— S Leihbiblivthek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oltmann in Gieſßen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. C(àution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. = S 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für Sihenttich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. — ——. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 3 vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werven.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. 7 — — B — 1. pfan 7üt jeden den 3. eines hinte wird. 4 beträ für m auf! der 2 6 defec Ladef loren der L beſont der Br 0 ſelben . — ee Armand, Verfaſſer von„Bis in die Wildniß“,„An der Indianergrenze“,„Ralph Norwood“ „Der Sprung vom Niagarafall“ Hc. 2e. Erſter Vand. Ceipzig, Ernſt Julius Günther. 1866. Der Verfaſſer behält ſich das Recht der Ueberſetzung vor. 3 — 2 — N * . Druck vyn Heinr. Mercy in Prag. Erſtes Kapitel. Es war eine ſtille, ſternüberfunkelte, aber ſehr fin⸗ ſtere Nacht, als drei Reiter durch einen der rieſigen Ur⸗ wälder Kentuckys auf einer rohen, ausgefahrenen Straße hintrabten, um, wie es ſchien, baldigſt ihr Ziel zu er⸗ reichen. Einer derſelben, ein herkuliſch gebauter Neger, ritt in kurzer Entfernung voran und trug eine Fackel von Kienſpänen, die er in der großen Fauſt emporhielt, um für die beiden Nachfolgenden den Weg zu erhellen. Der eine von dieſen war ein hoher, ſtattlicher Mann von vornehmem Aeußern und dem Anſchein nach in einem Alter von einigen vierzig Jahren. Er trug einen feinen Strohhut mit ſehr breitem Rande, Rock und Beinkleider von grau und weiß geſtreiftem Leinen, und gelbe wild⸗ lederne Schuhe ohne Sporen, woraus man ſchließen konnte, daß der Ritt kein ſehr weiter ſein würde. Der dritte der Reiter war ein Knabe von etwa fünfzehn Jahren, ein Bild jugendlicher Schönheit. Seine feinen, edel geſchnittenen Geſichtszüge mit F Armand, Saat und 2 Profil waren von einer reichen Fülle dunkelblonder Locken umrahmt und von blauen, geiſtvollen Augen belebt. Auch er trug leichte Schuhe, Beinkleider bon weißem Leinen, eine kurze, zierlich geſchnittene Jacke vom glei. chen Stoff und einen Strohhut. „Reite hier rechts ab durch das Holz, Jack; vor uns in der Straße iſt ein grundloſer Sumpfplatz“, rief der ältere Herr dem Neger zu, indem er ſeinen prächti⸗ gen Rappen zum Schritt anhielt und noch halblaut vor ſich hin ſagte:„Man wird es gleich gewahr, wenn man in die Nähe eines dieſer Demokraten kommt; für das wahre öffentliche Wohl rührt keiner die Hand.“ Der Schwarze bog von dem Fahrweg ab und folgte der Spur eines ſchweren Wagens, in welcher das hohe Buſchwerk unter Ochſentritten und Rädern niedergebro. chen war und welche nach einigen Schritten im Bogen wieder in die Straße einlenkte. Abermals fielen die Pferde in raſchen Trab, der Wald wurde lichter, und die Reiter erreichten ein Feld, an deſſen Einzäunung hin ſie einem Seitenwege folgten. Aus der Ferne ſchimmerte ihnen jetzt ein Licht entge⸗ gen; ſie näherten ſich demſelben ſchnell, und bald darauf hielten ſie unter dem dichten Laubdach uralter Bäume vor einem Blockhauſe ihre Pferde an aus deſſen offener Thür das grelle Licht eines Kaminfeuers hervorſtrömte. In demſelben Augenblick trat eine Mannsgeſtalt in den hellerleuchteten Eingang und fragte, die Hand über die Augen haltend: „Wer iſt da?“ Die Reiter waren abgeſtiegen, und während der. Neger die Pferde mit den Zügeln an die Bäume be⸗ feſtigte, trat der ältere Herr, ohne auf die Frage des Mannes in dem Blockhauſe Antwort zu geben, bis in den Lichtſchein vor nipen und ſagte dann mit nicht freundlichem Tone: ₰ „Ich bin es, Herr Randolph!“ „Sie, Herr Williams, und noch ſo ſpät?“ erwiderte der Angeredete und ging dann mit den Worten:„Seien Sie willkommen und treten Sie ein“, aus der Thür dem Angekommenen entgegen. „Das Geſchäft, welches mich zu Ihnen führt, 62 Randolph, werden wir wohl außerhalb des Hüuſes ab⸗ zumachen haben“, verſetzte Williams und winkte ſeinem Begleiter, welcher ſein Sohn Harry war, näher heran⸗ zutreten. „Sie haben einen Mulatten Jeremias, der ſich heute Nachmittag erfrecht hat, auf meinem eigenen Grund und Boden dieſen meinen Sohn Harry zu ſchimpfen und ihm ſchließlich damit zu drohen, Hand an ihn legen zu Sie wiſſen, daß die geſthlche Strafe dafür hart 1* 4 an ſein Leben treten würde. Ich will Ihnen nun das Kapital nicht in Gefahr bringen, welches Sie in dem Sklaven beſitzen, da ich weiß, daß Sie es nicht gut ent⸗ behren können, ich verlange aber die ſofortige Züchti⸗ gung des Mulatten und erſuche Sie, ihn zu dieſem Zweck herbei zu rufen.“ Randolph war ſichtbarlich durch die Worte ſeines vornehmen Nach ars, des Herrn Williams, ſehr unan⸗ genehm berührt, und für einige Augenblicke fehlte ihm die Antwort darauf, dann aber ſagte er mit erzwunge⸗ ner Ruhe: „Die Sache iſt mir ebenſo unbekannt als leid, Herr Viliums. und Sie dürfen ſich darauf verlaſſen, daß ich ſie ſtreng unterſuchen und dem Manne die verdiente Strafe geben werde.“ „Es ſcheint, Herr, daß Sie die Ausſage meines Sohnes der des Mulatten unterordnen und nach dem Wort Ihres Sklaven einen Rechtsſpruch fällen wollen; Sie vergeſſen aber, daß Sie kein Richter ſind, und wiſſen vielleicht noch nicht, daß die Ausſage eines Far⸗ bigen einem Weißen gegenüber vollſtändig nichts iſt. Ich erſuche Sie um kurze einfache Erklärung, ob Sie den Mulatten augenblicklich ſtellen wollen, damit ihm mein Neger Jack fünfzig Peitſchenhiebe gibt, oder ob ich die Sache morgen früh dem Gericht überweiſen ſoll; geniren 6 — F 5 Sie ſich nicht und thun Sie, was Sie für Ihr Intereſſe am beſten halten.“ Bei dieſen Worten hatte Williams die linke Hand in ſeinen Buſen geſchoben, ſchlug mit ſeiner Rechten die Reitpeitſche ſpielend gegen ſein Beinkleid und blickte ſtolz auf den Farmer Randolph. „Aber, Herr Williams“ ſagte dieſer heftiger bewegt, „ohne alles Verhör einen Menſchen auszupeitſchen— Jerry iſt mir immer ein treuer, zuverläſſiger Diener geweſen!“ „Warum ſind Sie nicht in Ihrem Staate Neu⸗ york geblieben?“ fiel Williams ſtolz und geringſchätzend ein.„Dort konnten Sie nach Belieben Ihre Neger mit ſich auf gleiche Stufe ſtellen und deren Rechte Ihren Nachbarn gegenüber in Schutz nehmen. So find aber dieſe nordiſchen Krämerſelen; ſie drängen ſch zriſchen uns, um unter dem Schutze unſerer Rechte Geld zu verdienen, und wollen doch zugleich uns dieſe Rechte ſchmälern und uns womöglich Geſetze vorſchreiben. Merken Sie es ſich, Herr, daß für den Adel des Süd⸗ länders der Farbige niemals etwas Anderes ſein kann als der Sklave, mögen Sie ihn im Norden zu Ihrem Freund, zu Ihrem Herrn machen. Ich bin aber nicht hierher gekommen, um Ihnen Vorleſungen über ſüdliche Inſtitutionen zu halten, ich frage Sie nur, wollen Sie den Mulatten jetzt ſtellen oder nicht?“ 6 Die ziemlich laute Unterhaltung der beiden Männer hatte nicht allein in dem Blockhauſe, ſondern auch in den dahinterſtehenden beiden Negerhütten Bewegung und Beſtürzung hervorgebracht, denn man lief hin und her, von einer Thür zur andern, bei den letzten Worten Williams aber trat plötzlich eine dunkle Geſtalt neben dem Haus hervor und ging ruhigen Schrittes dem er⸗ zürnten fremden Herrn entgegen. Es war der ange⸗ ſchuldigte Mulatte Jerrh ſelbſt. „Hier bin ich, Herr Williams; thun Sie mit mir, was Sie wollen“, ſagte er mit verbiſſenem Ingrimm. „Ihr Herr Sohn hat mich gereizt, hat mich einen Affen, einen Pabian genannt, weil ich in der Ferne an ihm vorüberging, ohne ihn zu begrüßen, und er drohte mir dann, mir den Hut von dem Kopfe zu ſchlagen. Halten Sie mich für ſchuldig, weil ich es fühlte, daß unſer ge⸗ meinſchaftlicher Gott mich nicht zu einem Thiere, ſondern ebenſo gut zu einem Menſchen gemacht hat wie den Weißen, ſo ſtrafen Sie mich.“ Hiermit zog der Mulatte ſein rothes wollenes Hemd über den Kopf, ſchlug ſeine kräftigen Arme vor der Bruſt zuſammen und kehrte Williams den nackten, ſchön geformten Rücken zu. „Jack“, ſagte dieſer mit verächtlichem Tone zu ſeinem Neger,„gib ihm fünfzig Hiebe.“. * * 7 Der Neger trat vor, um den Befehl ſeines Herrn zu vollziehen, doch Randolph ſtellte ſich ihm mit den Worten entgegen: „Laß mich die Peitſche ſehen, ob kein Draht hin⸗ eingeflochten iſt.“ „Eine ſolche Nichtswürdigkeit kann nur ein Jankee einem Südländer zutrauen, Herr Randolph. Das ſind Erfindungen aus dem Staate Neuhork, wo man den Schwarzen Menſchenrechte predigt und ſie zugleich ſchin⸗ det“, verſetzte Williams, als Randolph die Peitſche er⸗ griff und ſie unterſuchte. „Sind Sie nun durch den Augenſchein zufrieden geſtellt?“ fuhr er dann noch heftiger fort.„So halten Sie mich nicht länger unnöthig hier in Ihrer Nähe, oder ich werde das Gericht ſtatt meiner handeln laſſen.“ Randolph zitterte vor Wuth, dennoch drängte er bei dem Gedanken an die Gefahr, in welcher der Mu⸗ latte ſchwebte, die böſen Worte, die ihm auf die Lippen traten, gewaltſam zurück, nahm dem Neger die Fackel aus der Hand und gab ihm das Zeichen, mit dem Aus⸗ peitſchen ſeines Sklaven zu beginnen. Neben dem Blockhauſe hatten ſich einige Negerin⸗ nen mit mehreren ſchwarzen Kindern an einander ge⸗ drängt und hielten, die wolligen Köpfe zuſammenſteckend, ihre im Licht der Fackel blitzenden Augen auf den vor⸗ —= — nehmen Mann gerichtet, der ihresgleichen, ihren Gat⸗ ten, ihren Freund, ihren Vater peitſchen laſſen wollte. Auch in der Thür des Blockhauſes, theilweiſe vom Kaminfeuer in demſelben, theils auch von dem Fackel⸗ licht beſchienen, hatten ſich mehrere Frauengeſtalten auf⸗ geſtellt, die bangend der Schreckensſcene harrten und bald ihre entrüſteten Blicke nach Williams ſchoſſen, bald wieder ſich Thränen von den Augen wiſchten. „Go ou, Jackl“(„Vorwärts, Jack!“) rief Williams dem Neger zu. Dieſer ließ die Peitſche über ſich durch die Luft ſchwirren, und pfeifend fiel der Schlag auf die breiten Schultern des Mulatten. Derſelbe zuckte un⸗ ter dem brennenden Schmerz zuſammen, veränderte aber ſeine Stellung nicht um einen Zoll breit, obgleich er ſchon wieder die Peitſche hinter ſich kreiſen hörte. Hieb auf Hieb in regelmäßigen Zwiſchenräumen, wie die Takte einer Melodie, fielen die Schläge auf des Skla ven Rücken, einer unter dem andern, wie die Linien eines Manuſcripts. Dabei zählte der Neger jeden Hieb laut und ſtrich dann die Spitze der Peitſche unter ſei⸗ nem Arme durch, um das Blut davon abzuwiſchen, wel⸗ ches ſie aus der geſchlagenen Wunde geleckt. Rondolph hielt die Fackel immer höher empor, und immer ſchneller und heftiger zitterte ſie in ſeiner Hand, je mehr ſich der Ricken ſeines Sklaven roth — fürbte, und doch zählte Jack, der koloſſale Neger, erſt: „Fünfundzwanzig!“ „Herr Williams“, rief Randolph plötzlich aus, „haben Sie denn kein menſchliches Gefühl in der Bruſt? Iſt es möglich, daß Sie einen Menſchen kalten Blutes ſo zerreißen laſſen können?“ „Jack, ſchlage keinen Hieb auf dieſelbe Stelle, Du haſt Raum genug für fünfzig“, ſagte Williams, ohne auf den Ausruf Randolph's zu achten, und:„Acht⸗ undzwanzig— dreißig!“ zählte der Neger. Der Mulatte hatte ſeine Stellung noch nicht ver⸗ ändert, ſeine Geſichtszüge aber waren andere geworden, verzerrte, verzogene, ſchmerzſchreiende, und ſeine Augen hatten ſich nach Williams hingewandt, als wollten ſie ihn auf ihrem Spiegel leſen laſſen, was in ſeiner Seele vorging. „Vierzig!“ rief Jack jetzt und zog die blutige Peitſche unter dem Arme durch, um ſie wieder zu neuem Hieb durch die Luft ſchwirren zu laſſen. „Halt!“ ſagte Williams mit kalter lauter Stimme. „Es mag genug ſein. Ich hoffe, der Burſche wird es in Zukunft nicht wieder vergeſſen, was er dem Weißen, den die Natur zu ſeinem Herrn machte, ſchuldig iſt.“ Zugleich gab er dem Neger einen Wink, die Fackel zu nehmen und nach den Pferden vorauszugehen. „Sind Sie nun vollſtändig zufrieden geſtellt und hat der Mann ſeine verdiente Strafe empfangen, Herr Williams?“ fragte Randolph jetzt mit feſter Stimme. „Vollſtändig“, antwortete erſterer und wandte ſich mit einem kurzen„Gute Nacht!“ von dem Farmer ab, doch dieſer folgte ihm raſch nach und ſagte, ſeinem Zorne Luft machend: „So nehmen Sie noch einen Rath mit auf die Reiſe. Laſſen Sie ſich nicht wieder bei meinem Hauſe ſehen, oder ich möchte Ihnen für Ihre Unverſchämtheit, für Ihren ungezogenen Hochmuth zeigen, daß der Nord⸗ länder mit Ihnen auf gleicher Stufe ſteht und gleiche Rechte mit Ihnen hat.“ „Nehmen Sie ſich in Acht, Herr Randolph; Ihre Rechnung möchte falſch ſein. Noch ſind Sie und Ihres⸗ gleichen fremd hier, und Ihre Freiheitsideen zu Gunſten der Neger ſind ſchon bekannter geworden, als es gut für Sie ſein dürfte. Sie ſollten mir danken, daß ich Ihren Sklaven nicht dem Gerichte überlieferte; Ihre Drohungen kümmern mich ſehr wenig“, entgegnete Wil⸗ liams verächtlich, beſtieg ſein Pferd und ritt mit ſeinen Begleitern davon, während Randolph ihm noch einige unfreundliche Grüße nachſandte. 11 Im Innern des Staates Kentucky liegt ein an⸗ muthiges ſchönes Städtchen, Danville, in deſſen Umge⸗ bung viele der älteſten Geſchlechter Amerikas ſeit einer langen Reihe von Jahren ihre Familienſitze hatten. Ken⸗ tucky ſowie ſein Nachbarland Virginien, die beiden Muſterſtaaten der Union, waren der Hauptſitz des ame⸗ rikaniſchen Geburtsadels, der ſeine Abkunft von den erſten Einwanderern in dieſes Land und auch häufig von den Häuptlingen der durch dieſelben vertilgten In⸗ dianerſtämme herleitet, der aber nie ſeinen Stammbaum über den Ocean nach der alten Welt zurückführt, mögen dort ſeine Vorfahren auch Purpur und Kronen getragen haben. Die Natur ſcheint in dieſer neuen Welt Alles neu ſchaffen zu wollen und den Menſchen nicht allein kör⸗ perlich durch Kreuzung der vielen hier zuſammentreffen⸗ den Völkerſtämme und durch verändertes Klima zu einer neuen, eigenen Raſſe heranzubilden, auch ſeinem Geiſt ſtreift ſie das Verbrauchte, das Abgelebte der alten Welt ab und läßt ihn ſelbſtſtändig als neuen Keim in friſcher Lebensfülle emporſchießen, damit er ſich kräftig und un⸗ abhängig in anderer Form entwickle, um nach Jahr⸗ hunderten unter dem Zahn der Zeit wieder alters ſchwach ebenſo zuſammenzuſinken, wie der Stamm, aus dem er hervortrieb. Eine der älteſten Familien Amerikas waren die Williams, dic mit Stolz ihre Abkunft von dem einſt ſo mächtigen Indianervolke, den Pocahontas ableiteten, welche in Virginien wohnten und den erſten engliſchen Einwanderern unter Kapitän Smith ſo kräftigen Wider⸗ ſtand entgegenſetzten. Ein Williams war dem berühm⸗ ten und hochgefeierten Frontiermann Daniel Boone, dem Schrecken der Indianer, der der Civiliſation zuerſt den Weg nach Kentucky zeigte, bald in dieſes, damals noch wilde, aber ſchöne Land nachgefolgt und hatte ſich in dem Thale, wo ſpäter Danville erſtand, eine Hei⸗ mat gegründet. Von der großen Strecke Landes, die er als äußerſter Frontiermann in Beſitz genommen hatte, verkaufte er nach und nach kleinere Stücke an die ihm nachziehenden Anſiedler, und als infolge der wachſen⸗ den Bevölkerung das Städtchen Danville erbaut ward, gab er für hohen Preis Grund und Boden dazu her und wurde dadurch zum ſehr reichen Manne. Die Befitzung dieſes Williams war bereits in die dritte Nachkommenſchaft übergegangen, doch die Woh⸗ nung ſtand noch immer auf demſelben Platze, wenn auch an die Stelle des Blockhauſes ein prächtiges ſteinernes Gebäude getreten, ſtatt des Urwaldes ein wohlgepflegter Park und ſtatt der natürlichen Quelle, wie ſie dem erſten Williams unter einer Platane hervor entgegenſpru⸗ 13 delte, ein großes Marmorbecken zu ihrer Aufnahme er⸗ ſtanden war. Reiche Mais. und Tabaksfelder, ſowie unabſehbare herrliche Wieſen breiteten ſich nach allen Seiten um die Herrſchaftsgebäude aus, und in einiger Entfernung von dieſen ſtanden in dem Schatten alter Eichen und Buchen einige zwanzig Blockhäuſer, in denen die Sklaven ihre Wohnſtätten hatten. Der jetzige Eigenthümer der Beſitzung war Herr William Williams, derſelbe, der ſo eben dem Farmer Randolph den unangenehmen nächtlichen Beſuch abge⸗ ſtattet hatte. Er war ein vornehmer Mann, der wegen ſeines Stolzes unter ſeinen Nachbarn zwar nur wenig Sympathie genoß, in der ganzen County aber hoch in Anſehen ſtand und ſeinen mächtigen Einfluß bei poli⸗ tiſchen Angelegenheiten des Staates immer ſehr zur Geltung zu bringen wußte. Seine Hauptthätigkeit ver. wandte er auf den Anbau von Tabak, wobei er ſeine vielen Sklaven beſchäftigt hielt und von welchem Ar⸗ tikel er jährlich eine Ernte erzielte, die ihm durchſchnitt⸗ lich gegen zehntauſend Dollars einbrachte. Er ſtand in dem Rufe eines ſehr ſtrengen Herrn gegen ſeine Sklaven, die er zwar gut nährte und kleidete, die er aber über ihre Kräfte arbeiten ließ und denen er gleichfalls Sklaven zu Aufſehern gab, welche ſie hart und grauſam behan⸗ delten. 14 „Dieſes gemeine Geſindel!“ ſagte er verächtlich, als er von Randolph's Wohnung wegtrabte und die nachge⸗ rufenen Worte des Farmers noch ſein Ohr trafen. „Kaum hat ſich dieſer Pöbel ein paar Neger und ein Stück Land zuſammengeſchwindelt, ſo will er den Herrn ſpielen und ſich uns gleichſtellen; und fragt man die Lumpe, woher ſie kommen, ſo wiſſen ſie kaum zu ſagen, wer ihr Großvater geweſen.“ Bei dieſen Worten drückte er den Hut feſter auf den Kopf und trieb ſein Pferd zu größerer Eile an. Die wenigen Meilen bis zu dem Wohnſitze Wil⸗ liams' waren bald zurückgelegt. Kaum wurde das Fackel⸗ licht, welches ihm voranleuchtete, dort ſichtbar, ſo ſam⸗ melten ſich viele farbige Diener vor dem Hauſe, um den gnädigen Herrn zu empfangen, und zugleich trat Ma⸗ dame Williams mit ihrem älteſten Sohne Aſhmore und ihrer Tochter Olivia aus der Salonthür des erſten Stocks auf die Plattform der hohen Treppe, um ihren Gatten zu bewillkommnen, während ihr jüngſter Knabe Char⸗ les demſelben auf dem ſaubern Sandwege, der durch den Park nach deſſen Einfahrtsthor führte, entgegen⸗ ſprang. Wenige Minuten ſpäter kam Williams, mit dem kleinen Charles vor ſich auf dem Sattel, im Schritt herangeritten, während ſein Sohn Harrh ihm vorange⸗ 15 ſprengt war und bereits bei ſeiner Mutter auf der Treppe ſtand. „Halloh, Bruder Charles, kannſt Du ſchon reiten?“ rief Harrh dieſem zu, als ſein Vater abſtieg und den Kleinen vom Sattel hob.„Dann ſollſt Du morgen auch mit mir einen Ritt machen; da ſoll es aber luſti⸗ ger gehen!“ „Harry“, ſagte Williams zurechtweiſend,„ich bitte mir ſehr aus, daß Du es Dir nicht einfallen läßt, Charles auf Dein Pferd zu nehmen. Wenn Du bei Deinem tollen Reiten Deine geraden Glieder brechen willſt, ſo haſt Du ſelbſt dafür zu dulden, Andere aber ſollſt 8 keiner ſolchen Gefahr ausſetzen. Wenn Charles einmal fünfzehn Jahre alt iſt, ſo wird er vielleicht ein noch beſſerer Reiter ſein als Du. Nicht wahr, Charles?“ ſetzte er hinzu, indem er dem Kleinen die Locken zurück. ſtrich und, ihn an ſeiner Hand leitend, der Treppe zu⸗ ſchritt, wo ihm ſeine Gattin entgegenkam. „Gott Lob, daß Du wieder hier biſt“, ſagte dieſe, indem ſie Arm in Arm mit ihm in den Salon ſchritt; „es war mir ſo bange ums Herz, Du ritteſt in ſolcher Aufregung von hier fort, und da fürchtete ich ernſte Auftritte bei Randolphs.“ „Ernſte Auftritte bei ſolchen itbe Ple- bejern? Die dürfen es doch nicht wagen, zu uns aufzu⸗ 16 ſehen, geſchweige denn ernſte Oppoſition gegen uns zu machen; unſer moraliſches Uebergewicht iſt zu groß“, entgegnete Williams, indem er ſich mit ſeiner Gattin zum Abendeſſen niederließ.„Freilich“, fuhr er fort,„ſie möchten ſich gern neben uns ſtellen, man muß ihnen aber niemals die Zügel ſchießen laſſen und ihnen bei jeder Gelegenheit in das Gedächtniß zurückrufen, wo uns gegenüber ihr Platz iſt. Gibt man ihnen nur einen Finger, ſo nehmen ſie die ganze Hand. Ich wette, die Neger dieſes Herrn Randolph gehen nicht wieder an uns vorüber, ohne zu grüßen. Ich habe dieſes brutale Volk lange genug beobachtet; wie aber der Herr, ſo der Diener!“. „Ehrlich geſtanden“ fiel Madame Williams ein, „ich habe immer eine ſehr gute Meinung von dieſen Randolphs gehabt, und ſoviel ich weiß, haben ſie in der ganzen Umgegend einen außerordentlich guten Namen.“ „Das iſt immer der Fall mit ſolchem Geſindel. Solange ſie arm wie die Feldmäuſe ſind, bleiben ſie kriechend höflich, kaum aber haben ſie feſten Fuß gefaßt, ſo wächſt der Hochmuth in ihnen auf und macht ſich im Einklang mit ihrer Perſönlichkeit durch Unverſchämtheit und Grobheit kenntlich; gemein bleiben ſie immer, und wenn ſie ſich mit Seide und Gold überdecken.“ 17 „Randolph aber ebenſo wie ſeine Frau ſollen ſehr gebildete Leute ſein, ſo ſagt man allgemein“, bemerkte Madame Williams. „Gebildet? Sie haben vielleicht etwas geleſen und wiſſen von dieſem und jenem zu reden, aber durch alles Leſen und Lernen iſt noch Niemand zum wirklichen Gentleman, zum Edelmann geworden; das liegt im Blute und wird bei der Geburt gegeben. Aus einem ordinären Gaul kann man mit aller Dreſſur doch nie⸗ mals ein edles Pferd machen“, ſagte Williams und wandte ſich dann nach dem Negerknaben um, der an der fernen Wand hinter ihm ſtand und mittels eines Seils den großen, an Eiſenſtäben über dem Tiſch hängenden Fächer hin und her fliegen ließ, um die drückende Schwüle des Zimmers durch Zugluft zu kühlen. „Ben, Du ſcheinſt einſchlafen zu wollen, oder haſt Du nicht Kraft genug, den Fächer ſtärker zu ziehen?“ rief er dem Knaben zu und befahl dann dem Mulattenmädchen, welches hinter ſeinem Stuhle ſtand, ihm ein Glas Eis⸗ waſſer zu reichen. Außer dieſen beiden Dienern befanden ſich noch fünf Farbige in dem Salon, welche der Winke der ſpei- ſenden Herrſchaft harrten. Sie waren aber ſämmtlich ſehr nachläſſig gekleidet, ſowie die ganze Ausſtattung des Zimmers mehr auf einen Glanz vergangener Zeiten Armand, Saat und Ernte. 1. 8 2 18 deutete. Die Vorhänge, Spiegel und der Kronleuchter waren alt und ſchadhaft, die Möbel abgenutzt und die Helfarbe der Thüren ſowie der Ghps der Wände und der Decken hatten ihre weiße Farbe verloren. Dem koſtbar geſchnitzten hohen Credenztiſch an der breiten Wand fehlte die Politur, und ſtatt geſchliffener Caraffinen mit verſchiedenen Weinen und Liqueuren ſtanden auf demſelben auf einem großen altmodiſchen ſilbernen Thee⸗ bret gewöhnliche Flaſchen mit Cognac und Genevre. Aſhmore, der älteſte Sohn, erhob ſich zuerſt von dem Abendtiſch mit dem Bemerken, daß er auf die Hirſchjagd gehen wolle, und zwar mit Fackellicht, wie dies im Weſten Amerikas ſehr üblich iſt; Harrh folgte ihm, um im nahen Fluſſe Nachtangeln für größere Fiſche zu ſtellen, und Charles war mit ſeiner Schweſter Olivia fortgerannt, als auch Herr Williams und ſeine Gattin ſich erhoben und vor der Thür des Salons auf der ho⸗ hen Treppe auf der dort angebrachten Bank Platz nah⸗ men. Sie hatten eine Weile neben einander geſeſſen, als Williams das Schweigen brach und ſagte: „Die kleinen Farmer, wie dieſer Randolph, ſind wahre Plagen für uns Tabaksbauer; ſie verderben uns ſtets den Preis, denn ſie arbeiten von der Hand in den Mund und müſſen ihren Tabak verkaufen, ſobald er ge⸗ packt iſt. Wir großen Pflanzer würden uns vereinbaren, 19 nicht unter einem gewiſſen Preis loszuſchlagen, und würden die Käufer in den Hafenſtädten zwingen, uns den⸗ ſelben zu geben; was hilft uns aber unſer Nichtverkau⸗ fen? Dieſe kleinen Lumpe liefern zuſammen doch ein hin⸗ reichend bedeutendes Quantum, um den Nothbedarf zu be⸗ friedigen und unſere Vorräthe zeitweiſe entbehrlich zu ma- chen. Meine ganze Ernte vom vergangenen Jahre liegt ja noch unberkauft hier, weil ich hoffte, daß der Preis in die Höhe gehen würde; ſtatt deſſen iſt er jetzt niedri⸗ ger, als er im verfloſſenen Winter ſtand. Nun kommt meine diesjährige Ernte noch hinzu, und beide zuſammen könnten mir im günſtigen Falle gegen achtzehntauſend Dollars liefern, während ſie mir zu dem augenblicklichen Preis vielleicht kaum zwölftauſend Dollars einbringen würden. Das Kapital, welches ich darauf geborgt habe, koſtet mich hohe Zinſen, und ich wurde ſchon wiederholt darum angegangen, das Geld zurückzuzahlen; was bleibt mir zuletzt übrig, als um jeden Preis zu verkaufen? Ich bin niemals in einer ſolchen Verlegenheit geweſen wie jetzt. Und an allem dieſem ſind lediglich jene erbärm⸗ lichen kleinen Anſiedler ſchuld, welche Gott danken, wenn ſie nur ein paar Fäſſer Tabak ernten.“ Hier ſchwieg Williams und ſah gedankenvoll vor ſich hin. „Wenn Du nun einige Neger verkaufteſt und mit 2* 20 dem Gelde das geborgte Kapital zurückzahlteſt?“ nahm die Frau theilnehmend das Wort. „Dabei würde ich nichts gewinnen, denn die Neger ſtehen im Verhältniß ebenſo niedrig im Preis wie der Tabak; dann thue ich noch beſſer, ich verkaufe dieſen und behalte die Arbeitskräfte.“ „Du haſt ja aber auch auf ſie Geld für hohe Zin. ſen geborgt, und ſie zu ernähren koſtet Dich viel. Thäteſt Du nicht beſſer, wenn Du mit weniger Sklaven und ohne alle Schulden arbeiteteſt? Ich glaube, Du wür⸗ deſt mehr verdienen“ bemerkte Madame Williams. „Unſer Haushalt iſt zu koſtſpielig, wir geben zu viel Geld aus“ verſetzte Williams mit einem Tone, in dem ein leichter Vorwurf lag. „Weniger der Haushalt, lieber Williams, als die Geſellſchaften, die Gaſtfreiheit, womit wir unſer Haus Freunden und Fremden öffnen. Mir thäteſt Du einen großen Gefallen, wenn Du hierin eine Aenderung ein⸗ treten laſſen wollteſt, denn das ſind Ausgaben, für welche wir nichts erhalten.“ „Die wir aber nicht ganz vermeiden können und die wir unſerm Namen ſchuldig ſind“, ſagte Williams, worauf abermals eine Pauſe eintrat, in welcher die Ehe⸗ leute ihren Gedanken zu folgen ſchienen. „Höre, Williams“, begann nach einer Weile die 21 Frau, wie zu einem Entſchluß gekommen,„laß mich bei dieſer Gelegenheit nochmals einen Punkt berühren, den ich ſchon früher anregte, wenn wir uns auch nicht dar⸗ über einigen konnten. Es iſt die Erziehung unſerer Kinder, namentlich unſerer beiden älteſten Söhne; ſo jung ſie noch ſind, ſo geben ſie doch ſchon viel Geld aus, und ich glaube mehr, als uns bekannt iſt.“ „Du haſt es immer mit den Jungen zu thun! Es iſt beſſer, wenn ſie frühzeitig Geld in Händen haben, dann lernen ſie deſſen Gebrauch und Werth kennen“, entgegnete Williams halb unwillig. „Ganz recht“, fuhr die Frau fort,„aber ſie ſollten dabei überwacht werden und Nachweis über die Ver⸗ wendung geben. Das geſchieht aber nicht, ſie kaufen und vertauſchen Pferde, Hunde und Gewehre, ohne Dich oder mich darum zu fragen, und haben ſie Schulden gemacht, ſo zahlſt Du ſie, ohne ihnen darüber eine Zu⸗ rechtweiſung zu geben.“ „Einen edlen Keim darf man nicht einzwängen, ſoll er ſich nicht auf Nebenwegen Luft machen; es iſt das Blut der Williams, das in den Jungen tobt und ſie zu wilden Streichen verleitet, das ſie aber auch ſpäter ihrer Vorfahren würdig zum ritterlichen Gentleman macht. Jungen von ihrem Alter ſind doch keine Kinder mehr und können nicht am Gängelbande geführt werden.“ „Eben weil ſie aus den Kinderſchuhen heraus ſind, müſſen wir mehr für ihre Erzichung thun; ſie haben nichts gelernt als reiten, jagen, fiſchen und nothdürftig eine Zeitung leſen“, verſetzte Madame Williams. „Und die Verhältniſſe ihres Vaterlandes kennen ſie ſo gut wie irgend ein Amerikaner und können trotz dem beſten Advocaten darüber reden“, ſiel Williams ein. „Ich möchte wohl wiſſen, ob Du einen talentvollern Jungen in unſerer Gegend kennſt, als Harrh. Welch einen Brief er ſchreibt! Weder Du noch ich bin im Stande, es ihm nachzuthun.“ „Und gerade für Harrh iſt mir am meiſten Er iſt ein zu ungewöhnlicher Knabe, zu leidenſchaftlich und lebensluſtig und zu ſchön, als daß er den Weg ge⸗ wöhnlicher Menſchen gehen ſollte; entweder es wird aus ihm ein ſehr großer gefeierter Mann, oder er geräth auf Abwege und nimmt ein trauriges Ende“, ſagte die Frau noch mehr bewegt. „Nein, jetzt muß ich aber lachen, Frau“, entgegnete Williams raſch.„Ich glaube gar, Du hätteſt lieber einen dummen, häßlichen Tölpel zum Sohne, als dieſen prächtigen Jungen, von dem in jedem Zoll der Keim zu einem Edelmann liegt! Mache Dir keine unnöthigen Sorgen, liebes Weib; Harry iſt ein echter Williams, 23 ich bin ſtolz auf den Burſchen, und er wird uns Freude und Ehre machen; laß ihn nur austoben.“ „Heißer und inbrünſtiger hat nie eine Mutter ihrem Schöpfer für ein Kind gedankt, als ich es für Harry that; es iſt aber meine Liebe für den Knaben ſelbſt, die mich für ſeine Zukunft bangen läßt; er iſt nicht wahr, nicht offen und hat eine eiſerne Verſtellungsgabe“, ant⸗ wortete Madame Williams und ſetzte nach einer augen⸗ blicklichen Pauſe, als ob die Worte ihr entſchlüpften, noch hinzu:„Ich glaube gar nicht, daß er fiſchen gegangen iſt.“ „Aber liebe Frau, jetzt wird es mir doch bald zu bunt! Wohin, um Gotteswillen, ſoll der Junge denn wohl gegangen ſein?“ entgegnete Williams unwillig und ſah ſie an, als warte er auf weitere Erklärung. „Ich mag es Dir kaum ſagen, Williams, denn es klingt unglaublich und lächerlich, und doch iſt es wahr. Der Junge hat ſchon eine Liebelei mit einem Mulatten⸗ mädchen unſeres nächſten Nachbars, des Herrn Baxton. Ich weiß es ſicher, daß er ſchon verſchiedene Male in der Nacht hinübergeritten iſt, um ſie zu ſehen. Die Jungen gehen ja und kommen, wie es ihnen beliebt, wenn wir ſchon lange ruhig ſchlafen.“ „Was ſagſt Du? Harry eine Liebelei mit dem Mulattenmädchen?“ rief Williams und ſprang von ſeinem Sitze auf. „So iſt es, und ich bin überzeugt, daß er jetzt wieder zu ihr geritten iſt.“ „Das wäre doch mehr als toll. Harry eine Lieb⸗ ſchaft und auf ein nächtliches Abenteuer ausgeritten— es iſt ja gar nicht denkbar! Dieſer Junge!“ ſagte Wil⸗ liams außer ſich vor Verwunderung und ſetzte dann la⸗ chend hinzu:„Nun, einen ſchlechten Geſchmack hat er wahrhaftig nicht; es iſt das ſchönſte Mädchen in der ganzen Gegend. Jetzt will ich mich überzeugen, und iſt es wahr, ſo werde ich ein ernſtes Wort mit ihm reden.“ Hiermit ging er in das Haus und kam bald darauf mit Hut und Stock und mit einer Laterne in der Hand zurück. „Ich will ſelbſt ſehen, ob ſein Pferd fort iſt oder nicht“ ſagte er zu ſeiner Frau und eilte die Treppe hinab, den Negerwohnungen zu, in deren Nähe ſich die Stallungen befanden. Beim Eintreten in dieſe überredete er ſich ſelbſt zu dem Glauben, daß er das Pferd ruhend in deſſen Stand vorfinden würde, doppelt groß aber war ſein Erſtaunen, als er den Platz leer fand. Einige Augenblicke war er unſchlüſſig, ob er ſelbſt ein Roß beſteigen und ſeinem Sohne nachreiten ſolle, nach einiger Ueberlegung jedoch hielt er es für zweckmäßiger, denſelben zu Hauſe zu er⸗ warten. Mit dieſem Beſchluß begab er ſich wieder nach Bet 25 der Wohnung und rief ſeiner Frau ſchon am Fuße der Treppe zu, daß ſie Recht gehabt, daß das Pferd Harry's nicht im Stalle ſei und daß auch deſſen Sattelzeug fehle. „Es iſt mir lieb, daß Du Dich endlich einmal ſelbſt überzeugſt, wie ſehr nothwendig es iſt, die Jungen ſtren⸗ ger zu überwachen, namentlich Harry, der bereits auf böſen Wegen iſt⸗, ſagte Madame Williams, als ihr Gatte zu ihr trat. „Ich werde hier ſitzen bleiben, bis er zurückkommt, und ihm dann eine Lection geben, die er ſobald nicht wieder vergeſſen ſoll“, verſetzte dieſer und wollte ſich auf die Bank niederlaſſen, ſeine Gattin aber nahm ihn bei der Hand und führte ihn in den Salon, indem ſie ſagte: „Nein. Williams, das ſollſt Du nicht, Du würdeſt Dir unnöthig die Nachtruhe rauben und dann vielleicht härter gegen Harrh ſein, als es Dir morgen lieb wäre. Ungeſchehen kannſt Du es ja doch nicht machen.“ „Sorge nicht, Frau“, entgegnete er, indem er einen Armſeſſel nahe an den Eingang zog und ſich darin niederließ;„ich werde dem Teufelsjungen nichts zu Leide thun, aber ein ernſtes, böſes Geſicht ſoll er doch ſehen, damit er künftig ſolche Streiche unterläßt; ehrlich ge⸗ ſags ich wünſche, daß dieſer der Fuinz bleiben mag, den er in ſeinem Leben begeht 26 „Nun, wenn Du hier bleiben willſt, ſo werde ich Dir Geſellſchaft leiſten“, ſagte die Frau;„ich will nur Charles und Olivia zu Bett ſchicken und dann alle Lichter im Hauſe auslöſchen laſſen, denn ſonſt kommt Harry nicht herein.“ „Das würde ich an ſeiner Stelle auch nicht thun“ rief ihr Williams lachend nach, zog eine kleine Pfeife aus der Taſche, füllte ſie mit Tabak und zündete ſie an. Dann legte er ſich behaglich in ſeinen Seſſel zurück, ſchlug ein Bein über das andere und richtete ſeinen Blick durch die Thür hinaus auf den Sandplatz vor dem Ge⸗ bäude, auf den das Licht der Salonfenſter fiel. Bald kehrte Madame Williams zurück, löſchte die große Lampe, welche auf dem Tiſche ſtand, aus und ſetzte ſich neben ihren Gatten an den offenen Eingang. „Ich bin neugierig, welcher von den Jungen zuerſt zurückkehrt; am Ende iſt Aſhmore auch auf Abenteuer ausgeritten“, begann Williams die Unterhaltung. „„Nein, das iſt nicht der Fall. Aſhmore iſt gerade und offen, und was er in dieſer Art begehen wollte, würde er bei Tage ausführen; er iſt wirklich auf die Jagd ge⸗ ritten und wird vor Tagesanbruch nicht nach Hauſe kommen, denn wenn der Morgen graut, ſo geht er ſicher noch einmal in den Wald am Fluſſe, wo die Turkeys (Truthühner) bäumen, um einen jungen Hahn in die Küche zu liefern; er weiß, daß es mir angenehm iſt. Aſhmore hat ein edles, reines Gemüth voll Treue und Wahrheit und beſitzt zugleich eine eiſerne Willenskraft. Harrh dagegen iſt unzuverläſſig, wenn auch voller Energie; er wird von ſeinen Neigungen, ſeinen Leidenſchaften nicht blindlings hingeriſſen, ſondern folgt ihnen vollſtändig bewußt und berechnet ſeine Schritte genau, doch immer nur für ſein eigenes Intereſſe.“ „Du beurtheilſt ihn zu ſtreng, liebe Frau“, nahm Williams wieder das Wort;„es iſt die zu raſch ent⸗ wickelte überſprudelnde Lebenskraft, welche ihn bei allem ſeinem Thun und Treiben anſpornt und die ihn dereinſt zum großen Manne machen muß. Wer weiß, ob der Präſidentenſtuhl ihm zu hoch ſein wird!“ — Zweites Kapitel. Während die Aeltern ſich über ihren Liebling un⸗ terhielten und ſich deſſen Zukunft mit einem Gemiſch von bangen Zweifeln und hochfliegenden Hoffnungen aus⸗ malten, hielt dieſen ein ſchönes Mulattenmädchen ihres Nachbars Baxton mit ihren zarten Armen umſchlungen und preßte ihn feſter und heißer an ihren ungeſtüm wo⸗ genden Buſen, um ihn noch einige wonnige Minuten länger bei ſich zurückzuhalten. „Ich muß fort, Molly; es iſt ſchon ſehr hell ge⸗ worden, und der Mond wird bald aufgehen; mein Bru⸗ der Aſhmore iſt auf die Jagd geritten, er könnte mir zufällig begegnen und würde es dann gleich der Mutter erzählen, daß ich ſo weit vom Fluſſe ä zu Pferde ge⸗ weſen ſei.“ „Welche Angſt Du immer haſt, Du lieber Harry“, ſagte die Mulattin mit bebender Stimme und ſpielte dem ſchönen Knaben mit ihrer kleinen Rechten in dem 29 * ſeidenweichen Lockenhaar, während ſie ihren linken Arm um ſeinen Nacken geſchlungen hielt. ₰ „Ich laſſe Dich noch nicht von mir, und wenn Du um Hülfe ſchrieeſt“, flüſterte ſie mit zärtlicher Stimme und drückte ihre wollüſtig vollen Lippen auf ſeinen fein ge⸗ ſchnittenen roſigen Mund.„Du biſt ja zu herzenslieb— zu ſüß— zu ſchön— ich möchte Dich ganz aufeſſen“, ſagte ſie und küßte ihn bei jedem ihrer Worte heißer und glühender. „Und ich möchte mich von Dir aufküſſen laſſen, aber ich muß wahrhaftig fort, Molly. Wenn mein Alter dahinter käme, daß ich bei Dir geweſen wäre, ich glaube, er würde wüthend“ ſagte Harch, ſich den ſtürmiſchen Liebkoſungen des ſchönen braunen Mädchens hingebend und ſeine Hand in der rabenſchwarzen Lockenmaſſe ver⸗ grabend, die wild und ungezügelt über ihre ſammetwei⸗ chen Schultern hinabhing. 4 „Du haſt mich doch nicht ſo recht lieb, Harry, und küſſeſt mich nicht gern, ſonſt würdeſt Du nicht ſo eilen“, ſeufzte die Mulattin und heftete ihre großen, dunkeln Augen mit wildem Feuer auf den ſchönen Knaben. „Ja, Mollh, ich habe Dich ſehr lieb“, flüſterte er mit leiſer Stimme und ſchlang beide Arme leidenſchaft⸗ lich um das Mädchen. „O Du ſüßer, lieber Junge, ich beiße Dir ein Stück 30 aus Deinem ſchönen Mund“, rief ſie halblaut und faßte ſeine Lippen mit ihren blendend weißen Zähnen. „Du!“ ſchrie er mit unterdrückter Stimme.„Du wäreſt es im Stande! Jetzt muß ich aber gehen; ſieh, es wird ganz helle“, fuhr er fort, indem er von der Bank aufſprang und um ſich durch das Rankengeflecht der blü⸗ henden Lianen ſchaute, welches die Laube bildete. „Morgen Nacht aber kommſt Du wieder, dann will ich Dich noch viel, viel lieber haben, ſollſt ſehen, ich bringe Dich vor Liebe um!“ flüſterte die Mulattin und zog den Knaben nochmals an ihren Buſen; er aber ent⸗ wand ſich ihren Armen und ſprang aus der Laube nach ſeinem Pferde, welches außerhalb des Gartens an einem Baum befeſtigt ſtand. „Der verteufelte Junge bleibt mir wahrhaftig bald zu lange aus“, ſagte Herr Williams zu ſeiner Gattin, indem er hinaus in den Park ſpähte;„ich werde ihm aber die Geſetze vorlegen, darauf kann er ſich ver⸗ laſſen!“ „Ich glaube, dort kommt er“, fiel die Frau ihm ins Wort.„Laß uns in das Sinmegrücgehen⸗ damit er uns nicht gewahrt!“ Hiermit ſtanden beide auf und traten hinter die Thür, während Harry leichten Fußes herangeſprungen kam und die Treppe herauf in den Salon huſchte. Er 31 ſchritt eilig der entgegengeſetzten Thür zu, als ſein Va⸗ ter mit barſcher Stimme ſagte: „Nun, Harry, biſt Du ſchon von Deinem Fiſchfang zurück?“ Erſchrocken fuhr der Knabe herum und blickte ſeine Aeltern verdutzt an, faßte ſich aber ſchnell und ſagte wie verwundert:„Mein Gott, ſeid Ihr noch auf?“ „Jawohl, und zwar Dir zu Gefallen. Wo biſt Du geweſen?“ entgegnete Williams. „Ich? Am Fluſſe“, antwortete Harrh entſchloſſen und ſah ſeinem Vater feſt in die Augen. „Zu Pferde am Fluſſe?“ fuhr dieſer heftig fort. „Zu Pferde? Ich verſtehe Dich nicht. Ich bin zu Fuße am Fluſſe geweſen und habe meine Nachtangeln geſtellt.“ „Und wo war Dein Pferd?“ rief Williams jetzt zornig aus. „Wie kann ich das wiſſen? Ich bin nicht im Stalle geweſen und habe aufgepaßt, ob ein Neger mein Pferd geritten hat“, erwiderte Harry vollſtändig gefaßt und ruhig. 5 „Aber, Harrh, iſt es möglich, daß Du mit ſolcher Ruhe eine ſo große Unwahrheit ſagen kannſt?“ nahm Madame Williams das Wort und ſtreckte ihre gefalteten Hände gegen ihn aus. 32 „Ich ſage keine Unwahrheit; ich weiß gar nicht, wie Ihr darauf kommt, daß ich anderswo als am Fluſſe geweſen ſein ſoll.“ „Du biſt bei—“ fiel ſeine Mutter entrüſtet ein, doch Williams unterbrach ſie raſch mit einem verwei⸗ ſenden Wink und wandte ſich dann wieder zu Harrh mit den Worten: „Du wirſt morgen früh mit mir nach dem Fluſſe gehen und mir die Angeln zeigen, die Du gelegt haſt; wehe Dir aber, wenn keine dort liegen!“ „Sehr gern“, erwiderte Harrh lachend.„Wenn ich geritten wäre, ſo würde ich mir die Schuhe nicht ſo ſchmuzig und die Füße nicht ſo naß gemacht haben, wie ſie ſind.“ Hierbei zeigte er auf ſein naſſes Schuhwerk, denn er war wirklich, ehe er zu Molly ritt, an dem Fluſſe geweſen und hatte die Angeln gelegt. „Nun, wir werden ſehen“, ſagte Williams ruhig. „Geh jetzt auf Dein Zimmer und lege Dich ſchlafen.“ Harry war dieſe Weiſung ſehr willkommen. Er ſagte gute Nacht und verließ eilig den Salon. „Wir haben ihm Unrecht gethan, liebe Frau“ hob Williams an, ſobald die Thür ſich hinter Harry ge⸗ ſchloſſen hatte;„der Junge iſt wahrhaftig nicht bei dem Mädchen geweſen; einer von dieſen verfluchten Negern 33 hat ſeinen Gaul geritten, wahrſcheinlich zu einer Ge⸗ liebten. Ich will es den Kerlen aber vertreiben!“ „Du irrſt Dich, Williams. Verlaß Dich darauf, Harrh iſt wirklich dort geweſen. Es iſt unglaublich, ſo jung und ſchon ſo voll Unwahrheit.“ „Es iſt nicht wahr, Frau; Du wirſt ſehen, daß er unſchuldig iſt“, erwiderte Williams beruhigend, nahm die Gattin bei der Hand und verließ mit ihr den Salon. Bis zu dieſer Zeit war der Schlaf noch nicht in dem Blockhauſe Randolph's eingekehrt; er ſelbſt, ſeine Frau, ſeine ſechzehnjährige Tochter Martha und ſein fünfzehnjähriger Sohn Albert waren emſig bemüht, ihrem zerpeitſchten Sklaven Linderung ſeiner Schmerzen zu ver⸗ ſchaffen. Im Scheine des Kaminfeuers auf dem roh gezimmerten Fußboden war ein Lager von Bärenhäuten und wollenen Decken bereitet, auf welchem der Mulatte auf dem Leibe lag, während ſeine Herrſchaft die küh⸗ lenden Umſchläge auf den Wunden ſeines Rückens fort⸗ während wechſelte. „Komm, Jerrh, trink noch einmal von dem Thee, er hält das Fieber von Dir ab“, ſagte Madame Ran⸗ dolph, eine zierliche kleine Frau mit ſchwarzem Haar und milden, dunkeln Augen, zu dem Mulatten und reichte Armand, Saat und Ernte. 1. 3 34 ihm eine Taſſe, die ſie ſo eben aus einer Kanne vor dem Feuer gefüllt hatte. „Armer Jerry“, bemitleidete ihn Randolph's Toch⸗ ter Martha, indem ſie den Umſchlag von ſeinen Schul⸗ tern nahm und durch einen kalten erſetzte.„Warum mußteſt Du auch zu dieſem hochmüthigen Jungen reden! Du brauchteſt ihm ja nicht zu antworten und konnteſt Deiner Wege gehen.“ „Nein, Jerry hätte ſollen ſeinen Hut abnehmen; das war ſehr wenig Mühe, und er hätte ſich dadurch die Schmerzen und uns den Aerger und das Leid er⸗ ſpart. Es iſt ein altes gutes Sprichwort: Den Hut in der Hand, geht es leicht durchs Land“, nahm Ran⸗ dolph das Wort, indem er bei dem Sklaven niederkniete und ihm einen friſchen Umſchlag auf den Rücken legte. „Dieſer abſcheuliche Mann, dieſer Williams, ſo in unſer Eigenthum einzurücken und unſern Jerrh ſo vor unſern Augen ſchlagen zu laſſen! Hätte mir die Mutter die Büchſe nicht weggenommen, ich hätte ihm eine Kugel durch ſeinen hochmüthigen Kopf geſchoſſen“ ſagte Albert mit aufleuchtendem Blick.„Und uns nordiſche Krämer⸗ ſeelen zu nennen! Ich möchte wiſſen, was er mit ſeinem ſüdlichen Adel eigentlich meint!“ „Dieſe Leute nennen ſich adlig, weil ihr Großvater oder Urgroßvater ſich durch irgend etwas ausgezeichnet 35 hat, während es ihnen nie in ihrem Leben eingefallen iſt, ſelbſt etwas der Art zu thun. Wirklicher Adel, mein Sohn, liegt in der Seele des Menſchen, liegt in deſſen Streben nach dem Guten, nach dem Edlen, nach geiſtiger Vervollkommnung, nicht aber in der hochmüthi- gen Dummheit, in welcher Leute wie Williams auf ihre Mitmenſchen hinabblicken; nur der Seelenadel hebt den Menſchen aus dem gemeinen Volke empor, jeder andere Adel iſt Narrheit und zeigt, wie unadlig man wirklich iſt. Deine Entrüſtung, Albert, über die unverſchämte, gemeine Handlungsweiſe dieſes Williams iſt gerecht, unrecht aber und unweiſe würde es von Dir geweſen ſein, hätteſt Du ihn dafür beſtraft, weil Du dadurch nicht allein Dein und Jerry's Leben in Gefahr gebracht, ſondern auch unſer aller Ruhe und Glück auf das Spiel geſetzt haben würdeſt. Hätte das Geſetz es mir geſtattet, ihn an dieſer unmenſchlichen Gewaltthat zu verhindern, ſo würde ſie nicht vollbracht worden ſein, ſo aber mußte ich ſie für Jerry's Rettung geſchehen laſſen.“ „Und nur aus Liebe für Sie und die Ihrigen ließ ich ſie geſchehen“, hob der Mulatte an, indem er ſich auf ſeinen Arm ſtützte und zu Randolph aufſah;„ſonſt wäre mir der Tod zehnfach willkommen geweſen. Aber ich rechne mit dieſem Ungeheuer ab!“ ſetzte er drohend hinzu und ließ ſich wieder auf das Lager niederſinken. 3* 3 36 „Das wirſt Du nicht thun, Jerrh, denn Du wür⸗ deſt dann unſerer Liebe nicht mehr werth ſein, und er⸗ führe ich, daß Du Dich an dem Geſetz vergangen hät⸗ teſt, ſo würde ich ſelbſt Dich ihm überliefern. Ziehe aus dem Unglück, welches Dich betroffen hat, eine Lehre, um ſpäteres von Dir fern zu halten“, entgegnete Ran⸗ dolph mit ſeiner gewohnten Ruhe, indem er ſich erhob und in einem Armſtuhl nahe der offenen Thür Platz nahm. „Aber, Vater, es iſt ja doch eine Schlechtigkeit, ein Verbrechen, welches Williams begangen hat, wenn man ihn auch nicht dafür vor Gericht ſtellen kann; ſoll er denn gar keine Strafe dafür haben?“ hob Albert wie⸗ der an. „Die Strafe keimt aus der Handlung ſelbſt empor; er wird ſie in ſeinem Sohne ernten, den er durch Er⸗ ziehung zum böſen Menſchen macht, indem er ſeine eige⸗ nen ſchlechten Handlungen ihm zum Vorbild gibt. Ueber⸗ dies verfährt er ebenſo grauſam und unmenſchlich gegen ſeine eigenen Sklaven, und leicht möchten dieſe gele⸗ gentlich eine Strafe über ihn verhängen. Uns kommt dies keinenfalls zu; wir ſind weder von Gott, noch von unſern Mitmenſchen zu ſeinem Richter beſtellt“ verſetzte Randolph und wandte ſich dann mit der Bitte an ſeine Frau, ſich mit Martha zur Ruhe zu begeben, da er und 37 Albert die Pflege Jerry's recht gut allein ühernehmen könnten. Madame Randolph aber wollte den Kranken nicht verlaſſen, und ſo blieb die Familie während der ganzen Nacht um ihn beſchäftigt. Ihre raſtloſen Bemühungen zu Gunſten des Mu⸗ latten ſollten aber auch nicht unbelohnt bleiben, denn ſeine Schmerzen minderten ſich, ſeine Wunden gingen zur Heilung über, und ſchon nach wenigen Tagen war er im Stande, umherzugehen und leichte Beſchäftigungen vorzunehmen. So waren einige Wochen verſtrichen, als Randolph eines Abends Jerrh fragte, ob er glaube, am folgenden Tage einen Ritt nach der Hauptſtadt des Staates, nach Frankfort machen zu können, um dort einige Beſorgun⸗ gen für ihn auszurichten. Der Mulatte erklärte ſich fähig und mit Freuden bereit dazu, obgleich der Weg über vierzig Meilen lang war, und am frühen Morgen trat er mit den Aufträgen verſehen die Reiſe an. In Williams' Hauſe war ſeit jenem Abend, wo Jerry ſeine harte Strafe empfangen hatte, ſeiner nicht wieder mit einer Silbe erwähnt worden, die Begeben⸗ heit war zu unbedeutend und der Erinnerung nicht werth. An dem Tage, an welchem der Mulatte nach Frankfort geritten war, wollte es der Zufall, daß Aſhmore beim Abendeſſen erzählte, er ſei Randolph nachmittags zu ———— ⸗ 38 Pferde begegnet, worauf Madame Williams das Wort nahm und ſagte: „Wenn ich an ſeinen Mulatten denke, wird mir jedesmal bange ums Herz; ich fürchte immer, der Menſch könnte ſich an Dir rächen, Williams.“ „Da müßte man viel befürchten, wenn jeder Schlag, den man einem ſolchen Halbmenſchen geben läßt, deſſen Rache nach ſich ziehen ſollte. Geht denn wohl ein Tag hin, ohne daß unter meinen Negern ſolche Züchtigungen ausgetheilt werden, und iſt es wohl ſchon einem von ihnen eingefallen, ſich zu rächen?“ antwortete Williams mit einem Lächeln. „Mit ihnen iſt es etwas Anderes, denn Du biſt ihr Herr, jener Mulatte aber ſieht in Dir einen Fremden, dem er keine Unterwürfigkeit ſchuldig iſt; und er ſcheint ein verzogener, verbildeter Sklave zu ſein, der Freiheits⸗ ideen vom Norden mit hierher brachte.“ „Wenn dieſe Afrikaner nicht ſelbſt fühlten, daß ſie uns Weißen von der Natur zu Dienern gegeben ſind, wie wäre es dann möglich, daß ſich Hunderte von ihnen durch ein paar weiße Männer befehlen und zu ſchwerer Arbeit antreiben ließen? Allerdings, in dem Mulatten iſt ſchon weißes Blut, welches ſich geltend macht; er denkt, überlegt, ſtellt Vergleiche an und ſieht ein, daß er ebenſo gut wie der Weiße zwei Beine, zwei Arme 39 und einen Kopf hat, er bleibt aber dennoch halb Affe und wird durch unſere geiſtige Ueberlegenheit uns unter⸗ thänig gehalten. Mache Dir keine Sorgen darüber, liebe Frau, weder Randolph's Mulatte, noch unſere eigenen Sklaven werden ihrem gelegentlichen Groll durch die That Ausdruck geben. Die Neger fürchte ich nicht, wohl aber die Tabakshändler in den Seeſtädten, die uns den letzten Blutstropfen auspreſſen möchten. Heute iſt nun wieder ein großer Theil meiner diesjährigen Ernte in das Lagerhaus dort drüben gebracht, ſodaß augenblicklich für mehr als fünfzehntauſend Dollars Tabak darin auf⸗ geſtapelt liegt, und aus den neueſten Berichten von Rich⸗ mond, Baltimore und Neuorleans läßt ſich noch kein Steigen der Preiſe dafür erkennen. Der Winter iſt vor der Thür, er kann möglicherweiſe ſich frühzeitig und ſtreng einfinden und die Schifffahrt hemmen, dann ſitze ich feſt mit meinem Vorrath, auf den ich nach und nach ſchon gegen zehntauſend Dollars geborgt habe. Es iſt. rein zum Verzweifeln!“ „Thäteſt Du nicht wohl daran, wenigſtens einen Theil davon zu verkaufen, um die Schuld damit zu til⸗ gen?“ fragte Madame Williams ihren Gatten. „Ich werde mich wohl dazu entſchließen müſſen; jedenfalls will ich die Hälfte meines Tabaks nach Neu⸗ orleans an meinen Freund Morgan in Commiſſion ſen⸗ 40 den; er wird ſicher dabei für mein Intereſſe Sorge tragen.“ Sier ſchwieg Williams und ſpielte gedankenvoll mit dem Meſſer auf dem Teller, nach einigen Augenblicken aber fuhr er fort:„Es waren zwei harte Jahre, dieſes und das verfloſſene; die Krankheit unter unſern Negern hat beinahe gar nicht aufgehört, wir haben Alt und Jung zuſammengenommen einige vierzig dadurch verloren, und darunter waren mehrere ſehr werthvolle, die ich nicht für fünfzehnhundert Dollars das Stück verkauft haben würde. Jetzt liegen wieder acht am hitzigen Fieber, und einige zwanzig können das kalte Fieber nicht los werden trotz des Doctors und ſeiner Pillen. Seine Rechnung wird dies Jahr auch wieder gegen vierhundert Dollars betra⸗ gen. Es wäre Zeit, daß das Glück einmal wieder bei uns einzöge!“ Noch lange nach aufgehobener Tafel ſaß die Fami⸗ lie in der ernſten Stimmung zuſammen, welche die Be— trachtungen und Klagen Williams' hervorriefen, und al⸗ len war der Augenblick erwünſcht, als derſelbe ſich er⸗ hob, um ſich zur Ruhe zu begeben. Bald darauf erloſchen alle Lichter im Hauſe, der Schlaf zog durch deſſen Ge⸗ mächer, und nach und nach ſchloß er ſämmtlichen Be⸗ wohnern derſelben die Augen. Auch in den Hütten der Sklaven war Alles zur Ruhe gegangen, und nur hier 41 und dort drang noch ein matter Lichtſchein, welcher von der Kohlenglut in den Kaminen ausging, zwiſchen ihrem Gebälk hervor. Es war eine ſehr finſtere und ſtürmiſche Nacht, der Wind ſchüttelte den Wald, fegte die Felder und klapperte in den von der Sonne krumm gezogenen zwei Fuß langen Holzſchindeln, womit die Blockhäuſer bedeckt waren. Wie es ſich aber in ſolchen Nächten ge⸗ wöhnlich am beſten ſchläft, ſo war es auch auf der Be⸗ ſitzung von Williams der Fall, die weißen ſowie die ſchwarzen Bewohner derſelben ſchliefen feſt. Plötzlich erſchallte der Schreckensruf„Feuer!“; in den Herrſchaftsgebäuden und in den Negerhütten fuhr Alles aus dem Schlafe empor, und der Blick eines Je⸗ den ſtarrte in das blendende Licht, welches ihm glühend entgegenſtrömte. Auch Williams ſchreckte von ſeinem Lager empor, das ganze Zimmer war von zitterndem Feuerſchein er⸗ leuchtet— das Haus mußte in lichten Flammen ſtehen! Mit ſtockendem Athem ſtürzte er an das Fenſter, doch Schrecken über Schrecken, es war nicht das Wohnge⸗ bäude, es war etwas augenblicklich noch viel Werthvol⸗ leres, es war das Lagerhaus, von dem man nichts mehr erkennen konnte als ein Flammenmeer, welches um daſ⸗ ſelbe gegen den dunkeln Himmel aufloderte. Der Anblick war für Williams ein furchtbarer. Mit 42 zitternden Gliedern fuhr er in ſeine Kleidung und eilte aus dem Hauſe nach dem Unglücksplatze hin, um wel⸗ chen ſeine Sklaben bereits in toller Verwirrung und ſchreiend durch einander liefen, ohne zu wiſſen, was ſie beginnen ſollten. Starr und entſetzt ſah Williams in die Glut hinein und wich vor deren verſengender Aus⸗ ſtrömung zurück; was konnte er thun, was konnte er ſeine vielen Sklaven thun laſſen, um ſeine Habe aus den verzehrenden Flammen zu retten— es konnte ja kein menſchliches Weſen nur in ihre Nähe kommen! Das ganz aus Holz aufgeführte Lagerhaus mußte an allen vier Seiten zugleich in Brand gerathen ſein, das in der Sonne ausgedörrte Holz hatte dem Feuer willig Nah⸗ rung geboten und der heftige Wind die Glut ſchnell über daſſelbe verbreitet; ſchwirrend flogen die brennen⸗ den Schindeln umher, praſſelnd brachen die Sparren nieder, und mit betäubendem Krachen ſtürzte das ganze Gebäude in ſich zuſammen und ſchoß eine Feuerſäule gen Himmel, aus der die Lohe, vom Sturm getragen, weithin durch den Park verwehte. Menſchliche Kräfte reichten hier nicht hin, dem ver⸗ zehrenden, raſenden Elemente Einhalt zu thun oder ihm nur den kleinſten Theil ſeiner Beute zu entreißen. In ſtunmer Verzweiflung folgten Williams' Blicke der voll⸗ ſtändigen Vernichtung ſeines zweijährigen Erwerbs, und — 43 die unvermeidlichen Folgen dieſes Verluſtes beſtürmten ſeine Seele. „Randolph's Mulatte!“ ſagte Madame Williams, die mit ihren Kindern neben ihrem Gemahl ſtand und ihre Thränen trocknete.„Ach, es war eine Ahnung, als ich geſtern Abend meine Furcht vor dieſem Menſchen aus ſprach; nun iſt ſie ſchon wahr geworden!“ „Dieſer Hund!“ rief Williams, die Fäuſte ballend. „Das ſoll er zwiſchen Himmel und Erde büßen; ehe die Sonne wieder untergeht, ſoll er hängen!“ „Was hilft uns nun ſein Tod? Er gibt uns unſer Eigenthum nicht zurück“, klagte die Frau. „Sein Herr, dieſer nordiſche Schwindler, aber iſt für den Schaden verantwortlich, den ſein Sklave mir zugefügt hat; ich laſſe ihm das Bett unter dem Leibe verkaufen!“ entgegnete Williams mit wüthender Geberde. „Er ſowie der Mulatte werden die That leugnen“, verſetzte die Gattin. „Das ſoll ihnen verdammt wenig nützen; ich bringe die ganze Umgegend gegen ihn auf, das Lynchgeſetz wird ausgerufen, und es ſollte mich gar nicht wundern, wenn Herr Randolph mit ſeinem Mulatten einen und denſelben Baum zierte. Komm, laß uns in das Haus gehen, zu retten iſt hier nichts. Ich will ſchnell an alle meine Collegen ſchreiben und ſie einladen, mit dem frühen — 1 1 44 Tage ſich hier einzufinden und alle Männer in ihrem Bereiche mitzubringen.“ Mit dieſen Worten wandte ſich Williams der Woh⸗ nung zu und trug im Vorwärtsſchreiten ſeinem Sohn Aſhmore auf, Pferde für ein Dutzend Neger, welche die Depeſchen fortbringen ſollten, ſatteln zu laſſen. Dann ging er eilig in das Haus, ſetzte ſich an ſeinen Schreib⸗ tiſch und fertigte die ſchriftlichen Hülferufe an ſeine na⸗ hen und fernen Nachbarn aus. Als er wieder aus dem Salon trat, den harrenden Reitern die Briefe einhän⸗ digte und ſie mit der Weiſung fortſchickte, zu jagen, was die Gäule laufen könnten, war das Feuer in ſich ſelbſt zuſammengeſunken und nur ein rieſiger Glutberg bezeichnete die noch kohlenden und glimmenden Tabaks⸗ fäſſer. Bei Sonnenaufgang hatte die Familie Williams ſchon das Frühſtück eingenommen, und ſogleich wurden Vorbereitungen zum Empfang der vielen Gäſte gemacht, welche bald eintreffen mußten, um Grenzgericht über Randolph und ſeinen Sklaven zu halten. Der Credenz⸗ tiſch wurde mit Flaſchen und Gläſern beſetzt, alle Stühle im Hauſe wurden in den Salon gebracht, und Madame Williams kleidete ſich in ſchwarze Seide, um die ihr be⸗ freundeten Nachbarn feierlich zu begrüßen. Gegen acht Uhr begannen die Erwarteten ſich ein. 4⁵ zufinden, alle kamen zu Pferde und alle waren mit der langen Kentuckybüchſe und dem Jagdmeſſer bewaffnet. Williams ging ihnen entgegen, um ſie zu empfangen, und geleitete ſie, nachdem die Pferde einigen Negern zur Wartung übergeben waren, nach ſeiner Wohnung. Während er ſie in den Salon an den Credenztiſch führte und ihnen dort die verſchiedenen Spirituoſen zu einem Erfriſchungstrunk anpries, theilte er ihnen mit wenigen Worten Vorläufiges über die Gründe mit, weshalb Ran⸗ dolph's Mulatte und kein Anderer den Brand angeſtiftet haben mußte, und behielt ſich vor, eine ausführliche Auseinanderſetzung darüber zu geben, ſobald alle zum Gericht Geladenen ſich eingefunden haben würden Dieſe ritten jetzt immer zahlreicher von allen Seiten herbei, und einen jeden von ihnen empfing Williams mit den⸗ ſelben Mittheilungen über Randolph und deſſen Mu⸗ latten. Die von ihm leicht hingeworfenen Andeutungen verfehlten die beabſichtigte Wirkung nicht; je zahlreicher die Verſammlung wurde, um ſo lauter, um ſo leiden⸗ ſchaftlicher beſprach man die Angelegenheit, und die Ent⸗ rüſtung über die ſchändliche That ſteigerte ſich immer mehr. Endlich waren alle erwarteten Perſonen, einige vier⸗ zig Pflanzer aus der Umgegend, eingetroffen, und Wil⸗ liams nahm nun das Wort, um der Verſammlung die 46 Anklage, in welcher ſie ein Urtheil fällen ſollten, mit allen Gründen dazu vorzutragen. Alles drängte ſich in den Salon um ihn, und er begann damit, das zwiſchen Randolph und deſſen Sklaven beſtehende freundſchaftliche freie Verhältniß als ein den Grundſätzen des Südens zuwiderlaufendes zu bezeichnen, welches Unzufriedenheit unter den Sklaven ſeiner Nachbarn erzeuge und ihnen Freiheitsgedanken einflöße. Er rief mehrere der gegen⸗ wärtigen Männer zu Zeugen auf, daß Randolph ſich oftmals in ihrem Beiſein gegen die Sklaverei ausge⸗ ſprochen habe, und nannte ihn einen nordiſchen Aboli⸗ tioniſten, der durch ſeine Grundſätze ſeine Nachbarn in Gefahr bringe. Dann ging er auf die Vegebenheit zwi⸗ ſchen dem Mulatten Jerry und ſeinem Sohn Harrh über, berichtete, welche Züchtigung er ſelbſt über den Mulat⸗ ten verhängt habe, und beſchrieb das ſtörrige, verſtockte Benehmen deſſelben, ſowie das ſeines Herrn während der Beſtrafung. „Dieſe Schacherer“, ſagte er,„kommen vom Norden wie eine Heuſchreckenplage zu uns gezogen und wollen uns ſüdlichen Rittern Geſetze vorſchreiben, und wenn ſie zu ohnmächtig ſind, es offen und bei Tageslicht durch⸗ zuſetzen, ſo nehmen ſie in dunkler Nacht den Feuerbrand in die Hand, um unſer Eigenthum zu vernichten und uns möglicherweiſe dadurch von Haus und Hof zu vertreiben!“ 6— 47 * Bei dieſen letzten Worten wurde Williams durch die heftige Aufregung ſeiner Zuhörer, die ſich durch wilde Drohungen, Schwüre und Flüche kund gab, unterbro⸗ chen, und erſt nach einiger Zeit war er im Stande, ſeine Rede durch Schilderung des Brandes zu ihrem Ende zu führen. Er ſchloß mit dem Rufe:„Tod den Aboli⸗ tioniſten!“ und mit demſelben Rufe antwortete ihm ein⸗ ſtimmig die ganze Verſammlung. Die ſtürmiſche Bewegung, die ſich der Männer be⸗ meiſtert hatte, ſchloß den Wenigen unter ihnen, welche mit Randolph befreundet waren und gern ein Wort zu ſeinen Gunſten vorgebracht haben würden, die Lippen. Man tobte, fluchte, drohte mit erhobenen Fäuſten und ſtürmte plötzlich aus dem Hauſe nach den Bäumen, un⸗ ter denen die Pferde befeſtigt ſtanden. Nach wenigen Minuten waren alle in ihren Sätteln, auch Williams und ſeine Söhne Aſhmore und Harrh ſaßen zu Roß, und fort ging es im Galopp auf der Straße hin, welche nach Randolph's Niederlaſſung führte. Die fliegende Bewegung, mit welcher ſich die Reiter dem Platze näherten, wo ſie den Gegenſtand ihres Zorns erreichen würden, ſchien dieſen immer noch mehr anzufachen, denn die Verwünſchungen gegen Ran⸗ dolph und ſeine Sippſchaft wurden immer lauter, immer ſtürmiſcher; an deſſen Felde aber hielt Williams ſein 48 Pferd an und ermahnte zur Ruhe und zu einer wür⸗ digen, ernſten Haltung. Im Schritt und ſchweigend zog nun die Schaar an der Einzäunung hinauf nach den Blockhäuſern, ohne daß ſie von deren Bewohnern be⸗ merkt worden wären. Erſt als die Tritte der vielen Pferde auf dem harten Boden unter den Bäumen vor dem Hauſe laut wurden, kam Randolph in die offene Thür geeilt und ſchaute verwundert auf die zahlreichen bewaffneten Gäſte, die ihm, wie es ſchien, einen Be⸗ ſuch abſtatten wollten. Der gewohnte Empfang:„Steigen Sie ab, meine Herren, und kommen Sie herein“, erſtarb auf Ran⸗ dolph's Lippen, als er Williams unter der Menge er⸗ kannte, und der Gedanke erſchreckte ihn, daß dieſer Mann möglicherweiſe, mit der Beſtrafung ſeines Mu⸗ latten noch nicht zufrieden, die Sache dem Gerichte über⸗ geben habe. Dennoch trat er feſten Schrittes aus dem Hauſe und den Fremden entgegen und ſagte zu denen, die ihm am nächſten hielten: „Welcher Veranlaſſung habe ich dieſen Beſuch zu verdanken?“ Ein alter Pflanzer Namens Vaughan nahm das Wort und ſagte, indem er vom Pferde ſtieg: „Es liegt eine ſchwers Anſchuldigung gegen Ihren Mulatten Jerry vor, und ſomit auch gegen Sie, Herr 49 Randolph, denn der Eigenthümer des Sklaven iſt für deſſen Handlungen verantwortlich.“ Während dieſer Zeit hatte der Alte die Zügel ſeines Pferdes an einen Baum befeſtigt, trat nun mit der Büchſe in der Hand vor den Farmer und ſah ihn mit grollendem, ſtrafendem Blick an. „Ich ſollte denken, dieſes unbedeutende Vergehen wäre mehr als hinreichend beſtraft, Herr, denn Jerry's Wunden, welche die Peitſche des Herrn Williams ihm ſchlug, ſind kaum geheilt. Herr Williams hat ſich für zufriedengeſtellt erklärt, die Sache iſt vollſtändig abge⸗ macht, und ich werde nicht erlauben, daß dem Mulatten noch ein Haar deshalb gekrümmt wird, und wenn die ganze Counth mir vor das Haus rückt!“ antwortete Randolph auf das beſtimmteſte und blickte den Män⸗ nern, die ihm gegenübergetreten waren, ſtolz und feſt in die Augen. Da er aber zugleich gewahrte, daß eine Anzahl der Fremden mit der Waffe in der Hand links und rechts um das Blockhaus nach den Negerhütten eilte, ſo wandte er ſich nach ihnen um und rief ihnen laut zu: „Bleiben Sie aus meinem Eigenthume; wenn Sie mich ſprechen wollen, ſo werde ich Ihnen hier Rede und Antwort ſtehen!“ „Sie ſcheinen Ihren Sklaven ſchlecht zu beauffich Armand, Saat und Ernte. 1. 4 50 tigen, Herr Randolph“ fuhr Vaughan fort,„ſonſt könnte derſelbe nicht in tiefer Nacht das Eigenthum Ihrer Nachbarn in Brand ſtecken.“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herr, und muß Sie bitten, ſich klar und deutlich auszuſprechen, da ich nicht Willens bin, dieſe Poſſen länger mit anzuſehen. Was wollen Sie hier?“ „Gericht wollen wir halten über Ihren Mulatten und über Sie ſelbſt“ ſchrie ein wüſt und liederlich aus⸗ ſehender Menſch aus der Schaar;„über den Mulatten, weil er in vergangener Nacht das Lagerhaus des Herrn Williams mit ſämmtlichen Vorräthen niedergebrannt hat, und über Sie wollen wir richten, weil der Sklave nur Ihr Werkzeug bei der That war.“ „Gott Lob, es gibt noch Geſetz in dieſem Lande und Gerechtigkeit gegen ſolche nichtswürdige Beleidi⸗ gungen; ich mache Sie hiermit ſämmtlich verantwortlich für Ihre Gewaltthat, mit bewaffneter Macht meinen Hausfrieden zu ſtören“ rief Randolph in höchſter Ent⸗ rüſtung aus und wollte in ſeine Wohnung zurück⸗ gehen, als der wüſte Burſche auf ihn zutrat und mit den Worten:„Halt hier, Sie ſtehen vor Ki ihn bei der Schulter faßte. Randolph aber ſtieß den Angreifer mit ſolcher Ge. walt von ſich, daß derſelbe zurücktaumelte und zu Boden 51 ſtürzte, und in demſelben Augenblick ſprang ſein Sohn Albert mit zwei Doppelflinten in den Händen an ſeine Seite, reichte ihm die eine und hob die andere drohend gegen die Fremden auf. „Ruhig, Albert, das Geſetz iſt eine ſtärkere Waffe als unſere Flinten; trage ſie in das Haus zurück“ ſagte Randolph zu ſeinem Sohne und reichte ihm das Ge⸗ wehr, welches er, ohne es zu wollen, ergriffen hatte. „Hängt ihn!“ ſchrie jetzt der wüſte Kerl, ſich vom Boden aufraffend, und derſelbe Ruf wurde von der grö⸗ ßern Zahl ſeiner Gefährten wiederholt, als Vaughan, der alte Pflanzer, mit lauter Stimme Ruhe gebot und dann zu Randolph ſagte: „Wo iſt ihr Mulatte? Laſſen Sie ihn hierher kom⸗ men, damit wir ihn vernehmen können.“ „Das ſteht nicht in meiner Macht, denn derſelbe iſt geſtern Morgen frühzeitig nach Frankfort geritten, hat vergangene Nacht dort geſchlafen und wird erſt heute Abend ſpät hierher zurückkommen“, antwortete Randolph mit lauter verdammender Stimme und ließ ſeinen Blick drohend über die Verſammlung ſchweifen, bis er auf Williams haften blieb. Dieſer erſchrak ſichtbarlich, im nächſten Augenblick aber rief er aus:„Elende Ausflüchte! Der Kerl iſt in Sicherheit gebracht, aber der Herr, in deſſen Auftrag er 52 handelte, iſt noch in unſerer Gewalt. Laſſen Sie uns Ge⸗ richt über ihn halten!“ Randolph warf ihm ſtatt einer Antwort einen Blick tiefſter Verachtung zu und wandte ſich dann wieder zu Vaughan mit den Worten: „Wie ich Ihnen geſagt habe, der Mulatte iſt au⸗ genblicklich auf der Rückreiſe von Frankfort hierher, und wenn Ihnen daran liegt, ſich von der Wahrheit meiner Ausſage zu überzeugen, ſo mögen einige der Herren ihm entgegenreiten und ihn wieder nach Frankfort zurück⸗ bringen. Dort wird es ihnen ein Leichtes ſein, durch viele Zeugen feſtzuſtellen, daß er daſelbſt übernachtet hat, und ein beſſerer Beweis ſeiner Unſchuld an dem Brande in dieſer Nacht iſt wohl nicht denkbar, da er nicht zu⸗ gleich dort und hier geweſen ſein kann.“ Die ſtrengen, zornigen Züge des alten Pflanzers nahmen bei dieſen Worten Randolph's einen andern Ausdruck an; Reue, Verlegenheit und Scham miſchten ſich in denſelben, und indem er ſich nach ſeinen Ge⸗ fährten wandte, ſagte er: „Das ändert die Sache, meine Herren, die Anklage war falſch und wir ſind zu voreilig geweſen. Wenn der Mulatte die Nacht in Frankfort zugebracht hat, ſo kann er unmöglich hier Feuer angelegt haben. Laſſen Sie uns nach Hauſe reiten.“ 53 „Herr Vaughan“ fiel ihm Randolph in das Wort, „ehe Sie mich verlaſſen, erlauben Sie mir noch einige Worte. Wenn der Zufall es nicht gewollt hätte, daß der Sklave die Nacht in Frankfort verbrachte, und Sie hätten ihn hier getroffen, ſo würden Sie ihn gehangen und wahrſcheinlich auch mir ein Leids angethan haben; ich frage Sie, wie hätten Sie dieſen Mord, dieſes Ver⸗ brechen vor dem Geſetze, vor Ihrem eigenen Gewiſſen, vor Gott entſchuldigen wollen? Was hätte der Mann, der Sie zu ſolcher Gräuelthat veranlaßte, verdient, und was verdient er jetzt dafür, daß er Sie zu ſolcher That hat verleiten wollen?“ Eine Todtenſtille trat ein, man ſah nach Williams hin, und in der Mehrzahl der Blicke, die ihn trafen, lagen Vorwürfe und Anklagen. „Der Verdacht ſprach laut und deutlich gegen den Mulatten“ ſagte dieſer verlegen. „Doch nicht gegen Herrn Randolph, wie Sie uns glauben machten“, antwortete ihm ein junger Farmer. „Herr Randolph iſt ein Ehrenmann“, ſagte ein anderer noch lauter.. „Ein zehnmal beſſerer Mann als Williams“, ſchrie ein dritter, und„Hurrah für Randolph!“ rief die Menge, ſih um ihn drängend, und mit Aus⸗ nahme Weniger reichten die Nmne ihm die Hand 54 und baten ihn um Verzeihung für ihr unüberlegtes Handeln. „Herr Williams“, ſagte Randolph jetzt zu dieſem, „Sie ſind für ihr Verfahren gegen mich dem Geſetz und nach demſelben ſchwerer Strafe verfallen, damit Sie aber einſehen lernen, daß in der nordiſchen Krämerſeele mehr wirklicher Adel lebt als in Ihnen, dem ſüdlichen Ritter, ſo verzeihe ich Ihnen. Wollen Sie ſich aber künftig gegen ſolchen Schaden ſchützen, wie Ihnen in vergangener Nacht zugefügt wurde, ſo behandeln Sie Ihre eigenen Sklaven menſchlicher, als Sie es bisher thaten.“ Hierauf wandte er ſich von ihm ab, erwiderte artig noch die Abſchiedsgrüße mehrerer der Männer und ging dann mit ſeinem Sohne Albert an der Hand in ſein Block⸗ haus zurück. Während dieſer Zeit hatten die Fremden ſämmt⸗ lich ihre Pferde beſtiegen, ritten aber nicht, wie ſie ge⸗ kommen waren, zuſammen, ſondern einzeln in kleinen Abtheilungen davon. An Williams ſchloß ſich Niemand an als ſeine beiden Söhne, und keiner der Männer würdigte ihn eines Abſchiedsgrußes. — Drittes Kapitel. Der große Verluſt, den Williams erlitten hatte, zog noch ſchlimmere Folgen für ihn nach ſich, denn kaum wurde es bekannt, daß ſeine bedeutenden Vorräthe von Tabak verbrannt ſeien, ſo traten ſeine Creditoren auf und verlangten Zahlung für ihre Guthaben. Williams ſuchte ſie zu beſchwichtigen und als hochſtehender Mann durch ſein vornehmes Wort zu beruhigen, er wollte ſie auf die nächſte Ernte vertröſten und ſprach von bedeu⸗ tenden Summen, die man ihm in den Seeſtädten ſchulde, die aber erſt im kommenden Jahre fällig würden. Alles war aber umſonſt, die Gläubiger beſtanden auf baarer Zahlung oder guter Sicherheit für ihre Forderungen. Um gerichtliches Einſchreiten zu vermeiden entſchloß ſich Wil⸗ liams endlich, ſein ganzes Grundeigenthum zu verpfän⸗ den, ſeine werthvollen Zuchtſtuten, von welchen er die prächtigſten Maulthiere im Lande zog, zu verkaufen und zuletzt auch ſeine Sklaven als Sicherheit für ſeine Schul⸗ den zu verſchreiben. 56 Der Ehrenſchein, die Herrlichkeit, welche Williams bis jetzt umgaben und ihn über ſeine Mitbürger erho⸗ ben hatten, waren verſchwunden, er war nicht mehr rei⸗ cher, war nicht mehr ehrenwerther als ſie, und wenn früher ſeine alte vornehme Abkunft ihre Achtung vor ihm noch erhöht hatte, ſo wurde ſie jetzt das Werkzeug ihres Witzes, ihres Spottes. Vergebens ſuchte Williams das Wahre ſeiner Lage vor ſeiner Gattin zu verbergen, ſie ſah und hörte Alles, was geſchah, und als er eines Abends auffallend trübe geſtimmt nach Hauſe gekommen war und das Abend⸗ brod ſchweigend und in Gedanken verſunken eingenom⸗ men hatte, trat ſie liebevoll zu ihm, legte ihren Arm in den ſeinigen und ſagte: „Warum biſt Du nicht offen gegen mich, Williams? Warum theilſt Du Deine Sorgen, Dein Leid nicht mit mir, ſowie Du mir Deine Freude, Dein Glück ſonſt entgegentrugſt? Wo kannſt Du Deinem Herzen wohl durch Mittheilung mehr Erleichterung verſchaffen, als bei Deiner treuen Lebensgefährtin? Ich weiß es ja doch, daß es ſchlimm mit uns ſteht, und dieſes Wiſſen aus andern Quellen als von Deinen Lippen iſt qualvoll und ängſtigend für mich. Laß uns Gutes und Böſes immer zuſammen tragen!“ 6 „Warum ſoll ich Dich mit unangenehmen Dingen 57 plagen, an denen Du doch nichts ändern kannſt, und warum unnöthig Dir Sorgen aufbürden?“ entgegnete Williams ablehnend. „Die Anſicht einer Frau iſt oftmals unbefangener und darum richtiger als die des Mannes ſelbſt, jeden⸗ falls aber erleichtert Mittheilung im Unglück das Herz, und uns beiden iſt das Herz in letzter Zeit ſehr ſchwer geweſen. Komm, Williams, ſei offen und ſage mir Alles, was Dich bekümmert.“ Mit dieſen Worten zog die Frau ihren Gatten ne⸗ ben ſich in das Sopha, und dieſer gab ihr nun einen Umriß von der Lage, in der er ſich befand. Sie hörte ihm, ohne ihn zu unterbrechen, zu, und als er endlich ſchwieg, ſagte ſie: „So laß uns jetzt überlegen und handeln, Williams; wir dürfen nicht unthätig und muthlos abwarten, bis das Haus über uns zuſammenfällt. Wir wollen uns einſchränken, wollen alle unſere Kräfte in Bewegung ſetzen und uns wieder in die Höhe arbeiten. Denke nur, wie viele Tauſende ohne alle Mittel, ohne alle Hülfe beginnen und reich werden, warum ſollten wir es nicht ebenſo gut dahin bringen?“ „Weil uns die Zinſenlaſt unſerer Schulden bei aller Arbeit nicht aufkommen läßt“, entgegnete Williams finſter. 58 „Doch, Williams, nur müſſen wir unſere Ausgaben beſchränken. Vor allem laß uns aber an Aſhmore und Harrh denken, damit wir ſie auf den Weg führen, ſelbſt in rechtſchaffener Weiſe ihr Brod zu verdienen. Wir haben ſie erzogen, als könnten wir ihnen Millionen hin⸗ terlaſſen, ſie ſind daran gewöhnt, jede ihrer Liebhabe⸗ reien zu befriedigen, ohne dafür zu arbeiten, und was werden ſie ſpäter thun, wenn ſie einſt ohne Mittel und ohne Kenntniſſe auf ſich ſelbſt beſchränkt in die Welt treten? Nichts Gutes, Williams, und wen trifft dann die Ver⸗ antwortung dafür? Laß ſie ein Geſchäft lernen, welches es auch ſei; es iſt das beſte Kapital, das wir ihnen mitgeben können.“ „Geſchäft!“ antwortete der Mann finſter;„ein Williams ſoll Krämer oder Handwerker werden?“ „Aber, Williams, ſind nicht unſere größten Män⸗ ner Kaufleute?“ „Dazu gehört Kapital, und das kann ich den Jun⸗ gen nicht mitgeben. Mögen ſie es dann lieber machen wie unſere Vorfahren und mit der Büchſe und dem Pflug an die Frontier gehen, dort finden ſie ihr Vrod.“ „Bleibt ihnen denn dieſer Weg nicht ſpäter immer noch frei, wenn ihnen das Glück den Rücken kehrt, und haben nicht die größten Geſchäftsmänner als Lehrlinge und mit nichts angefangen? Höre mich, Willams! Du 59 haſt ſo viele gute Freunde in den großen Städten, die ſich eine Freude daraus machen werden, Deine Söhne in ihr Geſchäft zu nehmen; verſuche es und gib Dei⸗ nen Kindern die Gelegenheit, ſelbſt ſich emporzuarbeiten, da wir nicht im Stande ſind, ihnen eine ruhige, ſorgen⸗ freie Zukunft zu ſchaffen.“ Die unermüdlichen Vorſtellungen der Frau ſiegten endlich über den Stolz und die Vorurtheile ihres Gat⸗ ten und er verſprach ihr, an ſeine Freunde in Neuyork und in Neuorleans zu ſchreiben und für Aſhmore und Harrh Stellen in deren Geſchäften auszumachen. Er hielt auch Wort, und noch vor Eintritt des Winters reiſte Aſhmore, der ältere Sohn, nach Neuyork, um dort in eine bedeutende überſeeiſche Handlung einzutreten wäh⸗ rend Williams ſeinen Liebling Harry ſelbſt nach Neu⸗ orleans bringen wollte, wo einer ſeiner alten Freunde, ein Herr Morgan, ihm zugeſagt hatte, den Knaben in die Lehre zu nehmen. Morgan's Geſchüft war keins der größern in jener Stadt, es beſchränkte ſich auf den Handel mit dem In⸗ nern des Landes, von wo ihm die mächtige Pulsader, der Miſſiſſippi, Produkte zuführte und wohin er Waa⸗ ren aller Art für die Bedürfniſſe der Landbewohner ſandte. Es zählte aber zu den ſolideſten Geſchäften und Morgan genoß den Ruf eines ausgezeichneten Kauf⸗ 60 manns. Außerdem war er ein Mann von anerkannt guten Grundſätzen und achtungswerthem Charakter, ſo⸗ daß Williams ihm ſeinen Lieblingsſohn mit vollkom— menſter Ruhe anbertrauen konnte. Alle Vorbereitungen zu der Reiſe waren getroffen, Madame Williams hatte mit größter Sorgfalt die Aus- ſtattung ihres liebſten Kindes beendet und ſie hatte nichts weiter mehr hinzuzufügen, als ihre dringendſten Ermahnun⸗ gen zum Guten und ihren herzinnigſten mütterlichen Segen. Der Tag vor der Abreiſe ging zur Neige, die Abendmahlzeit war gehalten, und Williams war auf die Treppe vor dem Hauſe getreten, um mehreren Negern noch ſeine Befehle zu geben, als Madame Williams den Augenblick benutzte, ihren Arm um Harrh's Schul⸗ tern legte und ihn nach ihrem Gemache führte. Unter Thränen erinnerte ſie ihn dort an die ſchweren Schick⸗ ſale, die ſeinen Vater in letzter Zeit heimgeſucht, und beſchwor ihn, nun um ſo mehr Alles aufzubieten, um dem⸗ ſelben Freude zu machen und im Nothfalle bald ſeine Stütze werden zu können. Dann ermahnte ſie ihn ernſt und feierlich, Gott im Herzen zu tragen und ſeiner bei Allem zu gedenken, was er thun, was er unternehmen würde. Endlich gab ſie ihm ihren Mutterſegen, ſchloß ihn heiß und innig an ihr Herz und benetzte unter Küſſen ſeine Wangen mit ihren Thränen. 61 „Nun gehe zur Ruhe, mein Herzensſohn, damit Du morgen früh Deinem neuen Lebensziel recht friſch und ſtark entgegeneilſt“, ſagte die liebende Mutter, indem ſie Harry entließ und in der Thür nochmals ihre Lippen auf ſeine Stirn drückte. Harry aber ging nicht nach ſeinem Zimmer, ſondern in den Salon, um zu ſehen, ob ſein Vater ſich noch dort befände. „Leg Dich ſchlafen, Harry“ ſagte dieſer,„wir müſſen morgen zeitig heraus, damit wir früh nach Frankfort kommen, wo ich noch mehrere Geſchäfte abzumachen habe, ehe wir nach Louisville weiter reiſen können.“ Harry wünſchte ihm hierauf eine gute Nacht und begab ſich auf ſein Zimmer, wo er bald darauf ſein Licht auslöſchte. Statt aber zu Bett zu gehen, legte er ſich in das Fenſter und ſchaute nach dem dichten Laube einer Ulme, die dem Schlafgemach ſeiner Aeltern gegen⸗ über ſtund und auf welche der Lichtſchein aus deſſen Fenſter fiel. Endlich verdunkelte ſich der Baum. Harry ergriff ſeinen Hut, und lautloſen Trittes eilte er aus dem Zim⸗ mer und aus dem Hauſe, warf noch einen flüchtigen Blick nach dem Schlafgemach ſeiner Aeltern und rannte dann, wie vom Wind getragen, durch den Park und auf der Straße fort nach der Farm des Herrn Baxton, denn deſſen ſchönes Mulattenmädchen Molly hatte ihm ver⸗ ſprochen, ihm halbwegs entgegenzukommen, um den letzten Abſchied von ihm zu nehmen. Der Morgen war da, doch der Tag graute noch nicht, als in den Zimmern der Dienerſchaft in Williams' Hauſe Licht gemacht wurde und in der Küche das Ka⸗ minfeuer unter den ſchwarzen Händen der Köchin auflo⸗ derte, die das Frühſtück für die Herrſchaft bereiten wollte. Da kam Harrh fliegenden Laufes herangeeilt und ſpähte ſchon von weitem nach dem Schlafzimmer ſeiner Aeltern. „Sie ſchlafen noch!“ ſagte er halb athemlos, eilte vorwärts und ſprang wenige Augenblicke ſpäter die Treppe hinauf in den Salon. Er hatte die entgegengeſetzte Thür erreicht, als dieſelbe ſich vor ihm öffnete und die Kam⸗ merfrau ſeiner Mutter mit einem Licht in der Hand vor ihm ſtand. Beide fuhren erſchrocken zurück und ſtarrten einan⸗ der verwundert an. „Mein Gott, junger Herr, wo kommen Sie denn ſchon her?“ fragte die Negerin in höchſtem Erſtaunen. „Wenn Du ein Wort ſagſt, ſo ſchieße ich Dich todt!“ entgegnete Harrh mit unterdrückter Stimme, machte ein heftige drohende Bewegung mit der Fauſt nach der ₰ 63 Sklabin hin und ſchoß an ihr vorüber nach ſeinem gim- mer. Er warf ſeine Kleidung von ſich, ſprang in das Bett und hatte nur wenige Minuten gelegen, als die gimmerthür ſich öffnete und Williams mit den Worten hereintrat: „Halloh, Harry, ſchläfſt Du noch? Es iſt Zeit, daß wir uns rüſten!“ Dann verließ er das Gemach wieder, und Harry beeilte ſich, ſeine Toilette zu machen und dann ſeinen Koffer zu packen. Als er in den Salon trat, wo der Frühſtückstiſch bereits gedeckt war, kam ſeine Mutter auf ihn zu, ſtrich mit der Hand über ſeine Locken und küßte ihn auf die Stirn, worauf ſie ſagte: „Haſt Du gut geſchlafen, Harrh, und haſt Du von Deiner Mutter gettan die Du jetzt verlaſſen willſt?“ „Sehr gut, liebe Mutter“, antwortete Harrh, in⸗ dem er dieſer die Hand drückte, zugleich aber einen ver⸗ ſtohlenen drohenden Blick auf die Kammerfrau warf, die vor dem Tiſche ſtand und nach ihm hinſah. Madame Williams wiederholte nun nochmals die Ermahnungen, die ſie Harrh am Abend vorher gegeben hatte, bis ihr Gemahl in das Zimmer trat und an dem Frühſtückstiſche Platz nahm. Nach beendetem Mahle fuhr der Ween vor, der 64 Harry davontragen ſollte; noch einmal drückte die Mutter ihren Lieblingsſohn an ihr Herz, der letzte Abſchied ward genommen, auch die Dienerſchaft ſagte ihrem jun⸗ gen Herrn Lebewohl, und unter tauſend Segenswünſchen beſtieg er mit ſeinem Vater das leichte offene Fuhr⸗ werk. Fort trabten damit die davorgeſpannten mächti⸗ gen Braunen, und ſolange Madame Williams ihrem theuern Kinde noch mit dem Blicke folgen konnte, wehte ſie ihm mit ihrem thränenfeuchten Tuche ihre Grüße, ihren Segen nach. Am zweiten Abend langten die Reiſenden in Louis⸗ ville an und beſtiegen am folgenden Morgen dort ein Dampfboot, auf dem ſie ohne Aufenthalt Neuorleans erreichten. Morgan, welcher in frühern Jahren in der Nach⸗ barſchaft des Herrn Willia ewohnt hatte, freute ſich ſehr, ihn wiederzuſehen, bewillkommnete ihn und ſeinen Sohn aufs herzlichſte und verſprach dieſen wie ſein eige⸗ nes Kind zu behandeln. Schon am nächſten Tage trat S in das Ge ſchäft ein und machte durch ſein gewandtes, liebenswür⸗ diges Weſen, ſowie durch ſeine ungewöhnlich ſchöne Hondſchrift einen ſehr angenehmen Eindruck auf ſeinen Lehrherrn. Williams, der mehrere Tage in der Stadt ver⸗ 65 weilte, fühlte ſich durch das Lob, welches ſein Freund Morgan über ſeinen Sohn ausſprach, ſehr geſchmeichelt und bemerkte mit ſtolzer Zufriedenheit: „Ja, Freund Morgan, Harrh iſt auch nicht von dem gewöhnlichen Schlag, er iſt ein echter Williams!“ In der That hatte aber Morgan auch alle Urſache, mit ſeinem neuen Zögling zufrieden zu ſein, denn es bedurfte nur der leiſeſten Anweiſung um ihn Alles nach ſeinem Wunſche thun zu laſſen. Harry war augenſchein⸗ lich in die ihm von der Natur angewieſene Lebensbahn eingetreten, für die ſie ihn mit den glänzendſten Anla⸗ gen ausgeſtattet hatte. Er begriff außerordentlich leicht, erkannte bald den Unterſchied in der Qualität der Waaren, rechnete im Kopf mit größter Schnelligkeit, be⸗ ſorgte alle ihm ertheilten Aufträge immer raſch und ge⸗ nau und wo bei deren Alführung ſeinem eigenen Ur⸗ theile ein Spielraum gelaſſen wurde, entſchied er ſtets zum größten Beifall ſeines Principals. Sein angenehmes Aeußeres aber und namentlich ſein liebenswürdiges, freund⸗ liches Benehmen machten ſich bald für das Geſchäft werthvoll geltend, denn Jedermann gewann ihn lieb und wollte nur von ihm kaufen und mit ihm han⸗ deln. Morgan pflegte, wenn es einmal in dem Ge⸗ wölbe an Käufern mangelte, ſcherzweiſe zu ſagen: „Harrh, Sie brauchen ſich nur in die Thür g ſtellen Armand, Saat und Ernte. I. 66 und wir haben gleich ſo viele Kaufluſtige, wie wir uns wünſchen können.“ Unter der Damenwelt aber insbeſondere erregte der auffallend ſchöne junge Menſch bald ſehr großes Aufſehen, denn in der Mittagszeit, um welche in der Regel das Geſchäft für einige Stunden ruhte und wo das Haus ſchon Schatten auf das Trottoir davor warf, ſtellte er ſich gewöhnlich vor die Thür und unterhielt ſich damit, die ſchöne Welt an ſich vorüberwandeln zu laſſen. Er trug die ſauberſte, blendend weiße Wäſche, war immer in weißes oder doch hellfarbiges Leinen⸗ zeug gekleidet und hatte den beſten Schneider in der Stadt. Weit mehr aber als ſeine gewählte, ſorgfältig und doch dem Anſchein nach nachläſſig getragene Klei⸗ dung fiel ſein natürlicher vornehmer Anſtand auf, den er, ohne es zu wiſſen, in jeder ſeiner Bewegungen zeigte. Es war ihm ſo oft geſagt worden, daß er ungewöhnlich ſchön ſei, ja, noch täglich wurde ihm dies, wenn auch nicht mehr mit Worten, bemerkbar gemacht, und der Spiegel bewies es ſo unbeſtreitbar, daß man ſich nicht darüber wundern konnte, wenn Eitelkeit ein Hauptzug in ſeinem ſich entwickelnden Charakter wurde. Seine ariſtokratiſchen weißen Hände pflegte er mit Sorgfalt, ſeine Hauptaufmerkſamkeit aber verwandte er auf ſein prächtiges Haar, welches in natürlichen vollen Locken 3 67 ſeinen ſchönen Kopf ſchmückte. Mit ſeiner Eitelkeit aber war noch kein Eigenintereſſe verbunden, er wollte durch ſeine körperlichen Vorzüge nichts erreichen, er war nur eitel, weil es ihm Vergnügen gewährte, zu gefallen. Herrn Morgan machte es Freude, dieſen netten jungen Burſchen in ſeinem Geſchäft zu haben, und anſtatt deſſen Eitelkeit zu ſteuern und ihn von den vielerlei großen und kleinen Ausgaben, wozu ſie ihn verleitete, abzuhal⸗ ten, beſtärkte er ihn ſelbſt darin und ſetzte ihm ſchon bald nach ſeinem Eintritt in das Geſchäft neben dem Laſchengeld, welches er ihm für ſeines Vaters Rechnung zahlte, ſelbſt noch einen kleinen Gehalt aus. Eine goldene Kette an ſeine ſilberne Uhr, ein goldener Siegelring und eine ſolche Tuchnadel waren ſehnlichſt erwünſchte Gegen⸗ ſtände, die Harrh ſich ſogleich auf ſeinen Gehalt hin anſchaffte und die er mit ſo viel anſcheinender Nachläſſigkeit trug, als ob ſie gar keinen Werth für ihn hätten. Durch die zunehmende Selbſtſtändigkeit und wirkliche Gediegenheit, mit der Harry, ſo jung er auch noch war, ſeine Stelle von Tag zu Tag mehr ausfüllte, trat er auch täglich mehr aus den Kinderſchuhen heraus. Seine ganze Wirkſamkeit war die eines Erwachſenen. Man wandte ſich an ihn wie an einen Erwachſenen, er ſprach und handelte ſo, und ſeinem Gefühl nach war er auch ſchon erwachſen, obgleich er mit Leidweſen noch zu. Män⸗ 68 nern emporblicken mußte, ſo hohe Abſätze er auch unter ſeinen Schuhen trug, und obgleich er auch zu ſeinem großen Verdruß immer noch keine Vorboten eines Bar⸗ tes an ſeinem Kinn entdecken konnte. Seine geſchäftliche Stellung aber beſeitigte mehr oder weniger den Unterſchied der Jahre zwiſchen ihm und denen, mit welchen er zu verkehren hatte. Infolge hiervon wurde er mit vielen Leuten näher bekannt und vertraut und erhielt vielſeitig Einladungen von denſel⸗ ben. Bald holte man ihn am Sonntag nachmittags in einem Cabriolet ab, um eine Fahrt auf der Muſchel⸗ ſtraße durch den Sumpfwald bei der Stadt zu machen, bald nahm man ihn abends mit in den Circus, in das Theater oder in einen Auſternkeller, und Bekannte, die ihm im Alter nicht ſo fern ſtanden, führten ihn ſogar in die weltberühmten Quadronenbälle von Neuorleans ein. Unter den Einladungen, die Harrh zu Theil wur⸗ den, kamen auch mehrere von Freunden des Herrn Mor⸗ gan, die ihn in ihre Familien einführten und wo er alsdann nach Landesſitte ein⸗ für allemal für jeden Abend willkommen geheißen wurde, um unter der Ve⸗ randa oder im Garten ein Plauderſtündchen zu halten, 2 eine Promenade auf dem Werfte am Fluſſe hinauf zu machen oder aber mit den jungen Damen in die Abend⸗ kirche zu gehen. 69 Wo er in einer Familie erſchien, wurde er gern geſehen; die jungen Schönen fühlten ſich dieſem bartlo⸗ ſen reizenden Bürſchchen gegenüber weniger genirt und verlegen, ſie wurden unglaublich ſchnell mit ihm bekannt und vertraut, zumal da Harry ſchon einige Vorkennt⸗ niſſe im Umgange mit dem zarten Geſchlecht mit nach Neuorleans gebracht hatte, und ſie entſchuldigten es gern mit ſeiner Jugend, ſeiner kindlichen Unſchuld, wenn er ſich verſtohlen kleine Freiheiten erlaubte, die ſie heiraths⸗ fähigen Jünglingen oder Männern nicht hätten verzeihen dürfen. Er war ja in der That nur noch ein Kind, welches darum gern küßte, weil ihn vielleicht ſeine Mut⸗ ter oder auch ſeine Amme ſo ſehr viel geküßt hatte. Wie geſagt, Harry war von den Mädchen gern geſehen, kam aus einer Familie in die andere und war bald der Liebling nicht allein der jungen Damenwelt, ſondern auch von Schönen reifern Alters und reiferer Erfahrung, die ſich gern von ihm in die Kirche begleiten ließen, bei ſich zu Hauſe ſeine Beſuche empfingen und ſeinem mitunter noch kindiſchen Benehmen durch liebevolle Winke, Be⸗ lehrungen und Anweiſungen mehr eine männliche Feſtig⸗ keit zu geben ſuchten. Während Harry in ſeiner vielſeitigſten Ausbildung mit Rieſenſchritten vorwärts ging, wollte ſich über dem Hauſe Williams kein Glücksſtern wieder zeigen. Freilich 7⁰ brachten die lobenden Berichte über Harry freudige Augenblicke in ſeine Familie. Herr Williams empfing ſie mit Stolz und Genugthuung und ſeine Gattin las ſie unter Freudenthränen und leiſen Dankgebeten zum Himmel, aber dieſe Freude, dieſes Glück wurde immer bald wieder durch die Bedrängniſſe von ihnen geſcheucht, welche ihre zerrütteten Vermögensverhältniſſe über ſie brachten. Williams hatte ſeinen bedeutenden Grundbeſitz mit Haus und Hof und ſein ganzes Inventar mit Vieh, Pferden und Maulthieren denjenigen ſeiner Gläubiger verſchrieben, welche in Danville und in der nahen Um⸗ gegend wohnten, ſeine Neger aber, noch einige ſechzig an der Zahl, waren einem ſeiner bedeutendſten Credito⸗ ren, einem alten Freunde in Richmond in Virginien, als Sicherheit für ſeine Forderung verpfändet. Dieſer Freund hatte Williams das bedeutende Kapital auf deſſen Bitte mit Freuden vorgeſtreckt, ohne dafür eine Sicherheit zu fordern, weil jener ihm verſprach, daſſelbe ſofort nach Ver⸗ kauf ſeiner Tabake zurückzuzahlen; als dieſe aber verbrannt waren, hatte Williams ihm ſchnell ſeine ſämmtlichen Neger gerichtlich verſchrieben, damit ſeine andern, ihm weniger befreundeten Creditoren keinen Beſchlag auf die⸗ ſelben legen könnten. Er hatte ihm dies ſofort mitge⸗ theilt und von ihm eine dankende Anerkennung für ſeine 71 freundſchaftliche Fürſorge empfangen, ſowie die Weiſung, ihm das Kapital ganz nach ſeiner Bequemlichkeit zurück⸗ zuzahlen. So ſtanden Williams' Vermögensangelegenheiten im Frühjahr, als die Vorbereitungen zu einer neuen Ernte getroffen werden mußten. Er rechnete und rech⸗ nete, konnte aber kein günſtiges Reſultat von derſel⸗ ben erwarten. Die Zinſen, die er zu zahlen hatte, wa⸗ ren zu bedeutend, als daß er ſelbſt bei der reichſten Ernte und den höchſten Preiſen ernſtlich ans Abtragen ſeiner Schulden hätte denken können, und ſollte eine Mißernte eintreten, ſo würde er nicht einmal im Stande ſein, die Zinſen zu bezahlen. Mit finſtern, trüben Ahnungen bewegten ſich ſeine Gedanken in den Grenzen ſeines Eigenthums und ſchweif⸗ ten oft über ſie hinaus in die Ferne, um ein Stück Erde zu erſpähen, wo er wieder die goldene Vergangenheit zur Gegenwart machen könnte. Es gab ein Land, welches nach Allem, was man bis jetzt davon wußte, zu ſolchen hochfliegenden Hoffnun⸗ gen berechtigte, welches bei halber Arbeit doppelte Ern⸗ ten lieferte, welches nicht mit dem Fluch verheerender Krankheiten belaſtet war und welches einen ſchuldbela⸗ denen Fremden als ſchuldfreien Bürger in ſich aufnahm⸗ Dieſes Land war Texas, welches mit Coahnila einen 72 Staat der neuen Republik Mexico bildete, dem aber das Recht zuſtand, ſobald ſeine Bevölkerung bis zu einer beſtimmten Zahl herangewachſen war, ſich von Coahuila zu trennen und einen Staat für ſich zu bilden. Um ſeine Seelenzahl nun raſch zu vergrößern, hatte Texas ein Ge⸗ ſetz erlaſſen, welches jedem Fremden das Recht gab, ſich dort anzubauen, und welches ihn während der erſten zehn Jahre von allen Abgaben befreite. Sein Boden war fruchtbarer als der irgend eines andern ſüdlichen Staa⸗ tes Amerikas, ſeine Weiden fanden an Reichthum nir⸗ gends ihresgleichen, und vor allem war es das ein⸗ zige wirklich geſunde Land des weiten amerikaniſchen Südens. Freilich beſtand es noch aus einer hier und dort unterbrochenen Wildniß, nur an der Golfküſte und von dort aus an den Flüſſen hinauf befanden ſich ein⸗ zelne Anſiedlungen, und die wildeſten, kriegeriſchſten In⸗ dianer durchſchwärmten ſengend und mordend dieſe Ge⸗ genden; was waren dem Amerikaner aber alle Beſchwer⸗ den, alle Entbehrungen und alle Gefahren, wo ſolche Vortheile, ſolche Ausſichten, mit wenig Mühe reich zu werden, ihm geboten wurden! Kaum war das Geſetz zur Beförderung der Einwanderung in Texas erſchienen und in den Vereinigten Staaten bekannt geworden, als Tau⸗ ſende von Amerikanern aufbrachen und nach dieſem ge⸗ prieſenen Lande wanderten. Es waren aber nicht allein 73 die Vorzüge des Bodens und des wunderbar ſchönen Klimas, welche dieſe zahlreichen Wanderungen veran⸗ laßten, Teyas bot noch andere Vortheile, die für viele Amerikaner von noch weit größerer Wichtigkeit waren: man konnte dort weder wegen Schulden noch wegen Vergehen gegen das Geſetz verfolgt werden. Alle, welche in den Vereinigten Staaten ihren Creditoren entgehen oder der Gerechtigkeit entlaufen wollten, eilten über die Grenze nach Texas und fanden dort einen Freihafen, in dem ſie ohne alle Verantwortlichkeit für ihr bisheriges Leben ein neues beginnen konnten. Die Berichte über dies herrliche Land füllten mehr und mehr die Zeitungen in den Vereinigten Staaten, und Privatnachrichten der erſten dorthin Ausgewander⸗ ten wurden immer häufiger veröffentlicht. Alle Mitthei⸗ lungen darüber lauteten überaus günſtig, und während anfangs nur von dem Schickſal ſchwer Verfolgte oder dem Geſetze Verfallene ſich zu dem Wagniß, nach Texas zu gehen, entſchloſſen, begannen jetzt Leute dorthin zu ziehen, die eine ſorgenfreie glückliche Exiſtenz in ihrer Heimat dafür aufgaben. Die Wunder von Texas waren in ihren Beſchrei⸗ bungen auch nach dem alten Kentucky gedrungen, und Williams las mit immer größerer Spannung, mit immer regerem Intereſſe die Berichte darüber. — —— 74 Das reichſte Land konnte er dort zu einem Spott⸗ preiſe bekommen, ſeinen Viehſtand konnte er ohne alle Koſten unbegrenzt vermehren, weil die Weide jahraus jahrein friſch und grün blieb, und wenn er, ſtatt Tabak hier, dort Baumwolle pflanzte, ſo ſteigerte ſich ſein Ge⸗ winn auf das Sechsfache. Der Entſchluß, dorthin auszuwandern, reifte ſchnell in ihm, und nur die Art und Weiſe, wie er es aus⸗ führen ſollte, beſchäftigte noch ſeinen Geiſt. Zu dieſem Ende ſprengte er ſelbſt aus, er habe am Miſſiſſippi eine Plantage gekauft, wohin er bald mit Familie und Negern zu ziehen beabſichtige. Seine Gläubiger in der Nähe waren durch Pfänder für ihre Forderungen ſicher geſtellt, und es konnte ihnen gleichgültig ſein, was er mit den Sklaven beginnen würde. Er unternahm zum Schein mehrere Reiſen nach beſagter Plantage und ſprach dann bei ſeiner Rückkehr allenthalben von dem vortheilhaften Handel, den er beim Ankauf derſelben ge macht habe. Seine Gläubiger unterrichtete er ſelbſt davon, daß er bald auf ſein neues Gut überſiedeln werde und daß er ſeinen Rechtsanwalt bevollmächtigt habe ſeine Beſitzung in Kentucky zu verpachten, weil er dieſelbe nicht verkau⸗ fen, ſondern für einen ſeiner Söhne behalten wolle; die Schulden, welche darauf hafteten, werde er in kurzer Zeit abtragen. So machte er ſeine beabſichtigte Aus⸗ wanderung bekannt, ohne daß Jemand etwas Auffälliges darin finden konnte, im Gegentheil, durch den erdichteten Ankauf der ſehr werthvollen Plantage, die er mit dem vollen dazu gehörigen Inventar erſtanden haben wollte, von der aber Niemand wußte, in welcher Gegend ſie lag, hatte er ſich wieder neuen Credit geſchaffen. Einem ihm befreundeten Advocaten übertrug er ſeine Geſchäfts⸗ angelegenheiten unter Generalvollmacht, ließ ihn aber gleichfalls im Unklaren darüber, wo ſeine neue Beſitzung liege. Er nahm Abſchied von ſeinen Nachbarn mit der Verſicherung, daß er recht oft ſie beſuchen und daß er in ein paar Jahren ſeinem Sohne Aſhmore den hieſi⸗ gen Familienſitz übergeben werde, ließ die Gegenſtände, die er mitnehmen wollte, im Stillen nach Louisville fahren und plötzlich brach er ſelbſt mit Frau und Kin⸗ dern und von ſämmtlichen Negern gefolgt dorthin auf, während er zugleich die Schlüſſel zu ſeinen Häuſern ſei⸗ nem Anwalt überſandte. In Louisville beſtieg er das Dampfboot, auf dem er die Fahrt bis Neuorleans bedungen hatte, und langte nach Verlauf von einer Woche wohlbehalten in dieſer Stadt an. Das ſtürmiſche Geſchäftsgewühl, welches hier wäh⸗ rend der letzten acht Monate geherrſcht hatte, war ver⸗ wogt, die meilenlange Reihe von Schiffen, die ſich vor „ 76 der Stadt am Ufer des Miſſiſſippi hinaufgezogen hatte, war ſehr gelichtet, die Werfte von Gütern entblößt und die Straßen waren menſchenleer; denn die heiße Jah⸗ reszeit hatte begonnen und der grimme Feind, das gelbe Fieber, wurde täglich erwartet. Die vielen tau⸗ ſend Kaufleute, welche das Rieſengeſchäft nach der hal ben Welt von hier aus geleitet hatten, waren wie Zug⸗ vögel nach Norden gereiſt, die unermeßlich reichen Creo⸗ lenfamilien, welche während der Wintermonate hier ge⸗ glänzt hatten, auf ihre Plantagen zurückgekehrt, und die wohlhabenden Bürgerfamilien von Neuorleans ſelbſt hatten ſich nach den ſchönen bewaldeten Ufern der nahen herrlichen Landſeen begeben, um dem Fieber aus dem Wege zu gehen und ſich von der geleiſteten raſtlo⸗ ſen Arbeit zu erholen. Auch Herr Morgan wohnte mit ſeiner Familie ſchon ſeit einer Woche an dem prächtigen Ponchartrain⸗ ſee und hatte Harrh in der Stadt zurückgelaſſen, damit derſelbe dort ſein Eigenthum wahre und den wenigen Geſchäften vorſtehe, welche noch zu beſorgen ſein ſollten. Williams hatte ſeinen Sohn von ſeinem Vorhaben und von der ungefähren Zeit, wann er in Neuorleans einzutreffen denke, unterrichtet, und als er gelandet war und kaum ſeine Effecten auf das Werft geſchafft hatte. * ꝛ (7 kam Harry in einem Miethwagen angefahren, um die Seinigen zu bewillkommnen. Mit Erſtaunen blickten die Aeltern ihm entgegen ſie trauten ihren Augen nicht, ſie konnten es nicht begreifen, daß dieſer elegante junge Gentleman ihr Knabe Harry ſein ſollte. Harry aber ſchien ihre Verwunderung nicht zu bemerken, ſeine Eitelkeit wich dem kindlichen Gefühle der Liebe zu ſeinen Aeltern, er flog zuerſt der Mutter in die Arme und unter Freudenthränen preßte ſie ihn an ihr Herz. Dann empfing ihn ſein Vater in gleich freu⸗ diger, herzlicher Weiſe und ſeine Geſchwiſter umarmten und küßten ihn jubelnd und jauchzend. Nach dem erſten Bewillkommnen aber nahm Williams die Hand ſeines Sohnes und ſagte, indem er dieſelbe ſchüttelte: „Ich freue mich, Harry, Dich ſo zu finden. Du haſt Dich brab gehalten und biſt Gentleman geworden, ſowie es einem Williams zukommt. Iſt Herr Morgan in der Stadt?“ „Nein, er wohnt am See; ich kann es ihm aber heute noch ſagen laſſen, daß Du hier biſt“, erwiderte Harrh in einem ernſten Geſchäftston. „So wollen wir ihn gar nichts davon wiſſen laſ⸗ ſen, bis ich ihm von Texas aus ſchreibe; es würde nur zu vielerlei Fragen Veranlaſſung geben, die ich zum Theil 78 unbeantwortet laſſen müßte, und ſo iſt es beſſer, ich reiſe ſtillſchweigend durch. Wann geht ein Boot nach Galveſton ab?“ „Morgen Abend oder übermorgen früh; der Ka— pitän ſagte mir, daß er es möglich zu machen hoffe, noch morgen die See zu erreichen, damit er übermor⸗ gen bei guter Zeit in Galveſton landen könne. Wir wollen hernach an Bord gehen, wo er Dir ſelbſt das Nähere mittheilen wird.“ „Das paßt ganz vortrefflich. Nun aber zur Haupt⸗ ſache Harry. Wie iſt es mit den Negern? Haſt Du Vorkehrungen getroffen?“ „Woodfolk, der Sklavenhändler, erwartet ſie, er hält Alles für ihren Empfang bereit und wird das Geſchäft ſofort mit Dir abſchließen. Sie bleiben an Bord, bis ich Euch in das Hotel gebracht habe und zu ihnen zu⸗ rückkehre, um ſie zu Woodfolk zu bringen unter dem Vorwande, daß ich ſie in ein Wirthshaus führen wolle. Sind ſie einmal in den Mauern des Sklavenhändlers, ſo haben wir keine Schwierigkeiten mit ihnen mehr zu befürchten.“ „Wird es nicht auffallen, wenn Du ſo viele Neger durch die Stadt führſt?“ fragte Williams ängſtlich. „Auffallen— dieſe paar Neger? Ja, wenn es einige Tauſend wären! Nun aber laßt uns nach dem 79 Hotel fahren“, entgegnete Harry und zeigte nach dem Wagen hin. Madame Williams hatte mit wachſendem freudigem Erſtaunen ihrem Sohne zugehört, plötzlich aber, als müſſe ſie dem Drange ihres Herzens Worte geben, er⸗ griff ſie ſeine Hand und ſagte:„Aber, Harry, Du biſt ja in den wenigen Monaten ſo ganz anders geworden, daß man Dich kaum wiedererkennt; ſiehſt ja aus wie ein Herr und ſprichſt wie ein alter Geſchäftsmann!“ Dabei ſtrich ſie ihm die Locken zurück, küßte ihn auf die Stirn und ſetzte lächelnd noch hinzu:„Biſt aber doch noch mein lieber Herzensjunge, und wenn Du Dein Haar auch noch ſo ſehr parfümirſt.“ „Das gehört dazu“ fiel Williams ein;„ein junger Mann muß etwas auf ſich halten, ſodaß das Volk auch in ſeinem Aeußern gleich erkennt, daß er einem guten Geſchlechte angehört. Nun laß ihn gehen, Frau, damit wir erſt zur Ruhe kommen und dann die Neger in Sicherheit bringen.“ Harrh ſprang nun von dem Werfte auf das Dampf⸗ boot, ſagte dem Comptviriſten deſſelben, daß er wegen des Gepäcks und der Neger des Herrn Williams bald wieder zurückkehren werde, und beſtieg dann mit den Seinigen den Wagen, der ſie ſchnell in das Hotel brachte. 80⁰ So wenig Williams ſich auch über die ungewöhn⸗ lich ſchnelle geiſtige und körperliche Veränderung in ſeinem Sohne ausſprach, ſo war er doch ebenſo ſehr davon überraſcht wie ſeine Frau und ſah ihm mit Verwunde⸗ rung und Stolz zu, wie er Alles raſch und zweckmäßig für ihn beſorgte. Seine Dienſte waren ihm aber auch ſehr willkommen, denn nur ſeiner Vorbereitung und An⸗ ordnung hatte er es zu danken, daß er ſich nur ſo kurze Zeit in Neuorleans aufzuhalten brauchte, und es drängte ihn mit großer Unruhe, den letzten Schritt aus den Vereinigten Staaten zu thun. Nicht daß er wirklich Grund zu Befürchtungen gehabt hätte, ſeine Creditoren möchten ſeine Flucht entdecken und ihn an der letzten Grenze noch zurückhalten; das böſe Gewiſſen aber ruft dem Schuldigen unaufhörlich Gefahren zu und läßt ihn nicht zur Ruhe kommen. So war es mit Williams. Er ließ Harry alle Einrichtungen treffen, nur um ſich ſo wenig als möglich in den Straßen zu zeigen. Einige Stunden nach ſeiner Ankunft in der Stadt fuhr er mit Harry zu dem Sklavenhändler, ſchloß den Verkauf der Neger mit ihm ab, empfing das baare Geld dafür und kehrte in das Hotel zurück. Mit Sehnſucht erwartete er nun den Augenblick, wo er ſich mit den Seinigen und ſeiner Habe auf dem Dampfſchiffe befinden und der See zuſteuern würde. Seine Hoffnung wurde erfüllt, 81 der folgende Abend traf ihn ſchon an Bord; der Ab. ſchied von Harry ward genommen, und ſ ſchnaubte der Dampfer den Rieſenſtrom hinab dem Golf zu. Die Reiſe ging ſchnell und ohne Störung von ſtatten, denn am folgenden Abend, als die Sonne in die See hinabtauchte, landete das Schiff an der texa niſchen Inſel Galveſton vor der Stadt gleichen Namens. Mit einem„Gott Lob!“ frei aufathmend, betrat Williams die neue Heimat, die ihn, jeder Schuld ledig, begrüßte. Die vierzig Meilen lange und einige Meilen breite Inſel, welche ſich vor der Mündung der Galveſtonbai eine Meile vom Feſtlande aus den grünen klaren Wo⸗ gen des ſchönen Golfs von Mexico erhebt, war mit Ausnahme des kleinen Städtchens Galveſton noch gar nicht angebaut und noch mit der reichen Grasdecke über zogen, welche ihr die Natur gegeben hatte. Das wun⸗ derbar herrliche Klima, der ewige Sommer und der un⸗ aufhörlich kühlende, erfriſchende Seewind geben der Inſel ſo viel Angenehmes, daß man ihre Mängel darüber ver⸗ gißt, denn ihr Voden iſt nicht reich und alles Waſſer, welches aus ihrem Schooße gewonnen wird, iſt mehr oder weniger ſalzig, ſodaß Thiere und Menſchen mit ihrem Durſt auf das Regenwaſſer, welches ſich in Ciſter⸗ nen ſammelt, angewieſen ſind. Dagegen iſt Armand, Saat und Ernte. I. 8² vortrefflich und die Jagd nach Waſſervögeln über alle Beſchreibung reich. Williams erkannte, daß der Inſel eine reiche Zu⸗ kunft blühe; das Städtchen war im Wachſen, ſein Schiffswerft dehnte ſich aus, die Zahl der Schiffe in ſeinem Hafen mehrte ſich und ſeine Lage ſicherte ihm den erſten Rang als Stapelplatz für die Produkte von Texas. Land konnte er auf der Inſel für einen ſehr niedrigen Preis kaufen, die Weide bot ihm Gelegenheit, ohne alle Koſten einen bedeutenden Viehſtand zu halten, und da ſich ſehr viele entlaufene Neger in der Stadt aufhielten, ſo konnte er für ſein baares Geld Arbeits⸗ kräfte leicht erhalten. Bald nach ſeiner Ankunft hatte er ſich von allen Verhältniſſen unterrichtet, kaufte an der Südſeite der Inſel einen Strich Landes von ungefähr viertauſend Morgen und richtete ſich dort eine Farm ein. Sein Wohngebäude ſtellte er auf eine in die See hinauslau⸗ fende Anhöhe, gegen welche ſich die durchſichtigen, ſchaum⸗ gekrönten Wogen des Meeres in ununterbrochenem Laufe brauſend heranwellten und, auf dem ſpiegelglatten Sande des Strandes erſterbend, die herrlichſten Fiſche und Krebſe zurückließen, welche dann durch eine der ſpäter folgenden Wellen ihrem trockenen Grabe wieder entriſſen und in ihre naſſe, kryſtallhelle Heimat zurückgeführt wurden. 83 Williamspoint, wie die Landſpitze genannt wurde, hatte die Natur zu einem der reizendſten Punkte auf der Inſel geſchaffen und die Anſiedlung krönte ſie bald nach ihrer Entſtehung mit dem reichen Schmucke der Cultur, mit Gärten, Feldern und Heerden. Viertes Kapitel. Obgleich während dieſes Sommers das gelbe Fie⸗ ber heftig in Neuorleans auftrat, blieb Harry Wil⸗ liams doch von demſelben verſchont. Sein leichter froher Sinn ließ ihn gar nicht an eine Gefahr denken, er wußte immer noch Vergnügen genug in der jetzt ſo ſtillen Stadt zu finden, und wenn er hinaus nach dem See fuhr, um Herrn Morgan Bericht abzuſtatten und den Tag mit deſſen Familie zu verleben, ſo eilte er doch abends ſtets zurück, weil in irgend einer Reſtauration ſeine Freunde ihn erwarteten oder weil er einer ſeiner vielen Frfundinnen einen Beſuch zugeſagt hatte. Zu Hauſe blieb er ſicher nicht einen Abend, und in der Re⸗ gel war es ſpät, wenn er dorthin zurückkehrte, um ſich zur Ruhe zu begeben. Trotz der vielen Verſuchungen jedoch, die von einem ſo ungebundenen Leben unzertrenn⸗ lich ſind, blieb Harrh immer Herr ſeiner ſelbſt und über⸗ dachte, ſo jung er auch noch war, jeden ſeiner Schritte. 85 Es mag eben das Bewußtſein ſeiner Jugend, ſeiner Un⸗ erfahrenheit gegenüber dem reifern Umgange den er pflegte, geweſen ſein, welches ihn vorſichtig machte, wäh rend zugleich ein unbewußter Drang ihn dazu trieb, die Menſchen zu ſtudiren und, ihre Schwächen benutzend, von ihnen unabhängig und ihnen überlegen zu bleiben. Un⸗ ter den vielen geiſtigen Anlagen, welche die Natur ihm gegeben hatte, war eine ſcharfe Beobachtungsgabe beſon⸗ ders vorherrſchend; er ſah Alles, was um ihn vorging, jede Bewegung, jeden Blick Anderer bemerkte er und ſuchte darin deren Gedanken zu leſen, während er un⸗ willkürlich zu gleicher Zeit es ſelbſt vermied, zu verra⸗ then, was er dachte, was er fühlte. Darum wurde ihm der Trunk ſehr verhaßt; es widerte ihn an, wie ein Be⸗ trunkener ſich ſo vollkommen in die Gewalt Anderer gab, und ſo gern er ſich durch ein Glas Wein erheitern ließ, ſo genoß er ihn doch nur mit der größten Vorſicht. Die Neigung in ſeinem Charakter, ſeine Mitmenſchen zu überſehen, ſteigerte ſich in gleichem Maße, wie er ſeiner geiſtigen Ueberlegenheit über ſie ſich bewußt wurde, aber in gleichem Maße verringerte ſich auch ſeine Achtung vor ihnen. Dummheit, geiſtige Unbehülflichkeit, wenn auch mit Gutmüthigkeit gepaart, waren ihm verächtlich, und nur Perſönlichkeiten von ſcharfem, geriebenem Ver⸗ ſtund und Witz wählte er zu ſeinem Umgang. Dabei 86 fragte er weniger nach deren Grundſätzen, deren Mora⸗ lität, wenn ſie nur als Gentlemen lebten. Der Herbſt kam; mit der erſten kühlen Nacht war das gelbe Fieber verſchwunden, und ſofort begann Neu⸗ orleans ſich aus allen Weltgegenden, namentlich aber aus dem Norden der Vereinigten Staaten her wieder mit Menſchen zu füllen. Die verſchloſſenen Häuſer, die prächtigen Läden öffneten ſich, die Wohnungen bis hin auf zu den kleinſten Erkern füllten ſich mit Miethern, den Fluß herab ſtrömten die ungeheuren Maſſen von Landeserzeugniſſen und Waaren aller Art der Stadt zu, und der Donner der Tauſende von ſchweren Maul⸗ thierkarren, welche die Güter nach den Seeſchiffen am Werfte führten, verhallte weder Tag noch Nacht. Neu⸗ orleans war wieder die Stadt des Weltgeſchäfts, des Reichthums, des Glanzes, des Vergnügens, der Ueppig⸗ keit. Ein wogender Menſchenſtrom füllte ihre Straßen, in prächtigen Carroſſen, in ſtrahlender Toilette durchzogen ſie die blendend ſchönen Creolinnen, elegante Reiter tum⸗ melten ihre edlen Roſſe durch ſie hin und die wogenden Klänge rauſchender Muſik durchtönten ſie von Sonnen⸗ untergang bis zum Anbruch des Tages. Harry Williams entfaltete ſeine ganze Thätigkeit; den Tag über war er die Seele von Morgan's Ge⸗ ſchäft und⸗ abends der Lebensfunke im fröhlichen Kreiſe 87 ſeiner Freunde und ſeiner Freundinnen. Seine Bekannt⸗ ſchaften mehrten ſich täglich, er erhielt Zutritt in den reichſten Creolenfamilien, die Männer prieſen ihn als einen„Smart businessman“(ſcharfen Geſchäftsmann) und die Frauen und Mädchen ſtritten ſich um ihn als einen real ladiesman“(wahren Damenhern). Er war der erklärte Liebling der Damen, keiner der jungen Männer wußte ſie ſo geiſtreich und munter zu unter⸗ halten und ihnen ſo viel Schönes zu ſagen, keiner hatte ſo viel vornehmen Anſtand in ſeinem Benehmen und keiner kleidete ſich ſo geſchmackvoll, ſo fashionable als der junge Williams oder sweet Harry, wie ſie ihn zu nennen pflegten. Herr Morgan erkannte ſehr wohl den Werth, welchen Harry für ſein Geſchäft hatte; er überließ ihm gern alle Verfügungen beim An- und Verkauf von Waa⸗ ren ſowohl als auch bei Geld⸗ und Wechſelgeſchäften, denn er ſelbſt hätte ſein eigenes Intereſſe nicht beſſer dabei wahren können, und den vollſten Beweis von ſei⸗ nem unbegrenzten Vertrauen gab er ihm dadurch, daß er ihm die Procura in ſeinem Geſchäfte übertrug. Aber auch in klingender Münze ſprach er ſeine Anerkennung für Harrh's Verdienſte aus, indem er ihm einen feſten Gehalt von tauſend Dollars ausſetzte Zu ſeiner Freude ſah er, daß Harrh nach dieſen Auszeichnungen womög⸗ 88 lich noch eifriger für ihn thätig war, daß er noch früher im Geſchäft erſchien und abends noch länger darin arbeitete. Nicht angenehm dagegen war es ihm zu er⸗ fahren, daß derſelbe Nacht für Nacht ſich außer dem Hauſe befand und oft erſt gegen Morgen zurückkehrte, namentlich aber, daß ihm unter ſeinem Umgang Per⸗ ſönlichkeiten genannt wurden, die keinen guten Namen hatten, obgleich ſie als Gentlemen lebten und die beſſere Geſellſchaft beſuchten. So widerſtrebend es ihm nun auch war, in die Privatangelegenheiten ſeines Geſchäfts führers ſich zu miſchen und ihm Ermahnungen zu geben, ſo blieb derſelbe doch immer noch ſein Schutzbefohlener und er hielt es für ſeine Schuldigkeit, ihm wenigſtens ſeinen Rath zu ertheilen, wenn er ſein Wohl gefährdet glaube. Er that es an einem Sonntagmorgen, als Harry ganz allein in dem Comptoir ſaß und arbeitete. Mit freundſchaftlicher und väterlicher Herzlichkeit bat er ihn, ſeine Geſundheit mehr zu ſchonen, da dieſelbe durch Entziehung der nöthigen Nachtruhe unfehlbar leiden müſſe, und machte ihn dann auf die gefährlichen Perſonen auf⸗ merkſam, mit denen er verkehre und welche wenigſtens ſeinem guten Namen Nachtheil bringen würden, wenn ſie auch auf ſeinen Charakter keinen böſen Einfluß ausüben könnten. Harry ſchien durch die Vorſtellungen Morgan's we⸗ 89 der überraſcht noch verlegen, im Gegentheil, er dankte ihm für den wohlgemeinten Rath und verſprach, den⸗ ſelben für die Folge zu berückſichtigen. „Vor allen Dingen, lieber Williams, rathe ich Ihnen“, nahm Morgan dann wieder das Wort,„meiden Sie den Umgang, ja jede Berührung mit jenem Hol⸗ eroft; er iſt einer der gefährlichſten Menſchen in der Stadt.“ „Holcroft?“ entgegnete Harry mit verwundertem Tone.„Holeroft iſt ja ein Gentleman.“ „Das heißt, ſein Aeußeres iſt dem eines Gentleman ähnlich, ſein Charakter hat aber nichts von einem ſolchen. Es iſt ja bekannt und er ſelbſt macht kein Geheimniß daraus, daß er jahrelang Sklavenhändler zwiſchen Afrika und Braſilien war; die Welt aber ſagt, daß er auf dem Meere ein noch viel ſchrecklicheres Handwerk getrieben habe— er ſoll Seeräuber geweſen ſein.“ „Das glaube ich nicht, lieber Herr Morgan“, fiel Harry ein;„man darf nicht Alles für wahr annehmen, was die Welt ſagt. Und wenn Holeroft mit Sklaven gehandelt hat, ſo lag meiner Anſicht nach kein Unrecht darin, denn wenn das Geſetz unſeres Landes es billigt, Sklaven zu halten, ſo muß es auch erlaubt ſein, damit zu handeln. Das Unrecht kann man nur in der ſchlechten Behandlung der Sklaven ſuchen, und die wird Holcroft wohl nicht nachgewieſen ſein. Uebrigens iſt er ein ſehr 90 intereſſanter Mann, der viel geſehen, viel Unglück und Mißgeſchick getragen und immer durch eigene Kraft ſich über das Schickſal geſtellt hat.“ „Solche Leute, lieber Williams, ſind nicht immer paſſende Geſellſchafter für ein jugendliches, leicht empfäng⸗ liches Gemüth; ſie werden hartherzig und verbiſſen ge⸗ gen ihre Mitmenſchen und rächen an dieſen, was das Schickſal, vielleicht auch ihre eigenen Fehler an ihnen verſchuldet haben. Es gehört ein ganz edler Charakter dazu, unverſchuldet viel Unglück zu tragen und doch noch warme Gefühle für die Menſchheit im Herzen zu bewahren. Holeroft aber iſt kein ſolcher, das ſteht auf ſeinem Geſicht geſchrieben. Hören Sie meinen Rath, Williams, und halten Sie dieſen Mann fern von ſich, damit das Urtheil der Welt über ihn nicht auch Sie treffe.“ Harry wiederholte ſein Verſprechen, die Geſellſchaft des Sklavenhändlers ſo viel als möglich zu meiden, und gab dann ſchnell dem Geſpräch eine andere Rich⸗ tung, indem er um Beſtimmung von Crediten bat, welche verſchiedenen Pflanzern von Tenneſſee und Kentucky bei ihren beabſichtigten Einkäufen bewilligt werden ſollten. Am folgenden Morgen füllte ſich das Lagerhaus des Herrn Morgan ſehr früh mit alten Geſchäftsfreun⸗ den und neuen Kunden, die in Verbindung mit ihm zu 91 treten wünſchten. Harry war überall zugegen, er bewill⸗ kommnete die Leute aufs freundlichſte, fragte nach ihren Bedürfniſſen, führte ſie in dem Lager umher, zeigte ihnen die Waaren und pries dieſelben an, oder er ge⸗ leitete ſie in das Comptoir, um dort ihre Rechnungen nachzuſehen, Zahlungen zu empfangen, Quittungen aus⸗ zuſtellen oder Anweiſungen auf die Banken zu geben. Herr Morgan dagegen ſaß feſt an ſeinem Schreibtiſch, mit ſeiner umfangreichen Correſpondenz beſchäftigt, und ließ ſich dabei nur dann und wann durch einen alten oder werthvollen neuen Kunden unterbrechen. Harry hatte eben ein Geſchäft von bedeutendem Betrag mit einem Pflanzer aus Arkanſas, einem lang⸗ jährigen Geſchäftsfreund Namens Stone, abgeſchloſſen und Zahlung dafür erhalten, als er die Quittung dar⸗ über ausſtellte und ſie mit Morgan's Namen unterzeich⸗ nete. Er reichte dieſelbe dem Pflanzer dankend hin, und dieſer wollte ſie zuſammenfalten, als ſein Blick auf die Unterſchrift fiel. „Ha, ha, Freund Morgan“, rief er dieſem lachend zu,„das überbietet doch Alles, was ich bis jetzt geſehen! Dieſer liebenswürdige Herr Williams iſt nicht allein eine zweite Ausgabe von Ihnen als gewandter, unbergleichli⸗ cher Geſchäftsmann, ſeine Handſchrift ſogar iſt ein reiner Abdruck von der Ihrigen, und hätte ich es nicht ſelbſt 9² geſehen, daß er dieſe Quittung unterzeichnete, ich würde Haus und Hof darauf verwetten, daß es Ihre eigene Unterſchrift ſei, die ich ja bereits ſeit zwanzig Jahren kenne!“ Dabei reichte er Morgan das Papier hin und ſagte: „Verdammt, wenn Sie nicht ſelbſt glauben müßten, Sie hätten es geſchrieben.“ Morgan warf nur einen flüchtigen Blick darauf und gab dem Pflanzer das Papier mit den Worten zurück: „Ja ja, ſehr täuſchend, lieber Stone. Herr Wil⸗ liams beſitzt ein großes Schreibtalent; er copirt Ihre Unterſchrift ebenſo genau wie die meinige.“ „Das ſoll er wohl bleiben laſſen, bei Gott!“ ant⸗ wortete Stone;„aber ſehen möchte ich's doch. Kommen Sie her, junger Freund, geben Sie mir ein Stück Pa⸗ pier“, fuhr er zu Harry gewandt fort, indem er mit demſelben an das Pult trat. Harry legte dem Manne lächelnd einen Briefbogen hin und reichte ihm eine Feder, indem er ſagte: „Wohlan, Herr, es koſtet Ihnen aber gelegentlich eine Flaſche alten Madeira.“ „Und wenn es auch zwei find! Hier haben Sie meinen ſchönen Namenszug, nun machen Sie einmal Ihr Meiſterſtück“, ſagte der Alte, indem er ſeinen Na⸗ 93 men niederſchrieb, einen wilden Zug darunter führte und dann die Feder an Harrh gab. „Einige Probeſchüſſe behalte ich mir vor“ dieſer lachend, nahm ein anderes Stück Papier und co⸗ pirte mehrere Male vorſichtig die Schrift des Pflanzers, neigte ſich jedoch ſo darüber, daß dieſer nicht auf ſeine Hand ſehen konnte. Nach einigen Minuten aber ſchon wandte Harrh ſich nach ihm um und ſagte:„Jetzt gilt's, Herr Stone.“ „Das möchte ich ſehen“ verſetzte dieſer, indem er ſeine Hände in die weiten Taſchen ſeines Rockes ſchob und ſeinen Blick auf den Briefbogen heftete. Harry copirte nun mit feſter Hand die Unterſchrift des Pflanzers dicht unter dieſelbe und ſagte dann, die Feder niederlegend:„Charles William Stone; hier, Herr, Sie haben den Madeira verloren.“ „Beim Himmel!“ rief dieſer laut aus und ergriff das Papier,„Sie ſind ein Hexenmeiſter. Iſt Ihre Schrift doch wahrhaftig nicht von der meinigen zu unterſcheiden! Sehen Sie her, Freund Morgan, ob ſie ſich nicht wie ein Ei dem andern gleichen; ein Glück für uns alle, daß dieſe Kunſt eine ſo ſeltene iſt!“ „Freilich wäre ſie in manches andern Men⸗ ſchen Hand eine ſehr gefährliche“, verſetzte Morgan und bat den Wner dann, ihn zu ma da 94 er noch einige Briefe vor Abgang der Poſt zu ſchrei⸗ ben habe. Die Nacht war hereingebrochen, die Geſchäftslokale waren verlaſſen und die Vergnügungsorte belebten ſich mit Gäſten. Harrh Williams ſaß noch allein in dem Comptoir mit den ſchriftlichen Arbeiten beſchäftigt, für welche ihm der Tag keine Muße gegönnt hatte. Von Zeit zu Zeit ſah er von ſeinen vor ihm liegenden Büchern und Pa⸗ pieren auf und lauſchte den Tönen der Beluſtigungen, die durch die Straße ſchallten. Bald waren es die brau⸗ ſenden Klänge von weit her ſchallender Janitſcharenmuſik, bald die Melodien eines Leierkaſtens, bald der erſchüt⸗ ternde Krach eines Kanonenſchlags, der einem Feuerwerk voranging, welche ihn aus ſeinem Fleiß aufſtörten. Dann ſah er nach ſeiner goldenen Uhr, die er jetzt ſtatt der ſilbernen trug, ſtrich ſeine Locken zurück und arbeitete weiter. Da ſchlug die Glocke zehn Uhr. Harry legte ſeine Feder weg, ſchlug die Bücher zu, löſchte die Lampe aus und eilte auf ſein Zimmer, wo er in wenigen Minuten ſeine Toilette nachholte, ſein Haar ordnete, einige Tropfen Veilchenwaſſer auf ſein Taſchentuch goß und dann mit dem Licht in der Hand vor den mit der obern Seite etwas nach vorn geneigten Spiegel trat, ſodaß er ſeine ganze Geſtalt darin ſehen konnte. Er betrachtete ſich 95 ſchnell von allen Seiten, nahm Hut und Handſchuhe und ſprang dann flüchtig die Treppe hinab und zur Haus⸗ thür hinaus. Den Schlüſſel zu derſelben hatte er be⸗ reits in der Hand, um ſie zu verſchließen, denn außer ihm und einem alten Neger, welcher gleichfalls einen Schlüſſel beſaß, wohnte Niemand in dem Hauſe, deſſen Räume ſämmtlich als Waarenlager benutzt wurden. In dieſem Augenblicke kam Herr Morgan von der andern Seite der Straße und trat zu Harry an die Thür. „Laſſen Sie offen, lieber Williams, ich muß noch einmal in das Comptoir, ich habe etwas vergeſſen“, ſagte er und fügte, Harry anſchauend, noch lächelnd hinzu: „Sie ſind ja in voller Gala! Wohin gehen Sie denn, wenn ich fragen darf?“ „Bei Roiſier iſt Ball und ich hatte ſchon vor acht Tagen verſprochen, zu kommen“, erwiderte Harrh. „Aber ſo ſpät, es iſt ja halb elfl Warum ſind Sie nicht früher gegangen?“ „Ich hatte noch zu arbeiten; bei e kommt man nicht dazu. Hätte ich es nicht ve gehabt, ſo wäre ich gar nicht hingegangen.“ „Nein, mein lieber Williams, das würde ſehr un⸗ recht von Ihnen geweſen ſein; ein junger Mann muß es ſich zur Ehre anrechnen, von Roiſiers eine Einladung zu bekommen; es iſt eine der erſten Creolenfamilien, 96 in der man nicht leicht Zutritt erhält. Nun aber eilen Sie ſich, dort an der Ecke finden Sie einen Wagen. Viel Vergnügen!“ Hiermit drückte Morgan ſeinem Schutzbefohlenen freundlichſt die Hand und dieſer eilte der Straßenecke zu. wo er einen Fiaker beſtieg, der ihn bald vor dem Palais des Herrn Roiſier abſetzte. Die Muſik ließ die erſten Töne eines Contretanzes erſchallen, als Harry in den prächtigen, blendend erleuch⸗ teten Tanzſaal eintrat und ſtehen blieb, um auszufinden, wo die Dame vom Hauſe ſaß. Im nächſten Augenblick aber kam Herr Roiſier auf ihn zu, bewillkommnete ihn mit größter Artigkeit und geleitete ihn ſelbſt zu ſeiner Gattin, welche im anſtoßenden Gemach, von vielen Da⸗ men umgeben, in einem Divan ſaß. „Sieh, Laura, da iſt der ſchöne junge Kentuckher! Er bring Dir gewiß wieder einige Artigkeiten mit“ flü⸗ ſterte eine junge Dame einer andern zu und ergriff zu⸗ gleich haſtig deren Hand, um ihre Aufmerkſamkeit auf Williams zu lenken, als derſelbe mit Herrn Roiſier durch den Saal ſchritt. „Wahrhaftig, ſo iſt er doch noch gekommen! Ich glaubte ſchon—“ ſagte die Angeredete freudig über⸗ raſcht und heftete ihre glänzend ſchwarzen Augen auf Harry. „ 97 * „Ein reizender Junge. Er ſieht Dich ſchon, Laura. Du biſt für dieſen Tanz noch nicht verſagt“, rief ihr leiſe eine andere Freundin zu, und über die Wangen des marmorbleichen Geſichts der ſchönen Laura flog es wie ein Anhauch von Carmin. In dieſem Augenblick ging Harry, indem er ſich mit den Worten„Meine Damen“ artig grüßend ver⸗ beugte, an den jungen Mädchen vorüber, richtete aber dann noch einen zweiten, ſehr freundlichen Gruß mit einer zierlichen Handbewegung an Laura insbeſondere. Kaum war er vorübergeſchritten, als ein junger Creole zu Laura trat und ſie zu dieſem Tanze auf⸗ forderte. Laura aber dankte mit dem Bemerken, daß ſie ſchon verſagt ſei. Madame Roiſier empfing Harry ebenſo artig, wie ihr Gatte es gethan, und dankte ihm, daß er, wenn auch nicht früher, doch gekommen ſei. „Was hat Sie denn aber noch ſo ſpät von uns fern halten können?“ fragte ſie mit einem freundlichen Vor⸗ wurf im Ton. „Wirklich, nur die Pflicht konnte es, Madame Roi⸗ ſier; ich komme ſo eben aus dem Comptoir“, entgegnete Harrh mit einer Verbeugung. „Dies iſt Thatſache“, nahm Herr Roiſier wieder das Wort;„unſer junger Freund iſt ein fleißiger, tüch⸗ Armand, Saat und Ernte. 1. 7 98 tiger Geſchäftsmann und verdient dem Herrn Morgan viel Geld; ſo bedeutend iſt deſſen Geſchäft niemals ge⸗ weſen.“ „Nun aber müſſen Sie nachholen, Herr Williams, was Sie beim Tanzen verſäumt haben. Man tritt ſchon an— wenn Sie nur noch eine Dame finden!“ „Veronica wird es ſehr angenehm ſein, Herr Wil⸗ liams, Ihnen ihre Hand zu dieſem Tanze geben zu kön⸗ nen“, fiel Madame Roiſier ſchnell ein und winkte ihre unfern ſtehende Tochter herbei. Harrh dankte der Mut⸗ ter für das Glück, welches ſie ihm zugewandt, ſagte dann der ſchönen Creolentochter, daß dieſer Tanz ihn für den ganzen Verluſt, den er durch ſein ſpätes Kom⸗. men erlitten habe, entſchädigen werde, und beklagte ſich, während er Veronica in den Tanzſaal führte, über ſein Mißgeſchick, daß er ſie in den letzten Abenden weder in der italieniſchen Oper, noch auf der Promenade hätte erſpähen können. Laura, auch eine reiche Creolin aus dem ſüdlichen Theile von Louiſiana, tanzte nicht trotz der vielen Auf⸗ forderungen, welche ſie erhielt. Sie hatte ſich in einem Divan niedergelaſſen gegenüber dem Platz, wo Harrh mit Veronica tanzte, hatte ihren Fächer entfaltet und ſpielte mittels der leichten, graziöſen Bewegungen deſ⸗ ſelben mit Harrh's Augen Frage und Antwortſpiel. Den folgenden Cotillon aber tanzte ſie mit ihMm und Harry wiederholte jetzt mit Mund und Hand, was er vorher mit Blicken ausgeſprochen hatte. Die Stunden flogen und es war Mitternacht vor⸗ über, als die Muſik des letzten Tanzes verhallte. Die Gäſte drängten ſich zu der Dame vom Hauſe, um ſich zu empfehlen; Herr Roiſier entließ ſie dankend an der Saalthür, und nun eilte man in das Garderobezimmer nach Mänteln, Shawls und Hüten. Harry begleitete Laura in halblauter Unterhaltung dorthin, hing ihr die Mantille um, empfing zum Dank dafür ihren Buſenſtrauß, und nachdem ſie einen rothen Seidenſhawl über ihre ſchwarzen Locken gebun⸗ den, nahm ſie ſeinen Arm und ließ ſich von ihm nach dem Wagen führen, der eben vor der Marmortreppe des Palais vorgefahren war. Vater und Mutter der jungen Dame ſtiegen zuerſt ein, dann hob Harry die Tochter in den Wagen; die Aeltern baten ihn um einen recht baldigen Beſuch, den er zuſagte, und im Fortfahren ermahnte ihn der Abſchiedsblick Laura's, Wort zu halten. Es war eine helle Mondſcheinnacht und die Straßen waren ſehr belebt. Harrh ſchlug den nächſten Weg nach ſeiner Wohnung ein und ſchritt haſtig vorwärts, als er plötzlich, um eine Ecke biegend, von der andern Seite der Straße angerufen wurde. 5 e 100 „Halloh, Williams! Wohin ſo raſch? Doch noch nicht nach Hauſe?“ Mit dieſen Worten trat Holeroft, der frühere Skla. venhändler, auf Harrh zu und reichte ihm die Hand. Er war ein Mann von beinahe vierzig Jahren, von unterſetztem, muskulöſem Bau und ſehr breiten Schultern. Auf ſeinem ſcharfgeformten, wettergebräunten Geſicht ſtand ein Leben voller Gefahren, Entbehrungen und wilder, ſtürmiſcher Auftritte geſchrieben, und verzweifelter, trotziger Entſchluß ſowie unbeugſamer Wille ſahen aus ſeinen grauen Augen hervor. Die breiten ſchwarzen Vrauen und das tiefſchwarze Haar ſteigerten noch das Eiſerne ſeiner ganzen Erſcheinung, welches ſich in jedem Blick, jeder Bewegung kund that. „Es iſt ſchon ſpät, Holeroft, und ich muß morgen frühzeitig im Geſchäft ſein“, entgegnete ihm Harrh auf ſeinen Gruß. „Spät? Hat der neue Tag doch kaum begonnen! Wollen Sie es dem großen Haufen nachmachen und die Hälfte Ihres Lebens verſchnarchen? Seien Sie Philoſoph, und zwar ſchon jung; im Alter iſt die Philoſophie eine zerbrechliche, nutzloſe Leiter, ein ohnmächtiger Anker, an welchen der Menſch ſich klammert, der die Freuden der Jugend nicht gekoſtet und der aus dem ſchalen, werth⸗ loſen Reſt ſeines Lebens noch Seligkeiten erringen möchte. 101— Wem die Nacht nicht mehr gehört, der greife nach dem Gebetbuche! Kommen Sie mit, junger Freund, wir ge⸗ hen zu Dubard in den Eiscrsmeſalon, dort finden wir% Freunde, Wein und Mädchen.“ Hierbei ſchlang der Sklavenhändler Harry's Arm in den ſeinigen und zog ihn mit ſich fort. „Aber, Holcroft, ich muß wahrhaftig nach Hauſe gehen!“ ſagte Harry widerſtrebend. „Das müſſen wir alle, nur jetzt noch nicht. Sind Sie denn ſchläfrig oder fürchten Sie es zu werden? Ich will Sie wach erhalten mit einer luſtigen Epiſode aus meinem Leben. Laſſen Sie uns eilen; Zeit verloren, Glück verloren!“ Harry beeilte jetzt gleichfalls ſeine Schritte und bald glühten ihnen die buntfarbigen Lampen entgegen, welche das Ziel ihrer Wanderung bezeichneten, zugleich aber durchwogten von dorther die rauſchenden Klänge voller Janitſcharenmuſik die Straße und verkündeten, daß der Salon noch heiter belebt ſei. Derſelbe erhob ſich über dem langen einſtöckigen Gebäude auf deſſen platter, mit Steintafeln belegter Oberfläche und beſtand aus einem leichten zeltförmigen Dache, welches ringsum auf zierlichen eiſernen Säulen ruhte. In graziöſem Ge. winde ſchlangen ſich blühende Lianen um die Pfeiler auf und nieder, und die Räume zwiſchen denſelben waren 102 . mit den prächtigſten Tropengewächſen ausgefüllt, ſodaß dieſelben dichte Laubwände bildeten. Während aus deren ſaftigem Grün Hunderte von bunten Lampen ihren ma⸗ giſchen Schein durch den Salon warfen, ſandten auch die Lichter eines Kronleuchters durch farbige Gläſer ihre bunten Strahlen in demſelben umher, ſodaß die Be⸗ leuchtung eine milde, trauliche war, die mit dem Mond⸗ licht, welches hier und dort die immergrünen Wände durchdrang, im Einklang ſtand. Harry und ſein Führer hatten die breite Treppe erſtiegen und traten in den Salon ein, wo an vielen kleinen Tiſchen eine zahlreiche Geſellſchaft von geputzten Damen und Herren aus allen Ständen umherſaß und dem Hochgenuſſe fröhnte, welchen in heißen Ländern das Eis bietet. Es waren aber auch viele unter den Gäſten, die ſich an Wein und Früchten labten, während noch andere den ſtärkern, aus Branntwein bereiteten Getränken zuſprachen. „Halloh, Holcroft, hierher!“ riefen dieſem beim Eintreten mehrere junge Männer zu, welche an dem fernen Ende des Salons um einen Tiſch ſaßen und, wie es ſchien, ſich in ſehr heiterer Laune befanden. Sie ſprangen auf, machten für die Ankommenden Platz an ihrem Tiſche, und dieſe ließen ſich in dem fröhlichen Kreiſe nieder.* 103 „Warum ſo ſpät, Holeroft?“ fragte einer der Männer. „Wir haben ſchon ſeit einer Stunde auf Sie gewartet.“ „Ich war in der Oper und hatte dann noch Ge⸗ ſchäfte in unſerm Club. Auf dem Wege von dort hier⸗ her traf ich zum Glück meines jungen Freundes Williams und zu meiner Freude mit ihm zuſammen; er war wahr⸗ haftig auf dem geraden Wege nach Hauſe, um ſich ſchla⸗ fen zu legen und einige koſtbare Stunden ſeines jungen Lebens unnöthig zu verträumen. Vier Stunden Schlaf iſt genug, mehr iſt Verſchwendung und nur eine böſe Gewohnheit.“ Bei dieſen Worten nahm Holcroft Cigarren hervor, reichte ſie Harry hin und bediente ſich nach ihm ſelbſt mit einer ſolchen. „Aber was trinkt Ihr da?“ fuhr er fort, indem er die Cigarre anzündete.„Branntwein? Der paßt nur für ernſte Stunden, mit der brennenden Lunte hinter dem langen Tom(Drehkanone auf Piratenſchiffen) oder mit der Streitaxt, dem Meſſer in der Hand. Auf der hei⸗ tern Seite des Lebens verdirbt er mir die Laune. Kell⸗ ner, Champagner!“ Mit dieſen letzten Worten wandte Holeroft ſich an den ſchwarzen Diener, der herzugetreten war, um ſeine Befehle zu empfangen, und der nun ſeinen S ſchnell ausführte. 104 Der Pfropf flog knallend von der Flaſche und der feurige Wein ſchoß ziſchend in die Gläſer. „Hier, Gentlemen“, ſagte der Sklavenhändler, ſein Glas erhebend und ſich gegen ſeine Gefährten vernei⸗ gend,„die Nacht mit all ihren Freuden ſoll leben; mag ſie uns treu bleiben bis an unſer ſeliges Ende!“ Alle leerten das Glas, nur Harrh nicht, er nippte daran und ſtellte es dann vor ſich nieder. „Nein, Williams, auf dieſen Toaſt müſſen Sie austrinken bis auf den letzten Tropfen, er gilt Ihnen insbeſondere“, ſagte Holcroft zu ihm, füllte ſein eigenes Glas wieder und leerte es mit einer abermaligen Ver⸗ neigung gegen Harry. „In fröhlicher Geſellſchaft müſſen Sie nicht ſo ganz nüchtern bleiben“, fuhr er in heiterem Tone fort;„der Geiſt des Weins iſt ein Zauberer, vor dem ſich unſere Plagegeiſter verkriechen und r uns die Welt in roſi⸗ gem Lichte zeigt.“. „Nun, ſo mag er ſeine Zauberhand einmal über mich halten, für das roſie Licht aber, welches uns hier umgibt, danke ich ihm nicht, das gehört den bunten Lampen“, entgegnete Harry lachend und leerte ſein Glas, welches u ſogleich wieder füllte. indem er ſagte: „Er wird Sie aber die vielen ſchönen Augen, die 105 uns hier umſtrahlen, noch prächtiger erblicken laſſen, als ſie es ſchon in der Wirklichkeit ſind. Die ſchönſten Au⸗ gen, Gentlemen, ſie ſollen leben!“ Hiermit hob er abermals ſein volles Glas empor, und alle, auch Harrh, tranken aus. „Nun aber die verſprochene Epiſode aus Ihrem Le⸗ ben, Holeroft“, ſagte Harrh, und die Andern ſtimmten mit in die Aufforderung ein, daß der Sklavenhändler eine Geſchichte aus ſeinem Seeleben zum Beſten geben möchte. „Wenn Ihr es wollt, recht gern. So hört denn“, verſetzte Holcroft, rückte etwas weiter vom Tiſche ab, ſchlug ein Bein über und begann: „Ich hatte es mir einmal wieder recht ſauer wer⸗ den laſſen und mich während zweier langen Jahre mit einem alten Schooner Panther, der unter meiner Füh⸗ rung ſo manche verzweifelte Probe ſeiner Güte und ſeiner Schnelligkeit beſtanden hatte, auf der Küſtenfahrt zwiſchen hier und Boſton umhergetrieben. Ich wollte auf dem Wege, den die Welt als den einzig rechten vor⸗ ſchreibt, durch Arbeit, Sparſamkeit und Ehrlichkeit mir mein Brod verdienen und mich womöglich auch zu einem der Reichen und Großen dieſer Erde erheben. Ich lebte wie ein Hund, wiſchte mir vor jedem Vergnügen, vor jeder Annehmlichkeit die Lippen und arbeitete mit 106 raſtloſer Thätigkeit Tag und Nacht in Sturm, Sonnen⸗ glut und eiſigem Froſt, ich fuhr mit halber Mannſchaft und war Kapitän und Steuermann zugleich. Was hat⸗ ten mir nach zwei Jahren alle Entbehrungen, alle ſaure Arbeit, alle Ehrlichkeit geholfen? Ich war dabei im⸗ mer mehr zurückgekommen, ich hatte den Reichen noch reicher gemacht und war ſelbſt zum Bettler geworden. Böſe lange Reiſen, ſchwere Seebeſchädigungen, unglück⸗ liche Conjuncturen und Verluſte an weniger ehrlichen Leuten, als ich war, hatten mich in Schulden ge· bracht und ich erfuhr im Hafen von Charleſton, daß man in Neuyork auf meine Rückkehr warte, um meinen alten Panther mit Beſchlag zu belegen und mich mit dem weißen Stocke davon zu ſenden. Jetzt kam ich zur Beſinnung. Sollte ich noch län⸗ ger den ehrlichen dummen Teufel ſpielen, der ſich zum Vortheil ſeiner klügern Mitmenſchen quälte und ihnen ſein Leben opferte, oder ſollte ich es machen wie ſie, denen jede Gelegenheit erwünſcht war, mich zu übervor⸗ theilen, und ſollte ſie ſelbſt zu übervortheilen ſuchen? War ich nicht ebenſo gut zu einem angenehmen, freuden⸗ reichen Daſein berechtigt und konnte ich es mir nicht ebenſo gut verſchaffen, wenn ich wie ſie den Raum mei⸗ nes Gewiſſens nicht mehr in ſolcher Dummheit be⸗ ſchränkte und wenn ich mich nur davor hütete, mit dem 107 Geſetz zuſammenzuſtoßen? Ich war entſchloſſen, das alte Blatt in meinem Lebensbuche umzuſchlagen und auf einem neuen zu beginnen. In Neuyork ſollten ſie vergebens auf mich und meinen Panther warten, und um ihre Sehnſucht nach uns beiden noch zu ſteigern, zog ich für zweitau⸗ ſend Dollars Wechſel auf ſie, verkaufte dieſelben in Charleſton und ſegelte mit meiner Fracht nach Braſilien. Die alte dumme Haut war abgeſtreift, ein anderer Geiſt, ein anderes Leben war auf dem Panther eingezo⸗ gen. Meine Kajüte prangte in Seide und Gold, meine Vorrathskammer war reich mit Wein und Champagner verſehen, und ſtatt des einſamen, ſorgenvollen Kapitäns, der früher darin darbte, ſchwelgte jetzt in ihr ein lebens⸗ froher, glücklicher Mann in den Armen des reizendſten Mädchens, das jemals von den blauen Wogen des Oeeans getragen wurde. Adrienne, eine franzöſiſche Creolin, die ich in Charleſton kennen lernte, verließ mir zu Liebe heimlich Aeltern, Freunde und Wohlleben und folgte mir auf der gefahrvollen Bahn, die ich zu betre⸗ ten beſchloſſen hatte. In Rio übernahm ich es, für halbe Rechnung mit einem dortigen Hauſe eine Ladung Sklaven von der Goldküſte zu holen. Mein alter Panther glänzte bald wieder in vollem Waffenſchmucke; außer ſechs Kanonen von gutem Kaliber trug er wie früher in ſeiner aben⸗ 108 teuerlichen Jugendzeit in der Mitte auf dem Verdeck einen Vierundzwanzigpfünder, welcher ſich ſchneller drehte als der Wimpel, der über ihm flatterte. Die Bemannung hatte ich Mann für Mann ſelbſt mir aus⸗ gewählt, es war keiner darunter, der vor Kugel oder Stahl geblinzt hätte, und alle waren entſchloſſen, das Unterneh⸗ men im Nothfall mit Gewalt der Waffen durchzuführen. Die Fahrt nach Afrika ging ſchnell und glücklich von ſtatten und eine Woche nach meiner Ankunft trug der Panther vierhundert Schwarze in ſeinen Eingeweiden in den Ocean hinaus. Das Glück ſchien uns zu begleiten; vierzehn Tage lang lagen wir ſteif bei dem herrlichſten Winde, ohne daß wir irgend einem Segel begegnet wä⸗ ren. Luſt und Freude herrſchten unter uns, die Ladung Menſchenfleiſch, welche wir führten, verſorgte meine Leute nach Herzensluſt mit Geliebten, und mir lachte die frohe Ausſicht, mit meiner Adrienne irgendwo auf einem ſchö. nen Punkte der Erde mir eine ſorgenfreie Exiſtenz zu gründen. Da tauchte plötzlich eines Morgens ein Segel am Horizont auf, und wenn auch Furcht in unſer aller Bruſt ein Fremdling war, ſo ſahen wir doch mit wach⸗ ſender Spannung nach dem Schiffe hin und ſuchten zu entdecken, welchen Charakter es trage. Lange blieben wir auch nicht darüber in Zweifel; es war ein Kriegs⸗ ſchiff ein engliſcher Kutter. Bis jetzt war mir noch kein 109 Schiff begegnet, welches dem Panther an Schnelligkeit gleichgekommen wäre, und ſobald ich in dem rraſch herankommenden Fahrzeug den engliſchen Kreuzer erkannt hatte, ließ ich meinen Schooner vor den Wind legen, um dem Feind mehr Raum hinter mir zu geben. Alle Se⸗ gel die er tragen konnte, ließ ich ſetzen, alle Taue ſtraff ziehen, aber der Magen des Panthers war zu ſchwer gefüllt, er hatte ſeine Sprungkraft verloren und ich ſah ſehr bald ein, daß der Engländer mir in wenigen Stun⸗ den auf den Ferſen ſitzen würde. Ich ließ die Mann⸗ ſchaft zuſammentreten und ſtellte es ihr anheim, zu ent⸗ ſcheiden, was wir thun ſollten.„Zum Kampf!“ war die einſtimmige Antwort, und mit Jubel ſprang Alles zu den Waffen. Im Augenblick wurde der Panther dem Kutter zugewandt, die Geſchützlucken flogen auf, der lange Tom wurde klar gemacht, und kaum gab der Eng⸗ länder das Zeichen, daß er uns ſprechen wolle, ſo ſandte ich ihm vierundzwanzig Pfund Eiſen als Antwort darauf zu. Jetzt aber blähte er ſich auf wie ein zorniger Trut⸗ hahn. Alles war Leben auf ſeinem Verdeck, und bald begrüßte er uns gleichfalls mit Eiſenbällen, die aber hoch über uns hinſauſten. Der Panther hatte es ſich unterdeſſen zum Fechten leicht gemacht, alle Segel hatte er abgeworfen und nur die behalten, welche ihn in ſei⸗ nen Bewegungen ſchnell und behend machen konnten. 110 Ich ließ ihn geraden Wegs auf den Kutter losſteuern, um denſelben zu entern, er wich aber aus und gab mir eine Ladung, die viel Unheil in meinem Segelzeug anrichtete. Wir lagen jetzt auf Büchſenſchuß⸗ weite einander gegenüber. Meine Kanonen ließen keine ſeiner Fragen unbeantwortet, vergebens aber ſuchte ich ihn mit meinem Schiffe zu erreichen, er wich mir bei jedem neuen Verſuche dazu aus. Der Kampf in dieſer Weiſe war ungleich, ſeine beſſern Geſchütze thaten mir von Minute zu Minute mehr Schaden und unſer beſſerer Muth konnte nicht zur Geltung kom⸗ men. Drei meiner Leute waren ſchon getödtet und eine Kugel riß meinem erſten Steuermann neben mir das Bein weg, da ſprang ich ſelbſt an den langen Tom, zielte, gab Feuer, und der Hauptmaſt des Kutters ſtürzte über Bord. Mit donnerdem Hurrah begrüßten meine Leute den Glücksſchuß und in demſelben Augenblick ſprang Adrienne aus der Kajüte hervor an meine Seite. Ich bat, ich flehte ſie an, das Verdeck zu verlaſſen, um⸗ ſonſt, ſie blieb neben mir, um die Gefahr mit mir zu theilen. Der Vierundzwanzigpfünder war wieder ge⸗ laden, wieder richtete ich ihn auf den Feind, das Feuer flog aus ihm hervor, und die Kugel traf den Kutter unter dem Waſſerſpiegel. Hurrah! ſchallte es abermals von uns zu ihm hinüber, denn die Beſtürzung unter 111 ſeiner Mannſchaft war augenſcheinlich groß und für einige Minuten ſchwiegen ſeine Kanonen. Jetzt war es Zeit zum Entern. Ich gab Befehl, den Panther durch den Wind zu bringen und ihn dem Engländer auf den Leib zu ſteuern. Während der Vorbereitungen dazu hatte ich den langen Tom wieder laden laſſen und war im Begriff, ihn abzufeuern, als die Lucken des Kutters ſich abermals in Pulverdampf hüllten, eine Kugel hart an mir vorüber ſauſte und Adrienne, meine himmliſche Adrienne von ihr durch die Bruſt getroffen entſeelt hinter mir niederſank. Dieſer Augen⸗ blick war der ſchrecklichſte meines Lebens. Ich ſtand er⸗ ſtarrt und ſah auf den furchtbar zerriſſenen Leichnam des ſo eben noch in allem Schmuck der Jugend und der Lebenskraft blühenden Mädchens, ich war ohne Athem, es war mir, als wolle mir das Herz zerſpringen, meine Kniee wankten, und ich ſank, aller Kraft beraubt, in das Blut meiner Geliebten nieder. Da fuhr der Panther durch den Wind, ich hörte den Ruf, das Enterzeug be⸗ reit zu halten, und die Rache jagte mich aus meinem Schmerze auf. Mein erſter Blick fiel auf die wieder ge⸗ ladene Drehkanone, ich zielte, feuerte, und wieder ſchlug die Kugel in den Kutter, aber diesmal tief unter dem Waſſerſpiegel. Die Segel des Panthers waren gefüllt, Woge auf Woge nieder ſtürmte er dem Feinde entge⸗ 112 gen, mit der Axt in der Fauſt ſtand ich an der Brü⸗ ſtung zum Sprunge bereit, um den Verluſt meines Le⸗ bensglücks zu rächen. Da drehte ſich plötzlich der Kut⸗ ter vor uns im Kreiſe und im nächſten Augenblick ver⸗ ſchlang ihn der Trichter der Wogen, der ſich um ihn aufthürmte. Wir fuhren über ſein Grab hin.“ Hier ſchwieg Holeroft und ſah einige Augenblicke vor ſich nieder; über ſeine Stirn flog es zugleich wie gute und böſe Gefühle, er fuhr mit der Hand darüber hin und ſagte mit dumpfer Stimme und finſterem Blick „Adrienne ward ſchwer gerächt, wir retteten nicht einen einzigen Mann von der Beſatzung des Kutters.“ Abermals ſtrich er ſich mit der Hand über die Stirn, und als ob er jeden düſtern Gedanken von ihr wegge⸗ wiſcht hätte, ſagte er mit heiterem Antlitz:„Die Tod⸗ ten mögen ruhen!“ Dabei ließ er wieder den Pfropf von einer Cham⸗ pagnerflaſche ſpringen, füllte die Gläſer und rief:„Die Freuden des Lebens, Gentlemen!“ Alle tranken aus und Holeroft begann von neuem: „Wir landeten unſere Ladung in Braſilien, und ich war ein Mann von weit über hunderttauſend Dollars. Den Panther verkaufte ich an das Haus, mit welchem ich das Unternehmen gemacht hatte; der Glücksſtern hatte aber mit mir das Schiff verlaſſen, denn es kehrte, nachdem 113 es unter einem andern Kapitän ſofort wieder nach Afrika abgeſegelt war, nimmer von dort zurück und über ſeinen Untergang hat man nie Kunde erhalten. Ich reiſte nach Neuyork, ſandte dort meinen Creditoren für ihre Forde⸗ rungen Anweiſungen auf die Bank und wurde von ihnen mit Höflichkeiten und Ehrenbezeigungen aller Art über⸗ häuft. Der Erfolg unſerer Handlung allein, nicht die Handlung ſelbſt entſcheidet, ob wir gefeiert oder ver⸗ dammt werden ſollen; um ſie aber mit Erfolg zu krö⸗ nen, darf man nicht ängſtlich an Vorurtheilen, an Ge⸗ bräuchen, an Formen hängen. Scharf gedacht und raſch gewagt, ſei unſer Wahlſpruch!“ „Allerdings, der Erfolg hat auch bei Ihnen ent⸗ ſchieden; denn hätte Sie der Engländer gefangen genom- men, ſo wären Sie kein reicher Mann geworden und Ihre Creditoren würden Sie nicht mit ſolcher Auszeich⸗ nung behandelt haben; es war aber viel gewagt“, be⸗ merkte Harry. „Und war denn ein ſolcher Preis das Wagniß nicht werth Kitgegnete Holcroft. „Freilich war es dies; auch ich würde es gewagt haben“ verſetzte Harrh. „Und ſolche Preiſe werden uns ſtündlich geboten, auf dem Lande ſowohl als auf der See; man muß ſie nur zu entdecken ſtreben und vor den Mitteln, ſie zu er⸗ Armand, Saat und Ernte. I. 8 114 langen, nicht zurückbeben. Warum das Pferd nicht be⸗ ſteigen, auf dem man das Ziel erreichen kann, und wenn es auch ein fremdes, ein ohne Erlaubniß geborgtes Roß wäre?“ ſagte der Sklavenhändler. „Aber ein fremdes Roß ohne Erlaubniß davonrei⸗ ten, nennt man Diebſtahl und beſtraft ihn in vielen Staaten unſeres Landes mit dem Tode“, fiel Harry wieder ein. „Alſo in der Dunkelheit reiten, damit man keine Fährte entdecken kann, junger Freund“, antwortete Hol⸗ croft. Die ganze Aufgabe iſt ſich nicht erwiſchen zu laſſen; man hat noch nie einen Dieb gehangen, ohne ihn vorher gefangen zu haben. Iſt das Unternehmen mit Klugheit durchgeführt und mit klingender Münze gekrönt, ſo applaudirt die Welt und ehrt und beneidet den ge⸗ ſchickten Unternehmer. Nur groß müſſen die Geſchäfte ſein, alles Kleinliche iſt gemein.“ Bei dieſen letzten Worten hatte der Sklavenhändler die Gläſer wieder gefüllt und ließ dabei ſeine Blicke über die immer noch ſehr zohlreiche Geſellſchaft ſchweifen. „Was ſehe ich?“ ſagte er nach der andern Seite des Salons ſchauend.„Sitzt dort nicht die ſchöne Seline?“ „Ei freilich, und bei ihr die feurige Roſette und die luſtige Miralda; drei ſchönere Mädchen gibt es in 115 ganz Louifiana nicht. Sie ſehen ise verſetzte einer der Tiſchgenoſſen. „Die Blicke gelten unſerm jungen Freunde hier, er iſt der Liebling der Damen unſerer Stadt. Was meinen Sie zu dem ſchwarzen Lockenkopf dort, Williams?“ ſagte der Sklavenhändler mit ſchlauem Lächeln. „In der;That, ein wunderſchönes Mädchen; wer iſt ſie?“ antwortete Harry begeiſtert und begegnete dem feurigen Blick der jungen Schönen, die jetzt ein Glas Eiscréme erhob und zwiſchen ihren reizenden Fingern den kleinen Löffel zu ihren Lippen führte. „Seline iſt eine meiner Freundinnen. Wenn Sie wollen, ſo mache ich Sie mit ihr bekannt; ſie iſt noch viel liebenswürdiger als ſchön.“ „Es iſt ſchon ſpät, Holeroft“, entgegnete Harrh und ſah auf ſeine Uhr. „Spät! Wer will wohl im Glück die Stunden zählen! Kommen Sie mit, ich ſtelle Sie der Dame als meinen liebſten Freund vor und Sie gehen gar nicht viel um, wenn Sie dieſelbe nach Hauſe begleiten. Ich werde die Sorge für ihre beiden Freundinnen übernehmen, welche in der entgegengeſetzten Richtung wohnen.“ Hiermit erhob ſich der Sklavenhändler, ſowie auch Harry; beide wünſchten ihren Liſchgenoſſen 116 und ſchritten dann zu den drei jungen Damen hin, welche ihnen ſchon von weitem ihre freundlichen, einladenden Blicke entgegenſandten. „Meine Damen, Ihr gehorſamer Diener wünſcht Ihnen guten Abend und nimmt ſich zugleich die Frei⸗ heit, Ihnen ſeinen liebſten Freund vorzuſtellen“, ſagte Holeroft ſich verneigend und machte Harry nun mit den drei Schönen bekannt. Nach gegenſeitiger Begrü⸗ ßung fuhr er, zu der Dame mit dem Lockenhaar ge⸗ wandt, fort: „Sie, Fräulein Seline, müſſen mir doppelt dank⸗ bar ſein für die Zuführung meines liebenswürdigen jun⸗ gen Freundes, denn Ihre Wohnung und die ſeinige liegen in derſelben Richtung, und er wird ſich glücklich ſchätzen, Ihnen ſicheres Geleit nach Hauſe zu geben. Fräulein Roſette und Fräulein Miralda nehme ich un⸗ ter meinen Schutz.“ Die jungen Damen erhoben ſich ſchnell und dankten für die Artigkeit. Roſette und Miralda nahmen die ihnen gebotenen Arme des Sklavenhändlers, Seline ſchlang den ihrigen graziös in Harrh's Arm und ſo verließen ſie den Salon. In der Straße vor dem Hauſe blieben ſie ſtehen, nahmen Abſchied von einander, und indem Holcroft mit ſeinen beiden Schutzbefohlenen die Wande⸗ rung antrat, rief er im Fortgehen noch den Andern nach: 8 — 117 „Williams, ich mache Sie verantwortlich dafür, daß Sie Ihre ſchöne Gefährtin ſicher zu Hauſe abliefern, und Ihnen, Fräulein Seline, binde ich% meinen jungen Freund auf Seele! Angenehme Ruhe!“ ℳ Fünftes Kapitel. Die alte Heimat der Williams hatte ſich, ſeit dieſe Fihr den Rücken gekehrt, ſehr verändert. Es war bald nach Williams' Flucht bekannt geworden, daß erſich nicht am Miſſiſſippi niedergelaſſen, ſondern daß er ſeine Skla⸗ ven in Neuorleans verkauft und in Galveſton ſich an⸗ geſiedelt habe. Seine Creditoren hatten darauf die ihnen zurückgelaſſenen Pfänder öffentlich verkauft und ſich in den Erlös getheilt. In dem Wohnhaus war eine Spinnerei und Weberei von grobem Zeug angelegt, welches zum Verpacken der Baumwolle verwandt wird, und die Fel⸗ der und Wieſen waren ſtückweiſe in den Beſitz der an⸗ grenzenden Farmer übergegangen. Sowie aber Williams“ Plantage als ſolche verſchwunden war, ſo hatte ſich auch das Andenken an ihn und ſeine Familie ſelbſt verloren, denn nur das wirklich Gute und Edle lebt fort, das Gewöhnliche, das Gemeine wird vergeſſen, und wenn es noch ſo ſehr mit falſchem Golde geglänzt hat. 119 In Randolph's Leben und Verhältniſſen aber hatte ſich nichts verändert; in ſtillem Frieden und unter fleißi⸗ ger, unverdroſſener Arbeit zogen die Tage immer noch gleichmäßig an ihnen vorüber, und in traulichem, liebe⸗ vollem Zuſammenſein verbrachten ſie die Abende am flackernden Kaminfeuer. Es nahte ſich ihnen aber jetzt ein Ereigniß, welches für die ganze Familie von gleich großer Bedeutung war, welches ſie alle freudig will⸗ kommen hießen und deſſen Eintreten ſie doch ſämmtlich mit Traurigkeit erfüllte; es war die bevorſtehende Tren⸗ nung von Albert, dem einzigen, jetzt beinahe ſiebzehn Jahre alten Sohne. Albert hatte von Jugend auf ungewöhnliche geiſtige Anlagen gezeigt und ſich immer vorzugsweiſe gern mit dieſen entſprechenden Arbeiten und Unterhaltungen be⸗ ſchäftigt. Er hatte die nahe Landſchule mit großem Eifer beſucht, und dem Lehrer, der dieſelbe hielt, hatte es Freude gemacht, ſich dieſes lernbegierigen Knaben be. ſonders anzunehmen. Derſelbe war in dem Hauſe Randolph's ſehr befreundet, genoß dort viel Liebe und auch Unterſtützung, und es waren ſeine Bemühungen für Albert nicht allein in ſeinem Intereſſe, ſondern auch in ſeiner Dankbarkeit begründet. Es hatte ſich im letzten Jahre zwiſchen ihm und ſeinem Schüler mehr ein Freund⸗ ſchaftsverhältniß gebildet, ſie waren auch außer der 120 Schulzeit viel zuſammen, und dabei bot der freund⸗ liche Lehrer immer Alles auf, um ſeine Kenntniſſe auf Albert zu übertragen. Wiederholt hatte er mit deſſen Vater über ihn geredet und ihm vorgeſtellt, daß es ſchade ſein würde, ſo ſchöne Anlagen nicht weiter auszubilden, als er ſelbſt es im Stande ſei zu thun, und hatte ihm dringend angerathen, ſeinen Sohn auf eine hohe Schule zu ſenden und ihn ſtudiren zu laſſen. Obgleich es nun immer der ſehr natürliche Wunſch Randolph's geweſen war, Albert einſt das Werk, wel⸗ es er ſelbſt mit ſo vielem Fleiß begründet hatte, weiter fortführen zu ſehen, ſo kam er doch nach und nach zu der Ueberzeugung, daß derſelbe von der Natur für ein anderes Lebensziel beſtimmt ſei, und immer häufiger malte er ſich in Gedanken deſſen Zukunft aus und ſah ihn darin als großen Staatsmann, ja mitunter ſogar als Präſidenten ſeines Vaterlandes vor ſich. Stand es ja Albert auch frei, zu jeder Zeit und in jeder Stellung wieder zur heimatlichen Scholle zurückzukehren, ſobald ihm das Leben in der großen Welt nicht mehr zuſa⸗ gen ſollte. Es war nun nach reiflicher Ueberlegung und Be⸗ rathung beſchloſſen worden, Albert nach Philadelphia zu ſenden und ihn dort zum Rechtsgelehrten heranbilden zu laſſen. 121 Der Abend vor Albert's Abreiſe war gekommen und die Familie Randolph ſaß im Halbkreiſe vor dem Kaminfeuer verſammelt, um noch ein letztes liebevolles Zuſammenſein zu feiern, ehe der Liebling ſie auf unbe⸗ ſtimmte Zeit verließ. Madame Randolph ſaß neben ihm und hielt ſeine Hand in der ihrigen. „Wenn doch ein Bekannter deſſelben Weges reiſte!“ ſagte ſie mit wehmüthigem Tone;„ſo ganz allein und auf einer ſo langen Reiſe!“ „Ei, Frau, ich glaube, Du möchteſt ihm einen Hof⸗ meiſter mitgeben“ entgegnete Randolph lachend.„Albert iſt eher dazu geeignet, Schutz zu geben, als ſolchen zu ſuchen. Nein, nein, reiſe Du mit Gott, mehr Schutz und Hülfe bedarfſt Du nicht. Fordere überhaupt niemals eines Menſchen Hülfe, wenn Dich nicht die allerdrin⸗ gendſte Nothwendigkeit dazu treibt, verlaſſe Dich aber niemals ſo weit auf ſie, daß Du darüber verſäumſt, Dir ſelbſt zu helfen. Sei vorſichtig mit Deinen Be⸗ kanntſchaften, es gibt leider viele Schurken, die die Maske der Freundſchaft tragen, um Andere für ihre Zwecke, für ihre Intereſſen zu benutzen. Ich ſage Dir, Albert, ſei vorſichtig, aber wenn Du auch einmal durch einen ſolchen Schurken betrogen wirſt, ſo halte darum nicht Jedermann für ebenſo ſchlecht; laſſe Dich lieber 122 tauſendmal betrügen, ehe Du Dich durch ſolchen Glau⸗ ben von der ganzen Menſchheit abwenden läßt. Ich für meine Perſon habe hierin die bitterſten Erfahrungen gemacht, und doch möchte ich nicht mehr leben, wenn ich daran zweifeln ſollte, daß es noch gute, rechtſchaffene Menſchen gäbe. Bleibe Du es wenigſtens immer, und wo Du Gutes thun kannſt, thue es gleich, ohne zu über⸗ legen, ob Du auch Dank dafür ernten wirſt. Den be⸗ ſten Dank gewährt Dir die That ſelbſt. Sei fleißig und ſparſam, doch haſt Du einmal mehr Geld ausgegeben, als Du verantworten kannſt, ſo wende Dich dieſerhalb niemals an einen Dritten, ſondern immer geraden Wegs an mich.“ „Schone Deine Geſundheit, mein Albert“, fiel ſeine Mutter ein;„bleibe aus den Trinkhäuſern und entziehe Dir den nöthigen Schlaf nicht, auch nicht durch vieles Arbeiten. Hörſt Du!“ „Und ſchreibe mir recht oft, Albert“ ſagte ſeine Schweſter Martha mit bittendem Lächeln und ſuchte die Thränen zurückzuhalten, die ihre Augen füllten. „Ja, ſchreibe regelmäßig, wenn auch nicht ſo oft, da⸗ mit wir wiſſen, daß es Dir gut geht; in der Zwiſchenzeit denken wir: Keine Nachricht, gute Nachricht“, nahm Ran⸗ dolph abermals das Wort und gab Albert noch viele väterliche Rathſchläge und weiſe Lebensregeln, wobei 123 ſeine Frau ihn oft unterbrach und ihre mütterlichen Er⸗ mahnungen einſchaltete. Dabei fing der Waſſerkeſſel vor dem Feuer zu ſin⸗ gen an, und als der heiße Strahl aus ihm hervor⸗ ſprühte, holte Madame Randolph ein Tiſchchen her⸗ bei, ſtellte Gläſer, Zucker und eine Flaſche mit altem Whisky darauf und braute einen Abſchiedspunſch. Die ernſte, wehmüthige Stimmung machte bald einer heitern, frohen Laune Platz, es wurde geſcherzt und gelacht, es wurden Nüſſe geknackt und ſelbſtgebackene kleine Honig⸗ kuchen dazu gegeſſen und auf eine glückliche ſchnelle Reiſe, auf baldiges frohes Wiederſehen und auf aller Geſund⸗ heit getrunken. Auch die Sklaven ſollten bei der Ab⸗ ſchiedsſcene nicht vergeſſen ſein, denn Madame Ran⸗ dolph ſandte ihnen einen Topf voll Punſch in ihre Hüt⸗ ten, worauf ſie dort bald unter jubelnden Hurrahs ihre Herrſchaft hoch leben ließen. Es war elf Uhr geworden, eine Stunde ſpäter, als an gewöhnlichen Abenden die Familie Randolph ſich zur Ruhe begab, und am folgenden Morgen war ſchon eine Stunde vor der gewohnten Zeit wieder Alles in Bewegung. Madame Randolph bereitete das Frühſtück, Martha war mit der Laterne in den Stall zu den Kü⸗ hen gegangen, um friſche Milch zu holen, Randolph be⸗ fand ſich bei den Pferden und beim Wagen, um nach⸗ 124 b zuſehen, ob Alles in Ordnung wäre, und Albert war in in ſeinem Zimmer damit beſchäftigt, ſeinen Koffer fertig zu packen und ihn mit Hülfe eines Negerknabens auf den Wagen zu ſchaffen. Bald waren alle Vorbereitungen zur Abreiſe getroffen und zum letzten Male ſollte kein Glied der Familie an dem Frühſtückstiſch fehlen. Die heitere Laune aber vom vergangenen Abende hatte ſich nicht wieder eingefunden, allen waren Herz und Lippen ſchwer und das Weinen näher wie das Lachen. Alle zögerten, den Tiſch zu ver⸗ laſſen, und hielten dadurch den Augenblick des Schei⸗ dens noch zurück, bis endlich Randolph aufſtand und ſagte: „Nun, in Gottes Namen, laßt uns aufbrechen, wir haben bei dieſen kurzen Tagen eine lange Reiſe vor uns.“ Unter Thränen wurde Abſchied von Albert genom⸗ men und unter heißen Wünſchen der Zurückbleibenden beſtieg er den Wagen mit ſeinem Vatrr, der ihn bis Louisville begleitete, von wo er dann auf einem Dampf⸗ boot ſeine Reiſe allein fortſetzte. Ohne beſondern Auf⸗ enthalt erreichte Albert Philadelphia, das Ziel ſeiner Fahrt, und begab ſich dort in ein Hotel. Sein bis⸗ heriger Lehrer hatte ihm einen Brief an einen Profeſſor der dortigen Univerſität, einen Deutſchen, mitgegeben, dem er frühzeitig am nächſten Morgen einen Beſuch ab⸗ 125 ſtattete und der ihn infolge der Empfehlung recht freundlich empfing. Er verſprach ihm ſeinen Beiſtand, gab ihm die Wege an, wie er ſeine Vorſtudien zu ma⸗ chen habe, und übernahm es, für ihn eine Privatwoh⸗ nung zu beſorgen, wo er ungeſtört und billig leben könne. Schon am zweiten Tage bezog Albert durch Vermittelung des Profeſſors ein Logis bei einem Deutſchen, einem Fortepianomacher Namens Keller, wo er zugleich die Koſt erhielt. Keller war erſt ſeit einigen Jahren von Deutſchland nach Philadelphia übergeſiedelt und hatte hier mit ſehr geringen Mitteln, aber mit deſto größerem Fleiß ſein Geſchäft begonnen. Die Inſtrumente, welche er verfer⸗ tigte, fanden wegen ihrer Vortrefflichkeit außerordentlichen Beifall, und weil er ſie noch obendrein zu ungleich billi⸗ gern Preiſen lieferte als die Amerikaner die von ihnen gebauten, ſo wollte Jedermann Keller's Pianos haben, und er war gar nicht im Stande, nur entfernt den Anforde⸗ rungen, die an ihn geſtellt wurden, zu genügen. Bei ſeiner raſtloſen Thätigkeit und ſtrengen Rechtlichkeit wurde es ihm aber bald möglich, die nöthigen Mittel zur Erweiterung ſeines Geſchäfts zu erhalten; er miethete ein größeres Lokal nahm mehr Arbeiter an und legte ſich einen bedeutendern Holzvorrath zu. Jetzt, als Albert Randolph zu Keller zog, beſaß dieſer bereits ein eigenes 126 kleines Wohnhaus und dahinter ein Fabriklokal, in wel⸗ chem fortwährend einige ſechzig Arbeiter beſchäftigt wa⸗ ren. Die bei weitem größere Zahl derſelben beſtand aus Deutſchen, welche Keller ſchon als Landsleute bevorzugte, die er aber auch darum beſonders wählte, weil er ſich auf ihre Arbeit verlaſſen konnte und weil ſie bei gleich tüchtiger Leiſtung mit einem geringern Lohn zufrieden waren als die Amerikaner. Der amerikaniſche Hand⸗ werker war gewohnt, ſechs, höchſtens ſieben Stunden täglich zu arbeiten und dabei einen Verdienſt von zwei bis drei Dollars zu erzielen, während dem deutſchen und auch dem iriſchen die Hälfte dieſes Lohns genügte und beide Geld dabei zurücklegten. Der Amerikaner da⸗ gegen lebte mit ſeinem höhern Lohn von der Hand in den Mund, er behielt am Ende der Woche nicht allein nichts übrig, ſondern er machte gewöhnlich noch Schulden dazu. Die Folge hiervon war, daß man die deutſchen und iri⸗ ſchen Arbeiter in allen Handwerken immer mehr ſuchte, und daß es den Amerikanern von Jahr zu Jahr ſchwerer wurde, die gewohnten hohen Lohnſätze aufrecht zu er⸗ halten. In letzter Zeit namentlich hatten ſie häufige Zuſammenkünfte unter einander gehabt und darin Be⸗ ſchlüſſe gefaßt, um durch Richtarbeiten die Meiſter und Geſchäftsherren zur Bewilligung des alten hohen Lohns zu zwingen. Dieſe Demonſtrationen waren aber nur * „ 127 für die wirklich geſchickteſten ArM von Nutzen, die andern wurden durch die Deutſchen und Irländer erſetzt. Dies in jeder Weiſe erfolgreiche Eindrängen in die Geſchäfte aller Art war die erſte Veranlaſſung nicht allein in Philadelphia, ſondern in den ganzen Vereinig⸗ ten Staaten zu dem Haß gegen die Fremden, der ſich ſpäter, als dieſelben bei ihrem geringern Lohne wohlha⸗ hend, reich und mächtig wurden, zu einem ſo hohen Grade ſteigerte. Albert fühlte ſich bald in ſeinen neuen Verhält⸗ niſſen heimiſch und glücklich. Das Feld, welches ſich hier ſeinem genialen, ſtrebſamen Geiſte geöffnet hatte, bot ſeiner Lernbegier die reichſte Nahrung, und die Herzlich⸗ keit, mit welcher Keller und deſſen Frau ihn behandel⸗ ten, that ſeinem Gemüth wohl und gab ihm das Gefühl, als ob er zu deren Familie gehöre. Keller war ein kräftiger Dreißiger von gutmüthi⸗ gem, einfachem Weſen, der keine andere Freude, kein an⸗ deres Vergnügen beanſpruchte als das, welches er im Kreiſe ſeiner Familie genoß, die nur erſt aus ſeiner jun⸗ gen Frau und einem einjährigen Töchterchen beſtand. Seine Frau, welche mehrere Jahre in einer vornehmen Familie Englands als Erzieherin gelebt hatte, war eine ausgezeichnete Klavierſpielerin, und dieſer ihrer Kunſt hatte ſie die erſte Zuneigung Keller's zu verdanken ge 128 habt. Er war leidecftlicher Muſikliebhaber, intereſſirte ſich aber für Künſte überhaupt und hatte, wenn er auch kein Gelehrter war, doch recht hübſche Kenntniſſe, die er ſich durch Leſen angeeignet hatte. Er liebte die Poeſie, beſaß die Werke der beſten deutſchen Dichter und hatte ſich nun auch einen Shakſpeare, Bhron, Moore und an⸗ dere Claſſiker angeſchafft. Albert war ihm in den Abendſtunden ein ſehr will⸗ kommener Zuwachs in ſeinem häuslichen Kreiſe, zumal da derſelbe ſehr für Muſik und Poeſie ſchwärmte, und ſo kam es, daß ſie oft die Abende zuſammen verbrach⸗ ten und dieſen ihren Neigungen widmeten. Das hohe ſeltene Talent für Dichtkunſt, womit Al⸗ bert begabt war, hatte ſein erſter Lehrer ſchon erkannt, er hatte aber weder die Fähigkeit, noch die Mittel be⸗ ſeſſen, daſſelbe auszubilden, denn ſeine Bibliothek war auf die nothwendigſten Schulbücher beſchränkt geweſen. Jetzt aber, wo Albert alle Schätze der Literatur zu Ge⸗ bote ſtanden, loderte der genicle Funke in ihm zur Flamme auf und brach ſich in poetiſchen Verſuchen verſchiedenſter Art ſtürmiſch Bahn. Keller, welchem Albert dieſe Erſtlingsdichtungen mittheilte, war ebenſo wie ſeine Frau höchſt überraſcht und entzückt davon und beſtand darauf, daß ſie in einer der vornehmſten Zeitungen veröffentlicht werden ſollten. 129 Er ſelbſt ließ ſie einrücken und der lg war ein glän. zender. Sie beſtanden in Volksliedern, in Schlachtgeſän⸗ gen aus dem Freiheitskriege und in Romanzen aus dem Indianerleben, und kaum waren ſie erſchienen, als von allen Seiten Erkundigungen nach dem Namen des Autors einliefen denn Keller hatte nach Albert's Wunſch ihn nicht genannt. Die Gedichte gingen mit Sturmeseile von Blatt zu Blatt durch die ganzen Vereinigten Staaten und allent⸗ halben wurden ſie mit demſelben Enthuſiasmus begrüßt. Deſſenungeachtet trat Albert noch nicht mit ſeinem Familiennamen vor die Oeffentlichkeit, er unterzeichnete ſich bei ſeinen weitern Arbeiten mit ſeinem Taufnamen und blieb während einer Reihe von Jahren als„Albert“ der gefeierte Dichter Amerikas. Durch die erſten em⸗ pfangenen Lorbeeren angefeuert, betheiligte er ſich nun mit gleich günſtigem Erfolg auch als Mitarbeiter an verſchiedenen Zeitungen und Journalen und wurde für ſeine geiſtreichen Beiträge hoch honorirt. Dabei ver⸗ nachläſſigte er aber keineswegs ſeine juriſtiſchen Stu⸗ dien, er betrachtete die literariſchen Arbeiten nur als Erholung in ſeinen Muſeſtunden, vermehrte dieſe nur dadurch, daß er die Zeit ſeines Schlafs verkürzte, und ſchon nach Ablauf des erſten Jahres wurde ihm bei einer öffentlichen Prüfung von den Profeſſoren der mit dem größten Lobe zuerkannt. Armand, Saat und Ernte. I. 9 130 In Philadel ſelbſt war es ſehr bald bekannt geworden, daß er dek geniale Dichter und Schriftſteller Albert ſei, man nannte ihn nur mit dieſem Namen und begegnete ihm allenthalben mit Hochachtung und Auszeichnung. Auch ſein Körper hatte ſich auf das vortheilhafteſte entwickelt; er war ein ſchlanker kräftiger Jüngling mit fein geringeltem, glänzend ſchwarzem Haar und tief dun⸗ keln, ſeelenvollen Augen, auf denen ſich jeder ſeiner Ge— danken, jedes ſeiner Gefühle ſpiegelte. Dabei war er freundlich und höflich gegen Jedermann und doch zurück haltend und vornehm in ſeinem Weſen, der Stolz aber, der darin lag, war nicht Eitelkeit, noch Hochmuth über ſeine errungenen Lorbeeren, es war der Ausdruck des wirklichen Seelenadels, den ihm die Natur gegeben hatte. So hoch Albert's geiſtige Ausbildung ihn nun auch über ſeinen freundlichen Hauswirth erhob, blieb er doch in ſeinem Benehmen gegen denſelben und gegen deſſen Frau vollſtändig unverändert, ja er ſuchte das Ge⸗ fühl ſeiner Ueberlggenheit durch noch mehr Herzlichkeit und Freundſchaft zu verdrängen. Immer noch blieb er nach dem Abendeſſen, wenn auch nicht mehr ſo lange, bei ihnen in dem nett ausgeſtatteten Parlour ſitzen, er⸗ götzte ſich an dem gefühlvollen Pianoſpiel der Frau 131 und unterhielt ſich mit Keller in der Weiſe, wie er wußte, daß es demſelben Freude machte. So verſtrich auch das zweite Jahr. Albert hatte den Schatz ſeines Wiſſens noch ſehr bereichert, ſowie ſeinen Namen als Dichter noch höher geſtellt, und ſein Hauswirth hatte ſeinem Geſchäft abermals mehr Aus⸗ dehnung gegeben und ſeinen Verdienſt in gleichem Maße geſteigert. Die friedliche Ruhe aber, welche bis jetzt in dem Hauſe Keller's geherrſcht hatte, ſollte nicht länger ungeſtört bleiben, die harte, unbarmherzige Hand des Schickſals griff nach dem ſtillen Glück der Familie. An einem Sonnabend zahlte Keller ſeinen Arbei⸗ tern das Geld aus, welches ſie während der Woche bei ihm verdient hatten, als die drei Amerikaner, die einzigen, welche noch bei ihm in Arbeit ſtanden, ihm erklärten, daß er ihnen von nun an einen höhern Lohn zu bewilligen habe. Keller entgegnete ihnen darauf, daß er ihrer Forderung nicht willfahren werde, da er Ar⸗ beiter genug zu dem bisherigen Preiſe haben könne, und daß es bei ihnen ſtehe, ſeinen Dienſt zu verlaſſen und anderswo in Arbeit zu gehen. Die Amerikaner wurden grob, ſchimpften ihn einen der verdammten Deutſchen, die herübergekommen wä⸗ ren, um ihnen das Brod zu nehmen, ſchwuren, daß die Fremden ſämmtlich zur Stadt hinausgejagt werden ſoll⸗ 132 ten, und als Keller ihnen die Thür wies und mehrere ſeiner deutſchen Arbeiter herzutraten, um ihrem Brod⸗ herrn beizuſtehen, ergriff einer der Amerikaner eine Axt und zerſchlug damit ein kürzlich verfertigtes prächtiges Piano, daß die Splitter in dem Saal umherflogen. Jetzt faßten die Deutſchen zu und warfen unter kräfti⸗ gen Fauſtſchlägen die drei Amerikaner zur Thür hinaus. Der Auftritt, der ſich bei Keller ereignete, war aber heute nicht der einzige dieſer Art; in der ganzen Stadt, in faſt allen Werkſtätten geſchah an dieſem Abend ſeitens der Amerikaner ein Gleiches, und bald rotteten ſich die Uebelthäter zu Tauſenden zuſammen und durch⸗ zogen die Straßen von Philadelphia mit den Rufen: „Tod den Ausländern!“ und:„Hurrah für die Einge⸗ borenen!“ Der Haß gegen die Ausländer, namentlich gegen die Deutſchen, lebte aber nicht nur unter der niedern Klaſſe, er hatte ſich auch der beſſern Stände der Ameri⸗ kaner bemächtigt, die mit Neid und Mißgunſt auf die vielen reichen Fremden blickten, welche die größten Ge⸗ ſchäfte beſaßen, als Kapitaliſten von ihren Zinſen lebten oder die erſten Aemter und Würden der Stadt beklei⸗ deten. Ihren Ohren waren die wilden Sturmesrufe, die durch die Straßen ſchallten, keine unangenehme Muſik, und wenn ſie auch ſelbſt in keiner Weiſe ſich an dem 133 Tumult betheiligten, ſo lag es ihnen doch auch ſehr fern, nur das Mindeſte dagegen zu thun. Sie legten ſich in die Fenſter, ſtellten ſich vor die Thüren, um den Spaß, wie ſie es nannten, mit anzuſehen, oder ſie zogen hinter den Aufrührern her und vergrößer⸗ ten dadurch den Auflauf von Minute zu Minute. Die Tumultuanten wurden durch die ungeheuern Zuſchauer⸗ maſſen nur noch in ihrer tollen Wuth angefeuert, die Verwünſchungen, die Drohungen gegen die Fremden wurden immer heftiger, und bald begannen Steine aus dem wilden Haufen zu fliegen und die Fenſter in Häu⸗ ſern von Ausländern zu zertrümmern. Die Nacht brach herein und die ganze Stadt war in Aufruhr. Alle Frem⸗ den hatten ſich in ihre Wohnungen zurückgezogen, und auch die Amerikaner, welche etwas zu verlieren hatten, begaben ſich nach Hauſe, ſchloſſenen Thüren und Läden und fingen an, über das Umſichgreifen des Aufſtandes be⸗ ſorgt zu werden. Bis jetzt war es außer dem Steinwerfen noch zu keinen Thätlichkeiten gekommen, die Zahl der Tumultuan⸗ ten aber hatte ſich ſchon bis auf zehntnuſend vermehrt, ihre Bewegungen wurden immer zügelloſer, immer dro⸗ hender, und von Augenblick zu Augenblick ſah man einem Ausbruch von Gewaltthaten entgegen. Vergebens hatte es die Polizei verſucht, einzuſchreiten und die Ruhe her⸗ 134 zuſtellen, man hatte ſie verhöhnt und ſchließlich mißhan⸗ delt in ihre Quartiere zurückgejagt. Die tobenden Maſſen waren jetzt zu einer ſolchen Lawine angewachſen, daß ſie ſich nicht mehr zuſammen fortbewegen konnten; ſie brachen in viele Haufen auseinander und ſtürmten nun nach allen Richtungen durch die Stadt. In den abgele⸗ genen Theil derſelben, wo die größte Zahl von Deutſchen wohnte, war der Strom der wilden Horde noch nicht vorgedrungen und der kleine, von hohen Gebäuden um⸗ gebene Platz vor Keller's Haus noch menſchenleer geblieben. Rund um denſelben aus allen Fenſtern und Häuſern bis in die Giebel hinauf ſchauten deren Be⸗ wohner und die große Zahl derer, die ſich hineingeflüch⸗ tet hatten, hervor und lauſchten der furchtbaren Stimme des Aufruhrs, die wie ferner Donner zu ihnen herüber⸗ tönte. Auch die Fenſter in Keller's Haus waren zahl⸗ reich beſetzt, denn es hatten ſich einige zwanzig deutſche Arbeiter hier eingefunden, um ihren Brodherrn zu ſchützen und Gewalt der Gewalt entgegenzuſtellen. „Gott bewahre is davor, daß ſie hierher kommen!“ ſagte Madame Keller mit zitternder Stimme zu ihrem Manne, der mit verſchränkten Armen neben ihr an dem Fenſter ſtand, und dabei preßte ſie ihr Kind feſter gegen ihr Herz und ſchaute ängſtlich in die Straße hinauf. von woher das dumpfe Getöſe hörbar ward. 135 „Sie werden ſich nicht in dieſe Gegenden wagen, es wohnen ja hier beinahe nur Deutſche“, entgegnete Keller, nicht ohne durch ſeinen Ton ſeine eigene Beſorg⸗ niß zu verrathen. „Wenn nur Herr Randolph hier wäre, er ſteht in hohem Anſehen bei den Amerikanern und hat viel Einfluß. Daß er auch gerade heute in das Land fahren mußte!“ fuhr die Frau ungeduldig fort und blickte wie· der rechts und links an den Häuſern hin. „Er wollte um zehn Uhr wieder hier ſein, und es iſt ſchon dreiviertel; er wird hoffentlich gleich kommen“, verſetzte Keller. Da ſchallte plötzlich der näherkommende Tumult in wildem, verworrenem Geſchrei von dem Ende der Straße her, und zugleich ſchoß das Licht von vielen Fackeln auf Keller's Haus. „Gott ſtehe uns bei, da ſind ſie“, ſchrie die Frau und ſprang mit ihrem Kinde vom Fenſter fort nach der Thür. „Wohin willſt Du, Frau?“ rief Keller ihr zu und hielt ſie beim Arm zurück. „Fort, fort, ehe ſie kommen!“ und ſuchte die Thür zu erreichen. „Aber wohin denn, liebe Frau 1 u biſt ja nirgends ſicherer als hier; ich habe ja einige zwanzig Mann im Hauſe“ fuhr Keller fort und ſuchte ſie zu beruhigen, während die Sturmrufe draußen von Augenblick zu tgegnete ſie bebend 136 Augenblick gräßlicher tönten und das Fackellicht das Zimmer blendend erleuchtete. Mit einem Geheul, als ob die Schaaren der Unter⸗ welt losgelaſſen wären, drängte ſich jetzt der tolle Hau⸗ fen der Tumultuanten auf den Platz und erfüllte die Luft mit den wildeſten Flüchen, Schwüren und Hurrahs. Dabei hoben ſie drohend ihre Fäuſte gegen die umſtehen⸗ den Häuſer empor und Aexte, Hämmer, Eiſenſtangen und Meſſer blitzten in dem Lichte der Fackeln. Für den Augenblick ſchienen die Aufrührer noch kein Ziel für ihre Wuth gewählt zu haben, da ſchrie eine Stimme den Na⸗ men Keller, und„Keller!“ dröhnte es aus tauſend Kehlen. Als ob ſie jetzt den rechten Weg gefunden hätten, wandten ſie ſich wie ein wogender Strom gegen das Haus des Pianomachers und im nächſten Augenblick krachten Axt. und Hammerhiebe gegen Thür und Fenſterladen. „Halt, im Namen des ſternbedeckten Banners Ame⸗ rikas! Halt, ſage ich“, übertönte plötzlich eine Stimme den Tumult und mit den Worten:„Seid Ihr Ame⸗ rikaner, ſeid Ihr der Väter, die Freiheit und Recht mit ihrem 2 lut erkauften?“ drängte ſich Albert Randolph mit Gewalt durch die Menge und erreichte die Thür des Hauſes in dem Augenblick, als dieſelbe un⸗ ter den Aexten zerſplitterte. „Zurück hier vor einem freien Sohne Amerikas!“ ſchrie er jetzt gegen die raſende Menge, indem er in den Eingang trat und im Scheine des Fackellichts ſich hoch und gebietend aufrichtete. „Ja, ich bin es, Euer Dichter Albert iſt es, der Euren Ruhm beſungen, der aber Eure Schande nicht ſehen will. Fort, ſeid Amerikaner, ſeid würdige Kinder der höchſtſtehenden, der edelſten Nation auf Erden, und tretet die Geſetze, die Ihr ſelbſt gegeben, nicht mit Füßen!“ So rief er abermals, und die vorderſten der Auf· rührer wichen wie vor einer höhern Macht zurück, hinter ihnen aber ſchrieen mehrere wuthentbrannte Stimmen: „Was will der Grünſchnabelſ Nieder mit dem Jun⸗ gen, wir brauchen keinen Lehrmeiſter“, und in demſelben Augenblick kam ein ſchwerer Stock geflogen und traf Albert mit ſolcher Gewalt auf die Bruſt, daß er athem⸗ los zurücktaumelte und in der Hausflur von den dort verſammelten kampfbereiten Deutſchen aufgefangen wurde. Das Zeichen zum Angriff war hiermit gegeben und mit einem donnernden Hurrah ſtrömten die Ameri⸗ kaner in den offenen Eingang. Dort aber fielen ſo ge⸗ waltige Hiebe auf ſie nieder, daß ſie mit blutigen Köpfen zurück zur Thür hinaus ſtürzten und draußen unter Flüchen und Schwüren ihrer Kameraden zuſammenbrachen. Doch die Nachfolgenden erneuerten ſofort mit noch größerer 138 Wuth den Angriff, wurden aber gleichfalls ſchwer getrof⸗ fen zurückgewieſen. Albert hatte ſich ſchnell wieder ermannt und eilte nach der Treppe, wo ihm Keller und deſſen Frau mit ihrem Kind entgegenkamen und ſeine Hände ergriffen, in ihrer Angſt aber keine Worte hatten.. „Schnell ſchnell, folgen Sie mir“ rief er ent⸗ ſchloſſen und zog ſie mit ſich fort in den Hof und nach der hintern Seite deſſelben an die Mauer, welche Keller's Grundſtück von dem dahinter liegenden trennte. Von dem Blumengerüſte, welches an derſelben ſtand, warf er die Töpfe herab, ſtieg auf ihm hinauf und bat Madame Keller, ihm mit dem Kinde zu folgen. „Sie müſſen über die Mauer ſteigen, dort ſind Sie in dem Eigenthum eines Amerikaners und vor jeder Verfolgung ſicher“, rief er ihr zu und hielt ihr die Hand entgegen. Die Frau zitterte und bebte und konnte ſich nicht entſchließen, doch Keller ſchlang ſeinen Arm um ſie und half ihr zu Albert hinauf. Von der Mauer ließ ſie ſich mit Hülfe der beiden Männer in den Hof des Nachbars hinab und empfing dann weinend und ſchluchzend 5 Kind, welches Keller ihr nachreichte. „Um Gottes willen, komm mit, Keller, und auch Sie, Herr Randolph! Hören Sie nicht die Schreckens⸗ 139 töne? Die wüthende Horde wird Sie beide morden!“ rief die Frau, ihre Hände flehend nach ihnen erhebend „Ich kann ja mein Eigenthum nicht verlaſſen, Frau, ich habe ja auch alle meine Papiere und meine Bücher dort! Eile zu Hancocks, ſie werden Dich in Schutz nehmen“, entgegnete Keller und winkte ihr fort⸗ zugehen. „Laß Alles im Stich, nur erhalte mir Dich ſelbſt. Komm herab!“ bat die Frau noch dringender. „Dieſer Weg bleibt mir immer noch frei; ich muß erſt meine Papiere retten“, rief Keller, ſprang von dem Gerüſt in den Hof und rannte nun, von Albert ge⸗ folgt, in das Haus zurück. Noch immer hielten die deutſchen Arbeiter den Eingang ſiegreich beſetzt und wehrten mit furchtbaren Hieben den Strom der raſenden Angreifer zurück. Die Dunkelheit ſchützte ſie und das Fackellicht draußen zeigte ihnen die eindringenden Feinde. Keller und Albert ſprangen an ihnen vorüber die Treppe hinauf nach dem Zimmer, wo erſterer ſeine Bücher und Papiere ver⸗ ſchloſſen hatte. Sie öffneten die Thür und traten ein, als im ſelbigen Augenblicke die beiden Fenſter von außen zerſchmettert wurden und zwei Männer, welche ſie auf Leitern erſtiegen hatten, in denſelben erſchienen. Keller aber ſtieß den einen und Albert den andern zu⸗ 140 rück, ſodaß dieſelben beide von der Höhe in die Straße ſtürzten und ihre Kameraden, welche ihnen ſchon auf den Leitern folgten, mit ſich hinabriſſen. Ein Donner von Verwünſchungen und Flüchen beantwortete die That aus der Straße herauf, doch zugleich ertönten Hurrahs und Siegesrufe, denn auf einer dritten Leiter ſtrömten die Belagerer durch das Fenſter in das Nebenzimmer, und Keller und Albert blickten noch den Hinabgeſtürzten nach als Mann auf Mann hinter ihnen in die Stube drang und alle wie raſend über ſie herfielen. Der Kampf war kurz beide wurden niedergeſchlagen, und jubelnd trugen die Sieger den regungsloſen Keller in das Fenſter, zeig⸗ ten ihn der jauchzenden Menge und warfen ihn in die Straße hinunter. Dann erfaßten ſie Albert, um ihn einem gleichen Ende zu überliefern; ſie hoben ihn auf die Fenſterbrüſtung und waren im Begriff, ihn hinabzu⸗ ſchleudern, als einer der wüſten Geſellen ſeinen Arm ergriff und ihn zurückhaltend ausrief: „Halt, das iſt Albert, der Dichter. Um Gottes⸗ willen, wer hat ihn ſo geſchlagen? Hierher mit ihm ich will ihn verbinden!“ Dabei riß er ſein Halstuch ab, und nachdem Albert auf den Fußboden niedergelegt worden war, kniete jener neben ihm hin und band das Tuch um ſein blutiges Haupt. 141 „Faßt an, damit wir ihn in Sicherheit bringen und einen Arzt zu Hülfe rufen“, rief er dann, indem er ſeinen Arm unter Albert's Schultern ſchob und ihn mit Hülfe mehrerer Kameraden emporhob. Während dieſer Zeit hatte der Kampf in dem Ein⸗ gange des Hauſes ſein Ende gefunden, denn die Ame. rikaner waren in großer Zahl durch die Fenſter einge⸗ drungen und hatten die Deutſchen in der Hausflur im Rücken angegriffen. Nach einer verzweifelten Gegenwehr waren dieſe der Uebermacht erlegen, und Haus und Hof füllten ſich jetzt raſch mit den Siegern. „Wahrt die Köpfe“, ſchrie es aus allen Fenſtern, und hinter den Mahnrufen kamen Möbel, Geſchirr, Handwerkszeug, ja ganze Pianos herausgeflogen und zer⸗ ſchellten auf der Straße. In unglaublich kurzer Zeit war das Gebäude ausgeleert, und ſchon begannen die Tumultuanten das Dach abzudecken, um das ganze Haus niederzureißen, als mehrere Stimmen ausriefen: „Wozu die Mühe? Steckt die Baracke in Brand! Alle die Neſter rund um den Platz gehören ja dieſen verdammten Deutſchen. Laßt ſie zum Teufel brennen!“ Wildes Jubelgeſchrei war die Antwort auf den Vorſchlag, die Holzſpäne in den Werkſtätten lieferten vortreffliches Zündmaterial, die Fackeln fielen hinein und das Haus brannte an allen vier Ecken. Die Feuerſäule, die zum Himmel emporſtieg, ward aber von vielen andern beantwortet, die in verſchiedenen Theilen der Stadt aufloderten, und da die bei weitem größere Zahl der Spritzenmannſchaften ſich unter den Aufrührern befand, ſo griff das Feuer allenthalben raſch um ſich. Jetzt fanden es die beſitzenden Klaſſen der Amerikaner für gerathen, dem Aufſtand entgegenzutre⸗ ten, wollten ſie nicht ihr eigenes Hab und Gut dem Untergang preisgeben. Die Feuerglocken wurden ge⸗ zogen und auch die reichſten Leute ſpannten ſich vor die Spritzen. Dabei ſandten die Sturmglocken von den Kirchen ihre ſchauerlichen, mahnenden Klänge über die Stadt, und um die Schreckenstöne noch zu mehren, wir⸗ belten Trommeln, ſchallten Hörner durch die Straßen und riefen die Miliz auf ihre Sammelplätze. Noch hat⸗ ten dieſe Anſtalten keinen Einfluß auf die Bewegungen der zügelloſen Arbeitermaſſen; ſie zogen von Straße zu Straße und trugen Mord und Brand in die Häuſer der Ausländer. Die katholiſche Kirche war jetzt der Gegen⸗ ſtand, an dem ſie ihre Wuth ausließen, und unter den Rufen:„Nieder mit den Katholiken. Nieder mit den Ir⸗ ländern!“ warfen ſie ihre Fackeln in das Haus Got⸗ tes. Die Flammen verhüllten ſchon das hehre Ge⸗ bäude, als die erſten Abtheilungen der Miliz gegen die ruchloſen Schaaren vorrückten, um mit der Gewalt der 143 Waffen dem Unweſen Einhalt zu thun. Es war zu ſpät; was noch vor wenigen Stunden mit geringen Kräften und ohne Opfer hätte geſchehen können, war jetzt der vereinten Bürgerwehr nicht mehr möglich. Der Generalmarſch hatte nicht nur die Miliz unter die Waffen gerufen, er hatte auch die Aufſtändi⸗ ſchen dazu greifen laſſen, ſie hatten ſich ſchnell einer Anzahl Kanonen bemächtigt und begannen nun das Straßenpflaſter aufzureißen und Barrikaden aufzuwerfen. Ihre Stellung hatten ſie durch mehrere Theile der Stadt geſchickt gewählt, um untereinander in Verbindung zu blei- ben und zugleich den Fluß zu beherrſchen. Als der Mor⸗ gen graute, war die ruhige Quäkerſtadt zum Kriegs⸗ ſchauplatz umgewandelt und Kanonendonner erſchütterte ſie in ihren Grundfeſten. Der Fluß bot den Aufrüh⸗ rern Zufuhren aller Art und das Arſenal verſorgte ſie mit Munition. Kaum hatte der Tag ſein volles Licht über die Stadt ausgebreitet, als die Miliz die erſten Maſſenan⸗ griffe auf die Varrikaden machte. Mit löwenmüthiger Entſchloſſenheit ſtürmten die Söhne Philadelphias dem Feuer der Verſchanzten zu, der Kugelregen ſtreckte ſie reihenweiſe in den gewählten engen Straßen nieder und viele Hunderte fanden in wenigen Minuten ihren Tod. Wieder und wieder erneuerten ſie die Angriffe, doch 144 immer wurden ſie mit großem Verluſt zurückgeworfen. Da rückte gegen zehn Uhr das prächtig uniformirte Hu. ſarenregiment, welches aus den Söhnen der reichſten, vornehmſten Leute beſtand, vor, um die erſte blutige Weihe zu empfangen. Alle Vorſtellungen, daß Cavalle⸗ rie nicht gegen Barrikaden zu gebrauchen ſei, wur⸗ den zurückgewieſen und die Trompeten ſchmetterten zum Angriff. Im Galopp kamen die ſchönen Jünglinge auf ihren edlen Pferden die Straße herabgebrauſt und wurden mit Kartätſchenregen von den Barrikaden begrüßt. Roſſe und Reiter ſtürzten über ſie weg, jag⸗ ten ihre Kameraden gegen die Schanzen vor, und eine Menge von ihnen gelangte über dieſelben hinaus zwi⸗ ſchen die Feinde. Die Uebermacht dort aber war zu groß, es kam nicht einer der jungen Helden wieder zu⸗ rück. Ueber ein Drittheil des Regiments wurde bei dieſem einen Angriff verwundet oder getödtet. Dieſe Erfolge feuerten die Aufrührer nur noch mehr an, und die Forderungen, welche ſie ſtellten, um Frieden zu ma⸗ chen, ſteigerten ſich immer höher. Sie verlangten neben vollſtändiger Amneſtie, daß alle Ausländer die Stadt verlaſſen ſollten. Dabei wuchs ihre Zahl von Stunde zu Stunde und der Magiſtrat kam zu der Ueberzeu⸗ gung, daß er mit der ihm zu Gebote ſtehenden Macht — die Ruhe nicht erzwingen könne. Der Beſchluß ward 145 darum gefaßt, die Miliz aus dem Lande aufzubieten, und ſchon am Abend gingen die Befehle nach allen Theilen von Pennſylvanien ab. Während der zwei folgenden Tage ſchwebte die Stadt in banger Erwartung, in Angſt und Schrecken, denn die Aufſtändiſchen machten Ausfälle, riſſen Häuſer nieder, ſteckten andere in Brand und plünderten die Waa⸗ renlager. Endlich am dritten Tage rückten zehntauſend Mann Militär aus dem Lande ein, und ſchon am Nachmittage wurden ſie gegen die Barrikaden geführt. Mit einer furchtbaren Erbitterung wurde von beiden Seiten gekämpft, aber aller Muth, alle Entſchloſſenheit halfen nichts gegen die feſten Stellungen und die To⸗ desverachtung der Aufrührer, alle Angriffe wurden wäh⸗ rend mehrerer Tage zurückgeſchlagen Unterdeſſen hatte der Gouverneur von Pennſylbanien auch aus den Nachbar⸗ ſtaaten, aus Neujerſey und aus Marhland Milizen zur Unterdrückung des Aufſtandes verlangt, und abermals zogen neue Hülfstrupen in Philadelphia ein. Die Re⸗ ſultate der Kämpfe waren die frühern, die Aufſtändiſchen blieben die Sieger. Da langte endlich am neunten Tage die ſogenannte fliegende Artillerie unter dem Commando des Kapitäns Ringold, welche in dem Fort bei Bal⸗ timore ſtationirt war, in der Stadt an, und eine Stunde nach ſeiner Ankunft ließ er Geſchütze gegen Armand, Saat und Ernte. I. 10 146 die Barrikaden auffahren. Der Donnergruß, den dieſe Feuerſchlünde den Aufrührern zuſchickten, war mehr, als dieſe ertragen konnten, ſie flohen in wilder Haſt von ihren Verſchanzungen, die Miliz folgte ihnen im Sturm⸗ ſchritt nach, und ehe eine Stunde verging, war die Stadt von ihren Peinigern befreit. Trauer, Leid und Weh aber waren in unzähligen Familien eingezogen, denn Tauſende ihrer Söhne, ihrer Brüder, ihrer Väter waren als Opfer ihres Muthes, ihrer Pflicht gefallen. Sechstes Kapitel. Albert wurde während der Zerſtörung von Kel⸗ lers Wohnung ohne Lebenszeichen hinaus in die Straße getragen, um ihm irgendwo Hülfe angedeihen zu laſſen. „Wen bringt Ihr da?“ wurden die Burſchen, die ihn trugen, von Kameraden angeredet, welche ſich um ſie drängten, um zu erfahren, wer der Verwundete ſei. „Es iſt Albert, der unſere Lieder gedichtet hat“, war die Antwort, und„Hurrah für Albert!“ ſchallte es ihm von allen Seiten nach. Sein Beſchützer wollte ihn nach dem nächſten ame⸗ rikaniſchen Hotel bringen und ſchlug, um aus dem Tu⸗ mult zu kommen, eine Seitenſtraße ein, die aus dem deutſchen Stadtviertel hinausführte. Langſam waren ſie derſelben gefolgt und hielten an einer Straßenecke bei einem Brunnen an, um auszuruhen und das Tuch um Albert's Kopf anzufeuchten. Während ſie noch damit be⸗ 10* 148 ſchäftigt waren, regte ſich Albert und ſeine Bruſt hob ſich wieder zum Athmen. „Er kommt zu ſich, laßt uns eilen, damit wir ihm bald einen Arzt verſchaffen“, ſagte ſein Beſchützer, und alle griffen zu, um ihn wieder aufzuheben. Da fuhr plötz lich ein Wagen in die Straße ein und kam mit größter Eile dieſelbe herabgerollt. „Der Wagen ſoll ihn nach dem Hotel fahren“, ſagte einer der Burſchen; alle ließen Albert wieder auf den Boden nieder und ſprangen dem Fuhrwerk in den Weg. Der Kutſcher, um ſich nicht aufhalten zu laſſen, trieb die Pferde noch ſchärfer an, doch Albert's Beglei⸗ ter ſprangen ihm von beiden Seiten entgegen, griffen den Roſſen in die Zügel und zwangen ſie ſtill zu halten. Ein alter Herr mit weißem Haar neigte ſich aus dem Wagen und fragte mit ruhigem, gefaßtem Ton, was man von ihm begehre. „Wir haben einen Verwundeten bis dort an den Pinten getragen und bitten, daß Sie ihn nach dem Ho⸗ tel in der nächſten Straße fahren, damit er ſobald als möglich einen Arzt bekomme.“ „Recht gern will ich das thun, wenngleich ich in ſehr großer Eile bin“, entgegnete der alte Herr;„es müßte aber einer von Ihnen mitfahren, denn ich und meine alte Frau hier find nicht im Stande, den Kranken zu unterſtützen. Wer iſt er denn und iſt er gefährlich ver⸗ wundet?“ „Er hat einen Hieb am Kopfe, doch ſcheint er ſich zu erholen und athmet wieder gut. Es iſt der Dichter Albert, der die Volkslieder—“ „Albert— der geiſtreiche junge Albert?“ fiel ihm der alte Herr raſch und mit großer Theilnahme in das Wort und öffnete den Wagenſchlag.„Bringen Sie ihn nur ſchnell herein in den Wagen, den nehme ich mit nach meinem eigenen Hauſe und werde ſelbſt für ſeine Geneſung Sorge tragen. Bringen Sie ihn raſch herein!“ Dann bat er ſeine neben ihm ſitzende Frau, ſich auf dem Rückſitz niederzulaſſen, und nahm nun ſelbſt ihren Platz ein, um den Verwundeten an ſeiner Seite zu haben. Gleich nachdem dies geſchehen, langten die Män⸗ ner mit Albert an dem Kutſchenſchläe an; ſie hoben ihn vorſichtig auf den Rückſitz des Wagens, der alte Mann legte ſeine Hand unter ſeinen Nacken und rief dann dem Kutſcher zu, fort zu fahren, ſo ſchnell die Pferde laufen könnten. Als der Beſchützer Albert's den Schlag hinter ihm ſchloß, fragte er den alten Herrn nach ſeinem Namen, worauf derſelbe antwortete: „Ich bin der Maire der Stadt und heiße Walther März.“ „Verdammter Deutſcher!“ riefen die Burſchen ein⸗ 150 ſtimmig und ſtreckten ihre geballten Fäuſte nach dem Manne aus, die Roſſe aber jagten mit dem Wagen da⸗ von und verſchwanden bald vor den Blicken der fluchen⸗ den Geſellen. Walther März war die angeſehenſte Perſönlichkeit in Philadelphia. Zu Anfang der achtziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts war er als junger Mann von Deutſchland dorthin ausgewandert, hatte den Freiheitskrieg unter Waſhington mitgefochten, hatte unter deſſen Präſidentſchaft hohe Stellen im Staats⸗ dienſt bekleidet und war jetzt nach langjährigem Ge⸗ ſchäftsleben in Philadelphia von deſſen Einwohnern als einer der achtbarſten Bürger zum Maire erwählt worden. Er hatte ſeit einigen Wochen auf ſeinem Land⸗ gute gelebt, die Nachricht aber von den ausgebrochenen Unruhen führte ihh mit ſolcher ſtürmiſchen Haſt in die Stadt zurück. In fliegender Eile fuhr der Wagen durch viele Straßen, bis er endlich vor einem prächtigen Palaſte anhielt, aus welchem mehrere ſchwarze Diener hervorſpran gen und den Kutſchenſchlag öffneten. „Ruft noch einige meiner Leute zu Hülfe herbei. ich habe einen Verwundeten im Wagen, den Ihr in das Haus tragen müßt“, ſagte März zu den Dienern, und nach wenigen Augenblicken erſchienen deren noch mehrere, 151 die nun Hand an Albert legten, ihn aus dem Wagen hoben und mit größter Vorſicht die hohe Marmor⸗ treppe hinauf in das Haus trugen. März ſandte den Wagen nach ſeinem Hausarzt, um dieſen ſchleunigſt her⸗ beizubringen, und folgte dann mit ſeiner Gattin dem Ver⸗ wundeten nach dem Gemache, welches er für ihn be⸗ ſtimmt hatte. Dort ließ er denſelben auf ein Sopha niederlegen und ihm vorläufig bis zur Ankunft des Arztes die Kopfwunde mit kühlenden Umſchlägen be⸗ decken. Nachdem ſeine Gattin ſich entfernt hatte, um al⸗ les für die Bequemlichkeit des Kranken Nöthige anzuord⸗ nen, ließ März ſich in einem Armſeſſel neben dieſem nieder und ertheilte dem zurückgebliebenen Diener Anwei⸗ ſungen in Bezug auf deſſen Pflege. März war eine ſehr große, ſtattliche Geſtalt mit hochgewölbter Bruſt und breiten Schultern, das Bild eines ſchönen, kräftigen bejahrten Mannes. Die hohe, zu beiden Seiten in das kurzgeſchnittene, volle, ſchneeweiße Haar eindringende Stirn, die ſtarken weißen Brauen über den großen dunkelblauen Augen, die Adlernaſe und der feingeformte, freundliche Mund gaben ſeinem ſchönen Kopf etwas ungewöhnlich Edles, und die geſunde blü⸗ hende Farbe ſeines Antlitzes verlieh ihm jugendliche Friſche. Seine ganze Erſcheinung erinnerte an die Zeit des großen Waſhington, nur fehlte die Perrücke. Er — 152 trug einen weiten Rock von ſchwerer ſchwarzer Seide, eine lange weiße Weſte mit herabhängenden Taſchen, ſchwarzſeidene kurze Beinkleider und Strümpfe von glei- chem Stoffe, welche ein paar muskulöſe, elegant geformte Waden zeigten und ſich in ſauber geglänzte Schnallen⸗ ſchuhe verſenkten. Der Buſen ſeines blendend weißen Hemdes, ſowie die über die wohlgepflegten vornehmen Hände fallenden Manſchetten waren ſauber gefaltet und man ſah es der ganzen Kleidung an, daß Aufmerkſam⸗ keit darauf verwandt worden war. Als der Arzt in das Zimmer trat und durch Herrn März zu Albert an das Sopha geführt wurde, lag dieſer noch immer ohne Bewußtſein. „Sie ſollen einem der geiſtreichſten, talentvollſten Söhne Amerikas, zu dem unſer Volk einſt mit Stolz aufſehen wird, s Leben erhalten, lieber Doctor, ich fürchte aber, der To hat ihn ſchon mit kalter Hand er⸗ faßt“, ſagte März und hob den Umſchlag von dem Haupte des Kranken. Der Arzt unterſuchte nun die Wunde auf das ſorgfältigſte, während welcher Zeit März mit Bangen deſſen Urtheil zu erwarten ſchien und daſſelbe im voraus auf ſeinen Zügen zu leſen ſuchte. Albert zuckte wiederholt während der Unterſuchung zuſammen und wollte durch eine Bewegung mit dem 153 Kopfe der Sonde des Doctors entgehen, da wandte ſich dieſer von ihm ab zu März und ſagte: „Die Hirnſchale iſt nicht verletzt, und wenn durch die Erſchütterung innerlich kein Schaden gethan iſt, ſo kann ich Ihnen die Geneſung des jungen Mannes mit Sicherheit in Ausſicht ſtellen. Wer iſt er, daß Sie ſich ſo warm für ihn intereſſiren, Herr März?“ „Albert Randolph, der junge Dichter, der durch ſeine prächtigen Lieder ſich die Liebe jedes Amerikaners er⸗ worben hat.“ „Albert?“ ſagte der Doctor überraſcht.„Wahrlich, es würde mich glücklich machen, etwas für ihn gethan zu haben.“ „Gott Lob, daß es ſo mit ihm ſteht“, fiel März freudig ein;„nun darf ich ihm aber auch keine Zeit mehr ſchenken. Ich übergebe ihn Ihrem Schutze, und meine gute Frau ſowie meine ganze Dienerſchaft werden Ihnen hülfreich dabei zu Gebote ſtehen. Mich ſelbſt ruft die Pflicht jetzt hinaus; ich fürchte, es ziehen ſchwere Stun⸗ den für unſere Stadt heran.“ „Doch nicht, es ſind nur Arbeiterunruhen, die ja in allen großen Städten vorkommen, die aber höchſtens dem Geſchäftsherrn und Meiſter einen höhern Lohn ab⸗ zwingen. Die Sache wird ohne Folgen ſein“, entgegnete der Arzt. 154 „Sie irren ſich, lieber Doctor, der Aufruhr iſt von tieferer Bedeutung und von unabſehbarer Tragweite. Es find zwei gleich kräftige und doch ganz verſchiedene Ele⸗ mente, die einander ſchon lange Zeit feindlich gegenüber⸗ geſtanden, ſich jetzt aber in ſehr ernſtem Zuſammenſtoß getroffen haben; ich fürchte, es wird ohne vieles Blut⸗ vergießen nicht enden. Laſſen Sie uns indeß hoffen. Unſern jungen Dichter empfehle ich Ihrer größten Sorg⸗ falt“, ſagte März, reichte dem Arzt zum Abſchied die Hand und eilte nun kräftigen und entſchloſſenen S tes aus dem Gemach. Während der ganzen Dauer des Kampfes in phin. delphia lag Albert ohne klares Bewußtſein, obgleich der Arzt ihn ſehr oft beſuchte, ſtundenlang bei ihm ver⸗ weilte und Alles zu ſeiner Wiederherſtellung aufbot. Herrn März erfüllte der Zuſtand ſeines Schützlings mit großem Leidweſen, obgleich des Morgens, ehe er ſeiner ernſten Pflicht als Maire folgte, und abends, wenn er nach raſtloſer Thätigkeit für das Wohl der Stadt er⸗ müdet nach Hauſe zurückkehrte, der Arzt ihm beruhigend erklärte, daß er die ſicherſte Hoffnung für die Geneſung des Kranken hege. Er ſaß manchmal noch ſpät in die Nacht hinein an deſſen Lager, und wenn Albert dann die Augen aufſchlug und ſeinen matten Blick über ſeine Umgebung kreiſen ließ, ergriff März theilnehmend ſeine 155 Hand und richtete liebevolle, freundliche Fragen an ihn. Seine Hoffnung aber, ihn aus ſeiner geiſtigen Ermattung erwachen zu erſehen, wurde immer bald vereitelt, denn die Augen des Kranken fielen wieder zu und er verſank abermals in ſtarren Schlaf. Am Abend, nachdem die Geſchütze Ringold's die Aufrührer zerſprengt hatten und die Herrſchaft wieder in die Hände der geſetzlichen Gewalt zurückgegeben war, kehrte März von übergroßer Anſtrengung ermüdet nach Hauſe zurück und wurde von ſeiner Gattin mit einem herzinnigen„Gott Lob!“ empfangen. „Gott Lob ſagſt Du— iſt Albert zum Bewußtſein gekommen?“ fragte er ſchnell in freudiger Ueberraſchung und wandte ſich nach der Treppe, um auf deſſen Zimmer zu eilen. Ach nein, das nicht, lieber März, ich danke Gott nur für den Segen des Friedens und für Deine Er⸗ haltung.“ „Ja wohl müſſen wir ihm dafür dankbar ſein, gute Frau, er ſei gelobt und geprieſen. Ich glaubte, Du hätteſt mir die frohe Kunde von Albert's Beſſerung gleich mittheilen wollen. Wie geht es ihm?“ „Der Doctor ſagt, es ſtände recht gut mit ihm, weil er wieder williger Speiſe und Trank zu ſich nähme, ich aber kann keine Veränderung an ihm gewahren“ 156 „So laß uns zu ihm gehen, vielleicht ſehe auch ich eine Beſſerung“ ſagte März und wandte ſich abermals nach der Treppe. „Willſt Du nicht vorher etwas ausruhen? Du ſcheinſt ſehr ermüdet zu ſein.“ „Wo kann ich beſſer Ruhe finden als bei dem Hülfsbedürftigen? Nur wenn die Seele ſich ruht, erholt ſich der Körper“, ſagte März, ergriff die Hand ſeiner Gattin und begab ſich nach dem Krankenzimmer. Dort ſetzte er ſich in einen Armſtuhl neben Albert nieder und ſagte, nach ihm hinſchauend: „Er ſcheint immer noch bewußtlos zu ſein; es wäre ein Jammer für einen ſo ſelten bevorzugten Geiſt, wenn er im Aufkeimen gebrochen werden ſollte.“ Dann wandte er ſich nach einem Diener und trug ihm auf, Licht herein zu bringen, denn es war ſchon ſehr düſter geworden. „Der Schlaf unſeres jungen Pfleglings iſt ein ſo ruhiger, ſo natürlicher, daß man glauben ſollte, er wäre geſund“, ſagte März zu ſeiner Frau, die unweit von ihm Platz genommen hatte. Da erhellte ſich das Zimmer, der Diener trat mit dem Lichte herein, und Albert ſchlug die Augen auf. Sein Blick, der bisher an nichts zu haften geſchienen hatte und nur unſtät und theilnahmlos an Allem vor⸗ 157 übergezogen war, richtete ſich jetzt ſinnend auf den alten Herrn, der ihm mit zunehmender freudiger Bewegung in die Augen ſchaute. Es war, als beſinne Albert ſich, als wolle er die letzte Vergangenheit mit der augenblickli— chen Gegenwart in Zuſammenhang bringen, und immer erſtaunter ſah er den freundlichen alten Mann an. „Gott Lob, Sie erholen ſich, Herr Albert“, ſagte März mit aufwallender Hoffnung und nahm deſſen Hand liebevoll in die ſeinige. Albert aber blickte ihn noch immer verwundert an und ſuchte ſeiner verwor⸗ renen Gedanken Herr zu werden. „Ich weiß nicht“ ſagte er endlich mit matter Stimme und ſah ſich fragend um. „Nein, nein, lieber Herr Randolph, Sie können auch nicht wiſſen, wo Sie ſind. Sie befinden ſich aber bei Freunden, die Sie hochſchätzen, und ich will es Ihnen ſagen, wie Sie hierher kamen“ fiel März ihm ſchnell in Rede.„Bleiben Sie aber ruhig liegen und ſtrengen Sie Ihren Geiſt nicht an. Sie ſind noch ſehr ſchwach. Als die aufrühreriſchen Arbeiter in das Haus des Herrn Keller, bei dem Sie wohnten, eindrangen und daſſelbe zerſtörten, wurden Sie bei deſſen Vertheidigung durch einen Schlag an den Kopf verwundet, worauf man Sie bewußtlos aus dem Tumult trug. Ein glücklicher Zufall führte mich in meinem Wagen in Ihre Nähe 158 und da habe ich Sie mit hierher genommen. Es macht mich ſehr, ſehr glücklich—“ „Keller— ja wohl, Keller, ich wohnte bei ihm, er und ſeine Frau waren ſtrebſame, gute Leute“, unterbrach Albert ſeinen Wohlthäter nachdenkend und fuhr nach einigen Augenblicken raſcher fort:„Wie geht es der Fa⸗ milie Keller? Hat ſie großen Schaden erlitten?“ März drängte die Antwort, die ihm auf die Lip⸗ pen trat, zurück und ſagte nach einer kurzen Pauſe: „Ja wohl, ſie hat Verluſt gehabt, ihre vielen Freunde aber werden ſich gern ihrer annehmen und ihr helfen. Morgen will ich Ihnen Alles erzählen, was ſich ſeit Ihrer Verwundung zugetragen hat, jetzt müſſen Sie ſich ruhen. Gute Nacht, lieber junger Freund!“ Hiermit drückte März dem Kranken die Hand, winkte ſeiner Gattin und verließ mit derſelben das Zimmer, nachdem er an der Thür dem Wärter aufge⸗ tragen hatte, ſo wenig als möglich mit Herrn Randolph zu reden und ihm namentlich durchaus keine Auskunft über die Ereigniſſe während der Unruhen zu geben. Für den edlen hochherzigen März war der folgende Tag ein Freuden., ein Glückstag, denn er fand Albert, wenn auch noch ſchwach, doch bei vollſtem Bewußtſein und der Arzt erklärte ihn nun für gänzlich außer Ge⸗ fahr. März widmete ihm jede Stunde, die er bei ſeinen jetzt ſo ſehr gehäuften Geſchäften erübrigen konnte, und theilte ihm Alles über die Schreckniſſe mit, die während ſeines bewußtloſen Zuſtandes die Stadt heim⸗ geſucht hatten, nur eins verſchwieg er ihm, er ſagte 3 ihm nicht, daß Keller todt ſei. Albert dagegen fragte deſto öfter nach deſſen Ergehen, bat März, demſelben Nach⸗ richt von ſeinem eigenen Befinden zukommen zu laſſen, und ſprach mitunter ſeine Verwunderung aus, daß er nicht einmal ihn hier beſucht habe. März gab aber dem Geſpräch immer ſchnell eine andere Wendung, um Albert über das Schickſal ſeines ihm ſo ſehr be⸗ freundeten Hauswirths in Ungewißheit zu erhalten, und doch ſteigerte er in ihm abſichtlich täglich mehr die Zweifel darüber. Erſt nach Verlauf von einer Woche, nachdem Albert ſich ſo weit wieder erholt hatte, daß der Arzt ihm erlaubte, abends in der Kühle einen Spaziergang zu machen, entſchloß ſich März und theilte ihm die Trauerbotſchaft mit. Dieſelbe erſchütterte Albert heftig; es war das erſte Mal, daß ihm das Schickſal einen bittern Trank reichte. Er ſaß lange Zeit ſprachlos da, dann traten ihm Thrä. nen in die Augen und mit wehmüthiger Stimme fragte er März nach Keller's Frau und Kind. „Sie ſind am Leben und es ſoll ihnen an nichts zum Leben fehlen, wenn ich ihnen auch den Gatten und 160 den Vater nicht wiedergeben kann. Seien Sie für deren Zukunft unbeſorgt, lieber Randolph“, erwiderte März tief bewegt und drückte ihm mit großer Theilnahme die Hand. Als der Abend kam, begleitete er ihn ſelbſt bei ſeinem erſten Ausgang, und indem ſie in der Straße langſam hinſchritten, äußerte Albert den Wunſch, die Wittwe Keller zu beſuchen, März jedoch verweigerte ihm ſeine Zuſtimmung dazu, nannte ihm aber den Ort, wo er die Frau untergebracht habe; denn ſie hatte Alles verloren. Sobald Albert von dem Spaziergang zurückgekehrt war, begab er ſich auf ſein Zimmer und ſchrieb an die Wittwe Keller. Er hatte durch ſeine literariſchen Ar⸗ beiten nach und nach gegen zwölfhundert Dollars ver⸗ dient, welche von ihm in der Bank von Philadelphia niedergelegt waren. Er ſchrieb eine Anweiſung auf dieſe über tauſend Dollars, legte dieſelbe in den Brief an Madame Keller ein und bat ſie, dieſe Gabe als einen kleinen Beweis ſeiner Dankbarkeit für ihm erwieſene Güte und Freundſchaft von ihm annehmen zu wollen. Früh am folgenden Morgen überſandte er der unglück⸗ lichen Frau das Schreiben. Nach dem Frühſtück aber be⸗ gab er ſich zu Herrn März in deſſen Zimmer, und unter den innigſten, heißeſten Dankſagungen für alle Wohlthaten, 161 womit derſelbe ihn überhäuft hatte, theilte er ihm mit, daß er ſich heute, um ſeine Güte nicht zu mißbrauchen und um ſeine Studien wieder zu beginnen, nach einer Wohnung umſehen wolle. März aber ergriff ſeine Hand und ſagte mit hochherziger Bewegung: „Wenn Sie wirklich glauben, daß Sie mir einen Dank ſchulden, verehrter junger Freund, ſo tragen Sie ihn mir dadurch ab, daß Sie bei mir wohnen bleiben und mein Haus als Ihr väterliches betrachten. Ich habe Sie hochgeſchätzt, ehe ich Sie perſönlich kannte, jetzt ſtehen Sie meinem Herzen ſo nahe, daß es mir ein herber Verluſt ſein würde, wenn Sie mir Ihre tägliche Geſellſchaft entziehen wollten. Es iſt aber nicht mein Herz allein, welches dieſen Wunſch ausſpricht, ich bin auch ſtolz darauf, den Dichter Albert unter meinem Dache zu bewirthen. Nicht wahr, Sie bleiben bei mir?“ Bei dieſen letzten Worten ſchüttelte der alte Herr mit deutſcher Biederkeit ſeinem Gaſte die Hand, und dieſer erfüllte gern ſeinen Wunſch, konnte aber im Ueber⸗ ſtrömen ſeines Dankgefühls keine Worte finden. Er er⸗ widerte den Händedruck ſeines edlen Gönners und die⸗ ſer las in Albert's Augen, was derſelbe ihm ſagen wollte. „Da Sie mir meine Bitte gewähren wollen, ſo bin ich Ihnen ebenſo vielen Dank ſchuldig wie Sie mir— Armand, Saat und Ernte. I. 2 11 162 unſere Rechnung ſteht gleich, mein lieber Randolph“, nahm März freudig das Wort.„Laſſen Sie Ihr Zimmer durch meinen Diener ganz ſo einrichten, wie Sie es wünſchen, Sie können dort ruhig und ungeſtört arbeiten, und wenn Sie in Ihren Mußeſtunden nichts Beſſeres zu thun wiſſen, ſo gönnen Sie mir und meiner Frau Ihre liebe Geſell⸗ ſchaft.“ Albert blieb bei März wohnen. Es waren nun über drei Jahre verſtrichen, ſeit Harry Williams ſeine kaufmänniſche Laufbahn in Neu⸗ orleans begonnen hatte. Sein Name als gewandter, thätiger Geſchäftsmann ward allgemein hoch geſtellt, und viele der erſten Häuſer hatten ſich bemüht, ihn durch glänzende Anerbietungen in ihre Dienſte zu bekommen. Harrh hatte ſie aber ſämmtlich zurückgewieſen und blieb Herrn Morgan treu. Er blieb gern bei ihm, weil ſeine geſchäftliche Stellung eine ſehr angenehme und unab⸗ hängige war, in welcher er Niemand über ſich anzu⸗ erkennen hatte als Morgan ſelbſt, und dieſer war j mit Allem einverſtanden, was er that. Es gab aber noch zwei andere Gründe, die ihn beſtimmten, bei ihm auszuharren, und die wohl ſtärker auf ihn einwirkten als die Annehmlichkeit ſeiner Stellung oder ſeine An⸗ 163 hänglichkeit an Morgan. Dieſer hatte ihm nämlich zu wiederholten Malen die Ausſicht angedeutet, daß er ihm ſpäter einen Antheil an ſeinem Geſchäfte zu geben beab⸗ ſichtige. Die Hoffnung, wirklicher Theilhaber in einem ſo angeſehenen Hauſe zu werden, war ein Sporn für Harrh's Thätigkeit geweſen um ſo mehr, als der zweite Grund zu ſeinem Verbleiben dieſe Hoffnung noch ver⸗ ſchönerte. Morgan's einzige Tochter Eliza war zwar erſt fünfzehn Jahre alt, blühte aber zur ſchönen Jungfrau heran und wurde dereinſt eine reiche Erbin. Man hatte Harry immer wie zu der Familie ge⸗ hörend behandelt, wodurch zwiſchen ihm und Eliza ein vertrautes, geſchwiſterliches Verhältniß entſtanden war, mit der Entwicklung der Jungfrau aber war ihre gegen⸗ ſeitige Zuneigung, wenn auch bei Eliza unbewußt, eine andere, eine wärmere geworden. Harry behandelte ſie nicht mehr als Kind, er war mit Wort und That auf⸗ merkſam gegen ſie und erfreute ſie häufig durch kleine Geſchenke. Den Aeltern entging die Veränderung in dem Be⸗ nehmen Harry's gegen ihre Tochter ebenſo wenig wie deren wachſende Zuneigung für dieſen, von einem ern⸗ ſtern Verhältniß zwiſchen den Beiden konnte aber für lange Zeit noch keine Rede ſein, ſodaß ſie es nicht für — — 164 nöthig erachteten, ſchon jetzt einen feſten Beſchluß dar⸗ über zu faſſen. Für Morgan war der Gedanke, Harrh einmgl zum Schwiegerſohn zu bekommen, nie ein un⸗ angenehmer geweſen, nur in letzter Zeit hatten ſich ihm dabei mancherlei Bedenken aufgedrängt. So tüchtig und thätig der junge Mann auch im Geſchäft war, ſo trieb ihn ſein Hang zum Vergnügen doch zu einem ſehr lockern Leben; er verbrachte Nacht für Nacht in fröhlichen Krei⸗ ſen und zwar nicht ausſchließlich in denen der vorneh⸗ men Welt. Namentlich aber befanden ſich unter ſeinen genauern Bekannten Leute von ſehr zweideutigem Cha⸗ rakter und ganz insbeſondere hatte er ſich dem allgemein gemiedenen und gefürchteten Sklavenhändler Holcroft eng angeſchloſſen. Morgan hatte ihn ſo oft ſchon vor die⸗ ſem Manne gewarnt, er hatte ihm vorgeſtellt, wie ſehr er ſich durch den Umgang mit demſelben in den Augen der beſſern Geſellſchaft, die ihn mit ſolcher Auszeichnung behandelte, ſchaden würde, und hatte ihm den böſen Einfluß gezeigt, welchen ſolche desperate, im Sturm des Lebens gehärtete und abgeſchliffene Naturen auf ein unverdorbenes jugendliches Gemüth ausübten, alle War⸗ nungen, alle Vorſtellungen aber waren fruchtlos geblie⸗ ben und Harrh's Umgang mit Holeroft war immer intimer geworden. Um dieſe Zeit nahte ſich ein Ereigniß, welches wie 165 ein guter Stern über Harry's Geſchick aufzugehen ſchien. Herr Morgan hatte in letzter Zeit in ſeiner Familie viel Krankheit gehabt, ſeine Gattin war häufig leidend gewe⸗ ſen und es waren ihm mehrere ſeiner werthvollſten Skla⸗ ven durch den Tod entriſſen worden. Dabei konnte der alte Williams in ſeinen Briefen von Galveſton an ihn und an Harrh das wundervolle, geſunde Klima von Te⸗ xas gar nicht genug rühmen; er ſagte, daß man Krankheit dort nicht einmal dem Namen nach kenne und daß man dort glücklicher und geſunder unter freiem Himmel lebe als in den Vereinigten Staaten in den prächtigſten Pa⸗ läſten. Zugleich aber pries er Texas als eine unerſchöpf⸗ liche Quelle des Reichthums für einen Geſchäftsmann an, ſchilderte die Art und Weiſe, in der man dort mit Leichtigkeit großes Vermögen erwerben könne, und wies darauf hin, mit welchen Rieſenſchritten die amerikaniſche Bevölkerung des Landes zunehme. Morgan war ein ſehr vermögender Mann und hatte dem tödtlichen Klima von Neuorleans lange genug die Stirn gezeigt, darum koſtete es nur wenig Ueberredung, um ihn dieſem Weltkirchhof Lebewohl ſagen zu laſſen. Er entſchloß ſich kurz, nach Texas überzuſiedeln. Harrh er⸗ klärte ſich bereit, mit ihm zu ziehen, und begann ſofort das Geſchäft Morgan's in Neuorleans abzuwickeln. Zu⸗ gleich kaufte er ſolche Waaren für ihn, wie ſie für die 166 Bedürfniſſe der Landbewohner von Texas paßten, und ſchon nach wenigen Monaten ſchiffte ſich Morgan mit ſeiner Familie und von Harrh Williams begleitet nach Galveſton ein. Der alte Williams übernahm es, ihm ein für ſeine Zwecke paſſendes Grundeigenthum zu ver⸗ ſchaffen, er begab ſich mit ihm auf das Feſtland, und Morgan wählte an dem Ufer der ſchönen San⸗Jaeinto⸗ bai einen Platz, auf dem er ſeine Niederlaſſung grün⸗ den wollte. Der Ankauf des Landes war gemacht, Herr Williams ließ daſſelbe auf Morgan's Namen in die Landkarten des Staates eintragen, und nachdem das Ge⸗ ſchäft vollſtändig beendet war, nahm er in der beſten Laune Abſchied von ſeinem Freunde und ließ ſich durch ein Fiſcherboot nach Galbeſton hinüberfahren. Wenige Tage nachher jedoch wurde plötzlich die Familie Morgan in Schrecken und Trauer verſetzt, denn man brachte die Nachricht, daß der alte Williams geſtorben ſei. Morgan's angekaufter Grundbeſitz gewährte alle Vortheile für eine Anſiedelung. Der Buffalofluß, welcher bis nach der Stadt Houſton für große Dampfer ſchiff⸗ bar war, mündete hier aus, zugleich führte von hier die Landſtraße nach jener Stadt und die Küſtenfahrzenge konnten hier ihre Ladungen mit Leichtigkeit an das Land bringen. Auch für Ackerbau eignete ſich das Land, wel⸗ ches Morgan gekauft hatte, ganz beſonders für Baum⸗ 167 wollencultur, und er beſchloß, neben ſeinem kaufmänni⸗ ſchen Geſchäft auch eine Baumwollenplantage anzulegen. Abgeſehen aber von allen dieſen Vortheilen, entfaltete die Natur hier unendlich viel Schönheit und Annehmlich⸗ keit; das hochaufſteigende Ufer bot einen unbeſchränkten Blick über die mit unzähligen grünen Inſeln geſchmückte Bai und über Galveſton hinaus auf den ſmaragdfarbe⸗ nen Golf von Mexico, auf dem die ſchneeigen Segel der vielen Küſtenfahrzeuge wie Schwäne auf und nieder zo⸗ gen. Dabei wehte der erfriſchende Seewind unaufhör⸗ lich über das grüne Küſtenland und verſcheuchte von den Bewohnern deſſelben die Tropenglut, welche im Som⸗ mer die Sonne auf ſie niederſenkte. Hier, an dem Ufer der Bai, wo die ewig kommenden kryſtallklaren Wogen rauſchend erſtarben, erbaute Morgan ſein Geſchäftshaus, welches Waarenlager, Verkaufslokal und Comptoir in ſich vereinigte; vor demſelben legte er für die Bequem⸗ lichkeit der Schiffe ein kleines Werft an, und zu Gun⸗ ſten der Wagen führte er die Straße, welche von Hou⸗ ſton kam, bis vor ſeine Thür. Einige Tauſend Schritte aber von dieſem Geſchäftslokal in das Land zurück ſtellte er auf dem höchſten Punkte, einige Hundert Fuß über dem Spiegel des Golfs erhaben, ſein Wohngebäude auf. Dieſes beherrſchte nicht allein die Ausſicht über das Meer, es geſtattete auch einen freien Blick auf viele Meilen weit in das Land hinein, welches ſich wie ein grüner, mit tauſendfarbigen Blumen geſchmückter Tep⸗ pich vor ihm ausbreitete und nur hier und dort in ma⸗ leriſcher Abwechſelung größere und kleinere Baumgrup⸗ pen wie Inſeln im grünen Meere zur Schau trug. Die Niederlaſſung ſtieg wie durch einen Zauberſchlag über dem bis jetzt friedlich ſtillen Ufer empor, auf welchem noch vor kurzem der Büffel und die Antilope ungeſtört geweidet hatten, die neue Straße bis zu Morgan's Werft begann ſich zu beleben und die Schiffe ſchnitten ihre ſcharfen Furchen durch die Wogen, um zu demſelben zu gelangen und dort ihre Segel einzuziehen. Harry war, wie in Neuorleans, ſo auch hier die Seele von Morgan's Geſchäftzangelegenheiten; unter ſeinen raſchen, treffenden Anordnungen und Verfügun⸗ gen war die Anſiedlung gegründet und ſeine Thätigkeit ſchuf bald einen lebendigen Geſchäftsverkehr mit dem Innern des Landes. Morgan beobachtete mit Freuden die Anſtrengun⸗ gen des ihm theuren jungen Mannes, nicht weil ſein Intereſſe dadurch ſo ſehr befördert wurde, nein, weil er ihn jetzt vor den Gefahren ſicher glaubte, welche ihn in der verführeriſchen Weltſtadt Neuorleans bedroht hatten, und weil er nun wieder mit Zuverſicht hoffte, ſeine eigene Zuukunft mit der Harry's in beglückender Weiſe in en⸗ gere Verbindung zu bringen. Die Bedenken, die ſich ihm bei den Aufmerkſamkeiten des jungen Mannes ge⸗ gen ſeine Tochter aufgedrängt hatten, waren verſchwun⸗ den und er gab ſich wieder freudig dem Gedanken hin, ſie als Gattin an deſſen Seite zu ſehen und beide die Früchte ſeines langjährigen thätigen Schaffens ge⸗ nießen zu laſſen. Harrh aber hatte nur in der Aufregung der Neu⸗ heit ſeines Wirkungskreiſes die Freuden des Lebens in Neuorleans vergeſſen; ſobald das neue Schaffen zu Ende ging und bei der Einfachheit des Geſchäfts ein täg⸗ liches Einerlei eintrat, begannen ihm die müßigen Stun⸗ den langweilig zu werden, er ſehnte ſich nach den auf⸗ regenden Genüſſen des bunten, rauſchenden Treibens in Neuorleans zurück, und weder Morgan's zunehmende Herzlichkeit und Freundſchaft, noch die ſeelenvolle Hin⸗ gebung ſeiner lieblichen Tochter konnten Harry's hoch⸗ fliegenden, raſtloſen Geiſt⸗für die verlorenen Freuden entſchädigen. Die glühenden Bilder aus den ſtürmiſchen Erlebniſſen ſeines Freundes Holcroft traten täglich rei⸗ zender vor ſeine Seele, das ſchale, abgeſchmackte Ein⸗ förmige ſeines gegenwärtigen Wirkungskreiſes widerte ihn immer unerträglicher an, und der Gedanke, daß er ſein Leben in ſo tödtlich langweiligen Verhältniſſen ver⸗ bringen ſolle, verfolgte ihn wie ein marterndes Geſpenſt. — Holcroft hatte einige Wochen vor ihm Neuorleans verlaſſen und zwar in einer geheimnißvollen, wie er ſagte, vielverſprechenden Unternehmung, er hatte ihm aber ſcheidend feſt zugeſagt, ihn in Texas aufzuſuchen, ſobald er glücklich von ſeinem Ausflug zurückgekehrt ſein würde. Ein Jahr war verſtrichen, Holeroft war nicht er⸗ ſchienen. Auch das zweite Jahr neigte ſich ſeinem Ende zu, ohne daß ein Lebenszeichen von dem Sklavenhändler aufgetaucht wäre, doch kein Tag verging, an dem Harry ſich nicht deſſen Verſprechen in das Gedächtniß zurück⸗ rief, ihn gelegentlich an einer Fahrt nach Afrika Theil nehmen zu laſſen. Hätte er nur gewußt, wohin er an Holcroft ſchreiben könnte, die Gegend aber, nach welcher derſelbe gezogen, war ihm vollſtändig unbekannt geblie⸗ ben. Vergebens hatte Harry zu wieberholten Malen es verſucht, in Geſchäftsangelegenheiten nach Neuorleans zu reiſen, wo er hoffte, über ſeinen Freund Auskunft zu er⸗ halten. Morgan hatte es immer zu verhindern gewußt und die Geſchäfte ſchriftlich abgemacht, ja, er war ſelbſt einmal dorthin gereiſt, nur um ſeinen jungen Schützling von dem verführeriſchen Leben in jener Stadt fern zu halten. So ſchwand für Harry mehr und mehr die Hoff⸗ nung, Holcroft jemals wiederzuſehen; um ſo häufiger aber wurden ſeine Vergleiche zwiſchen deſſen reizendem, abenteuerlichem Leben und dem troſtloſen Einerlei ſeines eigenen, in welchem er ſich vorkam wie ein Gefangener, der in ſeinem Kerker nach und nach elend zu Grunde gehen müſſe. Es war ihm oft, als könne er dieſe Feſ⸗ ſeln nicht länger tragen, als müſſe er hinaus in die Welt, um dort ein großes Spiel zu wagen. In dieſer Stimmung empfing er eines Morgens von Morgan den Auftrag, nach Galbeſton hinüberzufah⸗ ren und daſelbſt Waarenſendungen von Neuyork und Neuorleans in Empfang zu nehmen, und da ihm jede Gelegenheit willkommen war, eine Abwechſelung in ſein Leben zu bringen, ſo athmete er auch diesmal hoch auf und eilte ſchnell an Bord des Segelſchiffchens, welches ihn nach der Inſel hinübertragen ſollte. Die Segel blähten ſich über Harry, er ließ den Wind mit ſeinen Locken ſpielen und ſchaute nach der Niederlaſſung Mor⸗ gan's mit dem Wunſche zurück, daß er ſie niemals wie⸗ derſehen möge. Der Wind war friſch, das leichte Fahr⸗ zeug glitt eilig über die klaren Wogen, und ſchon nach wenigen Stunden ſchaukelte es ſich an dem Werfte der Stadt Galveſton. Harry begab ſich ſofort zu dem Spe⸗ diteur, bei welchem die Güter lagerten, ordnete ſchnell ſein Geſchäft mit demſelben und ging dann, um ſich nach einem Pferde umzuſehen, welches ihn hinaus auf die Farm tragen ſollte, wo ſeine Mutter und ſeine Ge⸗ ſchwiſter wohnten. Es gelang ihm bald, ein ſolches zugeſagt zu be⸗ kommen, doch da das Thier in der Weide ging und erſt geholt werden mußte, ſo wanderte Harry in der ſandigen Straße hinauf nach einem Hotel, um ſich dort etwas zu erfriſchen und das Roß zu erwarten. Sein Weg führte ihn an einem Trinkhaus vorüber, und als er an deſſen Veranda vorbeiſchritt, legte ihm plötzlich Jemand die Hand auf die Schulter. Er blickte ſich um, und wer beſchreibt ſein Erſtaunen, ſeine Freude, als er Holeroft vor ſich ſah. „Holeroft! Holeroft! Iſt es möglich? Sind Sie es wirklich?“ rief Harrh außer ſich und ſchüttelte dem Sklavenhändler wieder und wieder die Hand. „Ich mußte ja Wort halten, wenn ich lebendig dies Land wieder betrat“, entgegnete dieſer, gleichfalls er⸗ freut, und führte Harrh in die Schenke, um das Wie⸗ derſehen durch einen guten Trunk zu feiern. „Aber, was Teufel, wo haben Sie denn die furcht⸗ bare Narbe über dem Mund erhalten? Im erſten Augenblick machte ſie mich zweifeln, ob Sie es wären oder nicht“, ſagte Harrh, nachdem ſie beide ihre Gläſer geleert hatten. „Ein kleines Andenken an einen entſcheidenden Augen⸗ 173 blick, und da derſelbe zu meinen Gunſten entſchied, ſo iſt mir die Narbe nicht unangenehm. Am Trinken, wie Sie ſehen, hindert ſie mich nicht, und die Küſſe der Schönen macht ſie nicht weniger warm, denn der muthige Mann ſteht hoch bei den Weibern“, antwortete Holcroft lachend und ſchob ſeinem jungen Freunde die Flaſche mit Cognac zu, damit er ſein Glas wieder fülle Dann fuhr er fort: „Aber auch ich hätte Sie beinahe nicht erkannt, Williams; Sie haben ja einen famoſen Bart bekommen. In dieſem halbwilden Texas freilich wird er Ihnen wenig Freuden verſchafft haben, aber kämen Sie damit nach Neuorleans, bei Gott, mancher Schönen würde es in den Fingern kitzeln, mit dieſen glänzenden Locken zu ſpielen! Auf das Wohl der Mädchen und Frauen! Sie ſind die Würze unſeres Lebens, der Balſam für ſchmerzliche Wunden, die uns das Schick ſal ſchlägt.“ Bei dieſen Worten Holcroft's erhoben beide die Gläſer, verneigten ſich gegenſeitig und leerten den In⸗ halt bis auf den letzten Tropfen. Darauf nahm der Sklavenhändler den Arm Harry's in den ſeinigen und ging mit den Worten mit ihm in die Straße hinaus: „Wir haben viel mit einander zu ſprechen, Williams. Laſſen Sie uns eine Promenade nach dem Strande ma⸗ chen, die Seeluft iſt kühl und erfriſchend, und ich fühle 174 mich dort mehr in meinem Elemente als hier in dem Sandſtaub zwiſchen den ſonnedurchglühten Häuſern.“ Sie hatten bald die Stadt hinter ſich und folgten einem Fußpfad, der durch die üppige Grasebene nach den hohen ſandigen Dünen führte. „Es gibt doch nichts Schöneres, nichts Kräftigende⸗ res als das Meer!“ ſagte Holeroft, indem er auf der Höhe des Sandbergs ſtehen blieb und über den Golf hinzeigte, deſſen ſchaumgekrönte Wogen dem Strande rauſchend zujagten und brauſend und ziſchend auf dem⸗ ſelben vergingen.„Das Meer iſt das wahre Bild der Freiheit. Dort gibt es keine Grenzen, keine Landſtraßen, die uns die Wege vorſchreiben, und wir hinterlaſſen keine Fährte, die verräth, woher wir kamen. Ich habe Ihrer recht oft auf meiner letzten Fahrt gedacht, Wil⸗ liams.“ Hierbei ſchritt Holeroft mit Harrh den Hügel hinab auf den ſpiegelglatt gewaſchenen feſten feuchten Sand bis an die Meeresgrenze, welche die vor ſeinen Füßen erſterbenden Wellen beſchrieben. „Auch ich habe an Sie gedacht, Holcroft, ja, Sie ſind mir in letzter Zeit keinen Augenblick aus dem Gedächtniß gekommen“, entgegnete Harry, den Arm des Sklavenhändlers nehmend.„Ich verzweifelte ſchon daran, Sie jemals wiederzuſehen. Meine Verhältniſſe, ſeit wir von einander ſchieden, waren unerträglich, die lange Weile hat mich faſt getödtet.“ „So wäre Ihnen vielleicht ein Vorſchlag zu einem freiern, ungebundenern Leben willkommen. Wie wäre es, wenn wir einen Ausflug zuſammen machten?“ fiel Holeroft aufmunternd ein. „Darauf habe ich wahrlich zu lange gewartet, um mich noch zu beſinnen; ich gehe mit Ihnen, und ginge es an das Ende der Welt“, antwortete Harrh raſch und ſah ſeinem Gefährten entſchloſſen in die Augen.„Voraus⸗ geſetzt, daß ich Geld dabei verdienen kann, denn Geld iſt die Quelle alles Glücks“, fügte er noch halb fra⸗ gend hinzu. „Verſteht ſich von ſelbſt. Glauben Sie denn, daß ich mir eine ſolche Narbe über die Lippen nicht theuer bezahlen ließe? Geld iſt die Loſung, wofür wir im ſchlimmſten Falle unſer Leben einſetzen, welches ohne Geld doch nichts werth iſt. Hier iſt meine Hand. Williams, ſchlagen Sie ein: auf Treue im Glück und im Unglück.“ Mit dieſen Worten hielt der Sklavenhändler ſeinem jungen Gefährten die Hand entgegen, und dieſer ſchlug ein und ſagte mit aufleuchtendem Blick:„Treue bis in den Tod!“ „Nun hören Sie“, begann Holeroft wieder, indem er an dem im Sande vergehenden Schaum der Wellen weiterſchritt.„Von Braſilien aus hatte ich zwei Rei⸗ ſen nach der Küſte von Afrika gemacht und zwei La⸗ dungen Neger glücklich dorthin geführt, wodurch mir ein anſehnliches Vermögen zu Theil wurde. Ich war Willens, damit nach Neuorleans zurückzukehren und einige Jahre von meinem Fett zu zehren, die Unterneh⸗ nehmer aber in Braſilien, für welche ich die Fahrten gemacht hatte, überredeten mich, noch einmal dem Glück die Hand zu bieten, und ich ließ mich darauf ein. Die Reiſe ging abermals erwünſcht von ſtatten, ich nahte mich mit einer vollen Ladung Afrikaner der Küſte von Braſilien, als eine engliſche Corvette mich bemerkte und Jagd auf mich machte. Von Widerſtand gegen dieſes Schiff konnte keine Rede ſein, ich floh, erkannte aber bald, daß ich ihm nicht entrinnen könne. Die Nacht kam mir zu Hülfe, ich verließ mit meiner ganzen Mann⸗ ſchaft unter dem Schleier der Dunkelheit in Booten meinen Schooner, gab dem Engländer Schiff und La⸗ dung preis und erreichte glücklich die Küſte. Dieſer Verluſt nahm mir wieder den größten Theil meines gewonnenen Geldes, und vor der Hand, ſolange dieſer Kreuzer an der Küſte lag, durfte man keine neue Unterneh⸗ mung wagen. Ich entſchloß mich daher, einen Abſtecher nach den Vereinigten Staaten und hierher zu machen, nahm von meinen Geſchäftsfreunden in Braſilien mit der Zu⸗ 177 ſicherung Abſchied, nach einiger Zeit zu neuen Unter⸗ nehmungen zu ihnen zurückzukehren, und hier bin ich nun, um mein Verſprechen zu halten und Sie zu meinem fliegenden Kapitän zu nehmen.“ „Zum fliegenden Kapitän?“ rief Harry hell aufla⸗ chend.„Zu welcher Rangordnung gehört denn dieſe Würde?“ „Das iſt leicht erklärt“, antwortete Holcroft.„Das Sklavenſchiff bedarf zweier Kapitäne; der eine iſt der wirkliche Führer des Schiffs, welcher von der braſilia⸗ niſchen Marine ſeine Papiere erhält, um nach Afrika und zurück zu ſegeln. Da die Regierung ſelbſt den Skla⸗ venhandel als vortheilhaft für ihr Land heimlich unter⸗ ſtützt, ſo iſt von ſeiten eines ihrer Kreuzer nichts zu fürchten. Gegenüber einem fremden Kriegsſchiff aber be⸗ darf es eines zweiten Kapitäns, welcher durch den amerikaniſchen Conſul in Braſilien ſeine Papiere erhält, um nach der Küſte von Afrika zu ſegeln und dort eine Ladung Palmöl, Goldſtaub und Elfenbein einzunehmen. Dieſen Kapitän nennen wir den fliegenden, weil er dann nur in ſeiner Würde erſcheint, wenn das Schiff von ei⸗ nem fremden Kreuzer angeſprochen wird. Da haben Sie nun Aufklärung über Ihren Rang und Ihre Stellung, die Ihnen hoffentlich wenig Mühe machen, doch nach ei- ner glücklichen Fahrt wohl zehntauſend Dollars als Ihren Antheil an der Ladung abwerfen wird.“ Armand, Saat und Ernte. L.. 178 „Vortrefflich; ich werde meinem Amte Ehre zu machen ſuchen. Wann ſollen wir reiſen?“ fiel Harry ein. „So bald als möglich. Morgen gegen Abend wird ein Schooner von hier nach Neuorleans unter Segel ge⸗ hen, und es wäre gut, wenn wir mit ihm führen. Warum ſollen wir länger in dieſem elenden Neſte unſere ſchöne Zeit vergeuden? Eine Stunde in Neuorleans wiegt eine Woche in Texas auf“, verſetzte der Sklavenhändler. „So will ich mich ſofort nach San Jacintobai überfahren laſſen und mit Morgan abrechnen, dann bin ich morgen frühzeitig wieder hier“, entgegnete Harrh, und die neuen Verbündeten lenkten ihre Schritte ſogleich nach der Stadt zurück. Harry mußte ſeinen Freund in das Gaſthaus begleiten, um dort mit ihm zu ſpeiſen, und die Stunde, welche ſie dabei verbrachten, ſchwand in Luſt und Scherz. Champagner ſteigerte ihre heitere Stimmuug, und als Holcroft ſeinen Gaſt nach dem Boote geleitete und dort auf baldiges Wiederſehen Abſchied von ihm nahm, ſtellte er noch eine Flaſche des ſchäumenden Weins für ihn in das Schiff, um ihn damit in guter Laune zu erhalten.. Siebentes Kapitel. Die Sonne war im Scheiden, als Harrh vor dem Geſchäftslokal Morgan's auf das Werft ſprang und den Schiffer verabſchiedete. Der alte Neger, der vor dem⸗ ſelben auf einer leeren Kiſte geſeſſen und des jungen Herrn Rückkehr erwartet hatte, kam ihm entgegen und meldete ihm, daß Herr Morgan ſchon nach dem Wohn⸗ gebäude hinaufgegangen ſei, und fragte ihn zugleich, ob er das Haus verſchließen ſolle. Harry aber ſandte den Schwarzen ſeinem Herrn nach mit dem Bemerken, daß er noch Einiges hier zu thun habe, jedoch bald nach⸗ folgen würde. Er trat in das Comptoir und blieb in der Mitte deſſelben ſtehen. Ein Gefühl der Wehmuth überſchlich ihn, es war ihm, als winkten ihm die Seſ⸗ ſel, die Pulte, die Bücher Lebewohl zu, und ſeit langer Zeit zum erſten Male wieder war ihm das Zimmer, in dem er ſich wie in einem Kerker eingeſchloſſen gefühlt hatte, lieb und traut. Er ſelbſt hatte es ja geſchaffen, hatte es nach 12½ 180 eigenem Gefallen eingerichtet und den größten Theil der Arbeit darin gethan. Es war ihm leid, Abſchied davon zu nehmen, und mit einem Anflug von Unentſchloſſen⸗ heit ſetzte er ſich auf ſeinen Seſſel und öffnete ſein Pult. Er nahm Privatbriefe und Papiere aus ihm hervor, ſteckte einige derſelben in ſeine Bruſttaſche und legte die übrigen in das Kamin, wo er ſie verbrannte. Dann kehrte er an ſein Pult zurück und machte einen Auszug aus dem Hauptbuch von ſeiner eigenen Rech⸗ nung mit Morgan. Dieſelbe ſtand nicht ſehr günſtig, denn es kamen ihm nur noch vierhundert Dollars zu gute.. „Vierhundert Dollars!“ ſagte er halblaut.„Und was habe ich für das ausgegebene Geld gehabt? Ich habe nur die Langeweile damit zu tödten geſucht und bin doch keinen Tag ohne dieſelbe geblieben. Fort, fort aus dieſem troſtloſen Kerker, in dem ich wie der Eſel in einer Mühle gehe und ſchließlich nur genug ver⸗ diene, um meinen Hunger zu ſtillen!“ Bei dieſen Worten ſprang er auf, ſchlug das Pult zu und verließ mit ſeinem Rechnungsauszug in der Taſche das Haus. Er verſchloß daſſelbe und ging nun raſchen Schrittes den Berg hinauf nach dem Wohngebäude, feſt entſchloſſen, ohne Wanken mit Morgan abzurechnen und morgen früh deſſen dns ſu immer zu verlaſſen. N. — Als er die Treppe vor der Veranda erſtieg, erblickte er in dem Düſter, welches ſchon darunter herrſchte, die Familie Morgan, welche ſich erhob und ihm mit freund⸗ lichem Willkommen entgegeneilte. „Sie kommen ſpät, lieber Williams; es iſt Ihnen doch kein Unfall begegnet?“ ſagte Herr Morgan, indem er ihm die Hand reichte. „Wir fingen an beſorgt um Sie zu werden“ fiel deſ⸗ ſen Gattin ein;„Eliza aber hat Sie zuerſt kommen ſehen, ſie hatte ſich das Fernglas geholt und erkannte Sie in dem Schiffchen, ſchon als Sie in die Bai einfuhren.“ Madame Morgan hatte ihm die Hand gedrückt, als auch deren Tochter Elizu ihm die ihrige gab und halb ſcherzend, halb ernſt zu ihm ſagte: „Sie haben in Galveſton vor lauter Geſchäften keine Zeit gehabt, an uns zu denken, ſonſt wären Sie nicht ſo lange ausgeblieben; oder thaten Sie es, um zu ſehen, ob wir uns recht um Sie ängſtigen würden?“ „Nein, wirklich, Fräulein Eliza, die Geſchäfte hiel⸗ ten mich zurück“ entgegnete Harry verlegen und wandte ſich dann mit einer halben Entſchuldigung nach dem Ein⸗ gang des Hauſes, weil die Freundlichkeit, mit der man ihn behandelte, ſeine Verlegenheit von Minute zu Mi⸗ nute ſteigerte. „Bleiben Sie nicht zu lange auf Ihrem Zimmer 182 Williams, das Eſſen wird ſogleich bereit ſein“, rief ihm Madame Morgan noch nach, als er in dem Corridor verſchwand. Es lag ihm auf der Seele, als ob er ein Verbrechen begangen habe oder begehen wolle, er eilte in ſein Zimmer, warf den Hut und aus ſeiner Taſche die Papiere auf den Tiſch und ging dann geſenkten Hauptes in der Stube auf und ab. „Nein, nein— was helfen mir alle die freundli⸗ chen Worte“, ſagte er, plötzlich ſtehen bleibend.„Man fühlt, daß man mich im Geſchäft nicht entbehren kann, und da ſollen die Artigkeiten mich halten und bezahlen! Ich habe lange genug für Sie gearbeitet, Herr Morgan, nun will ich einmal für mich ſelbſt ſorgen!“ Bei dieſen Worten trat er nach dem Spiegel hin und fuhr ſich mit der Hand durch ſeine prächtigen Locken; da fiel ſein Blick auf einen friſchen Blumen⸗ ſtrauß, der vor dem Spiegel ſtand und den er in dem Düſter nicht ſogleich geſehen hatte. Er fuhr zuſammen und ſah den Strauß einige Augenblicke unbeweglich an, dann nahm er ihn mit dem Glas, in dem er ſtand, und trug ihn in die Helligkeit an das Fenſter. Es war Eli⸗ za's Glas, Harry erkannte es ſogleich, und als er den Strauß näher betrachtete, bemerkte er ein Papier, wel⸗ ches aus demſelben hervorſah. Schnell zog er es her⸗ aus, ſah im Entfalten deſſelben, daß es beſchrieben war, 183 und las:„Wie kannſt Du uns Blumen ſo lange auf Dich warten laſſen, wir geben ja gern unſer Leben hin, um Dich zu erfreuen!“ Harry war tief ergriffen, er ſtand regungslos mit den Blumen und dem Papier in der Hand und ſchaute auf ſie nieder, da trat plötzlich das Bild Holeroft's vor ſeine Seele, er ſah ſich mit ihm auf den Wogen des weiten Oceans und dachte an das ungezählte Gold, wel⸗ ches ſie gewinnen würden. „Thorheit“, ſagte er,„dieſe Spielereien ſind zu Ende, die Langeweile ſoll mich nicht mehr plagen!“ Dabei ſtellte er das Glas mit den Blumen ent⸗ ſchloſſen wieder vor den Spiegel, ſchob das Papier in ſeine Taſche und verließ ſeine Stube. In dem Augen⸗ blick, als er in das Speiſezimmer trat, erſchien von der andern Seite her Eliza mit zwei Lichtern in den Hän⸗ den und hielt ihre großen dunklen Augen zwiſchen den⸗ ſelben durch mit ſtrahlendem Blick auf Harrh geheftet, dieſer aber wich ihnen aus und ſchaute durch das Fen⸗ ſter nach dem Abendhimmel, deſſen feuriges Roth ſich von Minute zu Minute verdunkelte. „Haben Sie die Waaren alle in gutem Zuſtand vor⸗ gefunden, lieber Williams?“ fragte ihn Morgan, der ſeiner Tochter in das Zimmer gefolgt war. „In beſter Beſchaffenheit, Herr Morgan; mit der 184 erſten Schiffsgelegenheit werden ſie hierher verladen wer⸗ den“ entgegnete Harrh kalt, ſodaß der Ton, mit dem er es ſagte, nicht allein Morgan, ſondern noch mehr deſſen Tochter auffiel, die ſich halb erſchrocken von dem Tiſch, an welchem ſie beſchäftigt war, nach ihm umſah. „Wenn es gefällig iſt, ſo laßt uns unſer Abendbrod einnehmen“ ſagte Madame Morgan in dieſem Augen⸗ blick, und alle traten an den Tiſch, verrichteten ein ſtum⸗ mes kurzes Gebet und nahmen dann ihre gewohnten Plätze ein. Während mehrerer Minuten herrſchte ein unheim⸗ liches Schweigen und alle beſchäftigten ſich mehr wie gewöhnlich mit der Mahlzeit ſelbſt. Morgans ſämmt⸗ lich fühlten, daß Harry anders gegen ſie geſtimmt war als ſonſt, und zwar weniger freundlich, und ſie dachten hin und her, was wohl die Urſache davon ſein könne. Für Harry war deren Ernſt angenehmer als deren gewohnte herzliche Freundlichkeit; er fühlte, daß es ihm in ſolcher Stimmung leichter werden würde, mit ihnen zu brechen, und ſo blieb er ſtumm und hielt ſeinen Blick auf ſeinen Teller gerichtet. Madame Morgan aber unterbrach die Pauſe, indem ſie Harrh fragte, ob er ſeine Mutter und Geſchwiſter beſucht und ob er ſie wohl angetroffen habe. „Es fehlte mir die Zeit dazu und außerdem war zufällig kein Pferd zu haben, um darauf hinauszurei⸗ 185 ten“, antwortete er und machte ſeiner Rede dadurch ſchnell ein Ende, daß er die Taſſe zu ſeinen Lippen erhob. Madame Morgan verſuchte es wieder und wieder, durch Fragen die Unterhaltung zu beleben, Harrh wurde dadurch nur noch mehr in ſeiner Wortkargheit beſtärkt. Eliza war ſtumm und ſah nur von Zeit zu Zeit flüchtig nach ihm hin mit einem Blick, der ihm ihr Erſtaunen, ihre Angſt ausſprach, und Morgan ſaß in Gedanken verſunken und rollte eine Brodkugel zwiſchen den Fin 5 gern. Um alle dieſer peinigenden Stimmung zu ent⸗ reißen, erhob ſich Madame Morgan zuerſt und verließ dann mit ihrer Tochter das Zimmer. „Es iſt Ihnen etwas Unangenehmes widerfahren, lieber Williams“, hob Morgan zu dieſem gewandt an; „was es aber auch ſein mag, ſo wiſſen Sie doch, daß Sie keinen treuern Freund haben, als ich es Ihnen bin, und daß Ihnen Niemand näher ſteht als ich; darum müſſen Sie mir aber auch vertrauen und mir gerade heraus ſagen, wo es Ihnen fehlt und wie ich Ihnen dabei helfen kann.“ Harry hatte ſeine vollſtändige Faſſung wieder in dem Augenblick, als die Damen das Zimmer verließen, er ſchob ſeine Rechte in ſeinen Buſen, ſchaute Morgan mit der größten Ruhe in die Augen und ſagte: 186 „Herr Morgan, nur wir ſelbſt können darüber ent⸗ ſcheiden, ob uns im Leben eine Stelle zuſagt oder nicht; ich für meine Perſon bin jetzt nach langem Zögern zu der Ueberzeugung gekommen, daß die meinige durchaus nicht für mich paßt, und darum habe ich beſchloſſen, ſie aufzugeben. Ich werde morgen früh nach Galbeſton und morgen Abend von da nach Neuorleans fahren.“ Morgan ſchrak zurück, als wenn der Blitz vor ihm eingeſchlagen hätte, er ſah Harry an, als wolle er ſich noch überzeugen, ob derſelbe wirklich ihm dieſe Mitthei⸗ lung gemacht habe, als traue er ſeinen eigenen Ohren nicht, Harrh's Züge aber zeigten unberändert dieſelbe Ruhe, mit der er geredet hatte. „Iſt das wirklich Ihr Ernſt, Williams, was Sie mir geſagt haben?“ begann Morgan endlich, ſich nach und nach wieder ſammelnd.„Iſt das Ihr Ernſt, Herr Williams?“ fragte er nochmals, aber mit viel feſterer Stimme, und heftete ſeinen ſtrafenden Blick auf den⸗ ſelben. „Mein vollſter Ernſt, Herr Morgan“, tele Harry ebenſo ruhig. Dieſe Antwort erſchütterte Morgan ſchtbarlich noch mehr als die erſte, im nächſten Augenblick aber kam eine eiſige Ruhe über ſein Aeußeres, er richtete ſich hoch auf und ſagte: 187 „So danke ich Ihnen in meinem und in der Mei⸗ nigen Namen für dieſen Ihren Beſchluß. Ich habe durch⸗ aus nichts dagegen einzuwenden, muß aber auf das ernſteſte eine Bitte an Sie ſtellen, die, daß Sie mei⸗ nen Damen nicht eine Silbe davon wiſſen laſſen. Gehen Sie jetzt auf Ihr Zimmer, morgen früh rechnen wir ab, und dann ſchiffen Sie ſich ein, ohne von meiner Frau oder meiner Tochter Abſchied zu nehmen. Es iſt dies eine Rückſicht, die Sie mir und den Meinigen ſchuldig ſind und die ich auf das beſtimmteſte von Ihnen verlange. Schlafen Sie wohl.“ Bei dieſen Worten machte Morgan eine kalte Ver⸗ beugung und wandte ſich dann von Harry ab, welcher raſch das Zimmer verließ und nach ſeiner Stube ging. Harry's beſſeres Gefühl ſträubte ſich gegen ſeine Handlung, vergebens bekämpfte er die innere Stimme, die ihm ſchmählichen Undank gegen Morgan und ab⸗ ſcheuliche, grauſame Herzloſigkeit gegen deſſen Tochter vorwarf, und umſonſt ſuchte er dieſe Vorwürfe dadurch von ſich zu weiſen, daß er ſeine Verdienſte für die Fa⸗ milie aufzählte; er fühlte ſich vor ihr herabgewürdigt und verächtlich und verlangte nach dem Augenblick, wo er ſich deren Geſichtskreis für immer entziehen würde. Er verbrachte eine ſchlafloſe Nacht; bei dem erſten Ta⸗ geslicht verließ er ſein Lager, packte ſeinen Koffer und 188 ſah dann mit Beklommenheit und Widerwillen der Frühſtückszeit entgegen, wo er noch einmal ſeinen ge⸗ wohnten Platz an dem Tiſch einnehmen mußte. Unruhig ſchritt er im Zimmer auf und nieder, legte ſich in das Fenſter und blickte über die See oder warf ſich auf ſein Bett und ſchloß die Augen, bis endlich der Neger in ſein Zimmer trat und ihn zum Frühſtück rief. Zu⸗ gleich ſagte derſelbe, daß Herr Morgan ihm befohlen habe, die Sachen des Herrn Williams nach dem Lager⸗ hauſe zu tragen, worauf Harrh dem Diener ſein Gepäck übergab, nochmals vor den Spiegel trat und dann mit möglichſt gleichgültiger Miene hinunter in das Speiſe⸗ zimmer ging. Der früher immer ſo heitere herzliche Wrenhe blieb heute allen halb auf den Lippen zurück, eine pei⸗ nigende Stille herrſchte bei Tiſche, und kaum hatte Harry ſein Frühſtück eingenommen, als Herr Morgan ſich er⸗ hob und jenem einen Wink gab, ihm zu folgen. Beide verließen raſch das Zimmer und begaben ſich nach dem Geſchäftsgebäude hinunter. „Haben Sie Ihre Rechnung in meinem Buche ab⸗ geſchloſſen, Herr Williams?“ fragte Worgan dieſen, als ſie in dem Comptoir anlangten. „Ja wohl, Herr Morgan, hier iſt eine Abſchrift davon“, entgegnete Harrh kurz und reichte jenem den 189 Auszug hin, den er am Abende vorher gemacht hatte. „Hiernach haben Sie noch vierhundert und zehn Dollars von mir zu fordern“, ſagte Morgan, das Pa⸗ pier überblickend, zog eine Brieftaſche aus ſeinem Rock und nahm Banknoten zu dieſem Betrag aus derſelben hervor, die er Harry mit den Worten reichte: „Hier iſt das Geld und unſere Rechnung iſt ſomit für immer geſchloſſen. Mein Neger hat Ihre Effecten bereits in das Boot getragen welches Ihrer wartet Herr Williams.“ Hiermit deutete Morgan ihm mit einem Blick nach der Thür an, daß er ſich entfernen möge, und Harry folgte der Aufforderung. „Leben Sie wohl, Herr Morgan“, ſagte er im Gehen, dieſer aber gab ihm keine Antwort darauf. Das Gefühl der tiefen Herabſetzung und Demüthi- gung, womit Harrh das Haus verließ und nach dem Werfte ging, ſuchte er zu bewältigen und zu verbergen, indem er den Arm keck in die Seite ſetzte und den ſeidenen Handſchuh in ſeiner Rechten ſpielend durch die Luft ſchlug, es war ihm aber, als ob ihn die Scham erdrücken wolle, als er an dem alten Neger vorüber⸗ ſchritt und dieſer ihn verwundert anſchaute. Schnell ſprang er in das Boot, ſtieß es ſelbſt vom Werfte ab 190 und warf ſich auf die Bank am Ruder nieder, während der Schiffer das Segel dem Winde preisgab und der Nachen eilend das Ufer verließ. Holcroft harrte am Strande, als ſein junger Ver⸗ bündeter ſich demſelben nahte, und winkte ihm ſchon von weitem ſein Willkommen zu. Indem das Boot lan⸗ dete, reichte er Harry die Hand und ſagte: „War ich doch wahrlich in Zweifel, ob Sie ſo bald kommen würden. Nun, Glück auf, der erſte Schritt in das neue Leben iſt gethan!“ „Man hat es mir ſchwer genug gemacht. Morgan wollte mich durchaus nicht gehen laſſen, er bot mir höhern Gehalt, bot mir dann Theil in ſeinem Geſchäfte an und wollte mich ſchließlich noch zu ſen Schwie⸗ gerſohne machen, ich aber blieb feſt und ging“, verſetzte Harry mit ſtolzem Tone und ſchüttelte dem Sklaven⸗ händler die Hand. „Recht haben Sie gethan, Williams. Ein Mann von Ihren Fähigkeiten iſt nicht geboren, um da⸗ mit andern Leuten ein angenehmes, ſorgenfreies Leben zu erarbeiten, ſeine Ueberlegenheit über den großen Hau⸗ fen berechtigt ihn, auf Koſten deſſelben ſich ſelbſt ein ſolches zu verſchaffen und die Freuden zu genießen, die uns in ſo reicher Fülle geboten werden. Nun fort von dieſem elenden Platze! Heute Abend bei Sonnen⸗ 191 untergang lichtet jene Brigg dort die Anker, und ſie wird uns hoffentlich übermorgen wohlbehalten in Neu⸗ orleans an das Land ſetzen; dort blüht unſer Weizen!“ Hiermit reichte Holeroft ſeinem jungen Freunde den Arm, ſagte dem Schiffer, daß er das Gepäck des Herrn Williams würde abholen laſſen, und ſchritt mit dieſem nach dem nächſten Trinkhaus, um auf die ſchöne Zukunft ein Glas zu leeren. Harry theilte dem Sklavenhändler dort mit, daß er nothwendig ſeiner Mutter einen Beſuch machen und Abſchied von ihr nehmen müſſe, da die Zeit ſeiner Rückkehr hierher ſo ſehr unbeſtimmt ſei, worauf Holcroft ſich erbot, ihn dorthin zu begleiten. Sie ver⸗ ſchafften ſich ein Cabriolet, und ehe eine halbe Stunde verſtrich, fuhren ſie in fliegendem Trabe auf dem glatten Meeresufer dahin, ſodaß oft der Schaum der Wogen durch die Räder des leichten Fuhrwerks ziſchte. Madame Williams vernahm mit großem Leidweſen die Trennung ihres Lieblings von der Familie Morgan, zumal da Harry ihr ſagte, er habe eine Stelle in Neu⸗ orleans angenommen. Die glänzenden Ausſichten aber, die ſeiner Verſicherung nach dort ſeiner harrten, beru⸗ higten ſie einigermaßen, und als er nach kurzem Zu⸗ ſammenſein von ihr ſchied, gab ſie ihm ihren Segen mit auf den Weg. Noch vor Untergang der Sonne kehrte er mit 192 Holeroft nach Galveſton zurück, zeitig genug, um ſich an Vord der Brigg zu begeben, die ſie nach Neuorleans tragen ſollte. Ihre Reiſe ging raſch und glücklich von ſtatten, denn am dritten Morgen erwachten ſie vor dem Werfte dieſer Stadt, wo ihr Schiff in der Nacht an⸗ gelegt hatte. Ihre Ueberſiedelung von Bord der Brigg nach dem St.⸗Charleshotel wurde ſofort bewerkſtelligt, ſodaß ſie ihr heutiges Frühſtück ſchon in dieſem Hauſe der Pracht und des üppigſten Wohllebens verzehrten. Harry hatte das Ziel ſeiner Sehnſucht erreicht, er war wieder in dem Orte der Freude, der Luſt einge⸗ kehrt, und mit vollen Zügen wollte er ſich deren Genuß hingeben, ehe er das Hazardſpiel ſeines vor ihm liegen⸗ den Lebens begänne. Darum ſchlug er ſeinem Freunde vor, das ſchon am folgenden Tage nach Rio Janeiro abgehende Paquetboot unbenutzt ſegeln zu laſſen und ſich erſt einige Wochen für vergangene und zukünftige Ent⸗ behrungen zu entſchädigen, wozu der Sklavenhändler freudig ſeine Einwilligung gab. Neuorleans befand ſich in ſeiner Glanzzeit. Es war gedrängt voll von Fremden aus allen Weltgegenden; das Geſchäft hatte ſeit Jahren nicht einen ſolchen Um- fang gehabt als in dieſem Winter, und wohl niemals waren die reichen Creolenfamilien aus dem Lande zahl⸗ reicher hier verſammelt geweſen als in dieſer Zeit. Pracht 193 und Reichthum glänzten in den Straßen und auf den Promenaden und Feſte und Luſtbarkeiten aller Art be⸗ wegten Nacht für Nacht die Stadt. Harrh Williams, aus frühern Zeiten der Liebling der ſchönen Welt, wurde von dieſer jetzt noch ſchöner, noch liebenswürdiger gefunden und durfte bei keiner Soirte, bei keinem Balle fehlen. Abends, wenn die Sonne ihre Kraft verlor, flog er in elegantem Cabriolet, von einem prächtigen Roß gezogen, mit einer der ſchönen Töchter der vornehmen, ihm befreundeten Familien auf der Muſchelſtraße hin, ging ſpäter mit ſeinen jungen Freundinnen im traulichen Lichte des Mondes auf dem herrlichen, viele Meilen langen Werfte an dem Ufer des Miſſiſſippi ſpazieren und beſuchte mit ihnen die Conditoreien, um ſie durch Eiscréme oder Sodawaſſer zu erfriſchen. Die ſpäte Nacht aber gehörte den Freuden, die er mit ſeinem Freunde Holeroft gemeinſchaftlich genoß und aus deren Zaubergewalt er wonnetrunken immer erſt gegen Morgen in das Hotel zurückkehrte. So verſtrichen einige Wochen, während welcher Harry nicht daran gedacht hatte, daß bei ſolchem Leben ſein geringer Kaſſenbeſtand nicht lange ausreichen würde; als er aber nun die letzte Fünfzigdollarsnote wechſelte, um zehn Dollars für einen Blumenſtrauß zu zahlen, den er einer Dame für den Ball an dieſem Abend zuſenden Armand, Saat und Ernte. I. 13 ₰. S wollte, da erſchrak er und die Frage, woher mehr Geld nehmen, drängte ſich ihm ſehr beunruhigend auf, denn Geld mußte er haben, ohne Geld konnte er ja an dieſem Orte nicht einen Tag leben! Sein erſter Gedanke bei dieſer Frage fiel auf Holeroft, doch unwillkürlich wich er vor deſſen Bild zurück. So ſehr befreundet und vertraut er auch mit dem Manne war, ſo lag doch etwas in deſ⸗ ſen Weſen, was ihm jede Bitte der Art an denſelben unterſagte. Deſſen eiſerne Selbſtſtändigkeit und Unab⸗ hängigkeit von der menſchlichen Geſellſchaft, die er nur zu beachten ſchien, um auf ihre Koſten ein genußrei⸗ ches Leben zu führen, ſowie deſſen kalte, gefühlloſe Be⸗ rechnung ſeiner Pläne und Unternehmungen ſtanden mit der Bereitwilligkeit, einem Andern aus einer Verlegen⸗ heit zu helfen, in ſo grellem Widerſpruch, daß Harrh ein ſolches Geſuch als vollſtändig zwecklos erkannte. Geld aber mußte er ſich verſchaffen, denn das nächſte Schiff nach Rio Janeiro ſollte erſt in acht Tagen ſegeln. Wo⸗ mit ſollte er während dieſer Zeit ſeine laufenden Aus⸗ gaben beſtreiten? Womit ſollte er ſeine bedeutende Rech⸗ nung in dem Hotel bezahlen und wie konnte er ohne Geld ſich für die bevorſtehende Reiſe ausrüſten? Unter ſeinen vielen Freunden und Bekannten hier in der Stadt war nicht einer, an den er ſich um ein Darlehen hätte wenden können, und nach Texas zu ſchreiben, wo er 195 ſolche Freunde beſaß, war unnütz, da die Zeit bis zu ſeiner Abreiſe eine Antwort von dort nicht mehr ermöglichte. Während er nun berechnete, wie lange ein Brief nach Galbeſton und von da in das Innere des Lan⸗ des unterwegs ſein würde, zog er ein Schreiben eines Freundes, der eine große Baumwollenplantage am Bra⸗ zosfluß beſaß, aus ſeiner Brieftaſche hervor. Dieſer Freund, einer der reichſten und bedeutendſten Männer in Texas, davon war Harry überzeugt, würde ihm mit Freuden die nöthige Summe vorſtrecken, wenn nur die Möglichkeit vorhanden geweſen wäre, noch zeitig deſſen Antwort zu erhalten. Dies war aber nicht der Fall, und einen Wechſel auf denſelben von Harry gezo⸗ gen konnte dieſer nicht für baar verkaufen. Seines Freun⸗ des Unterſchrift allerdings wäre baares Geld geweſen. Während Harrh nun noch hin und her dachte und berechnete, ob nicht doch eine zeitige Antwort zu erlan⸗ gen ſei, wenn der Brief von Galveſton aus durch einen expreſſen Boten befördert würde, hatte er unwillkür⸗ lich die Feder ergriffen und ſchrieb im Gedankenſpiel die Unterſchrift ſeines Freundes, die er in deſſen neben ihm liegenden Briefe vor Augen hatte, auf ein Blatt Papier. Er hatte ſie langſam nachgezeichnet, blickte ſi einen Angenblick an und in ſeinem Spiel fortfahrend, 196 ſchrieb er ſie noch einmal jlüchtiger darunter. Als ob ihm ſelbſt die Treue der Abſchrift auffalle, verglich er ſie wie erſtaunt mit dem Original und ſchrieb dann noch ſchneller eine dritte Copie darunter. So flog der Namenszug ſeines Freundes wieder und wieder und mit immer größerer Leichtigkeit aus ſeiner Feder auf das Papier, bis endlich zwiſchen dem Original und der Ab⸗ ſchrift auch nicht der unbedeutendſte Unterſchied mehr zu erkennen war. Harrh hielt inne und ſah feſten Blicks auf das Papier. Mit dieſer Unterſchrift, das wußte er, konnte er eine Note zu einem bedeutenden Betrag an irgend einen Geldwechsler hier verkaufen und ſein Freund, davon war er ja überzeugt, würde ihm gern das Geld vorſchießen! Was für ein Unterſchied war denn nun da⸗ bei, ob dieſer ihm das Geld ſchickte oder ob er daſſelbe ſich durch eine Note mit deſſen Unterſchrift verſchaffte? Er konnte es ihm ja ebenſo gut ſeiner geit zurückgeben, als ob er es ihm geſandt hätte. Daß ſein Freund die Note als eine gefälſchte nicht bezahlen und daß der Wechsler hier das Geld verlieren würde, das kam Harrh wohl in den Sinn, er hielt aber an dem Gedanken feſt, daß ſein Freund ihm gern helfen würde und daß es darum kein Unrecht ſei, ihm die Gelegenheit dazu zu geben. 197 Er ſtand auf und ſchritt im Zimmer auf und nie der, blieb aber jedesmal bei dem Tiſche ſtehen und blickte auf die nachgemachte Unterſchrift. Von Entdeckung konnte keine Rede ſein, ſein Freund ſelbſt mußte die Schrift für ſeine eigene halten. Warum noch zögern? Geld mußte Harrh ſich verſchaffen, die Noth, die Verhält⸗ niſſe zwangen ihn dazu. Entſchloſſen ſetzte er ſich jetzt an den Tiſch nieder, ſchrieb eine Note über neunhundert und ſiebzig Dollars und unterzeichnete ſie mit dem Na⸗ men ſeines Freundes, des reichen, hochangeſehenen Man⸗ nes in Texas. Die Fälſchung war ſoweit vollbracht, wie wenn man die Kugel in den Lauf geſtoßen hat, mit welcher man einen Mord begehen will. Harry faltete die Note zuſammen und legte ſie in ſeine Brieftaſche. Ueber die Art und Weiſe, wie er ſie einkaſſiren ſollte, war er noch nicht mit ſich einig. Nicht daß es ihm an Entſchloſſenheit gefehlt hätte, dies Geſchäft ſelbſt zu beſorgen, warum aber ſollte er ſich als den Verkäu⸗ fer angeben? Er ging im Laufe des Nachmittags einige Male an dem Hauſe des Geldwechslers vorüber, von dem er wußte, daß er für ſeinen Freund in Texas, deſſen Na⸗ men auf der Note ſtand, alle Geldgeſchäfte in dieſer 198 Stadt beſorgte, doch der Tag verſtrich, ohne daß er den Verkauf bewerkſtelligt hätte. Am folgenden Morgen aber begab er ſich mit der Note in der Hand raſch zu ſeinem Freunde Holecroft und ſagte, indem er ihm das Papier lachend entgegenhielt: 6 „Unverhofftes Glück, Holeroft! Da fliegt mir Geld zu, welches ich ſchon längſt als verloren aufgegeben hatte, welches mir aber im Augenblick ſehr willkommen er⸗ ſcheint. Es iſt eine alte Forderung, die ich meinem Freunde in Texas zum Einziehen übergeben hatte und wofür derſelbe mir ſo eben ſeine Note ſendet. Sie müſſen mir dieſelbe bei Henry Lee und Compagnie zu Gelde machen, da dieſe Leute mit meinem Freunde in Verbindung ſtehen.“ Der Sklavenhändler ſtutzte und heftete ſeinen ſchar⸗ fen Blick halb erſtaunt auf das Antlitz des jungen Man⸗ nes, indem er ſagte: „Ich? Warum wollen Sie es nicht ſelbſt thun?“ „Aus einem einfachen Grunde“, antwortete Harrh lachend;„weil ich dem Herrn Lee noch einige Hundert Dollars ſchulde, die ich ihm noch ein wenig länger ſchuldig bleiben möchte; wenn ich ſelbſt ihm die Note bringe, ſo zieht er mir dies ſein Guthaben an dem Be⸗ trage ab. Ob der Kerl jetzt oder in einem Jahr das Geld bekommt, macht ihm nichts aus, mir aber ſind die — —z——— — 199 paar Hundert Dollars im Augenblick ſehr angenehm. Es iſt ja eine kleine Mühe für Sie.“ „Der ich mich mit Freuden unterziehe“, entgegnete jetzt der Sklavenhändler heiter.„Geben Sie her, es iſt immer gut, mit Zahlen ſeiner Schulden auf ſich warten zu laſſen, bis man des Geldes ſelbſt nicht benöthigt iſt“ Hiermit nahm er die Note, ſetzte ſeinen Hut auf und eilte aus dem Zimmer. Harry aber legte ſich in das Fenſter und ſah ihm nach, bis er ihn an der näch⸗ ſten Straßenecke aus den Augen verlor. Dann ſchritt er, vor ſich hinſchauend, mit den Händen in den Rock⸗ taſchen im Zimmer auf und nieder und trat nach eiui- ger Zeit wieder an das Fenſter, um die Straße hin aufzuſehen. Nachdem er dies einige Male wiederholt hatte, blieb er im Fenſter liegen, um Holeroft's Erſcheinen zu erwarten. Gleich darauf trat derſelbe auch wieder in die Straße ein und nahte ſich dem Hotel in ſeinem gewohnten ruhigen, unbekümmerten Schritte. „Er hat das Geld!“ ſagte Harrh mit einem tiefen Athemzuge, als fiele ihm eine ſchwere Laſt von dem Herzen. Dann ging er in das Zimmer zurück, warf ſich nachläſſig in den Schaukelſtuhl, ſchlug das Bein über und ſchwang es ſpielend auf und nieder. „Verdammt warm“ ſagte der Sklavenhändler⸗ indem er in das Zimmer trat;„der Weg koſtet Ihnen heute Abend ein Flaſche Champagner.“ Dabei griff er in die Taſche und legte den Betrag der Note in Bankſcheinen mit den Worten auf den Tiſch: „So, nun mag Ihr Herr Lee mit ſeiner Forderung zum Teufel gehen. Es iſt doch gut, wenn man einen Freund hat.“ „Ich danke Ihnen, lieber Holeroft“, entgegnete Harry, ohne ſich aus ſeiner Lage zu erheben und ohne nach dem Gelde hinzuſehen.„Was fangen wir heute Abend an? Ich bin frei, wenigſtens bis jetzt habe ich noch keine Einladung erhalten.“ „So laſſen Sie uns eine Partie auf dem Miſſiſſippi hinauf nach Carrollton machen; in dem Gaſthaus bei dem Franzoſen finden wir elegante Bequemlichkeit und feine Bedienung; die Würze aber müſſen wir mitbringen. Was meinen Sie, wenn ich unſere ſchönen Freundinnen Seline und Miralda dazu einlüde?“ „Vortrefflich“, antwortete Harry,„und den nöthigen Champagner nehmen wir gleichfalls mit. Beſorgen Sie die Einladungen, ich werde mich nach einem paſſenden Boote umſehen.“ In Luſt und Freude ſchwanden Harrh und dem Sklavenhändler die Tage bis zu ihrer Abreiſe, welche ſie an einem heitern Morgen, vom herrlichſten Wind be. — — — 201 günſtigt, in einer ſchnellſegelnden Barke bewerkſtelligten. Von ſeinem weißen aufgeblähten Leinen überwölkt, zog das ſchöne Schiff ſtolz über die ſpielenden grünen Wo⸗ 3 gen des Golfs, und die beiden Reiſenden zählten die Tage, bis ſie Rio Janeiro erreichen würden, und bauten die kühnſten Luftſchlöſſer für ihre nächſte Zukunft. Wäh rend einer vollen Woche ſchaukelte ſich die Barke auf ihrem furchenloſen Wege dahin, kaum daß ihre Segel anders geſetzt worden wären, und wie auf einer Luſt⸗ fahrt erreichte ſie die Küſte von Südamerika. Plötzlich ————— aber an einem frühen Morgen zeigte ſich im Weſten ſchweres Gewölk am Himmel und ſtieg raſch und dro⸗ 2 hend an ihm auf. Mit den Wolken kam der Wind ge- zogen, die Wogen hoben ſich höher, ihre Häupter be⸗ deckten ſich dichter mit Schaum und die Barke begann heftig zu arbeiten. Sie wurde mehr und mehr ihrer Segel beraubt, bis ſie nur noch genug Leinen trug, um dem Druck des Steuers zu folgen. Es war ein ſchweres Wetter im Anzug. Der Kapitän ließ alle Vorbereitungen treffen, um dem nahenden Sturm zu begegnen, die Luken wurden dicht gemacht, die Anker in Bereitſchaft gehalten, das große Boot von unnöthigen Banden befreit und das Verdeck von Allem geſäubert, was ſchneller Bedienung des Fahrzeugs im Wege ſein konnte. Mit dem Unter⸗ gange der Sonne ſprengten die Elemente ihre letzten 202 Feſſeln und ein fliegender Orkan peitſchte über die Wo⸗ gen und trieb deren Giſcht heulend und pfeifend vor ſich her. Die gute Barke bäumte ſich hoch gegen die furchtbare Gewalt der rollenden Flutenberge, ſie zitterte und ſtöhnte in allen ihren Fugen und ſchoß in die gähnenden Schlünde hinunter, als wolle ſie ſich unter der nächſten Rieſenwelle begraben; aber immer warf ſie ſich ſchüttelnd die über ſie ſtürzenden Seen von ihrem Rücken ab und ſtieg wie ein bäumendes Roß aus dem Waſſergrabe empor. Die Nacht brach herein und bald war der letzte Schimmer von Helligkeit verſchwunden, eine rabenſchwarze Finſterniß lag auf Schiff und Meer, für das Auge gab es keinen Wirkungskreis mehr und das Ohr wurde von den Sturmaccorden erſchüttert und betäubt. Harry ſtand auf dem hintern Verdeck an den Maſt gelehnt und dachte an ſein ruhiges Leben bei Morgan, als plötzlich eine Woge ſich donnernd gegen die Seite der Barke warf, an ihr emporſtieg und das ganze Schiff überflutete. Harth klammerte ſich an dem Maſt feſt, um nicht von der Welle mit fortgeriſſen zu werden; Holcroft aber, der neben ihm ſtand, griff nur nach einem ſchwa⸗ chen Tau, um ſich aufrecht daran zu halten. In dem Augenblick, als die Barke ſich hob und die „—— 203 Flut von ihr hinab in die See ſtrömte, ſprang der Sklavenhändler dem Manne am Steuer zu Hülfe, denn ₰ das Ruder war deſſen Hand entfahren, das Schiff hatte 6 ſich mit ſeiner Seite dem Sturm und den Wogen zu⸗ gewandt und die See ſtürzte über daſſelbe hin. Der Untergang ſchien jetzt unvermeidlich, die Maſten ächzten, das Tauwerk riß, Fäſſer, Kiſten und Kaſten ſtürzten und rollten über das Verdeck gegen die Brüſtungen, dieſel⸗ ben brachen und flogen mit in die See hinaus und einzelne durch den Sturm tönende Hülferufe verkündeten, daß die Flut auch mehrere von der Mannſchaft mit ſich fortgeriſſen habe. Holeroft aber ſtemmte ſich mit eiſernem Arme ge- gen das Ruder und wandte das Schiff von der Gewalt des Sturms ab, bis es wieder, mit den Wogen trei⸗ bend, auf denſelben dahinſchoß. Seine gewaltige Stimme übertönte jetzt den Alles betäubenden Sturm, er rief die Mannſchaft zu ſich heran, damit ſie ihm helfe, das Schiff zu retten, und hörte von ihr, daß außer mehreren Matroſen auch der Kapitän über Bord geſchwemmt ſei. Holcroft ließ nun Laternen auf das Verdeck bringen und ſah, daß das Tauwerk am hintern Maſt geriſſen war, ſodaß derſelbe das kleine Sturmſegel nicht mehr tragen konnte. Er ließ ein ſolches trotz des furchtbaren Arbeitens der Barke an dem vordern Maſte aufziehen, erkannte aber — „—— 204 nur zu bald, daß das Schiff mit dieſem Segel dem Steuer nicht folgen wollte. Dabei ſtöhnte der große Maſt lauter und gefahrverkündender, er neigte ſich immer weiter über die See hinaus und das Schiff be⸗ gann ſich bald links, bald rechts dem Sturme entgegen⸗ zudrehen. Da ftürzte abermals eine Rieſenwoge dem Fahrzeug entgegen auf das Verdeck und ſchwemmte mit dem Ueberreſt der Brüſtung noch einen Matroſen mit ſich fort. Macht das Boot fertig!“ ſchrie jegl ter Sklaven⸗ händler durch den Stuln der Mannſchaft zu ynd band das Ruder feſt, faßte dann Harrh beim Arm und zog ihn mit ſich fort über das Verdeck dem Platze zu, wo die Matroſen im nächſten Augenblick zuſammenſprangen, um ſeinen Befehl auszuführen. Das Boot hing ſchon über dem Meere, und Holeroft, der ſelbſt mit Hand anlegen wollte, um es hinabzulaſſen, ließ Harry's Arm los und rief ihm zu ſich an dem Tauwerk feſtzuhalten; in demſelben Augenblick aber ſtürzte von der andern Seite her eine Welle über Bord und riß Harrh mit ſich hinaus in die See. Ende des erſten Bandes. — 8 g14 bznenqne