zu behalten u. ſ. w. Die Neger haben, wenn ſie gehörig gehalten ſind, gar kein Hoffen, ſo daß ſie ſolche Dinge leichter verſchmerzen.“ „So muß ich befürchten, daß die Meinen dann nicht gehörig erzogen ſind,“ ſagte Shelby. „Ich glaube es ſelbſt. Ihr Kentuckher verzieht alle Eure Neger, Ihr meint es mit ihnen gut, doch iſt dies nicht die wahre Güte. Sehen Sie, ein Neger muß in der Welt um⸗ hergeworfen und an Hans oder Kunz oder an ſonſt wen verkauft werdenz es iſt keine Güte, ihm Ideen und Hoffnungen zu geben und gut zu halten, denn das Unangenehme kommt ihm nachher um ſo ſchwerer an. Ich bin überzeugt, daß Ihre Neger an ſolchen Orten, wo manche von den Plantagennegern ———— wie Beſeſſene jauchzen und ſingen würden, ſicherlich ganz nie⸗ dergeſchlagen ſein werden. Ein Jeder hält natürlich ſeine Manier für die beſte, Mr. Shelby, und ich denke, ich behandle die Neger ebenſo gut, wie Sie es nur thun können.“ „Es iſt ein Glück zufrieden zu ſein,“erwiederte Mr. Shelby Achſelzucken und unverkennbarem Gefühl unangenehmer Natur. „Nun“, meinte Haley, nachdem beide eine Zeitlang ihre Nüſſe ſöweigend, geknackt hatten,„was denken Sie zu mei⸗ nem Vorſchlage „Ich wih huir die Sache überlegen und mit meiner Frau darüber ſprechen,“ ſagte Mr. Shelby.„Ich gebe Ihnen mitt⸗ lerweile den Rath, Haley, Ihr Geſchäft nicht bekannt werden zu laſſen in dieſer Gegend, wenn Sie die Sache, von der Sie ſprechen, in einer ruhigen Art abmachen wollen. Es wird unter meine Leute kommen, und wenn ſie es wiſſen, wird ſich keiner von ihnen ſo leicht fortbringen laſſen, das kann ich Ihnen verſichern.“ „Gewiß! es iſt natürlich am klügſten den Mund zu hal⸗ ten; doch ſage ich Ihnen, ich habe verdammte Eile und möchte möglichſt bald wiſſen, woran ich wäre!“ antwortete er, indem er aufſtand und ſeinen Ueberrock anzog. „Kommen Sie zwiſchen Sechs und Sieben heute Abend wieder, dann ſollen Sie die Antwort wiſſen, entgegnete Mr. Shelby und der Händler empfahl ſich aus dem Zimmer. „Wäre ich nur fähig geweſen, dieſen Burſchen mit ſeinem unverſchämten Aufdringen die Treppe hinab zu werfen,“ ſagte Mr. Shelby zu ſich, als er die Thüre geſchloſſen ſah;„doch ich weiß umwie viel er gegen mich im Vortheil iſt. Wenn mir früher ein Menſch geſagt hätte: ich würde Tom nach dem Süden an einen der ſchurkiſchen Händler verkaufen, hätte ich ihHm gewiß geantwortet: Iſt mein Knecht ein Hund, daß ich ſolches thun ſollte? und nun ſehe ich, daß es ſo kommen muß. Und gar Elizas Kind! Ich bin ſicher deshalb mit meiner Frau einen Auftritt zu haben und Tom's wegen gewiß gleichfalls. Das rührt von den Schulden her!“— Er ſeufzte!„Der Burſche kennt ſeinen Vortheil und weiß ihn zu verfolgen.“ Im Staate Kentuckh wird wohl die S Art der Sklaverei ausgeübt. Das allgemeine Vorherrſchen der länd⸗ lichen Beſchäftigung von rühiger und gemächlicher Natur, welches die zeitlichen Abſchnitte der Eile und des Treibens, die in den ſüdlichen Staaten vorherrſchen, nicht nöthig hat⸗ macht die Arbeit des Negers weniger ungeſund und anſtrengend, 10 während der Beſitzer mit dem ſteten Vermögensanwachſe ſich begnügt und nicht in die Verſuchung der Hartherzigkeit kommt, welche ſchwache menſchliche Naturen immer überwältigt, ſo⸗ bald die Ausſicht auf plötzlichen ſchnellen Gewinn in einer Wagſchale liegt, während in der andern die Intereſſen ſchutz⸗ und hülfsloſer Geſchöpfe ſich befinden.— Wer nur einige von den dortigen Gütern beſuchte und Zeuge wurde von der güti⸗ gen Behandlung mancher Herren und Herrinnen und dem hingebenden Gehorſam mancher Sklaven, möchte ſich verſucht fühlen, von der fabelhaften dichteriſchen Legende patriarchaliſcher Einrichtung zu träumen. Doch über den dortigen Verhält⸗ niſſen ſchwebt immer noch ein düſterer Schatten— der Schatten des Geſetzes,— ſo lange das Geſetz alle jene menſchlichen Weſen mit ihren ſchlagenden Pulſen und liebe⸗ vollen Herzen als Dinge behandelt, die einem Herrn gehören— ſo lange der Bankerutt, das Unglück, oder die Thorheit oden der Tod des liebevollen Beſitzers ſie dazu bringen kann, ein Leben voll gütigen Schutzes und Nachſicht mit dem Leben voll hoffnungsloſem Elend zu vertauſchen, iſt es unmöglich, ſelbſt in der geordnetſten Art der Sklaverei, etwas Gutes und Er⸗ wünſchtes zu erblicken. Mr. Shelby war ein guter Mann, wie man ſie gewöhn⸗ lich findet, gutmüthig und freundlich und zur Nachſiccht gegen die ihn Umgebenden geſtimmt. Er hatte es nie an Etwas fehlen laſſen, was das phyſiſche Wohlſein der Neger auf ſeinem Gute fördern konnte; doch hatte er bedeutend unkluge Spekulationen gemacht und ſich in tiefe Schulden geſtürzt, und ſeine Wechſel waren in die Hände von Mr. Haley gekommen. Dieſe geringe Mittheilung wird den Schlüſſel zu der vorhergegangenen Unter⸗ redung geben.— Nun hatte Eliza zufällig, als ſie ſich der Thüre nahte, genug von dem Geſpräch gehört, um zu wiſſen, daß ein Händler ihrem Herrn Anerbietungen für Jemand mache. Sie hätte gern an der Thür gewartet, um zu lauſchen, als ſie hinausging, doch war ſie gerade von ihrer Herrin gerufen worden und ſo ſah ſie ſich genöthigt, weg zu eilen. Dennoch glaubte ſie gehört zu haben, daß der Händler ein Gebot auf ihren Knaben gemacht habe— konnte ſie im Irrthum ſein? Ihr Herz klopfte laut und unwillkürlich preßte ſie ihn ſo feſt an ſich, daß der kleine Knabe erſtaunt ihr in's Geſicht ſah. „Eliza, Mädchen, was iſt Dir heute?“ ſagte ihre Her⸗ rin, nachdem ſie den Waſſerkrug über das Arbeitstiſchchen ge⸗ ſchüttet hatte und ſie zerſtreut ihrer Herrin einen langen 11 Schlafrock ſtatt des ſeidenen Kleides gab, welches ſie aus der Garderobe holen ſollte. Eliza ſchrak zuſammen. „Ach, Miſſis“, ſagte ſie, indem ſie ihr Auge erhob, und ſie brach in Thränen aus und ſetzte ſich auf einen Stuhl und fing zu ſchluchzen an. „Nun, Eliza, Kind, was iſt Dir? fragte ihre Herrin. „Ach Miſſis! ach Miſſis! antwortete Eliza; unten im Sprechzimmer iſt ein Händler, der mit dem Herrn ſpricht— ich habe ihn gehört—“ „Nun, einfältiges Kind, wenn dem nun ſo iſt!“— „Ach, Miſſis, glauben Sie wirklich, daß der Herr mei⸗ nen Harry verkaufen würde?“— und das arme Geſchöpf legte ſich in ihren Stuhl zurück und ſchluchzte krampfhaft. „Ihn verkaufen? Nein, Du närriſches Mädchen, Du weißt, daß Dein Herr mit den ſüdlichen Händlern nie Ge⸗ ſchäfte macht und keinen von ſeinen Dienern verkaufen wird, ſo lange ſie ſich gut aufführen. Ach, Du thörichtes Ding, wer denkſt Du, könnte Deinen Harry kaufen wollen? Glaubſt Du, daß die ganze Welt ſo nach ihm verſeſſen iſt, wie Du? Du Närrin! Komm heitre Dich auf und mache mir mein Kleid zu— und nun bringe mein Haar in hübſche Flechten, welche Du neulich zu machen gelernt haſt, und lauſche nicht mehr an den Thüren. „Sie würden doch nie Ihre Einwilligung geben, Miſſis, wenn— wenn—“ „Unſinn, Kind, gewiß würde ich es nicht. Warum ſprichſt Du ſo? ich würde eben ſo gern eines von meinen Kindern verkaufen, aber ſicher Eliza, Du biſt viel zu eitel auf das Bübchen. Es darf Niemand ſeine Naſe zur Thür hineinſtecken, ohne daß Du glaubſt, er ſei gekommen, ihn zu kaufen.“ Ermuthigt von dem zuverſichtlichen Ton ihrer Herrin leiſtete Eliza, über ihre Befürchtungen lachend, geſchickten und ſchnellen Beiſtand bei ihrer Toilette. Mrs. Shelby war ein, ſowohl in intellektueller, wie in moraliſcher Hinſicht hochbegabtes Weib; ſie vereinigte mit der angeborenen Gutmüthigkeit und dem Edelmuth, der den kentucki⸗ ſchen Frauen oft eigen iſt, ein hohes, moraliſches und reli⸗ giöſes Gefühl und Grundſätze, welche mit großer Kraft und Geſchicklichteit zu praktiſchen Ausführungen gebracht wurden. So viel war gewiß, daß Mr. Shelby ihr freien Spielraum gab in allen ihren Beſtrebungen um die Bequemlichkeit, den ——— 12 Unterricht und die Verbeſſerung ihrer Dienerſchaft, obgleich er ſelbſt nie entſchieden Antheil daran nahm. In der That, wenn er auch nicht geradezu an die Wirkſamkeit der beſon⸗ deren guten Werke der Heiligen glaubte, ſo bildete er ſich doch unter Andrem ein, daß ſein Weib Milde und Güte für zwei genug habe, um eine nebelhafte Hoffnung in den Him⸗ mel zu kommen zu geſtatten, und zwar durch den Ueber⸗ ſchuß von Eigenſchaften, auf welcher er gerade keinen beſon⸗ dern Anſpruch hatte. Die ſchwerſte Laſt ſeiner Seele war, nach der Unterhal⸗ tung mit dem Händler, die unvorhergeſehene Nothwendigkeit, ſeinem Weibe die getroffene Anordnung zu eröffnen und dann auf die Mißhelligkeiten und die Oppoſition zu ſtoßen, welche ihm, wie er wohl wußte, entgegen ſtehen würden. Da Mrs. Shelby nichts von ihres Mannes Verlegenheit wußte, und auch die Freundlichkeit ſeines Charakters kannte, 3 war ganz aufrichtig in der Ungläubigkeit, womit ſie die ge⸗ dachten Gründe Elizens aufnahm. Sie ſchüttelte in der That dieſe Laſt von ihrem Herzen ohne nochmals darüber nachzu⸗ denken; und als ſie ſich mit der Vorbereitung für einen Abendbeſuch beſchäftigte, ſtahl es ſich ganz aus ihrem Sinne. Zweites Kapitel. Die Mutter. Elifabeth war von Kindheit auf von ihrer Herrin als ein verzärtelter und verwöhnter Liebling gehalten worden. Wer ſchon in den ſüdlichen Staaten reiſte, muß ſchon oft die beſondere Feinheit, die Milde der Stimme und des Betragens bemerkt haben, welche in vielen Fällen eine beſon⸗ dere Gabe der Quadron⸗ und Mulattenmädchen zu ſein ſcheint. Dieſe natürliche Grazie der Quadron iſt oft mit der blendendſten Schönheit vereint und faſt immer mit einem ein⸗ nehmenden und angenehmen Aeußern. Eliſa, wie wir ſolche ſchilderten, iſt etwa nicht eine erdichtete Stizze, ſondern noch lebt ſie in unſerm Gedächtniß, ſo wie wir ſie in Kentuckh geſehen. Geſichert unter dem Schutze ihrer Herrin war Eliſa 5 13 herangereift, ohne jene Verſuchungen, durch welche Schönheit ein ſo verderbliches Erbe der Sklavinnen iſt. Sie war an einen talentvollen und fähigen Mulatten verheirathet, der auf einem benachbarten Gute als Sklave arbeitete und den Namen George Harry hatte.— Dieſer junge Mann wurde von ſeinem Herrn in einer Sacktuchfabrik zur Arbeit verpachtet und wegen ſeiner Geſchicklichkeit und ſeines Scharfſinnes zum erſten Arbeiter daſelbſt gemacht. Er hatte zur Reinigung des Hanfes eine Maſchine erfunden, die, wenn man die Erziehung und die Mittel des Erfinders er⸗ wägt, eben ſo großes mechaniſches Genie zeigte, wie Whitney's Baumwollenreinigungsmaſchine.— Er hatte ein ſchönes Aeußere und angenehme Manieren, und ſtand in der Fabrik in allgemeiner Gunſt. Trotzdem waren, indem das Geſetz dieſen jungen Mann nicht als Menſchen, ſondern als Sache behandelte, alle dieſe höheren Geiſtesgaben der Herr⸗ ſchaft eines gemeinen, engherzigen und despotiſchen Herrn unterthan. Dieſer hörte den Ruhm der Erfindung George's und war nach der Fabrik geritten, um zu ſehen, was jenes menſchliche Hausthier geſchaffen habe, und wurde von dem Fabrikbeſitzer, der ihm zum Beſitz eines ſo werthvollen Skla⸗ ven Glück wünſchte, mit großem Aufſehen empfangen. George führte ihn in der Fabrik umher, zeigte ihm die Maſchine und ſprach in ſeiner Begeiſterung ſo ſchnell, hielt ſich ſo aufrecht, ſah ſo ſchön und mannhaft aus, daß ſein Herr das unbequeme Bewußtſein ſeiner Niedrigkeit“ zu fühlen begann. Wer hatte ſeinem Sklaven die Erlaubniß gegeben, im Lande umherzuwandern, Maſchinen zu erfinden und den Kopf in Gegenwart von Weißen zu tragen? Er wollte dem Dinge bald ein Ende machen, ihn zurücknehmen und zum Hacken und Graben verwenden, und„ſehen, ob er dann noch ſo geſpreizt umhergehen würde.“ Der Fabrikherr und ſeine Arbeiter waren daher nicht wenig erſtaunt, als er George's Lohn plötzlich und ihm ſeine Abſicht kundgab, ihn mit nach Hauſe nehmen zu wollen. „Aber Mr. Harrys,“ entgegnete der Fabrikherr, dieſes iſt ganz unerwartet.“ „Nun, wenn es auch dieſes iſt, gehört der Mann nicht mir?“ „Wir möchten gerne die Vergütigung erhöhen, Sir!“ „Mir kommt es nicht darauf an, Sir, ich brauche nicht irgend einen meiner Leut zu verpachten, wenn ich nicht will.“ 14 „Aber, Sir, Er hat für dieſes Geſchäft eine ganz ber ſondere Begabung.“ „Das will ich ſchon glauben, er war nie zu irgend einer Arbeit ſonſt begabt geweſen, die ich ihm zu verrichten gab.“ „Doch bedenken Sie nur, daß er dieſe Maſchine erfunden hat!“ wendete einer von den Arbeitern voreilig ein. „Ja wohl! eine Maſchine zur Arbeitserſparung, nicht wahr? Es nimmt mich nicht Wunder, daß er dieſe erfunden hat, denn hierzu iſt ein Neger immer gut; ſie alle ſind ar⸗ beitserſparende Maſchinen! Nein, er muß ſich auf die Beine machen!“ George hatte wie erſtarrt dageſtanden, als er ſo plötzlich ſein Urtheil von einer Gewalt ausſprechen hörte, die, wie er wohl wußte, unwiderſtehlich war. Er verſchrenkte ſeine Arme, preßte feſt ſeine Lippen zuſammen, doch in ſeiner Bruſt loderte ein Vulkan von bitteren Gefühlen und ſendete Feuergluthen durch ſeine Adern. Er athmete ſchwer, und ſeine großen dunklen Augen ſtarrten wie angefachte Kohlen, und er wäre vielleicht auf eine gefährliche Art aufgebrauſt, wenn der freund⸗ liche Fabrikbeſitzer nicht ſeinen Arm berührt und mit leiſer Stimme geſagt hätte: „Gieb nach, George! Gehe für jetzt mit ihm, ich werde verſuchen, ob ich Dir nicht noch helfen kann!“ Der Tyrann bemerkte das Flüſtern und errieth deſſen Sinn, obgleich er nicht hören konnte, was zwiſchen ihnen ver⸗ handelt wurde, und er nahm ſich in ſeinem Innern feſt vor, die Macht, die er über ſein Opfer beſaß, geltend zu machen. George wurde nach Hauſe gebracht und zu den gemeinſten Arbeiten auf dem Gute verwendet. Er war noch fähig ge⸗ weſen, jedes unehrerbietige Wort niederzudrücken; doch das blitzende Auge, die finſtere, gerunzelte Stirn war eine natür⸗ liche Sprache, die nicht unterdrückt werden konnte— unzwei⸗ felhafte Beweiſe, die nur zu deutlich zeigten, daß der Menſch nicht zu einer Sache gemacht werden kann. George hatte wäh⸗ rend der glücklichen Zeit ſeiner Beſchäftigung in der Fabrik ſeine Frau kennen gelernt und geheirathet. Zur ſelben Zeit hatte er, indem ihm ſein Arbeitsgeber vertraute und ihn be⸗ günſtigte, vollkommen die Freiheit beſeſſen, nach Belieben zu kommen und zu gehen. Die Verbindung wurde von Mrs. Shelby im höchſten Grade gebilligt und dieſe hatte, mit weib⸗ licher Eitelkeit am Eheſtiften, Freude, ihren hübſchen Günſtling mit einem Manne ihrer Rage, welcher in jeder Weiſe für ſie zu paſſen ſchien, zu verbinden, und ſo waren ſie in dem gro⸗ 15 ßen Geſellſchaftsſaal ihrer Herrin getraut worden, und dieſe hatte ſelbſt das ſchöne Haar der Braut mit Orangenblüthen geſchmückt, und den Brautſchleier, der gewiß auf keinem ſchö⸗ nern Kopfe ruhen konnte, darüber geworfen, und es fehlte nicht an weißen Handſchuhen, Kuchen und Wein und an Gäſten, welche die Schönheit der Braut und die Freigebigkeit und Großmuth ihrer Gebieterin bewunderten. Eliza ſah während ein paar Jahre ihren Ehemann häu⸗ fig, und ihr Glück wurde nur unterbrochen durch den Verluſt zweier Kinder, an welchen ſie mit Leidenſchaft gehangen hatte, und die ſie mit einem ſo brennenden Schmerz betrauerte, daß ihre Herrin gütige Vorſtellungen gegen ſie anwenden und durch mütterliche Beſorgniß die leidenſchaftlichen Gefühle in die Schranken der Vernunft und Religion zurückführen mußte. Nach der Geburt des kleinen Harry wurde ſie allmälig ruhig und gefaßt, und die verwundeten Gefühle und überreiz⸗ ten Nerven, welche ſich nun mit vieſem kleinen Leben ver⸗ ſchlangen, ſchienen geſund und kräftig zu werden, und Eliza fühlte ſich bis zur Zeit, wo ihr Mann rauh von ſeinem gü⸗ tigen Fabrikherrn hinweggeriſſen und unter die eiſerne Zucht⸗ ruthe ſeines geſetzmäßigen Herrn geſtellt wurde, als eine glückliche Frau. Seinen Worten getreu beſuchte der Fabrikherr Mr. Harrys ein paar Wochen nach George's Entfernung, ſobald er hoffen konnte, daß die Hitze jenes Tages vorüber ſei, und ließ alle möglichen Mittel nicht unverſucht, George zur Rückkehr an ſeine frühere Beſchäftigung zu überreden. „Sie brauchen ſich durchaus keine Mühe zu geben,“ ſagte Mr. Harrys halsſtarrig,„ich weiß, was ich zu thun habe, Sir.“ „Ich habe mir nicht herausgenommen, Ihnen Befehle zu geben, Sir, ich glaubte nur, daß es vortheilhaft für Sie ſelbſt ſein würde, wenn Sie Ihren Sklaven unter den vorgeſchla⸗ genen Bedingungen mir überließen.“ „O, ich verſtehe die Sache ganz gut. Ich ſah Euer Flü⸗ ſtern und Winken an jenem Tage, als ich ihn aus der Fak⸗ torei nahm. Doch auf dieſe Weiſe geht es nicht mit mir. Wir ſind in einem freien Lande; der Menſch gehört mir, und ich mache mit ihm was ich will— baſta!“ So ſank George's letzte Hoffnung; vor ihm lag nur ein Leben voller Mühe und Sklaverei, welches durch all die kleinen Leiden und Aergerniſſe, die tyranniſcher Scharfſinn erfinden kann, noch unerträglicher gemacht wurde. — 16 Ein ſehr menſchlicher Juriſt ſagte einſt:„Das Schlimmſte, was man mit den Menſchen machen kann, iſt, ihn zu hängen.“ Nein, es giebt noch etwas Schlimmeres, dem der Menſch aus⸗ geſetzt werden kann! Drittes Kapitel. Der Gatte und Pater. Mrs. Shelby war in den Beſuch gefahren und Eliza ſtand niedergeſchlagen in der Verandatz, als eine Hand ſich auf ihre Schulter legte. Sie wendete ſich um, und ein ſtrahlendes Lächeln glänzte in ihrem ſchönen Auge. George biſt Du es! Wie Du mich erſchreckt haſt! Doch, mich freut's, daß Du komnſt. Miſſis macht dieſen Nachmittag Beſuche, komme deshalb in mein Kämmerlein, wir haben nun alle Zeit für uns! So redend zog ſie ihn in ein kleines nettes Gemach, welches auf die Verandatz ging, dort ſaß ſie gewöhnlich und nähete immer in der Nähe der Gebieterin. — Wie froh bin ich!— Warum biſt Du nicht freund⸗ lich: Siehe, wie Harry wächſt! Scheu blickte der Knabe durch ſeine Locken auf den Vater und ängſtlich hielt er ſich am Schooße des Kleides ſeiner Mutter.„Iſt er nicht hübſch?“ ſagte Eliza, indem ſie ſeine Locken wegſtrich und ihn küßte. „Daß er doch nie geboren worden wäre!“ ſagte George bitter,„daß ich doch nicht geboren wäre! Eliza ſetzte ſich überraſcht und erſchreckt, legte das Haupt auf die Schulter ihres Mannes und brach in Thränen aus. „Gewiß, Eliza, es iſt ſchlecht von mir, Dich ſo zu be⸗ leidigen, armes Ding,“ ſagte er zärtlich;„es iſt zu ſtark!“ „ach hätteſt Du mich nie geſehen— Du würdeſt vielleicht glück⸗ licher ſein.“ „George, George, wie kannſt Du nur ſo ſprechen. Was hat ſich Entſetzliches ereignet, oder was ſoll ſich ereignen? Wir ſind bis unlängſt ganz glücklich geweſen.“ „Du haſt Recht, meine Theure,“ ſagte George und ſetzte ſein Kind auf ſeine Knie und blickte feſt in ſeine ſchönen, dunklen Augen, und durchfuhr mit der Hand ſeine dichten Locken. „Er ſieht Dir ganz ähnlich, Eliza und Du biſt das ſchönſte Frauenzimmer, das ich je geſehen, und das beſte, das ich je zu ſehen wünſchte. Doch ach, ich wollte, ich hätte Dich nie geſehen, noch Du mich!“ „Aber George, wie kannſt Du nur ſo ſprechen!“ „Ach Eliza, es iſt elend! elend! elend! mein Leben iſt bitter wie Wermuth; mir brennt das Leben aus den Adern und ich bin ein armes, verlaſſenes und elendes Laſtthier! Ich werde Dich nur mit mir hinabziehen. Was nützt es zu probiren, etwas zu thun, etwas zu lernen, etwas zu werden? — Was nützt das Leben?— ach ich woilte, ich wäre todt!“ „Mein lieber Georg, das iſt recht häßlich von Dir, ich weiß, was Du fühlſt, weil Du um Deine Stelle in der Fa⸗ brik gekommen biſt und Du haſt einen harten Herrn; doch ich bitte Dich, ſei geduldig, vielleicht wird noch etwas—“ „Geduldig!“ unterbrach er ſie,„war ich nicht geduldig? habe ich ein Wort von mir gegeben, als er kam, um mich ohne allen Grund von dem Orte zu reißen, wo gegen mich Alle freundlich waren. Ich gab ihm meinen Verdienſt bis auf den letzten Cent, und alle ſagen, daß ich gut arbeitete. „Nun, es iſt entſetzlich!“ erwiderte Eliza;„doch Du weißt, daß er Dein Herr iſt! Mein Herr? und wer hat ihn zu meinem Herrn geſetzt? dies iſt's woran ich denke.— Was für ein Recht hat er auf mich! Ich bin ein eben ſolcher Menſch, wie er; ich bin ein brauchbarer Menſch wie er; ich verſtehe von den Geſchäften mehr wie er; ich verſtehe beſſer zu leſen, wie er und ſchreibe eine beſſere Schrift, und Alles habe ich mir ſelbſt gelernt, ohne ihn etwas zu verdanken— ich habe es trotz der Hin⸗ derniſſe, die er mir in den Weg legte, gelernt, und nun möchte ich wohl wiſſen, welches Recht er beanſprucht, mich zu ſeinem Karrengaul zu machen? mich von einer Sache wegzu⸗ nehmen, die ich mache, und die ich beſſer machen kann, wie er, und mich zu Arbeiten zu gebrauchen, die jedes Pferd in thun fähig iſt. Ich beſtrebe mich, es zu thun, er ſagt, wolle mich beſcheiden und demüthig machen, und er ttellte zu mit Abſicht an die gemeinſten und ſchmutzigſten Arbeiten.“ „D, George, Grorge! Du bringſt mich in Schrecken. Dich habe ich nie ſo ſprechen hören; ich befürchte, daß Du etwas Gräßliches zu thun beabſichtigſt! ich wundere mich nicht 2 — 18 mehr über Deine Gefühle, doch ach, ſei vorſichtig— ich bitte, bitte!— um meinetwegen, um Harry's wegen.“ „Ich war vorſichtig, ich war geduldig geweſen, doch wird's immer ſchlimmer und ſchlimmer. Fleiſch und Blut vermögen es nicht länger zu erdulden. Er benutzt jede Gelegenheit, die ſich ihm darbietet mich zu beleidigen und zu placken; ich hatte geglaubt, wenn ich meine Arbeit gut gethan und mich ruhig verhalten habe, ich eine kurze Zeit behalten würde, außer der Arbeitszeit, zu leſen und zu lernen: aber je mehr er ſieht, daß ich leiſten kann, deſto mehr bürdet er mir auf. Er ſagt, daß, wenn ich auch nichts erwähne, er doch weiß, daß ich einen Teufel im Leibe habe und er denke ihn auszutreiben. Gewiß wird es bald einmal auf eine Art, die ihn nicht gefallen wird, zum Ausbruche kommen, oder ich müßte mich ſehr täuſchen.“ „O Himmel, was ſollen wir thun?“ ſagte Eliza betrübt. „Geſtern erſt,“ erzählte George weiter,„als ich auf den Wagen Steine geladen hatte, ſtand der junge Mr. Tom dabei und knallte mit der Peitſche ſo nahe bei dem Pferde, das es ganz unruhig wurde. Ich erſuchte ihn ſo freundlich wie ich konnte, daß er aufhören möge; er trieb es denn erſt recht toll. Ich erſuchte ihn wiederum und er kehrte ſich dann zu mir und begann mich zu ſchlagen. Ich hielt ihn die Hand feſt; darauf ſchrie er und ſtieß mit den Beinen um ſich und rannte zu ſeinem Vater und erzählte ihm: ich hätte ihn ge⸗ prügelt. Dieſer kam wüthend herbei und ſagte: er wolle mir zeigen, wer mein Herr ſei und band mich an einen Baum, er ſchnitt Ruthen für den jungen Herrn und ſagte ihm: er könne mich ſchlagen bis er müde ſei, und der that es wirklich. Er ſoll ſchon einmal daran denken!“ Und die Stirn des jungen Mannes zog ſich zuſammen und ſeine Augen glänzten mit einem Ausdrucke, welcher ſeine junge Frau zum Erbeben brachte. „Wer hat jenen Mann zu meinem Herrn gemacht? Dies iſt es, was ich wiſſen möchte,“ ſagte er. „Nun,“ antwortete Eliza betrübt,„ich habe immer ge⸗ glaubt, ich müſſe meinem Herrn und meiner Herrin gehorchen, ſonſt kann ich keine Chriſtin ſein.“ „In Deinem Falle liegt etwas Vernunftgemäßes. Sie haben Dich erzogen wie ein Kind, haben Dich genährt und gekleidet und mit Dir Nachſicht gehabt und Dich unterrichtet, ſo daß Du eine gute Erziehung haſt— das iſt ſchon ein Grund zu Anſprüchen auf Dich; doch ich bin mit Füßen ge⸗ treten, geſchlagen und mit Flüchen überhäuft und im günſig⸗ 19 ſten Falle nur unbeachtet geblieben. Und was bin ich ihm ſchuldig? Ich habe hundertfach meinen Unterhalt bezahlt; ich will es nicht erdulden, nein, ich werde es nicht!“ rief er zornig, die Hände ballend, aus. Eliza zitterte und ſchwieg. Sie hatte ihren Mann noch nie in einer ſolchen Stimmung erblickt und ihre ſanfte Sit⸗ tenlehre ſchien in den Wogen ſolcher Leidenſchaftlichkeit wie ein Rohr hin und her zu wanken. „Du erinnerſt Dich noch des armen, kleinen Carlo, wel⸗ chen Du mir geſchenkt haſt,“ ſetzte er hinzu,„das Thierchen iſt der ganze Troſt geweſen, den ich gehabt habe. Des Nachts hat es bei mir geſchlafen und am Tage iſt es mir gefolgt, und hat mich angeblickt, als ob es verſtehe, was ich fühlte. Einſt fütterte ich daſſelbe mit einigen Abfällen, die ich an der Küchenthür aufgeleſen und der Herr kam gerade dazu und ſagte, daß ich es auf ſeine Koſten füttere, und daß er ſie nicht beſtreiten könne, wenn jeder Neger einen Hund halte; er befahl mir, ihm einen Stein um den Hals zu binden und es in den Teich zu werfen. „O George, Du haſt es doch ausgeführt?“ „Es ausgeführt?— ich nicht, doch er that's— der Herr und Tom bewarfen das arme ertrinkende Geſchöpf mit Steinen. Das arme Ding! es ſah mich ſo trübſelig an, als ob es ſich verwundere, daß ich es nicht errette. Ich mußte eine Tracht Prügel hinnehmen, weil ich es ſelber nicht thun wollte. Ich machte mir nichts daraus. Der Herr wird wohl merken, daß ich Einer von denen bin, die ſich nicht durch Schläge bändigen laſſen. Mein Tag wird noch kommen, be⸗ vor er es ſich verſieht.“ „Und was willſt Du thun? Ach George thue nichts Böſes, baue auf Gott und verſuche gut zu handeln, ſo wird er Dich erlöſen.“ „Ich bin nicht chriſtlich geſinnt, wie Du, Eliza; mein Herz iſt voll von Bitterkeit; ich kann nicht auf Gott bauen! Warum läßt er ſolche Dinge geſchehen?“ „O George, wir müſſen Glauben haben. Die Herrin ſagt: Gott wende Alles zum Guten, wenn für uns auch Alles ſich zum Schlimmſten zu kehren ſcheint.“ Das können Leute leicht ſagen, die auf ihrem Sopha ſitzen oder in ihrer Kutſche fahren; ſie mögen aber einmal an meine Stelle treten und dann glaube ich, würde es ihnen ſchwer ankommen. Ich wollte, ich könnte! gut ſein, doch es brennt mich im Herzen und ich kann mich nicht mit meinem 2* 2* 20 Geſchick ausſöhnen. Du könnteſt es an meiner Stelle ebenfalls nicht; Du kannſt es jetzt nicht, wenn ich Dir Alles mittheile, was ich Dir zu ſagen habe.“ „Was kann nun noch kommen?“ „Vor kurzem hat mein Herr geſagt, er ſei ein Narr ge⸗ weſen, daß er mir die Erlaubniß gab, mich nach auswärts zu verheirathen. Er haſſe Mr: Shelby und ſeine ganze Sipp⸗ ſchaft, weil ſie ſtolz ſind und die Köpfe höher trügen wie er, und er ſagte, daß er mich nicht mehr hierher kommen laſſen werde und daß ich mir eine Frau nehmen und mich auf ſei⸗ nem Gute niederlaſſen ſolle. Zuerſt ſchalt und brummte er dieſe Dinge nur heraus; doch geſtern ſagte er mir, daß ich Minna zur Frau nehmen und mich mit ihr in meiner Hütte einrichten ſolle, ſonſt würde er flußabwärts mich verkaufen.“ „Nun, Du biſt ja vom Pfarrer mir angetraut worden, als ob Du ein Weißer wäreſt,“ ſagte Eliza einfältig. „Weißt Du nicht, daß ſich ein Sklave nicht verheirathen ſoll? Das Geſetz geſtattet es in dieſem Lande nicht. Ich kann Dich nicht zur Frau behalten, ſobald er uns trennen will. Dies iſt der Grund, weshalb ich wünſche, Dich nie geſehen zu haben!— weshalb ich wollte, daß ich nie gekom⸗ men wäre; für uns Beide würde es beſſer geweſen ſein. Es wäre für das arme Kind beſſer geweſen, wenn es das Licht nicht erblickt hätte. Alles das kann ihm noch begegnen. „Unſer Herr iſt gut!“ „Ja, aber wer weiß, er kann ſterben und das Kind kann an Gott weiß wen verkauft werden. Was für eine Freude iſt es für uns, daß es hübſch, klug und talentvoll iſt.— Ich ſage Dir, Eliza, für jedes Gute und Angenehme, welches Dein Kind iſt oder hat, wird ein Schwert durch Deine Seele gehen— es wird den Knaben zu koſtbar machen, als daß Du ihn dann behalten könnteſt.“ Schwer fielen dieſe Worte auf das Herz Eliza's. Die Züge des Händlers traten vor ihre Augen und ſie erbleichte und kämpfte nach Athem, als ob ihr Jemand den Todesſtreich verſetzt hätte. Sie blickte beſorgt auf die Verandatz hinaus, wohin ſich der der ernſthaften Unterhaltung müde gewordene Knabe zurückgezogen hatte und wo er in Triumph auf dem Spazierſtock Mr. Shelby's umhergalloppirte. Sie wollte ſprechen, um ihrem Manne ihre Ahnungen mitzutheilen, that ſich jedoch noch Zwang an. „Nein, nein, der arme Burſche hat genng zu erdulden,“ 21 dachte ſie,„nein, ich will es ihm nicht ſagen, und übrigens iſt es unwahr. Die Miſſis täuſcht mich nicht.“ „Alſo, Eliza,“ ſagte der junge Mann düſter,„bleibe frohen Muthes und lebe wohl, denn ich gehe.“ „Du gehſt, Georg? und wohin?“ „Nach Canada!“ ſagte er, indem er ſich hoch aufrichtete, „und wenn ich dort bin, werde ich Dich kaufen. Das iſt das ganze Hoffen, was uns noch übrig bleibt. Du haſt einen braven Herrn, der ſich, Dich zu verkaufen, nicht wei⸗ gern würde. Ich werde Dich und das Kind kaufen— mit Gottes Hülfe werde ich's thun.“ „Ach, entſetzlich! wenn ſie Dich fangen!“ „Ich werde nicht gefangen werden, Eliza, lieber will ich ſterben. Ich werde frei ſein oder ſterben.“ „Du wirſt Dir doch nicht ſelbſt das Leben nehmen?“ Deſſen wird es wohl nicht bedürfen. Sie würden mich bald genug tödten; ſie würden mich nicht lebend den Fluß hinab bringen.“ „Ach, Georg, um meinetwillen ſei vorſichtig! thue nichts Böſes, lege weder an Dich noch an einen andern Menſchen die Hand. Deine Verſuchungen ſind zu groß, doch thue es i t gehen— aber gehe vorſichtig und klug. Bete zu Gott, daß er Dir helfen möge.“ „So höre meinen Plan, Eliza. Der Herr hat es ſich nun ejnmal in den Kopf geſetzt, mich mit einem Billet an Mr. Symmes, der eine Meile entfernt wohnt, hier vorüber zu ſenden; ich“ glaube, er hat erwartet, daß ich hier hergehen würde, um Dir mitzutheilen, wie es mir geht. Es würde ihm ein Spaß ſein, wenn er erfahren würde, daß„das Shelby⸗Volt, wie er ſie nennt, ſich darüber ärgern würde. Ich gehe völlig ergeben, als ob Alles vorbei wäre, nach Hauſe. Verſtehſt Du mich! Ich habe bereits einige Vor⸗ richtungen gemacht und ich kenne Leute, die mich unterſtützen werden; im Verlaufe einer Woche ungefähr werde ich eines Tages unter den„Vermißten“ ſein. Bete für mich, Eliſa, vielleicht erhört Dich der gute Gott.“ „O, bete Du auch, George, und vertraue auf ihn; dann wirſt Du nie etwas Gottloſes vollführen.“ „Gut, und nun fahre wohl!“ ſagte George, Elizens Hände haltend und ihr regungslos in die Augen ſehend. Stille ſtanden ſie da. Dann die letzten Worte, Seufzer und bitteres Weinen — wie Die ſcheiden, deren Hoffnung auf Wiederſehen wie Spinnweb iſt; und nun waren Gatte und Gattin geſchieden. Viertes Kapitel. Ein Abend in Onkel Tom's Zütte. Onkel Toms Hütte war ein kleines Blockhaus, an das Herrnhaus ſtoßend, wie der Neger par exellence ſeines Herrn Wohnung nennt. In der Fronte war ein Stück Gartenland, wo im Sommer Erdbeeren, Himbeeren, verſchiedene Früchte und Gemüſe unter emſiger Pflege gediehen. Die ganze Fronte war mit einem Scharlach Bignomia(Bignomia radicum) und einer vollblüthigen einheimiſchen Roſe, welche jene durch⸗ rankte, überzogen, ſo daß kaum eine Spur der ungefügen Blöcke zu ſehen war. Hier alſo fanden die jährigen Pflan⸗ zen, wie Ringelblumen, Patunica's, Glattenblumen ein ange⸗ nehmes Plätzchen, ihre Farbenpracht zu entfalten, und ſie waren die Herzensfreude Tante Chloe's. Treten wir in das Wohngebäude. Die Abendmahlzeit iſt vorüber und Tante Chloe, welche als Oberköchin bei der Zubereitung derſelben fungirte, hat das Geſchäft des Aufräu⸗ mens und das Tellerwaſchens den Unterbeamten der Kſche übergeben, und iſt in ihr eignes ſchmuckes Gebiet herausge⸗ treten, um„ihren Alten“ mit dem Abendeſſen zu verſorgen. Seid daher ohne Zweifel, daß ſie es iſt, welche Ihr am Feuer erblickt, wo ſie mit wachendem Intereſſe gewiſſe ziſchende Ge⸗ genſtände in einer dampfenden Pfanne beaufſichtigt und dann und wann mit gravitätiſchem Ernſt den Deckel einer Backform, aus der unzweifelhafte Zeichen von etwas„Gutem“ auf⸗ dampfen, aufhebt. Sie hat ein rundes, ſchwarzes, glänzen⸗ des Geſicht, welches ſo glatt iſt, daß es auf den Gedanken bringt, ſie habe es mit Eiweiß überzogen, wie ihre ſelbſtge⸗ fertigten Theebrödchen. Ihr ganzes dickes Geſicht glänzt unter ihrem gutgeſteiften karrirten Turban vor Zufriedenheit und Vergnügen, trägt aber, wenn wir es bekennen müſſen, etwas von dem Selbſtbewußtſein, welches der erſten Köchin der Um⸗ gegend, wofür Tante Chloe allgemein bekannt war, zukommt.— Sie war von ganzem Herzen und von ganzer Seele Köchin. Ein jedes Huhn, ein jeder Truthahn, eine jede Ente im Hofe machte ein ernſthaftes Geſicht, wenn ſie ſie herankommen ſah und ſchien in Todesbetrachtungen verſunken; ſo viel iſt ſicher, ſie war ſtets im Grade der Vollkommenheit geeignet, Schrecken jedem lebenden, denkenden Hausvogel einzuflößen, 23 wenn ſie an das Rupfen, Stopfen und Braten dachte. Ihre Kuchen waren für weniger geübte Künſtlerinnen in allen ihren Verſchiedenheiten ein erhabenes Geheimniß, und ſie ſchüttelte ſich vor Lachen, daß ihr dicker Bauch vor Stolz und Luſtig⸗ keit krachte, wenn ſie die fruchtloſen Verſuche mittheilte, welche die eine oder die andere von ihren Colleginnen gemacht, um ſich zu ihrer Höhe aufzuſchwingen. Die Ankunft von Gäſten im Hauſe und das Einrichten von prachtvollen Diners und Soupers erweckten alle ihre Seelenkräfte, und es gab für ſie keinen freudigeren Anblick, als den eines Haufens von Reiſekoffern unter der Veranda, da ſie dann neue Thaten und Triumphe vor ſich erblickte.— Jetzt lugte Tante Chloe jedoch in die Backform, und wir wollen ſie bei dieſer angenehmen Beſchäftigung belaſſen, bis unſer Bild der Hütte vollendet iſt. In der einen Ecke derſelben befand ſich ein mit einer ſchneeweißen Decke verſehenes Bett und vor demſelben war ein Teppich von ziemlicher Größe ausgebreitet. Auf dieſen Teppich berief ſich Tante Chloe, wenn ſie nachweiſen wollte, daß ſie unzweifelhaft zu den höheren Ständen gehöre, und er ſowohl wie das Bett, vor welchem er lag, und die ganze Ecke der Hütte wurden mit der größtmöglichſten Rückſicht behandelt und ſo viel als möglich vor Einfallen und Entweihungen von geringeren Leuten bewahrt; kurz jene Ecke war das Geſell⸗ ſchaftszimmer der Hütte. In der anderen Ecke ſtand ein Bett von beſcheidenerem Anſehen, welches ſicherlich zum Gebrauche beſtimmt war. Die Wand über dem Kamin zierten einige bunte Zeichnungen mit Scenen aus der heiligen Schrift, und ein Bild vom General Waſhington, welches in einer Art ge⸗ zeichnet war, das dieſen Helden gewiß in Erſtaunen gebracht haben würde, wenn er je auf ein ähnliches geſtoßen wäre. Auf einer grob zugezimmerten Bank in der Ecke beauf⸗ ſichtigten ein paar wollköpfige Knaben mit ſchwarzen, blinzen⸗ den Angen und dicken, glänzenden Backen die erſten Gehver⸗ ſuche des jüngſten Kindes, welche, wie gewöhnlich, darin be⸗ ſtanden, daß es ſich auf ſeine Füße erhob, einen Augenblick ſchwankte und dann zu Boden purzelte, während jedes ſolche Mißlingen als etwas höchſt Geſchicktes mit rauſchendem Bei⸗ fall aufgenommen wurde.— Ein Tiſch mit etwas rheumati⸗ ſchen Beinen war vor das Kaminfeuer gezogen und mit einem Tuche bedeckt, und ließ Geſchirr mit grellfarbigen Verzierun⸗ gen nebſt anderen Zeichen von einer herannahenden Mahlzeit wahrnehmen. Onkel Tom ſaß an dieſem Tiſche, der beſte 24 Arbeiter von Mr. Shelby, welchen wir, da er zum Helden unſerer Geſchichte auserkoren iſt, für unſere Leſer zeichnen müſſen. Er war ein großer, breitſchultriger Mann von tiefem, glänzendem Schwarz und einem Antlitz, deſſen echte afrikani⸗ ſche Züge einen Ausdruck von großer Herzensgüte bezeichneten, verbunden mit ernſter und ruhiger Verſtändigkeit. Sein gan⸗ zes Aeußere hatte etwas Würdiges und von Selbſtſchätzung Erfülltes an ſich, womit ſich jedoch eine beſcheidene, vertrauende Einfachheit verband. Er war in dieſem Augenblick mit einer vor ihm liegen⸗ den Schiefertefel beſchäftigt, auf welcher er ſich ſorgfältig und langſam abmühte, einige Buchſtaben nachzumalen; eine Be⸗ ſchäftigung, bei welcher ihm der junge Mr. George, ein hüb⸗ ſcher dreizehnjähriger Bube, der die Würde des Lehrers voll⸗ kommen zu erkennen ſchien, beaufſichtigte. „Nicht ſo, Onkel Tom, nicht ſo!“ ſagte er, als Tom vorſichtig den Schwanz ſeines„G“ auf die unrechte Seite anbrachte;„ſiehſt Du, dies giebt ein„Q.“. „Du lieber Gott, iſt es das wirklich?“ ſagte Onkel Tom und ſah mit ehrerbietiger, bewundernder Miene zu, während ſein junger Lehrer eine Menge QO's und G's zu ſeiner Be⸗ lehrung flüchtig hinzeichnete; dann nahm er den Stift wieder in ſeine dicke, ſchwerfällige Hand und begann geduldig von Neuem. „Wie leicht Alles dem Miſter wird!“ ſagte Tante Chloe, indem ſie ihre Beſchäftigung, einen Roſt mit einem Stücke Speck, das ſie auf der Gabel hielt, zu beſtreichen, unterbrach und den Mr. Georg mit Stolz anſah.„Wie er ſchreiben kann! und leſen dazu! und dann, daß er des Abends zu uns kommt und ſeine Lektionen vorlieſt— es iſt höchſt intereſſant.“ „Aber Tante Chloe, ich bin ſchrecklich hungrig,“ ſagte Georg,„iſt der Kuchen noch nicht bald gut?“ „Beinahe, Mr. George,“ erwiderte Tante Chloe, den Deckel aufhebend und hineinſehend.„Er bräunt ſich wunder⸗ ſchön; es iſt ein wundervolles Braun; o darin kommt mir Niemand gleich. Die Miſſes ließ Sally neulich verſuchen, einen Kuchen zu backen, um, wie ſie ſagte, es ihr zu lernen; o gehen Sie fort, Miſſes, ſagte ich, es thut mir wirklich leid, gute Speiſen auf dieſe Art verderben zu ſehen. Der Kuchen iſt nur auf der einen Seite aufgegangen— er hat kein Aus⸗ ſehen und gleicht eher einem Schuh;— gehen Sie fort!“ Und mit dieſem Ausbruche der Verachtung gegen die Unerfahrenheit Sally's nahm Tante Chloe den Peckel von † 25 der Kuchenform und ließ einen gut gebackenen Biscuitkuchen ſehen, der jedem Stadtkuchenhäcker Ehre gemacht hätte. Die⸗ ſer ſchien offenbar der Mittelpunkt des Schmauſes, und Tante Chloe begann ſich jetzt geſchäftig den übrigen Theilen des Schmauſes zuzuwenden. „Fort da, Moſes und Peter, dus dem Wege, Ihr Ne⸗ ger! Geh weg, Polly, mein Herzenskind! Die Mama wird bald ihrem Kindchen was geben. Nun, Mr. George, legen Sie die Bücher bei Seite und nehmen Sie Platz bei meinem Alten; ich will die Bratwürſte zubereiten und der erſte Roſt voll Maiskuchen ſoll im Handumdrehen fertig ſein.“ „Ich hätte zu Hauſe Abendbrot eſſen ſollen,“ ſagte George,„doch ich te zu gut, was ſchmeckt, um es zu thun, Tante Chloe.“ „Das wußten Sie— das wußten Sie, Herzenskind,“ ſagte Tante Chloe, welche jetzt die dampfenden Maiskuchen auf ſeinen Teller legte.„Sie wußten, daß Ihre alte Tante das Beſte für Sie bereiten würde. O, dies weiß keiner ſo gut,— gehen Sie weg!“ Und hiermit gab die Negerin George einen ſcherzhaften Stoß mit ihrem Finger in die Seite und kehrte ſich geſchäftig wieder zu ihrem Roſte. „Nun an den Kuchen,“ ſagte Mr. George, ſobald ſich die Thätigkeit im Bereiche des Roſtes gelegt hatte, und hier⸗ mit erhob das Bürſchchen ein großes Meſſer über den ge⸗ nannten Artikel. „Gott bewahre Sie, Mr. George,“ rief Tante Chloe, ihm den Arm ſchnell zurückhaltend.„Sie wollen ihn doch nicht mit dem großen, ſchweren Meſſer zerſchneiden? Sie würden alles niederdrücken und den ſchönen Auflauf verderben. Ich habe hier ein dünnes, altes Meſſer, das ich dazu ſtets ſcharf halte. Da ſehen Sie— er geht ſo leicht auseinander wie eine Feder. Eſſen Sie nur zu— Sie werden nicht ſo⸗ bald etwas Beſſeres finden!“ „Tom Lincon ſagt,“ ſprach Georg mit vollen Backen, „daß ſeine Jinnh eine perfektere Köchin ſei als Du.“ „Die Lincons ſind durchaus nichts Beſonderes,“ entgeg⸗ nete Tante Chloe verächtlich,„ich glaube, wenn man ſie ne⸗ ben unſere Leute ſtellt, ſo ſind ſie beachtenswerthe Leute in gewöhnlichem Sinne: was jedoch die Eleganz anbelangt, ſo haben ſie noch nicht einmal angefangen, einen Begriff davon zu erhalten. Wie kann man Mr. Lincon mit Mr. Shelby vergleichen? Guter Gott! unb Miſſis Lincon! Kann ſie ſo —— 26 in einem Gemache rauſchen, wie meine Miſſis— ſo prächtig, wiſſen Sie!— Ach, laſſen Sie das und ſprechen Sie nicht von den Lincons!“ Und Tante Chloe warf den Kopf hoch, als ſei ſie Je⸗ mand, welche ſicherlich die Welt kennt. „Nun,“ ſagte George,„Du haſt doch ſelbſt geſagt, daß die Jinny eine paſſable Köchin ſei.“ „Das habe ich auch geſagt,“ entgegnete Tante Chloe, „das kann ich wohl ſagen. Eine gute, einfache und gewöhn⸗ liche Küche kann Jinny leiten. Sie backt gutes Brod— ihre Kartoffeln ſind gut gekocht— ihre Maiskuchen ſind nichts Außergewöhnliches, gar nichts Außergewöhnliches, ebenſo wenig Jinny's Kornkuchen; doch ſind ſie recht nett. Du lieber Himmel, wenn ſie an die höhere Kochkunſt anlangt, was kann ſie da leiſten. Sie macht in der That Paſteten— ſie macht ſie gewiß; aber was für eine Kunſt gehört dazu? Kann ſie denn den echten Blätterteig machen, der einem im Munde zerfließt und ſich wie eine Kugel aufrollt? Ich ging einmal hinüber, als Miſſis Mary ſich verheirathete und ſie zeigte mir die Hochzeitspaſteten. Es iſt bekannt, Mr. George, daß ich mit Jinny in Freundſchaft ſtehe. Ich ſage nichts— aber gehen Sie weg, Mr. George, ich könnte eine ganze Woche kein Auge ſchließen, wenn ich ſolche Paſteten gebaſi hätte. Ei, ſie waren gar nichts. „Jinny hat doch geglaubt, daß ſie ausgezeichnet ſind,“ ſchaltete George ein. „Sie hat's geglaubt! ſicher hat ſie es! Sie hat ſie mir in aller Unſchuld gezeigt; ſehen Sie, die Sache verhält ſich ſo, daß es Jinny nicht beſſer kennt. Aber Gott, die Fa⸗ milie iſt gar nichts. Man kann es nicht von ihr verlangen. Es iſt nicht ihr Verbrechen. Mr. George, Sie wiſſen nicht um die Hälfte, wie gut Sie es haben und wie gut Ihre Fa⸗ milie iſt.“ Dabei ſeufzte S Chloe und blickte gerührt zum Him⸗ mel auf. „Wirklich, 2 Tante Chloe; ich kenne alle Deine Paſteten⸗ und Pudding⸗Schönheiten,“ entgegnete Georg;„frage nur Tom Lincon, ob ich mich nicht ſtets, wenn ich eſſe, gegen ihn darauf beziehe.“ Tante Chloe lehnte ſich in ihrem Lehnſtuhl über und überließ ſich einem herzlichen Lachen über den Einfall des jun⸗ gen Herrn. Sie lachte, daß ihr die Thränen über die ſchwar⸗ zen, glänzenden Backen rannen und gab dieſer Körperanſtren⸗ — 27 gung dadurch Abwechſelung, daß ſie Mr. George ſpaßhaft klappſte und in die Seite ſtieß, und ihm ſagte, er ſolle ſich entfernen, weil er ein Böſewicht ſei— daß er ſie ſicher noch einmal tödten würde, und ließ zwiſchen jeder dieſer ſchreckli⸗ chen Prophezeihungen ein Lachen vernehmen, daß mit jedem Male ſtärker und heftiger wurde, ſo daß George zuletzt zu glauben begann, er ſei ein äußerſt witziger Burſche und es von ihm nicht recht ſei, ſo ſpaßend zu ſprechen als er's könne. „Sie haben's alſo Tom geſagt? o Gott, was nicht die Jugend Alles macht! Sie haben über Tom ſich luſtig gemacht? O Himmel, Mr. George, Sie können einen Hirſchkäfer zum Lachen reizen!“ „Ja,“ erwiderte George,„ich habe ſtets zu ihm geſagt: Tom, du mußt Tante Chloe's Paſteten ſehen, die ſind von der rechten Art.“ Wie ſchade, daß Tom nicht kommt, ſagte Tante Chloe, auf deren menſchenfreundliches Gemüth der Gedanke von Tom's Unwiſſenheit einen ſtarken Eindruck zu machen begann.„Sie ſollten ihn einmal bei uns zum Eſſen einladen, Mr. Georg,“ ſetzte ſie hinzu,„es würde ſehr ſchön von Ihnen ſein. Wiſſen Sie, Mr. George, Sie ſollten ſich wegen Ihrer Vorzüge über keinen Andern ſtellen, weil wir dieſelben vom Himmel erhalten. Wir müſſen das immer bedenken, meinte Tante Chloe, ein äußerſt frommes Geſicht zeigend. „Nun, ich möchte Tom in nächſter Woche einmal hierher einladen“ ſagte George.„Thue Deine Sache ſo gut Du kannſt, Tante Chloe, der ſoll einmal die Augen aufſperren. Er ſoll ſo ſtark eſſen, daß er für vierzehn Tage genug hat.“ „Ja, ja, gewiß, ſagte Tante Chloe entzückt.„Sie ſollen ſchon ſehen, Du Himmel, wenn man nur an unſere Diners denkt! Erinnern Sie ſich noch der großen Hühnerpaſtete, die ich machte, als wir dem General Knor ein Diner gaben? Ich wäre beinahe wegen der Rinde mit der Miſſis in Streit gerathen. Ich begreife nicht, was ſich die Miſſis mitunter in den Kopf ſetzen; doch zuweilen, wenn ſo zu ſagen die größte Verantwortlichkeit auf einem liegt und man ernſtlich beſchäftigt iſt, wählen Sie grade die Zeit, einem in den Weg zu kommen, und ſich einzumiſchen! Die Miſſis verlangte, daß ich dies auf jene und jenes auf dieſe Weiſe machen ſolle; endlich wurde ich ärgerlich und ſagte:„Nun, Niſſis, betrachten Sie nur Ihre ſchönen weißen Hände mit den langen Fingern und den funkelnden Ringen, wie meine weißen Lilien, in Thau gebadet, und dann meine großen, ſchwarzen, dicken Hände. Glauben Sie nicht, daß der liebe Herr Gott mich dazu geſchaffen haben muß, den Paſtetenteig zu machen und Sie, um im Geſell⸗ ſchaftszimmer zu bleiben? Ja, ſo unverſchämt war ich, Mr. George.“ „Und was ſagte meine Mutter?“ fragte George. „Was ſie ſagte? Ach, ſie lachte mit ihren Augen, mit ihren großen ſchönen Augen, und ſagte: Tante Chloe, ich denke Du haſt recht, und ging in das Geſellſchaftszimmer. Sie hätte mir eins auf den Kopf verſetzen ſollen, weil ich ſo unverſchämt war; doch ſo iſts. In der Küche kann ich mit der Miſſis nichts beginnen.“ „Ja, das Diner haſt Du gut angeordnet— ich denke noch, daß Alle es ſagten“, erwiderte George. Nicht wahr? An jenem Tage ſtand ich hinter der Speiſezimmerthür und habe geſehen, wie der General ſeinen Teller dreimal hinlangte, um noch mehr von der Paſtete zu fordern; und er ſagte: Sie müſſen eine ganz perfekte Köchin haben, Mrs. Shelby! Himmel! ich hätte mich todt lachen mögen.“ „Und der General verſteht das Kochen“, ſetzte Tante Chloe hinzu, indem ſie ſich ſtolz aufrichtete.„Ein netter Mann, der General! Er ſtammt aus einer der älteſten Familien Altvirginiens. Er weiß eben ſo wie ich was gut iſt; ja dies weiß der General. Sehen Sie, in allen Paſteten giebt's Feinheiten, aber nicht Jeder weiß, was ſie ſind und wie ſie ſein ſollten; aber der General kennt ſie. Ich habe es an den Bemerkungen, welche er machte, erkannt. Ja, er weiß, worin die Feinheiten liegen.“ Jetzt war George an dem Punkte angekommen, auf wel⸗ chen unter außerordentlichen Umſtänden ſelbſt ein Kind an⸗ langen kann, er konnte nämlich keinen Biſſen mehr hinunter⸗ ſchlucken und hatte daher Zeit, die Reihe von Wollköpfen mit glänzenden Augen zu muſtern, welche ſeine Beſchäſtigung hung⸗ rig aus der entgegengeſetzten Ecke beobachteten. Und George und Tom ließen ſich auf einen bequemen Sitz an der Kamin⸗ ecke nieder, während Tante Chloe, nachdem ſie noch einen großen Haufen von Kuchen gebacken, ihr Kleinſtes auf den Schooß ſetzte, und abwechſelnd deſſen und ihren Mund zu fül⸗ len und nebenbei Stücke an Moſes und Peter zu vertheilen begann, indem dieſe ihre Biſſen mit beſonderem Wohlbehagen zu vertilgen ſchienen, ſich unter dem Tiſche auf dem Bo⸗ den wälzend, einander kitzelten und ab und zu das Kleinfts an den Füßchen zupften. 29 „O, geht mir weg,“ ſagte die Mutter, die dann und wann ohne beſonders zu zielen, mit dem Fuße unter den Tiſch ſtieß, wenn die Bewegung zu ſtark wurde;„könnt Ihr Euch nicht anſtändig aufführen, wenn Weiße kommen, Euch zu beſuchen. Könnt Ihr denn gar nicht aufhören? Merkt auf, daß ich Euch nicht um ein Knopfloch tiefer zuknöpfe, wenn Mr. George fort iſt.“ Es iſt ſchwer zu ſagen, welcher Gedanke unter dieſer fürchterlichen Drohung verborgen lag, doch ſo viel iſt ſicher, daß ihre ſchaurige Undeutlichkeit auf die jungen Sünder, an die ſie gerichtet war, nur einen ſchwachen Eindruck her⸗ vorbrachte. „Du lieber Himmel,“ ſagte Onkel Tom,„die Jungen ſind ſo voll Kitzel, daß ſie ſich nicht laſſen können.“ „Fort, ſagte die Mutter, die Wollköpfe wegſchiebend,„Iht werdet Alle zuſammenkleben und nicht wieder los zu bringen ſein, wenn es ſo weiter geht. Geht an den Brunnen und waſcht Euch,“ ſagte ſie, indem ſie ihre Mahnung mit einem Schlag unterſtützte, der äußerſt gefährlich klang, aber die Jungen nur zu um ſo lauteren Lachen brachte, als ſie eilig über einander aus der Thür eilten und ſobald ſie im Freien waren, in ausgelaſſenſter Luſtigkeit zu kreiſchen begannen. „Haben Sie jemals ſolche ungezogene Buben geſehen?“ ſagte Tante Chloe mit Selbſtgefälligkeit, indem ſie ein altes, für dergleichen Fälle beſtimmtes Handtuch hervorbrachte, aus einer zerbrochenen Kanne ein wenig Waſſer darauf goß, um den Syrup aus dem Geſichte des Mädchens damit abzuwiſchen. Bis ſie es glänzend abgerieben hatte, ſetzte ſie es auf den Schvoß Tom's, während ſie geſchäftig das Geſchirr von der Mahlzeit wegbrachte. Das Kind beuutzte die Zwiſchenzeit dazu, Tom an der Naſe zu zupfen, ſein Geſicht zu kratzen und ſeine dicken Händchen in ſein Haar zu verſtecken, welche letztere Be⸗ ſchäftigung ihm beſonderes Vergnügen zu machen ſchien. „Iſt ſie nicht eine vorwitzige Range?“ fragte Tom, in⸗ dem er ſie von ſich abhielt, um ſie ganz zu beſichtigen; und dann erhob er ſich, ſetzte ſie auf ſeine breite Schulter und begann mit ihr zu tanzen und zu ſpringen, während Georg mit ſeinem Taſchentuch nach ihr ſchwippte und Moſes und Peter, welche zurückgekehrt waren, hinter ihr her brüllten wie Bären, bis endlich Tante Chloe erklärte, daß ihr der Lärm den Kopf abreiße. Ihrer eigenen Angabe zufolge, geſchah dieſe chirurgiſche Operation täglich in der Hütie, doch ver⸗ minderte dieſe Erklärung die Luſtigkeit keinesweges bis ſie 5 ſämmtlich ruhig geſchrieen, getanzt und geſprungen atten. „Ich will hoffen, Ihr ſeid jetzt zufrieden,“ ſagte Tante Chloe, welche während deſſen einen einfachen Kaſten mit einem Bett hervorgezogen hatte; Moſes, Peter, legt Euch hinein, wir werden eine kleine Gemeinde hier haben.“ „Ach Mutter, wir haben noch keine Luſt, wir möchten die Verſammlung gern ſehen, es iſt ſo kurios, wir ſehen es gern.“ „Nun, Tante Chloe, ſchiebe das Bett weg, und laß ſie auf,“ ſagte Mr. George entſchieden, der rohen Maſchine einen Stoß gebend. Tante Chloe, welche ſo den Schein gewahrt hatte, war ganz entzückt, die Maſchine wegſtoßen zu können und ſagte, während ſie dies that: „Nun, vielleicht wird es von Nutzen ſein.“ Das Haus löſete ſich nun in ein Comité ſämmtlicher Mitglieder auf, um über die Anordnungen des Abends zu Rathe zu gehen. „Ich weiß wirklich nicht, wo wir die Stühle hernehmen ſollen,“ ſagte Tante Chloe; doch, da die Verſammlung ſeit undenklicher Zeit bei Onkel Tom ohne Stühle abgehalten worden war, ſchien einiger Grund zu der Hoffnung vorhan⸗ den zu ſein, auch diesmal einen Ausweg zu finden. „Der alte Onkel Peter hat in vergangener Woche beide Beine aus dem älteſten Stuhle geſungen,“ ſagte Moſes. „Mach, daß Du Dich forthebſt, Du haſt ſie gewiß her⸗ ausgezogen; es wird einer von Deinen Streichen ſein,“ ſagte Tante Chloe. „Nun, er wird ſchon ſtehen bleiben, wenn er an die Wand gelehnt wird,“ ſagte Moſes. „Dann darf Onkel Peter nicht darauf ſitzen; er ruckt beſtändig, wenn er ſingt. Neulich Abend hat er faſt das ganze Zimmer durchgerückt,“ ſagte Peter. „Erſt recht ſollte er ſich darauf ſetzen,“ entgegnete Mo⸗ ſes;„dann wärde er anfangen: Kommt fromme Leute und Sünder, kommt und hört mich! und er würde zu Boden purzeln!“ und Moſes ahmte die Naſentöne des alten Mannes nach, und warf ſich nieder um die erwartete Begebenheit darzuftellen. „Könnt Ihr nicht artig ſein?“ ſagte Chloe,„habt Ihr keine Scham?“ 7 In das Gejauchze des Miſſethäters ſtimmte jedoch Mr. Georg ein und behauptete feſt: Moſes ſei ein„Weltekerl.“ 2———— 31 Die mütterliche Ermahnung ſchien daher ſo gut wie ver⸗ loren. „Nun Alter,“ ſagte Tante Chloe,„Du wirſt die Fäſſer herein holen müſſen.“ „Die Fäſſer der Mutter ſind ebenſo wie die Fäſſer der Wittwe, von der Mr. George neulich im Buche geleſen— ſie gehen nie aus,“ ſagte Moſes zu Peter bei Seite. „Eins davon brach in vergangener Woche zuſammen,“ ſagte Peter,„und ſie alle ſtürzten mitten im Singen nieder; nennſt Du das nicht ausgehen?“ Während dies zwiſchen Moſes und Peter verhandelt worden war, wurden zwei leere Fäſſer in die Hütte gerollt, und nachdem man ſie auf beiden Seiten durch Steine geſtützt und vor dem Fortgleiten bewahrt hatte, legte man Bretter darauf, durch welche Anordnung, in Verbindung mit dem Umwenden mehrerer Zuber und Eimer, und dem Aufſtellen eini⸗ ger gebrechlichen Stühle die Vorbereitungen gemacht waren. „Mr. George iſt ein ſo guter Vorleſer, daß er gewiß bei uns bleiben wird, um uns vorzuleſen,“ ſagte Tante Chloe. „Ich denke, es wird dadurch für uns um ſo angenehmer werden.“ George ging darauf ein; denn Knaben ſind immer zu Allem bereit, was ihnen Wichtigkeit giebt. Das Zimmer war bald mit einer gemiſchten Verſamm⸗ lung, von dem alten grauköpfigen Patriarchen an bis zu den jungen funfzehnjährigen Mädchen und Burſchen voll. Zuerſt erfolgte ein harmloſes Geplauder über verſchiedenartige Themas, z. B. wo die alte Tante Sally ihr neues rothes Kopftuch herhabe, und wie die Miſſis gedenke, das geſprenkelte Mouſſelinkleid der Lizzy zu ſchenken, ſobald ſie ihre neue Garderobe bekommen haben würde, und wie Mr. Shelby im Sinne habe, ein neues braunes Fohlen zu kaufen, welches die Herrlichkeit des Gutes vermehren helfen wird. Einige von den Anweſenden gehörten zu den benachbarten Familien, die ihnen die Erlaubniß gegeben hatten, die Betſtunde zu beſuchen. Dieſe brachten verſchiedenartige Gerüchte über das Thun und Treiben ihrer Herrſchaften mit, die eben ſo gut als Münze in Umlauf kamen, wie ähnliches Geſchwätz in vornehmen Cirkeln.— Nach einiger Zeit begann zur ſichtba⸗ ren Freude aller Anweſenden das Singen. Selbſt die Nach⸗ cheile der näſelnden Betonung konnten die Wirkung der ſchö⸗ nen Naturſtimmen in ihren milden und begeiſterten Weiſen nicht zerſtören. Die Worte waren zuweilen aus bekannten 32 Hymnen, welche in den benachbarten Kirchen für gewöhnlich geſungen wurden, öfters aber auch von einem wilderen, ge⸗ ſtaltloſeren Charatter, von der Weiſe, wie ſie dieſelben bei den Reiſepredigern aufgeleſen hatten.— Hierauf kamen Ermah⸗ nungen oder Erzählungen über gemachte Erfahrungen, und zuletzt las Mr. George auf Erſuchen die Schlußkapitel der Offenbarung Johannis, worin er zuweilen durch Ausrufun⸗ gen unterbrochen wurde. Während dieſe Scene in der Hütte des Dieners vor⸗ ging, gab es im Gemache des Herrn eine ganz andere. Der Händler und Mr. Shelby ſaßen zuſammen in dem vorerwähn⸗ ten Speiſezimmer an einem mit Papieren und Schreibmate⸗ rialien beladenen Tiſche. Mr. Shelby war mit dem Zählen einiger Päckchen Banknoten beſchäftigt, die er, ſobald er ſie überzählt, dem Handelsmann zuſchob, worauf dieſer ſie gleich⸗ falls durchſah. „Alles in Ordnung,“ ſagte der Händler,„und wollen wir dieſe hier unterſchreiben.“ Mr. Shelby zog haſtig die Verkaufspapiere zu ſich und unterzeichnete ſie wie ein Mann, der ein unangenehmes Ge⸗ ſchäft vom Halſe haben will, ſo ſchnell als möglich und ſchob ſie darauf mit dem Geld dem Händler zu. Haley zog aus einem vielgebrauchten Mantelſacke ein Pergament heraus, welches er, nachdem er es noch einmal betrachtet, Mr. Shelby übergab, der es mit einer Geberde von unterdrückter Be⸗ gierde nahm. „Nun iſt die Sache abgethan,“ ſagte der Händler, in⸗ dem er ſich erhob. „Sie iſt abgethan!“ ſagte Mr. Shelby mit nachdenklicher Stimme, athmete tief auf und wiederholte:„Sie iſt ab⸗ gethan!“ „Es ſcheint mir, als ob Sie nicht beſonders erbaut darüber wären,“ ſagte der Händler. „Haley,“ entgegnete Mr. Shelby,„ich hoffe, Sie werden ſich erinnern, daß Sie mir auf Ihr Ehrenwort das Verſpre⸗ chen gaben, Tom nicht zu verkaufen, ohne zu wiſſen, in welche Hände er kommt.“ „Ei, Sie haben dies jetzt auch gethan, Sir,“ erwiderte der Händler. „Sie wiſſen wohl, daß Umſtände mich nöthigen,“ ſagte Shelby höhniſch. 3 33„ „Gut, Sie wiſſen, daß Sie auch mich nöthigen,“ ſagte der Händler.„Wie dem auch ſei, ich will mein Möglichſtes thun, daß Tom ein gutes Bett bekömmt, aber Sie brauchen auch kein Körnchen Furcht zu haben wegen ſchlechter Behand⸗ lung. Wenn ich vor etwas Gott danke, iſt's davor, daß ich niemals grauſam geweſen bin.“ Nach dem, was wir dem Leſer über ſeine menſchlichen Grundſätze bereits mitgetheilt, fühlte ſich Mr. Shelby nicht ſehr ſonderlich beruhigt bei dieſer Erklärung, doch da ſie die beſten Tröſtungen waren, welche der Fall eben zuließ, ſo erſuchte er den Händler in der Stille abzureiſen und er ſelbſt tröſtete ſich bei einer einſamen Cigarre. Fünftes Kapitel. Die Grſchichte eines lebendigen Eigenthumes, drſſen Beſitzer wechſeln. Mr. und Mrs. Shelby hatten ſich für dieſe Nacht in ihr Zimmer zurückgezogen. Er lag in einem großen Lehnſtuhl und las einige Briefe, welche mit der Nachmittagspoſt gekommen waren, und ſie ſtand vor ihrem Spiegel, die künſtlichen Flech⸗ ten und Locken entwirrend, in welche Eliza ihr heute das Haar geordnet; denn ſie hatte, da die Herrin die bleichen Wangen und eingeſunkenen Augen jener bemerkte, ſie zu Bett geſchickt. Die Beſchäftigung rief ihr natürlich wieder die Un⸗ terhaltung, welche ſie des Morgens mit der Dienerin hatte, in's Gedächtniß zurück, und ſich zu ihrem Gatten wendend, ſagte ſie nun nachläſſig: „Arthur, wer war denn der ungeſchliffene Menſch, den Du heute Morgen in's Speiſezimmer brachteſt?“ „Haley heißt er,“ ſagte Shelby, ſich unbehaglich im Lehn⸗ ſtuhl umherwerfend und die Augen auf den Brief heftend. „Haley! Wer iſt er, und darf ich fragen, was er hier zu thun hat?“ „Es iſt ein Mann, mit welchem ich Geſchäfte gehabt habe, als ich letzthin in Natchez war,“ erwiderte Mr. Shelby. „Und darauf hin hat er ſich unterſtanden, ſich hier wohn⸗ lich einzurichten, Dich zu beſuchen und bei Dir zu ſpeiſen?“ 3 34 „Ich habe ihn eingeladen. Ich hatte Rechnungen mit ihm abzuſchließen,“ ſagte Shelby. „Iſt er ein Sklavenhändler?“ fragte Mrs. Shelby, welche eine gewiſſe Verlegenheit in dem Betragen ihres Mannes wahrnahm. „Ach, Theuerſte, wer hat Dir das in den Kopf geſetzt?“ fragte Mr. Shelby, indem er aufblickte. „Niemand— nur daß Eliza heute nach Tiſche in großer Aufgeregtheit heut zu mir kam und weinend und heulend klagte, daß Du mit einem Händler geſprochen und ſie gehört habe, wie er Dir einen Antrag auf den Knaben gemacht— die lä⸗ cherliche Dirne.“ „Hat ſie dies gethan?“ fragte Mr. Shelby, indem er wieder auf ſein Papier blickte und eifrig darin zu leſen ſchien, ohne zu bemerken, daß er es verkehrt hielt. „Es muß gethan werden,“ ſagte er zu ſich,„und es iſt eben ſo gut, wenn es jetzt gethan wird, als ſpäter.“ „Ich habe Eliza geſagt,“ fuhr Mrs. Shelby fort, ohne das Ordnen ihrer Haare zu unterbrechen,„daß ſie eine kleine närriſche Perſon ſei, und daß Du niemals mit dergleichen Leu⸗ ten in Verbindung ſtändeſt. Ich wußte natürlich, daß Du nie daran dachteſt, einen unſerer Sklaven zu verkaufen, und am wenigſten an einen ſolchen Menſchen.“ „Emilie,“ ſagte ihr Gatte,„das habe ich immer gefühlt und geſagt; aber meine Geſchäfte befinden ſich in einer ſolchen Lage, daß ich es thun muß. Ich werde von meinen Leuten Einige verkaufen müſſen.“ „Unmöglich an jenes Subjekt, Mr. Shelby; Du kannſt im Ernſt nicht ſo reden.“ „Es thut mir weh, ſagen zu müſſen, daß es ſo iſt,“ ent⸗ gegnete Mr. Shelby;„ich gab die Einwilligung, om zu verkaufen.“ „Wie, unſern Tom!— dieſen guten, treuen Alten!— der von Jugend auf Dein treuer Diener geweſen iſt?— Ach, Mr. Shelby, und Du haſt ihm ſeine Freiheit zugeſagt— wir Beide haben ihm mehr als hundertmal davon geſprochen. Jetzt kann ich Alles glauben, jetzt kann ich glauben, daß Du fähig wäreſt, den kleinen Harry, das einzige Kind der armen Eliza zu verkaufen,“ ſagte Mrs. Shelby in einem Tone, welcher zwiſchen Schmerz und Entrüſtung die Mitte hielt. „Nun, da Du doch Alles wiſſen mußt— es iſt ſo— ich gub meine Einwilligung, Tom und Harry zu verkaufen, und ich begreife nicht, warum ich geſcholten werden ſoll, als 35 ob ich ein Ungeheuer wäre, weil ich Das thue, was Andre täglich thun.“ „Doch warum wählteſt Du dieſe?“ fragte Mrs. Shelby, „warum verkaufſt Du ſie vor allen Anderen auf dem Gute, wenn Du doch verkaufen mußt?“ „Weil ſie mir den höchſten Preis von Allen einbringen — das iſt der Grund. Ich könnte eine andere Perſon wäh⸗ len, wenn Du meinſt; er hat mir ein hohes Gebot auf Eliza gemacht, wenn Du es beſſer nennſt,“ ſagte Mr. Shelby. „Der Böſewicht!“ rief Mrs. Shelby heftig. „Ich habe auch keinen Augenblick darauf geachtet— ich habe es aus Rückſicht auf Dich nicht gethan. Gieb mir ein Lob dafür.“ „Verzeih mir, Theuerer,“ ſagte Mrs. Shelby, welche ſich ietzt wieder geſammelt hatte.„Ich bin übereilt geweſen, ich war überraſcht und ganz unvorbereitet, doch Du wirſt mir gewiß geſtatten, daß ich mich dieſer armen Geſchöpfe annehme. Tom iſt ein prächtiger, treuer Burſche, wenn er auch ſchwarz iſt. Ich denke, Mr. Shelby, daß er, wenn es nöthig wäre, ſein Leben für Dich opfern würde.“ „Ich weiß es, ich bin überzeugt davon, aber was nützt das Alles? ich vermag es nicht mehr zu ändern.“ „Warum nicht Geldopfer bringen? Ich bin bereit, mei⸗ nen Theil an den Ungemächlichkeiten zu erdulden. O, Mr. Shelby, ich habe verſucht, auf das Getreueſte verſucht, meine Pflicht, wie es einem chriſtlichen Weibe zukommt, gegen dieſe armen, einfältigen, abhängigen Geſchöpfe auszuführen. Ich habe mich um ſie gekümmert, ſie belehrt, über ihnen gewacht und ſeit Jahren ihre Sorgen und Freuden gewußt, und wie kann ich je wieder meine Augen unter ihnen erheben, wenn wir um eines geringen, erbärmlichen Vortheils willen ein treues, vortreffliches und vertrauendes Geſchöpf, wie den ar⸗ men Tom, verkaufen und ihm mit einem Mal Alles, was wir ihn lieben und ſchätzen gelehrt haben, nehmen. Ich habe ſie in die Pflichten der Familie, der Eltern und Kinder, der Gatten und Ehefrauen unterwieſen, und wie kann ich dieſes offene Anerkenntniß, daß wir in Vergleich mit dem Gelde auf kein Band, keine Pflicht, kein Verhältniß, wie hei⸗ lig es auch ſei, Rückſicht nehmen, ertragen? Ich habe mit Elizu über ihren Knaben geſprochen, ihr die Pflichten aus einander geſetzt, die ſie als chriſtliche Mutter über ihn hat, für ihn zu beten, ihn zum Chriſten zu erziehen, und was ſoll ich jetzt ſagen, wenn Du ihn megeißeß und ihn mit * 36 Leib und Seele verkaufen willſt an einen grundſatzloſen welt⸗ lichen Mann. Nur um ein wenig Geld zu erſparen? Ich habe ihr erklärt, daß eine Seele mehr werth ſei, als alles Geld auf Erden, und wie ſoll ſie mir Glauben ſchenken, wenn ſie ſieht, wie wir hingehen und ihr Kind verkaufen— es vielleicht zu ſeinem gewiſſen Körper⸗ und Seelenverderben„ verkaufen.“ „Es thut mir weh, daß Du ſo darüber fühlſt, Emilie. Es thut mir in der That weh,“ ſagte Mr. Shelby,„und ich verehre Deine Gefühle, wenn ich auch keinen Anſpruch dar⸗ auf mache, ſie in ihrem ganzen Umfange zu theilen, aber ich erkläre Dir jetzt feierlich, daß es nichts nützt, ich kann mir ſelbſt nicht helfen; ich habe es Dir nicht geſtehen wollen, Emilie, doch kurz und gut, ich habe keine Wahl zwiſchen dem Verkauf dieſer Beiden und dem des ganzen Gutes. Entwe⸗ der müſſen ſie gehen oder wir alle Uebrigen. Haley be⸗ ſitzt eine Hypothek von mir, und wenn ich nicht ſofort Zah⸗ lung leiſte, wird er Alles dafür nehmen, ich habe zuſammen⸗ gerafft, geborgt und faſt gebettelt— und der Preis von die⸗ ſen Beiden war noch nöthig, um die Summe voll zu machen, und ſo mußte ich ſie abtreten. Haley fand Wohlgefallen an dem Knaben, er willigte ein, die Sache auf dieſe und keine andere Art in Ordnung zu bringen; ich war in ſeiner Macht und mußte es thun. Wenn Du über ihren Verkauf ſolche Gefühle hegſt, wie würde es Dir gefallen, wenn ſie alle ver⸗ kauft werden?“ Mrs. Shelby war wie vom Donner getroffen; endlich kehrte ſie ſich nach ihrem Toilettentiſch um, legte ihr Geſicht in ihre Hände und ſtöhnte tief auf— das iſt der Fluch Gottes, der auf der Sklaverei ruht!— Sie iſt eine herbe, 8 bittere mit tiefem Fluch beladene Sache, ein Fluch ſowohl für den Herrn, wie für den Sklaven. Ich war eine När⸗ rin, zu glauben, daß ich aus einem ſo ſchrecklichen Uebel etwas Gutes machen könne, es iſt eine Sünde, nur voraus⸗ zuſetzen, die Unſrigen, einen Sklaven zu haben. Ich habe immer gefühlt, daß dem ſo iſt. Ich habe ſtets ſo gedacht, als ich noch ein Mädchen war, ich wurde noch mehr über⸗ zeugt, nachdem ich mich verheirathet, aber ich dachte, daß ich es übergolden könne. Ich glaubte, durch Güte, Fürſorge und Belehrung den Meinigen die Tage beſſer machen zu können, als wenn ſie frei ſeien— ich Närrin!“ „Frau, Du wirſt ja eine wahre Abolitioniſtin!“ „Eine Abolitioniſtin!— wenn dieſe alles wüßten, was„z — 37 ich von der Sklaverei weiß, ſo könnten ſie reden; wir gebrau⸗ chen ihrer nicht, um es uns zu geſtehen. Du weißt, daß ich nie die Sklaverei für recht gehalten— nie darnach verlangt habe, Sklaven zu haben.“ „Darin weichſt Du von vielen frommen und klugen Männern ab,“ erwiderte Mr. Shelby;„erinnerſt Du Dich noch an die Predigt, die Mr. B. nenlich Sonntags gehal⸗ ten hat?“ „Ich will keine ſolche Predigt hören, ich möchte Mr. B. in unſerer Kirche nie wiederſehen. Die Geiſtlichen vermögen dem Uebel vielleicht nicht abzuhelfen— vermögen es eben ſo wenig zu heilen wie wir— aber ſolches Vertheidigen— es iſt mir immer gegen meine geſunde Vernunft gegangen, und ich glaube eben ſo wenig, daß Du von jener Predigt viel ge⸗ halten haſt.“ „Ich muß geſtehen,“ ſagte Mr. Shelby,„daß die Pre⸗ diger öfter die Dinge weiter treiben, als wir armen Sünder es zu thun wagen. Wir Weltmenſchen müſſen die Augen über verſchiedene Dinge zudrücken und uns zu Manchem bequemen, was nicht gerade ſein ſollte, und es iſt uns nicht recht, wenn Weiber und Geiſtliche gerade herausſprechen und in Sachen der Schaam oder Moral weiter gehen, wie wir. So viel iſt ſicher. Ich hoffe, Theuerſte, daß Du nun die Nothwendigkeit der Sache erkennen wirſt und einſiehſt, daß ich das Beſte ge⸗ than habe, was die Umſtände erlaubten. „Gewiß, gewiß!“ ſagte Mr. Shelby haſtig und ſpielte zerſtreut mit ihrer goldenen Uhr.„Ich habe nicht viel Ju⸗ welen, aber“— fügte ſie nachdenklich hinzu,„würde dieſe Uhr nicht Etwas aushelfen?— ſie hat viel Geld gekoſtet, als ſie gekauft wurde, wenn ich nur wenigſtens das Kind von Eliza retten könnte, würde ich Alles, was ich beſitze, hingeben.“ „Es thut mir leid, ſehr leid, Emilie,“ erwiderte Mr. Shelby,„es thut mir leid, daß dieſer Gedanke ſich Deiner ſo ſehr bemächtigt, aber es wird nichts helfen; die Sache iſt geſchehen, die Verkaufspapiere ſind bereits unterzeichnet in Haley's Händen, und Du mußt Deinem Schöpfer danken, daß es nicht ſchlimmer ſteht. Es ſtand in dieſes Mannes Macht, uns Alle zu verderben, doch jetzt iſt er uns vom Halſe; wenn Du ihn ſo gut kennteſt, wie ich, würdeſt Du froh ſein, daß wir nur mit genauer Noth entwiſcht ſind.“ „Iſt er denn ſo hartherzig?“ „Er iſt gerade kein grauſamer Mann, aber ein Mann —————— —— 38 von. Leder— ein Mann, der an nichts weiter denkt, als an Vortheil und Gewinn.— Kalt und rückſichtslos und ohne Erbarmen wie der Tod und das Grab— er würde ſeine eigene Mutter verkaufen, wenn er ein gutes Gebot dafür bekäme— ohne deswegen der alten Frau etwas Böſes zu wünſchen.“ „Und dieſer Elende iſt der Beſitzer des guten, treuen Tom und des Knaben Eliza's?“ „Es kommt mir allerdings etwas ſchwer an, meine Liebe, es iſt eine Sache, an welche ich nicht gern denke; Haley mag ſich beeilen und morgen Beſitz nehmen. Ich werde in aller Frühe mich aus dem Staube machen, ich kann Tom nicht ſehen; ſo viel iſt ſicher, Du würdeſt am beſten thun, irgend wohin zu fahren und Eliza mitzunehmen. Die Sache iſt geſchehen, ſobald ihr das Kind aus den Augen iſt.“ „Nein! nein!“ ſagte Mr. Shelby,„ich will in keiner Weiſe bei dieſer Grauſamkeit Hülfe oder Beiſtand leiſten. Ich werde den armen, alten Tom aufſuchen. Gott ſtehe ihm in ſeiner Noth bei! Sie ſollen ſtets ſehen, daß ihre Herrin für ſie und mit ihnen fühlen kann. Was Eliza anbelangt, ſo wage ich nicht, an ſie zu denken. Gott verzeihe uns! Was haben wir gethan, daß dieſe grauſame Nothwendigkeit uns treffen muß!“ Dieſe Unterhaltung wurde von einer Zuhörerin behorcht, von welcher ſich Mr. und Mrs. Shelby nichts träumen ließen. Dicht neben ihrem Gemache befand ſich ein großes Gelaß, welches durch eine Thür mit dem äußern Gange in Verbin⸗ vung ſtand. Als Mrs. Shelby Eliza zu Bett geſendet, ließ ihr ſieberhaft aufgeregter Geiſt ſie ruhelos und ſie gelangte in dieſes Gelaß, verſteckte ſich dort, und mit dem Ohr dicht an eine Ritze der Thür gepreßt, entging ihr kein Wort des Geſprächs.“ Sobald die Stimmen verſtummten, ſchlich ſie ſich vor⸗ ſichtig fort. Mit ihrem bebenden Körper, ihren bleichen, ſtar⸗ ren Geſichtszügen und zuſammengepreßten Lippen, ſah ſie wie ein ganz anderes Weſen aus, als das ſanfte, ſchüchterne Ge⸗ ſchöpf, welches ſie bisher geweſen. Sie ging vorſichtig durch den Gang, zögerte einen Augenblick an der Thür ihrer Her⸗ rin, erhob ihre Hände in ſtummem Gebet gen Himmel, wen⸗ dete ſich darauf ab und kehrte in ihr eigenes Zimmer zurück. Es war ein ruhiges, neites Zimmer auf demſelben Flur, wie das ihrer Herrin; da war das angenehme, ſonnige Fenſter, an welchem ſie oft ſingend über ihre Näherei ſaß, hier gab's 39 ein kleines Bücherſpindchen, auf welchem verſchiedene Kleinig⸗ keiten, die ſie am Weihnachtstage zum Geſchenk erhielt, ge⸗ ordnet. Da war ihre einfache Garderobe in den Spinden, kurz, hier war ihre Heimath, welche im Ganzeu bisher für ſie eine glückliche geweſen war. Auf dem Bette lag ihr ſchlummernder Knabe, dem ſeine langen Locken nachläſſig über das ahnungsloſe Geſicht fielen. Sein roſiger Mund halb geöffuet, ſeine kleinen, dicken Hände auf der Bettdecke liegend, und es breitete ſich ein Lächeln gleich Sonnenſchein über das ganze Antlitz. „Armer Burſche,“ ſagte Eliza,„ſie haben Dich verkauft, doch Deine Mutter wird Dich noch retten.“ Keine Thräne fiel auf das Kiſſen. In ſolchen Aengſten, wie dieſe, vermag das Herz keine Thräne zu vergießen, es vergießt nur Blut, indem es im Stillen ſelbſt verblutet. Sie nahm ein Stück Papier und Bleiſtift und ſchrieb haſtig: O Miſſis!— theure Miſſis! halten Sie mich nicht für undankbar, halten Sie mich in keiner Weiſe für hart. Ich habe alles vernommen, was ſie und der Herr heute Abend ſprachen. Ich werde den Verſuch machen, meinen Knaben zu retten. Sie werden mich nicht tadeln. Gott ſegne und belohne Sie für alle Ihre Güte. Nachdem ſie dies haſtig zuſammengefaltet und adreſſirt hatte, ging ſie an ein Spinde und machte von den Kleidern ihres Knaben ein Bündel, und ſo zärtlich iſt die Fürſorge einer Mutter, daß ſie ſogar in dem Schrecken dieſer Stunde nicht vergaß, ein oder zwei von ſeinen Lieblingsſpielſachen in das Päckchen zulegen, während ſie einen bunt bemalten Papageien zu ſeiner Unterhaltung zurückließ, wenn es nöthig ſein würde, ihn zu wecken. Es koſtete einige Mühe, den kleinen Schläfer zum Erwachen zu bringen, jedoch nach einiger Anſtrengung erhob er ſich und ſpielte mit ſeinem Vogel, während ſeine Mutter ſich Hut und Shawl anlegte. „Wo gehſt Du hin Mutter?,“ fragte er, als ſie ſich mit ſeinem Kleidchen und Mützchen dem Bette näherte. Seine Mutter kam näher und blickte ſo ernſt in ſeine Augen, daß er ſofort errieth, daß etwas Ungewöhnliches im Gange ſei. „Still Harry!“ ſagte ſie,„Du mußt nicht laut ſprechen, oder ſie werden uns hören. Es kam ein böſer Mann, um den kleinen Harry ſeiner Mutter wegzunehmen, und ihn im Finſtern wegzuſchaffen, doch die Mutter wird es nicht zugeben. Sie wird ihrem kleinen Knaben Mütze und Kleidchen anlegen und mit ihm entfliehen, damit der häßliche Mann ihn nicht fangen kann.“ Indem ſie dieſe Worte ſagte, hatte ſie die einfache Klei⸗ dung des Kindes befeſtigt, nahm es auf ihren Arm, flüſterte ihm zu ſich ruhig zu verhalten, öffnete eine Thür ihres Zimmers, welche auf die äußere Veranda führte, und glitt geräuſchlos weg. Es war eine funkelnde, froſtige, ſternenhelle Nacht, und die Mutter wickelte den Shawl feſt um ihr Kind, welches in einem unbeſtimmten Entſetzen um ihren Hals geſchlungen war. Der alte Bruno, ein großer Neufoundländer, welcher am Ende des Vordachs ſchlief, erhob ſich mit einem leiſen Knurren, als ſie nahe kam. Freundlich nannte ſie ſeinen Namen, und das Thier, ein alter Günſtling und Spielkamerad von ihr, wedelte mit dem Schwanz und ſchickte ſich ſogleich an, ihr zu folgen, obgleich er in ſeinem einfachen Hundekopfe nicht be⸗ greifen zu können ſchien, was ein ſolcher geheimnißvoller Nachtſpaziergang bedeuten möge. Einige undeukliche Gedanken der Unklugheit oder Unſchicklichkeit der Maaßregel ſchien ihn in bedeutende Verlegenheit zu ſetzen, denn er blieb oftmals ſtehen, während Eliza vorwärts eilte, und ſah bald auf ſie, bald auf das Haus, worauf er, wie durch ferneres Nach⸗ denken beruhigt, von Neuem hinter ihr herlief. In wenigen Minuten gelangten ſie an das Fenſter der Hütte Onkel Toms, und Eliza blieb ſtehen und klopfte leiſe an daſſelbe. Die Betſtunde bei Onkel Tom war durch das Hymnenſingen bis zu einer ſehr ſpäten Zeit hingezogen worden, und da Onkel Tom noch einige lange Soli hatte hören laſſen, war die Folge, daß er und ſeine wackere Frau jetzt zwiſchen Zwölf und Eins noch nicht eingeſchlafen waren. „Guter Gott! was iſt das?“ ſagte Tante Chloe, indem ſie aufſprang und haſtig den Vorhang wegzog,„ſo wahr ich lebe, es iſt Lizzy. Ziehe Deine Kleider an, alter Mann, aber ſchnell! Da iſt auch der alte Bruno und ſchnobbert an der Thür. Was in aller Welt bedeutet dies? Ich werde ſogleich die Thüre öffnen,“ und ſie begleitete die Worte mit der That. Die Thüre ging auf und der Schein des in der Eile von Tom angezündeten Talglichtes fiel auf das verſtörte Geſicht und die dunkeln wilden Augen des Flüchtlings. „Gott bewahre uns! man erſchrickt, wenn man Dich an⸗ ſieht. Biſt Du krank? oder was iſt über Dich gekommen? „Ich entfliehe Onkel Tom und Tante Chloe, ich trage mein Kind fort, der Herr verkaufte es!“ 41 „Es verkauft?“ wiederholten beide, indem ſie ihre Hände entſetzt erhoben. „Ja, es verkauft!“ ſagte Eliza feſt.„Ich habe mich heute Abend in das Gelaß an des Herrn Thür geſchlichen und hörte, wie der Herr der Herrin ſagte, er hätte meinen Harry und Dich Onkel Tom an einen Handelsmann verkauft, und daß er Morgen früh davon reiten will, damit der Mann im Laufe des Tages Beſitz nehmen kann.“ Tom ſtand während dieſes Geſprächs mit erhobenen Händen und weit geöffneten Augen, wie ein Träumender. Langſam und allmählig, als ihm die Beſinnung zurückkam, ſank er auf ſeinen Stuhl und ließ ſein Haupt auf die Kniee fallen.„Gott habe Erbarmen mit uns!“ rief Tante Chloe, „ach, es ſcheint gar nicht, als ob es wahr wäre, was hat er gethan, daß der Herr ihn verkaufen wollte?“ „Er hat nichts gethan, es iſt nicht deshalb. Der Herr möchte ihn nicht verkaufen, und die Herrin— ſie iſt immer gut. Ich habe ſie für uns bitten und flehen gehört, jedoch er ſagte ihr, daß es nichts nütze, daß er in dieſes Mannes Schuld ſchwebe, und daß dieſer Mann ihn in ſeiner Gewalt habe, und wenn er ihm nicht rein bezahle, ſo würde er am Ende das ganze Gut und die ganzen Leute verkaufen und wegziehen. Ja, ich habe ihn ſogar ſagen gehört, daß er keine Wahl zwiſchen den Verkauf dieſer Beiden und Aller habe. Der Mann ging ihn ſo hart an. Der Herr ſagte, es thue ihm leid; aber ach, die Herrin! Ihr hättet ſie ſprechen hören ſollen, wenn ſie nicht eine Chriſtin und ein Engel iſt, ſo hat es nie einen gegeben. Ich bin ein gottloſes Mädchen, ſie zu verlaſſen, aber ich kann es nicht ändern. Sie ſagte ſelbſt, eine Seele wäre mehr werth, als die ganze Welt, und dieſer Knabe hat eine Seele, und wenn ich ihn fortſchaffen laſſe, wer weiß, was aus ihm wird. Es muß recht ſein, doch, wenn es nicht recht iſt, möge mir Gott verzeihen, denn ich kann mich nicht enthalten, es zu thün.“ „Nun, Alter!“ ſagte Tante Chloe,„warum gehſt Du nicht auch mit? Willſt Du etwa warten, bis Du den Fluß hinabgeſchleppt wirſt, wo man die Neger durch harte Arbeit und Hunger tödtet. Ich würde jeden Tag eher ſterben, als dort hingehen. Da iſt noch Zeit für Dich, mache Dich mit Liza auf und davon. Du haſt einen Paß, nach Belieben zu kommen und zu gehen. Mach Dich auf, ich will Deine Sachen zuſammenpacken.“ Tom erhob langſam ſein Haupt, ſah ſich ſorgenvoll, aber ruhig um, und ſagte: „Nein, nein, ich gehe nicht! Laß Eliza gehen! Sie hat ein Recht dazu. Ich würde nicht nein dazu ſagen, es iſt gegen die Natur für ſie, zu bleiben. Doch Du haſt gehört, was ſie ſagte, wenn ich verkauft werden muß, oder alle Uebrigen auf dem Gute, und wenn ſonſt Alles verloren geht, nun, ſo will ich mich verkaufen laſſen. Ich werde es wohl eben ſo gut ertragen können, wie irgend einer,“ fügte er hinzu, während etwas, einem Seufzer und Schluchzen ähnlich, ſeine breite und rauhe Bruſt krampfhaft erſchütterte.„Der Herr hat mich immer auf meinem Poſten gefunden— er ſoll es auch jetzt. Ich habe ſein Vertrauen nie getäuſcht, noch meinen Paß gegen mein gegebenes Wort mißbraucht, und ich will es nicht thun. Es iſt beſſer, wenn ich allein gehe, als wenn das Gut und Alles was drauf iſt, verkauft werden muß. Der Herr iſt nicht zu tadeln, Chloe. Und er wird für Dich ſorgen und für die Armen!“ Hier wendete er ſich nach dem rauhen Bettkaſten, voll von kleinen Wollköpfen, um ſeine Stimme zurückzuhalten. Er lehnte über die Lehne des Stuhls und bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen großen Händen. Schweres, dumpfes, lautes Schnchten er⸗ ſchütterte ihn, und große Thränen rannen zwiſchen ſeinen Fingern hindurch auf den Fußboden— ſolche Thränen, Herr, wie ſie in den Sarg ſielen, worin ihr erſtgeborner Sohn lag, ſolche Thränen, Dame, wie ſie ſie vergoſſen, als ſie das Röcheln ihres ſterbenden Säuglings hörten; denn Herr, er war ein Mann und Sie ſind auch nichts mehr, als ein ſolcher, und Dame, wenn Sie auch in Seide und Juwelen gekleidet ſind, ſo ſind Sie doch nur ein Weib, und in des Lebens großen Nöthen und mächtigen Sorgen fühlen wir alle nur einen Kummer! „Und nun,“ ſagte Eliza unter der Thür,„ich habe meinen Mann erſt dieſen Nachmitkag geſehen, und wußte damals noch wenig, was kommen würde. Man hat ihn zu dem Aeußerſten getrieben, und er hat mir erzählt, daß er entlaufen würde. Verſucht es, wenn Ihr könnt, ihm wiſſen zu laſſen, ſagt ihm, wie ich ging und warum ich ging, und ſagt ihm, daß ich Canada zu finden wiſſen werde. Ihr müßt ihm meine beſten Wünſche mittheilen, und ihm ſagen, daß wenn ich ihn nie wiederſehe,— ſie wendete ſich ab und ſtand mit dem Rücken einen Augenblick gegen die Andern, dann fügte ſie mit heiſerem ——— 43 Ton hinzu,„ſage ihm, er ſoll ſo viel als möglich ſehen und verſuchen, uns im Königreiche des Himmels zu begegnen. „Ruf Bruno herein,“ ſagte ſie noch,„vor dem armen Thiere die Thüre öffnend. Er muß mit mir gehen.“ Noch einige Worte und Thränen, ein einfaches Lebewohl und Segenswünſche und indem ſie ihr ſtaunendes und erſchrecktes Kind in die Arme ſchloß, eilte ſie geräuſchlos von dannen. Sechſtes Kapitel. Die Enideckung.* Weil Mr. und Mrs. Shelby nach der gehabten Unter⸗ haltung der vorigen Nacht nicht gleich in die Ruhe kommen konnten, ſchliefen ſie bis nächſten Morgen etwas länger. „Was nur Eliza zurückhält,“ ſagte Mrs. Shelby, nach⸗ dem ſie ohne Erfolg mehrmals geklingelt. Mr. Shelby ſtand vor ſeinem Spiegel, ſchärfte ſein Ra⸗ ſirmeſſer, bis ein farbiger Knabe herein trat und ihm war⸗ mes Waſſer brachte. „Andy,“ ſagte Mrs. Shelby,„gehe zu Eliza's Thüre und ſage ihr, daß ich bereits dreimal geklingelt habe.„Ar⸗ mes Geſchöpf!“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt mit einem Seufzer. Bald kam Andy zurück, ſeine ſtieren Augen zeigten ſein Erſtaunen. „Gott, Miß! Lizzi's Schubkäſten ſind alle geöffnet, und ihre Sachen liegen überall umher, und ich glaube, daß ſie ſo eben aufgeräumt hat.“ „Die Wahrheit blitzte bei W. Shelby und ſeiner Gat⸗ tin zur ſelben Zeit auf. Er rief:„dann hat ſie es vermu⸗ thet und ſich davon gemacht.“ „Gott ſei Dank!“ ſagte Mrs. Shelby,„wenn es nur wahr wäre.“ „Frau! Du ſprichſt wie eine Närrin. Es wird wirk⸗ lich ſehr unangenehm für mich ſein, wenn dem ſo iſt. Ha⸗ ley ſagte, daß ich zögere, dieſes Kind zu verkaufen, und er wird glauben, daß ich behülflich geweſen wäre, es wegzu⸗ ſchaffen. Es betrifft meine Ehre.“ Und Mr. Shelby ver⸗ ließ haſtig das Zimmer. Ungefähr eine viertel Stunde lang wurde viel gelaufen und geſchrieen, die Thüren geöffnet und geſchloſſen, und Ge⸗ ſichter aller Farbenſchattirungen zeigten ſich an verſchiedenen Plätzen. Nur eine Perſon, welche in dieſer Sache einiges Licht hätte geben können, ſchwieg völlig, und dies war die Oberköchin, Tante Chloe. Still und mit einer ſchweren Wolke, welche ſich über ihr ſonſt fröhliches Geſicht gelagert hatte, ging ſie an die Zubereitung ihres Frühſtücks⸗Bisquits, als ob ſie von der ſie umgebenden Aufregung nichts hören und ſehen möchte. Sehr bald ſaßen ungefähr ein Dutzend junger Kobolde, wie Krähen, auf dem Veranda⸗Geländer, denn jeder wollte der Erſte ſein, dem fremden Herrn von ſeinem Unglück Nachricht zu geben. „Er wird toll werden!“ ſagte Andy. „Wie wird er fluchen?“ rief der kleine ſchwarze Jake. „Ja, er weiß zu fluchen,“ erwiderte die wollköpfige Mandy,„ich habe ihn geſtern bei Tiſche gehört. Ich hörte die ganze Geſchichte, denn ich war in das Gelaß geſchlichen, wo Miſſis die großen Krüge hinſtellt, und ich hörte jedes Wort.“ Und Mandy, welche in ihrem Leben eben ſo wenig, wie eine ſchwarze Katze, an die Bedeutung eines von ihr gehörten Wortes gedacht hatte, nahm jetzt eine Miene hoher Weisheit an, und ſtolzirte umher, vergaß aber zu berichten, daß ſie, obgleich ſie auch wirklich zur angegebenen Zeit un⸗ ter den Krügen geſeſſen hatte, doch im feſten Schlafe ver⸗ ſunken geweſen war.“ Als endlich Haley geſtiefelt und geſpornt erſchien, wurde er von allen Seiten mit der traurigen Botſchaft begrüßt. Die jungen Kobolde auf der Veranda wurden in ihrer Hoff⸗ nung ihn fluchen zu hören nicht getäuſcht, denn er that es mit einer Geläufigkeit und Innigkeit, welche ſie alle höch⸗ lichſt ergötzte, und ſie dukkten ſich und wichen bald hierhin, dald dorthin aus, um dem Bereich ſeiner Peitſche zu entflie⸗ hen, und wälzten ſich ſchreiend und jauchzend und mit un⸗ aufhörlichem Gekicher auf den welken Raſen unter der Veran⸗ da umher, bis ſie von ſelbſt genug hatten. „Wenn ich die kleinen Teufel hätte!“ murmelte Haley zwiſchen den Zähnen. „Doch Sie haben ſie nicht!“ ſagte Andy mit einer triumphirenden Bewegung und machte eine Reihe von unbe⸗ 45 ſchreiblichen Grimaſſen hinter dem Rücken des unglückſeligen Händlers, als dieſer außer Hörweite gekommen war. „Hören Sie, Shelby! dieſes iſt eine ganz merkwürdige Geſchichte!“ ſagte Haley, indem er unangemeldet in das Sprechzimmer trat.„Es ſcheint, als ob ſich das Mädchen mit ihrem Kleinen davon gemacht hat.“ „Mr. Haley! Mrs. Shelby iſt gegenwärtig,“ ſagte Mr. Shelby. „Ich bitte um Verzeihung, Madam!“ ſagte Haley, ſich mit immer noch gerunzelter Stirne leicht verbeugend,„aber ich ſage dennoch, wie ich vorher ſagte, daß dies ein ſonder⸗ bares Gerücht iſt. Iſt es wahr, Sir?“ „Sir!“ ſagte Mr. Shelby,„wenn Sie mit mir etwas zu unterhandeln haben, ſo müſſen Sie etwas von dem An⸗ ſtande eines Gentlemans beobachten. Andy, nimm Mr. Haley den Hut und die Reitpeitſche ab. Setzen Sie ſich. Ja, Sir, zu meinem Bedauern hat das junge Frauenzimmer etwas von der Sache belauſcht oder erfahren und in der Nacht ihr Kind genommen und ſich davon gemacht.“ „Ich habe in dieſem Geſchäft ein grades Spiel erwar⸗ tet, ſagte Haley,„ich muß es geſtehen!“ „Nun, Sir!“ ſagte Mr. Shelby, indem er ſich ſcharf gegen ihn umwendete,„was ſoll ich unter dieſer Bemerkung verſtehen? Wenn irgend Jemand meine Ehre in Frage ſtellt, ſo habe ich nur eine einzige Antwort für ihn.“ Der Händler wurde hierdurch in ſeine Schranken zurück⸗ gewieſen, und er ſagte in einem etwas leiſern Tone, daß es für einen Burſchen hart wäre, der einen ehrlichen Handel gemacht, auf dieſe Weiſe geprellt zu werden. „Mr. Haleh,“ ſagte Mr. Shelby,„wenn ich nicht be⸗ denken möchte, daß Sie einigen Grund zu dieſem Unmuth hätten, ſo würde ich dieſe unhöfliche und ungeeignete Art Ihres Eindringens in mein Zimmer dieſen Morgen nicht von Ihnen ertragen haben. Ich ſage jedoch, da der Schein es nothwendig macht, nur ſo viel, daß ich keine Beleidigung, als ob ich bei irgend einer Unehrlichkeit in dieſer Sache bethei⸗ ligt wäre, auf mich werfen laſſen werde. Ueberdies fühle ich mich verbunden, Ihnen jedmöglichen Beiſtand in Bezug auf Pferde, Diener u. ſ. w. zu leiſten, und Ihnen zur Ent⸗ deckung ihres Eigenthums zu verhelfen. Kurz Haley“ fügte er plötzlich von dem Tone würdevoller Kälte zu ſeiner ge⸗ wöhnlichen ungezwungenen Offenheit herabſinkend,„es wird für Sie das Beſte ſein Ihre gute Laune zu behalten und bei 46 uns zu frühſtücken, und wir werden dann ſehen was ſich— thun läßt.“ Mrs. Shelby erhob ſich nun und ſagte, ihre Geſchäfte erlaubten es ihr nicht an dem Frühſtücktiſch den Vorſitz zu nehmen, beorderte eine ſehr anſtändig ausſehende Mulattin, den Kaffee den Herren zu beſorgen und verließ das Zimmer. „Die alte Dame ſcheint ihrem unterthänigen Diener nicht ſehr zugethan zu ſein,“ ſagte Haley mit einem unbehaglichen Verſuch ſich familiair zu zeigen. „Ich bin nicht gewohnt mit ſolcher Freiheit von meiner Frau ſprechen zu hören,“ entgegnete Mr. Shelby trocken. „Ich bitte um Verzeihung. Es war nur ein Scherz wie Sie wiſſen,“ ſagte Haley mit erzwungenem Lächeln. „Manche Scherze ſind weniger angenehm als andere,“ entgegnete Shelby. „Verdammt! Er trägt die Naſe verteufelt hoch, ſeitdem ich jene Papiere unterſchrieben habe,“ murmelte Haley in ſich hinein.„Seit geſtern iſt er ganz großartig geworden. Noch nie hat der Fall eines Premier⸗Miniſters eine ſo große Sen⸗ ſation erregt, als der Bericht von Tom's Schickſal unter ſei⸗ nen Kameraden auf dem Gute. Er war überall der Gegen⸗ ſtand des Geſprächs und es geſchah nichts weder im Hauſe noch auf dem Felde, wo nicht die wahrſcheinlichen Foigen 5 davon beſprochen wurden. Eliza's Flucht, ein beiſpielloſes Ereigniß auf dem Gute vermehrte ebenfalls die Aufregung. Der ſchwarze Sam, wie man ihn gewöhnlich nannte, weil er um drei Schattirungen ſchwärzer war, wie irgend ein an⸗ derer Schwarzer auf dem Gute, überlegte die Sache in allen ihren Abſtufungen und Erſcheinungen mit einer Feſtigkeit des Blicks und einer Rückſicht auf ſeine eigne Wohlfahrt, welche jedem weißen Patrioten in Washington Ehre gemacht haben würde. „Es iſt ein böſer Wind, der nirgend herkommt, in der That,“ ſagte Sam gedankenreich, indem er ſeine Beinlleider heraufzog und geſchickt einen langen Nagel an die Stelle 1 eines vermißten Knopfes anſetzte. Eine Anſtrengung ſeines mechaniſchen Genies, über welche er ſich höchlichſt zu ergötzen ſchien.„Ja, es muß ein böſer Wind ſein, der nirgend wo⸗ her kommt. Nun iſt Tom nieder, natürlich wird jetzt Platz für einen andern Neger, um heraufzukommen— und warum 1 nicht ich? Das iſt der Gedanke. Tom iſt mit geputzten Stie⸗ feln und einem Paſſe in der Taſche im Lande umher gereiſt, 47 wie ein großer Mann; warum ſollte Sam es nicht auch thun? Das iſt's, was ich zu wiſſen verlange.“ „Halloh, Sam!— Sam!— Der Herr ruft! Du ſollſt Bill und Jerry fangen,“ ſagte Andy, der Sam's Mono⸗ log kurz abſchnitt. „Was giebt es, Junge?“ „Du weißt wohl noch nicht, daß ſich Lizzy davon ge⸗ macht hat und mit ihrem Jungen verſchwunden iſt.“ „Du willſt Aeltere belehren!“ ſagte Sam mit unendli⸗ cher Verachtung.„Ich habe es viel früher gewußt, als Du. So dumm bin ich nicht!“ „Nun, jedenfalls verlangt der Herr, daß Bill und Jerry ſo raſch als möglich aufgeſucht werden ſollen, und Du und ich ſollen mit Mr. Haley gehen, um nach Lizzy zu ſehen.“ „Gut,“ ſagte Sam,„bei jetziger Zeit wird Sam geru⸗ fen; er iſt der Rechte. Ich werde zuſehen, ob ich ſie nicht fange. Der Maſter ſoll ſehen, was Sam thun kann.“ „Ach! Sam,“ ſagte Andy,„überlege es noch ein Mal, denn die Miſſis wünſcht nicht, daß ſie gefangen werde und ſie wird Dir in die Wolle fahren.“ „Was?“ ſagte Sam, ſeine Augen weit öffnend,„woher weißt Du's?“ „Ich habe ſie heute morgen es ſelbſt ſagen hören, als ich den Maſter das Raſirmeſſer brachte. Sie ſendete mich, nachzuſehen, weshalb Lizzy nicht komme, ſie anzuziehen, und als ich ihr ſagte, ſie wäre davon, erhob ſie ſich und ſagte, Gott ſei gelobt; und der Herr ſchien wirklich toll und ſagte: Frau, Du ſprichſt wie eine Närrin. Doch, lieber Gott, ſie wird ihn noch herumbringen; ich weiß wohl, wie es ſein wird, es iſt ſtets das Beſte, auf derſelben Seite zu ſtehen, wie die Herrin. Das kann ich Dir ſagen.“ Der ſchwarze Sam kratzte ſich hierauf ſeinen Wollkopf, welcher, wenn auch keine gewiſſe tiefe Weisheit, doch ein gutes Theil von einer beſondern Gattung enthielt, welche von Politikern in der Farbe jedes Landes verlangt wird, und ge⸗ wöhnlich mit dem Ausdrucke:„Wiſſen, auf welcher Seite das Brod mit Butter geſtrichen iſt“ bezeichnet wird. Er verblieb daher in ernſthafter Ueberlegung und gab von Neuem ſeinen Beinkleidern einen Ruck, was ſeine gewöhnliche Methode war, um ſich aus ſeiner geiſtigen Verlegenheit heraus zu helfen. Es läßt ſich in dieſer Welt in keiner Art etwas feſt behaup⸗ ten, ſagte er zuletzt. Sam ſprach wie ein Philoſoph, indem er das dieſer be⸗ tonte— als ob er eine große Erfahrung von verſchiedenen Arten Welten beſäße, und dadurch mit gutem Recht auf ſei⸗ nen Schluß gekommen ſei. „Ich hätte jedenfalls geglaubt, daß die Miſſis die ganze Welt um Lizzi's Willen durchſucht haben würde,“ fügte Sam gedankenvoll hinzu. „Sie würde es,“ ſagte Andy,„doch kannſt Du durch eine Leiter ſehen, Du ſchwarzer Neger? die Miſſis will nicht, daß Mr. Haley. Lizzy's Jungen bekomme. Das iſt das Ganze.“ „Ach!“ ſagte Sam mit einer unbeſchreiblichen Betonung, welche nur die kennen, die ſie unter den Negern gehört haben. „Und ich will Dir noch mehr davon ſagen,“ ſprach Andy, „Du wirſt wohl am Beſten thun, Dich nach den Pfer⸗ den zu bemühen und zwar in aller Eile— denn ich habe die Miſſis nach Dir fragen hören— Du haſt hier lange genug geſtanden und nichts gethan.“ Sam begann nun ſich ernſtlich zu rühren und in kurzer Zeit erſchien er mit Bill und Zerry wieder, die er in vollem Balopp auf das Haus zutrieb, warf ſich geſchickt aus dem Sattel, bevor ſie noch an das Stehenbleiben dachte und brachte ſie ſo wie ein Wirbelwind an den Pferdepfoſten. Haley's Pferd, welches ein feuriges junges Thier war, zuckte und ſchlug aus und zog hart an ſeinem Zügel. „Ho ho,“ ſagte Sam,„biſt Du ſcheu?“ und ſein ſchwar⸗ zes Geſicht überzog ſich mit einem eigenthümlichen neckiſchen Ausdruck,„Dich werde ich ſchon faſſen!“ Vor dem Hauſe ſtand eine große ſchattenreiche Buche, und die kleinen dreikantigen Buchäckern lagen dick auf dem Boden verſtreut. Mit einer von dieſen zwiſchen ſeinen Fin⸗ gern nahte Sam ſich dem Pferde, ſtreichelte und klopfte es und ſchien augenſcheinlich beſchäftigt, ſeine Aufregung zu beſänftigen; unter dem Vorgeben den Sattel zurecht zu brin⸗ gen, ließ er geſchickt die ſcharfe kleine Nuß auf eine ſolche Art darunter ſchlüpfen, daß die geringſte auf den Sattel ge⸗ brachte Laſt das empſindliche Thier unruhig machen mußtez ohne irgend ein bemerkliches Zeichen, oder eine Wunde zu⸗ rückzulaſſen. „Da,“ ſagte er, indem ſeine Augen mit einem ſelbſtge⸗ fälligen Grinſen im Kopfe umher rollten, jetzt iſt geſorgt.“ In dieſem Augenblicke erſchien Mrs. Shelby auf He Balton und winkte ihm. Sam näherte ſich ihr mit dem ſh 49 Entſchluß, alles zu thun, wie ein Höfling, wenn er nach einer vakanten Stelle in St. James oder Waſhington ſich bemüht. „Weshalb zauderſt Du ſo lange Sam. Ich habe Andy zu Dir geſendet und Dir Eile geboten.“ „Gott bewahre Sie, Miſſis,“ ſagte Sam,„die Pferde ſind nicht in einer Minute gefangen. Sie waren auf der Südweide und Gott weiß wie weit von hier.“ „Sam, wie oft ſoll ich Dir noch verbieten, zu ſagen: Gott bewahre Sie! und Gott weiß! und ſo weiter— es iſt ſündhaft.“ 3 „Ach, Gott bewahre mich! ich hatte ganz vergeſſen, Miſſis, ich werde es nicht mehr ſagen.“ „Ei, Sam, Du haſt es jetzt wieder geſagt.“ „That ich's? Ach Gott! ich glaube— ich habe es nicht ſagen wollen.“ „Du mußt vorſichtig ſein,“ Sam. „Laſſen Sie mich nur Athem ſchöpfen und ich werde ſchon gehorchen. Ich werde ſchon vorſichtig ſein.“ „Nun Sam, Du ſollſt mit Mr. Haley gehen, ihm den Weg zeigen und Hülfe leiſten. Sei vorſichtig mit den Pfer⸗ den, Sam, Du weißt, daß Jerry in voriger Woche etwas lahm war. Reite ſie nicht zu ſchnell.“ Mrs. Shelby ſprach die letzteren Worte mit leiſer Stimme und ſtarkem Nachdruck. „Ueberlaſſen Sie das mir nur! ſagte Sam, ſeine Augen bedeutungsvoll erhebend; weiß Gott! ach, ich habe es nicht ſagen wollen!“ ſagte er, indem er den Athem plötzlich anhielt, mit einem komiſchen Ausdruck von Beſorgniß, welcher ſeine Herrin zum unwillkührlichen Lachen brachte. Ja Miſſis, ich werde auf die Pferde aufpaſſen.“ „Nun Andy, ſagte Sam, als er unter die Buche zurück⸗ gekehrt war; ſiehſt Du, ich würde durchaus nicht verwundert ſein, wenn des fremden Herrn Pferd ausſchlüge, ſobald er es beſteigen will. Du weißt, Andy, daß die Pferde öfter dergleichen thun,“ und ſomit ſtieß Sam Andy in die Seite. „Heih!“ rief Andy mit der Miene augenblicktichen Ver⸗ ſtehens. „Ja, Andy, Du ſiehſt, die Miſſis will Zeit gewinnen— das iſt klar, und ich will ihr dazu verhelfen. Nun ſiehſt Du, binde die Pferde los und laſſ' ſie auf dem Platze bis an das Gehölz herumſpringen und dann glaube ich, daß der Maſter nicht ſo ſchnell fortkommen ſoll.“ Andy grinſte. 4 Siehſt Du, ſagte Sam, ſiehſt Du Andy, wenn es ſich ereignen ſollte, daß Maſter Haleys Pferd unruhig würde und ſich nicht halten ließe, ſo müſſen wir unſere verlaſſen und ihm zu Hülfe eilen und wir wollen ihm helfen— gewiß!“ und Sam und Andy warfen ihre Köpfe zurück und brachen in ein leiſes, doch anhaltendes Lachen aus, indem ſie mit den Fingern ſchnippten und mit den Hacken im höchſten Entzücken einſtimmten. Mr. Haley erſchien in dieſem Augenblick unter der Veranda. Beſänftigt durch einige Taſſen guten Kaffee, kam er lächelnd und ſchwatzend in mäßiger Laune heraus. Sam und Andy ergriffen einige Palmblattruinen, die ſie als Hüte benutzten und eilten nach dem Pferdepoſten, um ſich an⸗ zuſchicken, dem Maſter zu helfen. Salm's Palmhut, auf eine ſinnreiche Art aller Anſprüche auf Flechtwerk an der Krempe entledigt, und die Palmblattſtreifen, die auseinander gegangen waren und aufrecht ſtanden, verliehen ihm ein herausfordern⸗ des Ausſehen wie einem Wilden⸗Häuptling; während die Krempe von Andy's Hut verſchwunden war und dieſer mit einem geſchickten Schlage die Hutform auf ſeinen Kopf ſtülpte und wohlgefällig umherſchaute, als ob er fragen wolle: Wer ſagt, daß ich keinen Hut habe. „Burſchen!“ rief Haley,„ſputet Euch, wir haben keine Zeit zu verlieren.“ „Wir wollen es ſchon thun, Maſter,“ ſagte Sam, indem er die Zügel Haley in die Hand legte und ſeinen Steigbügel hielt, während Andy die andern beiden Pferde losband. In dieſem Augenblick berührte Mr. Haley den Sattel und das feurige Thier ſprang mit einem plötzlichen Satze in die Höhe und warf ſeinen Herrn einige Fuß weit auf den weichen, trockenen Raſen. Sam machte mit einem entſetzlichen Ausrufe einen Griff nach dem Zügel, doch gelang es ihm nur mit dem vorgenannten Palmhut bis dicht an die Augen des Pferdes zu kommen, was keinesweges die Wirkung, es zu be⸗ ruhigen, hervorbrachte. Mit großer Heftigkeit warf es daher Sam zu Boden, ſchnaubte verächtlich zwei bis dreimal, ſchlug hinten aus und nach dem untern Ende des Raſen⸗ platzes, wohin ihm Bill und Jerry, welche Andy gemäß der Verabredung losgebunden und ihm mit zornigen Ausrufen nachgeſchickt hatte, folgten. Nun begann eine bunte Scene der Verwirrung. Sam und Andy liefen und ſchrieen— Hunde bellten— und Mike, Moſes, Mandy, Fanny und ſämmtliche Neger⸗„Jungen und Mädchen des Gutes liefen, klatſchten in die Hände, jauchzten und ſchrieen mit der über⸗ 51 mäßigſten Dienſtwilligkeit und unermüdlichem Eifer.— Ha⸗ ley's Pferd, welches ein ungemein ſchneller, feuriger Schimmel war, ſchien an der Sache großen Geſchmack zu finden und da es einen Raſenplatz von faſt einer halben Meile Länge, der auf beiden Seiten allmälig in den Wald endete, zur Renn⸗ bahn hatte, ſich ein übergroßes Vergnügen daraus zu machen, ſeine Verfolger ſo nahe als möglich herankommen zu laſſen und wenn es im Bereiche ihrer Hände war, ſchnaubend und mit einem davon zu laufen und ſich in's Innere einer Waldallee zu verlieren. Nichts konnte weiter von Sam's Abſicht enen geweſen ſein, als nur dann irgend eines von den Pferden fangen zu laſſen, wenn es ihm an⸗ gemeſſen ſchien, und ſeine Anſtrengungen waten wirklich hervi⸗ ſcher Art. Gleich dem Schwerte des löwenherzigen Richard, das ſtets im dichteſten Schlachtgewühl blitzte, war Sam's Pal⸗ menhut überall zu ſehen, wo die geringſte Gefahr, daß ein Pferd eingefangen werden konnte, ſich zeigte; und er lief in ſolchen Momenten in vollem Lauf darauf zu und rief:„Jetzt haben wir's, halt auf, halt auf!“ ſo daß ſogleich Alles wie⸗ der in die größte Verwirrung gerieth.— Haley rannte auf und ab, fluchte und ſchwor durch einander und ſtampfte mit den Füßen. Mr. Shelby rief vergeblich Befehle vom Balkon herab und Mrs. Shelby, welche am Fenſter ihres Zimmers ſtand, lachte und verwunderte ſich— nicht ohne eine Ahnung von dem, was der ganzen Verwirrung zum Grunde liegen mag, zu haben. Endlich— ungefähr um zwölf, erſchien Sam im Triumph auf Jerry ſitzend. An ſeiner Seite hatte er Ha⸗ ley's Pferd, welches von Schweiß triefte, deſſen glänzende Augen und weitgeöffnete Nüſtern jedoch zeigten, daß ſein Frei⸗ heitsgeiſt ſich noch nicht ganz hatte beſänftigen laſſen. „Es iſt gefangen!“ ſchrie er jubelnd;„wenn ich nicht da geweſen wäre, ſo hätten ſie ſich Alle den Athem ausrennen können; doch ich habe es gefangen!“ „Du,“ brummte Haley in nicht eben liebenswürdiger Art,„wenn, Du nicht geweſen wäreſt, würde dies nicht ge⸗ ſchehen ſein.“ Got ſei uns gnädig, Maſter!“ ſagte Sam im Tone der tiefſten Betrübniß,„und ich bin doch gerannt und gelau⸗ fen, daß der Schweiß von mir heruntertrieft.“ „Schon gut,“ erwiderte Haley,„Du haſt mir mit Dei⸗ nem verfluchten Unſinn nahe an drei Stunden Zeit verſüumt; nun wollen wir uns jedoch auf den Weg machen und die Thorheiten bleiben laſſen.“„ 4 52 „Nun, Maſter,“ ſagte Sam beſcheiden,„Sie werden uns und die Pferde doch nicht tödten wollen? Wir ſind Alle zum Umfallen müde und der Schweiß trieft von den Pferden. Der Maſter wird wohl nicht daran denken, eher als bis nach Tiſche aufzubrechen. Maſter's Pferd muß aufgeputzt werden; ſehen Sie, wie es ſich beſchmutzt hat.— Und Jerry hinkt noch dazu. Glauben Sie nicht, daß die Miſſis uns nun fortlaſſen würde; Gott bewahre Sie, Maſter. Wir können es ſchon wieder einbringen, wenn wir uns auch aufhalten. Lizzy war nie eine große Fußgängerin.“ Mrs. Shelby, welche zu ihrer großen Beluſtigung das Geſpräch von der Veranda aus gehört hatte, beſchloß jetzt auch ihr Theil zu thun. Sie trat vor und drückte höflich ihr Bedauern über Mr. Haley's Unfall aus, drang in ihn, zum Mittageſſen zu bleiben und ſagte, daß die Köchin es ſogleich auftragen ſolle. Da ſich die Sache nun einmal nicht ändern ließ, begab ſich Haley, wenn auch mit Widerſtreben, nach dem Geſellſchaftszimmer, während Sam hinter ihm unbeſchreibliche ſchnitt und gravitätiſch die Pferde nach dem Stalle brachte. „Haſt Du ihn geſehen, Andy— haſt Du ihn geſehen?“ fragte Sam, als er in dem Stall angelangt war und das Pferd feſtgebunden hatte.„Gott, es war eben ſo gut wie eine Predigt, ihn umhertanzen, umſichſtoßen und auf uns flu⸗ chen zu hören. Habe ich ihn nicht gehört? Fluche nur zu, alter Burſche, dachte ich bei mir, willſt Du Dein Pferd gleich haben, oder warten, bis Du es kriegſt, ſagte ich. Gott, Andy, 1 mir iſt, als ob er mir vor Augen ſtände.“ Und Sam und 1 Andy lehnten ſich an die Wand und lachten aus Herzensluſt. „Du hätteſt nur ſehen ſollen, wie toll er ausſah, als ich ihm das Pferd vorführte. Gott, er würde mich getödtet ha⸗ ben, wenn er es hätte thun können und ich ſtand unſchuldig nnd demüthig vor ihm.“ „O Gott, ich habe Dich wohl geſehen,“ erwiderte Andy; „Du biſt ein alter Gaul, Sam.“ „Das glaube ich auch,“ ſagte Sam.„Haſt Du die Miſſis, nicht oben am Fenſter geſehen? Ich ſah, wie ſie lachte.“ „Ich bin ſo gerannt, daß ich nichts ſehen konnte,“ ſagte Andy. 6 „Nun, Du ſiehſt,“ ſagte Sam, indem er gravitätiſch ſich daran machte, Haley's Pferd zu reinigen,„ich habe die Ge⸗ wohnheit zu bohſerviren angenommen, Andy; es iſt eine ſehr wichtige Gewohnheit, und ich empfehle ſie Dir an, denn Du biſt noch jung. Hebe den Hinterfuß auf, Andy, das Bobſerviren iſt das Einzige, was einen Unterſchied bei den Negern macht. Habe ich nicht heute früh geſehen, woher der Wind bläſt? Habe ich nicht geſehen, was Miſſis wollte, ob⸗ gleich ſie kein Wort ſprach? Das nenne ich Bobſerviren. Es Es wird wohl eine natürliche Eigenſchaft ſein; Fähigkeiten ſind verſchieden bei verſchiedenen Leuten, doch das Fortbilden derſelben iſt das Meiſte, Andy.“ „Ich denke, wenn ich Dir heute nicht zum Bobſerviren geholfen hätte, würdeſt Du auch nicht ſo ſchnell errathen ha⸗ ben, was Du thun ſollteſt,“ ſagte Andy. „Andy,“ ſagte Sam,„Du biſt ein vielverſprechendes Kind, das läßt ſich nicht bezweifeln; ich denke gut von Dir, Andy, und ich fühle keineswegs Scham, von Dir einen Ge⸗ danken angenommen zu haben. Wir dürfen keinen überſehen, da ſelbſt die Klügſten ſtraucheln. Und ſo, Andy, laß uns nach dem Hauſe gehen; ich bin gewiß, daß die Miſſis uns ein ganz ungewöhnlich gutes Mittagseſſen geben wird.“ Siebentes Kapitel. VDer Mutter Rampf. Unmöglich kann man ſich ein unglückſeligeres Geſchöpf als Eliza denken, als ſie die Schritte von Onkel Tom's Hütte wandte. Ihres Gatten Leiden und Gefahren, die Gefahren ihres Kindes, alles miſchte ſich mit einer verwirrten, dumpfen Ahnung der Gefahr, welcher ſie ſich ausſetzte, indem ſie die einzige Heimath, welche ſie je kannte, verließ und dem Schutze einer verehrten und geliebten Freundin ſich entzog. Dazu kam noch das Scheiden von allen ihr vertrauten Gegenſtän⸗ den, den Orten, wo ſie aufgewachſen, den Bäumen, unter welchen ſie geſpielt, den Büſchen, zwiſchen welchen ſie in glücklichen Tagen an der Seite ihres jungen Gatten wan⸗ delte.— Alles was nur in dem klaren, winterlichen Sternen⸗ lichte vor ihr lag, ſchien ihr Vorwurf zu machen und ſie zu fragen, wohin ſie von einer Heimath wie dieſe gehen könne? Doch ſtärker als dies Alles war die mütterliche Liebe, welche durch die Nähe einer ſehr großen Gefahr bis zum Parorismus geſteigert wurde. Ihr Knabe war alt genug, um an ihrer Seite zu gehen, und unter gewöhnlichen Um⸗ ſtänden würde ſie ihn nur an der Hand geführt haben; doch jetzt machte ſie ſchon der Gedanke, ihn aus ihren Armen zu geben, ſchaudern und ſie preßte ihn krampfhaft an ihre Bruſt, während ſie vorwärts eilte. Der beeiſte Boden knarrte unter ihren Füßen und ſie erzitterte bei dem Vernehmen des Klanges. Jedes rauſchende Blatt, jeder vorüberfahrende Schatten trieb ihr das Blut nach dem Herzen und beeilte ihre Schritte. Sie wunderte ſich ſelbſt über die Kraft, die über ſie zu kommen ſchien, denn ſie fühlte die Laſt ihres Sohnes eben ſo wenig, als wenn er eine Feder geweſen wäre, und jede Regung der Furcht ſchien die übernatürliche Gewalt, welche ſie weiter trieb, zu vermeh⸗ ren, während ihre bleichen Lippen in fortwährenden Stoß⸗ ſeufzern das Gebet lispelten:„Gott helfe mir und rette mich!“ Wenn es Ihr Harry geweſen wäre,„Mutter,“ oder Ihre Willin, welche am andern Morgen weggeriſſen werden ſollten durch einen grauſamen Händler— wenn Sie geſehen hätten Iden Mann und gehört, daß die Papiere unterzeichnet und ausgeliefert ſind, und Sie haben nur von Mitternacht bis Morgen Zeit zum Entfliehen— wie weit könnten Sie gehen? Wie viele Meilen würden Sie machen in dieſen wenigen zu⸗ gemeſſenen Stunden mit dem Liebling am Buſen, das kleine ſchlafende Haupt auf der Schulter, den dünnen, weichen Arm traulich haltend an Ihrem Nacken?— Das Kind ſchlief. Anfangs hatte es die Neuheit und die Beunruhigung wach erhalten, aber ſeine Mutter unterdrückte ſo haſtig jeden Hauch oder Laut und verſicherte ihm, daß wenn es ſich ruhig verhalte, ſie es ſicherlich retten würde, daß es ruhig an ihrem Halſe hing und als es fühlte, daß es ſchläfrig wurde, nur frug: „Nicht wahr, Mutter, ich brauche nicht wach zu bleiben?“ „Nein, mein Liebling, ſchlafe, wenn Du müde biſt.“ „Mutter, Du wirſt mich ihm doch nicht übergeben, wenn ich einſchlafe?“ Nein, ſo Gott mir helfe,“ ſagte ſeine Mutter mit bleiche⸗ ren Wangen und einem glänzenderen Lichte in ihren großen, dunkeln Augen. „Du biſt gewiß, nicht wahr, Mutter?“ 55 „Ja, gewiß!“ ſagte die Mutter mit einer Stimme, welche ſie ſelbſt erſtarren machte; denn ſie ſchien ihr aus einem Geiſt in ihrem Innern zu kommen, welcher kein Theil von ihr war, und der Knabe ließ ſein müdes Köpfchen auf ihre Schulter fallen und war bald eingeſchlafen. Die Berüh⸗ rung der warmen Arme, des ſanften Athems, welcher ihren Nacken berührte, ſchien ihren Bewegungen Feuer und Leben zu verleihen. Es ſchien, als ob durch jede ſanfte Berührung und Bewegung des ſchlafenden und vertrauenden Kindes ein elektriſcher Strom von Kraft in ſie gegoſſen werde. Die Grenzen des Gutes, der Hain und Wald zogen undeutlich an ihr vorüber, und ſie ließ einen bekannten Gegenſtand nach dem andern zurück und hielt nicht eher Ruhe, als bis der ſich erröthende Morgenhimmel ſie meilenweit von allen Spuren bekannter Gegenſtände auf der offnen Landſtraße erblickte. Sie war oft mit ihrer Herrin, welche dort Verwandte hatte, zum Beſuch in dem Städtchen T— unweit des Ohio geweſen und kannte den Weg ſehr gut, dorthin zu gehen. Ueber den Ohio zu fliehen waren die erſten eiligen Umriſſe ihres Planes der Flucht; was das Uebrige betraf, konnte ſie nur auf Gott vertrauen. Als ſich Pferde und Fuhrwerke auf der Land⸗ ſtraße zu regen begannen, beobachtete ſie mit der ſchnellen Wahrnehmungsgabe, welche aufgeregten Zuſtänden eigen iſt, und welche eine Art von Inſpiration zu ſein ſcheint, daß ihr übereilter Schritt und ihre zerſtörte Miene ſie zum Gegenſtand von Bemerkungen und Verdacht machen könne. Sie ſtellte den Knaben auf den Boden, ordnete ihr Kleid und ihren Hut und ging mit den ſchnellſten Schritten, welche ſie mit der Beobach⸗ tung des äußern Scheines für verträglich hielt, weiter. In ihrem Bündelchen hatte ſie einen kleinen Vorrath von Kuchen und Aepfeln mitgenommen, welche ſie als Hülfsmittel, um die Schnelligkeit des Kindes zu befördern, gebrauchte, indem ſie die Aepfel einige Schritte weit voraus rollte und der Knabe darnach lief; dieſe oft wiederholte Liſt brachte ſie manche halbe Meile weiter. Nach einiger Zeit kamen ſie an ein dicht bewal⸗ detes Stück Land, welches von einem hellen Bach durchrieſelt wurde. Da das Kind über Hunger und Durſt klagte, klet⸗ terte ſie mit ihm über die Fenz, ſetzte ſich hinter einem großen Felſen, welcher ſie nach dem Wege zu verſteckte, und gab ihm aus ihrem kleinen Bündelchen ein Frühſtück. Der Knabe ver⸗ wunderte und grämte ſich, daß ſie nicht eſſen wollte, und als er ſeine Arme um ihren Nacken ſchlang und ihr ein Stück von ſeinem Kuchen in den Mund zu ſchieben verſuchte, war 56 es ihr, als ob etwas in ihrer Kehle Aufſteigendes ſie er⸗ ſticken wollte. „Nein, nein! mein Liebling Harry! Die Mutter kann nicht eher eſſen, als bis Du gerettet biſt; wir müſſen weiter gehen,— weiter, bis wir an den Fluß gelangen,“ und ſie eilte wieder auf die Straße und zwang ſich abermals ruhig und regelmäßig vorwärts zu gehen. Sie war ſchon mehrere Meilen von der Gegend, wo ſie gekannt war, fort. Für den Fall, daß ſie mit irgend einer Perſon, die ſie kannte, zuſam⸗ mentreffen ſollte, glaubte ſie, die bekannte Güte der Familie an ſich werde ſchon jeden Verdacht beſeitigen, indem man es für unglaublich halten würde, daß ſie ein Flüchtling ſein könne. Da ſie ferner ſo weiß war, daß man ohne ein kriti⸗ ſches Betrachten ihre farbige Abſtammung nicht erkennen konnte, und ihr Kind gleichfalls die weiße Hautfarbe hatte, ſo war es für ſie weit leichter, ohne Verdacht durchzukommen. Bei dieſer Betrachtung hielt ſie um die Mittagszeit vor einem ſchönen Gutshauſe an, um auszuruhen und etwas für ihr Kind und ſich zum Mittagseſſen zu kaufen, indem die Gefahr, ije weiter die Entfernung wurde, abnahm, die übernatürliche Aufreizung der Nerven geringer wurde und ſie Müdigkeit und Hunger verſpürte. Die gute ſchwatzhafte Bäuerin ſchien daran Vergnügen zu finden, daß Jemand zu ihr kam, um mit ihr ſchwatzen und nahm ohne weiteres Nachfragen Eliza's Angabe auf, daß ſie„noch ein Stück gehen müſſe, um bei ihren Freunden eine Woche zu verbringen,“ während dieſe in ihrem Herzen hoffte, daß es zur vollen Wahrheit werden möge. Eine Stunde vor Sonnenuntergang erreichte ſie, müde und mit wunden Füßen, aber immer noch ſtarken Herzens, das Städtchen T— am Ohio. Ihr erſter Blick war auf den Fluß gerichtet, welcher gleich dem Jordan zwiſchen ihr und dem Canaan der Freiheit auf der andern Seite lag. Der Frühling hatte begonnen; der Fluß war angeſchwollen und ſtürmiſche und große Eisſchollen ſchwammen träge in dem hohe Wellen werfenden Fluß herab. Durch die eigenthümliche Ge⸗ ſtalt des Ufers an der Kentuckyſeite, wo das Land einen großen Vorſprung in das Waſſer bildet, war das Eis in großen Maſſen aufgehalten worden und der ſchmale Kanal, der um die Krümmung ſtrömte, mit übereinandergehäuften Eisſchollen angefüllt, welche eine augenblickliche Schranke für das herunterkommende Eis bildeten, das ſich feſtſetzte und ein großes bewegliches, den ganzen Fluß einnehmendes und ſich beinahe bis an die Kentuckyufer hinziehendes Floß ausmachte. — 57 — Eliza ſtand am Ufer, betrachtete einen Augenblick das ungünſtige Ausſehen der Dinge, welches, wie ſie bald einſah, das gewöhnliche Fährbvot von ſeiner Verrichtung abhalten mußte und begab ſich in ein kleines Wirthshaus am Ufer, um Nachfrage zu machen. Die Wirthin, welche am Feuer mit Braten und Kochen der Abendmahlzeit beſchäftigt war, wendete ſich mit einer Gabel in der Hand um, als Eliza's liebliche, klagende Stimme ſie erreichte. „Was giebts?“ fragte ſie. „Iſt hier keine Fähre, kein Boot, um einen nach B— überzuſetzen?“ entgegnete Eliza. 33„Rein!“ erwiderte die Frau,„die Boote fahren jetzt n. Eliza's verſtörtes Geſicht fiel der Frau auf und ſie fragte forſchend:„Ihr möchtet wohl gern hinüber? Iſt Jemand frank? Ihr ſcheint ſehr ängſtlich zu ſein?“ „Ich habe ein Kind, welches in großer Gefahr iſt,“ ſagte Eliza,„ich habe es erſt geſtern Abend erfahren und bin heute ſchon ein großes Stück Weges gegangen, da ich hoffte, die Fähre zu erreichen.“ „Ach, das iſt unglücklich!“ ſagte die Frau, deren mütter⸗ liche Theilnahme erregt wurde.„Ihr thut mir wirklich leid. Salomon!“ rief ſie aus dem Fenſter nach einem kleinen Hin⸗ tergebäude, und ein Mann mit einer Lederſchürze und ſehr ſchmutzigen Händen erſchien an der Thüre. „Höre, Salomon!“ ſagte die Frau,„wird der Mann die Fäſſer noch heute Abend hinüberbringen?“ „Er hat geſagt, er würde verſuchen, wenn es räthlich wäre,“ erwiderte der Mann. „Eine Strecke weiter flußabwärts iſt ein Mann, welcher heute Abend mit Waaren hinübergehen will, wenn er nur kann. Er wird zum Abendbrot kommen. Dieſes iſt ein klei⸗ nes nettes Bürſchchen,“ ſetzte die Frau hinzu, indem ſie ihm einen Kuchen anbot; doch das Kind war zu erſchöpft, und fing vor Müdigkeit zu weinen an. „Der arme Burſche; er iſt nicht das Laufen gewöhnt und ich habe ihn zu ſehr angetrieben,“ ſagte Eliza. „Bringt ihn in dieſes Zimmer!“ ſagte die Frau, ein kleines Schlafgemach öffnend, in welchem ein behagliches Bett ſtand. Eliza legte den müden Knaben darauf und hielt ſeine Hände in den ihrigen, bis er ganz eingeſchlafen war. Für ſie war keine Ruhe. Der Gedanke an ihre Verfolger trieb ſie, wie ein verzehrendes Feuer weiter, und ſie blickte mit 58 ſehnenden Augen auf die trüben, ſtürmiſchen Wellen, welche zwiſchen ihr und der Freiheit lagen. Hier müſſen wir ſie für jetzt verlaſſen, um uns zu ihren Verfolgern zu wenden. Obgleich Mrs. Shelby verſprochen hatte, das Mittageſſen in gler Eile auftragen zu laſſen, ſo zeigte es ſich doch bald, daß, wie wir ſchon oft geſehen, zu einem Handel mehr als eine Perſon erfordert wird. Obgleich der Befehl auch im Bei⸗ ſein Haley's gegeben und wenigſtens durch ein halbes Dutzend jugendlicher Boten der Tante Chloe überbracht worden war, ſo ließ dieſe doch nur einige mürriſche Laute hören, ſchüttelte mit dem Kopf und verrichtete Alles, was zu ihrem Amte ge⸗ hörte mit der gewöhnlichen Gemächlichkeit. Aus verſchiedenen Gründen machte ſich unter der Dienerſchaft im Allgemeinen der Gedanke geltend, daß die Miſſis über ein Verzögern nicht beſonders aufgebracht ſein würde, und es war wunderbar, welche Menge von Zufällen ſich beſtändig ereigneten, den ge⸗ wöhnlichen Lauf der Dinge hinauszuſchieben. Ein unglück⸗ ſeliger Burſche warf die Bratenbrüheſchüſſel um, und es mußte neue gemacht werden, mit der gewöhnlichen Sorgfalt und Förm⸗ lichkeit. Tante Chloe führte mit halsſtarriger Feſtigkeit die Aufſicht, und auf alles Antreiben, ſich zu beeilen, gab ſie die Antwort, ſie ſei nicht Willens, ſchlechte Brühe auf den Tiſch zu bringen, um eine Häſcherei zu unterſtützen. Der Eine. ſtürzte mit dem Waſſer hin und her und mußte an den Brunnen gehen, friſches zu holen. Der Andere warf die Butter in den Weg der Ereigniſſe, und von Zeit zu Zeit wurde kichernd die Mittheilung in die Küche gebracht, daß Mr. Haley ſehr unruhig ſei und daß er auf ſeinem Stuhle keine Ruhe habe, ſondern ſtets umhergehe und an die Fenſter und in das Vor⸗ haus trete. „Dieſes iſt ihm ganz recht!“ ſagte Tante Chloe mit Ent⸗ rüſtung,„er wird noch einmal ſchlimmer als unruhig werden, wenn er ſich nicht beſſert. Sein Herr wird ihn holen laſſen, und dann wollen wir ſehen, was für ein Geſicht er dazu machen wird. „Er wird ſicherlich in die Hölle fahren,“ ſagte der kleine Jake. „Er verdients!“ erwiderte Tante Chloe grimmig,„er hat ſo viele, viele, viele Herzen gebrochen. Ich ſage es allen,“ rief ſie, ſich mit einer erhobenen Gabel umwendend, es iſt gerade, wie das, was Mr. George aus der Offenbarung vor⸗ 59 geleſen hat.— Die Seelen ſchreien unter dem Altar, und ſie ſchreien zu Gott um Rache für ſolche, wie er iſt; und Gott wird ſie ſchon erhören; ja er wird es!“ Tante Chloe, in der Küche ſehr verehrt, wurde mit offenen Mäulern angehört, und als das Eſſen aufgetragen worden war, hatte die ganze Küche Zeit, mit ihr zu ſchwatzen und auf ihre Bemerkungen zu lauſchen. „Solche, wie er, müſſen ewig brennen! nicht wahr?“ ſagte Andy. „Ich würde ſehr erfreut ſein, wenn ich es ſehen könnte,“ ſagte der kleine Jake. „Kinder!“ rief eine Stimme, welche alle verſtummen⸗ machte. Es war die von Onkel Tom, der hereingekommen war und die Unterhaltung an der Thür mit angehört hatte. „Kinder,“ ſagte er,„ich fürchte, ihr wißt nicht, was ihr ſagt. Ewig iſt ein furchtbares Wort! Kinder; es iſt ſchrecklich daran zu denken. Ihr ſolltet dies keinem menſchli⸗ chen Geſchöpf wünſchen.“ „Wir würden es keinem andern wünſchen, als den See⸗ lenverkäufern“ ſagte Andy;„kein Menſch kann ſich enthalten es ihnen zu wünſchen; ſie ſind ſo furchtbar ſchlecht.“ „Ruft nicht die Natur ſelbſt gegen ſie!“ entgegnete Tante Chloe;„reißen ſie nicht den Säugling von der Mutterbruſt und verkaufen ihn, und ſchleppen ſie nicht die kleinen Kinder, die ſich an ihren Kleidern feſtklammern, weg, um ſie zu ver⸗ kaufen? treiben ſie nicht Mann und Weib von einander?“ fuhr Tante Chloe jammernd fort.„Iſt es nicht ebenſo, als ob ſie ihnen das Leben nehmen? und haben ſie nur das ge⸗ ringſte Gefühl dabei? Eſſen und trinken ſie nicht mit ge⸗ wöhnlicher Gemächlichkeit? Gott, wenn die der Teufel nicht holt, ſo möchte ich wiſſen, wozu er gut iſt!“ Und Tante Chloe bedeckte ihr Geſicht mit ihrer gewürfelten Schürze, und fing ernſtlich zu weinen an. „Bete für die, welche Dir böſes thun! ſagt die Bibel!“ erwiderte Tom. „Bete für ſie,“ ſagte Tante Chloe;„Gott, das iſt zu viel. Ich kann nicht für ſie beten!“ „Es iſt natürlich, Chloe, und die Natur iſt ſtark,“ ſagte Tom,„doch die Gnade des Herrn iſt ſtärker. Uebrigens ſollteſt Du bedenken, in welchem furchtbaren Zuſtand die Seele eines ſolchen Geſchöpfes ſich beſindet, daß ſolche Dinge thut. Du ſollteſt Gott dafür danken, daß Du nicht biſt, wie er, Chloe. Ich will mich lieber zehntauſendmal verkaufen 60 laſſen, als alle die auf meiner Seele haben, wofür jenes elende Geſchöpf ſich zu rechtfertigen haben wird.“ „Dies wollte ich auch,“ ſagte Jake.„Gott, würden wir nicht dabei gewinnen, Andy?“ Andy zuckte mit den Schultern, und ließ ein beiſtim⸗ mendes Pfeifen hören.. „Es freut mich, daß der Maſter dieſen Morgen nicht fortgegangen iſt,“ ſagte Tom;„dieſes würde mich mehr nie⸗ dergedrückt haben, als das Verkaufen. Es wäre für ihn vielleicht in der Ordnung geweſen, doch würde es mir, der ich ihn von Kindheit auf kenne, verzweifelt ſchwer geworden ſein— doch ich habe den Herrn geſehen und ich fange an, mich mit dem Willen des Herrn auszuſöhnen. Maſter konnte nicht anders; er hat wohl gethan, aber ich fürchte es wird ſchlimm gehen, wenn ich fort bin. Man kann nicht verlan⸗ gen, daß des Maſters Augen beſtändig überall ſein ſollen, wie ich es gethan, und ich fürchte das Ende. Die Burſche meinen es alle gut, aber ſind ungeheuer nachläſſig; das iſt's, was mich beunruhigt.“ Hier klopfte es und Tom wurde in das Geſellſchafts⸗ zimmer gerufen. „Tom,“ ſagte ſein Maſter freundlich,„ich muß Dir be⸗ merklich machen, daß ich mich gegen dieſen Herrn mit tauſend Dollars verbürgt habe, daß Du zur Stelle ſein wirſt, wenn er nach Dir verlangt. Er geht heute, um ſeine andern Ge⸗. ſchäfte zu beſorgen und Du kannſt den Tag für Dich be⸗ nutzen. Gehe wohin Du willſt, mein Burſche!“ „Ich danke Ihnen, Maſter,“ ſagte Tom. „Und merke auf,“ ſagte der Händler,„und komme nicht etwa mit einem Deiner Negerſtreiche, denn ich werde Deinem Herrn den letzten Cent wegnehmen, wenn Du fortläufſt. Wenn er nach mir gehört hätte, ſo würde er Keinem von Euch trauen. Ihr ſeid glatt wie die Aale!“ „Maſter,“ ſagte Tom, und er richtete ſich in die Höhe, 1 „ich war gerade acht Jahre alt, als die alte Miſſis Ste in meine Arme legte und Sie waren noch kein Jahr alt. Da ſagte ſie, Tom, das wird Dein Herr werden; trage Sorge für ihn. Und uun frage ich Sie, Maſter, ob ich je mein Wort gegen Sie gebrochen oder ungehorſam mich gezeigt habe, beſonders ſeitdem ich ein Chriſt wurde.“ Mr. Shelby war tief gerührt und die Thränen rannen aus ſeinen Augen. „Mein guter Burſche,“ ſagte er,„Gott weiß, daß Du 61 nur die Wahrheit ſprichſt und wenn ich fähig geweſen wäre es zu ändern, würde ich um die ganze Welt Dich nicht ver⸗ kauft haben.“ „Und ſo gewiß ich eine Chriſtin bin,“ fagte Mrs. Shelby,„Du ſollſt wieder gekauft werden, ſobald ich nur die Mittel auftreiben kann. Sir,“ ſagte ſie zu Mr. Haley, „beachten Sie, an wen Sie ihn verkaufen und geben mir Nachricht davon.“ „Ja, was das anbelangt, das will ich gern thun,“ antwortete der Händler,„ich will ihn in einem Jahre zu⸗ rückbringen, ohne daß die Abnutzung in der Arbeit ihm viel geſchadet hat und an Sie wieder verkaufen.“ „Ich werde dann mit Ihnen handeln und zu Ihrem Vortheil,“ ſagte Mrs. Shelby. „Ohne Zweifel,“ ſagte der Händler,„mir iſt dies gleich. Ich handle eben ſo gern ſtromaufwärts wie abwärts, wenn ich nur ein gutes Geſchäft mache. Ich will weiter nichts wie leben; wiſſen Sie Madame, und ich denke, das wollen wir Alle.“ Mrs. und Mr. Shelby fühlten ſich unmuthig und herab⸗ gewürdigt von der vertraulichen Unverſchämtheit des Händlers und ſie ſahen Beide die Nothwendigkeit ein, ihre Gefühle zurückzuhalten. Je hoffnungsloſer, ſchmutziger und gefühlloſer er ſich zeigte, deſto größer wurde die Furcht von Mrs. Shelby, daß es ihm gelingen könnte, Eliza und ihr Kind zu erwiſchen und natürlich vermehrte ſich das Beſtreben, alle weibliche Liſt aufzubieten, um ihn aufzuhalten. Sie lachte daher freundlich, ſtimmte ihm bei, plauderte zutraulich und that Alles, damit die Zeit unmerklich verſtrich. Um zwei Uhr brachten Sam und Andy die augenſcheinlich von ihrer am Morgen gehabten An⸗ ſtrengung erholten und erfriſchten Pferde vor. Sam hatte ſie nach Tiſche mit einem Ueberfluſſe von eiliger Dienſtfertigkeit friſch eingeölt. Als Haley ſich ihm näherte, prahlte er in aufſchneideriſchem Ton gegen Andy, daß das Unternehmen ihm unbedingt gelingen müſſe, welches er vorhabe, ſobald er ordentlich im Sattel ſei. „Hat Euer Herr keine Hunde?“ fragte Haley nachdenk⸗ lich, als er im Begriff war, aufzuſitzen. „Eine ganze Menge,“ ſagte Sam triumphirend,„ſehen Sie dort, der Bruno, das iſt ein ganzer Schreier, und außer⸗ dem hat faſt jeder Neger von uns einen Kläffer oder ſonſt einen.“ 62 „Pah,“ ſagte Haley und ſetzte noch etwas hinzu, was auf die Hunde Bezug hatte, worüber Sam murmelte:“ „Ich ſehe nicht die Nothwendigkeit ein, ſie zu verfluchen.“ „Doch Euer Maſter hält wohl keine Hunde— ich kann's mir wohl denken, daß er's nicht thut— um die Neger auf⸗ zuſpüren.“ Sam wußte genau, was er meinte, er behielt aber ſeine Miene ernſthafter und verzweifelter Einfalt bei. „Alle unſere Hunde haben einen ungemein ſcharfen Ge⸗ ruch. Ich denke wohl, daß ſie von der rechten Sorte ſind, obgleich ſie niemals Uebung darin gehabt haben; ſie ſind die beſten Spürhunde auf Alles, wenn ſie nur auf die rechte Spur gebracht werden. Hier, Bruno!“ und er pfiff dem ſchwer⸗ fälligen Neufoundländer, welcher mit tumultuöſen Sprüngen auf ſie zuſprang. „Laß Dich hängen!“ ſagte Haley,„tummle Dich!“ Sam ſprang dem Befehle gemäß auf und wußte Andy auf eine geſchickte Weiſe ſo zu kitzeln, daß dieſer in lautes Lachen ausbrach. Haley war darüber äußerſt aufgebracht und ſchlug mit der Reitpeitſche nach ihm. „Ich bin erſtaunt darüber Andy,“ ſagte Sam mit un⸗ geheuerem Ernſt; es iſt ein ernſtliches Geſchäft Andy, Du mußt nicht denken, daß es Spaß ſei. Dieſes iſt die rechte Weiſe dem Maſter zu helfen.“ „Ich werde den geraden Weg nach dem Fluſſe machen!“ ſagte Haley beſtimmt, als ſie an die Grenzen des Gutes kamen. Ich kenne die Art wie ſie es alle machen, ſie ziehen alle nach dem Unterland.“ „Gewiß!“ ſagte Sam, das iſt der rechte Gedanke. Maſter Haley faßt das Ding auf die rechte Weiſe an. Nun es giebt zwei Wege nach dem Fluſſe, ein ſchmutziger und die Chauſſe, welchen denkt der Maſter zu nehmen?“ Andy blickte unſchuldig auf Sam, erſtaunt über die neue geographiſche Thatſache, die er hörte. Doch dieſer beſtätigte augenblicklich das von ihm Geſagte durch eine laute Wieder⸗ olung. „Sehen Sie!“ ſagte Sam, ich vermuthe eher, daß Lizzy den Kothweg genommen hat, weil dieſer am wenigſten bereiſt wird!“ Haley, trotzdem, daß er ein alter Vogel war, und wenig geneigt, ſich mit Spreu füttern zu laſſen, trat dieſer Anſicht bei. „Wenn Ihr Beide nur nicht ſo verdammte Lügner wä⸗ ret,“ ſagte er zögernd, indem er einen Augenblick nachdachte. 63 Der gedankenvolle Ton, in welchem Dies geſprochen wurde, beluſtigte Andy ungemein und er zog ſich ein wenig nach hinten zurück und ſchüttelte ſich ſo, daß er in Gefahr kam, vom Pferde zu fallen, während Sam's Geſicht ſeine unbewegliche Gravität behielt.* „Gewiß!“ ſagte Sam,„kann der Maſter thun, was er für's Beſte hältz er kann den geraden Weg gehen, wenn der Maſter es für gut findet, uns iſt Alles gleich; wenn ich mir es überlege, ſo denke ich zuletzt auch, daß der gerade Weg der beſte iſt.“ „Es iſt ſicher, daß ſie den einſamen Weg gegangen iſt,“ ſagte Haley laut denkend und Sam's Bemerkung nicht be⸗ achtend. „Dies will ich nicht behaupten!“ meinte Sam.„Die Weiber haben immer etwas Beſonderes; ſie thun nicht Das, was ein Anderer denkt, ſondern immer das Gegentheil. Die Weiber ſind aus Widerſprüchen geſchaffen, und wenn man glaubt, daß ſie den einen Weg gemacht haben, iſt es beſſer, man geht den andern, und dann iſt man ſicher, ſie zu finden. Meine Privatanſicht iſt, daß Lizzy den Kothweg genommen hat, und ich denke, wir würden am beſten thun, wir gingen den geraden Weg.“ Dieſe tiefe Anſicht über das weibliche Geſchlecht im All⸗ gemeinen ſchien Mr. Haley nicht beſonders für den geraden Weg zu ſtimmen, und er ſagte beſtimmt, daß er den andern gehen würde und fragte Sam, wann ſie an demſelben anlan⸗ gen könnten. „Etwas weiter hin!“ ſagte Sam, indem er Andy, der ſich an ſeiner Seite befand, zublinzelte und ernſthaft hinzu⸗ ſetzte:„Ich habe über die Sache nachgedacht und bin ganz klar, daß wir nicht jenen Weg machen ſollten. Ich bin noch nie darauf geweſen. Er iſt verzweifelt einſam und wir könn⸗ ten uns verirren— und wo wir hinauskommen, weiß Gott nur.“ „Trotzdem will ich dieſen Weg einſchlagen!“ ſagte Haley. „Und nun, da ich daran denke, fällt mir ein, gehört zu haben, daß der Weg unten am Bache verſperrt iſt. Iſt es nicht ſo, Andy?“ „ Andy wußte es nicht gewiß, er hatte nur von jenem Wege gehört, und war nie darauf gewefen. Kurz, er wollte ſich nicht blosgeben. Haley gewohnt, die Wahrſcheinlichkeit von Lügen bedeutenderer oder geringerer Größe abzumeſſen, glaubte, daß ſie ſich zu Gunſten des vorerwähntin Kothweges 64 hinneigte. Er glaubte bemerkt zu haben, wie Sam anfangs die Sache unwillkührlich erwähnt habe, und ſeine verwirrten Verſuche ihn davon abzuhalten, ſchrieb er der weiteren Ueber⸗ legung und Abneigung, Eliza einfangen zu laſſen, zu. Als Sam daher den Weg anzeigte, ſchlug Haley, gefolgt von Sam und Andy, denſelben augenblicklich ein. Es war in der That ein alter Weg, der früher an den Fluß entlang geführt hatte, doch nach der Anlegung der neuen Straße ſeit vielen Jahren nicht mehr befahren. Man konnte ungefähr eine Stunde lang darauf ungehindert reiten, aber von da an war er durch verſchiedene Felder und Einzäunungen verſperrt. Sam kannte dieſen Umſtand vollkomr en, und in der That, der Weg war ſchon ſo lange außer Bebeauc geweſen, daß Andy niemals etwas davon gehört hatte. Er ritt daher mit einer Art pflichtmäßiger Unterwürfigkeit darauf weiter und ſtöhnte und ſchrie nur gelegentlich, daß er verzweifelt rauh und ſchlecht für Jerry's Füße wäre. „Hörſt Du?“ ſagte Haley,„ich kenne Dich, Du wirſt mich mit all Deinem Jammern von dieſem Wege nicht ab⸗ bringen. Mache alſo Deine Falle zu!“ „Der Maſter muß ſeinen Willen haben!“ ſagte Sam mit kläglicher Unterwürfigkeit, winkte aber zu gleicher Zeit Andy zu, deſſen Ergötzen jetzt beinahe zum Ausbruch gekom⸗ men war. Sam war in der wundervollſten Laune; er that, als ob er ſich fortwährend umſähe. Bald rief er aus, daß er einen Weiberhut auf dem Gipfel einer fernen Höhe erblicke, bald fragte er Andy, ob das dort im Thale nicht Lizzy ſei. Im⸗ mer fanden aber dieſe Ausrufungen in einem felſigen oder rauhen Theile des Weges ſtatt, wo die plötzliche Beſchleuni⸗ gung für alle Betheiligten ganz beſonders unbehaglich war und erhielt ſo Haleh in fortwährender Aufregung. Nachdem ſie auf dieſe Weiſe ungefähr eine Stunde weit geritten wa⸗ ren, kam die ganze Geſellſchaft plötzlich und lärmend in ein Wirthſchaftsgebäude, das zu einem bedeutenden Gute gehörte. Man ſah keine Seele. Alle Arbeiter waren auf dem Felde beſchäftigt. Da jedoch die Scheune unverkennbar quer über den Weg gebaut war, erwies es ſich, daß ihre Reiſe in die⸗ ſer Richtung ein beſtimmtes Ende erreicht hatte. „Iſt es nicht ſo, wie ich's dem Maſter geſagt habe?“ — rief Sam mit einer Miene der beleidigten Unſchuld,„wie können fremde Herren glauben, eine Gegend beſſer zu kennen, als diejenigen, welche darin geboren und aufgewachſen ſind?“ 65 „Schurke!“ ſagte Haley,„Du haſts wohl gewußt!“ „Habe ich es Ihnen nicht geſagt, daß ich es wiſſe aber Sie wollten mir nicht glanben. Ich habe dem Maſter geſagt, daß Alles geſchloſſen und verzäunt ſei und daß ich nicht glaube, daß wir durchkommen würden, Andy hat's gehört.“ Es war nur zu wahr, als daß es beſtritten werden konnte und der unglückliche Händler mußte ſeine Wuth ſo gut er konnte in die Taſche ſtecken, und alle Drei bogen rechts ab, um den Marſch nach der Landſtraße anzutreten. In Folge aller dieſer Abhaltungen dauerte es ungefähr drei vier⸗ tel Stunden, nachdem Eliza ihr Kind in dem Dorfwirthshauſe ſchlafen gelegt hatte, ehe die Geſellſchaft vor demſelben ankam. Eliza ſtand am Fenſter und blickte nach einer andern Seite, als Sam's ſcharfes Auge ihrer anſichtig wurde. In dieſem ſchwierigen Augenblick richtete es Sam ſo ein, daß der Wind ihm den Hut vom Kopfe wehte und er ſtieß einen lauten charakteriſtiſchen Schrei aus, welcher ſie ſofort aufmerkſam machte, ſie zog ſich plötzlich zurück und der ganze Zug begab ſich, an dem Fenſter vorüber, nach der Vorderthür. In die⸗ ſem Augenblick ſchienen ſich in Eliza tauſend Leben zu ver⸗ einigen. Ihr Zimmer führte durch eine Seitenthür nach dem Fluſſe hin. Sie erfaßte ihr Kind und ſprang die zum Fluſſe führende Treppe hinunter. Der Händler erblickte ſie, als ſie eben hinter dem Ufer verſchwand, warf ſich von ſeinem Pferde, rief Sam und Andy laut zu, ihm zu folgen und war hinter ihr her, wie ein Jagdhund hinter einem Reh. In dieſem ſchwierigen Augenblick war es ihr, als ob ihre Füße kaum den Boden berührten und ſie war augenblicklich am Rande des Waſſers. Die Verfolger waren ihr dicht auf dem Fuße, und von einer Kraft beſeelt, wie ſie Gott nur den Verzwei⸗ felten giebt, ſprang ſie mit einem wilden Schrei über die trübe Strömung am Ufer bis auf die jenſeits liegende Eis⸗ ſcholle. Es war ein ungeheuerer Sprung, den nur Wahn⸗ ſiun oder Verzweiflung auszuführen im Stande iſt, und Ha⸗ ley, Sam und Andy ſtießen inſtinktmäßig einen Schrei aus, erhoben ihre Hände, als ſie es that. Das ungeheure, grüne Eisſtück, auf welches ſie gelangte, ſchwankte und knarrte, als ihre Laſt darauf ankam, aber ſie verweilte keinen Augenblick. Unter wildem Geſchrei und verzweifelter Energie ſprang ſie von einem zum andern und wieder auf eine andere Scholle. Strauchelnd, ſpringend, ausgleitend, wieder emporkommend, weiter, nur immer weiter. Sie hatte ihre Schuhe verloren; 66 die Strümpfe ſind ihr von den Füßen geriſſen. Blut bezeich⸗ net jeden Schritt. Aber ſie ſieht nichts, fühlt nichts, bis end⸗ lich ſie undeutlich wie in einem Traume die Ohio⸗Seite er⸗ blickt und ein Mann ihr das Ufer hinaufhalf. „Du biſt ein wackeres Mädchen, wer Du immer auch ſeieſt!“ ſagte der Mann mit einem Schwure. Eliza erkannte die Stimme und das Geſicht eines Man⸗ nes, welcher unweit ihrer alten Heimat ein Gut beſaß. „Ach Mr. Simmes, retten Sie mich! bitte, bitte! verſtecken Sie mich!“ rief Eliza. „Ei, was iſt Das?“ fragte der Mann,„wahrhaftig, es iſt Shelbys Mädchen.“ „Mein Kind!— dieſer Knabe— er hat ihn verkauft; dort iſt ſein Vater!“ ſagte ſie auf das Kentuck) Ufer zeigend. O! Mr Simmes, Sie haben ſelbſt einen Knaben.“ „Den habe ich!“ ſagte der Mann rauh, jedoch freund⸗ lich, indem er ſie das ſteile Ufer hinaufzog.„Ueberdies biſt Du ein wackres Mädchen und ich liebe den Muth, wo ich ihn immer auch finde.“ Als ſie die Höhe des Ufers erreicht hatte, blieb der Mann ſtehen.*. „Ich wäre ſehr erfreut, etwas für Dich thun zu können,“ ſagte er,„aber ich weiß nicht, wohin ich Dich ſchaffen ſoll. Das Beſte, was ich thun kann, iſt, daß ich Dir ſage dort⸗ hin zu gehen, ſprach er auf ein weißes großes Haus deutend, welches von der Hauptſtraße des Dorfes abſeits ſtand. „Geh dort hin! Es ſind gute Leute und es giebt durchaus keine Gefahr, aus der ſie Dir nicht helfen werden. Sie wiſ⸗ ſen mit dergleichen Dingen Beſcheid.“ „Gott ſegne Sie! ſagte Eliza ernſt. „Es iſt gern geſchehen!“ ſagte der Mann, was ich ge⸗ than habe, iſt nicht viel.“ „Ach Sir, Sie werden es doch aber keinem mittheilen?“ „Gehe zum Teufel Mädchen! wofür hältſt Du mich? ſagte der Mann. Geh, mache Dich auf den Weg, wie ein hübſches vernünftiges Mädchen. Du haſt Deine Freiheit ver⸗ dient und ſollſt ſie haben, wenn ich etwas dazu beitragen kann.“ Eliza drückte ihr Kind an ihren Buſen und ſchritt feſt und ſchnell vorwärts. Der Mann blickte ihr nach. „Shelby wird dies vielleicht nicht für die freundnachbar⸗ lichſte Sache von der Welt halten, jedoch, was ſoll man thun, wenn er eins von meinen Mädchen in derſelben Lage findet, ſo geſtatte ich ihm gern, es mir zu vergelten. Ich kenne ihn 67 nicht, aber ich habe nie ein Geſchöpf ſich ſo abmühen und feuchen und ſich zu retten verſuchen ſehen können, wenn die Händler hinter ihm waren, ohne gewünſcht zu haben, ihm bei⸗ zuſtehen. Außerdem ſehe ich auch nicht ein, weshalb ich für andere Leute den Jäger und Häſcher abgeben ſoll.“ „Haley hatte als ein verſteinerter Zuſchauer der Scene dageſtanden bis das Mädchen auf der Höhe verſchwand, „wendete ſich dann mit verblüffter,“ fragender Miene nach Sam und Andy. „Das war ein durchaus leidliches Geſchäft,“ ſagte Sam. „Das Mädchen hat ſieben Teufel im Leibe, glaube ich,“ rief Haley,„ſie kletterte wie eine wilde Katze.“ „Nun, nun!“ ſagte Sam, indem er ſich den Kopf kratz⸗ te;“ ich hoffe, der Mr. wird nicht verlangen, daß wir den⸗ ſelben Weg verſuchen, ich glaube nicht, daß ich rüſtig genug dazu bin.“ Und Sam ließ ein dumpfes Kichern hören. „Du lachſt?“ fragte murrend der Händler. „Gott bewahre Sie Mr. ich kann nicht anders;“ ſagte Sam, indem er ſich ſeiner lang enthaltenen Freude hingab;„ſie ſah ſo curios aus, wie ſie dort ſprang und flog, wie das Eis krachte und ſie daxüber ſetzte— plumps— Kerſchunks— Kerſchlic! Gott, welche Sprünge ſie machte!“ Und Sam und Andy lachten, bis die Thränen ihnen bis über die Jak⸗ ken liefen. „Ich werde Euch auf der andern Seite des Maules zum Lachen bringen!“ ſagte der Selavenhändler ſie mit ſei⸗ ner Reitpeitſche über die Köpfe ſchlagend. Beide duckten ſich und liefen ſchreiend das Ufer hinauf und waren auf ihren Pferden, bevor er da war. „Guten Abend Mr.!“ ſagte Sam mit vielem Ernſt; ich fürchte ſehr, daß die Miſſis wegen der Jerry ängſtlich ſein wird; Mr. Haley gebraucht unſerer länger nicht. Die Miſſis würde nicht zugeben, daß wir heute Abend mit unſern Thieren über Lizzys Brücke ritten.“ Und indem er Andy ei⸗ nen ſpaßhaften Rippenſtoß gab, machte er ſich davon. Je⸗ ner folgte ihm eilig, und ihr Gelächter verhallte allmählig im Winde. 68 Achtes Kapitel. Eliza's Flucht. Eliza's verzweifelte Flucht über den Fluß geſchah im Zwielicht. Der graue vom Fluſſe aufſteigende Abendnebel verhüllte ſie, als ſie am Ufer verſchwand, und der ange⸗ ſchwollene Strom und die treibenden Eisſchollen boten ein unüberwindliches Hemmniß den Verfolgern. Deshalb kehrte Haley mißgeſtimmt zurück um zu erwägen, was ferner zu thun ſei. Das Weib öffnete ihm ein kleines Zimmer, deſſen Boden ein reicher Teppich deckte und einen Tiſch mit glänzen⸗ dem Wachstuchbezug und verſchiedene ſchlanke hochlehnige Holz⸗ ſtühle enthielt; auch befanden ſich auf dem Kaminſims einige Gipsbilder mit ſchimmernden Farben, über einem rauchigen Irſi eine lange hölzerne Bank dehnte ihre unbehagliche änge an dem Kamine aus und dort ſetzte ſich Haley nieder, um nachzudenken über die Wankelmüthigkeit der menſchlichen Hoffnungen und des Glückes im allgemeinen. „Ich möchte nur gern wiſſen, was ich mit dem kleinen Racker gewollt habe!“ ſagte er zu ſich,„daß ich mich in die⸗ ſer Weiſe habe aufs Trockne ſetzen laſſen wie ein Waſchbär;“ Haley verſchaffte ſich dadurch Erleichterung, daß er eine nicht eben ausgeſuchte Litanei von Verwünſchungen ſeiner ſelbſt laut werden ließ, welche wir, wenn wir ſie auch vollkommen für wahr hielten, des guten Geſchmackes wegen doch nicht mitthei⸗ len wollen. Er wurde durch eine laute und mißtönige Stimme eines Mannes aus ſeiner Träumerei gerüttelt, welcher vor der Thür abzuſteigen ſchien. Er eilte an das Fenſter. „Bei Gott! Das iſt das nächſte von dem, was die Leute Vorſehung nennen, und welches mir je vorgekommen iſt;“ ſagte Haley,„ich glaube in der That, daß es Tom Lo⸗ ker iſt. Haley eilte hinaus. An dem Schenktiſch in der Ecke des Zimmers ſtand ein muskulöſer ſtarker Mann, volle 6 Fuß hoch und von verhältrißmäßiger Breite, Er trug einen Ue⸗ berrock von Büffelfell mit den Haaren nach Auswärts gewen⸗ det, welches ihm ein zottiges wildes Ausſehen verlieh, voll⸗ kommen übereinſtimmend mit der Phyſiognomie deſſelben. Kopf, Geſicht, kurz jedes Organ und jeder Ausdruck, bezeichneten brutale rückſichtsloſe Gewaltthätigkeit, und in der höchſten 69 Vollendung entwickelt. Wenn ſich unſer Leſer einen in einen Menſchen verwandelten und in Hut und Rock umhergehenden Bullenbeißer vorſtellen könnte, ſo würde er kein unpaſſendes Bild von dem allgemeinen Eindruck welchen ſeine körperliche Erſcheinung hervorbrachte, erhalten.— Er war begleitet von einem Gefährten, der in den meiſten Beziehungen den voll⸗ kommenſten Contraſt gegen ihn abgab. Dieſer war klein und ſchlank, gelenkig und katzenartig in ſeinen Bewegungen und ſeine ſtechenden, ſchwarzen Augen verriethen einen ſpä⸗ henden Ausdrück, welcher mit jedem Zuge ſeines Geſichts zu⸗ ſammentraf. Seine dünne lange Naſe ragte hervor, als ob ſie begierig danach verlange in der Natur der Dinge im All⸗ gemeinen ſich einzubohren. Sein dünnes ſchwarzes und glat⸗ tes Haar war nach vorn gerichtet und alle ſeine Bewegun⸗ gen und Evolutionen zeigten eine trockne, vorſichtige Klugheit. Der große, ſtarke Mann ſchenkte ſich ein großes Glas halb voll Branntwein ein und ſtürtzte es, ohne ein Wort zu ſagen, hinab; der kleine Mann ſtand auf den Zehen, wiegte ſeinen Kopf erſt auf die eine, dann auf die andre Seite, ſchnüfffelte beträchtlich nach der Richtung der verſchiedenen Flaſchen hin und beſtellte endlich mit dünner, zitternder Stimme und einer Miene der größten Vorſicht einen Mink Julep. Als ihm die⸗ ſer eingeſchenkt war, nahm er ihn, beſchaute ihn mit einer wohlgefülligen Miene, wie ein Mann, welcher denkt, recht ge⸗ than und den Nagel auf den Kopf getroffen zu haben und machte ſich daran, ihn in kurzen und wohlbedächtigen Zügen hinunter zu ſchlürfen. „Wer hätte gedacht, daß ich ſolch Glück haben würde. Ei Loker, wie gehts Euch?“ ſagte Haley, indem er vortrat und dem Mann ſeine Hand hinhielt. „Der Teufel!“ lautete die höfliche Antwort,„was bringt Euch hierher?“ Der katzenartige Mann, der den Namen Marks hatte, hielt ſogleich im Schlürfen inne, ſtreckte den Kopf vor und blickte auf unſern neuen Bekannten wie eine Katze zuweilen auf ein raſchelndes dürres Blatt oder auf irgend einen andern Gegenſtand ihres Verlangens zu ſchauen pflegt. „Mr. Tom, das iſt das Glücklichſte, was mir in der Welt paſſiren kann; ich bin in einer verteufelten Klemme und Du mußt mir heraushelfen.“ „Oh, Das ſieht Euch ähnlich,“ grinſte ſein freundlicher Bekannter,„man iſt deſſen ganz ſicher, wenn Ihr Euch freut, 70 Einen zu ſehen, dann giebt's was zu verdienen. Was iſt's jetzt?“ „Ihr habt einen Freund hier,“ ſagte Haley zweifelnd auf Marks blickend,„gar einen Compagnon.“ „Ja der iſt's. Hier Marks, das iſt der Burſche, mit dem ich in Natchez ein Geſchäft machte.“ „Ich werde ſehr erfreut ſein, mit ihm bekannt zu werden,“ ſagte Marks, eine lange, dünne Hand wie eine Rabenklaue hervorſtreckend.„Mr. Haley, glaube ich!“ „Der iſt's, Sir,“ ſagte Haley,„doch nun Ihr Herren, da wir uns nun ſo glücklich zuſammengefunden haben, ſo will ich Euch hier in dieſem Zimmer traktiren. Nun, Du alter Waſchbär,“ fuhr er gegen den Mann an dem Schenktiſch ge⸗ wendet fort,„bringe uns heißes Waſſer und Zucker und Ci⸗ garren und eine reichliche Quantität von dem wirklichen Stoff— und wir wollen es uns behagen laſſen.“ Haley begann eine Erzählung von ſeiner eigenthümlichen Noth. Loker preßte den Mund zuſammen und hörte ihm mit mürriſcher Aufmerkſamkeit zu. Marks, der ſich geſchäftig ein Glas Punſch nach ſeinem Geſchmacke zurechtmachte, ſah von Zeit zu Zeit auf, ſtieß mit ſeiner ſpitzen Naſe und dem entſpre⸗ chend langen Kinn beinahe Haley in's Geſicht und ſchenkte der ganzen Erzählung die ernſteſte Aufmerkſamkeit. Das Ende der⸗ ſelben ſchien ihn zu amüſiren, denn er ſchüttelte ſchweigend ſeine Schultern und Seiten und verzog ſeine dünnen Lippen mit der Miene von innerem Wohlbehagen. „Sie ſind alſo auf's Trockene geſetzt?“ ſagte er;„ha, ha, ha! es iſt ſehr nett abgemacht worden.“ „Das Geſchäft mit Kindern macht einem im Handel viel zu ſchaffen,“ bemerkte Haley kläglich. „Wenn wir nur eine Zucht Mädchen kriegen könnten, die ſich nichts aus ihren Kindern machten,“ ſagte Marks, „ich denke, das würde die größte Erfindung unſerer Zeit ſein,“ und er begleitete ſeinen Einfall mit einem ruhigen Gekicher. „So iſt's,“ ſagte Haley,„ich habe es nie einſehen können. Die Kleinen machen ihnen viele Mühe und Noth;— man ſollte glauben, ſie würden froh ſein, ſie loszuwerden; aber es iſt nicht ſo, und je mehr ein Kind Mühe macht und je nichts⸗ nutziger es im Allgemeinen iſt, deſto feſter hängen ſie an ihm.“ „Mr. Haley,“ ſagte Marks,„geben Sie mir das heiße Waſſer herüber. Ja, Sie ſagen gerade, was ich fühle; ich kaufte einmal ein Mädchen, als ich den Handel noch betrieb— eine feſte, hübſche Dirne von ungeheurer Munterkeit— und ſie hatte ein Kind, das zum Erbarmen kränkelte; es hatte einen Buckel oder ſo etwas und ich ſchenkte es einem Manne, welcher glaubte die Gefahr übernehmen zu können es aufzuziehen, da es nichts koſtete— natürlich dachte ich, das ſich das Mädchen nichts daraus machen würde.— Aber lieber Gott! Sie hätten nur ſehen ſollen, wie ſie es trieb. Wirklich, ſie ſchien das Kind nur um ſo ſtärker zu lieben, weil es kränk⸗ lich und mürriſch war und ſie beſtändig plagte, und ſie that nicht blos ſo— ſie weinte ſo darüber, grämte ſich ſo ab, als ob ſie alle ihre Freunde in der Welt verloren hätte. Es war drollig darüber nachzudenken. Gott, die Weiberlaunen ſind unendlich.“ „So erging's mir gerade,“ ſagte Haley;„im vergange⸗ nen Sommer erhandelte ich unten am Red⸗River ein Mäd⸗ chen mit einem ganz hübſchen Kinde, deſſen Augen eben ſo klar ausſahen wie die Ihren; doch als ich es näher betrach⸗ tete, fand ich es ſtockblind, wahrhaftig es war ſtockblind!— Nun dachte ich, es würde nicht ſchaden, wenn ich es weiter gebe und nichts darüber ſage, und ich verhandelte es gegen ein Faß Whisky: aber als es daran ging, den Jungen von der Dirne zu nehmen, war ſie wie eine Tigerin. Als wir aufbrechen wollten und ich meine Heerde noch nicht zuſammen⸗ gekettet hatte, ſprang ſie wie eine Katze auf einen Baum⸗ wollenballen, riß einem der Matroſen das Meſſer aus der Hand und hieb und ſtach wie raſend um ſich, bis ſie ſah, daß es nichts nützte und dann wandte ſie ſich um und ſtürzte ſich in den Fluß, plumpſte unter und kam nicht mehr zum Vorſchein. „Pah!“ ſagte Tom Loker, welcher dieſe Geſchichten nur mit ſchlecht verfehltem Mißfallen angehört hatte;„Ihr wißt es Beide nicht gut anzufangen. Meine Dirnen machen keine ſolche Wirthſchaft, das kann ich Euch ſagen.“ „WVirklich!“ ſagte Marks ſchnell,„wie könnt ihr es ändern?“ „Aendern?“ Ei, wenn ich eine Dirne kaufe, und ſie hat ein Kind, das verkauft werden ſoll, ſo gehe ich gerade auf ſie zu und halte ihr meine Fäuſte vor's Geſicht und ſage: Schaue her nun, wenn du ein Wort hören läßt, ſo ſchlage ich Dir das Geſicht ein. Ich will nicht ein Wort hören, nicht den Anfang eines Wortes. Ich ſage Dir: dies Kind iſt mein, nicht Dein und du haſt nichts damit zu thun. Ich werde es verkaufen, ſobald ich kann und höreſt Du, daß Du kein Weſen deshalb machſt, ſonſt ſollſt Du wünſchen, nie ge⸗ 2 ⸗ boren worden zu ſein. Ich ſage Euch, ſie ſehen, daß ich nicht ſcherze, wenn ich anfaſſe. Ich behandle ſie dann wie die Fiſche und wenn eine von ihnen lärmt und zu heulen beginnt— nun—“ und Mr. Loker ſchlug mit ſeimer Fauſt mächtig auf den Tiſch und endete damit ſeine Rede, ſo daß ihn Beide ge⸗ nügend verſtanden.. „Das nenne ich Nachdruck,“ ſagte Marks, indem er in die Seite ſtieß und wieder zu kichern anfing;„iſt om nicht ein origineller Kauz? Hahaha!“ „Hört Tom! ich glaube, das Ihr ihnen Verſtändniß bei⸗ bringt, denn alle Neger haben Wollköpfe, ſie haben nie über den Sinn Eurer Worte gezweifelt, Tom. Wenn Ihr nicht ein Teufel ſeid, Tom, ſo ſeid Ihr ſein Zwillingsbruder. Dies mag Euch geſagt ſein.“ Tom empfing das Kompliment mit ſchicklicher Beſcheiden⸗ heit und machte das freundliche Geſicht, welches, wie John Bungan ſagt, mit ſeiner hündiſchen Natur verträglich war.“ Haley, welcher ziemlich viel getrunken hatte, begann eine merk⸗ liche Erweiterung und eine bedeutende Vermehrung ſeiner Mo⸗ ralität zu fühlen— eine Erſcheinung, welche nicht ungewöhn⸗ lich bei ernſten nachdenkenden Naturen unter gleichartigen Um⸗ ſtänden ſich kund giebt. „Nun Tom,“ ſagte er, Ihr macht es wirklich zu ſchlimm, ich habe es Euch ſtets geſagt: Ihr wißt Tom, daß ich über dergleichen Dinge in Natchez mit Euch zu reden pflegte und Euch bewies, daß wir grade eben ſo viel verdienten und in dieſer Welt eben ſo gut daran wären, wenn wir ſie gut be⸗ handelten, außerdem eine beſſere Ausſicht hätten in den Himmel zu kommen, wenn es an's Sterben geht, und ſonſt nichts mehr anzufangen iſt. „Pah!“ ſagte Tom, ich weiß es. Doch macht mich nicht krank mit eurem Zeug— mein Magen iſt etwas angegriffen.“ Und Tom trank ein halbes Glas unvermiſchten Branntwein aus. „Nun?“ ſagte Haley ſich in ſeinem Stuhl zurücklehnend und ausdrucksvoll geſtikulirend!„Das muß ich ſagen, ich habe ſtets meinen Handel ſo getrieben, daß ich in Allem ſo viel Geld davon verdient, wie irgend einer, doch das Handeln iſt nicht Alles und das Geld iſt nicht das Einzige, denn wir haben alle Seelen. Es kümmert mich nicht, wer mich hört und ich denke häufig genug daran, drum mag es meinetwegen heraus. Ich glaube an die Religion und eines Tages, wenn ich mein Schäſchen in's Trockne gebracht habe, denke ich für 73 meine Seele und dergleichen zu ſorgen. Was nützt es alſo mehr Böſes zu thun, als wirklich nothwendig iſt?— Es ſcheint mir nicht ſchicklich zu ſein! „Für deine Seele ſorgen!“ wiederholte Tom verächtlich. „Der muß ein ſcharfes Auge haben, der in Euch eine Seeie findet. In dieſer Beziehung könnt Ihr euch alle Sorgen er⸗ ſparen. Selbſt der Teufel würde keine Seele bei Euch finden, wenn er Euch auch durch ein Haarſieb ſchüttelt.“ „Ei Tom, Ihr ſeid übelgelaunt,“ ſagte Haley, warum wollt Ihr es nicht zum Guten aufnehmen, wenn einer zu Eu⸗ rem Beſten ſpricht?“ „Haltet Euren Mund!“ erwiderte Tom mürriſch,„ich kann all Euer Geſchwätz ertragen, nur nicht das fromme; das fromme, das tödtet mich gradezu. Am Ende, worin beſteht der Unterſchied zwiſchen Euch und mir? Er liegt nicht etwa darin, daß Ihr Euch um dergleichen Dinge mehr kümmert, oder daß Ihr mehr Gefühl habt.— Es iſt eine Hundege⸗ meinheit!— Ihr wollt den Teufel betrügen und Eure Haut retten. Ich durchſchaue Euch wohl und was Eure Religion oder Religioſität, wie Ihr es nennt, betrifft, ſo iſt es wirklich zu giftgemein, wenn Einer ſein ganzes Leben lang beim Teu⸗ fel eine Rechnung hat auflaufen laſſen und ſich dann, wenn der Zahltermin eintritt, davon ſchleicht.“ „Still meine Herren; ſo werden keine Geſchäfte gemacht,“ ſagte Marks. Man kann, wie Sie wiſſen, die Dinge von verſchiedenen Seiten anſehen. Mr. Haley iſt ohne Zweifel ein ganz netter Menſch, der ſein Privatgewiſſen hat, und Tom, Ihr habt Eure Weiſe; es iſt aber eine gute Weiſe, Tom! Aber das Zanken, wißt Ihr, taugt zu gar nichts. Laßt uns ans Geſchäft gehen. Nun Mr. Haley, wie iſt's? Sie ver⸗ langen, daß wir es unternehmen, jenes Mädchen einzufangen.“ „Das Mädchen iſt nicht meine Sache.— Es gehört Shelby.— Es iſt nur der Junge, ich war ein Narr, daß ich den Affen kaufte.“ „Ihr ſeid gewöhnlich ein Narr“, ſagte Tom verdrießlich. „Ruhig Lokor, kein Gepolter“, ſagte Marks, ſeine Lippen leckend,„Ihr ſeht, daß Mr. Haley uns ein gutes Geſchäft übergeben will, verhaltet Euch jetzt ruhig! In ſolcher An⸗ ordnung bin ich ſtark. Wie ſieht das Mädchen aus, Mr. Haley? Was iſt ſie?“ Nun, ſie iſt weiß und hübſch und wohlerzogen. Ich würde Shelby achthundert bis tauſend für ſie gegeben und doch noch einen guten Theil an ihr verdient haben.“ „Weiß und hübſch und gut erzogen?“ rief Marks, deſ⸗ ſen ſcharfe Augen, Naſe und Mund von Unternehmungsluſt belebt wurden. Schaut auf Loker, das ſind herrliche Eröff⸗ nungen. Wir werdeu hier auf eigene Rechnung ein gutes Geſchäft machen. Wir fangen ſie, der Junge wird natürlich an Mr. Haley gegeben und das Mädchen ſchaffen wir nach Orleans und ſpekuliren mit ihr. Iſt es nicht wunderſchön. Tom, deſſen großer und ſchwerfälliger Mund während dieſer Mittheilung geöffnet war, ließ ihn plötzlich zuſammenſchnappen, wie es ein großer Hund bei einem Stück Fleiſch zu machen pflegt, und ſchien den Gedanken gemächlich zu verdauen. „Seht Ihr!“ ſagte Marks zu Haley, ſeinen Punſch um⸗ rührend,„wir haben auf allen Punkten des Ufers Friedens⸗ richter, welche die kleinen Geſchäfte, zu denen wir ſie be⸗ nutzen, billig genug verrichten. Tom übernimmt den Gewalt⸗ ſtreich und ich komme fein gekleidet— mit gewichſten Stie⸗ feln, Alles nach dem neueſten Schnitt— wenn es ans Schwören geht. Ihr ſollt ſehen,“ fuhr Marks vom Berufs⸗ ſtolze erwärmt fort, wie ich mich verändern kann. An einem Tage bin ich Mr. Twicken aus Neu⸗Orleans. Eines anderen Tages komme ich ſo eben von meiner Pflanzung am Perlriver, wo ich gegen ſiebenhundert Neger beſchäftige. Dann komme ich wieder, als ein entfernter Verwandter Henry Clays, oder als irgend ein alter Hahn aus Kentuckh zum Vorſchein. Ihr ſeht, die Talente ſind verſchieden. Tom iſt ein Mordkerl, wenn eine Prügelei ausgeführt werden ſoll, aber zum Lügen iſt er nicht zu gebrauchen.— Ihr ſeht, es kommt bei ihm nicht ſo natürlich heraus; aber meine Seele, wenn es im Lande einen Burſchen giebt, der alles und jedes beſchwören, und alle Umſtände und Nebenſachen mit einem ehrlicheren Ge⸗ ſicht einſchieben und beſſer durchbringen kann als ich, ſo möchte ich ihn ſehen, weiter wünſche ich nichts. Ich glaube, ich würde mich ſelbſt dann noch durchwinden, wenn die Friedens⸗ richter aufmerkſamer wären, als ſie jetzt ſind. Zuweilen wünſche ich, daß ſie es ſein möchten; es würde weit angeneh⸗ mer ſein, gäbe mehr Spaß. Wißt Ihr? Tom Loker, welcher, wie wir gezeigt haben, ein Mann von langſamen Gedanken und Bewegungen war, unterbrach hier Marks dadurch, daß er mit ſeiner ſchweren Fauſt auf den Tiſch ſchlug, daß alles erzitterte. „Es wird gehen!“ ſagte er. „Gott behüte Euch Tom! Ihr braucht deshalb nicht alle 75 Gläſer zu zerbrechen!“ ſagte Marks.„Bewahret Eure Fauſt für die Zeit der Noth.“ „Aber Ihr Herren, bekomm ich keinen Theil von dem Profit?“ fragte Haley. „Und iſt es nicht genug, daß wir Euch den Knaben einfangen?“ ſagte Loker,„was wollt Ihr mehr?“ „Nun!“ ſagte Haley,„wenn ich Euch das Geſchäft ver⸗ ſchaffe, ſo iſt es doch ſchon etwas werth— gebt mir zehn Prozent vom Vortheil nach Abzug der Koſten.“ „Nun!“ rief Loker mit einem furchtbaren Fluche, mit einer ſeiner Fäuſte auf den Tiſch ſchlagend.„Ich kenne Euch Haley, glaubt nur ja nicht mich zu übervortheilen. Glaubt ihr, daß Marks und ich uns aufs Sklavenfangen gelegt haben, um Leuten wie Euch gefällig zu ſein, und für uns ſelbſt nichts zu verlangen? Nein, dazwiſchen liegt ein langer Strich. Wir behalten das Mädchen für uns und Ihr verhaltet Euch ruhig, ſonſt nehmen wir beide— wer will uns daran verhindern? Habt Ihr uns nicht die Fährte gezeigt; wir können hoffent⸗ lich eben ſo gut ſpüren, wie Ihr; wenn Ihr oder Shelby uns aufjagen wollt, ſo ſeht Euch nur nach den vorjährigen Rebhühnern um, und wenn Ihr die findet oder uns, ſo ſeid Ihr uns ganz willkommen.“ „Ja wohl! gewiß! Es mag meinetwegen ſo ſein!“ ſagte Haley beunruhigt. Ihr fangt den Jungen ein, das ſoll mein Theil gelten. Ihr habt gegen mich ſtets ehrlich gehandelt und ſtets Wort gehalten.“ „Das wißt Ihrs“ ſagte Tom, ich laſſe mich nicht auf Eure Schnüffelei ein, doch würde ich ſelbſt den Teufel nicht belügen; was ich einmal verſpreche halte ich. Ihr wißt das Tom Haley.“ „Ganz Recht, ganz Recht! ich ſagte ſo Tom!“ erwiderte Haley,„und wenn Ihr mir das Verſprechen gebet, mir den Jungen in einer Woche auf irgend eine von Euch benannte Stelle zu bringen, ſo verlange ich weiter nichts.“ „Aber das iſt bei weitem nicht alles, was ich verlange,“ ſagte Tom.„Ihr glaubt doch nicht, daß ich ohne jeden Nutzen mit Euch unten in Natchez in Geſchäfte geſtanden habe? Haley! ich habe einen Aal feſthalten gelernt, wenn man ihn gefangen hat. Bevor Ihr nicht baare fünfzig Dol⸗ lars auf den Tiſch legt, geht dieſes Kind nicht von der Stelle. Ich kenne Euch.“ „Was? wenn Ihr ein Geſchäft in der Hand habt, das Euch einen reinen Gewinn von Tauſend bis ſechszehn Hundert 76 einbringen kann? Ei, Tom, Ihr ſeid unvernünftig,“ ſagte aley. „Haben wir nicht Geſchäfte, welche unſere ganze Zeit von fünf Wochen in Anſpruch nehmen?— und angenommen, daß wir Alles verlaſſen und nach Eurem Jungen auf das Buſchklopfen gehen, und die Dirne nicht finden,— denn die Mädchen haben gewöhnlich den Teufel im Leibe— wie dann? Würdet Ihr uns etwa einen Cent dafür zahlen?— Nicht wahr? ihr würdet es nicht thun! Es iſt mir ſchon, als ob ich Euch ſähe. Nein, nein! langt nur Eure Fünfzig heraus! Wenn wir das Geſchäft machen, und es lohnt ſich, werde ich ſie Euch einhändigen; wenn es nicht geht, ſind ſie für unſere Mühe. Dieſes iſt nicht mehr wie billig. Nicht wahr, Marks?“ „Gewiß, gewiß!“ ſagte Marks mit einem vermittelnden Tone,„es iſt nur eine Belohnung, um Euch unſere Dienſte zu verſichern. Seht Ihr? Ha! ha! ha! Wir ſind Juriſten, wißt Ihr. Nun, wir müſſen Alle in gutem Vernehmen bleiben. Tom wird Euch den Jungen, wohin Ihr wollt, bringen. Nicht wahr, Tom?“ „Wenn ich den Jungen finde, ſo bringe ich ihn nach Cincinati und laſſe ihn bei Mutter Belcher am Landungs⸗ platze,“ ſagte Loker. Marks zog aus ſeiner Taſche ein fettiges Notizbuch, nahm ein langes Papier aus demſelben, ſetzte ſich nieder, heftete ſeine ſchwarzen, ſcharfen Augen darauf und begann murmelnd den Inhalt abzuleſen. Barnes— Shelby County— Burſche Jim, dreihun⸗ dert Dollars für ihn, todt oder lebendig. Edoardo— Dich und Luch— Mann und Frau— ſechs Hundert für ſie oder ihren Kopf.— Ich durchlaufe nur unſere Geſchäfte zu ſehen, ob wir dieſes gut übernehmen können.„Loker“ ſagte er nach einer Pauſe,„wir müſſen Adam und Springer auf dieſe Färthe bringen. Sie ſind ſeit einiger Zeit eingeſchrieben.“ „Sie werden zu viel anrechnen,“ ſagte Tom. „Dafür werde ich ſorgen, ſie ſind noch unerfahren im Geſchäft und müſſen wohlfeil arbeiten,“ ſagte Marks. Drei davon ſind leicht abzumachen, weil weiter nichts erfordert wird, als ſie niederzuſchießen, oder zu ſchwören, daß ſie er⸗ ſchoſſen ſeien, und dafür können ſie natürlich nicht viel an⸗ rechnen. Die andern Sachen,“ ſetzte er, indem er das Pa⸗ pier zuſammenfaltete, hinzu,„können noch ein bischen hinaus geſchoben werden. Jetzt laßt uns die nähern Umſtände hören. Habt Ihr das Mädchen ans Land gehen ſehen Mr. Haley?“ „ N 77 „Gewiß! ſo deutlich, wie ich Euch ſehe.“ „Und einen Mann, welcher ihr das Ufer hinauf fragte Loker. „Gewiß habe ich das!“ „Wahrſcheinlich,“ ſagte Marks,„iſt ſie irgend wo auf⸗ genommen worden, jedoch wo, das iſt die Frage; was meint Ihr, Tom?“ „Wir müſſen heute Nacht noch unbedingt über den Fluß!“ antwortete Tom. „Aber es iſt keit Boot in der Nähe,“ ſagte Marks. „Das Eis geht furchtbar Tom; iſt es nicht gefährlich?“ „Davon weiß ich nichts, aber es muß geſchehen,“ ſagte Tom beſtimmt. „Mein Himmel,“ ſagte Marks furchtſam,„es wird, ich ſage,“ fuhr er an das Fenſter tretend fort,„es iſt ſo finſter, wie in einem Wolfsrachen und Tom— „Das Ganze iſt, Ihr fürchtet Euch Marks, aber dafür kann ich nicht, Ihr müßt gehen. Wollt Ihr ein oder zwei Tage hier liegen, bis das Mädchen die unterländiſche Linie nach Sandusky erreicht hat, ehe Ihr—“ „O nein! ich fürchte mich durchaus nicht,“ ſagte Marks, „aber—“ „Was aber?“ ſagte Tom. „Aber das Boot, Ihr ſeht, daß kein Boot hier iſt.“ „Ich habe von der Frau gehört, daß heute Abend eins kommen wird und daß ein Mann damit hinüberfährt. Alles oder nichts, wir müſſen mit ihm gehen!“ antwortete Tom. „Ich erwarte, daß Ihr gute Hunde habt,“ſagte Haley. „Wir haben die Beſten von der Welt,“ entgegnete Marfs. „Aber was nützt das, Ihr habt, ja nichts von ihr, das man ihnen zum Riechen geben, kann.“ „Ja, ich habe was,“ ſagte Haley triumphirend.„Hier iſt ihr Shawl, welchen ſie in der Eile auf dem Bett zurück⸗ gelaſſen hat und ihr hul iſt auch noch da.“ „Das iſt ein Gluͤck,“ ſagte Loker,„gebt's her.“ „Aber die Hunde könnten dem Mädchen ſchaden, wenn ſie es unerwartet träfen,“ ſagte Haley. Das iſt zu überlegen,“ erwiderte Marks;„unſere Hunde haben“ einmal in Mobile unten einen Burſchen halb in Stück zerriſſen, ehe wir ihn losmachen konnten.“ „Nun man ſieht, für die Gattung, welche wegen ihres Ausſeher us gekauft wird, ſind die Hunde nichts,“ ſagte Haley. „Ja ich ſehe,“ fagte Marks.„Außerdem, wenn ſie 78 irgend wo aufgenommen worden iſt, nützt es auch nichts, die Hunde helfen in den obern Staaten, wo dieſe Geſchöpfe ge⸗ fahren werden, gar nichts, denn man kann ſie nicht auf ihre Fährte bringen. Sie nützen nur unten in den Pflanzungen, wo die Neger, wenn ſie entwiſchen, zu Fuße gehen müſſen und keine Hülfe erhalten.“ „Nun!“ rief Loker, der in das Schenkzimmer hinausge⸗ gangen war, um Erkundigungen einzuziehen,„der Mann mit dem Boote iſt gekommen, alſo Marks—“ Der Ehrenmann warf einen reuevollen Blick auf das behagliche Quartier, welches er verlaſſen mußte und erhob ſich langſam, um zu gehorchen. Nachdem er mit Haley noch einige verſtändigende Worte geſprochen hatte, übergab dieſer mit ſichtlichem Widerwillen die funfzig Dollars an Tom und das ſchöne Kleeblatt trennte ſich. Während ſich dieſe Scene im Wirthshaus ereignete, mach⸗ ten Sam und Andy munter ihren Heimweg. Sam's Heiter⸗ keit hatte den höchſten Grad erreicht, und er drückte ſeine Ausgelaſſenheit durch alle möglichen übernatürlichen Schreie und Ausrufe, ſo wie durch die ſonderbarſten Bewegungen und Verrenkungen ſeines ganzen Körpers aus. Bald ſetzte er ſich verkehrt mit dem Geſichte nach dem Schweife des Pferdes ge⸗ richtet. Bald ſchwang er ſich mit einem lauten Halloh wieder zurück, nahm ein ernſtes Geſicht an und begann Andy in hoch⸗ tönenden Redensarten eine Strafpredigt zu halten, weil er lache und den Narren ſpiele. Bald ſchlug er ſeine Arme auf die Schenkel und brach in ein Gelächter aus, welches die al⸗ ten Wälder rings umher widerhallen machte. Bei allen die⸗ ſen Bewegungen ließ er aber doch die Pferde ſo gut ſie konn⸗ ten ausholen, bis endlich zwiſchen Zehn und Elf ihr Hufſchlag auf dem Kieswege am Ende des Balcons gehört wurde. Mrs. Shelby eilte heraus. „Biſt Du's, Sam? Wo iſt ſie?“ „Mr. Haley ruht in der Schenke aus; er iſt ungeheuer müde, Miſſis.“ „Und Eliza, Sam?“ „Nun, ſie iſt über den Jordan. Man kann ſagen, daß ſie ſich im Lande Kanaan befindet.“ „Ei, Sam, was meinſt Du damit?“ fragte Mrs. Shelby athemlos und faſt ohnmächtig, als ſie den Sinn ſeiner Worte zu ahnen begann. „Nun, Miſſis, der Herr bewahrt ſeine Diener; Lizzy iſt über den Fluß nach Ohio gelangt, und es war eben ſo wun⸗ 79 derbar, als ob der Herr ſie in einem zweiſpännigen Wagen hinübergebracht hätte.“ Die Frömmigkeit Sam's war in Gegenwart ſeiner Herrin äußerſt inbrünſtig, und er erging ſich mit Vorliebe in liebli⸗ chen Bildern und Ausdrücken. „Komm herauf, Sam!“ ſagte Mr. Shelby, welcher auf die Veranda gleichfalls herausgekommen war,„und berichte Deiner Herrin, was ſie gerne wiſſen möchte. Komm herein Emilie,“ ſagte er,„Du frierſt und zitterſt und giebſt Dich Deinen Gefühlen zu ſehr hin.“ „Ich gebe mich meinen Gefühlen zu ſehr hin?— Bin ich nicht ein Weib— eine Mutter? Werden wir nicht Beide Gott für dieſes arme Mädchen verantwortlich ſein?— Möge der Himmel wegen dieſer Sünde mit uns nicht in's Gericht gehen.“ „Wegen welcher Sünde, Emilie? Du ſiehſt ſelbſt ein, daß wir nur Las gethan, was wir mußten.“ „Dennoch ruht ein furchtbares Gefühl der Schuld auf mir,“ ſagte Mrs. Shelby.„Ich kann es nicht hinwegver⸗ nünfteln.“ „Andy, rühre Dich,“ rief Sam unter der Veranda. „Bringe die Pferde in den Stall; hörſt Du nicht, daß der Maſter ruft?“ und bald darauf erſchien Sam, mit ſeinem Palmhut in der Hand, im Zimmer. „Jetzt, Sam, berichte uns ausführlich, wie die Sache zu⸗ gegangen iſt; wo iſt Eliza! wenn Du es weißt?“ „Maſter, ich habe ſie mit meinen eigenen Augen über das Treibeis laufen ſehen. Sie iſt auf die merkwürdigſte Weiſe hinübergekommen. Es iſt ein Wunder zu nennen. Dann ſahe ich, wie ihr ein Mann auf der Ohio⸗„Seite hinaufhalf, und ſie in der Dunkelheit verſchwand.“ „Sam, dieſes Wunder ſcheint mir ſehr apokryphiſch; es iſt nicht ſo leicht, auf ſchwimmenden Eisſchollen überzuſetzen,“ ſagte Mr. Shelby. „Leicht! ohne Beiſtand des Herrn könnte es Niemand thun! ſehen Sie, es iſt ſ ſo zugegangen: Mr. Haley, ich und Andy, wir tamen in die vei Schenke unten am Fluſſe, und ich war etwas vorausgeritten— ich war ſo eifrig Lizzy zu fangen, daß ich mich nicht halten konnte. Und als ich an's Fenſter kam, ſah ich ſie dort und die andern kamen dicht hinter mir. Nun verlor i zufällig meinen Hut und ſchrie deshalb laut genug, daß es die Todten hätte wecken können. Rutirlich hörte es Lizzy, und ſie zog ſch zurück, als Mr. Haley vor⸗ 80 überritt, um an die Thür zu kommen; ſie machte dann ſich eine Seitenthür auf und lief an das Flußufer hinab. Mr. Haley ſah ſie und rief ihr nach, und er, und ich und Andy verfolg⸗ ten ſie. Als ſie an den Fluß ankam, lief die Strömung volle zehn Fuß breit, und auf der andern Seite lief das Eis auf und ab, als ob es eine große ſchwimmende Inſel wäre. Wir waren dicht hinter ihr und ich dachte in meinem Innern, daß er ſie ſicher genug hätte; aber ſie ſtieß einen Schrei aus, wie ich ihn noch nie gehört habe und ſie war jenſeits der Strö⸗ mung auf dem Eiſe, und drauf begann ſie zu ſchreien und zu ſpringen, und das Eis knarrte und praſſelte und brach. Und ſie ſprang darüber, wie ein Hirſch.— Gott! was das Mädchen ſpringen konnte, es war meiner Treue etwas ganz Außergewöhnliches! Mrs. Shelby ſaß ſtumm und bleich vor Aufregung da, während Sam ſeine Geſchichte erzählte. „Gott lob! das ſie nicht todt iſt! ſagte ſie. Aber wo iſt das arme Kind jetzt?“ „Gott wird für ſie ſorgen,“ ſagte Sam, indem er fromm die Augen verdrehte,„wie geſagt, es giebt gewiß eine Vor⸗ ſehung, wie uns die Miſſis ſtets gelehrt hat; es giebt immer Werkzeuge, die dazu dienen, den Willen des Herrn auszu⸗ führen; wenn ich heute nicht geweſen wäre, würde ſie gewiß ſchon ein Dutzend Mal gefangen worden ſein. Habe ich dieſen Morgen die Pferde nicht losgelaſſen und bis zur Mittagszeit umhergejagt? Habe ich nicht heute Abend Mr. Haley einen Umweg von ungefähr fünf Meilen machen laſſen, ohne den er Lizza gewiß ſo leicht eingeholt hätte, wie ein Hund einen Waſchbär? das waren Alles die Wege der Vorſehung. „Es ſind Wege der Vorſehung, mit denen Du künftig ſparſamer umgehen wirſt Mr. Sam. Ich geſtatte auf meinem Gute nicht, fremden Herren ſolche Streiche zu ſpielen!“ ſagte WMr. Shelby mit der größten Strenge, welche er unter den obwaltenden Umſtänden aufbringen konnter Es iſt ebenſo we⸗ nig einem Neger vorzuſpiegeln, daß man zornig ſei, wie einem Kinde. Beide erkennen inſtinktmäßig den wahren Ver⸗ lauf der Dinge, trotz aller Verſuche zum Gegentheil, und Sam ließ ſich durch dieſen Tadel nicht niederſchlagen, obgleich er eine Miene voll des kläglichſten Ernſtes annahm und den Palmhut in der Hand und mit herabgezogenen Mundwinkeln bußfertig daſtand. „Der Maſter hat ganz recht— es war ſchlecht von mir, das läßt ſich nicht beſtreiten und gewiß darf die Herrſchaft 81 ſolche Streiche nicht unterſtützen, ich erkenne es wohl, aber ein armer Neger, wie ich, fühlt ſich ſehr oft ſtark verſucht ſchlecht zu handeln, wenn er die Herren ſo handeln ſieht, wie der Haley. Er iſt durchaus kein Gentleman, jeder, der ſo erzogen worden iſt, wie ich, muß das einſehen.“ „Nun Sam,“ ſagte Mrs. Shelby,„Du ſcheinſt Deinen Irrthum zu erkennen! Geh jetzt zur Tante Chloe und ſage ihr, daß ſie Dir ein Stück von dem Schinken geben ſoll, der heute Mittag übrig geblieben iſt. Du und Andy müßt ge⸗ wiß hungrig ſein.“ „Die Riſſis iſt viel zu gut für uns;“ ſagte Sam, in⸗ dem er einen Kratzfuß machte und ſich entfernte. Neuntes Kapitel. Ein Zenator iſt nur Menſch. Ein luſtiges Feuer warf ſeinen Schein auf die rauche Decke und den Teppich eines behaglichen Zimmers, und ſpie⸗ gelte ſich in den Seiten einer wohlgeſcheuerten Theekanne und in den Taſſen, als Senator Bird ſeine Stiefel auszog vorbereitend die Füße in ein Paar neuer Pantoffeln zu ſtecken, welche ſeine Gattin ihm während er in Staatsgeſchäften ab⸗ weſend war, gearbeitet hatte. Mrs. Bird, welche wie ein wahres Bild der Freude ausſah, beaufſichtigte die Anordnungen des Tiſches und ver⸗ miſchte damit ab und zu Ermahnungen an eine Anzahl mun⸗ terer, junger Weſen, welche ſich aller Neckereien und Aus⸗ brüchen der Kinderluſt hingaben, die ſeit den Tagen der Sündfluth die Mütter in Erſtaunen geſetzt haben. „Tom, laß die Thürklinge in Ruhe! ſei vernünftig. Mary, Mary! ziehe nicht die Katze am Schwanz— das arme Mies⸗ chen!— Jim, klettere nicht auf den Tiſch— Nein! nein! — Du weißt nicht, lieber Mann, welche Frende es für uns iſt Dich heute Abend hier zu ſehen,“ ſagte ſie, als ſie endlich Zeit fand, ein Wort mit ihrem Gatten zu ſprechen.— „Ja, ich dachte, ich wollte ein Mal herabkommen, die Nacht in meinem Hauſe zuzubringen, um es mir ein wenig bequem zu machen. Ich bin todt müde und habe Kopfweh.“ 6 82 Seine Frau warf einen Blick auf die Kampferſpiritus⸗ flaſche, welche in dem halb offenen Wandſchrank ſich befand und wollte ſie eben holen, als ihr Gatte ſie davon abhielt. „Nein, nein, Mary, keine Arzneien. Eine Taſſe von Deinem guten, heißen Thee und Deiner Hausmannskoſt— weiter verlange ich nichts.— Das Geſetzemachen iſt eine mühſelige Arbeit.“ Und der Senator lächelte, als ob er Gefallen finden möchte an dem Gedanken, daß er ſich für ſein Vaterland aufopfere. „Nun!“ ſagte ſeine Frau, ſobald das Geſchäft des Thee⸗ tiſches etwas nachläſſiger betrieben wurde,„was hat man im Senators gemacht?“ Es war für die kleine, ſanfte Mrs. Bird etwas ſehr Ungewöhnliches, ſich über Das, was im Hauſe des Senats vorging, den Kopf zu zerbrechen, da ſie wohl wußte, daß ſie in ihrem eigenen Hauſe genug zu thun habe. Sie machte daher große Augen, als Mr. Bird ſagte: „Nichts beſonders Wichtiges.“ „Iſt es wahr, daß man ein Geſetz geben will, das den Leuten verbietet, den armen vorüberkommenden Farbigen Speiſe und Trank zu verabreichen? Ich habe von einem ſolchen Geſetz gehört, aber wollte nicht glauben, daß es eine chriſtliche geſetzgebende Verſammlung erlaſſen könnte!“ „Ei, Mary, Du biſt ja plötzlich eine Politikerin ge⸗ worden!“ 5 „Dummes Zeug, ich gebe im Allgemeinen keinen Stroh⸗ halm für Eure ganze Politik, doch dies iſt gerade zu grau⸗ ſam und unchriſtlich. Ich will hoffen, lieber Mann, daß ein ſolches Geſetz nicht erlaſſen worden iſt.“ „Es iſt ein Geſetz durchgegangen, den Leuten zu ver⸗ bieten, den von Kentucky herübergekommenen Sklaven fortzu⸗ helfen. Die rückſichtsloſen Abolitioniſten haben es zu arg gemacht; unſere Brüder in Kentucky befinden ſich in der größ⸗ ten Aufregung, daß es nothwendig und nicht mehr als chriſt⸗ lich und nachbarlich geworden iſt, von Seiten unſeres Staa⸗ tes Etwas zu thun, die Aufregung zu beſchwichtigen.“ „Und was ſagt das Geſetz? Es verbietet uns doch nicht, dieſen armen Geſchöpfen ein Nachtlager zu geben, ihnen etwas zu eſſen vorzuſetzen, ein paar alte Kleider zu ſchenken und ſie in aller Ruhe weiter zu ſchicken? Thut es Das?“ „Freilich, liebes Kind! Das heißt„Helfen und Beför⸗ dern,“ weißt Du?“ 5 83 Mrs. Bird war ein ſchüchternes, blühendes Weibchen von ungefähr vier Fuß, mit guten, ſanften, blauen Augen und einem friſchen Teint und der mildeſten, lieblichſten Stimme von der Welt. Was ihren Muth betrifft, war es vorgekom⸗ men, daß ein Truthahn von mächtiger Größe ſie mit eini⸗ gem Gackern in die Flucht gejagt hatte, und ein tüchtiger Haushund von nur mäßigen Fähigkeiten konnte ſie durch das bloße Zeigen ſeiner Zähne ſchon zur Unterwerfung bringen. — Ihr Gatte und ihre Kinder waren ihre Welt, und hier herrſchte ſie mehr durch Bitten und durch Ueberredung, als durch Befehle oder Vernunftgründe. Eins gab's nur, was ſie aufregen konnte, und dieſer Reizbarkeit unterlag ihre ſonſt ſanfte, theilnehmende Natur. Alles, was der Grau⸗ ſamkeit nur ähnlich war, brachte ſie in einen Zorn, der um ſo Beſorgniß erregender und unerklärlicher war, je ſanfter ihre Natur ſich ſonſt bewies. Beim gegenwärtigen Anlaß er⸗ hob ſich Mrs. Bird ſchnell und mit gerötheten Wangen, was ihr Aeußeres noch verſchönerte, ging ſie entſchloſſen auf ihren Gatten zu und ſagte: „Nun, John, ich möchte wiſſen, ob Du ſolche Geſetze, wie dieſe, für recht und chriſtlich hältſt?“ „Du wirſt mich doch nicht umbringen, Mary, wenn ich ſage, daß ich es thue?“ „Dies hätte ich nie von Dir gedacht, John! Du haſt doch nicht dafür geſtimmt?“ 3 „Ja wohl, meine hübſche Politikerin“ „Du ſollteſt Dich ſchämen, John! Die armen, heimaths⸗ loſen, ſchutzloſen Geſchöpfe! Es iſt ein ſchändliches, gottloſes, abſcheuliches Geſetz und ich werde es brechen, ſobald ich eine Gelegenheit dazu bekomme, und ich hoffe, daß ſich eine dar⸗ bieten werde. Es iſt weit gekommen, wenn eine Frau einem armen, hungernden Geſchöpf nicht einmal ein Abendeſſen und Bett geben kann, blos weil es ein Sklave iſt und ſein ganzes Leben lang gemißhandelt und gedrückt wurde. Die armen Geſchöpfe!“ „Marh! höre mich nur an. Deine Gefühle ſind voll⸗ kommen recht und gut und ich liebe Dich deshalb; aber liebes Kind, wir dürfen unſere Gefühle nicht mit unſerem Verſtande durchgehen laſſen. Du mußt bedenken, daß es keine Sache des Privatgefühls iſt, es handelt ſich um große öffentliche Intereſſen; wir leben in einer ſolchen Aufregung, daß wir unſere Privatgefühle bei Seite legen müſſen.“ „Nun, John, ich verſtehe nichts von Politik, aber ich 8% 6* 84 kann meine Bibel leſen, und darin ſteht, daß ich Hungrige ſpeiſen, Nackte kleiden und die Betrübten tröſten ſoll, und i gedenke der Bibel zu folgen.“ „Doch nicht in Fällen, wo Dein Benehmen ein öffentliches Uebel herbeiführen kann!“ „Der Gehorſam gegen Gott führt nie öffentliche Uebel herbei; ich weiß, daß er's nicht kann; es iſt ſtets am ſicher⸗ ſten, zu thun, wie er es uns befiehlt.“ „Höre mich nur an, Mary! ich kann Dir die klarſten Gründe angeben, um Dir zu zeigen—“ „Unſinn, John! Du kannſt die ganze Nacht ſprechen, ohne dies zu thun, ich ſtelle es Dir anheim, John. Würgdeſt Du ein armes, frierendes, hungriges Geſchöpf von der Thüre weiſen, blos weil es ein entlaufener Sklave iſt?— Würdeſt Du das thun?“ Nun hatte unſer Senator, wenn wir die Wahrheit ſagen ſollen, das Unglück, ein Mann von ganz beſonderer humaner und zugänglicher Natur zu ſein, und das Fortweiſen eines Menſchen, der ſich in Noth befand, war nie ſein ſtarker Punkt geweſen. Das Schlimmſte dabei war, daß ſeine Frau es Sturm lief. Er nahm daher Zuflucht zu dem für ſolche Fälle vorhandenen gewöhnlichen Mittel, um Zeit zu gewinnen. Er ſagte„Hm!“ huſtete verſchiedene Male, nahm ſein Taſchen⸗ tuch heraus und begann, ſeine Brille zu wiſchen. Mrs. Bird, welche die ſchutzloſe Lage des feindlichen Gebiets war ſo gewiſſenlos, ihren Vortheil zu verfolgen. „Ich möchte Dich das thun ſehen, John! 35 möchte es wirklich. Zum Beiſpiel ein Frauenzimmer im Schneeſturm von der Thüre weiſen, oder gar ſie aufnehmen und in's Ge⸗ fängniß ſchicken. Nicht wahr? das würdeſt du?— Du wür⸗ deſt vollkommen dazu paſſend ſein.“ „Natürlich wäre es eine ſehr ſchmerzliche Pflicht,“ ſagte Mr. Bird in gemäßigtem Tone „Pflicht! John, gebrauch dies Wort nicht; Du weißt, es ihre Sklaven vom Entfliehen zurückhalten wollen, mögen ſie ſie gut behandeln, das iſt mein Grundſatz.“ In dieſem kritiſchen Augenblick ſteckte der alte Cudjo, der ſchwarze Diener, ſeinen Kopf zur Thüre herein und forderte die Herrin auf, in die Küche zu kommen, und unſer Senator ſah ſeinem Frauchen mit einem Gemiſch von Beluſtigung und wußte und daher auf einen vertheidigungsunfähigen Punkt iſt kölne Pflicht, es kann keine Pflicht ſein. Wenn die Leute Aerger nach, ſetzte ſich im Lehnſtuhl zurecht und begann die 4 85 Zeitung zu leſen. Bald darauf vernahm er die Stimme ſeiner Gattin, welche mit ſchnellen, haſtigen Tönen zur Thüre hereinrief: „John! John! ich bitte Dich auf einen Augenblick herauszukommen!“ Er legte ſeine Zeitung nieder und ging in die Küche, und war nicht wenig über den ſich ihm darbietenden Anblick erſtaunt. Ein junges, ſchlankes Frauenzimmer mit zerriſſenen, ſteif gefrornen Kleidern, mit nur einem Schuh und blutenden Füßen, lag in leichenähnlicher Ohnmacht auf zwei Stühlen. Ihr Geſicht trug den Stempel der verachteten Race und doch konnte man ſich nicht enthalten, deſſen rührende Schönheit zu fühlen, während ſeine ſteinerne Schärfe, ſein kaltes, ſtarres und leichenähnliches Ausſehen den Betrachtenden mit ſchauri⸗ gen Gefühlen erfüllte. Mr. Bird athmete ſchwer und blieb ſchweigend ſtehen. Seine Frau und die einzige farbige Die⸗ nerin, die alte Tante Dina, warem emſig beſchäftigt, ſie in's Leben zu rufen, während der alte Cudjo den Knaben auf ſeine Kniee nahm und ihm Schuhe und Strümpfe abzog und ihm die kleinen kalten Füße rieb. „Sie ſieht furchtbar aus!“ ſagte die alte Dina mitleidig. „Wie es ſcheint, hat ſie die Hitze ohnmächtig gemacht. Sie war ziemlich munter, als ſie hereintrat und fragte ob ſie ſich nicht hier ein wenig wärmen könne; und ich erkun⸗ digte mich eben, woher ſie komme, da wurde ſie ohnmächtig. Ihren Händen nach hat ſie nie viele ſchwere Arbeiten gethan.“ „Das arme Geſchöpf!“ ſagte Mrs. Bird mitleidig, als das Weib langſam ihre großen, dunklen Augen aufſchlug und ſie zweifelnd anſah. Plötzlich zog ſich ein Ausdruck der Pein über ihr Geſicht und ſie ſprang auf und rief; „O mein Harry, haben ſie ihn?“ Bei dieſen Worten ſprang der Knabe von Cndjo's Kniee und lief zu ihr heran und erhob ſeine Arme gegen ſie. „O er iſt hier, er iſt hier!“ rief ſie. 3— „Ach Miſſis,“ ſagte ſie verwirrt zu Mrs. Bird,„„bitte beſchützen Sie uns, laſſen Sie ihn nicht fangen.“ „Hier ſoll Ihnen Niemand etwas thun, arme Frau!“ Mrs. Bird ermuthigend.„Sie ſind ſicher, fürchten Sie nichts!“ „Gott ſegne Sie!“ ſagte die Frau, ihr Geſicht bedeckend und ſchluchzend, während der kleine Knabe, als er ſie weinen ſah, auf ihren Schooß zu gelangen verſuchte. Durch eine Menge ſanfter, weiblicher Dienſtleiſtungen, 86 welche keiner beſſer anzuwenden verſtand, als Mrs. Bird, wurde die arme Frau mit der Zeit ruhiger. Auf der Bank am Feuer bereitete man für ſie ein Bett. In Kurzem war ſie in einen tiefen Schlummer geſunken, wobei das Kind, das nicht weniger ermüdet zu ſein ſchien, feſt in ihren Armen ſchlief; denn die Mutter widerſtand in ängſtlicher Aufregung den freundlichſten Bemühungen, es ihr abzunehmen, und hielt es ſelbſt noch im Schlafe feſt umſchlungen, als ob ſie ſich nicht von ihrer Wachſamkeit abwendig machen laſſen wolle. Mr. und Mrs. Bird kehrten in das Zimmer zurück, wo, ſo ſeltſam es auch klingen mag, von keiner Seite auf das vor⸗ her erwähnte Geſpräch Bezug genommen wurde. Mrs. Bird beſchäftigte ſich mit ihrer Stickerei und Mr. Bird that, als ob er die Zeitung läſe. Ich möchte wiſſen, wer und was ſie iſt,“ ſagte endlich Mr. Bird, indem er die Zeitung niederlegte. „Wenn ſie erwacht und ſich ein wenig erholt hat, wer⸗ den wir ſie fragen,“ ſagte Mrs. Bird. „Höre Frau!“ begann der Senator, nachdem er ſchwei⸗ gend eine Zeit lang auf das Journal geſehen hatte. „Nun Liebſter?“ „Könnte ſie nicht eins von Deinen Kleidern brauchen, wenn es ausgelaſſen würde? Sie ſcheint etwas größer, als Du.“ Auf Mrs. Bird's Geſicht trat ein bemerkbares Lächeln, als ſie antwortete: „Wir wollen ſehen!“ Wieder eine Pauſe, die von Mr. Bird unterbrochen wurde. Söte Frau!“ „Nun, was giebt's ſchon wieder?“ „Weißt Du! den alten Bombaſſinmantel, den Du über mich zu breiten pflegſt, wenn ich mein Mittagsſchläfchen halte, den kannſt Du ihr wohl ſchenken: ſie braucht Kleider. In dieſem Augenblicke ſchaute Dina herein und meldete, daß die Frau erwacht ſei und die Herrin zu ſprechen wünſche. Herr und Frau Bird gingen, von den beiden älteſten Knaben gefolgt, in die Küche, die übrigen Familienglieder lagen ſchon im Bett. Die Fran ſaß auf der Bank am Feuer. Sie blickte unverwandt mit einem ruhig verzweifelten Ausdruck, welcher von ihrer früheren aufgeregten Verſtörtheit ſehr ab⸗ ſtach, in die Gluth. „Haben Sie nach mir verlangt?“ ſagte Mrs. Bird mit 2 87 ſanften Tönen,„ich hoffe, Sie fühlen ſich jetzt wohler, arme Frau!“ Ein langgezogener, betender Seufzer war die Antwort, welche ſie erhielt; die Fremde erhob ihre dunkeln Augen und heftete dieſelben mit ſo flehendem, hülfloſen Ausdruck auf ſie, daß dem kleinen Weibchen die Thränen in die Augen traten. „Sie haben hier nichts zu fürchten, wir ſind Ihre Freunde, arme Frau. Sagen Sie nur, woher Sie kommen und was Sie bedürfen.“ „Ich komme von Kentuck)“ ſagte die Frau. „Wann?“ fragte Mr. Bird, welcher das Verhör ein⸗ leitete. „In dieſer Nacht.“ „Wie ſind Sie hergekommen?“ „Ich bin auf dem Eiſe herübergegangen.“ „Auf dem Eiſe herübergegangen!“ riefen Alle. „Ja,“ ſagte die Frau langſam,„ſo iſt es; durch Gottes Hülfe bin ich auf dem Eiſe herübergekommen, denn ſie waren hinter mir— dicht hinter mir— und es war kein anderer Ausweg.“ „Guter Gott!“ ſagte Cudjo,„das Eis iſt ganz in Schollen geborſten, welche ſich im Waſſer auf⸗ und abſchaukeln.“ „Ich weiß, daß dem ſo war, ich weiß es, aber ich habe es gethan,“ erwiderte die Verſtörte. „Ich habe nicht gedacht, daß ich es können werde— ich habe nicht geglaubt, daß ich herüberkommen würde, aber es war mir alles gleich, ich konnte nicht mehr als ſterben, wenn es mir nicht gelang. Der Herr hat mir geholfen; Keiner weiß, wie ihm der Herr helfen kann, bis er's verſucht,“ fügte die Frau mit blitzenden Augen hinzu. „Waren Sie eine Sklavin?“ fragte Mr. Bird. „Ja, Sir; ich gehörte einem Manne in Kentucky.“ „War er unfreundlich gegen Sie?“ „Nein, Sir; er war ein guter Herr.“ „War Ihre Herrin etwa unfreundlich?“ „Nein, Sir— nein; meine Herrin war ſtets gütig ge⸗ gen mich.“ „Was konnte Sie denn bewegen, eine gute Heimath zu verlaſſen, zu entlaufen, und ſich ſolchen Gefahren auszu⸗ ſetzen?“ Die Frau blickte mit ſcharfen, forſchenden Augen auf Mrs. Bird, und gewahrte, daß ſie in Trauer gekleidet war. 88 „Miſſis,“ ſagte ſie plötzlich,„haben Sie je ein Kind verloren?“ Die Frage kam ſo unerwartet und riß eine kaum ver⸗ harrſchte Wunde auf, denn es war erſt ein Monat verfloſſen, ſeit man ein geliebtes Kind der Familie in das Grab gelegt hatte. Mr. Bird wendete ſich um und trat an das Fenſter und Mrs. Bird brach in Thränen aus, faßte ſich jedoch ſchnell und ſagte: „Warum fragen Sie das? Ich habe ein Kleines ver⸗ loren.“ „Dann werden Sie mein Gefühl verſtehen. Ich habe Zwei verloren, eins nach dem andern.— Sie liegen, von wo ich komme, begraben, und ich hatte nur noch dieſes eine. Ich ſchlief keine Nacht ohne daſſelbe. Es war mein Alles, was ich beſaß; es war mein Troſt und Stolz bei Tag und Nacht, und Miſſis, man wollte es mir wegnehmen, verkaufen— nach dem Süden hinabverkaufen, Miſſis, wohin es ganz allein gehen ſollte, ein Kind, das in ſeinem ganzen Leben noch nie von ſeiner Mutter wegkam. Ich konnte es nicht ertragen. Ich wußte, daß, wenn man es gethan hätte, ich vernichtet geweſen wäre. Als ich bemerkte, daß die Papiere unter⸗ zeichnet und es verkauft war, nahm ich es und entfloh in der Nacht, und man jagte mir nach, der Mann, der es gekauft hatte, und einige von den Dienern des Herrn, und ſie waren dicht hinter mir und ich hörte ſie. Ich ſprang auf das Eis, und wie ich herübergekommen bin, weiß ich nicht. Das erſte, worauf ich mich beſinnen kann, iſt, daß mich ein Mann das Ufer heraufgezogen hat.“ Die Fremde ſeufzte weder, noch weinte ſie. Ihre Thränen waren vertrocknet, doch alle ſie Umgebenden zeigten auf dieſe oder jene Weiſe Spuren von herzlicher Theilnahme. Die beiden kleinen Knaben hatten ſich, indem ſie verzweifelt in ihren Taſchen die Taſchentücher geſucht, welche, wie die Mütter wiſſen, nie dort zu finden ſind, untröſtlich an das Kleid ihrer Mutter gehangen, wo ſie weinten und nach Herzens⸗ luſt Augen und Naſen wiſchten. Mrs. Bird hielt ihr Anrlitz in ihr Taſchentuch verborgen, und die alte Dina rief mit über ihr ſchwarzes Geſicht herabrollenden Thränen:„Der Herr ſei uns gnädig!“ als ob ſie bei einer Feldpredigt wäre; der alte Cudjo rieb ſich ſtark die Augen mit ſeinem Rockärmel und machte eine ungewöhnliche Menge Grimaſſen, während er von Zeit zu Zeit Ausrufungen ausſtieß.— Unſer Senator war ein Staatsmann und man konnte von ihm nicht verlangen, 89 daß er weine, wie andere Sterbliche. Er kehrte daher der Geſellſchaft den Rücken zu, blickte aus dem Fenſter, that be⸗ ſonders geſchäftig ſich zu räuspern und ſeine Brillengläſer ab⸗ zuwiſchen; er putzte auch gelegentlich ſeine Naſe auf eine Art, welche hinreichte Verdacht zu erregen, wenn irgend jemand da geweſen wäre, kritiſche Beobachtungen anzuſtellen. „Wie haben Sie mir ſagen können, daß ſie einen guten Herrn hatten?“ rief er plötzlich mit der größten Entſchloſſen⸗ heit ein Aufſteigen in der Kehle hinabdrückend und ſich raſch zu der Frau umwendend. „Weil er ein guter Herr war; ich werde das immer von ihm ſagen, und meine Herrin war ebenfalls gut, jedoch ſie konnten nicht anders. Sie waren Geld ſchuldig und ein Mann hielt ſie auf irgend eine Weiſe, die ich nicht begreife, in ſeinen Händen, und ſie waren gezwungen, ihm den Willen zu thun. Ich horchte und hörte, wie er's der Herrin ſagte, und wie ſie für mich bat und flehte, und er ihr ſagte, daß er nicht anders könne, und daß die Papiere unterſchrieben wären, und da nahm ich mein Kind, verließ meine Heimath und ging davon. Ich wußte, daß ich nicht fähig wäre länger zu leben, wenn ſie es gethan hätten, denn dieſes Kind iſt alles, was ich habe.“ „Haben Sie keinen Ehemann?“ „Ja! Doch gehört er einem andern Herrn. Sein Herr iſt ſehr hart gegen ihn und läßt ihn faſt nie zu mir gehen, und er iſt immer härter und härter gegen ihn geworden und drohte ihm ſogar, ihn nach dem Süden zu verkaufen. Ich werde ihn ſchwerlich je wiederſehen!“ Der ruhige Ton, mit welchem die Frau dieſe Worte ſprach, hätte einen oberflächlichen Beobachter auf den Gedanken bringen können, daß ſie vollkommen gefühllos ſei, aber in ihren großen dunkelen Augen lag eine ſtille Tiefe des Schmerzes, welche etwas ganz anderes anzeigte. „Wohin wollen Sie gehen, arme Frau? fragte Mrs. Bird. „Nach Kanada; wenn ich nur wüßte, wo das liegt; iſt's ſehr weit bis nach Kanada?“ fragte ſie, mit einfacher, ver⸗ trauensvoller Miene, zu Mrs. Bird aufblickend. „Armes Ding!“ ſagte Mrs. Bird unwillkührlich. „Glauben Sie, daß es ein ſehr weiter Weg iſt? fragte von Neuem die Frau. „Viel weiter, als Sie denken,“ erwiderte Mrs. Bird. Doch wir wollen zuſehen und überlegen, was ſich thun läßt. 90 Höre, Dina, mache in Deinem Zimmer ihr ein Lager, dicht bei der Küche, und ich werde morgen früh zuſehen, was ſich für ſie thun läßt. Fürchten Sie jedoch nichts, arme Frau, vertrauen Sie auf Gott und er wird ſie ſchützen. Die Frau und ihr Gatte begaben ſich in ihr Wohnzimmer zurüch ſie ſetzten ſich in ihren Schaukelſtuhl ans Feuer und ſchaukelten ſich nachdenklich hin und her. Mr. Bird ſchritt im Zimmer auf und ab, vor ſich hinſprechend: „Pah, pah!— eine ganz verdammte Geſchichte.“ Endlich trat er zu ſeiner Frau und ſagte: „Höre Frau, ſie muß noch in dieſer Nacht von hier fort. Der Händler wird wohl in aller Frühe morgen auf der Spur ſein. Wenn es nur die Frau wäre, ſo könnte ſie ſich ruhig verhalten, doch das Bürſchchen würde kein Kavallerie⸗ Regiment ruhig machen können, das bin ich überzeugt. Es würde bald herauskommen, wenn er den Kopf aus irgend einem Fenſter oder einer Thür ſteckt. Es würde für mich jetzt ein hübſches Gericht Fiſche ſein, wenn ſie jetzt bei mir ertappt würden. Nein, ſie müſſen noch in dieſer Nacht fort.“ „Heute Nacht? das iſt unmöglich!— und wohin?“ „Nun, ich weiß ungefähr wohin,“ ſagte der Senator, indem er ſeine Stiefeln anzuziehen begann, und als er das Bein in den einen ſtecken hatte, umfaßte er mit beiden Händen das Bein und ſchien ſich in tiefe Betrachtung zu verlieren.„Es iſt eine ganz verwünſcht häßliche Geſchichte,“ ſagte er endlich, ſeinen Stiefel wieder heraufziehend,„das iſt ein Fakt.“ Als er den einen Stiefel vollkommen angezogen hatte, ſaß der Senator mit dem andern Stiefel in der Hand und blickte aufmerkſam auf die Figuren des Teppichs.„Es muß doch aber geſchehen, denn ich ſehe keinen andern Ausweg!— Zum Teufel die ganze Geſchichte!“ und er zog haſtig den an⸗ dern Stiefel an und ging an's Fenſter. Die kleine Mrs. Bird war eine anſtändige Frau— eine Frau, die nie in ihrem Leben ſagte:„Ich hab' es Dir ja geſagt“ und bei dem jetzigen Anlaß wußte ſie recht gut, welche Geſtalt die Betrachtungen bei ihrem Manne angenom⸗ men hatte, enthielt ſich aber jeder Einmiſchung in dieſelben, ſondern ſaß ſtill in ihrem Stuhle, und machte ein Geſicht, als ob ſie bereit wäre, die Anſichten ihres Herrn und Mei⸗ ſters auszuführen, ſobald er es für gut halten würde, ſie anzuordnen. „Siehſt Du?“ ſagte er,„mein alter Client Van Tromp — * 91 iſt von Kentucki angekommen und hat alle ſeine Sklaven frei⸗ gegeben; nun hat er ſich ein Gut hier an der Creek gekauft, welches ſieben Meilen von hier im Walde liegt, und wohin Niemand unnöthig geht, und es iſt ein Ort, der nicht ſo leicht zu finden iſt. Dort würde ſie ſicher genug ſein, und das Un⸗ angenehmſte bei der Sache iſt, daß Riemand außer mir heute Nacht dorthin fahren könnte.“ „Warum nicht? Cudjo iſt ein vortrefflicher Kutſcher.“ „Ja, aber die Sache iſt die; man muß zweimal über den Creek ſetzen, und die zweite Ueberfahrt iſt ſehr gefährlich, wenn man ſie ganz genau kennt. Ich bin ſchon zehnmal herüber geritten und weiß ganz genau, welche Stellen man wählen muß. Siehſt Du? es läßt ſich alſo nicht ändern, Cudjo muß gegen Mitternacht in aller Stille die Pferde an⸗ ſpannen, und ich werde ſie hinüber bringen, und um der Sache ein Mäntelchen umzuhängen, ſoll er mich dann nach dem nächſten Wirthshauſe fahren, ich mich auf die zwiſchen drei bis vier nach Columbus gehende Poſt ſetzen kann; und es wird alſo ausſehen, als ob ich den Wagen nur dazu hätte. Ich werde dann in aller Frühe wieder bei den Geſchäften ſein. Doch ich glaube, daß ich nach Allem, was geſagt und geſchehen iſt, dort ſehr unnütz ſein werde; ich kann einmal nicht anders.“ „Dein Herz iſt in dieſem Falle beſſer als Dein Kopf. John,“ ſagte die Frau,„hätte ich Dich je lieben können, wenn ich Dich nicht beſſer gekannt hätte, als Du ſelbſt?“ Und das Wiibch'u ſah mit den glänzenden Thränen in den Angen ſo hübſch aus, aß der Senator glaubte, er müſſe ein ganz entſchieden geſchickter Burſche ſein, um ein ſo hübſches Weſen zu einer ſo leidenſchaftlichen Bewunderung ſelbſt zu bringen, und was konnte er daher thun, als ruhig aus dem Zimmer zu gehen und nach ſeinem Wagen zu ſehen. An der Thür verweilte er einen Augenblick, kam wieder in das Zimmer und ſagte: Mary, ich weiß nicht, was Du dabei fühlen würdeſt; aber die ganze Komode liegt voller Sachen— von— von dem armen kleinen Henry. Bei dieſen Worten kehrte er ſich ſchnell auf dem Abſaß um und verließ das Zimmer. Seine Gattin öffnete das Schlafgemach, das an dem Wohn zimmer ſtieß, ſtellte das Licht dort auf eine Komode, nahm aus einem kleinen Körbchen einen Schlüſſel, ſteckte ihn gedankenvoll in das Schloß eines Schubkaſtens und hielt plötzlich ſtill, während zwei Knaben, die ihr auf dem Fuße gefolgt waren, dabei⸗ 92 ſtanden und mit ſtummen, gefühlvollen Blicken ihre Mutter anſahen. Sie öffnete langſam den Kaſten. Hier lagen Röckchen von verſchiedenen Formen und Muſtern, Schürzchen und eine Reihe von Strümpfen, ja ſogar aus den Falten eines Papiers lugten ein Paar an den Spitzen abgenutzter und beriebener Schuhe hervor. Auch Spielſachen. Ein hölzerner Wagen mit Pferden, ein Kreiſel, ein Ball lagen hier— Andenken, die ſie unter Thränen und mit halbgebrochenem Herzen aufbewahrt hatte. Sie ſetzte ſich bei dem Kaſten nieder, legte den Kopf in ihre Hände und weinte, daß ihr die Thränen durch die Finger in den Kaſten fielen; dann erhob ſie plötzlich den Kopf und begann mit ängſtlicher Haſt die einfachſten und dauer⸗ hafteſten Sachen auszuſuchen, und ein Bündelchen daraus zu machen. „Mutter,“ ſagte einer der Knaben, indem er ihren Arm ſanft beruͤhrte, willſt Du dieſe Sachen weggeben? „Meine lieben Kinder,“ ſagte ſie ſanft und ernſt,„wenn unſer lieber, guter, kleiner Henry vom Himmel herabſieht, wird er ſich freuen, daß wir dies thun. Ich wäre nicht fähig, die Sachen einer gewöhnlichen Perſon, einer Glücklichen zu geben, aber ich gebe ſie einer Mutter, die unglücklicher und betrübter und trauriger iſt, als ich, und ich hoffe, daß Gott uns ſeinen Segen ſchenken wird.“ Es giebt Menſchen in dieſer Welt, aus deren Schmerzen und Leiden Freuden für Andere wachſen, deren unter Thrä⸗ nen in's Grab geſenkte irdiſche Hoffnungen Saamen ſind, aus welchen heilende Blumen und Balſam für Troſtlofe und Bekümmerte hervorkeimt. Zu dieſem gehörte die ſanfte Frau, welche bei der Lampe ſaß und unter Thränen die Andenken ihres eigenen und verlorenen Kindes für den verſtoßenen Wanderer herausſuchte. Nach einiger Zeit öffnete Mrs. Bird den Kleiderſchrank, nahm ein paar noch tragbare Kleider her⸗ aus, ſetzte ſich an ihr Arbeitstiſchchen und begann mit Nadel, Scheere und Fingerhut in aller Stille das„Auslaſſen,“ wel⸗ ches ihr Gatte empfohlen hatte, vorzunehmen. Sie blieb be⸗ ſchäftigt, bis die Wanduhr an der Ecke Zwölf ſchlug und ſie das leiſe Raſſeln von Rädern vor der Thür hörte. „Mary,“ ſagte ihr jetzt mit dem Ueberrocke hereintreten⸗ der Gatte,„Du mußt ſie nun wecken, wir müſſen fort.“ Mrs. Bird legte die verſchiedenen von ihr zuſammenge⸗ ſuchten Sachen in einen kleinen Kaſten, verſchloß ihn, bat ihren Gatten, ihn nach dem Wagen zu bringen und ent⸗ fernte ſich, um die Frau zu wecken. Dieſe erſchien bald in — 93 einem Mantel und Shawl, welche ihrer Wohlthäterin gehört hatten, mit dem Kinde auf dem Arm in der Thür. Mr. Bird führte ſie haſtig an den Wagen und ſeine Frau folgte ihr bis an den Tritt deſſelben. Eliza beugte ſich heraus und ſtreckte ihr die Hand entgegen. Eine eben ſo weiche und ſchöne Hand wurde ihr gereicht; ſie heftete ihre großen, dunk⸗ len Augen, von tiefer Bedeutung erfüllt, auf Mrs. Bird's Geſicht uud ſchien ſprechen zu wollen. Ihr Lippen bewegten ſich, ſie verſuchte es ein bis zwei Mal, doch kein Laut kam; ſie deutete mit einem unvergeßlichen Blick nach oben, ſank auf den Sitz zurück und bedeckte ihr Geſicht. Der Wagen⸗ ſchlag wurde geſchloſſen und der Wagen rollte weg.— Es war ſpät in der Nacht, als die Kutſche triefend und mit Koth beſpritzt aus dem Creek kam und an der Thür eines großen Gutshauſes anhielt. Es war eine nicht unbedeutende Anſtrengung nöthig, um die Bewohner zu wecken. Endlich erſchien der wackere Beſitzer und öffnete die Thür. Er war ein hagerer, ſechs Fuß und einige Zoll hoch gewachſener Burſche, wenn er in ſeinen Strümpfen ſtand; ein rothflanellenes Jagd⸗ hemd, eine ſtarke, natürliche Perücke von rothen Haaren in zerzauſtem Zuſtande und ein mehrere Tage alter Bart gaben dem guten Manne, gelind geſagt, kein beſonders einnehmen⸗ des Ausſehen. Er zögerte erſt einige Angenblicke, hielt das Licht in die Höhe und blinzelte unſerm Reiſenden mit einem wahrhaft komiſchen verſtörten und unſchlüſſigen Ausdruck an. Unſerem Senator koſtete es einige Mühe, ihn zum Verſtänd⸗ niß der Sache zu bringen, und während er ſich aufs beſte abmühte, dies zu thun, wollen wir ihn unſerm Leſer vor⸗ ſtellen. Der ehrliche alte John van Tromp war früher ein be⸗ deutender Grund⸗ und Sklavenbeſitzer in Kentucky geweſen. Da er vom Bären nichts weiter beſaß, als die Haut und von der Natur mit einem großen, ehrlichen und gerechten Herzen, welches ſeiner rieſigen Geſtalt entſprach, begabt war, hatte er mehrere Jahre mit unterdrücktem Unbehagen die Folgen eines Syſtems beobachtet, daß eben ſo ſchlimm für die Unterdrücker, wie für die Unterdrückten iſt. Endlich wurde eines Tages Johns großes Herz zu voll, um ſeine Feſſeln länger zu er⸗ tragen, er nahm ſeine Brieftaſche aus dem Pulte, ging nach Ohio, kaufte eine Viertel Towenſchip fetten guten Landes, ſtellte allen ſeinen Leuten, Männern, Weibern und Kindern 94 Freiſcheine aus, packte ſie in Wagen und ſchickte ſie hinüber, um ſich dort anzuſiedeln, und hierauf kehrte der ehrliche Joho ſein Geſicht dem Creeklaufe zu und zog ſich auf ein nettes, einſam gelegenes Gut zurück, um in der Stille ſeinen Gedanken nachzugehen. „Sind Sie der Manu, einer armen Frau mit einem Kinde Schutz vor Sklavenjägern zu geben?“ fragte der Senator kurz und bündig. „Das glaube ich wohl!“ ſagte der ehrliche John mit be⸗ deutendem Nachdruck. „Das dachte ich mir,“ erwiderte der Senator. „Wenn irgend Jemand kommt,“ rief der gute Mann, ſeine hohe, muskulöſe Geſtalt erhebend, ſo bin ich hier für ihn bereit, und ich habe ſieben Söhne, von welchen jeder ſeine ſechs Fuß lang iſt und die ebenfalls für ihn bereit ſein werden. Ueberbringen Sie den Sklavenjägern meinen Gruß,“ fuhr John fort.„Sagen Sie ihnen, daß ſie je eher je lie⸗ ber kommen ſollen und daß es uns freuen wird, ſie zu ſehen.“ Und er fuhr mit den knochigen Fingern in das Haar⸗ dach ſeines Kopfes und brach in ein munteres Lachen aus. Mide erſchöpft und muthlos ſchleppte ſich Eliza mit ihrem in tiefen Schlaf geſunkenen Kinde zur Thür heran. Der rauhe Mann hielt das Licht ihr vor's Geſicht, ließ eine Art von mitleidigem Grunzen aus, öffnete die Thür eines kleinen Schlafzimmers, welches an der große Küche, in welcher ſie ſtanden, lag und winkte ihr, hineinzugehen. Er nahm dar⸗ auf ein Licht, zündete es an, ſetzte es auf den Tiſch und ſagte zu Eliza: „Nun hört Ihr, Dirne? Ihr braucht Euch nicht im Ge⸗ ringſten zu fürchten, mag kommen was da will, ich bin auf Alles gefaßt,“ und er zeigte auf zwei bis drei über dem Ka⸗ minſims hängende Büchſen,„und die meiſten Leute, die mich kennen, wiſſen, daß es nicht geſund für ſie iſt, irgend Jemand aus meinem Hauſe zu holen, wenn ich dagegen bin. Legt Euch alſo ruhig ſchlafen, als ob Euch Eure Mutter ein⸗ wiegte,“ und er ſchloß die Thür. „Ei, das iſt ja ein ganz ungewöhnlich hübſches Frauen⸗ zimmer,“ ſagte er zu dem Senator;„ja wohl, die Hübſchen haben ſtets die größte Urſache zum Entlaufen, wenn ſie Ge⸗ fühle beſitzen, wie ſie ordentlichen Frauenzimmern zukommen, das weiß ich alles.“ 95 Der Senator erzählte ihm in wenigen Worten Eliza's Geſchichte. „Oho, iſt dies ſo?“ ſagte der gute Mann mitleidig;„ja das iſt ganz natürlich; das arme Ding jagt wie ein Reh, weil ſie natürliches Gefühl hat und das thut, was keine or⸗ dentliche Mutter unterlaſſen könnte. Ich will Ihnen etwas ſagen. Solche Dinge bringen mich ſtets zum Fluchen!“ ſagte der ehrliche John, indem er die Augen mit dem Rücken einer ſeiner von großen Sommerſproſſen bedeckten gelben Hand wiſchte.„Ich will Ihnen etwas ſagen, Fremder, es hat Jahre gewährt, bevor ich mich der Kirche anſchloß, weil die Prediger in unſerer Gegend zu predigen pflegten, die Bibel heiße ſolche Dinge gut, und da ich ihnen mit ihrem Griechiſchen und He⸗ bräiſchen nicht die Stange halten konnte, ſo habe ich mich ge⸗ gen ſie und die Bibel und alle aufgelehnt. Ich bin nicht eher zur Kirche getreten, bis ich einen Prediger fand, der ebenſo gelehrt war als ſie, aber gerade das Gegentheil behauptete, und dann ſchloß ich mich der Kirche an.— Ja, das iſt ein Faktum,“ ſagte John, der mittlerweile eine Flaſche mit ſtark mouſſirendem Cider entpfropft hatte und ſie jetzt dem Senator anbot.„Ihr werdet am beſten thun, bis zum Anbruch des Tages hier zu bleiben,“ ſagte er berzlich,„und ich will meine Alte holen und für Euch in Handumdrehen ein Bett bereiten laſſen. 4 „Danke Euch, Freund,“ ſagte der Senator,„ich muß fort, um den Nachtwagen nach Columbus zu benutzen.“ „Ah ſo, Ihr müßt gehen— ich gehe ein Stück mit Euch, um Euch einen Querweg zu zeigen, welcher beſſer iſt als der, welcher Euch hierher brachte. Dieſer Weg iſt ſehr ſchlecht.“ John rüſtete ſich und mit der Laterne in der Hand führte er bald des Senators Wagen nach einer Landſtraße hin, welche gerade hinter ſeinem Hauſe in einen Hohlweg mündete. Als die Fahrt vor ſich ging, nahm der Senator eine Zehn⸗Dollar⸗Note in die Hand. „Es iſt für ſie,“ ſagte er kurz. „Ja, ja,“ erwiderte jener eben ſo kurz. Sie reichten ſich die Hände und ſchieden. 96 Zehntes Kapitel. Das Eigenthum wird weggeführt. Der Februarmorgen ſah grau und neblig durch die Fen⸗ ſter von Onkel Tom's Hütte. Er blickte auf niedergeſchlagene Geſichter, die Bilder— trauriger Herzen! Vor dem Feuer ſtand der mit einer Plättdecke bedeckte kleine Tiſch. Ein oder zwei grobe, aber reine, friſchgeplättete Hemden hingen über Stuhllehnen dem Feuer zugewendet und Tante Chloe hatte ein drittes ausgebreitet vor ſich auf dem Tiſche. Sorgfältig rieb und glättete ſie jede Falte und Nath mit der größten Ge⸗ nauigkeit, ſich nur unterbrechend, um Thränen abzuwiſchen, welche über ihre Wangen rannen. Tom ſaß mit der auf ſeinen Knieen aufgeſchlagenen Bibel und den Kopf in die Hand geſtützt, bei ihr; doch weder er noch ſie ſprach ein Wort. Es war ſehr früh und die Kinder ſchliefen noch in ihrem Bettchen. Tom, welcher den ſanften, häuslichen Charakter, der ſeiner Race zum Unglück derſelben beſonders eigen iſt, im höchſten Grade beſaß, ſtand auf und trat ſchweigend an das Beitchen, um ſeine Kinder zu betrachten. 6 „Es iſt das letzte Mal,“ ſagte er. „Tante Chloe ſagte nichts, ſondern überplättete das grobe Hemd, welches bereits ſo glatt war, als es Menſchenhände nur machen konnten, von Neuem, ſetzte jedoch ihr Plätteiſen mit einer verzweiflungsvollen Bewegung weg, ſank auf einen Stuhl am Tiſche und weinte laut. „Wir ſollen uns darin ergeben; aber Gott! wie kann ich das thun? Wenn ich nur wüßte, wohin man Dich bringen und wie man Dich behandeln wird! Die Miſſis ſagt, daß ſie verſuchen würde, Dich in einem oder in ein paar Jahren zu⸗ rückzukaufen; aber von denen, die dort hinabgehen, ſind noch keine zurückgekommen. Sie werden ſtets umgebracht. Ich habe gehört, wie man ſie dort arbeiken läßt.“ „Derſelbe Gott, der hier iſt, wird auch dort ſein, Chloe.“ „Wenn auch,“ ſagte Tante Chloe.„Der Herr läßt mitunter gräßliche Dinge geſchehen; das bringt mir keinen, Fſt. „Ich bin in der Hand des Herrn,“ erwiderte Tom, „Nichts kann weiter gehen, als er's zuläßt— und es giebt 97 Eins, wofür ich ihm danke: es iſt das, daß ich verkauft bin und nicht Du oder die Kinder. Ihr ſeid hier in Sicherheit, was kommen wird, kommt nur auf mich und Gott wird mir bei⸗ ſtehen— ich weiß, daß er's thun wird.“ Tom ſprach es mit erſtickter Stimme, aber man konnte daraus ſein muthiges und ſtarkes Herz vernehmen.„Laß uns an die Gnade den⸗ ken, die uns zu Theil geworden,“ ſetzte er bebend hinzu, als ſei er vollkommen überzeugt, daß er dafür danken müſſe. „Gnade!“ ſagte Chloe;„ich ſehe keine Gnade darin! Es iſt nicht recht! Es iſt nicht recht, daß es ſo kommen mußte. Der Herr hätte es nicht zulaſſen ſollen, daß Du für ſeine Schulden genommen werden konnteſt. Du haſt ihm Alles, was er für Dich bekommt, doppelt verdient. Er war Dir Deine Freiheit ſchuldig und hätte ſie Dir ſchon lange geben ſollen. Es iſt möglich, daß er's jetzt nicht ändern kann, aber ich fühle, daß er Unrecht hat, davon kann mich Niemand ab⸗ bringen. Du warſt ein ſo treues Geſchöpf und haſt ſtets Deine Geſchäfte den Seinen nachgeſetzt und auf ihn mehr ge⸗ halten, als auf Deine eigene Frau und Kinder. Gott ver⸗ zeihe es denen, die ihrer Schulden wegen Liebe und Herzblut verkaufen.“ „Chloe, wenn Du mich lieb haſt, ſo ſprich nicht ſo, es wird vielleicht das letzte Mal ſein, daß wir zuſammen ſind, und ich ſage Dir, Chlve, es geht mir gegen den Strich, ein Wort gegen den Herrn zu hören. Habe ich ihn nicht ſchon als Kind auf meinen Armen getragen? Es iſt natürlich, daß ich ihn hochſchätze, und es iſt nicht zu verlangen, daß er viel an den armen Tom denken ſoll. Die Herren ſind es gewohnt, daß alle Dinge für ſie gethan werden und halten natürlicher Weiſe nicht viel davon; es iſt von ihnen nicht zu verlangen. Setze ihn einmal neben andere Herren— wer hat eine Be⸗ handlung und Leben gehabt, wie ich? Und er hätte es gewiß nicht über mich kommen laſſen, wenn er es hätte voraus ahnen können. Ich weiß, daß er es nicht gethan hätte!“ „Es iſt jedenfalls etwas Unrechtes bei!“ ſagte Tante Chloe, zu deren hervorſtechenden Zügen ein hartnäckiges Rechts⸗ gefühl gehörte.„Ich weiß nicht, wo das Unxecht liegt, aber es iſt unrecht, davon ſoll mich Keiner abbringen.“ „Du mußt zu Gott hinaufſehen, er iſt über uns Allen — gegen ſeinen Willen fällt kein Sperling vom Dache,“ „Das tröſtet mich nicht, wenn er das auch thun ſollte,“ ſagte Tante Chloe,„das Reden nützt doch nichts; ich will 7 — * 98 den Maiskuchen backen und Dir noch ein gutes Frühſtück be⸗ reiten; wer weiß, wann Du wieder eins bekommſt.“ Das einfache Frühſtück dampfte bereits auf dem Tiſche; denn Mrs. Shelby hatte an jenem Morgen der Tante Chlve die Erlaubniß, aus dem Herrenhauſe zu bleiben, gegeben. Die arme Seele hatte zu dieſem Abſchiedsſchmauſe Alles auf⸗ geboten— ihr zarteſtes Hühnchen geſchlachtet und zubereitet und ihren Maiskuchen mit engliſcher Genauigkeit gebacken, wie ſie wußte, daß er ihrem Manne ſchmeckte; ſie hatte auch aus einigen Töpfen auf dem Kaminſimms eingemachte Früchte herausgenommen, welche nur bei feierlichen Gelegenheiten zum Vorſchein kamen. „Heute haben wir einmal ein gutes Frühſtück,“ ſagte Moſes triumphirend zu Peter, und er langte ſich ein Stück von dem Huhne zu. ⸗ Tante Chloe ließ ihm augenblicklich einen Backenſtreich zukommen. „Da haſt Du's! mußt Du noch beim letzten Frühſtück, das Dein armer Vater hier haben wird, Lärm machen?“ „Chloe!“ ſprach Tom ſanft. „Nun, ich kann mich nicht halten!“ ſagte Chloe,„ich bin ſo äußerſt aufgeregt, daß ich nicht weiß, was ich mache!“ Die Knaben ſtanden ſtumm da und blickten bald auf ihren Vater, bald auf ihre Mutter, während das Jüngſte der Letzteren an die Kleider zupfte und zu ſchreien begann. „Jetzt!“ ſagte Tante Chloe, indem ſie ſich die Augen wiſchte und das Kind auf ihren Arm nahm;„jetzt bin ich hoffentlich ruhig. Eßt nur! das war mein beſtes Hühnchen. Da Jungen, Ihr ſollt auch was haben, Ihr armen Geſchöpfe. Eure Mutter iſt gegen Euch böſe geweſen.“ Die Knaben bedurften keiner weitern Einladung, und machten ſich eifrig an die Speiſen, und es war ein Glück, daß ſie es thaten, da ſonſt vom Frühſtück nur ſehr wenig verzehrt worden wäre. Als das Frühſtück beendigt war, ſagte Tante Chloe: „Jetzt muß ich Deine Kleider einpacken; es iſt leicht möglich, daß man ſie Dir abnimmt; ich weiß, wie die Men⸗ ſchen es machen— ſie haben einen ſchmutzigen Geiz. Dein Flanellzeug für den Rheumatismus liegt in dieſer Ecke, nimm es in Acht! Du wirſt jetzt Keinen haben, der Dir neues macht. Das ſind Deine alten Hemden und dies Deine neuen. Die Strümpfe habe ich Dir geſtern geſtopft und den Knäuel 99 hineingelegt; Gott! wer wird ſie Dir das nächſtemal aus⸗ beſſern!“ und Tante Chloe, von ihren Gefühlen abermals überwältigt, legte ihren Kopf auf die Kiſte.„Wenn ich be⸗ denke, daß kein Menſch in kranken oder geſunden Tagen für Dich ſorgen wird. Ich denke wirklich, daß es nicht gut ſein ſollte!“ Nachdem die Knaben Alles, was auf dem Frühſtückstiſche ſtand, verzehrt hatten, begannen ſie an die Lage der Dinge zu denken, und da ſie ihre Mutter weinen und ihren Vater mit betrübtem Geſicht da ſitzen ſahen, begannen auch ſie zu weinen. Onkel Tom hatte den Säugling auf den Knieen und erlaubte ihm, ſein Geſicht zu kratzen, ihm an das Haar zu zupfen und in lärmende Freudenausrufe auszubrechen. „Ja, krähe nur zu, armes Geſchöpf!“ ſagte Tante Chloe. „Du wirſt auch noch dran kommen; Du wirſt's erleben, Deine Mutter verkaufen zu ſehen, oder vielleicht ſelbſt verkauft zu werden, und die Jungen hier kommen auch noch dran. Das iſt leicht möglich, ſobald ſie zu Etwas nutzen. Neger dürfen einmal nichts haben!“ „Da kommt die Miſſis“ rief einer von den Knaben. „Sie kann auch nicht helfen; weshalb kommt ſie?“ ſagte Tante Chloe. Mrs. Shelby trat ein. Tante Chloe holte ihr in ent⸗ ſchieden mürriſcher Weiſe einen Stuhl herbei. Sie ſchien weder die Art, in der es geſchah, noch die Bewegung über⸗ haupt zu bemerken. Sie ſah bleich und kummervoll aus. „Tom!“ ſagte ſie,„ich komme, um—“ ſie hielt plötzlich inne, betrachtete die ſtumme Gruppe, ſank in ihren Stuhl, bedeckte ihr Geſicht mit ihrem Taſchentuche und begann zu weinen. „Gott, Mrs.— thun Sie das nicht!“ rief Tante Chloe, welche jetzt ebenfalls zu ſchluchzen anfing. „Mein guter Burſche,“ ſagte Mrs. Shelby,„ich kann Dir nichts geben, was Dir von Nutzen ſein könnte; gäbe ich Dir Geld, man würde es Dir abnehmen; aber ich verſpreche Dir feierlich und vor Gott, daß ich Dich nicht aus den Augen laſſen und Dich zurückbringen werde, ſobald ich das Geld auf⸗ treiben kann. Bis dahin vertraue auf Gott!“ Hier ſchrieen die Knaben, daß Mr. Haleh komme, und kurz darauf wurde die Thür durch einen Fußtritt aufgeſtoßen. Baley ſtand in der ſchlimmſten Laune auf der Schwelle; der in vorhergegangener Nacht ſcharfe Ritt und ſchlechte Er⸗ 100 folg ſeines Verſuchs, die Beute wieder zu erhaſchen, hatte ihn keineswegs zu einer freundlichen Stimmung geneigt gemacht. „Komm Neger! biſt Du fertig?“ rief er.„Ihr Diener, Miſſis!“ und nahm den Hut ab, als er Mrs. Shelby ſah. . Tante Chloe verſchloß die Kiſte und umſchnürte ſie, ſtand auf und ſah zornig den Sklavenhändler an. Ihre Thränen ſchienen ſich plötzlich in Feuerfunken verwandelt zu haben. Tom erhob ſich demüthig, um ſeinem neuen Herrn zu folgen, und nahm ſeine ſchwere Kiſte auf die Schulter. Seine Frau, mit dem Säugling auf dem Arm, folgte ihm an den Wagen, und die immer noch weinenden Knaben bildeten den Nachzug. Mrs. Shelby trat zu dem Händler, hielt ihn einige Augen⸗ blicke zurück und ſprach eifrig mit ihm, während die ganze Familie ſich zu einem vor der Thür angeſpannt ſtehenden Wagen begab. Die ſämmtlichen Sklaven des Gutes hatten ſich um denſelben verſammelt, um Abſchied von ihrem alten Kameraden zu nehmen. Sie hatteu Tom ſowohl als erſten Diener, wie als Un⸗ terweiſer des Chriſtenthums hoch verehrt, und beſonders der weibliche Theil zeigte eine redliche Theilnahme und einen großen Schmerz. „Ei Chloe, Du erträgſt es beſſer wie wir;“ klagte eines von den Weibern, welches reichliche Thränen vergoſſen hatte, als es die düſtre Stille, womit Chloe am Wagen ſtand, ſahe. „Meine Thränen ſind verſiegt,“ ſagte ſie mit einem grimmigen Blick auf den jetzt herannahenden Sklavenhändler. „Ich kann vor dem alten Teufel dort nicht weinen.“ „Steig ein!“ ſagte Haley zu Tom, als er durch die ihn mit gerunzelter Stirn anblickende Sklavengruppe ſchritt. Tom ſtieg ein, und Haley zog unter dem Wagenſitz ein Paar ſchwere Feſſeln hervor und ſchloß ſie um die Knöcheln des Negers. Ein dumpfes Stöhnen der Entrüſtung lief durch den ganzen Kreis und Mrs. Shelby rief von der Veran⸗ dah aus: „Ich verſichere Sie Mr. Haley, daß dieſe Vorſichtsmaß⸗ regel ganz unnöthig iſt.“ „Das weiß ich nicht Mrs., ich habe in dieſem Hauſe ſchon fünfhundert Dollars eingebüßt und kann mich keiner neuen Gefahr ausſetzen.“ „Was konnte ſie anders von ihm erwarten?“ ſagte Tante Chloe zornig, während die beiden Knaben, die jetzt das Schickſal ihres Vaters zu begreifen ſchienen, ſich unter heftigem Schluchzen und Weinen an ihr Kleid hingen. 101 „Es thut mir leid, daß Mr. George nicht da iſt,“ ſagte Tom. George war nach einem benachbarten Gute gegangen, um ſich zwei bis drei Tage bei einem Kameraden aufzuhal⸗ ten und hatte, indem er in der Frühe des Morgens, ehe Tom's Unglück bekanut wurde, abgereiſt war, nichts davon gehört. „Grüßt Mr. George!“ ſagte er noch vom Wagen herab. Haley peitſchte das Pferd, und Tom wurde mit bis zur letzten Minute auf ſeinen Geburtsort gerichteten trüben Blik⸗ ken aus der Gegend gebracht. Mr. Shelby war zu jener Zeit nicht zu Hauſe. Er hatte nur Tom deshalb verkauft, um aus der Gewalt eines Mannes zu kommen, den er fürch⸗ tete, und ſein erſtes Gefühl nach dem Abſchluſſe des Handels war das der Erleichterung geweſen. Die Vorſtellungen ſeiner Gattin hatten ſein ſchlummerndes Mitleiden erweckt und Toms Uneigennützigkeit das Unangenehme ſeiner Gefühle vergrößert. Er ſagte ſich umſonſt, daß er das Recht habe, das zu thun, was ein Jeder thue, und was manche ſogar ohne die Entſchuldi⸗ gung der Nothwendigkeit thäten. Er konnte ſeine Gefühle nicht unterdrücken und hatte, um nicht Zeuge von der uner⸗ freulichen Abſchiedsſcene zu ſein, eine kleine Geſchäftsreiſe an⸗ getreten, indem er hoffte, daß vor ſeiner Rücktehr Alles vor⸗ über ſein werde. Tom und Haley rollten auf der ſtaubigen Landſtraße dahin, bis ſie die Grenze des Gutes aus dem Ge⸗ ſicht verloren und die offne Landſtraße erreichten. Nachdem ſie ungefähr eine Meile gemacht hatten, hielt plötzlich Haley vor der Thür einer Schmiede an, nahm ein Paar Handſchel⸗ len aus dem Wagen und trat in die Werkſtätte, um an ihnen eine kleine Verbeſſerung vornehmen zu laſſen. „Dieſe ſind für ſeinen Arm etwas zu eng!“ fagte Ha⸗ ley, indem er die Schellen zeigte und auf Tom hinauswies. „Berr Gott! iſt das nicht Shelby's Tom? er hat ihn doch nicht verkauft?“ rief der Schmidt. „Ja! das hat er,“ antwortete Haley. „Wirklich! was Ihr da ſagt?“ verſetzte der Schmidt— wer hätte das gedacht, nun Ihr braucht ihn nicht zuſammen⸗ zuſchließen, er iſt das treueſte beſte Geſchöpf.“ „Ja! ja!“ ſagte Haley,„aber die guten Burſchen ſind Lerade Diejenigen, die am meiſten auf das Entlaufen denken, den Dümmeren iſt es gleich, wohin ſie gehen und die lieder⸗ lichen Trunkenbolde, die ſich aus nichts Etwas machen, blei⸗ ben bei einem und machen ſich ein Vergnügen daraus, ſich umher fahren zu laſſen. Aber die Burſchen von der Prima⸗ 102 qualität haſſen es, wie die Sünde. Es giebt nichts beſſeres, als ſie zu feſſeln. Sie haben Beine und gebrauchen dieſe, ſobald ſie können.“. „Gut!“ ſagte der Schmidt, indem er unter ſeinen Werk⸗ zeugen kramte.„Die Pflanzungen dort unten, Fremder, ſind eben nicht der Ort, wohin die kentuckyſchen Neger gern ge⸗ hen. Sterben ſie dort nicht bald?“ „Ja wohl, leidlich ſchnell, das Acclimatiſiren und das Eine oder das Andere bringt ſie häufig um, was auf dem Markt beſtändig gute Nachfrage verurſacht.“ „Nun, man kann ſich des Gedankens nicht erwehren, daß es jammerſchade iſt, daß ein wackerer, ſtiller, anſtändiger Burſche, ein ſo guter Kerl, wie Tom, auf einer von den Zuckerplantagen verkauft werden ſoll.“ „Ei! ei! er hat gute Ausſichten, ich habe verſprechen müſſen, mich ſeiner anzunehmen; ich werde ihn als Hausdie⸗ ner in einer guten, alten Familie anbringen, und wenn er das Acclimatiſiren und das Fieber überwindet, ſo wird er ſich dort ſo wohl fühlen, wie es ein Neger nur immer kann.“ „Seine Frau und Kinder bleiben wohl hier oben zurück?“ „Ja!“ ſagte Haley,„aber er wird dort eine andere be⸗ kommen; Gott! Weiber giebt's überall genug!“ Tom ſaß betrübt vor der Schmiede, während dieſes Ge⸗ ſpräch im Innern ſtattfand; plötzlich hörte er hinter ſich den ſchnellen, kurzen Hufſchlag eines Pferdes und ehe er ſich noch von ſeiner Ueberraſchung erholen konnte, war George, der Sohn ſeines ehemaligen Herrn, bei ihm. Er ſprang in den Wagen, umſchlang ſtürmiſch den Hals des Negers und ſchluchzte und ſchalt ſtürmiſch. „Es iſt wahrhaftig gemein; ſie mögen Alle ſagen, was ſie wollen, es iſt eine Schande und eine Sünde. Wahrhaf⸗ tig, wenn ich ein Mann wäre, ſo ſollten ſie es nicht thun, George.“ „O! Mr. George, Das thut mir wohl!“ ſagte Tom,„ich hätte es nicht ertragen können, fortzugehen, ohne Sie geſehen zu haben. Sie wiſſen es nicht, wie wohl es mir thut!“ Hier machte Tom eine Bewegung mit den Füßen und George's Blick fiel auf die Feſſeln. 5 „Das iſt eine Schande!“ rief er, die Hände empor⸗ ſtreckend, wahrhaftig, ich werde den alten Kerl zu Boden ſchlagen— ja, das werde ich!“ K „Nein, das thun Sie nicht, Herr George! Sie müſſen 103 auch nicht ſo laut ſprechen; es wird mir nichts helfen, wenn Sie ihn böſe machen.“ „Nun, Deinetwegen werde ich es unterlaſſen. Aber es iſt doch eine wahre Schande; man hat mich nicht kommen laſſen, noch mir ein Sterbenswörtchen geſagt, und wenn Tom Lincon nicht geweſen wäre, hätte ich gar nichts davon ge⸗ wußt; ich habe ſie zu Hauſe Alle dafür ausgeſcholten, das kann ich Dir ſagen.“ „Ich fürchte, daß das nicht Recht war, Herr George.“ „Ich kann nicht anders. Ich bleibe dabei, daß es eine Schande iſt. Schaue her, Onkel Tom,“ ſetzte er hinzu, in⸗ dem er der Schmiede den Rücken zuwendete und einen ge⸗ heimnißvollen Tom annahm; ich habe Dir meinen Dol⸗ lar mitgebracht.“ „O, ich kann ihn um die ganze Welt nicht annehmen, Herr George,“ ſagte Tom tief gerührt. „Aber Du mußt ihn annehmen,“ drängte George,„ſiehe, ich habe der Tante Chloe geſagt, daß ich es thun wolle, und ſie hat mir den Rath gegeben, ein Loch darin zu machen und ein Band durchzuziehen, damit Du ihn um den Hals hängen kannſt, ſo daß er ihn nicht ſieht. Der gemeine Schuft würde ihn Dir ſonſt wegnehmen. Hörſt Du, Tom, ich habe große Luſt, ihm gehörig den Tert zu leſen, es würde mir wohl thun.“ „Thun Sie es nicht, Herr George; es würde für mich nicht gut ſein.“ „Nun, Deinetwegen werde ich es laſſen,“ ſagte er, in⸗ dem er haſtig den Dollar um Tom's Hals hing;„ſo, aber jetzt knöpfe den Rock feſt darüber und behalte ihn, und jedes Mal, wenn Du ihn ſiehſt, erinnere Dich daran, daß ich kom⸗ men und Dich holen werde. Ich habe der Tante Chloe ver⸗ ſprochen und ihr geſagt, ſie möge keine Furcht haben, ich werde dafür ſorgen und den Vater todt quälen, wenn er es nicht thut.“ „OD. Mr. George! Sie müſſen nicht ſo von Ihrem Vater ſprechen!“ „Gott! Onkel Tom! ich meine nichts Böſes.“ „Und nun Herr George, ſagte Tom, jetzt müſſen ſie ein guter Junge ſein. Bedenken Sie, wie viele ihre Hoffnungen auf ſie ſetzen. Hören ſie ſtets auf Ihre Mutter⸗ Nehmen Sie nicht die thörichte Gewohnheit an, die viele junge Leute haben, zu klug zu werden, um auf ihre Mutter zu achten. ſch will Ihnen etwas ſagen, Herr George. Gott giebt uns eine Menge Sachen doppelt, aber eine Mutter giebt er nur 104 einmal. Sie werden nie wieder eine ſolche Frau ſehen, Mr. George, wenn Sie auch hundert Jahre alt würden, halten Sie ſich alſo an ſie, und wachſen Sie ihr zum Troſte auf und ſein Sie mein gutes Kind— nicht wahr? Das werden Sie thun? „Ja das werde ich, Onkel Tom,“ ſagte George ernſtlich. „Und nehmen Sie ſich mit Ihrer Zunge in Acht, Mr. George. Die Knaben ſind oftmals eigenſinnig, wenn ſie in Ihre Jahre kommen; es iſt natürlich, daß ſie es ſind, aber ächte Gentlemen, wie Sie hoffentlich einer ſein werden, verlieren nie ein Wort, daß unehrerbietig gegen ihre Eltern iſt. Sie ſind doch nicht beleidigt, Herr George?“ „Nein, wirklich nicht, Onkel Tom, Du gabſt mir immer weiſe Vorſchriften.“ „Ich bin älter, wie Sie,“ ſagte Tom, indem er den hübſchen Lockenkopf des Knaben mit ſeiner großen, ſtarken Hand ſtreichelte, doch mit einer Stimme ſprach, die eben ſo ſanft und zärtlich war, wie die eines Vaters.„Ich ſehe Alles, was in Ihnen verborgen ruht. Mr. George, Sie haben Alles, Gelehrſamkeit, Vorrechte, Leſen, Schreiben, und ſie werden noch zu einem guten, gelehrten Manne aufwachſen, und alle auf dem Gute, auch Ihre Aeltern werden ſtolz auf ſie ſein. Sein Sie ein guter Herr, wie Ihr Vater, und ein Chriſt, wie Ihre Mutter. Gedenken Sie Ihres Schöpfers in den Tagen Ihrer Jugend, Mr. George.“ „Ich werde wahrhaftig gut ſein, Onkel Tom, das ſage ich Dir!“ rief George,„ich will ein ganzer Kerl werden, verliere nur den Muth nicht, ich bringe Dich ſchon wieder zurück. Ich habe es heute früh der Tante Chloe geſagt, daß ich Dir ein neues Haus bauen werde, und daß Du darin Platz für ein Zimmer mit einem Teppich haben ſollſt, wenn ich ein Maun geworden bin. Ach, Du wirſt noch gute Zeiten erleben.“. Jetzt kam Haley mit den Handſchellen in den Händen an die Thür. „Hören Sie einmal, Herr,“ ſagte George, als er heraus⸗ trat, mit überlegener Miene,„ich werde meinen Eltern ſagen, wie Sie Onkel Tom behandeln.“ „Das will ich Ihnen gerne geſtatten,“ ſagte der Händler. „Schämen Sie ſich nicht, Ihr ganzes Leben lang Männer und Weiber zu kaufen und ſie anzuketten, wie das Vieh? Ich ſollte glauben, daß das Ihnen ſelbſt zu ſchlecht wäre.“ „So lange vornehme Leute Männet zund Weiber kaufen, 105 ſo bin ich eben ſo gut wie Sie, das Verkaufen iſt nicht ſchlechter, als das Kaufen.“ „Wenn ich ein Mann bin,“ ſagte George,„ſo werde ich weder das eine, noch das andere thun. Ich ſchäme mich, ein Kentuckher zu ſein. Ich bin früher immer ſtolz darauf ge⸗ weſen!“ und George richtete ſich auf ſeinem Pferde empor, und blickte mit einer ſolchen Miene um ſich, als erwartete er, daß ſein Urtheil auf den Staat einen großen Eindruck machen werde.„Nun lebe wohl, Onkel Tom, und laſſe die Oberlippe nicht hängen!“ ſagte George. Leben Sie wohl, Herr George,“ ſagte Tom, indem er mit liebevoller Verwunderung ihn anſah; Gott der Allmächtige ſegne Sie! Ach, Kentuckh hat nicht viele, die Ihnen ähnlich ſind,“ fügte er mit vollem Herzen hinzu; als das offene Knaben⸗ antlitz ſeinen Blicken entſchwand. Er entfernte ſich, und Tom blickte zurück bis der Hufſchlag ſeines Pferdes in der Ferne verhallte. Es war der letzte Klang aus ſeiner Heimath. Auf ſeinem Herzen ſchien ſich jedoch, da, wohin jene jungen Hände den koſtbaren Dollar gehängt hatten, ein warmes Plätzchen zu bilden. Tom erhob ſeine Hand, und drückte ſie feſt an ſeine Bruſt. „Nun will ich Dir was ſagen, Tom!“ ſprach Haley, als er an den Wagen trat und die Handſchellen hinwarf, „ich werde es ehrlich mit Dir halten, wie ich es mit allen meinen Negern gewöhnlich thue, und ich ſage Dir jetzt gleich, daß ich Dich ehrlich behandeln werde, wenn Du mich ehrlich behandelſt. Gegen meine Neger bin ich nie hart; ich thue für ſie das beſte, was ich kann. Nun ſiehſt Du? Das Beſte, was Du thun kannſt, wird ſein, daß Du Dich ruhig in die Sache zu finden weißt und keine Streiche gegen mich unter⸗ nimmſt. Denn ich kenne alle die Negerſtreiche, wi ſie auch heißen mögen, und bei mir nutzen ſie nichts. Wen Sie Neger ſich ruhig halten und keinen Fluchtverſuch machen, ſo haben ſie bei mir gute Zeit, und wenn ſie es nicht thun, ſo iſt es ihre Schuld und nicht die meine.“ Tom verſicherte Haley, daß er jetzt keine Abſicht habe, davon zu laufen. In der That ſchien die Ermahnung ſehr überflüſſig für einen Mann mit einem Paar ſchweren Eiſenfeſſeln an den Füßen. Aber Haley hatte ſich gewöhnt, ſeine Bezie⸗ hungen zu ſeinem„Vorrath“ mit Ermahnungen dieſer Art zu beginnen, wohl berechnet, wie ihm deuchte, Freudigkeit und Vertrauen einzuflößen und die Nothwendigkeit jedweden unan⸗ genehmen Auftritts zu verhüten. 106 Und hier nehmen wir für jetzt unſern Abſchied von Tom, um das Geſchick anderer Perſonen unſerer Erzählung zu verfolgen. Elftes Kapitel. Eigenthums Brelenzuſtand verwirrt ſich. Es war ſpät an einem trüben Nachmittag, als vor einem Gaſthofe des Städtchens N. in Kentucky ein Reiſender anlangte. In die Wirthsſtube getreten, fand er eine zuſammengewürfelte Geſellſchaft vor, welche das abſcheuliche Wetter in dieſen Zu⸗ fluchtsort getrieben hatte, und der Ort bot den gewöhnlichen Anblick ſolcher Verſammlungen dar. Rieſige, ſtarkknochige Kentuckyer in Jagdblouſen und mit ſchlottrigen Gliedern, welche ſie mit der dieſem Volke eignen Nachläſſigkeit über den breiten Boden ſchleppten, das in den Winkeln aufgeſtapelte mannig⸗ fache Jagdgeräth, müde Jagdhunde und plärrende Negerkinder im bunteſten Gewühl bildeten zuſammen eine eben ſo draſtiſche als burleske Scene. Am Kamine ſaßen zwei hagere Männer auf Stühlen hingeworfen, den Hut auf dem Kopfe und die ſchmutzigen Stiefel an den Kaminſimms gelehnt, deſſen Ecken ſie mit ihren Stiefelabſätzen zierten. Der Wirth hinter dem Schenk⸗ tiſche, von gleicher Statur wie ſeine Landsleute, dabei gut⸗ müthig, zeichnete ſich durch ſeinen üppigen Haarwuchs und darüber geſtülpten Hut aus. Und ſo war es auch mit ſämmt⸗ lichen Anweſenden, welche dieſes Zeichen männlicher Souverä⸗ netät auf dem Kopfe hatten, mochte es nun aus einer Biber⸗ mütze oder einem Palmenhut, aus einer Filzmütze oder einem Seidenhut beſtehen. Ein jedes charakteriſirte ſeinen Eigen⸗ thümer. Die luſtigen und jovialen Burſchen trugen den ihren keck auf die Seite geſetzt; die Männer von feſtem Charakter zogen ihn in's Geſicht, energiſch zeigend, daß ſie ihren Hut tragen, wie es ihnen beliebt; Andere ſetzten den Hut in's Genick, um als kluge Leute nicht in ihrer Ausſicht gehindert zu ſein, und wieder Andere, die Leichtſinnigen, ſetzten ihren Hut, wie er gerade ſitzen wollte. Die verſchiedenen Hüte bildeten wahrlich ein Shakeſpeare⸗Studium. Mehrere Neger in weiten Beinkleidern und ſchmutzigen Hemden liefen hin und her, ohne was Weiteres zu ſchaffen, ½ 3 107 als Alles zur Annehmlichkeit und zum Vortheil des Maſter und ſeiner Gäſte einznrichten. Denft man ſich zu dieſem Ge⸗ tümmel ein hellloderndes, praſſelndes Kaminfeuer, die Thüren und Fenſter angelweit geöffnet und die Vorhänge vom ſtür⸗ miſchen Winde flatternd herumgeworfen, ſo möchte ſich das Bild eines Wirthshauſes in Kentuckh lebhaft genug unſerer Phantaſie darſtellen. In dieſe Verſammlung nun trat der Reiſende, ein klei⸗ ner, unterſetzter, ſorgfältig gekleideter Mann, mit rundem, gut⸗ müthigem Geſicht. Er ſetzte ſeinen Mantelſack und Regenſchirm ſorgſam an die Seite, und wehrte ſich gegen die herbeieilende Dienerſchaft, welche ihm behülflich ſein wollte. Er warf ängſt⸗ liche Blicke im Zimmer umher, zog ſich dann in die Ecke zurück mit ſeinen Habſeligkeiten, legte dieſelben unter ſeinen Stuhl und muſterte— nachdem er ſich niedergelaſſen hatte— mit— beſorglicher Aengſtlichkeit die beiden würdigen Nachbaren, deren Stiefelabſätze die oben erwähnte Architektur des Kaminſimmſes bildeten, und die mit Beharrlichkeit nach ächt amerikaniſcher Sitte rechts und links ſpuckten, eine Gewohnheit, die für ſchwachnervige Reinlichkeitsmenſchen keine Ermuthigung zur Annäherung darbietet. „Nun, wie geht's, Fremder?“ fragte der Eine von den Gentlemans, indem er einen Ehrengruß von Tabaksſpeichel vor die Füße des Angeredeten ſchleuderte. „Gut,“ antwortete der Ankömmling, dem bräunlichen Strahl beſorglich ausweichend. „Nichts Neues?“ fragte der Erſtere, indem er aus der Taſche eine Rolle Tabak und ein breites Jagdmeſſer zog. „Ich wüßte Nichts!“ erwiderte Jener. „Kauen Sie?“ fragte der erſte Redner, indem er mit brüderlicher Miene dem alten Herrn eine Portion Tabak hin⸗ reichte. „Nein, ich danke ſehr, es iſt mir wirklich nicht zuträglich,“ erwiderte der kleine Mann ausweichend. „Wirklich nicht?“ ſagte Jener gleichmüthig, förderte das Dargereichte unverzüglich in ſeinen eigenen Mund, indem er keine Unterbrechung in der Produktion des angenehmen Ta⸗ baksſaftes eintreten ließ. Unſer Reiſender ſchreckte ſtets ein wenig zuſammen, wenn ſein langer Nachbar nach ihm hinfeuerte, und da diefer dies end⸗ lich bemerkte, ſo richtete er ſein Feuern mit gutmüthiger Vor⸗ forglichkeit auf eins der Schüreiſen mit einer Energie, als ob es gälte, eine Feſtung zu bombardieren. 108 „Was iſt Das?“ fragte der alte Herr, als er Einige aus der Geſellſchaft ſich um einen großen an der Wand be⸗ feſtigten Zettel drängen ſah. „Eine Negerankündigung,“ antwortete Einer aus der Gruppe kurz. Mr. Wilſon, ſo hieß der Fremde, ſtand auf, ſetzte ſeinen Schirm gegen den Stuhl, zog eine Brille hervor, ſetzte ſie auf die Naſe und las, nachdem er ſich ſo bewaffnet hatte, Fol⸗ gendes: Dem Unterzeichneten iſt ſein Mulattenburſche George entlaufen. Beſagter Georg iſt ſechs Fuß hoch, von heller Farbe und braun gelocktem Haar; er iſt ſehr intelligent, ſpricht hübſch, kann leſen und ſchreiben und wird ſich wahrſcheinlich für einen weißen Mann ausgeben; hat tiefe Narben auf Schultern und Rücken und iſt in der rechten Hand mit dem Buchſtaben H gebrannt.— Ich zahle Demjenigen, welcher denſelben lebend in meine Hände liefert, vierhundert Dollars, und dieſelbe Summe für einen genügenden Ausweis, daß er todtgeſchlagen iſt.“ Der alte Herr las dieſe Ankündigung für ſich von An⸗ fang bis zu Ende mit einer Sorgfalt, als wolle er ſie recht durchſtudiren⸗ Der lange Veteran, welcher ſo beharrlich das Schüreiſen beworfen hatte, erhob jetzt ſeine mächtige Figur, ging auf den Zettel hinzu und ſpie freigebig eine volle Ladung Taback⸗ ſpeichel auf denſelben. „Das iſt meine Anſicht von der Sache!“ ſagte er kurz, drehte ſich um und ſetzte ſich wieder. „Oho! Fremder! was ſoll Das heißen?“ rief der Wirth erſtaunt. „Dem Schreiber jener Zeilen würde ich ein Gleiches thun, wenn er ſo vor mir ſtünde!“ ſagte der Lange, indem er ruhig in ſeinem Tabackkauen fortfuhr.„Ein Jeder, der einen ſolchen Burſchen hat und ihn nicht beſſer behandeln kann, verdient, daß er ihn los wird. Papiere, wie die da, ſind eine Schande für Kentucky, ſo denke ich, wenn es Einer wiſſen will.“ „Ja wohl, das iſt auch ſo,“ bemerkte der Wirth, wäh⸗ rend er Etwas in ſein Buch ſchrieb. „Ich habe eine ganze Heerde ſolcher Burſchen, Herr,“ ſagte der lange Mann wieder, indem er ſeinen Angriff auf das Schüreiſen wieder begann,„und ich ſage zu ihnen: Jungen! lauft! verſchwindet! reißt aus! wenn Ihr wollt; ich 109 werde Euch nicht nachlaufen! Auf dieſe Weiſe erhalte ich die Meinigen. Wenn ſie wiſſen, daß es ihnen frei ſteht, zu je⸗ der Zeit davon zu laufen, ſo verlieren ſie die Luſt. Außer⸗ dem habe ich ihnen Allen Freiſcheine ausſtellen und ſie ein⸗ regiſtiren laſſen, im Falle ich einmal abfahren ſollte, und das wiſſen ſie, und nun ſage ich Ihnen, Fremder, in unſerer Gegend iſt Keiner, dem ſeine Neger beſſer arbeiteten, als mir. Ja, meine Burſchen ſind mit Pferden im Werth von fünfhundert Dollars in Cincinati geweſen und haben mir das Geld unverſehrt nach Hauſe gebracht. Das war auch natürlich von ihnen. Wer ſie wie die Hunde behandelt, wird auch hundemäßig von ihnen bedient und behandelt. Wer ſie wie Menſchen behandelt, den werden ſie auch als Men⸗ ſchen behandeln.“ Und der ehrliche Pferdehändler bekräftigte ſeine Rede durch ein wahres Freudenfeuer auf das Schüreiſen und den Feuerheerd. „Ich meine auch, Sie haben Recht, Freund“ bemerkte Mr. Wilſon, der hier beſchriebene Mulatte iſt ein feiner Burſche, das weiß ich. Er hat wohl an ſechs Jahre in mei⸗ ner Sacktuchfabrik gearbeitet, und, Herr, er war mein beſter Arbeiter. Er iſt ein ſcharfſinniger Burſche, und hat ſogar eine Hanfreinigungs⸗Maſchine erfunden— eine werthvolle, brauchbare Vorrichtung, die in mehreren Fabriken angewen⸗ det wird. Sein Herr hat ein Patent darauf genommen.“ „Das glaube ich,“ ſagte der Pferdezüchter,„er hat das Patent und verdient Geld damit, und dann brandmarkt er den Burſchen in die rechte Hand. Wenn ich Gelegenheit hätte, ich wollte ihn zeichnen, daß er eine Weile daran denken ſollte.“ „Die klugen Burſchen ſind ſtets ungehorſam,“ ſagte ein am andern Ende des Zimmers ſitzender, wild ausſehender Mann,„und deshalb werden ſie auch gebrandmarkt. Das würde nicht geſchehen, wenn ſie ſich auffuhrten, wie es ſich gehört.“ „Das will ſagen, unſer Herrgott hat ſie geſchaffen als Menſchen, und es gehört ein ſtarker Druck dazu, um ſie zum Vieh hinabzudrücken,“ antwortete der Pferdezüchter trocken. „Kluge Neger ſind kein Vortheil für ihre Beſitzer,“ ent⸗ gegnete Jener, deſſen in ſeiner ganzen Erſcheinung ausgeprägte Rohheit und Stumpfheit ihn gegen die Verachtung ſeines Gegners ſchützte.„Wozu find Fähigkeiten in den Dingern, wenn man ſie nicht dazu bringen kann, dieſelben für Einen anzuwenden? Sie wenden ſie nur an, um Einen zu hinter⸗ 110 gehen. Ich habe einen oder zwei ſolcher Burſchen gehabt und ſte flußabwärts gegeben, da ich wußte, daß ich ſie ſonſt doch los würde, früher oder ſpäter, wenn ich es nicht thäte.“ Hier wurde das Geſpräch durch das Nahen eines kleinen einſpännigen Wagens unterbrochen, der vor dem Wirthshauſe hielt. Ein anſtändig ausſehender Mann ſaß darin und ein Farbiger hielt die Zügel. Alle muſterten den Ankommenden mit jener Neugier, welche bei ſchlechtem Wetter gewöhnlich durch Langeweile her⸗ vorgerufen wird. Er war von hohem Wuchſe, dunkler, ſpa⸗ niſcher Geſichtsbildung, hatte ausdrucksvolle, ſchwarze Augen und dichtes, glänzendes, ſchwarzes Haar. Seine Adlernaſe, ſeine Lippen und ſchöngebaute Geſtalt erweckten in der Ge⸗ ſellſchaft den Gedanken, einen außerordentlichen Mann vor ſich zu ſehen. Er verbeugte ſich artig, ſchritt leiſe mit dem Hut in der Hand durch die Verſammelten und deutete durch eine Kopfbewegung dem Diener den Ort an, wo er ſeinen Koffer hinzuſtellen habe, trat an den Schenktiſch und nannte ſeinen Namen: Henry Butler aus Oakland, Grafſchaft Shelby. Hierauf wandte er ſich mit gleichgültiger Miene um, ging auf die Ankündigung zu und überlas ſie. „Jim,“ ſagte er zu ſeinem Diener,„haben wir nicht einem Burſchen, ähnlich dem hier Beſchriebenen, oben bei Bernan geſehen?“ „Ja, Maſter,“ antwortete Jim,„nur, daß ich wegen der Hand nicht ſicher weiß.“ „Das habe ich auch nicht geſehen,“ antwortete der Fremde, gleichgültig gähnend. Hisrauf verlangte er vom Gaſtwirth ein beſonderes Zimmer, da er etwas zu ſchreiben habe. Der Gaſtwirth war die Unterthänigkeit ſelbſt, und im Augenblick ſchwärmte ein halb Dutzend männlicher und weib⸗ licher, alter und junger, großer und kleiner Neger, wie ein Schwarm Vögel heraus, um das Zimmer des fremden Maſter zu bereiten, während der Fremde, ruhig im Gaſtzimmer ſitzend, mit dem zunächſt Sitzenden ein Geſpräch anknüpfte. Mr. Wilſon hatte den Fremden ſeit ſeinem Eintreten mit unruhigem Nachdenken betrachtet; das Aeußere des Fremden ſchien ihm ſo bekannt, als wenn er denſelben ſchon irgendwo geſehen und kennen gelernt habe. Wenn der Fremde ſprach oder ſich bewegte, ſo fuhr er auf und betrachtete ihn mit ſinnenden Blicken, um die Augen wieder niederzuſchlagen, ſo⸗ bald der Fremde ihn gleichgültig anblickte, Einmal ſchien ſich eine ſehr lebhafte Erinnerung ſeiner zu beiächtigen, und er be⸗ 111 trachtete den Fremden mit ſo unverhehltem Erſtaunen, daß dieſer ſich veranlaßt fühlte, ihn anzureden. „Mr. Wilſon, wenn ich nicht irre?“ ſagte er, als wenn er ihn eben erkenne, und bot ihm die Hand.„Ich bitte um Entſchuldigung, Sie nicht ſogleich erkannt zu haben. Ich ſehe, daß Sie ſich meiner wieder erinnern— Mr. Butler von Dakland in der Grafſchaft Shelby.“ „Ja, ja, Sir,“ ſagte Mr. Wilſon, wie im Traume. In dieſem Augenblicke trat ein Negerknabe ein und mel⸗ dete, daß des Maſters Zimmer in Ordnung ſei. „Jim, gieb Acht auf die Koffer,“ rief der Fremde, und fügte zu Wilſon gewendet, hinzu:„Wenn Sie nichts dagegen haben, Sir, ſo möchte ich Sie auf meinem Zimmer für einige Minuten unbeobachtet ſprechen.“ Mr. Wilſon folgte ihm wie im Schlafe in ein durch praſſelndes Feuer erwärmtes Oberzimmer, wo einige Diener die letzte Hand an die Ordnung legten. Nachdem die Diener ſich entfernt, ſchloß der junge Mann die Thür ruhig ab, ſteckte den Schlüſſel zu ſich, ſchlug die Arme übereinander und blickte gerade und offen in Mr. Wil⸗ ſons Angeſicht. „George,“ ſagte dieſer. „Ja, George,“ antwortete der junge Mann. „Das hätte ich nicht gedacht!“ „Nun, ich denke auch gut verkleidet zu ſein,“ ſagte Ge⸗ orge lächelnd.„Ein wenig Wallnußrinde hat meiner gelben Haut ein erträgliches Braun gegeben, und mein Haar iſt ſchwarz gefärbt. So, ſehen Sie, gleiche ich der Ankündigung da unten nicht im Geringſten.“ „O George, Du ſpielſt ein gewagtes Spiel. Ich würde Dir nicht dazu gerathen haben.“ „Ich thue es auf meine eigene Gefahr,“ erwiderte George ſtolz lächelnd. Wir bemerken nebenbei, daß George von väterlicher Seite weißer Abkunft war. Seine Mutter war eine der Unglück⸗ lichen, die durch ihre perſönliche Schönheit Sklavinnen der Leidenſchaften ihrer Herren, und Mütter von Kindern werden, welche nie ihren Vater kennen lernen. Von einer der erſten Familien Kentuckys hatte er die europäiſchen Züge und den unbezähmharen Muth, von ſeiner Mutter nur eine leichte Mulattenfärbung geerbt, weswegen eine geringt Veränderung ſeiner Hautfarbe und ſeine ihm angebornen feinen Maniren 112 es ihm leicht machten, die Rolle eines mit ſeinem Diener rei⸗ ſenden Gentlemens durchzuführen. Der gutherzige, aber äußerſt ängſtliche Mr. Wilſon lief im Zimmer auf und ab, ſchwankend zwiſchen dem Wunſche, George zu helfen und dem Beſtreben, damit ſeine Anſichten über Geſetz und Recht aufrecht zu erhalten. „George,“ ſagte er,„es ſcheint mir, daß Du entlaufen biſt, daß Du Deinen rechtmäßigen Herrn verläßt, George— ich wundere mich zwar nicht darüber— dennoch aber— es thut mir leid— ich glaube Dir dies ſagen zu müſſen— ich halte es für meine Pflicht, Georg.“ „Weshalb bedauern Sie es, Sir?“ fragte Georg ruhig. „Nun, George— weil Du Dich durch dieſe Handlung gegen die Geſetze Deines Vaterlandes auflehneſt.“ „Meines Vaterlandes!“ rief George mit bitterem Aus⸗ druck.„Habe ich ein anderes Vaterland als das Grab? Ich wünſche zu Gott, ich läge darin.“ „Aber George,“ ſprach der alte Mann,„nein, nein, das iſt nichts. Dieſe Art zu reden iſt gottlos, ganz gegen die heilige Schrift. Georg, Ihr habt einen ſehr harten Herrn, ſo iſt es— ſein Betragen iſt tadelnswerth, ich unternehme es nicht ihn zu vertheidigen. Aber Du weißt, wie der Engel Hagar befahl zu ihrer Herrin zurückzukehren, und ſich wieder in Ihre Hand zu begeben, und der Apoſtel ſendete Onaſimus zu ſeinem Herrn zurück.“ „Citirt mir nicht die Bibel in dieſer Weiſe, Mr. Wil⸗ ſon,“ ſagte Georg mit blitzenden Augen, thut es nicht. Denn mein Weib iſt eine Chriſtin, und ich denke es auch zu ſein, wenn ich dahin komme wo ich will. Aber die heilige Schrift einem Menſchen in meiner Lage zu citiren, iſt hinreichend, daß er ſie ganz aufgeben möchte. Ich rufe Gott den Allmächtigen zum Zeugen, ihm will ich den Fall vortragen, und ihn fragen, ob ich unrecht gethan, wenn ich meine Freiheit ſuchte.“ „Dieſe Gefühle ſind ganz natürlich,“ ſagte der guther⸗ zige Mann, indem er ſich die Naſe ſchneuzte,„ja ſie find natürlich, aber es iſt meine Pflicht, ſie in Dir nicht zu be⸗ ſtärken. Ja, mein Junge, ich bin jetzt traurig, um Deinet⸗ willen. Es iſt ein ſchlimmer Fall, aber der Apoſtel ſagt: Laß jeden in den Verhältniſſen bleiben, zu der er beſtimmt iſt. Wir müſſen uns alle den Fügungen der Vorſehung un⸗ terwerfen, ſiehſt Du das nicht ein?“ 113 Georg ſtand mit zurückgebengtem Haupte, die Arme feſt über die Bruſt geſchränkt, und mit bitterem Lächeln auf den Lippen. „Ob Sie wohl, Mr. Wilſon, wenn die Indianer kämen und Sie als Gefangenen von Weib und Kind riſſen und Sie Ihr ganzes Leben lang anhielten, ihr Getreide zu bauen, ob Sie wohl es für Ihre Pflicht halten würden, in Ihrer Lage zu verharren, zu welcher Sie dann beſtimmt ſind? Ich glaube eher, Sie würden das erſte verlaufene Pferd, welches Ihnen entgegen käme, als einen Fingerzeig der Vorſehung betrachten— oder nicht?“ Der kleine, alte Mann riß beide Augen auf, bei dieſen Erörterungen, aber obgleich ein großer Denker, hatte er doch die Einſicht, in welcher viele Logiker bei ſolcher Gelegenheit ſich freilich nicht gleichen, die, nichts zu ſagen, wo nichts zu ſagen war. So ſpannte er ſeinen Regenſchirm gerade, glättete verlegen die Falten und fuhr dann in ſeinen Ermahnungen fort: „Du weißt, Georg, ich bin Dein Freund ſtets geweſen und was ich geſagt, habe ich zu Deinem Beſten geſagt. Nur ſcheint es mir, Du läufſt einer großen Gefahr entgegen. Du kannſt nicht hoffen, es auszuführen. Wenn man Dich ergreift, geht es Dir ſchlimmer als je. Sie werden Dich nicht blos mißhandeln, und halb törten, ſondern auch verkaufen.“ „Mr. Wilſon, ich weiß das Alles,“ ſagte Georg,„ich ſchwebe in großer Gefahr, aber—“ er ſchlug ſein Oberkleid zurück und zeigte zwei Piſtolen und ein Bowiemeſſer—„hier ſeht, ich bin gerüſtet, ſie zu empfangen. Nach dem Süden will ich nicht gehen. Nein, wenn es ſoweit kommt, kann ich mir recht gut ſelbſt freien Boden erwerben, ein Grab, das erſte und letzte, was ich je in Kentuckhy mein nennen werde.“ „Ach, Georg, dieſer Gemüthszuſtand iſt ſchrecklich, er iſt wirklich verzweifelt, ich bin bekümmert, daß Du die Geſetze Deines Landes brechen willſt.“ „Wieder meines Landes! Mr. Wilſon, Sie haben ein Land, aber welches Vaterland habe ich, oder irgend ein, von einer Sklavenmutter Geborner? Welche Geſetze giebt es für uns? Wir machen ſie nicht, wir geben unſere Zuſtimmung nicht dazu— und haben nichts mit ihnen zu ſchaffen. Alles was ſie für uns thun, iſt, das ſie uns zertreten. Habe ich nicht eure Vierten— Juli— Reden gehört? Sagt ihr uns nicht alle Jahr einmal, daß die Regierungen ihre Macht von der Zuſtimmung der Regierten ableiten? Kann Jemand der 8 114 ſolche Dinge hört, nicht denken? Kann er nicht Dies und Jenes zuſammenſtellen, und ſehen wozu es führt? War es etwa den Geſetzen meines Vaterlandes gemäß, mich wie einen Hund zu behandeln, mir meine Frau zu entreißen, mich zwingen zu wollen, mit einer anderen zu leben?— Ich habe kein Vaterland— eben ſo wenig wie einen Vater. Aber ich werde ein Vaterland erhalten? Von Ihrem Vaterlande verlange ich nichts, als einen ungeſtörten Ausgang, um mich nach Canada zu begeben, wo mich die Geſetze beſchützen; dann ſoll dieſes Land mein Vaterland werden und freudig und willig werde ich ſeinen Geſetzen gehorchen. Aber wehe dem, der es verſuchen wird, mich anzuhalten, denn ich bin zum Aeußerſten entſchloſſen, and er mag ſich vorſehen. Bis zu meinem letzten Athemzuge werde ich für meine erſt errungene Freiheit kämpfen. Haben es doch auch Eure Väter gethan, und wenn jene recht thaten, ſo kann ich nicht Unrecht thun.“ Dieſe, mit funkelnden Augen und convulſiviſch geſprochenen Worte des jungen Mulatten überwältigten das Gefühl ſeines ehemaligen alten Herrn dermatzen, daß er grnöthigt war, ſein großes gelbes Taſchentuch hervorzuziehen und ſich das Geſicht zu kühlen. —„Hole ſie alle der Schwarze,“ platzte er plötzlich heraus. „Sagte ich es nicht immer, die alten Schufte— Gott ver⸗ zeihe mir, ich habe doch nicht geflucht? Nun Gott helfe Dir, mein Junge, gehe George, aber— ſchieß auf keinen Menſchen, wenigſtens triff keinen. Doch, George, wo iſt Deine Frau?“ fragte er, indem er ſich erhob und unruhig auf und ab lief. „Fort, geflohen mit ihren Kindern, den Armen,— Gott weiß wohin. Gegen Norden iſt ſie gezogen, wer weiß, ob wir je wieder zuſammenkommen, und ob wir uns hier auf Erden noch einmal wiederſehen!“ „Iſt es möglich— erſtaunlich— von einer ſo gütigen Familie!“ „Gütige Familien gerathen in Schulden, und die Geſetze Ihres Vaterlandes geſtatten, das Kind von der Mutter⸗ bruſt zu verkaufen, um die Schulden ihres Herrn damit zi bezahlen,“ ſprach George bitter. „Nun,“ meinte der gute Wilſon, mit ſeinem Taſchen⸗ tuche geſtikulirend,„ich fürchte meinem Verſtande nicht mehr zu folgen, zum Henker auch! ich will meinem Verſtande nicht folgen, fügte er plötzlich hinzu,„alſo hier, George, nimm,“ und er zog ſein Portefeuille mit Banknoten gefüllt hervor. „Nein, mein guter, theurer Herr,“ ſprach George ab⸗ 115 wehrend,„Sie haben ſchon ſo viel für mich gethan, und dies fönnte Sie in Ungelegenheit bringen. Ich habe Geld genug, um ſo weit zu kommen, als ich deſſen bedarf.“ „Du mußt es annehmen, George, Geld iſt eine große Hülfe überall, und man kann ſeiner nie genug haben, ſobald man es ehrlich erwirbt. Nimm es, ich bitte Dich, mein Junge! hue es— nimm.“— „Ich nehme es, unter der Bedingung, daß ich es ſpäter zurückgeben darf,“ ſagte Georg. „Nun ſage mir, George, wie lange willſt Du auf dieſe Weiſe reiſen? Hoffentlich nicht mehr lange und nicht weit? Und was iſt das für ein ſchwarzer Burſche in Deiner Geſellſchaft?“ „Ein wackerer Menſch, der vor längerer Zeit nach Ca⸗ nada gegangen iſt. Dort angekommen, erfuhr er, daß ſein ehemaliger Herr, im Zorn über ſeine Flucht, ſeine arme alte Mutter peitſchen ließ, und da iſt er den langen weiten Weg zurückgekehrt, um ſie zu tröſten und wo möglich zu befreien.“ „Hat er dies ſchon bewirkt?“ „Noch nicht, obgleich er ſich in der Gegend umher trieb, um eine Gelegenheit zu finden. Zuvörderſt begleitet er mich nach Ohio zu Freunden, die auch ihm geholfen haben, und dann kehrt er zurück, um ſeine Mutter zu holen.“ „Gefährlich, ſehr gefährlich!“ ſagte der edle Mann.— George erhob ſich hoch, mit geringſchätzendem Lächeln. Der alte Herr betrachtete ihn mit ehrfurchtsvollem Stau⸗ nen von oben bis unten. „George, irgend etwas hat Dich zum Verwundern her⸗ ausgebildet. Du trägſt Deinen Kopf hoch, und ſprichſt und bewegſt Dich wie ein anderer Mann.“ „Weil ich ein freier Mann bin!“ erwiderte George mit Bewußtſein:„Ja, Sir! ich habe zum letzten Male zu Jemand Maſter, geſagt; jetzt bin ich frei.“ „Nimm Dich in Acht, Georg, Du biſt noch nicht vol⸗ lends in Sicherheit, noch kannſt Du ergriffen werden,“ ſagte Mr. Wilſon warnend. „Wenn es ſo weit iſt, dann ſage ich: Im Grabe ſind wir Alle frei und gleich.“ „Deine Verwegenheit gerade hier in das nahe Wirths⸗ haus zu kommen, George überſteigt alle Begriffe.“ „Eben aus dieſem Grunde, Mr. Wilſon, weil es ſo verwegen iſt, und weil dieſes Wirthshaus ſo nahe iſt. Man wird mich nicht ſo nahe, ſondern in weiter Ferne ſuchen. 8* 116 Jims Herr wohnt nicht in dieſer Grafſchaft, außerdem hat man ihn aufgegeben, und mich erkennt in dieſer Verkleidung Niemand.“ „Aber das Zeichen in Deiner Hand!“ George zog den Handſchuh aus und zeigte in derſelben eine friſch geheilte Narbe. „Das iſt der letzte Beweis von Mr. Harry's Zunei⸗ gung,“ ſagte er höniſch.„Vor einigen Wochen fuhr es ihm durch den Kopf, mir ein ſolches zu geben, da ihm einfiel, daß ich einmal verſuchen könnte, ihm zu entkommen. Es ſieht intereſſant aus?“ ſetzte er hinzu, den Handſchuh wieder über ziehend. „Das Blut ſtockt mir, wenn ich an Dich denke, an Deine Gefahr,“ ſagte Wilſon. „Das meine iſt lange erſtarrt geweſen, Mr. Wilſon, jetzt iſt es aber auf dem Siedepunkt!“ „Als ich,“ fuhr er fort,„ſah, daß Sie mich zu erken⸗ nen glaubten, hielt ich für nothwendig, mich Ihnen zu ent⸗ hüllen, damit ich nicht durch Ihr Erſtaunen verrathen würde. Morgen bei Tagesanbruch reiſe ich weiter und morgen bei Abend hoffe ich in Ohio ſicher zu ruhen. Bei lichtem Tage werde ich reiſen, in den erſten Hotels logiren, mit den Her⸗ ren dieſes Landes an einer Tafel ſpeiſen. Leben Sie nun wohl, mein theuerer Sir, und wenn Sie hören, daß ich ge⸗ fangen bin, ſo werden Sie in demſelben Moment wiſſen, daß ich nicht mehr unter den Lebenden weile.“ George ſtand da, gleich einem Felſen und ſtreckte ſeine Hand mit der Miene eines Herrſchers Wilſon entgegen. Der freundliche Alte ſchüttelte ſie herzlich und nahm, ihm nochmals die größte Vorſicht anempfehlend, mit ſeinem Regenſchirm ſei⸗ nen Rückzug. Georg blickte ihm nachdenklich nach, als er hinaus war, ſeinen Geiſt durchzuckte ein Gedanke, er ſchritt haſtig zur Thür und rief hinaus: „Mr. Wilſon, auf ein Wort!“ Der alte Herr trat wieder hinein und Georg ſchloß wie vorher die Thür, blickte einige Augenblicke unentſchloſſen zu Boden und ſprach dann plötzlich mit einiger Anſtrengung mit feſter Stimme: „Mr. Wilſon, Sie haben ſich mir durch Ihre menſchen⸗ freundliche Art als Chriſt gezeigt, weshalb ich Sie noch um einen letzten Beweis chriſtlicher Liebe bitte.“ „Und das wäre? Georg.“ ⸗ 117 „Sie äußerten vorhin treffend, ich gehe einer großen Gefahr entgegen. Keine Seele auf dieſer weiten Erde nimmt Theil an meinem Schickſal. Hinausgeſchleppt und begraben wie ein Hund— wird Keiner mehr an mich denken,— außer meinem armen Weibe!— Das treue Weſen wird trauern und ſich grämen. Wenn Sie es nun einrichten könnten, Mr. Wilſon, ihr dieſe kleinen Buſennadel zukommen zu laſſeu. Es iſt ein Zeichen ihrer Liebe, welches ſie mir einſt gab. Sagen Sie ihr, daß ich ſie bis zum letzten Athem⸗ zuge geliebt habe. Wollen Sie? Wollen Sie es?“ fügte er dringend hinzu. „Ja, gewiß, Du armer Junge,“ betheuerte der gute Alte mit wehmüthiger Stimme, indem er die Nadel mit thrä⸗ nenden Augen zu ſich ſteckte. „Sagen Sie ihr noch,“ ſprach George,„es iſt mein letzter Wunſch, ſie möge nach Kanada gehen, wenn ſie dahin gelangen kunn. Gleichviel, ob ihre Herrin gütig iſt, ob ſie ihre Heimath liebt, bitten Sie ſie, nicht zurückzukehren, denn die Sklaverei endet ſtets in Elend. Sagen Sie ihr das Al⸗ les, Mr. Wilſon, nicht wahr, Sie werden es thun?“ „Gewiß, George, werde ich es thun. Aber ich bin über⸗ zeugt, Du wirſt nicht ſterben. Faſſe Muth, braver Burſche. Vertraue dem Herrn; ich wollte, daß Du ſicher durch wäreſt.“ „Giebt es einen Gott, auf den man bauen kann?“ fragte George mit ſo bitterem Zweifel, daß der alte Herr be⸗ troffen inne hielt.„Ich habe mein Leben lang Dinge geſe⸗ hen, die mich nicht das Gefühl faſſen ließen, daß ein Gott ſei, und doch wiſſen die Chriſten nicht, wie uns dieſe Dinge ausſehen. Einen Gott giebt es wohl für Euch, aber wir— haben wir einen Gott?“ „Sprich nicht ſo, mein Sohn, ſprich nicht ſo,“ rief der alte Mann bebend,„fühle nicht ſo. Es giebt Einen— wahr⸗ lich es giebt Einen. Er iſt unſerem blöden Auge unſichtbar, aber Gerechtigkeit und Allwiſſenheit ſind die Stütze ſeines er⸗ habenen Thrones. Es giebt einen Gott, glaube mir George, baue auf ihn, er wird Dir gewißlich helfen. Es wird ſich Alles noch zum Beſten geſtalten, und wenn auch nicht in die⸗ ſem Erdenleben, ſo doch ſicherlich Jenſeits!“ Die echte Gottſeligkeit und der feſte Glaube, mit welchem der alte Mann dieſe Worte ſprach, gaben ſeiner Rede und ſeinem Weſen eine Feſtigkeit und Würde, daß George ſeinen 118 unruhigen Gang unterbrach, nachdenklich ſtille tand und dann leiſe ſprach: „Herzlichen Dank für Ihren Troſt, mein theuerer Freund, ich werde daran denken.“. Zwölftes Kapitel. Ein ausgewählter Amſtand eines geſetzlichen Gewerbes. Mr. Haley und Tom holperten in ihrem Fuhrwerk wei⸗ ter, jeder für ſich eine Weile in Gedanken verſunken. Es iſt eine ſonderbare Sache um die Gedanken zweier nebeneinander ſitzender Perſonen, welche, auf demſelben Bock ſitzend, dieſelben Augen, Ohren, Hände und Organe jeder Art haben; welchen dieſelben Gegenſtände vorüberziehen, und doch, welche Verſchie⸗ denheit treffen wir in ihren Gedanken! So z. B. Mr. Haley. Seine Gedanken weideten an ſeines Begleiters Figur, ſeine Länge, Breite und Dicke und an den Preis, welchen er im Verkauf für ſie erhalten könnte, wenn er ihn geſund und gut erhalten auf den Markt brächte; er überlegte, wie er ſeine Heerde vervollſtändigen werde, dachte an den Markt⸗Preis der Männer, Weiber und Kinder, welche ſeine Heerde bilden könnten, und dergleichen geſchäftliche Dinge. Dann dachte er an ſich, wie menſchlich er ſei, daß er ſeinen„Niggern“ nur Ketten an die Füße legte, während andere die ihrigen an Händen und Füßen feſſelten, und er doch dem Tom volle Freiheit ließ, ſo lange er ſich ma⸗ nierlich benahm. Er dachte ſeufzend an die Undankbarkeit der menſchlichen Natur, welche vielleicht in Toms Innern noch Zweifel über ſeine Güte aufkommen ließe. Er war von Ne⸗ gern, denen er nach ſeiner Art Gunſt und Wohlwollen erwie⸗ ſen hatte, ſchon ſo oft betrogen worden, daß er ſich über ſeine bis jetzt noch andauernde Gutmüthigkeit verwunderte. Tom ſeinerſeits dachte lebhaft und in ſich verſunken an einige Worte eines alten Buches, die ihm viel Kopfzerbrechens machten und alſo lauteten: „Wir haben hier keine bleibende Stätte, ſondern wir ſu⸗ chen eine zu erringen, weshalb Gott ſelbſt nicht verachtet un⸗ ſer Gott genannt zu werden, denn er hat uns eine Stätte bereitet.“ 3 119 Dieſe Worte eines altmodiſchen, hauptſächlich von„un⸗ wiſſenden und ungelehrten Leuten“ geſchriebenen Buches ha⸗ ben jedoch auffallender Weiſe zu allen Zeiten die Gemüther ſolcher armer einfacher Burſchen wie des Tom, beherrſcht, ihr Inneres aufgerichtet, wie durch Poſaunenſchall, und die Erge⸗ bung und Ausdauer an die Stelle der grenzenloſeſten Ver⸗ zweiflung geſetzt. Indeſſen begann Mr. Haley mehrere Zeitungen zu durch⸗ blättern, beſonders die Ankündigungen zu ſtudiren. Von Hauſe aus kein ſchneller Leſer, hatte er als Nachhülfe die Eigenheit, das Geleſene leiſe murmelnd ſeinen Gedanken nachzuſprechen, gleichſam, um ſich das mit den Augen Geleſene durch das Ge⸗ hör zu bekräftigen. In dieſem Tone recitirte er langſam: „Erecutionsſaal.— Neger!— Zufolge Anordnung des Gerichts ſollen Montag den 20ſten Februar für Rechnung der Gläubiger und Erben des verſtorbenen Jeſſe Blutchford Esquire, folgende Neger vor der Thür des Gerichtshauſes in Waſhington⸗Kentucky verſteigert werden:— Hagar, ſechszig Jahre;— John, dreißig Jahre;— Paul, fünfundzwanzig Jahre;— Ben, einundzwanzig Jahre;— Albert, viezehn Jahre. Samuel Morris und Thomas Flint, Erecutoren. „Da muß ich hin,“ ſprach er zu Tom, in Ermangelung eines Andern, dem er ſeine Bemerkungen machen konnte.„Siehſt Du Burſch, ich werde eine ausgeſuchte Heerde von erſter Sorte hinunter nehmen, das wird Dir auch die Reiſe angenehm ma⸗ chen, wie das gute Geſellſchaft immer thut. Zuerſt müſſen wir aber nach Waſhington, ich werde Dich ſo lange ins Ge⸗ fängniß dort ſetzen, bis ich meinen Handel abgemacht habe.“ Tom hörte dieſe Anzeige freundſchaftlicher Theilnahme für ihn ruhig an, und hätte nur gar zu gern gewußt, ob unter der Auctionswaare auch Männer und Weiber, Eltern und Kinder wären, denen durch die bevorſtehende Trennung ebenſolche Gefühle erweckt würden, wie er ſie im Augenblicke hatte. Uebrigens machte die Nittheilung, daß er ſo lange ins Gefängniß wandern ſollte, einen keineswegs erfreulichen Eindruck auf ihn, da er ſtets auf ſein ehrliches und gutes Betragen ſtolz war; was hatte der Arme auch weiter, worauf er ſtolz ſein konnte? Als Glied der höheren Geſellſchaft hätte er darauf vielleicht nicht ſo viel Gewicht gelegt. Der Tag verſtrich langſam und gegen Abend langten Mr. Haley und Tom gemächlich in Washington an— der Eins ins Hotel, der andere ins öffentliche Gefängniß, zur Aufbewahrung.— 120 Am andern Morgen verſammelten ſich vor dem Gerichts⸗ hauſe nach und nach eine ziemliche Anzahl von kauenden, ſpeienden, rauchenden und ſchreienden Kaufluſtigen und Neu⸗ gierigen, beiderſeits ungeduldig den Anfang der Auction er⸗ wartend. Die Unglücklichen, Männer und Weiber, welchen es heute galt, ſaßen ſeitwärts auf einen Haufen zuſammen⸗ gekauert und murmelten leiſe untereinander. Hagar, eine nach Geſtalt und Zügen ächt afrikaniſche Figur, war etwa ſechszig Jahr alt, aber durch die ſteten Anſtrengungen vielmehr geal⸗ tert, überdies faſt blind, und durch Gicht faſt gänzlich un⸗ fühig zur ſchweren Silavenarbeit. Neben ihr ſtand Albert, ein vierzehnjähriger munterer Burſche, ihr Sohn, der Einzige, der ihr von einer großen Funü⸗ geblieben war, die man nach und nach ſüdwärts hin verkauft hatte. Die unglückliche Mutter hielt ihr einziges und letztes Kind dicht an ſich, zit⸗ ternd und bebend Jeden betrachtend, der ſich beiden nahte, um den Jungen zu unterſuchen und zu betaſten. „Sei unbeſorgt, Hagar,“ ſprach der Aelteſte aus dem Haufen,„ich habe mit Mr. Thomas geſprochen, und er will ſorgen, Euch womöglich Beide zuſammen unter den Hammer zu bringen. 3 „Man braucht mich noch nicht als unbrauchbär zu be⸗ trachten,“ rief ſie eifrig,„ſich mühſam halb erhebend,„ich kann noch kochen, waſchen, ſcheuern; ich bin noch etwas werth, wenn ich billig weggehe, ſie ihnen das, guter John, ſage ihnen das!“ Jetzt drängte ſich Haley an ſe heran, faßte den Aelteſten prüfend an die Glieder, ſperrte ihm den Mund auf, blickte hinein, betrachtete die Zähne, ließ ihn ſich gerade richten, ſei⸗ nen Rücken biegen und mehrere S machen, um ſeiné Muskeln zu zeigen, und ſchritt dann zum Rächſten, um ihn einer gleichen Prüfung zu unterwerfen. Zuletzt trat er an den Knaben, befühlte ihn, beguckte ſeine Finger und ließ ihn ſpringen, um ſeine Gelenkigkeit zu proben. „Wir werden zuſammen verkauft,“ rief die Alte mit eifriger Angſt; er und ich zuſammen; ih bin noch ſehr ſtark und kann noch viel Arbeit verrichten, viel Arbeit, Maſter.“ „Auf einer Pflanzung?“ fragte Mr. Haley verächtlich. „Eine ſehr unwahrſcheinliche Sache!“ Er entfernte ſich, wie es ſchien, befriedigt mit dem Reſultat ſeiner Unterſuchung, die und erwartete entſchloſſen den Anfang der Auction.„ Hände in den Taſchen und die dampfende Cigarre im Munde, 221 „Was halten Sie davon, Sir?“ fragte ein Mann, der — Prüfung gefolgt war, wie um ſich ſelbſt danach zu richten. „Nun,“ antwortete Haley,„ich reflektire auf die Männer und den Jungen.“ „Der Junge ſoll mit der Alten zuſammen verkauft werden.“ „Warum nicht gar?“ Dies alte Knochengerüſt iſt ja nicht einen Schuß Pulver werth!“ „Sie würden es alſo nicht thun?“ fragte der Mann. „Daß ich ein Narr wäre! Halb blind iſt ſie, gichtiſch und verrückt obendrein.“ „Viele kaufen ſolche alte Geſchöpfe und glauben, daß ſie weit länger aushalten,“ bemerkte der Mann. „Sie taugen nicht das Geringſte,“ erwiderte Haley,„ich nehme ſie nicht geſchenkt, ſo viel iſt gewiß. Ich kenne das!“ „Es iſt aber doch traurig, ſie nicht mit ihrem Sohne zu⸗ ſammen zu kaufen; ſie ſcheint verſeſſen auf ihren Jungen; wenn man ſie nun billig bekäme?“ „Wer Geld dafür fortwerfen kann, mag es thun, ich nicht; ich werde auf den Jungen bieten, werde ihn als Plan⸗ tagenarbeiter verwenden und meinen Profit haben, aber die Frau lade ich mir ganz gewiß nicht auf und wenn ich ſie umſonſt kriegte,“ ſprach Haley. „Sie wird ſich toll benehmen,“ bemerkte der Mann. „Sehr wahrſcheinlich,“ erwiderte ruhig der Sklaven⸗ händler. Eine allgemeine Bewegung und ſummendes Geräuſch brach das Geſpräch jetzt ab; der Auktionator, ein fetter, auf⸗ geblaſener Mann, erſchien und drängte ſich, mit den Ellenbogen ſtoßend, durch die Menge nach ſeinem Tiſch. Die alte Ne⸗ gerin griff angſtvoll nach ihrem Sohne. „Bleibe dicht bei mir, wir werden zuſammen verkauft,“ flüſterte ſie. „O, Mama, wenn ſie es nun nicht thun?“ meinte za⸗ gend der Knabe. „Sie müſſen es, Kind, ich überlebe es nicht!“ rief das arme Weib angſtvoll. Die ſchallende Stimme des kleinen Auktionators verkün⸗ digte den Beginn der Auktion und forderte die Umſtehenden auf, Platz zu machen. Die auf einer Liſte verzeichneten Män⸗ ner waren bald zu hohen Preiſen verſteigert, ein Zeichen, daß 122 der fragliche Artikel begehrt ſei; zwei davon erſtand Mr. Haley. „Jetzt kommſt Du, Junge!“ rief der Auctionator, ihn Hammer anſtoßend.„Steig auf den Tiſch und zeige i „Bieten Sie uns beide aus,“ flehte die unglückliche Mut⸗ ter, indem ſie ſich feſt an ihren Sohn klammerte. „Weg da!“ ſchrie der Mann und riß ihre Hände los. „Du omnſ zuletzt.— Nun, Schwarzer, ſpring!“ Der Junge blickte ſich weinend um, als die Mutter in ein tiefes Stöhnen ausbrach, aber es half nichts, der Auctio⸗ nator ſchob ihn vorwärts, der Junge wiſchte die Thränen flüchtig aus ſeinen ſchwarzen Augen und ſprang auf den Tiſch. Sein ſchlanker Wuchs, ſeine kräftigen Gliedmaßen und ſeine glänzende Farbe machten, daß mehrere Gebote zugleich erſchallten. Aengſtlich blickte er auf die ſich gegenſeitig überbietenden fühlloſen Seelen um ſich, bis nach raſchem Steigern bald der Hammer fiel und— Mr. Haley hatte ihn erſtanden. Er wurde vom Tiſch herunter ſeinem neuen Herrn zugeſtoßen, und ſchaute jammernd zurück nach ſeiner alten, treuen, liebevollen Mutter, die die Hände nach n rang. „Kaufen Sie mich auch, Maſter! um Jeſu Chriſti wil⸗ len, kaufen Sie mich! Ich muß ſterben!“ „Das kannſt Du thun!“ rief Haley.„Ich kaufe Dich nicht! Nein!“ Das Bieten auf das arme Geſchöpf dauerte nicht lange; der Mann, welcher vorhin ſeine Bemerkungen zu Haley ge⸗ macht hatte und der nicht ohne Mitleid zu ſein ſchien, kaufte ſie für ein Geringes und die Zuſchauer zerſtreuten ſich. Die unglücklichen Opfer verſammelten ſich noch einmal umeinander, um ſchnell Abſchied vielleicht für immer zu neh⸗ men, nachdem ſie ſo lange zuſammengelebt hatten an einem Ort. Beſonders jammerte die alte Frau, deren Schmerzaus⸗ brüche herzzereißend waren. „Auch nicht Einen haben ſie mir gelaſſen! Konnten ſte mir nicht einen Einzigen laſſen? Hat der Maſter nicht im⸗ mer geſagt: Einen könne ich behalten?“ Vertraue auf den Herrn, Tante Hagar!“ tröſtete einer von den Männern „Jammere nicht Mutter, Du haſt einen gütigen Herrn bekommen,“ ſp ein Anderer. „Das iſt nieich das iſt gleich!“ ſchrie die Arme.„O, 123 mein Sohn, o, Albert! Du mein letztes Kind! Ich überlebe es nicht!“ „Könnt Ihr ſie nicht losmachen? Das Heulen nützt hier nichts!“ rief Mr. Haley dazwiſchen. Die Männer aus der Gruppe löſten ſie nun halb mit Gewalt, halb mit Zureden von ihrem Sohne los und ſuchten ſie zu beruhigen, während ſie nach dem Wagen ihres neuen Herrn geführt wurde. „Nun kommt!“ ſagte Haley zu den drei neu angekauf⸗ ten Gliedern ſeiner Heerde, indem er aus der Taſche einige Handſchellen hervorzog, ſie den Männern an die Hände ſchloß und an einer langen, daran befeſtigten Kette alle drei vor ſich her nach dem Gefängniß trieb. Nach einigen Tagen befand ſich Haley mit ſeinem ganzen Vorrath am Bord eines Dampfers auf dem Ohio. Es war der Anfang einer Heerde, welche unterwegs durch gelegent⸗ liche Ankäufe und durch die an verſchiedenen Anhaltepunkten für ihn durch ſeine Agenten aufgeſpeicherten Sklaven noch vermehrt werden ſollte. Der Himmel glänzte im ſchönſten Blau, die Ufer des Ohio prangten in herrlichem Grün, die„Belle⸗Riviere,“ der ſchnellſte und ſchönſte Dampfer auf dem Fluſſe, zog ma⸗ jeſtätiſch brauſend dahin, auf dem Hinterdeck wehte das Ster⸗ nenbanner des freien Amerika ſchwerflatternd in der reinen Luft, das Verdeck war voll vornehmer, fein gekleideter Her⸗ ren und Damen, die ſich des ſchönen Tages in Heiterkeit und Luſt erfreuten, nur die Pflegebefohlenen Mr. Haley's, die mit anderen Ballen ins Zwiſchendeck gepackt waren, ſchie⸗ nen ihre gute Lage nicht zu würdigen, und ſaßen zuſammen⸗ gekauert und flüſternd bei einander. „Nun Burſchen, ich will hoffen, daß ihr munter und luſtig ſeid, ich kann das Maulhängen nicht leiden. Macht ein glattes Geſicht, und zieht die Lippe herauf. Wenn Ihr mich gut behanhelt, werde ich Euch auch gut behandeln.“ So ſprach Mr. Haley, wohlwollend zu ſeinen Pfleglingen. „Ja, Maſter!“ war die ſeit Jahrhunderten den armen Kindern des Senegal und der tropiſchen Sonne des Aequa⸗ tors geläufige monotone Antwort,„ja Maſter,“ obgleich ihre bekümmerten vom Elend ſcharf gefurchten Geſichter dieſe freudig ſcheinende Antwort Lügen ſtraften. Dieſe Neger be⸗ ſaßen den ihren Bölkern eigenen Aberglauben in Bezug auf ihre verlaſſenen Weiber und Kinder, und waren wahrlich 124 nicht ſo leichten Gefühls, um ſehr ſchnell der Aufforderung ihres jetzigen Zwingherrn nachzukommen. „Ich habe auch eine Frau,“ ſprach das unter der Be⸗ zeichnung„John, dreißig Jahr“ auf der Auktionsliſte notirt geweſene Stück Waare, indem es ſeine gefeſſelte Hand auf Tom's Knie legte,„und das arme Ding weiß nichts.“ „Wo iſt ſie?“ fragte Tom. 6 „In einem Gaſthauſe, weiter ſtromabwärts,“ war die Antwort.„Wenn ich ſie in dieſem Leben nur noch einmal ſehen könnte!“ ſeufzte er. Der arme John! er fühlte ebenſo, wie andere Menſchen mit weißer Haut über ſolche Sachen denken, und ſeine Thrä⸗ nen waren ebenſo wie die ſeiner ebenfalls von Gott geſchaf⸗ fenen weißen Brüder. Tom theilte ſeinen Schmerz in Ge⸗ danken und ſuchte ihn auf ſeine einfältige Weiſe zu tröſten. Und oben auf dem Verdecke unter dem blauen klaren Himmel ſaßen weiße Väter und Mütter, Gatten und Gattin⸗ nen und ſpielende Kinder, und Alles war ruhig und be⸗ haglich. „Mama!“ rief ein kleiner Knabe, der ſo eben aus dem Zwiſchendeck kam, zu ſeiner Mutter,„da iſt ein Negerhändler bei uns, der hat fünf ſchwarze Männer bei ſich.“ „Die armen Geſchöpfe!“ ſprach die Mutter mit einem Tone zwiſchen Bedauern und Entrüſtung. „Was giebt es?“ fragte eine Dame. „Es ſind hier unten arme Sklaven,“ antwortete die Mutter.* „Und die haben Ketten an,“ fügte der Knabe hinzu. „Eine Schande iſt es für unſer Land, daß ſolche Auf⸗ tritte ſtattfinden,“ bemerkte eine andere Dame. „Es läßt ſich ſehr viel für beide Theile anführen,“ be⸗ merkte eine feingekleidete Dame, die mit einer Handarbeit, ihre Kinder, ein Knabe und ein Mädchen an der Seite, an der Kajüte ſaß;„ich war im Süden, und meine, daß die Sklaven i ſſer haben, als wenn ſie frei 8 es bei ihren Herren viel beſſ ſind.“ „Es mag ſein, daß viele in mancher Beziehung beſſer daran ſind,“ antwortete die Dame, an welche die erſte Be⸗ merkung gerichtet war,„aber das Entſetzlichſte iſt näch meiner Anſicht das willkürliche und rückſichtsloſe Trennen und Aus⸗ einanderreißen von Negerfamilien, und die dadurch entſtehende empörende Verletzung der dem Menſchen innewohnenden hei⸗ ligſten Naturgefühle.“ 125 „Das iſt freilich ein böſes Ding,“ erwiderte die erſte Dame, indem ſie ein Kinderkleid aufmerkſam betrachtete,„ich glaube jedoch, es kommt nicht oft vor.“ „O doch,“ war die Antwort,„ich habe lange in Ken⸗ tuck) und Virginien gelebt, um es zu wiſſen, und genug ge⸗ ſehen, was einem das Herz rühren könnte. Denken Sie ein⸗ mal, Madame, wenn man Ihnen Ihre beiden Kinder da fort⸗ nehmen wollte und an wildfremde Menſchen verkaufte?“ „Unſere Gefühle ſind weit von denen jener Menſchen⸗ klaſſe verſchieden,“ wandte die Angeredete ein, indem ſie auf ihrem Schvoß ein Pack bunter Wolle ausbreitete. „Wenn Sie das behaupten, Madame, ſo kennen ſie dieſe Weſen nicht; ich bin unter ihnen aufgewachſen und erzogen worden und habe erfahren, daß ihre Gefühle eben ſo ſtark ſind, wie die unſrigen, ja, vielleicht noch ſtärker.“ „Wirklich?“ gähnte die Mutter zweier Kinder, ſah gleich⸗ gültig in die Kajüte und ſetzte dann hinzu: „Trotzdem denke ich, daß ſie es als Gefangene beſſer haben, als wenn ſie frei ſind.“ „Meine Damen, es iſt unzweifelhaft der Wille der ob⸗ waltenden Vorſehung, daß die afrikaniſche Race dienſtbar und den andern Menſchen untergeordnet ſein ſoll,“ ſagte ein gravitätiſch ausſehender Schwarzrock, der in der Nähe ſaß, mit ſalbungsvoller Sprache.„Verflucht ſei Kanaan, er ſoll ein Knecht der Knechte ſein! heißt es in der heiligen Schrift.“ „Hören Sie, Fremder, iſt das die Bedeutung dieſes Spruches?“ ſagte ein anderer naheſtehender, langer, hangerer Mann. „Ohne allen Zweifel!“ erwiderte der Schwarzryck,„es hat Gott in ſeinem unerforſchlichen Rathſchluſſe gefallen, die⸗ ſen Stamm zur Knechtſchaft zu verdammen, und wir dürfen uns mit unſeren Privatanſichten nicht dagegen auflehnen.“ „Nun, dann wollen wir alle Neger kaufen, ſo viel wir können, wenn das Gottes Wille iſt; nicht wahr, Squire?“ fragte er Haley, der, mit den Händen in der Taſche, an die Wand gelehnt, dabei ſtand. „Ja,“ fuhr der Lange fort,„wir müſſen uns in die Beſchlüſſe der Vorſehung fügen. Die Neger müſſen verkauft, verſchachert, unterdrückt werden, dazu ſind ſie da. Das ſcheint mir ein ganz behäbiges Gefühl zu ſein, nicht wahr, Frem⸗ der?“ fragte er Haley. „Ich denke nicht darüber nach,“ antwortete Haley, ich, weiß das nicht ſo zu ſagen, ich bin nicht ſo gelehrt; ich 126 handle, um mein Brod zu verdienen, und thue es mit dem Vorſatz, aufzuhören, wenn es unrecht iſt.“ „Und nun braucht Ihr ihn nicht aufzugeben,“ ſagte der große Mann.„Da könnt Ihr ſehn, wie gut es iſt, die Bi⸗ bel zu kennen. Wenn Ihr das vorher gewußt hättet, hättet Ihr Euch viel Scrupel erſpart; Ihr hättet gleich ſagen kön⸗ nen: Verflucht ſei— wie heißt er doch gleich— und Al⸗ les wäre gut geweſen.“ Und der Fremde, in dem unſere Leſer wohl ſchon den Pferdezüchter aus dem kentuckyer Wirthshauſe erkannt haben, ſetzte ſich mit ironiſchem Lächeln im verwitterten Geſicht hin und rauchte weiter. Ein feiner, ſchlanker, junger Mann, mit gefühlvollem, verſtändigen Geſicht, miſchte ſich hier in's Geſpräch und ſagte:„Alles, was Ihr wollt, das Euch die Leute thun ſollen, das thuet Ihnen auch. Ich meine, daß dies eben ſo wohl eine Stelle aus dem Buch aller Bücher iſt, als wie: Ver⸗ flucht ſei Kanaan.“ „Nun, für uns arme Teufel ſcheint der Ausdruck eben ſo deutlich zu ſein,“ antwortete John, der Pferdezüchter, in⸗ dem er mit dem Schornſtein des Dampfbootes um die Wette qualmte. Der junge Mann wollte noch Etwas ſagen, als das Boot anhielt und er durch den Strudel der herausſtrömenden Paſſagiere unterbrochen wurde. „Sind das nicht zwei Prediger?“ fragte John einen der hinauseilenden Paſſagiere. 3 Der Mann nickte. Sobald das Dampfboot ſtille ſtand, ſtürzte ein ſchwarzes Weib mit verſtörter Miene herauf, ſuchte mit den Blicken unter den gefeſſelten Sklaven und ſtürzte plötzlich auf den Artikel„John, dreißig Jahre,“ los, indem es denſelben als ſeinen Ehemann ſchreiend und weinend bewillkommnete. Der junge, feingekleidete Prediger, der vorhin ſeine Hu⸗ manität erklärt hatte, ſtand mit gekreuzten Armen und trauern⸗ dem Blick dabei, wendete ſich um und erblickte Mr. Haley. „Wie können Sie es wagen“ ſprach er mit gepreßter Stimme,„ein ſolches Handwerk zu betreiben? Sehen Sie jene unglücklichen Geſchöpfe an. Ich habe zu Hauſe Weib und Kind, und dieſelbe Glocke, welche uns unſeren Lieben nä⸗ her bringt, iſt das Zeichen für dieſe Armen, daß ſie ſich nie 127 wiederſehen. Sein Sie verſichert, Freund, daß Gott Sie darüber einſt zur Verantwortung ziehen wird.“ Haley wandte ſich ſchweigend um. 5 „Was meint Ihr dazu“ ſagte der Pferdehändler, ihn an⸗ ſtoßend,„die Geiſtlichen ſind beide verſchieden; dem hier will das: Kanaan ſei verflucht! nicht ſo recht einleuchten, wie dem Andern.“ Der Sklavenhändler ließ ein unbehagliches Brummen hören. „Und was noch ſchlimmer iſt,“ fuhr John fort,„vielleicht will es unſerem Herrgott da oben auch nicht ſo recht einge⸗ hen, wenn Ihr dereinſt mal Rechenſchaft von Euren guten Werken ablegen ſollt, wie wir Alle?“ Haley ging nachdenklich fort. „Wenn ich,“ ſprach er mit ſich ſelbſt,„an den nächſten Heerden etwas Redliches verdiene, ſo will ich doch lieber das Geſchäft aufgeben, es fängt an unbequem zu werden. Und er zog ſeine Brieftaſche hervor und fing an, zu rechnen, eine Manier, womit ſchon Viele verſucht haben, ihre inneren Bedenken zu betäuben. Das Dampfboot ſtieß ſchäumend vom Ufer ab, und Al⸗ les kam wieder ins alte Geleiß. Die Männer rauchten und plauderten, die Frauen nähten und klatſchten, die Kinder ſpielten und das Dampboot arbeitete raſtlos und unermüdet fort, Tag für Tag.— Eines Tages, als das Schiff an einem kleinen Städt⸗ chen halten mußte, ging Haley ans Land um Geſchäfte zu ſuchen. Tom, den ſeine Feſſeln nicht an der Bewegung in einer geringen Entfernung hinderten, war an Bord getreten und ſchaute nachdenkend umher. Bald ſah er Mr. Haley raſchen Schritts in Geſellſchaft eines farbigen Mannes und einer farbigen anſtändig gekleideten Frau, mit einem Kinde im Arm, auf das Boot zukommen. Das Weib und der Mann, welcher ihren Koffer trug, gingen heiter plaudernd über die Planke des Schiffes, die Glocke tönte, die Maſchine fing an zu arbeiten, und langſam ſetzte ſich das Boot in Bewegung. Das Weib begab ſich zu den Kiſten und Ballen des Unter⸗ decks, ſetzte ſich, und tändelte mit ihrem Kinde. Haley ging auf und ab, bei ihr vorüber, ſetzte ſich und fing mit der Frau an zu ſprechen. Tom bemerkte bald, daß die Züge des Weibes ſich überraſchend veränderten, und. hörte ſie die Worte ausſtoßen: „Ich kann es nicht glauben, es iſt nicht möglich, Sie treiben Scherz mit mir.“ . 128 „Wenn Du es nicht glaubſt,“ erwiderte der Sklaven⸗ händler,„ſo ſieh hier, ich habe gutes, baares Geld für Dich bezahlt, das iſt der Verkaufsſchein mit der Unterſchrift Deines Herrn, jetzt gehörſt Du mir, und mußt Dich drein fügen.“ Da⸗ bei holte er ein Papier hervor. „Es iſt nicht wahr, ich glaube es nicht, Ihr betrügt mich!“ rief das Weib, immer aufgeregter werdend. „Frage einen von den Umſtehenden, der leſen kann,“ ſagte Haley.„Heda, ſeid doch ſo gut und ſagt dem Frauen⸗ zimmer, was auf dieſem Zettel ſteht, ſie will mir nicht glauben.“ „Das iſt ein Kaufbrief mit der Unterſchrift, John Jos⸗ dick, wonach das Mädchen Luch mit ihrem Knaben an den Inhaber verkauft iſt, Alles in voller Richtigkeit,“ ſagte ein Mann. Die Ausbrüche der Verzweiflung der Unglücklichen er⸗ regten die Aufmerkſamkeit der Umſtehenden, und Haley erklärte ihnen die Urſache. Das Weib ſchrie:„Er hat mir vorgeredet, daß ich als Köchin in ein Wirthshaus nach Louisville kommen ſoll, wo mein Mann iſt, das hat mir der Maſter geſagt, und ich kann nicht glauben, daß er mich belogen hat,“ und ſie jammerte laut. „Es iſt aber leider wahr, daß Du verkauft biſt, ſagte der gutherzige Mann, der ihr das verhängnißvolle Papier er⸗ klärt hatte, es iſt in Wahrheit ſo.“ „Nun, dann nutzt es freilich nichts weiter,“ ſagte das Weib plötzlich ruhig, nahm ihr Kind wieder in den Arm, drehte ſich um und blickte mit ſtieren Augen in den Fluß. „Es iſt gut,“ dachte der Selavenhändler,„ſie hat Ver⸗ ſtand und ſie wird ſich wohl beruhigen.“ Die nunmehrige Sklavin ſah ſtill in die ſich unter dem Schiff kräuſelnden Wogen, der ſanfte Wind ſpielte leis um ihre brennende Stirne, wie ein unſichtbarer Genius, unbeküm⸗ mert, ob es eine weiße oder farbige Stirne ſei, welcher er ſeinen kühlenden Fittich zur Wohlthat werden ließ; ſie ſah die goldenen Sonnenſtrahlen mit den leicht ſchäumenden Wogen im munteren Gekoſe dahintanzen, hörte luſtige Stimmen um ſich herum, aber ihr Herz ſchlug mühſam wie unter der Laſt eines Gebirges. Ihr Säugling umkoſte ſie und gab ſich man⸗ nigfache Mühe, ihre Aufmerkſamkeit zu erregen und für ſich in Anſpruch zu nehmen. Plötzlich preßte ſie ihn feſt an ſich, und große Thränen löſten ſich von ihren Augen und fielen —————— 8 Sctne 129 langſam und dann ſchneller auf ſein verwundertes Geſicht. Dann beruhigte ſie ſich etwas und begann, ihn zu ſängen und ſich wieder mit ihm zu beſchäftigen. „Das iſt ein draller Junge“, ſprach In Mann, der plötz⸗ lich vor ihr ſtehen geblieben war, ſie und den Knaben auf⸗ merkſam betrachtend,„wie alt iſt er?“ „Zehn und einen halben Monat“, antwortete die Mutter. Der Mann ſchnalzte mit der Zunge dem Jungen zu und hielt ihm ein Stück Zucker hin, welches er begierig ergriff und ſogleich dahin ſteckte, wo die Kinder dergleichen ſtets aufbewah⸗ ren, in den Mund. „Ein putziger Kauz,“ ſagte der Mann wieder,„er weiß was gut ſchmeckt.“ Dann ging er pfeifend auf und ab bis er an Haley kam, ſich bei ihm ſtellte, ſeine Cigarre anzündete, und ein Geſpräch mit ihm anknüpfte. „Fremder, Ihr habt da ein recht nettes Mädchen.“ „Nun ja, ich finde ſie auch ganz gut,“ erwiderte Haley, den Dampf ausblaſend. „Ihr bringt ſie wohl nach dem Süden?“ Haley nickte und rauchte weiter. „Auf eine Plantage?“ fragte der Mann. „Nun, entgegnete Haley,„ich habe einen Auftrag für eine Pflanzung, dazu werde ich ſie wohl brauchen, Sie ſoll eine geſchickte Köchin ſein, auch ſcheint ſie mir eine gute Baum⸗ wollenleſerin zu ſein, ſie hat lange Finger. Jedenfalls werde ich für ſie einen guten Preis erhalten.“ „Den Jungen kann man aber auf einer Plantage nicht brauchen.“ „Den verkaufe ich auch bei erſter Gelegenheit,“ erwiderte Haley, mit ſeiner Cigarre beſchäftigt. „Ihr ſolltet ihn billig weggeben,“ meinte der Fremde gleichgültig, ſich auf einen Koffer ſetzend. „Das fällt mir gar nicht ein,“ antwortete Haley,„der Junge iſt geſund, groß und hat feſtes Fleiſch.“ „Schon gut, aber die Mühſeligkeiten und Koſten des Großziehens.“ „Dummes Zeug,“ ſagte Haley, die wachſen beſſer als alles Andere, der macht nicht mehr Mühe wie ein junger Hund, nach vier Wochen kann der Bengel laufen.“ „Ich könnte auf meinem Gut wohl einen ſolchen Jungen brauchen, meine Köchin hat kürzlich einen Jungen verloren, er iſt im Waſchfaß ertrunken, als ſie ſich abgewendet hatte, 9 130 um Wäſche aufzuhängen. Ich glaube, ſie kann dieſen Jungen an Stelle des erſten aufziehen?“ Haley und der Fremde rauchten ſchweigend fort, und ließen das Geſpräch eine Weile ruhen. Endlich nahm der Fremde die Hauptfrage wieder auf. „Ihr verlangt doch jedenfalls nicht mehr als zehn Dol⸗ lars,“ fragte er,„da ihr den Jungen doch nicht behalten könnt.“ „Das wäre zu wenig,“ ſagte Haley kopfſchüttelnd. „Nun, was wollt Ihr denn haben? „Ich könnte den Jungen ſelbſt aufziehen oder aufziehen laſſen, er iſt ſehr ſtattlich und geſund, und nach ſechs Mona⸗ ten bekäme ich hundert Dollars und in ein paar Jahren zweihundert, wenn die Gelegenheit gut iſt,“ ſagte Mr. Haley. „Ich werde daher keinen Cent weniger als funfzig Dollars jetzt nehmen.“ „O, Fremder, das iſt ja höchſt lächerlich.“ „Es iſt nun aber ſo,“ entgegnete Haley mit Ackſelzucken. „Ich will dreißig geben, aber auch nicht einen Cent mehr,“ fing der Fremde wieder an. „Nun ich will Euch was ſagen,“ antwortete Haleh,„wir wollen den Unterſchied theilen, und Ihr gebt mir fünfund⸗ vierzig.“ „Gut, das will ich,“ ſagte der Käufer, nachdem er ſich einige Augenblicke beſonnen hatte. „Abgemacht, wo ſteigt ihr aus?“ frug Haley. „In Louisville.“ „In Louisville? das paßt mir grade, gegen Abend kom⸗ men wir dort an, dann ſchläft der Junge und Ihr könnt ihn ſtille und ohne Geſchrei fortſchaffen.“ „Das iſt mir lieb— ich liebe nicht das Geſchrei und den Spektakel,“ fügte er hinzu. Und nachdem eine Handvoll Zettel aus der Taſche des Einen in die des Andern gewandert war, rauchten Beide weiter. Der Abend war ruhig und klar, als ſie in Louisville anlangteu. Die Frau hatte ſtill dägeſeſſen, als ſie aber den Namen des Orts hörte, legte ſie plötzlich den jetzt ſchlafen⸗ den Knaben neben ſich auf eine ausgebreitete Decke, und ſprang auf, ſich weit über den Schiffsrand beugend, in der Hoffnung, unter den ſich nahenden Gaſthofsdienern vielleicht ihren Mann mit ſpähenden Augen zu enitdecken, während ſich die Menſchenmenge zwiſchen ſie und ihr Kind drängte. 131 „Jetzt geht es gut,“ ſagte Haley zu dem Fremden, in⸗ dem er den ſchlafenden Knaben aufhob und ihm zureichte. „Seit aber behutſam, damit der Junge nicht aufwacht und Geſchrei macht, das Weib würde einen Höllenlärm machen, wenn ſie es bemerkt.“ Der Mann nahm vorſichtig die Decke mit dem Knaben darin, ſchlüpfte fort und war bald in der am Ufer wogenden Menge verſchwunden. Als das Boot ächzend und ſchnaufend ſich wieder in Bewegung ſetzte, kehrte das Weib traurig nach ſeinem Sitz zurück. Der Händler ſtand da— der Knabe war fort. „Wa— was— wo!“ begann ſie mit ſprachloſem Schrecken. „Dein Kind iſt weg, Luch,“ ſagte der Händler be⸗ ſchwichtigend,„es iſt beſſer, Du erfährſt es gleich. Du hät⸗ teſt den Jungen doch nicht mitnehmen können, und da habe ich ihn an eine gute Familie verkauft, wo er beſſer erzogen wird, als bei Dir.“ Der Blick voll ſprachloſer Angſt und Wuth, den das ge⸗ quälte Weib auf ihn warf, hätte einen weniger Abgehärte⸗ ten erſchrecken können, aber er war daran gewöhnt. Er hatte ſolche Blicke ſchon oft geſehen, und betrachtete dieſen Blick und die ſtumme Berzweiflung, den inneren gewaltigen Seelenkampf, der ſich, das Geſicht verzerrend, in den Augen, den zuſammengekniffenen Lippen und den krampfhaften ver⸗ ſchlungenen Händen ausprägte, nur als unvermeidliche Zufälle im Laufe des Geſchäfts, und fürchtete nur, daß das arme Weib anfangen würde zu ſchreien, und Alles in Allarm zu bringen. Dem war aber nicht ſo; der Pfeil hatte zu gut getrof⸗ fen, um noch einen Tropfen Schmerzesbluth fließen zu laſſen. Sie ſetzte ſich taumelnd nieder, ihre Hände ſanken von ein⸗ ander, ihr ſtierer Blick ſah nichts und ihr betäubtes Ohr war verſchloſſen gegen das Geſumme und Getümmel um ſie herum. Alles ſchwirrte in ihrem angeſpannten Hirn herum, wie ein wüſter Traum, und das arme Herz hatte nicht ſo viel Be⸗ wußtſein, um auch nur ſein Elend laut werden zu laſſen. Haley ſchien es für nöthig zu halten, ſie zu tröſten. „Ich weiß Luch, daß ſolche Dinge einem zuerſt immer et⸗ was ſchwer fallen, aber ſei geſcheut, ein kluges Frauenzimmer wie Du wird darüber hinwegkommen. Es war nothwen⸗ dig und Käßt ſich nicht ändern.“ — 132 „Schweigen Sie, Maſter, ſchweigen Sie,“ bat das Weib mit erſtickter Stimme. „Du biſt hübſch Luch, und wirſt bald eine andere Herr⸗ ſchaſt bekommen, ich werde Dir eine Herrſchaft verſchaffen, auch einen andern Mann kannſt Du ja leicht bekommen, ein ſo ſtattliches Mädchen wie Du.—“ „O Herr, ich beſchwöre Euch, redet nicht von ſolchen Dingen, nur jetzt nicht!“ flehte die Unglückliche mit ſo herz⸗ zerreißendem Blick, daß unſer Händler wohl fühlte, dies könne er nicht ſo leicht beſeitigen. Er ſtand alſo auf, ging fort und überließ die Sclavin ihren trübſeligen Gedanken. Er ging mehreremal bei ihr vorüber, betrachtete ſie, dachte aber bei ſich: ſie wird es ſchon verſchwitzen, wenn ſie nur über den erſten Eindruck hinweg iſt. Tom näherte ſich ihr und verſuchte ſeine Theilnahme erkennen zu geben, ſprach mit einfältigen aber gut gemeinten Worten unter Thränen zu ihr von dem lieben Gott im Him⸗ mel, von dem guten Heiland und von dem künftig ungetrüb⸗ ten Leben, als Erſatz für das jetzige mühſelige; aber ihr zer⸗ ſchlagenes Herz und ihr betäubtes Ohr faßten nicht die herz⸗ lich geſpendeten Freundesworte. Die Nacht brach herein— eine ruhige, ſternenhelle, glanz⸗ volle Nacht, die mit dem Eindruck des ewigen Friedens die Herzen der entzückt ſchauenden Erdenkinder erfüllt, aber von ihrem dunkeln Grunde und von ihren unzähligen funkelnden Engelsaugen ging auch nicht ein rettender oder helfender Arm aus für die am Boden liegende arme Zerſchmetterte. Jeder Ton und Klang des Lebens auf dem Schiff verſtummte nach und nach, und man hörte zuletzt nichts als das leiſe Mur⸗ meln des durch den ſchnellen Kiel des Schiffes gleichſam in ſeiner Ruhe geſtörten Fluſſes. Tom hörte auf ſeinem harten Lager immerfort das Schluchſen und Seufzen des armen Wei⸗ bes:„O Gott, was ſoll ich thun? Hilf mir, Herr!“ und ſofort, bis auch dies verhallte. Nach einiger Zeit erwachte Tom plötzlich aus ſeinem leiſen Schlummer, er hörte ein Ge⸗ räuſch, ſah einen dunkeln Körper an ſich vorüberſchweben, lauſchte einige Angenblicke, vernahm aber nur ein lautes Mur⸗ meln und Rauſchen des Waſſers, welches ſogleich verſchwand, dann zogen die Wogen ebenſo ruhig dahin, wie vordem⸗ Tom erhob ſich und griff taſtend nach der Lagerſtätte des far⸗ bigen Weibes— es war fort! Der Sklavenhändler erwachte am Morgen und ging um — 133 ſich von dem guten Zuſtande ſeiner Truppe zu überzengen; jetzt war es an ihn, verdutzt zu ſein. „Wo nur die Dirne iſt?“ bemerkte er zu Tom. Tom, der die Weisheit des Schweigens kannte, hielt ſich nicht aufgefordert, ſeine Beobachtungen und Vermuthungen auszuſprechen, und zuckte die Achſeln. „Sie kann doch nicht an einem Landungsplatze entkommen ſein, ich war ſtets beim Landen wach, und gebe genau Acht,“ Dies ſprach er zutraulich zu Tom, gleich als ob er hoffte, dadurch etwas zu erfahren, was ein Licht auf das plötzliche Verſchwinden würfe. Tom ſchwieg. Haley durchſuchte nun jeden Winkel des Schiffes, kuckte hinter jeden Ballen, jede Kiſte— die Negerin war fort. „Tom, ſei offen zu mir, Du weißt wo ſie iſt,“ fing er gütig an, als er nach fruchtloſem Rufen zu ſeinen Lehten zurück kam.„Sei ſtill, Du weißt es; ich habe das Mädchen noch hier geſehen um zwölf Uhr, dann um ein Uhr und dann wieder um zwei Uhr und um vier iſt ſie nicht mehr da. Du lagſt dicht neben ihr, Du mußt es gehört haben, Du mußt es wiſſen!“ „In der That, Maſter, gegen Morgen hörte ich ein Ge⸗ räuſch, wachte auf, die Dirne war fort, gleich darauf hörte ich etwas ins Waſſer fallen. Mehr weiß ich nicht, daß iſt Alles.“ Mr. Haley erſchrak weder, noch entſetzte er ſich; er war dergleichen ſchon gewöhnt, er hatte den Tod ſchon in man⸗ cherlei Geſtallten geſehen, ſchon oft war er ihm in ſeinen Ge⸗ ſchäften begegnet, aber durchaus nicht willkommen, ſondern nur als Störefried, der ſich in ſeine Geſchäfte mengte und ſeinen Vortheil kürzte. Er fluchte deshalb, daß die unnütze Dirne ihm Unglück gebracht habe und wenn dergleichen öfter paſſire, er keinen Heller verdienen könne. Er hielt ſich für einen ruinirten, geſchlagenen Mann, aber es half nichts, das Weib war in ein Land gegangen, welches keinen Sklaven ausliefert, ſelbſt nicht auf Verlangen der geſammten glorrei⸗ chen freien Staaten Nordamerikas, und wohin kein Arm einer dienſtbereiten, ſervilen Polizei reicht. Er faßte ſich alſo, langte ſein Buch herraus und notirte das zu ſeinem Schöpfer hingegangene Ebenbild Gottes in die Rubrik: Verluſt. Es iſt ein ſchreckliches Geſchöpf— ſolcher Händler; iſt es das nicht? So gefühllos, wirklich gräßlich. O Niemand verlangt auch etwas von dieſen Händlern. 134 Sie ſind allgemein verachtet und werden in keiner anſtändigen Geſellſchaft aufgenommen. Aber wer, mein Herr, macht dieſe Händler dazu? Wer iſt zu tadeln, die aufgeklärten, kultivirten und einſichtsvollen Menſchen, welche das Syſtem aufrecht erhalten, deſſen unver⸗ meidliches Endziel der Händler iſt, oder der Händler ſelbſt? Ihr erweckt das Gefühl, welches ſeinen Handel hervorruft, welches ihn verhärtet und entartet, bis er keine Schaam mehr fühlt.* In wiefern ſeid ihr alſo beſſer als er? Ihr ſeid erzogen und er iſt gemein, ihr hoch und er niedrig, ihr gebildet und er unwiſſend, ihr begabt und er einfältig. Am Tage des Gerichts werden dieſe Betrachtungen ſeine Lage erträglicher machen als eure. Beim Schluß dieſer kleinen Begebenheiten im geſetzlich er⸗ laubten Handel, bitten wir die Welt, nicht zu glauben, daß die amerikaniſchen Geſetzgeber gänzlich von Menſchlichkeit ent⸗ blößt ſind, wie man vielleicht denken möchte nach den An⸗ ſtrengungen, welche unſere nationale Verfaſſung macht, um dieſe Art von Handel fortzupflanzen und zu beſchützen. Wer weiß es nicht, wie unſere großen Männer ſich her⸗ vorthun, indem ſie gegen den fremden Sklavenhandel predigen. Eine ganze Schaar Clarkſon's und Wilberforce's ſtanden unter uns auf, und ſprachen erbaulich über dieſen Gegenſtand. Neger von Afrika einzuführen— ſchrecklich! nicht daran zu denken! Aber von Kentuck)— ja, das ſteht auf einem anderen Blatte. Dreizehntes Kapitel. Die Quäker-Niederlaſſung. Unſeren Augen bietet ſich jetzt eine ruhige Scene dar. Eine große, geräumige, freundlich geſtrichene Küche mit gelbem ſpiegelblankem Fußboden, ohne Stäubchen, nettem, wohlge⸗ ſchwärztem Kochheesde, Reihen blank geſcheuerten Zinngeſchirrs, welches an die verſchiedenartigſten Sachen für den Appetit erinnert. Glänzende ſolide alte Holzſtühle, ein kleiner rohr⸗ geflochtener Schaukelſtuhl mit einem Kiſſen, welches bunt aus den verſchiedenartigſten Zeugſtücken zuſammengeſetzt war, und . 135 ein großer alter Stuhl, deſſen weite ausgebreitete Arme gaſtlich zur Beſitznahme aufforderten, und darin durch kleinere Feder⸗ kiſſen unterſtützt wurden— ein wahrhaft verführeriſches Mö⸗ bel, welches mehr Bequemlichkeit beim Gebrauch zu garanti⸗ ren ſchien, als ein Dutzend moderner ſchmalſitziger Salon⸗ Stühlchen. In dieſem Stuhl ſich hin und her ſchaukelnd, mit einer feinen Näherei beſchäftigt, finden wir unſere bekannte Freundin Eliza wieder, freilich dieſelbe, aber doch ein wenig mehr ab⸗ gehärmt als in ihrer Heimath Kentuckh, und ein kleines Leben voll erlebten Kummers und Schmerzes mehr verzeich⸗ net auf ihrem milden und bleichen Antlitz. Es war deutlich zu ſehen, wie ihr junges Herz und ihre weiche Seele durch die Schule des Leidens mehr geſtählt worden, und wenn ſie bisweilen ihre ſanften, dunkeln Angen erhob, um den Bewe⸗ gungen ihres kleinen Harry zu folgen, der ſich am Boden in der ungebundeſten Freiheit umherwälzte, ſo zeigte ſich ein Bedeutendes mehr an Energie und Charakterfeſtigkeit als man bisher in denſelben gefunden hatte, ehe die Schattenſeite des Lebens ſich mit rauhem Schleier darauf legte. An ihrer Seite ſaß eine Frau mit einer blanken Zinn⸗ pfanne vor ſich, in welcher ſie gedörrtes Obſt ausſuchte. Sie ſchien nahe den ſechziger Jahren, doch von jenem Ange⸗ ſicht, welches die Jahre nur an ſich vorübergehen läßt um wohl den ruhigen Abglanz, aber nicht die Zerſtörung der Zeit anzunehmen. Die weiße, reine, ſorgſam gefaltete Haube, nach dem Muſter der Quäkerfrauen aufgelegt, daß in langen Falten über die Bruſt gelegte Mouſſelintuch, der graue Shwal und das graue Kleid ließen ſogleich die Gemeinſchaft erken⸗ nen, in der ſie ihr gottſeliges Leben führte. Ihr geſundes und volles Geſicht hatte ein pfirſichartigen Teint. Ihr vom Silberglanz des Alters ſchimmerndes Haar war zurückge⸗ ſtrichen von einer Stirne, auf welcher das Leben nur die Schrift eingegraben hatte:„Friede auf Erden und den Men⸗ ſchen ein Wohlgefallen,“ unter derſelben glänzten mild zwei braune, liebevolle Augen. Man brauchte nur hineinzublicken um in dieſem Spiegel der Seele ein Herz zu finden, ſo voll Liebe und Wohlwollen, wie ſie in einer Frauenbruſt ſchlug. Warum ſoll man nur von der Schönheit junger Mädchen hingeriſſen werden? Warum ſollte nicht auch würdige Ma⸗ tronenſchönheit uns mit Bewunderung und Ehrfurcht erfül⸗ len? Und wenn ſich Einer nicht damit verſtändigen kann, ſo 136 zeigen wir ihm hier das Bild der wackeren Rachel Hallidey, wie ſie in dem kleinen bunten Schaukelſtuhle ſitzt. Beſagter Stuhl hatte die vielleicht angeborne Gewohn⸗ heit, ſein Daſein durch ein monotones Knarren und Knattern zu bezeichnen, vielleicht hervorgebracht durch jugendliche heit; genug, wie dem auch ſei, er begleitete jede ihrer Bewe⸗ gungen mit ſeiner unvermeidlichen Stimme, welche man einem anderen Stuhle nicht geſtattee hätte. Aber der alte Simon Hallidey fand dieſes Geräuſch eben ſe gut wie Muſik, und alle Kinder hätten um nichts in der Welt das Schnarren des Stuhles aufhören laſſen. Und warum? Weil von dieſem wichtigen Stuhl herab ſeit vielen Jahren die liebevollſten Worte mütterlicher Güte und die liebreichſten Lehren und Er⸗ mahnungen mit der ſanfteſten Milde geſprochen wurden; un⸗ zählige Leiden gemildert, bekümmerte und gebrochene Herzen getröſtet und aufgerichtet, und das alles von einer ehrwürdigen, Zutrauen erweckenden Perſönlichkeit, der alten Rachel Hallidey. Gott ſegne ſie! „Du haſt alſo noch immer die Abſicht, hinauf nach Canada zu gehen, liebe Eliza?“ fragte die Matrone, indem ſie fort⸗ fuhr, ihr Obſt auszuſuchen. „Gewiß, Madame, ich muß; ich wage nicht, hier zu bleiben,“ antwortete Eliza beſtimmt. „Und was willſt Du dort, wenn Du dahin gehſt meine Tochter, daran denke.“ Der Ausdruck„meine Tochter“ kam ſo natürlich von den Lippen Rachel Hallideys, die das Anſehen und die Geſtalt einer lieben Mutter hatte,“ daß es kein paſſenderes Wort in der Welt für ſie geben konnte. Eliza zittere und einige Thränen entglitten ihren Augen, aber feſt erwiderte ſie: „Ich hoffe dort Jemand wiederzufinden!“ „Du kannſt aber ſo lange hier bleiben, als es Dir ge⸗ fällt, das weißt Du doch,“ ſagte Rachel. „Ich danke Ihnen; aber—“ ſprach ſie, auf den kleinen Harty zeigend—„ich habe keine Ruhe, ſelbſt nicht bei Racht. Letzthin träumte mir, ich ſehe jenen Mann in den Hof treten,“ fügte ſie ſchaudernd hinzu. „Armes Kind“ erwiderte Rachel, eine Thräne mit der Hand vom Auge trocknend,„Du darfſt Dich nicht ſo ängſtigen. Der Herr hat es ſo gefügt, daß uns auch vom Dorfe noch nie ein Flüchtling geranbt wurde, und Du wirſt doch nicht der erſte ſein?“ 137 Hier öffnete ſich die Thür und eine kurze, apfelrunde, Frau, mit geſundem, blühendem Antlitz trat auf die Schwelle. Sie war, gleich Rachel, grau gekleidet, und ein weißes Mouſſe⸗ lintuch bedeckte ihren gewölbten Buſen. Ruth Stedman!“ rief Rachel entgegentretend.„Wie geht es Dir Ruth?“ und ergriff herzlich ihre Hand. „Ganz wohl,“ erwiderte Ruth dankend, indem ſie ihren grauen Hut ablegte, wo dann ein runder, kleiner Kopf ſicht⸗ bar wurde, auf welchem trotz alles Rückens und Ziehens die weiße Quäkerhaube in eigenſinniger Keckheit verharrte. Auch einige widerſpenſtige Locken mußten zurückgedrängt werden, und dann wendete ſich Ruth, die etwa fünf und zwanzig Jahre zählen mochte, von dem Spiegel, vor dem ſie dieſe nothwen⸗ digen Verrichtungen gemacht hatte, um, und ſah ſo wohlge⸗ fällig aus, wie alle die, welche ſie ſahen, denn ſie war ein ſo nettes Weibchen, wie nur je eines ein Menſchenherz er⸗ freut hat. „Ruth,“ hub Rachel an,„dieſe Freundin iſt Eliza Har⸗ ris, und dies der kleine Knabe, von dem ich Dir erzählt habe.“ „Es freut mich, Dich zu ſehen, Eliza!“ rief Ruth leb⸗ haft und freudig mit einer Herzlichkeit, als ob Beide ſchon alte Bekannte wären.„Und dies iſt Dein lieber Junge? Ich habe Kuchen für ihn mitgebracht.“ Und ſie hielt dem Kna⸗ ben, der ſie neugierig anblickte, einen kleinen Kuchen hin, den 6 er, ohne ſich nöthigen zu laſſen, zu ſich nahm. „Und wo iſt Dein Jüngſtes, Ruth?“ fragte Rachel. „Er iſt auch da, aber Mary führte ihn mit ſich fort, um ihn den Kindern zu zeigen.“ In dieſem Moment ging die Thür auf und Mary, ein friſches Mädchen mit großen braunen Angen wie die ihrer Mutter, trat mit Ruth's Klei⸗ nem herein. „Ach,“ rief Rachel, indem ſie den dicken, muntern Jun⸗ gen an's Herz drückte,„wie wohl er ausſieht und wie groß er geworden iſt!“ „Gewiß iſt er das,“ ſagte freudeſtrahlend die kleine Ruth, indem ſie das Kind an ſich nahm und einige vorſorgliche Hüllen von demſelben entfernte, und nachdem ſie hier und da gezupft und geſchoben und ihn herzlich geküßt hatte, ſetzte ſie ihn auf die Erde, damit er ſich von allen Ueberraſchungen erholen konnte. Der Kleine ſchien an dieſes Verfahren gewöhnt zu ſein, denn er ſteckte den Daumen in den Mund, verhielt ſich ruhig 138 und ſchien ſeinen eigenen Betrachtungen nachzuhängen, wäh⸗ rend ſeine junge Mutter einen langen Strumph hervorzog und eifrig zu ſtricken begann. „Wollteſt Du nicht den Keſſel füllen, Mary?“ meinte ihre Mutter. Mary ging mit dem Keſſel an den Brunnen, füllte ihn mit klarem Waſſer und erſchien dann wieder in der Stube, wo ſie den Keſſel auf den Ofen ſtellte und wo er dann bald wie ein Rauchfaß am Altar der Gaſtfreundſchaft ziſchte und ſummte. Dann wurden die gedörrten Pfirſiche in Folge eines Winkes der Mutter von Mary in einer Dampfpfanne über das Feuer geſetzt. Jetzt band ſich Rachel eine weiße Schürze vor, nahm ein reines Brett und fing unverzüglich an, einige Biscuits zu backen, nachdem ſie Mary noch aufgefordert hatte, dafür zu ſorgen, daß John ein junges Hühnchen bereit halte. „Wie befindet ſich Abigail Peter?“ fragte Rachel, wäh⸗ rend ſie ungeſtört knetete und buck. „Sie befindet ſich beſſer,“ antwortete Ruth. „Ich war heute bei ihr, brachte ihr Betk und manches Andere in Ordnung. Leer Hills war heute ſchon da, hat Vorrath von Brot und Paſteten auf mehrere Tage bereitet, und auch ich habe verſprochen, heute Abend wieder hin⸗ zugehen.“ „Ich werde morgen zu ihr gehen und in dem, was nöthig iſt, behülflich ſein,“ ſagte Rachel. „Das iſt ſehr ſchön,“ erwiderte Ruth,„denn ich habe gehört, daß Hannah Stoirword krank iſt, wie John geſtern meldete, und da will ich morgen hingehen.“ „John kann morgen hierher kommen und hier ſpeiſen, falls Du den ganzen Tag dort ſein willſt.“ „Ich danke Dir, Rachel; wir werden ſehen. Da kommt ja Simeon!“ Simeon Halliday, ein langer, kräftig gebauter Mann, in grauem Rock und grauen Hoſen, einen breitkrämpigen Hut auf dem Kopfe, trat freundlich grüßend ein. „Wie geht es Dir, Ruth?“ fragte er herzlich, indem er ſeine derbe Hand hinhielt, damit ſie ihr kleines Patſchhändchen hineinlegen ſollte,„und was macht John?“ „Ich danke, John und alle Andern ſind wohl,“ antwor⸗ tete Ruth. „Was giebt es Neues, Vater?“ fragte Rachel, indem ſie das Brett mit den Biscuits in den Ofen ſchob. 139 „Peter Stebbins erzählte mir, daß er heute mit Freun⸗ den herkommen will,“ antwortete Simeon nachdrucksvoll, in⸗ dem er ſich in einem anſtoßenden Verſchlag die Hände reinigte. „In der That?“ ſprach Rachel mit einem aufmerkſamen Blick auf Eliza. „Sagteſt Du nicht, daß Dein Name Harris ſei?“ fragte Simeon Eliza, als er wieder eintrat. „Ja,“ erwiderte Eliza erſchreckend, denn ihre rege Furcht ließ ſie ſtets vermuthen, daß Nachforſchungen nach ihr gehal⸗ ten würden, und es in der Gegend bekannt würde, daß ſte geſucht werde. Simeon trat zur Thüre hinaus und winkte Rachel, ihm zu folgen. „Was giebt es, Vater?“ fragte dieſe, indem ſie den Mehlteich von ihren Händen rieb. „Der Gatte der jungen Frau iſt hier in unſerer Anſied⸗ lung und wird heute Abend kommen.“ „Iſt das gewiß, Vater?“ rief Rachel mit freudigem Antlitz. „Es iſt wirklich ſo; Peter war geſtern in der anderen Niederlaſſung, traf dort eine alte Frau und zwei Männer, von denen der eine ſich George Harris nannte, und er iſt es auch nach der Erzählung, die er hören ließ. Es iſt ein * heller, ſtattlicher Burſche.“ „Wollen wir es ihr jetzt ſchon ſagen?“ fragte Rachel. „Wir wollen vorher mit Ruth berathſchlagen.— Ruth, komm einmal her!“ rief er in's Zimmer. „Was meinſt Du, Ruth?“ fragte Rachel, als ſie ſogleich erſchien,„der Vater theilt eben mit, daß Eliza's Gatte in der Anſiedlung da unten angelangt iſt, und heute zu uns kom⸗ 3 men will.“ 3 Sie wurde durch einen Freudenausbruch der kleinen, ge⸗ fühlvollen Quäkerin unterbrochen, die in ihre dicken Händchen klatſchte und in die Höhe ſprang, daß ihre krauſen Locken gleich die Gelegenheit benutzten, aus der feſſelnden Haube zu entwiſchen. „Ruhig, liebe Ruth, ruhig,“ bat Rachel;„wollen wir es ihr jetzt ſchon anzeigen?“ „Gewiß— ſogleich, im Augenblick! Glaubſt Du nicht, daß ich es auch gern wiſſen wollte, wenn es mein John wäre. Sage es ihr ſogleich.“ E „Du wendeſt Dich ſelbſt nur dazu an, um zu lernen, 140 wie Du Deinen Nächſten lieben ſollſt, Ruth,“ ſprach Simeon, ſie freudeſtrahlend anblickend. „Natürlich, ſind wir nicht dazu geſchaffen? Könnte ich für ſie fühlen, wenn ich nicht meinen Mann und mein Kind liebte? Kommt, ſagt es ihr ſogleich!“ und ſie zog Rachel an die Thür.„ Gehe mit ihr in's Nebenzimmer; ich will das Hühnchen beſorgen, während Du es ihr ſagſt.“ Rachel ging in die Küche hinaus, öffnete die Thür einer Schlafſtube und rief Eliza zu: „Liebe Tochter, Eliza, komm her, ich habe Dir Etwas anzukündigen.“ „Eliza's Wangen färbten ſich mit ängſtlicher Röthe, ſie blickte ſorgend nach ihrem Knaben, aber Ruth ſprang auf ſie zu, nahm ſie an die Hand und ſprach; Firchte nichts, Du, es iſt nichts Böſes, nur gute Nach⸗ richten, geh, geh hinein.“ 32 Und ſie ſanft hineinſchiebend, drückte ſie Thür hinter ihr zu, wandte ſich zu dem kleinen Harry und küßte ihn zärtlich. „Du wirſt Deinen Vater wiederſehen, verſtehſt Du mich? Dein Vater kommt,“ rief ſie wiederholt, als der Kleine ſie erſtaunt anblickte. Während dem fand in dem traulichen Kämmerchen ein anderer Auftritt ſtatt. Rachel zog die noch ſinnende und bänglich ahnende Eliza an ihre Freundesbruſt und ſprach: „Eliza, der Herr hat Dir Gnade erwieſen, Dein Gatte iſt dem Hauſe der Knechtſchaft entronnen.“ 3 Das Blut ſtieg Eliza in die Wangen und drang dann plötzlich mächtig zum Herzen zurück; ſie wurde bleich und ließ ſich halb bewußtlos vor Erregung auf einen Stuhl nieder. „Sei getroſt, Kind, und faſſe Dich,“ ſprach Rachel, die Hand ihr auf's Haupt legend;„er befindet ſich wohl und iſt unter guten Freunden, die ihn noch heute herführen? „Heute noch? Heute noch?“ ſtammelte Eliza ſtaunend; die Gedanken flogen verwirrend in ihrem auf's Höchſte über⸗ raſchten Geiſt, ihr war wie in einem Traum, die Sprache verſagte ihr und bewußtlos ſank ſie in Rachel Arme. Als ſie wieder erwachte, befand ſie ſich im Bette, wohin man ſie gelegt hatte, und die kleine Ruth ſtand bei ihr, ihr die Hände mit Kampfer reibend. Sie öffnete ihre Augen mit jenem wohlthuenden Gefühl, welches man empfindet, wenn man ſich einer ſchweren Laſt ent⸗ ledigt hat und nun ruhen möchte. Die Nervenſpannung, in 141 welcher ſie ſeit der Stunde ihrer Flucht beſtändig zubrachte, war gewichen und hatte einem wohlthuenden Gefühl der Ruhe Platz gemacht, und ſie ließ ihre großen Augen wie im Traume den Bewegungen der Unſtehenden folgen. Sie ſah die Thür zum andern Zimmer ſich öffnen, ſah den gaſtlich gedeckten Tiſch, hörte das Summen des kochenden Theekeſſels, ſah Ruth hin⸗ und herlaufen mit Kuchen und Früchten, und zuweilen den kleinen Harry ein Stück in den Mund ſtecken, und ihn liebkoſen. Sie ſah die mütterliche Geſtalt Rachel's auf ſich zukommen, ſich ſorgend etwas zu ſchaffen machen an ihrem Bette und um ihre Perſon und fühlte die ſonnenähnliche Wärme, welche aus dem wohlwollenden Auge Rachels ſtrömte. Sie ſah Ruth's Gatten hereintreten, Ruth auf ihn zufliegen, etwas flüſtern und mit dem Finger lebhaft nach Eliza's Zim⸗ mer zeigen. Sie ſah Ruth, ſich an den Tiſch ſetzend, den Knaben auf dem Schooß und ihn füttern, ſie ſah den kleinen Harry auf einem hohen Kinderſtuhl unter der liebevollen Sorgfalt Rachels; ſie ſah ein buntes, um den Theetiſch grup⸗ pirtes Bild, hörte ein Summen und heiteres Reden, ein Ge⸗ klirr und Geklapper von Löffeln und Taſſen, und das Alles in einem ſo füßen Traume, wie ſie ihn ſeit jener ſchrecklichen Stunde, wo ſie mit ihrem Kinde in froſtiger Nacht entflohen war, nicht erlebt hatte. Sie träumte von einer ſchönen Land⸗ ſchaft, von einem Lande der Ruhe, prangend im herrlichſten 1 Grün des Frühlings, lieblichen Inſeln, umſpielt von glitzern⸗ den Wogen; ſie ſah ſich in einem traulichen Hauſe, nun ihre Heimath, mit ihrem Kinde, welches als freies und glückliches Kind aufwuchs; ſie hörte die eilenden Schritte ihres heran⸗ nahende Gatten, fühlte ihn ſich nahen, öffnete die Arme, ihn zu empfangen, ſeine Thränen fielen auf ihr frendetrunkenes Geſicht— und ſie erwachte. Es war kein Traum. Der Tag war längſt herabge⸗ ſunr Kind lag friedlich ſchlummernd an ihrer Seite und neben ihr ſtand George, ihr Gatte. Am andern Morgen ging es heiter und luſtig in dem Quäkerhauſe zu. Rachel war früh auf und mit der Berei⸗ tung des Frühſtücks beſchäftigt, worin ſie durch mehrere Kna⸗ ben und Mädchen, ihre eigenen, unterſtützt wurde, und welches etwas Sorgfalt erforderte, denn ein Frühſtück in den geſegne⸗ ten Fluren Indiana's iſt etwas nannigfach und verlängt, 142 gleichwie das Aufleſen der Roſenblätter und das Beſchneiden der Büſche im Paradieſe mehr Hände, als die der Stamm⸗ mutter. Während John daher zum Brunnen lief, friſches Waſſer zu holen, Simeon junior Mehl zum Kuchen ſiebte und Mary Kaffee mahlte, ſchwebte Rachel wie die mild wärmende Sonne über dem Ganzen, und wenn hie und da in dem geſchäftigen Treiben ſo vieler kleinen Geiſter ſich ein Conflikt einzuſtellen drohte, ſo genügte ihr einfaches, warnendes:„Nun, nun!“ oder:„Was iſt das?“ um die Ordnung und den gleichmäßi⸗ gen Gang wieder herzuſtellen. Unterdeſſen ſtand Simeon ſenior in Hemdsärmeln vor dem Spiegel und vollzog an ſich die antipatriarchaliſche Arbeit des Raſirens. Alles athmete in Stube und Küche bei aller Geſchäftigkeit und Rührigkeit eine ſolche Ruhe und Verträglichkeit, daß ſelbſt Meſſer und Gabeln beim Hinlegen harmoniſch klapperten und Hühnchen und Schinken in der Pfanne ſo melodiſch ziſchten, als ob ihnen das Gekochtwerden Vergnügen machte. Als nun George und Eliza mit dem kleinen Harry hereintraten, wurden ſie ſo herzlich von Allen bewillkommt, daß ſie ſich in einen ſchönen Traum verſenkt glaubten. Endlich ſetzten ſich Alle zu Tiſche. Es war das erſte⸗ mal, daß George ſich gleich und gleich mit Weißen an einem Tiſche fand, und dies verurſachte ihm zuerſt Verlegenheit, doch alles Derartige verſchwand bald vor der ihr entgegengebrach⸗ ten Herzlichkeit und Güte ſeiner Gaſtfreunde. In der That, dies war eine Heimath— eine Heimath — ein Wort, welches George noch nie gehört, und das eine Bedeutung für ihn hatte; und ein Glaube an Gott und ein Vertrauen auf ſeine Vorſehung begann ſein Herz wie mit einer goldenen Wolke von Schutz und Zuverſicht zu umgeben; Finſterniß, Menſchenfeindlichkeit, Laune, gottesläſternde Zweifel und grimmige Troſtloſigkeit zerfloſſen vor dem Lichte des le⸗ bendigen Geiſtes, athmete in lebenden Geſichtern, predigt durch tauſend unbewußte Handlungen der Liebe und des Erbarmens, welches wie der Becher kalten Waſſers, im Namen eines Jüngers gegeben, niemals ihre Belohnung verlieren wird. „Wenn Du nun wieder ertappt würdeſt?“ meinte Si⸗ meon junior, indem er ſeinen Kuchen mit Butter beſtrich. „Dann würde ich meine Strafe bezahlen,“ antwortete der Vater gelaſſen..„ „Aber wenn man Dich nun in's Gefängniß ſteckte?“ 143 „Könnteſt Du nicht mit der Mutter das Gut verwalten?“ fragte der Vater. S „O, Mutter verſteht das Alles; iſt es aber nicht eine Schande, ſolche Geſetze zu machen?“ fragte der Knabe wieder. „Du mußt von der Obrigkeit nicht ſchlecht reden,“ ſprach der Vater ernſt,„Gott giebt uns unſere weltlichen Güter nur, um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit zu üben. Wenn nun unſere Obrigkeit von uns einen Preis dafür verlangt, ſo müſſen wir ihn zahlen.“ „Ich haſſe alle dieſe Sklavenhalter,“ fuhr der Knabe fort, welcher fühlte, wie unchriſtlich dieſe Zuſtände für die Neuzeit ſeien. „Ich bin überraſcht über Dich mein Sohn,“ ſprach der Vater,„die Mutter ſagt Dir ſo etwas nicht. Ich würde daſſelbe dem Sklavenhalter wie dem Sklaven thun, wenn Gott mir einen ſolchen in Bedrängniß an die Thür führte.“ Simeon der Jüngere wurde purpurroth; ſeine Mutter lächelte und ſagte:„Simeon iſt mein guter Junge, er wird nach und nach älter, und dann wie ſein Vater werden.“ „Sir, ich hoffe nicht, daß Sie um Unſerer willen Unan⸗ nehmlichkeiten ausgeſetzt wären, wandte George beſorgt ein. Fürchtet nichts, George, dazu ſind wir auf Erden. Wenn wir einer guten That wegen uns nicht Unannehmlich⸗ keiten ausſetzen wollen, ſo wären wir unſeres Namens nicht würdig.“ „Aber meinetwegen!“ ſprach Georg,„ich könnte es nicht ertragen.“ „Fürchte nichts, Freund George; nicht für Dich, für Gott und die Menſchheit thun wir es,“ ſprach Simeon,„und nun mußt Du heute den Tag über ruhig liegen, aber heute Nacht um zehn Uhr wird Dich Phineas Fletſcher zum näch⸗ ſten Halteplatz bringen, Dich fowohl wie die andern der Ge⸗ ſellſchaft. Die Verfolger ſind Dir hart auf den Ferſen; wir dürfen nicht zaudern.“ „Wenn dies der Fall iſt, warum nun noch bis zur Nacht warten?“ erwiderte Georg. „Des Tages über biſt Du hier ſicher, denn ein Jeder in der Niederlaſſung iſt ein Freund, und Alle wachen. Uebri⸗ gens iſt es auch ſicherer des Nachts zu reiſen.“, 144 Vierzehntes Kapitel. Evangeline. Der Miſſiſſippi! Wie mit einem Zauberſchlage haben ſich die Scenen verändert, ſeit Chateaubriand ihn beſchrieb als einen Fluß in unermeßlich tiefer Einſamkeit, dahinwogend zwi⸗ ſchen ungeahnten Wundern der Pflanzen⸗ und Thierwelt. Die ſchrägen Strahlen der ſcheidenden Sonne titterten auf der meeresgleichen Fläche des Rieſenfluſſes, das ſchwankende Rohr und die dunkeln, von ſchwärzlichem Mooſe umſchlungenen Cypreſſen glühten in den goldenen Strahlen, als das ſchwerbe⸗ ladene Dampfbvot ſtromabwärts trieb. Oben auf dem Verdeck zwiſchen rieſigen Baumwollen⸗ ballen finden wir unſeren Freund Tom wieder. Zufolge ſei⸗ nes ruhigen, friedlichen Charakters und ſtillen Benehmens, ſowie des durch gute Empfehlungen Mr. Shelbys eingeflößten Vertrauens hatte Tom ſogar das eines ſolchen Mannes, wie Mr. Haley war, einigermaßen erworben, wenn ihn dieſer auch in erſter Zeit ſtreng bewachte und ihm nie geſtattete, Nochts ohne Feſſeln zu ruhen, ſo hatte doch Toms immer⸗ während gleich ruhiges Betragen und ſeine Geduld dem Skla⸗ venhändler Zutrauen genug eingeflößt, um einigermaßen von dieſem Zwange abzugehen, und Tom genoß eine Art Ehren⸗ wortgefangenſchaft, die ihm geſtattete, einigermaßen frei auf dem Verdecke umherzuwandeln. Zuvorkommend, beſcheiden, dienſtwillig wie auf dem Gute in Kentucky, ſo auch hier auf dem Schiffe, hatte Tom ſich die gute Meinung der geſammten Mannſchaft erworben, der er eifrig und unverdroſſen bei jeder Gelegenheit half. War nichts für ihn zu helfen, ſo ſuchte er ſich einen einſamen Winkel aus zwiſchen den Ballen, und beſchäftigte ſich mit dem Studium ſeines liebſten Buches— der Bibel, und ſo finden wir ihn eben jetzt. Oberhalb New⸗Orleans, mehr als hundert Meilen hin⸗ auf iſt der Strom höher als ſeine Ufer, und läuft deshalb zwiſchen hohen, ungeheuren Uferdämmen hin, ſo daß der auf dem Schiffe ſtehende Reiſende wie von einer Terraſſe herab hinunter blickt, und bei dem flachen Boden ein weites Pa⸗ norama vor ſich ausgebreitet ſteht. Tom konnte aus den ſich ihm in den verſchiedenen Plantagen darbietenden Scenen ſich . 145 einen Begriff von ſeinem bevorſtehenden Leben und Aufent⸗ haltsort machen. Er ſah in weiter Ferne die Sklaven bei ihrer ſchweren Arbeit, ſah ihre langen Hüttenreihen, weit ab von den prächtigen Villen ihrer Herren, und während in ſteter Abwechſelung ein Bild nach dem andern vor ſeinen träumenden Blicken vorüberzog, wandte ſich gemach ſein trauerndes Herz zurück nach dem ſtillen Gute in Kentucky, wo die Erinnerung ihm das Bild trener Arbeitsgenoſſen, ſei⸗ nes Weibes und ſeiner luſtigen Buben in den Sinn rief. wenn er nach vollbrachter Arbeit der einfachen Mahlzeit und der Erholung nuter ſeinem beſcheidenen von Immergrün und Bignonien überwachſenen Dache zueilte, ſich an dem Lallen des Säuglings auf ſeinem Schooße ergötzte,— und dann wieder fremde Orte und andere Scenen, und das Schnauben des Dampfſchiffes— Wahrnehmungen, die ihm nur zu ge⸗ wiß zeigten, daß jenes Leben und deſſen Freuden der Ver⸗ gangenheit anheim gefallen waren. Ihr, in ſolcher Lage, ſchreibt Briefe und ſendet Grüße an Eure Lieben, aber Tom konnte nicht ſchreiben, für ihn eriſtirte keine Poſt und die Kluft der Trennung war nicht überſpannt von der Brücke eines freundlichen Wortes oder Zeichens. Iſt es alſo auffallend wenn bei ſolchen Betrachtungen einige Thränen ſich aus ſeinen Augen ſtahlen und auf das vor ihm auf den Knien liegende Buch Aller Bücher fielen, aus welchem er mit Mühe, und die Buchſtaben mit dem Finger verfolgend, die Verheißungen des Heilands herauslas. Tom, der erſt ſpät leſen lernte, hatte ſeine Mühe mit Leſen dieſes Buches, welches glücklicherweiſe ein ſolches Buch iſt, dem das langſame Leſen grade zum Verſtändniß gereicht, ja deſſen Worte einzeln und mit Ueberlegung geleſen und ge⸗ wogen werden müſſen wie köſtliches Gold, um ihren Werth genau zu finden, und völlig zu würdigen. Folgen wir ihm einmal, wie er halblaut und mit dem Finger gleichſam jedes Wort ſich recht einprägend, langſam lieſ't; „Sorgt— nicht— in— eurem— Herzen— in— meines— Vaters— Hauſe— ſind— viele Wohnungen.— Ich— gehe— hin— um— euch— eine— Stätte— zu— be— rei— ten.“ Unter den Paſſagieren auf dem Boote befand ſich ein junger vermögender Mann aus Neu⸗Orleans von angeſehener Familie, Namens St. Clare, mit ſeiner fünf⸗ bis ſechsjähri⸗ gen Tochter und einer Dame, welche mit ihm verwandt ſchien und die Kleine unter Aufſicht hatte. Tom hatte das kleine 10 146 Mädchen ſchon oft bemerkt, denn ſie war eins von den be⸗ weglichen Weſen, die eben ſo wenig lange an einem Orte verweilen, als ein Lüftchen oder ein Sonnenſtrahl. Außer⸗ dem war ſie eins von den Kindern, die man ſieht, um ſie nicht ſogleich wieder zu vergeſſen. Ihre Geſtalt war ſo liebreizend und engelartig, wie nur je eine Kindesgeſtalt geſchaffen wurde, ohne die harten Um⸗ riſſe dieſes Alters; ſie beſaß die elfenartige Leichtigkeit, wie ſie uns unter den Bildern der Seraphe und guten Geiſter vorſchwebt. Ihr Geſicht zeigte nicht jene Schönheit, die wir an den Jungfrauen verehren, wohl aber einen träumeriſch ernſten Zug als Eindruck des Nachdenkens, wie wir ihn uns oft idealiſch denken. Die Form ihres Kopfes, ihres Nackens und ihrer Schultern war äußerſt edel, und das lange, wal⸗ lende, goldfarbene Haar, welches ſie umflatterte, der tiefe Ernſt der veilchenblauen dunkeln Augen— Alles dies bewogen un⸗ willkürlich Jeden, der ſie bemerkte, ſich noch einmal umzuwen⸗ den und ſie zu betrachten, wenn ſie auf dem Boote wie ein weißer Schmetterling herumflatterte. Deſſen ungeachtet war die Kleine kein trauriges und auch kein ernſtes Kind, ſondern eine naive Scherzhaftigkeit begleitete ihr junges Daſein, wie lauer Frühlingswind eine aufbrechende Knospe. Sie war ſtets in Bewegung, mit einem roſigen Lächeln auf den kleinen rothen Lippen und flog mit leichten Tritten hin und her, ſin⸗ gend und träumend, und wenn ihr Vater und ihre Hüterin, die ihr ſtets folgten, ſie endlich einmal erwiſcht hatten, ſo zer⸗ Lin ſie ihnen unter den Händen unverſehens wie eine leichte olke. Da ſie wegen ihres Thuns und Laſſens nie mit Schel⸗ ten und Tadel betroffen wurde, ſo lief ſie nach Belieben auf dem Boote hin und her. Stets weiß gekleidet, ſchien ſie wie ein Schatten überall zu ſchweben, ohne ein Zeichen ihres Er⸗ ſcheinens zurückzulaſſen, und es gab wohl keinen Ort, wo ihr Goldköpfchen nicht hingeguct hätte. Tom, der die weiche Natur ſeiner Race beſaß und das Einfache und Kindliche liebte, beobachtete das kleine Weſen mit immer ſteigendem Antheil. Ihm erſchien ſie wie ein gött⸗ liches Gebilde, und wenn ſie hinter oder auf einem der Baum⸗ wollenballen erſchien und ihr Goldköpfchen und ihre blauen Augen auf ihn richtete, ſo glaubte er eine Erſcheinung von oben zu ſehen. Sie nahte ſich oft mit traurigem Blick der Gruppe, welche aus Haley's gekauften Sklaven eſisn und betrachtete 147 mit wehmüthiger Theilnahme die in Ketten liegenden ſchwar⸗ zen Männer und Weiber; zuweilen verſuchte ſie, die ſchweren Ketten aufzuheben und ſchlich dann traurig und mit Thränen in den Augen fort. Dann erſchien ſie wieder mit Zucker, Nüſſen und Orangen in den Taſchen, vertheilte dies an die Unglücklichen und verſchwand, wie ſie gekommen war, ſchnell und leicht. Lange beobachtete Tom die kleine Erſcheinung, ehe er beſchloß, ihre Bekanntſchaft zu ſuchen. Ihm waren eine Menge von den Dingen geläufig, womit man kleine Leute an ſich locken und zutraulich machen kann, und er beſchloß endlich, ſeine Mittel in Bewegung zu ſetzen. Er verſtand Männer⸗ chen zu ſchnitzen, auf Hickornynüſſen groteske Geſichter zu fer⸗ tigen und war ein wahrer Jubal in der Kunſt Pfeifen zu ſchneiden. Seine Taſchen waren voll all dergleichen Kunſt⸗ werken, die er in früheren Zeiten für ſeines Herrn Kinder beſtimmt hatte und die er jetzt zur Eroberung des kleinen, hübſchen Mädchens anwandte. Obgleich die Kleine an allen Dingen eine ſo lebhafte innere Theilnahme fand, ſo war ſie doch ſchüchtern und nahm in der erſteren Zeit von ihm dargebotene Geſchenke nur mit verſchämter Zaghaftigkeit an, während ſie in ſeiner Nähe auf einem Koffer ſaß. Nach und nach wurde ſie aber zutraulicher. „Wie heißt denn das kleine Dämchen?“ fragte endlich Tom, als er glaubte, weit genug gekommen zu ſein. „Evangeline St. Clare,“ antwortete Die Kleine, „aber Papa und die Anderen nennen mich Eva. Nun, wie heißt Du?“ „Mein Name iſt Tom, und die kleinen Kinder oben in Kentuck) nannten mich gewöhnlich Onkel Tom.“ „Dann werde ich Dich auch Onkel Tom nennen, denn ſiehſt Du, ich bin Dir gut,“ ſagte Eva.„Alſo, Onkel Tom, wohin gehſt Du?“ „Ich weiß es nicht, Miß Eva.“ „Du weißt es nicht?“ fragte Eva erſtaunt. „Nein, Kind, ich werde an Jemand verkauft werden, an wen— weiß ich noch nicht.“ „Da kann Dich ja mein Vater kaufen!“ rief Eva ſchnell, „und wenn er Dich kauft, ſo ſollſt Du gute Tage haben; ich werde ihn ſogleich bitten, es zu thun.“ „Danke ſchön, meine kleine Dame!“ ſprach Tom. Da das Boot jetzt an einer Station hielt und Eva ihren Vater hörte, ſprang ſie ſchnell zu ihm. 10* 148 Tom ſprang auf, um beim Holzeinladen behülflich zu ſein und war bald unter den Matroſen beſchäftigt. Eva und ihr Vater ſtanden am Bord, um das Boot abſtoßen zu ſehen. Die Schaufeln hatten ſich ſchon mehrere Mal gedreht, als die Kleine durch einen plötzlichen Ruck das Gleichgewicht verlor und kopfüber in's Waſſer ſtürzte. Ihr erſchreckter Vater wollte ihr ſogleich nachſpringen, wurde aber von einem Nebenſtehenden zurückgehalten, welcher ſah, daß dem Kinde ſchon von anderer Seite wirkſamere Hülfe zukam. Tom ſtand in dem Augenblick unter ihr, im Zwiſchen⸗ deck, als ſie fiel. Im Augenblick war er hinterher und hielt ſich als kräftiger Mann mit Leichtigkeit ſo lange auf dem Waſſer bis die Kleine wieder auftauchte, worauf er ſie ſogleich ergriff und ſchnell den vielen Armen darbot, welche ſich be⸗ reitwilligſt zur Hülfe entgegenſtreckten. Ihr Vater trug ſie ſogleich ohnmächtig und triefend von Waſſer in die Damenkajüte, wo wiederum alle weiblichen Hül⸗ feleiſtenden in ihren Anſtrengungen wetteiferten, die meiſte Ver⸗ wirrung zu machen, und die Kleine zu verhindern, zu ſchnell zum Bewußtſein zu kommen. An einem ſchwülen, warmen Tage näherte ſich das Dampfboot raſch ſeinem Ziel, der Stadt Neu⸗Orleans. Eine rege und ungeduldige Geſchäftigkeit herrſchte auf dem ganzen Boote, jeder ſuchte ſein Eigenthum zuſammen, ſtellte es, nach⸗ zählend neben ſich, um ſogleich zum Ausſchiffen bereit zu ſein, und die Mannſchaft und Diener reinigten und ordneten alles in den Kajüten und am ganzen Boot, um mit Glanz die Lan⸗ dung zu bewerkſtelligen. Mit verſchränkten Armen ſaß unſer Freund Tom auf dem Deck und ſah von Zeit zu Zeit mit ſorgendem Blick nach der andern Seite des Schiffes auf eine Gruppe. Hier finden wir die in Folge ihres geſtrigen Unfalls et⸗ was blaſſe Evangeline, aber ſonſt. und neben ihr, nachläſſig an die Schiffswand gelehnt, ein Portefenille in der Hand, einen feingekleideten jungen Mann, in welchem man auf den erſten Blick Evangelinens Vater erkannte. Der edel⸗ geformte Kopf, das goldbraune Haar, die tiefblauen Augen ſtimmten überein, aber der Ausdruck war völlig verſchieden. Wenn auch die Form und Farbe dieſelbe war, ſo fehlte ihm doch jener träumeriſche Ausdruck, bei ihm war alles hell, 149 kühn, ſtrahlend, aber nur von einem dieſer Welt angehörigen Lichte beſeligt. Der ſchön geformte Mund hatte einen etwas ſtolzen und ſarkaſtiſchen Ausdruck, während ein Anflug von ungezwungener Ueberlegenheit ſeinen Bewegungen nicht übel ſtand. Er hört mit gutmüthiger, nachläſſiger, halb komiſcher, halb verächtlicher Miene die Reden Mr. Haley's an, der vor ihm ſtand, und die Qualität der Waare, um welcher es ſich handelte, anpries. „Nun, das ſind ja ſämmtliche moraliſche und chriſtliche Tugenden in ſchwarzen Maroquin gebunden,“ ſprach St. Clare, als Haley geendet hatte.„Nun, mein lieber Mann, wie viel Schaden machen Sie dabei, wie man in Kentucky ſagt, kurz was iſt für dieſes Geſchäft zu zahlen? Um wieviel wollen Sie mich betrügen? Laſſen Sie hören!“ „Wenn ich dreizehnhundert Dollars für den Burſchen da fordern würde, ſo iſt das nicht zu viel,“ antwortete Haley, „wahrhaftig, ich verdiene nichts daran.“ „Sie armer Mann,“ antwortete St. Clare, indem er ſeine Augen ſpöttiſch lächelnd auf ihn richtete. Aber aus beſonderer Freundſchaft laſſen Sie ihn mir für dieſen Preis. „Nun, die junge Dame ſcheint auf ihn verſeſſen zu ſein, es iſt auch ganz natürlich.“ „O gewiß, es iſt ein Anruf an ihre Güte. Aber nun ſagen Sie mir, mein Guter, wie wohlfeil können Sie ihn mir ablaſſen, nur aus Chriſtenliebe, und um dieſer kleinen Dame willen, die auf ihn verſeſſen iſt.“ „Bedenken Sie ſelbſt,“ ſprach der Händler wieder,„be⸗ trachten Sie ſeine Glieder, ſie ſind muskulös und gelenkig, er iſt ſtark wie ein Pferd. Betrachten Sie ſeinen Kopf, er iſt hoch und ſeine Stirne zeigt einen denkenden Neger an, der zu Allem geſchickt iſt. Ich habe das ſtets erfahren. Ein ſo gebauter Neger iſt immer was werth, ſchon ſeines Körpers wegen, wenn er auch dumm wäre. Rechnen Sie dazu ſeine Verſtandesfähigkeiten, die, wie ich Ihnen beweiſen kann, außer⸗ ordentlich ſtark ſind, ſo gilt er noch mehr. Der Burſche hat das ganze Gut ſeines Herrn verwaltet, er hat außerordent⸗ liche Geſchicklichkeit für die Geſchäfte.“ „Schlimm, ſehr ſchlimm!“ rief St. Clare wieder mit ſpottender Miene.„Er weiß viel zu viel, ſolche kluge Neger machen tolle Streiche, ſtehlen Pferde, laufen leicht fort; ſchon ſeiner Klugheit wegen müſſen ſie ihn einige Hundert Dollars billiger laffen.“ 15⁰ „Nun die Anſicht hätte etwas für ſich, wenn nicht ſein bisheriger guter Ruf dagegen ſpräche. Doch habe ich Zeug⸗ niſſe ſeines Herrn und anderer, wonach er die frömmſte, ergebenſte, betendſte Creatur iſt, ein beſcheidener, wirklich from⸗ mer Burſche, der in ſeiner Gegend deshalb ſtets nur der Prediger genannt wurde.“ „Und ich könnte ihn als Hauskaplan brauchen, mög⸗ licher Weiſe,“ fügte der junge Mann trocken hinzu,„doch in meinem Hauſe iſt die Religion ein merkwürdiger Artikel. Das iſt eine gute Idee!“ „Sie ſpaßen wohl,“ bemerkte Haley. „Woher glauben Sie dies? Haben Sie ihn nicht ſoeben als Prediger herausgeſtrichen? Iſt er von irgend einer Sy⸗ nagoge oder einem Concilium eraminirt worden? Haben Sie Zeugniſſe darüber?“ Wenn der Sklavenhändler nicht zu ſicher geglaubt hätte, daß dieſe Neckereien auf ein Baargeſchäft hinauslaufen würden, ſo hätte er vielleicht die Geduld verloren. So aber holte er ruhig aus ſeiner ſchmierigen Brieftaſche einige Papiere her⸗ vor, und begann ſie zu durchſuchen, während der junge Mann heiter und launig zuſah. „Bitte, Papa, kauf ihn! Es iſt ja gleich, was Du für ihn bezahlſt!“ flüſterte Evangeline, indem ſie ihre ſchlanken Arme um ihres Vaters Hals ſchlang,„Du haſt ja Geld ge⸗ nug, ich weiß es— ich muß ihn haben. „Und wozu denn, Du kleine Schmeichelkatze? Willſt Du ihn zum Schnurrenmachen oder als Wiegepferd brauchen? Oder zu was?“ „Ich will ihn glücklich machen.“ „Ein eigenthümlicher Grund“ wahrhaftig!“ Hier überreichte Haley ihm ein von Mr. Shelby unter⸗ zeichnetes Atteſt, welches der junge Mann mit den Finger⸗ ſpitzen anfaßte, und flüchtig durchlas. „Eine gentlemänſche Hand,“ ſagte er,„und wegen der Religion bin ich aber trotz alledem noch nicht ganz ſicher. Das Land iſt von den frommen, weiſen Leuten beinahe zu Grunde gerichtet. Kurz vor den Wahlen haben wir ſo fromme Politiker und in allen Theilen der Kirche und des Staates treibt mau es ſo fromm, daß Keiner weiß, wer ihn das nächſte Mal betrügen wird. Uebrigens weiß ich nicht mal ob die Religion ein geſuchter Artikel iſt. Wie viel hun⸗ dert Dollars rechnen ſie für ſeine Religioſität.“ „Sie machen wieder ihren Spaß“, antwortete der Skla⸗ 151 venhändler.„Sie haben aber Recht, es giebt verſchiedene Ar⸗ ten von Frommen, manche ſind erbärmlich: es giebt Kirchen⸗ fromme, Singfromme, Schreifromme, die taugen aber alle nichts, ſie mögen weiß oder ſchwarz ſein. Dann aber giebt es wirk⸗ lich Fromme, die ich unter Negern eben ſo oft wie unter Weißen geſehen habe, die echten, ruhigen, ſanften, beſtändig ehrlichen Frommen, die Alles in der Welt nicht verleiten kann, etwas zu thun, was ſie für unrecht halten; nun ſie ſehen in dieſem Brief, was Toms früherer Herr über ihn ſagt.“ „Nun, wenn Sie mir zu verſichern im Stande ſind“, ſprach endlich der junge Mann, indem er ſich entſchloſſen über ſeine Banknotentaſche beugte,„daß Tom von der letzten Gat⸗ tung Frommen iſt, ſo daß ich wirklich dieſe Frömmigkeit kaufe, und daß mir dieſe als etwas mir Eignes da oben einſt gut⸗ geſchrieben würde, ſo könnte ich ſchon etwas ertra bezahlen. Was ſagen Sie dazu?“ „Nein, wahrhaftig, das kann ich nicht“, entgegnete der Händler,„ich denke, daß dort oben Jeder an ſeinem eignen Halſe hängen muß.“ „Das iſt für einen Mann, der ertra für Religion be⸗ zahlt und in dem Staate, wo er ihrer am meiſten bedarf, kein Geſchäft vamit machen kann, ſehr ſchlimm. Meinen Sie nicht auch?“ fragte St. Clare, indem er dem Händler einen Haufen Banknoten hinhielt und fortfuhr:„Da, alter Junge, zählen Sie Ihr Geld.“ „Ganz richtig,“ ſprach Haley mit freudigem Geſicht, zog ein Schreibzeug hervor, und fertigte in aller Form einen Kauf⸗ brief aus, den er dem jungen Mann einhändigte. „Ich möchte wiſſen, wie viel ich einbringen würde, wenn man ein Inventar von mir aufnähme, ſprach der junge Mann, indem er das Dokument überflog,„ſo und ſoviel fuͤr meinen Kopf, ſo viel für meine Glieder, ſoviel für meine Redlichkeit, ſoviel für Talente, Gelehrſamkeit, Frömmigkeit. Guter Gotti Für das Letztere würde ich wohl nur wenig einbringen. Aber komm Cva!“ fuhr er fort, indem er ſeines Kindes Hand faßte, und mit ihr nach der anderen Seite des Schiffes ging, wo Tom ſaß. „Blick her, Tom, und betrachte Deinen neuen Maſter!“ ſagte er freundlich zu dieſem, indem er ihn unter's Kind faßte und den Kopf hochhob. Tom blickte auf. Er konnte kein anderes Gefühl als des Wohlgefallens haben, als er in das heitere, hübſche und wohlwollende Geſicht ſeines neuen jungen Herrn blickte. Tom 152 fühlte die Thränen in ſeine Augen treten und ſprach herzlich:. „Gott ſegne Sie, Maſter!“ „Ich wünſche und hoffe es; wie heißt Du? Tom? Wie ich gehört habe, verſtehſt Du mit Pferden umzugehen? „Ich habe ſtets damit zu thun gehabt. Mr. Shelby zog eine Menge auf.“ „Ich beabſichtige Dich zum Kutſcher zu ernennen, unter der Bedingung, daß Du Dich nicht mehr als einmal, mit Aus⸗ nahme beſonderer Fälle, betrinkſt.“ Tom erſtaunte und ſchien etwas verletzt. „Ich trinke niemals, Maſter.“ „Ich weiß das Tom, nun wir werden ſehen. Es würde für alle Betreffenden eine ganz beſondere Annehmlichkeit ſein, mein Junge, ſchon gut, ich bezweifle nicht, daß Du es ſo meinſt. „Das thue ich gewiß, Maſter.“ „Sollſt auch gute Tage haben,“ warf Eva ein,„Papa iſt der ganzen Welt gut, nur daß er ſie manchmal auslacht. „Papa weiß Dir für die gute Empfehlung vielen Dank,“ ſagte St. Elare lachend, dann drehte er ſich auf dem Abſatz um und ging davon. Funfzehntes Kapitel. Bandelt von Tom's Berrn und verſchiedenen andern Dingen. Da unſeres beſcheidenen Helden Lebensfaden nun mit höheren Perſonen verwebt iſt, ſo ſei es am Ort, einige kurze Erläuterungen über dieſelben zu geben. Auguſtin St. Clare war der Sohn eines reichen Pflanzers in Louiſianna. Von der Familie, die aus Canada ſtammte, hatte ſich der eine von zwei, an Charakter und Temperament völlig verſchiedenen Brüdern auf einem Gute in Vermont niedergelaſſen, der andere als reicher Pflanzer aber in Loui⸗ ſianna. Auguſtins Mutter war eine Hugenottin, die zur Zeit der Anſiedelung Louiſianna's dahin auswanderte, Auguſtin und ein Bruder waren die einzigen Sprößlinge. Da er von ſchwächlicher Geſundheit war, ſo hatte man ihn während ſeiner erſten Jahre auf das Gut Pines Onkels in — 153 Vermont gegeben, um ſeinen Körper in der dortigen geſunden Luft zu kräftigen. Er hatte in ſeiner Jugend einen mehr weiblichen, auffallend gefühlvollen Charakter, ſtatt des ſeinem Geſchlecht eigenen männlichen und kräftigen. Aber die Zeit überzog dieſe Weichheit mit einer rauhen, kräftigen Rinde und Wenige kannten das gefühlvolle Herz, welches unter dieſer Rinde ſchlug. Bei den Fähigkeiten erſten Ranges, die ihm eigen waren, beſaß er doch eine Vorliebe für das Schwär⸗ meriſche und Ideale, und er nahm das Widerſtreben gegen alltägliche Geſchäfte mit in's Leben, welches bei ſolcher Gei⸗ ſtesrichtung gewöhnlich ſtattfindet. Bald nach Beendigung ſei⸗ ner Studien war ſein ganzes Sein in einer leidenſchaftlichen, romantiſchen Liebe aufgelodert, der Stern des ſchönſten Glan⸗ zes ſtieg an ſeinem Horizont auf, und für ihn war die Stunde gekommen, die nur einmal im Menſchenleben erſcheint, und für ihn nie wieder erſchien— er lernte ein edles, ſchönes Mädchen in den nördlichen Staaten kennen, fand Gegenliebe, und ſie banden ihre Herzen durch gegenſeitiges Gelöbniß. Er kehrte nach dem Süden zurück, um die Hochieit vorzubereiten, als plötzlich ſeine Briefe ſämmtlich zurückkommen, nebſt einem kurzen Brief vom Vormunde des jungen Mädchens, worin er ihm anzeigte, daß bei Empfang ſeine Verlobte ſchon die Gattin eines Anderen ſein werde. Jum Wahnſinn getrieben, hoffte er, wie ſo mancher Andere, den ungeheuern Schmerz in ſeinem Herzen mit einem Schlage zu erſticken. Zu ſtolz und verletzt, um weitere Erklärungen zu fordern, warf er ſich in den Strudel der Geſellſchaft und war nach einigen Wochen erklär⸗ ter Bräutigam und nach ſchnell beendeten Hochzeitsceremonien beneideter Gatte einer ſtolzen Schönheit mit ſtrahlenden Feuer⸗ augen und einer Mitgift von hunderttauſend Dollars, weshalb ihn natürlich jeder füͤr den glücklichſten Menſchen unter Got⸗ tes Sonne hielt. Das neue Ehepaar lebte noch in den Flitterwochen und hatte eben ausgeſuchte Geſellſchaft in ſeiner Villa, am See Portchartrain, als er einen Brief von nur zu bekannter Hand empfing. Eben in witzigem Geſpräch begriffen, wurde er beim Anblick des Briefes todtenblaß, faßte ſich aber ſchnell und führte das Geſpräch zu Ende. Kurz darauf verſchwand er aber in ſein Zimmer und erbrach den jetzt überflüſſigen Brief. Er war von ihr und enthielt eine lange Erzählung über die Verfolgung von Seiten ihrer Verwandten, um ſie zu bewegen ſich mit dem Sohne ihres Vormundes zu vermählen. Sie er⸗ zählte, wie ſeit längerer Zeit ſeine Briefe ausblieben, wie ſie 154 fort und fort geſchrieben hätte, ohne Antwort zu bekommen, faſt unter ihrem Seelenleiden erlegen wäre und endlich den geſpielten Betrug entdeckt hätte. Sie ſchloß den Brief mit Hoffnungen und Dankbarkeit und mit Verſicherungen unge⸗ trübter und ewiger Liebe, die für Auguſtin ärger waren als der Tod. Er ſchrieb, nachdem er ſich nothdürftig geſammelt hatte, ſofort: „Ihren letzten Brief erhielt ich, aber zu ſpät, ich glaubte Alles, was ich erfuhr, ich verzweifelte, jetzt bin ich verheirathat, und Alles iſt vorbei! Vergeſſen wir — das iſt das Einzige, was uns übrig geblieben iſt.“ Und ſo endete der ideale und ſchwärmeriſche Lebenstraum St. Clare's, aber die Wirklichkeit war zurückgeblieben, die rauhe nackte Wirklichkeit, die dem ſchmutzigen Uferſchlamm gleicht, nachdem die glänzenden und klaren Wogen mit allem Leben und Glanze zurückgetreten ſind, und er glatt und ſchlüpfrig daliegt. In einem Roman bricht nun den Leuten das Herz und ſie ſterben weg, und in einer Geſchichte geht das ganz glatt, aber im Leben iſt es anders, da ſterben wir nicht, wenn auch alles Erheiternde für uns todt iſt. Es muß noch das höchſt nothwendige Geſchäft des Eſſens, Trinkens, Ausgehens, An⸗ kleidens, Beſuchens, Kaufens, Verkaufens, Leſens, Schreibens, und alles deſſen, was man gewöhnlich Leben nennt, kurchge⸗ macht werden, und dies blieb Auguſtin noch übrig. Wäre ſeine jetzige Gemahlin eine richtige Frau geweſen, ſo hätte ſie wohl noch die zerriſſenen Lebensfäden Auguſtins zuſammen⸗ knüpfen können, aber Marie St. Clare ſah nicht einmal, daß ſie zerriſſen waren. Sie beſtand nur aus einer ſchönen Geſtalt, ein paar köſtlichen Augen und hunderttauſend Dollars, und davon ge⸗ nügte keins, um das Herz St. Clares zu heilen. Wenn ſie Auguſtin todtenbleich auf dem Sopha liegen ſah und er Kopfſchmerz vorſchützte, ſo empfahl ſie ihm Hirſch⸗ horngeiſt, und als die Bläſſe und der Kopfſchmerz wieder⸗ kehrten, bemerkte ſie mißmuthig, ſie hätte Herrn St. Clare nicht für ſo kränklich gehalten, er ſcheine aber dem Kopfſchmerz ſehr ausgeſetzt, und das ſei für ſie etwas ſehr Unglückſeliges, weil es ihn verhindere, mit ihr in Geſellſchaft zu gehen, wäh⸗ rend ſie erſt ſo kurze Zeit verheirathet ſeien. Auguſtin war zufrieden, daß er eine ſo wenig ſcharf⸗ ſſchtige Frau hatte, als aber der Glanz der Flitterwochen ver⸗ flogen war, fand er, daß eine ſchöne Fran auch eine unleid⸗ 155 liche Herrin ſein konnte. Marie hatte nie viel Liebesfähigkeit und Empfindung beſeſſen, und das wenige, was ſie davon beſaß, war in der unbewußten Selbſtſucht vollends verloren gegangen, die durch ihre völlige Unwiſſenheit über andere Anſprüche als ihre eigenen um ſo unerträglicher wurde. Von Kindheit an nur von Dienern umgeben, die nur bemüht wa⸗ ren, ihren Launen zuvorzukommen, war ihr nie ein Gedanke aufgeſtiegen, von Rechten oder Gefühlen, die jene beſäßen. Ihr Vater hatte ihren Wünſchen nie Hinderniſſe in den Weg gelegt, und als ihre Schönheit der Altar wurde, vor dem ſich die Männerwelt anbetend niederwarf, mußte ſie vollends in der Idee aufgehen, daß ihr Beſitz zu einem Glücklichen mache, und Auguſtin alſo jetzt dieſer Glückliche ſei. Als daher St. Clare aufhörte ihr die aus der Gewohnheit entſpringenden Galanterien und Aufmerkſamkeiten zu erweiſen, gab es nicht ſelten kleine Ungewitter und häusliche Stürme. St. Clare ſuchte ſie dann durch Geſchenke und Schmeicheleien zu beſchwich⸗ tigen, und als Marie die Mutter eines bildſchönen Kindes wurde, fühlte er ſich wirklich auf einige Zeit von zärtlichen Gefühlen zu ihr bewegt. St. Clares Mutter war eine Frau von hoher Reinheit und verehrungswürdigem Charakter geweſen, und in dankbarer Erinnerung deſſen gab er dem Kinde den Namen ſeiner ver⸗ ſtorbenen Mutter. Marie hatte dies ſchon mit wachſender Eiferſucht bemerkt und glaubte ſich durch dieſe dem Kinde übertragene und ihr entzogene Liebe vollends zurückgeſetzt. Dies Gefühl und ein Leben beſtändiger Unthätigkeit, ſowie die Reibung unabläſſiger Langeweile und Unzufriedenheit, in Ver⸗ bindung mit der in der Periode des Mutterwerdens gewöhnlichen Reizbarkeit, machten die blühende Frau bald zu einem kränkelnd welken Weibe, das ſich im Beſitze aller nur möglichen Krank⸗ heiten glaubte— mit einem Worte für das unglücklichſte, be⸗ dauernswertheſte Geſchöpf. Ihr Hauptübel beſtand in heftigen Kopf⸗ und Nerven⸗ ſchmerzen, die oft tagelang anhielten, und da ſie in Folge deſ⸗ ſen ſich nicht mehr mit der Wirthſchaft und den Dienern be⸗ faſſen konnte, ſo fand St. Clare ſein Hausweſen keineswegs behaglich. Da ſeine Tochter von ſchwächlicher Conſtitution war und eine umſichtige, ſorgſame Aufſicht und Pflege erfor⸗ derte und er fürchtete, daß bei der Unthätigkeit der Mutter die Tochter leicht als Opfer fallen könnte, ſo hatte er die Kleine mit auf eine Reiſe nach Vermont genommen, und ſeine Couſine Ophelia St. Clare beredet, mit ihm nach dem Süden 156 zu gehen, und ſie kehrten jetzt auf dem Boote, wo wir ſie unſeren Leſern vorgeführt haben, zurück. Während ſich das Boot New⸗Orleans nähert, wollen wir noch Miß Ophelia kennen lernen. Wer je die neuengliſchen Staaten bereiſt hat, wird ſich in irgend einem hübſchen Dorfe eines großen Farmhauſes mit ſeinem reingefegten beraſeten Hofe im Schatten des maſſiven Laubes des Zuckerahorns und der Ordnung und Stille und des Eindrucks der dauernden, unveränderlichen Ruhe, welche über das Ganze gehaucht iſt, erinnern; es iſt nichts locker oder in Unordnung, im Zaune iſt kein Pfahl loſe und in den Hollunderbüſchen kein Strohhalm zu erblicken. In dem Fa⸗ milienwohnzimmer ſteht der ſolide, ehrwürdige Bücherſchrank mit Glasthüren, hinter welchen Rollin's Geſchichte, Milton's verlorenes Paradies, Bungan's Pilgerreiſe und Scott's Fa⸗ milienbibel nebſt einer Menge anderer, ebenſo ernſthafter und ehrwürdiger Bücher neben einander in zierlicher Ordnung ih⸗ ren Platz einnehmen. Im Hauſe giebt es keine Diener, aber die Dame mit der Brille und der weißen Haube, die jeden Nachmittag nähend unter ihren Töchtern ſitzt, als ob nie et⸗ was gethan worden oder zu thun ſei— ſie und ihre Mäd⸗ chen haben in einer längſt vergeſſenen Tageszeit die Arbeit gethan, und die übrige Zeit hindurch und wahrſcheinlich wäh⸗ rend aller Stunden, wo man ſie zu ſehen bekommt, iſt ſie verrichtet. Der alte Küchenfußboden ſcheint nie befleckt oder beſchmutzt zu ſein, die Tiſche, Stühle und Kochgeräthſchaften ſcheinen nie außer Ordnung zu kommen, obgleich drei bis vier Mahlzeiten des Tags über bereitet werden, obgleich hier das Waſchen und Plätten verrichtet wird, und obgleich Pfunde von Butter und Käſe hier auf eine ſtille und geheimnißvolle Art ins Da⸗ ſein treten. Auf einem ſolchen Farm und in einem ſolchen Hauſe hatte Miß Ophelia ihre erſten fünfundvierzig Jahre zugebracht, als ihr Couſin erſchien und ſie aufforderte ſein Gut zu be⸗ ſuchen. Obgleich die Aelteſte einer ſtarken Familie wurde ſie von den Aeltern doch immer noch als eins von den„Kin⸗ dern“ betrachtet, weshalb die Aufforderung nach New Orleans zu gehen, eine Sache von Wichtigkeit für das elterliche Haus wurde. Der alte Greis, ihr Vater, nahm Morſe's Atlas zur. Hand und machte ſich vorerſt nach Kräften mit der Lage der zukünftigen Heimath ſeines Kindes bekannt, und las Flint's Reiſen nach dem Süden, um ſich über den Charakter jenes Landes aufzuklären. Der guten alten Mutter ſchien New Or⸗ 3 —————— ——————————— —————————— 157 leaus ein abſcheulicher Ort, und es war ihr zu Muthe, als wenn ihre Tochter nach den Sandwichinſeln oder unter die Heiden ginge. Es wurde bei dem Pfarrer und bei dem Dok⸗ tor und bei der Putzmacherin und im ganzen Dorfe ruchbar, daß Miß Ophelia daran denke, mit ihrem Couſin nach dem Süden zu gehen und das ganze Dorf hielt ſich für berech⸗ tigt, ſeine Meinung dabei abzugeben. Der Pfarrer, der ſich ſehr zu abolitioniſtiſchen Grund⸗ ſätzen bekannte, ſchien zu fürchten, daß die Südländer dadurch deſto mehr in ihrem Sclavenhalten beſtärkt würden, wohinge⸗ gen der Doktor als eifriger Coloniſationiſt ſehr dafür war, daß Miß Ophelia gehen ſolle, um jenen Leuten zu zeigen, daß man noch nicht ſchlecht von Ihnen denke. Als Ophelia's Abſicht jedoch feſt ſtand, wurde ſie von allen Bekannten vorher noch fleißig zum Thee geladen, um ſie über ihre Anſichten, Abſichten und Pläne in der Sache aus⸗ zuforſchen. Die Putzmacherin erlangte täglich durch die Hülfe, welche ſie bei Ophelia's Garderobe zu leiſten hatte, neue Nach⸗ richten, und wußte beſtimmt, das Squire Sinclare, wie St. Clare dort genannt wurde, fünfzig Dollars angewieſen hatte, damit Ophelia ſich neue Kleider zur Reiſe anſchaffe, und daß man zwei ſeidene Kleider und einen Hut in Boſton be⸗ ſtellt hatte. Viele meinten freilich, daß man das Geld lieber zur Heidenbekehrung hätte verwenden ſollen, andere wieder, daß man doch auch Kleider haben müſſe, alle aber waren ein⸗ ſtimmig darin, daß man noch nie in der Gegend einen ſolchen Sonnenſchirm geſehen habe, als der von Neu⸗York herüber⸗ geſchickte. Auch ging das Gerücht von einem geſäumten Taſchentuche herum, und einige behaupteten, daß Miß Ophelia ſogar ein mit Spitzen beſetztes habe, und es wurde hinzugefügt, daß es in den Ecken geſtickt ſei— ein Umſtand, der nicht genau ermittelt werden konnte, und auch heutigen Tages noch nicht aufgeklärt iſt. Wie wir Miß Ophelia jetzt ſehen, ſo ſteckte ſie— ſo lang und eckig wie ſie iſt— in einem braunen Reiſeanzuge. Ihr mageres Geſicht, von ſcharfen Umriſſen, mit zuſammen⸗ gepreßten Lippen, und ſcharfblickenden, überall herumſchauenden Augen, charakteriſirten ſie als eine Perſon von Feſtigkeit und Entſchloſſenheit. Ihre Bewegungen waren kurz und raſch, und obgleich ſie keine große Rednerin war, ſo zeigten ſich doch ihre Worte als deutlich und zweckentſprechend. In ihren An⸗ gewohnheiten die perſonificirte Ordnung und Genauigkeit, war ſie in ihrer Pünktlichkeit beſſer wie eine Uhr, und regelmäßig „ 15⁸ wie eine Dampfmaſchine, und ſie betrachtete alles, was nicht das nämliche Gepräge trug, mit der größten Verachtung und Geringſchätzung. Die ihrer Anſicht nach größte Sünde, das Facit aller Uebel, hieß nach ihrem Wörterbuche„Leichtſinnig⸗ keit, und ihr Ultimatum beſtand bei ſolcher Gelegenheit in dem Ausdruck„leichtſinnig.“ In Hinſicht ihrer geiſtigen Ausbildung war ſie von einem hellen, geſunden und thätigen Verſtande und eben ſo gut in der Geſchichte, als in den älteren engliſchen Claſſikern be⸗ ſchlagen. Ihre theologiſchen Anſichten und Grundſätze waren kurz und poſitiv und in ihrem Geiſte aufgeſpeichert, wie die Flickenbündel in ihrem Beutel. Ophelia war im Punkte der Gewiſſenhaftigkeit die un⸗ bedingte Sklavin der Pflicht, und weder Feuer noch Waſſer. hätten ſie abgehalten, von dem Pfade, den ſie als den rich⸗ tigen erkannt hatte. Ihr Rechtsgefühl war ſo ſtark, daß ſie oft, zu ſchwach das gebildete Jdeal deſſelben zu erreichen, ihre Mangelhaftigkeit bitter beklagte. Dies gab ihrem überdies ſtreng religiöſen Charakter eine etwas düſtere Färbung. Man wird nun aber fragen: Wie konnte Miß Ophelia mit St. Clare auskommen? dem heitern, lebensluſtigen, leicht⸗ ſinnigen jungen Manne, der alle mühſam aufgebaute Ge⸗ wohnheiten und Anſichten mit Füßen trat? Die Wahrheit zu ſagen: Miß Ophelia liebte ihn. Als Knaben hatte ſie ihn unterrichtet, ihn gereinigt, ihn beauf⸗ ſichtigt und ſich bemüht ihn auf die Pfade der Pünktlichkeit und Ordnung zu leiten, und da ſie auch ein weiches Herz hatte, von dem er ſich ein großes Theil zugewendet hatte, ſo wurde es ihm nicht ſchwer, ſie zu überreden, ihn nach New⸗Orleans zu folgen, um Eva zu pflegen, und dafür zu ſorgen, daß bei der gezwungenen Unthätigkeit ſeiner Frau nicht Alles zu Grunde ginge, wozu er ſie am geeignetſten hielt. Der Gedanke eines Hauſes ohne Aufſicht, ſchien ihr bemitleidenswerth, ſie liebte das kleine ſchöne Mädchen, und wenn ſie auch Auguſtin als halben Heiden betrachtete, ſo hatte ſie doch Zuneigung genug zu ihm, und freute ſich ſei⸗ ner Späße. Um ſie genauer kennen zu lernen, wollen wir ſie einmal perſönlich vorführen. Hier ſitzt ſie in ihrer Kajüte, umgeben von einer Menge Schachteln, Packete, Koffer und dergleichen, und ſchnürt, emballirt und verſchließt Jedes mit der größten Sorgfalt und Wichtigkeit. „Nun, Eva, haſt Du Dir alle Gegenſt tände gemerkt? 159 Wahrſcheinlich nicht— die Kinder vergeſſen das gewöhnlich.— Haſt Du die bunte Reiſetaſche und die blaue Schachtel mit dem guten Hute— das ſind zwei; der Kober— drei; mein Nähkaſten— vier; meine Kragenſchachtel— fünf; mein Roß⸗ haarkoffer— ſechs, und meine Hutſchachtel— ſieben. Wo haſt Du Deinen Sonnenſchirm? Gieb ihn her, ich will Pa⸗ pier darum ſchlagen und ihn mit meinem Regenſchirm zu⸗ ſammenbinden.“ „Aber Tante, wir gehen ja nach Hauſe, wozu alſo? „Damit nichts verloren geht; man muß Alles in Acht nehmen, wenn man Etwas haben will; und nun, Eva, wo iſt Dein Fingerhut?“ „Wirklich, ich weiß es nicht, Tante.“ „Nun, das ſchadet nicht, ich werde in Deinem Kaſten nachſehen,— Fingerhut, Wachs, zwei Löffel, Scheeren, Meſſer, Stopfnadel,— Alles da. Wie haſt Du es nur gemacht, Kind, da Du doch mit dem Vater allein gereiſt biſt; ich ſollte meinen, Du hätteſt Alles verloren?“ „Ich habe nicht viel verloren, und wenn es war, ſo kaufte Papa es auf den Anhaltepunkten wieder.“ „Gott bewahre, Kind, was iſt das für eine Art?“ „Es war eine ſehr bequeme, Tante,“ ſagte Eva naiv. „Entſetzlich leichtſinnig!“ rief Ophelia.— „Aber Tantchen, was willſt Du da machen? Der Koffer iſt ja ganz voll,“ ſprach Eva nach einer Pauſe. „Er muß zu,“ antwortete die Tante mit der Miene eines Generals, quetſchte die Sachen hinein und ſtieg auf den Deckel, aber eine kleine Oeffnung blieb noch. „Steig herauf, Eva,“ rief die Tante muthig,„was ein⸗ mal ging, geht auch wieder. Der Koffer muß zu, entweder od 4½ Und der Koffer, eingeſchüchtert ohne Zweifel durch dieſe Entſchloſſenheit, gab nach, und Miß Ophelia ſteckte triumphi⸗ rend den Schlüſſel ein, nachdem ſie abgeſchloſſen hatte. „Jetzt ſind wir fertig. Wo iſt Papa? Ich denke, es iſt Zeit, das Gepäck zuſammenzuſtellen. Sieh nach, Eva, ob Du den Papa bemerkſt.“ „O ja, er iſt da unten in der Herrenkajüte und ißt eine Hrange.“ „Er weiß nicht, daß wir ſchon ſo nahe ſind.— Geh' hinunter und ſprich mit ihm,“ fuhr Ophelia fort. „Papa hat nie ſolche Eile,“ entgegnete Eva,„und wir 160 haben Zeit bis zur Landung. Bitte, komm heraus, Tante.— Sieh, das iſt unſer Haus, dort in jener Straße.“ Das Boot begann jetzt ſchnaufend, wie ein wildes Un⸗ geheuer, ſich durch die Unmaſſe Dampfboote hindurchzudrängen. Eva jauchzte und zeigte auf die Thürme, Spitzen und Ge⸗ bäude, an denen ſie ihre Geburtsſtadt erkannte. „Ja, ja wohl, meine Theure,“ ſagte Miß Ophelia;„aber Gott helfe uns, das Boot hält ſtill, wo iſt Dein Vater?“ Und nun begann der beim Landen gewöhnliche Tumult — Diener rannten hin und her— Männer ſchleppten Koffer und Schachteln hin und her— Frauen riefen beſorgt ihre Kinder— und Alles drängte ſich ungeſtüm an die auf's Land führende Treppe. Miß Ophelia ſetzte ſich entſchloſſen auf den vorhin beſiegten Koffer und ordnete alle ihre Habſeligkeiten um ſich herum, entſchloſſen, ſie bis auf's Aeußerſte zu ver⸗ theidigen.. „Soll ich Ihren Koffer nehmen, Madame?“—„Soll ich Ihr Gepäck tragen, Madame?“—„Laſſen Sie mich Ihr Gepäck nehmen, Fräulein?“—„Soll ich Ihnen das Alles herunterſchaffen?“— ſtrömte wild auf ſie zu, aber ſie ſaß unbeweglich da, wie eine in ein Brett geſteckte Stopfnadel, hielt ihr Bündel mit Sonnen⸗ und Regenſchirm vor ſich und antwortete mit einer Entſchiedenheit, die ſelbſt einen Fuhrmann hätte in die Flucht jagen können, während ſie Eva von Zeit zu Zeit nach dem Papa fragte: „Wo nur der Papa bleibt? Er kann doch nicht über Bord gefallen ſein? Es muß etwas vorgefallen ſein!“— und eben, als ſie wirklich beſorgt zu werden anfing, kam St. Clare nachläſſig wie gewöhnlich, eine Hrange in der Hand, und fragte. „Nun, Couſine Vermont, biſt Du bereit?“ „Ich bin ſchon lange bereit,“ erwiderte Ophelia pikirt, „ich wurde ſchon beſorgt um Deinetwillen.“ „Du biſt ein geſcheutes Frauenzimmer,“ ſagte er lachend. „Nun, der Wagen wartet, die Paſſage iſt jetzt etwas freier, und man kann auf anſtändige und chriſtliche Weiſe ausſtei⸗ gen. Heda!“ rief er, einem naheſtehenden Kutſcher zu,„nimm dieſe Sachen!“ „Ich werde ſehen, wie er die Sachen hinlegt,“ ſprach Miß Ophelia. „Ach was, Couſine, wozu das?“ bemerkte St. Cla „Nun, in jedem Fall, ich will dies tragen, unt 161 und dies,“ und ſie ſtand da bepackt mit drei Schachteln— und einer Taſche. „Meine theure Miß Vermont,“ warf St. Clare ein, „Du darfſt uns durchaus nicht ſo mit Deinen Sitten von den grünen Bergen kommen. Du mußt endlich etwas von un⸗ ſeren ſüdlichen Grundſätzen annehmen. Mit dieſer Laſt kannſt Du nicht gehen. Man würde Dich für ein Dienſtmädchen halten. Gieb das Alles dem Burſchen da, er wird es be⸗ handeln wie Eier.“ Miß Ophelia ſah voller Verzweiflung, wie ihr Couſin ihre Schätze ergriff, und war glücklich, dieſelben wohlbehal⸗ ten im Wagen zu ſehen. „Wo iſt Tom,“ fragte Eva. „Er ſitzt draußen, mein Engel. Ich werde Tom Dei⸗ ner Mutter als eine Friedensgabe bringen, anſtatt des be⸗ trunkenen Burſchen, welcher den Wagen umwarf.“ „O, Tom wird einen prächtigen Kutſcher abgeben, das weiß ich,“ ſagte Eva,„er wird ſich nie hetrinken.“ Der Wagen hielt vor einem altmodiſchen Hauſe, in gemiſchtem ſpaniſch⸗franzöſiſchem Styl, wie es noch der⸗ gleichen in einigen Theilen New⸗Orleans giebt. Es war nach mauriſcher Art angelegt, indem der Hof ringsum von dem Gebäude umſchloſſen war. Der Hof war ſorgfältig eingerichtet, und umgeben von Gallerieen auf Säu⸗ len, mit mauriſchen Bogen, ſo daß man ſich im Geiſt in die ſpaniſche Maurenzeit verſetzt glaubte. In der Mitte des Hofes, in einem, mit Gold⸗ und Silberfiſchen wie mit blitzen⸗ den Juwelen angefüllten Baſſin, ſprudelte ein klarer Spring⸗ brunnen in Form einer Vaſe mit einem hochſpringenden Strahl, und rund herum war der Boden mit Moſaikpflaſter und ſammetweichen Raſen belegt. Duftende Orangen- und Granaten⸗Bäume, nebſt den ſchönſten und üppigſten Pflanzen der Tropenwelt füllten den Raum mit ihrem zauberiſchen Duft, und umgaben hie und da eine mächtige dunkle Aloe, die wie ein alter Zauberer auf die unter ihr ausgebreiteten Vergänglichkeiten herabſah. Die Galerieen waren mit mauriſchen Vorhängen verſehen, um die Sonnenſtrahlen abzuwehren, und die ganze Erſchei⸗ nung hatte etwas Prächtiges und Romantiſches. Als der Wagen in den Hof fuhr, rief Evpa entzückt„Iſt ſie nicht ſchön, lieblich, meine theure Heimath? Iſt ſie nicht wunderſchön?“ 9 1 162 „Sehr hübſch,“ erwiderte Ophelia,„obgleich ſie etwas alt und heidniſch ausſieht.“ Tom ſtieg vom Wagen und blickte mit Ruhe ſtill und er⸗ freut um ſich. Man weiß, daß die Neger als Kinder der phantaſtiſchſten und üppigſten Erdenregion ſtets eine Leiden⸗ ſchaft für das Prächtige und Glänzende haben, ein Gefühl, um welches ſie oft von den kältern Weißen verlacht werden. St. Clare, welcher lächelte, als Ophelia obige Bemer⸗ kung machte, wandte ſich zu Tom, der mit ſtrahlendem Blick voll Bewunderung um ſich ſah. „Tom, mein Junge, das ſcheint Dir Freude zu machen,“ ſprach er. „Ja, Maſter, Sie haben Recht,“ antwortete Tom. Alles dies geſchah in einem Augenblick, während das Gepäck fortgetragen wurde, und eine Menge Männer, Frauen und Kinder, in allen Größen und Altern herbeiſtrömten, um den Maſter wiederzuſehen. Unter ihnen befand ſich ein jun⸗ ger Mulatte, offenbar eine bevorzugte Perſon, geckenhaft ge⸗ kleidet und parfümirt, welcher ſich eifrig bemühte, die Herbei⸗ eilenden wegzujagen. „Zurück, ich ſchäme mich Eurer!“ ſprach er in herriſchem Tone.„Wollt Ihr Euch in Maſters häusliche Angelegenhei⸗ ten miſchen, in der erſten Stunde ſeiner Zurückkunft?“ Die Neger zogen ſich vor ſolch eleganter Rede zurück und blieben ehrerbietig in der Ferne ſtehen. Zufolge dieſer ſyſte⸗ matiſchen Einrichtung Mr. Adolphs war Niemand weiter zu ſehen als er ſelbſt, als ſich St. Clare umdrehte, und Jener verbeugte ſich tief in ſeinen weißen Beinkleidern, ſeiner Atlas⸗ weſte mit goldener Uhrkette, unausſprechlich anmuthig und freundlich lächelnd. „Ach, biſt Du es, Adolph?“ rief St. Clare, ihm die Hand reichend,„wie geht's Dir, mein Junge?“ während Adolph eine ſeit vierzehn Tagen eingelernte Rede zum Beſten gab. „Schon gut, ſchon gut,“ ſyrah St. Clare, indem er mit ſeinem gewöhnlichen feinen Lächeln weiterging,„das iſt wirk⸗ lich ſchön. Sieh' nach dem Gepäck, ich komme in einer Mi⸗ nute zu den Leuten“— Und dies ſagend, führte er Miß Ophelia in ein großes, auf die Veranda ſich öffnendes Sprach⸗ zimmer, während Eva hindurch in ein kleines, ebenfalls auf die Veranda einmündendes Zimmer flog. Eine ſchlanke ſchwarz⸗ äugige, blaſſe Dame erhob ſich halb von einem Sopha. 163 „Mutter!“ rief Eva mit großer Innigkeit, indem ſie ſich an ihren Hals warf und ſie wiederholt umarmte. „Da biſt Du— ſei behutſam, Du machſt mir Kopf⸗ ſchmerz,“ ſagte die Mutter, nachdem ſie ſie nachläſſig geküßt hatte. St. Clare küßte ſeine Frau auf ſtreng ehemänniſche Weiſe und ſtellte ſeine Couſine vor. Marie heftete ihre großen Augen mit einiger Neugier auf ſie und grüßte ſie mit nachläſſiger Höflichkeit. Eine Menge Dienerſchaft drängte ſich jetzt an die Thür und unter ihnen eine Mulattin in mittleren Jahren von einem wirklich achtbaren Ausſehen, welche an der Thür mit einem Zittern der Erwartung und Freude ſtand. „O theure Mammy!“ rief Eva ihr entgegen fliegend, indem ſie die Frau umhalste und wiederholt küßte. Dieſe Frau ſagte nicht, daß ſie ihr Kopfſchmerz verur⸗ ſache, ſondern drückte ſie an ſich und lachte und ſchrie der⸗ maßen, daß man verſucht war, wegen ihres Verſtandes zu fürchten, und ſobald Eva ſich losgemacht hatte, lief ſie von einem zum andern und bewillkommnete Alle mit einer Herz⸗ lichkeit, daß Miß Ophelia übel und weh wurde. „Aber Eure ſüdlichen Kinder können etwas thun, was ich nicht im Stande wäre,“ bemerkte ſie. „Was denn?“ fragte St. Clare. „Nun, ich bin wohl gegen Jedermann freundlich, aber was das Küſſen anbetrifft—“ „Von Negern,“ fiel St. Clare ein,„das würdeſt Du nicht zu Wege bringen. Nicht ſo?“ Ja, das iſt es. Wie kann ſie es?“ St. Clare lachte indem er hinausging.„Hollah, heda, wie geht es? Heda, Ihr Alle— Mannew, Jiums, Poly, Sukey— freut Ihr Euch, den Maſter zu ſehen?“ rief er Einen und den Andern die Hand drückend.„Paßt auf die Kinder,“ rief er, als er über einen kleinen ſchwarzen Bengel ſtolperte, der auf allen Vieren kroch.„Wenn ich auf Jemand trete, ſo ſage er es nur.“ Das war ein Jubeln und„Gottſegne⸗Maſter“ Rufen als St. Clare kleine Geldmünze unter ſie warf! „Kommt, macht Euch davon, Ihr ſeid gute Burſche und Dirnen,“ und die ganze dunkle und helle Verſammlung ver⸗ ſchwand in einer langen Veranda, wo Eva einen ganzen Korb voll Aepfel, Nüſſe, Zucker und Bänder, Spitzen und allerlei Tand, den ſie auf ihrer Heimreiſe geſammelt hatte, vertheilte. 11* 164 Als St. Clare zurückkam, fand er Tom unbehaglich vor Adolph ſtehen, der ſich über's Treppengeländer lehnte und mit wahrhaft ſtutzerartiger Miene durch eine Lorgnette be⸗ trachtete. „Pfui, Du Schlingel,“ rief ſein Herr, ihm die Lorgnette fortſchlagend.„Iſt das die Art, wie Du Deine Gäſte behan⸗ delſt?— Auch ſcheint mir, Dolph,“ fuhr er fort, indem er den Finger auf Adolph's Weſte legte,„als wenn das meine Weſte iſt.“ „O, Maſter, die Weſte iſt mit Wein begoſſen, und ein Gentleman wie Sie, kann doch eine ſolche Weſte nicht tragen. Für einen armen Negerburſchen wie ich, iſt ſie gut.“ Und Adolph warf den Kopf hoch und ſtrich ſich graziös durch's aar. 5„So, das iſt es alſo,“ ſprach St. Clare,„jetzt geh und führe Tom zu ſeiner Herrin, dann geh in die Küche und ich ſage Dir, daß Du ihm nicht mit Deinen Manieren kommſt, er iſt zwei ſolcher Schlingel wie Du werth.“ „ „Der Maſter will immer ſeinen Spaß haben, ich bin entzückt, den Maſter in ſolcher Laune zu ſehen.“ „Höre Tom,“ ſprach St. Clare, ihm winkend. Tom trat in's Zimmer. Er war überraſcht von den Teppichen, Vorhängen, Spiegelni, Gemälden und Statuen und ſtand da, wie die Königin von Saba vor König Salomo⸗ Er wußte nicht die Füße zu ſtellen. „Sieh hier, Maria,“ ſprach St. Clare zu ſeiner Gat⸗ tin,„ich bringe Dir endlich einen Kutſcher nach Wunſch. Es iſt ein wahrer Sarg an Schwärze und Nüchternheit und wird Dich leichenartig fahren. Heffne die Augen und ſieh ihn an. Und nun ſage nicht wieder, daß ich nicht an Dich denke, wenn ich fort bin.“ Marie öffnete die Augen und blickte Tom oberfläch⸗ lich an. „Ich weiß, er wird ſich betrinken,“ meinte ſie. „Nein, er iſt als frommer und nüchterner Artikel ver⸗ bürgt.“ „Nun, ich hoffe, daß er ſich gut führt,“ ſagte die Lady, „iſt es mehr als ich erwarte, deſto beſſer.“ „Adolph, führe Tom in die Küche und vergiß nicht, was ich Dir geſagt habe,“ rief St. Clare. Adolph trippelte graziös voran, und Tom, mit ſchwer⸗ fälligen Schritten, ging nach. „Es iſt ein wahrer Behemot“ ſagte Marie. 165 „Nun, Marie,“ ſprach St. Clare, ſich neben ſie ſetzend, „ſei liebenswürdig und ſage Einem auch was Hübſches.“ „Du biſt vierzehn Tage länger fortgeblieben,“ ſprach Marie ſeufzend. „Ja, wie Du weißt, habe ich Dir den Grund ge⸗ ſchrieben.“ „In einem kurzen, kalten Briefe“ ſprach Mylady. „Meine Liebe, die Poſt war zum Abgang bereit, und ich mußte dies oder gar nichts ſchreiben.“ „Das iſt gerade ſo wie immer,“ klagte Marie,„Deine Reiſen machſt Du ſtets lang und Deine Briefe kurz.“ „Sieh her,“ ſprach St. Clare, indem er ein elegantes Sammt⸗Etui aus der Taſche zog und es öffnete,„hier iſt aus Neu⸗York ein Geſchenk für Dich.“ Es war ein Daguerreo⸗ type, klar und ſanft wie ein Stich, Eva und ihren Vater Hand in Hand ſitzend. Marie betrachtete es mit unzufriedener Miene.„Wie kommt es, daß Du in ſo geſchickter Stellung ſaßeſt?“ „Nun, die Stellung iſt Geſchmacksſache; wie denkſt Du über die Aehnlichkeit?“ „Wenn Du in einem Falle nichts auf meine Meinung giebſt, ſo wirſt Du es auch nicht in dem andern,“ ſprach die Dame, das Etui zumachend. „Zum Henker mit dem Weibe,“ ſprach St. Clare inner⸗ lich, und ſetzte laut hinzu:„Nun, Marie, was denkſt Du von der Aehnlichkeit? Sei nicht unvernünftig.“ „Es iſt recht unüberlegt von Dir, St. Clare, daß Du mich nicht in Ruhe läßt. Du weißt, daß ich alle Tage ge⸗ legen habe und Kopfſchmerzen habe, und ſeit Deiner Ankunft herrſcht hier ein ſolcher Tumult, daß ich halbtodt bin. „Sie ſind Kopfſchmerzen unterworfen?“ ſiel Ophelia ein, die bis jetzt ruhig in einem Lehnſtuhl als ſtummer Zeuge ge⸗ ſeſſen hatte. „Ja, ich bin darin eine wahre Märtyrerin.“ „Wacholderbeerenthee iſt gut dagegen,“ ſagte Ophelia, wenigſtens hat es Auguſte Perch, die Frau unſeres Kirchen⸗ älteſten ſtets geſagt, und ſie war eine gute Krankenwärterin.“ „Ich werde die erſten Wachholderbeeren, die reif werden, zu dieſem Zwecke holen laſſen,“ ſprach St. Clare ernſthaft, indem er klingelte und zu ſeiner Couſine ſprach:„Unterdeſſen, Couſine, mußt Du Dich wohl ein wenig in Dein Zimmer zurückziehen, um Dich von Deiner Reiſe zu erholen. Dolph,“ ſprach er zu dem Eintretenden,“ rufe Mammy.“ Das Mi⸗ 166 lattenweib, welches Eva vorhin ſo geliebkoſt hatte, trat ſchnell ein. Sie trug einen Turban, den ihr Eva mitgebracht hatte. „Mammy,“ ſprach St. Clare,„ich ſtelle dieſe Dame unter Deine Obhut, ſie iſt ermüdet und wünſcht Ruhe. Führe ſie auf ihr Zimmer und ſorge für ihre Bequemlichkeit.“ Und Ophelia verſchwand mit Mammy. Sechszehntes Kapitel. Toms Berrin und ihre AInſichten. „Und nun Marie,“ ſagte St. Clare,„Deine goldnen Tage haben begonnen. Hier iſt unſere praktiſche, geſchäfts⸗ kundige neuengliſche Couſine, welche unſer ganzes Sorgen⸗ budget auf ihre Schultern nehmen will, und Dir Zeit giebt, Dich zu erholen und wieder jung und hübſch zu werden. Die Ceremonie der Schlüſſelabgabe könnte alſo ſogleich geſchehen.“ Dieſe Bemerkung wurde einige Tage nach Ophelia's An⸗ kunft, beim Frühſtück gemacht. „Mir iſt es recht,“ ſprach Marie ſchmachtend, den Kopf in die Hand ſtützend.„Ich glaube, ſie wird etwas hier be⸗ merken, und das iſt, daß wir Herrinnen hier unter den Skla⸗ ven ſtehen.“ „Gewiß wird ſie das entdecken,“ meinte St. Clare, und außerdem noch eine Welt voll wohlthuender Wahrheiten.“ „Wir halten Sklaven, als ob es zu unſerer Bequemlich⸗ keit ſei,“ ſprach Marie,„wenn es nach dieſen Beiden ginge, ſo möchte man ſie Alle gehen laſſen.“ Eva heftete die Augen mit einem ernſten und betroffenen Ausdruck auf ihre Mutter und frug einfach:„Wozu hältſt Du ſie denn, Mutter?“ „Ich wüßte es wahrlich nicht,“ ſprach die Mutter,„es wäre denn zu meiner Plage. Ich glaube, daß ſie mir mehr Leiden und Krankheit verurſachen, als alles Andere. Außer⸗ dem ſind die unſrigen grade die Schlimmſten.“ „Nun, Marie, Du haſt heute wieder Deine Launen,“ ſprach St. Clare,„Du weißt recht gut, daß es nicht ſo iſt. Sieh nur Mammh, ſie iſt das beſte Geſchöpf auf Erden. Was fingſt Du ohne ſie an?“ — 167 „Mammy iſt die Beſte, die ich je geſehen habe,“ ſprach Marie, und doch iſt Mammy ſelbſtſüchtig— ſehr ſelbſtſüchtig. Es iſt ein Fehler der ganzen Race.“. „Die Selbſtſucht iſt wirklich ein entſetzlicher Fehler,“ wie⸗ derholte St. Clare ernſt.. „Mammh alſo,“ fuhr Marie fort,“ iſt es nicht äußerſt ſelbſtſüchtig, daß ſie Nachts ſo feſt ſchläft, da ſie doch weiß, daß ich oft Anfälle habe, und ihrer oft bedarf, und doch iſt ſie ſo ſchwer zu wecken. In Folge der Anſtrengungen, die ich anwenden mußte, ſie dieſe Nacht zu wecken, bin ich heut Morgen noch unpäßlicher.“ „Hat ſie nicht in den letzten Nächten viel bei Dir ge⸗ wacht?“ fragte Eva. „Woher weißt Du das, Kind?“ fragte Marie; ſie hat ſich wohl beklagt, ich glaube gar?“ „Sie hat ſich nicht beklagt, ſie hat mir nur erzählt, was für ſchlimme Nächte Du gehabt haſt,— ſo viele hinter⸗ einander.“ „Warum läßt Du nicht Jane oder Roſa ihren Platz einnehmen für einen oder zwei Nächte,“ fragte St. Clare, „und läßt ſie ruhen?“ „Wie kannſt Du mir das vorſchlagen,“ ſprach Marie entrüſtet.„St. Clare, Du biſt wirklich unüberlegt. So nervös, wie ich bin, weckt mich der geringſte Hauch, und eine fremde Hand in der Nähe würde mich durchaus wahnſinnig machen. Mammy fehlt die Theilnahme, ſonſt würde ſie leichter erwachen — ich habe von ſo ergebenen und aufmerkſamen Dienern ge⸗ hört, aber ich habe dieſes Glück nicht,“ und ſie ſeufzte. Miß Ophelia war ernſt beobachtend dieſem Geſpräch ge⸗ folgt, und ſchwieg noch beharrlich, weil ſie ganz ſicher wiſſen wollte, wonach ſie ſich zu richten habe. „Mammy hat eine beſondere Art Güte,“ fuhr Marie fort.„Sie iſt ruhig und ehrfurchtsvoll, aber im Innern iſt ſie ſelbſtſüchtig. Nie will die Unruhe und das Treiben wegen ihres Mannes endigen. Sehen Sie, als ich mich verhei⸗ rathete und hierher zog, mußte ich ſie natürlich mitnehmen, und mein Vater konnte ihren Mann nicht entbehren. Ich ſagte damals gleich, es ſei beſſer, wenn ſie ſich aufgeben, da ſie doch nie wieder zuſammen kämen, und war nachſichtig und ſchwach genug, nicht darauf zu beſtehen. Ich ſagte ihr gleich, ſie könne ihn in ihrem Leben nur ein oder zweimal wieder⸗ ſehen, da mir die Luft auf dem Gute meines Vaters nicht 168 ⸗ zuträglich iſt. Mammy hat zu Zeiten eine Halsſtarrigkeit, die nicht jeder ſieht, wie ich.“ „Hat ſie Kinder?“ fragte Wiß Ophelia. „Jo, ſie hat zwei.“ „3ch glaube, ſie fühlt die Trennung von ihnen ſehr?“ „Ja, ich kounte ſie natürlich nicht mitnehmen. Es waren kleine, ſchmutzige Dinger, Mammy hätte zu viel Zeit damit Ich glaube faſt, daß Mammy deswegen eine Art von Groll hegt. Einen Andern will ſie nicht heirathen, und ſie wäre im Stande, morgen zurückzukehren, wenn ſie könnte, obgleich ſie weiß, wie nothwendig ſie mir iſt. Ja, in der That, ſo ſelbſtfüchtig ſind die Beſten von ihnen.“ „Es iſt entſetzlich, wenn man es bedenkt,“ ſprach St. Clare trocken.— Miß Ophelia blickte ihn ſcharf an und bemerkte den Aerger und die unterdrückte Pein, als er dies mit ſar⸗ kaſtiſchem Lächeln auf der Lippe ſprach. „Mammy,“ fuhr Marie fort,„iſt ſtets mein Liebling ge⸗ weſen; ich habe ihr Kleider geſchenkt, die ich ſelbſt geſchmückt habe; Schehe kennt ſie nicht, und in ihtem ganzen Leben iſt ſie erſt ein⸗ oder zweimal gepeitſcht worden. Sie hat täglich Kaffee und Thee mit Zucker. Es iſt aber unerträglich, St. Clare läßt die Dienſtboten thun und nehmen, was ihnen gefällt. Wir ſind ſelbſt Schuld daran, wenn ſie ſelbſiſüchtig ſind; aber mit St. Clare iſt nicht mehr darüber zu reden.“ „Das glaube ich,“ ſagte dieſer, eine Zeitung leſend. Evangeline, die liebliche Evangeline, hatte ihre Mutter mit dem ihr eigenen tiefen Ernſt angehört; ſie trat langſam zu ihr, indem ſie die Arme um ſie ſchlang. „Nun, Eva, was haſt Du?“ fragte die Mutter. „Mama, könnte ich nicht eine Nacht bei Dir wachen? nur eine? Ich würde Dich nicht wecken, und würde nicht ſchlafen. Ich bin oft wach des Nachts— wenn ich 8 „O Unſinn, Kind, Unſinn! Hat man je ein ſo ſonder⸗ bares Kind geſehen!“ „Darf ich, Mama? Ich glaube,“ fuhr ſie ſchüchtern fort,„daß Mammy unpäßlich iſt; ſie erzählte mir, daß ſie in letzter Zeit Kopfſchmerzen gehabt hat.“ „Das iſt grade eine von Mammh's Einbildungen! Mammy gleicht allen Anderen.— Man darf ſie alle gar nicht in dergleichen Ideen beſtärken. Sie werden,“ wandte ſie ſich an Sphelia,„finden, daß ich recht habe. Wenn Sie den Dienern geſtatten, ſtets jedem unangenehmen Gefühle ode 169 Zuſtande nachzugeben, werden Sie bald genug haben. Ich beklage mich nie; kein Menſch weiß, was ich leiden muß, aber es iſt meine Pflicht, ſtill zu dulden, und ich thue es.“ Miß Ophelias runde Augen drückten ein ungeheucheltes Staunen aus über dieſe Rede, welche St. Clare ſo komiſch fand, daß er in lautes Lachen ausbrach. „St. Clare lacht ſtets, wenn ich auch nur die geringſte Hindeutung auf meine Leiden mache,“ ſagte Marie mit der Stimme einer leidenden Märtyrerin.„Aber ich hoffe, der Tag wird kommen, wo er daran denken wird,“ ſagte Marie, indem ſie ihr Taſchentuch vor die Augen hielt. Es entſtand jetzt eine peinliche Stille, die St. Clare da⸗ durch unterbrach, daß er nach der Uhr ſah, und ſich verab⸗ ſchiedete, um auszugehen. Eva entfernte ſich, und Marie und Ophelia blieben allein am Tiſch. „Das ſieht St. Clare ganz ähnlich, rief Marie indem ſie ihr Taſchentuch ziemlich heftig von den Augen ent⸗ fernte, als der Verbrecher, welcher dadurch gerührt werden ſollte, nicht mehr ſichtbar war.„Er ſieht nie, und wird nie einſehen, was ich ſeit Jahren leide. Wenn ich mich beſtän⸗ dig beklagte und Lärm machte über meine Leiden, ſo wäre ein Grund dazu. Die Männer werden freilich der jammernden Frauen bald überdrüſſig; aber ich behielt Alles bei mir, und habe ſtill gelitten, weshalb St. Clare glaubte, ich könne al⸗ les ertragen.“ WMWiß Ophelia wußte nicht genau, was ſie antworten ſollte. Marie erholte ſich nach und nach von ihrer Aufre⸗ gung und glättete ihr Gefieder wieder wie eine Taube nach einem Regenſchauer, und fing dann ein Geſpräch über wirth⸗ ſchaftliche und häusliche Gegenſtände von ſolcher Ausdehnung an, daß ein etwas weniger geſchäftsmäßiger Kopf als der Miß Ophelias geſchwindelt hätte.. „Ich glaube nun, Ihnen ſo ziemlich alles mitgetheilt zu haben, um bei meinem etwaigen Krankheits⸗Anfällen Alles zu leiten.— Noch Eins, Eva bedarf der Aufſicht.“ „Sie ſcheint ein ſehr gutes Kind zu ſein,“ warf Ophelia ein, ſie ſcheint ein ſehr gutes Kind zu ſein.“ „Sie iſt ein ſehr eigenthümliches Kind, ſehr eigenthüm⸗ lich, ſie gleicht mir nicht im Geringſten,“ fuhr Maria fort. phelia ſagte in ihrem Herzen:„Ich hoffe, daß es auch wirklich ſo iſt,“ ſchwieg aber klüglich. „Eva hält es ſtets mit der Dienerſchaft, ich habe zwar guch als Kind mit kleinen Negern geſpielt und es hat keinen 17⁰ Nachtheil gehabt, aber Eva ſtellt ſich auf gleiche Stufe mit ihnen; ich bin nie im Stande geweſen, es ihr abzugewöhnen und St. Clare beſtärkt ſie noch darin. Ueberhaupt hat er für jedes Weſen unter ſeinem Dache mehr Rückſicht als für ſeine Frau. Man muß die Dienerſchaft nie verkennen laſſen, welche Stellung ſie uns gegenüber hat. Sie haben ſelbſt ge⸗ hört, wie ſie ſich erbot, ſtatt Mammy des Nachts zu wachen, damit dieſe ſchlafen könne. Das iſt eine gute Probe von dem, was ſie thun würde, wenn ſie allein wäre.“ „Nun,“ ſagte Miß Ophelia ehrlich,„ich ſetze vvraus, daß Sie Ihre Dienerſchaft auch für menſchliche Geſchöpfe halten und ihnen Ruhe gönnen, wenn ſie müde ſind!“ „Natürlich,“ ſagte Marie nachläſſig,„ich ſehe darauf, daß ſie alle Bequemlichkeit haben, natürlich, was Einem nicht ſelbſt Unbequemlichkeit macht. Aber es iſt wahrhaft lächerlich, die Dienſtboten wie tropiſche Gewächſe zu behandeln. In manchen Dingen iſt St. Clare wirklich entſetzlich. So beſteht er z. B. darauf, daß in ſeinem Hauſe kein Schlag fällt, wenn nicht von mir oder ihm ſelbſt, und ich kann nichts dagegen machen. Sie können denken, wohin das führt. St. Clare würde nicht die Hand erheben, wenn auch alles über ihn hin⸗ wegliefe, und von mir iſt es doch bei meinen ſchwachen Kräf⸗ ten nicht zu verlangen. Sie müſſen wiſſen, die Diener ſind nur erwachſene Kinder.“ „Davon weiß ich nichts, und danke auch Gott dafür,“ ſagte Miß Ophelia trocken. „Aber Sie werden etwas davon erfahren, wenn Sie bei uns bleiben. Sie glauben gar nicht, welchen Prüfungen man hier ausgeſetzt iſt, und es nutzt nichts, mit St. Clare darüber zu reden. Er ſagt, daß wir ganz allein die Schuld ihrer Fehler trügen und meint, wir würden es an ihrer Stelle nicht beſſer machen, als ob man von Jenen auf uns ſchließen könne.“ „Glauben Sie nicht, daß der Herr ſie aus einem Blute mit uns geſchaffen hat?“ fragte Miß Ophelia ſcharf. „Nein, durchaus nicht; das wäre eine ſchöne Geſchichte! ſie ſind eine niedrigere Race!“ „Glauben Sie nicht, daß ſie unſterbliche Seelen haben?“ fragte Miß Ophelia mit wachſender Entrüſtung. „O wohl,“ ſprach Maria gähnend,„natürlich, das be⸗ zweifelt Niemand; daß man dieſelben aber mit uns vergleicht, als könnten wir mit ihnen verglichen werden, iſt unmöglich. St. Clare war wirklich der Meinung, Mammy könnte ihren Mann und ihre Rangen ebenſo lieb haben, wie ich ihn habe 171 und wollte allen Ernſtes behaupten, es wäre meine Schuldig⸗ keit geweſen, Mammy zu ihren Angehörigen zu ſchicken. Das war mir denn doch zu viel und ich ſetzte ihn auf eine ſolche Weiſe zurecht, daß er nie wieder davon geſprochen hat, aber doch grollt er mir jetzt noch deswegen.“ Miß Ophelia ſah ganz ſo aus, als wollte ſie Etwas ſagen, aber ſie klapperte mit den Stricknadeln auf eine Art, die mehr ſagte, als ein ganzes Buch, wenn Marie ſie nur verſtanden hätte.. „Sie ſehen alſo,“ fuhr Marie fort,„welche Hinderniſſe Ihrer hier warten, ich habe das Regiment trotz meiner ſchwachen Geſundheit aufrecht zu halten geſucht, aber es war zu ſchwer für mich. Wenn St. Clare es mir ſo machen wollte, wie Andere es machen.“ „Und wie iſt das?“ fragte Ophelia. „Nun, man ſchickt ſie nach der Calabuhe oder ſonſt einem Ort und läßt ſie auspeitſchen. Wäre ich nicht ein ſo ſchwa⸗ ches Weſen, ich wollte das Regiment mit größerer Energie führen, als St. Clare.“ „Und wie macht er es denn, da er doch nie einen Schlag austheilt?“ fragte Ophelia. „Er hat eine befehlende Art,— es iſt leichter für ihn. Auch hat ſein Auge im Ernſt etwas Zerſchmetterndes, ich fürchte mich ſelbſt davor. Ich bewirke mit Schelten und Stür⸗ men nicht ſo viel, als St. Clare mit einem Blick, ihn regt es nicht auf, und das iſt auch der Grund, warum er nichts für mich fühlt. Sie werden aber finden, daß man ohne Strenge nicht durchkommt. Dieſe Leute ſind ſo ſchlecht, ſo lügneriſch, ſo träge.“ „Die alte Leier,“ ſiel St. Clare ein, der eben herein⸗ trat,„was werden dieſe Leute einſt zu verantworten haben, beſonders wegen ihrer Trägheit. Siehſt Du, Couſine, bei dem Beiſpiel, welches Marie und ich ihnen geben, iſt es gar nicht zu entſchuldigen,“ fügte er hinzu, indem er ſich der 5 Länge nach auf das Sopha legte. „O, St. Clare, Du treibſt es wirklich weit, Du legſt es nur darauf an, mich zu ärgern, denn ich weiß, daß Du es gar nicht ſo meinſt, wie Du ſprichſt,“ ſprach Marie. „Ich glaubte,“ ſprach St. Clare,„ganz gut geſprochen zu haben, da ich mir ſtets Mühe gebe, Deine Bemerkungen zu bekräftigen.— Doch laß es gut ſein, laß mich in der Wärme Deines Lächelns Erquickung finden, ich habe mich ſchon heute gezankt mit Dolph. Der Gute hat ſchon ſo lange 172 meine Manieren und Vorzüge nachgeahmt, daß er ſich jetzt vollſtändig jetzt ſelbſt für ſeinen Herrn hält, und ich habe ihm heute eine kleine Einſicht in ſeinen Irrthum gegeben, in⸗ dem ich ihm auseinanderſetzte, daß ich einige meiner Kleider zu meinem ausſchließlichen Gebrauch behalten möchte, und habe ihn auf eine geringere Quantität Eau de Cologne re⸗ ducirt und ſich auf ein Dutzend Battiſttaſchentücher zu be⸗ ſchränken befohlen. Ich hatte Mühe, ihn zu beſänftigen.“ „O, St. Clare, wann wirſt Du Deine Diener behan⸗ deln lernen, es iſt abſcheulich, wie Du ſie verziehſt,“ rief Nun, was iſt das weiter ſchlimm, wenn der arme Teufel ſein Glück darin findet, mir zu gleichen. Wen ich nicht an⸗ ders erzogen habe, als um ſich an Eau de Cologne und Bat⸗ tiſttüchern zu erfreuen, warum ſoll ich ihm das Vergnügen nicht laſſen?“ „Und warum haſt Du ihn nicht beſſer erzogen?“ frug Miß Ophelia mit offener Entſchloſſenheit. „Die Trägheit, Couſine, die Trägheit! Wenn ich nicht auch ſo träge wäre, würde ich ein ganz anderer Menſch ge⸗ worden ſein.“ „Ich glaube Ihr Sklavenbeſitzer habt eine furchtbare Verantwortlichkeit auf Euch, ſprach Ophelia,„ich möchte ſie um Alles in der Welt nicht auf mich haben! Es iſt Eure Pflicht die Sklaven zu erziehen, und ſie vernünftigen Weſen gleich zu machen, mit denen Ihr einſt zugleich vor dem Rich⸗ terſtuhl ſtehen ſollt. Das iſt meine Meinung,“ ſagte die gute Dame, indem ſie entſchloſſen ihren inneren Gefühlen Worte gab. Sie glaubte auch damit genug geſagt zu haben, und blieb ſtill. St. Clare pfiff ſich ein Liedchen. „Du ſollteſt nicht pfeifen, Du weißt, daß ich Kopf⸗ ſchmerzen habe.“ „Ich werde aufhören,“ ſprach St. Clare.„Iſt ſonſt noch etwas, was ich nicht thun ſoll?“ „Ich wünſche einige Theilnahme für meine Leiden, Du haſt kein Gefühl für mich,“ ſprach Marie. „Du holder anklagender Engel“ ſagte St. Clare be⸗ dauernd. „O es iſt unausſtehlich, ſo angeredet zu werden,“ ſtöhnte Marie. 5 In dieſem Augenblicke ertönte helles Gelächter auf dem Hofe. St. Clare und Miß Ophelia traten auf die Veranda, 173 zogen die Vorhänge zurück und lachten ebenfalls. Auf einer Moosbank ſaß Tom, ſeine Knopflöcher ſteckten voll Jasmin⸗ blüthen und Eva hing lachend einen Roſenkranz um ſeinen Hals, und dann ſtellte ſie ſich in größter Heiterkeit wie ein Vögelchen auf ſein Knie. „D Tom, wie drollig Du ausſiehſt!“ rief ſie. Tom's Geſicht lächelte gutmüthig, und er ſchien an der ganzen Sache eben ſo viel Vergnügen zu finden, wie ſeine kleine Herrin. „Wie kannſt Du ſie nur laſſen?“ fragte Ophelia. „Warum nicht?“ antwortete St. Clare. „Warum? ich weiß nicht, aber es ſcheint mir ſchrecklich. „Du würdeſt nichts Böſes darin finden, wenn ein Kind einen großen Hund ſchmeichelte, ſelbſt wenn er ſchwarz wäre, aber vor einem Weſen, welches denken und fühlen kann, und ſterblich iſt, ſchreckt ihr zurück. Bei euch herrſcht dieſes Ge⸗ fühl viel ſtärker als bei uns, wo dieſes Vorurtheil durch die Gewohnheit ſtatt durch das Chriſtenthum verſchwindet. Ihr wollt ihnen kein Unrecht thun und ſie nicht mißhandeln, aber zu ſchaffen wollt ihr nichts mit ihnen haben. Nach Afrika wollt ihr ſie ſchicken, um ſie nicht mehr zu ſehen, und ihnen Miſſionäre nachſenden, um ſie zu bekehren. Iſt es nicht ſo?“ „Du haſt recht, es iſt ſo,“ ſprach Ophelia nachdenkend. „Was wollten die Armen und Därftigen ohne Kinder anfangen?“ ſprach St. Clare, indem Eva mit Tom an der Hand wegſchritt.„Ein kleines Kind iſt der beſte Demokrat. Tom iſt für Eva ein Held, ſeine Erzählungen ſind in ihren Augen Wunder, ſeine Geſänge und Methodiſtenhymnen ſind beſſer als eine Oper, und die kleinen Tändeleien in ſeiner Taſche ſind ein wahres Edelſteinbergwerk, er iſt der wun⸗ derbarſte Tom, der je in einer ſchwarzen Haut geſteckt hat. Das iſt eine Edensroſe, welche der Herr ausdrücklich für die Armen und Geringen geſandt hat.“ „Du ſprichſt wie ein Profeſſor,“ fagte Ophelia. „Leider,“ antwortete St. Clare,„iſt nichts bequemer als reden. Ich glaube, Shakeſpeare ſagt irgendwo: Man könne leichter Zwanzigen zeigen, was gut iſt, als ſelbſt Einer von den Zwanzigen ſein, um das zu befolgen, was als gut be⸗ zeichnet iſt. Nichts iſt gleich der Theilung der Arbeit. Meine Kraft liegt im Reden, und Deine, Couſine, im Thun. 174 Tom konnte ſich zur Zeit über ſeine äußere Lage nicht beklagen— wie man es ausdrückt. Eva war durch ihre Zu⸗ neigung— die inſtinktmäßige Dankbarkeit einer edlen Seele — für ihn bewogen worden, ihn von ihrem Vater zum ſteten Begleiter zu erbitten. Tom erhielt den beſtimmten Befehl, nur zur Verfügung ſeiner kleinen Herrin zu ſein, was ihm — wie man denken kann— durchaus nicht unangenehm war. Er wurde gut gekleidet, denn St. Clare war in dieſer Hin⸗ ſicht ſehr eigen, und ſein Stalldienſt war eine reine Sinecure, da er nur die Aufſicht über einen untern Diener hatte, der die Pferde beſorgte; denn Marie St. Clare konnte den Pferde⸗ geruch nicht leiden, und nach ihrer Anſicht wäre eine Naſe voll unangenehmen Geruchs hinreichend geweſen, um die Scene zu ſchließen und das irdiſche Daſein zu beendigen.— Tom ſah alſo in ſeinem ſchwarzen Anzuge, weißer Wäſche und blanken Stiefeln reſpectabel genug für einen Biſchof von Carthago aus, wie ein ſolcher zu jener Zeit ausgeſehen haben mag. Ferner lebte er in einem ſchönen Hauſe, wo⸗ gegen Leute ſeiner Art nie gleichgültig ſind, und genoß mit ſtiller Frende alle die Herrlichkeiten der Gemächer, welche das Haus für ihn zu einem Aladdinspallaſt machten. Siebzehntes Kapitel. Die bertheidigung des freien Mannes. * In dem kleinen Quäkerhauſe herrſchte eine regſame Be⸗ weglichkeit, als ſich der Tag ſeinem Ende neigte. Rachel Halliday ging emſig hin und her, indem ſie aus ihrem Küchen⸗ vorrath ſolche Sachen hervorſuchte, die in einen kleinen Raum gepackt werden konnten, für die Wanderer, welche noch in der Nacht fortgehen ſollten. Die Schatten des Tages dehnten ſich über die Erde, die Sonne ſenkte ſich ſcheidend dem Hori⸗ zonte zu, und ihre Strahlen fielen leicht und ruhig in das fleine Zimmer, in welchem George und Eliza, den kleinen Harry auf dem Schooß, nachdenklich und ernſt ſaßen. Ihre Geſichter zeigten Spuren von eben vergoſſenen Thränen. „Ja, Eliza,“ ſagte George,„ℳes iſt wahr, was Du ſagſt. — Du biſt ein gutes Kind— viel beſſer wie ich, und ich. will 175 verſuchen, ſo zu ſein, wie Du. Ich will mich würdig eines freien Mannes benehmen. Ich will verſuchen, gleich einem Chriſten zu fühlen. Gott der Allmächtige weiß, daß ich recht handeln wollte, daß ich ſtrebte, recht zu handeln, als alles wider mich war. Nun will ich alles Geſchehene vergeſſen, und alle bitteren Gefühle,— meine Bibel leſen, und ſtreben, ein guter Menſch zu werden.“ „Und wenn wir nach Canada kommen,“ ſprach Eliza, „ſo helfe ich Dir. Ich kann nähen, waſchen und plätten, und wir beide werden ſchon unſeren Lebensunterhalt finden.“ „Ja, Eliza, ſo lange wir uns gegenſeitig und unſeren Knaben beſitzen. O Eliza, wenn dieſe Leute wüßten, was für ein Segen es iſt für einen Mann, zu fühlen, daß ſeine Frau und Kinder ihm gehören. Ich wundere mich, daß Leute, die Weib und Kind hatten, ſich über etwas abſorgen konnten⸗ Ich fühle mich reich und ſtark, trotzdem, daß wir nichts haben, als unſere Arme. Und wenn ich auch bis zu meinem fünf und zwanzigſten Jahre nichts beſaß, weder Dach noch Fach, ſo will ich doch wenn man mich jetzt nicht weiter verfolgt, zufrieden ſein, und dankerfüllt. Ich werde arbeiten, und das Geld für Dich und den Knaben hinſchicken. Mein früherer Herr iſt genugſam entſchädigt, für das, was ich je von ihm erhielt; ihm bin ich nichts ſchuldig.“ „Bis jetzt ſind wir noch nicht außer Gefahr,“ ſprach Eliſa,“ wir ſind noch nicht in Kanada.“ „Sehr wahr“ ſagte George,„aber mir iſt, als ob ich ſchon die friſche Luft ſchmecke, und ſie macht mich ſtark.“ In dieſem Augenblicke hörten ſie im Nebenzimmer eifriges Sprechen und bald darauf klopfte es an ihre Thüre. Eliza öffnete und es war Simeon Hallidey, welcher ihnen einen eben anweſenden Quäker, Namens Phineas Fleicher vorſtellte. Dieſer, ein langer, ſpindeldürrer, rothhagriger Mann, mit einem Geſicht, nicht ſo friedlich und überirdiſch wie das Simeons, ſondern mit einem ſchlauen, durchtriebenen, ganz beſonders zu Thaten fähig ſcheinenden Ausdruck wie ein Mann, der ſich deſſen bewußt iſt, und ſich vorſieht, ehe er ſich in etwas ein⸗ läßt; Eigenthümlichkeiten, die ſonderbar paßten zu ſeiner breiten Krempe und bildlichen Ausdrucksweiſe. „Unſer Freund Phineas hat etwas von Wichtigkeit und Intereſſe für Dich und Deine Angelegenheiten bemerkt,“ ſagte Simeon,„und es wird gut ſein, wenn Du es erfährſt.“ „Das habe ich,“ hub Phineas an,„und es iſt immer gut, wenn man an manchen Orten beim Schlafen das Ohr 176 offen hat, was ich ſtets ſage. Letzte Nacht kehrte ich in einem kleinen Gaſthauſe ein. Simeon erinnerſt Du Dich, wo wir im vorigen Jahre die Aepfel an die dicke Frau mit den großen Ohrringen verkauften?— Ich war müde und ſchlief ein, da mein Lager noch nicht bereitet war, als ich nach einiger Zeit durch lautes Sprechen erweckt wurde und hörte, wie einige junge Kerls von Quäkern ſprachen.„Sie ſind unzweifel⸗ haft in der Quäkeranſiedlung,“ ſagte der Eine. Jetzt lauſchte ich mit beiden Ohren und hörte, daß ſie grade von dieſer Geſellſchaft hier ſprachen. Der junge Mann ſolle an ſeinem Herrn nach Kentucky geſchickt werden, der an ihm ein Bei⸗ ſpiel zeigen wolle, um die Neger vom Entlaufen abzuſchrek⸗ ken, und die Frau wollten ſie in New⸗Orleans für fünfzehn⸗ hundert Dollars verkaufen weil ſie hübſch ſei, und das Kind gehöre einigen Händlern. Auch von einem Burſchen Jim und ſeiner Mutter ſprachen ſie, die nach Kentucky zurückge⸗ bracht werden ſollten. Sie ſprachen auch von zwei Conſtab⸗ lern, die in der Nähe wären, um ſie einzufangen, die junge Frau ſollte vor den Richter gebracht werden, und Einer von ihnen, ein kleiner, glattzüngiger Burſche ſollte beſchwören, daß ſie ihm gehöre, damit er ſie mit nach dem Süden nehme. „Sie wiſſen, welchen Weg wir heute einſchlagen wollen. So, was iſt nun zu thun?“ Bei dieſen Mittheilungen ſtand die ganze Gruppe in Stellungen, würdig eines Malers. Rachel Hallidey ſtand mit mehligen Händen am Ofen und hörte außerſt beſtürzt. Simeon blickte nachdenklich darein; Eliza hatte die Arme um ihren Gatten geſchlungen und ſah zu ihm hinan. Georg ſtand mit geſchloſſenen Händen und glühenden Augen und ſah ſchon aus wie einer, dem ſein Weib und Kind entriſſen werden, um auf einer Auktion unter dem Schild der Geſetze eines chriſtlichen Volkes verkauft zu werden. „Was ſollen wir thun, George?“ ſprach Eliza leiſe. „Ich weiß, was ich zu thun habe,“ ſprach George, in⸗ dem er in dem kleinen Zimmer auf⸗ und abſchritt und ſeine Piſtolen unterſuchte. „Du ſiehſt, wie es wirkt,“ ſprach Phineas zu Simeon. „Ich ſehe es, und will beten, daß es nicht dazu kommt,“ antwortete Simeon ſeufzend. „Ich will Keinen in meine Angelegenheit verwickeln,“ ſprach George,„leiht mir einen Wagen, zeigt mir den Weg, und ich fahre allein bis zum nächſten Anhalteplatz. Jim iſt ſtark und tapfer bis zum Tode, und ich auch.“ 177 „Schon gut, Freund,“ ſagte Phineas,„Du brauchſt aber doch einen Führer. Das Kämpfen kannſt Du allein abmachen, Du verſtehſt es, aber ich kenne einige Nebenwege, die Du nicht kennſt.“ „Ich will Sie aber nicht mitverwickeln.“ „Verwickeln!“ ſprach Phineas mit eigenthümlicher Miene, „wenn ich darin verwickelt bin, ſo ſei ſo gut, es mir zu ſagen.“ „Freund Phineas iſt ein kluger, geſcheuter Mann,“ ſprach Simeon, die Hand auf George's Schulter legend,„Du wirſt gut thun, ſeinem Rathe zu folgen.“ „Ich werde keinen Menſchen unnöthig angreifen,“ fuhr George fort,„aber wenn man es wagen ſollte, mir mein Weib entreißen zu wollen— ich hatte eine Schweſter, die in Neu⸗Orleans verkauft wurde— und ich ſollte ruhig zuſehen, wenn ich ein paar kräftige Arme habe? Bis zum letzten Athemzuge werde ich kämpfen. Würden Sie nicht daſſelbe thun, Sir? Können Sie mich verdammen?“ „Kein ſterblicher Menſch könnte Dich deshalb verdam⸗ men; ich wünſche nicht, daß mein Fleiſch ſo geprüft werde,“ ſprach Simeon. „Ich denke, daß mein Fleiſch in ſolchem Moment ziemlich ſtark ſein würde,“ meinte Phineas, indem er ein paar Arme gleich Windmühlenflügeln ausſtreckte. „Es iſt beruhigend, daß Du als Freund hier biſt,“ ſagte Simeon lächelnd,„die alte Natur iſt noch ziemlich ſtark in S In Wahrheit, Phineas war von Hauſe aus ein derber, grobfäuſtiger Hinterwäldler, ein eifriger Jäger und ſicherer Schütze. Aber durch einer hübſchen Quäkerin Reize bewogen hatte er ſich einer der Nachbarſchaft angeſchloſſen, und er war ein achtbares Mitglied derſelben, obgleich die frömmern unter ſeinen Glaubensbrüdern in ſeinem Benehmen einen großen Mangel an Erbaulichkeit finden wollten. „Freund Phineas,“ meinte Rachel,„hat immer eine eigene Art, doch glauben wir, daß er das Herz auf dem rech⸗ ten Fleck hat.“ „Aber,“ meinte Georg,„iſt es nicht das Beſte, unſere Flucht zu beeilen?“ „Ich bin früh aufgeſtanden, um früher als jene hier anzulangen. Es wird übrigens ſicherer ſein, zu reiſen, wenn es dunkel iſt, denn in den Dörfern, welche wir paſſiren, ſind ſchlechte Menſchen, welche unſerm Wege hinderlich ſein könn⸗ 12 178 ten. Ueberdies haben wir einen guten Vorſprung. Ich will zu Michel Cross gehen und ihn bitten, hinter uns herzureiten, damit er uns vor herannahender Gefahr warne. Er hat ein ſchnelles Pferd. Auch will ich Jim und die alte Frau von unſerem Entſchluß benachrichtigen. Sei alſo guten Muthes, Freund George, das iſt die erſte Klemme, in der ich mit Dei⸗ nes Gleichen geweſen bin.“ Und Simeon verſchwand in der Thür. Und während Rachel und Simeon die Anordnungen zur Reiſe der jungen Leute fortſetzten und das Abendbrod berei⸗ teten, ſaßen George und Eliza in ihren Zimmern und ſpra⸗ chen zuſammen, wie Mann und Frau ſprechen, wenn ſie in einigen Stunden vielleicht für ewig getrennt ſind. „Ehe ich Dich kennen lernte, Eliza, hatte ich eine Mut⸗ ter und Schweſter, die mich lieb hatten. Ich ſah die arme Emily, als der Händler ſie fortſchleppte. Sie kam auf mich zu und ſchluchzte: Armer George, nun geht Dein letzter Freund von Dir! Das waren die letzten freundlichen Worte, die ich für zehn Jahre gehört hatte. Als ich Dich kennen lernte, war ich wie auferſtanden. Und nun wirſt Du nicht anders, als von meiner Leiche fortgeriſſen werden.“ „O, Gott, ſchluchzte Eliza,„laß uns nur zuſammen von hinnen ſcheiden!“ „Iſt Gott auf ihrer Seite,“ fuhr Georg fort,„ſieht er Alles, was ſie thun, warum läßt er ſolche Dinge zu? Sie ſind reich und glücklich, Mitglieder von Kirchen und hoffen in den Himmel zu kommen, es geht ihnen gut und Alles ge⸗ lingt ihnen. Und arme, redliche Chriſten— Chriſten, die eben ſo gut, wenn nicht beſſer als ſie ſind— liegen zu ih⸗ ren Füßen im Staube. Sie verſchachern und treiben Han⸗ del mit ihrem Herzblut und ihren Thränen, und Gott läßt es zu!“ „Freund George!“ rief Simeon hinein,„willſt Du nicht einen Pſalm hören? Er wird Dir wohl thun.“ George und Eliza ſammelten ſich und hörten mit Beruhigung einer jener kurzen Vorleſungen und Predigten zu, welche bei den frommen Freunden ſo gang und gäbe ſind, die ſie ſich ſelbſt gegenſeitig halten und die bei ihnen die Stelle weltlicher und flacher Unterhalturg vertreten. George und Eliza fühlten ſich wirklich geſtärkt und aufgerichtet durch die einfachen und eindringlichen Worte des heiligen Geſanges und durch die Tröſtungen und Hinweiſungen auf das Vertrauen Gottes, womit der biedere Quäkerbruder die Unterhaltung duréflocht ——————————— 179 und die vielleicht nicht viel Wirkung gehabt hätte, wenn ſie, als fromme Redensarten für Leute in Noth paſſend hervor⸗ gekramt worden wären, als wenn ſie wie hier von einem Manne kamen, der in Ausſicht auf Geld⸗ und Kerkerſtrafen nicht anſtand, Gott und ſeinen Nebenmenſchen zu dienen. Und nun nahm Rachel freundlich Eliza's Hand und führte ſie an den Abendtiſch, als die Thüre ſich öffnete und die kleine Ruth eintrat. „Ich habe Dir noch einige Paar kleine Strümpfe für den Knaben mitgebracht,“ ſprach ſie zu Eliza;„es ſind warme, wollene, die er in Kanada brauchen wird, denn da iſt es kalt. Biſt Du guten Muths, Eliza?“ fuhr ſie fort, ihre Hand herzlich ergreifend.„Ich habe auch Kuchen für Harry mitgebracht, Du weißt, Kinder eſſen beſtändig.“ „Ich danke Dir, Ruth,“ ſprach Eliza gerührt. „Nun ſetze Dich hin und ſpeiſe mit uns,“ ſprach Rachel, aber Ruth erwiderte: „Ich habe nicht Zeit, ich bin nur hergekommen, um Ab⸗ ſchied von dieſer zu nehmen, und indeſſen läßt John die Bis⸗ cuits verbrennen und giebt dem Knaben allen Zucker.— Nun iebt wohl, Eliza und George, der Herr geleite Euch auf Euren Wegen,“ und Ruth verſchwand mit ſchnellen Schritten. Nicht lange nach dem Abendeſſen hielt Phineas mit einem großen, verdeckten Wagen vor der Thüre, ſprang herunter und ließ ſeine Paſſagiere hineinſteigen. Georg trat mit ſeinem Weibe und Kinde heraus. Sein Schritt war feſt und ſeine Miene entſchloſſen. Rachel und Simeon folgten. Iim ſtieg mit ſeiner alten Mutter heraus; Phincas hob Eliza und den Knaben hinein, und Rachel reichte ihnen Decken. „Haſt Du Deine Piſtolen, Jim?“ fragte leiſe George. „Gewiß,“ antwortete Jim. „Und Du biſt nicht im Zweifel, was Du damit thuſt, wenn ſie kommen?“ „Ich ſollte meinen! Denkſt Du, ich werde mir meine Mutter wieder entreißen laſſen?“ Während dem war auch die alte Frau hineingeſchafft, George und Jim ſetzten ſich vor ihnen, und Phineas ſetzte ſich vorn und ergriff die Zügel. „Lebt wohl, Freunde!“ riefen Rachel und Simeon. „Gott ſegne Euch!“ riefen Alle von innen Und der Wagen fuhr ſchüttelnd und holpernd über die hartgefrorne Straße. Das Raſſeln und Holpern ließ kein Geſpräch ent⸗ ſtehen. Der Wagen fuhr ſtundenlang unausgeſetzt durch 12 ½ 180 dunkle Waldſtrecken und über flache, öde Ebenen. Das Kind ſchlief auf Eliza's Schooß, welche ſelbſt bald in einen leichten Schlummer fiel, und auch die Alte, ihre Furcht vergeſſend, ſchlief ein. Phineas ſchien der Munterſte von Allen und pfiff zum Zeitvertreib einige gewiß nicht quäkerartige Weiſen. Gegen drei Uhr Morgens hörte George plötzlich eiligen und ſcharfen Hufſchlag, und ſtieß Phineas an. Alle drei ſprangen herunter, in banger Erwartung. „Es iſt Michael,“ ſprach Phineas, als ſich eine dunkle Geſtalt zu Pferde näherte, und frug als er in wenigen Au⸗ genblicken bei ihnen ſtand: „Was giebt's? Kommen ſie?“ „Dicht hinter mir, acht bis zehn, erhitzt von Brannt⸗ wein, fluchend und wie Wölfe dampfend.“ In demſelben Augenblick ertönte auch ſchon der dumpfe Schall galloppirender Pferde. „Hinein mit Euch, ſchnell, Jungens,“ rief Phineas „Wenn Ihr Euch ſchlagen wollt, wartet bis wir ein Ende weiter ſind.“ Sie ſprangen ſchnell hinein und Phineas trieb die Pferde an, während Michael nebenbei jagte. Der Wa⸗ gen flog über den Boden, aber immer näher kam das Pferde⸗ gekrappel und bald ſahen ſie an dem ſich nach und nach er⸗ hellenden öſtlichen Horizonte die ſich erhebenden Umriſſe einiger Reiter, die nun auch des Wagens anſichtig wurden, und ein brüllendes Triumphgeſchrei ausſtießen. Hie Frauen zitterten und bebten vor Angſt, und die Männer hielten den Finger an ihre Piſtolen, für jeden Augenbick gerüſtet. Die Verfolger näherten ſich immer mehr, als der Wagen plötz⸗ lich eine Wendung machte, welche auf einen ganz allein ſte⸗ henden Felſen führte. Dieſe dunkle Felſenmaſſe zeichnete ſich ſcharf an dem immer heller werdenden Himmel ab. Es war ein Schlupfwinkel, den Simeon noch aus der Zeit ſeines Jägerlebens kannte, und der Schutz und Sicherheit zu ver⸗ ſprechen ſchien. „Jetzt gilts,“ rief er plötzlich, und ſprang herunter. „Kommt Alle heraus und hinauf auf die Felſen, mir nach. Du Michael binde Dein Pferd an den Wagen, und fahre ſchnell zu Amaria und bringe ihn mit ſeinen Söhnen zurück, um mit dieſen Burſchen zu reden.— Und nun,“ rief er, indem er ſich zu den andern wandte und den kleinen Zaury ergriff,„ſorgt für die Weiber, und lauft wie Ihr je ge⸗ laufen ſeid!“ Sie ſprangen ſchnell über die Hecken, Phineas voran — 181 mit dem Knaben auf dem Arm, dann Jim mit ſeiner alten Mutter auf den Schultern und zuletzt George und Elizu. Die Reitergeſellſchaft kam bei der Hecke an, ſtieg von den Pferden und folgte thnen, Phineas kletterte wie eine Ziege voran, und bald gelangten ſie durch eine ſchmale Spalte welche uur eine Perſon paſſiren konnte, an einen einige Fuß breiten Abgrund, hinter welchem ſich ein rund herum freier Felſen erhob. Phineas ſprang zuerſt hinüber indem er den andern zurief:„Herüber mit Euch, nun! ſpringt! es gilt Euer Le⸗ ben!“ Alle ſprangen ſchnell hinüber und waren durch den etwas höhern Rand geſchützt. „Nun ſind wir hier, rief Phineas,„jetzt können ſie kom⸗ men! Jeder der herauf kommt muß einzeln durch die Fels⸗ ſpalte, dicht vor Eure Piſtolenläufe kommen, ſeht Ihr das Jungens?“ „Ich ſehe es,“ antwortete Georg,„und nun wolleu wir die Gefahr allein ausfechten.“ „Das Vergnügen könnt Ihr haben, und ich werde zu⸗ ſehen, wenn Ihr erlaubt.— Sieh nur wie die Kerls da unten ſtehen, wie die Füchſe an der Hühnerleiter. Willſt Du ihnen nicht lieber vorherſagen, daß wir die Abſicht haben ſie nöthigenfalls zu erſchießen. Die im Morgenzwielicht jetzt ſichtbare Truppe beſtand aus dem bekannten Tom Loker und Marks, nebſt zwei Kon⸗ ſtablern, ſowie einigen Taugenichtſen, welche ſie in dem letzten Wirthshauſe bei einem Gläschen engagirt hatten, bei dem Spaße einer Negerjagd Hilfe zu leiſten. „Nun, Tom, hier müſſen ſie hinaufgeklettert ſein,“ ſagte Einer. „Ja wohl, hier hinauf,“ ſchrie Loker,„hier iſt ein Pfad, den verfolgen wit. Herabſpringen können ſie nicht.“ Aber Tom, ſie könnten hinter den Felſen hervorfeuern.“ ſagte Marks,„das wäre unangenehm.“ „Pfui“ rief Loker ſpottend,„Ihr ſeid ſtets auf Eure Haut bedacht, Neger ſind feige.“ „Ich wüßte nicht, warum ich nicht auf meine Haut bedacht ſein ſollte, es iſt die einzige, die ich habe, und Neger wehren ſich oft ärger als Teufel,“ ſagte Marks vorſichtig. In dieſem Augenblicke erſchien Georg an der Felſenbrüſtung und rief: „Ihr Herren da, wer ſeid Ihr und was wollt Ihr?“ „Wir ſuchen eine Bande entlaufener Neger,“ antwortete Loker,„einen gewiſſen George Harris, und Eliza Harris, . 182 und ihren Sohn, und Jim Selden, und eine alte Frau. Wir haben Beamte bei uns, und einen Verhaftsbefehl. Wir wollen und müſſen ſie haben. Biſt Du nicht George Harris, der dem Mr. Harris von Shelby in Kentucky gehört.“ „Ich bin George Harris, und ein Mr. Harris hat mich ſein Eigenthum genannt. Jetzt aber bin ich ein freier Mann. Wir ſind alle hier, kommt nur herauf, aber der Erſte, der ſich naht, erhält eine Kugel durch den Kopf!“ „Junger Mann,“ ſagte ein kleiner, keuchender Kerl, der eben angelangt war, und ſich die Naſe putzte,„macht keine Faren. Wir ſind Juſtizbeamte, und hier im Namen der Ge⸗ rechtigkeit, haben Geſetz und Macht auf unſerer Seite, Polizei⸗ diener und ſo weiter; kommt alſo herunter, ehe wir Euch zwingen.“ „Ich weiß das Alles wohl,“ ſprach Georg,„Ihr wollt meine Frau in Neu⸗Orleans verkaufen, und mein Kind wie ein Kalb in den Stall eines Händlers ſperren. Ihr wollt Jim und ſeine Mutter zu ihrem ehemaligen Herrn führen, damit er ſie peitſcht und mit Füßen tritt, ihr wollt mich und alle zurückhaben, um uns unter dem Schutze Eurer Geſetze zu miß⸗ handeln. Aber Ihr habt uns noch nicht. Wir erkennen Eure Geſetze nicht an, wir ſtehen hier unter Gottes freiem Himmel, auf ſeiner freien Erde, ſo gut wie Ihr, und beim Allmächti⸗ gen, Ihr werdet uns nicht lebend bekommen!“ George ſtand hoch aufgerichtet, mit zürnenden Blicken, gerötheten Wangen und pochender Bruſt auf der Bruſtwehr des Felſens, beleuchtet von dem herannahenden Tageslicht, welches ſeine ſchlanke Figur in der Luft ſcharf abgrenzte, als er mit zürnenden Worten und lauter Stimme dieſe Art von Unabhängigkeitserklärung erſchallen ließ. Die wahre Kühnheit und Entſchloſſenheit verfehlt auch auf die roheſten Naturen ihren Eindruck nicht, und die Bande war ergriffen und un⸗ ſchlüſſig. Nur Marks nicht, welcher in dem kurzen Schweigen nach Georgs Rede ſein Piſtol auf ihn abdrückte. „Ihr bekommt in Kentucky gleichviel für ihn, ob lebend oder todt,“ ſagte er zu den überraſchten Genoſſen, indem er kaltblütig ſein Piſtol abwiſchte. Georg ſprang zurück, Eliza ſtieß einen Schrei aus, die Kugel ſchlug dicht neben ihnen in den Baum. George rief: „Es iſt nichts, Eliza, beruhige Dich. Jetzt Jim aufge⸗ paßt. Ich feuere auf den erſten, Du auf den zweiten, der erſcheint.“ 183 „Du wirſt mit Deinen Reden etwas ſparſamer ſein kön⸗ nen,“ bemerkte Phineas. Die Untenſtehenden waren ungewiß, ob der Schuß ge⸗ troffen habe und beriethen, was weiter zu thun. „Ich für meinen Theil werde hinanfgehen, ich habe mich nie vor Negern gefürchtet,“ rief Tom Looker und begann rüſtig voranzuklettern, während die andern ſo ſchnell als mög⸗ lich folgten. Georg hörte ſie kommen, richtete ſeine Piſtol auf die Felsſpalte und feuerte los in dem Augenblick als Tom vortrat. Dieſer, obgleich in die Seite getroffen, wollte nicht ſo leicht weichen und ſprang mit wüthendem Brüllen über den Abgrund, als ſich ihm Phineas Fletchers langer Arm entgegenſtreckte. „Du wirſt hier nicht gewünſcht, Freund,“ rief dieſer, in⸗ dem er ihm einen kräftigen Stoß verſetzte, ſo daß er rücklings in den Abgrund ſtürzte. Er wäre unfehlbar zerſchlagen, wenn nicht das in der Spalte wuchernde Geſtrüpp dicht genug ge⸗ weſen wäre, ſeinen Fall zu ſchwächen. „Donnerwetter!“ ſchrie Marks,„wahre Teufel!“ und kehrte haſtig um, während die Anderen ihm kopfüber folgten. „Lauft Ihr da herum und helft ihm, ich werfe mich auf's Pferd und hole Hülfe,“ ſchrie Marks, als ſie unten angelangt waren, und ließ die That ſogleich den Worten folgen. „Feiges Geſchmeiß!“ riefen ſeine Gefährten, wandten ſich dann zur Schlucht und drangen vor, bis ſie bei dem ſtöhnen⸗ den Tom Looker anlangten. „Du biſt ziemlich laut,“ bemerkte einer,„biſt Du ſehr verletzt?“ „Ich weiß nicht. Könnt Ihr mich nicht aufheben? Der verdammte Quäker! Wäre er nicht geweſen, ſo hätte ich die Andern herabgeſtürzt.“ Seine Genoſſen bemühten ſich, ihn nach dem Pferde zu ſchleppen. George blickte über die Felſen und ſah, wie ſie ſich be⸗ bemühten, den Koloß auf's Pferd zu heben, aber nach mehr⸗ maligen mißlungenen Verſuchen ſchwankte er und ſank zu⸗ ſammen.. „Ich will hoffen, daß er nicht getödtet iſt,“ ſprach Eliza, die ebenfalls zugeſchaut hatte. „Ich glaube wahrhaftig, ſie verlaſſen ihn,“ rief Phi⸗ neas.— Und ſo war es auch. Nach einigen weiteren Ver⸗ ſuchen, ihn aufzurichten. ſetzte ſich die ganze Bande zu Pferde und ritt davon. Phineas begann ſich nun zu rühren. 184 „Wir wollen Michael ein Stück entgegen gehen, er kann nicht mehr weit ſein. Die Anſiedlung iſt nicht ſehr entfernt, und wenn der Weg nicht zu ſchlecht wäre, hätten ſie uns gar nicht eingeholt.“ Als ſie aus der Hecke traten, ſahen ſie einen Wagen mit einigen Reitern nahen, in welchen Phineas den Michael, Stephan und Amaria erkannte. „Nun, dann wollen wir dem Manne einige Hülfe lei⸗ ſten, meinte Eliza. „Es würde nicht mehr als chriſtlich ſein,“ ſetzte George hinzu. „Und ihn unter den Quäkern wieder zuſammenflicken, nicht übel; nun, wir wollen ihn einmal anſehen,“ ſprach Phi⸗ neas, indem alle zu dem Verwundeten ſchritten und er be⸗ mühte ſich, der Blutung Einhalt zu thun. „Immer ruhig! ſchnappe und knurre nicht, Du gehſt zum Teufel, wenn Du nicht ſtille liegſt,“ ſprach er, als Lvoker die helfende Hand zurückfchob. „Ihr habt mich da hinuntergeſtoßen,“ ſagte er ſchwach. „Ja wohl, und Du würdeſt mich hinabgeſtoßen haben, wenn ich es nicht gethan hätte. Nun beruhige Dich, wir meinen es gut, Du ſollſt in ein Haus gebracht und gepflegt werden, wie es Deine Mutter nicht thun könnte.“ Tom ſtöhnte und ſchloß die Augen. Bei ſolchen Män⸗ nern ſind Kraft und Entſchloſſenheit rein phyſiſcher Art, und gehen aus mit dem Blutſtrom. Und ſo lag der gigantiſche Burſche da, ordentlich bemitleidenswerth in ſeiner Hilfloſigkeit. Während dem kam die andere Geſellſchaft mit dem Wagen wieder. Mühſam wurde Tom Looker hineingehoben, und Alle placirten ſich ſo gut es anging, worauf ſie weiter zogen. „Was denken Sie von ihm?“ fragte George den neben ihm ſitzenden Phineas. „Es iſt nur eine ziemlich ⸗tiefe Fleiſchwunde,“ ſprach dieſer,„der Fall hat ihm am meiſten geſchadet. Es hat ziem⸗ lich geblutet, und ihm die Kraft benommen. Es wird aber vorübergehen, und er wahrſcheinlich Einiges dabei lernen.“ „Ich freue mich, daß es ſo iſt,“ ſprach George,„ich hätte mich betrübt, die Urſache ſeines Todes zu ſein, wenn es auch in gerechter Sache war.“ „Ja,“ ſagte Phineas,„Tödten iſt eine häßliche Opera⸗ tion, mag es nun Menſch oder Thier ſein. Ich war ein großer Jäger zu meiner Zeit, und ich habe niedergeſchoſſene Hirſche, die im Verenden waren, geſehen, wie ſie mich an⸗ ————————— 185 blickten mit einem Gefühle, daß es mir ſchwer wurde, ſie zu tödten, und bei menſchlichen Geſchöpfen iſt es ein noch viel ernſteres Ding, weil, wie Deine Frau ſagt, das letzte Gericht nach dem Tode kommt. Ich glaube alſo nicht, daß die Ge⸗ danken unſerer Leute zu ſtreng ſind in dieſer Hinſicht.“ „Was ſollen wir mit dieſem armen Burſchen machen?“ fragte George. „Wir fahren ihn zu Amaria. Die alte Großmutter Stephans— Dorcas,— ſo heißt ſie, iſt eine wunderbare Wärterin. Sie heilt auf ganz natürliche Weiſe, und es geht nie beſſer, als wenn ſie irgend einen zu ſich nimmt. Wir können ſo auf vierzehn Tage rechnen, daß ſie ihn behandelt.“ Ein Ritt von einer Stunde brachte die Geſellſchaft zu einem Landhaus, wo die müden Reiſenden ein reichliches Frühſtück vorfanden. Tom Looker wurde ſogleich in ein rei⸗ nes Bett gebracht, wie er es noch nie gehabt. Seine Wnn⸗ den waren ſorgfältig gereinigt und verbunden, und er lag da, die Augen ſchwer, wie ein müdes Kind, bald auf die Vorhänge, bald auf die vorübereilenden Geſtalten richtend. Hier wollen wir einſtweilen von einem Theil der Geſellſchaft Abſchied nehmen. Achtzehntes Kapitel. Miß Ophelia's Erfahrungen und Meinungen. Unſer Freund Tom verglich in ſeinen einfachen Betrach⸗ tungen das glücklichere Lvos ſeiner Gefangenſchaft mit dem von Joſeph in Aegypten und es läßt ſich nicht leugnen, daß dieſe Parallele in Verlauf der Zeit und je mehr er ſich un⸗ ter den Augen ſeines Herrn entwickelte, immer deutlicher wurde. St. Clare war gleichgültig und ſorglos in Geldſachen, bis dahin waren die Marktangelegenheiten vorzugsweiſe von Adolph beſorgt worden, welcher überdies eben ſo leichtſinnig als ſein Herr war, ſo daß dieſe Angelegenheit mit größter Geläufigkeit ihrem Auflöſungsprozeß zugeführt wurde. Tom, der ſeit Jahren gewohnt war, ſeines Herrn Eigenthum als ſein eigenes zu betrachten, ſah dieſer Verwüſtung mit einer 186 kaum zu unterdrückenden Entrüſtung zu und verſuchte in der indirecten Weiſe, welche Leuten ſeines Schlages eigen iſt, hie und da ſeinen Senf beizumiſchen. St. Clare, der ihn anfänglich nur gelegentlich in An⸗ ſpruch nahm, zog ihn, von ſeinen Leiſtungen befriedigt, mehr und mehr in's Vertrauen, bis allmälig alle dieſe häuslichen Angelegenheiten der Familie gänzlich in Tom's Hände gege⸗ ben waren. „Nein, nein, Adolph,“ ſagte er eines Tages, als der letztere darauf beſtand, jene Alleinherrſchaft zu ſtürzen,„laß Tom allein. Du weißt nur, was Du bedarfſt, Tom aber kennt den Koſtenpunkt und unſere Rolle bei dieſen Kaufan⸗ gelegenheilen möchte bedeutend zu kurz kommen, wenn wir Tom nicht die ſeinige ſpielen laſſen wollten.“ Das unbegrenzte Vertrauen eines Herrn genießend, der Rechnungen bezahlte, ohne einen Blick auf ſie zu werfen und das eingewechſelte Geld gern einſteckte, konnte nur eine Natur von der Einfachheit der unſers Tom, unter der Obhut einer ſtreng chriſtlichen Geſinnung unangefochten von der Verſu⸗ chung zur Unehrlichkeit bleiben, welcher hier ſo in verſchwen⸗ deriſchem Maaße Gelegenheit fand. Ganz anders verhielt es ſich mit Adolph, der weniger ſcrupulös und unbeaufſichtigt von einem Herrn, der es leich⸗ ter fand, Nachſicht zu üben, als Ordnung zu halten in eine Unklarheit über die Begriffe von Mein und Dein bezüglich ſeines Herrn und ſeiner ſelbſt gerathen war, welche ſogar St. Clare zuweilen auffiel. Sein richtiges Gefühl ſagte ihm, daß ſolche Aufführung ſeitens ſeiner Diener ungerecht und ge⸗ fährlich wäre. Ihn überkam dann eine Art chroniſcher Reu⸗ anfälle, welche indeß keine entſcheidende Aenderung herbei⸗ führten und nur zu bald in die erwähnte Nachſicht ausliefen. Er überſah die gröbſten Ausſchreitungen, indem er ſich einge⸗ ſtand, daß dieſe unterblieben ſein würden, wenn er ſelbſt ſeine Schuldigkeit gethan hätte. Tom betrachtete ſeinen heiteren, leichten, hübſchen, jun⸗ gen Herrn mit einer Miſchung von Unterwürfigkeit und vä⸗ terlicher Beſorgniß. Daß jener nie in der Bibel las, nie in die Kirche ging, daß er ſich über Alles luſtig machte, was in den Bereich ſeines Witzes kam, daß er die Sonntags⸗Abende in der Oper oder im Schauſpiel zubrachte, Trinkgelage, Clubs und Soupers öfter als rathſam, aufſuchte,— das waren am Ende Dinge, die Tom ſo gut als jeder Andere beurthei⸗ len konnte und auf die er die Anſicht, daß ſein Herr 6 187 „kein Chriſt“ ſei begründete, eine Anſicht, die er übrigens eben ſo ſtreng vor der Welt zurückhielt, als er ſie fleißig den Gebeten anvertraute, die er in der Einſamkeit ſeines Käm⸗ merleins in der Einfalt ſeines Herzens zum Himmel ſchickte. Damit ſoll ihm indeß nicht die Gabe abgeſprochen werden, mit dem gelegentlich ſeiner Claſſe oft ſo wunderbar eigenthüm⸗ lichen Takt ſeinem Herz Luft zu machen, wie zum Bei⸗ ſpiel an dem Tage nach dem von uns beſchriebenen Feſte, wo St. Clare, der Einladung jenes ausgewählten Conviviums folgend, zwiſchen ein und zwei Uhr in der Nacht in einer Verfaſſung nach Hauſe gebracht wurde, welche ſeiner phyſi⸗ ſchen Beſchaffenheit entſchieden die Herrſchaft über die geiſtige eingeräumt hatte. Tom und Adolph trugen das Ihre dazu bei, dieſelbe wenigſtens ſo weit es für die Nacht unentbehr⸗ lich war, in's Gleichgewicht zu bringen, der Letztere freilich über die Maaßen erbaut uud den Schreck unſers guten Toms verlachend, der weit entfernt von der vorgeſchrittenen Auffaſ⸗ ſung Adolphs, einfältig genug war, den Reſt jener Nacht wachend und auf den Knieen für ſeinen jungen Herrn betend zuzubringen. „Warum warteſt Du, Tom?“ fragte St. Clare am andern Tage, als er in ſeiner Bibliothek im Hausrock und Pantof⸗ fein ſaß und bemüht war, ſeinen treuen Diener durch Geld und verſchiedene Aufträge einigermaßen zu tröſten.„Iſt nicht Alles, wie es ſoll?“ fügte er hinzu, als Tom noch immer wartend ſtehen blieb. „Mir iſt gar nicht recht, Herr,“ ſagte Tom mit ernſtem Geſicht. St. Clare legte ſeine Zeitung hin, ſetzte ſeine Taſſe fort und ſah Tom an. „Warum, Tom, was giebt's? Du ſtehſt da ſo feierlich wie ein Bücherſchrauk.“ „Mir iſt ſchlecht zu Muthe, Herr; ich habe immer ge⸗ glaubt, der Herr wären gut mit Jedermann.“ „Nun, Tom, bin ich's nicht geweſen? Komm' her, ſage, was Dir fehlt; ich wette, Du haſt was auf dem Herzen und das iſt nun die Vorrede dazu.“ „Der Herr ſind allezeit gut gegen mich. Ich für mein Theil habe mich über nichts zu beklagen; aber ich weiß einen, gegen den der Herr nicht gut ſind.“ „Was ſoll's, Tom, was haſt Du vor, ſprich, ich ver⸗ ſtehe Dich nicht.“ 185„ „Ich meine,— vergangene Nacht zwiſchen Eins und Zwei,— ich habe darüber hin und her gedacht und meine: der Herr ſeien nicht gut gegen ſich ſelbſt.“ Tom ſagte dies abgewandt von ſeinem Herrn und mit der Hand an der Thürklinke. St. Clare fühlte ſich von einer Scharlachröthe übergoſſen, indeß— er lachte. „Oh, iſt das Alles?“ ſagte er leichtfertig. „Alles!“ ſagte Tom, tndem er ſich plötzlich umwandte und auf die Kniee fiel.„O mein theurer junger Herr! Ich fürchte, es möchte Alles, Alles, Körper und Seele verloren ſein. Das heilige Buch ſagt: Es beißt wie eine Schlange und ſticht wie eine Natter,— mein theurer Herr!“ Tom's Stimme ſtockte und Thränen rannen über ſeine Backen. „Guter, ehrlicher Menſch!“ ſagte St. Clare, dem nun ſelbſt die Thränen in den Augen ſtanden. Steh' auf, Tom, ich bin nicht werth, daß Du über mich weinſt.“ Aber Tom wollte nicht aufſtehen, ſondern ſchlug nur ſeine mit Thränen gefüllten Augen auf. „Wahrhaftig, ich will nie wieder dieſen Unſinn mit⸗ machen, Tom,“ ſagte St. Clare; bei meiner Ehre, ich thu's nicht. Ich begreife in der That nicht, wie ich ſo lange mich habe damit abgeben können. Ich habe es und mich felbſt immer verabſcheut, daß ich mich dazu hergab. So, guter Tom, trockne Deine Augen, und gehe nun an Deine Geſchäfte. Komm', komm',“ fügte er hinzu,„keine Umſtände. Ich bin lange nicht gut genug dazu,“ ſagte er, als er Tom zur Thüre hinzog,„ich verpfände Dir meine Ehre, Tom, Du ſollſt mich ſo nie wieder ſehen,“— und Tom ging hinaus, mit der größten Genugthuung ſeine Augen trocknend. „Ich will mit ihm um die Wette treu ſein,“ ſagte St. Clare, ihdem er die Thüre ſchloß. Und St. Clare that es auch, da große Sinnlichkeit nicht gerade ſeine ſchwächſte Seite war. Wer aber vermöchte die mannigfachen Trübſale unſerer Freundin Miß Ophelia zu beſchreiben, welche die Arbeiten einer mittägigen Haushälterin in Angriff genommen hatte. Was die Dienerinnen der mittägigen Haushalthngen betrifft, ſo kann es auf der Welt Nichts geben, was mannich⸗ faltigere Verſchiedenheiten darbietet, es ſeien denn die Cha⸗ raktere und Talente der Herrinnen, denen jene ihre Erzie⸗ hung verdanken. 189 Im Süden wie im Norden giebt es zweifelsohne Frauen, welche ein ausgezeichnetes Talent im Befehlen und in jeder Art von Erziehung entwickeln. Dahin möchten auch die zu zählen ſein, welche die Fä⸗ higkeit beſitzen, ohne Geräuſch und beſondern Aufwand an Strenge ihren Willen durchzuſetzen und durch geſchickte Aus⸗ gleichung des Mangelnden und Ueberflüſſigen, Uebereinſtim⸗ mung und Syſtem nach allen Seiten hin in ihren kleinen Staat zu bringen. Zu den Haushälterinnen dieſer Art gehörte Mrs. Shelby, deren ſich unſere Leſer noch erinnern werden. Stand ſie in der mittägigen Zone als ausgezeichnet da, ſo möchte das eben dadurch zu begründen ſein, daß es auf der ganzen Welt über⸗ haupt nur wenige ihres Gleichen gab. Haushälterinnen die⸗ ſer Art möchten, wie geſagt, im Süden nicht häufiger als anderswo gefunden werden, überall aber werden ſie die glän⸗ zendſte Gelegenheit finden, ihre häuslichen Talente zu ent⸗ falten. Was ihr Vorhandenſein bezüglich Marie St. Clare's betriſſt, ſo möchte daſſelbe bei ihr nicht vergeblicher als vor⸗ mals bei ihrer Mutter geſucht werden können. Sorglos und kindiſch, unvorſichtig und unſyſtematiſch, wie ſie war, war es ein Wunder geweſen, wenn Dienerinnen unter ihrer Führung nicht dieſelbe Richtung eingeſchlagen hätten, ſie hatte daher auch Miß Ophelia nur volle Gerechtigkeit wiederfahren laſſen, wenn ſie ihr die Verwirrungen zuſchrieb, an denen die Fa⸗ milie zu laboriren hatte, obwohl ſie dabei freilich die auf ſie ſelbſt zurückführende Urſache außer Acht gelaſſen hatte. Am erſten Morgen ihrer Regierung war Miß Ophelia ſchon um 4 Uhr aufgeſtanden, und nachdem ſie zum größten Erſtaunen des Kammermädchens auf die Aufräumung ihres ei⸗ genen Zimmers ein Maaß von Sorgfalt verwendet hatte, wie ſeitdem niemals wieder, ſchickte ſie ſich an auf die ührigen Gemächer und Kammern der Wohnung, zu denen ſie die Schlüſſel führte, einen ähnlichen Angriff zu wagen. Vorrathsräume, Leinen, Wäſche, Porzellanſchränke, Küche, Keller, Alles wurde der ſtrengſten Beſichtigung unterworfen, die verborgenſten Dinge wurden aus ihrer Dunkelheit ans Licht gebracht mit einer Gründlichkeit, welche einen förmlichen Aufſtand unter den Würdenträgern der Küche und Kammern hervorriefen, und Ausbrüche eines murmelnden Erſtaunens, ob das etwa„nordiſche Damen⸗Morde“ wäre, im Domeſtiken⸗ Zimmer laut werden kieß. * 190 Die alte Dinah, war die Haupt⸗Köchin und die Herrin des Küchen⸗Departements, voll Zorn über Alles, was ſie für einen Eingriff in ihre Rechte betrachtete. Kein Lehnsherr in den Zeiten der Magna⸗Charta konnte einem Einpſruch der Krone, ernſtlicheren Widerſtand leiſten. Dinah war ein eigen⸗ thümlicher Charakter, und es wäre ein Unrecht gegen ihr An⸗ denken, würden wir dem Leſer ihre Schilderung vorenthalten. — Sie war eine geborne vorzügliche Köchin, in ihrer Art ganz das, was Tante Chloe, die ein hervorragendes Talent unter der Afrikaniſchen Race war. Aber Chloe that Alles methodiſch, ſie bewegte ſich in einem regelmäßigen Geſchirr, wohingegen Dinah, ein ſelbſtſchaffendes Genie war, und wie Genies ſtets eigen, war auch ſie eigenſinnig und halsſtarrig bis zum höchſten Grade. Wie eine gewiſſe Klaſſe unſerer modernen Philoſophen, wußte Dinah in jedes Muſter Vernunft und Uebereinſtimmung zu bringen, und nahm ſtets Zuflucht zu anſchaulicher Gewiß⸗ heit, und hierin war ſie nicht wankend zu machen.— Keine Erklärung, keine überzeugende Gründe, konnten ſie zu dem Glauben bewegen, daß ein Weg beſſer ſei, als der ihre oder daß die Art, die ſie befolge, im geringſten geändert werden könne. Dies war ein gewichtiger Punkt, mit Mariens Mutter, ihrer alten Herrin, geweſen, und Fräulein Marie, wie ſie dieſelbe, trotz der Verheirathung noch nannte, hatte es leichter gefunden, ſich Dinah's Anſicht zu unterwerfen als zu ſtreiten, und ſo hatte letztere die Oberhand.— Das war das Leichteſte, Sie war Meiſterin in der Art der Politik, wo äußerſter Bei⸗ ſtand der Handlung ſich mit äußerſter Unnachgiebigkeit ver⸗ bindet, je nachdem.— Dinah verſtand die Kunſt des Rechtfertigens nach allen Seiten hin.— In der That war es ein Asciom bei ihr, eine Köchin könne nicht Unrecht begehen, und in ſüdlichen Küchen giebt es ſo unzählige Schultern und Köpfe auf die eine Köchin, die Schuld abſchütteln kann, daß ſie ſtets in ihrer Unbeflecktheit rein daſteht.— Mißlang ein Gericht der Mit⸗ tagsmahlzeit, ſo gab es fünfzig gute Gründe dafür, und es war ſicherlich der unzweifelhafte Fehler von funfzig andern Leuten, welchen Dinah mit ungeſpartem Zorne begegnete. Aber es kam ſelten vor, daß der Dinah ein Gericht mißlang, obgleich ihre Art ohne jede Berechnung war, ihre Küche hatte ſtets ein Anſehen, als ſei ein Orkan mit ſeinem zerſtörenden Hauche darüber hingezogen, für jedes Kochgeräth hatte ſie ſo viel Orte als es Tage im Jahr giebt— hatte 6 191 man indeſſen die Geduld, die Zeit abzuwarten, ſo erſchien eben ein Mittagsmahl in ausgezeichneter Ordnung und in ſo außergewöhnlichem Styl der Zubereitung, daß ſelbſt ein Epicuräer keine Tadel entdeckt haben würde.— Eben war die Zeit des Anfangs der Mittagsmahlzeit, Dinah gebrauchte hierzu lange Pauſen der Ueberlegung und der Ruhe, ſie ſaß auf dem Boden der Küche mit einer klei⸗ nen kurzen Pfeife im Munde, der ſie ſehr geneigt war, und die ſie gleich einer Rauchpfanne anzündete, wenn ſie das Bedürfniß empfand, ſich für ihre Unternehmungen zu begei⸗ ſtern, auf dieſe Weiſe rief ſie die häuslichen Muſen an.— Um ſie herum waren alle die Glieder verſammelt, die zu einem Hausſtande hier im Süden nothwendig gehören;— alle verſchieden beſchäftigt, einige ſchälten Kartoffeln, andere enthüllten Erbſen, und dergleichen Vorbereitungen mehr. Dann und wann unterbrach Dinah, ihre Betrachtungen, um mit dem neben ihr liegenden Mehlfpeiſenſtock einer oder der andern Arbeiterin einen Stoß an den Kopf zu verſetzen.— In Wahrheit, Dinah, regierte mit eiſerner Ruthe, die Köpfe der jüngern Glieder, und ſie ſchienen ihr nur zu dem Zweck geboren, ihren Schritten zu folgen, das war der Geiſt des Syſtems in dem ſie aufgewachſen war;— und ſie führte es im vollſten Sinne aus. Nachdem Fräulein Ophelia alle Orte des Etabliſſements durcheilt war, gelangte ſie in die Küche.— Dinah hatte ſchon von verſchiedenen Seiten her erfahren, was bevorſtand und der Entſchluß war in ihr gereift, hartnäckig ſich zu behaupten, und jede Neuerung unbeachtet zu laſſen. Die Küche war ein langes Gemach, mit einem großen, altmodiſchen Heerde an der einen Seite, den Herr St. Clare umſonſt verſucht hatte, mit einem modernen zu vertauſchen, wovon Dinah nicht zu überzeugen war. Dinah erhob ſich nicht, als Fräulein Ophelia in die Küche trat, ſondern rauchte mit einer erhabenen Ruhe weiter; obgleich ſie mit dem Augenwinkel ihre Bewegungen beobachtete, ſchien ſie nur den Beſchäftigungen auf dem Boden zugewandt. Fräulein Ophelia begann einen Schubkaſten hervorzu⸗ ziehen. „Wozu iſt dieſer Kaſten, Dinah?“ fragte ſie. „Es iſt allerlei hineinzulegen,“ ſagte Dinah.“ Und das bewies er durch den Inhalt. Zuerſt zog Fräulein Ophelia eine ſeine Damaſt⸗Tiſchdecke hetvor, die mit Blut beſchmutzt 192 war, indem man ſie benutzt hatte, rohes Fleiſch darin zu wickeln. „In die beſten Decken Ihrer Dame legen Sie rohes Fleiſch, Dinah.“ „O, Gott! Fräulein nein.— Die Handtücher waren nicht da, da nahm ich es, ich legte es hier zum Waſchen hin.“— Leichtſinnig!“ ſagte Ophelia zu ſich ſelbſt, als ſie den Inhalt des Kaſtens weiter unterſuchte und Allerlei darin fand, als: ein paar beſuldelte Madras⸗Taſchenbücher, Tabak, ein methodiſtiſches Geſangbuch und allerlei Gegenſtände. „Wo verwahrſt Du Deine Muskat⸗Nüſſe?“ fragte Ophe⸗ lia, mit einer Miene, die um Geduld bittet. „Bald hier, bald dort,“ ſagte Dinah. „Anch hier im Reibeiſen ſind welche,“ ſagte Ophelia und hob es auf. „Da legte ich ſie dieſen Morgen hin, Fräulein,“ ant⸗ wortete ſie,„ich habe Alles gern beiſammen.— Warum hörſt Du auf Jake, Du wirſt es verſchütten, ſei ruhig, Du,“ und damit erhielt der Verbrecher einen Stoß. „Was iſt denn Das?“ fragte Ophelia und erhob eine Terrine, mit Pomade gefüllt. „Das iſt mein Haarfett; ich that es hinein, um es bei der Hand zu haben.“ „So gehn Sie mit den Sachen Ihrer Herrin um, daß Sie die beſte Terrine dazu anwenden.“ So verfuhr Ophelia, und nachdem ſie noch Vielerlei geordnet und mit eigenen Händen umgeſtaltet und gereinigt hatte, wandte ſie ſich an Dinah und ſagte: Ich gehe überall herum und bringe Alles in Ordnung, ſo die Küche und ich hoffe, es wird ſo bleiben, ſie werden es ſo erhalten.“— Dinah brummte im halblauten Tone: das ſei ein eigenthümlicher Gebrauch bei Nordländerinnen, ſie habe nie gehört, daß eine Dame ſich um Küchenangelegenheiten kümmere; ihre alte Herrin und die jüngere hätten das nie gethan. Ihr ſei es ſchrecklich, wenn Damen ſich um ſie herum bewegten; ſie müſſe ſelber wiſſen, wohin ſie ihre Sachen legte, damit ſie ſie ſchnell wieder finden könne. Man mußte es Dinah laſſen, daß ſie in der That zuweilen Parorysmen von Ordnungsliebe hatte, in denen ſie Alles rings umher warf, Kaſten, Tiſche und Geräthſchaften; das hieß bei ihr Ordnung in ihr Regiment bringen. Dennoch konnte ſie keine Verbeſſerungen in den Haushalt bringen. Nachdem Ophelia 193 die Küche verlaſſen hatte, fand eine Unterhaltung des dienen⸗ den Perſonals in derſelben ſtatt, zwiſchen Roſa und Jane, den Jungfern der Herrin, und Adolph, dem Diener des Herrn, St. Clare. Gegenſtand der Unterhaltung war der morgen ſtattfindende Ball. Plötzlich wurden ſie durch die Stimme des Herrn St. Clare unterbrochen, der ſich am äußerſten Ende der Treppe zeigte und den Adolph fragte: ob er die ganze Nacht mit dem Repariren des Raſirzeuges zubringen wolle. Gleichzeitig erſchien Fräulein Ophelia, aus dem Speiſezimmer kommend, und befahl der Jane und Roſa, anſtatt hier die Zeit zu verplaudern, ihr Mouſſelin fertig zu machen. Tom, der auch an der Unterhaltung in der Küche Theil genommen hatte, war der alten Prne, einer Frau, die im halb trun⸗ kenen Zuſtande, mit einem Korbe beladen, in die Küche ge⸗ kommen war, auf die Straße hinaus gefolgt. Er erbat ſich, ihr den ſchweren Korb abzunehmen. Unter fortwährenden Ausrufungen:„O wär' ich nur erſt todt!“ verweigerte ſie dies. Auf die Vorwürfe, welche Tom ihr über ihre Trunken⸗ heit machte, erwiderte ſie wiederholt: daß dies das einzige Mittel ſei, ihre Leiden zu vergeſſen. Damit verſchwand ſie. Traurigen Blicks ging Tom in das Haus zurück, wo ihm die kleine Eva mit einem Kranze von Tuberroſen im Haare entgegenkam. „Ach Tom, ich bin recht froh, daß ich Dich finde! Papa hat mir geſagt, Du würdeſt die Pony's holen und mit mir ſpazieren fahren. Warum ſiehſt Du ſo traurig aus?“ „Ich fühle mich nicht wohl, Miß Eva,“ ſagte Tom be⸗ truͤbt;„aber ich will doch die Pferdchen für Sie holen.“ „Aber was in aller Welt iſt der Grund Deiner Traurig⸗ keit? Ich ſah Dich mit der alten Prue ſprechen.“ Tom erzählte ihr in einfachen, ernſten Worten den Zu⸗ ſtand, in der er die alte Prue gefunden. Das Kind weinte nicht, aber ſeine Wangen wurden bleicher und ein Schatten tiefen Ernſtes bedeckte dieſelben., „Du brauchſt die Pferde nicht, ich will nicht ausreiten,“ ſagte Eva zu Tom;„di⸗ Geſchichte iſt mir zu Herzen gegan⸗ gen,— ich will nicht die Pferde.“ Damit ging ſie in's Haus. 6 Nach mehreren Tagen erſchien eine andere Frau mit Zwieback, ſtatt der Prue, und erzählte auf Dinah's Fragen, Prue habe ſich zu Tode getrunken und die andere hätten ſie gepeitſcht.— Eva war gegenwärtig bei der Erzählung, und als Dinah ſah, wie blaß das Kind wurde, ſagte ſie: 13 194 „Wie unrecht, ſo in des Kindes Gegenwart zu ſprechen.“ Doch ſie erwiderte: „Für Prue mag es ſchrecklicher geweſen ſein, zu leiden, als für mich, es zu hören.“ Ophelia ging hinauf in St. Clare's Zimmer, den ſie die Zeitung leſend fand, und ſagte ihm, wie ſchrecklich die Leute mit der Prue verfahren wären. 2 „Ich dachte, es würde ſo kommen,“ ſagte St. Clare, weiter leſend.. „Du dachteſt es und thateſt nichts für ſie?“ „Was iſt zu thun, wenn die Menſchen ſelbſt ihr Recht vergeben. Sie war taub gegen Ermahnungen und eine Säu⸗ ferin; da iſt es ſchwer, Theilnahme für ſie zu erregen.“ „O das iſt entſetzlich, Auguſtin, das wird von Dir Recht⸗ fertigung fordern, Unheil über Dein Haupt bringen.“— „Theure Couſine, ich kann es nicht ändern, wollte Gott, ich wäre es im Stande, aber dies Volk hat ſeine Selbſtcon⸗ trolle, ſie ſind Despoten unter ſich. Da nützt es nichts, ſich hineinzumiſchen. Das Beſte iſt, unſere Augen und Ohren zu ſchließen, und ſie gewähren zu laſſen iſt das einzige Mittel für uns.“ „Wie kann man da ſchweigen, wie iſt das möglich?“ St. Clare beſchwichtigte ſie, indem er ſagte:„Dieſe Menſchen ſind roh, unculkivirt uad anerkennen keine Ueber⸗ legung. Wie kann ein Menſch von feinerem Gefühl ſich da anders helfen, als indem er Aug' und Ohr ſchließt. Ich kann nicht jeden armen, nichtswürdigen Menſchen kaufen, denn ich ſehe, ich kann nicht jede unrechte That unterſuchen in einer Stadt wie dieſe.“— St. Clare's feines Geſicht ſah gelangweilt aus, doch plötzlich nahm es ſein heiteres Lächeln wieder an. „Du mußt Dich nicht betrüben, theure Couſine,“ ſagte er. „Wenn man in all' die tiefen Schmerzen des Lebens blicken würde, hätte man zuletzt kein Herz mehr zum Trauern; ver⸗ giß den Vorfall in Dinah's Küche,“ ſagte er und beugte ſich wieder über ſein Blatt.— Ophelia ſetzte ſich, ſchwieg und häkelte. Nach geraumer Zeit brach ſie das Schweigen mit den Worten: „Daß Du, Auguſtin, dies Syſtem vertheidigſt, iſt uner⸗ „Schon wieder das Thema! Wer ſagt Dir, daß ich es vertheidige?“ *„ 195 „Gewiß thuſt Du es, und ihr Alle, ihr Südländer, wozu hättet ihr ſonſt Sklaven, wenn ihr es nicht thätet?“— „Biſt Du eine ſo ſüße Unſchuld, daß Du glaubſt? Kein Menſch thut das doch, was er poſitiv für Unrecht hält, und Du ſelbſt, haſt Du nicht ſchon oft Etwas gethan, was Du für Unrecht befandeſt?“— „Wenn ich es that, bereue ich es, hoffe ich.“ ſagte Ophe⸗ lis, mit Energie weiter arbeitend. „Das thue auch ich,“ ſagte St. Clare, ſeine Apfelſine ſchälend,„und bedaure es alle Zeit.“ „Was fühlſt Du dabei, wenn Du abſichtlich Unrecht thuſt? Bereuſt Du es immer, wenn Du Unrecht handelſt, meine liebe Couſine?“ „Ja, nur wenn ich gewiß bin,“ ſagte Miß Ophelia. „Ja, ich bin ſehr gereizt,“ erwiderte St. Clare;„das iſt eben mein Uebel.“ „Du haſt in Allem Recht, was Du ſagſt, Couſin,“ ſprach Ophelia,„und ich möchte glauben, mein Hierſein iſt Dir läſtig.“ „Nein,“ ſagte St. Clare, indem er niederkniete und ſeinen Kopf in ihren Schvoß legte;„Du weißt, ich war jeder⸗ zeit ein unnützer Knabe, und that Alles Dir zum Trotz, um eine ernſte Miene bei Dir zu erblicken.“ „Aber es iſt ein ernſter Gegenſtand, mein Junge,“ ſagte Ophelia und legte ihre Hand auf ſeine Stirn. „Ja, ich ſpreche bei heißem Wetter nicht gerne ernſthaft, wo Mosquitos mich plagen und ich glaube,“ ſagte St. Clare, indem er ſich ſchnell erholte,„darin liegt es auch, daß nörd⸗ liche Naturen tugendhafter ſind als wir im Süden.“ „O! Auguſtin, Du ſcherzeſt immer.“— „Ich will mich bemühen, ernſthaft zu ſein, und Du ſchäle und tranchire mir dieſe Apfelſine.“— Und nun begann er ihr zu erklären, daß nur ſehr reiche Pflanzer auf ihre Sklaven, durch Prediger und Bibel, ein⸗ wirken könnten, was dann nicht ginge, das ſei Schuld des Teufels.— Lange hatte St. Clare geſprochen, und zuletzt war er ſo erregt, daß Ophelia ihn anſtarrte und regungslos daſaß, ſeiner Rede lauſchend. Sie hatte ihn nie zuvor ſo geſehen. „Ich ſage Dir,“ und mit dieſen Worten blieb er vor ſeiner Couſine ſtehen,„es iſt nicht gut, über dies Thema zu denken oder zu ſtreiten. Aber einſt gab es eine Zeit, da drängte ſich mir der Gedanfe auf, das g wird ſin⸗ 1 ⁰ —— 196 ten mit ſeinem Elend und ich werde mit ihm untergehen, gern, mit Freuden, wenn ich reiſte und ſah, daß Jeder von uns Weißen berechtigt war, Despot über Männer, Weiber und Kinder zu werden; wenn ich ſah, wie ſolch elender Wicht, der das Geld geſtohlen oder durch Spiel erworben hatte, herzlos mit Kindern und jungen Mädchen umging, dann ver⸗ fluchte ich mein Vaterland, das ganze Menſchengeſchlecht.“ „Auguſtin!“ ſagte Ophelia,„ich bin ſicher, Du haſt genug geſagt, nie in meinem Leben hörte ich Aehnliches, ſelbſt im Norden.“ „Im Norden, ach ihr im Norden ſeid kalthlütig; ihr könnt nicht den Hügel verwünſchen, wenn ihr hinauf und hinab ſteigt, ihr ſeid kalt in Allem.“— „Aber die Frage iſt, ſagte Ophelia.“ „Ja die Frage iſt, und ein Teufel von einer Frage. Wie kamſt Du in dies Land der Sünde und des Elends?— Schön, ich werde in der guten Art antworten, wie Du mich Sonntag lehrteſt.— Ich kam durch die Geburt her, die Die⸗ ner gehörten meinem Vater und meiner Mutter, und jetzt ge⸗ hören ſie mir, ſie und ihre Nachkommen, welches ein hübſches Einkommen bildet.— Du weißt, daß mein Vater von New⸗ England kam, und ganz das Gegentheil von Deinem Vater war, voll Energie, Edelmuth, großſinnig und mit eiſernem Willen.— Dein Vater ſiedelte ſich in New⸗England an, um Steine und Felſen zu regieren, der Meine in Louiſiana, um über Männer und Weiber zu gebieten und bildete ſich aus ihnen eine Exiſtenz.— Meine Mutter,“ fuhr St. Clare fort, und ſchritt auf ein Portait am Ende des Zimmers zu, das er mit einem tiefen Blick der Verehrung betrachtete,„ſie war göttlich, heilig; ſieh' mich nicht ſo an, Du weißt was ich meine; ſie war ſterblich geboren, aber ſo weit ich ſchauen konnte, war ſie, frei von jeder menſchlichen Schwäche und Irrthum, und jeder, der ſie überlebt hat,— ob Freier oder Sklave, Verwandter oder Fremder, oder Diener, alle ſagen daſſelbe—. Dieſe Mutter war für Jahre mein Schutzgeiſt, ſie war mir das neue Teſtament, eine lebendige That,— O Mutter, Mutter,“ ſagte St. Clare, indem er ſeine Hände mit Inbrunſt faltete. Sich plötzlich ermannend, kam er zurück, und ſetzte ſich auf ein Ruhebett.—„Mein Bruder und ich, wir waren Zwillinge, und die Menſchen ſagen, daß ſolche ſich in Allem gleichen. Doch wir waren ſtets Gegenſätze, äußerlich und innerlich. Er war mit ſchwarzen, feurigen Augen, von ernſtem, feinem römiſchen Profile, und brauner Geſichtsfarbe, —— 197 ich hatte blaue Augen, goldenes Haar, griechiſche Züge und feine Geſichtsbildung, er thätig und fleißig, ich ſtets träumend und unthätig.— Er war treu aus Stolz und Muth, ich aus Idealität. Wie Knaben gewöhnlich in der Jugend, liebten wir uns ſehr, er war des Vaters, ich der Mutter Liebling.— Mein Vater und Bruder dachten und fühlten über Vieles anders als ich, weshalb keine Sympathie zwiſchen uns be⸗ ſtand, aber die Mutter verſtand mich, und wenn ich mit Al⸗ fred ſtritt, und der Vater ernſt mich anſah, dann pflegte ich zur Mutter ins Zimmer hinauf zu gehen, und mich ſiill zu ihr zu ſetzen. Ich vergegenwärtigte mir den ſanften Blick, das bleiche Geſicht und das weiße Kleid, das ſie ſtets zu tragen pflegte. So ſchwebten mir die Heiligen vor, die ſtets weißes Linnen umhüllt.— So hatte ſie ein Talent für Muſik, und ſaß an ihrer Orgel und ſpielte alte herrliche chriſtliche Muſi, die ſie mit ihrer Engelsſtimme begleitete. Dann war mir ſo wohl, ich legte den Kopf auf ihre Kniee, und träumte, was Worte nicht wiedergeben können.— In jenen Tagen wurde die Sklaverei nicht betrachtet, wie jetzt. Niemand fand etwas Strafbares darin.— Mein Vater, ein geborner Ariſtokrat, verpflanzte dieſen Stolz auf meinen Bruder, der ſein Ebenbild war. Und Du weißt, ein Ariſtokrat hat keine Sympathie für eine gewiſſe Klaſſe der Geſellſchaft.— Unter ſeines Gleichen, konnte kein Menſch gerechter ſein als er, doch die Neger betrachtete er als ein Verbindungsmittel zwiſchen Menſch und Thier, und verleugnete all' ſeine Ideen von Gerechtigkeitsliebe und Menſchlichkeit dieſer Hypotheſe. Er hatte keine religiöſen Ge⸗ fühle, obgleich eine Verehrung für Gott, als das Haupt der höhern Geſellſchaft.— Einige fünfhundert Neger arbeiteten unter ihm, er war unnachgiebig ein ſtrenger Geſchäftsmann, Alles mußte ſeinem Syſtem nach, pünktlich befolgt werden.— Du kannſt denken, daß einem gefühlvollen Kinde, wie ich es war, dies Alles entſetzlich erſchien— dazu hatte er einen Aufſeher, einen großen magern Mann, der die Hartherzigkeit durch Gewohn⸗ heit zur höchſten Stufe gebrachte hatte. Meine Mutter konnte ihn nie ausſtehen,— ich auch nicht, doch er hatte eine ſel⸗ tene Gewalt über meinen Vater, und dieſer Mann war ab⸗ ſoluter Despot über die Beſitzung. Damals als kleiner Knabe, hatte ich dieſelbe Vorliebe für alle menſchlichen Weſen wie heut, eine Art Leidenſchaft für das Studium der Menſchheit. 198 Oft fand man mich in den Hütten und auf dem Felde, zwiſchen Arbeitern, manche Klage und Beſchwerde wurde in mein Ohr geflüſtert, ich war der Liebling Aller. Meine Mutter und ich, wir ſchmiedeten Pläne, wie den Beſchwer⸗ den abzuhelfen ſei, wir verhinderten viel Grauſainkeiten, und freuten uns des Guten, das wir thaten. Oft ge⸗ ſchah es, daß ich meinen Eifer übertrieb. Stubbe, der Auf⸗ ſeher, beſchwerte ſich deshalb bei meinem Vater, der obgleich ein guter Ehemann, meiner Mutter in ſehr ehrfurchtsvollen Worten ſagte, über das Hausgeſinde ſei ſie unumſchränkte Herrin, doch das Feldvolk ſtehe allein unter ſeinem Regiment, und er bitte ſie dringend ſich in Nichts zu miſchen;— er liebte und achtete meine Mutter mehr als alle menſchliche Weſen, doch der heiligen Jungfrau hätte er es verboten, in ſein Syſtem einzugreifen.— Dft hörte ich Unterredungen zwiſchen Beiden, in denen meine Mutter ihm Sympathien für ihre Denkungsart abzugewinnen ſuchte, doch dann war das Ende, daß er ſagte: ſchaffe ich Stubbe ab, oder nicht? Er, ein Muſter von Pünktlichkeit! Neunzehntes Kapitel. Topſn. Als Ophelia eines Morgens mit ihren wirthſchaftlichen Arbeiten beſchäſtigt war, hörte ſie St. Clare's Stimme unten an der Treppe: „Couſine, komm herab! ich muß Dir etwas zeigen!“ „Was iſt's!“ rief Ophelia, als ſie mit ihrem Nähzeug herabkam. „Ich habe etwas für Dein Revier angekauft— ſchau her!“ Bei dieſen Worten führte St. Clare ein kleines Neger⸗ mädchen von acht bis neun Jahren herbei. Sie war ſchwarz wie Ebenholz, und ihre kleinen, glitzern⸗ den Augen fuhren mit raſtloſer Beweglichkeit über alles im Zimmer Enthaltene umher. Ihr über alle die ſich darbieten⸗ den Herrlichkeiten gaffender offener Mund zeigte Zähne von der Weiße des Elfenbeins. Ihr wolliges Haar war in eine Unzahl kleiner Zöpfe geflochten, die nach allen Richtungen ab⸗ ſtanden. Ihre Züge drückten die ihrer Race eigene Liſt und Verſchlagenheit aus, während gleich einem Schleier eine eigenthümliche, komiſche Ernſthaftigkeit und Würde auf dem⸗ —— ———— 199 ſelben ausgebreitet lag. Sie trug weiter nichts als ein Kleid vom gröbſten Stoff und ſtand aufrecht mit gefalteten Hän⸗ den da. Ihre ganze Erſcheinung hatte etwas ſo Koboldartiges und wie Miß Ophelia bemerkte: Heidniſches, daß die gute Dame äußerſt erſchreckt ſagte: „Aber Couſin, was bringſt Du mir da für ein Ge⸗ ſchöpfe 4 „Du ſollſt es erziehen und heranbilden. Sie ſchien mir ein intereſſantes Exemplar der Jim⸗Crow⸗Race zu ſein, wes⸗ halb ich ſie kaufte.— Heda! Topſy!“ rief er zum kleinen Mädchen,„ſinge einmal, und laß Deine Tanzkunſt ſehen.“ Ihre kleinen Glasaugen funkelten ſeltſam und das kleine Balg ſtimmte mit ſcharfer, kreiſchender Stimme eine jener wunderlichen Negerweiſen an, mozu ſie den Takt mit beiden Händen und Knieen aneinander ſchlug, indem ſie ſich wie ein Kreiſel drehte, und alle die phantaſtiſchen Kehllaute hören ließ, die bei den wild aufwachſenden Kindern des Senegal ſich ſo eigentlich finden, machte ſchließlich ein paar ſchnelle Burzelbäume, ſtieß einen gellenden Schrei aus und ſtand dann wieder kerzengrade mit gefalteten Händen ſtill, mit den Au⸗ gen fragende Blicke auf die Zuſchauer werfend. Miß Ophelia war ſtumm vor Erſtaunen. Der ſchalkhafte St. Clare ſchien ſich ſehr darüber zu be⸗ luſtigen und ſprach dann weiter zu dem Kinde: „Topſy, das iſt Deine neue Herrin! ich übergebe Dich ihr ganz zu eigen; führe Dich gut auf.“ „Ja, Maſter!“ antwortete Topſy mit dem feierlichſten Ernſt, aber mit ſpöttiſch fragendem Blick. „Aber Auguſtin was ſoll das nur bedeuten?“ fragte noch immer verblüfft Ophelia.„Das ganze Haus ſteckt voll ſol⸗ cher kleiner Plagegeiſter, daß man keinen Fuß vor den an⸗ dern ſetzen kann,— ſteht man des Morgens auf, ſo liegt hinter der Thür einer, unterm Bette ein anderer, und unter dem Tiſch wieder einer, und nun bringſt Du noch mehr dergleichen.“ „Du ſollſt ſie erziehen. Du ſprichſt ſoviel von Deiner Kunſt des Erziehens, und da konnte ich es mir nicht verſa⸗ gen, Dir ein ganz friſch eingefangenes Eremplar mitzubrin⸗ gen, worin Du Deine Verſuche machen kannſt.“ „Ich mag nichts mit ihnen zu ſchaffen haben, es ſind ja deren genug im Hauſe, mit denen ich mich beſchäftigen könnte.“ 200 „So ſeid ihr nun, ihr Moralitäts⸗Prediger,“ rief St. Clare aus.„Heiden⸗Bekehrung wollt ihr befördern, unter⸗ ſtützt die Miſſionäre, aber ſelbſt einen Heiden zu bekehren, dazu ſeid ihr nicht zu bringen. Dann ſind ſie unreinlich, zu ekelhaft, zu dumm, und dergleichen mehr.“ „Auguſtin, Du weißt, daß ich auf ſolche Weiſe nicht daran denke,“ lenkte Ophelia ein,„Du haſt recht, man könnte hier am beſten das gute Werk der Bekehrung eines Neben⸗ menſchen vollbringen,“ fügte ſie hinzu, indem ſie den Gegen⸗ ſtand des Geſpräches mit etwas mildem Blicke betrachtete. St. Clare hatte das rechte Mittel ergriffen, Opheliens Gewiſſenhaftigkeit geltend zu machen. „Ich ſollte Dich eigentlich um Verzeihung wegen meiner nichtsnutzigen Rede bitten. Der Grund iſt einfach der, ich entriß das arme Geſchöpf ſeiner trunkſüchtigen Herrſchaft aus einer gemeinen Boutigue, wo ich oft vorbeigehe, weil mich jammerte, das Kind ſtets ſchlagen und mißhandeln zu ſehen. Dann kam noch hinzu, daß ſie ſo drollig war, und ich wollte verſuchen ob nichts Geſcheutes aus ihr zu machen wäre. Gieb ihr eine ſtrenggläubige, neuengliſche Erziehung und ſuche ſie zu bilden. Ich habe die Fähigkeit dazu nicht, die ich bei Dir vorausſetze.“ „Ich will thun was in meinen Kräften ſteht,“ ſprach Ophelia, und näherte ſich ihrer Pflegebefohlenen, mit einem Gefühl wie man ſich einer Spinne nähert, der man das Leben ſchenken will. „Sie iſt fürchterlich ſchmutzig und hat nichts auf dem Leibe, bringe ſie zu der Dienerſchaft und laß ſie reinigen und einkleiden,“ ſagte St. Clare. Ophelia brachte das Kind in das Küchen⸗Departement, wo ſie aber erſt den Widerwillen einiger mit heidniſchen Göt⸗ ternamen benannten farbigen Sklavinnen zu überwinden hatte, die nicht hegreifen konnten, wozu der Maſter noch mehr ſolch widerlichen Negergeſindels ankaufte, da doch genug im Hauſe vorhanden war, und nur durch die triftige Bemerkung einer Negerfrau aus dem Felde geſchlagen wurden, welche bemerkte, daß ſie gar nicht mitſprechen durften, indem ſie weder zu den Schwarzen noch zu den Weißen gehörten, und es ſchon gut wäre, zu einer von beiden Farben zu gehören. Miß Ophelia war genöthigt ihr Anſehen geltend zu machen, um endlich von einer der farbigen Mägde Beiſtand bei der Toilette des neuen Hausmitgliedes zu erhalten. 5 —— 201 Wir wollen hier nicht die näheren Umſtände und Einzeln⸗ heiten dieſer Toilette berühren, da es viele ſchwachnervige Perſonen giebt, die zu ſehr erſchüttert werden würden, den Zuſtand kennen zu lernen, in welchem viele ihrer Schweſtern und Brüder leben und ſterben müſſen. Auch Ophelia mußte ſich bei dieſer ungewohnten Arbeit Zwang anthun; als ſie aber die Schwielen und Narben auf dem Körper des bisher ſtets gemißhandelten Negerkindes be⸗ merkte, wurde ihr von Grund aus gutes Herz von dem in⸗ nigſten Mitleiden erfüllt. Als ſie endlich in einem menſchlichen Aufzuge daſtand, und Ophelia ſie nun ſchon etwas chriſtlicher fand, begann ſie die, während deſſen in ihren Gedanken aufgetauchten Pläne zu realifiren und fing mit ihren Schützlingen ein Geſpräch an. „Wie alt biſt Du, Topſy?“ „Weiß nicht, Madam,“ ſprach das Mädchen, die Zähne zeigend. „Du weißt nicht, wie alt Du biſt?“ frug Ophelia aufs Höchſte überraſcht.„Haſt Du keine Mutter gehabt?“ „Habe nie eine gehabt, antwortete Topſy grinſend. „Nie eine Mutter gehabt? Wie meinſt Du das?— Wo biſt Du geboren?“ „Bin gar nicht geboren,“ ſagte das Kind wieder mit einem wahrhaft dämoniſchen Grinſen, ſo daß eine andere als Miß Ophelia gewiß davongelaufen wäre, ſie war aber nicht ſo nervös, ſondern ſehr hell und geradeaus, und ſprach des⸗ halb mit Strenge: „Auf ſolche Art darfſt Du mir nicht antworten, Kind; ich ſpaße nicht mit Dir. Sage mir ſogleich, wer Deine Eltern ſind, und wo Du geboren biſt?“ „Ich bin gar nicht geboren,“ wiederholte das Kind nach⸗ drücklich.„Ich habe nie Eltern gehabt, bin von Händlern, die mich gekauft, aufgezogen mit vielen Anderen zuſammen, und die alte Tante Sue hatte die Aufſicht über uns.“ Das Kind ſagte augenſcheinlich die Wahrheit, die dabei⸗ ſtehende Dienerin brach in ein Gelächter aus, und ſprach: „Gott, Miß, es giebt eine Unzahl von der Art; ſie werden von Speculanten als Kinder aufgekauft und groß⸗ gezogen.“ „Wie lange warſt Du bei Deiner Herrſchaft?“ „Weiß nicht, Miß.“ „War es ein Jahr oder länger?“ „Weiß nicht, Miß,“ war die ſtereothpe Antwort. 202 „Gott, Miß, die gemeinen Neger wiſſen nichts von der Zeit,“ ſagte Jone, die Dienerin.„Sie wiſſen nicht, was ein Jahr iſt und wiſſen noch weniger ihr Alter.“ „Haſt Du jemals Etwas von Gott gehört?“ Das Kind machte eine dumme Miene und grinſte. „Weißt Du, wer Dich geſchaffen hat?“ „Niemand, ſo viel ich weiß,“ ſprach das Kind auf⸗ lachend. Dieſer Gedanke ſchien ihr ſehr kurzweilig, und ſie fügte hinzu: „Ich werde wohl gewachſen ſein. Ich wüßte nicht, daß mich Jemand geſchaffen hätte.“ „Kannſt Du nähen?“ fragte Ophelia, indem ſie ihre Fragen auf ein dem Kinde vielleicht verſtändliches Gebiet aus⸗ dehnte. „Nein, Miß,“ war die Antwort. „Was kannſt Du denn thun? Was haſt Du bei Dei⸗ ner Herrſchaft gethan?“ „Teller gewaſchen, Meſſer geputzt, Waſſer geholt und die Gäſte bedient.“ Miß Ophelia erhob ſich von dieſer erbaulichen Unter⸗ haltung. St. Clare ſtand hinter ihr. „Du triffſt da empfänglichen Boden, Couſine. Pflanze Deine Ideen hinein, auszurotten haſt Du nichts.“ Miß Ophelia's Ideen über Kindererziehung waren noch von dem alten Muſter wie ſie in den Landestheilen noch ge⸗ bräuchlich ſein mochten, wohin der Zeitgeiſt und die Eiſen⸗ bahnen noch nicht gelangt waren und welche darin beſtanden, daß die Kinder ihren Katechismus lernen, nähen, ſchreiben, leſen und rechnen lernten, und Prügel bekamen, wenn ſie lo⸗ gen. So einfach dieſe Praris war, ſo erzogen unſere Groß⸗ eltern doch damit ganz leidliche Männer und Frauen, wie wir recht gut wiſſen. Ophelia kannte jedenfalls keine beſ⸗ ſere und beſchloß ihre Anwendung deshalb gleich bei ihrer Schülerin. Die Kleine wurde im Hauſe als Miß Ophelia's Diene⸗ rin betrachtet, und da man ſie in der Küche, wie ſchon be⸗ merkt, nicht gern ſah, ſo beſchloß Ophelia, es für innere Gemächer anzulernen. Im Gegenſatz zu ihrer Eigenheit, ſich ſtets ſelbſt zu bedienen, weshalb ſie mit Geringſchätzung die Hülfe der Dienerſchaft ſtets abgewieſen hatte, wollte ſie die Kleine mit der Operation des Aufmachens ihres eigenen Bet⸗ tes belehren. Sie führze ſie alſo eines Morgens in ihr Zim⸗ mer, um ihr die Geheimniſſe und Kunſtgriffe dieſer wichtigen 3 203 Handlung beizubringen, und als die Kleine nun gewaſchen und der bisher gebräuchlichen Rattenſchwänze auf ihrem Haupte entledigt, ehrerbietig, die Hände über den Bauch ge⸗ faltet, vor ihr ſtand, begann ſie ihren Lehrkurſus. „Nun, Topſy, ſollſt Du lernen, mein Bett machen. Du mußt es gut machen. Ich bin darin ſehr ſorgſam.“ „Ja, Miß,“ erwiderte Topſy mit einem kläglichen Seufzer. „Sieh her. Das iſt der Saum des Betttuches, dies die rechte Seite und dies die linke Seite. Haſt Du gehört? Du mußt nun das untere Betttuch über die Matratze ziehen— ſo— und es hübſch glatt darunter ſtecken— ſo— haſt Du mich verſtanden?“ „Ja, Miß,“ antwortete ſie mit tiefer Aufmerkſamkeit. „Das obere Betttuch,“ fuhr Miß Ophelia fort,„muß auf dieſe Weiſe auf das Ganze gelegt werden und am Fuß⸗ ende feſt eingeſtopft werden— ſo— der ſchmale Saum hier unten— ſiehſt Du?“ „Ja, ich ſehe,“ ſprach Topſy, aber Miß Ophelia ſah nicht, daß die Kleine, während ſie ſelbſt ſo eifrig war, hinter ihrem Rücken mit ſpähenden Luchsaugen im Zimmer umher⸗ gefahren war und ein Band und ein paar Handſchuhe ſchnell ergriffen hatte und in den Aermel ihres Kleides ſteckte, wor⸗ auf ſie wieder andächtig mit gefalteten Händen daſtand. „Nun, Topſy, laß ſehen, ob Du es begriffen haſt,“ ſprach Ophelia, indem ſie das Bettzeug wieder aufnahm und ſich niederſetzte. Topſy vollzog mit dem größten Ernſt die ganze Opera⸗ tion zu Miß Ophelia's vollſtändiger Zufriedenheit, ſtrich die Tücher hübſch glatt, entfernte jede Falte und das Alles mit einer Geſchicklichkeit und Anſtelligkeit, daß ihre Lehrerin in⸗ nerlich entzückt war. Unglücklicherweiſe war aber bei der da⸗ durch nöthigen Bewegung das Band ein wenig aus dem Aermel geglitten, und erregte nicht ſobald Miß Ophelia's Aufmerkſamkeit, als ſie augenblicklich darüber herfiel. „Was iſt das? Du nichtswürdiges, böſes Kind! Das haſt Du geſtohlen!“ Das Band wurde aus Topſy's Aermel gezogen, was dieſe aber nicht in die geringſte Verlegenheit brachte. „Ach,“ rief ſie ganz naiv,„iſt das nicht Miß Feely's Band! Wie mag es in meinen Aermel gekommen ſein?“ „Topſy! Du ungezogene Dirne! ſage mir nicht ſolche Lügen! Du haſt das Band geſtohlen!“ 204 „Miſſis, ich verſichere Ihnen, ich habe es nicht eher als dieſe Minute geſehen!“ „Topſy!“ ſagte Miß Ophelia,„weißt Du, daß es gott⸗ los iſt, zu lügen?“ „Ich lüge niemals, Miß Feely,“ ſagte Topſy mit lügen⸗ haftem Ernſt.„Es iß“ die durchaus die Wahrheit, wie ich ſage, und nicht anders!“ „Topſy, ich muß Dich ſchlagen, wenn Du ſo lügſt!“ „Miſſis, wenn Sie mich den ganzen Tag ſchlügen, ich könnte nichts Anderes ſagen,“ ſagte Topſy, indem ſie an zu ſchluchzen begann.„Ich habe es nicht geſehen, es muß zu⸗ fällig in meinen Aermel gekommen ſein. Niß Feely muß es auf ihr Bett gelegt haben, es hat ſich in meine Kleider ge⸗ ſchoben und iſt ſo in den Aermel gegangen.“ Miß Ophelia war ſo aufgebracht über dieſe augenſchein⸗ liche Lüge, daß ſie das Kind ergriff und tüchtig rüttelte. „Willſt Du Das nochmal thun?“ Das Schütteln brachte auch die Handſchuhe aus dem andern Aermel hervor und ſie fielen auf den Fußboden. „Sieh mal! Willſt Du mir noch ſagen, daß Du das Band nicht geſtohlen haſt?“ Topſy bekannte ſich nun zu den Handſchuhen, beharrte aber feſt im Ableugnen des Bandes. „Nun, Topſy, wenn Du es jetzt geſtehſ, ſo will ich dies Mal nicht ſchlagen.“ So zugeredet, bekannte ſich Topſy unter iiti Er⸗ klärungen der Buße zu dem Diebſtahl des Bandes und der Handſchuh. „Gut, nun ſage mir, ich weiß, Du mußt noch andere Sachen genommen haben ſeit Du Dich im Hauſe befindeſt, denn ich ließ Dich geſtern ſtets herumlaufen. Nun ſage mir, ob Du noch etwas Anderes genommen haſt, und ich will Dich nicht ſchlagen.“ „O, Miſſis, ich habe Miß Eva's rothes Ding genom⸗ men, was ſie um den Hals trägt.“ „Ich ſage doch, Du ungezogenes Kind! Was außer⸗ dem?“ „Ich nahm Roſa's Ohrringe, die rothen.“ „Geh, bring' es ſogleich her, alles Beides!“ „Ja, Miſſis, ich kann nicht, das iſt verbrannt.“ „Verbrannt? Was iſt das für eine Geſchichte! Geh, hole es, oder Du bekommſt Schläge.“ 205 Topſy, mit lauten Verſicherungen, mit Thränen und Schluchzen, erklärte, ſie könne nicht.„Es iſt verbrannt! Wahrhaftig!“ „Warum haſt Du es verbrannt?“ fragte Miß Ophelia weiter. „Weil ich gottlos bin, ſehr gottlos, ich kann's nicht ändern.“ 5 In dieſem Augenblick kam Eva, nichts wiſſend, in's Zimmer mit dem eben beſprochenen Korallenband am Halſe. „Wie Eva, wer hat Dir Dein Halsband gegeben?“ „Gegeben? Ich hatte es alle Tage um,“ ſagte Eva. „Haſt Du es denn geſtern gehabt?“ „Ja, und was luſtig iſt, Tante, ich habe es auch all⸗ nächtlich um.“ Miß Ophelia blickte vollſtändig verwirrt darein, eben ſo als Roſa gerade in's Zimmer trat und die fraglichen Koral⸗ len⸗Ohrringe im Ohr hatte. Ich weiß wahrlich nicht, was ich mit ſolch einem Kinde thun ſoll!“ ſagte ſie verzweiflungsvoll.„Was in aller Welt veranlaßt Dich, mir zu ſagen, daß Du dieſe Sachen genommen haſ, Topſyo“ „Weil Miſſis ſagte, ich müſſe geſtehen, und ich konnte nichts Anderes als das geſtehen,“ ſagte Topſy, ſich die Augen reibend.. „Ja, natürlich, ich ſagte aber nicht, daß Du Dinge ge⸗ ſtehen ſollſt, die Du nicht verbrochen haſt,“ ſagte Ophelia, „das iſt eben ſolche Lüge, wie gerade die andere.“ „So, iſt es das?“ frug Topſy mit unſchuldiger Ver⸗ wunderung. Eva ſtand und ſah Topſy an. So ſtanden ſich zwei Kinder gegenüber, gleichſam repräſentirend die beiden Extreme der Geſellſchaft. Dieſes Kind hell, ſonnengleich, mit goldigem Haar, tiefſinnigen Angen, geiſtig⸗edler Phyſiognomie, mit dem Ausdruck der Hoheit in den Bewegungen. Jenes ſchwarz, böſe, ſcheu, unterwürfig. So ſtanden ſich die beiden Reprä⸗ ſentanten ihren Racen gegenüber, die ſächſiſche Race, ent⸗ ſprechend der Cultur, Geſittung, Erziehung, phyſiſcher und moraliſcher Erhabenheit, die afrikaniſche Race entſprechend der Unterdrückung, Unterwerfung, Unwiſſenheit und dem Laſter. Evas Blick richtete ſich nachdenklich auf Topſy und ihre Mienen drückten das innigſte Mitleiden und die größte Bekümmerniß aus, als die Tante ſich über Topſo's ungezogene gottloſe Aufführung ausließ. 206 „Arme Topſy, was haſt Du nöthig zu ſtehlen?“ ſprach ſie mit ſanfter Stimme.„Es geht Dir ja jetzt gut genug. Ich will Dir lieber alle meine Sachen geben, als daß Du iehiſ. Es war das erſte Wort der Güte, welches das Kind je in ſeinem Leben gehört hatte. Die Milde und Junigkeit in Eva's Ton fand ein Widerhall in dieſem wilden, ro⸗ hen Herzen, und eine Thräne glitzerte in dem runden, blitzendem Auge, auf welche wieder jenes laute und gewöhn⸗ liche Lachen und Grinſen erfolgte. Nein! das Herz welches anderes als Verachtung gefunden hat, iſt ungläubig für die Töne der Güte, und Topſy hielt ſie für etwas wunderbares und unausſprechliches— und ſchien es nicht zu begreifen. Was war nun mit Topſy zu thun? Miß Ophelia fand den Fall zu ſeltſam, und ihre Prinzipien in Hinſicht der Er⸗ ziehung ſchien hier nicht anwendbar. Doch in Anbetracht der heilſamen Wirkung welche ſie in dunkler Kammer verborgen hielt, ſetzte ſie Topſy vorläufig in ein ſolches bis ſie ihre Ideen über die Sache weiter geordnet hatte. „Ich kann nichts mit dem Kinde thun, wenn ich es nicht ſchlage,“ ſprach Ophelia zu St. Clare. „Gut, ſchlage ſie, nach Herzensluſt, ich gebe Dir volle Macht, zu allem was Du willſt.“ „Kinder müſſen immer geſchlagen werden, ich kenne keine andere Art, ſie aufzuziehen,“ ſagte Miß Ophelia. „Gewiß,“ ſagte St. Clare,„es iſt das Beſte. Ich mache Dir nur die Bemerkung, daß ich ſie habe unbarmherzig mit dem Feuereiſen ſchlagen ſehen, oder was ſonſt zur Hand war. Deine Schläge werden alſo ziemlich nachdrücklich ſein müſſen, wenn ſie von Erfolg ſein ſollen.“ „Nun was iſt dann mit ihr zu machen?“ „Du haſt da eine ſehr ernſte Frage gethan, und ich wollte, daß Du ſie auch beantworteü. Was iſt mit einem menſchlichen Weſen zu thun, wenn es nur durch Schläge re⸗ giert werden kann. Wie kann man ſolche Weiber und Kinder regieren, wie ſie hier bei uns vielfach vorhanden ſind?“ „Das iſt eine Sache, die ich auch nicht beantworten kann. Es iſt Euer Syſtem, welches die Menſchen dazu bringt,“ ſagte Miß Ophelia. Ich weiß es, aber ſie ſind da, vorhanden, und was iſt nun mit ihnen zu machen?“ ſprach St. Clare. „Nun, ich könnte Dir gerade nicht danken für den Ver⸗ ——— ,— 207 ſuch, aber ich werde ausharren und ſterben, und das Beſte, was ich kann, thun.“ Sie ging jetzt mit erneutem Eifer an das Erziehungs⸗ und Bildungswerk ihrer kleinen Pflegebefohlenen, beſchäftigte ſie regelmäßig und gab ihr Unterricht im Leſen und Nähen. Erſteres lernte ſie zauberhaft ſchnell, und war bald im Stande, Leichtes zu leſen. Aber mit dem Nähen wollte es durchaus nicht vorwärts. Sie zerbrach die Nadeln, warf ſie zum Fenſter hinaus, zerriß und verwirrte den Faden, oder verſteckte Einzel⸗ nes ſo, daß es nicht wieder zu finden war. Dabei hatten ihre Bewegungen die Schnelligkeit eines Escamoteurs, und wenngleich Ophelia der Meinung war, daß alle vorkommenden Unfälle nicht mit ſolcher Schnelligkeit ſich folgen konnten, ſo war es doch unmöglich, einen beſtimmten Beweis zu finden. Im ganzen Hauſe war ſie bald eine bemerkenswerthe Perſon, durch ihr Talent für vielerlei Grimaſſen und Schnurren, für Tanzen, Singen, Pfeiffen, Klettern und alles was ſeltſam war, nachzuahmen. In den Freiſtunden ſtanden die Kinder des ganzen Hauſes mit vor Bewunderung und Verwunderung offenen Munde um ſie herum, ſelbſt Eva nicht ausgenommen, welche von ihren wilden Teufeleien bezaubert ſchien, wie eine Taube von einer ſchillerndern Schlange. Ophelia war ungehalten darüber, und beklagte ſich bei St. Clare, da ſie meinte, daß Eva dadurch verdorben würde. „Laß ſie,“ ſprach dieſer,„von Evas Herzen fällt das . ohne eingedrungen zu ſein, wie der Thau von einem latte.“ „Sei nicht zu ſicher,“ ſprach Ophelig,„ich würde nie eins von meinen Kindern mit ihr ſpielen Kaſſen.“ „Nun, Deine Kinder haben's auch nicht nöthig; wenn es Eva Schaden brächte, wäre es ſchon lange geſchehen.“ Topſy wurde zuerſt von der Dienerſchaft gering angeſe⸗ hen und verachtet, aber ſie fanden bald für gut, ihre Anſich⸗ ten zu ändern. Es ereignete ſich, daß Diejenigen, welche Topſy kränkten, ſtets bald darauf unangenehme Erlebniſſe hatten, entweder waren ein paar Ohrringe geſtohlen, oder ſonſt ein geſchätzter Schmuck wurde vermißt, oder die betref⸗ fende Perſon ſtolperte über Etwas oder wurde plötzlich mit einer Ladung Waſſer überſchuttet, und niemals war, ſo viel man auch forſchte, Derjenige zu finden, der dieſe Streiche ver⸗ übte. Topſy wurde mehrmals von allen häuslichen Richtern verhört, aber ſie leugnete ſtets mit größter Unſchuld und ern⸗ ſtem Ausſehn. Niemand zweifelte, daß ſie Diejenige war, 205 von der alle dieſe Streiche ausgingen, aber es war unmög⸗ lich, ſie zu ertappen, und auf bloße Vermuthung hin, Jemand zu beſtrafen, dazu war Miß Ophelia zu gerecht. Dabei wa⸗ ren die Verbrechen ſtets zu ſolcher Zeit verübt, wo dem An⸗ greifer keine beſondere Strafe drohte, wie unter Andern Roſa und Jone zu Zeiten von Topſy's Rache heimgeſucht wurden, wenn ſie bei ihrer Herrin in Ungnade ſtanden, und ihre Kla⸗ gen alſo keine beſondere Beruͤckſichtigung fanden. Kurz, Topſy brachte dem ganzen Hausſtand bei, daß es beſſer ſei, ſie ihn Ruhe zu laſſen, und man ließ ſie auch bald zu⸗ frieden. Topſy war ſchnell und raſch in allen Handlungen und lernte mit überraſchender Schnelle. Es dauerte nicht lange, ſo brachte ſie Miß Ophelia's Zimmer und Bette auf eine ſo ſorgfältige Weiſe in Ordnung, wie Jene es nur verlangen konnte und keine Menſchenhände fegten und ſäuberten das Zimmer ſo vollſtändig als Topſy, wenn es ihr gefiel— aber manchmal fiel es ihr anders ein. Dann warf und riß ſie die Betten durcheinander, fuhr mit ihrem Wollkopf hinein, ſchoß Kobold darin, kletterte an den Säulen des Bettes hin⸗ auf, hing ſich bei den Beinen an den Betthimmel, ſtaffirte die Kiſſen mit Miß Ophelia's Nachtkleidern aus, tanzte und grimmaſſirte vor dem Spiegel, ſingend und pfeifend, kurz, be⸗ ging wahre„Kainsſtreiche,“ wie Miß Ophelia es nannte. Einmal traf ſie das Kind, als ſie eben ihren beſten indiſchen Shawl gleich einem Turban in das Haupt gewunden und damit vor dem Spiegel ſtolzirte. Miß Ophelia hatte mit einer ihr unbegreiflichen Unachtſamkeit vergeſſen, die Kommode zu ſchließen.— „Topſy“ ſprach ſie dann mit einem Ausdruck, als wenn ihre Geduld zu Ende wäre,„wie kannſt Du nur ſo han⸗ deln?“ „Weiß nicht, Miſſis— gewiß weil ich ſo gottlos bin.“ „Ich weiß nicht, was ich mit Dir machen ſoll, Topſy!“ „Gott Miſſis, Sie müſſen mich ſchlagen, meine frühern Herrinnen haben mich auch geſchlagen.“ „Ich mag Dich nicht gerne ſchlagen, wenn Du willſt ſe Du beſſer ſein. Aus welchem Grunde willſt Du das nicht?“ „Miſſis, ich bin gewohnt, geſchlagen zu werden; ich glaube, es iſt gut für mich.“ Miß Ophelia wandte das Recept an, und Topſy ſchrie und heulte auf eine fürchterliche Weiſe. Wenn ſie aber bald darauf auf dem Balkon ihre Kunſtſtücke in Mitte einer ganzen Bande vollführte, ſo ſpottete ſie über die erhaltenen Züchti⸗ gungen.— „Ha, dah ſind Miß Feely's Schläge! Damit ſchlägt ſie keinen Floh todt! Sie müßte ſehen, wie mein alter Maſter das Fleiſch herabſchlug, der alte Maſter konnte hauen.“ Sonntags gab ſich Miß Ophelia Mühe ihr den Katechis⸗ mus beizubringen. Obgleich ſie auf mechaniſche Art ſchnell auswendig lernte, verſtand ſie doch oft nicht das, was ſie mit dem Munde ſprach. St. Clare, der zuweilen zu ſeinem inneren Spaße dieſen Stunden beiwohnte, ſaß auch heute im Zimmer, als Topſy Religionsunterricht erhielt. Topſy re⸗ petirte: „Unſere erſten Eltern, welche in der Freiheit ihres Willens lebten, fielen aus dem Stande, in welchem ſie geſchaffen waren.“ Topſy blinkte mit den Augen und ſah fragend auf. „Was iſt?“ fragte Ophelia. „Bitte, Miſſis, war der Stand in Kentucky?“ fragte die e „Welcher Stand, Topſy?“ „Der Stand, aus dem ſie fielen. Ich habe iinmer Maſter ſagen hören, daß wir von Kentucky hergekommen ſind.“ St. Clare lachte.„Du wirſt ihr wohl eine Erklärung zu geben haben, oder ſie macht ſich ſelbſt eine. Sie ſcheint in der Sache eine Auswanderungstheorie zu finden.“ „O, Auguſtin, ſei ſtill, wie kann ich ihm Etwas ſagen, wenn Du lachſt!“ „Nun, ich werde Deine Uebungen mit ihr nicht wieder ſtören, auf Ehre,“ ſagte er lachend, indem er ſich zurückzog, aber mit einem heilloſen Ergötzen den Fehlern und Verwir⸗ rungen folgte, die oft genug in den Lehrſtunden vorfielen. Ueberhaupt hatte Topſy ſtets einen Vertheidiger ihrer tollen Schnurren an ihm, und wenn ſie etwas verbrochen hatte, ſo flüchtete ſie ſich gewöhnlich hinter ſeinen Stuhl, und er machte auf die eine oder andere Weiſe Friede für ſie. Er fand an dieſem Kinde ſein Amüſement, wie Andere etwa an den Faren eines Papageys oder Pinchers. Er beſchenkte ſie oft mit kleiner Münze, die ſie ſogleich in Nüſſe und Zucker umwech⸗ ſelte und unter ihre Kameraden vertheilte, denn die Wahrheit 14 210 zu ſagen ſie war gutmüthig und freigebig und nur boshaft aus Selbſthülfe. Sie iſt jetzt in unſer„Corps de ballet“ eingetreten und wird ferner mit den Anderen, welche das En⸗ ſemble bilden, figuriren. Zwanzigſtes Kapitel. Rentuckp. Der Leſer bemüht ſich zurück nach Onkel Toms Hütte, um zu erfahren, wie es den Zurückgebliebenen ergangen. Es war an einem Sommer⸗Nachmittag. Thüren und Fenſter des großen Wohnzimmers ſtanden weit offen, um ir⸗ gend ein verirrtes Lüftchen einzuladen, welches vielleicht guter Laune genug war, einzutreten. Mr. Shelby ſaß in einem geräumigen Saal, welcher mit dieſem Zimmer zuſammenhing und längs des ganzen Hauſes gehend, auf jeder Seite mit einem Balkon endigte. Gemächlich in einen Stuhl gelehnt, die Beine übereinander, rauchte er eine Cigarre. Mrs. Shelby ſaß an der Thür, mit feiner Handarbeit beſchäftigt. Sie ſchien eine Gelegenheit zu ſuchen, ſich einer ihr Herz be⸗ laſtenden Sache zu entledigen. „Weißt Du, daß Chloe einen Brief von Tom erhalten Bte „Ah! hat ſie? Tom hat wohl dort einen Freund ge⸗ funden. Wie geht es dem alten Jungen?“ „Es ſcheint, daß er von einer achtungswerthen Familie gekauft worden iſt, gut behandelt wird und nicht zu viel zu thun hat,“ antwortete Mrs. Shelby. .„Das freut mich, das freut mich ſehr,“ ſagte Mr. Shelby herzlich.„Er wird ſich hoffenilich mit ſeinem ſüdli⸗ chen Aufenthaltsort befreunden, und nicht wünſchen, wieder heraufzukommen.“ „Im Gegentheil, er erkundigt ſich beſorgt, wann das Geld zu ſeiner Auslöſung zuſammengebracht ſein wird.“ „Ja, ich weiß es wahrhaftig nicht,“ entgegnete Mr. Shelby.„Wenn die Geſchäfte einmal ſchief gehen, ſo ſcheint es kein Ende nehmen zuQ wollen. Es iſt als ob 211 man aus einem Sumpfe in den andern ſpringt. Von Einem borgen, um einen Andern zu bezahlen und wieder borgen, um den Erſten zu bezahlen. Und die verwünſchten Wechſel, die fällig werden, ehe man ſich erholen kann, und Mahnbriefe über Mahnbriefe— es iſt nicht zum Athemholen!“ „Ich glaube ein Mittel zu wiſſen, wie ſich die Angele⸗ genheit wieder in's Reine bringen ließe. Wenn Du zum Beiſpiel ſämmtliche Pferde und eins von Deinen Gütern ver⸗ kaufteſt?“ „Lächerlich, Emilie! Du biſt die vorzüglichſte Frau in Kentuck), aber daß Du in Geſchäften keine Einſicht haſt, ſiehſt Du nicht ein. Ihr Weiber ſeht es nie ein und könnt es auch nicht.“ „Kannſt Du mir aber nicht eine kleine Aufklärung über Deine Geſchäfte geben?“ fragte Mrs. Shelby weiter.„Ein Verzeichniß Deiner Schulden und von dem was man Dir ſchuldig iſt Ich würde verſuchen, Dich durch Erſparniſſe zu unterſtützen.“ „O dummes Zeug, Emilie! quäle mich nicht— ich kann es Dir nicht genau ſagen. Ich weiß wohl, wie viel es un⸗ gefähr ſein mag, aber ich kann Dir meine Angelegenheit un⸗ möglich ſo genau abmeſſen, wie Chloe einen Kuchenteig ab⸗ wägt. Ich wiederhole Dir, Du verſtehſt es nicht.“ Und Mr. Schelby, der ſeinen Worten auf keine andere Art Nachdruck zu geben wußte, ſteigerte ſeine Stimme gereizt — eine den Männern ihren Frauen gegenüber ſehr häufige Angewohnheit, wenn von Geſchäften die Rede iſt. Mrs. Shelby ſeufzte und ſchwieg. Sie war von klarem, durchdringendem Verſtande und einer Energie, derjenigen ihres Mannes weit überlegen, ſo daß ſie ſich in Wahrheit wohl nicht zu viel zutraute, wenn ſie glaubte, ihres Mannes Ge⸗ ſchäfte auch beurtheilen zu können. Sie hätte der armen Chloe und Tom gern das gegebene Wort verwirklicht und bedauerte die ihrem guten Willen immer mehr entgegentreten⸗ den Hinderniſſen. „Meinſt Du nicht, daß wir das Geld dazu auf irgend Art anſchaffen könnten? Es iſt der armen Chloe höchſter unſch.“ 3 bedaure daß es ſo iſt, und glaube voreilig geweſen zu ſein, als ich mein Wort gab. Es iſt vielleicht beſſer, Chloe zu ſagen, daß ſie ſich darin finden möchte. Tom wird nach Jahren eine andere Frau nehmen, und ſie thut am Beſten, ſich einen anderen Mann n 212 „Mr. Shelby, ich habe unſeren Leuten gelehrt, ihre Ehen für eben ſo heilig zu halten, als die unſerige. Ich würde mich nie dazu verſtehen, Chloe einen ſolchen Rath zu geben.“ „Unrecht iſt es, liebe Frau, die Leute mit moraliſchen Verpflichtungen zu belaſten, die über ihre Begriffe und ihren Stand ſind.“ „Es iſt das nur die Sittenlehre der Bibel, Mr. Shelby.“ „Nun, nun, Emilie, ich will mich nicht mehr in Deine religiöſen Anſichten miſchen, ich finde nur, daß ſie für ſolche Leute durchaus nicht paſſend ſind.“ „Eben weil ſie das ſind, haſſe ich die ganze Sache aus tiefſtem Herzen,“ ſprach Mrs. Shelby.„Ich ſage Dir, lieber Mann, ich mag mich nicht von den, dieſen hilfloſen Geſchöpfen gegenüber eingegangenen Verpflichtungen freiſprechen. Wenn das Geld auf keine andere Weiſe aufzubringen iſt, ſo will ich Muſikunterricht geben, um die Summen ſelbſt zu verdienen; ich würde Schüler genug bekommen.“ „Du würdeſt Dich doch nicht ſo wegwerfen? Niemals würde ich meine Einwilligung dazu geben!“ rief Mr. Shelby. „Wegwerfen! würde ich mich nicht eben ſo wegwerfen, wenn ich meine Verſprechungen gegen dieſe armen Leute nicht hielte? Nein, wahrlich nicht!“ „Nun, Du biſt ſtets ſo heroiſch und erhaben! Du ſouteſt Dich aber noch beſinnen, ehe Du ſolche Don⸗Quirotiaden ausführſt.“ Hier wurde das Geſpräch durch das Si6. unterbrochen. „O, Miſſis!“ rief ſie. „Was giebt's, Chloe?“ frug ihre Herrin, indem ſie 1 ſtand und zu ihr ging. „Wenn die Miſſis nur dieſe Puten anſehen wollte.“ Mrs. Shelby lächelte, als ſie einen Haufen überein⸗ anderliegender Enten und Hühner bemerkte, welche Chloe ſtets mit dieſem Ausdruck benannte, und vor denen Chloe mit nachdenklicher Miene ſtand. „Ich möchte wiſſen, ob Sie von dieſen hier eine Hühner⸗ paſtete haben wollten?“ „Mir iſt es gleich, Tante Chloe, bringe ſie auf den Tiſch wie Du es für gut findeſt.“ Tante Chloe blieb nachdenklich, und es war erſichtlich, daß ſie noch etwas Anderes dem Sein ki Endlich meinte ſie 213 „Warum ſinnen der Maſter und die Miſſis über das Geld nach? Warum benutzen ſie nicht die Mittel, die ihnen auf der Hand liegen?“ Und ſie lächelte fragend. „Wie meinſt Du das, Chloe?“ frug Mrs. Shelby, die aus Chloe's Art und Weiſe jetzt ſchloß, daß ſie das Geſpräch vorhin belauſcht hatte. „Ei du mein Gott,“ fuhr Chloe fort,„andere Herr⸗ ſchaften vermiethen ihre Neger, damit ſie ſich ihren Unterhalt wieder verdienen.“ „Nun, und wen ſchlägſt Du zum Vermiethen vor?“ „Ich ſchlage niemand vor, aber Sam hat mir erzählt, daß einer von den Conditors, wie ſie heißen, in Louisville eine Kuchen⸗ und Paſtetenbäckerin ſucht, und ihr für die Woche wohl vier Dollars geben will, und da nun Sally ſchon lange genug bei mir gelernt hat, ſo würde ich das Geld verdienen, wenn die Herrin es mir erlaubt.“ „Aber Deine Kinder, Chloe?“ „Die Jungen ſind groß genug, um zu arbeiten. Sie werden ſchon fertig werden, und das Kleinſte nimmt Sally — es iſt klug genug, um weiter keiner Aufſicht zu bedürfen.“ „Louisville iſt ſehr weit.“ „Dafür fürchte ich mich nicht. Es iſt flußabwärts, viel⸗ leicht gar in der Nähe meines Alten,“ ſprach Chloe, die letz⸗ ten Worte halb fragend mit einem Blick auf Mrs. Shelby richtend. „Ach nein,“ Chloe, er iſt viel hundert Meilen weiter.“ Chloes Blick verdüſterte ſich. „Indeſſen ſchadet das nichts, es bringt Dich ihm doch ſchon viel näher, Du magſt gehen, und Dein Lohn ſoll bis zum letzten Heller fur den Loskauf Tom's verwendet werden.“ Chloes Geſicht erhellte ſich wieder, wie wenn ein heller Sonnenſtrahl durch düſtren Nebel dringt. „O Miſſis, Ihr ſeid zu gütig. Ich habe daran gedacht, denn ich brauche keine Kleider und keine Schuhe und könnte Alles anfſparen. Wie viel Wochen ſind im Jahre?“ „Zwei und funfzig.“ „Gott, wirklich? und für jede Woche vier Dollar! Wie viel mag das zuſammen ſein?“ Zweihundert und acht Dollars,“ antwortete Mrs. Sheby. „Ha,“ rief Chloe,„und wie viel Zeit brauchte ich, damit es hinreichte?“ „Vier bis fünf Jahre, Chloe; aber ſo lange würde es nicht dauern, weil ich auch etwas beitragen werde.“ —— 214 „Ich würde nicht zugeben, daß Sie Unterricht geben ſoll⸗ ten. Maſter hat ganz Recht. So lange ich lebe ſoll keiner aus der Familie ſoweit herunterkommen.“ „Sei unbeſorgt, Chloe, ich werde die Ehre der Familie zu wahren wiſſen,“ ſprach Mrs. Shelby lächelnd,„aber wann willſt Du gehen, Chloe?“ frug ſie weiter. „Morgen ſchon, Miſſis, wenn Sie mir einen Paß und eine Empfehlung geben wollen. Ich wrlll gleich einige von meinen Sachen zuſammenpacken.“ Rachdem Mrs. Shelby eingewilligt hatte, und ihr ver⸗ ſprochen dafür zu ſorgen, daß Mr. Shelby keine Hinderniſſe in den Weg lege, ging Chloe entzückt in ihre Hütte, wo ſie Mr. George überraſchte als ſie eben im Begriff war, einige Sachen zuſammenzupacken.* „Um Gottes Willen, Mr. Georg; wißt Ihr ſchon daß ich nach Louisville gehe um das Geld zum Loskauf zu ver⸗ dienen?“ 5 „Hoho,“ rief Georg,„Du willſt gehen?“ „Sicherlich— Und nun Maſter George, bitte ich Euch um die Güte, meinem Alten die ganze Geſchichte zu ſchreiben — nicht wahr?“ „Gewiß,“ antwortete Georg,„Onkel Tom wird recht froh ſein, etwas von uns zu hören. Ich will ſogleich ins Haus gehen, ein Schreibzeug zu holen, und dann Ihr wißt's, Tante Chloe, ich kann von dem neuen Füllen und von allem berichten.“ „Gewiß, gewiß, Maſter George, geht hin, derweil hol' ich Euch ein Huhn oder ſo was, denn viel Abendeſſen wer⸗ det Ihr doch nicht mehr haben von dem alten Tantchen.“ Einundzwanzigſtes Kapitel. Das Gras verdorrt— die Blume welkt. Uns Allen hört das Leben einſt auf einmal auf ſo geſchah's auch unſerm Freunde Tom, ſeit zwei Jahren. Ob⸗ gleich geſchieden von Allem, was ſeinem Herzen theuer war, obgleich ſich oft ſehnend nach dem, was hinter ihm lag, ſo war er doch nie ganz und bewußt unglücklich; denn ſo iſt 215 die Harfe des menſchlichen Gefühls bezogen, daß nur ein Schlag, welcher alle Saiten auf einmal zerreißt, ihre Har⸗ monie zerſtören kann, und indem wir zurückblicken auf Zeiten, welche uns die der Entbehrung und Verſuchung nun erſchei⸗ nen, müſſen wir uns erinnern, daß auch ſie im Verlauf ihre Freuden und Linderungen brachten, ſo daß, wenn auch nicht ganz glücklich, wir auch nicht ganz unglücklich waren. Toms Brief„nach Hauſe“ wurde wie wir ſchon erzähl⸗ ten von dem jungen Maſter in einer großen deutlichen Schü⸗ lerhand, die man, wie Tom bemerkte, quer übers Zimmer leſen konnte, beantwortet. Das Schreiben erhielt manche erbauliche Mittheilungen aus der Heimath, die wir ſchon kennen, und erzählte, daß Tante Chloe bei einem Conditor in Louisville in Dienſt ge⸗ treten war, um das Löſegeld für Tom zu verdienen. Toms Hütte war für den Augenblick verſchloſſen, aber Georg ließ ſich ausführlich über die Ausſchmückungen und Erweiterungen aus, welche bei Toms Wiederkulft ſtattfinden ſollten. Tom war entzückt über den Brief, er las immer von Neuem und konnte ſich gar nicht ſatt daran ſehen; ja er berieth ſogar mit Eva, ob man denſelben nicht einrahmen ſolle, nur die Schwierigkeit, beide Seiten deſſelben dem Auge ſichtbar zu machen, ſtand dem Unternehmen im Wege. Die Freundſchaft zwiſchen Tom und Eva hatte mit dem Wachsthum des Kin⸗ des zugenommen und es ließ ſich ſchwer beſtimmen, welchen Platz ſie in dem Herzen ihres milden, gefühlvollen Dieners einnahm. Er liebt ſie als irdiſches Weſen, und ſah doch zu ihr hinauf wie zu etwas Göttlichem und Himmliſchem, und mit einem Gemiſch von Zärtlichkeit und Ehrerbietung. Sein ſchönſtes Glück war, ihren kleinen Launen und Wünſchen nach⸗ und zuvorzukommen, und er ſuchte die ſchönſten Früchte und lieblichſten Blumen für ſie herbeizuſchaffen, wofür ſein wohlthuendſter Dank der Anblick ihres ſonnigen Hauptes und Antlitzes war, wenn ſie zur Thür herausſchaute und ihn fragte:„Tom, was haſt Du mir gebracht?“ Sie war dagegen in ihren Gunſtbezeugungen auch nicht läſſig; und ein muſikaliſch feines Ohr und eine gefühlvoll⸗ poetiſche Phantaſte, machten ſie zu einer Bibelvorleſerin, wie Tom noch keine gehört hatte. Die ihr am meiſten zuſagenden Stellen des heiligen Buches waren die Offenbarungen und die Propheten, deren geheimnißvoller Bilder⸗Reichthum und glühende dichteriſche Sprache das alte Kind und das junge Kind magiſch feſſelten. Sie wußten nur, daß dieſe Bücher 216 Seele erwacht zwiſchen zwei nebelhaften Ewigkeiten, der ewi⸗ gen Vergangenheit und der ewigen Zukunft, das Licht erſcheint nur in einem kleinen Raum um ſie her, und deshalb muß ſie ſich nothwendigerweiſe nach dem Unbekannten ſehnen, und die Stimmen und Schatten, welche ihr aus der Wolkenſäule der Begeiſterung zuſtrömen, haben in ihrer eigenen erwartungs⸗ vollen Natur Widerhall und Anklang. Ihre myſtiſchen bilder⸗ gleichen Talismane und Edelſteine, ſind mit unbekannten Hiero⸗ glyphen beſchrieben. Sie fühlt ſie in ihrem Weſen und hofft dieſelben zu löſen, wenn ſie hinter den Schleier gedrungen ſein wird. Während der Zeit unſerer Erzählung iſt die Familie und der Haushalt St. Clare's in ſeiner Villa am See Pont⸗ chartrain, um der ſchwülen Luft und drückenden Hitze zu ent⸗ gehen. Sie war im indiſchen Geſchmack angelegt, von Bambus⸗ Veranden umgeben, und nach allen Seiten zugänglich. Das ge⸗ meinſchaftliche Wohnzimmer ging auf den von tropiſchen Ge⸗ wächſen und Blumen duftenden Garten, deſſen gewundene Pfade auf den See führten, der mit ſeiner in den Sonnenſtrahlen glänzenden Fläche nie ein und daſſelbe, aber in jedem Moment ein ſchöneres Bild darbot. n einem der ſchönen Abend beim Untergang der Sonne, wo der ganze Horizont in Flammen zu lodern ſchien, und der Waſſerſpiegel einen zweiten Himmel zeigte, ſaßen Tom und Eva auf einer kleinen Moosbank in einer Laube am Ende des Gartens. Es war Sonntag und Eya las in der von ihnen offen liegenden Bibel. 3 „Und ich ſah ein Meer von Glas mit Feuer gemiſcht.“ —„Tom,“ ſagte ſie plötzlich inne haltend und mit dem Fin⸗ ger auf den See deutend:;„Das iſt's.“ „Was denn?“ frug Tom. „Siehſt Du nicht das Meer von Glas und Flammen?“ „Sehr wahr, Miß Eva,“ antwortete Tom und ſang: „D hätte ich der Morgenröthe Schwingen, So flöge ich hin nach Kanaans Land, Und goldne Engel ſollten mich dann bringen Hin nach Jeruſalems heiligem Land!“ „Wo denkſt Du, Tom, wo das neue Jeruſalem iſt?“ frug Eva. 2 „Dort oben über den Wolken, Miß Eva.“ von einer noch kommenden wunderbaren Herrlichkeit ſprachen, woran ſich ihre Seele freute, ohne zu wiſſen, warum? Die 217 „O dann ſehe ich es,“ ſprach Eva,„in ſeinen Wolken, die wie Perlmutterthore ausſehen, wo Du hindurch kannſt. — Tom, ſinge mir von den„heiteren Geiſtern.“ Tom ſang die Verſe einer bekannten Methodiſtenhymne. 3* „In ſeligem Entzücken Seh ich die heiteren Geiſter ſtehn, Sie all' in weißen Kleidern gehn, Siegspalmen in den Händen nicken.“ „Onkel Tom, ich habe ſie geſehen,“ ſprach Eva. Tom zweifelte durchaus nicht daran, und wenn Eva ge⸗ ſagt hätte, ſie wäre im Himmel geweſen, ſo hätte er es voll⸗ kommen geglaubt. „Sie beſuchen mich zuweilen im Schlaf, die Geiſter,“ ſprach Eva träumeriſch und wiederholte die Worte: „Sie all' in weißen Kleidern gehn, „Siegspalmen in den Händen nicken.“ „Onkel Tom,“ fuhr ſie fort,„ich gehe dahin.“ „Wohin, Miß Cva?“ fragte Tom. Das Kind erhob ſich und deutete mit der weißen Hand gen Himmel. Der Glanz der untergehenden Sonne gab ih⸗ rem Haupte den Glanz des Heiligenſcheines und übergoß ihr Geſicht mit roſigem Schimmer, während die dunkeln Augen ernſt gen Himmel ſchauten. „Ich gehe dorthin, Tom, zu den heitern Geiſtern— ich gehe bald!“ Tom erſchrak plötzlich, und ihm fiel jetzt mit einem Male die ſchon ſeit ſechs Monaten häufig bemerkte Bläſſe Evange⸗ linens, ſo wie die Durchſichtigkeit ihrer Haut und die zuneh⸗ mende Magerkeit ihrer kleinen Hände, auf; wie ihr Athem auffallend kurz und ſie beim Herumlaufen im Garten leicht müde wurde, ein Umſtand, der früher nicht ſtattfand. Auch hatte er Miß Ophelia's Bemerkungen über einen Huſten, der nicht zu heilen wäre, gehört, und in dieſem Augenblicke glüh⸗ ten ihre Wangen von einer hektiſchen Röthe. Gab und giebt es nicht ſolche Kinder wie Evangeline war? Ja wohl, aber ſie haben gelebt, und ihre Namen ſtehen auf grünen Raſenhügeln, und ihr Zauber und ihre Anmuth gehören zu den tief unter der Erde befindlichen Schätzen ihrer Lieben. In wie viel Familien hört man die Sage, daß aller Liebreiz und Güte lebender Weſen nichts ge⸗ 218 gen Anmuth Derer, die nicht mehr ſind? Es iſt, als ob des Himmels auserwählte Engel unſichtbar zur Erde nieder⸗ ſteigen, um die ſchönſten Menſchenherzen an ſich zu feſſeln und bei ihrem Heimgange mit in jene überirdiſche Räume hinaufzunehmen. Wenn Ihr das tiefe, geiſtige Licht im Auge ſiecht, wenn der kleine Geiſt ſich in holderen und weiſeren Tönen hören läßt— ſo hoffet nicht, ein ſolches Kind in Eurer Mitte zu behalten, denn ſeine Heimath iſt nicht hier, und es trägt das Siegel Gottes an der Stirn und das Licht der Unſterblichkeit leuchtet aus ſeinem glanzvollen Augenſtern. So auch Du, Eva, Du Zionsſtern Deines Hauſes, Du wirſt heimgehen, und die Dich am heißeſten lieben, wiſſen es nicht. Miß Ophelia ſtörte die Betrachtungen Tom's und Eva's. „Eva, Kind, was machſt Du ſo ſpät im Garten? Der Thau fällt und wird Dir ſchaden.“ Eva und Tom eilten heim. Miß Ophelia hatte ſchon ſeit längerer Zeit den leiſen, trocknen Huſten und die erblaſſenden Wangen Eva's bemerkt. Sie konnte die erſten Zeichen jener hinterliſtigen Krankheiten, welche, ehe noch ein auffallendes Uebel zu bemerken iſt, plötz⸗ lich mit Rieſenſchritten die friſcheſte Blume welken machen und in den Schooß der kühlen Erde führen. Sie theilte St. Clare ihre Befürchtungen mit, der ſie aber mit einer gegen ſeine Ruhe abſtechende Heftigkeit zurückzuweiſen ſuchte. „Krächze nicht, Couſine, die Kinder verlieren in Wachſen immer von ihren Kräften.“ „Aber jener verdächtige Huſten?“ „Unſinn! ſie wird ſich erkältet haben.“ „Das ging eben ſo mit Eliſa Jone und mit Ellen und Mary Sanders.“ „Höre auf mit Deinen Spukgeſchichten aus der Kranken⸗ ſtube, Ihr alten Unglückspropheten ſeht in jedem Huſten und Nieſen eines Kindes ſchon Krankheit; hüte ſie beſſer und halte ſie von der kalten Nachtluft zurück, dann wird es beſſer werden.“ Trotzdem aber wurde er ängſtlicher und aufmerkſamer auf die ſich mehrenden Unglückszeichen. Er beobachtete ſie öfter, begleitete ſie oft auf ihren Ausflügen und brachte ihr Stärkungsmittel, nicht wie er ſagte, weil es nöthig ſei, ſon⸗ dern weil es ihr nichts ſchade.— Was ihn aber am meiſten beunruhigte, war die immer mehr zunehmende Geiſtesreife diegh ſes an Körper immer noch kindiſchen Geſchöpfes, deſſen oft⸗ 219 mals tiefe und von einem andern Geiſte kommenden Worte und Ausſprüche gleich höherer Inſpiration erſchienen. In ſolchen Momenten fühlte er ſich von einer fieberhaften Angſt ergriffen, und ſchloß den kleinen Engel feſt an ſeine Bruſt, gleich als ob ſie ihn dadurch unfehlbar bei ſich zurückhalten könne. Das Kind ſchien mit Herz und Geiſt von den weiteſten Gefühlen des Wohlwollens und der Liebe erfüllt. Schon immer freigebig, hatte ſie jetzt eine noch vielmehr rührende Freige⸗ bigkeit, die von allen ſie Umgebende mit Bewunderung be⸗ merkt wurde. Während ſie noch oft den drolligen Späßen und Streichen Topſy's beiwohnte, war ſie jetzt mehr eine Zu⸗ ſchauerin, als Theilnehmerin derſelben, und zuweilen überflog ein tiefer Schatten des Nachdenkens ihr mildes Antlitz. „Mama,“ ſagte ſie plötzlich eines Tages zu ihrer Mut⸗ tet,„warum lernen unſere Leute nicht leſen?“ „Weil ihnen das Leſen nichts nützt,“ erwiderte die Mut⸗ ter,„ſie arbeiten nicht beſſer darum, und dazu ſind ſie nur geſchaffen.“ „Sie ſollten aber die Bibel leſen lernen, Mutter, und Gottes Wort und Willen kennen lernen.“ „Sie können ſich vorleſen laſſen, was ſie brauchen.“ „Ich meine aber, Mama, daß die Bibel zum Selbſtleſen iſt. Man lieſt ſie öfter, als wenn ſie einer vorlieſt,“ entgegnete die Kleine. „Du biſt ein ſonderbares Kind, Eva,“ ſagte die Mutter. Miß Ophelia hat Topſy Leſen gelehrt.“ „Nun, und doch iſt Topſy das nichtsnutzigſte Geſchöpf, welches ich je geſehen habe,“ erwiderte Marie. „Wie ſehr liebt die arme Mammy die Bibel,“ fuhr Eva fort,„und was wird ſie anfangen, wenn ich ihr nicht mehr vorleſen kann?“ Die Mutter beſchäftigte ſich mit dem Inhalt eines Käſt⸗ chens und antwortete: „Du wirſt freilich bald andere Dinge zu thun haben, als den Domeſtiken die Bibel vorzuleſen; ich habe es wohl auch gethan, als ich geſund war. Wenn Du Dich erſt putzen und in die Geſellſchaft gehen wirſt, bleibt Dir dazu keine Zeit. Sieh einmal,“ fuhr die Mutter fort,„dieſes Geſchmeide will ich Dir geben, wenn Du zum erſten Male auf einen Ball xhi. ich habe damit Senſation gemacht, verſichere ich Dir, va.“ Eva nahm das Diamantenhalsband und betrachtete es mit ſinnenden Blicken. 220 „Wie ruhig Du ausſiehſt, Kind,“ ſagte die Mutter. „Sind dieſe Diamanten viel Geld werth?“ fragte Eva. „Gewiß, mein Vater hat ſie aus Frankreich kommen laſſen; es ſteckt ein kleines Vermögen darin.“ „Wenn ich damit thun dürfte, was ich wollte, ſo würde ich ſie verkaufen und aus dem Erlös eine Beſitzung in den freien Staaten kaufen, alle unſere Leute dahin bringen und ihnen Leſen lehren.“ „Eva wurde durch das helle Gelächter ihrer Mntter unter⸗ brochen. „Eine Koſtſchule errichten! Wollteſt Du nicht auch Cla⸗ vierſpielen und Malen lehren?“ „Ich würde ihnen die Bibel leſen, ihre Brieſe ſchreiben, und die Briefe, die ſie erhalten, verſtehn lehren,“ antwortete Grva beſtimmt.„Ich weiß, es geht allen ſehr nahe, daß ſie es nicht können.“ Tom fühlt es, Mammy fühlt es, und noch viele Andere. Ich halte es für nicht richtig. Komm komm, Eva, Du biſt ein einziges Kind, darüber, weißt Du nichts,“ ſprach Marie,„überdies macht mir dies Geſchwätz Kopfſchmerzen.“ Stets hatte Marie einen Kopfſchmerz bei der Hand, wenn eine Unterhaltung ihr nicht zuſagte. Eva ſtahl ſich weg, aber trotz alledem gab ſie Mammh fleißig Leſeunterricht. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Fenriqur. Um dieſe Zeit war es, als Alfred, St. Clare's Bruder, mit ſeinem Sohne, einen Knaben von 12 Jahren, einige Zeit in der Familie am See zubrachte. Nichts konnte ſchöner und zugleich eigenthümlicher ſein, als der Anblick der beiden Zwil⸗ . lingsbrüder. Statt in Aehnlichkeit, bildete die Natur ſie ganz entgegengeſetzt. Ein geheimnißvolles Band ſchien ſie jedoch zu einer engeren Freundſchaft als gewöhnlich zuſammenzu⸗ halten. Arm in Arm wandelten ſie gewöhnlich in den Baum⸗ gängen des Gartens. Auguſtin mit den blauen Augen und dem goldblonden Haar, ſeiner feinen, elaſtiſchen Geſtalt und den lebhaften Zügen, und Alfred mit den dunkelen Augen, dem 221 ſtolzen römiſchen Profil, den kernigen Gliedern und dem ent⸗ ſchloſſenen Auftreten. Sie zogen ſtets über ihre gegenſeitigen Meinungen und Gewohnheiten her, was ſie aber nicht ver⸗ hinderte, ſich immer wieder und feſter aneinander zu ſchließen. Henrique, Alfreds älteſter Sohn, war ein ſchöner Knabe, voller Geiſt und Bewegung, und ſchien beim erſten Anblick ſeiner ſchönen Couſine gänzlich von ihrer Liebenswürdigkeit hingeriſſen. Eva's kleines weißes Lieblingspferd, von ſanftem Gang, wie eine Wiege, wurde jetzt von Tom in die Veranda geführt, während ein etwa dreizehnjähriger Mulatte einen kleinen arabiſchen Hengſt, der erſt kürzlich um ſchweres Geld für Henrique eingeführt war, herbeiführte. Henrique ſetzte ih kindiſchen Stolz auf ſein neues Ei⸗ genthum, und betrachtett das Pferd wohlgefällig, es mit den Händen ſtreichelnd. „Was iſt das, Dodo, fauler Bube?“ fuhr er den kleinen Mulatten an, als er etwas Schmutz am Pferde bemerkte. „Maſter,“ erwiderte Dodo ſchüchtern,„das Pferd iſt ſelbſt ſchuld daran.“ „Halt das Maul, Schuft!“ ſchrie Henrique.„Wie kannſt Du wagen zu reden!“ Der Knabe, ein ſchöner, feuriger Mulatte, mit lockigem Haar und freier Stirn, war von weißer Abſtammung, und das Blut ſtieg ihm in die Wangen, als er ſich mit blitzenden Augen eifrig vertheidigen wollte. „Maſter Henrique—“ begann er. Henrique ſchlug ihn mit der Reitgerte über das Haupt, faßte ihn am Arm und drückte ihn in die Knie, worauf er ſo lange auf ihn losſchlug, bis er athemlos war. „So, Du niederträchtiger Hund! Wirſt Du nun wieder reden, wenn ich zu Dir ſpreche? Da nimm das Pferd und reinige es ſchnell; ich werde Dich lehren, wie Du Dich be⸗ tragen ſollſt.“ „Junger Herr,“ hob Tom an,„er hat wohl ſagen wol⸗ len, daß ſich das Pferd gewälzt hat, als er es aus dem Stalle brachte, es iſt zu feurig. Ich habe geſehen, wie er es reinigte.“ „Du hälſt das Maul, bis man Dich auffordert zu reden,“ rief Henrique, indem er ſich herumdrehte, und die Treppe hinaufſprang, um mit Eva zu reden, die im Reitan⸗ zuge auf der Verande ſtand. „Liebe Couſine, ich bedauere, daß dieſer einfältige Bur⸗ ſche Dich warten läßt. Setzen wir uns auf dieſe Bank, bis 222 ſie kommen. Was fehlt Dir Couſine, Du biſt niederge⸗ ſchlagen?“ „Wie konnteſt Du nur ſo brutal und ſchändlich gegen den armen Dodo ſein?“ ſprach Eva. „Brutal! ſchändlich!“ ſprach der Knabe mit unverſtelltem Erſtaunen.„Ich verſtehe Dich nicht, liebe Eva.“ „Ich will nicht, daß Du mich liebe Eva nennſt, wenn Du das thuſt,“ ſagte ſie „Liebe Couſine, Du kennſt dieſen Dodo nicht. Es giebt keine andere Art ihn zu behandeln, er ſteckt voller Lügen und Ausflüchte. Man muß ihn ſofort niederdrücken. So macht es Papa auch.“ „Onkel Tom ſagte aber, es wäre ein Zufall geweſen, und der lügt nicht,“ meinte Epa. „Dann iſt es ein außergewöhnlicher Neger,“ ſprach Henrique,„Dodo lügt mehr als er ſpricht.“ „Wenn Du ihn ſo behandelſt, machſt Du ihn gewaltſam zum Lügner.“ „Ei, Eva, Dodo gefällt Dir wirklich ſo, daß ich eifer⸗ ſüchtig werden könnte.“ „Weshalb ſchlägſt Du ihn, da er nichts gethan hat?“ „Die Schläge ſollen ihm das nächſte Mal, wenn er et⸗ was begeht, zu Gute kommen, dann ſoll er nicht gezüchtigt werden. Einige Hiebe ſind nicht ſchlecht bei ihm angebracht. Es iſt ein wahrer Kobold, aber ich werde ihn nicht wieder vor Deine Augen ſchlagen, wenn es Dich unangenehm be⸗ rührt.“ Eva war nicht befriedigt, fand es aber vergebens, ihre Anſichten und Gefühle ihrem hübſchen Vetter begreiftich zu machen. Bald darauf erſchien Dodo mit den Pferden. „Dies Mal haſt Du es ziemlich gut gemacht,“ ſprach der junge Herr herablaſſend,„halte Miß Eva's Pferde, wäh⸗ rend ich ihr behülflich bin.“ Dodo hielt das Pferd und Henrique hob Eva in den Sattel, nahm die Zügel und übergab ſie ihr. Dieſe aber beugte ſich nach der Seite wo Dodo ſtand, und ſagte: „Du biſt ein guter Junge, ich danke Dir.“ Dodo ſah überraſcht nach dem holden Antlitz hinauf; das Blut trat ihm in die Wangen und die Thränen in die Augen. „Dodo, komm her,“ herrſchte Mr. Henrique, und ſetzte guädig hinzu„da iſt eine Pecayune, geh', kauf' Dir Zucker.“ 223 Henrique und Eva ſprengten fort. Dodo ſah beiden Kindern nach. Das Eine hatte ihm Geld gegeben, das An⸗ dere ein freundliches Wort— und das war mehr werth! Die beiden Brüder St. Clare waren von Ferne Zeugen dieſer Scene geweſen. Auguſtin erröthete unwillig, aber er bezwang ſich und bemerkte nur ironiſch: „Das iſt wahrſcheinlich ſogenannte republikaniſche Er⸗ ziehung?“ „Henrique iſt ein Teufelskerl, wenn er aufgebracht wird,“ antwortete Alfred gleichmüthig.. „Du hältſt dies vielleicht für eine belehrende Uebung?“ „Ich kann es nicht ändern, Henrique iſt ein wahrer Sauſewind. Wir haben ihn ſchon längſt aufgegeben. Aber der Dodo iſt auch ein Schlingel. Man mag ihn ſchlagen, ſo viel man will, es hilft Alles nichts.“ „Und das geſchieht, um Henrique das erſte Gebot des republikaniſchen Kapitels zu lehren: Alle Menſchen ſind frei und gleich geboren.“ „Bah, das iſt ein ſentimentaler Brocken von Tom Jef⸗ ferſon. Es iſt wirklich lächerlich, das noch jetzt zu hören.“ „Das meine ich auch,“ ſprach Auguſtin mit Nachdruck. „Weil es augenſcheinlich iſt, daß nicht alle Menſchen frei und gleich ſein können,“ fuhr Alfred fort,„alles Andere ſind ſie eher, als das. Was mich betrifft, ſo halte ich die Hälfte aller dieſer Floskeln für Verkehrtheiten. Die Vorneh⸗ men, die Gebildeten, die Intelligenten, die Reichen haben gleiche Rechte, aber nicht der Pöbel.“ „Wenn Du dem Pöbel dieſe Idee beibringen kannſt,“ erwiderte Auguſt.„In Frankreich kam auch er einſt an's Ruder.“ 3 „Er muß niedergehalten werden, beharrlich und feſt, wie ich es machen würde,“ ſprach Alfred energiſch und mit dem Fuße auftretend, als ob er ſchon etwas darunter hätte. „Es giebt ein entſetzliches Schwanken, wenn er ſich auf⸗ richtet, z. B. in St. Domingo,“ fuhr Auguſtin fort. „Bah! in St. Domingo!“ ſpöttelte Alfred,„bei uns wollen wir ſchon Sorge tragen. Wir müſſen uns nur gegen all das Geſchwätz von Erziehung und Erhebung ſtemmen, welches jetzt umherſpukt, die untere Volksklaſſe darf nicht er⸗ zogen werden.“ „Das iſt vorbei,“ ſprach Anguſtin,„ſie wird ſchon ge⸗ bildet, und wir können nur angeben, auf welche Weiſe dies vor ſich gehen ſoll. Unſer Syſtem erzieht ſie in Wildheit und 6 224 Rohheit. Wir zerreißen alle Bande der Menſchlichkeit und lernen, wenn ſie obenauf kommen.“ „Sie ſollen nie obenauf kommen,“ entgegnete Alfred ent⸗ rüſtet. „So iſt es recht, preßt den Dampf ein, ſchließt das Sicherheitsventil und ſetzt Euch darauf, und dann wartet ab, wohin Ihr kommt.“ „Nun, wir werden ſehen,“ ſprach Alfred.“ Ich fürchte mich nicht davor, auf den Sicherheitsventil zu ſitzen, ſobald der Keſſel ſtark iſt und die Maſchine richtig arbeitet.“ „Der Adel in Frankreich, zur Zeit Ludwig XVI., dachte ebenſo, und Pabſt Pius IN. denkt jetzt ſo, aber eines Mor⸗ gens könnt Ihr Alle in die Höhe fliegen, wenn die Keſſel geplatzt ſind.“ „Dies declarabit,“ ſprach Alfred lachend. „Ich verſichere Dir!“ rief Auguſtin aus,„wenn irgend etwas ſich mit wahrhaft göttlicher Kraft offenbart, ſo iſt's das, daß die Maſſen aufſtehen und die unteren Klaſſen die Ober⸗ hand erhalten werden.“ „Das iſt wieder eine von Deinen echt republikaniſchen firen Ideen, Auguſtin, Du würdeſt einen famoſen Volks⸗ redner abgegeben haben. Ich wünſche das tauſendjährige Reich Deiner ungewaſchenen Maſſen nicht zu erleben.“ „Ungewaſchen oder nicht— ſie werden Euch unterjochen, wenn die Zeit erſchienen iſt, und ſie werden die Beherrſcher in der That ſein, die Ihr aus ihnen macht. Dem franzöſi⸗ ſchen Adel erging es eben ſo. Das Volk von Hayti—“ „O ſchweig mir Auguſtin! von jenem verächtlichen Hayti. Wenn die Haytier Anglogermanen geweſen wären, ſo würde es ganz anders gegangen ſein. Die Anglogermanen ſind der herrſchende Stamm der Welt und werden es bleiben.“ „Nun, es befindet ſich eine ganz anſehnliche Menge von anglogermaniſchem Blut in unſeren Sklaven,“ bemerkte Au⸗ guſtin,„gerade ſo viel, als nöthig iſt, um der anglogerma⸗ niſchen vorſichtigen Klugheit und Kraft eine Zuthat von afri⸗ kaniſcher Wärme und Gluth zu geben. Wenn je der St. Domingotag kommt, ſo wird anglogermaniſches Blut die Schlacht eröffnen. Söhne, in deren Adern das ſtolze Blut weißer Väter rollt, werden nicht ewig als Handelsartikel gelten, ſie werden ſich erheben und die Race ihrer Mutter mit in die Höhe ziehen.“ „Unſinn, dummes Zeug,“ rief Alfred. machen ſie zum wilden Thier, und ſo werden wir ſie kennen. 225 „Du bethätigſt durch Deine Rede ein altes Sprüchwort,“ erwiderte Anguſtin.„Es wird ſein, wie in den Tagen Noah's, ſie aßen, ſie tranken, ſie bauten, ſie pflanzten, und achteten und merkten nichts, bis die Fluth kam und ſie verſchlang.“ „Du haſt in Wayrheit die Fähigkeiten eines Wander⸗ predigers,“ ſpöttelte Alfred.„Fürchte nichts für uns, der Beſitz bildet das Recht, wir haben die Macht, dieſes Skla⸗ vengeſchlecht ſoll unterliegen,“ rief er mit dem Fuß aufſtam⸗ pfend.„Wir haben Kraft genug, um unſer Pulver zu be⸗ wahren.“ „Söhne von der Erziehung Deines Henrique werden vortreffliche Wächter abgeben. Wie kaltblütig er iſt, und wie er ſich zu beherrſchen verſteht! Es heißt aber: wer ſich nicht ſelbſt beherrſchen kann, verſteht auch nicht, andere zu beherr⸗ ſchen.“ Wir reden hin und her, Auguſtin, haben ſchon hundert⸗ male darüber geſprochen, und kommen doch nicht weiter.— Wie wäre es mit einer Partie Schach?“ „Nach Belieben,“ ſprach Auguſtin, und die beiden Brüder ſtiegen auf die Veranda und ſetzten ſich ans Schachbrett. „Du haſt den erſten Wurf,“ ſprach Alfred, und ſie waren bald in's Spiel verſenkt, und hörten nicht eher auf, als bis ſie die Kinder kommen hörten. „Sieh einmal, Alfred, haſt Du je etwas Schöneres ge⸗ ſehen?“ ſprach Auguſtin, indem er mit dem Finger nach Eva und Henrique wies. Es war wirklich ein erfreulicher Anblick. Henrique mit ſeiner hohen Stirne, den dunklen Locken und blühenden Wangen neigte ſich heiter und lachend zu Cva, deren Wangen durch die Bewegung eine ſchimmernde Röthe erlangt hatten, welche die Wirkung ihres durchſichtigen Teints und ihres goldigen Haares ſteigerte. „Lieber Gott, welche wahrhäft blendende Schönheit!“ rief Alfred aus,„ſie wird noch Manchem Herzweh machen.“ „Gott weiß, daß ſie das in ſehr hohem Maaße thun wird,“ feufzte Auguſtin ſchmerzlich. „Liebe Eva, Du biſt doch nicht angegriffen?“ fragte er beſorgt, ſie an ſich ziehend. „Nein, Vater, ſprach das Kind, deren ſchweres Athmen den Vater erſchreckte. „Warum biſt Du doch ſo ſchnell geritten, Du weißt, daß es Dir nicht gut thnt.“ „ 5 . 226 Ich befand mich ſo wohl, und fand ſo viel Gefallen daran, daß ich nicht darauf achtete.“ „Henrique, Du mußt Eva behüten, und nicht ſo ſchnell mit ihr reiten,“ ſprach St. Clare, indem er Eva auf ſeinen Armen ins Zimmer trug, und auf den Sopha legte. „Ich werde ſie unter meine Obhut nehmen,“ antwortete Henrique, indem er ſich zu ihr ſetzte und ihre Hand ergriff. Eva erholte ſich bald wieder, die beiden Brüder verließen das Zimmer und die Kinder blieben allein. „Wie leid thut es mir, Eva, daß wir nur wenige Tage bei Euch ſein werden,“ hub Henrique an.„Wenn ich bei Dir bliebe, würde ich auch verſuchen, gegen Dodo freundlicher zu ſein. Ich will ihn auch gar nicht ſchlecht behandeln, aber ich habe ſolch' hitzigen Charakter. Ich gebe ihm auch zuweilen ein Geſchenk, und Du ſiehſt, daß er gut gekleidet iſt. Ich meine, daß er es nicht ſo ganz ſchlecht hat.“ „Würde es Dir gefallen, wenn Du keinen Menſchen auf Erden hätteſt, der Dich lieb hätte?“ „Ich? Gott behüte!“ „Und dennoch haſt Du ihn von allen fortgeriſſen, und er hat keinen Menſchen, der ihn liebt; wie kann er ſich nun wohl fühlen?“ „Ich weiß nicht, wie ich es ändern ſoll. Seine Mutter kann ich ihm nicht wieder ſchaffen, ich ſelbſt kann ihn nicht lieben, und ich weiß auch nicht, wer es könnte.“ „Warum kannſt Du es nicht?“ „Dodo lieben? Ei, Eva, Du ſpaßeſt wohl! Leiden könnte ich ihn wohl, aber einen Diener liebt man nicht. „Ich thue es.“ „Wie wunderlich!“ „Befiehlt uns nicht die Bibel, alle Menſchen zu lieben?“ „Ach die Bibel! ſie ſagt mancherlei, aber es fällt Kei⸗ nem ein, es zu thun; Eva, Du weißt, daß ſich Niemand darnach richtet.“ Eva ſchwieg. Ihre Augen hefteten ſich ſinnend in die Ferne. „Jedenfalls,“ ſprach ſie nach einer Weile,„liebe den armen Dodo um meinethalben, ich bitte Dich darum, lieber Couſin.“ „Um Deinetwillen könnte ich Alles lieben, denn ich halte Dich für das liebenswürdigſte Weſen, welches ich je geſehen ſprach Henrique mit einem Eifer, der ſeine Züge elebte. 8 227 Eva nahm dieſe Verehrung mit dem größten Unbewußt⸗ ſein auf, und ſagte nun: „Ich freue mich, Dich ſo fühlen zu ſehen, lieber Hen⸗ rique, ſei ſo gut, dies Gefühl zu bewahren!“ Die Tiſchglocke machte dem Geſpräch ein Ende. Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Andeutungen. Alfred und St. Clare ſchieden einige Tage darauf, und Eva, welche durch dieſen Beſuch mehr als gewöhn⸗ lich im Geräuſch gelebt hatte, ſank zuſehends dahin. St. Clare ſah ſich genöthigt einen Arzt um Rath zu fragen, was bis⸗ bisher ihm ſtets zuwider, weil er dann vielleicht eine unwill⸗ kommne Wahrheit hören mußte. Seit einigen Tagen aber war Epa ſo unwohl, daß ſie das Bett nicht verlaſſen konnte, und ſo wurde der Arzt gerufen. Marie St. Clare hatte bis dahin wenig Notiz von der ſtufenweis dahinſchwindenden Geſundheit ihres Kindes ge⸗ nommen, weil ſie vollſtändig in das Studium einer neuen Krankheit verſenkt war, deren Hebung ſie bald zu bewirken glaubte. Ihr Hauptgedanke war ſtets der, daß keiner mehr zu dulden habe als ſie ſelbſt, und ſie gab niemals die Mög⸗ lichkeit zu, daß auch andere um ſie herum krank ſein könnten, ſie war in ſolchem Falle feſt überzeugt, daß nur Trägheit oder ungenügende Feſtigkeit die Urſachen wären, und wenn man ſo viel zu leiden hätte, wie ſie, man bald den Unterſchied ſehen würde. Miß Ophelia hatte ſchon mehreremal geſtrebt, ihre mütterliche Sorgfalt rege zu machen, aber vergeblich. „Ich ſehe nichts Beſorgnißerregendes an dem Kinde, ſie läuft herum und ſpielt.“ „Aber ſie hat den Huſten.“ „Huſten! Sprechen Sie mir nicht davon: Ich bin auch dem Huſten unterworfen geweſen. Als ich in Evas Alter war glaubte man, ich habe die Abzehrnng.“ „Ach, ich hatte das Jahr aus Jahr ein, es iſt nichts als eine Nervenerregung.“ 1 228 Miß Ophelia ſchwieg für längere Zeit. Als aber Eva ins Bett mußte, und der Doctor gerufen wurde, hatte Marie plötzlich andere Anſichten. Sie wiſſe es und fühle es immer, daß ſie dazu beſtimmt, die bedauernswertheſte Mutter zu ſein, ſie ſei ans Krankenbett gefeſſelt, während ihr einziges Lieb⸗ lingskind vor ihren Augen dem Grabe zu fiele. Und Marie rief Mammy des Nachts auf, ſchalt und lärmte noch beharr⸗ licher als bisher. „Liebe Marie, ſprich nicht ſo,“ ſprach St. Clare,„Du brauchſt ſie noch nicht aufzugeben. Sie iſt ſchwächlich, und nur durch die letzte Unruhe— ſo aufgeregt. Der Arzt hat noch Raum zur Hoffnung gelaſſen. „Gut, wenn Du die Lichtſeite ſiehſt, bitte, ſo thue es; ich wollte, ich könnte ſo gleichgiltig ſein, wie Ihr Uebrigen.“ Und die Uebrigen hatten gute Urſache, das auch zu wünſchen, denn Marie benutzte ihr neues Elend zum Grunde und Vorwand für allerlei Plagen für ihre Umgebung, ſie klagte beſtändig über die Hartherzigkeit und Unempfindlich⸗ keit derſelben. Die arme Eva hörte einige ſolche Redensarten, und weinte ſich faſt die Augen aus, aus Liebe für ihre Mamma und aus Kummer, daß ſie ſolche Noth mache. Bald darauf trat in ihrem Zuſtande eine Verbeſſerung ein— eine von den Windſtillen der Krankheit, womit ſie die beängſtigten Herzen, wenn auch ſchon am Rande des Grabes, täuſcht. Eva wurde wieder munter, ſprang herunter, und der Vater glaubte ſchon die große Gefahr vorüber, nur Ophelia und der Arzt täuſchten ſich nicht in ihrem Herz en, und noch ein Herz täuſchte ſich nicht über die Kriſis, es war Eva's Herz ſelbſt. Was zuweilen in der Seele ſo leiſe, ſo klar ſpricht, daß die Zeit des Erdenwallens nur noch kurz iſt? Iſt es der geheime Inſtinkt der hinkenden Natur, oder iſt es ahnungsvolles Beben der Seele, angeſichts der Unſterb⸗ lichkeit? Was es auch ſei, es ruhte in Eva's Herzen eine ruhige ſüße Gewißheit, vu der Himmel nähe ſei. Ruhig, wie das Licht der ſcheidenden Sonne, ſanft wie die heitere Stille des Herbſtes, ruhte ihr kleines Herz, nur in Sorge für die, welche ſie ſo ſehr liebte. Denn dieſes Kind, ſo zärtlich be⸗ wacht, deſſen Leben umflochten war mit all der Herrlichkeit, welche Liebe und Wohlſtand geben kor unten, hatte keinen Kum⸗ mer für ſ ſich ſelbſt bei dem Gedanken. In dem Buch, in wel⸗ chem i⸗ und ihr einfältiger, alter Freund ſo oft zuſammen laſen, hatte ſie geſehen und in ihr junges Herz aufgenommen 229 das Bild Eines, welcher die kleinen Kinder liebt. Und als ſie darauf blickte und ſann, hatte es aufgehört ein Bild der entfernten Vergangenheit zu ſein, und wurde eine lebende, Alles umfaſſende Wirklichkeit. Dieſe Liebe erfüllte ihr kind⸗ liches Herz mit mehr als ſterblicher Zärtlichkeit, und zu ihm ſagte ſie, ſie ginge in ſeine Heimat. Aber ihr Herz ſchlug mit ſchmerzlicher Zärtlichkeit für die, welche ſie hier zurücklaſſen ſollte, am meiſten für ihren Vater. Denn, obgleich ſie es nie beſtimmt dachte, hatte ſie doch eine unbewußte Ahnung, daß ſie mehr in ſeinem Herzen lebte, als jeder Andere. Ihre Mutter liebte ſie, weil ſie eben jeden liebte, und obgleich ſie manches an ihr nicht begreifen konnte, ſo ging ſie darüber hinweg mit dem Gedanken, daß es ihre Mutter ſei, die nach ihrer Meinung auch nichts Böſes thun könne. Dann hatte ſie auch Gefühl für die treuen Diener, denen ſie ein Tageslicht und Sonnenſchein war. Kinder pflegen gewöhnlich nicht zu unterſuchen, aber Eva war ein ungewöhnlich reifes Kind, und das, was ſie von den Uebeln des ſie umgebenden Syſtems erblickte, fiel in die Tiefe ihres denkenden, ſinnenden Herzens, und ſie hatte ein unwiderſteh⸗ liches Sehnen, etwas für die Unglücklichen zu thun, und die⸗ ſes Sehnen contraſtirte ſchmerzlich mit der Schwäche ihres kleinen Körpers. „Onkel Tom,“ ſagte ſie eines Tages, als ſie ihrem al⸗ ten Freunde vorlas,„ich verſtehe, wie Jeſus den Trieb hatte, für uns zu ſterben.“ „Warum, Miß Eva?“ „Weil ich auch ſo fühle.“ „Wie iſt Das, Miß Eya, ich verſtehe es nicht.“ „Ich kann es Dir nicht ſo erklären. Als ich jene ar⸗ men Geſchöpfe auf dem Dampfbvot ſah, weißt Du, als Du und ich herkamen, wie man ſie von ihren Müttern und Frauen riß, wie Mütter und Kinder ſchrieen, und noch viele andere Mal, o Tom, da hätte ich für ſie ſterben können, wenn da⸗ durch all das Elend aufgehoben wäre. Ich wollte ſterben für ſie, wenn ich könnte,“ ſprach das Kind ernſt, indem es ſeine kleine Hand auf ihn legte. Tom hörte ihr ehrfurchtsvoll zu, als ihr Vater ſie rief. Es war gegen Abend und die ſich brechenden Sonnenſtrahlen bildeten um ihr Haupt eine Art Glorie, als ſie im weißen Kleide, mit gerötheten Wangen und— von dem in ihren Adern ſchleichenden Fieber— glänzenden Augen heraufſchlüpfte. Ihr Vater empfing ſie, aber ſie machte auf ihn in dieſer 230 plötzlichen Erſcheinung einen ſo beängſtigenden Eindruck, daß er ſie heftig an die Bruſt zog und vergaß, weshalb er ſie gerufen habe. „Theuere Eva, es geht Dir jetzt beſſer, nicht wahr?“ „Papa,“ ſagte ſie mit plötzlicher Feſtigkeit,„ich muß Dir etwas ſagen, was ich ſchon lange thun wollte, ich will es jetzt thun, ehe ich ſchwächer werde.“ Er zitterte, als ſie ihren Kopf an ſeine Bruſt lehnte. „Es iſt unnütz, es noch länger in mir ſelbſt zu ver⸗ ſchließen. Ich werde von hinnen gehen und niemals wieder⸗ kehren.“ Und Eva ſchluchzte. „O, nicht, meine kleine Eva,“ ſagte St. Clare liebevoll, obgleich er erbebte,„Du biſt aufgeregt und entmuthigt. Du mußt Dich nicht in ſo trübe Gedanken vertiefen. Sieh, ich habe Dir hier eine Statuette gekauft.“ „Nein, Papa,“ ſagte ſie abwehrend,„täuſche Dich nicht, ich bin nicht wohler, ich weiß es recht wohl, und ich gehe binnen Kurzem. Ich bin nur entmuthigt, um Dich Papa, und meine Freunde. Ich möchte gehen, ich ſehne mich zu gehen.“ „Wie, mein Kind, was hat Dich ſo ſchmerzvoll, ſo trau⸗ rig gemacht?“ „O, Papa, ich möchte lieber im Himmel ſein, nur mei⸗ ner Freunde halber würde ich hier bleiben wollen. Es bricht mir am meiſten das Herz, Dich hier zu laſſen.— Es geſche⸗ hen hier viele Dinge, die mich beträben und entſetzen. Dinge, die beſtändig gethan werden. Ich bin betrübt um unſere Diener, ich habe ſie lieb und ſie lieben mich. Papa, ich wollte, ſie wären alle frei.“ „Ei, Eva, Kind, denkſt Du nicht, daß es ihnen gut ge⸗ nug geht?“ „O, Papa, wenn Dir nun etwas geſchehen ſollte, was wollten ſie anfangen. Es giebt nur wenig Menſchen, die Dir gleichen Papa! Onkel Alfred iſt nicht ſo. Ich denke mit Schmerzen an das Loos dieſer armen Leute, ich muß für ſie fühlen. Solche Dinge ſind mir immer auf's Herz gefallen, und ich habe fort und fort daran gedacht. Papa, iſt es nicht zu erlangen, daß alle Sklaven frei ſind?“ „Das iſt eine ſchwierige Frage, meine Theuerſte. Ich wünſche auch von ganzem Herzen, daß die Sklaverei aufhört,“ ſagte St. Clare. „Papa, Du biſt ein ſo guter Mann, ſo edel und thätig. Würdeſt Du nicht überall herumgehen und ſuchen, die Leute 231 zu überreden, dieſes zu thun? Ich wollte, ich könnte es thun.“ „Wenn Du todt biſt,“ rief St. Clare leidenſchaftlich. Kind, rede nicht ſo, Du biſt Alles, was ich auf Erden habe.“ „Und verſprich mir, lieber Vater, daß Tom ſeine Frei⸗ heit haben ſoll, wenn ich, wenn—“ Eya ſtockte, ſprach dann aber raſch:„wenn ich dahin bin!“ „Ja, Liebe, ich will Alles thun, was Du von mir ver⸗ langſt.“ „Lieber Vater,“ ſagte Eva nach einer kleinen Pauſe des Nachdenkens.„Wie gern möchte ich mit Dir zuſammen gehen.“ „Wohin, Kind?“ „In unſeres Heilands Heimath, es iſt dort ſo ſüß und friedevoll; es iſt Alles ſo liebeerfüllt.“ Das Kind ſprach wie von einem Orte, wo es ſchon oft geweſen.„Möchteſt Du nicht mitgehen, Vater?“— St. Clare ſchwieg, auf's Aeußerſte bewegt.„Du wirſt zu mir kommen,“ ſprach das Kind mit einer Sicherheit und Beſtimmtheit, die ſie oft unbewußt ge⸗ brauchte in ihren halb geheimnißvollen Reden. „Ich werde Dir nachkommen.— Ich werde es nicht ver⸗ geſſen,“ ſprach St. Clare. Die Schatten des feierlichen Abends fielen tiefer und tiefer und St. Clare ſaß ſchweigend, indem er das kleine, zarte Weſen an ſeiner Bruſt hielt. Er ſah nicht mehr ihre dunkeln Augen, aber ihre Stimme überlief ihn wie eine Geiſterſtimme und vor ihm ſtieg ſein vergangenes Leben auf, die Gebete und Hymnen ſeiner Mutter, ſein Beſtreben für das Gute und zwiſchen alledem und heute Jahre der Weltlichkeit und der Zweifelſucht und was man ein achtbares Leben nennt. St. Clare ſah und fühlte Mancherlei, und als es dunkel wurde, trug er ſein Kind in's Schlafzimmer, wiegte es in ſeinen Armen und ſummte ihm vbr, bis es eingeſchlafen war. 232 N Vierundzwanzigſtes Kapitel. Die kleine Evangeliſtin. Es war Sonntag⸗Nachmittag. St. Clare lag ausge⸗ ſtreckt auf einem Bambusruhebett auf der Veranda und er⸗ quickte ſich an einer Cigarre. Marie lag gegenüber auf einem Sopha, nachläſſig hingeſtreckt, unter einer durchſichtigen Gaze, zum Schutz gegen die Moskitos, und hielt nachläſſig in der Hand ein elegant gebundenes Gebetbuch, denn es war Sonn⸗ tag; ſie bildete ſich ein, darin geleſen zu haben, während ſie in Wahrheit, das offene Buch nur in der Hand hielt, und dabei geſchlafen hatte. Miß Ophelia hatte nach einigem Her umſuchen eine kleine Methodiſten⸗Verſammlung in geringer Ent⸗ fernung aufgefunden und war mit Kutſcher Tom ausgefahren, wobei Eva ſie begleitete. „Höre, Auguſtin,“ ſagte Marie nach mehrmaligem Nicken, „ich muß nach der Stadt ſenden, zu meinem alten Doktor Posch, ich bin überzeugt, eine Herzkrankheit zu haben.“ „Hm, warum mußt Du zu ihm ſchicken? Der Doctor, der Eva behandelt, ſcheint geſchickt zu ſein.“ „In ſolchem kritiſchen Falle hätte ich kein Zutrauen zu ihm, ich habe die letzten Nächte daran gedacht, ich fühle große Schmerzen und habe fremde Gefühle.“ „Marie, Du ſcherzeſt, Du haſt gar keine Herzkrankheit.“ „Ich war darauf vorbereitet, das zu hören,“ ſagte Marie entrüſtet,„Du kannſt genug in Bewegung gerathen, wenn Eva huſtet und ſonſt was mit ihr geſchieht, aber um mich bekümmerſt Du Dich nicht.“ „Wenn es Dir beſonders angenehm iſt, herzkrank zu ſein, § will ich verſuchen, Dir Glauben zu ſchenken,“ ſagte St. are. „Ja, ich will wenigſtens hoffen, daß Du nicht erſt beſorgt ſein wirſt, wenn es zu ſpät iſt,“ ſagte Marie,„aber, glaube es oder nicht, meine Noth um Eva und die Anſtrengung mit dem lieben Kinde haben mir nur beſtätigt, was ich lange vermuthete.“ Dieſe Anſtrengung nahmhaft zu machen, wäre ſchwer geweſen. St. Clare machte dieſe Bemerkung für ſich, und rauchte ruhig weiter, als hartherziger Böſewicht von Mann, * —— . 233 der er war, bis ein Wagen in den Hof fuhr, aus welchem Ophelia und Eva ſtiegen. Miß Ophelia ging gleich auf ihr Zimmer, um abzulegen, ehe ſie ſich dazu verſtand, ein Wort zu reden. Aber Eva hüpfte gleich auf ihres Vaters Schvoß, um ihm eine Erzählung von dem Gottesdienſt zu machen. Sie hörten bald laute Ausrufe aus Ophelia's Zim⸗ mer, und lebhafte, an Jemand gerichtete Vorwürfe. „Was mag Topſy wieder für Wirthſchaft angerich⸗ tet haben? Dieſe Bewegung iſt von ihr ausgegangen, be⸗ haupte ich.“ Und in ſelbem Augenblick erſchien Miß Ophelia in höchſter Entrüſtung und ſchleppte die Schuldige herbei. „Wirſt Du herkommen!“ rief ſie,„ich will es Deinem Herrn erzählen.“ „Was iſt denn vorgefallen?“ fragte Auguſtin. „So viel, daß ich mich nicht länger mit dieſem Kinde quälen kann. Es iſt nicht auszuhalten, Fleiſch und Blut können das nicht mehr ertragen. Höre, ich gebe ihr eine Pymne zu lernen, ſie ſpionirt ſtatt deſſen meine Spindeſchlüſ⸗ ſet aus, kramt aus, und zerſchneidet das Futter, um daraus eine Puppenjacke zu machen. So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht geſehen.“ „Ich habe Ihnen immer geſagt, Couſine,“ ſagte Marie, „Sie werden finden, daß man dieſe Geſchöpfe nur durch die größte Strenge regieren kann. Wenn ich meinen Willen hätte,“ ſagte ſie weiter, mit einem vorwurfsvollen Blick auf St. Clare, „ſo würde ich ſie wegſchicken und tüchtig aushauen laſſen. Sie muß ſo viel Schläge haben, daß ſie nicht mehr ſtehen kann.“ „Daran zweifele ich nicht,“ ſagte St. Clare,„rede mir „Einer von der lieblichen Herrſchaft der Frauen. Ich habe wohl ein Dutzend Frauen gekannt, die ein Pferd oder einen Diener gleich umbringen wollten, wenn ſie es gedurft hätten, und einen Mann erſt recht.“ „Das paßt hier gar nicht her,“ ſagte Marie,„die Cou⸗ ſine iſt ein anſtändiges Frauenzimmer und ſieht es eben ſo an, wie ich.“ „Miß Ophelia beſaß wohl die Fähigkeit in ſolche Ent⸗ rüſtung zu gerathen wie es ſich für eine Haushofmeiſterin geziemt, und ſie hatte eben das Kind mit einer Portion da⸗ von beglückt, aber Mariens Worte waren ihr doch zu viel und ihr Hitze kühlte ſich etwas ab. Sie ſprach: . 234 „Auguſtin, ich möchte um Alles in der Welt, das Kind nicht ſo behandeln laſſen. Aber ich weiß nicht mehr, was ich mit ihr anfangen ſoll, ich habe ſie helehrt, zugeredet, ge⸗ ſchlagen, Alles mögliche gethan, doch ſie iſt wie vorher.“ „Komm her, Topſy, Du Affe,“ rief St. Clare. Topſy kam heran, und ihre glitzenden Augen blickten mit einer Miſchung von Furcht und der gewöhnlichen Drolligkeit umher.„Was veranlaßt Dich ſo zu handeln?“ fragte er, indem ihn unwillkürlich das komiſche Ausſehen des Kindes beluſtigte. „Es ſcheint mein gottloſes Herz,“ ſagte Topſy ſchüchtern. „Miß Feely ſagt ſo.“ „Siehſt Du nicht ein, was Miß Ophelia ſich für Mühe mit Dir giebt?“ „Gott, Maſter, ich kann nicht anders. Die alte Miſſis hat mich noch härter geſchlagen. Aber es hilft zu nichts, und wenn man uns die Haare ausreißt, es nützt nichts. Ich bin ſo heillos, Maſter, ich bin nur ſo ein Neger und nichts weiter. „Ich muß ſie aufgeben,“ ſagte Miß Ophelia. „Ich will Dich was fragen. Wenn Dein Chriſtenthum nicht im Stande iſt, dieſes Eine Kind zu bekehren, was ſol⸗ len wohl die paar armen Miſſionare unter den Tauſenden machen, die eben ſo ſind und ärger. Dieſes Kiud ſcheint mir ein Beiſpiel zu ſein von dem was Tauſende Deiner Heiden ſind.“ Miß Ophelia antwortete nicht gleich. Eva, welche bis jetzt ſchweigend dabeigeſtanden hatte, gab Topſy einen Wink, und verſchwand gefolgt von ihr, in einem kleinen Neben⸗ zimmer „Was nur Eva mit Topſy vor hat?“ meinte St. Clare⸗ nach einer Weile.„Komm Ophelia, wir wollen folgen.“ Sie gingen auf die Veranda hinaus und blickten durch das Fenſter, wo ſie eine eigenthümliche Scene in dem kleinen Zimmer gewahrten. Beide Kinder ſaßen auf der Erde, die Seite der Geſichter den Lauſchern zugewendet— Topſy mit ihrem gewöhnlichen halb komiſchen Geſichtsausdruck, Eva aber mit Thränen in den Augen, und ihr ganzes Geſicht flam⸗ mend von der Wärme des Gefühls. „Was macht Dich doch ſo ſchlecht, Topſy Und warum beſtrebſt Du Dich nicht, gut zu ſein? Liebſt Du denn irgend Jemand, Topſy?“ 235 „Ich weiß nichts von Liebe. Ich liebe Zucker, und ſo was, das iſt Alles.“ „Aber Du liebſt doch Deinen Vater und Deine Mutter?“ „Habe ich nie gehabt, wie Sie wiſſen, ich habe es Ihnen 4, erzählt.“ „O, ich weiß“, ſagte Eva ſchmerzlich,„haſt Du denn keinen Bruder oder Schweſter gehabt?“ „Nein, niemals.“ 8 „Aber, Topſy, wenn Du nun verſuchteſt, gut zu ſein, würdeſt Du es nicht können?“ Ich kann nichts anderes als ein Neger ſein, wenn ich auch noch ſo gut wäre. Wenn ich mir die ſchwarze Haut ab⸗ ziehen könnte, würde ich es verſuchen.“ „Aber man kann Dich lieben, Topſy, wenn Du auch ſchwarz biſt, Topſy, Miß Ophelia würde Dich lieben, wenn Du gut wärſt.“ Topſy lachte kurz, auf ihre gewöhnliche Art, wie ſie es that, wenn ſie etwas nicht glaubte.„Nein, ſie kann mich nicht anſehen, weil ich ein Neger bin. Sie würde eher eine Unke anfaſſen, als mich. Neger kann man nicht lieben.“ Mir iſt es gleich.“ Und Topſy fing an zu pfeifen. „O Topſoy, armes Kind, ich liebe Dich!“ ſagte Epa mit einem plötzlichen Gefühlsausbruch, indem ſie ihre kleine weiße Hand auf Topſys Schulter legte.„Ich liebe Dich, weil Du weder Vater noch Mutter haſt, noch Freunde, weil Du ein unglückliches, armes, verabſcheutes Kind biſt. Ich liebe Dich, und ich wünſche, daß Du gut wirſt. Ich bin wahrlich un⸗ wohl, Topſy, und ich glaube, ich werde nicht mehr lange leben, und es iſt wirklich bekümmernd für mich, Dich ſo ungezogen zu ſehen. Ich wünſchte, daß Du Dich beſirebſe, gut zu werden, um meinetwillen, ich werde ja nur noch eine kleine Weile bei Euch ſein.“ Die runden kleinen Augen des ſchwarzen Kindes wurden von Thränen angefüllt; große, helle Tropfen rollten langſam und ſchwer hervor und fielen auf Evas weiße Hand. Ja, in dieſem Augenblicke hatte ein Strahl von himmliſcher Liebe die Finſurniß ihrer heidniſchen Seele durchdrungen. Sie ließ ihr Haupt ſchwerfällig auf die Knie fallen und weinte und ſchluchzte, während das ſchöne Kind ſich über ſie beugte, wie auf dem Gemälde irgend eines erleuchteten Engels, der ſich nieder⸗ beugte, um einen Sünder zu beſſern. „Arme Topſy,“ ſagte Eva,„weißt Du nicht, daß Jeſus uns alle gleich liebt? Er iſt eben ſo willig, Dich, wie mich 236 zu lieben. Er liebt Dich ebenſo wie ich, und noch mehr, weil er beſſer iſt. Er wird Dir beiſtehen, gut zu werden, und Du kannſt endlich in den Himmel gehen, und für immer ein Engel werden, als wenn Du weiß wäreſt. Denke doch, Topſy, Du kannſt eben ſo einer von den lichten Geiſtern werden, wovon Onkel Tom ſingt.“ „O liebe Miß Eva, liebe Miß Eva,“ rief das Kind, ich will es verſuchen, ich will es verſuchen! Mir iſt es bis jetzt ſtets gleichgültig geweſen!“ St. Clare ließ in dieſem Augenblick den Vorhang fallen. „Es ruft mir das Andenken an meine Mutter zurück!“ ſagte er zu Miß Ophelia.„Das iſt es gerade, was ſie mir ſagte, wenn Du dem Blinden das Licht wiedergeben willſt, ſo mußt Du willig ſein, das zu thun, was Chriſtus ſagt— ihn zu uns rufen, und die Hände auf ihn legen!“ „Ich habe ſtets ein Vorürtheil gegen Neger gehabt, ſagte Miß Ophelia,„und es iſt ſo, ich habe nie das Kind anrühren mögen, aber ich dachte, ſie wüßten das nicht.“ „Traue den Kindern nur zu das herauszufinden,“ ſagte St. Clare,„es iſt nicht vor ihnen zu verſchließen. Aber ich glaube, daß alle Verſuche in der Welt, einem Kinde Gutes zu thun, und alle weſentlichen Gunſtbezeugungen, die man ihnen erweiſt, nie ein Gefühl der Dankbarkeit in ihnen er⸗ regen, ſo lange dieſes Gefühl des Widerwillens in ihrem Herzen bleibt. Es iſt eine eigene Thatſache, aber es iſt ſo.“ „Ich weiß nicht, wie ich dem abhelfen ſoll,“ ſagte Miß Dphelia,„ſie ſind mir unangenehm, und ganz beſonders dieſes Kind. Wie mache ich es, um ſo zu fühlen. „Eva thut es, wie es ſcheint.“ „Wohl, ſie iſt ſo liebenswürdig! Ueber alle dem, iſt ſie doch nur chriſtlich,“ ſagte Miß Ophelia,„ich wünſchte, ich wäre ihr gleich. Doch etwas könnte ſie mich doch dadurch lehren!“ „Wenn es ſo iſt,“ ſo wäre es nicht das erſte Mal, daß ein kleines Kind einen alten Schüler belehrte.“ 7 237 Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Tod. „Nicht weine um die, die ſchon am frühen Morgen der Schleier des Grabes Deinen Augen entzogen hat!“ Eva's Schlafzimmer war ein geräumiges Gemach, wel⸗ ches wie alle andern Zimmer des Hauſes auf die breite Ve⸗ randa mündete. St. Clare hat ſein eigenes Auge und Ge⸗ fühl erfreut, indem er dieſes Zimmer in einer Weiſe ſchmückte, welche einen Anſchluß an den Charakter bildete, für den es beſtimmt war. Weiße Mouſſelinvorhänge umgaben die Fen⸗ ſter, auf dem Fußboden lag ein Pariſer Teppich mit den Ro⸗ ſenguirlanden und Knospen geſtickt, deſſen Muſter er ſelbſt ge⸗ zeichnet hatte. Die Bettſtätte, Stühle und Sophas waren von Bambus in ganz beſonders anmuthigen und phantaſtiſchen Muſtern. Ueber dem Kopfende des Bettes war ein ſchön ge⸗ hauener Engel von Alabaſter aufgeſtellt, mit geſenkten Flü⸗ geln, einen Myrthenkranz haltend. Unter demſelben hingen über das Bette leichte Gazevorhänge, eine nöthige Bequem⸗ lichkeit in dieſem Klima, um die Schlafende vor dem Stiche der Mosquitofliege zu ſchützen. In der Mitte des Zimmers ſtand ein ſchön gearbeiteter Tiſch und auf demſelben eine weiße Marmorvaſe in Geſtalt einer Lilie, ſtets mit Blumen gefüllt. Auf dieſem Tiſch lagen Eva's Bücher und kleine Tändeleien, nebſt einem eleganten Alabaſter⸗Schreibzeug. Ueber dem Ka⸗ min befand ſich ein Marmorgeſims, auf welchem eine ſchön gearbeitete Gruppe: Jeſus, die Kinder ſegnend, ſich befand, und zu deren Seiten Marmorvaſen, welche die täglichen Be⸗ weiſe von Tom's Aufmerkſamkeit— friſche Blumen— ent⸗ hielten. Einige ausgezeichnete Malereien, Kinder⸗Gruppen in verſchiedenen Attitüden, verſchönerten die Wände, kurz, das Auge konnte ſich nirgend hinwenden, ohne den Anblick von Kindheit, Schönheit und Friede zu genießen. Die Augen des Kindes öffneten ſich nie beim Lichte des Morgens, ohne nicht auf Etwas zu fallen, was dem Herzen nicht ruhige und ſchöne Gedanken zuführte. Eva's Kräfte, für kurze Zeit erſtarkt, waren wieder merk⸗ lich dahingeſchwunden, und immer öfter ſah man ſie auf einem kleinen Sopha am Fenſter liegen, die Augen auf das Kräu⸗ 238 ſeln und Glitzern des Sees geheftet. Es war gegen die Mitte eines Nachmittags. Sie ſaß wieder am Fenſter, ihre Bibel halb offen vor ſich und ihre kleinen Finger läſſig zwiſchen die Blätter geſteckt, als ſie plötzlich die Stimme ihrer Mutter mit ſcharfen Tönen auf der Veranda hörte. „Was machſt Du da wieder, Du Pack, haſt Du wieder Unheil angerichtet? Du pflückſt Blumen ab, he?“ und Eva hörte den Schall eines harten Schlages. „Oh, Miſſis, ſie ſind für Eva,“ hörte ſie eine Stimme antworten, welche ſie ſogleich für die Topſy's erkannte. „Miß Eva? Eine ſchöne Entſchuldigung! Ich glaube gar, ſie wünſche Deine Blumen, Du nichtsnutziger Negerbalg! Gleich fort mit Dir!“ In demſelben Augenblick war Eva auf vom Sopha und hinaus auf die Veranda.„Oh, nicht doch, Mutter! Ich wünſche die Blumen, gieb ſie mir!“ „Wie Eva? Dein Zimm iſt ja voll!“ „Ich kann nicht genug bekommen; Topſy bringe ſie her. Das iſt ein ſchönes Bouquet,“ ſagte Eva, indem ſie es be⸗ trachtete.„Topſy, Du ordneſt die Blumen ſehr hübſch, Du kannſt mir täglich dieſe Vaſe mit Blumen füllen.“ „Ich begreife nicht,“ ſagte Marie,„wie Du dazu kommſt, das zu wünſchen.“ „Du haſt doch nichts dagegen, wenn Topſy es thut?“ „Durchaus nicht,“ ſagte Marie,„Alles, was Du wünſchſt, mag geſchehen.— Du haſt alſo gehört, Topſy, denke daran!“ Topſy machte eine Bewegung und blickte nach unten, als ſie ſich umwandte, ſah Eva eine Thräne in ihren Augen. „Siehſt Du, Mama, Topſy thut es gern. Sie ſtrebt jetzt auch danach, ein gutes Kind zu werden.“ „Da wird ſie wohl lange ſich bemühen müſſen, ehe ſie ein gutes Kind wird.“ Nach einer längern Pauſe ſprach Eva plötzlich: „Mama, ich möchte einen großen Theil meiner Haare abſchneiden laſſen.“ „Weshalb?“ fragte Marie. 8 „Mama, ich möchte ſie an meine Freunde vertheilen, jetzt, da ich es noch im Stande bin. Willſt Du nicht die Tante erſuchen, zu kommen, um es mir abzuſchneiden?“ Marie rief Miß Ophelia aus dem andern Zimmer. Als ſie kam, erhob ſich Eva halb und ſagte haſtig:„Tante, ſcheere das Schaf.“ ½ 3 1 4 239 „Was ſoll das?“ ſprach St. Clare, der in dieſem Augenblick hereintrat. „Ich möchte mir das Haar etwas kurz ſchneiden laſſen, weil es mir ſo läſtig iſt, außerdem will ich etwas davon ver⸗ ſchenken.“ „Nimm Dich in acht, daß Du nicht den ſchönen Ein⸗ druck dadurch verdirbſt, ſchneide nur unten ab, wenn wir zu meinem Bruder reiſen, hätte ich Dich gerne ſo hübſch ge⸗ ſehen,“ ſprach St. Clare. „Ich werde nie dorthin gehen, ich gehe in ein beſſeres Land, glaube es. Siehſt Du nicht, daß ich täglich ſchwächer werde?“ „Warum ſoll ich ſo etwas Schreckliches glauben?“ „Weil es die Wahrheit iſt.“ St. Clare ſchwieg und blickte traurig auf die ſchönen Locken Eva's, die man ihr auf den Schooß legte, nachdem ſie unter der Scheere gefallen waren. Sie blickte nachdenklich darauf und ließ ihre kleinen Finger durch dieſelben gleiten, indem ſie ſorgenvoll von Zeit zu Zeit ihren Vater anblickte. „Papa,“ ſagte ſie,„die Zeit vergeht immer mehr, ich muß Dir noch ſo vieles ſagen, und Du willſt es ſtets verhindern, erlaube mir, daß ich es jetzt ausſpreche.“ „Ich erlaube es Dir,“ ſprach St. Clare. „Nun dann, ich wünſchte alle unſere Leute zuſammen zu ſehen. Ich muß ihnen noch Einiges ſagen.“ „Es ſei,“ ſprach St. Clare gefaßten Tons. Miß Ophelia ſchickte einen Boten ab, und bald war die ganze Dienerſchaft verſammelt. Als die Diener ſie ſchon ſo halb überirdiſch vor ſich ſahen, entſtand eine plötzliche Bewegung. Das geiſterhafte Geſicht, die abgeſchnittenen Locken, die Thränen Marie's und der Schmerz St. Clare's wirkten ſogleich auf die Gemüther dieſer fühlenden und erregbaren Race. Eva richtete ſich auf und blickte ſie der Reihe nach ernſt an. „Ich habe Euch rufen laſſen, meine Freunde,“ begann ſie,„weil ich Euch gut bin, und ich möchte etwas ſagen, deſſen Ihr Euch ſtets erinnern ſollt. Ich werde Euch verlaſ⸗ ſen, in wenigen Wochen werdet Ihr mich nicht mehr ſehen. Hört, was ich Euch ſagen will. Ich möchte über Eure See⸗ len mit Euch ſprechen. Ihr denkt nur an dieſe Welt, ich möchte, daß Ihr Euch erinnert, daß es noch eine ſchönere Welt giebt, wo Jeſus iſt. Ich gehe dorthin, und auch Ihr kö dorthin kommen. Aber dann dürft Ihr nicht ſo gleich 240 und gedankenlos leben. Chriſtus wird Euch helfen, und Ihr könnt Engel werden, aber Ihr müßt beten, Ihr müßt leſen. Aber“— fügte ſie ſchmerzlich hinzu,„Ihr könnt ja nicht leſen. Arme Weſen! Doch ich habe für Euch gebetet, und ich weiß, Jeſus wird Euch beiſtehen. Betet zu ihm und laßt Euch die Bibel vorleſen, ſo oft Ihr könnt. Ich denke Euch Alle im Himmel zu ſehen. „Amen!“ war die murmelnde Antwort von Tom's, Mam⸗ my's und einiger anderen Lippen, die ſchon länger der Me⸗ thodiſten Kirche angehörten. Die Jüngeren ſaßen ſchluchzend, den Kopf auf die Knie gelehnt, da. „Ich weiß, Ihr alle liebt mich!“ „Ja, gewiß, das thun wir in der That, Gott ſegne Sie!“ war der unwillkührliche Ausdruck Aller. „Ich weiß es, und ich möchte Euch etwas geben, was Euch ſtets an mich erinnert, wenn ihr es erblickt. Ich werde Jedem eine Locke von meinem Haar geben, und wenn ihr ſie anſeht, ſo denkt, daß ich in den Himmel gehen und Euch Alle auch dort ſehen möchte.“ Es iſt nicht zu beſchreiben, welche Wirkung dieſe ein⸗ fachen, aber liebevollen Worte auf den Haufen hervorbrachten. Alles drängte ſich hinzu, um knieend und ſchluchzend dieſes letzte Zeichen der Liebe von ihr zu empfangen. „Hier, Onkel Tom, iſt eine ſchöne für Dich, ich bin glück⸗ lich, daß ich Dich im Himmel wiederſehen werde. Und auch Dich, meine liebe gute Mammy, werde ich dort wiederſehen.“ Eva war bis zu Thränen gerührt, Miß Ophelia, die wegen der Aufregung ihrer kleinen Patientin beſorgt war, winkte allen, ſich aus dem Zimmer zu entfernen. Als ſie alle hinaus glaubte und ſich umwendete, ſtand Topſy da. O, Miß Eva, ich bin wohl ein ſchlechtes Kind, aber würden Sie mir nicht auch eine Locke geben?“ „Gewiß, arme Topſy, das will ich. Da, und jedesmal wenn Du ſie betrachteſt, erinnere Dich, daß ich Dich lieb hatte und wünſchte, daß Du ein gutes Mädchen würdeſt.“ WMiß Eva, ich bemühe mich, es zu werden. Aber es iſt ſo ſchwer, gut zu ſein. Ich ſcheine nicht daran gewöhnt zu ſein.“* Jeſus wird Dir beiſtehen, Topſy.“ Topſy wurde nun auch von der beſorgten Ophelia hin⸗ ausgeſchoben, die ſelbſt mit der größten Rührung von dieſem Auftritt erfüllt war, und mit größter Sorge über das Beſin⸗ den ihres kleinen Pfleglings wachte. Auguſtin hatte während 241 dem ſchweigend und ſtarr vor ſich hinblickend. Als alle hin⸗ aus waren, ſprach Eva, indem ſie ihn ſanft berührte: „Papa!“ St. Clare fuhr mit ſchmerzhaft zum Himmel erhobenem Blick empor und ſchrie:„Ich kann nicht— ich kann es nicht ertragen! Der Allmächtige hat es bitter mit mir gefügt!“ und rang verzweiflungsvoll die Hände. „Papa, Du wirſt mir das Herz brechen, wenn Du ſo denkſt.“ „Beruhige Dich, mein geliebtes Kind, es war nicht recht von mir, nur gräme Dich nicht wieder darüber, ich will mich faſſen und nicht wieder ſo gottlos reden.“ Eva lag ermattet in den Armen ihres Vaters, der ſich ber ſie beugte und ſie mit der größten Liebe betrachtete. „Du haſt mir keine Locke gegeben,“ ſprach er weiter. „Sie gehören alle Dir und der Mamma, und Du mußt der Tante auch davon geben. Ich habe ſie den Leuten gege⸗ ben, damit es nicht vergeſſen wird, wenn ich dahin bin, und damit ſie ſich beim Anblick erinnern— Du biſt doch ein Chriſt?“ fragte ſie plötzlich. „Warum fragſt Du danach?“ „Ich weiß es nicht, Du biſt ſo gut, und ich denke doch daß Du es biſt.“ „Was heißt ein Chriſt ſein, Eva?“ „Chriſtum über Alles lieben!“ ſprach Eva. „Thuſt Du es Eva?“ „Gewiß, Papa, thue ich es.“ „Du haſt ihn doch nie geſehen“ meinte St. Clare. „Das macht keinen Unterſchied, ich glaube an ihn, und in wenigen Tagen werde ich ihn ſehen,“ und das jugend⸗ liche Geſicht glänzte freundlich. St. Clare ſprach nichts weiter, es waren Gefühle, wie er ſie einſt bei ſeiner Mutter gefunden hatte, aber die Seiten ſeines Herzens klangen damals nicht mit. „„ Eva ging ſchnell dem Jenſeits zu, eine Gewißheit, die täglich klarer wurde, ſo daß ihr Zimmer als Krankenzimmer betrachtet wurde, in welchem Miß Ophelia mit der aufopferndſten Sorge ſchaltete und die leichteren Südländer überzeugte, daß ſie grade die Frau zu einer ſolchen mühſamen Arbeit ſei. Onkel Tom war oft bei dem Kinde, um ſie zu tragen, da ſie an einer nervöſen Ruheloſigkeit litt, und es war für den alten Burſchen die größte Freude, ſeine kleine Herrin auf einem Kiſſen auf den Armen im Garten herumzutragen, 16 242 und ihr ihre Lieblingshymnen vorzutragen. Der Wunſch ſich um Eva zu beſchäftigen, beſeelte ebenſo die übrige Die⸗ nerſchaft, und jeder that etwas nach Kräften. Das Herz Mammy's ſehnte ſich nach ihrem Lieblinge, aber Marie be⸗ hauptete in ihrem Zuſtande keine Ruhe finden zu können, und folglich litte ſie auch nicht, daß Jemand anders Ruhe habe. Mammy mußte unzählige Male des Nachts auf, um ſie zu frottiren, den Kopf zu halten, das Taſchentuch zu ſuchen und dergleichen, und bei Tage ſchien ſie unerſchöpflich in Auffindung von Beſchäftigungen für Mammy, ſo daß dieſe nur mit Mühe und verſtohlen einige Worte mit Eva wech⸗ ſeln konnte. Ruhig und friedlich war die Abſchiedsweiſe des kleinen Geiſtes, von ſo lieblichen und anmuthigen Lüften wurde die kleine Barke nach den himmliſchen Fluren geweht, daß man unmöglich wirklich das was ſich herannahte für den Tod hal⸗ ten mochte. Von Evas eignen Phantaſien und Ahnungen wußte Tom das Meiſte, denn ihm theilte ſie die Gedanken und Gefühle mit, welche ſie ihrem Vater verſchwieg, aus Furcht ihn zu beunruhigen. Ihm eröffnete ſie die Empfindungen, welche die Seele durchzittern, wenn ſich die Bande löſen, um ſie dem irdiſchen Staube zu entheben. Er wollte zuletzt nicht mehr in ſeinem Zimmer ſchlafen, ſondern lag die ganze Nacht vor der Thür Evas oder doch in der Nähe derſelben, ſo daß Ophelia ihn einſt fragte: „Onkel Tom, warum ſchläfſt Du jetzt wie ein Hund überall, ſogar auf der Erde? Ich glaubte Dich zu der Sorte von ordnungsliebenden Menſchen gehörig, die nach chriſtlicher Weiſe Nachts in ihrem Bette ſchlafen?“ „Ich thue es“, ſagte Tom geheimnißvoll,„ich thue es, aber jetzt—“ „Wohlan, was jetzt?“ Miß Feely, Sie wiſſen, es muß jemand da ſein, der den Bräutigam erwartet; Sie wiſſen, es iſt in der heiligen Schrift geſagt: Um Mitternacht geſchehe ein groß Geſchrei. Blicket auf, der Bräutigam kommt! Das iſt's, was ich nächtlich er⸗ warte, und ich kann nicht ſchlafen an einem Orte, wo ich nichts davon höre.“ „Wie, Onkel Tom, wie kommſt Du darauf?“. „Miß Eva hat es mir ſo geſagt. Der Herr ſendet ſeinen Boten in die Seele. Ich muß da ſein, Miß Feely, denn wenn das geſegnete Kind eingeht in das Königreich, iſt das Thor ſo weit offen, daß wir alie in die Glorie blicken können, Miß 243 Feely. Sie hat mir heute früh geſagt, daß es näher kommt, denn das iſt dem Kinde geſagt worden. Das ſind die Engel das iſt der Trompetenſchall vor Tagesanbruch“, ſagte Tom, aus einer Lieblingshymne citirend.— Dieſes Geſpräch fand 11 eines Abends zwiſchen zehn und elf Uhr ſtatt, als Ophelia 3 Alles verſchließen wollte und Tom auf der Veranda ausge⸗ ſtreckt fand. Sie war durchaus nicht nervös oder empfindlich, aber ſeine feierliche Art machte ſie betroffen. Eva war am Nachmittage ungewöhnlich heiter und mun⸗ ter geweſen und hatte aufgerichtet im Bette geſeſſen, ihre kleine Tändeleien für ihre Freunde ausgeſucht, und ſah ſo wohl aus, daß St. Clare, als er ſie küßte und hinausging, zur Couſine ſagte:„Vielleicht behalten wir ſie doch noch hier“ und ging 1 ruhig und heiter zu Bett. Aber zur Mitternacht— ſeltſame, geheimnißvolle Stunde, wo der Schleier ſich öffnet zwiſchen der vergänglichen Gegen⸗ wart und der ewigen Zukunft— da kam der Bote! Miß Ophelia, die ſchon am Abend Das, was erfahrene Krankenwärterinnen eine Veränderung nennen, bemerkt hatte, 6 war ſogleich auf den Beinen. Die andere Thür wurde ſchnell 13 geöffnet, und Tom, der draußen ſchlief, war ſogleich zur Stelle. „Geh ſogleich zum Doctor, verliere keinen Augenblick,“ 3 rief Ophelia und ſchritt durch's Zimmer, um St. Clare zu wecken. „Couſin,“ ſagte ſie,„ich wollte, Du kämſt!“ Dieſe Worte fielen ihm ſchwer auf's Herz, er ſprang auf und beugte ſich über ſein geliebtes Kind. Was machte, i daß ſein Herz ſtille ſtand? Warum wurde nichts zwiſchen Beiden geſprochen? Du kannſt es ausſprechen, der Du den⸗ ſelben Ausdruck geſehen haſt auf dem Dir theuerſten Antlit, den unbeſchreiblichen, hoffnungsloſen, unverkennbaren Anblick, der Dir ſagte, daß Dein Liebſtes nicht länger Dein iſt. Bald kehrte Tom mit dem Doctor zurück. Dieſer warf einen Blick auf die Kleine und ſtand eben ſo ſtill da, wie die andern. „Wann iſt die Veränderung eingetreten?“ fragte er flü⸗ ſternd Miß Ophelia. „Um die Zeit der Nachtwende.“ Marie, welche das Erſcheinen des Doctors aufgeſchreckt 1 hatte, kam haſtig aus dem nächſten Zimmer.„O, Auguſtin! — Couſine!— Was?“— begann ſie haſtig. „Still!“ ſagte St. Clare gedämpft, 244 Mammy hörte dieſe Worte und weckte das ganze Haus, Alles gerieth in Jammer, Tritte ſchallten, Lichter flackerten hin und her. St. Clare ſah und hörte von alle dem nichts, er ſah nur den Ausdruck im Geſicht der kleinen Schläferin. „O, wenn ſie doch noch einmal erwachte und ein einzi⸗ ges Mal ſpräche!“ ſagte er, ſich über ſie beugend und rief ihr in's Ohr:„Eva, Theuerſte!“ Die großen Augen des Kindes öffneten ſich, ein Lächeln erhellte ihr Geſicht, ſie ver⸗ ſuchte zu ſprechen.„Siehſt Du mich?“ fuhr St. Clare fort. „Lieber Papa!“ ſagte das Kind, mit Anſtrengung die Arme um ſeinen Hals legend. Im nächſten Augenblick ſan⸗ ken ſie wieder. Der Schmerz des Todes zog über ihr Ge⸗ ſicht, ihre Bruſt rang nach Athem und die kleinen Hände zitterten. „O, Gott,“ rief St. Clare, ſich zerriſſen abwendend und unbewußt Tom's Hand preſſend.„Das iſt entſetzlich! Tom, mein Junge, es tödtet mich! Bete, daß es ſchnell vor⸗ übergehe!“ Tom ſtand da, mit überſtrömenden Augen, den Blick da⸗ hin gerichtet, von wo er ſich ſtets Beiſtand zu holen pflegte. „O, Dank Dir, o Gott, es iſt vorbei, es iſt vorbei, theurer Maſter!“ Das Kind lag im Todeskampfe, die großen, klaren Au⸗ gen offen und ſtarr, dieſe Augen, die ſo oft vom Himmel ſpra⸗ chen! Die Erde und ihre Qual war überſchritten, und ſo feierlich, ſo geheimnißvoll war der Siegesglanz, daß er den lauten Ausbruch des Schmerzes zurückhielt. Alles drängte ſich um ſie, in athemloſer Stille. „Eva,“ ſagte ihr Vater liebevoll.— Sie hörte nicht. „OD, Eva erzähle uns, was Du ſiehſt. Was iſt es?“ Ein heiteres, glänzendes Lächeln flog über ihr Antlitz und ſie ſprach gebrochen:„Oh, Liebe— Freude— Friede!“ — ſeufzte noch einmal und ging vom Tode zum Leben über. Lebe wohl, geliebtes Kind! Die hellen, ewigen Pforten ſchloſſen ſich hinter ihr. Nie werden wir ein ſo ſüßes Antlitz wieder ſehen. Oh, wehe Denen, welche Dich eingehen ſahen in den Himmel, wehe, wenn ſie erwachen und den kalten, grauen Himmel des Alltagslebens erblicken, nun Du für im⸗ mer dahin biſt. 24⁴⁵5 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Vas iſt das Lette auf Erden. John QO. Adams. Die Statuetten und Gemälde in Eva's Zimmer wurden in Weiß gehüllt und nur zurückgehaltenes Athmen und leiſe Fußtritte wurden vernommen, und heimlich und leiſe drang das Licht in das durch vorgezogene Vorhänge verdunkelte Ge⸗ mach. Das Bett war weiß überzogen, und dort unter dem Engelsbilde lag die kleine ſchlafende Geſtalt— um nimmer zu erwachen! Da lag ſie in einem ſolchen weißen Kleide, wie ſie ſtets im Leben trug, und das durch die Vorhänge dringende roſige Licht milderte die ſcharfe Kälte des Todes. Die langen Augenwimpern lagen ſchwer darnieder, der Kopf war etwas ſeitwärts gewendet, wie im gewöhnlichen Schlaf, und über das ganze Geſicht war der erhabene himmliſche Ausdruck ver⸗ breitet, eine Vereinigung von Erholung und Friede, woran man ſah, daß es kein zeitlicher oder irdiſcher Schlaf war, ſondern die lange, heilige Ruhe, welche Er denen giebt, die er geliebt hat. Das iſt nicht Tod für ſolche, wie Du, Cva! weder Finſterniß, noch Schatten des Todes, es iſt nur eine ſolche helle Dämmerung, als die, wo der Morgenſtern im goldenen Sonnenaufgang erbleicht. Dein iſt der Sieg ohne die Schlacht, Dein die Krone ohne den Streit! So dachte St. Clare, als er ſie mit übereinandergeſchla⸗ genen Armen anblickte. Wer kann es ſagen, was er dachte, ſeit„ſie dahingegangen war.“ Er hatte Stimmen gehört, er ſah Geſtalten unhörbar um ſich herum walten, man hatte ihn gefragt, wann ſie begraben werden, wo ſie hingelegt werden ſollte, er verſtand nichts, und antwortete auf Alles, daß er ſich nicht darum bekümmere. Adolph und Roſa ordneten das Zimmer. So flüchtig und kindiſch ſie auch ſonſt waren, heute waren ſie es, die der düſtern Scene den poetiſchen Glanz zu geben verſuchten, der den trüben Eindruck etwas mildert, und bemüht iſt, das öde Sterbezimmer weniger gramerregend zu machen. Blumen in Fülle ſtanden überall herum, alles wurde mit der in ſolcher Lage erlaubten Phantaſie auf's Beſte ausgeſchmückt, und Roſa lief mit einem Korbe voll Blumen herum, ſie überall herum⸗ ſtreuend, und wich ehrerbietig vor dem regungslos daſtehenden „ 246 St. Clare zurück, da er ſie aber nicht zu hindern ſchien, ſo trat ſie an den kleinen ſchlafenden Engel heran und ſteckte eine weiße Blume in deſſen Hand, worauf ſie auch das ganze Lager mit Blumen beſtreute. Die Thüre öffnete ſich und furchtſam erſchien die kleine Topſy, etwas unter der Schürze haltend. Roſa wollte die Kleine zurückweiſen, aber St. Clare, aufgeweckt durch das dabei entſtandene Geräuſch, machte eine unmuthige Bewegung, und ſprach: „Laß ſie! Sie ſoll kommen!“ Roſa zog ſich ſchnell zurück, und Topſy, in dem Ausbruch ihres lebhaften Gefühls ihres Schmerzens, warf ſich ſchreiend zu den Füßen der Todten, nachdem ſie einige Blumen in die Hand derſelben geſteckt hatte. „D WMiß Eva! ich wollte, ich wäre auch todt! Ich wollte, ich wäre nie geboren! Wer wird mich nun lieb haben? Sie war die Einzige, die mich liebte!“ „Das iſt ſehr wahr!“ ſprach St. Clare, deſſen ſtarre Ruhe durch den leidenſchaftlichen Schmerz des armen verlaſſe⸗ nen Negerkindes aufgerüttelt wurde, und deſſen Qual ſich jetzt durch einen, ſeinen Augen reichlich entfließenden Thränenſtrom Luft machte, dann zu Ophelia gewendet, ſprach er: „Sieh zu, ob Du ihr Erſatz bieten kannſt.“ Dieſe nahm die Kleine fanft aber feſt mit auf ihr Zim⸗ mer hinauf, und ſagte: „Topſy, Du armes Kind, wenn ich auch nicht bin wie jenes gute Kind, ſo will ich doch verſuchen Dir gut zu ſein. Ich hoffe etwas von ihrer chriſtlichen Liebe gelernt zu haben. Ich kann Dich auch lieb haben, ich will es, und ich will ver⸗ ſuchen, Dir behülflich zu ſein, daß Du ein gutes chriſtliches Mädchen werdeſt.“ Die Art ihres Sprechens war eindringlicher, als ihre Worte ſelbſt, und mehr als alles das, waren es die wahren Thränen, welche ihren Augen entfloſſen. Und von da ab er⸗ langte ſie auf das Gemüth des Kindes einen ſolchen Eindruck, der nicht wieder verloren ging. „O, meine Eva, deren kurze Stunden auf Erden ſo viel Gutes bewirkt haben, was kann ich für mein ganzes langes Leben aufweiſen?“ Und Fußtritte erſchallten leiſe im Zimmer, eine Perſon nach der andern trat an die Leiche, um ſie zum letzten Male zu betrachten, dann kam der Sarg, worin die irdiſche Hülle gelegt wurde, und dann fand das Begräbniß ſtatt. Wagen fuhren ab und zu, Freunde und Fremde kamen, Leidtragende 247 in Menge erſchienen, Worte aus der Bibel wurden geleſen, und St. Clare ſah und hörte nicht, er blickte nur auf den einzig ihm erkennbaren Gegenſtand, den goldigen Lockenkopf ſeines geliebten Kindes. Der Sarg wurde geſchloſſen, eine ſchwarze Decke darüber gebreitet, und er ſchritt, als man ihn neben die anderen ſtellte, ohne Beſinnung nach, zu einer kleinen Moosbank am See, wo ſie oft mit Tom geſeſſen hatte, und wo das Grab gegraben war. St. Clare ſtand ſeitwärts und blickte, nichts füͤhlend, hinab, ſah wie man den kleinen Sarg mit Jammern und Klagen hineinſenkte, hörte undeutlich die feierlichen Worte:„Ich bin die Auferſtehung und das Leben; wer an mich glaubet, hat nicht den Tod, ſondern das Leben!“ Und als man die Erde hineinwarf und das kleine Grab ſchloß, konnte er nicht begreifen, daß es ſeine kleine Eva ſei, die man vor ſeinen Augen verbarg. Sie war es auch nicht! Nicht Eva, ſondern das vergängliche Samenkorn der glänzen⸗ den, unſterblichen Geſtalt, in welcher ſie erſcheinen wird am Tage unſeres Herrn! Und dann gingen alle die Leidtragenden ſehr ſchweigſam zurück an den Ort, wo ſie nicht mehr geſehen werden ſollte. Und Mariens Zimmer wurde verhüllt, denn ſie lag da, in unbezähmbarem Schmerze, jeden Augenblick den Beiſtand ihrer Leute verlangend, die natürlich nicht Zeit zum Trauern hat⸗ ten— was ſollten ſie auch? Der Schmerz war ihr Schmerz, uno ſie war vollkommen überzeugt, daß Niemand auf Erden ihn ſo fühlen konnte oder wollte wie ſie es that. „St. Clare hat keine Thräne vergoſſen, er hat nicht gleiches Gefühl mit mirh es iſt wirklich wunderbar zu glau⸗ ben wie hartherzig und gefühllos er iſt, da er doch ſieht wie ich leide.“ Tom aber hatte in ſeinem Herzen ein Gefühl, welches ihn zu ſeinem Herrn trieb. Er folgte ihm, und als er ihn in Evas Zimmer liegen ſah, deren kleine Bibel vor den Augen, obgleich er keine Buchſtaben oder Worte darin erkannte, ſo lag doch für Tom ein viel größerer Schmerz in dieſem ſtillen, ſtarren, thränenloſen Auge, als in Mariens ſämmtlichen Klagen und Jammern. Die ganze Familie und Haushaltung verließ bald die Villa mit dem kleinen Grabe, und zog nach der Stadt. St. Clare griff in ſeiner Ruheloſigkeit begierig nach Allem um die öde Leere ſeines Herzens auszufüllen, und die Leute erkannten ſeinen Verluſt nur an dem ſchwarzen Flor; denn er ſprach, lebte, handelte und las ſo wie zuvor, und Nie⸗ 248 mand hätte erkannt, das ſein Herz nur ein dunkles und ſchweigendes Grab war. „Mr. St. Clare iſt ein eigenthümlicher Mann,“ ſagte Marie klagend zu Ophelia,„ich glaubte bis jetzt, wenn er irgend ein Weſen liebe, ſo ſei dies Eva, aber er ſcheint nicht mehr an ſie zu denken. Ich kann nicht mit ihm von ihr ſprechen. Ich habe wirklich geglaubt, daß er mehr Gefühl hätte.“ ⸗ „Stille Waſſer ſind tief, pflegt man zu ſagen,“ ſprach Ophelia einſilbig. „O, ich glaube nicht an ſolche Dinge, es iſt nur eine Redensart. Wenn man Gefühl hat, zeigt man es, man kann nicht anders. Aber es iſt ein großes Mißgeſchick, Gefühl zu haben. Ich wollte, ich wäre wie St. Clare. Meine Gefühle drücken mich ſehr.“ „Das Herz kennt ſeine eigene Bitterkeit,“ ſagte Ophelia. „Das meine ich gerade. Ich weiß genau, was ich fühle— aber kein Menſch außer mir. Eva pflegte es zu wiſſen, ſie iſt dahin!“ Und Marie lehnte ſich zurück und be⸗ gann troſtlos zu ſchluchzen. Sie war eine von den unglück⸗ lichen Sterblichen, die den Werth eines Gegenſtandes erſt er⸗ kennen, wenn ſie ihn nicht mehr beſitzen. So lange ſie ihn haben, finden ſie nur Fehler daran und das Gute erſt nach dem Verluſt. Während dieſes Geſpräch zwiſchen Marie und Ophelia ſtattfand, fiel ein anderes in St. Clare's Bibliothek vor. Tom, der ſeinen Herrn hatte hineingehen ſehen, wartete ver⸗ geblich auf deſſen Herauskommen, und da dies nicht geſchah, beſchloß er hinein zu gehen und ſich etwas darin zu ſchaffen zu machen. Er fand ſeinen Herrn auf dem Geſichte liegend, nicht weit davon Eva's Bibel. Er ſchritt leiſe an ihn heran, als St. Clare ſich aufrichtete. Das redliche, gramvolle Geſicht, mit dem Ausdruck der Liebe und Theilnahmeé, erſchütterte St. Clare. Er legte ſeine Hand auf Tom und beugte ſich darüber. „O, Tom, mein Junge, die Welt iſt wie eine Eierſchale.“ „Ich weiß es, Maſter, aber wenn der Maſter nur auf⸗ blicken könnte, da wo die liebe Miß Eva iſt, zu unſerm lie⸗ ben Herrn Jeſus.“ „Tom, ich blicke hinauf, aber das Schlimme iſt, ich ſehe nichts, wenn ich es thue. Ich wollte, ich könnte es. Es ſcheint nur Kindern und armen Burſchen wie Du gegönnt zu ſein, zu ſehen, was wir nicht ſehen. Wie kommt das?“ 249 „Du haſt Dich den Weiſen und Klugen verborgen und den Unmündigen geoffenbart,“ murmelte Tom,„lieber Maſter, bitten Sie zum guten Gott: Herr, ich glaube, hilf mir in meinem Unglauben.“ 5 „War all die ſchöne Liebe und das Thun nur eine von den immer wechſelnden Phraſen des menſchliſchen Glaubens, nicht Wirkliches, vorübergehend mit dem kleinen Weſen? Und iſt Cva noch? oder Himmel? oder Chriſtus? Nichts?“ „O, lieber Maſter, das iſt noch! Ich ſehe es, ich bin deſſen ſicher,“ ſagte Tom, auf die Kniee fallend.„Thun Sie, Maſter, und glauben Sie!“ „Haſt Du jemals Chriſtus geſehen? Du haſt den Herrn nie geſehen.“ „Ich fühle ihn in meiner Seele, Maſter. Als ich von meiner Frau und den Kindern geriſſen wurde, brach mir faſt das Herz, und da half mir der Herr und ſagte zu mir; Fürchte nichts, Tom, und er brachte Licht und Freude in die Seele eines armen Burſchen. Es kommt von dem Herrn, von mir konnte es nicht kommen. Ich weiß, der Herr wird auch bereit ſein, dem Maſter zu helfen.“ Und die hellen Thränen liefen ſeine Wangen entlang. St. Clare lehnte ſich an und drückte Tom's treue, ſchwarze Hand.„Tom, Du biſt mir gut!“ „Ich will mein Leben laſſen nach dieſem geſegneten Tag, wenn ich den Maſter als Chriſt ſehen könnte.“ „Armer, thörichter Burſche?“ ſagte St. Clare, ſich halb aufrichtend. Ich bin nicht die Liebe eines ſo guten, ehrlichen Herzens, wie das Deinige, werth.“ „Oh, Maſter, noch andere lieben Sie— der Herr Je⸗ ſus liebt Sie.“ Wie kannſt Du es wiſſen, Tom?“ „Ich fühle es in meiner Seele, o Maſter, die Liebe Chriſti übertrifft Alles.“ „Sonderbar,“ ſagte St. Clare, ſich wegwendend,„daß die Geſchichte eines Mannes, der vor achtzehnhundert Jahren lebte und ſtarb, uns jetzt ſo ergreifen kann. Aber es war kein Menſch,“ fügte er plötzlich hinzu.„Kein Menſch hatte je eine ſo lange und lebendige Macht. Oh, könnte ich doch glauben, was mir meine Mutter eingeprägt hat, und ſo beten, wie ich es als Knabe konnte.“ „Wenn es, Maſter, gefällt,“ ſagte Tom,„Miß Eva pflegte mir das ſo ſchön vorzuleſen. Ich wünſchte, der Maſter 250 wäre ſo gut, das zu leſen. Ich höre nichts mehr leſen, ſeid Miß Eva dahin iſt.“ Das Kapitel war das elfte aus dem Evangelium Jo⸗ hannis, der rührende Bericht über die Auferſtehung des La⸗ zarus. St. Clare las es laut, öfters innehaltend, um die Gefühle zu bekämpfen, welche durch die Lektüre erregt wur⸗ den. Tom kniete vor ihm, die Hände gefaltet, mit einem verklärten Ausvruck von Liebe, Troſt und Anbetung auf ſei⸗ nem ruhigen Geſicht. „Tom,“ ſagte ſein Herr,„dies iſt Alles wirklich für Dich?“ „Ich kann es wahrlich ſehen.“ „Ich wünſchte, ich hätte Deine Augen.“ „Ich wünchte zum lieben Gott, daß Maſter ſie hätte.“ „Aber Tom, Du weißt daß ich einen großen Theil mehr Wiſſenſchaft habe, als Du. Wenn ich Dir nun erzähle, daß ich nicht an die Bibel glaube?“ „O Maſter,“ ſprach Tom, die Hände mit bittender Be⸗ wegung aufhebend. „Würde es nicht Deinen Glauben etwas wankend machen?“ frug St. Clare. „Nicht im Geringſten,“ ſagte Tom. „Aber Tom, Du mußt wiſſen, daß ich das beſſer weiß.“ „O Maſter, haben Sie nicht eben geleſen, daß er ſich den Weiſen und Klugen verbirgt, und ſich offenbart den Un⸗ mündigen? Aber Maſter haben nicht im Ernſt geſprochen? Sicherlich nicht?“ ſagte Tom ängſtlich. „Nein Tom, das war es nicht. Ich bin nicht ungläu⸗ big, und ich denke, es iſt Grund vorhanden, zu glauben, und doch thue ich es nicht. Es iſt eine ſtörende, böſe Ge⸗ wohnheit, Tom!“ „Wenn der Maſter nur beten wollte.“ „Ich würde es thun, wenn Jemand dabei wäre, weil es mir iſt als ſpräche ich für nichts, wenn ich es thue. Aber komm Tom, bete Du, und zeige mir, wie?“ Toms Herz war voll, er ſchüttete es im Gebet aus, gleich wie Waſſer, welches lange zurückgedrängt war. Eins war ſicher, Tom glaubte, gehört zu werden von Jemand, mochte der nun eriſtiren oder nicht. In der That fühlte ſich St. Clare von der Tiefe des Gefühls und Glaubens bis an die Thore des Himmels getragen, welchen er ſich lebhaft vor⸗ zuſtellen ſchien. Es ſchien ihn Eva näher zu bringen. 251 „Dank Dir, mein Junge“ ſagte er, als Tom aufſtand. „Ich höre Dir gern zu, Tom; doch jetzt geh' und laß mich allein, ein anderes Mal mehr.“ Schweigend verließ Tom das Zimmer. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. wiedervereinigung. Woche auf Woche verfloß in St. Clares Hauſe, und all⸗ gemach beruhigten ſich die Wogen des Lebens zum gewöhnlichen Lauf, da wo die kleine Barke verſunken war. Denn wie gebieteriſch, wie kalt, alle Empfindungen mißachtend, zieht der Strom der täglichen Wirklichkeit dahin! Wir müſſen eſſen, trinken, ſchlafen, wieder erwachen, handeln, kaufen und ver⸗ kaufen, fragen und antworten, kurz, tauſend Schatten ver⸗ folgen, wenn auch alle Theilnahme dafür dahin iſt. Die kalte mechaniſche Gewohnheit zu leben bleibt, wenn auch das Intereſſe am Leben entflohen iſt. Alle ſeine Intereſſen und Pläne hatten ſich bei Evas Lebzeiten um dieſe eine Axe gedreht, für ſie hatte er alles geſchafft, eingerichtet, verbeſſert, gehegt und gepflegt, nun ſie dahin war, hatte das Leben fuür ihn keinen Reiz mehr, und war öde und ſchaal. Wahrlich, es gab wohl noch ein Leben, ein Leben, welches, wenn man erſt daran glaubt, als eine bedeutende Zahl über den Nullen der Zeit daſteht, und dieſe in einen geheimnißvollen Werth umänderte. Er hörte oft die ſanfte Stimme rufen, die ihn zum Himmel rief und ſah die kleine Hand ihm den richtigen Weg weiſen, aber er konnte ſich nicht aufſchwingen. Er war in ſo mancher Hinſicht ein anderer Mann geworden. Er las ernſt und redlich der kleinen Eva Bibel. Er dachte ruhiger über ſein Verhältniß zu ſeinen Dienern nach, eine Sache, die ihn mit ſeiner Ver⸗ gangenheit und mit ſeiner Gegenwart nicht befriedigte, und machte bald nach ſeiner Ankunft in New⸗Orleans den Anfang mit den geſetzlichen Schritten, welche Toms Freigebung be⸗ wirken ſollten. Unterdeſſen ſchloß er ſich täglich immer mehr 252 „% zu Tom, der ihm die lebhafteſte Erinnerung an ſeine Eva war. Er hatte ihn täglich um ſich, und ſo unzugänglich er ſonſt war, möchte man doch ſagen, daß er zu Tom alle ſeine Gedanken ausſprach. Man würde ſich nicht darüber wundern, wenn man den Ausdruck von Hingebung und Treue in Toms Benehmen gegen ſeinen jungen Herrn geſehen hätte. „Nun Tom,“ ſagte St. Clare eines Tages,„Du wirſt ein freier Mann werden. Packe Deinen Koffer und bereite Dich zur Rückkehr nach Kentucky vor.“ St. Clare war nicht ſehr erbaut von der Freudigkeit, mit welcher Tom bei dieſer Rachricht,„Gott ſei Dank,“ rief. Es ſchien ihm nicht zu gefallen, daß Tom ohne Kummer fortzu⸗ gehen im Stande war. Du haſt hier nicht ſo ſchlechte Zeiten gehabt, daß Du nöthig hätteſt, ſo entzückt zu ſein, Tom,“ ſagte er trocken. „Nein, deshalb nicht, ſondern weil ich ein freier Mann werde, darum freue ich mich.“ „Denkſt Du denn nicht, daß Du beſſer daran biſt, als wenn Du frei wirſt?“ „Nein, in der That nicht, Mr. St. Clare,“ ſagte Tom mit Feuer.„Ich will lieber ſchlechter leben, ſchlechter mich kleiden, wenn ich dabei frei bin, und für mich ſelbſt arbeiten. Ich denke, Maſter, das wäre natürlich.“ „Ich begreife, Tom, und Du wirſt in einigen Monaten gehen und mich verlaſſen. Kein Sterblicher ſieht ein, warum Du es nicht ſollteſt,“ fügte er in heiterem Tone hinzu und begann durch's Zimmer zu ſchreiten. „Nicht, ſo lange der Maſter betrübt iſt,“ entgegnete Tom. „Und wann wird meine Betrübniß vorüber ſein? ſragte St. Clare ſeufzend. „Wenn Maſter ein Chriſt iſt,“ ſagte Tom. „Und Du willſt wirklich bei mir bleiben, bis das ge⸗ ſchieht? O Tom, Du einfältiger, braver Burſche. Ich will Dich nicht bis zu dem Tage binden. Gehe heim zu Frau und Kinder, und bringe ihnen meine Liebe.“ „Ich glaube, daß der Tag kommen wird, Maſter.“ Hier wurde ihr Geſpräch unterbrochen. Marie St. Clare fühlte Evas Verluſt ſo weit, als ſie etwas zu fühlen im Stande war. Da ſie ſich für namenlos unglücklich hielt, ſo war in Folge deſſen ihre Umgebung wirk⸗ lich unglücklich, und fühlte den Verluſt der kleinen, ſanften Herrin am meiſten, die oft genug ein Schutz gegen die tyran⸗ äſchen Anforderungen der Mutter geweſen. Beſonders grämte 253 ſich die alte Mammy, und da ſie dadurch oft Fehler begann, ſo regneten auf ihr Haupt unzählige Scheltworte. In Miß Ophelias Herzen trug Evas Verluſt Früchte für's ewige Leben. Sie war ſtiller und ernſter, wie eine Perſon, die mit ihrem Herzen zu Rathe gegangen iſt, und bemühte ſich, mit Liebe und Sanftmuth Topſy heranzubilden. Sie zeigte keinen unterdrückten Ekel mehr, bei der Berührung des Kindes, weil ſie keinen mehr empfand, und erblickte in ihr nur ein unſterbliches Weſen, welches ſie berufen war her⸗ anzubilden, und ſeinem Ziele entgegenzuführen. Topſy wurde nicht plötzlich eine Heilige, aber ſie gab ſich alle mögliche Mühe, ein beſſeres Kind zu werden. Die verſtockte Gleichgültigkeit war jetzt einem lebhafteren Gefühl gewichen, und wenn ſie auch manchmal in dieſem Streben inne hielt, ſo tam ſie doch ſtets bald wieder in Gang. Eines Tages, als Miß Ophelia ſie durch Roſa rufen ließ, ſteckte ſie raſch etwas in den Buſen. Du haſt wieder geſtohlen, Du Balg!“ rief die kleine herriſche Roſa, indem ſie das Kind beim Arme ergriff. „Gehen Sie mir weg, Miß Roſa, das geht Sie nichts an,“ entgegnete ſie, indem ſie ſich machtvoll wehrte. „Was giebts hier,“ ſprach Miß Ophelia, welche durch den Lärm herbeigelockt war, und nachdem Roſa ihre Beſchul⸗ digung vorgebracht hatte, der Kleinen befahl, das zu zeigen, was ſie verborgen hatte. Topſy weigerte ſich anfangs, langte endlich aber ein kleines Packetchen hervor, welches ſie in einer alten Strumpfſpitze verwahrte. Es war ein kleines Buch, welches ſie ebenfalls von Eva hatte, in ein Stück ſchwarzen Flors gewickelt. „Warum haſt Du den Flor da herum gewickelt, frug St. Clare. „Weil es von Miß Eva iſt,“ antwortete Topſy ſchluchſend. Es war eine ſonderbare Miſchung von Rührendem und Lächerlichem, der kleine, alte Strumpf— der ſchwarze Flor — das Buch— die lichte, weiße Locke und Topſy's äußerſte Noth. St. Clare lächelte, aber die Thränen traten ihm in die Augen, und er ſprach: „Da Topſy, beruhige Dich, Du ſollſt Alles wieder haben,“ und ſich zu Ophelia wendend, ſprach er:„Ich glaube wirklich, daß Du noch etwas aus ihr machen kannſt. Ein Jeder, der eines wirklichen Schmerzes fähig iſt, iſt auch noch zum Guten fähig.“ „ 254 „Das Kind iſt bedeutend vorgeſchritten,“ ſprach Ophelia. Ich hege große Hoffnungen zu ihr. Aber,“ ſagte ſie, indem ſie die Hand auf ſeinen Arm legte,„Auguſtin, wem ſoll das Kind gehören, mir oder Dir?“ „Nun, ich habe ſie Dir ja gegeben.“ „Jo, aber nicht geſetzlich, ich wünſche ſie auch geſeylich als mir gehörig zu haben. Und wenn Du es wirklich willſt, ſo wünſche ich, daß Du mir einen Uebergabeſchein oder ſonſt ein gültiges Papier giebſt.“ „Schon gut, ſchon gut, ich werde es.“ Und er ſetzte ſich nieder und entfaltete eine Zeitung, um zu leſen. „Aber ich wünſche, daß Du es jetzt giebſt,“ ſagte Miß Ophelia. „Was haſt Du für Eile?“ „Weil das Jetzt die einzige und beſte Zeit iſt, um eine Sache zu thun,“ ſagte Ophelia,„da haſt Du Dinte und Feder, nun ſchreibe mir das Dokument.“ „Nun, was ſind das für Sachen? Kann ich Dir etwa mein Wort nicht halten? Man ſollte glauben, daß Du bei Juden gelernt haſt, einen ſo zu drücken!“ „St. Clare, ich habe nicht die Abſicht mit Dir zu ſcher⸗ zen. Ich will ſicher gehen, Du kannſt ſterben oder fallit wer⸗ den, und Topſy wird dann auf die Auction geſchickt, egen alle dem, was ich mit ihr thun kann.“ „Wirklich, Du haſt ruhige Vorſicht. Gut, da ich mich doch in Yankeshänden ſehe, ſo bleibt nichts übrig, als nach⸗ zugeben.“ Und er ergriff die Feder und fertigte bald eine Schenkungsurkunde aus, was ihm ſehr leicht wurde, da er mit den Formeln bekannt war, und beſchloß ſie mit einem Federſtrich. 4 „Da, iſt das nicht ſchwarz auf weiß, Miß Vermont?“ ſprach er, ihr das Papier einhändigend. „Guter Junge,“ ſagte Ophelia lächelnd, her muß es nicht beglaubigt ſein?“ „O, Plage, ja wohl. Höre!“ rief er, indem er den Kopf in Marien's Zimmer ſteckte,„die Couſine will Dein Autograph haben, ſetze Deinen Namen hierunter.“ „Was iſt das?“ ſagte Marie, als ſie das Papier über⸗ flog.„Lächerlich, ich dachte, die Couſine wäre zu fromm, um ſolche ſchreckliche Dinge zu chun. Wenn ſie aber eine Neigung zu dem Artikel hat, ſo mag er ihr wohlbekommen.“ „Da, jetzt iſt ſie Dein mit Leib und Seele,“ ſprach St. Clare, indem er ſich in's andere Zimmer zurück begab. 255 Dphelia, die nie lange in Marie's Geſellſchaft blieb, folgte ihm.„Auguſtin,“ fing ſie plötzlich an, ohne von ihret Stickerei aufzublicken, haſt Du ſchon Vorſorge getroffen für Deine Sclaven, im Falle Du ſtirbſt?“ „Nein,“ ſagte St. Clare, und las weiter. „Dann wird ſich alle Deine Nachſicht für ſie als eine große Grauſamkeit erweiſen.“ St. Clare hatte ſelbſt ſchon daran gedacht, aber er ant⸗ wortete nachläßig:„Ich werde beiläufig Vorſorge treffen.“ „Wann?“ fragte Ophelia. „O, einen dieſer Tage.“ „Wie, aber wenn Du ſterben ſollteſt?“ „Couſine, was ſind das für Dinge? Sehe ich nach dem gelben Fieber oder nach der Cholera aus, daß Du mit ſol⸗ chem Eifer Post mortem— Anordnung triffſt?“ „Mitten im Leben ſind wir im Tode“ ſprach Miß Ophelia. St. Clare ſtand auf, und ging hinaus, um dieſes für ihn peinliche Geſpräch zu beendigen. Er murmelte mechaniſch das Wort: Tod, und als er träumend durch die Abendluft nach dem auf⸗ und abſteigenden Strahl des Springbrunnens blickte, wiederholte er ernſt ſinnend, das geheimnißvolle, in Jedermanns Munde ſo gewöhnliche Wort! Sonderbar, daß es ein ſolches Wort giebt, ein ſolches Ding, welches man nimmer vergißt; und daß wir, heute noch lebend, warm und ſchön, und voller Hoffnungen und Wünſche, morgen ſchon dahin gehen, gänzlich weggehen, und für immer! Es war ein warmer, goldiger Abend, und als er nach dem auderen Ende der Veranda ſchritt, ſah er Tom eifrig in der Bibel leſen, und ſagte, indem er an ihn herantrat:„Tom, ſoll ich Dir vorleſen?“ „Wenn es Maſter gefällt; Sie machen es viel verſtänd⸗ licher.“ St. Clare ſetzte ſich neben ihn, nahm das Buch und las einen von den Verſen, welche Tom bezeichnet hatte. Wenn des Menſchen Sohn kommen wird in ſeinem Glanze, und alle die heiligen Engel mit ihm, dann wird er auf dem Throne der Herrlichkeit ſitzen, und vor ihm werden verſammelt ſein alle Nationen, und er wird ſcheiden die einen von den andern, gleich wie ein Hirte abtheilt die Schaafe von den Böcken. 256 St. Clare las mit lebhafter Stimme, bis zum letzten Verſe: Dann wird der König auch ſagen zu denen zur Linken: Gehet hinweg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, denn wenn ich hungrig war, gabt ihr mir nicht zu eſſen, und wenn ich durſtig war, gabt ihr mir nicht zu trinken, ich war ein Fremdling, und ihr nahmt mich nicht auf, nackend, und ihr kleidet mich nicht, ich war krank und ge⸗ fangen, und ihr habt mich nicht beſucht. Dann werden ſie ihm aber antworten: Herr wann haben wir Dich ge⸗ ſehen hungrig oder durſtig, oder fremd, oder nackt, oder krank, oder gefangen, und haben Dir nicht gedient? Dann wird er ſagen: Was ihr nicht gethan habt einem der letzten meiner Brüder, das habt ihr mir nicht gethan.“ St. Clare ſchien erſchüttert zu ſein, denn er las die Stelle wiederholt für ſich. „Tom,“ ſagte er nachdenklich, das Volk, das hier ſo hart gemeſſen wird, ſcheint daſſelbe gethan zu haben wie ich, haben ein gutes, behagliches, achtbares Leben geführt, und ſich nicht darum bekümmert, darnach zu fragen, ob einer ihrer Brüder hungrig oder durſtig, krank oder gefangen ſei.“ Tom ſchwieg. St. Clare ging ſinnend auf und ab, und war ſo vertieft, daß Tom ihn zweimal an den Schall der Theeglocke erinnern mußte. Er war während der ganzen Theezeit zerſtreut und nachdenklich. Marie verſank bald in feſten Schlaf, und Ophelia arbeitete emſig. St. Clare ſetzte ſich an den Flügel, und fing an einige ſanfte Melodieen zu ſpielen. Dann ging er an eine Komode und langte daraus ein altes, vergilbtes Notenbuch. Indem er es durchblätterte, ſprach er zu Ophelia: „Das iſt eins von meiner Mutter Büchern, das iſt ihre Handſchrift, komm her und ſieh. Sie copirte und arran⸗ girte dies nach Mozarts Requiem. Sie pflegte es öfter zu ſingen. Es iſt mir, als ob ich ſie jetzt hören könnte.“ Er ſchlug einige majeſtätiſche Accorde an, begann das großartige „dies irae“ zu ſingen. Tom, der auf die Veranda verweilte trat näher, und obgleich ihm die Worte des Geſanges fremd waren, ſo ergriff ihn doch die Muſik und die Art des Ge⸗ ſanges, und er würde gewiß noch mehr daran Theil ge⸗ nommen haben, wenn er den Sinn der ſchönen Worte ge⸗ kannt hätte:. 257 un„Recordare, Jesu pie, Quod cum causa tuae viae, Ne me perdas illas die: Ouaerens me sed isti lassus, Redemisti crucem passus, Tantus labor non sit cassus.“ St, Clare ſang mit innigem Ausdruck dieſe ſchönen Worte, der Geiſt ſeiner Mutter ſchien ihm dabei gegenwär⸗ tig, und Stimme und Inſtrument harmonirten bei dieſen Tönen, welche der unſterbliche Mozart als ſein eignes Todes⸗ requiem gedichtet hatte. Nachdem er geſungen hatte, ſtützte er den Kopf in die Hand und begann ein längeres Geſpräch mit Ophelia über dieſes herrliche Werk, ſo wie überhaupt über das letzte Gericht. Dann begab er ſich noch auf die Straße, um ſich etwas zu zerſtreuen. Tom ſaß unter der Veranda. Es war ein ſchöner Mondſcheinabend, und er betrachtete den ſteigenden und fal⸗ lenden Strahl des Springbrunnens, und horchte auf deſſen Murmeln. Er dachte an ſeine Heimath, und daß er bald ein freier Mann ſein ſollte. Er dachte wie er arbeiten wollte, um Frau und Kind zu erhalten. Er befühlte die Muskeln ſeiner kräftigen Arme, mit einer Art Freude, als dachte er daran, daß ſie nun bald ihm ſelbſt gehören würden, und wie viel ſie thun könnten, um die Freiheit ſeiner Familie zu er⸗ wirken. Dann dachte er an ſeinen edelen jungen Herrn, und er ſprach ein Gebet für ihn, wie er gewöhnlich that; und dann gingen ſeine Gedanken hinüber zur ſchönen Eva, welche er ſich nun mitten unter den Engeln dachte; und er dachte mit ſolcher Innigkeit daran, daß es ſchien als ob das leuchtende Antlitz und das goldne Haar auf ihn blickten, her⸗ vor aus dem Schaume des Springbrunnens. Und ſo ſchlief er träumend ein. Er ſah ſie im Traume auf ſich zuſpringen, wie ſie es ſtets pflegte, mit einer Jasminblüthe im Haar, die Wangen leuchtend, und die Augen vor Wonne ſtrahlend. Aber als er hinſah, ſchien ſie ſich zu erheben, ihre Wangen waren bleicher, ihre Augen hatten einen tiefen göttlichen Glanz, ein goldner Hauch erſchien rund um ihr Haupt, und ſie verſchwand vor ſeinem Angeſicht. 258 Tom erwachte plötzlich von lautem Klopfen und dem Schall von Fußtritten. Er ſprang auf, öffnete und ſah einige Männer einen Körper, in einen Mantel gehüllt, auf eine Lade geſtreckt, hereintragen. Das Licht der Lampe fiel voll auf das Geſicht, und Tom ſtieß einen wilden Schrei des Entſetzens und der Verzweiflung aus, der durch die Gallerie drang, wöhrend die Männer in's Zimmrr ſchritten, wo Ophe⸗ lia noch ſaß und ſtrickte. St. Clare war in ein Kaffeehaus gegangen, um eine Zeitung zu leſen, als zwei betrunkene Männer in Streit ge⸗ riethen. Er mit einigen Anderen bemühte ſich, ſie auseinan⸗ der zu bringen, wobei er einen Meſſerſtich in die Seite er⸗ hielt, der ihn tödtlich traf. Das Haus gerieth in die größte Aufregung. Die Diener rauften ſich wahnſinnig das Haar aus, und warfen ſich auf den Boden oder lief verzweifelnd jammernd umher. Nur Tom und Ophelia ſchienen noch einige Beſinnung zu behalten, denn Marie lag in hyſteriſchen Zuckungen. Unter Miß Ophe⸗ lia's Leitung wurde ſchnell ein Ruhebett im Zimmer herge⸗ richtet und der blutende St. Clare darauf gelegt. Ophelia ſuchte die Blutung zu hindern, und als der Arzt erſchien und ſeine Anordnungen machte, drückte ſein forſchender Blick keine Hoffnung aus, während die jammernde und klagende Diener⸗ ſchaft an den Fenſtern und auf der Schwelle ſtand. Der Arzt ordnete nun an, daß die Leute fortgeſchickt würden, da⸗ mit der Verwundete vor allen Dingen Ruhe habe, aber Adolph wollte ſchlechterdings nicht von der Stelle und war raſend vor Verzweiflung. St. Clare öffnete nach Kurzem matt die Augen, blickte um ſich, als er dieſe Scenen ſah und murmelte:„Die ar⸗ men Geſchöpfe,“ indem ein Gefühl bittern Selbſtvorwurfs ſein Geſicht überflog. Dann heftete er ſeine Blicke eine Weile auf das Bild ſeiner Mutter und ſchloß vor Ermattung die Augen. Man ſah es ſeinem Geſicht an, daß er mit bittern Gefühlen rang. Nach einiger Zeit legte er ſeine Hand auf den neben ſich knieenden Tom und ſagte:„Tom, armer Burſche!“ „Was iſt, Maſter?“ fragte Tom ernſt. „Ich werde ſterben,“ ſagte St. Clare, ihm die Hand preſſend.„Bete.“ A Sie einen Geiſtlichen haben wollen?“ fragte der rzt. St. Clare ſchüttelte den Kopf und ſagte wiederholt zu Tom„Bei „ 259 Und Tom betete mit aller Macht und Kraft für die Seele, welche dahin fahren wollte, die Seele, die ſo ſtarr und leidvoll aus dieſen großen melaucholiſchen Augen blickte. Es war buch⸗ ſtäblich ein unter Schreien und Weinen dargebrachtes Gebet. Als Tom aufhörte, erfaßte St. Clare ſeine Hand, indem er ihn ernſt anblickte und nichts ſagte; er ſchloß die Augen, ließ ihn aber nicht los, denn an den Pforten der Cwigkeit halten ſich die ſchwarze Hand und die weiße Hand mit gleicher Feſtigkeit. Er murmelte leiſe für ſich ſelbſt und in abgebrochenen Pauſen: „Recordare Jesu pie— ne me perdas— illa die — quaerens me—— sedisti lassus.“— Es war er⸗ ſichtlich, daß die Worte, welche er am Abend geſungen hatte, vor ſeinem Geiſte vorüberzogen.— Worte des Flehens zum Allbarmherzigen! „Sein Geiſt irrt umher,“ ſprach der Arzt. „Nein, er geht endlich in die Heimath!“ ſagte St. Clare laut,„endlich! endlich!“ Die Anſtrengung des Sprechens erſchöpfte ihn. Die fallende Bläſſe des Todes ſank auf ihn. Kurz vorher ehe ſein Geiſt ſchied, öffnete er die Augen wie mit einem plötzlichen Licht der Freude und des Erkennens und ſagte;„Mutter!“ und dann war er hinüber! Achtundzwanzigſtes Kapitel. Die Schutzloſen. Oft hören wir von der Verzweiflung der Negerſclaven, wenn ſie einen guten Herrn verlieren, und das hat ſeinen guten Grund, denn kein Geſchöpf auf Gottes weiter Erde iſt ſchutzloſer und verlaſſener unter ſolchen Umſtänden, als der Sklave. Das Kind, welches ſeinen Vater verloren hat, ſteht noch unter dem Schutz von Freunden und des Geſetzes, es iſt etwas und kann etwas thun, es beſitzt anerkannte Rechte und eine Stellung; der Sklave hat nichts davon. Das Geſetz be⸗ trachtet ihn in jeder Hinſicht ſo entblößt allen Rechts, wie einen Waarenballen. Das einzige Anerkenntniß der Wünſche und Bedürfniſſe eines ſterblichen Geſchöpfes kommt ihm zu 17* 260 durch den ſouveränen und unverantwortlichen Willen ſeines Herrn, und wenn der Maſter untergegangen iſt, ſo bleibt ihm nichts. Die Zahl derjenigen Menſchen, welche ihre unveran,t⸗ wortliche Macht menſchlich und edelmüthig anwenden, iſt kle'n. Jedermann weiß das und der Sklave weiß es am beſten, und er fühlt wohl, daß er in zehn Fällen einen unleidlichen tyran⸗ niſchen Herrn findet, aber erſt in einem Falle einen ver⸗ nünftigen und guten Herrn. Und darum iſt die Trauer um einen guten Herrn größer als irgend etwas. Als St. Clare zum letzten Male geathmet hatte, bemäch⸗ tigte ſich Schrecken und Verwirrung ſeines ganzen Haushalts. Die Hand des Todes hatte ihn erfaßt in der Blüthe und Kraft des Lebens. Alle Zimmer hallten von dem Geſchrei des Jammers und der Verzweiflung wieder. Marie in ihrer Rückſicht gegen ihre ewige Nervenſchwäche hatte nichts, woran ſie ſich halten konnte. Sie ſank aus einer Ohnmacht in die andere, als derjenige, dem ſie ſich durch das bedentungsvolle Band der Ehe verbunden hatte, für immer von ihr ſchied, ohne die Möglichkeit eines Abſchiedswortes. Miß Ovphelia war bis zum letzten Augenblicke bei ihrem Verwandten ge⸗ blieben, und hatte ſich dem leidenſchaftlichen Gebet des armen Sklaven mit ganzer Seele angeſchloſſen. Als man ihn zur letzten Reiſe vorbereitete, fand man auf ſeiner Bruſt eine kleine einfache Miniaturkapſel. Es war das Miniaturbild eines edeln und ſchönen Antlitzes, und auf der Rückſeite lag eine dunkle Haarlocke. Man legte beides wieder auf die leb⸗ loſe Bruſt, Staub zu Stanb, arme trauervolle Ueberbleibſel jugendlicher Träume, welche einſt dieſes kalte Herz ſo warm ſchlagen machten. Toms ganze Seele war von Gedanken an die Ewigkeit erfüllt, und während er die nöthigen Dienſte verrichtete, dachte er nicht an den ſeinen ſämmtlichen Hoff⸗ nungen verſetzten tödtlichen Schlag. Während des Gebetes am Sterbebette hatte er auch ſchon die Beruhigung und Zu⸗ verſicht in ſich gefunden, eingedenk der Worte: Wer in der Liebe lebt, der lebt in Gott, und Gott in ihm. Er hoffte und vertraute, und war zufrieden. Das Begräbniß ging von Statten, wieder rollten die trüben Wogen des Alltagslebens dahin, und die letzte harte Frage drängte ſich wieder auf: Was iſt nun zu thun? Auch Mariens Gemüth erhob ſich wieder, als ſie in ihrem Lehnſtuhl ſaß, umgeben von ihren Dienern, indem ſie Trauermuſter auswählten. Und vor Ophelia's Gemüth ſtieg 261 eine Frage auf, bei deren Löſung ſie einſah, daß hier nicht mehr gut wohnen ſei und ihre Gedanken ihrer irdiſchen Heimath zuwandte.— Dieſelbe Frage drängte ſich der ſtummen erſchreck⸗ ten Dienerſchaft auf, die von dem tyranniſchen Charakter ihrer Herrin, in deren Händen ſie zurückblieb, alles fürch⸗ ten konnte. Es mochte etwa vierzehn Tage nach St. Clares Tode ſein, als Miß Ophelia in ihrem Zimmer ſaß, während Roſa, die hübſche Quadronin, ins Zimmer und vor ihre Füße ſtürzte, indem ſie bitterlich weinend die Hände rang, und ſie anflehte, ſie von der von Marie ihr beſtimmten Strafe des Auspeit⸗ ſchens zu retten. „Was haſt Du gethan?“ fragte Miß Ophelia beſtürzt. „Sie wiſſen, Miſſis,“ ſprach Roſa unter Thränen,„daß ich etwas hitzig bin, und als ich von Miſſis Maria beim Ankleiden einen Verweis erhielt, erwiderte ich etwas, und da ſchrieb Miſſis mir dieſe Strafe auf, und nun muß ich mich von Männern ſchlagen laſſen, von Männern, welche Schande!“ und wehklagend überreichte ſie Miß Ophelia ein Papier, auf welches Marie mit zarter Hand eine Anweiſung, der Ueber⸗ bringerin fünfzehn Hiebe zu geben, an den Herrn einer Peit⸗ ſchenanſtalt geſchrieben hatte, einer von den üblichen Anſtal⸗ ten, wohin man Frauen und Mädchen ſchickt, um ſie züchti⸗ gen zu laſſen, von Männern, die niedrig genug waren, ſich dazu herzugeben. Miß Ophelia's neuengliſches Freiheitsblut empörte ſich Angeſichts eines ſolchen Falles, von welchem ſie wohl gehört hatte, aber den ſie nie verwirklichen geſehen, und befahl Roſa zurückzubleiben, bis ſie mit ihrer Herrin geſprochen habe. „Schandbar, unerhört, verbrecheriſch!“ murmelte ſie, als ſie ſich aufmachte nach Mariens Zimmer. Sie fand dieſe nachläſſig auf dem Sopha liegend, während Mammy ihr das Haar flocht und Jane ihr die Füße rieb. „Wie befinden Sie ſich?“ frug Miß Ophelia, einlei⸗ tungsweiſe. „O ich weiß nicht, Couſine; ich denke, ſo gut als es nur ſein kann,“ war die nachläſſige, ſchmachtende Antwort. „Ich komme, ſagte Miß Ophelia mit einem kurzen Huſten, wie man bei Einleitung eines unangenehmen Gegenſtandes zu thun pflegt,„ich komme, um mit Ihnen wegen der armen Roſa zu ſprechen, ihr Fehler thut ihr ſehr leid. Könnten Sie dieſelbe nicht auf andere Weiſe beſtrafen, als ſie durch Peit⸗ ſchenhiebe herabzuwürdigen?“ 3 262 Marie befand ſich mit einem Male wohler.„Es wird ſie noch manches ſchmerzen,“ rief ſie zornig,„ich habe lange genug ihre Unverſchämtheit und hochfahrendes Weſen ertra⸗ gen, jetzt will ich ſie aber in den Staub treten, ſie ſoll mir nicht mehr mit ihren damenartigen Manieren kommen.“ „Aber bedenken Sie doch die Grauſamkeit, jenes Mäd⸗ chen würde ſich lieber tödten laſſen.“ „Grauſamkeit? Ich habe ihr nur fünfzehn Hiebe aufge⸗ ſchrieben. Uebrigens müſſen Sie nicht glauben, daß die Ge⸗ fühle ſolcher Menſchen darunter leiden. Ich will, ſie ſollen Alleſammt wiſſen, daß ich Jeden ſo ausveitſchen laſſe, wenn ſie ſich nicht in Acht nehmen.“ Jane ließ den Kopf hängen, denn ſie fühlte, daß dies ihr gelte. Miß Ophelia war nahe daran, zu berſten vor Entrüſtung, da ſie aber ſah, daß alles vergebens, ſo ſtand ſie auf, und verließ das Zimmer, obgleich es ihr ſchwer wurde, ohne Gnade zu dem armen Mädchen zurückzukehren. Es er⸗ ſchien auch bald ein Diener, der Roſa abholte, um ſie aus⸗ peitſchen zu laſſen. Marie hatte nach mehreren Conſultationen mit ihrem Anwalt beſchloſſen, mit dem von ihr mitgebrachten Eigenthum zu ihrem Vater zurückzukehren, und die Sklaven St. Clares zu verkaufen. Tom ſtand einige Tage nach der letzten Scene auf dem Balkon und ſah gedankenvoll hinab, als Adolph zu ihm kam und ihm dieſe ſchlimme Neuigkeit mittheilte. Er war nie ein Günſtling ſeiner Herrin geweſen, und ſie haßte ihn tödtlich.„Weißt Du ſchon,“ ſprach er zu Tom, daß wir Alle verkauft werden ſollen?“ „Woher weißt Du das?“ ſprach Tom. „Ich habe es gehört als die Miſſis mit ihrem Advokaten ſprach. Wir werden nie wieder einen ſo guten Herrn be⸗ kommen. Ich will lieber verkauft werden, als bei der Miſſis bleiben,“ Adolph. „Was der Herr will, geſchehe!“ ſprach Tom, indem er die Augen gen Himmel hob. Alle ſeine ſchönen Träume und Hoffnungen waren dahin, gleich wie der Schiffbrüchige die Kirchthurmſpitze und die Dächer der vor ihm liegenden Hei⸗ math durch die über ihn zuſammenſchlagenden Wogen ver⸗ ſchwinden ſieht. Er preßte die Arme über die Bruſt und ver⸗ ſuchte zu beten. Aber jemehr er ſprach: Herr, dein Wille geſchehe! je ſchwerer wurde es ihm zu tragen. Die arme alte Seele hatte eine ſo beſondere unbeſchreibliche Vorliebe zur Freiheit, daß es für ihn ein harter Schlag war. Er beſchloß N 263 6 zu Miß Ophelia zu gehen, welche ihn ſeit St. Clares Tode mit auffallender Achtung behandelt hatte, und ſtellte ihr vor, daß St. Clare ihm die Freiheit verſprochen habe, und bat ſie, mit Mrs. St. Clare zu ſprechen, ob ſie nicht die begon⸗ nenen geſetzlichen Formalitäten beendigen wolle. „Ich will es verſuchen und mit ihr ſprechen,“ ſagte Miß Ophelia,„wenn es aber von Mrs. St. Clare abhängt, wird wohl wenig Hoffnung ſein.“ Und ſie hatte Recht. Als ſie zu Marie kam, und ihr vorſtellte, daß es doch St. Clares Wille und Wunſch geweſen ſei, Tom freizugeben, und daß dies auch Evas Lieblingswunſch geweſen wäre, ſo erklärte doch Marie kalt, daß nach Berathung mit Alfred St. Clare ſie beſchloſſen hätte, die Sklaven ſämmtlich auf eine Auction zu ſchicken, und das Haus dem Anwalt zum Verkauf zu über⸗ geben. Alle dringenden Vorſtellungen Miß Ophelias gegen die vollſtändige Ausführung dieſes Entſchluſſes wies ſie hart⸗ näckig und gleichgiltig von ſich, und verfiel endlich auf ihr gewöhnliches Hülfsmittel, daß ſie ſich bitter beklagte, wie man nur bedacht ſei zu quälen, und alle unangenehmen Er⸗ innerungen wieder in ihr aufzuregen. Sie rief Mammy, das Fenſter zu öffnen, ihr Kampfer zu geben, ihr den Kopf zu baden, das Kleid aufzumachen, und Ophelia benutzte den Tumult, um ſich unbemerkt davon zu machen. Sie ſah ein, daß nichts hier für Tom zu machen ſei, und that das Nächſt⸗ Beſte, indem ſie einen Brief an Mr. Shelby ſchrieb, die Sache darſtellte und ihn aufforderte Unterſtützung zu ſenden. Am nächſten Tage wurden Tom und Adolph und ein halb Dutzend anderer Diener nach dem Sklavenmagazin ge⸗ bracht, um das Belieben des Sklavenhändlers abzuwarten, die gerade eine Partie Sklaven zur Verſteigerung ſammelten. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Das Sklavenmagazin. Ein Sklavenmagazin! Manche unſerer Leſer rechnen ge⸗ wiß auf die ſchreckliche Beſchreibung eines ſolchen Platzes. Vielleicht ſieht mancher eine faule, dunkle Höhle, einen ſchreck⸗ lichen Partarus informis, ingens, cui lumen ademptum! 264 Doch nein, unſchuldiger Freund! in unſeren Tagen erlernte der Menſch feinartig zu ſündigen, um nicht gegen die Augen und Sinne der gebildeten Welt zu verſtoßen. Das menſch⸗ liche Eigenthum iſt hoch auf dem Markte, und iſt wohl ge⸗ füttert, gut gereinigt und wird oft beſichtigt, damit es glatt und ſtark und glänzend ausſieht. Ein Sklavenhaus in New⸗ Orleans iſt ein Haus, nicht ſehr unähnlich vielen andern dort, reinlich gehalten, und wo man immer unter einer Halle außerhalb deſſelben, Reihen von Männern und Frauen ſehen fann, als Zeichen des darinnen zu verkaufenden Eigenthums. Du biſt höflich aufgefordert zu ſehen und zu prüfen, und findeſt einen Ueberfluß von Gatten, Gattinnen, Brüdern, Schwe⸗ ſtern, Vätern, Müttern und Kindern, welche einzeln oder im Ganzen verkauft werden, ganz nach Belieben des Suchenden, und die unſterbliche Seele, einſt mit Blut und Aengſten von Gottes Sohne beim Berſten der Erde und ſtürzenden Felſen und geöffneten Gräbern erkauft, kann hier verkauft, ver⸗ miethet, verpfändet, umgewechſelt werden gegen Spezerei⸗ waaren und anderes Gut, ganz nach Lage des Geſchäfts und nach Laune des Käufers. Tom, Adolph und ein halb Dutzend Anderer aus St. Clares Maſſe, waren alſo unter die Liebes⸗Güte des Mr. Sfteggs geſtellt, um die am nächſten Tage ſtattfindende Auction abzuwarten. Er, ſo wie ſeine Genoſſen hatten ganz anſtändig gefüllte Koffer bei ſich, und wurden über Nacht in ein großes Zimmer untergebracht, worin eine ganze Menge Männer ver⸗ ſchiedenen Alters, Größe und Farbe waren, und aus welchem Ausbrüche des Lachens und gedankenloſer Heiterkeit hervor⸗ gingen. „Ah, das iſt recht, ſo gehts— Jungens! ſo geht's! ſagte Mr. Skeggs, der Patron.„Meine Leute ſind immer ſo luſtig! Sambo, ſehe ich,“ ſagte er belobend zu einem großen Neger „war derjenige, welcher die Hauptſtreiche ausführte,“ deren Folge das von Tom gehörte Gelächter war. Wie man ſich vorſtellen mag, war Tom nicht in der freudigen Laune, wie die Uebrigen, und ſetzte ſich alſo möglichſt entfernt davon auf ſeinen Koffer, das Geſicht gegen die Wand gekehrt. Die Händler in menſchlicher Waare thun alles mögliche, um ihre Artikel in fortwährender Luſtigkeit zu erhalten, damit ſie nicht Zeit haben, über ihre Lage nachzu⸗ denken. Das ganze Syſtem während der Reiſe aus dem Nor⸗ den, wo ſie eingekauft werden, nach dem Süden, wo ſie ver⸗ fauft werden, iſt darauf berechnet, ſie gedankenlos, thieriſch 265 und gleichgültig zu machen. Der Händler mäſtete ſie förmlich, und da manche ſich zum Gram neigen, ſo iſt immer eine Geige vorhanden, um ſie zum luſtigen Tanz und Geſang zu ermun⸗ tern. Munterkeit, Beweglichkeit, und liebenswürdiges Aus⸗ ſehen, beſonders vor Beobachtern, werden ihnen beſtändig ein⸗ geprägt, ſowohl durch die Hoffnung, dadurch einen guten Herrn zu erlangen, als durch die Furcht vor alledem, was der Händler über ſie ergehen läßt, wenn ſie ſich als unverkäuflich erweiſen. Was macht der Neger hier?“ ſagte Sambo, auf Tom zuſchreitend, nach dem Mr. Skeggs das Zimmer verlaſſen hatte. Sambo war tief ſchwarz, von großem Wuchs, ſehr lebhaft und voll Streiche und Grimaſſen.„Denkt er nach, he?“ Ich werde morgen auf der Auktion verkauft werden,“ ſagte Tom ruhig. „Auf der Auction verkauft? Ha, ha! Jungens, iſt das nicht ein Witz? Ich wollte, ich könnte auch ſo vorkommen, ich wollte ſie ſchon lachen machen! Aber was iſt das? Geht der ganze Haufen hier morgen fort?“ fragte Sambo, indem er die Hand frech auf Adolph's Schulter legte. „Ich bitte Dich, laß mich in Ruhe!“ ſagte Adolph ſtolz, indem er ſich mit äußerſtem Abſcheu erhob. „Ah, Jungens! Dies iſt einer von den weißen Negern, gute, weiße Farbe, riecht auch, glaube ich,“ ſprach er, indem er an ihn herantrat und ihn beſchnüffelte.„O Gott, der wäre gut für einen Tabackskram, da könnte er Geruch hineinbringen. Gott, er könnte einen ganzen Laden in die Höhe bringen!“ „Ich ſage Dir, ſcheer Dich! Willſt Du nicht?“ ſprach Adolph wüthend. „Gott, wie empfindlich wir ſind, wir weiße Neger. Sieh uns einmal an.“ Und Sambo gab eine lächerliche Nachahmung von Adolphs Manieren zum Beſten. Das ſind die Manieren und die Grazie. Wir ſind wohl in guter Familie geweſen? Es ſcheint ſo.“ „Ja,“ ſagte Adolph,„ich hatte einen Herrn, der ſolchen Schund nicht kaufte.“ „Gott, denkt Euch nur, was wir für feine Herren ſind,“ ſprach Sambo ſpottend. Adolph, ergrimmt über die rohen Spöttereien, ſchlug um ſich, daß alles lachte und ſchrie, und der Sclavenhalter durch das Geräuſch hereingerufen wurde. „Was giebt es hier!“ ſchrie er,„Ordnung, Jungens! Ordnung!“ und er ſchwang eine große Peitſche. 266 Sambo, der wohl wußte, wie gut er ſich mit ihm ſtand, ſenkte den Kopf mit einer luſtigen Grimaſſe und ſagte: „Gott, Maſter, wir ſind es nicht, wir ſind ganz ſtill ge⸗ weſen. Das ſind die neuen Mannſchaften, ſie necken uns und ſchlagen uns immerfort.“ Der Händler theilte ohne Weiteres an unſere Freunde einige Püffe und Stöße aus, und befahl ihnen ruhig zu ſein, worauf er wieder hinaus ging, nachdem er ihnen gute Nacht gewünſcht hatte. Während dies in dem Zimmer der Männer vorging, wird der Leſer gewiß auch einen Blick der Neugierde in die Frauenſtube werfen wollen. Eine große Anzahl ſchlafender Geſtalten von allen Farben, vom glänzendſten Schwarz, bis zum reinſten Weiß, in den verſchiedenſten Altern, vom Kinde bis zur Greiſin lagen in den verſchiedenſten Lagen auf der Erde. Eine von ihnen iſt eine achtbar ausſehende, in dem Alter von vierzig bis fünfzig Jahren, anſtändig gekleidete Frau, die in keiner nachläſſigen Lage geweſen zu ſein ſcheint. An ihrer Seite, dicht angeſchmiegt, liegt ihre Tochter, ein Mädchen von ungefähr fünfzehn Jahren, eine hübſche Qua⸗ dronin, wie aus der hellen Hautfarbe erſichtlich iſt, mit mil⸗ den, ſanften, blauen Augen und lockigen, üppigen, braunen Haaren. Auch ſie iſt mit großer Nettigkeit gekleidet, und ihre feinen Hände bezeugen eine nur geringe Bekanntſchaft mit niedriger Arbeit. Beide ſollen morgen mit verkauft werden, und der Gentleman, welchem ſie bis jetzt gehörten, und der das für ſie gelöste Geld in Empfang nehmen wird, iſt Mit⸗ glied einer chriſtlichen Kirche in New⸗York, welcher nach wie vor zum Sakrament ſeines und des ihrigen Herrn gehen, und nicht weiter daran denken wird. Suſanne und Emmeline hatten das in ihrer Lage glücklichſte Leben genoſſen. Sie waren Dienerinnen einer chriſtlichen, frommen Dame in New⸗Orleans geweſen, welche ſie gut unterrichtet und behandelt hatte. Aber der einzige Sohn ihrer Herrin, ein leichtſinniger, liederlicher, junger Mann, fallirte, und die Hauptgläubiger, die achtbare Firma B. u. Comp. in New⸗York, ſchrieben nun an ihren An⸗ walt in New⸗Orleans, welcher das Vermögen mit Beſchlag belegte, und von dem chriſtlichen Herrn B., welcher als Ein⸗ wohner eines freien nördlichen Staates, ſich nicht mit dem unangenehmen Geſchäft des Sclavenverkaufs befaſſen wollte, den Auftrag, die Angelegenheit auf eine ſtille Weiſe zu ord⸗ nen. Der Advocat gab daher das Vermögen, welches aus einer Anzahl anderer Neger und aus unſeren beiden neuen Freun⸗ 267 dinnen beſtand, unter den Hammer des Auctionators. Wir finden beide alſo vorläufig im Aufbewahrungsmagazin, wo wir ihrer Unterhaltung einige Augenblicke ſchenken wollen. „Mutter, lege Deinen Kopf an mich, und ſieh, ob Du ſchlafen kannſt,“ ſagte das Mädchen, indem es ſich beſtrebte, ruhig zu ſcheinen. „Ich habe nicht das Herz, zu ſchlafen, Emmeline; es iſt vielleicht die letzte Nacht, wo wir beiſammen ſind.“ „Rede nicht ſo, Mutter! Hat der Mann nicht geſagt daß er uns zuſammen verkaufen will?“ Suſanne erinnerte ſich der Blicke und Worte des Man⸗ nes. Mit tödtlichem Schrecken im Herzen erinnerte ſie ſich, wie der Mann Emmelinens Locken und ihre feine Hand be⸗ trachtet, und ſie als Prima⸗Sorte erklärt hatte. Sie war als Chriſtin erzogen worden und hatte einen Schreck davor, daß ihr Kind zu einem Leben der Schande erzogen werden ſollte, wie es keine Chriſtenmutter ihrem Kinde wünſchen mochte. Aber ſie hatte weder Hoffnung noch Schutz.“ „Ich wünſchte, daß Du morgen Dein Haar zurück⸗ ſtreicheſt, ſagte die Mutter.„Achtbare Familien werden Dich eher kaufen, wenn ſie Dich einfach und anſtändig ſehen, als. wenn Du Dich beſtrebſt, hübſch auszuſehen. Ich weiß, daß es beſſer ſo iſt,“ ſagte Suſanne. „Wohl, Mutter, dann werde ich es thun,“ ſagte Emmeline. „Und, Emmeline, und wenn wir uns nicht wieder ſehen ſollten, nach dem morgenden Tage, wenn ich auf irgend eine Pflanzung kommen ſollte, und Du ebenfalls, ſo erinnere Dich immer, wie Du auferzogen biſt, und was die Miſſis Dir ein⸗ geprägt hat. Nimm die Bibel mit Dir, und Dein Geſang⸗ buch. Und wenn Du Gott wohlgefällig bleibſt, ſo wird er Dir auch gnädig ſein! So ſprach das arme Weſen in beſorgter Entmuthigung, weil ſie wußte, daß morgen jeder, mochte er noch ſo laſterhaſt oder roh, noch ſo gottlos und unbarmherzig ſein, wenn er nur Geld hatte, ihre Tochter bekommen konnte, mit Leib und Seele, und wie ſollte da das Kind Gott wohlgefällig bleiben? Sie dachte an das Alles und hielt ihre Tochter in den Armen, und wünſchte, daß ſie nicht ſo hübſch und anziehend wäre. Sie hat keine andere Hülfe als zu beten! Und manche Ge⸗ bete dieſer Art ſind emporgeſtiegen aus ſolchem ſauber ein⸗ gerichteten Sklavengefängniß zu Gott, Gebete, welche Gott gewiß nicht vergißt, wie ein zukünftiger Tag zeigen wird. Denn es ſteht geſchrieben:„Wer einen dieſer Geringen „ 3 268 tränket, dem wäre beſſer, daß ein Mühlſtein ihm um den Hals gehängt würde, und er hineingeworfen würde in die Tiefen des Meeres!“ Die weichen ernſten ruhigen Strahlen des Mondes blicken hinein, und zeichnen die Stäbe des großen Fenſters ab auf den ſchlafenden Geſtalten. Mutter und Tochter ſingen eine jener melancholiſchen Weiſe, welche als Leichengeſang unter den Sklaven gewöhnlich ſind: Wo iſt die arme Marie? Wo iſt die arme Marie? Sie kommt ins gute Land? Sie iſt todt und im Himmel, Sie iſt todt und im Himmel, Sie kommt ins gute Land. Dieſe Worte, von beſonders melancholiſchen und ſanften Stimmen geſungen, in einer Weiſe, wie das Seufzen der irdiſchen Verzweiflung nach himmliſcher Hoffnung, ſtrömten durch den dunklen Gefängnißraum mit ſteigender Rührung, als Vers auf Vers ertönte: Wo ſind nun Paul und Silas? Wo ſind nun Paul und Silas? Sind heim, ins gute Land. Sie ſind todt und im Himmel, Sie ſind todt und im Himmel, Gekommen ins gute Land. Singt, arme Seelen, die Nacht iſt kurz, und der Morgen wird euch für immer ſcheiden! Der Morgen graut. Alles iſt geſchäftig und unſer Mr. Steggs heier und guter Dinge. Die Auction einer anſehn⸗ lichen Anzahl feiner Waare ſieht ja ihrem Anfang entgegen. Der Anzug wird von ihm gemuſtert, ein Jeglicher angehalten, ſo fröhlich als irgend möglich auszuſchauen, und noch einmal werden ſie alle der Reihe nach, ehe es zum Verhandeln geht, in Reihe und Glied geſtellt. Den Palmhut aufgeſtülpt, ſchreitet Mr. Skeggs mit dam⸗ pfender Eigarre an ſeiner Waare vorüber, um jeden Ein⸗ zelnen noch einmal gehörig in Stand zu ſetzen. „Was ſoll das bedeuten,“ beginnt er, als er zu Su⸗ ſanne und Emmeline gekommen war,„Wo haſt Du Deine Locken gelaſſen, Mädchen?“ Erſchrocken blickte das Mädchen ihn an. Mit einer ihrer Race angeborenen Geiſtesgegenwart nahm die Mutter ſchnell das Wort: 269 „Ich machte ſie geſtern darauf aufmerkſam, ſie möge ihr S glatt und zierlich flechten. Es ſteht ihr beſſer, als die ocken.“ „Unſinn,“ herrſchte der Maſter das Mädchen an,„gleich fort mit ihr und gehörig die Locken gedreht.“ Dabei ließ er ein ſpaniſches Röhrchen in der Luft pfeifen und ſagte: „Gleich biſt Du aber wieder hier. So will ich's haben Und Du,“ wendete er ſich zur Mutter,„ſorgſt dafür, daß es ordentlich gemacht wird. Hundert Dollars mehr oder we⸗ niger will was ſagen, und das Alles kann von den Locken ab⸗ hängen.“. Bald wogten die verſchieden igſten Menſchen aller Na⸗ tionen unter einer glänzenden Kuppel auf dem Marmor⸗ Pflaſter auf und ab. Kleine Erhöhungen und Eſtraden waren hin und wieder für die Feilbieter und Ausrufer errichtet. Schon ſaßen einige von ihnen auf beiden Seiten und prie⸗ ſen in engliſcher und franzöſiſcher Sprache ihre Waaren an, um auf die Gebote der Beſchauer ihren Einfluß zu üben. An einem entgegengeſetzten Ende erwartete ein Haufen den Be⸗ ginn der Auction. Unter ihnen bemerkt man St. Clare's Leute: Tom, Adolf und die Anderen, ihr Schickſal erwartend, auch Emmeline und Suſanne. Schaaren von Schauluſtigen und Käufern ſtanden herum. Dieſe prüften und befühlten ſie, jene ergingen ſich in Aeußerungen über ihre Brauchbarkeit und über ihr Aeußeres, ungefähr wie es die Jokey's an einem Pferde zu thun pfiegen. „Hallo! Alf, was machſt Du hier?“ begann ein junger Fant zu einem modern angezogenen jungen Manm ih auf die Schulter klopfend, als dieſer eben im Begriff ſtano, Adolph durch ſein Lorgnon in Augenſchein zu nehmen. „Ei ich bedarf eines Kammerdieners, und da ich gerade von der Verſteigerung der Leute St. Clares erfuhr, ſo kam ich, um mir den ſeinigen zu beſchauen.“ „Wahrhaftig, mich ſoll niemand dazu bewegen, von St. Clares Leuten Einen anzuſchaffen, er hielt lauter verwöhnte Neger, verteufelt anmaßende Kerle,“ entgegnete Jener. „Das hat bei mir nichts zu ſagen,“ antwortete der Er⸗ ſtere,“ wenn ſie erſt mir gehören, ſo ſollen ihnen bald die hochfahrenden Gedanken aus dem Kopfe ſteigen und ſie ſich überzeugen, daß ſie einen andern Herrn vor ſich haben, als Herrn St. Clare. Wahrhaftig, ich kaufe mir den Jungen, mir ſagt ſeine Fig 270 „Warte nur, der wird Dich ſchon genug koſten. Der verſteht's, was draufgehen zu laſſen.“ „Immerzu mag er's verſtehen. Bei nir ſoll ihm ſchon die Luſt dazu vergehen. Nur einigemal in die Kalabuhn ge⸗ ſchickt und einige tüchtige Trachten Prügel, da wird er's ſchon verlernen. Mein Wort darauf, daß er Raiſon annimmt. Bei mir ſoll er's ſchon kriegen, darauf kann er ſich verlaſſen. Ich werde ihn mir kaufen.“ Indeſſen betrachtete Tom die Phyſiognomieen der Um⸗ ſtehenden, eine jede einzeln prüfend, welcher von ihnen er wohl am liebſten zu Theil zu werden wünſchte. O wer von unſeren Leſern würde nicht in ähnlicher Angſt in Tom's Lage geſchwebt haben, wenn es gilt, von 100 Menſchen einen her⸗ auszuſuchen, dem man unbedingt unterworfen zu ſein ſich wünſchen ſollte. Er ſah ſie vor ſich, die Herzloſen, die ihre Nebenmenſchen gleich Hobelſpäne einzuſtecken im Stande ſind, um wie es ihnen gerade beliebt und vortheilhaft erſcheint, ſie ins Feuer oder in den Behälter zu werfen, in allen Ab⸗ ſtufungen ſtanden ſie vor ihm, robuſte, derbe, lange und kleine, dürre, kreiſchende Kerle. Einen St. Clare erblickte er unter ihnen allen nicht. Eben ſoll die Auction beginnen. Da arbeitet ſich ein turzer, ſtämmiger und muskulöſer Mann in einem karirten, auf der Bruſt offen ſtehenden Hemde und alten ſchäbigen Hoſen durch den Haufen. Er ging mit Ernſt an ſein Werk, ſchritt zu den Ausgeſtellten nah heran und fing an, ſie nach ſeiner Methode zu muſtern. Tom überlief es eiskalt, als er ihn gewahrte; je näher er zu ihm heran kam, deſto unheimlicher ward ihm zu Muthe. Der Mann ſchien, ſo klein er war, von rieſiger Körperkraft zu ſein. In der That machten ſein dicker Kopf, die großen hellgrauen Augen mit den ſtruppigen röthlichen Braunen und ſein hartes, zu Berge ſtehendes Haar gerade keinen wohl⸗ thuenden Eindruck. Der große unförmliche Mund war noch größer geworden durch das beſtändige Kauen von Taback, von dem er hin und wieder den ansgeſogenen Saft unwirſch von ſich ſpie. Seine plumpen Hände waren mit Haaren bedeckt, geſchwätſt vom Sonnenbrand, und die langen Näge daran von Schmutz ſtarrend. 32 Die feilgebotenen Artikel prüfte er mit der äußerſten Brutalität. Tom packte er ans Kinn riß ihm den Mund weit auf, um die Zähne zu unterſuche d verlangte, daß er ihm den bloßen Arm zeig ne Muskeln zu ſehen. 271 Auch mußte er ihm ſeine Gelenkigkeit durch Springen be⸗ weiſen. Nachdem dies geſchehen, ſchrie er ihn an:„Wo biſt Du bis jetzt geweſen?“ „In Kentucky, Maſter,“ antwortete Tom, ihn zaghaft anblickend. „Was haſt du dort gemacht?“ „Ich habe die Beſitzung meines Herrn dort verwaltet.“ „Möglich,“ ſagte jener im Weitergehen. Dann blieb er vor Adolph ſtehen, ſpritzte eine Portion Tabacksſaft auf deſſen blanke Stiefeln, und ging mit einem geringſchätzenden Lächeln weiter. In gleicher Weiſe ſtand er noch vor Suſanne und Emmeline ſtill, fuhr der letztern über Hals und Buſen, be⸗ taſtete ihre Arme und ſtieß ſie dann, nachdem er auch ihre Arme nachgeſehen hatte, wieder zur Mutter zurück. In den duldenden Zügen ſah man den Schmerz über das brutale Be⸗ nehmen dieſes Menſchen. Das erſchreckte Mädchen weinte bitterlich. „Maul halten, Mädchen!“ ſchrie der Auctionär.„Hier wird nicht geflennt, die Auction beginnt.“ Die Auction begann. Der junge kaufluſtige Mann, der ſchon früher ſeine Luſt auf Adolph bezeigt hatte, erſtand ihn für einen beträchtlichen Preis. St. Clares andere Diener kamen in verſchiedene Hände. „Jetzt kommſt Du an die Reihe, Schlingel! haſt Du ver⸗ ſtanden?“ redete der Ausrufer Tom an. Tom beſtieg den Tiſch. Es begann ein verworrenes Lärmen. Der Auctionator ſchrie ſeine Anpreiſungen in fran⸗ zöſiſcher und engliſcher Sprache aus. Beim letzten Worte „Dollar“ wurde zugeſchlagen, der Preis noch einmal ausge⸗ rufen, und Tom hatte einen Herrn, der ihn in Empfang nahm. Der kleine ſtämmige Dickkopf packte ihn unſanft beim Arme, zog ihn herunter und ſchob ihn mit den Worten: „Hier bleibſt Du ſtehen,“ bei Seite. Tom war nur zu einem mäßigen Preiſe losgeſchalgen worden und die Auction ging jetzt ihren Gang. Es wurde in franzöſiſcher und engliſcher Sprache mit Schreien und Toben weiter gefeilſcht und geboten, und wieder ſiel der Hammer. Diesmal galt es Suſannen. Sie ſteigt vom Block. Mit einem wehmüthigen Blick auf ihre Tochter ringt ſie die Hände nach ihr. Mit herzzerreißenden Blicken verſucht ſie ſich zu ihrem Käufer, einen Mann von gutmüthigen Aeußern 272 zu wenden, und bittet ihn:„Lieber Maſter, ich bitte, kaufen Sie doch auch meine Tochter!“ „Wenn ich es im Stande bin, will ich es thun, er⸗ widerte der Mann, theilnehmende Blicke auf das junge Mäd⸗ chen heftend, und deren faſt bleiche Wangen plötzlich von einer hohen Röthe überflogen wurden, während die Augen wie im Fieber brannten. Mit Schrecken gewahrte die Mutter, wie in dieſem Augenblicke gerade mehr als je die Tochter ſchön ausſah. Dem Verſteigerer konnte dies nicht entgehen. Er ließ den Moment nicht unbenutzt, pries ihre Schönheit mit Gewandheit engliſch und franzöſiſch an, und erzielte da⸗ durch ſchnell ſteigende Gebote. „Ich will's verſuchen,“ ſagte der obenerwähnte gutmüthig ausſehende Herr, trat näher heran und bot mit. Nicht lange und er bleibt mit ſeinem Gebot zurück. Der Auctionator treibt die Sache in die Höhe. Die Bieter beſtehen nur noch aus einem vornehmen Herrn aus der Stadt und dem uns bekannten Dickkopf. Erſterer verſucht den Letzteren noch mehr⸗ mals zu überbieten, und wirft ihm Blicke der Verachtung zu. Doch dieſer ſcheint ſich darauf geſetzt zu haben, ſeine über⸗ legenen Geldkräfte zu zeigen. Nach kurzem Kampfe fällt der Hammer, und das Mädchen gehört ihm mit Leib und Seele, nur ein Gott kann ſie erretten. Sie iſt Mr. Legree zugefallen, dem Beſitzer einer Baumwollenplantage am Red⸗River. Schluch⸗ zend wird ſie mit Tom zu noch zwei andern Sklaven geſchoben. Der gute obenerwähnte Herr bedauerte es, konnte aber nicht anders. Es iſt dies das tägliche Lvos der weinenden Mütter und Töchter bei ſolchen Auctionen. Zwei Tage ſpäter em⸗ pfing das chriſtliche Handlungshaus B. und Comp. in New⸗ York von ihrem Anwalt den Erlös. Auf der Rückſeite der Tratte, welche Euer Beſitzer erhielt, mag er die Worte des großen Zahlmeiſters ſchreiben, welchem er einſt am Tage des Gerichts Bericht erſtatten muß: „Wenn Er über jegliches Blut zu Gerichte ſitzet, wird er nicht vergeſſen das Geſchrei der Schwachen!“ Dreißigſtes Kapitel. Die Aeberfahrt. „Deine Augen ſind rein, daß Du Uebles nicht ſehen magſt, und dem Jammer kannſt Du nicht zuſehen. Warum ſieheſt Du denn zu, den Verächtern, und ſchweigeſt, daß der Gott⸗ loſe verſchlinget den, der frömmer denn er iſt?“ ² Habakuk 1, 13. Im Zwiſchendeck eines kleinen Dampfbootes, welches auf dem Red⸗River dahinſchwamm ſaß Tom, mit einer Kettenlaſt an den Füßen, aber noch mit einer größeren auf dem Her⸗ zen! Kein Stern funkelte, ſelbſt der Mond hatte ſich hinter Wolken geflüchtet. Tom gedachte, daß, ſo wie Bäume und Sträuche ſeinem äußeren Augen vorüberzogen, um nie wieder zu kehren, ſo auch ſeinem Gemüthe Alles entſchwunden war, die Kentuckh⸗Heimath mit Weib und Kindern, der gůtige Herr, die St.⸗Clare⸗Heimath mit allem Glanz und Pracht, was ſie verſchönte, die frommäugige Eva mit dem goldenen Lockenkopfe, der ſtolze und trotz dem Stolze doch heitere, hübſche St. Clare, behagliche Stunden in Muße verlebt— Alles entſchwunden, auf ewig verloren;— was hatte er jetzt an deren Stelle? Zu dem Traurigſten in der Sklaverei gehört es, daß der für Alles empfäͤngliche Neger der das Leben einer feingebildeten Familie, die in eine ſolche Sphäre gehörenden Neigungen und Gefühle kennen lernt und ſich hineingewöhnt, ſpäter der Macht des brutalſten Menſchen untergeordnet werden kann, gleich einem Zierrath, der erſt den feinſten Salon ſchmückte, um dann abgenutzt und entſtellt, in ein Haus der niedrigſten Laſter über⸗ ſiedelt zu werden. Der gewaltige Unterſchied bei dieſer Ver⸗ wandlung iſt der, daß Sachen empfindungslos ſind, daß aber der Menſch, und ſei er nur ein Paria, nie das Gefühl ſeiner göttlichen Herkunft verleugnet. Der Schatz von Liebe, Hoff⸗ nung, Vertrauen und Wünſchen, den er im Buſen birgt, bleibt ihm ewig, und keine Philoſophie, daß ſein Loos ihn dazu be⸗ ſtimmte, gleich einem lebloſen Gegenſtand beachtet zu werden, kann das Bewußtſein unterdrücken. Die Art, wie Tom's jetziger Herr, Mr. Simon Legree, ſeine acht in New⸗Orleans gekauften Sclaven transportirte, war grauenhaft; er kettete je zwei und zwei aneinander, und . 13 274 führte ſie ſo dem Dampfer„Pirat“ zu, der an der Levee lag, um die Fahrt den Red⸗River aufwärts anzutreten. Bei der Beſichtigung, als Mr. Legree die Sclaven an Bord hatte, nahm er ſeine übliche Geſchäftsmiene an. Tom's äußerer Anſtand, die glänzenden Stiefeln, verbunden mit gutem Tuchzeug und ſauberer Wäſche, die er an demſelben bemerkte, machten ihn ſtutzend, er blieb vor ihm ſtehen, und rief mit rauher Stimme: „Steh auf! Binde das Halstuch ab!“ Die Feſſeln hinderten Tom an ſchleunige Erfüllung des Gebotes; Legree, dies bemerkend, unterſtützte ihn darin, indem er mit rauher Hand das Tuch losriß und einſteckte. Hierauf nahm er das alte Zeug, welches Tom früher als Arbeitszeug zu tragen pflegte, aus deſſen Koffer, den er vorher bereits geplündert hatte, und mit dem Finger auf einen leeren Raum zwiſchen Kiſten und Kaſten deutend, nahm er die Feſſeln, die Toms Hände umſchloſſen, und rief ihm zu:— „Geh dahin und wechſele die Kleider! Auch die Stiefeln zieh aus,“ ſprach Legree weiter, indem er ihm ein Paat grobe Stlavenſchuhe zuwarf, und ihm befahl, dieſelben anzuziehen. Trotz der Eile des Umkleidens hatte Tom Zeit genug, ſeine geliebte Bibel in die Taſche ſeines neuen Gewandes zu ſtecken, und ſahe bald, wie gut dies war, denn Mr. Legree war en⸗ ſig bemüht, jede Oeffnung ſeines Gewandes zu durchwühlen, nachdem er Tom die Handſchellen wieder angelegt hatte⸗ Außer einem ſeidenen Taſchentuche, welches er ebenfalls zu ſich ſteckte, fand er nichts der Beachtung werthes, ja einige Kleinigkeiten, womit Tom früher die kleine Eva ergötzt hatte, warf er mit höhniſchem Lächeln über Bord. Zuletzt kam Toms Geſangbuch an die Reihe und wurde durchblättert. „Haha! alſo fromm? Du gehörſt wohl zu einer Kirche? eh?“ Mit feſtem Tone antwortete Tom:„Ja, Herr.“ „Das werde ich nicht dulden. Auf meinen Ländereien werden die betenden, ſchreienden, ſingenden Neger zum Schwei⸗ gen gebracht, präge Dir das ein!“ Er ſtand auf, trat vor Tom hin und ſprach weiter:„Sieh mich an, ich bin von heut an Deine Kirche. Du verſtehſt mich. Du wirſt ſo thun, wie ich ſage.“ Ein geheimes Gefühl in Tom antwortete: Nein! Die Strophen eines alten, heiligen, prophetiſchen Liedes, welches Fvas Mund ſo häufig vorgeleſen hatte, ſchwebten vor ſeinem Dich nach meinem Namen genannt, Du biſt mein! Ohr: Fürchte nichts, denn ich habe Dich erlöſet, ich habe 6 — — 1 — 275 Für Simon waren dieſe Worte nicht vorhanden, er ver⸗ nahm keine innere Stimme. Höhniſch blickte er mit ſeinem grauen Auge auf Tom's entmuthigtes Geſicht, nahm deſſen Koffer, trug ihn auf's Vorderkaſtell, wo di⸗ Arbeiter des Schiffes verſammelt waren, und breitete dort die anſehnliche Garderobe, die er enthielt, aus.— Unter Lachen, daß Neger es Gentlemans nachahmen wollten, wurden die einzelnen Ge⸗ genſtände zu hohen Preiſen verhandelt, und felbſt der leere Koffer unter rohen Späßen und herzloſem Hohn über Toms Betrübniß darüber verſteigert. Nach Beendigung dieſes Ge⸗ ſchäftes ging Legree wieder zu Tom. „Du ſiehſt Tom,“ redete er ihn an,„ich habe Dich von Deinem Ueberfluß befreit. Schone die Kleider, die Du von mir empfangen haſt, es dauert lange, ehe Du andere erhälſt. Meine Neger müſſen ſparſam ſein, und ein Jahr hindurch ih⸗ ren Anzug tragen.“ Er wandte ſich nun der Stelle zu, wo Emmeline an eine Leidensgefährtin geſchmiedet ſaß. „Sei guten Muthes, Kindchen,“ ſagte er, und faßte ſie unter's Kinn. Er bemerkte den Blick voll Entſetzen und Wi⸗ „Du wirſt künftig freundlicher ausſehen, Dirne,“ rief „wenn ich mit Dir ſpreche, hörſt Du! Und Du alte gelbe Haut,“ ſagte er, mit einem Fußtritt zur Mulattin, die an Emmeline gefeſſelt war,„Du ſollſt hübſch munter ausſehen, das befehle ich Dir.— Seht mich an,“ ſprach er laut, mit dem Fuße ſtampfend,„ich ſage Euch allen, blickt mir grade in's Auge. Aller Blicke hefteten ſich wie mit einem Zauberſchlage auf Legree's grünlich⸗graues Auge. Seine große Fauſt bal⸗ lend, trat er vor Tom hin und legte ſie auf deſſen Hand. „Sieh die knochige Hand an, vom Niederſchlagen der Neger iſt ſie ſo eiſenhart geworden. Es giebt keinen Neger, den ich nicht mit einem Schlage zu Boden werfen kann,“ fügte er hinzu, und näherte ſeine Hand Tom's Geſicht ſo weit, daß dieſer unwillkürlich die Augen zublinkte.„Die verdammten Aufſeher ſind mir verhaßt,“ fuhr er fort,„ich ſelbſt beauf⸗ ſichtige Euch, und glaubt mir nur, an Arbeit fehlt es hei mir nicht. So wie ich geſprochen habe, werden die Befehle be⸗ folgt. Keine weiche Seite findet ihr bei mir, alſo aufgepaßt, ich übe keine Gnade.“ 18* * 276 Unwillkürlich ſtockte den Weibern der Athem, alle Sclaven ſenkten niedergeſchlagen das Haupt. Legree wandte ſich nach der Schiffsſchänke, um ein Glas Brantwein herunter zu gießen. „Es iſt mein Syſtem, energiſch anzufangen,“ ſagte er zu einem anſtändig ausſehenden Herrn, der neben ihm ſtand, „wie finden Sie die Art, mit Negern umzugehen? So wiſſen dieſe, was ihrer wartet.“ „In der That,“ ſagte der Fremde, und blickte auf Legree wie ein Naturforſcher ein ſeltenes Thier betrachten würde. „Ja, ich mache es nicht wie die feinen Pflanzer, die ſich um nichts bekümmern und ſich hintergehen laſſen. Faſſen Sie meine Fauſt an, ſie iſt ſteinhart vom Schlagen der Neger.“ Der Fremde berührte ſie und ſagte kurz: „In der That, und wahrſcheinlich iſt ihr Herz eben ſo verhärtet?“ Hell auflachend, erwiderte Legree: „Das mag ſchon ſein. So viel ſteht feſt, daß ich we⸗ niger Weiches an mir habe, als andere, und mich täuſcht kein Neger, weder durch Heulen, noch durch gute Worte.“ „Ein hübſcher Trupp das da,“ bemerkte der Fremde. „O, ja, es ſind einige Gute darunter. Da iſt der Tom, das joll ein guter Arbeiter ſein. Wenn er erſt andere Ideen im Kopfe kriegt, mache ich ihn zum Verwalter. Mit dem gel⸗ pen Weibsbild bin ich betrogen. Sie ſcheint ſchwach zu ſein. Ich werde aber ſo viel aus ihr herauspreſſen, als ſie mir ge⸗ koſtet hat. Früher war ich ein ſolcher Narr, daß ich die tranken Neger pflegen ließ, einen Doctor hielt und dergleichen Unſinn mehr. Aber da giebt man mehr Geld aus, als ſie werth ſind.“ „Wie lange halten die Neger gewöhnlich aus?“ fragte der Fremde. „Das kommt auf ihre Konſtitution an. Wenn ſie ge⸗ ſund und ſtark ſind, ſechs bis ſieben Jahre. Sind ſie krank und ſchwach, zwei bis drei Jahre. Wenn ſie krank werden, laſſe ich ſie krepiren und kaufe mir neue, ſtatt das Geld für Arznei und Verpflegung auszugeben. Ich komme vortheilhaf⸗ ter und bequemer weg.“ Der Fremde entfernte ſich ſtumm, und ſetzte ſich zu einem jungen Mann, der mit Unwillen dieſer Unterhaltung gefolgt war.„Halten Sie,“ ſprach er zu demſelben,„dieſen Burſchen nicht für das Muſter eines Pflanzers aus dem Süden.“ „Das wäre ja traurig,“ ſagte der junge Mann mit Nachdruck. „Er iſt brutal, und ein ganz gewöhnlicher Burſche,“ ſagte der Andere. „Und doch geſtatten ihm amerikaniſche Geſetze eine An⸗ zahl menſchlicher Geſchöpfe in ſeiner abſolutiſtiſchen Gewalt zu haben, ohne dieſen Unglücklichen nur den mindeſten Schutz zu gewähren. Und können Sie behaupten, daß es nicht viele ſolcher Pflanzer gebe?“ „Glauben Sie mir, es giebt auch rückſichtsvolle menſch⸗ lich fühlende unter ihnen.“ „Das glaube ich wohl,“ erwiederte der junge Mann, „aber für die Brutalitäten dieſer Böſewichter ſind die Huma⸗ nen verantwortlich. Denn, würde nicht ihre Einwilligung und ihr Einfluß es gut heißen, ſo würde das ganze Syſtem ſich keine Stunde halten. Seine Brntalität wird nur durch ihre Humanität geſchützt.“ „Sie ſcheinen einen guten Begriff von meiner Gutmüthig⸗ keit zu haben,“ ſprach der Erſte lächelnd, doch ſprechen Sie leiſe, hier auf dem Boote ſind Leute, nicht ganz ſo tolerant wie ich für dergleichen Anſichten. Gedulden Sie ſich, bis wir auf meiner Pflanzung ſind, da mögen Sie über uns her⸗ ziehen.“ Während dem fand in den anderen Schiffsräumen eine Unterhaltung zwiſchen Emmeline und der mit ihr zuſammen⸗ gefeſſelten Mulattin ſtatt. Letztere erzählte Emmeline, daß ſie einen ſehr milden Herrn gehabt habe, deſſen Güte aber wäh⸗ rend einer hartnäckigen Krankheit ſich in die unerträglichſte Laune verwandelt. Er ließ ſie zuletzt Nachts nicht mehr ſchlafen, und drohte ihr, ſie an einen harten Herrn zu ver⸗ kaufen, obgleich er ihr erſt die Freiheit verſprochen hatte. Ihr Mann war ein Schmied der von ſeinem Herrn vermie⸗ thet wurde. Sie wurde ſo ſchnell von ihm geriſſen, daß ſie nicht einmal Zeit hatte, Abſchied von ihm zu nehmen, eben ſo wenig wie von ihren vier Kindern. Und die Unglückliche ſchluchzte und jammerte bei dieſer Erzählung. Es iſt ein natürliches Gefühl, bei dem Unglück Anderer ein Wort des Troſtes zu ſagen, und Emmelinens zartes Ge⸗ müth wurde durch die Erzählung aufs Tiefſte ergriffen. Aber wie ſollte die Arme Troſt ſpenden, die ſelbſt des Troſtes ſo bedürftig war. Außerdem mußten ſich beide in Acht nehmen, nicht die Aufmerkſamkeit ihres Tyrannen zu erregen. enn auch die Religion und das Vertrauen auf Gott uud die Vorſehung eine helle Leuchte und ein ſtützender Stab in der Finſterniß der Noth ſind, ſo iſt es doch gewiß für X 278 jeden Chriſten ſchon eine ſchwere Prüfung, ſich ſcheinbar von dem Auge der Vorſehung verlaſſen zu ſehen. Wie viel mehr mußte dies der Fall ſein mit dieſen beiden armen Bekennern Chriſti, die noch ſchwach an Wiſſen und zart an Jahren, ſich den Händen unerbittlicher Gewalt überantwortet ſahen. Das mit ſolcher Jammerlaſt beladene Boot wälzte ſich langſam durch Wendungen des Red⸗River, trübe Augen blick⸗ ten auf die in öder Einförmigkeit dahineilenden lehmigen Ufer, bis endlich das Boot bei einer kleinen Stadt anlegte, wo Logree mit ſeiner Heerde ans Land ſtieg. Einunddreißigſtes Kapitel. Dunkle Derter. Mühſam ſchleppte Tom ſich mit ſeinen Leidensgefährten auf einer unwegſamen Straße, hinter einem elenden Wagen einher.— In demſelben befand ſich Simon Legree; die beiden immer noch zuſammengefeſſelten Frauen waren wie Gepäck in den hintern Raum des Wagens placirt.— Der Zug war auf der Reiſe nach der ziemlich entfernt liegenden Beſitzung Legree's.— Einſam und traurig wand ſich die Straße durch öde Fichtenwälder, in denen unheimlich der Wind flüſterte, und durch lange Cypreſſenſümpfe, deren einſam aus dem ſchlam⸗ migen Boden ſich erhebende Bäume, mit ſchwarzem Mooſe be⸗ wachſen waren.— Von Zeit zu Zeit erblickte man die Ekel erregende Geſtalt der Mokaſſinſchlange, zwiſchen faulenden, im Waſſer liegenden Baumſtämme dahingleiten.— Selbſt für den fremden, der mit gefüllter Taſche, auf gutem Pferde, den ein⸗ ſamen Weg durchzieht, iſt es troſtlos; um wie viel mehr für die Unglücklichen, die jeder Schritt, von Allem, was zur menſch⸗ lichen Glückſeligkeit gehört, weiter hinwegführt.— Hin und wieder nahm Simon einen tüchtigen Zug aus ſeiner Brannt⸗ weinflaſche, und ſchien in beſter Laune zu ſein. Plötzlich wen⸗ dete er ſich um, und die niedergeſchlagenen Geſichter gewahrend, rief er:„Burſchen, ſtimmt ein Lied an; hört ihr? Singt!“— Der kräftige Peitſchenknall, der den Befehl begleitete, ver⸗ anlaßte, daß die Männer ſich einander anblickten. Tom ſtimmte eine methodiſtiſche Hymne an. — Du Stadt Jeruſalem, Du meiner Leiden Tröſterin, Wann endlich werd' ich Dich erſchauen Wann blick' ich— „Schwarzer Hund, ſchweig!“ brüllte Legree,„glaubſt Du, daß ich Deinen verwünſchten alten Methodiſten⸗Geſang hören will? Etwas Heiteres, Luſtiges ſingt, hört ihr?— raſch!“— Ein Anderer der Männer begann ſogleich eines jener ſinnloſen Lieder, die unter den Sklaven ſo üblich ſind: Der Herr erhaſchte mich auf den Zweigen, Hei, Burſchen, heih! Er hielt ſich den Bauch; ſeht nur den Mond ſich zeigen, Hoho, ho, Burſchen, hoh! hoh! Hoho, hi, hie— oh!— oh!— Das Lied ſchien eine Erfindung des Sängers zu ſein, er nahm den erſten beſten Reim, ohne ſich viel um den Sinn zu kümmern. Von Zeit zu Zeit fielen die Uebrigen im Chore ein „Hoho, ho, Burſchen— ho!— Hoho— ih— ih—! o— hei i— oh!“— Lärmend und mit dem vergeblichen Verſuche luſtig zu ſcheinen, wurde das Lied abgeſchrieen; doch kein Zeichen der Verzweiflung, kein Wort des inbrünſtigen Gebetes, hätte von einem ſo tiefen ſchmerzlichen Weh erfüllt ſein können, als es die rauhen Töne des Chores waren.— Es lag etwas Höhe⸗ res darin, das Legree's Ohr nicht begriff.— Er hörte nur den lauten Geſang, das genügte ihm; ſte waren ja jetzt frohen Muthes. Seine rauhe Hand auf Emmelinens Schulter legend ſagte er: „Nun, holde Kleine, ſind wir bald zu Haus.“ Schalt und ſtürmte Legree, ſo bemächtigte ſich Entſetzen der armen Emmeline; berührte er ſie aber und ſprach ſanft mit ihr, ſo hätte ſie gewünſcht von ihm gemißhandelt zu werden.— Der Ausdruck ſeiner Augen machte ſie ſchaudern; unwillkührlich lehnte ſie ſich dichter an die neben ihr ſitzende Mulattin, wie ein Kind an die Mutter.— „Ohrringe ſcheinſt Du nie getragen zu haben? ſagte er,⸗ und nahm ihr kleines Ohr zwiſchen ſeine plumpen Finger.— „Nein Maſter,“ antwortete ſie, und blickte zitternd zu oden. „Wenn Du ein gutes Kind biſt, werde ich Dir ein Paar geben; fürchte Dich nicht, ich werde Dich keine ſchwere Arbeit verrichten laſſen; wenn Du ein gutes Mädchen biſt, ſollſt Du 280 gute Tage haben und leben wie eine Dame.“— So ſtark hatte Legree getrunken, daß er nicht abgeneigt ſchien, ſchon hier ſehr gnädig zu ſein. In dieſem Angenblicke wurde die Umzäunung des Gutes ſichtbar.— Dieſes Gut war früher Eigenthum eines reichen Mannes, der mit Geſchmack viel Aufmerkſamkeit auf die Verſchönerung deſſelben gewandt hatte. Bei ſeinem Tode, er ſtarb inſolvent, kaufte Legree es für eine geringe Summe, der es nun gehö⸗ rig ausbeutete.— Das Ganze hatte das Gepräge der Zer⸗ ſtörung, und lieferte den Beweis, daß Vernachläſſigung der früheren Fürſorge gewichen war. Zierſträucher hatten den einſt ſchön und glatt gemähten Raſenplatz vor dem Hauſe geſchmückt, jetzt war Alles niedergetreten.— Hin und wieder erblickte man noch eine ſchief herabhängende Säule, mit Geisblatt oder Jasmin umrankt, die früher zur Zierde und jetzt als Pferde⸗ pfoſten benutzt wurde.— Aus dem früher ſchönen großen Garten, der jetzt wild dalag, blickte noch hier und da eine erotiſche Pflanze einſam hervor. Die Fenſter fehlten dem ge⸗ räumigen Gewächshauſe, und verdorrte Blumenſtöcke auf mu⸗ dernden Eſtraden bewieſen, daß einſt Blumen hier gepflegt wurden, um das Auge zu erfreuen.— Der Wagen rollte über einen mit Unkraut bedeckten Kies⸗ weg durch eine mit ſchönen, herrlichen Chinabäumen be⸗ pflanzte Allee, deren anmuthiges köſtliches Grün das Einzige zu ſein ſchien, das der Vernachläſſigung zum Trotz nicht unter⸗ gegangen war, gleich großen edlen Geiſtern, die im Guten ſo tief gewurzelt ſind, daß mitten unter Entmuthigung ſie ſtets noch feſter und kräftiger hervortreten. Das große Haus war in ſüdländiſcher Manier gebaut, der untere Theil von rothen Backſteinen, und das ganze mit einer Veranda umgeben, auf welche alle Thüren hinausgin⸗ gen. Früher hübſch und ſtattlich, ſah es jetzt öde und unbe⸗ haglich aus, einige Fenſter waren mit Brettern verſchloſſen, in anderen fehlten die Scheiben, und das Ganze zeigte die größte Vernachläſſigung. Der Erdboden war mit alten Kiſten, Fäſſern, Stroh und Brettern bedeckt. Bei Annäherung des Wagens ſtürzten drei bis vier wilde, wüthende Hunde aus ihrem Verſteck hervor, und wurden nur mit Mühe davon ab⸗ gehalten, die neuen Ankömmlinge in Stücke zu zerreißen. „Ihr ſeht, was Euch geſchehen würde,“ ſagte Legree, die Hunde mit finſtrer Zufriedenheit ſtreichelnd, indem er ſich halb umwendete, zu Tom und deſſen Genoſſen,„wenn Ihr den Verſuch zum Entlaufen anſtellen wolltet. Die Hunde * 281 ſind zum Negerjagen abgerichtet, und ſo gut wie ihr Abend⸗ brod, werden ſie einen von Euch zerfleiſchen. Seht Euch alſo vor.— Nun Sambo, wie ſteht's?“ fragte er einen zer⸗ lumpten Burſchen, der ihn mit kriechender Ergebenheit be⸗ willkommnete. „Sehr gut, Maſter,“ antwortete Sambv. „Quimbo,“ ſagte Legree zu einem zweiten, welcher ſich durch Gebärden eifrig bemühte, die Aufmerkſamkeit ſeines Herrn auf ſich zu lenken,„haſt Du Alles beſorgt?“ „Das will ich meinen,“ war die Antwort. Die beiden Angeredeten waren die Erſten unter den Ar⸗ beitern auf Legrees Gut. Syſtematiſch, wie die Bullenbeißer, hatte Legree ſie abgerichtet, ſowohl zur Grauſamkeit wie zur Brutalität, und es beſtätigte ſich an ihnen, die oft gemachte Erfahruug, daß der ſchwarze Sklavenaufſeher tyranniſcher iſt, als der weiße. Großen Herrſchern gleich beherrſchte Legree ſein Gut durch Zwieſpalt. Sambo und Quimbo haßten ſich aus tief⸗ ſter Seele und alle Arbeiter haßten die beide und ſo benutzte Legree beide Parteien, zum gegenſeitigen Ausſpüren; und durch dieſe Veranſtaltung war er ſicher ſtets über Alles, was geſchah, berichtet zu werden.— Jeder Menſch, auf welcher Stufe er ſtehe, bedarf des geſelligen Umgangs, und ſo munterte auch Legree die beiden ſchwarzen Aufſeher zu einer Vertraulichkeit auf, die jedoch Beiden ſtets Gefahr zu bringen drohte, da jeder im Augen⸗ blick bereit war, auf das leiſeſte Zeichen hin, zum Werkzeug gegen den Andern zu dienen.— „Bringe dieſen Burſchen in das Quartier, Sambo,“ ſagte Legree,„und hier habe Dir, die längſt verſprochene Frau mitgebracht.“ Bei dieſer Rede löſte er die Mulattin von Emmeline los, und ſtieß ſie ihm zu. Zitternd ſchrak das Weib zuſammen, trat zurück und ſagte In New⸗Orleans, Maſter habe ich einen alten Mann.“ „Thut das etwas? hier wirſt Du auch einen brauchen, nicht wahr? keine Widerrede! marſch!“ und damit erhob Le⸗ gree ſeine Peitſche.— „Komm Fräulein, Du gehſt mit mir ins Haus,“ ſagte er zu Emmeline. In dieſem Moment ſah ein dunkles Geſicht zum Hauſe hinaus, und beim Oeffnen der Thür, hörte man eine weib⸗ 282 liche Stimme, etwas in barſchem Tone ſagen. Tom blickte Emmelinen, als ſie ins Haus trat, beſorgt nach, und hörte die zornige Stimme: „Halte Deine Zunge im Zaum; Dir zum Trotz, geſchieht was ich will,“ ſchrie Legree. Weiter konnte Tom nichts vernehmen, und ging hinter Sambo dem Sklavenquartier zu. In einem entfernten Theile des Guts war dieſes angelegt, und beſtand aus eine Reihe roher Hütten.— Als Tom dieſe Oede ſah, wurde ihm ſchwer ums Herz; der Gedanke, er werde eine nette, ſtille Hütte für ſich erhalten, hatte ihn getröſtet; er hatte gehofft einen Platz zu finden, wo er ſeine Bibel hinlegen konnte, und außer ſeiner Arbeitszeit allein wäre. Er blickte in mehrere derſelben, ſie waren ebenfalls zuſammengezimmert, entblößt von jedem Hausrath und nur mit Schmutz und Strohhaufen an⸗ gefüllt. „Welche von dieſen wird die meine ſein,“ fragte er Sambo. „Ich weiß nicht; krieche hier mit hinein,“ antwortete Sambo,„es wird für einen darin wohl noch Platz ſein. Es ſind in jeder ſchon eine hübſche Menge von Negern, und ge⸗ wiß, ich weiß nicht, was ich mit noch mehren anfangen ſoll.“ Es war ſpät am Abend, als die müden Beſitzer der Hüt⸗ ten heimkehrten; Männer und Weiber in zerlumpten und ſchmutzigen Kleidern, niedergedrückt, und keinesweges aufge⸗ legt, neue Ankömmlinge freundlich zu empfangen. Tom ſah ſich vergebens unter dem heimkehrenden Trupp nach Geſichter um, mit denen er hätte verkehren können. Er ſah nur mür⸗ riſche, verſtockte, verthierte Männer und ſchwache, entmuthigte Weiber— die Unterdrückung der Schwachen durch die Star⸗ ten— die grobe, unbezähmte, thieriſche Selbſtſucht menſchli⸗ cher Weſen, von denen nichts Gutes erwartet und gewünſcht wurde, und welche, wie das Vieh in jeder Hinſicht behan⸗ delt, dem Standpunkte deſſelben ſo nahe gekommen war, wie es bei menſchlichen Weſen nur immer möglich iſt. Bis ſpät in die Nacht dauerte das Getön des Mahlens, denn die Müh⸗ len waren im Verhältniß zu den Mehlbedürftigen nur gering, und die Müden und Schwachen wurden durch die Starken zurückgetrieben und kamen zuletzt an die Reihe⸗ „Heda,“ ſagte Sambo, indem er zu der Mulattin trat und ihr einen Sack mit Mais hinwarf,„wie iſt Dein ver⸗ wünſchter Name.“ „Luzzy,“ ſagte das Weib. 283 „Nun, Luzzy, jetzt biſt Du meine Frau, Du mahlſt die⸗ ſes Korn und backſt mein Abendbrod, hörſt Du?“ „Ich bin nicht Dein Weib und will es nicht ſein,“ ſagte das Weib, mit dem ſcharfen plötzlichen Muth der Verzweif⸗ lung.„Geh' Deine Wege!“ „Dann gebe ich Dir einen Fußtritt,“ ſagte Sambo, drohend ſeinen Fuß erhebend. „Du magſt mich tödten, wenn Du willſt— je eher, deſto lieber! Ich wünſchte, ich wäre todt,“ ſagte ſie. „Höre, Sambo, wenn Du die Leute verdirbſt, werde ich es dem Herrn ſagen,“ ſagte Quimbo, der in der Mühle be⸗ ſchäftigt war, von welcher er zwei oder drei ermüdete Weiber, welche ihren Mais mahlen wollten, wegtrieb. „Und ich werde ihm ſagen, daß Du die Weiber nicht an die Mühle kommen läßt, alter Neger,“ erwiderte Sambo. „Du haſt Dich um meinen Streit nicht zu kümmern.“ Tom war durch ſeine Tagesreiſe faſt zum Umſinken hungrig. „Da,“ ſagte Quimbo, indem er ihm einen groben Sack mit Mais hinwarf,„da Neger, friß— nimm es in Acht, Du bekommſt in dieſer Woche nichts mehr.“ Tom wartete bis zu einer ſpäten Stunde, ehe er einen Platz an einer der Mühlen erhielt, und dann mahlte er, ge⸗ rührt, von der Müdigkeit zweier Weiber, die er, vergeblich ihr Korn zu zermahlen ſah, daſſelbe für ſie, ſcharrte die übrig⸗ gebliebenen Kohlen des Feuers, wo ſo viele vor ihm ihre Kuchen gebacken hatten, zuſammen, und machte ſich hierauf daran, auch ſein Abendbrod zuzubereiten. Es war hier etwas Neues, ein Werk chriſtlicher Liebe verrichten zu ſehen, doch dieſes erweckte, ſo gering es auch war, eine Regung in den Herzen der Weiber— ein Ausdruck weiblicher Güte kam über ihre harten Geſichter. Sie kneteten ſeinen Teig, beſorgten das Backen deſſelben, und Tom ſetzte ſich bei der Flamme des Feuers hin, indem er ſeine Bibel herauszog, denn er bedurfte des Troſtes. „Was iſt das?“ fragte eines der Weiber. „Eine Bibel,“ ſagte Tom. „Guter Gott, ich habe noch keine geſehen ſeitdem ich aus Kentuckh bin.“ „Biſt Du in Kentuckh aufgewachſen?“ fragte Tom mit Intereſſe. „Ja, ich habe auch eine gute Erziehung erhalten; ich dachte nie hierher zu kommen,“ ſagte ſeufzend das Weib. 284 „Was iſt das für ein Buch?“ fragte die andere Frau. „Nun, die Bibel!“ „Was iſt denn das?“ fragte das Weib. ſ. „Was? haſt Du nie davon gehört?“ fragte die andere Frau,„in Kentucky hat uns die Herrin zuweilen etwas dar⸗ aus zu hören gegeben, aber lieber Gott, wir hören hier wei⸗. ter nichts als Peitſchenknallen und Flüche.“ „Leſe uns ein Stück daraus vor,“ ſagte das erſte Weib neugierig, als ſich Tom aufmerkſam darüber beugte. Tom las:„Kommt her zu mir, die Ihr mühſelig und beladen ſeid, und ich werde Euch Ruhe geben.“ „Das ſind recht gute Worte,“ ſagte das Weib,„wer ſpricht ſie?“ S„Gott, erwiderte Tom. Die Frauen gingen in ihre Hütte und Tom ſaß allein bei dem glimmenden Feuer, welches auf ſein Geſicht einen rothen Schein warf. Der ſilberne Mond ging am Purpur⸗ himmel auf und ſah ſchweigend und ſtill, wie Gott auf den Schauplatz des Elends und der Bedrückung blickt, auf den ein⸗ ſamen ſchwarzen Mann, der mit übereinandergeſchlagenen Ar⸗ men die Bibel auf ſeinen Knieen, daſaß. Endlich erhob ſich Tom und begab ſich in die ihm zugewieſene Hütte, umwickelte ſich mit ſeiner zerriſſenen wollenen Decke, ſtreckte ſich auf dus Stroh aus und entſchlief. In ſeinen Träumen vernahm er eine ſanfte Stimme. Er ſaß auf der Moosbank im Garten am Pontchartrainſee, und Eva las ihm mit geſenkten Augen aus der Bibel vor, und er hörte ſie ſprechen; „Wenn Du durch die Waſſer gehſt, ſo werde ich bei Dir ſein, und die Flüſſe werden Dich nicht überfluthen; wenn Du durch das Feuer gehſt, ſo ſollſt Du nicht verbrennen, keine Flamme ſoll Dich belecken, denn ich bin der Herr, Dein Gott, der Heilige von Iſtael Dein Erretter.“ Dieſe Worte ſchienen ſich zu einer himmliſchen Muſik zu verſchmelzen. Das Kind erhob ſeine tiefen Augen, und heftete ſie liebevoll auf ihn, und Strahlen der Wärme und des Troſtes kamen aus ihnen in ſein Herz, und wie von den ₰ Schwingen der Muſik getragen, ſchien ſie ſich in die Luft zu erheben, und goldene Sterne fielen von ihr herab und ſie war verſchwunden. Tom erwachte. War es ein Traum? Möge es dafür gelten. Doch, wer möchte ſagen, daß dieſe ſchöne, junge Seele, welche im Leben ſtets den Hülfloſen zu erheben und . 4 2. 3 1 — 285 zu tröſten ſtrebte, nach dem Tode nicht zum Dienſte Gottes zugelaſſen werde? Fürwahr ein tief Empfinden, Das uns zu glauben heißt, Daß über uns auf Engelſchwingen Stets ſchwebt der Todten Geiſt. Zweiunddreißigſtes Kapitel. Caſſp. In kurzer Zeit erkannte Tom Alles, was er in der neuen Lage zu hoffen und zu befürchten hatte. Er war ein erfahrener und geſchickter Arbeiter in allem, was er unternahm und aus Gewohnheit, wie aus Grundſatz, war er ſchnell und treu. Bei ſeiner ruhigen, friedfertigen Gemüthsſtimmung hoffte er durch unabläſſigen Fleiß wenigſtens einen Theil ſeiner üblen Lage von ſich abzuwenden. Er ſah genug des Elends und der Miß⸗ handlung, um nicht von Abſcheu und Lebensmüdigkeit erfüllt zu werden, doch er beſchloß, ſich mit gewiſſenhafter Geduld abzumühen; er gab ſich dem anheim, welcher gerecht richtet, und er war nicht ohne Hoffnung, daß ſich ihm irgend ein Weg zur Flucht darbieten würde. Legree bemerkte im Stillen Tom's Nutzbarkeit; er betrachtete ihn als einen Arbeiter erſter Klaſſe; doch fühlte er gegen ihn einen geheimen Widerwillen: die angeborene Abneigung des Schlechten zum Guten. Er ſah deutlich, daß, wenn, wie es häufig geſchah, ſeine Gewalt⸗ thätigkeit und Brutalität auf Hülfloſe fiel, Tom es beachtete; die Atmosphäre der öffentlichen Meinung iſt ſo ſtark, daß ſie ſich ſogar ohne Worte fühlbar macht, und die Meinung eines Sklaven kann einem Herrn unbequem werden. Tom bekundete auf verſchiedene Weiſe eine Zartheit des Gefühls, ein Mitleid für ſeine Leidensgenoſſen, wie es ihnen ſeltſam und neu war und von Legree mit einem eiferſüchtigen Auge bemerkt wurde. Er hat.e Tom mit der Abſicht gekauft, ihn mit der Zeit zu einer Art Aufſeher zu machen, welchem er bei kurzem Fernſein die Leitung ſeiner Angelegenheiten anvertrauen könne und nach ſeiner Anſicht war Härte das erſte, zweite und dritte Er⸗ forderniß für dieſen Platz. Legree beabſichtigte, da er Tom 286 nicht ſo hart fand, wie er für ihn tauglich ſchien, ihn ſofort zu verhärten und wenige Wochen nach Tom's Ankunft be⸗ ſchloß er das Verfahren anzufangen. Eines Morgens, als die Arbeiter, ehe ſie auf die Felder gingen, gemuſtert wurden, ſah Tom mit Ueberraſchung eine Perſon unter ihnen, deren Erſcheinung ſeine Aufmerkſamkeit rege machte. Es war ein hochgewachſenes, ſchlankes Frauen⸗ zimmer, mit bemerkenswerthen zarten Händen und Füßen und in netten, anſtändigen Kleidern gethan. Dem Ausſehen ihres Geſichtes nach mochte ſie vielleicht fünf und dreißig bis vierzig Jahr alt geweſen ſein, und es war ein Geſicht, welches man einmal geſehen, nie vergeſſen konnte, eines von denjenigen, welches uns anf den erſten Blick den Gedanken einer wilden, ſchmerzlichen und romantiſchen Geſchichte zu geben ſcheint. Ihre Stirn war hoch und ihre Augenbraunen mit ſchöner Reinheit gezeichnet: ihre gerade, wohlgeſtaltete Naſe, ihr feingeſchnittner Mund und die anmuthvolle Zeichnung ihres Kopfes und Halſes gaben kund, daß ſie einſt ſchön geweſen war. Doch ihr Geſicht war von Linien des Kummers und des Stolzes und bitteren Duldens tief gefurcht. Ihre Geſichtsfarbe war bleich und un⸗ geſund. Ihre Wangen eingefallen und mager, ihre Züge ſcharf und ihre ganze Geſtalt abgezehrt. Aber ihr Auge war an ihr das auffallenſte; groß, tiefſchwarz, von langen, eben ſo dunkeln Wimpern überſchattet und voll wilder, wehmüthiger Verzweiflung. In jeder Ainie ihres Geſichts, in jeder Krüm⸗ mung ihrer biegſamen Lippen, in jeder Bewegung ihres Körpers lagen Trotz und Herausforderung, aber ihr Auge war voll von einer tiefen, ſchwarzen Nacht der Pein, ein Ausdruck, ſo hoff⸗ nungs⸗ und wechſellos, daß er eine furchtbare Gegenwirkung mit dem Stolze und Hohn ihrer ganzen Haltung bildete. Woher ſie kam, und wer ſie war, wußte Tom nicht. Das erſte, was er ſah war, daß ſie aufrecht und ſtolz in nebelhaftem Tages⸗ grauen an ſeiner Seite ſchritt; den übrigen Negern war ſie jedoch bekannt, denn es gab ein ſtarkes Umſchauen und Um⸗ wenden des Kopfes von ihnen; es wurde aber unter den elenden, zerlumpten, halb verhungerten Geſchöpfen jeder ſicht⸗ bare Jubel über ſie unterdrückt. „Iſt es endlich dazu gekommen? Das freut mich!“ ſagte die Eine. „Ha! hah! hah! Jetzt werden Sie ſehen, wie gut es iſt Miß,“ ſagte eine Andere. „Ich möchte ſie arbeiten ſehen!“ ſagte eine Dritte. 287 „Ich bin neugierig, ob ſie des Abends ebenfalls Hiebe kriegen wird, wie wir Andern?“ bemerkte die Erſte: „Es würde mich freuen, wenn ſie eine gehörige Tracht Prügel bekäme!“ ſagte eine Andere. Das Weib beachtete nicht dieſe Verhöhnungen, ſondern ging mit dem gleichen Ausdruck von ärgerlicher Verachtung, als ob ſie nichts gehört hätte, weiter. Tom hatte ſtets unter fein gebildeten Menſchen gelebt und es wurde ihm aus ihrer Haltung bald klar, daß ſie zu dieſer Klaſſe gehören müſſe; doch wie und warum ſie zu dieſen entwürdigenden Umſtänden gelangt iſt, konnte er nicht errathen. Das Weib blickte ihn weder an, noch ſprach es zu ihm, obgleich es den ganzen Weg nach dem Felde an ſeiner Seite ging. Tom war bald rüſtig bei ſeiner Arbeit, aber da die Neu⸗ angekommene in nicht großer Entfernung ſich von ihm befand, warf er oft einen Blick auf ſie; er bemerkte bald, daß eine angeborene Geſchicklichkeit und Behendigkeit die Aufgabe ihr leichter machte, als ſie ſich für ſo viele Anderen erwies. Sie pflückte die Baumwolle ſchnell und rein mit einer Miene der Verachtung, als ob ſie ſich ſowohl über der Arbeit wie über der Schande, das Demüthigende der Umſtände, worin ſie ſich befand, erhaben fühle. Im Laufe des Tages kam Tom mit der Mulattin, welche mit ihm zugleich gekauſt worden war, zuſammen. Offenbar litt ſie ſchwer und Tom hörte ſie oft⸗ mals beten, während ſie ſchwankte und zitterte und umzuſinken ſchien. Tom nahm ſchweigend, als er in ihre Nähe kam, mehrere Hände voll Baumwolle aus ſeinem Korbe, um ſie in den ihren zu legen. „O thue es nicht, thue es nicht!“ ſagte das Weib mit einem erſtaunten Blick;„es wird Dir Unannehmlichkeiten bringen.“ Jetzt gerade kam Sambo heran. Er ſchien einen beſon⸗ dern Haß gegen das Weib zu haben und ſeine Peitſche ſchwin⸗ gend, ſagte er mit thieriſchen Kehlthönen: „Was iſt Dir, Luch! was?“ und bei dieſen Worten gab er mit ſeinem ſchweren rindsledernen Schuh dem Weibe einen Tritt und ſchlug mit der Peitſche über Tom's Geſicht. Tom fuhr ſchweigend in ſeiner Arbeit fort, das Weib, welches ſchon vorher auf den höchſten Grad der Erſchöpfung gekommen war, fiel in Ohnmacht. „Ich werde ſie ſchon zu ſich bringen,“ ſagte der Aufſeher mit einem brutalen Grinſen;„ich werde ihr etwas beſſeres als Kampher geben!“ und eine Nadel aus ſeinem Aermel⸗ 288 aufſchlage nehmend, grub er ſie bis an den Kopf in ihr Fleiſch. Das Weib ſtöhnte und erhob ſich halb. „Steh' auf! Du Beſtie und arbeite, ſonſt werde ich Dir noch etwas Anderes zeigen.“ Das Weib ſchien auf wenige Augenblicke zu einer über⸗ natürlichen Kraft aufgeſtachelt und arbeitete mit verzweifelter Emſigkeit. „Siehe zu, daß es ſo fort hält!“ ſagte der Aufſeher, „ſonſt wirſt Du heute Abend wünſchen, daß Du geſtorben wäreſt, vermuthe ich.“ „Das thue ich jetzt ſchon!“ hörte ſie Tom ſagen; und dann fügte ſie hinzu:„Ach Gott, wie lange wird es noch dauern— o Gott, warum hilfſt Du uns nicht?“ Auf die Gefahr hin, daß er dafür leiden könnte, kam Tom wieder herbei und ſteckte alle Baumwolle, welche ſich in ſeinem Korbe befand, in den des Weibes. „O, Du darfſt das nicht thun! Denke, was Dir bevor⸗ ſteht!“ ſagte das Weib. „Ich ertrage es leichter wie Du!“ ſagte Tom und er war bald wieder auf ſeinem Platze. Alles Dies war in einem Augenblicke vorüber.— Plötz⸗ lich erhob die vorhin beſchriebene Fremde, welche im Laufe ihrer Arbeit nahe genug an Tom gekommen war, um ſeine letzte Worte zu hören, ihre großen ſchwarzen Augen, heftete ſie eine Sekunde lang auf ihn, nahm darauf einen Theil Baumwolle aus ihrem Korbe uud legte ihn in den ſeinigen. „Du kennſt dieſen Ort nicht,“ ſagte ſie,„ſonſt würdeſt Du ſolches nicht gethan haben. Wenn Du einen Monat hier biſt, wirſt Du aufhören, irgend Jemand zu helfen. Du wirſt es ſchwer genug finden, Dir Deine Haut zu wahren.“ „Gott verhüte es, Miſſis,“ ſagte Tom, welcher inſtinkt⸗ mäßig die ehrerbietige Form gegen ſeine Feldgenoſſin gebrauchte, die er ſich gegen die Leute, bei denen er gelebt, bedient hatte. „Gott beſuchte dieſes Haus nie,“ ſagte die Fremde bitter, in ihrer Arbeit behende fortfahrend und das verächtliche Lä⸗ cheln kräuſelte von Neuem ihre Lippen. Aber der Aufſeher hatte von der entgegengeſetzten Seite des Feldes die Hand⸗ lung des Weibes geſehen und ſeine Peitſche ſchwingend, eilte er jetzt herbei. „Was? was?“ rief er mit triunphirender Miene zu ihr⸗ „Du treibſt Rarrheiten? mach', daß Du vorwärts kommſt. 289* Du biſt jetzt unter mir— merke auf, oder ich werde Dich ſchon kriegen.“ Ein blitzartiger Strahl loderte plötzlich aus den ſchwarzen Augen hervor, ſie wendete ſich mit zitternden Lippen und weit geöffneten Nüſtern um und heftete ihre von Grimm und Verachtung glühenden Augen auf den Aufſeher. „Hund!“ ſagte ſie,„rühre mich nicht an! wenn Du es wagſt, ich habe noch Macht genug, um Dich von Hunden zerreißen, lebendig verbrennen und in Stücke zerhauen zu laſſen. Ich brauche nur ein Wort zu ſagen!“ „Was Teufel, machſt Du denn hier?“ ſagte der Mann offenbar herabgeſtimmt und ſich ein Paar Schritte mürriſch zurückziehend,„ich habe es nicht ſo böſe gemeint Miß Caſſy.“ „So gehe mir aus dem Wege dann!“ ſagte das Weib, und in der That ſchien der Aufſeher ſehr geneigt zu ſein, ſeine Aufmerkſamkeit auf irgend etwas am andern Ende des Feldes zu richten und eilte im ſchnellen Schritte weg. Die Fremde kehrte plötzlich zu ihrer Arbeit zurück und verrichtete dieſelbe mit einer Schnelligkeit, die Tom wahrhaft erſtaunen machte. Sie arbeitete, wie mit Zauberei und ehe der Tag vorüber war, hatte ſie ihren Korb gefüllt, nieder gedrückt, noch einmal aufgehäuft und doch hatte ſie mehrere Mal große Theile in Tom's gelegt. Lange nach Einbruch der Nacht wan⸗ derte die ganze müde Geſellſchaft, die Körbe auf den Köpfen nach dem Gebäude, welches zur Aufbewahrung und zum Wie⸗ gen der Bgumwolle diente. Hier war Legree mit den beiden Auffehern eſchäftigt. „Tom wird uns viel zu ſchaffen machen. Er hat ſtets Baumwolle in Luzzi's Korb gelegt; er iſt einer von denen, die allen den Negern begreiflich machen, daß ſie mißhandelt werden, wenn der Maſter ſein Ange nicht auf ihn hat,“— ſagte Sambo. „Ho ho! ſchwarzer Teufel!“ ſagte Legree,„er wird dreſ⸗ ſirt werden müſſen! Nicht wahr Burſchen?“ Beide Neger fingen bei dieſer Andeutung entſetzlich zu grinſen an. „Ja, ja! der Maſter verſteht nur allein das dreſſiren. Der Teufel ſelbſt könnte den Maſter nicht übertreffen.“ ſagte* Quimbo. „Nun Burſche, die beſte Weiſe ſeine Ideen auszutreiben iſt, wenn man ihm das Auspeitſchen überträgt. Es wird„ ihn abrichten.“ 19 290 „Gott! es wird eine harte Arbeit für den Maſter ſein, die aus ihm herauszubringen.“ „Es wird aber doch herauszubringen ſein,“ ſagte Le⸗ gree, indem er den Taback in ſeinem Munde auf die andere Seite ſchob. „Da iſt auch Luzzi, das verwünſchte, garſtigſte Frauen⸗ zimmer auf dem Gute,“ fuhr Sambo fort. „Sieh Dich vor! Sam, ich würde bald verrathen, was der Grund zu Deinem Groll gegen Luzzi iſt.“ „Nun, der Maſter weiß, daß ſie ſich ſelbſt gegen ihn aufgelehnt hat, und mich nicht haben wollte, als er es ihr befahl.“ „Ich hätte ſie ſchon dazu getrieben!“ ſagte Legree, in⸗ dem er ausſpuckte,„doch es giebt jetzt ſo viel zu thun, daß es nicht werth iſt, ſie arbeitsunfähig zu machen. Sie iſt mager, und die magern Mädchen laſſen ſich eher halb todt⸗ ſchlagen, als ſich von ihrem Wege abbringen.“ „Nun, Luzzi war ungeheuer faul und träge, trieb ſich umher und wollte nichts thun— und Tom hat ſich ihrer angenommen.“ „Wirklich? nun dann ſoll Tom das Vergnügen haben, ſie auszupeitſchen. Es wird für ihn eine Uebung ſein, und er wird's der Dirne auch nicht geben, wie Ihr Teufel.“ „Ho! ho, ho, hah! hah, hah!“ lachten die beiden ſchwar⸗ zen Böſewichter, und die teufliſchen Töne ſchienen in Wahr⸗ heit ein nicht uupaſſender Ausdruck des dämoniſchen Charak⸗ ters, welchen ihn Legree beilegte, zu ſein. „Nun, aber Maſter! Tom und Miß Caſſy, haben beide Luzzi's Korb gefüllt, ich denke, daß das rechte Gewicht darin ſein wird, Maſter!“ 5 „Ich werde ſie wiegen!“ ſagte Legree nachdrücklich. Beide Treiber ſtießen abermals ein teufliſches Lachen aus. „So! Miß Caſſy hat alſo ihr Tagewerk gethan?“ fügte er hinzu. „Sie pflückte gleich dem Teufel und alle ſeine Engel.“ „Ich denke, daß ſie ſie alle in ſich hat!“ ſagte Legree, und mit einem brutalen Fluche ging er nach dem Wiegezimmer. Langſam kamen die müden, niedergedrückten Geſchöpfe in das Zimmer und übergaben mit widerſtrebender Furchtſamkeit ihre Körbe zum Wiegen. Legree zeichnete den Betrag auf 291 eine Schiefertafel, an deren Seite eine Liſte der Namen auf⸗ geklebt war. Tom's Korb wurde gewogen und gut befunden, und er wartete mit ängſtlichem Blicke ab, wie es der Mulat⸗ tin, deren er ſich angenommen hatte, ergehen würde. Sie kam vor Ermüdung ſtrauchelnd herbei, und lieferte ihren Korb ab. Er hatte das volle Gewicht, wie Legree wohl ſah, doch ſagte er mit erheucheltem Aerger: „Was, Du faules Thier, ſchon wieder zu wenig? tritt bei Seite, ich werde Dich fleißiger machen.“ Das Weib ließ ein Stöhnen der tiefſten Verzweiflung hören und ſetzte ſich auf eine Bank. Die Perſon, welche Miß Caſſy genannt worden war, kam nun herbei und über⸗ gab mit hochfahrender, nachläſſiger Miene ihren Korb, Als ſie ihn ablieferte, ſah Legree mit einem ſpöttiſchen aber doch fragenden Blicke ihr in die Augen. Sie heftete ihre ſchwar⸗ zen Augen feſt auf ihn. Ihre Lippen bewegten ſich leiſe und ſie ſagte etwas in franzöſiſcher Sprache. Was es war, wußte Niemand, aber Legree's Geſicht nahm einen wahrhaft teufli⸗ ſchen Ausdruck an, als ſie die Worte ſprach; er erhob ſeine Hand wie um ſie zu ſchlagen— eine Geberde, die ſie mit ſtolzer Verachtung anſah, während ſie ſich umwendete und davon ging. „Und nun komm Du her, Tom,“ ſagte Legree,„Du weißt, daß ich Dir geſagt habe, Dich gerade nicht zu ge⸗ wöhnlichen Arbeiten zu verwenden. Ich denke Dich zu be⸗ fördern, und Dich zum Aufſeher zu machen, und Du kannſt heute Abend Hand anlegen. Nun, nimm die Dirne hier und gib ihr eine Tracht Prügel; Du haſt genug geſehen, um zu wiſſen, wie Du es machen mußt.“ „Ich bitte den Maſter um Verzeihung,“ ſagte Tom, „doch ich hoffe, daß der Maſter mich nicht dazu beſtimmen wird. Es iſt etwas, woran ich nicht gewöhnt bin, was ich nie gethan habe und ich kann es nicht thun; es iſt mir un⸗ möglich.“ „Du wirit noch eine hübſche Menge von Sachen lernen, die Du nie gethan haſt, ehe ich mit Dir fertig bin,“ ſagte Legree, indem er einen Ochſenziemer nahm, und Tom einen heftigen Schlag über das Geſicht gab, worauf er noch einen Hagel von Schlägen folgen ließ.„Da!“ fagte er, als er inne hielt, um auszuruhen.„Willſt Du mir jetzt noch ſagen, daß Du es nicht thun kannſt.“ „Ja Maſter!“ ſagte Tom, indem er die Hand erhob, um das über ſein Geſicht herabträufelnde Blut abzuwiſchen; „ 292 „ich will Tag und Nacht arbeiten, ſo lange ich lebe und Athem in mir habe,„aber dies iſt etwas, wovon ich fühle, daß iſt, und Maſter, ich werde es nie thun — nie! Tom hatte eine ungemein milde ſanfte Stimme und ein ungewöhnlich ehrerbietiges Weſen, welches Legree auf die Wee gebracht hatte, daß er feige und leicht zu unterwerfen ſein werde. Als er jene letzten Worte ſprach, wurden alle An⸗ weſenden von Erſtaunen erfüllt. Die arme Mulattin faltete ihre Hände und ſagte:„o Gott!“ und alle blickten einander unwillkürlich an und ſtanden athemlos da, wie, um auf den Ausbruch des ſicher erwarteten Sturmes ſich vorzubereiten. Legree ſah verdutzt aus. Endlich platzte er heraus. „Was? Du verdammtes ſchwarzes Thier, Du ſagſt mir, daß Du es nicht für Recht hältſt, was ich Dir ſage? Was habt Ihr verdammtes Vieh mit dem Gedanken, was Recht iſt, zu ſchaffen? Ich werde dem Dinge ein Ende machen! Ei, was denkſt Du von Dir, glaubſt Du vielleicht, daß Du ein Gentleman ſeieſt? Maſter Tom? daß Du Deinem Herrn ſagſt, was Recht iſt und was nicht? Du hältſt es alſo für Unrecht, die Dirne zu peitſchen?“ „Ich denke ſo, Maſter!“ ſagte Tom,„das arme Ge⸗ ſchöpf iſt krank und ſchwach; es würde geradezu grauſam ſein. Es iſt etwas, daß ich nie thun werde, noch zu thun anfangen! Maſter, wenn Sie mich umbringen wollen, ſo tödten Sie mich; doch meine Hände gegen irgend eine Perſon hier zu erheben, dazu bringt mich keiner. Lieber will ich ſterben!“ Tom ſprach mit ſanfter Stimme, aber mit unverkenn⸗ parer Entſchloſſenheit. Legree zitterte vor Wuth. Seine grünlichen Augen glühten wild, und ſelbſt ſein Bart ſchien ſich vor Zorn zu kräuſeln. Aber wie ein wildes Thier, wel⸗ ches mit ſeinem Opfer ſpielt, che es daſſelbe verzehrt, hielt er ſeinen ſtarken Antrieb zu augenblicklicher Gewaltthätigkeit zurück und brach in bitteren Spotte aus. „Nun, da haben wir einen frommen Hund unter uns Sünder bekommen, einen Heiligen, einen Gentleman und nichts geringes; der uns Sündern von unſern Sünden pre⸗ digen muß. Er muß ein mächtiges heiliges Geſchöpf ſein. Hier, Du Schurke! Du thuſt als ob Du fromm ſeieſt, haſt Du nie in Deiner Bibel geleſen:„Ihr Diener, gehorchet Euren Herrn?“ Bin ich nicht Dein Herr? Habe ich nicht baare zwölfhundert Dollars für Alles, was in Deiner ſchwar⸗ zen, alten, verdammten Haut ſteckt, gegeben? Biſt Du nicht mit Leib und Seele mein?“ ſagte er, Tom einen heftigen Stoß mit ſeinem ſchweren Stiefel gebend. 3 Aus der Tiefe ſeines körperlichen Schmerzes, zu der ihn thieriſche Unterdrückung gebracht hatte, ſchoß dieſe Frage, wie ein Strahl der Freude und des Triumphes durch Tom's Seele. Er richtete ſich plötzlich auf, blickte ernſt gegen den Himmel, und während die Thränen und das Blut über ſein Geſicht ſtrömten, rief er: „Nein! Nein! Nein! meine Seele gehört Ihnen nicht Maſter— Sie haben ſie nicht gekauft— Sie können ſie nicht kaufen. Ich bin von Einem, der ſie zu behalten fähig iſt, gekauft und bezahlt worden. Sie können mir nicht ſchaden.“ „Ich kann nicht?“ ſagte Legree mit Hohn,„das wollen wir ſehen! Kommt her, Sambo! Quimbo! Gebt dieſem Hund eine ſolche Tracht Prügel, daß er noch den nächſten Monat dran denkt.“ Die beiden rieſenhaften Neger, welche nun Tom ergriffen, mit teufliſcher Freude auf dem Angeſicht, hätten kein unähn⸗ liches Bild von den Mächten der Finſterniß abgegeben. Das arme Weib ſchrie laut auf aus Beſorgniß und alle ſtanden auf, wie aus gemeinſamen Antrieb, während Tom ohne Wider⸗ ſtand hinweggeſchleppt wurde. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Ver Quadronin Srſchichte. Spät in der Nacht lag Tom ſtöhnend und blutend allein in einem alten unbewohnten Zimmer des Maſchinenhauſes, in welchem ſich Stücke zerbrochener Maſchinen, Haufen be⸗ ſchädigter Baumwolle und anderer Kehricht befanden. Die Nacht war fencht und trübe und in der dicken Luft wimmel⸗ ten Miriaden von Mosquito's, welche die Qualen ſeiner unden vermehrten; während ein brennender Durſt— eine Folter zu allem andern— das äußerſte Maaß phyſiſcher Pein voll machte. 294 „O! Guter Gott! Blicke auf mich herab— und gieb mir den Sieg— Gieb mir den Sieg über Alle!“ betete der arme Tom in ſeiner Noth. m Ein Schritt ließ ſich im Zimmer vernehmen, und das Licht einer Laterne fiel in ſeine Angen. „Wer iſt da? O, um Gotteswillen, gebt mir Waſſer!“ Caſſy, denn ſie war es, ſetzte ihre Laterne nieder, goß aus einem Kruge Waſſer ein Kerhob ſeinen Kopf und gab ihm zu trinken. Ein zweiter und dritter Becher wurde mit fieberhafter Haſt geleert. „Trinke, ſo viel Du willſt“, ſagte ſie,„ich wußte, wie es kommen würde; es iſt nicht das erſte Mal, daß ich in der Nacht weggegangen bin und den Burſchen, den es ſo wie Dir ergangen iſt, Waſſer gereicht habe.“ „Dank Miſſis,“ ſagte Tom, als er ausgetrunken hatte. „Nenne mich nicht Miſſis, ich bin ein eben ſo elender Sklave, wie Du; ich ſtehe noch tiefer, wie Du je ſein kannſt,“ ſagte ſie bitter,„aber nun,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie an die Thüre ging und einen kleinen Strohſack, über den ſie kalte, befeuchtete Leintücher gelegt hatte, hereinzog,„verſuche Dich hierauf zu rollen, armer Burſche.“ Tom, von Wunden und Beulen ſteif, bedurfte einer langen Zeit, dieſe Operation zu bewerkſtelligen; als er es gethan hatte, fühlte er durch die Kühlung, die dadurch ſeinen Wun⸗ den zu Theil wurde, eine bedeutende Erleichterung.— Die Fremde, durch eine lange Praxis bei den Opfern der Bruta⸗ lität, mit vielen heilenden Ritteln bekannt, fuhr fort, die Wunden Tom's mit lindernden Mitteln zu befeuchten, wodurch ſein Schmerz einigermaßen gemildert wurde. „Nun,“ ſagte ſie, als ſie ſeinen Kopf auf einen Pack beſchädigter Baumwolle, der ihm zum Kiſſen dienen ſollte, ge⸗ hoben hatte,„das iſt das Beſte, was ich für Dich thun kann.“ Tom dankte ihr, und die Fremde ſetzte ſich auf den Bo⸗ den nieder, zog ihre Knie herauf, umfaßte ſie mit ihren Armen und blickte ſtarr und mit bitter⸗ſchmerzhaftem Ausdruck des Geſichts vor ſich hin. Ihr Hut fiel zurück und langes, ſchwarzes wallendes Haar umgahen ihre eigenthümlichen, melancholiſchen Geſichtszüge. „Es nutzt nichts, mein armer Burſche,“ brach ſie end⸗ lich das Schweigen,„es nutzt nichts zu thun, was Du ver⸗ ſucht haſt. Du warſt ein braver Burſche und hatteſt das Recht auf Deiner Seite, doch, es iſt Alles vergebens und kannſt nicht dagegen ankämpfen, Du biſt in den Händen des 295 Teufels. Er iſt der Stärkſte, und Du mußt Dich er⸗ geben.“ Ergeben! Hatte nicht menſchliche Schwäche und körper⸗ liche Qualen das ſchon früher geflüſtert? Tom ſchrak zuſammen, denn die erbitterte Fremde mit ihren wilden Augen und me⸗ lancholiſcher Stimme, ſchien ihm als verkörperte Verſuchung, mit der er gerungen hatte. „O Gott! o Gott!“ ſtöhnte er,„wie ſoll ich mich er⸗ geben?“. „Es iſt unnütz, Gott anzurufen, er hört uns nie!“ ſagte ſie feſt. Ich glaube nicht, daß es einen Gott gibt, oder wenn es einen gibt, ſo hat er gegen uns Partei genommen. Himmel und Erde ſind gegen uns; Alles ſtößt uns in die Hölle. Warum ſollten wir nicht gehen? Tom ſchloß die Augen; es ſchauderte ihm vor den düſtern hölliſchen Worten. „Siehſt Du,“ ſagte die Fremde,„Du weißt nichts davon — ich kenne es aber; ich bin ſeit fünf Jahren mit Leib und Seele hier unter dem Fuße dieſes Mannes und ich haſſe ihn wie der Teufel. Du biſt hier auf einem einſamen Gute zehn Meilen von jedem andern entfernt, in den Sümpfen. Es gibt hier keinen Weißen, welcher Zeugniß ablegen könnte, wenn Du lebendig verbrannt, wenn Du in Oel geſotten, in Stücke zerhackt, den Hunden zum Zerreißen vorgeworfen oder aufgehangen oder zu Tode gepeitſcht würdeſt. Hier gibt es kein göttliches oder menſchliches Geſetz, das Dir oder irgend Einen von uns das geringſte Gute thun könnte; und dieſer Mann? es gibt auf Erden nichts, was er nicht thun könnte! Ich könnte Dinge mittheilen, bei denen ſich die Haare ſträuben und die Zähne klappern, wenn ich nur erzählte, was ich hier geſehen und erfahren habe— und es nützt nichts zu wider⸗ ſtehen. Habe ich mit ihm leben gewollt?— war ich nicht ein zart verzogenes Frauenzimmer?— Und er, Gott im Himmel, was war er, und was iſt er, und doch habe ich volle fünf Jahre mit ihm gelebt, Tag und Nacht und jeden Moment meines Lebens verwünſcht, und jetzt hat er eine neue — ein junges Ding— fünfzehn Jahre alt und ſie ſagte, daß ſie fromm erzogen ſei. Ihre gute Herrin hat ihr die Bibel leſen gelehrt und ſie hat ihre Bibel hier— in die Hölle— mitgebracht!“ und das Weib ſtieß ein wildes ſchmerz⸗ haftes Lachen aus, welches mit ſeltſamem, übernatürlichem Tone durch das alte Gemäuer wiederſchallte. 296 Tom faltete ſeine Hände. Alles war Finſterniß und Schrecken. „O Jeſus, Herr Jeſus! Haſt Du uns arme Ge⸗ ſchöpfe ganz vergeſſen?“ ſagte er endlich; helfe mir Gott; ich komme um.“ Das Weib fuhr ernſt fort. „Und was ſind die elenden, gemeinen Hunde, mit denen Du arbeiteſt, daß Du ihretwegen dulden willſt? Jeder von ihnen würde ſich bei der erſten Gelegenheit gegen Dich wenden. Sie ſind alle ſo ſchändlich und grauſam gegen einander, als ſie es nur ſein können; da nützt es nichts, daß Du leideſt, um ihnen nicht wehe zu thun.“ Die armen Geſchöpfe,“ ſagte Tom,„was hat ſie grau⸗ ſam gemacht? Und wenn ich mich unterwerfe, ſo werde ich nach und nach wie ſie. Nein, nein, Miſſis; ich habe Alles verloren— Weib und Kinder und Heimath und einen gütigen Herrn— und er würde mich frei gegeben haben, wenn er nur noch eine Woche länger gelebt hätte. Ich habe Alles in dieſer Welt verloren und ſie iſt auf ewig rein hin, und jetzt kann ich den Himmel dazu verlierens nein, ich kann nicht anfangen zu Allem noch ſchlecht zu werden.“ „Aber es kann nicht daß Gott es uns für eine Sünde anrechnet,“ ſagte das Weib,„er wird uns nicht da⸗ mit belaſten, wenn wir dazu gezwungen werden, er wird ſie denen zurechnen, die uns dazu treiben.“ „Ja,“ ſagte Tom,„doch wird es uns nicht abhalten, ſchlecht zu werden. Wenn ich erſt ſo hartherzig und gottlos geworden bin, wie Sambo, ſo kann es mir nicht viel darauf ankommen, wie ich ſo geworden bin; es wird ſo ſein.— Das iſt's was ich befürchte.“ Das Weib heftete einen wilden und verſtörten Blick auf Tom, als ob ein neuer Gedanke ſie durchzuckte und dann ſtöhnie ſie tief und ſprach:„O Gott der Gnade! Du ſprichſt wahr! S— o!— o!— und mit Geſtöhn ſiel ſie auf den Boden und krümmte ſich wie ein zertretener Wurm unter der Laſt ihrer innerlichen Qual. Es entſtand ein Schweigen, während welchem man Pen Athem beider hören konnte; endlich ſagte Tom mit ſchwacher Stimme:„O, Miſſis!“ Das Weib erhob ſich plötzlich mit ſeinem gewöhnlichen ſtarren, melancholiſchen Geſichtsausdruc. W Niſſis, ich habe ſie meinen Rock in jene Ecke werfen ſehen, und in ſeiner Taſche iſt meine Bibel— wenn die Miſſis ſo gut ſein wollte 297 und mir daraus was vorleſen.“ Caſſy ging und holte ſie. Tom öffnete ſogleich eine ſtarkbezeichnete und zerleſenen Stelle, die Beſchreibung aus dem Leben desjenigen, durch deſſen Striemen wir geheilt worden ſind. „Wenn die Miſſis nur ſo gut ſein wollte zu leſen, was da ſteht. Es iſt beſſer als Waſſer.“ Caſſy nahm mit einer trockenen und ſtolzen Miene das Buch, und durchlas die Stelle. Hierauf las ſie in einer weichen Stimme und mit einer eigenthümlichen Intonation, jene rührende Erzählung des Schmerzes und der Herrlichkeit laut vor. Ihre Stimme ſchwankte oft beim Leſen und zuweilen verſagte ſie ihr völlig und dann hielt ſie mit der Miene kal⸗ ter Entſchloſſenheit inne, bis ſie ſich bemeiſtert hatte. Als ſie an jene rührende Worte kam:„Vater vergieb ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun,“ warf ſie das Buch weg, be⸗ grub ihr Geſicht in den ſchweren Maſſen ihrer Haare und ſchluchzte mit krampfhafter Heftigkeit.— Tom weinte eben⸗ falls und ließ zuweilen einen unterdrückten Stoßſeufzer hören. „Wenn wir es ihm nur nachmachen könnten,“ ſagte Tom,„ihm ſcheint es ſo angeboren, und wir müſſen ſchwer darum kämpfen. O Gott, helfe uns, o geſegneter Heiland, helfe uns!“ „Miſſis,“ ſagte Tom nach einiger Zeit,„ich ſehe, daß Sie iu Allem über mir ſtehen, doch es giebt eine Sache, Miſſis, die Sie vom armen Tom lernen könnten. Sie haben geſagt, daß Gott gegen uns Partei ergriffen hat, weil er uns ſchlagen und mißhandeln läßt, Sie ſehen aber, was ſeinem eigenen Sohne— dem geſegneten Herrn der Herr⸗ Klichkeit geſchehen iſt. War er nicht ſtets arm?— und iſt irgend Einer von uns ſo tief gekommen, wie er? Gott hat uns nicht vergeſſen, deſſen bin ich gewiß. Wenn wir mit ihm leiden, werden wir auch ſeine Herrlichkeit haben, ſagt die heilige Schrift; aber wenn wir ihn verleugnen, ſo wird er uns verleugnen. Haben ſie nicht Alle gelitten— der Herr und die Seinigen? Das Buch erzählt, wie ſie geſteinigt und auseinander geſägt worden, wie ſie in Schaf⸗ und Ziegenfellen umhergegangen und arm und nothleidend gequält worden ſind. Das Leiden iſt kein Grund zu denken, daß Gott ſich gegen uns gewendet, ſondern gerade das Gegentheil, wenn wir nur an ihn feſthalten und uns nicht der Sünde ergeben.“ „Aber warum bringt er uns dahin, wo wir uns der Sünde nicht enthalten können?“ fragte das Weib. 298 „Ich denke, daß wir uns ihrer enthalten können,“ ſagte Tom. „Du wirſt es ſehen,“ entgegnete Caſſy.„Was willſt Du thun? Morgen wird von Neuem mit Dir begonnen werden. Ich kenne ſie; ich habe all ihr Thun geſehen. Ich kann es nicht ertragen, an das zu denken, wozu ſie dringen werden, und endlich wirſt Du doch nachgeben müſſen.“ „O! Herr Jeſus!“ ſagte Tom,„Du wirſt meine Seele in Schutz nehmen, o Gott! thue es— gieb nicht zu, daß ich nachgebe.“ „Mein Lieber!“ ſagte Caſſy, ich habe das Widerſtreben leider ſchon früher gehört und doch ſind ſie Alle niederge⸗ beugt und zum Gehorſam gebracht worden. Jetzt verſucht auch Emmeline auszuhalten und Du verſuchſt es, aber was nützt es? Du mußt nachgeben, wenn Du nicht zollweiſe ge⸗ tödtet werden willſt!“ „Nun, dann will ich ſterben,“ ſagte Tom,„ſie mögen es ausſpinnen, ſo lange ſie können, ſie ändern es nicht, da ich doch einmal ſterbe, und nachher können ſie mir nichts mehr thun; dies iſt mir klar, dies weiß ich beſtimmt. Ich weiß, Gott wird mir helfen und mich durchbringen.“ Das Weib antwortete nicht, ſie ſaß mit auf den Boden geſenkten Augen da. „Es kann ſein, es iſt die rechte Weihe,“ murmelte ſie vor ſich hin,„aber für diejenigen, die nachgegeben haben, giebt es keine Hoffnung— keine. Wir leben in Schmutz und werden ekelhaft, bis wir uns ſelbſt anekeln. Wir wer⸗ den zu ſterben wünſchen und werden uns ſelbſt nicht zu töd⸗ ten wagen— keine Hoffnung!— keine Hoffnung! keine Hoffnung! — Dieſes Mädchen, gerade ſo alt, wie ich war! Du ſiehſt mich nun, ſagte ſie ſchnell zu Tom, ſiehe, was ich bin! Ich bin in Ueppigkeit aufgewachſen. Das erſte, woran ich mich erinnere, war, daß ich als Kind in prächtigen Zimmern um⸗ herſpielte,— daß ich wie eine Puppe geputzt wurde, und die Geſellſchaft und die mich Beſuchenden mich zu loben pfleg⸗ ten. Das Empfangzimmer ging auf einen Garten, und dort ſpielte ich mit meinen Brüdern und Schweſtern unter Oran⸗ genbäumen. Ich wurde in ein Kloſter gebracht und lernte dort Muſik, Franzöſiſch und Sticken, und als ich vierzehn Jahr alt war, wurde ich herausgeholt, um dem Begräbniß meines Vaters beizuwohnen. Er ſtarb plötzlich und als das Ver⸗ mögen nachgeſehen wurde, fand es ſich, daß es kaum hinreichte die Schulden zu decken. Und als die Gläubiger ein Inventarium 299 des Gutes aufnahmen, wurde ich darin aufgezeichnet. Meine Mutter war eine Sklavin geweſen, und mein Vater hatte ſtets die Abſicht gehabt, mich frei zu geben; er that es nicht, und ſo wurde ich in die Liſte aufgenommen. Ich wußte ſtets, wer ich war, und dachte nicht viel daran. Mein Vater war kaum vier Stunden vor ſeinem Tode noch ein geſunder Mann. Es war einer der erſten Cholerafälle in New⸗Orleans. Am Tage nach dem Begräbniß nahm die Frau meines Vaters ihre Kinder, und begab ſich auf das Gut ihres Vaters. Es ſchien mir, als ob ich ſtreng behandelt würde, aber ich wußte es nicht. Ein junger Advokat war zurückgeblieben, um die Geſchäfte ins Reine zu bringen; er kam täglich und trieb ſich im Hauſe umher und ſprach ſehr höflich mit mir. Eines Tages brachte er einen jungen Mann mit, der mir der ſchönſte zu ſein ſchien, den ich je geſehen. Ich werde jenen Abend nie vergeſſen. Ich ging mit ihm im Garten ſpazieren; ich war einſam und voll Trauer, und er war gegen mich ſo gütig und ſanft, und er ſagte mir, er habe mich geſehen, ehe ich in das Kloſter ge⸗ gangen, und daß er mich ſeit jener Zeit liebe, und daß er mir Freund und Beſchützer ſein wolle. Kurz, er ſagte mir zwar nicht, daß er für mich zweitauſend Dollars gegeben habe, und daß ich ſein Eigenthum ſei, doch wurde ich es ihm willig, denn ich liebte ihn!“ ſprach das Weib innehaltend. O! wie ich jenen Mann geliebt habe— wie ich ihn noch jetzt liebe, und ihn ſtets lieben werde, ſo lange ich athme.— Er war ſo ſchön, ſo hoch, ſo edel!— Er nahm mich in ein ſchönes Haus mit Dienern und Pferden und Wagen und Möbeln und Kleidern. Alles, was mit Geld zu kaufen war, gab er mir.“ Doch legte ich keinen Werth auf alles das, ſondern kümmerte mich nur um ihn. Ich liebte ihn mehr, als Gott, als meine eigene Seele, und wenn ich es auch verſuchte, hätte ich doch nicht anders handeln können, als wie er von mir ver⸗ langte. Ich verlangte nur eins,— ich verlangte, daß er mich heirathen möge. Ich glaubte, wenn er mich liebte, wie er ſagte, daß er es thun würde, und wenn ich das war, wo⸗ für er mich zu halten ſchien, mich gern heirathen und freimachen würde. Aber er überzeugte mich, daß dieſes unmöglich ſei, er ſagte, daß es eine Heirath vor Gott wäre, wenn wir uns treu wären. Wenn das wahr iſt, war ich nicht das Weib jenes Mannes? War ich nicht treu? Habe ich nicht ſieben lange Jahre jeden Blick, jede Bewegung ſtudirt und nur ge⸗ lebt und geathmet, um ihm zu gefallen. Er hatte das geibe Fieber, und wohl zwanzig Tage und Nächte habe ich bei ihm 300 gewacht und gewartet,— ich allein— und ihm Medizin gegeben und alles für ihn gethan, und dann nannte er mich ſeinen guten Engel und ſagte, ich habe ihm ſein Leben ge⸗ ſchenkt. Wir hatten zwei ſchöne Kinder, das erſte war ein Knabe und wir nannten ihn Henry. Er war ganz das Bild ſeines Vaters., Er hatte ſo ſchöne Augen, ſo eine Stirn, und ſein Haar in Locken um dieſelbe und er hatte ganz ſeines Vaters Geiſt und Talent. Die kleine Eliſe, ſagte er, ſähe mir ähnlich, er pflegte mir zu ſagen, ich ſei das ſchönſte Weib in Louiſtana, und er wäre auf mich und die Kinder ſtolz. Er ſah es gern, wenn ich ſie putzte, und fuhr oft mit ihnen und mit mir in einem offnen Wagen umher, um die Bemerkungen zu hören, welche die Leute über uns machten, und er erfüllte meine Ohren beſtändig mit den Schmeicheleien, die zum Lobe der Kinder geſagt wurden. O, es waren glückliche Tage! Ich glaubte, daß ich eben ſo glücklich ſei, wie nur irgend einer ſein könne; doch dann kamen ſchlimme Zeiten. Er hatte einen Vetter, der nach New⸗Orleans kam und ſein ganz beſonders guter Freund war. Er hätte die Welt auf ihm gebaut, aber als ich ihn das erſte Mal ſah, fürchtete ich ihn ſchon, obgleich ich nicht ſagen konnte, warum?, Denn ich fühlte ſicher, daß er Unglück über uns bringen würde. Er überredete Henry, mit ihm auszu⸗ gehen, und öfters kamen ſie erſt ſpät des Nachts heim. Ich wagte kein Wort zu ſagen, denn Henry war jähzornig, und dies fürchtete ich. Er fuͤhrte ihn in die Spielhäuſer, und er war einer von denen, die ſich nicht mehr zurückhalten laſſen, ſobald ſie ein⸗ mal dort hineingekommen ſind, und dann ſeut⸗ er ihn einer andern Dame vor, und ich bemerkte bald, daß ich ſein Herz verloren hatte. Er ſagte es mir nie, doch ich erkannte es Tag für Tag. Ich fühlte, wie mir das Herz brach und doch f⸗ ich kein Wort ſagen. Der Böſewicht erbot ſich dann, mich und die Kinder von Henry zu kaufen, damit er ſeine Spielſchulden decken könne, die ihn verhinderten, ſich, wie er's wünſchte, zu verheiraten, und er wertauft uns. Er ſagte mir eines Tages, daß er Geſchäfte auf dem Lande habe, und zwei bis drei Wochen lang fortbleiben werde. Er ſprach freundlicher als gewöhnlich, und ſagte, er würde zurückkom⸗ men. Aber es täuſchte mich nicht; ich wußte, daß die Zeit gekommen wäre. Ich war ſogleich wie verſteinert, ich konnte nicht ſprechen und keine Thränen vergießen. Er küßte mich und die Kinder ſehr oft, und ging weg. Ich ſah ihn auf ſein Pferd ſteigen und blickte ihm nach, und dann ſiel ich und wurde ohnmächtig. Dann kam er, der elende Böſe⸗ 301 wicht; er kam Beſitz von uns zu nehmen. Er ſagte mir, daß er mich und meine Kinder gekauft habe, und zeigte mir die Pa⸗ piere. Ich verfluchte ihn vor Gott und ſagte ihm, daß ich eher ſterben, als mit ihm leben wolle. Ganz wie es Dir be⸗ liebt, ſagte er, wenn Du Dich aber nicht vernünftig aufführſt, werde ich die beiden Kinder verkaufen, daß Du ſie nie wieder ſehen ſollſt. Er ſagte mir, daß er von dem erſten Moment an, wo er mich geſehen, ſich vorgenommen habe, mich in ſeinen Beſitz zu bringen, und daß er Henry hineingezogen und ihn abſichtlich in Schulden verwickelt habe, um ihn bereitwilliger zu machen, mich zu verkaufen, daß er ihn in die Schlinge einer Andern gelockt, und daß ich aus alledem ſehen könne,„ er würde mich wegen einiger unangenehmen Mienen und Thränen, und Dinge dieſer Art, nicht fahren laſſen. Ich er⸗ gab mich, denn die Hände waren mir gebunden. Er hatte meine Kinder, und wenn ich irgend welchen Widerſtand leiſtete, pflegte er von ihrem Verkauf zu ſprechen, und machte mich dadurch ſo unterwürfig, wie er es wünſchte. O! welch ein Leben war das! Zu leben mit gebrochenem Herzen, jeden Tag fort zu lieben, ein elendes Leben an Leib und Seele an Je⸗ mand gefeſſelt zu ſein, den man haßt. Ich hatte meine Freude daran, Henry vorzuleſen, ihm vorzuſpielen, mit ihm zu tanzen und mit ihm Lieder zu ſingen, aber Alles, was ich für dieſen that, war mir ein wahres Gift— und doch hatte ich Furcht, ihm etwas zu verweigern. Er war ſehr ſtreng und gebieteriſch gegen die Kinder⸗ Eliſe war ein furchtſames, kleines Ding, doch Henry war kühn und hochfahrend, wie ſein Vater und früher nicht im Mindeſten von Jemand bedrückt worden. Er hatte beſtändig zu tadeln und ihn auszuſchelten, und ich lebte in Furcht und Entſetzen. Ich verſuchte das Kind gegen ihn ehrerbietig zu machen— ich verſuchte ſie ausein⸗ anderzuhalten, denn ich hing mit Innigkeit an jenem Kinde, aber es nutzte nichts. Er verkaufte beide Kinder. Er nahm mich eines Tages zum Ausfahren mit, und als mich zu⸗ rückkehrte, war keine Spur von thnen vorhanden. Er ſagte mir, daß er ſie verkauft habe, und zeigte den Blutpreis. Da ſchien es, als ob mich alles Gute verlaſſen hätte. Ich raßte und fluchte, und verfluchte Gott und die Menſchen, und ich glaube, daß er einige Zeit mich wirklich fürchtete. Doch er gab nicht nach. Er ſagte mir, daß meine Kinder ver⸗ kauft ſeien, aber ob ich ſie je wiederſehen ſollte, hinge von ihm ab, und daß ſie dafür büßen ſollten, wenn ich mich nicht ruhig verhielt. Er machte mich unterwürfig, er machte mich fried⸗ „ 302 lich, er ſchmeichelte mir mit der Hoffnung, daß er ſie vielleicht zurückkaufen würde, und ſo vergingen ein Paar Wochen. Eines Tages war ich ausgegangen und kam an der Kalabuſe vorbei, ich ſah eine Menge Menſchen an der Thüre verſammelt und hörte eine Kinderſtimme— und plötzlich riß ſich mein Henry von zwei oder drei Männern, die ihn hiel⸗ ten, los, und lief ſchreiend auf mich zu und erfaßte mich am Kleide. Sie raunten mit entſetzlichen Flüchen ihm nach, und ein Mann, deſſen Geſicht ich nie vergeſſen werde, ſagte ihm, daß er nicht ſo wegkommen werde, und daß er ihm in die Kalabuſe folgen müſſe, um eine Lektion zu erhalten, die er nie vergeſſen ſolle. Ich flehte und bat, ſie lachten aber nur. Der arme Junge ſchrie und blickte mich an, er hielt ſich an mir bis ſie ihn weg und mir damit das halbe Kleid vom Leibe riſſen, und ſie trugen ihn hinein, während er beſtändig Mutter! Mutter! ſchrie. Ein Mann, welcher dabei ſtand, ſchien Mitleiden für mich zu fühlen und ich bot ihm alles Geld an, was ich bei mir trug, wenn er nur ein gutes Wort für ihn einlegen wollte. Er ſchüttelte den Kopf und ſagte, daß der Knabe, ſo lange er ſich in den Händen des neuen Herrn befunden, ſich ſtets un⸗ verſchämt und ungehorſam benommen, und daß er ein⸗ für alle⸗ mal einen Denkzettel erhalten müſſe. Ich wendete mich um und lief, und bei jedem Schritt, den ich machte, war es mir als hörte ich ihn ſchreien. Ich gelangte in das Haus und rannte athemlos in das Zimmer, wo ich Butler fand. Ich ſagte es ihm und bat ihm hinzugehen und ſich zu verwenden; aber er lachte nur und ſagte, daß dem Knaben nach Verdienſt ge⸗ ſchehen ſei. Er müſſe geartet werden, je eher deſto beſſer; was ich wohl erwarte?“ fragte er. Es war mir, als ob in jenem Momente etwas in meinem Kopfe reiße; ich wurde ſchwindlig und wüthend. Ich erinnere mich, ein großes ſcharfes Bowinmeſſer auf dem Tiſch geſehen zu haben, das ich ergriff und auf ihn zurannte und dann wurde Alles dunkel und ich wußte viele Tage lang nichts von mir. Als ich zu mir kam, befand ich mich in einem netten Zimmer, aber nicht im meinigen. Eine alte Schwarze pflegte mich und ein Doktor war da, mich zu behandeln, und man trug große Sorge für mich. Nach einiger Zeit erfuhr ich, daß Butler verreiſt und ich in dies Haus geſchickt ſei, um verkauft zu werden, und daß dies der Grund wäre, weshalb man ſich meiner ſo annahm. Ich wollte nicht wieder geneſen und hoffte, daß es nicht ge⸗ ſchehen würde, aber trotzdem, was ich auch thun mochte, verließ 1 2 — mich das Fieber und ich geſundete. Man zwang mich dann, mich zu putzen und es kamen Herren mit ihrer Cigarre, ſahen mich an und ſtellten Fragen und handelten über meinen Preis. Ich war ſo düſter und ſchweigſam, daß mich Keiner von ihnen haben wollte. Sie drohten mir mit Schlägen, wenn ich nicht um freundlich ſein würde. Endlich kam eines Tages ein Herr mit Namen Stuart; er ſchien einiges Gefühl für mich zu haben, er ſah, daß etwas Furchtbares auf meinem Herzen läge und er kam verſchiedene Male, um mich allein zu ſehen und überredete mich endlich, es ihm zu ſagen. Zuletzt kaufte er mich und verſprach, Alles zu thun, was er könne, um meine Kinder ausfindig zu machen und zurückzukaufen. Er ging in das Hotel zurück, wo mein Henry war und man ſagte ihm, er ſei an einen Pflanzer oben am Pearl⸗River verkauft worden und das war das letzte, was ich je wieder von ihm gehört habe; dann machte er ausfindig, wo meine Tochter ſich befand: ſie wurde von einer alten Frau erzogen. Er bot eine große Summe für ſie, aber man wollte ſte nicht verkaufen. Butler hörte, daß er ſie für mich kaufen wollte, und er ließ mir ſagen, daß ich ſie nie wieder erblicken werde Kapitain Stuart war äußerſt gütig gegen mich, er hatte ein herrliches Gut und brachte mich dorthin. Im Laufe des Jahres wurde mir ein Sohn geboren. O, jenes Kind, wie liebte ich es! Das kleine Ding ſah ganz wie mein armer Henry aus! Aber ich hatte meinen Entſchluß gefaßt! ja ich hatte ihn gefaßt! Ich wollte nie wieder ein Kind leben und aufwachſen laſſen; als der Kleine vierzehn Tage alt war, nahm ich ihn in meine Arme, küßte ihn und weinte über ihn und gab ihm Dpium, dann hielt ich ihn dicht an meiner Bruſt, während er ſich todt ſchlief. Wie betrauerte und beweinte ich ihn! Und wer hatte je anders geglaubt, als daß es nur ein Verſehen geweſen ſei, was mich veranlaßte, ihm Opium zu geben? Aber es iſt eins von den wenigen Dingen, über die ich jetzt froh bin. Das Kind hat ſeine Schmerzen überwunden. Was könnte ich dem armen Kinde beſſers geben, als den Tod? Nach eini⸗ ger Zeit kam die Cholera und Kapitain Stuart ſtarb; ein Jeder, dem ich das Leben wünſchte, ſtarb— und ich— ich kam bis an die Pforten des Todes— aber ich blieb am Leben! Dann wurde ich verkauft und ging von Hand zu Hand bis ich welk und runzlich wurde, ich hatte ein Fie⸗ berz zuletzt kaufte mich dieſer Elende und brachte mich hierher — und hier bin ich!“—. Das Weib hielt inne. Sie hatte ihre Geſchichte mit 304 haſtigen Worten und mit wildem, leidenſchaftlichen Ausdruck erzählt— bald als ob ſie dieſelbe an Tom richte, bald wie in einem Selbſtgeſpräch. So heftig war die Gewalt gewe⸗ ſen, mit welcher ſie ſprach, daß Tom, ſo lange ſie dauerte, ſelbſt den Schmerz ſeiner Wunden vergeſſen hatte und auf ſeinem Ellenbogen geſtützt, ſie beobachtete, während ſie ruhe⸗ los mit ihren um ſie wallenden, ſchwarzen langen Haaren auf⸗ und abging. „Du ſagſt mir,“ ſagte ſie nach einer Weile,„daß es einen Gott gebe— einen Gott, der herniederſieht und alle. dieſe Dinge ſchaut. Es mag ſo ſein. Die Schweſtern im Kloſter erzählten mir von einem Tage des Gerichts, wo Alles an's Licht kommt; wird es dann keine Rache geben? Sie denken, daß es Nichts ſei, was wir leiden— daß es Nichts ſei, was unſere Kinder leiden! Es iſt Alles nur eine Klei⸗ nigkeit, und doch bin ich die Straßen durchwandert, in mei⸗ nem Herzen Elend, ſchwer genug, um durch ſeine Laſt die Stadt tief unter die Erde hinabzudrücken. Ich wünſchte, daß die Häuſer auf mich fallen oder das Pflaſter unter mir ver⸗ ſinken möchte! Ja, und am Tage des Gerichts werde ich vor Gott gegen Die Zeugniß ablegen, die mich und meine Kin⸗ der mit Leib und Seele in's Verderben gebracht haben. Als ich ein Mädchen war, dachte ich, ich ſei fromm. Ich liebte Gott und das Gebet. Jetzt bin ich eine verlorene Seele und von Furien verfolgt, die mich Tag und Nacht peinigen; ſie treiben und drängen mich dazu— und ich werde es auch noch einmal thun!“ rief ſie, indem ſie die Fauſt ballte, wäh⸗ rend ein wahnſinniges Vicht in ihren tief ſchwarzen Augen aufblitzte.„Ich werde ihn noch eines Nachts dorthin ſchicken, wohin er gehört— es iſt für ihn kein anderer Weg— wenn man mich auch dafür lebendig verbrennt.“ Ein langes, wil⸗ des Gelächter hallte durch den öden Raum und endete mit einem hyſteriſchen Schluchzen; ſie warf ſich mit konvulſiviſchem Stöhnen auf den Boden. In wenigen Augenblicken war je⸗ doch der Anfall der Raſerei vorüber, ſie erhob ſich langſam und ſchien ſich zu erholen. „Kann ich noch Etwas für Dich thun, mein armer Burſche?“ fragte ſie, indem ſie ſich der Stelle näherte, wo Tom lag.„Willſt Du noch ein wenig Waſſer haben?“ In der Stimme und dem Benehmen, womit ſié dies ſagte, war eine gütige, theilnehmende Süßigkeit, das höchſt ſeltſam von der früheren Verſtörtheit abſtach. 305 Tom trank das Waſſer und blickte ihr ernſt und mitlei⸗ dig in's Geſicht. O Miſſis, ich wollte, Sie gingen zu dem, der ihnen Waſſer des Lebens reichen kann!“ „Zu ihm!— Wo iſt er? Wer iſt er?“ fragte Caſſy. „Zu Dem, von welchem Sie mir vorgeleſen haben— zum Herrn.“ „Ich habe als Mädchen ſein Bildniß über dem Altar geſehen,“ ſagte Caſſy, deren dunkle Augen jetzt einen Ausdruck wehmüthiger Tränmerei annahmen,„aberer iſt nicht hier. Hier giebt es nichts als Sünde und lange, lange, lange Ver⸗ zweiflung.“ „O!“ ſie legte ihre Hand auf ihre Bruſt und athmete tief auf, wie um eine ſchwere Laſt zu erheben. Tom machte Miene, ihr zu widerſprechen, ſie ſchnitt ihm aber die Rede mit einer entſchiedenen Bewegung ab. „Sprich nicht, mein armer Burſche. Suche zu ſchlafen, wenn Du kannſt.“ Und nachdem ſie ihm Waſſer hingeſetzt und Alles gethan, was zu ſeiner Erleichterung möglich war, verließ ſie den Schuppen. Vierunddreißigſtes Kapitel. Die Reliquien Das Wohnzimmer Legrees war geräumig und lang, mit einem großen weiten Kamin. Es war früher mit koſtbaren Tapeten geſchmückt, welche aber jetzt zerriſſen und lumpig her⸗ abhingen. In denſelben herrſchte ein durch Feuchtigkeit, Schmutz und Mangel an Luft hervorgebrachter Modergeruch. Im Kamin ſtand eine Kohlenpfanne mit glühenden Kohlen, denn Legree mußte immer etwas haben, um ſeine Cigarre anzuzünden und Waſſer zum Grogk heiß zu machen. Die rothe Gluth erhellte das Zimmer genügend, um die Unordnung darin zu bemerken, denn Sattel, Zäume, Peitſchen, Büchſen, Röcke und dergleichen lagen in wilder Verwirrung umher, und die großen Hunde hatten ſich nach ihrer Bequemlichkeit Plätze dazwiſchen geſucht, und lagen ſchlafend da. Legree . 2⁰ 306 füllte ſich aus einem zerbrochenen Kruge ein Glas Grogk und brummte zwiſchen den Zähnen:„der verfluchte Sambo! daß er mich zu dem Skandal mit dem neuen Neger aufgehetzt hat. Der Burſche wird die ganze Woche nicht arbeiten können, und noch dazu jetzt, wo die Arbeit drängt.“ „Ja, das iſt Deine Manier,“ ſprach hinter ihm eine Stimme; es war Caſſy, die ſich hineingeſchlichen hatte. „Ha! ſchon wieder da, Du Teufelsbraten!“ fuhr Legree erſchrocken auf. „Ja wohl, und ich bin hier um meinen Willen zu haben,“ ſprach Caſſy mit feſter Ruhe. „Ich werde aber meinen Vorſatz durchführen. Entweder benimmſt Du Dich wie es Dir zukommt, oder Du bleibſt unten im Negerquartier, und arbeiteſt und lebſt mit den Andern.“ „Das will ich tauſendmal lieber, als in Deinen Klauen ſein,“ ſprach Caſſy zornglühend. „Aber Du biſt doch in meinen Klauen,“ ſprach Legree höhniſch,„und das iſt das Beſte. Setze Dich auf meinen Schooß und ſei vernünftig.“ „Simon Legree, hüte Dich!“ ſprach das Weib mit fun⸗ kelndem Blick und ſo wahnſinnigem Ausdruck, daß Legree ſich unwillkürlich entſetzte.„Du haſt Furcht vor mir, und Du haſt auch Urſache dazu. Sieh Dich vor, ich habe den Teufel im Leibe.“ „Wahrhaftig, ich glaube es ſchon,“ indem er ſie furcht⸗ ſam anblickte.„Warum biſt Du nicht mehr ſo liebenswürdig wie früher, Caſſy?“ „Wie früher?“ ſagte Caſſy bitter, indem ſich eine Wolke von düſtren Erinnerungen in ihrem Innern zu ſammeln ſchien. Sie hatte ſtets auf Legree Einfluß gehabt, wie dies jedes kräftige Weib ſelbſt über den roheſten Mann ausübt. Aber durch die beſtändige Unterwürfigkeit unter Legrees tyran⸗ niſchem Willen, hatte ihre Reizbarkeit ſich zu einem wahren Wahnſinn geſteigert, der für Legree grauſamerregend war, wie dies ſtets der Fall bei ungebildeteten, rohen und aber⸗ gläubiſchen Menſchen iſt. Als Emmeline ins Haus kam, glimmte noch der letzte Funke weiblichen Gefühls in Caſſy's abgeſtumpftem Herzen auf und ſie nahm das verlaſſene Mädchen etwas in Schutz, wo⸗ durch ſie mit Legreen arg zuſammenkam, der ihr drohte, ſie zur Feldarbeit zu ſchicken, wenn ſie ſich zurückzöge. Caſſy er⸗ widerte trotzig, ſie wolle arbeiten, und ſo arbeitete ſie, wie — 307 ſchon erzählt, mit den Arbeitern, um Legree zu zeigen, wie wenig Gewicht ſie auf ſeine Strafe legte. Die ſchmachvolle Behandlung Toms hatte ſie noch mehr gereizt, und ſie war jetzt in Legrees Zimmer getreten, um ihm Vorwürfe zu machen. „Ich wünſchte, Du führteſt Dich manierlich auf, Cafſy,“ ſprach Legree. „Ich manierlich? Dein Teufels⸗Charakter hat nicht ein⸗ mal den Verſtand einen tüchtigen Arbeiter in dringender Ar⸗ beit zu ſchonen.“ „Das iſt wahr, ich bin verrückt geweſen, daß ich ſolchen Auftritt herbeiführte. Aber der Eigenſinn dieſes Burſchen muß gebrochen werden,“ ſetzte er trotzig hinzu. „Den wirſt Du niemals unterdrücken,“ ſprach Caſſy. „Nicht?“ ſchrie Legree wüthend.„Das wollen wir ein⸗ mal ſehen. Das wäre der erſte Neger, den ich nicht bän⸗ digte. Lieber will ich ihn alle Knochen zerſchlagen.“ Indem kam Sambo herein, und überreichte mit krum⸗ men Rücken und unterwürfigeu Mienen etwas, das in Pa⸗ pier eingewickelt war. „Was iſt das, Du Hund?“ fragte Legree. „Es ein Zauberding.“ „Was?“ „Etwas, was die Neger ſich von den Heren gegen die Schmerzen beim Schlagen geben laſſen. Tom trug es um den Hals an einer ſchwarzen Schnur,“ ſprach Sambo. Legree war abergläubiſch wie alle grauſame und rohe Naturen, er öffnete ſcheu das Papier und herausſiel— eine Dollar und eine lange, blonde Locke— eine glänzende Locke, deren Haare ſich wie lebend zwiſchen und um ſeine Finger ſchlängelten.„Hölle und Teufel!“ ſchrie er wüthend und weiß wie Kalk,„wo iſt das her? weg damit! Wozu bringſt Du mir das?“ und er ſchlenkerte die Locke von ſeinen Fingern los, und warf ſie ins Feuer. Sambo ſtand ſtarr vor Erſtaunen mit geöffnetem Munde da, und Caſſy hemmte ihren Schritt, ebenfalls mit größter Ueberraſchung Legree anblickend. „Bringe mir nicht wieder ſolche Teufelsſachen,“ fuhr Legree, ſich erholend, fort, indem er die Fauſt gegen Sambo erhob, ſich dann umwendete und den Dollar zum Feuſter hin⸗ ausſchleuderte. Sambo entſprang eilig, und auch Caſſy ſchlüpfte fort, um dem armen Tom einige Hülfe angedeihen zu laſſen. 20* 308 Und warum war Legree beim Anblick der Locke ſo grauen⸗ haft entſetzt? Wir wollen ein Ende zurückgehen in Legree's Jugendzeit. So böſe und laſterhaft der gottloſe Mann auch jetzt war, ſo hatte ihn doch einſt eine Mutter an ihrem Her⸗ zen gewiegt, ihn mit Gebeten in den Schlaf geſungen und das Waſſer der heiligen Taufe ſeine damals reine Stirne be⸗ netzt. Eine blondhaarige Mutter hatte ihn in's Gotteshaus geführt und mit hingebender Liebe großgezogen.— Aber mehr ſich zu ſeinem hartherzigen Vater hinneigend, hatte er ihre guten Rathſchläge und ihre Liebe mit Füßen getreten und in den Wind geſchlagen, und ſich in frühen Jahren auf die See ge⸗ worfen. Nur einmal war er in's Mutterhaus zurückgekehrt, und da hatte das Mutterherz ihn mit Thränen und Flehen auf den Weg des Guten zurückführen wollen mit jener ewi⸗ gen, unergründlichen Liebe, womit nur eine Mutter begabt ſein kann. Das war der Tag der Gnade für Legree. Der Engel des Guten klopfte warnend an die ſchon hart werdende Hülle ſeiner Seele, und die Hand der ewigen Barmherzigkeit Gottes ſtreckte ſich ihm entgegen. Aber der böſe Engel trug den Sieg davon, und Legree verſank tmmer tiefer in Laſter und Rohheit, und als die trauernde Mutter in einer Nacht ihn fußfällig anflehte, ſich zu beſſern, ſtieß er ſie mit den Füßen von ſich und floh auf's Schiff. Das einzige, was er wieder von ihr hörte, war die Nachricht von ihrem Tode, und daß ſie ihn noch geſegnet und ihm verziehen habe. Aus dem Briefe, durch welchen er obige Nachricht empfing, fiel eine lange blonde Locke ſeiner Mutter heraus und wandſich um ſeine Finger. Es liegt ein ſo entſetzlicher Zauber im Böſen, welcher ſelbſt die ſüßeſten und heiligſten Dinge in Furcht und Entſetzen verwandelt. Jene todte Mutter, ihre flehenden Gebete und ihre verzeihende Lebe waren für ſein Sünderherz nur Strafe der Verdamm⸗ niß und laſteten auf ihm, wie der Zorn des jüngſten Ge⸗ richts. Er verbrannte Brief und Locke und verſuchte im Taumel des Laſters und der Trunkenheit die Erinnerung daran zu verſenken, aber oftmals in der feierlichen Stille der Nacht, welche die Seele des Böſen zur Erkenntniß zwingt, ſtiegen jene Bilder der Vergangenheit vor ſein Auge auf, und er fühlte die Thränen der Mutter auf ſein Geſicht und das weiche Haar ſich um ſeine Finger wickeln. Ihr, die Ihr nicht begreifen könnt, wenn im Evangelium ſteht:„Gott iſt die Liebe und ein verzehrendes Feuer, ſeht Ihr nun ein, daß für die, dem Böſen anheimgefallene Seele, die ewige Liebe das verzehrendſte Feuer iſt?“ 309 „Zum Teufel,“ ſprach Legree, indem er ein Glas nach dem andern hinunterjagte,„wo er das nun her hat? Es ſah gerade aus wie— hul ich dachte gar nicht mehr daran, daß man ſo etwas gar nicht vergeſſen kann! Zum Henker, ich fühle mich einſam, Emmeline ſoll kommen, ich weiß, der Gras⸗ affe kann mich nicht leiden, aber der Henker ſoll ſie hölen! Sie ſoll und muß kommen.“ Und er trat in die ehemals prächtige, jetzt aber ſchmutzige und mit Gerumpel bedeckte Ve⸗ randa hinaus. Eine Treppe führte ins obere Stockwerk, an derem Fuße er ſtehen blieb.„Horch! was iſt das wieder?“ Er hörte eine ſanfte, melancholiſche Stimme ſingen: „O, da wird es geben Jammer! Jammer! O, da wird es geben Jammer, Jammer,. Vor Chriſti Richterthron!“ „Hol' der Teufel das Mädchen,“ brummte Legree.„Ich werde ſie erwürgen, Emmeline! Emmeline!“ Aber das ſpottende Echo antwortete. Die Stimme ſang weiter: „Eltern und Kinder werden dort ſcheiden, Eltern und Kinder werden dort ſcheiden, Scheiden auf Nimmerwiederſehn!“ Und hell und laut ſchallte der Refrain: „O da wird man hören Jammer, Vor Chriſti Richterthron!“ Legree ſtand ſtill. Auf ſeiner Stirn perlten dicke Tropfen, ſein Herz klopfte vor Furcht und Grauen, und er glaubte ſo⸗ gar eine weiße Geſtalt zu ſehen. Er ſchauderte, wenn er dachte, daß dies ſeine todte Mutter ſein könnte.„So viel weiß ich,“ ſprach er zu ſich ſelbſt, nachdem er in ſein Zimmer zurückgegangen war und die Thür feſt zugeſchlagen hatte,„ich werde den Burſchen jetzt in Ruhe laſſen. Ich glaube, ich bin behert von ſeinen verwünſchten Papieren. Wo er das nur her hat? Das konnte es übrigens nicht ſein! Das hatte ich verbrannt, ich weiß es ſicher. Das wäre noch hübſcher; wenn todtes Haar wieder auferſtünde!“ fügte er lachend hinzu als ſein Muth wieder etwas wuchs.„Heda! wacht auf! Ihr ſollt mir Geſellſchaft leiſten!“ rief er, indem er ſeinen Hunden pfiff. Aber die Hunde blieben ſchlafend liegen.„Sambo und Quimbo ſollen kommen und tanzen und ſingen,“ ſprach er weiter, indem er den Hut aufſetzte, heraustrat und in ein 310 Horn ſtieß, wodurch er ſeine beiden ſchwarzen Satelliten her⸗ bei zu rufen pflegte. Er hatte in gnädiger Laune die Ge⸗ wohnheit, jene beiden Ehrenmänner in ſein Zimmer zu holen, ſie zu berauſchen, und ſie dann nach ſeinem Belieben ſingen, tanzen oder ſich balgen zu laſſen. Es war in jener Nacht, als Caſſy von dem armen Tom zurückkehrte, dem ſie ihre Liebesdienſte gebracht hatte, als ſie ein wildes Jolen, Schreien und Hundegebell aus Legrees Zimmer hörte. Sie ſtieg die Stufen der Veranda hinauf und blickte durchs Fenſter. Hier ſah ſie nun Legree und ſeine beiden Sclaven in toller Betrunkenheit ſingen, ſchreien und tanzen, Tiſche und Stühle umherwerfen, und ſich gegenſeitig die wider⸗ lichſten Grimaſſen machen. Sie ſtützte ſich auf das Fenſter⸗ geſimms und blickte düſter auf dieſe Scene der Gemeinheit und Rohheit. Namenloſe Verachtung und Erbitterung lag in ihren ſchwarzen Augen. „Wäre es eine Sünde, die Welt von einem ſolchen Scheu⸗ ſal zu befreien?“ fragte ſie ſich ſelbſt. Sie wendete ſich ſchnell ab, und durch eine Hinterthür 2 ſie die Treppe flüchtig hinauf, und klopfte an Emmelinens Fünfunddreißigſtes Kapitel. Emmeline und Caſſy. Caſſy trat ein. Sie fand Emmelinen im äußerſten Winkel des Zimmers ſitzend, bleich vor Furcht. Als jene eintrat, ſprang das Mädchen ängſtlich auf, doch als ſie Caſſy erkannte, eilte ſie anf ſie zu, umfaßte ſie und ſprach: „O Caſſy, wie bin ich froh, daß Du kommſt! Ich dachte ſchon, es wäre— o, Du weißt nicht, was für ein ſchrecklicher Lärm den ganzen Abend hier unten war!“ „Wie ſollte ich es nicht wiſſen, ich habe es oft genug ge⸗ hört,“ ſprach Caſſy düſter. „O, ſage Caſſy, könnten wir nicht fort von hier, irgend wo hin? In die Sümpfe— unter die Schlangen— gleich⸗ viel wohin, wenn wir nur fort könnten?“ 311 „Nirgendhin, als in unſer Grab!“ „Haſt Du es ſchon verſucht?“ „Ich habe genug von den Verſuchen und was darauf folgt, geſehen,“ ſprach Caſſy.„Er würde Dich von den Hunden aufſpüren laſſen, und Du würdeſt die Nacht nicht ſchlafen können, wenn ich Dir erzählte, was für Dinge hier ſchon vorgefallen ſind. Haſt Du da unten einen verkohlten Baumſtamm und rund herum den Boden mit ſchwarzer Aſche bedeckt geſehen? Frag Einen, was dort geſchehen, ob er wagen würde, es Dir zu ſagen. Ich mag es Dir nicht ſagen, was für Jammer⸗ geſchrei ſchon dort aufgeſtiegen iſt. Du wirſt es vielleicht ſelbſt hören, wenn jener arme Burſche ſo fortfährt, wie er angefan⸗ gen hat.“ „Entſetzlich,“ ſprach Emmeline, der das Blut in den Adern ſtockte, als ihr die Gerüchte einfielen, die ſie ſchon zuweilen von dem Verbrennen der Sklaven gehört hatte.„Was ſollen wir thun?“ frug ſie zagend. „Was Du thun ſollſt? Aushalten, was Du nicht ändern kannſt. Trinke von dem Branntwein, den er Dir anbietet und berauſche Dich, das wird Dir über Vieles weghelfen.“ „Abſcheulich! ich kann nicht, die Mutter hat mir ſo etwas ſtreng unterfagt.“ „Die Mutter?“ rief Caſſy mit bitterem Ausdruck.„Was nutzt es den Müttern, ihre Töchter ſind doch dazu beſtimmt, verkauft und verſchachert zu werden zur Schande, und ihre Seelen gehören dem, der ſie bezahlt. O, ich bin auch Mutter. ich habe auch eine Tochter, wer weiß, wo ſie ſich jetzt befindet. Ich wünſchte, ich wäre nie geboren, und ich würde ſterben, wenn ich es wagte.“ Und Caſſy blickte mit einem Blick düſterer Verzweiflung vor ſich hin. „Es wäre ſündhaft, ſich ſelbſt zu tödten,“ ſprach Emmeline. „Weshalb? Vieles was unter der Sonne geſchieht und geſchehen darf, iſt viel ſündhafter. Aber als ich im Kloſter war, haben mir die Schweſtern Dinge geſagt, die mir Furcht vor dem Tode eingeben. Wenn es damit abgemacht wäre, aber nachher—“ und ſie blickte trübe ſinnend vor ſich hin. Emmeline bedeckte ihre Augen und verbarg das Geſicht. Während dieſes Geſpräch zwiſchen Emmeline und Caſſy ſtattfand, war Legree, berauſcht von dem übermäßig genoſſenen Grogk, in ſeinen Stuhl geſunken, nachdem er ſeine beiden Sklaven fortgeſchickt hatte. Er war kein eigentlicher Trunken⸗ bold, und ſein angebornes Mißtrauen verhinderte ihn auch ſich einem gänzlich bewußtloſen Zuſtande hinzugeben. Aber 312 die ſieberhafte Aufregung des Abends und die innerlich er⸗ wachenden Qualen hatten ihn getrieben, mehr als gewöhnlich zu trinken, um ſie zu verbannen. O wie kann die Seele des Böſen es wagen, das heilige Reich des Schlummers und der Träume zu betreten? Das Land, deſſen nebelhafte Schatten ſo nahe an den Schauplatz der Vergeltung ſtreifen? Er träumte. Es war ihm, als ob eine verhüllte Geſtalt neben ihm ſtand. Er zitterte, obgleich der Schleier ihr Angeſicht verdeckte, aber er ahnte, was es war. Sie beugte ſich über ihn, und das lange, wallende Haar überflutete ihn, webte ſich ſchlängelnd um ſeinen Hals, zog ſich enger und enger zuſammen, daß er nur mühſam zu athmen vermochte. Eine flüſternde Stimme erfüllte ihn mit Grauen. Er ſah ſich am Rande eines Ab⸗ grunds ſtehen, aus welchen ſich Hände unſichtbarer Dämonen ſtreckten, um ihn hinabzuziehen. Caſſy ſtand lachend hinter ihm und ſtieß ihn hinab. Und die verſchleierte Geſtalt ent⸗ hüllte ihr Antlitz— es war ſeine Mutter— und wendete ſich weinend ab. Er ſiel tief und tiefer, während hölliſches Jauchzen und Gelächter um ihn herum ſchallte— und er erwachte. Die ſchöne Sonne röthete den Himmel mit ihrem Glanze, der Morgenſtern nahm mild glänzend Abſchied, den glänzen⸗ den Reigen der Sterne beſchließend, die allnächtlich ihr Feſt feiern. O mit welcher Feierlichkeit und Schönheit wird jeder neue Tag geboren, gleich als wollte er dem Sünder zurufen: Siehe, Du haſt noch einen Tag; ſtrebe nach der Unſterblich⸗ keit und ewige Glückſeligkeit! Ein Ruf, der in jeder Sprache auf der weiten Erde ertönt, aber Legree hörte ihn nicht! Mit einem Fluche erwachte er; was kümmerte ihn der Morgen⸗ ſonne Gold und der Glanz des Sternes, jenes Sternes, von Gottes eignem Sohne zu ſeinem Sinnbilde auserwählte. „Eine Höllennacht,“ ſprach er ſich ſchüttelnd, ein Glas Whisky hinunterſtürzend. „Du wirſt noch mehr davon erleben,“ ſprach trocken die in dieſem Augenblick eintretende Caſſy. „Wie meinſt Du das?“ fuhr Legree auf. „Das wirſt Du ſchon ſehen. Nun Simon, ich will Dir einen Rath geben, und der iſt, Tom unbehelligt zu laſſen.“ „Was geht das Dich an?“ „Mich geht es freilich nichts weiter an. Wenn Du, um Deine Laune zu befriedigen, einen Mann der Dich zwölf⸗ hundert Dollars koſtet tödten willſt, thue es. Du wirſt wiſ⸗ ſen, daß ich Dir ſchon mehrere tauſend Dollars gerettet habe, indem ich Deine Leute pflegte, wenn Du ſie zu Grunde ge⸗ richtet hatteſt. Und noch dazu in der Erntezeit. Du wirſt eine ſpärliche Baumwollenernte haben, und Du wirſt Deine Wette nicht verlieren? Man wird Dich nicht auslachen? Heh? O Legree, ich ſehe Dich ſchon, wie Du Deine ver⸗ lorne Wette bezahlſt! Ha, ha!“ Legree kannte, wie viele Pflanzer, nur einen Ehrgeiz, den, eine reiche Ernte zu erzielen, und hatte ſchon über den Ausfall der jetzigen mehrere Wetten abgeſchloſſen. Caſſy be⸗ rührte mit weiblicher Schlauheit die einzige Seite Legree's, welche noch anſchlug. „Nun gut,“ ſprach er,„es mag genug ſein, mit dem was er bis jetzt bekommen hat. Aber er ſoll um Nachſicht bitten.“ „Das wird er nicht thun, Simon, Du kennſt dieſe Art nicht, er wird ſich eher Stück für Stück tödten laſſen.“ „Das mag er, aber er ſoll thun was ich will,“ ſchrie Legree. „Und Du wirſt Deine Wette verlieren, indem Du ihn gerade jetzt von der Arbeit abhältſt.“ „Wir werden ſehen; er wird betteln wie ein Hund. Wo iſt er?“ „Im Maſchinenhauſe,“ ſprach Caſſy. Legree machte ſich auf den Weg dahin, aber doch mit einiger Beſorgniß und Erwartung, hervorgerufen durch die nächtlichen Träume und Caſſy warnende Reden. Er beſchloß allein mit Tom zu ſein, um ſich bei beſſerer Gelegenheit zu rächen, wenn er jetzt ſeinen Drohungen nicht weichen würde. Die Morgenſonne blickte auf Tom nach einer Nacht des Schmerzes. Aber die Warnung und Andeutung Caſſy's hatte nicht vermocht, ihn niederzudrücken; im Gegentheil, die Ruhe des Vertrauens hatte ihn mächtig geſtärkt. Er wußte nicht, ob dies nicht der letzte Tag ſeines irdiſchen Lebens ſei, aber ſein Herz jubelte bei dem Gedanken, um bald die oft geahnte Welt, den lichten Thron, den ſchönen Regenbogen, die weiß⸗ gekleideten Schaaren der Engel mit Kränze und Palmen und Harfen von Angeſicht zu Angeſicht ſchauen zu können, die ſo oft vor ſeinem Gedanken geſchwebt, und er hörte ohne Zittern und Zagen die Schritte ſeines Peinigers nahen. „Nun, mein Junge,“ ſagte Legree, indem er ihm einen Fußtritt gab,„wie haben Dir die Prügel gefallen? Hatte ich Dir nicht vorher geſagt, daß ich Dir noch etwas beibringen würde? Nicht mehr ſo naſeweis wie geſtern? Wollteſt Du mir * 314 wohl wieder eine Predigt halten?“ Tom ſchwieg.„Steh auf, Beſtie,“ rief Legree wieder. Tom verſuchte aufzuſtehen, aber es wurde ihm ſchwer.„Tom, mein Junge, was macht Dich heute ſo munter?“ Haſt Du Dich geſtern etwa erkältet? He?“ ſprach Legree ſpottend. Tom hatte ſich jetzt erhoben, und ſtand gerade da, ſeinen Herrn ruhig anblickend.„Teufel! Du ſcheinſt noch nicht genug gekriegt zu haben?“ rief Legree.“ „Jetzt falle auf die Knie und bitte ab,“ herrſchte er ihn an. Tom rührte ſich nicht.„Nieder, auf die Knie, Du Hund!“ ſchrie Legree, indem er ihm einen Peitſchenhieb verſetzte. „Mr. Legree,“ hub Tom an,„ich kann nicht. Ich habe gethan, was recht iſt, und werde es wieder thun, wenn es ſo kommt. Ich werde nie eine Grauſamkeit begehen, mag es kommen, wie es will.“ „Mr. Tom, weißt Du, was dann mit Dir geſchehen wird? Was Du bis jetzt bekommen haſt, iſt das Wenigſte. Ich binde Dich an einen Baum und zünde ein langſames Feuer um Dich an. Würde Dir das gefallen? Heh?“ „Maſter, Sie können nicht mehr thun, als den Leib tödten. Aber,“ und er richtete die Augen gen Himmel und faltete die Hände,“ darnach kommt die Ewigkeit!“ Ewigkeit! Dieſes Wort erfüllte die Seele des armen Negers mit Licht und Kraft, aber es drang auch in das Herz der Sünders, wie der Stich eines Skorpions. Legree knirſchte mit den Zähnen, aber die Gewalt des Böſen machte ihn ſtumm. Tom fuhr wie ein vom Zauber Befreiter mit erhöh⸗ ter Stimme fort: „Mr. Legree, da Sie mich gekauft haben, gehört Ihnen mein Körper, meine Kräfte, meine Arbeit, aber meine Seele gehört keinem Sterblichen. Ih halte zu Gott und ſeinen Ge⸗ boten, ich mag leben oder ſterben. Ich möchte lieber ſterben als nicht. Sie mögen mich todtſchlagen, verhungern oder ver⸗ brennen laſſen, dann komme ich eher dahin, wohin ich ſo gerne möchte.“ „Ich werde Dich ſchon herunterbringen,“ rief Legree wüthend. „Ich werde Hülfe haben,“ ſprach Tom ruhig. „Wer wird Dir helfen?“ „Gott, der Allmächtige.“ „Hol Dich der Teufel!“ ſchrie Legree ergrimmt, und ſtreckte Tom mit einem Fauſtſchlage zu Boden. In dieſem Augenblick berührte eine kalte Hand die ſeinige. Plötzlich ſtie⸗ gen die Schreckniſſe der vergangenen Nacht wieder vor ſeinen 315 Gedanken auf, und entſetzt wandte er ſich um— es war Caſſy, die ihn in franzöſiſcher Sprache anredete. „Biſt Du nicht ein Thor? Laß ihn laufen, ich werde ihn wieder zur Feldarbeit tüchtig machen. Iſt es nicht ſo wie ich Dir geſagt habe?“ Man ſagt, daß der Alligator und das Rhinozeros, trotz⸗ dem daß ſie in kugelfeſter Haut einhergehen, eine verwund⸗ bare Stelle haben; gerade ſo iſt es mit dem Böſewicht, ſeine verwundbare Stelle iſt die abergläubiſche Furcht. Legree wandte ſich um, und beſchloß, die Sache auf ſich ruhen zu laſſen.„Mach', was Du willſt,“ ſprach er verſtockt zu Caſſy.„Hörſt Du?“ ſprach er weiter, zu Tom gewendet, „ich werde mich jetzt nicht mit Dir befaſſen. Aber ich ver⸗ geſſe nie! Ich werde mich ſchon einmal an Deiner ſchwarzen Haut bezahlt machen. Ich werde es nicht vergeſſen.“ Und er ging hinaus. „Da geht er hin,“ ſagte Caſſy, ihm nachblickend, er wird auch nicht vergeſſen werden.— Nun, Tom, wie iſt es Dir, armer Burſche?“ „Der Herr hat ſeinen Engel geſandt und dem Löwen den Rachen verſchloſſen,“ ſprach der fromme Tom. „Diesmal gewiß,“ ſagte Caſſy,„doch nun haſt Du Dir ſeinen Zorn zugezogen, er folgt Dir Tag und Nacht und er wird an Dir hängen, wie ein Hund an Deiner Kehle, um Dein Blut auszuſaugen, und Dein Leben Tropfen für Tropfen hinſchwinden zu laſſen, ich kenne dieſen Mann!“ Sechsunddreißigſtes Kapitel. Freiheit. Gleichgültig, mit welcher Feierlichkeit er dem Altar der Sklaverei geweiht wurde, im Augenblick, wo er den engli⸗ ſchen Boden betritt, ſinkt der Götze und ſein Altar in Staub, und er ſteht erlöſt und neugeboren, und befreit durch den unwiderſtehlichen Genius der Menſchenbefreiung. Curran. Wir müſſen Tom auf eine Zeitlang den Händen ſeines Verfolgers überlaſſen, während wir das Geſchick Georges 316 und ſeines Weibes verfolgen, welche wir in freundlicheren Händen in einem Landhauſe an der Heerſtraße verließen. Tom Loker lag ſtöhnend und unwirſch in einem reinli⸗ chen Quäkerbett und der ſorgſamen Pflege der Tante Dorcas, die an ihm einen ſo geduldigen Pfleger fand, wie es nur ein kranker Büffel geweſen ſein würde. „Zum Teufel,“ ſagte Loker, indem er die Bettdecke zu⸗ rückwarf. „Ich muß Dich bitten, Thomas, nicht ſolche Worte zu brauchen,“ ſagte Tante Dorcas, indem ſie ruhig das Bett wieder in Ordnung brachte.. „Nun, Mütterchen, ich werde es unterlaſſen, wenn ich ſonſt kann,“ antwortete Loker,„aber es iſt ſo verflucht heiß, daß man wohl fluchen möchte.“ Tante Dorcas nahm eine von den Decken, ab ſtrich die Zurückgebliebenen glatt, und wickelte Tom Loker ein, wie eine Raupe in ihrer Hülle.„Ich wünſchte, Freund, daß Du vom Fluchen etwas abließeſt und über Dein Leben nachdächteſt.“ „Was Teufel,“ rief Loker wieder,„was ſoll ich dar⸗ über nachdenken? das wäre das Letzte. Meinetwegen mag Al⸗ les zum Henker gehen!“ Und er drehte ſich um und brachte Alles wieder in Unordnung.„Der Burſche und die Dirne ſind wahrſcheinlich hier,“ bemerkte er nach einer Pauſe. „Nun ja,“ antwortete Tante Dorcas. „Wenn ſie ſich nach dem See aufmachten, thäten ſie am Klügſten, und das je eher je beſſer.“ „Sie werden es auch wahrſcheinlich thun,“ ſagte Tante Dorcas, indem ſie ruhig ſtrickte. „Hören Sie,“ fuhr Loker fort,„wir haben Correſpon⸗ denten in Sandusky, welche die Dampfbvote überwachen. Mir iſt es jetzt gleich, wenn ſie durchkommen, und wäre es auch nur Marks zum Poſſen. Der verwünſchte Hund! Hol' ihn der Teufel!“ Aber Tbomas,“ ſagte verweiſend Tante Dorcas. ch ſage Ihnen Mütterchen, wenn Sie einen ſo feſt einpfropfen, muß man berſten.“ „Was aber,“ fuhr er fort,„das Mädchen betrifft, ſo ſchärfen Sie ihr ein, ſich zu verkleiden. Ihr Singnalement iſt in Sandusky.“ Wir werden das beachten“ ſagte die Dame mit voll⸗ kommener Ruhe. Da wir uns nun von Tom Loker trennen, wollen wir noch hinzuſetzen, daß, nachdem er einige Wochen an einem 317 rheumatiſchen Fieber, welches ſich ſeinen anderen Leiden zu⸗ geſellte, in dem gaſtlichen Quäkerhauſe gelegen hatte, als ein etwas gemäßigterer Menſch das Bett verließ und das Sklavenfangen mit dem Leben in einer der neuen Anſiede⸗ lungen vertauſchte, und dort mit Glück ſeinem Talente im Wölfen⸗, Bären⸗ und Füchſefangen durch Fallenſtellen anwen⸗ dete, ſo daß er ſich dadurch einen anſtändigeren Ruf in der Umgegend erwarb. Auf die Quäker war er ſehr gut zu ſprechen, und pflegte zu ſagen:„Ganz nette Leutchen; ſie wollten mich bekehren, aber es ging nicht recht. Aber ich will Euch was ſagen, Fremder, Kranke behandeln ſie ganz vortrefflich, und verſtehen es, die beſten Suppen und Lecker⸗ biſſen zu machen.“ Zufolge der Mittheilungen Lokers hielten unſere Freunde es für das Rathſamſte, getrennt zu reiſen. Jim wurde mit ſeiner alten Mutter vorausgeſchickt, und George und Eliza mit dem Knaben einige Tage ſpäter heimlich nach Sandusky gebracht, um von dort die letzte Fahrt über den See zu machen. Die Nacht neigte ſich jetzt, und der Morgen der Freiheit brach an. Freiheit! Elektriſches Wort! Was iſt es? Liegt darin mehr als ein Name, eine Phraſe? Warum klopft Euer Herz höher, Ihr Männer und Frauen von Amerika, bei dieſem Worte, für welches Eure Väter bluteten, und für welches Eure noch muthigeren Mütter ſich dazu verſtanden, ihre beſten und edelſten Söhne dem Tode zu weihen? Liegt etwas Theures darin für eine Nation, was nicht auch für den Ein⸗ zelnen theuer wäre? Iſt die Freiheit einer Nation nicht auch die Freiheit jedes Einzelnen? Und was iſt ſie für jenen jungen Mann, der dort mit übereinandergeſchlagenen Armen, die Farbe des afrikaniſchen Blutes auf den Wangen, deſſen dunkles Feuer in ſeinen Augen blitzt, vor uns ſteht, was iſt die Freiheit für George Härris? Für Eure Väter war die Freiheit das Recht einer Nation, eine Nation zu ſein, für ihn iſt ſte das Recht einds Menſchen, ein Menſch zu ſein; und nicht eine Waare oder ein Handelsartikel, ein Möbel, zu ſein; für ihn iſt ſie das Recht, das Weib ſeines Herzens ſeine Gattin zu nennen und ſie vor ſchrankenloſer Willkür zu ſchützen; das Recht, ſein Kind zu beſitzen und erziehen zu dürfen, das Recht, ein eigenes Haus, eine eigene Religion, einen 318 eigenen Charakter zu beſitzen, der dem Willen Anderer nicht unterworfen, und rückſichtslos auf Gnade und Ungnade über⸗ antwortet iſt. Dieſe Gedanken durchwogten ſein Gehirn, als er träu⸗ meriſch daſaß und ſeine Eliza betrachtete, wie ſie ſich anſchickte, die zu einer männlichen Verkleidung nöthigen Vorbereitungen zu machen. „Iſt es nicht ſchade darum,“ ſagte ſie lächelnd, indem ſie eine von ihren langen Flechten hinhielt, die ſie eben ab⸗ geſchnitten hatte.„Bin ich nicht ein hübſcher Junge,“ ſprach ſie erröthend und ſcherzhaft lachend, als ſie die letzte Locke abgeſchnitten hatte. „Du wirſt ſtets hübſch ſein, magſt Du auch ſein was Du willſt,“ ſprach George gedankenvoll. „Was macht Dich ſo trübe, George?“ ſprach Eliza, in⸗ dem ſie ſich vor ihm auf die Knie niederließ und ſeine Hand ergriff, ſind wir nicht in vierundzwanzig Stunden in Canada? und dann, oh dann!“ „O Eliza,“ ſprach George, indem er ſie an ſich preßte, „das iſt es eben! Unſer Schickſal conzentrirt ſich jetzt in einem Punkte. So nahe dem freien Lande, und doch noch die Mög⸗ lichkeit, alles zu verlieren! Ich würde es nicht überleben!“ „Fürchte nichts, George,“ ſprach Eliza vertrauungsvoll, „der Herr hat uns bis hierher gebracht, und ich fühle es in mir, er wird uns hinüberhelfen,“ „Ich will Dir glauben,“ ſprach er, ſich ſchnell ermannend, und aufſpringend.„Wir müſſen eilen,“ fuhr er fort, und ſie lächelnd betrachtend ſagte er:„Du biſt wirklich ein ganz hübſcher Burſche, ſo! ſetze die Mütze etwas ſchräg, ich habe Dich wirklich nie ſo hübſch geſehen. Doch, ob Mrs. Smith unſern Harry wohl ſchon ausſtaffirt hat?“ Mrs. Smith trat in dieſem Augenblick, den kleinen Harry in Mädchenkleidern an der Hand führend, herein. Der Kleine erkannte ſeine Mutter gar nicht, und man ließ ihn auch in der Ungewißheit, damit er nicht etwa durch die Trennung von ihr unmuthig würde. Mrs. Smith, eine achtbare Dame aus Kanada, welche eben im Begriffe war, dahin zurückzukehren, hatte eingewilligt, als Tante des Kleinen aufzutreten, und ſich mit einer ungeheueren Quantität Zuckerwerk und Kuchen ₰ verſehen, welche ihr ſehr bald die Zuneigung des jungen Herrn erwarben. Nachdem George ſeine Frau noch mit Mantel und was ſonſt nöthig war, bekleidet hatte, fuhr ein Wagen vor, und die freundliche Familie, bei welcher 319 ſie gaſtliche Aufnahme gefunden hatten, drängte ſich hinzu, um ihnen Lebewohl zu ſagen. Der Wagen fuhr nach dem Quai. Die beiden jungen Männer gingen mit Mrs. Smith und deren jetzigen Neffen an Bord, wobei„Herr Eliza“ galant der Mrs. Smith den Arm reichte, indem George an das Büreau trat, um die Billets zu bezahlen. Während er damit beſchäf⸗ tigt war, hörte er zwei Männer an ſeiner Seite ſprechen, von denen Einer ſagte: Ich habe jeden, der an Bord ſtieg, beobachtet, und weiß, daß ſie nicht dabei ſind. Es war der Sekretär des Bootes, und der Andere, zu welchem er ſprach, unſer früherer Freund Marks, der mit ſeiner energiſchen Ausdauer bis nach Sandusky gekommen war, um ſeine Beute aufzuſpüren. „Man würde“ ſprach Marks,„das Weib kaum von einer Weißen unterſcheiden können, und der Mann iſt auch ſehr hell. Aber er hat ein Brandmaal in der rechten Hand.“ Die beſprochene Hand zitterte wohl! So nah dem Ziel und ſo nah der Gefahr! Aber George faßte ſich, heftete vor⸗ ſorglich einen prüfenden Blick auf die Perſon Marks und ging zu Eliza. Er hatte die Beruhigung, zu ſehen, daß Marks, nachdem er nochmals prüfende Blicke umhergeworfen hatte, über die Planke zurück ans Land ging und das Boot ſetze ſich, majeſtätiſch die Wogen durchſchneidend, in Brwegung. Es währte nicht lange, ſo tauchten die geſegneten Ufer von Neu⸗England auf, dieſe Ufer, welche bei der erſten Be⸗ rührung jede Bannformel der Sklaverei, ſei es in welcher Sprache ſie lautete, oder durch welche Macht anderer Nationen ſie beſtätigt wurde, löſt. Als das Boot ſich der kleinen Stadt Amherſtburg näherte, ſtanden George und ſeine Frau Arm in Arm beiſammen, ein Nebel ſchwebte vor ſeinen Augen, er preßte ſchweigend die kleine, zitternde Hand Eliza's, als die Glocke plötzlich läutete. Das Boot hielt an— ſie waren frei! Ohne zu wiſſen, was er that, warf er ſein Gepäck ans Land, verſammelte ſeine kleine Geſellſchaft um ſich, und nach⸗ dem das Boot ſich wieder entfernt hatte, knieeten der Gatte und die Gattin mit dem verwunderten Kinde im Arm, unter Thränen und Umarmungen nieder und erhoben die Hände im inbrünſtigen Dankgebet zu Gott. D Ihr, die Ihr dem Menſchen die Freiheit raubt, wie wollt Ihr es vor Gott verantworten? 320 Siebenunddreißigſtes Kapitel. Der Sieg. Dem Himmel Dank, der uns den Sieg verleiht! Giebt es nicht viele, die auf dem müden Lebenswege fühlten, wie viel leichter es ſei, zu ſterben als zu leben? Wenn der Märtyrer einem Tode mit körperlichen Leiden ent⸗ gegen geht, ſindet er in den Schreckniſſen ſeines Verhängniſſes ſelbſt eine Anreizung und Betäubung. Dann beſeelt ihn eine. Aufregung, ein freudiger Schauer, eine Gluth, welche durch alle Leiden in der Geburtsſtunde des ewigen Ruhmes und der Ruhe führt. Aber leben, einen Tag gemeiner, bitterer, nied⸗ riger, peinigender Knechtſchaft nach dem andern, während jeder Nerv und jede Kraft des Gefühls erſchlafft, dieſes verzehrende Märtyrerthum des Herzens, dieſes langſame, tägliche Verblu⸗ ten des innern Lebens, das iſt der wahre Prüfſtein desjeni⸗ gen, was am Menſchen iſt. Als Tom vor ſeinem Peiniger ſtand, hatte er eine ſolche Fülle von Muth und Kraft, daß er glaubte, Folter und Feuer ertragen zu können, aber als er hinwegging, kehrte der Schmerz ſeiner zerſchlageneu, müden Glieder und das Gefühl ſeines hoffnungsloſen Zuſtandes wieder zurück. Noch bevor ſeine Wunden verharſcht waren, zwang Legree ihn wieder zur ſchwe⸗ ren Feldarbeit, und es folgte ein Tag der Ermattung und Hinfälligkeit nach dem andern, noch verſchlimmert durch jede Art der Ungerechtigkeit und Mißhandlung, die ein gemeiner Cha⸗ rakter nur auffinden konnte. Tom hatte geglaubt, hier und da eine Stunde zum Leſen ſeiner geliebten Bibel finden zu können, aber in der drängenden Baumwollenerntezeit nahm Legree nicht den geringſten Anſtand, ſeine Arbeiter den ganzen Sonntag heranzuziehen. Anfangs pflegte Tom nach vollbrach⸗ ter Arbeit einige Verſe zu leſen, aber nach der grauſamen Behandlung, die er hatte erdulden müſſen, waren ſeine Kräfte ſo geſchwächt, daß er nach vollbrachter Arbeit ſo müde und matt war, daß er ſich nur auf ſein hartes Lager werfen konnte. Iſt es da zu verwundern, wenn die Zuverſicht, welche ihn bis dahin aufgerichtet hatte, ſich in muthloſe Düſterheit verwan⸗ delte? Wochen und Monate lang rang Tom mit ſeinem Schmerz; er dachte an Miß Ophelia und an den Brief, welchen ſie an 321 Mr. Shelby geſchrieben hatte, und wenn dann immer noch keine Antwort und Nachricht kam, ſo drängte er dennoch die bittren Gedanken, daß Gott ihn verlaſſen habe, zurück. 4 Eines Abends ſaß er wieder aufs Aeußerſte erſchöpft 14 “ bei einigen glimmenden Kohlen, auf denen er ſein abendliches 1 Brod backte. Er warf einiges Holz aufs Feuer und zog ſeine Bibel hervor. Es war noch dieſelbe Bibel, derſelbe Inhalt, Worte von Patriarchen, Sehern, Dichtern und Weiſen, die 3 ſchon in frühen Zeiten den Menſchen Muth einſprachen. Hatte das Wort ſeine Macht verloren oder konnten die trüben Sinne nicht mehr der Begeiſterung folgen, kurz er ſteckte die Bibel mit ſchwerem Seufzer wieder in die Taſche. Ein rohes Lachen ſchreckte ihn auf. Legree ſtand hinter ihm. „Nun, alter Knabe, Du ſcheinſt zu bemerken, daß Deine Religion nichts hilft? Ich dachte mir wohl, daß ich endlich durch Dein Fell kommen würde.„Dieſer bittre Hohn war für Tom ärger als alle Schmerzen. Legree fuhr fort:„Du biſt ein Narr, ich meinte es Lut mit Dir, als ich Dich kaufte. Du hätteſt in Sambo und Quimbo's Stelle treten und die anderen Neger peitſchen können, und ich hätte Dir hin und wieder ein Gläschen gegeben, Nimm Vernunft an! Wirf das dumme Zeug da aus der Taſche ins Feuer, und tritt zu meiner Kirche über.“ „Das verhüte Gott!“ ſprach Tom. „Du ſiehſt aber, daß der Herr Dir nicht hilft. Die Religion iſt nichts als Betrug, ich kenne das. Halte Dich lieber an mich. Ich bin ein Mann von Gewicht und kann etwas thun.“ „Nein Maſter,“ ſprach Tom,„der Herr mag mir hel⸗ fen oder nicht, ich halte feſt an ihm, und glaube bis zum letzten Augenblicke an ihn.“ „Um ſo dümmer von Dir,“ rief Legree, ihm einen Fuß⸗ tritt verſetzend,„doch es iſt gleich, ich werde Dich ſchon mürbe machen und Dich krumm kriegen. Das ſollſt Du ſehen.“ Tom ſaß da, betäubt und uiedergedrückt durch ſo viele moraliſche und phyſiſche Leiden. Plötzlich ſchien alles um⸗ her ſich zu erhellen, und vor ihm erhob ſich die nebelhafte Geſtalt eines mit Dornen gekrönten blutenden Mannes, mit einem milden, aber majeſtätiſchen Geſicht. Die dunkeln, ſanf⸗ 3 ten Augen blickten tief in Toms Herz, und erfüllten ſeine Seele mit unnennbaren Gefühlen. Er ſtreckte die Hände empor und fiel auf die Knie. Die Geſtalt nahm zu an Licht 21 322 und Helle und die Spitzen der Dornenkrone ſtrahlten im hellſten Glanze um ihr Haupt wie eine Glorie. Die Er⸗ ſcheinung beugte ſich mit liebevollem Ausdruck über ihn, ſtreckte die Hände ſegnend über ihn aus und ſprach:„Wer überwindet, ſoll mit mir auf dem Throne ſitzen, ſo wie ich überwunden habe, und bei meinem Vater auf dem Throne ſitze!“— Wie lange Tom ſo dalag, wußte er nicht, aber als er erwachte, fühlte er nicht mehr die Kälte der Nacht, fühlte nicht mehr die Herabwürdigung, die Mißhandlungen, das Elend. Er löſte ſich in jener Stunde von jeder irdiſchen Hoffnung in dieſem Leben, und gab ſein Schickſal in die Hände der all⸗ waltenden Vorſehung. Diejenigen, welche mit der religiöſen Geſchichte der Skla⸗ ven bekannt ſind, werden nicht bezweifeln, daß dergleichen ſich oft mit ihnen ereignet. Wir haben ſelbſt aus ihrem eigenen Munde einige von höchſt rührendem Charakter erzählen ge⸗ hört. Der Pſycholog lehrt uns auch, daß es körperliche Zu⸗ ſtände giebt, in welchen die Empfindungen des Geiſtes ſo herrſchend und überwältigend werden, daß ſie die phyſiſchen Sinne zu ihrem Dienſte zwingen und ihren Bildern eine geiſtig lichtbare Form geben. Als das dämmernde Morgenlicht die kaum geſtärkten Schläfer zur ſchweren Arbeit weckte, befand ſich unter den ar⸗ men Burſchen einer, der mit triumphirenden Schritten einher⸗ ging, denn feſter als der Boden unter ihm, war der Glaube an die allgewaltige, ewige Liebe. Jetzt Legree verſuche Deine Kräfte! Deine Marter, Herabwürdigung und Mißhandlyng werden nur den Uebergang beſchleunigen, nach welchem er ein König und Prieſter des ewigen Reiches werden wird. Eine undurchdringliche Mauer des Friedens umgab von jetzt ab das Herz des armen Unterdrückten, und ein ſtets gegenwärtiger Heiland weihte es, wie einen Tempel. Die noch vor ihm liegende Lebensweiſe ſchien jetzt ſo kurz, die ewige Seligkeit ſo nahe, daß das äußere Wehe der Erde ihn nicht berührte. Heiterkeit und Kraft kehrten wieder in ihn zurück und konn⸗ ten durch keine Schmähungen und Mißhandlungen getrübt werden. Alle bemerkten dies, und auch Legree. „Was zum Teufel iſt mit Tom geſchehen? Vor Kurzem war er noch ganz niedergeſchlagen, und nun iſt er munter wie ein Heimchen,“ ſprach er eines Tages zu Sambo. „Ich weiß nicht, Maſter, vielleicht will er fortlaufen.“ „Ich möchte ihn das einmal verſuchen laſſen,“ ſprach Le⸗ ——————————————————„ gree mit boshaftem Lächeln.„Meinſt Du das nicht auch, Sambo?“ „Ha, ha, das wäre ein Spaß, ihn ſo durch die Sümpfe ſpringen zu ſehen, und die Hunde an ihm herumhängend. Ich denke noch mit Lachen daran, wie wir Molly fingen, ich dachte, ſie würde ganz zerriſſen ſein, ehe ich die Hunde von ihr loskriegen konnte. Sie trägt die Spuren noch heute.“ „Und wird ſie wohl bis an's Grab tragen,“ ſprach Le⸗ gree lachend.„Aber nun gieb Acht, Sambo, wenn der Nrger ſo etwas vorhat, ſo faß ihn ab.“ „Dafür will ich ſchon ſorgen,“ ſprach Sambo grinſend. 5 Legree ſtieg auf's Pferd, um in die Nachbarſchaft zu reiten. Als er am Abend wieder znrücktehrte, ritt er um das Gut herum, um zu ſehen, ob Alles in Ordnung ſei. Es war eine heitere, ſtille Mondnacht, und in der Luft herrſchte eine Ruhe, welche zu ſtören, unheilig geſchienen hätte. Da hörte er plötz⸗ lich eine männliche Stimme eine Methodiſtenhymne ſingen, er horchte. Es war Tom. „Daß der verdammte Hund das Singen nicht laſſen kann, ich mag dieſe Hymnen nicht leiden,“ brummte Legree, ging der Richtung zu, wo der Geſang herkam und rief Tom zu, indem er ſeine Peitſche erhob:„Wie fannſt Du Dich unter⸗ ſtehen, ſolchen Spektakel zu machen, anſtatt Dich auf's Ohr zu legen und zu ſchlafen? Den Augenblick halte Dein altes ſchwarzes Maul und mache, daß Du hineinkommſt!“ „Ja, Maſter,“ erwiederte Tom bereitwillig, und machte ſich daran, hineinzugehen. Legree ritt ihm nach und hieb ihm mit der Peitſche hef⸗ tig über den Kopf und die Schultern.„Da!“ rief er wüthend,„Du Hund, ſieh' zu, ob Dir jetzt noch behaglich iſt!“ Aber die Schläge trafen jetzt nur Toms Körper und nicht wie früher ſein Herz. Gelaſſen ſtand er da und Legree fühlte in ſeinem Innern, daß er durch irgend etwas die Macht über ſeinen Sklaven verloren haben mußte, und als Tom ver⸗ ſchwand, tauchte plötzlich in ihm ein Blitz auf, wie das Licht des Gewiſſens oft in die Nacht der ſündigen Seele fällt, es war Gott, der zwiſchen ihm und ſeinem Opfer ſtand! Der unterwürfige ſtille Mann, den weder Drohungen noch Grau⸗ ſamkeiten aus ſeiner Feſtigkeit bringen konuten, erweckte in ihm eine Stimme, wie Gott ſie in früherer Zeit in ſeiner Teufelsſeele erweckt hatte. Toms ganze Seele war erfüllt von Mitleiden mit den armen Geſchöpfen, von denen er umgeben war. Für' ihn 21* 324 ſchien alle Lebensqual vorüber zu ſein und es war ihm, als ſollte er aus dem ihm von oben herab zuertheilten Schatz von Freude und Friede den armen Bedürftigen mittheilen. Die Gelegenheit dazu war nur ſpärlich, aber es gelang ihm, wäh⸗ rend des Weges nach dem Felde und während der Arbeit den Niedergedrückten und Entmuthigten Worte des Troſtes zuzu⸗ ſprechen. Dieſe armen Geſchöpfe begriffen zuerſt nichts davon, als er aber Woche für Woche fortfuhr, begannen die im Herzen ſtumm verborgenen Seiten zu klingen. Nach und nach erlangte der arme Mann, der bereitwillig die Laſt anderer auf ſich nahm, der in kalten Nächten ſeine Decke hingab, um einen armen Kranken damit zu bedecken, der geduldig die Mißhandlungen ihres gemeinſchaftlichen Tyrannen ertrug, ohne je ein Wort der Klage oder des Fluches gegen ihn auszu⸗ ſtoßen, eine tiefe Macht über ihre Herzen, und als die drin⸗ gende Arbeitszeit vorüber war, ſammelten ſich viele um ihn, um von Jeſus ſich erzählen zu laſſen. Sie hätten ſich gern Alle an einen Ort verſammelt, um zu beten, aber Legree duldete es nicht und jagte mehrmals ſolche Gruppen unter ſchrecklichen Flüchen auseinander. Caſſy, die durch ihr qualvolles Leben oft zum Wahnſinn und zur Verzweiflung aufgeſtachelt wurde, hatte mehrmals beſchloſſen, die Stunde der Vergeltung eintreten zu laſſen⸗ und ihre Hand an den Bedrücker zu legen, von deſſen Grau⸗ ſamkeiten ſie oft genug Zeugin war. Eines Nachts, als alles ſchlief, klopfte ſie plötzlich an Toms Hütte und winkte ihm herauszukommen, als er erwacht war und ſie erkannt hatte. „Vater Tom,“ ſprach ſie, indem ſie ihn krampfthaft er⸗ faßte und aus dem Bereich der Schlafenden zog,„ich habe Nachrichten für Dich. Möchteſt Du nicht gern Deine Freiheit haben?“ „Ja, Miſſis Caſſy, ich werde ſie erhalten, wenn es Gott gefallen wird?“ „Du kannſt ſie aber noch heute Nacht erhalten,“ ſprach Caſſy mit auflodernder Entſchloſſenheit. „Komm mit. Er liegt in tiefem Schlaf. Ich habe genug in ſeinen Branntwein gemiſcht. Ich wollte, ich hätte mehr gehabt, dann brauchte ich Dich nicht. Aber komm, die Hinter⸗ thür iſt geöffnet, da liegt eine Art, ich habe ſie ſelbſt hinge⸗ 325 legt. Ich werde Dir den Weg zeigen. Ich würde es ſelbſt gethan haben, wenn mein Arm nicht ſo kraftlos wäre.“ „Nicht um tauſend Welten!“ rief leiſe Tom, aufs Aeu⸗ ßerſte erſchreckt. „Aber denke an die armen Geſchöpfe, wir können ent⸗ fliehen in die Sümpfe und finden vielleicht eine Inſel, wo wir leben können. Ich habe oft genug ſo etwas gehört.“ „Nein, niemals!“ ſprach Tom feſt.„Aus Böſem kommt nie Gutes. Ich werde meine Hand nicht gegen ihn erheben.“ „Dann werde ich es thun,“ ſprach Caſſy, ſich um⸗ wendend. „O Miſſis, um des lieben Heilands willen, thun Sie es nicht,“ rief Tom ſchmerzlich, indem er ſie feſthielt.„Ueber⸗ geben Sie Ihre Seele nicht auf dieſe Weiſe dem Teufel. Der Herr hat uns nicht zu Rächern erwählt. Wir müſſen geduldig die Zeit erwarten.“ „Erwarten?“ rief Caſſy wild.„Habe ich nicht genug gewartet? Gewartet bis mein Kopf verwirrt und mein Herz frank wurde? Was! hat er mich nicht leiden laſſen und was haben die armen Geſchöpfe nicht leiden müſſen? Ich werde gerufen! ſie rufen mich! ſeine Zeit iſt gekommen und ich muß ſein Blut haben.“ „O Miſſis,“ rief Tom,„der Satan will ihre Seele haben. Wenden Sie ſich zu unſerm theuern Herrn Jeſus, er iſt da, um die Betrübten zu tröſten.“ Caſſy ſtand zaudernd da. Tom fuhr fort: „Miſſis Caſſy, wenn Sie und Emmeline nur von hier fortkommen könnten? für Sie iſt's eine Verſuchung, wenn Sie hier bleiben, doch ich kann nicht fortgehen von hier, mir hat der Herr meinen Platz angewieſen, ich muß für die armen Seelen hier ſorgen.“ „Ich kenne keinen andern Weg, als ins Grab,“ ſprach Caſſy düſter.„Für uns giebt es keine Freiſtätte, ſelbſt in den Sümpfen ſpüren uns die Hunde auf. Wohin ſollen wir gehen?“ „Er, der Daniel aus der Löwengrube und die drei Män⸗ ner aus dem feurigen Ofen errettet hat, lebt noch und kann auch Sie erretten! Beten Sie zu ihm, ich will auch zu ihm beten.“ Wie ſeltſam iſt es, daß oft in dem menſchlichen Geiſte eine als nutzlos vergeſſene Idee gleich einem ans Licht ge⸗ haltenen Diamanten aufblitzt. Caſſy hatte oft und lange an alle mögliche Fluchtpläne gedacht, und ſie alle als un⸗ 326 ausführbar oder vergeblich aufgegeben, doch jetzt zuckte ein Gedanke durch ihre Seele, ein Plan ſo einfach, ſo ausführ⸗ bar, daß er eine augenblickliche Hoffnung erwecken mußte. „Vater Tom,“ ich verſuche es,“ rief ſie plötzlich. „Amen,“ ſprach Tom,„und Gott helfe Ihnen.“ Achtunddreißigſtes Kapitel. Die Viſt. Der Dachboden in Legrees Haus glich den meiſten Bö⸗ den; ein großer, geräumiger, wüſter Ort) rieſige Spinnen⸗ gewebe hingen dort, und weggeworfene Lumpen bedeckten den Fußboden. Die reiche Familie, welche früher das Haus be⸗ wohnte, hatte in den Tagen ſeines Glanzes viel koſtbare Möbel eingeführt. Hiervon war vieles mitgenommen, aber auch manches zurückgelaſſen, welches nun verlaſſen und ver⸗ modernd in den unbewohnten Bodenſtuben umher ſtand. Einige ungeheure Möbelkiſten ſtanden noch auf dem Boden, welcher mit kleinen Fenſtern verſehen war, deren trübe, beſtaubte Fenſter nur ein ſchwaches Licht einließen. Der ganze Raum ſah geſpenſtiſch genug aus, um als Folie zu den unter den Negern herumſpukenden Geſchichten zu dienen. Vor Jahren war eine Negerin hier, welche das Mißfallen Legrees ſich zu⸗ gezogen hatte, eingeſperrt worden, und die Neger flüſter⸗ ten ſich darüber ſchauerliche Geſchichten zu. So viel iſt ge⸗ wiß, daß eines Tages der Leichnam derſelben herunter ge⸗ ſchafft wurde, und ſeitdem wollte man unheimliches Klagen und Stöhnen, vermiſcht mit Geſchrei und Fluchen, auf dem Boden hören. Als Legre⸗ von dieſen Gerüchten hörte, ge⸗ rieth er in den heftigſten Zorn, und ſchwur, denjenigen, der noch einmal davon ſprechen würde, dort in Ketten zu legen, damit er den Ort kennen lerne. Dieſe Drohung war hin⸗ reichend, um das Gerede verſtummen zu machen, und jetzt war es Caſſy eingefallen, die abergläubiſche Furcht Legrees zu ihrer und Emmelinens Befreiung zu benutzen. 327 Als Legree eines Tages von einem Spazierritt zurück⸗ ₰ kehrte, ſah er die niedere Dienerſchaft emſig beſchäftigt, Caſſys Schlafzimmer, welches unter jenem Boden lag, auszuräumen, 3 und als er Caſſy fragte, was das wieder zu bedeuten habe, wich dieſe einer beſtimmten Antwort aus, und ſprach: 3 „O, es iſt kein beſonderer Grund, es geht Dich auch nichts weiter an.“ „Ich will aber den Grund wiſſen,“ ſchrie Legree auf⸗ ſtampfend. „Nun, es iſt da oben ein Heulen, ein Geräuſch von 5 Schlägen, als wenn ſich zwei Leute ringen, zu hören, und das . währt die ganze Nacht hindurch, ſo daß man kein Auge ſchließen kann.“ „Leute oben in der Bodenſtube?“ meinte Legree unruhig, aber ſich zum Lachen zwingend.„Was für Leute?“ „Nun, Simon, das weißt Du wahrſcheinlich, es wäre mir angenehm, es von Dir zu erfahren,“ ſprach Caſſy, indem ſie ihn mit einem Ftechenden Blick betrachtete, daß das Mark in ſeinen Knochen gefror. Legree ſtieß einen fürchterlichen Fluch aus und ſchlug nach ihr mit der Reitpeitſche. Sie entſchlüpfte aber durch eine Thür und verſchloß dieſe. Er ſchrie und tobte und wollte die Thür einſchlagen, beſann ſich aber eines Beſſeren und ging in ſein Zimmer. Caſſy merkte, daß der Pfeil getroffen habe, und fuhr mit raffinirter Schlauheit fort, den erſten Eindruck tiefer zu machen. In ein Aſtloch der Bodenſtube ſteckte ſie den Hals einer Flaſche, ſo daß der durchziehende Wind die unheimlichſten Töne erzeugte, die ſich bei heftigem Winde zum grauſigſten Kreiſchen verſtärkten. Die Dienerſchaft wurde mit Angſt und Schrecken über dieſe vermeintlichen Jammertöne er⸗ füllt, und wenn auch niemand Legree davon benachrichtigte, ſo fühlte er doch den unheimlichen Druck, der auf ſeiner Umgebung laſtete. Caſſy übte auf das abergläubiſche Gemüth Legrees einen eigenthümlichen Einfluß. Als er ſie kaufte, war ſie jung und zart, und er hatte mit ſeiner Rohheit ſie vollſtändig unter⸗ jocht; als aber mit der Zeit die Verzweiflung die Weiblichkeit in ihr verhärtete und das Feuer heftiger Leidenſchaftlichkeit in ihr erregte, war ſie ſo zu ſagen unter gewiſſen Umſtänden ſeine Herrin geworden. Er war abwechſelnd ihr Tyrann und ihr Slklave. Dieſer Einfluß hatte an Stärke gewonnen, als eine Art Wahnſinn ihren Worten und Handlungen etwas wahr⸗ haft Dämoniſches gab. 3 „ 328 Einige Abende nach Caſſys Vorbereitungen ſaß Legree in ſeinem Zimmer und las die Zeitungen, Caſſy ſaß in der Ecke und ſtarrte nachdenklich ins Kaminfeuer. Es war ein ſtürmiſcher Abend, der Wind pfiff und kreiſchte durch die Fenſter und Oeffnungen des wackligen Bodens, und drohte manchmal das Feuer in dem Kamin auszulöſchen. Nachdem Legree mit Leſen fertig war, ergriff er ein daliegendes Buch, in welchem Caſſy geleſen hatte. Es war eine Sammlung von Mord⸗, Raub⸗ und Geſpenſtergeſchichten, die auf die Einbildung mit unheimlichem Zauber wirken. „Unſinn,“ ſprach Legree, las aber doch weiter, bis er endlich mit einem Fluch das Buch von ſich warf.„Glaubſt Du an Geſpenſter, Caſſy?“ frug er dann. „Das iſt gleich, was ich glaube,“ ſprach Caſſy trocken. „Auf der See wollten mich die Matroſen auch in Furcht jagen, ich bin aber zu zähe dazu. Der Lärm war nichts, als Ratten und Wind. Ratten und Wind machen einen verteufel⸗ ten Lärm.“ Caſſy wußte, daß ihr Blick etwas Unbehagliches hatte, ſie antwortete deswegen nicht, ſondern ſah in ſtechend an. „Nun Weib, rede, was ſagſt Du dazu?“ „Können Ratten die Treppe hinabgehen, durch die Stube ſchreiten, und Thüren öffnen, wenn man einen Stuhl davor geſtellt hat?“ ſprach Caſſy,„und an's Bette kommen, und die Hände ausſtrecken?“ dabei ſah ſie ihn mit ihren düſtern Augen funkelnd an, und legte bei den letzten Worten ihre eiſigen Hände auf ihn, daß er mit einem Fluche zu⸗ rückfuhr. „Wer hat das gethan, Weib?“ „Nun, habe ich geſagt, das es Jemand gethan hat?“ frug Caſſy mit eiſigem Spott. Legree ging unruhig im Zimmer auf und ab.„Ich werde das unterſuchen, ich werde mit meinen Piſtolen hin⸗ aufgehen,“ brummte er. „Thue es, ſchlafe in dem Zimmer, feure Deine Piſtolen ab, ich möchte Dich dabei ſehen,“ ſpottete Caſſy. Legree ſtampfte mit dem Fuße und fluchte. „Horch, was war das?“ rief Caſſy. „Was?“ rief Legree erſchreckend. Eine alte Uhr begann langſam die zwölfte Stunde zu ſchlagen. Als der letzte Schlag gefallen war, faßte Caſſy, die ihre ſtechenden Angen ununterbrochen auf Legree geheftet hatte, denſelben an die Hand, und führte ihn an die Treppe. Legree folgte willenlos. „Simon, horch, was iſt das?“ ſprach ſie flüſternd, in⸗ dem ſie in die Höhe deutete. In dieſem Augenblick ertönte ein kraſſer Schrei aus der Bodenſtube. Legree's Kniee ſchlot⸗ terten und er war weiß wie Kalk.„Willſt Du nicht Dein Piſto⸗ len nehmen?“ frug ſie mit einem Blick, der ihm Entſetzen einjagte,„und hinaufgehen? ſie fangen da oben wie⸗ der an.“ „Ich will nicht,“ rief Legree mit einem Fluche. „Warum nicht, es giebt ja keine Geſpenſter, wie Du ſagſt,“ und Caſſy flog die Treppe hinauf. Er hörte ſie die Thür zur Bodenſtube öffnen, ein heftiger Windſtoß löſchte das Licht in ſeiner Hand aus, und wieder erſchallte ein fürch⸗ terlicher Schrei. Legree floh bebend in ſein Zimmer, wohin ihm Caſſy nach einigen Minuten folgte. Sie war blaß und ruhig, und ihr Auge funkelte unheimlich. „Hol' Dich der Teufel, Caſſy!“ rief Legree. „Wozu? ich bin oben geweſen und habe die Thür geſchloſ⸗ ſen.— Nun Simon, was hat es mit der Dachſtube auf ſich?“ „Das geht Dich nichts an,“ herrſchte Legree. „Wirklich?“ ſagte Caſſy ſpottend,„nun jedenfalls iſt es mir lieb, daß ich nicht da oben ſchlafe Dies mag als Probe dienen, wie Caſſy mit Legree ver⸗ fuhr, bis er lieber den Kopf in eines Löwen Rachen als in jene verteufelte Dachſtube ſtecken wollte. Während dem ſam⸗ melte Caſſy unbemerkt eine hinlängliche Quantität Lebens⸗ mittel nach und nach auf, und ſchaffte auch ihre und Emme⸗ linens Garderobe zum größten Theil hinauf. Sie harrten dann Beide auf eine Gelegenheit, um ihre Pläne zur Aus⸗ kührung zu bringen. Durch Schmeichelei hatte ſie Legree eines Tages bewogen, ſie mit nach der Stadt in der Nähe des Red⸗Riwer zu nehmen, und ſie merkte ſich mit der äußerſten Anſtrengung ihrer Sinne den Weg und jedes Merfmal deſ⸗ ſelben. Jetzt war alles zur Ausführung gereift und der Leſer wird wünſchen, einen Blick hinter die Couliſſen thun zu können. Der Tag neigte ſich, Legree war in die Nachbarſchaft geritten. Er hatte mit Caſſo in letzter Zeit in außerge⸗ wöhnlicher Eintracht gelebt. In dieſem Augenblick iſt Caſſy in Emmelinens Zimmer, beide mit dem Packen zweier kleiner Bündel beſchäftigt. „So, nun wird es gut ſein, ſetze den Hut auf und komm,“ ſprach Caſſy. —— 330 „Man kann uns aber noch ſehen,“ ſprach beſorgt Em⸗ meline. „Das ſoll man auch. Siehſt Du, wir laufen zur Vorder⸗ thür hinaus, Sambo und Quimbo müſſen uns ſehen, wir waten dann durch den Sumpf, und ehe ſie ſich befinnen können und die Hunde losgelaſſen haben, kommen wir an das kleine Waſſer hinter dem Hauſe, welches wir auch durchſchnei⸗ den, dann zur Hinterthür wieder hineinlaufen, und auf den Boden ſteigen; in einer von den großen Kiſten habe ich ein Bett bereitet, denn wir müſſen längere Zeit verborgen bleiben. Wenn wir durch das Waſſer gegangen ſind, werden die Hunde uns nicht verfolgen können, denn ſie verlieren die Spur. Er wird einen Heidenlärm machen und Alles daran ſetzen, uns einzufangen. Komm!“ Und dabei faßte Caſſy Em⸗ melinens Hand und zog ſie mit ſich fort. Als ſie am Rande des Sumpfes ankamen, hörten ſie, wie Caſſy erwartet hatte, eine Stimme, die ihnen gebot ſtille zu ſtehen. Aber es war nicht Sambo! oder Quimbo, ſondern— Legree, der eben zu⸗ rücktehrte. Als Emmeline ihn hörte, gerieth ſie in Schrecken, klammerte ſich an Caſſy an und ſprach. „O Caſſy, ich werde ohnmächtig!“ „Wenn Du das thuſt, ſo ſteche ich Dich nieder! rief Caſſy energiſch, indem ſie einen kleinen funkelnden Dolch zog, und vor Emmelinens Geſicht hielt. Dieſe Wendung wirkte. Emmeline raffte ſich auf, und beide liefen mit ſolcher Kühn⸗ heit in den Sumpf, daß Legree es nicht wagte, ihnen zu folgen. „Jedenfalls, Hrief er mit rohem Lachen,„ſteckt das Pack jetzt ſicher in der Falle, nun will ich Euch ſchon kriegen.— Heda Sambo! Quimbo!“ rief er, nach dem Sklavenviertel laufend,„im Sumpf ſtecken zwei Ausreißer, wer ſie greift, kriegt fünf Dollar. Laßt die Hunde los!“ Das war für den verthierten Sinn der Neger eine Freude, die Hunde wurden losgelaſſen, Fackeln herbeigeholt, und das Gehenl der Hunde vergrößerte S allgemeinen Lärm. „Sollen wir ſie niederſchießen, Maſter?“ fragte Sambo, als ſein Herr die Büchſe nahm. „Caſſy könnt ihr niederſchießen, damit ſie endlich zum Teufel geht, aber das Mädchen nicht. Hollah! vorwärts! fünf Dollar demjenigen, der ſie kriegt, und Jedem von Euch ein Glas Branntwein!“ Und nun begab ſich die ganze Bande nach dem Sumpfe hinab, die Dienerſchaft des Hauſes lief ebenfalls nach. Wäh⸗ 331 rend dem waren Caſſy und Emmeline zur Hinterthür hinein, und die Treppen hinaufgelaufen, und ſahen von den Fenſtern herab die Jagd ſich am Rande des Sumpfes ausbreiten. Caſſy nahm aus Legree's Rock einen Schlüſſel, öffnete das Spinde und nahm ein Pack Banknoten heraus. „O, das wollen wir nicht thun, das hieße ſtehlen,“ ſagte Emmeline. „Stehlen? Sind und werden wir nicht alle geſtohlen? Was willſt Du lieber, in den Sümpfen verhungern oder das haben, was uns zur Rückkehr in die freien Staaten dienen ſoll? Aber komm auf den Boden, ich habe eine Anzahl Lichte und Bücher dahin gebracht, um uns die Zeit zu vertreiben. Du kannſt ſicher ſein, daß ſie uns dort nicht nachkommen, und wenn ſie es thun, ſo will ich ihnen ein Geſpenſt vor⸗ führen, woran ſie genug haben ſollen.“ Sie führte Emmelinen auf den Boden, wo ſie zwei von den großen Kiſten wohnlich eingerichtet hatte, indem ſie einige Matratzen und die früher heraufgeſchafften Lebensmittel und Kleidungsſtücke hineingebracht hatte, ſteckte eine kleine Lampe an und forderte Emmelinen auf, es ſich bequem zu machen. „Biſt Du darauf ſicher, daß ſie nicht kommen? „Ich wollte einmal ſehen, ob Legree es wagte, auch ſeine Leute ließen ſich eher todtſchießen, ehe ſie ſich hier blicken ließen,“ ſprach Caſſy. Nach einiger Zeit, während Emmeline, überwältigt durch die Aufregung und Ermattung etwas eingeſchlummert war, wurde ſie durch einen nahenden Lärm aufgeſchreckt. „Fürchte nichts,“ ſagte Caſſy,„es iſt die Jagdgeſellſchaft, welche von ihrem vergeblichen Suchen zurückkehrt. Sieh nur hier durch das Loch, Du kannſt ſehen, wie beſchmutzt und nie⸗ dergeſchlagen ſie alle ſind, ſelbſt die Hunde. Mein guter Le⸗ gree, Du mußt die Jagd noch einmal verſuchen, das Wild iſt nicht da.“ „Sprich nicht, ſie könnten uns hören,“ bat Emmeline. „Das würde gerade gut ſein, um ſie recht entfernt zu halten. Keine Gefahr, wir können ſo viel Lärm als wir wol⸗ len, verurſachen, es wird dies nur eine größere Wirkung her⸗ vorbringen.“ Endlich ſank die Stille der Mitternacht auf das Haus, und Legree, ſeinem Mißgeſchick fluchend, und ſchwörend, am folgenden Morgen gräßliche Rache zu üben, ging zu Bette. 332 Neununddreißigſtes Kapitel. Der Märtprer. Der längſte Weg muß ein Ende nehmen; der finſterſten Nacht folgt ein Morgen In ununterbrochenen Augenblicken eilt der Tag des Böſen einer ewigen Nacht— und die Nacht des Gerechten einem ewigen Tage entgegen. Wir begleiteten unſern beſcheidenen Freund weit durch das Thal der Sklaverei, kamen durch blumige Gefilde des Wohlergehens und der Nach⸗ ſicht, dann durch herzzerreißende Trennung von Allem, was dem Menſchen theuer iſt. Verweilten mit ihm auf jenem glänzenden Eilande, wo Großmuth und Edelſinn ſeine Ketten in Roſenkränze verwandelten, und folgten ihm endlich in die dunkelſte Nacht der Knechtſchaft, nachdem der letzte Hoffnungs⸗ ſtrahr der Befreiung erblichen war. Aber neue Sterne gingen am Himmel auf und der Glanz des kommenden Tages kün⸗ dete an, daß die Pforten einer neuen Welt aufgingen, in deren glänzendem Lichte er bald verſchwand. Als Legree die Nachricht von dem Entweichen Caſſy's und Emmelinen's mittheilte, blitzte ein Strahl der Freude in Tom's Augen auf. Er ſchloß ſich nicht der Jagd an, ſon⸗ dern blieb mit Einigen zurück und betete für das Entkommen der beiden Flüchtlinge. Legree hatte dies bemerkt, und ſein ganzer, durch das Mißlingen ſeiner Nachforſchungen auf's Höchſte geſteigerter Grimm fiel mit voller Macht auf Tom's unſchuldiges Haupt. Hatte ſich dieſer Mann nicht allen ſei⸗ nen Abſichten und Gedanken auf die widerſpenſtiſtge Weiſe entgegengeſtellt? War er nicht von einem Geiſte beſeelt, der mit ſeiner Ruhe und Stille in Legree's Herzen wie ein ſtechendes Feuer brannte? „Ich haſſe dieſen Burſchen,“ ſprach er an dem Abende, als er ſich zu Bette begab,„und iſt er nicht mein? Kann ich nicht machen mit ihm, was ich will? Ich möchte wiſſen, was mich daran verhindern ſoll!“ Aber Tom war ſein beſter Sklave, und obgleich' er ihn deswegen noch weniger leiden konnte, ſo nahm er doch noch etwas Rückſicht darauf. Er faßte den Entſchluß, einige von ſeinen Nachbaren herbeizurufen und die Jagd noch einmal zu beginnen, gelang ſie nicht, ſo wollte er den Muth dieſes Burſchen brechen, oder—. 333 Man ſagt, daß der beſte Schutz des Sklaven der Eigen⸗ nutz ſeines Herrn iſt; iſt es nicht bekannt, daß der von Lei⸗ denſchaft, Zorn und Wuth ergriffene Böſewicht im Stande iſt, ſich ſelbſt mit offenen Augen in ſeiner Raſerei dem Teufel zu überliefern, wie viel eher einen ihm gänzlich anheimgeſtellten Sklaven. Als Caſſy am andern Morgen mit Emmeline durch das Dach blickte, ſah ſie die Bande des letzten Abends, verſtärkt durch einige Zechgenoſſen Legree's, ſich vor dem Hauſe ver⸗ ſammeln. Auf einige Neger aus den benachbarten Pflanzungen waren herbeigeholt worden, um behülflich zu ſein bei einem Mordzuge, den man ſo viel als möglich zu einem Feſt für die Neger machte. Legree ſchenkte Branntwein, und munterte Alle beſtens auf, die Hunde wurden vertheilt und das Revier an⸗ gewieſen und verabredet, in welchem jeder aus dem Trupp zu ſuchen habe. Legree ertheilte Befehle, wie man ſich zu ver⸗ halten habe, und was mit den Flüchtlingen geſchehen ſolle, wenn ſie eingefangen würden. „Gerechter Gott,“ ſprach Caſſy, die in Folge des gün⸗ ſtigen Windes faſt Alles hören konnte, was unten geſprochen wurde.„Was haben wir gethan, daß wir eine ſolche Be⸗ handlung erwarten dürften? Und doch, wenn es mich nicht um Deinetwillen, Kind, abhielte, ſo würde ich mich von ihnen erſchießen laſſen. Denn was nützt mir die Freiheit? Werde ich meine Kinder wiederſehen?“ „Arme Caſſy,“ ſprach Emmeline mit ihrem kindlichen Gefühl,„faſſe Vertrauen auf Gott, vielleicht gibt et Dir Deine Kinder wieder. Und wenn nicht, ſo will ich Deine Tochter ſein, denn wer weiß, ob ich meine alte Mutter wiederſehe.“ Der milde kindliche Geiſt ſiegte. Caſſy umſchlang ſie mit ihren Armen, ſtreichelte ihr braunes Haar und Emmeline bemerkte zum erſten Male die ſchönen, durch Thränen gemil⸗ derten Augen Caſſys. „O Emmeline, ich habe gedürſtet und gehungert nach meinen Kindern und meine Augen ſind trübe geworden! In meinem Herzen iſt es öde und leer. Wenn Gott mir meine Kinder wieder gibt, ſo könnte ich beten.“ „Du mußt ihm vertrauen, er iſt unſer Vater,“ ſprach Emmeline. „Sein Zorn laſtet ſchwer auf uns, er hat ſein Antlitz von uns abgewendet.“ 334 „Nein, Ca ſy, er wird gut gegen uns ſein, wir wollen auf ihn hoffen, ich habe ſtets Hoffnungen gehabt.“ Die Jagd war lang und fruchtlos. Legree warf ſich mißmuthig auf ſein Sopha und befahl, Sambo den Neger herzuholen. „Ich werde den Hund jetzt kriegen, der Hallunke weiß um die ganze Geſchichte.“ Die beiden gemeinen Sklavenſeelen haßten den fleißigen Mann, der ſie hatte erſetzen ſollen, wie es Legrees Abſicht war, und freuten ſich in boshafter Niedrigkeit über das Un⸗ gewitter, welches ſo plötzlich über Tom ſich zuſammen zog. Sambo eilte bereitwillig, Tom herbei zu rufen. Dieſer hörte den Befehl mit dunkler Ahnung des Kommenden, aber er fühlte ſich ſtark genug, eher den Tod zu erleiden, als die hülfloſen Weſen zu verrathen. Er blickte nach oben, indem er innerlich betete: Herr! in Deine Hände befehle ich meinen Geiſt! Du wirſt mich erlöſen, Du Gott der Wahrheit! und folgte ruhig Sambo, „Ja, ja, Hund!“ ſprach dieſer grinſend.„Jetzt wirſt Du es kriegen; der Maſter iſt wild genug. Du wirſt ſehen, was geſchehen wird, wenn man Negern zum Entlaufen verhilft.“ Tom hörte nichts. Eine innere Stimme ſprach ihm Troſt ein: Fürchte die nicht, die den Leib tödten, darnach gibt es nichts, was ſie thun können! Seine Seele war erregt, er fühlte die ſanfte Luft der kommenden Heimath und ging feſten Schrittes der Stunde der Erlöſung entgegen. „Nun Tom,“ ſprach Legree, indem er ihn grimmig packte, „weißt Du, daß ich'mich entſchloſſen habe Dich zu tödten?“ „Kann wohl ſein, Maſter,“ ſprach Tom ruhig. „Ich werde es thun, wenn Du mir nicht ſagſt, wo die beiden Weiber ſind.“ „Ich kann nichts ſagen, ſprach Tom feſt. „Wie, Du wagſt mir zu ſagen, Du weißt es nicht? Sprich, wo ſind ſie? Weißt Du es?“ „Ja, Maſter, aber ich kann nichts ſagen. Ich kann ſterben.“ Legree athmete ſchwer, ſeine Augen blickten wild auf Tom und ſich dicht an ihn neigend, ſchrie er:„Hörſt Du — 335 Tom? Du glaubſt ich ſpreche nicht im Ernſt. Ich ſage Dir aber, ich habe die Koſten berechnet und mich entſchloſſen. Du haſt Dich ſtets gegen mich geſtemmt, jetzt werde ich Dich be⸗ ſiegen oder tödten!“ Tom blickte ihn ruhig an und ſprach:„Maſter, wenn Sie krank wären, würde ich jeden Blutstropfen dahin geben um Sie zu retten, oder wenn ihre unſterbliche Seele dadurch gerettet würde. O, Maſter, belaſten Sie Ihre Seele nicht mit ſolcher Sünde! Es ſchadet Ihnen mehr als mir. Thun Sie das Schlimmſte, meine Noth wird bald vorüber ſein, aber nie die Ihrige, wenn Sie nicht Buße thun und in ſich gehen.“ Wie ein Ruf aus der andern Welten drangen dieſe ernſten Worte auf Legree ein. Starr und ſprachlos blickte er Tom an, und man hörte nichts als die Secunden der Wanduhr, welche dieſe Augenblicke der Gnade für jenes verhärtete Herz abmaßen. Es dauerte nicht lange, der Geiſt des Böſen ſiegte und wuthſchäumend ſchlug Legree ſein unglückliches Opfer zu Boden. Scenen des Bluts und der Grauſamkeit ſind unſerem Auge und Ohr ein Gräuel. Was der Menſch im Stande iſt zu thun und was der chriſtliche Nächſte zu leiden hat, kann das Ohr nicht hören und die Seele leidet, ſo daß es ſelbſt nicht gedacht werden darf und doch, o mein Vaterland, ge⸗ ſchehen dieſe Scenen und Thaten unter dem Schutze Deiner Geſetze, und Deine Kirche, o Chriſtus, ſieht ſie faſt mit Stillſchweigen an. Aber ſchon in alter Zeit gab es Einen, deſſen Lei⸗ den, Qual, Hohn und Schande in Symbole der Herrlichkeit, Ehre und Unſterblichkeit verwandelt wurden, und wo ſein Geiſt lebt, vermögen weder Blut noch Marter den letzten Kampf ſeines Bekenners weniger herrlich zu machen! Und war Tom allein in jener Schmerzensnacht? Nein, neben ihm ſtand Einer, den nur er ſah,„gleich dem Sohne Gottes.“ Auch der Ver⸗ ſucher ſtand bei ihm, und trieb ihn an, durch Verrath ſich zu retten. Aber die alte treue Seele ſtand feſt wie ein Fels, und die äußerſte Noth vermochte ihm nicht mehr abzuringen, als Worte des Gebetes und heiligen Troſtes. „Er iſt faſt dahin, Maſter,“ ſprach Sambo, gerührt von der Geduld ſeines Opfers. 336 „Schlag zu bis er's aufgiebt. Gieb es ihm, gieb es ihm!“ ſchäumte Legree.„Ich will ihm den letzten Tropfen auspreſſen, oder er ſoll bekennen!“ Tom öffnete die Augen, blickte ſeinen Herrn an und ſprach:„O Du armes elendes Geſchöpf, mehr kannſt Du doch nicht thun. Ich vergebe Dir von ganzer Seele,“ und er ſiel gänzlich zuſammen. „Meiner Seel' ich glaube, es iſt aus mit ihm,“ ſprach Legree, indem er an ihn herantrat.„Ja, es iſt ſo, endlich iſt er zum Schweigen gebracht, das iſt gut.“ Ja Legree, aber wer wird die Stimme in Deinem Her⸗ zen zum Schweigen bringen, in der Seele, in welcher das ewige Feuer bereits brennt? Und doch war Tom noch nicht todt. Seine Gebete hatten ſelbſt die rohen Neger gerührt, und als Legree ſich triumphirend entfernte, banden ſie ihn los vom Block und verſuchten ihn wieder zu beleben, als ob das für ihn ein Glück war. „Wahrlich, wir haben eine ſchreckliche Sünde begangen,“ ſprach Sambo,„ich hoffe, der Maſter wird es allein zu ver⸗ antworten haben.“ Sie bereiteten ihm ein Lager von Baumwollenabfällen, erbettelten von Legree ein Glas Branntwein, unter dem Vor⸗ wande, daß ſie erſchöpft wären, und brachten es Tom. „QO Tom,“ ſprach Quimbo,„wir ſind wahrhaft gottlos gegen Dich geweſen!“ „Ich vergebe Euch von ganzer Seele,“ ſprach Tom ſchwach. „O Tom,“ ſprach Sambo, wo iſt der Jeſus, der die ganze Nacht bei Dir geſtanden hat?“ Dieſes Wort richtete den ſchwachen Geiſt wieder auf, er ſprach kräftige Worte über jenen wunderbaren Einen— ſein Leben, ſeinen Tod und ſeine beſtändige Gegenwart und Macht. „Warum habe ich nie zuvor davon gehört?“ ſprach Sambo,„aber ich glaube daran, ich kann nicht anders. Herr Jeſus, habe Erbarmen. „Arme Geſchöpfe, ſprach Tom,„ich wäre bereit, Alles zu erdulden, wenn es nur Eure Seelen zu Chriſtus bringen würde. O Gott, ich bitte Dich, rette auch dieſe zwei Seelen!“ Sein Gebet wurde erhört. 337 Vierzigſtes Kapitel. Der junge Herr. Ein junger Mann fuhr zwei Tage darauf durch die Allee von Chinabäumen, und die Zügel wegwerfend ſprang er aus dem Wagen und erkundigte ſich nach dem Eigenthümer des Gutes. Es war Georg Shelby, und um zu ſehen, wie er hier her kam, müſſen wir in unſerer Geſchichte rückwärts gehen. Der Brief Miß Ophelias an Mr. Shelby war durch einen unglücklichen Zufall verſpätet, und ehe er eintraf, war Tom längſt hinter den fernen Sümpfen des Red⸗River. Mr. Shelby erfuhr dies mit der größten Betrübniß, aber es war unmöglich, ſogleich etwas zu thun. Sie war an das Kranken⸗ bett Mr. Shelbys Zgefeſſelt und wurde durch Georg Shelby, der inzwiſchen ein ſtattlicher Jüngling geworden war, in der Beſorgung der Pflanzung unterſtützt. Miß Ophelia, vorſichtig wie immer, hatte den Namen des Advocaten St. Clare's bei⸗ gefügt, und es ließ ſich vor der Hand nichts weiter thun, als Erkundigung einzuziehen. Der plötzliche Tod Mr. Shel⸗ bys führte wieder andere Geſchäfte von größerer Wichtigkeit dazwiſchen. Der Advokat ſchrieb indeſſen, daß Tom öffentlich verkauft ſei, und er über deſſen Verbleib nichts wiſſe, wobei ſich aber Mrs. und Georg Shelby nicht beruhigten, und letz⸗ terer reiſte ſelbſt nach New⸗Orleans, um Nachforſchungen an⸗ zuſtellen. Hier erfuhr er zufällig von einem Manne, wohin Tom verkauft ſei, und machte ſich gleich mit gefüllter Geld⸗ taſche auf den Weg, um ihn loszukaufen, wo wir ihn nun finden. Er wurde in Legree's Zimmer geführt, der den Frem⸗ den nachläſſig empfing. „Ich habe gehört,“ fing Georg Shelby an,„daß Sie einen Neger, Namens Tom, gekauft haben, der früher auf meines Vaters Gut war, und ich möchte ihn gern loskaufen. Legrees Stirn verdunkelte ſich, und er ſprach leidenſchaftlich. „Ja ich habe ſolchen Burſchen gekauft, es iſt der widerſpän⸗ ſtigſte, unverſchämteſte Hund, den ich je gehabt habe, er hat meine Neger aufgehetzt, und zwei davon, die taufend Dollars werth ſind, ſind entlaufen. Er hat es eingeſtanden, wollte aber nicht ſagen, wo ſie wären und ich habe ihm eine ſolche Tracht Schläge anfzählen laſſen, wie noch nie einem Neger. Jetzt 338 glaube ich, verſucht er zu ſterben, ich weiß nicht, ob er es zu Stande bringt.“ „Wo iſt er?“ fragte Georg ungeſtüm.„Laſſen Sie mich ihn ſehen.“ Seine Wangen rötheten ſich und ſeine Augen blitzten unwillig, aber er ſchwieg noch. „Da im Schuppen iſt er,“ ſagte ein kleiner Junge, der Georgs Pferd hielt. Legree gab dem Knaben einen Stoß und fluchte, aber Georg wendete ſich ab und ſchritt auf den bezeichneten Ort raſch zu. Tom hatte zwei Tage ſeit jener Unglücksnacht dagelegen, nicht leidend, denn jedes Leidensgefühl war abgeſtumpft und zerſtört. Er lag in einer Art Betäubung da, denn die Geſetze eines kräftigen Körpers ließen nicht ſo ſchnell den eingekerkerten Geiſt los. Einige von den armen Geſchöpfen, denen er ſonſt Troſt ſpendete, waren in der Stille der Nacht zu ihm ge⸗ ſchlichen, um ihm ihren ſchwachen Dank durch Linderung ſeiner Schmerzen und ſeines Durſtes zu bringen. Die Axmen fonnten freilich nichts weiter bringen als einen Becher Waſſer. Auf ſein ehrliches Geſicht waren ſpäte Thränen der Reue von dieſen Heiden gefallen, welche ſeine Liebe und Geduld noch zur Buße rief, und an ſeiner Seite waren Gebete zu einem erſt jetzt gefundenen Heiland geſprochen, den das ſehnende, unwiſſende Menſchenherz niemals vergebens anruft. Auch Caſſys Herz, die unter dem Schutze der Nacht auf einige Mi⸗ nuten an ſein Schmerzenslager geeilt war, hatte ſich erweicht und das verzweifelnde Weib hatte gebetet. „Iſt es möglich!“ rief Georg, als er eintrat,„iſt es mög⸗ lich! Onkel Tom, mein armer, armer, alter Freund!“ und von Schmerz ergriffen kniete er neben ihm nieder. Die Stimme drang ins Ohr des Sterbenden. Er bewegte das Haupt ein wenig, lächelte und ſprach: „Jeſus kann ein Sterbebett Weich wie Daunenkiſſen machen.“ Thränen, welche ein Mannesherz ehren, fielen aus Georgs Augen, als er ſich über ſeinen armen Freund beugte.„O lieber Dnkel Tom, wache auf, ſprich noch ein Wort, hier iſt Dein kleiner Georg, kennſt Du mich noch?“ „Mr. Georg!“ rief Tom, die Augen öffnend, mit ſchwacher Stimme,„Mr. Georg!“ und blickte verwirrt um ſich.„Gott ſei geſegnet! Er iſt es; mehr habe ich nicht gewünſcht. Sie haben mich nicht vergeſſen, Jetzt will ich gerne ſterben. Preiſe den Herrn, meine Seele!“ —— ——— 339 „Du ſollſt nicht ſterben! Du darfſt noch nicht ſterben! Ich bin gekommen, um Dich loszukaufen,“ rief Georg mit haſtiger Stimme. „O Mr. George, es iſt zu ſpät, der Herr da oben hat mich erkauft, und wird mich heimführen, und ich ſehne mich auch nach ihm. Im Himmel iſt es beſſer, als in Kentucky.“ „O ſtirb nicht, es bricht mir das Herz, Dich ſo leiden zu ſehen, und hier in dieſem Stall. Armer, armer Burſche!“ „O, nennen Sie mich nicht armer Burſche, ich ſtehe an der Schwelle der Herrlichkeit. O Mr. Georg! der Himmel iſt nahe, geſegnet ſei der Herr. Und Mr. Georg, Sie müſſen der armen Chloe nicht ſagen, wie Sie mich gefunden haben, es wäre zu ſchrecklich für ſie. Sagen Sie ihr, ich ging eben zur ewigen Herrlichkeit ein. Sagen Sie ihr, daß Gott es mir immer leicht gemacht hat, und mir immer beigeſtanden hat. Grüßen Sie alle. Sie wiſſen nicht, wie lieb ich ſie Alle habe, v Mr. George, nichts als Liebe.“ In dieſem Augenblick ſtellte ſich Legree gleichgültig an den Eingang des Stalles. Als Georg ihn bemerkte, ſprach er:„Der alte Satan, es iſt ein Troſt, zu denken, daß der Teufel ihn noch einmal holen wird.“ „O, Mr. Georg“ ſprach Tom,„reden Sie nicht ſo, er hat mir nichts gethan, er hat mir nur die Pforten des Him⸗ melreichs geöffnet. Er iſt ein bemitleidenswerthes Geſchöpf, der Herr wird ihm noch verzeihen, aber ich fürchte, daß er keine Reue hat.“ Die durch Georg's Erſcheinung etwas belebte Kraft des dahinſinkenden Körpers verſchwand nach und nach, er ſchloß die Augen und über ſein Antlitz flog der Abglanz der nahen⸗ den Ewigkeit. Er begann kürzer zu athmen, ſprach noch ein⸗ mal mit erſterbender Stimme, indem ein freudiger Strahl ſein Geſicht erhellte: „Wer will uns trennen von der Liebe Chriſti,“ und ging ruhig hinüber. Georg war in feierlicher Wehmuth verſunken und in ihm hallten die letzten Worte ſeines alten Freundes wieder: Wie ſchön iſt es, ein Chriſt zu ſein! Nachdem er ihm die Augen zugedrückt hatte, wendete er ſich um und ſah Legree hinter ſich ſtehen, den Urheber all' dieſes Mißgeſchicks, und es war na⸗ türlich, daß er die tiefſte Verachtung gegen ihn fühlen mußte. Er ſah ihn ſtreng an und ſprach: „Sie haben nun erlangt, was Sie wollten. Was ſoll 22* 340 ich für den Körper bezahlen? Ich will ihn mitnehmen und anſtändig begraben.“ „Ich verkaufe keine todte Neger,“ ſprach Legree mürriſch, „Sie können ihn mitnehmen und begraben, wo und wie es Ihnen beliebt.“ „Heda, Burſchen!“ ſprach Georg zu einigen Negern, „helft mir den Leichnam aufheben, und bringt mir einen Spaten.“ Nachdem dies Alles ohne ein Dazwiſchentreten Legree's geſchehen war, und Tom's Leiche auf Georg's Wagen lag, wandte er ſich zu Legree um und ſprach. „Ich habe Ihnen⸗noch nicht geſagt, wie ich über dieſe Schändlichkeit denke. Hier iſt auch nicht der Ort dazu, aber dem unſchuldigen Blut ſoll Gerechtigkeit widerfahren. Ich werde dieſen Mord dem Friedensrichter anzeigen.“ „Thun Sie das,“ erwiderte Legree ſpöttiſch,„womit wollen Sie mir das beweiſen?“ Georg erkannte die Wahrheit, es war keine weiße Per⸗ ſon auf dem Gute und die Ausſage eines Farbigen gilt nicht vor der Richterbank. Was machen Sie für eine Wirthſchaft um einen tod⸗ Neger! fuhr Legree fort. Dieſe Spötterei wirkte auf Georg wie ein Funke auf ulvermagazin. Gegen ſeine bisherige Vorſicht und gänz⸗ dem in ſich aufgehäuften Grimme folgend, gab er Legree n Fauftſchlag, daß dieſer zu Boden ſtürzte. Dann entfernte ſich. Jenſeits der Pflanzung hatte Georg einen kleinen Hügel emerkt, dahin fuhr er mit dem Leichnam und begrub ihn dort mit Hülfe der beiden Sklaven, welche mitgekommen waren. Nachdem dieſe das Grab zugeworfen hatten, gab Georg jedem einen Dollar, den ſie aber nicht annehmen wollten. „Kaufen Sie uns, Maſter,“ ſprach der Eine,„wir wol⸗ len dem Maſter treu dienen.“ „Es ſind hier ſchlechte Zeiten, Maſter,“ ſagte der Andere. „Ich kann nicht, es iſt mir nicht möglich,“ ſprach Georg mit ſchwerem Herzen, und die beiden armen Burſchen entfern⸗ ten ſich niedergeſchlagen. Georg kniete auf dem Grabe des unglücklichen Tom nie⸗ der und ſprach, die Hand gen Himmel erhebend: „Sei mein Zeuge, ewiger Gott, daß ich von Stund' an thun will, was ein Mann vermag, um die Sklaverei aus mei⸗ nem Vaterlande zu verbannen!“ ——————— ———— —— —,— ——— —— —————— 341 Einundvierzigſtes Kapitel. Eine wahrhafte Spukgeſchichte. Auf Legree's Gute wurde zu jener Zeit aus beſondern Gründen mehr als je an Geſpenſtergeſchichten geglaubt. Un⸗ ter Geflüſter erzählte man ſich, daß in der Stille der Nacht Fußtritte gehört worden, welche von der Dachtreppe herab⸗ kamen und durch's ganze Haus gingen. Es war vergebens daß man die Thüren ſchloß, entweder hatte der Geiſt einen Nachſchlüſſel, oder er machte das Geiſtervorrecht, durch's Schlüſſelloch zu ſchlüpfen, geltend, und ſpazierte umher, indem er Schrecken und Unruhe verbreitete. Ueber die Geſtalt und das Ausſehen wichen die Anſichten ſo von einander ab, daß jeder eine andere hatte, wie dies gewöhnlich mit ſolchen Er⸗ ſcheinungen iſt, ſo viel aber ſtand feſt, daß etwas umging. Das Gerücht darüber kam auch zu Legree's Ohren, und mußte um ſo mehr auf ihn einwirken, als man ſich die größte Mühe gab, es vor ihm zu verbergen. Er trank deswegen mehr als ſonſt und ſchwur, daß er ſich vor nichts fürchtete. Am Tage nach Tom's Beerdigung ritt er in die nahe Stadt, um ſich durch ein Trinkgelage zu zerſtreuen, und kam ſpät in der Nacht zurück, ſchloß ſein Zimmer feſt zu, und legte ſich ſchlafen. Wie viel Mühe ſich der Menſch auch giebt, es nicht anzuerkennen, ſo iſt doch die Seele für den Böſen ein furchtbares und unruhiges Beſitzthum. Welch ein Thor iſt er, alles vor einen Geiſt verſchließen zu wollen, da er doch in ſich einen Geiſt hat, den nichts zu unterdrücken und zu ban⸗ nen vermag. Legree legte ſich zu Bette, nachdem er eine Lampe vor ſein Bett geſtellt und ſeine Piſtolen neben ſich gelegt hatte, und beſchloß zu ſchlafen. Er ſchlief, ja, denn er war müde, aber bald legte ſich etwas über ihn, gleich einem Schatten; es kam ihm vor, als ob es das Leichentuch ſeiner Mutter wäre, er hörte Geräuſch obgleich er wußte, daß er ſchlief. Er gab ſich Mühe, aufzuwachen. Endlich drehte er ſich um, die Thüre war offen und eine Hand löſchte das Licht aus. Da Mondſchein war, ſo ſah er etwas Weißes ſich bewegen, auf ſich zukommen, und eine kalte Hand berührte ihn und ſprach mit leiſem Flüſtern:„Komm, komm, komm!“ und als er 342 ſo, ſchwitzend vor Angſt, dalag, war das Geſpenſt mit einem“ mal verſchwunden, er ſprang auf, faßte an die Thüre, und jetzt war ſie feſt verſchloſſen. Er fil ohnmächtig nieder. Von nun an wurde Legree Trinker aus Verzweiflung, und in Folge deſſen binnen Kurzem gefährlich krank. Gerade als dies be⸗ kannt wurde, hatten die Neger mit Grauſen zwei weiße Ge⸗ ſtalten aus der Hausthür ſchlüpfen ſehen, und der Leſer wird wohl errathen, daß dies Caſſy und Emmeline waren, welche ſich auf die Flucht machten. Es war nach einigen Tagen bei Sonnenaufgang als Caſſy und Emmeline in der Nähe einer kleinen Stadt an⸗ langten. Caſſy war als ſpaniſche Creolin ſchwarz gekleidet, und hatte einen dicken Schleier vor'm Geſicht, und Emmeline figurirte als ihre Dienerin. Caſſy hatte aus früheren Zeiten Anſtand und Lebenskenntniß genug behalten, um ihre Rolle durchzuführen. Sie gingen in einen Laden und kauften ſich einen Reiſekoffer, den ſie ſich gleich nach den beſten Gaſthauſe bringen ließen. Die erſte Perſon welche ihnen begegnete war Georg Shelby. Sie hatte ihn ſchon von ihrem Bodenverſteck aus be⸗ merkt, wie er ſich um Tom beſchäftigte, und aus der ganzen Art wie er ſich auf dem Gute benommen hatte, Zutrauen gefaßt, und hoffte, daß ſie von ihm am allerwenigſten Verfolgung zu befürchten hätten. Caſſy war genügend mit Geld verſehen, um in dem Gaſthofe anſtändig aufzutreten, und erregte keinerlei Verdacht, ſo daß ſie ungehindert an Bord ging, als das Boot anlangte, mit Georg zugleich, der ſie mit kentuckyſcher Galanterie führte, und ihr eine bequeme Kajüte aufſuchte. Von dem Augenblick an, wo Georg Caſſy zum erſten Mal ſah, tauchte in ihm eine jener dunklen Erinnerungen auf, wie dies ſo geſchieht ohne daß man ſich davon Rechen⸗ ſchaft geben kann. Er verfolgte ſie gedankenvoll mit dem Auge, ſo oft er ſie fah, ſo daß Caſſy zuletzt ängſtlich wurde, und beſchloß, ſich lieber ſeinem Edelmuth gänzlich anzuver⸗ trauen, und ihm ihre Geſchichte zu erzählen. Georg war vollkommen zur Theilnahme bereit für eine Perſon, die aus Legrees Pflanzung kam, ein Ort, der ihn in Gedanken mit Abſcheu erfüllte, und verſicherte Caſſy, mit der der Jugend eigenen Hingebung, daß er ihr nach Kräf⸗ ten behülflich ſein wolle. Neben Caſſys Kajüte logierte eine Franzöſin, Namens de Thour nebſt ihrer kleinen hübſchen Tochter. Als dieſe —— ——— 343 PDame erfahren hatte, daß Georg aus Kentucky ſei, ſo legt ſie es beſtändig darauf an, mit Georg näher zuſammen zu kommen. Madame de Thour erkundigte ſich ſehr angelegentlich nach Kentucky, wo ſie ſich in ihrer Jugend wollte aufgehalten haben, und Georg entdeckte zu ſeiner Ueberraſchung, daß ſie mit Perſonen bekannt war, die ihm gleichfalls nicht unbekannt waren. „Iſt Ihnen ein gewiſſer Mr. Harris in Ihrer Nachbar⸗ ſchaft bekannt? frug eines Tages Madame de Thoux. „Ja, ein alter Burſche dieſes Namens wohnt nicht weit von mir.“ „Wiſſen Sie vielleicht— haben Sie nie davon gehört—“ frug ſie ſtockend weiter,„ob er einen Mulattenknaben, Namens George beſitzt?“ „O gewiß,“ ſprach Georg erſtaunt,„George Harris, ich kenne ihn ſehr gut, er hat eine Dienerin meiner Mutter ge⸗ heirathet.“ „Wirklich?“ ſprach Madame de Thour haſtig,„Gott ſei gelobt!— Er iſt mein Bruder,“ ſprach ſie weiter zu dem er⸗ ſtaunten George Shelby. „Iſt es möglich,“ rief dieſer, indem er ſeinen Stuhl einige Schritte zurückſchob. „Ja, Mr. Shelby, er iſt mein Bruder,“ fuhr ſie fort, indem ſie die Thränen der Rührung trocknete.„Ich wurde nach dem Süden verkauft, als er noch ein Knabe war, und fand einen ſehr edelmüthigen Herrn, der mir die Freiheit gab, und mich heirathete. Er iſt vor Kurzem geſtorben, und ich bin im Begriff nach Kentuckh zu gehen, um, wenn möglich, meinen Brnder wiederzufinden.“ „Ich habe ihn ſprechen hören von einer Schweſter, Namens Emilie, die nach dem Süden verkauft iſt“ ſprach Georg. „Dieſe Schweſter bin ich,“ ſprach Madame de Thour, „ſagen Sie mir, was er für ein—“ „O,“ fiel Georg feurig ein,„er iſt trotz des auf ihn haftenden Sklavenjoches, ein intelligenter, braver, junger Mann, ich weiß es, da ſeine Frau aus unſerem Hauſe iſt.“ „Was iſt das für emn Mädchen, iſt ſie in Ihrem Hauſe geboren?“ „Es iſt ein äußerſt liebenswürdiges, weibliches Geſchöpf, die von meiner Mutter wie eine Tochter geliebt wurde. Mein Vater hatte ſie einſt in New⸗Orleans gekauft, als ſie ungefähr acht bis neun Jahr alt war, und er bezahlte ſie theuer, weil ſie ſehr ſchön war.“ Georg hatte Caſſy den Rücken zugewendet und konnte daher nicht ſehen, mit welcher Aufregung ſie dem Geſpräche gefolgt war. In dieſem Augenblicke berührte ſie ſeinen Arm, und frug mit bleichem Geſicht: „Mr. Shelby, iſt Ihnen der Name des Verkäufers be⸗ kannt?“ „Der Name Simmers war auf dem Kaufbrief bemerkt, wie ich mich entſinne.“ „O mein Gott!“ ſchrie Caſſy auf und fiel ohnmächtig nieder. George Shelby und Madame de Thaur waren auf's Aeußerſte überraſcht, da ſie durchaus nicht den Grund erkennen konnten, leiſteten aber deſſen ungeachtet ſchleunige Hülfe, wo⸗ bei alle Anweſende, wie dies in ſolchen Fällen gewöhnlich iſt, ſich auch betheiligten. Arme Caſſy! Als ſie wieder zu ſich kam, lag ſie mit dem Geſicht gegen die Wand gekehrt, und ſeufzte und weinte wie ein Kind;— Mutter, die Du dies Buch lieſt, vielleicht weißt Du, woran ſie dachte! Doch ſie fühlte in jener Stunde, daß Gott ihr Gnade erwieſen, und daß ſie ihre Tochter ſehen ſollte, wie es auch nach Monaten geſchah, als— doch wir eilen der Erzählung voran. Zweiundvierzigſtes Kapitel. Erfolge. Wir gelangen zum Schluſſe. George Shelby, wie jeder junge Mann durch das Romanhafte angezogen, aber nicht weniger durch die Menſchlichkeit, trug Sorge, die Rechnung über den Verkauf Eliza's an Caſſy zu ſchicken. Name und Datum entſprachen dem, was ſie ſelbſt wußte und ließen in ihrer Seele keinen Zweifel über die Identität des Kindes. Nun war die Spur der Flüchtlinge nachzuſuchen. Sie und Madame de Thaur, ſo zuſammengeknüpft durch die eigenthüm⸗ liche Aehnlichkeit ihrer Schickſale, begannen ſofort eine Unter⸗ ſuchungsreiſe durch die verſchiedenen Stationen Canada's, wo die zahlreichen Flüchtlinge gewöhnlich untergebracht wurden. In Amherſtberg fanden ſie den Miſſionär, welchem George und Eliza bei ihrer erſten Ankunft in Canada Schutz gewährt hatte, und durch ihn gelang es, ihre Spur bis nach Montreal zu verfolgen. George und Eliza waren nun ſeit fünf Jahren frei. Er hatte beſtändige Beſchäftigung in der Werkſtatt eines Maſchinenbauers gefunden, wo er einen lohnenden Verdienſt fand, um die Bedürfniſſe ſeiner Familie, welche ſich während der Zeit durch ein Töchterchen vermehrt hatte, zu befriedigen. Der kleine Harry, welcher ein hübſcher, munterer Burſche geworden war, genoß einen guten Schulunterricht und machte ſchnelle Fortſchritte. Der ehrenwerthe Paſtor der Station in Amherſtberg, wo George zuerſt landete, war durch die Angaben von Caſſh und der Madame de Thaur zu ſolchem Intereſſe erregt, daß er den Bitten der Letztern nachgab und ſie auf der Reiſe nach Montreal, deren Koſten ſie tragen wollten, begleitete. Die Scene verwandelt ſich nun in ein kleines nettes Häuschen in der Vorſtadt zu Montreal. Es iſt Abend. Ein münteres Feuer flackert auf dem Heerde und ein mit einem ſchneeweißen Tiſchtuch bedeckter Theetiſch für die Abendmahl⸗ zeit bereit. In einer Ecke ſteht ein Schreibtiſch und über dem⸗ ſelben ein Repoſitorium, angefüllt mit den verſchiedenſten Büchern. Es iſt Georgs Studirecke, der mit demſelben Eifer, ſich auszubilden, wie früher ſchon, fortfährt. Eben ſitzt er am Tiſche, um Notizen in einem Buche zu machen. „Komm George,“ ſagte Eliza,„Du warſt den ganzen Tag nicht zu Hauſe, lege das Buch weg und kaß uns plau⸗ dern, während ich den Thee bereite.“ Und die kleine Eliza unterſtützte die Bitte ihrer Mutter, indem ſie zu ihrem Vater trippelte und Verſuche machte, ihm das Buch aus der Hand zu nehmen, und ſich ſtatt deſſelben auf ſeinem Schooße einzurichten. „O Du kleine Here,“ ſagte George nachgebend, wie in ſolchen Umſtänden der Vater gewöhnlich thun muß. „Das iſt Recht,“ ſagt Eliza, indem ſie Brod zu ſchneiden beginnt. „Harry, mein Sohn, wie haſt Du heut Dein Exempel herausbekommen?“ ſagte George, ſeine Hand auf des Knaben Haupt legend⸗ Harry hatte ſeine langen Locken verloren, aber nicht die ſchönen Augen und die freie Stirne.„Ich habe es, das Ganze that ich ſelbſt, Vater, und niemand half mir,“ ſprach der Kleine triumphirend. —— 346 „Das iſt Recht,“ ſagte ſein Vater,„verlaſſe Dich nur auf Dich ſelbſt, mein Sohn. Du haſt eine beſſere Ausſicht als je Dein armer Vater gehabt hat.“ In dieſem Augenblicke hörte man an die Thüre klopfen, 4 und Eliza ging um zu öffnen. Das entzückte„Ach, Sie ſind es!“ ruft ihren Gatten herbei, es war der gute Paſtor von Amherſtberg, in Begleitung zweier Damen, und Eliza nöthigte Alle, Platz zu nehmen. Der gute Paſtor hatte unterwegs genau mit ſeinen Be⸗ gleiterinnen verabredet, wie ſich das Drama entwickeln ſollte. Man denke ſich ſeinen Schrecken, während er ſich räusperte um anzufangen, als Madame de Thour das Ganze über den Haufen warf, indem ſie ihre Arme um Georges Hals ſchlang und rief;„O George, kennſt Du mich nicht, ich bin Deine Schweſter Emilie!“ Caſſy war gefaßter und hätte ihre Rolle gut geſpielt, wenn nicht plötzlich die kleine Eliza ganz in der⸗ ſelben Geſtalt, gerade wie ihre Tochter zur Zeit war, wo ſie ſie zum letzten Male geſehen hatte, vor ihr erſchienen wäre. Die Kleine ſchaute ihr ins Geſicht und Caſſy wurde dadurch ſo überwältigt, daß ſie das Kind in ihre Arme ſchloß und rief, wie ſie es in dieſem Augenblick auch wirklich glaubte: Du Liebling, ich bin Deine Mutter!“— Unter ſolchen Um⸗ ſtanden war es wohl eine ſchwierige Sache, alles nach ange⸗ gebener Ordnung zu machen; doch zuletzt gelang es dem guten Paſtor, ſeine einſtudirte Rede noch anzubringen, ſo daß alle ſeine Zuhörer zu ſchluchzen begannen. Sie knieten zuſammen nieder und der gute Mann betete, denn es gibt Gefühle, welche ſich nur ertragen laſſen, wenn man ſie zu Gott aus⸗ ſprechen kann. Das Tagebuch eines Miſſionärs unter den kanadiſchen Flüchtlingen enthält Thatſachen, welche befremdender klingen als Dichtungen. Wie kann es anders ſein, wenn ein Syſtem in einem Lande Familien auseinander reißt und die Glieder derſelben zerſtreut, wie der Wind das Herbſtlaub? 4 Dieſes Land der Zuflucht verbindet öfter, gleich dem ewigen Reiche, Herzen, welche ſich Jahre lang als verloren betrachtet hatten, zur freudigen Gemeinſchaft wieder. Es liegt etwas Unausſprechliches in der Innigkeit, womit jeder Ankömmling aufgenommen wird; wenn er vielleicht Nachrichten von Mutter, Schweſter, Weib oder Kind, welche noch in der Sklaverei ſind, mitbringt. Heldenthaten werden hier ausgeführt, größer als die, welche wir in Romanen leſen, wenn der Flüchtling der Tortur und ſelbſt dem Tode trotzt und freiwillig zu den —, — * Gefahren und Schrecken jenes Landes zurückkehrt, um ſeine Schweſter, Mutter oder Frau zu retten. Ein junger Mann, welcher, wie uns ein Niſſionär er⸗ zählt hat, zwei Mal eingefangen wurde und ſchmachvolle Schläge für ſeinen Heldenmuth zu erdulden hatte, entwiſchte wieder und in einem Briefe, welchen wir von ihm laſen, ſchrieb er ſeinem Freunde, daß er zum dritten Male end⸗ lich zurückgekehrt ſei, um ſeine Schweſter mitzubringen. Mein lieber Leſer, iſt dieſer Mann ein Held oder ein Ver⸗ brecher? Würdeſt Du nicht ebenſo viel thun für Deine Schwe⸗ ſter? Und kannſt Du ihn verdammen? Wir kehren nun zu unſeren Freunden zurück, welche wir verlaſſen haben, als ſie ſich die Augen wiſchten und ſich faßten in ſo großer und plötzlicher Freude. Sie ſitzen geſellig um den Tiſch und nur Caſſy, welche die kleine Eliza auf ihrem Schvoße hält und von Zeit zu Zeit an ſich drückt, weigert ſich, den Mund in dem Maaße, wie es die Kleine verlangt, mit Kuchen vollſtopfen zu laſſen, indem ſie zur Verwunderung des Kindes behauptet, daß ſie etwas Beſſeres genoſſen habe und nicht darnach verlange. Und in der That iſt in den zwei oder drei Tagen eine ſolche Veränderung über Caſſy gekommen, daß ſie der Leſer kaum erkennen würde. Der ver⸗ zweifelnde, verſtörte Ausdruck ihres Geſichts hatte ſich in den eines ſanften Vertrauens geändert. Sie gehörte ſogleich zur Familie und es ſchien, als wenn ſie ihre mütterliche Liebe mehr auf die kleine Eliza, die das vollkommene Abbild ihres damals verlorenen Kindes war, richtete, als auf ihre n gefundene Tochter. Die Kleine bildete ein Band zwiſchen Mutter und Tochter. Elizas ruhige bewußte Frömmigkeit diente zu einer paſſenden Führerin für den zerſtörten Geiſt ihrer Mutter. Caſſy gab ſich mit ganzer Seele dem guten Ein⸗ fluſſe ihrer frommen Tochter hin, und wurde eine aufrichtige Chriſtin. Nach wenigen Tagen erzählte Madame de Thaur ihrem Bruder ihre Angelegenheiten; der Tod ihres Gatten hatte ihr ein anſehnliches Vermögen verſchafft, welches ſie großmüthig mit der Familie theilen wollte. Als ſie George fragte, auf welche Weiſe ſie es für ihn am Beſten verwenden könne, er⸗ widerte er:„Gieb mir die Mittel zu einer guten Bildung, was von jeher mein Wunſch war, das Uebrige kann ich dann ſelbſt thun.“ Nach reiflicher Ueberlegung entſchloß ſich die ganze Fa⸗ milie, auf einige Jahre nach Frankreich zu gehen, wohin man auch Emmeline mitnahm. Das hübſche Geſicht der Letzteren gewann ihr die Zuneigung eines Seelieutenants und ſie wurde kurz nach der Landung deſſen Gattin. George beſuchte vier Jahre eine franzöſiſche Univerſität, arbeitete mit regem Eifer und eignete ſich eine vielſeitige Bildung an. Die politiſchen Unruhen in Frankreich veranlaßten zuletzt die Familie, ihre Stätte in Amerika wieder aufzuſuchen. Georgs, als eines gebildeten Mannes, Gefühle und An⸗ ſichten lernen wir am Beſten aus einem, an einen Freund ge⸗ richteten Brief kennen: ——————— „Theurer Freund! Leider muß ich Dir bekennen, ich empfinde einiges Be⸗ denken über meine Zukunft. Es wird kommen, wie Du mir einſt ſagteſt, ich werde mich in die Kreiſe der Weißen miſchen müſſen, die Färbung meines Geſichtes iſt ſo hell und die meiner Frau und Kinder kaum bemerkbar; ich werde dazu gezwungen ſein. Meine Sympathieen waren ſtets der Race meines Vaters entgegen, und neigten ſich dem Stamme meiner Mutter zu. Dem Vater galt ich ja nie mehr, als ihm ein Pferd oder ein ſchöner Hund werth war, doch meiner weichherzigen Mutter war ich ein geliebtes Kind und obgleich ich ſie nach dem ent⸗ ſetzlichen Verkauf nie mehr wieder ſah, empfand ich tief, daß ſie bis zum Tode mich ſehr liebte; mein Herz, ſtets der letzte Maaßſtab für das Gemüth, wenn ich mir Alles vor die Seele zurückrufe, den Verkauf meiner Schweſter auf dem Sklaven⸗ markt und die übrigen Gräuelſcenen.— Könnte ich der Er⸗ füllung eines Wunſches gewiß ſein, dann würde ich die Vor⸗ ſehung bitten, eher zwei Schatten dunkler als heller zu ſein, um mich zur Afrikaniſchen Race rechnen zu können. Mein höchſtes Streben und mein Ideal wäre die Ver⸗ —— wirklichung einer Afrikaniſchen Nationalität. Ich möchte ein Volk, daß eine eigene fühlbare Selbſiſtändigkeit beſitzt, doch wo das ſuchen? Selbſt nicht in Hayti. Nie kann der Strom ſeine Quelle überſteigen. Die Bevölkerung Haytis entſtand aus einer verweichlichten Race, und Jahrhunderte werden ver⸗ rinnen, bis ſie etwas erreicht⸗ OD, wo ſoll ich ſuchen? Nirgends ein Lichtſtrahl! An Afrikas Grenzen finde ich eine Republik, gebildet aus gewaffneten Männern, die ſich durch eigene Kraft über die Sklaverei er⸗ hoben haben, und nachdem ſie alle Hinderniſſe beſiegt, endlich der Welt gegenüber Anerkennung erkämpft haben, und Aner⸗ 349 erkennung fanden in England und Frankreich.— O, dahin möchte ich ziehen, und mein Volk ſinden.— Ich bin überzeugt, Ihr Alle werdet gegen mich ſein, aber ehe Ihr mich richtet, hört mich. Während meines Aufenthaltes in Frankreich folgte ich den Angelegenheiten meines Landes mit dem regſten Intereſſe. Die Zwiſtigkeiten zwiſchen Abolitioniſten und Coloniſationiſten haben in mir, als entfernten Zuſchauer, andere Anſichten er⸗ regt, als wenn ich ein Betheiligter wäre. Ich gebe zu, daß die freie Negerkolonie Liberia, zur Zeit als ſie in der Unterdrücker Hände geſpielt wurde, gegen uns in jeder nur erdenklichen Weiſe aufgereizt worden iſt. Zweifels⸗ ohne hat man dies ungerechte Spiel nur dazu benutzt, um unſere Emancipation noch weiter hinauszurücken. Aber in mir lebt der Gedanke, daß über die Pläne der Menſchen ein Gott waltet! Er iſt es geweſen, der ihre Abſichten vereitelte, und aus ihr eine Nation für uns gegründet hat. In unſerer Zeit entſteht eine Nation in einem Tage, ausgerüſtet mit allen großen Problemen der Republik, und die Civiliſation greift ſchnell um ſich. So wollen wir denn einig ſein und feſt zu⸗ ſammenhalten mit aller Kraft, damit wir dieſen günſtigen Zeit⸗ punkt wahrnehmen, und das ganze ſchöne Feſtland Afrika's unſern Kindern öffnen. An den Grenzen ſoll Civiliſation und das Chriſtenthum wohnen, und dort ſeine mächtige Re⸗ publik aufſchlagen, die mit der Schnelligkeit tropiſcher Frucht⸗ barkeit gedeihen wird, um für Jahrhunderte fortzubeſtehen.— Glaubſt Du, ich würde meine geknechteten Brüder ver⸗ laſſen? Dann möge auch mich Gott verlaſſen! Doch was kann ich hier für dieſelben thun? Kann ich ihre Ketten brechen? Nein, aber ich will hingehen, um ein Volk zu bilden, das künftig eine gewichtige Stimme im Rathe der Nationen abgeben wird und dann, dann wollen wir weiter ſprechen. Sollte, was Gott geben mag, Euer Erdtheil einſt aus freien Nationen beſtehen, die alle ungleichen geſellſchaftlichen Ver⸗ hältniſſe beſeitigen werden, und wie Frankreich und England unſere Lage einſehen und anerkennen, dann wollen wir beim Congreß der Nationen unſern Ruf anbringen und die Urſachen der Sklaverei vorbringen, und das erleuchtete Amerika wird den Schimpf der Verachtung nicht ertragen und Alle werden frei und glücklich ſein.— Dem Stamm der Angelſachſen iſt von jeher die Beſtimmung zuertheilt, die Geſchicke der Welt in den Perioden des Kampfes und der Uneinigkeit zu lenken. Ich wünſche eine andere Aera zu erreichen, und wir ſtehen an „ 350 deren Grenzen. Die Wehen, welche die Nationen durchzittern, ſind, ſo Gott will, der Flügelſchlag einer Stunde, die Friede und Brüderſchaft der Welt wiedergeben wird. Und glaube mir, die Befreiung Afrikas iſt eine That chriſtlicher Liebe. Die Race iſt treu, anhänglich und verſöhnlich; ſtets geknechtet und unterworfen, hat ſie dennoch mehr als andere das Be⸗ dürfniß der Liebe und Vergebung gegen ihre Mitbrüder. Ich bekenne es, ich bin dieſer edlen Empfindungen nicht ganz mächtig; halb fließt ſächſiſches Blut in meinen Adern, aber in der Geſtalt meines reizenden Weibes habe ich einen beredten Sittenprediger ſtets an meiner Seite. Wenn ich zürne und wanke, führt mich ihr gütiges, ſanf⸗ tes Gemüth zu mir ſelbſt zurück, und beſchwichtigt mich durch die chriſtlichen Gebote. Und ſo gehe ich als ein treuer An⸗ hänger des Chriſtenthums, als ein Lehrer deſſelben, in mein herrliches Afrika, in mein Vaterland, dem Lande meiner Sehn⸗ ſucht, und oft denke ich ſein im Stillen, und prophezeie ihm: „Wenn Du auch lange vergeſſen und gehaßt warſt, und kein Wanderer ſeinen Weg durch Deine Geſilde nahm, ich werde Dir Anerkennung verſchaffen, zur Freude Deiner Nach⸗ kommen!“— Du wirſt mich einen Schwärmer nennen! Nach dem Ge⸗ hörten, theurer Freund wirſt Du ſagen, ich habe nicht erwo⸗ gen, was ich thue; aber ſei verſichert, ich habe Alles reiflich bedacht und die Folgen berechnet.— Ich gehe nach Liberia nicht mit der Idee, ein Eldorado zu finden, ſondern ein Feld voll Mühe und Arbeit.— Mit beiden Händen will ich ar⸗ beiten, Tag und Nacht gegen alle Arten von Schwierigkeiten und Entmuthigungen, unverdroſſen bis zum Tode. Dies iſt der Vorſatz, mit dem ich gehe und nichts ſoll mich mehr zu⸗ rückhalten. Was Du auch immerhin von meinem Entſchluſſe denken magſt, theurer Freund, reiße mich nicht aus meinem Herzen, erhalte mir Dein Vertrauen, denke, daß ich Alles, was ich unternehme, thue mit einem Herzen, das ganz meinem Volke geweiht iſt. George Harris.“ Einige Wochen ſpäter ſchiffte ſich Georg mit Weib, Kin⸗ dern, Schweſter und Mutter nach Afrika ein. Wenn wir uns nicht irren, wird die Welt noch etwas von ihm zu erfahren bekommen. Von unſeren übrigen Bekannten hätten wir nichts weiter mitzutheilen, es wäre denn über Miß Ophelia und Topſy, † ————————— ———— 351 ſo wie Georg Shelby, dem wir ein beſonderes Abſchiedskapitel widmen. Miß Ophelia nahm Topſy mit nach Vermont. Die „Leute“ betrachteten das kleine Negermädchen zuerſt als eine ſonderbare und unnöthige Vermehrung von Ophelias gut ein⸗ gerichtetem Hausweſen. Doch dieſe war in ihrem Bemühen, an ihrem Zögling ihre Pflicht zu erfüllen, ſo gewiſſenhaft und wirkſam, daß das Kind bei der Familie und Nachbarſchaft an Gunſt und Gnade ſchnell zunahm. In ihrem reiferen Alter wurde ſie auf ihr Verlangen durch die Taufe ein Mitglied der chriſtlichen Kirche, undſ zeigte ſo viel Verſtand, Thätigkeit, Eifer und Verlangen in der Welt Gutes zu thun, daß ſie endlich für eine der Stationen Afrikas als Miſſionärin ver⸗ wendet wurde, und wir haben gehört, daß dieſelbe Thätigkeit und derſelbe Scharfſinn, welche ſie als Kind ſo ruhelos und unbildſam machten, und in ihrer Entwicklung aufhielten, jetzt auf eine beſſere und wohlthätigere Weiſe zur Belehrung der Kin⸗ der ihres Vaterlandes von ihr angewendet wurden. P. S. Mancher Mutter wird es vielleicht zur Beruhigung gereichen, wenn ſie erfährt, daß es den Nachforſchungen der Madame de Thaur gelang, neulich Caſſy's Sohn aufzufinden. Da er ein energiſcher, junger Mann war, hatte er einige Jahre früher wie ſeine Mutter ſeine Flucht bewerkſtelligt und war von Freunden der Unterdrückten im Norden aufgenommen und erzogen worden. Bald wird er ſeiner Familie nach Afrika folgen. Dreiundvierzigſtes Kapitel. Der Befreier. George Shelby hatte ſeiner Mutter in wenigen Zeilen den Tag angezeigt, an welchem ſie ihn zu Hauſe erwarten ſollte. Der Muth fehlte ihm, die Nachricht von dem Tode ſeines Freundes beizufügen. Er verſuchte es wohl einigemal aber er entſetzte ſich davor, und immer wieder zerriß er das Papier, wiſchte ſich die Augen und ging hin und her. In dem Shelby'ſchen Hauſe war eine freudige Geſchäf⸗ tigkeit in Ansſicht auf die Ankunft des jungen Maſters. Mrs. Shelby ſaß in einem confortablen Zimmer an einem luſtig flackernden Hickoryfeuer. Ein Tiſch, der von Silbergeſchirr und geſchliffenen Gläſern bedeckt war, enthielt die Anord⸗ nungen für die Abendmahlzeit, über welche unſere Freundin, die alte Tante Chloe, die Aufſicht führte. Angethan mit einem neuen Kattunkleide, einer reinlichen, weißen Schürze und einem gutgeſtärkten Turban und mit Zufriedenheit ſtrahlendem Ge⸗ ſicht, machte ſie ſich noch um die Anordnungen der Tafel Et⸗ was zu ſchaffen, um dadurch mit ihrer Miſſis noch ein wenig plaudern zu können. „Ach, ob es ihm auch gut ſein wird?“ ſagte ſie,„ich habe ſeinen Teller nahe an's Feuer geſetzt, wo er ſo gerne ſitzt. Mr. George verlangt immer den wärmſten Sitz. O, geh mir, warum hat Fally nicht die beſte Theekanne genommen— die kleine, neue— welche George von der Miſſis zu Weihnachten erhielt? Ich will ſie holen! Und die Miſſis hat von Maſter George gehört?“ ſagte ſie ausforſchend. „Ja Chloe, doch nur eine Zeile; ſie beſagt nur, daß er heute Abend kommen würde, wenn er kann— dies iſt das Ganze.“ „Hat er nichts über meinen Alten geſagt?“ fragte Chloe, indem ſie noch immer an den Theetaſſen herumkramte. „Nein, er that es nicht. Er ſchrieb nichts davon, Chloe. Er ſchrieb nur, er würde Alles erzählen, wenn er nach Hauſe kommt.“ „Ja, dies ſieht Maſter George ähnlich! er will ſtets Alles ſelbſt erzählen. Ich habe das an Mr. George immer wahrgenommen. Ich kann gar nicht begreifen, wie die Weißen im Allgemeinen ſo viel ſchreiben können, wie ſie es thun— das Schreiben iſt eine ſo langſame, unnöthige Arbeit.“ Mrs. Shelby lächelte. „Ich denke, daß mein Alter die Jungen und das Kleine nicht wiedererkennen wird. Gott! ſie iſt das dickſte Mädchen nun, und gut und vernünftig dazu, die Polly. Sie iſt zu Hauſe und backt Waffeln. Es iſt gerade die Speiſe, die mein Alter liebt und ich habe ſie ihm an jenem Morgen, wo er fortgeſchleppt wurde, gebacken. Gott vergebe mir, was ich an dieſem Morgen gefühlt habe!“ Mrs. Shelby ſeufzte und fühlte bei dieſer Erwähnung eine ſchwere Laſt auf ihrem Herzen. Seit dem Eintreffen des Briefes fühlte ſie ſchon eine Unruhe, denn ſie fürchtete, daß hinter dem Schweigen etwas verborgen läge. 353 „Hat die Miſſis die Banknoten?“ fragte Chloe ängſtlich. „Ja, Chloe!“ „Weil ich die Papiere gern dem Alten zeigen möchte, die mir der Perfectioner gegeben hat.„Und,“ ſagte er,„Chloe, ich wünſche, Du wäreſt länger geblichen.“„Ich danke, Maſter,“ ſagte ich„ich wollte nur, mein Alter käme heim und Miſſis nicht länger ohne mich ſein.“ Das waren gerade die Worte, die ich ihm ſagte. Mr. Jonas war ein ganz alter Mann.“ Chloe beſtand hartnäckig darauf, daß dieſelben Banknoten, in welchen ſie ihr Lohn ausgezahlt erhielt, aufbewahrt wur⸗ den, um ſie ihrem Rann als Beweis ihrer Thätigkeit zu zeigen und Mrs. Shelby ging gern darauf ein. In dieſem Augenblick erſchallte Rädergeraſſel. „Mr. George!“ rief Tante Chloe, an das Fenſter eilend. Mrs. Shelby lief nach dem Vorzimmer und wurde von den Armen ihres Sohnes umſchlungen. Tante Chloe ſtand ängſtlich da und blickte in die Dunkelheit. „O arme Tante Chloe!“ ſagte George, wobei er mit⸗ leidig ſtehen blieb und ihre harte ſchwarze Hand ſchüttelte. „Ich at mein ganzes Vermögen hingegeben, ihn zurück⸗ zbringen, doch er iſt nach einem beſſeren Lande hinüberge⸗ gangen.“ Mrs. Shelby ſtieß einen leidenſchaftlichen Schrei aus, aber Tante Chloe ſagte nichts. Man trat in das Speiſezim⸗ mer. Das Geld, auf welches Tante Chloe ſo ſtolz war, lag noch auf Tiſche. „Da,“ ſagte ſie, es aufnehmend und mit zitternder Hand ihrer Herrin hinhaltend,„ich will es weder ſehen noch da⸗ von hören. Es kam gerade ſo, wie ich es mir dachte.— Er iſt verkauft und getödtet worden auf den Pflanzungen dort.“ Chloe kehrte ſich um und ging feſt aus dem Zimmer, Mrs. Shelby folgte ihr leiſe, ergriff ſie bei der Hand, zog ſie auf einen Stuhl und ſetzte ſich neben ſie. „Meine arme, gute Chloe!“ ſagte ſie. Chloe lehnte ihr Haupt auf die Schulter ihrer Herrin und ſchluchzte.„O Miſſis! Verzeihen Sie mir, mein Herz iſt gebrochen— 3, iſt es!“ „Ich weiß es,“ ſagte Mrs. Shelby, wobei ſie Thränen vergoß, und ich kann es nicht heilen, aber Jeſus kann es. Er heilt die gebrochenen Herzen und verbindet ihre Wunden.“ 23 ———— 354 Es herrſchte ein trauriges Schweigen. Nach einer Weile kam Georg hinzu und erzählte der armen Chloe mit ruhigem Gefühl die Scene von dem triumphirenden Heimgange On⸗ kel Toms. Eines Morgens, ungefähr ein Monat nach dieſer Be⸗ gebenheit, wurden ſämmtliche Diener des Shelby'ſchen Hau⸗ ſes nach dem großen Saal berufen, um einige Worte ihres jungen Herrn anzuhören. Er trat mit einem Pack Papiere in der Hand unter ſie, und erklärte ihnen, daß dies die Frei⸗ heitsſcheine aller auf dem Gute Lebenden ſeien, las ſie vor und händigte ſie den vor Erſtaunen und Ueberraſchung ſchluch⸗ zenden und weinenden Leuten aus. Viele jedoch drängten ſich um ihn, ernſtlich bittend, ſie nicht wegzuſchicken, und mit ängſtlichen Geſichtern gaben ſie ihre Freilaſſungsſcheine zurück. „Wir wollen nicht freier ſein als wir ſind. Wir haben Alles was wir bedürfen; wir tragen kein Verlangen, das alte Gut, den Maſter und die Miſſis und die Uebrigen zu verlaſſen.“ „Meine guten Freunde,“ ſagte George, ſobald er ſich Ruhe verſchafft hatte,„es iſt nicht nöthig mich zu verlaſſen, das Gut bedarf noch eben ſo vieler Hände zur Arbeit als früher; auch im Hauſe brauchen wir noch dieſelben; Ihr ſeid nur freie Männer und freie Weiber. Ich werde Euch Euren Lohn für Eure Arbeit zahlen, ſo wie wir ihn ausmachen. Euer Vortheil iſt, daß im Falle ich in Schulden gerathe oder ſterbe— Dinge, welche ſich ereignen können— Ihr nicht genommen und verkauft werden könnt. Ich werde das Gut fortführen und dasjenige vielleicht Euch lehren, zu deſſen Er— lernung man eine lange Zeit braucht, nämlich die Rechte zu nutzen, welche ich Euch als freie Männer und Weiber gege⸗ ben. Ich erwarte, das Ihr gut und lernbegierig ſein werdet, und ich vertraue auf Gott, daß ich Euch tren und willig erziehen werde.“ Ein alter Negerpatriarch, welcher auf dem Gute alt und blind geworden war, ſtand auf, erhob ſeine zitternde Hand und ſagte:„Laſſet uns Gott danken!“ und Alke fielen ein⸗ ſtimmig auf's Knie und kein Tedeum, begleitet von Orgel⸗ tönen, Glockenklängen und Kanonendonner konnte rührender ſich zum Himmel erheben, als der Ausruf aus dieſem ehr⸗ 355 lichen alten Herzen! Ein anderer erhob ſich und ſtimmte eine Methodiſtenhymne an, deren Anfang war: „Das Jubeljahr iſt nun erſchienen, Ihr losgekauften Sünder kehrt zurück.“ „Noch etwas,“ ſagte George, die Dankbezeugungen un⸗ terbrechend,„Ihr Alle erinnert Euch wohl noch unſeres alten guten Onkel Tom.“ George gab hierauf eine kurze Erzäh⸗ lung der Scene ſeines Todes und ſeines liebevollen Lebewohl⸗ ſagens an Alle auf dem Gute, und fügte hinzu: „Es war an ſeinem Grabe, Freunde, wo ich vor Gott gel lobie, niemals mehr einen Stlaven zu beſitzen, ſo lange es möglich wäre ihn zu befreien; daß durch mich keiner Ge⸗ fahr laufen ſoll von Heimath und Freunden geſchieden zu werden. Und wenn Ihr Euch der Freiheit erfreut, bedenket, daß Ihr ſie jener alten treuen Seele verdanket, und zahlt ſie durch Güte gegen ſein Weib und Kinder zurück. Denket Eurer Freiheit, ſo oft ihr Onkel Toms Hütte ſehet, laſſet ſie Euch eine Mahnung ſein, in ſeinen Fußtapfen zu wandeln und ſo ehrlich, treu und chriſtlich zu ſein, wie er es war.“ Vierundvierzigſtes Kapitel. Schlußbemerkungen. Der Verfaſſerin ſind brieflich aus entfernten Ländern häufig Anfragen gekommen, ob dieſe Erzählung eine wahre ſei oder nicht, und darauf will ſie hier kurz antworten. In ausgedehntem Grade ſind die Ereigniſſe in vorſtehender Er⸗ zählung völlig wahr und treu wiedergegeben; theils Produkte eigner Erfahrung oder der ihrer Freunde, ja, ganze Stellen ſind ſo wörtlich wiedergegeben, wie ſie das eigne Ohr auf⸗ nahm. So z. B. der Charakter der Eliza iſt ganz aus dem Le⸗ ben gegriffen; die Treue, Tugend, Gottergebung des Onkel Tom entwickelte ſich faſt unter unſern Augen, die fürchter⸗ lichſten, romantiſchſten und erhabenſten Scenen haben eben ſo ihre Parallele im Leben. Die Begebenheit, daß die flüchtende Mutter mit ihrem Kinde über das Eis des Fluſſes läuft, ift faktiſch. Die Geſchichte mit der alten Frau iſt eine bekannte 23* 356 Thatſache, die Angeſichts des Bruders der Verfaſſerin vorfiel, der zur Zeit Dirigent eines großen Hauſes in New⸗Orleans war. Ans derſelben Quelle fließt der Bericht über den Cha⸗ rakter des Pflanzers Legree, über welchen ſich der Bruder fol⸗ gendermaßen ausdrückt:„Ich beſichtigte ſeine Plantage; er zeigte mir mit Stolz die Schwielen ſeiner Hand, und ſagte: das ſei vom Negerprügeln! Als ich ſeine Beſitzung verließ, holte ich tief Athem und mir war, als ob ich der Höhle eines Räubers entſchlüpfte.“ Auch Tom's trauriges Ende findet hundertfach ſeine Beſtätigung, da die Geſetze das Zeugniß eines Farbigen gegen einen Weißen nicht anerkennen. Ueber⸗ haupt hängt das Wohlergehen der armen Sclaven nur von dem Charakter ihres Beſitzers ab.— Oft erreichen die empörendſten Gräuelthaten das öffentliche Ohr, doch noch empörender ſind die Bemerkungen, die man hierüber vernimmt.— Mit eben der Ruhe würde man es aufnehmen, zu hören, ein Meiſter läßt ſeine Lehrlinge zu Tode guälen, wenn es die Geſetze in Neu⸗England erlaubten. In dem Syſtem, das die Sclaverei aufrecht erhält, iſt das vollkommen gerechtfertigt, ſie kann nicht beſtehen ohne dies. Das Entſetzlichſte iſt der Verkauf der Mädchen und Frauen auf den Sclavenmärkten; je ſchöner und kräftiger ſie ſind, deſto trauriger iſt ihr Loos! Aus Gerechtigkeitsliebe müſſen wir durch folgende Anek⸗ dote beweiſen, daß St. Clare's Edelmuth und Freundlichkeit ihre Beſtätigung im Leben fanden. Vor mehreren Jahren lebte in Cincinati ein junger Herr aus dem Süden mit einem Diener, der ſeit frühſter Jugend ihn umgab. Der Diener be⸗ mühte ſich, die Freiheit zu erlangen bei einem Quäker, der ſich mit dieſen Angelegenheiten befaßte. Sein Beſitzer war höchſt aufgebracht darüber, er hatte den Sclaven ſtets ſo gütig und liebevoll behandelt, und ſo großes Vertrauen in deſſen Anhänglichkeit geſetzt, daß er glaubte, man hätte denſelben gegen ihn aufgehetzt, um dieſen Entſchluß hervorzubringen. Er be⸗ ſuchte den Quäker in großer Aufregung, aber dieſer kam ihm mit ſo ſeltener Offenheit entgegen, daß er ſeine Zweifel fallen ließ und ſagte, er würde ſeinen Sclaven augenblicklich frei machen, wenn er in ſeinem Beiſein erkläre, er wolle durchaus frei ſein. Eine Zuſammenkunft fand ſtatt und Nathan wurde von ſeinem Herrn gefragt, ob er über irgend etwas klagen könne, und weshalb er ſeine Freiheit wünſche?„Nein, nein, Herr, Sie waren immer gut und mild gegen mich.“ 8 „Und weshalb willſt Du frei ſein?“ t 5 6 3 * n 3 — „ 7* 357 „Der Herr kann ſterben, und was ſoll dann aus mir werden,“ ſagte der Neger. Der Herr erwiderte nach dieſer Erklärung:„Du biſt frei, Nathan, ich hätte eben ſo an Dei⸗ ner Stelle gethan.“ Er machte ihn frei, gab Geld, damit der Quäker für ſein ferneres Leben ſorgen könnte, und hinterließ ihm einen Brief voll Ermahnungen, der jüngſt der Verfaſſerin dieſes Buches vorlag. Solche Charaktere ſind unſere Licht⸗ punkte im Süden, Stützen in der Verzweiflung. Früher wollte die Verfaſſerin nie etwas über Sclaverei hören, fand es zu bitter, ſich über dies menſchliche Elend belehren zu laſſen, doch nach dem geſetzgebenden Akt von 1850 als ſie mit Staunen und Erſchütterung erfuhr, daß hriſtliche und menſch⸗ lichfühlende Völker darauf antrugen, entl aufene Flüchtige in die Sclaverei zurückzuführen und dies ſogar für eine, jedem Bürger obliegende Pflicht erklärten, als ſie ferner von allen Seiten hören mußte, daß ein achtungswerthes Volk in den freien Staaten des Nordens noch über Frage im Par⸗ lament diskutiren konnte, da ſtand es bei ihr feſt, daß man hier nicht wiſſe, was Stlavrnhandel zu ient habe! Von tieſen Augenblicke an, war in ihr unerſchütterlich der Vorſatz rege geworden, die Schattenſeiten und Schreckniſſe des Skla⸗ venlebens in einer wahrheitsgetreuen, lebendigen Schilderung zu veröffentlichen. Man hat verſucht, es hier treu nach allen hin zu ſitern⸗ Aber ach! Wer iſt im Stande all die Schreckniſ ſſe zu ergründen, welche in dieſem Thale des Jammers und des Elends noch verborgen herrſchen! . 3 W W gu — ——— —— ———