Leihbibliothek᷑ 8 deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seih und Heſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 lihr offen. 2. Pesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 6 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: eeee auf 1 Monat: 1 Mi.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „„„ B„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 45 ee Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ felben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— 6 Goldſchmidt's Bibliotliek für Haus und Reiſe. Kand MXIV. Dorenberg. Im Hchwedenacker. Adokpk Strechfuß. Berkin. Verlag von Albert Goldſchmidt. — ₰ Die vorliegenden Erzählungen von Adolph Streckfuß bilden den 24. Band von „Goldſcunidts Bibliothiel für Haus und Reife.“ Dieſe Sammlung iſt begründet in der Abſicht, eine neue an⸗ ziehende und gediegene Unterhaltungs⸗Literatur zu billigem Preiſe für Haus und Reiſe zu bieten. Die Erzählungen der beliebteren deutſchen Autoren hatten bisher— abweichend von ähnlichen Erſcheinungen anderer Län⸗ der— einen verhältnißmäßig ſehr hohen Preis, ſo daß ſie meiſt nur von den Leihbibliotheken gekauft und, mit Ausnahme vereinzelter Fälle, nicht das Eigenthum der deutſchen Nation wurden. Die Aufgabe, die ſich nun die unterzeichnete Verlagshandlung bei Herausgabe dieſer„Bibliothek“ geſtellt hat, iſt: Gute, inter⸗ eſſante Original⸗Erzählungen der beſten deutſchen Autoren, in guter Ausſtattung zu billigem Preiſe zu veröffentlichen. Die bis⸗ her erſchienenen Bände wurden mit beſonderem Beifall allſeitig aufgenommen. Bis jetzt ſind folgende Bände in Goldſchmidt's Bibliothek für Haus und Reiſe erſchienen: I. 2. Ant. Riendorf, Wie man regiert. 15 Sgr. II. JFr. Gerſtäcker, Irrfahrten. 15 Sgr. III. Jr. Gerſtäcker, Das ſonderbare Duell. 10 Sgr. IV. Id. Glaßbrenner, Burleske Novellen. 10 Sgr. V. Z. D. H. Femme, Ein Gottvertrauen. 10 Sgr. VI. J. Wallner, Aus der Theaterwelt. 10 Sgr. 1. VIMI. J. Wallner, Aus meinen Erinnerungen. 10 Sgr. 3 VIII. J. Wallner, Aus meinem Wanderbuche: Italia. 10 Sgr. R. O. Beta, Schmollis, ein Hundeleben. 10 Sgr. X. M. Int. Riendorf, Randſchrift eines Königs. 10 Sgr. XI. Max Ring, Am Abgrund. 10 Sgr. iit XII. S. Meumann-Strela, Wer iſt von Gottes Gnaden? 15 Sgr. XIII. Fr. Gerſtäcker, Verhängniſſe. 15 Sgr. 3 XIV. M. v. Schlägel, Novellen. 10 Sgr. XV. J. D. H. Lemme, Der gute Herr. 10 Sgr. XVI. F. Neumann-Strela, Erzählungen. 15 Sgr. XVII. Fr. Herſtäcker, Ein Plagiar. 15 Sgr. XVIII. C. Schücking, Wilderich. 15 Sgr. XIX. J. D. H. Lemme, Die Weddinger. 10 Sgr. XX. Ed. Adolay, Miß Hetty. 10 Sgr. XXI. J. D. H. Femme, Zur linken Hand. 10 Sgr. XXII. 2M. Widdern, Ein Dornröschen. 10 Sgr. XXIII. Maz Ring, Die Auferſtandenen. 10 Sgr. Die einzelnen Bände der Bibliothek find durch alle Buch⸗ handlungen zu beziehen und werden auf Wunſch gegen Poſtein⸗ zahlung von der Verlagshandlung franco verſandt. Die Verlagshandlung von Albert Goldſchmidt in Berlin. — — * Dorenberg. Erzählung von Adolph Strecfuß. Dos rege, bewegte Leben der Reſidenz macht auf den Provin⸗ zialen, der zum erſten Male das Fflaſter einer größeren Stadt betritt, meiſtens einen weit gewaltigeren Eindruck, als die viel berühmten Wunderwerke, welche Wiſſenſchaft, Kunſt und Gewer⸗ befleiß in dem geiſtigen Mittelpunkt des großen Landes aufge⸗ häuft haben. Dieſer Zuſammenfluß vieler Tauſende, das nebeneinander Vorüberwogen der Maſſen, in dem die Individualität des Einzel⸗ nen faſt verſchwindet, giebt dem Fremdling meiſt ein Gefühl des Alleinſeins inmitten der Tauſende, der Verlaſſenheit, welches ihn faſt üverwältigt und ihm ſtets unvergeßlich bleibt, auch wenn er ſich längſt eingebürgert hat in der Weltſtadt.— Ein ähnliches Gefühl ergriff auch einen jungen Mann, der an einem ſchönen Sommerabend durch das Portal des prächtigen Säulenthores in die Hauptſtadt ſchritt. Er ſtand am Zielpunkt einer langen Wanderung, die er mit friſchem, keckem Muthe an⸗ getreten hatte; als er ſich aber jetzt das leichte Ränzel zurecht gerückt, die Stiefel obgeſtäubt das unter dem Studenten⸗ Streckfuß, Dorenberg. 1 mützchen etwas wirr hervorquellende lockige Haar ein wenig ge⸗ ordnet hatte und dann ſeinen Weg weiter fortſetzte, war ihm doch bei Weitem nicht ſo wohl zu Muthe, als er längſt vorher gehofft. Mit welcher Sehnſucht hatte er dem Augenblick entgegen⸗ geſchaut, der ihm die Erfüllung ſeiner heißeſten Wünſche bringen ſollte!— Der Name der Hauptſtadt hatte für ihn einen zau⸗ beriſchen Klang gehabt; die Hoffnung, in derſelben ſeine Studien zu vollenden, war ihm der größte Anſporn zum Fleiß auf dem Provinzial⸗Gymnaſium geweſen. Endlich war das Abiturienten⸗ Examen glücklich überſtanden und nach einem kurzen Ferienauf⸗ enthalt beim Vater, der als Prediger in einem entlegenen Dorfe wohnte, kam Karl Heldreich jetzt nach der Reſidenz, um auf der berühmten Univerſität zu ſtudiren und zugleich während der Stu⸗ dienzeit ſich die Mittel für dieſelbe zu erwerben. Sein liebſter, ſeit Jahren gehegter Wunſch war erfüllt und dennoch konnte er der Erfüllung nicht recht froh werden. Die roſigen Hoffnungen, mit denen er noch vor wenigen Stunden an den Augenblick des Einwanderns in die Hauptſtadt gedacht hatte, verſanken in dem Gefühl des Alleinſeins unter den Tauſenden, die unbekümmert um den Fremden vorüberzogen, ohne ihn im geringſten zu beachten;— jetzt fühlte er zum erſten Male einen Zweifel an ſeiner Jugendkraft, eine Sorge darüber, ob es ihm, dem Unbekannten, der ohne irgend eine Empfehlung eintrat in das Chaos der Weltſtadt, möglich ſein werde, ſich in derſelben eine Exiſtenz zu ſchaffen. Ein Fröſteln, eine Beängſtigung über⸗ kam ihn, wie er dieſelbe nie gefühlt; aber nicht lange ließ er ſich durch ſo ungewohnte Empfindungen beirren, er lächelte ſelbſt über ſeine Kleinmüthigkeit,— und wanderte ſchnellen Schrittes in die Stadt hinein. . Vor ihm lag die im glänzenden Lichte vieler Tauſend Gas⸗ flammen ſtrahlende Hauptſtraße, durch deren Baumreihen ſich ein Strom von Spaziergängern drängte.— Ze weiter Heldreich vor⸗ wärts ſchritt, je mehr befreite er ſich von dem Druck, den der erſte Augenblick auf ihn ausgeübt hatte.— Sein friſcher, kecker Sinn hob ihn ſchnell über die beängſtigenden Zweifel und bald genug ſchaute er forſchend und neugierig um ſich, alle die neuen Eindrücke begierig in ſich aufnehmend.— Er hatte die um ihn her wogende Menſchenmenge vergeſſen und kümmerte ſich um die⸗ ſelbe ſo wenig, als dieſe ſich um ihn. Er war ſchon einige hun⸗ dert Schritte vorwärts gegangen, als ſich ihm ein elegant ge⸗ kleideter Herr, der ihn einige Augenblicke prüfend betrachtet hatte, zugeſellte. „Sie ſind zum erſten Male in der Hauptſtadt, mein Herr?“ fragte der Fremde verbindlich, indem er leicht den Hut lüftete und dann neben Heldreich herging, als verſtehe ſich das von ſelbſt. Heldreich ſchaute den Frager überraſcht an;— er muſterte denſelben mit ſcharfen Blicken, aber er wurde keineswegs beſon⸗ ders befriedigt durch das Reſultat ſeiner Prüfung.— Der Fremde war ein noch ziemlich junger Mann mit einem blaſſen verlebten Geſicht. Er trug ſich zwar mit ausgeſuchter Eleganz, aber in ſeinem ganzen Weſen, in jeder ſeiner Bewegungen lag ein gewiſ⸗ ſes Etwas, welches ſagte, daß die Kleidung eine geborgte ſei, daß ſie nicht zu dem wirklichen Stande des Mannes paſſe; ſelbſt die Manier, mit der er den an einer goldenen Kette herunter⸗ hängenden Augenkneifer bald in's rechte Auge klemmte, bald affer⸗ tirt fallen ließ, war ungeſchickt und gemacht.— So unbehaglich ſich Heldreich auch noch vor wenigen Minuten in ſeiner Einſam⸗ keit befunden hatte, dieſer Geſellſchafter paßte ihm dennoch nicht, er erwiderte daher nur ein kurzes, ſcharfes„Ja!“ und ſchritt 1* weiter, ohne ſich um ſeinen Begleiter zu kümmern. Durch die kurze Antwort hoffte er ſich von einer weiteren Zudringlichkeit befreit zu haben.— Er täuſchte ſich, denn der Fremde war über jede zu zarte Empfindlichkeit erhaben, er ließ ſich durch eine ein⸗ fache Zurückweiſung nicht abſchrecken, ſondern ſetzte ſeinen Weg neben dem jungen Wanderer fort, indem er zugleich mit unglaub⸗ licher Zungenfertigkeit ein Geſpräch begann. „Es iſt merkwürdig,“ ſagte er,„daß man einen Fremden ſofort von einem geborenen Großſtädter unterſcheidet, höchſt merk⸗ würdig! Ich habe ein Intereſſe an jedem Fremden! Verkennen Sie mich nicht, mein Herr, kein ſelbſtfüchtiges Intereſſe, im Ge⸗ gentheil, Gefühle der reinſten Humanität!— Ich erinnere mich dann ſtets noch der Zeit, in der ich ſelbſt fremd nach Berlin kam.— Ja, mein Herr, Sie ſchauen mich verwundert an, Sie glauben, ich müßte ein geborener Großſtädter ſein. Richt wahr, das meinen Sie?“ „Das könnte ich nicht ſagen. Ich meine gar nichts!“ ent⸗ gegnete Heldreich trocken. „Nicht? Merkwürdig! Aber wie ich geſagt, ich bin ein Kind der Provinz.— Ich habe traurige Erfahrungen gemacht, mein Herr, ſehr traurige Erfahrungen!— Ein argloſer Jüngling zog ich ein in die Stadt! aber ich bin ſchmählich betrogen worden. Mein unſchuldiges Gemüth wurde vergiftet, meine zarteſten Ge⸗ fühle wurden verletzt,— mit einem Worte, ich kam in ſchlechte Geſellſchaft;— aber verkennen Sie mich nicht, mein Herr!— ich bin nicht untergegangen in derſelben, ich habe ſtets meine männliche Würde bewahrt!“— Er richtete ſich bei dieſen Worten höher auf und zog den Hut tiefer in's Geſicht, um ſich einen möglichſt edlen Anſtrich zu geben, denn edle Männer trugen nach ſeiner Anſicht ſtets den Hut tief im Geſicht.— —— Heldreich ſchaute ſeinen Begleiter mit einiger Verwunderung, aber auch mit einem gewiſſen Intereſſe an. Er traf hier auf eine neue, ihm bisher vollkommen unbekannte Menſchen⸗Species, und er beſchloß, dieſelbe zum Gegenſtand ſeines pſychologiſchen Studiums zu machen, ohne ſich dabei indeſſen zu verhehlen, daß ſolche Studien auf dem ihm fremden Boden der großen Stadt einigermaßen gefährlich werden könnten. Er hatte viel über das Leben und Treiben in Berlin geleſen und gehört, ſein praktiſcher Sinn ſagte ihm daher ſofort, daß er es hier mit einem jener Betrüger zu thun habe, welche ſich an die Fremden drängen, um dieſe auf irgend eine Weiſe zu beſtehlen oder anderweit zu be⸗ gaunern.— Aber dieſe Erkenntniß, weit entfernt, ihn zurückzu⸗ ſchrecken, reizte ihn nur. Die Begegnung mit dem zudringlichen Elegant erſchien ihm jetzt als ein höchſt intereſſantes Abenteuer, welches er möglichſt auszunutzen beſchloß. Gerade weil er den Betrüger erkannt hatte, konnte ihm derſelbe nicht mehr gefährlich werden. Der Fremde ahnte nichts von dem Gedankengange unſeres jungen Freundes, er war überzeugt, auf denſelben einen tiefen Eindruck gemacht zu haben und ſchritt deshalb, um dieſen nicht zu verwiſchen, ſchweigend einher. Nach kurzer Pauſe ſeufzte er tief und fuhr dann fort:„Mein Herr, Sie ſind noch fremd in dieſem großen Pfuhl der Verderbtheit, nehmen Sie deshalb den Rath eines wahren Freundes an: Hüten Sie ſich vor ſchlechter Geſellſchaft!— Schlechte Geſellſchaft iſt in Berlin der Verderb aller jungen Leute!— Insbeſondere aber, mein Herr, hüten Sie ſich vor dem Spiel! Das Spiel iſt das größte aller Laſter! Das Spiel iſt der Abgrund der Hölle, es entwürdigt, degradirt, ent⸗ ſittlicht und demoraliſirt. Nicht, daß ich etwas gegen ein un⸗ ſchuldiges kleines Kartenſpielchen hätte,— verkennen Sie mich nicht, mein Herr, ich bin kein Tugendphiliſter, wahrhaftig nicht! Auf mein Ehrenwort nicht! Niemand darf ſich unterſtehen, Theu⸗ dobald Laur einen Philiſter zu nennen, ich meine das Hazard⸗ ſpiel, das ſchändliche, niederträchtige verabſcheuungswürdige Ha⸗ zardſpiel! Ein einfaches Geſellſchaftsſpielchen, wenn es nicht um hohe Summen geht, iſt gewiß kein Verbrechen, im Gegentheil, jungen Leuten als ein argloſes Vergnügen nur anzurathen. Welche Spiele ſpielen Sie, mein Herr?“ „Ich ſpiele niemals, kenne auch keine Karten!“ war die trockene Antwort. Ein ſehr befriedigtes Lächeln ſpielte um die bleichen Lippen des Herrn Theudobald Laur, als er fortfuhr:„Sie ſind ein Mann nach meinem Herzen, mein Herr!— Hüten Sie ſich vor den Karten. Wie leicht iſt es für einen falſchen Spieler, mit Karten zu betrügen. Zede Karte iſt kenntlich, man kann die Volte ſchlagen, man hat das Glück in ſeiner Hand. Rühren Sie nie eine Karte an, wenn Ihnen ein wahrer Freund rathen ſoll. Mit dem Würfeln iſts was Anderes, freilich giebt's auch falſche, aber in anſtändiger Geſellſchaft kommen die nicht vor, und wenn Sie mit Bekannten ſpielen, brauchen Sie keine Sorge zu haben. Aber da plaudern wir ein und das Andere und das Wichtigſte vergeſſen wir.— Wie ſteht's, haben Sie denn ſchon einen guten Gaſthof?“ „Mir iſt von meinem Vater der grüne Baum empfohlen; er hat dort vor Jahren einmal gewohnt.“ „Der grüne Baum? Hm, ja. Ich will nichts gegen den grünen Baum ſagen; verkennen Sie mich nicht,— durchaus nicht; aber ich möchte Ihnen doch die ſilberne Krone anrathen.“ „Weshalb dieſe beſonders?“— 1 —— ——— „Exlauben Sie mir einige Fragen.— Wünſchen Sie ein reinliches Bett?“ „Gewiß!“ „Gutes Eſſen, billige Preiſe?“ „Natürlich.“ „Anſtändige, ſchnelle, freundliche Bedienung?“ „Verſteht ſich von ſelbſt.“ „Dacht ich's nicht? Ich habe Sie erkannt, mein Herr,— eine geheime Sympathie zog mich zu Ihnen, wie wäre ich ſonſt dazu gekommen, Sie anzureden?— Nun, wenn Sie einen Gaſt⸗ hof nach Ihrem Herzen wollen, dann gehen Sie in die ſilberne Krone.“ „Was aber haben Sie gegen den grünen Baum?“ „Ich will nichts dagegen ſagen, durchaus nichts, das ſei fern von mir; ſoll ich Ihnen aber als wahrer Freund und als Ehrenmann rathen, dann kann ich nicht anders ſagen, als— die ſilberne Krone iſt der Gaſthof für Sie.— Ich habe meine trau⸗ rigen Erfahrungen in Berlin gemacht, weil ich einſam ohne ei⸗ nen treuen Rathgeber in der großen Stadt daſtand. Danken Sie es den wunderbaren Fügungen des Himmels, daß Ihnen dieſer einen wahren Freund ſchenkte, der Ihnen räth. Gehen Sie in die ſilberne Krone, mein Herr,— auf meine, Theudo⸗ bald Laur's Verantwortung!“ Ein Lächeln ſpielte um den feingeſchnittenen Mund des jun⸗ gen Studenten; der Eifer, den Herr Theudobald Laur anwen⸗ dete, um ihn nach der ſilbernen Krone zu bringen, amüſirte ihn. —„In welcher Straße liegt Ihr Gaſthof?“ fragte er möglichſt treuherzig. „In der Zoſtraße, nicht weit von der Koſtraße, aber weit anſtändiger als dieſe, denn ich darf es Ihnen nicht verhehlen, ——— mein Herr, die Koſtraße ſteht in einem üblen Ruf und iſt nicht geeignet, daß ein ſittlich reiner junger Mann in ihr wohne. Ich habe nichts gegen den grünen Baum, aber meine Fflicht gebietet mir, Sie zu fragen: Haben Sie ſchon gehört, daß es in Berlin Gaſthöfe giebt, in denen man die Fremden auf unverantwortliche Weiſe prellt, ihnen ihre Wäſche abnimmt, ihnen für ein ſchlechtes Eſſen hohe Preiſe abfordert? Dumpfige, unreinliche Stuben! Bet⸗ ten mit Ungeziefer! Unfreundliche, langſame Bedienung! Haben Sie davon ſchon gehört?— Nun, mein Herr, in welchen Gaſt⸗ hof ſoll ich Sie führen?“ „In den grünen Baum!“ Herr Theudobald Laur blieb plötzlich ſtehen und ſchaute mit ungeheuchelter Verwunderung den jungen Mann an, der ihm mit der unſchuldigſten Miene geantwortet hatte.— Ein Fehlſchlag im Augenblick des gehofften Sieges! Seine Beredſamkeit war frucht⸗ los geweſen, er ahnte, daß er hier einen Gegner gefunden habe, der nicht wie jeder beliebige Provinz⸗Gimpel behandelt werden durfte. Er faßte ſich indeſſen ſchnell genug und ſagte verbindlich: „„Wie Sie wollen! Wäre nicht die Köſtraße, ſo könnte ich Ihnen in der That keinen beſſeren Gaſthof empfehlen; aber— nun, Sie werden ja ſehen! Lange werden Sie ohnehin nicht im Gaſthof wohnen, ſondern ſich wohl bald eine Stube ſuchen. Ich ſtehe Ihnen gern zu Dienſten und will Sie führen.“ Heldreich nahm den angebotenen Dienſt ohne Weiteres an. Er hatte ſich vor ſeiner Ankunft in Berlin auf dem Plan der Stadt einigermaßen orientirt und war daher ſicher, daß ihn ſein Begleiter nicht in entlegene Nebenſtraßen führen konnte. Er überließ ſich ganz der Luſt, den Betrüger zu betrügen, denn daß Herr Theudobald Laur der ehrenwerthen Gaunerzunft angehöre, da⸗ rüber war unſer junger Freund nicht einen Augenblick in Zweifel. — Die beiden jungen Männer gingen raſchen Schrittes vorwärts. Herr Theudobald Laur machte ſich ſo liebenswürdig als möglich, indem er ſeinem Begleiter alle öffentlichen Gebäude zeigte, ihn auf dieſe oder jene Sehenswürdigkeit hinwies und dabei den Fa⸗ den des Geſprächs nicht abreißen ließ;— plötzlich aber blieb er ſtehen und ſagte:„Faſt hätte ich Eins vergeſſen. Sie haben ei⸗ nen weiten Marſch gemacht und müſſen müde, hungrig und dur⸗ ſtig ſein. Im Gaſthof ſind Speiſen und Getränke theuer und ſchlecht. Wie wär's, wenn wir in ein anſtändiges Reſtaurations⸗ lokal einkehrten, um uns ein wenig zu erfriſchen?“ „Ich habe nichts dagegen!“ „Wollen Sie zugleich Berlin näher kennen lernen, als dies ſonſt Fremden möglich iſt, ſo könnte ich Sie in ein Lokal führen, in welchem die feinſten Herren neben Arbeitern verkehren, ein Lokal, wie es kein zweites hier giebt. Gutes Bier, gutes Eſſen! Billig, vortrefflich!— Aber, mein Herr, als wahrer Freund habe ich die Pflicht, Sie zu warnen: in dem Lokale wird ge⸗ ſpielt, hoch geſpielt. Laſſen Sie ſich nicht zum Spiel verführen!“ „Haben Sie keine Sorge.“ „Sie haben das Bewußtſein männlicher Kraft! Gut, ich habe Sie richtig erkannt!— Sie brauchen übrigens keine Sorge zu haben, der Kreis, in welchen ich Sie einführen werde, beſteht aus genauen Bekannten von mir, Ehrenmänner in des Wortes ſchönſter und edelſter Bedeutung(er zog bei dieſen Worten den Hut etwas tiefer in's Geſicht),— vor dieſen brauchen Sie ſich nicht zu ſcheuen, wenn etwa zufällig ein Geſellſchaftsſpielchen gemacht werden ſollte, wohl aber vor den übrigen Gäſten; denn ich ver⸗ hehle es Ihnen nicht, die Geſellſchaft iſt gemiſcht und Sie werden wohl daran thun, Jedem zu mißtrauen, den ich Ihnen nicht vorſtelle.— Das Lokal heißt der Verbrecherkeller.“ „Ein recht einladender Name.“ „Nur ein Scherzname. Früher ſollen in dem Keller, der jetzt als Reſtauration benutzt wird, Verbrecher gehauſt haben, da hat man denn den Namen zum Scherz beibehalten und die Gäſte nennen ſich gegenſeitig:„Herr Verbrecher.“— Glauben Sie mir, ich würde Sie als Ihr wahrer Freund ſicherlich nicht in ein ſchlechtes Lokal bringen. Das ſei fern von mir! Verkennen Sie mich nicht.“ Heldreich war von den Verſicherungen ſeines wahren Freun⸗ des keineswegs vollſtändig überzeugt; aber er hatte ſich einmal entſchloſſen, den ſeltſamen Menſchen näher kennen zu lernen, ihn in ſeinem Treiben zu beobachten, um ſeine Menſchenkenntniß zu bereichern, und er zögerte deshalb auch nicht, ihn nach dem Ver⸗ brecherkeller zu begleiten. Eine günſtigere Gelegenheit, direct in eine Gaunergeſellſchaft eingeführt zu werden, konnte ſich ihm ſchwer⸗ lich je wieder darbieten. Vor einem großen Hauſe, aus deſſen unmittelbar über dem Pflaſter gelegenen Kellerfenſtern ein helles Licht hervorſtrahlte, blieb Herr Theudobald Laur ſtehen.„Wir ſind zur Stelle!“ ſagte er, indem er auf eine nach dem Keller hinunterführende, hell mit Gas erleuchtete Treppe zeigte.„Hier iſt der Verbrecher⸗ keller; aber nun, mein Herr, muß ich noch eine Förmlichkeit er⸗ füllen, ich muß Sie um Ihren werthen Namen bitten.— Ver⸗ kennen Sie mich nicht, mein Herr, ich ſetze kein Mißtrauen in Ihre Ehrenhaftigkeit. Gewiß nicht! Ein Zug des Herzens hat mich zu Ihrem Freunde gemacht und bürgt mir für Sie, aber ich kenne Sie noch nicht dem Namen nach und bin doch ver⸗ pflichtet, Sie der ſehr ehrenwerthen Geſellſchaft vorzuſtellen, in welche ich Sie einführen will. Hier iſt meine Karte, mein Herr!“ Er zog bei dieſen Worten eine Brieftafel aus der Taſche und 11 übergab aus dieſer unſerm jungen Freunde eine elegante Karte, auf der in Kupfer geſtochen ſtand: Theudobald Laur, Agent;— als Gegengabe erhielt er ein anſpruchsloſes, weißes Glanzpapier, welches die in feſten, kühnen Zügen hingeworfene Namensunter⸗ ſchrift: Carl Heldreich, stud. jur., enthielt.— Damit war die Vorſtellung zur vollſten Zufriedenheit des Herrn Theudobald Laur vollendet und dieſer ſtieg nun ſeinem Freunde voran die nach dem Verbrecherkeller führende Treppe hinab. II. Geldreich fühlte ſich faſt verſucht, umzukehren, als die nach dem Innern des Lokals führende Thür ſich vor ihm öffnete. Er glaubte, in der entſetzlichen Atmoſphäre von Tabaks⸗ und Bierdünſten, welche ihm entgegenquoll, nicht athmen zu können, aber ſchon war es zu ſpät, wenn er ſich nicht lächerlich machen wollte. Mit dem ernſten Gruß:„Guten Abend, meine Herren Ver⸗ brecher!“ der mit einem wiehernden Gelächter von den Gäſten des Lokals empfangen wurde, war Herr Theudobald Laur in den wei⸗ ten gewölbten Kellerraum getreten; Heldreich folgte ihm auf dem Fuße nach. Es dauerte einige Sekunden, ehe ſich unſer junger Freund, deſſen Auge an einen derartigen Dunſtkreis nicht gewöhnt war, in dem ausgedehnten Gewölbe zurecht finden konnte. Er ſah an⸗ fangs nur glitzernde, durch den weißen Dampf blinkende Gas⸗ flammen, erſt nach und nach lichtete ſich der Nebel vor ſeinen Blicken und er konnte nun eine ueberſchau der Geſellſchaft, in welche er ſo zufällig eingeführt war, halten. Herr Theudobald Laur hatte Recht gehabt. Es war eine Geſellſchaft aus allen Ständen gemiſcht, welche ſich hier traulich im Verbrecherkeller vereinte; da ſaß der Blouſemann neben dem Elegant, der halbwüchſige Knabe neben dem Greiſe, der Dreh⸗ orgelſpieler, der ſeine Orgel zur Seite geſtellt hatte, neben dem Bürgersmann. Gemiſcht war die Geſellſchaft und dennoch trug ſie einen ganz beſtimmten Charakter; in allen dieſen Zügen, den jungen wie den alten, hatte ein laſterhaftes Leben einen nie wieder zu verlöſchenden Eindruck ausgeprägt. Der Verbrecherkeller trug ſeinen Namen nicht nur als eine Erinnerung an die Vergangen⸗ heit, er verdiente ihn auch in der Gegenwart, das war Heldreich klar, ſobald er ſich genügend orientirt hatte. Herr Theudobald Laur führte ſeinen Freund nach einem im Hintergrunde des Kellerraums ſtehenden Tiſch, an welchem vier elegant gekleidete junge Männer ſaßen.—„Meine Herren,“ ſagte er mit Pathos,„ich habe die Ehre, Ihnen hier einen vortreff⸗ lichen jungen Mann, meinen verehrten Freund, Herrn Studioſus Heldreich vorzuſtellen, der erſt heute in Berlin angekommen iſt und nun wünſcht, in Ihren verehrungswürdigen Kreis aufgenom⸗ men zu werden. Herr Heldreich, erlauben Sie mir, Ihnen die Herren vorzuſtellen. Herr Fiſcher.“— Ein großer ſchöner Mann von ariſtokratiſchem Aeußern verbeugte ſich leicht;— Heldreich blickte erſtaunt auf, er hatte eine ſolche Erſcheinung nicht im Ver⸗ brecherkeller geſucht, als er aber in die matten blauen Augen blickte, als er die ſchlaffen, bleichen Züge näher betrachtete, ſchwand ſeine Bewunderung. „Herr Referendar Bombelitz,“— ein kleiner unterſetzter jun⸗ ger Mann von etwa dreißig Jahren, der mit etwas fadenſchei⸗ niger Eleganz gekleidet war, ſprang auf und begrüßte Heldreich mit einer außerordentlichen Freundlichkeit.„Willkommen in der Mu⸗ ſenſtadt, Commilitone“,— rief er—„hoffentlich ſind Sie Juriſt. Nichts anderes dürfen Sie ſtudiren. Das jus iſt das einzige ver⸗ nünftige Studium. Nicht wahr, Graf?“— Fiſcher, an den er ſich fragend gewendet hatte, nickte ihm mit einem matten Lächeln zu. Herr Walders und Böhme waren zwei Alltagsgeſtalten, wie ſie zu Dutzenden ſich in den Straßen großer Städte umhertreiben; das Urbild jener exiſtenzloſen Menſchen, welche nie arbeiten und dennoch leben, welche nie einen Thaler in der Taſche haben und dennoch an allen öffentlichen Vergnügungsorten zu treffen ſind. Der Referendar Bombelitz begann mit Heldreich, der ſich zu ihm ſetzen mußte, ſofort ein lebhaftes Geſpräch, während Laur einige leiſe Worte mit Fiſcher ſprach. „Du bringſt uns da einen ſeltſamen Vogel,“ ſagte Letzterer, „er ſieht aus, als ob nicht viel an ihm zu rupfen wäre.“ 6 „Er kommt nach Berlin, um hier zu ſtudiren. So etwa 50 bis 60 Thaler hat wohl jeder neue Student bei ſich.“ 13 3„Nun, das lohnte ſchon der Mühe. Haſt Du ihn in der „Krone“ einquartiert?“ 4 „Nein, Graf, er wollte durchaus nach dem„Grünen Baum.“ 8 Um ihn nicht mißtrauiſch zu machen, mußte ich nachgeben. Fang 1 auch nicht gleich mit dem Spiel an; erſt wenn er betrunken iſt, 1 ſonſt geht er uns aus dem Garn, denn er iſt ein heller Junge! 36 — Bier her, Lene, wir ſitzen noch ganz trocken.“ 3 Eine ſchlampige Kellnerin brachte zwei Seidel, ſie gab die⸗ ſelben aber nicht aus der Hand, ehe ſie die Bezahlung erhalten hatte. Während ſie wartete, erlaubte ſich der Referendar Bom⸗ belitz einige handgreifliche Scherze; ſie ertrug dieſelben ohne eine Miene zu ändern; es machte ihr keine Freude, kränkte ſie aber auch nicht, ſolche Scherze gehörten ja zum ewigen Einerlei ihres 1„Ihr Wohlſein, Herr Heldreich! Stoßen Sie an auf lange Freundſchaft!“ Mit dieſen Worten ſetzte ſich Herr Theudobald 1 Laur wieder neben Heldreich, der froh war, dadurch von dem Re⸗ ferendar Bombelitz getrennt zu werden; denn dieſer hatte ihn mit fortwährenden Fragen überhäuft und es ihm dadurch unmöglich gemacht, ſich gehörig umzuſchauen. Zetzt konnte er es thun und 6 3 ———— ———————— 15 wahrlich, die im Verbrecherkeller anweſende Geſellſchaft war wohl einer näheren Betrachtung werth. Um mehrere große Tafeln ſaßen auf ſchlechten Bänken die munteren Zecher, der Auswurf der großſtädtiſchen Bevölkerung.— In einer Ecke war ein Hazardſpiel im Gange; mit ſtieren Augen blickten die Spieler auf das rollende Geld, die Verlierer ſchimpf⸗ ten und fluchten, die Gewinner jubelten, aber ſchwer wäre es zu ſagen geweſen, ob das Toben der Erſteren oder das Lachen der Letzteren gemeiner und widerwärtiger war. An einem anderen Tiſche wurde geſungen. „Da wo man ſingt, da laß dich ruhig nieder, Denn böſe Menſchen kennen keine Lieder!“ Es wurde geſungen, aber welch' ein Lied! Heldreich errö⸗ thete. Solches Maaß von Unfläthigkeit, in wenige Worte ge⸗ drängt, hatte er noch nicht zu ahnen vermocht. Zwiſchen den Spielenden, Zechenden, Singenden bewegte ſich ſchnell und geräuſchlos die Kellnerin; hier empfing ſie ein Schimpf⸗ wort, dort einen Kuß, mit dieſem mußte ſie aus einem Glaſe trinken, jener ſtieß ſie wüthend zurück; aber weder Freundlichkeit und Zärtlichkeit noch brutale Grobheit vermochten auf dieſen ab⸗ gelebten Zügen eine Veränderung hervorzurufen. Heldreich war lange ein ſtummer Beobachter der merkwür⸗ digen Geſellſchaft geweſen, jetzt aber wendete er ſich an Herrn Theudobald Laur, um dieſen nach einem der Spieler zu fragen, der ſeine beſondere Aufmerkſamkeit erregt hatte, nach einem jungen Mann von kaum 25 Jahren, der durchaus nicht in die Geſell⸗ ſchaft, in der er lebte, zu paſſen ſchien.— Der Spieler gehörte ſeiner ganzen Erſcheinung nach den höheren Ständen an, während ſeine Genoſſen faſt ſämmtlich halb zerlumpte Arbeiter waren. Er allein fluchte weder, wenn er verlor, noch äußerte er ſeine Freude, wenn er gewann. Er bog ruhig ſeine Karten ſcheinbar ohne ir⸗ gend eine Empfindung für den Wechſel des Spiels. Sein fein geſchnittenes Geſicht war bleich, aber es trug nicht jene krankhafte Bläſſe, welche durch ein wüſtes Leben erzeugt wird. Heldreich nahm an dem jungen Manne, den, wie ihn ſelbſt, nur ein Zu⸗ fall an dieſen Ort verſchlagen haben konnte und der in dieſem Augenblick ſicherlich das Opfer einer Spielerbande wurde, ein lebendiges Intereſſe. Herr Theudobald Laur lächelte, als ihm Heldreich ſeine Ge⸗ danken mittheilte.„Sie geben ſich einer Täuſchung hin, mein geehrter Herr Heldreich,“ entgegnete er,„einer Täuſchung, welche Ihrem edeln Herzen Ehre macht. Sehen Sie dort das Laſter des Spiels in ſeiner fürchterlichſten Geſtalt. Spielen Sie nie Karten! Jener junge Mann iſt ein Baron, der ſein ganzes Ver⸗ mögen verſpielt hat und jetzt davon lebt, jene Kerls zu betrügen! — Preiſen Sie ſich glücklich, daß Sie einen wahren Freund ge⸗ funden haben, der Sie beim erſten Eintritt in dieſe Laſterhöhle vor den Fallſtricken des Böſen warnt.— Aber trinken Sie, Freund, trinken Sie! Lene, neue Seidel!“ Die friſchen Seidel kamen und wurden getrunken, um aufs Neue eingeſchenkt zu werden; aber Herr Theudobald Laur wartete vergebens auf ein Zeichen von Trunkenheit bei ſeinem Schützling. War doch ihm ſelbſt ſchon das Bier zu Kopfe geſtiegen und doch übte das ſtarke Getränk nicht den geringſten Einfluß auf die kräf⸗ ¹ tige Natur des jungen Studenten. 1 Herr Fiſcher ſchaute mißmuthig vor ſich nieder, Referendar Bombelitz gab deutliche Zeichen von Ungeduld,— wie lange ſollte er warten, ehe er zum Ziele kam. Laur entſchloß ſich endlich, einen kühnen Verſuch zu machen; er nickte ſeinem Freund Fiſcher bedeutungsvoll zu. Dieſer lehnte ſich gähnend im Stuhle ———— zurück und ſagte:„Ich begreife Euch nicht, Ihr ſeid hente alle ſchrecklich langweilig. Herr Heldreich muß einen ſonderbaren Be⸗ griff von unſerer Geſellſchaft bekommen. Wie wär's, wenn wir, um uns die Zeit zu vertreiben, ein kleines Spielchen machten?“ „Nein, Graf! Unter keiner Bedingung!“ rief Herr Theudo⸗ bald Laur eifrig.„Nur kein Spiel, Du weißt, ich haſſe die Karten!“ „Wer denkt daran? Ich rühre ſelbſt keine Karte an. Nein, ein einfaches Geſellſchaftsſpiel! Wir wollen das Bier auswürfeln.“ „Das iſt freilich etwas Anderes! Das kann den Hals nicht koſten. Verkenne mich nicht, Graf, Theudobald Laur iſt durch⸗ aus kein Philiſter! Ich würde das Vergnügen der Geſellſchaft ſtören, wenn ich mich ausſchlöſſe. Das wäre unanſtändig. Aber keine Karten und nur um das Bier, das mache ich mir aus!“ „Verſteht ſich! Bombelitz, laß Dir vom Wirth Würfel geben.“ Referendar Bombelitz eilte dienſtwillig fort und kam nach we⸗ nigen Augenblicken mit einem Paar abgenutzter Würfel zurück.— „Alſo um's Bier,“ ſagte Fiſcher, indem er die Würfel im Becher ſchüttelte und dieſen Heldreich hinreichte.„Fangen Sie an, Herr Heldreich!“ Der Student fühlte, daß die Blicke der ganzen ehrenwerthen Geſellſchaft auf ihn gerichtet waren; es gewährte ihm ein eigen⸗ thümliches Vergnügen, daß jetzt die Betrüger, welche ihr Opfer ſchon ganz ſicher im Garn zu haben glaubten, die Gefoppten ſein würden. Er verbengte ſich leicht und entgegnete lächelnd:„Ich danke Ihnen, mein Herr, ich ſpiele niemals!“ „Von Spiel iſt nicht die Rede, es geht nur um's Bier!“ „Ich bedauere aufrichtig. Wie ſchon geſagt, ich ſpiele nie⸗ mals, am wenigſten mit Unbekannten. Ich würde die weiſen Er⸗ 2 Streckfuß, Dorenberg. mahnungen meines Freundes, des Herrn Theudobald Laur, nicht beherzigen, wenn ich anders handeln wollte!“ Der arme Thendobald! Er ſaß mit einem wahren Leichen⸗ bittergeſicht da, als er ſeine eigenen Worte gegen ſich ſelbſt ge⸗ richtet hörte. Was ſollte er ſagen? Er wählte das beſte Aus⸗ kunftsmittel, er ſchwieg. Fiſcher ſchaute mit finſteren Blicken den Studenten an, der ſo unbefangen daſaß, als habe er gar keine Ahnung davon, daß an ſeinem Mitſpiel etwas gelegen ſein könne.„Laſſen Sie ſich nicht ſtören meine Herren,“ ſagte Heldreich freundlich,„ich ſehe dem Spiel gern zu.“ Das war zuviel des Spottes.„Will der grüne Laffe uns verhöhnen?“ rief Referendar Bombelitz wüthend. Er ſprang auf, Fiſcher und die andern beiden Freunde folgten ihm und zeigten Heldreich geballte Fäuſte; nur Herr Theudobald blieb in ſtiller Verzweiflung ſitzen und ſchaute jammervoll auf Heldreich, der ſo unbefangen um ſich blickte, als ginge ihn die ganze Sache gar nichts an. Ein Sturm war offenbar im Ausbruch, aber er legte ſich, ehe er noch zu toſen begonnen hatte. Ein leiſer, klirrender Ton zitterte durch das weite Gewölbe, ein Ton, durch einen leichten Stoß von außen gegen die Fenſter hervorgebracht, kaum hörbar, 1 und doch von allen gehört. Augenblickliche tiefe Stille! Mit zau⸗ beriſcher Geſchwindigkeit verſchwanden die Karten und das Geld von dem einen Spieltiſch, der Würfelbecher ſank in die Taſche des Herrn Fiſcher, der ſogleich wieder Platz nahm, indem er ſagte:„Nun, ſo wollen wir denn das dumme Würfeln laſſen, es kommt ſo nichts dabei heraus, als Streit.“ Die Kartenſpieler hat⸗ ten ſich ſchnell zu den übrigen Gäſten geſetzt, nur einer, ein wild ausſehender Kerl mit einer großen Narbe im Geſicht, war, nach⸗ 6 ———————————————— dem er mit der Kellnerin einen flüchtigen Blick ausgetauſcht ui durch eine Hinterthür aus dem Lokale geflüchtet. Heldreich begriff den ganzen Vorgang nicht, aber bald ge⸗ nug ſollte ſich ihm derſelbe vollſtändig erklären. Die nach der Treppe führende Thür flog auf und ein großer, ſchöner Mann, der die Uniform eines Polizei⸗Lieutenants trug, trat, von zwei Poliziſten gefolgt, in das Lokal. Er ging langſamen Schrittes zwiſchen den Tiſchen durch, jeden der Gäſte mit ſcharfen Blicken muſternd. Da ſenkte mancher angſtvoll und demüthig das Haupt, manche Wange wurde bleicher! Der Polizei⸗Lieutenant kümmerte ſich wenig um den Eindruck, welchen ſeine Anweſenheit machte; er wendete ſich ärgerlich zu einem ſeiner Untergebenen und ſagte: Werner, der Vogel muß Wind bekommen haben, er iſt ausge⸗ ſiogen!“ „Soll ich in der Hinterſtube nachſehen, Herr Lieutenant?“ „Der Ordnung wegen, ja. Aber es wird nichts nützen. Er iſt durch den hinteren Ausgang entwiſcht.“ Der Poliziſt verſchwand durch die Hinterthür; nach wenigen Augenblicken war er wieder da und rapportirte.„Er iſt fort. Der hintere Thorweg, der immer von innen verſchloſſen wird, ſtand offen.“ „Ich wußte es.— Lene!“ Die Kellnerin trat näher. Sie allein war nicht erſchreckt durch den Eintritt des Polizeibeamten; ihr Geſicht blieb eben ſo kalt und theilnahmlos, wie zuvor. „Lene, war Bartels hier?“ „Ja, Herr Lieutenant.“ „Du haſt ihn enffliehen laſſen?“ „Was geht er mich an, und was könnte ich thun, wenn ich auch wollte, ich allein gegen dieſe Alle?“ Der Polizei⸗Lieutenant ſchüttelte mißvergnügt den Kopf, dann muſterte er noch einmal, langſam das Gewölbe durchſchreitend, alle Anweſenden; als er zu Heldreich kam, blieb er ſtehen und ſagte zu Fiſcher gewendet:„Sieh da, Herr Fiſcher, Herr Bom⸗ belitz, Herr Walders und Herr Böhme, die ganze Geſellſchaft iſt zuſammen und auch Herr Theudobald Laur fehlt nicht. Sie ha⸗ ben, wie ich ſehe, einen fremden Gaſt, da komme ich wohl ge⸗ rade zur rechten Zeit?“ Die Herren waren ſämmtlich ſehr verlegen geworden. Herr Fiſcher ſchaute vor ſich nieder, Thendobald ſpielte mit dem Au⸗ genkneifer und auch Referendar Bombelitz hatte ſeine fröhliche Lanne ganz und gar verloren. „Iſt geſpielt worden?“ „Nein, Herr Lieutenant, gewiß und wahrhaftig nicht. Auf mein Ehrenwort nicht!“ rief Theudobald ſehr eifrig. „Laſſen Sie Ihr Ehrenwort bei Seite, Herr; je weniger Sie von demſelben ſprechen, deſto beſſer. Uebrigens frage ich Sie nicht, ſondern dieſen Herrn. Er zeigte auf Heldreich. „Nein, mein Herr!“ „Dann können Sie von Glück ſagen! Darf ich Sie bitten mir zu folgen?“ „Herr Lieutenant, ich weiß nicht, wie ich dazu komme. Ich kann mich, wenn Sie es verlangen, vollſtändig legitimiren.“ „Daran zweifle ich nicht. Ich habe Sie gebeten, mir zu folgen; verſtehen Sie wohl, gebeten, obgleich ich, da ich Sie in dieſem Lokal und in dieſer Geſellſchaft treffe, vielleicht ein Recht hätte, anders zu ſprechen. In Ihrem eigenen Intereſſe bitte ich Sie noch einmal, ſtelle es Ihnen aber anheim, ob Sie wollen oder nicht.“ „Ich folge Ihnen!“ ————————————————————— Der Polizei⸗Lieutenant verließ den Verbrecherkeller, Heldreich folgte ihm. Die kühle Nachtluft wehte ihm erfriſchend entgegen, als er auf die Straße kam; er athmete mit wahrem Wohlbe⸗ hagen auf. „Sie athmen friſch auf, junger Herr,“ ſagte der Poliziſt wohlwollend,„es iſt Ihnen ein Gefühl der Erleichterung, daß Sie aus dieſer Geſellſchaft heraus ſind, aber nun ſagen Sie mir, wie ſind Sie denn eigentlich hinein gekommen? Erkannten Sie denn nicht auf den erſten Blick die Sie umgebende Betrügerbande?“ Heldreich erzählte dem Polizei⸗Lieutenant zu deſſen großer Beluſtigung ſein Abenteuer mit allen Nebenumſtänden, er ver⸗ ſchwieg auch ſeine Abſicht nicht, pſychologiſche Studien, die ihm als künftigen Juriſten wichtig ſein mußten, zu machen. „Sie ſind mit heiler Haut davon gekommen, junger Herr; das iſt mehr, als mancher Andere, der ſich in den Verbrecher⸗ keller gewagt hat, von ſich ſagen kann!— Die Geſellſchaft, in der Sie ſich befanden, iſt die verrufenſte der Reſidenz; unter den Gäſten des Verbrecherkellers iſt faft keiner, der nicht ſchon in dem Zuchthauſe geſeſſen hätte.“ „Auch Herr Theudobald Laur?“ „War drei Jahre wegen betrügeriſchen Bankerotts auf dem Zuchthaus. Jetzt betreibt er das Gewerbe als Zuführer der Schlachtopfer für die falſchen Würfel der Herren Fiſcher, Bom⸗ belitz und Conſorten. Er iſt übrigens der ſchlechteſte von der Ge⸗ ſellſchaft noch nicht.“ „Und der Referendar Bombelitz?“ „Wurde wegen Diebſtahls und Unterſchlagung caſſirt und beſtraft. Jetzt iſt er falſcher Spieler und juriſtiſcher Rathgeber aller Diebe, Hehler u. ſ. w. Ein ſehr geſchickter, ſehr gefähr⸗ licher Menſch, der zu jedem Verbrechen ſeine Hand bietet, ſich aber ſelbſt nicht betheiligt, weil er zu vorſichtig iſt.“ „Wer iſt der Herr Fiſcher?“ „Der Graf? So wird er nämlich ſeines ariſtokratiſchen Aeu⸗ ßeren wegen allgemein genannt.— Er iſt ein vielfach beſtrafter, falſcher Spieler. Im Reichthum erzogen, hat er ſein Vermögen verſpielt und iſt nun vom Betrogenen zum Betrüger geworden. — Sie ſehen, junger Herr, daß Sie in gefährlicher Geſellſchaft waren; ich fürchte, Sie werden hier noch ſchweres Lehrgeld zahlen müſſen, wenn Sie Ihrem Hang zum Abenteuer öfter freien Lauf laſſen. Sollten Sie bei einer ſolchen Gelegenheit einmal meiner Hülfe bedürfen, dann wenden Sie ſich nur getroſt an mich, ich ſtehe gern zu Dienſten. Ich bin der Polizei⸗Lieutenant von Alt.“ Heldreich dankte herzlich; er wollte ſich ſchon von dem gü⸗ tigen Mann verabſchieden, da kam ihm noch das Geſicht des jungen Mannes in Erinnerung, für den er ſich ſo ſehr intereſſirt hatte, des Barons, den er am Spieltiſch geſehen. Er fragte noch nach dieſem. „Das iſt eine traurige Geſchichte,“ entgegnete Herr von Alt ſehr ernſt,„es geht mir jedesmal durch die Seele, wenn ich den jungen Mann ſehe. Er iſt der entartete Sproß einer vortreffli⸗ chen Familie, ein Taugenichts von Kindheit an. Ein falſcher Spieler, ein Wechſelfälſcher, ein Dieb, ja er ſteht ſogar im Ver⸗ dacht der Mitſchuld an einem Raubmord! Nie hat die Natur ein ſo betrügeriſches Spiel getrieben, als indem ſie dieſem Men⸗ ſchen dies Geſicht gegeben hat.— Doch genug, Herr Heldreich, es iſt ſpät, gehen Sie jetzt nach Ihrem Gaſthof„Zum grünen Baum.“ Mein Sergeunt mag Ihnen den Weg weiſen.“ 3 III. Heldreich erwachte am folgenden Morgen ziemlich ſpät. Als er ſich in dem kleinen, reinlichen Stübchen des Gaſthofs um⸗ ſchaute und dann an die Erlebniſſe des vorigen Tages zurück⸗ dachte, erſchienen ihm dieſelben faſt wie ein Traum. Erſt als er aufgeſtanden war und auf ſeinem Tiſche die Karte des Herrn Thendobald Laur fand, mußte er ſich wohl von der Wirk⸗ lichkeit überzeugen. Die Erinnerungen an Theudobald und alle die übrigen wüſten Exiſtenzen im Verbrecherkeller, an dieſe Men⸗ ſchen, die vielleicht einſt nicht geahnt hatten, wohin ſie das Schick⸗ ſal führen würde, bis ſie, durch Noth zum Verbrechen getrieben, endlich in dieſem untergegangen waren, rief in ihm die ernſte Sorge für ſeine eigene Zukunft wach. Er ſtand inmitten der großen Stadt ganz allein, faſt mittel⸗ los; denn die wenigen erſparten Thaler der Gymnaſialzeit, welche er bei ſich trug, reichten ſelbſt beim eingeſchränkteſten Leben kaum für einige Monate aus. Heldreich war an eine angeſtrengte Ar⸗ beit gewöhnt. Schon als Gymnaſiaſt hatte er ſich durch Unter⸗ richtgeben die Mittel für ſein eigenes Studium erwerben müſſen, denn der Vater konnte ihm keine Zuſchüſſe machen. Der karge Gehalt des Landpfarrers reichte kaum aus, um der großen Fa⸗ milie das nackte Leben zu erhalten. Arbeiten wollte Heldreich von Herzen gern; aber wo Arbeit finden? In der Provinz war ihm der Gedanke, es könne ihm an eeeneee Cxh — Arbeit und Verdienſt mangeln, gar nicht in den Sinn gekommen. 9 9 5 9 Es giebt ja in der großen Stadt ſo unendlich viel Gelegenheit für einen jungen Mann, ſein Brod zu verdienen, ſo hatte Held⸗ reich gedacht und ſo war es wirklich; aber wie ſollte er, der Fremde, dieſe Gelegenheit auffinden? Er ſaß lange grübelnd, endlich aber ſprang er auf.„Die trüben Gedanken ſollen mir die Laune nicht verderben! Kommt Zeit, kommt Rath!— Zetzt vor allen Dingen eine billige Woh⸗ nung, denn der billigſte Gaſthof iſt doch theuer, dann eine Be⸗ rechtung, wie ich am längſten mit meinen paar Groſchen aus⸗ komme. Morgens ein Glas Waſſer und ein Stück Brod. Mittags ein warmes Eſſen, wie es die Arbeiter eſſen, Abends ein tüchtiges Stück Brod! Bei ſolchem Leben kann man es aushalten, und bis mein Geld ganz verzehrt iſt, werde ich ſchon Arbeit finden. Alſo zuerſt eine billige Wohnung.“ Geſagt, gethan.— Mit friſchem Muth trat Heldreich ſeine Wohnungsreiſe an. Anfangs ſank ihm das Herz, als er die Preiſe für ein einfaches Zimmer hörte, monatlich 10 Thaler und mehr; aber je mehr er ſich aus dem Mittelpunkte der Stadt ent⸗ fernte, und ſich entlegeneren Gegenden zuwendete, je mehr ſanken auch die Preiſe, mit ihnen freilich auch die Eleganz und Bequem⸗ lichteit der Wohnungen.“ Endlich fand er, was er ſuchte, faſt am Ende der Stadt im Dachgeſchoß eines himmelhohen Hauſes, ein friedliches Stüb⸗ chen mit reizender Ausſicht auf weit ſich hinſtreckende Gärten für 2 Thaler monatliche Miethe. Die Wirthin, eine behäbige ſprach⸗ ſelige Frau, verſicherte ihm, er ſei bei ihr aufgehoben, wie in Abrahams Schooß. Bei ihr wohnten immer Herren und Alle ſeien zufrieden. Die Zeitung könne er obenein umſonſt leſen, die halte ihr Sohn mit dem Schneider auf dem Hofe zuſammen, ihr Sohn bekomme ſie um 10 Uhr, und um 11 Uhr ſollte ſie täg⸗ lich auf dem Tiſche liegen. Mehr könne kein Menſch für 2 Tha⸗ ler monatlich verlangen! Das fand Heldreich auch. Der Handel wurde abgeſchloſſen mit einem Thaler Draufgeld, den ſich die weltkluge Frau Schröder wohlweislich bedungen hatte. Und eine Stunde ſpäter zog unſer junger Freund mit ſeinem ganzen Hab und Gut in die neue Re⸗ ſidenz ein, in der er ſchon die Zeitung auf dem Tiſche fand.— Frau Schröder machte ein etwas zweifelhaftes Geſicht, als ſie das leichte Ränzchen ihres neuen Miethers ſah; aber ſie fand ſich in das Unvermeidliche, das Draufgeld ſicherte ſie ja für 14 Tage. Kurze Haare ſind bald gebürſtet, ſagt ein altes Sprüchwort. Heldreich brauchte zum Auspacken ſeiner geſammten Habſeligkeiten und zum Einräumen ſeiner Sachen nicht beſonders lange Zeit. Nachdem die Wäſche, der Anordnung der Mutter gemäß, hinten in den Kommodenkaſten gelegt und damit das Ordnungswerk vol⸗ lendet war, trat er an das Fenſter, um ſich von ſeinem hohen Standpunkte aus die Nachbarſchaft genauer anzuſehen, als dies durch den flüchtigen Blick beim Miethen möglich geweſen war. Eine Reihe niedriger Häuſer bildete die gegenüberſtehende Straßenreihe, ſo daß Heldreich über die Häuſer hinweg in die ſich weit bis zur Stadtmauer hin ausdehnenden Gärten, welche im bunten Schmucke der Georginen prangten, ſchauen konnte. Das war für den Großſtädter eine große Annehmlichkeit, den Provinzialen aber intereſſirte mehr das großſtädtiſche Leben, von dem in der entlegenen Straße wenig zu ſpüren war. Heldreich's Blick ſchweifte über lange Reihen unintereſſanter Häuſer fort, er blieb endlich haften auf einem kleinen Hauſe gerade gegenüber, dem kleinſten der ganzen Straße, denn es beſtand nur aus einem Stockwerke und hatte im Ganzen eine Straßenbreite von zwei 2 Fenſtern und der Hausthür. Das Haus ſelbſt bot des Intereſ⸗ ſanten nicht gar viel und hätte wohl ſchwerlich Heldreich's Auf⸗ merkſamkeit auf ſich gezogen, denn es war einfach grau gemalt und gebaut, wie faſt alle ſolche kleine Häuſer, wohl aber zeigten ſich die mit ſchönen und ſorgfältig gepflegten Blumen ausgeſchmück⸗ ten Fenſter der Betrachtung um ſo mehr werth, als hinter dem einen Fenſter, halb verſteckt von dem Blumengebüſch, ein lieb⸗ liches junges Mädchen ſaß, welches eifrig mit einer weiblichen Arbeit beſchäftigt war. Von ſeinem hohen Standpunkte aus würde Heldreich trotz ſeiner ſcharfen Augen wohl die Züge der Schönen nicht genau haben betrachten können, denn die Entfernung war zu groß, da aber half ihm ſein koſtbares Beſitzthum, ein doppeltes Fernglas, das einzige Erbſtück eines reichen Onkels, der ſein Vermögen wohlhabenden Stiftungen und nur das Fernglas ſeinem armen Neffen vermacht hatte. Bisher hatte Heldreich immer ein wenig an dem geſunden Verſtande des gottſelig Verſtorbenen gezweifelt; jetzt aber begann er den Werth des Vermächtniſſes zu ſchätzen, denn plötzlich ſaß vor ihm, ſo nah, daß er ihr die Hand hätte geben können, das lieblichſte junge Mädchen. Sie hatte das blonde Engelköpfchen ein wenig zurückgebeugt, indem ſie eine Stickerei, welche ſie vor ſich hielt, betrachtete, ſo konnte denn Heldreich je⸗ den ihrer Züge muſtern, ſo konnte er ſich berauſchen in dem An⸗ blick ihrer Schönheit, die ihn entzückte. Er konnte nicht müde werden hinüberzuſchauen, er träumte ſich eine poetiſche Märchenwelt, in welcher die Schöne drüben den Mittelpunkt bildete,— da wurde er plötzlich aus all dieſen Poe⸗ ſieen auf eine höchſt unſanfte Weiſe erweckt. Ein Mann trat zu dem jungen Mädchen, die ihn nicht be⸗ merkte, er hielt ihr ſchäkernd von hinten die Hände vor die Au⸗ 6 3 3 * 5 gen und dieſer Mann war— Heldreich traute ſeinen Augen nicht — der Baron, der Dieb, der muthmaßliche Mörder, den er geſtern im Verbrecherkeller geſehen hatte; er erkannte den ſchönen, ariſtokratiſch gebildeten Mann auf der Stelle wieder. Wer das bleiche feingeſchnittene Geſicht, die hellen braunen, dunkel über⸗ wölbten Augen, den fein geſchnittenen Mund mit dem leicht ge⸗ kräuſelten Schnurrbärtchen ein Mal geſehen hatte, der konnte es nie wieder vergeſſen. Heldreich hatte das Glas entſetzt einen Augenblick ſinken laſſen, aber die Neugierde zwang ihn wieder hinüber zu ſehen⸗ Das Schäkerſpiel war beendet. Der Baron hielt zärtlich die Hand der Schönen und dieſe ſchaute lächelnd zu ihm auf; ſie plauderte mit ihm ſo vertraulich, wie dies ein junges Mädchen nur mit einem alten lieben Freunde thun kann. Das war zuviel! Heldreich warf haſtig das Fernglas fort und wendete ſich vom Fenſter ab. Mißmuthig ſetzte er ſich auf das alte, harte Sopha, mit dem Rücken gegen das Fenſter ge⸗ kehrt. Er fühlte eine brennende Eiferſucht. Was hatte der Ba⸗ ron bei dieſem Engel zu thun? Wie konnte ein moraliſch ſo tief geſunkener Menſch ſich ſolche Vertraulichkeiten erlauben? Er glaubte die Pflicht zu haben, ſie zu warnen. Da erſt fiel ihm ein, daß er ſie ja gar nicht kenne, daß er ſich durch jedes Wort der Warnung lächerlich machen könne und daß ſeine jetzige Eifer⸗ ſucht in der That ſchon lächerlich genug ſei. Heldreich hatte einen ſehr klaren, ſcharfen Verſtand. Er konnte ſich wohl eine kurze Zeit in Träumereien wiegen, aber er kam ſtets ſchnell zum Be⸗ wußtſein ſeiner ſelbſt; ſo lachte er denn herzlich über ſeine Thor⸗ heit und trat noch einmal mit dem Fernglas an's Fenſter, aber vergebens, denn die Schöne hatte ſich mit dem Baron in's Innere der Stube zurückgezogen. Der Traum war vorüber, Heldreich in die Wirklichkeit zu⸗ rückgekehrt. Er wendete ſich wieder ſeinem Sophaplatz zu und nahm die Zeitung vor, um ſeine Gedanken von dem Vorgange abzuziehen, der ihn wider ſeinen Willen noch immer beſchäftigte. Sein Blick flog über die Spalten, nur mit Anſtrengung konnte er ſich zwingen, wirklich zu leſen. Endlich hatte er das kleine Blatt durchflogen, ſchon wollte er es fortlegen, da erinnerte er ſich, daß im Inſeratentheil mitunter Arbeitsgeſuche und Arbeits⸗ anerbietungen ſtänden. Vielleicht lächelte auch ihm das Glück! Er las weiter und wirklich, da ſtand ein Inſerat, welches ihm Arbeit, wenn auch ſchlecht bezahlte, langweilige Arbeit verſprach. „Eine größere wiſſenſchaftliche Arbeit ſoll ſchnell und ſauber ab⸗ geſchrieben werden. Schreiber, welche der lateiniſchen Sprache mächtig ſind, und welche eine gute, ſehr leſerliche Hand haben, können ſich melden bei Polizei⸗Lientenant von Alt. P'ſtraße 100.“ Eine Abſchrift!— Das war freilich ein trauriger Broder⸗ werb; die ſchlechteſt bezahlte Unterrichtsſtunde wäre unſerm Freunde lieber geweſen, aber er dunfte nicht wählen. Zetzt hatte er vor Allem die Pflicht, tüchtig zu arbeiten und zu erwerhen, damit er ſeine Studien beginnen könne; er entſchloß ſich ſofort ſich um die Arbeit zu bewerben und er hoffte um ſo mehr auf ein Reſultat ſeiner Bewerbung, als ja zufällig der Polizei⸗Lieu⸗ tenant von Alt, der ſich ihm geſtern ſo freundlich bewieſen hatte, die Abſchrift zu vergeben hatte. Er packte ſchnell ſeine Gymnaſialzeugniſſe und einige frühere Arbeiten und Proben ſeiner Handſchrift zuſammen und machte ſich bald auf den Weg. Als er ſeine Stube verſchloß, fiel ihm auf, was er vorher nicht bemerkt hatte, daß ſich dicht neben ſei⸗ ner eigenen Thür eine zweite befand, an der eine Viſitenkarte anzeigte, daß ſie ebenfalls zur Stube eines Chambregarniſten — 29— führte. Heldreich trat unwillkürlich näher, um den Namen ſeines Nachbars zu erfahren. Er las:„Theudobald Laur, Agent.“ Seltſamer Zufall! Von den wenigen Menſchen, welche Held⸗ reich in der großen Stadt kannte, führte ihm das Geſchick faſt in demſelben Augenblicke drei entgegen, den Baron, den Polizei⸗ Lieutenant und den edlen Theudobald. Die Nähe des letzteren war keine beſondere Annehmlichkeit und Heldreich's erſter Gedanke war, ſofort zu ſeiner Wirthin zu gehen, um den Contract rück⸗ gängig zu machen; dann aber mußte er das Miethsgeld ein⸗ büßen und wie konnte er dies unter ſeinen gegenwärtigen Ver⸗ hältniſſen? Während er noch über die ſehr unangenehme Alternative nächdachte, öffnete ſich die Thür und vor ihm ſtand Herr Theu⸗ dobald Laur. Theudobald fuhr auf's äußerſte überraſcht zurück, als er ſeinen„wahren Freund“ von geſtern erblickte.„Iſt's mög⸗ lich?“ rief er aus.„Herr Heldreich! Das iſt eine unerwartete Freude. Sie kommen, um mich zu beſuchen? Bitte, treten Sie näher in meine ſchlechte Hütte. Ich ſchäme mich nicht, unter einem ſol hen Dache zu wohnen, denn, wie ich Ihnen ſagte, ich habe traucige Erfahrungen gemacht.“ Heldreich mußte unwillkürlich über den Irrthum lächeln. „Sie täuſchen ſich, Herr Laur,“ ſprach er,„nur ein Zufall führte mich an Ihre Thür. Ich bin ſeit einer Stunde, aber auch nur für dieſe kurze Zeit, Ihr Nachbar in dieſer Stube.“ Theudobald's Geſicht wurde bedeutend länger. Wenn Held⸗ reich ihn beſuchte, ſo konnte er nichts ſchlimmes über ihn erfah⸗ ren haben, deshalb hatte er ſich ſo ſehr über dieſen Beſuch gefreut; ſehr enttäuſcht fuhr er fort:„Wir haben uns geſtern in einem kritiſchen Augenblicke getrennt, Herr Heldreich; ich. Sie haben Ihre Meinung über mich geändert?“ 6 „Nicht im Geringſten, Herr Laur!“ „Nicht? Das freut mich, das macht mich glücklich! Schon fürchtete ich, der Polizei⸗Lientenant——. Wer iſt vor Ver⸗ leumdung ſicher? Der reinſte Ruf iſt nicht unantaſtbar. Er hat Ihnen nichts geſagt?“ „Doch! Er hat mir die Lebensſchickſale der meiſten geſtern im Verbrecherkeller anweſenden Herren erzählt, der Herren Fiſcher, Bombelitz u. ſ. w.“ „Und die meinigen? Verkennen Sie mich nicht. Ich bin nicht neugierig, durchaus nicht, aber ich bin Ihr wahrer Freund, und daher liegt mir an Ihrer Achtung! Hat Ihnen der Lieute⸗ nant von— von— meinem Jugendfehler erzählt?“ „Wenn Sie damit den Jugendfehler meinen, der Ihnen eine dreijährige Haft zugezogen hat?— ja.“ „Ich dachte es! Es iſt ein Gewebe ſchmachvoller Schändlich⸗ keit um mich geſponnen! Es iſt wahr, ich habe Unglück gehabt; aber nie war ich ſchuldig! Ich war das Opfer der Verhältniſſe! Aber Sie ſagten mir ſchon, daß Sie Ihre Meinung über mich nicht geändert hätten, daß Sie alſo dem Lügengewebe nicht glau⸗ ben. So handelt ein wahrer Freund! Ich werde mich Ihnen dafür dankbar erweiſen, indem ich Sie, den Fremdling, einführe in die gewählteſte Geſellſchaft! Kommen Sie mit mir, jetzt eben kann ich Sie bekannt machen mit mehreren höchſt ausgezeichneten Männern, welche im Gaſthof„Zur ſilbernen Krone“ einen ſtreng geſchloſſenen Kreis bilden, in den Sie aber durch meine Con⸗ nexion Zutritt haben ſollen.“ Heldreich beluſtigte ſich zwar über den Bombaſt des guten Theudobald, aber er hatte nicht Luſt, ſich durch denſelben öfter beläſtigen zu laſſen; er entſchloß ſich alſo, dieſe Bekanntſchaft ein für alle Mal abzuſchneiden.„Sie täuſchen ſich wieder und voll⸗ % 2 5 ſtändig, Herr Laur!“ ſagte er ſehr ernſt.„Ich habe meine Mei⸗ nung über Sie nicht geändert, weil ich im erſten Augenblick un⸗ ſeres Zuſammentreffens wußte, welche Zwecke Sie mit mir ver⸗ folgten. Ich wünſche nicht, daß Sie ſich ferner Mühe geben, mich in Spielgeſellſchaften zu führen, Sie würden dabei nur Ihre Zeit verlieren, denn an mir iſt ſicher nichts zu verdienen. Ich bin ein armer, ſehr armer Menſch, der, um hier leben und ſtu⸗ diren zu können, ſich ſein Brod durch Abſchreiben mühſam ver⸗ dienen muß. Ich gehe jetzt eben zum Lieutenant von Alt, um mir Arbeit zu holen. Adien, Herr Laur!“ Laur hatte mit dem Ausdruck der tieſſten Beſchämung zuge⸗ hört. Er war dunkelroth geworden, und als nun Heldreich ge⸗ endet hatte und ſich abwendete, um zu gehen, da beugte er den Kopf nieder und blieb ſtehen ohne ein Wort zu erwidern. Heldreich ließ den beſchämten Betrüger ſtehen und eilte ſchnel⸗ len Schrittes die Treppe hinab; unten auf der Hausflur ſah er ſich eingeholt durch Theudobald, der ihm die Hand auf die Schul⸗ ter legte„Ein Wort noch, Herr Heldreich!“ ſagte er mit glü⸗ hendem Geſicht. „Was beliebt?“ war die kurze, ſcharfe Antwort. „Wir können keinen Umgang mit einander haben, das ſehe ich ein, Herr Heldreich, aber Eins muß ich Ihnen doch ſagen: Glauben Sie mir, hätte ich geſtern gewußt, daß Sie nicht ein junger, luſtiger Student ſind, ſondern daß Sie ſich Ihr Brod mit ſaurer Arbeit verdienen, dann— dann— nun dann hätte ich Sie nicht nach dem Verbrecherkeller geführt!“— Nach die⸗ ſen Worten lief er fort, ſo eilig er konnte, ohne ſich umzuſehen. Heldreich nahm ſeinen Weg nach der Prſtraße 100. Der Polizei⸗Lieutenant von Alt empfing ihn freundlich, aber mit etwas verwundertem Geſicht. Als ihm indeſſen Heldreich ſein Anliegen mittheilte, ihm ſeine Zeugniſſe und Arbeiten übergab, da drückte er dem jungen Mann mit wahrer Herzlichkeit die Hand. „Ich habe Sie liebgewonnen, trotzdem ich Sie geſtern in ſo ſchlechter Geſellſchaft traf, und ich freue mich nun doppelt, daß ich mich in Ihnen nicht getäuſcht habe. Ihre Zeugniſſe ſind vortrefflich, Ihre Hand entſpricht allen Anforderungen, Sie ſol⸗ len die Arbeit haben und ein Honorar für dieſelbe, mit dem Sie zufrieden ſein werden. Sie haben die Abſchrift eines großen ju⸗ riſtiſchen Werkes mit vielen lateiniſchen Citaten zu machen, wel⸗ ches der Geheime Rath von Mandel verfaßt und mit ſo fürchter⸗ lichen Krähenfüßen geſchrieben hat, daß es kein Setzer leſen kann. Hier, geben Sie meine Karte dem Geheimen Rath von Mandel, ſtellen Sie ſich ihm vor, die Arbeit iſt Ihnen ſicher.“ Heldreich dankte dem freundlichen Manne recht von Herzen; er plauderte noch ein Viertelſtündchen mit ihm und fand dabei Gelegenheit, ehe er von ihm Abſchied nahm, ſeine Begegnung mit Herrn Theudobald Laur zu erzählen. Der Lientenant lachte weidlich:„Sie haben ihn gut abgetrumpft,“ ſagte er,„ich kann mir ſein verblüfftes Geſicht lebhaft vorſtellen. Aber ſein letztes Wort freut mich doch von ihm Zch habe immer geſagt, der Theudobald iſt noch nicht der Schlechteſte. Uebrigens iſt's mir lieb, daß ich weiß, wie Sie zur Nachbarſchaft dieſes Herrn ge⸗ kommen ſind. Ich geſtehe Ihnen offen, hätte ich's zufällig er⸗ fahren, ſo wäre ich irre an Ihnen geworden, denn ich hätte ge⸗ glaubt, Theudobald habe Ihnen ſelbſt die Wohnung beſorgt. Bleiben Sie jetzt aber nur ruhig wohnen, er wird Sie ſicher nicht mehr beläſtigen.“ W Heldreic wurde von dem Geheimrath von Mandel, einem alten, zuſammengeſchrumpften Männchen, dem der Stockgelehrte aus jeder Bewegung hervorguckte, anfangs etwas förmlich aufgenom⸗ men; als er aber die Karte des Herrn von Alt, auf welche dieſer einige freundliche Worte als Empfehlung notirt hatte, und dem⸗ nächſt ſeine Zeugniſſe vorzeigte, wurde der Geheimrath heiter und geſprächig. Er holte einen mächtigen Folianten herbei.„Hier iſt das Werk,“ rief er, ſich beim Anblick ſeines Schatzes recht ſeelenvergnügt die Hände reibend,„über dem ich 15 Jahre ge⸗ ſeſſen habe Tag und Nacht, und welches mir jetzt der Eſel von Buchhändler zurückſendet, weil kein Setzer es leſen könne. Haben Sie je ſo was gehört? Ich wollte erſt nicht auf die Abſchrift ein⸗ gehen und ließ zur Probe einige Seiten abdrucken; aber Gott behüte uns vor allen Uebeln, was kam da für ein Zeug zuſam⸗ men? Die Citate beſonders hätte man eher für botokudiſch, als für lateiniſch gehalten. Alſo abgeſchrieben muß das Werk ſchon werden, und ich hoffe, Sie werden der Mann dazu ſein, die nicht leichte Arbeit gut zu vollenden!“ Und die Arbeit war nicht leicht. Als Heldreich den Deckel des Folianten öffnete und hineinſchaute in die bunt durcheinander ſpringenden Krähenfüße, welche nicht einmal durch die Form an Buchſtaben erinnerten, da bekam er doch einen gelinden Schreck, der ſich wohl auf ſeinem Geſicht ausprägen mochte, denn Streckfuß, Dorenberg. 3 3 der Geheime Rath ſagte freundlich:„Erſchrecken Sie nicht, junger Mann! Ein wenig Uebung, dann wird ſich die Sache ſchon machen; meine Handſchrift iſt wirklich ſo ſchlecht nicht, als die Leute immer ſagen, wenn man ſich nur erſt an den Charakter der Schrift gewöhnt hat, kann man ſie ganz gut leſen. Sehen Sie, ich will es Ihnen gleich zeigen.“ Er öffnete bei dieſen Worten den Folianten und las bei jedem Worte ſtockend und ſich verbeſſernd einige Zeilen aus dem Werke, nach kurzer Zeit aber blieb er ganz ſtecken. Er ſchob die Brille herauf und herunter, vergeblich, dieſe Züge ließen ſich nicht entziffern. Der alte Geheime Rath gerieth in ſichtliche Verlegenheit. „Hm,“ ſagte er,„das Wort ſcheint in der That etwas undeut⸗ lich zu ſein; aber es liegt wohl mehr daran, daß ich ſelbſt meine Handſchrift nur ſelten leſe und daher nicht an dieſelbe gewöhnt bin. Sie werden die Sache ſchon machen! Nachdem Sie we⸗ nige Seiten abgeſchrieben haben, mögen Sie mir das Manuſcript bringen, dann wollen wir auch den Preis der Abſchrift beſtimmen.“ Mit dieſem Troſte, den ſehr anſehnlichen Folianten unter dem Arm, empfahl ſich Heldreich. Er eilte nach Haus, um ſein Geſchäft als Abſchreiber anzutreten. Kaum gönnte er ſich ſo viel Zeit, um mit dem Fernglaſe einmal das Blumenfenſter in dem kleinen Hauſe gegenüber zu muſtern; zu ſeinem Glück fand er es leer, dann ſetzte er ſich an die Arbeit. Während der erſten Stunde wollte er ſchier verzweifeln. Er hatte als Gymnaſiaſt manche Abſchrift gemacht und unleſerliche Hände zur Genüge ken⸗ nen gelernt, aber ſolche Hand, wie dieſe, war ihm doch noch nicht vorgekommen. Die Buchſtaben, wenn man ſeltſam geformte, mit ynſerm Alphabet in gar keinem Zuſammenhang ſtehende Schrift⸗ zeichen Buchſtaben nennen kann, lagen unordentlich durch ein⸗ ander geworfen, ohne irgend einen Verband auf dem Papier. ——— 3 Heldreich ſtaunte die vor ihm liegende geſchriebene Seite, mit dem beſten Willen ſie abzuſchreiben, an, aber er konnte kein Wort le⸗ ſen und jetzt begriff er, warum der unglückliche Setzer zu einem Phantaſieſtück ſeine Zuflucht genommen hatte, als er dieſe latei⸗ niſchen Eitate ſetzen ſollte. Endlich nach langer vergeblicher Mar⸗ ter entſchleierte ſich ihm ein Wort, dann noch eins, dann wieder eins, zuletzt ein Satz! Der Geheime Rath hatte wirklich Recht, man mußte nur erſt den Charakter ſeiner Handſchrift, der darin lag, daß ſie keinen Charakter hatte, kennen, dann lernte man ſie 1 leſen. Nach einem eifrigen Studium, welches er die halbe Nacht 3 fortſetzte, war Heldreich im Stande, aus dieſen Hieroglyphen faſt ſo geläufig, wie aus einem gedruckten Buche, vorzuleſen und 4 nn erſt machte er ſich an die Abſchrift ſelbſt. Er arbeitete un⸗ unterbrochen bis gegen 11 Uhr Morgens, was kümmerte den lebensfriſchen jungen Mann eine Nacht der Arbeit; erſt, als er einen recht anſehnlichen Theil des Manuſcripts vollendet hatte legte er die Feder nieder. Er wuſch ſich tüchtig mit kaltem Waſſer, dann eilte er mit ſeiner Arbeit munter und friſch zu dem Geheimen Rath. Der Geheime Rath war nicht gerade angenehm überraſcht, als er Heldreich erblickte.„Ich liebe die zu flüchtigen Arbeiten nicht,“ ſagte er ein wenig brummend,„laſſen Sie einmal ſehen!“ Mit höchſter Bewunderung ſchaute er auf den Stoß Manuſcript, den der junge Mann vor ihm ausbreitete.„Das Alles haben Sie ſeit geſtern gemacht? Aber wie iſt denn das möglich?“ Er las, nirgend ein Fehler, ſtrengſte Gewiſſenhaftigkeit und dabei eine kühne, kräftig ſchöne Handſchrift. „Das iſt ein Meiſterſtück, junger Mann! Aber ſagen Sie mir, wie war dies bei meiner— hm— immerhin mitunter ———————— —— 3* nicht ganz deutlichen Hand möglich? Bis wie lange haben Sie geſtern Abend gearbeitet?“ „Bis jetzt Herr Geheimer Rath!“ „Das heißt, Sie haben die Nacht durchgearbeitet? Hm?— das verbitte ich mir junger Herr! Solche Nachtarbeit laſſen Sie hübſch bei Seite, wenn wir gute Freunde bleiben wollen. Die rothen Backen gehen ſonſt zum Kuckuck und das will ich nicht! Sie haben es auch nicht nöthig, dafür werde ich ſchon ſorgen!“ Der Preis der Arbeit wurde beſtimmt. Er war für eine Abſchrift ſo übermäßig hoch, daß Heldreich ſich weigerte, ihn an⸗ zunehmen, da aber kam er bei dem alten Geheimen Rath übel an; der wurde höchſt empfindlich, er wolle ſich nichts ſchenken laſſen, wie hoch eine ſolche Arbeit zu bezahlen ſei, müſſe er wohl am beſten verſtehen, und erſt als Heldreich ſich bereitwillig zeigte, beruhigte ſich der Alte. Von dieſem Tage an entſpann ſich ein wirklich freundſchaft⸗ liches Verhältniß zwiſchen dem Geheimen Rath und dem jungen Studenten. Jedesmal wenn Heldreich kam, um Arbeit abzuliefern, mußte er in dem großen lederbeſchlagenen Lehnſeſſel Platz nehmen und eine von den ſtets in Maſſe geſtopft daſtehenden langen Pfei⸗ fen rauchen, dann unterhielt ſich der alte Herr mit ihm oft ein Stündchen und noch länger und mit jedem Beſuche wurde er zu⸗ traulicher und freundlicher. Eines Tages, wohl ſechs Monate waren ſeit dem erſten Be⸗ ſuche verfloſſen, brachte Heldreich das letzte Stück dieſes umfang⸗ reichen Manuſcripts. Der Geheime Rath empfing ihn diesmal mit einem beſonderen Ernſt, ja mit einer gewiſſen Feierlichkeit. Wie gewöhnlich lud er den jungen Freund ein, ſeinen Platz im Lehnſtuhl einzunehmen, aber eine Pfeife bot er ihm diesmal nicht an. —————— 2————————————— — Den Rauch in großen Wolken von ſich ſtoßend, ging der alte Herr im Zimmer auf und nieder, indem er hie und da ſelt⸗ ſame Schwenkungen mit dem Pfeifenrohr machte. Endlich blieb er vor Heldreich ſtehen und ſagte mit einem Ton der Innigkeit in der Stimme, den man dem vertrockneten Büchermenſchen nie⸗ mals zugetraut hätte:„Herr Heldreich, Sie kommen heute, um mir mein letztes Manuſcript zu bringen; damit wäre denn unſere Geſchäftsverbindung gelöſt, nicht aber, ſo denke ich, unſer ferne⸗ res Zuſammenleben— ich habe Sie lieb gewonnen und möchte Sie mir erhalten. Obwohl ich ſonſt ſehr vorſichtig bin, junge Leute in meine Familie einzuführen, ich überlaſſe das meiner Frau, ſo will ich doch mit Ihnen eine Ausnahme machen. Kommen Sie, ich werde Sie meiner Frau vorſtellen.“ Heldreich entſchuldigte ſich vergeblich, daß er kein hochzeit⸗ lich Kleid, keinen Frack anhabe; er mochte wollen oder nicht, er wurde zur Frau Geheimräthin geſchleppt, vorgeſtellt und aufs freundlichſte aufgenommen. Die Geheimräthin, eine feine Frau mit einem etwas ariſtokratiſchen Weſen, welches ſeltſam von den trockenen Manieren ihres Gatten abſtach, zeigte gegen Held⸗ reich eine gewinnende, offene Freundlichkeit.„Sie freue ſich,“ ſagte ſie,„des Beſuchs um ſo mehr, als ſie zwei Wünſche habe, welche beide der junge Freund ihres Gatten erfüllen könne; der erſte, daß er ihren beiden Knaben lateiniſche Nachhülfeſtunden gebe, der zweite, daß er ihrem Gatten auch ferner ein liebevoller Geſellſchafter bleibe und zwar nicht nur in der Studierſtube, ſon⸗ dern auch im Schooße der Familie.“ So war denn Heldreich plötzlich eingeführt in eine reiche, vornehme Familie, in dieſelbe aufgenommen als ein gern geſehe⸗ ner Gaſt. Seine Zukunft war geſichert, denn außer den Privat⸗ ſtunden, welche ihm heute die Geheimväthin angeboten, hatte er — noch einige andere Stunden durch die Empfehlung des Polizei⸗ Lieutenant von Alt bekommen. Zetzt konnte er ſich mit größerer Ruhe den Studien widmen, welche ihn nach der Reſidenz geführt hatten, dieſen Studien, welche ſeit kurzer Zeit für ihn eine ganz andere Bedeutung als früher erhalten hatten. Wenn er in frü⸗ herer Zeit zweifelhaft geweſen war, welchen Lebensberuf er er⸗ 3 greifen ſolle, hatte ſich ihm niemals die Frage aufgeworfen, wel⸗ ches Studium iſt wohl das einträglichſte? Er hatte ſtets nur die Wiſſenſchaft im Auge gehabt; ſeit einiger Zeit aber dachte er da⸗ ran, daß mit dem Studium auch ſeine künftige Lebensſtellung verbunden ſei, daß er einſt, wenn er ſehr fleißig ſei, in ſechs Jahren Aſſeſſor mit einem kleinen auskömmlichen Gehalt ſein könne.„In ſechs Jahren,“ ſo dachte er,„bin ich 28 Jahr alt, das iſt gerade das richtige Alter zum Heirathen!“ Er trat dann an's Fenſter und ſchaute mit einem Fernglaſe hinüber nach dem kleinen Häuschen gegenüber. Manche Stunde hatte er in den 3 vergangenen Monaten ſo am Fenſter geſtanden und mit ſtets er⸗ höhtem Intereſſe das blondgelockte Engelsköpfchen betrachtet; wei⸗ 4 ter aber war er in ſeiner Bekanntſchaft nicht gekommen, ja, die Schöne gegenüber ahnte ſicherlich nicht, daß dort in dem hohen Dachtämmerchen ein junger Mann wohnte, der ihr Bild ſich ſo 3 tief in ſein Herz geprägt hatte, daß er ſich niemals mehr eine Zukunft denken konnte ohne ſie, deren Namen er nicht einmal wußte. Seit jenem Tage, an welchem er den Baron ſo freundlich mit dem jungen Mädchen hatte ſcherzen ſehen, war es Heldreich unmöglich geweſen, ſich näher nach dem Namen und den Ver⸗ hältniſſen der Schönen zu erkundigen. Fürchtete er eine ungün⸗ 13 ſtige Auskunft zu erhalten? Vollte er die Geliebte nicht von dem Schleier des Räthſels, der ſie ungab, enkkleidet wiſſen? Held⸗ —ee 3 reich gab ſich darüber ſelbſt keinen Aufſchluß; er war zufrieden, die Geliebte täglich ſehen zu können, ſie bei der Arbeit, beim Schaffen im Häuslichen, bei ihren Spaziergängen in dem hinter dem Hauſe belegenen Garten beobachten zu können, etwas Wei⸗ teres verlangte er vorläufig nicht, denn dieſe Beobachtungen gaben ihm den Beweis, daß das junge Mädchen ebenſo häuslich, ſitt⸗ ſam und liebenswürdig ſein müſſe, als ſie ſchön war. Die Thür des kleinen Hauſes gegenüber blieb faſt fortwäh⸗ rend geſchloſſen, die Bewohner deſſelben führten offenbar ein von der ganzen übrigen Welt ſo abgeſchiedenes Leben, daß ſie kaum von anderen Menſchen gekannt wurden; ſie waren ſich ſelbſt ge⸗ nug, nur zwei Menſchen, aber zwei, welche mit der innigſten Liebe aneinander hingen. Außer dem Engelsköpfchen lebte in dem kleinen Hauſe noch ein alter Herr, offenbar der Vater der Schönen, den ſie mit ei⸗ ner wunderlieblichen Art pflegte und bediente. Wenn er ſich in dem Garten erging, trug ſie ihm weiche Kiſſen und das Pfeif⸗ chen nach. Auf ſeinen Spaziergängen ſtützte ſie ihn, Abends las ſie ihm vor. Oft war noch ſpät am Abend Heldreich's Fern⸗ rohr auf die Gartenlaube gerichtet, in welcher das junge Mädcheu ihrem Vater mit liebevoller Sorgfalt den Lehnſeſſel zurecht rückte, ohne eine Ahnung davon zu haben, daß ſie beobachtet wurde. Außer dem Vater und ſeiner Tochter wohnte Niemand in dem kleinen Hauſe. Das junge Mädchen führte die Wirthſchaft allein, nur Morgens kam eine alte Frau auf etwa eine Stunde, um die gröbſten Arbeiten zu verrichten. War dieſe alte Dienerin aus dem Hauſe, dann blieben die beiden Bewohner ſich meiſt ganz ſelbſt überlaſſen, ſelten ſtörte ein Beſuch die ſtille Einſam⸗ keit und uur noch einmal ſah Heldreich nach jenem erſten Hin⸗ überſchauen den Baron als Gaſt in dem kleinen Hauſe, diesmal aber konnte er den Empfang ſeines Nebenbuhlers nicht beobach⸗ ten; derſelbe fand im Innern der Stube, wohin ſein Fernrohr nicht reichte, Statt. Der Beſuch war nur von ſehr kurzer Dauer, nach kaum füuf Minuten öffnete ſich die Hausthür plötzlich, der Baron ſprang mit einem dunkelrothen Geſicht aus derſelben und drohte mit der geballten Fauſt zurück. Der alte Herr ſtand in der Thür, er ſchaute dem Forteilenden mit traurigem Geſichte nach. Heldreich wäre am liebſten hinabgeſprungen, um dem Ba⸗ ron nachzueilen und ihn zu züchtigen, denn ſicherlich hatte er den würdigen alten Herrn ſchwer beleidigt; das aber ging nicht recht an, ſo mußte er alſo den laſterhaften Baron, gegen den er ei⸗ nen außerordentlichen Haß fühlte, ohne Züchtigung fortlaſſen. Die Stunden, welche Heldreich am Fenſter ſeines Dachſtüb⸗ chens verlebte, waren für ihn die glücklichſten des Tages. Er hätte jetzt dies Plätzchen nicht für eine prunkvolle Wohnung fort⸗ gegeben.— Oft fragte er ſich, ob er wohl glücklicher ſein würde, wenn es ihm geſtattet wäre, hinüberzugehen in das kleine Haus und dort mit ihr, deren Stimme er noch nicht einmal gehört hatte, zu plaudern? Er wußte ſich keine Antwort auf dieſe Frage zu geben, denn glücklicher als er war, konnte er ſchwerlich wer⸗ den. Er hatte kaum einen anderen Wunſch, als den, noch Jahre lang, ſo lange, bis er als ein gemachter Mann vor die Geliebte treten könne, ihr unbekannt gegenüber wohnen zu können; aber dieſer Wunſch ſollte nicht erfüllt werden; früher als er es ge⸗ ahnt, wurde ſein Schickſal mit dem ihrigen verflochten. W Mn einem Abende des Februar kehrte Heldreich ſpäter als ge⸗ wöhnlich in ſeine Wohnung zurück. Er hatte zufüllig einen Schulfreund getroffen, war mit dieſem in einem Bierhaus bei traulicher Unterhaltung länger geblieben, ſo daß es von der nahen girche 11 Uhr ſchlug, als er in die Nähe ſeiner Wohnung kam. Alter Gewohnheit nach fiel ſein erſter Blick auf das kleine Haus. Hinter den geſchloſſenen Fenſterladen hervor ſtrahlte noch der Schimmer eines Lichtes. Schon dieſes fiel ihm auf, denn die Be⸗ wohner des kleinen Hauſes pflegten ſehr regelmäßig, gegen 10 Uhr, zu Bett zu gehen; noch auffallender aber war es, daß die Hausthür halb offen ſtand. Heldreich blieb ſtehen; er war einen Augenblick zweifelhaft, ob er ſich nicht von der Urſache der ihn in Staunen ſetzenden Erſcheinung überzeugen ſollte. Wie leicht konnte in dem nur von Vater und Tochter, einem ſchwachen Greiſe und einem jungen Mädchen bewohnten Quartier ein Einbruch verübt ſein! Aber welches Recht hatte er, der Fremde, ſich um Verhältniſſe zu küm⸗ mern, die ihn nicht angingen? Die Hausthür ſtand wahrſchein⸗ lich mit Abſicht der Bewohner auf, dafür ſprach ſchon das bren⸗ nende Licht in der Wohnſtube. Trotz aller dieſer Vernunftgründe konnte ſich Heldreich doch nicht entſchließen, nach ſeiner Dachkammer hinaufzuſteigen; er ging auf der Straße auf und nieder, indem er ſtets das kleine Haus, dem er ſich nach und nach mehr näherte, im Auge behielt. End⸗ lich blieb er horchend vor den geſchloſſenen Fenſterladen ſtehen. Er hörte eine laute, harte männliche Stimme, die ſich in einem dro⸗ henden Tone hören ließ, eine andere Stimme antwortete, eben⸗ falls die Stimme eines Mannes, aber weich, milder, es lag faſt 5 ein Accent der Furcht in dem Ton. Die Worte, welche geſpro⸗ chen wurden, waren unverſtändlich, denn der Schall brach ſich an dem geſchloſſenen Fenſter. Heldreich konnte nicht weiter. Er fühlte, daß hier irgend etwas nicht richtig war, daß ſeine Hülfe bald nothwendig werden könne, und er hatte ſich nicht getäuſcht. Das Geſpräch im Innern wurde lauter, die drohende Stimme ließ ſich ſchärfer und härter hören, plötzlich tiefe Stille und dann — ein gellender Hülferuf. Im nächſten Augenblick hatte Heldreich die Hausthür ganz aufgeriſſen, das Licht der Laterne vom gegenüberſtehenden Hauſe fiel in den kleinen Flur und ließ ihn die linker Hand nach der Stube, aus der der Hülferuf gekommen war, führende Thür er⸗ kennen; er riß ſie auf und ſah ſeine ſchlimmſten Ahnungen be⸗ ſtätigt. Der Vater ſeiner Geliebten befand ſich in der drohend⸗ 3 ſten Gefahr. Er rang mit einem kräftigen jungen Manne, in welchem Heldreich auf der Stelle jenen verhaßten Baron erkannte, aber der Kampf war faſt beendet, ſchon hatte der Jüngling den alten Mann überwältigt, ihn auf das kleine Sopha niedergedrückt, ſeine mörderiſche Hand umkrallte ſchon den Hals des Alten.— „Willſt Du das Geld geben, Onkel, oder nicht?“ ziſchte er mehr, als er ſprach.—„Sag' ja oder ich drück“—— Er konnte nicht ausreden, denn ein gewaltiger Fauftſchlag, von Heldreich's muskelkräftiger Hand geführt, ließ ihn zurücktaumeln. 3 Der Alte ſprang ſofort wieder auf; er ſchaute einen Moment etwas verwirrt um ſich, denn der mörderiſche Druck ſeines Hal⸗ ſes hatte ihn faſt der Beſinnung beraubt, aber er faßte ſich ſchnell. „Fort mit Dir, Hugo!“ rief er mit noch zitternder Stimme, „der heutige Abend hat das letzte Band zwiſchen uns zerſchnitten. Wage es nie wieder, Dich bei mir ſehen zu laſſen, wenn Du 4 nicht willſt, daß ich Dich dem Gerichte übergebe.“— 3 Der Bardn ſchien unſchlüſſig, was er thun ſollte. Er hatte offenbar die größte Luſt, den Kampf wieder aufzunehmen, aber der kräftige Fauſtſchlag, den er empfangen, ließ ihm dies doch 4 bedenklich erſcheinen. Er fuhr ſich mit der Hand durch das ge⸗ lockte Haar, drehte das feine Schnurbärtchen und ſagte mit jener ein wenig näſelnden Stimme, welche junge Gardeofficiere gern annehmen:„Du machſt zu viel aus einem Ausbruch meiner Hef⸗ 3 tigkeit, Onkel, es war ja nicht ſo böſe gemeint!“ „Fort mit Dir, ich will Dich nicht mehr ſehen!“ „Onkel! bedenke der Fremde... „Iſt mein Lebensretter, denn Du hätteſt mich ermordet, wenn er nicht dazu gekommen wäre. Deine Schande iſt ſchon offenkundig, wozu ſie noch verhehlen? Fort mit Dir, kein Wort mehr.“ Noch immer zeigte der Baron nicht die mindeſte Luſt zu ge⸗ horchen. Während er zum Schein eine möglichſt nachläſſige Hal⸗ tung anzunehmen verſuchte, flog ſein Blick im Zimmer umher nach einer Waffe, mit welcher er den ungebetenen Gaſt unſchäd⸗ lich machen könnte. Er erblickte auf einem Büffettiſchchen in einer Ecke einen Korb, in dem mit mehreren Tiſchmeſſern auch ein großes Vorſchneidemeſſer lag. Mit einem Ausruf der Freude riß er das Meſſer hervor, und ehe Heldreich auszuweichen ver⸗ mochte, hatte er einen Stich mit der ſpitzen Waffe erhalten. Es war ein Kampf um's Leben, das wußte Heldreich. Er fühlte ſich ſchwer verwundet, aber er verlor die Geiſtesgegenwart nicht; mit Aufbietung aller ſeiner Kräfte führte er mit der Fauſt einen wohlgelungenen Hieb gegen ſeinen Mörder, der dieſen halb ohnmächtig zurücktaumeln ließ. Das Meſſer fiel ihm dabei aus der Hand. Heldreich hob es von der Erde auf. Er wollte ſich noch einmal auf ſeinen Gegner werfen, da aber wunde es ihm ſchwarz vor den Augen, das ganze Zimmer drehte ſich mit ihm, er ſank beſinnungslos zu Boden. lich ſtrengte er ſich an, ſich zu beſinnen, durch welchen Zufall er VI. A Heldreich aus der Ohnmacht erwachte, war es heller, lich⸗ ter Tag. Er befand ſich in einer ihm ganz fremden Umgebung, in einem freundlichen Stübchen, in dem er ſich nicht erinnern konnte, je vorher geweſen zu ſein. Die Vorgänge des vergange⸗ nen Abends waren aus ſeinem Gedächtniß geſchwunden, vergeb⸗ in dieſes Zimmer gekommen ſei. Er lag halb entkleidet, mit Betten zugedeckt auf einem Sopha. Neben ihm ſtand ein Tiſch, auf dem ſich ein paar Medicinflaſchen befanden; auf einem Stuhle vor dem Sopha lagen ſeine übrigen Kleider. Träumeriſch ſchaute ſich Heldreich um; es lag auf ihm ein Gefühl der Ermattung, welches ihn zu jeder ernſten Willens⸗ anſtrengung unfähig machte, jenes Gefühl, welches den Kranken nach heftigem Blutverluſt überkommt. Er mochte wohl faſt eine Viertelſtunde ſtill ſinnend auf dem Sopha gelegen haben, als ſich eine nach einem Nebenzimmer führende Thür leiſe öffnete und ein junges Mädchen eintrat. Heldreich glaubte ſeinen Angen nicht trauen zu dürfen; das blonde Engelsköpfchen, welches er ſeit Monaten durch ſein Fernglas be⸗ obachtet hatte, jetzt konnte er es in der Nähe betrachten, und zwar recht aus nächſter Nähe, denn das junge Mädchen beugte ſich theilnahmvoll über ihn. Als ſie ihm in das Auge ſchaute, lächelte ſie ihm ſo freundlich und lieblich zu, daß ihm wahrhaft das Herz aufging. „Wie geht es Ihnen, mein Herr? Fühlen Sie Schmerz?“ — fragte ſie mit einer ſanften, klangreichen Stimme. Es lag in dem Ton eine ſo freundliche Theilnahme, eine ſo zärtliche Be⸗ ſorgniß, daß Heldreich am liebſten aufgeſprungen wäre, um ſie aus Dankbarkeit zu umarmen. Das aber ſchickte ſich nicht, er war ſchon gezwungen, ſeiner ſchönen Pflegerin gegenüber als Kranker ruhig liegen zu bleiben. Sie ſetzte ſich unbefangen neben ſein Lager und nahm eine Stickerei zur Hand.„Der Vater iſt ausgegangen, aber ich hoffe, er wird bald zurückkommen,“ ſagte ſie einfach;„bis dahin müſſen Sie ſich ſchon mit meiner Pflege begnügen. Ich hoffe übrigens, Sie werden nicht lange Patient ſein müſſen. Der Doctor meint ja, die Wunde ſei an und für ſich nicht gefährlich, nur habe Sie der Blutverluſt ſehr erſchöpft.“ Sie plauderte ſo unbefangen, als ſei ſie Jahr und Tag be⸗ kannt und vertraut geweſen mit dem jungen Manne, und dieſer wieder fand dieſe Vertraulichkeit ebenſo entzückend als naturge⸗ mäß, denn er kannte ſeine Schöne ja ſchon ſeit ſechs Monaten, hatte ſie in dieſer Zeit täglich, ja faſt ſtündlich geſehen, weshalb alſo ſollte ſie ihm gegenüber ſich fremd zeigen? Daß ſeine Wunde nicht gefährlich ſei, war ihm beſonders angenehm zu hören, da er dadurch zu gleicher Zeit erfuhr, daß er verwundet ſei. Jetzt konnte er ſich ein gewiſſes zuckendes Prickeln in der Bruſt, wel⸗ ches er bisher nicht beachtet hatte, erklären; aber wie kam er überhaupt zu einer Wunde; wie in dieſe kleine grüne Stube, de⸗ ren bildergeſchmückte Wände ihm jeden Augenblick bekannter wurden? Er verſuchte vergeblich ſeine Erinnerung zu ſammeln, die Ereigniſſe des vergangenen Abends ſchienen vollſtändig aus ſeiner Erinnerung verwiſcht. Seine ſchöne Pflegerin mußte ihm darüber Aufſchluß geben. Er hatte bisher, außer der kurzen Ant⸗ wort auf ihre freundliche Frage nach ſeinem Befinden, nichts ge⸗ 3 ———— —— R ſprochen, denn er war vollkommen überwältigt durch die plötzliche Erſcheinung der Göttin ſeiner Träume. Wenn er ſich in anderer Geſellſchaft nicht ſchüchtern zeigte, ſondern ſtets friſch und keck auſtrat, ſo fühlte er jetzt dieſem einfachen Mädchen gegenüber zum erſten Male ein ſeltſames Gefühl der Beklommenheit, über welches er ſich keinen Aufſchluß zu geben vermochte. Er wollte eine Frage thun, aber die Worte fehlten ihm; er ſann und je mehr er ſann, je peinlicher wurde ihm ſein verlegenes Schweigen, bis er endlich, um nur zu ſprechen, faſt brüsque mit der Frage her⸗ auskam:„Wo befinde ich mich denn eigentlich und wie bin ich hierher gekommen?“ Das junge Mädchen ſchaute, über die plötzliche Frage und den abgebrochenen Ton derſelben verwundert, von der Arbeit auf. „Das wiſſen Sie nicht?“ fragte ſie zurück. „Nicht ein Wort! Vergeblich zermarterte ich meine Erinne⸗ rung, und ich bitte Sie nun, mir zu helfen.“ „Wo Sie ſind, das kann ich Ihnen allerdings leicht beant⸗ worten: In der Wohnung meines Vaters, des Majors außer Dienſt von Arnburg, ich benutze dieſe Gelegenheit, mich Ihnen vorzuſtellen, mein Name iſt Clara von Arnburg.“ Sie war bei dieſer eigenthümlichen Vorſtellung aufgeſtanden und machte dem jungen Manne eine Verbeugung, die ſo zierlich und dabei ſo ko⸗ miſch war, daß Heldreich unwillkürlich lachen mußte„und da⸗ durch über die Verlegenheit, ſich ſelbſt vorſtellen zu müſſen, denn dahin zielte offenbar die Abſicht der jungen Dame, gebracht wurde; er verbeugte ſich, ſoweit ſeine liegende Stellung dies ge⸗ ſtattete, und ſagte:„Ich habe die Ehre, Ihnen den Studiosus juris Carl Heldreich vorzuſtellen, der entzückt iſt, ſich in ſolch liebenswürdiger Geſellſchaft zu befinden und gern dafür eine kleine Wunde in den Kauf nimmt, nun aber auch gern wiſſen möchte, wie er zu dieſer liebenswürdigen Wunde, die ihn offen bar hierher geführt hat, gekommen iſt.“ „Sie ſind ſehr galant, Herr Heldreich; jedenfalls wollen Sie ſich den Ruf eines vollendeten Ritters erwerben, ſowohl durch Tapferkeit als durch Galanterie.“ „Sie ſpannen meine Neugierde auf die Folter.“ „Das ſoll nicht geſchehen, aber ich geſtehe Ihnen offen, ich fürchte mich faſt vor der Erzählung, denn es graut mir, wenn ich an den geſtrigen Abend denke. Aber Sie haben ein Recht zu fordern, daß ich ein ſo albernes Gefühl überwinde. Hören Sie alſo. Ich war geſtern Abend, ich will es Ihnen nur offen geſtehen, bei der Arbeit eingeſchlafen, als ich durch einen Schrei meines Vaters geweckt wurde. Zch glaubte zu träumen, aber ein zweiter Angſtruf des Vaters, den ich deutlich hörte, obgleich zwei Zimmer zwiſchen meiner Schlafkammer und dieſer Stube liegen, ließ mich in höchſtem Schrecken aufſpringen und eilen. Als ich die Thür öffnete, bot ſich mir ein gräßlicher Anblick dar. Der Vater ſtand leichenblaß am Sopha; der Vetter Hugo lehnte ſich gegen die Wand, indem er ſich mit beiden Händen den Kopf hielt. Sie aber, mein Herr, lagen am Boden, in der Hand hielten Sie unſer großes Vorſchneidemeſſer; aus Zhrer Bruſt quoll ein dicker Blutſtrom hervor.. „Jetzt erinnere ich mich,“ rief Heldreich aus.„Ich hörte auf der Straße den Angſtruf, drang in das Zimmer und befreite Ihren Vater von der mörderiſchen Hand des Barons, der mich durch einen Meſſerſtich verwundete. Dann ſchwand mir das Bewußtſein!“ „So erzählte mir mein Vater ſpäter; ich ſchrie laut auf, als ich Sie, wie ich glaubte, todt auf dem Boden liegen ſah. Der Vater ſprang nun herzu und hob Sie auf das Sopha, — dann aber wendete er ſich gegen den Vetter und rief wüthend— „Fliehe Mörder, ehe es zu ſpät iſt!“ Der Vetter aber antwortete nicht, er ſchaute mit ganz ſonderbarem, verwirrtem, ſtierem Blicke um ſich und taumelte, während er ſich noch immer mit beiden Händen den Kopf hielt; er duldete es, daß ihn der Vater beim Arm ergriff und ihn vor die Thür ſtieß, er machte auch nicht einmal den Verſuch, ſich zu widerſetzen; er war noch immer ganz betäubt von dem Fauſtſchlag, den Sie ihm, wie der Vater ſagte, gegeben hatten. Der ſchändliche Vetter war entfernt, Sie aber lagen noch immer ohnmächtig, ſchwer blutend auf dem Sopha. Der Vater hat den Krieg mitgemacht und verſteht ſich etwas auf die Heilung von Wunden. Er legte Ihnen ſchnell einen vor⸗ läufigen Verband an, um wenigſtens das Blut etwas zu ſtillen, dann eilte er zum Doctor.“ „Er ließ Sie allein in dem öden Hauſe mit einem Schwer⸗ verwundeten?“ „Natürlich. Hätte ich etwa in der Nacht zum Doctor gehen ſollen? Unſer Hausarzt iſt ein alter vortrefflicher Mann, der zu jeder Stunde der Nacht, ſobald er gerufen wird, bereit iſt zu kommen. Er kam ſofort, verband Sie und gab uns den Troſt, daß Ihre Wunde nicht gefährlich ſei. Ich hoffe, er wird bald hier ſein, um meine Worte zu beſtätigen.“ Die Erzählung Clara's hatte alle Räthſel gelöſt, welche den Vorgang der vergangenen Nacht umgaben, alle, nur das eine, das größte nicht— das räthſelhafte Verhältniß des Barons zu dieſer Familie. Daß der Baron ein Neffe des Majors ſei, hatte Held⸗ reich allerdings erfahren, er wußte ja ſchon von dem Polizei⸗ Lieutenant, daß der Verbrecher aus einer vornehmen Familie ſtamme; der mörderiſche Angriff auf den Onkel ſtimmte ganz mit dem Charakter des Barons zuſammen, durchaus unerklärlich aber Streckfuß, Dorenberg. 4 . ſ 1 war ihm die Freundlichkeit und Vertraulichkeit, welche, wie er ſelbſt geſehen, Clara von ihrem Vetter geduldet hatte; und gerade hierüber konnte er natürlich keine Frage wagen, denn Clara durfte unter keiner Bedingung etwas davon erfahren, daß er ſchon ſeit Monaten ſie kenne; das Fernglas mußte für ſie ein Geheim⸗ niß bleiben. Im ſcharfen Nachdenken über dieſe Frage ſtrengte er ſich an, bis ihm der Kopf ſchmerzte; Clara ſchaute ihm be⸗ ſorgt in's Auge.„Sie ſehen wieder viel bleicher aus, als vor⸗ her, und Ihr Auge iſt trübe,“ ſagte ſie,„gewiß hat unſer lan⸗ ges Geſpräch Sie aufgeregt und angegriffen. Bitte nehmen Sie von der Mediein und verſuchen Sie zu ſchlafen.“ „Ich bin durchaus nicht müde und möchte gern noch ein wenig plaudern.“ „Sie müſſen mir als galanter Ritter ſchon den Willen thun, Herr Heldreich. Hier iſt die Medicin! So iſt's recht.“ Heldreich hatte tapfer geſchluckt. Gegen dieſe freundlich lie⸗ benswürdige Beſtimmtheit war gar kein Widerſtand möglich, ſo mußte ſich der junge Student denn auch bequemen, das Geſicht gegen die Wand zu drehen,— denn„icch ſpreche kein Wort mehr mit Ihnen, nicht eine Silbe, ehe Sie ein wenig geſchlummert haben,“ hatte Clara geſagt, und gegen einen ſolchen Ausſpruch war nichts mehr zu machen. Er mußte verſuchen zu ſchlafen und der Verſuch gelang. Er erwachte nach vielleicht einer Stunde. Die Laute eines im Flüſterton dicht neben ſeinem Lager geführten Geſprächs ſchlu⸗ gen zuerſt vereinzelt, unverſtändlich, dann aber in ihrem Zuſam⸗ menhange an ſein Ohr. „Sie können mir alſo die feſte Verſicherung geben, daß keine Gefahr iſt?“ „Verlaſſen Sie ſich darauf. Er ſchläft ſo ruhig und ſanft wie ein Geſunder. Nach einer Stunde können wir ihn, wenn er nicht von ſelbſt aufwacht, wecken und in einer Droſchke nach ſeiner Wohnung fahren.“ „Deshalb frage ich nicht. Er muß, wie ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht, mein Gaſt bleiben, bis ihm die Fahrt nicht mehr die ge⸗ ringſten Schmerzen macht. Ich habe der Polizei von dem Vor⸗ fall keine Anzeige gemacht. So lange die Sache mich allein betraf, durfte ich ſchweigen, jetzt aber, da auch dieſer junge Mann betheiligt iſt, werde ich deſſen Urtheil abwarten müſſen, um mich über mein künftiges Verhalten gegen meinen Neffen zu beſtimmen. Wäre das Leben des jungen Mannes bedroht, ſo müßte ich mit blutendem Herzen Anzeige beim Gericht machen.“ „Der Sorge dürfen Sie ledig ſein. Der junge Mann dort wird eher ſeinen Schmerz von der Wunde verlieren, als Ihr Hundsfott von Neffe ſeinen Kopfſchmerz. Sehen Sie nur dieſe Armmuskeln, jetzt iſt's mir erklärlich, daß ein Schlag dieſer Fauſt gegen die Schläfe einen Mann niederſchmettern kann. Ein wun⸗ derſchöner Menſch!“ Heldreich hielt es nicht für rathſam, weiter zu hören, er drehte ſich langſam um, und richtete ſich auf mit einer Bewegung, als erwache er ſpeben. Zwei ältere Herren ſaßen an derſelben Stelle, welche vorher die ſchöne Clara eingenommen hatte. Den einen, den mit dem lang herabhängenden weißen Schnurrbart, kannte er ſchon, es war Clara's Vater, der Major von Arnburg; der andere dicke gemüthliche Mann mit der goldenen Brille war unzweifelhaft der Doktor.„Sehen Sie, Major,“ ſagte dieſer, als Heldreich ſich regte,„jetzt haben wir nicht nöthig ihn zu wecken, er iſt von ſelbſt erwacht. Zu Ihrer Beruhigung will ich ſeine Wunde noch einmal unterſuchen, obgleich es kaum nöthig wäre. Bitte, halten Sie ſich einen Augenblick ſtill, mein junger Herkules...— Alles ſteht vortrefflich,— in acht Tagen wiſſen Sie nichts mehr von dem ganzen Spaße. Ziehen Sie ſich an, junger Herr, und fahren Sie in Gottes Namen nach Hauſe, oder gehen Sie, ganz wie Ihnen beliebt.“ Heldreich mußte über die drollige Manier, mit welcher der Doktor die Unterſuchung beendigte, unwillkürlich lachen; er fühlte ſich wieder vollſtändig friſch und entgegnete daher, in den Ton des Doktors eingehend, munter:„Wenn Sie freundlichſt eine Droſchke holen laſſen wollten; ſie hat nur nöthig umzukehren, ich wohne hier grade gegenüber Nr. 125.“ „Vortrefflich! Nein, ich habe hier nichts mehr zu thun, der Simſon iſt wieder hergeſtellt, der Dokter hat ſeine Pflicht gethan, der Doktor kann gehen!“ Mit dieſen Worten verabſchiedete ſich der dicke Arzt lachend; beim Gehen indeſſen verfehlte er nicht, ſich noch einmal umzudrehen und zu Heldreich gewendet zu ſagen: „Morgen um 11 Uhr beſuche ich den Herrn Patienten noch ein⸗ mal, um den Verband nachzuſehen; bis dahin verbitte ich mir bayeriſch Bier u. ſ. w. Verſtanden? Adien!“ Der Major war unſerm jungen Freunde beim Auffſtehen und Ankleiden mit einer faſt zärtlichen Sorgfalt behülflich; als dieſer fertig war, rief er ſeine Tochter.„Komm, Clara, und danke jetzt dem Manne, der Deinem Vater das Leben gerettet hat.“ „Das will ich recht von Herzen thun, Vater; ich habe es zumal vorher verſäumt, als Herr Heldreich wachte.“ Sie gab bei dieſen Worten Heldreich die Hand und drückte ſie ihm, wie einem alten lieben Freunde. In ihrem ganzen Weſen lag etwas außerordentlich Friſches, eine Unbefangenheit, die faſt derb war und oft ſeltſam mit dem lieblich zarten Ausdruck des Engelsköpf⸗ chens contraſtirte. 3— „Nun, mein lieber Herr Heldreich,“ fuhr der Major bittend fort,„ſetzen Sie ſich zu uns und laſſen Sie uns mit einander Bekanntſchaft ſchließen. Daß Sie Heldreich heißen und daß Sie Jura ſtudiren, habe ich ſchon durch meine Clara gehört; aber ich möchte gern noch mehr von Ihnen erfahren, möchte Sie ge⸗ nauer kennen, denn ich verdanke Ihnen nicht nur die Rettung meines Lebens, ſondern ich will auch noch außerdem eine große Bitte an Sie ſtellen. Einem Manne, dem man zu ſo viel Dank⸗ barkeit verpflichtet iſt, möchte man gern näher ſtehen, als einem Fremden.“ „Wonmit kann ich Ihnen dienen, Herr Major?“ „Davon ſpäter, Herr Heldreich. Erſt laſſen Sie uns mit einander bekannt werden. Sehen Sie, an mir iſt nun nicht eben viel kennen zu lernen. Ich bin der Major a. D. von Arnburg, lebe hier in dieſem kleinen Schlößchen eingeſchränkt von meiner Penſion und den paar Groſchen Zinſen aus meinem kleinen Ver⸗ mögen. Bin ein alter, oft griesgrämiger Mann, der nur eine Luſt und Freude auf der Welt hat an dem Lockenkopf hier, mei⸗ ner Clara,— ich ſollte es eigentlich nicht ſagen, da ſie dabei iſt; aber es iſt doch wahr und ſie weiß es ohnehin nur zu gut!“ Damit gab er dem lieblichen Mädchen, welches ihn zärtlich um⸗ armte, einen derben Kuß, dann fuhr er fort:„Neben der Freude habe ich auch einen tiefen Gram, der mich nie verläßt und mich vielleicht noch in's Grab bringen wird, wie er eine theure Schweſter von mir in's Grab gebracht hat. Ich habe einen Neffen, den Sohn dieſer Schweſter, einen nichtswürdigen Buben, einen Menſchen, der zu jeder Schändlichkeit fähig und bereit iſt, der ſeine hohen Talente nur zu Niederträchtigkeiten gebraucht, aus dem ein großer Mann hätte werden können und der ein Abſchaum der Menſchheit, die Schande ſeiner Familie, ein Verbrecher ohne —. ——————— 8 — 54 Scham und Gewiſſen geworden iſt. Genug von dem Buben, Sie kennen ihn, Sie waren Zeuge, wie er mich morden wollte, weil ich mich weigerte, ihm eine Summe Geld zu— leihen, wie er ſagte; Sie tragen die Wunde von ſeiner Hand.— Und nun gleich zu meiner Bitte oder vielmehr zu zwei Bitten, durch deren Erfüllung Sie der Wohlthat, welche Sie mir erwie⸗ ſen haben, die Krone aufſetzen würden.“ „Bitte, Herr Major, ſprechen Sie. Was ich irgend thun kann, um Ihnen gefällig zu ſein, ſoll gewiß geſchehen.“ „Nun wohl, ſo hören Sie. Meine erſte Bitte geht dahin, laſſen Sie den Schleier der Vergeſſenheit über die heutige Nacht ſinken. Ich habe der Polizei keine Anzeige gemacht und werde es nicht thun, wenn Sie es nicht fordern. Ich möchte nicht die Veranlaſſung ſein, daß der Sohn einer geliebten Schweſter fünf Jahre lang in's Zuchthaus kommt. Wollen Sie meine Bitte er⸗ füllen?“ „Von Herzen gern. Ich verſpreche Ihnen, von mir ſoll Nie⸗ mand etwas über die Vorgänge der verfloſſenen Nacht erfahren!“ „Ich wußte wohl, daß Herr Heldreich Dir Deine Bitte nicht abſchlagen würde,“ ſagte Clara mit einem Tone der Ueber⸗ zeugung, der ihren Vater zum Lächeln brachte, ſo wenig er auch in jenem Augenblick dazu aufgelegt war. „Ich danke Ihnen recht herzlich, Herr Heldreich,“ fuhr der Major fort,„nun habe ich auch Hoffnung, daß Sie mir meine zweite Bitte erfüllen, ſo ſeltſam Ihnen dieſelbe erſcheinen mag. Ich hoffe, wir werden heute unſere Bekanntſchaft nicht abſchließen. Sie werden mich recht häufig beſuchen und wir wollen uns ge⸗ genſeitig lieb gewinnen. Da wird ſich Ihnen umwillkürlich der Gedanke an meinen Neffen aufdrängen. Sie werden vielleicht von dieſem ſogar hier oder da hören, möchten etwas aus ſeiner Vergangenheit wiſſen, oder aus ſeiner Gegenwart mir erzählen; thun Sie das nicht. Ich will nichts mehr von dem Buben hö⸗ ren. Geben Sie mir das feſte Verſprechen, daß dieſer Menſch für Sie vollſtändig todt ſein ſoll, daß Sie weder mit mir, noch mit Clara über ihn ſprechen wollen; das iſt meine zweite Bitte. Ich dringe nicht auf die Erfüllung derſelben, aber einen großen Gefallen würden Sie mir thun.“ „Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, auch in dieſer Beziehung ganz nach Ihrem Wunſche zu handeln.“ „Nochmals herzlichen Dank, und nun, mein junger Freund, müſſen Sie mir erzählen von Ihren Eltern und Ihren Geſchwiſtern, wie Sie leben und was Sie treiben. Wir wollen uns heute gleich, wie ein paar alte, langjährige Freunde kennen lernen, alſo ſchießen Sie los.“ Heldreich mußte erzählen, er mochte wollen oder nicht; der alte Major wurde des Fragens nicht müde und Clara hörte ſo aufmerkſam und andächtig zu, daß unſer junger Freund nicht aufhören konnte. Stunden vergingen wie im Fluge und es war faſt Abend, ehe der Major vom Fortgehen etwas hören wollte; er ließ es ſich auch nicht nehmen, ſeinen Lebensretter perſönlich bis nach deſſen Stube zu bringen. L Der Doktor hatte nicht zu viel verſprochen; die Wunde heilte mit überraſchender Schuelligkeit und Heldreich wurde durch die⸗ ſelbe kaum mehr beſonders beläſtigt. Er konnte ausgehen nach Belieben, kaum fühlte er den leichten Verband, der ihn allein an den Meſſerſtich erinnerte, denn den Blutverluſt hatte der junge lebenskräftige Körper ſchnell wieder erſetzt. Sein erſter Ausgang war natürlich nach dem kleinen Häus⸗ chen gegenüber. Er wurde vom Major wie ein Sohn, von Clara als Bruder empfangen. Mit offener, unbefangener Freund⸗ lichkeit nahte ihm das junge Mädchen und planderte mit ihm ſo zutraulich, als habe ſie ihn ſeit Jahren gekannt. Von dieſem Augenblicke an war das Haus des Majors ein zweites Bater⸗ haus für Carl Heldreich. Hier verlebte er ſeine Feierſtunden. Allabendlich, wenn er ſeine Feder niedergelegt hatte, eilte er nach dem kleinen Hauſe. Der Major erwartete ihn meiſt ſchon und Clara machte ihm Vorwürfe, wenn er zu ſpät kam. Das waren herrliche, genußreiche Abende. Der Major ſaß auf dem Sopha in einer Ecke, Clara in der anderen. Der Ma⸗ jor rauchte ſein Pfeiſchen, Clara war mit irgend einer Stickerei beſchäftigt. Heldreich hatte ſeinen Platz im Lehnſeſſel neben Clara und das Amt des Vorleſers. Die kleine, aber gewählte Biblio⸗ thek des Majors, welche die ſämmtlichen deutſchen Claſſiker ent⸗ hielt, gab Stoff genug. Heldreich las vortrefflich vor. Er hatte ein inniges Gefühl für alles Schöne, und verſtand es, daſſelbe im Wort zur Gel⸗ tung zu bringen. Er beſaß jenes Talent, welches nur Wenigen eigen iſt, ſich beim Leſen faſt kritiklos in den Ideengang des Dichters hineinzuleben, ſein eigenes Ich gewiſſermaßen aufzuge⸗ ben und ſeine Seele mit der des Dichters zu verſchmelzen. Sein Wort erhielt hierdurch eine ſolche Urſprünglichkeit, daß er nicht vorzuleſen, ſondern zu ſchaffen ſchien. Der Hörer lebte in der Dichtung und es ging ihm ein Verſtändniß derſelben auf, wie er es beim Leſen der todten Buchſtaben nie gehabt hatte. Das fühlte auch Clara ſehr wohl. Sie konnte die Zeit nicht erwarten, bis Heldreich ein Buch in der Hand hielt, und dann lauſchte ſie ihm mit entzückter Aufmerkſamkeit. Oft genug ließ ſie die Stickerei in den Schooß ſinken und ſchaute ſinnend in die belebten Züge des jungen Mannes, in denen alle die hehren Gedanken wieder⸗ glänzten, die er mit dem Dichter erſchuf. Nur zwei Abende in der Woche fehlte Heldreich in dem kleinen Hauſe. An jedem Dienſtag und Freitag war er in der Familie des Geheimen Raths von Mandel. Nachdem er den Söhnen die lateiniſchen Nachhülfeſtunden gegeben hatte, rauchte er erſt mit dem Geheimen Rath ein Pfeifchen und erzählte dieſem dabei von ſeinem Studium, ſtritt auch wohl mit ihm über irgend ein juriſtiſches Thema, bis gegen 7 Uhr der Bediente zum Thee einlud. Die Pfeifen wurden fein ſäuberlich in die Ecke geſtellt, der Geheime Rath holte etwas Pau de Cologne, um den nicht eben angenehmen Parfum zu vertilgen, und führte ſeinen Gaſt zur Geheimen Räthin, welche ihn ſtets mit einer außerordentlich wohlthuenden, achtungsvollen Freundlichkeit empfing. Meiſt war an jenen Abenden noch mehr Beſuch da, wenn auch nie große Geſellſchaft. Der Geheime Rath hielt ein gaſt⸗ ——— 36— liches Haus, in welches eingeführt zu werden nicht ganz leicht war, welches aber dem Eingeführten ſtets offen ſtand. In die⸗ ſem kleinen Kreiſe trafen ſich die geiſtigen Größen der Reſidenz in zwangloſeſter Weiſe; hier maßen ſie ſich oft im ſpielenden Kampf, und die Preisrichterin war die geiſtreiche feine Geheime Räthin, welche ſtets zu verhindern wußte, daß der Wettkampf, wie dies ſonſt leicht geſchieht, vom Spiel zum ernſten Gefecht überging. Heldreich wußte es als eine ganz beſondere Gunſt der Ge⸗ heimen Räthin zu ſchätzen, daß ſie ihm gerade zu dieſen Abenden Zutritt in ihr Haus gewährt hatte, eine Ehre, weche nur höchſt ſelten anderen jungen Leuten zu Theil wurde. Eines Freitags Abends, etwa vierzehn Tage nach dem Aben⸗ teuer im kleinen Hauſe, befand ſich Heldreich ebenfalls im kleinen Zirkel der Geheimen Räthin. Dieſe hatte ihn zu ſich gewinkt und plauderte ſehr freundlich mit ihm, während ſich ihr Gatte mit dem Juſtizminiſter eines Duodezſtaates, bisher dem einzigen Gaſte, höchſt angelegentlich über eine Frage des Kirchenrechts unterhielt. Es war ſchon gegen 8 Uhr, als der Bediente noch einen Beſuch meldete. Die Geheime Räthin empfing die Karte mit einem nicht beſonders zufriedengeſtellten Geſicht und reichte ſie ihrem Gatten, der mit den Achſeln zuckte und ſagte:„Es iſt nicht angenehm, liebe Frau, aber es hilft ſchon nichts— wir dürfen gerade hier die Schicklichkeit nicht verletzen;— der Herr Baron würde uns ſehr erfreuen!“ Der Bediente entfernte ſich, gleich darauf öffnete ſich die Flügelthür und— Heldreich glaubte zu träumen— der Baron, der Dieb, der Mörder,— trat in's Zimmer. Er trug die ele⸗ ganteſte Toilette und benahm ſich in derſelben wie ein Mode⸗ mann, der nie in anderen, als hochariſtokratiſchen Zirkeln gelebt — 5 hat. Als der Geheime Rath ihn Sr. Excellenz dem Herrn Mi⸗ niſter Grafen von Stolzenburg vorſtellte, verbeugte er ſich tief und reſpectvoll, ganz anders trat er Heldreich gegenüber auf. Die Vorſtellung erfolgte: Herr Baron Hugo von Laßperg— Herr Studioſus Carl Heldreich.“ Der Baron ſchaute Heldreich, als er den bürgerlichen Na⸗ men hörte, von oben bis unten an. Nicht mit einer Geſichts⸗ zuckung verrieth er, daß er ſchon jemals in irgend einer Bezieh⸗ ung mit dem Vorgeſtellten geſtanden habe; er nickte nur nachläſſig mit dem Kopfe und nahm dabei jene ſüßlich herablaſſende Miene an, welche das Unabhängigkeitsgefühl jedes Bürgerlichen empören muß. Heldreich war in keiner Weiſe geneigt, ſich herablaſſend behandeln zu laſſen, am wenigſten von dieſem Menſchen; er drehte ihm deshalb unmittelbar nach der Vorſtellung verächtlich den Rücken und kehrte zur Geheimen Räthin zurück, ſeinen früheren Sitz neben dem Sopha wieder einnehmend, während der Baron, der zwar durch die verächtliche Art Heldreich's einen Augenblick in Verlegenheit gebracht war, ſich doch ſchnell wieder faßte und ſich, als wenn nichts geſchehen wäre, zu dem Geheimen Rath wendete, um an dem Geſprüche Theil zu nehmen, welches dieſer mit dem Miniſter führte. Die Geheime Räthin war eine ſcharfe Beobachterin des gan⸗ zen Vorganges geweſen. Ihren hellen Augen war es nicht ent⸗ gangen, daß Heldreich beim Eintritt des Barons im höchſten Grade erſtaunt geweſen war, ebenſo hatte ſie die abſichtliche Nicht⸗ achtung deſſelben bei der Vorſtellung bemerkt. „War Ihnen der Herr Baron von Laßperg ſchon früher be⸗ kannt, Herr Heldreich?“ fragte ſie mit leiſer Stimme, ſich ſchein⸗ bar ſehr angelegentlich mit der Theekanne beſchäftigend.„Aber bitte, ſchauen Sie gefälligſt, während wir zuſammen ſprechen, 60 mich oder meinen Mann oder wen Sie wollen, nur nicht den Baron an. Wie geſagt, kannten Sie ihn ſchon?“ „Gnädige Frau, ich habe ihn leider bei einer Gelegenheit kennen gelernt, über welche ich durch mein Ehrenwort gezwungen bin, nicht zu ſprechen.“ „Vielleicht aber können Sie mir ſagen, ob die Sache ehren⸗ voll für den Baron war?“ „Durchaus nicht! Ich bin erſtaunt, ihn in dieſem Kreis zu ſehen.“ „Sie haben Recht. Mir iſt ſein Beſuch auch im höchſten Grade zuwider, denn ich weiß, daß er ein durchaus nicht empfeh⸗ lenswerthes Leben geführt hat. Erſt neulich war der Polizei⸗ Lieutenant von Alt bei uns, ein vortrefflicher Mann, den ich ſehr hochſchätze, und dieſer hat mit meinem Manne eine lange Unterhaltung über den Baron geführt, welche keinenfalls zur Ehre deſſelben ausgefallen ſein mag, denn mein Mann war nach der⸗ ſelben ſehr verſtimmt.“ Die Geheime Räthin ſchwieg. Heldreich hatte mit wachſen⸗ dem Staunen zugehört. Nachdem Herr von Alt mit dem Ge⸗ heimen Rath geſprochen, dieſem alſo dieſelben Mittheilungen, wie ihm ſelbſt gemacht hatte, empfing derſelbe dennoch den Beſuch eines Menſchen, der nach dem Bericht des Polizei⸗Lieutenants im Verdacht ſtand, ein Raubmörder zu ſein. Er fühlte ſich durch eine ſolche Leichtfertigkeit in der Seele des Geheimen Raths, den er bisher beſonders hoch geachtet hatte, verletzt und wurde es bald noch mehr. Der Geheimrath benutzte eine kleine Pauſe im Geſpräch, um dem Baron die Unterhaltung mit dem Miniſter zu überlaſſen. Er winkte Heldreich mit den Angen in eine Fenſterniſche; hier ſagte er viel ernſter, als ſein junger Freund dies bisher je ge⸗ hört hatte:„Sie waren, und unzweifelhaft abſichtlich, ſehr unar⸗ tig gegen den Baron von Laßperg!“ „Ich kann es nicht leugnen, Herr Geheimrath.“ „Sie werden Ihre Gründe dazu gehabt haben, aber Sie hätten bedenken ſollen, daß der Baron mein Gaſt iſt.“ „Das habe ich auch bedacht und ihm deshalb auf ſein be⸗ leidigendes Kopfnicken nur den Rücken gedreht. Dieſer Menſch iſt doch warhaftig zu einer ſo empörenden Herablaſſung nicht berechtigt. Ich bin leider durch mein Ehrenwort gebunden, nicht über einen Vorfall zu ſprechen, bei welchem dieſer Herr Baron eine Hauptrolle ſpielt——.“ „Dann ſollten Sie auch einen Vorfall, über den Sie nicht ſprechen dürfen, nicht andeuten.“ Heldreich fühlte das Wahre des Vorwurfs; er ſchwieg be⸗ troffen;— ſeine Geſichtszüge waren ſtets der Spiegel ſeiner Seele, ſo daß der Geheimrath die Beſchämung ſeines jungen Freundes dentlich in denſelben leſen konnte. Er war ein wenig ärgerlich geweſen, jetzt aber drängte ihn ſeine Gutmüthigkeit, den Verletz⸗ ten wieder zu verſöhnen. „Hm, hm, es war nicht ſo bös gemeint. Ich weiß wohl, man ſpricht manches gegen den Baron. Herr von Alt hat mir Alles mitgetheilt; aber— hm,— es giebt Verhältniſſe, hm,— Sie wiſſen wohl, ich bin eigentlich ſehr wähleriſch,— empfange nicht Jeden in meinem Kreiſe; aber—— nun mit einem Worte, der Baron iſt entfernt verwandt mit meinem Miniſter; da muß man wohl ein Auge zudrücken. Und wenn ich's thue, können Sie es auch thun, junger Herr! Ich verlaſſe mich darauf, daß Sie zu keinem weiteren Streit Veranlaſſung geben.“ „Sicherlich nicht, Herr Geheimer Rath!“ 6 „Ein Mann, ein Wort! Und nun keine Silbe mehr über dieſen Baron. Ich hoffe, er wird das Wiederkommen vergeſſen.“ Der Abend verging nicht ſo heiter wie gewöhnlich. Es lag auf der kleinen Geſellſchaft ein Gefühl der Beklemmung, des Druckes. Der Baron fühlte ſehr wohl, daß er die Urſache die⸗ ſer Mißſtimmung ſei; er bemühte ſich daher, ſich geiſtreich und liebenswürdig zu zeigen, aber ohne Erfolg. Was er, mit der Abſicht geiſtreich zu ſein, ſagte, ging nie über das Maß des Ge⸗ wöhnlichen hinweg, und ſeine Liebenswürdigkeit trug ſo ſehr den Charakter des Abſichtlichen, daß alle ſeine Bemühungen ihn nur noch unangenehmer machten. Zu allſeitiger Befriedigung ſchlug es 10 Uhr, die im Hauſe des Geheimen Raths anerkannte Abſchiedsſtunde. Die Herren empfahlen ſich. Als Heldreich dem Geheimen Rath zum Abſchied die Hand gab, ſagte dieſer leiſe:„Denken Sie an Ihr Ver⸗ ſprechen!“ „Ich wiederhole es, Herr Geheimer Rath!“ „Dann verlaſſe ich mich auf Sie!“ Der Bediente leuchtete den drei Herren die Treppe hinunter. Vor dem Hauſe wollte ſich Heldreich verabſchieden; er empfahl ſich dem Miniſter und machte auch dem Baron eine leichte Ver⸗ beugung, indem er den Hut lüftete. Er war kaum einige Schritte gegangen, als er den Baron neben ſich erblickte.„Mein Herr,“ ſagte dieſer,„Sie haben ſich heute gegen mich auf eine höchſt verletzende Weiſe benommen, indem Sie ſich unmittelbar nach der Vorſtellung von mir ab⸗ wendeten und mich ſtehen ließen. Sie werden ſich hierüber zu erklären haben.“ Eine ſolche Frechheit war zu bodenlos, um ſie zu ertragen. Heldreich wollte losbrauſen, aber im richtigen Augenblicke erinnerte Er warf bei dieſen Worten den Kopf ſtolz zurück, wartete einen er ſich des Verſprechens, welches er dem Geheimen Rath gegeben hatte. „Herr Baron,“ erwiderte er, ſich mit höchſter Kraft bezäh⸗ mend,„ich habe dem Herrn Geheimen Rath mein Ehrenwort gegeben, jeden Streit mit Ihnen zu vermeiden. Deshalb und nur deshalb erkläre ich Ihnen, daß mein Betragen veranlaßt wurde durch eine Miene der Herablaſſung bei der Vorſtellung, zu der Sie nicht berechtigt waren.“ „Das iſt allerdings eine ſehr wenig genügende Erklärung,“ entgegnete der Baron;„aber meinetwegen mag ſie genügen; es lohnt ja ohnehin nicht, ſich mit einem Bürgerlichen zu ſtreiten.“ Angenblick auf eine Entgegnung, und als dieſe nicht erfolgte, eilte er fort, ohne ſich umzuſehen. Heldreich ſchaute ihm empört nach.„Das iſt das Ueber⸗ maß aller Frechheit! Ein ſolcher Menſch iſt noch ſtolz auf ſeinen Adel! Nun freilich, worauf ſollte er ſonſt ſtolz ſein?“ Und mit dieſer ſehr natürlichen Erklärung beruhigt, ſetzte er ſeinen Heim⸗ weg fort. VIII. Haldreichs Verhältniß zum Major wurde mit jedem Tage inni⸗ ger. Der alte Herr verjüngte ſich in dem ſteten Umgange mit dem friſchen, kräftigen jungen Mann. Er liebte dieſen wie einen Sohn und oft ſchaute er mit einem gar freundlich ſinnenden Blick auf ſeine Clara, wenn dieſe etwa mit ungezwungener Vertrau⸗ lichkeit ſich auf Heldreich's Schulter lehnte, um mit in das Buch zu ſchauen, wenn er vorlas. Dem alten erfahrenen Mann war es nicht lange verborgen geblieben, daß ſein junger Freund ſich mit einer zauberiſchen Ge⸗ walt in das kleine Haus gezogen fühlte, welche er keineswegs den Reizen ſeines grauen Schnurrbarts zuſchrieb; auch daß Clara mit einer gewiſſen Unruhe den ganzen Tag auf die Stunde wartete, in welcher der Abendgaſt zu erſcheinen pflegte, daß ſie ſeinen Tritt, die Art wie er klopfte, auf das Genaueſte kannte, daß ein reizendes, zartes Roth ihre Wangen höher färbte, wenn ſie ihm entgegen eilte, um ihm die Thür zu öffnen, daß ſie jedes ſeiner Worte im treuen Gedächtniß hielt. Alles hatte der Vater ſehr wohl und nicht ungern bemerkt. Er pflegte ſich oft mit Held⸗ reich über deſſen beabſichtigte Staatslaufbahn zu unterhalten, um Pläne mit ihm für die Zukunft zu machen; er rechnete nicht weniger eifrig, als ſein Freund ſelbſt, aus, wie lange dieſer wohl noch bis zu einer feſten Staatsanſtellung zu warten habe, und wenn er dann zu dem Reſultate kam, daß Heldreich bei ſeiner — 5 Anſtellung 28, Clara kaum 22 Jahre alt ſein werde, ſo war er damit recht wohl zufrieden. Ein ſo großes Vertrauen der Major in Heldreich ſetzte, ſo blieb er doch über ſeine Familienverhältniſſe ſtets ſchweigſam; nur ein⸗ mal ſprach er ſich mit einigen Worten über dieſelben aus, aber in einer Weiſe, welche dennoch kein Licht in das räthſelhafte Dunkel brachte. Ein lebendiges Geſpräch, in welchem Heldreich in einfacher, entſchiedener Weiſe ſeine Gedanken entwickelte, hatte ſich an die Vorleſung des Nathan geknüpft. Clara hörte ihm mit leuchten⸗ den Augen zu und der Major reichte ihm, als er geendet, über den Tiſch freundlich die Hand.„Sie ſind würdig, den Nathan zu leſen, Carl,“ ſagte er ernſt,„für Sie iſt er geſchrieben, für die junge, ſtrebende, denkende Welt, nicht für die gedankenloſe, nach Unterhaltung haſchende Maſſe! Für Sie iſt Leſſing's Mei⸗ ſterſtück eine Fundgrube der Lebensweisheit, eine Schule des wah⸗ ren Menſchenthums! Mich macht es wahrhaft glücklich, daß auch Sie ſich an dieſem herrlichen Gedichte erwärmen und begeiſtern; Ihre Liebe für den Nathan ruft mir die ſchönſten Tage meiner eigenen Jugend in das Gedächtniß zurück.“ Er ſchwieg, in die Erinnerung an vergangene ſchöne Tage verſunken, eine kurze Zeit, dann wendete er ſich plötzlich zu Clara: „Welche glückliche Tage verdanken wir unſerm lieben Freunde! Jetzt fühl' ich es recht, daß wir doch eigentlich in unſerer bis⸗ herigen Abgeſchiedenheit recht viel entbehrten; jetzt fühle ich es, wie traurig es iſt, daß wir ſo ganz von unſeren Verwandten getrennt leben und getrennt leben müſſen. Wie herrlich würde es ſein, wenn die beiden Menſchen, die mir nächſt Dir, meine Clara, durch das Blut verbunden ſind, mit uns denken, mit uns fühlen könnten! Aber es ſoll einmal nicht ſein. Der Eine, Streckfuß, Dorenberg. Sie kennen ihn ja, Carl, ein Verbrecher, ein Scheuſal, die Schande und der Kummer ſeiner Familie;— der Andere, ein Geck, ein Wüſtling, ein Menſch, der, wenn ich auch nichts gegen ſeine Redlichkeit ſagen kann, mir durch ſein ganzes Denken ſo fern ſteht, daß ich ihn ſtets lieber gehen als kommen ſehe. Nun, glücklicher Weiſe beläſtigt er mich nicht oft. Doch genug, ich will mir die ſchöne Stunde nicht verbittern durch den Gedanken an das, was mir fehlt, ſondern genießen, was ich habe. Kein Wort mehr von meinem ungerathenen Neffen.“ Damit brach er das Geſpräch ab, das einzige, welches er jemals über ſeine Familienverhältniſſe führte. Auch Clara, ſo vertrauensvoll ſie ſich ſonſt zu Heldreich zeigte, verlor über ihre Verwandtſchaft nicht ein Wort, und ſo blieb dieſelbe denn für unſern Freund in ein undurchdringliches Dunkel gehüllt. Er fühlte ſich hierdurch wohl mitunter unangenehm berührt, denn es erſchien ihm als ein verletzender Mangel an Vertrauen, daß der Major gerade in dieſer Beziehung ſo ſchweigſam war; mitunter ſchwebte ihm eine Frage auf der Zunge, aber er unterdrückte die⸗ ſelbe ſtets, denn er wollte nicht ein Vertrauen erzwingen, welches ihm nicht offen entgegengetragen wurde; auch gedachte er ſeines Verſprechens, über den unglücklichen Vetter nicht zu ſprechen, und ſchwieg. Dieſes Dunkel über die Familienverhältniſſe des Majors war aber auch der einzige Mißton, der ſein Verhältniß zu dem alten Herrn mitunter trübte, ſonſt war Alles licht und klar, und die Stunden, welche Heldreich im kleinen Hauſe zubrachte, waren die ſchönſten und glücklichſten ſeines Lebens. Sie ſollten leider ſchnell vorüberrauſchen— ein flüchtiger Moment des Glückes vor einem fürchterlichen Wendepunkt des Schickſals. ————— K. Heldreic hatte einen heitern Abend im Hauſe des Geheimen Raths verlebt. Es war faſt Mitternacht, als die Geſellſchaft auf⸗ brach, welche zu Ehren eines als Gaſt anweſenden fremden Künſt⸗ lers zwei Stunden über die gewöhnliche Zeit geblieben war. Schnellen Schrittes eilte Heldreich ſeiner Wohnung zu. Als er in die Lsſtraße nicht fern von ſeinem Hauſe einbog, ſtieß er heftig mit einem Manne zuſammen, der eben ſo ſchnell, als er, um die Ecke bog. Mit einem Wort der Entſchuldigung wollte Heldreich weiter eilen, als er zufällig einen Blick in das vom Licht der Gaslaterne hell erleuchtete Geſicht des Mannes warf. Er erkannte zu ſeinem Staunen und Schrecken den Baron. Was hatte der Baron hier und zu dieſer Zeit zu thun?— Seine Eile ſchien ſchon auffällig, ſie wurde noch verdächtiger durch die Abſichtlichkeit, mit welcher er den Mantel, der ſich durch das Zuſammenprellen mit Heldreich etwas verſchoben hatte, dicht um ſich zog und das Geſicht damit zu verbergen ſuchte. Er murmelte einige unverſtändliche Worte vor ſich hin, dann eilte er, indem er ſich dichter in ſeinen Mantel hüllte, ſchnell vorüber, ohne ſich weiter um den verwundert ſtehen bleibenden Studenten zu kümmern. Eine ernſte Beſorgniß ſtieg in Heldreich auf und er be⸗ ruhigte ſich erſt einigermaßen, als er, vor dem kleinen Hauſe an⸗ gelangt, die Thür deſſelben feſt verſchloſſen und die Fenſterläden 5* —— unverſehrt faund. Am liebſten hätte er geklingelt, um ſich zu über⸗ zeugen, daß ſeinen Freunden keine Unannehmlichkeit zugeſtoßen ſei; das aber wäre denn doch eine durch nichts gerechtfertigte Aengſtlichkeit geweſen. So ſtieg er denn die engen Treppen zu ſeinem Stübchen hinan; noch einmal muſterte er mit dem Fern⸗ glas das kleine Haus auf das Genaueſte und erſt, als er gar nichts Auffälliges fand, konnte er ſich entſchließen, ſich zu Bett zu legen. Am andern Morgen wurde Heldreich von ſeiner Wirthin gegen ſieben Uhr geweckt; die Frau machte ein ſonderbar ängſt⸗ liches Geſicht, als ſie vor ſeinem Bette ſtund und ihn bat, recht ſchnell aufzuſtehen.„Es muß drüben bei Majors irgend ein Unglück paſſirt ſein,“ ſagte ſie;„das gnädige Fräulein hat die Aufwärterin geſchickt und läßt Herrn Heldreich bitten, doch ſo bald als möglich herüberzukommen. Der Major ſei noch nicht aufge⸗ ſtanden, ſeine Stube ſei feſt verſchloſſen und er antwortete auf alles Klopfen nicht.“ In wenigen Minuten ſtand Heldreich vor der Thür des kleinen Hauſes. Die Aufwärterin erwartete ihn und führte ihn über den Flur nach dem Gartenſtübchen, welches Clara bewohnte. Er trat das erſte Mal in das Gemach der Geliebten, aber weder er ſelbſt noch Clara bedachten dies in jenem Augenblicke. Clara trat ihm mit bleichen Zügen entgegen. Sie war in höchſter Be⸗ ſorgniß um den Vater, der ſonſt regelmäßig Morgens um 6 Uhr ſeinen Kaffee trank, bis jetzt aber noch kein Zeichen des Lebens gegeben hatte und durch das ſtärkſte Klopfen nicht zu erwecken war. Eine fürchterliche Ahnung ſtieg in Heldreich auf; er erinnerte ſich des geſtrigen Zuſammentreffens mit dem Baron und jenes Abends, der ihn in das Haus des Majors geführt hatte. Er oce gabe konnte nur ſein, die Todesurſache feſtzuſtellen, und auch dieſe verſuchte noch einmal mit Clara gemeinſchaftlich, durch Pochen an der verſchloſſenen Thür den vielleicht feſt Schlafenden zu er⸗ wecken; als aber auch jetzt wieder alle Bemühungen vergeblich waren, ſchickte er die Aufwärterin zum Hausarzt des Majors, er ſelbſt eilte zu einem Schloſſer, um die Thür erbrechen zu laſſen. Der Schloſſer kam: ein leichter Druck des Dietrichs und das Schloß öffnete ſich. Die Thür war nicht von innen verriegelt, ſondern verſchloſſen geweſen und der Schlüſſel fehlte. Heldreich trat, von Clara und dem Schloſſer gefolgt, in das durch die Fenſterläden verdunkelte Zimmer; er öffnete das Fenſter. Sobald der erſte Strahl des Lichtes in das Dunkel drang, hörte er einen herzzerreißenden gellenden Schmerzensſchrei. Er wendete ſich um und ſah Clara, wie ſie im tiefſten Entſetzen die Hände vor die Augen drückte. Sie wankte, er fing die Ohnmächtige in ſeinen Armen auf und trug ſie in ihr Schlafgemach, wo er ſie auf das Bett niederlegte und ſie der Fürſorge der alten Auf⸗ wärterin übergab. Ein einziger Blick hatte ihm ſeine fürchter⸗ lichſten Ahnungen beſtätigt— der Major lag entſeelt, in ſeinem Blute ſchwimmend auf dem Fußboden neben dem Sopha. „Kommt der Arzt?“ fragte er beſorgt. Die Alte ſchüttelte traurig mit dem Kopfe:„Dieſe Nacht hat ihn ein Schlaganfall getroffen; er iſt ſo eben geſtorben.“ Ein anderer Arzt mußte gerufen werden. Heldreich ſendete den Schloſſer nach einem ſolchen fort, den Lehrling deſſelben nach dem nächſten Polizei⸗Lieutenant; er ſelbſt kehrte in das Zimmer des Todes zurück. Er beugte ſich über den Major und ſchaute ihm in die ſtar⸗ ren, vom Todeskampf verzerrten Züge. Hier konnte der Arzt nichts mehr helfen, das Leben war längſt entflohen. Seine Auf⸗ war ſichtlich genug, denn ein tiefer Schnitt durch den Hals zeigte dieſelbe auch dem Laien. Der Major war ermordet worden, darüber konnte nicht der geringſte Zweifel walten, ermordet und beraubt. Der Schreib⸗ ſekretair, in welchem der Verſtorbene ſeine werthvollen Papiere und ſein Geld aufzubewahren pflegte, war erbrochen, einige Pa⸗ piere lagen auf der Tiſchplatte des Sekretairs, andere auf der Erde zerſtreut. Heldreich ſtund allein bei der Leiche. Ein tiefes Grauen überkam ihn, als er ſich umſchaute in dem kleinen, ſtillen Zim⸗ mer, in dem er ſo glückliche Stunden verlebt hatte, jetzt dem Schauplatz des fürchterlichen Verbrechens. Wer war der Mörder? Er wußte es und auch eine Andere war mit ihm derſelben Ueber⸗ zeugung. Eine leichte Hand legte ſich auf ſeine Schulter; er ſchaute in Clara's geiſterbleiche Züge,— mit ſtarrem, thränenloſem Auge blickte ſie auf die blutende Leiche.„Gebe Gott, daß ich nicht wahnfinnig werde!“ ſagte ſie mit leiſer, tonloſer Stimme.„O, dieſer Menſch! Wie oft habe ich den Vater gebeten, ihn nie, nie wieder in das Haus zu laſſen! Wie oft habe ich ihn angefleht; aber vergeblich. Nun hat er ihn doch gemordet.“ „Clara, ich flehe Sie an, verlaſſen Sie dieſes Zimmer! Dies iſt kein Ort für Sie, Sie müſſen mir folgen. In wenigen Minuten wird die Polizei hier ſein. Man wird Unterſuchungen halten, bei denen Sie nicht anweſend ſein dürfen.“ „Sie ſchüttelte ſanft verneinend das Haupt:„Ich bin ſtark, Carl; aber ich will Ihnen folgen, ſobald die Leute kommen. Vor⸗ her indeſſen mußte ich Sie noch ſprechen. Sie wiſſen, wer der Mörder iſt?“ „Ich vermuthe es.“ — „Nein, Sie wiſſen es ſo gut als ich: der Vetter Hugo. Aber, wenn wirs auch wiſſen, nicht von uns darf die Anklage ausgehen. Sie dürfen den Verdacht nicht äußern, mir zu Liebe, dem theuren Verſtorbenen zu Liebe nicht!“ „Clara!“ „Sie erinnern ſich, Carl, wie dringend er Sie gebeten hat, jenen gräßlichen Mordverſuch, der jetzt zur Ausführung gebracht worden iſt, zu verſchweigen. Während der letzten Jahre hatte er nur eine ſchwere Sorge, den Sohn ſeiner geliebten Schweſter auf dem Blutgerüſt ſterben zu ſehen, den Namen deſſelben als den eines Mörders genannt zu hören. Ich erfülle ein heiliges Ver⸗ mächtniß, indem ich Sie anflehe: ſchweigen Sie. Wollen Sie mir die erſte Bitte, welche ich an Sie richte, und eine Bitte zu ſolcher Stunde, abſchlagen?“ „Clara, ich kann, ich darf Ihren Wunſch nicht erfüllen! Sobald die gerichtliche Unterſuchung beginnt, werde ich vernom⸗ men werden als Zeuge, hören Sie, Clara, eidlich vernommen! Ich muß ausſagen, was ich weiß, alle Umſtände welche meinen Verdacht hervorgerufen haben. Wollen Sie verlangen, daß ich meineidig werde?“ „Nein, das würde auch er nicht verlangt haben, der Sie ſo unendlich geliebt hat. Werde auch ich vernommen werden?“ „Auch Sie.“ „Man wird keine Rückſicht auf meinen Schmerz nehmen? Man wird die Tochter zwingen, als Zeugin in dieſem gräßlichen Prozeß aufzutreten, als Blutzeugin gegen dieſen Verbrecher, der doch mein Verwandter iſt, den ich durch meine Ausſagen morden werde?“ „Das Recht iſt ſtarr und unbeugſam. Die Richter mögen 3 vielleicht für die erſten Stunden Rückſichten der Menſchlichkeit nehmen, dann aber müſſen ſie ihre Pflicht erfüllen.“ „Ich danke Ihnen, Carl. Mein Entſchluß iſt gefaßt. Ich werde ihn vor Gott und meinem Vater verantworten. Ich kann in dieſem Prozeß nicht als Zeugin auftreten!“ „Was wollen Sie thun, Clara?“ „Ich werde die Stadt verlaſſen, bis der Prozeß beendigt iſt, und noch heute. Verſprechen Sie mir eins, Carl, das können, das dürfen Sie. Verſchweigen Sie ſo lange Ihren Verdacht.“ „Es wird mir ſchwer, die Rache des Geſetzes gegen das ſchuldige Haupt zu verzögern; aber ich verſpreche es.“ „Zetzt führen Sie mich auf mein Zimmer. Ich höre die Poliziſten kommen.“ Sie lehnte ſich auf ſeinen Arm und ließ ſich mehr von ihm tragen, als führen. Die Ruhe, zu welcher ſie ſich mit Aufbie⸗ tung ihrer ganzen Seelenſtärke gezwungen hatte, war gebrochen, ſie war wieder einer Ohnmacht nahe. Als er ſie auf das Bett getragen hatte und ſich entfernen wollte, da ſchlang ſie heftig die Arme um ſeinen Hals und rief, in einen Strom von Thränen ausbrechend:„O, rerlaſſen Sie mich jetzt nicht, Carl; ich habe Niemand auf der Welt mehr, der mich liebt, als Sie, Sie ganz allein“;— aber faſt in demſelben Augenblicke faßte ſie ſich auch wieder, ſie ließ die Arme ſinken und ſagte, durch die Thränen hindurch ſchmerzlich lächelnd:„Nein, ich darf nicht ſelbſtſüchtig ſein. Gehen Sie, Carl,— Sie müſſen als Mann handeln. Er hat Sie geliebt, wie ſeinen Sohn, und als ſolcher müſſen Sie ſich jetzt hier im Hauſe betrachten. Gehen Sie, empfangen Sie die Polizei und treffen Sie die nöthigen Anordnungen.“ Im Zimmer des Majors traf Heldreich einen Polizei⸗Lieute⸗ nant nebſt zwei anderen Beamten, ſowie den Arzt, einen jungen Mann, der in der Nachbarſchaft wohnte. Er ſtellte ſich als ein Freund des Hauſes vor, der durch Fräulein von Arnburg beauftragt ſei, die Herren zu empfangen und ihnen bei den nö⸗ thigen Nachforſchungen zur Hand zu gehen. Der Polizei⸗Lieutenant, ein umſichtiger und gewandter Mann, nahm die erſte Unterſuchung des Thatbeſtandes vor, aus dem ſich die Art und Weiſe, wie der Mord verübt worden war, mit ziemlicher Beſtimmtheit ſchließen ließ. Die Unterſuchung des Zimmers ergab, daß ein Einbruch nicht ſtattgefunden hatte. Der eine Fenſterladen war noch feſt verſchloſſen, der andere, ſo wie das Schloß der Thür unverſehrt. Die Leiche war vollkommen bekleidet; der Major hatte ſein Bett, welches in einem Kämmerchen neben dem Wohnzimmer ſtand, noch nicht berührt. Der Mörder mußte alſo ſein Opfer wachend gefunden haben. Die Leiche lag dicht neben dem Sopha, auf dieſem zeigten ſich keine Blutſpuren, wohl aber war der Fußbo⸗ den vor dem Sopha von Blut überſchwemmt. Ein umgeworfener Stuhl befand ſich in der Mitte der Stube. Die Pfeife des Ma⸗ jors lag dicht neben dem Sopha, der Kopf war zerbrochen, die Aſche umhergeſtreut, ſie hatte Brandflecken auf dem Fußboden zurückgelaſſen. Auf dem Tiſche lag eine halb ausgebrannte Ci⸗ garre, die hatte der Mörder dorthin gelegt, denn der Major rauchte, wie Heldreich ſich erinnerte, niemals Cigarren. Der Schreibſekretär ſtand offen, die einzelnen kleinen Fächer waren ſämmtlich herausgezogen, die Papiere, welche in denſelben enthalten geweſen waren, lagen theils auf dem Fußboden, theils auf der Platte des Sekretärs zerſtreut. Der Mörder hatte ſich offenbar Zeit gelaſſen, dieſelben genau zu durchſuchen, denn auf der Platte lag ebenfalls eine halb ausgerauchte Cigarre und in einem herausgezogenen Käſtchen, welches der Mörder als Aſche⸗ kaſten benutzt hatte, eine Quantität Aſche. Ein Theil der Papiere war mit Blutflecken verſehen, ein Zeichen, daß der Mörder die Unterſuchung mit noch blutigen Händen begonnen hatte. Die ärztliche Unterſuchung der an der Leiche befindlichen Wunden zeigte, daß der Major durch den Stich eines ſpitzen Inſtruments, vielleicht eines Dolches oder dolchähnlichen Meſſers, in's Herz getroffen und ſofort tödtlich verletzt worden ſei. Wahr⸗ ſcheinlich war er in der Todesangſt aufgeſprungen und ſogleich zu Boden geſunken; dann hatte ihm der Mörder, um ſein Werk ſicher zu vollenden, die Wunde am Halſe beigebracht, dafür er⸗ gab ſich der Beweis ganz augenſcheinlich, denn neben der Stelle, wo der Hals des Opfers den Fußboden berührte, befand ſich ein tiefer Einſchnitt in das Holz der Diele. Nach dem vollen⸗ deten Mord und Raub war der Mörder in das Schlafgemach des Majors gegangen, dort hatte er ſich die Hände gewaſchen; das Waſchbecken und das Handtuch trugen die blutigen Spuren. Die Thür, welche aus der Wohnſtube nach dem Flur führte, hatte er im Fortgehen verſchloſſen und den Schlüſſel mitgenom⸗ men, aber vor dem Hauſe fortgeworfen, er war durch einen der Poliziſten aufgefunden worden. Der Polizei⸗Lieutenant hatte ernſt und ſchweigend ſeine Un⸗ terſuchung beendet. Erſt nachdem auch die entlegenſte Ecke durch⸗ forſcht war, wendete er ſich zu Heldreich: „Darf ich Sie um Ihren Namen, Stand und Ihre Woh⸗ nung bitten?“ Er notirte die Antwort, dann fuhr er fort:„Sie ſind ein genauer Freund des Ermordeten geweſen?“ „Ich war ſein täglicher Gaſt, er war mein väterlicher Freund.“ „Sie waren wohl auch geſtern Abend hier?“ „Nein, am Nachmittage.“ „Und wo waren Sie am Abend?“ „In einer Geſellſchaft beim Geheimen Rath von Mandel.“ „Bis zu welcher Zeit?“ „Bis gegen 12 Uhr. Aber was thut das zur Sache?“ „Verzeihen Sie die Fragen. Der Criminalbeamte muß in ſolchen Fällen ſeine Fühlhörner nach allen Richtungen ausſtrecken, auch wenn er ſelbſt glaubt, daß dies unnütz ſei. Wiſſen Sie vielleicht, wer geſtern Abend den Major beſucht hat?“ „Nein. Der Mojor hat, ſo lange ich ihn kenne, keinen anderen Beſuch, als den meinigen, empfangen.“ „Von dieſer Regel hat er geſtern zu ſeinem Unglück eine Ausnahme gemacht. Er hat einen Beſuch empfangen und zwar einen Mann, der eine nicht gewöhnliche Kraft beſitzt. Er hat ſich mit dieſem eine längere Zeit ruhig unterhalten. Der Beſuch muß ein jüngerer Mann geweſen ſein, ein genauer Bekannter des Ma⸗ jors. Während des Geſpräches hat dieſer plötzlich von ſeinem Gaſt den Stich durch die Bruſt empfangen und demnächſt, auf dem Boden liegend, die letzte Wunde.“ „Aber woher wollen Sie dies Alles ſo genau wiſſen?“ „Aus allerhand kleinen Zeichen. Der Major ſaß auf dem Sopha, der Gaſt auf dem Stuhle; letzterer muß alſo ein jünge⸗ rer Mann geweſen ſein, denn einem älteren würde der Major den Ehrenplatz auf dem Sopha überlaſſen haben. Es könnte vielleicht auch ein Menſch niederen Standes geweſen ſein; einem ſolchen aber würde der Major nicht erlaubt haben, eine Cigarre zu rau⸗ chen, und außerdem würde derſelbe nicht eine ſolche Cigarre, wie dieſe, deren feines Aeußere für ihren Preis zeugt, geraucht haben. Der Gaſt muß ein genauer Bekannter des Majors geweſen ſein, dafür ſpricht der ſpäte Beſuch; er muß eine ungewöhnliche Kör⸗ perkraft gehabt haben, dafür zeugt der tiefe Einſchnitt, den ſein abgleitendes Meſſer im Holz der Diele hinterlaſſen hat. Wer war dieſer Gaſt? Dies feſtzuſtellen iſt jetzt unſere Aufgabe. So ungern ich Fräulein von Arnburg in dieſem Augenblicke ſtöre, ſo gebietet es mir doch meine Pflicht. Ich bitte Sie, mich zu dem Fräulein zu führen.“ „Darf ich Sie melden?“ Der Polizei⸗Lieutenant ſchaute dem jungen Manne einen Augenblick forſchend in's Geſicht: als er in dies offene, treue Auge blickte, da lächelte er und ſagte mit einer Verbeugung: „Ich bitte darum.“ Heldreich fand Clara bei der Nachricht, daß der Beamte ſie ſprechen wolle, ruhiger, als er geglaubt hatte.„Ich erwartete es,“ ſagte ſie gefaßt;„führen Sie den Herrn hierher.“ Der Polizei⸗Lieutenant verbeugte ſich ehrfurchtsvoll vor dem jungen Mädchen.„Verzeihen Sie, mein gnädiges Fräulein,“ ſagte er mit einer Weichheit in der Stimme, welche von einem wirklichen Mitgefühl zeugte,„daß ich Sie ſchon jetzt ſtöre, aber eine harte Pflicht gebietet es mir. Ich muß ein vorläufiges Protokoll über dies entſetzliche Ereigniß aufnehmen und dies ſo vollſtändig als möglich machen, um den verruchten Mörder der Strafe des Geſetzes zu überantworten. Ich will Sie indeſſen nur kurze Zeit und durch einige nothwendige Fragen bel ſie 6 „Sprechen Sie, mein Herr.“ „Zu welcher Zeit ging Ihr Herr Vater gewöhnlich zu Bette?“ „Gegen 11 Uhr.“ „Sind Sie des Abends gewöhnlich bis zur Schlafenszeit in ſeiner Geſellſchaft geweſen?“ „Nein, er liebte es, Abends vor dem zu Bettgehen noch ein Stündchen zu leſen; dabei war er gern allein.“ „Er nahm alſo von Ihnen gewöhnlich gegen 10 Uhr Ab⸗ ſchied?“ „Ja, wenn wir allein waren. Wenn Herr Heldreich uns beſuchte, blieben wir wohl bis gegen 11 Uhr zuſammen.“ „Hatte Ihr Herr Vater geſtern Abend Beſuch?“ „Nein; Herr Heldreich iſt Freitags nie bei uns.“ „Nicht Herrn Heldreich; einen andern Beſuch?“ „Ich weiß von keinem Beſuch. Der Vater ſagte mir geſtern früher als gewöhnlich, gegen 9 Uhr, gute Nacht.“ „Haben Sie ſich gleich zu Bette gelegt?“ „Nein, etwa gegen 10 Uhr.“ „Haben Sie nichts, gar nichts gehört?“ „Nichts. Ich habe den Vater ſo oft gebeten, er möchte doch ſein Schlafzimmer neben das meinige verlegen, aber er wollte nie darauf eingehen.“ „Nun, mein gnädiges Fräulein, noch eine ſchwere Frage, Herr Heldreich, darf ich Sie bitten, uns einen Augenblick zu ver⸗ laſſen?— So, wir ſind jetzt allein, haben Sie irgend einen, wenn auch ganz unbeſtimmten und unbegründeten Verdacht, dann bitte ich Sie, ſprechen Sie ihn mir gegenüber vertrauensvoll aus!“ Clara ſah ſinnend vor ſich nieder, dann ſchaute ſie mit feuch⸗ tem Blick auf und ſagte:„Ich darf Ihnen keine Unwahrheit ſa⸗ gen, und ich würde es thun, wollte ich lengnen, daß ich einen Verdacht habe; aber ich würde es für ein Verbrechen halten, den⸗ ſelben auszuſprechen; ich werde mich nie dazu entſchließen können.“ „Ich will jetzt nicht in Sie dringen, mein gnädiges Fräu⸗ lein; aber erlauben Sie mir noch einige Fragen. Herr Heldreich, der uns ſpeben verlaſſen hat, war er häufig in Ihrem Hauſe?“ „Täglich; der gute Vater liebte ihn, wie ſeinen Sohn.“ „War er gewiß geſtern Abend nicht hier?“ „Um Gotteswillen,“ ſchrie Clara entſetzt auf, Sie glauben doch nicht etwa— Eine ſolche Idee wäre ein Wahnſinn, eine Gottesläſterung!— Carl, der den Vater ſo zärtlich liebte! Nein, ehe ich dulde, daß auf ihn auch nur eine Sekunde der Schat⸗ ten eines unreinen Gedankens fällt, eher will ich— aber nein! Wer könnte ſo wahnſinnig ſein? Sprechen Sie, Herr Lieute⸗ nant, haben Sie an Carl gedacht?“ „Gewiß nicht, mein gnädiges Fräulein. Ich bitte Sie, beruhigen Sie ſich. Ich weiß nun, daß Ihr Verdacht nicht Herrn Heldreich betrifft; das iſt Alles, was ich wiſſen wollte.“ Mit dieſen Worten empfahl ſich der Polizei⸗Lieutenant. Er nahm im Zimmer des Majors ein ausführliches Protokoll über den Thatbeſtand auf, ließ daſſelbe vom Arzt und von Heldreich un⸗ terzeichnen und entfernte ſich mit der Bemerkung, daß er ſofort die nöthige Anzeige beim Criminalgericht machen werde. Bis da⸗ hin verſchloß und verſiegelte er das Zimmer des Majors, damit die Gerichtsbeamten ſicherlich in der Lage der Dinge nichts ver⸗ ändert fänden. Als Heldreich nach der Beendigung der Unterſuchung zu Clara zurückkehrte, fand er dieſe eifrig mit dem Einpacken der 3 Sachen beſchäftigt.„Noch einmal will ich den theuren Vater 18 ſehen,“ ſagte ſie weinend,„noch einmal ſeinen kalten Mund küſſen, dann reiſe ich. Ich weiß es, die Criminalbeamten wür⸗ den mich bald zwingen, Alles zu ſagen, was ich glaube oder denke; wäre dies doch beinahe dem Polizei⸗Lieutenant gelungen! Ich will und darf nicht als Anklägerin auftreten: das gebietet 3 mir das Andenken meines Vaters.“ Sie blieb feſt bei dieſem Entſchluß, ſo ſehr ſich Heldreich auch bemühte, ſie von demſelben abzubringen.„Ich handle im ——— Geiſte des Vaters und ſeinen Wünſchen gemäß.“ Dies war der Grund, mit welchem ſie alle Einwendungen widerlegte. Stunden vergingen. Es wurde Nachmittag, ehe die Gerichts⸗ beamten erſchienen, um noch einmal eine gründliche Unterſuchung der Sachlage vorzunehmen. Etwas Neues fanden ſie nicht, denn der umſichtige Poliziſt hatte bereits alles Bemerkenswerthe zu Pro⸗ tokoll genommen. Heldreich, die Aufwärterin und Clara mußten noch einmal ihre ſchon gegebenen Ausſagen wiederholen, dann wurde der letzteren der Schlüſſel zu ihres Vaters Zimmer zurück⸗ gegeben, nachdem ein genaues Inventarium aller im Zimmer vor⸗ handenen Gegenſtände aufgenommen worden war. Dies Alles waren läſtige und zeitraubende Förmlichkeiten, und es wurde Abend, ehe ſie beendet werden konnten. Endlich ſchieden die Ge⸗ richtsbeamten, Heldreich konnte die Leiche des Majors in deſſen Schlafzimmer bringen laſſen, und dorthin führte er Clara zum letzten Abſchied von ihrem Vater. Clara ſaß lange, ſtill weinend, vor dem Bett; ſie hielt die kalte, ſtarre Hand in der ihrigen, ihr Blick ruhte auf den theu⸗ ren Zügen. Heldreich ſtand ſchweigend ihr zur Seite. Während des geſchäftsreichen Tages hatten die Sorgen ihm kaum einen Augenblick Zeit zum Nachdenken gelaſſen; jetzt erſt trat der Ver⸗ luſt, den auch er in ſeinem väterlichen Freunde erlitten hatte, in ſeiner ganzen Furchtbarkeit vor ſeine Seele und eine ſchwere Thräne rollte über ſeine Wange. Clara ſchaute ihm voll und zärtlich ins Auge.„Sie wei⸗ nen, theurer Freund!“ ſagte ſie mild und weich, indem ſie ſeine Hand ergriff;„Ihre Thränen ſind mein liebſter Troſt. Ich weiß es ja, ſein theures Andenken wird auch in Ihrem Herzen woh⸗ nen. Sie werden ihn und mich lieb behalten, wenn wir auch jetzt für lange, lange Zeit ſcheiden müſſen.“ „Clara, wollen Sie denn wirklich fort?“ „Ich muß Glauben Sie nicht, daß es mir ein fürchter⸗ liches Opfer iſt, dieſen Ort zu verlaſſen, ehe ich den Vater zur ewigen Ruhe geleitet habe? Sie werden meine Stelle vertreten, Carl; Sie werden ſein Grab ausſchmücken, wie ich es gethan haben würde. Wenn ich zurückkomme, nachdem der Prozeß be⸗ endet iſt, dann führen Sie mich zu der theuren Ruheſtätte, die ich Ihrer Obhut überlaſſe.“ „Aber, Clara, Sie haben keine nahen Verwandten, keine 2 Freunde. Wohin wollen Sie? Wie können Sie, ein ſchutzloſes, junges Mädchen, ſich in die Welt hinauswagen, einſam, verlaſſen. 3 Wollen Sie denn einmal fort, nun wohl, dann will ich Sie zu meinen Eltern bringen. Dort auf dem entlegenen Pfarrhofe wird Niemand Sie vermuthen. Sie werden in meinem Vater einen zweiten Vater, in meiner Mutter eine Mutter finden.“ Sie ſchüttelte traurig das Haupt.„Auch dies geht nicht an. Man würde Sie fragen, wohin ich gereiſt ſei und mich dort vernehmen. Sie müſſen, wenn man Ihren Eid verlangt, ſchwören können, daß Sie nicht wiſſen, wo ich bin. Indeſſen kümmern Sie ſich nicht um mich. So allein und ſchutzlos ſtehe ich nicht, 3 wie Sie glauben. Ich werde, wenn auch nicht eine ſo liebevolle 1 Aufnahme, wie bei Ihren Eltern, doch ein Aſyl finden, wo ich 3 in ruhigſter Zurückgezogenheit die Trauerzeit verleben kann. Eine 3 Freundin meiner verſtorbenen guten Mutter hat mich früher ſchon eingeladen, ſie zu beſuchen, zu dieſer werde ich ziehen.“ Jedes fernere Wort des Zuredens wäre vergeblich geweſen, das fühlte Heldreich. In der weichen, ſanften Art, mit der Clara ſprach, lag doch eine ſolche Feſtigkeit des Willens, eine ſolche überzeugungsvolle Entſchloſſenheit, daß er ſie gewähren laſſen mußte. Er führte ſie auf ihr Zimmer zurück, half ihr beim Einpacken ihrer Sachen und fuhr am ſpäten Abend mit ihr nach dem Bahnhofe. Wohin ſie reiſen wollte, erfuhr er nicht, denn vorſichtig hatte ſie perſönlich ihr Fahrbillet gelöſt. Schweigend ſaßen ſie Hand in Hand im Wartezimmer neben einander. Sie ſchauten ſich innig und zärtlich in's Auge. Wie viel hatten ſie ſich noch zu ſagen und doch vermochten ſie es nicht, ſie verſtanden ſich ja auch ohne Worte. Die Flügelthüren des Wartezimmers wurden geöffnet; die geſchäftige, eilige, lärmende Maſſe ſtürzte nach den Wagen, um gute Plätze zu erobern, ſie folgten mechaniſch dem Strome. Vor dem Einſteigen ſchloß er ſie in ſeine Arme.„Leb' wohl, Clara, auf Wiederſehen! Und dann, dann bleibſt Du immer bei mir!“ Sie antwortete ihm unter Thränen durch den Verlobungskuß. Die Locomotive ſtieß ihr gellendes Pfeifen aus, es ſchnitt ihm durch alle Nerven; dann ſauſte der brauſende Zug fort,— ein weißes Taſchentuch wehte ihm den letzten Abſchied zu. Er blieb ſtehen und ſchaute ihr nach, bis der Zug im Dun⸗ kel der Nacht verſchwunden war, dann verließ er langſam den Bahnhof. Träumend ging er durch die volksbelebten Straßen der Reſidenz; er ſah nichts in dem Volksgewühle, er hörte nichts von dem raſſelnden Getöſe der vorüberrollenden Wagen. Er hatte nur einen Gedanken, ein Gefühl des namenloſen Unglücks und doch wieder des Glückes, des traurigſten Verlaſſenſeins der innigſten geiſtigen Verbindung mit ihr. Als er ſich endlich auf ſein Lager warf, da war ſein letzter Gedanke vor dem Entſchlummern und der Gegenſtand ſeiner Träume jener ſchmerzensreiche und dennoch ſo beglückende Ab⸗ ſchiedskuß. Streckfuß, Dorenberg. ——————— X. Mn folgenden Morgen in aller Frühe machte ſich Heldreich auf den Weg zum Polizei⸗Lieutenant von Alt. Er hatte ſich ent⸗ ſchloſſen, dieſem ſeinen Verdacht gegen den Baron mitzutheilen. Der alte, gewiegte Criminaliſt ſollte dann urtheilen, ob es rath⸗ ſam ſei, den Gerichtsbehörden ſchon jetzt Anzeige zu machen, oder ob vielleicht noch vorher Privatnachforſchungen über das Leben des Barons in letzter Zeit wünſchenswerth ſeien. Heldreich zog es vor, ſich an Herrn von Alt zu wenden, weil er bei dieſem, ſeinem alten Freunde, die Anzeige gewiſſermaßen privatim machen konnte, während ſie bei dem Polizei⸗Lieutenant, der die erſte Unterſuchung geleitet hatte, ſofort einen amtlichen Charakter ge⸗ 1 wonnen hätte. 3 Herr von Alt empfing unſern jungen Freund mit ſeiner ge⸗ wöhnlichen Herzlichkeit.„Ich erwartete Sie, Herr Heldreich,“ 3 ſagte er,„eigentlich hoffte ich ſchon geſtern Sie zu ſehen. Ich 4 nehme den tiefſten Antheil an Ihrem Schmerz, denn ich weiß, was Sie an dem würdigen Major verloren haben. Früher, ehe der alte Arnburg ſich in ſeinem kleinen Hauſe von aller Welt abſchloß, weil er glaubte, jedermann müſſe ihm die Schande ſeines . hundsföttiſchen Neffen vorwerfen, war ich häufig mit ihm in Geſellſchaft zuſammen und habe ihn ſchätzen und lieben gelernt. Es hat mich überraſcht, aber um ſo mehr gefreut, daß gerade 3 Sie Zugang in dies Haus geſunden haben. Setzen Sie ſich zu mir und ſchütten Sie mir Ihr Herz aus; ich weiß, Sie kommen, um ſich Rath wegen dieſes gräßlichen Ereigniſſes bei mir zu er⸗ holen. Sprechen Sie, ich ſtehe Ihnen von Herzen gern zu Dienſten.“ „Davon bin ich überzeugt, Herr von Alt, und deßhalb komme ich, denn ich bedarf in der That Ihres Raths dringender, als Sie glauben. Ich glaube den Mörder zu kennen, habe wich⸗ tige Verdachtsgründe und dieſe will ich Ihnen mittheilen, damit Sie beurtheilen, was ferner zu thun iſt.“ „Ich bin auf's Aeußerſte geſpannt,“ erwiderte Herr von Alt.„Wer, glauben Sie, iſt der Mörder?“ „Der Neffe des Majors, der Baron von Laßperg.“ Der Polizei⸗Lieutenant ſprang in höchſter Ueberraſchung auf. „Unmöglich!“ rief er.„Das kann nicht ſein. Das iſt ganz un⸗ glaublich! Sie müſſen ſich täuſchen!“ „Wie, Herr von Alt, Sie ſprechen ſo?“ „Sie haben Recht. Ein alter Criminalbeamter ſollte nie von Unmöglichkeiten reden, denn das Unwahrſcheinlichſte iſt nur zu oft die Wahrheit. Fahren Sie fort, entwickeln Sie mir die Gründe, durch welche Ihr Verdacht erzeugt iſt; erſt dann werde ich ur⸗ theilen können. Ich werde Sie nicht wieder unterbrechen.“ Heldreich erzählte. Er begann mit dem Mordanfall, den zu vereiteln er ſo glücklich geweſen war. In klarer einfacher Weiſe, ohne irgend ein überflüſſiges Wort, ſich lediglich an die That⸗ ſachen haltend, gab er dem Polizei⸗Lieutenant eine lichtvolle Dar⸗ ſtellung des Sachverhalts. Er theilte demſelben die wenigen Ge⸗ ſpräche mit, welche er mit dem Major über den Baron gehabt hatte, ſein Verſprechen, über dieſelben zu ſchweigen, ſeine Begeg⸗ nung mit dem Baron in der Geſellſchaft des Geheimen Raths und ſpäter in der Nacht, in welcher der Mord verübt worden war, auf der Straße in der Nähe des kleinen Hauſes, ſeine Ge⸗ ſpräche mit Clara über den Verdacht, den auch ſie theilte, und die Gründe, welche das junge Mädchen zu ihrer plötzlichen Ab⸗ reiſe bewogen hatten. Herr von Alt hörte in tieſſter Aufmerkſamkeit zu.„Seltſam,“ ſagte er, als Heldreich geendet,„höchſt ſeltſam! Ihr Verdacht, ſo widerſinnig er mir im erſten Augenblick ſchien, iſt durchaus gerechtfertigt. Ich geſtehe Ihnen, ich hatte, als ich den Mord erfuhr, einen ganz anderen Verdacht; aber leider muß ich ſagen, erwies ſich derſelbe ſofort als unbegründet. Erinnern Sie ſich vielleicht des Datums, an welchem der erſte Mordverſuch des Barons gegen den Major ſpielte?“ „Gewiß. Es war der zwanzigſte Februar.“ Der Polizei⸗Lientenant ſtand auf und rief durch die Thür in ein Nebenzimmer.„Werner, gehen Sie ſofort zum Polizei⸗ rath Siebold und fragen Sie, ſeit wie lange der Dorenberg ſitzt. Es kommt mir auf das genaue Datum an. Beeilen Sie ſich! — So, jetzt erzählen Sie mir von dem armen Kinde. Wie hat ſie den entſetzlichen Schlag ertragen?“ „Aber Herr von Alt, ich wünſche ſo ſehr Ihren Rath—“ „Der ſoll Ihnen werden, Herr Heldreich, ſobald ich die Antwort auf meine Anfrage beim Polizeirath Siebold erhalten habe. Gedulden Sie ſich nur einige Minuten.“ „Was hat aber dieſe Anfrage mit meinem Verdacht zu thun?“ „Darüber laſſen Sie mich einſtweilen ſchweigen. Ich möchte ſelbſt gegen einen ſolchen Schuft, wie dieſer Dorenberg, nicht un⸗ gerecht ſein. Alſo erzählen Sie mir von der armen Clara, an der ich den innigſten Antheil nehme. Es iſt wahrlich ein ſchönes Zeichen für ihren Charakter, daß ſie unter keiner Bedingung als Anklägerin gegen den Mörder ihres Vaters auftreten will, daß — ſie dieſe natürliche Rache vergißt, um die Wünſche des Verſtor⸗ benen zu erfüllen!“ Heldreich mußte erzählen. Der Polizei⸗Lieutenant ließ ihn gar nicht dazu kommen, irgend eine Frage zu thun, ſoviel fragte er ſelbſt, und ſcheinbar nach den unbedentendſten, mit der Mord⸗ that in keinem Zuſammenhange ſtehenden Kleinigkeiten, ſo vergin⸗ gen in einem Geſpräch, deſſen Zuſammenhang für Heldreich durch⸗ aus unklar war, wohl 10 Minuten, bis der Poliziſt zurückkam. „Nun, Werner, was giebt's?“ fragte der Polizei⸗Lieutenant. „Der Herr Polizeirath laſſen ſich empfehlen und ſagen, der Dorenberg ſitze ſeit dem fünfzehnten Januar in einſamer Zelle, aber es ſei nichts aus ihm herauszubekommen. Geſtern habe er wieder ein Verhör gehabt, er ſei wohl Anfangs etwas verwirrt geweſen, aber bald habe er ſich gefaßt und beharre auf ſeinem Leugnen.“ „Ich danke Ihnen, Werner, laſſen Sie uns allein.— Ich bin beruhigt. Ich geſtehe Ihnen, ich hatte gegen dieſen Doren⸗ berg, der, beiläufig geſagt, auch ein Verwandter des Majors iſt, einen Verdacht, für den ich keinen andern Grund, als ein unbe⸗ ſtimmtes Gefühl angeben konnte; aber er iſt jetzt vollkommen widerlegt. Der Dorenberg ſitzt, wie Sie gehört haben, ſeit dem fünfzehnten Jannar in einſamer Haſt, weil er im dringenden Verdacht ſteht, bei einer Reihe von gewaltſamen, höchſt verwege⸗ nen Einbrüchen, welche in den letzten Jahren die Reſidenz erſchreckt haben, betheiligt, wahrſcheinlich ſogar der geiſtige Urheber derſel⸗ ben zu ſein. Er ſteht, dies läßt ſich faſt mit Beſtimmtheit an⸗ nehmen, an der Spitze einer Schaar von höchſt gefährlichen Ver⸗ brechern, welche er durch ſein geiſtiges Uebergewicht beherrſcht, und ihm wäre wohl auch ein Mord zuzutrauen; an dieſem aber iſt er unſchuldig, da er ſich ſchon ſeit ſechs Monaten ununter⸗ 6 brochen in ſtrenger Unterſuchungshaft befindet. Sie kennen übri⸗ gens den Menſchen auch. Es iſt jener ſogenannte Baron, den Sie an dem Abend, an welchem ich Sie im Verbrecherkeller traf, dort geſehen haben und nach welchem Sie mich fragten.“ „Was ſagen Sie, Herr von Alt? ich verſtehe Sie nicht. Jener Baron und der Baron von Laßperg, den ich beim Gehei⸗ men Rath von Mandel getroffen habe, ſind nicht eine Perſon?“ Mit einiger Ueberraſchung entgegnete Herr von Alt:„Wo denken Sie hin? Würde wohl der Geheime Rath einem beſtraften Diebe ſein Haus öffnen? Der Dorenberg iſt, wie der Baron Laßperg, ein Neffe des Majors, ſeine Mutter und die Baronin von Laßperg waren Zwillingsſchweſtern und daher rührt wohl auch eine gewiſſe Aehnlichkeit, welche die beiden jungen Leute mit einander haben ſollen, welche ich aber nicht beſonders groß finden kann. Laſſen wir aber jetzt den Dorenberg. Es wird nöthig ſein, daß Sie mir Ihre Verdachtsgründe gegen den Baron Laß⸗ perg ſchriftlich mittheilen, damit ich das Weitere veranlaſſen kann. Am beſten wäre es wohl, wir nähmen jetzt ſogleich ein Protokoll darüber auf, welches ich dem Staatsanwalt einſende, damit dieſer die Verhaftung des Baron Laßperg verfügen kann. Was meinen Sie, Herr Heldreich?“ „Ich bin unfähig irgend etwas zu denken. Mir ſchwindelt es. Meine Gedanken verwirren ſich und mein Verdacht iſt er⸗ ſchüttert. Wenn ich den Baron von Laßperg mit dem Dorenberg, mit jenem Verbrecher, verwechſeln, wenn eine, wie Sie ſelbſt ſa⸗ gen, flüchtige Aehnlichkeit mich derartig verblenden konnte, wie darf ich da eine ſo ſchwere Anſchuldigung, welche vielleicht wieder auf einer Angentäuſchung beruht, erheben?“ „Sie ſind aufgeregt, Herr Heldreich; beruhigen Sie ſich erſt, dann aber laſſen Sie uns ernſt und kritiſch die Sachlage prüfen. 87 Sie haben an jenem erſten Abende, den Sie in Berlin zubrach⸗ ten, den Dorenberg flüchtig geſehen. Eine Maſſe neuer Eindrücke ſtürmte auf Sie ein, nur fremde Geſichter umringten Sie, was iſt natürlicher, als daß die genaue Erinnerung an die Züge des Einzelnen ſich in Ihnen verwiſchte und daß Sie, bei der vorhandenen Aehnlichkeit, die Züge des Baron Laßperg mit denen des Dorenberg verwechſelten?“ „Das iſt allerdings richtig, aber——“ „Laſſen Sie uns ruhig prüfend weiter gehen. In der Nacht vom zwanzigſten Februar hören Sie aus dem Hauſe des Majors einen Hülfeſchrei. Sie dringen ein und finden einen Menſchen, den Sie für den Dorenberg halten, mit dem Sie ſich in einen ſchweren Kampf einlaſſen. In ſolchen Augenblicken prägen ſich die Züge des Gegners genau in unſer Gedächtniß! Jenen Men⸗ ſchen haben Sie nicht flüchtig, ſondern genau und ſcharf beobach⸗ tet, ihn mußten Sie ſpäter wieder erkennen. Wer war dieſer Menſch?— Ein Neffe des Majors;— dies ſagte Ihnen das Geſpräch, welches Sie mit angehört haben, dies hat Ihnen ſpä⸗ ter der Major beſtätigt.— Iſt dem ſo?“ „Ja wohl.“ „Der Major hatte nun zwei Neffen, den Dorenberg und den Baron Laßperg. Der Dorenberg ſaß an jenem Tage ſchon in einſamer Haft, er war alſo unſchuldig an jenem Verbrechen. Der Thäter war der Baron Laßperg. Dies iſt klar, wie die Sonne. Dieſen ſelben Baron treffen Sie ſpäter in der Geſell⸗ ſchaft beim Geheimen Rath, ſo kurze Zeit darauf, daß ſich die ſtarken Eindrücke jener für Sie ereignißreichen Nacht nicht verwiſcht haben konnten, und Sie erkennen ihn ſofort wieder. Hier konnte von einer Täuſchung nicht mehr die Rede ſein! Und nun weiter! In der Nacht, in welcher der Mord geſchehen iſt, begeg⸗ ———————— ———— nen Sie einem Menſchen, in dem Sie wieder den Baron er⸗ kennen. Hier wäre eine Verwechſelung mit dem Dorenberg denk⸗ bar, wenn dieſer nicht feſt hinter Schloß und Riegel ſäße und wenn nicht außerdem zum Ucberfluß der Vorgang des erſten miß⸗ lungenen Mordverſuchs die Wahrſcheinlichkeit der Thäterſchaft für den zweiten, ſo blutig vollendeten, feſtſtellte. Sie haben hier eine Kette von ſo vollwichtigen Verdachtsgründen, daß Sie meiner Ueberzeugung nach verpflichtet ſind, dieſelben dem Staatsanwalt mitzutheilen; dieſem mögen Sie überlaſſen, zu beurtheilen, ob auf ſolche Gründe eine Unterſuchung eingeleitet werden kann oder nicht.“ „Sie haben mich überzeugt, Herr von Alt, und ich werde mich meiner Pflicht nicht entziehen; beſonders, da auch Clara ausdrücklich ihren Verdacht gegen den Vetter Hugo ausgeſprochen hat.“ „Der Vorname würde kein Beweis ſein, denn beide Vettern nennen ſich Hugo.“ Wieder ſtiegen neue Zweifel in der Seele Heldreich's auf, er zögerte nochmals; aber der Polizei⸗Lieutenant wußte mit ſchla⸗ genden Gründen jedes Bedenken zu widerlegen. Das Protokoll wurde niedergeſchrieben und von Heldreich unterzeichnet. Mit einem Citissime verſehen, ſchickte es der Polizei⸗Lieutenant zum Staatsanwalt,— ein folgenreiches Aktenſtück! XI. Ein Jahr war ſeit dem Morde des Majors Arnburg ver⸗ floſſen. Vor dem Criminalgerichts⸗Gebäude in B' drängte ſich ſchon ſeit dem früheſten Morgen eine aus allen Ständen bunt durch⸗ einander gewürfelte Volksmaſſe. Jeder war bemüht, der erſte am Thor zu ſein, um, wenn daſſelbe dem Publikum geöffnet werden würde, noch einen Platz im Zuhörerraum des Schwur⸗ gerichts zu finden. Der Prozeß des vornehmen Raubmörders, des Baron von Laßperg, ſollte heute vor den Geſchworenen ver⸗ handelt werden, ein Prozeß, der ein Intereſſe in allen Kreiſen der Reſidenz erregt hatte, wie ſeit langen Jahren kein anderer. Ein Raubmörder, der einer der vornehmſten Familien des Landes angehörte, war ſchon dadurch ein Gegenſtand des Inter⸗ eſſes und hätte die Zuhörerräume des Schwurgerichts dicht ge⸗ füllt; hier aber handelte es ſich außerdem um einen Prozeß, der reich an intereſſanten und ſpannenden Epiſoden zu werden ver⸗ ſprach. Der Angeklagte lengnete ſein Verbrechen, obgleich gegen ihn die unzweifelhafteſten Beweiſe vorlagen. Er beſtritt die Wahr⸗ heit anerkannt erwieſener Thatſachen mit einer Frechheit ſonder Gleichen, und die Aufgabe des Staatsanwalts mußte es ſein, dem Verbrecher auf ſeinem Wege bis zur Mordſtätte zu folgen, ſeine Lügen und Ausflüchte zu entſchleiern, ſeine Schuld ſo un⸗ widerleglich darzuſtellen, daß die Geſchworenen mit ruhigem Ge⸗ wiſſen ihr Schuldig ſprechen konnten. Eine ſchwere Aufgabe, denn dem Verbrecher zur Seite ſtand der berühmteſte Vertheidiger der Reſidenz, ein ſcharfſinniger Juriſt, der ſchon vielfach durch ſeine glänzende Beredſamkeit in den ſchwierigſten Fällen geſiegt hatte und der auch diesual zu ſiegen hoffte, denn eine Zeugin, zu deren Vernehmung die Staatsanwaltſchaft alle ihr zu Gebote ſtehenden Mittel angewendet hatte, war nicht aufzufinden geweſen, Clara von Arnburg, die Tochter des Ermordeten. Endlich öffneten ſich die Thore des Gerichtshauſes, die Menge ſtürmte in den Saal, den ſie ſchon halb angefüllt fand mit jenen Bevorzugten, die ſich durch Hinterthüren einen früheren Eintritt zu verſchaffen gewußt hatten, durch Damen und Herren aus den höchſten Ständen, welche in glänzender Toilette, wie zu einem Schauſpiel gekommen waren, um den Verhandlungen über das Leben eines der Ihrigen beizuwohnen. Noch eine Stunde blieb der Gerichtsſaal leer, während ſchon der Zuhörerraum Kopf an Kopf gefüllt war; die Menge unter⸗ hielt ſich während dieſer Zeit in leiſem Flüſtertone, man ſprach natürlich von nichts Anderem, als von dem bevorſtehenden Pro⸗ zeß. Seltſame Gerüchte flogen durch den Saal über die Gründe, welche das Fräulein von Arnburg veranlaßt haben könnten, ſich der Vernehmung zu entziehen. Sie ſei die Braut des Mörders geweſen und wolle nicht gegen denſelben als Zeugin auftreten, erzählten die Einen; Andere behaupteten, der Hauptzeuge, ein jun⸗ ger Student, ſei ihr Liebhaber. Plötzlich tiefe Stille. Der Angeklagte wurde in den Saal geführt; aller Augen richteten ſich auf ihn. Der Baron von Laß⸗ perg erſchien in gewählter Geſellſchaftstvilette; er ſchaute, während er auf der Anklagebank Platz nahm, ruhig und unbefangen um ſich. Sein Blick traf auch viele bekannte, früher befreundete Ge⸗ ſichter, aber in keinem derſelben fand ſich ein Zeichen der Theil⸗ nahme, des Wiedererkennens, er war ja der im Voraus gerich⸗ tete Verbrecher! Mit verächtlichem Lächeln wendete er ſich von der ihn neugierig anſtarrenden Menge zu ſeinem Vertheidiger, mit dem er ruhig ſprach, bis die Verhandlungen begannen. Die Vorbereitungen des Prozeſſes waren beendet, die Geſchwo⸗ renen ausgelooſt und vereidet. Der Staatsanwalt erhob ſich. Die Anklage⸗Akte war ein Meiſterwerk. Sie ſchilderte in ungeſchmückten Worten einfach und klar den Thatbeſtand, aber aus dieſer einfachen Darlegung entwickelte ſich die Schuld des Angeklagten mit jedem Satze mehr und mehr. Der Major von Arnburg war in der Nacht vom ſiebzehnten zum achtzehnten Juli ermordet worden. Aus der Unterſuchung des Zimmers und dem Zuſtand der Leiche ging unzweifelhaft hervor, daß der Mörder ein genauer Bekannter des Majors geweſen ſein müſſe, der vor dem Morde mit ihm in traulicher Unterhaltung geſeſſen habe. Der erſte und einzige Verdacht lenkte ſich in Folge der Aus⸗ ſagen des Zeugen Heldreich auf den Angeklagten, und dieſer Verdacht fand ſeine volle Beſtätigung durch die bei einer Hausſuchung in der Wohnung des verhafteten Angeklagten vorgefundenen Gegenſtände. Der Ermordete war um eine be⸗ trächtliche Summe Geldes beraubt worden, welche er am Tage vor ſeinem Tode vereinnahmt hatte, genan dieſelbe Geldſumme, Tauſend Thaler, fand ſich bei dem Verhafteten vor, und der Einwand, welchen derſelbe machte, er habe dieſe Summe von ſeinem Oheim als Rückzahlung einer Schuld erhalten, erſchien durchaus unglaubwürdig. Eben ſo wenig konnte ſich der Angeklagte über den Beſitz eines dem Major gehörigen Siegel⸗ ringes ausweiſen. Der von dem Angeklagten früher begangene Mordverſuch, die genaue Bekanntſchaft deſſelben mit der Wohnung 3 6 3 92 des Majors, die Erſcheinung des Barons in der Nacht des Mordes in der Nähe der Wohnung des Ermordeten, der Beſitz der geraubten Geldſumme und des Siegelringes, und endlich der Beſitz eines großen, dolchähnlichen Meſſers, welches vollkommen in die Stichwunde des Ermordeten paßte: dies Alles waren Ver⸗ dachtsgründe, welche, in eine Kette gereiht, die Ueberzeugung von der Schuld des Angeklagten hervorrufen mußten. Der Staatsanwalt hatte geendet. Die Geſchworenen nickten einander beſtätigend zu, ſchon jetzt ſchien das Schickſal des An⸗ geklagten entſchieden, dieſer aber erhob ſich und erklärte ſich auf die Frage des Präſidenten mit ruhiger Feſtigkeit für„Nicht ſchuldig!“ Er erhielt das Wort zu ſeiner Vertheidigung; ſein Advokat flüſterte ihm einige Worte zu; aber er ſchüttelte mißbilligend mit dem Kopfe und begann:„Man hat mich eines fürchterlichen Ver⸗ 3 brechens beſchuldigt und eine Anklage gegen mich erhoben, welche auf ein Gewebe von Unwahrheiten gegründet iſt. Die Ausſage eines Zeugen, welcher, wie ich nachweiſen kann, ſeit langer Zeit gegen mich einen mir unerklärlichen Haß fühlt und der eine Reihe von Erfindungen gegen mich vorbringt, werden als ununſtößliche Wahrheiten hingeſtellt, meinen eigenen Worten aber glaubt man nicht. Man hat mich ein Jahr lang eingekerkert, von der Welt abgeſchnitten und der Möglichkeit beraubt, Schritte zu meiner Vertheidigung zu thun und den Ungrund der gegen mich vorge⸗ brachten Beſchuldigungen zu beweiſen. Meine Couſine iſt nicht vernommen worden. Sie hätte meine Unſchuld anerkennen müſſen. Man ſagt, ſie ſei nicht aufzufinden geweſen; aber kann wohl in Deutſchland ein junges Mädchen ſpurlos verloren gehen? Dies Alles zeigt mir, daß ich ſchuldig befunden werden ſoll! Welche Gründe ein derartiges Verfahren gegen mich hervorgerufen haben, S weiß ich nicht; aber ich weiß, daß es ungerechifertigt iſt und ich proteſtire dagegen!“ Die kurze Vertheidigung machte ſowohl auf die Richter und Geſchworenen, als auch auf die Zuhörer den ungünſtigſten Ein⸗ druck. Der Angeklagte hatte mit ſcharfer Stimme geſprochen, ſeine Erbitterung zeigte ſich in jedem Worte; er leugnete, er ver⸗ dächtigte einen Zeugen ohne Beweiſe, und wollte ſich als das Opfer einer ungerechten Verfolgung darſtellen. Er griff den Staatsanwalt und das Gericht an, indem er erklärte, man wolle ihn für ſchuldig halten.„So ſpricht kein unſchuldig Angeklagter!“ flüſterte man im Zuſchauerraume und daſſelbe ſagten die Geſchworenen; auch der Vertheidiger des Angeklagten konnte bei den Worten deſſelben eine mißbilligende Bewegung nicht unterdrücken. Der Präſident allein bewahrte eine unerſchütterliche Ruhe. In ſeinen ernſten Zügen konnte man weder Billigung noch Miß⸗ billigung leſen: er ließ den Angeklagten ſeine Rede vollenden, dann aber ſagte er ruhig:„Sie haben ſich über die einzelnen Punkte der Anklage nicht geäußert; ich werde Ihnen dieſelben da⸗ her in einzelnen Fragen in die Erinnerung rufen; mache Sie aber darauf aufmerkſam, daß Sie in keiner Weiſe gezwungen ſind, eine Frage zu beantworten, von der Sie glauben, daß die Antwort Ihnen zum Schaden gereichen könne. Die Anklage be⸗ hauptet, Sie hätten bereits am zwanzigſten Februar vorigen Jah⸗ res einen Mordverſuch auf Ihren Oheim gemacht, der aber durch den Studenten Heldreich vereitelt worden ſei; dieſer ſoll dabei von Ihnen durch einen Meſſerſtich verwundet worden ſein. Was haben Sie hierüber zu bemerken?“ „Daß dieſe Beſchuldigung eine aus der Luft gegriffene Er⸗ findung des Herrn Heldreich iſt.“ 94 „Ich mache Sie darauf aufmerkſam, daß die Verwundung des Herrn Heldreich auch durch andere Zeugen beſtätigt wird.“ „Ich kann mur bei meiner Ausſage beharren. Ob und wo Herr Heldreich verwundet worden iſt, kann ich nicht wiſſen. Ich habe ihn nicht verwundet. Ich war an jenem Tage gar nicht in der Wohnung meines Oheims.“ „Wiſſen Sie vielleicht, wo Sie ſich am Abend des zwanzig⸗ ſten Februar befunden haben?“ „Wie könnte ich mich deſſen nach mehr als einem Jahre er⸗ innern? Der Tag hatte für mich gar kein beſonderes Intereſſe.“ „In der Nacht vom ſiebzehnten zum achtzehnten Juli ſollen Sie dem Zeugen Heldreich, in einen Mantel gehüllt, vom Hauſe des Majors Arnburg kommend, begegnet ſein.“ „Dies iſt ebenfalls eine Erfindung. Ich bin am ſiebzehnten Juli von 4 bis 9 Uhr zu Haus geblieben, weil ich mich nicht recht wohl fühlte. Dann habe ich einen Spaziergang vor das Thor gemacht und bin gegen 11 Uhe nach Haus gekommen.“ „Trugen Sie einen Mantel?“ „Nein.“ „Ihre Wirthsleute beſtätigen, daß Sie in einen Mantel gehüllt, fortgegangen ſeien.“ „Es iſt möglich, daß ich mich irre. Es war eine kühle Nacht und da mag ich wohl, weil mich fröſtelte, den Mantel umgenommen haben. Ich weiß es nicht mehr.“ „Ihre Wirthsleute behaupten, Sie ſeien ſpäter als 11 Uhr nach Haus gekommen.“ „Das iſt nicht möglich, denn ich habe nach der Uhr ge⸗ ſehen; übrigens können die Leute dies nicht wiſſen. Ich habe meinen eigenen Hausſchlüſſel und der Zugang zu meiner Wohnung liegt ganz abgeſondert.“ „Bei Ihrer Verhaftung befanden Sie ſich im Beſitz einer Geldſumme von Tauſend Thalern. Eine gleiche Summe ſoll der Major von Arnburg am Vormittage des ſiebzehnten Juli von ſeinem Banquier erhalten haben.“ „Das iſt richtig, mein Oheim ſchuldete meinem verſtorbenen Vater dieſe Summe, welche er von demſelben geborgt hatte, um ſein Haus kaufen zu können. Er hätte das Kapital längſt zurück⸗ zahlen können, aber er wollte dies nicht gern thun, weil er Ak⸗ tien beſaß, bei deren Verkauf ihm ein nicht unbedeutender Verluſt drohte. Nach dem Tode meines Vaters ließ ich dem Oheim mein Geld, ſo lange wir in befreundeten Verhältniſſen ſtanden, da aber in letzter Zeit mancherlei Mißhelligkeiten zwiſchen uns ſchwebten, kündigte ich das Kapital und habe es am ſiebzehnten, Nachmit⸗ tags gegen 3 Uhr, vom Oheim ausgezahlt erhalten.“ „Können Sie hierüber irgend einen Beweis führen?“ „Ich ſollte denken, man müſſe mir den Beweis führen, daß meine Ausſage unrichtig iſt. Im Uebrigen habe ich dem Oheim die Schuldverſchreibung, einen einfachen, kleinen Zettel, quittirt zurückgegeben. Wenn ich nicht irre, muß ſich der Zettel in ei⸗ ner braunen, ledernen Brieftaſche befinden, in welcher der Oheim ſeine werthvollſten Papiere aufzubewahren pflegte.“ „Dieſe Brieftaſche fehlte bei der Unterſuchung.“ „Es iſt nicht meine Schuld, wenn ſie geſtohlen worden iſt.“ „Der Siegelring Ihres Oheims hat ſich in Ihrem Beſitz gefunden. Wie erklären Sie dieſen Umſtand?“ „Dies iſt nicht wahr. Der Ring iſt mein Eigenthum, das Erbtheil meiner Mutter, einer geborenen Freiin von Arnburg. Er hat nie meinem Oheim gehört.“ „Der Ring enthielt das Arnburg'ſche Wappen und iſt im Beſitz Ihres Oheims geſehen worden.“ „Wahrſcheinlich von dem ehrenwerthen Zeugen Heldreich, deſſen Lügengewebe man, um mich zu verderben, Glauben ſchenkt.“ „Mäßigen Sie ſich. Sie beleidigen den Gerichtshof. Die Aufwärterin des Verſtorbenen hat ausgeſagt, daß der Ring Eigen⸗ thum des Majors geweſen ſei.“ „Dann mag der Oheim einen ähnlichen Ring beſeſſen haben. Dies iſt wohl möglich, mir aber nicht bekannt.“ „Man hat in Ihrem Beſitz ein großes, dolchartiges Meſſer gefunden, deſſen Klinge genau in die Stichwunde der Leiche paßte?“ „Dies würde wohl faſt mit jedem größeren Meſſer der Fall ſein; ich beſitze das Meſſer ſchon ſeit Jahren.“ Das vorläufige Verhör des Angeklagten war beendet, der Staatsanwalt verzichtete auf weitere Fragen, er wollte den Ein⸗ druck nicht abſchwächen, welchen das Verhör gemacht hatte. Auf den Geſichtern der Geſchworenen ſpiegelte ſich der Unglaube gegen die Verſicherungen des Angeklagten ab. Sein ganzes Weſen war nur zu ſehr geeignet, Mißtrauen einzuflößen. Es war würdelos und verbittert. Die Angriffe auf den Zeugen Heldreich und den Gerichtshof riefen bei allen Zuhörern ein Gefühl der Entrüſtung hervor. Die Zeugenvernehmung begann. Mehrere Zeugen, welche der vornehmſten Geſellſchaft angehörten, ließen ſich über den Charakter und das frühere Leben des Angeklagten übereinſtimmend dahin aus, der Baron habe nicht im beſten Rufe geſtanden. Er ſei als ein Händelſucher, ein Menſch von jähzornigem Charakter ver⸗ rufen geweſen, habe ſtets ſeine Freunde in einem Kreiſe lüder⸗ licher, junger Männer vom höchſten Adel geſucht und mit dieſen ein wüſtes Leben geführt. Sein früher nicht unbedeutendes Ver⸗ mögen habe er nach und nach verſchwendet. Eine Unredlichkeit oder irgend eine eigentlich ſchlechte Handlung wiſſe allerdings Niemand von ihm, wohl aber hätten gerade ſeine näheren Be⸗ kannten ſtets ein gewiſſes Mißtrauen gegen ihn gehegt. Die Wirthsleute des Angeklagten, ein ehrſamer Schneider und ſeine Frau bekundeten, daß der Baron in der Nacht vom ſiebzehnten zum achtzehnten ſpät, nach 12 Uhr, nach Haus ge⸗ kommen ſei. Sie hätten ganz deutlich gehört, wie er die Treppe heraufgekommen ſei, und wären über ſein ſpätes Ausbleiben ver⸗ wundert geweſen, weil er den ganzen Tag über Unwohlſein ge⸗ klagt habe. Auch daß er einen Mantel getragen, bezeugten Beide; es war ihnen dies aufgefallen, da eine ſolche Tracht im Juli doch nicht gewöhnlich ſei. Die Aufwärterin des Ermordeten bekundete, daß der Siegel⸗ ring Eigenthum ihres Herrn geweſen ſei. Sie könne ſich darin nicht irren, denn ſie habe den Ring oft in der Hand gehabt und ſich über den ſchönen rothen Stein, ſowie über das fein ge⸗ ſchnittene Wappen gefreut. Der Ring habe ſtets oben auf dem Schreibſekretär gelegen, da ihn der Major ſeiner Schwere wegen nicht getragen habe. Auch die übrigen Zeugenausſagen, meiſt unbedeutender Art bewahrheiteten die Anklage in allen Stücken. Das wichtigſte Zeugniß, dasjenige, welches der Anklage das eigentliche Funda⸗ ment gegeben hatte, war das des Studenten Heldreich. Heldreich wurde eingeführt und vereidigt. Aller Augen rich⸗ teten ſich auf ihn und ſchauten ihn prüfend an. Konnte dieſer junge Mann ein falſcher Zeuge ſein, der aus Haß einen Un⸗ ſchuldigen dem Blutgerüſt zuführte? Dies war undenkbar. Held⸗ reich's Züge trugen das Gepräge eines offenen, redlichen Sinnes. Sein ſchönes, blaues Auge blickte ſo treuherzig und wahr, daß man ihm vertrauen mußte. Er legte in einfacher und würdiger Streckfuß, Dorenberg.. ——— — Weiſe ſein Zeugniß ab und verhehlte nicht, daß er ſelbſt zuerſt den Vetter des Barons, den früheren Baron Dorenberg, für den Thüter gehalten habe. Er erzählte ſein Zuſammentreffen mit dem Dorenberg im Verbrecherkeller, wie er denſelben bei dem Mord⸗ verſuch im kleinen Hauſe wieder zu erkennen geglaubt habe und wie er auch bei der Geſellſchaft im Hauſe des Geheimen Raths von Mandel den Baron von Loßperg mit dem Dorenberg ver⸗ wechſelt und deshalb den Geheimen Rath vor dieſem gewarnt habe. Er fügte hinzu, daß er auch heute noch Anſtand nehmen müſſe, eidlich zu bekunden, die Perſon des Angeklagten ſei mit der des Mannes, der den Mordverſuch gemacht habe und dem er in der Nacht vom 17. zum 18. begegnet ſei, identiſch. Wenn dies auch ſeine volle Ueberzeugung ſei, ſo müſſe er doch zugeben, daß er ſich, wie früher, auch jetzt täuſchen könne. Heldreichs Ausſage machte einen tiefen Eindruck auf die Geſchworenen. Die Möglichkeit eines Zweifels begann in ihnen aufzutauchen, ſie blickten weniger ſtrenge auf den Angeklagten; aber dieſer beeilte ſich, die günſtige Wendung, welche ſein Pro⸗ zeß nahm, ſelbſt zu vernichten. Er ſprach angelegentlich mit ſeinem Vertheidiger, dieſer ſchüttelte unwillig mit dem Kopfe, aber der Baron ließ ſich nicht bedeuten; er ſtand auf und bat, der Herr Präſident möge den Zeugen doch fragen, ob derſelbe nicht in dem Verbrecherkeller in eine Geſellſchaft falſcher Spieler, Diebe, meineidiger Zengen und anderer ähnlicher Lente durch einen Herrn Theudobald Laur, einen wegen betrügeriſchen Ban⸗ kerotts beſtraften Menſchen, eingeführt worden ſei; ob er am fol⸗ genden Tage eine Stube neben der des Herrn Laur gemiethet habe und ob er noch heute in derſelben Nachbarſchaft wohne. Er hoffte, die Glaubwürdigkeit des Zeugen durch dieſe Fragen zu erſchüttern, aber dies gelang ihm nicht, denn Heldreich erklärte . e den Zuſammenhang ſeiner Bekanntſchaft mit Theudobald Laur, und der Polizei⸗Lieutenant von Alt, der nach ihm als Zeuge auf⸗ gerufen wurde, beſtätigte jedes ſeiner Worte und bemerkte aus⸗ drücklich, daß Heldreich ihm ſchon unmittelbar, nachdem er die Wohnung gemiethet, über ſein zufälliges Zuſammentreffen mit Laur Mittheilung gemacht und von ihm den Rath empfangen habe, wohnen zu bleiben. Nach dem Polizei⸗Lieutenant wurde ein Zeuge in den Saal geführt, deſſen Erſcheinen im Zuhörerraum eine tiefe Aufregung hervorrief: der frühere Baron Dorenberg, der ſich noch immer wegen des Verdachtes vieler ſchwerer Verbrechen in Unterſuchungs⸗ haft befand. Er trug, als rückfälliger Verbrecher, die braune Gefangenenkleidung. Sein Geſicht war gelblich bleich von der langen Haft, es verrieth aber trotzdem noch immer die Spuren früherer Schönheit. Der kecke Schnurrbart, den er früher getra⸗ gen, war verſchwunden, er war glatt raſirt. Dorenberg ſchaute, als er bei der Anklagebank vorüber ge⸗ führt wurde, mit einem hämiſchen Lächeln auf ſeinen Vetter, den er durch eine ſpöttiſche Handbewegung begrüßte. Der Baron wendete ſich mit einem Zeichen des Abſcheues und der Verach⸗ tung ab. Es wurde zuvörderſt feſtgeſtellt, daß Dorenberg ſich ſeit dem 15. Januar in ununterbrochener Unterſuchungshaft befunden habe; dann wurde ihm Heldreich gegenüber geſtellt. „Kennen Sie dieſen Herrn?“ fragte der Präſident. Dorenberg ſchaute lange prüfend in Heldreich's Züge, end⸗ lich ſagte er mit ruhiger Beſtimmtheit:„Er iſt mir ganz un⸗ bekannt. Ich habe ihn meines Wiſſens nie geſehen.“ „Sie irren ſich. Sie ſind im ſogenannten Verbrecherkeller einmal mit ihm zuſammengetroffen.“ 15 „Er mag vielleicht dort geweſen ſein; es verkehren ja viele Leute im Verbrecherkeller; aber in nähere Berührung bin ich mit ihm keinenfalls gekommen, denn ich habe ein vortreffliches Per⸗ ſonengedächtniß und würde mich ſeiner ſonſt erinnern.“ Heldreich wurde aufgefordert, den Zeugen genau zu betrach ten. Er hatte es ſchon gethan, er hatte dies bleiche, gelbe, bart⸗ loſe Geſicht mit dem des Baron Laßperg verglichen und in bei⸗ den eine große Aehnlichkeit gefunden, obgleich nicht eine ſo große, wie er früher geglaubt hatte. Seine Ueberzeugung, daß der Baron es geweſen ſei, mit dem ihn das Schickſal in ſo traurige Berührung gebracht habe, wurde neu befeſtigt und er ſprach dies auf die Frage des Präſidenten aus. Ein Lächeln flog während ſeiner Rede über Dorenbergs bleiche Züge. Das Zeugenverhör war beendet. Der Staatsanwalt be⸗ gründete noch einmal ſeine Anklage. Er forderte das Schuldig gegen den Angeklagten. Wenn auch kein direkter Beweis gegen denſelben vorliege, ſo könne doch ſeine Schuld nicht einen Augen⸗ blick zweifelhaft ſein, denn eine feſt ineinandergreifende Kette von überzeugenden Gründen liege für dieſelbe vor. Von größtem Ge⸗ wicht ſei das verdächtigte Zeugniß Heldreichs. Man brauche die⸗ ſem nur in das klare, treue Auge zu ſchauen, dann gewinne man auch ohne die für ſeinen Charakter ſprechenden Zeugniſſe ſo an⸗ geſehener Männer, wie des Herrn von Alt, des Geheimen Raths von Mandel(welche Beide vernommen waren), die Ueberzeugung, daß er, fern von perſönlichem Haß, die lautere Wahrheit geſpro⸗ chen habe. Die Zweifel, welche der Zeuge ſelbſt über die Perſon des Angeklagten und über eine mögliche Verwechſelung mit denk Dorenberg gehegt habe, ſeien durch die heutige Confrontation vollſtändig gehoben; ganz abgeſehen davon, daß Dorenberg, der ſich ſeit ein und einem halben Zahre in ſtrenger Einzelhaft be— — 101— finde, unmöglich der Schuldige ſein könne. Noch einmal ſtellte der Staatsanwalt mit ſchlagender Schärfe alle die belaſtenden Momente zuſammen, dann ſchloß er mit einer feurigen Auffor⸗ derung an die Geſchworenen, Recht zu ſprechen, ohne Rückſicht darauf, daß der Angeklagte einer der vornehmſten Familien des Landes angehöre. Mit dem Bewußtſein des nahen Sieges warf er ſich nach dieſer Rede in den Seſſel zurück. Der Angeklagte war gerichtet; vergeblich verſuchte er es, das Zengniß Heldreichs abermals zu verdächtigen und ſeine Un⸗ ſchuld zu bethenern, ſeine Worte fanden keinen Glauben, ſie tru⸗ gen nur dazu bei, die des Staatsanwalts zu beſtätigen. Auch der Vertheidiger bemühte ſich vergebens, die Zweifel hervorzu⸗ heben, welche Heldreich ſelbſt angeregt hatte. Er ließ dieſem volle Gerechtigkeit widerfahren, wies aber darauf hin, wie ſein Zeugniß keinesweges ein beſtimmtes geweſen ſei. Er ſprach ge⸗ ſchickt und beredt, aber ohne eigene Ueberzeugung. Die Ver⸗ handlungen hatten in ihm ſelbſt den Glauben an die Schuld des Angeklagten hervorgerufen und dies lähmte die Kraft ſeiner Be⸗ redſamkeit. Die Geſchworenen zogen ſich zurück; ihre Berathung war nur von kurzer Dauer. Nach kaum einer Viertelſtunde verkün⸗ dete der Obmann das furchtbare„Schuldig!“ Der Baron hatte, in fürchterlicher Spannung, ſtehend den Ausſpruch der Geſchworenen erwartet. Als das„Schuldig“ er⸗ tönte, überflog eine fahle Leichenbläſſe ſein vorher durch die Auf⸗ regung geröthetes Geſicht. „Gott verzeihe Ihnen dieſen Ausſpruch!“ rief er im tieſſten Seelenſchmerze aus.„Sie haben einen Unſchuldigen gemordet!“ Dann ſank er auf die Anklagebank zurück und hörte theilnahmlos das von dem Präſidenten verkündete Todesurtheil. XII. Heldreich ging am Abend des Gerichtstages unruhig in ſei⸗ nem kleinen Zimmer auf und nieder. Das letzte Wort des Barons:„Sie haben einen Unſchuldigen gemordet!“ tönte fort in ſeiner Erinnerung. Mit welcher fürchterlichen Wahrheit hatte der Verurtheilte ſeinen Schmerzensſchrei ausgeſtoßen! Und wenn er nun dennoch, trotz aller Beweiſe, unſchuldig wäre? dann war Heldreich der Mörder! Sein Zeugniß hatte die Verurtheilung herbeigeführt! Er warf ſich auf das Sopha und ergriff ein Buch, um ſich zu zerſtreuen und die grübelnden Gedanken, jene entſetzlichen Zweifel zu betäuben; aber vergeblich. Immer und immer wie⸗ der hörte er das letzte Wort des Barons, ſah ihn gebrochen zu⸗ ſammenſinken. Er konnte ſeinen Gedanken nicht gebieten, die ſtets über die Zeilen fortflogen und ihn in den Gerichtsſaal zu⸗ rückführten. Es war ſpät geworden, faſt Mitternacht, als er hörte, daß Jemand mit ſchwerem Tritte die Treppe herauf ſtieg, ſich ſeiner Thür nahte, vor derſelben eine Zeitlang wartete und dann leiſe klopfte. „Herein!“ Herr Theudobald Laur trat in's Zimmer. Ein unerwarteter Beſuch! Theudobald hatte es nie wieder verſucht, die Bekanntſchaft zu erneuern. Wenn er Heldreich etwa zufällig auf der Treppe begegnete, grüßte er jedesmal ſehr höflich und S——r—— 3 6 freundſchaftlich, nie aber ſprach er ſeinen früheren wahren Freund an. Es mußte ein ganz beſonderes Ereigniß ſein, welches ihn veranlaßt hatte, die ſelbſt auferlegte Zurückhaltung zu brechen, dafür ſprach auch ſein in gewaltiger Aufregung flammendes Geſicht. „Guten Abend, Herr Heldreich!“ ſagte er, zögernd näher tretend. Ich komme zu Ihnen, verkennen Sie mich nicht, durch⸗ aus nicht in zudringlicher Abſicht. Ich weiß wohl, daß ich kein Umgang für Sie bin, aber Ihr wahrer Freund bin ich dennoch und werde es bleiben; denn der Edle fühlt zum Edlen ſich hin⸗ gezogen. Es iſt mir etwas höchſt Merkwürdiges begegnet und deshalb mußte ich Sie ſprechen!— Zürnen Sie mir?“ „Nein, Herr Laur, durchaus nicht. Nehmen Sie Platz, und erzählen Sie mir, was Sie zu mir führt.“ „Ich wußte es wohl, ich kenne ja Ihr edles Gemüth! Sie werden nicht dulden, daß die Unſchuld leidet und das Laſter tri⸗ umphirt. Wenn Sie unwiſſentlich gefehlt haben, werden Sie nicht anſtehen, Ihren Fehler wieder gut zu machen. Ich täuſche mich nie in einer edlen Seele!“ „Ich verſtehe Sie nicht, Herr Laur.“ „Ich glaub' es wohl, aber bald wird es ſchrecklich tagen!— Ich war heut in der Gerichtsverhandlung. Man hat den Baron Laßperg verurtheilt; aber er iſt unſchuldig wie das Licht der Sonne!“ „Um Gotteswillen, was ſprechen Sie?“ „Die Wahrheit, bei meiner Ehre! Der Baron Dorenberg iſt der Mörder! Er triumphirt und die Tugend weint.“ „Herr Laur, ich beſchwöre Sie, Sie in dieſem Au⸗ genblicke nicht!“ „Ich ſcherze nicht, denn mich das Gefühl eines edlen Herzens, der Unſchuld beizuſtehen. Verkennen Sie mich nicht, —— Herr Heldreich, ich habe einen Jugendfehler begangen und bin in ſchlechte Geſellſchaft gekommen, aber das Herz iſt treu und wahr.“ „Ich bin überzeugt davon, Herr Laur; aber ich bitte Sie, ſpannen Sie mich nicht länger auf die Folter!“ „So hören Sie denn. Sie wiſſen, daß der Referendar Bonbelitz ein intimer Freund des Barons, das heißt des Do⸗ renberg iſt?“ „Nein; aber das iſt gleichgültig, nur weiter!“— „Vor etwa einer Stunde ging ich die Moſtraße, in welcher Bombelitz wohnt, entlang. Zwei Herren gingen vor mir her. In dem einen erkannte ich den Referendar Bombelitz und auch der andere kam mir der Geſtalt nach bekannt vor; aber erſt in dem Augenblicke, wo ſie vor dem Hauſe des Bombelitz ſtehen blieben und während dieſer die Thür auſſchloß, konnte ich ſein Geſicht ſehen. Es war der Baron Dorenberg.“ „Unmöglich!“ „Er war es, ich ſchwöre es Ihnen zu.— Hören Sie nur weiter. Mein Staunen war grenzenlos. Ich glaubte meinen Augen nicht zu trauen und ich beſchloß, mich von der Wahrheit deſſen, was ich geſehen, zu überzeugen. Ich verſteckte mich hin⸗ ter einen Bretterzaun, der hinter dem Hauſe liegt, und wartete, bis der Baron wieder herauskommen würde. Er konnte nicht ewig in dem Hauſe bleiben, und ich beſchloß, wenn es nöthig ſein ſollte, mich drei Tage und drei Nächte, ſo lange menſchliche Kräfte währen, nicht von der Stelle zu rühren. Ich ſollte nicht ſo lange warten. Nach kaum einer halben Stunde wurde die Thür von innen wieder aufgeſchloſſen und der Baron trat auf die Straße.„Gute Nacht, Bombelitz,“ ſagte er.„Wenn Alles gut geht, muß ich in vierzehn Tagen frei ſein, denn ſie haben gar nichts herausbekommen und müſſen mich endlich entlaſſen. Bis dahin gehe ich nicht wieder aus, es iſt doch zu gefährlich.“ —„Gute Nacht, Baron!“ war die Antwort, dann ſchloß ſich die Thür und der Baron eilte fort. Ich folgte ihm von ferne. Er nahm den Weg nach dem Criminalgefängniß, öffnete eine Seitenthür und verſchwand. Von da bin ich zu Ihnen geeilt. Ich habe das Meinige gethan, thun Sie jetzt das Ihrige.“ Ein Strahl des Lichts war in die dunkeln Zweifel, welche Heldreichs Seele erfüllten, gefallen. Dorenberg beſaß die Mittel, ſein Gefängniß zu verlaſſen. Hatte er dies heute thun können, dann war ihm dies auch früher möglich geweſen, dann konnte er es geweſen ſein, der den Mord begangen hatte! Dann war Laßperg unſchuldig verurtheilt; aber noch war es nicht zu ſpät, denn das Todesurtheil war noch nicht vollſtreckt. Jetzt mußte gehandelt werden, und zwar auf das ſchleunigſte. „Sie haben mir einen unendlichen Dienſt erwieſen, Herr Laur, den ich Ihnen nie vergelten kann; jetzt aber müſſen Sie demſelben die Krone aufſetzen. Wir müſſen den Verbrecher ent⸗* larven, ſo ſchlennig als möglich! Folgen Sie mir zum Polizei⸗ Lieutenant von Alt. Dieſem wollen wir Ihre Entdeckung mit⸗ heilen, er wird uns rathen, was wir weiter thun ſollen.“ Theudobald zögerte.„Ich glaube, Herr Heldreich,“ ſagte er bedenklich,„Sie könnten allein gehen. Verkennen Sie mich 4 nicht, ich fürchte mich nicht; aber ich habe nicht gern etwas mit der Polizei zu thun!“— „Wollen Sie aus dieſem Bedenken vielleicht einen Unſchul⸗ digen auf dem Schaffot ſterben laſſen?— Ihre eigene Ausſage iſt nothwendig und zwar noch in dieſer Nacht!“— 3„So ſei es denn. Ich werde mich in den Rachen des Lö⸗ wen ſtürzen. Die Pflicht gebietet es; ich folge Ihnen, meinem wahren Freunde!“ Mit geflügelten Schritten eilten Heldreich und Laur nach der P'ſtraße 100 zum Polizei⸗Lieutenant von Alt. Der wachehabende Beamte wollte ſie anfangs nicht vorlaſſen; aber Heldreich beſtand darauf, der Lieutenant müſſe geweckt werden, er habe ihm etwas äußerſt Wichtiges mitzutheilen. Er nannte ſeinen Namen, der dem Poliziſten bekannt war und die⸗ ſen endlich bewegte, die Meldung zu machen. Er kehrte nach wenigen Augenblicken zurück und führte die Wartenden an das Bett des Lieutenants. Theudobald mußte noch einmal ſeine Erzählung vortragen, er that es in etwas weniger hochtrabenden Redensarten, als früher. Herr von Alt glaubte Anfangs, Theudobald erzähle ihm ein Märchen; aber ein Blick in deſſen von Erregung glühendes Geſicht bewies ihm, daß er ſich irre. Er ſprang ſofort aus dem Bette und klingelte.„Werner und noch zwei Mann ſollen ſich augenblicklich fertig machen, um mich zu begleiten; der Schloſſer nebenan wird geweckt. Er ſoll ſofort herüberkommen und ſein Handwerkszeug mitbringen,“ rief er dem Wachehaben⸗ den zu, dann zog er ſich eilfertigſt an.—„Herr Thendobald Laur,“ ſagte er ernſt,„wenn Ihre heutige Mittheilung ſich be⸗ wahrheitet, wenn ſie die Veranlaſſung giebt, daß ein Juſtizmord verhindert wird, dann haben Sie mich für immer zu Ihrem Schuldner gemacht! Vorwärts jetzt! Glücklicherweiſe iſt dieſer Schuft, der Referendar Bombelitz, ein beſtraftes, unter polizeili⸗ cher Aufſicht ſtehendes Subject, bei welchem wir ohne Weiteres Hausſuchung halten können; vielleicht wird uns dieſe ſchon einen Aufſchluß geben.— Zuerſt gehen wir zum Staatsanwalt, wecken ihn und nehmen ihn mit.— Gott gebe unſerer Unterſuchung ei⸗ nen glücklichen Ausgang!“ 3 — 107— Dieſe Anordnungen des Polizei⸗Lieutenants wurden auf das Schnellſte zur Ausführung gebracht. Nach kaum einer Viertel⸗ ſtunde war der Schloſſer bereit und Herr von Alt eilte nun mit dieſem, Heldreich, Laur und den drei Polizeibeamten zum Staats⸗ Anwalt, den ſie noch wachend, in die Akten des Laßperg'ſchen Prozeſſes verſunken, fanden. Auch auf ihn hatte der letzte Aus⸗ ruf des Barons einen unauslöſchlichen Eindruck gemacht, auch in ihm hatte er peinigende Zweifel hervorgerufen, und mit um ſo größerer Freudigkeit begrüßte er die Mittheilungen Laur's und be⸗ gleitete den Polizei⸗Lieutenant nach der Wohnung des Referendar Bonbelitz. Die Hausthür wurde von dem Schloſſer leicht geöffnet. Man trat in den dunkeln Flur. Der Polizei⸗Lieutenant zündete eine Blendlaterne an. „Sie kennen die Stube des Bombelitz, Herr Laur?“ fragte er. „Ja, eine Treppe hoch, rechter Hand.“ „Gut. Sie klopfen an. Wenn er fragt, wer da ſei, nen⸗ nen Sie Ihren Namen und ſagen ihm, Sie hätten ihm etwas Wichtiges mitzutheilen.“ Theudobald zögerte, aber Herr von Alt ließ ihm keine Zeit, ſich zu beſinnen.„Vorwärts,“ fuhr er dringend, aber im leiſe⸗ ſten Flüſtertone fort.„Sie thun ein gutes Werk, und müſſen es vollenden, Herr Laur!“ Theudobald wurde ſich ſeiner edlen Zwecke wieder bewußt, er drückte ſich den Hut tiefer in die Stirn und ging voran die Treppe hinauf. Auf den Zehen ſchlichen ihm die Uebrigen nach, der Lieutenant blieb ihm dicht zur Seite. „Hier iſt die Thür,“ flüſterte Theudobald. Er klopfte An⸗ fangs leiſe, dann ſtärker, endlich regte es ſich im Zimmer. Ein — 108— lautes Gähnen, dann die Frage:„Wer iſt da? Was ſoll das Lärmen?“ „Ich bin's, Theudobald Laur, mach' auf!“ „Was zum Teufel willſt Du in tiefer Nacht?“ „Ich muß Dich ſprechen. Etwas höchſt Wichtiges! Mach' nur ſchnell auf.“ „Wart' einen Augenblick, ich will erſt Licht anſtecken.“ Gleich darauf öffnete Referendar Bombelitz, im Hemde, ein Licht in der Hand, die Thür. Als er neben Laur die Uniform ſah, warf er das Licht zu Boden und wollte ſchnell die Thür wieder ſchließen; aber es war zu ſpät. Eine eiſerne Fauſt hatte ihn beim Arm gepackt, der Polizei⸗Lieutenant hielt ihn feſt und drängte ſich in das Zimmer, welches durch die geöffnete Blend⸗ laterne plötzlich erleuchtet wurde. „Machen Sie keine weiteren Verſuche zu entwiſchen, Bom⸗ belitz, es iſt doch umſonſt!“ ſagte Herr von Alt ruhig zu ſeinem Gefangenen, der ihn, an allen Gliedern zitternd, mit Augen, die vor Entſetzen aus ihren Höhlen zu guellen ſchienen, anſtierte. „Der Dorenberg iſt auf dem Wege nach dem Criminal⸗Gefäng⸗ niß erwiſcht und hat geſtanden. Geben Sie alſo nur die Sachen heraus, Sie verſchlimmern ſonſt nur Ihre Sache, denn wir fin⸗ den ſie doch!“ „Der Dorenberg verhaftet?“ ſchrie Bombelitz außer ſich. „Weshalb konnte auch der Lump ſich nicht wenigſtens dieſe vier⸗ zehn Tage halten?“ 6„Wo ſind die Sachen?“ „Dort im Spind.“ Das Spind wurde geöffnet und ſofort fiel Heldreich eine braune lederne Brieftaſche in die Augen, welche er als das Eigen⸗ thum des Majors Arnburg erkannte. Daneben lag außer ande⸗ — 109— ren Kleinigkeiten und einigen werthvollen Schmuckſachen der Sie⸗ gelring des Majors, der dem des Baron Laßperg vollkommen ähnlich war. Der Staatsanwalt, der jetzt von der Unſchuld des zum Tode Verurtheilten überzengt war, unterſuchte ſofort die Brieftaſche. In derſelben fand ſich außer manchen Werth⸗ papieren und dem von Laßperg quittirten Schuldſchein des Ma⸗ jors ein Schriftſtück, welches ein plötzliches helles Licht auf die Mordthat verbreitete, ein Brief Dorenberg's an ſeinen Oheim; er lautete: Lieber Oheim! In tiefſter Verzweiflung und Reue ſchreibe ich Dir. Ich habe mich ſo oft gegen Dich verſündigt, daß Du mir kaum verzeihen kannſt, und dennoch flehe ich Dich an, laß den Sohn Deiner Schweſter nicht zur Schande der Familie auf dem Zuchthauſe ſterben. Ich bin verhaftet, aber ich habe Gelegen⸗ heit zu enffliehen. Ich will nach Amerika auswandern und Du ſollſt nicht eher wieder von mir hören, bis ich als ein redlicher Mann vor Dich treten kann. Gieb mir nur ſo viel, daß ich die Ueberfahrt bezahlen kann, dann ſoll mich meiner Hände Arbeit weiter fördern. Beim Andenken meiner Mutter beſchwöre ich Dich, ſchneide mir den letzten Rettungsweg, das letzte Mittel, mich aus meiner verbrecheriſchen Umgebung los⸗ zureißen, nicht ab! Willigſt Du ein, ſo ſage dem Ueberbringer ein einfaches„Ja.“ Ich komme dann heute Abend gegen 10 Uhr, um Dir mein letztes Lebewohl zu ſagen. B., am 17 Juli. Dein reuiger Neffe Hugo Dorenberg. Auf dieſen ſcheinheiligen Brief hin hatte der Major am Abend des ſiebenzehnten ſeinen Neffen empfangen, um von ihm die Todeswunde zu erhalten. „ XIII. Der Referendar Bombelitz ſtund im Hemde, bleich und zitternd, ein jammervoller, armer Sünder, zwiſchen zwei Poliziſten, während der Staatsanwalt die Papiere durchſah. Er ſchaute bald dieſen, bald den Polizei⸗Lieutenant, der ſich recht gemüthlich in einen Lehnſtuhl niedergelaſſen hatte, angſtvoll an; endlich wagte er die leiſe Bitte:„Darf ich mich nicht wenigſtens anziehen?“ „Gewiß,“ erwiderte der Polizei⸗Lieutenant,„denken Sie, wir wollen Sie im Hemde mitnehmen? Werner, geben Sie mal die Hoſen des Herrn Bombelitz her. Auch Rock und Weſte, unter⸗ ſuchen Sie aber erſt die Taſchen.“ Die Unterſuchung förderte ein Brieſchen zu Tage, welches abermals wichtige Aufſchlüſſe über das verbrecheriſche Treiben Dorenbergs und die Mitwiſſenſchaft des Herrn Bonbelitz enthielt. Es war von Dorenberg an einen Verbrechensgenoſſen gerichtet und enthielt Verhaltungsmaßregeln für dieſen, die Inſtruktion für mehrere Zeugen in dem Dorenberg'ſchen Prozeß, was dieſe aus⸗ zuſagen und zu beeiden hätten. Der Polizei⸗Lientenant las den Brief mit großer Befriedi⸗ gung.„Das bricht Euch vollends den Hals, Bombelitz,“ ſagte er gemüthlich.„Diesmal koſtet es Euch zwanzig Jahre, und da helfen alle juriſtiſchen Pfiffe nichts. Wollt Ihr auf mildernde Umſtände und eine gelindere Strafe rechnen, dann müßt Ihr pfeifen. Dies iſt Eure einzige Rettung.“ „Wollen Sie mir eine Strafmilderung verſprechen, Herr Lientenant, wenn ich pfeife?“ fragte Bombelitz, der vor Angſt an allen Gliedern zitterte. „Bin ich denn Euer Richter, Mann? Bhr ſeid ja ein guter Juriſt und müßt ſelbſt am beſten wiſſen, was Ihr zu thun habt. Eins aber rathe ich Euch: was Ihr thun wollt, thut bald. Wir müſſen noch heute Nacht Eure ganze Geſellſchaft feſt⸗ ſetzen, ſonſt haben wir morgen, wenn Eure Verhaftung bekannt wird, das Nachſehen. Heute können Eure Geſtändniſſe Euch und uns etwas nutzen, morgen gebe ich nicht einen Pfifferling darum.“ „Nun, mag ſie meinetwegen Alle der Teufel holen. Was wollen Sie wiſſen?“ „So iſts Recht. Werner, Papier und Feder! Wir wollen gleich ein kleines Protokoll aufnehmen. Zuerſt alſo: Was wißt Ihr von dem Morde des Majors von Arnburg, und wie iſt der Dorenberg aus dem Gefängniß gekommen?“ Bombelitz zögerte mit der Antwort. Der Polizei⸗Lieutenant legte ruhig die Feder hin und ſagte:„Wenn Ihr nicht wollt, laßt es bleiben. Als Juriſt müßt Ihr aber wiſſen, daß Euch halbe Geſtändniſſe gar nichts nützen. Entweder Alles oder gar nichts! Ueberlegt's Euch!“ Bombelitz war entſchloſſen. Er erzählte, daß Dorenberg ſchon ſeit längerer Zeit im Einverſtändniß mit zwei Schließern des Criminalgefängniſſes geſtanden habe, daß durch dieſe der Briefwechſel der verhafteten Verbrecher mit ihren Genoſſen be⸗ ſorgt worden ſei und daß durch die Hülfe der Beamten Doren⸗ berg oft des Nachts das Gefüngniß verlaſſen habe. Er ſei in daſſelbe um ſo lieber immer wieder zurückgekehrt, als er gerade durch die ſcheinbar ſtrenge Haft vor der Entdeckung vieler Ver⸗ brechen, welche er während dieſer Zeit begangen habe, geſichert — geweſen ſei, und als er ja im Falle einer wirklichen Gefahr jeder⸗ zeit die Mittel zur Flucht gehabt habe. Schon ſeit Jahren ſei Dorenberg entſchloſſen geweſen, ſeinen Oheim zu berauben und zu ermorden. Der Major habe ſein kleines Vermögen in leicht verkäuflichen Werthpapieren angelegt gehabt und dieſe ſeien das Ziel des Raubes geweſen. Die Zeit ſei zur Verübung des Mordes ganz geeignet geweſen, denn während ſeiner Verhaftung konnte kein Verdacht auf Dorenberg fallen. Dem erſten miß⸗ lungenen Verſuch folgte daher nach wenigen Monaten der zweite. Bombelitz gab alle Nebenumſtände des Mordes, ſo weit ſie ihm bekannt waren, mit der höchſten Genauigkeit an, und da er nun einmal im Zuge war, enthüllte er dem Polizei⸗Lieutenant ein Bild der verbrecheriſchen Thätigkeit Dorenbergs, welches dieſen ſelbſt in Stannen ſetzte, ſo weit übertraf es alle ſeine Erwartun⸗ gen. Eine Reihe von ſchweren Verbrechen wurde enthüllt und Bombelitz zögerte nicht, die Namen aller Mitſchuldigen zu nennen. Es dauerte Stunden, ehe das umfangreiche Protokoll geſchloſſen werden konnte, dann wurde Bonbelitz nach dem Criminal⸗Ge⸗ fängniß abgeführt. Eine Stunde ſpäter ſaß Dorenberg zähne⸗ knirſchend, mit Ketten belaſtet, in ſeiner Zelle. Die beiden ver⸗ brecheriſchen Schließer waren verhaftet. Die Sonne ſchien längſt hell und freundlich auf die Straßen der Reſidenz, als Heldreich nach der abenteuerreichen Nacht den Heimweg einſchlug. Er ging Arm in Arm mit Herrn Thendo⸗ bald Laur, der überglücklich war, daß ihn ſein wahrer Freund dieſer Ehre würdigte. Theudobald fühlte einen gerechten Stolz, daß er es geweſen, der, getrieben von des Herzens Edelmuth, eine Verbrecherbande unſchädlich gemacht habe. Er hatte ſich nach und nach den Hut ſo tief in die Stirne gedrückt, daß er ihm faſt auf der Naſe ſaß. — 113— Als Heldreich in die Lsſtraße einbog, ſuchte ſein erſter Blick das kleine Haus. Ein Miethswagen ſtand vor demſelben, deſſen Kutſcher eben beſchäftigt war, in Verbindung mit der früheren Aufwärterin des Majors, einen Reiſekoffer in die geöffnete Haus⸗ thür zu tragen. Heldreich riß ſich von ſeinem Begleiter los, er ſtürmte in das Haus nach Clara's Zimmer und im nächſten Augenblick lag dieſe weinend in ſeinen Armen. Nach den erſten Küſſen aber wand ſie ſich los;—„ein Wort erſt, ſage mir Carl, komme ich zu ſpät?“ fragte ſie in angſtvoller Spannung. „Nein, Geliebte, Du kommſt zur rechten Zeit. Es wird nun Alles noch gut enden!“ Clara mußte erzählen. Sie hatte in der Schweiz bei einer alten Freundin ihrer Mutter einen Zufluchtsort geſucht und ge⸗ funden; dieſer hatte ſie erzählt, durch welche Gründe ihre Flucht veranlaßt worden war, und das Verſprechen erhalten, daß ihr Aufenthalt verborgen bleiben ſolle. Monate verfloſſen, ehe Clara von den Verhältniſſen in der Heimath etwas Genaueres hörte. An eine Freundin, die einzige, auf deren Verſchwiegenheit ſie bauen konnte, hatte ſie geſchrieben und von dieſer die Nachricht erhalten, daß ihr Vetter verhaftet worden ſei. Mit angſtvoller Spannung harrte Clara auf weitere Nach⸗ richten, da fiel ihr vor wenigen Tagen ein Zeitungsblatt in die Hände, in welchem aus der Reſidenz gemeldet wurde, daß der Prozeß gegen den Baron von Laßperg in den nächſten Tagen vor den Geſchworenen verhandelt werden würde. Der Beweis, daß der Baron ſeinen Oheim, den Major von Arnburg, ermordet habe, ſei vollſtändig geführt und die Verurtheilung des Angeklagten ſtehe mit Sicherheit zu erwarten. Streckfuß, Dorenberg. 8 Das Blatt entfiel ihren Händen. Sie war von der Unſchuld des Barons überzeugt, vielleicht konnte ſie durch irgend ein Wort zu ſeiner Freiſprechung beitragen. ZJetzt mußte ſie ihren Wider⸗ willen, als Zeugin in dem gräßlichen Prozeß aufzutreten, über⸗ winden. Dies war eine heilige Pflicht, welche zu erfüllen ſie nicht zögerte. Schon am nächſten Tage trat ſie die Rückreiſe an. 8 Viele Jahre ſind ſeit den erzählten Ereigniſſen verfloſſen. 6 Der Dorenberg ruht längſt unter dem Erdhügel des Verbrecher⸗ 16 kirchhofs beim Zellengefäüngniß. Kein Kreuz, ſondern ein ſchwar⸗ 1 zes Brett mit einer weißen Nummer bezeichnet die Grabſtätte des gerichteten Mörders. 3 Der Baron von Laßperg iſt ehrenvoll freigeſprochen worden. Sein geſchickter Vertheidiger fand einen Formfehler im Gerichts⸗ verfahren heraus. Das Ober⸗Tribunal kaſſirte in Folge deſſen das Urtheil und wies die Verhandlung vor ein neues Geſchwo⸗ renengericht. Der Prozeß iſt nicht ſpurlos an dem Baron vorübergegan⸗ gen. Er hat ſich mit Abſcheu von den Geſellſchaftskreiſen abge⸗ wendet, welche ihn in ſeiner höchſten Noth verlaſſen und verleug⸗ net haben, von jenen Menſchen, welche den Todeskampf eines ihrer Genoſſen als ein intereſſantes Schauſpiel betrachteten, dem ſie mit ſchändlichem Vergnügen beiwohnten. Er hat mit dem Reſt ſeines Vermögens ein kleines Gut gekauft, welches er als thätiger Landwirth bewirthſchaftet. Seine Einſamkeit verläßt er 3 nur ſelten, um ſich auf einige Wochen in der Familie ſeines . Vetters Heldreich zu erholen. Dann wird er als geliebter und geehrter Gaſt von Heldreich, der noch immer ſchönen Frau Elara 8 und der fröhlichen Kinderſchaar mit Jubel empfangen und es S— — 115— koſtet ihm ſchwere Kämpfe, ehe er ſich wieder losreißen und in ſeine Einſamkeit zurückkehren kann. Heldreich iſt ein hochgeachteter und vielbeſchäftigter Rechts⸗ anwalt. Auch bei ihm hat der Prozeß des Barons einen tiefen Eindruck hinterlaſſen. Oft pflegt er den Hergang des⸗ ſelben jungen Freunden, welche ſich der juriſtiſchen Laufbahn widmen, zu erzählen, und er fügt dann jedesmal hinzu:„Dieſer Prozeß hat meine ganze Lebensrichtung verändert. Ich konnte es mit meinem Gewiſſen nicht vereinigen, Richter zu werden, ſo lange die Todesſtrafe nicht aus dem Geſetzbuch geſtrichen iſt. Bei jedem Todesurtheil, welches ich fällen müßte, würde mich die Furcht, einen Juſtizmord begangen zu haben, peinigen!“ Und Herr Thendobald Laur? In einem Weißbierlokal, in welchem die achtbaren Bürger ſich vereinigen, ſitzt alle Abende ein ſehr behäbiger dicker Herr, der viel erzählt und von den übrigen Gäſten gern gehört wird, da er ſtets Mittheilungen über die neueſten Verbrechen, welche in der Reſidenz begangen worden ſind, machen kann; ſeine Stellung als Polizei⸗Sekretär bringt dies mit ſich. Mit be⸗ ſonderem Stolz erzählt er auch gern von ſeinem wahren Freunde, dem Rechtsanwalt Heldreich, bei dem er alle Sonntage zu Mittag ſpeiſt und deſſen Kinder ihn nie anders als Onkel Thendobald nennen. 8 ½ —. . — 5 Im Hchwedenacher. Uovelle von Adokyh Ztrecfuß. Auf einem Felſen, der weit in den tiefen Bergſee hineinragt, hatte ſich ein junger Burſche gelagert.— Ein ſchöner, kräftiger Burſche von hoher Geſtalt und mächtigen Gliedern!— Er hatte den Kopf auf den Arm geſtützt und ſchaute träu⸗ meriſch hinab in die azurblaue Fluth,— ſein Blick folgte den Forellen, welche in dem kryſtallklaren Waſſer pfeilſchnell zwiſchen den Steinen auf dem Grunde des See's einherſchoſſen; aber er ſah ſie nicht,— er blickte über die Spiegelfläche des See's fort nach den maleriſchen Felſengebilden auf dem nahen gegenüber⸗ liegenden Ufer, aber weder dieſe, noch der prachtvoll üppige Wald, der ſie krönte, vermochten ſein Auge zu feſſeln. Nur der herrliche, blaue See zog ihn an. Er bog ſich weiter über die Felſenwand vor, mit ſehnſüchtigen Blicken ſchaute er hinab.„Wer dort unten wohnen könnte!—“ Er hatte ſchon oft an derſelben Stelle geſeſſen,— der Ge⸗ danke aber war ihm noch nie gekommen! Freilich, bisher hatte er wohl Noth und Kummer genug getragen, aber immer noch eine ſüße Hoffnung auf das Leben gehabt, heute aber verzwei⸗ felte er an der Zukunft, die trübe und lichtlos vor ihm lag.— „Wer dort unten in der kühlen, ſchönen Fluth ruhen könnte, erlöſt von der Qual des Lebens!“ Wie verführeriſch war der Gedanke.„Ruhe! Ewige Ruhe!“ — Er wiünſchte nichts weiter. Hatte er doch bisher ruhelos — 120— einem Glücke nachgejagt, welches er nicht zu finden vermochte, und jetzt war ihm gar der einzige Hoffnungsſtern, der ihm auf ſeiner traurigen Bahn geleuchtet hatte, erlöſchen.— „Ruhe, ewige Ruhe!“ Er konnte ſie finden, dort unten auf dem Grunde des Sec's, in der dunkeln, blauen Tiefe, es galt ja nur einen kurzen Entſchluß,— der war bald gefaßt! Er raffte ſich auf; da fiel ihm ein, daß ihm einſt der Herr Pfarrer er⸗ zählt hatte, ein guter Schwimmer könne ſich niemals ertränken, denn im Augenblick der höchſten Gefahr ſiege die natürliche Le⸗ bensluſt und treibe ihn aus den Fluthen an's Land zurück. Dem wollte er vorbeugen.— Wenn er ſich die Taſchen mit Steinen füllte, dann mußten dieſe ihn zum Grunde niederziehen,— wußte er doch, daß wenn er hier hinabſprang in den See, er wohl eine Viertelſtunde ſchwimmen mußte, ehe es ihm gelingen konnte, eine ſeichte Uferſtelle zu finden, da weithin die Felſen jäh in das Waſſer abfielen.— Er raffte ein Paar ſchwere Steine auf; aber noch genügte ihm das Gewicht nicht; dort je⸗ ner Stein, der nur loſe im Boden ſaß,— ſollte die Laſt voll machen. Er war eben im Begriff, ihn aus der Erde zu reißen, als er durch ein Geräuſch in ſeinem Vorhaben geſtört wurde. Er hörte, daß auf dem gegenüberliegenden Felſen, welcher an dieſer ſchmalſten Stelle des See's kaum dreißig Schritte von dem vorſpringenden Felſen entfernt war, ein Menſch ſich durch das dicht verwachſene Unterholz des Waldes Bahn brach. Er ließ den Stein, den er ſchon halb aus dem Boden ge⸗ riſſen hatte, ruhen; mit ſcheuem Blick trat er in's Gebüſch zu⸗ rück, hinter deſſen blätterreichem Gezweige er ſich verſteckte; der drüben ſollte ihn nicht ſehen, denn bei dem Vorhaben, welches er im Sinne trug, durfte er keinen Zuſchauer haben. Vielleicht ſchämte er ſich deſſelben, ohne ſich deſſen ſelbſt recht bewußt zu ſein. Er wollte warten, bis er wieder allein an dem einſamen Bergſee ſein würde, dann war es immer noch Zeit, von dieſem elenden Leben zu ſcheiden. Aus dem dichtverwachſenen Buſchwerk trat ein ſtädtiſch ge⸗ kleideter alter Herr auf den gegenüberliegenden Felſen. Er blieb, als ſich ihm der Blick auf den Bergſee eröffnete, überraſcht ſtehen, die herrliche Ausſicht auf den von wildzerklüfteten Felſen umgürteten tiefblanen See, welche ſich ihm plötzlich aufthat, ent⸗ zückte ihn ſo ſehr, daß er einen Ausbruch der Frende nicht unter⸗ drücken konnte. Er trat bis zum äußerſten Rande des Felſens vor, um den köſtlichen Anblick in vollem Umfange zu genießen, hier ſtand er lange im entzückten Anſchauen verſunken, faſt re⸗ gungslos auf den langen Bergſtock geſtützt. Dem im Gebüſch verſteckten Burſchen wurde dabei die Zeit recht lang; er verwünſchte den ſtörenden Fremden. Was hatte der wohl gerade jetzt an dem einſamen Bergſee zu ſuchen?— Er verwünſchte ihn; aber doch konnte er nicht umhin, ihn neu⸗ gierig zu betrachten, denn ein Fremder, ein Herr aus der Stadt, war in dieſem Theile des bairiſchen Gebirges, der von Tyuriſten gar nicht beſucht wurde, eine Seltenheit,— und nun gar ſolch ſeltſamer Reiſender, wie der da drüben.— Der Fremde mochte wohl mindeſtens ſechzig Jahre oder da⸗ rüber alt ſein, dies bewieſen die tief eingegrabenen Falten ſeines von der Sonne dunkelgebräunten Geſichtes, das weiße Haar und der volle ſchneeweiße Bart, der Mund und Kinn umrahmte;— wäre derſelbe nicht gar ſo ſchneeweiß geweſen, dann würde man verſucht geweſen ſein, den Fremden nach ſeinem ganzen Aeußern, beſonders nach dem hellen Blick des lebhaften grauen Auges, für weit jünger zu halten. Von beſonderem Intereſſe war für den jungen bäueriſchen Burſchen ein merkwürdiger runder Kaſten — 2 von grünem Blech, welchen der Reiſende auf dem Rücken trug; ſolch ſonderbares Ding hatte er noch gar nicht geſehen. Er konnte ſich den Zweck deſſelben eben ſo wenig erklären, wie er ein Verſtändniß dafür beſaß, daß der Reiſende, nachdem er eine Zeit lang die Ausſicht bewundert hatte,— einen großen baum⸗ wollenen Regenſchirm aufſpannte und dieſen nun nicht etwa zum Schutz gegen die Sonne,— denn an Regen war ja bei dem wolkenloſen Himmel überhaupt nicht zu denken,— gebrauchte, ſondern zu einem ganz räthſelhaften Vorhaben. Er kehrte näm⸗ lick den aufgeſpannten Schirm um, dann ergriff er ihn bei der Zwinge und hielt ihn, ſo daß der Griff und die Oeffnung nach oben kamen,— unter die überhängenden Zweige einer mächtigen Eiche, welche ihre gewaltigen Aeſte weit über den Felſen nach dem See hinausſtreckte.— Mit dem langen Bergſtock führte dann der Fremde mehrere kräftige Schläge gegen den Eichen⸗ zweig, unter den er den umgekehrten Schirm gehalten hatte; auf gleiche Weiſe verfuhr er mit mehreren Zweigen, dann legte er den Bergſtock fort und ſchaute aufmerkſam in den Schirm hin⸗ ein, aus deſſen Oeffnung er irgend ein unbekanntes Etwas her⸗ ausnahm, und zwar bediente er ſich dazu eines kleinen eigen⸗ thümlich geformten Glaſes, welches er aus einer ſchwarzledernen Umhängetaſche zog. Mit hochgeſpannter Neugier ſah der Burſch aus dem Ver⸗ ſteck dem ſeltſamen Treiben des Fremden zu, er vergaß darüber für den Augenblick ganz den Vorſatz, den er gefaßt hatte.— Für's Leben gern hätte er gewußt, was dies ſonderbare Be⸗ nehmen zu bedeuten habe, aber er ſcheute ſich, ſein Verſteck zu verlaſſen,— auch konnte er doch unmöglich über den See fort einen fremden ſtädtiſchen Herrn amufen und fragen, das würde ſich ſchlecht geſchickt haben. Jetzt hatte der Fremde die Unterſuchung des umgekehrten Schirmes beendet, er ſteckte das Glas in die ſchwarze Leder⸗ taſche, ergriff von neuem den Schirm und abermals begann das⸗ ſelbe Spiel mit dem Klopfen der überhängenden Eichenäſte;— dabei trat er auf die äußerſte Kante des vorſpringenden Felſens und bog ſich weit vornüber, um den umgekehrten Schirm unter einen tief nach dem See herabhängenden Eichenzweig zu halten. Es war ein gefährliches Spiel! Wie leicht konnte der Fuß auf dem glatten Raſen ausgleiten!— Mit athemloſer Span⸗ nung ſchaute der Burſch dem räthſelhaften Gebahren zu, er wagte nicht einmal einen Warnungsruf ertönen zu laſſen, als der Fremde ſich noch weiter vorbengte, um den Schirm unter die äußerſte Spitze des Eichenzweiges zu halten. Hätte er doch gerufen!— In ſeinem Eifer dachte der Rei⸗ ſende an keine Gefahr, er bog ſich zu weit vor, und als er nun mit dem Bergſtock den Eichenaſt ſchlug, verlor er das Gleichge⸗ wicht: er ſchwankte, ſchnell beſonnen ließ er Bergſtock und Schirm in's Waſſer fallen, um ſich mit den freigewordenen Händen an den überhängenden Eichenaſt, nach welchem er griff, zu halten; — aber es war zu ſpät; er konnte nur einen ſchwachen Zweig, der ihn nicht zu tragen vermochte, erfaſſen,— der Zweig brach und unaufhaltſam ſtürzte der Fremde in die Tiefe, die blauen Wogen ſchlugen über dem Verſinkenden zuſammen. „Jeſus Maria!“ rief der Burſch entſetzt,— er ſtürzte aus ſeinem Verſteck hervor und im nächſten Augenblick ſtand er wie⸗ der auf der in den See hineinragenden Felsſpitze.— Seinen Vorſatz von vorhin hatte er ganz vergeſſen, nur an die Gefahr des Fremden dachte er, nur daran, wie er dieſen vor dem Er⸗ trinken retten könne. Er beſann ſich nicht lange,— dies war überhaupt ſeine Art nicht,— mit einem kühnen, kurzen Ent⸗ — — 124— ſchluß ſprang er in den See; als er aus der Tiefe wieder empor⸗ tauchte und nun mit kräftigen Stößen dem gegenüberliegenden Ufer zuſchwamm, fühlte er plötzlich mit jähem Schreck, daß ſeine Kleider mit gewaltiger Laſt an ihm hingen, jetzt erſt er⸗ innerte er ſich, daß er die Taſchen mit Steinen gefüllt hatte, deren Gewicht ihn in die Tiefe hinabzuziehen drohte. Er war ein kräftiger geübter Schwimmer; mit dieſer Laſt aber, das fühlte er, vermochte er die entfernte Stelle des See's, an der einzig ein Landen möglich war, kaum zu erreichen, wenn er ſich ſelbſt retten wollte, ſicherlich nicht, wenn er noch einem Andern helfen ſollte. Er hielt einen Augenblick inne und es ge⸗ lang ihm, indem er nur mit den Füßen und einer Hand ſchwamm, die eine Taſche des Wammſes von den Steinen zu entleeren, nicht aber die andere, denn in dieſer befand ſich nur ein großer Stein, den er mühſam hineingezwängt hatte und den er jetzt nicht wieder hervorzuziehen vermochte;— er gab ſelbſt den Ver⸗ ſuch hierzu auf, er durfte ja nicht einen Augenblick mehr ver⸗ lieren, wenn er den Fremden retten wollte. Wenige kräftige Stöße führten ihn zu der Stelle, wo der Reiſende verſunken war, gerade zur rechten Zeit, denn eben tauchte dieſer wieder aus dem Waſſer auf;— der Burſch ergriff ihn mit geſchickter Hand. „Rühren Sie ſich nicht, Herr,“ ſagte er,—„ſonſt ertrinken wir Beide. Bewegen Sie kein Glied, dann ſtoße ich Sie vor mir her und vielleicht gelingt es mir, Sie zu retten.“ Die Worte waren im ſcharf ausgeprägten Dialekt der bai⸗ riſchen Hochlandsbewohner geſprochen, aber der Fremde ſchien ſie zu verſtehen, obgleich er nicht antwortete; er pruſtete das Waſſer von ſich, dann aber preßte er die Arme an den Leib, nachdem — 125— er recht tief Athem geholt hatte,— er hielt den Körper ſo ſtarr und ſteif er nur vermochte. „So iſt's recht, Herr!“ ſagte der Burſch,—„ſo wird's gehen; aber um der heiligen Mutter Maria willen greifen Sie nicht nach mir, wenn Sie etwa mal wo Waſſer ſchlucken müſſen, ſonſt koſtet's uns Beiden das Leben; der Weg iſt weit!“ Er erhielt keine Antwort und ſprach auch nicht weiter, um ſich ſelbſt nicht unnöthig anzuſtrengen,— ſah er doch, daß der Fremde in der drohenden Todesgefahr die volle Ruhe und Be⸗ ſonnenheit bewahrt hatte, daß jener nicht den verhängnißvollen Fehler Aengſtlicher machte, die dem Ertrinken nahe nach dem Retter greifen und dieſen in der freien Bewegung hindern. Mit ruhiger Sicherheit, nicht zu ſchnell und nicht zu lang⸗ ſam, ſchwamm der Burſch, den regungsloſen Körper des Frem⸗ den nur eben über dem Waſſer erhaltend und vor ſich her ſto⸗ ßend, der fernen Landungsſtelle zu.— Es war ein weiter Weg und der Stein zog ihn mächtig nach der Tiefe; noch war das rettende Ufer weit, da fühlte er ſchon, wie ſeine Kräfte nach⸗ zulaſſen begannen,— er vermochte den Körper nicht mehr ſo hoch wie vorher aus dem Waſſer zu erheben, ſeine Bewegungen wurden matter, unſicherer. Der Fremde, der bisher kein Zeichen des Lebens gegeben hatte, der aber mit ſcharfem Blick ſeinen Retter beobachtete, be⸗ merkte, daß dieſer nach und nach ſchwächer wurde.„Iſt's noch weit?“ fragte er. „Ja.“ „Dann laß mich alten Mann ſinken; rette Dein eigenes junges Leben, mein Sohn!“ Der Burſch antwortete nicht gleich. Vor kaum einer Bier⸗ telſtunde noch hatte er ſich den Tod gewünſcht, jetzt aber war ihm der Gedanke, daß er in die kalte Tiefe ſinken ſolle, fürchter⸗ lich. Sich allein konnte er retten, das fühlte er; einen Angen⸗ blick dachte er daran, den Rath des Fremden zu befolgen, aber eben nur einen Augenblick,— dann überwand er dieſe Regung der Selbſtſucht.—„Wir werden Beide gerettet, oder wir ſterben Beide!“ erwiderte er, der Entſchluß gab ihm neue Kraft,— er ſchwamm rüſtig weiter. Näher und näher kam die Rettungsſtelle, aber mit jedem Moment ließen auch ſeine Kräfte mehr nach,— er war zum Tode erſchöpft, als er endlich, endlich aus dem dunkel tiefblanen Waſſer in das hellgrüne kam, deſſen lichte Farbe ihm ſagte, daß er im nächſten Moment den Boden unter den Füßen fühlen werde,— noch einmal bot er mit gewaltiger Willensmacht ſeine ganze Kraft auf, noch einige tüchtige Stöße und das erſehnte Ziel war erreicht. „Gerettet!“ rief er jubelnd aus, als er die ſeichte Landungs⸗ ſtelle erreicht hatte; er ſchwamm nicht mehr, er konnte jetzt durch das Waſſer, welches ihm nur bis zum halben Leibe reichte, waten und den Fremden zum Ufer führen;— ſobald er das Land er⸗ reicht hatte, warf er ſich auf die Kniee und nachdem er ſich be⸗ kreuzt hatte, ſchickte er ein Dankgebet zum Himmel; reuig bat er die heilige Jungfrau Maria um Vergebung, daß er ſich das Leben habe nehmen wollen; er verſprach ihr, wenn ſie ihm ver⸗ zeihen wolle, ein neues Kleid und drei geweihte Kerzen für das Muttergottesbild in Oberau. Der alte Herr hörte dem Gebet, welches der Burſch ſeiner Gewohnheit nach laut ſprach, andächtig zu; bei dem Verſprechen des neuen Kleides und der geweihten Kerzen konnte er zwar ein Lächeln nicht unterdrücken; aber er wandte ſich ab, damit der Betende es nicht ſehe; als der Burſch, nachdem er geendet und — 127— ſich bekreuzt hatte, ſich erhob, muſterte ihn der Fremde lange mit wohlgefälligem Blick, dann ſagte er freundlich: „Du haſt da ein ſeltſames Gebet geſprochen, mein Sohn. Du haſt Gott gedankt und die heilige Jungfrau um Vergebung gebeten, weil Du Dir das Leben habeſt nehmen wollen. Wie iſt ſolch furchtbarer Vorſatz in Dir entſtanden? Wie konnteſt Du, ein ſo junger, ſchöner, kräftiger Mann, ſchon des lieben Lebens überdrüſſig ſein und es Dir ſelbſt nehmen wollen? Vertraue Dich mir an, mein Sohn,— vielleicht kann ich Dir, wenn auch nicht helfen, doch rathen. Einen beſſern Freund als mich wirſt Du auf der Welt nicht finden.— Du haſt mir ſoeben das Leben mit Gefahr Deines eigenen gerettet, das vergeſſe ich Dir niemals. — Sprich alſo, mein Sohn,— ſage mir, was Dich drückt und glaube mir, das ſchwerſte Leid iſt ſchon halb getheilt, wenn man es nur einem treuen Freunde vertrauen kann!“ Der Burſch blickte beſchämt und verlegen zu Boden. Er hatte im Drange des Herzens, als er das rettende Land er⸗ reichte, mit voller Inbrunſt gebetet und ganz vergeſſen, daß er nicht nur der heiligen Jungfrau Maria, ſondern auch einem ganz fremden Manne, vielleicht ſogar einem Ketzer, ſeine ſelbſt⸗ mörderiſche Abſicht geſtand; jetzt wurde er zu ſeiner Beſchämung daran erinnert, aber in ſo milder, freundlicher Weiſe, daß er dem Fragenden, den ſicherlich nicht eitle Neugier bewegte, nicht zürnen konnte.— Als er den Blick flüchtig wieder erhob, ſah er das lebendige, graue Auge des Fremden ſcharf und forſchend auf ſich gerichtet, er konnte dieſem Blick nicht begegnen und ſenkte den ſeinigen auf's nene.— Sein trotziges Selbſtbewußt⸗ ſein aber lehnte ſich dagegen auf, daß er vor dem fremden Manne, dem er eben das Leben gerettet hatte, wie ein armer Sünder daſtehen, vor ihm die Angen niederſchlagen ſollte.— Was hatte ſolch ein Stadtherr ſich überhaupt um ihn zu küm⸗ mern? Was ging es jenen an, wenn er ſich ſelbſt hatte das Leben nehmen wollen?— Mißmuthig erwiderte er:„Was ſchiert's den Herrn, was ich treib' und thu'? Hab' dem Herrn nicht zur Beichte geſeſſen und was ich gebetet, geht Niemanden nix an.— Helfen können Sie mir nicht und Rath begehr' und brauch' ich nicht!““— In dem Geſicht des alten Herrn ging bei den letzten Wor⸗ ten des Burſchen eine merkwürdige Veränderung vor,— das milde, freundliche Lächeln, mit welchem er ſeinen Retter betrachtet hatte, verſchwand, dafür lagerte um die für einen Augenblick feſtgeſchloſſenen Lippen ein Zug ſcharfen Spottes,— die grauen, lebendigen Augen funkelten recht muthwillig, als er lachend ſagte: „Stolz lieb' ich den Spanier!— Haſt Recht, mein Sohn, daß Du nicht Rath von einem alten Eſel verlangſt, der ſo thöricht geweſen iſt, um ein paar elender Käfer willen ſein Leben zu gefährden. Behalt' alſo in Gottes Namen Dein Leid für Dich oder klag es der heiligen Mutter Maria, nicht aber mir alten Thoren. Dein Freund bleib ich trotzdem, das merke Dir für alle Fälle und helfen werd' ich Dir, wenn ich kann, Du magſt es wollen oder nicht. Aber genug davon, wir wollen jetzt etwas Geſcheidteres thun, als ſchwatzen, während wir naß ſind wie ge⸗ badete Katzen.— Führe mich nach dem nächſten Dorf, mein Sohn,— damit ich meine Kleider am Heerde trocknen und dann meine Wanderung fortſetzen kann.“ Der Burſch ſchaute ſcheu zu dem Fremden auf; er wagte keine Entgegnung, die leichte Sicherheit, mit welcher der alte Herr ſprach und befahl, zwang ihn zum Gehorſam.—„Oberau iſt nicht fern, kaum eine halbe Stunde Wegs,“— entgegnete er.„ 12 „Dort bin ich zu Haus.— In Oberau iſt ein gutes Wirths⸗ haus, dahin werd' ich den Herrn führen, wenn es beliebt.“ Er wartete eine Antwort nicht ab, ſondern ſchlug einen engen Pfad, der, dem unkundigen Auge kaum ſichtbar, in den Wald führte, ein. Schnellen Schrittes ging er voraus, es dem Fremden überlaſſend, ihm zu folgen. Während des Gehens fühlte er ſich unangenehm behindert durch den einen ſchweren Stein, den er noch immer in der Wammstaſche mit ſich führte, er zog ihn jetzt nicht ohne einige Mühe hervor und warf ihn in das Gebüſch. Der alte Herr war ſeinem Führer auf dem Fuße gefolgt, er ſah, wie dieſer mit einer Geberde des Abſcheu's den Stein von ſich ſchlenderte, neugierig hob er ihn auf.—„Ein hübſcher Stein iſt's!“ ſagte er ſpöttiſch lachend,—„ſchwer genug, um einen, der geraden Wegs dem Teufel in den Rachen laufen möchte, nach dem Grunde des See's und damit in die Hölle hin⸗ abzuziehen. Hätteſt Du noch einen ſolchen Stein in der andern Taſche gehabt, dann lägen wir jetzt Beide als ſtille Leute auf dem kalten Sande!— Wirf den Stein nicht fort, mein Sohn, ſondern bewahr' ihn Dir auf, als ein ewiges Andenken daran, daß Du einmal thöricht und feige genug warſt,— den Sorgen und der Noth durch ſchmählichen Selbſtmord entfliehen zu wollen.“ Das harte Wort verdroß den Burſchen. Sein Zorn lo⸗ derte auf:„Wer mich feige nennt, der mag ſich wahren!“ rief er, die Fauſt ballend und ſich breit dem Fremden gegenüber ſtellend, dieſen mit wüthendem Blicke muſternd. Der alte Herr blieb ebenfalls ſtehen; ſein heller, klarer Blick begegnete dem wilden des Burſchen ſo feſt, daß dieſer das Auge niederſchlagen mußte, er mochte es wollen oder nicht. Streckfuß, Im Schwedenacker. 9 — 130 „Willſt Du etwa Händel mit mir anfangen?“ fragte der Fremde —„Das gelingt Dir nicht.— Den Stein hier leg' ich an den Weg, morgen wirſt Du ihn Dir holen, damit Du ein An⸗ denken haſt an dieſe böſe Stunde, damit Du Dich zeit Deines Lebens derſelben ſchämſt.— Feig habe ich Dich genannt und nun loderſt Du auf und denkſt, Du habeſt recht viel Muth, weil Du einem alten Manne die Fauſt zeigſt. Muth hatteſt Du, als Du in's Waſſer ſprangſt, um mich zu retten, als Du meine Bitte abſchlugſt, mich meinem Schickſal zu überlaſſen,— feig aber warſt Du, als Du den Stein dort in Dein Wamms zwängteſt, damit er Dich niederziehe zum Seegrund, denn feig iſt der, der nicht den Muth beſitzt, auch die äußerſte Noth des Lebens zu ertragen und zu bekämpfen.— Jeder Selbſtmörder iſt ein Feigling, mag er ſich auch ſonſt einbilden, wahren Löwen⸗ muth zu beſitzen, ein Feigling iſt er und bleibt er.— Wagſt Du das zu leugnen?“ Der Burſch wagte es nicht, beſchämt gab er ſeine drohende Stellung auf,— die ernſten Worte des alten Herrn gingen ihm zu Herzen;— er hätte ihm jetzt am liebſten gebeichtet, wie er zu ſeinem verhängnißvollen Entſchluß gekommen ſei, dazu aber fehlte ihm doch der Muth und das Vertrauen.— Er hob den Stein auf und zwängte ihn wieder in die Wammstaſche.„Der Herr mag ſchon Recht haben,“ ſagte er kleinlaut,—„ich werde den Stein mitnehmen zum Andenken!“— Nach dieſen Worten ſchritt er ſchnell weiter vorwärts den Waldweg entlang. Der ſchmale, wenig betretene Pfad führte ſteil bergabwärts durch den Wald, bis dieſer ſich nach einer Lichtung öffnete, welche die Wanderer in etwa einer Viertelſtunde erreichten. Die Lich⸗ tung war ein weites, überall von üppigem Unkraut bedecktes, rings — 131— vom Walde umſchloſſenes Landſtück, welches der Fremde nicht ohne Verwunderung anſchaute. Merkwürdig!— Das kleinſte Stückchen Land wurde in jener Gegend als Feld oder Wieſe benutzt und fleißig bearbeitet, hier aber lag ein weit ausgedehntes, viele Acker Land umfaſſen⸗ des, offenbar nicht unfruchtbares Feldſtück mitten in Walde brach und öde. Niemals hatte vielleicht der Pflug des Landmannes dieſen Boden durchbrochen, jedenfalls war er ſeit vielen Jahren nie bearbeitet worden, das bewieſen die hohen Brombeerſträuche, das überall wuchernde, wild durch einander wachſende Unkraut. — Ganz unbenutzt ſchien dies öde Landſtück aber doch nicht zu ſein, denn an mehreren Stellen ſah der Fremde große, kreisrund abgeſtochene Stellen, auf denen die Brombeeren und das üppige Unkraut ausgerodet waren. Hier hatte vor kurzer Zeit der Spaten gearbeitet, man ſah, daß dieſe Stellen umgegraben waren; einzelne zeigten noch die roh aufgeworfenen Erdmaſſen, auf andern fing ſchon wieder das vegetabiliſche Leben an, ſich zu regen, auf noch andern ſproßte bereits das Unkraut mächtig in die Höhe.— Zede dieſer kreisrunden Stellen hatte einen Durch⸗ meſſer von mindeſtens 12 Fuß. Die meiſten der Kreiſe lagen rings um ein großes Sumpfloch in der Mitte des Feldes,— Binſen, Riedgras und Röhricht wuchſen wild durcheinander aus dem Sumpfe hervor. Der Weg, welchen der Burſch ſchnellen Schrittes verfolgte, führte quer über das wüſte Feld hinweg.— In der Mitte bei dem Sumpf blieb der Burſch ſtehen, er wendete ſich zu dem Fremden um und mit unbeſchreiblicher Bitterkeit im Ton ſagte er:„Hier liegt mein Glück und mein Elend begraben!— Dies iſt das Zauberloch im Schwedenacker!“— Seine Augen funkelten B in ſeltſam irrem Lichte, ſeine Hand zitterte, als er nach dem Sumpfloch hinzeigte. Der Fremde ſchaute erſtaunt den Burſchen an. Ein Scherz⸗ wort, welches er über das Zauberloch ſagen wollte, erſtarb ihm auf der Zunge, als er bemerkte, wie tief bewegt ſein Lebens⸗ retter war. Er hätte in dieſem Angenblicke den jungen Mann um keinen Preis durch einen Scherz beleidigen mögen, er wußte ja, wie tief der Aberglaube im Gemüthe der Landleute Ober⸗ baierns wurzelt, und daß er hier auf einen vielleicht verhängniß⸗ vollen Auswuchs des Aberglaubens geſtoßen ſei, ahnte er. „Das Zauberloch im Schwedenacker?“ fragte er.—„Meinſt Du dies Sumpfloch hier? Heißt dies merkwürdig öde Landſtück der Schwedenacker?“ Jd „Was hahen dieſe Benennungen zu bedeuten?— Was hat das Zauberloch mit Deinem Glück und Elend zu ſchaffen, mein Sohn?ꝰ“ 3 „Ich will's dem Herrn erzählen,— vielleicht weiß der Herr doch einen Rath für mich!“ entgegnete der Burſch, der unterwegs reiflich nachgedacht hatte und zu dem Entſchluſſe ge⸗ kommen war, ſich dem alten Herrn, der ihm ja für die Lebens⸗ rettung Dank ſchuldig war und es gewiß gut mit ihm meinte, zu vertrauen. „So iſt's recht, mein Sohn!“— rief der Fremde erfreut. —„Habe Vertrauen zu mir, Du ſollſt es nicht bereuen! Er⸗ zühle mir, was Dich bedrückt.“ „Ich will es thun, aber nicht jetzt, nicht an dieſer Stelle,“ antwortete der Burſch ſich ſcheu umſehend und leiſe.— Sie iſt es nicht geheuer.— Wenn der Herr die Nacht heut in Oberau bleiben wollen, komme ich zum Abend nach dem Wirthshaus. Dann ſollen der Herr Alles erfahren, wie unglücklich und elend ich bin, warum ich mir gar das Leben nehmen wollte!“ „Dann bleibe ich zur Nacht in Oberau, obwohl ich ſonſt wohl weiter gewandert wäre. Heute Abend erwarte ich Dich. Du verſprichſt mir, daß Du kommſt?“ „Ich verſpreche es.“ „Und Du wirſt Dein Verſprechen als ein ehrlicher Burſch halten, das weiß ich.— Jetzt aber laß uns eilen, daß wir in Oberau in's Wirthshaus kommen. Der Wind weht kalt und mich friert in den naſſen Kleidern.“ Schnellen Schrittes ging der Burſch voran; ihm war ſo leicht um's Herz, wie ſeit langer Zeit nicht; der Fremde folgte ihm. Nach kaum einer Viertelſtunde erreichten Beide das freund⸗ liche, ſich lang im Thale hinziehende Dorf Oberau, wo der alte derr in dem reinlichen Wirthshaus gaſtliche Aufnahme fand. In der freundlichen Gaſtſtube ſaß der alte Herr an der wohlbeſetzten Mittagstafel, er ließ ſich die kräftige Landkoſt treff⸗ lich ſchmecken. Das unfreiwillige Bad hatte ſeinen Appetit be⸗ fördert und er fühlte ſich recht wohl und behaglich in der trocke⸗ nen Kleidung, mit welcher ihn der gefällige Schwanwirth von Oberau verſorgt hatte. Paßte auch Rock und Beinkleid des dicken Wirthes nicht ganz, ſo waren ſie doch bequem. Dem alten Herrn gegenüber am Tiſch ſaß der behäbige Wirth, der gern die Einladung, der Gaſt ſeines Gaſtes zu ſein, angenommen hatte; er plauderte gar zu gern mit den wenigen Fremden, die nach dem entlegenen Oberau kamen. War er doch vor Jahren einſt Kellner in München geweſen und hatte dort gute ſtädtiſche Lebensart gelernt, da war es ihm wohl nicht zu verdenken, daß er ſich freute, wenn einmal ein Stadtherr in ſein ſonſt nur von den Bauern der benachbarten Dörfer beſuchtes Wirthshaus kam. „Ja, ja mein verehrter Herr Profeſſor,“— ſagte er, nach⸗ dem er ſchmunzelnd ſein Glas geleert und ſich über den guten Pfälzer Wein, den er für beſondere Feierlichkeiten im Keller hielt und jetzt dem ſtädtiſchen Herrn vorſetzte, gebührend gefreut hatte, —„Sie kommen bei mir gerade an den rechten Mann. Nie⸗ mand kann Ihnen beſſere Auskunft über den Joſeph Wurbler ge⸗ ben als ich.— Ich kenne den Burſchen von Kindesbeinen an, war doch ſein Vater ſelig mein guter Freund und auch ſeinen Großvater habe ich noch gekannt;— der war noch ein ganz wohlhabender Mann, aber ſeitdem iſt es abwärts gegangen mit den Wurblers, der Vater Wurbler hat ein Stück Feld nach dem andern verkauft und jetzt gehört dem Joſeph nur noch das kleine Haus und der Schwedenacker mit dem verzauberten Schatz drin. Er könnte mit ſeiner alten Mutter Hungers ſterben, wenn er nicht ein gar ſo geſchickter Bildſchnitzer wäre, denn auf dem verzauberten Schwedenland wächſt nichts als wüſtes Unkraut, und wenn der Joſeph wirklich, um ein Stück Geld in die Hand zu bekommen, den Schwedenacker verkaufen wollte, einen Käufer würde er doch nicht finden.— Kein Bauer aus der ganzen Gegend würde es wagen, ihm auch nur ein paar Gulden für das Teufelsland zu geben. Welcher Chriſtenmenſch hat wohl Luſt, mit dem„Gott ſei bei uns“ und dem Zauberſpuk ſich einzulaſſen. — Außer dem Joſeph geht kein Oberauer bei Tag, geſchweige denn bei Nacht über den Schwedenacker. Der könnte, wenn es möglich wäte, ihn zu pflügen und ihn zu beſäen, wohl ein werthvolles Stück Land ſein, jetzt aber trägt es nur Brombeeren, Diſteln, Binſen und Riedgräſer.“ Der Profeſſor hatte der Erzählung ſeines ſchwatzhaften Wir⸗ thes recht aufmerkſam gelauſcht, um ſeinen Mund zuckte bei der⸗ ſelben wohl ein ſchelmiſches Lächeln, als er von dem Schatz im Schwedenacker, von dem Teufelsſpuk und dem verzauberten Lande hörte;— aber er hielt jedes Spottwort zurück, es würde, das wußte er aus langer Erfahrung, den abergläubiſchen Wirth nur veranlaßt haben zu ſchweigen, ohne etwas zu nützen.— Der Profeſſor verſtand es, mit dem Landvolk Oberbaierns umzugehen, er kam auf ſeinen naturwiſſenſchaftlichen Excurſionen ſo häufig mit demſelben in Berührung, daß er ihm längſt ſeine Fehler und Schwächen abgelauſcht und es aufgegeben hatte, mit Ver⸗ 3 nunftsgründen gegen den tiefeingewurzelten Aberglauben zu kämpfen.— Er intereſſirte ſich lebhaft für ſeinen Lebensretter, für den er eine tiefe Dankbarkeit fühlte und dem er gern hilf⸗ reich ſein wollte; um dies zu können, mußte er Joſephs Ver⸗ hältniſſe kennen lernen, deshalb unterbrach er den Schwanen⸗ wirth nicht und erſt als dieſer geendet hatte, ſagte er ſo ernſt als ihm dies nur möglich war: „Alſo der Schwedenacker gehört dem Joſeph und ein ver⸗ zauberter Schatz liegt drin? Hat denn der Joſeph i nicht ver⸗ ſucht, den Schatz zu heben?“ „Freilich hat er's und das iſt ja eben ſein Unglück, wie es das ſeines Vaters ſelig war.— Könnt' er den Schatz finden, dann wäre er ein gemachter Mann, dann würde auch der Ober⸗ müller, der ihn geſtern noch grob aus der Mühle gewieſen hat, nichts dagegen haben, daß er um die ſchöne Urſchel freit; aber er findet ihn nicht, wie viel er auch Kreiſe abgraben mag, denn der Schatz iſt verzaubert. Aber Herr Profeſſor, das iſt eine „ lange Geſchichte——“ „Die man bei einer Flaſche weder auserzählen noch aus⸗ —— — 136— hören kann! Nicht wahr, Schwanenwirth?“ ſo fragte gutgelaunt der Profeſſor.„Ich möchte ſie aber gerne hören, alſo noch eine Flaſche von Ihrem beſten Pfälzer, damit Ihnen nicht die Kehle trocken wird, Herr Schwanenwirth.“ Der Schwanenwirth ſchmunzelte vergnügt. Er ließ ſich nicht nöthigen, und als die zweite Flaſche auf dem Tiſche ſtand, erzählte er bereitwillig:„Es iſt ſchon lange, lange her,— der Herr Pfarrer meint wohl an die zweihundert Jahr, da gab es im deutſchen Reich einen langen, ſchweren Krieg, den dreißigjäh⸗ rigen haben ihn die Leute genannt. Sie haben davon auch wohl ſchon gehört, Herr Profeſſor?“ „Iſt mir nicht ganz unbekannt,“ meinte der Profeſſor lächelnd. „Da kamen die Schweden ganz hoch oben vom Nordpol her und wie ein Gießbach überſchwemmten ſie das Land. Wo⸗ hin ſie kamen, da brannten ſie die Dörfer ab, überall mordeten und plünderten ſie, beſonders in den gut katholiſchen Ländern, denn ſie waren ganz verdammte Ketzer. Nichts für ungut, Herr Profeſſor!“ „Thun Sie ſich keinen Zwang an, Schwanenwirth; ich bin kein Ketzer, alſo weiter im Text.“ „Auch nach Oberbaiern kamen die Schweden, ein Herzog, den ſie Bernhard von Weimar nannten, führte ſie, der war ein Deutſcher, aber noch ſchlimmer als die Schweden ſelbſt. Wo der hinkam, da gab's keine Gnade, da flammten ringsum die Dörfer in lichter Lohe auf, noch heute giebts in den Bergen manchen wüſten Ort, wo früher ein reiches Dorf geſtanden hat, welches nicht wieder aufgebaut worden iſt.— Die Bauern ließ der Bernhard fangen und wenn ſie nicht gleich ſagten, wo ſie ihr Geld verſteckt hatten, dann ließ er ihnen den Schwedentrunk — 137— reichen, d. h. er ließ ihnen durch einen Trichter ſo lange ſchmutzige Jauche in den Mund gießen, bis ſie entweder geſtanden oder ſtarben.— Oberau blieb lange von dem Unglück verſchont, denn unſer Dorf liegt ja abſeits von der Straße; als es aber auf den gewöhnlichen Wegen nichts mehr zu rauben und zu morden gab, da drangen die Schweden ein bis in die entlegenſten Thäler, und ſo kamen ſie auch nach Oberau.— Die Bauern hatten ſie ſchon lange erwartet und ſoweit es ging ihr Hab und Gut in Sicherheit gebracht. Das Vieh war in die Berge getrieben, 1 das baare Geld vergraben worden und zwar dort oben auf dem Felde, welches jetzt der Schwedenacker heißt, der gehörte dem reich⸗ ſten Bauer im Dorf, dem Joſeph Wurbler, dem Vorfahren von unſerem Joſeph.— Damals war das Feld ein fruchtbares Acker⸗ land und das große Sumpfloch in der Mitte war nur ein klei⸗ ner Tümpel, in den hatten die Bauern auf den Rath des Jvſeph Wurbler im Sumpfboden unter dem Waſſer ihr ganzes Geld verſenkt. Auch der Joſeph hatte ſein eigen Geld mit dem übrigen verſenkt, wohl mehr als tauſend Gulden,— in der Nacht aber, ehe die Schweden kamen, iſt er ganz allein nach dem Acker hin⸗ aufgegangen, hat ſein eigen Geld im Geheimen hervorgeholt und es an einer andern Stelle wieder vergraben in einem kleinen eiſernen Kaſten. Als nun am andern Morgen die Nachricht kam, die Schwe⸗ den ſeien in der Nähe, nur noch wenige Stunden entfernt, da flohen alle Bauern mit Weib und Kind, nur der Joſeph Wurbler blieb in Oberau, er meinte, er werde ſchon mit den Schweden fertig werden; alle Andern gingen fort; aber ein alter lahmer Bettler, der Matteis, der ein wenig verquer war, kehrte unterwegs um, er wolle in Oberau ſterben, ſo ſagte er;— ihm könnten ja auch die Schweden nichts nehmen, er habe nichts.— Der Matteis hat es ſpäter erzählt, wie es in Oberau zugegangen iſt. Die Schweden kamen von Unterau her in hellen Schaaren; als ſie in's Dorf drangen und die Häuſer leer fanden, heulten ſie vor Wuth;— ſie warfen gleich brennende Späne in die Strohdächer, daß die Flammen wild emporloderten. Der Matteis hatte ſich im Gebüſch oberhalb der Kirche verſteckt; aber ſie fan⸗ den ihn doch und nun guälten ſie ihn fürchterlich, er ſollte ihnen ſagen, wo die Bauern hingeflohen ſeien, wo ſie ihr Vieh und ihr Geld hätten,— er aber that, als ob er taub und ſtumm ſei, und obwohl ſie ihm Holznägel in das Fleiſch trieben und dann anzündeten und ihn auch ſonſt grauſenhaft marterten, ver⸗ rieth er ſich doch mit keinem Wort. Er glaubte ſchon, ſie wür⸗ den ihm vollends den Garaus machen, da ließen ſie plötzlich von ihm ab. Ein vornehmer Officier kam heran, neben dem ging der Joſeph Wurbler ganz frei und ledig und kein Schwede that ihm was.—„Laßt den Bettler los,“ rief der Officier,—„der Bauer hier wird uns zeigen, wo die Schurken ihr Geld ver⸗ graben haben.“— Die Schweden hörten auf, den Matteis zu martern, ſie folgten dem Officier, den der Joſeph Wurbler führte und auch der Matteis hinkte ihm nach, obgleich er ſeine müden Glieder kaum weiter ſchleppen konnte. Hinauf ging's zu Wurb⸗ lers Acker, dort zeigte der Joſeph ſelbſt den Schweden den Tüm⸗ pel, wo das verſenkte Geld lag und ſie holten es hervor, johlend, und ſchreiend, jubelnd über die reiche Beute. Als das der Matteis ſah, überkam ihn über den ſchändlichen Verrath eine wilde Wuth.„Das iſt nicht Alles,“— rief er den Schweden zu;—„der eiſerne Kaſten fehlt, in welchem der Foſeph ſein eigen Geld vergraben hat! Der iſt der reichſte Bauer in Oberau und hat mehr, als die andern Bauern zuſammengenommen!“ Wie die Schweden das Wort hörten, ergriffen ſie den Jo⸗ ſeph, der kreideweiß vor Angſt und Entſetzen geworden war und nun fingen ſie an, ihn zu martern ſo gräulich, daß der Matteis faſt wahnſinnig wurde vor Reue über ſein vorſchnelles Wort. Der Joſeph heulte und ſchrie, er ſchwor, er ſei unſchuldig und habe kein Geld, aber ſie glaubten ihm nicht; ſie quälten ihn, bis er geſtand, er habe den eiſernen Kaſten auf einer andern Stelle im Acker vergraben, da ließen ſie ihn los, damit er ihnen den Ort zeige.— Kaum war er der Banden ledig, da ſtürzte er ſich auf den nächſten Schweden und entriß ihm ein großes Dolch⸗ meſſer.„Verflucht ſei das Gold!“ ſo ſchrie er wüthend, dann ſtieß er ſich das Meſſer in's Herz.— Er war immer ein Geiz⸗ hals geweſen, den Verluſt ſeines Geldes mochte er nicht überleben. Aus dem todten Joſeph konnten die Schweden durch keine Marter mehr etwas herausbringen, ſie ließen ihn liegen und auch um den Matteis kümmerten ſie ſich nicht. Sie durchſuchten den Acker, ſie gruben hier und gruben dort; aber gefunden haben ſie den eiſernen Kaſten nicht.— Endlich zogen ſie ab und nach⸗ dem ſie ganz Oberau eingeäſchert hatten, verließen ſie das Dorf und ſind ſpäter nie wieder in die entlegene Gegend gekommen. Ein paar Tage ſpäter kamen die Bauern aus den Bergen zurück. Da war großer Jammer, als ſie ſtatt des ſchönen Dor⸗ fes die Brandſtätte fanden und von Matteis erfuhren, daß auch ihr Geld geraubt ſei. Ueber den Joſeph fluchten ſie Alle, am meiſten aber der Herr Pfarrer, denn auch den Kirchenſchatz, den großen ſilbernen Kelch und das koſtbare Kruzifix, auf welches die Oberauer ſo ſtolz geweſen waren, hatten die Schweden im Tüm⸗ pel aufgefunden und mit fortgenommen.— Der Herr Pfarrer zog mit den Bauern nach dem Acker des Joſeph hinauf, er ver⸗ fluchte den meineidigen Verräther der Kirche und den Acker, auf — 140— dem die ſchmähliche That begangen war, er ließ den Leichnam des Joſeph in den Tümpel werfen, denn ein Kirchenverräther dürfe nicht in geweihter Erde ruhen.— In dem Tümpel iſt der Kör⸗ per vermodert. Seitdem heißt das Feld der Schwedenacker, es iſt verflucht für alle Zeiten und böſe Geiſter treiben dort ihr Weſen.— Der Joſeph Wurbler geht des Nachts dort um, er heult und ſchreit und ſucht ſeinen verborgenen Schatz.“ Der Schwanenwirth war mit ſeiner Erzählung zu Ende, er ſtärkte ſich durch einen tiefen Zug aus dem Glaſe; der Pro⸗ feſſor aber ſagte:„Das iſt ja eine recht erbauliche Geſchichte; natürlich iſt ſie wahr, das verſteht ſich ja von ſelbſt, denn gewiß hat ſie der ehrliche Matteis erzählt und ſeit den paar Jahrhun⸗ derten wird wohl ſchwerlich etwas dazu erfunden ſein; was es mit dem Schwedenacker zu ſagen hat, weiß ich jetzt, und das Uebrige kann ich mir denken.— Die Nachkommen des Joſeph Wurbler haben natürlich das verfluchte Feld nicht mehr beſtellt, aber ſie haben recht eifrig nach dem vergrabenen Schatz geſucht und ſind beim fruchtloſen Suchen nach und nach verarmt. Iſt's nicht ſo?“ „Freilich ſo iſt's, aber woher wiſſen das der Herr Pro⸗ feſſor?“ „Es iſt nicht gar ſchwer zu errathen. Der letzte Reſt des Geldes iſt jetzt von dem Joſeph verzehrt, er hat nichts mehr. Er freit um des Obermüllers ſchöne Urſchel, iſt aber von dem reichen Vater hart abgewieſen worden, weil er ein armer Lump, ein Habenichts iſt,— darüber hat ihn die Verzweiflung gepackt.“ „Jeſus Maria Joſeph! Alles weiß der Herr Profeſſor und ich hab doch nichts geſagt!“ rief der Schwanenwirth, faſt furchtſam ſeinen Gaſt anſchauend.— Dieſer fuhr lächelnd fort: „Sie halten mich wohl gar für einen Hexenmeiſter, guter — 141— Schwanenwirth? Beruhigen Sie ſich, ſo ſchlimm iſt es nicht. Wenn ich auch vielleicht ein wenig Magie betreibe, ſo iſt es doch nur die ganz unſchuldige weiße, nicht die ſchwarze Kunſt.— Ich bin nicht allwiſſend und muß Sie deshalb ſchon noch weiter fragen. Ein geſchickter Bildſchnitzer iſt der Joſeph, iſt er aber auch ſonſt ein tüchtiger Burſch? Iſt er ehrlich, fleißig und or⸗ dentlich oder vielleicht ein Herumtreiber, ein Säufer und Raufer?“ „Nichts von alledem, Herr Profeſſor! Der Joſeph iſt der beſte Burſch von der Welt.— Hätte er's nicht ſeinem Vater auf dem Sterbebett zugeſchworen, er wolle nach dem Schatz im Schwedenacker ſuchen bis er ihn finde und dadurch dem gequäl⸗ ten Geiſt des Vorahnen Ruhe und die ewige Seligkeit verſchaf⸗ fen, dann würde er ſchon ſein gutes Auskommen haben. Das Kruzifix dort hat er geſchnitzt, und keiner in der ganzen Umge⸗ gend ſchnitzt ſo ſchön, wie er.— Die Händler, die nach Oberau kommen, kaufen von ihm am liebſten und zahlen ihm den höch⸗ ſten Preis; aber er muß den Schwur halten, den er dem BVater geleiſtet hat, und deshalb iſt er mehr auf dem Schwedenacker, als im Hauſe bei der Schnitzbank. Beſonders ſeit ihm jetzt vor drei Jahren der Jochmus von Unterammendorf gezeigt hat, wie man einen verborgenen Schatz ſucht, kommt er vom Schweden⸗ acker kaum mehr fort.— Es hängt ja auch ſein ganzes Glück daran, denn der Obermüller hat erklärt, wenn ihm der Joſeph tauſend Gulden baares Geld zeige, ſolle er die Urſchel haben, — ſonſt aber möge er ſich ſeinetwegen oben im Schwedenacker neben dem alten Zoſeph begraben laſſen.“ „Der Joſeph weiß alſo jetzt, wie er den Schatz zu ſuchen hat?“ „Freilich weiß er es; aber gefunden hat er ihn noch nicht. Der Kaſten liegt gar ſo verſteckt und iſt verflucht.“ — 142— „Ah, ſo!— Wie macht er es denn? Er wird es wohl falſch anfangen.“— „Bewahre! Der Jochmus von Unterammendorf hat es ihm ganz genau geſagt.— In der Nähe des Zauberlochs muß der Schatz liegen, das hat der Jochmus mit der Ruthe erforſcht; nur die genaue Stelle kann er nicht finden. Da muß nun der Joſeph nachgraben. Er muß einen runden Kreis ziehen und ſich in die Mitte ſtellen und beten, dann muß er graben und dabei beten; denkt er dabei an etwas Anderes, als an's Gebet, dann findet er nichts; das mag er wohl verſäumt und an Ober⸗ müllers Urſchel gedacht haben, denn gefunden hat er bis jetzt noch nichts!“— „Glaub's wohl,“ entgegnete der Profeſſor ernſt.„Es iſt mit ſolchem Zauberwerk ein eigen Ding. Befolgt man die Vor⸗ ſchrift nicht genan, dann gelingt es nicht.— Ich weiß nun ge⸗ nug von meinem guten Joſeph; aber noch eins, lieber Schwanen⸗ wirth, laſſen Sie mich doch ein Stück von der Schnitzarbeit des Joſeph ſehen.“ Der Schwanenwirth holte dem Profeſſor ein zierlich ge⸗ ſchnitztes Kruzifix.„Vortrefflich,“ ſagte der alte Herr, nachdem er die Arbeit mit Kennerblick geprüft hatte,—„ganz vortreff⸗ lich! Wirklich ein kleines Kunſtwerk!— In dem Burſchen ſteckt etwas, wir müſſen ihn nur auf den rechten Weg bringen.— Ich danke Ihnen, guter Schwanenwirth, jetzt aber, nachdem ich mich ordentlich geſtärkt habe, will ich ein Mittagsſchläfchen machen. Wenn ſpäter der Joſeph kommt und nach mir fragt, ſchicken Sie ihn nur zu mir aufs Zimmer.“ Der Profeſſor war am Abend jenes Tages gar eifrig be⸗ ſchäftigt. Er hatte einen Boten nach Saalkirchen geſchickt und von dort, wo er Quartier genommen, um Ausflüge in die Berge zu machen, ſeine Reiſetaſche erhalten,— dieſe packte er jetzt aus und gruppirte den Inhalt in maleriſcher Anordnung auf dem großen Tiſch, der in der Mitte des Zimmers ſtand. Es kam ein merkwürdiges Allerlei aus der geräumigen Taſche. Gasflaſchen mit Käfern und anderen Inſekten, einige Bücher,— eine Anzahl von Steinen, Blechſchachteln mit Draht⸗ boden voll Raupen, Holzſchachteln mit aufgeſpießten Schmetter⸗ lingen,— Naturalien jeder Art, welche der eifrige Sammler aus den Bergwäldern zuſammengetragen hatte. Am intereſſan⸗ teſten erſchien dem Profeſſor ein großes Glas, welches mehrere in Spiritus getödtete Schlangen, Eidechſen und Fröſche enthielt; er ſchälte es aus der Strohumhüllung, in die es ſehr ſorgfältig verpackt war, dann nahm er die Schweinsblaſe, die es verſchloß, ab, und nachdem er den Spiritus zum Fenſter hinausgegoſſen hatte, holte er die verſchiedenen Reptilien aus dem Glaſe. Er ſuchte ihnen Stellungen zu geben, die der natürlichen möglichſt ähnlich waren, dann poſtirte er ſie vereinzelt zwiſchen die übri⸗ gen, auf dem Tiſch ausgebreiteten Sachen.— Eine prächtige Natter legte er zuſammengeringelt auf ein kleines Buch, welches einen ſcharlachrothen Einband hatte,— ſie machte ſich recht ſtatt⸗ lich auf der rothen Unterlage. Nachdem er ſein Werk vollendet hatte, ſchaute er ſich ſehr vergnügt den Tiſch mit den bunten, chaotiſch wirr durcheinander liegenden Sachen an.—„So wird es gehen,“— ſagte er, in⸗ dem er ſich ſchmunzelnd die Hände rieb;—„aber freundlich genug ſieht das Zeug aus, die Natter auf dem rothen Buch macht ein vortreffliches Geſicht! Ich denke, ſie ſoll dem guten Zoſeph gefallen!“ — 144— Er ſetzte ſich in einen altväteriſchen Lehnſtuhl, den der Schwanenwirth dem ſtädtiſchen Gaſt zu Ehren aufs Zimmer hatte bringen laſſen,— mit einem Buch in der Hand wartete er auf den verſprochenen Beſuch Joſeph's. Zum Leſen kam er nicht viel, denn ihn beſchäftigte der Gedanke an einen Liebesdienſt, durch welchen er ſeinem Lebensretter thätlich ſeine Dankbarkeit be⸗ zeigen wollte. Er hatte noch kaum ein halbes Stündchen geſeſſen, als er ſchwere Schritte auf dem Vorflur und gleich darauf ein beſchei⸗ denes Klopfen an der Thür hörte. „Herein!“ Joſeph trat ein, er blieb, den Hut verlegen in der Hand drehend, an der Thür ſtehen— ſein forſchendes Auge flog neu⸗ gierig durch das von einem auf dem Tiſche ſtehenden brennenden Talglicht nur ſchwach erleuchtete Zimmer von dem alten weiß⸗ bärtigen Profeſſor, der ſich behaglich in ſeinen Lehnſtuhl zurück⸗ legte, nach dem Tiſch, er wurde dort durch die große Schlange gefeſſelt, die zuſammengerollt auf dem ſcharlachrothen Buche lag, und nur des günſtigen Augenblicks zu harren ſchien, um ſich auf⸗ zubäumen und ihre Giftzähne zu zeigen. Joſeph fühlte ſich ſeltſam beklommen; der alte weißbärtige Mann, der ſo harmlos neben dem giftigen Gewürm ſaß, erregte ihm ein gewiſſes Grauen, welches auch nicht verſchwand, als der Profeſſor ihn väterlich freundlich begrüßte.— Willkommen, Joſeph,“— ſagte dieſer,—„es iſt recht, daß Du Dein Ver⸗ ſprechen hältſt.— Hier ſetze Dich zu mir, mein Sohn und er⸗ zähle mir, was Dich quält und drückt; vielleicht gelingt es mir, Dir Troſt und Hülfe zu bringen.“— Er zog bei dieſen Wor⸗ ten einen Seſſel zu dem Tiſch und bedeutete Joſeph, auf dem⸗ ſelben Platz zu nehmen. Joſeph zögerte, der Einladung zu folgen,— es war ein gar zu unheimlicher Gedanke, daß er ſich ſo nahe der zuſammen⸗ geringelten Schlange und den übrigen häßlichen Thieren auf dem Tiſche ſetzen ſollte; aber er war ein muthiger Burſch und er ſchämte ſich des Grauens, welches er doch nicht ganz bemeiſtern konnte. Der alte Herr ſollte es nicht bemerken, daß er ſich fürchtete, er trat näher und ſetzte ſich auf den ihm angewieſenen Strohſtuhl, den er aber doch etwas weiter vom Tiſch abrückte, als es vielleicht nöthig geweſen wäre.. Der Profeſſor betrachtete mit Wohlgefallen den ſchönen, ſtattlichen Burſchen, dem ſelbſt die ſcheue Verlegenheit, von der er ergriffen war, gar nicht übel ſtand.—„Nun, Joſeph,“— ſagte er freundlich,—„jetzt erfülle Dein Verſprechen. Erzähle mir, was Dich heute Morgen bewegt hat, ſo ſchwer gegen Dich ſelbſt zu freveln.— Es iſt nicht eitle NReugier, welche mich treibt, Dich zu fragen; ich wünſche Dir zu helfen und ich glaube, ich kann es.“ Joſeph ſchüttelte zweifelnd den Kopf.„Mir kann der Herr ſchwerlich helfen,“ ſagte er traurig.„Den Schatz im Schweden⸗ acker wird der Herr ſo wenig finden, als ich ihn finde, und doch iſt all mein Lebensglück zu nichte, bis er gefunden und ge⸗ 6 hoben iſt.“ „Ich weiß es, Zoſeph! Nicht eher wird des Obermüllers ſchöne Urſchel Dein liebes Weibchen, ehe Du nicht den Schatz gehoben haſt und dem Obermüller tauſend Gulden baares Geld auf den Tiſch legen kannſt.“ 1 Foſeph fühlte einen kalten Schauer den Rücken herab rie⸗ ſeln, als der fremde Herr, der noch nichts, gar nichts von ihm 3 wiſſen konnte, von der Urſchel ſprach und dadurch zeigte, daß er ſein ganzes Unglück kannte. Er wagte nicht zu anworten,— Stresfuß, Im Schwedenacker. 10 —— 5 — 146— der Profeſſor fuhr fort:—„Ich bedarf Deiner Erzählung nicht,— ich kenne ja Dein Unglück; aber ich hätte es gern von Dir ſelbſt gehört, um zu ſehen, ob Du mir vertrauſt und ob Du als ein ehrlicher Burſch ehrlich Dein Wort halten wirſt. Du haſt es mir heute Morgen verſprochen, mein Sohn!— Haſt Du aber Deinen Sinn geändert, dann gebe ich Dir Dein Wort zurück.“ „Nein, nein!“ rief Joſeph erregt,—„ein ehrlich Wort bleibt ein ehrlich Wort. Der Herr kann mir nicht helfen, aber ich werde mein Wort halten.“ Und er erzählte mit ſchlichten Worten das, was der Herr Profeſſor am Mittag ſchon von dem Schwanenwirth gehört hatte. — Der alte Herr lauſchte mit geſpannter Aufmerkſamkeit,— die einfache Erzählung ließ ihn einen tiefen Blick in Joſeph's Seele thun;— er mußte wohl lächeln über den traurigen Aber⸗ glauben, der den jungen Burſchen an den verfluchten Schatz und das Zauberloch im Schwedenacker kettete, ihn verführte zum ſte⸗ ten fruchtloſen Schatzgraben, zur Vernachläſſigung redlicher Arbeit und der ihn endlich zur Verzweiflung gebracht hatte, aber er er⸗ kannte auch, daß in dem Gemüthe Zoſeph's beſſere Eigenſchaften ſchlummerten,— daß ſelbſt das Schatzgraben nicht ſowohl einer habſüchtigen Gier nach Geld, als der Erfüllung eines dem ſter⸗ benden Vater gegebenen Verſprechens entſprang. Aus jedem Worte Joſephs leuchtete ſeine innige Liebe zu ſeinen Eltern hervor, zu dem ge⸗ ſchiedenen Vater und der lebenden, betagten Mutter, welche er er⸗ nährte,— eine Zärtlichkeit, welche ſelbſt durch die Liebe zur ſchönen Urſchel nicht vermindert wurde.— Ja, Zoſeph war ein herzensguter, redlicher, tüchtiger Burſche, der ſicherlich durch ſeine Geſchicklichkeit als Bildſchnitzer ſich ein behagliches Leben hätte ſchaffen können, wenn er nicht durch den unglückſeligen — 6 — 147— Aberglauben um ſein Lebensglück betrogen worden wäre; dies wurde dem Profeſſor aus Zoſeph's ſchlichter Erzählung zur vollen Ueberzeugung und ein Entſchluß, den er ſchon vorher gefaßt hatte, befeſtigte ſich in ihm. „Du haſt viel Unglück im Leben gehabt, mein Sohn,“— ſagte er freundlich, als Joſeph zu Ende war,—„wie Deinen Vater vor Dir, hat auch Dich der Schatz im Schwedenacker ge⸗ martert und geplagt;— er hat Euch arm gemacht und in's Elend geführt.— Sag' mir, Joſeph,— hat Dir denn noch Niemand den Raäth gegeben, Du mögeſt das fruchtloſe Schatz. graben laſſen und lieber als tüchtiger Bildſchnitzer verſuchen, Dir Geld und Gut zu erwerben?“ Joſeph ſchaute den Profeſſor mißtrauiſch an, dieſer bemerkte es,— er fuhr fort:„Du brauchſt nicht zu antworten, ich weiß, was Du ſagen willſt.— Ja, das iſt Dir ſchon gerathen wor⸗ den— aber ſolchen thörichten Rath haſt Du verſchmäht. Du haſt Recht, mein Sohn! Du würdeſt auch mich, wenn ich Dir jetzt das Gleiche rathen und Dir mit den beſten Gründen be⸗ weiſen wollte, daß es eine Thorheit iſt, verzauberten Schätzen fruchtlos nachzujagen, während man ohne Zauber größere Schätze gewinnen kann, kaum anhören und ſicherlich nicht nach ſolchem thörichten Rath handeln. Das verdenk ich Dir nicht,— machen es doch viel klügere Leute als Du gradeſo.— Zch rathe Dir deshalb Beſſeres. Fahre fort, den Schatz im Schwedenacker zu ſuchen; laß Dich die Mühe nicht verdrießen! Verzweifle nicht am Erfolge, wenn es auch vielleicht lange dauert, ehe Du ihn erringſt.— Du ſollſt den im Schwedenacker verborgenen Schatz finden und heben, das verſprech' ich Dir heilig und feſt;— aber freilich mußt Du unverbrüchlich dem Rathe folgen, den ich Dir geben werde. Willſt Du das thun, Joſeph?“ 10* — 148— Der Profeſſor hatte die letzten Worte mit gehobener Stimme geſprochen, ſeine grauen Augen blitzten unter den weißen Brauen hervor, er ſtreckte die Hand aus und legte ſie auf die Schlange — er ſah, dies fand wenigſtens Zoſeph,— recht unheimlich und ſonderbar aus; aber gerade dadurch erhielten ſeine Worte einen Werth, den ſie ſonſt wohl nicht gehabt hätten. „Ich ſoll den Schatz ſuchen und finden?“ fragte Joſeph kleinlaut und zweifelnd, aber doch nicht ganz ungläubig. „Du ſollſt ihn finden!“ ſagte der Profeſſor ernſt,— aber in ſeinem lebendigen Auge lauerte der Schelm. Er ergriff das rothe Buch, die Schlange ließ er achtlos auf den Tiſch hinab⸗ gleiten,— dann erhob er das Buch und fuhr fort:„In dieſem Scharlachbande wohnt ein tieferer Geiſt als gewöhnliche Sterb⸗ liche ſich träumen laſſen, er führt uns durch die Thäler, über die Berge fort zu den Firnen der Gletſcher, zu den unergründ⸗ lichen Bergſeen, über Bäche und durch Klüfte zu dem gewünſch⸗ ten Ziel!— Ich habe heute in dem rothen Buch geleſen, Joſeph. — Ich weiß, wo Dein Schatz im Schwedenacker liegt, Joſeph, — ich ſehe ihn ſchimmern, mein geiſtiges Auge erblickt ihn; aber er liegt tief im Grunde unter eiſernem Schloſſe verzaubert durch die zwei böſen Geiſter Pigritia und Superſtitio, die bewachen ihn und halten ihn feſt, bis Du den Schlüſſel zu dem eiſernen Schloß gefunden haſt,— dann erſt müſſen ſie ihn los laſſen, dann ſchwebt er aus der Tiefe empor und wird Dein eigen. — Suche den Schlüſſel, Joſeph!— Grabe, forſche nach dem Schlüſſel in der geweihten Stunde des Abends,— Du ſollſt ihn finden, das verſpreche ich Dir, und der Schatz iſt dann Dein.“ Joſeph hörte dem Profeſſor athemlos vor Staunen zu,— er ſchaute das Scharlachbuch mit Bewunderung an; fühlte er —— — 149— auch ein heimliches Grauen, ſo wurde daſſelbe doch durch die Freude, daß er der Hebung des Schatzes näher ſei, als jemals früher,— geſänftigt.— Nur als der Profeſſor von dem Schlüſ⸗ ſel ſprach, wurde er wieder beſorgt, denn von einem Schlüſſel hatte der Jochmus von Unterammendorf, der doch ein in der ganzen Gegend bekannter und berühmter Wahrſager war, nichts geſagt; er äußerte dies auch etwas kleinlaut gegen den Profeſſor; dieſer aber fuhr ärgerlich auf: „Der Jochmus von Unterammendorf iſt ein Eſel, der ver⸗ ſteht vom Schatzgraben nicht mehr, als ein öſterreichiſcher Fi⸗ nanzminiſter. Er und ſeine dummen Kreiſe taugen den Teufel nichts.— Haſt Du etwa durch ſeine Kreiſe den Schatz gefun⸗ den oder hat er Dir etwas von den beiden böſen Geiſtern Pi⸗ gritia und Superſtitio, die ihn bewachen, erzählt?—“ Das hatte er nicht,— Joſeph mußte es zugeben und ſein Vertrauen gegen den Jochmus wurde natürlich dadurch ſehr erſchüttert. „Du ſiehſt, mein Sohn, daß der Jochmus vom Schatzgra⸗ ben nichts verſteht nud Dich an der Naſe herumgeführt hat; ich aber werde Dich lehren, wie Du den Schatz findeſt.— Morgen früh reiſe ich nach München,— dort kenne ich einen frommen Mann, einen großen Gelehrten, mit dem werde ich im Geheimen berathen, wie die beiden böſen Geiſter Pigritia und Superſtitio zu bannen ſind. Sie ſind zwar gewaltig mächtig, beſonders die Superſtitio, hier in dieſem verlorenen Winkel des ſchönen Baier⸗ landes; aber wir wollen ſie doch beſiegen und Deinen Schatz heben.— In vierzehn Tagen komme ich zurück,— dann ſoll die Arbeit beginnen, bis dahin aber, Joſeph, darfſt Du mit keinem Schritte den Schwedenacker betreten, Du mußt zu Haus bleiben — 150— und fleißig ſchnitzen,— nur dadurch kannſt Du dem böſen Geiſt Pigritia die Macht nehmen.— Verſprich mir dies und auch, daß Du keinem Menſchen in der Welt,— auch nicht Deiner Mutter, auch nicht der Urſchel ein Wort von dem ſagen willſt, was wir zuſammen geſprochen; dafür verſpreche ich Dir noch⸗ mals,— Du ſollſt den Schatz im Schwedenacker heben!“— Joſeph verſprach Alles, was der Profeſſor wollte. Die Sicherheit, mit welcher der alte Herr ihm die Hebung des Schatzes zuſagte, hatte ihm Vertrauen eingeflößt und er war entſchloſſen, ſich ganz der Führung eines Mannes zu überlaſſen, der es ſicherlich wohl mit ihm meinte. Dies ſprach er auch aus und der Profeſſor belobte ihn dieſerhalb.„Du kannſt nichts Beſſeres thun, mein Sohn,“ ſagte er freundlich,—„Du follſt noch den Tag ſegnen, an welchem Du Dein Leben gewagt haſt, um den alten Profeſſor Arnhold aus dem Waſſer zu ziehen. Jetzt aber geh, mein Sohn, in vierzehn Tagen ſehen wir uns wieder, bis dahin aber laß' Dir's geſagt ſein: Arbeit und Verſchwiegenheit!“ Joſeph ging,— kaum hatte er die Thür hinter ſich ge⸗ ſchloſſen, da lehnte ſich der Profeſſor recht vergnügt lachend in den altväteriſchen Lehnſtuhl zurück.—„Komm', Du guter Reiſe⸗ führer,“ ſagte er, das Scharlachbuch ergreifend,—„komm', Du Führer durch wilde Klüfte zu den Gletſcherfirnen! Du haſt wohl nie geahnt, daß Du noch einmal zum Zauberbuche werden würdeſt.— Ich habe noch vierzehn Tage Zeit zum Umherſtreifen in den Bergen, muß nun aber ſchon etwas weiter gehen, da ſollſt Du mich führen, guter Freund!“ Er las noch ein Viertelſtündchen im Reiſeführer, dann ging er zu Bette, damit er am andern Morgen recht früh ſeine Reiſe antreten könne. — 151— Joſeph hielt Wort, ſo ſchwer es ihm auch wurde. Nicht ein einziges Mal beſuchte er in den nächſten vierzehn Tagen den Schwedenacker; bis zum ſpäten Abend blieb er zu Haus eifrig bei der Arbeit, erſt wenn er nichts mehr ſehen konnte, ging er wohl nach der Obermühle, wo er, hinter dem Hollunder⸗ buſch im Garten verſteckt, wartete, bis die ſchöne Urſchel zu ihm hinaushuſchte und ein Viertelſtündchen koſend mit ihm plauderte. — Daß er aber Urſchel nichts von den Hoffnungen, welche der alte Profeſſor neu in ihm erweckt hatte, ſagen durfte, wurde ihm am ſchwerſten, ihr hätte er gar zu gern mitgetheilt, was der gelehrte Herr in dem rothen Buch geleſen; aber er hatte ein⸗ mal ſein Wort gegeben und das war ihm heilig. Er ſchwieg gegen Urſchel ebenſowohl als gegen die Mutter, deren Aufforde⸗ rung, doch den Schwedenacker nicht zu vernachläſſigen, er mit der Entſchuldigung, er müſſe ein angefangenes Kruzifix fertig ſtellen, zurückwies. Die alte Frau war darüber recht ungehalten, ſie lebte der feſten Ueberzeugung, ihr Joſeph werde den Schatz im Schwedenacker auffinden und jede Minute, welche er der Ar⸗ beit des Grabens und Suchens abbrach, erſchien ihr verloren; ſie ſchalt den Sohn und berief ſich auf die Zuſicherungen des Jochmus von Unterammendorf;— darüber aber lächelte Joſeph nur, denn er wußte ja jetzt, daß der Jochmus ein Eſel ſei und vom Schatzgraben nicht mehr als ein öſterreichiſcher Finanzminiſter verſtehe. Vierzehn Tage waren vergangen, da trat eines Nachmittags der alte Profeſſor zum Joſeph, der ſein Kruzifix eben beendet hatte und ſich der wohlgelungenen Arbeit erfreute, in's Stübchen. „Da bin ich!“ ſagte der alte Herr heiter.„Pünktlich wie eine Secundenuhr! Haſt auch Du Wort gehalten, mein Sohn? — Du brauchſt nicht zu antworten; ich weiß, daß Du Ja ſagen willſt und darfſt, ſonſt wäre ich überhaupt nicht gekommen, denn mit dem Schatze wär's dann vorbei. Du biſt fleißig geweſen, haſt das Kruzifix da fertig gemacht. Gieb's einmal her! Wahr⸗ haftig eine ſchöne Arbeit! Iſt ſie beſtellt?“ „Nein, aber der Händler kommt dieſe Woche nach Oberau, der nimmt mir immer Alles ab, was ich fertig habe.“ „Dem Händler werde ich diesmal in's Handwerk pfuſchen. Ich kehre morgen nach München zurück und werde das Kruzifix und was Du ſonſt etwa von Schnitzereien fertig haſt, mitneh⸗ men. Mein alter Freund, der Kunſthändler Abel ſoll die Sachen ſehen, der wird Dir mehr dafür zahlen, als der knickerige Händ⸗ ler, der Euch arme Bildſchnitzer ausſaugt, um nur ſchnell reich zu werden.— Bringe mir die Schnitzereien heute Abend nach dem Schwanwirthshaus, bringe auch außerdem einen Spaten und eine Laterne mit,— wir müſſen zur Nacht nach dem Schwedenacker hinaus,— dort werde ich die böſen Geiſter Pi⸗ gritia und Superſtitio beſchwören, damit Du mit dem Schatz⸗ graben auf die rechte Art anfangen kannſt.“ Joſeph's Auge leuchtete freudig auf. Daß der Profeſſor ihm für ſeine Schnitzereien einen beſſeren Preis durch die Ver⸗ bindung mit dem Münchener Kunſthändler verſprach, war ihm wohl ganz angenehm, weit wichtiger aber erſchien ihm die Zu⸗ ſage, daß der alte Herr mit ihm nach dem Schwedenacker wan⸗ dern und die beiden böſen Geiſter mit den ſchwer auszuſprechen⸗ den Namen beſchwören wollte.„Ich werde alſo wirklich den Schatz heben?“ fragte er mit vor Erregung zitternder Stimme. „Wenn Du meinen Anweiſungen pünktlich folgſt,— dann, — das ſchwöre ich Dir zu,— wirſt Du den im Schweden⸗ acker verborgenen Schatz heben! Sieh hier das rothe Buch, es hat mich geführt ſeit jenem Tage und es wird mich weiter führen!— Ich habe die Zauberworte gefunden, mit denen die „ böſen Geiſter Pigritia und Superſtitio zu beſchwören ſind, heute Nacht werde ich ſie auf dem Schwedenacker laut in die Tiefe hineinrufen, ſo daß ſelbſt die Antipoden davon einen Schreck be⸗ kommen.— Vertraue mir, verſprich mir Gehorſam und Still⸗ ſchweigen gegen Jedermann,— dann ſollſt Du den Schatz he⸗ ben, das verſpreche ich Dir!“ Joſeph ſchaute mit einem verlegenen Geſicht zu Boden, es lag ihm noch etwas auf dem Herzen; aber er hatte nicht recht den Muth, es zu äußern,— doch was half's, es mußte ja ſein, — er ſagte daher ziemlich kleinlaut:„Ich möchte ſchon das Stillſchweigen verſprechen, aber ich weiß nicht, ob's nicht eine Sünde iſt. Gegen die Mutter und gegen die Urſchel und ſonſt gegen Jedermann ſoll nicht ein Wort über meine Lippen kommen! — aber in der Beichte—“ „Ah, ſo! In der Beichte meinſt Du gutes, großes katho⸗ liſches Kind nicht ſchweigen zu dürfen! Sieh, Joſeph, den Ge⸗ danken hat Dir der böſe Geiſt Superſtitio eingegeben, der über dem Schatze wacht und fürchtet, Du könnteſt ihn heben. Hüte Dich vor Allem vor der Superſtitio, ſie iſt Dir gefährlicher als die Pigritia.— Im Uebrigen aber magſt Du Dich beruhigen. Du ſollſt im Beichtſtuhl Dein Herz ausſchütten, ſollſt alle Deine Sünden, ſelbſt Deine böſen Gedanken geſtehen; aber es iſt keine Sünde, die böſen Geiſter zu vertreiben, das haſt Du daher auch nicht nöthig, zu beichten. Alſo unverbrüchliches Schweigen, auch im Beichtſtuhl, und Gehorſam! Verſprich mir Beides, Jo⸗ ſeph, dann ſollſt Du den Schatz heben, ſonſt nicht!“ Recht überzeugt war Joſeph noch nicht; aber die Sehnſucht, den Schatz zu erlangen, überwand ſeine Gewiſſensbedenken, er gab dem Profeſſor das gewünſchte Verſprechen. — 154— Als von der Dorfkirche zu Oberau der Glockenſchlag der zehnten Stunde ertönte, klopfte Joſeph, dem Befehle des Pro⸗ feſſors pünktlich Folge leiſtend, an die Thür des Oberſtübchens im Schwan. Er trug in einem Sacke ſeine fertigen Schnitzereien, außerdem hatte er einen tüchtigen Spaten bei ſich und auch die Laterne hatte er mitgebracht. Dem lauten„Herein“ folgend, trat Joſeph ins Zimmer. Der Profeſſor ſaß wie an jenem Abend auf dem altväteriſchen Lehnſtuhl neben dem großen Tiſch, auf welchem ſeltſames unheim⸗ liches Gewürm aller Art zuſammengehäuft war. Eine kleine Schildkröte lag faul zwiſchen zwei großen Schlangen und auf dem rothen Buch ruhte heute gar ein wirklicher grinſender Men⸗ ſchenſchädel. Joſeph fühlte ſich von einem tiefen Grauen durchdrungen; er wäre gern ungekehrt; aber ſo feige durfte er nicht ſein,— er zwang ſich, ſeinen ganzen Muth zuſammennehmend, jede Aeußerung des Bangens zu unterdrücken und es gelang ihm. „Biſt Du noch immer entſchloſſen, mein Sohn?“ fragte der Profeſſor mit hohler Stimme, es ſchien Joſeph, als wollten ihn die großen grauen Augen des alten Herrn durchbohren, als woll⸗ ten ſie ihm in die Seele dringen; aber er zögerte nicht mit der Antwort,— er ſprach ein vernehmliches„Ja.“ „Du ſchwörſt mir pünktlichen Gehorſam und tiefes Schweigen?“ „Dann folge mir zum Schwedenacker, die Beſchwörung mag beginnen!“ Er erhob ſich.— Aus einer Reiſetaſche, die er unter dem Tiſche vorholte, nahm der Profeſſor eine rothe Sammetmütze mit gol⸗ dener Troddel, er ſetzte ſie auf das Haupt, ſo geſchmückt erſchien er Joſeph noch ſeltſamer und unheimlicher als zuvor.— Dann hing er ſich eine kleine Taſche von ſchwarzem Wachstuch über die Schulter, in dieſelbe legte er den Todtenkvpf, das Buch und eine Tüte von rothem Glanzpapier. „Zünde die Laterne an!“ befahl der Profeſſor. Joſeph gehorchte. „Jetzt leuchte mir voran nach dem Schwedenacker; aber ſprich unterwegs kein Wort, damit Du den Zauber nicht ſtörſt!“ Wieder gehorchte Zoſeph.— er ging dem alten Herrn leuch⸗ tend vorau. Er hätte gar zu gern ein Wort geſprochen, wäre es auch nur geſchehen, damit er den ängſtlichen Schlag des ei⸗ genen Herzens nicht höre, aber er biß ſich auf die Lippen,— ſchweigend ſchritt er langfam voran, den Weg zum Schweden⸗ acker hinan. Es war eine dunkle, ſternenloſe Nacht. Der Wind heulte in den Schluchten, er ſchüttelte die alten Bäume des Waldes und jagte am Nachthimmel die ſchwarzen Wolken vor ſich her. Der kurze Weg, den er ſo oft zurückgelegt, kam heute Jo⸗ ſeph unendlich lang vor; je näher die Wanderer dem Schweden⸗ acker kamen, je grauenhafter erſchien Zoſeph dieſer nächtliche Ausflug. Seine Glieder zitterten, er vermochte kaum die Laterne ruhig zu halten, und als er nun gar auf dem nahen Schweden⸗ acker einen merkwürdigen, einem Aechzen ähnlichen Ton hörte, als er ſich erinnerte, daß ſein unglücklicher Vorfahr dort nächt⸗ lich umgehe, daß deſſen Geiſt um den verlorenen Schatz weine und klage,— da blieb er zagend ſtehen,— er wagte nicht, weiter zu gehen. Der Profeſſor konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als er ſah, wie der kräftige junge Mann mit den Rieſengliedern vor einem unbekannten Etwas erbebte und vor Furcht zitterte, aber —— er hütete ſich wohl, ſeinen Gedanken Worte zu geben.—„Muth, mein Sohn,“ ſagte er freundlich mahnend.—„Faſſe Muth, Dir kann nichts geſchehen! Die böſen Geiſter, welche hier woh⸗ nen, beherrſche ich. Sieh hier das rothe Buch, ich habe es ja bei mir.— Faſſe alſo Muth,— denn das Schwerſte ſteht Dir noch bevor.— Ruhe Dich jetzt einen Augenblick, Du darfſt auch ein paar Worte ſprechen, nachher aber bei der Beſchwörung ſelbſt mußt Du ſchweigen. Du darſſt dann, was Du auch hören und ſehen magſt, kein Wort äußern.“ „Darf ich beten?“ fragte Joſeph ſchüchtern. Es war ein eigenthümliches Lächeln, welches um des alten Herrn Lippen zuckte, als er erwiderte:„Schaden thut es nicht, obwohl die gedankenloſen Gebete, die Ihr alberne Menſchen ohne Andacht im Herzen hinplappert, die beſte Nahrung für den böſen Geiſt Superſtitio ſind.— Aber beruhigt es Dich und fühlſt Du ein Bedürfniß zum Gebet, dann bete meinetwegen, denn wir treiben hier kein Teufelswerk,— wir wollen ja böſe Geiſter austreiben!“ Joſeph fühlte ſich durch dieſe Worte merkwürdig beruhigt, — das Zittern der Glieder hörte auf, er ſchritt jetzt freiwillig mit kräftigem Schritt dem Schwedenacker zu. „Nach dem Zauberloch!“ befahl der Profeſſor und„Still⸗ geſtanden!“ rief er, als die Wanderer ganz in der Nähe des Sumpfloches angekommen waren;„ſetze die Laterne nieder und grabe ein rundes Loch, einen Schuh tief und einen Schuh im Durchmeſſer.“ Joſeph gehorchte. Das Loch hatte er ſchnell gegraben, dann ſuchte er auf Befehl des Profeſſors zwei flache Steine, den einen legte er in das Loch, den andern auf die ausgeworfene Erde am — 157— Rande deſſelben, auf den letzteren ſetzte der Profeſſor den Todten⸗ ſchädel, den er aus der Taſche holte. „Die Arbeit iſt vollbracht!“ ſagte der Profeſſor.„Ehe ich nun aber die Beſchwörung beginne, ſollſt Du hören, wie Du den Schatz zu ſuchen haſt und nur, wenn Du mir verſprichſt, pünktlich meine Anweiſungen zu befolgen, werde ich die Geiſter beſchwören. Höre alſo. Du weißt bereits, daß Dein Schatz, von den böſen Geiſtern Pigritia und Superſtitio bewacht, tief im Grunde des Schwedenackers liegt, daß er aber emporkommt, ſo⸗ bald Du den Schlüſſel zu dem eiſernen Kaſten gefunden haſt. — Den Schlüſſel mußt Du ſuchen in raſtloſer Arbeit! Den Schlüſſel bewacht der böſe Geiſt Pigritia, er trägt ihn von einem Punkte des Schwedenackers zum andern und verſteckt ihn täglich an einer andern Stelle.— Den Geiſt unſchädlich zu machen, giebt es ein Zauberwort, es heißt„Labor,“ das mußt Du anwen⸗ den, um den Schlüſſel zu finden. Nur zwei Stunden täglich darfſt Du nach dem Schlüſſel graben und zwar in den beiden Abendſtunden vor Untergang der Sonne, nachdem Du vorher zu Haus fleißig geſchnitzt haſt. Gräbſt Du zu anderer Tageszeit oder arbeiteſt Du zu Haus nicht fleißig, dann gewinnt der Geiſt Pigritin Macht über Dich und der Schlüſſel entſchwindet Dir. — Das Land, welches Du umgegraben, darfſt Du nicht öde liegen laſſen, Du mußt es beſäen und die Saat fleißig pflegen, ſpäter mußt Du es pflügen, eggen und weiter beſtellen. In wohl beſtelltem Lande hat der Geiſt keine Macht, wenn Du einen Papierzettel, auf welchem das Zauberwort Labor ſteht, bei jedem Um⸗ ackern oder Umgraben dem Boden anvertraut haſt. Wenn nun auch der böſe Geiſt den Schlüſſel in der Nacht vor Dir zu verſtecken ſucht, ſo kann er ihn doch niemals in das gut bearbeitete Land ver⸗ ſtecken, wo der Zettel mit dem Zauberwort liegt und gelingt es — 158— Dir gar, das Waſſer aus dem Sumpfloch dort abzuleiten und dort einen Zettel mit dem Zauberwort„Lumen“ zu vergraben, dann haſt Du auch den böſen Geiſt Superſtiti beſiegt; denn der flieht, wo er das Wort Lumen hört.— Der Geduld bedarfſt Du, der Willenskraft, der Ausdauer und harter Arbeit, um den im Schwe⸗ denacker verborgenen Schatz zu heben,— Du wirſt vielleicht Jahre lang vergeblich graben müſſen,— höchſtens aber fünf Jahre, das verſpreche ich Dir,— dann iſt ſicher der Schatz ge⸗ hoben,— Du haſt dann die beiden böſen Geiſter, die ihn hüten, durch die Zauberworte Labor und Lumen beſiegt. Willſt Du mir ſchwören zu thun, wie ich Dir geſagt? Willſt Du täglich nach fleißiger Arbeit zu Haus nur Abends vor Sonnenuntergang zwei Stunden graben etwa einen Fuß tief, dann das gegrabene Land beſcen und weiter beſtellen, willſt Du das Waſſer aus dem Zauberloch ableiten und die Zettel mit den Zauberworten im Boden verſtecken,— willſt Du hier ſchwören, nicht den Muth zu verlieren, wenn anfangs, ja ſelbſt wenn Jahre lang Dein Suchen vergeblich iſt,— dann antworte mit dem einzigen Worte, welches Du hier ſprechen darfſt— Ja!“ „Ja!“ rief Joſeph, er preßte das Wort hervor; es wollte ihm faſt in der Kehle ſtecken bleiben, aber es gelang ihm doch, es zu ſagen. „Nun wohl, mein Sohn, ich nehme Deinen Eid an und wehe Dir, wenn Du ihn brechen ſollteſt, Du wäreſt dann ver⸗ loren für alle Zeiten. Nun zu Euch, Ihr böſen Geiſter der Finſterniß!— Die Beſchwörung beginnt!—“ Er holte aus der Taſche die rothe Tüte und ſchüttete den Fnhalt derſelben, ein weißliches Pulver, auf den flachen Stein, der in dem von Joſeph ausgegrabenen Loche lag, dann entzün⸗ dete er das Pulver mit einem Streichholz. Eine blutrothe Flamme — 159— ziſchte empor und beleuchtete grell mit ihrem grauſigen Lichte den Todtenſchädel. Mit dem rothen Buch in der Rechten ſtand der Profeſſor vor dem Loch, er hob das Buch in die Höhe.— „Fluch Euch, Ihr böſen Geiſter!“ rief er mit gewaltiger Stimme. „Dich, Du nichtsnutzige, infame Pigritia banne ich mit dem Zauberwort Labor! Dir, Du alberne, verdummende, Geiſt und Herz ertödtende Superſtitio ſchlendere ich das Zauberwort Lumen entgegen. Verdammt ſeiet Ihr Beide, Ihr Geißeln des Men⸗ ſchengeſchlechts, Ihr Hätſchelkinder der Despoten und Pfaffen!“ Nach dieſen Worten ergriff der Profeſſor mit der Linken den Todtenſchädel, mit dem Fuß ſtieß er die Laterne um, deren Licht ziſchend erloſch,— ſo ſtand er, Buch und Schädel in die Höhe haltend, von dem blutigrothen Schein der Flammen be⸗ leuchtet. Joſeph ſchaute mit Entſetzen auf den alten Mann, der ihm wie ein mächtiger Zauberer erſchien, er wagte es kaum, ſich zu rühren.„Hier nimm die Zettel mit den Zauberworten!“ rief ihm der Profeſſor zu, indem er ihm ein Päckchen Papierzettel übergab; Joſeph nahm zagend die Papiere, ſie ſahen aus, als ſeien ſie in Blut getaucht. Die rothe Flamme ziſchte und ſtieß einen dichten weißen Qualm aus, ſie ſank herab und bald war ſie erloſchen. Joſeph ſtand zitternd in tiefer Dunkelheit, er wartete auf ein ermunterndes Wort oder einen Beſehl des Profeſſors, dieſer aber rührte ſich nicht; vergeblich harrte Joſeph lange Zeit, da hörte er plötzlich aus weiter Ferne her die Worte zu ſich herüber⸗ tönen:„Leb' wohl, Joſeph mein Sohn. Wir ſehen uns wieder, wenn Du den Schatz gehoben haſt. Gedenke Deines Eides, ſonſt wehe Dir, wehe, wehe!!“ . ———————————— — 160— Die Stimme verhallte, Joſeph hörte nichts mehr,— er war allein auf dem ſchauerlichen Si allein in dunk⸗ ler Nacht. Fünf Jahre waren nach der Be ſcichungot vergangen, da wandelte an einem ſchönen Auguſtnachmittage der alte Pro⸗ feſſor auf der Straße von Unterau bergwärts dem Dorfe Oberau zu.— Die Jahre hatten auf den alten Herrn keinen ſonderlichen Eindruck gemacht, vielleicht war ſein faltenreiches Geſicht noch faltenreicher geworden, ſonſt aber ſchritt er noch eben ſo kraftvoll einher, ſeine grauen Augen blitzten noch ebenſo lebendig und muthwillig wie früher. Er hatte ſchon einen weiten Weg zurück⸗ gelegt, das aber würde Niemand ſeinem leichten, raſchen Schritt angemerkt haben. Als er die erſten Häuſer des lang im Thale ſich hinſtrecken⸗ den Dorfes erreicht hatte, blieb er einen Angenblick ſtehen, er er⸗ wartete einen Bauer, der querfeldein der Straße zuſchritt.„Grüß Gott, Landsmann,“ ſagte er freundlich.—„Sie könnten mir wohl einen großen Gefallen thun.“ „Soll gern geſchehen,“ erwiderte der Angeredete mit der freundlichen Bereitwilligkeit, welche die Landleute jener Gegend auszeichnet. „Ich war ſeit Jahren nicht in Oberau. Vor wenigen Tagen erſt bin ich von einer Reiſe in fernen Ländern zurückge⸗ kehrt. In der ganzen Zeit habe ich nichts von Europa gehört und möchte nun nicht gern tölpiſch einem Freunde in's Haus fallen, ehe ich weiß, wie es ihm geht. Sie kennen gewiß den Joſeph Wurbler, den Bildſchnitzer?“ „Ei gewiß,“ erwiderte der Bauer lächelnd,—„wer in Oberau möchte den Joſeph nicht kennen!“— „Alſo er lebt,— das freut mich von Herzen. Iſt er ge⸗ ſund, geht es ihm gut?“ „Was ſollte wohl dem Joſeph fehlen?— Wem's ſo ge⸗ glückt iſt in der Welt, wie dem Zoſeph,— der kann gewiß nicht klagen.— Vor fünf, ſechs Jahren war er noch ein armer Schlucker, der am Hungertuch nagte, und jetzt iſt er ein ge⸗ machter Mann, hat des reichen Obermüllers ſchöne Urſchel zur Frau,— das alte morſche Haus umgebaut und Geld hat er, man weiß nicht wie viel.— Aber mit rechten Dingen geht's nicht zu. Die Leute ſprechen Allerlei!“ „Wirklich? Und was ſprechen denn die Leute?“ „Nichts für ungut; aber der Herr iſt ein Freund von dem Joſeph, da will ich mir nicht das Manl verbrennen.“ „Sprechen Sie nur, Landsmann. Ich kann reinen Mund halten und ſage dem Joſeph ſicher nichts wieder. Ich habe ihn noch gekannt, als er ein armer Schlucker war und möchte nun wohl auch wiſſen, wie er zu dem Reichthum gekommen iſt.“ „Das iſt's eben,— Niemand weiß es.— Der verſtorbene Schwanenwirth hat erzählt, ein alter Zaubermeiſter habe dem Joſeph ein rothes Zauberbuch geſchenkt und ihn gelehrt, wie er den Schatz auf dem Schwedenacker heben könne, dann ſeien ſie Beide in einer dunklen Nacht nach dem Schwedenacker hinaus⸗ gegangen, dort habe der Joſeph um Mitternacht dem Teufel ſeine Seele verſchreiben müſſen, der Zauberer iſt dann allein zurückgekommen, hat in dem Oberſtübchen während der ganzen Nacht gräulich gelacht und getobt. Am frühen Morgen iſt der Joſeph gekommen, leichenblaß und an allen Gliedern zitternd. Er hat nach dem Zauberer gefragt, der aber iſt fort geweſen, Streckfuß, Im Schwedenacker. 11 3 3 1 — 162— zum Schornſtein hinausgefahren und Niemand hat ihn wieder in Oberau geſehen.— Seitdem iſt der Joſeph täglich des Abends nach dem Schwedenacker gegangen und hat dort nach dem Schatz gegraben. Gefunden hat er ihn gewiß, woher ſollte er ſonſt das viele Geld haben; aber er leugnet es und zum Scheine gräbt er noch beinahe alle Tage. Im letzten Jahre hat er gar das Waſſer aus dem großen Sumpfloch abgeleitet, ſo daß jetzt der ganze Schwedenacker ein großes fruchtbares Feld iſt, auf dem das beſte Korn in der ganzen Gegend wächſt.— Das iſt doch der beſte Beweis, daß der Schatz gehoben iſt, denn ſo lange der im Boden lag, war ja der Schwedenacker verflucht; nichts konnte auf ihm gedeihen, als Diſteln und anderes wüſtes Gewächs.“ „Da haben Sie Recht, Landsmann!“ entgegnete der Pro⸗ feſſor, deſſen Auge recht muthwillig luſtig funkelte.—„Der Beweis iſt klar wie die Sonne, der Zoſeph hat den Schatz gehoben. Schönen Dank für die Nachricht und Gott zum Gruß!“ — Er ſetzte fröhlich ſeine Wanderung fort und bald gelangte er zu der Stelle, wo früher Zoſeph's kleine baufällige Hütte ge⸗ ſtanden hatte, jetzt aber ein ſtattliches Bauernhaus ſtand.— Auf der Bank vor der Thür ſaß ein ſchönes junges Weib mit einem wenige Wochen alten Kindchen auf dem Schooß. Der Profeſſor betrachtete das liebliche Bild mit innigem Wohlgefallen.—„Grüß Gott, Frauchen,“ ſagte er freundlich. —„Kann bei Ihnen wohl ein müder Wanderer für Geld und gute Worte ein Glas Milch bekommen?“ „Für Geld nicht, aber für ein gutes Wort herzlich gern. Seien Sie willkommen, alter Herr. Treten Sie ein in die kühle Stube und ruhen Sie aus. Die Nachmittagsſonne brennt gar heiß.“ —— — 163— Der Profeſſor nahm die Einladung gern an. Er trat in die Stube, deren Thür ihm die ſchöne Frau gaſtfrei öffnete, ſein erſter Blick fiel auf ſeinen alten Freund Zoſeph, der eifrig an einer kunſtvollen Schnitzerei arbeitend am Fenſter ſaß. Aus dem ſtattlichen Burſchen war ein ſchöner kräftiger Mann ge⸗ worden, der es wohl verdiente, daß des Obermüllers Urſchel ihn mit Stolz ihren Joſeph nannte. Joſeph arbeitete ſo emſig, daß er das Oeffnen der Thür überhörte und erſt aufſah, als der dicht zu ihm getretene Pro⸗ feſſor ihn anrief:„Joſeph, mein Sohn, mein Lebensretter, willſt Du Deinen alten Freund nicht willkommen heißen?“ Als die Stimme, deren Ton Jvſeph nie vergeſſen konnte, die er in der Beſchwörungsnacht zum letzten Mal gehört hatte, an ſein Ohr tönte, ſprang er erſchreckt, aber doch erfreut auf. „Der Herr Profeſſor!“ rief er.„Iſt's denn möglich? Wahr⸗ haftig, der Herr Profeſſor!“ „Ja ich bin's, Joſeph. Hab' ich Dir nicht verſprochen, ich wolle Dich beſuchen, nachdem Du den Schatz im Schweden⸗ acker gehoben. Hier bin ich, ich halte mein Wort.“ Ein Schatten flog über Joſeph's Geſicht, als er erwiderte: „Sie ſind willkommen, Herr Profeſſor; aber Ihr Wort haben Sie nicht gehalten, denn den Schatz habe ich noch immer nicht gefunden.“ „Meinſt Du?“ fragte der Profeſſor lächelnd.—„Ich ſollte doch glauben. Ich ſehe Dich hier in dem neuen, ſchönen Hauſe als wohlhabenden Mann, als glücklichen Gatten und Vater. Der Obermüller hätte Dir doch ſeine Urſchel nicht gegeben, wenn Du ihm nicht tauſend Gulden baares Geld hätteſt zeigen können.“ „Die habe ich ihm gezeigt und noch mehr und da hat er 11* ſich nicht mehr geweigert; ſeit einem Jahre iſt die Urſchel mein Weib; aber nicht von dem Schatz kommt das Geld. Ich habe es mir verdient. Der reiche Kunſthändler in München, an den der Herr Profeſſor mich empfohlen haben, hat mir ja dreimal mehr für meine Arbeit bezahlt, als früher die Händler, auch habe ich von dem Schwedenacker ein ſchönes Geld eingenommen, der iſt jetzt das fruchtbarſte Feld in der ganzen Oberau; aber der Schatz liegt immer noch im Grunde.“ „Nein, Du lieber, thörichter, abergläubiſcher Menſch,— Du haſt ihn gefunden und weißt es ſelbſt nicht.— Der Schatz war die Naturkraft, die unbenutzt im Boden des fruchtbaren Ackers lag. Er wurde bewacht von den beiden böſen Geiſtern, von der Pigritia, der Faulheit, welche dies herrliche Land zur wüſten Unkrautſtätte werden ließ, und der Superſtitio, dem Aberglauben, der Deinen Vater und Dich verführte, im eiteln Schatzgraben Euer Lebensglück zu vergenden, der Dich endlich zum frevent⸗ lichen Selbſtmorde trieb. Die beiden böſen Geiſter zu beſchwören, gab ich Dir die beiden Zauberworte Labor, Arbeit, und Lumen, Licht. Durch die Arbeit haſt Du die im Schwedenacker ſchlum⸗ mernde Naturkraft Dir nutzbar gemacht, und vor dem Lichte flieht der dunkle Aberglaube.— So haſt Du, ohne es zu wiſſen, den Schatz im Schwedenacker gehoben und biſt ein wohlhabender Kann geworden.“ „Und das iſt Alles?“ fragte Zoſeph beſchämt.—„Und die Beſchwörung war alſo nur ein Poſſenſpiel? War es Recht, Herr Profeſſor, daß Sie mich, der ich Ihnen vertraute, ſo täuſchten?“ Die Frage brachte den Profeſſor in einige Verlegenheit.— „Ganz recht war es wohl nicht,“ erwiderte er zögernd;—„ver⸗ zeih mir die Täuſchung, guter Joſeph.— Sieh, ich würde Dir, ———— meinem Lebensretter, gern die Tauſend Gulden, welche Dir fehl⸗ ten, gegeben haben, aber ich wußte ja, daß ſie Dir nichts ge⸗ nutzt hätten, ſie wären in der fruchtloſen Schatzgräberei vergen⸗ det worden, wie vorher Dein Hab' und Gut. Hätte ich Dich gemahnt zur fleißigen Arbeit und zur Urbarmachung des Schwe⸗ denackers, dann würdeſt Du mir nicht geglaubt haben,— da beſchloß ich, Deinen Aberglauben zu benutzen, um durch ihn Deinen Aberglauben zu tödten.— Verzeih es mir, Joſeph, um des glücklichen Erfolges willen, obgleich es nicht Recht war.“ „Liegt denn aber wirklich kein Schatz weiter im Schweden⸗ acker?“ fragte Joſeph, noch immer nicht ganz überzengt. „Nein, Joſeph, Du haſt den Schatz gehoben, und giebt es wohl einen werthvolleren als den, den Du beſitzeſt?— Dein iſt ein durch redliche Arbeit errungener Wohlſtand, Dein ein trauliches Familienglück, ein liebes Weib, ein ſüßes Kind!— Glaube mir, mein Joſeph, einen herrlicheren Schatz birgt die ganze Welt nicht!—“ Ende. 8 Verlag von Albert Goldſchmidt in Berlin. Grieben's Reiſe · Bibliotheß bildet eine Sammlung von Reiſe⸗Handbüchern mit Illuſtrationen, Reiſe⸗ Karten und Städte⸗Plänen. Die Bibliothek enthält jetzt 80 verſchie⸗ dene Reiſeführer. Die Verlagshandlung hat die tüchtigſten, für die Bearbeitung geeignetſten Kräfte herangezogen, und viele zuverläſſige und bewährte Mitarbeiter laſſen es ſich angelegen ſein, den Anſprüchen des reiſenden Publikums in jeder Hinſicht Rechnung zu tragen. Die Führer erſcheinen in kurzen Zwiſchenräumen in neuen Bearbeitungen, welche ſämmtliche Veränderungen der neueſten Zeit enthalten. In allen Führern ſind die wirklich praktiſche Brauchbarkeit, die ſo wohl⸗ thuende Unabhängigkeit des Reiſenden, die Erſparniß an Zeit und Ausgaben und der Schutz gegen Uebervortheilung als weſentlichſte Mo⸗ mente berückſichtigt worden. Wer ſchnell reiſen will, findet die beſon⸗ ders zu beachtenden Sehenswürdigkeiten durch einen Stern(*) hervor⸗ gehoben, und wer längere Zeit an einem Orte verweilt, wird die nö⸗ thigen Angaben in Betreff der Zeiteintheilung u. ſ. w. nicht vermiſſen. Die Bände ſind ſo überſichtlich angelegt, daß ſich ein Jeder leicht da⸗ rin zurechtfindet. Die typographiſche Ausſtattung, wie die Klarheit und Genauigkeit der Karten und Pläne entſprechen allen heutigen Anforde⸗ rungen. Mit Hülfe der in den Führern enthaltenen Reiſepläne und der beigehefteten Karten iſt es einem Jeden leicht gemacht, vor Antritt der Reiſe einen vollſtändigen Plan für dieſelbe zu entwerfen. Alle dieſe genannten Vorzüge der Führer aus Grieben's Reiſe⸗ Bibliothek haben derſelben eine hervorragende Stelle in der Reiſe⸗ Literatur und eine außerordentlich freundliche Aufnahme Seitens des reiſenden Publikums geſichert. Umſtehend findet man das Verzeichniß der einzelnen Führer aus Grieben's Reiſe⸗Bibliothek. Verlag von Albert Goldschmidt in Berlin. 6REBrNS REISf.BiBl.0TREK. Inhalts-Verzeichniss 3 Peutschland und Oesterreich, gbd. 1 ½ Thlr.— Nord-Deutschland 1 Thlr.— Süd-Deutschland 1 ½ PThlr.— Die Rheinlande 22 ½ Sgr.— Der Rheinlauf 12 Sgr.— Oesterreich 1 Thlr.— Süd- Frankreich 1 Thlr.— Nord-Frankreich 22 ½ Sgr.— Schweden 2 TMr.— Norwegen(Skizzenbuch) 1 Thlr.— Norwegen(pract. Handbuch) 20 Sgr.— Insel Rügen 10 Sgr.— Elsass und Lothringen 20 Sgr. Gebirgsführer: Der Harz 20 Sgr.— Harz. kl. Ausgabe 10 Sgr.— Thüringen 15 Sgr. Sächsische Schweiz 10 Sgr.— Das Riesengebirge 20 Sgr.— Pie Schweiz 1 Thlr.— Salzkammergut und Tirol 20 Sgr.— Das Fich telgebirge 12 Sgr.— Märkische Schweiz 5 Sgr.— Die Brenner- bahn 15 Sgr. Städteführer: Berlin und Potsdam 17 ½ Sgr., kl. Ausg. 7 ½ Sgr.— Potsdam 5 Sgr.— Dresden 15 Sgr., kl. Ausg. 7 ½ Sgr.— Hamburg 15 Sgr., kl. Ausg. 7 ½ Sgr.— Wien 20 Sgr., kl. Ausg. 10 Sgr.— Um- gebungen Wiens 7 ½ Sgr.— Prag 15 Sgr.— München 15 Sgr., kl. Ausg. 7 ½ Sgr.— Nürnberg 7 ½ Sgr.— London(gr. Ausg.) 1 Thr.— London(kl. Ausg.) 12 Sgr.— St. Petersburg 15 Sgr. Stockholm 15 Sgr.— Kopenhagen 15 Sgr.— Paris(gr. Ausg.) 15 Sgr., kl. Ausg. 12 Sgr. Führer in die Bäder: Brunnen-Kalender 12 Sgr.— Die Böhmischen Kurorte 20 Sgr— Die Schlesischen Kurorte 15 Sgr.— Franzensbad 7 ½ Sgr.— Marienpad 10 Sgr.— Reinerz, Misdroy à 7 ½ Sgr.— Carlspad, Warmbrunn, à 10 Sgr.— Fchl 5 Sgr.— Salzbrunn 6 Sgr.— Kreuznach 15 Sgr. Bad Ems 10 Sgr.— Feplitz 15 Sgr.— Kissingen 10 Sgr. Führer in französischer Sprache: Buropé-Centrale, I. vol. geb. 1 Thlr. 22 Sgr., II. u. III. geb. à 1 Thlr. 26 Sgr.— Drésde 20 Sgr.— Saint Pétersbourg geb. 15 Sgr.— Creutznach 15 Sgr.— München 15 Sgr.— Paris 15 Sgr. Die Karten und Pläne aus den Führern werden auch einzéln, in kleinen Cartons à 5 bis 10 Sgr. verkauft. Goldſchmidt's Cvursbuch. Je mehr ſich das Eiſenbahnnetz durch die Eröffnung neuer Bahn⸗ linien verzweigt und je häufiger die einzelnen Bahndirectionen die Fahrpläne ihrer Linien ändern, um ſo mehr iſt ein klares leicht über⸗ ſichtliches Coursbuch ein nothwendiges Hilfs⸗ und Nachſchlage⸗ buch für jeden Reiſenden, für jedes Bureau, wie auch für jeden mit Auswärtigen correſpondirenden und verkehrenden Geſchäftsmann geworden. In jedem größeren Comtvir ſollte aber ſtets das neueſte Coursbuch zur Hand ſein, denn die Erfahrung zeigt, daß keine Art von Sparſamkeit übler angebracht iſt, als die Benutzung eines äl⸗ teren Coursbuches. Die Berichtigung einer einzigen durch neuere Be⸗ ſtimmungen falſch gewordenen Angabe eines älteren Coursbuches wiegt häufig die geringen Ausgaben für das neuere auf. Kein anderes Coursbuch aber dürfte ſich ſo ſehr für den Gebrauch eignen, als Goldſchmidt's Coursbuch, das, im ſiebenten Jahrgange bereits erſcheinend, allgemein als das beſte und überſichtlichſte anerkannt worden iſt. Das nach officiellen, directen Quellen bearbeitete Coursbuch er⸗ ſcheint in neuer Auflage, ſo oft die Veränderungen der Fahrpläne es bedingen. Den bisher gemachten Erfahrungen gemäß erſcheint es im Laufe jedes Jahres in acht verſchiedenen Nummern und zwar jedesmal in zwei Ausgaben. 3 Ausgabe A. enthält 14 Routenkarten und 1 Ueberſichtskarte. Preis 20 Sgr. In dieſer Ausgabe iſt jeder Hauptroute eine Routenkarte nach großem Maßſtabe beigeheftet, auf welcher man die Bahnſtrecken von Station zu Station verfolgen kann. Dieſe Ausgabe erfreut ſich beſonderer Beliebtheit. Ausgabe B. enthält eine Karte von Mittel⸗Europa. Preis 15 Sgr.— Der Text iſt genau derſelbe wie in der an⸗ deren Ausgabe. Die unterzeichnete Expedition nimmt Abonnements auf die im Laufe eines Jahres erſcheinenden Nummern von Goldſchmidt's Cvurs⸗ buch direct entgegen, und ſendet die Nummern ſofort nach ihrer Her⸗ ausgabe den Abonnenten franko zu. zi Das Coursbuch iſt auch in allen größeren Buchhandlungen vor⸗ räthig. Die Expedition von Goldſchmidt's Cvoursbuch in Verlin. Verlag von Albert Goldſchmidt in Berlin. Fleine Sprachbücher zum praktiſchen Gebrauch auf der Reiſe. Deutſch⸗Schwediſch. 10 Sgr. Deutſch⸗Italieniſch. 10 Sgr. Deutſch⸗Franzöſiſch. 10 Sgr. Deutſch⸗Ruſſiſch 12 Sgr. Unter der Preſſe: Deutſch⸗Engliſch. Die kleinen Bändchen(die bequem in jede Rocktaſche geſteckt wer⸗ den können) haben einen rein praktiſchen Zweck. Sie wollen dem in's Ausland reiſenden Deutſchen als ſprachliche Führer dienen. Wenn die kleinen handlichen Bücher freilich nicht zu einem gründlichen, tiefen Studium der fremden Sprache beſtimmt ſind, ſo ſind ſie doch anderer⸗ ſeits mit großer Sachkenntniß zuſammengeſtellt und zeichnen ſich vor allen ähnlichen Werken durch ihre wirklich praßtiſche Brauchbarkeit aus. Sie enthalten eine Zuſammenſtellung der wichtigſten gramma⸗ tiſchen Hauptregeln, eine leicht faßliche Anleitung zur richtigen Aus⸗ ſprache und eine ſehr überſichtliche Sammlung von Wörtern, Redens⸗ arten und Geſprächen.— Die Bücher können Jedem, der ſich für die Reiſe in's Ausland die nöthige Sprachkenntniß ſchnell aneignen will, beſonders empfohlen werden. Die kleinen„Sprachführer“ ſind durch alle Buchhandlungen zu beziehen und werden auf Wunſch gegen Poſteinzahlung von der Ver⸗ lagshandlung franco verſandt. Die Verlagshandlung von Albert Goldſchmidt in Berlin. —— Imn Verlage von Albert Goldschmidt in Berlin ist erschienen: Weltgeſchichte VvOn Jerdinand Schmidt. Mit 12 IIlustrationen von Professor Georg Bleibtreu. Vollſtändig in 4 Bänden. I. Band. Geſchichte des Alterthums. Eleg. brosch. 1 ½ Thlr.— Eleg. gebd. 2 Thlr. II. Band. Geſchickte des Mittelalters. Eleg. brosch. 1 ½ Thlr.— Eleg. gebd. 2 Thlr. III. Band. Geſchicktte der Meueren Zeit. Eleg. brosch. 1 ½ Thlr.— Fleg. geb. 2 Tllr. Geſchichte der Meueſten Zeit. Eleg. brosch. 1 ½ Thlr.— Eleg. geb. 2 Thlr. Diese„Weltgeschichte,“ ein Volksbuch im edelsten Sinne des Wortes, durchweht von Idealen des Friedens und der Freiheit, hat schon während ihres Erscheinens in Lieferungen ein so bedeutendes Aufschen erregt, dass wir uns eine weitere eingehende Empfehlung hier versagen können. Prospectus etc. stehen auf Verlangen gratis zu Piensten. Das Werk selbst ist in allen grösseren Buchhandlungen vorräthig. FEs ist wohl das einzige Geschichtswerk, das von der ersten Seite bis zur letzten dem Leser im hohen Grade interessant bleibt. Man liest und lernt die Weltgeschichte in diesem Werk mit wirklichem Vergnügen, und Sinn und Verstündniss für Geschichte werden erchlossen. Jeder Band bildet ein in sich abgeschlossenes Ganzes. In der ganzen neueren deutschen Literatur dürfte kaum ein passenderes, anregenderes und schönerés Geschenk für die reifere Jugend gefunden werden. Goldſſchmnids Hibliotkek für Baus und Reiſe.“ — Neu erſchienen: B. Adolay, Miß Hetty. 10 Sgr. O. Beta, Schmollis, ein Hundeleben. 10 Sgr. Fr. Gerstäcker, Das ſonderbare Duell. 10 Sgr. Irrfahrten. 15 Sgr. Verhängniſſe. 15 Sgr. Ein Plagiar. 15 Sgr. Ad. Glassbrenner, Burleske Novellen. 10 Sgr. Neumann-Strela, Wer iſt von Gottes Gnaden? 15 Sgr. Erzählungen 15 Sgr. M. Ant. Niendort, Wie man regiert. 15 Sgr. Die Randſchrift eines Königs. 10 Sgr. M. Ring, Am Abgrund. 10 Sgr. — Die Auferſtandenen. 10 Sgr. M. v. Schlägel, Novellen. 10 Sgr. L. Schücking, Wilderich. In der Löwen⸗Apotheke. J. D. H. Temme, Ein Gottvertrauen. 10 Sgr. Der gute Herr. 10 Sgr. Die Weddinger. 10 Sgr. Zur linken Hand. 10 Sgr. Fr. Wallner, Aus der Theaterwelt. 10 Sgr. Aus meinen Erinnerungen. 10 Sgr. Aus meinem Wanderbuche: Italia. 10 Sgr. M. Widdern, Ein Dornröschen. 10 Sgr. Druck von Felir Freyhoff in Schwedt a. A. Streckfuss, Dorenberg. Im Schwedenacker. 15 Sgr. O ————— 2 2— 7S 8 15 ↄMendae