eihbiblivthek deutſcher, engliſcher und frauzöſiſcher Literatr 6dnard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 offen. . Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hiterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 W.— T 1 Wi 5 P 2 W. „„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſeibſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und deſecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —, 3 M ———————— Die Schmuggler, und Die Ruͤckreiſe aus dem Bade. Zwei Novellen von Ludwig Storch. Gotha, Verag von. M 1 8 3 2. Die Schmuggler. Novelle. — 0 „Wien iſt mir in den Tod verhaßt, wie uͤber⸗ aupt alle großen Städte,“ ſagte der Hauptmann von Wahlmann ſehr bitter zu ſeiner Geliebten, der reichen, unabhangigen, in Jugend und Schoͤnheit ſtrahlenden Graͤfin Adelheit.„Dies herzloſe, fremde Treiben, das mir ewig Menſchen entgegen wirft, wie die Wogen des Meers den Schaum in die Brandung, Menſchen, die nichts fur mich fuhlen, fuͤr die ich nichts fuͤhlen kann; dies gleichguͤltige Maſchinenleben iſt mir zum Ekel, ich moͤchte aus mir ſelbſt heraus fliehen!“ „Wie, und Sie vergeſſen mich dabei ſo ganz? bedenken nicht, daß in Wien ein Herz glucklich in Ihrem Beſitz ſchlägt, und deſſen Liebe das Ihrige wiederum gluͤcklich machen ſollte? Bin ich Ihnen nicht genug? Was darf Sie die Menge kuͤmmern, wenn ich Ihnen ganz gehoͤre?“ 1 X 4 „Das iſt's eben, Adelheit, was mich quaͤlt und martert. Sie werden mir in dieſem Menſchenge⸗ wuͤhle nie ſo ganz gehoͤren, wie es Beduͤrfniß mei⸗ nes Herzens iſt. Ihr Oheim iſt zu ſeinen Vaͤtern hinüber gegangen, das letzte Hinderniß unſerer Ver⸗ bindung aus dem Wege geraͤumt, Sie ſtehen im Begriff mir Ihre Hand zu geben, und den vor Jahren geſchloſſenen Bund unſerer Herzen oͤffent⸗ lich zu beſiegeln. Was bindet Sie an Wien? Weshalb widerſetzen Sie ſich fo heftig all meinen Bitten, einen kleinen ſtillen Raum fuͤr unſer Gluͤck zu ſuchen? Warum wollen Sie mit mir nicht in die Schweiz oder nach Italien ziehen? Nur dort kann ich gluͤcklich ſein.“ „Wenn Sie nicht an meinem liebenden Her⸗ zen das hoͤchſte Gluͤck Ihres Lebens finden, es ſchlage auf welcher Stelle von Gottes Erde es wolle, ſo werde ich Ihnen auch in den Alpen nicht jene geiſtige Befriedigung gewaͤhren, die nur allein ein dauerndes Gluͤck in das Haus bannt. Ich ſagte Ihnen ſchon oft, laſſen Sie uns noch drei bis vier Jahre in Wien bleiben, dann will ich Ih⸗ nen mit Freuden folgen, wohin Sie wollen. Mich aber ſpricht dies bunte, rege Leben unſerer Kaiſer⸗ 5 ſtadt an, ich liebe dieſe Menſchen, ich bin gern unter ihnen, und ich weiß eine Zeit, wo Sie mir gleich fuͤhlten und dachten. Welche truͤbſinnige Le⸗ bensphiloſophie auch Ihre Meiſterin geworden iſt, ich bin dieſelbe geblieben. Und zu welchen argerli⸗ chen Geruͤchten wuͤrden wir durch unſere wunder⸗ liche Entfernung Veranlaß geben. Nein, mein Freund, laſſen Sie uns in dem ſchoͤnen Wien blei⸗ ben und alle die unſchuldigen Freuden genießen, welche es bietet, und zu deren Genuß uns Ju⸗ gend, Stand und Reichthum berechtigen.“ „Ihre Beharrlichkeit koͤnnte mir faſt verdaͤchtig werden,“ lachte Wahlmann ſehr bitter. „Sie beleidigen mich grauſam, Hauptmann!“ rief die Graͤfin aufgebracht.„Mir dieſe Inſolenz! Sie ſind gemuͤthskrank. Sorgen Sie fuͤr Ihre Heilung.“ „So laſſen Sie uns Wien verlaſſen!“ ver⸗ ſetzte der Offizier trocken. „Nimmermehr! Ich erklaͤre Ihnen ein fuͤr al⸗ lemal, daß ich nicht aus der Stadt weiche,“ „So werde ich allein gehen.“ „Wie Ihnen beliebt. Sie ſind Ihr eigener Herr und von mir in keiner Hinſicht gebunden,“ 8 — 6 „Nun ſo reiſe ich!“ rief Wahlmann im hoͤch⸗ ſten Unmuth und dem Ausbruch lang verhaltenen Grimms.„Bleiben Sie in Ihrem ſchoͤnen Wien, laſſen Sie ſich von der Unmaſſe Ihrer Anbeter um⸗ ſchwaͤrmen; ich will mein getaͤuſchtes, betrogenes Herz in einen fernen Winkel der Erde tragen, um es dort verzucken und verbluten zu laſſen.“ „Sie ſind ein Miſanthrop, und ich moͤchte nicht die Gattin eines ſolchen ſein,“ erwiederte die Graäfin entruͤſtet.„Ihr Wort iſt Ihnen zuruͤckge⸗ geben. Sie ſind frei.“— Sie verbeugte ſich und verließ das Zimmer. Wuͤthend ſprang der Offizier auf und ſtuͤrzte aus dem Hauſe. Ihm fiel bei, daß das Zollweſen im Koͤnigreich Lombardei⸗Vene⸗ dig neu organiſirt werden ſolle, und er lief den ganzen Tag von einem Obern zum andern, um ſich eine Stelle bei der dortigen Mauth zu erbit⸗ ten. Die Regierung vertraute aus guten Gruͤnden dieſe Poſten gern deutſchen Soldaten, und es fan⸗ den ſich wenige, welche mit Luſt dahin gingen, wo ſchon viele im unruͤhmlichen Kampfe ihr Leben ver⸗ loren hatten. Um deſto eher erlangte Wahlmann die Gewaͤhrung ſeiner Bitte. Mit der Gewißheit, ſchon in den naͤchſten Tagen eine Anſtellung an der 7 Mauth in Italien zu erhalten und ſogleich dorthin abreiſen zu koͤnnen, kam er Abends in ſeine Woh⸗ nung. „Peter!“ rief er ſeinem Diener entgegen,„fort aus Wien! Ich habe mit der Graͤfin gebrochen, wir ſind auf ewig getrennt. Schon hab' ich eine Anſtellung in Italien, drum pack' ein, lieber Junge!“ Dies Alles ſprach der Hauptmann mit einer graͤßlich freudigen Haſt, welche von ſeiner Zerknirſchung zeugte. Peter ſchuͤttelte ſchweigend den Kopf und ließ ſich dann die Geſchichte aus⸗ fuͤhrlich erzaͤhlen; denn er war ein treuer Diener und Vertrauter ſeines Herrn. Er ſchuͤttelte aber den Kopf wieder und ſchlich dann heimlich zu der ihm wohlwollenden Grafin. Ueber den Comerſee ſchnitt ein Kahn nach Norden hinauf. Wahlmann und Peter eilten ih⸗ rem kuͤnftigen Wohnort zu. In Mailand hatte der Offizier ſeine Beſtimmung an der noͤrdlichſten Grenze des Koͤnigreichs erhalten, ſo wie er ge⸗ wuͤnſcht und gebeten. Als er nun die rieſigen, eis⸗ grauen und ſchneeweißen Alpenhaͤupter in den von 8 Feigen⸗ und HOrangenbüſchen umblühten Waſſer⸗ ſpiegel hereinnicken ſah, da war's ihm, als verſtehe er ſich ſelbſt jetzt erſt, als ſei dieſe Gegend der Schluͤſſel zu den Hieroglyphen all ſeiner oft ihm ſelbſt ſeltſam und wunderlich erſcheinenden Stim⸗ mungen, Gefuͤhle, Ahnungen und Empfindungen, als wuͤrden die Widerſpruͤche und ſchroffen Gegen⸗ ſätze in ſeiner Bruſt, die ihn zeither oft geaͤngſtet, durch ein gleiches Verhaͤltniß in der ihn umgeben⸗ den Natur erklaͤrt und in einer hoͤhern Harmonie ausgeglichen und gehoben. Vom Kloſter Pis⸗Piano, uͤber welches ſein Weg fuͤhrte, erblickte er links noch einmal die Thuͤrme des alten Mailand, rechts die hell glaͤnzende Waſſerflaͤche des langen Lago Maggiore, an deſſen rebenumbluͤhtem Ufer er ferner zu leben gedachte; hinter ihm aber ſtarrte das B gtitanengeſchlecht der Alpen in den Himmels⸗ raum und die ſchauerlichen Thaͤler, von den jah obſtuͤrzenden Bergwaͤnden gebildet, zeigten ihre of⸗ fenen Pforten, durch welche die ſtattlichen Berge den maͤchtigen Seen des Landes, mit denen ſie ſo gerne liebaͤugeln, ihnen in die hellen freundlichen Augen blickend und im Spiegel derſelben voll Ent⸗ zuͤcken ihr Bildniß verkleinert ſchauend, die klaren 9 Waſſer als Dankſpende zuſchicken, geſchwaͤtzige Lie⸗ besboten, die den Seen und Fluͤſſen und ihren ufern bis zum adriatiſchen Meer hinab viel erzaͤh⸗ len von den Bergen und ihrer Liebe. „In eure finſtern Schluchten mich begraben, wenn ich tobe, auf euren Ruͤcken ſtehen und her⸗ abſchauen in das herrliche Pothal, in die bluͤhende Lombardei mit ihren Seen und Stroͤmen, lachen⸗ den Feldern und Rebenhuͤgeln, Myrthenhainen und Drangenwaͤldern, Stadten und Doͤrfern, wenn ich liebe; und an dieſen Ufern, in dieſen Thälern wan⸗ deln, wenn ich mich aufloͤſen moͤchte in namenloſer Wehmuth: das ſoll ferner mein Leben ſein!1“ ſo rief der Offizier, die Arme ausbreitend, um gleichſam die Welt, die ihn umthuͤrmte, an die Bruſt zu preſſen. Gegen Abend langten die Reiſenden mit Maulthieren, welche ſie gemiethet, in Briſago, ei⸗ nem bedeutenden Marktflecken dicht am Lago Mag⸗ giore, an. Der Ort war das Ziel der Reiſe. Die Abendroͤthe gluhte eben in den Gewäſſern des Sees wider, die gekraͤuſelten Wellen glichen goldgelock⸗ ten Schaafen, die in Heerden dem Ufer zueilten, um noch vor einbrechender Nacht ihre guͤldenen koſtbaren Vließe in Sicherheit zu bringen ſich 10 eine Schlafſtätte zu ſuchen. Die purpurne Fluth durchkreuzten geſchaͤftige Kahne, ſchnell rudernden Seevoͤgeln vergleichbar, die von der fluͤchtigen und fluͤſſigen Heerde ſo viel zu erbeuten ſuchten, als ihnen moͤglich; und oben herab trieben weißſchim⸗ mernde Floſſe, tanzende Silberſchilder auf dem ſchwankenden Goldgrund. Die Holzhaͤndler legten am Ufer an, freundlich gruͤßend und begruͤßt von der gaffenden Menge, und der muͤßige Italiener bot dem Ankoͤmmling Wein und Brot fuͤr gute Zah⸗ lung. Das gruͤne Ufer wimmelte von zerlumptem faulen Volk, welches ſich allmaͤlig lagerte und un⸗ ter des Himmels blauem Dache die Nacht zubrin⸗ gen zu wollen ſich anſchickte, und deſſen eigentliche Abſichten Wahlmann noch nicht vermuthen konnte. Als er, der von jeder neuen Erſcheinung Ueber⸗ raſchte, ſich ſatt geſtaunt hatte, folgte er ſeinem Peter nach, welcher mit dem Gepaͤck bereits ins Mauthhaus vorausgeeilt war, um die Ankunft ſei⸗ nes Herrn anzumelden. Das Haus war bald er⸗ fragt; es lag nicht fern vom Ufer und hundert Fuͤhrer draͤngten ſich ihm fuͤr eine kleine buona manu auf. Scheu wich das zudringliche Volk zu⸗ ruͤck, als ein kleiner Haufen, in oͤſtreichiſcher Uni⸗ 11 form, mit einem unterſetzten bejahrten Mann an der Spitze, dem Offizier entgegen marſchirte und ihm die Honneurs auf eine ſehr auszeichnende Weiſe machte. „Signore,“ redete der alte Anfuͤhrer in mili⸗ täriſcher Haltung den Ankoͤmmling an:„ſehen Sie in dieſer todesmuthigen Schaar Ihre Unterge⸗ benen, bereit jeden Ihrer Winke zu befolgen, wie es einem braven Soldaten zukommt; und Solda⸗ ten waren wir alle.“ Dabei ſtrich er ſich ſelbſtge⸗ faͤllig den grauen Schnauzbart, welcher bis uͤber die Unterlippe herabhing, reckte den Kopf noch um einen Zoll gravitätiſcher in die Hoͤhe und blickte mit kleinen funkelnden Augen, deren Friſche gegen die grauen, dem Bart gleich, lang herabhängenden Wimpern wunderlich abſtach, wie aus einem Ver⸗ ſteck lebhaft lauernd nach allen Seiten hin. Ein Zucken mit der Naſe und einige andere Zuͤge des Geſichtes, welche auch der Maler darzuſtellen nicht im Stande waͤre, gaben dieſem Fuͤhrer ein hoͤchſt komiſches Anſehen, und Wahlmann konnte, waͤh⸗ rend der in ſeiner Uniform haͤngende Invalid mit aller moͤglichen Steifheit ſeines Standes vor ihm paradirte, ſich kaum des Lachens enthalten. 12 „Ihr ſeid gewiß auch ein Deutſcher, guter Freund?“ fragte Wahlmann. „Ew. Gnaden gehorſamſt aufzuwarten, bin ein Steiermaͤrkiſcher Unterthan Sr. kaiſerlichen koͤnigli⸗ chen Majeſtät.“ „Und ſeid jeden Falls ſchon lange an dieſem Poſten?“ „Seit dies Konigreich nach dem Wiener Con⸗ greß iſt formirt worden.“ „So ſeid Ihr bewandert hier und mit den Ge⸗ ſchaͤften vertraut; ich kann mich im Anfang alſo oft guten Raths bei Euch erholen.“ „Gehorſamſter Diener!“ erwiederte der Alte, ſehr geſchmeichelt, und griff an den Hut, ohne aus ſeiner Drahtpuppenhaltung einen Viertelszoll breit zu weichen. Doch in dieſem Augenblick ſich ſeiner Anmtspflicht erinnernd, die er entweder aus allzu großem Mangel an Uebung oder aus uͤbermaͤßigem Reſpect bis jetzt vergeſſen hatte, ſchwenkte ſich der Corporal plotzlich mit dem Ausdruck eines heiligen Schreckens zu ſeiner in ſchweigender Erwartung unbeweglich harrenden Männerſchaar, und rief mit martialiſcher Stimme:„Praſentirt!“ Die baͤrtigen Geſichter zuckten bei diefem Donnerworte zufam⸗ 13 men, wie wenn ein Blitzſtrahl uͤber ſie hinfuhre, waͤhrend die Haͤnde gewaltig mit den morſchen Ge⸗ wehren raſſelten, was dem Offizier eben keinen ſon⸗ derlichen Begriff von ihrem Zuſtande beibrachte. „Straf' mich Gott! Eure Gnaden, mit dem Commando will's eben nicht recht mehr fort,“ lenkte der Corporal jetzt ein;„das macht das freie Leben. Jeder ſtreicht fuͤr ſich oder zwei und zwei, hoͤchſtens fuͤnf und ſechs beiſammen, an der Grenze; Einer gilt ſo viel als der Andere, keiner hat zu commandiren, als meine Wenigkeit, deren wacke⸗ lige Fuͤße das alte Haus nicht weit mehr herum zu tragen vermögen.“ „Die Sorge des Commando's ſoll euch ferner erſpart ſein, mein Freund,“ verſicherte Wahlmann gutmůthig. „So war's nicht gemeint, Eure Gnaden,“ erwiederte der alte Corporal ſich raͤuſpernd.„Au⸗ ßer Thaͤtigkeit kommen waͤre fuͤr mich aus dem Leben kommen. Ich wollte nur mit Eurer Gna⸗ den Erlaubniß ſagen, das ſtrenge Commando iſt an unſerm Poſten uͤberfluͤſſig. Wir haben nur die Grenze zu bewachen und damit— Paſta!“ 14 „Ich verſteh' Euch, doch mein' ich, der Sol⸗ dat ſoll uͤberall Soldat ſein.“ „Kreuz, Dorn und Stein! halten zu Gnaden, daß ich fluche; aber wir ſind Soldaten, wackere Soldaten und wollen's bis an unſer ſelig Ende bleiben; haben Ehr im Leibe trotz einer ungar⸗ ſchen Huſarenbeſtie, und hauen und ſchießen uns mit dem Teufel herum, wenn er uns an der Ehre angreift.“ „Bei ſolchen Geſinnungen werden wir gut zu⸗ ſammen paſſen,“ erwiederte Wahlmann beſchwichti⸗ gend;„entbindet Eure Leute des Commando's und macht mich dann mit der Localität des Orts be⸗ kannt.“ Der bewaffnete Haufe hatte bis jetzt noch in der praſentirenden Stellung verharren muͤſſen und haͤtte wahrſcheinlich das Vergnuͤgen noch einige Zeit genoſſen, waͤre der Glieder feſſelnde Zauber nicht durch des neuen Offiziers mahnendes Wort gelöſt worden. Ein dankbarer Blick auf ihren Wohlthäter haͤtte dieſen von ihrer Ergebenheit über⸗ zeugen koͤnnen, wäre ſeine Aufmerkſamkeit nicht mit der Daͤmmrungumhuͤllten Alpenkette und dem dunkelnden geheimnißvoll rauſchenden See beſchäf⸗ 15 tigt geweſen. Unter der erloͤſten Mauthbedienung entſtand nun lebhaftes Geſprächſel und Regſamkeit, ſo daß der Corporal mit einem ſchrillenden: „Stille!“ darunter zu fahren ſich genoͤthigt ſah. „Wollen Eure Gnaden nicht die Namen der Leute anhoͤren?“ fragte der Corporal reſpectvoll. „Sagt mir zuvor Euren eigenen.“ „Eurer Gnaden gehorſamſt aufzuwarten, mein unterthaͤniger Name iſt Baſtel G'muͤnz. Dieſer, der Fluͤgelmann heißt Lieſer Schmoll, iſt auch ein Deutſcher, wird von uns insgemein der lange Lie⸗ ſer genannt. Dieſer Dickkopf ferner mit dem ſchwarzen krauſen Haar iſt ein Mailaͤnder, Namens Nicolo Beltrame, von uns nur Nicoletto mit der breiten Naſe genannt. Zum Dritten, Paolo Lu⸗ nardo heißt, weil ein Streifſchuß ans Bein ihn hinken gemacht, der lahme Paul. Viertens— „Ich bitt' Euch, lieber Baſtel Gemuͤnz, uͤber⸗ gebt mir die Liſte dieſer Leute morgen und ſtellt ſie mir dann vor. Fuͤr heute Abend mag's genug ſein; die Reiſe hat mich ermuͤdet und ich wuͤnſche, daß Ihr mich mit meiner Wohnung bekannt macht.“ Die dienſteifrigen Grenzwaͤchter zerſtreuten ſich nach allen Seiten, der umſtehende zahlloſe Haufe des Volks fuhr wie eine zerplatzende Bombe zi⸗ ſchend und praſſelnd auseinander, der weite Mund der zur Nacht ſich wandelnden Daͤmmrung ver⸗ ſchlang ſie und Alles umher, die verhallenden Stimmen verſchmolzen in das eintoͤnige Gerede des Sees und die rauſchenden Kuͤſſe, die ſeine vunklen Wellen dem ſteinigen Ufer reichten, Nacht⸗ geſaͤnge und Schmeicheleien im traulichen Dunkel von dem geſchmeidigen Waſſer dem harten Boden dargebracht. Denn die Erde iſt eine ſproͤde Braut des leicht huͤpfenden Fluthgotts, und erwiedert ſeine liebende Umarmungen nicht, und nicht die Lieder, die er ihr jubelt und mit denen er ſie in Schlaf ſingt, und auch nicht die Kuͤſſe, die er ih⸗ ren gruͤnen Lippen aufdruͤckt. Er aber befruchtet ſie doch mit ſeinem ſegenbringenden Naß, um⸗ ſpannt ſie mit ſeinen Wolkenarmen und kußt ſie mit ſeinem Nebelmund, und nur zuweilen, aufge⸗ hetzt von dem blauen Luftgott, der auch um ſie vuhlt, wirft er ſich, verdrießlich uͤber ihre Unem⸗ pfindlichkeit, auf ihren vluͤhenden Leib, und verwä⸗ ſtet ihn, ein roher Gatte, mit graulichen Mißhand⸗ lungen, ſchilt ſie mit Donnerworten aus, reißt ihr den Schmuck ab, todtet in blinder Wuth ihre Kin⸗ n der und zerfleiſcht ſie ſelbſt unbarmherzig; ſie aber traͤgt's auch geduldig. Schweigend war Wahlmann hinter dem Cor⸗ poral hergeſchritten und in das ohnfern dem Ufer gelegene Mauthhaus gelangt, deſſen obere Zimmer fuͤr ihn eingerichtet worden waren. Sein Peter hatte fuͤr die erſte Bequemlichkeit ſo gut als moͤg⸗ lich geſorgt und war mit Auspacken des Mantel⸗ ſackes beſchaͤftigt. „Haben Eure Gnaden ſonſt noch etwas zu be⸗ fehlen?“ fragte der Corporal, nachdem er dem Hauptmann die Einrichtung des Mauthhauſes und der als Hintergebaͤude daran befindlichen Caſernen gezeigt hatte. „Ich wuͤßte nichts, als daß Ihr morgen bei Zeiten hier ſeid, weil ich mich bald den uͤbrigen Sollbeamten vorzuſtellen und dann ſogleich meinen Dienſt anzutreten gedenke.— Zeigt mir doch aber erſt das Schlafzimmer, Corporal!“ Dieſer ge⸗ horchte mit einem zweideutigen Geſichte, in wel⸗ chem man leſen konnte, er habe irgend etwas noch auf dem Herzen. „Die Thuͤrſchloͤſſer ſind in ſehr ſchlechtem Zu⸗ 2 18 ſtande, man kann ſie nicht ſchließen,“ bemerkte der Offizier. „Das iſt Sache der Oberadminiſtration in WMailand,“ verſetzte der Corporal,„und weil die Zimmer zeither unbewohnt waren, ſo iſt deshalb keine Vorſtellung gemacht worden. Bis auf die von Eurer Gnaden die Reſolution erfolgt, wollt' ich Denſelben unterthaͤnig gerathen haben, die Thuͤren zu verrammeln auf was Art es auch ſei, und ein Muttergottesbild uͤber Dero Bette aufzuhaͤngen, auch den Roſenkranz huͤbſch bei der Hand zu be⸗ halten.⸗ „Weshalb? ſind wir vor Raͤubern nicht ſicher?“ „Vor Raͤubern koͤnnten Sie immerhin ruhig ſchlafen,“ fuhr der Corporal mit einem geheimniß⸗ vollen Geſichte fort,„denen wuͤrden meine braven Jungen ſchon Eins aufs Leder brennen. Aber das hat nicht Fleiſch noch Bein und iſt unverwundbar, wie die liebe Luft.“ — „Nun es werden doch keine Geiſter umgehen?“ „Freilich iſt's nicht geheuer, weder im Hauſe hier, noch in der ganzen Gegend, den See entlang. Die heilige Jungfrau beſchirme jeden aͤcht katholi⸗ ſchen Chriſten! Wollt' ich Ihnen aber erzählen 19 welche nächtlichen graͤßlichen Abenteuer ich ſeit mei⸗ nem Hierſein beſtanden, die Haare wuͤrden Ihnen zu Berge ſtehen, wie Schweinsborſten, und vor Tages Anbruch wuͤrde ich nicht fertig werden. Truͤg' ich nicht einen uralten St. Georgenthaler, den mein Urgroßvater aus den Tuͤrkenkriegen in Ungarn mit heimgebracht, und ein Stuck einer ge⸗ weihten Kerze bei mir, die Unholde haͤtten mir lange ſchon den Hals umgedreht.“ „Ihr macht mich ſehr neugierig, Corporal,“ verſetzte Wahlmann, deſſen Charakter eine Neigung zum Wunderbaren und Außerordentlichen, vorzuͤg⸗ lich wenn es die geheimnißvolle nebelige Geiſter⸗ welt beruͤhrte, nicht fern lag.„Sagt mir wenig⸗ ſtens vom Weſen der hier umwandelnden Geſpen⸗ ſter etwas, damit ich im Nothfall weiß, mit wel⸗ cher Art derſelben ich es zu thun habe.“ „Nach Mitternacht erhebt ſich gewoͤhnlich ein großer Laͤrm in der Gegend der barromaiſchen In⸗ ſeln und noch druͤber, ja andere ſagen, er wälze ſich von den Alpengebirgen uber den Teſſino herab durch die Luͤfte und uͤber den See hin. Das knallt und pufft und kracht wie Peitſchenſchlag und Hun⸗ degebell, aber alles das nicht naturlich, ſondern 2* — 20 dumpf und geiſterartig, und die Wellen erheben ſich dann jedesmal und werden unruhig, ſchlagen an einander und peitſchen das Ufer, ſo daß das wirre Getoͤſe dem Zuhoͤrer angſt und bange macht. Wenn ſich der wilde Laͤrm wieder gelegt, ſo bläſt der Wind, welcher doch von Mailand heraufkam, nun von der Schweiz herab und treibt die Wellen, welche erſt von Suͤden hinauf rollten, nun vom Norden her den entgegengeſetzten Weg. Dieſe graͤu⸗ lichen Luftgeiſter, welche den See zur Nacht ganz unſicher machen, daß ſich kein Chriſtenmenſch hin⸗ aus wagt, ſondern die Decke uͤber den Kopf zieht, und ein andaͤchtig Paternoſter betet, ſollen der Hofſtaat eines alten heidniſchen Koͤnigs ſein, der mit all den Eiſenfreſſern zur Strafe ihrer Suͤnden bei naͤchtlicher Weil dieſe Hatz durch die Luft an⸗ ſtellt. Die Leute hier zu Lande erzaͤhlen ſich vie von dieſem alten Goͤtzendiener und nennen ihn Ar⸗ thus; er ſoll ein Koͤnig in England geweſen ſein, und nun naͤchtlich uͤber die Alpen einherfahren durch ganz Italien bis nach Sicilien hinab, wo er im Berg Aetna ſein uͤber alle Beſchreibung praͤch⸗ tiges Schloß haben und darinne Tags uͤber auf guͤldenen Polſtern ruhen ſoll. Eine Stunde vor 21 Mitternacht aber faͤhrt er mit all ſeinem geſpen⸗ ſtigen Hofgeſindel durch die Luͤfte davon uͤber das Meer nach England und beſieht ſich in der Gei⸗ ſterſtunde ſein weites ſchoͤnes Reich. Nach Mit⸗ ternacht kehrt er aber uͤber die Alpen und Italien in ſein Schloß zuruͤck.“ „Eine weite Reiſe in kurzer Zeit,“ bemerkte Wahlmann laͤchelnd,„und Ihr ſelbſt habt ſchon mit dieſer engländiſchen Majeſtat zu thun gehabt, Corporal?“ „Eurer Gnaden gehorſamſt zu dienen; ich war kaum acht Tage hier, als ich— „Verſpart Eure Erzaͤhlung, die mich jedenfalls ſehr angenehm unterhalten wird, auf ein andermal. Sagt mir nur das Eine noch, pflegt denn dieſer geſpenſtige Luftſchiffer je zuweilen auf ſeiner Nacht⸗ fahrt in dieſem Hauſe einzukehren?“ „Behuͤte uns der Herr und ſeine himmliſche Heerſchaaren! Das iſt wieder eine andere er⸗ ſchreckliche Geſchichte. Zur Zeit als noch das Haus der reichen Barromaer auf den kleinen ſchoͤnen In⸗ ſeln da druͤben im See gebluͤht hat, iſt dies Ge⸗ baͤude hier ein Abſteigequartier fuͤr ſie geweſen, wann ſie nach Como oder Venedig, Mailand oder 22 ſonſt wohin in dieſer Gegend zu reiſen gedachten, oder von dannen heimkehren wollten. Hier lagen ihre Schiffe, auf denen ſie dann uͤberſetzten. Bei ſtuͤrmiſchem Wetter pflegten ſie auch wohl hier zu uͤbernachten. Dergleichen Haͤuſer hatten ſie noch zwei, eins im Norden am Schweizerufer nahe bei Locarno, eins druͤben am ſardiniſchen Ufer bei dem Staͤdtchen Intra. Nun hatte eine junge ſchoͤne Graͤfin aus dem barromaͤiſchen Hauſe ihren Buh⸗ len, welcher geringeren Standes als ſie geweſen, in gewiſſen Naͤchten hier in dies Haus beſtellt, und iſt durch eines Schiffers Huͤlfe von der Inſel entwichen, wenn ihre Eltern ſie ſchlafen gewaͤhnt, hierher gekommen auf ſchneller Faͤhre, hat ein Paar Stunden bei ihrem Geſpons zugebracht und iſt dann gegen Morgen wieder auf dem Kahn heimge⸗ ſchwommen. Einſtmals hat's aber ihr Vater, der alte Graf, gemerkt, iſt ihr nachgeſchlichen, hat ſich ihr nach auch uͤberſchiffen laſſen, und iſt hierher gekommen. Da er nun alſo ganz unverſehends das Liebes⸗Paar in ſchoͤnſter Umarmung und freund⸗ lichſtem Koſen uͤberrumpelt, hat ihn die Wuth der⸗ maßen uͤberwaͤltigt, daß er ohn alles Bedenken den Degen gezogen und dem beſtuͤrzten Edelknaben 5 23 durch den Leib gerennt, ſeine ehrvergeſſene Toch⸗ ter aber am Arm genommen, ihres Heulens und Schreiens ungeachtet ſie in das Schiff geſchleppt und dem Schiffer anbefohlen, ſie feſt zu halten, im Sinne habend, er wolle ſie zu Hauſe durch vernuͤnftige Vorſtellungen uud guͤtiges väterliches Zureden auf einen beſſern Weg bringen. Als ſie nun in dieſer boͤſen Nacht heimkehrend mitten auf der Hoͤhe des Sees waren, hat ſich das ungluͤck⸗ ſelige Fraͤulein losgeriſſen und iſt mit einem Satze hinab in das feuchte Gewäſſer geſprungen und hat darin ihren Tod gefunden, eh der Schiffer und der Vater es haben verhindern koͤnnen. Seit jener Zeit, die lang ſchon voruͤber iſt,— denn damals ſind die Ritter noch in Stahl und Eiſen einhergegan⸗ gen— ſchwimmt zuweilen um Mitternacht, bevor noch Koͤnig Arthus ſeine Schaar uͤberhin treibt, ein Kahn, von Nebel und Dunſt geformt, aber ſchier anzuſehen, als wäre er von alten grauen Bretern zuſammengezimmert, uͤber den See, ohne daß ſich nur ein Wellchen regte und das Waſſer von einan⸗ der wiche, wie doch bei dem kleinſten und leichteſten Fahrzeug geſchieht, und drinnen ſteht in einem bluͤthenweißen Kleide, worin jedoch einige Blutfle⸗ 24 cken ſind,— denn die arme Graͤfin wurde von ih⸗ res Geliebten Blut beſpritzt, als ihn der Vater durchbohrte— der bleiche Geiſt mit langem aufge⸗ löſten triefenden Haar, legt haͤnderingend am ufer an, ſchluͤpft in das Haus und begruͤßt den Geiſt ihres Geliebten, und ſelbander durchwandern ſie dieſe Zimmer, in welchen der Mord vorgefallen ſein ſoll. Mir ſchaudert die Haut, wenn ich daran denke; und ich will das Sacrament darauf neh⸗ men, daß ich den alten Grafen ebenfalls im Har⸗ niſch einherwandeln geſehen, die beiden Geſpenſter vor ſich hertreibend, was mir meine Kameraden nie haben glauben wollen, weil man eigentlich nur von der Erſcheinung der beiden Liebenden weiß.“ „Wunderbar!“ ſagte Wahlmann mehr zu ſich ſelbſt als zum Corporal.„Sollte mir hier ein Schleier ſinken, an welchem ich ſchon oft mit ver⸗ wegenem Finger gezupft? Sollte nicht allein mein Blick in das Reich der Natur, ſondern auch in das uͤbernatuͤrliche hier erweitert werden?— Es iſt gut, Gemuͤnz; ich dank' Euch fuͤr Euren Rath, morgen ſollt Ihr mir mehr von dieſen Dingen erzählen; ich hoͤre dergleichen gern. Schlaft wohl!“ Der Corporal machte ſeine ſteife Reverenz und 5 25⁵ entfernte ſich mit einem guten chriſtlichen Gruß. Peter war mit Auspacken und Aufraͤumen fertig, und ſtreckte ſich mit Erlaubniß ſeines Herrn auf die Matratze. Bald verkundete ſein ſtarker Athem⸗ zug die Feſtigkeit ſeines Schlafes. Wahlmann durchmaß das Zimmer mit heftigen gleichformigen Schritten. Des Corporals Erzaͤhlung hatte ihn leb⸗ haft ergriffen und die Muͤdigkeit aus ſeinen Gliedern, den Schlaf von ſeinen Augen verbannt.„Selt⸗ ſam, bei Gott ſeltſam!“ rief er endlich aus und die Gefuͤhle ſeiner Bruſt wurden zu Gedanken und Wor⸗ ten.„So waͤr' ich plotzlich an einen Punkt der Kör⸗ verwelt geſchleudert, an welchen die Geiſterwelt ſich geheimnißvoll anſpinnt? In dieſem alten Gemaͤuer ſollen die Schemen Dahingeſchiedener wandeln und an die Minute, die ſie hier verweilten, eine Ewig⸗ keit knuͤpfen? Was treibt dieſe Schatten aus dem Orte ihres Aufenthalts, daß ſie in der bleichen Larve ihrer koͤrperlichen Geſtalt auf dem Boden einher⸗ ſchweben, den ſie ſonſt betraten und nun nicht mehr berühren koͤnnen? Um eine Minute Leben eine Ewig⸗ keit dumpfer Qual, oder wie ſoll ich es ſonſt nen⸗ nen? Eine Minute, aber voll Liebe und Haß! voll mordenden Haſſes und ſterbender Liebe! Ha, ja! 3 26 an eine ſolche Minute muͤſſen ſich tauſend Ewigkeiten knuͤpfen. Nur Liebe und Haß koͤnnen das Glied ſein, in welches die Kette der Geiſterwelt greift; hier haͤngt ſie mit der Wirklichkeit, hier mit mir ſelbſt zuſammen; denn der Grundton meines Lebens iſt ja unendliche Liebe, unendlicher Haß. Kaͤm⸗ pfen nicht gute und boͤſe Geiſter ewig in mir? Der blaue Himmel hat den Bogen ſeiner grundlo⸗ ſen Liebesmilde in mir aufgeſpannt, aber auch die Erde ihre Feuerſchluͤnde des boͤſen verderbenden Haſſes in mir aufgeriſſen. Ja ich, oder kein An⸗ derer, bin im Beſitz des erſten Kettengliedes, und wohl auf! ſo will ich die Kette ſo weit erſtreben als moͤglich, und ſollt' ich ſelbſt uͤber die Bruͤcke wandeln muͤſſen, welche keine Ruͤckkehr geſtattet. O ihr Geiſter der Liebenden, die ihr den Ort eu⸗ rer irdiſchen Seligkeit und eures irdiſchen Schmer⸗ zes heimſucht, hoͤrt mich, wenn ihr um mich ſchwebt, ſeid mir geneigt und laßt mich wiſſen, was euch wieder ein ſo geheimnißvolles Scheinle⸗ ben zu geben vermag! Vielleicht kann ich euch hel⸗ fen. Hab' ich doch auch ein Maͤdchen geliebt mit aller Staͤrke des Gefuͤhls, deren ein Herz faähig ſein kann. Hab' ich doch alle Quälen der Liebe 27 erduldet, ſelbſt die, nicht verſtanden und den Lau⸗ nen eines Augenblicks aufgeopfert zu werden. O Jugendtraum, Fieberraſerei! War' es das Blut allein, das dich erzeugte? Dann wollt' ich es mir abzapfen und in den Sand rinnen laſſen, um Luſt und Schmerz mit ſeinen Wallungen zu vertilgen. Aber auch Geiſter fuͤhlen Luſt und Schmerz, und was meine Bruſt durchbebt und zuckt und raſt, ſchlaͤgt ſeine Wurzel weit hinaus in die Unendlich⸗ keit und ſaugt ſeine Kraft vom Borne der Geiſter. Drum gruͤne nur wieder von Friſchem, ſtarker Baum, hat dir auch eine raͤuberiſche Hand die ſchoͤnſten Aeſte gekappt. Geduld! Geduld! es wer⸗ den neue Sproſſen treiben.———— Bald iſt es Mitternacht. Wird wohl die ſchoͤne Grafin uͤber den See ſchwimmen? Die Arme! ihr warmes Le⸗ ben, an des Geliebten Bruſt noch eben in raſchere Wallung, in feurige Bewegung geſetzt, im kalten naſſen Fluthenbette zu enden! Gräßlich ſchoͤn! Mit einem Leben iſt ſolcher Augenblick wahrlich nicht zu theuer erkauft. Aus dem Glutmeer in den Eisſtrom! Kuß und Gegenkuß und des To⸗ des Erſtarrung! Ha! was haſcht die Welt nach Genuͤſſen, ſie ſind ſchal und meine geſpenſtige 3* 28 Graͤfin allein koͤnnte was Schoͤnes erzaͤhlen. Und ſie ſoll's mir, bei Gott! mir! Ich werde die Be⸗ ſchwoͤrungsformel finden, die ihr den Geiſtermund oͤffnet. Wenn ſie jetzt kaͤme!—— Was ſeh' ich! — Auf, ihr Fenſter! Die Nacht iſt heller gewor⸗ den.— Was erblick' ich! Taͤuſcht mich mein Auge? Schaukeln ſich Rieſengeiſter auf dem See? Traͤgt der Nebelkahn den liebenden Schatten im ſilberglaͤnzenden Gewand mir entgegen?— Ha Sinne, ſeid ihr ſchon beſtochen und willig zu Gei⸗ ſterſehern geworden?“— In großer Aufregung ſtarrte Wahlmann in die Nacht hinaus uͤber die meilenbreite Flaͤche des Sees hin, und erkannte ſchnell den Irrthum. Denn eben guckte der Mond zur Haͤlfte nur uͤber das ſavoyiſche Gebirge im Weſten, vollwangig und von zarter Roͤthe uͤber⸗ haucht, hervor, wie ein neugieriges verſchaͤmtes Mädchen, das nur mit halb gezeigtem purpurge⸗ faͤrbten Geſicht hinter dem Vorhange den Geliebten belauſcht; und wie ſie, ganz hervorgetreten, zuerſt einen Blick in den Spiegel wirft, um ſich zu uͤber⸗ zeugen, daß ihre Reize des Geliebten wuͤrdig, ſo ſah des Mondes liebliches Haupt in den ruhigen Spiegel des Sees herab, und ſein ſchneeglänzen⸗ 29 des Bild zitterte in meilenlangen Streiflichtern, tau⸗ ſendfältig in den leicht bewegten Wellen gebrochen, und der ſilberne Schein huͤpfte raſch uber die Fluth hin und uͤberſtrömte rechts und links und vorwaͤrts die vom Blick unbegrenzten Waſſerflaͤchen. Der duͤnne Mondſtrahl ſchien ſich auf dem See zu wie⸗ gen, und die dunkle mächtige Sehnſucht des Nacht⸗ himmels, vom Kuß des Mondes geklaͤrt und beru⸗ higt, ahnete in der ihn ſelbſt widerſtrahlenden Tiefe der Gewaͤſſer ſeine geheimnißvolle Befriedigung. Wahlmann ſtand in tiefes Staunen verſunken; die Neuheit des herrlichen Naturſchauſpiels ſchien ihn, gerade in dieſer Stimmung, auf eine geraume Zeit zu entkoͤrpern. Sein Geiſt ſchwelgte in Blicken, und die Bewegung ſeiner Locken, mit denen die Nachtluft ſpielte, war die einzige ſeines Koͤrpers. Wie tauſendjaͤhrige Erinnerungen wehte es ihn wehmuͤthig an; die Traͤume ſeiner fruͤhſten Jugend gingen ihm in unendlicher Ferne, aber in ſchoͤnſter Klarheit auf; ihm war's, als liege nun das Ziel aller Ahnungen und aller Sehnſucht vor ihm, als ſei nur noch ein Schritt, und in dem ruhigen Flu⸗ thenſpiegel die Deutung und Löſung des Räthſels zu ſchauen, und in ſeinem Thau gleiche alle Dis⸗ 30 harmonie des Lebens ſich aus.„Er breitete die Arme aus und rief:„Wohnſt du da unten, die ich einſt in Adelheit geſucht und gefunden wähnte? Biſt wohl des Sees zauberſchoͤne Fei und haſt es mir angethan?“— Ein Getoͤſe ſcheuchte die ſchoͤ⸗ nen Bilder von ihm. Aus weiter, weiter Ferne ſcholl es uͤber den See herab und klang wie dum⸗ pfes Rufen und Klatſchen, wie ſtarker Ruderſchlag in den Wellen, und wurde allmälig lauter und lauter, je naͤher es zu ruͤcken ſchien. Wahlmanns Geiſt ergriff ſogleich wieder der Gedanke an König Arthur und das geſpenſtige Liebespaar, aber ſo ſtark er das Auge anſtrengte, er vermochte nichts zu entdecken. Inzwiſchen war es ihm oft, als of⸗ fenbare ſich, obgleich weit von ihm, am Uufer und auf dem See eine große Lebendigkeit, und die Stille der Nacht, in welcher ſich nicht einmal die Luft zu bewegen ſchien, trug mancherlei Toͤne an ſein lauſchendes Ohr, die er ſich jedoch nicht klaͤren und deuten konnte. Endlich erhob ſich der Nord⸗ wind, die Wellen erſtanden hoͤher aus dem Waſ⸗ ſerſpiegel, und trieben bald in der Stroͤmung nach Suͤden hinab. Die Toͤne verhallten und verklan⸗ gen allmaͤlig. Stille und Mondſchein woben ihre 31 zarten duftigen Schleier um See und Berge, und mit Lufthauch und Erinnerung trank der begeiſterte Schauer ſuͤße Muͤdigkeit, und des Lagers kleiner Raum ward bald zum Paradiesgarten, der von all jenen Fruͤchten zauberiſch glaͤnzte, die auf Erden nicht zu reifen vermoͤgen. Der Firn donnerte durch die Alpenſchluchte, die Haͤupter des Gotthardt und der andern Huͤnen⸗ berge waren in Wolken gehuͤllt. Von Savoyen heruber zog eine ſchwarze Gewitterwolkenmaſſe und ſenkte ſich in die bluͤhende Lombardei hinab. Von der Schweiz heruͤber ſtuͤrzte ein zweites Gewitter. Wahlmann und ſein Peter waren in den dichteſten Nebel gehuͤllt, und eilten nach der Herberge von Centovalli, einem Dorfe hoch im Gebirge. Es war Wahlmanns erſte Ausflucht in die Hoͤhenwelt, zu welcher ihn unwiderſtehliches Verlangen, nach⸗ dem ſeine Einrichtung im Zollhauſe und die Dienſt⸗ angelegenheiten beſorgt waren, hinauf gelockt hatte. Dem wildbrauſenden Teſſino entgegen zie⸗ hend, hatten die beiden Wandrer in der einfachen Kleidung lombardiſcher Landleute, weil in der oͤſt⸗ 32 reichiſchen Uniform zu reiſen ſehr gefaͤhrlich war und ihnen abgerathen wurde, einen großen Theil der Alpenhoͤhe erſtiegen, und ſchon war Wahlmann einige Tage in Genuͤſſen ſchwelgend durch Schluch⸗ ten und uͤber Felſen, durch bluͤhende Thaͤler und ſchneebedeckte Hoͤhen geſchritten, wie die Stimmung ſeines innern Saitenſpiels rauhe oder ſuͤße Toͤne angegeben hatte. Das Gewitter vorausſehend, wa⸗ ren die Alpenwandrer dem naͤchſten Gebirgsorte zu⸗ geeilt, aber die Wolken, welche ſich an den Hoͤhen herabwaͤlzten, ſelbſt durchſchneidend, langten ſie durchnäßt an der Pforte der Herberge an. Auf demſelben Pfad ſtiegen auch andere Fußgaͤnger, theils ſelbſt mit ſchweren Laſten beladen, theils hochbepackte Maulthiere vor ſich hertreibend, nach dem Hauſe herab. Wahlmann holte Einzelne ein, Andere kamen ſpaͤter und auf anderen Fußwegen; denn die Straßen durch die Gebirge beſtehen aus viel hundert Pfaden, oft kaum ſichtbar, aber von den Einwohnern des Canton Teſſin wohl gekannt und benutzt. Der Sturm, welcher von oben herab brauſte, peitſchte die Traͤger und trieb ſie zu noch raſcherer Eile, ſo daß ſie den ſteilen Abſchuͤſſen gleichſam herabzuſtuͤrzen oder in der Luft fluͤchtig 33 herzuſchweben ſchienen; der Nebel zeigte nur die Umriſſe ihrer Geſtalt und lieh ihr ein wunderbares grauſenhaftes Anſehen. Wahlmann ſtand in der Thuͤre des niedern Hauſes, und ſtarrte durch die grauen feuchten Wolkenſchleier den Ankommenden entgegen, die wie Geiſter plotzlich aus der Huͤlle heraustraten, auf das Haus zuſchwebten, und erſt den Boden wenige Schritte vor demſelben zu be⸗ ruͤhren ſchienen, wo er nur ſichtbar war. In der Hausflur angelangt, grußten ſie den verkleideten Offizier freundlich, warfen keuchend ihre Laſten ab, und ſtreckten ſich auf die hoͤlzernen Baͤnke oder auf den Boden, um auszuraſten. Theilnehmend trat Wahlmann zu einigen dieſer Traͤger und fragte: „Was habt ihr in euren Säͤcken und Buͤndeln, ihr lieben Leute? Ihr ſcheint ſchwer daran zu tra⸗ gen?“ „Allerlei, mein Freund,“ verſetzte ein haͤmi⸗ ſcher Kerl lachend,„was Euch zu wiſſen eben nicht noͤthig ſein moͤchte.“— Die Andern fielen in das rohe Geläͤchter ein und warfen ſich vielſagende Blicke zu. „Meine Frage geſchah nicht aus Neugierde,“ erwiederte Wahlmann empfindlich,„und verdiente 34 keine ſolch unbeſcheidene Antwort.“— Peter kam eben aus der Stube und meldete, daß die beſtellte Mahlzeit bereit ſei, und beide gingen, das Milch⸗ gericht zu genießen. Sich ergoͤtzend an der wohl⸗ ſchmeckenden Speiſe, welche kein Ort des Cantons in ſolcher Vollkommenheit zu liefern vermag, als Centovalli mit ſeiner reichen Viehzucht und herrli⸗ chen Weiden, blickte der Offizier von Zeit zu Zeit durch die kleinen Fenſter, um den Gang der Ge⸗ witterwolken zu beobachten. Die Halle fullte ſich unterdeſſen mit Reiſenden und Laſttraͤgern, und ei⸗ nige derſelben traten auch in das Zimmer, vom Wirthe und deſſen Familie freundlich bewillkommt. Jener breitſchultrige Geſelle, welcher Wahlmann ſo trotzig geantwortet, ſetzte ſich mit einem bejahr⸗ teren Mann an einen Tiſch oben an, von den An⸗ dern abgeſondert, und des Wirths Bube bediente ſie zuerſt mit Wein, Brot und Kaͤſe. Alle Anwe⸗ ſenden ſchienen dem Alten eine gewiſſe auszeich⸗ nende Ehrerbietung zu beweiſen. „Wie geht der Handel, Nicolo?“ fragte der Wirth den Alten. „Schlecht!“ verſetzte dieſer.„Die Oeſterrei⸗ cher wollen wieder was wiſſen; uͤberall neue Offi⸗ 35 ziere, junge Naſeweiſe, denken, ſie zögen eine Mauer ums Land mit ihrem Kopf.“ »Nun, es waͤr' ja der erſte nicht, dem ihr Eins aufbrennt.“ „Kann auch geſchehen, wenn uns das deutſche Geſindel in Wurf kommt. Den Comerſee haben ſie uns ziemlich verkeilt und weiter hinuber iſt auch nicht viel mehr zu machen. Ueberall neues Volk mit Luchsaugen, und ſtreift bei Tag und Nacht wie Schneegaͤnſe. Auf dem Lacarnoſee iſt eigentlich noch unſer Hauptabſatz; waͤr' die edle Neutralität deſſelben nicht, unſte beſten Leute hätten ſchon Erde geſchluckt.“ „Nun, ihr fuͤrchtet euch doch nicht vor den Oeſtreichern? die Meiſten haben euer Geld ſo lieb und noch lieber, als das ihres Kaiſers.“ „Die Alten; aber das junge Volk, was ſie uber die Alpen herſchicken, bringt wunderliche Be⸗ griffe mit von Vaterlandsliebe, Ehre, Amtspflicht und was weiß ich. Als ob wir nicht beſſer fuͤr das oͤſtreichiſche Land ſorgten, als ſie.“ „Ja wahrlich, wir ſind des Landes Wohlthaͤ⸗ ter, und jeder Lombarde iſt uns gewogen,“ riefen zehn Stimmen frohlich durch einander. 36 ————— „Der Satan hole die deutſche Brut, die ſich den Italienern ewig aufdraͤngt!“ fiel der Alte wie⸗ der ein, und Alle hoben ihre Glaͤſer, um auf den chriſtlichen Wunſch anzuſtoßen und zu leeren. „Aber gegen die Uebermacht iſt nicht zu ſtreiten,“ fuhr Nicolo fort.„Gewalt kann nur mit Gewalt vertrieben werden; wir Einzelne muͤſſen deshalb den Krieg im Kleinen führen, um das Gute zu er⸗ zielen. Mein Fermo da iſt ein wackerer Schuͤtz, und hat ſich dieſer Tage große Ehre und meine Tochter zur Braut erworben. Vier oͤſtreichiſche Schnapphaͤhne, die uns zu nah gekommen, nahm er gut auf's Korn; ſie brauchten dem Obermauth⸗ ner in Como keinen Bericht mehr abzuſtatten.“ Ein allgemeines Gelaͤchter zeigte den Beifall an, welchen man dem Sprecher zollte. „Wo habt ihr eure Tochter? begleitet ſie euch diesmal nicht?“ fragte der Wirth weiter. „Sie iſt bei einem lahmen Maulthier zuruck⸗ geblieben, und muß bald da ſein; Fermo, ſieh doch nach ihr!“ Der unterſetzte Menſch mit dem haͤmiſchen Geſichte erhob ſich trage von der Bank und ſteckte den Kopf zum Fenſter hinaus.„Sie füͤttert das 37 Thier draußen,“ lautete ſein gleichguͤltiger Be⸗ richt. „Ruf ſie! Sie ſoll mit uns auf gut Gluͤck trinken. Wir haben ein tuͤchtig Stuͤck Arbeit vor, und einer reinen Jungfrau Wunſch und Gebet ver⸗ mag bei den Heiligen viel.“ „Gianetta!“ rief Fermo zum Fenſter hinaus, und eine helle ſchoͤne Stimme gab Antwort. Gleich darauf huͤpfte das niedliche Schweizerkind in die Stube. Ihre Augen funkelten wie ſchwarze ge⸗ ſchliffene Edelſteine; ihr Koͤpfchen drehte ſich raſch nach allen Seiten, und Hand und Mund theilten Gruͤße aus. Wahlmann wurde von dem Anblick dieſer natuͤrlichen Schoͤnen wunderbar ergriffen, und als auch ihn ihr Blick traf, als die kleine nied⸗ liche Hand, mit ſchneeweißen Spitzen eingefaßt, auch ihm einen Gruß, vom freundlichſten Nicken begleitet, zuwinkte, fuͤhlte er, daß ihm das Blut vom Herzen aus ſiedend heiß in alle Adern ſchieße. War's ihm doch, als ſei der Nebel plötzlich von einander geriſſen, und da, wo er ſich getheilt, ſei eine Sonne auf azurblauem Grund hervorgetreten, und habe ihn mit den mildeſten ihrer Strahlen an⸗ gelaͤchelt, aber auch das Herz in Brand geſetzt. „Gott gruß, Jungfer Gianetta!“ ſagte der Wirth und bot ihr den einzigen gepolſterten Stuhl mit hoher Lehne in der Stube. Friſch und mun⸗ ter, wie ich ſeh', und eine Braut? Das ſchickt ſich.“ Das arme Thier!“ fiel ſie dem Wirth in die Rede, und es ſchien Wahlmann, der ganz Ohr war, als ob deſſen Worte ihr nicht beſonders an⸗ genehm geweſen waären.„Das arme Thier! Es wird langſam gehen, eh wir es nach Chiaſſo brin⸗ gen.“ „Du haſt ja nichts zu verſäumen, entgegnete der Vater; ich gebe Dir einen Buben mit und Du kannſt die Reiſe langſamer machen. Wir aber muſſen eilen, um einen Hauptſchlag auszufuͤhren. Vorgeſtern hoͤrt' ich, daß der neue Offizier in Bri⸗ ſago verreiſt iſt; bevor er heimkehrt, muͤſſen einige hundert Zentner uͤber den See.“ „Wie ſtark iſt jetzt euer Haufe, Nicolo Ee fragte der Wirth. „Mir etwas zu ſtark,“ verſetzte dieſer;„ich fuhre jetzt allein hundert und acht und ſechzig er⸗ wachſene Maͤnner an, ohne die Buben und Mäd⸗ chen, deren Zahl ſich auch an hundert belaufen 39 mag. Ja glaubt, Freund, es will was heißen, alle Tage ſo viel Maͤuler zu ſtopfen.“ „Ihr verdient auch euer huͤbſches Geld,“ ver⸗ ſetzte der Wirth mit einem pfiffigen Laͤcheln;„man weiß ſchon, wie hoch ihr euch ſteht, wenn ihr gleich in ſolch grobtuchenem Wamms geht und euer Maulthier treibt, gleich einem Andern.“ „Meint ihr, dieſe Leute ließen vergeblich oͤſt⸗ reichiſche Flinten auf ſich abdruͤcken? Der Teufel! auf die Moͤglichkeit, daß ihm ein Andrer vier Loth Blei in den Leib jage, will Jeder vier Pfund Sil⸗ ber in die Hand. Und wie oft fiſchen die Spuͤr⸗ hunde manche ſchoͤne Ladung weg! Ich muß froh ſein, nur den Burſchen gerettet zu ſehen, muß den fetten Biſſen in ihren Klauen laſſen und mir das Maul wiſchen.“ „Dafuͤr zahlt euch die Bank in Chiaſſo den Verluſt bis zum Denar herab, bei der ihr euren ganzen Handel verſichert habt, wie ich wohl weiß.“ „Aber ich muß der Bank auch jaͤhrlich ein Paar hundert Dukaten zuwerfen. Ei! ich verdiene mein Geld, das dank' ich aber dem Teufel nicht und keinem Heiligen; dafur hab' ich Tag und Nacht keine Ruhe, und muß ſtets bedacht ſein, wie ich 40 all die Leute verſorge und meine Waaren an den Mann bringe. Ihr ſitzt ruhig in eurem Schwal⸗ benneſt da oben, und löſt von mir und meinem Haufen jaͤhrlich, gering gerechnet, funfzig Duka⸗ ten, und es werden wohl einige vierzig Haufen ſein, die alle mehr oder minder dieſen Weg ziehen und auch mitzu bei euch einſprechen. Ihr verdient euer ſchoͤnes Geld mit Zuhauſebleiben.“ „Wir wollen tauſchen, Nicolo,“ ſagte der Wirth ſcherzend und hielt die Hand hin;„zugegeben, daß ich eben ſo gute Einnahmen haͤtte, als ihr, obgleich ich in Wahrheit nicht den hundertſten Theil habe, ſo genießt ihr bei eurem Geſchaͤſt eine Luſt und Vergnuͤgen, wie kein Koͤnig der Erde.“ „Da habt ihr Recht, Wirth!“ rief eine andere noch nicht vernommene Stimme, und ein hoher ſtarker Juͤngling, mit einer breiten Bruſt, einem friſch bluͤhenden Geſicht und edler Habichtsnaſe, trat hervor, den Hut etwas zur Seite auf die ſchwar⸗ zen glaͤnzenden Locken geſchoben, und den Dampf ſeiner Zigarre weit vor ſich hinblaſend.„Bei al⸗ len Heiligen! ich moͤchte nichts anderes ſein, als ein Fruſtratore. Ich will euch nicht prahlend be⸗ richten, was ich fuͤr Aemter und Wuͤrden bekleiden 41 koͤnnte, zoͤg' ich dies freie Leben nicht jedem andern vor. Seit kein Krieg mehr in Italien iſt, hat ein kuͤhnes Herz kein Feld fuͤr ſeinen Muth, als dieſe Alpen zu erklettern und den armen Lombarden die Steuer zu erſparen, die ſie dem Kaiſer fuͤr jeden Bettel zahlen muͤſſen, der doch zu des Leibes Nah⸗ rung und Nothdurft gehoͤrt. Ein Bandit und Raͤuber zu ſein, iſt ein ſchimpflich Gewerbe; was bleibt der Ehre und Tapferkeit anders uͤbrig, als ſich zu den Fruſtratori zu ſchlagen? und wahrlich, Wirth, mit einem Koͤnig tauſcht' ich nicht!“ Die Umherſitzenden jubelten dem Sprecher ih⸗ ren Beifall zu, und ſein begeiſtert rollendes großes Auge ſagte ihnen ringsum Dank. Nur Gianetta goͤnnte ihm auch nicht einen Blick, und Wahlmann ſchien es doch, als habe er ſie allein angeredet und all die Worte ſeien nur ein Lob auf ſie und auf die Seligkeit geweſen, in ihrer Geſellſchaft zu leben. „Du biſt ein braver Kerl, Antonio,“ ſagte der bejahrte Anfuͤhrer und reichte ihm die Hand. „Nach Gewinn fragſt du nicht, und nur nach der Ehre. Haͤtt' ich noch eine Tochter, du muͤßteſt mein zweiter Schwiegerſohn werden.“ Antonio 4 42 knöpfte ſich bei dieſen Worten das Wamms, welches von feinerem Tuch, auch eleganter gearbeitet war, als die Kleider der uͤbrigen, und luftete unruhig ſich das Halstuch, als ſei ihm viel zu heiß. Da⸗ bei ruhten ſeine Augen ſtets auf Gianetta, doch kein Gegenblick beguͤnſtigte ihn; vielmehr blickte ſie mehrmals verſtohlen nach Wahlmann; doch dieſer wagte nicht ſie anzureden, aus Beſorgniß, er moͤchte erkannt werden. „Wann wird die Hochzeit ſein, Fermo fragte der Wirth. „Ei, morgen lieber als uͤbermorgen!“ ver⸗ fetzte dieſer, abermals widrig lachend, und zehne ſtimmten mit ein.„Wenn Gianetta ſolche Luſt zum Eheſtande haͤtte, wie ich, und Vater Nicvlo den Schrein aufthaͤte, ſo ſollte es nicht lange An⸗ ſtand haben.“ Das holde Maͤdchen war wie mit Purpur ubergoſſen, ſie wendete, wie unwillig uͤber die Roh⸗ heit ihres Braͤutigams, die Augen ab und ſah Wahlmann wieder an, gleichſam als wolle ſie ihn um Verzeihung bitten. „Lange ſoll's nicht mehr waͤhren,“ ſagte der Vater.„Haben wir unſern jetzigen Vorrath gluͤck⸗ 43 lich uͤber den See und ins Geld geſetzt, ſo wollen wir das Mehl zu den Hochzeitfladen ankaufen. Ich habe es ſatt, ſo viel Leute anzufuͤhren, und Fermo ſoll nach der Hochzeit das Oberhaupt der groͤßeren Haͤlfte meines Haufens ſein.“—— „Woher des Wegs, Landsmann?“ fragte jetzt Antonio, der ſich neben Wahlmann geſetzt hatte, wahrſcheinlich um Gianetta beſſer beobachten zu koͤnnen, waͤhrend die Andern in einzelnen Grup⸗ pen theils mit dem Wirth und deſſen Leuten, theils unter einander ſelbſt ſich mehr oder minder laͤrmend unterhielten., „Ueber den Gotthardt,“ verſetzte der Offizier. „Wuͤßt' ich aber, ihr waͤrt ſo grob, wie euer Ge⸗ hulfe dort, ſo wuͤrde ich euch geantwortet haben, wie er mir vorhin.“ „Laßt euch das nicht kuͤmmern,“ ſagte der Juͤngling zutraulich.„Der iſt, wnn man's fehr gelinde ſagen will, ein Grobian, und hat ſich in des alten braven Nicolo's Gunſt geſchlichen. Wird er Anfuͤhrer, ſo werd' ich ein öſtreichiſcher Spur⸗ hund. Mich dauert nur das arme Kind hier. Seht dieſe friſch aufgebluhte Roſe, glänzt ſie nicht wie ein Gletſcher, den die Sonne mit ihrem Ab⸗ 4* 44 ſchied uͤberpurpurt. Und nun—— o man muß viel verſchlucken. Wie weit gedenkt ihr noch heute?“ „Mir gilt die Herberge gleich, und da ich gern noch einen freien Blick ins Land thun moͤchte, ſo werd' ich das Gewitter abwarten und vielleicht gar hier ſchlafen.“ „Es thut mir leid,“ ſagte der lebhafte, ſchwarz⸗ lockige Antonio,„aber ihr ſeid jung und ſcheint nicht von ſchlechtem Herkommen, auch von gutem Gemuͤth und ich haͤtt' euch gern noch manches an⸗ vertraut. Oft hilft ein zufaͤllig gefundener Freund mehr als ein lang gepflegter, und ich habe Zutrauen zu euch gefaßt. Aber wir haben Eile; denn uͤber⸗ morgen Nacht muͤſſen wir über den See.“ „Was fuͤhrt ihr fur Waaren? Steht ihr an der Grenze dort mit den Mauthnern in Verbin⸗ dung?“ fragte Wahlmann unvorſichtig, und Anto⸗ nio ſah ihn mit großen Augen an. „Sagt mir vorerſt, wer ihr ſeid?“ verſetzte dieſer.„Mein Vertrauen könnte mich zu weit fuh⸗ ren. Mir faͤllt auf, eure Sprache paßt nicht zu euren Kleidern. Ihr ſeid kein Lombarde.“ Wahl⸗ mann wollte ihn zu beſaͤnftigen ſuchen, das ver⸗ * 45 mehrte aber des Schmugglers Verdacht, und er⸗ regte die Aufmerkſamkeit der Uebrigen. „Was iſt's mit dieſem Manne?“ fragte Fer⸗ mo und ſprang herbei.„Hat er dich auch ausfor⸗ ſchen wollen, wie mich vorhin? Was gilt's, dieſe beiden ſind oͤſtreichiſche Spione?“ Alles erhob ſich auf dieſes Wort und umſtand den Offizier und ſeinen Bedienten. „Es ſind welche von den neuen Soldaten!“ riefen einige Stimmen, und ſchon faßten mehrere Arme Petern allein, um ihn uͤber Geburts⸗ und Wohnort, Gewerbe und Geſchaͤſt und uͤber den Zweck der Reiſe auszufragen. Ein andrer Haufe nahm Wahlmann vor, und er hielt es fuͤr das Be⸗ ſte, der Gewalt und der Uebermacht nachzugeben. Aber ſeine Antworten ſtimmten nicht mit denen ſei⸗ nes Dieners uͤberein; denn beide hatten ſich auf ſolchen Fall nicht vorbereitet. Waͤhrend dem Ver⸗ hoͤre bemerkte Wahlmann Gianettens Angſt und Beſorgniß, ſah wie ſie ihrem Vater mehrmals mit gutigem Blick etwas ins Ohr fluſterte, und hoͤrte, wie ſie den Haufen zur ſchnellen Beendigung der Sache und zur eiligen Weiterreiſe antrieb. Als ſich die Schmuggler hinläͤnglich uberzeugt hatten, 46 daß die beiden Fremden keine Lombarden ſeien, wurde vom alten Nicolo das Urtheil alſo geſpro⸗ chen, daß ſie acht Tage gebunden bei dem Wirthe bleiben und dann von einigen Schmugglern uͤber die Alpen nach Tyrol oder doch auf den Weg da⸗ hin gefuͤhrt werden ſollten. Fuͤr ihren Unterhalt legte er eine Summe beim Wirth nieder. Die Sentenz wurde ſogleich vollzogen; man band ihnen eine Hand auf den Ruͤcken und einen Fuß daran, ſo daß ſie nur nothduͤrftig hinken konnten. Aller Waffen entbloͤßt, mußte ſich Wahlmann auch dies gefallen laſſen und hoffte nach Entfernung der Schmuggler den Wirth ſchon durch Drohungen zu ihrer Freilaſſung zu bewegen. Sogleich wurden ſie in ein feuchtes unterirdiſches Felſengemach abgefuͤhrt, welches hinter ihnen verſchloſſen ward. Gianetta warf dem Offizier, als er an ihr voruber ſchritt, einen ermuthigenden freundlichen Blick zu, und er ging heiteren Muthes. Peter begann ein Klage⸗ lied, doch ſang er es ſich allein; denn ſein Herr war von andern Gedanken und Gefuͤhlen bewegt, die eher einen Jubel⸗ als Klageton erzeugen moch⸗ ten. Die unvergleichlichen Reize und natuͤrliche Anmuth des Maͤdchens, welches ihm gegenüber 47 geſeſſen und mit ihren Blicken ihn verſengt hatte, wandelten ihm auch jetzt noch den Kerker in einen duftenden Roſengarten. Bald darauf horten die Gefangenen den Hauſen der Fruſtratori abziehen. Als aber der erſte Rauſch voruͤber war, mußte ſich Wahlmann doch geſtehen, daß ſeine Lage nicht die angenehmſte ſei. Nicht allein war er aller Bequem⸗ lichkeiten beraubt, das waͤre noch zu verſchmerzen geweſen, aber dieſer Schmugglerhaufe wollte ja in der Nacht des uͤbermorgenden Tags eine bedeu⸗ tende Waarenladung in das Koͤnigreich uͤber den See einfuͤhren, und ſeine Pflicht heiſchte, daß er dieſer Waaren habhaft werde. Wie konnte er dies aber ausfuͤhren, wenn er auch nur einen Tag in dieſem Keller zubringen mußte? Schon war er im Begriff, durch Pochen und Rufen den Wirth herbei zu ziehen, und alle Mittel, Bitten, Beſte⸗ chung und Drohungen, anzuwenden, um nur in Freiheit zu kommen, als er ein Geraͤuſch vor der Thuͤre vernahm. Raſch wurde das Schloß gedreht, die Thuͤre geoͤffnet und zu Wahlmanns freudigſtem Erſtaunen ſtand Gianetta vor ihnen. 8 „Ihr armen Leute,“ ſagte ſie gutmuthig, aber doch ſchuͤchtern,„laßt mich das Unrecht wieder gut machen, was die rohen Geſellen an euch veruͤbt. Ihr ſeid gewiß keine Spione, und wer⸗ det uns nicht verderben wollen.“ Mit dieſen Wor⸗ ten ſchnitt ſie die Stricke entzwei, welche Wahl⸗ manns Glieder feſſelten, aber mit ihnen war ſeine Zunge noch nicht geloͤſt, und von Gefuͤhlen uͤbermannt, ſchloß er ſtumm ſeine Befreierin, ſo⸗ bald er die Arme wieder bewegen konnte, in die⸗ ſelben; doch mit den Roſen holder Verſchaͤmtheit auf den Wangen entwand ſie ſich zuͤchtig der ſtuͤr⸗ miſchen Umarmung, um auch den Diener der Ban⸗ de zu entledigen. Erſt als ſie wieder unter dem freien Himmel ſtanden und die untergehende Son⸗ ne ihre Geſichter vergoldete, als Gianetta, wie eine Heilige in Strahlenglanz gehuͤllt, den Berg ſchweigend hinab ſchritt, da gewann Wahlmann Worte, und:„Holdes Kind, das Du mir erſchienen biſt, wie der Engel dem heiligen Paulus im Ker⸗ ker, um ihn zu erloͤſen, enteile mir nicht auch ſo ſchnell und verſchmaͤhe meinen Dank nicht!“ rief er der haſtig davon Schreitenden zu. „Ihr ſeid mir keinen Dank ſchuldig, werther Herr,“ verſetzte das Maͤdchen.„Hat doch mein 49 Vater und ſeine Leute Euch groß Unrecht gethan, aber ſie wußten alle nicht, was ich wußte.“ „Und was wußteſt Du denn?“ fragte Wahl⸗ mann neugierig und nahm ſie bei der Hand, um ihr in das liebe engelfreundliche Geſicht zu blicken. Sie aber ſah ihn recht ſchelmiſch an, eine unbe⸗ ſchreibliche Anmuth war uͤber ihr rundes Geſicht⸗ chen ausgegoſſen, und laͤchelnd, ſo daß ſich zwei Gruͤbchen in ihren Wangen bildeten, Roſenlauben fuͤr den kleinen neckenden Liebesgott, ſagte ſie mit aufgehobenem drohenden Finger:„Ei ich wußte, daß Ihr weder ein lombardiſcher Landmann, noch ein oſtreichiſcher Spion ſeid, denn beide wuͤrden nicht ſolch feine Waͤſche tragen, wie hier aus Eu⸗ rem Wammſe herausguckt, welche aber nur ein Wei⸗ berauge zu bemerken pflegt, und ich war ja das einzige weibliche Weſen in der Stube; auch ſah ich Eure geſtickten Achſelbaͤnder unter der Weſte und die goldene Uhr mit der brillanten Kette, als Ihr den Wirth bezahltet und nach der Tagszeit forſchtet.“ „Ei Du haſt ja jede meiner Bewegungen ſorg⸗ faͤltig belauſcht!“ rief Wahlmann freudig. „Warum ſollt' ich nicht? Ihr werdet's gewiß nicht uͤbelnehmen, edler Herr. Wir Madchen ſe⸗ 5 50 5 hen's ja auch nicht ungern, wenn man fleißig nach uns ſchaut. Die andern Geſichter in der Stube kenne ich ja alle ſchon Jahre lang und mit den meiſten muß ich täglich verkehren, das Eurige war mir aber ganz neu und Ihr erregtet deshalb gleich meine Aufmerkſamkeit.“ „O wuͤßteſt Du, wie dies naive Geſtaͤndniß mich begluckt!“ „Wenn euch das Vergnuͤgen macht, ſo will ich Euch noch lange anſehen; aber Ihr ſeid gewiß 4 ein vornehmer Herr und lacht nachher uͤber mich einfältiges Kind.“ „Glaube das nicht von mir, Gianetta; ich wuͤrde mich nicht ſo freuen, wenn eine Koͤnigin huldreich zu mir ſpraͤche.“ „Ach, da muß ich nun uͤber Euch lachen! Ihr glaubt wohl, ich wüßte nicht, wie das gnaͤdige Wort einer Konigin entzuͤckt? O meine gute Koͤ⸗ nigin hat mich gar ſehr geliebt! Nun iſt ſie todt; aber ich moͤchte jedesmal weinen, wenn ich an ſie denke, und wenn ich allein bin, dann wein' ich auch.“ „Und was war denn das fuͤr eine Koͤnigin?“ Die Majeſtaͤt von England. Da unten nicht 51 weit vom Comerſee, nach uns zu, ſteht die ſchoͤ⸗ ne Villa d'Eſte, welche ſie bewohnte und nach welcher ſie die ſchoͤnſte Straße hat bauen laſſen. Erſt konnte man von Como aus nur zu Waſſer nach der Villa kommen. Dort hat ſie lange ge⸗ wohnt und viel, gar viel geweint; denn ob ſie gleich eine reiche und ſchoͤne Koͤnigin war, ſo war ſie doch keine gluckliche Frau, und oft, wenn ich ſie fragte, was ihr denn eigentlich fehle und weshalb ſie ſich ſo haͤrme, ſo antwortete ſie mir jedesmal: o wie gluͤcklich biſt du, mein theures Kind! und hob mich auf und kuͤßte mich.“ „Wie aber kamſt Du denn zu ihr?“ „Als ſie die Villa gemiethet hatte— doch ich plaudre mit Euch und unten wartet mein armes Thier mit dem Buben auf mich; wollt Ihr mit uns hinab, ſo ſputet Euch. Aber ſeht doch unten eben das Gewitter, wie es ſich abtobt! Ei das iſt zu ſchoͤn! und wir muͤſſen um deswillen wohl noch ein wenig hier verweilen.“ Der Anblick war wirklich uͤberraſchend neu und ganz ungewoͤhnlich ſchoͤn. Das ganze tiefere Land des Cantons Teſſin, ſo wie weiter hinunter die Laͤnderflaͤchen und Seen der Lombardei waren ganz mit den ſchwaͤrzeſten 5 52 Gewitterwolken bedeckt, waͤhrend hinter den Wan⸗ derern die Alpen in die blaue Abendluft ragten und vom letzten Kuß der ſcheidenden Sonne noch einmal ergluͤhten. Weit hin konnten ſie uͤber dies gethuͤrmte und maſſige Wolkenmeer hinſchauen, deſ⸗ ſen tiefdunkler Grund von einem zarten Wider⸗ ſchein der Abendroͤthe uͤberhaucht war. Aber rechts und links zuckte die gluͤhende Schlange des Blitzes durch die Wolken; denn zwei Gewitter kämpften gegen einander, wie zwei ungeſtaltne furchtbare Rieſen, verderbenbruͤtende Nebelſoͤhne und maͤchtige Zauberer, deren jeder alle Kuͤnſte und geheimſten Kraͤfte aufbietet, um den andern zu vernichten. Auch war's als blickten die Wanderer auf ein gro⸗ ßes mit Huͤgeln beſetztes nachtumhuͤlltes Feld, wel⸗ 3 ches von Minute zu Minute ſich aufriß und einen Blick in den flammengluͤhenden Schlund der Unter⸗ welt vergoͤnnte. Der Donner hallte unten in der Landſchaft und drang weniger ſtark in die Hoͤhe, in welcher die Wandrer, von der heiterſten Abend⸗ ſchoͤne umſpielt, ſtanden und in den Kampf der Ele⸗ mente hinab ſtaunten. Gianetta's Augen leuchteten und unwillkuͤhrlich falteten ſich in frommer Begei⸗ ſterung ihre Haͤnde; dann warf ſie einen herzinni⸗ gen Blick hinauf in die reine Dunkelblaͤue des Him⸗ mels und in die ſtrahlende Herrlichkeit der Abend⸗ roͤthe, welche die Tiefe ſeiner Ahnung mit der ſchoͤnſten Gewißheit prachtvoller, goͤttlicher, von uͤberirdiſchem Schimmer durchgluͤhter Erfullung be⸗ grenzte, und als das ſchwarze Maͤdchenauge dort einen Augenblick geſchwelgt warf ſie es wieder hinab auf den Streit verderbenſchwangerer Wolken tief unter ihren Fuͤßen. Wahlmann folgte ihren Blicken mit den ſeinigen. „Was denkſt Du jetzt, Maͤdchen?“ fragte er, die Stille unterbrechend. „Ich dachte mir,“ erwiederte ſie weich,„wie die Leidenſchaften, die Bosheit, Tuͤcke, Habgier der Menſchen und all das Treiben derſelben, was doch meiſt boͤſe iſt, nur unten auf der Erde tobe, gleich dieſem Gewitter, daß aber Gottes ruhige Klarheit daruͤber ausgeſpannt ſei, wie der blaue Himmel uͤber uns, den ich ſo gern des Vaters mildes Gna⸗ denauge nenne. Die Menſchen ſehen aber meiſt nicht in ſeinen reinen Spiegel, denn ihr Beginnen und Handeln truͤbt ihnen die Ausſicht und ſie ſchreiben dem Herrn zu, was ſie ſelbſt verſchuldet. Ein reines Herz aber ſteht uͤber dem niedrigen Ge⸗ 54 treibe und blickt ſeinem Gott kindlich vertrauend in das allliebende Auge und hofft und glaubt, und er küßt es mit ſeiner Gnade, wie der Hauch des Abends unſte Stirnen, und wirft ihm einen zaͤrtli⸗ chen Blick zu, wie die Sonne uns jetzt noch einen heitern Strahl ſchickt. Aber auch der Kampf da unten iſt ſchoͤn; denn die Leidenſchaften gebaͤren das Große. Auch wir ſteigen wieder hinab. Aber nicht wahr, das reine Herz muͤſſen wir bewahren? Ich fuhle es jetzt wohl, ich habe dem Antonio groß Unrecht gethan.“ „Du reine engliſche Seele!“ rief Wohlmann. „Wer konnte ſich ruhmen, das Leben ſo klar uͤber⸗ ſchaut zu haben, wie Du? Was kein Verſtand des Verſtaͤndigen ſieht, das findet in Einfalt ein kindlich Gemuͤth. Verharre bei Deinem Glauben, Kind! Keine Leidenſchaft trube Dir je den Blick in Gottes blaues Vaterauge, das immer liebend auf Dir ruhen wird. Aus jedem jener vergoldeten Wolkchen blickt ein Heiliger aus dem Himmel auf Dich herab und freut ſich, Dich ſegnend, Deiner wahren Frömmigkeit und kindlichen Unſchuld. Mir ſelbſt haſt Du in die zerriſſene Bruſt Balſam und Ruhe des Friedens gegoſſen. Dank Dir dafuͤr!“ 55 „Ihr ſeid ein guter, edler Herr, ich wußte es wohl. Euch koͤnnt' ich mein ganzes Herz aufſchlie⸗ ßen. Und Ihr ſollt ein Spion ſein? Ich muß lachen, wenn ich an die Dummheit der Leute denke. Ihr habt Euch gewiß nur in dies Wamms geſteckt, um von den Wirthen nicht ſo ſchrecklich geprellt zu werden. Das ſind boͤſe Chriſten und laſſen ſtets den Rock bezahlen. Es machen's mehr vornehme Herrn, wie Ihr.— Aber daß es Euch der An⸗ tonio nicht angemerkt hat, wundert mich; der iſt doch ſonſt ſtets pfiffiger als alle Andern.“ „Der Antonio war auch der ſchoͤnſte und, wenn mich nicht Alles truͤgt, auch der edelſte unter dem Haufen Deines Vaters.“ „Ei ja wohl iſt er das. Ein herziger Junge.“ Die letzten Worte begleitete ein Seufßzer. „Und es ſchien mir, als ſeiſt Du ihm nicht gleichguͤltig.“ „Ach! Ihr habt wohl recht, und ich will Euch's nur geſtehen, ich bin ihm auch recht ſehr gut geweſen und bin's wohl noch; aber nun muß ich doch den Fermo heirathen.“ „Du dauerſt mich, liebes Kind, und Du biſt eines beſſern Looſes wuͤrdig. Auf alle Fäalle ver⸗ 56 dient aber Antonio den Vorzug, und wenn er Dein Herz beſitzt, ſo thue keinen verzweifelten Schritt, vergifte Dir Dein Leben nicht, das der Himmel zum Gluck und zur Begluͤckung ſchuſ.“ „O! ich armes Mädchen kann ja nicht anders. Mein Vater iſt ſtreng und rauh; Fermo hat ſein Wort, und nichts in der Welt koͤnnte ihn davon abbringen. Ich muß wohl gehorchen. Der Anto⸗ nio iſt auch mit daran Schuld. Er trotzte und ſchmollte mit mir, wenn ich nur einen Andern an⸗ blickte, und wenn er geſehen, daß ich mit Einem ſo vertraulich geſprochen haͤtte, wie ich jetzt mit Euch thue, er wuͤrde mich mit den groͤßten Vor⸗ wuͤrfen uͤberhaͤuft haben. Und wenn mir's Einer ſo macht, dann ſetz' ich auch meinen eigenen Kopf auf, und gebe nicht nach, und ſollte es was an⸗ ders koſten; denn ſein Recht darf man ſich nicht vergeben. Seht, und daruͤber hat er's verpaßt und dem Vater nichts geſagt; der Fermo iſt ihm aber zuvor gekommen, und ich— ach! ich muß mich nun todt weinen.“ Ihre Stimme ging hier in ein lautes Schluchzen uͤber, und Thränen entſtuͤrzten den getruͤbten Augen. Wahlmann theilte ihren Schmerz; er war ihm ſo heilig, als vorhin ihre 57 Andacht; und des Maͤdchens Hand wieder ergrei⸗ fend, ſagte er mit weichem Tone: Du vertrauſt ja dem Himmel ſo feſt; glaube mir, er wird Dich aus dieſer Noth retten. Fermo wird nicht Dein Mann werden.“ Da blitzte ihr Auge wieder lebhaft auf, und in ſeinem Geſichte mit forſchendem Blick die Ge⸗ waͤhrung dieſes Verſprechens ſuchend, rief ſie ha⸗ ſtig aus:„Nicht wahr, Ihr ſeid ein maͤchtiger Herr? Ihr koͤnnt's verhindern? O bitte, ſagt mir's doch! Haltet mich nicht mit leeren Hoff⸗ nungen hin. Ihr habt mit dieſen Paar Worten den Gram aus meinem Herzen geſcheucht; aber nun taͤuſcht mich auch nicht! Das waͤre bitter! ſehr bitter! und gar nicht ſchoͤn von Euch.“ „Sieh,“ verſetzte Wahlmann,„wie die Gewit⸗ terwolken da unten ſich verziehen und hinabeilen nach dem mittellaͤndiſchen Meer! Sie haben ihren Schrecken und ihren Segen ausgegoſſen auf das Land, und nun tritt es freundlich wieder hervor in abendlicher Beleuchtung. Sieh, wie die Berge und die Thäler, die Fluren und die Seen lieblich glaͤnzen! So wird Dein Herz froͤhlich ſein, wenn der Sturm voruͤber iſt, der auch ſein Gutes fur 58 Dich hat. Im Kampf mit dem Mißgeſchick erſtarkt allein des nſchen Kraft. Und Du haſt eine ſtarke Seele. Sie muß ſich deſſen nur jetzt be⸗ wußt werden. Vertrau auf des Vaters mildes Auge; es blickt Dich jetzt liebend an! Er wird's wohl machen.“ „Ich will's!“ rief Gianetta freudig.„Ihr aber habt mich auch getroͤſtet und ich dank' Euch wiederum dafur, guter Herr!“ Die Gewitterwolkenmaſſe zog unterdeſſen nach Suͤden hinab und am Ende derſelben, die wie ein flatternder ſchwarzer Schleier durch die Luͤfte flog, erblickten die Wanderer tief unten die bluͤhenden Felder, die Huͤgel und Stroͤme, den Lago Maggiore mit ſeinen Inſeln und die Doͤrfer und Staͤdte der Menſchen. Der Schleier wurde aber immer weiter von dem Gemaͤlde gezogen und es glänzte noch einmal vom ſchweſterlichen Gruß der Sonne. Dann ſtieg die Lichtſpenderin hinter die ſavoyiſchen Berge hinab, und das reizende Bild verſank in duftige Daͤmmerung. Schweigend gingen Wahl⸗ mann und Gianetta neben einander hin; Peter war mit dem Buben und dem Maulthier ſchon voraus. 6 „Du biſt mir noch eine Erzählung ſchuldig,“ ſagte endlich der Offizier ſanft. Willſt Du mir nicht mittheilen, wie Du zur Koͤnigin von Eng⸗ land kamſt?“ „Ei ſeht doch!“ rief das Maͤdchen muthwillig, „ich ſoll Euch Alles und Ihr wollt mir nichts er⸗ zaͤhlen. Doch Ihr habt mir das Beſte abgelockt, koͤnnt das nun auch noch haben. Wuͤßt' ich, daß Ihr mir von dem Dickkopf helfen koͤnntet, ich wollt' Euch die ganze Nacht erzählen. Ihr bleibt doch wohi bei mir in der Herberge?“ „Wenn Du es wuͤnſcheſt. Vielleicht helf' ich Dir auch von dem läſtigen Brautigam.“ „Nun dann will ich Euch recht lieb haben und zeitlebens Eure Magd ſein. Doch jetzt ſoll ich Euch ja erzählen. Als die Koͤnigin in die Villa d'Eſte gezogen war„verſammelte der Richter alle Kinder aus der Nachbarſchaft und ſchickte uns ge⸗ putzt zu ihr, um ihr Kraͤnze zu bringen. Sie hatte nämlich die Kinder gar lieb. Mein Vater wohnte aber damals nicht weit vom Comerſee, eine Vier⸗ telſtunde von der Villa, und war Beſitzer einer gro⸗ ßen Seidenbauerei. Die gute Königin nahm mich unter allen Kindern heraus, liebkoſte mir und be⸗ 60 ſchenkte mich, und ſo lange ſie in dem Hauſe ge⸗ wohnt hat, mußte ich täglich bei ihr ſein, und ſo hat mich die gute edle Frau gleichſam erzogen und mir gute Sitten beigebracht. Denn um dieſe Zeit ſtarb meine Mutter und mein Vater hatte man⸗ cherlei Haͤndel mit der Regierung, die ihn faſt um ſein ganzes Vermoͤgen brachten. Mit Thraͤnen ſchied ich von der Koͤnigin, die mich gern mitge⸗ nommen haͤtte, als ſie abreiſte. Sie hinterließ mir manches ſchoͤne Andenken und ich danke ihr vieles, was ich nicht gelernt haben wuͤrde, hätte ſie ſich meiner nicht angenommen. Ein Jahr darauf, als mein Vater ganz arm geworden war, kam ein rei⸗ cher Englaͤnder in die Gegend und ſuchte uns auf. Wie ich wohl nachher erfahren, hat er die Leute mit vielen und großen Geldverſprechungen beredet, mit ihm nach England zu gehen, und gegen die edle Frau zu zeugen; ach! und daß ich es Euch mit Schmerzen geſtehen muß! mein Vater verließ mich und machte die große Reiſe uͤber's Waſſer. Gott weiß, wie er der guten Koͤnigin fur ihre große Liebe zu mir vergolten hat; denn nach einem halben Jahre kehrte er mit vielem Gelde nach Hauſe zuruͤck. Er denkt, ich wuͤßte es nicht; aber 61 obgleich er mich unter ſehr ſtrenge Aufſicht gethan hatte, erzaͤhlten es mir die Leute doch, daß er ſich habe beſtechen laſſen. Er wurde nachher auch all⸗ gemein verachtet und Niemand wollte mit ihm um⸗ gehen, ſo daß er in die Schweiz zog, woher meine Mutter geweſen war. Hier ergriff er nun das ge⸗ faͤhrliche Handwerk eines Fruſtratore und erwarb ſich bald ein großes Vermoͤgen. Mit dem Lande, aus welchem er gekommen, eben ſo gut als mit dem, wohin er gegangen, vertraut, alle Winkel und Schliche kennend, im Beſitz vielen Geldes, womit er große Waarenvorräthe ankaufen konnte, und mit perſoͤnlicher Tapferkeit ausgeruͤſtet, ward er bald der Anfuͤhrer großer Banden, welche bewaff⸗ net von den Alpen kommen und im Koͤnigreich Lombardei⸗Venedig auf allen Orten und Enden vor⸗ dringen.“ „Und Du machſt dieſe beſchwerlichen Reiſen ſtets mit?“ „Sie gewaͤhren mir eben ſo großes Vergnu⸗ gen, wie den Maͤnnern, und ich theile ihre Gefah⸗ ren mit Freuden. So oſft ich auch ſchon uͤber die Alpen gezogen bin, ſo beut mir jede Stelle ſtets wieder neue Reize.“ 62 „Aber wenn ein Gatte, den Du liebteſt, Dich zuruckhielte?“ „Ei ſo wuͤrde ich bleiben, ihn warten und pflegen, herzen und kuͤſſen, den Tiſch beſorgen und die Kinderchen erziehen.“ Wahlmann wendete ſich ab, um ſich Thränen aus den Augen zu wiſchen. Gianetta eilte voraus und verſchwand wie eine uͤberirdiſche Erſcheinung in der Daͤmmerung. In kleiner Entfernung ſchim⸗ merten die Lichter des Dorfes mit der Herberge. „Natur! große, ewige, unbegreifliche Natur! an deinem Altar werf' ich mich anbetend nieder! So nah ſtand ich dir noch nie als jetzt. Nimm mich auf und laß mich ſelig ſein!“ So rief der Offizier entzuͤckt und breitete die Arme nach der in Nacht verſchwimmenden Geſtalt aus. Dann eilte er ihr nach und trat mit der Holden zugleich in das gaſtliche Haus. Er ſpeiſte mit ihr, ſie ſaß ihm gegenuͤber und zur Seite; er vermochte nicht, ſich von dem edelſten roſenumbluͤhten Geſichte zu wenden, er trank ſelige Vergeſſenheit aus den Zau⸗ berſpiegeln ihrer Augen; er horchte wie ein Kind ihrem ſuͤßen Plaudern, und träumte von ihr auf 63 ſeinem Strohlager, waͤhrend ſie in ihrem Kaͤmmer⸗ lein nicht weniger ſeiner gedachte. Freundlicher als die Sonne begruͤßte ſie ihn morgens, obgleich dieſe in ihrer hoͤchſten Pracht und Klarheit aufging und die Gletſcher in roſige Glut huͤllte. Aber als ſie vernahm, daß Wahlmann nun von ihr ſcheiden muͤſſe, trubte ſich des holden Kindes Blick. um ſie zu erheitern, verſprach er ihr, ſie nach einiger Zeit in ſeiner wahren Geſtalt zu beſuchen, und ih⸗ ren Vater zu uͤberzeugen, daß er kein Spion ſei. Wer er aber waͤre, verbarg er ihr ſorgfaͤltig, ſo ſtark ſie auch den Wunſch, es zu wiſſen, äußerte. Beim Abſchied erlaubte ſie ihm einen Kuß auf die Wange, und ſelig trabte Wahlmann mit Peter auf gemietheten Maulthieren nach Como zu. So leb⸗ haſt auch ſein Herz fuͤr Gianetta ſprach und ſo vielen Dank er ihr ſchuldig war, ſo ſchwankte er doch keinen Augenblick in der Wahl der Maßregel, welche die Pflicht ſeines Amtes ihm gebot. Fuͤnf Meilen weit, ſo lang ſich die oͤſtreichi⸗ ſche Grenze am Lago Maggiore erſtreckt, waren Wachen ausgeſtellt, meiſt neu angeworbene Solda⸗ 64 ten, welche Wahlmann zu ſeiner Verfuͤgung von der Obermauth in Como erhalten hatte. Der Cor⸗ poral Gemuͤnz ſchnitt zu dieſen ungewohnten ernſten Anſtalten graͤuliche Geſichter; er wollte dem Offi⸗ zier hie und da Einreden machen, und verbarg ſeine Unzufriedenheit ſchlecht, aber Wahlmann hatte wenig Zeit, ihn anzuhoͤren. Gemuͤnz ſeiner Seits war auch nicht unbeſchaͤftigt; man ſah ihn viel mit den verdächtigen geſchaͤftloſen Menſchen am Ufer verkehren, und von Zeit zu Zeit ſtieß Einer von ihnen mit einem Kahn vom Lande und durchkreuzte, jeder in anderer Richtung, den See; andere ent⸗ eilten am Ufer hinauf und blickten, bevor ſie ihren Lauf fortſetzten, von den hohen Felſenvorſpruͤngen mit ſpaͤhenden Blicken uͤber die Hoͤhe des Sees. Unter allen alten Mauthſoldaten war eine aͤngſtliche Bewegung. Wahlmann glaubte ſeiner Pflicht nun ein Genuͤge gethan zu haben und erwartete unge⸗ duldig am Ufer des Sees die Nacht. Sie kam; aber außer dem Wind und dem eintoͤnigen Schlag der Wellen regte ſich nichts auf der weiten Waſ⸗ ſerflaͤche. Vergeblich erwartete er den Zuruf der Wachtpoſten, ſchon tauchte der oͤſtliche Himmel ſich in gluͤhende Tinten, und mißvergnugt uͤber die ge⸗ 1 65 taͤuſchte Erwartung, begab ſich der Offizier mit ſeinem Diener in die Wohnung. „Wenn Sie mir erlauben,“ ſagte hier Peter, „ſo ſage ich Ihnen meine einfaͤltigen Gedanken uͤber den vereitelten Plan.“ „Du biſt auch ein vom Rathhauſe heimkehren⸗ der Herr; doch laß hoͤren.“ „Ich denke, Sie ſind ſelbſt Schuld, daß wir die Kerle nicht gefangen; vielleicht laßt ſich aber Alles wieder gut machen. Ihre eigenen Leute ha⸗ ben Ihre Anſtalten, mein⸗ ich, den Schmugglern verrathen. Sie ſind alle Schurken, mein' ich, und der alte Corporal der groͤßte.“ „Ei Peter, welche Beſchuldigungen! Wer haͤngt mit groͤßerer Liebe an, guten Kaiſer als Gemuͤnz?“ „Ja mit dem Maule, aber mit der That nicht. Hat er noch je einen Schmuggler gefangen, ſo lange wir hier ſind, oder ein anderer ſeines Hau⸗ fens? Was von Waaren iſt eingebracht worden, haben neue Grenzſoldaten Schmugglern abgenom⸗ men. Vom kaiſerlichen Gelde koͤnnte der Alte nicht Tag und Nacht den beſten Wein zechen. Waͤhrend Sie hier alle Kräfte aufbieten, um Ihrer Pflicht 6 66 puͤnktlich nachzukommen, wird das Land mit Waa⸗ ren uͤberſchwemmt; und ich muß oft im Dorfe hoͤ⸗ ren, wie man Sie Ihrer Wachſamkeit und Ihres Eifers wegen verſpottet. In allen Mauthhaͤuſern an der Grenze von hier bis Como ſei kein einfaͤlti⸗ gerer Offizier, als Sie, ſagt man mir dreiſt ins Geſicht, und es thut mir ſtets ſehr wehe, derglei⸗ chen hoͤren zu muͤſſen. Ich habe es Ihnen nie ſa⸗ gen wollen, aus Furcht, Sie moͤchten ſich daruber betruͤbel, da Sie ja ohnedies Kummer genug ha⸗ ben; nun aber darf ich es Ihnen nicht laͤnger ver⸗ ſchweigen, wie Sie hier verrathen und verkauft ſind. Heute ſagte mir ein unverſchaͤmter Kerl, der ſich immer am Ufer herumtreibt, fuͤr neugebackne naſeweiſe Leute, die uͤber die Alpen gekommen ſeien, um in Italien eine neue Ordnung der Dinge einzufuͤhren, gaͤbe es hier zu Lande noch heißes Blei und kaltes Eiſen genug, um ſie auf ewig ſtumm zu machen. Glauben Sie mir, alle Mauth⸗ ner, welche ſchon Jahr und Tag hier ſind, ſtecken das Geld der Fruſtratori ein und druͤcken die Au⸗ gen auf eine Stunde zu, um ſie nicht auf ewig zumachen zu muͤſſen. Ich wollte Ihnen ein Du⸗ tzend Beiſpiele herzaͤhlen von Leuten, die ſeit eini⸗ 4 67 gen Jahren für ihre Treue und v haben ins Gras beißen muͤſſen.“ „Du kannſt Recht haben, ja Du paſt. auf ieden Fall Recht,“ verſetzte Wahlmann.„Hier iſt nicht der Wirkungskreis fuͤr mich. Niemals kann ich wider meine Pflicht handeln; und was vermag ich einzelner ehrlicher Mann gegen ein Heer von Schurken? Und muß ich nicht gegen die zu Felde ziehen, die ich gluͤhend lieben wuͤrde, könnte mein Herz ſeinen durchlebten Fruͤhling noch einmal zu⸗ ruͤck zaubern, die ich aber vergoͤttere, zu der ich nicht anders als zu einer Heiligen hinauf ſehe? Muͤßt' ich ſie nicht vernichten, wenn ein dunkles Schickſal ſie mir in den Weg wuͤrfe? Ja, Peter, Du haſt recht; ich muß um meine Entlaſſung bit⸗ ten. Mein kleines Vermogen wird uns forthelfen. Wir kaufen uns im Canton Teſſin anz ich will lieber ein Bauer werden, als ein Offizier ſein, der die unmoglichkeit ſeine Pflichten erfullen zu kön⸗ nen, einſieht. Heute noch ſende ich einen Boten nach Mailand; aber ſo lange ich noch im Dienſte bin, will ich ihn gewiſſenhaft verſehen.“ „So werden Sie wohl daran thun, heute alle Truppen, welche Sie von Como hierher ge⸗ 6* 68 fuhrt, dem Scheine nach zuruckmarſchiren zu laſ⸗ ſen. Ich ſage dem Scheine nach, denn Sie koͤn⸗ nen dieſelben in einem nahgelegenen Walde verſte⸗ cken, ſo daß ſie zu jeder Zeit, wenn ſie noͤthig, bei der Hand ſind. Iſt dies geſchehen, ſo verhal⸗ ten wir uns ganz ruhig und ſtreifen, um unſere Laurer ſicher zu machen, etwas weniges aus, zie⸗ hen uns aber bei Nacht in unſere Zimmer zuruͤck. Kommen die Schmuggler, ſo wird der Corporal oder irgend ein Anderer abweſend ſein. Iſt dies der Fall, ſo koͤnnen wir unſere Maßregeln nehmen. Vielleicht gelingt es mir auch, einen der alten Soldaten zu gewinnen. Mit dem langen Lieſer ſteh' ich auf gutem Fuß. Fuͤr Geld verräth der Kerl die Schmuggler, den Corporal und ſeine Ka⸗ meraden. Haben ſie nur erſt den Fuß ans Land geſetzt, dann ſind ſie uns auch im Garne. Die Soldaten will ich dann ſchon beitreiben.“ „Dein Vorſchlag iſt nicht uͤbel, verſetzte Wahlmann und mit Deiner Liſt kommen wir wahrſcheinlich weiter, als mit meiner wohlberechne⸗ ten Geradheit und allem Eifer. Es ſind unter un⸗ ſern alten Soldaten gewiß manche rechtſchaffene Leute, die aber mit dem Strom ſchwimmen muſ⸗ 69 ſen. Vorzuglich rechne ich auf die Deutſchen. Es ſchickt ſich fuͤr Dich beſſer, zu ſondiren, als fuͤr mich. Drum gib dir Muͤhe. Haſt Du erſt Einen gewonnen, der verraͤth Dir dann die Andern, wel⸗ che unſrer Partei beizutreten geneigt ſind, und ſo fangen wir die ſtrafbaren Suͤnder in ihren eigenen Netzen.“ Sobald der Tag voͤllig aufgegangen war, ver⸗ ſammelte Wahlmann alle von Como heruͤbergefuͤhr⸗ ten Soldaten und verkuͤndete ihnen im Beiſein ſei⸗ ner eigenen Leute mit lauter Stimme, daß ſie wie⸗ der zuruͤckkehren ſollten, weil die Gefahr eines Ue⸗ berfalls nun voruͤber ſei. Er ſelbſt begleitete ſie, theilte aber unterwegs dem ihm ergebenen Anfuͤhrer den Plan mit, worauf dieſer ſogleich einging und mit der Dunkelheit in einer von Felſen und dich⸗ tem Gebuͤſch umzaͤumten Bucht des Sees, eine Meile nordlich von Briſago, anzulangen und ſeine Leute dort zu verſtecken verſprach. In ſeine Woh⸗ nung wieder zuruͤckgekehrt, verfertigte Wahlmann eine Bittſchrift um ſeine Entlaſſung und ſandte ſie noch an demſelben Tage mit einem reitenden Boten nach Mailand ab; denn er war feſt entſchloſſen, dieſen gefährlichen und unruͤhmlichen Poſten aufzu⸗ 70 geben.„O Adelheit!“ rief er, als er das Schrei⸗ ben abgegeben,„hätteſt du mich geliebt und mir den Tand der Welt aufopfern koͤnnen! Haͤtteſt du nachzugeben vermocht, welch Paradies waͤre hier fuͤr unſere Liebe! Aber ſind denn nicht alle Frau⸗ en ſo? Hat nicht Gianetta mir ſelbſt geſtanden, ſie wolle eher alles opfern, als dem Geliebten nachgeben? Und iſt ſie nicht die Vollkommenſte ihres Geſchlechts, die ich kennen gelernt habe? Gianetta, vielleicht in deinen Armen vernarbt die Wunde.—— O darf ich noch an eine Seligkeit auf Erden glauben?“—— Peter ſpazierte unterdeſſen mit dem langen Lie⸗ ſer am Ufer des Sees.„Die verdammte Schmugge⸗ lei bringt unſern Kaiſer um viel gute Einnahmen, die doch all unſerm lieben deutſchen Vaterlande zu gut kaͤmen,“ bemerkte der Diener. „Ei wohl,“ verſetzte der Soldat,„aber wir koͤnnen doch nicht Mann an Mann Tag und Nacht die ganze Grenze beſetzt halten. Es ſind verwet⸗ terte Kerle, die Fruſtratori. O ich habe ein Paar Dutzenden von ihnen das Lebenslicht ausgeblaſen, aber ſie wachſen wie aus der Erde.“ „Wenn Du ſie ſo aufs Korn nimmſt, da kann 71 ich Dir wohl ohne Bedenken anvertrauen, welche neue Ordre mein Herr geſtern von Mailand erhal⸗ ten hat, doch mußt Du mir verſprechen, Niemand etwas davon zu ſagen; denn ich traue Dir nur al⸗ lein.“ „Auf Soldatenparole! Ich will in des Boͤſen Feuereſſe braten! Sag nur ſchnell, was gibt's Neues?“ „Man hat unter der Hand in Venedig und Wien erfahren, daß viele unter den Grenzſolda⸗ ten und Mauthnern von den Schmugglern beſto⸗ chen und beſoldet ſind. Es iſt daher beſchloſſen worden, eine ganz neue Mauthverfaſſung einzufuh⸗ ren und blos die ehrlichen und treuen Unterthanen des Kaiſers von den Alten zu behalten. Man will ſogar die Namen vieler wiſſen, welche ihre Pflicht aus den Augen geſetzt haben.“— Des langen Lieſers Geſicht wurde noch um einige Zoll laͤnger und kalkweiß. „Mein Herr meint, Du ſeiſt eine brave Haut,“ fuhr Peter fort,„weil Du ein Deutſcher biſt, der immer auf die Ehre und den Vortheil ſeines Va⸗ terlandes und unſers guten Kaiſers haͤlt. Er wird Dich zum Corporal vorſchlagen und verſpricht Dir 72 ſechs Dukaten, wenn Du ihm die ubrigen aus der Compagnie nennſt, welche ebenfalls gut oͤſterreichiſch geſinnt ſind und dem Kaiſer gern treu verbleiben wollen. An den Namen der Schurken liegt uns ohnedies nichts.“ Der entfaͤrbte Soldat holte tief Athem. „Das hab' ich gewiß Deiner Freundſchaft zu verdanken?“ fragte er kleinmuͤthig. „Davon laß uns ſchweigen, Lieſer! Glaube, daß Du mir lieb biſt. Erklaͤre Dich nur, ob Du geſonnen biſt, dem Kaiſer Deinen Eid zu halten und uns diejenigen zu ſagen, welche eben ſo ehrlich und brav denken wie Du.“ „Wie kannſt Du fragen, liebſter Freund? Ihre Gnaden, der Herr Hauptmann haben Gewalt uͤber mich. Duͤrft' ich vielleicht Verzeihung fuͤr kleine Verſehen hoffen? Ich wollte gerne Alles geſtehen.“ „Davon iſt gar nicht die Rede; wir alle ſind Suͤnder. Willſt Du die Verſicherung ſeiner dauern⸗ den Gewogenheit aus meines Herrn eigenem Mun⸗ de, ſo begleite mich zu ihm.“ Zitternd und zagend und dem unverdienten Gluͤck mißtrauend, folgte der lange Lieſer dem li⸗ ſtigen Peter. Nach einer Stunde kannte Wahl⸗ — „ mann alle guten und ſchlechten Subjecte ſeiner Truppe und fand zu ſeiner Freude, daß die Zahl der letztern die der erſtern wenigſtens nicht uͤberſtieg. Getröſteten Herzens verließ der frohe Lieſer, die Hand voll Gold und das Geſicht voll Freude, den Offizier, um durch ſein Beiſpiel auf Andere zu wirken. Eh die Nacht anbrach, ſah die ſich be⸗ gnadigt waͤhnende Haͤlfte des Haufens mit pfiffiger Verachtung auf die andere der ſchlechteren Kame⸗ raden, und war feſt entſchloſſen, bei der naͤchſten Landung von Schmugglern glaͤnzende Proben ihrer Tapferkeit und treuen Anhanglichkeit an den Kaiſer abzulegen. Wann dieſe Landung vor ſich gehen wuͤrde, wußte Niemand als der alte Corporal und ſein Buſenfreund, der lahme Paul; beide waren aber den ganzen Tag abweſend, man wußte nicht wo. Gegen Abend ſtellten ſie ſich ein, beobachteten aber uͤber die Schmuggler Stillſchweigen. Wahl⸗ mann ſtreifte mit mehreren Abtheilungen noch in der Nacht, unterhielt ſich freundlich mit Gemuͤnz und ließ ſich viel von deſſen Kriegsthaten erzaͤhlen. Beide gingen anſcheinlich im beſten Vernehmen von einander, ſich eine gute Nacht wuͤnſchend. und dieſe war es wirklich; denn es regte ſich abermals 71 nichts, als nach Mitternacht der von den Alpen herab brauſende Wind Tevano. Am andern Tage herrſchte eine eigene Spannung unter den Solda⸗ ten; die Treuen oder Wiedergewonnenen beobach⸗ teten jeden Schritt der Andern mit groͤßtem Miß⸗ trauen; dieſe ſelbſt aber wußten nicht, wie ſie mit dem Corporal daran waren, der noch nie ſo einſil⸗ big, verſchloſſen und ſtrenge geweſen war, als die⸗ ſen Tag. Mit der abgeſchmackteſten Genauigkeit verrichtete er ſeine Funktionen und fluchte in glei⸗ chem Verhaͤltniß ungeheuer viel, ließ auch hin und wieder ein Woͤrtchen von Verräthern und Schur⸗ ken fallen, ſo daß alle ſtutzig wurden, die Abge⸗ fallnen aber nicht anders meinten, als er muͤſſe ſchon Wind von ihrer neuen Verbindung haben. Dazu benahm er ſich indeſſen doch zu ruhig. Dem Corporal ſteckte aber nichts weiter als der Wahn im Kopf, die feſtbeſtimmte Landung ſeines Freun⸗ des Nicolo ſei durch irgend einen ſeiner Leute an Wahlmann verrathen worden. Die in der Bucht verſteckten Soldaten zogen ſich vor Tagesanbruch in ein hinter dem Berge gelegenes Dorf zuruck, wo ſie den Tag über zubrachten. Gegen Abend marſchirten ſie nach Ascona, einem am See gele⸗ 75 genen Marktflecken, mehrere Meilen von Briſago. Dort breiteten ſie ſich am ufer aus, und nahmen ieden, welcher daſelbſt erſchien, gefangen. So ge⸗ ſchah es denn, daß mehrere Bettler, welche von Norden herabſtreiften, ſo wie zwei alte Soldaten, die hinaufwaͤrts eilten, ihnen in die Haͤnde ſielen. Das Geſtaͤndniß, daß die Schmuggler wirklich in Anzug waͤren, war von dieſen bald erpreßt und alle Maßregeln danach genommen. Die Nacht umguͤrtete die Nymphe des Sees, die noch vom zartlichen Kuß des Abendroths ſcham⸗ haft erroͤthet war. Die Landſchaft verſank in die dichter und dichter gewobenen Schleier. Alle Kaͤhne waren heimgekehrt in die heimiſche Bucht, und der neckiſche Traumgott zog mit ſeinem Guckkaſten durch die Huͤtten der Menſchen, und zeigte dieſem ein freundliches, jenem ein truͤbes Bild, aber alle vom phantaſtiſchen Licht ſeiner magiſchen Laterne beleuchtet. Nur Wahlmann ſcheuchte den Gaukler zuruͤck. Gewohnter Weiſe ſchritt er heftig durch das Zimmer. Seine Gedanken waren in Wien bei der noch immer ſo heftig geliebten Adelheit, aber wunderbar genug nahm ſie in ſeiner Phantaſie im⸗ mer mehr Gianetta's Geſtalt und Zuge an, mit N 76 welc er ſie allerdings Aehnlichkeit hatte. Es hatte ſich ein ſolcher Widerſtreit der Gefuͤhle in ihm er⸗ zeugt, daß er gar nicht mehr wußte, wen er ei⸗ gentlich liebte; er konnte ſich nicht von den theu⸗ ren Erinnerungen an den mit Adelheit durchlebten und im Rauſche der Liebe und des Glucks genoſſe⸗ nen Fruͤhling ſeines Lebens trennen, aber der la⸗ chende Sommer, mit Gianetta durchſcherzt, winkte ihm doch auch gar zu reizend; der ſchoͤne Vor⸗ ſchmack, den ſie ihm gegeben, konnte nicht locken⸗ der ſein. Endlich warf er ſich aufs Bett, aber er vermochte nicht zu ſchlafen. Mitternacht war vor⸗ uber; es trieb ihn ans Fenſter. Der See war matt erleuchtet. Die Bilder von tauſend Sternen waren darinne aufgegangen wie helle gelbe Blu⸗ men auf ſchwarzen Beeten, und leuchteten und glaͤnzten im zitternden Schein wie goldene Naͤgel auf dem dunklen Schilde eines gewaltigen Rieſen. Auf einmal glaubte Wahlmann ein fernes Fluͤſtern oder Plaͤtſchern der Wellen zu vernehmen. Er horchte aufmerkſamer und fand ſich nicht getaͤuſcht. Jetzt verband er die Aufmerkſamkeit des Auges mit der des Ohres und ſah etwas Weißes auf der Fluth ſchimmern, wie einen großen Schwan. Be⸗ 5 7 ſonnen griff er ſogleich nach dem Lichte, um es zu verbergen, und weckte Petern behutſam. Aus dem dunklen Zimmer ſpaͤhten nun beide hinaus und un⸗ terſchieden bald eine Geſtalt, welche langſam aus der Gegend der barromaͤiſchen Inſeln quer uͤber den See auf das Mauthhaus zuſegelte. Zu gleicher Zeit bemerkte Peter zur Seite des Hauſes am Ufer mehrere in Maͤntel verhuͤllte Geſtalten. Die auf dem See ward als weibliches Weſen erkannt, ein weites weißes Gewand flatterte um ihre Glieder, und Wahlmann dachte an den Geiſt der ungluͤckli⸗ chen Gräfin. Ein leiſer Schauder rieſelte durch ſeine Gebeine; er wußte in dem Augenblick nicht, was er denken, wie er ſich faſſen ſollte. Das Fahrzeug legte an, die geiſterhafte Schifferin ſtieg langſam ans Land und ſchritt oder ſchwebte viel⸗ mehr auf das Haus zu. Die Vermummten waren verſchwunden, waͤhrend die Aufmerkſamkeit der bei⸗ den Spaͤher nur mit der einen Erſcheinung beſchäf⸗ tigt geweſen war. Wahlmann fuhlte ſeinen Kopf fieberiſch brennen und ſeine Pulſe raſch hüͤpfen. Doch er griff nach dem Degen, bedeutete Petern zu ſchweigen, und ſtreckte ſich auf das Lager. Peter nahm zwei ſcharf geladene Piſtolen, legte auch zur 78 Vorſicht die Büchſe zur Hand, und ſtellte ſich in die Ecke des Kamins, dem Bette ſeines Herrn ſchief gegenuͤber. Rechts vom Kamin war eine Wandni⸗ ſche, beſtimmt das fuͤr die Heizung nothige Holz in ſich aufzunehmen, doch jetzt leer. Nach zehn Minuten baͤnglicher Erwartung vernahm Peter ein Kniſtern und Knacken in dieſer Niſche, und als er den Kopf vorbog, ſah er zu ſeinem Erſtaunen jene weiß gekleidete weibliche Geſtalt daraus hervortre⸗ ten; ihr folgte eine männliche. Dumpf ſtoͤhnend ſchritten beide langſam durch das Zimmer von ei⸗ nem rothen Lichtſtrahl wunderbar beleuchtet, wel⸗ cher aus der Niſche auf fie fiel. Sie waren faſt an der Thuͤre, als ein Ritter in praͤchtiger Klei⸗ dung heraus trat und mit bloßem Schwert die bei⸗ den Erſten verfolgte. Wahlmann regte kein Glied; ihm hatte es geſchienen, als ſeien die Geſtalten aus der Wand geſtiegen, als verbreite ſich das wunderbare Licht aus ihnen ſelbſt. In der hoͤch⸗ ſten Aufregung ſprang er auf, als er bemerkte, daß das Liebespaar aͤngſtlich nach der Thure floh, und rief:„O weilet! weilet! und vertraut euch mir!“ Aber der weibliche Geiſt that in dieſem Augenblick, als er die Stimme des Offiziers ver⸗ nahm, einen Schrei, und der ſie verfolgende Rit⸗ ter zuckte das Schwert nicht auf die Liebenden, ſondern auf Wahlmann. Aber Peter hatte ſchon angelegt und eh jener den meuchelmoͤrderiſchen Stoß vollfuͤhrte, krachte der Schuß und die Ku⸗ gel ſaß ihm im Kopfe. Bruͤllend ſtuͤrzte der un⸗ ritterliche Ungeiſt zu Boden, der andere aber hatte raſch ſeinen Dolch gezogen und wuͤrde Wahlmann, den der ſchnelle Wechſel der Scene faſt betaͤubte, iedenfalls toͤdtlich getroffen haben, waͤre nicht die weiß ſchimmernde Begleiterin ihm ſelbſt jammernd in die Arme gefallen und hätte ihn am Stoß ver⸗ hindert. Die Verwirrung vermehrte der Umſtand, daß die Beleuchtung verſchwunden war. Schon polterten aber die wachehabenden Soldaten auf der Treppe; denn der Schuß hatte viel Lärm im Hauſe gemacht, und Peter langte das Licht unter dem daruͤber geſtuͤrzten Gefaͤß hervor. Moͤtzlich war die Scene beleuchtet. Die Thuͤre wurde aufgeriſſen und Baſtel Gemunz, der ehrliche Corporal, trat mit ſcheinbar ſchlaftrunkenem Anſtand an der Spitze mehrerer Soldaten herein. Auf der Treppe quoll's aber immer luſtiger von Soldaten; denn die ganze im Hinterhauſe befindliche Caſerne war in Aufſtand 80 gerathen und die Wahlmann Ergebenen waren flink bei der Hand, in der Meinung, die Zeit ihres Probeſtuͤckes ſei gekommen. In nicht laͤnger als einer Minute war das Zimmer voll und mehrere Lichter ſandten ihre Strahlen auf die Hauptgruppe. Dort ſah man die weißgekleidete Frau zu Wahl⸗ manns Fuͤßen liegen und jammernd ſeine Knie um⸗ faſſen. Der in Flor gehuͤllte Ritterjuͤngling aber wurde von zwei Soldaten gehalten, welche ihn entwaffnet hatten. Das volle Licht fiel der Knieen⸗ den ins Geſicht und Wahlmann erkannte zu ſeinem groͤßten Erſtaunen und Schrecken— Gianetten, in dem Gefangenen Antonio, und als Peter dem entgeiſteten Geiſt am Boden ins Geſicht leuchtete, wurde der haͤmiſche Fermo in ihm erkannt. Anto⸗ nio ſchlug, als auch er Wahlmann erkannt hatte, beſchaͤmt die Augen nieder, und Gianetta rief im Tone der groͤßten Verzweiflung:„O edler Herr, ſtoßt mich doch mit Eurem Degen auch nieder; ich will es mir fur das groͤßte Gluͤck rechnen von Eu⸗ rer Hand zu ſterben, denn Ihr werdet mich doch nun fuͤr eine elende, ſchlechte Luͤgnerin und Betruͤ⸗ gerin halten und Ihr habt auch Recht; drum er⸗ zeigt mir die Gnade und ſchenkt mir den Tod.“ 81 „Nimmermehr!“ ſagte Wahlmann und wollte ſie aufheben.„Du biſt ein thorichtes Kind.“ „Kreuz, Stein und Dorn!“ fluchte der Cor⸗ poral, nachdem er ſich gewaltſam in eine martiali⸗ ſche Stimmung hinaufgeſchraubt hatte, auf der ſich zu erhalten ihm jedoch nur ſehr kurze Zeit gelang, „das iſt ja eine ſaubere Beſcheerung! Da haben wir ja auf einmal die Geiſter gefangen, die uns ſo lange und ſo graͤulich turbirt haben. Holla! her mit dem Gaunervolk! Herr Hauptmann, uͤber⸗ geben Sie mir dieſe Canaillen; ich will's ihnen eintraͤnken. Wartet, Baſtel G'muͤnz wird euch's vergelten, wie ihr mit ihm umgeſprungen und ihn oft genug ins Bockshorn gejagt habt.“ Die ſchlechte Liſt gelang dem guten Corporal nicht. Es war von hoͤheren Maͤchten beſchloſſen, daß ſeine Rolle ausgeſpielt ſei. „Schweig, du alter heuchleriſcher Graukopf!“ rief Gianetta im hoͤchſten Unwillen.„Hier wird deine Kunſt zu Schanden, denn dieſen edlen Herrn vermag ich nicht zu betruͤgen. So wißt denn, Herr Hauptmann, dieſer Euer Corporal hat mei⸗ nen Vater zu dem Schelmſtuck beredet, welches ich mit auszufüͤhren gezwungen wurde. Ihr habt 82 uber mein Leben zu gebieten, aber dieſer iſt der Strafbarſte.“ Baſtel Gemünz ſuchte ſich während dieſer Rede Platz zu machen, um einen Weg nach der Thuͤre zu brechen, und in ſeiner Naähe hielt ihn keiner auf; denn es waren ſeine Getreuen, die um ihn ſtanden. Als aber Wahlmann rief:„Faßt ihn und nehmt ihm die Waffen, ihr unſers Kaiſers treue Soldaten!“ da langten von hinten an funf⸗ zig Arme nach ihm und er mußte ſich ergeben. Bittend und fluchend wurde er abgefuͤhrt, ebenſo nach ihm der lahme Paul. Allen Andern ſicherte Wahlmann Gnade zu. Fermo's Leiche wurde dem Anblick der Lebenden entzogen, die Soldaten räum⸗ ten allmaͤlig das Zimmer und auch Antonio ſollte abgefuhrt werden. Da wandte er ſich zu Wahl⸗ mann mit den Worten:„Ihr ſeid ein edler Mann, Capitän. Dies Madchen iſt in Eurer Gewalt, ver⸗ geßt Euren Edelſinn nicht. Was mich ſelbſt be⸗ trifft, ſo bitte ich Euch morgen um eine kleine Un⸗ terredung unter vier Augen.“ „Sie ſei Dir gewaͤhrt! Und was Deine War⸗ nung betrit, ſo laß uns das Madchen ſelber fra⸗ Setzeſt Du gleiches Nitauen in mich, 8³ ſchoͤne Gianetta, wie dieſer Mann? In dieſem Fall werde ich Dich aus dieſem Hauſe entfernen und in das Dorf bringen laſſen, Dir eine ſtrenge Wache geben und ſelbſt mir keinen Zutritt zu Dir geſtatten.“ Gianetta ſah ihn mit einem bittern Schmer⸗ zensblick an.„Wollt Ihr mich Antonio's Arg⸗ wohn entgelten laſſen?“ fragte ſie weich.„Wie ich Euch ganz vertraue, wißt Ihr ja. Drum ver⸗ bannt mich nicht von Euch.“ Antonio warf ihr einen flammenden Blick zu. „O!“ rief ſie,„Du wirſt mich noch tödten mit Deiner Eiferſucht. Du biſt kein Italiener.“ Und ſchnell aus der ſchmerzlichen Stimmung in eine launige übergehend, fragte ſie den Juͤngling ſehr naiv:„Wie, wenn ich nun Deine Frau ware, ſollte ich mir den guten Hauptmann nicht zum Cicisbev annehmen? Glaubſt Du, Thor, ich wuͤrde mir von Dir ein Recht ſtreitig machen laſ⸗ ſen, welches jede Italienerin behauptet?“ Wahlmann mußte uber die Bemerkung ſowohl, als uͤber den poſſierlichen Ton, in welchem ſie vor⸗ gebracht, und zu dieſer Zeit, in dieſer Lage vorge⸗ 84 bracht wurde, herzlich lachen, und Antonio ſtimmte mit ein. „Geh nur getroſt, mein Freund,“ ſagte der Offizier,„und laß Dich die Langeweile nicht pla⸗ gen.“ Der ſchoͤne Juͤngling ging jetzt leichtern Sinnes mit den Soldaten, und Wahlmann ſtand mit Peter und Gianetta allein im Zimmer. „Wollen Sie nicht dieſes Gemach verlaſſen, an deſſen Boden das Blut eines Erzſchelms klebt?“ fragte Peter und leuchtete voran nach dem hintern Zimmer, einem kleinen traulichen Stuͤbchen. Hier ließ er das Paar allein. Reizend wie eine Fee ſaß dem liebſehnſuͤchtigen Offizier das liebliche Kind gegenüber, deſſen Gegenwart er noch vor einer Stunde heftig gewünſcht hatte, ohne die entfern⸗ teſte Hoffnung zur Erfullung dieſes Wunſches zu hegen. Ihr ſchwarzes glaͤnzendes Haar hing auf⸗ geloͤſt auf die alabaſternen Schultern und den Ruͤ⸗ cken herab, und von dem Buſen floß in leichten Wellen das in viele Falten geguͤrtete ſchneeweiße weite Gewand, welches dem holden Maädchen wirk⸗ lich ein uͤberirdiſches Anſehn verlieh. Wahlmann fuͤhlte eine Beklommenheit, die ihn den vornehm⸗ ſten Damen gegenuͤber nie beſchlichen hatte, und 85 er ſuchte vergeblich nach einem ſchicklichen Anfang der Unterhaltung. Als er es endlich uͤber ſich ge⸗ wann, ihr zuerſt in das reizende Geſicht zu blicken, nahm er wahr, daß ſie ſtill Thraͤnen vergoß. „Du weinſt?“ fragte er jetzt raſch und theil⸗ nehmend;„hab' ich Dir wehe gethan?“ „Ach! Ihr verachtet mich mit Stillſchweigen und ich bin's ſchon werth, daß Ihr kein Woͤrtchen mit mir redet. Aber glaubt mir bei der heiligen Jungfrau, haͤtte ich nur ahnen koͤnnen, daß Ihr der Hauptmann dieſes Mauthhauſes wärt, ich haͤtte mich eher von meinem Vater todt ſchlagen laſſen, als daß ich dieſe ſchlechte Rolle geſpielt haͤtte.“ „Aber ſage mir doch, wie Du dazu gekommen biſt, ſie zu ſpielen? Haſt Du Dich nicht gefuͤrch⸗ tet, daß ich den Geiſtern zu Leibe gehen moͤchte? In einem Hauſe voll Soldaten ſolchen Spuk trei⸗ ben, iſt doch wahrlich kein geringes Wagſtuͤck von einem Mädchen.“ „Schenkt mir Euer gutiges Ohr, werther Herr, und Ihr werdet mich vielleicht minder ſtrafbar finden. Jeder Anfuͤhrer eines Haufens Schmugglet, wel⸗ che auf ſeine Koſten den Schleichhandel treiben, ſteht mit irgend einem Beamten oder mehrern an der Grenze in Verbindung, und ſo viel Ihr bis ans Venetianiſche hinuber Mauthhaͤuſer findet, ſo wird ſchwerlich eins ſein, worin nicht von den Fruſtratori beſoldete Leute wohnen. Der vorige Hauptmann dieſes Mauthhauſes war ein alter ſtum⸗ pfer Mann und der Corporal verſah eigentlich ſei⸗ nen Poſten. Er ſteht ſchon lange mit meinem Vater auf dem beſten Fuß und bezieht jaͤhrlich eine bedeutende Summe von demſelben, die er nach Belieben unter ſeine Leute austheilen konnte. Der Corporal beherrſchte ſie alle mit unſerm Geld; des Kaiſers Sold langte nicht hin fuͤr ihre Beduͤrfniſſe. Die Neutralitaͤt des Sees erlaubte uns bei Tag und Nacht ihn zu befahren. Wir hatten dort beſtimmte Landungsplaͤtze am öſtreichi⸗ ſchen Ufer. Fanden unſere Leute Zollbeamte, die ſich ihnen nicht von fern gleich als Freunde durch ein Zeichen zu erkennen gaben, ſo ſtießen ſie wie⸗ der in den See und ſuchten ſich nach einigen Stunden oder in der Nacht einen andern Lan⸗ dungsplatz. Wurden ja zu Zeiten einige, die ſchon im Lande oder am Ufer waren, erwiſcht, meiſt von Soldaten, die der Corporal, wahrſcheinlich ihre Ehrlichkeit fuͤrchtend, nicht in ſein Spiel ſehen 87 8 ließ, ſo war der Verluſt der Waaren bald ver⸗ ſchmerzt, der Träger derſelben rettete ſich durch die Flucht und ſchwamm oft meilenweit uber den See. Oft aber auch buͤßten die Soldaten mit dem Leben; denn dié Fruſtratori fuͤhren ſtets geladene Piſtolen und ſcharfe Dolche. Der alte Hauptmann ſtarb und Ihr kamt an deſſen Stelle. Der Cor⸗ poral verſicherte meinem Vater in den Zuſammen⸗ kuͤnften, die ſie oft hielten, Eure Klugheit ſei eben nicht weit her, und Euer Aberglaube überſteige den einer Kinderamme. Jedes erſonnene Spukge⸗ ſchichtchen oder Maͤrchen, womit ſich das ſchlech⸗ teſte Volk herum truge und die Kinder furchten mache, hättet Ihr geglaubt und Euch, wenn er ein ſolches erzaͤhlt, oft ſchlimmer wie ein albernes Kind geberdet. Im Nothfall wuͤrdet Ihr mit einer Geiſtererſcheinung ſo zur Ruhe gewieſen werden koͤnnen, daß Ihr bei Nacht Euer Zimmer nicht wieder zu verlaſſen wagen wuͤrdet. Wir lagen nun vorgeſtern in der Bucht bei Magadino in der nördlichſten Spitze des Sees mit acht ſchwer belade⸗ nen Schiffen. Dieſe Bucht gehoͤrt nicht mit zur Neutralität des Sees, ſondern zum Canton Teſ⸗ ſin. Der Verabredung mit dem Corporal gemaͤß 88 wollten wir in der Nacht eine Meile von hier ſuͤd⸗ lich, wo einer unſerer beſten Landungsplätze iſt, die Waaren ans Land bringen. Der vierte Theil vom Vermögen meines Vaters ſtand auf dem Spiele, und nicht alles war in der Verſicherungsbank des Schleichhandels zu Chiaſſo aſſecurirt. Denn mein Vater iſt geizig und gönnt den Speditoren und der reichen Bank nicht, was er ſelbſt verdient zu haben vorgibt. Es galt daher jetzt vorzugliche Vorſicht; unſer Haufe war groͤßtentheils bewaffnet auf einem Schiffe; die Weiber und Buben blieben zuruͤck und nur ich begleitete meinen Vater theils aus eigener Luſt, theils weil er es gern ſah. Wir ſegelten am hohen Nachmittag aus und hofften zwei Stunden nach Mitternacht am Landungsplatz zu ſein. Als wir aber in die Gegend der barro⸗ maͤiſchen Inſeln kamen, hoͤrten wir vom Ufer her mehrmals drei Schuͤſſe hinter einander fallen, ein Zeichen unſrer Freunde, daß Gefahr fuͤr uns ſei. Denn alle Schmuggler und die ihnen ergebenen Bettler und ſogar die Bauern des ganzen Landes haben Zeichen fuͤr uns, um uns vor den öſtreichi⸗ ſchen Soldaten zu warnen. Eine Stunde nachher begegnete uns ein Kahn mit mehreren Handlangern oder vielmehr Bettlern, welche alle ihr taͤgliches Brot von uns haben. Gemuͤnz ließ uns durch ſie unterrichten, wie das ganze Ufer mit neuen öſtrei⸗ chiſchen Soldaten beſetzt ſei und einer ſeiner Leute unſern Plan an Euch verrathen haben muͤſſe. Ich weiß nun beſſer, wie Ihr zur Kenntniß deſſelben gekommen ſeid. Aber ſo ſicher gemacht ſind die Schmuggler, daß ſie ohne Bedenken in jedes Frem⸗ den Beiſein von ihren Plaͤnen ſprechen. Wer woll⸗ te ſie auch verrathen, der nicht ſelbſt ein oͤſtreichi⸗ ſcher Soldat oder ein neuer Beamter oder ein Spion iſt? Denn der ganze Canton Teſſin lebt vom Schleichhandel in das oſtreichiſche Gebiet, die Leute kennen faſt kein anderes Gewerbe. Jede obrigkeitliche Behoͤrde bekommt ihren Theil des Gewinnes, die Verſicherungsbank in Chiaſſo iſt mit Millionen garantirt, die Regierung des Can⸗ tons ſchuͤtzt uns auf jegliche Weiſe und muß uns ih⸗ res eigenen Vortheils willen aller Drohungen Oeſt⸗ reichs ungeachtet ſtets ſchuͤtzen. Ganz Chiaſſo iſt voll Schleichhaͤndler und Speditoren des Schleich⸗ handels. Kein Schweizer wird uns alſo verrathen; aber auch kein Lombarde. Die Mauth iſt hoch, der Landmann wüͤrde ſich oft die gewoͤhnlichſten 8 90 Lebensbeduͤrfniſſe entſagen muͤſſen, ſollte er die da⸗ rauf haftende Abgabe bezahlen. Und der Italiener arbeitet nicht gern; er ſucht ſich ſeinen Bedarf auf die leichteſte, wenn auch nicht rechtlichſte, Art zu verſchaffen. Ueberdies wird die oͤſtreichiſche Regie⸗ rung von den Lombarden gehaßt. Daher kommt es denn auch, daß im Fall der Noth alle Bauern auf unſter Seite ſind und mit auf die oͤſtreichiſchen Soldaten ſchießen. Ja es gilt als ein verdienſtli⸗ ches Werk, einem Deutſchen das Lebenslicht auszu⸗ blaſen. Ein alter Beamter und Soldat verraͤth uns aber eben ſo wenig; denn dieſe haben große Vortheile von uns. Wen ſollen wir nun zu fuͤrch⸗ ten haben? Daraus erklaͤrt Euch, wie Ihr ſo leicht in Eurer Verkleidung der Mitwiſſer der be⸗ abſichtigten Landung wurdet. Es dachte freilich von uns allen Niemand daran, in Euch den neuen Hauptmann zu ſehen. Die oͤſtreichiſche Uniform haͤtte Euch den Paß verſperrt, das wußte wohl je⸗ der, aber in einer Bauernjacke haͤtte Euch doch Keiner erwartet. uebrigens war nach des Corpo⸗ rals Bericht wahrſcheinlich, daß Ihr nach Sa⸗ voyen zu gereiſt waͤret.“ „Sage mir doch,“ unterbrach Wahlmann hier 91 des Maͤdchens Rede,„wuͤrdeſt Du mich aus dem Keller der Herberge zu Centovalli befreit haben, wenn Du gewußt hätteſt, daß ich der öſtreichiſche Hauptmann ſei?“ Gianetta beſann ſich einen Augenblick und ſagte dann laͤchelnd:„Ja ich wuͤrde Euch doch be⸗ freit haben, und dann haͤtte ich natuͤrlich die Fahrt hintertrieben. 6 „Dafuͤr muß ich Dir einen Kuß geben.“ „Nein, das iſt wider die Abrede. Laßt mich ruhig weiter erzaͤhlen. Wir legten in der Nacht an der Iſola Madre an und hielten uns den gan⸗ zen Tag dort verborgen. Auf die Botſchaſft, welche wir dem Corporal ſandten, kam er Nach⸗ mittags ſelbſt, und verabredete mit meinem Vater die Landung in dieſer Nacht. um Euch an das Zimmer zu feſſeln, wurde der Spuk ausgeheckt. Anfangs ſollte ein Bube den Geiſt der Graͤfin ſpie⸗ len, aber der Corporal beſtand darauf, daß es ein Mädchen ſein muͤſſe, um ſich nicht durch die Stim⸗ me zu verrathen, wenn es noͤthig ſei einige Worte zu Euch zu reden. Unter der ganzn Geſellſchaft war ich aber das einzige weibliche Geſchöpf, da die uͤbrigen Weiber in Chiaſſo zuruͤckgeblieben wa⸗ 8* 92 ren. Der Vater befahl mir ſtreng die Rolle zu uͤbernehmen, der Corporal malte Euch als den feigſten und furchtſamſten Menſchen, verſprach im Fall der Noth mich ſogleich in Sicherheit zu brin⸗ gen, welches ihm, der mit dem Hauſe und ſeiner Umgebung ganz vertraut war, ſehr leicht werden mußte, er verſprach mir ferner den Beiſtand aller ſeiner Soldaten, und Antonio und Fermo, welche ſich zu meinen Begleitern und Theilnehmern auf⸗ warfen, gelobten mir, mich in jedem Fall zu ſchuͤ⸗ tzen. So beredete ich mich zuletzt ſelbſt, das aus Muthwillen zu thun, wozu ich doch eigentlich ge⸗ zwungen wurde. Von einem alten armen Aufſeher des oͤden Palaſtes der Barromaͤer auf der Inſel Madre wurden aus der modernden Garderobe der ausgeſtorbenen Grafen einige Stuͤcke angekauft, und wir langten in der Verkleidung in zwei Kaͤh⸗ nen am Ufer an. Meine Begleiter verließen mich einen guten Buͤchſenſchuß vom Ufer und legten eher mehr noͤrdlich an, als ich, und erwarteten mich, die ich allein auf das Haus zuruderte. Ge⸗ munz harrte unſer ſchon, und der lahme Paul fuͤhrte uns zu der Niſche, deren Woͤlbung wegge⸗ nommen werden kann. Er ſpendete uns Licht 93 durch eine Laterne, uͤber welche ein Stuͤck rothes Flortuch ausgeſpannt war. Man hatte mir ver⸗ ſprochen, ich ſolle blos von der Niſche aus, quer uͤber die Stube und durch die Thuͤre wieder hin⸗ aus gehen. Der Himmel hat den Frevel nicht ge⸗ duldet, und der ihn am meiſten betrieb, hat auch mit dem Leben dafuͤr zahlen muͤſſen.“ „Wie aber kamſt Du dazu, den Antonio zu deinem Begleiter anzunehmen, da Du doch eben nicht mit ihm vom beſten ſtehſt 7“ „Er iſt der Tapferſte des ganzen Haufens und der bitterſte Feind der Oeſtreicher. Auch bat er meinen Vater, mich begleiten zu duͤrfen, und die⸗ ſer gewaͤhrte ihm ſehr gern die Bitte; denn unter Antonio's Schutze konnte er mich ſicher glauben; mir ſelbſt aber war es nicht unangenehm, daß er meinen Geliebten und Fermo unſern Verfolger ſpielen ſollte.“ „Und was hat unterdeſſen Dein Vater begon⸗ nen?“ Gianetta ſchwieg einige Zeit verlegen.„Wenn ihm Gott gnadig iſt,« verſetzte ſie dann,„ſo hat er von unſerm Unfall Nachricht erhalten und iſt mit ſeinen Waaren wieder in den See geflͤchtet.“ 94 „Nachricht?“ fragte der Offizier zweifelhaft. „Aus dieſem Hauſe ſchwerlich.“ In dieſem Augenblick hörten ſie viele Schuͤſſe zu gleicher Zeit und hinter einander fallen. Gia⸗ netta ſchrie laut auf und Wahlmann ſprang zum Fenſter. Am ufer lebte Alles und laͤngs demſelben toͤnte der Ruf der Wachen. Die gewonnenen Soldaten ſtuͤrmten nach Suͤden hinab und aus der Ferne vernahm man anhaltendes Gewehrfeuer. Wahlmann wollte das Zimmer verlaſſen, um eben⸗ falls hinaus zu eilen, da ſah er Gianetten ohn⸗ maͤchtig auf dem Ruhebette liegen. Gleich einer geknickten Lilie hatte ſie das Haupt geſenkt. Der Offizier konnte ſich ohnmoͤglich ſchnell von dem herrlichen Bilde losreißen. Es zog ihn wie mit magiſcher Gewalt zu ihr hin. Er beugte ſich uͤber ſie, horchte auf ihren leiſen Athemzug und druckte ihr einen Kuß auf die bleichen Lippen. Dann flog er zum Kampfplatz. Von Norden herab kamen eben die Comer Soldaten und verkuͤndeten, wie ſie drei Schiffe mit Waaren gefangen und einige Schmuggler erlegt. Von Säden herauf kam faſt zu gleicher Zeit dieſelbe Nachricht zum Hauptmann. Der alte Nicolo hatte naͤmlich zu großerer Vor⸗ 95 ſicht ſeine Schiffe und Leute in zwei Theile ge⸗ theilt, deren einer noͤrdlich vom Mauthhaus, der andere ſudlich landen ſollte. Die waͤhrend dem im Mauthhauſe aufgefuͤhrten Trauerſpiele uͤberhalb deſſelben Gelandeten hatten, die Uebermacht erken⸗ nend, die Waaren bald im Stich gelaſſen und ihr Heil in der Flucht geſucht, welche faſt allen durch die Dunkelheit der Nacht, durch ihre beiſpielloſe Gewandtheit und genaue Kenntniß aller Schlupf⸗ winkel gelang. Nicht ſo gluͤcklich war der zweite und groͤßere Haufe, bei welchem ſich Nicolo ſelbſt befand. Bald nach ſeiner Landung hatte ein hinzu⸗ gekommener kleiner Wachtpoſten auf die mit Aus⸗ packen und Fortſchleppen der Waaren beſchäftigten Fruſtratori gefeuert. Mit dieſen wenigen Leuten glaubte Nicolo bald fertig werden zu koͤnnen, und ließ einen Theil ſeiner verwegenſten Burſche auf ſie los ſtuͤrmen, während andere mit den ausge⸗ worfenen Waaren davon eilten. Die Buͤndel wa⸗ ren nämlich alle nicht groößer, als ein Mann zu tragen vermag. Dadurch ſchwaͤchte aber Nicolo ſeine Macht. Auf des Corporals Freundſchaft und den Geiſterſpuk feſt vertrauend, glaubte er nur von einem naſeweiſen oder ununterrichteten Poſten feind⸗ 96 lich behandelt zu werden; in der Hitze des Gefechts und des nur matt von Daämmrung durchhauchten Nachtdunkels bemerkte er nicht, wie der Haufe ſeiner Gegner von Minute zu Minute ſich ver⸗ mehrte, und endlich das ganze Ufer lebendig wurde. Die Meiſten ſeiner Leute waren kluͤger als er, ſprangen in die Schiffe und entgingen dem Tod. Nicolo ſank aber bald von einigen Kugeln getroffen ſterbend zur Erde, mit ſeinem Fall war der Kampf beendigt; denn die noch uͤbrigen Schmuggler wur⸗ den theils gefangen, theils warfen ſie ſich in den See und retteten ſich durch Schwimmen. Sie verſchwanden in der Finſterniß nicht anders als verſchlaͤnge ſie die Erde oder der See. Als Wahl⸗ mann mit mehreren Fackelträgern auf dem Platz ankam, war alles beendigt. Er erkannte unter den Todten ſogleich Gianetta's Vater, und befahl die Gebliebenen in das Dorf zu bringen und fuͤr ihre Beerdigung zu ſorgen, die Waaren aber in Beſchlag zu nehmen. Der Morgen daͤmmerte feucht und regnerig uͤber dem unruhigen See, der Himmel war mit einem duͤſtern melancholiſchen Grau uͤber⸗ zogen und der Wind blies rauh und heftig von den Alpen herab, als Wahlmann, in Nachdenken 97 verſunken, nach ſeiner Wohnung zuruͤckkehrte. An der Thuͤre erwartete ihn Peter und trug ihm An⸗ tonio's dringende Bitte um eine Unterredung vor. Wahlmann trat daher in das Gemach, worin der Schmuggler gefangen gehalten wurde, und hieß die Wache ſich entfernen.„Ich habe bereits vernom⸗ men,“ ſagte Antonio,„daß der alte Nicolo mit ſeinem geliebten Fermo eine Straße gewandelt iſt. Dieſe verhaͤngnißvolle Nacht hat viel fuͤr und viel gegen mich gethan. Ihr mußt naͤmlich wiſſen, daß ich Gianetta bis zur Raſerei liebe.“ „Dies iſt mir bekannt; ich find' es natuͤrlich. und Du kannſt deshalb ohne weiteres daruber hin⸗ gehen.“ „Es iſt Euch bekannt?“ rief der Fruſtratore erſtaunt.„Wie iſt das moͤglich? Seid Ihr all⸗ wiſſend?“ „Das thut nichts zur Sache! Genug, daß ich es weiß, und alſo weiter!“ „Nun dann werdet Ihr auch wiſſen, daß Fermo mein Feind war und Gianetta—“ „Ein Trotzköpfchen, und durch beide Dir un⸗ gunſtige Dinge kamſt Du um die Braut. Vater und Braͤutigam ſind gluͤcklich aus dem Weg ge⸗ 9 98 raͤumt und nun meinſt Du, koͤnnteſt Du ohne wei⸗ teres das Maͤdchen freien?“ „Ich hoͤre wohl,“ ſagte Antonio kleinlaut, „Ihr wißt von mir mehr, als ich vielleicht ſelbſt. Nun ſo werdet Ihr auch einſehen, daß Ihr in Mailand Euch keinen Stein ins Bret ſetzen wer⸗ det, wenn Ihr berichtet, Ihr habet mich gefangen, oder wenn Ihr mich wohl gar mit Gianetta dorthin fuͤhren laßt. Mein Vater wird es Euch wahrlich ſchlechten Dank wiſſen, und wenn Ihr irgend glaubt, er wuͤßte nichts von mir und meiner Le⸗ bensart und er liebte mich nicht mehr, weil ich ein Fruſtratore geworden bin, ſo will ich Euren Irr⸗ thum mit ſeinen eigenen Briefen bekaͤmpfen, die er mir von Zeit zu Zeit ſchickt. Ich weiß gewiß, Ihr werdet nicht ſo ſchlecht ſein und ihn verra⸗ then.“ Mit dieſen Worten zog der junge Mann einige Papiere aus ſeinem Buſen und reichte ſie dem erſtaunten Offizier. Dieſer ſah aus dieſen anonymen Briefen, daß nur ein ſehr gebildeter und vornehmer Mann ſie geſchrieben haben konnte. Sie enthielten väterliche Vorſtellungen und Bitten, die gewaͤhlte Lebensart aufzugeben, in die Arme der Familie zuruͤckzukehren, ein Amt anzunehmen, 99 dann Familiennachrichten, die ebenfalls von glan⸗ zenden Verhaͤltniſſen zeugten.„Gut,“ ſagte Wahl⸗ mann, mit einer erheuchelten Gleichguͤltigkeit die Papiere zuruͤckgebend,„ſchreibe einen Brief an Deinen Vater und melde ihm Deine Umſtaͤnde; ich ſelbſt will an ihn ſchreiben und ſeine Beſtim⸗ mungen uͤber Dich erwarten. Ein reitender Eil⸗ bote ſoll ſogleich nach Mailand abgehen.— Die⸗ ſen Vorſchlag ging Antonio ein. Wahlmann machte einen Bericht an die Oberbehoͤrde in Como ohne der Spukgeſchichte mit einer Silbe zu gedenken, Antonio ſaß neben ihm und ſchrieb. Wie erſtaunte aber der Offizier, als er auf dem ihm uͤbergebenen Brief den Namen eines der erſten Maͤnner, wel⸗ cher mit an der Spitze der Adminiſtration ſtand, und deſſen Befehlen er unterworfen war, erblickte! Er verbarg ſeine Beſtuͤrzung ſo gut als moͤglich, und ſetzte ein ſehr hoͤfliches Schreiben an den Va⸗ ter des Schmugglers auf. Eine Stunde darauf ging der Bote mit den Briefen ab. Gianetta war durch Peters Sorgfalt zu Bette gebracht worden; ſie ſchlummerte nach den gemuͤth⸗ angreifenden Auftritten der Nacht. Von ihres Va ters Tode wußte ſie noch nichts. Antonio erkun⸗ 9* 100 digte ſich mit unruhiger Heftigkeit nach ihrem Be⸗ finden, und es ſchien fuͤr ihn große Qual, von ihr getrennt zu ſein. Wahlmann ging ſelbſt, um ihm Nachricht zu bringen. Lange ſtand er vor der lie⸗ benswuͤrdigen Schlaͤferin. Ihr Geſicht, ſonſt das reizendſte und treueſte Bild der Freundlichkeit, war jetzt von Trauer erfuͤllt, aber nicht minder reizend. So weht oft durch den Fruͤhlingsgarten der Natur ein kalter Lufthauch; ſo tritt ein Gewoͤlk vor die Sonne. In Wahlmanns Seele ging die Gewiß⸗ heit auf, daß Gianetta ihm unendlich theuer ſei. Er fuhlte mehr als je das maͤchtige Beduͤrfniß ſei⸗* nes Herzens, die Halbheit ſeines Lebens zu er⸗ gaͤnzen und mit einem geliebten weiblichen Weſen ſich zu verbinden. Seine Verhaͤltniſſe mit Adelheit waren gaͤnzlich aufgehoben; ſie war jetzt vielleicht die Gattin eines andern gluͤcklichen Mannes. Er hatte ſie wahrhaft geliebt; er liebte ſie noch; aber er fuͤhlte dies Gefuͤhl von der fernen ihm allmaͤlig fremd werdenden Geliebten auf die gegenwaͤrtige liebenswuͤrdige Tochter der Natur uͤbergehen. Er glaubte uͤberzeugt zu ſein, daß ihn Gianetta allein luͤcken koͤnne. Und nun ſtand ihm dieſer wun⸗ derliche Antonio im Wege. Zu einem entſcheiden⸗ 101 den Schritte entſchloſſen, ging er wieder hinab zu dem ihn mit Sehnſucht erwartenden Gefangenen. Nachdem er denſelben mit kurzen Worten von Gianetta's Zuſtand unterrichtet, ſagte er:„Du haſt mir geſagt, Antonio, und ich wußte es erſt, daß Du Gianetten leidenſchaftlich liebſt. Als ein Mann von Ehre bin ich ſchuldig, Dir zu ſagen, daß ich ſie ebenfalls liebe und wahrſcheinlich nicht minder ſtark als Du.“ Antoniv war erbleicht und ſtarrte den Offizier wie ein Wahnſinniger an.„O weh!“ ſeufzte er dann auf,„ſo iſt meine Poffnung wieder hin! Fuͤhrt ſie aber nur aus dem Lande; denn hier blei⸗ ben koͤnnt Ihr ohnedies nicht mit ihr.“ „Du irrſt Dich in mir; ich werde mich nicht des Rechts des Staͤrkern bedienen. Gianetta ſoll freie Wahl haben zwiſchen mir und Dir.“ „D Ihr werdet ſie mit Euren ſchoͤnen Worten beſchwatzen!“ „Auf mein Ehrenwort nicht! Du ſollſt ſogar vor mir voraus haben. Du haſt ihr ſchon lange geſagt, daß Du ſie liebſt, ich ſagte ihr keine Silbe von meiner Liebe, und erſt nach vier Wochen will 102 ich mich ihr entdecken, und ſie dann ſogleich um die Wahl bitten.“ „Aber Ihr ſeid ein ſchöner, ſchmucker Kapi⸗ tän, ſeid reich und vornehm; ich bin nur ein ar⸗ mer Fruſtratore.“ „Reich bin ich nicht; Dein vaͤterliches Erbgut uberſteigt vielleicht mein geringes Beſitzthum um das Zehnfache. Und Gianetta, als einzige Erbin des großen Reichthums ihres Vaters, braucht nicht nach dem Metall zu waͤhlen. Ihr edles Herz wuͤrde dies nicht thun, ſelbſt wenn ſie blutarm wäre. Was mein Amt betrifft, ſo mußt Du wiſ⸗ ſen, daß ich bereits um meine Entlaſſung einge⸗ kommen bin; denn ich kann weder ein Schurke ſein, noch gegen ein ganzes Land ſtreiten. Ich gedenke als ein fleißiger Landmann in Italien glücklicher zu leben, denn als Offizier. Von Ge⸗ burt biſt Du aber vornehmer als ich; Du brauchſt nur in den Schoos Deiner Familie zuruͤckzukehren, und Du biſt es auch dem Stande nach. Ich habe alſo nicht den geringſten aͤußern Vorzug vor Dir, und Gianetta ſoll mit allen dieſen Verhaältniſſen bekannt gemacht werden.“ „Ich erkenne Eure Großmuth und muß wohl 103 in den wunderlichen Handel einwilligen,“ ſagte der Italiener;„Ihr habt gleiches Recht auf Gianetta, als ich. Ich weiß aber ſchon, ſie wird Euch waͤh⸗ len, und ſollte ſie es mir zum Trotz thun, und ich werde dann der ungluͤcklichſte Menſch ſein.“ „Was wuͤrdeſt Du denn gethan haben, wenn ſie Fermo's Frau geworden waͤre?“ Antonio ſchuͤttelte die ſchwarzen Locken und blickte eine Minute lang, ſich in die Unterlippe bei⸗ ßend, ſtarr auf den Boden; dann erhob er das Haupt und das große rollende Auge, welches wild auf Wahlmann blitzte, indem er ſprach:„Ich haͤtte es ſo lange ertragen, als mir moglich gewe⸗ ſen, und hätte ich es nicht mehr gekonnt, nun ſo wäre mein Dolch Retter aus der Noth geworden.“ „Ich danke Dir fuͤr Deine Aufrichtigkeit. Ein Kluger nimmt ſich ein Erempel dran.“ „Ihr habt bei Gott! nichts von mir zu be⸗ fuͤrchten, Ihr ſeid ein braver Mann und jener war ein Schurke. Wählt ſie Euch— und ſie wird Euch waͤhlen— ſo nehmt ſie in Gottes Namen, aber zieht mit ihr außer Land, damit ich ſie nicht wieder ſehe, ſonſt konnt' ich doch einmal toll wer⸗ den, und dann ſteh' ich nicht fuͤr mich.“ 104 „Gianetta's Zimmer ſteht Dir ſo gut offen, als mir,“ ſagte Wahlmann und ging, in der Bruſt ſeines Nebenbuhlers Achtung und Bewunderung hinterlaſſend. Gianetta hatte ihrem Vater die kindliche Thraͤne aufs Grab geweint und dann die gluͤckliche und begluͤckende Heiterkeit, den Grundton ihres Ge⸗ muͤths, wieder gefunden. Von Mailand war der Bote zuruͤck. Er brachte nebſt den Briefen von Antonio's Vater eine Begnadigung der Behoͤrde, der zufolge Antonio und Gianetta ſogleich auf freien Fuß geſetzt werden ſollten. Der Brief an Wahlmann war in den ruͤhrendſten Ausdruͤcken ab⸗ gefaßt. Der gebeugte Vater bat und beſchwor den Offizier bei allem Heiligen, ſeinen geliebten aber verwilderten Sohn durch freundſchaftliche Ueberre⸗ dung zur Ruͤckkehr nach Mailand zu vermoͤgen. Wahlmann ſuchte Antonio's Stimmung zu benu⸗ tzen, in deſſen Augen er Thraͤnen bei Leſung ſei⸗ nes Briefs ſchimmern ſah; er ſchickte ſich an, eine lange Rede uͤber Kindespflichten und das Gluͤck der Haͤuslichkeit, der Heimath, der Liebe der Ver⸗ 105 wandten und dergleichen zu halten, aber Antonio fiel ihm wehmuͤthig, das lockige Haupt ſchuttelnd, ins Wort:„Laßt uns erſt Gianetta's Wahl ab⸗ warten, Kapitaͤn; dann wollen wir weiter daruber ſprechen.“ Wahlmann war wunderbar geruͤhrt, es kam ihm der leiſe Wunſch bei, das liebe Kind moͤchte den ſchoͤnen Jungen waͤhlen, und wär' er nicht mit ſich uͤber die Sache im Reinen geweſen und zu einem feſten Entſchluß gekommen, ſo haͤtte er ihr ſicherlich zugeredet dem Italiener ihre Hand zu geben. „Weder Du noch Gianetta koͤnnt nun langer in dieſem Hauſe verweilen, ſuche Dir alſo einen andern Aufenthaltsort und laß uns ſogleich mit Gianetten daruͤber ſprechen, wohin ſie ſich wen⸗ den will.“ „Kapitaͤn,“ ſagte der Fruſtratore,„Ihr ſei mir der wunderlichſte und außerordentlichſte Menſch auf der Welt; Ihr zwingt mich die groͤßte Hoch⸗ achtung vor Euch zu hegen. Gianetta's Betragen gegen mich zeither hat mir— ich muß es Euch geſtehen— wieder viel Hoffnung gegeben. Aber ich will mich an Edelſinn nicht von Euch uͤbertreffen laſſen. Hoͤrt alſo meinen Vorſchlag! Auf der 106 Iſola bella kenn' ich den Schloßkaſtlan; er iſt ein alter ehrlicher Kerl und hat ein gutes Weib. Ihre Kinder wohnen alle im Piemonteſiſchen, und noch vor Kurzem hat ſich ihre juͤngſte Tochter mit ei⸗ nem Buͤrger in Intra verheirathet. Die Alten nehmen Gianetten gewiß gerne auf. Ihr habt dann nicht viel weiter zu ihr, als ich; denn ich werde mich vor der Hand in Locarno niederlaſſen. Beſucht Ihr ſie, ſo oft es Eure Zeit erlaubt; ich werde woͤchentlich nur zweimal einige Stunden bei ihr verweilen. Seid Ihr das zufrieden?“ „Herzlich gern! Du biſt eine ehrliche Haut. Wer das Gluͤck hat, fuͤhrt dann die Braut heim.“ Gianetta wurde mit dem gefaßten Entſchluß be⸗ kannt gemacht und um ihre Meinung befragt. Gern ergab ſie ſich in die Verfuͤgung ihrer Beſchuͤ⸗ tzer. Am folgenden Morgen, eh noch der Tag graute, ſtieß das Boot vom Lande, welches Gia⸗ netta, Antonio, Wahlmann und Peter auf Iſola bella uͤberſetzen ſollte. Raſch durchſchnitt der Kiel die rauſchende Fluth, in welcher der unbewoͤlkte Himmel ſeine tiefblaue Schoͤnheit ſpiegelte. Die Geſellſchaft war heiter, und Gianetta ſcherzte uͤber 107 ihre jetzige Fahrt auf dem See, mit der letzten verglichen. i „Die beiden liebenden Geiſter,“ ſagte ſie, und ihr Auge ruhte dabei mit Zaͤrtlichkeit auf An⸗ tonio,„ſegeln wieder zuruͤck, woher ſie gekommen, ihres Verfolgers ſind ſie entledigt worden, fuͤhren aber dafuͤr die beiden erſchreckten Menſchenkinder mit ſich.“ „Es hat ſich wunderbar gefugt,“ ſetzte Wahl⸗ mann hinzu,„daß Du durch mich Deinen laͤſtigen Braͤutigam los geworden biſt, da Du es bei un⸗ ſerer erſten Bekanntſchaft ohne Zweifel von mir er⸗ warteteſt. Meinem Peter biſt Du inzwiſchen gro⸗ ßern Dank ſchuldig.“ „Wir wollen die Todten ruhen laſſen,“ ſagte Gianetta ernſt,„wiſſen wir doch nicht, was wir von den Lebenden zu erwarten haben.“ „Ja wohl!“ ſeufzten Antonio und Wahlmann faſt zu gleicher Zeit, und Gianetta brach uͤber die Melancholie ihrer Verehrer in ein lautes Lachen aus, worein dieſe endlich ſelbſt einſtimmen mußten, um ſich und ihre eigene Sentimentalitaͤt damit zu verhoͤhnen. Die kleine Terraſſeninſel ſtieg mit dem piemonteſiſchen ufer endlich aus der Fluth empor 108 und die große Reiterſtatue auf der aͤußerſten Spitze derſelben ſchien den Ankoͤmmlingen den Morgen⸗ gruß zuzuwinken. Noch vor Sonnenaufgang hielt der Kahn unterhalb des Schloßgebaͤudes und die Geſellſchaft ſtieg die Treppe hinauf. Der Kaſtel⸗ lan empfieng ſie mit traulichem Willkommen und fuhrte ſie ſogleich in den Garten. Dieſer nimmt den groͤßten Theil der Inſel ein und beſteht aus ſieben pyramidenfoͤrmig uber einander ſich erheben⸗ den Terraſſen, auf deren Spitze der St. Barro⸗ maͤus als koloſſaler Reiter, aus Erz gegoſſen, ſteht. Aus einem wuͤſten unwirthlichen Felſen ſchuf dieſer Mann das Paradies, von deſſen Hoͤhe aus man eine der herrlichſten Ausſichten der Welt genießt. Myrthe und Lorbeer, Orangen und Citronenbaume bluͤhen hier und woͤlben ſich zu ungeheuren Bogen⸗ gaͤngen auf den Terraſſen. Leider hat Kuͤnſtelei der Natur wieder ihr ſchoͤnſtes Recht genommen, wel⸗ ches ihr Fleiß und Kunſt erſt eingeräumt. Alle Baͤume und Gebuͤſche ſind von der Gartenſcheere zur Ordnung und Gleichheit verwieſen. Doch ein Blick hinaus in die reizende Schoͤpfung Gottes läßt den kleinen Schmerz uͤber die kuͤnſtlichen Verbeſſe⸗ rungen der Schopfung vergeſſen. Wahlmann erſtieg — 109 an Gianetta's Arm die oberſte Terraſſe; Antonio folgte langſam mit dem alten Kaſtellan nach. Als das Pärchen aus dem Lorbeerhain heraustrat auf die oͤſtliche Seite dieſer Gartenkrone, verkuͤndete die feuerflammende Aurora uͤber dem in der Ferne em⸗ porſteigenden blauen Apennin die nahe Ankunſt des Tagsgeſtirns. Schweigen feſſelte die Zungen; in ſolchem Augenblicke redet die Natur allein durch die Wunder ihrer Werke. Langſam rollte der Feuerball herauf und der Himmel gluͤhte freudig uber die neue herrliche Geburt ihrer Koͤnigin, und der See gluͤhte, in welchem ſie ſich beſah. Das herrliche Italien aber war uͤbergoſſen mit jenen zauberiſchen Mitteltinten, und ſo weit das entzuͤckte Auge die Seele nach Suͤden trug, verſchwamm das Fernland in ihnen, fuͤr deſſen Schoͤnheit die Sprache noch keinen Namen hat. Das Glutge⸗ woͤlk umſtand die Sonne wie glaͤnzende mit Pur⸗ vurfarbe uͤbergoſſene Schneemaſſen, und ſie ſchoß wie einen goldenen Pfeil ihren erſten Strahl aus gegen die ſchroffe im Norden aufgethuͤrmte unge⸗ heure Alpenwand. Und die Gipfel der Gletſcher begannen, von dem flammenden Pfeile getroffen, zu gluͤhen, und Pfeil auf Pfeil flog nach, bis das Ge⸗ 11⁰ birge hell glaͤnzte und die Haͤupter desſelben wie Diamantenfelſen ſchimmerten. Die Gletſcher traͤuf⸗ ten Glut und die Natur feierte das kurze Glanz⸗ feſt mit Stille. Hoͤher ſtieg der Feuerball, der See verlor ſeinen roſigen Widerſchein, aber wohin das wonnetrunkene Auge blickte, boten ſich ihm neue Reize. Das oͤſtliche Ufer des Sees mit ſei⸗ nen Felſenbloͤcken trat deutlicher hervor, ſo weit es das Auge verfolgen konnte, der See wurde belebt, nach allen Seiten hin kreuzten die Kaͤhne. Die Geſellſchaft ſtieg in die Wohnung des Ka⸗ ſtellans hinab, um dort ein Fruͤhſtuͤck einzunehmen. Die Maͤnner wurden bald hinſichtlich Gianetta's einig. Ihre unerſchoͤpfliche Laune bereitete allen einen ſehr frohen Tag. Doch konnte ſich beim Ab⸗ ſchied keiner ruhmen, vor dem Andern eine Gunſt⸗ bezeugung von ihr erhalten zu haben. Sie hatte ihre ſchoͤne Gaben mit gleichen Haͤnden ausgetheilt. Beide Maͤnner hatten ſie mit ihren buͤrgerlichen Verhältniſſen bekannt gemacht, und ſie laͤchelte ſchelmiſch zu dieſen Anſtalten. Wenn ihr auch Wahlmann nichts geſtanden, ſo wußte ſie dennoch Alles. Auf der Treppe noch, die zu den harren⸗ den Booten hinab fuͤhrte, gab ſie jedem einen Kuß, und ſo ruderte Antonio nach Norden, um Gianet⸗ ta's Vermoͤgensumſtaͤnde zu ordnen, Wahlmann nach Suͤden, um die Befehle der Oberbehoͤrde in Betreff ſeiner ſtrafbaren Soldaten auszufuͤhren. Einen Tag uber den andern tanzte vom Mauth⸗ hauſe aus ein flinkes Schifflein durch die Wellen des Spes nach den barromaͤiſchen Inſeln hinuͤber, und kehrte erſt ſpaͤt in der Nacht wieder zuruͤck. Und der darinne ſaß, trug jeden Abend eine groͤßere Laſt in ſeine Zelle, die Laſt ſchwaͤrmeriſcher Liebe. Wahlmann ſchied nie von der munteren Italiene⸗ rin, ohne ſich zu ſagen, er wuͤrde ohne ſie nicht zu leben vermoͤgen. Pfeilſchnell flog ihm der Tag auf der Inſel hin. Wo ware aber auch eine Stelle auf Erden mehr fuͤr die Liebe und den Aufenthalt zweier liebenden Herzen geſchaffen, als Iſola bella? Gianetta huͤpfte vor Wahlmann durch die ſchattigen Laubgaͤnge, und die Hrangen warfen ihre Bluͤthen⸗ bläͤtter und die Oliven traͤuften ihre Narden auf ſie herab. Sie haſchte ihn, neckte ihn, warf ihn mit den goldenen Fruͤchten und wollte ſich uͤber ſeine Unbehuͤlfigkeit in Erwiederung dieſer Scherze todt 112 lachen; ſie ſang ihm die ſchoͤnen Volkslieder vor, ſie ſetzte ſich mit ihm auf die Plattform des Gar⸗ tens unter dem ehernen Reiter und nannte ihm alle Gegenden, Doͤrfer und Staͤdte, die man von dort uͤberſieht, oder erzaͤhlte ihm ſchauerliche Ge⸗ ſchichten von Schleichhaͤndlern und ihren Kaͤm⸗ pfen, oder Maͤhrchen und Geſpenſterſagen von der Familie der Barromaͤer, den Inſeln und dem See. Er aber horchte wie ein Kind auf die Am⸗ me und ſtarrte ihr in das von einer innern Har⸗ monie kuͤndende, von Seligkeit ſtrahlende roſen⸗ und lielienumbluͤhte Geſicht, beobachtete jede Be⸗ wegung der ſriſchen ſchoͤn geſchnittenen Lippen, als muͤßte er ihr die duftigen Worte von dieſen Roſen⸗ beeten, hinter welchen der Marmorzaun der Zaͤhne aufgepflanzt war, wegſchluͤrfen, oder er ſaß Stun⸗ den lang und ſah ihr in die engelfreundlichen Au⸗ gen, und als waͤr' er verzaubert, konnt' er die ſeinigen nicht abwenden. Sie aber trieb nach wie vor ihren Scherz und ihre Neckereien mit ihm, und ging ſo unbefangen mit ihm um, als es Sitte und natuͤrlicher Anſtand erlauben, ohne daß ſie ihm je etwas erlaubt haͤtte, was ſeine Hoffnungen zur Gewißheit ihres Beſitzes hätte erheben koͤnnen⸗ 113 Schon hatte er drei Wochen lang die Waſſerfahrt nach Iſola bella und zuruͤck zum Mauthhauſe ge⸗ macht, aber das Bild der Lieblichen hatte er im⸗ mer ſchoͤner und lebhafter in ſeiner Bruſt mit her⸗ uͤbergenommen und es tanzte beim Wachen wie beim Schlafen in allen ſeinen Traͤumen. Traͤg und langſam verfloß ihm der andere Tag und nur die Ungeduld, mit welcher er dem folgenden Mor⸗ gen entgegen ſah, vermochte die Farbloſigkeit des⸗ ſelben einigermaßen zu beleben.— Schon ruͤckte der entſcheidende Zeitpunkt heran, wo er Gianetten ſeine Liebe in aller Form geſtehen und ſie um die Wahl bitten durfte. Antonio war die ganze Zeit uͤber nur dreimal auf der Inſel geweſen und zwar an Tagen, welche Wahlmann zu Hauſe hinduͤſtern mußte; er hatte ſich aber, wie der Kaſtellan verſi⸗ cherte, nie lange aufgehalten und mit Gianetten nicht viel zu ſchaffen gemacht. Das war ſuͤße Mu⸗ ſik in Wahlmanns Ohren, und mehr als je voll ſeliger Hoffnungen druͤckte er ihr den Scheidekuß auf die ſchwellenden Lippen, als ſchon die Nacht See und Inſel und Ufer in tiefdunkele Gewebe geſponnen hatte, und ſprang in ſein leichtes Fahr⸗ zeug. Der Schiffer ſtieß ab, Wahlmann ſetzte ſich 10 114 auf die Bank und ließ ſich in die ſchoͤnſten Traͤu⸗ me hinüber ſchaukeln, in denen er an Gianetta's, ſeines bluͤhenden Weibes, Arm uͤber die ſonnenbe⸗ glaͤnzte ſpiegelglatte Flaͤche des Sees ſich von einem mit Baͤndern und Tuͤchern ausgeſchmuͤckten Nachen tragen ließ. Mloͤtzlich rauſchte die Fluth zur Sei⸗ ten und ein mit Maͤnnern reich beladenes Schiff ſtrich voruͤber. „Halt!“ riefen mehrere barſche Stimmen. „Ihr koͤnnt Niemand anders ſein, als der Kapitän Wahlmann,“ donnerte eine einzige. „Ich bin's,“ ſagte dieſer unerſchrocken, und griff nach ſeinem Saͤbel; aber in dieſem Augenblic! wurde ſein Nachen mit Haken an das Schiff geriſ⸗ ſen und ſechſe ſtuͤrzten zu gleicher Zeit uͤber ihn her; andere draͤngten nach, packten, entwaffneten und hoben ihn ſeines heftigen Widerſtrebens un⸗ geachtet in ihr Schiff, warfen ihn zu Boden und banden ihm Haͤnde und Fuße.„Endlich iſt's uns doch gelungen,“ ſagte einer der Schmuggler;— denn es war ein Theil der zerſprengten Bande Ni⸗ colo's— wir ſind Euch ſchon vierzehn Tage lang alle Abende zu Gefallen gefahren, ſeit wir wuß⸗ ten, Ihr ſchlicht nach unſers Hauptmanns Tochter. Nun wir haben Euch noch zeitig genug erwiſcht.“— „Rache! Rache! fuͤr unſern Fuͤhrer, fuͤr unſere bravſten Bruͤder!“ bruͤllten zehn wilde rauhe Stim⸗ men zugleich und es klang ſchauerlich durch die duͤſtere feuchte Nacht uͤber den See hin. Kein Stern leuchtete am Himmel und keiner in Wahl⸗ manns Bruſt. Er ſah ſich in der Gewalt ſeiner erbittertſten Feinde, von denen er keine Gnade zu erwarten hatte. Daß er dieſen hinterliſtigen Ueber⸗ fall ſeinem Nebenbuhler Antonio zu verdanken habe, ging aus den rohen Ausbruͤchen der Fruſtratori hervor; und es ſchmerzte den Offizier vorzuͤglich, ſich ſo bitter in dieſem Juͤngling getaͤuſcht zu ha⸗ ben.„Wie wird Antvnio jubeln!„tönte es ihm ſtets in die Ohren;“ kaum iſt er gluͤcklich der Haft dieſes deutſchen Hundes entronnen, ſo fangen wir ihn ſelbſt.“—„Und er ſoll uns buͤßen fuͤr das Leben unſers Hauptmanns und der bravſten Jun⸗ gen!“ riefen Andere und Wahlmann konnte aus dieſen und andern Reden abnehmen, welch ein Loos ihm bevorſtand. Wohl wiſſend, daß Steine eher zu erweichen ſein wuͤrden, als dieſe Geſellen zur Milde gegen ihn zu ſtimmen, ergab er ſich in ſein unvermeidliches Schickſal wie ein Mann, und 10* 5 116 ſchloß auf der truͤbſeligen Fahrt ſeine Rechnung mit dem Himmel ab. Der Schmerz jetzt aus dem Leben ſcheiden zu muͤſſen, an deſſen ſchoͤnſter Tem⸗ pelhalle er eben auf Einlaß gewartet, fuͤhrte ihm ſeine Verhaͤltniſſe mit Adelheit noch einmal lebhaft vor die Seele. Er fuhlte, wie innig er ſie geliebt, wie ihn nur ein unſeliger Stolz von ihr getrennt, ein Stolz, den er an ihr ſo ſehr getadelt, und den er, wie er nun wohl einſah, ſelbſt im hoͤchſten Grade beſeſſen hatte. An der Grenze des Lebens ſieht das Auge ſtets ungetruͤbter. Der Gedanke, ſeiner Adelheit unrecht gethan zu haben, ergriff ihn ſo lebhaft, daß Thranen von ſeinen Wangen rollten, und ſein einziger Wunſch war, vor ſeinem Tode ihre Verzeihung noch erhalten zu koͤnnen. Gianetta's Bild war durch dieſe ernſte Betrachtun⸗ gen ſchier in ſeiner Seele erloſchen. Dazu fiel der Thau der Nacht feucht auf ihn; die ſtark angezo⸗ genen Bande ſchmerzten ihn ſehr; und die uͤber ih⸗ ren Fang ausgelaſſen luſtigen Geſellen traten ihn oft mit den Fuͤßen. Während die Flaſche in ihrem Kreiſe unaufhoͤrlich umging, und ſie gemeine Lieder in die duͤſtre Nacht und noch duͤſterere Fluth hin⸗ brullten, ſchuttelten Fieberſchauer ihr unſchuldiges 117 Schlachtopfer. Der Morgen that endlich ſeine ſchattenumhuͤllten Augenwimpern auf und des Tags blaues Auge blickte helle ruhige Liebe auf die Erde herab. Die Rotte ſtieß ans Land. Des Offiziers Fußbaͤnder wurden ihm abgenommen und er mit Hohn und Schlaͤgen zum Gehen getrieben. „Es ſoll dir vergehen, ehrliche Leute ſerner zu verrathen, und als Spion unter uns herum zu ziehen. Hatteſt du die Gianetta nicht mit deinen Blicken verzaubert, wir hätten dich damals ſchon unſchadlich gemacht, als wir dich in Centovalli fingen und in den Keller ſperrten, wir hätten un⸗ ſern Hauptmann und den guten Fermo noch. Aber fuͤr Alles ſollſt du uns buͤßen.“ Solche und ahnliche Reden mußte Wahlmann auf dem Wege hoͤren, und mit der Ueberzeugung, daß jedes Wort von ſeiner Seite verloren ſei und ihm nur noch mehr Hohn zuziehen muͤſſe, ſchwieg er und ſtrafte die Elenden mit Verachtung. Man ſchleppte ihn von einem Orte zum andern, um Antonio aufzu⸗ ſuchen; überall lief das Volk zuſammen und er⸗ götzte ſich an ſeinem Anblick, die Weiber ſchimpf⸗ ten ihn und ſpieen ihn an, die Buben warfen ihn mit Steinen. Alſo wurde der Arme drei Tage im 118 Canton Teſſin herumgeſchleppt und mußte die haͤr⸗ teſten Drangſale erdulden. In ſolchen Lagen er⸗ kennt der Menſch ſich am leichteſten; er iſt gleich⸗ ſam aus ſich herausgetreten und betrachtet ſich ob⸗ jectiv; da werden alle Flecken klar, alle Mängel anſchaulich, alle begangenen Thorheiten erinnerlich und die Sehnſucht erwacht, das Alles zu beſſern. Am vierten Tage kam die Bande nach Luvino am Treveſa, dem Wohnort vieler Schmuggler aus Ni⸗ colo's Haufen. Hier ſollte Antonio zu finden ſein, doch er war auch hier nicht. Man entſchloß ſich alſo, ohne Antonio Kriegsgericht uͤber Wahlmann zu halten. Aus der Nachbarſchaft ſtroͤmte eine Menge Volks auf dieſe Nachricht zuſammen und uͤber drei hundert Schmuggler gaben ihre Stimmen uͤber den Gefangenen ab. Nach dreitägigem Schmachten in einem elenden Gefaͤngniſſe wurde Wahlmann her⸗ vorgezogen und auf eine Wieſe vor dem Ort ge⸗ fuͤhrt, um dort ſein Urtheil zu empfangen. Mit der Welt und ſich ſelbſt fertig, trat er vor ſeine unbarmherzigen Richter und hoͤrte unerſchrocken, daß er noch an dieſem Tage erſchoſſen werden ſolle. „Ich habe euch bis jetzt um nichts gebeten und all eure Haͤrte ohne Murren ertragen,“ ſagte er ru⸗ 119 hig,„ich bitte auch jetzt nicht um mein Leben; es waͤr' eitel und eine Thorheit. Aber wie ihr dem Sterbenden den Prieſter nicht verwehren koͤnnt, ſo koͤnnt ihr ihm auch nicht die letzte Ruͤckſprache mit denen, ſo ihm theuer waren, verſagen. Ich bitt' euch, laßt mich nur noch zwei Briefe ſchreiben, deren Beſorgung ihr mir geloben muͤßt. Ihr ſeid Chriſten wie ich, und ich bitt' euch in Chriſti und aller Heiligen Namen, ſchlagt es mir nicht ab.“ „Es ſei ihm gewaͤhrt!“ riefen hundert Stim⸗ men, und er wurde in ein Haus gebracht, um dort nach ſeinem Willen zu thun. Er ſchrieb an Adelheit was ihm das Herz eingab, welches nur noch wenig Minuten zu ſchlagen glaubte; er bat ſie in den ruͤhrendſten Ausdruͤcken, ſeinem Schat⸗ ten nicht zu zuͤrnen; er nahm alle Schuld ihrer Trennung auf ſich. Der zweite Brief war an Gianetta. Er geſtand ihr ſeine Neigung und bat ſie Antonio mit ihrer Hand zu begluͤcken. Ihm aber verzeihe er den treuloſen Verrath. Er war zum Tode fertig; die Wache begleitete ihn nach dem Platz der Verſammlung zuruͤck. Da ſcholl ihm ein wildes verworrenes Geſchrei entgegen und der Haufe waͤlzte ſich in ungeheurer Maſſe auf ihn 120 zu. An der Spitze deſſelben aber flog ein Mann mehr als er ging, und naͤher gekommen, erkannte Wahlmann Antonio. Aber es war nicht der ſtolze edle Juͤngling, welcher außer Athem auf ihn zu⸗ ſtuͤrzte, ein von Furien verfolgter Mann, ein ge⸗ hetzter Eber, mit furchtbar rollenden Augen, zorn⸗ ſchnaubender Naſe und ſchaͤumendem Mund, die ſchwarzen Locken im Geſicht verwirrt haͤngend, ſtellte ſich vor des Offiziers Augen.„Madonna ſei geprieſen, daß ich Euch noch lebend finde!“ rief er und ſchloß Wahlmann wild an die Bruſt. „Hätte ich Euch todt gefunden,“ fuhr er dann ge⸗ maͤßigter fort,„ich haͤtte ein furchterliches Blut⸗ bad unter dieſen Leuten angerichtet, die ich meine Freunde nenne, und ich waͤr' Euch nachgeeilt ins Schattenreich, ſo wahr uns die Sonne be⸗ ſcheint.“ „Wie,“ verſetzte Wahlmann verwundert,„Ihr habt mich nicht fangen laſſen von Euren Genoſſen, Antonio?“ „Tod und Teufel!“ rief dieſer zaͤhneknirſchend und ſein Antlitz ward zur ſcheußlichſten Fratze. „Ich will die Buben mit meinem Eiſen durchboh⸗ ren, die mir dieſen Streich geſpielt haben. Jetzt 121 kommt mit mir, Kapitaͤn!“ In ſtuͤrmiſcher Eile riß er den Offizier mit ſich fort in den großen Kreis der Schleichhaͤndler. Eine allgemeine Stille trat ein, ſobald er mit der Hand winkte.„Ihr habt mich hierher berufen, Kameraden, daß ich euer Hauptmann ſei,“ ſagte der Juͤngling ſtolz,„und ich nehme dieſen gefaͤhrlichen Poſten gern an, eben weil er gefaͤhrlich iſt, und ſeine gewiſſenhafte Ver⸗ waltung Klugheit, Muth und Tapferkeit erfordert. Aber ich werde jede Schurkerei ſtreng beſtrafen und keiner von euch iſt vor meiner Kugel ſicher, ſobald er mir und unſerm Bunde Schande macht. Wollt ihr noch, daß ich euer Hauptmann ſei?“ „Wir wollen's! Ja!“ toͤnte es verworren durch einander. „Diejenigen, welche mich nicht zum Haupt⸗ mann wuͤnſchen, moͤgen aus dem Kreis hinaustre⸗ ten!“— Kein Einziger trat hinaus.—„Wer ſind die von euch, welche dieſen Mann hier auf dem Lacarno⸗See gefangen nahmen? Sie ſollen her⸗ eintreten zu mir!“— Eine Anzahl junger Maͤn⸗ ner kam aus der Menge hervor. „Ihr ſeid Buben!“ redete ſie Antonio ſtrenge an,„daß ihr einen wehrloſen Mann Nachts über 11 122 fallt, um kleinliche Rache an ihm zu uͤben. Hätte er euch bei der Einfuhr auf Tod und Leben ange⸗ griffen, ſo konntet ihr ihn niederſchießen und er waͤre in ſeiner Pflicht geſtorben, wie ihr ihn in der eurigen getoͤdtet haͤttet. Aber ihm auflauren, ihn haſchen und ſolche Schmach anthun, iſt mehr als niedertraͤchtig von euch. Solche Buben will ich nicht unter meinem Haufen. Fort aus meinem Antlitz, eh die Spitze meines Dolchs nicht den Weg zu eurem Herzen finde!— Und dieſer Mann iſt mein Freund!“ rief er zum großen Kreiſe ſich wen⸗ dend;„er hat mir viel Gutes gethan und iſt unter meinen Schutz geſtellt. Nach unſern Geſetzen ſoll er alſo jedem heilig ſein. Drum wehe dem, wel⸗ cher ihm ein Haar kruͤmmt!“ Ein allgemeines dumpfes Murren begleitete ſeine Rede und als er ſchloß, brach es laut hervor. Da zuckte es wild in Antonio's Geſicht, nicht an⸗ ders, als wenn der Blitz an einem Hauſe herab faͤhrt. Seine rollenden Augen brannten, dunkle Purpurglut faͤrbte ſein Geſicht, all ſeine Mienen ſprachen unbaͤndigen Zorn und Entſetzen. „Ha! was iſt das?“ rief er und ballte die Faͤuſte drohend nach der Menge hin.„Bin ich 123 euer Hauptmann und ihr wollt gegen mich mur⸗ ren? Was wollt ihr von mir? Geht, gemeine Seelen! ich bin euer Hauptmann nicht. Ich ſchame mich, es einen Augenblick geweſen zu ſein. Nehmt einen Fermo aus eurer Mitte; er paßt fur euch und ihr fuͤr ihn. Was aber dieſen Mann be⸗ trifft, ſo geht der Weg zu ſeiner Bruſt erſt uber meine Leiche. Kommt, Kapitän!“ Mit dieſen Worten riß er Wahlmann fort, der Kreis theilte ſich ehrerbietig, und ſtand unſchluͤſſig. Die beiden eilten aber in den Ort.„Wir muͤſſen ſogleich nach Iſola bella,“ ſagte Antonio,„und dort ſoll Euch vergolten werden, was die Buben Euch angethan.“ „Ihr ſeid ein edler Menſch,“ verſetzte Wahl⸗ mann,„ich konnte einen Augenblick an Euch zwei⸗ feln, aber Ihr habt Euch treu bewaͤhrt.“ Antonio beſtellte Pferde, und als ſie eben be⸗ griffen waren, dieſelben zu beſteigen, erſchien eine Geſandtſchaft der Verſammlung, um Antonio um Verzeihung zu bitten und um die Annahme der Hauptmannsſtelle dringend zu erſuchen. Antonio verkehrte lange heimlich mit ihnen und willigte endlich in ihr Geſuch. Nichts deſto weniger wurde die Reiſe ſogleich fortgeſetzt. Die Roſſe ſtoben 424 und das Schiff, welches ſie aufnahm, ſchoß wie ein Vogel uͤber den Waſſerſpiegel. Mit hochklo⸗ pfendem Herzen ſtieg Wahlmann die wohlbekannte Treppe auf die Inſel hinauf. Er war ſeit jener Nacht, wo er hier Gianetten einen gluͤhenden Kuß auf die Roſenlippen gedruͤckt, ein ganz Anderer ge⸗ worden; das fuͤhlte er wohl. Aber wie unerklaͤr⸗ lich iſt doch des menſchlichen Herzens Wuͤnſchen und Treiben! Schon fieng Wahlmann wieder zu wuͤnſchen und hoffen an, Gianetta moͤchte ihn waͤhlen. Mit liebender Haſt eilte er in des Kaſtel⸗ lans Wohnung und die Liebliche trat ihm laͤchelnd entgegen, wie die Sonne aus Regengewoͤlk. Sie reichte ihm die Hand, er uberſtrömte ſie mit Kuͤſ⸗ ſen, er erzaͤhlte ihr ſein grauſames Schickſal und ſie bedauerte ihn herzlich. Antonio ſaß zur Seite und hoͤrte ruhig zu. Dann entfernte er ſich mit Gianetta, beide kamen nach einiger Zeit mit einer dicht verſchleierten Dame wieder herein, welche Antonio als eine Verwandte von Mailand vorſtellte. Man verneigte ſich gegenſeitig, die Dame ſprach kein Wort. „Mein lieber Kapitaͤn,“ begann endlich Anto⸗ nio,„Ihr werdet wohl errathen haben, weshalb 125 ich mit Euch ſo raſch nach der Inſel eilte. Die Zeit unſers Contrakts iſt naͤmlich abgelaufen, wie Ihr wohl wiſſen werdet; es iſt daher an Euch, Gianetten das Nothige zu eroͤffnen, und dann mag ſie entſcheiden. Laßt Euch durch die Gegenwart die⸗ ſer Dame nicht ſtoͤren, ich habe ſie als Zeugin von meiner Seite zu dieſer Verhandlung gezogen. Ihr wuͤrdet wohl thun gleiche Vorſicht anzuwenden. und da Euer Peter, welcher Euretwegen in großer Noth geweſen iſt, ſich auch hier befindet, ſo koͤnnt Ihr ihn als Euren Zeugen beſtellen.“ Auf Anto⸗ nio's Ruf trat Peter wirklich ins Zimmer. Aber der Menſch brachte ein ſehr boshaftes Geſicht mit und grußte ſeinen Herrn nach ſolcher langen und ſchlim⸗ men Trennung mit einem wunderlichen hämiſchen Lächeln. Dies fiel Wahlmann auf, die andern ſonderbaren Umſtaͤnde aͤngſtigten ihn nicht weniger, und die Gegenwart der Dame war ihm vollends unausſtehlich. Aber Gianetta ſetzte ihm Daumen⸗ ſchrauben an, indem ſie mit der einigemal wieder⸗ holten Frage in ihn drang:„Nun was habt Ihr mir denn Wichtiges und Schones zu ſagen, mein werther Herr Kapitaͤn?“ und dabei ihren niedlichen Mund jedesmal ſpoͤttiſch laͤchelnd verzog, ſo daß 126 Wahlmann in die aͤußerſte Verlegenheit gerieth und endlich die ſchlechteſte Liebeserklaͤrung hervorſtot⸗ terte. Er ſprach von großer Liebe, von ewigem Gluͤck in ihrem Beſitz, von Heirathen, wenn ſie ihn waͤhlen wuͤrde, Alles durch einander und man⸗ ches zwei⸗ und dreimal. Seine Beklommenheit ſtieg, indem er kein Ende finden konnte, und Gia⸗ netta ihm nicht ins Wort ſfiel, und dabei ausſah, als wolle ſie jeden Augenblick losbrechen und ihn auslachen. Er fuͤhlte ſelbſt, welche traurige Rolle er ſpiele, aber er ſah keinen Weg ſie zu verbeſſern und ſchwieg endlich kleinlaut. „Ihr mich heirathen, mein Herr?“ lachte endlich Gianetta auf, als er fertig war.„Ihr wollt nur Euern Scherz mit mir treiben. Die Tochter eines Fruſtratore einen oͤſtreichiſchen Haupt⸗ mann, einen deutſchen Edelmann? Ihr treibt Scherz mit Euch ſelbſt. Aber man hoͤrt Euren Worten weder den Scherz noch den Ernſt an. Ihr ſeid mir gewogen. Ich glaub' es; denn ich bin Euch auch herzlich gut, ſo gut als ich nur im⸗ mer einem Manne ſein kann, der nicht mein Ge⸗ liebter iſt, den ich nicht heirathen will und kann. Aber da mir die Wahl freigeſtellt iſt, ſo wähle ich Antonio, meinen Geliebten, wie Ihr mir ſelbſt in dieſem Euren Brief gerathen.“ Dabei zog ſie das Schreiben hervor, welches Wahlmann in Luvino an ſie gerichtet. Es war durch die Geſandtſchaft der Schmuggler an Antonio gekommen. „Und das iſt dein letztes Wort, Gianetta?“ fragte der Offizier mit einem an ihrer Heiterkeit ſcheiternden zaͤrtlich ſchwermuͤthigen Blick. „Mein letztes uͤber dieſe Sache. Ich werde dieſer Tage Antonio's Weib, und haätte ich nicht aus ſicherer Hand erfahren, daß Ihr eine ſchoͤne und Eurem Stande angemeſſene edle Geliebte haͤt⸗ tet, ſo wuͤrde ich Euch zu meinem Cicisbeo ge⸗ waͤhlt haben. So werdet Ihr nun wohl thun, Euer Lieb auch zu freien, ich aber werde mir, da ich Euch, der Ihr mir nach meinem Antonio der theuerſte Mann auf Erden ſeid, nicht zum Cicis⸗ beo haben kann, gar keinen andern nehmen.“ „Das habe ich an Dir verdient, gute Adel⸗ heit!“ rief Wahlmann ſeufzend aus.—„Allen Suͤndern ſei vergeben!“ ſagte eine ihm wohlbe⸗ kannte ſchoͤne Stimme hinter ihm; aufs Aeußerſte überraſcht wandte er ſich ſchnell um, und den Schleier zuruͤckgeſchlagen, ſtand Graͤfin Adelheit dicht hinter ihm, im hoͤchſten Reiz ihrer anmuthigen Geſtalt, und breitete die Arme aus, und wie vom Lilienſtengel eines Engels beruͤhrt, jauchzte der Offizier auf, fiel der Geliebten an die Bruſt und ein langer Kuß vereinte ihre Geiſter. Solche Au⸗ genblicke haben keine Sprache und dulden keine Beſchreibung. Thranen erleichterten zuerſt Wahl⸗ manns Bruſt. Sein erſtes Wort aber war:„Und Du vergibſt mir, Adelheit, nachdem Du meine Schwachheit mit angehoͤrt?“ „Ich weiß Alles,“ verſetzte ſie lächelnd,„und Dein Brief, welchen Du in der Stunde ſchriebſt, die Deiner Meinung nach die letzte Deines Lebens war, hat mich zum glücktichſten Weibe gemacht. Deine Neigung zu dieſem liebenswuͤrdigen Kinde macht dir keine Schande und ich freue mich dar⸗ uͤber; daß Du mich aber ſtets wahrhaft geliebt, weiß ich ja aus Deinem Briefe und von Peter.“ „Von Peter?“ fragte Wahlmann beſtuͤrzt. „Nun ja, ich will Dir nur geſtehen, daß meine Liebe zu Dir mich alle Ruͤckſichten, ſelbſt nach jener leidenſchaftlichen Trennung, beſeitigen ließ. Ich beauftragte Petern mir ſo oft ihm mog⸗ lich Nachrichten von Dir zu geben, und er hat —— 129 ſein Wort treu geloͤſt. Ich wußte durch ihn, daß ich in Deinem Herzen fortlebte; ich erfuhr von Deiner Leidenſchaft zu Gianetta, und mein Herz trieb mich endlich an, Deinem Starrſinn die Hand zur Verſoͤhnung zu bieten, ja Dir ſogar nachzuge⸗ ben. Ich habe mich auf ewig von Wien getrennt und mich entſchloſſen mit Dir in Italien oder der Schweiz zu leben.“ Bei dieſen Worten zog ſie ein zuſammengefaltetes Papier aus dem Bufen und uͤberreichte es ihm. Er ſah hinein und er⸗ blickte— ſeine Entlaſſung. „Einzige!“ rief er im Taumel des Entzuͤckens aus.„Wie konnte ich mich je von Dir trennen!“ „Durch Petern von Deiner ungluͤcklichen Stel⸗ lung hier unterrichtet,“ fuhr die Grafin fort,„ſo wie von Deinem Geſuch um Entlaſſung, wandte ich mich ſelbſt an die Behoͤrde mit der Bitte, mir dieſelbe einzuhaͤndigen. Ich wurde nach Mailand gewieſen. Antonio's Vater uͤbergab mir ſie, er zog mich in ſein Haus, weil er ſich ſehr für Dich intereſſirt. Dort erfuhr ich all Deine Verhaͤltniſſe noch naͤher als durch Peters etwas unbehuͤlfliche Briefe. In Briſago angekommen, vernahm ich Dein Schickſal und ließ mich auf dieſe Inſel uͤber⸗ 130 ſetzen. Hier fand ich Petern und Gianetta Deinet⸗ wegen in der groͤßten Angſt. Tags darauf kam Antonio. Er hatte kaum von Deinem Unfall ge⸗ hoͤrt, als er zu Deiner Rettung davon eilte. Gottlob! ſie iſt ihm gegluckt.“ „Und ſo waͤren wir endlich vereint?“ fragte der ſelige Wahlmann. „Kein Hinderniß trennt uns mehr, ſo wenig wie dieſes Paar.“ Und Antonio ſchloß Gianetten, und Wahl⸗ mann Adelheit an die Bruſt. ————— ———— Die Ruͤckreiſe aus dem Bade. N —, — . Der Badeort W. war von der kleinen Reſidenz eine ſtarke Tagereiſe entfernt, deshalb pflegten Leute, denen Eile eben nicht Noth that, und die gerne ihre Pferde ſchonen wollten, auf einem her⸗ zoglichen Jagdſchloſſe einzukehren, deſſen weitlaͤufi⸗ ges Erdgeſchoß zu einem bequemen und vornehmen Gaſthofe eingerichtet war. Das Haus lag auf einer Anhoͤhe und gewaͤhrte aus ſeinen Fenſtern einen uberraſchenden Anblick auf den ſchoͤnſten Theil des herzoglichen Landes; ein wild romanti⸗ ſcher Park war in dem darangelegenen großen Ge⸗ hoͤlze angelegt und bot Freunden der gruͤnen Wald⸗ natur manchen Genuß. Es war daher kein Wun⸗ der, daß das ſogenannte Jagdhaus viel beſucht wurde, zumal in der Badezeit, da noch obendrein der Wirth ein bildſchoͤner, ſchlanker, freundlicher Mann, ehemals Buͤchſenſpanner des Herzogs, die 134 Wirthin eine niedliche liebenswurdige Brunette, eine alte Flamme des Fuͤrſten, die Speiſen und Getraͤnke gut und geſchmackvoll, die Bedienung flink und die Rechnung nicht zu theuer war. An einem ſchwuͤlen Sommerabende hielten zwei Reiter vor dem Jagdhauſe; der Vordere ſteckte in einer abgetragenen Hauptmannsuniform, der Hintere in einem noch abgetragenern, aͤrmlichen, hie und da ausgebeſſerten Bedientenrocke; das Hauptmannsgeſicht war lang, bleich, eingefallen und einfältig, das Bedientengeſicht dagegen rund, munter und verſchmitzt. Das Anſehen der Pferde war dem der Roͤcke gleich, traurige erbarmungs⸗ wuͤrdige Geſtalten, denen nichts noͤthiger ſchien, als einige Malter Hafer. Gegen alle Gewohnheit der behenden Diener⸗ ſchaft des Hauſes erſchien kein grungeſchuͤrzter Kell⸗ ner, dem angelangten Gaſte vom Pferde zu helfen, wie ſeine vornehmſtrengen und gebietenden Blicke zu erwarten ſchienen; und als er ſogar mit krei⸗ ſchender Stimme gerufen hatte:„He! Holla! Philipp! Andres! Kaspar! Jungen, wo ſteckt Ihr! Will denn kein Zipfel von den Sakramentsburſchen ſich ſehen laſſen? Daß die Kolik den Rackern* 5 135 durch die Gedärme fuͤhre! Die Hunde!“ und noch immer Niemand erſchienen war, da wandte er ſich in einem gegen den vorigen ſehr abſtechenden, gutmuͤthigen, faſt bittenden Ton an ſeinen Hinter⸗ mann und ſagte:„Johann, ſo wirſt Du mir wohl vom Pferde helfen. Sieh, es kommt keiner von den Schurken!“ „Wie Eure Gnaden befehlen,“ verſetzte der Reitknecht.„Haͤtten aber auch allein abſteigen koͤnnen.“ Das verſtehſt Du nicht, Johann. Wenn wir zu Hauſe ſind, Johann, ſo ſteig' ich allein ab, das weißt Du. Aber an einem andern Orte ſchickt ſich's nicht fuͤr mich, ſo wenig, als wenn ich ohne Sporn und Degen, den außeren Abzeichen meines Adels, irgendwo anders als zu Hauſe in meinem Kabinet auftreten wollte. Das hat die gnaͤdige Frau Mama wohl mehr als hundertmal in Dei⸗ nem Beiſein geſagt, Johann, und ich dächte, Du koͤnnteſt es ſo gut gemerkt haben, wie ich. Aber nein! Wo denk' ich hin! Wo kein avlig Blut fließt, da waltet kein adliger Sinn, und wo kein adliger Sinn waltet, da kann kein adliges Ge⸗ dächtniß ſein, folglich kannſt Du auch von den —— 136 weiſen Lehren der gnädigen Frau Mama nichts be⸗ halten haben. Ja Du kannſt dergleichen nicht ein⸗ mal faſſen und verdauen.“ „Ich koͤnnt's nicht verdauen?“ rief der Die⸗ ner, der von der ganzen Rede nichts als das letzte Wort vernommen zu haben ſchien; denn er hatte ſich waͤhrend derſelben behaglich von ſeinem duͤrren Pferde begeben, daſſelbe mitleidig auf die hervor⸗ ſtehenden Huͤften geklopft, hatte dann dem ſprechen⸗ den Herrn die Hand und den Buͤgel gehalten, da⸗ mit derſelbe ſich mit allem moͤglichen vornehmen Anſtande aus dem unſchimmern Sattel heben konnte. Jetzt aber erwachte Johanns Aufmerkſamkeit, und als er jene Frage mit Erſtaunen in ſeinen Zuͤgen gethan, ſetzte er trotzig hinzu:„Nehmen's Eure Gnaden nicht uͤbel, ich kann alles Eßbare ver⸗ dauen, und auf die Gefahr hin hatten wir heute Mittag die Mahlzeit nicht auszuſetzen brauchen. Ich falle faſt um vor Hunger und unſern armen Gaͤulen geht's noch ſchlimmer. Wir werden uns das liebe Vieh ruiniren und daran ſind Ew. Gna⸗ ₰ ganz allein Schuld. Was haben wir denn aber auch nur auf dem verwetterten Jagdhauſe zu thun, wo's mir nie wohlergangen iſt? Warum ſind wir 10 — 0 6 nicht heute wieder nach Hauſe geritten, da braucht“ ich doch wenigſtens keinen Hunger zu leiden?“ Johanns Geſicht nahm einen hoͤchſt wehmuͤthigen Ausdruck an und ſeine Stimme gegen das Ende einen weinerlichen Ton. „Hunger! Hunger! Immer nichts als ſolch gemeines Treiben! Kannſt Du Dich denn auch nicht einmal auf die Hoͤhe meines Standpunkts verſetzen, von wo aus man auf ſolche Bagatelle mit laͤchelnder Verachtung herab ſieht? Aber wo⸗ hin denk' ich ſchon wieder! Nur ein altadliger Geiſt ſteht ſchon von ſelbſt auf dieſer Hoͤhe, wo⸗ hin ſich eine gemeine Bauernnatur, wie die Dei⸗ nige, ſelbſt durch die groͤßte Anſtrengung nicht zu ſchwingen vermag. Nun ich werde Dein niederes Geluͤſten zu befriedigen ſuchen.“ Johann faßte die Pferde bei den Zäumen, um ſie ſelbſt nach dem Stalle zu fuͤhren, da kein Hausknecht ſich zeigte, ſie ihm abzunehmen. Der Hauptmann ſtand einen Augenblick ſtill wie in Nachdenken verſunken, dann ſchritt er dem Reit⸗ knecht eilig nach, und ſagte mit einer gewiſſen Haſt;„Johann, wie ſtark iſt unſte Kaſſe?7“ S 12 138 „Unſre Kaſſe?“ fragte Johann erſtaunt.„Was belieben Eure Gnaden damit zu meinen?“ „Nun uͤbergab Dir die gnaͤdige Frau Mama nicht geſtern, als wir von Hauſe wegritten, einen vollen Beutel mit fuͤnfundzwanzig Gulden Silber⸗ muͤnze, damit ich mich nicht ſelbſt mit dem elenden Gelde tragen ſollte, was kein vornehmer Adliger thut? Wie viel haſt Du noch von jener Summe?“ „Ich bitt' Eure Gnaden gehorſamſt ſich in Dero hochadliges Gedächtniß zuruͤckzurufen, daß ich Ihnen geſtern Abend den ganzen Beutel habe einhaͤndigen muͤſſen, als Sie auf den Badeball gingen. Sehen Sie, fuͤr ſolche Dinge iſt nun mein Bauerngedaͤchtniß ganz vortrefflich.“ „Und haſt Du von jenem Gelde gar nichts zuruͤckbehalten?“ „Sie forderten das Ganze und ſo durft' ich's nicht verweigern. Sie werden alſo das, was Sie nicht ausgegeben haben, noch bei ſich haben.“ „Verfluchter Streich! Mein liebes Hänſel, ich habe gar nichts bei mir. Haſt Du nichts von Deinem erſparten Lohn zu Dir geſteckt, Hanſel? Bitte, bitte, borg's mir. Ich will Dir's bald wie⸗ der erſtatten!“ ————————— , — .— „Von meinem erſparten Lohn? Bringen mich Eure Gnaden nicht zum Lachen! Glauben Sie, daß ich mir in Ihrem Dienſte einen Kreuzer ſparen kann? Das waͤre Hexerei; denn ich habe noch keinen Kreuzer Lohn geſehen.“ „Hat Dir die gnädige Mama Deinen Lohn noch nicht ausgezahlt? Das iſt ganz unrecht von ihr. Nun warte, gutes Haͤnſel, Du ſollſt e Deinige mit doppelten Zinſen haben. Ich werde mit ihr ſprechen. Warum aber haſt Du Dich mir nicht fruͤher entdeckt?“ „Hab' ich's Ihnen nicht zweimal geſagt, und drohten Sie mir nicht, mich mit der Hetzpeitſche zu prügeln, wenn ich wieder meine Bauernunver⸗ ſchamtheit laut werden ließe? O mein Bauernge⸗ daͤchtniß iſt fur dergleichen Dinge ſehr gut.“ „Hab' ich das gethan, beſtes Haͤnſel? Sieh, ich weiß nichts mehr davon und es iſt in der Uebereilung geſchehen. Es war unrecht von mir, und Du ſollſt Dein Geld haben. Aber haſt Du denn gar nichts bei Dir? Einen halben Gulden S nur? Gewiß, gewiß, Hänſel, ich weiß, Du reiteſt nie ohne Geld aus. Gib her! fuͤr einen halben Gulden will ich Dir, wenn wir wieder zu 140 Hauſe ſind, fuͤnf Gulden geben. Bedenk Deinen Vortheil, Haͤnſel, und gib.“ „Aber, mein Himmel! wohin ſind denn die ſchoͤnen fuͤnfundzwanzig Gulden gerathen? Eure Gnaden ſehen, ich bin ganz troſtlos.“ „Es iſt eine dumme Geſchichte, Haͤnſel, und ich wollt' es Dir eigentlich gar nicht erzaͤhlen; denn ich weiß es ſchon, Du biſt ein Waſchweib und ſagſt der gnaͤdigen Frau Mama Alles wieder.“ „Nein, Ew. Gnaden konnen mir's glauben; ich will der gnädigen Frau Mama nichts ver⸗ rathen.“ „Nun ſieh, auf dem Balle war ein allerliebſtes Maͤdchen, ſo ſchoͤn, ſo reizend, wie keine von allen Damen, die in unſerm Ahnenſaale abconterfeit ſind, und das will viel heißen, Johann! Jene Damen ſind alle adlig und Frauen der beruͤhmten Herrn von Schmalgau, meiner erlauchten Vorfah⸗ ren, geweſen, und jenes huͤbſche ſchwarzaͤugige Schelmchen iſt buͤrgerlich. Es gibt mir allemal einen Stich durchs Herz, wenn ich dran denke, daß Lalage buͤrgerlich iſt.“ „Lalage heißt die Mamſell?“ ſagte Johann. „Der Name klingt verflucht laͤcherlich.“ * —— —— 141 „Ja Lalage iſt ein lachender Schelm. Weißt Du aber, was noch lachender iſt als ihr ſchönes Geſichtchen? Funfzig Tauſend Gulden baares Geld, welches ſie ihrem kuͤnftigen Eheherrn mit in die Wirthſchaft bringt. Sie iſt naͤmlich das einzige Toͤchterlein des Rektors Simius in der Reſidenz. Der Mann hat ein ſehr eintraͤgliches Amt und ſich zu ſeinem ererbten Vermoͤgen noch ein artiges Suͤmmchen hinzugeſpart. Lalage iſt ein herrlicher Biſſen wenn's nur ein adliger waͤre!“ „Ach daß mich Eure Gnaden ſchon wieder an Biſſen erinnern muͤſſen! Wenn mir die Zaͤhne nicht ausfallen ſollen, ſo muͤſſen ſie bald etwas zu bei⸗ ßen bekommen.“ „Stoͤr' mich nicht mit Deinem elenden Ge⸗ ſchwaͤtz, kleine Seele. Unabwendbare Schickſale weiß ein adlig Herz mit Groͤße zu ertragen. Ver⸗ moͤcht' ich die irdiſchen Dinge nicht von dieſer Seite mit erhabner Reſignation zu betrachten, ſo wuͤrd' ich es wahrlich nicht uͤber mich gewinnen konnen, die burgerliche Lalage zu heirathen.“ „Wie? Was? Heirathen! Hab' ich recht ge⸗ hoͤrt? Eure Gnaden wollten die buͤrgerliche——“ „Ha ſieh! was ich ſage; eine kleine Seele „ 142 haſt Du, die ſich nicht zur richtigen Wuͤrdigung des ungeheuren Opfers emporſchwingen kann, wel⸗ ches ich der Welt zu bringen im Stande bin. Es gab unter den Schmalgauen viel große Manner, aber ohne einen Schein von Ruhmredigkeit kann ich von mir ſagen, daß ich der groͤßte des ganzen Stammes bin. Ich habe in dieſer Nacht einen ſchweren Kampf gekaͤmpft, aber ich bin als glorrei⸗ cher Sieger daraus hervorgegangen. Mich ſelbſt hab' ich bezwungen; ich will mich dem Wohl der Menſchheit aufopfern; ich will Lalagen heira⸗ „ then.“— „Aber was wird die gnaͤdige Frau Rw da⸗ zu ſagen.“ „Dafuͤr laß mich ſorgen. Die Mutter wird ihres großen Sohnes wuͤrdig handeln. Als die gute Gnaͤdige Dir, meinem Chatullier, geſtern die fuͤnf und zwanzig Gulden eingehaͤndigt hatte, ſagte ſie zu mir: Erhabener Caͤſar, wuͤrdiger Sproß der Edlen von Schmalgau, es iſt das Letzte, was ich Dir geben kann; ziehe damit aus, wie Deine ruhmbedeckten Vorfahren, Dein Gluͤck zu erjagen. Benutze dieſes Letzte, um Dir eine reiches“ Frau damit zu gewinnen. Von einer adligen Frau 143 aber ſagte ſie nichts. Darum glaub' mir, die funfzig Tauſend Gulden werden einen guten Klang in ihren Ohren haben. Und bald, ſehr bald muß die fatale Geſchichte abgemacht werden; dazu bin ich feſt entſchloſſen. Iſt erſt Verlobung geweſen, dann wird die gnädige Frau Mama nichts gegen die Hochzeit haben. Laß mich nur machen. Du weißt ja, ich habe ſie in meiner Gewalt. Wenn 8 ſie ihren Conſens nicht geben will, ſo ſag' ich, ich erſchieße mich; dann thut ſie's gewiß.“ „Alſo deshalb ſind wir heute nicht wieder nach Hauſe, ſondern nach der Reſidenz zu geritten? Deshalb haben Eure Gnaden heute das Mittags⸗ eſſen vergeſſen und immer ſo vor ſich hin mit ſich ſelbſt geſprochen, daß es mir ein Paar mal recht graulich vorkam. Nun wird mir Alles klar.“ „Ja freilich, Hanſel; das iſt die ganze Ge⸗ ſchichte, die mir im Kragen liegt,“ rief der Haupt⸗ mann von Schmalgau ſchmunzelnd.„Ich hab' mir heute die Reden ausſtudirt, die ich an das Mädel und den kleinen Rektor halten will. Ja wenn ich ihn nicht kennte, den alten Fuchs! Eh mich des höchſtſeligen Herrn Herzogs Durchlaucht zu Pöchſtdero Pagen zu ernennen geruhten, belieb⸗ 144 ten Hoͤchſtdieſelben mich erſt in die Claſſis Tertia auf der hohen Schule in der Reſidenz ſtecken zu laſſen, weil Hoͤchſidieſelben allergnaͤdigſt aͤußerten, ich ſei gar entſetzlich dumm und muͤſſe erſt etwas lernen. Damals gerieth ich unter das Schulſcepter des Rektor Simius. Ich ſage Dir, der verwet⸗ terte Kerl hatte gar keinen Reſpect vor meinem Adel und pruͤgelte mir die lateiniſchen Deklinatio⸗ nen in den Kopf, und wenn ich etwas dagegen ha⸗ ben wollte, ſagte er jedesmal, es geſchehe auf Al⸗ lerhoͤchſten Befehl Seiner Durchlaucht. Da mußt' ich freilich ſchweigen und die Segel einziehn. Da⸗ her hab' ich ja auch meine lateiniſche Suade, Haͤnſel, womit ich uͤberall imponire. O du blauer grundguͤtiger Himmel, damals war die Lalage ein Kind von fuͤnf bis ſechs Jahren, kam oft in die Schule zum Vater gelaufen. Wenn ich da haͤtte 6 denken ſollen, daß ſie noch meine Frau wuͤrde!“ „Ew. Gnaden haben ſie ja aber noch nicht.“ „Was? nicht haben? Das iſt ſo gut als ab⸗ gemacht. Das lateiniſche Männlein wird ſchon aufhorchen, wenn ich einiges von der Ehre fallen laſſe, die ich ſeinem Hauſe anzuthun entſchloſſen bin. Sein Benehmen gegen mich wird ein ganz 145 anderes ſein, als vor funfzehn Jahren, wo ich in Tertia ſaß. Alle Wetter! wird das ein Gaudium geben, wenn Caͤſar Alexander von Schmalgau ſei⸗ nen Wunſch zu erkennen gibt, des Rektors Si⸗ mius Schwiegerſohn zu werden! O ich freue mich wie ein Kind auf den Schmaus, den er mir zu Eh⸗ ren morgen geben wird!“ „Weiß der Himmel! ich auch. Wenn er nur heut Abend ſchon waͤre.“ „Narr! heut Abend will ich ja die Sache erſt mit der ſchoͤnen Lalage ganz ins Reine bringen. Wir ſind uns geſtern auf dem Balle ſchon ziemlich nahe gekommen, aber der Drang der Menſchen um uns war zu groß und die Tante ſaß ihr ſtets auf dem Dache, ſo daß wir nicht genug mit einander plaudern konnten. Auch waren immer ein Paar unausſtehliche Studenten um Lalage herum, zogen ſie zum Tanz auf, belaͤſtigten ſie mit albernem Ge⸗ ſchwaͤtz und hielten das gute Madchen ab, ſich zu mir zu wenden und mir Gehoͤr zu ſchenken, wie ſie gar zu gern gethan haͤtte, ſo daß das liebe Kind faſt vor Ungeduld ſtarb. Aber ſo viel konnte ſie mir doch mit ihrem Silberſtimmchen zuflüſtern, daß ſie heute abreiſe. Und dieſer Wink war mir genug. 13 Der Geiſt eines Schmalgau bedarf nicht mehr, um volles Licht uͤber das ganze Verhältniß zu haben. Dieſen Morgen ſteckt' ich mich hinter ih⸗ ren Kutſcher und erfuhr, daß ſie heut Nacht hier auf dem Jagdhauſe bleiben wuͤrden. Sieh, Hän⸗ ſel, deshalb ſind wir hierher gekommen. Verliebt bin ich vom Kopfwirbel bis zur Fußzehe, wie nur ein Edelmann verliebt ſein kann und darf; dieſen Abend erobere ich Lalage's Herz in Sturm; mor⸗ gen reiſen wir mit zum Vater und eh die Sonne untergeht, wie jetzt, iſt die Sache abgethan.“ „Schnell geht's, Ew. Gnaden; das ſeh' ich ein. Aber wie Ew. Gnaden das Geld los ſind, das ſeh' ich noch nicht ein.“ „Ja das hatt' ich auch vergeſſen, Dir zu ſa⸗ gen. Sieh, Haͤnſel, der Boͤſe hat mich geblendet. Die beiden Studenten naͤmlich, von denen ich Dir vorhin ſchon ſagte, gingen auch zum Pharao⸗Ti⸗ ſche; ich war froh, daß ſie mir das Feld raͤumten, und unterhielt mich nun eifrigſt mit der ſchoͤnen Lalage, wobei ich nicht unterließ, ihr zu ſagen, wie groß und wunderſchoͤn ſie geworden ſei, ſeit ich ſie nicht wieder geſehen, welches nun ſechs Jahre ſind, gerade ſo lange, als ich meinen Ab⸗ 147 ſchied nahm. Es war mir gleich ganz warm ums Herz geworden, als ich ſie im Saale erblickt hatte und mir alle ſchoͤnen Erinnerungen an ihr Vermoͤ⸗ gen und die liebe Jugendzeit ins Gedächtniß ge⸗ kommen waren. Nur war ich uͤber meine Gefuhle geſtern Abend noch nicht ſo klar, wie ich es heute bin. Eben ſprach ich denn auch von meiner Schul⸗ und ihrer Kinderzeit, als die läͤſtigen Studenten zu meinem Schrecken zuruͤckkehrten, freudigen Ge⸗ ſichts und die Haͤnde voll Goldſtuͤcke, die ſie eben im Spiele gewonnen hatten. Haͤtteſt Du ihre ver⸗ gnuͤgten Geſichter geſehen, ich wollte die funf und zwanzig Gulden noch einmal daran ſetzen, Du wa⸗ reſt auch zum gruͤnen Tiſche hingegangen, um Dein Gluͤck zu verſuchen. Als ich nun vollends ſah, wie Lalage ſich von mir abwendete, um mit zuckerſuͤßen Wörtchen den verlaufenen Burſchen zu gratuliren, da ſchoß mir das Blättchen. Ich rannte zum Tiſche und ſetzte zehn Gulden auf eine Farte. Aber denke Dir meinen Schrecken, Haͤnſel, als ich ſie verlor! Nun gereute mich's, daß ich ſo dumm geweſen war, mich aͤrgerte der Verluſt und ich gedachte meine zehn Gulden wieder zu ge⸗ winnen, und dann dem neidiſchen Gluͤck, welches 13 148 ſeine Gaben nur an Unwuͤrdige verſchleudert, den Ruͤcken zu kehren. Feſt uberzeugt, daß ich zum zweitenmal gewinnen muͤſſe, ſetzte ich noch einmal zehn Gulden, aber es war ein furchtbarer Moment, als der Mann mit dem Geldhaufen vor ſich ſeine Hand darnach ausſtreckte und das vernichtende: perdu! wiederholte. Unwillkuhrlich machte ich auch n lange Finger nach meinen ſchoͤnen Silberſtuͤcken, aber der abſcheuliche Menſch ſah mich durch ſeine Brille ſo wunderlich an, ſchlug mich mit ſeinem Stocke auf die ausgeſtreckten Finger und nahm das Geld. Ich hatte nur noch einen Gulden in der Taſche; denn einen hatten wir auf dem Her⸗ ritt verzehrt, wie Du wohl weißt, und zwei muß⸗ te ich geſtern gleich fur Koſt und Logis im Gaſt⸗ hof bezahlen, ſonſt hätten ſie uns dort gar nicht aufgenommen, einen Gulden koſtete das Entree in den Ballſaal, da haſt Du die ganze Rech⸗ nung, Haͤnſel. Die Menſchen um den Tiſch lach⸗ ten alle und ich ging mit Wuth und Groll im Herzen davon. Gut war's, daß Lalage nichts von der verwetterten Geſchichte gemerkt; ſie ſprach an⸗ gelegentlich mit den Studenten, obgleich die Frau Tante immer dazwiſchen fuhr. Auf dem Ball —,— 149 konnt' ich meinen verlornen Muth nicht wieder ſin⸗ den, das merkt' ich bald— ach! auch adlige Her⸗ zen haben Stunden, wo ſie dem Drange des Schickſals erliegen und ihnen was Menſchliches begegnet, aber Gottlob! es ſind auch nur Stun⸗ den. Ich ging in mein Logis, ich ſuchte mein Lager und fand bald meinen großen Geiſt darauf wieder. Was mir erſt nur als ein kleiner Stern geleuchtet, ging mir nun als eine glaͤnzende Sonne auf. Ich fand mehr als meine Groͤße, ich uͤber⸗ traf mich ſelbſt, denn ich gewann den Entſchluß, Lalage zu heirathen. Dieſen Morgen ließ ich's mir bei ihrem Kutſcher einen halben Gulden koſten und einen halben Gulden nahm mir der Stall⸗ knecht ab, und ſo iſt's gekommen, daß ich keinen Kreuzer mehr habe. Aber dafuͤr wird ſchon noch was extra in deiner Taſche ſitzen, Johann; greife nur einmal hinein und ſuche.“ „Ich hab' gar nichts, was ich Ew. Gnaden geben koͤnnte,“ verſetzte Johann trocken; Jetzt muß jeder ſelbſt ſehen, wie er durchkommt; ich bin ja immer noch ſchlimmer dran, als Ew. Gna⸗ den, denn ich muß ja auch fuͤr die beiden armen Gäule ſorgen.“ 15⁰ „Hänſel, morgen Abend bin ich ein reicher Mann. Hundert Gulden ſollſt Du haben, wenn Du mir jetzt fünf gibſt. Morgen hat alles Leid ein End. Sieh, der Wirth drinne, der Veltig, borgt nicht gerne. Ich weiß. Er iſt ein gemeiner Hundsfott.“ „Und wenn mir Eure Gnaden die Seele aus dem Leibe ſchnitten, ich koͤnnte keinen Kreuzer ge⸗ ben. Aus dem Mahlkaſten fällt im Leben kein Mehl, wenn man nicht erſt Frucht oben aufſchuͤt⸗ tet. Damit wandte ſich der Reitknecht gleichguͤl⸗ tig und zog die ermuͤdeten hungrigen Pferde nach, um ſie nach dem Stalle zu bringen, waͤhrend ſein Herr mit unſichern Schritten der Thuͤre des gaſtli⸗ chen Jagdhauſes nahte. Vor der Stallthuͤre fand Johann den Haus⸗ knecht, welcher mit kurzen Worten erklaͤrte, ſein Herr, der Wirth Veltig, habe befohlen, die Pferde des Herrn von Schmalgau gar nicht in den Stall zu laſſen, weil derſelbe doch nicht bezahle, ſchon große Rechnungen von ſonſt ſchuldig ſei und ſich uberdies noch ſehr unartig betragen habe. Johann erwiederte auf die bundige Rede ſei⸗ nes Freundes, des Hausknechtes, kein Woͤrtchen, 151 ſondern kratzte ſich hinter den Ohren, zaumte ſchweigend die Pferde ab und jagte ſie dann in den an das Jagdhaus anſtoßenden Wald, wo ſie gierig uͤber das ſpaͤrliche Gras herfielen, um ihren Hunger zu ſtillen. Er ſelbſt wiſperte dem lachen⸗ den Hausknecht einiges ins Ohr, worauf dieſer freundlich nickte und ſich beide ins Haus entfernten. Des Hauptmanns von Schmalgau heldenmuͤthi⸗ ges Streben ging zunaͤchſt auf dasjenige Gaſtzimmer des Jagdhauſes, in welchem nur Leute vornehmen Standes abzutreten pflegten. Wie hätte ſich auch dieſer ahnenreiche in allen ritterlichen Tugenden ausgezeichnete Edelmann entſchließen koͤnnen, ſich durch den Eintritt in das allgemeine Gaſtzimmer, wo der Plebs bei dem neuen truͤben Weine ſaß, etwas zu vergeben? Das Zimmer war leer, aus der auf der Hausflur gegenuͤber gelegenen Stube erſchollen luſtige Stimmen durcheinander. Schmal⸗ gau warf ſich vornehm thuend in das Sopha und ſpielte mit der Reitgerte; doch bald erinnerte ihn ein nicht laͤnger zu unterdruͤckendes Gefuͤhl, daß die Natur hartnaͤckig auf ihrem Rechte beſtehe und der adlige Magen nicht dem Fluge des adligen Geiſtes zu folgen vermoͤge. Der Hauptmann ent⸗ 15² blöſte ſonach ſeine rechte Hand von dem etwas unſchimmer gewordenen wildledernen Reiterhand⸗ ſchuh, ſtrich ſich Schnauz⸗ und Backenbart wie eine Buͤrſte in die Höhe, und erhob ſich, um vor dem Spiegel des Zimmers das Haar zu ordnen und uberhaupt ſein Geſicht in martialiſche Falten zu le⸗ gen. Sobald er damit glücklich zu Stande gekom⸗ men war, fuhr er mit der bloſen Hand in die rechte Weſtentaſche und zog einen ungeheuern mit Goldzindel uͤberſponnenen Zahnſtocher hervor, an deſſen aͤußerſtem Ende ein ſeidenes Quaͤſtchen hing, im Verhaͤltniß zum Inſtrumente ſelbſt von ziemlicher Groͤße, wahrſcheinlich um die augenfaͤllige Geſtalt desſelben noch augenfaͤlliger zu machen. Die Reit⸗ gerte mit der linken Hand ſchwingend, mit der rechten ſich des prunkvollen Zahnſtochers bedienend, nicht anders als habe er vor kurzem erſt einen zaͤhen Faſan geſpeiſt, ſchritt der Hauptmann nun mit ge⸗ wichtigen Schritten durch das Zimmer, daß ſeine großen Sporen einen ungemeinen Larm anrichteten. Als er ſich ſo in gehoͤrige Poſitur geſetzt, riß er die Thuͤre des Zimmers weit auf und rief mit der vollen Kraft ſeines ausgeſchrienen Bierbaſſes: „Kellner! Daß Euch das Donnerwetter neun 153 und neunzig Klaftern tief in den Erdboden hinein ſchluge! Wißt Ihr nicht, daß der Hauptmann von Schmalgau Eurem Hauſe die Ehre angethan hat, darin einzukehren?“ Als auf dieſes Peloton⸗ feuer noch keine Bewegung des Feindes ſichtbar wurde, reſolvirte ſich der Hauptmann, als ein ent⸗ ſchloſſener Krieger, grobes Geſchutz anfahren zu laſſen. Schon bemerkte er mit einigem Vergnu⸗ gen, daß der Tumult in der Wirthsſtube druͤben verſtummt und man demnach auf die zweite Salve geſpannt ſei. Er ließ alſo auch nicht lange auf das Abbrennen derſelben warten.„Ihr Hunde, wenn Ihr nicht gleich kommt, ſo ſchlag' ich alle Fenſter ein, und werfe Liſche und Stuͤhle auf die Straße hinab. Ihr muͤßt mir den ſchuldigen Re⸗ ſpect erweiſen, oder ich ſchneid' Euch mit meinem Säbel die Kehlen ab, wie jungen Tauben. Ich bin eben in meiner kriegeriſchen Stimmung!“ Dieſe graͤßlich gebruͤllte Drohung hatte die Wirkung, daß ein kleiner ſchuchterner Kellner auf der Hausflur erſchien. „Spude Dich, Burſche, oder ich fuchtele Dich mit der Klinge, daß Dir die Hoſen platzen ſollen!“ rief der Hauptmann und griff zum 154 Zahnſtocher, um ſich das Zahnfleiſch blutig zu kitzeln. „Was befehlen Eure Gnaden?“ fragte das er⸗ ſchrockene Buͤrſchlein, im Zimmer angelangt. „Nun ſo laß ich mir's doch gefallen,“ ſchmun⸗ zelte Schmalgau ſelbſtgefaͤllig.„Ihr Bärenhäu⸗ ter, habt mich ja ordentlich in meinen Hauptmanns⸗ furor gebracht. Ja, was ich befehle? Was ich befehle, haſt Du mich gefragt? Nun ſieh, ich ſpeiſte zwar um vier Uhr erſt beim Grafen in Wildenbach einen koͤſtlichen Friſchling nebſt der de⸗ likaten Keule eines Rehbocks, aber der Ritt hat mir wieder einigen Appetit zu Wege gebracht. Was kannſt Du mir ſerviren?“ „Befehlen nur Eure Gnaden. Der Speiſe⸗ vorrath iſt jetzt bei der haͤufigen Einkehr der reiſen⸗ den Badegäͤſte groß. Darf ich ein Stuͤck gefuͤllte Kalbsbruſt, oder einen geſpickten Kalbsſchlaͤgel gen, nebſt etwas Schneckenſalat?“ „Wie geſagt, ich habe mir heute mit derglei⸗ chen den Magen ſchon uͤberladen. Etwas Feine⸗ res, mehr fuͤr den Appetit als den Hunger Be⸗ rechnetes.“ „Befehlen Eure Gnaden ein feines Ragout 155 von Kalbsherzen und Lungen, geſpicktes und ge⸗ fuͤlltes Kalbsherz?“ „Bleibt mir mit Eurem Kalbe vom Leibe. Ich mag und kann einmal ſolch gemeine Speiſen, wie das Kalbfleiſch iſt, nicht vertragen. Etwas Andres ſag' ich, Beſſeres!“ „Ein Paar junge Tauben in einer Speck⸗ ſauce 7“ „Klein Gefluͤgel iſt nie nach meinem Ge⸗ ſchmack.“ „Gänſeleber mit einer Truͤffelſauce? ſie war fuͤr des Herzogs Durchlaucht bereitet, welcher heute hier zu ſpeiſen geruhte, die Gänſeleber aber unbe⸗ ruhrt ſtehen ließ.“ „Fuͤr die Durchlaucht bereitet? Ja Burſche, die muß ich haben. Flink! bring ſie her; denn ich verſpuͤre ſtarken Appetit danach.“ Der Kellner ver⸗ ſchwand.„O es iſt ein großer Gedanke,“ fuhr der Hauptmann begeiſtert fort,„eine Gaͤnſeleber zu verzehren, die fuͤr einen Fuͤrſten beſtimmt war. Ich ſchätze mich gluͤcklich, hierher gekommen zu ſein; und hab' ich erſt die Leber mit der Truͤffel⸗ ſauce im Leibe, betreib' ich meine Eheſtandsangele⸗ genheiten bei Lalage mit doppeltem Feuer und an⸗ 156 gewachſener Energie. Nun ſchob er den geſchmuͤck⸗ ten Zahnſtocher wieder in die Weſtentaſche, zog auch den andern Handſchuh aus, ſetzte einen Tiſch vor das Sopha und machte ſich's auf demſelben, in Erwartung der hoͤchſt angenehmen Dinge, die da kommen ſollten, ſo bequem, als moͤglich. Der Tiſch, des Hauptmanns Haͤnde, Kinnbacken und Magen waren bereits ſo eingerichtet, daß ſie die ſchmackhaften Gerichte auf ſich und in ſich aufneh⸗ men konnten. Statt des furchtſamen Kellners mit der ſuͤßen heißerſehnten Laſt erſchien aber Herr Veltig, der Wirth, ohne eine ſolche. Schmalgau's Geſicht wurde noch um einige Linien laͤnger und fuhr in dieſem ſonderbaren Wachsthum während der Rede des Wirthes fort. Denn barſch und un⸗ freundlich ſprach dieſer:„Herr von Schmalgau, nachdem ich mir vor drei Monaten bereits die Ehre Ihres Beſuchs ernſtlich verbeten hatte, hoffte ich, Sie nie wieder hier zu ſehen. Meine Hoffnung hat mich ſehr bald betrogen. Sie kennen die be⸗ deutende Summe, welche Sie mir ſchuldig ſind; ich mache mir eine Ehre daraus, Ihnen dieſelbe zu ſchenken, aber Sie auch zu erſuchen, dies Haus ſogleich zu verlaſſen und von mir keinen Biſſen 157 Brot, geſchweige eine Gäͤnſeleber zu erwarten. Ich habe Sie lange genug umſonſt gefuͤttert und mich dafuͤr ſchnoͤde und grob behandeln laſſen. Meine Geduld hat ein Ende, Herr von Schmalgau.“ „Ich bin herzoglicher Hauptmann außer Dienſt,“ erinnerte der Edelmann mit einer hohlen Brutali⸗ taͤt, in die er ſich muͤhſam gearbeitet hatte; denn ſeine wahre Seelenſtimmung war eine tiefe Weh⸗ muth uͤber die verloren gegangene Leber. „Nun ja doch, mit Vergnugen Herr Haupt⸗ mann, meinetwegen Herr Major von Schmalgau. Gehen Sie nur; es daͤmmert bereits und das Jagdhaus hat keine Schlafſtaͤtte fuͤr Sie.“ „Du haſt doch ein gutes Herz, Veltig,“ ſprach der Hauptmann jetzt weich und ſanft mit verklaͤrtem Antlitz,„denn Du haſt mir meine Titel und Wuͤrden gegeben. Ich weiß ja, Du zeigteſt Dich mir immer als ein guter Bube, als Du des Hoͤchſtſeligen Herrn Herzogs Durchlaucht Lauf⸗ burſch warſt und ich eine Pagenſtelle an Hoͤchſt⸗ dero Hofe bekleidete. Ich habe Dich ſtets lieb ge⸗ habt und den Andern vorgezogen, Dir auch manche Gefaͤlligkeit erwieſen, von der ich wollte, Du hät⸗ teſt ſie nicht ſo bald vergeſſen.“ 158 Der Wirth ſchlug eine laute Lache auf und erwiederte:„Sie ſind ſehr ſpaßhaft, Herr Haupt⸗ mann, da Sie heute Tritte, Puͤffe, Ohrfeigen, Stockſchlaͤge und Schimpfworte aller Art mir als Liebesaͤußerungen und Gefälligkeiten einſchwaͤrzen wollen. Doch ich kann mich nicht allein dieſer Zärt⸗ lichkeiten von Ihnen ruͤhmen, wo waͤre eine buͤr⸗ gerliche Beſtie am Hofe geweſen, und ſollte es der unterſte Stallknecht geweſen ſein, die Sie nicht mit Ihrer handgreiflichen Neigung begluͤckt hätten; und war's denn nicht auch eine ſolche Liebeserwei⸗ ſung gegen einen Soldaten der Compagnie, deren Seconde⸗Lieutenant Sie waren, welche Ihnen einen ſo ehrenvollen Abſchied verſchaffte? Sie hatten die edle Menſchenfreundlichkeit gegen Ihre Untergebe⸗ nen aus dem Hofdienſt mit in den Militaͤrdienſt hinuͤber genommen.“ „Peſt und Hagelſchlag!“ fuhr der Hauptmann bitterboͤſe auf und raſſelte an der Scheide ſeines Sarras.„Das unterſteh' Dich nicht einmal zu ſagen, verfluchter Kneipier, ſonſt— „Verlaſſen Sie das Jagdhaus. Das ja eben was ich wuͤnſche.“ „Und ich werde Dir nun zum Aerger dablei⸗ 159 ben,“ ſagte Schmalgau trotzig.„Du kannſt mich nicht hinausgehen heißen; denn dies Haus gehort ja unſerm Durchlauchtigſten Herzog, meinem aller⸗ gnädigſten Gebieter und Herrn.“ „Sie haben Recht. Ich werde Sie auch gar nicht zu vertreiben ſuchen. Sehen Sie zu, wie die uͤbrigen Gaͤſte, welche heut Abend noch eintref⸗ fen werden, ſpeiſen und dann zu Bette gehen. Den Duft der Gerichte ſollen Sie umſonſt haben, weiter nichts, eine Schlafſtelle auf Stroh in der Hausflur dazu. Weiter nichts. Baſta!“ Damit ging der ungefallige hartherzige Wirth, welcher von allen Leuten, die ihn kannten, gerade als das Gegentheil deſſen geprieſen wurde, als was er ſich eben dem armen Edelmanne gezeigt hatte. Dem vernichteten Schmalgau hatte ein ein⸗ ziges von des Wirths letzten Worten ſeinen vori⸗ gen Muth wieder gegeben, namlich das Speiſen der noch anlangenden Gaͤſte. Ein kuͤhner romanti— ſcher Gedanke war ihm durch den Kopf gefahren; er ſpann ſich denſelben wohlgefällig aus, indem er den bellenden Magen mit gewaltiger Willenskraft zur Ruhe verwies, wieder wie vorhin klirrenden Schritts durch das große Zimmer ging, mit der 160 Reitgerte in die Luft hieb und, das von ſeinem Gedanken begeiſterte Geſicht zu anmuthigem Lächeln verziehend, den Deſſauer Marſch pfiff. Plotzlich eilte er an das in den Hof fuͤhrende Fenſter, und rief mit gewohnter Stentor⸗Stimme:„Johann! Johann, wo biſt Du?“ „Was befehlen Eure Gnaden?“ rief der treue Knecht, ſogleich aus dem Stalle eilend. „Komm' geſchwind herauf, Haͤnſel, ich habe Dir etwas hoͤchſt Wichtiges ganz ſchnell zu ſagen.“ Der Reitknecht war ſchon auf dem Weg und ſtand bald ehrerbietig an der Thuͤre, den Hut vor den Bauch haltend. Der Hauptmann war zu ſehr mit ſeiner Idee beſchaftigt, als daß er häͤtte bemerken koͤnnen, wie Johann beide Backen voll hatte und verſtohlen kaute. „Sieh, Haͤnſel,“ begann der Hauptmann, „wenn die Komoͤdianten etwas recht gut machen wollen, da lernen ſie's erſt auswendig und probi⸗ ren's zu Hauſe mit der Frau oder der Magd. Nachher geht's praͤchtig in der Komödie. So wil ich's auch machen, Haͤnſel.“ „Behuͤt's Gott! Eure Gnaden wollen ein Komoͤdiant werden. Das ſind ja lebendige Teu⸗ 161 felsbraten, wie die gnaͤdige Frau Mama immer ſagte. Ach ich hab' wohl ein gutes Gedachtniß.“ „Einen vernagelten Kopf haſt Du. Ich will ia kein Komoͤdiant werden, Haͤnſel. Die Lalage heirath' ich, dabei bleibt's. Aber ich will erſt und zwar jetzt gleich mit Dir probiren, was ich dem ſchoͤnen Kinde ſagen will, damit ich's nachher, wenn ſie kommt, huͤbſch weiß und nicht in der Rede ſtecken bleibe. Zu Soldaten hab' ich wohl Stun⸗ denlang wie ein Cicero geſprochen, eh's in die Schlacht ging, und ſie zu Muth und Tapferkeit an⸗ gefeuert, daß ſie wie blind ins Feuer gingen, und mancher iſt durch mich zum Helden geworden; aber zu einem Frauenzimmer ſprach ich noch nie ſo lange und zuſammenhaͤngend, als hier nöthig ſein wird. Drum friſch alſo ans Werk nach Soldaten⸗ art! Scheer' Dich dort an den Tiſch, Haͤnſel. Du ſtellſt die ſchöne Lalage vor, welche eben angekom⸗ men iſt. Ich eile auf die Holde zu, ſie zu begruͤ⸗ ßen und ihr eine zartliche Liebeserklaͤrung zu ma⸗ chen. Merk's, Schlingel, daß Du die Lalage biſt.“ „Ja wohl, Eure Gnaden, wie Sie befehlen, ich will's merken. Ich bin die ſchone Lalage, die Sie heirathen werden.“ 14 162 Schmalgau verfuͤgte ſich nun vor den Spie⸗ gel, um ſeinen Mienen den zu den Worten paſſen⸗ den Ausdruck zu geben. Unterdeſſen waren draußen ein Paar flinke junge Reiter angelangt, hatten ſich von den Pfer⸗ den geworfen und die Hausflur erreicht, wo ſie aus dem honetten Gaſtzimmer eine ihnen bekannte Stimme erſchallen hoͤrten. Sie winkten ſich einan⸗ der zu, traten leiſe auf und guckten mit den Koͤ⸗ pfen durch die von Johann offengelaſſene Thuͤre ins Zimmer. Der Liebesritter war noch vor dem Spiegel beſchäftigt, doch eben eilte er auf den ver⸗ dutzten Reitknecht zu und fragte: „Seh' ich ſo recht ſchmachtend aus, Haͤnſel?“ „Sehr ſchmachtend,“ verſetzte dieſer trocken; man ſieht's Eure Gnaden wahrhaftig deutlich an, daß Sie den ganzen Tag noch nichts geſpeiſt ha⸗ ben.“ „Dummkopf! Doch nein, Du haſt Recht, Haͤnſel. Das gibt mir einen melancholiſchen Air, als hätte mir der Liebesgram recht mitgeſpielt, und die Leichtigkeit meines Magens gibt meinen Bewe⸗ gungen eine gewiſſe Aifance und Grazie, einen un⸗ widerſtehlichen Liebreiz, den ſie bei vollem Magen — —— —— 163 unmoͤglich hätten erlangen können. Ich ſehe ein, es traͤgt Alles, ſogar unwillkuhrlich, zu meinem Gluͤcke bei, ſelbſt dieſer ſcheinbare Unfall. Nun nimm Dich zuſammen, Haͤnſel; ich beginne!“ Hierauf machte er drei geckenhafte Kratzfuße, grinſte, bot mit uͤbertriebener Ziererei dem Damen⸗ figuranten ſeine Fingerſpitzen, nahm des Reitknechts toͤlpiſche Hand, druͤckte einen zärtlichen Kuß dar⸗ auf und ſagte ſo ſuͤß und weich, als er vermochte: „Mein holder Engel, reizende, bewundernswuͤrdige, mit hohen Tugenden ausgeſtattete Lalage, belieben Sie nur einen Strahl aus den Sonnen Ihrer Aeugelein auf mich armen Schmachtenden zu wer⸗ fen, damit Sie ſehen und ſich uͤberzeugen, wie ich in Liebespein vergehe und mich aufloͤſe in ſuͤßer Qual. O Lalage, wende Dein ſchaamroͤthliches Antlitz nicht weg! Grauſame, morde mich nicht mit Gleichgultigkeit. Erlaube, daß ich Dir von meiner unbaͤndigen Liebesglut etwas vorſtammle. Laß meine unvorbereitete Rede in die Tulpenkelche Deiner Hoͤrorgane dringen und dann widerſtehe länger, wenn Du's vermagſt. Ja Lalage, ich liebe Dich zum Raſendwerden!—— Aber, Schurke, was haͤltſt Du denn Deinen Hut vor die Phyſio⸗ 14* 164 gnomie?“ unterbrach ſich der Hauptmann ylotzlich ſelbſt, aus dem feinſten in den groͤbſten Ton fal⸗ lend und die Dame ſeines Herzens andonnernd, welche als breitſchultriger Reitknecht wirklich den abgeſchabten alten Filz, mit einer Borte, die einſt einer goldenen aͤhnlich geſehen hatte, vor das Ge⸗ ſicht hielt. Johann rief hinter dem Hute, als ein guter Schauſpieler, der ſich durch keinen Unfall aus ſeiner Rolle bringen laͤßt:„Ich ſchaͤme mich, Ew. Gnaden; deshalb deck' ich mir die Larve zu.“ Aber dieſer Ton klang ſo wunderlich, daß Schmalgau, von einer Ahnung ergriffen, auf den ſchaamhaftigen Knecht losſtuͤrzte und ihm den Hut wegriß. Die Ahnung hatte nicht gelogen. Johann kaute und mit dem Hute fiel ein Stuͤck Schinken und ein Schnitt Weißbrot in das Zimmer.„Ha Böſewicht!“ kreiſchte Schmalgau und faßte wie ein hungriger Hund den Schinken, aber Johann war ſchnell reſolvirt, raffte das Brot auf, riß dem gnaͤdigen Herrn den Schinken wieder aus den Zaͤh⸗ nen— denn wirklich hatte er ſie ſchon einge⸗ ſetzt— und ſuchte die Thuͤre zu gewinnen. Aber Schmalgau war aus vollem Halſe fluchend und ſchreiend eben ſo ſchnell hinter ihm her und ſicher⸗ —eee 165 lich wurden ſie Hausflur und Hof alſo durchſtuͤrmt haben, waͤre Johann nicht vor den einen der Lau⸗ ſcher geprallt, welche ſich nun nicht laͤnger Gewalt anthaten, ſondern ihrer bis aufs Aeußerſte geſtei⸗ gerten Lachluſt freien Lauf ließen. Waͤhrend der Hauptmann nun verdutzt zuruͤckfuhr und in den Bart murmelte:„Potz Granaten und Haubitzen! die verfluchten Studenten!“ machte ſich Johann mit Schinken und Brot aus dem Staube, und die beiden jungen luſtigen Herrn, ohne Unterbrechung lachend, nahmen Beſitz vom Zimmer, ja der eine ſtuͤrzte auf das Sopha und waͤlzte ſich darauf, nicht anders als muͤßt' er erſticken. Dem erſchro⸗ ckenen Schmalgau wurde dadurch Zeit, ſich zu ſam⸗ meln; er ſchuͤttelte die Verlegenheit ab, warf ſich in die Bruſt, burſtete Haar und Schnauzbart, raf⸗ ſelte mit dem Säbel und ſchritt gleich einem geruͤ⸗ ſteten Dragoner ſchwer und duſter, wie eine un⸗ heilſchwangere Wetterwolke, an das Sopha heran. „Meine Herrn,“ begann er martialiſch,„Ihr Lachen beleidigt mich. Erklaͤren Sie ſich naͤher dar⸗ uͤber!“ Die Angeredeten konnten aber vor La⸗ chen noch immer kein Wort reden und mußten des⸗ halb die verlangte Erklaͤrung ſchuldig bleiben. 166 Dem Hauptmann ſchwoll der Kamm noch mehr, ſeine Herzhaftigkeit wuchs und er donnerte:„Ich muß mir auf der Stelle Satisfaction ausbitten, oder Sie beide fuͤr Hundsfotte erklaͤren.“ Da ſprang der Eine auf, ein hoher, kraͤftiger, junger Mann, mit einem bluͤhenden Geſichte, einem dunkeln ſte⸗ chenden Auge, kaſtanienbraunem Lockenhaar, und rief ſeinem auf dem Sopha lachenden Begleiter zu:„Nein Roſer, nun wird's Ernſt! Das duͤrfen wir nicht hingehen laſſen.“ Und ſofort wandte er ſich mit Anſtand und Wuͤrde in Rede und Hal⸗ tung zum Hauptmann:„Mein Herr, wir ſind be⸗ reit, Ihnen jedwede Satisfaction zu geben, die man mit der Waffe in der Hand zu geben pflegt. Aber obgleich uns Ihr Kleid verbuͤrgen ſollte, daß wir mit einem duellfahigen Manne zu thun haben, ſo werden Sie uns erlauben, ruͤckſichtlich deſſen, was wir ſo eben geſehen und gehoͤrt haben, ei⸗ nige beſcheidene Zweifel zu aͤußern, bis Sie ſich uns als Cavallier ausgewieſen haben.“ „Pompen und Granaten! Ich kein Cavallier, das iſt zu arg! Herr, danken Sie Gott, daß ich ſo großmuͤthig bin, Ihnen nicht gleich den Kopf zu ſpalten.“ Neues Gelaͤchter der Studenten, wuͤthendes Toben und Degengeraſſel des Hauptmanns ruft alles Volk aus dem Hauſe vor der Thuͤre des Zimmers zuſammen; ſchallendes Gelaͤchter erfullt die Hausflur, Jedermann vergnuͤgt ſich an dem Schauſpiele. Der andere Student, ein kleiner net⸗ ter Menſch mit blonden Haaren und recht treuen freundlichen Augen, hatte unterdeſſen ſeiner Lachluſt ein Genuge gethan, und erzählte der ſchonen Wirthin an der Thuͤre die Scene zwiſchen dem Hauptmann und dem Reitknecht. Dieſe theilte die poſſirliche Geſchichte ihrem Manne, den Kellnern, den Gäſten mit; des unbändigen Lachens wollte kein Ende nehmen. Schmalgau rannte wie toll um⸗ her. Als er den Wirth in dem Volkshaufen er⸗ blickte, ſtuͤrmte er auf ihn zu und rief:„Veltig, bezeuge mir gleich hier, wer ich bin.“ „Meine Herren,“ ſagte der Wirth mit einer komiſchen Verbeugung und ſchelmiſch laͤchelnd, „'s iſt der Herr Hauptmann von Schmalgau außer Dienſt.“ „Sind Sie damit zufrieden?“ „Wir ſind's. Beſtimmen ſie Waffen, Zeit und Ort,“ ſagte der Braunlockige ruhig. 168 „Waffe? Hier iſt mein Degen! Zeit? Jetzt gleich! Ort? Hier iſt der Ort!“ „Aber wir haben keine ſolche Degen. Wir haben gar keine bei uns. Es fehlen Se⸗ cundanten.“ „Ausfluͤchte! Feige Ausfluͤchte!“ rief der Hauptmann bramarbaſirend und marſchirte, ſich den Schnauzbart buͤrſtend, durch das Zimmer. „Aber es gehoͤrt doch zum Duell, daß wir auch bewaffnet ſind.“ „Hilft Alles nichts! Feige Ausfluͤchte!“ „Sie ſind ein unverſchaͤmter Wicht.“ „Pompen und Haubitzen! Ich mach' Dich zu einer Leiche, Burſche.“ „Halt!“ rief der Wirth zwiſchen den a benden Laͤrm.„Da kann ich Rath ſchaffen. Ich habe gerade ſo einen Sarras, habe auch ein Paar Rapiere zum Secundiren, hier ſteht unſers Her⸗ zogs Leibjager, der wird Herrn von Schmalgau gern ſecundiren, er iſt ein guter Fechter.“ „Mit Vergnuͤgen!“ ſagte der Jäger. „Und ich ſchlage meine Klinge auch noch paſ⸗ ſable,“ fuhr der Wirth fort,„deshalb biet' ich mei⸗ nen Dienſt dieſen Herrn an.“ 169 „Nun ſo waͤre ja die Sache abgemacht,“ ſagte der kleine Student. Willſt Du zuerſt losgehen, Burg?“ „So ſei's, lieber Roſer! Ich denke, ich werde Dir die Muͤhe erſparen. Doch erſt wollen wir ein Paar Flaſchen guten Rheinfall trinken. Kell⸗ ner! Alten Ruͤdesheimer und einen ſchmackhaften Imbiß! Aber ſchnell, denn der Abend kommt mit Macht und wir haben heute noch mehr vor.“ Nach wenig Augenblicken ſtand das Verlangte auf dem Tiſche. Des Hauptmanns Blicke tauch⸗ ten in den hellperlenden Wein„ und konnten nicht anders loskommen aus dem koͤſtlichen Bade, als wenn ſie auf die pommerſchen Gaͤnſebruſte ſpran⸗ gen, von welchen die Studenten artige Biſſen ab⸗ ſchnitten. Unwillkuͤhrlich that er einen Schritt um den andern, bis er am Tiſche ſtand. „Ich glaube ſelbſt, meine Herren, es wird zu dunkel werden,“ begann er jetzt ſanftmuͤthig,„und da Sie, wie bemerkt, keine Waffen haben, und wir uns nicht auf die Geſchicklichkeit der Sekun⸗ danten verlaſſen koͤnnen, auch kein Arzt bei der Hand iſt, der, wenn eine gefäͤhrliche Verwundung vorfiele, huͤlfteiche Hand leiſtete, ſo daͤchte ich—“ 15 170 Eben trat der Wirth mit Saͤbel und Rapieren herein. Burg ergriff den erſtern, entbloͤßte ihn und hielt die blanke ſcharfgeſchliffene Waffe mit den Worten:„Ausfluͤchte! nichts als feige Ausfluͤchte!“ dem Hauptmann unter die Naſe.„Sie haben Waffe, Zeit und Ort beſtimmt. Arzt bin ich ſelbſt, und eben nicht der ungeſchickteſte Wundarzt, und habe mir bei vielen Duellen eine tuͤchtige Praris erworben. Wollen Sie's nicht glauben, ſo ſollen Sie mein Doktordiplom ſehen. Schenk' ein, Ro⸗ ſer! Wir werden gleich fertig ſein.“ „Wo iſt denn mein Johann?“ fragte der Hauptmann.„Er ſoll mir meinen Saͤbel ein bis⸗ chen ſchleifen.“ Und damit ging er zur Thuͤre hinaus. Der Wein war getrunken, die Gaͤnſebruſt ver⸗ zehrt, der Abend war da, aber der Hauptmann nicht. Wirth und Kellner ſuchten ihn im ganzen Hauſe, er war nicht zu finden. Unter Spott- und Hohngelaͤchter ging die ganze Verſammlung aus⸗ einander, und Roſer, Burg und der Wirth blieben allein zuruͤck. „Wer iſt der Schuft?“ fragte Burg. „Ein blutarmer Tagedieb,“ verſetzte der Wirth. 171 „Sein Vater brachte ein großes Vermoͤgen durch, und hinterließ der Wittwe und dieſem Sproͤßling nichts als den freien Sitz auf einem Ganerbe. Aber weiter haben ſie auch nichts an dem Gute zu fordern, als die Wohnung, alles Uebrige gehoͤrt den Agnaten. Dieſer Burſche wurde vom verſtorbenen Perzog zum Pagen angenommen. Der jetzige ſteckte ihn als Unter⸗Lieutenant unter die Soldaten. Er betrug ſich uͤberall dumm und brutal, tractirte ei⸗ nen Soldaten viehiſch und erhielt den Abſchied ohne Penſion, auf ſein ſubmiſſes Anſuchen ſpaͤter den Hauptmannstitel und die Erlaubniß die Uni⸗ form tragen zu duͤrfen, die er ſich aber natuͤrlich ſelbſt kaufen muß. Die Mutter lebt von Unter⸗ ſtutzungen reicher adliger Familien des Landes, und dieſer Taugenichts laͤßt ſich von ihr ernaͤhren. Nun wie ich von Ihnen hoͤre, geht er auf Freiersfu⸗ ßen.“ Ha! ha!“ lachte Burg,„er hat geſtern Abend auf dem Badeballe einer Dame ſchon den Hof auf eine merkwuͤrdige Weiſe gemacht. Wahr⸗ lich ein koͤſtlicher Patron!“ „Sie werden heute Abend noch Gaͤſte bekom⸗ men, Herr Wirth,“ ſagte Roſer. 15* 172 „Ich weiß ſchon,“ verſetzte dieſer.„Der Herr Conrektor Buſch hat's mir geſtern ſchon ſagen laſ⸗ ſen, er werde bis hierher ein Paar aus dem Bade kommenden Damen, der Tochter und Schwaͤgerin des Rektor Simius, welche er vor acht Tagen ins Bad brachte, entgegen fahren. Auch hat er die Speiſen bereits beſtellt.“ „Da haſt Du vielleicht einen gefaͤhrlichern Ne⸗ benbuhler, als der Hauptmann iſt, Burg,“ ſagte Roſer. 5 „Ich fuͤrchte mich vor dem Unbekannten ſo we⸗ nig, wie vor dem Bekannten. Koͤnnen Sie es wohl möglich machen, Herr Wirth, daß wir mit den angeſagten Herrſchaften ſpeiſen?“ „Ich hoffe, es ſoll gehen. Der Conrektor iſt ein höflicher Mann, und die Damen werden nichts dagegen haben.“* „Wir kennen ſie ſchon.“ „Deſto beſſer, ich werde das Meinige thun.“ Der Wirth entfernte ſich, und die beiden Freunde waren allein. „Aber Freund, was gedenken wir nun ſo ei⸗ gentlich anzufangen?“ ſagte der kleine Roſer.„Der 173 gelehrte Conrektor iſt unſern verliebten Plaͤnen ein neues unerwartetes Hinderniß.“ Was anfangen?“ verſetzte Burg heftig.„Pro⸗ ſaiſche Frage einer proſaiſchen Natur! Was will der Menſch anfangen, wenn er mit wonnezagender Erwartung vor dem Vorhange ſteht, hinter wel⸗ chem die Fuͤlle irdiſcher Seligkeit oder die ſchaale auf Lebensgluͤck verzichtende Autagsgewöhnlichkeit auf ihn lauern? Hinter welchem ſeiner vielleicht de Hebe mit dem Göͤttertrank wartet, damit er ſich Unſterblichkeit aus der Schaale trinke, oder die aſchgraue Wirklichkeit, die das Anathema der Ver⸗ nichtung und Vergeſſenheit uͤber ihn ausſpricht? Mit kuͤhner Hand ſoll er den Schleier heben, mit muthigem ſchauen, was die ewig rollenden Looſe ihm beſtinmt, und dann handeln. Iſt Entſagung mein Loos, ſo werd' ich mich nicht in gedankenloſem Hinbruͤten und unnuͤtzen Klagen uͤber mein Schickſal verkuͤmmern. Ich werde mannlich ertragen. Winkt mir Gewaͤhrung, dann will ich ſchwelgen in meinem Gluͤcke, wie ein Gott.“ „Du biſt ſeit geſtern Abend zum Poeten ge⸗ worden, liebſter Burg,“ lachte der Andere ſchel⸗ 174 miſch.„Ich werde bei unſrer hoffnungsvollen Ju⸗ gend Subſcribenten auf deine Erotica ſammeln. Es wird einen artigen Band geben. Aber wie iſt mir denn? Haſt Du denn nicht ſchon geſtern Abend, und wenn ich nicht irre, in der ſchauerli⸗ chen, allen Poeten und poetiſchen Unternehmungen hoͤchſt guͤnſtigen Mitternachtsſtunde, an jenem ver⸗ haͤngnißvollen Vorhange, der das große aͤußerſt wichtige Geheimniß Deines Lebens verſchleiert, mit keckem Finger gezupft? Haſt Du nicht ein Zipfel⸗ chen aufgehoben und neugierig dahinter geguckt? Haſt Du nicht das freundliche, neckiſche Maͤdchen, die niedliche loſe Lalage, ſo ſchoͤn, ſo verliebt, fo zauberiſch natuͤrlich, wie die Geliebte des guten Horaz nimmermehr geweſen ſein kann, haſt Du dies irdiſche Englein nicht hinter dem dicken Vor⸗ hange ſtehen und Dir winken ſehen? Bot ſie Dir nicht das Roſenmuͤndlein zum braͤutlichen Kuß? Deutete ſie nicht auf den Altar, der ihr zur Seite ſtand? Gewahrteſt Du nicht im nebligen Hinter⸗ grunde ein ſtattliches Ehebett und eine wunder⸗ ſchoͤne Wiege? Ha! und Du zagſt noch vor dem ſchrecklichen Vorhange. Nimm ihn heut Abend nur v getroſt hinweg, er verbirgt Dir nichts Arges. Ein 175 Tag, wie der heutige war, aͤndert nichts in der Stellung ſolcher Sterne.“ „Du biſt ein Spoͤtter,“ ſagte Burg,„aber ein ſehr angenehmer. Ich muß Dir recht geben, Lalage iſt ſchon ſo gut als mein. Ich kam, ſah und ſiegte. Zwar floß das ſuͤße Geſtaͤndniß ihrer Liebe zu mir noch nicht von ihren Lippen, aber hab' ich es nicht in ihren Augen geleſen? Fluͤſterte ſie mir nicht beim Scheiden zu, daß ſie dieſe Nacht hier auf dem Jagdhauſe bleiben wuͤrde? Iſt das etwas anders als ein Liebesgeſtaͤndniß? Drum friſch die Bahn verfolgt, eh' ein Andrer in die Schranken tritt!“ „Dein Eifer iſt hoͤchſt loͤblich; denn wenn bei manchen Maͤdchen Zeit und Stunde gekommen iſt, dann nehmen ſie, was ihnen eben im Wurf kommt. Und ich bin feſt uͤberzeugt, Lalage's Stunde ſchlug geſtern Abend auf dem glaͤnzenden Balle. Ich hab' es ihr angeſehn und muß es als Pſycholog wiſ⸗ ſen. Da heißt's nun, wer zuerſt kommt, muͤhlt zu⸗ erſt. Der lumpige Hauptmann, der huͤndiſch um ſie herum wedelte, konnte Dir nicht ſchaden, aber heute vermoͤchte es vielleicht ein Andrer. Wie ge⸗ ſagt, Zeit und Stunde!— Weißt Du abet auch, 176 daß die Tante ein allerliebſtes Weibchen iſt. Vier und zwanzig Jahre und ſchon Wittwe! Iſt's nicht ſchade um das junge Blut?“ „Still, ich hoͤre einen Wagen raſſeln!“ Burg eilte an das Fenſter.„Ein großer ſchoͤner Reiſe⸗ wagen. Er haͤlt, Roſer, ſie find's! Lalage, das himmliſche Kind, naht. Mein Herz pocht mir, wie ein Hammer!“ Roſer ſtellte ſich in die Mitte des Zimmers und deklamirte mit komiſchem Pathos, waͤhrend ſchon Tritte und Stimmen der dem Zimmer nahen⸗ den Frauen hoͤrbar wurden: „FPone me pigris ubi nulla eampis Arbor aestiva recreatur aura, Quod latus mundi nebulae malusque luppiter urget; Pone sub curru nimium propinqui Solis, in terra domibus negata: Dulce ridentem Lalagen amabo, Dulce loquentem*).“ * und wär' ich an den Pol verſchlagen, Wo nie ein Lenzhauch die Natur 177 Die Thuͤre wurde von dem dienſtfertigen Kell⸗ ner weit aufgethan, und herein huͤpfte ein roſenwan⸗ giges munteres Maͤdchen, von hoͤchſt angenehmer Geſtalt, ihr nach ſchritt gemächlich eine etwas zut genaͤhrte Frau, jung und einnehmend. Der Kell⸗ ner ſtuͤrzte mit drei Lichtern in jeder Hand hinter her, das Zimmer wurde hell und die Geſellſchaft erkannte ſich gegenſeitig. „Ah, Sie auch hier, meine Herren?“ rief die jungere bewegliche Dame, fich hoͤchlichſt erſtaunt anſtellend.„Das iſt ja ganz herrlich, daß Sie auch nach der Reſidenz reiſen und mit uns zu glei⸗ cher Zeit auf dem ſchoͤnen Jagdhauſe uͤbernachten. Ich habe der Tante ſchon die Ohren voll gejam⸗ mert, daß ich dieſen Abend rechte Langeweile haben wuͤrde; denn der Conrektor ſpricht ja doch nicht Erwärmt, nur kahle Wipfel ragen, Ein ew'ger Nebel deckt die Flur; Wär' ich verbannt, wo Glut der Sonne Den Obdachloſen brennt; auch dort Iſt Lalage noch meine Wonne, Ihr Lächeln hold und hold ihr Wort! Horatius Oden 1, 22. Nach der uebertragung von E. Günther. 178 mit mir. Nun iſt der Noth gleich abgeholfen. Ich ſehe, daß mich der Himmel nicht vergißt. Wir plaudern nun eins zuſammen vom geſtrigen Ball, den Badegaͤſten, dem Herrn Hauptmann von Schmalgau, Neuem und Altem. Sie waren oh⸗ nedies geſtern auf und davon wie gottloſe Voͤgel, ohne uns einen Gutenachtgruß oder ein Abſchieds⸗ woͤrtchen zu ſagen. Das war nicht fein von Ih⸗ nen, meine Herren. Eine neue Damenbekanntſchaft muß man nicht ſo ſchnell wieder mir nichts dir nichts vernachlaͤſſigen. Laſſen Sie uns armen Weibern doch wenigſtens den Glauben, daß wir Ihnen etwas werth ſind, ein Paar Wochen oder auch nur Tage. Und Sie laufen uns geſtern ſchon wieder davon. Dafuͤr ſollen Sie dieſen Abend buͤßen.— Aber, mein Gott!“ unterbrach ſie jetzt ploͤtzlich ſelbſt den luſtig ſtroͤmenden Fluß ihrer Rede,„wo iſt denn der Conrektor? Tantchen, der Conrektor iſt ja nicht da?“ Die Tante hatte ſich nach einem etwas ver⸗ drießlichen Knix mit ihren Schachteln und Kiſtchen beſchaͤftigt, welche ihr die mitreiſende Magd, pyra⸗ midaliſch aufgethurmt„nachgetragen; ſie befahl ein Glas Waſſer und klagte ſehr uͤber die allzugroße 179 Schwuͤle. Jetzt von Lalage angeredet, fragte ſie den eben hereintretenden und die Damen hoͤflichſt begruͤßenden Wirth, ob der Herr Conrektor noch nicht angelangt ſei. „Derſelbe hat mir zwar geſtern ſchon ſein bal⸗ diges Eintreffen auf dem Jagdhauſe anmelden laſ⸗ ſen,“ verſetzte der Wirth,„aber bis jetzt habe ich noch nichts von ihm geſehen und gehoͤrt, und ſchon wird's merklich dunkel draußen.“ „Mein Gott und Herr! Es wird ihm doch nichts zugeſtoßen ſein. Ach, meine ahnende Seele! Der Himmel haͤngt voll ſchwarzer unheilvoller Wolken. Sollte ihn ſein Verhaͤngniß erfaßt ha⸗ ben? Schrecklicher Gedanke, das bluͤhende Leben des wuͤrdigen Mannes zum kalten farbloſen Tod erſchlafft! O meine Angſt am ganzen Tage!“ „O denken Sie doch nicht gleich das Aergſte, beſte Frau,“ troͤſtete der Wirth.„Von der Reſi⸗ denz bis hierher begegnet ſo leicht nicht jemandem Mord und Tod. Und den Hals wird er auch nicht in der Kutſche gebrochen haben. Das muͤßte ſon⸗ derbar zugehen. Er wird ein bischen ſpaͤt wegge⸗ ſahren ſein, hat noch Geſchaͤfte abzumachen gehabt, nun iſt ihm die Nacht uber hergekommen, und er 180 mird noch ein Stuͤndchen warten, da geht der Mond auf. Punkt zehn iſt er gewiß hier.“ „Der Mond geht auf?“ fragte Frau Scheller mit einem Tone von Ueberraſchung und Ruͤhrung, und ihre ſchoͤnen ſchwimmenden Augen ſandten ſehnſuͤchtige Blicke durch das Fenſter an den dun⸗ keln ſternenleeren Himmel.„O es muß ein himm⸗ liſches Wonnegefuͤhl gewaͤhren, mit einer gleichge⸗ ſtimmten Seele im Mondlichte durch die dunkeln Laubgaͤnge des Parks hier oben auf der herrlichen Hoͤhe zu ſchweben,“ fuhr ſie fort,„zumal wenn der ſilberleuchtende Kahn uͤber ein ſolch wildempoͤr⸗ tes Wolkenmeer ſchifft und durch die zerriſſenen ſchwarzen Schleier ſeinen ruhigen Glanz ausgießt, der wie oben durch Wolken, unten durch Laubda⸗ cher und Hecken bricht, und dem ihn begruͤßenden Auge Thraͤnen ſuͤßer Wehmuth entlockt.“ „Ja, Verehrteſte,“ fuhr in denſelben Ton einſtimmend Roſer fort, der ſich unterdeſſen auf Burgs Wink herangeſchlichen und das heimlichko⸗ ſende Paͤrchen verlaſſen hatte.„Wie vermoͤchten dieſe armen Laute und Worte unſerer unbehuͤlfli⸗ chen Sprache nur eine Ahnung jener uͤberirdiſchen Gefuͤhle zu geben, welche ein zartbeſaitetes Herz 181 * gleich Aeolsharfentoͤnen durchzittern, wenn es ſich umgeben ſieht von den ſüßgeahneten Geheimniſſen der ſchlummernden Natur. Da entbluͤht und ent⸗ faltet ſich eine andere wunderbare, zauberiſch aus⸗ geſchmuͤckte Welt, fuͤr die es keine Sprache gibt. Nur Toͤne vermoͤgen es auszuſprechen.“ „O Toͤne! Ja Toͤne! Aeolsharfentoͤne! Sie haben es wahrhaſft bezeichnet. Sie ſind auch ein Gleichgeſtimmter. Haͤtt' ich das ahnen koͤnnen!“ „Eine Aeolsharfe iſt gar nicht weit von hier,“ erinnerte jetzt der Wirth.„Wenn man den breiten Sandweg durch den Park links hinter dem Jagd⸗ hauſe verfolgt, gelangt man bald auf eine zweite Hoͤhe, dort ſteht ein kleiner Tempel, welchen der Herzog voriges Jahr erſt erbauen ließ. Die Pforte iſt nie verſchloſſen, ein Fenſter iſt nicht da, und der Thuͤr gegenuͤber in der Wand iſt eine lange Spalte, darin iſt die Harfe angebracht. Manch⸗ mal geht's recht ſchoͤn, wenn der Wind drinne mu⸗ ſicirt.“ „Eine Aeolsharfe in der Naͤhe!“ rief die „Scheller begeiſtert und ihr Auge glaͤnzte noch ein⸗ mal ſo hell, ihre Arme waren wie zu einer zaͤrtli⸗ chen Umarmung gehoben. Sie wollte weiter reden, 182 und der pfiffige Roſer hatte bereits alle Hoffnung geſchoͤpft, daß er's bei der jungen, ſchoͤnen und reichen Wittwe noch an ſelbigem Abend weit brin⸗ gen koͤnne, als draußen ein Wagen vorfuhr und gleich darauf der Kellner athemlos in das Zimmer ſtuͤrzend die Ankunft des Herrn Conrektor Buſch verkuͤndete. Lalage brach ſogleich die Unterhaltung mit Burg ab, legte den Finger auf den Mund, blickte ihn recht ſchelmiſch an, nickte vertraut und huͤpfte zur Thuͤre hinaus. Roſer und Burg ſetzten ſich im Hintergrund an den Tiſch, die Augen er⸗ wartungsvoll nach dem Eingange des Zimmers ge⸗ richtet. Gleich darauf ſchritt ein langer ſpindelduͤr⸗ rer Mann an Lalage's Seite herein. Auf ſeinem großen Kopfe zeigte ſich ſchon eine anſehnliche Glatze, ſeine aus dem gelben mageren Geſichte hervorquellenden matten Froſchaugen durchliefen ſchnell das ganze Zimmer, und als er die Studen⸗ ten erſpaͤht, nahmen ſeine Mienen etwas Verdrieß⸗ liches an. Ei die gute Tante hat ſchon Todesangſt um Sie ausgeſtanden. Verungluͤckt, todt hat ſie Sie. geglaubt, plauderte Lalage im Tone des zärtlichen Vorwurfs,„aber wo bleiben Sie auch nur? Wir 183 meinen nicht anders, als Sie warten ſchon ſeit zwei Stunden auf uns, empfangen uns am Wa⸗ gen, heben uns huͤbſch heraus, fuͤhren uns zur Suppe und bedienen uns comme il faut. Statt deſſen muͤſſen wir auf Sie warten und uns lang⸗ weilen.“ „Nun es hat ja nicht an junger Geſellſchaft gefehlt,“ ſagte der Conrektor mit einer hohlen tro⸗ ckenen Stimme und ließ den giftigen Blick von den Studenten auf die ſchoͤne Wittwe uberſpringen. „Fehlgeſchoſſen!“ rief Lalage.„Wir kennen die Herrn dort gar nicht; aber Ihnen zu Schmach, Qual und Schande geh' ich jetzt gleich hin, rede ſie an, mache ihre Bekanntſchaft; denn ich ſehe ſchon, Sie ſind mit ubler Laune gekommen.“ „Sie werden doch nicht, Lalage? Das wäre ja hoöchſt unſchicklich.“ „Ich gehe, wenn Sie der Tante nicht gleich beichten, wo Sie geblieben ſind. Ich mag's gar nicht hoͤren.“ „Ich hatte Abhaltungen,“ ſagte der Conrektor kurz zu Frau Scheller. „Abhaltungen. Haben Sie vielleicht am Land⸗ hauſe der Frau Kriegsraͤthin etwas zu lange ange⸗ 184 halten. O, wie Sie erſchrecken! Ich habe die wunde Stelle getroffen.“ „Welche ungerechte Eiferſuͤchtelei!“ rief der Conrektor, und ſtrich ſich verlegen die ſpaͤrlichen Haare uͤber die Glatze. „Nicht ungerechter als die Ihrige,“ verſetzte die Dame piquirt. „Ich ſehe ſchon,“ bemerkte Lalage,„ich werde dennoch die Bekanntſchaft der beiden jungen Herrn dort ſuchen muͤſſen.“ „O uͤber die Weiber!“ ſeufzte der Conrektor und hielt die Muthwillige beim Arme zuruͤck. „Hier in dieſem Zimmer, wo wir nicht allein ſind,“ fuhr er dann gelaſſener und mit einem bittenden Blick auf die Scheller geheftet fort,„kann ich mich unmoͤglich erpectoriren. Ich werde ſogleich ein ei⸗ genes Zimmer beſtellen.“ Er ging. Kaum hatte er den Ruͤcken gewendet, ſo waren die Studenten wie⸗ der bei der Hand. „Und ſollte nie meiner Seele das unſchaͤtzbare Gluͤck zu Theil werden,“ floͤtete Roſer,„mit der gleich geſchaffenen, nur noch zarter, weicher, weib⸗ lich bedingten Seele der liebenswurdigſten Frau, die ſie ſo ſchnell gefunden und erkannt, gewiß gelei⸗ 185 tet von geheimen Zuge der Sympathie, ſich einzu⸗ tauchen in das Meer hoͤherer edler Gefuͤhle und Empfindungen, in harmoniſchen Entzuͤckungen auf⸗ waͤrts zu ſchweben in des Himmels dunkelblaue unermeßne Räume?— Nie? Nie?“ Ein ſtrahlender, hochſt wohlwollender Blick aus den Augen der ſchoͤnen ſchwaͤrmeriſchen Wittwe traf den jungen Mann, welcher die Haͤnde gefaltet vor ihr ſtand und ſie mit ſchmachtenden Augen an⸗ ſchaute. „Auch in der Entſagung liegt ein unendlich ſußer Reiz. Sich finden, ſich erkennen und ſchei⸗ den, iſt das Loos der Sterblichen. Aber ihr un⸗ ſterblich Theil trennt ſich nicht mehr, wenn ver⸗ wandte Klaͤnge ſich daraus begruͤßt und in einan⸗ der verſchmolzen ſind. Sie ſind mir ſtets nahe, mein Herr. Nehmen Sie die Verſicherung, daß ich in den Abendſtunden Ihrer gedenken werde.“ Damit reichte ſie ihm die Hand, die er ſturmiſch ergriff, und mit dem Ausdrucke:„O ich namen⸗ los Gluͤcklicher!“ an ſeine Lippen druͤckte und ein Troͤpfchen Wein darauf fallen ließ, den er in Be⸗ reitſchaft gehalten, um ein kuͤnſtliches Thränchen weinen zu koͤnnen. 16 186 „Gehen Sie, Freund,“ ſagte ſie, von der Thräne ganz beſiegt,„ich höre die Stimme des Conrektors, wir ſprechen uns mehr.“ Auch Lalage flog von Burgs Seite, der lange innig und heimlich mit ihr geplaudert hatte. Der Conrektor trat herein, reichte den beiden Damen ſeine Arme, machte eine ſehr ſteife Verbeugung ge⸗ gen die beiden Freunde hin und verließ zum Leid⸗ weſen derſelben das Zimmer mit den Damen. „Freund, mein Gluͤcksſtern iſt mir aufgegan⸗ gen!“ rief Burg entzuckt.„Lalage iſt ein Engel! Sie liebt mich. Und da wir, eh' ich meine Ange⸗ legenheiten noch nicht in Ordnung gebracht, nicht hoffen duͤrfen, uns bald wieder zu ſehen, ſo hat ſie mir ein großes Opfer zugeſagt, deſſen Wichtigkeit ich fuͤhle und hochſchätze. Sie hat mir verſpro⸗ chen— denke Dir das unvergleichliche Maͤdchen! Wie fremd ihr alle falſche ekelhafte Ziererei iſt wie ſie dem Zuge ihres Herzens, der Stimme der rein⸗ ſten Natur folgt! Sie hat mir verſprochen, mit mir in dieſer warmen üppigen Sommermondnacht einen Spaziergang in den Park nach der Aeolsharfe zu machen. Das heißt aber unter der Bedingung, daß Du dabei biſt und ihre Magd, welche ihre Vertraute iſt und ihr ganz zu Willen lebt. Du wirſt Dich doch zur Begleitung Wi laſ⸗ ſen?“ „Bei Leibe nicht! Waͤhrend Du mit der Herrin Wort und Kuß tauſcheſt, werd' ich ja wohl mit der Dienerin, die auch noch nicht über die vier und zwanzig ſein kann, auch etwas an⸗ fangen koͤnnen.“ „Du biſt ein frivoler Menſch. Erſt entzuͤckt er die Tante durch hyperſentimentales Geſchwatz und nun will er gar der Magd den Hof machen. Du denkſt wohl, wir haͤtten Eure Unterhaltung nicht mit angehoͤrt; Lalage hat ſich in einen Fin⸗ ger gebiſſen, um nur nicht laut zu lachen.“ „Man muß die Feſte feiern, wie ſie fallen,“ verſetzte Roſer.„Uebrigens geſteh' ich Dir aufrich⸗ tig, die Frau gefällt mir ausnehmend wohl, und hätt' ich ſie nur erſt im Eheſtandskarren eingeſperrt, ich wollt' ihr die ſentimentale Mondſcheinsphan⸗ taſie ſchon vertreiben.“ „Du mußt wiſſen, daß Madame Scheller ein 3 artiges Vermogen beſitzt, wie mir Lalage b vertraut hat.“ „Nun vollends 1“ lachte Roſer laut auf.„Ich 188 bewerbe mich um eine Schulſtelle unter dem Rek⸗ tor Simius und werde Dein Oheim, Freund⸗ chen.“— „Nun auf unſere Onkelei!“ lachten ſie unmaͤ⸗ ßig. Sie ſtießen an und tranken, blieben noch ei⸗ nige Zeit im heitern Geſpraͤch beiſammen ſitzen und ſpeiſten froͤhlich; dann ſuchten ſie den Haus⸗ knecht auf und vermochten denſelben durch ein gutes Trinkgeld, die Hausthuͤre aufzulaſſen. Scheinbar gingen ſie zu Bette, um kein Aufſehen zu erregen. Der Hauptmann von Schmalgau hatte ſich in der Verzweifelung ſeines Herzens in einen abgele⸗ genen Winkel des Hofes verkrochen und alſo auch nichts von der Ankunft der Damen vernommen. Er hatte dort gute Zeit, ſich neue Luftſchloͤſſer zu bauen, und entſchloß ſich, morgendes Tags ohne weiteres den kurzeſten Weg zu ſeinem Ziele zu ge⸗ hen, naͤmlich in die Reſidenz zu reiten, beim Rek⸗ tor Simius abzuſteigen und um die einzige Toch⸗ ter, von deren Liebe und Zuſtimmung er uͤberzeugt war wie von ſeinem Leben, anzuhalten, des er⸗ ſtaunten und hoͤchſt geſchmeichelten Vaters freudi⸗ 189 ges Jawort zu erhalten und die Liebliche als Braut in ihrem eigenen Hauſe zu empfangen. Man ſagt, daß ein leerer Magen, ſobald ſeine heftig⸗ ſten Forderungen nicht befriedigt worden ſind, die gluhendſten und ſeltſamſten Phantaſiebilder erzeuge. Bei dem verſteckten Kriegshelden bewaͤhrte ſich dieſe pſychologiſche Wahrnehmung; denn er malte ſich die morgende Reiſe, das Erſtaunen des Rektors, den Jubel im Hauſe, wenn der Alte das Noͤthige erfahren, die angenehme Ueberraſchung Lalage's, das bräutliche Entzucken, mit welchem die Ver⸗ ſchämte an ſeine Bruſt ſinken wuͤrde, das gegenſeitige zaͤrtliche Umfaſſen, das Liebesgekoſe, die rauſchen⸗ den Kuͤſſe und Schwuͤre ewiger Liebe und Treue, die glaͤnzenden Gaſtmähler am Verlobungstage, ſeinem Stand und Range angemeſſen, die Freu⸗ den des Hochzeittags, o und gar die Wonnen der Hochzeitnacht, das Alles und noch mehr malte er ſich ſehr geſchaͤftig mit den brennendſten Farben aus, und ſchwelgte ſo allen Punger und Kummer vergeſ⸗ ſend in einem Strom von Entzuͤcken. Erſt als es ganz dunkel um ihn her geworden war, fiel er aus ſeinem ſtolzen Luftflug wieder auf die Erde herab. Sein Aufenthalt fing an, ihm unbequem zu wer⸗ 190 den, und ſogleich kam ihm auch wieder das Ver⸗ langen nach Speiſe und Trank an. Er fuͤhlte ſich in der Abſicht, ſeinen Reitknecht aufzuſuchen und ihm Brot und Schinken abzuzwingen, behutſam aus dem Winkel hervor, und ging von einem Stall zum andern. Da er aber nicht wagte laut zu werden, aus Furcht, er moͤchte ſich verrathen und von den fatalen Studenten gepeinigt werden, ſo fand er auch den Johann nicht. So war er denn auch der noch offen ſtehenden Hinterthuͤre des Hau⸗ ſes nahe gekommen, aus dem Fenſter daneben leuchtete helles Licht und ein ſuͤßer naſenkitzelnder Bratenduft, welcher den armen Schmalgau beinah um die Beſinnung gebracht haͤtte, quoll heraus. Es war das Kuͤchenfenſter. Ein maͤchtiger Zug trieb des Hauptmanns Schritte der Thüre zu; er konnte nicht widerſtehen. Leiſe wie ein Fuchs ſchlich er ins Haus, und da er aus der gleich vornan gelegenen Kuͤche Frauenſtimmen erſchallen hoͤrte, ſo druͤckte er ſich hinter die Thuͤre und lauſchte und lugte mit geſpanntem Aug' und Ohr durch die Klinſe. Es dauerte lange, eh die fuͤr die Gäſte beſtimmten Speiſen alle zubereitet waren, und dem Hauptmann ging einmal ums andere 191 die Ohnmacht nahe; aber er kaͤmpfte wie ein Held mit den gegen ſeine Naſe und Magen verſchwor⸗ nen in Heeresmacht anziehenden Duͤften, er hielt aus, ſtand eine Stunde im heftigſten Feuer und— ſiegte. Denn die Wirthin ſchickte die Magd mit Speiſen zu den Studenten, waͤhrend ſie ſelbſt die fur den Conrektor und die beiden Damen beſtimm⸗ ten Gerichte in das Zimmer derſelben trug. Jetzt war der fuͤr Schmalgau gunſtige Zeitpunkt gekom⸗ men. Jetzt galt's raſch und kuͤhn zu handeln. Und er handelte. Flugs war er hinter der Thuͤre hervor, hielt den Athem an ſich, machte ellen⸗ lange Schritte auf den Zehen in die Kuͤche, ſchaute mit gierigen Blicken um, gewahrte eine große Kalbskeule, erfaßte ſie, und ſtuͤrmte, ſie in den Luften ſchwingend, davon, wie Simſon mit dem Eſelskinnbacken. Aber nicht ſeine Feinde, die Studenten, wollte er damit erſchlagen, wie Sim⸗ ſon die Philiſter; ſie hatten Frieden vor ihm. Eine andere Luſt als die des befriedigten Rachege⸗ fuͤhls wollte er ſich bereiten, eine groößere, herr⸗ lichere, dem Menſchen und ſeinen Beduͤrfniſſen angemeßnere, er wollte— eſſen. In wilder Haſt war er aus dem Hofe geflohen: nun war 192 er in Sicherheit und athmete tief auf. Das Naͤchſte war nun, ſich ein Plätzchen zu ſuchen, wo er ungeſtoͤrt den Raub verzehren koͤnne. Der aufgegangene Mond brach eben hinter einem Wol⸗ kendamme hervor und zeigte dem umſchauenden Helden den großen Reiſewagen der Frau Scheller und die kleine offene Chaiſe des Conrektors. Schnell wie ein Blitzſtrahl zuckte ein großer Ge⸗ danke durch Schmalgau's Kopf; er wußte ohne⸗ dies nicht, wohin er in dieſer Nacht ſein Haupt betten ſollte; jetzt war mit einemmale zwei gro⸗ ßen Verlegenheiten abgeholfen. Er oͤffnete leiſe den Wagen und machte ſichs mit ſeinem Braten im weiten Bauche deſſelben auf den weichen Pol⸗ ſtern bald ſehr bequem. In Ermangelung eines Meſſers bediente er ſich der Zaͤhne zum Zertheilen des ſchmackhaften Fleiſches. Freilich ging es auf dieſe Art etwas langſam und die Maſſe machte ihm viel zu ſchaffen, deſto groͤßer war aber auch der Genuß; und unermuͤdet war er, den gut zuberei⸗ teten Braten, wie ein tuͤchtiger Bullenbeißer, zu tractiren. Ueber dieſer Arbeit haͤtte der Haupt⸗ mann die ganze Welt vergeſſen, waͤre nicht ein anderes Beduͤrfniß laut geworden und immer lau⸗ 193 ter, nämlich ein heftig quälender Durſt. Sein altadliger Geiſt war erfinderiſch geworden, er hatte die gute Speiſe der Genialitaͤt desſelben zu ver⸗ danken, und er verſuchte es die einmal thaͤtige Kraft von neuem in Bewegung zu ſetzen. Und: „Wer einmal Haſen gejagt, weiß wo ſie laufen!“ rief der Hauptmann vergnugt, ſchlug ein Schnipp⸗ chen und fiel, von der neuen Idee enragirt, uͤber die Wagentaſchen und die Sitzkaſten her, Alles eifrig durchſuchend. Und gleichſam als wollte ihn ein gerechter Himmel fuͤr die lang ertragene Ent⸗ behrung auf einmal reichlich entſchdigen, fand er wirklich, was ſeine bangahnende Seele geſucht hatte. So nimmt ſich ein guͤtiges Geſchick mit ſeltſamen Walten der Armen, Verlaſſenen und Verſtoßenen an und gibt ihnen reichlich, nicht Ruͤckſicht nehmend auf ihre Unwuͤrdigkeit, wie ein ſtrenger menſchlicher Sittenrichter, ſondern auf ihr Beduͤrfniß. Schmalgau fand im Kutſchenkaſten zwei ganze Flaſchen ſuͤßen Muskateller, die ſich Madame Scheller im Bade gekauft, um zu Hauſe dann und wann heimlich ein Schluͤckchen zu neh⸗ men. Wer war froher in dieſer ſtillen Mitter⸗ nachtsſtunde, als der eſſende und trinkende und 17 194 auf weichen Kiſſen ſeinen Leib pflegende Haupt⸗ mann? So wohl war ihm lange nicht geworden, und als der erſte Anlauf des fordernden Magens geſtillt war, nahm er ſich vor, recht langſam und behaglich zu genießen, um die Wonne ſo weit als moͤglich auszudehnen. Der Conrektor und Madame Scheller hatten noch etwas heimlich beſprochen, eh der erſtere den Damen eine gute Nacht wuͤnſchte und ſich auf ſeine Schlafkammer verfugte, welche auf der Haus⸗ flur an das Zimmer der Damen graͤnzte, aber durch keine Thuͤre mit demſelben verbunden war. Dort verhandelte er noch etwas mit dem Kellner. Die Magd, mit welcher Lalage bereits fertig ge⸗ worden war, kleidete die beiden Herrinnen aus, und ging dann, um, dem Vorgeben nach, ſich zum Lager der Hausmagd zu verfuͤgen, eigentlich aber, um in die Stube der Studenten zu gehen und denſel⸗ ben die herannahende Zeit des abenteuerlichen Spa⸗ ziergangs anzuſagen. Lalage ſtellte ſich ſehr ſchläͤf⸗ rig, die Tante ſchien es auch zu ſein, beide wuͤnſc⸗ ten ſich gaͤhnend angenehme Ruhe, beide vergruben 195 ſich, nachdem' das Licht geloſcht war, raſch in die Betten, die einander gegenuͤber ſtanden, beide lie⸗ ßen bald den ruhigen, gleichfoͤrmigen, langgezognen Athemton des Schlafes hoͤren. Lalage lag wie auf Kohlen, die Hitze marterte ſie furchtbar und doch wagte ſie nicht ſich zu bewegen. Sie drehte lang⸗ ſam den Kopf nach dem Bette der Tante zu. Der Mond ſchien zuweilen hell in das Zimmer, ſie ſah ſcharf hinüber und erſchrak nicht wenig, die offenen Augen der Tante auf ſich herſtarren zu ſehen. Doch bald uͤberredete ſie ſich„ihre Einbildungs⸗ kraft mache ihr etwas vor, man koͤnne, bei ſo ſpaͤr⸗ lichem ungewiſſen Licht, in ſolcher Entfernung, die Augen gar nicht erkennen, die Tante ſchlafe ja ſo ruhig und ſchnarche ſogar ein klein wenig. Doch die groͤßte Behutſamkeit war vor allen Dingen nuͤtze, und deshalb zauderte Lalage immer laͤnger und konnte doch nicht den Muth faſſen, ſich zu erheben und die naͤchtliche Wanderung anzutreten. Aber die Zeit verſtrich, das liebende Herz draͤngte, mit dem endlich gefundenen Geliebten vor dem Scheiden noch ein Paar Stunden zu verkoſen, und eben wollte ſie ſich ein Herz nehmen und nach den auf einem Stuhle neben dem Bette liegenden Klei⸗ 172 196 dern greifen, als ſich's gegenuͤber regte. Lalage ſah hin, und erſtaunte nicht wenig, als ſie die Tante ſich erheben und ganz leiſe und leicht ſich ankleiden ſah. Das Herz rumorte ihr gar gewaltig in der Bruſt; denn die Tante ſchlich auf den Zehen heran und horchte, ob ſie auch feſt ſchliefe, und da La⸗ lage ſich wie vom tieſſten Schlafe befangen an⸗ ſtellte, ſo ging Frau Scheller aus der nicht ver⸗ ſchloſſenen Thuͤre und lehnte dieſelbe hinter ſich an. Lalage war ganz Ohr. Und ſie vernahm zu ihrem wahren Schrecken gleich darauf ein leiſes Pochen daneben an der Thuͤre des Conrektors, dann wurde dieſe Thuͤre leiſe auf und wieder zugemacht. Nachdem ſich Lalage vom erſten und groͤßten Erſtaunen uͤber den naͤchtlichen Beſuch der ſittſamen Tante beim ebenſo tugendfeſten Conrektor einiger⸗ maßen erholt hatte, war ihr Entſchluß fertig. „Was brauch' ich mich noch laͤnger vor dieſen Heuchlern zu fuͤrchten und zu ſcheuen,“ dachte ſie, „hab' ich ſie doch im Sacke, und ſelbſt wenn ſie meine Liebe zu Burg und meinen Spaziergang ent⸗ decken, ſo duͤrfen die Suͤnder kein Woͤrtchen dar⸗ uͤber verlieren.“ Vergnuͤgt warf ſie ihre Roͤcke uͤber; eben langte auch die Magd an, beide verhuͤllten ſich und traten vor das Haus. Burg und Roſer warteten ſchon an der Ecke. Arm in Arm wandelten die Liebenden den Weg nach dem Waldtempel, und Entwuͤrfe fuͤr die Zukunft waren der Gegenſtand ihrer liebenden Unterhaltung. Roſer trabte neben⸗ her und gedachte der ſchoͤnen ſentimentalen Tante: wäre ſie an ſeiner Seite geweſen, er hätte ſie uͤber⸗ troffen in liebenswuͤrdiger Schwaͤrmerei. Da ſie des Wegs alle unkundig waren, ſo ge⸗ riethen ſie vom Ziele ab und irrten in den ver⸗ ſchlungenen Gaͤngen des weitlaufigen Parks, was ſie indeß wenig kuͤmmerte. Der Conrektor Buſch ſtudirte eben noch, hin⸗ ter dem Tiſche ſitzend, in einem dicken Werke uͤber die reine Matheſis, welches er auf ſeinen Reiſen mit ſich zu fuͤhren pflegte, um ſich die mußige Zeit damit zu vertreiben. Schon hatte er zu ſeiner un⸗ ausſprechlichen Freude einige ſchwierige Aufgaben geloͤſt, und war daher bei gutem Humor, als er das Pochen ſeiner Freundin an der Thuͤre vernahm. Da er ſich einmal feſt vorgenommen hatte, ſie mit 198 ihrem ſchoͤnen runden Suͤmmchen zu heirathen, und als ein Mann von Charakter ſein Ziel unverruckt in Augen behielt und muthig alle Hinderniſſe be⸗ kämpfend drauf los arbeitete„ſo brach er unver⸗ droſſen mitten in einer gut begonnenen Forſchung ab, ſtrich ſich die Haare uͤber den Kopf, ſetzte ſeine Sommermuͤtze darauf, und ging, um ſich in die hoͤchſt wunderliche Laune der Madame Scheller zu fugen. „Nun kommen Sie ſchnell, werther Freund,“ fluͤſterte ſie,„damit unſere heimliche Nachtfahrt nicht entdeckt wird. O iſt es nicht hoͤchſt roman⸗ tiſch, in der ſuͤßen Traulichkeit einer dufterfullten Sommernacht im Mondſcheine nach der Aeolsharfe zu wandern?“ „Es iſt hochſt romantiſch; Sie haben ſehr recht, Verehrteſte,“ verſetzte der Schulmann, in⸗ dem ſie den Waldweg nach der Hoͤhe einſchlugen. »Wiſſen Sie aber auch, woher das Wort roman⸗ tiſch ſeinen Urſprung hat? Ich will drauf wetten, das wiſſen Sie nicht, meine ſehr Werthe.“ „O ſehen Sie, wie der Mond mit Leichentuͤ⸗ chern umhaͤngt iſt! Er blickt zuͤrnend durch die zerriſſenen Trauergewaͤnder herab, wie der. bleiche Geiſt eines gefallenen großen Helden auf das blu⸗ tige, leichenbeſaͤte Schlachtfeld. Schaudern Sie nicht?“ „Das Wort romantiſch, ſag' ich Ihnen, hat ein ſonderbares Schickſal gehabt; denn ſein Ur⸗ ſprung iſt allerdings Roma. Ueber die Ableitung des Wortes Roma ſelbſt aber haben die Gelehrten aller Zeit viel Streitigkeiten gehabt. Die roͤmiſchen Philoſophen und Sprachforſcher waren ſelbſt nicht einig daruͤber.—“ „Welch tiefe Wehmuth uͤberkommt meine weiche Seele, wenn ich dieſen gruͤnen Wiederſchein der Blätter erblicke, dies bange ſehnſuchtige Fluͤſtern in den Buͤſchen, dieſe heimliche erwartungsvolle Stim⸗ me der Natur, dies Rauſchen und Lauſchen verneh⸗ me, die Ferne in graue Nebelſchleier, vom Golde des WMrondſtrahls durchwoben, gehuͤllt, das ganze große All von ſuͤßen Schauern durchrieſelt vor mir liegen ſehe, und ich bedenke, daß hinter all der zauberi⸗ ſchen Pracht und Fuͤlle hoͤchſten Lebens der Tod, die Vernichtung lauert, daß die Welt ein unerfuͤll⸗ bares Grab, die Natur ein ewig Leichengefild iſt? O laß mich den Schmerz ausweinen!“ „Aber hoͤren Sie doch, Beſte! Vernehmen 200 Sie doch gefaͤlligſt, eh Sie weiter ſprechen, die richtige Derivation des Wortes romantiſch, welches Sie ſtets zu gebrauchen belieben, ohne ſich gehoͤrige Rechenſchaſt davon geben zu koͤnnen. Man ſoll aber eben ſo wenig ein Wort, welches man nicht in aller Hinſicht ganz genau kennt, in ſeiner Con⸗ verſation gebrauchen, als eine Speiſe auf ſeinen Tiſch ſetzen und verzehren, von deren Urſprung und Zubereitungsart man nicht zuverlaͤſſig unterrich⸗ tet iſt.“ „Ich beſchwöre Sie, 3etzt zu ſchweigen; denn wir ſind dem Heiligthume nah, welches durch kein profanes Wort entweiht werden darf. Ha! Hoͤ⸗ ren Sie die Geiſter der Luͤſte ihren balſamiſchen Hauch ausgießen in die Saiten, mit denen ſie ſcherzen und buhlen und ihnen Zauberklaͤnge ent⸗ locken! Jetzt ſtürmen ſie gewaltig heran und es brauſt wie wilder Schlachtengeſang. Ja, das ſind Lieder wie ſie Oſſians todesmuthige Helden ſangen, wenn ſie einhertanzten auf den milchweißen Roſſen uͤber das Blachfeld zum Schlachtkampf und Schwert und Schild ſchwangen. Wie hebt ſich kuͤhn meine Bruſt! Ich moͤchte mit hinaus, mochte mit wa⸗ gen und wuͤrfeln in der Mitte der Helden. Doch nun?— Hören Sie! Der begeiſternde Sang iſt voruber, die trauernden Geiſter fahren nicht mehr wild und zornig einher, traurig klagend ſchmiegen ſie ſich an die Saiten. Wehe! wehe! Die Helden ſind gefallen, der Mond verbirgt erſchreckt ſein Antlitz, die ſanften melancholiſchen Grabgeſaͤnge er⸗ toͤnen; ſie werden mir das Herz brechen. Meine Thraͤnen ſtuͤrzen. Ich kann mich nicht faſſen!“ „Aber ich bitte Sie doch inſtandigſt, es zu thun, wenn Sie mich auch durchaus gar nicht hoͤ⸗ ren wollen. Der Mond hat ſich allerdings ver⸗ ſteckt, der ganze Himmel iſt ploͤtzlich wie mit einem großen ſchwarzen Regentuche uberhangen. Das iſt nicht anders, als haͤtt' es eben jetzt der Wind her⸗ geweht. Ich merkte es geſtern Abend ſchon, daß wir ein tuͤchtiges Gewitter bekommen wuͤrden z die . Schwuͤle war gar zu druͤckend. Sehen Sie ubri⸗ gens daraus, daß ich Ihnen die Erfuͤllung keines Ihrer Wuͤnſche, ſteht ſie anders in meinem Ver⸗ moͤgen, abzuſchlagen im Stande bin. Ich bin mit Ihnen gegangen, aber nun eilen Sie auch, daß wir wieder nach dem Jagdhauſe zuruͤckkommen, eh uns das Gewitter, welches ſtark im Anzuge iſt, bier in dieſem unwirthbaren Walde ubetraſcht. 202 Der Weg wird ohnedies wegen der eingetretenen Dunkelheit ſchwer zu finden ſein und große Vor⸗ ſicht erfordern.“ Dem in peinlicher Angſt ſich befindenden Con⸗ rektor wurde keine Antwort. Madame Scheller horchte entzuͤckt den Toͤnen der verſtimmten Aeols⸗ harfe und ihre rege Phantaſie bevoͤlkerte Luft und Tempel mit einer Schaar feinſtoffiger Geiſter, die bald hold laͤchelten, bald grimmige Geſichter ſchnit⸗ ten, je nachdem die Saiten ſtark oder ſchwach er⸗ klangen. Da zuckte ploͤtzlich ein heller Blitzſtrahl durch den Tempel, ein heftiger Donnerſchlag fiel und die entzuͤckte Frau fuhr entſetzt aus ihren Träumen auf:„Hilf ewiger Himmel, ein Gewit⸗ ter! Schnell, ſchnell nach dem Jagdhauſe!“ „Hab' ich es Ihnen doch geſagt. Aber Sie haben einmal, wie gewoͤhnlich, keine Ohren fuͤr mich oder verbieten mir zu ſprechen. Jetzt gilt's laufen, wenn wir dem Guſſe noch entgehen wol⸗ len.“ Madame Scheller ſchuͤrzte eilig ihre Kleider und beide traten nun, eine ſchnellfuͤßige Atalante und ein heirathsluſtiger Hippomenes, den Wettlauf nach dem Jagdhauſe an. Unter Blitzen und Don⸗ 203. — . nerskrachen erreichten ſie athemlos wirklich die Thuͤre; aber wer beſchreibt ihren Schrecken, als ſie dieſelbe verſchloſſen fanden. Der ſorgſame Wirth hatte bei verſpuͤrter Annaͤherung des Gewitters das Bette verlaſſen und die Runde durch das Haus gemacht, um zuzuſehen, ob alle Fenſter und Thuͤren 4 gehoͤrig verwahrt waͤren, und da er die Hausthuͤre zu ſeinem Staunen offen gefunden, hatte er ſie, dem Hausknechte einen handgreiflichen Verweis auf den folgenden Tag zugedenkend, in Schloß und Riegel gelegt. Die entgeiſterte Frau wollte eben in laute Klagen und der aͤrgerliche Conrektor in ein ver⸗ zweifeltes Haͤmmern an der Thuͤre ausbrechen, als ihnen der Himmel zuvorkam und in einen unge⸗ heuren Regenguß ausbrach. Der verzweifelte Con⸗ rektor ſchaute nach einem Zufluchtsorte um, und hatte kaum den Reiſewagen ſeiner Geliebten, ein kleines Haus, erblickt, als er mit zwei Sätzen daran und mit einem dritten darin war. Madame Scheller folgte ohne weiteres ſeinem Beiſpiele, ob⸗ gleich ſie, mit weniger langen Beinen begabt, als 4 ihr gelehrter Freund, den Wagen nicht ſo ſchnell zu erreichen im Stande war. Sie ſetzte ſich eng. 204 an ſeine Seite, und wollte eine neue Unterhaltung beginnen, als in der Nähe Stimmen laut wurden. „Mein Gott! man kommt, ich ſterbe vor Angſt,“ fluͤſterte ſie dem neben ihr Sitzenden ſo leiſe als moͤglich ins Ohr.„Verhalten Sie ſich ruhig.“ So geſchah's. Burg und Lalage, Roſer und die Magd mach⸗ ten den zweiten vergeblichen Anlauf auf die Thuͤre, und da ihnen der Regen keine Zeit ebenfalls zu pochen ließ, ſo war der Wagen auch fuͤr ſie der nächſte und ſicherſte Zufluchtsort. Wie ſie konn⸗ ten, kletterten ſie von beiden Seiten hinein, und indem ſie an die bereits darin befindlichen drei Perſonen amuͤckten, meinten ſie nicht anders, als es ſeien die von der entgegengeſetzten Seite herein⸗ gekommenen Perſonen. Frau Scheller reſolvirte ſich in ihrem Schrecken kurz und ruſchte, um Platz zu machen und ſich nicht zu verrathen, auf den Schoos ihres Nachbars, indem ſie ihm zaͤrtlich die Hand druͤckte. Beide hatten die linke Ecke des hintern Sitzes eingenommen. Auf demſelben Sitz hatte dicht an ihnen noch ein weibliches Weſen und an dieſem ein Mann Platz gefunden. Gegenuͤber ſaßen zwei Männer und ein Weib. Die zuletzt 205 Angekommenen lachten recht herzlich, daß ſie mit einem blauen Auge davon gekommen waren, und fingen an, uͤber ihr Ungluͤck zu witzeln. „Der erſte Spaziergang, den ich mit Ihnen gemacht habe, mein Freund,“ begann Lalage ſcher⸗ zend,„iſt abenteuerlich genug; zu ſchwach Ihren Bitten zu widerſtehen, Ihren Liebesſchwuͤren ach! leider nur ein zu bereitwilliges Ohr leihend, geh' ich die Mondſcheinpartie ein, und werde zur ge⸗ rechten Strafe meiner Leichtfertigkeit windelweich geregnet. Wenn dies eine Vorbedeutung fuͤr unſer kuͤnftiges Leben iſt, ſo haben wir nicht viel Gutes davon zu erwarten.“ „Laſſen Sie es immer eine Vorbedeutung ſein, meine Liebe,“ verſetzte Burg,„es iſt fuͤrwahr keine ſchlechte. Wir fluͤchten uns aus den Stuͤrmen des Lebens in ein ſo ſchoͤnes Aſyl wie dieſer Ihr Rei⸗ ſewagen, und warten wohl geborgen wieder das heitere Wetter ab.“ „Wenn Ihr, verliebte Leutchen, ſolche ſchwaͤr⸗ meriſche Redensarten fuͤhrt,“ ſprach Roſer dazwi⸗ ſchen,„ſo wird meine heiße Sehnſucht nach der huͤbſchen Tante, die mir ſeit ihrem zaͤrtlichen Haͤn⸗ dedruck ohnedies noch nicht wieder aus dem Sinne gekommen iſt, immer aͤrger. Ich kann nicht laͤnger mit dem Geſtaͤndniß zuruͤckhalten, mein Fraͤulein, daß ich in allem Ernſte ſterblich in Madame Schel⸗ ler verliebt bin. Junge ſchoͤne Wittwen haben fuͤr mich jederzeit etwas hoͤchſt Intereſſantes gehabt, und ſeit ich Ihr Tantchen geſehn und geſprochen habe, iſt mir nicht anders zu Sinne, als muͤßt' ich bald Ihr Onkel werden. Und um gar nichts zu verhehlen, ſollen Sie wiſſen, daß ich mit Burg noch vor Tiſche auf die Onkelei getrunken habe. Wenn nur der duͤrre, glatzkoͤpfige, abgeſchmackte Conrektor nicht waͤre.“ „Ich kann Ihnen auch nicht die mindeſte Hoff⸗ nung auf die liebe Tante geben,“ ſagte Lalage, „und ſonderbar genug haͤtt' ich Ihnen geſtern Abend bei unſerm Scheiden faſt mit Gewißheit zu⸗ ſichern wollen, Sie wären ihr gar nicht gleichgül⸗ tig, ſie wuͤrden den alten, haäßlichen, hoͤlzernen Conrektor ausſtechen.“ „Und hat ſich in den zwei Stunden, die wir uns nicht ſahen, ihre Meinung ſo ganz geaͤndert?“ „Allerdings! Es iſt mir in dieſem kurzen Zeitraume helles Licht uͤber die wahre Neigung der guten Tante geworden. Fruͤher glaubte ich und 1 207 durfte das aus ihren Aeußerungen gegen mich, ſo wie uͤberhaupt aus ihrem ganzen Benehmen vor⸗ ausſetzen, daß ihr der zudringliche Conrektor nur ſo lange als Courmacher gut genug ſei, als ſich kein anderer Beſſerer faͤnde. Daß ſie ihn heira⸗ then wuͤrde, haͤtt' ich nun und nimmermehr ge⸗ glaubt; denn wie oft hat ſie ſeine faden Liebesver⸗ ſicherungen bei mir verſpottet. Aber man kann ſich in den Leuten, die man noch ſo gut zu kennen meint, gar ſehr irren. Die Tante wird trotz all ihres Geſchwaͤtzes auf die Lächerlichkeit, Albernheit und Abgeſchmacktheit des Conrektors ihn dennoch heirathen.“ „Ihre Verſicherung wird mich zur Verzweif⸗ lung bringen. Sobald der Tag die ſchoͤne liebens⸗ wuͤrdige Wittwe aus dem weichen Flaum getrieben hat, ruͤſt' ich mich mit allen mir zu Gebot ſtehen⸗ den Waffen, um den langen gelehrten Hanſen aus dem Sattel zu heben und ſeine Stelle einzuneh⸗ men. Ich baue viel auf die letzten gütigen Worte der Madame Scheller: wir ſprechen uns mehr, und auf den innigen Haͤndedruck, den wayrlich keine Dame umſonſt ausgibt. Nennen Sie mir den Umſtand, welcher Ihre Ueberzeugung hinſichtlich 208 der Verbindung Ihrer Tante beſtimmte, wenn ich glauben ſoll, daß jene Worte und jener Druck ei⸗ ner weichen zarten Hand fuͤr mich gar nichts zu bedeuten haͤtten.“ „Bedenken Sie, daß ich der Schweſter mei⸗ ner ſeligen Mutter, meiner Freundin, eine Diskre⸗ tion ſchuldig bin, die ſelbſt noch hoͤhere Ruͤckſich⸗ ten, als Sie von meiner wahrhaftigen Verſiche⸗ rung uͤberzeugt zu ſehen, mich niemals vermoͤgen koͤnnen, auch nur mit einem Worte zu verletzen. Ich bedaure Sie; die Tante, obgleich oͤfter etwas zu poetiſch geſtimmt, iſt eine ganz vortreffliche Frau und waͤre Ihrer ſo wie uͤberhaupt eines recht gluͤcklichen Looſes wuͤrdig, welches ihr fteilich als Frau des Conrektors nicht fallen wird.“ „Ich ehre Ihr Schweigen, aber ich kann vor brennender Begierde den Tag nicht erwarten, um mein Verdammungsurtheil aus dem ſchoͤnen Munde der Tante ſelbſt zu horen.“ „Der Conrektor wird Ihnen freundliche Augen machen.“ „Ich werde nur die Augen Ihrer Tante ſehen, die mich bezaubert haben.“ „Ich wuͤnſche Ihnen von Herzen Gluͤck. Koͤnt' 209 ich Ihr Schickſal guͤnſtig geſtalten, ſein Sie ver⸗ ſichert, ich wuͤrde es thun; denn ich kann wahrhaf⸗ tig den Conrektor ſo wenig leiden, wie mein Va⸗ ter, der ihn den Bucephalus nennt. Und wirklich hat der gute Mann einige Aehnlichkeit mit einem Pferde, wofuͤr er freilich nicht kann.“ „Alſo hat er von ihrem Herrn Vater keinen Succurs zu hoffen, im Fall es mir gelingen ſollte, ihm dennoch den Rang bei der ſchoͤnen Tante ab⸗ zulaufen?“ „Ei behuͤte der Himmel! Der Vater haͤtt' es gern geſehen, wenn ihn die Tante ſchon lange mit einem ſtattlichen Korbe nach Hauſe geſchickt haͤtte; denn er kann ihn nicht ausſtehn und ſieht ihn ſtets lieber gehen, als kommen.“ „Unter ſolchen Auſpicien geb' ich mein Spiel durchaus noch nicht auf.“ „Willſt Du Dir nicht erſt die Rede einſtudi⸗ ren, welche Du morgen an die ſchöne Wittwe hal⸗ ten willſt, wie heute der Hauptmann Schmalgau die meiner Lalage zugedachte Liebeserklaͤrung,“ be⸗ merkte Burg.„O es war himmliſch! dieſen Pickel⸗ haͤring in fratzenhafter Höflichkeit vor ſeinem unbe⸗ holfenen Reitknecht ſtehen zu ſehen.“ 18 210 „Ich bitte Sie, erzaͤhlen Sie mir den Spaß ausfuͤhrlich!“ rief Lalage.„Wenn es mir gefaͤllt, ſo entſchließ' ich mich vielleicht, mir das Stuͤck⸗ chen morgen noch einmal von ihm ſelbſt vorma⸗ chen zu laſſen. Der Kerl kommt mir vor, wie der Schneider Fips in der Puppenkomoͤdie.“ „Wenn es Ihnen Freude macht, ſo verweilen wir noch ſo lange im Wagen, bis ich Ihnen die luſtige Fahrt erzaͤhlt habe,“ ſagte Burg;„denn Sie koͤnnen ſich leicht denken, wie all mein Be⸗ ſtreben dahin geht, jeden Ihrer Wuͤnſche zu erſul⸗ len, meine Theuerſte.“ „Ich weiß gar nicht, mir wird ganz angſt und bang zu Muthe,“ ließ ſich jetzt auf einmal die Magd vernehmen.„Ich höre doch immer die drei Herrſchaften da vorne ſprechen, und dahier ſitzt doch noch Jemand neben mir und ſchniebt ganz entſetzlich. Es ſind aber doch unſter nur viere ge⸗ weſen!“ „Ich muß geſtehen,“ verſetzte Burg von der andern Seite,„es iſt mir auch ſchon eng und wunderlich im Wagen vorgekommen. Wie ſitzen wir denn eigentlich? Wo biſt Du, Roſer?“— „Hier!“—„Und Sie, meine theure Lalage?“— 211 „Hier!“—„Aber wer iſt denn das mir gegen⸗ uber?— Iſt das das Dienſtmaͤdchen?“ „Nein, ich bin's nicht; ich ſitze ja hier dane⸗ ben,“ verſetzte dieſe. Me hercule! Ich fuͤhle ja da vier Beine.“ „Und wer ſitzt denn hier neben mir?“ rief Roſer dazwiſchen.„Noch ein Mann. Potz tau⸗ ſend! was iſt das?“ Lalage und die Magd ſchrieen laut auf vor Schrecken.„Antwort! wer iſt noch hier?“ rief Roſer und faßte ſeinen Nebenmann bei der Bruſt.„Antwort! Oder es ſetzt hoͤlliſche Hiebe.“ „Ach! ich bin ja der arme ungluͤckſelige, ge⸗ marterte Conrektor,“ antwortete die wohlbekannte Stimme.„Aur nicht auch noch ſchlagen; ich bin ja ſchon geſchlagen genug und verrathen und ver⸗ kauft obendrein, und ſitze hier und habe mich 8 zu Tode geaͤrgert. 6 Alles im Wagen hatte mit Erſtaunen und Schrecken die Worte vernommen, als ſich zu noch groͤßerer Verwunderung der beiden Studenten und Lalage's die Stimme der Tante erhob und mit ei⸗ nem entſetzensvollen Tone rief:„Barmherziger Him⸗ mel! Hat denn der Conrektor einen Doppelgaͤnger? 18* 212 Oder ſitzt er hier und ſpricht dort? Das kann ja nicht mit rechten Dingen zugehn. Sind Sie's denn nicht, Herr Conrektor, auf deſſen Schooſe ich ſitze?“ „Nein, meine Wertheſte, verſetzte der Schul⸗ mann,„ich ſitze hier und nicht dort, und haͤtten Sie auf meinem Schooſe geſeſſen, ich weiß nicht, ob meine Galanterie Sie bei Anhoͤrung der ſau⸗ bern Geſchichten ertragen haben, oder ob ich Sie nicht herab geworfen haben wuͤrde.“ „Aber wer iſt denn das hinter mir?“ rief Madame Scheller entſetzt.„Ein Menſch oder ein Geſpenſt!“ Und ſomit ſprang ſie wie raſend auf und warf ſich auf den ihr gegenuͤberſitzenden Burg mit Zetergeſchrei, ſo daß dieſer unter der ſuͤßen Laſt der wohlbeleibten Frau faſt erſtickt waͤre. La⸗ lage und die Magd fuhren fort, mit der Tante in die Wette zu ſchreien, Roſer tobte und fluchte, Burg jammerte und der Conrektor ſchimpfte, ſo daß ein heilloſer Laͤrm im Wagen los war, da⸗ zwiſchen fuhr plotzlich ein heller Blitz, der auf ei⸗ nen Moment den ganzen Raum erleuchtete, der Donner uͤberbruͤllte die Geſellſchaft, der Regen ſchlug heftig auf das Dach. Unmittelbar an den 213 Hall des Donners ſchloß ſich Roſers Ruf:„Ich hab' ihn erkannt! Es iſt der Hauptmann von Schmalgau!“ „Der Hauptmann von Schmalgau?“ riefen die Andern alle hoch erſtaunt. „Ja ich bin's, Cäſar Alerander von Schmal⸗ gau,“ verſetzte dieſer pathetiſch, da er ſein In⸗ cognito einmal verrathen ſah, und mit einem Mu⸗ the, wie er ihn lange nicht beſeſſen, den ihm aber der kraͤftige Braten und die zwei Flaſchen ſußer Wein eingefloßt und den die Verzweifelung, all ſeine ſchoͤnſten und letzten Hoffnungen ſo plotzlich vernichtet zu ſehen, bis zum aͤußerſten Grade geſtei⸗ gert hatte. Zwar war ſchon die Entdeckung, daß La⸗ lage den ihm verhaßten Doktor liebe, wie ein ver⸗ derblicher Sirokko, uͤber die bluͤhenden Saatfelder ſeiner erſt ſo ſchoͤn und prangend aufgegangenen Lie⸗ beswuͤnſche gefahren, aber indem er mit dem Schick⸗ ſale grollen wollte, fuhlte er die behagliche Waͤrme und die hochſt angenehme Laſt der reizenden Frau auf ſeinen Knieen und an ſeiner Bruſt; und der Genuͤg⸗ ſame, der dem Schickſale in dieſer Nacht ſchon ſo viel zu verdanken hatte, ſtimmte die Klage in einen Dank um, da ihm, ſeiner freundlichen Anſicht nach, im 214 Augenblick des Verluſtes, oder vielmehr noch einen Augenblick fruͤher ein Aequivalent, eine ſchoͤne Ent⸗ ſchaͤdigung geboten wurde. Seine Rechnung war ſchnell gemacht; er wollte die ungetreue Lalage verlaſſen und die eben ſo ſchoͤne und vielleicht noch reichere Tante mit ſeinem Herzen und ſeiner Hand begluͤcken. Deshalb kamen ihm auch die Haͤnde⸗ druͤcke der liebenswerthen Frau ſehr gelegen, und er ſäumte gar nicht, dieſelben zu erwiedern und ihr neue zu geben, ſobald Lalage etwas von der Tante Widerwillen gegen den Conrektor fallen ließ. So ſonderbar ihr auch nun dieſe Liebesbeweiſe vor⸗ kamen, ſo war ſie doch recht froh daruͤber, indem ſie ſich einbildete, der Conrektor glaube von dem Allen kein Wort und verſichere ſie durch dieſe ſtumie Sprache ſeiner fortdaurenden Ergebenheit. Aus Dankbarkeit ſteigerte ſie ihre Zärtlichkeit gegen den toleranten Mann und duldete hinwiederum man⸗ ches von ſeiner kuhn gewordenen Hand, was ſie in einem andern Falle mit den Ausbruͤchen heftigen Unwillens zuruͤckgewieſen haben wuͤrde. Dem fuͤr alle Verluſte ſich reichlich entſchaͤdigt waͤhnenden Hauptmann fiel es auch nicht von fern ein, daß er mit dieſen Liebkoſungen nicht gemeint ſein konne, 215 und da er mit einem ſchoͤnen weiblichen Weſen noch nie in ſolcher reizenden Naͤhe gelebt, noch nie das wolluͤſtige Gluͤck ſanfter Beruͤhrungen einer ſo niedlichen Sammthand empfunden hatte, ſo war es kein Wunder, daß ihm Hoͤren und Sehen ver⸗ ging, und er ſonach von dem uͤbrigen Geſpraͤch im Wagen nicht viel vernahm. Jetzt aber, da er ſich von neuem enttaͤuſcht ſah, als er durch den Schre⸗ cken und die klaren Worte der Madame Scheller ſich uͤberzeugen mußte, daß Alles dem Conrektor gegolten, jetzt da er ohne Stab und Anker auf der unfruchtbaren oͤden Inſel ſeines Lebens ſtand, jetzt hatte er große Luſt, ſeine Wuth an den ihm ſo verhaßt gewordenen Menſchen auszulaſſen.„Ich bin der Hauptmann von Schmalgau, der Euch die Zaͤhne einſchlagen will, Ihr Halunken!“ rief er wuͤthend und hieb mit geballter Fauſt im Wagen umher. Die ſchoͤne erſchrockene Wittwe erfuhr da⸗ bei eine ſehr unſanfte Beruͤhrung derſelben Hand, die wenig Minuten vorher ſo ſchoͤn mit ihr gethan hatte. Gern waͤre ſie in Ohnmacht geſallen, wenn ſie nicht befuͤrchtet haͤtte, noch einige ſolche Schlaͤge zu erhalten, und deshalb fand ſie es fuͤr gerath⸗ ner, ſchreiend und wehklagend mit gleichen Beinen 216 aus der ihr zunaͤchſt befindlichen raſch geoffneten Wagenthuͤre zu ſpringen. „Drauf geſchlagen!“ rief auf einmal der de⸗ muthige Conrektor, welchem bei des Hauptmanns Ausbruch der Kamm gewachſen war.„Das in⸗ fame Lumpenvolk ſoll unſte Faͤuſte fuͤhlen!“ und ſomit häͤmmerte er ebenfalls drauf los. Lalage und die Magd ſchrieen aus Leibeskraͤften, Burg und Roſer wuͤtheten mit Worten und Werken ge⸗ gen den Conrektor und den Hauptmann.„Saue quĩ peut!“ dachte Lalage und ſchluͤpfte unter den kampfentflammten Armen der Liebhaber durch, der Tante nach, die Magd entſprang auf der andern Seite dem Wagen, und die beiden feindlichen Corps hatten nun fuͤr ihre Occupationen freies Feld. Roſer gedachte aber draußen bei der in Sturm und Regen irrenden Wittwe Beſſeres aus⸗ zurichten, als im Wagen zu prugeln und ſich prü⸗ geln zu laſſen, und entwich deshalb, nur von Burg bemerkt. Der Hauptmann hatte eine von den lee⸗ ren Weinflaſchen hervorgezogen und ſchlug damit kraftig auf den vermeintlichen Gegner los, traf aber den Conrektor gewaltig auf die Glatze. Die⸗ ſer, in der Meinung, einer der Studenten habe 217 dieſen Coup auf ſein entbloͤſtes Haupt ausgefuͤhrt, warf ſich mit Löwengrimm übet den Hauptmann her, zerkratzte ihm das Geſicht, zerzauſte ihm den Bart, zerraufte ihm das Haar und entwand ihm die Weinflaſche, um ſie gegen ihn zu gebrauchen. Burg druͤckte ſich ſtill kichernd der Thuͤr hinaus ins Freie. Der Hauptmann aber zog die andere leere Flaſche hervor, und die beiden Bundesgenoſ⸗ ſen zerarbeiteten ſich, wie ein Paar Gladiatoren, mit furchtbaren Schlaͤgen Koͤpfe, Geſicht, Bruſt und Arme, ſo daß bald Blut von beiden Seiten floß. Sie merkten auch ihren Jerthum nicht eher, als bis der Conrektor unter den moͤrderiſchen Strei⸗ chen der bereits zu Scherben gewordenen Flaſche des Hauptmanns zuſammenbrach und die Schmer⸗ zensworte ausſtieß:„O ich ungluͤckſeliger Conrek⸗ tor! Muß ich durch Weibertuͤcke fallen! Aber mein Blut komme uͤber ſie!“ „Was?*“ ſchrie jetzt der Hauptmann wie be⸗ ſeſſen,„Sie ſind der Conrektor und kein Student? Sind wir alle behert? Ich hatte ja doch den lan⸗ gen Burg unter den Haͤnden? Wie iſt das zuge⸗ gangen, daß es nun der Conrektor iſt?“ „O Himmel!“ jammerte der Schulmann, ſei⸗ 19 218 nen Verbuͤndeten jetzt auch erkennend,„ich glaubte ja ebenfalls auf den langen Leufelskerl von Stu⸗ denten loszuſchlagen.“ „Alle Wetter, wohin ſind denn aber die Daͤm⸗ chen?“ ſagte der Hauptmann, und reſolut, wie er einmal war, gedachte er noch Vortheil von der Dun⸗ kelheit und der Unordnung zu ziehen und einen ge⸗ waltigen Sturm auf das Herz der jungen Wittwe zu wagen. Gewinnen konnte er noch etwas, ver⸗ lieren gar nichts. Er ließ alſo den zerſchlagenen Conrektor in Stich, ſprang aus ſeinem Speiſe⸗ und Schlafhaus und verfolgte wie ein guter Spuͤr⸗ hund die Faͤhrte des gefluͤchteten Wildes. Lalage und die Tante, die letztere in Angſt und Verzweiflung, die erſtere ſich mit Muͤhe bezwingend, daß ſie nicht laut auflachte, hatten ſich an das Haus angedruͤckt, um ſich nur einigermaßen vor dem ſtroͤ⸗ menden Regen zu ſchuͤtzen. Der Mond war unter⸗ gegangen, und die Finſterniß ganz undurchdringlich. Die Schamhaftigkeit der beiden Damen erlaubte ih⸗ nen nicht, einen Laut von ſich zu geben, aber verge⸗ bens ſannen ſie auch nach, wie ſie, ohne ſich dem Wirth und deſſen Frau zu verrathen, in das Haus kommen moͤchten; denn ſie wußten nur zu gut, 219 daß ſie im unguͤnſtigen Falle Gegenſtand eines bö⸗ ſen Stadtgeklaͤtſches werden wuͤrden. Lalage ver⸗ traute dem muthigen Burg und Madame Scheller ſetzte einige Hoffnung auf den ihr ſehr theuer ge⸗ wordenen Roſer. Beide ließen es ſich auch ge⸗ fallen, als die beiden galanten Herrn Rettung verheißend ihnen nahten, daß ſie von denſelben fort gefuͤhrt wurden. Burg hatte naͤmlich am Tage einen offenen Schoppen entdeckt, dorthin wollte er die Geliebte bringen, und dann den Ein⸗ gang in das Haus, ſei es auf welche Weiſe es wolle, erzwingen. Er faßte alſo eine von den Damen, meinend es ſei Lalage, fuͤhrte ſie dorthin und benutzte die Gelegenheit, ihr Mund und Wan⸗ gen mit Kuͤſſen zu uͤberdecken. Die Dame ließ ſich dieſe feurigen Liebkoſungen gefallen und gab ſogar manchen Kuß zuruͤck. Roſer ergriff ebenfalls die Hand einer Dame und glaubte die ſchoͤne Wittwe gefaßt zu haben, und fuͤhrte ſie davon, aber mit der Localität weniger vertraut als Burg, gerieth er mit ihr auf den Hof, konnte kein Ob⸗ dach finden, und beide waren bald naß bis auf die Haut. Die Fluͤche, die er auf der Zunge hatte, unterdruckte er aus Scheu vor der Sentimentalität 19* 220 ſeiner Dame. Nach langem Suchen kamen ſie an die Hinterthuͤre des Hauſes, welche mit einem klei⸗ nen Dache uͤberbaut war. Die Dame druckte ſich in die Ecke der Thuͤre, und Roſer begann ſeuf⸗ zend:„In wunderbarer Conſtellation fuͤhren die Parcen unſern Lebensfaden zuſammen; werden ſie ſich meiner nicht erbarmen und den meinigen an den Ihrigen knuͤpfen laſſen, liebenswuͤrdigſte aller Frauen, ſo wird die grauſame Scheere den meini⸗ gen zerſchneiden. Werden Sie mir zuͤrnen, daß ich Ihnen geſtehe, wie mein Herz in lichten Flam⸗ men fuͤr Sie brennt? O Sie wiſſen es ja, Sie kennen meine Glut; denn das Schickſal ſpielte ſo wunderbar mit uns, daß Sie ſelbſt Zuhoͤrerin mei⸗ ner Beichte wurden, die ich hinſichtlich Ihrer der verliebten Lalage ablegte. Was werden Sie mir darauf erwiedern? Wollen Sie mich in den Olymp hinauf heben, oder in den Tartarus hin⸗ abſtoßen? denn Ihre Liebe iſt mir Leben und Se⸗ ligkeit, Ihre Richtliebe Tod und Verdammniß. Ha! der Druck Ihrer Hand laͤßt mich hoſſen. Pa⸗ radieſiſche Wonnen durchgluhen mich, Bluͤthen ſproſſen auf, Luſt und Fruͤhling fächeln durch meine Seele. O Geliebte, Angebetete, darf ich 221 den erſten Kuß, das heilige Symbol der Vereini⸗ gung zweier Herzen, auf Deine Roſenlippen dru⸗ cken?“ Ein leiſes Kichern, welches bald zum ſchelmi⸗ ſchen Lachen wurde, war die Antwort. „Wie, Grauſame, Sie koͤnnen mich verlachen?“ brauſte Roſer auf. „Sie irren ſich, mein Herr, in der Perſon; ich bin die verliebte Lalage, aber nur in ihren Freund, nicht auch in Sie verliebt,“ verſetzte die Lachende. 1 „O ich Dummkopf!“ rief Roſer in komiſcher Verzweiflung.„Erſt thu' ich mir alle Gewalt an, um das zarte poetiſche Ohr der vortrefflichen Witt⸗ we nicht zu beleidigen und nun ſchwatz' ich unſinn, wie ein halb Verruͤckter, um ihr Herz im Sturm zu erobern, ſo wenig ſich auch der uns umbrau⸗ ſende Sturm zum Herzerobern ſchickt, und was hab' ich damit erlangt? Daß ich von einem loſen muthwilligen Maͤdchen ausgelacht werde. Aber wo iſt Ihre Tante?“ „Gott weiß es. Wo aber iſt Burg?“ „Nun das wird ja wohl Gott auch wiſſen; vielleicht ſi nd ſie zuſammen.“ 222 „Still, ich hoͤre Stimmen! Man kommt über den Hof. Wenn mich mein Ohr nicht ganz taͤuſcht, ſo iſt das der Hauptmann von Schmalgau.“ „Ja, ja er iſt's. Aber mit wem ſpricht er ſo zaͤrtlich?“ „Stille! Stille 1“. Der Hanptmann hatte in der Dunketheit die Flüchtigen verfolgt, und endlich auch eins der Daͤmchen erwiſcht. Seine rege Einbildungskraft war uber den Fang keinen Augenblick zweiſelhaft, viel⸗ mehr ſagte ſie ihm fuͤr ganz gewiß, er habe die reiche Madame Scheller am Arme.„Madame,“ brach er heraus,„wenn Sie ein feurigliebendes Soldatenherz nicht verſchmaͤhen, was ich weder glaube noch befurchte, ſo ſind Sie morgen in der Reſidenz die Braut des Hauptmanns von Schmal⸗ gan, und in drei Wochen Ihre Gnaden, die gnaͤ⸗ dige Frau Hauptmännin von Schmalgau Hoch⸗ wohlgeboren, ſoll mich der Kuckuck holen, wenn's nicht wahr iſt! Sind Sie's zufrieden, meine Gna⸗ digſte?“ „Ja!“ verſetzte die Dame. „O nun bin ich Hahn im Korbe!“ jubelte der Hauptmann.„Die Lalage mag mit ihrem nichts⸗ 223 nutzigen Studenten laufen; ſie iſt eine flatterhafte Gans. Ich lobe mir was Solides. Nicht wahr, werthgeſchätzte Braut, Sie halten's auch ſo. Ja, Hauptmann von Schmalgau klingt auch anders, als Student ſo und ſo, weiß nicht wie die Buben heißen.— Nun dem Conrektor kann die Pru⸗ gelſuppe auch nichts ſchaden. Wiſſen Sie was, ſchoͤne Braut? Es regnet doch gar verteufelt naß, wir muͤſſen wo untertreten. In den Wagen kon⸗ nen wir nicht wieder, da liegt der Conrektor und orgelt ein ſchlechtes Lied. Ich weiß aber ein recht ſchoͤnes geraͤumiges Eckchen, dahin will ich Sie fuͤhren, und dort wollen wir unter Liebkoſungen den Tag abwarten, uns dann in unſern Wagen ſetzen, nach der Reſidenz fahren und ſogleich nach unſter Ankunft in unſerm Hauſe unſte Verlobung bekannt machen laſſen. Kommen Sie!“ Er be⸗ zweckte die Dame ſeiner Wahl nach jenem geraͤu⸗ migen uͤberbauten Winkel zu fuͤhren, in welchem er ſchon eine Zeitlang des Abends zugebracht hatte, und tappte, ihren Arm haltend, durch den ſtockfin⸗ ſtern Hof, der ohngefaͤhren Richtung nach. Doch plotzlich ſtuͤrzten beide in eine mit ſehr ubelriechen⸗ der Feuchtigkeit angefullte Grube und ſtießen zu 224 gleicher Zeit einen entſetzlichen Schrei aus. Der Hauptmann bruͤllte aus vollem Halſe Fluͤche, Ver⸗ wuͤnſchungen und Huͤlfeanrufungen, die Dame wim⸗ merte und ſtoͤhnte. Zu gleicher Zeit erſcholl von vorne her ein heftiges Raſen an der Hausthuͤre, von des Conrektors hohler, jetzt aber graͤßlich klin⸗ gender Stimme accompagnirt.„Um Gottes und des Heilands Willen!“ rief er, ſo ſtark er nur im⸗ mer vermochte.„Macht auf! Schnell! Oeffnet! Denn ich bin ermordet! Eilt und helft, ſonſt muß ich umkommen! Mordjo! Mordjo 1“ Dabei haͤm⸗ merte er wie unſinnig mit dem eiſernen Hammer an der Thuͤre. „Pompen und Granaten! Haubitzen und Kar⸗ taͤtſchen! Pulver und Blei! Mord und Peſt!“ fluchte der Hauptmann an einem weg.„Meine Gnaädigſte, ich glaube ſteif und feſt, wir ſtecken im Miſtloch!“ „Ach Gott im Himmel und auf der Erden!“ iammerte die weibliche Stimme,„hilft uns denn gar keine mitleidige Seele aus dieſem Elende? Ich verſinke ja bis an die Kniee und kann in der gräu⸗ lichen Finſterniß gar keinen Ausweg finden.“ „Es geht mir nicht beſſer, meine Gnaͤdige. 225 Holla! Holla! Veltig! Verdammter dickoͤhriger Wirth! Will denn Niemand kommen? Ich hoͤre doch den Conrektor vorn an der Thuͤre auch eini⸗ gen eben nicht unbedeutenden Laͤrm machen. und wo nur mein Johann, der Hund, ſtecken mag?“ In dieſem Augenblicke knarrte eine Stallthüre und eine heulende Stimme wurde vernommen: „Hier bin ich ja, Ew. Gnaden gehorſamſt aufzu⸗ warten. Was ſteht zu Dero Befehl? Aber, du grundgutiger Himmel, wo ſind Sie denn in dieſer rabenſchwarzen Nacht? Ich kann ja die Hand nicht vor den Augen erkennen, geſchweige Sie, gnadiger Herr. O und was das vom Himmel gießt!“ „Nun es iſt nur gut, daß Du da Piſt. Trommle den ſchuftigen Wirth heraus, damit ich nur erſt ſehe, wohin wir eigentlich gerathen ſind.“ Der dienſtfertige Reitknecht fuͤhlte ſich an das Haus und erhob ſeine Stimme ſo ſtark und furcht⸗ bar in den Worten:„Herr Veltig! Aufgemacht! Es geht meinem gnaͤdigen Herrn an den Kragen. Zum Teufel! Schnell, Herr Veltig!“ daß das Haus in ſeinen Grundfeſten zu erzittern ſchien. Während Johann von hinten brullte und an das 226 Haus ſchlug, that es der Conrektor von vorne und der Hauptmann in der ſaubern Sauce, ſeine Begleiterin heulte und ſchrie, und Roſer und La⸗ lage wollten ſich, trotz ihres ſchlechten Standes, vor Lachen ausſchuͤtten. Durch dieſes fuͤrchterliche Vocal- und Inſtru⸗ mentalconcert aus dem Schlafe aufgeſchreckt, ſtuͤrz⸗ ten Wirth und Wirthin, Kellner, Hausknecht, Maͤgde und Alles, was im Jagdhauſe lebte, aus den Betten und eilten mit Lichtern, in der großten Eile angezundet, hinab. Die Wirthin oͤffnete die vordere Thuͤre und ſchrie laut vor Entſetzen, als der Conrektor, das ganze Geſicht voll Blut, her⸗ eintrat, ausſehend als waͤr' er eben den Haͤnden mordgieriger Räuber entronnen. Man fing an zu fragen und er erzaͤhlte auch bereits, nachdem er in der Gaſtſtube angelangt und zum Tode erſchoͤpft auf das Sopha niedergeſunken war, von ſeinen Ungluͤcksfaͤllen, aber das Huͤlfegeſchrei aus dem Hofe dauerte fort und hatte ſich, ſobald ſich Lich⸗ ter im Hauſe gezeigt hatten, verdoppelt. Der Knecht war ſchon mit der Stalllaterne bei der Hand und der Wirth, der Kellner und der Kut⸗ ſcher der beiden Damen gingen mit Flinten und 227 Saͤbeln bewaffnet hinaus. Die andern Kutſcher und mehre andere Reiſende, welche im Jagdhauſe uͤbernachteten 8 quollen, von Entſetzen und Neu⸗ gierde getrieben, zur hintern und vordern Thuͤre heraus, und bald war der Hof lebendig und meh⸗ rere Laternen zogen darauf herum. An der Hin⸗ terthuͤre ſtanden Roſer und Lalage. „Wie kommen Sie hierher?“ fragte der Virh erſtaunt, und machte ein eſſigſaures Geſicht. „Alles nachher, mein Beſter,“ verſetzte Roſer. „Jetzt iſt durchaus keine Zeit zum Eramen, dem wir uns auch gar nicht zu unterwerfen brauchen.“ Damit faßte er Lalage bei der Hand und fuͤhrte ſie ins Haus, nahm der ihm begegnenden Koͤchin das Licht ab, befahl das Zimmer der Damen zu heizen, und fuͤhrte die ſchoͤne Rektorstochter dahin, die ſich ſogleich ans Fenſter verfuͤgte, um das fer⸗ nere Schauſpiel im Hofe mit anzuſehen und zu be⸗ lachen. „Hierher!“ rief des Hauptmanns— „Hier thut ſchnelle Huͤlfe Noth.“ Der Wirth ließ ſich von ihm in die Mitte des Hofes an die Duͤngergrube ziehen, die der von allen Seiten in ihr zuſammengefloſſene Gewitterre⸗ 228 gen uͤber die Haͤlfte mit Waſſer gefuͤllt hatte, und in welcher der Hauptmann mit ſeiner Begleiterin watete. Der Hausknecht zog die Dame, der jam⸗ mernde Johann ſeinen Herrn heraus. Der Haupt⸗ mann wandte ſich mit einem Buͤckling zur Dame, um ihren Unfall pflichtſchuldigermaßen zu condo⸗ liren, aber das Wort blieb ihm im Munde, als ſein Auge in das vom Licht der Laterne erhellte Geſicht derſelben fiel. Denn nicht Madame Schel⸗ ler war's, ſondern deren Magd. Der Hauptmann war wie verſteinert. Der Wirth mußte uͤber die poſſierlichen Figuren lachen, ſo ſehr ihm auch Al⸗ les boͤhmiſche Doͤrfer waren. Man wollte eben wieder gehen, als ſich der Wirth von der Seite aus dem leeren Wagenſchoppen bei ſeinem Namen gerufen hoͤrte. Die Sache wurde ihm immer un⸗ begreiflicher, doch nahm er dem Knechte die Laterne ab und trat in das Gebäude. Burg kam ihm ent⸗ gegen und ſagte:„Es wuͤrde wahrlich Ihr Schade nicht ſein, beſter Herr Wirth, wenn Sie uͤber die Vorfaͤlle dieſer Nacht, die ich Ihnen nachher mit⸗ theilen werde, zu ſchweigen, und dieſe Dame, wel⸗ che ich nachſtens heirathe, mit ſchicklicher Discretion zu behandeln wiſſen wuͤrden. Fuͤhren Sie uns 229 heimlich und ohne Aufſehen auf ihr Zimmer, dort ſoll ſich Ihnen Alles aufklaͤren.“ „Ich denke doch, daß ich es mit Maͤnnern von Ehre und Gewiſſen zu thun habe,“ verſetzte der Wirth,„und deshalb ſei Ihr Wunſch erfullt.“ Burg wollte ſeiner Dame nun den Arm reichen und ging einige Schritte in die Ecke zuruͤck, wo ſie ſtand, aber nun ging es ihm wie dem Wirth, er ſtand und ſah und traute ſeinen Augen nicht und rief endlich im hoͤchſten Erſtaunen:„Wie um Alles in der Welt iſt denn nur das moͤglich? Sie ſind es ja, Madame Scheller!“ „Ei freilich,“ erwiederte dieſe.„Schaffen Sie mir gleich ein Glaͤschen Hoffmannſche Tropfen mit Zucker, ſonſt fall' ich hier zur Stelle in Ohnmacht. Ach meine ſchwachen Nerven und dieſe Schrecken, dieſe Angſt, dieſe Marter! O weh! Die Sinne vergehen mir.“ Schon drohte ſie an die Wand zu ſinken und noch zur rechten Zeit fingen ſie Burg und der Wirth auf. Waͤhrend beide die ſchwache Frau in das Zimmer, wo Roſer und Lalage ſchon Licht und Waͤrme verbreitet hatten, mehr trugen als führten, wuſch der Kellner und die Wirthin in der Gaſtſtube die Kopfwunden des winſelnden ——— 230 Conrektors mit warmen Eſſig aus, und die Stall⸗ magd und Johann ſäuberten an einem abgelegenen Orte den Hauptmann und die Magd. Der Erſtere erhielt ein Paar alte Beinkleider vom Kellner, die Letztere einen Rock von der Koͤchin und beide muß⸗ ten dann in die ordinaͤre Gaſtſtube kriechen, welche der Hauptmann Tags vorher ſo ſehr verachtet hatte. Sie wurde ebenfalls geheizt und beiden ein Paar Bund Stroh hineingetragen, auf welche ſie ſich auch, wie zu einander gehoͤrig, neben dem Kutſcher des Conrektors und dem der Damen, ſo wie neben den andern Reiſenden, welche ſich wieder gelagert hatten, niederſtreckten. Auch Johann nahm ſeine Stelle nun auf der warmen Streu ohnweit ſeinem Herrn ein. Der Conrektor wurde verbunden ins Bette gebracht, ebenſo die ohnmaͤchtige Scheller, um welche ſich Roſer muͤhte, bis ſie die Augen aufſchlug und ihn mit einem Blick derſelben, ſo wie mit der dargebotenen Hand entzuckte. Er durfte es im Verlauf der Nacht ſogar wagen, ihr einen Kuß auf die Lippen zu druͤcken, eh' er ſie verließ, und mancherlei heimliche aber recht huͤbſche Dinge mußten ſie auch zuſammen, waͤhrend dem Geſpraͤch der Uebrigen im Zimmer, um welches ſie * 231 ſich gar nicht kuͤmmerten, gefluſtert haben, denn ſie ſchieden recht vertraut von einander. Von Burg und Lalage erfuhr der Wirth mit Verſchweigung einiger Nebenumſtaͤnde die Aufloͤſung der naͤchtli⸗ chen Räthſel in ſeinem Hauſe. Lalage wuͤnſchte lachend mit einem herzhaften Kuſſe ihrem Geliebten angenehme Ruh auf dieſe Stuͤrme, und er und Roſer verfugten ſich auch auf ihr Lager. Mit Anbruch des Tags machte der Hausknecht die Wagen zur Abfahrt fertig und fand in dem großen die zerſchlagenen Weinflaſchen nebſt den ab⸗ genagten Kalbsknochen der anſehnlichen Keule. Da⸗ durch wurden vollends alle Schleier von dem mit⸗ ternaͤchtlichen Geheimniß gezogen. Johann, von der Entdeckung unterrichtet, fand fuͤr ſehr gerathen, den Pferden, die er Abends vorher noch eingefan⸗ gen und durch Bitten und Betteln beim Haus⸗ knecht in den Stall gebracht hatte, fuͤr ſein Geld— denn er hatte wirklich eine kleine Baarſchaft bei ſich, wie ſein Herr richtig geahnet hatte,— ein Weniges an Hafer und Heu, ſo wie ſich ſelbſt ein Stuͤck Brot und einen Schluck Schnaps reichen zu 232 laſſen. Hierauf ſattelte er die Pferde, reinigte die uͤbelriechenden Kleider ſeines Herrn, ſo gut es ge⸗ hen wollte, und trat dann in die Wirthsſtube, um denſelben anzukleiden. Der ſehr niedergeſchlagene und an ſeinen Wunden heftige Schmerzen leidende Hauptmann ließ es ſich gefallen. Johann trieb zur eiligen Abreiſe. Der Hauptmann folgte ſchwei⸗ gend. Als ſie nun auf den Pferden ſaßen, lenkte Johann wieder nach dem Bade zu. „Wohin?“ fragte Schmalgau aus ſeinem Truͤbſinn auffahrend. „Nun wohin ſonſt als wieder zur gnadigen Frau Mama zuruͤck?“ „Nichts da!“ zuͤrnte der Hauptmann.„Bei ihr hab' ich nichts mehr zu ſuchen. Nach der Re⸗ ſidenz reiten wir. Und was ich nicht durch Guͤte erlangen konnte, ſoll nun durch Gewalt mein wer⸗ den. Zum alten Rektor will ich und Lalage ſoll gezwungen meine Frau werden. Wie will ich mich an dem dummen Puͤppchen weiden, wenn ſie mir doch zum Altar folgen muß! Und der Rektor leckt gewiß alle Finger danach, in eine ſo vornehme Verwandtſchaft zu kommen. Was ſein ſoll, ſchickt ſich und muß geſchehn. Drum vorwaͤrts 233 marſch!“ Und dahin ging die duͤrre Roſinante und Johann folgte mit ſehr betruͤbtem Geſicht nach. Im Jagdhauſe hatte ſich unterdeſſen Alles er⸗ hoben, was gelegen hatte. Der Conrektor ver⸗ langte ſeine Rechnung, bezahlte fuͤr ſich und die Damen, befahl ſchnell anzuſpannen und ging nicht aus ſeiner Kammer. Der Kellner hinterbrachte dieſen Befehl nicht allein dem Kutſcher, ſondern auch den beiden Damen und dieſe, ein Unheil vom Conrektor befuͤrchtend, wenn er fruͤher als ſie in der Reſidenz anlangte, gaben ihren Liebhabern ſchnelle Nachricht. Dieſe erſchienen auch ſo fort und es wurde beſchloſſen, des Conrektors Abreiſe zu verzoͤgern, bis ſie fort waren. Eilig kleideten ſie ſich an. Die Studenten warfen ſich auf ihre ſchnellen Pferde und ſprengten im wilden Ritte voraus. Dann beſtiegen die beiden Damen ihren Wagen und eh der verbundne Conrektor aus ſei⸗ ner Klauſe nach dem Wagen ſchlich, waren ſie ſchon uber eine halbe Stunde fort, und der Kut⸗ ſcher, dem ein reichliches Trinkgeld verſprochen wurde, fuhr, daß die Steine Funken ſpruͤhten. Auf der Halfte des Wegs in einem kleinen Staͤdt⸗ chen warteten Burg und Roſer bereits. Sie —— 234 nahmen das ſchon aufgetragene Fruͤhſtuͤck ein, die Herrn banden dann ihre Pferde an den Wagen, und ſetzten ſich zu den Damen hinein, Burg zu ſeiner Lalage und Roſer zu Madame Scheller, von deren Munde ihn bald das Geſtaͤndniß zaͤrtli⸗ cher Gegenliebe berauſchte. Die vier Vereinigten waren nun darauf bedacht, wie ſie des Conrek⸗ tors Verlaäumdungen zu nichte machen und dann, wie ſie es anfangen moͤchten, zuſammen zu blei⸗ ben, bis ihr Loos die ganzliche Vereinigung mög⸗ lich mache. Lalage wußte fuͤr Alles Rath, und hatte einen ſo herrlichen originellen Einfall, daß die beiden Freunde ohne weiteres ſchon des Spa⸗ ſes wegen, der ihnen daraus erwachſen mußte, be⸗ ſchloſſen, die koͤſtliche Idee auszufuͤhren. Mit Be⸗ ſprechung des Naͤhern verſtrich die Zeit, und eh' ſie ſich's verſahen, waren ſie vor der Stadt. Die Freunde nahmen von ihren Damen vergnuͤgt Ab⸗ ſchied und ritten einige Zeit, nachdem der Wagen durchs Thor gefahren war, nach, und wuͤnſchten ſich Gluͤck, mit ſo angenehmen Hoffnungen in die Mauern dieſer Stadt einzuziehen. 235 „Kst modus in rebus; sunt certi denique fi- nes,“ ſagte der Rektor Simius, ein kleiner dicker Mann mit hochrothem Geſicht und ſchwarzen ſte⸗ chenden Augen, welche verkuͤndeten, daß noch Juͤnglingsgeiſt in ſeinem Körper wohne. Nachdem er jenen beruͤhmten Vers des Horaz geſprochen, klappte er das Buch zu, worin er ſtudirt hatte, erhob ſich raſch aus ſeinem Lehnſtuhl und ſchritt, wie es ſchien, in großer Unruhe im Zimmer auf und ab.„Es iſt doch eine recht wunderliche Geſchichte,“ ſprach er dann wieder zu ſich ſelbſt. „Ich denke nicht anders als ſie kommen zuruͤck und kuͤndigen mir ihre baldige Hochzeit an, und ſtatt deſſen iſt der ganze Handel aus einander gegangen. Seltſam! Und der Conrektor ſoll geſchworen haben, mir die Schwelle nicht wieder zu beſchreiten. Was mir da auf einmal fur eine Ausſicht wird! Was da fuͤr Hoffnungen in mir aufgehen! Daran hatt' ich ſchon lang verzweifelt und nun liegt's mir ſo nahe. Die Scheller iſt doch eine huͤbſche Frau, und ſeit ſie in meinem Hauſe iſt, hat mir der Gott Amor ſchon manchmal gewaltig zugeſetzt. Aber meine ſelige Frau liegt doch erſt ein Jahr * unter der Erde, und im Trauerjahre konnt' ich 5 W 236 doch nicht neue Bewerbungen unternehmen, ſo oft ich auch gleich anfangs darauf geſonnen, wie's am ſchicklichſten auszufuͤhren, ohne meinem Rufe eine Macula anzuhaͤngen. Und nun kam mir gar der oft verwuͤnſchte Conrektor dazwiſchen und machte Gluͤck bei ihr. Was konnt' ich dagegen haben? Wie konnt' ich's hindern? Der heilige Eheſtand ſchien ihr ſehr wuͤnſchenswerth, und weil der langaufgeſchoſſene Conrektor der Erſte war, ſo war er auch der Beſte. Jetzt hat ſich das Blaͤtt⸗ chen ſo plotzlich gewendet. Das Trauerjahr iſt vor⸗ uͤber, und im Vergleich mit dem duͤrren„blaſſen, glatzkoͤpfiſchen, abgeſchmackten Conrektor bin ich doch ein ſtattlicher Mann, weiß mich zu benehmen, weiß eine Dame zu unterhalten. Ha! ha! hab' meinen Horatius und Ovidius nicht allein der Antiquitaͤten halber ſtudirt, hab' auch den Geiſt der verliebten Poeten wohl begriffen und mir angeeignet, und des⸗ halb macht' ich zu allen Zeiten Gluͤck bei dem weib⸗ lichen Geſchlecht. Heute noch biet' ich der netten Scheller meine Hand an, und wenn ich auch ein Paar Jahre mehr habe, als der Conrektor, ſo pfle⸗ gen ja Wittwen ſonſt eben nicht die Jahre zu zaͤh⸗ len, wenn ihnen nur die aͤußere Geſtalt, der Geiſt, 25 237 Stand und Vermoͤgen zuſagen. Und daß ſolches bei mir der Fall iſt— nun das ſieht ja ein Blin⸗ der.“ Er ſchob Virgil und Horaz bei Seite, ſonſt ſeine Lieblinge, und machte Toilette vor dem Spie⸗ gel. Ein heftiges Klopfen an der Thuͤre ſchreckte ihn von dieſer verdächtigen Beſchäftigung. Auf ſein beſturztes:„Herein!“ erſchienen zwei ſehr dumm ausſehende Bauernburſche ſchuͤchtern und bloͤde, gruͤßten mit einem albernen Kopfnicken und blieben hinter einander an der Thuͤre ſtehen, ſo wie ſie hereingetreten waren. „Was wollt Ihr?“ rief Simius ärgerlich. „Er iſt ja wohl der Herr hier in der Stadt, bei dem man was lernt?“ fragte der Vordere. „Na, es kommt drauf an was man lernen will.“ „Ja, das Predigen und das Buͤcherſchreiben und das Doktoriren und daß man einmal kann Amtmann werden.“ „Das kann ich Niemandem lehren.“ „Nun da haben ſie uns Alle falſch berichtet.“ „Wer hat Euch falſch berichtet?“ „Unſer Herr Pfarrer, und der Herr Kreisphy⸗ ſicus und der Herr Amtsſchreiber. Wir fragten ſie — wo ſie ihre Sache gelernt hätten und da ſagten ſie Alle, in der Stadt beim Rektor haäͤtten ſie den Anfang gemacht.“ „Da haben die Maͤnner recht gehabt. Was wollt Ihr denn aber von mir? Wollt Ihr auch Pfarrer, oder Doktoren oder Amtleute werden, und bei mir den Anfang dazu machen?“ „Dazu ſind wir zu alt. Wir wollen nur ſo was lernen, was wir ins Haus brauchen. Wir ſind zwei Bruͤder und unſer Vater war der Schulz im Dorf, ein reicher und kluger Mann. Den ha⸗ ben wir gar oſt ſagen hoͤren, wenn er aus dem Amt kam und hatte ſich recht geaͤrgert: ich wollte gleich zweihundert Thaler drum geben, wenn ich was gelernt haͤtte und verſtaͤnde die lateiniſchen Brocken, womit der Amtmann immer um ſich wirft. So ſprach er auch, wenn er aus der Kir⸗ che kam, und hatte den Herrn Pfarrer nicht Alles verſtanden, oder wenn eins krank war und der Kreisphyſicus ſchrieb ein Recept. Und dann ſagt' er zu uns: Jungen, lernt was, aber Ihr ſeid ſo dumm wie Stroh. Das Alles haben wir uns hinter die Ohren geſchrieben und es uns gemerkt. Nun da er todt iſt, wollen wir beide im Dorfe 239 heirathen, aber nicht eher, bis wir was gelernt ha⸗ ben und nicht mehr ſo dumm ſind, wie Stroh; denn ich ſoll Schulze und mein Bruder hier Ge⸗ meindevormund werden. Wir ſind die reichſten Burſche im Dorfe und unſte Braͤute die reichſten Jungfern. Da wollen wir denn recht gern jeder zweihundert Thaler dran wenden, ja wenn's auch noch was mehr koſtet; aber es muß in vier Wo⸗ chen abgemacht ſein, weil wir da Hochzeit haben.“ „Aber was wollt Ihr denn in vier Wochen lernen?“ „Ja, das wiſſen wir ja nicht. Wenn wir's wuͤßten, wollten wir's ja nicht noch lernen. Das muß Er doch wohl wiſſen, Herr Rektor.“ „Auf die Schule kann ich Euch nicht thun.“ „Wir wollen auch gar nicht unter die boͤſen Buben. Wir dachten nur, wenn Er ſo gut ſein und uns vier Wochen in Seinem Hauſe behalten und uns alle Tage ſo ein Bischen was ſagen wollte, da wollten wir uns rechte Muͤhe geben und wollten's lernen, und wenn die vier Wochen voruͤber wären, da wollten wir ihm die vierhun⸗ dert Thaler geben und noch ein fettes Schwein dazu.“ 2¹0 „Nun das ließe ſich hoͤren“ ſchmunzelte der Rektor, dem die artige Summe und das Schwein ganz gewaltig in die Naſe ſtachen—„Ihr duͤrft aber fuͤr Eure vierhundert Thaler nicht zu viel ver⸗ langen, und mir hinterher keine Vorwuͤrfe machen, als hab' ich Euch zu wenig gelehrt.“ „Er iſt ja ein braver Mann, Herr Rektor, und wird uns lehren, was recht iſt. Wir ſind auch ſchon zufrieden und verlangen nicht viel.“ „Aber wie ſteht's denn, werdet Ihr denn auch was begreifen, meine Lehren faſſen konnen? „Oho!“ platzte jetzt der Lange heraus, der ſchweigend hinten geſtanden hatte.„Wir haben tuͤchtige Haͤnde und ſind die Arbeit gewohnt. Wo ich faſſe, da muß es reißen oder brechen. Ich hab ſchon gar Manches begriffen, was Andere nicht be⸗ greifen konnten. Die Madchen in unſerm Dorfe könnten was davon erzaͤhlen, wenn ſie nicht beſſer thaͤten zu ſchweigen. Mein Bruder Niklas da be⸗ greift auch ſchon was, und faſſen kann er wie ein Pferd.“ „Ihr verſteht mich nicht. So hab' ich das Begreifen nicht gemeint. Ich wollte damit ſagen, 241 ob Euch was beizubringen ſein wird? Ob ihr das faſſen köͤnnt, was ich Euch vortrage?“ „Mir kann Er Alles beibringen,“ verſetzte der Kleinere,„nur kein Klyſtier und keine Rhabarber⸗ tropfen und kein Baldrianpulver. Denn als ich krank lag, haben ſie mich damit ſo geplagt, daß ich faſt eher daran geſtorben waͤre, als an der Krankheit.“ Der Rektor wurde zornroth, arbeitete mit Ar⸗ men und Beinen auf den Sprecher los, und ſtieß einige unartikulirte Töne aus.— In demſelben genblicke wurde die Thuͤre weit aufgeriſſen und der Conrektor Buſch ſchoß flammenſchnaubend, gleich einem angeſchoſſenen Eber, herein. Sogleich begann ſein Mund den Commentar zu ſeinem Ge⸗ ſichte zu liefern: „Sie wollen ein Mann von Ehre, ein litera- tus ſein? Ha! Ich will Ihnen ſagen was Sie ſind. Ein Verlaͤumder ſind Sie, ein Ehrenſchaͤn⸗ der! Bei Ihrer ſchlechten Mamſell von Tochter, die ſich Nachts mit Studenten im Walde herum treibt, haben Sie mich herunter geſetzt, haben ver⸗ achtich von mir geſprochen. O ich weiß Alles. Ein boshafter, abſcheulicher Scholarch ſind Sie!“ A 242 „Ha, nichtswuͤrdiger Herr College!“ entgeg⸗ nete der Rektor außer ſich.„Berauſcht ſind Sie geweſen auf dem Jagdhauſe, und haben ſich, als Sie ſich im Wein dermaßen uͤberladen, daß Sie nicht mehr Herr ihrer Sinne waren, mit einem liederli⸗ chen Edelmann gepruͤgelt. Argumenta non desunt. Ich ſeh's an Ihrem verbundenen Kopfe, daß mein Toͤchterlein recht hat, die Sie alſo zu verlaͤumden ſich unterſtehen. Erſt haben Sie ein Dutzend Weinflaſchen ausgeleert, und ſich dann damit ge⸗ pruͤgelt, daß Ihnen die Scherben in der Glgtze ſtecken geblieben ſind. O gehen Sie nur, ich weiß Alles! Weiß, daß Sie ein Voöller und Verlaͤum⸗ der ſind.“ „Das iſt der Bosheit Uebermaß!“ ſchaͤumte der Conrektor.„Keinen Tropfen Wein habe ich geſehen, und muß mir ſolche Schande nachſagen laſſen. Sie ſind ein ſchlechter Menſch, Herr Col⸗ lege!“ Der Direktor fank von Schrecken und Aerger gelaͤhmt in den Stuhl zuruͤck, und zitterte an allen Giliedern. „Soll ich Ihm jetzt was von meinen Begrif⸗ fen zeigen, Herr Oberſchulmeiſter?“ fragte der ——,————— — ——.—— 23 groͤßte Bauernburſche treuherzig; und ohne die Antwort abzuwarten, faßte er den Conrektor von hinten mit kraͤftiger Fauſt, der Kleine packte von vorne, und ſo transportirten ſie den gemein ſchim⸗ pfenden Schulmann durch die Thuͤre zur Treppe hinab. Die Frauen, von dem Laͤrm herbeigezogen, ſahen mit heimlicher Schadenfreude dem Schau⸗ ſpiele zu; denn ſie waren bereits von des Conrek⸗ tors Eifer, ihrem guten Ruf in der Stadt zu ſchaden, gehoͤrig unterrichtet. Als nun die beiden Bguernburſche wieder die Treppe herauſſtiegen, er⸗ warteten ſie Madame Scheller und Lalage, und die letztere ließ, ſich von dem großen, die erſtere von dem kleinen abkuͤſſen, ohne nur ein Muckschen da⸗ zu zu thun. Der Rektor empfing ſeine Beſchutzer mit wun⸗ derlichen Aeußerungen uͤberſtroͤmenden Dankgefuhls und verſprach ihnen fuͤr die Gefälligkeit recht viel lateiniſche Redensarten beizubringen. Dieſem Ver⸗ ſprechen folgte der Befehl an Madame Scheller, ein Dachſtubchen fuͤr die beiden Bruͤder einzurich⸗ ten, ein Befehl, der mit freudiger Bereitwilligkeit ausgefuͤhrt wurde, wie ſelten einer. Der gute Rektor haͤtte ſich aber doch ſehr verwundern ſollen, 21* 244 wenn er geſehen haͤtte, daß zu dieſer Einrichtung eine ſchoͤne Guitarre, Notenbuͤcher mit den beſten Tonſtuͤcken und den ſchoͤnſten und neuſten Liedern, die gehaltreichſten neuſten Romane, ſo wie die er⸗ ſten deutſchen Claſſiker gehoͤrten. Zum Gluͤck be⸗ merkte der Alte von dem Allen nichts, ſondern bruͤ⸗ tete uͤber einem Racheplan gegen den Conrektor, und ſchritt auch ſofort zur Ausfuͤhrung desſelben, naͤmlich zu einem ausfuͤhrlichen Berichte an das herzogliche Oberconſiſtorium, worin die vom Con⸗ rektor empfangenen Beleidigungen mit lebhaften Farben geſchildert wurden. Er war kaum damit fertig geworden, als ſich gewichtiger Sporentritt auf der Treppe vernehmen ließ und gleich darauf eine harte Hand an die Thuͤre des Zimmers klopfte. Der Hauptmann von Schmalgau ſchritt gravitaͤ⸗ tiſch herein, ſalutirte militaͤriſch, raͤuſperte ſich und wollte eben ſeinen langen wohlausſtudirten Sermon beginnen, als der Rektor, ploͤtzlich von einem Ge⸗ danken ergriffen, heftig auf ihn losfuhr, ſo daß der Kriegsheld, durch den ſonderbaren Anlauf des Schulhelden außer Faſſung gebracht, ſtaunend ei⸗ nen Schritt zuruͤck wich. Nichts deſto weniger faßte Simius ſeinen Mann am Bruſtaufſchlage der Uni⸗ —— **. form, zerrte ihn wieder vorwaͤrts und rief dem Er⸗ ſchrockenen zu:„Gut daß Sie kommen! Vortreff⸗ lich! Sie ſollen mir Zeuge ſein! Sie ſind ja bei dem Schandſpectakel dabei geweſen; ja, ja, Sie haben ſich ja mit dem Conrektor gepruͤgelt. Sa⸗ gen Sie, iſt das wahr? Ich beſchwoͤre Sie, ha⸗ ben Sie den Conrektor mit Weinflaſchen alſo zu⸗ gerichtet?“ „Allerdings iſt dem ſo, mein hochzuverehren⸗ der Herr Rektor,“ verſetzte der Hauptmann klein⸗ laut,„aber beim Mars und der Bellona! ich bin nicht Urheber des Streits geweſen.“ „Iſt einerlei! thut nichts zur Sache! Sie muͤſſen mir Zeuge ſein, Herr Hauptmann. Wir wollen den unverſchaͤmten Menſchen von Amt und Brot bringen.“ „Ja Bomben und Granaten! das wollen wir!“ rief der Hauptmann erfreut, dem jetzt ein Licht in der Sache aufging.„Ha! ha! Nun weiß ich erſt, wo die Zaͤume hängen. Der Schulfuchs ſoll mir nicht umſonſt die Phyſiognomie ſo uͤbel zugerichtet haben!“ Der Rektor hoͤrte ihn nicht mehr an, ſon⸗ dern wieder am Schreibtiſch klebend, fugte er ſei⸗ nem gehorſamſten Berichte noch einen wichtigen Punkt von der Pruͤgelei des Conrektors und dem Eingeſtaͤndniſſe des Hauptmanns bei. Dieſer hatte unterdeſſen Zeit ſich ganz zu ſammeln, und da ihm gar nicht entging, daß er dem erboſten Rektor ei⸗ nen wichtigen Dienſt leiſte, ſo verfehlte er nicht, ſich von Minute zu Minute breiter zu machen, ſo daß der Rektor, nachdem er den letzten Tropfen ſeines Giftes auf das Papier gegoſſen, verwundert nach dem abgedankten Kriegsmann blickte, welcher aujgeblaſen, Haar und Bart buͤrſtend und die Reit⸗ gerte ſchwingend durch die Stube ſchritt, daß das ganze Haus erdroͤhnte. Der Rektor verfolgte mit blinzelnden Augen den rumorenden Gang ſeines Gaſtes, und eine Wolke des Unmuthes um die an⸗ dere ſtieg auf die Stirne des gelehrten Mannes; denn alſo hatte noch kein Sterblicher gewagt, durch dieſen ſtillen, den Muſen und ihren großen Prie⸗ ſtern geheiligten Tempel zu ſegen, daß die Buͤcher wie vor innerer Angſt zitterten. Endlich erhob ſich der Rektor und fragte mit abgemeſſener Kaͤlte: „Welcher Zufall verſchafft mir die Ehre?“— „Kein Zufall! Bei Leibe kein Zufall, verehr⸗ teſter Herr Rektor!“ verſetzte der Hauptmann cor⸗ 247 dial.„Nun wir wollen auf gut ſoldatiſch keine Umſtaͤnde machen, wir fuͤhren ja beide Schwerter, nun der Herr Rektor freilich ein holzernes, hat aber gar nichts zu ſagen. Nun ſehen Sie, wes⸗ halb ich eigentlich gekommen bin! Ja Pulver und Blei! merken Sie's denn nicht?“ „Ich habe nicht die Ehre!“ „Nun ſo hoͤren Sie! Ich will Ihre Tochter heirathen.“ „Hei— heirathen? Meine Lalage? Danke ſehr fuͤr die Ehre. Mein Kind darf nur einem Ge⸗ lehrten ihre Hand reichen. Das war von je mein feſter Vorſatz und nichts 3 mich davon abbrin⸗ gen.“ „Nun wenn's weiter nichts iſt,“ verſetzte der Hauptmann,„ſo iſt ja dieſem Umſtande bald ab⸗ geholfen; ich werde ein Gelehrter, und bin Ihr Schwiegerſohn.“ „Wollen Sie mich foppen, Herr von Schmal⸗ gau? Weder meine Perſon noch der Gegenſtand dulden ein ſolches, und ich mir allen Scherz ſehr verbitten.“ „Ei zum Henker! wer hat denn ſcherzen wollen? Es iſt mein aufgehaͤufter Ernſt, ich werde ein Ge⸗ 2¹8 lehrter. Gehoͤrt denn etwa ſo viel dazu? Ich ver⸗ ſteh' mich noch auf mein Latein, ſchreibe einen ele⸗ ganten deutſchen Styl, bin in den Hiſtoricis nicht unerfahren, kann von Kunſt und Literatur ſprechen, weiß die Leiſtungen der Schauſpieler zu beurthei⸗ len. Was wollen Sie mehr? Iſt das Alles nicht genug und ſogar uͤberfluͤßig, um ein Gelehrter zu heißen? Wir ſchicken ſechs Louisd'or an die naͤchſte philoſophiſche Facultaͤt, ich bekomme dafuͤr ein Doktordiplom und bin nun in plena forma ein Gelehrter.“ „Ein Narr!“ fuhr der Rektor aufs hoͤchſte gereizt heraus.„Aber Sie moͤgen immerhin ein ſolcher ſein, muthen Si⸗ mir nicht zu, ich auch einer bin.“ „Iſt das Scherz oder Ernſt?“ „Ernſt, aufgehäufter Ernſt. Thun Sie mir den Gefallen und verlaſſen Sie mein Haus.“ „Herr Rektor, ſind Sie bei Sinnen? Mir, dem Edeln von Schmalgau, dem herzoglichen Hauptmann der Infanterie, dergleichen ins Geſicht zu ſagen!“ „Ei was? Ich habe nicht Luſt mir die Zeit * „ N—— M—— 249 von Ihnen verderben zu laſſen. Wuͤnſchen Sie ſonſt noch was?“ „Bedenken Sie die Ehre, daß Ihre Lochter Frau von Schmalgau wird!“ „Hier iſt nichts zu bedenken. Meine Tochter wird nicht Frau von Schmalgau.“ „Aber ſie muß es werden. Sie liebt mich uͤber alle Maßen. Sie kann nicht ohne mich leben. Sie werden doch Ihr einziges Kind nicht ungluͤck⸗ lich machen wollen?“ „O wenn das der Fall iſt,“ verſetzte der Rek⸗ tor hoͤchlichſt erſtaunt,„ſo haben Sie allerdings wohl gethan, ſich an mich zu wenden. Da wollen wir kurzen Prozeß machen.“ Er ſchellte. „Lalage ſoll kommen!“ rief er der eintretenden Magd entgegen, warf ſich unmuthig in ſeinen Stuhl, ſtieß den Horaz unwillig zuruͤck, kaute är⸗ gerlich an den Naͤgeln, und erwartete zornroth der Tochter Eintritt. Durch die Magd bereits unter⸗ richtet, wer beim Vater zugegen ſei, hatte ſie die Tante und die beiden Bauernburſche mitgebracht, bei welchen ſie eben verweilte, doch blieben die An⸗ dern vor der Simmerthuͤre ſtehen, waͤhrend ſie mit verbiſſenem Lachen hinein trat. 25⁰ „Zu meiner Verwunderung muß ich von ge⸗ genwaͤrtigem Herrn Hauptmann von Schmalgau vernehmen,“ begann der Rektor piquirt,„daß Du mit demſelben einen unziemlichen Liebeshandel ge⸗ trieben und ihm ohne mein Wiſſen und Willen Deine Hand zugeſagt haſt.“ Jetzt konnte Lalage nicht laͤnger an ſich halten; ſie lachte dem Hauptmann unmaͤßig ins Geſicht, und wie ein Echo erſcholl vor der Thüre ein un⸗ maͤßiges Gelächter. Was iſt das?“ rief der Rektor aufſpringend. „Bin ich unter lauter Narren gerathen?“ „Es moͤchte nur Einer im Hauſe ſein,“ ver⸗ ſetzte Lalage,„und der thaͤte wohl, uns von ſei⸗ nem Anblick zu befreien. In der That, Herr von Schmalgau, nach dem, was wir auf dem Jagd⸗ hauſe zuſammen erlebt, haͤtte ich wohl eher des Himmels Einſturz, als Sie in unſerm Hauſe und noch dazu mit ſolcher Unverſchaͤmtheit gepanzert, erwartet.“ „Alſo iſt's nicht wahr, was er ſagt?“ rief der Rektor und riß die Augen weit auf. „Keine Sylbe! Was denken Sie von mir, ——. —— 251 ⸗ Vaͤterchen! Ich werde mich an ſolch einen Men⸗ ſchen wegwerfen.“ „Menſchen! Wegwerfen! Kartätſchen und Haubitzen! Ich bin kein Menſch! An mir iſt nichts wegzuwerfen!“ rief der Hauptmann auf⸗ gebracht.„Ich will dem Schneppermaul lehren, deſpectirlich von ihrem kuͤnftigen Eheherrn zu re⸗ den.“ rr, packen Sie ſich zum Teufel! Oder ich 5. Sie durch meine Burſche hinauswerfen, und 38 w ahrlich, Sie 3 e der nicht. 3 inteiniſcher Peru⸗ „Mich hinauswe u⸗ ſtock!“ der Hauptmann und raſſelte ſei einem Saͤ Aber in demſelben Augenblick „die nkraftigen Bauern mann ß gut In der Stadt gingen recht uͤble Geruͤchte von Madame Scheller und Lalage, und die Vorfaͤlle auf dem Jagdhauſe wurden auf das Schaͤndlichſte 252 entſtellt von Mund zu Mund getragen. Durch die Magd wurden die beiden Damen von Allem un⸗ terrichtet, aber was konnten ſie thun, um den ab⸗ ſcheulichen Reden ein Ende zu machen? Das Beſte war, ſo ſchnell als möglich unter die Haube zu* kommen, und ſie boten gemeinſchaftlich Alles auf, um dies recht bald zu bewerkſtelligen. Das Schlimmſte war, daß der Conrektor unß Schmalgau ſich vereinigt hatten und ihren boͤſen Zungen freien Lauf ließen. Der ei⸗ „ nem echaltenen Wink. zu Folge n Abſchied gefordert und ten, hatte aber ſeiner großen Geſ keit wegen bereits eine ehrenvollen Ruf zu einer w inträglichern und angenehmern Stelle an am auf des Conrektors afuͤr Zufriedenheit treulich erfullte. 6„ Die Sachen ſtanden in der That ſehr bedenk⸗ lich, als eines Tags der Poſtbote einen großen Brief mit der Aufſchrift brachte: 25³ Sr. Wohlgeboren Dem Herrn Doctor medicinae Herrn Karl Burg Kreisphyſicus und Oberarzt beim St. Georgenſtift zu N. dermalen im Hauſe des Herrn Rektors Simius zu S. Der Rektor hielt eben mit ſeinen beiden Scho⸗ laren lateiniſche Stunden und war in der beſten Laune, daß ſie durch ſeinen klaren geordneten Un⸗ terricht bereits die Deklinationen ſo vortrefflich be⸗ griffen hatten. Der Rektor erhob ſich, las die Aufſchrift des Briefes, ſchuttelte mit dem Kopfe und ſagte:„Hier waltet ein großer Irrthum ob; in meinem Hauſe lebt kein Doktor Burg.“ „Doktor Burg?“ ſagte der lange Michel ge⸗ ſpannt.„Fragen Sie nur die Madame Scheller, Herr Rektor. Die wird den Herrn wohl kennen.“ „So!“ verſetzte der Rektor, ging nachdenklich ſogleich nach dem Zimmer ſeiner Schwaͤgerin und hielt ihr den Brief vor. „Endlich!“ rief dieſe erfreut.„Sei willkom⸗ men, Gluͤck bringendes Papier! Geben Sie mir 254 den Brief, Herr Schwager, ich werde ihn an ſeine Adreſſe beſorgen.“ „Aber erklaͤren Sie mir doch zuforderſt dieſes Räthſel.“ r „Heute Abend ſollen Sie Alles erfahren. Ge⸗ dulden Sie ſich nur bis dahin.“ „Mir daͤmmert ein Licht. Wahrſcheinlich ein beguͤnſtigter Liebhaber der Frau Schwaͤgerin,“ ſagte der Schulmonarch giftig. „Fehlgeſchoſſen! Mein Herz ſchlaͤgt nicht fuͤr dieſen jungen Mann; es fuͤhlt nichts fuͤr ihn als die reinſte Freundſchaft, frei von jeder leidenſchaft⸗ lichen Beimiſchung. Ja auch Sie werden ihn die⸗ ſen Abend umarmen, und er iſt es werth, der edle Juͤngling, daß Sie ihn lieben. Doch ich lege mir mit Gewalt Schweigen auf, damit mein Herz nicht von wonnigen Gefuͤhlen uͤberſtroͤme und Ihnen vor der Zeit das ſuͤße Geheimniß verrathe, womit Sie uͤberraſcht werden ſollen. Doch das Eine kann und darf ich Sie heilig und theuer ver⸗ ſichern, daß Doktor Burg nicht mein Geliebter iſt. Nun gehen Sie und dringen Sie nicht weiter in mich.“ Der Rektor war gewohnt, einem weiblichen 255 Befehl zu gehorchen, und er ging, ſo gern er auch uͤber die wunderlichen Geſchichten, die ihn ſo ploͤtzlich umgaben, ſogleich im Klaren geweſen waͤre. Die Verſicherung der geliebten Schwaͤge⸗ rin, daß ſie an dem gaͤnzlich unbekannten Doktor keinen als freundſchaftlichen Antheil habe, be⸗ ſchwichtigte die heftig in ihm erwachte Unruhe ei⸗ nigermaßen, doch litt es ihn von Stund an an keiner Stelle, und es trieb ihn aus dem Hauſe. Auf einem einſamen Spaziergange wurde ſein Plan reif. Er wollte heute noch mit ſeinem An⸗ trage, mit welchem er bis jetzt aus Feigheit gezau⸗ dert hatte, bei der Scheller herausruͤcken, damit ihm kein Andrer zuvorkaͤme. Gegen Mittag ging er nach Hauſe, ſpeiſte mit einer bemerkbaren Aengſtlichkeit und verfuͤgte ſich ſodann in die Schule. Aber ſchon in der erſten Stunde in Ter⸗ tia verſprach er ſich jeden Augenblick und brachte zu verſchiedenen malen hoͤchſt verkehrte Dinge vor, ſo daß die loſen Tertianer in einſtimmigem Chor laut auflachten; was ſollte das bei den weit kluͤ⸗ gern Primanern in der zweiten Stunde werden? Dazu wuchs ſeine Unruhe von Augenblick zu Au⸗ genblick; und ſo nahm er ſich denn vor, der Sache 22 256 ſchnell ein Ende zu machen. Er gab den Prima⸗ nern die Stunde frei, ſchlich in ſeine Stube, be⸗ fahl der Magd eine Flaſche Elfer zu bringen, leerte ſie in wenigen Zuͤgen, und verfuͤgte ſich mit ſchwerem Herzen nach dem Zimmer der Schwaͤge⸗ rin. Hand und Fuß zitterten, der Athem ſtockte ihm, als er an der Thuͤre anlangte. Leiſe legte er das Ohr an, er vernahm nichts, als ein leiſes Flu⸗ ſtern und Rauſchen wie von Kuͤſſen, aber er ſchrieb dieſe Laute dem Weine in ſeinem Kopfe zu, ſchoͤpfte ſich Muth und drehte die zierliche Hand am Schloſſe herum. Die Thuͤre ging auf— aber hilf ewiger Himmel! was mußte der zum Tod er⸗ ſchrockene Mann erblicken!— Die Schwaͤgerin wand ſich gluͤhend aus den Armen eines jungen, hubſchen, elegant gekleideten Mannes, mit welchem ſie auf dem Sopha geſeſſen hatte. „Aber ums Himmels willen!“ rief Madame Scheller, ſich zuerſt ſammelnd,„leſen ſie denn jetzt nicht Horaz in Prima?“ „Mein, wie Sie ſehen, Frau Schwägerin, ich leſe nicht Horaz in Prima.“ „Aber wie kommen Sie denn hierher auf mein Zimmer? Was wollen Sie denn hier?“ „Ich wollte— ich wollte—— ich weiß ei⸗ gentlich ſelbſt nicht, was ich wollte.“ „Nun moͤgen Sie es wiſſen oder nicht, Sie ſind einmal hier und haben uns die Luſt der Ueber⸗ raſchung verdorben. Deshalb moͤgen Sie denn in Gottes Namen Alles erfahren!“ „Alſo iſt der junge Herr hier doch der Herr Doktor Burg und Sie——* „Keineswegs! Ich habe Sie nicht belogen, Perr Schwager. In dieſem Herrn habe ich die Ehre Ihnen den Herrn Doktor der Philoſophie Roſer, einen Philologen vorzuſtellen, welcher auf die erledigte Conrektorſtelle und nebenbei auf meine Hand ſpeculirt. Mein Herz beſitzt er ſchon, und es wird blos auf Sie ankommen, Herr Schwa⸗ ger, ob er auch die Stelle und ſogleich meine Hand erhalten ſoll.“ „Ich bin ſehr erfreut,“ ſtammelte der Rektor Jochſt verledineinen Mann von Fach perſoͤnlich kennen zu lernen„Ihr Name iſt mir als der eines guten Kritikers ſchon ans verſchiedenen Blaͤttern bekannt, und vor einem guten Kritikus hab' ich Reſpect. Ja, ja Sie ſind mir ein reſpectabler Mann.“.*t W 25⁸ „Es iſt eine große Ehre fuͤr mich, von einem ruͤhmlichſt anerkannten Gelehrten alſo ausgezeich⸗ net zu werden, obgleich meine geringen Leiſtungen noch keinen Anſpruch auf ſolche Auszeichnung zu machen haben.“ „Sie ſind ein vortrefflicher Mann. Solch einen Conrektor koͤnnen wir brauchen. Aber ſagt mir nur, wie das Alles ſo ſchnell gekommen iſt?“ „Das ſollen Sie nachher erfahren, wenn der Doktor Burg ebenfalls hier ſein wird,“ verſetzte die Schwaͤgerin. „Der iſt auch im Hauſe? Aber mein Him⸗ mel! Und ich weiß nichts davon?“ Madame Scheller eilte davon und trat gleich darauf an Burgs und Lalages Armen ins Zimmer. „Das iſt der Doktor Burg?“ rief der Rektor erſtaunt.„Der ſieht ja gerade aus wie unſer Mi⸗ chel!“ lichkeit mit unſerm Niklas ſinden fragte Lalage ſchelmiſch. „Me hercle! es iſt wahr!“ rief der Rektor und ſchlug die Haͤnde zuſammen.„Ei Ihr Spitz⸗ buben, wie habt Ihr mich angefuͤhrt!“ „und foltten Sie im Doktor Rerkeine Aehn „Bitte, bitte, nicht zurnen!“ flehten alle viere. Und Burg und Lalage ſanken zu des Vaters Fü⸗ ßen und baten um ſeinen Segen. Er wollte noch etwas einwenden, aber die Schwaͤgerin fugte ihre Bitten hinzu, und ſie war ſtets unwiderſtehlich für ihn. Er weinte und lachte, ſegnete laut und ver⸗ wuͤnſchte heimlich Alles, was um ihn war. Zum Gluͤ en Rektor hat ſpaͤterhin Niemand erfahren er am ſelbigen Tage den Primanern den Horaz erließ und die Stunde ſchenkte, weshalb die Magd eine Flaſche Elfer aus m Keller holen mußte, wovon ſie eine Viertel⸗ ſtunde darauf kein Troͤpfchen mehr fand, und wes⸗ halb eigentlich der Alte ſo ploͤtzlich und unerwartet auf der Schwaͤgerin Zimmer erſchien. Roſer war nach drei Monaten Conrektor und fruͤhen ſchon des Rektors Liebling; denn der gute Alte war mit der Zeit nicht fortgeſchritten und Roſer verdeckte die Bloͤſen ſeines Vorgeſetzten im⸗ mer gut. 5 Burg trat ſein eintragliches Amt an. Beide machten an einem Tage Hochzeit. Herr von Schmalgau wurde von Allen dazu geladen. Er verfehlte nicht zu kommen, aß und trank eine 260 Woche lang ſehr viel und leerte mit den Brautleu⸗ ten täglich manche Flaſche auf die Ruͤckreiſe aus dem Bade, bei welcher er eine ſo wichtige Rolle geſpielt hatte. *—————„. 4 25 S* 4 8 3 1 3 7 5* 6 — ⸗ g1ℳ senqae —