Leihbiblivthet 5 deutſcher, engliſcher und nfranzſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih und eſebedingungen 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines gelichenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenymmen. 3. Qaution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wir „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt für chentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — —..————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 7 2 Mk.— Pf. „ 3 2 5. Answärtige Aonhenten! haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlörene und defeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern c.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf uſeiſ gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. —— —— ——— Uene Volks-Bibliothet. Erſter Jand. SOnkel Fom's Gitto⸗ Von Harriet Stowe, geb. Beecher. — ——— 4——— Leipzig, 1853. „ G. H. Friedlein. 1 — Onkel Tom's Hütte, oder Mogerlobem in den Sklavenſtaaten von Amerikn. Von Havriet Stowe, geb. Beecher. Nach der zwanzigſten amerikaniſchen Auflage aus dem Engliſchen. Nebſt der neuen von der Verfaſſerin eigens für Europa geſchriebentn Vorrede. Vollſtändige und wohlfeilſte Stereotyp-Ausgabe. (Dritte Auflage.) —.————— Ceipzig, 1853. G. S. F ried en e Vorredt von der Verfaſſerin eigens für Europa geſchrieben. Das große Geheimniß, welches allen chriſtlichen Rationen gemeinſchaftlich iſt. die Verbindung der Menſchen mit Gott, durch Jeſum Chriſtum, verleiht dem menſchlichen Leben eine achtunggebietende Heiligkeit, und in den Augen der wahren Gläubigen begeht der, welcher die Rechte des geringſten ſeiner Nebenmenſchen mit Füßen tritt, nicht nur eine Unmenſchlichkeit, ſondern eine Entheiligung, und die traurigſte Form dieſer Entheili⸗ gung iſt die Sklaverei. Man hat geſagt, die in dieſem Buche enthaltenen Schilderungen ſeien übertrieben. Wonte Gott, dem wäre ſo! wollte Gott, das Buch wäre wirklich eine Dichtung und keine treue Erzählung von Thatſachen! Daß es aber keine Dichtung iſt, dafür liegen die biutigen Beweiſe in vielen tauſend Herzen, und Tauſende von Augenzeugen in den Sklaven⸗ ſtaaten, ja Sklavenbeſitzer ſelbſt, haben es, mit beſonderer Beziehung auf dieſes Werk, beſtätigt. Wenn es noch anderer Beweiſe bedürfte, ſo hätten wir nur nöthig, die ganze civiliſirte Welt auf das Geſetzbuch der Sklavenſtaaten zu verweiſen, welches eine legale und geordnete Aufeinanderhäufung aller möglichen Grauſamkeiten und Schändlichkeiten iſt, die ein Menſch an Leib und Seele ſeines Nächſten verüben kann. Was muß daraus entſtehen, wenn ſo etwas zum Geſetz erhoben wird!— Dem Himmel ſei Dank, daß dieſer entſetzliche Angſtruf einer unausſprechlichen Qual endlich gehört worden iſt! Man hat behauptet, die Sklavenbevölkerung ſei vollkommen untauglich für die Freiheit und Charaktere, wie die in vorltegendem Werke geſchilderten ſeien übertriebene und außer dem Bereiche der Möglichkeit liegende Phantaſiegebilde. Was man auch von der afrikaniſchen Negerrace an ſich ſagen mag, die Sklavenbevölkerung von Amerika iſt jetzt in großer Ausdehnung eine gemiſchte Race, in deren Adern das beſte angelſächſiſche Blut fließt, und Charaktere, wie George Harris und Eliza ſind unter den Sklaven keines⸗ wegs ungewöhnlich. Damit aber auch die Perſon des Onkel Tom nicht als eine Schöpfung der Einbildungskraft betrachtet werde, führen wir hier folgende Anerkennung der Tugenden eines Lieblingsſtlaven an, die wir dem Teſtamente des ehemaligen Staatsſekretärs unter dem Präſidenten Tyler, Namens Upſhur, entlehnen: „Ich emancipire meinen Diener David Rice, gebe ihm die Freiheit und brauftrage meine Teſtamentsvollſtrecker, ihm hundert Dollars auszuzahlen. Ich empfehle ihn auf das Angelegentlichſte der Achtung und dem Vertrauen Derjenigen, in deren Mitte er hinfürv leben wird. Er iſt vierundzwanzig Jahre lang mein Sklave geweſen und hat ſich wäh⸗ rend dieſer Zeit in jeder Beziehung und im vollen Sinne des Worts als treu bewährt. Ich habe unbegrenztes Vertrauen zu ihm gehabt und ſeine Beziehungen zu mir und mei⸗ ner Familie ſind ſtets von der Art geweſen, daß ſie ihm täglich Gelegenheit boten, uns zu betrügen und zu ſchaden; aber nie hat er ſich eines bedeutenden Vergehens ſchuldig gemacht, nicht einmal einer Verletzung der uns gebührenden Achtung. Er beſitzt eine nicht gewöhnliche Intelligenz, ſeine Rechtſchaffenheit iſt über jeden Zweifel erhaben und ſeine Anſichten von Recht und Eigenthum ſind verſtändig und ſogar geläutert. Ich fühle, daß er vollkommen würdig iſt, dieſes Zeugniß von mir in die neuen Lebensverhältniſſe, in welche er nun eintreten muß, mit hinüber zu nehmen; er verdankt es ſeinen langen und trenen Dienſten und der aufrichtigen, unwandelbaren Freundſchaft, die ich zu ihm bege Während meines ununterbrochenen vierundzwanzigjährigen vertrauten Umganges mit ihm. habe ich ihm nie ein unfreundliches Wort geſagt und auch nie Veranlaſſung dazu gehabt. Ich kenne keinen Menſchen, der weniger Fehler oder mehr vortreffliche Eigenſchaften beſäße, wie er.“. 5 Wir behaupten jedoch nicht, daß ein Charakter, wie der des Onkel Tom, häufig iſt; allein er hat mehr als einmal in der Wirklichkeit exiſtirt, und es ſind ſoviel Verläum⸗ dungen, Schmähungen und erdichtete Laſter auf das Haupt der unglücklichen Afrikaner geladen worden, daß er wohl Anſpruch auf den Vortheil der ſchönſten Darſtellung hat, die ſich mit der Wahrſcheinlichkeit und der Wirklichkeit verträgt. Nicht mit Verzweiflung, ſondern mit Hoffnung und Vertrauen müſſen wir den Kampf betrachten, der Amerika gegenwärtig erſchüttert. Es iſt der Nothſchrei des Dämons der Sklaverei, der von ferne die Stimme eines herannahenden Meſſias gehört hat und die edle Hülle ſchüttelt, die Er ihm endlich abſtreifen wird. Es iſt unmöglich, daß eine ſolche Schmach noch länger im Schvoße einer Nation beſtehen kann, welche in jeder andren Beziehung im weiteſten umfange den erhabenen Grundſätzen der allgemeinen Bruderliebe huldigt. In Amerika haben Franzoſen, Deutſche, Italiener, Ungarn, Schweden und Celten gleiche Rechte; alle Nationen entfalten dort ihrz charakteriſtiſchen Vorzüge und die liberalen Landesgeſetze gewähren ihnen die nämlichen Privilegien; Alles zielt darauf hin, zu befreien, zu humaniſiren und zu etheben, und aus eben dieſem Grunde ſteht die Sklaverei von Jahr zu Jahr in immer grellerem Wider⸗ ſpruche mit den übrigen Staatseinrichtungen. Der Strom des menſchlichen Fortſchritts, vergrößert und erweitert durch die hinzuſtrömenden Kräfte aller Nationen, begegnet dem Damme, hinter welchem alle Unwiſſenheit, alle Grauſamkeiten und alle Bedrückungen der Vorzeit aufeinandergehäuft ſind; gegenwärtig tobt und ſchäumt er noch in der Tiefe, aber er ſteigt mit jedem Jahre und endlich wird er mit einem gewaltigen Stoße, gleich dem des Niagara, den Damm hinwegſpülen. Dichter, Redner und Schriftſteller: Alles hat die Sklaverei gegen ſich, denn es giebt keine göttliche Kraft im Menſchen, die es nicht mit der Freiheit hielte. Anfangs überfluthete die Sklaverei alle Staaten der Union; gegenwärtig hat die Macht des Fortſchritts ſchon die Mehrzahl derſelben emancipirt. Auch in Kentucky, Tenneſſee, Virginien und Maryland ſind zu verſchiedenen Zeiten große An⸗ ſtrengungen für die Emancipation gemacht worden, welche durch den Vergleich des zuneh⸗ menden Reichthums der freien Staaten mit der Armuth und unfruchtbarkeit unterſtützt wurden, die ein Syſtem, welches binnen wenigen Jahren alle Ertragsquellen des Bodens verſtopft, ohne einen Erſatz dafür zu bieten, nothwendig herbeiführen muß. Die Zeit kann nicht mehr fern ſein, wo dieſe Staaten ſich um der Selbſterhaltung willen emanci⸗ piren werden, und wenn keine neuen Sklavenſtaaten hinzukommen, wird ſchon die ſtarke Vermehrung der Sklavenbevölkerung die noch vorhandenen zu Emancipationsmaßregeln zwingen. Dies iſt der entſcheidende Punkt. Wird kein neues Sklavengebiet gewonnen, ſo muß die Sklaverei aufhören; im andern Falle wird ſie fortbeſtehen. um dieſen Punkt manövriren und kämpfen die politiſchen Parteien, mit jedem Jahre wird der Kampf heißer und er iſt ſchon nahe daran, die wichtigſte Nationalfrage zu werden. Durch das Geſetz über die flüchtigen Sklaven von 1850 errang die Sklaverei allerdings noch einen Sieg; allein es war ein Sieg wie der des Pyrrhus— noch ein ſolcher, und es iſt um ſie geſchehen. Gerade dieſes Geſetz hat mehr als alle bisherigen Mittel dazu beigetragen, die moraliſche Kraft der Nation gegen die Sklaverei zu concentriren. Die inneren Kämpfe keiner andren Nation können für Europa ein ſo großes Inter⸗ eſſe haben, als die der Amerikaner, denn Amerika füllt ſich immer mehr mit Europäern, und jeder neue Einwanderer hat faſt ſogleich eine Stimme bei den Berathungen des Landes. Wenn daher die Bedrängten anderer Rationen in Amerika ein Aſyl von dauernder Freiheit finden wollen, ſo müſſen ſie mit Herz, Hand und Mund gegen die Sklaverei gerüſtet dahin kommen, denn wer Andere zu Sklaven macht, kann ſelbſt nicht lange frei bleiben. Ewig wahr bleiben die erhabenen Worte:„Eine Nation, bei der die Frei⸗ beit Privilegium und nicht Principiſt, kann nicht frei ſein.“ Inhaltsverzeichniß. Kap. Seite 5 1. Der Leſer macht die Bekanntſchaft eines humanen Mannes. 1 ie 8 3 Der Gatte und Vater 4. Ein Abend in Onkel Tom's Pn⸗ 15 5. Welches die Gefühle lebenden Eigenthums ein Wechſel ſeiner Beſiter ii 23 5 Di Stt WDie Fltht de Mitter 36 8. Eliza's Entkommen... 46 9. Worin es ſich zeigt, daß ein Siti nur ein Menſch iſ 55 10. Die Waare wird fortgeſchafft.... 5 66 11. Eigenthum geräth in einen ungeeigneten Gemüthszuſtund 12. Seenen aus einem geſetzlich erlaubten Handel 82 13. Die Quäkeranſiedelung 3 14. Cvangeline 100 15. Von Tom's neuem Frſch ſetenen zäteit Dingen 107 16. Tom's Gebieterin und ihre Anſichten....... 119 17. Die Vertheidigung der Freien 133 p 18. Miß Ophelia's Erfahrungen und Anſichten 5 1 19. Miß Ophelia's Seb und Guu 22. Das Gras eet die Blume vetweltt 23 Geniue 24. Vorahnungen.— Dir tleine ngeliſin 1 26.„Dies iſt das Letzte Erden“ ederereinigu 22¹ Si Sputſen Das Sklavenmagazin Die Stromfahrt. Düſtere Orte. Caſſy Die Geſchichte der Die Erinnerungszeichen. Emmeline und Caſſy. Freiheit.. D Sieg Die Kriegsliſt.. Der Märtyrer Der junge Maſter Eine authentiſche onwn 1 Reſultate. Der Befreier Schlußbemerkungen Seite 230 236 243 248 254 259 267 272 277 282 289 296 301 306 311 317 Erſtes Kapitel. Der Leſer macht die Bekanntſchaft eines humanen Mannes. Ein rauher Februartag neigte ſich bereits dem Abend zu, als in der Stadt P— in Kentucky zwei Männer in einem hübſch möblirten Speiſezimmer beim Weine ſaßen. Sie waren völlig allein, hatten ihre Stühle an einander gerückt und ſchienen ſich mit großem Eifer über irgend einen Gegenſtand zu beſprechen. Der Eine war ein kleiner, unterſetzter Mann mit grobem Alltagsgeſicht, und der renommiſtiſchen, anſpruchsvollen Miene, welche den gemeinen Mann bezeichnet, der bemüht iſt, ſich in der Welt emporzudrängen. Er war ſtark ge⸗ putzt und trug eine bunte, grellfarbige Weſte und ein blaues, mit gelben Punk⸗ ten überſäetes Halstuch, welches er mit einer prätentiöſen Schleife, die der all⸗ gemeinen Haltung des Mannes vollkommen entſprach, umgebunden hatte. Seine großen, groben Hände waren reichlich mit Ringen geſchmückt und er hatte eine ſchwere goldene Uhrkette mit einem Petſchaftbündel von ungeheurer Größe und großer Farbenverſchiedenheit daran hängen, mit welchem letzteren er im Eifer des Geſprächs mit offenbarer Selbſtzufriedenheit zu ſpielen und zu klimpern pflegte. Seine Unterhaltung bewegte ſich in Ausdrücken, die allen Regeln der Grammatik Trotz boten und wurde von Zeit zu Zeit mit profanen Redensarten geſpickt, die uns ſelbſt der Wunſch eine vollkommen bezeichnende Darſtellung von ihm zu geben, nicht bewegen ſoll, hier wieder mitzutheilen. Sein Geſellſchafter, Mr. Shelby, beſaß das Aeußere eines Gentlemans und die Einrichtung des Hauſes und der Wirthſchaft verkündete behagliche und ſogar wohlhabende Umſtände. Die Beiden befanden ſich, wie bereits geſagt, mitten in einem eifrigen Geſpräche. „Das iſt die Art, wie ich die Sache in Ordnung bringen würde,“ ſagte Mr. Shelby. „Ich kann auf dieſe Weiſe kein Geſchäft abſchließen— ich kann es wahr⸗ haftig nicht, Mr. Shelby,“ ſagte der Andere, indem er ein Glas Wein zwiſchen ſein Auge und das Licht hielt. „Ei, Haley, Tom iſt wirklich ein ungewöhnlicher Burſche; er iſt die Summe ſicherlich überall werth— er iſt ruhig, ehrlich und geſcheidt, ſo daß er mein ganzes Gut wie ein Uhrwerk im Gange erhält.“ „Sie meinen, ehrlich wie die Neger eben ſind,“ ſagte Haley, ind ein Glas Branntwein einſchenkte. S— „Nein, ich meine es in Wahrheit. Tom iſt ein guter, arbeitſamer, ver⸗ nünftiger, frommer Burſche; er iſt vor vier Jahren bei einer Feldpredigtver⸗ ſammlung religiös geworden, und ich glaube, daß ſeine Frömmigkeit die rechte Onkel Tom's Hütte. 1 1 em er ſich 2 Sorte iſt. Ich habe ihm ſeitdem Alles, was ich beſitze— Geld, Haus, Pferde — anvertraut, und ihn unbehindert im Lande umhergehen laſſen, und ihn in Allem treu und rechtſchaffen befunden.“ „Manche Leute glauben nicht, daß es fromme Neger giebt, Shelby,“ ſagte Haley mit einer Handbewegung, um ſeinen Worten Nachdruck zu verlei⸗ hen;„aber ich thue es. Ich hatte unter der letzten Truppe, die ich nach Or⸗ leans brachte, einen Kerl— es war ſo gut wie eine Predigt, die Kreatur belen u hören, und er war ſanft und ruhig wie Keiner. Er hat mir auch ein hub⸗ ſues Sümmchen eingebracht, denn ich hatte ihn wohlfeil von einem Manne ekauft, der ſein Gut verkaufen mußte und erhielt Sechshundert für ihn. Ja, ich betrachte die Religion bei einem Neger als eine werthvolle Sache, wenn ſie die echte unverfälſchte Waare iſt.“ „Nun, Tom hat die echte Waare, wenn ſie je ein Menſch beſeſſen hat,“ entgegnete Jener.„Erſt im vergangenen Herbſte noch habezich ihn allein nach Cincinnati gehen laſſen, um dort Geſchäfte für mich abmachen zu laſſen und fünfhundert Dollars mitzubringen. Tom, ſagte ich zu ihm, ich vertraue Dir, weil ich glaube, daß Du ein Chriſt biſt— ich weiß, daß Du mich nicht betrügen wirſt. Tom kam auch richtig wieder— ich wußte, daß er es thun würde. Ich habe gehört, daß einige gemeine Kerle zu ihm geſagt hätten:„Tom, warum machſt Du Dich nicht nach Canada auf den Weg?“—„O der Herr hat mir vertraut, und ich kann es nicht thun!“ Man hat mir die ganze Geſchichte er⸗ zählt. Es thut mir leid, mich von Tom zu trennen, das muß ich geſtehen. Sie ſollten ihn für die ganze Schuld annehmen und Sie würden es thun, Haleh⸗ wenn Sie ein Gewiſſen hätten.“ „Nun, ich habe ſo viel Gewiſſenhaftigkeit, wie ein Geſchäftsmann nur irgend behaiten kann— ein wenig um darauf zu ſchwören, wiſſen Sie!“ ſagte der Handelsmann ſcherzhaft;„und ich bin bereit, Alles, was ſich mit der Ver⸗ nunft verträgt, zu thun, um meinen Freunden gefällig zu ſein; aber das hier, ſehen Sie, wäre doch ein wenig zu ſtark für mich— ein wenig zu ſtark.“ 3 Der Handelsmann ſtieß einen beſchaulichen Seufzer aus und ſchenkte ſich noch ein Glas Branntwein ein.— „Nun, Haley, wie wollen Sie denn das Geſchäft machen,“ ſagte Mr. Shelby nach einer unbehaglichen Pauſe. „Haben Sie denn keinen Jungen oder kein Mädchen, das Sie mit Tomin den Kauf geben könnten?“ „Hm!— ich habe kein Kind, das ich gern weggeben möchte. Die Waht⸗ heit zu geſtehen, iſt es nur die harte Nothwendigkeit, die mich überhaupt zum Verkaufen geneigt macht Es iſt mir zuwider, mich von irgend einem meint Leute zu trennen, das können Sie mir glauben.“ Hier öffnete ſich die Thür und ein kleiner vier⸗ bis fünfjähriger Quadron⸗ knabe trat in das Zimmer. Sein Aeußeres war auffallend ſchön und einneh mend; ſein ſchwarzes, ſeidenartiges Haar hing in ſchimmernden Locken un ſeine runden Grübchenwangen, während ein paar große, dunkle Augen o Feuer und Weichheit unter den dichten, langen Wimpern hervorſchauten, als et neugierig ſpähend in das Gemach blickte. Ein buntes, ſorgfältig gemachtts und nett angepaßtes Kleidchen von ſcharlachroth und gelb gewürfeltem St zeigte ſeine dunkle üppige Schönheit auf das Vortheilhafteſte und eine gewit mit Schüchternheit gemiſchte, komiſche Zuverſicht bewies, daß er gewohnt w von ſeinem Herrn gehätſchelt und beachtet zu werden. „Hollah, Jim Crow!“ rief Mr. Shelby, indem er pfiff und ihm Roſinen⸗Traube zuwarf,„da, heb' das auf!“ 6 3 — Das Kind ſprang ſo ſchnell es konnte, unter dem Lachen ſeines Herrn auf den Leckerbiſſen zu. „Komm her, Jim Crow,“ ſagte Jener. Das Kind kam heran und der Herr ſtreichelte ihm den Lockenkopf und griff ihm unter das Kinn. „Nun Jim, jetzt zeige dieſem Herrn, wie Du tanzen und ſingen kannſt.“ Der Knabe begann eines von den wilden grotesken Liedern, wie ſie unter den Negern gewöhnlich ſind, mit voller, heller Stimme zu ſingen und begleitete ſich dazu mit komiſchen Bewegungen und Verdrehungen der Hände, Füße und des ganzen Körpers.* „Bravo!“ ſagte Haley, indem er ihm eine viertel Orange zuwarf.— „Jetzt gehe wie der alte Onkel Cudgo, wenn er den Rheumatismus hat, Jim,“ rief ſein Herr. Die geſchmeidigen Glieder des Kindes nahmen augenblicklich ein mißge⸗ ſtaltetes, verzerrtes Ausſehen an; es krümmte den Rücken und ſchwankte, den Stock ſeines Herrn in der Hand, mit kläglich verzogenem Geſichte und bald nach rechts, bald nach links ausſpeiend, im Zimmer umher. Beide Männer lachten aus voller Kehle. „Nun, Jim,“ ſagte der Herr,„jetzt zeige uns, wie Robbins, der Kir⸗ chenvorſteher, den Pſalm anſtimmt.“ Der Knabe ließ ſein rundes Geſicht die größtmögliche Länge annehmen und ſtimmte mit unerſchütterlicher Gravität eine Pſalmmelodie durch die Naſe an. „Hurrah! Bravo! das iſt ein Junge!“ rief Haley,„das iſt ein ganzer Kerl. Ich will Ihnen etwas ſagen,“ fügte er plötzlich hinzu, indem er Mr. Shelby auf die Schulter klopfte;„geben Sie mir den Burſchen zu, ſo ſoll das Geſchäft abgemacht ſein. Sie werden einſehen, daß ich nicht mehr verlange, als recht iſt.“ In dieſem Augenblicke wurde die Thur leiſe geöffnet und eine junge Qua⸗ dronin von, wie es ſchien, etwa fünfundzwanzig Jahren, trat in das Zimmer. Es bedurfte nur eines Blickes von dem Kinde auf ſie, um ſie als deſſen Mutter zu erkennen. Sie beſaß daſſelbe glänzende, volle dunkle Auge mit ſei⸗ nen langen Wimpern, daſſelbe wollige ſeidenartige, ſchwarze Haar. Das Braune ihrer Hautfarbe wich auf der Wange einer deutlich ſichtbaren Röthe, welche ſich verſtärkte, als ſie den Blick des fremden Mannes mit dreiſter, unverholener Be⸗ wunderung auf ſich geheftet ſah. Ihre Kleidung paßte ihr wie angegoſſen und zeigte ihre ſchön geformte Geſtalt auf das Vortheilhafteſte. Eine zart gemodelte Hand und ein netter Fuß und Knöchel waren Gegenſtände, die dem ſcharfen Auge des Handelsmannes, welches gewohnt war, die guten Eigenſchaften eines ſchönen weiblichen Handelsartikels auf den erſten Blick zuſammenzufaſſen, nicht entgingen. itn, Eliza,“ ſagte ihr Herr, als ſie ſtehen blieb und ihn unſchlüſſig anblickte. „Verzeihen Sie, Herr, ich wollte Harry holen,“ und der Knabe ſprang u zu und zeigte ihr ſeine Beute, die er in ſeinem Kleidchen zuſammenge⸗ faßt hatte. ſo nimm ihn mit fort,“ ſagte Mr. Shelby, und ſie entfernte ſich haſtig mit dem Kinde, welches ſie auf ihren Arm genommen hatte. „Beim Jupiter!“ ſagte der Handelsmann bewunderungsvoll zu ihm ge⸗ wendet,„das nenne ich einen Artikel! Mit dem Mädchen dort könnten Sie in Orleans Ihr Glück machen, wenn Sie wollen. Ich habe ſchon mehr wie Tau⸗ ſend für Mädchen bezahlen ſehen, die um kein Haar hübſcher waren.“ „Ich habe nicht die Abſicht durch ſie zum reichen Manne zu werden,“ ſagte Mr. Shelby trocken, und er ſuchte das Geſpräch auf etwas Anderes zu leiten, indem er eine friſche Weinflaſche öffnete und ſeinen Geſellſchafter über den In⸗ halt um ſeine Anſicht befragte.. „Ausgezeichnet, Sir!— erſte Qualität!“ antwortete der Händler, wendete ſich darauf aber ſogleich wieder um, klopfte Shelby vertraulich auf die Schulter und fügte hinzu:„Nun, wollen Sie ein Geſchäft mit dem Mädchen machenk — was ſoll ich auf ſie bieten, was wollen Sie haben?“ ₰ „Mr. Haleh, Sie kann nicht verkauft werden,“ antwortete Shelby,„mein Frau würde ſie nicht hergeben, wenn man ſie ihr mit Gold aufwöge.“ „Ja, ja, die Weiber ſagen dergleichen Dinge beſtändig, weil ſie nicht rech nen können. Zeigen Sie ihnen nur wie viele Uhren, Federn und Juwelen man mit einer Goldlaſt von der Schwere eines Menſchen kaufen kann, ſo wird ſich die Sache bedeutend verändern; dafür bürge ich.“ „Ich ſage Ihnen, Haleh, hiervon kann nicht die Rede ſein; ich habe e ſchon einmal abgeſchlagen und bleibe bei meinen Worten,“ erwiederte Shelbh entſchieden. „Nun, den Jungen geben Sie mir aber doch!“ ſagte der Händler.„Si müſſen zugeben, daß ich ein ſehr hübſches Gebot auf ihn gethan habe.“ 6 in aller Welt können Sie mit dem Kinde thun wollen?“ ſagt helby. „Nun, ich habe einen Freund, der die Branche des Geſchäfts betreibt, daß er hübſche Jungen aufkauft, um ſie für den Markt zu erziehen. Es ſind nicht als Phantaſieartikel, die als Aufwärter u. ſ. w. für reiche Leute abgehen, welcht einen hübſchen Burſchen bezahlen können. Ein wirklich hübſcher Burſche, de die Thür öffnet und die Aufwartung verrichtet, iſt eine Zierde für ein großts Haus; ſie bringen eine hübſche Summe und das kleine Teufelchen hier iſt ein ſo komiſche, muſikaliſche Range, daß er für den Zweck vollkommen paßt.“ „Ich möchte ihn nicht gern verkaufen,“ meinte Shelby nachdenklich; ic bin ein humaner Mann, Sir, und es widerſtrebt mir, den Jungen von ſeinet Mutter zu reißen, Sir.“ „Oho, haben Sie etwas von der Natur an ſich? ich verſtehe Sie vollkom men! Es iſt mitunter ſehr ſchwer mit dem Weibsvolk auszukommen; ich haſt die Schrei⸗ und Kreiſchanfälle ebenfalls. Sie ſind mächt ig unangenehm, abet auf die Art, wie ich das Geſchäft betreibe, vermeide ich ſie gewöhnlich, Sir. Wi wäre es, wenn Sie das Mädchen auf einen Tag oder auf eine Woche hinweg⸗ ſchickten? Die Sache würde ſich dann in aller Ruhe abmachen laſſen und vorüber ſein, ehe ſie wieder nach Hauſe kommt. Ihre Frau könnte ihr ein Paar Ohr ringe oder ein neues Kleid odereinen ähnlichen Tand kaufen, um ſie zu beruhigen.“ „Ich fürchte, daß das nicht hinreichen würde.“ 3 „Du lieber Gott, recht gut! Die Geſchöpfe ſind nicht wie die Weißen, uß ſen Sie— ſie verwinden Alles, wenn man es nur recht anfängt. Man ſagt“ meinte Haley, indem er eine offenherzige, vertrauliche Miene annahm,„daß mei Geſchäft die Gefühle ertödte, aber ich habe das nie gefunden. Wahrhaftig, it habe es nie auf die Weiſe betreiben können, wie viele Andere. Ich habe Lelt geſehen, die im Stande waren, einem Weibe das Kind von den Armen zu reißin und zum Verkauf auszuſetzen, während das Frauenzimmer wie toll kreiſcht ſehr ſchlechte Politik— beſchädigt den Artikel— macht ihn zuweilen vollkl men dienſtunfähig. Ich habe in Orleans einmal ein wirklich hübſches Mäd geſehen, durch eine ſolche Behandlung völlig ruinirt wurde. Der Na der ſie wollte ihr Kind nicht haben und ſie war von einer hochfahren 5 Sorte, wenn ihr Blut in Wallung gerieth Ich ſage Ihnen, ſie drückte das Kind feſt an ſich und ſprach und benahm ſich wahrhaft furchtbar. Es grauſt mir, wenn ich daran denke, und als man ihr das Kind abnahm und ſie einſperrte, wurde ſie raſend und acht Tage darauf war ſie todt. Ein reiner Verluſt von tau⸗ ſend Dollars, Sir, und nur aus Mangel an Vorſicht— das war das Ganze. Meinen Erfahrungen nach iſt es immer am Beſten human zu verfahren.“ Und der Händler lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück und kreuzte die Arme mit einer ſo tugendhaften Miene, daß er ſich für einen zweiten Wilberforce zu halten ſchien. Der Gegenſtand ſchien ihm ein tiefes Intereſſe einzuflößen, denn während Mr. Shelby nachdenklich eine Orange ſchälte, begann Haley von Neuem mit ge⸗ ziemender Beſcheidenheit, aber als ob er wirklich von der Macht der Wahrheit getrieben würde, noch einige weitere Worte zu ſagen. „Es ſieht freilich nicht gut aus, wenn ſich Einer ſelbſt lobt, aber ich ſage es nur, weil es die Wahrheit iſt. Ich glaube den Ruf zu beſitzen, daß ich ſtets die ſchönſten Negerheerden mitbringe, die es giebt— wenigſtens hat man es mir in's Geſicht geſagt und nicht nur einmal, ſondern mehr als hundertfach— ſie ſind Alle von guter Beſchaffenheit— dick und anſehnlich, und ich verliere ſo Wenige, wie nur irgend Einer in meinem Geſchäft. Ich ſchreibe das eben nur meiner Behandlungsweiſe zu, und von der iſt die Humanität der Grund⸗ pfeiler, Sir.“ Shelby wußte nicht, was er antworten ſollte und ſagte daher nur: „Wirklich!“ „Ich bin wegen meiner Ideen ausgelacht worden, Sir, und man hat mir deshalb Vorſtellungen gemacht; ſie ſind nicht beliebt und gewöhnlich, aber ich habe an ihnen feſtgehalten, Sir, ich habe an ihnen gehalten und ſchönes Geld damit verdient; ja, Sir, ſie haben ihre Reiſe bezahlt, das kann ich wohl ſagen!“ und der Händler belachte ſeinen Witz. Es lag etwas ſo Pikantes und Originelles in dieſen Anſichten über Hu⸗ manität, daß Mr. Shelby ſich nicht enthalten konnte, in ſein Gelächter einzu⸗ ſtimmen. Vielleicht lachſt Du auch, lieber Leſer, aber Du weißt, daß ſich die Humanität heutzutage in einer Menge von ſonderbaren Formen zeigt und daß humane Leute häufig curioſe Dinge reden und thun. Mr. Shelby's Gelächter munterte den Handelsmann zum Fortfahren auf. „Es iſt wirklich ſonderbar, daß ich dies den Leuten nie habe in die Köpfe hämmern können. Sie ſollten Tom Loker gekannt haben, meinen alten Com⸗ pagnon unten in Natchez. Tom war ein geſcheidter Burſche— das war er, aber ein wahrer Teufel gegen die Nigger— er that es nur aus Grundſatz, ſehen Sie, denn ein gutmüthigerer Burſche hat nie Brod gegeſſen. Es war ſein Syſtem, Sir. Mitunter machte ich Tom Vorſtellungen. Ei Tom, pflegte ich zu ſagen, was nutzt es, Deine Mädchen über den Kopf zu ſchlagen und ſie zu knuffen, wenn ſie ſich haͤrmen und weinen? Es iſt lächerlich! ſagte ich, und nutzt nicht das Mindeſte. Ich meinestheils ſehe nichts Böſes in ihrem Weinen, ſagte ich, es iſt natürlich, ſagte ich, und wenn die Natur nicht auf die eine Weiſe einen Ausweg finden kann, ſo thut ſie es auf eine andere. Uebrigens Tom, ſagte ich, verdirbt es Dir Deine Mädchen; ſie werden kränklich und melancholiſch und mitunter gar häßlich,— beſonders die gelben Mädchen, und es iſt eine verteufelte Mühe, ſie zu dreſſiren. Ei, ſagte ich, warum willſt Du ihnen nicht lieber gute Worte geben und ihnen ſchmeicheln? Verlaß Dich darauf, Tom, daß eine kleine Beimiſchung von Humanität viel mehr wirkt als alle Dein Schelten, und mehr einbringt; darauf kannſt Du Dich verlaſſen, ſagte ich. Aber Tom konnte ſich nie darein finden und verdarb mir ſo viele, daß ich mich von ihm trennen mußte, trotzdem daß er ein gutmüthiger Burſche und ein tüchtiger Geſchäftsmann war.“ „Sie finden alſo Ihre Weiſe des Geſchäftsbetriebs beſſer als die Tom's?“ ſagte Mr. Shelby. 2 „Jawohl, Sir, das iſt nicht zu leugnen. Sehen Sie, wenn ich es nur im⸗ mer vermag, ſo nehme ich bei den unangenehmen Theilen des Geſchäfts beim Verkaufen von Kleinen u. ſ. w. ein wenig Rückſicht— ich ſchaffe die Mädchen aus dem Wege— aus den Augen, aus dem Sinn, wiſſen Sie; und wenn es geſchehen iſt und ſich nicht mehr ändern läßt, ſo gewöhnen ſie ſich daran. Es iſt nicht ſo, wiſſen Sie, als ob es weiße Leute wären, die in der Erwartung er⸗ zogen find, ihre Weiber und Kinder zu behalten u. ſ. w. Die Neger, wiſſen Sie, haben, wenn ſie gehörig erzogen ſind, gar keine Hoffnungen, ſo daß ihnen alle dergleichen Dinge leichter ankommen.“ „Dann muß ich fürchten, daß die Meinen nicht gehörig erzogen ſind,“ ſagte Mr. Shelby. „Das glaube ich ſelbſt. Ihr Kentuckher verzieht alle Eure Nigger, Ihr meint es mit ihnen gut, es iſt aber doch nicht die wahre Güte. Sehen Sie, ein Neger muß in der Welt umhergeſchleudert und an Hans und Kunz, und Gott weiß wen verkauft werden, ſo daß es keine Güte iſt, ihm Ideen und Hoffnungen zu geben und ihn zu gut zu erziehen, denn die Widerwärtigkeiten kommen ihm nachher um ſo ſchwerer an. Ich bin überzeugt, daß Ihre Nigger an einem Orte, wo manche bon den Plantagenniggern wie Beſeſſene ſingen und jauchzen wür⸗ den, ſicherlich ganz niedergeſchlagen wären. Ein Jeder denkt natürlicher Weiſe von ſeiner eigenen Manier am Beſten, Mr. Shelby, und ich denke, daß ich die Neger ſo gut behandle, wie es bei ihnen nur immer der Mühe verlohnt.“ 3 „Es iſt ein Glück zufrieden zu ſein,“ ſagte Mr. Shelby mit einem leiſen Achſelzucken und einigen erkennbaren Gefühlen von unangenehmer Natur. „Nun,“ meinte Haley, nachdem Beide eine Zeitlang ſchweigend ihre Nüſſe geknackt hatten;„was ſagen Sie zu meinem Vorſchlage?“ „Ich will die Sache überlegen und mit meiner Frau darüber ſprechen,“ ſagte Mr. Shelby.„Unterdeſſen aber gebe ich Ihnen den Rath, Haley, Ihr Geſchäft in dieſer Gegend nicht bekannt werden zu laſſen, wenn Sie die Sache auf die ruhige Weiſe, von der Sie ſprechen, betreiben wollen. Es wird unter meinen Burſchen herumkommen, und ſobald ſie es wiſſen, wird ſich Keiner von ihnen in der Stille fortſchaffen laſſen, das kann ich Ihnen ſagen.“ „O gewiß! natürlich iſt es am beſten, den Mund zu halten; aber ich ſage Ihnen, ich habe verteufelte Eile und möchte ſo bald als möglich wiſſen, woran ich mich zu halten habe!“ antwortete er, indem er aufſtand und ſeinen Ueber⸗ rock anzog. , kommen Sie heute Abend zwiſchen Sechs und Sieben wieder, dann ſollen Sie eine Antwort haben,“ ſagte Mr. Shelby; und der Handelsmann complimentirte ſich aus dem Zimmer. „Wäre ich nur im Stande geweſen, den Burſchen mit ſeiner unverſchämten Zuverſicht die Treppe hinab zu werfen,“ ſagte er zu ſich, ſobald er die Thür ge⸗ ſchloſſen ſah;„aber er weiß, wie ſehr er gegen mich im Vortheil iſt. Wenn mir je ein Menſch geſagt hätte, daß ich Tom nach dem Süden an einen von den ſchurkiſchen Händlern verkaufen würde, ſo hätte ich ſicher geantwortet: Iſ Dein Knecht ein Hund, daß er dies thun ſollte? und jetzt ſehe ich doch, daß es ſo kom⸗ men muß. Und dann Eliza's Kind! ich weiß, daß ich deshalb mit meiner Frau einen Auftritt haben werde, und wegen Tom's gewiß ebenfalls. Das kommt 7 von den Schulden!“— Er ſeufzte!„Der Burſche erkennt ſeinen Vortheil und will ihn verfolgen.“ Im Staate Kentucky iſt wohl die mildeſte Form der Sklaverei zu ſehen. Das allgemeine Vorwalten ländlicher Beſchäftigungen von ruhiger und allmä⸗ liger Natur, welches die periodiſchen Epochen der Eile und des Drängens, die in den ſüdlicheren Diſtrikten nöthig ſind, nicht erfordert, macht die Arbeit des Negers geſuͤnder und weniger anſtrengend, während ver Herr, welcher ſich mit einem allmäligeren Vermoögenszuwachs begnügt, nicht die Verſuchungen zur Hartherzigkeit kennt, welche die ſchwache, menſchliche Natur ſtets überwältigen, wenn die Ausſicht auf plötzlichen, ſchnellen Gewinn in der einen Wagſchale liegt, während ſich in der andern nur die Intereſſen ſchutz⸗ und hilfloſer Ge⸗ ſchöpfe befinden. Wer einige von den dortigen Gütern beſuchte und Zeuge von der gütigen Nachſicht mancher Herrn und Herrinnen und dem liebevollen Gehorſam mancher Sklaven wurde, könnte ſich verſucht fühlen, von der fabelhaften poetiſchen Le⸗ ende einer patriarchaliſchen Einrichtung zu träumen. Aber über den dortigen erhältniſſen liegt immer noch ein düſterer Schatten— der Schatten des Geſetzes;— ſo lange das Geſetz alle dieſe menſchlichen Weſen mit ihren klop⸗ fenden Pulſen und liebenden Herzen nur als Dinge betrachtet, die einem Herrn gehören— ſo lange der Bankerott, oder das Unglück, oder die Thorheit, oder der Tod des gütigſten Beſitzers ſie täglich dazu bringen kann, ein Leben voll freundlichen Schutzes und Nachſicht mit einem Leben voll hoffnungsloſen Elends und voll Mühſeligkeiten zu vertauſchen— ſo lange iſt es unmöglich, ſelbſt in der beſtgeordneten Art der Sklaverei, etwas Schönes oder Erwünſchtes zu finden. Mr. Shelby war ein guter Mann, wie man ſie häufig findet, gutmüthig und freundlich und zur Nachſicht gegen die ihn Umgebenden geneigt. Er hatte es nie an etwas mangeln laſſen, was zum phyſiſchen Wohlſein der Neger auf ſeinem Gute beitragen konnte, er hatte jedoch bedeutend unkluge Spekulationen Vee hatte ſich tief in Schulden geſtürzt und ſeine Wechſel, zu einem hohen elaufe, waren in die Hände Mr. Haley's gefallen. Dieſe kleine Mittheilung wird den Schlüſſel zu der vorhergegangenen Unterhaltung liefern. Nun hatte Eliza zufällig, als ſie ſich der Thür näherte, genug von dem Geſpräche gehört, um zu wiſſen, daß ein Handelsmann ihrem Herrn Anerbie⸗ tungen für Jemand mache. Sie wäre gern an der Thür ſtehen geblieben, um zu horchen, als ſie hin⸗ aus gegangen war, aber da ſie eben von ihrer Herrin gerufen wurde, ſah ſie ſich genöthigt, hinweg zu eilen. Dennoch glaubte ſie den Händler ein Gebot auf ihren Knaben machen gehoͤrt zu haben— konnte ſie im Irrthum ſein? Ihr Herz pochte und ſie drückte ihn unwillkürlich ſo feſt an ſich, daß der kleine Burſche erſtaunt in ihr Geſicht blickte. „Eliza, Mädchen, was fehlt Dir heute?“ ſagte ihre Herrin, gachdem ſie den Waſſerkrug über das Arbeitstiſchchen umgeworfen hatte, als ſie zerſtreut ihrer Herrin einen langen Schlafrock ſtatt des Seidenkleides darbot, welches ſie ihr aus der Garderobe zu bringen befohlen hatte. Eliza ſchrak zuſammen. „O, Miſſis!“ ſagte ſie, ihre Augen erhebend, und dann brach ſie in Thränen aus und ſetzte ſich auf einen Stuhl und begann zu ſchluchzen. „Ei, Eliza, Kind, was fehlt Dir?“fragte ihre Herrin. „O, Miſſis! o, Miſſis!“ antwortete Eliza;„unten im Sprechzimmer iſt ein Händler, der mit dem Herrn redet— ich habe ihn gehört—“ 8 „Nun, Du einfältiges Kind, wenn es nun ſüiſt!— „O, Miſſis, denken Sie wirklich, daß der Herr meinen Harrh verkaufen würde?““— und das arme Geſchöpf warf ſich in ihren Stuhl zurück und ſchluchzte krampfhaft. „Ihn verkaufen! nein, Du thörichtes Mädchen, Du weißt, daß Dein Herr nie mit den ſüdlichen Händlern Geſchäfte macht und nie einen von ſeinen Dienern verkaufen wird, ſo lange ſie ſich gut betragen. Ei, Du einfältiges Kind, wer denkſt Du könnte Deinen Harry kaufen wollen? Denkſt Du, daß die ganze Welt ſo auf ihn verſeſſen iſt, wie Du, Du Gänschen? Komm, erheitere Dich und heftele mein Kieid zu— ſo, jetzt bringe mein Haar in die hübſche Flechte, die Du neulichſt gelernt haſt und horche nicht mehr an den Thüren.“ „Nun aber, Miſſis, Sie würden doch nie Ihre Einwilligung geben, wenn — wenn—“ „Unſinn, Kind! natürlich würde ich es nicht. Weshalb ſprichſt Du ſo? ich würde eben ſo gern eines von meinen eignen Kindern verkaufen, aber wahr⸗ haftig, Eliza, Du biſt viel zu ſtolz auf das Bürſchchen. Es kann kein Mann ſeine Naſe zur Thüre herein ſtecken, ohne daß Du denkſt, daß er gekommen ſei, um ihn zu kaufen.“ Von dem zuverſichtlichen Tone ihrer Herrin wieder ermuthigt, leiſtete ihr Eliza über ihre eigenen Befürchtungen lachend, bei ihrer Toilette behenden und geſchickten Beiſtand. Mrs. Shelby war ein, ſowohl in intellektueller, wie in moraliſcher Be⸗ ziehung, hochſtehendes Weib; ſie verband mit der angeborenen Gutherzigkeit und dein Edelmuth, welche ſo oft den kentuckyſchen Frauen eigen ſind, ein hohes moraliſches und religiöſes Gefühl und Grundſätze, welche mit großer Energie und Geſchicklichkeit zu praktiſchen Reſultaten geführt wurden. Ihr Gatte, der keine beſonderen Anſprüche auf Religivſität machte, verehrte und ſchätzte die Feſtigkeit der ihren, und empfand wohl ſogar einige Ehrfurcht vor ihren An⸗ ſichten. Nach ſeinem Geſpräch mit dem Händler lag die ſeinen Geiſt am ſchwerſten bedrückende Laſt in der vorausgeſehenen Nothwendigkeit, ſeiner Frau das beabſichtigte Auskunftsmittel mitzutheilen und dem Widerſtande entgegen⸗ zutreten, welchen er mit Sicherheit und mit gutem Grunde erwartete. Mrs. Shelby, die ſich über die Geldverlegenheiten ihres Gatten in völliger Unwiſſenheit befand und nur die allgemeine Güte ſeines Charakters kannte, war in der Ungläubigkeit, womit ſie Eliza's Verdacht begegnet hatte, vollkom⸗ men aufrichtig; in der That ſchlug ſie ſich die Sache, ohne weiter daran zu denken, aus dem Sinne, und da ſie eben mit Vorbereitungen zu einem Abend⸗ beſuche beſchäftigt war, ſo entfiel ihr dieſelbe völlig. 2. Die Mutter. Eliza war ſchon als Kind in das Haus ihr Günſtling aufgezogen worden. Derjenige, welcher den Süden bereiſtt hat, muß oſft die eigenthuͤmliche Politur, die Sanftheit der Stimme und des Weſens bemerkt haben, welche in vielen Fällen eine beſondere Gabe der Quadronen und Mulattenfrauen zu ſein pflegt. Dieſe natürliche Anmuth vereinigt ſich bei den Quadronen häufig mit der blendendſten Schönheit und faſt ſtets mit einem einnehmenden und ange⸗ nehmen perſönlichen Aeußeren. Unſere Beſchreibung Eliza's ißt keine Phanta⸗ ihrer Herrin gekommen, und als ſieſtizze, ſondern der Erinnerung entnommen, da wir ſie vvr Jahren in Kentuc geſehen haben. Von der ſchützenden Fürſorge ihrer Herrin beſchirmt, hatte liza ihre Frauenreife erlangt, ohne auf die Verſuchungen zu ſtoßen, welche die Schönheit für eine Sklavin zu einem ſo verderblichen Erbtheil machen; ſie war an einen begabten und talentvollen jungen Mulatten verheirathet, welcher als Sklave auf einem benachbarten Gute arbeitete und den Namen George Harry's führte. 5 Dieſer junge Mann war von ſeinem Herrn zur Arbeit in einer Sacktuch⸗ fabrik vermiethet worden, wo er wegen ſeiner Geſchicklichkeit und ſeines Scharf⸗ ſinns als der erſte Arbeiter betrachtet wurde. Er hatte eine Maſchine zur Reinigung des Hanfes erfunden, welche, wenn man die Erziehung und die umſtände des Erfinders in Betracht nahm, eben ſo großes mechaniſches Genie bewies, wie Whitney's Baumwollen⸗Reinigungsmaſchine. Er beſaß eine hübſche Perſönlichkeit und gefällige Manieren und war in der Fabrik ein allgemeiner Günſtling. Trotzdem waren, da das Geſetz dieſen jungen Mann nicht als einen Menſchen, ſondern als ein Ding betrachtete, alle dieſe höheren Geiſtesgaben der Herrſchaft eines gemeinen, engherzigen, tyran⸗ niſchen Herrn unterworfen. Dieſer hatte den Ruhm der Erfindung George's vernommen und war nach der Fabrik geritten, um zu ſehen, was jenes verſtän⸗ dige Hausthier angegeben habe und wurde von dem Fabrikherrn, der ihm zum Beſitz eines ſo werthvollen Sklaven Glück wünſchte, mit großem Enthuſiasmus empfangen. George führte ihn in der Fabrik umher, zeigte ihm die Maſchinerie und ſprach in ſeinem Enthuſiasmus ſo fließend, hielt ſich ſo aufrecht, ſah ſo hübſch und mannhaft aus, daß ſein Herr ein unbehagliches Bewußtſein der Inferiorität zu empfinden begann. Wer hatte ſeinem Sklaven erlaubt, im Lande umher zu laufen, Maſchinen zu erfinden und in Geſellſchaft von Weißen den Kopf hoch zu tragen? Er wollte dem bald ein Ende machen; er wollte ihn zurücknehmen und ihn zum Hacken und Graben verwenden und„ſehen, ob er dann noch ſo umherſtolzieren würde.“ Der Fabrikherr und alle ſeine Arbeiter wurden daher in Erſtaunen verſetzt, als er plötzlich George's Lohn verlangte und ſeine Abſicht, ihn mit nach Hauſe zu nehmen, ankündigte. „Aber, Mr. Harrys,“ wendete der Fabrikherr ein,„iſt es nicht etwas un⸗ erwartet?“ „Nun, wenn es das auch iſt, gehoͤrt der Mann nicht mir?“ „Wir würden gern die Vergütung erhöhen, Sir!“ „Darauf kommt es mir gar nicht an, Sir, ich habe es nicht nöthig, ir⸗ gend einen von meinen Leuten zu vermiethen, wenn ich nicht will.“ „Aber, Sir, er ſcheint für dieſes Geſchäft beſonders begabt zu ſein.“ „Das will ich ſchon zugeben, er iſt nie beſonders zu irgend einer Arbeit begabt geweſen, an die ich ihn geſtellt habe.“ „Aber, bedenken Sie doch nur, daß er dieſe Maſchine erfunden hat!“ wen⸗ dete einer von den Arbeitern ſehr unzeitig ein. „Jawohl— eine Maſchine zur Arbeitserſparniß, nicht wahr? Es wun⸗ dert mich nicht, daß er das erfunden hat, dazu iſt ein Nigger jederzeit gut; ſie S ſelbſt arbeitserſparende Maſchinen! Nein, er ſoll ſich auf die Beine machen.“ George hatte wie erſtarrt dageſtanden, als er ſein Urtheil ſo plötzlich von einer Gewalt, die, wie er wußte, unwiderſtehlich war, ausſprechen hörte. Er ſchlug ſeine Arme übereinander, preßte ſeine Lippen feſt zuſammen, aber in ſeiner Bruſt glühte ein Vulkan von bittern Gefühlen und ſendete Feuerſtröme durch ſeine Adern. Er athmete ſchwer und ſeine großen, dunkeln Augen blitzten wie 10 angefachte Kohlen und er wäre vielleicht auf eine gefährliche Weiſe aufgebrauſt, wenn nicht der freundliche Fabrikherr ſeinen Arm berührt und mit leiſem Tone geſagt hätte: „Gieb nach, George, geh für jetzt mit ihm, wir wollen verſuchen, ob wir Dir nicht noch helfen können.“ Der Tyrann bemerkte das Flüſtern und vermuthete deſſen Vedeutung, ob⸗ leich er nicht hören konnte, was geſagt wurde und er beſtärkte ſich innerlich in einem Entſchluſſe, die Gewalt, welche er über ſein Opfer beſaß, geltend zu machen. 6 George wurde nach Hauſe gebracht und zu den nicbrigſten Arbeiten auf dem Gute verwendet. Er war im Stande geweſen jedes unehrerbietige Wort zu unterdrücken, aber das blitzende Auge, die düſtere, gerunzelte Stirn waren eine natürliche Sprache, die ſich nicht unterdrücken ließ— unzweifelhafte Zei⸗ chen, die nur zu deutlich bewieſen, daß der Menſch nicht zu einem Dinge wer⸗ den konnte. George hatte während der glücklichen Periode ſeiner Beſchäftigung in der Fabrik ſeine Frau geſehen und geheirathet. Um dieſe Zeit hatte er, da ihm ſein Arbeitsgeber vertraute und ihn begünſtigte, die vollkommene Freiheit be⸗ ſeſſen, nach Belieben zu kommen und zu gehen. Die Verbindung wurde von Mrs. Shelby höchlichſt gebilligt und dieſe fühlte mit frauenhaftem Gefallen am Eheſtiften Freude daran, ihren hübſchen Günſtling mit einem Manne ihrer Klaſſe, der in jeder Hinſicht für ſie zu paſſen ſchien, zu vereinigen, und ſo waren ſie in dem großen Geſellſchaftszimmer ihrer Herrin getraut worden und ihre Herrin hatte ſelbſt das ſchöne Haar der Braut mit Orangeblüthen geſchmückt und den Brautſchleierzwelcher ſicher auf keinem ſchöneren Kopfe liegen konnte, darüber geworfen, und es hatte nicht an weißen Handſchuhen, Kuchen und Wein und an Gäſten gemangelt, die die Schönheit der Braut und die Frei⸗ gebigkeit und Großmuth der Gebieterin bewunderten. Ein paar Jahre hindurch ſah Eliza ihren Ehemann häufig und ihr Glück wurde nur durch den Verluſt zweier Kinder unterbrochen, an denen ſie leide⸗ ſchaftlich gehangen hatte und die ſie mit einem ſo glühenden Schmerz betrauerte, daß ihre Herrin ſanfte Vorſtellungen gegen ſie anwenden und mit mütierli Beſorgniß die leidenſchaftlichen Gefühle in die Schranken der Vernunft und Religion weiſen mußte. Nach der Geburt des kleinen Harry war ſie jedoch allmälig ruhig und ge⸗ faßt geworden und die verwundeten Gefühle und überreizten Nerven, welche ſich von Neuem mit dieſem kleinen Leben verſchlangen, ſchienen geſund und kräß tig zu werden, und Eliza war bis zu der Zeit, wo ihr Gatte rauh von ſeinem gütigen Brodherrn hinweggeriſſen und unter die eiſerne Ruthe ſeines geſet⸗ lichen Eigenthümers geſtellt wurde, eine glückliche Frau. Der Fabrikherr beſuchte, ſeinem Worte getreu, Mr. Harrys ein paat Wochen nach Georges Entführung, ſobald er hoffte, daß die Hitze jenes Tages verraucht ſei und verſuchte alle möglichen Mittel, um ihn zur Rückgabe an ſeine frühere Beſchäftigung zu vermögen. „Sie brauchen ſich keine weitere Mühe zu geben,“ erwiderte er halsſtarrig, „ich weiß, was ich zu thun habe, Sir.“ „Ich habe mir nicht herausgenommen, Ihnen etwas vorzuſchreiben, Sir; ich dachte nur, daß Sie es als vortheilhaft für ſich ſelbſt betrachten würden, wenn Sie Ihren Sklaven unter den vorgeſchlagenen Bedingungen uns liehen“ „O, ich verſtehe die Sache vollkommen, ich habe Sie an dem Tage, wo ich ihn aus der Fabrik nahm, wohl blinzeln und flüſtern ſehen, aber Sie beweg mich auf dieſe Weiſe nicht. Wir leben in einem freien Lande, Sir; der Mann iſt mein und ich thue mit ihm, was mir beliebt— das iſt es!“ Und ſo fiel George's letzte Hoffnung— er ſah vor ſich nur noch ein Leben der Mühe und Anſtrengung, welches durch alle ſchmerzhaften Neckereien und Kränkungen, die ein tyranniſcher Scharfſinn zu erfinden vermochte, noch mehr verbittert wurde. Ein menſchlicher Juriſt hat einſt geſagt:„Der ſchlechteſte Gebrauch, den man von einem Menſchen machen kann, iſt der, ihn zu hängen.“ Nein, es giebt einen noch ſchlimmeren! 3. Der Gatte und Vater. Mrs. Shelby war ausgegangen, um ihren Beſuch zu machen und Elize ſtand in der Veranda und blickte niedergeſchlagen der verſchwindenden Kutſche nach, als eine Hand auf ihre Schulter gelegt wurde. Sie wendete ſich um und ein heiteres Lächeln erhellte ihre ſchönen Augen. „George, biſt Du es! wie Du mich erfchreckt haſt. Nun, ich bin froh, daß Du gekommen biſt, die Herrin kommt den ganzen Nachmittag nicht wieder nach Hauſe; komm alſo mit in mein Zimmerchen, wo wir völlig ungeſtört ſein werden.“ Mit dieſen Worten zog ſie ihn in ein nettes Zimmerchen, welches auf die Veranda ging und wo ſie meiſt im Bereiche der Stimme ihrer Gebieterin bei ihrer Naäharbeit ſaß. „Wie froh ich bin! Warum lächelſt Du nicht? Sich nur Harry an, wie er wächſt!“ Der Knabe hielt ſich feſt an den Kleidern ſeiner Mutter und be⸗ trachtete ſeinen Vater ſcheu durch ſeine Locken.„Iſt er nicht ſchön?“ ſagte Eliza, indem ſie ihm das lange Haar aus der Stirn ſtrich und ihn zärtlich küßte. „Ich wollte er wäre nie geboren!“ ſeufzte George bitter;„ich wollte, ich wäre nie geboren!“ Eliza ſetzte ſich überraſcht und erſchreckt nieder, legte den Kopf an die Schulter ihres Mannes und brach in Thränen aus. „Wahrhaftig, Eliza, es iſt abſcheulich von mir, Dich ſo zu kränken, armes Geſchöpf!“ ſagte er zärtlich;„es iſt zu arg! o hätteſt Du mich doch nie ge⸗ ſehen— Du würdeſt vielleicht jetzt glücklich ſein!“ „George, George, wie kannſt Du nur ſo reden. Was hat ſich Entſetzliches zugetragen— oder was ſoll ſich zutragen? Wir ſind bis ganz vor Kurzem doch ſehr glücklich geweſen.“ „Du haſt recht, Theuerſte,“ erwiderte George und dann zog er ſein Kind auf ſeine Knie, blickte feſt in deſſen ſchöne, dunkele Augen und ſtrich mit der Hand durch ſeine dichten Locken.„Er ſieht Dir ganz ähnlich, Eliza, und Du biſt das hübſcheſte Frauenzimmer, das ich je geſehen habe und das beſte, das ich je zu ſehen wünſche. Aber ach! ich wollte, ich hätte Dich nie geſehen, noch Du mich!“ „O George, wie kannſt Du nur ſo reden.“ „Ja, Eliza, es iſt elend elend! elend! mein Leben iſt wermuthbitter; das Leben brennt mir aus den Adern; ich bin ein armes, elendes verlaſſenes Laſtthier! ich werde Dich nur mitmir hinab ziehen. Was nützt es zu verſuchen, irgend etwas ju thun, irgend etwas zu lernen, irgend etwas zu werden?— was nützt das eben?— ich wollte ich wäre todt.“ „O lieber George, das iſt recht böſe von Dir ich weiß, was Du fühlſt, weil Du Deine Stelle in der Fabrik verloren haſt und Du haſt einen harten Herrn, aber ich bitte Dich, geduldig zu ſein, und vielleicht wird noch etwas—“ „Geduldig!“ unterbrach er ſie,„bin ich nicht geduldig geweſen? habe ich ein Wort geſagt, als er kam und mich ohne allen Grund von dem Orte riß, wo Alle gegen mich freundlich waren? Ich habe ihm meinen Lohn bis auf den letzten Cent gegeben und Alle ſagen, daß ich gut gearbeitet habe.“ „Nun, es iſt entſetzlich!“ ſagte Eliza,„aber Du weißt, er iſt doch Dein Herr.“ „Mein Herr! und wer hat ihn zu meinem Herrn gemacht? Das iſt es, woran ich denke— welches Recht hat er auf mich? Ich bin eben ſo gut ein Menſch wie er; ich bin ein tüchtigerer Menſch wie er; ich verſtehe von den Ge⸗ ſchäften mehr wie er; ich kann beſſer leſen wie er; ich ſchreibe eine beſſere Hand und habe es Alles ſelbſt gelernt, ohne ihm etwas zu verdanken— ich habe es trotz der Hinderniſſe gelernt, die er mir in den Weg legte; und nun möchte ich wiſſen, welches Recht er dazu hat, mich zu einem Karxengaul zu machen?— mich von Dingen wegzutehmen, die ich thue und die ich beſſer thun kann wie er, und mich zu Arbeiten zu verwenden, die jedes Pferd zu verrichten im Stande iſt. Ich verſuche es zu thun; er ſagt, daß er mich beſcheiden machen und demu⸗ thigen wolle, und er ſtellt mich abſichtlich an die ſchwerſten Arbeiten, an die niedrigſten und ſchmutzigſten Arbeiten.“ „O George, George! Du ſetzeſt mich in Schrecken. Ich habe Dich nie ſo ſprechen hören; ich fürchte, daß Du etwas Entſetzliches thun wirſt! ich wundere mich nicht mehr über Deine Gefühle, aber achweei vorſichtig— bitte, bitte!— um meinetwillen, um Harry's willen!“ „Ich bin vorſichtig, ich bin geduldig geweſen, aber es wird immer ſchlim⸗ mer und ſchlimmer. Fleiſch und Blut können es nicht mehr ertragen. Er be⸗ nutzt jede Gelegenheit, die er finden kann, um mich zu beleidigen und zu quälen; ich hatte gedacht, daß wenn ich meine Arbeit gut verrichtet und mich ruhig ver⸗ halten habe, ich ein wenig Zeit behalten würde, um außer den Arbeitsſtunden zu leſen und zu lernen, aber, je mehr er ſirht, daß ich thun kann, deſto mehr ladet er mir auf. Er ſpricht, daß er, wenn ich auch nichts ſage, doch ſehen könne, daß ich einen Teufel in mir habe, und er gedenkt ihn zum Ausbruche zu bringen und er wird bald einmal auf eine Weiſe, die ihm nicht gefällt, zum Ausbruche kommen, oder ich müßte mich ſehr irren.“ „D Himmel, was ſollen wir thun?“ ſagte Eliza wehmüthig. „Erſt geſtern,“ fuhr George fort,„als ich Steine auf den Wagen lud, ſtand der junge Mr. Tom dabei und klatſchte ſo nahe bei dem Pferde mit der Peitſche, daß das Geſchöpf unruhig wurde. Ich bat ihn ſo freundlich als ich konnte, daß er aufhören möge, aber er that es darauf gerade recht arg. Ich bat ihn von Neuem und dann wendete er ſich gegen mich und begann mich zu ſchla⸗ gen. Ich hielt ihm die Hand und darauf ſchrie er und ſtieß mit den Beinen um ſich und lief zu ſeinem Vater und ſagte, daß ich ihn prügle. Dieſer kam wüthend herbei und ſagte, daß er mir lehren wolle, wer mein Herr ſei, und band mich an einen Baum und ſchnitt Ruthen für den jungen Herrn ab und ſagte ihm daß er mich ſchlagen möge, bis er müde ſei, und er that es wirklich. Er ſolt ſchon noch einmal daran denken!“ Und die Stirn des jungen Mannes runzelte ſich und ſeine Augen glühten in einem Ausdrucke, welcher ſeine junge Frau zum Erzittern brachte. „Wer hat jenen Mann zu meinem Herrn gemacht? das iſt es, was ich wiſſen möchte,“ ſagte er. 3„ S 13 „Nun,“ meinte Eliza betrübt,„ich habe immer gedacht, daß ich meinem Herrn und meiner Herrin gehorchen müſſe, ſonſt kann ich keine Chriſtin ſein.“ „In Deinem Falle liegt etwas Vernünftiges darin. Sie haben Dich er⸗ zogen wie ein Kind, Dich genährt und gekleidet, Nachſicht mit Dir gehabt und Dich unterrichtet, ſo daß Du eine gute Erziehung beſitzeſt— das iſt ſchon ein Grund zu Anſprüchen auf Dich; aber ich bin mit Füßen getreten und geſchlagen und mit Verwünſchungen überhäuft und im beſten Falle nur unbeachtet ge⸗ laſſen worden. Und was bin ich ihm ſchuldig? Ich habe meinen Unterhalt wohl hundertfach bezahlt; ich will es nicht ertragen, nein, ich werdees nicht!“ rief er zornig die Hände ballend. Eliza zitterte und ſchwieg. Sie hatte ihren Gatten noch nie in dieſer Stimmung geſehen und ihre ſanfte Sittenlehre ſchien in den Wogen ſolcher Leidenſchaften wie ein Rohr zu ſchwanken. „Du erinnerſt Dich noch des armen kleinen Carlo, den Du mir gegeben haſt,“ fügte George hinzu;„das Thierchen iſt der ganze Troſt geweſen, den ich gehabt habe. Es hat des Nachts bei mir geſchlafen und iſt mir des Tags gefolgt und hat mich angeſchaut, als ob es verſtehe, was ich fühlte. Nun, einſt fütterte ich es mit einigen Abfällen, die ich an der Küchenthür aufgeleſen hatte und der Herr kam dazu und ſagte, daß ich es auf ſeine Koſten füttere und daß er es nicht beſtreiten könne, daß jeder Nigger ſeinen Hund halte, und bofahl mir, ihm einen Stein an den Hals zu binden und es in den Teich zu werfen.“ „O George, Du haſt es doch nicht gethan?“ „Es gethan?— ich nicht, aber er that es— der Herr und Tom warfen das arme ertrinkende Geſchöpf noch mit Steinen. Das arme Ding! es blickte mich ſo trübſelig an, als ob es ſich wundere, weshalb ich es nicht rette. Ich mußte eine Tracht Schläge hinnehmen, weil ich es nicht ſelbſt thun wollte. Ich machte mir nichts daraus. Der Herr wird ausfindig machen, daß ich Einer von denen bin, die ſich nicht durch Schläge zähmen laſſen. Mein Tag wird noch kommen, ehe er es ſich verſieht.“ „Was willſt Du thun? o George thue nichts Böſes, vertraue auf Gott und verſuche recht zu handeln, ſo wird er Dich erlöſen.“ „Ich bin nicht chriſtlich geſinnt wie Du, Eliza; mein Herz iſt voll Bitter⸗ keit; ich kann nicht auf Gott vertrauen! warum läßt er ſolche Dinge ge⸗ ſchehen?“ „O George, wir müſſen Glauben haben. Die Herrin ſagt, daß Gott Alles zum Beſten kehre, wenn für uns auch Alles auf das Schlimmſte auszu⸗ ſchlagen ſcheint.“ „Das können Leute, die auf ihrem Sopha ſitzen oder in ihrer Kutſche fahren, leicht ſagen; aber ſie mögen nur einmal an meine Stelle treten, und dann denke ich mir, würde es ihnen ſchwer ankommen. Ich wollte, ich könnte gut ſein, aber es brennt mir im Herzen und ich kann mich nicht mit meinem Schickſale ausſöhnen. Du könnteſt es an meiner Stelle auch nicht, Du kannſt es jetzt nicht, wenn ich Dir Alles ſage, was ich Dir mitzutheilen habe. Du weißt noch nicht Alles.“ „Was kann jetzt noch kommen?“ „Nun, vor Kurzem hat mein Herr geſagt, daß er ein Narr geweſen ſei, als er mir erlaubt habe, mich auswärts zu verheirathen. Er haſſe Mr. Shelby und ſeine ganze Familie, weil ſie ſtolz ſeien und die Köpfe höher trügen wie er, und daß ich von Dir ſtolze Ideen angenommen habe, und er ſagt, daß er mich nicht mehr hierher kommen laſſen werde, und daß ich eine Frau nehmen und mich auf ſeinem Gute niederlaſſen ſolle. Anfangs ſchalt und murrte er dieſe 14 x Dinge nur heraus, aber geſtern ſagte er mir, daß ich Mina zur Frau nehmen und mich mit ihr in einer Hütte einrichten ſolle, ſonſt würde er mich flußab⸗ wärts verkaufen.“ „Ei, Du biſt ja mir vom Pfarrer angetraut worden, als ob Du ein Weißet wäreſt, ſagte Eliza einfach. „Weißt Du nicht, daß ſich ein Sklave nicht verheirathen kann? Das Geſetz erlaubt es in dieſem Lande nicht. Ich kann Dich nicht zur Frau behalten, wenn er uns trennen will; bos iſt der Grund, weshalb ich wünſche, daß ich Dich nie eſehen hätte!— weshalb ich wollte, daß ich nie gekommen wäre; es würde bir uns Beide beſſer geweſen ſein. Es wäre für dieſes arme Kind beſſer ge⸗ weſen, wenn es nie geboren wäre. Alles das kann ihm noch zuſtoßen.“ „O, unſer Herr iſt ſo gut!“ „Ja, aber wer weiß, er kann ſterben und das Kind kann an Gott weiß wen verkauft werden. Welche Freude iſt es für uns, daß es hübſch und klug und talentvoll iſt.— Ich ſage Dir, Eliza, für jedes gute und angenehme Ding, was Dein Kind iſt, oder hat, wird ein Schwert durch Deine Seele gehen— es wird den Knaben zu werthvoll machen, als daß Du ihn behalten könnteſt.“ Dieſe Worte fielen ſchwer auf Eliza's Herz. Die Geſtalt des Händlers trat vor ihre Augen und ſie erbleichte und rang nach Athem, als ob ihr Jemand den Todesſtreich zugefügt hätte. Sie blickte ängſtlich auf die Veranda hinaus, wohin ſich der des ernſthaften Geſprächs müde gewordene Knabe zurückgezogen hatte und wo er im Triumph auf Mr. Shelby's Spazierſtocke hin und her ritt. Sie wollte ſprechen, um den Gatten ihre Befürchtungen mitzutheilen, that ſich aber noch Einhalt. 3 „Nein, nein, der arme Burſche hat genug zu tragen,“ dachte ſie,„nein, ich will es ihm nicht ſagen, und übrigens iſt es nicht wahr. Die Miſſis täuſcht uns nie.“ 1 *„Alſo, Eliza,“ ſagte der junge Mann trübe;„bleibe guten Muthes und lebe wohl, denn ich gehe.“ „Du gehſt, George! wohin?“ „Nach Canada!“ ſagte er ſich hoch aufrichtend,„und wenn ich dort bin, ſo werde ich Dich kaufen. Das iſt die ganze Hoffnung, die uns noch übrig bleibt. Du haſt einen guten Herrn, der ſich nicht weigern wird, Dich zu ver⸗ Ich werde Dich und den Knaben kaufen— mit Gottes Hilfe werde ich es thun.“ „O entſetzlich!— wenn Du gefangen würdeſt!“ „Ich werde nicht gefangen werden, Eliza, lieber will ich ſterben. Ich werde frei ſein oder ſterben.“ „Du wirſt Dich doch nicht ſelbſt umbringen?“ „Deſſen bedarfes nicht. Man wird mich bald genug tödten, man wird mich nicht lebend den Fluß hinab bringen.“ „O George, ſei um meinetwillen vorſichtig! thue nichts Böſes, lege weder an Dich, noch an ſonſt einen Menſchen Hand. Deine Verſuchungen ſind zu Poi⸗ aber thue es nicht— Du mußt gehen— aber gehe vorſichtig und klug. ete zu Gott, daß er Dir helſen mag.“ „Nun, Eliza, ſo höre meinen Plan. Der Herr hat es ſich in den Kopf ge⸗ ſetzt, mich mit einem Billet an Mr. Symmes, der eine Meile weiterhin wohnt, hier vorüber zu ſchicken; ich glaube, daß er erwartet hat, daß ich hierher gehen würde, um Dir zu erzählen, wie es mir geht. Es würde ihm ein Vergnügen ſein, wenn er dächte, daß das„Shelby⸗Volk“, wie er ſie nennt, ſich darüber ärgern würden. Ich gehe vollkommen ergeben, als ob Alles vorüber wäre, wie —— 15 der nach Hauſe, verſtehſt Du mich! Ich habe bereits einige Vorbereitungen ge⸗ troſſen, und ich kenne Leute, die mir helfen werden; und etwa im Laufe einer Woche werde ich eines Tages unter den„Vermißten“ ſein. Bete für mich, Eliza, vielleicht wird der gute Gott Dich hören.“ „O bete ſelbſt, George, und gehe mit Vertrauen auf ihn, dann wirſt Du nichts Boöſes thun.“ „Nun, ſo lebe wohl!“ ſagte George, Eliza's Hand ergreifend und mit einem langen Blicke in ihre Augen.— Sie ſtanden ſchweigend da, dann kamen die letzten Worte und Seufzer und bitterliches Weinen— es war eine Trennung, wie ſie bei Solchen vorkommen, deren Hoffnung auf Wiederſehen nicht ſtärker iſt, als das Gewebe der Spin⸗ nen— und Mann und Weib waren geſchieden. 4. Ein Abend in Onkel Tom's Hütte. Die Hütte Onkel Tom's war ein kleines Blockgebäude dicht bei dem „Hauſe“, wie die Neger vorzugsweiſe die Wohnung ihres Herrn nannten. Vor derſelben befand ſich ein nettgehaltenes Gartenfleckchen, wo jeden Sommer Erd⸗ beeren, Himbeeren und eine Menge anderer Früchte und Gemüſe unter ſorg⸗ fältiger Pflege wuchſen. Die ganze Vorderſeike derſelben war mit einer großen Scharlach⸗Bignonia und einer einheimiſchen Monatsroſe überzogen, die ſich mit einander ſo verſchlungen hatten, daß kaum noch eine Spur voͤn den unbe⸗ hauenen Balken zu ſehen war. Hier fanden auch im Sommer verſchiedene bunte einjährige Blumen ein Winkelchen, worin ſie ihren Glanz entfalten konnten und den Stolz und die Freude des Herzens der Tante Chloe bildeten. Treten wir in das Gebäude. Die Abendmahlzeit im Hauſe iſt vorüber und Tante Chloe, die als Ober⸗Köchin die Zubereitung derſelben geleitet, hat den Unterbeamten der Küche das Geſchäft des Aufräumens und Tellerwaſchens überlaſſen und iſt in ihr eignes ſchmuckes Gebiet herausgekommen, um„ihrem Alten“ das Abendbrod zu beſorgen. Zweifelt daher nicht, daß ſie es iſt, die Ihr am Feuer ſeht, wo ſie mit beſorgtem Intereſſe gewiſſe ziſchende Gegenſtände in einer dampfenden Pfanne beaufſichtigt, und dann und wann mit gravitä⸗ tiſcher Würde den Deckel einer Backform, aus welcher unzweifelhafte Anzeichen von etwas„Gutem“ aufdampfen, emporhebt. Sie hat ein rundes, ſchwarzes, glänzendes Geſicht, welches ſo glatt iſt, daß es Einen auf die Idee bringt, daß ſie vielleicht mit Eiweiß überzogen ſei, wie ihre ſelbſtgefertigten Theebroochen. Ihr ganzes dickes Antlitz ſtrahlt unter ihrem gutgeſtärkten karrirten Turban vor Zufriedenheit und Vergnügen, trägt jedoch, wenn wir es geſtehen müſſen, ein wenig von dem Selbſtbewußtſein, welches der erſten Köchin der Gegend, wofür Tante Chloe allgemein anerkannt war, zukommt. Sie war von ganzem Herzen und von ganzer Seele Köchin. Jedes Huhn, jeder Truthahn, jede Ente im Hofe machte ein ernſthaftes Geſicht, wenn ſie ſie herankommen ſah und ſchien offenbar Todesbetrachtungen anzuſtellen, und ſo viel iſt gewiß, daß ſie ſtets im Grade der Vollkommenheit geeignet war, jedem lebenden, denkenden Hausvogel Schrecken einzuflößen, der an das Rupfen, Stopfen und Braten dachte. Ihre Kuchen waren in allen ihren Varietäten für weniger geübte Künſtlerinnen ein erhabenes Geheimniß und ſie lachte, daß ihr dicker Leib vor Stolz und Luſtigkeit erbebte, wenn ſie die ftuchtloſen Verſuche erzählte, welche die eine oder andere ihrer Colleginnen gemacht hatte, um ſich zu ihrer Höhe zu erheben. 16 Die Ankunft von Gäſten im Hauſe und das Anordnen von glänzenden Diners und Soupers erweckte alle ihre Seelenkräfte und es gab für ſie keinen willkommeneren Anblick, als den eines Haufens von Reiſekoffern unter der Veranda, da ſie dann neue Thaten und Triumphe vor ſich erblickte. Im gegenwärtigen Augenblicke ſchaute Tante Chloe jedoch in die Backform und wir werden ſie bei dieſer angenehmen Operativn laſſen, bis unſer Bild der Cottage beendigt iſt. In der einen Ecke derſelben ſtand ein mit einer ſchneeweißen Decke verſehe⸗ nes Bett und vor dieſem lag ein Teppich von ziemlicher Größe. Auf dieſen Teppich berief ſich Tante Chloe, wenn ſie beweiſen wollte, daß ſie unzweifelhaft den höheren Ständen angehöre und er ſöwohl wie das Bett, vor welchem er lag, und die ganze Ecke der Hütte wurden mit ausgezeichneter Rückſicht behandelt und ſo viel als möglich vor den Einfällen und Entweihungen geringer Leute bewahrt. Kurz jene Ecke war das Geſellſchaftszimmer des Gebäudes. In der andern Ecke befand ſich ein Bett von weit beſcheideneren Anſprüchen, welches offenbar zum Gebrauche beſtimmt war. Die Wand über dem Kamin ſchmück⸗ ten einige ſehr bunte Lithographien mit Scenen aus der heiligen Schrift und ein Portrait des Generals Waſhington, das auf eine Weiſe gezeichnet und kv⸗ lorirt war, welche dieſen Helden ſicherlich in Erſtaunen geſetzt haben würde, wenn er je auf ſeines Gleichen geſtoßen wäre. Auf einer grob zugehauenen Bank in der Ecke beaufſichtigten ein paar wollköpfige Knaben mit blitzenden ſchwarzen Augen und dicken, glänzenden Wangen die erſten Gehverſuche des jüngſten Kindes, welche, wie gewöhnlich, darin beſtanden, daß es ſich auf ſeine Füße erhob, einen Augenblick ſchwankte und dann wieder zu Boden fiel, während jedes ſolche Mißlingen als etwas höchſt Geſchicktes mit heftigem Beifall begrüßt wurde. Ein Tiſch mit etwas rheumatiſchen Beinen war vor das Kaminfeuer ge⸗ ogen und mit einem Tuche bedeckt worden und ließ Taſſen mit grellfarbiger alerei nebſt anderen Symptomen einer herannahenden Mahlzeit wahrnehmen. An dieſem Tiſche ſaß Onkel Tom, Mr. Shelby's beſter Arbeiter, den wir, da er zum Helden unſerer Geſchichte beſtimmt iſt, für unſere Leſer daguerreotypiren müſſen. Er war ein großer, breitſchultriger, kräftig gebauter Mann von tiefem, glänzendem Schwarz und einem Geſicht, deſſen echt afrikaniſche Züge ein Aus⸗ druck von mit großer Herzensgüte verbundener, ernſter und ruhiger Verſtändig⸗ keit charakteriſirte. Sein ganzes Aeußere hatte etwas Würdevolles und vovn Selbſtachtung Erfülltes an ſich, womit ſich jedoch eine beſcheidene, vertrauende Einfachheit verknüpfte. Er war in dieſem Augenblicke mit einer vor ihm liegenden Schiefertafel beſchäftigt, aufwelcher er ſich ſorgfältig und langſam bemühle, einige Buchſtaben zu kopiren, eine Operation, bei der ihm der junge Mr. George, ein hübſcher dreizehnjähriger Knabe, welcher die Würde ſeiner Lehrerſtellung vollkommen zu erkennen ſchien, beaufſichtigte. „Nicht ſo, Onkel Tom, nicht ſo!“ fagte er als Tom bedächtig den Schweif ſeines„G““ auf die unrechte Seite brachte;„ſiehſt Du, das giebt ein„Q.““ „Du lieber Gott, thut es das wirklich?“ ſagte Onkel Tom und ſchaute mit ehrerbietiger bewundernder Miene zu, während ſein junger Lehrer ftüchtig un⸗ zählige Qund Gee zu ſeiner Belehrung hinkritzelte, und dann nahm er den Sü wieder in ſeine dicken, ſchwerfälligen Finger und begann geduldig vovn Wie leicht den weißen Leuten Alles wird!“ ſagte Tante Chloe, indem ſie ihre Beſchäftigung, einen Roſt mit einem Stück Speck, welches ſie auf ihrer „ 13 Gabel hielt, zu beſtreichen, unterbrach und den jungen Mr. George mit Stolz betrachtete.„Wie er ſchreiben kann! und leſen dazu! und dann, daß er des Abends hierher kommt und uns ſeine Lektionen vorlieſ't— es iſt ungeheuer intereſſant.“ „Aber Tante Chloe, ich bin ungeheuer hungrig,“ ſagte George,„iſt der Kuchen in der Fori noch nicht bald fertig?“ „Beinahe ganz, Mr. George,“ ſagte Tante Chloe, indem ſie den Deckel erhob und hineinſchaute.„Er bräunt ſich wunderſchön; es iſt ein liebliches Braun. O, darin kommt mir keine gleich. Die Miſſis ließ neulich Sally ver⸗ ſuchen, einen Kuchen zu backen, um es ihr zu lernen, wie ſie ſagte. O, gehen Sie weg, Miſſis, ſagte ich, es thut mir wirklich weh, gute Speiſen auf die Weiſe verderben zu ſehen. Der Kuchen iſt nur auf der einen Seite aufgegangen— er hat kein Schick und ſieht eher aus wie mein Schuh.— Gehen Sie weg!“ Und mit dieſem Ausbruche der Verachtung gegen die Unerfahrenheit Sally's nahm Tante Chloe den Deckel von der Kuchenform und ließ einen gut gebackenen Biscuitkuchen erblicken, deſſen ſich kein Stadtzuckerbäcker zu ſchämen gebraucht hätte. Dieſer war offenbar der Mittelpunkt des Schmauſes und Tante Chloe begann ſich jetzt geſchäftig den übrigen Theilen des Abendeſſens zuzuwenden. „Marſch da, Moſes und Peter, aus dem Wege, ihr Nigger! geh weg Polly, mein Honigkind! Die Mama wird ihrem Kindchen bald etwas geben. Nun, Mr. George, legen Sie die Bücher bei Seite und ſetzen Sie Sich zu meinem Alten, ich will die Bratwürſte vornehmen, und der erſte Roſt voll Maiskuchen ſoll im Handumdrehen auf den Tellern ſein.“. „Ich habe im Hauſe zu Abend eſſen ſollen,“ ſagte George,„aber ich wußte zu gut, was ſchmeckt, um das zu thun, Tante Chloe.“ „Das wußten Sie— das wußten Sie, Hynigkind,“ ſagte Tante Chlve, die jetzt die dampfenden Maiskuchen auf ſeinem Teller häufte.„Sie wußten, daß Ihr altes Tantchen das Beſte für Sie bereiten würde. O, das weiß Keiner ſo gut— gehen Sie weg!“ Und hiermit gab die Negerin George einen ſcherzhaften Stoß mit ihrem Finger in die Seite und wendete ſich geſchäftig wieder zu ihrem Roſte. „Nun an den Kuchen,“ ſagte Mr. George, ſobald ſich die Thätigkeit des Roſtdepartements einigermaßen gelegt hatte und hiermit ſchwang das Bürſch⸗ chen ein großes Meſſer über den erwähnten Artikel. „Gott behüte Sie, Mr. George!“ rief Tante Chloe, indem ſie ihm ſchnell den Arm zurückhielt.„Sie wollen ihn doch nicht mit dem großen ſchweren Meſſer ſchneiden? Sie würden Alles niederdrücken— den hübſchen Auflauf ganz verderben. Hier habe ich ein dünnes, altes Meſſer, das ich dazu immer ſcharf halte. Da ſehen Sie— es geht ſo leicht auseinander wie eine Feder. Eſſen Sie nur zu— Sie werden nicht leicht etwas Beſſeres finden.“ „Tom Lincon ſagt,“ ſprach George mit vollem Munde,„daß ſeine Jinny eine beſſere Köchin ſei als Du.“ „Die Lincon's ſind ganz und gar nichts Beſonderes,“ ſagte Tante Chloe verächtlich;„ich meine, wenn man ſie neben unſere Leute ſetzt; ſie ſind ganz rreſpektable Leute in einer gemeinen Weiſe, was aber die Eleganz betrifft, ſo haben ſie noch gar nicht angefangen, eine Idee davon zu erhalten. Wie kann man Mr. Lincon neben Mr. Shelby ſtellen! Guter Gott! und Miſſis Lincon! Kann ſie wohl in ein Zimmer rauſchen, wie meine Miſſis,— ſo großartig, wiſſen Sie!— O, gehen Sie weg, reden Sie mir nicht von den Lincon's“. Und Tante Chloe warf den Kopf auf als ſei ſie eine Perſon, die hoffent⸗ lich die Welt kennt. Onkel Tom's Hütte. 2 * 18 „Nun, ich habe Dich aber doch ſagen hören,“ meinte George,„daß Jinny eine ganz leidliche Köchin ſei.“— „Das habe ich auch geſagt,“ antwortete Tante Chloe;„ich kann das wohl ſagen. Eine gute, einfache und gemeine Küche kann Jinny führen. Sie macht gutes Brod— ihre Kartoffeln ſind gut gekocht— ihre Maiskuchen aber ſind nichts Ertraes, gar nichts Ertraes, das ſind Jinny's Kornkuchen gar nicht; aber ſie ſind recht hübſch. Du lieber Gott, wenn ſie an die höhere Kochkunſt kommt, was kann ſie aber da thun. Sie macht freilich Paſteten— ſie macht ſie aller⸗ dings, aber was für eine Rinde dazu. Kann ſie wohl den echten Blätterteig machen, der Einem im Munde zergeht und aufläuft wie eine Kugel? Ich bin einmal hinüber gegangen, als Miß Mary ſich verheirathete und Jinny zeigte mir die Hochzeitspaſteten. Sie wiſſen, Mr. George, daß Jinny und ich gute Freunde ſind. Ich ſagte nichts, aber gehen Sie weg, Mr. George, ich könnte eine Woche lang kein Auge zuthun, wenn ich ſolche Paſteten gemacht hätte. Ei, ſie waren gar nichts.“ George. „Jinny hat aber doch wohl gedacht, daß ſie ausgezeichnet gut ſeien,“ ſagte „Sie hat es gedacht! freilich hat ſie es! Sie hat ſie mir in aller Unſchuld gezeigt. Sehen Sie, die Sache iſt die, daß es Jinny nicht beſſer weiß. Gott, die Familie iſt gar nichts. Man kann es nicht von ihr erwarten. Es iſt nicht ihre Schuld. Ach, Mr. George, Sie wiſſen nicht halb, wie gut Sie es haben und wie gut Ihre Familie iſt.“ Hier ſeufzte Tante Chloe und blickte bewegt zum Himmel. „Wahrhaftig, Tante Chloe; ich kenne alle meine Paſteten⸗ und Pudding⸗ Vorzüge,“ ſagte George.„Frage nur Tom Lincon, ob ich mich nicht jedesmal, zug 6 1 gegen ihn darauf berufe.“ Tante Chloe lehnte ſich in ihren Stuhl zurück und gab ſich einem herz⸗ lichen Gelächter über dieſen Witz des jungen Maſter hin. Sie lachte, daß die Thränen über ihre ſchwarzen, glänzenden Wangen liefen und gab dieſer Leibes⸗ übung dadurch Abwechſelung, daß ſie Mr. George ſpaßhaft ſchlug und in die Seite ſtieß und ihm ſagte, daß er weggehen ſolle und daß er ein Böſewicht ſei— daß er ſie gewiß noch einmal umbringen würde, und ließ zwiſchen einer jeden von dieſen grauſigen Prophezeihungen ein Gelächter hören, welches mit jedem Male länger und heftiger wurde, ſo daß George wirklich zu denken begann, daß er ein ſehr gefährlich witziger Burſche ſei und daß es ihm gezieme nicht ſo ſcherz⸗ haft zu reden, als er könne. „Sie haben es alſo Tom geſagt? v Himmel, was die Jugend nicht thut! Sie haben ſich über Tom luſtig gemacht? o Gott! Mr. George, Sie könnten einen Hirſchkäfer zum Lachen bringen.“ „Ja,“ antwortete George.„Ich habe immer zu ihm geſagt, Tom, Du ſollteſt Tante Chloe's Paſteten ſehen, die ſind von der rechten Sorte.“ „Wie ſchade, daß es Tom nicht gekonnt hat,“ ſagte Tante Chloe, auf de⸗ ren menſchenfreundliches Herz die Idee der Unwiſſenheit Toms einen ſtarken Eindruck zu machen ſchien.„Sie ſollten ihn einmat hierher zum Eſſen ein⸗ laden, Mr. George,“ fügte ſie hinzu,„es würde ſehr hübſch von Ihnen ſein. Wiſſen Sie, Mr. George, Sie ſollten ſich wegen Ihrer Vorzüge über keinen An⸗ deren ſtellen, weil alle unſere Vorzüge uns von oben her gegeben ſind. Wir müſſen das ſtets im Sinne behalten,“ meinte Tante Chloe, indem ſie ein äußerſt frommes Geſicht machte. „Nun, ich gedenke Tom künftige Woche einmal hierher einzuladen,“ ſagte George.„Mache Deine Sache ſo hübſch Du kannſt, Tante Chloe, der ſoll ein⸗ — 19 mal die Augen aufreißen. Er ſoll ſo ſtark eſſen, daß er es in vierzehn Tagen nicht verdauen kann.“ 5 „Ja, ja, gewiß,“ ſagte Tante Chloe entzückt,„Sie werden ſchon ſehen. Gott, wenn man nur an unſere Diners denht Wiſſen Sie noch, die große Hühnerpaſtete, die ich machte, als wir dem General Knor das Diner gaben? Es war nahe daran, daß ich wegen der Rinde mit der Miſſis in Streit gerieth. Ich weiß nicht, was ſich die Damen mitunter in den Kopf ſetzen; aber manchmal, wenn man ſo zu ſagen die ſchwerſte Verantwortlichkeit auf ſich liegen hat, und ernſtlich beſchäftigt iſt, wählen ſie gerade die Zeit, um Einem im Wege umher⸗ zulaufen und ſich einzumiſchen! Bie Miſſis verlangte, daß ich Dies auf jene Weiſe und Jenes auf dieſe Weiſe thun ſolle, und endlich wurde ich böſe und ſagte:„Nun, Miſſis, ſehen Sie nur einmal Ihre ſchönen weißen Hände an, mit den langen Fingern und den funkelnden Ringen, wie meine weißen Lilien, wenn der Thau darauf liegt, und dann meine großen, ſchwarzen, dicken Hände. Nun, denken Sie nicht, daß der liebe Gott mich dazu geſchaffen haben muß, den Paſtetenteig zu machen, und Sie, um im Geſellſchaftszimmer zu bleiben. Ja, ſo unverſchämt war ich, Mr. George.“ „Und was ſagte meine Mutter?“ fragte George. „Was ſie ſagte? Ei, ſie lachte mit ihren Augen, mit ihren großen, hüb⸗ ſchen Augen und ſtie„Nun, Tante Chloe, ich denke, daß Du rechthaſt, ſagte ſie, und dann ging ſie in das Geſellſchaftszimmer. Sie hätte mir eines über den Kopf geben ſollen, weil ich ſo unverſchämt war, aber ſo iſt es. Ich kann in der Küche mit den Damen nichts anfangen.“ „Ja, das Diner haſt Du gut eingerichtet— ich weiß noch, daß Alle ſo ſagten,“ entgegnete George. „Nicht wahr? ich ſtand an jenem Tage hinter der Speiſezimmerthür und habe ich nicht geſehen, wie der General ſeinen Teller dreimal hinreichte, um ſich noch mehr von der Paſtete geben zu laſſen? Und er ſagte, Sie müſſen eine ganz ungewöhnlich gute Köchin haben, Mrs. Shelby! Gott! ich hätte mich todt lachen können.“ „Und der General weiß was Kochen heißt,“ fügte Tante Chloe hinzu, in⸗ dem ſie ſich ſtolz aufrichtete. Ein netter Mann, der General! Er ſtammt aus einer von den allererſten Familien in Altvirginien. Er weiß, was gut iſt, ſo gut wie ich. Ja, das weiß der General. Sehen Sie, Mr. George, es giebt in allen Paſteten Feinheiten, aber nicht Jeder weiß, was ſie ſind, oder ſein ſollten. Aber der General weiß es. Ich erkannte es an den Bemerkungen, die er machte. Ja, er weiß, worin die Feinheiten liegen.“ Jetzt war George an dem Punkte angelangt, auf welchen unter ungewöhn⸗ lichen Umſtänden ſelbſt ein Knabe kommen kann, wo er nämlich keinen Biſſen mehr eſſen konnte und daher Muße hatte, die Reihe von Wollköpfen und glän⸗ zenden Augen zu beobachten, welche ſeine Operationen hungrig aus der ent⸗ gegengeſetzten Ecke betrachteten. „Hier Moſes, hier Peter!“ ſagte er, indem er große Stücken abbrach und den Kindern zuwarf.„Nicht wahr, Ihr wollt auch etwas haben? Nun, Tante Chloe, backe ihnen doch auch einige Kuchen.“ Und George und Tom begaben ſich auf einen beguemen Sitz an der Kamin⸗ ecke, während Tante Chloe, nachdei ſie einen hübſchen Haufen von Kuchen ge⸗ backen hatte, ihr Kleinſtes auf den Schvoß nahm und abwechſelnd deſſen Mund und ihren eigenen zu füllen und Stücken an Moſes und Peter zu vertheilen be⸗ gann, welche Letzteren die ihren mit beſonderem Behagen zu verzehren ſchienen, 2 7 indem ſie ſich unter dem Tiſche auf dem Boden umherwälzten, einander kitzelten und von Zeit zu Zeit das Kleinſte an den Zehen zupften. „O geht mir weg,“ ſagte die Mutter, welche dann und wann ohne beſon⸗ ders zu zielen, mit dem Fuße unter den Tiſch ſtieß, wenn die Bewegung zu auf⸗ rühreriſch wurde; könnt ihr Euch nicht anſtändig betragen, wenn weiße Leute kommen, um Euch zu beſuchen. Wollt Ihr denn gar nicht aufhören? Paßt auf, ſa5 ich 6 nicht um ein Knopfloch tiefer zuknöpfe, wenn Mr. George fort ein wird.“ Es iſt ſchwer zu ſagen, welche Idee unter dieſer furchtbaren Drohung ver⸗ borgen lag, aber ſo viel iſt gewiß, daß ihre ſchaurige Undeutlichkeit auf die jungen Sünder, an die ſie gerichtet war, nur einen ſehr geringen Eindruck her⸗ vorzubringen ſchienen. „Du lieber Gott,“ ſagte Onkel Tom,„ſie ſind ſo voll Kitzel, daß ſie ſich nicht laſſen können.“ Hier krochen die Jungen mit ſyrupbedeckten Händen und Geſichtern unter dem Tiſche hervor und begannen das Schooßkind heftig zu küſſen. „Marſch fort,“ ſagte die Mutter, indem ſie ihre wolligen Köpfe hinweg⸗ ſchob,„Ihr werdet Alle zuſammenkleben und nicht wieder los kommen, wenn Ihr es auf die Weiſe thut. Geht an den Brunnen und waſcht Euch,“ ſagte dieſe, ihre Mahnung durch einen Schlag unterſtützend, welcher äußerſt gefährlich klang, der aber die Jungen nur zu um ſo lauterem Lachen brachte, als ſie eilig über einander hinweg aus der Thür ſtürzten, und ſobald ſie im Freien waren, in üͤberſtrömender Luſtigkeit zu kreiſchen anfingen. „Haben ſie je ſo ungezogene Jungen geſehen?“ ſagte Tante Chloe mit einiger Selbſtgefälligkeit, indem ſie ein altes für dergleichen Fälle beſtimmtes Handtuch zum Vorſchein brachte, aus der zerbrochenen Theekanne ein wenig Waſſer darauf ſchüttete und den Syrup von dem Geſicht des kleinen Mädchens abzureiben begann. Sobald ſie es glänzend abpolirt hatte, ſetzte ſie es auf Tom's Schooß, während ſie geſchäftig das Speiſegeſchirr hinwegräumte. Das Kind benutzte die Zwiſchenzeit dazu, um Tom an der Naſe zu zupfen, ſein Geſicht zu kratzen und die dicken Händchen in ſeinem Haar zu vergraben, welche letztere Operation demſelben beſonders Vergnügen zu machen ſchien. „Iſt ſie nicht eine vorwitzige Dirne?“ ſagte Tom, indem er ſie von ſich ab⸗ hielt, um ſie vollſtändig zu beſichtigen; und hierauf erhob er ſich, ſetzte ſie auf ſeine breite Schulter und begann mit ihr umherzuſpringen und zu tanzen, wäh⸗ rend Mr. George mit ſeinem Taſchentuch nach ihr ſchnippte und Moſes und Peter, welche jetzt ſarieett waren, hinter ihr her brüllten wie die Bären, bis endlich Tante Chloe behauptete, daß ſie ihr mit ihrem Lärm den Kopf ab⸗ riſſen. Da ihrer eignen Angabe zufolge dieſe chirurgiſche Operation in der Hütte täglich vorkam, verminderte die Behauptung die Luſtigkeit nicht im Geringſten, bis ſich Alle ruhig geſchrieen und geſprungen und getanzt hatten. „Ich will hoffen, daß Ihr jetzt endlich fertig ſeid,“ ſagte Chloe, welche mittlerweile einen einfachen Kaſten mit Bett e zue Moſes und Peter, legt Euch hinein, wir werden eine kleine Gemeinde hier aben. „O, Mutter, wir haben keine Luſt, wir möchten gern die Verſammlung mit anſehen; es iſt ſo kurios; wir haben es gern.“ „Nun, Tante Chloe, ſchiebe das Bett hinweg und laß ſie aufbleiben,“ ſagie Mr. George entſchieden, indem er der rohen Maſchine einen Stoß gab. 6 Tante Chloe, die auf dieſe Weiſe den Schein gerettet hatte, ſchien höch⸗ lichſt entzückt zu ſein, die Maſchine hinabſtoßen zu können und ſagte, indem ſie dies that: „Nun, vielleicht wird es ihnen etwas nutzen.“ Das Haus löſtte ſich jetzt in ein Comité ſämmtlicher Mitglieder auf, um die Anordnungen für den Abend zu überlegen. „Ich weiß wahrhaftig nicht, woher wir die Stühle nehmen ſollen,“ ſagte Tante Chlve; da die Verſammlung bei Onkel Tom ſeit unendlicher Zeit ſchon ohne weitere Stühle gehalten worden war, ſo ſchien einiger Grund zu der Hoff⸗ nung vorhanden zu ſein, daß ſich auch diesmal ein Ausweg finden würde. „Der alte Onkel Peter hat vergangene Woche beide Beine aus dem älteſten Stuhle dort geſungen,“ meinte Moſes. „Mach, daß Du fortkommſt, Du haſt ſie ſicher herausgezogen, es wird eine von Deinen Ungezogenheiten ſein,“ ſagte Tante Chloe. 2 t er wird ſchon ſtehen, wenn er an die Wand gelehnt wird,“ ſagte koſes. „Dann darf Onkel Peter nicht darauf ſitzen, denn er rückt beſtändig, wenn er zu ſingen anfängt. Neulichſt Abend hat er beinahe das ganze Zimmer durch⸗ rückt,“ ſagte Peter. „Dann ſollte er ſich gerade darauf ſetzen,“ ſagte Moſes,„und dann würde er anfangen:„Kommt, fromme Leut' und Sünder o, kommt und höret mich an,“ und dann würde er zu Boden purzeln!“ und Moſes ahmte die Naſentöne des alten Mannes nach und ließ ſich niederfallen, um die erwartete Kataſtrophe darzuſtellen. „Könnt Ihr nicht anſtändig ſein?“ ſagte Chloe, ſchämt Ihr Euch nicht?“ Mr. George ſtimmte jedoch in das Lachen des Miſſethäters ein und be⸗ Fauptete entſchieden, daß Moſes ein„Weltskerl“ ſei. Die mütterliche Ermah⸗ nung ſchien daher ihre Wirkung ſo ziemlich zu verfehlen. ſt Alter,“ ſagte Tante Chloe,„Du wirſt die Fäſſer herein bringen müſſen.“ „Die Fäſſer der Mutter ſind gerade wie die der Witwe, von der Mr. George 1eh im guten Buche laß— ſie gehen nie aus,“ ſagte Moſes bei Seite zu Peter. „Eines davon brach vergangene Woche zuſammen,“ antwortete Peter und ſie ſtürzten Alle mitten im Singen nieder;„nennſt Du das nicht ausgehen?“ Während dieſes bei Seite zwiſchen Moſes und Peter geſprochen wurde, waren zwei leere Fäſſer in die Hütte gerollt worden, und nachdem man ſie durch auf beiden Seiten untergeſtützte Steine vor dem Ausweichen bewahrt hatte, legte man Bre⸗ ter über ſie, durch welche Anordnung in Verbindung mit dem Umkehren einiger Zuber und Eimer und dem Aufſtellen der ſchwankenden Stühle endlich die Vor⸗ bereitungen vervollſtändigt wurden. „Mr. George iſt ein ſo guter Leſer, daß er ſicher bei uns bleiben wird, um uns vorzuleſen,“ ſagte Chloe.„Ich denke, daß es dadurch für uns um ſo intereſſanter werden wird.“ George willigte gern ein, denn die Knaben ſind ſtets zu Allem bereit, was ihnen Wichtigkeit ertheilt. Das Zimmer war bald mit einer bunten Verſammlung von dem alten grauköpfigen achtzigjährigen Patriarchen an bis zu den jungen funfzehnjährigen Mädchen und Burſchen gefüllt. Es erfolgte ein harmloſes Geplauder über ver⸗ ſchiedenartige Gegenſtände, wie z. B., wo die alte Tante Sally ihr neues, rothes Kopſtuch her habe, und wie die Miſſis beabſichtige, Lizzy das geſprenkelte Mouſſelinkleid zu geben, ſobald ſie ihre neue Garderobe erhalten haben würde, 22 und wie Mr. Shelby daran denke, ein neues braunes Füllen zu kaufen, welches die Herrlichkeiten des Gutes um eine neue vermehren werde. Einige von den Anweſenden gehörten benachbarten Familien, die ihnen die Erlaubniß, der Betſtunde beizuwohnen, ertheilt«hatten und brachten verſchiedenartige Nach⸗ richten über das Thun und Treiben ihrer Herrſchaften mit, welche als eben ſo gute Münze in Umlauf kamen, wie ähnliches Geſchwätz in hoheren Kreiſen. Nach einiger Zeit begann das Singen zur offenbaren Freude aller An⸗ weſenden. Selbſt die Nachtheile der näſelnden Intonation vermochten die Wir⸗ kung der ſchönen Naturſtimmen in den wilden und begeiſternden Melodien nicht ganz zu zerſtören. Die Worte waren zuweilen die der bekannten Hymnen, welche gewöhnlich in den benachbarten Kirchen geſungen wurden, zuweilen aber auch von einem wilderen, formloſeren Charakter von der Art, wie man ſie bei den Feldpredigten aufgeleſen hatte. Hierauf erfolgten Ermahnungen oder Erzählungen über gemachte Erfah⸗ rungen und endlich las Mr. George auf Anſuchen die letzten Kapitel der Offen⸗ barung Johannis, worin er oft von Ausrufen unterbrochen wurde. Während dieſe Scene in der Hütte des Dieners ſtattfand, gab es im Saale des Herrn eine ganz andere. Der Händler und Mr. Shelby ſaßen beiſammen in dem vorerwähnten Spei⸗ ſezimmer an einem mit Papieren und Schreibmaterial bedeckten Tiſch. Mr. Shelby beſchäftigte ſich mit dem Zählen einiger Banknotenpäckchen, die er, ſobald ſie gezählt waren, dem Händler hinüberſchob, worauf dieſer ſie ebenfalls durchſah. „Alles in Ordnung,“ ſagte der Händler,„und nun wollen wir dieſe hier unterzeichnen.“ Mr. Shelby zog haſtig die Verkaufsdokumente zu ſich und unterzeichnete ſie wie ein Mann, der ein unangenehmes Geſchäft gern ſo ſchnell als möglich ab⸗ fertigt und ſchob ſie darauf mit dem Gelde hinüber. Haley nahm aus einem viel⸗ benutzten Mantelſacke ein Pergament, welches er, nachdem er es einen Augenblick betrachtet, an Mr. Shelby übergab, der es mit einer Geberde unterdrückter Be⸗ gier empfing. „Nun, jetzt iſt die Sache abgemacht,“ ſagte der Händler, indem er aufſtand. „Sie iſt abgemacht!“ ſprach Mr. Shelby mit nachdenklichem Tone, ath⸗ mete tief auf und wiederholte:„ſie iſt abgemacht!“ „Es ſcheint mir, als ob Sie nicht beſonders froh darüber wären,“ ſagte der Händler. „Haley,“ antwortete Mr. Shelby,„ich hoffe, daß Sie ſich erinnern werden, daß Sie mir auf Ihre Ehre verſprochen haben, Tom nicht zu verkaufen, ohne daß Sie wiſſen, in welche Hände er übergeht.“ „Ei, Sie haben es ſveben ſelbſt gethan, Sir,“ ſagte der Händler. „Sie wiſſen recht gut, daß ich durch Umſtände gezwungen worden bin,“ antwortete Shelby hochfahrend. „Nun ſehen Sie, mich könnten die Umſtände ebenfalls zwingen,“ meint⸗ der Händler;„ich werde jedoch mein Beſtes thun, um Tom eine gute Stelle zu verſchaffen, und was das betrifft, daß ich ihn ſchlecht behandeln ſollte, ſo brauchen Sie nicht das Mindeſte zu fürchten. Wenn ich Gott für irgend etwas danke, ſo iſt es das, daß ich niemals grauſam geweſen bin.“ Nach der Darlegung, welche der Händler vorher von ſeinen humanen Gruntſätzen gegeben hatte, fühlte ſich Mr. Shelby von dieſer Erklärung keines⸗ wegs beſonders beruhigt, da ſie aber der beſte Troſt war, den die Sache ge⸗ 23 ſtattete, ſo ließ er den Händler in Frieden ſcheiden und zündete ſich eine einſame Cigarre an. 5. Welches die Gefühle lebenden Eigenthums beim Wechſel ſeiner Beſitzer ſind. Mr. und Mrs. Shelby hatten ſich in ihr Schlafgemach begeben. Er ſaß in einem weiten Lehnſtuhle und durchlas einige Briefe, die mit der Nachmittags⸗ poſt gekommen waren, und ſie ſtand vor ihrem Spiegel und löſte die Locken und Flechten auf, welche Eliza ihrer Herrin geordnet, denn ſie hatte ihre bleichen Wangen und ihre verſtörten Augen bemerkt, ſie für dieſen Abend ihres Dienſtes entlaſſen und zu Bett geſchickt. Die Beſchäftigung brachte ſie natürlich genug auf das Morgengeſpräch mit dem Mädchen und ſie wendete ſich zu ihrem Gatten und ſagte nachläſſigz „Apropos, Arthur, wer war der ungezogene Menſch, den Du heute mit zu Tiſche brachteſt?“ „Er heißt Haley,“ ſagte Shelby, indem er ſich etwas unbehaglich in ſei⸗ nem Stuhle umwendete, ohne aber ſeine Augen von dem Briefe zu erheben. „Haley! wer iſt er? und darf ich fragen, was ſein Geſchäft hier iſt?“ „Nun, er iſt ein Mann mit dem ich Geſchäfte gemacht habe, als ich das letzte Mal in Natchez war,“ ſagte Mr. Shelby. „Und er hat ſich darauf hin herausgenommen, ſich hier heimiſch zu machen, und Dich zu beſuchen, um bei Dir zu eſſen.“ „Ich habe ihn eingeladen. Ich hatte Rechnungen mit ihm abzumachen,“ ſagte Shelby. „Iſt er ein Sklavenhändler?“ fragte Mrs. Shelby, die eine gewiſſe Ver⸗ legenheit in dem Benehmen ihres Gatten entdeckte. die„Ei, Liebſte, wer hat Dir das in den Kopf geſetzt?“ fragte Shelby auf⸗ ickend. „Nichts— nur daß Eliza heute nach dem Eſſen in großer Verſtörtheit zu mir kam und weinend und ſchluchzend ſagte, daß Du mit einem Händler redeteft und daß ſie gehört habe, wie er Dir ein Gebot für den Knaben gethan hat— das lächerliche Gänschen.“. „Hat ſie das gethan?“ ſagte Mr. Shelby, wieder auf ſein Papier blickend und einige Momente eifrig darin zu leſen ſcheinend, ohne zu bemerken, daß er es verkehrt hielt. „Es muß herauskommen,“ ſagte er bei ſich,„und es iſt eben ſo gut, wenn es jetzt geſchieht, wie ſpäter.“ „Ich habe Eliza geſagt,“ fuhr Mrs. Shelby fort, ohne das Ordnen ihrer Haare zu unterbrechen,„daß ſie eine kleine Närrin ſei und daß Du nie mit der⸗ gleichen Perſonen etwas zu thun gehabt habeſt. Natürlich wußte ich, daß Du nie einen von unſern Stlaven zu verkaufen gedenkſt und am wenigſten an einen ſolchen Menſchen.“ „Nun, Emilie,“ antwortete ihr Gatte,„das habe ich ſtets gefühlt und ge⸗ ſagt, aber meine Geſchäfte befinden ſich in der Verfaſſung, daß ich es thun muß. Ich werde einige von meinen Leuten verkaufen müſſen.“ „An jenes Subjelt unmöglich, Mr. Shelby, Bu kannſt nicht im Ernſt ſprechen.“ „Es thut mir leid, ſagen zu müſſen, daß es der Fall iſt,“ erwiderte Mr⸗ Shelby,„ich habe eingewilligt, Tom zu verkaufen“ 24 „Wie, unſern Tom!— das gute, treue Geſchöpf!— das von Jugend auf Dein treuer Diener geweſen iſt, v Mr. Shelby— und Du haſt ihm ſeine Frei⸗ heit verſprochen— wir Beide haben ihm mehr als hundertmal davon geſagt. Nun, jetzt kann ich Alles glauben, jetzt kann ich glauben, daß Du im Stande wäreſt, den kleinen Harrh, das einzige Kind der armen Eliza zu verkaufen,“ ſagte Mrs. Shelby in einem Tone, der zwiſchen Schmerz und Entrüſtung die Mitte hielt.. „Nun, da Du doch Alles erfahren mußt— es iſt ſo— ich habe ein⸗ gewilligt, Tom und Harry zu verkaufen, und weiß nicht, weshalb ich geſcholten werden ſoll, als ob ich ein Ungeheuer wäre, weil ich das thue, was ein Jeder täglich thut.“ „Aber warum wählſt Du gerade dieſe?“ fragte Mrs. Shelby,„warum verkaufſt Du ſie vor allen Andern auf dem Gute, wenn Du überhaupt ver⸗ kaufen mußt?“ „Weil ſie von Allen die hochſte Summe einbringen— das iſt der Grund. Ich könnte eine andere Perſon wählen, wenn Du ſo ſagſt; der Menſch hat mir Wo Gebot auf Eliza gethan, wenn Du das beſſer nennſt,“ ſagte Mr. Shelby. „Der Böſewicht! rief Mrs. Shelby heftig. 3 „Nun;, ich habe auch keinen Augenblick darauf gehört— ich habe es aus Rückſicht auf Deine Gefühle nicht thun wollen. Geſtehe mir alſo ein Lob zu.“ „Vergieb mir Lieber,“ entgegnete Mrs. Shelby, die ſich jetzt wieder ge⸗ ſammelt hatte.„Ich bin übereilt geweſen, ich war überraſcht und volllonnn unvorbereitet, aber Du wirſt mir doch gewiß erlauben, mich für dieſe armen Geſchöpfe zu verwenden. Tom iſt ein herrlicher, treuer Burſche, wenn er auch ſchwarz iſt. Ich glaube, Mr. Shelby, daß er, wenn es nöthig wäre, ſein Leben für Dich hingeben würde.“ „Ich weiß es, ich glaube es wohl, aber was nützt das Alles? ich kann es nicht ändern.“ „Warum nicht ein Geldopfer bringen? Ich bin bereit, meinen Theil an den Unbequemlichkeiten zu tragen. O, Mr. Shelby, ich habe es verſucht, auf das getreuſte verſucht, wie es einem chriſtlichen Weibe geziemt— meine Pflicht gegen dieſe armen, einfältigen, abhängigen Geſchöpfe zu erfü ch habe mich um ſie gekümmert, ſie unterrichtet, über ihnen gewacht und ren alle ihre kleinen Sorgen und Freuden gekannt, und wie kann ich je wieder unter ihnen mein Auge aufſchlagen, wenn wir um eines kleinen erbärmlichen Ge⸗ winnes willen ein treues, vortreffliches, vertrauensvolles Geſchöpf wie den ar⸗ men Tom verkaufen und ihm in einem Augenblicke Alles, was wir ihm lieben und hochſchätzen gelehrt haben, entreißen. Ich habe den Leuten diePflichten der Familie, der Eltern und Kinder und Gatten und Ehefrauen gelehrt, und wie kann ich dieſes offene Anerkenntniß, daß wir im Vergleich mit dem Gelde auf kein Band, feine Pflicht, kein Verhältniß, wie heilig es auch ſein mag, Rück ſicht nehmen, ertragen? Ich habe mit Eliza über ihren Knaben geredet, ihr ihr Pflichten auseinander geſetzt, als eine chriſtliche Mutter über ihn zu wachen, fü ihn zu beten und ihn als Chriſten zu erziehen und was kann ich jetzt ſagen wenn Du ihn hinwegreißeſt und ihm mit Leib und Seele an einen profanen, grundſatzloſen Mann verkaufen willſt, nur um ein wenig Geldzu gewinnen? Ich habe ihr geſagt, daß eine Seele mehr werth iſt, als alles Geld auf Erden und wie ſvll ſie mir glauben, wenn ſie ſieht, wie wir hingehen und ihꝛ Kind verkau ſen— es vielleicht zu ſeinem ſichern Leibes⸗ und Seelenverderben verkaufen!“ „Es thut mir leid, daß Du ſo darüber fühlſt, Emilie, es thut mir wirllich 3 r 3 25 leid,“ ſagte Mr. Shelby,„und ich achte Deine Gefühle, wenn ich auch keinen Anſpruch darauf mache, ſie in ihrem vollen Umfange zu theilen. Aber ich ſage Dir jetzt feierlich, daß es nichts nutzt— ich kann mir ſelbſt nicht helfen; ich habe es Dir nicht ſagen wollen, Emilie, aber kurz und gut, ich habe keine Wahl zwi⸗ ſchen dem Verkauf dieſer Beiden und vem Verkauf des ganzen Gutes. Entweder müſſen Sie gehen oder alle Uebrigen. Haley iſt im Beſitz einer Hypothek ge⸗ langt und wenn ich ſie nicht ſofort an ihn abtrage, ſo wird er dafür Alles neh⸗ men; ich habe zuſammen geſcharrt und geborgt und beinahe gebettelt— und der Preis dieſer Beiden war nöthig, um die Summe voll zu machen, und ich mußte ſie abtreten. Haley fand Gefallen an dem Kinde; er willigt ein, die Sache auf dieſe Weiſe und auf keine andere in Ordnung zu bringen. Ich be⸗ fand mich in ſeiner Macht und mußte es thun. Wenn Du über ihren Verkauf ſolche Gefühle hegſt, wie würde es Dir gefallen, wenn ſie Alle verkauſt würden?“ Mrs. Shelby ſtand wie vom Schlage getroffen da, endlich wendete ſie ſich nc ihrem Toilettentiſche um, ſtützte ihr Geſicht in ihre Hände und ſtöhnte tief auf.— „Das iſt Gottes Fluch, der auf der Sklaverei laſtet!— es iſt eine bittere, bittere, mit tiefem Fluche beladene Sache, ein Fluch für den Herrn, wie für den Stlaven. Ich war eine Thörin, zu denken, daß ich aus einem ſo furchtharen Uebel etwas Gutes machen könne! es iſt eine Sünde, unter Geſetzen wie die unſern, einen Sklaven zu beſitzen. Ich habe ſtets gefühlt, daß es ſo ſei. Ich habe ſtets ſo gedacht, als ich noch ein Mädchen war— ich habe mich noch mehr überzeugt, nachdem ich mich verheirathet hatte, aber ich dachte, daß ich es über⸗ golden könne— ich glaubte durch Güte und Fürſorge und Unterricht die Lage der Meinen beſſer machen zu können, als die Freiheit— ich Thörin! „Ei Frau, Du wirſt ja eine wahre Abolitivniſtin!“ „Eine Abolitioniſtin! wenn die Abvlitioniſtinnen mit Allem bekannt wä⸗ ren, was ich von der Sklaverei weiß, ſo könnten ſie reden. Wir bedürfen ihrer nicht, um es uns zu ſagen. Du weißt, daß ich die Sklaverei nie für recht ge⸗ halten— nie danach begehrt habe, Sklaven zu beſitzen.“ „Nun, darin weichſt Du von vielen weiſen und frommen Männern ab,“ ſagte Mr. Shelby;„erinnerſt Du Dich noch an die Predigt, welche Mr. B. neulichſt Sonntag gehalten hat?“ „Ich will keine ſolche Predigt hören; ich wünſche dem Mr. B. nie wieder in unſerer Kirche zu ſehen. Die Geiſtlichen fönnen dem Uebel vielleicht nicht abhelfen— können es eben ſo wenig heilen wie wir;— aber es vertheidigen— es iſt mir ſtets wider meinen geſunden Menſchenverſtand gegangen, und ich denke eben ſo wenig, daß Du viel von jener Predigt gehalten haſt.“ „Nun,“ ſagte Shelby,„ich muß geſtehen, daß die Prediger die Dinge zu⸗ weilen weiter treiben, als wir armen Sünder es zu thun wagen würden. Wir Weltmänner müſſen die Augen über verſchiedene Dinge zumachen und uns an Manches gewöhnen, was nicht gerade ſein ſollte, und es behagt uns nicht, wenn Weiber und Geiſtliche gerade herausſprechen und in Dingen der Scham oder Moral weiter gehen als wir. So viel iſt gewiß. Nun aber, Liebſte, hoffe ich, daß Du die Nothwendigkeit der Sache erkennen wirſt und Du ſiehſt, daß ich das Beſte gethan habe, was die Umſtände geſtatten.“ „Jawohl, jawvohl!“ antwortete Mrs. Shelby haſtig und ſpielte zerſtreut mit ihrer goldneh Uhr.„Ich habe nicht beſonders viele Juwelen, aber,“ fügte ſie nachdenklich hinzu,„würde dieſe Uhr nicht Einiges thun? ſie hat viel Geld gekoſtet, als ſie gekauft wurde; wenn ich nur wenigſtens Eliza's Kind retten könnte, ſo würde ich Alles, was ich beſitze, vpfern.“ 26 „Es thut mir leid, ſehr leid, Emilie,“ ſagte Mr. Shelby,„es thut mir leid, daß ſich dieſer Gedanke Deiner ſo ſehr bemächtigt, aber es wird nichts nützen; ſiehſt Du Emilie, die Sache iſt geſchehen, der Verkaufskontrakt iſt be⸗ reits unterzeichnet und in Haley's Händen und Du mußt Gott danken, daß es nicht ſchlimmer ſteht. Der Mann hat es in ſeiner Macht gehabt, uns Alle zu ruiniren, aber jetzt iſt er uns vom Halſe; wenn Du den Mann ſo gut kennteſt wie ich, ſo würdeſt Du denken, daß wir nur mit genauer Noth entronnen ſind.“ „Iſt er denn ſo hart?“ „Nun, er iſt nicht gerade ein grauſamer Mann, aber ein Mann von Leder — ein Mann, der ſich um nichts kümmert, als um Vortheil und Gewinn— kalt und rückſichtslos und erbarmenslos wie der Tod und das Grab— erwürde ſeine eigene Mutter verkaufen, wenn er einen guten Preis dafür erhielte— ohne deshalb der alten Frau etwas Böſes zu wünſchen.“ „Und dieſer Elende iſt der Eigenthümer des guten, treuen Tom und des Kindes Eliza's?“ „Nun, Liebe, es kommt mir allerdings etwas ſchwer an; es iſt eine Sache, an die ich nicht gern denfe, Haley möchte die Sache beeilen und morgen Beſitz nehmen; ich werde mein Pferd in aller Frühe nehmen und mich aus dem Staube machen; ich kann Tom nicht ſehen; ſo viel iſt gewiß und Du würdeſt am beſten thun, irgend wohin zu fahren und Eliza mitzunehmen. Laß die Sache geſchehen, wenn iyr das Kind aus den Augen iſt.“ „Nein, nein,“ erwiderte Mrs. Shelby,„ich will in keiner Beziehung bei dieſer Grauſamkeit Hilfe oder Beiſtand leiſten; ich werde den armen alten Tom aufſuchen. Gott helfe ihm in ſeiner Noth. Sie ſollen auf alle Fälle ſehen, daß ihre Herrin für ſie und mit ihnen fühlen kann. Was Eliza betriſſt, ſo wage ich nicht an ſie zu denken, der Herr verzeihe uns! Was haben wir gethan, daß dieſe grauſame Nothwendigkeit bei uns eintreten ſollte.“ Bieſe⸗ Geſpräch wurde von einer Zuhörerin belauſcht, von welcher ſich Mr. und Mrs. Sheiby nichts ahnen ließen. Dicht neben ihrem Zimmer befand ſich ein großer Alkoven, der durch eine Thür mit dem äußern Gange in Verbindung ſland. Als Mrs. Shelby Eliza zu Bett geſchickt, hatte dieſer ihr fieberhaft aufgeregter Geiſt den Gedanken an dieſen Alkoven eingegeben und ſie hatte ſich dort verſteckt und mit dicht an eine Ritze der Thür gepreßtem Ohr kein Wort des Geſpräches verloren. Sobald die Stimmen verklangen, erhob ſie ſich und ſchlich vorſichtig hin⸗ weg. Mit ihrem bebenden Körper, ihren bleichen, ſtarren Zügen und zuſammen⸗ gepreßten Lippen ſah ſie wie ein ganz anderes Weſen aus, als das ſanfte, ſchüchterne Geſchöpf, welches ſie bisher geweſen war. Sie bewegte ſich vorſich⸗“ tig durch den Gang, blieb einen Augenblick an der Thür ihrer Herrin ſtehen, hob ihre Hand in ſtummem Gebet zum Himmel, wendete ſich darauf ab und glitt in ihr eignes Zimmer. Es war ein ſtilles Gemach in demſelben Geſchoß, wie das ihrer Herrin; hier war das angenehme, ſonnige Fenſter an dem ſie oft fingend bei ihrer Nätherei geſeſſen hatte; hier befand ſich ein kleines Bücher⸗ regal, auf dem verſchiedene Kleinigkeiten, die ſie an Weihnachtstagen zum Ge⸗ ſchenk erhalten hatte, aufgeſtellt waren; hier lag ihre einfache Garderohe in den Kommoden; kurz, hier war ihre Heimath, die im Ganzen genommen bisher für ſie eine glückliche geweſen war. Hier auf dem Bette lag aber ihr ſchlummernder Knabe, dem die kangen Locken nachläſſig über das ahnungsloſe Geſicht ſielen; ſein roſiger Mund war halb offen, ſeine kleinen dicken. Hände lagen auf der 1 Bettdecke und ein Lächeln breilete ſich gleich einem Sonnenſtrahl über ſein ganzes Antlitz. 27 „Armer Junge, armer Burſche!“ ſagte Eliza,„man hat Dich verkauft, aber Deine Mutter wird Dich noch retten.“ Keine Thräne fiel auf das Kiſſen. In ſolchen Nöthen hat das Herz keine Thränen zu geben; es vergießt nur Blut und verblutet ſich im Stillen. Sie nahm ein Stück Papier und einen Bleiſtift und ſchrieb haſtig. „O Miſſis— liebe Miſſis! halten Sie mich nicht für undankbar; denken Sie nicht ſchlimm von mir— ich habe Alles gehört, was Sie und der Herr heute Abend ſagten. Ich werde den Verſuch machen, meinen Knaben zu retten. Sie werden mich nicht tadeln. Gott ſegne und belohne Sie für alle Ihre Güte.“ Nachdem ſie dies haſtig zuſammengebrochen und adreſſirt hatte, ging ſie an eine Kommode und machte ein kleines Kleiderbündel, und die Fürſorge einer Mutter iſt ſo zärtlich, daß ſie ſelbſt in dem Schrecken dieſer Stunde nicht ver⸗ gaß, in das kleine Päckchen ein Paar von ſeinen Lieblingsſpielſachen zu legen, während ſie einen buntbemalten Papagey zurückbehielt, um ihn damit zu unter⸗ halten, wenn es nöthig geworden ſein würde, ihn zu wecken. Es koſtete einige Mühe, den kleinen Schläfer zum Erwachen zu bringen, aber nach einigen Anſtrengungen richtete er ſich auf und ſpielte mit ſeinem Papagey, während ſeine Mutter Hut und Shawk anlegte. „Wohin gehſt Du, Mutter?“ fragte er, als ſie ſich mit ſeinem Röckchen und Mützchen dem Bette näherte. Seine Mutter kam näher und blickte ſo eindringlich in ſeine Augen, daß er ſofort errieth, daß etwas Ungewöhnliches im Werke ſei. „Still, Harry,“ ſagte ſie,„Du darfſt nicht laut ſprechen, ſonſt hört man uns. Es iſt ein böſer Mann gekommen, um den kleinen Harry von ſeiner Mutter hinwegzunehmen und ihn im Finſtern fortzuſchaffen; aber die Mutter wird das nicht zulaſſen. Sie wird ihren rinen Knaben die Mütze aufſetzen und das Röckchen anziehen und mit ihm davonlaufen, damit ihn der häßliche Mann nicht fangen kann.“ Unter dieſen Worten hatte ſie die einfache Kleidung des Knaben befeſtigt und ſie nahm ihn auf ihren Arm, flüſterte ihm zu, daß er ſehr ſtill ſein möge, öffnete eine Thür ihres Zimmers, die auf die äußere Veranda hinausführte und, glitt geräuſchlos aus dem Hauſe. Es war eine funkelnde, froſtige, ſternenhelle Nacht und die Mutter ſchlug einen Shawl dicht um ihr Kind, als es von einem unbeſtimmten Entſetzen voll⸗ kommen ſtill gemacht an ihrem Halſe hing. Der alte Bruno, ein großer Neufvundländer, der amſnde des Vordachs ſchlief, erhob ſich mit einem leiſen Knurren, als ſie in ſeine Nähe kam. Sie rief leiſe ſeinen Namen und das Thier, ein alter Günſtling und Spielkamerad von ihr, wedelte mit dem Schweife und ſchickte ſich augenblicklich an, ihr zu folgen, wenn er auch in ſeinem einfachen Hundekopfe nicht begreifen zu können ſchien, was eine ſo indiscrete Nachtpromenade bedeuten moͤge. Einige undeutliche Ideen von Unklugheit oder Unanſtändigkeit der Maßregel ſchien ihn in bedeu⸗ tende Verlegenheit zu ſetzen, denn er blieb mehrmals ſtehen, während Eliza vor⸗ wärts glitt und blickte bald auf ſie, bald auf das Haus, worauf er wie durch weiteres Nachdenken wieder beruhigt, von Neuem hinter ihr hertrabte. Wenige Minuten brachten ſie an das Fenſter der Hütte Onkel Tom's und Eliza blieb hier ſtehen und klopfte leiſe an das Fenſter. Die Betſtunde bei Onkel Tom war durch das Hymnenſingen bis zu einer ſehr ſpäten Zeit hinausgezogen worden, und da Onkel Tom darauf noch einige —————— 28 jetzt zwiſchen zwölf und ein Uhr noch nicht ſchliefen. „Guter Gott, was iſt das?“ ſagte Tante Chloe, indem ſie aufſprang und haſtig den Vorhang hinwegzog.„So wahr ich lebe, es iſt Liz Ziehe ſchnell Deinen Rock an, Alter; da iſt auch der alte Bruno und ſheree an der Shzfi Was in aller Welt hat das zu bedeuten? Ich werde ſogleich die Thür öffnen.“ 3 Und ſie begleitete die Worte mit der That, die Thür ſlog auf und der Schein, des in der Eile von Tom angezündeten Talglichtes fiel auf das verſtörte Geſicht und die dunkeln wilden Augen des Flüchtlings⸗ „Gott behüte uns! man erſchrickt, wenn man Dich anſieht. Biſt Du krank oder was iſt Dir widerfahren?“„ „Ich laufe davon Onkel Tom und Tante Chloe. Ich ſchaffe mein Kind fort, der Herr hat es verkauft.“ 14 „Es verkauft!“ wiederholten Beide, indem ſie entſetzt ihre Hände erhoben. „Ja, es verkauft,“ antwortete Eliza feſt,„und ich habe mich heute Abend in den Alkoven an der Thür der Herrin geſchlichen und gehört, wie der Herr der Herrin ſagte, daß er meinen Harry und Dich, Onkel Tom, an einen Händler verkauft habe; und daß er morgen früh davon reiten und daß der Mann im Laufe des Tages Beſitz nehmen werde.“ Tom hatte während dieſer Worte mit erhobenen Händen und weit offenen Augen wie ein Träumender dageſtanden; langſam und allmälig ſank er, als ihm der Sinn klar wurde, auf ſeinen alten Stuhl und ließ opf auf ſeine nie fallen. „Gott ſei uns gnädig!“ rief Tante Chloe,„o, es ſcheint gar nicht, als vp es wahr wäre. Was hat er gethan, daß der Herr ihn verkauft?“ lange Soli hatte hören laſſen, war die Folge die, daß er und ſeine wackere Frau 8* „Er hat nichts gethan, es iſt deshalb nicht, der Herr möchte ihn nicht ver⸗ kaufen und die Frau— ſie iſt immer gut; ich habe ſie für uns bitten und ſtehen hören, aber er ſagte ihr, daß es nichts nütze, daß er in der Schuld des Mannes ſei, und daß der Mann die Macht über ihn habe, und wenn er ihn nicht rein bezahle, ſo würde er endlich das Gut und die ganzen Leute verkaufen und hinwegziehen müſſen. Ja, ich habe ihn ſagen hören, daß er keine Wahl zwiſchen dem Verkauf dieſer Beiden und dem Verfauf Aller habe. Der Mann treibe ihn zu ſtark, ſagt der Herrz er ſagt, es thue ihm leid, aber ach, die Herrin! — Ihr hättet ſie ſprechen hören ſollen; wenn ſie nicht eine Chriſtin und ein Engel iſt, ſo hat es nie einen gegeben. Ich bin ein gottloſes Mädchen, daß ich ſie ſo verlaſſe, aber ich kann nicht anders. Sie hat ſelbſt geſagt, daß eine Seele mehr werth ſei, als die ganze Welt und der Knabe hat eine Seele und wer weiß, was daraus wird, wenn ich ihn fortſchaffen laſſe. Es muß recht ſein, aber wenn es nicht recht iſt ſo möge mir der Herr verzeihen, denn ich kann mich nicht enthalten es zu thun.“ 8 „Nun, Alter,“ ſagte Tante Chloe,„warum gehſt Du nicht auch? Willſt Du warten bis Du den Fluß hinab geſchleppt wirſt, wo man die Neger mit ſchwerer Arbeit und Hunger umbringt? Ich würde jeden Tag lieber ſterben, als — dorthin gehen. Du haſt noch Zeit, mache Dich mit Lizzy auf und davon. Du haſt einen Paß, um nach Belieben zu kommen und zu gehen. Mache Dich fer⸗ tig, ich will Deine Sachen einpacken.“ Tom erhob langſam ſeinen Kopf, ſah ſich trübe aber ruhig um und ſagte: „Nein, nein, ich gehe nicht; Eliza mag gehen, ſie hat das Recht dazu; ich würde nicht Nein dazu ſagen, es iſt wider ihre Natur, hier zu bleiben, aber Du haſt gehört, was ſie geſagt hat. Wenn entweder ich verkauft werden muß vder 20 alle Uebrigen auf dem Gute, und wenn ſonſt Alles verloren geht, nun ſo will ich mich verkaufen laſſen. Ich werde es wohl ſo gut ertragen können, wie die Uebrigen,“ fügte er hinzu, während etwas, einem Schluchzen ähnliches krampf⸗ haft ſeine breike, rauhe Bruſt erſchütterte.„Der Herr hat mich ſtets auf mei⸗ nem Poſten gefunden— er wird es ſtets thun! Ich habe ſein Vertrauen nie getaͤuſcht und meinen Paß nie wider mein Wort angewendet, und werde es auch nicht thun. Es iſt beſſer, wenn ich allein gehe, als wenn das Gut und Alles was darauf iſt, verkauft werden muß. Der Herr iſt nicht zu tadeln, Chloe, und er wird für Dich ſorgen und für die armen—“ Hier wendete er ſich nach dem Bettkaſten voll kleiner Wollköpfe um und ſeine Stimme erſtickte; er lehnte ſich über den Rücken und bedeckte ſein Geſicht mit ſeinen großen Händen. Schweres, dumpfes, lautes Schluchzen erſchütterten ihn und große Thränen quollen zwiſchen ſeinen Fingern hindurch auf den Fuß⸗ boden— ſolche Thränen, wie ſie in den Sarg fallen, wo Ihr erſtgeborner Sohn lag, gerade ſolche Thränen, Dame, wie Sie ſie vergoſſen, als Sie das Röcheln Ihres ſterbenden Säuglings hörten— denn, Herr, er war ein Mann, und Sie ſind auch nicht mehr als ein ſolcher, und Dame, wenn Sie auch in Seide und Juwelen gekleidet ſind, ſo ſind Sie doch nur ein Weib und in den großen Nöthen und Sorgen des Lebens fühlen wir Alle nur Einen Schmerz. „Aber nun,“ ſagte Eliza unter der Thür,„ich habe meinen Mann erſt heute Nachmittag noch geſehen und ahnte damals nicht, was kommen würde; man hat ihn bis auf's Aeußerſte getrieben und er hat mir heute geſagt, daß er entlaufen würde. Verſucht es, ihm wiſſen zu laſſen, wenn Ihr könnt, ſagt ihm, wie ich gegangen bin und weshalb ich gegangen bin, und ſagt ihm, daß ich Canada zu finden ſuchen werde. Ihr müßt ihm meine beſten Wünſche mit⸗ theilen und ihm ſagen, wenn ich ihn nicht wiederſehen ſollte,“— ſie wendete ſich ab und kehrte ihnen einen Augenblick den Rücken zu, und fügte dann mit erſtickter Stimme hinzu:„ſagt ihm, daß er ſo gut ſein ſoll, als er kann, damit er mich wo möglich im Himmelreich trifft.“ „Ruft Bruno herein,“ fügte ſie hinzu,„ſchließt das arme Thier ein, es darf nicht mit mir gehen.“ Noch einige letzte Worte und Thränen, noch einige einfache Segenswünſche und ſie faßte ihr verwundertes und erſchrecktes Kind in ihre Arme und eilte geräuſchlos hinweg. 6. Die Entdeckung. WMr. und Mrs. Shelby verſanken nach ihrer langen Discuſſivn nicht ſo⸗ gleic in Schlummer und ſchliefen in Folge davon am nächſten Morgen etwas änger als gewöhnlich. „Ich möchte wiſſen, wo Eliza ſteckt,“ ſagte Mrs. Shelby, nachdem ſie wiederholt aber ohne Wirkung geklingelt hatte. Mr. Shelby ſtand vor ſeinem Toiletteſpiegel und ſchärfte ſein Raſirmeſſer, und in dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür und ein farbiger Knabe trat mit ſeinem Raſirwaſſer ein. „Andy,“ ſagte ſeine Herrin,„geh einmal an Eliza's Thür und ſage ihr, daß ich dreimal nach ihr geklingelt habe. Das arme Ding,“ fügte ſie mit einem tiefen Seufzer hinzu. F Andy kehrte bald mit vor Erſtaunen weit offenen Augen zurück. „Gott, Miſſis, Lüzy's Schubkäſten ſind alle offen und ihre Sachen liegen überall umher, und ich glaube, daß ſie ſo eben ausgeräumt hat.“ 30 Die blitzte Mr. Shelby und ſeiner Gattin im gleichen Augenblick auf. Er rief; „Dann hat ſie es vermuthet und ſich davon gemacht.“ „Gvott ſei Dank,“ ſagte Mrs. Shelby,„ich hoffe, daß Sie es gethan hat.“ „Frau, Du ſprichſt wie eine Thörin, es wird wirklich ſehr unangenehm für mich ſein, wenn ſie es gethan hat. Haley ſah, daß ich Anſtand nahm, dieſes Kind zu verkauſen, und er wird denken, daß ich dabei durch die Finger geſehen habe, um es wegzuſchaffen. Es geht meine Ehre an!“ und Mr. Shelby verließ haſtig das Zimmer. Etwa eine Viertelſtunde lang wurde viel gelaufen und geſchrien, die Thüren geöffnet und geſchloſſen und Köpfe in allen Farbenſchattirungen zeigten ſich an allen verſchiedenen Orten des Hauſes; nur eine Perſon, die einiges Licht auf die Sache hätte werfen können, ſchwieg völlig, und dies war die Oberköchin Tante Chloe. Stumm und mit einer ſchweren Wolke auf ihrem einſt ſo freudigen Geſicht ging ſie an die Brreitung ihres Frühſtückszwieback, als ob ſie von der ſie umgebenden Aufregung nichts höre noch ſähe. In Kurzem ſaßen etwa ein Dutzend junge Kobolde wie Krähen auf dem Verandageländer, denn ein Jeder wollte der Erſte ſein, welcher den fremden Maſter von ſeinem Unglücke benachrichtigte. „Er wird toll ſein!“ ſagte Andy. „Wie er fluchen wird!“ rief der kleine ſchwarze Jake. „Ja, er verſteht das Fluchen,“ ſagte die wollkoͤpfige Mandy,„ich habe ihn eſtern bei Tiſche gehört. Ich hoͤrte die ganze Geſchichte, denn ich war in den Prrſchlaz geſchlichen, wo die Miſſis die großen Krüge aufbewahrt, und ich hörte jedes Wort.“ Und Mandy, welche in ihrem Leben noch eben ſo wenig wie eine ſchwarze Katze an die Bedeutung eines von ihr gehörten Wortes gedacht hatte, nahm jetzt eine Miene hoher Weisheit an und ſtolzirte umher, vergaß aber zu berichten, daß ſie, wenn ſie auch wirklich zur angegebenen Zeit unter den Krügen geſeſſen hatte, doch während derſelben im feſten Schlafe geweſen war. Als endlich Haley geſtiefelt und geſpornt erſchien, wurde er von allen Seiten mit der ſchlimmen Nachricht begrüßt. Die jungen Kobolde unter der Veranda tauſchten ſich in ihrer Hoffnung ihn fluchen zu hören nicht, denn er that es mit einer Geläufigkeit und Inbrunſt, welche ſie Alle erſtaunlich erfreute und ſie duckten ſich und wichen bald hierin bald dorthin aus, um dem Bereich ſeiner Reitpeitſche zu entrinnen und wälzten ſich ſchreiend und jauchzend und mit un⸗ auslöſchlichem Kichern auf dem welken Raſen unter der Veranda umher, bis ſie von ſelbſt müde wurden. 3„Wenn ich nur die kleinen Teufel hätte!“ murmelte Haley zwiſchen ſeinen nen. „Aber Sie haben ſie nicht,“ ſagte Andy mit einer triumphirenden Hand⸗ bewegung und zog eine Reihe von unbeſchreiblichen Grimmaſſen gegen den Rücken des unglückſeligen Händlers, ſobald dieſer außer Hörweite gekommen war. „Hören Sie, Shelby, das iſt eine merkwürdige Geſchichte!“ ſagte Haleh, als er unangemeldet in das Zimmer trat;„es ſcheint, daß das Mädchen ſich mit ihrem Kleinen fortgemacht hat.“ „Mr. Haley, Mrs. Shelby iſt zugegen!“ ſagte Mr. Shelby. „Ich bitte um Verzeihung, Madam,“ ſagte Haley ſich mit immer no gerunzelter Stirn leicht verbengend,„aber ich ſage dennoch, wie ich es ſcho gethan habe, daß dies ein ſonderbares Gerücht iſt. Iſt es wahr Sir?“ Sir, ſagte Mr. Shelby,„wenn Sie mir etwas mitzutheilen wünſchen, ſo müſſen Sie etwas von dem Anſtand eines Gentleman beobachten. Andy, 34 nimm Mr. Haley den Hut und die Reitpeitſche ab. Setzen Sie Sich nieder Sir. Ja Sir, zu meinem Bedauern hat das junge Frauenzimmer etwas von dieſer Sache belauſcht oder ſonſt erfahren und in der Racht ihr Kind genommen und ſich entfernt.“ „Ich habe in dieſer Sache ein ehrliches Spiel erwartet, Sir,“ ſagte Mr. Haley,„das muß ich geſtehen.“ „Nun Sir,“ ſagte Mr. Shelby, indem er ſich ſcharf gegen ihn umwendete, „was ſoll ich unter dieſer Bemerkung verſtehen? Wenn irgend Jemand meine Ehre in Zweifel zieht, ſo habe ich für ihn nur eine einzige Antwort.“ Der Händler wurde hierdurch einigermaßen in ſeine Schranken zurückge⸗ wieſen und ſagte in einem etwas herabgeſtimmten Tone, daß es für einen Men⸗ ſchen, der einen ehrlichen Handel geſchloſſen habe, verwünſcht ſchlimm ſei, auf dieſe Weiſe an der Naſe umhergeführt zu werden. „Mr. Haley,“ ſagte Mr. Shelby,„wenn ich nicht dächte, daß Sie einigen Grund zum Unmuth hätten, ſo würde ich die unhöſliche und unceremoniöſe Weiſe Ihres Eindringens in mein Zimmer nicht von Ihnen ertragen haben; ich ſage jedoch, da der Schein es nöthig macht, nur ſo viel, daß ich keine In⸗ ſinuationen, als ob ich bei irgend einer Unehrlichkeit in dieſer Sache betheiligt ſei, auf mich werfen laſſen werde. Ueberdies fühle ich mich verpflichtet Ihnen jeden möglichen Beiſtand in Bezug auf Pferde, Diener u. ſ. w. zu leiſten, um Ihnen Ihr Eigenthum wieder zu verſchaffen. Kurz, Haley,“ fügte er plötzlich von dem Tone würdevoller Kälte zu ſeiner gewöhnlichen ungezwungenen Offen⸗ heit herabſenkend,„es wird für Sie alſo das Beſte ſein, Ihre gute Laune zu bewahren und bei uns zu frühſtücken und dann werden wir ſehen, was ſich wei⸗ ter thun läßt.“ Mrs. Shelby erhob ſich jetzt und ſagte, daß ihre Geſchäfte ſie verhinderten an dem Frühſtückstiſche den Vorſitz zu führen, gab einer ſehr anſtändig aus⸗ ſehenden Mulattin den Auftrag, den Kaffee der Herren zu beſorgen und verließ das Zimmer,. „Die alte Dame ſcheint Ihren gehorſamen Diener nicht beſonders leiden zu können,“ ſagte Haley mit einem unbehaglichen Verſuche ſich vertraulich zu zeigen. „Ich bin nicht gewohnt von meiner Frau mit ſolcher Freiheit ſprechen zu hören,“ erwiderte Mr. Shelby trocken. „Ich bitte um Verzeihung, natürlich war es nur ein Scherz,“ bemerkte Haley mit erzwungenem Lachen. „Manche Scherze ſind weniger angenehm, als andere,“ entgegnete Shelby. „Verwünſcht! er trägt die Raſe verteufelt hoch ſeit ich jene Papiere unter⸗ zeichnet habe,“ murmelte Haley vor ſich hin.„Seit geſtern iſt er ganz groß⸗ artig geworden.“ er Fall eines Premierminiſters kann keine größere Senſation erregen, als der Vericht von Tom's Schickſal unter ſeinen Dienſtgenoſſen. Er war aller⸗ wärts der Gegenſtand der Geſpräche und im Hauſe wie im Felde wurde jetzt nichts gethan, als die wahrſcheinlichen Folgen davon beſprochen. Eliza's Flucht, auf dem Gute ein beiſpielloſes Ereigniß, trug ebenfalls viel dazu bei, die all⸗ gemeine Aufregung zu erhöhen. Der ſchwarze Sam, wie er gewöhnlich genannt wurde, weil er um gegen drei Schattirungen ſchwärzer war als irgend ein anderer Nigger auf dem Gute, überlegte die Sache in allen ihren Punkten und Erſcheinungen mit einer Schärfe des Blickes und einer Rückſicht auf ſeine perſöntiche Wohlfart, die jeden weißen Patrioten in Walhington Ehre gemacht haben würde. ——— 32 „Das iſt ein ſchlechter Wind, der nirgend her weht. So viel iſt gewiß,“ ſagte Sam weiſe, indem er ſeine Beinkleider heraufzog und geſchickt einen langen Nagel an die Stelle eines fehlenden Knopfes einſetzte, eine Anſtrengung ſeines mechaniſchen Genies, über welche er höchſt entzückt zu ſein ſchien. „Ja, das muß ein ſchlechter Wind ſein, der nirgend woher weht,“ wieder⸗ holte er;„jetzt iſt Tom nieder. Nun natürlich wird Platz für einen andern Neger um heraufzukommen— und warum nicht ich!— daß iſt meine Idee. Tom iſt mit geputzten Stiefeln und einem Paß in ſeiner Taſche im Lande umher geritten wie ein großer Mann; warum ſollte es nicht Sam auch thun? Das iſt es, was ich wiſſen möchte.“ „Hollah, Sam— v Sam— der Herr ruft! Du ſollſt Bill und Jerry fan⸗ gen!“ ſagte Andy, der hiermit Sam's Monolog kurz abſchnitt. „Ei, was gibt es Junge!“ „Nun, Du ſcheinſt nicht zu wiſſen, daß ſich Lizzy davon gemacht hat und mit ihrem Jungen verſchwunden iſt.“ „Will das Ei klüger ſein, als die Henne?“ ſagte Sam mit unendlicher Verachtung;„ich habe es weit früher gewußt als Du. So dumm bin ich nicht, um es nicht zu wiſſen.“ „Nun auf alle Fälle verlangt der Herr, daß Bill und Jerry ſo ſchnell als möglich aufgetrieben werden ſollen und Du und ich ſollen mit Mr. Haley gehen um nach ihr zu ſehen.“ „Gut, das iſt recht,“ ſagte Sam;„bei jetziger Zeit wird Sam gerufen; er iſt der Rechte. Ich will ſehen, ob ich ſie nicht fange. Der Maſter wird ſehen, was Sam thun kann.“ „O Sam,“ ſagte Andy, überlege es Dir erſt, denn die Miſſis wünſcht nicht. daß ſie gefangen wird, und ſie wird Dir in die Wolle fahren.“ „Was!“ rief Sam, indem er ſeine Augen weit aufriß,„woher weißt Du das?“ „Ich habe ſie heute früh ſelbſt ſo ſagen hören, als ich dem Maſter das Ra⸗ ſierwaſſer hereinbrachte. Sie ſchickte mich in Lizzy's Zimmer um nachzuſehen, pepi ſie nicht komme um ſie anzuziehen und als ich ihr ſagte, daß ſie fort ſei, ſtand ſie auf und ſagte: Gott ſei Dank, und der Maſter ſah aus, wie toll und ſagte: Frau, Du redeſt wie eine Närrin! Aber Du lieber Gott, ſie wird ihn ſchon noch herumbringen. Ich weiß recht gut, wie es ſein wird. Es iſt immer am beſten auf derſelben Seite der Fenz zu ſtehen, wie die Herrin, das kann ich Dir ſagen.“ Der ſchwarze Sam kratzte ſich hierauf in ſeinem Wollkopfe, welcher, wenn auch keine ſehr tiefe Weisheit, doch ein gutes Theil von einer beſondern Art enthielt, welche unter Politikern in der Farbe jedes Landes in großer Nachfrage ſteht und gemeiniglich mit dem Ausdrucke:„wiſſen auf welcher Seite das Brod mit Butter geſtrichen iſt,“ bezeichnet wird. Er blieb daher in ernſthafter Ueber⸗ legung ſtehen und gab ſeinen Beinkleidern einen abermaligen Ruck, was ſeine gewöhnliche Methode war, um ſeinen geiſtigen Verlegenheiten abzuhelfen. „Es läßt ſich in dieſer Welt nichts feſt behaupten!“ ſagte er endlich. Sam ſprach wie ein Philoſoph und legte den Nachdruck ob er eine große Erfahrung in verſchiedenen Arten von Welten beſitze, und d her mit gutem Grunde auf ſeinen Schluß gekommen ſei. „Ich hätte jedenfalls geſagt, daß die Miſſis die ganze Welt durchſüht haben würde, um Lizzy zu finden,“ fügte Sam nachdenküch hinzu. „Das würde ſie auch,“ antwortete Andy;„kannſt Du aber nicht durch * — dieſer— als 33 eine Leiter ſehen, Du ſchwarzer Neger. Die Miſſis will nicht, daß jener Maſter Haley Lizzy's Jungen erhält. Das iſt die Sache.“ „Hei,“ ſagte Sam mit einer unbeſchreiblichen Betonung, welche nur Die⸗ jenigen kennen, welche ſie unter den Negern gehört haben. „Und ich will Dir noch mehr ſagen,“ fuhr Andy fort,„Du wirſt wohl am beſten thun, dich auf den Weg nach den Pferden zu machen— und zwar in aller Eile— denn ich habe die Miſſis nach Dir fragen hören— Du haſt hier lange genug geſtanden und gefaullenzt.“ Jetzt begann Sam ſich ernſtlich zu rühren und nach kurzer Zeit erſchien er mit Bill und Jerry wieder, die er im vollen Galopp auf das Haus zu gehen ließ, warf ſich geſchickt aus dem Sattel ehe ſie an das Stehenbleiben dachten, und brachte ſie auf dieſe Weiſe wie ein Wirbelwind an den Pferdepfoſten. Haley's feuriges junges Thier zuckte und ſchlug aus und zog ſtark an ſei⸗ nem Zügel. „hho⸗ meinte Sam,„biſt Du ſcheu?“ Aber um ſein ſchwarzes Geſicht flog ein eigenthümlicher neckiſcher Ausdruck,„für Dich werde ich ſorgen!“ Vor dem Hauſe ſtand eine große ſchattige Buche Und die ſcharfen dreieckigen Bucheckern lagen dick über dem Boden verſtreut. Mit einer von dieſen zwiſchen ſeinen Fingern näherte ſich Sam dem Pferde, ſtreichelte und klopfte es und ſchien ſeine Aufregung beſchwichtigen zu wollen. Unter dem Vorwande, den Sattel in Ordnung zu bringen, ließ er geſchickt die ſcharfe kleine Frucht auf eine ſolche Weiſe daruntergleiten, daß die geringſte auf dem Sattel gebrachte Laſt das empfindliche Thier unruhig machen mußte, ohne irgend eine bemerkbare Schramme oder Wunde zu hinterlaſſen. „Da!“ er, indem er ſeine Augen mit einem ſelbſtgefälligen Grinſen im Kopfe umherrollen ließ,„jetzt iſt vorgeſorgt.“ In dieſem Augenblicke erſchien Mrs. Shelby auf dem Balkon und winkte ihm herbei. Sam näherte ſich ihr mit dem echt höflingsmäßigen Entſchluſſe, Alles zu thun, was ſie befehlen oder wünſchen möchte. „Weshalb haſt Du ſo lange gezaudert, Sam? Ich habe Andy zu Dir ge⸗ ſchickt um Dir Eile anzuempfehlen.“ „Gott behüte Sie, Miſſis,“ antwortete Sam;„man kann die Pferde nicht in einer Minute fangen. Sie waren auf der Südweide und Gott weiß wie weit vom Hauſe.“ „Sam, wie oft muß ich Dir verbieten zu ſagen: Gott behüte Sie! und Gott weiß! und ſo weiter— es iſt ſündhaft.“ „O Gott behüte mich! ich hatte es ganz vergeſſen, Miſſis! ich werde es nicht mehr ſagen.“ „Ei Sam, Du haſt es ſo eben erſt wieder geſagt.“ „Wirklich? Weiß Gott! ich meine— ich habe es nicht ſagen wollen.“ „Du mußt vorſichtig ſein, Sam.“ „Laſſen Sie mich nur zu Athem kommen, Miſſis, und ich werde ſchon folgen Ich werde ſehr vorſichtig ſein.“ „Nun Sam, Du ſpliſt mit Mr. Haleh gehen, um ihm den Weg zu zeigen und ihn Beiſtand zu leiſten; ſei vorſichtig mit den Pferden, Sam, Du weißt, daß Jerry vergangene Woche etwas lahm war. Reite fie nichtzu ſchnell.“ Die letzteren Worte ſprach Mrs. Shelby mit leiſer Stimme und bedeu⸗ tendem Nachdruck. „Ueberlaſſen Sie das nur mr!“ entgegnete Sam, indem er ſeine Augen bedeutungsvoll erhob; weiß Gott! hei! ich habe es nicht ſagen wollen!“ riefer 3 plötzlich den Athem anhaltend, mit einem komiſchen Ausdruck der Beſorgniß, Onkel Tom's Hütte. 3. 34 welcher ſeine Herrin zum unwillkürlichen Lachen brachte.„Ja, Miſſis, ich werde die Pferde in Acht nehmen.“ „Nun Andy,“ ſagte Sam, nachdem er unter die Buche zuruͤckgekehrt war; „ſiehſt Du, ich würde mich ganz und gar nicht wundern, wenn der Gaul des fremden Herrn ausſchlüge, ſobald es an's Aufſitzen geht. Du weißt, Andy, daß die Pi mitunter dergleichen Dinge thun,“ und hiermit ſtieß Sam Andy in die Seite. „Hei!“ rief Andy mit einer Miene augenblicklichen Verſtändniſſes. „Ja, ſiehſt Du, Andy, die Miſſis möchte Zeit gewinnen— das iſt für den ce Beobachter klar. Ich will ihr ein wenig dazu helfen. Nun ſichſt u, binde die Pferde hier los und laß ſie hier auf dem Platze bis an das Gehölz hinab umherſpringen und dann denke ich, daß der Maſter nicht ſo ſchnell fort⸗ kommen wird.“ Andy grinſte. „Siehſt Du,“ fuhr Sam fort,„ſiehſt Du Andy, wenn es ſich zutragen ſollte, daß Maſter Haley's Pferd unruhig würde, und ſich nicht halten ließe, ſo müſſen wir die unſern verlaſſen um ihm zu helfen und wir wollen ihm helfen— jawohl!“ und Sam und Andy warfen ihre Köpfe auf die Schultern zurück und brachen in ein leiſes, aber anhaltendes Gelächter aus, indem ſie mit den Fingern ſchnippten und die Hacken im höchſten Entzücken aufwarfen. In dieſem Augenblicke erſchien Haley unter der Veranda. Durch einige Taſſen ſehr guten Kaffee's einigermaßen beſänftigt, kam er lächelnd und in leid⸗ licher Laune heraus. Sam und Andy griffen an einige Palmblattruinen, die ſie als Hüte zu betrachten gewohnt waren und eilten nach dem Pferdepfoſten um ſich anzuſchicken dem Maſter zu helfen. 3 Sam's Palmhut war auf ſinnreiche Weiſe aller Anſprüche auf Flechtwerk an der Krempe entledigt worden und die Palmblattſtreifen, welche ſich ausein⸗ andergegeben hatten und aufrecht emporſtanden, verliehen ihm ein herausfor⸗ derndes Ausſehen gleich einem Wilden-Häuptlinge; während die ganze Krempe Andy's verſchwunden war und dieſer daher mit einem geſchickten Schlage die Hutform auf ſeinen Kopf ſtülpte und ſich wohlgefällig umſchaute, als ob er ſagen wolle:„Wer ſagt, daß ich keinen Hut habe.“ ſt„Nun, Burſchen,“ rief Haley,„beeilt Euch, wir haben keine Zeit zu ver⸗ äumen.“ „Wir wollen's ſchon machen, Maſter,“ antwortete Sam, indem er Haley den Zügel in die Hand gab und ſeinen Steigbügel hielt, während Andy die an⸗ deren beiden Pferde losband. In dem Augenblicke, wo Haley den Sattel berührte, ſprang das feurige Thier mit einem plötzlichen Satze in die Höhe und warf ſeinen Herrn einige Fuß weit köpflings auf den weichen, trocknen Raſen. Sam that mit einem entſeßten Ausrufe einen Griff nach den Zügeln, aber es gelang ihm nur mit dem vote wähnten Palmenhute bis dicht an die Augen des Pferdes zu ſtreifen, was keines⸗ wegs die Wirkung hatte, deſſen Nerven zu beruhigen. Es warf daher Sim heftig zu Boden, ſchnaubte verächtlich zwei bis drei Mal, ſchlug hinten aus und galoppirte nach dem untern Ende des Raſenplatzes, wohin ihm Bill und Jerry, welche Andy der Uebereinkunft gemäß losgelaſſen und ihm mitzornigen Ausrufen nachgeſchickt hatte, folgten. Jetzt trat eine bunte Scene der Verwirrung ein. Sam und Andy liefen und ſchrieen,— Hunde bellten— und Mike, Moſes, Mandy, Fanny und ſämmtliche Negerjungen und Mädchen des Gutes liefen, klatſchten in die Hände, jauchzten und ſchrieen mit der übermäßigſten Dienſt⸗ fertigkeit und unermüdlichem Eifer. ₰ „ „*. 3 —————— 35 Haley's Pferd, ein ungemein ſchneller, feuriger Schimmel, ſchien an der Sache das größte Behagen zu finden und da es einen Raſenplatz von beinahe einer halben Meile Länge, der auf beiden Seiten allmälig in den Wald überging, zum Rennplane hatte, ſich ein unendliches Vergnügen daraus zu machen, ſeine Verfolger ſo nahe als möglich herankommen zu laſſen und dann, wenn es im Bereiche ihrer Hände war, ſhntabenn und mit einem Seitenſprunge neckiſch da⸗ von zu jagen und ſich tief in eine Waldallee zu verlieren. Nichts konnte weiter von Sam's Abſicht entfernt ſein, als irgend eines von den Pferden eher fangen zu laſſen, als ihm angemeſſen erſchien, und ſeine Anſtrengungen waren wirklich äußerſt herviſch. Gleich dem Schwerte des löwenherzigen Richard, welches ſtets im dichteſten Schlachtgewühl blitzte, war Sam's Palmenhut überall zu ſehen, wo die geringſte Gefahr, daß ein Pferd gefangen werden konnte, obwaltete; und er lief in ſolchen Fällen im vollen Galvpp darauf zu und ſchrie:„Jetzt haben wirs. Halt auf! halt auf!“ ſo daß Alles augenblicklich wieder in die äußerſte Verwirrung gerieth. Haley lief auf und ab und fluchte und ſchwor und ſtampfte mit den Füßen, Mr. Shelby ſchrie vergeblich vom Balkon Befehle herab und Mrs. Shelby, die am Fenſter ihres Zimmers ſtand, lachte und wunderte ſich abwechſelnd— nicht ohne eine Ahnung von dem, was der ganzen Verwirrung zu Grunde lag, zu hegen. Endlich— es mochte etwa zwölf ſein, kam Sam im Triumph auf Jerry ſitzend, wieder zum Vorſchein. An ſeiner Seite befand ſich Haley's Pferd, welches von Schweiß triefte, deſſen blitzende Augen und weit offene Nüſtern jedoch be⸗ wieſen, daß ſein Freiheitsgeiſt ſich noch nicht ganz hatte beſchwichtigen laſſen. „Es iſt gefangen!“ rief er jubelnd;„wenn ich nicht geweſen wäre, ſo hätten ſie ſich Alle die Seele aus dem Leibe laufen können, aber ich habe es gefangen.“ „Du!“ murrte Haley in nicht eben liebenswürdiger Stimmung,„wenn Du nicht geweſen wäreſt, ſo würde dies nie geſchehen ſein.“ „Gvott ſei uns gnädig Maſter,“ antwortete Sam im Tone der tiefſten Be⸗ trübniß,„ich bin doch gelaufen und gerannt, daß mir der Schweiß den Rücken hinabläuft.“„ „Schon gut,“ ſagte Haley,„Du haſt nur mit Deinem verwünſchten Unſinn beinahe drei Stunden verſäumt, jetzt wollen wir uns aber auf den Weg machen und die Narrheiten ſein laſſen.“ „Ei, Maſter,“ erwiderte Sam beſcheiden, Sie wollen uns und die Pferde doch nicht umbringen? Wir ſind Alle zum Umfallen müde und die Thiere trie⸗ fen von Schweiß. Ei, der Maſter kann jetzt nicht daran denken, eher als nach Tiſche aufzubrechen. Maſters Pferd muß geputzt werden. Sehen Sie nur, wie es ſich beſpritzt hat.— Und Jerry hinkt. Denken Sie nicht, daß die Miſſis uns ſo fortlaſſen würde. Gott behüte Sie, Maſter. Wir können es ſchon wieder ein⸗ heiſen wenn wir uns auch aufhalten. Lizzy iſt nie eine große Fußgängerin geweſen.“ Mrs. Shelby, die zu ihrer Beluſtigung von der Veranda aus das Geſpräch gehört hatte, beſchloß jetzt, ihr Theil ebenfalls zu thun. Sie trat vor, ſprach höflich ihr Bedauern über Haley's Unfall aus, drang in ihm zum Mittageſſen dazubleiben und ſagte, daß die Köchin es ſofort auf den Tiſch bringen ſolle. Da ſich die Sache nicht gut mehr ändern ließ, begab ſich Haley, wenn auch widerſtrebend, nach dem Geſellſchaftszimmer, während Sam hinter ihm her eine unbeſchreibliche Gtimaſſe ſchnitt und gravitätiſch mit den Pferden nach dem Stallhofe ging. F „Haſt Du ihn geſehen, Andy— haſt Du ihn geſehen?“ ſagt Sam, ſobald er in den Stall gelangt war und das Pferd angebunden hatte.„Gott, es war 36 beſſer wie eine Predigt, ihn umher tanzen und um ſich ſtoßen und auf uns ſchim⸗ pfen zu ſehen. Fluche nur zu, alter Junge“ ſagte ich zu mir,„willſt Du Dein Pferd gleich haben, oder willſt Du warten bis Du es kriegſt,“ ſagte ich.„Gott, Andy, es iſt mir, als ob ich ihn vor Augen hätte und Sam und Andy lehnten ſich an die Wand und lachten nach Herzensluſt. Du hätteſt nur ſehen ſollen, wie wild er ausſah, als ich ihm das Pferd vorführte. Gott, er würde mich todtgeſchlagen haben, wenn er es gewagt hätte, und ich ſtand ganz unſchuldig und beſcheiden vor ihm.“ „O, ich habe Dich wohl geſehen,“ entgegnete Andy.„Du biſt ein rechter alter Gaul, Sam.“ „Das denke ich auch,“ ſagte Sam.„Haſt Du nicht die Miſſis oben am Fenſter geſehen? ich ſah ſie lachen.“ „Ich bin ſo gerannt, daß ich nichts geſehen habe,“ erwiderte Andy. „Nun, ſiehſt Du,“ ſagte Sam, indem er gravitätiſch daran ging, Haley's 8 Pony zu waſchen,„ich habe die Gewohnheit angenommen zu bobſerviren, Indy; es iſt eine ſehr wichtige Gewohnheit, Andy, und ich empfehle Dir ſie anzunehmen, denn Du biſt noch jung. Hebe den Hinterfuß auf, Andy. Sichſt Du, Andy, das Bobſerviren iſt das Einzige, was einen Unterſchied bei den Niggern macht. Habe ich nicht ſchon heute früh geſehen, woher der Wind kam? habe ich nicht geſehen, was die Miſſis wollte, wenn ſie auch kein Wort davon ſprach. Das nenne ich Bobſerviren. Es wird wohl eine natürliche Eigenſchaft ſein; aber man muß nicht blos die Eigenſchaften haben, ſondern ſie auch aus⸗ bilden, Andy.“ „O, wenn ich Dir heute nicht zum Bobſerviren geholfen hätte, ſo würdeſt Du auch nicht ſo ſchnell eingeſehen haben, was Du thun ſollteſt,“ meinte Andy. „Andy, ſagte Sam,„Du biſt ein vielverſprechendes Kind, das läßt ſich nicht bezweifeln; ich denke ſehr gut von Dir, Andh, und ich ſchäme mich keines⸗ wegs eine Idee von Dir anzunehmen. Wir dürfen Keinen überſehen, Andy, denn ſelbſt die Klügſten fallen mitunter auf die Naſe. Und nun, Andy, wollen wir nach dem Hauſe gehen, ich bin überzeugt, daß die Miſſis uns ein ganz ungemein gutes Mittagseſſen geben wird.“ 7. Die Flucht der Mutter. Es iſt unmöglich, ſich ein troſtloſeres und vereinfamteres menſchliches Weſen vorzuſtellen, wie Eliza, als ſie ihre Schritte von Onkel Tom's Hütte hinweglenkte. Die Leiden und Gefahren ihres Gatten und die Furcht für ihr Kind ver⸗ ſchmolzen ſich in ihrem Geiſte mit einem wirren betäubenden Gefühle der Uebel, deren je ſich ausſetzte, indem ſie die einzige Heimath, welche ſie je gekannt hatte, verließ und ſich der ſchützenden Obhut einer geliebten und verehrten Freundin entriß. Dazu kam noch das Scheiden von allen bekannten Gegen⸗ ſtänden— dem Orte, wo ſie aufgewachſen war, den Bäumen, unter welchen ſie geſpielt, den Hainen, worin ſie in glücklicheren Tagen ſo oft des Abends an der . Seite ihres jungen Gatten ſpazieren gegangen war— Alles ſchien in dem hellen, klaren Sternenſcheine vorwurfsvoll zu ihr zu ſprechen und ſie zu fragen, wohin ſie aus einer Heimath wie dieſe gehen könne. Stärker als Alles Dies war jedoch die mütterliche Liebe, welche durch die Nähe einer furchtbaren Gefahr bis zum Parorismus geſteigert wurde. Ihr Knabe war alt genug, um neben ihr zu gehen und unter gewöhnlichen Umſtän⸗ 37 den würde ſie ihn nur an der Hand geführt haben, jetzt ließ ſie aber ſchon der Gedanke, ihn aus ihren Armen zu entfernen, erſchaudern und ſie preßte ihn krampfhaft an ihren Buſen, während ſie eiligſt vorwärts ſchritt. Der bereifte Boden knarrte unter ihren Füßen und ſie erbebte als ſie den Klang vernahm. Jedes zitternde Blatt, jeder flatternde Schatten trieb ihr das Blut nach dem Herzen und beſchleunigte ihre Schritte. Sie wunderte ſich ſelbſt über die Kraft, welche ſie zu erfüllen ſchien, denn ſie fühlte die Schwere ihres Sohnes ſo wenig, als wäre er eine Feder geweſen und jede Empfindung von Furcht ſchien die übernatürliche Gewalt, welche ſie vorwärts trieb, zu verſtär⸗ ken, ihn ihre bleichen Lippen fortwährend murmelten:„Hilf mir Herr, rette mich!“ Das Kind ſchlief. Anfangs hatte es die Neuheit der Sache und die Be⸗ ſorgniß wach erhalten, aber ſeine Mutter unterdrückte ſo haſtig jeden Hauch oder Laut und verſicherte ihm ſo nachdrücklich, daß ſie ihn ſicherlich retten würde, wenn er nur ſtill ſei, daß er ruhig an ihrem Halſe hing, und als er fand, daß er ſchläfrig wurde, nur fragte: 5 „Mutter, nicht wahr, ich brauche nicht wach zu bleiben?“ „Nein, mein Liebling, ſchlafe wenn Du willſt.“ „Aber Mutter, Du wirſt mich ihm doch nicht geben, wenn ich einſchlafe?“ „Nein, ſo wahr mir Gott helfe!“ ſagte ſeine Mutter mit bleicherer Wange und einem helleren Lichte in ihren großen dunkeln Augen „Du biſt gewiß, nicht wahr Mutter?“ „Ja, gewiß!“ erwiderte die Mutter mit einer Stimme, welche ſie ſelbſt erſchreckte, denn ſie ſchien ihr aus einem Geiſte in ihrem Innern, der kein Theil von ihr war, zu kommen, und der Knabe ließ ſein mudes Köpſfchen auf ihre Schultern finken und war bald eingeſchlafen. Wie die Berührung der warmen Arme, der leiſe Athem, welcher ihren Nacken ſtreifte, ihren Bewegungen Feuer und Leben zu verleihen ſchienen! Es war ihr als ob durch jede ſanfte Berüh⸗ rung und Bewegung des ſchlafenden, vertrauensvollen Kindes ein elektriſcher Strom von Kraft in ſie ergoſſen werde. Die Grenzen des Gutes, der Hain und Wald zogen undeutlich an ihr vor⸗ über und ſie ließ einen bekannten Gegenſtand nach dem andern zurück und ruhte nicht eher, als bis der ſich röthende Morgenhimmel ſie meilenweit von allen Spuren bekannter Gegenſtände auf der offenen Landſtraße ſah. Sie war oft mit ihrer Herrin, die dort Verwandte beſucht hatte, in dem Städichen T—, unfern des Ohiofluſſes geweſen und kannte den Weg dorthin vollkommen. Dorthin zu gehen, über den Ohio zu fliehen, dies waren die eilig vorgezeichneten Umriſſe ihres Planes, was das Uebrige betraf, ſo konnte ſie nur auf Gott hoffen. Sobald ſich Pferde und Fuhrwerke auf der Landſtraße zu zeigen begannen, bemerkte ſie mit der ſchnellen Wahrnehmungsgabe, welche aufgeregten Zuſtän⸗ den eigen iſt und eine Art von Inſpiration zu ſein ſcheint, daß ihr übereilter Schritt und ihre verſtörte Miene ſie zum Gegenſtand von Bemerkungen und Verdacht machen könne. Sie ſtellte den Knaben daher auf den Boden, brachte ihr Kleid und ihren Hut in Ordnung und ging mit dem ſchnellſten Schritte, welchen ſie mit der Vewahrung des äußern Scheines für verträglich hielt, weiter. Sie hatte in ihrem Bündelchen einen Vorrath von Kuchen und Apfeln mitgenommen, welche ſie als Hilfsmittel, um die Schnelligkeit des Kindes zu befördern, anwendete, indem ſie die Aepfel einige Schritte weit vorausrollte, worauf der Knabe danach lief— und dieſe oft wiederholte Liſt brachte ſie über ſo manche halbe Meile hinweg. 38 Nach einiger Zeit gelangten ſie an ein bicht bewaldetes Stück Landes, durch welches ein heller Bach rieſelte. Da das Kind über Hunger und Durſt klagte, Fletterte ſie mit ihm über die Fenz, ſetzte ſich hinter ein großes Felsſtück, welches ſie nach dem Wege zu verſteckte, und gab ihm aus ihrem Päckchen ein Frühſtück. Der Knabe wunderte und härmte ſich, daß ſie nicht eſſen konnte, und als er ſeine Arme um ihren Hals ſchlang und ihr ein Stück von ſeinem Kuchen in den Mund zu ſchieben ſuchte, ſchien es ihr, als ob etwas in ihrer Kehle Auf⸗ ſteigendes ſie erſticken wolle. „Nein, nein, liebſter Harry, die Mutter kann nicht eher eſſen, als bis Du in Sicherheit biſt! Wir müſſen weiter gehen— immer weiter bis wir an den Fluß kommen.“ Und ſie eilte wieder auf die Straße und zwang ſich abermals regelmäßig und ruhig vorwärts Sie war mehrere Meilen über die Gegend, wo man ſie perſönlich kannte, hinaus. Für den Fall, daß ſie auf irgend eine Perſon, die ſie kannte, ſtoßen ſollte, dachte ſie, daß die bekannte Güte der Familie an ſich ſchon jeden Ver⸗ dacht beſeitigen werde, indem man es für unwahrſcheinlich halten würde, daß ſie ein Flüchtling ſein könne. Da ſie ferner ſo weiß war, daß man ohne einekritiſche Betrachtung ihre farbige Abſtammung nicht zu erkennen vermochte, und ihr Kind ebenfalls die weiße Hautfarbe beſaß, ſo war es für ſie weit leichter, un⸗ beargwohnt durchzukommen. In dieſer Idee hielt ſie um die Mittagszeit vor einem hübſchen Farmhauſe an um auszuruhen und etwas zum Mittageſſen für ihr Kind und ſich zu kaufen, da, als die Gefahr, je größer die Entfernung wurde, abnahm, die übernatürliche Anſpannung des Nervenfyſtems geringer wurde und ſie Müdigkeit und Hunger verſpürte. Die freundliche und ſchwatzhafte Bäuerin ſchien Vergnügen daran zu fin⸗ den, daß Jemand zu ihr kam um mit ihr zu plaudern und nahm ohne weitere Nachfragen Eliza's Angabe auf, daß ſie„ein Stück weit gehe, um bei ihren Freunden eine Woche zu verleben,“ während dieſe in ihrem Herzen hoffte, daß es zur ſtrengen Wahrheit werden möge.* Eine Stunde vor Sonnenuntergang gelangte ſie müde und mit wunden Füßen, aber immer noch ſtarken Herzens in das Städtchen T. am Ohio. Ihr erſter Blick war auf den Fluß geheftet, welcher wie der Jordan zwiſchen ihr und dem Kanaan der Freiheit auf der andern Seite lag. Der Frühling hatte begonnen, der Fluß war angeſchwollen und trübe, und große Eisſchollen ſchwammen ſchwerfällig in dem hohe Wellen werfenden Fluſſe herab. In Folge der eigenthümlichen Bildung des Ufers auf der Kentucky⸗ ſeite, wo das Land einen großen Vorſprung in das Waſſer hinausmachte, war das Eis in großen Quantitäten feſtgehalten worden und der ſchmale Kanal, welcher um die Krümmung ſtrömte, mit übereinander gehäuften Eisſchollen an⸗ gefüllt, die ſo eine Schranke für das herabkommende Eis bildete, welches ſich feſiſetzte und ein großes, bewegliches, den ganzen Fluß füllendes und ſich faſt bis an das Kentuckyufer erſtreckende Floß bildete. Eliza ſtand am Ufer, betrachtete einen Augenblick das ungünſtige Ausſehen der Dinge, welches, wie ſie ſofort einſah, das gewöhnliche Fährbvot von ſeiner Thätigkeit abhalten mußte und begab ſich darauf in ein kleines Wirthshaus am Ufer, um Nachfragen anzuſtellen. Die Wirthin, welche am Feuer mit Braten und Kochen zur Abendmahlzeit beſchäftigt war, wendete ſich mit einer Gabel in der Hand um, als Eliza's lieb⸗ ₰ liche, klagende Stimme ertönte. „ * 39 „Was giebt es?“ fragte ſie. „Giebt es keine Fähre, kein Boot hier, um Einen nach R— yüberzufahren?“ fragte ſie. „Nein, die Boote fahren nicht mehr,“ ſagte die Frau. Eliza's verſtörte Miene fiel der Frau auf und ſie ſagte forſchend: „Ihr möchtet wohl hinüber? Iſt Jemand krank? Ihr ſcheint ſehr ängſt⸗ lich zu ſein.“ „Ich habe ein Kind, das in großer Gefahr ſchwebt,“ ſagte Eliza,„ich habe es erſt geſtern Abend gehört, und bin heute eine große Strecke weit gegangen, weil ich hoffte, noch an die Fähre zu kommen.“ „Das trifft ſich unglücklich,“ meinte die Frau, deren mütterliche Theil⸗ nahme erregt wurde,„Ihr thut mir wirklich leid. Salomo!“ rief ſie aus dem Fenſter nach einem kleinen Hintergebäude, und ein Mann in einer Lederſchürze und mit äußerſt ſchmutzigen Händen zeigte ſich an der Thür. „Höre, Salomo,“ fragte die Frau,„wird der Mann die Fäſſer noch heute Abend hinüberſchaffen?“ „Er hat geſagt, daß er es verſuchen würde, wenn es ſich irgendwie thun ließe,“ antwortete der Mann. „Ein Stück weiter flußabwärts iſt ein Mann, der heute Abend mit Waaren hinüber gehen wird, wenn er irgend kann; er wird zum Abendeſſen herkommen. Das iſt ein hübſches kleines Bürſchchen,“ fügte die Frau hinzu, indem ſie ihm einen Kuchen anbot. Das völlig erſchöpfte Kind begann jedoch vor Müdigkeit zu weinen. „Der arme Burſche, er iſt nicht an das Laufen gewöhnt und ich habe ihn ſehr übereilt,“ ſagte Eliza. „Nun, bringt ihn in dieſes Zimmer hier,“ meinte die Frau, indem ſie ein kleines Schlafzimmer, wo ſich ein hübſches Bett befand, öffnete. Eliza legte den müden Knaben darauf und hielt ſeine Hände in den ihren, bis er feſt eingeſchlafen war. Für ſie gab es keine Ruhe. Der Gedanke an die Verfolger trieb ſie wie ein verzehrendes Feuer vorwärts und ſie blickte mit ſehnenden Augen auf die trüben, ſtürmiſchen Wellen, welche zwiſchen ihr und der Freiheit lagen. Hier müſſen wir ſie für den Augenblick verlaſſen, um uns zu ihren Ver⸗ folgern zu wenden. „ Obgleich Mrs. Shelby verſprochen hatte, daß das Mittagseſſen in aller Eile auf den Tiſch kommen ſollte, ſo zeigte ſich doch bald, daß, wie ſchon oft ge⸗ ſchehen iſt, zu einem Handel mehr als eine Perſon gehören. Wenn daher der Befehl auch in Haley's Beiſein gegeben und durch wenigſtens ein halbes Dutzend jugendlicher Boten an Tante Chlve überbracht worden war, ſo ließ dieſe doch nur einige mürriſche Laute vernehmen, warf den Kopf auf und unternahm Alles. was zu ihrem Amte gehörte, auf ungewöhnlich gemächliche Weiſe. Aus dem einen oder dem andern Grunde ſchien unter der Dienerſchaft im Allgemeinen die Idee zu herrſchen, daß die Miſſis über eine Verzögerung nicht beſonders erzürnt ſein würde, und es war wunderbar, welche Menge von Un⸗ fällen ſich beſtändig ereigneten, um den gewöhnlichen Lauf der Dinge über ſein Maaß hinaus zu dehnen. „Ein unglückſeliger Schlingel warf die Bratenbrühſchüſſel um und dann mußte neue mit gehöriger Sorgfalt und Förmlichkeit gemacht werden, wobei Tante Chloe mit halsſtarriger Feſtigkeit die Aufſicht führte und auf alle Ein⸗ thun kann. Du ſollteſt lieber Gott danken, daß Du nicht biſt, wie er, Chloe. 40 ſchärfungen ſich zu beeilen, die kurze Antwort gab, daß ſie keine Luſt habe, ſchlechte Brühe auf den Tiſch zu bringen, um bei einer Häſcherei zu helfen. Der Eine ſtürzte mit dem Waſſer hin und mußte an den Brunnen gehen, um friſches zu holen und ein Anderer warf die Butter in den Weg der Ereig⸗ niſſe, und von Zeit zu Zeit wurde kichernd die Nachricht in die Küche gebracht, daß Mr. Haley äußerſt unruhig ſei und daß er keine Ruhe auf ſeinem Stuhle habe, ſondern beſtändig umher gehe und an die Fenſter und in das Vorhaus trete. „Das geſchieht ihm ſchon recht,“ ſagte Tante Chloe entrüſtet,„er wird noch einmal ſchlimmer als unruhig werden, wenner ſich nicht beſſert. Sein Herr wird ihn holen, und dann wollen wir ſehen, welches Geſicht er machen wird.“ „Er wird ſicherlich in die Hölle kommen,“ ſagte der kleine Jake. „Er verdient es,“ erwiderte Tante Chloe grimmig;„er hat viele, viele Herzen gebrochen— ich ſage es Euch Allen,“ rief ſie, ſich mit einer erhobenen Gabel in der Hand umdrehend,„es iſt gerade wie das, was Mr. George in der Offenbarung geleſen hat.— Die Seelen rufen unter dem Altare! und ſie ſchreien zum Herrn um Rache über ſolche wie er!— Und der Herr wird ſie ſchon noch hören— das wird er!“ Man hörte Tante Chloe, die in der Küche ſehr verehrt wurde mit offenen Mäulern an, und nachdem das Eſſen auf den Tiſch gebracht worden war, hatte die ganze Küche Muße, mit ihr zu plaudern und auf ihre Bemerkungen zu horchen. „Solche wie er werden ewig brennen müſſen, nicht wahr?“ ſagte Andy. „Ich werde mich freuen, wenn ich das ſehe!“ ſagte der kleine Jake. „Kinder!“ rief eine Stimme, bei der ſie Alle zuſammenſchraken. Es war Onkel Tom, der hereingekommen war und auf die Unterhaltung horchend an der Thür ſtand. „Kinder!“ rief er,„ich fürchte, daß Ihr nicht wißt, was Ihr ſagt. Ewig iſt ein furchtbares Wort, Kinder, es iſt entſetzlich daran zu denken. Ihr ſolltet das keinem menſchlichen Weſen anwünſchen.“ „Wir würden es auch Keinem anwünſchen, als den Seelenverkäufern,“ ſagte Andy;„kein Menſch kann ſich enthalten, es ihnen anzuwünſchen. Sie ſind ſo abſcheulich ſchlecht.“ „Schreit nicht die Natur ſelbſt gegen ſie!“ ſagte Tante Chloe;„reißen ſie nicht den Säugling von der Mutterbruſt und verkaufen ihn, und zerren ſie nicht die kleinen Kinder, die ſich weinend an ihren Kleidern feſthalten, hinweg, ver⸗ kaufen ſie. Reißen ſie nicht Mann und Weib auseinander?“ fuhr Tante Chloe jammernd fort,„wenn es gerade ſo gut iſt, als ob ihnen das Leben genom⸗ men würde, und fühlen ſie dabei nur das Mindeſte. Trinken und rauchen ſie nicht und nehmen ſie es nicht ganz behaglich auf? Gott, wenn ſie der Teufel nicht holt, ſo möchte ich wiſſen, wozu er gut iſt.“ 3 Und Tante Chloe bedeckte ihr Geſicht mit ihrer gewürfelten Schürze und begann ernſtlich zu ſchluchzen. „Bete für Die, ſo Dich beleidigen, ſagt die Bibel!“ meinte Tom. „Beten für ſie!“ ſagte Tante Chloe;„Gott, das iſt zu ſchwer; ich kann nicht für ſie beten.“ „Es iſt natürlich, Chloe, und die Natur iſt ſtark,“ ſagte Tom,„aber die Gnade des Herrn iſt ſtärker, und übrigens ſollteſt Du denken, in welchem ent⸗ ſetzlichen Zuſtande die Seele eines armen Geſchöpfes iſt, das dergleichen Dinge 41 Ich möchte mich lieber zehntauſendmal verkaufen laſſen, als Alle die auf unſerer Seele haben, wofür jenes arme Geſchöpf ſich zu verantworten haben wird. „Das wollte ich auch,“ ſagte Jake.„Gott, würden wir es nicht bekommen, Andy.“ Andy zuckte die Achſeln und ließ ein beiſtimmendes Pfeifen vernehmen. „Es freut mich, daß der Maſter nicht dieſen Morgen fortgegangen iſt, wie er es thun wollte,“ ſagte Tom,„das hätte mir weher gethan, als das Verkaufen. Es wäre vielleicht natürlich für ihn geweſen, aber würde es mir, der ihn von Jugend auf gekannt hat, verzweifelt ſchwer angekommen ſein— ich habe jedoch den Maſter geſehen und fange an, mich jetzt mit dem Willen des Herrn auszu⸗ ſöhnen. Maſter hat nicht anders gekonnt, er hat recht gethan, aber ich fürchte, daß es ſchlimm gehen wird, wenn ich fort bin. Man kann nicht erwarten, daß der Maſter beſtändig überall die Augen hat, wie ich es gethan habe, und Alles zuſammen hält. Die Burſche meinen es Alle gut, aber ſie ſind mächtig nach⸗ läſſig. Das iſt es, was mich beunruhigt.“ Hier klingelte es und Tom wurde in das Geſellſchaftszimmer gerufen. „Tom,“ ſagte ſein Herr gütig;„ich wünſche Dir bemerklich zu machen, daß ich mich gegen dieſen Herrn mit tauſend Dollars dafür verbürgt habe, daß Du zur Stelle ſein wirſt, wenn er Deiner bedarf. Er geht heute fort, um nach ſeinen andern Geſchäften zu ſehen und Du kannſt den Tag für Dich be⸗ nutzen. Gehe wohin Du willſt, mein Junge.“ „Dank Ihnen, Maſter,“ ſagte Tom. „Und paſſe auf,“ s der Händler,„und komm Deinem Herrn nicht etwa mit einem von Deinem Riggerſtreichen, denn ich werde ihm das Geld bis auf den letzten Cent abnehmen, wenn Du nicht da biſt. Wenn er auf mich hörte, ſo würde er Keinen von Euch trauen. Ihr ſeid glatt wie die Aale.“ „Maſter,“ ſagte Tom, und er richtete ſich hoch auf—„ich war gerade acht Jahr alt, als die alte Miſſis Sie in meine Arme legte und Sie noch kein Jahr alt waren, da, ſagte ſie: Tom, das wird Dein junger Herr ſein, habe Acht auf ihn, ſagte ſie, und jetzt frage ich Sie nur, Maſter, ob ich jemals mein Wort gegen Sie gebrochen oder Ihnen Ungehorſam bewieſen habe, beſonders ſeit ich ein Chriſt bin.“ 5 Mr. Shelby war tief geruͤhrt und die Thränen ſtiegen ihm in die Augen. „Mein guter Burſche,“ ſagte er,„Gott weiß, daß Du nicht mehr als die Wahrheit ſagſt, und wenn ich im Stande wäre, es zu ändern, ſo würde ich Dich um die ganze Welt nicht verkaufen.“ „Und ſo wahr ich eine Chriſtin bin,“ fügte Mrs. Shelby hinzu,„ſo ſollſt Du wieder gekauft werden, ſobald ich auf irgend eine Weiſe die Mittel zu⸗ ſammenbringen kann. Sir,“ fuhr ſie gegen Haley gewendet fort,„ſchreiben Sie mir, an wen Sie ihn verkaufen.“ „Ja, was das betrifft, das will ich gern thun,“ antwortete der Händler, „ich werde ihn vielleicht in einem Jahre zurückbringen, ohne daß ihm die Ab⸗ nutzung in der Arbeit viel geſchadet hat, und ihn wieder an Sie verkaufen.“ „Ich werde dann mit Ihnen handeln, und es ſoll Ihr Nachtheil nicht ſein, ſagte Mrs. Shelby. „Natürlich!“ antwortete der Händler,„mir iſt es Alles Eins; ich handle eben ſo gern flußaufwärts wie abwärts, wenn ich nur ein gutes Geſchäft mache. Ich verlange weiter nichts als zu leben, wiſſen Sie, Madam, und ich denke, daß wir das Alle wollen.“ Mr. und Mrs. Shelby fühlten ſich über dieſe vertrauliche Unverſchämtheit des Sklavenhändlers unmuthig und von ihr herabgewürdigt, und doch ſahen Beide die unbedingte Nothwendigkeit ein, ihren Gefühlen einen Zügel anzu⸗ legen. Je hoffnungsloſer, eigennützig und gefühllos er erſchien, deſtv größer wurde Mrs. Shelby's Furcht, daß es ihm gelingen könne, Eliza und ihr Kind wieder zu fangen, und natürlich deſto ſtärker auch ihr Wunſch, ihn durch jeden weiblichen Kunſtgriff aufzuhalten. Sie lächelte daher freundlich, ſtimmte ihm bei, plauderte vertraulich und that Alles, was ſie konnte, um die Zeit unmerk⸗ lich verſtreichen zu laſſen. um zwei Uhr führten Sam und Andy die dem Anſchein nach durch den Galopp am Morgen bedeutend erfriſchten und geſtärkten Pferde vor. Sam hatte ſich nach Tiſche friſch mit einem Ueberfluſſe von eifriger Dienſtfertigkeit eingeölt. Als ſich Haley ihm näherte, rühmte er ſich prahleriſch gegen Andy, e i Unternehmen offenbar gelingen müſſe, ſobald er ordenlich im Ge⸗ chirr ſei. „Euer Herr hält wohl keine Hunde?“ fragte Haley nachdenklich, als er ſich zum Aufſitzen anſchickte. Eine ganze Menge,“ erwiderte Sam triumphirend,„ſehen Sie dort, Brünv, das iſt ein Kerl, und außerdem hält noch ziemlich jeder Neger unter uns einen Kläffer von der einen oder andern Race.“ „Pah!“ antwortete Haley, und fügte noch etwas in Bezug auf die be⸗ ſagten Hunde hinzu, worüber Sam murmelte: „Ich ſehe nicht ein, weshalb es nöthig wäre, ſie zu verfluchen.“ „Aber Euer Herr hält keine Hunde— ich kann mir wohl denken, daß er es nicht thut— um Neger aufzuſpüren?“ San wußte recht gut, was er meinte, aber er behielt ſeine Miene ernſt⸗ hafter, verzweifelter Einfalt bei. „Alle unſere Hunde haben einen bedeutenden, ſcharfen Geruch, ich glaube wohl, daß ſie von der rechten Sorte ſind, wenn ſie auch niemals Uebung ge⸗ habt haben. Sie ſind die beſten Spürhunde auf beinahe Alles, wenn man ſie nur einmal auf die Spur ſetzt. Hierher, Bruno!“ und erpfiff dem ſchwerfälligen Neufoundländer, welcher mit ſtürmiſchen Sätzen auf ſie zuſprang. „Geh an den Galgen!“ ſagte Haley, indem er auſſtieg,„beeile Dich, daß Du auf das Pferd kommſt.“ 3 Sam ſprang dem Befehle gemäß auf und wußte dabei Andy mit einem ge⸗ ſchickten Handgriffe ſo zu kitzeln, daß dieſer in lautes Lachen ausbrach. Haley war darüber höchlichſt entrüſtet und hieb mit der Reitpeitſche nach ihm. „Ich bin darüber erſtaunt, Andy,“ ſagte Sam mit Gravität,„dies iſt ein ernſthaftes Geſchäft; Du mußt nicht denken, daß es ein Spaß iſt. Dies iſt nicht die rechte Weiſe, um dem Maſter zu helfen.“ „Ich werde den geraden Weg nach dem Fluſſe einſchlagen,“ ſagte Haley entſchieden, ſobald ſie an die Grenzen des Gutes gelangt waren;„ich weiß, wie ſie es Alle machen— ſie ſchlagen den Weg nach dem Unterlande ein.“ „Ganz gewiß,“ antwortete Sam,„das iſt die rechte Idec, Mr. Haley hat den Nagel auf den Kopf getroffen. Nun giebt es zwei Straßen nach dem Fluſſe — den Kothweg und die Chauſſee; welche will der Maſter einſchlagen?“ Andy blickte unſchuldig und über dieſe geographiſche Neuigkeit erſtaunt zu Sam auf, aber dieſer beſtätigte das von ihm Geſagte augenblicklich durch eine lute Wiederholung. „Sehen Sie,“ ſagte Sam,„ich bin zu der Vermuthung geneigt, daß Lizzy den Kothweg eingeſchlagen hat, weil er am wenigſten begangen wird.“ 5 Haley ließ ſich trotzdem, daß er ein alter Vogel und wenig geneigt war, ſich mit Spreu abfüttern zu laſſen, doch von dieſer Anſicht ſo ziemlich einnehmen. ₰ „Wenn Ihr Beide nur nicht ſ ſich hin, während er einen Auger Der gedankenvolle Ton, geheuer zu beluſtigen, und telte ſich ſo, daß er di während Sam's Geß elchem dies geſpröchen würde, ſchien Andy un⸗ g ſich ein wenig hach hinten zurück und ſchüt⸗ ößte Gefahr vom Pferde zu fallen zu haben ſchien, ſeine unbewegliche Gravitit beibehielt. „Natürlic Sam,„kann der Maſter thungwas er will er kann den geraden Weg bgin es der Maſter für das Beſte hält— untiſt es Alles Eins i Ende auch, daß der gerade Weg en bemerkte Haley laut dß „Das läßt ſich 1. Eigenes; ſie t vöhnlich eher das G geſetzt und wen es gewiß, daß m ſicher, ſie zu find geſchlagen hat, 5 zy den Kothiheg ein⸗ un, auf dem Heraden ür den gehaden Weg geneigt zu machen, u undern einßhlagen Ww e undfragte Sam, ben gelangen wirden. „Etwas weiterhin, altwortete Sam, indem er Andy mit ches ſich auf ſeines Seite beftnd, zublinzelte, und er fügte ernſthäf ich habe über Bie Fache nachgedacht und bin feſt überzeugt, daß jenem We;ich vin nie darauf geweſen zger iſt vexzweifelt einſam und wirgko it Gott weiß, wo wr den hetauskommen einſchlage,“ ſagte Haley. n, daß jch gehört habe, da Andy ½* n jenem Wege gehört, war aber lichkeit von Lügen von bedeutenderer Fägen, glaubte, daß ſie zu Gunſten des vorerwähn⸗ O e t glaubte bemerkt zu haben, wie Sam die Sache an⸗ fangs unwiltöixlich⸗Wähnt habe und ſeine verwirrten Verſuche, ihn davon ab⸗ ſn ſchrieb er der weiteren Ueberlegung und der Abneigung, Eliza angen zu laſſen, zu. Sobald daher Sam den Weg anzeigte, ſchlug Haley denſelben von Sam und Andy gefolgt, augenblicklich ein. Es war in der That ein alter Weg, welcher früher an den Fluß geführt hatte, aber nach der Anlegung der neuen Straße ſchon ſeit vielen Jahren ver⸗ kaſſen. Man konnte etwa eine Stunde lang unbehindert darauf reiten, aber von da an war er durch Felder und Zäune verſperrt. Sam kannte dieſen Umſtand vollkommen und der Weg war in der That ſchon ſo lange außer Gebrauch, daß Andy nie etwas davon gehört hatte. Er ritt daher mit der Miene pflichtſchul⸗ diger Unterwürfigkeit darauf weiter und ſtöhnte und ſchrie nur zuweilen, daß er verzweifelt rauh und ſchlecht für Jerry's Füße ſei. ten Kothi X „Hörſt Du,“ ſagte Haley,„ich kenne Dich, Du wirſt mich mit alle Deinem Lärm nicht von dieſem Wege hier abbringen— alſo beruhige Dich.“ „Der Maſter muß ſeinen Willen haben,“antwortete Sam mit einem kläg⸗ lichen unterwürfigen Geſichte, blinzelte aber zu gleicher Zeit Andy zu, deſſen Entzücken jetzt beinahe den Erploſionspunkt erreicht hatte. Sam war in der herrlichſten Laune. Er that als ob er ſich fortwährend umſchaue. Bald rief er, daß er einen Weiberhut auf dem Gipfel einer fernen Anhöhe erblicke; bald fragte er Andy, ob das dort im Thale nicht Lizzy ſei— ſteks fanden aber dieſe Ausrufe in einem rauhen oder felſigen Theile des Weges ſtatt, wo die plötzliche Beſchleunigung der Schnelligkeit für alle Betheiligten ganz beſonders unbequem war, und erhielt auf dieſe Weiſe Haley in beſtändiger Aufregung. Nachdem ſie etwa eine Stunde weit auf dieſe Weiſe geritten waren, kam die ganze Geſellſchaft plötzlich und lärmend in einen Wirthſchaftshof, der zu einem bedeutenden Gute gehörte. Man ſah keine Seele, da fämmtliche Arbeiter auf dem Felde beſchäftigt waren, da aber die Scheune unverkennbar quer über den Weg gebaut war, zeigte es ſich, daß ihre Reiſe in dieſer Richtung unbedingt ihr Ende etreicht hatte. „Iſt es nicht gerade ſo, wie ich es dem Maſter geſagt hatte?“ ſagte Sam mit der Miene der beleidigten Unſchuld;„wie können fremde Herren erwarten, daß ſie eine Gegend beſſer kennen als Diejenigen, welche darin geboren und auf⸗ gewachſen ſind.“ „Du Schurke,“ ſagte Haley,„Du haſt es recht gut gewußt.“ „Habe ich Ihnen nicht geſagt, daß ich es wiſſe? aber Sie wollten mir nicht glauben. Ich habe dem Maſter geſagt, daß Alles geſchloſſen und verſperrt ſei, und daß ich nicht glaubte, daß wir durchkommen könnten. Andy hat es gehört.“ Es war zu richtig, als daß es beſtritten werden konnte und derunglückſelige Sklavenhändler mußte ſeinen Zorn ſo gut er konnte in die Taſche ſtecken und alle Drei ſchwenkten rechts ab, um den Marſch nach der Landſtraße anzutreten. In Folge aller dieſer Verzögerungen dauerte es etwa Dreiviertelſtunde, nachdem Eliza ihr Kind in dem Dorfwirthshauſe ſchlafen gelegt hatte, ehe die Geſellſchaft vor demſelben anritt. Eliza ſtand am Fenſter und blickte nach einer andern Seite als Sam's ſcharfes Auge ihrer anſichtig wurde. Haley und Andy waren zwei Schritt hinter ihm. In dieſer Kriſis richtete es Sam ſo ein, daß der Wind ihm den Hut vom Kopfe wehte, und er ließ einen lauten charakteriſti⸗ ſchen Ausruf vernehmen, welcher ſie ſofort aufmerkſam machte. Sie zog ſich plötzlich zurück und die Reiter begaben ſich an dem Fenſter vorüber nach der Vorderthür. In dieſem Momente ſchienen ſich für Eliza tauſend Leben zu con⸗ centriren. Ihr Zimmer ging durch eine Seitenthür nach dem Fluſſe hinaus. Sie erfaßte ihr Kind und ſprang die zum Fluſſe hinabführende Treppe hinunter. Der Sklavenhändler erblickte ſie, als ſie eben hinter dem Ufer verſchwand, warf ſich von ſeinem Pferde, rief Sam und Andy laut zu, um ihm zu folgen und war ſogleich hinter ihr her wie ein Bluthund hinter einem Reh. In dieſem ſchwindelnden Augenblicke ſchien es ihr, als ob ihre Füße kaum den Boden berührten und ſie war ſchnell am Rande des Waſſers. Die Verfolger waren ihr dicht auf dem Fuße und von einer Kraft, wie ſie Gott nur den Ver⸗ zweifelten verleiht, beſeelt, ſprang ſie mit einem wilden Schrei über die trübe Strömung am lfer bis auf die jenſeits liegende Eisſcholle. Es war ein unge⸗ heurer Satz, den nur Wahnſinn und Verzweiflung ausführen konnte und Haleh, — 2 4⁵ Sam und Andy ſtießen inſtinktartig einen Schrei aus und erhoben ihre Hände, als ſie es that. Das ungeheure, grüne Eisſtück, auf welches ſie gerieth, ſchwankte und knarrte, als ihre Laſt darauf kam, aber ſie verweilte hier keinen Augenblick. Unter vielen Angſtrufen ſprang ſie mit verzweifelter Energie auf eine andere und wieder auf eine andere Scholle. Strauchelnd— ſpringend— ausgleitend— wieder emporſchnellend— weiter, nur immer weiter— ſie hatte ihre Schuhe verloren, die Strümpfe find ihr von den Füßen geriſſen, Blut bezeichnet jeden Schritt, aber ſie ſieht nichts— fühlt nichts bis ſie endlich undeutlich, wie in einem Traume die Ohioſeite er⸗ blickt und ein Mann ihr das Ufer hinauf hilft. „Du biſt ein wackeres Mädchen, wer Du auch ſein magſt,“ ſagte der Mann mit einem Schwure. Eliza erkannte die Stimme und das Geſicht eines Mannes, welcher ein un⸗ fern von ihrer Heimath gelegenes Gut beſaß. if. Mr. Symmes, retten Sie mich, bitte, bitte, bitte, verſtecken Sie mich!“ rief Eliza. „Ei, was iſt das?“ fragte der Mann.„Wahrhaftig, es iſt Shelby's Mädchen.“ „Mein Kind!— dieſer Knabe, er hat ihn verkauft. Dort iſt ſein Maſter,“ agte ſie auf das Kentuckyufer deutend; o Mr. Symmes, Sie haben ſelbſt einen kleinen Knaben.“ „Den habe ich,“ ſagte der Mann, als er ſie rauh aber freundlich das ſteile Ufer hinaufzog.„Uebrigens biſt Du eine wackere Dirne; ich liebe den Muth, wo ich ihn auch ſehe.“ Spbald ſie die Höhe des Ufers erreicht hatte, blieb der Mann ſtehen. „Ich würde gern etwas für Dich thun,“ ſagte er,„aber ich wüßte nicht, wohin ich Dich bringen könnte. Das Beſte, was ich thun kann, iſt, daß ich Dir ſage, dorthin zu gehen,“ ſagte er, indem er auf ein großes weißes Haus deu⸗ tete, welches von der Hauptſtraße des Dorfes etwas abſeits ſtand.„Geh dort⸗ hin, die Leute ſind gut, es giebt keine Art von Gefahr, aus der ſie Dir nicht helfen würden— ſie ſind in allen dergleichen Dingen bewandert.“ „Gott ſegne Sie,“ ſagte Eliza innig. „Es iſt gern geſchehen, es iſt gern geſchehen,“ ſagte der Mann,„was ich gethan habe, iſt nicht viel.“ „O Sir, Sie werden es aber doch Keinem ſagen?“ „Geh zum Donner, Mädchen, wofür hältſt Du mich? natürlich nicht!“ antwortete der Mann.„Komm, mache Dich auf den Weg, wie ein hübſches, vernünftiges Mädchen. Du haſt Deine Freiheit verdient und jetzt ſollſt Du ſie haben, wenn ich etwas dazu thun kann.“ Eliza drückte ihr Kind an ihren Buſen und entfernte ſich mit ſchnellen, feſten Schritten. Der Mann blickte ihr nach, indem er zu ſich ſelbſt ſagte: „Nun, Shelby wird dies vielleicht nicht für die freundnachbarlichſte Sache von der Welt halten, was ſoll aber Einer thun? Wenn er eines von meinen Mädchen in derſelben Noth findet, ſo gebe ich ihm gern die Erlaubniß, es mir heimzuzahlen. Ich weiß nicht wie es iſt, aber ich habe nie ein Geſchöpf ſich ab⸗ mühen und keuchen und ſich zu retten verſuchen ſehen können, wenn die Hunde hinter ihm waren, ohne daß ich gewünſcht hätte ihm zu helfen. Uebrigens ſehe ich auch nicht ein, weshalb ich für andere Leute den Jäger und Häſcher ſpielen ſoll.“ ₰ 46 Haley war ein verſteinerter Zuſchauer der Seene geweſen, bis das Mädchen auf der Höhe verſchwand; dann wendete er ſich mit verblüffter, fragender Miene nach Sam und Andy um. „Das war ein ganz leidliches Geſchäft,“ ſagte Sam. „Das Mädchen hat ſieben Teufel im Leibe,“ rief Haley.„Sie ſprang wie eine wilde Katze.“ „Nun,“ meinte Sam, indem er ſich im Kopfe kratzte;„ich hoffe, daß der Maſter nicht verlangen wird, daß wit den Weg verſuchen; ich glaube nicht, daß ich dazu rüſtig genug bin.“ Und Sam ließ ein dumpfes Kichern vernehmen. „Du lachſt!“ murrte der Händler. „Gott behüte Sie, Maſter, ich kann nicht anders,“ ſagte Sam, der ſich jetzt ſeiner lange verhaltenen Freude hingab.„Sie ſah ſo kurios aus, wie ſie dort ſprang und ſetzte, wie das Eis krachte und ſie darüber flog— plumps— kertſchunk— kertſchlick! Gott, welche Sätze ſie machte!“ Und Sam und Andy lachten, daß ihnen die Thränen über die Backen liefen. „Ich werde dafür ſorgen, daß Ihr auf der andern Seite des Maules lacht,“ ſchrie der Sklavenhändler, indem er ihnen mit ſeiner Reitpeitſche über die Köpfe ſchlug. Beide duckten ſich und liefen ſchreiend das Ufer hinauf und waren auf ihren Pferden, ehe er es erreichte. „Guten Abend, Maſter,“ ſagte Sam gravitätiſch,„ich fürchte, daß die Miſſis um Jerry ängſtlich ſein wird, Mr. Haley braucht uns nicht weiter. Die Miſſis würde nicht zugeben, daß wir heute Abend mit den Thieren über Lizzy's Bruͤcke ritten.“ Und er machte ſich auf den Weg, indem er Andy einen ſpaßhaften Stoß in die Rippen gab. Jener galoppirte ihm nach und ihr Gelächter verklang all⸗ mälig im Winde. „ 8. Eliza's Entkommen. Eliza hatte ihren verzweifelten Rückzug über den Fluß mit Einbruch der Dämmerung bewerkſtelligt. Der ſich langſam vom Fluſſe erhebende graue Abendnebel umhüllte ſie, als ſie das Ufer hinauf verſchwand und der ange⸗ ſchwollene Strom und die ſich drängenden Eismaſſen bildeten zwiſchen ihr und ihren Verfolgern eine unüberwindliche Schranke. Haley kehrte daher langſam und unzufrieden in das kleine Wirthshaus zurück um über das, was weiter zu thun ſei, nachzudenken. Die Wirthin öffnete die Thür eines kleinen Zimmers, worin ein Tiſch mit einem glänzend ſchwarzen Wachstuch⸗Ueberzuge, mehrere dürrbeinige, hochtehnige Holzſtühle und auf dem Kaminſims über einem dampfenden grünen Holzfeuer einige grell angeſtrichene Gypsſiguren ſtanden. Eine lange Vank von hartem Holz zog ſich bis dicht an den Kamin hin und hier ſetzte ſich Haley nieder, um über die Unbeſtändigkeit der menſchlichen Hofſnungen und das Glück im Allgemeinen zu grübeln. „Ich möchte nur wiſſen, wozu ich den kleinen Stänker gewollt habe,“ ſagte er zu ſich,„daß ich mich auf dieſe Weiſe ganz auf den Baum treiben laſſe, wie ein Waſchbär.“ Und Haley verſchaffte ſich dadurch Erleichterung, daß er eine nicht eben gewählte Litanei von Verwünſchungen ſeiner ſelbſt laut werden lie die wir, wenn wir ſie auch für vollkommen begründet halten, doch des guten G ſchmacks wegen nicht hierher ſetzen wollen. 47 Er wurde aus ſeinen Gedanken durch die laute mißtönige Stimme eines Ft aufgeſchreckt, welcher vor der Thür abzuſteigen ſchien. Er eilte an das enſter. „Meiner Treu, das iſt das beſte Beiſpiel von dem, was die Leute Vorſehung nennen, welches mir je vorgekommen iſt!“ ſagte Haley,„ich glaube wirklich, daß das Tom Loker iſt.“ Haley eilte hinaus. An dem Schenktiſche in der Ecke des Zimmers ſtand ein kräftiger, musku⸗ löſer Mann von vollen ſechs Fuß Höhe und verhältnißmäßiger Breite. Er trug einen Rock von Büffelfell, mit den Haaren nach Außen, was ihm ein mit ſeiner ganzen Phyſiognomie vollkommen übereinſtimmendes zottiges, wildes Ausſehen verlieh. Alle Organe und Züge, welche brutale, rückſichtskoſe Gewaltthätigkeit bezeichnen, waren an ſeinem Kopf und in ſeinem Geſicht in der höchſt möglichen Vollendung entwickelt. Wenn ſich unſere Leſer einen in einen Menſchen ver⸗ wandelten und in Hut und Rock umhergehenden Bullenbeißer vorſtellen könnten, ſo würden ſie keine unpaſſende Idee von dem allgemeinen Eindrucke, welchen ſeine körperliche Erſcheinung hervorbrachte, haben. Er war von einem Reiſegefährten, der in vielen Beziehungen einen voll⸗ kommenen Kontraſt mit ihm bildete, begleitet. Dieſer war kurz und ſchlank, ge⸗ lenk und katzenartig in ſeinen Bewegungen und hatte in ſeinen ſtechenden ſchwar⸗ zen Augen einen ſpähenden Ausdruk, mnit welchem jeder Zug ſeines Geſichts in Sympathie zugeſpitzt zu ſein ſchien. Seine dünne, lange Raſe ragte hervor, als ob ſie begierig danach ſtrebe in die Natur der Dinge im Allgemeinen zu bohren. Sein glattes, ſpärliches, ſchwarzes Haar war vorwärts gerichtet und zu ſeine Bewegungen und Evolutionen drückten eine trockne, vorſichtige Klug⸗ eit aus. Der große ſtarke Mann ſchenkte ſich ein großes Glas halb voll Brannt⸗ wein und ſtürzte es ohne ein Wort zu ſprechen hinab; der kleine Mann ſtand auf den Zehen, legte ſeinen Kopfzuerſt auf die eine, dann auf die andere Seite, ſchnüffelte bedeutend nach der Richtung der verſchiedenen Flaſchen hin und be⸗ ſtellte endlich mit dünner, zitternder Stimme und einer Miene der größten Um⸗ ſicht einen Mint Julep. Als ihm dieſer eingeſchenkt war, nahm er ihn, betrachtete ihn mit einer ſelbſtgefälligen Miene wie ein Mann, welcher denkt, daß er recht gethan und den Nagel auf den Kopf getroffen habe 1id ging hierauf daran ihn in kurzen und wohlbedächtigen Zügen hinab zu ſchlürfen. „Nun, wer hälte gedacht, daß ich ſolches Glück haben würde! Ei Loker, wie geht es Euch?“ ſagte Haley, indem er vortrat und dem großen Manne ſeine Hand hinſtreckte. „Der Teufel!“ lautete die höfliche Antwort,„was fühtt Euch hierher?“ Der katzenartige Mann, welcher den Namen Marfs führte, hielt augen⸗ blicklich im Schlürfen inne, ſtreckte den Kopf vor und blickte unſern neuen Be⸗ kannten ſchlau an wie eine Katze mitunter auf ein ſich bewegendes, dürres Blatt oder irgend einen andern Gegenſtand ihres Verlangens ſchaut. „Hört Tom, das iſt das Glücklichſte, was mir paſſiren kann; ich bin in einer verteufelten Patſche und Ihr müßt mir heraushelfen.“ „Oho, das iſt wahrſcheinlich genug,“ grinſte ſein freundlicher Bekannter; zman kann deſſen ziemlich ſicher ſein, wenn Ihr Euch freut Einen zu ſehen, denn dann'iſt etwas an ihm zu verdienen. Was giebt es jetzt?“ „Ihr habt einen Freund hier,“ ſagte Haley mit einem zweifelhaften Blicke auf Marks,„wohl einen Compagnon?“ 48 „Ja, das iſt er. Hier Marks, das iſt der Kerl mit dem ich in Natchez ein Geſchäft hatte.“ „Es ſoll mich freuen ſeine Bekanntſchaft zu machen,“ ſagte Marks, in⸗ dem er eine lange dünne Hand wie eine Rabenklaue herausſtreckte.„Mr. Haleh, glaube ich?“ 2 „Das iſt mein Name, Sir,“ ſagte Haley,„aber nun Ihr Herren, da wir uns ſo glücklich zuſammengetroffen haben, ſo will ich hier in dieſem Zimmer traltiren. Nun alter Waſchbär,“ fuhr er gegen den Mann am Schenktiſche ge⸗ wendet fort,„bringt uns heißes Waſſer und Zucker und Cigarren und eine reichliche Quantität von echtem Stoff— wir wollen es uns wohl ſein laſſen.“ Die Lichter wurden angezündet, das Feuer im Kamin zum Brennen ge⸗ bracht und unſere drei Spießgeſellen ſetzten ſich um einen mit den eben beſtellten Hilfsmitteln der Geſelligkeit bedeckten Tiſch. „ Haleh begann eine pathetiſche Erzählung ſeiner Noth. Loker preßte den Mund zuſammen und hörte ihm mit mürriſcher Aufmerkſamkeit zu, Marks, welcher ſich geſchäftig ein Glas Punſch nach ſeinem Geſchmack zuſammenbraute, blickte von Zeit zu Zeit auf, ſtieß mit ſeiner ſcharfen Naſe und ſeinem ent⸗ ſprechenden Kinn beinahe in Haley's Geſicht und zollte der ganzen Erzählung die ernſtlichſte Beachtung. Ihr Ende ſchien ihn ungemein zu beluſtigen, denn er ſchüttelte ſchweigend ſeine Schultern und ſeinen Leib und verzog ſeine dünnen Lippen mit der Miene großen inneren Wohlbehagens. „Sie ſitzen alſo auf dem Trocknen,“ ſagte er;„hihihi! es iſt ſehr nett ab⸗ gemacht worden.“* „Das Kindergeſchäft macht einem im Handel ungeheuer viel zu ſchaffen!“ ſagte Haley kiguch „Wenn wir nur eine Zucht Mädchen bekommen könnten, die ſich nichts aus ihren Kindern machten,“ meinte Marks,„ſo denke ich, daß das die größte Er⸗ findung unſerer Zeit ſein würde.“ Und er begleitete ſeinen Witz mit einem ru⸗ higen Kichern. „So iſt es,“ ſagte Haley,„ich habe es nie begreifen können. Die Kleinen machen ihnen eine Menge Mühe und Noth;— man ſollte denken, daß ſie froh ſeien, wenn fie ſie los würden; aber es iſt ſo, und je mehr ein Kind Mühe macht und je nichtsnutziger es im Allgemeinen iſt, deſto feſter hängen ſie an ihm.“ „Nun Mr. Haley,“ ſagte Marks,„geben Sie mir das heiße Waſſer her⸗ über. Ja, Sir, Sie drücken ganz meine Gefühle aus; ich habe einmal ein Mäd⸗ chen gekauft als ich den Handel noch betrieb— eine feſte, hübſche Dirne von bedeutendem Verſtand— und ſie hatte ein Kleines, das zum Erbarmenkränklich warz es hatte einen Buckel oder etwas dergleichen, und ich ſchenkte es einem Manne, welcher glaubte, daß er die Gefahr kaufen wollte es aufzuziehen, da es ihm nichts koſtete— natürlich dachte ich nicht, daß ſich das Mädchen etwas daraus machen würde— aber Du lieber Gott! Sie hätten nur ſehen ſollen, wie ſie es trieb. Wahrhaftig, ſie ſchien das Kind nur um ſo höher zu ſchätzen, weil es kränklich und mürriſch war und ſie beſtändig plagte und ſie that nicht blos ſo— ſie weinte ſo darüber, härmte ſch ſo ab, als ob ſie alle ihre Freunde 5 in der Welt verloren hätte. Es war wirklich komiſch, wenn man darüber nach⸗ dachte. Gott, die Weiberlaunen ſind endlos.“ „So iſt es mir gerade auch gegangen,“ meinte Haley;„vergangenen Som⸗ mer handelte ich unten am Red⸗River ein Mädchen mit einem ganz hübſchen. Kinde ein, deſſen Augen eben ſo hell ausſahen, wie die ihren, aber als ich es näher anſah, fand ich, daß es ſtockblind war, wahrhaftig, es war ſtockblind! — Nun, ſehen Sie, ich dachte, daß es nichts ſchaden würde, wenn ich es weiter 49 gebe und nichts darüber ſagte, und ich vertauſchte es gegen ein Faß Whisky; aber als es daran ging, von der Dirne loszubringen, war ſie gerade wie eine Tigerin. Als wir aufbrechen wollten und ich meine Heerde noch nicht zuſammengekettet hatte, ſprang ſie auf einen Baumwollenballen wie eine Katze, riß einem von den Matroſen das Meſſer von der Seite und ſtach wie raſend eine Minute lang um ſich, bis ſie ſah, daß es nichts nützte, und dann drehte ſie ſich um und ſtürzte ſich ſammt ihrem Kinde köpflings ins Waſſer. Sie ging zu Grunde wie ein Stein und kam nicht wieder in die Höhe.“ „Pah!“ ſagte Tom Loker, der dieſe Geſchichte mit ſchlecht verhehltem Miß⸗ fallen angehört hatte;„Ihr wißt es alle Beide nicht recht anzufangen. Meine Dirnen machen keinen ſolchen Spektakel. Das kann ich Euch ſagen.“ „Wirklich! wie könnt Ihr es ändern?“ ſagte Marks ſchnell. „Aendern!— ei, wenn ich eine Dirne kaufe und ſie hat ein Kind, das ver⸗ kauft werden ſoll, ſo gehe ich zu ihr und halte ihr meine Fäuſte vor das Geſicht und ſage: Schau her, wenn Du mir ein einziges Wort hören läßt, ſo ſchlage ich Dir das Geſicht ein. Ich will kein Wort hoöͤren, nicht den Anfang eines Wortes. Ich ſage zu ihnen: Dieſes Kind iſt mein und nicht Dein, und Du haſt nichts mit ihm zu ſchaffen. Ich werde es verkaufen ſobald ich kann, und hörſt Du, daß Du keinen Spektakel deshalb machſt, ſonſt ſollſt Du wünſchen, daß Du nie ge⸗ boren wäreſt. Ich ſage Euch, ſie ſehen, daß es kein Kinderſpiel iſt, wenn ich ein⸗ mal anfaſſe. Ich mache ſie fiumm wie die Fiſche und wenn eine von ihnen an⸗ fängt und zu belfern beginnt— nun—“ und Mr. Loker ſchlug mit ſeiner Fauſt ſchallend auf den Tiſch und beendigte damit ſeine Rede, ſo daß ihn Beide genügend verſtanden. „Das nenne ich Nachdruck,“ ſagte Marks, indem er Haley in die Seite ſtieß und wieder zu kichern begann;„iſt Tom nicht ein eigenthümlicher Kauz? hihihi! Hört, Tom, ich glaube, daß ihr ihnen Verſtändniß beibringt, denn alle Neger haben Wollköpfe. Sie haben nie Zweifel über den Sinn Eurer Worte. Tom, wenn Ihr nicht der Teufel ſeid, ſo ſeid Ihr ſein Zwillingsbruder, das Lob kann ich Euch geben.“ Tom nahm das Kompliment mit geziemender Beſcheidenheit auf und machte das freundlichſte Geſicht, welches ſich mit ſeiner Natur vertrug. Haley, der ziemlich ſtark getrunken hatte, begann eine merkliche Erweite⸗ rung und einen bedeutenden Zuwachs ſeiner Moralität zu fühlen— eine Er⸗ ſcheinung, die bei Männern von ernſtem, nachdenkendem Charakter unter ähn⸗ lichen Umſtänden nicht ungewöhnlich iſt. „Nun, Tom,“ ſagte er,„Ihr treibt es wirklich zu ſchlimm; das habe ich Euch ſtets geſagt, Ihr wißt, Tom, daß ich unten in Natchez mit Euch über der⸗ ſen Dinge zu reden pflegte und daß ich Euch bewies, daß wir gerade eben o viel verdienten und in dieſer Welt eben ſo gut daran wären, wenn wir ſie gut behandelten, außerdem daß wir eine beſſere Ausſicht darauf hätten, endlich in den Himmel zu kommen, wenn es ans Sterben geht und ſonſt nichts mehr an⸗ zufangen iſt.“ „Pah,“ ſagte Tom,„wahrhaftig, das weiß ich nur zu gut. Macht mir mit Euerm Zeug nicht übel;— mein Magen iſt ſo jetzt etwas angegriffen,“ und Tom trank ein halbes Glas unvermiſchten Branntwein. „Nun,“ fuhr Haleh fort, indem er ſich in ſeinen Stuhl zurücklehnte und ausdrucksvoll geſtikulirte;„das muß ich ſagen, daß ich ſtets meinen Handel ſo betrieben habe, daß ich vor Allem ſo viel Geld daran verdiene, wie irgend ein Anderer, aber das Handeln iſt nicht das Einzige und das Geld iſt nicht das Ein⸗ zige, denn wir haben Alle Seelen. Es kümmert mich nicht, wer mich hört, und Onkel Tom's Hütte. 4 50 ich denke häufig genug daran; alſo mag es meinetwegen auch heraus. Ich laube an die Religion und wenn ich dereinſt mein Schäfchen ins Trockne ge⸗ racht habe, ſo gedenke ich für meine Seele und tergleichen zu ſorgenz was nutzt es alſo, mehr Böſes zu thun als wirklich nothwendig iſt?— Es ſcheint mir nicht recht klug zu ſein.“ „Für Eure Seele ſorgen!“ wiederholte Tom verächtlich;„das muß ein ſcharfes Auge ſein, das in Euch eine Seele findet.— In dieſer Beziehung könnt Ihr Euch nur alle Sorgen erſparen, der Teufel wird keine bei Euch finden, wenn er Euch auch durch ein Haarſieb ſchüttelt.“ „Ei, Tom, Ihr ſeid mißlaunig,“ ſagte Haley;„warum könnt Ihr es nicht im Guten aufnehmen, wenn Einer zu Euerm Beſten ſpricht.“ „Stellt endlich einmal das Salbadern ein,“ erwiderte Tom mürriſch; „ich kann das Meiſte von Euerm Geſchwätz ertragen, nur nicht das fromme Ge⸗ ſchwätz, das bringt mich geradezu um. Woͤrm beſteht am Ende der Unterſchied zwiſchen Euch und mir? Er liegt nicht etwa darin, daß Ihr Euch um der⸗ leichen Dinge um ein Haar mehr kümmertet, oder daß Ihr um ein Haar mehr efühl hättet— es iſt reine Hundegemeinheit— Ihr wollt den Teufel betrü⸗ gen und Eure Haut erretten. Ich durchſchaue Euch wohl, und was Eure Reli⸗ gioſität, wie Ihr es nennt, betrifft, ſo iſt es wahrhaftig zu giftgemein, wenn Einer ſein ganzes Leben lang eine Rechnung beim Teufel hat auflaufen laſſen, und dann, wenn der Zahltag komit, ſich davon ſchleicht.“ „Ruhig, ihr Herren, auf dieſe Weiſe macht man keine Geſchäfte,“ ſagte Marks,„es giebt verſchiedene Arten die Dinge zu betrachten, das wiſſen wir Alle. Mr. Haley iſt ſicherlich ein ganz netter Mann, der ſein Privatgewiſſen hat, und Tom, Ihr habt Eure Weiſe und es iſt eine ganz gute Weiſe, Tom; aber das Zanken, wißt Ihr, nutzt zu gar nichts. Wir wollen lieber ans Geſchäft gehen. Nun, Mr. Haley, wie ſteht es? Sie verlangen, daß wir es übernehmen, jenes Mädchen einzufangen.“ „Das Mädchen iſt nicht meine Sache— ſie gehört Shelby— es iſt nur der Junge. Ich war ein Narr, daß ich den Affen kaufte.“ „Ihr ſeid gewöhnlich ein Narr!“ ſagte Tom ſtöctiſch. „Ruhig Loker, mault nicht,“ ſagte Marks, ſeine Lippen leckend,„Ihr ſeht, daß Mr. Haley uns ein gutes Geſchaft übertragen will. Haltet Euch ſtill— in Dingen bin ich ſtark. Wie ſieht das Mädchen aus, Mr. Haley? was iſt ſie?“ „Nun, ſie iſt weiß und hübſch— ſie hat eine gute Erziehung gehabt. Ich würde Shelby achthundert bis tauſend für ſie gegeben und dann noch etwas Hübſches an ihr verdient haben.“ „Weiß und hübſch, und gut erzogen!“ rief Marks, deſſen ſcharfe Augen, Naſe und Mund von Unternehmungsluſt belebt wurden.„Schaut her, Loker, das ſind herrliche Ausſichten. Wir werden hier ein Geſchaft auf unſere eigne Rechnung machen können. Wir fangen ſie, der Junge wird natürlich an Mr. Haleh abgegeben, und wir ſchaffen das Mädchen nach Orleans um mit ihr zu ſpekuliren. Iſt es nicht wunderſchon?“ Tom, deſſen großer, ſchwerfälliger Mund während dieſer Mittheilung halb offen geſtanden hatte, ließ iun jetzt plötzlich zuſammenſchnapven wie ein großer Hund über einem Stück Fteiſch, und ſchten die Idee gemächlich zu verdauen. „Seht Ihr,“ ſagte Marks zu Haley, indem er ſeinen Punſch rührte,„ſeht Ihr, wir haben auf allen Punkten des Ufers Friedensrichter, die die kleinen Ge⸗ 6 ſchäfte. zu denen wir ſie brauchen, billig genug verrichten. Tom übernimmt den 3 Gewaltstheil und ich komme fein gelleidet— mit gewichſten Stiefeln— Alles 51 Prima⸗Qualität daran, wenn es ans Schwören geht. Ihr ſolltet nur ſehen,“ fuhr Marks vom Berufsſtolze erwärmt fort,„wie ich es abſtufen kann. Das einemal bin ich Mr. Twicken von Neu-Orleans, ein anderesmal bin ich eben von memer Pflanzung am Perlriver angekommen, wo ich ſiebenhundert Neger beſchätige; dann fomme ich wieder einmal als ein entfernter Verwandte Henry Clay's, oder als irgend ein alter Hahn aus Kentucky zum Vorſchein. Seht Ihr, die Talente ſind verſchieden Tom iſt ein Mordkerl, wenn eine Prügelei ausge⸗ führt werden ſoll, aber zum Lügen kaugt er nichts— ſeht Ihr, es fommt bei ihm nicht natürlich heraus; aber mein Seei, wenn es im Lande einen Burſchen giebt, der Alles und Jedes beſchwören und alle Umſtände und Nebenſachen mit einem längeren Geſicht einſchieben und es beſſer durchführen kann als ich, ſo möchte ich ihn einmal ſehen; weiter wünſche ich nichts. Ich glaube, daß ich mich ſelbſt dann durchwinden könnte, wenn die Friedensrichter aufmerkſamer wären als ſie ſind. Mitunter wünſche ich ſogar, daß ſie es ſein möchten; es würde dann weit angenehmer ſein— es gäbe mehr Spaß, wißt Ihr.“ Hier unterbrach Tom Lofer, der, wie wir gezeigt haben, ein Mann von langſamen Gedanken und Bewegungen war, Marfs dadurch, daß er mit ſeiner ſchweren Fauſt auf den Tiſch ſchlug, daß Alles erzitterte. „Es wird gehen!“ ſagte er. „Gott behüte Euch, Tom, Ihr braucht deshalb noch nicht alle Gläſer zu zerbrechen,“ ſagte Marks,„ſpart Eure Fauſt für die Zeit der Noth.“ „Aber Ihr Herren, erhalte ich keinen Theil von dem Profit?“ fragte Haley. „Iſt es nicht genug, daß wir Euch den Jungen einfangen?“ ſagte Loker; „was wollt Ihr mehr?“. „Nun,“ ſagte Haley,„wenn ich Euch das Geſchaft verſchaffe, ſo iſt es ſchon etwas werth— gebt mir zehn Procent vom Profit nach Abzug der oſten.“ „Mun,“ rief Loker mit einem furchtbaren Fluche, indem er mit ſeiner ſchwe⸗ ren Fauſt auf den Tiſch ſchlug,„ich kenne Euch dann, Haley; denkt nur ja nicht, daß Ihr mich übers Ohr hauen werdet. Glaubt Ihr, daß Marks und ich uns auf's Sklavenfangen gelegt haben, um Leuten wie Euch gefällig zu ſein und für uns ſelbſt nichts zu erlangen? Nein, dazwiſchen liegt noch ein langer Kreide⸗ ſtrich. Wir müſſen das Mädchen ganz für uns haben, und Ihr haltet Euch ruhig, ſonſt nehmen wir Beide— wer will uns daran hindern? Habt Ihr uns nicht auf die Fährte gebracht? Wir können hoffentlich eben ſo gut ſpüren wie Ihr. Wenn Ihr oder Shelby uns aufiagen wollt, ſo ſeht Euch nur nach den vorjährigen Rebhühnern um, und wenn Ihr die oder uns findet, ſo iſt es mir ſchon recht.“ „Jawohl, gewiß, es mag meinetwegen ſo ſein,“ agte Haley beſorgt,„Ihr fangt den Jungen ein, das ſoll für meinen Theil gelten, Ihr habt gegen mich ſtets ehrlich gehandelt und Euer Wort gehalten.“. „Das wißt Ihr,“ ſagte Fom;„ich laſſe mich nicht auf Eure Schnüffelei ein, aber ich würde ſelbſt den Teufel nicht belügen. Wenn ich etwas verſpreche, ſo thue ich es, das wißt Ihr Don Haley.“ „Ganz richtig, ganz richtig, ras habe ich ja geſagt, Tom,“ antwortete Haley, und wenn Ihr mir nur verſprechen wollt, mir den Jungen in einer Woche auf irgend eine von Cuch benannte Stelle zu ſchaffen, ſo verlange ich wei⸗ ter nichts.“ „Aber das iſt doch hei Weitem nicht Alles, was ich verlange.“ ſagte Tom „Ihr denkt doch nicht, daß ich ohne allen Nutzen mit Euch unten in Narchez im Geſchäft geweſen bin, Haley? Ich habe gelernt, wie man einen Aal feſthält, 4* ———— 2——— 52 wenn man ihn gefangen hat. Ehe Ihr nicht hier baare funfzig Dollars auf den Tiſch legt, geht dieſes Kind nicht von der Stelle; ich kenne Euch.“ „Was, wenn Ihr ein Geſchäft in der Hand habt, das Euch einen reinen Profit von tauſend bis ſechzehnhundert einbringen kann? ei, Tom, Ihr ſeid unbillig,“ ſagte Haley. „Haben wir nicht Geſchäfte, die auf fünf Wochen unſere ganze Zeit in An⸗ ſpruch nehmen?— und angenommen, daß wir Alles verlaſſen und nach Euerm Jungen auf das Buſchklopfen gehen und enblich doch die Dirne nicht fangen— denn die Mädchen haben immer den Satan im Leibe— wie dann? Würdet Ihr uns etwa einen Cent dafür zahlen?— nicht wahr, Ihr würdet es thun? Es iſt mir ſchon, als ob ich Euch jähe! Nein, nein, kommt mit Euern Funfzig her⸗ aus. Wenn wir das Geſchäft machen und es lohnt, ſo zahle ich Euch das Geld zurück. Wenn es nicht geht, ſo iſt es eine Vergütung für unſere Mühe, das iſt nicht mehr als billig, nicht wahr, Marks?“ „Gewiß, gewiß!“ ſagte Marks mit verſöhnlichem Tone,„es iſt nur ein Honorar, um Euch unſrer Dienſte zu verſichern, ſeht Ihr, hihihi. Wir ſind Juriſten, wißt Ihr. Nun, wir müſſen Alle im guten Vernehmen bleiben. Tom wird Euch den Jungen bringen wohin Ihr wollt, nicht wahr, Tom?“ „Wenn ich den Jungen finde, ſo bringe ich ihn nach Cineinnati und laſſe ihn bei der Mutter Belcher am Landungsplatze,“ ſagte Loker. Marks hatte eine fettige Brieftaſche herausgezogen, nahm ein langes Pa⸗ pier aus derſelben, ſetzte ſich nieder, heftete ſeine ſcharfen, ſchwarzen Augen darauf und begann murmelnd den Inhalt abzuleſen: „Barnes— Shelby County— Burſche Jim, dreihundert Dollars für ihn, todt oder lebendig. Edwards— Dick und Luch— Mann und Frau— ſechs⸗ hundert Dollars— Dirne Polly und zwei Kinder— ſechshundert für ſie oder ihren Kopf.— Ich gehe nur unſere Geſchäfte durch, um zu ſehen, ob wir dieſes gut übernehmen können. Loker,“ ſagte er nach einer Puuft„wir müſſen Adams auf dieſe Fährten ſetzen, ſie ſind ſchon ſeit einiger Zeit einge⸗ rieben.“ „Sie werden zu viel anrechnen, Kſagte Tom. Dafür werde ich ſorgen. Sie ſind noch jung im Geſchäft und müſſen wohlfeil arbeiten,“ meinte Marks.„Drei davon ſind leicht genug abzumachen, weil weiter nichts zu thun iſt, als ſie niederzuſchießen oder zu beſchwören, daß ſie erſchoſſen ſeien und dafür können ſie natürlich nicht viel rechnen. Die andern Sachen,“ ſetzte er, das Papier zuſammenfaltend, hinzu,„können ſchon no eine Zeitlang hinausgeſchoben werden. Jetzt zu den näheren Umſtänden. Habt Ihr das Mädchen an's Land gehen ſehen, Mr. Haley?“ „Gewiß, ſo deutlich, wie ich Euch ſehe.“ „Und einen Mann, der ihr das Ufer hinaufhalf,“ ſagte Loker? „Freilich habe ich das.“ „Wahrſcheinlich,“ ſagte Marks,„iſt ſie irgendwo aufgenommen worden; aber wo, das iſt die Frage. Was meint Ihr, Tom?“ „Wir müſſen unbedingt noch heute Nacht über den Fluß, antwortete Tom. „Aber es iſt kein Boot in der Nähe,“ meinte Mars,„das Eis geht furcht⸗ bar, Tom. Iſt es nicht gefährlich?“ „Das weiß ich nicht, aber es muß geſchehen,“ ſagte Tom entſchieden. „Du mein Himmel,“ ſagte Marks unruhig,„es wird— hört,“ fuhr er an 3 Fenſter tretend fort,„es iſt ſo ſinſter, wie in einem Wolfsrachen, und om— „Kutz und gut, Ihr fürchtet Euch, Marks, aber dafür kann ich nichts, Ihr 53 müßt gehen. Wollt Ihr ein paar Tage hier liegen bleiben bis das Mädchen auf der unkerländiſchen Linie nach Sandusky gebracht worden iſt, ehe ihr—“ „O, nein, ich fürchte mich gar nicht,“ entgegnete Marks,„aber—“ „Aber was?“ ſagte Tom. „Aber das Boot, Ihr ſeht, daß kein Boot hier iſt.“ „Ich habe von der Frau gehört, daß heute Abend eines kommen wird, und daß ein Mann damit hinüber geht. Alles oder nichts, wir müſſen mit ihm gehen,“ antwortete Tom. „Ich hoffe, daß Ihr gute Hunde habt,“ ſagte Haley. „Die beſten von der Welt“ ſagte Marks;„aber was nützt das? Ihr habt ja nichts von ihr, das man ihnen zum Riechen vorhalten könnte.“ „Ja, ich habe etwas,“ erwiderte Haley triumphirend,„hier iſt ihr Shawl, den ſie in ihrer Eile auf dem Bett zurückgelaſſen hat, auch ihr Hut iſt noch da.“ „Das iſt ein Glück,“ ſagte Loker;„gebt die Sachen her.“ „Aber die Hunde könnten dem Mädchen Schaden thun, wenn ſie es un⸗ vermuthet träfen,“ meinte Haley. „Das iſt zu bedenken,“ entgegnete Marks,„unſere Hunde haben einmal ite in Mobile einen Burſchen halb in Stücke zerriſſen, ehe wir ihn losbringen onnten.“ „Nun ſeht Ihr fuür dieſe Sorte, die wegen ihres Aeußern gekauft wird, ſind die Hunde nichts,“ ſagte Haley. Ich verſtehe,“ antwortete Marks.„Wenn ſie irgendwo aufgenommen wor⸗ den iſt, ſo nützt es übrigens auch nichts. Die Hunde helfen in den obern Staa⸗ ten, wo die Nigger gefahren werden, überhaupt wenig, denn man kann ſie na⸗ türlich nicht z ihre Fährte bringen. Sie gehen nur unten in den Pflanzungen an, die Nigger, wenn ſie entlaufen, zu Fuße gehen müſſen und keine Hilfe erhalten.“ „Nun,“ rief Loker, der in das Schenkzimmer hinaus gegangen war, um ie anzuſtellen,„der Mann mit dem Boote iſt gekommen, alſo arks.“— „Der Ehrenmann warf einen betrübten Blick auf das behagliche Quartier, welches er verlaſſen mußte, erhob ſich jedoch langſam, um zu gehorchen. Nach⸗ dem er mit Haley noch einige verſtändigende Worte gewechſelt hatte, übergab dieſer mit ſichtlichem Widerſtreben die funfzig Dollars an Tom und das ſchöne Kleeblatt trennte ſich. Während ſich dieſe Scene in dem Wirthshauſe ereignete, ſetzten Sam und Andy munter ihren Heimritt fort. Sam's Heiterkeit hatte den höchſten Gipfel erreicht und er gab ſeinen Triumph durch alle möglichen übernatürlichen Schreie und Ausrufe, ſowie durch die ſonderbarſten Bewegungen und Verrenkungen ſeines ganzen Körpers zu er⸗ kennen. Bald ſaß er verkehrt mit dem Geſicht nach dem Schweife des Pferdes gewendet da, bald ſchwenkte er ſich mit einem Halloh wieder zurück, nahm ein gravitätiſches Geſicht an und begann Andy in hochtönenden Worten eine Straf⸗ predigt zu halten, weil er lache und den Narren ſpiele. Bald ſchlug er ſich auf die Schenkel und brach in ein Gelächter aus, von welchem die alten Wälder widerhallten. Bei allen dieſen Cvolutionen ließ er aber doch die Pferde aus⸗ Feſ ſo gut ſie konnten, bis endlich zwiſchen Zehn und Elf ihr Hufſchlag auf em Kieswege am Ende des Balkons hörbar wurde. Mrs. Shelby eilte heraus. „Biſt Du es, Sam!— wo ſind ſie?“ 54 „Mr. Haley ruht in der Schenke aus— er iſt entſetzlich müde, Miſſis.“ „Und Eliza, Sam?“ „Nun, ſie iſt rein über den Jordan, man kann ſagen, daß ſie ſich im Lande Kanaan befinde.“ „Ei, Sam, was meinſt Du eigentlich,“ ſagte Mrs. Shelby athemlos und halb ohnmächtig, als ſie die Bedeutung ſeiner Worte zu ahnen begann. „Nun, Miſſis, der Herr bewahrt ſeine Knechte. Lizzy iſt über den Fluß nach Hiv gegangen und es war eben ſo merkwürdig, als ob ſie der Herr in einem zweiſpännigen Wagen hinübergefahren hätte.“ Sam's Frömmigfeit war in Gegenwart ſeiner Herrin ſtets äußerſt in⸗ zlti⸗ und erging ſich mit großer Vorliebe in bibliſchen Bildern und Aus⸗ rücken. „Komm herauf, Sam,“ rief Mr. Shelby, der ebenfalls auf die Veranda herausgekommen war,„und berichte Deiner Herrin, was ſie zu wiſſen wünſcht. 3 Komm herein, Emilie,“ fuhr er, ſeinen Arm um ſie ſchlingend, fort,„Du frierſt und zitterſt, Du giebſt Dich Deinen Gefühlen zu ſehr hin.“ „Ich gebe mich meinen Gefühlen zu ſehr hin?— Bin ich nicht ein Weib — eine Mutter? Sind wir nicht Beide Gott für dieſes arme Mädchen ver⸗ antwortlich? Möge der Herr wegen dieſer Sünde nicht mit uns in's Ge⸗ richt gehen.“ „Wegen welcher Sünde, Emilie? Du ſiehſt ſelbſt ein, daß wir nur gethan haben, was wir mußten.“ „Deſſen ungeachtet habe ich ein furchtbares Gefühl der Schuld auf mir,“ ſagte Mrs. Shelby;„ich vermag nicht es hinweg zu vernünfteln.“ „Andy, Du Nigger, rühre Dich!“ rief Sam unter der Veranda,„führe die Pferde in den Stall. Hörſt Du nicht, daß der Maſter ruft!“ und bald dar⸗ auf erſchien Sam mit ſeinem Palmenhute in der Hand in der Thür. 6 „Jetzt, Sam, erzähle uns ausführlich, wie die Sache gegangen iſt. Wo iſt Eliza, wenn Du es weißt?“ „Nun, Maſter, ich habe ſie mit meinen eignen Augen über das Treibeis laufen hen: Sie iſt auf die merkwürdigſte Weiſe hinüber gekommen. Es war ri ein Wunder zu nennen, und dann ſah ich wie ihr ein Mann auf der hioſeite hinaufhalf und darauf verſchwand ſie in der Dunkelheit.“ „Sam, dieſes Wunder erſcheint mir ziemlich apokryphiſch, es iſt nicht ſo leicht, auf ſchwimmenden Eisſchollen über einen Fluß zu ſetzen,“ ſagte Mr. Shelby. „Leicht! ohne den Beiſtand des Herrn hätte es Niemand thun können. Sehen Sie, es iſt ſo zugegangen. Mr. Haley und ich und Andy, wir kamen an die kleine Schenke unten beim Fluſſe und ich war ein Stück vorausgeritten— ich war ſo eifrig, Lizzy zu fangen, daß ich mich nicht zurückhalten konnte— und als ich an das Fenſter kam, war ſie richtig dort und die Anderen kamen dicht hinter mir. Nun, ich verlor meinen Hut und ſchrie deshalb laut genug, daß es die Todten hätte erwecken können. Natürlich hörte es Lizzy und ſie wich zurück, als Mr. Haley vorüber ritt, um an die Thür zu kommen und dann machte ſie ſich zur Seitenthür hinaus und lief an das Flußufer hinab. Mr. Haley ſah ſie und ſchrie ihr nach und er und ich und Andy verfolgten ſie. Als ſie an den Fluß hinabfamen, lief die Strömung dicht am Ufer volle zehn Fuß breit und auf der andern Seite ſägte das Eis und ging auf und ab, als ob es eine große Inſel wäre. Wir kamen dicht hinter ihr und ich dachte meiner Seel, daß er ſie ſich genug hätte; aber ſie ſtieß einen Schrei aus, wie ich ihn noch nie gehörth und dann war ſie jenſeits der Strömung auf dem Eiſe und darauf fing ſie a 55 u ſchreien und zu ſpringen, und das Eis knarrte und praſſelte und brach und ſie darüber wie ein Hirſch,— Gott, was das Mädchen ſpringen konnte! es war meiner Treu etwas ganz Ungewöhnliches“ Mrs. Shelby ſaß ſtumm und vor Aufregung bleich da, während Sam ſeine Geſchichte erzählte. „Gottlob, daß ſie nicht todt iſt,“ ſagte ſie;„aber wo befindet ſich das arme Kind jetzt?“ „Der Herr wird für ſie ſorgen,“ ſagte Sam, indem er fromm die Augen verdrehte.—„Wie geſagt, es giebt ganz gewiß eine Vorſehung, wie uns die Miſſis ſiets gelehrt hat Es giebt iminer Werkzeuge, die ſich erheben, um den Willen des Herrn zu vollbringen. Wenn ichz. B. heute nicht geweſen wäre, ſo würde ſie ein Dutzend Mal gefangen worden ſein. Habe ich nicht dieſen Morgen die Pferde losgelaſſen und bis zur Eßzeit umhergejagt? Habe ich nicht heute Abend Mr. Haley einen Umweg von beinahe fünf Meilen machen laſſen, ohne den er Lizzy gewiß eben ſo leicht eingeholt hätte, wie ein Hund einen Waſchbär⸗ Das ſind alles die Wege der Vorſehung geweſen.“ „Es ſind Wege der Vorſesung, mit denen Du gefälligſt ſparſam umgehen wirſt, Mr. Sam. Ich erlaube auf meinem Gute nicht, daß fremden Herren der⸗ gleichen Streiche geſpielt werden,“ ſagte Mr. Shelby mit der größten Strenge, welche er unter den obwaltenden Umſtänden aufbieten konnte. Es iſt eben ſo unmöglich einem Neger vorzuſpiegeln, daß man zornig ſei, wenn es nicht wirklich der Fall iſt, wie einem Kinde. Beide erkennen inſtinkt⸗ mäßig die wahre Lage der Dinge, trotz aller Verſuche zum Gegentheil. Und Sam ließ ſich durch dieſen Tacel keineswegs niederſchlagen, obgleich er eine Miene voll kläglichen Ernſtes annahm und mit dem Palmenhute in der Hand und mit bußfertig herabgezogenen Mundwinkein daſtand. „Der Maſter hat ganz recht— es war häßlich von mir, daß läßt ſich nicht beſtreiten, und natürlich wird die Herrſchaft keine ſolchen Sachen unterſtützen. Ich erfenne das recht gut, aber ein armer Nigger, wie ich, fühlt ſich mitunter ungeheuer ſtark verſucht, häßlich zu handeln, wenn er die Herren ſolche Streiche machen ſieht, wie Mr. Haley; er iſt ganz und gar kein Gentleman; ein Jeder, der ſo aufgezogen worden iſt wie ich, muß das einſchen.“ 5 N „Nun, Sam, ſagte Mrs. Shelby;„da Du Deine Irrthümer gehörig zu erkennen ſcheinſt, fannſt Du jetzt gehen und der Tante Chloe ſagen, daß ſie Dir ein Stück von dem Schinfen geben ſoll, der heute vom Mittageſſen übrig ge⸗ blieben iſt. Du und Andy müßt hungrig ſein.“ „Die Miſſis iſt viel zu gut für uns,“ ſagte Sam, indem er ſchnell ſeinen Kratzfuß machte und ſich entfernte. 9. Worin es ſich zeigt, daß ein Senator auch nur ein Menſch iſt. Das Licht des muntern Feuers ſchien auf den Teppich eines koſigen Zim⸗ merchens und glitzerte auf den Theetaſſen und der ſchöngeputzten Theekanne, als Senator Bird ſeine Stiefeln auszog und ſich anſchickte, die Füße in ein Paar neue hübſche Hausſchuhe zu ſtecken, welche ihm ſeine Frau während ſeiner Sena⸗ torenreiſe grarbeitet hatte. Mrs. Bird, die wie ein wahres Bild der Freude ausſah, beaufſichtigte die Arrangements des Tiſches und vermiſchte damit von Zeit zu Zeit Ermahnungen an eine Anzahl munterer junger Weſen, die ſich allen den unzähligen Neckereien und Ausbrüchen der Kinderluſt hingaben, durch welche ſeit den Tagen ver Sündfluth Mütter in Erſtaunen geſetzt worden ſind.— 56 „Tom, laß die Thürklinke in Ruhe, ſei ein guter Junge. Marh, Marh! zieh die Katze nicht am Schwanze— das arme Miezchen— Jim, Du darfſt nicht auf den Tiſch klettern— nein, nein!— du weißt nicht, lieber Mann, welche Ueberraſchung es für uns Alle iſt, Dich heute Abend hier zu ſehen,“ ſagte ſie endlich, als ſie Zeit fand ein Wort zu ihrem Gatten zu ſprechen. „Ja, ja, ich dachte, ich wollte einmal herabkommen, die Nacht zu Hauſe zubringen und es mir ein wenig bequem machen. Ich bin todtmüde und der Kopf thut mir weh.“ Mrs. Bird warf einen Blick auf eine Kampferſpiritusflaſche, die in dem halboffnen Wandſchranke ſtand, und ſchien auf eine Annäherung an dieſelbe zu ſinnen; aber ihr Gatte hielt ſie davon ab. „Nein, nein, Mary, keine Arzeneien, eine Taſſe von Deinem guten heißen Thee und etwas von Deiner guten Hausmannskoſt— weiter verlange ich nichts. Das Geſetzemachen iſt ein mühſeliges Geſchäft.“ Und der Senator lächelte, als finde er Gefallen an der Idee, daß er ſich für ſein Vaterland aufopfere. „Mun,“ ſagte ſeine Frau, ſobald das Geſchäft des Theetiſches etwas weniger eifrig geworden war,„was hat man im Senate gethan?“ Es war für die ſanfte, kleine Mrs. Bird etwas ſehr Ungewöhnliches, ſich über das, was in dem Hauſe des Staates vorging, den Kopf zu zerbrechen, da ſie ſehr weislich der An⸗ ſicht war, daß ſie in ihrem eigenen genug zu thun habe. Mr. Vird machte da⸗ her graße Augen und ſagte „Nichts beſonders Wichtiges.“ Iſt es wirklich wahr, daß man ein Geſetz erlaſſen hat, um den Leuten zu verbieten, den armen Farbigen, die vorüberkommen, Speiſe und Trank zu geben? Ich habe von einem ſolchen Geſetze gehört, aber nicht gedacht, daß es eine chriſtliche geſetzgebende Verſammlung erlaſſen würde!“ „Ei, Marh, Du biſt ja plötzlich eine Politikerin geworden.“ .„Dummes Zeug, ich würde im Allgemeinen keinen Strohhalm um Eure gnze Politik geben, aber dies halte ich geradezu für grauſam und unchriſtlich. L will hoffen, lieber Mann, daß kein ſolches Geſetz erlaſſen worden iſt.“ „Es iſt ein Geſetz durchgegangen, um den Leuten zu verbieten, den von herüberkommenden Sklaven weiter zu helfen. Die rückſichtsloſen Abo⸗ üitioniſten haben es ſo arg getrieben, daß ſich unſere Brüder in Kentucky in der ſtärkſten Aufregung befinden und es nothwendig und nicht mehr als chriſtlich und nachbarlich erſcheint, von Seiten unſeres Staates etwas zu thun, um die Aufregung zu beſchwichtigen.“ „Und was beſagt das Geſetz? es verbietet uns doch nicht, dieſen armen Ge⸗ ſchöpfen ein Nachtquartier zu geben und ihnen etwas Gutes zu eſſen vorzuſetzen, und ein Paar alte Kleider mitzutheilen und ſie in aller Ruhe weiter zu ſchicken? Thut es das?“ „Freilich, liebes Kind, das hieße„Helfen und Befördern,“ weißt Du?“ Mrs. Bird war ein ſchüchternes, blühendes Weibchen von etwa vier Fuß Höhe, guten, ſanften, blauen Augen und einem Pfirſichblüth-Teint und der mildeſten, lieblichſten Stimme von der Welt. Was ihren Muth betrifft, ſo war es vorgekommen, daß ein Truthahn von mächtiger Größe ſie mit einigem Kaudern in die Flucht geſchlagen hatte, und ein tüchtiger Haushund von nur leidlichen Fähigkeiten konnte ſie durch das bloße Zeigen ſeiner Zähne ſchon zur Unter⸗ werfung bringen. Ihr Gatte und ihre Kinder waren ihre ganze Welt und in dieſer regierte ſie mehr durch Bitten und durch Ueberredungen, als durch Befehle oder Vernunft⸗ 57 gründe. Es gad nur Eines, was ſie aufregen konnte und dieſe Reizbarkeit kam von der Seite ihrer ungewöhnlich ſanften, theilnehmenden Natur. Alles, was der Grauſamkeit nur ähnlich ſah, verſetzte ſie in einen Zorn, der um ſo beſorg⸗ nißerregender und unerklärlicher war, je ſanfter ſich ihre Natur im Allgemeinen bewies. Beim gegenwärtigen Anlaſſe erhob ſich Mrs. Bird ſchnell und mit ſehr rothen Wangen, was ihr Aeußeres ungemein verſchönerte, ging mit entſchloſſener Miene auf ihren Gatten zu und ſagte: „Nun, John, ich verlange zu wiſſen, ob Du ſolche Geſetze wie dieſe, für recht und chriſtlich hältſt.“ „Du wirſt mich nicht erſchießen, Mary, wenn ich ſage, daß ich es thue.“ i„3ch, hätte das nie von Dir gedacht, John, Du haſt doch nicht dafür geſtimmt?“ „Jawohl, meine hübſche Politikerin.“ „Du ſollteſt Dich ſchämen, John. Die armen heimathloſen, ſchutzloſen Ge⸗ ſchöpfe. Es iſt ein ſchändliches, gottloſes, abſcheuliches Geſetz und ich für meine Perſon werde es brechen, ſobald ich eine Gelegenheit dazu erhalte und ich hoffe, daß ich eine Gelegenheit erhalten werde. Es iſt weit gekommen, wenn eine Frau einem armen, hungernden Geſchöpfe nicht einmal ein warmes Abendeſſen und ein Bett geben kann, blos weil es ein Sklave iſt und ſein ganzes Leben lang gemißhandelt und gedrückt worden war. Die armen Dinger!“ „Aber, Mary, höre mich nur an, Deine Gefühle ſind vollkommen recht und gut, und ich liebe Dich deshalb, aber beialle dem, liebes Kind, dürfen wir unſere Gefühle nicht mit unſerm Verßande durchgehen laſſen. Du mußt bedenken, daß es keine Sache des Privat⸗Gefühls iſt, es handelt ſich um große öffentliche In⸗ tereſſen. Wir leben in einer ſolchen Aufregung, daß wir unſere Privatgefühle bei Seite legen müſſen.“ „Nun, John, ich verſtehe nichts von der Politik, aber ich kann meine Bibel leſen und in der ſehe ich, daß ich Hungrige ſpeiſen und Nackte kleiden und die Betrübten tröſten muß, und ich gedenke der Bibel zu folgen.“. in Fällen, wo Dein Benehmen große öffentliche Uebel herbeiführen würde!“ „Der Gehorſam gegen Gott führt nie öffentliche Uebel herbei; ich weiß, daß er das nicht kann; es iſt ſtets am ſicherſten zu thun, wie er es uns befiehlt.“ „Höre mich nur an, Mary, ich kann Dir die klarſten Gründe angeben, um Dir zu beweiſen—“. „O Unſinn, John, Du kannſt die ganze Nacht ſprechen ohne es zu thun. Ich ſtelle es Dir anheim, John; würdeſt Du ein armes, frierendes, hungriges Geſchöpf von Deiner Thür weiſen, weil es ein entlaufener Sklave wäre— wür⸗ deſt Du das thun?“ Nun hatte unſer Senator, wenn wir die Wahrheit geſtehen müſſen, das Unglück ein Mann zu ſein, der eine ganz beſonders humane, zugängliche Natur beſaß, und das Fortweiſen eines Menſchen, der ſich in Noth befand, war nie ſein ſtarker Punkt geweſen. Das Schliminſte in dieſer Bezichung war noch, daß das ſeine Frau wußte, und natürlich auf einen vertheidigungsunfähigen Punkt Sturm lief. Er nahm daher ſeine Zuflucht zu dem für ſolche Fälle vorhandenen, gewöhnlichen Mittel um Zeit zu gewinnen. Er ſagte,„Hm!“ und huſtete ver⸗ ſchiedene Male, nahm ſein Taſchentuch heraus und begann ſeine Brille zu wiſchen. Mrs. Bird, die die ſchutzloſe Lage des feindlichen Gebietes erkannte, war ſo gewiſſenlos ihren Vortheil zu verfolgen. „Ich möchte Dich das thun ſehen, John, ich möchte es wirklich! Zum Beiſpiel ein Frauenzimmer in einem Schneeſturme von der Thür weiſen, oder 58 vielleicht ſie aufnehmen und in's Gefängniß ſtecken!— nicht wahr, das würdeſt Du— Du würdeſt dazu vollkommen paſſend ſein?“ „Natürlich wäre es eine ſehr ſchmerzliche Pflicht,“ begann Mr. Bird in gemäßigtem Tone. „Pflicht! John, gebrauche das Wort nicht. Du weißt, daß es keine Pflicht iſt— es kann keine Pflicht ſein; wenn die Leute ihre Sklaven vom Entlaufen abhalten wollen, ſo moögen ſie ſie gut behandeln. Das iſt mein Lehrſatz.“ In dieſem kritiſchen Augenblicke ſteckte der alte Cudjo, der ſchwarze Diener, ſeinen Kopf zur Thür herein und forderte die Miſſis auf in die Küche zu kom⸗ men, und unſer Senator blickte ſeinem Frauchen mit einem komiſchen Gemiſch von Beluſtigung und Aerger nach, ſetzte ſich in den Lehnſtuhl zurecht und begann die Zeitung zu leſen. Nach einem Moment vernahm er die Stimme ſeiner Gattin, welche mit ſchnellen eifrigen Tönen zur Thür herein rief: „John, John! ich bitte Dich auf einen Augenblick hierherzukommen!“ Er legte ſeine Zeitung nieder und ging in die Küche und ſchrak über ben ſich ihm hier darbictenden Anblick erſtaunt zurück. Ein junges ſchlankes Frauen⸗ zimmer mit zerriſſenen, ſtarr gefrorenen Kleidern, mit nur einem Schuh und blutenden Füßen lag in leichenähnlicher Ohnmacht auf zwei Stühlen. Ihr Ge⸗ ſicht trug den Stempel der verachteten Race und doch konnte man ſich nicht ent⸗ halten, deſſen rührende Schönheit zu fühlen, während ſeine ſteinerne Schärfe, ſein kaltes, ſtarres leichenartiges Ausſehen den Betrachtenden mit ſchaurigen Gefühlen erfüllte. Er athmete ſchwer und blieb ſchweigend ſtchen. Seine Frau und die einzige farbige Dienerin, die alte Tante Dina waren geſchäftig bemüht, ſie wieder zu ſich zu bringen, indeß der alte Cudjo den Knaben auf ſeine Kniee genommen hatte und ihm die Schuhe und Strümpfe abzog und die kleinen kalten Füße rieb. „Sie ſieht furchtbar aus,“ ſagte die alte Dina mitleidig.„Wie es ſcheint, ſie die Hitze ohnmächtig gemacht. Sie war ziemlich munter als ſie herein am und fragte, ob ſie ſich hier nicht ein wenig wärmen könne und ich erkundigte mich eben, woher ſie kommt und da wurde ſie ohnmächtig. Ihren Händen nach zu urtheilen wird ſie nie viel ſchwere Arbeiten verrichtet haben.“ „Das arme Geſchöpf!“ ſagte Mrs Bird mitleidig, als das Weib langſam ſeine großen dunkeln Augen aufſchlug und ſie zweifekhaft anblickte. Plötzlich zog ein Ausdruck der Pein über das Geſicht der Freinden und ſie ſprang auf und rief: „O mein Harry, haben ſie ihn!“ Bei dieſen Worten hüpfte der Knabe von Cudjo's Knie, lief zu ihr heran und erhob ſeine Arme zu ihr. „O, er iſt hier! er iſt hier!“ rief ſie. „Ach, Madam,“ ſagte ſie verſtört zu Mrs. Bird;„bitte, beſchützen Sie uns, laſſen Sie ihn nicht fangen.“ „Hier ſoll Ihnen Niemand etwas zu leide thun, arme Frau,“ erwiderte Mrs. Bird ermuthigend.„Sie ſind ſicher, fürchten Sie nichts.“ „Gott ſegne Sie!“ ſagte die Frau ihr Geſicht bedeckend und ſchluchzend, während der kleine Knabe als er ſie weinen ſah, auf ihren Schvoß zu ſteigen ſuchte. Durch eine Menge von ſanften, weiblichen Dienſtleiſtungen, welche Keine beſſer darzubringen verſtand, als Wrs. Bird, wurde die arme Frau mit der Zeit etwas ruhiger. Auf der Bank am Feuer bereitete man für ſie ein Bett und in Kurzem verſank ſie in einen tiefen Schlummer, wobei das Kind, welches nicht weniger ermüdet zu ſein ſchien, feſt auf ihren Armen ſchlief, denn die Mutter * 59 widerſtand in ängſtlicher Aufregung den freundlichſten Verſuchen es ihr abzu⸗ nehmen, und hielt es ſelbſt im Schlafe feſt umſchloſſen, als ob ſie ſich nicht von ihrer Wachſamkeit abwendig machen laſſen wolle. Mr. und Mrs. Bird waren in das Zimmer zurückgekehrt, wo, ſo ſeltſam es auch erſcheinen mag, von keiner Seite auf das vorhergegangene Geſpräch Be⸗ ug genommen wurde. Mrs. Bird beſchäftigte ſich jedoch mit ihrer Stickerei und kr. Bird that als ob er die Zeitung läſe. „Ich möchte wiſſen wer und was ſie iſt!“ ſagte endlich Mr. Bird, indem er ſie niederlegte. 6 „Wenn ſie erwacht und ſich ein wenig erholt hat werden wir ſie fragen,“ ſagte Mrs. Bird. 5 „Höre Frau!“ begann der Senator, nachdem er ſchweigend eine Zeitlang auf das Journal geblickt hatte.— „Nun Liebſter!“ „Koͤnnte ſie nicht eines von Deinen Kleidern tragen, wenn es ausgelaſſen würde? Sie ſcheint etwas größer zu ſein, als Du biſt.“ Auf Mrs. Bird's Geſicht trat ein vollkommen bemerkbares Lächeln als ſie antwortete: „Wir werden ſehen.“ Wieder eine Pauſe, die von Mr. Bird abermals unterbrochen wurde. „Höre Frau!“ „Nun, was giebt es ſchon wieder?“ „Ei, weißt Du den alten Bombaſſinmantel, den Du über mich zu breiten pflegſt, wenn ich mein Mittagsſchlafchen halte, den kannſt Du ihr wohl geben⸗ Sie braucht Kleider.“ 8 In dieſem Augenblicke ſchaute Dina herein und meldete, daß die Frau er⸗ wacht ſei und die Miſſis zu ſehen wünſche. 2 Mr und Mrs. Vird gingen von den beiden älteſten Knaben gefolgt in die Küche. Die kleinere Bande lag jetzt bereits wohlbehalten im Bett. Die Frau ſaß auf der Bank am Fruer; ſie blickte unverwandt mit einem ruhigen, verzweifelten Ausdrucke, welcher von ihrer frühern aufgeregten Verſtört⸗ heit ſehr verſchieden war, in die Gluth. „Haben Sie nach mir verlangt?“ ſagte Mrs. Bird mit ſanſten Tönenz „ich hoffe, daß Sie Sich jetzt wohler fühlen, arme Frau.“ Ein langgezogener bebender Seufzer war die einzige Antwort, welche ſie erhielt; aber die Fremde erhob ihre dunkeln Augen und heftete dieſelben mit einem ſo flehenden, hilfloſen Ansdrucke auf ſie, daß dem kleinen Weibchen die Thränen in die Augen traten. „Sie brauchen nichts zu fürchten. Wir ſind hier Freunde, arme Frau. Sagen Sie mir, woher Sie kommen und was Sie bedürfen.“ „Ich bin von Kentucky gekommen,“ ſagte die Frau. „Wann?“ fragte Mr. Bird, der das Verhör übernahm. „Dieſe Nacht.“ „Wie ſind Sie gekommen?“ „Ich bin auf dem Eiſe herübergegangen.“ „Auf dem Eiſe herübergegangens“ riefen alle Gegenwärtige. „Ja,“ ſagte die Frau langſam,„ſo iſt es; mit Gottes Hilfe bin ich auf dem Eiſe herübergekommen, denn ſie waren hinter mir— dicht hinter mir— und es gab keinen andern Ausweg.“ „Guter Gott, Miſſis,“ ſagte Cudjo,„das Eis iſt ganz in Schollen ge⸗ borſten, die ſich im Waſſer auf und ab ſchaukeln.“ 60 „Ich weiß, daß es ſo war, ich weiß es, aber ich habe es gethan,“ ſagte die Verſtörte;„ich würde nicht gedacht haben, daß ich es könnte— ich hatte nicht eglaubt, daß ich herüberkommen würde, aber ich machte mir nichts daraus; ich Fugt nicht mehr als ſterben, wenn es mir nicht gelang. Der Herr hat mir ge⸗ holfen. Keiner weiß, wie ihm der Herr helfen kann, bis er es verſucht,“ fügte die Frau mit blitzenden Augen hinzu. „Waren Sie eine Sklavin?“ fragte Mr. Bird. „Ja, Sir, ich gehörte einem Manne in Kentucky.“ „War er unfreundlich gegen Sie?“ „Nein, Sir, er war ein guter Herr.“ „Und war Ihre Herrin unfreundlich gegen Sie?“ „Mein, Sir— nein— meine Herrin iſt ſtets gut gegen mich geweſen.“ „Was konnte Sie dann bewegen, eine gute Heimath zu verlaſſen und zu entlaufen und ſich ſolchen Gefahren auszuſetzen?“ Die Frau blickte mit ſcharfen, forſchenden Augen zu Mrs. Bird auf und es entging ihr nicht, daß ſie in Trauer gekleidet war. „Madam,“ ſagte ſie plötzlich,„haben Sie je ein Kind verloren?“ Die Frage kam ſo unerwartet und ſie riß eine kaum vernarbte Wunde auf. denn es war erſt ein Monat vergangen, ſeit man ein geliebtes Kind der Familie in das Grab gelegt hatte. Mr. Bird wendete ſich um und trat an das Fenſter, und Mrs. Bird brach in Thränen aus, faßte ſich aber wieder und ſagte: „Warum fragen Sie das? ich habe ein Kleines verloren.“ „Dann werden Sie für mich fühlen. Ich habe zwei verloren, eines nach dem andern— ſie ſind dort, von wo ich komme, begraben, und ich hatte nur noch dieſes Eine. Ich ſchlief keine Nacht ohne ihn; er war Alles, was ich hatte, er war mein Troſt und Stolz bei Tag und Nacht, und, Madam, man wollte ihn mir wegnehmen, ihn verkaufen, ihn nach Süden hinab verkaufen, Madam, wo⸗ hin er ganz allein gehen ſollte— ein Kind, das in ſeinem ganzen Leben noch nie von ſeiner Mutter hinweggekommen war. Ich konnte es nicht ertragen, Madam; ich wußte, daß ich nie wieder zu etwas gut ſein würde, wenn man es that: und ſobald ich wußte, daß die Papiere unterzeichnet waren und daß er ver⸗ kauft war, nahm ich ihn und entfloh in der Nacht und man jagte mir nach— der Mann, der ihn gekauft hatte, und einige von den Leuten des Herrn, und ſie kamen dicht hinter mir herab und ich hörte ſie. Ich ſprang auf das Eis und wie ich herübergekommen bin, weiß ich nicht. Das Erſte, worauf ich mich wieder be⸗ ſinne, war, daß mir ein Mann das Ufer hinaufgeholfen hat.“ Die Fremde ſchluchzte weder, noch weinte ſie. Ihre Thränen waren ver⸗ ſiegt, aber alle ſie Umgebenden zeigten auf die eine oder andere Weiſe Spuren einer herzlichen Theilnahme. Die beiden kleinen Knaben hatten ſich, nachdem ſie verzweifelt in ihren Ta⸗ ſchen die Taſchentücher geſucht, welche, wie die Mütter wiſſen, nie dort zu finden ſind, untröſtlich an das Kleid ihrer Mutter gehangen, wo ſie ſchluchzten und ſich nach Herzensluſt die Augen und Naſen wiſchten. Mrs. Bird hatte ihr Antlitz in ihr Taſchentuch verborgen und die alte Dina rief mit über ihr ſchwarzes, ehr⸗ liches Geſicht herablaufenden Thränen:„Gott ſei uns gnädig!“ als ob ſie bei einer Feldpredigt wäre, und der alte Cudjo rieb ſich die Augen ſcharf mit ſeinem Rockärmel und machte eine ungewöhnliche Quantität von Grimaſſen, während er von Zeit zu Zeit in demſelben Tone Ausrufungen ausſtieß. Unſer Senator war ein Staatsmann und man konnte ihm natürlich nicht zutrauen, daß er weinte wie andere Sterbliche. Er wendete daher der Geſell⸗ 61 ſchaft den Rücken, blickte aus dem Fenſter, und ſchien ganz beſonders geſchäftig zu ſein, ſich zu räuſpern und ſeine Brillengläſer abzuwiſchen. Auch putzte er gelegentlich ſeine Naſe auf eine Art, welche vollkommen dazu geeignet geweſen wäre, Verdacht zu erregen, wenn irgend Jemand ſich in der Lage befunden hätte, kritiſche Beobachtungen anzuſtellen. „Wie haben Sie mir ſagen können, daß Sie einen guten Herrn gehabt hätten?“ rief er plötzlich, indem er mit der größten Entſchloſſenheit ein Auf⸗ ſteigen in ſeiner Kehle hinabdrückte und ſich raſch zu der Frau umwendete. „Weil er ein guter Herr war; ich werde das ſtets von ihm ſagen, und meine Herrin war ebenfalls gut, aber ſie konnten nicht anders; ſie waren Geld ſchuldig und ein Mann hielt ſie auf irgend eine Weiſe, die ich nicht verſtehe, in ſeinen Händen, und ſie waren gezwungen ihm den Willen zu thun. Ich horchte und hörte, wie er der Herrin das ſagte und wie ſie für mich bat und flehte und er ihr ſagte, daß er nicht anders könne und daß die Papiere ausgeſtellt wären, und dann nahm ich mein Kind und verließ meine Heimath und ging davon. Ich wußte, daß ich nicht im Stande ſein würde, länger zu leben, wenn ſie es ge⸗ than hätten, denn dieſes Kind iſt Alles, was ich habe.“ „Haben Sie keinen Ehemann?“ „Ja, aber er gehört einem andern Herrn. Sein Herr iſt ſehr hart gegen ihn und läßt ihn faſt nie zu mir gehen und er iſt immer härter und härter gegen uns geworden und droht ihn nach dem Süden hinab zu verkaufen. Ich werde ihn ſchwerlich je wieder ſehen.“ Der ruhige Ton, in welchem die Frau dieſe Worte ſprach, hätte einen ober⸗ flächlichen Beobachter auf den Gedanken führen können, daß ſie vollkommen ge⸗ fühllos ſei, aber in ihren großen dunkeln Augen lag eine ſtille Tiefe des Schmer⸗ zes, welche etwas ganz Anderes verkündete. „Und wohin wollen Sie gehen, arme Frau?“ fragte Mrs. Bird. „Nach Canada, wenn ich nur wüßte wo das wäre. Iſt es ſehr weit bis nach Canada?“ fragte ſie mit einfacher, vertrauensvoller Miene zu Mrs. Bird aufblickend. 8 „Armes Ding,“ ſagte Mrs. Bird unwillkürlich.* „Denken Sie, daß es ein ſehr weiter Weg iſt?“ fragte die Frau ernſtlich von Neuem. „Viel weiter als Sie denken, armes Kind,“ antwortete Mrs. Bird,„aber wir wollen zuſehen und überlegen, was ſich für Sie thun läßt. Höre, Dina, mache ein Bett in Dein Zimmer dicht bei der Küche und ich will morgen früh nachdenken, was für Sie geſchehen kann. Fürchten Sie unterdeſſen nichts, arme Frau, ſetzen Sie Ihr Verkrauen auf Gott, er wird Sie beſchützen.“ Mrs. Bird und ihr Gatte begaben ſich wieder in das Wohnzimmer; fie ſetzte ſich in ihren kleinen Schaukelſtuhl vor dem Feuer und ſchaukelte ſich nach⸗ denklich hin und her. Wr. Bird ſchritt im Zimmer auf und ab und murmelte vor ſich hin: „Pah, pah!— eine verwünſcht fatale Geſchichte!“ Endlich trat er zu ſeiner Frau und ſagte: „Höre, Frau, ſie muß noch dieſe Nacht von hier fort. Der Burſche wird morgen in aller Frühe auf der Fährte ſein. Wenn es nur die Frau wäre, ſo könnte ſie ſtill liegen bis Alles vorüber wäre, aber das Bürſchchen könnte kein Kavallerie⸗Regiment ſtill halten, dafür möchte ich bürgen. Er würde Alles herausbringen, indem er den Kopf aus irgend einem Fenſter oder irgend einer Thür ſteckte. Es würde für mich ein hubſcher Keſſel voll Fiſche ſein, wenn ich 1 jetzt mit den Beiden hier ertappt würde. Nein, Nacht fort.“ „Heute Nacht! wie iſt das möglich!— wohin?“ „Nun, ich weiß ſo ziemlich wohin.“ ſagte der Senator, indem er mit nach⸗ denklicher Miene die Stiefeln an uziehen begann, und als er das Bein halb in dem einen hatte, umfaßte er mit en Händen ſein Knie und ſchien ſich in eine tiefe Betrachtung zu verſenken.„Es iſt eine verwünſcht fatale, häßliche Ge⸗ ſchichte. ſagte er endlich, indem er abermals an ſeinen Stiefelſtrippen zu ziehen begann,„und das iſt ein Fakt.“ Nachdem der eine Stiefel vollkommen angezogen war, ſaß der Senator dem andern in der Hand da, und ſtudirte aufmerkſam die Figuren des eppichs. t muß aber doch geſchehen, denn ich ſehe keinen andern Ausweg!— Zum Henker mit der ganzen Geſchichte!“ und er zog eifrig den andern Stiefel an und blickte aus dem Fenſter. Die kleine Mrs. Bird war eine verſtändige Frau— eine Frau, welche nie in ihrem Leben ſagte:„ich habe es Dir ja geſagt!“ und bei den gegenwärtigen Anlaſſe wußte ſie zwar recht gut, welche Geſtalt die Betrachtungen ihres Gatten angenommen hatten, enthielt ſich aber klüglich jeder Einmiſchung in dieſelben, ſondern ſaß ruhig in ihrem Stuhle und machte eine Miene, als ob ſie vollkom⸗ men bereit wäre, die Abſichten ihres Herrn und Meiſters zu vernehmen, ſobald er es für angemeſſen halten würde ſie auszuſprechen. „Siehſt Du,“ ſagte er,„mein alter Klient Van Tromp iſt von Kentucky herübergekommen und hat alle ſeine Sflaven freigelaſſen, und er hat ein Gut an dem Creek hier gekauft, das ſieben Meilen von hier entfernt im Walte liegt, und wohin Niemand geht, wenn er nicht muß und es iſt ein Ort, der nicht in der Eile zu finden iſt. Dort würden ſie ſicher genug ſein und das Unangenehme in der Sache iſt, daß heute Nacht außer mir Riemand mit einem Wagen dort⸗ hin fahren könnte.“ „Warum nicht, Cudjo iſt ein ausgezeichneter Kutſcher.“ „Ja, aber die Sache iſt die, man muß zweimal über den Creek ſetzen und die zweite Ueberfahrt iſt ſehr gefährlich, wenn man ſie nicht ſo gut kennt wie ich. Ich bin wohl zehn Mal zu Pferde hinüber gegangen und weiß genau, welche Stelle man wählen muß. Siehſt Du alſo, es läßt ſich nicht ändern, Cudjo muß egen Mitternacht die Pferde in aller Stille einſpannen und ich werde ſie hin⸗ überbringen und um der Sache ein Mäntelchen umzuhängen. muß er mich dann nach dem nächſten Wirthshauſe fahren, damit ich mich auß die zwiſchen Drei bis Vier vorüberkommende Poſt, die nach Columbus geht, ſetzen kann, und es wird alſo ausſehen, als ob ich den Wagen nur dazu hätte. Ich werbe in der Morgenfrühe wieder bei den Geſchäften ſein, aber ich denke, daß ich mir nach Allem, was geſagt und gethan worden iſt, dort ſehr unnütz vorkommen werde. Ich kann jedoch einmal nicht anders.“ „Dein Herz iſt in dieſem Falle beſſer als Dein Kopf, John,“ ſagte die Frau, indem ſie ihre kleine weiße Hand auf ihn legte.„Hätte ich Dich je lieben können, wenn ich Dich nicht beſſer gefannt hätte als Du Dich ſelbſt kennſt?“ Und das Weibchen ſah mit den in ihren Augen ſchimmernden Thränen ſo übſch aus, daß der Senator dachte, daß er ein entſchieden geſcheidter Burſche ein müſſe, um ein ſo hübſches Geſchövf zu einer ſo leidenſchaftlichen Bewunde⸗ rung ſeiner ſelbſt zu bringen Und was konnte er daher thun, als ruhig aus dem Zimmer gehen, um nach dem Wagen zu ſehen. ſie müſſen noch heute — — 63 An der Thür verweilte er jedoch einen Augenblick, kam darauf wieder in das Zimmer und ſagte mit einigem Zaudern: „Mary, ich weiß nicht, was Du dabei fühlen würdeſt, aber die ganze Kom⸗ mode liegt voll von Sachen— von dem armen kleinen Henry.“— Mit dieſen Worten wendete er ſich ſchnell auf dem Abſatze um und ſchloß hinter ſich die Thür. Seine Gattin öffnete das Schlafzimmerchen, welches an ihr Gemach ſtieß, ſetzte das Licht dort auf eine Kommode, nahm aus einer kleinen Niſche einen Schlüſſet, ſteckte ihn gedankenvoll in das Schloß eines Schubkaſtens und machte eine plötzliche Pauſe, während zwei Knaben, die ihr dicht auf dem Fuße gefolgt waren, dabei ſtanden und mit ſtummen, bedeutſamen Blicken auf ihre Mutter ſchauten. Sie öffnete langſam den Kaſten. Hier lagen kleine Röcke von ver⸗ ſchiedenen Formen und Muſtern, Haufen von Schürzchen und Reihen von klei⸗ nen Strümpfen, und aus den Falten eines Papiers ſchauten ſogar ein Paar an den Zehen abgenutzter und beriebener Schuhe hervor. Auch Spielſachen, ein hölzerner Wagen mit Pferden, ein Kreiſel, ein Ball lagen hier— Andenfen, die ſie unter Thränen und mit halb gebrochenem Herzen zuſammen getragen hatte. Sie ſetzte ſich bei dem Kaſten nieder, ſtützte den Kopf auf ihre Hand und weinte, daß ihr die Thränen zwiſchen den Fingern hindurch in den Kaſten hinab fielen. Dann erhob ſie plötzlich den Kopf und begann mit ängſtlicher Haſt die einfachſten 2 dauerhafteſten Gegenſtände auszuwählen und ein Bündelchen daraus zu machen. „Mama,“ ſagte einer von den Knaben, indem er leiſe ihren Arm berührte, „willſt Du dieſe Dinge weggeben?“ „Meine lieben Kinder,“ ſagte ſie ſanft und ernſt,„wenn unſer lieber guter kleiner Henry vom Himmel herabblickt, ſo wird er ſich freuen, daß wir dies thun. Ich wäre nicht im Stande, die Sachen einer gewöhnlichen Perſon— einem glücklichen Menſchen zu geben, aber ich gebe ſie einer Mutter, die unglück⸗ licher und betrübter iſt wie ich, und ich hoffe, daß Gott dazu ſeinen Segen ver⸗ leihen wird.“ Es giebt in dieſer Welt Menſchen, aus deren Schmerzen Freuden für An⸗ dere aufwachſen, deren unter Thränen in das Grab geſenkte irdiſche Hoffnungen der Samen ſind, aus welchem heilende Blumen und Balſam für Troſtloſe und Bekümmerte hervorkeimen. Zu dieſen gehoͤrte die zarte Frau, welche hier bei der Lampe ſaß und unter Thränen die Andenken ihres eigenen verlorenen Kindes für den verſtoßenen Wanderer zuſammenſuchte. „Nach einiger Zeit öffnete Mrs. Bird den Kleiderſchrank, nahm ein paar einfache, brauchbare Kleider daraus und ſetzte ſich an ihr Arbeitstiſchchen und begann mit Nadel, Scheere und Fingerhut in aller Stille das„Auslaſſen,“ welches ihr Gatte empfohlen hatte, und ſo blieb ſie beſchäftigt bis die alte Wanduhr in der Ecke Zwölf ſchlug, und ſie das leiſe Raſſeln von Rädern an der Thür hörte. „Mary,“ ſagte ihr jetzt mit dem Ueberrock in der Hand hereinkommender ann,„Du mußt ſie jetzt wecken. Wir müſſen fort.“ Mrs. Bird legte eilig die verſchiedenen von ihr zuſammengebrachten Gegen⸗ ſtände in einen kleinen Kofſer, verſchloß ihn, bat ihren Gatten ihn nach dem Wagen zu ſchaffen und entfernte ſich darauf um die Frau zu rufen. Dieſe erſchien bald mit einem Mantel, Hut und Shawl, welche ihrer Wohltbäterin gehoͤrt hatten, angethan und mit ihrem Kinde auf dem Arme in der Thür. Mr. Bird führte ſie haſtig an den Wagen und Mrs. Bird folgte ihr bis an den Tritt deſſelben. Eliza beugte ſich heraus und ſtreckte ihr die Hand ——— 64 6 entgegen. Eine eben ſo weiche und ſchöne Hand wurde in die ihre gelegt. Sie heftete ihre großen dunkeln, von tiefer Bedeutung erfüllten Augen auf Mrs. Bird's Geſicht und ſchien ſprechen zu wollen. Ihre Lippen bewegten ſich. ſie verſuchte es ein⸗ bis zweimal, aber es kam kein Laut und ſie deutete mit Snen unvergeßlichen Blick nach oben, ſank auf den Sitz zurück und bedeckte ihr Geſicht. Der Schlag wurde geſchloſſen und der Wagen fuhr hinweg Es war ſpät in der Nacht als die Kutſche triefend und Koth beſpritzt aus dem Creek kam und an der Thür eines großen Farmhauſes vorfuhr. Es be⸗ durfte einer nicht unbedeutenden Ausdauer um die Bewohner zu wecken, endlich aber erſchien der wackere Beſitzer und öffnete die Thür. Er war ein hochgewach⸗ ſener hagerer Burſche, der volle ſechs Fuß und einige Zoll maß, wenn er in den Strümpfen ſtand und ein rothflanellnes Jagdhemd trug, eine ſtarke, natürliche Perrücke von rothen Haaren in entſchieden verzauſtem Zuſtande und ein mehrere Tage alter Bart verliehen dem guten Manne ein, gelind geſagt, nicht beſonders einnehmendes Ausſehen. Er ſtand einige Minuten lang da, hielt das Licht in die Höhe und blinzelte unſern Reiſenden mit einem wahrhaft komiſchen verſtörten und unſchlüſſigen Ausdruck an. Es koſtete unſerm Senator einige Mühe um ihn zum Verſtänd⸗ niß der Sache zu bringen, und während er ſich auf's Beſte bemüht, dies zu thun, wollen wir ihn unſern Leſern vorſtellen. Der ehrliche alte John van Tromp war einſt ein bedeutender Grund⸗ und Sklavenbeſitzer im Staate Kentucky geweſen. Da er vom Bären nichts beſaß, als die Haut und von der Natur mit einem großen redlichen, gerechten Herzen, welches ſeiner rieſigen Geſtalt vig eüſpräc⸗ begabt war, hatte er mehrere Jahre hindurch mit unterdrücktem Mißbehagen die Wirkungen eines Syſtems beobachtet, welches für die Unterdrücker eben ſo ſchlimm iſt, wie für die Unter⸗ drückten. Endlich war eines Tages John's großes Herz zu voll geworden, um ſeine Feſſeln länger zu ertragen, und er nahm daher ſeine Brieftaſche aus dem Pulte und ging nach Ohio hinüber, kaufte eine Viertel Townſhip guten, fetten Landes, ſtellte allen ſeinen Leuten, Männern, Weibern und Kindern Freiſcheine aus, packte ſie in Wagen und ſchickte ſie hinüber, um ſich dort niederzulaſſen und hierauf kehrte der ehrliche John ſein Geſicht dem Creeklaufe zu und zog ſich auf eine nette, einſam gelegene Farm zurück, um in der Stille ſeinen Gedanken nachzuhängen. „Sind Sie der Mann, einer armen Frau mit einem Kinde Schutz vor Skla⸗ Siſtihi zu gewähren?“ fragte der Senator kurz und deutlich. 3 3 glaube ich wohl,“ erwiderte der ehrliche John mit bedeutendem achdruck. „Das dachte ich mir,“ entgegnete der Senator. „Wenn irgend Jemand kommt,“ rief der gute Mann, indem er ſeine hohe muskulöſe Geſtalt aufrichtete,„nun, ſo bin ich hier für ihn bereit, und ich habe ſieben Söhne, von denen jeder ſechs Fuß lang iſt, und die ebenfalls für ihn be⸗ reit ſein würden. Ueberbringen Sie den Sklavenfängern mein Kompliment,“ fuhr John fort;„ſagen Sie ihnen, daß ſie je eher, je lieber kommen ſollen, und daß es uns angenehm ſein wird, ſie zu ſehen.“ Und er fuhr mit den knochigen Fingern durch das dicke Haardach ſeines Kopfes und brach in ein munteres Lachen aus. Müde, erſchopft und muthlos ſchleppte ſich Eliza mit ihren in tiefem Schlafe * 65⁵ auf ihrem Arm liegenden Kinde zur Thür heran. Der rauhe Mann hielt das Licht vor ihr Geſicht, ſtieß eine Art von mitleidigem Grunzen aus, öffnete die Thür eines kleinen Schlafzimmers, welches an die große Küche, in der ſie ſtan⸗ den, ſtieß, und winkte ihr hinein zu gehen. Er nahm ein Licht vom Regale, zundete es an, ſetzte es auf den Tiſch und redete darauf Eliza an. „Nun, hört Ihr, Dirne, Ihr braucht Euch kein bischen zu fürchten. Mag herkommen, wer da will, ich bin auf alle Dinge gerüſtet,“ und er deutete auf zwei bis drei über dem Kaminſims hängende Büchſen,„und die meiſten Leute, die mich kennen, wiſſen, daß es nicht geſund für ſie ſein würde, irgend Jemand aus meinem Hauſe holen zu wollen, wenn ich dagegen bin. Legt Euch alſo jetzt nur in aller Ruhe ſchlafen, als vb Euch Eure Mutter einwiegte.“ Und er ſchloß die Thür. „Ei, das iſt ein ganz ungewöhnlich hübſches Mädchen,“ ſagte er zu dem Senator.„Jawohl, die Hübſchen haben mitunter die größte Urſache zum Ent⸗ laufen, wenn ſie Gefühle beſitzen, wie ſie ordentlichen Frauenzimmern geziemen, das weiß ich Alles.“ Der Senator erklärte ihm in wenigen Worten Eliza's Geſchichte. „Oho, ſteht es ſo,“ ſagte der gute Mann mitleidig;„hm, ſo, ja, das iſt na⸗ türlich! Das arme Geſchöpf! gejagt, wie ein Reh gejagt, weil ſie natürliche Ge⸗ fühle hat, und das thut, was keine ordentliche Mutter laſſen könnte. Ich will Ihnen etwas ſagen; ſolche Dinge bringen mich dem Fluchen am nächſten,“ rief der ehrliche John, indem er ſich die Augen mit dem Rücken einer großen mit Sommerſproſſen bedeckten gelben Hand wiſchte. „Ich will Ihnen etwas ſagen, Fremder; es hat Jahre lang gedauert, ehe ich mich der Kirche anſchloß, weil die Prediger in unſerer Gegend zu predigen pflegten, daß die Bibel dergleichen Dinge gut heiße, und da ich ihnen mit ihrem Griechiſchen und Hebräiſchen nicht die Stange halten konnte, ſo habe ich mich gegen ſie und die Bibel und Alle aufgelehnt. Ich bin nicht eher zur Kirche ge⸗ treten, als bis ich einen Prediger fand, der es ihnen Allen im Griechiſchen und Allem gleich that, und der gerade das Gegentheil ſagt, und dann ſchloß ich mich der Kirche an— ja, das iſt ein Fakt,“ ſagte John, der mittlerweile eine Flaſche mit ſtarkem mouſſirendem Cider entpfropft hatte und ſie jetzt dem Senator anbot. „Ihr werdet am beſten thun, bis zum Anbruch des Tages hier zu bleiben,“ ſagte er herzlich,„und ich will meine Alte rufen und für Euch im Handumdrehen ein Bett aufſchlagen laſſen.“ „Ich danke Ihnen, mein guter Freund,“ antwortete der Senator;„ich muß weiter, um die nächſte Poſt nach Columbus zu nehmen.“ „Nun dann, wenn Ihr müßt, ſo will ich ein Stück Weges mit Euch gehen und Euch eine kürzere Straße zeigen, auf der Ihr beſſer dorthin gelangen könnt, als über die, auf der Ihr gekommen ſeid. Jene iſt mächtig ſchlecht.“ John kleidete ſich an und führte bald darauf mit einer Laterne in der Hand den Wagen des Senators nach einem Wege, der hinter ſeinem Hauſe in einer Vertiefung hinlief. Als ſie ſich trennten, ſteckte ihm der Senator eine Zehn⸗ dollarnote in die Hand. „Das iſt für ſie, ſagte er lakoniſch. „Schon gut,“ antwortete John mit gleicher Kürze Sie ſchüttelten einander die Hände und ſchieden Onkel Tom's Hütte. 5 — 66 10. Die Waare wird fortgeſchafft. Der Februarmorgen blickte grau und regneriſch in das Fenſter der Hütte Tom's. Er beleuchtete niedergeſchlagene Geſichter, die Bilder trauriger Herzen. Vor dem Feuer ſtand das mit einer Plättdecke überzogene Tiſchchen, ein paar friſch⸗ geplättete grobe, aber reine Hemden hingen auf der Lehne eines Stuhls am Kamin und Tante Chloe hatte ein drittes vor ſich auf dem Tiſche ausgebreitet. Sie rieb und plättete ſorgfältig jede Falte und Nath, indem ſie von Zeit zu Zeit ihre Hand ſun Geſicht erhob, um die ihr über die Wangen herablaufenden Thränen abzuwiſchen. Tom ſaß mit dem auf ſeinen Knieen aufgeſchlagenen neuen Teſtamente und auf ſeine Hand geſtütztem Kopfe bei ihr, aber weder er noch ſie ſprach ein Wort. Es war noch früh und die Kinder lagen beiſammen in ihren Bettchen und ſchliefen. Tom, der den ſanften, häuslichen Charakter, welcher zum Unglück ſeiner Race dieſelbe beſonders auszeichnet, im vollen Umfange beſaß, ſtand auf und trat ſchweigend an das Bettchen, um ſeine Kinder zu betrachten. „Es iſt das letzte Mal,“ ſagte er. Tante Chloe antwortete nicht, ſondern überplättete nur das grobe Hemd, welches bereits ſo glatt war, als es Menſchenhände nur immer machen konnten, von Neuem, ſetzte aber endlich ihr Plätteiſen mit einer verzweiflungsvollen Be⸗ wegung nieder, ſank auf einen Stuhl am Tiſche und weinte laut. „Wir ſollen uns darein ergeben; aber Herr, wie kann ich das thun? Wenn ich nur wüßte, wohin man Dich bringen oder wie man Dich behandeln wird! Die Miſſis ſagt, daß ſie verſuchen wolle, Dich in einem oder ein paar Jahren loszukaufen, aber von Denen, die dort hinabgehen, iſt noch Keiner wiedergekom⸗ men. Sie werden dort umgebracht. Ich habe gehört, wie man ſie in den Pflan⸗ zungen arbeiten läßt.“ „Derſelbe Gott, der hier iſt, wird auch dort ſein, Chloe.“ „Nun,“ ſagte Tante Chlve,„wenn auch, aber der Herr läßt mitunter ent⸗ ſetzliche Dinge geſchehen. Das bringt mir keinen Troſt.“ „Ich ſtehe in der Hand des Herrn,“ ſagte Tom,„nichts kann weiter gehen, als er es zuläßt, und es giebt Eines, wofür ich ihm danken kann: es iſt das, daß ich verkauft bin und hinabgehen muß und nicht Du und die Kinder. Ihr ſeid hier in Sicherheit, was kommen wird, fällt nur auf mich und der Herr wird mir helfen— ich weiß, daß er es thun wird.“ Tom ſprach das mit er⸗ ſtickter Stimme, aber man hörte daraus ſein muthiges, ſtarkes Herz.„Laß uns an die Gnade denken, die uns zu Theil geworden iſt, fügte er bebend hinzu, als ſei er vollkommen ſicher, daß er es nöthig habe, ſehr ſtark daran zu denken. „Gnade!“ erwiderte Tante Chloe,„ich ſehe keine Gnade darin! es iſt nicht recht! es iſt nicht recht, daß es ſo kommen kann. Der Maſter hätte es nicht zulaſſen dürfen, daß Du für ſeine Schulden genommen werden konnte ſt. Du haſt ihm Alles das, was er für Dich erhält, doppelt verdient. Er war Dir Deine Freiheit ſchuldig und hätte Dir ſie vor Jahren geben ſollen. Es iſt mög⸗ lich, daß er es jetzt nicht ändern kann, aber ich fühle, daß es Unrecht iſt. Davon kann mich nichts abbringen. Du biſt ein ſo treues Geſchöpf geweſen und haſt ſtets Deine Geſchäfte in jeder Hinſicht den ſeinen nachgeſetzt und auf ihn mehr gehalten als auf Deine eigne Frau und Kinder. Gott verzeihe es Denjenigen⸗ die Liebe und Herzblut verkaufen, um aus ihren Schulden zu kommen.“ „Chloe, wenn Du mich lieb haſt, ſo ſprich nicht ſo, denn es wird vielleicht das letzte Mal ſein, daß wir je beiſammen ſind! Und ich ſage Dir, Chloe, es geht mir gegen den Strich, ein Wort gegen den Maſter zu hören. Iſt er nicht ₰ 67 ſchon als Kind in meine Arme gelegt worden? Es iſt natürlich, daß ich ihn hochhalte, und es war nicht zu erwarten, daß er ſo viel an den armen Tom denken ſollte. Die Herren ſind es gewöhnt, daß alle ſolche Dinge für ſie gethan werden und natürlicher Weiſe denken ſie nicht ſo viel davon. Es iſt nicht von ihnen zu erwarten. Stelle ihn einmal neben andere Herren.— Wer hat eine Behandlung und ein Leben gehabt wie ich! Und er hätte dies nie über mich kommen laſſen, wenn er es häkte voraus ſehen können. Ich weiß, daß er es nicht gethan haben würde.“ „Nun, es iſt jedenfalls etwas Unrechtes dabei,“ ſagte Tante Chloe, zu de⸗ ren hervorragenden Zügen ein hartnäckiges Rechtsgefühl gehörte. Ich verſtehe nicht, wo das Unrecht liegt, daß aber Unrecht dabei iſt, davon ſoll mich nichts abbringen.“ „Du mußt zum Herrn hinaufblicken, er iſt über uns Allen— gegen ſeinen Willen fällt kein Sperling vom Dache.“ „Das tröſtet mich nicht, wenn es das auch vielleicht thun ſollte,“ ſagte Tante Chloe;„das Reden nutzt jedoch nichts, ich will jetzt den Maiskuchen backen und Dir noch ein gutes Frühſtück machen, wer weiß, wenn Du wieder eines erhältſt.“ ⸗ Das einfache Frühmahl dampfte bald auf dem Tiſche, denn Mrs. Shelby hatte an jenem Morgen der Tante Chloe Urlaub aus dem Herrenhauſe gegeben. Die arme Seele hatte zu dieſem Abſchiedsmahle ihre ganzen Kräfte aufgeboten— ihr zarteſtes Hühnchen geſchlachtet und zugerichtet und ihren Maiskuchen mit ſtrupulöſer Genauigkeit bercitet, wie ſie wußte, daß er ihrem Gatten ſchmeckte, und aus einigen Töpfen auf dem Kaminſims eingemachte Früchte genommen, welche nur bei den wichtigſten Gelegenheiten zum Vorſchein kamen. „Gott, Peter,“ ſagte Moſes triumphirend,„heute haben wir einmal ein gutes Frühſtück!“ und er langte ſich ein Stück von dem Huhn zu. Tante Chloe ließ ihm augenblicklich eine Ohrfeige zukommen. „Da haſt Du's! Mußt Du noch beim letzten Frühſtück, das Dein armer Vater zu Hauſe haben wird, Spektakel machen?“ „O, Chloe!“ ſagte Tom ſanft. „Nun, ich kann mich nicht halten,“ antwortete Chloe, indem ſie ihr Ge⸗ 6 in der Schürze verbarg,„ich bin ſo außer mir, daß ich nicht weiß, was ich thue.“ Die Knaben ſtanden ſtumm da und blickten bald ihren Vater, bald ihre Mutter an, während das Jüngſte an den Kleidern der Letzteren heraufkletterte und gebieteriſch verlangend zu ſchreien begann. „Da,“ ſagte Tante Chloe, ſich die Augen wiſchend und das Kind auf ihre Arme nehmend,„jetzt bin ich hoffentlich ruhig. Eßt nur zu. Das iſt mein beſtes Hühnchen. Da, Jungen, Ihr ſollt auch etwas haben, Ihr armen Ge⸗ ſchöpfe. Eure Mama iſt böſe gegen Euch geweſen.“ Die Knaben bedurften keiner zweiten Einladung und machten ſich eifrig an die Speiſen, und es war ein Glück, daß ſie es thaten, da ſonſt von dem Früh⸗ ſtück nur ſehr wenig verzehrt worden ſein würde. Nun,“ ſagte Tante Chloe, ſobald das Frühſtück beendigt war,„jetzt muß ich Deine Kleider einpacken, es iſt leicht möglich, daß er Dir ſie alle abnehmen wird. Ich weiß, wie es die Menſchen machen— ſie haben einen ſchmutzigen Geiz. Dein Flanellzeug für den Rheumatismus liegt in dieſer Ecke, nimm es gut in Acht, denn Du wirſt jetzt keinen Menſchen mehr haben, der Dir neues macht Das ſind Deine alten Hemden und das Deine neuen. Die Strümpfe habe ich Dir geſtern Abend geſtopft und den Knäuel hineingelegt; aber, Gott, 5* 68 wer wird ſie Dir das nächſte Mal ausbeſſern!“ Und Tante Chloe, welche aber⸗ mals von ihren Gefühlen überwältigt wurde, legte ſchluchzend den Kopf auf die Kiſte.„Wenn ich bedenke, daß kein Menſch in kranken oder geſunden Tagen mehr für Dich ſorgen wird! Ich denke wirklich, daß ich nicht gut ſein ſollte.“ Nachdem die Knaben Alles, was auf dem Frühſtückstiſche ſtand, verzehrt hatten, begannen ſie an die Sit der Dinge zu denken, und da ſie ihre Mutter weinen und ihren Vater mit trüber Miene aſhen ſahen, zu ſchluchzen und ſich die Augen zu reiben. Onkel Tom hatte den Säugling auf dem Knie und ge⸗ ſtattete ihm ſein Geſicht zu kratzen und ihn am Haar zu zupfen und in lärmende Freudenrufe, welche offenbar ſeinen innern Reflexionen entſprangen, auszu⸗ brechen. Fer, krähe nur zu, arme Kreatur,“ ſagte Tante Chloe,„Du wirſt auch noch daran kommen, Du wirſt es erleben, Deinen Mann verkaufen zu ſehen oder vielleicht ſelbſt verkauft zu werden, und die Jungen hier werden wohl auch noch verkauft werden; das iſt leicht möglich, ſobald ſie zu etwas nütze ſind. Nigger dürfen einmal nichts haben.“ Hier rief einer von den Knaben:„Da kommt die Miſſis.“ „Sie kann auch nichts nutzen, weshalb kommt ſie?“ ſagte Tante Chloe. Mrs. Shelby trat ein. Tante Chloe holte ihr auf entſchieden mürriſche Weiſe einen Stuhl herbei. Sie ſchien weder die Art, in der es geſchah, noch die Bewegung überhaupt zu bemerken. Sie ſah bleich und ſorgenvoll aus. „Tom,“ ſagte ſie,„ich komme um—“ und ſie hielt plötzlich inne, be⸗ trachtete die ſtumme Gruppe, ſank in den Stuhl, bedeckte ihr Geſicht mit dem Taſchentuche und begann zu ſchluchzen. „Gott, Miſſis— thun Sie das nicht!“ rief Tante Chloe, die jetzt ebenfalls zu ſchluchzen begann, und ſie brachen Alle in Thränen aus. „Mein guter Burſche,“ ſagte Mrs. Shelby,„ich kann Dir nichts geben, was Dir von Nutzen ſein würde. Wenn ich Dir Geld gäbe, ſo würde man es Dir nur wieder abnehmen, aber ich ſage Dir feierlich und vor Gott, daß ich Dich nicht aus den Augen verlieren und Dich wieder zurückbringen werde, ſobald ich das Geld auftreiben kann. Bis dahin vertraue auf Gott.“ Hier ſchrieen die Knaben, daß Mr. Haley komme und kurz darauf wurde die Thür mit einem Fußtritte aufgeſtoßen. Haley ſtand in der ſchlimmſten Laune auf der Schwelle, denn er war die vorhergegangene Nacht ſcharf geritten und durch den ſchlechten Erfolg des Verſuchs ſeiner Beute wieder habhaft zu werden, keineswegs zu einer friedlichen geneigt gemacht worden. „Komm Du Nigger, biſt Du fertig?“ rief er.„Diener Madam,“ und er nahm den Hut ab, als er Mrs. Shelby ſah. Tante Chloe verſchloß die Kiſte, umſchnürte ſie, ſtand auf und blickte zor⸗ nig den Sklavenhändler an. Ihre Thränen ſchienen ſich plötzlich in Feuerfunken verwandelt zu haben. Tom erhob ſich unterwürfig um ſeinem neuen Herrn zu folgen und nahm ſeine ſchwere Kiſte auf dit Schulter. Seine Frau nahm den Säugling in die Arme um mit ihm bis an den Wagen zu gehen, und die immer noch weinenden Kinder bildeten den Nachtrab. Mrs. Shelby trat zu dem Händler, hielt ihn einige Augenblicke und ſprach eifrig mit ihm, während die ganze Familie ſich zu einem angeſpannt vor der Thür ſtehenden Wagen begab. Sämmtliche Sklaven des Gutes hatten ſich um denſelben verſammelt, um von ihrem alten Genoſſen Abſchied zu nehmen. Sie hatten Tom ſowohl als oberſten Diener wie als Lehrer des hriſtenthums hoch verehrt und Heſonders v 3 „ . unter dem weiblichen Theile gab ſich redliche Theilnahme und Schmerz in be⸗ deutendem Maße kund. „Ei Chlve, Du trägſt es beſſer wie wir,“ ſagte eines von den Weibern, ches reichliche Thränen vergoſſen hatte, als es die düſtere Stille, womit Tante e am Wagen ſtand, wahrnahm. „Meine Thränen ſind vorüber,“ ſagte ſie mit einem grimmigen Blicke auf tt herankommenden Sklavenhändler.„Ich kann vor dem alten Satan icht weinen.“ Steige ein,“ ſagte Haley zu Tom, als er durch die ihn mit gerunzelter Stiri anblickende Sklavengruppe ſchritt. Fom ſtieg ein und Haley zog unter dem Wagenſitze ein paar ſchwere Feſſeln hervot und ſchloß ſie um die Knöchel des Negers. Pen ganzen Kreis durchlief ein dumpfes Stöhnen der Entrüſtung und Mrs. Shelby rief von der Veranda aus: „Ich verſichere Ihnen, Mr. Haley, daß dieſe Vorſichtsmaßregel vollkom⸗ men unnöthig iſt.“ „Daß weiß ich nicht Madam, ich habe in dieſem Hauſe ſchon fünfhundert Dollars verloren und kann mich keiner weiteren Gefahr ausſetzen.“ „Was konnte ſie anders von ihm erwarten!“ ſagte Tante Chloe zornig während die beiden Knaben, die jetzt das Schickſal ihres Vaters zu begreifen ſchienen, ſich unter heftigem Schluchzen und Weinen an ihr Kleid hingen. „Es thut mir leid, daß Mr. George nicht da iſt,“ ſagte Tom. George war nach einem benachbarten Gute gegangen um zwei bis drei Tage bei einem Kameraden zuzubringen, und hatte, da er in der Frühe des Morgens, ehe Tom's Unglück allgemein bekannt wurde, abgereiſt war, nichts davon vernommen. „Grüßt Mr. George,“ ſagte er noch vom Wagen herab. Haley peitſchte das Pferd und Tom wurde mit bis zur letzten Minute auf ſeinen Geburtsort gehefteten trüben Blicken aus der Gegend entführt. Mr. Shelby war zu jener Zeit nicht zu Hauſe. Er hatte Tom, von der Nothwendigkeit getrieben, verkauft, um aus der Gewalt eines Mannes, den er fürchtete zu kommen, und ſein erſtes Gefühl nach dem Abſchluſſe des Handels war das der Erleichterung geweſen. Die Vorſtellungen ſeiner Gattin hatten jedoch ſein halbſchlummerndes Bedauern erweckt und Tom's Uneigennützigkeit das Unangenehme ſeiner Gefühle verſtärkt. Er ſagte ſich vergebens, daß er das Recht habe, es zu thun, daß es ein Jeder thue und daß Manche es ſelbſt ohne die Entſchuldigung der Nothwendigkeit thaten; er konnte ſeine Gefühle nicht unterdrücken und hatte um nicht Zeuge von der unerfreulichen Scene des Ab⸗ ſchieds werden zu müſſen, eine kurze Geſchäftsreiſe angetreten, indem er hoffte, daß vor ſeiner Rückkehr Alles vorüber ſein würde. Tom und Haley rollten auf der ſtaubigen Landſtraße dahin bis ſie die Grenze des Gutes hinter ſich hatten und auf die offene Chauſſee kamen. Nach⸗ dem ſie etwa eine Meile gemacht hatten, hielt Haley plötzlich an der Thuͤr einer Schmiede an, nahm ein paar Handſchellen aus dem Wagen und trat in die Werkſtätte um an ihnen eine kleine Aenderung vornehmen zu laſſen. „Dieſe hier ſind für jeinen Bau etwas zu eng,“ ſagte Haley, indem er die Schellen zeigte und auf Tom hinaus deutete. „Herrgott, iſt das nicht Shelby's Tom?— er hat ihn doch nicht verkauft?“ ſagte der Schmrd. „Ja, das hat er,“ antwortete Haley. „Ei wirklich! was Ihr da ſagt!“ rief der Schmied.—„Wer hätte das 6 geli Nun ihr braucht ihn nicht ſo zuſammenzuſchließen; er iſt das treueſte, eſte Geſchöpf.“ „Ja ja,“ ſagte Haley;„aber die guten Burſchen ſind gerade Diejenigen, die am meiſten auf das Entlaufen ausgehen. Die Dummen, denen es egal iſt, wohin ſie gehen und die liederlichen Trunkenbolde, die ſich aus Nichts etwas machen, bleiben bei Einem und machen ſich ein Vergnügen daraus, ſich umher fahren zu laſſen, aber die Kerle von der Primaſorte haſſen es wie die Sünde. Es giebt nichts Beſſeres, als ſie zu feſſeln; ſie haben Beine und gebrauchen ſie, ſobald ſie können.“ „Nun,“ ſagte der Schmied indem er unter ſeinen Werkzeugen umherſuchte, „die Pflanzungen dort unten, Fremder, ſind nicht eben der Ort, wohin die Kentuckyer Nigger gern gehen. Sterben ſie dort nicht ſehr ſchnell?“ „Jawohl, leidlich ſchnell; das Acelimatiſiren und das Eine oder Andere bringt ſie ſo häufig um, daß auf dem Markte beſtändig gute Nachfrage iſt.“ „Nun, man kann ſich des Gedankens nicht enthalten, daß es Jammerſchade iſt, daß ein wackerer ſtiller, anſtändiger Burſche, ein ſo guter Kerl wie Tom, auf einer von den Zuckerplantagen aufgebraucht werden ſoll.“ „Ei, er hat gute Ausſichten. Ich habe das Verſprechen gegeben, mich ſeiner anzunehmen, ich werde ihn als Hausdiener in einer guten alten Familie unter⸗ bringen, und wenn er das Acelimatiſiren und das Fieber überſteht, ſo wird er ſich dort ſo wohl befinden, wie es ein Neger nur immer verlangen kann.“ „Seine Frau und Kinder bleiben wohl hier oben zurück?“ „Ja, aber er wird dort eine andere erhalten. Gott, Weiber giebt's überall genug,“ ſagte Haley. Tom ſaß betrübt vor der Schmiede, während dieſes Geſpräch im Innern ſtattfand. Plötzlich vernahm er hinter ſich den ſchnellen, kurzen Huſßſchlag eines Pferdes und ehe er ſich noch von ſeiner Ueberraſchung erholen konnte, befand ſich George, der Sohn ſeines ehemaligen Herrn bei ihm. Er ſprang in den Wagen, ſchlang ſtürmiſch ſeine Arme um den Hals des Negers und ſchluchzte und ſchalt energiſch. „Es iſt wahrhaftig gemein. Sie mögen Alle ſagen, was ſie wollen, aber es iſt eine Sünde und Schande. Wenn ich ein Mann wäre, ſo ſollten ſie es nicht thun— ſie ſollten es wahrhaftig nicht thun,“ ſchrie George. „O Mr. George, das thut mir gut,“ ſagte Tom,„ich hätte es nicht ertragen fortzugehen, ohne Sie geſehen zu haben. Sie wiſſen nicht, wie gut es mir thut.“ Hier machte Tom eine Bewegung mit den Füßen und George's Blicke fielen auf die Feſſeln. „Das iſt eine Schande!“ rief er die Hände emporhebend.„Wahrhaftig, ich werde den alten Kert zu Boden ſchlagen— ja, das werde ich.“ „Nein, das werden Sie nicht, Mr. George, und Sie müſſen nicht ſo laut ſprechen, es wird mir nichts helfen, wenn Sie ihn böſe machen.“ „Nun, um Deinetwillen werde ich es unterlaſſen, aber es iſt eine wahre Schande. Man hat mich weder kommen laſſen, noch mir auch nur ein Wort geſagt, und wenn Tom Lincon nicht geweſen wäre, ſo hätte ich gar nichts davon Pröte Ich habe ſie zu Hauſe alle gehörig dafür ausgeſcholten, das kann ich ir ſagen.“ ₰ fürchte, daß das nicht recht war, Mr. George.“ „Ich kann nicht anders; ich bleibe dabei, daß es eine Schande iſt. Schau her, Onkel Tom,“ fügte er hinzu, indem er der Schmiede den Rücken zukehrte — und einen geheimnißvollen Ton annahm;„ich habe Dir meinen Dollar mitgebracht.“ „O, ich kann ihn um die Welt nicht annehmen, Mr. George,“ ſagte Tom tiefgerührt. „Aber Du mußt ihn nehmen!“ drängte George,„ſieh, ich habe der Tante Chloe geſagt, daß ich es thun wollte und ſie hat mir den Rath gegeben, ein Loch hindurchzumachen und ein Band hineinzuziehen, damit Du ihn um den Hals hängen kannſt, ſo daß er ihn nicht ſieht. Der gemeine Schuft würde ihn Dir ſonſt abnehmen. Hörſt Du, Tom, ich habe große Luſt, ihm gehörig die Leviten zu leſen, es würde mir gut thun.“ ſ thun Sie es nicht, Mr. George, denn es würde für mich nicht gut ſein.“ ₰ „Nun, um Deinetwillen werde ich es laſſen,“ ſagte George, indem er eifrig den Dollar um Tom's Hals hing;„ſo, aber jetzt knöpfe den Rockfeſt darüber zu und behalte ihn, und jedesmal, wenn Du ihn ſiehſt, erinnere Dich daran, daß ich Dir nachkommen und Dich wieder holen werde. Ich habe mit Tante Chloe darüber geſprochen und ihr geſagt, daß ſie keine Furcht haben ſolle, ich werde dafür ſorgen und den Vater todt quälen, wenn er es nicht thut.“ „O Mr. George, Sie müſſen nicht ſo von Ihrem Vater ſprechen.“ „Gott, Onkel Tom, ich meine nichts Böſes.“ „Und nun, Mr. George,“ ſagte Tom,„jetzt müſſen Sie ein guter Junge ſein. Bedenken Sie, wie Viele ihre Hoffnungen auf Sie geſetzt haben. Halten Sie Sich ſtets nach Ihrer Mutter. Nehmen Sie nicht die thörichte Manier an, die viele junge Menſchen haben, zu klug zu werden, um auf ihre Mutter zu achten. Ich will Ihnen etwas ſagen, Mr. George, der Herr giebt uns eine Menge von Dingen doppelt, aber eine Mutter giebt er nur einmal. Sie werden nie wieder eine ſolche Frau ſehen, Mr. George, wenn Sie auch hundert Jahre alt würden. Halten Sie ſich alſo an ſie und wachſen Sie ihr zum Troſte auf und ſeien Sie mein guter Junge.— Nicht wahr, das werden Sie thun?“ „Ja, das werde ich, Onkel Tom,“ antwortete George ernſtlich. „Und nehmen Sie ſich im Sprechen in Acht, Mr. George, die Knaben ſind mitunter eigenwillig, wenn ſie in Ihre Jahre kommen— es iſt natürlich, daß ſie es ſind, aber echte Gentlemen, wie Sie hoffentlich Einer ſein werden, laſſen nie ein Wort fallen, das nicht ehrerbietig gegen ihre Eltern wäre. Sie ſind doch nicht beleidigt, Mr. George?“ „Nein, wirklich nicht, Onkel Tom; Du gabſt mir ſtets gute Rathſchläge.“ „Ich bin älter wie Sie, wiſſen Sie,“ ſagte Tom, indem er den hübſchen Lockenkopf des Knaben mit ſeiner großen, ſtarken Hand ſtreichelte, aber mit einer Stimme ſprach, die eben ſo ſanft und zärtlich war, wie die eines Weibes, und ich ſehe Alles, was in ihnen verborgen liegt. O, Mr. George, Sie haben Alles — Gelehrſamkeit, Vorrechte, Leſen, Schreiben— und Sie werden noch zu einem großen, gelehrten, guten Manne aufwachſen und alle Leute auf dem Gute und Ihre Eltern werden ſtolz auf Sie ſein. Seien Sie ein guter Herr wie Ihr Vater und ein Chriſt wie Ihre Mutter. Gedenken Sie Ihres Schöpfers in den Tagen Ihrer Jugend, Mr. George.“ „Ich werde wahrhaftig gut ſein, Onkel Tom, das ſage ich Dir!“ rief George.„Ich will ein ganzer Kerl werden; verliere nur den Muth nicht. Ich bringe Dich ſchon wieder zurück. Ich habe es heute früh der Tante Chloe geſagt, daß ich Dir ein neues Haus bauen werde, und daß Du darin Platz für ein Zimmer mit einem Teppich haben ſollſt, wenn ich ein Mann geworden bin. O Du wirſt noch gute Zeiten erleben.“ Jetzt kam Haley mit den Handſchellen in den Händen an die Thür. „Hören Sie einmal, Maſter,“ ſagte George, als er heraustrat, mit über⸗ legener Miene,„ich werde meinen Elter erzählen, wie ſie den Onkel Tom be⸗ andeln.“ „Das will ich Ihnen gern erlauben,“ ſagte der Sklavenhändler. „Schämen Sie Sich nicht, Ihr Lebenlang Männer und Weiber zu kaufen und ſie anzuketten wie das Vieh? Ich ſollte meinen, daß es Ihnen ſelbſt zu ſchlecht wäre.“ „So lange die vornehmen Leute Männer und Weiber kaufen, bin ich eben ſo gut wie ſie,“ ſagte Haley;„das Verkaufen iſt nicht ſchlechter als das Kaufen.“ „Ich werde weder das Eine noch das Andere thun, wenn ich ein Mann bin,“ ſagte George;„ich ſchäme mich ein Kentuckyer zu ſein; ich bin früher immer ſo ſtolz darauf geworden.“ Und George richtete ſich auf ſeinem Pferde empor und blickte mit einer Miene um ſich, als erwartete er, daß ſein Urtheil einen großen Eindruck auf den Staat machen werde. „Nun lebe wohl, Onkel Tom, und halte die Oberlippe ſteif,“ ſagte George. „Leben Sie wohl, Mr. George,“ ſagte Tom, ihn mit liebevoller Bewun⸗ derung anblickend.„Gott der Allmächtige ſegne Sie! Ach, Kentucky hat nicht Viele, die Ihnen gleichkommen,“ fügte er in der Fülle ſeines Herzens hinzu, als das oſſene Knabengeſicht ſeinen Blicken entſchwand. Er entfernte ſich und Tom blickte zurück, bis der Hufſchlag ſeines Pferdes in der Ferne verhallte; es war der letzte Klang ſeiner Heimath! Auf ſeinem Herzen ſchien ſich jedoch da, wohin jene jungen Hände den koſtbaren Dollar gehängt hatten, ein warmes Plätzchen zu befinden. Tom erhob ſeine Hand und drückte ſie feſt auf ſeine Bruſt. „Nun will ich Dir etwas ſagen, Tom,“ ſprach Haley, indem er an den Wagen trat und die Handſchellen hineinwarf;„ich werde es ehrlich mit Dir halten, wie ich es mit meinen Niggern gewöhnlich thue, und ich ſage Dir jetzt zum Anfange, daß ich Dich ehrlich behandeln werde, wenn Du mich ehrlich be⸗ handelſt. Ich bin gegen meine Neger nie hart, ich thue für ſie das Beſte, was ich kann. Nun, ſiehſt Du, das Beſte, was Du thun kannſt, wird das ſein, Dich ruhig in die Sache zu finden und keine Streiche gegen mich zu verſuchen, denn ich kenne alle die Regerſtreiche, wie ſie auch heißen mögen und bei mir nutzen ſie nichts. Wenn die Nigger ſich ruhig verhalten und keinen Verſuch zum Entlaufen machen, ſo haben ſie bei mir gute Zeit, und wenn ſie es nicht thun, ſo iſt es ihre Schuld und nicht die meine.“ Tom verſicherte Haley, daß er keineswegs im Sinne habe, ihm zu ent⸗ laufen; in der That ſchien die Ermahnung einem Manne, der ein paar Schellen an den Füßen hatte, gegenüber, ziemlich überflüſſig zu ſein; aber Mr. Haley hatte die Gewohnheit angenommen, ſein Verhältniß zu ſeinen Waa⸗ ren mit derartigen kleinen Ermahnungen zu beginnen, da er dadurch guten Muth und Vertrauen einzuflößen und der Nothwendigkeit unangenehmer Sce⸗ nen vorzubeugen glaubte. Und hier nehmen wir jetzt von Tom Abſchied, um dem Schickſale anderer Perſonen unſerer Geſchichte zu folgen. 11. Eigenthum geräth in einen ungeeigneten Gemüthszuſtand. Spät an einem regneriſchen Nachmittage ſtieg ein Reiſender an der Thür eines kleinen Gaſthauſes im Städtchen N— in Kentuckh ab. Er fand im Schenkzimmer eine bunte Geſellſchaft verſammelt, welche vom Wetter in den — 73 ſichern Hafen getrieben worden war, und das Lokal zeigte das gewöhnliche Aus⸗ ſehen ſolcher Verſammlungen. Lange, vierſchrötige Kentuckyer in Jagdhemden und mit ſchlotternden Gliedern, die ſie in dem dieſem Geſchlechte eigenthüm⸗ lichen behaglichen Schlendergange über eine ungeheure Bodenſtrecke dahin⸗ ſchleppen, in der Ecke zuſammengeſtellte Büchſen, Schrotbeutel, Jagdtaſchen und ſich bunt durcheinander wälzende Jagdhunde und Negerkinder waren die charakteriſtiſchen Züge des Bildes. An jedem Ende des Kamins ſaß ein lang⸗ beiniger Herr mit rückwärtsgelehntem Stuhle, den Hut auf dem Kopfe und nachläſſig auf den Kaminſtäben ruhenden kothigen Stiefeln. Der hinter dem Schenttißche ſtehende Wirth war, gleich den meiſten ſeiner Landsleute, von großer Statur, gutmüthig und ſchlotterbeinig, hatte einen ungeheuern Wald von Haaren auf dem Kopfe und trug einen mächtig hohen Hut. hebrigens trugen ſämmtliche im Zimmer Anweſende dieſes charakteriſtiſche Symbol der Souverainetät des Mannes auf dem Kopfe, mochte es nun ein Fikz⸗ hut, ein Palmenhut, ein fettiger Biber oder ein ſchöner neuer Velpel ſein. Es ſchien zugleich das Charakterzeichen eines jeden Individuums zu ſein. Einige trugen den ihren keck auf der Seite. Dies waren die Männer von Humor, luſtige und geſellige Burſchen, Andere hatten die ihren über die Naſe herabgezogen— dies waren die energiſchen Charaktere, echte Männer, die, wenn ſie ihre Hüte trugen, ſie auf dem Kopfe haben und tragen wollten, wie es ihnen beliebte; noch Andere hatten ſie weit nach hinten geſetzt und dies waren wieder kluge Leute, die eine unbehinderte Ausſicht haben wollten, während leichtſinnige Männer, die nicht wußten und ſich nicht darum kümmerten, wie ihre Hüte ſaßen, ſie nach allen Seiten hin rückten. Die Hüte lieferten wirklich Stoff zu einem echt Shakeſpeare'ſchen Studium. Eine Anzahl von Negern in weiten Beinkleidern und allen Ueberfluſſes ent⸗ behrenden Hemden liefen hin und her, ohne etwas Beſonderes zu thun, außer daß ſie eine allgemeine Bereitwilligkeit, Alles zur Schöpfung Gehörige zum Vortheil des Maſter und ſeiner Gäſte dienſtbar zu machen, an den Tag legten. Wenn man zu dieſem Bilde ein munteres, praſſelndes Feuer, welches luſtig einen weiten Schornſtein hinaufloderte, weit offene Thüren und Fenſter und in dem heftigen, feuchten, rauhen Winde flatternde Fenſtervorhänge fügt, ſo kann man ſich eine Idee von den Annehmlichkeiten eines Kentuckyer Wirthshesſes machen. In dieſe Geſellſchaft trat unſer Reiſender. Er war ein kurzer, unterſetzter, ſorgfältig gekleideter Mann mit einem runden, gutmüthigen Geſichte und etwas eigenem, pedantiſchen Aeußeren. Er ſorgte aufmerkſam für ſeinen Mantelſack und Regenſchirm, brachte dieſe Gegenſtände eigenhändig herein und wies alle Anerbiekungen der verſchiedenen Diener, ihn derſelben zu entledigen, beharrlich ſ Er ſah ſich mit faſt ſcheuer Miene im Schenkzimmer um, zog ſich mit einen Beſitzthümern in den wärmſten Winkel zurück, legte ſie unter ſeinen Stuhl, ſetzte ſich darauf nieder und blickte mit einiger Beſorgniß zu dem Manne auf, deſſen Stiefelabſätze das Ende der Kaminſtäbe zierten und der mit einem Muthe und einer Energie, die für Männer von ſchwachen Nerven und Rein⸗ lichkeitsſinn faſt ſchreckenerregend waren, bald rechts bald links ausſpuckte. „Nun, Fremder, wie geht's?“ ſagte der vorgenannte Gentleman, indem * Ehrenſalve von Tabaksſaft nach der Richtung des Neuangekommenen ritzte. „Ich denke gut,“ antwortete Jener, der ihm drohenden Ehre beſorgt aus⸗ weichend. „Was giebt's Neues?“ fragte der Erſtere, indem er eine Stange Kau⸗ tabak und ein großes Jagdmeſſer aus der Taſche nahm. 74 „Ich weiß nichts,“ antwortete der Mann. „Kauen Sie?“ fragte der Andere, indem er dem alten Herrn mit enſchieden brüderlicher Miene ein Primchen von ſeinem Tabak reichte. „Nein, ich danke Ihnen, es bekommt mir nicht,“ entgegnete der kleine WMann hinwegrückend. „Wirklich nicht?“ ſagte Jener lächelnd, und ſchob das Stück in ſeinen eigenen Mund, um den Vorrath von Tabaksſaft zum allgemeinen Wohle der Geſellſchaft nicht ausgehen zu laſſen.. Der alte Mann ſchrak ſtets ein wenig zuſammen, wenn ſein langer Bruder auf ihn abfeuerte, und als ſein Nachbar dies bemerkte, richtete er gutmüthig ſeine Artillerie nach einer andern Seite und begann eines von den Schüreiſen mit einem Grade von militäriſchem Talente zu beſchießen, welches vollkommen hinreichend geweſen wäre, um eine Stadt einzunehmen. „Was iſt das?“ fragte der alte Herr, als er bemerkte, daß ſich einige Mit⸗ glieder der Geſellſchaft um einen großen Anſchlagzettel gruppirt hatten. „Eine Niggerankündigung,“ ſagte Einer von der Geſellſchaft kurz. Mr. Wilſon, denn ſo hieß der alte Herr, ſtand auf, zog, nachdem er Mantel⸗ ſack und Regenſchirm ſorgfältig auf die Bank gelegt, ſeine Brille heraus, heftete ſie auf die Naſe und las, nachdem er dieſe Operation beendigt hatte, wie folgt: „Dem Unterzeichneten iſt ſein Mulattenburſche George entlaufen. Beſag⸗ ter George iſt ſechs Fuß hoch, ein ſehr heller Mulatte mit braunem, gelocktem Haar, ſehr intelligent, ſpricht hübſch, kann leſen und ſchreiben, wird ſich wahr⸗ ſcheinlich für einen Weißen auszugeben verſuchen; hat tiefe Narben auf dem Rücken und den Schultern und in der rechten Hand iſt ihm der Buchſtabe H eingebrannt.“ „Ich werde Demjenigen, der ihn mir lebend zurückbringt, vierhundert und die gleiche Summe für den genügenden Beweis von ſeiner Tödtung zahlen.“ Der alte Herr las dieſe Anzeige mit leiſer Stimme vom Anfange bis zu Ende, als ob er ſie auswendig lernen wollte. Der langbeinige Veteran, welcher, wie bereits erzählt, das Schüreiſen be⸗ ſchoſſen hatte, nahm jetzt ſeine mächtige Geſtalt zuſammen, erhob ſich langſam, ſut vor de Anſchlagzettel und ſpuckte wohlbedächtig eine volle Salve Tabaks⸗ ſaft darauf. „Das iſt meine Anſicht darüber,“ ſagte er kurz, und ſetzte ſich wieder nieder. „Ei, Sir, was ſoll das heißen!“ rief der Wirth. „Ich würde dem Schreiber dieſes Zettels das Nämliche anthun, wenn er hier wäre,“ ſagte der lange Mann, indem er kaltblütig in ſeinem Geſchäft des Tabaksſchneidens fortfuhr.„Wer einen ſolchen Burſchen beſitzt und keine beſſere Behandlungsweiſe für ihn finden kann, verdient ihn zu verlieren. Solche An⸗ igen ſind eine Schande für Kentucky, das iſt meine Meinung, wenn Jemand ſ zu wiſſen verlangt.“ ſcr iſt wahr,“ ſagte der Wirth, während er einen Poſten in ſein Buch rieb. „Ich habe eine Heerde Burſchen, Sir,“ ſagte der lange Mann, der jetzt ſeinen Angriff auf die Schüreiſen wieder begonnen hatte„und ich ſage zu ihnen: Lauft Jungen! verduftet! echappirt wenn Ihr wollt! ich werde Euch nicht nach⸗ laufen! Auf dieſe Weiſe behalte ich meine Leute Wenn man ihnen ſagt, daß es ihnen jeder Zeit freiſteht davon zu laufen, ſo vergeht ihnen die Luſt dazu. ueberdies habe ich ihnen Allen Frkiſcheine ausgeſtellt und ſie regiſtriren laſſen, im Fall ich ſterben ſollte; das wiſſen ſie und ich ſage Ihnen, Sir, daß es in un⸗ Sh. —,— ſerer Gegend Keinen giebt, für den ſeine Neger mehr thäten als für mich. Meine Burſchen ſind mehr als einmal mit Pferden im Werthe von fünfhundert Dollars in Cincinnati geweſen und haben mir das Geld richtig gebracht. Es war ver⸗ nünftigerweiſe auch zu erwarten, daß ſie es thun würden. Wer ſie wie die Hunde behandelt, kann von ihnen nur Hundearbeit und Hundehandlungen erwarten. Wer ſie wie Menſchen behandelt, dem wird auch Menſchenarbeit zu Theil.“ Und der brave Pferdezüchter bekräftigte dieſen Ausſpruch in ſeinem Eifer mit einem wahren Freudenfeuer nach dem Kamin. „Ich glaube, daß Sie ganz recht haben, Freund,“ ſagte Mr. Wilſon,„und der hier beſchriebene iſt ein wackerer Burſche,— das läßt ſich nicht beſtreiten. Er hat wohl ein halbes Dutzend Jahre in meiner Sacktuchfabrik für mich ge⸗ arbeitet und er war mein beſter Arbeiter, Sir. Er iſt überdies ein kluger Menß denn er hat eine Hanfreinigungsmaſchine erfunden— eine ſehr werthvolle Vor⸗ richtung, die ſchon in mehreren Fabriken in Gebrauch iſt. Sein Herr hat ein Patent darauf genommen.“ „Das glaube ich,“ ſagte der Pferdezüchter;„er hat das Patent und ver⸗ dient Geld damit und dann geht er hin und brandmarkt den Burſchen in die rechte Hand. Wenn ſich eine gute Gelegenheit dazu darböte, wollte ich ihn zeich⸗ nen, daß er es ſobald nicht verlieren ſollte.“ „Die klugen Neger ſind immer vorlaut und unfolgſam,“ ſagte ein roh aus⸗ ſehender Mann, der am andern Ende des Zimmers ſaß.„Deshalb werden ſie auch ſo gebrandmarkt. Wenn ſie ſich benähmen wie es ihnen geziemt, ſo würde ihnen das nicht widerfahren.“ „Sie ſind auch Menſchen, die der Herr geſchaffen hat, und es gehört eine herzloſe Grauſamkeit dazu, um ſie zum Vieh zu erniedrigen,“ ſagte der Pferde⸗ züchter trocken. „Kluge Nigger find für ihre Herren kein Vortheil,“ fuhr Jener, der ſich ſeiner rohen Gefühlloſigkeit gegen die Verachtung ſeines Gegners ver⸗ chanzt hatte, fort.„Was nützen Talente und dergleichen, wenn man die Kerle nicht dazu bewegen kann ſie für Einen anzuwenden? Sie wenden ſie zu weiter nichts an als Einen zu betrügen. Ich habe ein paar ſolche Burſchen gehabt und vor Kurzem flußabwärts verkauft. Ich wußte, daß ich ſie früher oder ſpäter ver⸗ loren haben würde, wenn ich es nicht gethan hätte.“ Hier wurde das Geſpräch durch das Anhalten eines einſpännigen Wagens vor dem Wirthshaus unterbrochen. Er ſah fein aus und ein gutgekleideter Mann ſaß darin, während ein farbiger Diener das Pferd lenkte. Die ganze Geſellſchaft betrachtete den Ankommenden mit dem Intereſſe, womit mußige Leute an einem Regentage jeden Fremden eintreten ſehen. Er war hochgewachſen, hatte eine dunkle, ſpaniſche Geſichtsfarbe, ſchöne, ausdrucks⸗ volle ſchwarze Augen und dicht gelocktes Haar von ebenfalls glänzender Schwärze. Seine gutgeformte Adlernaſe, ſeine feinen, ſchmalen Lippen und die herrlichen Umriſſe ſeines ſchöngebauten Körpers brachten die ganze Geſellſchaft augen⸗ blicklich auf die Idee, daß ſie einen ungewöhnlichen Mann vor ſich ſähen. Er ſchritt ungezwungen durch die Gäſte, zeigte dem Aufwärter mit einer Kopfbe⸗ wegung, wohin er ſeinen Koffer ſtellen ſolle, verbeugte ſich gegen die Anweſen⸗ den, trat mit dem Hute in der Hand gemächlich an den Schenktiſch und nannte ſich Henry Butler von Haklands in der Grafſchaft Shelby. Hierauf wendete er ſich mit gleichgiltiger Miene um, ging nach der Stelle, wo die Ankündigung angeſchlagen war und las dieſelbe. „Jim,“ ſagte er dann zu ſeinem Diener,„es ſcheint mir, als ob wir einen Burſchen, der ungefähr ſo ausſah, oben bei Bernan getroffen hätten.“ 76 ien⸗ Maſter,“ antwortete Jim,„nur daß ich wegen der Hand nicht ge⸗ wiß bin.“ „Danach habe ich natürlich auch nicht geſehen,“ fuhr der Fremde gähnend fort. Hierauf wendete er ſich zu dem Wirthe und forderte ihn auf, ihm ein Zim⸗ mer zu geben, da er ſofort etwas zu ſchreiben habe. Der Wirth war die Dienftfertigkeit ſelbſt und bald ſchwirrte eine Schaar von ſechs bis ſieben alten und jungen, männlichen und weiblichen, großen und kleinen Negern wie ein Volk Rebhühner umher, um das Zimmer des fremden Herrn in Ordnung zu bringen, während er ſich nachläſſig auf einen Stuhl in der Mitte des Zimmers ſetzte und mit dem ihm Zunächſtſitzenden ein Geſpräch anknüpfte. Mr. Wilſon, der Fabrikant, hatte den Fremden von dem Augenblicke ſeines Eintretens an mit ängſtlicher und unruhiger Neugier betrachtet. Es war ihm als ob er ihn ſchon irgendwo getroffen und kennen gelernt habe, und doch konnte er ſich nicht erinnern wo. Wenn der Fremde ſprach oder ſich bewegte oder„ lächelte, ſchrak er zuſammen und heftete den Blick auf ihn, um ihn plotzlich wie⸗ der abzulenken, wenn die glänzenden dunkeln Augen den ſeinen mit der gleich⸗ giltigſten Ruhe begegneten. Endlich ſchien eine plötzliche Erinnerung in ihm aufzublitzen, denn er ſtarrte den Fremden mit einer poichen Ueberraſchung und Beſorgniß an, daß dieſer zu ihm trat. „Mr. Wilſon, wenn ich nicht irre?“ ſagte er, ihm die Hand reichend, als ob er ihn jetzt erſt erkannt hätte.„Ich bitte um Verzeihung, daß ich mich Ihrer nicht früher erinnert habe. Ich ſehe, daß auch Sie mich nicht vergeſſen haben — ich bin Mr. Butler von Oaklands in der Grafſchaft Shelby.“ „Ja— ja, Sir,“ ſagte Mr. Wilſon wie im Traume. Jetzt trat ein Negerknabe ein und meldete, daß das Zimmer des Herrn* bereit ſei. „Jim, ſorge für die Koffer!“ ſagte der Fremde nachläſſig, worauf er ſich Wilſon wendend hinzufügte:„Ich möchte auf meinem Zimmer einige Ninuten wegen Geſchäften mit Ihnen ſprechen, wenn es Ihnen gefällig wäre.“ Mr. Wilſon folgte ihm wie ein Nachtwandler und ſie begaben ſich in ein großes Zimmer im erſten Stock, wo ein friſch angezündetes Feuer praſſelte und mehrere Diener umhereilten und die letzte Hand an die Arrangements legten. Sobald Alles gethan war und die Dienerſchaft ſich entfernt hatte, verſchloß der junge Mann ruhig die Thür, ſteckte den Schlüſſel in die Taſche, drehte ſich um, kreuzte die Arme auf der Bruſt und blickte feſt in Mr. Wilſon's Geſicht. 6 „George!“ ſagte dieſer. „Ja, George, antwortete der junge Mann. „Das hätte ich nicht gedacht!“ „Ich glaube ſo ziemlich gut verkleidet zu ſein,“ ſagte der junge Mann* lächelnd.„Ein wenig Wallnußrinde hat meiner gelben Haut ein ſchönes Braun gegeben und ich habe mein Haar ſchwarz gefärbt. Sie ſehen alſo, daß ich dem Signalement nicht im Mindeſten eutſpreche.“ „O, George, Du ſpielſt ein gefährliches Spiel. Ich würde Dir nicht dazu gerathen haben.“ „Ich kann es auf meine eigne Verantwortung thun,“ ſagte George mit demſelben ſtolzen Lächeln. Wir bemerken im Vorübergehen, daß George von väterlicher Seite weißer Abkunft war. Seine Mutter war eines von den unglücklichen Geſchöpfen ihres Stammes geweſen, welche durch perſönliche Schönheit zu Sklavinnen der„ Leidenſchaft ihrer Herren und die Mutter von Kindern werden, welche vielleicht 77 nie ihren Vater kennen lernen. Von einer der vornehmſten Familien in Ken⸗ tucky hatte er ſeine ſchönen europäiſchen Züge und einen ſtolzen, unbezähmbaren Muth geerbt. Von ſeiner Mutter hatte er nur eine leichte Mulattenfärbung empfangen, wofür das ſie begleitende tiefe dunkle Auge reichlich entſchädigte. Eine geringe Veränderung in der Farbe der Haut und der Farbe ſeines Haars hatte ihn in den ſpaniſch ausſehenden Mann, als welcher er erſchien, verwandelt, und da Anmuth der Bewegung und feine Manieren ihm ſtets vollkommen na⸗ türlich geweſen waren, wurde es ihm nicht ſchwer, die kühne Rolle, welche er übernommen— die eines mit ſeinem Domeſtiken reiſenden Gentlemans, zu ſpielen. Mr. Wilſon, ein gutmüthiger, aber äußerſt ängſtlicher und vorſichtiger alter Herr trippelte im Zimmer auf und ab und ſchien zwiſchen dem Wunſche George zu helfen und einem unbeſtimmten Verlangen, Geſetz und Recht auf⸗ recht zu erhalten, hin und her zu ſchwanken. „Nun George,“ ſagte er,„es ſcheint mir, daß Du davon läufſt— daß Du Deinen rechtmäßigen Herrn verläſſeſt, George— ich wundre mich nicht darüber — zu gleicher Zeit aber betrübt es mich, George,— ja, es betrübt mich— ich muß Pir das ſagen, George— es iſt meine Pflicht, es Dir zu ſagen.“ „Warum betrübt es Sie, Sir?“ fragte George ruhig. „Weil Du Dich ſo zu ſagen gegen die Geſetze Deines Vaterlandes auflehnſt.“ „Meines Vaterlandes?“ ſagte George mit einem bittern Tone.„Was für ein Vaterland habe ich, als das Grab?— und ich wünſchte bei Gott, ich läge darin!“ „Ei, George, nein, nein,— ſo zu ſprechen, iſt ſchlecht— nicht nach der Schrift. George, Du haſt einen harten Herrn,— in der That, das iſt'r— er beträgt ſich tadelnswerth— ich kann nicht daran denken, ihn zu vertheidigen. Aber Du weißt, wie der Engel einſt Hagar gebot, zu ihrer Herrin zurückzukehren i ihr zu unterwerfen; und der Apoſtel ſchickte Oneſimus zu ſeinem Herrn zurück.“ „Führen Sie mir die Bibel nicht auf ſolche Weiſe an, Mr. Wilſon,“ ſagte George mit flammendem Auge;„meine Frau iſt eine Chriſtin, und ich denke es zu ſein, wenn ich je hinkomme, wo ich es ſein kann; doch die Bibel gegen einen Menſchen in meinen Umſtänden anzuführen, iſt genug, um ſie ihn für immer vergeſſen zu machen. Ich beruſe mich auf Gott den Allmächtigen; ich bin bereit, ſitn zu treten und ihn zu fragen, ob ich Unrecht thue, daß ich meine Freiheit uche.“ „Dieſe Gefühle ſind ganz natürlich. George,“ ſagte der menſchenfreundliche Mann.„Ja, ſie ſind natürlich, aber es iſt meine Pflicht, Dich nicht darin zu beſtärken. Ja, mein Junge, ich bin deinetwegen beſorgtz es iſt ein böſer Fall— ein ſehr böſer. Der Apoſtel ſagt:„Es folge Jeglicher ſeinem Berufe!“— Wir müſſen uns Alle den Beſtimmungen der Vorſehung fügen, George— ſiehſt Du das nicht ein?“ George ſtand da, den Kopf hintenübergeworfen, die Arme über der breiten Bruſt gekreuzt und ein bitteres Lächeln umſpielte ſeine Lippen. „Ich möchte wohl wiſſen, Mr. Wilſon,“ ſagte er,„wenn die Wilden kämen, und Sie gefangen von Ihrer Frau und Ihren Kindern fortſchleppten, und Sie Ihr Leben lang für ſich arbeiten ließen, ob Sie es dann auch für Ihre Pflicht halten würden, in der Lage zu beharren, zu der Sie berufen wären! Ich glaube weit eher, Sie würden das erſte freie Pferd, das Sie fänden, für einen Fingerzeig des Himmels halten;— würden Sie das nicht?“„ 78 Der kleine alte Gentleman riß bei dieſer Auseinanderſetzung beide Augen weit auf; Und obgleich er kein heller Denker war, hatte er doch ſo viel geſunden Sinn, wie manche Logiker in ähnlicher Lage,— nichts zu ſagen, wo ſich nichts ſagen ließ. Deshalb fuhr er in ſeinen Ermahnungen nur auf eine allgemeine Weiſe fort, während er ſorgſam jede Falte aus ſeinem Regenſchirme ſtrich. „Du weißt, George, daß ich immer Dein Freund geweſen bin, und was ich ſagte, das ſagte ich zu Deinem Beſten. Nun ſcheint es mir, Du läufſt hier eine Gefahr. Ihr könnt nicht hoffen, es auszuführen. Wirſt Du ergriffen, ſo iſt's noch ſchlimmer für Dich, als je; ſie werden Dich mißhandeln und halb todt ſchlagen und den Fluß abwärts verkaufen.“ „Mr. Wilſon, ich weiß das Alles,“ ſagte George.„Ich laufe Gefahr, aber—“ Er öffnete ſeinen Rock und zeigte ein Paar Piſtolen und ein Bowie⸗ meſſer.„Da!“ ſagte er;„ich bin darauf vorbereitet. Nach dem Süden gehe ich nie. Kömmt's ſo weit, dann kann jch mir wenigſtens ſechs Fuß freie Erde verſchaffen;— die erſte und letzte, die ich je in Kentucky mein nennen werde.“ „Ei, George, Dein Gemüthszuſtand iſt furchtbar! Das iſt wahrhaft ver⸗ zweifelt:— Die Geſetze Deines Vaterlandes brechen zu wollen!“ „Wieder mein Vaterland! Mr. Wilſon, Sie haben ein Vaterland, aber welches Vaterland habe ich oder irgend Einer, der gleich mir von einer Sclaven⸗ mutter geboren wurde? Was für Geſetze giebt es für uns? Wir machen ſie nicht wir geben unſere Zuſtimmung dazu nicht, wir haben nichts mit ihnen zu ſchaffen. Alles, was ſie für uns thun, iſt, daß ſie uns niederdruͤcken. Habe ich nicht Ihre Reden am 4. Juli gehört? Erzählen Sie uns nicht jedes Jahr ein Mal, daß die Regierungen ihre gerechte Gewalt aus der Zuſtimmung der Re⸗ gierten ſchöpfen? Muß ein Menſch, der ſo etwas hört, nicht denken? Muß ſe nicht das Eine mit dem Andern zuſammenſtellen und ſehen, was daraus olgt?“ Mr. Wilſon's Verſtand konnte nicht unpaſſend mit einem Ballen Baum⸗ wolle verglichen werden; leicht, weich, beweglich und verworren. Er bemitleidete George wirflich von ganzem Herzen, und hatte einen dunkeln Begriff von den Gefühlen, die ihn bewegten; aber er hielt es für ſeine Pflicht, mit unwandel⸗ barer Hartnäckigkeit gut zu ihm zu ſprechen. „George, das iſt ſchlecht,“ fagte er.„Ich muß Dir als Freund ſagen, daß du beſſer thäteſt, Dich nicht in ſolche Angelegenheiten zu miſchen. Sie ſind ſchlimm, ſehr ſchlimm, George, für Leute in Deiner Lage.“ Und Mr. Wil⸗ ſon ſetzte ſich auf einen Stuhl, und drehte heftig an dem Griffe ſeines Schirmes. Mr. Wilſon,“ ſagte George, indem er entſchloſſen ihm gerade gegenüber Platz nahm,„ſehen Sie mich an. Sitze ich hier nicht vor ihnen gerade ſo, als ob ich ein Menſch wie Sie wäre? Sehen Sie mein Geſicht— meine Hände — meinen Körper,“ und der junge Mann richtete ſich ſtolz empor.„Bin ich nicht ein Mann ſo gut, wie irgend Einer? Nun gut, Mr. Wilſon, hören Sie, Gentleman— der nicht genug auf mich hielt, um zu verhindern, daß ich mit ſeinen Hunden und ſeinen Pferden verkauft wurde, als er ftarb. Ich ſah meine Mutter mit ihren ſieben Kindern durch den Sheriff verkaufen. Sie wurden 1 vor ihren Augen verkauft, eines nach dem andern, alle an verſchiedene Herren; 1 und ich war das jüngſte. Sie kniete vor dem alten Masr nieder und bat ihn, er möchte ſie mit mir kaufen, daß ihr wenigſtens eines ihrer Kinder bliebe; und er ſtieß ſie mit dem Fuße von ſich. Ich ſah ihn das thun, und das Letzte, was ich hörte waren ihre Seufzer und ihr Geſchrei, als ich auf ſein Pferd gebunden wurde, um nach ſeinem Gute geſchleppt zu werden.“ „ was ich Ihnen ſagen will. Ich hatte einen Vater— einen Kentucky'ſchen 79 „Nun, und dann?“ „Mein Maſter handelte mit einem der Männer und kaufte Pin⸗ älteſte Schweſter. Sie war ein frommes, gutes Mädchen,— ein Mitglied der Bap⸗ tiſtenkirche— und ſo hübſch wie meine arme Mutter geweſen war. Sie war gut erzogen und hatte ein feines Benehmen. Anfangs war ich froh, daß mein Herr ſie kaufte, denn ich hatte doch wenigſtens ein Weſen bei mir. Bald war ich darüber betrübt. Sir, ich ſiand an der Thür und hoͤrte, wie ſie gepeitſcht wurde, und es trieb mir alles Blut zum Herzen, daß ich ihr nicht helfen konnte. Und ſie wurde gepeitſcht, Sir, weil ſie ein ſittſames, chriſtliches Leben führen wollte, wozu Eure Geſetze keinem Sklavenmädchen ein Recht ge⸗ ben. Und zuletzt ſah ich ſie an den Transport eines Sklavenhändlers gekettet, um auf den Markt nach Neuorleans gebracht zu werden. Sie wurde um we⸗ niger als nichts dahin geſchickt— und das iſt das Letzte, was ich von ihr weiß. — Nun gut, ich wuchs empor— Jahr für Jahr— ohne Vater, ohne Mutter, ohne Schweſter oder irgend eine lebende Seele, die ſich um mich nicht mehr be⸗ kümmerte, wie um einen Hund; nichts als Peitſchenhiebe, Auszanken, Hunger. Sir, ich bin ſo hungrig geweſen, daß ich froh war, wenn ich einen der Knochen erwiſchte, die ſie ihren Hunden vorwarfen; und als ich noch ein kleiner Junge war und ganze Nächte durchweinte, geſchah dies nicht aus Hunger oder wegen der Peitſchenhiebe. Nein, Sir, ſondern um meine Mutter, um meine Schweſter— weil ich keinen Freund hatte, den ich auf Erden lieben konnte. Ich wußte nie, was Ruhe oder Troſt ſei. Mit mir wurde nie ein freundliches Wort geſprochen, bis ich zur Arbeit in Ihre Fabrik kam. Mr. Wilſon, Sie behandelten mich gut, Sie ermunterten mich, recht zu thun, leſen und ſchreiben zu lernen, und zu verſuchen, Etwas zu werden, und Gott weiß, wie dankbar ich dafür bin. Dann, Sir, fand ich mein Weib;— Sie kennen ſie und wiſſen, wie ſchön ſie iſt. Als ich ſah, daß ſie mich liebte, als ich ſie heirathete, da konnte ich kaum glauben, daß ich lebte, ſo glücklich war ich; und, Sir, ſie iſt eben ſo gut wie ſchön. Aber was nun? Da kommt mein Herr, nimmt mich fort von meiner Arbeit, von meinen Freunden, von Allem, was ich liebe, tritt mich in den Koth! Und weshalb? Weil ich, wie er ſagte, vergeſſen hatte, wer ich ſei; er wollte mich lehren, ſagte er, daß ich nur ein Nigger wäre! Zuletzt tritt er auch zwiſchen mich und meine Frau und ſagt, ich ſoll ſie verlaſſen und mit einer andern Frau leben. Und zu dem Allen geben Eure Geſetze ihm die Gewalt, Gott zum Trotze. Mr. Wilbon, bedenken Sie nicht Eines von all den Dingen, die das Herz meiner Mutter und meiner Schweſter und meiner Frau und mein eigenes gebrochen haben, das Eure Geſetze nicht geſtatteten und zu dem ſie Jedermann in Kentucky das Recht geben, ohne daß man ihm ſagen dürfte, nein! Mennen Sie das Geſetze meines Vaterlandes? Sir, ich habe eben ſo wenig ein Vaterland wie einen Vater gehabt. Aber ich werde eines finden. Ich verlange von Ihrem Vaterlande nichts, als allein zu blei⸗ ben,— es friedlich verlaſſen zu können. Wenn ich nach Canada komme, wo die Geſetze mich beſchützen, ſo ſou das mein Vaterland ſein und ich werde ſeinen Geſetzen gehorchen. Wenn mich aber irgend Jemand anzuhalten verſucht, ſo mag er ſich vorſehen, denn ich bin auf's Aeußerſte getrieben. Ich werde bis zu meinem letzten Athemzuge für meine Freiheit kämpfen. Ihr ſagt, daß Eure Väter es gethan haben, und wenn es von dieſen recht war, ſo kann es von mir nicht unrecht ſein.“ Dieſe mit Thränen und blitzenden Augen und verzweifelnden Geberden ge⸗ ſprochenen Worte überwältigten den gutmüthigen alten Mann, 2 den ſie ge⸗ 80 richtet waren, und er hatte ein großes gelbſeidenes Taſchentuch hervorgezogen, mit dem er ſich heftig das Geſicht fächelte. „Hole ſie alle der Schwarze!“ platzte er plötzlich heraus.„Habe ich es nicht immer geſagt— die Lerdammten alten Schufte! Gott verzgihe mir die Sünde— ich will nicht hoffen, daß ich geflucht habe. Nun ſo geh denn, George, geh, aber ſieh dich vor, mein Junge, ſchieße auf keinen Menſchen, wenn nicht— nun— ich meine, Du würdeſt wohl am beſten thun, gar nicht zu ſchießen, we⸗ nigſtens würde ich an Deiner Stelle nicht ſo ſchießen, daß ich träfe, weißt Du. Wo iſt Deine Frau, George?“ fragte er, indem er ſich unruhig ethob und im Zimmep auf und ab zu gehen begann. n Sir— ſie iſt mit ihrem Kinde entflohen— Gott weiß wohin. Sie iſt dem Nordſtern zugewandert, und wenn wir je wieder zuſammen kommen, und ob wir uns in dieſer Welt überhaupt je wieder ſehen werden, das vermag kein Menſch zu ſagen.“ „Iſt es möglich?— erſtaunlich! eine ſo gütige Familie!“ „Auch gütige Familien gerathen in Schulden und un ſere Landesgeſetze erlauben ihnen das Kind von der Mutterbruſt zu verkaufen, um die Schulden ſeines Herrn zu bezahlen,“ ſagte George bitter. „Nun, nun,“ meinte der brave alte Mann, indem er in ſeiner Taſche um⸗ herfingerte,„ich fürchte, daß ich meinem Verſtande nicht folge— zum Henker! ich will meinem Verſtande nicht folgen,“ fügte er plötzlich hinzu,„alſo nimm 3 George,“ und er zog ein Packet Banknoten aus der Brieftaſche und bot ſie eorge an. „Nein, mein guter lieber Sir,“ ſagte George,„Sie haben ſchon ſehr viel für mich gethan und dies könnte Sie in Ungelegenheiten bringen. Ich habe hoffentlich Geld genug, um ſo weit zu kommen als ich deſſen bedarf.“ „Nein, Du mußt es annehmen, George; das Geld iſt überall eine große Hilfe; man kann nie zu viel davon haben, wenn man auf rechtlichem Wege dazu kommt. Nimm es— bitte, nimm es— thue es, mein Junge!“ „Unter der Bedingung, daß ich es ſpäter zurückzahlen darf, will ich es an⸗ nehmen,“ ſagte George. „Und nun, George, ſage mir, wie lange Du auf dieſe Weiſe reiſen willſt?— Hoffentlich doch nicht lange oder weit? Der Streich iſt gut ausgeführt, aber zu verwegen. Wer iſt Dein Begleiter?“ „Ein wackerer Burſche, der vor länger als einem Jahre nach Canada ge⸗ gangen iß Als er dort ankam, hörte er, daß ſein Herr über ſeine Flucht ſo wüthend äuf ihn geworden war, daß er ſeine arme alte Mutter peitſchte, und er hat den ganzen Weg zurückgemacht, um ſie zu tröſten und wo möglich zu befreien.“ „Iſt ihm dies gelungen?“ „Noch nicht. Er hat ſich in der Gegend umhergetrieben und noch keine Gelegenheit gefunden. ünterdeſſen begleiket er mich bis nach Ohio, um mich unter Freunde zu bringen, die ihm fortgeholfen haben, und dann wird er zu⸗ rücktehren, um ſie zu holen!“ „Gefährlich, ſ gefährlich,“ ſagte der alte Mann. George richtete ſich hoch auf und lächelte geringſchätzig. Der alte Herr betrachtete ihn mit einer Art ſtaunender Bewunderung vom Kopf bis zu den Füßen. „George— etwas hat Dich zum Erſtaunen herausgebildet. Du trägſt den Kopf hoch und ſprichſt und bewegſt Dich wie ein ganz anderer Mann,“ ſagte Mr. Wilſon. * 5¹ „Weil ich ein freier Mann bin!“ erwiderte George ſtolz.„Ja, Sir, ich habe zum letzten Male einen Menſchen Maſter genannt; ich binfrei!“ „Sieh Dich vor, Du biſt nicht ſicher— Du kannſt noch gefangen werden.“ „Im Grabe ſind alle Menſchen frei und gleich, wenn es ſo weit kommt, Mr. Wilſon,“ ſagte George. „Deine Verwegenheit geht mir über alle Begriffe,“ verſetzte Mr. Wilſon. „geradewegs hier in das nächſte Wirthshaus zu kommen.“ „Mr. Wilſon, es iſt ſo verwegen, und dieſes Wirthshaus iſt ſo nahe, daß man nicht daran denken wird. Man wird mich in weiterer Entfernung ſuchen, und ſelbſt Sie hätten mich kaum gekannt. Jim's Herr wohnt nicht in dieſer Grafſchaft, er iſt in dieſer Gegend nicht bekannt. Ueberdies hat man ihmaufge⸗ nach ihm ſchaut kein Menſch mehr aus, und ich denke, daß mich nach der nzeige Niemand erfennen wird.“ 2 „Aber das Zeichen in Deiner Hand!“ George zog den Handſchuh aus und zeigte eine friſche Narbe in ſeiner nd. Har „Das iſt ein Erinnerungszeichen an Mr. Harry's Zuneigung,“ ſagte er verächtlich.„Vor etwa vierzehn Tagen ſetzte er es ſich in den Kopf, es mir zu geben, weil er glaubte, ich würde einmal zu entweichen verſuchen. Es ſieht inter⸗ eſſant aus, nicht wahr?“ ſetzte er hinzu, indem er den Handſchuh wieder anzog. „Das Blut erſtarrt mir in den Adern, wenn ich an Deine Lage und an Deine Gefahr denke!“ rief Mr. Wilſon. „Das meine iſt Jahre lang erſtarrt geweſen, Mr. Wilſon; jetzt aber hat es den Siedepunkt erreicht,“ ſagte George. „Nun, mein guter Sir,“ fuhr er nach kurzem Schweigen fort,„ich ſah, daß Sie mich erkauͤnten und deshalb wollte ich mit Ihnen ſprechen, um durch Ihre erſtaunte Miene nicht verrathen zu werden. Ich reiſe morgen früh vor Tagesanbruch wieder ab. Morgen Abend hoffe ich ſicher in Ohio zu ſchlafen. Ich werde am hellen Tage reiſen, in den beſten Hotels abſteigen und mit den Vornehmſten des Landes an einer Tafel ſpeiſen. Leben Sie alſo wohl, Sir; Sie hören, daß ich gefangen ſei, ſo werven Sie wiſſen, daß ich nicht mehr ebe.“ George ſtand auf und reichte mit der Miene eines Fürſten Mr. Wilſon die Hand. Der freundliche Alte ſchüttelte ſie herzlich und nahm, nachdem er ihm nochmals Vorſicht anempfohlen hatte, jeinen Regenſchirm, um aus dem Zim⸗ mer zu trippeln. George blickte ſinnend auf die Thür, nachdem der alte Herr ſie loſſen hatte; ein Gedanke ſchien in ihm aufzublitzen. Er trat haſtig an die Thür, nete ſie und ſagte:„ „Mr. Wilſon, noch ein Wort!“ Der alte Herr trat wieder ein, George verſchloß wie vorher die Thür und blickte dann einige Momente lang unentſchloſſen zu Boden. Endlich erhob er mit Anſtrengung den Kopf. „Mr. Wilſon, Sie haben Sich durch die Art, wie Sie mich behandelten, als Chriſt erwieſen; ich möchte Sie noch um einen Beweis Ihrer chriſtlichen Liebe bitten!“ „Sprich, lieber George.“ „Was Sie vorhin ſagten, war begründet; ich ſetze mich in der That einer g Grfahr aus. Es giebt auf Erden keine lebende Seele, die ſich darum ämmert, wenn ich ſterbe,“ fügte er ſchwer athmend und nur mit Anſtrengung ſprechend hinzu.„Ich werde hinausgeſchleppt und wie ein Hund verſcharrt Onkel Tom's Hütte. 6 * . 82 werden und den Tag darauf wird Niemand mehr an mich denken— außer meinem armen Weibe!— Die treue Seele wird trauern und ſich ab⸗ härmen. Wenn Sie es nur ſo einzurichten wüßten, Mr. Wilſon, daß Sie ihr dieſe kleine Bruſtnadel ſenden könnten. Das gute Kind hat ſie mir als Weih⸗ nachtsgeſchenk gegeben. Schicken Sie ihr dieſelbe und ſagen Sie ihr, daß ich ſie bis zum letzten Athemzuge geliebt habe. Wollen Sie?. wollen Siet“ fügte er dringend hinzu. „Recht gern, mein armer George,“ ſagte der alte Herr, indem er mit feuch⸗ ten Augen und wehmüthig bebender Stimme die Nadel nahm. „Dann ſagen Sie ihr noch,“ ſprach George weiter,„es ſei mein letzter Wunſch, daß ſie nach Canada kommen ſolle, wenn ſie dorthin gelangen kann. Wie gütig ihre Herrin auch iſt, wie ſehr ſie ihre Heimath liebt, bitten Sie ſie, nicht zurückzukehren, denn die Sklaverei endet ſtets in Elend. Sagen Sie ihr, daß ſie unſern Sohn als freien Mann erziehen ſolle und dann wird er nicht lei⸗ den müſſen wie ich. Sagen Sie ihr das, Mr. Wilſon, nicht wahr, Sie wollen es thun?“ „Ja George, ich werde es ihr ſagen; aber ich hoffe, daß Du nicht ſterben wirſt. Faſſe Muth, Du biſt ein braver Menſch. Vertraue auf den Herrn, ich wollte von Herzen, daß Du ſicher dupch wäreſt— ja, das wünſchte ich.“ „Giebt es einen Gott, auf den man vertrauen kann?“ ſagte George im Tone ſo bitterer Verzweiflung, daß der alte Herr inne hielt.„O ich habe in meinem Leben Dinge geſehen, die mir das Gefühl eingeflößt haben, daß es keinen Gott geben kann, und doch wiſſen die Chriſten nicht, wie dieſe Dinge für uns ausſehen. Für Euch giebt es einen Gott; aber auch für uns?“ „O ſprich nicht ſo— ſprich nicht ſo, mein Sohn,“ ſagte der alte Mann beinahe ſchluchzend,„fühle nicht ſo. Es giebt Einen— ja, es giebt Einen. Er iſt von Wolken und Dunkelheit umgeben; aber Gerechtigkeit und Weisheit ſind die Stützen ſeines Thrones. Es giebt einen Gott— glaube es, George — vertraue auf ihn und ich bin überzeugt, daß er Dir helfen wird. Es wird Alles noch gut werden, wenn auch nicht in dieſem Leben, ſo doch in einem andren.“ Dem einfachen Alten verlieh die echte Frömmigkeit und Güte, womit er dieſe Worte ſprach, eine gewiſſe Würde und Autvrität. George hielt in ſeinem unruhigen Gange durch das Zimmer inne, ſtand einen Augenblick ſinnend ſtill und ſagte darauf leiſe: „Ich danke Ihnen dafür, daß Sie mir das geſagt haben, mein theurer Freund; ich werde es nicht vergeſſen.“ 12. Scenen aus einem geſetzlich erlaubten Handel. Mr. Haley und Tom fuhren in ihrem Wagen weiter; ſie waren Beide in Betrachtungen verſunken. Um die Gedanken und Betrachtungen zweier neben einander ſitzenden Menſchen iſt es eine eigenthümliche Sache Sie haben die nämlichen Augen, Ohren, Hände und Organe ſeder Art und an ihren Augen ziehen die nämlichen Gegenſtände vorüber, und dennoch finden wir eine auf⸗ fallende Verſchiedenheit in ihren Gedanken. So z. B. Mr. Haley. Er dachte an Tom's Länge und Stärke, an den Preis, für den er ihn verkaufen würde, wenn er ihn wohlbehalten auf den Markt brächte; er dachte daran, wie er ſeine Heerde vervollſtändigen werde, er dachte an den reſpektiven Marktwerth gewiſſer Männer und Weiber und Kinder, aus * „— „— 83 denen ſie beſtehen ſollte, und an andere mit dem Geſchäft verwandte Gegenſtände. Dann dachte er an ſich und wie menſchlich er ſei, daß er, während andere Leute ihre„Nigger“ an Händen und Füßen feſſelten, nur Feſſeln an die Füße legte und Tom ſeine Hände gebrauchen laſſe, ſo lange er ſich gut benahm, under ſeufzte bei dem Gedanken an die Undankbarkeit der menſchlichen Natur, welche ſelbſt dem Zweifel Raum gab, ob Tom ſeine Güte zu ſchätzen wiſſe. Er war von Niggern, gegen die er ſich mild bewieſen hatte, ſo oft betrogen worden, daß er ſelbſt erſtaunt war, als er bedachte, wie gutmüthig er noch geblieben ſei! Was Tom betraf, ſo ſann er über einige Worte aus einem alten Buche nach, die ihm beſtändig im Kopfe herumgingen und folgendermaßen lauteten: „Wir haben hier keine bleibende Stätte, ſondern wir ſuchen eine, die da kommen ſoll, weshalb Gott ſelbſt es nicht verſchmäht unſer Gott genannt zu werden, denn er hat uns eine Stätte bereitet.“ Dieſe Worte eines veralteten, haupt⸗ ſächlich von„unwiſſenden und ungelehrten Männern“ verfaßten Buches haben zu allen Zeiten merkwürdiger Weiſe eine ſeltſame Gewalt auf den Geiſt armer einfacher Menſchen wie Tom ausgeübt. Sie regen die Seele in ihren Tiefen auf und erwecken wie mit Trompetenſchall Muth, Energie und Enthuſiasmus, wo vorher nur die ſchwärzeſte Verzweiflung waltete. Mr. Haley zog einige Zeitungen aus der Taſche und begann die Ankündi⸗ gungen mit eifrigem Intereſſe durchzuleſen. Er war kein beſonders geübter Leſer und hatte die Gewohnheit das was er las, halb laut vor ſich hin zu ſprechen, wie um das, was ſeine Augen ſahen, von ſeinen Ohren beſtätigen zu laſſen. In dieſem Tone recitirte er langſam den folgenden Artikel: „Subhaſtation.— Neger!— Gerichtlicher Verordnung gemäß wer⸗ den Dienſtag den zwanzigſten Februar zum Vortheil der Gläubiger und Erben des verſtorbenen Jeſſe Blutchford folgende Neger vor der Thür des Gerichts⸗ hauſes in der Stadt Waſhington verſteigert werden:— Hagar, ſechzig Jahrez — John, dreißig Jahre;— Ben, einundzwanzig Jahre;— Saul, fünfund⸗ zwanzig Jahre;— Albert, vierzehn Jahre. Snu Lur Trſtamentsvollſtrecker.“ „Da muß ich hin,“ ſagte er zu Tom in Ermangelung eines Anderen, mit dem er ſprechen konnte.„Siehſt Du, ich werde eine Heerde von Prima⸗Qualität mit Dir hinabnehmen, Tom, das wird Dir die Reiſe angenehm machen. Wir müſſen vor Allem nach Wafhington fahren, und dann werde ich Dich einſtweilen in's Gefängniß ſchicken, während ich das Geſchäft abmache.“ Tom nahim dieſe angenehme Mittheilung ſehr ruhig auf und hätte nur gern wiſſen mögen, wie viele von dieſen zum Verkauf ausgebotenen Männer Weib und Kind beſaßen, und ob ſie bei der Trennung von ihnen die nämlichen Gefühle haben würden wie er. Wir müſſen überdieß bekennen, daß die naive, unerwartete Mittheilung, daß er in's Gefängniß geworfen werden ſolle, auf den armen Burſchen, der ſtets auf ſein ſtreng revliches und gutes Benehmen ſtolz ſe war, einen keineswegs angenehmen Eindruck machte; ja wir müſſen ogar ſagen, daß der arme Tom auf ſeine Rechtſchaffenheit einigermaßen ſtolz war,— er hatte freilich auch ſonſt nicht viel, worauf er ſtolz ſein konnte. Hätte erzu einer von den höhern Klaſſen der Geſellſchaft gehört, ſo würde er vielleicht kein ſo großes Gewicht darauf gelegt haben. Der Tag verging jedoch und am Abend waren Haley und Tom bequem in Wafhington untergebracht— der Eine im Gaſthauſe, und der Andere im Gefaͤngniſſe. Am ſolgenden Tage gegen elf Uhr verſammelte ſich um die Freitreppe vor dem Gerichtshauſe eine bunte Menge von je nach ihren Neigungen und Geiſtes⸗ 6* *. 84⁴ richtungen rauchenden, kauenden, fluchenden und ſich mit einanderunterhaltenden Leuten, die auf die Auktion warteten. Die Männer und Weiber, welche ver⸗ kauft werden ſollten, ſaßen abgeſondert in einer Gruppe und ſprachen leiſe mit⸗ einander. Die unter dem Namen Hagar angekündigte Frau war ihren Zügen und ihrer Geſtalt nach eine echte Afrikanerin; ſie mochte etwa ſechzig Jahre alt ſein, ſah aber in Folge ſchwerer Arbeit und Krankheit weit älter aus, und war überdies halb blind und durch Rheumatismus ziemlich arbeitsunfähig. Anihrer Seite ſtand ihr noch einziger Sohn Albert, ein munter ausſehender vierzehn⸗ jähriger Burſche Der Knabe war der einzige, der von einer zahlreichen Familie, die man ihr allmälig abgenommen und nach dem Süden verkauft hatte, noch am Leben war. Die Mutter hielt ihn mit ihren zitternden Händen feſt und be⸗ trachtete Jeden, der herbeikam, um ihn zu unterſuchen, mit Angſt und Entſetzen. „Fürchte nichts, Tante Hagar,“ ſagte der Aelteſte von den Männern,„ich habe mit Mr. Thomas darüber geſprochen und er meinte, daß er es vielleicht ein⸗ richten könnte, Euch Beide zuſammen zu verkaufen.“ „Man braucht mich noch nicht untüchtig zu nennen,“ ſagte ſie, ihre zittern⸗ den Hände erhebend;„ich kann noch kochen und ſcheuern und waſchen— ich bin das Kaufen werth, wenn ich wohlfeil weggehe; ſage ihnen das— ſage ihnen das, ſetzte ſie eifrig hinzu. Hier drängte ſich Haley in die Gruppe, trat zu dem älteſten Manne, riß ihm den Mund auf und blickte hinein, befühlte ſeine Zähne, ließ ihn ſich gerade auf⸗ richten, den Rücken biegen und verſchiedene Bewegungen machen, um ſeine Muskeln zu prüfen, und ging darauf zu dem Nächſten um ihn der nämlichen Unterſuchung zu unterwerfen. Endlich kam er zu dem Knaben, befühlte ſeine Arme, ſtreckte ſeine Hände aus, betrachtete ſeine Finger und ließ ihn ſpringen, um ſeine Gelenkigkeit zu zeigen. „Er wird nicht ohne mich verkauft,“ ſagte die Alte mit Heftigkeit;„er und ich gehen zuſammen fort; ich bin noch recht ſtark, Maſter, und kann viel Arbeit verrichten— viel Arbeit, Maſter.“ „Auf einer Pflanzung?“ verſetzte Haley mit einem verächtlichen Blicke. „Eine wahrſcheinliche Geſchichte!“ Dann entfernte er ſich wie mit ſeiner Unter⸗ ſuchung zufrieden und ſtand, die Hände in der Taſche, die Cigarre im Munde und den Hut auf die Seite gedrückt, ſchlagfertig da. „Was halten Sie von ihnen?“ fragte ein Mann, der Haley's Beſichtigung gefolgt war, wie um danach ſelbſt ſeinen Entſchluß zu faſſen. „Mun,“antwortete Haley ausſpuckend,„ich denke ich werde auf die Männer und den Jungen bieten.“ „Man will den Jungen mit der alten Frau zuſammen verkaufen!“ ſagtr der Mann. „Das wird ſchwer halten! ſie iſt ja nichts als ein altes Knochengerippe— nicht das Salz in der Suppe werth.“ „Sie würden es alſo nicht thun?“ ſagte der Mann. „Wer es thäte würde ein Narr ſein. Sie iſt halb blind, von der Gicht ge⸗ plagt und zu nichts mehr zu brauchen.“ „Manche kaufen dergleichen alte Geſchöpfe und ſagen, daß ſie weit länger aushalten als man denken ſollte,“entgegnete der Mann. „Nein, es iſt nichts mit ihnen,“ erwiderte Haley,„ich würde ſie nicht ge⸗ ſchenkt nehmen— ſoviel ſteht feſt. Ich habe Erfahrungen gemacht.“ „Es wäre aber doch ſchade, ſie nicht mit ihrem Sohne zu kaufen. Sie ſcheint ſehr an ihm zu hängen! Wenn man ſie nun mit in den Kauf bekäme?“ „Für Diejenigen, die Geld haben, um es auf ſolche Weiſe zu verthun, mag das gut ſein, ich biete nur auf den Jungen, um ihn als Plantagenarbeiter zu verwenden, ich möchte ſie mir nicht auf den Hals laden— ſelbſt nicht, wenn ſie mir geſchenkt würde,“ ſagte Haley. „Sie wird ſich verzweifelt benehmen,“ ſagte der Mann. „Das wird ſie allerdings,“ antwortete der Sklavenhändler kaltblütig. Hier wurde das Geſpräch durch eine geräuſchvolle Bewegung der Menge unterbrochen und der Auktionator, ein kleiner wichtigthuender Mann, drängte ſich mit Ellbogenſtößen hindurch. Die Alte hielt den Athem an und griff un⸗ willkürlich nach ihrem Sohne. „Bleibe dicht bei Deiner Mutter, Albert— ganz dicht— wir werden zu⸗ ſammen ausgeboten,“ ſagte ſie. „O, Mama, ich fürchte, daß ſie es nicht thun werden!“ ſeufzte der Knabe. „Sie müſſen, Kind, ich würde es nicht überleben, wenn ſie es nicht thäten!“ rief die alte Negerin heftig. Die Stentorſtimme des Auktionators, welcher die Umſtehenden aufforderte, Platz zu machen, verkündete jetzt, daß die Auktion beginnen ſollte. Die auf der Liſte ſtehenden Männer waren bald zu Preiſen verkauft, die eine bedeutende Nach⸗ frage auf dem Markte bewieſen. Zwei davon fielen Haley zu. „Vorwärts, Junge!“ ſagte der Auktionator, indem er den Knaben mit ſeinem Hammer ſchlug;„ſteh auf und zeige Deine Sprünge.“ „Bieten Sie uns Beide zuſammen aus— bitte, thun Sie es, Maſter,“ ſagte die Alte, indem ſie ſich feſt an ihren Sohn klammerte. „Fort mit Dir,“ erwiderte der Mann in hartem Tone, und er ſtieß ihre Hände hinweg.„Du kommſt zuletzt daran. Nun, Schwarzer, ſpringe!“ und hiermit ſchob er den Knaben auf den Verſteigerungstiſch zu, während hinter ihm ein tiefes Stöhnen erſcholl. Der Knabe blieb ſtehen und blickte zurück, aber es war keine Zeit, ſich zu beſinnen, er wiſchte ſich daher die Thränen aus den großen, glänzenden Augen und ſtieg ſchnell auf den Tiſch. Seine ſchöne Geſtalt, ſeine gelenkigen Glieder und ſein munteres Geſicht erregten augenblicklich eine lebhafte Bewerbung und ein halbes Dutzend Gebote wurden gleichzeitig gethan. Er blickte ängſtlich und furchtſam von einer Seite zur andern, als er bald hier bald da die einander überbietenden Stimmen ver⸗ nahm. Endlich fiel der Hammer— Haley hatte ihn. Er wurde von dem Tiſche herab ſeinem neuen Herrn zugeſchoben, blieb einen Augenblick ſtehen und ſchaute zurück als ihm ſeine arme, alte, an allen Gliedern zitternde Mutter die Hände entgegenſtreckte. „Raufen Sie mich auch, Maſter, um des lieben Heilands willen! kaufen Sie mich— ich ſterbe, wenn Sie es nicht thun.“ „Du wirſt ſterben, wenn ich es thue, willſt Du ſagen,“ verſetzte Haley. „Nein!“ rief er, indem er ſich auf dem Abſatze herumdrehte. Das Bieten auf das arme alte Geſchöpf dauerte nicht lange. Der Mann, von welchem Haley ang redet worden war, und dem es nicht an Mitleid zu feh⸗ len ſchien, kaufte ſie für eine Kleinigkeit und die Zuſchauer begannen ſich zu zerſtreuen. Die unglücklichen Opfer der Auktion, welche Jahre lang an einem Orte zu⸗ ſammen gelebt hatten, verſammelten ſich um die verzweiflungsvolle alte Mutter, deren Schmerz einen herzzerſchneidenden Anblick gewährte. „Hätten ſie mir nicht den Einen jaſſen können? Der Maſter hat ſtets ge⸗ ſagt, daß ich Einen behalten ſollte— ja, das hat er geſagt,“ wiederholte ſie be⸗ ſtändig in jammerndem Tone. „ „Vertraue auf den Herrn. Tante Hagar,“ erwiderte ihr der Aelteſte der Männer wehmüthig. „Was wird das nützen?“ rief ſie unter heftigem Schluchzen. „Mutter! Mutter! jammere nicht ſo,“ rief der Knabe,„Du haſt einen guten Herrn bekommen, wie man ſagt.“ „Das iſt mir gleichgültig; v, Abert! o, mein Sohn! Du biſt mein letztes Kind! Gott, wie kunn ich Dich miſſen!“ „Kann ſie nicht Einer von Euch losmachen?“ fragte Haley trocken;„es nutzt ihr nichts, wenn ſie auch noch ſo ſehr heult.“ Die älteren Männer der Gruppe löſ'ten das arme verzweifelnde Geſchöpf halb durch Ueberredung und halb mit Gewalt von ihrem Sohne und bemühten ſich ſie zu tröſten, als ſie nach dem Wagen ihres neuen Herrn abgeführt wurde. kommt,“ ſagte Haley, indem er ſeine drei neugekauften Sklaven zu⸗ ſammenſchob und ein Pünre von Handſchellen zum Vorſchein brachte, welche er ihnen an die Handgelenke legte, worauf er an ein jedes von den Eiſen eine lange Kette befeſtigte und die Sklaven ſo gefeſſelt vor ſich hin nach dem Ge⸗ fängniſſe trieb. Wenige Tage darauf befand ſich Haley mit ſeinem Eigenthum wohlbehalten auf einem Ohiodampfbvote. Es war der Anfang ſeiner Heerde, welche unter⸗ wegs durch verſchiedene andere Waaren derſelben Art, die er oder ſein Agent für ihn an verſchiedenen Punkten des Ufers in Bereitſchaft gebracht hatte, vermehrt werden ollte. Die„Belle Rivière,“ eines von den ſchönſten und ſchnellſten Booten, die jenen Fluß befahren, ſchwamm munter ſtromabwärts, der Himmel war heiter, die Sternenflagge des freien Amerika flatterte am Hintertheil, die Verdecke wa⸗ ren mit elegant gekleideten Damen und Herren gefüllt, die ſich des ſchönen Tages erfreuten. Alles war voll Leben und Heiterkeit, nur Haley's Heerde, die mit andrer Fracht im Zwiſchendeck eingepfercht war, ſchien ihre Vortheile nicht zu erkennen und ſaß dicht zuſammengedrängt und leiſe mit einander ſprechend da. „Nun Burſchen,“ ſagte Haley, indem er ſchnellen Schrittes herbei kam, „ich will hoffen, daß Ihr munter und guten Muthes ſeid. Seht Ihr, ich kann das Maulen nicht leiden. Haltet die Sberlippe ſteif, Burſchen, und betragt Euch gut, dann werde ich Euch auch gut behandeln.“ Die Angeredeten antworteten mit dem ſterevtypen„Ja, Maſter,“ welches ſeit undenklichen Zeiten die Loſung der armen Afrikaner geweſen iſt; aber man muß geſtehen, daß ſie nicht beſonders vergnügt ausſahen. Sie beſaßen ihre kleinen Vorurtheile zu Gunſten ihrer Frauen, ätter, Geſchwiſter und Kinder, welche ſie zum letzten Male geſehen hatten, und wenn auch ihr Herr ihnen Hei⸗ terkeit gebot, ſo ließ ſich dieſe doch nicht augenblicklich erzwingen. „Ich habe eine Frau,“ ſprach der unter der Bezeichnung„John, dreißig Jahre“ aufgeführt geweſene Artikel, indem er ſeine gefeſſelte Hand auf Tom's Knie legte,„und das arme Weib weiß kein Wort von der Geſchichte.“ „Wo wohnt fie?“ fragte Tom. „In einem Wirthshauſe ein Stück weiter ſtromabwärts,“ antwortete John,„Ach!“ ſetzte er hinzu,„wenn ich ſie in dieſer Welt nur noch einmal ſehen koͤnnte!“ Der arme John! Es war in der That natürlich, und die Thränen, welche er bei jenen Worten vergoß, kamen eben ſo natürlich heraus, als ob er ein Wei⸗ ßer geweſen wäre. Tom athmete aus ſeinem betrübten Herzen tief auf und ſuchte ihn ſo gut er konnte zu tröſten. Und über ihnen in der Kajüte ſaßen Väter und Mütter, Gatten und 87 Gattinnen, und um ſie bewegten ſich munter ſpringende Kinder und Alles war heiter und vergnügt. „O Mama,“ rief ein Knabe, der eben vom unteren Verdeck heraufge⸗ kommen war,„es iſt ein Sklavenhändler an Bord und er hat vier oder fünf Neger bei ſich.“ „Die armen Geſchöpfe!“ ſagte die Mutter in einem Tone, der zwiſchen Be⸗ dauern und Entrüſtung die Mitte hielt. „Was giebt es?“ fragte eine andere Dame. „Es ſind einige arme Sklaven unten,“ antwortete die Mutter. „Und ſie ſind mit Ketten gefeſſelt,“ fügte der Knabe hinzu. „Es iſt eine Schande für das Land, daß ſolche Schauſpiele noch vorkommen können,“ bemerkte eine andere Dame. „O es läßt ſich ſehr viel dafür und dagegen ſagen,“ meinte eine fein ge⸗ kleidete Frau, welche nähend an der Thür ihrer Kajüte ſaß, während ihre Kin⸗ der, ein Mädchen und ein Knabe, in ihrer Nähe ſpielten.„Ich bin im Süden eweſen und muß geſtehen, daß die Neger meiner Meinung nach beſſer daran d, als ſie es in der Freiheit ſein würden.“ „Ich gebe zu, daß Einige es in mancher Hinſicht gut haben,“ verſetzte die Dame, auf deren Bemerkung jene geantwortet hatte,„der ſchrecklichſte Theil der Sklaverei iſt meiner Anſicht nach die damit verbundene Nichtachtung der Gefühle und Zuneigungen, z. B. das Trennen der Familien.“ „Allerdings eine ſchlimme Sache,“ entgegnete die andere Dame, indem ſie ein eben vollendetes Kinderkleidchen in die Hoͤhe hielt und aufmerkſam ſeinen Beſatz betrachtete;„ich glaube aber, daß dieſer Fall nicht oft vorkommt.“ „O ſehr oft,“ fuhr die erſte Dame lebhaft fort;„ich habe lange ſowohl in Kentucky wie in Virginien gelebt, und ich habe herzbrechende Scenen mit angeſehen. Nehmen Sie einmal an, Madam, daß Ihnen ihre beiden Kinder entriſſen und verkauft werden ſollten!“ „Wir können von unſern Gefühlen nicht auf die dieſer Menſchenklaſſe ſchließen,“ gegnee die andere Dame, die jetzt auf ihrem Schvoße verſchieden⸗ farbige wollene Garne zu ſortiren begann. „Wenn Sie das ſagen, Madam, ſo kennen Sie ſie wirklich nicht,“ ant⸗ wortete die erſte Dame mit Wärme.„Ich bin unter ihnen geboren und aufge⸗ wachſen, und ich weiß, daß ſie eben ſo ſtark, ja vielleicht noch ſtärker fühlen wie wir.“ „Wirklich?“ verſetzte die Andre gähnend, und blickte aus dem Kajüten⸗ fenſter, worauf ſie ihre erſte Bemerkung wiederholte: „Deſſenungeachtet denke ich, daß ſie es beſſer haben, als wenn ſie frei wären.“ „Es iſt unbezweifelt der Wille der Vorſehung, die afrikaniſche Race dienſt⸗ bar und in einer niederen Lage zu erhalten,“ ſagte ein würdevoll ausſehender, ſchwarzgekleideter Geiſtlicher, der in der Nähe der Kajütenthür ſaß.„Verflucht ſei Kanaan, er ſoll ein Knecht der Knechte ſein! heißt es in der heiligen Schrift.“ „Iſt das wirklich der Sinn dieſes Verſes, Sir?“ fragte ein nahe dabei⸗ ſtehender langer Mann. „Ohne allen Zweifel! es hat Gott in ſeinem unerforſchlichen Rathſchluſſe gefallen, den Stamm zur Knechtſchaft zu verurtheilen und wir dürfen uns mit unſern Privatanſichten nicht dagegen auflehnen.“ „Nun, wenn das der Wille Gottes iſt, ſo wollen wir ſoviel Nigger kaufen, als wir können— nicht wahr, Squire?“ ſagte Jener zu Haley, der mit den Händen in den Taſchen während des Geſprächs am Ofen geſtanden und auf⸗ merkſam zugehört hatte.„Ja,“ fuhr der lange Mann fort,„wir müſſen une 88 Alle in die Beſchlüſſe der Vorſchung fügen. Die Neger müſſen verkauft und verſchachert und unterdrückt werden, dazu ſind ſie geſchaffen. Das ſcheint mir eine ganz richtige Anſicht zu ſein; meint Ihr nicht auch, Sir?“ fragte er Haley. „Ich habe nie darüber nachgedacht,“ antwortete Haley,„und ich kann nicht darüber urtheilen, denn ich bin kein Gelehrter; ich habe den Handel angefangen, um mein Brot damit zu verdienen, und gleich Anfangs darauf gerechnet, ihn, wenn er unrecht ſein ſollte, bei Zeiten zu bereuen.“ „Jetzt aber könnt Ihr Euch die Mühe erſparen!“ ſagte der lange Mann. „Seht, wie gut es iſt, die Bibel zu kennen. Wenn Ihr ſo gut darin bewandert geweſen wäret, wie dieſer fromme Mann, ſo würdet Ihr es vorher gewußt und Euch eine Menge Angſt und Sorgen erſpart haben. Ihr hättet ſagen können: Verflucht ſei— wie heißt er doch gleich?— und Alles wäre gut geweſen.“ Und der Fremde, welcher kein Anderer war als der ehrliche Pferdezüchter, mit dem wir unſere Leſer in dem Kentuckyer Wirthshauſe bekannt gemacht ha⸗ ſetzte ſich mit einem ſchmunzelnden Lächeln nieder und begann zu rauchen. Ein hochgewachſener ſchlanker junger Mann mit einem ausdrucksvollen, einnehmenden Geſicht miſchte ſich hier in das Geſpräch, indem er die Worte re⸗ eitirte:„Was Du nicht willſt, daß Dir die Leute thun ſollen, das thue ihnen auch nicht.“„Ich meine,“ fügte er hinzu,„daß dies eben ſo gut eine Stelle der heiligen Schrift iſt, wie:„Verflucht ſei Kanaan.“ „Nun, für arme Teufel wie wir ſcheint der Ausſpruch eben ſo verſtändlich zu ſein, Sir,“ ſagte i der Pferdezüchter, und er qualmte wie ein Vulkan. Der junge Mann ſchien noch mehr ſagen zu wollen, als plötzlich das Boot anhielt und die Geſellſchaft wie gewöhnlich hinausſtrömte, um zu ſehen, wo man gelandet war. „Sind dieſe Beiden nicht Prediger?“ fragte John einen von den Paſſa gieren, als ſie hinausgingen. Der Mann nickte bejahend mit dem Kopfe. Sobald das Boot angelegt hatte, kam ein ſchwarzes Weib mit verſtörten Zügen über das Bret gelaufen, drängte ſich durch die Menge, eilte auf die Stelle zu, wo die Sklaven ſaßen, ſchlang ihre Arme um das unglückliche Stück Waare mit dem Zeichen„John, dreißig Jahre,“ und beklagte es unter lautem Schluch⸗ zen als ihren Gatten. Der junge Mann, welcher für Gott und die Humanität geſprochen hatte, betrachtete dieſe Scene mit verſchränkten Armen, und als er ſich umwendete, ſtand Haley neben ihm. „Mein Freund,“ ſagte er zu dieſem,„wie können Sie ein ſolches Geſchäft betreiben? Sehen Sie jene armen Geſchöpfe an. Hier ſtehe ich in dem ſroher Bewußtſein, daß ich zu Frau und Kind nach Hauſe gehe und dieſelbe Glocke, welche das Zeichen giebt, um mich zu ihnen zu bringen, wird dieſen armen Mann und ſeine Frau auf ewig von einander trennen. Verlaſſen Sie Sich darauf daß Gott Sie dafür zur Rechenſchaſt ziehen wird.“ Der Sklavenhändler wendete ſich ſchweigend ab. „Was meint Ihr,“ ſagte der Pferdezüchter, indem er ihn mit dem Elbogen ſtieß,„nicht währ, die Geiſtlichen ſind verſchieden? Verflucht ſei Kanaan ſcheint dieſein hier nicht ſo recht einzuleuchten wie Jenem.“ Haley ſtieß ein unverſtändliches Brummen aus. „Und das iſt noch nicht das Schlimmſte bei der Sache,“ fuhr John fortz zvielleicht wird es auch dem Herrmnicht einleuchten, wenn Ihr einmal mit ihm Abrechnung haltet, wie wir es Alle müſſen.“ —.————— —————— 89 2 Haley ging ſinnend nach dem andern Ende des Dampfbvotes. „Wenn ich an den paar nächſten Heerden etwas Ordentliches verdiene,“ ſagte er zu ſich,„ſo will ich doch das Geſchäft aufgeben; es fängt wirklich an ge⸗ fährlich zu werden.“ Und er nahm ſeine Brieftaſche heraus und begann ſeine Berechnungen anzuſtellen— ein Verfahren, worin außer Mr. Haley ſchon mancher Andere ein Specificum gegen Gewiſſensbiſſe gefunden hat. Das Dampfbvot ſtieß ſtolz vom Ufer ab und Alles nahm munter wie bis⸗ her ſeinen Fortgang. Männer plauderten und lehnten müſſig umher und laſen und rauchten, Frauen nähten und Kinder ſpielten, und das Boot ſetzte ſeine Reiſe fort. Eines Tages, als es eine Zeitlang bei einem kleinen Städtchen in Kentucky angelegt hatte, ging Haley in Geſchäften hinauf. Tom, den ſeine Feſſein nicht an freier Bewegung hinderten, hatte ſich dem Schiffsrande genähert und ſchaute gleichgültig über das Geländer. Nach eini⸗ ger Zeit ſah er den Händler mit raſchen Schritten in Geſellſchaft einer farbigen Frau, welche ein kleines Kind auf dem Arme trug, zurückkehren. Sie war ganz anſtändig gekleidet und ihr folgte ein farbiger Mann mit einem kleinen Koffer. Die Frau kam heiter und mit dem ihren Koffer tragenden Manne plaudernd über die Planke in das Boot. Die Glocke ertönte, der Dampfer ziſchte und puhſtete und das Boot ſchwamm ſtromabwärts weitet. Die Frau begab ſich in's Zwiſchendeck hinunter, ſetzte ſich nieder und be⸗ gann mit ihrem Kinde zu ſpielen. Haley ſchritt ein paar Mal im Bovte auf und ab, kam dann herbei, ſetzte ſich neben ſie und ſagte ihr halblaut einige Worte. Tom bemerkte buo daß eine düſtere Wolke über die Stirn der Neuange⸗ kommenen zog und daß ſie ſchnell und heftig antwortete: „3ch glaube es nicht, ich will es nicht glauben,“ hörte er ſie ſagen;„Sie lügen!“ 4„Wenn Du es nicht glauben willſt, ſo ſchau hierher,“ erwiderte Haleh, in⸗ dem er ein Papier aus der Taſche zog.„Das iſt die Verkaufsbeſcheinigung, hier ſteht der Name Deines Herrn und ich habe gutes baares Geld für Dich be⸗ zahlt, das kann ich Dir ſagen, Du mußt Dich alſo darein fügen.“ „Ich glaube es nicht, daß der Maſter mich ſo hintergehen ſollte; es kann nicht wahr ſein!“ rief die Frau mit zunehmender Angſt. „Du kannſt irgend einen von den Leuten hier, der Geſchriebenes zu leſen verſteht, fragen. Kommt einmal her,“ ſagte er zu einem eben vorübergehenden Manne,„ſeid ſo gut, das hier zu leſen. Die Dirne will mir nicht glauben, wenn ich ihr ſage, was es iſt.“ „Nun, es iſt ein Kaufbrief mit der Unterſchrift John Josdick,“ antwortete der Mann,„durch den Euch die Sklavin Luch mit ihrem Kinde überantwortet wird. So viel ich ſehen kann, iſt Alles in Richtigkeit.“ Die leidenſchaftlichen Ausrufungen der Frau lockten bald eine Anzahl von herbei und der Händler erklärte ihnen in der Kürze den Grund ihres Ge⸗ ammers. „Er hat mir geſagt, daß ich nach Louisville gehen ſolle, um mich als Köchin in demſelben Wirthshauſe, wo mein Mann arbeitet, zu vermiethen, das hat mir der Maſter ſelbſt geſagt, und ich kann nicht glauben, daß er mich belogen hat!“ rief die Sklavin. „Aber er hat Dich verkauft, armes Weib, das iſt nicht zu bezweifeln,“ ſagte ein gutmüthig ausſehender Mann, der die Papiere in Augenſchein genom⸗ men hatte.„Er hat es ganz gewiß gethan.“ 90 „Dann nutzt es nichts weiter, davon zu ſprechen,“ ſagte die Frau plötzlich ruhig werdend, indem ſie ihr Kind feſter in die Arme ſchloß, ſich auf ihren Koffer ſetzte und gleichgültig in den Fluß ſtarrte. „Sie ergiebt ſich doch leicht darein,“ ſagte der Sklavenhändler;„ich ſehe, daß die Dirne Grütze im Kopfe hat.“ 5 Die Sklavin blickte ſtill auf den Fluß hinaus und ein ſanfter warmer Wind og wie ein mitleidiger Geiſt über ihr Haupt— der ſanfte Wind, welcher nie ent ob die von ihm gefächelte Stirn finſter oder heiter ſei. Und ſie ſah die Sonnenſtrahlen golden auf dem Waſſer glitzern und hörte um ſich muntere Stimmen plaudern, aber das Herz war ihr ſo ſchwer, als läge ein großer Stein darauf. Ihr Säugling richtete ſich an ihr empor, ſtreichelte ihr mit ſeinen Händchen die Wangen und ſchien entſchloſſen zu ſein, ihre Aufmerkfamkeit zu er⸗ zwingen. Sie drückte ihn plötzlich feſt an ſich und eine Thräne nach der andern fiel langſam auf ſein verwundertes, ahnungsloſes Geſicht. Allmälig ſchien ſie zu werden; ſie begann wieder ſich mit ihm zu beſchäftigen und ihn zu ſäugen. Das Kind, ein zehn Monate alter Knabe, war für ſein Alter ungewöhnlich groß und ſtark. Er war keinen Augenblickſtill und erhielt ſeine Mutter in fort⸗ währender Beſchäftigung, um ſeine lebhaften Bewegungen zu überwachen. „Ein hübſcher Junge!“ ſagte ein Mann, der mit den Händen in der Taſche plotzlich vor ihm ſtehen geblieben war;„wie alt iſt er?“ „Zehn und ein halb Monat,“ antwortete die Mutter. Der Mann pfiff dem Knaben etwas vor und bot ihm einen Zuckerſtengel an, nach dem er begierig griff, und den er bald in der gewöhnlichen Vorrathskammer der Kinder, nämlich im Munde hatte. „Ein kluges Bürſchchen,“ ſagte der Mann;„er weiß was gut ſchmeckt.“ Und er ging pfeifend weiter. Als er auf die andere Seite des Bootes gelangte, ſtieß er auf Haley, welcher rauchend auf einem Koffer ſaß. 5 Fremde zog ein Streichholz heraus, zündete ſich eine Cigarre an und ſagte: „Ihr habt dort eine recht hübſche Dirne, Sir.“ „Ja, ſie kommt mir auch ganz leidlich vor,“ entgegnete Haley, indem er eine Dampfwolke von ſich blies. „Ihr bringt ſie nach dem Süden?“ fragte der Mann. Haley nickte und rauchte weiter. „Auf eine Pflanzung?“ fragte Jener weiter. „Ja,“erwiderte Haley,„ich habe eine Beſtellung für eine Plantage auszu⸗ führen und werde ſie wohl mit dazu verwenden. Es iſt mir geſagt worden, daß ſie eine gute Köchin ſei, und man kann ſie entweder dazu oder zum Baumwollen⸗ ſorttren verwenden. Sie hat dazu paſſende Finger, ich habe ſie angeſehen. Sie wird auf die eine oder andere Weiſe ein gutes Stück Geld einbringen.“ Und Haley griff wieder nach ſeiner Cigarre. „Den Jungen wird man aber auf einer Pflanzung nicht haben wollen,“ ſagte der Mann. „Ich werde ihn bei der erſten Gelegenheit verkaufen,“ verſetzte Haley, indem er ſich eine friſche Cigarre anzündete. „Ihr würdet ihn wohl billig ablaſſen?“ fragte der Fremde auf den Koffer⸗ haufen ſteigend und ſich behaglich niederlaſſend. „Das denke ich nicht,“ antwortete Haley„er iſt ein hübſcher Junge— ge⸗ rade gewachſen, ſtark,— und ſein Fleiſch iſt ſteinhart.“ „ — 31 „Sehr wahr, aber dagegen ſind die Mühen und Koſten des Aufziehens zu rechnen. „Nicht der Rede werth!“ ſagte Haley.„Sie laſſen ſich ſo leicht aufziehen, wie irgend eine Kreatur und ſie machen um kein Haar mehr Mühe wie junge Hunde. Der Junge wird in einem Monat ſchon laufen können.“. „Ich habe ein Gut, das zum Aufziehen gerade paßt und ich möchte wohl noch einige Kinder kaufen,“ ſagte der Mann.„Die eine Köchin hat vergangene Woche einen Jungen verloren, der im Waſchzuber ertrunken iſt, während ſie Wäſche aufhing, und ich glaube, daß ſie den hier leicht aufbringen könnte.“ Haley und der Fremde rauchten eine Zeitlang ſchweigend fort; Keiner von Beiden ſchien auf die Hauptfrage des Geſpräches zurücktommen zu wollen. Endlich hob der Fremde wieder an: „Ihr würdet wohl nicht mehr als zehn Dollars für den Jungen verlangen, da Ihr ihn jedenfalls fortſchaffen müßt?“ Haley ſchüttelte den Kopf und ſpuckte bedeutſam aus. „Nein, dafür laſſe ich ihn nicht,“ ſagte er und begann wieder zu rauchen. „Nun, was wollt Ihr haben?“ „Ei,“ ſagte Haley,„ich könnte den Jungen entweder ſelbſt aufziehen oder ihn aufziehen laſſen, er iſt ungemein kräftig und geſund, und wird in ſechs Mo⸗ naten hundert Dollars und in ein paar Jahren zweihundert werth ſein, wenn ich ihn an den rechten Ort bringe. Ich werde daher jetzt keinen Cent weniger als funfzig fur ihn nehmen.“ „D, das iſt geradezu lächerlich!“ ſagte der Mann. „Es iſt nicht anders,“ antwortete Haley entſchieden. „Ich will dreißig für ihn geben,“ſagte der Freinde,„weiter aber keinen Cent.“ „Nun, ich will Euch etwas ſagen,“ erwiderte Haley, indem er abermals ausſpuckte,„wir wollen die Differenz theilen und vierzig ſagen, mehr kann ich aber nicht thun.“ „Nun gut, ich willige ein,“ ſagte der Mann nach einer Pauſe. „Abgemacht,“ verſetzte Haley.„Wo ſteigt Ihr aus?“ „In Louisville.“ „In Louisville?“ wiederholte Haley;„das paßt gerade, denn wir kommen gegen Abend dorthin, der Junge wird ſchlafen, und Ihr könnt ihn in aller Stille und ohne Geſchrei fortſchaffen. Das trifft ſich ganz ſchön— ich mache gern Alles in Ruhe ab— ich haſſe allen Lärm und Spektakel.“ Und nachdem eine Anzahl Banknoten aus der Brieftaſche des Einen in die des Andern übergegangen war, begann der Händler wieder zu rauchen. Es war ein heiterer, ſtiller Abend, als das Boot am Quai ven Luuisville anlegte. Die Frau hatte mit dem jetzt in tiefem Schlafe liegenden Kinde auf dem Schvoße dageſeſſen. Als ſie den Namen des Ortes rufen hörte, legte ſie haſtig das Kind in eine durch den Raum zwiſchen zwei Koffern gebildete kleine Wiege, nachdem ſie ihren Mantel ſorgfältig darunter gebreitet hatte, und ſprang dann in der Hoffnung unter den Hotelaufwärtern, die auf dem Quai ſtanden, ihren Mann ſehen zu können, nach dem Schiffsrande. Sie beugte ſich weit über das Geländer und ſpähte angeſtrengt nach dem ſich am Ufer bewegen⸗ den Köpfen, während ſich die Menge zwiſchen ſie und ihr Kind drängte. „Jetzt iſt die Gelegenheit günſtig,“ fagte Haley, indem er das ſchlafende Kind aufhob und dem Fremden reichte.„Weckt ihn nicht auf ſonſt würde er zu ſchreien anfangen und die Dirne einen verteufelten Spektakel machen.“ Der Mann nahm vorſichtig den Knaben und war bald in der den Quai hinaufgehenden Menge verſchwunden. Als das Boot knarrend und keuchend das Ufer verließ und ſich langſam ſtromabwärts wendete, kehrte die Frau auf ihren Sitz zurück. Dort erwartete ſie der Händler,— das Kind aber war verſchwunden. „Wa— was— wo?“ ſtieß ſie in wildem Erſtaunen hervor. „Lucy,“ ſagte der Händler,„Dein Kind iſt fort, es iſt eben ſo gut, daß Du es jetzt erführſt wie ſpäter. Siehſt Du, ich wußte, daß Du es nicht mit nach Süden nehmen konnteſt, und ich habe die Gelegenheit benutzt, es in eine ange⸗ ſehene Familie zu verkaufen, die es beſſer aufziehen wird als Du es kannſt.“ Der Blick voll raſendem Schmerze und tiefer Verzweiflung, den die Frau auf ihn warf, würde einen weniger Verhärteten erweicht haben; er aber war dar⸗ 3 an gewöhnt. Er betrachtete die tödtliche Qual, welche er auf den dunkeln Zügen arbeiten ſah, die geballten Hände und das erſtickte Athmen nur als noth⸗ wendige Vorfälle des Geſchäfts und fürchtete blos, daß ſie ſchreien und Auf⸗ ſehen auf dem Boote erregen werde. Aber das Weib ſchrie nicht— die Kugel war zu gerade durch das Herz ge⸗ gangen um ihr noch Seufzer oder Thränen möglich zu machen. Sie ſetzte ſich ſchwindelnd nieder, ihre ſchlaffen Hände ſanken leblos an ihre Seite. Ihre Augen blickten gerade auf, aber ſie ſah nichts. Der Lärm und das Getöſe des Bootes vermengte ſich wie ein Traum vor ihrem Ohr und das et chete Herz konnte ſein tiefes Elend nicht laut werden laſſen, ſie war völlig ſtill. Wer Händler ſchien es für nothwendig zu halten, ſie zu tröſten. „Ich weiß, daß ſolche Dinge anfangs ſchwer ankommen, Luch,“ ſagte er, „aber eine vernünftige Frau wie Du, wird ſich dem nicht hingeben. Du ſichſt ein, daß es nothwendig war und ſich nicht ändern läßt.“ „O reden Sie nicht, Maſter; ſprechen Sie nicht mit mir!“ rief das un⸗ glückliche Weib mit erſtickter Stimme. „Du biſt eine hübſche Dirne, Luch,“ fuhr er fort,„ich meine es gut mit Dir und werde Dir ſtromabwärts eine gute Herrſchaft verſchaffen; auch wirſt S bald einen andern Mann bekommen— ein ſo anſehnliches Mädchen wie u „O Maſter, wenn Sie nur jetzt nicht mit mir ſprechen wollten!“ ſagte die Arme in einem ſo ſchmerzlichen Tone, daß der Häntler fühlte, daß der gegen⸗ wärtige Fall über ſeine Berechnungen hinausging. Er ſtand auf und die Frau wendete ſich ab und verbarg den Kopf in den Mantel. 4 Der Händler ſchritt eine Zeitlang auf und ab und blieb mitunter ſtehen, um ſie anzublicken. „Es kommt ihr ziemlich ſchwer an,“ ſagte er zu ſich;„ſie iſt aber doch ſtill.* Wenn ſie ein wenig gejammert hat, wird ſie ſchon ruhiger werden.“ Tom näherte ſich ihr und verſuchte etwas zu ſagen, aber ſie antwortete darauf nur mit einem Stöhnen. Er ſprach mit redlichen, über ſeine Wangen herabſtrömenden Thränen von einem liebenden Herzen im Himmel, von einem mitleidigen Jeſus und einer ewigen Heimath; aber das Ohr war taub und das gelähmte Herz vermochte nicht zu fühlen. Die Nacht brach herein— eine ruhige, heitere Nacht, die mit ihren un⸗ zähligen ernſten Engelsaugen funkelnd, ſchön aber ſtumm auf die Erde herab⸗ blickte. Von jenem fernen Himmel kam weder eine mitleidige Stimme noch eine helfende Hand. Die Stimmen der Geſchäftigkeit oder der Freude verklangen eine nach der andern, auf dem Dampfboot ſchlief Alles und das Rauſchen des Waſſers am Bug war deutlich vernehmbar. Tom ſtreckte ſich auf einen Koſſer . 93 und hörte, während er hier lag von Zeit zu Zeit ein erſticktes Schluchzen oder Stoͤhnen des armen Weibes.—„O was ſoll ich thun? o Gott, o guter Gott, hilf mir!“ und ſo fort, und immer fort, bis es endlich ſtill wurde. Uum Mitternacht erwachte Tom mit plötzlichem Zuſammenſchrecken. Etwas Schwarzes glitt ſchnell an ihm vorüber nach dem Schiffstande und er hörte ein Plätſchern im Waſſer. Kein Anderer ſah oder vernahm etwas. Er erhob den Kopf— der Platz der Frau war leer! er ſtand auf und ſuchte vergeblich in der Nähe umher— das arme blutende Herz war endlich ſtill und der Fluß rauſchte und glitzerte eben ſo hell und klar als ob er ſich nicht über ſie geſchloſſen hätte. Der Händler erwachte mit dem Morgengrauen und kam aus ſeiner Kajüte, um nach ſeiner lebenden Waare zu ſehen. Jetzt kam an ihn die Reihe ſich er⸗ ſtaunt verblüfft umzuſchauen. „Wo mag nur die Dirne ſein?“ fragte er Tom. Tom, der die Weisheit des Schweigens kennen gelernt hatte, fühlte ſich nicht berufen, ſeine Beobachtungen und ſeinen Verdacht laut werden zu laſſen, ſondern ſagte, daß er es nicht wiſſe.. „Sie kann doch nicht in der Nacht an einem von den Landungsplätzen durchgegangen ſein, denn ich war jedesmal, wenn das Boot anhielt, wach und ſah ſelbſt nach. Ich überlaſſe dergleichen Dinge nie einem Andern.“ Dieſe Worte wurden vertraulich an Tom gerichtet, als ob ſie etwas für ihn ganz beſonders Intereſſantes enthielten. Tom gab jedoch keine Entgeg⸗ nung darauf. Der Händler durchſuchte das Boot vom Schnabel bis zum Spiegelz er ſah zwiſchen Kiſten, Ballen, Fäſſern, bei der Maſchine und den Schornſteinen nach, aber vergebens. „Höre Tom, ſei aufrichtig gegen mich,“ ſagte er, als er nach fruchtloſer Forſchung an die Stelle, wo ſich Tom befand, zurückkehrte., Du weißt ganz gewiß etwas davon. Rede nicht— ich weiß, daß es ſo iſt. Ich habe das Mäd⸗ chen gegen zehn Uhr hier liegen ſehen, dann wieder um Zwölf, dann noch ein⸗ mal zwiſchen Eins und Zwei, und um Vier war ſie verſchwunden und Du haſt die ganze Zeit über gerade neben ihr geſchlafen. Du mußt wiſſen, wo ſie iſt.“ „Nun Maſter,“ ſagte Tom,„gegen Morgen ſtreifte etwas an mir vorüber und ich erwachte halb; dann hörte ich ein ſtarkes Plätſchern und als ich voll⸗ kommen wach wurde, war die Dirne fort. Das iſt Alles, was ich weiß.“ Der Händler war weder erſtaunt noch betrübt, denn er war an eine Menge Dinge, von denen wir keine Ahnung haben, gewöhnt. Selbſt das ſchanerſich⸗ Antlitz des Todes weckte keine feierliche Empfindung in ihm. Er hatte den Tod viele, viele Male geſehen— ihn im Laufe ſeiner Geſchäfte kennen gelernt, und er dachte ſich ihn nur als einen ſchlimmen Kunden, der ſich auf ſehr unzeitige Weiſe in ſeine Handelsoperativnen miſche. Er fluchte daher nur auf die Dirne, ſagte, daß er verteufeltes Unglück habe und daß er, wenn es ſo fortginge, auf dieſer Reiſe keinen Cent verdienen würde. Aber die Sache ließ ſich nicht än⸗ dern, da die Frau in einen Staat entflohen war, welcher nie einen Flüchtling herausgiebt— ſelbſt nicht auf das Verlangen des ganzen glorreichen Staaten⸗ bundes. Der Sklavenhändler ſetzte ſich daher mißmuthig mit ſeinem Contv⸗ buche nieder und ſchrieb das verſchwundene menſchliche Weſen mit Körper und Seele unter die„Verluſte“ ein! 94 13. Die Quäkeranſiedlung. Wir haben jetzt ein ruhiges Schauſpiel vor uns. Eine große geräumige, nette, ausgemalte Küche mit gelbem, glänzendem Fußboden, auf dem kein Stäubchen zu ſehen iſt; ein hübſcher, gutgeſchwärzter Kochofen. Reihen von blankem Zinngeräth, welches auf die verſchiedenartigſten, appetitlichſten Dinge ſchließen läßt; alte und feſte grüne Holzſtühle, ein kleiner Schaukelſtuhl mit einem geſtickten Kiſſen darauf, in verſchiedenfarbiger Wolle zierlich gearbeitet, und ein größerer alter Lehnſtuhl, deſſen weite Arme und weich gepolſterte Lehne zum Niederſetzen einladen,— ein wahrhaft comfortabler alter Stuhl, der in Rückſicht auf Bequemlichkeit mehr werth war als ein Dutzend mit Sammt oder Brocat überzogener Salonſtühle. In dieſem Stuhle ſaß, ſich ſanft vorwärts und rückwärts ſchaukelnd und mit einer feinen Nätherei beſchäftigt unſere alte Freundin Elizua. Ja, hier ſaß fie, bleicher und magerer, als in ihrer Heimath in Kentucky, mit einer Welt von unter dem Schatten ihrer langen Wimpern liegenden und die Umriſſe ihres milden Mundes bezeichnenden ſtillen Schmerze. Es war deutlich zu ertennen, wie alt aber feſt ihr edles Herz in der herben Schule des Kummers geworden war, und wenn ſie von Zeit zu Zeit ihre großen dunkeln Augen erhob, um den Sprüngen ihres kleinen Harry, der wie ein tro⸗ piſcher Schmetterling auf dem Boden umherflatterte, zu folgen, ſo zeigte ihr Blick eine Feſtigkeit und Entſchloſſenheit, welche in früheren und glücklicheren Tagen nie darin gelegen hatte. Neben ihr ſaß eine Frau mit einem blanken zinnernen Napf im Schooße, in welchem ſie ſorgfältig gedörrte Pfirſichen ſortirte. Sie mochte fünfund⸗ funfzig bis ſechzig Jahre zählen, aber ihr Geſicht war eines von denjenigen, welche die Zeit nur zu beruͤhren ſcheint, um ſie zu erheitern und zu verſchönern. Die ſchneeweiße gefaltete Krepphaube, welche nach dem knappanliegenden Quä⸗ kerſchnitte gemacht war, das in glatten Falten ihren Buſen verhullende weiße Myuſſelintuch, der graue Shawl und das Kleid von gleicher Farbe verriethen auf den erſten Blick die Gemeinde, welcher ſie angehörte. Ihr Geſicht war noch rund und blühend und beſaß eine ſammtweiche Haut, die an eine Pfirſiche erinnerte. Ihr theilweiſe vom Alter gebleichtes Haar war von der ruhigen Stirn, auf der die Zeit keine andere Inſchrift als das„Friede auf Erden und dem Menſchen ein Wohlgefallen“ hinterlaſſen hatte, glatt zurückgeſtrichen und unter derſelben glänzten ein Paar große helle, liebevolle braune Augen. Man brauchte nur gerade hineinzublicken, um zu fühlen, daß man bis auf den Grund eines ſo zufl und treuen Herzens ſah, wie nur je eines in einer Frauenbruſt geklopft hat. Es iſt ſo viel von ſchönen jungen Mädchen geſungen und geſagt worden, warum wird nicht auch einmal Jemand von der Schönheit alter Frauen be⸗ geiſtert? Wenn irgend Einer eines ſolchen Gegenſtandes bedürfen ſollte, ſo verweiſen wir ihn auf unſere gute Freundin Rachel Halliday, wie ſie hier in ihrem kleinen Schaukelſtuhle ſaß. Der Stuhl hatte eine Meigung zum Knarren,— entweder weil er ſich in ſeinem frühern Leben einmal erkaltet hatte oder in Folge eines aſthmatiſchen Uebels; aber wie ſie ſo leiſe hin und her ſchaukelte, unterhielt der Stuhl eine Art von gedämpftem Geräuſch, welches bei jedem andern Stuhle unerträglich eweſen ſein würde. Der alte Simeon Halliday behauptete jedoch oſt, daß er ihm wie Muſit klänge, und ſämmtliche Kinder ſagten, daß ſie es um Alles in der Welt nicht miſſen moͤchten, den Stuhl ihrer Mutter zu hören, denn warumt bhchheeh— wcheeh„—ꝛ 95 — ſeit mehr als zwanzig Jahren waren von jenem Stuhle her nichts als liebe⸗ volle Worte und ſanfte Lehren und mütterliche Güte gekommen— unzählige Kopf⸗ und Herzſchmerzen waren dort geheilt, geiſtige und irdiſche Schwierig⸗ keiten worden— und dies Alles von einer guten liebenden Frau. Gott egne ſie! 6„Du denkſt alſo immer noch daran, nach Canada zu gehen, Eliza?“ fragte ſie, während ſie ruhig auf ihre Pfirſichen blickte. „Ja Madam,“ antwortete Eliza feſt;„ich muß weiter, ich darf nicht hier bleiben.“ „Und was willſt Du thun, wenn Du dorthin kommſt? das mußt Du auch bedenken, meine Tochter!“ „Meine Tochter“ war ein Ausdruck, der im Munde Rachel Halliday's anz natürlich klang, denn ſie beſaß ein Geſicht und eine Geſtalt, welche das Woit„Mutter“ ihr gegenüber zum natürlichſten von der Welt zu machen ſchienen. 8 Eliza's Hände zitterten und auf ihre feine Arbeit ſielen einige Thränen, aber ſie antwortete feſt: „Ich werde thun, was ſich findet; ich hoffe daß ſich etwas finden wird.“ 6 weißt, daß Du hier bleiben kannſt ſo lange es Dir beliebt,“ ſagte achel. ich danke Ihnen,“ antwortete Eliza,„aber—“ hier deutete ſie auf Harry—„ich kann des Nachts nicht ſchlafen, ich habe keine Ruhe. Vergangene Nacht träumte ich, daß ich jenen Mann in den Hof kommen ſähe,“ fügte ſie ſchaudernd hinzu. „Armes Kind,“ ſagte Rachel ſich die Augen wiſchend,„aber Du darfſt nicht ſo fühlen; der Herr hat es ſo gefügt, daß aus unſerm Städtchen noch nie ſin Flüchtling geſtohlen worden iſt; ich hoffe nicht, daß Dein Sohn der erſte ein wird.“ Hier öffnete ſich die Thür und eine kleine kurze, runde, nadelkiſſengleiche Frau mit einem heitern, blühenden Geſicht wie ein reifer Apfel erſchien auf der Schwelle. Sie war eben ſo wie Rachel in einfaches Grau gekleidet und ein ge⸗ fälteltes Mouſſelintuch umhüllte ihren vollen Buſen. „Ruth Stedman!“ ſagte Rachel, indem ſie ihrer Freundin entgegen ging, „wie geht es Dir, Ruth?“ und ſie ergriff herzlich ihre beiden Hände. „Ganz gut,“ erwiderte Ruth, die ihr graues Hütchen abnahm und mit ihrem Taſchentuche abſtäubte, wodurch ſie einen kleinen runden Kopf entblößte, auf dem die Quäferhaube trotz alles Streichens und Klopfens der kleinen flei⸗ ſchigen Hände, die geſchäftig bemüht waren, ſie in Ordnung zu bringen, mit einer gewiſſen Koketterie ſaß. Auch einige Locken krauſer Haare waren hier und da hervorgekommen und mußten wieder an ihre Stelle geſtrichen und kajolirt werden; dann wendete ſich die Neuangekommene, welche etwa fünfundzwanzig Jahre alt ſein mochte, von dem Spiegel, vor dem ſie dieſe Arrangements gemacht hatte, ab und ſah wohlgefällig aus, wie Allen, welche ſie anblickten, ebenfalls erſcheinen mußte, denn ſie war ein fo herziges, munteres, kleines Weibchen, wie nur je eines ein Menſchenherz erfreut hat. „NRuth, dieſe Freundin iſt Eliza Harri's, und dies iſt der kleine Knabe, von dem ich Dir erzählt habe.“ „Es freut mich Dich zu ſehen, Eliza, es freut mich ſehr,“ ſagte Rutb ihr die Hand ſchüttelnd, als ob Eliza eine alte Freundin wäre, die ſie ſeit lange er⸗ wartet habe.„Und dies iſt Dein hebes Kind— ich habe ihm Kuchen mitge⸗ 95 bracht;“ und ſie hielt dem Knaben, der durch ſeine Locken ſchauend herankam, ein kleines Herz hin, welches er ſchüchtern annahm. „Wo iſt Dein Kleiner, Ruth?“ fragte Rachel. „O er kommt; Deine Mary nahm ihn mir ab als ich kam und lief mit ihm nach der Scheune, um ihn den Kindern zu zeigen.“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür abermals und Mary, ein hüb⸗ ſches, friſch ausſehendes Mädchen mit großen braunen Augen wie die ihrer Mutter, trat mit dem Säugling ein. „Aha,“ rief Rachel indem ſie den ſtarken, kugelrunden Knaben auf den Arm nahm;„wie gut er ausſieht, und wie er gewachſen iſt!“ „Ei gewiß iſt er das,“ ſagte die kleine geſchäftige Ruth, indem ſie das Kind wieder nahm und ihn ſeiner kleinen blauſeidenen Kapuze und ſeines Ober⸗ röckchens entkleidete. Nachdem ſie dann noch hier und dort an ſeinem Anzuge gezupft und ihn herzlich geküßt hatte, ſetzte ſie ihn auf den Boden, damit er ſeine Gedanken ſammeln ſollte. Der Kleine ſchien an dieſes Verfahren völlig gewöhnt zu ſein, denn er ſteckte den Daumen in den Mund, als ob ſich dies ganz von ſelbſt verſtände— und ſchien bald in Gedanken verſenkt zu ſein, während die Mutter ſich ſetzte und einen langen Strumpf von blau und weiß geſprenkeltem Garn aus der Taſche nahm und eifrig zu ſtricken begann. „Mary, würdeſt Du nicht wohl thun, den Keſſel zu füllen?“ meinte ihre Mutter. WMary ging mit dem Keſſel an den Brunnen, erſchien bald darauf wieder und ſtellte ihn auf den Ofen, wo er bald als ein ſprechendes Zeichen der Gaſt⸗ lichkeit und des guten Lebens ziſchte und dampfte. Dann wurden die Pfirſichen in Folge einiger leiſen Worte Rachel's von derſelben Hand in einer Dämpf⸗ pfanne über das Feuer geſetzt. Jetzt nahm Rachel ein ſchneeweißes Knetbret, band eine Schürze vor und machte ſich rihi daran einige Biseuits zu backen, nachdem ſie vorher zu Mary eſagt hatte:„Mary möchteſt Du nicht John ſagen, daß er ein Hühnchen bereit hulten ſoll?“ worauf Mary verſchwunden war. „Wie befindet ſich Abigail Peter?“ fragte Rachel, während ſie mit der Be⸗ reitung ihres Backwerks beſchäftigt war. „O, ſie befindet ſich wohler,“ antwortete Ruth;„ich war heute früh bei ihr und machte das Bett und brachte das Haus in Ordnung. Lea Hills iſt heute Nachmittag hingegangen, um auf einige Tage Brod und Paſteten zu backen, und ich habe verſprochen, heute Abend wieder zu kommen.“ „Ich werde morgen kommen und reinigen ſo viel nöthig iſt und das Aus⸗ beſſern beſorgen,“ ſagte Rachel. „O das iſt gut, entgegnete Ruth.„Ich habe gehört,“ fuhr ſie fort,„daß Hannah Stvirword krank ſei. John iſt geſtern Abend dort geweſen— ich muß morgen hingehen.“ „John kann zu uns kommen und bei uns eſſen, wenn Du den ganzen Tag dort bleiben willſt,“ meinte Rachel. Si„Ich danke Dir, Rachel; wir werden morgen ſehen; aber da kommt imeon.“ Simeon Halliday, ein langer, gerade gewachſener, muskulöſer Mann in grauem Rock und Beinkleidern und breitkrämpigem Hute trat jetzt ein. „Wie geht es Dir, Ruth?“ ſagte er freundlich, indem er ihr ſeine breite, reichte, in die ſie ihr weiches Händchen legte,„und wie geht es ohn?“ —„ —„ 97 „O John und alle Uebrigen befinden ſich wohl,“antwortete Ruth heiter. „Was giebt's Neues, Vater?“ fragte Rachel, indem ſie ihre Biseuits in den Backofen ſchob. „Peter Stebbins hat mir geſagt, daß er heute Abend mit Freunden hierherkommen würde,“ erwiderte Simeon bedeutſam, während er ſich in einem hinteren Verſchlage die Hände wuſch. „Wirklich!“ verſetzte Rachel mit nachdenklicher Miene, indem ſie einen Blick auf Eliza warf. „Haſt Du nicht geſagt, daß Dein Name Harris ſei?“ fragte Simeon Eliza als er wieder eintrat. Rachel blickte ſchnell auf ihren Mann, während Eliza bebend mit Ja ant⸗ wortete. Ihre ſtets rege Furcht ließ ſie vermuthen, daß in der Gegend Ankündi⸗ gungen wegen ihrer Aufgreifung erlaſſen worden ſein könnten. „Mutter!“ rief Simeon vom Vorhauſe herein; Rachel ging hinaus. „Was wünſcheſt Du, Vater?“ fragte ſie, ihre mit Mehl bedeckten Hände reibend. „Der Gatte dieſer Frau iſt in der Anſiedelung und wird heute Abend hier⸗ herkommen.“ biſt Du deſſen gewiß, Vater?“ rief Rachel mit freudeſtrahlendem Geſicht. „Es iſt wirklich wahr; Peter war geſtern mit dem Wagen unten in der an⸗ dern Niederlaſſung; dort fand er eine alte Frau und zwei Männer, von denen der Eine ſagte, daß er George Harris heiße, und nach dem, was er von ſeiner Geſchichte erzählte, bin ich gewiß, wer er iſt. Er iſt ebenfalls ein freundlicher hübſch ausſehender Burſche.“ „Sollen wir es ihr jetzt ſagen?“ fragte Simeon. „Wir wollen mit Ruth ſprechen,“ antwortete Rachel.„Ruth, komm her.“ Ruth legte ihre Strickerei nieder und war augenblicklich im Vorhauſe. „Was meinſt Du, Ruth,“ ſagte Rachel;„der Vater erzählt, daß Eliza's Gatte ſich unter den letzten Ankömmlingen befindet und heute Abend hier ſein wird.“ Ihre Worte wurden durch eine Freudenerploſton der kleinen Quäkerin un⸗ terbrochen. Sie ſprang, in ihre kleinen Hände klatſchend, ſo lebhaft empor, daß unter ihrer Quäkerhaube hervordrangen und auf ihr weißes Hals⸗ tuch fielen. „Still, Liebe,“ ſagte Rachel ſanft,„ſtill Ruth!— ſprich, ſollen wir es ihr jetzt ſagen?“ „Jetzt— gewiß! dieſe Minute! Was denkſt Du, was ich fühlen würde, wenn es mein John wäre? Sage es ihr ſogleich.“ „Du trachteſt nur danach, immer mehr zu lernen, wie Du Deinen Nächſten lieben ſollſt, Ruth,“ ſagte Simeon, mit ſtrahlendem Geſicht auf Ruth blickend. „Natürlich; ſind wir nicht dazu geſchaffen? Wenn ich John und mein Kind nicht liebte, würde ich nicht für ſie zu fühlen wiſſen. Kommt, ſagt es ihr!“— und ſie legte ihre Hände bittend auf Rachel's Arm.„Führe ſie in Dein Schlafzimmer und laß mich unterdeſſen das Hühnchen ſchmoren.“ 3 Rachel ging in die Küche, wo Eliza nähete, öffnete die Thüre eines Schlaf⸗ zimmerchens und ſagte ſanft: „Komm mit mir herein, meine Tochter, ich habe Dir etwas mitzutheilen.“ Das Blut ſtieg in Elizc's bleiches Geſicht, ſie erhob ſich voll ängſtlicher Beſorgniß und blickte auf ihren Knaben. Onkel Tom's Hütte. 7 — 98 „Nein, nein,“ rief die kleine Ruth, indem ſie aufſprang und ihre Hand er⸗ faßte;„fürchte nichts, es ſind gute Nachrichten, Eliza; geh hinein, geh hinein.“ Und ſie ſchob ſie ſanft nach der Thür, welche ſich hinter ihr ſchloß, wendete ſich darauf um, drückte den kleinen Harry in ihre Arme und küßte ihn. „Du wirſt Deinen Vater ſehen, Kleiner; kennſt Du ihn?— Dein Vater kommt!“ rief ſie immer wieder, als der Kleine ſie verwundert anſtarrte. Unterdeſſen fand im Innern des Schlafgemaches ein anderer Auftritt ſtatt. Rachel Halliday zog Eliza zu ſich und ſagte: „Der Herr hat Dir Gnade bewieſen, meine Tochter; Dein Mann iſt dem Hauſe der Knechtſchaft entronnen.“ Das Blut ſtrömte plötzlich in Eliza's Wangen und zog ſich eben ſo ſchnell wieder nach ihrem Herzen zurück; ſie ſetzte ſich bleich und halb ohnmächtig nieder. „Faſſe Muth, Kind,“ ſagte Rachel, indem ſie die Hand auf Eliza's Kopf legte,„er befindet ſich unter Freunden, die ihn heute Abend hierherbringen werden.“ „Heute Abend?“ rief Eliza,„heute Abend?“ Die Worte verloren für ſie jede Bedeutung; ihr Kopf war wie von einem S ergriffen und einen Augenblick ſchwamm alles vor ihr, wie in einem Nebel. Als ſie erwachte lag ſie im Bett, wo ſie mit einer wollenen Decke ſorgfältig zu edeckt war und die kleine Ruth ihr die Hände mit Kampferſpiritus rieb. Sie ſſrie die Augen in einer träumeriſchen, wohlthuenden Mattigkeit, wie ſie ein Menſch empfindet, der lange eine ſchwere Laſt getragen hat und jetzt fühlt, daß er ihrer entledigt iſt, und daß er ausruhen kann. Die Nervenſpannung, die ſeit der erſten Stunde ihrer Flucht keinen Augenblick nachgelaſſen hatte, war ver⸗ ſchwunden; ein ſeltſames Gefühl der Sicherheit und Ruhe überkam ſie, und wäh⸗ rend ſie ſo dalag, ließ ſie ihre großen dunkeln Augen wie in einem heiteren Traume den Bewegungen der ſie Umgebenden folgen. Sie ſah die in das andere Zimmer führende Thür aufgehen, ſah den Eß⸗ tiſch mit ſeinem ſchneeweißen Tuche, hörte das leiſe Ziſchen des ſiedenden Thee⸗ keſſels, ſah Ruth mit Tellern voll Kuchen und Untertaſſen voll Eingemachtem hin und hertrippeln und von Zeit zu Zeit ſtehen bleiben, um Harry einen Kuchen in die Hand zu geben, oder ihm den Kopf zu ſtreicheln, oder ſeine langen Locken um ihre weißen Finger zu ſchlingen. Sie ſah die volle mütterliche Geſtalt Rachel's, wie ſie dann und wannan das Bett kam und etwas an dem Bettzeug glättete und ordnete, um ihre Dienſtwilligkeit zu beweiſen, und war ſich einer Art von Son⸗ nenſchein bewußt, der aus ihren großen, hellen blauen Augen auf ſie herab⸗ ſtrahlte. Sie ſah Ruth's Gatten hereinkommen— ſah ſie ihm entgegeneilen und leiſe mit ihm flüſtern, wobei ſie zuweilen mit ausdrucksvoller Geberde mit ihrem kleinen Finger nach dem Zimmer deutete. Sie ſah wie ſie ſich mit ihrem Kinde auf dem Arme zum Thee niederſetzte; ſi ſah ſie Alle bei Tiſche und den kleinen Harry auf einem hohen Stuhle unter der ſchützenden Obhut Rachel's; ſie ver⸗ nahm ein leiſes Gemurmel, ein Klirren von Theelöffeln und ein wohlklingendes RKlappern von Taſſen und Tellern, und dies alles miſchte ſich in einem köſtlichen Traume der Ruhe untereinander, und Eliza ſchlief, wie ſie ſeit der furchtbaren Mitternachtsſtunde, als ſie mit ihrem Kinde bei kaltem Sternenſchein entflohen war, noch nicht wieder geſchlafen hatte. Sie träumte von einem ſchönen Lande— einem Lande der Ruhe, wie es ihr erſchien— von grünen Ufern, reizenden Inſeln und köfklichem glitzerndem Waſſer und dort in einem Hauſe, welches, wie freundliche Stimmen ihr ſagten, ihre Heimath war, ſah ſie ihren Knaben als ein freies und glückliches Kind ſpie⸗ 99 len. Sie hörte die Schritte ihres Gatten, ſie fühlte, wie er näher kam und ſie in die Arme ſchloß. ſene Thränen benetzten ihr Geſicht, und ſie erwachte. Es war kein Traum. Das Licht des Tages war längſt verblichen, ihr Kind lag ruhig ſchlummernd an ihrer Seite, auf dem Leuchter brannte mit ſchwachem Scheine eine Kerze, und ihr Gatte ſtand ſchluchzend neben ihrem Bett. Am folgenden Morgen ging es in dem kleinen Quäkerhauſe ſehr heiter zu. Die Mutter war bei Zeiten aufgeſtanden und beſchäftigte ſich von fleißigen Kna⸗ ben und Mädchen, die wir geſtern unſern Leſern nicht vorzuſtellen Zeit hatten, umgeben, mit der Bereitung des Frühſtücks, denn ein Frühſtück in den üppigen Thälern von Indiana iſt etwas complieirt und vielfältig, und verlangt gleich dem Aufſuchen der Roſenblätter und dem Beſchneiden der Büſche im Paradieſe noch andere Hände als die der Mutter. Während John daher an die Quelle lief um friſches Waſſer zu holen und Simeon der Zweite das Mehl zum Maiskuchen ſiebte und Marh Kaffee mahlte, bewegte ſich Rachel mild und ruhig umher, bereitete Biscuit, zerlegte Huͤhner und verbreitete über das ganze Treiben im Allgemeinen einen ſonnigen Strah⸗ lenglanz. Wenn irgend eine Gefahr der Reibung oder des Anſtoßes von dem ungeregelten Eifer ſo vieler junger Mitwirkenden drohte, ſo war ihr ſanftes „Nun, nun!“ oder„das würde ich nicht thun,/ völlig genügend, um die Schwie⸗ rigkeit zu beſeitigen. Während alle übrigen Zurüſtungen vor ſich gingen, ſtand Simeon der Aeltere in Hemdärmeln vor einem kleinen Spiegel in der Ecke und führte die antipatriarchaliſche Operation des Raſirens aus. Alles ging in der großen Küche ſo geſellig, ſo ruhig, ſo harmoniſch zu,— es ſchien Jedem ſo an⸗ genehm zu ſein, gerade das, was er that, zu verrichten, es war überall eine ſolche Atmosphäre gegenſeitigen Vertrauens und friedlichen Einklangs zu er⸗ kennen,— ſelbſt die Meſſer und Gabeln hatten, als ſie auf den Tiſch kamen, ein geſelliges Klappern und die Hühner und der Schinken ziſchten in der Pfanne ſo munter und freudig, als ob ihnen das Gekochtwerden Vergnügen mache, und als George und Eliza und der kleine Harry herauskamen, wyrde ihnen ein ſo herzlicher, jubelnder Willkomm zu Theil, daß es nicht zu verwundern war, wenn ſie zu träumen glaubten. Endlich ſaßen ſie Alle beim Frühmahl, während Marh am Ofen ſtand und Waffeln buk, die ſobald ſie genau die goldbraune Färbung der Vollkommenheit erlangt hatten, auf den nahen Tiſch kamen. Es war das Erſtemal, daß George ſich als Ebenbürtiger an den Tiſch eines weißen Mannes geſetzt hatte, und er benahim ſich Anfangs mit einiger Befangen⸗ heit und Unbeholfenheit; aber dies alles verſchwand wie ein Nebel in den er⸗ wärmenden Morgenſtrahlen dieſer einfachen, überſtrömenden Güte. „Vater, wenn Du nun wieder ertappt würdeſt,“ ſagte Simeon der Zweite, indem er ſeinen Kuchen mit Butter beſtrich. „So würde ich meine Strafe bezahlen,“ antwortete Simeon ruhig. „Aber wenn man Dich nun in's Geſängniß ſetzte?“ „Könnteſt Du nicht mit der Mutter das Gut allein verwalten?“ ſagte Si⸗ meon lächelnd „Die Mutter kann faſt Alles,“ meinte der Knabe;„aber iſt es nicht eine Schande, ſolche Geſetze zu machen?“ „Du darfſt von Deiner Obrigkeit nichts Böſes ſprechen, Simeon,“ ſagte ſein Vater ernſthaft.„Der Herr giebt uns unſere irdiſchen Güter nur dazu, 7* 100 daß wir Gerechtigkeit und Barmherzigkeit üben können. Wenn unſere Obrig⸗ keit dafür einen Preis von uns verlangt, ſo müſſen wir ihn bezahlen.“ „Ich haſſe nun einmal dieſe alten Sklavenhalter!“ rief der Knabe, der ſchon ſo unchriſtliche Geſinnungen hegte, wie ein moderner Reformator. „Ich muß mich über Dich wundern, mein Sohn,“ erwiderte Simeon; „ſolche Lehren hat Deine Mutter Dir nie gegeben. Ich würde für den Sklaven⸗ halter das Nämliche thun wie für den Sklaven, wenn der Herr ihn in mein Haus fuührte.“ Simeon der Zweite wurde purpurroth; ſeine Mutter aber peruhigte ihn, indem ſie lächelnd ſagte:„Simeon iſt ein guter Sohn; mit der Zeit wird er ſeinem Vater gewiß ähnlich werden.“ „Ich hoffe doch nicht, mein guter Sir, daß Sie unſertwegen Unannehm⸗ lichkeiten ausgeſetzt ſind?“ fragte George beſorgt. „Fürchte nichts, George, wir ſind dazu in der Welt; wenn wir uns um einer guten Sache willen nicht unangenehmen Möglichkeiten ausſetzen wollten, ſo würden wir unſeres Namens nicht würdig ſein.“ „Aber wegen mir!“ ſagte George,„ich könnte es nicht ertragen.“ „Nun, dann beruhige Dich, lieber George, wir thun es nicht für Dich, ſondern für Gott und die Menſchen,“ entgegnete Simeon.„Jetzt geh' ruhig zu Bett; dieſen Abend um zehn Uhr wird Phineas Fletcher Dich mit Deinen Be⸗ gleitern nach der Station weiter führen. Die Verfolger ſind dicht hinter Dir. Wir dürfen nicht ſäumen.“ „Warum bis zum Abende warten, wenn das der Fall iſt?“ ſagte George. „Du biſt hier ſicher, ſo lange es Tag iſt, denn Jeder, der in der Anſiedelung wohnt, iſt ein Freund und Alle wachen über ihn. Ueberdies iſt es ſicherer, bei Nacht zu reiſen.“ 14. Evangeline. Die ſchiefen Strahlen der untergehenden Sonne zitterten auf der meeres⸗ leichen Fläche des Miſſiſippi, das ſchwankende Rohr und die dunklen, mit chwärzlichen Moosguirlanden behangenen Cypreſſen glühen in den goldenen Strahlen, während das ſchwerbeladene Dampfbvot dahintreibt. Bis hoch über die Bordwände mit Baumwollenballen aus mehr als einer flanzung befrachtet, ſo daß es in ber Ferne wie ein viereckiger maſſiver grauer Block ausſieht, ſchwimmt es brauſend dem ſich nähernden Markte zu. Wir müſſen uns eine Zeitlang auf dem Menſchengefüllten Verdeck umſehen, ehe wir unſern beſcheidenen Freund Tom wieder finden. Hoch auf dem oberen Verdeck in einem kleinen Winkelchen unter den überall vorwaltenden Baumwollenballen können wir ihn endlich erblicken. Theils in Folge des durch Mr. Shelby's Angaben eingeflößten Vertrauens, theilweiſe auch durch ſeinen eigenen auffallend ſtillen, ruhigen Charakter hatte Tom allmälig ſelbſt das Zutrauen eines Mannes wie Haley erlangt. Anfangs hatte ihn Jener den Tag über aufmerkſam beobachtet und ihm des Nachts nie erlaubt ohne Feſſeln zu ſchlafen, aber die nie klagende Geduld und anſcheinende Zufriedenheit in Tom's Benehmen veranlaßte ihn endlich von dieſen Zwangsmaßregeln abzugehen, und Tom hatte ſeit einiger Zeit eine Art von Ehrenwort⸗Gefangenſchaft genoſſen, ſo daß er nach Belieben auf dem Bovote umhergehen konnte. Stets ruhig und gefällig und mehr als bereitwillig bei jeder Gelegenheit — 101 mit Hand anzulegen, hatte er ſich die Zuneigung ſämmtlicher Schiffsleute er⸗ worben und viele Stunden damit zugebracht, daß er ihnen mit eben ſo aufrich⸗ tigem guten Willen half wie früher auf dem Gute in Kentuckh. Wenn für ihn nichts zu thun war, kletterte er auf die Baumwollenballen am Hinterdeck und beſchäftigte ſich mit dem Studiren ſeiner Bibel— und hier ſehen wir ihn jetzt. Auf mehr als hundert Meilen oberhalb New⸗Orleans iſt der Fluß höher als das umliegende Land und wälzt ſeine ungeheuern Maſſen zwiſchen zwanzig Fuß hohen mächtigen Dämmen dahin. Der Reiſende überſchaut vom Verdeck des Dampfers wie von einer ſchwimmenden Burg die ganze Gegend auf viele Meilen im Umkreiſe. Tom hatte daher eine vollſtändige Karte der zahlreichen Pflanzungen, deren er ſich näherte, vor ſich ausgebreitet liegen. Er ſah in der Ferne die Sklaven bei ihrer Arbeit, er ſah ihre Hüttendörfer in langen Reihen auf mehr als einer Pflanzung fern von den ſtattlichen Ge⸗ bäuden und Gartenanlagen des Herrn herüberſchimmern und während das be⸗ wegliche Bild vorüberglitt, wendete ſich ſein armes, gebrochenes Herz zurück nach dem Gute in Kentucky mit ſeinen alten ſchattigen Buchen, dem Herrnhauſe mit ſeinen großen kühlen Hallen und nahe dabei der kleinen mit Monatsroſen und Bignonien überwachſenen Hütte. Dort ſchien er bekannte Geſichter von Kameraden, die mit ihm aufgewachſen waren, zu erblicken, er ſah ſeine Frau die Zurüſtungen zu ſeiner Abendmahlzeit treffen, er hörte das muntere Lachen ſeiner Knaben bei ihren Spielen und das Lallen des Säuglings auf ſeinem Schooße und dann verſchwand plötzlich Alles wieder und er ſah abermals das Rohr⸗ dickicht und die Cypreſſen der vorübergleitenden Pflanzungen und hörte wieder das Stöhnen und Knarren der Maſchine, was ihm Alles nur zu deutlich ſagte, daß jener Theil ſeines Lebens auf ewig entſchwunden ſei. In einem ſolchen Falle ſchreibt Ihr an Eure Frau, und ſendet Euern Kin⸗ dern Grüße; Tom aber konnte nicht ſchreiben— für ihn exiſtirte die Poſt nicht und über den Abgrund der Trennung ſpannte ſich keine Brücke eines freundlichen Wortes oder Zeichens. Iſt es alſo zu verwundern, daß auf die Blätter ſeiner Bibel einige Thränen fallen, wie er ſie da auf dem Baumwollenballen vor ſich liegen hat und mit langſamem Finger von einem Worte zum andern gehend, ihre Verheißungen herausbuchſtabirt? Tom, der exſt in ſpäteren Ja Fvorwärts kommch und eskhſtete ihm langen. Es wär ein Gl für ihn ſnpeigen war, das lat Vuch, deſſen Worte gleich Goldbarren o teinzeln erwogen werden müſſen, da⸗ nittereiheen iſchibte atuneeeeten müſen⸗ äüf einen Augenblick folgen, während er auf jedes Wort eſen gelernt hatte, konnte nur langſam ih ieerſesum andern zu ge ich, welches er ſtudirte, eines llen ihim deutend und ein jedes heblaut ausſprechend, lieſt. „Sorgt— nicht— in— euern— Herzen— in— meines— Vaters— Hauſe— ſind— viele Wohnungen— ich— gehe— hin— um— Euch— eine— Stätte— zu— bereiten.“ Als Cicero ſeine geliebte einzige Tochter begrub, hatte er ein Herz ſo voll Kummer, wie der arme Tom— voller wohl nicht, denn Beide waren nur Männer; doch Cicero fannte nicht ſo erhabene Worte der Hoffnung, blickte nicht auf eine ſolche künftige Wiedervereinigung; und hätte er ſie ſehen können, ſo iſt zehn gegen eins zu wetten, daß er nicht daran geglaubt haben würde. Aber für den armen Tom lag darin gerade das, was er brauchte, ſo augenſcheinlich S ſame Leſen nichts ſchaden kann— ja, ein wahr und göttlich, daß die Möglichkeit eines Zweifels ihm nie in den einfachen Sinn kam. Es mußte wahr ſein; denn war es dies nicht, wie hätte er dann noch leben können? Tom's Vibel hatte zwarkeine Randbemerkungen gelehrter Commentatoren, allein ſie war mit gewiſſen Merkzeichen von Tom's eigner Erfindung verſehen, und dieſe halfen ihin mehr, als die gelehrteſten Auseinanberſetzungen vermocht hätten. Es war ſeine Gewohnheit geweſen, ſich die Bibel von ſeines Herrn Kindern vorleſen zu laſſen, und beſonders von dem jungen Maſter George, und während fie laſen, bezeichnete er durch ſtarke Striche und Punkte mit Feder und Tinte Stellen, welche ganz beſonders ſeinem Ohr wohl thaten, oder ſein Herz ergriffen. Seine Bibel hatte auf dieſe Weiſe von Anfang bis zu Ende eine Menge verſchiedenartiger Zeichen, und dadurch konnte er ſchnell ſeine Lieblings⸗ ſtellen auffinden, ohne daß er die mühſame Arbeit nothwendig gehabt hätte, zu buchſtabiren, was dazwiſchen lag; und während ſie vor ihm ruhte, ſchien die Bibel durch jede Stelle, die von einem häuslichen Auftritte, oder einer vergan⸗ hien Freude ſprach, ihm Alles zu ſein, was ihm von dem vergangenen Leben lieb, ſo wie Alles, was das zukünſtige verſprach. Unter den Paſſagieren auf dem Boote befand ſich ein vermögender junger Mann aus New⸗Orleans, Namens St. Clare; er hatte eine fünf⸗ bis ſechs⸗ jährige Tochter und eine Dame, die mit Beiden verwandt zu ſein und die Kleine beſonders unter ihre Obhut genommen zu haben ſchien, bei ſich. Tom hatte dieſes kleine Mädchen oft geſehen— denn ſie war ein lebhaftes, bewegliches Kind, das eben ſo wenig an einer Stelle zu halten war wie ein Sonnenſtrahl oder der Sommerwind. Ueberdies war ſie ſo reizend, daß Jeder, der ſie ein⸗ mal geſehen hatte, ſie nicht leicht vergeſſen konnte. Ihre Geſtalt war das Vollkommenſte, was man ſich von kindlicher Schön⸗ heit denken konnte, ohne die gewöhnliche Eckigkeit der Formen dieſes Alters. Sie beſaß die ätheriſche Anmuth, die man ſich an einem fabelhaften allegoriſchen Weſen denken würde. Ihr Geſicht zeichnete ſich weniger durch vollkommene Schönheit der Züge aus als durch einen eigenthümlichen träumeriſchen Ernſt des Ausdrucks, bei deſſen Anblick die alltäglichſten Menſchen ein dunkles Gefühl f von etwas Ueberirdiſchem empfanden. Die Form ihres Kopfes und die Form ihres Nackens und ihrer Schultern war ungemein edel und das lange, gleich einem Schleier darumflatternde goldblonde Haar, der ſinnende Ausdruck ihrer veilchenblauen von braunen Wimpern beſchatteten Augen— dies Alles zeichnete ſie vor andern Kindern aus und bewog einen Jeden ſich umzuwenden und ihr nachzublicken, wenn ſie auf dem Boote hin und her ſchwebte. Deſſen ungeachtet war die Kleine keineswegs ein ernſtes oder gar ein trauriges Kind; im Gegen⸗ theil, eine unſchuldige Scherzhaftigkeit ſchien ihr kindliches Geſicht und ihre elaſtiſche Geſtalt zu uimflattern wie der Schatten von Sommerblättern. Sie war* ſtets in Bewegung, ſtets ſah man ein halbes Lächeln auf ihrem roſigen Munde, und ſie flog mit leichten Schritten, wie in einem glücklichen Traume vor ſich hin ſingend hin und her. Ihr Vater und ihre Hüterin waren ſtets mit ihrer Ver⸗ folgung beſchäftigt, aber wenn ſie gefangen war, ſchmolz ſie ihnen unter den 1 X Händen hinweg wie eine Sommerwolke. X——————— 3 Drt ſtewegen deſſen, wus ſie that. nie mit einem Scheltworte oder Tadel betrübt wurde, ſo ſchwebte ſie nach Belieben auf dem Boote umher. ets weiß Igekle beſ tze 1 —,— gek chien ſie ſich wie ein Schatten durch alle mögliche Orte zu beibt ₰ 3 i6 zu beſchmutzen, und es gab weder öben ſöch ünken eint Etke bder ein zinkelchen, wohin ihre feengleichen Schritte nicht gelangt und ihr Goldköpfchen mit ſeinen tiefblauen Augen nicht geſchwebt wäre.——* 2 ——— ee 103 Tom, der das weiche Gemüth ſeiner Race beſaß und das Einfache und Kindliche ſtets liebte, beobachtete das kleine Geſchöpf mit täglich wachſendem Intereſſe. Ihm erſchien ſie faſt als ein überirdiſches Weſen, und wenn ihr gold⸗ lockiger Kopf und ihre dunkelblauen Augen hinter einem grauen Baumwollen⸗ ballen oder von einem Gepäckhügel herab ihn anſahen, glaubte er beinahe, daß Einer von den Engeln aus ſeinem neuen Teſtament herabgeſtiegen wäre. Sie ſchritt oftmals traurig bei der Stelle vorüber, wo Haley's gekaufte Männer und Weiber in ihren Keiten ſaßen; ſie glitt zwiſchen ihnen umher, blickte ſie mit einer Miene voll wehmüthigen Ernſtes an, hob zuweilen ihre Ketten mit den ſchwachen Händchen auf und ſchlich dann mit einem ſchmerzlichen Seufzer hinweg. Zu wiederholten Malen erſchien ſie plötzlich mit Händen voll Kandis⸗Zucker, Nüſſen und Hrangen unter ihnen, vertheilte dieſe Dinge freund⸗ lich unter ſie und verſchwand wieder. Tom beobachtete das kleine Mädchen lange, ehe er eine Bekanntſchaft mit ihr anzuknüpfen ſuchte. Er kannte eine Menge von einfachen Dingen, durch welche man ſich die Zuneigung der Kinder erwirbt, und er beſchloß enblich, ſeine Rolle mit dem größten Geſchick zu ſpielen. Er konnte kleine Körbchen aus Kirſchkernen ſchnitzeln, verſtand aus Hickorynüſſen komiſche Geſichter oder aus Holundermark poſſirliche Stehaufchen zu fertigen und war im Schneiden von Pfeifen jeder Art und Größe ein wahrer Pan. Seine Taſchen waren voll der verſchiedenartigſten Lockungsmittel, die er in alter Zeit für die Kinder ſeines Herrn aufgeſpeichert hatte und die er jetzt mit weiſer Vorſicht und Sparſamkeit ſeiner Bekanntſchaft und Freundſchaft einzeln zum Vorſcheine rachte. Die Kleine war trotz ihrer neugierigen Theilnahme an Allem, was ſie um⸗ gab, ſchüchtern und ließ ſich nicht leicht kirren; in der erſten Zeit ſaß ſie wie ein Kanarienvögelchen auf einem Koffer oder Gepäckſtück in der Nähe Tom's, wäh⸗ rend dieſer mit den vorbenannten kleinen Künſten beſchäftigt war, und nahm von ihm mit einer Art ängſtlicher Verlegenheit die von ihm dargebotenen Gegen⸗ ſtände an. Endlich aber entſtand zwiſchen ihnen ein ganz vertrautes Verhältniß. „Wie heißt die kleine Miß?“ fragte Tom endlich, als er dachte, daß die Dinge genügend zur Reife gediehen waren, um eine ſolche Frage zu geſtatten. „Evangeline St. Clare,“ erwiderte die Kleine;„aber Papa und alle Andern nennen mich Eva. Wie heißt Du?“ „Mein Name iſt Tom, die kleinen Kinder in Kentucky pflegten mich Onkel om zu nennen.“ „Dann will ich Dich auch Onkel Tom nennen, denn Du gefällſt mir,“ ſagte Eva.„Wohin gehſt Du denn, Onkel Tom?“ „Ich weiß es nicht, Miß Eva.“ „Du weißt es nicht?“ wiederholte die Kleine. „Nein, ich ſoll an irgend Jemand verkauft werden,— an wen weiß ich nicht „Mein Papa kann Dich kaufen!“ ſagte Cva lebhaft,„und wenn er Dich kauft, ſo wirſt Du gute Zeit haben; ich will ihn noch heute bitten, es zu thun.“ „Ich danke Ihnen, meine kleine Miß,“ verſetzte Tom. 5 Hier hielt das Boot an einem Landungsplatze, um Holz einzunehmen, und Eva, die die Stimme ihres Vaters gehört hatte, eilte raſch fort. Tom ſtand auf und ging nach vorn, um ſeine Dienſte beim Holzherbei⸗ ſchaffen anzubieten, und war bald unter den Schiffsleuten beſchäftigt. Cva und ihr Vater ſtanden beiſammen am Geländer, um das Boot ah⸗ ſtoßen zu ſehen. Das Rad hatte ſich zwei⸗ bis dreimal im Waſſer umgedreht, 104 als die Kleine durch eine plötzliche Bewegung das Gleichgewicht verlor und über die Bordwand in's Waſſer fiel. Ihr Vater war ſchon im Begriff ihr nachzu⸗ ſpringen, wurde aber von einem hinter ihm Stehenden, welcher ſah, daß ſeinem Kinde bereits wirkſainere Hilfe geworden war, zurückgehalten. Tom ſtand gerade unter ihr im Zwiſchendeck als ſie fiel. Er ſah ſie das Waſſer berühren und unterſinken und war augenblicklich hinter ihr her. Für ihn, einen breitſchulterigen Mann mit ſtarken Armen war es eine Kleinigkeit, ſich ſchwimmend auf dem Waſſer zu erhalten, bis nach ein paar Augenblicken das Kind in die Höhe kam, und er nahm ſie in ſeine Arme, ſchwamm mit ihr an das Boot und reichte ſie triefend den Hunderten von Händen zu, welche, als ob ſie n einem Einzigen gehört hätten, eifrig ausgeſtreckt waren, um ſie aufzu⸗ nehmen. Einige Augenblicke darauf trug ſie ihr Vater bewußtlos und durchnäßt in die Damenkajüte, wo, wie es in dergleichen Fällen gewöhnlich geſchieht, unter den Bewohnerinnen ein wohlmeinender Wetteifer entſtand, welche den meiſten Lärm machen und das Kind auf jede mögliche Weiſe verhindern ſolle, wieder zu ſich zu kommen. Es war ein ſchwüler, heißer Tag, als ſich der Dampfer New⸗Orleans näherte Ueber das ganze Boot war eine erwartungsvolle Geſchäftigkeit ver⸗ breitet, in der Kajüte ſuchten viele ihr Gepäck zuſammen und ordneten es, um ſich zum Landen vorzubereiten. Der Aufwärter und das Kammermädchen wa⸗ ren eifrig bemüht, das ſchöne Schiff zu reinigen, auszupoliren und zum ſtatt⸗ lichen Einlaufen in den Hafen herzurichten. Auf dem untern Deck ſaß unſer Freund Tom mit gekreuzten Armen und richtete mit beſorgten Blicken von Zeit zu Zeit die Augen nach einer Gruppe auf der andern Seite des Bootes. Hier ſtand die hübſche Evangeline, ein wenig bleicher als am Tage vorher, ſonſt aber ohne Spuren des ihr zugeſtoßenen Unfalles. Ein feiner, ſchön ge⸗ bauter junger Mann lehnte neben ihr nachläſſig auf einem Baumwollenballen und hatte eine große offene Brieftaſche vor ſich. Man erkannte auf den erſten Blick, daß der Mann Eva's Vater war. Die edle Form des Kopfes, die großen blauen Augen, das goldblonde Haar ſtimm⸗ ten bei Beiden überein; der Ausdruck ſeines Geſichts aber war völlig verſchieden von dem des kleinen Mädchens. Wenn auch die Form und Farbe der großen klaren blauen Augen genau dieſelbe war, ſo fehlte ihnen doch hier die nebelhafte träumeriſche Tiefe des Ausdrucks; ſie waren hell, kühn und ſtrahlend, aber von einem nur dieſer Welt angehörenden Glanze erfüllt. Der ſchön geſchnittene Mund hatte einen ſtolzen und etwas ſarkaſtiſchen Ausdruck, während ein Air von ungezwungener Ueberlegenheit allen Bewegungen und Wendungen ſeiner Geſtalt nicht ungraziös anſtand. Er hörte mit einer nachläſſigen, halb lächeln⸗ den, halb verächtlichen Miene auf die Worte Haley's, der ſich mit der größten Zungenfertigkeit über die Qualität der Waare, um welche ſie handelten, ver⸗ breitete. „Sämmtliche moraliſchen und chriſtlichen Tugenden, vollſtändig in ſchwarzen Maroquin gebunden!“ ſagte er, als Haley zu Ende war.„Nun, mein guter Mann, wie groß iſt der Schaden, wie man in Kentucky ſagt? Kurz, was ver⸗ langen Sie?— um wie viel wollen Sie mich betrügen?— Heraus damit!“ v „Nun,“ ſagte Haley,„wenn ich dreizehnhundert Dollars für den Burſchen 5 ——„— 105 fordere, ſo komme ich nur eben auf meine Koſten— wahrhaftig, ich verdiente nichts an ihm.“ „Sie armer Mann, entgegnete der junge Gentleman, indem er ſeine durch⸗ bohrenden, blauen Augen auf ihn heftete;„aber Sie werden ihn mir wahrſchein⸗ lich aus beſonderer Freundſchaft für mich dafür laſſen.“ „Nun, die junge Miß hier ſcheint auf ihn verſeſſen zu ſein; nur deshalb laſſe ich mich billig finden.“ „O gewiß— aus reiner Gefälligkeit! Nun, ſagen Sie mir, wie wohlfeil könnten Sie ihn aus chriſtlicher Liebe abgeben, um einer jungen Dame, die ganz beſonders auf ihn verſeſſen iſt, einen Gefallen zu thun?“ „Bedenken Sie nur ſelbſt,“ ſagte der Händler;„ſehen Sie nur die Glieder anz er iſt breitſchulterig und ſtark wie ein Pferd. Betrachten Sie ſeinen Kopf. Solche hohe Stirnen zeigen ſtets kluge Nigger an, die zu Allem zu gebrauchen ſind. Ich habe das ſtets bemerkt. Ein Nigger von ſolchem Bau iſt viel werth, ſchon wegen ſeines Körperbaues, wenn er auch dumm iſt. Legen Sie aber ſeine Verſtandesfähigkeiten dazu, die er, wie ich Ihnen beweiſen kann, in ganz unge⸗ wöhnlichem Grade beſitzt, ſo kommt er natürlich höher. Der Burſche hat das ganze Gut ſeines Herrn verwaltet; er hat ein außerordentliches Talent für die Geſchäfte.“ „Das iſt ſchlimm— ſchlimm— ſehr ſchlimm! Er weiß viel zu viel,“ ſagte der junge Mann mit demſelben ſpöttiſchen Lächeln;„er wird in der Welt nie vorwärts kommen. Die geſcheidten Burſchen entlaufen gar zu gern, ſtehlen Pferde und ſpielen meiſtens verteufelte Streiche. Ich meine, daß Sie für ſeine Klugheit ein paar hundert Dollars nachlaſſen ſollten.“ „Die Anſicht hätte etwas für ſich, wenn nicht ſein guter Ruf dagegen ſpräche; aber ich kann Empfehlungen von ſeinem Herrn und von Anderen beibringen, welche beweiſen, daß er ein wirklich frommer Burſche iſt— die beſcheidenſte, got⸗ tesfürchtigſte, fröͤmmſte Creatur, die ich je geſehen habe. Er iſt in der Gegend, aus der er kommt, nur der Prediger genannt worden.“ „Und ich könnte ihn vielleicht als Hauskaplan gebrauchen,“ fügte der junge Mann trocken hinzu.„Das iſt keine üble Idee. Die Religion iſt in unſerm Hauſe ein ungemein ſeltener Artikel.“ „Sie ſcherzen!“ „Woher wiſſen Sie das? Haben Sie ihn nicht eben als Prediger declarirt? Iſt er von irgend einer Synode oder einem Concikium eraminirt worden? Doch geben Sie mir die Zeugniſſe her.“ Wenn dem Sllavenhändler nicht ein gewiſſes freundliches Zwinkern der großen blauen Augen bewieſen hätte, daß dieſer Scherz doch ſicher auf ein Baar⸗ geldgeſchäft hinauslaufen werde, ſo würde er vielleicht die Geduld verloren haben; ſo aber legte er eine fettige Brieftaſche auf die Baumwollenballen und begann eifrig in mehreren darin enthaltenen Papieren zu ſtudiren, während der junge Mann mit ſorgloſer, munterer Laune auf ihn herabblickte. „Papa, bitte, kauf ihn! gleichviel was Du für ihn bezahlſt,“ flüſterte Cva leiſe, indem ſie auf einen Ballen ſtieg und ihren Arm um den Hals ihres Vaters ſchlang.„Du haſt Geld genug, das weiß ich— ich will ihn haben.“ „Wozu, Miezchen? Willſt Du ihn als Schnarre oder als Schaukelpferd gebrauchen? oder wozu ſonſt?“ „Ich will ihn glücklich machen.“ „Das iſt jedenfalls ein vrigineller Grund.“ Hier überreichte ihm der Händler ein von Mr. Shelby unterzeichnetes Cer⸗ 106 tifikat, welches der junge Mann mit den Spitzen ſeiner langen Finger nahm und flüchtig durchſah. „Eine ſchöne Hand!“ ſagte erz„auch die Orthographie iſt gut. Wegen der Religion bin ich aber doch noch nicht ſicher,“ fügte er hinzu, indem der frühere ſpöttelnde Ausdruck in ſein Auge zurückkehrte.„Das Land iſt von frommen weißen Leuten beinahe gänzlich ruinirt; wir haben kurz vor den Wahlen ſo fromme Politiker, und in allen Departements der Kirche und des Staates treibt man es ſo fromm, daß Keiner weiß, wer ihn das nächſte Mal betrügen wirde Uebrigens weiß ich nicht einmal ob die Religion eben jetzt auf dem Markte ein geſuchter Artikel iſt; ich habe in der letzten Zeit die Preiscourante nicht angeſehen und weiß daher nicht, wie hoch ſie im Werthe ſteht. Wie viele hundert Dollars rechnen Sie für ſeine Religioſität?“ „Sie machen wieder Ihr Späschen,“ antwortete der Sklavenhändler, „zaber bei alledem liegt etwas darin. Ich weiß, daß es verſchiedene Arten von Religion giebt. Manche Arten find erbärmlich; es giebt Kirchenfromme, dann wieder Sing⸗ und Schreifromme, und die gelten nichts; ſie mögen nun ſchwarz oder weiß ſein— dann aber giebt es wirklich Fromme, die ich unter den Nig⸗ gern eben ſo oft, wie unter den Weißen gefunden habe, die echten, ſanften, ruhi⸗ gen, unerſchütterlichen Frommen, die die ganze Welt nicht verlocken könnte, et⸗ was zu thun, was ſie für Unrecht halten, und Sie ſehen in dieſem Briefe, was Tom's früherer Herr von ihm ſagt.“ „Nun,“ ſagte der junge Mann, indem er ſich ernſthaft über ſeine Bankno⸗ tentaſche beugte,„wenn Sie mir zu verſichern im Stande ſind, daß ich wirklich dieſe Art von Frömmigkeit kaufen kann und daß ſie mir in dem Buche oben als etwas mir Gehöriges gut geſchrieben wird, ſo würde ich wohl etwas ertra dafür bezahlen. Was meinen Sie?“ „Nein, das kann ich wirklich nicht,“ ſagte der Händler,„ich bin der Mei⸗ nung, daß dort oben ein Jeder an ſeinem eignen Halſe hängen muß.“ „Das iſt für einen Mann, der ertra für Religion bezahlt und in dem Staate, wo er ihrer am meiſten bedarf, kein Geſchäft damit machen kann, wirk⸗ lich ſchlimm. Meinen Sie nicht auch?“ verſetzte der junge Mann, der während dieſer Worte ein Häufchen Banknoten zuſammengeſucht hatte.„Da zählen Sie Ihr Geld, Alter!“ fügte er hinzu, indem er dem Händler die Papiere zuſammen⸗ gerollt hinreichte. „Ganz richtig,“ ſagte Haley mit freudeſtrahlendem Geſicht, nahm dann einen alten Tintenſtecher aus der Taſche und füllte eine Quittung aus, die er nach wenigen Augenblicken dem jungen Manne übergab. „Ich möchte wiſſen, wie viel ich einbringen würde, wenn man ein Inventar von mir aufnähme,“ ſagte der Letztere, indem er das Papier überlas.„So und ſo viel für die Form meines Kopfes, ſo viel für eine hohe Stirn, ſo viel für Arme und Hände und Beine, und dann ſo viel für Erziehung, Bildung, Talente, Redlichkeit und Frömmigkeit. Du lieber Gott, für das Letztere würde wohl nur wenig angeſetzt werden können. Aber komm Cva,“ fuhr er fort, nahm ſeine Tochter bei der Hand, ging nach der andern Seite des Bootes, griff nachläſſig mit der Fingerſpitze unter Tom's Kinn und ſagte freundlich zu ihm: Schau auf Tom, und ſieh wie Dir Dein neuer Herr gefällt.“ Tom blickte auf. Es war unmöglich ohne ein Gefühl des Wohlgefallens in das heitere, jugendlich ſchöne Geſicht zu blicken. Tom fühlte wie ihm die Thränen in die Augen traten, als er mit Innigkeit ſagte: „Gott ſegne Sie, Maſter.“ * „Mun, ich hoffe, daß er es thun wird. Wie heißt Du?— Tom?— Nach „w — 34 4 107 allem was ich höre, wird er es auf Dein Bitten eher thun als auf das meine; verſtehſt Du mit Pferden umzugehen, Tom?“ „Ich habe immer mit Pferden zu thun gehabt,“ antwortete Tom.„Mr. Shelby hat ihrer eine Menge gezogen.“ „Nun, ich denke, ich werde Dich zum Kutſcher ernennen, aber unter der Bedingung, daß Du Dich mit Ausnahme dringender Fälle nicht mehr als ein⸗ mal wöchentlich betrinkſt, Tom.“ Tom ſah überraſcht aus und ſchien ſich ein wenig gekraͤnkt zu fühlen. „Ich trinke nie, Maſter,“ ſagte er. „Die Geſchichte habe ich ſchon gehört, Tom, aber wir werden ſehen. Es wird für beide Theile eine ganz beſondere Annehmlichkeit ſein, wenn Du es nicht thuſt. Schon gut, mein Junge,“ fügte er freundlich hinzu, als er Tom's immer noch ernſte Miene ſah;„ich zweifle nicht, daß Du Dich gut aufführen wirſt.“ „Daß werde ich gewiß, Maſter,“ verſetzte Tom. „Und Du ſollſt es gut haben,“ bemerkte Cva,„Papa iſt ſehr gut gegen Alle, nur daß er ſich gern über ſie luſtig macht.“ „Der Papa iſt Dir für Deine Empfehlung ſehr dankbar,“ ſagte St. Clare lachend, indem er ſich auf dem Abſatze umdrehte und ſich entfernte. 15. Von Tom's neuem Herrn und verſchiedenen anderen Dingen. Da der fernere Lebenslauf unſeres beſcheidenen Helden jetzt mit dem höher ſtehender Perſonen verwoben iſt, wird es nöthig ſein, den Leſer in der Kürze mit dieſen bekannt zu machen. Auguſtin St. Clare war der Sohn eines reichen Pflanzers in Louiſiana. Die Familie ſtammte aus Canada. Von zwei Brüdern, die einander an Tem⸗ perament und Charakter ſehr ähnlich waren, hatte ſich der Eine auf einem ſchö⸗ nen Gute in Vermont niedergelaſſen, während der Andere ein reicher Pflanzer in Luuiſiana wurde. Die Mutter Auguſtin's war eine proteſtantiſche Franzö⸗ fin geweſen, deren Familie zur Zeit der erſten Anſiedelung in Louiſiana dorthin auswanderte. Auguſtin und ſein Bruder waren die einzigen Kinder ihrer El⸗ tern. Da er von ſeiner Mutter eine äußerſt zarte Konſtitutivn geerbt hatte, ſo war er auf Anrathen der Aerzte während mehrerer Jahre ſeines Knabenalters zu ſeinem Onkel nach Vermont geſendet worden, um ſeinen Körper durch die kältere ſtärkende Luft des dortigen Klima's zu kräftigen. Er hatte ſich in ſeiner Kindheit durch einen auffallend gefühlvollen Cha⸗ rakter, welcher mehr der weiblichen Weichheit, als der gewöhnlichen Härte ſeines eigenen Geſchlechtes verwandt war, ausgezeichnet. Die Zeit überzog jedoch dieſes weiche Gemüth mit einer rauhen männlichen Rinde, und nur Wenige wußten, wie lebensvoll und friſch es noch im Innern war. Er beſaß ausge⸗ zeichnete Talente, obgleich ſein Geiſt ſtets Vorliebe für das Ideale und Aeſthe⸗ tiſche bewies, und er hatte den Widerwillen gegen die Beſchäftigungen des praktiſchen Lebens, welcher die gewöhnliche Folge dieſer Geiſtesrichtung iſt. Bald nach der Vollendung ſeiner Univerſitätsſtudien war ſeine ganze Natur in einer leidenſchaftlichen romantiſchen Liebe aufgelodert, ſeine Stunde kam— die Stunde, welche nur ein Mal im Leben ſchlägt; ſein Stern ſtieg am Horizont auf— der Stern, welcher ſo oft vergebens aufgeht, um nur als ein Traumbild in der Erinnerung zu bleiben, und auch für ihn ging er vergebens auf; kurz, um die Bilderſprache fallen zu laſſen, er ſah ein hochherziges ſchönes Miädchen 108 in einem der nördlichen Staaten, erwarb ſich ihre Liebe und verlobte ſich mit ihr. Er kehrte nach Süden zurück um die Vorkehrungen zu ſeiner Hochzeit zu treffen, als ganz unerwartet ſeine Briefe in Begleitung eines kurzen Billets von ihrem Vormunde zurückkamen, worin ihm gemeldet wurde, daß, noch ehe daſſelbe in ſeine Hände komme, die junge Dame die Gattin eines Andern ſein werde. Dem Wahnſinn nahe, hoffte er vergeblich wie ſo viele Andere, die ganze Sache mit einer verzweifelten Anſtrengung aus ſeinem Herzen zu reißen. Zu ſtolz, um zu bitten oder Aufklärung zu verlangen, ſtürzte er ſich ſofort in den Strudel der Geſellſchaft und war vierzehn Tage nach dem Empfang des unglücklichen Briefes der angenommene Bewerber des ſchönſten Midchens der Stadt, und ſobald die nöthigen Vorbereitungen getroffen werben konnten, wurde er der Gatte einer ſchönen Geſtalt, ſtrahlender ſchwarzer Augen und einer Mitgift von hunderttauſend Dollars, weshalb ihn natürlich Jeder für einen glücklichen Mann hielt. Das junge Paar ſchwelgte im Genuſſe der Flitterwochen und war in einer prächtigen Villa am Pontchartrain-See von einem Kreis vornehmer Gäſte umgeben, als dem jungen Mann eines Tages ein Brief von nur zu bekannter Hand überbracht wurde. Er ward ihm übergeben, während er im Geſell⸗ ſchaftszimmer in einem geiſtreichen Geſpräche begriffen war. Als er das Schrei⸗ ben erblickte, wurde er todtenbleich, verlor aber deſſen ungeachtet die Faſſung nicht, ſondern fuhr in ſeinem ſcherzenden Wortgefechte mit der ihm gegenüber⸗ ſitzenden Dame fort. Kurz darauf vermißte man ihn jedoch in der Geſellſchaft, und ſobald er in ſeinem Zimmer anlangte, öffnete und las er den jetzt nutzloſen Brief. Er war von ihr und enthielt einen langen Bericht über die Verfolgung, der ſie von Seiten der Familie ihres Vormundes ausgeſetzt geweſen war, um ſie zu bewegen, ſich mit dem Sohne deſſelben zu verbinden, und ſie erzählte, wie ſeit längerer Zeit ſeine Briefe ausgeblieben waren, wie ſie wieder und immer wieder geſchrieben hatte, bis ſie muthlos und von Zweifeln erfüllt ward, wie ihre Geſundheit von ihren Seelenleiden erſchüttert worden war und wie ſie endlich den ganzen ihnen Beiden geſpielten Betrug entdeckt hatte. Der Brief ſchloß mit Ausdrücken der Hoffnung und Dankbarkeit gegen Gott und mit Be⸗ theuerung einer ewigen Liebe, die für den unglücklichen jungen Mann bitterer als der Tod waren. Er antwortete ihr unverzüglich: „Ich habe Ihren Brief erhalten, aber zu ſpät; ich glaubte Alles, was „mir geſagt wurde, und ich hatte keine Hoffnung mehr. Ich bin verhei⸗ „rathet, und Alles iſt vorbei. Vergeſſen Sie— es iſt das Einzige, was „uns Beiden übrig bleibt.“ So endete die ganze Romantik und die ideale Zeit des Lebens für Auguſtin St. Clare; aber die Wirklichkeit war zurückgeblieben— die Wirklichkeit, die dem platten, nackten, ſumpfigen Ufer gleicht, wenn die blaue glitzernde Welle mit ihrem Heer von weißbeſchwingten Schiffen und munteren Booten ſammt ihrer Muſik von Rudern und freudigen Bootmannsliedern ſich zurückgezogen hat und es glatt, ſchlüpfrig und kahl daliegt. In einem Romane bricht den Liebenden das Herz, ſie ſterben und damit iſt Alles zu Ende; in einer Geſchichte iſt dies ſehr beguem, aber im wirklichen Leben ſterben wir nicht, wenn auch Alles, was das Leben erheitert, für uns todt iſt. Es muß nach wie vor das Geſchäft des Eſſens, Trinkens, ſich Ankleidens, Aus⸗ gehens, Beſuchens, Kaufens, Verkaufens, Sprechens, Leſens und Alles deſſen, was man gemeiniglich Leben nennt, verrichtet werden, und dies blieb auch Auguſtin noch. Wäre ſeine Gattin eine Frau im wahren Sinne geweſen, ſo hätte ſie noch etwas thun können. um die zerriſſenen Fäden des Lebens zuſam⸗ 109 menzuknüpfen und wieder zu einem ſchönen Stoffe zu verweben; aber Marie St. Clare ſah nicht einmal, daß ſie zerriſſen worden waren. Sie beſaß, wie vorerwähnt, eine ſchöne Geſtalt, ein ſtrahlendes Augenpaar und hunderttauſend Dollars, und von dieſen Dingen war keines geeignet, ein verwundetes Herz zu heilen. Wenn ſie Auguſtin todtenbleich auf dem Sopha liegen ſah und er einen plötzlich eingetretenen Kopfſchmerz vorſchützte, ſo empfahl ſie ihm, an Hirſch⸗ horngeiſt zu riechen, und als die Bläſſe und der Kopfſchmerz eine Woche nach der andern wiederkehrte, ſagte ſie nur, daß ſie Herrn St. Clare nie für kränklich gehalten habe; er ſei aber, wie es ſcheine, zu Kopfſchmerz ſehr geneigt, und das ſei für iſh traurig, weil er kein Vergnügen daran finde, mit ihr in Geſell⸗ ſchaft zu gehen und es ſonderbar erſcheine, wenn ſie ſo oft allein ausgehe, wäh⸗ rend ſie erſt ſo kurze Zeit verheirathet ſeien. Auguſtin war von Herzen froh, daß er eine ſo wenig ſcharfſichtige Gattin hatte, als aber der Schimmer und die Aufmerkſamkeiten der Flitterwochen vor⸗ über waren, entdeckte er, daß eine ſchöne junge Frau, die ihr ganzes Leben lang nur geliebkoſ't und unterwürfig behandelt worden iſt, im häuslichen Leben ſich doch als höchſt läſtig erweiſen könne. Marie hatte nie viel Liebesfähigkeit oder Empfindung beſeſſen, und das Wenige, was ſie hatte, war in völliger, wenn auch unbewußter Selbſtſucht untergegangen, die durch ihre ruhige Gleichgültigkeit, ihre völlige Unwiſſenheit über andere Anſprüche als ihre eigenen, um ſo hoff⸗ nungsloſer wurde. Sie war von Kindheit auf von Dienern umringt geweſen, die nur darauf bedacht waren, ihre Launen zu ſtudiren und die Idee, daß ſie Ge⸗ fühle oder Rechte beſäßen, war niemals auch nur von Ferne in ihr aufgedäm⸗ mert. Ihr Vater, deſſen einziges Kind ſie geweſen war, hatte ihr nie etwas im Bereich der Möglichkeit Liegendes verſagt, und als ſie ſchön, feingebildet und als reiche Erbin, in das Leben eintrat, war ſie natürlich ſogleich von einem Schwarm von Anbetern umgeben, und ſie zweifelte nicht, daß Auguſtin über⸗ glücklich ſei, ſie erlangt zu haben. Es iſt ein großer Irrthum, wenn man an⸗ nimmt, daß ein herzloſes Weib im Austauſch der Liebe eine leicht zu befriedi⸗ gende Gläubigerin ſei. Niemand macht größere Anſprüche auf die Liebe Anderer, als ein ſelbſtſüchtiges Weib, und je unliebenswürdiger ſie wird, deſto eiferſüch⸗ tiger und nachſichtsloſer verlangt ſie die Liebe bis zum Heller. Als daher St. Clare die Galanterieen und kleinen Aufmerkſamkeiten, welche das nothwendige Zubehör der Flitterwochen ſind, einzuſtellen begann, fand er ſeine Sultanin kei⸗ neswegs bereit, ihren Sklaven aufzugeben und es gab eine Menge von Thränen, Schmollſtunden, kleine Stürme, Klagen und Vorwürfe. St. Clare war gut⸗ müthig und nachſichtig; er bemühte ſich mit Geſchenken und Schmeicheleien den Frieden wieder herzuſtellen, und als Marie die Mutter einer ſchönen Tochter wurde fühlte er wirklich auf eine Zeitlang einige Liebe in ſich erwachen. St. Clare's Mutter war eine Frau von ungewöhnlicher Reinheit und Hoheit des Charakters geweſen und er gab dieſem Kinde in dem liebevollen Glauben, daß es eine Erneuerung ihres Bildes werden würde den Namen ſei⸗ ner Mutter. Seine Frau hatte dies mit heſtiger Eiferſucht bemerkt und ſie be⸗ trachtete die ausſchließliche Liebe ihres Gatten zu dem Kinde mit Argwohn und Unwillen; es war als ob Alles was ihm gegeben wurde, ihr genommen worden ſei. Von der Geburt dieſes Kindes an nahm ihre Geſundheit allmählig ab; ein Leben beſtändiger körperlicher und geiſtiger Unthätigkeit— die Wirkung unab⸗ läſſiger Langeweile und Unzufriedenheit im Verein mit der gewöhnlichen die Zeit des Mutterwerdens begleitenden Schwäche— verwandelte im Laufe weniger Jahre das blühende junge Mädchen in ein gelbes, welkes, kränkliches Weib, 110 deſſen Zeit völlig von einer Menge eingebildeter Krankheiten ausgefüllt wurde, und das ſich in jeder Beziehung ſir die unglücklichſte und leidendſte Perſon auf Erden hielt. Zhte verſchiedenen Uebel waren endlos, aber ihre Hauptſtärke ſchien in Kopfſchmerzen zu liegen, welche ſie mitunter drei Tage in der Woche an ihr Zim⸗ mer feſſelten. Da natürlich alle häuslichen Anordnungen den Händen von Dienern anheimfielen and St. Clare ſein Hausweſen keineswegs angenehm. Seine emnzige Tochrer war von äußerſt zarter Konſtitution und er fürchtete, daß, wenn ſie von Niemand beaufſichtigt würde, ihre Geſundheit und ihr Leben noch ein Opfer der Unthätigkeit ihrer Mutter werden könnten. Er hatte ſie daher auf eine Reiſe nach Vermont mitgenommen, hatte dort ſeine Couſine, Miß Ophelia St. Clare, überredet, ihn nach ſeinem ſüdlichen Wohnorte zu begleiten, und ſie iehtten jetzt auf dem Dampfſchiffe, wo unſere Leſer ſie kennen gelernt haben, zurück. Während die Thürme und Kuppeln von New⸗Orleans vor uns auftauchen, iſt es noch Zeit, über Miß Ophelia einige Worte zu ſagen. Wer die neuengliſchen Staaten bereiſt hat, wird ſich in einem hübſchen Dorfe eines großen Farmhauſes mit ſeinen ſauberen, vom dichten Laube des Zuckerahorns beſchatteten und mit grünem Raſen bewachſenen Hofe, ſowie der Ordnung und Stille und des Ausdrucks von unveränderlicher Ruhe, welcher über das Ganze ausgehaucht zu ſein ſcheint, erinnern. Es iſt nichts verloren oder in Unordnung, im Zaune iſt kein Pfahl locker, in dem freundlichen Hofe mit ſeinen am Fenſter ſtehenden Holunderbüſchen kein Strohhälmchen zu ſehen. Im Innern hat er große reinliche Zimmer gefunden, wo nie etwas gethan zu werden oder zu thun nöthig erſcheint, wo Alles ein für allemal ſtreng ſeinen* Platz hat, und wo ſich alle häuslichen Verrichtungen mit der pünktlichen Genauig⸗ keit der alten Wanduhr in der Ecke bewegen. In dem Familienwohnzimmer ſteht der ehrwürdige alte Bücherſchrank mit ſeinen Glasthüren, hinter welchen Rollin's Geſchichte, Milton's verlorenes Paradies, Bünyan's Pilgerwallfahrt und Scott's Familienbibel nebſt einer Menge von anderen, eben ſo ernſten Bü⸗ chern neben einander in geziemender Ordnung aufgeſtellt ſind. Im Hauſe giebt es keine Diener, aber die Dame mit der ſchneeweißen Haube und der Brille, die jeden Nachmittag nähend unter ihren Töchtern ſitzt, als ob nie etwas gethan worden oder noch zu thun ſei— ſie und ihre Mädchen haben in längſt vergeſſenen Morgenſtunden die Arbeit für den ganzen Tag verrichtet. Der alte Küchenfuß⸗ boden ſcheint nie einen Fleck zu haben, die Tiſche, Stühle und Kochgeräth⸗ ſchaften ſcheinen nie außer Ordnung gekommen zu ſein, obgleich drei und mit⸗ unter ſelbſt vier Mahlzeiten des Tages dort bereitet werden, obgleich hier das Waſchen und Plätten für die Familie verrichtet wird und obgleich viele Pfunde Butter und Käſe hier auf ſtille und räthſelhafte Weiſe in's Daſein geru⸗ fen werden. Auf einer ſolchen Farm, in einem ſolchen Hauſe und in einer ſolchen Fa⸗ milie hatte Miß Ophelia eine ruhige Eriſtenz von faſt fünfundvierzig Jahren verlebt, als ihr Vetter ſie einlud, ſein Gut im Süden zu beſuchen. Obgleich die Aelteſte einer ſtarken Familie wurde ſie doch von ihren Eltern immer noch als ein„Kind“ betrachtet, und der ihr gemachte Vorſchlag nach New⸗Orleans zu gehen, war für den Familienkreis ein höchſt wichtiger. Der greiſe Vater nahm Morſe's Atlas aus dem Bücherſchranke, ſah genau nach, unter welcher Läng und Breite der Ort lag, und las Flint's Reiſen im Süden und Weſten, um ſich, über die Natur des Landes zu unterrichten. Die gute Mutter fragte ängſtlich, ob New⸗Orleans nicht ein abſcheulicher . 111 gottloſer Ort ſei, und ſagte, daß es ihr faſt ganz ſo vorkomme, als ob ihre Tochter nach den Sandwich-Inſeln oder unter die Heiden gehe. Es wurde bei dem Pfarrer und bei dem Doktor und in Miß Prabody's Putz⸗ laden bekannt, daß Ophelia St. Clare„davon ſpreche,“ mit ihrem Couſin nach Orleans zu reiſen, und natürlich konnte das ganze Dorf nichts Beſſeres thun als bei dieſer ſehr wichtigen Operation des Sprechens über die Sache Hilfe leiſten. Der Pfarrer, welcher ſich ſtark zu abvlitioniſtiſchen Anſichten hinneigte, war ſehr zweifelhaft, ob ein ſolcher Schritt nicht einigermaßen dazu beitragen könne, die Südländer im Sklavenhalten zu beſtärken, während der Doktor, ein eifriger Coloniſationiſt, ſich zu der Anſicht bekannte, daß Miß Ophelia gehen ſohte um den Orleanern zu zeigen, daß wir doch nicht ſchlecht von ihnen denken. Et war in der That der Meinung, daß die Südländer der Aufmunterung bedürften. Als jedoch die Thatſache, daß ſie ſich zur Reiſe entſchloſſen, öffentlich ge⸗ nug bekannt war, luden alle ihre Freunde und Nachbarn ſie vierzehn Tage lan hinter einander fleißig zum Thee ein und beſprachen und erkundigten ſich i allen ihren Ausſichten und Plänen. Miß Moſelay, die in das Haus kam um bei der Anfertigung der Kleider Hilfe zu leiſten, erlangte durch die Mittheilun⸗ gen, die ſie über Miß Ophelia's Garderobe zu machen im Stande war, täglich eine größere Wichtigkeit und hatte glaubwürdig ermittelt, daß Squire Sin⸗ elare, wie ſein Name in der Gegend gewöhnlich zuſammengezogen ward, Miß Ophelia funfzig Dollars gegeben und ihr geſagt habe, daß ſie dafür beliebig leider kaufen ſolle und daß er zwei neue ſebe Kleider und einen Hut für ſie in Boſton beſtellt habe. ung des Publikuins getheilt, indem Einige behaupteten, daß es, wenn man lles bedenke, für einmal im Leben ausnahmsweiſe ganz gut fei, während An⸗ dere nachdrücklich darauf beharrten, daß man lieber das Geld den Miſſtonären hätte ſenden ſollen. Alle ſtimmten jedoch darin überein, daß man in dieſer Gegend noch nie enen en geſehen habe, wie der von New⸗York ge⸗ ſchickte! und daß ſie ei ſeidenes Kleid habe, das einzig in ſeiner Art ſei, was auch immer von ſeiner Beſitzerin geſagt werden möge. Ferner waren glaubwür⸗ dige Gerüchte von einem geſteppten Taſchentuche im Umlauf und ſie gingen ſo⸗ gar ſo weit, daß ſie wiſſen wollten, Miß Ophelia habe ein rund herum mit Spitzen beſetztes Taſchentuch— ja es wurde ſogar hinzugefügt, daß es in den Ecken geſtickt ſei; dieſer letztere Punkt wurde jedoch nie genügend ermittelt, und iſt in der That noch heutigen Tags unentſchieden. Miß Ophelia, wie wir ſie jetzt erblicken, ſteht in einem eleganten braun⸗ leinenen Reiſekleide vor uns. Ihr Geſicht war mager und hatte ſcharf markirte Züge, die Lippen waren geſchloſſen wie die einer Perſon, welche gewöhnt iſt, ſich in allen Pingen raſch zu entſchließen, während die lebhaften dunkeln Augen eine eigenthümliche forſchende Beweglichkeit hatten und überall umherſchweiften, als ob ſie etwas erſpähen wollten. Alle ihre Bewegungen waren kurz, entſchieden und energiſch, und wenn ſie auch nie eine große Rednerin war, ſo waren ihre Worte doch, wenn ſie ſprach, verſtändig und treffend. In ihren Gewohnheiten war ſie eine lebende Verkörperung der Ordnung und Genauigkeit. In der Pünktlichkeit war ſie eben ſo untrüglich wie eine Uhr und eben ſo unerbittlich wie eine Locomotive, und ſie betrachtete Alles, was einen ihr entgegengeſetzten Charakter trug, mit der entſchiedenſten Verach⸗ tung und dem größten Abſcheu. Die in ihren Augen größte Sünde— die Quinteſſenz aller Uebel— 1— Ueber die Angemeſſenheit dieſer bedeutenden Geldausgaben war die Mei⸗ „— 112 wurde durch einen in ihrem Worterbuche ſehr gewöhnlichen und wichtigen Aus⸗ druck—„Leichtſinn“ bezeichnet. Ihr Finale und Ultimatum der Verachtung beſtand in dem nachdrücklichen Ausſprechen des Wortes„leichtſinnig,“ und ſi bezeichnete ſie jeden Schritt, der nicht eine direkte und unvermeidliche eziehung auf die Ausführung einer beſtimmt gehegten Abſicht hatte. Leute, welche nichts thaten oder nicht recht wußten, was ſie thun ſollten, oder die nicht den geradeſten Weg einſchlugen, um ihren Zweck zu erreichen, waren Gegen⸗ ſtände ihrer tiefſten Geringſchätzung, die ſich weniger in Worten, als durch ſtolzes Schweigen kundgab, als ob ſie es verſchmähe, nur ein Wort über die Sache zu verlieren. Was ihre geiſtige Bildung betraf, ſo hatte ſie einen klaren, kräftigen, Thätigkeit liebenden Verſtand, war gut in der Geſchichte und den älteren eng⸗ liſchen Klaſſikern beleſen und dachte innerhalb gewiſſer enger Grenzen mit gro⸗„ ßem Scharfſinn. Ihre religiöſen Glaubensſätze waren ſämmtlich fertig in die poſitivſten und beſtimmteſten Formen gegoſſen und wie die Wäſche in ihrem Leinenſchranke geordnet. Sie hatte ihrer eine beſtimmte Anzahl und dieſe ſollte ſich nie vermehren. So verhielt es ſich auch mit ihren Anſichten in Bezug auf die meiſten Dinge des praktiſchen Lebens— wie die Haushaltung in allen ihren Zweigen und die verſchiedenartigen politiſchen Verhältniſſe ihres Geburtsortes. Die Grundlage von Allem aber, das höchſte Prinzip ihres Lebens war die Ge⸗ wiſſenhaftigkeit. Nirgend iſt dieſe ſo vorherrſchend und ſo Alles überragend, wie bei den Frauen Neu⸗Englands. Es iſt die Granitformation, welche tief im Boden liegt und ſich ſogar bis zu den Gipfeln der höchſten Berge erhebt. Miß Ophelia war die unbedingte Sklavin der Pflicht; ſobald ſie über⸗ eugt war, daß der Pfad derſelben in irgend einer beſtimmten Richtung liege, 3 jo konnte weder Feuer noch Waſſer ſie davon abbringen. Sie wäre in einen Brunnen hinabgeſprungen oder der Mündung einer geladenen Kanone entge⸗ gengegangen, wenn ſie die Gewißheit gehabt hätte, daß der Pfad dahin führte. Ihr Rechtsideal war ſo hoch, ſo Alles umfaſſend, ſo in's Einzelne gehend, und hatte ſo wenig Nachſicht gegen menſchliche Schwächen, daß ſie, wenn ſie ſich auch mit heroiſcher Anſtrengung bemühte, es zu erreichen, es doch nie wirklich erreichte, weshalb ſie von einem beſtändigen und oft peinigenden Gefühl der Mangelhaftigkeit gequält wurde. Dies gab ihrem religiöſen Charakter eine ſtrenge und ekwas düſtere Färbung. Wie in aller Welt konnte ſich aber Miß Ophelia mit Auguſtin St. Clare vertragen?— mit dem heitern, unpünktlichen, unpraktiſchen, ſkeptiſchen Manne, der mit unbekümmerter Freiheit alle ihre liebſten Gewohnheiten und Anſichten mit Füßen trat? Die Wahrheit zu geſtehen liebte ihn Miß Ophelia. Als Knabe war es ihr Geſchäft geweſen, ihm ſeinen Katechismus zu lehren, ſeine Kleider auszu⸗„ beſſern, ſein Haar zu kämmen und ihn im Allgemeinen auf den rechten Weg zu führen, und da ihr Herz eine warme Seite beſaß, ſo hatte Auguſtin, wie er es mit den meiſten Leuten zu thun pflegte, einen großen Theil für ſich in Anſpruch genommen, daher gelang es ihm ſehr leicht, ſie zu überreden, daß der Pfad der Pflicht ſie nach New⸗Orleans führe und daß ſie ihn begleiten müſſe, um Eva in Obacht zu nehmen und während der häufigen Krankheiten ſeiner Frau dafür zu ſorgen, daß nicht Alles zurückging. Die Idee eines Hauſes ohne einen Menſchen, der es beaufſichtigt, ging ihr zu Herzen; dann liebte ſie das ſchöne kleine Mädchen wie Jedermann ſie lieben mußte der ſie ſah, und wenn ſie auch Auguſtin als einen halben Heiden betrachtete, ſo liebte ſie ihn doch, lachte über ſeine Scherze und hatte Nachſicht 113 mit ſeinen Schwächen in einem Umfange, welcher denen, die ſie kannten, wahr⸗ haft unglaublich ſchien. Was noch ſonſt von Miß Ophelia zu wiſſen nöthig iſi, muß jedoch der Leſer durch eigne Beobachtung entdecken. Hier ſitzt ſie in ihrer Kajüte, von einer bunten Menge großer und Keiner Reiſetaſchen, Schachteln und Körben, von denen jedes Stück irgend eine beſon⸗ dere Verantwortlichkeit enthält, umgeben und ſchließt, umſchnürt oder packt ſie alle mit ſehr ernſter und wichtiger Miene. „Nun Eva, haſt Du Dir Deine Sachen gemerkt?— gewiß nicht— die Kinder thun das nie. Du haſt die getüpfelte Reiſetaſche und die kleine blaue Pappſchachtel mit Deinem beſten Hute— das ſind zwei, dann der Gummikober, drei— mein Nähliſtchen, vier— meine Hutſchachtel, fünf— meine Kragen⸗ ſchachtel, ſechs— der kleine Roßhaarkoffer, ſieben. Wo haſt Du Deinen Son⸗ nenſchirm?— Gieb ihn mir, ich will ein Papier drumſchlagen und ihn mit meinem und dem Regenſchirm zuſammenbinden— So, das wäre gethan.“ „Ei Tantchen, wir gehen ja nur nach Hauſe— was nutzt das Alles?“ „Damit es hübſch in Ordnung bleibt, Kind. Man muß ſeine Sachen in Acht nehmen, wenn ſie gut bleiben ſollen; iſt Dein Fingerhut wohl aufgeho⸗ ben Eva?“ „Wahrhaftig, Tantchen, ich weiß es nicht.“ „Nun, es thut nichts, ich will Dein Kiſtchen durchſehen— Fingerhut— Wachs— zwei Löffel— Scheeren— Meſſer— Stopfnadel— Alles richtig.— Lege ihn hier herein; wie haſt Du es nur angefangen, Kind, als Du blos mit Deinem Vater reiſ'teſt? Ich ſollte meinen, daß Du Alles, was Du haſt, verloren haben müßteſt.“ „Ja, Tantchen, ich habe auch viel verloren; aber wenn wir irgendwo ver⸗ weilten, kaufte mir Papa etwas Anderes für das, was ich vermißte.“ „Gott ſteh mir bei, Kind, welch ein Verfahren!“ „Es war ein ſehr bequemes Verfahren, Tantchen!“ „Ein entſetzlich leichtſinniges, mußt Du ſagen!“ antwortete die Tante. „Ei, Tantchen, was willſt Du hier thun? der Koffer iſt viel zu voll, als daß man ihn verſchließen könnte.“ „Er muß verſchloſſen werden, entgegnete die Tante mit der Miene eines Generals, indem ſie die Gegenſtände hineinpreßte und dann auf den Deckel ſprang, o daß an der Oeffnung des Koffers nur noch eine kleine Spalte zu ehen war. „Steige mit herauf Eva,“ fuhr Miß Ophelia fort;„was einmal gegangen iſt, kann wieder gehen. Der Koffer muß zugemacht und verſchloſſen werden— dabei bleibt es.“ Und der durch dieſe entſchiedenen Worte ohne Zweifel eingeſchüchterte Koffer gab nach. Die Krampe ſchnappte endlich ein und Miß Ophelia drehte den Schlüſſel um und ſteckte ihn triumphirend in die Taſche. „Jetzt ſind wir fertig. Wo iſt Dein Vater?— es iſt, denke ich, Zeit, das Jhe zu ſuchen. Sieh Dich um, Cva, und gieb Dir Muhe, daß Du n findeſt. „Er iſt unten am andern Ende der Herrenkajüte und ißt eine Orange.“ Er weiß gewiß nicht, wie nahe wir der Stadt ſind,“ ſagte die Tante, „willſt Du nicht zu ihm hinuntergehen und es ihm ſagen?“ „Der Papa eilt nie ſo ſehr,“erwiderte Cva,„und wir ſind noch nicht am Landungsplatze. Bitte, komm heraus an das Geländer, Tantchen. Sieh dort iſt unſer Haus, jene Straße hinauf.“ Das Boot begann ſich jetzt mit tiefem Stöhnen wie ein mächtiges, müdes Onkel Tom's Hütte. 8 4114 ungethuͤm zu wenden, um zwiſchen dem Heer von Dampfern hindurch in den Haßen einzulaufen. Cvazeigte ihrer Tante die verſchiedenen Thürme und Kuppeln und Gebäude, an denen ſie ihre Vaterſtadt erkannte. „Ja, ja, liebes Kind, ſehr hübſch,“ ſagte Miß Ophelia;„aber das Boot hat ja ſchon angehalten— wo iſt Dein Vater?“ Und nun entſtand der beim Landen gewöhnliche Tumult— Kellner liefen nach zwanzig verſchiedenen Seiten auf einmal— Männer ſchleppten Koffer, Reiſetaſchen und Schachteln umher— Frauen riefen ängſtlich nach ihren Kin⸗ dern und Alles drängte ſich der zum Lande führenden Planke zu. Miß Ophelia ſetzte ſich ruhig auf den vor Kurzem beſiegten Koffer, ſtellte alle ihre Habſeligkeiten in ſchöner militäriſcher Ordnung auf und ſchien ent⸗ ſchloſſen, ſie bis zum letzten Augenblicke zu vertheidigen. „Soll ich Ihren Koffer nehmen, Madam?“ F „Soll ich Ihr Gepäck tragen, Madam?“ „Laſſen ſie mich Ihr Gepäck beſorgen, Miſſis.“ „Soll ich das nicht heraus tragen, Miſſis?“ Dieſe und ähnliche Fragen regneten unbeachtet auf ſie herab; ſie ſaß mit finſterer Entſchloſſenheit da, wie eine in ein Bret geſteckte Stopfnadel, hielt ihr Sonnen⸗ und Regenſchirmbündel feſt und antwortete mit einer Entſchiedenheit, welche hinreichend war um ſelbſt einen Droſchkenkutſcher zum Schweigen zu bringen, indem ſie Eva von Zeit zu Zeit fragte: „Wo in aller Welt muß nur der Papa ſtecken? Er wird doch nicht in's Waſſer gefallen ſein? Es muß ſich etwas ereignet haben.“ Und als ſie eben anfing ſich ernſtlich zu beunruhigen, kam er mit ſeinem gewöhnlichen und nach⸗ läſſigen Schlendergange herbei, gab Cva ein Viertel von der Orange, welche er aß, und ſagte: „Nun, Coufine Vermont, Du biſt wohl bereit?“ „Ich bin ſchon lange bereit und warte ſeit beinahe einer Stunde!“ ant⸗ wortete Miß Ophelia.„Ich hatte angefangen mich um Dich zu ängſtigen.“ „Du biſt ſehr gütig,“ verſetzte er;„nun der Wagen wartet und die Menge hät ſich verlaufen, ſo daß man auf anſtändige Weiſe an's Land gehen kann, ohne gedrängt und geſtoßen zu werden⸗ Hier,“ fügte er zu einem neben ihm ſtehen⸗ den Kutſcher gewendet hinzu,„hier nehmt dieſe Sachen.“ „Ich will mitgehen und zuſehen, daß er ſie ordentlich aufpackt,“ ſagte Miß Ophelia. „O, wozu das Couſine?“ entgegnete St. Clare. „Nun, jedenfalls werde ich dies hier— und auch das— und das tragen!“ meinte Miß Ophelia, indem ſie drei Schachteln und eine kleine Reiſetaſche nahm. „Meine liebe Miß Vermont, Du darfſt uns wahrhaftig nicht auf dieſe Weiſe mit den Sitten der grünen Berge kommen, Du mußt Dich ein wenig nach den ſüvlichen Gebräuchen richten und nicht ſo bepackt an's Land gehen. Man würde Dich für eine Kammerjungſer halten. Gieb Alles dieſem Manne, er wird die Gegenſtände ſo behutſam in den Wagen legen, als ob es Eier wären.“ Miß Ophelia ließ es tief betrübt geſchehen, daß ihr Vetter ihr alle ihre Schätze ubnahm, und war entzückt, als ſie dieſelben im Wagen wieder in beſter Ordnung vorfand. „Wo iſt Tom?“ fragte Eva. „Er ſitzt auf dem Bocke, Kind; ich werde ihn der Mutter als Friedensgabe 3 darbringen, um den trunkſüchtigen Burſchen, der den Wagen umgeworfen hat zu erſetzen.“ 115 „O, ich weiß, daß Tom einen ausgezeichneten Kutſcher abgeben wird!“ rief Evaz er wird ſich nie betrinken.“ Der Wagen hielt vor einem alten Gebäude in dem ſonderbaren Gemiſch von halb ſpaniſchem, und halb franzöſiſchem Sthle, von welchem man in eini⸗ gen Theilen von New⸗Orleans noch Beiſpeile findet. Es war nach mauriſcher Art eingerichtet, indem ein viereckiges Gebäude einen Hofumſchloß, in welchen der Wagen durch einen gewölbten Thorweg einfuhr. Der Hof war offenbar „ Herrſchaft der vrientaliſchen Romantik in Spanien zurück. Mitten im Hofe warf ein Springbrannen ſeinen hohen Strahl von ſilberhellem Waſſer empor, und dieſes fiel in einem endloſen Regenſchauer in ein mit einem breiten Rande von duftigen Veilchen eingefaßtes 2 von Myriaden von Gold⸗ und Silberfiſchen belebt, welche wie bewegliche Ju⸗ welen darin hin⸗ und herſchoſſen. Um den Springbrunnen zog ſich ein moſaik⸗ artig gepflaſterter Gang und dieſen umgab wieder ein ſammetweicher Raſen⸗ ſtreif, während das Ganze von einem Fahrwege umſchloſſen wurde. Zwei jetzt mit duftenden Blüthen bedeckte große Orangenbäume gewährten einen köſtlichen Schatten und auf dem Graſe waren rund herum marmorne Blumentöpfe auf⸗ geſtellt, welche die herrlichſten blühenden Pflanzen der Tropenwelt enthielten. Mächtige Granatbäume mit ihren glänzenden Blättern und feurigrothen Blüthen, dunkelblättriger arabiſcher Jasmin mit ſeinen weißen Sternen, Ge⸗ ranien, herrliche ſich unter ihrem Ueberfluß von Blumen beugende Roſenbüſche, goldgelber Jasmin und zahlreiche andere Blumen vermiſchten ihre Farbenpracht b und ihren Blüthenduft, während hier und da eine alte Alve mit ihren wunder⸗ lichen dicken Blättern wie ein greiſer Zauberer in düſterer Majeſtät auf die ver⸗ gänglichere Schönheit unter ſich herabſchaute. Die den Hof umgebenden Galerien waren mit Vorhängen von einem mau⸗ riſchen Stoffe verſehen, die nach Belieben zugezogen werden konnten, um die Sonnenſtrahlen abzuhalten. Die ganze Einrichtung der Anlagen und des Ge⸗ bäudes war prächtig und maleriſch. X. Als der Wagen einfuhr, glich Eva in ihrem Entzücken einem Vogel, der„ aus ſeinem Käfig flattern möchte.„ „ meine theure, liebe Helmath nicht wunderſchön?“ ſagte ſie zu Miß phelia. „Es iſt ein großes, ſchönes Haus,“ entgegnete dieſe im Ausſteigen,„wenn es mir auch ein wenig alt und heidniſch vorkommt.“ 3 Tom ſtieg vom Bocke und ſah ſich mit der Miene ſtiller, ruhiger Freude um. Man muß ſich erinnern, daß der Neger ein Geſchöpf der prächtigſten, üppig⸗ ſten Länder der Welt iſt und tief in ſeinem Herzen eine Leidenſchaft für alles Glänzende, Reiche und Phantaſtiſche hat,— eine Leidenſchaft, welche durch die kindliche Freude, mit der er ſich ihr hingiebt, ihm oft das Spottgelächter der käl⸗ teren weißen Racen zuzieht.— St. Clare lächelte, als Miß Ophelia ihre Bemerkung über ſein Haus machte, wendete ſich dann zu Tom, der mit von Verwunderung ſtrahlendem Ge⸗ ſicht umherblickte, und fragte ihn: „Es ſcheint Dir hier zu gefallen, Tom?“ „Ja, Maſter, es iſt ſchön hier,“ antwortete Tom. Während dies Alles geſchah, wurden die Foffer hinweggetragen, der Kutſcher bezahlt, und eine Menge Männer, Frauen und Kinder kamen durch 8* 116 die vberen wie die unteren Galerien herbei, um den Maſter ausſteigen zu ſehen. Einer von den Erſten darunter war ein ſchöner junger Mulatte, offenbar eine ſehr diſtinguirte Perſon, der auf das modiſchſte gekleidet war und graziös ein parſümirtes Battiſttaſchentuch ſchwenkte. Dieſer junge Mann hatte ſich eifrig angeſtrengt, die ganze Domeſtikenheerde nach dem andern Ende der Veranda zu treiben. „Zurück da! ſchämt Ihr Euchnicht?“ rief er in gebieteriſchem Tone.„Wollt Ihr Euch in der erſten Stunde der Rückkehr des Herrn in ſeine häuslichen Ver⸗ hältniſſe drängen?“ Die Neger zogen ſich beſchämt zuruck, als ſie dieſe pomphaften Worte hoͤr⸗ ten und blieben zuſammengedrängt in einer ehrerbietigen Entfernung ſtehen, viln zwei kräftige Männer näher ſchritten und das Gepäck hinwegzuſchaffen egannen. In Folge der ſyſtematiſchen Anordnungen Mr. Adolph's war, als ſich St. Clare umwendete, nachdem er den Kutſcher bezahlt hatte, Niemand zu ſehen, als Mr. Adolph in ſeiner Atlasweſte, ſeiner goldenen Uhrkette und ſeinen wei⸗ ßen Beinkleidern, der ſich mit unausſprechlicher Anmuth und Freundlichkeit verbeugte. „Guten Tag, Adolph,“ ſagte ſein Herr, indem er ihm die Hand reichte. „Wie geht es Dir, mein Sohn?“ während Adolph mit großer Geläufigkeit eine ertemporirte Rede hielt, die er mit großem Fleiße ſeit vierzehn Tagen ein⸗ ſtudirt hatte. „Schon gut,“ ſagte St. Clare, indem er mit ſeiner gewöhnlichen Miene ſpöt⸗ tiſcher Munterkeit an ihm vorüberging,„das iſt recht gut eingelernt. Adolph, ſieh zu, daß das Gepäck gut verwahrt wird. Ich werde ſogleich zu den Leuten und hierauf führte er Miß Ophelia in ein auf die Veranda gehendes immer. Während dies geſchah, war Eva wie ein Vögelchen durch das Zimmer in ein kleines, ebenfalls auf die Veranda gehendes Voubvir geflogen. Eine hochgewachſene, ſchwarzäugige blaſſe Dame erhob ſich halb von ihrem Sopha, auf welchem ſie ruhte. „Mama!“ rief Cva entzückt, indem ſie ihr um den Hals fiel und ſie wieder und immer wieder küßte. „Schon gut— nimm Dich in Acht, Kind, Du machſt mir Kopſſchmerzen ½ ſagte die Mutter, nachdem ſie ſie umarmt hatte. St. Clare küßte ſeine Gattin auf echt ehemänniſche Weiſe und ſtellte ihr darauf ſeine Cvuſine vor. Marie heftete ihre großen Augen mit einiger Neugier auf dieſe und empfing ſie mit kalter Höflichkeit. Jetzt drängte ſich die Diener⸗ ſchaft an die Eingangsthür und unter den Leuten ſtand eine Mulattin von mitt⸗ lerem Alter und ſ anſtändigem Aeußeren vor Erwartung und Freude zitternd als eine von den Erſten. „O, da iſt die Mammy!“ rief Cva, indem ſie durch das Zimmer flog, ſich in ihre Arme warf und ſie zu wiederholten Malen küßte. Dieſe Frau ſagte nicht, daß ſie ihr Kopfſchmerzen mache, ſondern drückte ſie im Gegentheile an ſich und lachte und weinte ſo heftig, daß man an ihrem Verſtande zweifeln konnte. Sobald Eva ſich von ihr losgemacht hatte, hüpfte ſie zu einem Andern, ſchüttelte Allen die Hand und küßte ſie auf eine Weiſe, daß der Miß Ophelia, wie ſie ſpäter ſagte, dabei ganz übel geworden war. „Ihr ſüvlichen Kinder könnt etwas thun,“ ſagte ſie,„was ich nicht im Stande wäre.“ Was denn, wenn ich fragen darf?“ entgegnete St. Clare. —, „Nun, ich bin gern gegen Jeden freundlich und moͤchte nicht gern Einen verletzen; was aber das Küffen von— „Negern betrifft,“ fiel St. Clare ihr in daß Wort,„ſo würde Dir dies un⸗ möglich ſein, nicht wahr?“„ „Ja, das iſt es, wie kann ſie das thun?. St. Clare hachte, indem er in den Gang hinaus trat.— „Halloh, was giebt es hier? Kommit her Ihr Alle, Mimmy, Jimmy, Polly, Suky— freut Ihr Euch nicht, den Maſter zu ſehen?“ ſagte er und ging die Hände ſchüttelnd von Einer Jur Andern.„Gebt auf die Kinder Acht,“ fügte er hinzu, als er über eine pechſchwarze kleine Range, die auf allen Vieren umher⸗ kroch, iſ enn ich auf Jemand trete, ſo mag er es ſagen.“ er kleine Geldſtücke unter ſie vertheilte. So, nun geht, wie es guten Burſchen und Dirnen ziemt,“ ſagte er, und die ganze dunkle und helle Verſammlung verſchwand durch eine Thür in die Veranda, wohin Eva ihr mit einem großen Kober folgte, den ſie während ihrer , wurde viel gelacht und der Maſter mit Segenswünſchen überhäuft, wäh⸗ 3 „ Lanzen Heimreiſe mit Aepfeln, Nüſſen, Kandiszucker, Bändern, Spitzen und Tändeleien jeder Art angefüllt hatte. Als ſich St. Clare umwendete, um zurückzugehen, fiel ſein Auge auf Tom, der wie auf Köhlen ſtand, während Adolph ſich nachläſſig an das Treppengelän⸗ der gelehnt hatte und Tom mit einer Miene, welche jedem Stutzer Ehre gemacht haben würde, durch eine Lorgnette betrachtete. Pfuli, Schlingel!“ ſagte ſein Herr, indem er ihm die Lorgnette herab⸗ Whlug,„iſt das die Art, wie Du Deine Gäſte empfängſt? Aber ich dächte, Dolph,“ ſetzte er, auf die elegant geblümte Atlasweſte, welche Adolph trug, zeigend,„ich dächte dies wäre meine Weſte?“ „O Maſter, die Weſte iſt ganz mit Weinflecken beſchmutzt.— Ein Herr von ihrem Stande kann eine ſolche Weſte nicht mehr tragen, und ich habe daher gedacht, daß ich ſie nehmen könne. Für⸗einen armen Nigger wie ich, iſt ſie gut genug.“ Und Adolph warf den Kopf zuruck und ſtrich mit den Fingern graziös durch ſein parfümirtes Haar. So, ſo. nun das iſt ein Grund,“ ſagte St. Clare gleichgültig.„Jetzt will ich Tom ſeiner Herrin vorſtellen, dann führſt Du ihn in die Küche, und, hörſt Du? daß Du ihn nicht hochmüthig behandelſt! er iſt mehr werth als zwei ſolche Schlingel wie Du.“ „Der Maſter muß immer ſeinen Spaß machen,“ ſagte Adolph lachend; „es freut mich, den Maſter in ſo guter Laune zu ſehen.“ „Komm her, Tom,“ rief St. Clare ihn zu ſich winkend. Tom trat in das Zimmer, betrachtete wie geblendet die ſammetnen Teppiche und den ihm völlig neuen Glanz von Spiegeln, Gemälden, Statuen und Vor⸗ hängen, und war verlegen, wie die Königin von Saba vor Salomo. Er ſchien zu fürchten, nur den Fuß niederzufetzen. „Sieh, Marie,“ ſagte St. Clare zu ſeiner Gattin,„ich habe Dir endlich einen Kutſcher gekauft, wie Du ihn wünſchteſt. Ich ſage Dir, er iſt an Schwärze und Nüchternheit eine wahre Leichenbahre und wird Bich fahren wie einen Lei⸗ chenwagen, wenn Du es verlangſt. Erhebe die Augen und ſieh ihn an. Und dann ſage nicht wieder, daß ich nie an Dich denke, wenn ich auf der Reiſe bin.“ Marie erhob den Blick und heftete ihn auf Tom ohne außzuſtehen. „Ich bin überzeugt, daß er ſich auch betrinken wird,“ ſagte ſie. „Nein, er iſt mir als frommer und nüchterner Menſch empfohlen.“ 118 „Nun, ich will hoffen, daß er gut einſchlägt,“ antwortete die Dame,„ob⸗ gleich ich nicht viel Hoffnung habe.“ „Dolph,“ ſagte St. Clare,„führe Tom in die Küche und vergiß nicht, was ich Dir geſagt habe.“ 60 5 trippelte graziös herbei und Tom folgte ihm mit ſchwerfälligen ritten. „Er iſt ein wahres Nilpferd,“ ſagte Marie. „Nun, Marie,“ ſprach St. Clare, indem er ſich auf einen Stuhl neben ihrem Sophg ſetzte,„ſei freundlich und erzähle mir etwas.“ „Du biſt vierzehn Tage länger fortgeweſen, als Du verſprochen haſt,“ antwortete die Dame ſchmollend. „Du weißt ja, daß ich Dir den Grund geſchrieben habe.“ „Ja, in einem kurzen, kalten Briefe.“ „Mein Gott, die Poſt ging eben ab und ich mußte daher entweder ſo oder gar nicht ſchreiben.“ „So geht es immer,“ erwiderte die Dame,„Du haſt immer einen Grund, um Deine Reiſen lang und Deine Briefe kurz zu machen.“ „Sieh,“ entgegnete er, indem er ein elegantes Sammetetui aus der Taſche nahm; hier iſt ein Geſchenk, das ich Dir von New⸗York mitge⸗ bracht habe.“ Es war ein Daguerreotyp, fein und zart wie ein Kupferſtich, welches Eva und ihren Vater neben einander ſitzend darſtellte. Marie betrachtete es mit unzufriedener Miene. hat Dich bewogen, eine ſo unſchöne Stellung anzunehmen?“ ragte ſie. Stellung iſt Geſchmackſache; aber was meinſt Du zu der Aehn⸗ „Wenn Du in dem einen Punkte keinen Werth auf meine Anſicht legſt, ſo wirſt Du es in dem andern wohl auch nicht thun,“entgegnete die Dame, indem ſie das Etui ſchloß. „Zum Henker mit dem Weibe!“ dachte St. Clare bei ſich, fügte aber laut hinzu:„Nun ſag, Marie, wie gefällt Dir die Aehnlichkeit? Sei vernünftig, Kind.“ „Es iſt ſehr rückſichtslos von Dir, St. Clare, noch immer darauf zu be⸗ ſtehen, daß ich ſprechen und Dinge anſehen ſoll. Du weißt, daß ich den ganzen Tag auf dem Sopha gelegen und Kopfſchmerzen gehabt habe, und ſeit Deiner Ankunft herrſcht hier ein ſolcher Lärm, daß ich halb todt bin.“ „Sie leiden an Kopfweh, Madam?“ fragte Miß Ophelia, indem ſie ſich plötzlich aus den Tiefen des großen Lehnſtuhls erhob, in welchem ſie bis jetzt im Stillen ein Inventar der Möbel aufgenommen und deren Koſten berechnet hatte. „Ja, ſie machen mich zu einer wahren Märtyrin,“ antwortete die Dame. „Wachholderbeerthee iſt gut gegen Kopſſchmerzen,“ bemerkte Ophelia, „wenigſtens hat es Auguſte, die Frau des Diakonus Abraham Perch immer geſagt, und ſie war eine erfahrene Hausfrau.“ „Ich werde die erſten Wachholderbeeren die in unſerm Garten am See reif werden, zu dem Zwecke holen laſſen,“ ſagte St. Clare, indem er gravitätiſch ſchellte.„Aber, Couſine, Du wirſt Dich nach Deinem Zimmer ſehnen, um Dich ein wenig von der Reiſe zu erholen. Dolph,“ fügte er hinzu,„ſage Mammy, vaß ſie herkommen ſoll.“ Die Mulattin, welche Cva ſo herzlich geliebkoſtt hatte, trat bald darauf —— 119 ein. Sie war ſauber gekleidet und trug einen hohen, rothen und gelben Tur⸗ ban, den ihr Eva eben erſt geſchenkt und ſelbſt auf dem Kopfe arrangirt hatte. „Mammy,“ ſagte St. Clare,„ich ſtelle dieſe Dame unter Deine Obhut, ſie iſt müde und ſehnt ſich nach Ruhe. Führe ſie in ihr Zimmer und ſorge dafür, daß es ihr an nichts fehlt.“ Miß Ophelia verſchwand mit Mammy. 16. Tom's Gebieterin und ihre Anſichten. „Nun Marie,“ ſagte St. Clare,„jetzt gehen Deine goldenen Tage an. Ich habe Dir unſere praktiſche, thätige Coufine aus Neu⸗England mitgebracht, die Dir Dein ganzes Sorgenbudget von den Schultern nehmen und Dir Zeit laſſen wird, Dich zu pflegen und wieder jung und hübſch zu werden. Die Ceremonie der Schlüſſelübergabe könnte am beſten ſogleich geſchehen.“ Dieſe Bemerkung wurde einige Tage nach Ophelia's Ankunft am Früh⸗ ſtückstiſche gemacht. „Mir iſt es ganz recht,“ ſagte Marie, indem ſie ſchmachtend den Kopf auf die Hand ſtützte.„Ich glaube, ſie wird bald zu der Ueberzeugung gelangen. daß wir Herrinnen hier die eigentlichen Sklavinnen ſind.“ „Gewiß wird ſie das entdecken und ohne Zweifel außerdem noch eine ganze Menge heilſamer Wahrheiten,“ erwiderte St. Clare. „Sage mir Niemand, daß wir uns unſerer Bequemlichkeit wegen Sklaven halten!“ ſagte Marie.„Wenn wir Dieſe zu Rathe zögen, ſo würden wir ſie ohne Weiteres Alle fortſchicken.“ Evangeline heftete ihre großen blauen Augen mit einem Ausdruck von Er⸗ ſtaunen auf ihre Mutter und fragte ſie: „Wozu hältſt Du ſie, Mama?“ „Ich weiß es wahrhaftig nicht; ſie ſind nur zu meinem Aerger da, ſie ſind die Marter meines Lebens. Ich glaube, daß ſie mehr als irgend etwas Anderes an meinen Leiden und Krankheiten Schuld ſind, ich weiß, daß gerade wir die Schlimmſten haben, mit denen jemals ein Menſch geplagt worden iſt.“ „Marie, Du biſt heute wieder einmal übler Laune,“ ſagte St. Clare.„Du weißt recht gut, daß es nicht ſo iſt. Nimm einmal Mammy anz ſie iſt das beſte Geſchöpf von der Welt— was könnteſt Du ohne ſie anfangen?“ „Mammy iſt allerdings noch die Beſte, die ich je gekannt habe,“entgegnete Marie,„und doch iſt auch ſie ſelbſtſüchtig— entſetzlich ſelbſtſüchtig. Es iſt der Fehler der ganzen Race.“ „Die Selbſiſucht iſt in der That ein großer Fehler,“ meinte St. Clare. „„Um alſo wieder auf Mammy zurückzukommen,“fuhr Marie fort,„ſo halte ich es für ſelbſtſüchtig von ihr des Nachts ſo feſt zu ſchlafen; ſie weiß, daß ich, wenn meine ſchlimmſten Anfälle kommen, faſt allſtündlich kleiner Dienſte bedarf, und doch iſt ſie ſo ſchwer zu wecken. Ich bin heute Morgen in Folge der Anſtren⸗ gungen, die es mir gekoſtet hat, ſie vergangene Nacht munter zu machen, noch unwohler als gewöhnlich.“ „Hat ſie nicht in der letzten Zeit viele Nächte bei Dir gewacht, Mama?“ fragte Eva. „Woher weißt Du das? fragte Marie unſanft;„ſie hat ſich wohl gegen Dich beklagt?“ „Nein, Mama, ſie hat mir nur geſagt, daß Du ſchlimme Nächte gehabt haſt— und ſo viele hintereinander.“ „Warum läßt Du nicht Jane oder Roſa auf ein Paar Nächte ihre Stelle einnehmen, damit ſie ausruhen kann?“ fragte St. Clare. „Wie kannſt Du mir nur einen ſolchen Vorſchlag machen!“ antwortete Marie.„St. Clare, Du biſt wirklich rückſichtslos! Bei meiner Nerven⸗ ſchwäche weckt mich der geringſte Hauch, und eine fremde Hand in meiner Nähe würde mich geradezu wahnſinnig machen. Wenn Mammy die gehörige Theil⸗ nahme für mich fühlte, ſo würde ſie leichter erwachen— ich habe von Leuten ge⸗ hört, die ſo ergebene Diener hatten, ich aber“ ſetzte Marie ſeufzend hinzu,„bin noch nie ſo glücklich geweſen.“ Miß Ophelia hatte dieſes Geſpräch mit beobachtendem Ernſte angehört und ſchwieg noch immer ſtill, als hätte ſie ſich vorgenommen, über ihre age und Stellung erſt völlige Gewißheit zu erlangen, ehe ſie an dem Geſpräch Theil nahm. „Mammy hat allerdings viel Gutes,“ fuhr Marie fort.„Sie iſt ſtill und ehrerbietig, aber im Herzen iſt ſie ſelbſtſüchtig. Die Klagen wegen ihres Mannes hören nie auf. Als ich mich verheirathete und hierher zog, mußte ich ſie natürlich mitnehmen, und mein Vater konnte ihren Mann nicht entbehren. Er war Schmied und daher ſehr nothwendig; ich dachte und ſagte damals ſo⸗ leich, daß Mammy und er am beſten thun würden, einander aufzugeben, da e ſchwerlich je wieder zuſammen leben könnten. Ich wollte, ich hätte damals darauf beſtanden und Mammy an einen Andern verheirathet, aber ich war thö⸗ richt und nachſichtig und beſtand nicht darauf. Ich ſagte Mammy damals, daß ſie nicht erwarten könne, ihn in ihrem Leben mehr als noch ein⸗ bis zwei⸗ mal zu ſehen, denn die Luft auf dem Gute meines Vaters iſt meiner Geſundheit nicht zuträglich, und ich kann daher nicht nach Hauſe reiſen. Ich rieth ihr da⸗ mals, ſie poll⸗ ſich einen andern Mann wählen; aber, nein, ſie wollte nicht. Mammy beſitzt in manchen Dingen eine Hartnäckigkeit, welche Niemand ſo an ihr zu bemerken Gelegenheit hat wie ich.“ „Hat ſie Kinder?“ fragte Ophelia. „Ja, Zwei.“ „Die Trennung von ihnen wird ihr wohl auch ſchwer geworden ſein.“ „Ja, ich habe ſie natürlich nicht mithringen können. Es waren kleine ſchmutzige Dinger, die ich nicht um mich haben mochte, und überdies nahmen ſie zu viel von ihrer Zeit in Anſpruch; aber ich glaube, daß Mammy ſeitdem beſtändig deshalb geſchmollt hat. Sie will keinen Andern heirathen, und ich laube wirklich, daß ſie, obgleich ſie weiß, wie nothwendig ſie mir und wie ſna meine Geſundheit iſt, morgen zu ihrem Manne zurücktehren würde, wenn ſie nur dürfte. Ja, ſo egoiſtiſch ſind ſelbſt die beſten unter den Sklaven.“ „Es iſt entſetzlich, wenn man daran denkt,“ ſagte St. Clare trocken. Miß Ophrlia blickte ihn ſcharf an, ſie ſah die Röthe des Aergers und des unterdrückten Unwillens auf ſeinem Geſicht und den ſarkaſtiſch verzogenen Mund, als er ſprach. „Nun, Mammy iſt ſtets ein Liebling von mir geweſen,“ ſagte Marie,„ich wollte nur, daß Ihre Mädchen im Norden einmal ihren Kleiderſchrank ſehen könnten— ſie hat ſeidene und Mouſſelinkleider und ſogar eines von echtem Leinenbattiſt. Ich habe mitunter ganze Nachmittage gearbeitet, um ihre Hau⸗ ben zu beſetzen und ſie anzuputzen, wenn ſie in eine Geſellſchaft ging. Schelt⸗ worte kennt fie faſt gar nicht. Sie iſt in ihrem ganzen Leben nicht mehr als ein oder zweimal gepeitſcht worden; ſie hat täglich ihren ſtarken Kaffee oder ihren Thee mit weißem Zucker. Es iſt wahrhaft abſcheulich, aber St. Clare läßt die Dienſtboten nehmen was jle woüen und ſie leben wie es ihnen beliebt. Unſere — 121 Dienerſchaft wird viel zu nachſichtig behandelt. Ich glaube es iſt theilweiſe un⸗ ſere Schuld, daß ſie ſelbſtſüchtig ſind und ſich wie verzogene Kinder benehmen, aber ich habe ſo oft mit St. Clare darüber geſprochen, daß ich endlich deſſen müde geworden bin.“ „Und ich ebenfalls,“ ſagte St. Clare, indem er die Morgenzeitung zur Hand nahm. Cvangeline, die ſchöne Evangeline hatte ihrer Mutter mit dem ihr eigen⸗ thuͤmlichen Ausdrucke ſchwermüthigen Ernſtes zugehört; ſie ging leiſe zu dem Stuhle ihrer Mutter und ſchlang die Arme um ihren Hals. „Nun, Eva, was giebt es wieder?“ fragte Marie. „Mama, könnte ich nicht eine Nacht bei Dir wachen? nur eine einzige? Ich würde Dich nicht wecken und auch nicht ſchlafen. Ich liege des Nachts oft wachend im Bette, wenn ich denke.“ „Thorheit, Kind, Thorheit!“ erwiderte Marie,„Du biſt ein ſonderbares Mädchen.“ „Darfich, Mama? Ich glaube,“ fuhr ſie ſchüchtern fort,„daß Mammy nicht iſt; ſie hat mir geſagt, daß ſie in der letzten Zeit ſo arge Kopfſchmer⸗ en habe.“ , das iſt wieder eine von Mammy's Einbildungen!— ſie iſt gerade ſo wie alle Anderen. Wenn ihr ein wenig der Kopf oder der kleine Finger weh thut, macht ſie gleich ein Aufhebens, als wäre es wunder etwas, und man darf. ſie in dergleichen Ideen nicht beſtärken! Ich habe in ſolchen Dingen feſte Grund⸗ ſätze,“ ſagte ſie zu Miß Ophelia.„Sie werden die Nothwendigkeit davon gewiß einſehen. Wenn Sie die Diener darin beſtärken, ſich von jedem ungngenehmen Gefühle beherrſchen zu laſſen und ſich über jedes unbedeutende Unwohlſein zu beklagen, ſo werden Sie nicht fertig. Ich beklage mich nie— kein Menſch weiß, was ich zu leiden habe; ich fühle, daß es meine Pflicht iſt, im Stillen zu dulden, und ich thue es.“ Miß Ophelia's runde Augen drückten eine unverholene Verwunderung über dieſe Rede aus, welche St. Clare ſo komiſch vorkam, daß er in ein lautes Gelächter ausbrach. „St. Clare lacht ſtets, wenn ich die geringſte Anſpielung auf meine Leiden mache,“ ſagte Marie im Tone einer duldenden Märtyrin.„Ich hoſſe nur, daß nicht bald eine Zeit kommen wird, wo er es bereut!“ Und Marie hielt ihr Taſchentuch vor die Augen. Natürlich trat jetzt eine ziemlich drückende Stille ein. Endlich ſtand St. Clare auf, ſah nach der Uhr und ſagte, daß er in der Stadt zu thun habe. Eva entfernte ſich nach ihm, und Miß Ophelia und Marie blieben allein am Tiſche. „Das ſieht St. Clare ganz ähnlich,“ ſagte die Letztere, indem ſie ihr Taſchen⸗ tuch mit einer ziemlich heftigen Bewegung vom Geſicht nahm, ſobald der Ge⸗ fühlloſe, welcher durch deſſen Anblick gerührt werden ſollte, nicht mehr ſichtbar war.„Er erkennt nie und wird nie erkennen, was ich ſchon ſeit Jahren leide. Wenn ich zu den Leuten gehörte, die ſich beſtändig über ihre Leiden beklagen, ſo würde vielleicht ein Grund dazu da ſein. Die Männer werden natürlicher Weiſe der ewig jammernden Frauen müde; aber ich habe Alles für mich behalten und ſ im Stillen geduldet und gelitten, daß St. Clare denkt, ich könne Alles ertragen.“ Miß Ophelia wußte nicht recht, was ſie hierauf antworten ſollte. Wiährend ſie noch nachdachte, was ſie ſagen könne, trocknete Marie allmälig die Thränen aus den Augen und glättete ihr Gefieder wie etwa eine Taube nach einem Regenſchauer. Dann begann ſie mit Miß Ophelia ein wirthſchaftliches 122 Geſpräch über Geſchirrſchränke, Wäſchſchränke, Vorrathskammern und andere Dinge, über welche die Letztere mit allgemeiner Zuſtimmung die Aufſicht über⸗ nehmen ſollte, und gab ihr ſo viele Winke, Anweiſungen und Aufträge, daß ein weniger praktiſcher und geſchäftskundiger Kopf, wie der der Miß Ophelia von einem Schwindel ergriffen worden wäre. „Und nun,“ ſchloß Marie,„glaube ich Ihnen Alles geſagt zu haben, ſo daß Sie, wenn mein nächſter Krankheitsanfall eintritt, im Stande ſein werden, die Wirthſchaft ganz allein, ohne mich zu Rathe zu ziehen, zu leiten. Nur noch Eins— Cva— ſie bedarf der Aufficht.“ „Sie ſcheint ein ſehr gutes Kind zu ſein,“ ſagte Miß Ophelia,„ich habe nie ein beſſeres Kind geſehen.“ „Eva iſt ſonderbar— ſehr ſonderbar!“ verſetzte die Mutter;„ſie hat eine Menge Eigenheiten und iſt mir nicht im Mindeſten ähnlich!“ Marie ſeufzte als ob dies eine wahrhaft traurige Betrachtung ſei. Miß Ophelia dachte in ihrem Herzen:„Ich hoffe, daß dem ſo iſt!“ war aber vorſichtig genug, um es nicht laut auszuſprechen. „Eva iſt ſtets geneigt geweſen es mit der Dienerſchaft zu halten, und ich daß das bei manchen Kindern auch nichts ſchadet. Ich habeſtets mit den kleinen Negern meines Vaters geſpielt und es hat mir nie Schaden gethan;z aber Eva ſcheint ſich ganz auf gleiche Stufe mit jedem Geſchöpf zu ſtellen, das in ihre Nähe kommt. Es iſt ein eigenſinniges Kind, und ich bin nicht im Stande, es ihr abzugewöhnen. St. Clare beſtärkt ſie übrigens noch darin. Ueberhaupt nimmt Sit K auf jedes Weſen unter ſeinem Dache mehr Rückſicht als auf ſeine gene Frau.“ Miß Ophelia ſchwieg abermals, da ſie nicht wußte, was ſie ſagen ſollte. „Mit den Dienſtboten läßt ſich auf andere Weiſe nicht auskommen,“ fuhr Marie fort,„als daß man ſie gehörig darnieder hält. Mir iſt das von klein auf zur zweiten Natur geweſen. Eva könnte ein ganzes Haus verziehen. Was ſie thun wird, wenn ſie einmal ſo weit kommt, ein eignes Haus zu regieren, weiß ich wahrhaftig nicht. Ich halte dafür, daß man freundlich gegen die Dienſt⸗ boten ſein muß, und ich bin es ſtets, aber man muß ſie ihre Stellungfühlen laſſen. Eva thut das nie, aber man kann dem Mädchen nie auch nur den An⸗ fang einer Idee über die gebührende Stellung der Dienerſchaft in den Kopf bringen! Sie haben ſelbſt gehört, wie ſie ſich erbot, des Nachts bei mir zu wachen, damit Mammy ſchlafen könne. Das iſt ein gutes Pröbchen von dem, was das Kind jeden Augenblick thun würde, wenn man es ſich ſelbſt überließe.“ „Nun,“ ſagte Miß Ophelia gerade heraus,„Sie halten doch Ihre Dienſt⸗ leute auch für menſchliche Seſchöpß„die, wenn ſie müde ſind, ausruhen wollen?“ „Allerdings thue ich das. Ich ſehe ganz beſonders darauf, daß ſie Alles erhalten, was ihnen zukommt— Alles, was Einem nicht ſelbſt unbequemlich⸗ keiten macht. Mammh kann ihren Schlaf ſchon noch auf die eine oder andere Art nachholen; damit hat es gar keine Schwierigkeit; aber ſie iſt die ſchläfrigſie Perſon, die ich je geſehen habe, mag ſie nähen oder ſtehen oder ſitzen, ſie ſchkäſt ein undſſchläft, und ſchläft überall wo man ſie ſieht. Es iſt aber wahrhaft lächerlich, die Dienſtboten zu behandeln, als ob ſie exotiſche Blumen oder Tro⸗ pengewächſe wären!“ rief Marie, indem ſie ſich in die Tiefen eines geräumigen gepolſterten Sophas verſenkte und eine elegante Vinaigrette von geſchlif⸗ enem Glas zur Hand nahm. „Sehen Sie,“ fuhr ſie mit ſchwacher, dem letzten Hauche eines arabiſchen Jasmins oder etwas eben ſo Aetheriſchem gleichender Stimme fort,„ſehen Sie, Couſine Ophelia, ich ſpreche nicht oft von mir ſelbſt, es iſt nicht meine Ge⸗ . 123 wohnheit, ich thue es nicht gern. Ich habe überhaupt nicht die Kraft dazu; aber es giebt Punkte, über die St. Clare und ich verſchiedener Meinung find. Mein Mann hat mich nie verſtanden, mich nie nach meinem Werthe geſchätzt, und ich bin überzeugt, daß dies der Grund aller meiner Leiden und Krank⸗ heiten iſt. Ich will zwar glauben, daß er es gut meint; aber die Männer ſind egviſtiſch und tucſichtelo⸗ gegen die Frauen. Das iſt wenigſtens meine einung.“ Wiz Ophelia, die eine nicht geringe Doſis von der neuengliſchen Vorſicht und einen ganz beſonderen Abſcheu gegen die Einmiſchung in Familienſtreitig⸗ keiten beſaß, begann jetzt vorauszuſehen, daß ihr etwas Derartiges drohe. Sie legte daher ihr Geſicht in die Falten der ſtrengſten Neutralität, nahm einen ge⸗ gen drei Fuß langen Strumpf aus der Taſche und begann eifrig zu ſtricken, während ſie ihre Lippen auf eine Weiſe zuſammenpreßte, die, ſo deutlich es Worte nur immer vermochten, zu ſagen ſchien: Gieb Dir keine Mühe, mich zum Reden zu bringen, ich mag mit Deinen Angelegenheiten nichts zu thun ha⸗ ben— kurz ſie ſah ungefähr ſo theilnehmend aus wie ein ſteinerner Löwe. Dar⸗ aus machte ſich Marie jedoch nichts. Sie hatte eine Perſon gefunden, gegen die ſie ſich ausſprechen konnte, ſie hielt es für ihre Pflicht, ihre Anſichten zu äußern, und dies genügte ihr. Sie ſtärkte ſich daher durch abermaliges Riechen an ihrem Flacon und fuhr fort: „Sehen Sie, ich habe mein eignes Vermögen und meine eigne Diener⸗ ſchaft mitgebracht, als ich St. Clare heirathete, und ich bin geſetzlich berechtigt, ſie auf meine eigene Art zu behandeln. St. Clare hat ſein Vermögen und ſeine Diener und ich habe nichts dagegen, daß er ſie nach Belieben behandelt; aber dennoch miſcht er ſich beſtändig in meine Angelegenheiten. Er hat ertravagante Anſichten über manche Dinge und beſonders über die Behandlung der Dienſt⸗ boten. Es iſt wirklich zuweilen, als ob er mich gegen ſeine Dienſtboten zurück⸗ ſetzte und ſich ebenfalls, denn er läßt ſich von ihnen alles Mögliche gefallen, ohne je einen Finger zu erheben. In manchen Dingen zeigt er ſich geradezu un⸗ vernünftig, und ich werde zuweilen irre an ſeinem Verſtande, ſo gutmüthig er auch im Allgemeinen iſt. So beſteht er z. B. darauf, daß in ſeinem Hauſe un⸗ ter keiner Bedingung ein Schlag ertheilt werden ſoll, der nicht von ihm oder mir kommt, und er thut es auf eine Art, daß ich es nicht wage, mich ſeinem Be⸗ fehle zu widerſetzen. Nun können Sie Sich vorſtellen, wozu das fährt, denn St. Clare würde die Hand nicht erheben, wenn auch Alle über ihn hinwegliefen, und ich— Sie ſehen ſelbſt ein, wie grauſam es ſein würde, wenn man die An⸗ ſtrengung von mir verlangte. Nun wiſſen Sie aber, daß die Sklaven nichts als erwachſene Kinder ſind.“ „Davon weiß ich nichts, und danke auch Gott, daß ich essnicht weiß,“ ſagte Miß Ophelia kurz. „Sie werden es ſchon erfahren, und zwar zu Ihrem eignen Schaden, wenn Sie hier bleiben. Sie wiſſen nicht, welch eine abſcheuliche, unvernünftige, kin⸗ diſche, undankbare Bande von Böſewichtern dieſes Volk iſt!“ Marie ſchien, wenn ſie auf dieſen Gegenſtand kam, ſtets wunderbar kräftig S ſie öffnete jetzt die Augen und ſchien ihre Mattigkeit gänzlich zu vergeſſen. „Sie wiſſen nicht, und können es nicht wiſſen, welche Prüfungen eine Hausfrau täglich und ſtündlich überall und auf jede mögliche Weiſe durch ſie erleiden muß. Es nutzt aber nichts, wenn man ſich auch gegen St. Clare be⸗ klagt. Er ſchwatzt das ſonderbarſte Zeug, er ſagt, daß wir ſie zu dem gemacht hätten, was ſie ſind, und daß uns die Pflicht obliege, mit ihnen Nachſicht zu 124 haben. Er ſagt, daß wir ganz allein die Schuld an ihren Fehlern trügen und daß es grauſam ſein würde, das Uebel zu beſtrafen, nachdem man es ſelbſt her⸗ vorgerufen hat. Er meint ſogar, daß wir es an ihrer Stelle nicht beſſer machen würden, als ob man von ihnen auf uns ſchließen könnte!“ „Glauben Sie nicht, daß der Herr ſie von demſelben Fleiſch und Blut ge⸗ ſchaffen hat wie uns?“ fragte Miß Ophelia. „Nein, gewiß nicht! Das wäre eine ſchöne Sache. Sie ſind eine niedriger ſtehende Race.“ „Glauben Sie nicht, daß ſie unſterbliche Seelen haben?“ fragte Miß Dphelia mit zunehmender Entrüſtung. „O, daran zweifelt gewiß Niemand,“ antwortete Marie gähnend;„aber wenn man ſie gewiſſermaßen an die Seite ſtellt, als ob wir mit ihnen verglichen werden könnten, ſo iſt das lächerlich. St. Clare hat ſich wirklich ſo gegen mich geäußert, als ob der Umſtand, daß ich Mammy von ihrem Chemanne fern halte, eben ſo ſchlimm wäre, wie wenn ich von dem Meinen ſern gehalten würde. Das iſt doch gewiß etwas ganz Anderes, und dennoch thut St. Clare, als ob er es nicht einſähe. Als ob Mammy ihre kleinen ſchmutzigen Rangen eben ſo lieb ha⸗ ben könnte, wie ich meine Eva! Ja, St. Clare hat mich einmal im vollen Ernſte zu überreden geſucht, daß es trotz meiner ſchwankenden Geſundheit und Allem, was ich leide, meine Pflicht ſei, Mammy nach Hauſe gehen zu laſſen und an ihrer Stelle eine Andere zu nehmen. Das war aber ſelbſt mir denn doch etwas zu arg. Ich äußere meine Gefühle nicht oft, denn ich habe es mir zum Grundſatze ge⸗ macht, Alles in der Stille zu ertragen; es iſt das harte Lvos eines Weibes und ich unterwerfe mich demſelben. Damals aber habe ich ihm ſo entſchieden meine Meinung geſagt, daß er dieſen Gegenſtand nie wieder erwähnt hat. Ich ſehe je⸗ doch aus ſeinen Blicken und aus einzelnen Bemerkungen, die er zuweilen äußert, daß er noch eben ſo darüber denkt, und das iſt ſehr ärgerlich.“ Miß Ophelia ſah ganz ſo aus, als ob ſie fürchtete, daß ſie etwas ſagen würde, aber ſie klapperte mit ihren Nadeln auf eine Weiſe, welche mehr als viele Bände ſprach, wenn ſie Marie nur hätte verſtehen können. „Sie ſehen alſo, was Sie zu verwalten haben,“ fuhr Letztere fort,„eine Haushaltung ohne Ordnung und Regel, wo die Dienerſchaft ganz nach Belie⸗ ben ſchaltet und waltet und nimmt was ſie will, außer inſoweit als ich bei meiner ſchwachen Geſundheit Strenge geübt habe. Ich habe immer den Stock in der Hand undlaſſe ihn auch zuweilen niederfallen; aber die Anſtrengung iſt ſtets für mich zu groß. Wenn St. Clare es nur ſo einrichten wollte, wie es Andere machen—“ „Und wie iſt das?“ „Nun, ſie ſchicken ſie nach der Kalabuſa oder nach irgend einem andern Orte um ſie auspeitſchen zu laſſen. Das iſt der einzige richtige Weg. Wenn ich nicht ein ſo kränkliches, ſchwaches Geſchöpf wäre, glaube ich, daß ich das Scepter mit doppelt ſo großer Energie führen würde, wie St. Clare.“ „Und wie macht es St. Clare?“ fragte Ophelia.„Sie ſagen, daß er nie einen Schlag gebe.“ „Nun, die Männer haben ein gebieteriſches Weſen, wiſſen Sie— es iſt für fie leichter. Und überdies haben Sie ihm jemals gerade in's Auge geblickt? Es kegt etwas Eigenthümliches in ſeinem Auge— und wenn er entſchieden ſpricht, ſo ſchleudert es gleichſam Blitze. Ich fürchte mich ſelbſt davor, und die Diener wiſſen, daß ſie dann gehorchen müſſen. Ich könnte mit Stürmen und Schelten nicht ſo viel ausrichten wie St. Clare mit einem einzigen Blicke, wenn er einmal Ernſt macht. Wenn Sie erſt das Regiment führen, werden Sie finden, daß man — —, —,—— 125 ohne Strenge nicht durchkommen kann; die Leute ſind zu ſchlecht, zu lügneriſch, u träge!“ „Dae alte Lied!“ ſagte St. Clare, der in dieſem Augenblicke eintrat. „Welch eine ſurchtbare Rechenſchaft dieſe ſündhaften Geſchöpfe einmal werden ablegen müſſen, beſonders wegen ihrer Trägheit! Siehſt Du, Couſine,“ fuhr er fort, indem er ſich der Länge nach Marien gegenüber auf ein Sopha warf,„es iſt bei dem Beiſpiele, das ich und Marie ihnen geben, ganz unverzeihlich von ihnen, daß ſie ſo träge ſind!“ „O, St. Clare, Du treibſt es zu ſchlimm!“ rief Marie. „Wirklich? ei, ich dachte gerade, daß ich ganz nach Deinem Wunſche ge⸗ ſprochen hätte. Ich bemühe mich ſtets, Dir beizuſtimmen.“ „Du weißt recht gut, daß Du es nicht ſo gemeint haſt,“ erwiderte Marie. „Dann muß ich mich geirrt haben. Ich danke Dir, meine Liebe, daß Du mich zurechtgewieſen haſt.“ „Du legſt es wirklich darauf an, mich zu ärgern,“ ſagte Marie. „Na, laß es gut ſein, Marie, der Tag fängt an heiß zu werden und ich habe eben einen langen Streit mit Dolph gehabt, der mich ungemein ermüdet hat. Bitte, ſei gut und laß mich im Schatten Deines Lächelns ruhen.“ „Was haſt Du wieder mit Dolph gehabt?“ fragte Marie.„Die Unver⸗ ſchämtheit dieſes Burſchen iſt bis auf einen wahrhaft unerträglichen Grad ge⸗ ſtiegen. Ich wollte nur, daß ich ihn eine Zeitlang unter meiner Zuchtruthe hätte, ich würde ihn ſchon mürbe machen.“ „Was Du da ſagſt, meine Liebe, beweiſt Deinen gewohnten Scharfſinn und Verſtand,“ ſagte St. Clare.„Was Dolph betrifft, ſo hat er ſo lange meine Vollkommenheiten nachgeahmt, daß er ſich jetzt wirklich für einen großen Herrn hält, und ich habe ihn ein wenig über ſeinen Irrthum aufgeklärt.“ „Wie?“ fragte Marie. „Nun, ich war genöthigt, ihm deutlich zu venſcer zu geben, daß ich es vorziehe, einige von meinen Kleidern für meinen Perſönlichen Gebrauch zu behalten; dann habe ich Se. Herrlichkeit auf eine beſtimmte Quantität kol⸗ niſchen Waſſers reducirt und war ſogar ſo grauſam, ihn auf ein Dutzend meiner Batiſttaſchentücher zu beſchränken. Dolph war darüber äußerſt ungehalten, und ich mußte ihm väterlich zureden, um ihn wieder zu beſchwichtigen.“ „O, St. Clare, wann wirſt Du nur Deine Diener richtig behandeln ler⸗ nen? Es iſt abſcheulich, wie Du ſie verziehſt!“ rief Marie. „Was iſt denn Böſes dabei, daß der arme Teufel ſeinem Herrn ähnlich zu werden wünſcht? Und wenn ich ihn zu nichts Beſſerem erzogen habe, als ſein Glück in kölniſchem Waſſer und Batiſttaſchentüchern zu finden, ſo ſehe ich auch nicht ein, weshalb ich ihm dieſe Dinge nicht gewähren ſollte!“ „Und warum haſt Du ihn nicht beſſer erzogen?“ fragte Miß Ophelia, die ſich plötzlich entſchloſſen hatte, ihr Stillſchweigen zu brechen. „Es hätte zu viel Mühe gekoſtet. Die Trägheit, Coufine, die Trägheit! die ſtürzt mehr Seelen in's Verderben als Du glaubſt. Wenn die Trägheit nicht wäre, würde ich ſelbſt ein wahrer Engel geworden ſein.“ „Ich bin der Meinung, daß Ihr Sklavenbeſitzer eine furchtbare Verant⸗ wortlichkeit habt,“ ſagte Miß Ophelia.„Ich möchte ſie um Alles in der Welt nicht haben. Es liegt Euch ob, Eure Sklaven zu erziehen und ſie wie vernünf⸗ tige Weſen, wie unſterbliche Weſen, mit denen Ihr dereinſt vor den Richterſtuhl Gottes treten müßt, zu behandeln. Das iſt meine Anſicht darüber,“ ſetzte die gute Dame mit einem Eifer hinzu, welcher ſich ſeit dem Morgen in ihrem Geiſte angeſammelt hatte. 126 „O, was weißt Du davon!“ rief St. Clare, indem er ſchnell aufſtand und ſich an's Klavier ſetzte wo er ein heiteres Muſikſtück zu ſpielen begann.. St. Clare beſaß entſchiedenes Talent zur Muſik. Sein Anſchlag war glänzend und feſt und ſeine Finger flogen mit pfeilſchneller Geläufigkeit über die Taſten. Er ſpielte ein Stück nach dem andern als wollte er ſich ſelbſt in ute Laune ſpielen. Nachdem er die Noten wieder bei Seite geworfen hatte, ſunn er auf und ſagte in heiterm Tone: „Coufine, Du haſt uns eine derbe Predigt gehalten und Deine Pflicht ge⸗ than, und ich denke deshalb nur um ſo beſſer von Dir. Ich bin überzeugt, daß Du einen echten Diamanten der Wahrheit nach mir geworfen haſt; aber ſiehſt Du, er traf mich ſo heftig in's Geſicht, daß ich ihn Anfangs nicht ganz zu ſchaͤtzen wußte.“ „Ich meinestheils ſehe keinen Nutzen von dergleichen Dingen zu ſprechen, ſagte Marie;„ich möchte den kennen, der mehr für ſeine Dienerſchaft thut als wir, und es nützt nicht das Mindeſte— ſie werden im Gegentheil immer ſchlim⸗ mer. Was das Reden mit ihnen oder dergleichen Dinge betrifft, ſo habe ich mich müde und heiſer geſprochen, ihnen ihre Pflichten vorgeſtellt, u. ſ. w., und meinetwegen können ſie in die Kirche gehen, wenn ſie wollen, obgleich ſie von der Predigt nicht mehr verſtehen als ein Thier. Das Kirchengehen iſt für ſie alſo, wie ich ſehe, auch von keinem Nutzen; doch ſie gehen hin und haben daher jede mögliche Gelegenheit. Aber wie geſagt, ſie ſind eine gemeine Race und wer⸗ den es ſtets ſein; ſie laſſen ſich nicht ändern, man kann nichts aus ihnen machen, wenn man ſich auch noch ſo viel Mühe giebt. Sehen Sie, Couſine Ophelia, ich habe es verſucht und ſie nicht geändert. Ich bin unter ihnen geboren und er⸗ Shoi 5 ſt ſ eiß Ophelia glaubte genug eſagt zu hahnn und ſie ſchwieg deshalb; St Clare pfiff ſich ein Liedchen. m „Bitte, lieber Mann, pfeife nicht! es macht meine Kopfſchmerzen ärger,“ ſagte Marie. „Ich werde aufhören,“ erwiderte St. Clare.„Giebt es ſonſt noch etwas, von dem Du wünſcheſt, daß ich es nicht thun ſoll?“ „Ich wünſchte, daß Du einige Theilnahme für meine Leiden empfändeſt; Du haſt nie Gefühl für mich.“ „Du holder anklagender Engel!“ rief St. Clare. „Eine ſchmeichelhafte Bezeichnung!“ „Wie willſt Du denn angeredet ſein? Ich werde ſprechen, wie Du es be⸗ iehit ſage mir nur, wie Du es wünſcheſt, ich beſtrebe mich ſtets Dich zufrieden zu ſtellen.“ Ein heiteres Gelächter ertönte hinter den ſeidenen Vorhängen der Veranda ii Hofe. St. Clare trat hinaus, ſchlug die Gardine zurück und lachte ebenfalls. „Was giebt es?“ fragte Miß Ophelia an das Geländer kommend. Auf einer kleinen Raſenban im Hofe ſaß Tom; in allen Knopflöchern hatte er Jasminblüthen, Gva hing ihm fröhlich lachend einen Roſenkranz um den Hals, und dann ſetzte ſie ſich immer noch lachend gleich einem Sperling auf ſeinen Schvoß. D Tom, wie komiſch Du ausſiehſt!“ Tom lächelte gutmüthig und ſchien im Stillen eben ſo viel Spaß an der Sache zu finden wie ſeine kleine Herrin. Als er ſeinen Herrn herankommen ſah blickte er ihn mit einem um Verzeihung bittenden Ausdrucke an. „Wie kannſt Du ſie ſo etwas thun laſſen?“ rief Miß Ophelia. 127 „Warum denn nicht?“ entgegnete St. Clare. „Ich weiß nicht, aber es ſcheint mir unpaſſend zu ſein.“ „Du würdeſt nichts Böſes daran ſehen, wenn ein Kind einen großen Hund liebkoſte, ſelbſt wenn er ſchwarz wäre, aber vor einem Geſchöpf, das denken, ur⸗ theilen und fühlen kann, und unſterblich iſt, ſchaudert Dir! Geſtehe es nur, Couſine. Ich kenne das Gefühl wohl, das unter einer großen Zahl von Euch Bewohnern des Nordens vorherrſchend iſt. Es liegt zwar kein Fünkchen Tu⸗ end darin, daß wir es nicht haben, aber bei uns thut die Gewohnheit, was das hriſtenthum thun ſollte; ſie verwiſcht das Vorurtheil. Ich habe oft auf meinen Reiſen im Norden bemerkt, um wie viel ſtärker es bei Euch iſt als bei uns. Ihr ekelt Euch vor den Sklaven wie vor einer Schlange oder einer Kröte, und doch ſeid Ihr über das ihnen widerfahrende Unrecht entrüſtet. Ihr möchtet ſie nicht mißhandeln ſehen, aber Ihr wollt auch ſelbſt nichts mit ihnen zu thun haben. Ihr möchtet ſie nach Afrika ſchicken, damit Ihr ſie nicht mehr ſeht und riecht, und dann ein paar Miſſionaire nachſenden, welche die Selbſtverleugnung hätten, ſie oberflächlich zu erziehen. Iſt es nicht ſo?“ „Ich glaube Vetter,“ ſzie Miß Ophelia nachdenklich,„daß Du nicht ſo ganz Unrecht haſt?“ „Was würden die Armen und Geringen ohne Kinder anfangen?“ fuhr St. Clare fort, indem er ſich auf das Geländer ſetzte und Eva beobachtete, als ſie an Tom's Hand hinwegtrippelte.„Ein kleines Kind iſt der einzig wahre Demokrat. Tom z. B. iſt für Eva ein Held; ſeine Geſchichten ſind in ihren Augen Wunder; ſin⸗ Lieder und methodiſtiſchen Hymnen klingen ihr ſchöner als eine Oper, die kleinen Tändeleien in ſeiner Taſche find für ſte ein Juwelen⸗ bergwerk und er der wunderbarſte Tom, der je eine ſchwarze Haut getragen hat. Das iſt eine Roſe aus Eden, er Herr ausdrücklich für die Armen und Ge⸗ ringen, welche ſo wenig andere finden, herabgeſendet hat.“ „Sonderbar, Vetter,“ ſagte Miß Ophelig,„man könnte, wenn man Dich reden hört, faſt glauben, Du wäreſt ein Profeſſor.“ „Ein Profeſſor?“ rief St. Clare. „Ja, ein Profeſſor der Gottesgelahrtheit.“ „Keineswegs, ich bin kein Profeſſor und fürchte leider auch, daß ich nicht ſo handle wie ich ſpreche.“ „Warum ſprichſt Du denn ſo?“ „Es giebt nichts leichteres als das Sprechen,“ erwiderte St. Clare.„Wenn ich nicht irre, ſagt Shakſpeare irgendwo einmal: Ich könnte eher zwanzig Men⸗ ſchen lehren wie ſie handeln ſollen, als einer von den Zwanzigen ſein und meine eigenen Lehren befolgen.— Uebrigens iſt nichts zweckmäßiger als die Theilung der Arbeit: meine Hauptſtärke iſt das Wort, die Deinige, Couſine, iſt die That.“ Tom konnte ſich jetzt, wie man zu ſagen pflegt, über ſeine zußere Lage nicht beklagen. Die kleine Gva war durch ihre Zuneigung zu ihm— die inſtinktartige Dankbarkeit eines edeln Herzens— veranlaßt worden, ihren Vater zu bitten, daß er ihn ihr zum ſteten Begleiter gab, wenn ſie der Eskorte eines Dieners auf ihren Ausgängen oder Spazierritten bedurfte; Tom erhielt demnach ein für allemal den Befehl alles Andere liegen zu laſſen und Miß Eva zu begleiten, wenn ſie nach ihm verlangte, ein Befehl, welcher, wie ſich unſere Leſer leicht denken werden, für ihn kein unangenehmer war. Er wurde gut gekleidet, denn St. Clare war in dieſer Beziehung ſehr eigen. Sein Stalldienſt war eine bloße Sinecure und beſtand einfach in der täglichen Beaufſichtigung und Unterweiſung eines unteren Dieners in ſeinen Pflichten, denn Marie St. Clare behauptete, daß ſie den Pferdegeruch nicht haben möchte, wenn er ihr zu nahe kam, und daß er unbedingt zu keinem Dienſt verwendet werden dürfe, welcher ihn ihr unangenehm machen könnte, da ihr Nervenſyſtem für jede Erſchütterung dieſer Art viel zu ſchwach ſei. Eine einzige Naſe voll eines irgend unangenehmen Geruches war ihrer Ausſage nach völlig hinreichend, um die Scene zu ſchließen und allen ihren irdiſchen Prüfungen für immer ein Ende zu machen. Tom fah daher in ſeinem ſauberen Tuchanzuge, ſeinem glatten Kaſtorhut, ſeinen glänzenden Stiefeln, ſchneeweißen Manſchetten und eben ſolchen Hemdkragen und ſeinem ernſthaften, gutmüthigen ſchwarzen Geſicht reſpektabel genug für einen Biſchof von Karthago aus, wie es die Leute ſeiner Farbe in frühern Zeiten waren. Ferner wohnte er in einem ſchönen Hauſe, ein Umſtand, gegen den ſeine Race nie gleichgültig iſt, und er genoß mit ruhiger Freude die Vögel, Blumen, Springbrunnen, Düfte und das Licht und die Schönheit des Hofes, die ſeidenen Tapeten und Gemälde, die Kronleuchter, Statuetten und Vergoldungen, die die Zimmer des Hauſes für ihn zu einer Art von Alladinpalaſt machten. Wenn Afrika je ein erhabenes und eultivirtes Geſchlecht hervorbringen — ſpollte— und kommen muß die Zeit, wo auch dieſer Welttheil in dem großen Neigung, ſich höherem Urtheile zu fügen u Drama menſchlicher Verbeſſerungen eine Rolle ſpielt— ſo wird das Leben dort eine Pracht und einen Glanzentwickeln, von demunſerekalten weſtlichen Stämme kaum einen Begriff haben. In dieſem fernen myſtiſchen Lande des Goldes und der Edelſteine, der Gewürze und wehenden Palmen, der Wunderblumen und einer üppigen Fruchtbarkeit werden neue Formen der Kunſt, neue Arten der Pracht entſtehen; und die Neger, nicht länger verachtet und mit Füßen getreten, werden vielleicht noch die glänzendſten Erſcheinungen des menſchlichen Lebens zeigen. Gewiß werden ſie in ihrer Milde, i Senu ihres Herzens, ihrer höherer Macht zu unterwerfen, ihrer kindlichen Einfalt der Zuneigung, ihrer Bereitwilligkeit zu verzeihen, die höchſte Form des ächt chriſtlichen Lebens erreichen, und vielleicht hat Gott da er die züchtigt, welche er liebt, das arme Afrika in die tiefſte Betrübniß verſenkt, um es zu dem höchſten und edelſten in dem Königreiche zu machen, das er er⸗ richten wird, wenn alle andern Königreiche untergehen; denn die Erſten ſollen die Letzten und die Letzten ſollen die Erſten ſein. War es das, was Marie St. Clare dachte, als ſie eines Sonntags Morgens prachtvoll gekleidet, in der Veranda ſtand und ein Diamantarmband um ihr zartes Handgelenk befeſtigte? Sie war im Seif im vollen Putz— mit Dia⸗ manten, Seide, Spitzen und Juwelen und Allem— nach einkr modiſchen Kirche zu gehen um ſehr religiös zu ſein. Marie machte es ſich ſtels zum Geſetz, den Sonntag ſehr fromm zu verleben. Da ſtand ſie, ſo ſchlank, ſo elegant, ſo luftig und ätheriſch in allen ihren Be⸗ wegungen, von ihrer Spitzenſchärpe wie von einem Nebel umhüllt. Sie war 36 Ausſehen nach ein graziöſes Geſchöpf und hielt ſich auch für ſehr ſchon und elegant. Miß Ophelia ſtand im größten Kontraſt mit ihr an ihrer Seite. Sie hatte ein eben ſo hübſches ſeidenes Kleid, einen eben ſo guten Shawl und ein eben ſo feines Taſchentuch, aber Steifheit und Eckigkeit und eine bolzengerade Haltung gaben ihrer äußeren Erſcheinung einen eben ſo unbeſtimmten, aber doch erkenn⸗ baren Charakter wie die Anmuth ihrer eleganten Nachbarin. „Wo iſt Eva?“ fragte Marie. „Das Kind iſt auf der Treppe ſtehen geblieben um Mammy etwas zu ſagen.“ Was ſagte Eva zu Mammy auf der Treppe? 129 Lauſche Leſer, und Du wirſt es hören, wenn es auch Marie nicht hört. „Gute Mammy, ich weiß, daß Dein Kopf Dir entſetzlich weh thut.“ „Gott ſegne Sie, Miß Eva; ich habe in der That ſeit einiger Zeit beſtän⸗ dig Kopfſchmerz; aber Sie brauchen ſich deshalb nicht zu ängſtigen.“ „Nun, es freut mich, daß Du ausgehſt— hier“— ſetzte das liebe Kind hinzu⸗ indem ſie den Arm um den Nacken der Sklavin legte,„nimm mein iechfläſchchen, Mammy.“ „Wie? Ihr ſchönes goldenes Fläſchchen, mit den Diamanten? Gott, Miß, das würde nicht für mich paſſen.“ „Warum nicht? Du brauchſt es und ich nicht. Die Mama wendet es ſtets hegen Kopfſchmerzen an und es wird Dir wohlthun, wenn Du daran riechſt. ein, Du mußt es nehmen, thue mir den Gefallen.“ „Sie liebes Herzenskind!“ ſagte Mammy, als Eva ihr die Vinaigrette in den Buſen ſchob, worauf ſie ihr einen Kuß gab und dann die Treppe hinab zu ihrer Mutter eilte. „Wo warſt Du denn?“ „Ich bin nur ſtehen geblieben, um Mammy meine Vinaigrette zu geben, damit ſie ſie mit in die Kirche nimmt!“ „Cva!“ rief Marie, unwillig mit dem Fuße ſtampfend,„Du haſt Mammy Deine goldene Vinaigreite gegeben? Wann wirſt Du lernen, was ſich ſchickt! — Gehe ſogleich und ſie wieder.“ Cva ſah niedergeſchlagen und betrübt aus und wendete ſich langſam um. quäle das Kind nicht; ſie ſoll thun, was ihr beliebt,“ ſagte are. „O St. Clare, wie ſoll ſie einmal durch die Welt kommen?“ fragte Marie. „Das weiß Gott,“ erwiderte St. Clare;„aber ſie wird eher in den Him⸗ mel als oder ich.„ tie, apa, ſprich nicht ſo!“ ſagte Eva leiſe, ſeinen Arm berührend;„es betrübt die rrich ⸗ „Nun, Vetter, biſt Du bereit?“ fragte Miß Ophelia, indem ſie ſich nach St. Clare umwendete. „Ich danke Dir, ich gehe nicht!“ „Ich wünſchte wirklich, daß St. Clare einmal in die Kirche ginge,“ ſagte Marie;„aber er hat kein Fünkchen Religion. Es iſt wahrhaftig eine Schande!“ „Ich weiß es!“ ſagte St. Clare.„Ihr Damen geht in die Kirche, wahr⸗ ſcheinlich um zu lernen, wie man durch die Welt kommt, und Eure Frömmigkeit verbreitet Achtbarkeit über uns. Wenn ich überhaupt gehe, ſo würde ich dort⸗ wohin ſich Mammy begiebt. Dort wird man wenigſtens munter er⸗ alten.“ „Was! jene ſchreienden Methodiſten! Entſetzlich!“ rief Marie. „Alles Andere iſt beſſer als das todte Meer Eurer reſpektablen Kirche, Marie; es iſt wirklich zu viel verlangt. Gehſt Du auch mit, Eva? Komm, bleibe zu Hauſe und ſpiele mit mir.“ „Ich danke Dir, Papa, aber ich will in die Kirche gehen.“ „It es nicht entſetzlich langweilig?“ fragte St. Clare. „Es iſt allerdings etwas langweilig;“ erwiderte Eva,„und ich werde dort ſchläfrig; aber ich bemühe mich wach zu bleiben.“ „Wozu gehſt Du dann hin?“ „Nun weißt Du Papa,“ flüſterte ſie ihm zu,„die Couſine hat mir geſagt, daß Gott es von uns verlangt, und da er uns Alles giebt, ſo müſſen wir wohl Onkel Tym's Hütte. 9 130 8 etwas zu Liebe thun. Uebrigens iſt es am Ende auch nicht ſo ſehr angweilig.“ „Du ſüßes, liebes Herzchen!“ ſagte St. Clare, ſie küſſend,„geh nur, geh, mein gutes Kind, und bete für mich.“ „O, das thue ich immer!“ rief Eva, indem ſie ihrer Mutter in den Wagen isiteng St. Clare ſtand auf den Stufen der Freitreppe und warf ihr Kußhändchen zu, als der Wagen fortfuhr. In ſeinen Augen perlten große Thränen. „O, Cvangeline, Du biſt recht benannt;“ ſagte er,„hat Dich nicht Gott zu einem Evangelium für mich gemacht?“ Er gab ſich ſeinen Gefühlen noch einen Augenblick hin, dann rauchte er eine Cigarre, las den Picayune und vergaß ſein kleines Evangelium. War er andern Leuten ſehr unähnlich? „Siehſt Du, Evangeline,“ ſagte ihre Mutter,„es iſt recht und gut, wenn man gegen die Dienſtboten freundlich iſt, aber es iſt unſchicklich, ſie gerade ſo zu behandeln, wie unſere Verwandten oder Leute unſeres Standes Wenn 3. B. Mammy krank wäre, ſo würdeſt Du ſie doch nicht in Dein eignes Bett nehmen wollen?“ „O ja, ſehr gern, Mama,“ antwortete Eva,„denn es würde dann be⸗ quemer ſein, ſie zu pflegen, und übrigens iſt, wie Du weißt, mein Bett beſſer als das ihre.“ Marie war ganz untröſtlich über den völligen Mangel an Einſicht, der ſich in dieſer Antwort kund gab. z„Was kann ich thun, um dieſes Kind dahin zu bringen, daß ſie mich ver⸗ ſteht?“ ſagte ſie. „Nichts!“ erwiderte Miß Ophelia. Cva machte in den erſten Augenblicken eine betrübte Miene, aber Kinder behalten keinen Eindruck lange, und nach wenigen Minuten lachte ſie wieder heiter und ſorglos über verſchiedene Dinge, die ſie unterwegs durch das Kutſch⸗ fenſter wahrnahm. „Nun, meine Damen,“ ſagte St. Clare, als die Familie an der Mittags⸗ tafel ſaß,„was iſt Ihnen heute in der Kirche auſgetiſcht worden?“ „O, Doktor G— hat eine köſtliche Predigt gehalten,“ antwortete Marie; „es war eine Predigt, wie Du ſie einmal hören ſollteſt. Sie drückte alle meine Anſichten vollkommen aus.“ „Dann muß ſie ſehr erbaulich geweſen ſein,“ verſetzte St. Clare.„Der Ge⸗ genſtand iſt ſicher ein ſehr umfaſſender geweſen.“ „Nun ich meine alle meine Anſichten über die Geſellſchaft und dergleichen,“ ſagte Marie.„Der Tert war:„Er hat Alles wohl gemacht zu ſeiner Zeit,“ und der Prediger führte aus, daß alle Stände und Unterſchiede in der Geſellſchaft von Gott kommen, daß es ſo angetheſſen und ſchön ſei, daß die Einen hoch und die Anderen niedrig ſind, daß die Einen zum Herrſchen und die Anderen zum Dienen geboren ſeien u. ſ. w. Er wendete dies ſehr richtig auf das lächerliche Gerede an, welches man über die Sklaverei macht; bewies deutlich, daß die Bibel auf unſerer Seite ſtehe, und vertheidigte alle unſere Einrichtungen mit überzeu⸗ gender Wärme. Ich wollte nur Du hätteſt ihn gehört!“ „O, deſſen habe ich nicht bedurft,“ ſagte St. Clare,„ich kann jederzeit 131 Dinge, die mir eben ſo viel nätzen wie dieſe, aus dem Picayune lernen und eine Cigarre dazu rauchen, was ich, wie Du weißt, in der Kirche nicht darf.“ „Nun?“ ſtuſte Miß Ophelia,„glaubſt Du nicht an dieſe Anſichten?“ „Wer— ich? Du weißt, daß ich ein ſo gottlofer Geſell bin, daß dieſe re⸗ ligiöſen Anſichten über ſolche Gegenſtände mich nicht beſonders erbauen. Wenn ich meine Meinung über die Sklaverei abgeben ſollte, ſo würde ich gerade her⸗ aus ſagen, wir ſtecken einmal darin, wir haben ſie, und gedenken ſie zu behalten. Sie dient zu unſerer Bequemlichkeit und zu unſerm Vortheil— denn das iſt die Hauptpointe der Sache. Alle frommen Redensarten wollen am Ende doch nichts Anderes ſagen, und ich denke, daß dies für Jedermann verſtändlich iſt.“ „Auguſtin, Du biſt doch zu unreligiös; es iſt entſetzlich, wenn man Dich ſprechen hört.“ „Entſetzlich?— es iſt nichts als die Wahrheit. Warum treibt man das religiöſe Gerede über dergleichen Dinge nicht noch ein wenig weiter und beweiſt, wie ſchön es zu ſeiner Zeit iſt, wenn einer ein Glas zuviel trinkt und ein wenig zu lange bei den Karten ſitzen bleibt, und verſchiedene andere ähnliche Dinge dieſer Art, die unter uns jungen Männern häufig genug ſind? Wir würden es gern hören, daß dies ebenfalls recht und gottgefällig ſei.“ 3 „Nun,“ fragte Miß Ophelia,„hältſt Du die Sklaverei für recht oder unrecht?“ „Ich habe nicht Luſt, Couſine, mich über dieſen Gegenſtand in eine lange Discuſſion mit Dir einzulaſſen,„antwortete St. Clare mit Heiterkeit;„wenn ich dieſe Frage beantwortete, ſo weiß ich, daß Du mit einem halben Dutzend ande⸗ rer, von denen eine immer ſchwerer zu beantworten iſt als die vorhergehende, auf mich einſtürmen würdeſt, und ich mag meine Anſicht darüber nicht aus⸗ ſprechen. Ich bin einer von Denjenigen, die wohl in anderer Leute Glashäuſer Steine werfen; allein ich werde mich wohl hüten, ſelbſt eines zu erbauen, damit Andere es ſteinigen können.“ „Das iſt ganz die Art wie er immer ſpricht,“ ſagte Marie;„Sie können nichts Beſtimmtes aus ihm bringen. Ich glaube, daß er nur deshalb beſtändig ſo ſpricht, weil er die Religion nicht leiden kann.“ „Die Religion?“ erwiderte St. Clare in einem Tone, welcher beide Damen bewog zu ihm aufzublicken.„Die Religion! Iſt das, was Ihr in der Kirche hört, Religivn? Iſt das, was ſich biegen und beugen und drehen und wenden läßt, ſo daß man es jeder verkehrten Einrichtung der ſelbſtſüchtigen, weltlichen Geſellſchaft anpaſſen kann, Religion? Iſt das Religivn, was weniger gewiſſen⸗ weniger edelmüthig, weniger gerecht, weniger rückſichtsvoll gegen die Men⸗ chen iſt, als ſelbſt meine ſündige, weltliche, verblendete Meinung?— MNein, i ich eine Religion gelten laſſen ſoll, ſo muß ſie über mir, nicht unter mir ehen.“ idi glaubſt alſo nicht, daß die Bibel die Sklaverei gutheißt?“ ſagte elia. „Die Bibel war das Buch meiner Mutter,“ ſagte, St. Clare.„Nach ihr lebte und ſtarb ſie, und es würde mir ſehr leid thun, wemn ich denken müßte, daß ſie die Sklaverei geſtattet. Dieß wäre eben ſo, als wenn ich wünſchte, daß meine Mutter Branntwein trank, Tabak kauete und fluchte, um daraus die Beruhigung zu ſchoͤpfen, daß ich Recht daran thue, wenn ich mich den nämlichen Gewohn⸗ heiten hingebe. Es würde mich mit dieſen Dingen an mir nicht im Mindeſten ausſöhnen; es würde mir im Gegentheil den Troſt rauben, ſie achten zu können, und es iſt wirklich ein Troſt auf dieſer Welt, etwas zu haben, was mamachten kann. Kurz, ſeht Ihr,“ ſagte er, ſeinen heitern Ton wieder annehmend,„ich Oyh 132 verlange weiter nichts, als daß Dinge, die verſchieden ſind, in verſchiedenen Büchſen verwahrt werden. Das ganze Gebäude der Geſellſchaft iſt ſowohl in Europa wie in Amerika aus Dingen zuſammengeſetzt, welche die Unterſuchung eines einigermaßen idealen Moralitätsmaßſtabs nicht aushalten. Es iſt ſo iemlich allgemein anerkannt, daß die Menſchen nicht nach dem abſolut Rechten ſreben⸗ ſondern nur darauf ſehen, daß ſie etwa eben ſo gut handeln wie andere Leute. Wenn Jemand gerade und mannhaft herausſpricht und ſagt, daß die Sklaverei für uns nothwendig ſei, daß wir nicht ohne ſie beſtehen können, daß wir zu Bettlern werden würden, wenn wir ſie aufgäben, und daß wir ſie daher beizubehalten gedenken— ſo iſt dies eine kräftige, klare und deutliche Sprache. Sie hat die Achtbarkeit der Ueberzeugung für ſich, und wenn wir nach der Praris urtheilen dürfen, wird uns die Mehrzahl der Menſchen darin beiſtimmen. Wenn er aber beginnt ein langes Geſicht zu machen und durch die Naſe zu ſprechen und zu citiren, ſo bin ich ſehr geneigt zu glauben, daß er nicht viel werth iſt.“ „Du biſt ſehr lieblos,“ ſagte Marie. „Nun,“ fuhr St. Clare ßrt,„nimm einmal an, daß durch irgend etwas der Preis der Baumwolle ein für allemal herabgedrückt und das ganze Sklaven⸗ beſitzthum werthlos gemacht würde, denkſt Du nicht, daß wir dann bald eine an⸗ dere Auslegung der heiligen Schrift haben würden? Welche Lichtfluth würde ſofort in die Kirche ſtrömen und wie plötzlich würde man entdecken, daß Alles, ſowohl in der Bibel wie in der Vernunft, für die andere Seite ſpreche!“ „Sei dem wie ihm wolle,“ ſagte Marie ſich auf ein Sopha niederlaſſend, „ich danke Gott, daß ich da geboren bin, wo die Sklaverei eriſtirt, und ich glaube, daß ſie recht iſt— ich fühle, daß ſie recht ſein muß, und jedenfalls iſt ſo viel ge⸗ wiß, daß ich ohne ſie nicht leben könnte.“ „Was meinſt Du dazu, Kind?“ ſagte St. Clare zu Eva, die in dieſem Au⸗ genblicke mit einer Blume in der Hand eintrat. „Wozu, Papa?“ „Ich meine, was Dir lieber iſt, ob ſo zu leben, wie man oben in Vermont bei Deinem Onkel lebt, oder ein Haus voll Diener zu haben wie wir?“ „Mun, ſo wie es bei uns iſt, iſt es gewiß angenehmer,“ antwortete Eva. „Warum?“ fragte St. Clare ihr das Haar ſtreichelnd. 66 man von viel mehr Leuten umgeben iſt, die Einen lieben,“ antwortete a ernſt. „Das ſieht Eva ganz ähnlich,“ ſagte Marie.„Wieder eine von ihren ein⸗ fältigen Ideen.“ „Iſt denn das ſo einfältig, Papa?“ fragte Eva, indem ſie auf ſeinen Schvoß Ketterte. „Den Anſichten der Welt nach allerdings, liebes Kind,“erwiderte St. Clare; „aber wo iſt mein kleines Eychen die ganze Eſſenszeit über geweſen.“ „O, ich bin oben in Tom's Zimmer geweſen, um ihn ſingen zu hören; Tante Dina hat mir mein Mittagseſſen gegeben.“ „Du haſt Tom ſingen hören?“ „Jawohl, er ſingt gar ſchöne Lieder von dem neuen Jeruſalem, von lieblichen Engein und dem Lande Kanaan.“ „Nicht wahr, das iſt hübſcher als die Oper?“ „Ja, und er wird ſie mir lehren.“ „Was, Singeſtunde? Es wird immer beſſer!“ „Ja, er ſingt mir etwas vor, ich leſe ihm aus meiner Bibel vor und er er⸗ kärt mir, was es bedeutet.“ 133 „Nun, auf mein Wort,“ ſagte Marie,„daß iſt ein köſtlicher Spaß!“ „Ich kann Dir verſichern, daß Tom kein ſchlechter Bibelerklärer iſt,“ be⸗ merkte St. Clare.„Tom hat ein natürliches Genie für Religion. Ich wollte dieſen Morgen die Pferde ſchon früh haben, und ſchlich mich nach ſeinem Schlaf⸗ zimmer über den Stallungen hinauf, und dort habe ich gehört, wie er ganz allein eine Betſtunde hielt. Ich habe wirklich ſeit langer Zeit nichts ſo Erbauliches wie Tom's Gebet vernommen. Er nahm auch mich mit einem wahrhaft apoſto⸗ liſchen Eifer darin auf.“ „Vielleicht errieth er, daß Du lauſchteſt. Ich habe dieſe Erfahrung ſchon an Anderen gemacht.“ „Wenn er das that, ſo war er nicht ſehr politiſch, denn er gab dem Herrn ſeine Anſicht über mich frei genug zu erkennen. Tom ſchien der Meinung zu ſein, daß bei mir ein guter Grund zur Beſſerung gelegt ſei, und ſehr ernſtlich zu wün⸗ ſchen, daß ich mich bekehren möge.“ „Ich hoffe, daß Du es Dir zu Herzen nehmen wirſt,“ bemerkte Miß Ophelia. „Du biſt wahrſcheinlich auch ſo ziemlich derſelben Meinung,“ entgegnete St. Clare;„nun, wir werden ſehenz nicht wahr, Eva?“ 17. Die Vertheidigung des Freien. In dem Quäkerhauſe herrſchte eine ſtille Geſchäftigkeit, als ſich der Nach⸗ mittag ſeinem Ende zuneigte. Rachel Halliday ging ab und zu und ſuchte für die Reiſenden, welche noch in dieſer Nacht aufbrechen ſollten, unter ihren Lebens⸗ mittelvorräthen diejenigen zuſammen, welche möglichſt wenig Raum einnahmen. Die Nachmittagsſchatten wendeten ſich öſtlich, die feurige Sonne ſtand nach⸗ denklich am Horizont und ihre goldenen Strahlen ſchienen in das ſtille kleine Schlafzimmer, wo George und ſeine Frau ſaßen. Er hatte ſein Kind auf dem Schvoße und die Hände ſeiner Gattin in der ſeinen. Beide ſahen ernſt und ge⸗ dankenvoll aus und auf ihrer Wange waren Spuren von Thränen zu erkennen. „Ja, Eliza, ſagte George,„ich weiß, daß Alles, was Du ſagſt, wahr iſt. Du biſt ein gutes Weib— viel beſſer als ich— und ich will ſo zu handeln ver⸗ ſuchen, wie Du es ſagſt. Ich werde mich bemühen, eines freien Mannes würdig zu handeln, ich will verſuchen wie ein Chriſt zu fühlen. Der allmächtige Gott weiß, daß ich recht habe handeln wollen, daß ich mich eifrig bemüht habe recht zu handeln, als Alles gegen mich war, und jetzt werde ich die ganze Vergangen⸗ heit vergeſſen, jedes harte und bittere Gefühl beſeitigen und meine Bibel leſen und ein guter Menſch werden lernen.“ „Und wenn wir nach Canada kommen, kann ich Dich unterſtützen. Ich kann recht gut Kleider machen, ich verſtehe das feine Waſchen und Plätten, und wir Beide zuſammen werden immer Mittel zu unſerm Lebensunterhalt finden.“ „Ja, Eliza, ſo lange wir einander beſitzen und unſern Sohn haben; v Eliza, wenn dieſe Leute wüßten, welch ein Gluͤck es für einen Mann iſt, wenn er fühlt, daß ſeine Frau und ſein Kind ihm gehören. Ich habe mich oft ge⸗ wundert, wenn ich ſah, daß Männer, die ihre Frauen und Kinder ihr Eigenthum nennen konnten, ſich über etwas härmten und abſorgten. Ich fühle mich reich und ſtark, obgleich wir nichts als unſere bloßen Hände haben. Es iſt mir, als ob ich Gott kaum noch um etwas bitten könnte.“ „Ja, wennich auch täglich bis zu meinem fünfundzwanzigſten Jahre ſchwer gearbeitet habe und weder ein Cent Geld, noch ein Dach, unter dem ich mein Haupt niederlegen kann, noch ein Stückchen Land, das ich mein nennen darf, be⸗ 134 ſitze, ſo werde ich doch, wenn man nich jetzt nur in Ruhe läßt, zufrieden ſein und Gott danken. Ich werde arbeiten und das Geld für Dich und meinen Sohn Deiner Herrſchaft erſetzen. Was meinen früheren Herrn betrifft, ſo iſt er für ſun was er an mich gewendet hat, reichlich bezahlt. Ihm bin ich nichts uldig.“ „Aber wir ſind noch nicht ganz außer Gefahr!“ ſagte Elizaz„wir ſind noch nicht in Canada.“ „Sehr wahr,“ antwortete George;„aber es iſt mir, als ob ich bereits freie Luft einathmete, und das ſtärkt mich.“ In dieſem Augenblicke hörte man Stimmen in dem äußern Zimmer, welche in einem eifrigen Geſpräch begriffen waren, und bald darauf wurde an die Thür geklopft. Eliza ſprang auf und öffnete. Au der Schwelle ſtand Simeon Halliday mit einem anderen Quäker, den er unter dem Namen Phineas Fletcher vorſtellte. Phineas war lang und außerordentlich hager, hatte rothe Haare und ein Geſicht, aus dem große Klugheit und Schlauheit ſprach. Er beſaß nicht die ruhige, ſtille und fromme Miene Simeon's ſondern in ſeiner ganzen Perſönlichkeit lag eine gewiſſe Sicherheit und Welterfahrung; man ſah es ihm an, daß er ſich mit Stolz ſeines Werthes bewußt war und daß er Alles reiflich erwog, ehe er ſich zu einem Schritte entſchloß— Eigenthümlich⸗ keiten, welche ziemlich ſonderbar zu ſeinem breitkrämpigen Hute und ſeiner förm⸗ lichen Ausdrucksweiſe paßten. „Unſer Freund Phineas hat etwas entdeckt, was in Deinem und Deiner Begleiter Intereſſe von Wichtigkeit iſt, George,“ hob Simeon anz„es würde gut ſein wenn Du ihn anhörteſt.“ „Das habe ich in der That,“ ſagte Phineas,„und es beweiſ't wie nützlich es iſt, wenn man an gewiſſen Orten ſtets beim Schlafen das eine Ohr offen be⸗ ſ wie ich immer geſagt habe. Geſtern übernachtete ich in einem kleinen, ein⸗ amen Wirthshauſe an der Straße. Du erinnerſt Dich des Ortes, Simeon, wo wir vergangenes Jahr die Aepfel an die ſtarke Frau mit den großen Ohrringen verkauften. Ich war des raſchen Fahrens müde und nach dem Abendeſſen ſtreckte ich mich auf einen Haufen Säcke in eitem Winkel, zog eine Büffeldecke über mich, um zu warten, bis mein Bett bereit ſei, und ſchlief feſt ein.“ „Behielteſt Du das eine Ohr offen, Phineas?“ fragte Simeon ruhig. „Nein, ich ſchlief mit beiden Ohren etwa zwei Stunden lang, denn ich war ziemlich ermüdet; als ich aber wieder ein wenig munter wurde, ſah ich, daß einige Männer im Zimmer waren und trinkend und plaudernd um den Tiſch ſaßen. Ich beſchloß, ehe ich mich aufraffte, zu ſchen was ſie im Sinne hatten, beſonders da ich ſie von Quäkern hatte ſprechen hören.“ „— So, ſagte der Eine, ſie ſind ohne Zweifel in der Quäkeranſiedelung.“ „Jetzt lauſchte ich mit beiden Ohren und ich überzeugte mich, daß ſie von eben dieſer Geſellſchaft ſprachen; ich blieb daher liegen und hörte ſie alle ihre Pläne verabreden. Dieſer junge Mann, ſagten ſie, ſolle nach Kentucky zurück zu ſeinem Herrn geſchickt werden, der die Abſicht habe, an ihm ein Exempel zu ſtatuiren, um alle Neger vom Entlaufen abzuſchrecken, und ſeine Frau wollten zwei von ihnen nach New⸗Orleans bringen, um ſie auf ihre eigne Rechnung zu verkaufen, und ſie berechneten, daß ſie ſechzehn- bis achtzehnhundert Dollars für ſie erhalten würden;— das Kind, ſagten ſie, gehöre einem Händler, der es gekauft habe, und dann ſprachen ſie von Iim und ſeiner Mutter, die zu ihrem Herrn nach Kentucky zurückgebracht werden ſollten. Sie ſagten, daß zwei Con⸗ 135 ſtabler in einer etwas weiterhin gelegenen Stadt ſeien, die mit ihnen gehen würden, um die Sklaven einzufangen; die junge Frau ſollte vor einen Richter eführt werden, einer von den Burſchen, der klein und glattzüngig iſt, ſollte be⸗ ne daß ſie ſein Eigenthum ſei, und ſie dann ausgeliefert erhalten, um ſie mit nach Süden zu nehmen. Sie ſind von dem Wege, welchen wir heute Abend einſchlagen, genau unterrichtet, und werden uns ſechs bis acht Mann ſtark verfolgen. Was iſt alſo zu thun?“ Die Gruppe, welche dieſe Mittheilung in verſchiedener Haltung anhoͤrte, wäre eines Malers würdig geweſen. Rachel Halliday, die ihre Hände aus ei⸗ nem Backtroge genommen, um die Nachrichten zu hören, hatte dieſelben mehlig wie ſie waren, emporgehoben und ſtand mit ganz verſtörtem Geſicht da. Si⸗ meon ſah aus wie in tiefes Nachdenken verſunken; Eliza hatte den Arm um ihren Gatten geſchlungen und blickte zu ihm auf; George ſtand mit geballten Fäuſten und glühendem Blicke neben ihr und ſah aus, wie jeder Andere viel⸗ leicht ausgeſehen haben würde, wenn ſeine Frau in der Auktion verkauft und ſein Sohn zu einem Sklavenhändler geſchickt werden ſollte, und dies Alles unter dem Schutze der Geſetze einer rilliSn Nation. „Was ſollen wir thun, George?“ fragte Eliza mit ſchwacher Stimme. „Ich weiß, was ich thue,“ antwortete George, indem er in dem kleinen Zimmer auf und abging und ſeine Piſtolen unterſuchte. „Ja, ja, ſagte Phineas zu Simeon,„Du ſiehſt, wie es wirkt.“ „Ich ſehe es,“ erwiderte Simeon ſeufzend;„ich will Gott bitten, daß er es nicht dazu kommen läßt.“ „Ich will Keinen mit mir oder für mich in die Sache verwickeln,“ ſagte George.„Wenn Sie mir Ihren Wagen leihen und mir den Weg zeigen wollen, werde ich allein bis nach der nächſten Station fahren. Jim iſt rieſenſtark und tapfer wie der Tod und die Verzweiflung, und ich ebenfalls.“ „Schon gut, Freund,“ bemerkte Phineas,„aber Du wirſt deſſen unge⸗ achtet eines Kutſchers bedürfen. Du magſt meinetwegen den Kampf allein ausfechten, darauf verſtehſt Du Dich. aber ich kenne einige Eigenthümlichkei⸗ ten der Straße, die Du nicht kennſt.“ „Aber ich will Sie nicht in die Sache verwickeln,“ verſetzte George. „Verwickeln?“ wiederholte Phineas mit einem ſonderbaren Geſichtsaus⸗ drucke; ſollteſt Du mich aber dennoch in dieſelbe verwickeln müſſen, ſo ſage es mir wenigſtens vorher.“ „Phineas iſt ein erfahrener und geſchickter Mann,“ ſagte Simeon;„Du wirſt wohl thun, George, ſeinem Rathe zu folgen, und,“ fügte er, die Hand auf George's Schulter legend und auf die Piſtolen deutend, hinzu,„ſei nicht vorſchnell mit dieſen— junges Blut iſt heiß.“ „Ich werde keinen Menſchen angreifen,“ erwiderte George;„ich verlange von dieſei Lande nichts als daß es mich in Ruhe läßt, und dann werde ich friedlich hinausgehen, aber—“er hielt inne, ſeine Stirn verdüſterte ſich und auf ſeinem Geſichte wogte es ſtürmiſch—„mir iſt eine Schweſter auf dem New⸗Orleaner Markt verkauft worden; ich weiß, wozu die Mädchen verkauft werden, und ich ſoll dabei ſtehen und zuſehen, wie mir mein Weib genommen und verkauft wird, wenn mir Gott ein paar kräftige Arme zu ihrer Vertheidi⸗ gung gegeben hat?— Nein, ſo wahr mir Gott helfe, ich werde bis zum letzten Athemzuge kämpfen, ehe ich mir mein Weib und meinen Sohn nehmen laſſe. Können Sie mich deshalb tadeln?“ „Ein ſterblicher Menſch kann Dich nicht tadeln, George; Fleiſch und Blut 136 können nicht anders handeln,“ ſagte Simeon.„Wehe der Welt des Aerger⸗ niſſes wegen, wehe aber auch denen, durch welche das Aergerniß kommt.“ „Würden Sie an meiner Stelle nicht das Nämliche thun, Sir?“ „Ich bitte Gott, daß ich nicht in dieſe Lage kommen möge,“ antwortete Simeon;„das Fleiſch iſt ſchwach.“ „Ich denke, daß mein Fleiſch in einem ſolchen Falle leidlich ſtark ſein würde,“ ſagte Phineas, indem er ſeine Arme wie die Flügel einer Windmühle drehte; „ich weiß nicht gewiß, Freund George, ob ich Dir nicht einen Burſchen feſthalten würde, wenn Du mit ihm eine Rechnung abzuſchließen hätteſt.“ „Wenn der Menſch ſtets dem Böſen widerſtehen ſollte,“ verſetzte Simeon, „dann würde es George auch freiſtehen, es jetzt zu thun, aber die Führer unſers Volkes haben uns eines Beſſeren belehrt, denn der Zorn des Menſchen hat keinen Einfluß auf die Gerechtigkeit Gottes. Aber der verderbte Wille des Men⸗ ſchen ſträubt ſich dagegen und es ſind ihrer nur Wenige, die ſie erkennen. Laßt uns den Herrn bitten, daß wir nicht verſucht werden.“ „Das thue ich auch,“ ſagte Phineas,„wenn wir aber zu ſtark verſucht wer⸗ den— nun, dann mögen ſie ſich in Acht nehmen, weiter ſage ich nichts.“ „Es iſt gut, daß Du nicht als„Freund“ geboren biſt,“ bemerkte Simeon lächelnd.„Die alte Natur iſt in Dir noch immer ziemlich ſtark vorherrſchend.“ Phineas war in der That früher ein tüchtiger, kräftiger Hinterwäldler, ein wackerer Jäger und nie fehlender Schütze geweſen, aber durch die Macht der Reize einer hübſchen Quäkerin bewogen worden, ſich der Geſellſchaft der „Freunde“ in dieſer Gegend anzuſchließen, und wiewohl er ein redliches, ruhiges und brauchbares Mitglied war, und ihm nichts Beſtimmtes zur Laſt elegt werden konnte, ſo mußten doch die Frömmeren unter ſeinen Glaubens⸗ rüdern in ſeinem Benehmen einen ungemeinen Mangel an Erbaulichkeit erkennen. „Freund Phineas hat ſiets ſeine eigne Weiſe,“ ſagte Rachel Halliday lächelnd,„aber wir Alle wiſſen, daß er das Herz dennoch auf dem rechten Flecke trägt.“ „Nun,„ſagte George,„iſt es nicht am beſten, wenn wir unſere Flucht be⸗ ſchleunigen?“ „Ich bin um vier Uhr aufgeſtanden und in aller Eile volle zwei bis drei Stunden vor ihnen herübergekommen, wenn ſie zu der Zeit, wie ſie es im Sinne hatten, aufbrechen. Es iſt keinesfalls ſicher, die Reiſe eher anzutreten als bis es dunkel wird, denn in den Dörfern vor uns giebt es ſchlechte Menſchen, die ge⸗ neigt ſein könnten, ſich in unſer Vorhaben zu miſchen, wenn ſie unſern Wagen ſehen, und das würde uns mehr aufhalten als das Warten. In zwei Stunden denke ich aber, daß wir es wagen können. Ich will zu Michael Croß hinüber⸗ gehen und ihn auffordern auf ſeinem ſchnellen Pferde hinter uns herzureiten, um ſcharf auf den Weg zu achten und uns zu warnen, wenn ſich ein Trupp Män⸗ ner zeigen ſollte. Michael hat ein Pferd, das in Hinſicht der Schnelligkeit hier kaum ſeines Gleichen hat, und er könnte uns wiſſen laſſen, wenn Gefahr im Anzuge iſt. Ich gehe jetzt hinaus um Jim und der alten Frau zu ſagen, daß ſie ſich bereit halten ſollen, und um nach den Pferden zu ſehen. Wir haben einen ganz hübſchen Vorſprung und gute Ausſicht auf die Station zu gelangen ehe ſie uns einholen. Sei alſo guten Muthes, Freund George, es iſt nicht die erſte Klemme aus der ich Leute in Deiner Lage geriſſen habe.“— Mit dieſen Worten verließ Phineas das Zimmer. „Phineas iſt ſehr klug,“ ſagte Simeon,„er wird das Beſte thun, was ſich für Dich thun läßt, George!“ . —— —— 137 „Es thut mir nur leid, daß Sie Sich um meinetwillen ſolcher Gefahr aus⸗ ſetzen, erwiderte dieſer. „Du wirſt uns ſehr verbinden, Freund George, wenn Du davon ſchweigſt. Zu dem, was wir thun, werden wir von unſerm Gewiſſen getrieben, wir können nicht anders handeln. Und nun, Mutter,“ ſagte er zu Rachel,„beeile Deine Zurüſtungen für dieſe Freunde, denn wir dürfen ſie nicht mit nüchternem Magen fortſchicken.“ Und während Rachel und ihre Kinder mit der Bereitung von Maiskuchen, dem Kochen von Schinken und Hühnern und dem Beſchleunigen der übrigen Vorbereitungen zum Abendeſſen beſchäftigt waren, ſaßen George und ſeine Gat⸗ tin mit verſchlungenen Armen in ihrem kleinen Zimmerchen und ſprachen mit einander wie es zu erwarten war, da ſie wußten, daß ſie in wenigen Stunden auf ewig getrennt werden konnten. „Eliza,“ ſagte George,„Leute, welche Freunde, Häuſer, Ländereien und Geld und alle dergleichen Dinge beſitzen, können nicht ſo lieben wie wir, die wir ganz allein ſtehen. Ehe ich Dich kennen lernte, Eliza, hatte mich außer meiner armen Mutter und Schweſter nie ein menſchliches Geſchöpf geliebt. Ich ſah die arme Emilie an dem Morgen, wo ſie der Händler fortſchleppte. Sie kam in den Winkel wo ich ſchlief und ſagte zu mir:— Armer George, jetzt verlierſt Du Deine letzte Freundin, was wird aus Dir werden, armer Junge!— Und ich ſtand ſchlang meine Arme um ſie und weinte und ſchluchzte und ſie weinte ebenfalls; das waren die letzten freundlichen Worte, die ich zehn lange Jahre hindurch gehört habe, und mein Herz war völlig verwelkt und vertrocknet wie Aſche, bis ich Dich kennen lernte. Und als Du mich liebteſt, war es beinahe, als ob ich von den Todten auferſtanden wäre. Ich bin ſeitdem ein ganz andrer Menſch. Und jetzt, Eliza, werde ich eher meinen letzten Blutstropfen hingeben, als Dich mir entreißen laſſen. Wer Dich erlangen will, muß über meine Leiche gehen.“ „O Gott, ſei barmherzig!“ ſchluchzte Eliza;„laß uns nur zuſammen aus dieſem Lande gehen, weiter verlange ich nichts!“ „Iſt Golt auf ihrer Seite?“ fragte George weniger zu ſeiner Gattin ſprechend, als um ſeinen ſchmerzlichen Gedanken Luft zu machen.„Sieht er Alles, was ſie thun? Warum läßt er ſolche Dinge geſchehen? Man ſagt uns, daß die Bibel auf ihrer Seite ſei, und doch iſt es nur die Gewalt. Sie ſind reich, geſund und glücklich, ſie ſind Mitglieder von Kirchen und hoffen in den Himmel zu kommen, es geht ihnen gut in der Welt, was ſie wollen, geſchieht, und arme, rechtſchaffene, gläubige Chriſten— Chriſten, die eben ſo gut oder noch beſſer ſind als ſie— liegen unter ihren Füßen im Staube. Sie kaufen und verkaufen ſie, treiben mit ihrem Herzblute und mit ihren Seufzern und Thränen Handel, und Gott läßt es geſchehen!“ „Freund George!“ rief Simevn aus der Küche;„horche auf dieſen Pſalm er wird Dir vielleicht wohl thun!“ George rückte ſeinen Stuhl an die Thür, Eliza trocknete ihre Thränen und kam ebenfalls herbei um zuzuhören, während Simeon Folgendes las: „Ich aber hätte ſchier geſtrauchelt mit meinen Füßen; mein Tritt hätte beinahe geglitten. Denn es verdroß mich auf die Ruhmredigen da ich ſah, daß es den Gottloſen ſo wohl ging. Sie ſind nicht im Unglück wie andere Leute und werden nicht wie andere Menſchen geplaget. Darum muß ihr Trotzen köſtlich Ding ſein und ihr Frevel muß wohlgethan heißen. Ihre Perſon brüſtet ſich wie ein fetter Wanſt, ſie thun, was ſie nur gedenken. Sie vernichten Alles und reden übel davon, und läſtern hochher. Darum fällt ihnen der Pöbel zu, 138 und laufen ihnen zu mit Haufen wie Waſſer, und ſprechen: Was ſollte Gott nach Jenen fragen? was ſollte der Höchſte ihrer achten? Sind das nicht Deine Gefühle George?“ „So iſt es in der That,“ antwortete George;„es iſt als ob ich ſelbſt es geſchrieben hätte.“ „Mun höre weiter „Ich gedachte ihm nach, daß ich es Khen möchte, aber es war nur zu ſchwer, bis daß ich ging in das Heiligthum Gottes und merkte auf ihr Ende. Aber Du ſetzeſt ſie iß das Schlüpfrige und ſtürzeſt ſie zu Boden. Wie werden ſie ſo plötzlich zu nichte! ſie gehen unter und nehmen ein Ende mit Schrecken. Wie ein Traum, wenn Einer erwachet, ſo macheſt Du Herr ihr Bild in der Stadt verſchmäht. Dennoch bleibe ich ſtets an Dir, denn Du hältſt mich bei meiner rechten Hand. Du leiteſt mich nach Deinem Rath und nimmſt mi endlich mit Ehren an. Das iſt meine Freude, daß ich mich zu Gott halte und Zuverſicht ſetze auf den Herrn Herrn, daß ich verkundige Alles Dein Die Worte des frommen Vertrauens, welche der gute alte Mann ihm vor⸗ las, zogen wie Hymnentöne in George's bekümmertes Herz ein, und ſelbſt als Zener ſchwieg, ſaß er noch mit einem milden, beſänftigten Ausdrucke in ſeinem ſchonen Geſicht da. „Wenn es mit dieſer Welt zu Ende wäre, George,“ ſagte Simeon,„ſo könnteſt Du in der That fragen: Wo iſt der Herr? aber oft ſind es Diejenigen, welche in dieſem Leben am wenigſten haben, die er für das Himmelreich erwählt. Setze Dein Vertrauen auf ihn und wie es Dir auch hier gehen mag, ſo wird er doch im Jenſeits Alles recht machen.“ Wenn dieſe Worte von einem gewöhnlichen Ermahner geſprochen worden wären, aus deſſen Munde ſie blos als fromme Redensarten, wie ſie für Leute in der Noth paſſen, gekommen ſein würden, ſo hätten ſie vielleicht keine große Be⸗ deutung gehabt; aber bei einem Manne, welcher täglich ſich mit Ruhe der Gefahr von Geld⸗ und Kerkerſtrafen ausſetzte, um Gott und den Menſchen zu dienen, hatten ſie ein Gewicht, das man fühlen mußte, und ſie hauchten beiden armen verlaſſenen Flüchtlingen Ruhe und Kraft ein. Jetzt nahm Rachel freundlich Eliza bei der Hand und führte ſie an den Tiſch. Als ſie ſich niederſetzten, ertönte an der Thür ein leiſes Klopfen und Ruth trat ein. t „Ich bin noch ſchnell mit dieſen Strümpſfchen für den Knaben herubher⸗ gelaufen,“ ſagte ſie;„es ſind drei Paar recht warme wollene. Weißt Du, es wird in Canada ſehr kalt ſein. Biſt Du guten Muthes, Eliza?“ fragte ſie, nach der Seite des Tiſches, wo Eliza ſaß, herumtrippelnd, drückte warm ihre Hand und ließ einen Kuchen in Harry's Hände gleiten.„Ich habe ein Päckchen davon für ihn mitgebracht,“ ſagte ſie an ihrer Taſche ziehend, um daſſelbe heraus⸗ zubringen;„Du weißt, daß die Kinder immer gern eſſen.“ „D ich danke Ihnen, Sie ſind zu gütig!“ rief Eliza. 6„Nun komm, Ruth, und ſetze Dich mit uns zum Abendeſſen,“ ſagte achel. kann nicht, ich habe John bei dem Kleinen gelaſſen und im Backofen liegen Biscuits; ich kann mich keinen Augenblick aufhalten, ſonſt läßt John die Biscuits verbrennen und giebt dem Kleinen allen Zucker, der in der Doſe iſt. So macht er es immer!“ lachte die kleine Quäkerin.„Nun leb wohl, Eliza, leb wohl, George; der Herr gebe Euch eine glückliche Reiſe!“ Mit dieſen Worten verließ Ruth trippelnd das Zimmer. 139 Nicht lange nach dem Abendeſſen hielt ein großer verdeckter Wagen vor der Thür. Die Nacht war ſternenhell und Phineas ſprang raſch von ſeinem Sitze, um ſeine Paſſagiere einſteigen zu laſſen. George trat mit ſeiner Frau an dem einen Arme und ſeinem Kinde auf dem andern heraus. Sein Schritt war feſt, ſeine Geſichtszüge ruhig und entſchloſſen. Rachel und Simeon kamen ihnen nach. „Steigt einen Augenblick aus,“ ſagte Phineas zu den Darinſitzenden,„und laßt mich das Hintertheil des Wagens für die Frauen und den Kleinen einrichten.“ „Hier ſind die beiden Büffeldecken,“ bemerkte Rachel;„mache die Sitze ſo bequem als es nur immer geht, es iſt anſtrengend, die ganze Nachtzu fahren.“ Jim ſtieg zuerſt heraus und hob ſorgfältig ſeine alte Mutter herab, die ſich an ſeinem Arme feſthielt und ſich ängſtlich umblickte, als erwarte ſie die Ver⸗ folger jeden Augenblick. „Jim, ſind Deine Piſtolen in Ordnung?“ fragte George mit leiſer Stimme. 3 „Ja, gewiß,“ antwortete Jim. „Und Du biſt nicht mehr im Zweifel darüber, was Du thun wirſt, wenn ſie kommen ſollten?“ „Ich glaube nicht,“ antwortete Jim, indem er tiefathmend auf ſeine breite Bruſt ſchlug.„Denkſt Du, daß ich mir meine Mutter wiedernehmen laſſen werde?“ Während dieſes kurzen Geſprächs hatte Eliza von der guten Rachel Ab⸗ ſchied genommen, und war von Simeon in den Wagen gehoben worden, in deſſen Hintertheil ſie ſich mit ihrem Sohne auf den Buffeldecken niederließ. Hierauf wurde die alte Negerin hineingehoben, mit einem Sitze verſehen und endlich nahm George und Jim vor ihnen auf einem Brete und Phineas auf dem Bocke ihre Plätze ein. „Lebt wohl, Freunde!“ rief Simeon. „Gott ſegne Euch,“ antworteten alle im Wagen Sitzende. Und der Wagen rollte auf der hartgefrorenen Straße davon. Die Unebenheiten des Weges und das Geräuſch der Räder ließen kein Ge⸗ ſpräch aufkommen. Der Wagen fuhr durch lange dunkle Waldſtrecken über breite öde Ebenen bergauf und bergab ſtundenlang immer weiter und weiter. Das Kind ſchlief bald ein und lag ſchwer auf dem Schooße ſeiner Mutter. Die arme, ängſtliche Alte vergaß endlich ihre Befürchtungen und ſelbſt Eliza fand ge⸗ gen das Ende der Nacht ihre Beſorgniß nicht hinreichend, um die Augen offen zu behalten. Phineas ſchien im Ganzen der Heiterſte unter der Geſellſchaft zu ſein und vertrieb ſich unterwegs die Zeit mit dem Pfeifen gewiſſer höchſt unquäkeri⸗ ſcher Lieder. Gegen drei Uhr vernahm George jedoch eilige Hufſchläge in einiger Ent⸗ fernung hinter ihnen und berührte Phineas mit dem Ellbogen. Phineas hielt ſogleich an und horchte. „Das muß Michael ſein,“ ſagte er,„ich glaube ſeinen Galopp zu kennen.“ . auf und blickte mit geſpannter Aufmerkſamkeit rückwärts auf die Straße. Jetzt nahm man die undeutliche Geſtalt eines Reiters auf dem Gipfel eines entfernten Hügels wahr. „Ich glaube wirklich, daß er es iſt,“ ſagte Phineas. George und Jim ſprangen aus dem Wagen, ehe ſie noch recht wußten, was ſie thaten. Alle ſtan⸗ den in tiefem Schweigen, das Geſicht dem erwarteten Boten zugekehrt, auf der Straße. Er kam näher; bald war er unten in einem Thale, wo ſie ihn nicht ſehen konnten, aber ſie hörten den eiligen Hufſchlag immer näher und näher, bis ſie den Reiter endlich auf einer Anhöhe in Rufweite wieder zum Vorſchein kommen ſahen.. „Ja, das iſt Michael,“ ſagte Phineas und rief dann:„Hallo, Michael!“ „Biſt Du es, Phineas?“ „Ja, was giebt es Neues? kommen ſie?“ „Dicht hinter mir, ihrer Acht bis Zehn, vom Branntwein erhitzt und fluchend und wie die Wölfe ſchäumend.“ Er ſprach noch, als der Wind ihnen den ſchwachen Schall galoppirender Reiter zuführte. „Herein mit Euch! ſchnell Burſchen! herein!“ rief Phineas.„Wenn Ihr Euch ſchlagen müßt, ſo wartet, bis ich Euch ein Stück weiter gebracht habe.“ Auf dieſen Befehl ſprangen Beide ſogleich wieder in den Wagen und Phineas trieb die Pferde zum ſchnelleren Lauf an, während ſich der Reiter dicht neben ihnen hielt. Der Wagen ſlog raſſelnd über den gefrorenen Boden dahin, aber deutlicher und immer deutlicher drang der Lärm der verfolgenden Reiter herüber. Die Frauen hörten es, blickten ängſtlich hinaus und ſahen in weiter Ferne auf dem Gipfel eines Hügels eine Anzahl von Männern, deren Geſtalten ſich von dem rothgeſtreiften dämmernden Morgenhimmel abzeichneten. Auf dem nächſten Hügel hatten die Verfolger offenbar ihren Wagen, der wegen ſeiner weißen Leinewandplane weithin ſichtbar war, erkannt und ein lautgellendes, rohes Triumphgeſchrei wurde vom Winde herübergetragen. Eliza drückte ihr Kind feſter an die Bruſt, die Alte betete und ſtöhnte, und George und Jim hielten ihre Piſtolen mit der krampfhaften Heftigkeit der Verzweiflung umfaßt. Die Ver⸗ folger näherten ſich ihnen ſchnell, der Wagen machte plötzlich eine Wendung und brachte ſie in die Nähe eines ſteil überhängenden Felſens, welcher ſich iſolirt auf einer großen, völlig ebenen und kahlen Fläche erhob. Dieſe einſame Felsmaſſe eichnete ſich in ſcharfen Umriſſen von dem heller werdenden Himmel ab und ſchien ſe Schutz zu verheißen. Es war eine wohlbekannte Stelle für Phineas, der ſie zur Zeit ſeines Jägerlebens genau kennen gelernt und jetzt ſeine Pferde ſo ſcharf angetrieben hatte, um ſie zu erreichen. „Jetzt gilt's“ ſagte er indem er plötzlich anhielt und zu Boden ſprang. „Kommt augenblicklich Alle heraus und mit mir hinauf unter die Felſen. Mi⸗ chael, binde Bein Pferd an den Wagen, fahre zu Amaria und bringe ihn mit ſei⸗ nen Söhnen herbei, damit er auch ein Wörtchen mit dieſen Schuften ſpricht.“ Im nächſten Augenblicke waren ſie ſämmtlich ausgeſtiegen. „Nun,“ ſagte Phineas, indem er Harry auf den Arm nahm,„ſorgt Ihr Beide für die Weiber und lauft was J ß laufen könnt.“ Es bedurfte keiner Ermahnung; ſchneller als wir es beſchreiben können, war die ganze Geſellſchaft über die Fenz geſprungen und eilte ſo ſchnell ſie konnte, dem Felſen zu, während Michael vom Pferde ſprang, den Zügel am Wagen be⸗ feſtigte und raſch davon fuhr. „Hierher!“ rief Phineas, als ſie die Felſen erreichten und in der Dämme⸗ rung die Spuren eines rauhen aber deutlich ſichtbaren, aufwärts führenden. Fußpfades wahrnahmen.„Das iſt einer von unſern alten Jagdverſtecken; kommt hinauf!“ Phineas ſprang mit dem Knaben auf ſeinem Arme behend wie eine Ziege die Felſen hinauf. Hinter ihm kam Jim, der ſeine zitternde alte Mutter auf dem Rücken trug, und George und Eliza bildeten das Hintertreffen. Die Reiter⸗ geſellſchaft kam zu der Fenz heran und ſtieg unter Geſchrei und Flüchen ab, um ihnen zu folgen. Nach kurzem Steigen gelangten ſie auf den i des Felſens, 141 wo der Pfad in eine ſchmale Schlucht einbog, in der nur eine Perſon auf ein⸗ mal gehen konnte, bis ſie endlich an eine mehr als drei Fuß breite Spalte ka⸗ men, jenſeits welcher eine von dem Uebrigen getrennte Felsmaſſe lag, die volle dreißig Fuß hoch mit ſteil abfallenden Seitenwänden, einem Schloſſe gleich, emporragte. Phineas ſprang leicht über die Spalte und ſetzte den Knaben auf einen ebenen, glatten, mit weichem Moos bedeckten Platz auf dem Gipfel des Felſens nieder. „Kommt herüber!“ rief er,„ſpringt! es gilt Euer Leben!“ und die Uebri⸗ gen ſprangen ihm nach. Einige loſe Steintrümmer bildeten eine Art von Bruſt⸗ wehr, welche ihre Stellung den Blicken der unter ihnen Befindlichen verbarg. „So, nun ſind wir Alle beiſammen,“ ſagte Phineas, indem er über die ſteinerne Bruſtwehr ſchaute, um die den Felſen Heraufſtürmenden zu beobachten. „Jetzt mögen ſie uns holen, wenn ſie können. Wer hierher gelangen will, muß einzeln und im Bereich Eurer Piſtolen zwiſchen dieſen beiden Felſen hindurch gehen; ſeht Ihr das, Kinder?“ „Ich ſehe es,“ erwiderte George,„und nun wollen wir, da dies unſere iſt, die ganze Gefahr auf uns nehmen und die Geſchichte allein aus⸗ echten.“ „Meinetwegen magſt Du das Ausſechten verrichten, George,“ ſagte Phineas, indem er einige Sauerampferblätter abriß und kaute;„aber ich werde wohl das Vergnügen haben dürfen, den Spaß mit anzuſehen. Seht nur, wie die Kerle unten debattiren und heraufblicken wie die Hühner, wenn ſie auf die Steige fliegen wollen.— Willſt Du ihnen nicht ein paar gute Rathſchläge ge⸗ ben, ehe ſie heraufkommen, nur um ihnen gerade herauszuſagen, daß ſie er⸗ ſchoſſen werden, wenn ſie es thun?“ Die jetzt im Morgenlichte deutlicher ſichtbare Gruppe beſtand aus unſern alten Bekannten Tom Loker und Marks nebſt zwei Konſtablern und einer Hilfs⸗ rotte von Taugenichtſen, die ſie in der letzten Schenke gefunden und mit Brannt⸗ wein dazu angeworben hatten, bei dem Spaße des Einfangens einer Neger⸗ bande Beiſtand zu leiſten. 4 „Nun, Tom, die haben ſich ein gutes Plätzchen geſucht,“ ſagte der Eine. „Ja, ich habe geſehen, daß ſie hier hinaufgegangen ſind,“ erwiderte Tom, „und hier iſt ein Pfad; ich ſtimme dafür, daß wir ſie verfolgen. Sie können nicht wieder herunter, und es wird nicht lange dauern, ſo haben wir ſie.“ „Aber, Tom, ſie könnten hinter dem Felſen hervor auf uns feuern,“ ver⸗ ſetzte Marks.„Das wäre ein ſchlechter Spaß.“ „Pfui,“ antwortete Tom mit einem ſpöttiſchen Lächeln;„Ihr ſeid nur im⸗ mer darauf bedacht, Eure Haut zu ſchonen, Marks. Es hat keine Gefahr, die Nigger ſind viel zu feig.“ „Ich ſehe nicht ein, warum ich nicht auf meine Haut bedacht ſein ſollte,“ ſagte Marks;„es iſt die beſte, die ich habe, und die Nigger wehren ſich mitunter wie die Teufel.“ In dieſem Augenblicke erſchien George auf einem Felſen über ihnen und ſagte mit ruhiger klarer Stimme: „Ihr Herren dort unten, wer ſeid Ihr und was wollt Ihr?“ „Wir ſuchen eine Bande von entlaufenen Niggern,“ antwortete Tom Loker, „einen gewiſſen George Harris und Eliza Harris mit ihrem Sohne, Jim Selden und ein altes Weib. Wir haben Gerichtsdiener und einen Verhaftsbefehl bei uns, und wir wollen und müſſen ſie haben. Hört Ihr? Biſt Du nicht George Harris, der dem Mr. Harris in Shelby County in Kentucky gehort?“ „Ich bin George Harris! ein Mr. Harris in Kentucky hat mich ſein Eigen⸗ * thum genannt; jetzt aber bin ich ein freier Mann, der auf Gottes freier Erde ſteht, und nehme mein Weib und Kind als mein rechtmäßiges Eigenthum in Anſpruch. Jim und ſeine Mutter ſind auch hier. Wir haben Waffen, um uns u vertheidigen und wir gedenken es zu thun. Ihr könnt heraufkommen, wenn bhr wollt, aber der Erſte von Euch, der in den Bereich unſerer Kugeln kommt, 5 ein Kind des Todes, und die ihm Folgenden ebenfalls, vom Erſten bis zum etzten.“ „O, macht keine Umſtände,“ ſagte ein kurzer, keuchender Mann, welcher jetzt vortrat und ſich ſchnäuzte.„Junger Mann, das ſind Reden, die Euch gar nicht geziemen. Ihr ſeht, daß wir Juſtizbeamte ſind. Wir haben das Geſetz auf unſerer Seite und die Macht u. ſ. w., und Ihr ſeht, daß Ihr am beſten thut, Euch friedlich zu ergeben, denn am Ende werdet Ihr es doch thun müſſen.“ „Ich weiß recht gut, daß Ihr das Geſetz und die Macht auf Eurer Seite ze entgegnete George bitter,„Ihr wollt mir meine Frau nehmen, um ſie in ew⸗Orleans zu verkaufen, meinen Knaben wie ein Kalb in den Stall eines Händlers ſperren und Jim's alte Mutter zu de Unmenſchen ſchicken, der ſie früher gepeitſcht und mißhandelt hat, weil er ihren Sohn nicht mißhandeln konnte. Ihr wollt Jim und mich zurückſenden, damit wir gepeitſcht und gefol⸗ tert und von Denjenigen, welche Ihr Herren nennt, mit Füßen getreten werden, und Eure Geſetze unterſtützen Euch darin— eine um ſo größere Schande für Euch und für ſie! Aber Ihr habt uns noch nicht. Wir erkennen Eure Geſetze nicht an! wir erkennen Euer Land nicht an! wir ſtehen hier unter Gottes Him⸗ mel eben ſo frei wie Ihr, und bei dem Allmächtigen, der uns geſchaffen hat, wir werden für unſere Freiheit kämpfen bis zum letzten Athemzuge!“ George ſtand deutlich ſichtbar auf dem Gipfel des Feiſens, als er dieſe Un⸗ abhängigkeitserklärung ausſprach. Die goldene Morgenſonne beleuchtete ſeine dunkle Wange, die Entrüſtung und Verzweiflung verliehen ſeinem ſchwarzen Auge ein düſteres Feuer und er erhob bei ſeinen Worten die Hand zum Himmel, als ob er von den Menſchen an die Gerechtigkeit Gottes appellire. Die Stellung, das Auge, die Stimme und die Haltung des Sprechenden zwangen die Unten⸗ ſtehenden auf einen Augenblick zum Schweigen. Es liegt in der Kühnheit und Entſchloſſenheit etwas, das ſelbſt der roheſten Natur Achtung abnöthigt. Marks war der Einzige, der vollkommen ungerührt blieb. Er ſpannte bedächtig ſein L und feuerte es während der kurzen Pauſe, welche auf George's Rede folgte, auf ihn ab. Wit Ihr, wir erhalten in Kentucky eben ſo viel, mögen wir Euch todt oder lebend einbringen,“ſagte er kaltblütig, indem er ſein Piſtol am Rockärmel abwiſchte. George ſprang zurück nnd Eliza ſtieß einen Schrei aus— die Kugel war dicht an ſeinem Haar vorüber geflogen, hatte die Wange ſeiner Gattin faſt ge⸗ ſtreift und war in den Baum hinter ihnen gefahren. „Es iſt nichts, Eliza, ſagte George ſchnell. „Du wirſt beſſer thun, wenn Du Dich nicht ſo bloßſtellſt, während Du ſprichſt,“ bemerkte Phineas;„es ſind erbärmliche Schufte.“ „Nun, Jim,“ ſagte George,„ſieh zu, daß Deine Piſtolen in Ordnung find und beobachte mit mir jenen Paß. Ich ſeure auf den Erſten, der ſich zeigt, Du nimmſt den Zweiten u. ſ. w. Du weißt, daß wir nicht zwei Schüſſe an Einen verſchwenden dürfen.“ „Wie aber, wenn Du nicht triffſt?“ „Ich will ſchon treffen,“ ſagte George kaltbltig. „Gut, der Burſche hat Muth!“ murmelte Phineas zwiſchen den Zähnen. 8 143 2 Die unten Befindlichen blieben, nachdem Marks gefeuert hatte, einen Augenblick unentſchloſſen ſtehen. „Ich glaube, Ihr müßt Einen getroffen haben,“ ſagte einer von den Män⸗ nern,„ich habe einen Schrei gehört.“ „Ich meinestheils werde gerade hinaufgehen,“ verſetzte Tom,„ich habe mich nie vor Niggern gefürchtet und werde es auch jetzt nicht thun. Wer folgt mir?“ fragte er indem er den Felſen hinaufſprang. George hoͤrte die Worte deutlich. Er erhob ſein Piſtol, unterſuchte es und zielte damit nach dem Punkte der Schlucht, wo der Erſte zum Vorſchein kom⸗ men mußte. Einer von den Muthigſten der Hilfstruppen folgte Tom und nachdem auf dieſe Weiſe der Anfang gemacht war, begannen Alle den Felſen hinaufzuklettern, wobei die Hinteren die Vorderen ſchneller vorwärts drängten, als ſie aus eige⸗ nem Antriebe gegangen ſein würden. Sie kamen heran und im nächſten Augenblicke wurde die rieſenhafte Geſtalt Tom's beinahe am Rande der Fels⸗ ſpalte ſichtbar. George feuerte— die Kugel traf Tom in die Seite; trotz ſeiner Verwun⸗ dung wollie er aber doch nicht zurückweichen, ſondern ſprang mit einem Gebrüll, h eines wüthenden Stiers über den Abgrund mitten unter die Ge⸗ ellſchaft. „Freund,“ ſagte Phineas, indem er plötzlich vortrat und ihn mit einem Stoße ſeiner langen Arme begrüßte,„wir brauchen Dich hier nicht.“ Er ſtürzte praſſelnd durch die Bäume und Büſche und über die umgefallenen Baumſtämme und lockern Steine in den Abgrund, wo er halb zerſchmettert und ſtöhnend dreißig Fuß tief unter ihnen liegen blieb. Der Sturz würde ihn ge⸗ tödtet haben, wenn nicht ſeine von den Aeſten eines großen Baumes aufgehal⸗ tenen Kleider die Gewalt deſſelben gemäßigt hätten. Er kam aber dennoch mit größerer Heſtigkeit als ihm angenehm war, unten an. „Gott ſteh uns bei! das ſind wahre Teufel,“ ſagte Marks, indem er den Ruͤckzug über die Felſen hinab bereitwilliger antrat, als er ſich beim Hinauf⸗ ſteigen angeſchloſſen hatte, während alle Uebrigen ihm über Hals und Kopf nacheilten, wobei beſonders der dicke Konſtabler entſetzlich keuchte und ſchnaufte. „Hört, Kinder,“ agte Marks,„geht Ihr herum und hebt Tom auf, während ich zu meinem Pferde laufe und davon galoppire, um Hilfe zu holen.“ Und Marks machte ohne auf das Hohngeſchrei ſeiner Gefährten zu achten, ſein Wort zur That, und man ſah ihn furz darauf fortſpringen. „Hat man je eine ſo feige Memme geſehen?“ rief einer von den Minnern. „Erſt führt er uns her und dann macht er ſich aus dem Staube und läßt uns im Stiche!“ „Nun, wir müſſen den Kerl dort wohl aufheben; aber der Teufel ſoll mich holen, wenn ich mich viel darum kümmere, ob er todt iſt oder noch lebt.“ Die Leute kletterten von dem Stöhnen Tom's geleitet, über Felſen und Geſtrüpp nach der Stelle, wo der Ehrenmann wimmernd und fluchend lag. ſetzlich, Tom,“ ſagte der Eine;„ſeid Ihr ſtark „Ihr jammert ja entſ verletzt?“ „Ich weiß es nicht. Könnt Ihr mich nicht aufheben? Zum Teufel mit dem Quäker!— wenmer nicht geweſen wäre, würde ich ein paar davon herab⸗ geſtürzt haben, damit ſie geſehen hätten, wie es ihnen gefiel.“ Der geſtürzte Held wurde mit vielet Mühe aufgerichtet und von zwei Mann bis zu den Pferden geführt. „Wenn Ihr mich nur eine Meile weit zurück nach jener Schenke bringen könntet. Gebt mir ein Taſchentuch oder etwas dergleichen, damit ich es um⸗ binde und das verwünſchte Blut ſtille.“ George blickte über die Felſen und ſah ſie mit Verſuchen, die mächtige Geſtalt Tom's in den Sattel zu heben, beſchäftigt. Nach zwei bis dreimaligem erfolgloſen Bemühen, ſchwankte er und fiel wieder herunter. „Ich will hoffen, daß er nicht todt iſt,“ ſagte Eliza, die ebenfalls das Beginnen der Untenſtehenden beobachtete. „Warum nicht?“ entgegnete Phineas,„es geſchieht ihm ganz recht.“ „Weil nach dem Tode das Gericht kommt,“ ſagte ſie. „Ja,“ ſagte die Alte, die während der ganzen Scene in ihrer methodiſti⸗ ſchen Weiſe geiammert und gebetet hatte;„es ſteht traurig um die Seele des armen Menſchen!“ „Ich glaube wahrhaftig, daß ſie ihn verlaſſen,“ ſagte Phineas. So war es auch, denn nach einigen Beweiſen von Unentſchloſſenheit und kurzer Berathung ſtieg die ganze Horde zu Pferde und ritt davon. Sobald ſie völlig verſchwunden waren, begann ſich Phineas zu rühren. „Zetzt müſſen wir hinabſteigen und ein Stück weit gehen,“ ſagte er;„ich habe Fichael den Auftrag gegeben, vorauszureiten um Hilfe zu holen und mit dem Wagen hierherzukommen, aber wir werden ihm wohl eine Strecke entgegen⸗ gehen müſſen. Gvott gebe, daß er bald kommt; es iſt noch früh am Tage und wir werden ſchwerlich auf viele Reiſende ſtoßen. Ueberdies ſind wir nicht viel mehr als zwei Meilen von unſerm Anhaltepunkte entfernt. Wäre der Weg die i⸗ Nacht nicht ſo ſchlecht geweſen, ſo hätten ſie uns gar nicht ein⸗ eholt.“ 35 Als ſich die Geſellſchaft der Fenz näherte, entdeckten ſie in der — auf der Landſtraße ihren in Begleitung einiger Reiter zurückkommenden agen. 8. kommt Michael mit Stephan und Amaria!“ rief Phineas freudig. „Jetzt ſind wir eben ſo ſicher als ob wir ſchon dort wären.“ „Nun, ſo wollen wir warten und etwas für jenen armen Mann thun,“ ſagte Eliza,„er ſtöhnt entſetzlich.“ „Ja, das iſt nicht mehr als chriſtlich,“ meinte George;„wir wollen ihn aufheben und mitnehmen.“ „Und ihn unter den Quäkern wieder zuſammen doktorn,“ ſagte Phineas. „Nicht übel! Nun, ich habe nichts dagegen. Wir wollen ihn einmal anſehen!“ Und Phineas, der im Laufe ſeines Jäger⸗ und Hinterwäldlerlebens einige Er⸗ fahrungen in der Chirurgie erlangt hatte, kniete bei dem Verwundeten nieder und begann ihn ſorgfältig zu unterſuchen. „Marks,“ ſagte Tom mit ſchwacher Stimme,„ſeid Ihr es, Marks?“ „Nein, ich glaube, daß er es nicht iſt, Freund,“ verſetzte Phineas.„Marks kümmert ſich nicht viel um Dich, wenn er nur ſeine eigene Haut in Sicherheit gebracht hatz er iſt lange fort.“ „Ich glaube mit mir iſts aus!“ ſtöhnte Tom.„Der verfluchte, feige Hund — mich allein ſterben zu laſſen! Meine arme alte Mutter hat mir immer geſagt, daß es noch ſo kommen würde!“ „Du lieber Gott, der arme Menſch! er hat noch eine Mammy!“ ſagte die alte Negerin.„Ich kann ihm doch mein Mitleid nicht verſagen.“ „Sachte, ſachte, ſchnappe und knurre nicht, Freund!“ rief Phineas, als Tom zuſammenzuckend ſeine Hand zurück ſtieß. Du haſt keine Ausſicht am Leben zu bleiben, wenn ich der Blutung nicht Einhalt thue!“ und Phineas traf ſchnell 145 einige chirurgiſche Vorkehrungen mit ſeinem eignen Taſchentuche und einigen anderen, welche noch unter der Geſellſchaft aufzutreiben waren. „Ihr habt mich dort hinuntergeſtürzt!“ ſagte Tom mit matter Stimme. „Nun ſiehſt Du, Freund, wenn ich es nicht gethan hätte, ſo würdeſt Du uns hinabgeſtürzt haben,“ erwiderte Phincas indem er ſich bückte, um ſeinen Verband anzulegen. „Na, halt ſtill, Alter, und laß mich dieſe Bandage befeſtigen. Wir meinen es gut mit Dir, haben nichts Böſes im Sinne. Du ſollſt in ein Haus gebracht werden, wo man Dich gut pflegen wird, ſo gut, wie es nur immer Deine eigne Mutter könnte.“ Tom ſtöhnte und ſchloß die Augen. Bei Männern ſeiner Art ſind Thatkraft und Entſchloſſenheit eine rein phyſiſche Sache und ſie erlöſchen wit dem Aus⸗ ſtrömen des Blutes. Der rieſenhafte Menſch ſah in ſeiner Hilfloſigkeit wahrhaft bemitleidenswerth aus. Jetzt kam die andere Geſellſchaft heran. Die Sitze wurden aus dem Wagen genommen, die vierfach zuſammengelegten Büffeldecken der Länge nach auf der einen Seite ausgebreitet, und vier Männer hoben mit Mühe Tom's ſchweren Koͤrper hinein. Ehe er noch hinaufgelangte, wurde er ohnmächtig Die alte Negerin ſetzte ſich in ihrem überſtrömenden Mitleid auf dem Boden nieder und nahm ſeinen Kopf in den Schooß. Eliza, George und Jim brachten ſich, ſo gut ſie konnten, in dem noch übrigen Raume unter und die Geſellſchaft brach auf. „Was halten Sie von ihm?“ fragte George, der neben Phineas ſaß. „Es iſt nichts als eine ziemlich tiefe Fleiſchwunde, aber das Herabſtürzen und Zerkratztwerden an dem Geſtrüpp hat ihm nicht eben gut gethan. Er hat ziemlich ſtark geblutet und dies hat ihm den Muth und die Kraft ſo ziemlich be⸗ nommen. Er wird aber davonkommen und vielleicht ſo Manches dadurch lernen.“ „Das freut mich,“ ſagte George,„es würde für mich ſtets ein drückender Gedanfe geweſen ſein, wenn ich ſelbſt in einer gerechten Sache ſeinen Tod ver⸗ urſacht hätte.“ „Ja,“ erwiderte Phincas,„das Morden iſt eine häßliche Operation, es mag nun einen Menſchen betreffen oder ein Thier. Ich bin zu meiner Zeit ein roßer Jäger geweſen und ich ſage Dir, ich habe Hirſche, die ich niedergeſchoſſen und die am Verenden waren, mich ſo anſchauen ſehen, daß es mir beinahe gottlos erſchien, ſie getödtet zu haben, und bei menſchlichen Geſchöpfen iſt es eine noch ernſthaftere Sache, da, wie Deine Frau ſagt, nach dem Tode das Ge⸗ richt kommt. Ich glaube daher nicht, daß die Anſichten unſerer Leute über dieſe Dinge zu ſtreng ſind, und wenn ich daran denke, wie ich aufgewachſen bin, muß ich ihnen ſo ziemlich beiſtimmen.“ „Was fangen wir mit dem armen Teufel an?“ fragte George. „Wir nehmen ihn mit zu Amaria. Die alte Großmutter Stephen's dort— Dorcas— wie ſie heißt— iſt eine vortreffliche Krankenwärterin. Sie thut es mit wahrem Vergnügen und befindet ſich nie wohler, als wenn ſie einen Kranken zu pflegen hat. Wir können darauf rechnen, daß er etwa vierzehn Tage in ihren Händen bleiben wird.“ Eine Fahrt von etwa einer Stunde brachte die Geſellſchaft an ein Farm⸗ haus, wo die müden Reiſenden mit einem reichlichen Frühſtück empfangen wurden. Tom Loker war bald ſorgfältig in ein weit reinlicheres und weicheres Vett gelegt als erje gefannt hatte, ſeine Wunde ward ſorgfältig verbunden und er offnete und ſchloß die Augen matt wie ein müdes Kind, als er die weißen Fenſtergardinen und die leiſe im Zimmer umbergleitenden Geſtalten erblickte. Hier wollen wir für jetzt von den Reiſenden Abſchied nehmen. Onkel Tom's Hütte. 10 18. Miß Ophelia's Erfahrungen und Anſichten. Unſer Freund Tom verglich in ſeinen einfachen Gedanken das glücklichere Loos, das ihi in ſeiner Knechtſchaft zu Theil geworden war, oft mit dem Joſeph's in Egypten; und in der That, mit der Länge der Zeit, und während er ſich mehr und mehr unter den Augen ſeines Herrn entwickelte, um ſo treffender wurde der Vergleich. St. Clare war ſorglos und gleichgültig in Beziehung auf das Geld. Bis⸗ her war die Anſchaffung der Bedürfniſſe des Hauſes hauptſächlich durch Adolph geſchehen, der ganz eben ſo ſorglos und verſchwenderiſch war, wie ſein Herr, und Beide hatten die Verſchwendung mit großer Geläufigkeit betrieben. Seit langen Jahren daran gewohnt, ſeines Herrn Eigenthum eben ſo gewiſſen⸗ haft wahrzunehmen, als wenn es das ſeinige wäre, bemerkte Tom mit einem Unwillen, den er kaum zu unterdrücken vermochte, den unerhörten Aufwand im Haushalte, und auf die ſtille, indirerte Weiſe, welcher ſeiner Claſſe eigen iſt, machte er dann und wann ſeine Bemerkungen darüber. St. Clare benutzte ihn anfangs nur gelegentlich; da ihm aber ſein geſun⸗ des Urtheil und ſeine Befähigung zu allen Geſchäften auffiel, vertraute er ihm immer mehr und mehr an, bis ihm endlich die Beſorgung aller Einkaufe für die Familie übertragen wurde. „Nein, nein, Adolph,“ ſagte er eines Tages, als dieſer dagegen proteſtirte, daß die Macht in Tom's Hände überging,„laß ihn nur gewähren. Du weißt nur, was Du brauchſt— Tom verſteht ſich auf die Koſten und dergleichen; das kann mit der Zeit auch zu Ende gehen, wenn wir Niemand dafür ſorgen aſſen.“ Bei dem unbegrenzten Vertrauen eines ſorgloſen Herrn, der ihm eine Banknote übergab, ohne ſie anzuſehen und das herausbekommene Geld ein⸗ ſteckte ohne es zu zählen, hatte Tom vielfache Gelegenheit und Verſuchung zur Unehrlichkeit, und nur ſeine tief eingewurzelte Rechtſchaffenheit, verbunden mit einem wahrhaft chriſtlichen Glauben, konnte ihn davon zurückhalten. Bei die⸗ ſem Charakter war das unbegrenzte Vertrauen, das in ihn geſetzt wurde, gerade eine Verpflichtung zu der gewiſſenhafteſten Treue. Bei Adolph war die Sache anders geweſen. Gedankenlos und nachſichtig gegen ſich ſelbſt, nicht controlirt durch einen Herrn, der es viel bequemer fand, Machſicht zu üben, als Strenge, war er in eine gänzliche Verwirrung der Begriffe des Mein und Dein in Beziehung auf ſich ſelbſt und ſeinen Herrn gerathen, welche zuweilen ſogar St. Clare beunruhigte. Sein Verſtand ſagte ihm, daß ſolch' ein Benehmen von ſeinem Diener unrecht und gefährlich ſei. Eine Art Reue begleitete ihn überall hin, obgleich er nicht Kraft genug beſaß, ſein Ver⸗ fahren entſchieden zu ändern. Und ſelbſt dieſe Reue führte wieder zur Nachſicht. Er ging leicht über die größten Fehler hin, weil er ſich ſelbſt ſagte, wenn er ſeine Pflicht gethan hätte, würden die ihm Untergebenen nicht in den Fehler ver⸗ fallen ſein. Tom betrachtete ſeinen heiteren, munteren, hübſchen, jungen Herrn mit emem eignen Gemiſch von Zuneigung, Ehrfurcht und väterlicher Beſorgniß. Daß er nie die Bibel las, nie in die Kirche ging, über Alles und Jedes, was ihm in den Weg kam, ſpöttelte; daß er ſeine Sonntagsabende im Theater zu⸗ brachte; daß er öfter in Trinkgeſellſchaften, in Clubbs und zu Abendeſſen ging, als ſich ztemte, waren ſämmtlich Dinge, die Tom ſo gut ſehen konnte, wie Jeder⸗ mann, und worauf er die Ueberzeugung ſtützte, daß„Maſter kein Chriſt war.“ Eine Ueberzeugung, die er indeß ſehr ſchwer gegen irgend Jemand ausgeſprochen 147 hätte, aber auf die er manche Gebete nach ſeiner eigenen einfachen Weiſe grün⸗ dete, wenn er allein in ſeinem kleinen Kämmerchen ſaß. Damit ſoll jedoch nicht geſagt ſein, daß Tom ſeine Meinung nicht gelegentlich mit der Schonung aus⸗ geſprochen hätte, welche Menſchen ſeiner Claſſe oft bevbachten. So war z. B. an dem Tage nach dem oben beſchriebenen Sonntage St. Clare in eine Geſell⸗ ſchaft eingeladen und wurde zwiſchen ein und zwei Uhr in der Nacht in einem Zuſtande nach Hauſe gebracht, in dem das Phyſiſche ganz entſchieden das Ueber⸗ gewicht über das Intellectuelle gewonnen hatte. Tom und Adolph brachten ihn zu Bett; der Letztere ſehr luſtig, indem er offenbar die Sache als einen Spaß betrachtete und herzlich über den naiven Abſcheu Tom's lachte, der in der That einfältig genug war, den ganzen übrigen Theil der Nacht zu wachen, um für ſeinen jungen Herrn zu beten. „Nun, Tom, worauf warteſt Du noch?“ fragte St. Clare am nächſten Morgen, als er in ſeiner Bibliothek in Schlafrock und Pantofſeln ſaß. Er hatte Tom eben Geld zu verſchiedenen Einkäufen übergeben.„Iſt nicht Alles richtig, Tom?“ fügte er hinzu, als Tom ſich noch immer nicht entfernte. „Ich fürchte nein, Maſter,“ antwortete Tom mit ernſtem Geſicht. St. Clare legte die Zeitung nieder, ſetzte die Kaffeetaſſe weg und blickte om an. „Nun, Tom, was giebt's denn? Du ſiehſt ja ſo feierlich aus, wie ein Sarg?“ „Ich bin ſehr betrübt, Maſter.. ich habe immer geglaubt, Sie wären gütig gegen Jedermann.“ „Nun, Tom, bin ich das nicht geweſen? Was fehlt Dir? Du haſt wahr⸗ ſcheinlich irgend'was nicht bekommen, und das iſt die Vorrede.“ „Sie ſind immer gut gegen mich geweſen. Ich habe mich über nichts zu be⸗ klagen. Aber gegen Einen ſind Sie nicht gut.“ „Ei, Tom, was fällt Dir ein? Sprich, was meinſt Du?“ „Letzte Nacht zwiſchen eins und zwei dachte ich ſo: Maſter iſt nicht gut ge⸗ gen ſich ſelbſt.“ Tom ſagte dies, indemerden Rücken ſeinem Herrnzuwendete und die Hand auf den Thürgriff legte. St. Clare fühlte, daß er dunkelroth wurde, aber er lachte. „Das iſt Alles?“ fragte er heiter. „Alles?“ rief Tom, indem er ſich plötzlich wieder umwendete und auf die Kniee fiel.„Ach, mein theurer junger Herr, ich fürchte, daß Sie Ihren Leib und Ihre Seele in's Verderben ſtürzen! Das gute Buch ſagt:„Es beißt, wie eine Schlange und ſticht, wie eine Natter!“ Tom hielt inne, und die Thränen rannen ihm über die Wangen. „Du armer einfältiger Thor!“ ſagte St. Clare ebenfalls mit Thränen in den Augen.„Steh auf Tom. Ich bin es nicht werth. daß Du über mich weinſt.“ Doch Tom wollte nicht aufſtehen und blickte flehend empor. „Nun gut, ich will zu keinem von dieſen fluchwürdigen Gelagen mehr ge⸗ hen, Tom,“ fuhr St. Clare fort.„Auf Ehre, ich will nicht. Ich weiß nicht, weshalb ich nicht ſchon längſt Halt gemacht habe. Ich habe das immer verachtet, und mich ſelbſt deshalb; alſo trockne jetzt Deine Thränen, Tom, und beſorge Deine Aufträge. Geh, geh,“ ſetzte er hinzu,„keine Segenswünſchei Ich bin nicht gut genug dazu,“ und ſanft drängte er Tom gegen die Thür.„Ich will Dir meine Ehre verpfänden, Tom, daß Du mich nicht wieder ſo ſehen ſollſt!“ ſagte er, und Tom ging, die Augen trocknend, mit großer Zufriedenheit. „Ich werde mein Wort halten,“ ſagte St. Clare, indem er die Thür ſchloß. Und St. Clare that es; denn grobe Sinnlichkeit lag durchaus nicht in ſei⸗ nem Charakter. 10* 148 Wer kann aber beſchreiben, welche Plackereien unſere Freundin Miß Ophe⸗ lia, die das Amt der Hausfrau übernommen hatte, während dieſer ganzen Zeit ausſtehen mußte? Unter den Sklaven im Süden herrſcht der größte Unterſchied von der Welt je nach dem Charakter und den Fähigkeiten der Herrinnen, durch die ſie aufgezo⸗ gen wurden. Im Süden ſowohl, als im Norden, giebt es Frauen, welche ein ausgezeich⸗ netes Talent zum Befehlen und zur Erziehung haben. Dieſen wird es ohne ſichtliche Mühe und ohne alle Strenge leicht, die verſchiedenen Bewohner ihres kleinen Staates ihrem Willen zu unterwerfen und in ſyſtematiſcher Ordnung zu erhalten, ihre verſchiedenen Eigenthümlichkeiten zu reguliren und die Fehler der Einen durch die guten Eigenſchaften der Andern auszugleichen. Eine ſolche Hausfrau war Mrs. Shelby. Waren ſie im Süden nicht häu⸗ ſig zu finden, ſo kam das daher, weil ſie in der ganzen Welt nicht häufig ſind. Dort aber finden ſie ſich eben ſo zahlreich, wie anderwärts, und wo ſie find, da finden ſie die beſte Gelegenheit, ihre häuslichen Talente zu zeigen. Solch' eine Hausfrau war aber Marie St. Clare eben ſo wenig, als vor ihr ihre Mutter. Träge und kindiſch, unſyſtematiſch und unvorſichtig, ließ es ſich nicht erwarten, daß Diener, die unter ſolcher Zucht aufgewachſen waren, anders ſein würden, und ſehr richtig hatte ſie Miß Opelia den Zuſtand der Verwirrung geſchildert, den ſie in dem Hauſe finden würde, obgleich ſie denſelben nicht der eigentlichen Urſache zuſchrieb. Am erſten Morgen ihrer Regentſchaft war Miß Ophelia ſchon um vier Uhr auf, und nachdem ſie ihr eigenes Zimmer gereinigt hatte, wie ſie zur größten Verwunderung des Stubenmädchens täglich gethan, ſeitdem ſie im Hauſe war, bereitete ſie ſich zu einer genauen Inſpection der Speiſe- und Vyrraths⸗Kam⸗ mern des Hauſes vor, deſſen Leitung ſie übernommen hatte.. Die Speiſekammer, das Plattzimmer, die Geſchirrkammer, die Küche und der Keller hatten an dieſem Tage eine ſtrenge Prüfung auszuhalten. Verborgene Dinge wurden an's Licht gezogen, und zwar in einer Ausdehnung, welche alle die erſten Beamten und Gewalten decKuͤche und des Hauſes in Allarm verſetzte und unter den Dienſtboten manche Verwunderung, manches Gemurre über dieſe „nordiſchen Ladies“ hervorrief. Die alte Dina, die erſte Köchin und höchſte Autorität im ganzen Küchen⸗ departement, wurde von Wuth erfüllt, über das, was ſie als einen Eingriff in ihre Rechte betrachtete. Kein Lehnsbaron in den Zeiten der Magna Charta würde irgend eine Eigenmächtigkeit der Krone ſtärker empfunden haben. Dina war ein eigenthümlicher Charakter, und es hieße ungerecht gegen ihr Andenken ſein, wollten wir nicht dem Leſer ein Bild von ihr geben. Sie war eine geborne und vortreffliche Köchin, eben ſo, wie Tante Chloe; die Kochkunſt gehört zu den natürlichen Anlagen des afrikaniſchen Stammes; doch Chloe war eine gebildete und methodiſche, die nach einem wiſſenſchaftlichen Syſtem zu Werke ging. während Dina ein Genie war, das ſich ſelbſt bildete, und gleich den mei⸗ ſten Genies im höchſten Grade beſtunmt, hartnäckig und in irrigen Anſichten befangen war. Gleich einer gewiſſen Claſſe von Philoſophen, verwarf Dina Logik und Vernunftgründe in jeder Geſtalt, ſie ließ nur ihre eigne Anſchauung und Ueber⸗ zeugung gelten, und war in dieſer Bezichung unbeugſam. Kein möglicher Grad des Talentes oder der Autvrität, oder der Auseinanderſetzung konnte in ihr jes mals den Glauben erwecken, irgend ein anderer Weg ſei beſſer, als der ibrige. Das war eine Gewohnheit, die ſie ſich beiihrer früheren Herrin, Marien's Mutter 149 angeeignet hattr, und„Miß Marie,“ wie Dina ihre junge Gebieterin ſelbſt nach der Verheirathung noch immer nannte, fand es viel bequemer, ſich dem zu unter⸗ werfen, als es zu beſtreiten. So hatte denn Dina die oberſte Herrſchaft aus⸗ geübt, was um ſo leichter war, da ſie vollkommen die diplomatiſche Kunſt beſaß, welche die größte Unterwürfigkeit im Benehmen mit der größten Unbeugſamkeit im Handeln zu vereinigen weiß. Dina war Meiſterin in der Kunſt, Entſchuldigungen vorzubringen. Ihr Grundſatz war, eine Köchin könne keinen Fehler machen; und in einer ſüdlichen Kiüche findet eine Köchin immer genug Köpfe und Hände, denen ſie jede Sünde, jedes Verſehen aufbürden kann, ſo daß ihre eigne Unfehlbarkeit immer vollkom⸗ men makellos bleibt. War irgend eine Speiſe mangelhaft oder verdorben, ſo ab es dafür funfzig Gründe, und die Schuld fiel unläugbar funfzig andern uſenen zur Laſt. Dina wurde jedoch ſehr ſelten auf einem Fehler betroffen, denn obgleich ſie Alles auf die weitläufigſte Weiſe beſorgte, obgleich in der ganzen Küche nichts ſeinen beſtunmten Platz hatte, ſo kam doch zuletzt das Eſſen immer in der voll⸗ kommenſten Ordnung auf den Tiſch, und auf eine Weiſe zubereitet, daß ſelbſt ein Epicur nichts daran auszuſetzen gefunden hätte. Es war eben jetzt die Zeit der einleitenden Vorbereitungen zum Mittags⸗ eſſen. Dina, welche lange Pauſen des Nachdenkens und der Ruhe nöthig hatte, ſaß auf dem Fußboden der Küche, aus einer kurzen Stummel⸗Pfeife rauchend, der ſie ſehr zugethan war und die ſie jedesmal anzündete, wenn ſie zu ihren Ueber⸗ egungen Begeiſterung ſuchte. Dies war Dina's Weiſe, die häuslichen Muſen anzurufen. Rings um ſie her ſaßen verſchiedene Mitglieder der heranwachſenden Ge⸗ neration, von der man in den ſüdlichen Haushaltungen einen Ueberfluß findet, Erbſen aushülſend, Kartoffeln ſchälend, Federvieh rupfend, oder andere Arbeiten verrichtend, während Dina ſich in ihren Betrachtungen dann und wann unter⸗ brach, um hier einen Klaps, dort einen Schlag zu verſetzen. In der That herrſchte Dina über die jüngeren Wollköpfe mit einer eiſernen Zuchtruthe. Miß Ophelia, welche alle übrigen Theile des Haushaltes auf ihrer In⸗ ſpectionsrunde beſichtigt hatte, trat jetzt auch in die Küche. Dina hatte von ver⸗ ſchiedenen Seiten gehört, was vorging, und war entſchloſſen, ſich defenſiv und conſervativ zu verhalten, und dabei jeder Maßregel ohne eine Aeußerung des Widerſpruchs zu opponiren und ſie zu ignoriren. Die Küche war ein großer, mit Ziegelſteinen gepflaſterter Raum, mit einem großen, altmodiſchen Heerde, der ſich an der einen Seite hinzog, eine Einrich⸗ tung, deren Vertauſchung mit einer modernen Kochmaſchine St. Clare ver⸗ gebens bei Dinn verſucht hatte. . Als St. Clare das erſtemal aus dem Norden zurückkehrte, hatte er nach dem Syſteme der Ordnung, das in ſeines Onkels Küche herrſchte, eine Menge Schränke und allerhand andere Geräthſchaften gekauft um auch in ſeiner Küche eine ſyſtematiſche Ordnung einzufühten. Aber je mehr Schränke und Kaſten er beſorgte, deſto mehr Verſtecke fand Dina für alte Kämme, Schuhe, Blumen oder andere Gegenſtände, an denen ſie Vergnügen fand. Als Miß Ophelia in die Küche trat, ſtand Dina nicht auf, ſondern rauchte mit ſtolzer Ruhe weiter, alle ihre Bewegungen mit ſeitwärts ſchielendem Blicke beobachtend, dem Anſcheine nach aber nur mit dem beſchäftigt, was ſie umgab. Miß Ophelia begann damit, einige Schubkäſten herauszuztehen. „Zu was iſt dieſer Schrank, Dina?“ fragte ſie. „Zu allerhand, Miſſis,“ entgegnete Dina. Und ſo ſchien es auch zu ſein. — 4 ——̃,,— 150 Von dem mannigfaltigen Inhalte zog Miß Ophelia zuerſt ein feines Damaſt⸗ Tiſchtuch hervor, das mit Blut befteckt war und offenb ar dazu gedient hatte, rohes Fleiſch einzuwickeln. „Was iſt das, Dina?“ rief Miß Ovhelia.„Du wirſt doch wohl nicht blutiges Fleiſch in die beſten Tiſchtücher Deiner Gebieterin einſchlagen?“ .„O nein, Miſſis, es waren zufällig einmal keine Handtücher mehr da,— deshalb mußte ich ein Tiſchtuch nehmen, und ich habe es dort hineingelegt, weil es mit gewaſchen werden ſoll.“ „Welche Nachläſſigkeit!“ dachte Miß Ophelia bei ſich und fuhr fort, den Inhalt zu unterſuchen, wobei ſie ein Muskatennuß⸗Reibeiſen und zwei oder drei Muskatnüſſe fand, ferner ein methodiſtiſches Geſangbuch, ein Paar ſchmutzige Madras⸗Taſchentücher, etwas Garn, Strickgeräth, ein Papier mit Taback und Pfeife, einige Haarwickel, eine oder zwei goldrandige Taſſen mit etwas Pomade darin, zwei alte Schuhe, ein Stück Flanell, ſorgſam zuſammengewickelt und eine Anzahl weißer Zwiebeln enthaltend, mehrere Damaſt-Servietten, ein Paar zerriſſene Handtücher, Zwirn und Nähnadeln und zerriſſene Papiere, aus denen duftende Kräuter herausſielen. „Wo bewahrſt Du die Muskatennüſſe auf, Dina?“ fragte Miß Ophelia mit einem Ausdrucke, als wolle ſie Gott um Gekuld bitten. „Ueberall, Miſſis; da liegen welche in einer zerbrochenen Thectaſſe, dort auch, und da in dem Fache auch.“ „Hier ſind welche in dem Schranke,“ ſagte Miß Ophelia, ſie in die Höhe altend. „Nun ja, ich legte ſie dieſen Morgen dahin, weil ich gern von Allem etwas zur Hand habe, erwiderte Dina.„Was thuſi Du da, Jake? Gieb Acht auf Deine Arbeit!“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie dem Verbrecher einen Schlag gab. „Was iſt dies?“ fragte Miß Ophelia, die Taſſe mit der Pomade erhebend. a„Ach, das iſt mein Haarſett; ich that es da hin, um es bei der Hand zu aben“ „Brauchſt Du dazu die beſten Taſſen Deiner Herrin?“ „Das iſt in der Eile geſchehen, ich wollte es dieſen Morgen ändern.“ „Hier ſind zwei Damaſt-Servietten.“ „Die ſollen in dieſen Tagen gewaſchen werden.“ ſon„Haſt Du keinen Ort, wohin die Sachen kommen, die gewaſchen werden ollen?“ „O ja, Maſter St. Clare hat dieſen Schrank dazu gekauft, aber ich knete den Kuchenteig darauf und benutze ihn, um das Geſchir einſtweilen abzuſetzen, auch läßt ſich der Deckel nicht bequem emporheben.“ „Weshalb kneteſt Du Deinen Teig nicht auf dem Tiſche dort?“ „Er ſteht immer ſo voll Schüſſeln und anderer Dinge, daß kein Platz darauß iſt.“ „Aber Du ſollteſt die Schüſſeln abwaſchen und fortſtellen.“ „Abwaſchen, meine Schüſſeln?“ rief Dina mit kreiſchender Stimme, indem ihre Wuth über ihr gewohnliches unterwürfiges Weſen die Oberhand ge⸗ wann.„Was verſtehen Ladies von der Arbeit? Wie ſollte der Herr das Eſſen ur rechten Zeit bekommen, wenn ich immer Schüſſeln waſchen wollte? Miß Karie hat mir nie etwas darüber gefagt!“ „Hier ſind Zwiebeln.“ „Ja, es iſt wahr, es ſind beſondere Zwiebeln, die ich zu einem Gericht brauche. Ich hatte vergeſſen, daß ich ſie in ein Stück alten Flanell einge⸗ wickelt habe.“ 151 Miß Ophelia hob die zerriſſenen Düten mit den duftenden Kräutern in die Höhe. „Ich wünſchte, Miſſis, daß Sie nun nichts mehr anrühren; ich hebe meine Sachen da auf, wo ich ſie zu finden weiß!“ rief Dina ziemlich entſchieden. „Aber Du brauchſt doch dieſe Löcher nicht in den Düten?“ „Das iſt handlich zum Ausſchütten,“ meinte Dina. „Du ſiehſt aber, daß es in dem ganzen Fache herumfällt.“ „Ja, wenn Sie Alles um- und umdrehen, Miſſis, dann muß es freilich herausfallen,“erwiderte Dina, indem ſie ärgerlich an den Kaſten trat.„Wenn Sie hinaufgehen, bis ich aufgeräumt habe, wird Alles in Ordnung kommen; ſo lange Miſſis aber hier ſind, kann ich nichts thun.“ „Ich werde die Küche einmal durchgehen und Alles in Ordnung bringen, Dina; dann erwarte ich aber, daß Du es in dieſer Ordnung hältſt.“ „Nein, Miß Phelia, das iſt keine Arbeit für Ladies; ich habe nie geſehen, daß Ladies ſich darum kümmerten,“ ſagte Dina, indem ſie haſtig auf und ab zu gehen begann, während Miß Ophelia Schüſſeln und Teller ſortirte, ein Dutzend einzelner Behälter mit Zucker in einen großen leerte, Tiſchtücher, Ser⸗ vietten und Handtücher zum Waſchen ordnete, und das Alles mit einer Eile und Gewandtheit, welche Dina in das höchſte Erſtaunen ſetzten. „Na, wenn die nördlichen Ladies es ſo machen, dann ſind ſie keine Ladies,“ ſagte ſie zu einer ihrer Untergebenen, als ſie außer der Hörweite war.„Ich habe meine Sachen eben ſo in Ordnung wie bei irgend Einer, wenn meine Aufräum⸗ zeit kommt, undeich brauche keine Ladies, die mir im Wege ſind und Alles an einen andern Ort legen wollen, wo ich es nicht finden kann.“ Wir müſſen Dina die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie zu gewiſſen Zeiten Anfälle von Ordnungsſinn hatte, die ſie ihre„Aufräumzeit“ nannte, wo ſie mit großem Eifer anfing, Alles, was die Fächer und Käſten enthielten, auf den Boden zu werfen oder auf die Tiſche zu legen und die gewöhnliche Ver⸗ wirrung noch ſiebenmal größer zu machen. Dann zündete ſie ihre Pfeife an, ging gemächlich zwiſchen ihren Anordnungen umher und überblickte die Sachen, indem ſie dabei ſprach, das junge Volk das Zinngeſchirr kräftig putzen ließ und während mehrere Stunden lang einen Zuſtand der Verwirrung aufrecht erhielt, den ſie zur großen Zufriedenheit aller Frager durch die Bemerkung zu recht⸗ fertigen wußte, daß ſie„aufräume“— daß ſie die jungen Leute anwieſe, Ord⸗ nung zu halten, denn Dina ſelbſt gab ſich der Illuſion hin, daß ſie die Seele der Ordnung ſei, und daß nur die Jungen und ſonſt Jeder im Hauſe dagegen fehlte. Wenn alles Zinn geputzt, die Tiſche ſchneeweiß geſcheuert, und was das Auge beleidigen konnte, in Ecken und Winkel untergebracht war, kleidete Dina ſich ſauber an, mit einer weißen Schürze und einem hohen, glänzenden Madras⸗ turban und ſagte zu den umherlungernden„Jungen“, daß ſie aus der Küche gehen ſollten, denn ſie wollte Alles nett erhalten wiſſen. Miß Ophelia ordnete binnen wenigen Tagen jedes Departement des Haushaltes nach einem ſyſtema⸗ tiſchen Schema, aber ihre Arbeiten waren, inſofern ſie von der Mitwirkung der Diener abhingen, denen des Siſyphus und der Danaiden zu vergleichen. In der Verzweiflung nahm ſie eines Tages zu St. Clare ihre Zuflucht. „S iſ nicht möglich, irgend etwas der Ordnung Aehnliches in dies Haus zu bringen.“ „Da haſt Du ſehr Recht,“ erwiderte St. Clare. „Eine ſo nachläſſige Wirthſchaft, eine ſolche Verſchwendung, eine ſolche Unordnung iſt mir noch nicht vorgekommen!“ „Ich glaube es Dir.“ „Du würdeſt es nicht ſo ruhig mit anſehen, wenn Du Hausfrau wäreſt.“ „Du mußt wiſſen, liebe Couſine, daß wir Herren in zwei Claſſen zerfallen, in Bedrücker und Bedrückte. Wir, die wir gutmüthig ſind und Strenge haſſen, ſügen uns in eine Menge von Unannehmlichfeiten. Wollen wir zu unſerer Be⸗ quemlichkeit eine träge, leichfertige, einfältige Claſſe in der Geſellſchaft dulden, nun ſo müſſen wir die Folgen davon hinnehmen. In einigen ſeltenen Fällen, die ich geſehen habe, können Perſonen durch einen befonderen Takt Ordnung und Regelmäßigkeit ohne Strenge aufrecht erhalten, aber zu dieſen gehoͤre ich nicht. Deshalb fugte ich mich ſchon längſt darein, die Dinge gehen zu laſſen, wie ſie gehen. Ich mag es nicht dulden, daß die armen Teufei geprügelt und zerfleiſcht werden, und ſie wiſſen es; folglich wiſſen ſie auch, daß der Stock in ihren eige⸗ nen Händen iſt.“ „Aber keine Zeit, keinen Ort, keine Ordnung zu haben— Alles auf dieſe ſorgloſe Weiſe gehen zu laſſen!“ „Meine liebe Ophelia, Ihr aus dem Norden legt einen übermäßigen Werth auf die Zeit! Was auf Erden kann die Zeit einem Menſchen nützen, der zweimal ſo viel hat, als er ausgeben kann? Was Ordnung und Syſtem betrifft, ſo kommt es auf eine Stunde früher oder ſpäter beim Frühſtück oder Mittagseſſen nicht an, wenn man nichts zu thun hat, als auf dem Sopha zu lungern oder zu leſen. Nun liefert aber Dina uns ein ganz vortreffliches Mittagseſſen, Suppe, Ragvut, gebratenes Geflügel, Deſſert, Eiserème und alles Mögliche, und ſie ſchafſt das aus ihrem Chaos unten in der finſtern Küche. Ich bewundere es wirklich oft, wie ſie dies Alles zu Stande bringt. Aber hilf Hunmel, wenn wir hinuntergehen und über all den Rauch und den Dampf und die lärmenden Vorbereitungen die Aufſicht führen wollten, ſo würden wir nie mehr eſſen! Meine gute Couſine, erſpare Dir das! Es iſt mehr als eine katholiſche Buße und leiſtet eben ſo wenig Dienſte. Du wirſt nur Deine gute Laune dabei verlieren und Dina ganz verwirrt machen. Laß ſie ihren eigenen Weg gehen.“ „Aber, Auguſtin, Du weißt nicht, wie ich Alles fand.“ „Wie? Du glaubſt, ich weiß es nicht, daß das Rollholz unter ihrem Bette liegt und daß ſie das Musfatnuß⸗Reibeiſen mit ihrem Taback in der Taſche trägt? — daß ſie ſechsundfünfzig verſchiedene Zuckerdoſen hat, eine in jeder Ecke des Hauſes— daß ſie die Teller den einen Tag mit einem Tiſchtuch, und den nächſten mit einem Fetzen von einem alten Unterrock abtrocknet? Aber die Hauptſache iſt, daß ſie ein vortreffliches Mittagseſſen und ausgezeichneten Kaffee zuzubereiten verſteht, und Du muſt ſie ſo beurtheilen, wie Krieger und Staatsleute beur⸗ theilt werden, nach ihren Erfolgen.“ „Aber die Verſchwendung— die Ausgaben!“ „Ach, ja wohl! Sieh nach Allem und nimm die Schlüſſel an Dich! gieb Alles im Kleinen heraus und frage nach allen Reſten und Enden, es wird auch nicht anders ſein.“ „Das beunruhigt mich, Auguſtin. Ich kann mir nicht helfen, aber mir kommtes vor, als wären diefe Diener nicht go uz ehrlich. Biſt Du überzeugt, daß man ihnen trauen kann?“ Auguſtin lachte übermäßig über das ernſte und ängſtliche Geſicht, mit wel⸗ chem Miß Ophelia dieſe Frage ausſprach. „Ach. Couſine, das iſt zu ſpaßhaft! Ehrlich! Als ob das zu erwarten wäre! Chrlich!— Nun, natürlich ſind ſie es nicht. Weshalb ſollten ſie es ſein? Was auf Erden fönnte ſie dazu bewegen?“ „Weshalb unterrichtet Ihr ſie nicht?“ „Unterrichten? O Unſinn! Was für einen Unterricht ſollte ich ihnen denn 153 geben? Ich ſähe danach aus! Was Marie betrifft, ſo hat ſie ganz ſicher Geiſt genug, um die Bewohner einer ganzen Pflanzung umzubringen, wenn ich ſie ge⸗ währen ließe; aber den Betrug würde ſie ihnen doch nicht austreiben.“ „Giebt es gar keine ehrlichen unter ihnen?“ „Nun, dann und wann wohl einen, den die Natur ſo unpraktiſch, einfältig, treu und redlich gemacht hat, daß der ſchlimmſte Einfluß ihn nicht verderben kann. Aber bedenke doch von der Mutterbruſt an fühlt und ſicht das farbige Kind, daß ihm nur krumme Wege offen liegen. Es fann bei ſeinen Eltern, ſei⸗ nem Herrn, ſeinen jungen Maſtern und Miſſies, die ſeine Spielgefährten ſind, keine andern einſchlagen. Liſt und Betrug werden nothwendige, unvermeidliche Gewohnbeiten;z etwas Anderes darf man nicht von ihnen erwarten. Der Sklave wird in einem ſo abhängigen, halb kindiſchem Zuſtande erhalten, daß es unmog⸗ lich iſt, ihm die Begriffe von dem Rechte des Eigenthums, oder das Gefühl bei⸗ zubringen, daß ſeines Herrn Dinge nicht ſeine eignen ſind, wenn er ſie erlangen kann. Ich für meinen Theil ſehe nicht ein, wie ſie ehrlich ſein können. Ein Menſch wie Tom iſt ein moraliſches Wunder!“ „Und was wird aus ihren Seelen?“ fragte Miß Ophelia. „Das geht mich nichts an,“ antwortete St. Clare.„Ich halte mich nur an die Dinge dieſes Lebens. Die Thatſache iſt, daß man allgemein glaubt, das ganze Geſchlecht ſei dem Teufel verfallen, zu unſerm Nutzen in dieſer Welt, wie es auch in jener kommen möge.“ „Das iſt entſetzlich!“ rief Miß Ophelia.„Ihr ſolltet Euch vor Euch ſelbſt ſchämen.“ „Ich weiß nicht. Wir ſind deshalb doch in vortrefflicher Geſellſchaft,“ ſagte St. Clare,„wie die Menſchen im allgemeinen überall. Sieh Du durch die ganze Welt, auf die Hohen und die Niedrigen, und es iſt immer dieſelbe Ge⸗ ſchichte, die niedern Claſſen an Leib und Seele und Geiſt verwahrloſt zum Nutzen der obern. So iſt es in England und überall; und doch ſteht die ganze Chri⸗ ſtenheit mit tugendhaftem Unwillen dabei, weil wir das Ding auf etwas andere Weiſe thun als ſie es gewohnt ſind.“ „In Vermont iſt es nicht ſo.“ „Ja wohl, in Neuengland und in den freien Staaten habt Ihr etwas vor uns voraus, das geſtehe ich zu. Doch die Glocke ertönt, Cvuſine, alſo, laß uns unſere Vorurtheile für einen Augenblick bei Seite legen und komme zu Tiſch.“ Als Miß Opbrlia am ſpäten Nachmittag in der Küche war, riefen einige von den ſchwarzen Kindern: „Da kommt Prue ſtöhnend, wie immer.“ Ein ſchlankes, ebenholzfarbiges Weib trat in die Küche, auf ihrem Kopfe einen Korb mit geröſtetem Zwieback und heißem Brod tragend. „Nun, Prue, kommſt Du?“ fragte Dina. Prue hatte einen mürriſchen Ausdruck des Geſichts und eine dumpfe, knurrende Stimme. Sie ſetzte ihren Korb ab, ſetzte ſich daneben nieder, ſtützte die Ellenbogen auf die Kniee und rief aus:„O Herr! ich wollte, ich wäre todt!“ „Weshalb wünſcheſt Du Dir den Tod?“ fragte Miß Ophelia. „Ich wäre dann aus meinem Elend,“ antwortete die Frau mürriſch, ohne die Augen vom Boden zu erbeben. „Wezu brauchſt Du Dich zu betrinken und zu ſtehlen, Prue?“ ſagte ein Duadronenhausmädchen, indem ſie, während ſie ſprach, ein Paar Korallenohr⸗ ringe ſunfeln ließ. Das Weib ſah ſie mit einem finſtren Blicke an. „Mit Dir wird's wohl auch noch einmal dahin kommen, und ich moͤchte es erleben; dann würdeſt Du Dich gewiß freuen, wenn Du Dein Elend in einem Glaſe Branntwein ertränken könnteſt.“ „Komm, Prue,“ ſagte Dina,„laß uns nach Deinem Zwieback ſehen. Hier Milſis will dafür bezahlen.“ Miß Ophelia nahm ein paar Dutzend. „In dem alten zerbrochenen Topfe dort ſind noch einige Marken,“ ſagte Dina.„Steig hinauf, Jake, und hol' ſie herunter.“ „Was ſind das für Marken?“ fragte Miß Ophelia. „Wir kaufen ſie von ihrem Herrn und bezahlen ihr dann das Brod damit.“ 1 „Ja, und ſie zählen mein Geld und meine Marken, wenn ich nach Haus komme, und wenn es nicht ganz genau ſtimmt, ſchlagen ſie mich halb todt.“ „Und damit geſchieht Dir ganz Recht,“ ſagte Jane, das naſeweiſe Kam⸗ mermädchen,„wenn Du ihnen das Geld ſtiehlſt, um es zu vertrinken! Ja, das thut ſie, Miſſis.“ „Allerdings, und ich thue es abſichtlich, denn ich kann anders nicht leben,— ich muß trinken, um mein Elend zu vergeſſen!“ „Es iſt ſehr ſündhaft von Dir,“ bemerkte Miß Ophelia,„daß Du Deinen Herrn beſtiehlſt, um Dich zum Thiere zu erniedrigen.“ „Kann wohl ſein, Miſſis, aber ich muß es thun,— ja ich muß. Ach, wenn ich doch todt wäre, damit mein Elend ein Ende hätte!“— Mit dieſen Worten ſtand die alte Negerin langſam und mit Anſtrengung auf und nahm ihren Korb wieder auf den Kopf. Che ſie ſich jedoch entſernte, warf ſie dem Quadronenmädchen, welche noch immer mit ihren Ohrgehaͤngen ſpielte, noch einen Blick zu und ſagte zu ihr: „Du denkſt wunder wie ſchön Du biſt und weißt nicht wie hoch Du die Naſe tragen ſollſt und blickſt übermüthig auf Jedermann herab. Aber laß gut ſein, Du wirſt auch noch ein aumes, altes zerſchlagenes Geſchöpf werden wie ich, und ich wünſche es Dir,— dann wirſt Du ſehen, ob Du nicht auch trinkſt und trinkſt, um dein Elend zu vergeſſen, und es wird Dir recht geſchehen!“— Nach dieſen Worten verließ die Alte mit einem boshaften Brummen die Küche. „Widerliches altes Vieh!“ ſagte Adolph, der in dieſem Augenblicke ein⸗ trat, um Raſirwaſſer für ſeinen Herrn zu holen.„Wenn ich ihr Herr wäre, wollte ich ſie noch ganz anders zerſchlagen, als ſie es iſt.“ „Das könnteſt Du ſchwerlich,“ entgegnete Dina;„ihr Rücken ſieht ſchön aus, ſie kann kaum noch ein Kleid anziehen“ „Es ſollte gar nicht erlaubt ſein, daß ein ſo ekelhaftes Geſchöpf in anſtän⸗ dige Familien kommt,“ ſagte Miß Jane.„Was meinen Sie, Mr. St. Clare?“ fragte ſie Adolph mit einem koketten Blicke.“ Wir müſſen hier bemerken, daß Adolph neben den vielen anderen Dingen ſeines Herrn, die er ſich zueignete, auch deſſen Namen anzunehmen pflegte und daß er in den farbigen Zirkeln von New⸗Orleans als Mr. St. Clare ſigurirte. „Ich bin ganz Ihrer Meinung, Miß Benoir,“ antwortete Adolph. Benvir war der Familienname Marien's St. Clare und Jane eine von ihren Sklavinnen. „Darf ich fragen, Miß Benoir, ob dieſe Ohrglocken für den morgenden Ball beſtimmt ſind? ſie ſind wunderſchön!“ „Die Dreiſtigkeit von Euch Männern geht in's Weite, Mr. St. Clare!“ rief Jane, indem ſie ihr reizendes Köpfchen zurückwarf, damit die Ohrgehänge 155 wieder blitzten.„Wenn Sie noch mehr ſolche Fragen an mich richten, tanze ich den ganzen Abend nicht mit Ihnen.“ „O ſo grauſam können Sie nicht ſein! Ich möchte gar zu gern wiſſen, ob Sie in Ihrem blaßrothen Tarlatankleide erſcheinen werden...“ „Was giebt's hier?“ fragte Roſa, ein hübſches kleines Quadronenmäd⸗ chen, welche eben die Treppe herunterkam. „Mr. St. Clare iſt wieder einmal unverſchämt!“ „Auf Ehre,“ ſagte Adolph,„ich überlaſſe Miß Roſa die Entſcheidung.“ „Ich weiß, daß er immer ein frecher Menſch iſt,“ verſetzte Roſa, indem ſie eine ſchnippiſche Stellung annahm und Adolph einen boshaften Blick zuwarf. „Ich ärgere mich Läglich über ihn.“ „O, meine Damen, Sie zerreißen mir Beide das Herz!“ rief Adolph.„Ich werde einmal des Morgens todt in meinem Bett gefunden werden, und dann haben Sie es zu verantworten!“ „Da höre Einer den abſcheulichen Menſchen!“ ſagten beide Damen mit einem unmäßigen Gelächter. „Macht daß Ihr fortkommt!“ rief jetzt Dina;„Ihr gehört nicht in die Küche und ſeid mir nur im Wege mit Euren Narrheiten!“ „Tante Dina iſt brummig, weil ſie nicht auf den Ball gehen darf!“ ſagte Roſa. „Ich brauche Eure hellfarbigen Bälle nicht, wo Ihr wichtig thut und den Leuten glauben machen wollt, Ihr wäret weiße Mädchen!“ verſetzte Dina. „Am Ende ſeid Ihr auch weiter nichts als Schwatze, wie ich.“ „Tante Dina ſchmiert ihre Wolle täglich mit Pomade ein, damit ſie glatt werden ſoll,“ bemerkte Jane. „Und es bleibt doch Wolle,“ ſetzte Roſa hinzu, indem ſie mit boshafter Miene ihre langen ſeidenen Locken ſchüttelte. „In den Augen des Herrn iſt Wolle eben ſo gut als Haar,“ erwiderte Dina.„Ich möchte Miſſis einmal fragen, wer mehr werth iſt, ob zwei wie Ihr oder eine wie ich. Fort mit Euch, Ihr Gelbſchnäbel, ich mag Euch nicht hier haben!“ In dieſem Augenblicke wurde das Geſpräch durch zwei gleichzeitige Rufe unterbrochen. Oben auf der Treppe ließ ſich die Stimme St. Clare's ver⸗ nehmen, der Adolph fragte, wo ſein Raſirwaſſer bleibe, und Miß Ophelia, welche aus dem Speiſezimmer trat, rief: „Roſa und Jane! was verpapelt Ihr hier die ſchöne Zeit? Geht hinein und macht Eure Arbeit!“ Unſer Freund Tom der während des Geſprächs mit der alten Zwiebacks⸗ frau in der Küche geweſen war; ging ihr auf der Straße nach. Er hörte, wie ſie alle Augenblicke ein ächzendes Geſtöhn von ſich gab. Endlich ſetzte ſie ihren Korb auf die Stufen einer Hausthür nieder und urdnete das alte verſchoſſene Tuch, das ihre Schu'tern bedeckte. „Ich will Dir Deinen Korb ein Stück tragen,“ redete Tom ſie mit theil⸗ nehmender Freundlichkeit an. „Wozu?“ entgegnete die alte Negerin;„ich brauche keine Hilfe.“ „Aber Du ſcheinſt krank zu ſein, oder betrübt, oder ſonſt etwas,“ ver⸗ ſetzte Tom. „Bin nicht krank,“ erwiderte Prue kutz.. „Ich wünſchte,“ ſagte Tom, indem er ſie ernſt anſah,„ich wünſchte, ich könnte Dir das Trinlen abgewöhnen. Weißt Du nicht, daß es Leib und Seele zu Grunde richtet?“ 156 „Ich weiß, daß ich zur ewigen Qual beſtimmt bin,“ verſetzte die Negerin in mürriſchem Tone,„das braucht Ihr mir nicht erſt zu erzählen. Ich bin verflucht und weiß, daß ich in die Hölle komme. Ach, ich wollte ich wäre ſchon drin!“ Tom ſchauderte bei dieſen fürchterlichen Worten, welche mit dem Ausdrucke finſtrer Verzweiflung geſprochen wurden. „Der Herr erbarme ſich Deiner, armes Weib! Haſt Du noch nie von Jeſum Chriſtum gehört?“ „Von Jeſum Chriſtum? Wer iſt das?“ „Es iſt der Herr!“ antwortete Tom. „Ich glaube, ich habe ſchon von einem Herrn und von einem jungſten Ge⸗ richt und von der Hölle ſprechen hören. Ja, ich habe davon gehört.“ „Aber noch Niemand hat Dir von dem Herrn Jeſus erzählt, der uns ar⸗ men Sünder liebte und für uns ſtarb?“ „Davon weiß ich nichts. Seit mein alter Mann todt iſt, hat Niemand mich mehr geliebt.“ „Wo biſt Du aufgewachſen?“ fragte Tom. „Oben in Kentucky. Ein Mann hielt mich dazu, um Kinder für den Markt zu erziehen und ſie zu verkaufen, ſobald ſie groß genug waren. Zuletzt verkaufte er auch mich an einen Händler und von dieſem bin ich zu meinem jetzigen Herrn gekomnmen.“ „Warum haſt Du Dir den böſen Trunk ſo angewöhnt?“ „Um mein Elend zu vergeſſen. Als ich hierherkam, hatte ich ein Kind, und ich glaubte, daß ich es behakten dürfte, weil mein neuer Herr kein Spekulant war. Es war ein prächtiges kleines Ding und Miſſis ſchien es auch gut leiden zu können, weil es nicht ſchrie und ſo hübſch war. Aber Miſſis wurde krank, ich mußte ſie pflegen, bekam das Fieber und meine Milch blieb weg und da Miſſis keine Milch kaufen wollte, war es bald nur Haut und Knochen. Sie hörten nicht auf mich, wennich ihnen ſagte, daß ich keine Milch mehr hätte; ſie ſagten, ich könnte das Kind mit dem aufziehen, was große Leute eſſen. So wurde es immer fränker und magerer und ſchrie in einei fort Tag und Nacht, und Miſſis ſagte, das wäre nichts als Bosheit. Sie wünſchte es wäre todt, ſagte ſie, und ſie ließ mich des Nachts nicht zu ihm, weil ſie meinte, es erhielte mich wach und ich wäre dann am Tage zů nichts gut. Sie ließ mich in ihrem Zimmer ſchlafen und das Kind mußte ich weit davon in eine kleine Kammer legen und dort hat es ſich einmal in einer Nacht todt geſchrieen! Seitdem trinfe ich, damit ich es nicht ſchreien höre! So will ich immer trinken, wenn ich auch in die Hölle komme, wie Maſter ſagt.“ „Du armes Geſchöpf!“ ſagte Tom,„hat Dir nie Jemand geſagt, daß der Herr Jeſus Dich liebt und für Dich geſtorben iſt? hat Dir Niemand erzählt, daß er Dir helfen wird, daß Du in den Himmel kommen und dort endlich Ruhe haben wirſt?“ „Sind nicht lauter weiße Leute im Himmel?“ verſetzte die alte Regerin; „glaubt Ihr, daß ſie mich da leiden werden? Ach, ich will licber in die Hölle gehen wenn ich nur von Maſter und Miſſis wegkomme!“ „ Mit dieſen Worten hob ſie mit ihrei gewöhnlichen grunzenden Geſtohn ihren Korb wieder auf den Kopf und ſetzte ihren Weg fort. Tom kehrte betrübt nach Hauſe zurück. Auf dem Hofe begegnete er der klei⸗ nen Cva mit einem Kranze von Tuberoſen auf dem Kopfe und mit freude⸗ ſirahlendem Geſicht. „Ah, Tom, es freut mich, daß ich Dich trefe. Papa hat geſagt, Du ſollſt ——— —— 157 die Ponies anſpannen und mich inmeinemkleinen neuen Wagen ſpazieren fahren. Aber was ſehlt Dir denn, Tom? Du ſiehſt ja ſo traurig aus?“ „Ich bin auch traurig, Miß Eva,“ antwortete Tom betrübt.„Aber ich will die Ponies holen und anſpannen.“ „Erſt mußt Du mir ſagen, wasDir fehlt; ich habe Dich mit der alten Prue ſprechen ſehen.“ Tom erzählte Eva die Geſchichte der alten Negerin. Sie gab ihr Mitleid und ihr Erſtaunen weder durch Ausruſe noch durch Thränen zu erfennen; aber ihre Wangen wurden bleich uud eine düſtre Wolke zog über ihre Stirn. Sie legte beide Hände auf die Bruſt und ſtieß einen tiefen Seußzer aus. 19. Miß Ophelia·s Erfahrungen und Anſichten. GFortſetzung.) „Du brauchſt nicht anzuſpannen, Tom,“ ſagte Eva;„ich fahre nicht aus.“ „Warum nicht, Miß Eva?“ „Solche Dinge zerreißen mir das Herz, Tom,“ antwortete ſie.„Nein, ich will nicht ausfahren,“ wiederholte ſie noch einmal und ging in's Haus zurück. Einige Tage darauf wurden die Zwiebäcke von einer andern Frau anſtatt der alten Prue gebracht. Miß Ophelia war in der Küche. „Was iſt denn aus Prue geworden?“ fragte Dina. „Prue kommt nie wieder hierher,“ antwortete die Frau geheimnißvoll. „Warum nicht?“ entgegnete Dina;„ſie iſt doch nicht geſtorben?“ „Wir wiſſen es noch nicht gewiß,“ erwiderte die Frau mit einem Blicke auf Miß Ophelia;„ſie iſt unten im Keller.“ Nachdem Miß Ophelia die Zwiebäcke in Empfang genommen hatte, be⸗ gleitete Dina die Frau bis hinaus an die Thür. „Was iſt mit Prue?“ fragte ſie hier. Die Frau ſchien ſprechen zu wollen, und doch auch wieder nicht; endlich ſagte ſie mit gedämpfter und geheimnißvoller Stimme: „Ich will es Dir ſagen, aber Du darfſt es Niemandem wieder erzählen. Prue hatte ſich abermals betrunken, deshalb haben ſie ſie in den Keller geſperrt und ſie den ganzen Tag dort gelaſſen. Ich habe gehört, die Fliegen ſollen über ſie hergefallen ſeinund ſie ſolltodtſein!“ Dina erhob die Hände zum Himmel und als ſie ſich umwendete, erblickte ſie neben ſich Evangelinen's geiſterhafte Geſtalt, die großen, ſchwärmeriſchen Augen weit geoͤffnet und keinen Blutstropfen in Lippen und Wangen. „Um des Himmels willen, Miß Eva wird ohnmächtig! Wie können wir ſie auch ſolche Dinge hören laſſen? ihr Vater wird ſchön bös werden!“ „Mein, Dina, ich werde nicht ohnmächtig,“ erwiderte das Kind mit feſter Stimme.„Warum ſollte ich ſo etwas nicht hören dürfen? Es iſt gewiß nicht ſo ſchlimm für mich, es anzuhören, als für die arme Prue, es zu ertragen!“ „Aber ſolche Geſchichten ſind nicht für zarte junge Ladies, wie Miß; ſie können den Tod davon haben!“ Cva ſeufzte wieder und ging langſam und ſchwermüthig die Trepve hinauf. Miß Ovhelia erkundigte ſich ängſlich nach der Geſchuchte der Frau. Dina gab eine ſehr geſchwätzige Schilderung derſelben, welcher Tom die beſonderen lim⸗ ſtände hinzufſate, die er an jenem Morgen von ihr ſelbſt vernommen hatte. „Abſcheulich! entſetzlich!“ rieſſie aus, indem ſie in das Zimmer trat, in welchein St. Clare, die Zeitungen leſend, auf dem Sopha lag. 158 „Bitte, was für eine Abſcheulichkeit hat ſich denn zugetragen?“ fragte er. „Die Unmenſchen haben Pruezu Tode gepeitſcht!“ antwortete Miß Ophelia, indem ſie alle näheren Unſtände der Geſchichte erzählte, und in die abſcheulichſten Einzelheiten derſelben einging. „Ich habe mir gedacht, daß es noch einmal ſo weit kommen würde,“ ver⸗ ſetzte St. Clare, in ſeiner Zeitung weiter leſend. „Wie, Du haſt es gewußt und willſt nichts dabei thun?“ rief Miß Ophelia. „Giebt es denn Niemanden hier, der ſich in ſolche Dinge miſcht und ſie unterſucht?“ „Es wird im Allgemeinen angenommen, daß das Intereſſe an dem Eigen⸗ thum für dergleichen Fälle ein hinlänglicher Schutz iſt. Wenn die Leute ihr Eigenthum zu Grunde richten wollen, ſo geht das Niemandem etwas an. Wie es ſcheint, iſt das arme Geſchöpf eine Diebin und Säuferin geweſen;'s iſt daher nicht viel Hoffnung, Sympathien für ſie zu erwecken.“ „Es iſt entſetzlich, abſcheulich, Auguſtin! Es wird gewiß noch einmal Rache an Euch ausgeübt werden.“ „Liebe Couſine, ich that es nicht und kann es nicht ändern; ich würde es, wenn ich könnte. Wenn niedrig denkende, rohe Menſchen ſo handeln, was kann ich dabei thun? Sie haben unumſchränkie Macht, ſind unverantwortliche Des⸗ poten, es würde zu nichts führen, wenn man ſich einmiſchen wollte; es giebt kein Geſetz, das für einen ſolchen Fall zu irgend etwas führte. Das Beſte, was wir thun können, iſt, Augen und Ohren dagegen zu verſchließen und ſie gewähren zu laſſen. Es bleibt uns nichts anderes übrig. „Wie kannſt Du Augen und Ohren dagegen verſchließen? Wie kannſt Du ſolche Dinge geſchehen laſſen?“ „Mein liebes Kind, was erwarteſt Du denn? Du mußt bedenken, daß eine ganz erniedrigte, träge, rohe Claſſe ohne Bedingung in der Gewalt von Leuten iſt, wie die Mehrzahl in unſerer Welt ſind; Leute, welche nicht einmal über ihr eignes Beſtes aufgeklärt ſind; welche keine Rückſicht, keine Selbſtachtung kennen, denn das iſt bei der größten Hälfte der Menſchen der Fall. Iſt eine Geſellſchaft ſo organifirt, was kann dann ein Mann von achtungswerthen und menſchlichen Gefühlen anders thun, als daß er gegen Alles die Augen verſchließt und ſein Herz zu verhärten ſucht? Ich kann nicht jeden armen Schelmn kaufen, den ich ſehe. Ich kann kein fahrender Ritter werden und den Verſuch wagen, in einer Stadt, wie dieſe, jeden einzelnen Fall des Unrechts gut zu machen. Das Beſie, was ich thun kann, iſt, ſolchen Dingen aus dem Wege zu gehen.“ St. Clare's Geſicht war einen Augenblick unfreundlich; er ſah verdießlich aus. Plötzlich aber rief er ein heiteres Lächeln auf ſeine Lippen und ſagte: „Komm, Cuuſine, ſteh nicht da, wie eine Parze; Du haſt nur einen Blick hinter den Vorhang geworfen und nur etwas ven dem geſehen, was in der gan⸗ en Welt in einer oder der andern Geſtalt vorgeht. Wollten wir in alle Trüb⸗ ſer des Lebens blicken, ſo würden wir an nichts mehr Vergnügen finden; es iſt gerade ſo, als wenn man die Details von Dina's Küchenwirthſchaft zu nahe betrachtet.“ Und St. Clare legte ſich wieder auf ſein Sopha und beſchäſtigte ſich mit der Zeitung. Miß Brpeli ſetzte ſich nieder, nahm ihr Strickzeug, und ſah voll grimmi⸗ en Unwillens darauf. Sie ſtrickte und ſtrickte, doch während deſſen brahnte das k ſort, bis es endlich ausbrach. „Ich ſage Dir, Auguſtin, ich kann dergleichen Dinge nicht ſo gleichgültig 159 mit anſehen wie Du. Es iſt eine Abſcheulichkeit von Dir, ein ſolches Syſtem z2 vertheidigen; das iſt meine Meinung!“ „Was?“ fragte St. Clare, indein er aufſah,„immer wieder?“ „Ich ſage, es iſt abſcheulich von Dir, ein ſolches Syſtem zu vertheidigen,“ ſagte Miß Ophelia mit zunehmender Heftigkeit. Ich vertheidige es? Wer behauptet, daß ich es vertheidige?“ rief St. lare. „Natürlich vertheidigſt Du es— Ihr Alle thut es— Ihr Südländer. Wozu habt Ihr Sklaven, wenn Ihr es nicht thut?“ „Biſt Du noch ſo unerfahren, um zu glauben, daß Niemand in dieſer Welt jemals etwas thut, was er nicht für recht hält? Thuſt Du oder thateſt Du nie etwas, was Du nicht für vollkommen recht hielteſt?“ „Wenn ich es thue, ſo bereue ich es gewiß,“ ſagte Miß Ophelia, heftig mit ihren Stricknadeln klappernd. „Das thue ich auch,“ entgegnete St. Clare, eine Orange ſchälend.„Ich bereue es ſtets.“ „Weshalb bleibſt Du denn dabei?“ „Haſt Du einen Fehler, nachdem Du ihn bereut hatteſt, nie wieder gethan?“ „Nur wenn die Verſuchung ſehr ſtark war.“ „Das iſt ſie bei mir auch. Darin liegt eben die Schwierigkeit.“ ich nehme mir immer vor, es nicht wieder zu thun, und verſuche es zu laſſen.“ „Nun gut, ich habe mir das ſchon ſeit zehn Jahren vorgenommen,“ ſagte t. Clare,„aber die Ausführung hat mir noch nicht gelingen wollen. Haſt Du ſchon alle Deine Sünden abgelegt, Couſine?“ „Cvuſin Auguſtin,“erwiderte Miß Ophelia ernſt, indem ſie ihr Strickzeug ſinken ließ,„ich weiß, daß ich Deine Vorwürfe wegen meiner Heftigkeit ver⸗ diene, ich weiß, daß Alles wahr iſt, was Du davon ſagſt, und Niemand fühlt dies beſſer, wie ich; aber es ſcheint mir doch, als ob zwiſchen Dir und mir ein Unterſchied wäre. Ich glaube, ich würde lieber meine rechte Hand abhauen, als Tag für Tag etwas thun, was ich für Unrecht hielte. Aber es kommt mir ſo we⸗ nig zu, in dieſem Tone mit Dir zu ſprechen, daß ich mich über Deine Vorwürfe nicht wundere.“ „Ach, Couſine,“ ſagte Auguſtin, indem er ſich auf den Fußboden ſetzte und den Kopf auf ihren Schovß legte,„Du mußt die Sache nicht ſo furchtbar ernſt nehmen. Du weißt, daß ich von jeher ein Thunichtgut geweſen bin. Ich ſtreite mich gern ein wenig mit Dir, weil es mir Spaß macht, wenn Du bös wirſt. Ich weiß, daß Du entſetzlich gut biſt, und ich ärgere mich über mich ſelbſt, wenn ich daran denke.“ „Aber dies iſt ein ernſter Gegenſtand, mein lieber Auguſtin,“ erwiderte Miß Ophelia, indem ſie ihre Hand auf ſeine Stirn legte. „Eben zu ernſt,“ entgegnete er,„und ich— nun ja, ich mag bei heißem Wetter niemals ernſt reden. Bei Musquitos und all dem Ungeziefer lann ein Menſch gar nicht dahin kommen, erhabene moraliſche Gedanken zu hegen, und ich begreife jetzt,“ ſetzte St. Clare hinzu,„weshalb noͤrdliche Völkerſchaften im⸗ mer tugendhafter ſind, als ſüdliche,— ich ſehe das jetzt deutlich ein.“ „Ach, Auguſtin, Du biſt ein arger Leichtfuß!“ „Bin ich das? Gut, ich werde es annehmen; doch einmal will ich jetzt ernſthaft ſein. Aber Du mußt mir den Korb mit Orangen herreichen, denn Du ſiebſt wohl ein, daß Du mich mit Süßigkeiten vollſtopfen mußt, wenn ich dieſe Anſtrengung mache. Jetzt,“ ſagte Auguſtin, indem er den Korb zu ſich zog,„will 160 5 ich beginnen. Wenn es im Laufe menſchlicher Ereigniſſe für Jemand nothwen⸗ dig würde, zwei oder drei Dutzend ſeiner Mitwürmer in Gefangenſchaft zu hal⸗ ten, ſo verlangt eine anſtändige Rückſicht auf die Meinungen der Geiellſchaft—“ „Ich ſehe noch nicht, daß Du ſehr ernſthaft wirſt,“ unterbrach ihn Miß Ophelia. „Warte nur,— es wird ſchon kommen— Du wirſt es ſogleich hören. Die Sache iſt die,“ fuhr er fort, indem ſein hübſches Geſicht plötzlich einen ernſten Ausdruck annahm,„daß über die abüracte Frage der Sklaverei, wie ich glaube nur eine Meinung herrſchen kann. Pflanzer, die dadurch Geld zu gewinnen ha⸗ ben,— Geiſtliche, die den Pflanzern gefallen wollen.— Politiker, die dadurch zu herrſchen beabſichtigen— dieſe moͤgen eine Sprache und Ausdrücke anneh⸗ men, welche die Welt durch ihren Scharfſinn in Erſtaunen ſetzen; ſie koͤnnen die Natur und die Bibel und Gott weiß was zu dieſem Dienſte zwingen; aber im Grunde glauben weder ſie ſelbſt noch die Welt desbalb nur im Geringſten daran. Die Sache kommt vom Teufel, das iſt der langen Rede kurzer Sinn, und meiner Meinung nach iſt ſie ein ſehr bedeutender Beweis von ſeiner Macht.“ Miß Ophelia horte auf zu ſtricken und ſah überraſcht aus; St. Clare aber, der ſich offenbar über ihr Staunen freute, fuhr fort: „Du ſcheinſt Dich über meine Sprache zu wundern, aber wenn Du mich ruhig anhörſt, will ich mein Herz gegen Dich ausſchütten. Dieſer verfluchte Handel, verflucht von Gott und den Menſchen, was iſt es? Entkleide es allen Schmuckes, geh ihm auf den Grund und was findeſt Du? Weil mein Bruder Quaſhy unwiſſend und ſchwach iſt und ich gebildet und ſtark— weil ich weiß, wie und daß ich es kann— deshalb darf ich Alles ſtehlen, was er hat, es be⸗ halten und ihm nur das und ſo viel geben, wie mir gut dünkt. Alles, was zu hart, zu ſchmutzig, zu unangenehm für mich iſt, das laſſe ich Quaſhy thun. Weil ich die Arbeit nicht liebe, muß Quaſhy arbeiten. Weil die Sonne mich brennt, ſoll Quaſhy in der Sonne ſtehen. Quaſhy ſoll das Geld verdienen und ich will es ausgeben. Qunſhy ſoli ſich in jede Pfütze niederlegen, damit ich trocken darüber weg gehen kann. Quaſhy ſoll meinen Willen thun und nicht ſeinen, ſein ganzes Leben hindurch, und entlich ſo viel Ausſicht haben, in den Himmel zu kommen, als ich für paſſend erachte. Das iſt Sflaverei. Ich fordere Jedermann heraus, unſere Sklavengeſetze, wie ſie in den Geſetzbüchern ſtehen, u leſen und etwas Anderes darin zu finden. Man komme mir nicht mit dem eißbrauche der Sflaverei! Unſinn! Die Sache ſelbſt iſt die Quinteſſenz alles Mißbrauchs! Und die einzige Urſache, weshalb das Land nicht dabei zu „ Grunde geht, wie Sodom und Gomorrha, iſt, daß ſie auf eine ungleich beſſere Weiſe aus geübtwird, als ſie an und für ſich iſt. Aus Barmherzigkeit und Schamgeſühl, weil wir von Weibern geborne Menſchen ſind und nicht wilde Thiere, thun Viele von uns nicht, wagen ſie nicht zu thun, wozu unſere grau⸗ ſamen Geſetze uns die Macht geben. ünd der, weicher am weiteſten geht und das Schlunmſle thut, bewegt ſich nur innerhalb der Grenzen der Gewalt, welche das Geſetz ihm verleiht.“ St. Clare ging mit haſtigen Schritten im Zimmer auf und nieder. Sein ſchönes Geſicht, claſſiſch wie das einer griechiſchen Bildſäule, ſchien in dem Feuer ſeiner Gefühle zu erglühen Seine großen blauen Augen funkelten und er ge⸗ ſtumirte mit einem ungewohnten Eiſer. Miß Ophelia hatte ihn noch nie in ſolcher Stmmung geſehen und ſaß ſchweigent da. „Ich erkläre Dir,“ ſagte er, indem er vlötzlich vor ſeiner Couſine ſtehen blieb,„daß es zu nichts führt, über dieſe Dinge nachzudenken oder zu ſprechenz aber ich erlläre Dir auch, daß Zeiten waren, wo ich gedacht habe, wenn das 161 ganze Land untergehen ſollte, um alle dieſe Ungerechtigkeit und dieſes Elend zu begraben, würde ich gern mit ihm unterſinken. Wenn ich auf unſern Dampf⸗ booten, oder im Lande umherreiſte und bedachte, daß jeder rohe, widerliche, ge⸗ meine, niedrige Schuft, dem ich begegnete, durch unſere Geſetze berechtigt wäre, der unumſchränkte Deſpot ſo vieler Männer, Frauen und Kinder zu werden, welche zu kaufen er genug Geld zuſammenbetrügen, ſtehlen oder erſpielen könnte — wenn ich ſolche Menſchen als wirkliche Beſitzer hülfloſer Kinder, junger Mädchen und Frauen ſah— dann habe ich auf dem Punkte geſtanden, mein Vaterland— ja das ganze Menſchengeſchlecht zu verfluchen.“ „Auguſtin! Auguſtin!“ ſagte Miß Ophelia,„Du haſt genug geſprochen. Nie in meinem Leben hörte ich ſo reden; ſelbſt im Norden nicht.“ „Im Norden?“ wiederholte St. Clare mit einem plötzlich veränderten Ausdruck, und indem er wieder ſeinen gewöhnlichen ſorgloſen Ton annahm. „Pah! Euer nordiſches Volk iſt kaltblütig; Ihr ſeid kalt in jeder Beziehung! Ihr könnt nicht ſo in's Feuer gerathen wie wir.“ „Gut, aber nun frage ich Dich...“ begann Miß Ophelia. „Ja, ja, ich weiß, Du fragſt mich: Wie gerietheſt Du in dieſen Zuſtand von Sündhaftigkeit?— Ich will Dir darauf in der guten alten Sprache ant⸗ worten, die Du mich ſonſt des Sonntags lehrteſt. Ich gerieth in denſelben auf dem gewöhnlichen Wege der Erbfolge. Meine Diener waren die meines Vaters, und was noch mehr iſt, die meiner Mutter; jetzt ſind ſie mein, ſie und ihr Nach⸗ wuchs, der ein ziemlich beträchtlicher iſt.— Mein Vater kam, wie Du weißt, aus Neu⸗England und war gerade ſo ein Mann, wie Dein Vater— ein echter, alter Römer; gerade, edeldenkend, hochherzig, mit eiſernem Willen. Dein Vater ließ ſich in Neu⸗England nieder, um über Felſen und Steine zu herrſchen und der Natur eine Eriſtenz abzuzwingen; meiner ließ ſich in Lvuiſiana nieder, um über Männer und Frauen zu herrſchen und aus ihnen ſeine Exiſtenz gewinnen. Meine Mutter,“ ſagte St. Clare und trat zu einem Gemälde am Ende des Zim⸗ mers, zu dem er mit inniger Verehrung aufblickte,„war göttlich! Sieh mich nicht ſo an! Du weißt wohl, was ich meine! Sie war allerdings von ſterbli⸗ cher Geburt; doch ſoweit als ich es zu beurtheilen vermochte, war ſie frei von jeder Spur menſchlicher Schwäche oder Irrthümer; wer ſich ihrer erinnert, Sklave oder Freier Diener, Bekannter, Verwandter, alle ſagen daſſelbe. Cvuſine, dieſe Mutter iſt Alles geweſen, was jahrelang zwiſchen mir und dem gänzlichen Un⸗ glauben ſtand. Sie war die unmittelbare Verkörperung des neuen Teſtaments, eine lebendige Offenbarung deſſelben, auf keinem andern Wege, als durch die Wahrheit. O Mutter, Mutter!“ rief St. Clare, die Hände in einer Art von Entzücken faltend; dann hielt er plötzlich inne, kehrte um, ſetzte ſich auf eine Ottv⸗ mane und fuhr fort: „Mein Bruder und ich waren Zwillinge, und Zwillinge ſollen einander immer ähnlich ſein; wir aber waren in allen Punkten Contraſte. Er hatte ſchwarze feurige Augen, kohlſchwarzes Haar, ein ſcharfmarkirtes, ſchönes, römi⸗ ſches Proſil und bräunliche Geſichtsfarbe. Ich hatte blaue Augen, braunes Haar, griechiſche Geſichtszüge und zarte Haut. Er war thätig ünd beobachtend, ich träumeriſch und unthätig. Er war großmüthig gegen ſeine Freunde und ſeines Gleichen, doch ſtolz, herrſchſüchtig, anmaßend gegen Niedere und durchaus unbarmherzig gegen Alles, was ſich ihm widerſetzte. Freimüthig waren wir beide, er aus Stolz und Muth, ich aus einer Art abſtracter Idealität. Wir lieb⸗ ten einander, wie Knaben ſich gewöhnlich zu lieben pflegen; er war meines Va⸗ ters Liebling, ich der meiner Mutter.“ „Ich beſaß eine krankhafte Reizbarkeit und ein feines Gefühl in Beziehung Onkel Tom's Hütte. 11 „ 162 auf alle möglichen Gegenſtände, von denen er und mein Vater keinen Begriff atten und für die ſie keinen Sinn haben konnten; aber meine Mutter hatte die⸗ 1 Wenn ich daher mit Alfred gezankt hatte und mein Vater mich ſtreng anſah, pflegte ich nach meiner Mutter Zimmer zu gehen und mich zu ihr zu ſetzen. Ich erinnere mich noch jetzt, wie ſie ausſah mit ihren bleichen Wangen, ihren tiefen, milden, ernſten Augen, ihrem weißen Kleide ſie kleidete ſich immer wei und ich dachte an ſie, ſo oft ich in der Offenb he läs, die i feines, klares, weißes Leinen gekleidet waren. Sie beſaß viel Talente, beſonders für die Muſik und ſpielte auf dem Klavier gewöhnlich ſchöne majeſtätiſche alte Kirchenmelodieen, wozu ſie mit einer Stimme ſang, die mehr von der eines En⸗ gels als der eines ſterblichen Weibes glich; ich legte meinen Kopf in ihren Schvoß und weinte und träumte und fühlte, ach wie unermeßlich! Dinge, zu deren Beſchreibung ich keine Sprache habe!“ „In jenen Tagen wurde der Gegenſtand der Sklaverei nie ſo beſprochen wie ſeitdem; kein Menſch dachte daran, daß ſie im mindeſten unrecht ſein könnte.“ „Mein Vater war ein geborner Ariſtokrat; ich glaube, er muß ſich früher in den höheren Zirkeln bewegt haben, und er brachte ſeinen ganzen Hofſtolz mit, denn er war ihm eingeimpft, in das Mark gedrungen, obgleich er urſprünglich aus einer armen und keineswegs ſehr vornehmen Familie ſtummte. Mein Bru⸗ der war ganz ſein Ebenbild.“ „Nun haben Ariſtokraten, wie Du weißt, über eine gewiſſe Linie in der Geſellſchaft hinaus kein menſchliches Gefühl. In England liegt dieſe Grenzlinie hier, in Birma dort, und in Amerika wieder wo anders; aber die Ariſtokraten aller Länder gehen nie über dieſelbe hinaus. Was in ihrer eigenen Claſſe Härte, Unglück Ungerechtigkeit wäre iſt in einer andern eine ganz natürliche Sache.“ „Meines Vaters Grenzlinie war die der Farbe. Unter ſeines Glei⸗ chen war nie ein Mann gerechter und edelmüthiger; aber er betrachtete die Neger in allen möglichen Farbenabſtufungen als ein Zwiſchenglied zwiſchen Menſchen und Thieren und richtete alle ſeine Begriffe der Gerechtigkeit und Großmuth nach dieſen Hypotheſen. Wenn Jemand ihn gerade heraus gefragt hätte, ob ſie unſterbliche, menſchliche Seelen hätten, ſo würde er nach einigem Beſinnen viel⸗ leicht Ja geſagt haben; aber mein Vater kümmerte ſich nicht viel um den Spiri⸗ tualismus; religiöſes Gefühl beſaß er nicht über eine gewiſſe Verehrung Gottes hinaus, die in den höheren Claſſen üblich iſt.“ „Mein Vater hatte etwa fünfhundert Neger; er war ein unbeugſamer, ſtrenger, pünktlicher Mann; Alles mußte ſich nach einem Syſtem bewegen, das mit unfehlbarer Genauigkeit und Beſtimmtheit aufrecht erhalten wurde. Wenn Du nun erwägſt, daß dies Alles durch eine Menge träger, nachläſſiger, ſorgloſer Arbeiter geſchehen mußte, die aufgewachſen waren ohne irgend einen Antrieb, etwas zu lernen oder zu thun, ſo wirſt Du einſehen, daß natürlicherweiſe auf ſeiner Pflanzung eine Menge Dinge geſchahen, die für ein gefühlvolles Kind, wie ich war, abſcheulich und betrübend ausſahen.“ „Außerdem hatte er einen Aufſeher, einen langen, dürren Renegaten aus Vermont(bitte um Verzeihung), welcher einen regelmäßigen Curſus der Härte und Brutalität durchgemacht hatte, ehe er zur Praris gelangte. Meine Mutter konnte ihn nie ausſtehen und ich auch nicht; aber über meinen Vater gewann er ein ine Uebergewicht, und dieſer Menſch war der unbeſchränkte Deſpot der Beſitzung.“ 3 „Ich damals ein kleiner Knabe, aber ich hatte ſchon dieſelbe Liebe wie jetzt, eine Art von Leidenſchaft für das Studium der Menſchheit in jeder Ge⸗ ſtalt. Oft war ich in den Hütten und unter den Feldarbeitern zu finden und . ——— 163 deshalb ein großer Günſtling der Sklaven; alle Arten von Klagen und Be⸗ ſchwerden wurden in meine Hände niedergelegt, ich erzählte ſie meiner Mutter und wir bildeten unter uns eine Art von Comité zum Wiedergutmachen des Unrechts. Wir verhinderten einen großen Theil der Grauſamkeiten, und freuten uns, daß wir ſo viel Gutes thun konnten, bis, wie dies oft geſchieht, mein Eifer zu weit ging. Stubbs beſchwerte ſich gegen meinen Vater, daß er die Leute nicht be⸗ zwingen konne und deshalb ſeine Stellung aufgeben müſſe. Vater war ein zärt⸗ licher nachſichtiger Chemann, aber ein Mann, der nie von dem abging, was er für nothwendig hielt, und ſo trat er denn gleich einem Felſen zwiſchen uns und die Feldarbeiter. Er ſagte meiner Mutter in einer ſehr milden, aber dennoch ſehr entſchiedenen Sprache, daß ſie über die Hausſklaven freie Gebieterin ſein ſollte, daß er aber bei den Feldarbeitern durchaus keine Einmiſchung zugeben könne. Er ehrte und achtete ſie über Alles, aber er würde daſſelbe auch der Jungfrau Maria geſagt haben, wäre ſie ſeinem Syſtem in den Weg getreten.“ „Ich hörte meine Mutter zuweilen über einzelne Fälle mit ihm ſprechen, wobei ſie verſuchte, ſein Mitleid zu erwecken. Er hörte ihre pathetiſchen Anru⸗ fungen mit der entmuthigendſten Artigkeit an.„Es kommt Alles darauf hinaus,“ pflegte er zu ſagen:„muß ich Stubbs weggeben oder ihn behalten? Stubbs iſt die Seele der Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Thätigkeit, ein vollkommener Ge⸗ ſchäftsmann, und ſo menſchlich wie die Meiſten. Vollkommenheit können wir nicht finden, und wenn ich ihn behalte, muß ich ſeine Verwaltung als etwas Ganzes aufrecht erhalten, ſelbſt wenn dann und wann Ausnahmen vorfielen. Jede Erziehung ſchließt irgend eine nothwendige Härte in ſich. Allgemeine Regeln ſind in einzelnen Fällen allerdings hart.“ Dieſen letzten Grundſatz ſchien mein Vater bei den meiſten Fällen der Grauſamkeit anzuführen. Nachdem er dies ge⸗ ſagt hatte, zog er gewöhnlich ſeine Füße auf das Sopha, wie ein Menſch, 3 ein Geſchäft erledigt hat, und hielt entweder ein Schläfchen oder las die eitungen.“ „Es iſt factiſch, daß mein Vater das Talent eines Staatsmannes beſaß. Er würde Polen ſo leicht wie eine Orange getheilt, oder Irland ſo ruhig und ſyſtematiſch unter die Füße getreten haben, wie irgend Einer. Endlich verzweifelte meine Mutter an dem Erfolge. Es wird nie bekannt werden, was edle und ge⸗ fühlvolle Naturen, wie die ihrige, empfunden haben, wenn ſie durchaus hülftos in einen Abgrund der Unthätigkeit und Grauſamkeit geſtürzt wurden, der außer ihnen ſelbſt Keinem als ſolcher erſcheint. Solche Chargetere haben Jahre langen Kummers in einer Höllenwelt wie die unſere verlebt. Was blieb ihr übrig, als ihre Kinder in ihren eignen Anſichten und Gefühlen zu erziehen? Was man aber auch über Erziehung ſagen mag, Kinder werden der Hauptſache nach, ſtets als das aufwachſen, was ſie von Natur ſind, und nur als das. Von der Wiege an war Alfred Ariſtokrat, und als er größer wurde, lagen inſtinktmäßig alle ſeine Sympathien und alle feine Urtheile in dieſer Sphäre; ſämmtliche Ermahnungen meiner Mutter waren in den Wind geſprochen. Auf mich machten ſie einen tiefen Eindruck. Sie widerſprach der Form nach meinem Vater nie, noch ſchien ſie ie direct von ſeiner Meinung abzuweichen, aber ſie prägte meiner Seele mit der ganzen Kraft ihres tiefen, ernſten Characters einen Begriff von der Würde und dem Werthe der niedrigſten menſchlichen Seele ein. Ich habe mit feierlicher Scheu in ihr Geſicht geblickt, wenn ſie Abends zu den Sternen hinauf deutete und ſagte:„Sieh, Auguſt, die ärmſten, niedrigſten Seelen unſerer Erde werden leben, wenn alle jene Sterne ſchon längſt verſchwunden ſind— werden leben ſo lange Gott ſelbſt lebt.“ „Sie hatte einige ſchöne alte Gemälde, eines beſonders, von Jeſus, wie er 1125 164 einen Blinden heilte. Sie waren ſehr ſchön und machten einen tiefen Eindruck auf mich.„Sieh, Auguſtin,“ pflegte ſie zu ſagen,„der blinde Mann war ein Bettler, arm und niedergebeugt; deshalb rief Er ihn zu ſich und legte ſeine Händeauf ihn! vergiß das nie, mein Sohn.“— Wäre ich unter ihrer Auf⸗ ſicht aufgewachſen, ſo würde ſie mich ich weiß nicht zu welchem Enthuſiasmus gebracht haben. Ich wäre vielleicht ein Heiliger, ein Reformator, ein Märtyrer geworden; aber ach, ich wurde von ihr getrennt, als ich erſt dreizehn Jahr alt war, und ſah ſie nie wieder!“ St. Clare legte den Kopf in die Hände und ſchwieg einige Minuten. End⸗ lich blickte er wieder auf und fuhr fort: „Was für ein erbärmliches Ding iſt es doch um die menſchliche Tugend! Meiſtens eine reine Längen⸗ und Breiten-Sache, geographiſche Lage in Verbin⸗ dung mit natürlichem Temperamente. Der größere Theil iſt nichts, als ein Zufall. Dein Vater, zum Beiſpiel, läßt ſich in Vermont nieder, einer Stadt, in welcher in der That Alle frei und gleich findz er wird Mitglied einer geordneten Kirche, Decan, ſchließt ſich ſeiner Zeit einer Abolitionsgeſellſchaft an und hält uns Alle fur wenig beſſer, als Heiden. Dennoch iſt er für die ganze Welt, ſeiner Conſti⸗ tution wie ſeinen Gewohnheiten nach, ein Duplicat meines Vaters. Ich kann dieſen mächtigen, überwältigenden, Alles beherrſchenden Geiſt fünfzig verſchiedne Wege einſchlagen ſehen. Du weißt, daß es unmöglich wäre einige von den Leuten aus Deinem Dorfe zu überreden, daß Squire Sinclare ſich nicht über ſie erha⸗ ben glaubt. Die Thatſache iſt, daß er, obgleich er in demokratiſchen Zeiten ge⸗ boren wurde und ſich zu demokratiſchen Theorien bekannte, im Herzen dennoch ein Kitttt iſt, ſo gut wie mein Vater, der über fünf⸗ oder ſechshundert Skla⸗ ven gebot.“ 6wi Ophelia war ſehr geneigt, dies Bild zu bekritteln und legte ihr Strick⸗ zeug nieder, um zu beginnen; doch St. Clare hielt ſie zurück. „Ich weiß jedes Wort, das Du ſagen willſt. Ich behaupte nicht, daß ſie in der That gleich waren. Der Eine kam in eine Lage, in welcher Alles gegen dieſe natürliche Neigung wirkte, und der Andere in eine ſolche, wo ſie durch Alles unterſtützt wurde; ſo wurde der Eine ein eigenſinniger, übermüthiger De⸗ mokrat, und der Andere ein eigenſinniger, übermüthiger Despot. Hätten Beide Pflanzungen in Lyuiſiana beſeſſen, würden ſie einander ſo gleich geweſen ſein, wie zwei in einer Form gegoſſene Kugeln.“ „Was für ein unehrerbietiger Menſch biſt Du,“ ſagte Miß Ophelia. „Ich will durchaus nichts nehrerbietiges meinen!“entgegnete St: Clare. „Du weißt, daß dieſer Fehler nicht in meinem Charakter liegt. Aber, um wieder auf meine Geſchichte zurückzukommen: „Als Vater ſtarb, hinterließ er ſein ganzes Vermögen uns Zwillingen, um es unter uns jun theilen, wie wir wollten. Es giebt auf Gottes Erde keinen edle⸗ ren, großmüthigeren Menſchen, wie Alfred, in alle Dem, was ſeine Standesge⸗ noſſen betrifft, und wir brachten die Theilung ganz leicht zu Stande, ohne ein einziges unbrüderliches Wort oder Gefühl. Wir bewirthſchafteten die Pflanzung aſtlich, und Alfred, welcher noch einmal ſo viel praktiſche Befähigung eſaß, wie ich, wurde ein enthuſiaſtiſcher und außerordentlich glücklicher Pflanzer.“ „Aber tjweilähriger Verſuch überzeugte mich, daß ich ſein Geſellſchafter nicht bleiben könnte. Einen Haufen von ſiebenhundert Sklaven zu haben, die ich nicht perſonlich kennen, für die ich kein individuelles Intereſſe hegen konnte, die gekauft, getrieben, unter Obdach gebracht, gefüttert werden mußten, wie eben ſo viel Stück Vieh,— die Frage, wie wenig von des Lebens gewöhnlichſten Genüſſen ihnen gewährt werden dürften, um ſie bei der Arbeit zu erhalten, war 165 ein immer wiederkehrendes Problem. Die Nothwendigkeit, Aufſeher und Sklavenvögte haben zu müſſen, die ewig unvermeidliche Peitſche als erſtes und letztes Argument— das Alles war mir unerträglich, läſtig und drückend, und wenn ich dachte, wie meine Mutter die ärmſte menſchliche Seele achtete, wurde es mir wahrhaft fürchterlich!“ „Es iſt Unſinn, wenn man von den Freuden der Sklaven ſpricht! Bis um heutigen Tage kann ich das alberne Geſchwätz einiger Eurer patroniſirenden Rordänder nicht begreifen, die unſere Sünden vertheidigen wollten. Wir wiſſen das beſſer. Sage mir Keiner, daß es irgend einem lebenden Geſchöpfe Freude macht, alle ſeine Tage lang vom Morgen bis zum Abend unter der be⸗ ſtändigen Aufſicht eines Herrn zu arbeiten, ohne die Macht, nach eigenem Willen auch nur einen Schritt zu thun, und das Alles für zwei Paar Beinkleider und ein Paar Schuhe des Jahres, mit ſo viel Nahrung und Obdach, damit er zur Arbeit fähig bleibt! Wer da glaubt, daß menſchlichen Geſchöpfen das ange⸗ nehm werden kann, der möge es verſuchen. Ich würde den Patron kaufen und ihn mit ruhigem Gewiſſen arbeiten laſſen!“ „Ich habe immer geglaubt,“ ſagte Miß Ophelia,„Ihr Alle billigtet dieſe Dinge, hieltet ſie für recht und der heiligen Schrift entſprechend.“ „Nein, ſo weit iſt es noch nicht mit uns gekommen. Alfred, der ein ſo ſtrenger Despot iſt, wie je einer auf zwei Beinen ging, macht keinen Anſpruch auf dieſe Art der Vertheidigung; nein, er ſtützt ſich offen und entſchieden auf den guten alten Grund: Das Recht des Stärkern! Er ſagt, und ich glaube, nicht ganz mit Unrecht, der amerikaniſche Pflanzer thue, nur auf andere Weiſe, ganz das Nämliche, was der engliſche Ariſtokrat und Capitaliſt gegen die niedern Claſſen thut; das heißt, er eignet ſich dieſelben, Geiſt und Körper, zu ſeinem Gebrauche und feiner Annehmlichkeit an. Er vertheidigt Beide, und ich glaube, mit Erfolg. Er behauptet, hohe Civiliſation ſei nicht möglich, ohne die Maſſen in Feſſeln zu legen, ſei es nominell oder wirklich. Er ſagt, es müſſe eine niedere Claſſe geben, der phyſiſchen Anſtrengung und der geringſten Nah⸗ rung überantwortet; dadurch gewönne die höhere Claſſe Muße und Reichthum zur Erweiterung und Verbreitung der Civiliſativn und würde die leitende Seele der niedern. So urtheilt er, weil er, wie geſagt, ein geborener Ariſtokrat iſt; und ich glaube dies nicht, weil ich ein geborener Demokrat bin.“ „Wie können dieſe beiden Dinge mit einander verglichen werden?“ fragte Miß Ophelia.„Der engliſche Arbeiter wird nicht verkauft, verhandelt, von ſei⸗ ner Familie getrennt, ausgepeitſcht.“ „Er iſt eben ſo ſehr von dem Willen deſſen, der ihn benutzt, abhängig, als wäre er ſein Eigenthum. Der Sklavenhändler kann ſeinen widerſpenſtigen Sklaven zu Tode peitſchen laſſen,— der Capitaliſt läßt ihn zu Tode hungern. Was die Familienbande betrifft, ſo läßt ſich ſchwer entſcheiden, was härter iſt, ſeine Kinder verkaufen oder ſie zu Haus verhungern zu ſehen.“ „Aber das iſt noch keine Vertheidigung der Sklaverei, wenn man beweiſt, daß ſie nicht ſchlechter iſt, als irgend eine andere ſchlechte Sache.“ „Ich gab es auch nicht dafür aus; ja, ich ſage ſogar, daß ſie die frechſte und augenſcheinlichſte Beeinträchtigung der Menſchenrechte iſt. In der That, einen Menſchen zu kaufen wie ein Pferd, indem man ihm den Mungöffnet, um nach ſeinen Zähnen zu ſehen, ſeine Glieder bewegt, ihn laufen läßt, und dann das Geld für ihn auszahlt;— Spekulanten, Händler, Auffütterer, Unterhändler für menſchliche Körper und Seelen zu haben,— das bringt die Sache vor den 3 Augen der civilifirten Welt in eine handgreiflichere Form, obgleich die Sache im Grunde dieſelbe bleibt: das heißt, eine Gattung von menſchlichen Weſen wird 166 ohne alle Rückſicht zu dem Eigenthum Kner andern zu deren alleinigem Nutzen emacht.“ 4„Ich habe die Sache noch nie in dieſem Sinne betrachtet,“ ſagte Miß phelia. „ ich habe einige Reiſen in England gemacht und viel von dem Zu⸗ ſtande ſeiner niederen Claſſen geſehen, und ich glaube, man darf Alfred nicht widerſprechen, wenn er behauptet, daß ſeine Sklaven beſſer daran ſind, wie ein roßer Theil der Bevölkerung Englands. Er iſt Deſpot, aber er ſetzt eine Art Liit darein, daß ſeine Sklaven gute Nabrung und Pflege haben.“ „Als ich mit ihm zuſammen war, beſtand ich darauf, daß er etwas zu ihrent Unterrichte thun ſolle, und um mir gefällig zu ſein, nahm er einen Kaplan an, der ihnen des Sonntags Religionsunterricht gab, obgleich ich glaube, daß er im Herzen der Meinung war, es würde eben ſo gut ſein, für ſeine Hunde und Pferde einen Kaplan anzuſtellen. Und in der That, auf einen Menſchen, der von der Geburt an verdummt und zum Thiere herabgewürdigt wurde, der die ganze Woche bei ſchwerer Arbeit verbringt, kann durch wenige Stunden Sonn⸗ tags nicht viel gewirkt werden.“ „Wie kam es, daß Du Dein Pflanzerleben aufgabſt?“ fragte Miß Ophelia. „Nun, wir wirthſchafteten einige Zeit mit einander, bis Alfred deutlich ſah, daß ich kein Pflanzer ſei. Er fand es lächerlich, daß ich ſeine Anordnungen nicht billigte, nachdem er alle möglichen Verbeſſerungen vorgenommen hatte, um mich zu befriedigen. Der Grundwar, daß ich die Sache haßte.— die Benutzung dieſer Männer und Weiber, die Fortdauerall dieſer Unwiſſenheit, Rohheit, Laſter⸗ haftigkeit— nur um Geld zu verdienen!“ „Ueberdies miſchte ich mich immer in die Einzelheiten. Da ich ſelbſt einer der Trägſten der Sterblichen bin, hatte ich zu viel Mitgefühl für die Trägen, und wenn die unbeſonnenen armen Teufel Steine in ihre Baumwollenkörbe legten, damit ſie ſchwerer wiegen ſollten, kam es mir vor, als ob ich daſſelbe thun würde, wenn ich an ihrer Stelle wäre, und ich konnte und wollte es daher nicht zugeben, daß ſie deshalb gepeitſcht wurden. Natürlich ging dadurch die Disciplin zu Grunde. Alfred und ich kamen ſo ziemlich auf denſelben Punkt, wie mein ver⸗ ehrter Vater und ich mehrere Jahre zuvor. Er ſagte mir endlich, ich wäre ein weibiſcher Sentimentaliſt und würde nie für das Geſchäftsleben taugen, rieth mir, die Renteneinſchreibungen und das Familienhaus in Neu-Orleans zu nehmen, Gedichte zu ſchreiben und ihm die Pflanzung allein zu überlaſſen. So trennten wir uns, und ich kam hierher.“ „Aber warum ſetzteſt Du Deine Sklaven nicht in Freiheit?“ „Dazu konnte ich mich nicht erheben. Sie als Werkzeug zum Gelderwerb zu benutzen, vermochte ich nicht; ſie aberzum Geldausgeben verwenden, kam mir nicht halb ſo häßlich vor. Einige von ihnen waren alte Hausſtlaven, an denen ich hing, und die jüngern die Kinder der ältern. Alle waren zufrieden, wenn es mit ihnen ſo blieb wie bisher.“ St. Clare hielt inne und ging nachdenkend im Zimmer auf und ab. „Es gab eine Zeit in meinem Leben,“ hob er dann wieder an,„wo ich Pläne und Hoffnungen hatte, etwas in der Welt zu nützen. Ich hatte einen unbe⸗ ſtimmten Drang, eine Art von Emancipator zu werden— mein Vaterland von dieſem Schandſleckzu befreien. Alle jungen Männer haben ſolche Fieberanfälle gehabt, wie ich glaube— aber dann—“ „Und warum thateſt Du es nicht?“ fragte Miß Ophelia. Es fam nicht Alles ſo, wie ich es erwartete, und ich verzweifelte am Leben wie Salomo. Ich glaube, daß wir Beide gleich große Anlage zur Weisheit —— ————————— 167 hatten; allein ſtatt ein Regenerator des Geſellſchaft zu werden, wurde ich ein Stück Treibholz und bin ſeit der Zeit immer hin und her getrieben worden. Alfred tadelt mich deshalb ſo oft wir zuſammen kommen, und er hat ein Recht dazu, denn er thut etwas: ſein Leben iſt eine logiſche Folge ſeiner Meinungen und das meinige ein verächtliches non sequitur.“ „Aber, lieber Vetter, kannſt Du damit zufrieden ſein, auf ſolche Weiſe Deine Prüfungszeit hinzubringen?“ „Zufrieden? Sagte ich Dir nicht eben, daß ich ſie verachte? Aber um wieder auf meine Geſchichte zurückzukommen— wir waren bei dem Befreiungs⸗ eſchäfte. Ich glaube nicht, daß meine Geſinnungen über die Sklaverei be⸗ ſoler gut ſind. Viele denken in ihren Herzen gerade ſo wie ich. Das Land ſeufzt unter derſelben und ſo ſchlimm ſie auch für den Sklaven ſein mag, iſt ſie jedenfalls noch ſchlimmer für den Herrn. Es bedarf keiner Brille, um zu ſehen, daß eine zahlreiche Claſſe von laſterhaften, rohen, entarteten Menſchen unter uns ein Uebel für uns ſind, ſo wie für ſich ſelbſt. Der Capitaliſt und Ariſtokrat Englands können das nicht fühlen, was wir empfinden, weil fie ſich nicht unter der von ihnen erniebrigten Claſſe bewegen, wie wir. Sie ſind in unſern Häuſern, ſind die Geſellſchafter unſerer Kinder und bilden deren Gemüther ſchneller, als wir es können, denn ſie ſind ein Geſchlecht, an welchem die Kinder ſtets hängen werden, und wäre Eva nicht mehr Engel als gewöhnliche Kinder, ſo würde auch ſie verdorben werden. Wir könnten eben ſo gut die Blattern unter ihnen herrſchen laſſen und uns einbilden, unſere Kinder würden nicht davon angeſteckt, als ſie ununterrichtet und laſterhaft bleiben laſſen und glauben, unſere Kinder würden davon nicht ergriffen. Dennoch verbieten unſere Geſetze ausdrücklich jedes allgemeine Erziehungsſyſtem, und ſie thun daran weiſe, denn würde eine Lanz⸗ Generation gründlich unterrichtet, ſo würde die ganze Geſchichte in die fliegen. Gäben wir ihnen dann die Freiheit nicht, ſo würden ſie fie nehmen.“ „Und was glaubſt Du, was das Ende von alle dem ſein wird?“ fragte Miß Ophelia. „Ich weiß es nicht. Soviel aber iſt gewiß, daß das Dies irae kommen muß, früher oder ſpäter. Dieſelbe Sache gährt in Europa, in England und in unſerm Lande. Meine Mutter erzählte mir von einem Millennium, das kommen würde, wo Chriſtus herrſchte und alle Menſchen frei und glücklich wären. Als ich noch ein Knabe war, lehrte ſie mich beten: Dein Reich komme. S denke ich ſeufzend daran; aber wer wird den Tag Seines Kommens erleben?“ „Zuweilen glaube ich, Auguſtin, daß Du nicht weit von dem Reiche ent⸗ fernt biſt,“ ſagte Miß Ophelia, indem ſie ihr Strickzeug fallen ließ und ihren Vetter aͤngſtlich anſah. „Danke für Deine gute Meinung. Aber mit mir geht's auf und nieder, auf zu den Pforten des Himmels in der Theorie, nieder zum Staube der Erde in der Praris. Doch die Theeglocke ertönt— wir wollen gehen und nun ſage Du nicht mehr, daß ich nicht wenigſtens einmal in meinem Leben ernſt ge⸗ ſprochen habe.“ Bei Tiſche ſpielte Marie auf das Ereigniß mit Prue an.„Sie werden gewiß denken, Couſine,“ ſagte ſie,„daß wir alle Barbaren ſind.“ „Die Sache an ſich iſt allerdings eine Barbarei,“ entgegnete Miß Ophelia, „aber ich halte Sie deshalb nicht 35 für Barbaren.“ 168 „Ja,“ verſetzte Marie,„ich weiß, daß es unmöglich iſt, mit einigen dieſer Kreaturen durchzukommen. Sie ſind ſo ſchlecht, daß ſie das Leben nicht ver⸗ dienen. Ich fühle nicht die geringſte Sympathie in ſolchen Fällen. Betrügen ſie ſich ordentlich, ſo würde eiwas derartiges nie vorkommen.“ „Aber, Mama,“ ſagte Eva,„das arme Geſchöpf war ungluͤcklich; des⸗ halb trank ſie.“ „Ach, Albernheit! Als ob das eine Entſchuldigung wäre! Ich bin ſehr oft unglücklich. Ich denke, ich habe größere Leiden zu ertragen, als ſie je ge⸗ habt hat. Aber ſie find ſchlecht. Einige von ihnen ſind ſelbſt durch die größte Strenge nicht zu bändigen. Ich erinnere mich, daß Vater einen Sklaven hatte, der ſo faul war, daß er davon lief, um der Arbeit zu entgehen, und ſich umher⸗ trieb, ſtehlend und allerhand Ruchloſigkeiten veruͤbend. Der Menſch wurde wieder ergriffen und ausgepeitſcht, immer wieder, aber es half nichts, und das letzte Mal kroch er fort, weil er nicht gehen konnte, und kam in den Sümpfen um. Er hatte gar keinen Grund, fortzulaufen, denn Vaters Sklaven wurden immer gütig behandelt.“ „Ich brachte einmal einen Burſchen zur Ordnung,“ ſagte St. Clare, znt dem alle Aufſeher und Herren ſich umfonſt alle mögliche Mühe gegeben atten.“ „Dus“ rief Marie.„Ich möchte wohl wiſſen, wann Du ſo etwas bewerk⸗ ſtelligt hätteſt.“ „Er war ein kräftiger, rieſenmäßiger Burſche— ein geborner Afrikaner, und ſchien den Inſtinkt der Freiheit in hohem Grade zu beſitzen. Er war ein förmlicher afrikaniſcher Löwe. Er hieß Seipiv. Niemand konnte etwas mit ihm anfangen und er wurde von einem Beſitzer zum andern verkauft, bis end⸗ lich Alfred ihn kaufte, weil er glaubte, er würde ihn bändigen können. Nun gut. Eines Tages ſchlug er den Aufſeher nieder und entſprang in die Sümpfe. Ich war zum Beſuch auf Alfred's Pflanzung, denn es war, nachdem wir unſere Sveietät aufgelöſt hatten. Alfred war außer ſich, doch ich ſagte ihm, es wäre ſeine eigne Schuld, und ſchlug ihm eine Wette vor, daß ich den Menſchen zur Raiſon bringen würde, und wir kamen endlich dahin überein, daß, wenn ich ihn ergriffe, er mir zum Verſuch überlaſſen bleiben ſollte. Sie wählten einen Hau⸗ fen von ſechs oder ſieben aus, mit Gewehren und Hunden, um ihn zu hetzen. Dieſe Menſchen find bekanntlich eben ſo bereit, auf einen ihres Gleichen Jagd zu machen, wie auf ein wildes Thier, wenn es nur üblich iſt; in der That wurde ich ſelbſt etwas aufgeregt, vbgleich ich mich nur als eine Art von Vermittler be⸗ trachtete, wenn er ergriffen wurde.“ „Nun gut, die Hunde bellten und heulten, und wir ſpürten ihn endlich auf. Er rann und ſprang wie ein Rehbock und ließ uns einige Zeit weit zurück; zu⸗ letzt aber wurde er in ein undurchdringliches Rohrdickicht getrieben. Da ſetzte er ſich zur Wehr, und ich ſage Euch, er focht tapfer gegen die Hunde. Er ſchlug ſie rechts und links nieder und tödtete drei von ihnen mit der bloßen Fauſt, bis ein Schuß ihn niederſtreckte, und er verwundet und blutend faſt dicht vor mir zuſammenbrach. Der arme Burſche ſah ſtolz und zugleich verzweifelnd zu mir auf. Ich hielt die Hunde und die Leute zurück, als ſie heran kamen, und nahm ihn als meinen Gefangenen in Anſpruch. Ich konnte ſie nur mit Mühe abhalten, ihn in dem Eifer des Sieges niederzuſchießen; aber ich beſtand auf meinem Handel, und Alfred verkaufte ihn mir. Ich nahm ihn mit mir, und nach vierzehn Tagen hatte ich ihn ſo zahm und unterwürfig gemacht, wie ich es nur viſchen konnte.“ „Was in aller Welt thateſt Du denn mit ihm?“ fragte Marie. 169 „Mein Verfahren war ganz einfach. Ich nahm ihn in mein eignes Zim⸗ mer, ließ ihm ein gutes Bett geben, verband ſeine Wunden undpflegte ihn ſelbſt, bis er wieder auf den Beinen war. Inzwiſchen hatte ich einen Freibrief für ihn ausſchreiben laſſen, und ſagte ihm, er möchte gehen, wohin er wollte.“ „Und ging er?“ fragte Miß Ophelia. „Nein. Der thörichte Menſch riß das Papier entzwei und weigerte ſich ent⸗ ſchieden, mich zu verlaſſen. Ich hatte nie einen bravern, beſſern Burſchen, er war treu, zuverläſſig wie Stahl. Später wurde er Chriſt und ſo ſanft wie ein Kind. Er führte die Aufſicht über meine Beſitzung am See, und zvar ganz vortrefflich. Ich verlor ihn in der erſten Cholerazeit. In der That opferte er ſein Leben für mich, denn ich war krank auf den Tod, und als in dem paniſchen Schrecken Alle entflohen, arbeitete Seipio für mich wie ein Rieſe und rettete mir durch ſeine aufopfernde Pflege das Leben. Aber der arme Menſch wurde gleich danach krank und konnte nicht gerettet werden. Nie habe ich den Verluſt eines Menſchen ſchmerzlicher empfunden.“ Eva war ihrem Vater allmälig näher und näher gerückt, wie er die Ge⸗ ſchichte erzählte, die Lippen geöffnet, die Augen weit geöffnet und voll der innig⸗ ſten Theilnahme. Als er geendigt hatte, ſchlang ſie plötzlich die Arme um ſeinen Hals, brach in Thränen aus und ſchluchzte krampfhaft. „Eva, theures Kind! was iſt Dir?“ fragte St. Clare, als des Kindes arter Körper unter der Gewalt ihrer Gefühle heftig zitterte.„Das Kind,“ ſugt⸗ er hinzu,„ſollte nichts der Art hören— ſie iſt zu reizbar.“ „Nein, Papa, ich bin nicht reizbar,„erwiderte Cva, ſich plötzlich mit einer Kraft und Entſchloſſenheit beherrſchend, die bei einem ſolchen Kinde auffallend waren.„Ich bin nicht reizbar, aber dieſe Dinge gehen mir nahe.“ „Was meinſt Du damit, Eva?“ „Ich kann es Dir nicht ſagen, Papa. Ich denke eine Menge Dinge. Vielleicht kann ich es Dir ſpäter einmal erklären.“ „Nun gut, ſo denke, mein Kind nur weine und betrübe Deinen Vater nicht,“ ſagte St. Clare.„Sieh hier— ſieh, was für eine herrliche Pfirſiche ich für Dich habe!“ Eva nahm ſie und lächelte, obgleich noch immer ein nervöſes Zucken ihre Mundwinkel bewegte. „Komm, beſieh Dir die Goldfiſche,“ ſagte St. Clare, indem er ſie bei der Hand nahm und mit ihr in die Veranda ging. Einige Augenblicke darauf er⸗ tönte heiteres Gelächter durch die ſeidenen Vorhänge, während Eva und St. Clare ſich einander mit Roſen warfen und durch die Gänge und Alleen des Hofes jagten. Es iſt Gefahr vorhanden, daß unſer beſcheidener Freund Tom unter den Erlebniſſen der Höhergeborenen vernachläſſigt werde; aber wenn unſere Leſer uns zu einer kleinen Kammer über dem Stalle begleiten wollen, werden ſie vielleicht etwas von ihm erfahren. Es war ein beſcheidenes Gemach und ent⸗ hielt ein Bett, einen Stuhl und einen kleinen Tiſch, auf welchem Tom's Bibel und Geſangbuch lagen. Da ſaß Tom jetzt, beſchäftigt mit einer Arbeit, die ihm viel Angſt und Sorge zu machen ſchien. Tom's Heimweh war nämlich ſo ſtark geworden, daß er Miß Eva um ein Blatt Papier gebeten hatte; und alt ſeine geringen Kenntniſſe zuſammennehmend, die er durch Mas'r George's Unterricht gewonnen hatte, war er auf den kühnen Gedanken gekommen, einen Brief zu ſchreiben. Jetzt war er daher beſchäftigt, auf ſeiner Schiefertafel den erſten Entwurf zu machen. Tom befand ſich in gro⸗ 17⁰ ßer Verlegenheit, denn die Geſtalt einiger Buchſtaben hatte er ganz vergeſſen, und von dem, auf was er ſich beſann, wußte er nicht recht, welchen Gebrauch er machen ſollte. Während er arbeitete und in ſeinein Nachſinnen ſchwer athmete, trat Eva, leicht wie ein Vogel, hinter ſeinen Stuhl und ſah ihm über die Schulter. „Ach, Onkel Tom,“ ſagte ſie,„was füt ſpashafte Dinger malſt Du da?“ „Ich verſuche an meine arme alte Frau und an meine Kinder u ſchreiben, Miß Eva,“antwortete Tom, indem er mit der Hand über die Augen uhr.„Aber ich ſürchte, daß ich nicht damit zu Stande komme!“ „Ich wünſchte, ich könnte Dir helfen, Tom! Ich habe ein wenig ſchreiben gelernt. Voriges Jahr konnte ich alle Buchſtaben, aber ich fürchte, ich habe ſie wieder vergeſſen.“ Damit legte Eva ihren kleinen, goldlockigen Kopf dicht an ſeinen, und Beide begannen eine ängſtliche Berathung, Beide gleich ernſt und gleich unwiſſend; und in Folge dieſer Berathung und Beſprechung jedes Wortes begann die eſ Beide ſehr ſanguiniſch ſchmeichelten, Geſchriebenem ziemlich ähnlich zu ſehen. Onkel Tom, es fängt wirklich an, ganz ſchön auszuſehen,“ ſagte Eva, entzückt daraufblickend.„Wie werden Deine Frau und die armen kleinen Kinder ſich freuen! Ach, es iſt eine Schande, daß Du ſie verlaſſen mußteſt! Ich werde Papa bitten, daß er Dich bald einmal zu ihnen gehen läßt.“ „Miſſis hat mir verſprochen, daß ſie mich wieder kaufen will, ſobald ſie das Geld zuſammenbringt,“ erwiderte Tom,„und ich glaube gewiß, daß ſie es tut. Der junge Maſter George will mich holen, er hat mir dieſen Dollar zum An⸗ denken mitgegeben.“— Mit dieſen Worten zog er ſeinen koſtbaren Dollar hervor. „O, dann kommt er gewiß!“ rief Eva.„Wie werde ich mich freuen!“ „Und nun wollte ich ihnen gern ſchreiben, wo ichbin, und der armen Chloe ſuetr es mir wohl geht, denn ſie grämte ſich entſetzlich um mich, die gute Seele!“ „Tom!“ rief St. Clare, der in dieſem Augenblicke in die Thür trat. Tom und Eya fuhren erſchrocken auf. „Was giebt's da?“ fragte St. Clare, indem er näher trat und auf die Schiefertafel ſah. „O, es iſt Tom's Brief,“ ſagte Eva.„Ich helfe ihm dabei. Sieht es nicht hubſch aus?“ „Ich will Euch Beide gerade nicht entmuthigen,“ verſetzte St. Clare,„aber ich glaube, Tom, Du thäteſt beffer, mich den Brief für Dich ſchreiben zu laſſen Ich will es thun, wenn ich von meinem Spazierritt nach Hauſe komme.“ „Es iſt ſehr wichtig für ihn, daß er ſchreibt,“ fuhr Eva fort,„denn ſeine Herrin will Geld herunterſchicken, um ihn zurückzukaufen. Er ſagte mir, daß ſie es ihm verſprochen haben.“ St. Clare dachte in ſeinem Herzen, daß dies wahrſcheinlich nur eine der gewöhnlichen Redensarten gutmüthiger Sklavenbeſitzer war, durch welche ſie den Abſcheu ihrer Sklaven vor dem Gedanken, verkauft zu werden, zu mildern bemüht ſind, ohne irgend eine Abſicht, die auf ſolche Weiſe erweckte Hoffnung 3 verwirklichen. Aber er ſprach dieſen Gedanken nicht aus, ſondern befahl nur om, die Pſerde zu einem Spazierritte zu holen. Tem's Brief wurde noch an demſelben Abend in gehöriger Form geſchrieben und ſicher auf die Poſt gegeben. Miß Ophelia beharrte in ihren Arbeiten der Leitung des Hausweſens. Allgemein ſtimmten alle Diener, von Dina bis zum kleinſten Bengel hinab — 171 darin überein, daß Miß Ophelia ſehr„currjos“ ſei, ein Ausdruck, durch welchen ſüdliche Hausſklaven andeuten, daß ihre Vorgeſetzten ihnen nicht gefallen. Der höhere Zirkel in der Familie, daß heißt Adolph, Jane und Roſa, ſtimm⸗ ten darin überein, daß ſie keine Lady ſei; denn Ladies arbeiteten nie, wie ſie ar⸗ beitete, überhaupt habe ſie gar kein„Air“, und ſie wunderten ſich, daß ſie eine Verwandte der St. Clare's ſein ſollte. Selbſt Marie erklärte, es ſei foͤrmlich ermüdend, Miß Ophelia fortwährend ſo thätig zu ſehen. Und in der That gab Miß Ophelia Veranlaſſung zu dieſer Klage. Sie naähte und ſtickte von Tages⸗ anbruch bis juin Abend mit dem Eifer eines Menſchen, der durch die dringendſte Nothwendigkeit dazu gezwungen wird. Und wenn das Licht ſchwand und die Arbeit bei Seite gelegt wurde, kam ſogleich das ſtets bereite Strickzeug zum Vorſchein, und ſie ſtrickte ſo ſchnell, wie je. Es war wirklich eine Arbeit, ihr zuzuſehen. 20. Topſy. Eines Morgens vernahm Mrs. Ophelia als ſie mit häuslichen Angelegen⸗ heiten beſchäftigt war, St. Clare's Stimme, der ſie unten an der Treppe tieh „Komm herab, Couſine, ich habe Dir etwas zu zeigen.“ vi iſt es?“ fragte Miß Ophelia als ſie mit ihrer Nätherei in der Hand erabkam. „Ich habe eine Acquiſition für Dein Departement gemacht. Siehe her,“ ſte Clare, indem er ein kleines acht⸗ bis neunjähriges Negermädchen erbeizog. 5 i var eine von den Schwärzeſten ihrer Race und ihre runden wie Glas⸗ perlen 3 enden Augen muſterten mit lebhaften, raſtloſen Blicken alles im Zimmer Befindliche. Ihr vor Erſtaunen über die Wunder des Hauſes ihres neuen Herrn halb offener Mund zeigte zwei Reihen von weißen, glänzenden Zähnen. Ihr Wollenhaar war in verſchiedene kleine Zöpfe geflochten, welche nach allen Seiten hinausragten. Der Ausdruck des Geſichts zeigte ein ſonder⸗ bares Gemiſch von Schlauheit und Liſt, worüber gleichſam wie ein Schleier eine ſeltſame Miene der kläglichſten Gravität und Ernſthaftigkeit gezogen war. Sie trug ein einziges ſchmutziges zerriſſenes Kleid von grobem Baumwollen⸗ zeuge und ſtand mit beſcheiden gefalteten Händen da. Ihre ganze Erſcheinung hatte etwas Seltſames und Koboldartiges— etwas wie Miß Ophelia ſpäter ſagte—„ſo Heidniſches“, daß es der guten Dame den äußerſten Schrecken einfloͤßte, und ſie fragte daher St. Clare: „Auguſtin, was in aller Welt hat Dich bewogen, das Ding herzubringen?“ „Damit Du es erziehen und es gehörig unterweiſen ſollſt. Sie ſchien mir ein komiſches Eremplar der Jim Crow⸗Spezies zu ſein.— Hier, Topſy,“ fügte er hinzu, indem er pfiff wie man einem Hunde pfeift,„ſinge uns ein Lied und zeige uns wie Du tanzen kannſt.“ Die ſchwarzen ſnttrige Augen glitzerten ſeltſam komiſch und das Mäd⸗ chen ſtimmte mit heller, kreiſchender Stimme eine eigenthümliche Negermelodie an, zu welcher ſie den Takt mit Händen und Füßen ſchlug, während ſie ſich wie ein Kreiſel herumdrehte, in die Hände klatſchte, die Knie an einander ſchlug und in ihrer Kehle alle die phantaſtiſchen Gutturallaute hervorbrachte, welche die Muſik ihrer Race auszeichnen. Endlich ſchlug ſie ein paar Purzelbäume, ſtieß einen lange ausgehaltenen Ton aus, der eben ſo ſchneidend und⸗dämoniſch wie das Pfeifen einer Dam fmaſchine klang, kam dann plötzlich wieder auf den Tep⸗ „ 172 vich zu ſtehen und blieb hier unbeweglich, mit gefalteten Händen und dem Aus⸗ be des feierlichſten Ernſtes auf dem Geſicht, welcher nur von den ſchlauen Blicken unterbrochen wurde, die ſie wie fragend aus ihren Augenwinkeln her⸗ vorſchoß. Wiß Ophelia war ſtumm und wie gelähmt vor Verwunderung. St. Clare ſchien ſich über ihr Erſtaunen zu freuen und ſagte abermals zu dem Kinde: „Topſy, das iſt Deine neue Herrin ʒ ich trete Dich ihr ab. Siehe alſo zu, daß Du Dich ordentlich benimmſt.“ „Ja Maſter,“ erwiderte Topſy mit der ſeierlichſten Gravität, aber mit tückiſch zwinkernden Augen. „Du mußt gut ſein Topſy, verſtehſt Du?“ fuhr St. Clare fort. „Jawohl Maſter,“ antwortete Topſy mit einem abermaligen Augenzwin⸗ kern, wobei ihre Hände noch immer ehrerbietig gefaltet blieben. „Aber ſag' mir nur, Auguſtin, wie kommſt Du auf einen ſolchen Einfall?“ fragte Miß Ophelia.„Dein Haus iſt ohnehin ſchon ſo voll von dieſen kleinen Plagegeiſtern, daß man keinen Fuß vor den andern ſetzen könnte, ohne auf ſte zu treten. Wenn ich des Morgens aufſtehe, ſehe ich einen hinter der Thür ſchla⸗ ſen und einen ſchwarzen Kopf unter dem Tiſche hervorſpähen, während ein an⸗ derer auf der Thürmatte liegt, und ſie grinſen und fletſchen die Zähne zwiſchen allen Geländern und wälzen ſich in der Küche umher. Weshalb haſt Du noch dieſen Zuwachs mitgebracht?“ „Du ſollſt fie erziehen; habe ich es Dir nicht geſagt? Du predigſt beſtän⸗ dig von der Erziehung und ich dachte, ich wollte Dir ein Geſchenk mit einem friſch eingefangenen Exemplare machen, damit Du Dein Talent an ihr ve und ſie gehörig erziehen ſollſt.“ verlange wahrhaftig nicht danach; ich habe ſo ſcho ihnen zu thun als ich wünſche.“ „So ſeid ihr Chriſten alle. Ihr bildet Geſellſchaften und werbt arme Miſſionaire an, daß ſie ihr ganzes Leben unter ſolchen Heiden zubringen, aber ſeige mir Einen von Euch, der einen Heiden zu ſich in's Haus nähme und ſich ſelbſt die Mühe gäbe, ihn zu bekehren! Rein, wenn es dazu kommt, ſo ſind ſie ſchmutzig und widerlich, es macht zu viel Mühe u. ſ. w.“ „Auguſtin, Du weißt, daß ich es nicht aus dieſem Geſichtspunkte betrachte,“ ſagte Miß Ophelia offenbar erweicht.„Nun, es würde vielleicht ein echtes net ſein,“ ſetzte ſie mit einem etwas günſtigerem Blicke auf das ind hinzu. St. Clare hatte die rechte Saite berührt. Miß Ophelia's Gewiſſenhaftig⸗ keit war ſtets rege. „Aber,“ fügte ſie hinzu,„ich ſehe wirklich nicht ein, daß es nothwendig geweſen wäre, dieſe noch zu kaufen. Du haſt ihrer genug im Hauſe, um alle meine Zeit und Geſchicklichkeit in Anſpruch zu nehmen.“ „Nun, Couſine,“ verſetzte St. Clare, indem er ſie auf die Seite zog,„ich ſollte Dich wirklich wegen meiner leichtfertigen Reden um Verzeihung bitten. Du biſt ſo gut, daß ſie keinen Sinn und Verſtand haben. Dieſes Mädchen ge⸗ hörte einem trunkſüchtigen Ehepaare, das eine gemeine Speiſewirthſchaft hält, an der ich jeden Tag vorübergehen muß, und ich war es müde, das Kind ſchreien und die Leute es ſchlagen und ſchelten zu hören. Dazu kam noch, daß ſie lebhaft und komiſch ausſah, als ob ſich etwas aus ihr machen laſſen könne, und ich habe ſie daher gekauft um ſie Dir zu geben. Verſuche es, ihr eine gute ortho⸗ dore neuengländiſche Erziehung zu ertheilen und ſiehe zu, was Du aus ihr 15 machen kannſt. Du weißt, daß ich die Gabe dazu nicht beſitze, aber ich wünſchte, daß Du es verſuchteſt.“ „Nun, ich will thun was ich kann,“ entgegnete Miß Ophelia und ſie näherte ſich ihrer neuen Untergebenen ungefähr wie eine Perſon ſich einer ſchwarzen Spinne nähern würde, wenn ſie wohlwollende Abſichten gegen die⸗ ſelbe hegt. „S iſt entſetzlich ſchmutzig und halb nackt,“ ſagte ſie. „Führe ſie hinunter und laß ſie von Jemand reinigen und ankleiden.“ MWiß Ophelia brachte ſie in die Küche. „Ich ſehe nicht ein, wozu Mr. St. Clare noch einen Nigger braucht,“ ſagte Dina, indem ſie die Neuangekommene mit nichts weniger als freundlicher Miene betrachtete.„Ich werde ſie nicht vor meinen Füßen umherlaufen laffen, das weiß ich.“ „Pah!“ riefen Roſa und Jane, mit dem äußerſten Ekel;„ſie ſoll uns ja aus dem Wege gehen. Ich kann nicht begreifen, wozu der Maſter noch einen von dieſen gemeinen Niggern angeſchafft hat.“ „Haltet die Mäuler!“ rief Dina, welche in dieſer Bemerkung eine ſie be⸗ leidigende Anzüglichkeit erblickte;„ſie iſt nicht ſchlechter als Ihr. Ihr ſcheint Euch für weiße Leute zu halten, aber Ihr ſeid weder ſchwarz noch weiß. Ich will lieber das Eine oder das Andere ſein.“„ Miß Ophelia ſah, daß im Hauſe Niemand die Reinigung und das Anklei⸗ den des Ankömmlings übernehmen wollte, und ſie war daher genöthigt, es unter dem widerſtrebenden Beiſtande Janes ſelbſt zu thun. Es iſt nicht für zarte Ohren, die einzelnen Umſtände der erſten Tvilette eines vernachläſſigten, gemißhandelten Negermädchens zu vernehmen. Es müſſen überhaupt in dieſer Welt eine Menge Menſchen in einem Zuſtande leben und ſterben, deſſen Beſchreibung eine zu große Erſchütterung der Nerven ihrer Nebenmenſchen hervorbringen würde. Miß Ophelia beſaß ein gutes Theil prak⸗ tiſcher Entſchloſſenheit und ſie machte alle die widerwärtigen Einzelnheiten mit herviſchem Eifer, wenn auch, wie wir geſtehen müſſen, mit nicht eben freund⸗ licher Miene durch— denn das Dulden war das Letzte, wozu ihre Grundſätze ſie bewegen konnten. Als ſie auf dem Rücken und den Schultern des Kindes roße Striemen und verhärtete Stellen, die unverwiſchbaren Spuren des Sy⸗ ſ unter welchem ſie bisher aufgewachſen war, erblickte, wurde ihr Herz von Mitleid für ſie erfüllt. „Seht nur!“ rief Jane auf die Spuren deutend,„beweiſ't es nicht, daß ſie eine Teufelsbrut iſt? Wir werden gewiß unſre liebe Noth mit ihr haben! Ich haſſe die Negerkinder; ſie ſind zu ekelhaft. Es wundert mich nur, daß ſie der Maſter gekauft hat.“ Das MWädchen, auf das ſich dieſe Bemerkungen bezogen, hörte ſie mit der kläglichen Miene, die ihr zur Gewohnheit geworden zu ſein ſchien, an, indem ſie nur mit einem flüchtigen ſtechenden Blicke ihrer lebhaften Augen die Zierrathen, welche Jane in den Ohren trug, betrachtete. Als ſie endlich in einen anſtändi⸗ gen Anzug gekleidet und ihr Haar kurz abgeſchoren war, ſagte Miß Ophelia mit Se Zufriedenheit, daß ſie chriſtlicher ausſähe als vorher, und begann im Sti len einige Pläne für ihre Bekehrung zu entwerfen. Sie ſetzte ſich vor ihr nieder und begann ſie auszufragen. „Wie alt biſt Du, Topſy?“ „Weiß nicht, Miſſis,“ antwortete das Mädchen mit einem Grinſen, welches alle ihre Zähne zeigte. 174 „Du weißt nicht wie alt Du biſt? hat es Dir Niemand geſagt?— Weriſt Deine Mutter geweſen?“ 6„Habe nie eine gehabt,“ erwiderte das Kind mit einem abermaligen rinſen. „ie eine Mutter gehabt?— wie meinſt Du das?— Wo biſt Du ge⸗ oren?“ „Ich bin nicht geboren,“ erwiderte Topſy mit dem nämlichen Grinſen, welches diesmal ſo dämoniſch ausſah, daß Miß Ophelia, wenn ſie nervenſchwach geweſen wäre, hätte glauben können, daß ſie einen Gnomen aus der Unterwelt vor ſich habe. Miß Ophelia aber war nicht nervenſchwach, ſondern einfach und gerade, und ſie ſagte daher mit einiger Strenge:. „Du mußt mir nicht auf ſolche Art antworten, Kind; ich ſcherze nicht mit Dir. Sage mir, wo Du geboren biſt und wer Deine Eltern waren.“ „Ich bin gar nicht geboren,“ wiederholte das Mädchen nachdrücklicher,„ich habe nie Eltern oder Verwandte gehabt. Ich bin von einem Speculanten mit Menge Anderer auſgezogen worden; die alte Tante Sue hatte die Aufſicht über uns.“ Das Kind war offenbar aufrichtig in ſeiner Ausſage; Jane brach in ein kurzes Gelächter aus und rief: „Gott, Miſſis, es giebt eine Unmaſſe von der Art; ſie werden von Specu⸗ lanten wohlfeil aufgekauft wenn ſie klein ſind und zum Verkaufen aufgefüttert.“ „Wie lange biſt Du bei Deiner Herrſchaft geweſen?“ „Weiß nicht, Miſſis.“ „Iſt es ein Jahr oder mehr oder weniger?“ „Weiß nicht, Miſſis.“ „Die gemeinen Neger wiſſen das nicht, Miſſis; ſie verſtehen nichts von der ſuen Jane;„fie wiſſen nicht, was ein Jahr iſt, ſie kennen nicht einmal rAlter.“ „Haſt Du ſchon etwas von Sett ehöe Topſy?“ machte ein⸗ verſt iene⸗ grinſte aber wie gewöhnlich. „Weißt Du, wer Dich geſchaffen hat?“ „Niemand, ſo viel ich weiß,“ antwortete das Mädchen mit einem kurzen chen. (nt Hi Idee ſchien ſie hoͤchlich zu ergötzen, denn ihre Augen zwinkerten und ſie gte hinzu: ſ werde wohl gewachſen ſein. Ich glaube nicht, daß mich Jemand ge⸗ ſchaffen hat.“ „Kannſt Du nähen?“ fragte Miß Ophelia, welche ihre Fragen auf etwas Materielleres richten zu müſſen glaubte. „Nein, Miſſis.“ „Was kannſt Du denn?— was haſt Du bei Deiner Herrſchaft gethan?“ „Waſſer geholt, Teller gewaſchen, Meſſer geputzt und den Leuten auf⸗ gewartet.“ „Waren ſie gut gegen Dich?“ „Das glaube ich,“ antwortete das Kind mit einem liſtig ſpähenden Blicke auf Miß Ophelia. Miß Ophelia erhob ſich von dieſem entmuthigenden Geſpräche; St. Clare ſtand hinter ihrem Stuhle. „Du findeſt hier einen jungfräulichen Boden, Coufine; ſäe Deine eigenen Ideen hinein— Du wirſt nicht viele auszujäten haben.“ Miß Ophelia's Ideen von Erziehung waren gleich allen ihren übrigen Ideen 175 ſehr beſtimmt und feſt, und von der Art, welche vor einem Jahrhundert in Neu⸗ England herrſchte und die immer noch in einigen abgelegenen unverbildeten Theilen des Landes, wo es keine Eiſenbahnen giebt, beibehalten worden iſt. Wenn man ſie in beſtimmten Worten ausdrücken ſoll, ſo ließen ſie ſich kurz zu⸗ ſammenfaſſen. Die Kinder mußten, wenn ſie angeredet wurden, aufmerkſam ihren Katechismus, ſowie nähen und leſen lernen und Schläge erhalten, wenn ſie logen. Wenn auch bei der Lichtfluth, welche jetzt über die Erziehung verbrei⸗ tet worden iſt, dieſe Ideen weit in's Hintertreffen gekommen ſind, ſo iſt es doch eine unbeſtrittene Thatſache, daß unſere Großeltern bei dieſem Syſtem der Kinderzucht ſo manche ganz leidliche Männer und Frauen aufgezogen haben, wie noch Viele unter uns wiſſen und bezeugen können. Jedenfalls wußte es Miß Ophelia nicht beſſer und ſie begann daher die Ausbildung ihrer jungen Heidin mit dem wärmſten Eifer. Das Kind wurde in der Familie als Miß Ophelia's Mädchen angekündigt und betrachtet und da man ſie in der Küche mit nicht beſonders günſtigen Augen anſah, ſo beſchloß Miß Ophelia den Wirkungskreis ihrer Operationen und Be⸗ lehrungen hauptſächlich auf ihr eignes Zimmer zu beſchränken. Mit einer Selbſt⸗ aufopferung, welche viele von unſern Leſern zu würdigen wiſſen werden, beſchloß ſie, ſtatt ſelbſt ihr Bett zu machen und ihr Zimmer eigenhändig auszufegen und aufzuräumen,— wie ſie es bisher mit Verſchmähung aller Hilfsanerbietungen der weiblichen Dienerſchaft des Hauſes gethan hatte— ſich zu dem Märtyrerthum zu verurtheilen, Toply in dieſen Beſchäſtigungen zu unterrichten. Das war ein ſchlimmer Tag. Wenn eine von unſern Leſerinnen je ein Gleiches gethan hat, ſo wird ſie die Größe der Selbſtaufopferung zu ermeſſen wiſſen. Miß Ophelia begann bei Topſy damit, daß ſie ſie am erſten Morgen in ihr Zimmer führte, und feierlichſt einen Lehrkurſus in der Kunſt und den Myſterien des Bettmachens eröffnete. Wir ſehen alſo Topſy gewaſchen und aller der geflochtenen Rattenſchwänz⸗ chen, an denen ſich ihr Herz erfreute, beraubt, in einem reinlichen Kleide und einer gutgeſtärkten Schürze ehrerbietig und mit einem Ausdruck von Ernſt, welcher bei einem Begräbniß am Platze geweſen wäre, vor Miß Ophelia ſtehen. „Nun, Topſy, jetzt will ich Dir zeigen, wie mein Bett gemacht werden muß. Ich bin mit meinem Bette ſehr eigen. Du uuh es genau lernen.“ „Ja, Madam,“ ſagte Topſy mit einem tiefen Seufzer und einem kläglich ernſthaftem Geſicht. „Alſo ſieh her, Topſy! Dies iſt die Nath des Betttuches— dies iſt die rechte Seite des Betttuches und dies die linke. Wirſt Du Dir es merken?“ „Ja, Madam,“ antwortete Topſy mit einem zweiten Seufzer. „Siehſt Du nun, Du mußt das untere Betttuch über das Pfühl breiten z und es hübſch glatt unter die Matratze ſtecken— ſo, verſtehſt Du mich?“ „Ja, Madam,“ ſagte Topſy mit geſpannter Aufmerkſamkeit. „Aber das obere Betttuch,“ fuhr Miß Ophelia fort,„muß auf dieſe Weiſe aufgelegt und feſt und glatt am Fuße untergeſtopft werden— ſiehſt Du!— den ſchmalen Saum am Fußende.“ „Ja Madam,“ ſagte Topſy wie vorher, aber wir müſſen hinzufügen, was Miß Ophelia nicht ſah, nämlich daß, während die gute Dame im Eifer ihrer Manipulationen der jungen Schülerin den Rücken zukehrte, dieſe ein Paar Handſchuhe und ein Vand wegſtibitzte, welche Gegenſtände ſie geſchickt in ihre Aermel gleiten ließ, worauf ſie wieder mit demüthig gefalteten Händen daſtand 176 „Nun, Topſy, laß ſehen, wie Du es machen würdeſt,“ ſagte Miß Ophelia, indem ſie die Betttücher wegzog und ſich niederſetzte. Topſy machte mit der größten Leichtigkeit und Geſchicklichkeit das Exercitium uMiß Ophelia's völliger Zufriedenheit durch, ſtrich die Betttücher glatt, ent⸗ Fui jede Falte und zeigte während der ganzen Operation einen gravitätiſchen Ernſt, über den ihre Lehrerin höchlichſt erbaut war. In Folge eines unglückli⸗ chen Verſehens hing jedoch ein flatterndes Ende des Bandes aus ihrem Aermel, ſie eben ihre Arbeit beendigt hatte, und erregte Miß Ophelia's Aufmerk⸗ amkeit. Sie ſchoß augenblicklich darauf zu. „Was iſt das? Du ungezogenes, böſes Kind! Du haſt das geſtohlen!“ Das Band wurde aus Topſy's Aermel gezogen, was dieſe aber nicht im mindeſten außer Faſſung brachte, und ſie blickte es nur mit dem Erſtaunen der reinſten Unſchuld an. „Ei, iſt vas nicht Miß Feely's Band? Wie mag es in meinen Aermel gekom⸗ men ſein?“ „Topſy, Du ungezogenes Mädchen, mache mir keine Flauſen! Du haſt das Band geſtohlen?“ wahrhaftig nicht! ich habe es nicht eher als dieſe ſelbige Mi⸗ nute geſehen.“ „Topſy,“ rief Miß Ophelia,„weißt Du nicht, daß es gottlos iſt zu lügen?“ „Ich lüge nie, Miß Feely!“ verſetzte Topſy mit tugendhafter Würde;„ich habe die Wahrheit geſagt, und es iſt nicht anders.“ „Ich werde Dich ſchlagen müſſen, wenn Du ſo lügſt!“ „Gott, Miſſis, ich könnte nicht anders ſprechen, wenn Sie mich auch den ganzen Tag ſchlügen!“ ſchluchzte Topſy;„ich habe das Band noch nie geſehen, es muß ſich in meinem Aermel verfangen haben. Miß Feely muß es auf dem Bette gelaſſen haben, und gewiß hat es ſich in den Kleidern verwickelt und iſt ſo in meinen Aermel gekommen.“ Miß Ophelia war über die unverſchämte Lüge ſo entrüſtet, daß ſie das Mäd⸗ chen ergriff und ſchüttelte. „Sage mir das nicht noch einmal!“ * Durch das Schütteln wurden die Handſchuhe aus dem andern Aermel auf den Boden geſchleudert. „Da ſiehſt Du es!“ rief Miß Ophelia.„Willſt Du mir jetzt noch ſagen, daß Du das Band nicht geſtohlen haſt?“ Topſy geſtand die Entwendung der Handſchuhe ein, beharrte aber immer noch darauf, daß ſie das Band nicht genommen habe. „Nun, Topſy,“ ſagte Miß Ophelia,„wenn Du mir Alles geſtehen willſt, werde ich Dich diesmal nicht ſchlagen.“ Auf dieſes Verſprechen hin geſtand Topſy den Diebſtahl des Bandes und der Handſchuhe unter kläglichen Betheuerungen der Bußfertigkeit ein. „Sage mir Alles! ich weiß, daß Du noch andere Dinge genommen hahen mußt, ſeit Du im Hauſe biſt, denn ich habe Dich geſtern den ganzen Tag im Hauſe umherlaufen laſſen. Sprich, haſt Du noch etwas entwendet? Ich will Dich diesmal nicht ſchlagen.“ „Gott, Miſſis, ich habe das rothe Ding genommen, was Miß Eva am Halſe trägt.“ „So? Du gottloſes Kind! Nun, was weiter?“ „Roſa's Ohrringe, die rothen—“ „Geh und bringe mir Beides augenblicklich her.“ ———— 177 Gott, Miſſis, ich kann nicht, die Sachen ſind verbrannt.“ 6d Verbrannt?— welche Lüge!— Geh hole die Dinge, ſonſt ſchlage ich.“ Topſy erklärte mit lauten Vetheuerungen und Thränen und Seufzern, daß ſie es nicht könne. „Sie ſind wirklich und wahrhaftig verbrannt!“ „Weshalb haſt Du ſie verbrannt?“ fragte Miß Ovhelia. „Weil ich gottlos bin. Ich bin ſehr gottlos, ich kann nicht anders.“ In dieſem Augenblicke kam Eva zufällig mit dem angeblich geſtohlenen Korallenbande am Halſe in das Zimmer. O Eva, woher haſt Du Dein Halsband wieder?“ fragte Miß Ophelia. 5„Woher ich es wieder habe? ich habe es ja den ganzen Tag umgehabt.“ „Haſt Du es geſtern getragen?“ „Ja, und es iſt ſpaßhaft, Tantchen, daß ich es die ganze Nacht umbehalten habe. Ich habe es abzunehmen vergeſſen, als ich zu Bett ging.“ Miß Ophelia war ganz erſtaunt und ſie wurde es noch mehr, als Roſa in dieſem Augenblicke mit einem Korbe voll friſchgeplätteter Wäſche auf dem Kopfe und den Korallengehängen in den Ohren eintrat. „Ich weiß wahrhaftig nicht, was ich mit einem ſolchen Kinde anfangen ſoll!“ rief ſie in Verzweiflung.„Wie in aller Welt kommſt Du darauf, Topſy, mir zu ſagen, Du habeſt dieſe Dinge genommen?“ „Miſſis hat geſagt, daß ich geſtehen müſſe, und ich wußte nichts Anderes, was ich noch geſtehen ſollte,“ ſagte Topſy, vie Augen reibend. „Aber ich habe natürlich nicht verlangt, daß Du Dinge geſtehen ſollteſt, die Du nicht gethan haſt,“ erwiderte Miß Ophelia.„Das iſt eben ſo gut eine Lüge wie das Andere.“ „Wirklich?“ rief Topſy im Tone unſchuldiger Verwunderung. „O, in dem Teufelsbraten iſt kein Fünkchen Wahrheit,“ ſagte Roſa mit einem entrüſteten Blicke auf Topſy. Wenn ich Mr. St. Clare wäre, ſo würde ich ſie peitſchen bis das Blut herunterliefe, ſie ſollte ſchon daran denken „Nein, nein, Roſa,“ ſagte Eva mit einer gebieteriſchen Miene, wie ſie das Kind zu Zeiten annehmen konnte,„Du mußt nicht ſo ſprechen, Roſa. Ich kann es nicht hören.“ 1.„Du mein Himmel, Miß Eva, Sie ſind ſo gut, daß Sie nicht wiſſen, wie* man die Nigger behandeln muß. Das einzige Mittel iſt, ſie gehörig zu ſchlagen, das ſage ich Ihnen.“ „Roſa, ſei ſtill!“ rief Eva,„kein ſolches Wort mehr.“ Und ihr Auge blitzte und ihre Wange röthete ſich ſtärker. Roſa wurde augenblicklich beſcheiden. *„Miß Eva hat St. Clare⸗Blut in den Adern. das iſt klar; ſie kann wahr⸗ haftig gerade ſo ſprechen wie ihr Papa,“ ſagte ſie, indem ſie das Zimmer verließ. Eva blickte Topſy an, und als Miß Ophelia ſich über deren ſchlechtes Be⸗ nehmen ausſprach, fah das Kind verlegen und bekümmert aus, ſagte aber in ſanftem Tone: „Arme Topſy, warum ſtiehlſt Du? Du biſt jetzt gut verſorgt; ich würde Dir wahrhaftig lieber Alles geben, was ich habe, als Dich es ſtehlen ſehen.“ Es war das erſte gütige Wort, welches das Kind je in ſeinem Leber ver⸗ nommen hatte; die Milde in Eva's Ton und Weſen erſchütterte das verwil⸗ derte rohe Herz mächtig und ein Schimmer wie von einer Thräne glänzte in dem runben, blitzenden Auge Hierauf folgte jedoch ein kurzes Lachen und ein dem Onkel Tom's Hütte. 12 ℳ 178 Mädchen zur Gewohnheit gewordenes Grinſen. Nein, das Ohr, das nie etwas Anderes als Schmähungen gehört hat, iſt für die himmliſchen Worte der Güte geravezu unempfänglich; Topſy hielt Eva's Worte nur für etwas Komiſches und Unerklärliches,— ſie glaubte nicht daran. Was war aber mit Topſy anzufangen? Miß Ophelia ſtand rathlos da, ihre Erziehungsregeln ſchienen hier nicht anwendbar zu ſein. Sie wollte ſich die Sache überlegen, und ſowohl um Zeit zu gewinnen als in der Hoffnung, daß die unbeſtimmten moraliſchen Tugenden, welche in dunkeln Kammern verborgen ſein ſollen, ſich geltend machen würden, ſchloß Miß Ophelia Topſy in eine ſolche ein, bis ſie ihre Ideen über den Gegenſtand weiter geordnet haben würde. „Ich weiß nicht, wie ich mit dem Kinde auskommen ſoll, ohne es zu ſchla⸗ gen, ſagte ſie zu St. Clare. „Nun, ſo ſchlage ſie nach Herzensluſt, ich gebe Dir die Vollmacht zu thun, was Dir beliebt.“ „Die Kinder müſſen Schläge bekommen,“ fuhr Miß Ophelia fort;„ich habe nie gehört, daß ſie anders aufgezogen werden könnten.“ „Thue, was Du für das Beſte hältſt,“ ſagte St. Clare.„Aber auf etwas muß ich Dich aufmerkſam machen. Ich habe dieſes Mädchen mit dem Schüreiſen ſchlagen over mit der Feuerſchaufel oder Zange, was eben zur Hand war, zu Boden ſtrecken ſehen, und da es an dieſe Methode gewöhnt iſt, werden Deine Schläge ziemlich energiſch ſein müſſen, wenn ſie einigen Eindruck machen ſollen.“ „Was kann man ſonſt mit ihr anfangen?“ fragte Ophelia. „Du haſt eine ernſte Frage aufgeworfen,“ erwiderte St. Clare,„ich wollte Du beantworteteſt ſie. Ja, was iſt mit einem menſchlichen Weſen, das nur durch Schläge regiert werden kann, zu thun, wenn dieſe nichts fruchten?— In dieſe Verlegenheit kommen wir hier ſehr oft.“ „Ich weiß es wahrhaftig nicht; ein Kind wie dieſes iſt mir noch nicht vor⸗ gekommen.“ „Solche Kinder ſind bei uns ſehr gewöhnlich; ſolche Männer und Weiber ebenfalls. Wie kann man ſie regieren?“ 8 iſt wirklich mehr als ich zu beantworten vermag,“ ſagte Miß phelia. „So geht es mir ebenfalls,“ erwiderte St. Clare.„Die entſetzlichen Grau⸗ ſamkeiten und Mißhandlungen, welche zuweilen ihren Weg in die Zeitungen finden— woher kommen ſie?— In vielen Fällen iſt es auf beiden Seiten eine allmälige Verhärtung. Der Beſitzer wird in demſelben Maße grauſamer, wie der Sklave verſtockter. Schläge und Mißhandlungen gleichen dem Opium, man muß die Doſis verdoppeln, wenn die Empfänglichkeit dafür abnimmt. Ich habe dies ſchon früh erkannt, als ich Sklavenbeſitzer wurde, und daher beſchloſſen, gar nicht anzufangen, weil ich nicht wußte, wo ich aufhören würde, und ich wenigſtens mein moraliſches Gefühl nicht erſticken wollte. Die Folge davon iſt, daß ſich meine Sklaven wie verzogene Kinder benehmen; aber ich halte das für beſſer als wenn wir Beide verthiert würden. Du haſt viel von unſern Erziehungs⸗ pflichten geſprochen, Couſine, und ich wünſchte daher, daß Du es mit einem Kinde, welches nur ein Beiſpiel von Tauſenden iſt, einmal verſuchen möchteſt.“ „Es iſt Euer Syſtem, das ſolche Kinder macht,“ meinte Miß Ophelia. „Ich weiß es, aber ſie ſind nun einmal da— ſie exiſtiren— was iſt alſo mit ihnen anzufangen?“ „Nun, ich will nicht ſagen, daß ich Dir für das Experiment danke, da es aber eine Pflicht zu ſein ſcheint, ſo werde ich ausharren und mein Möglichſtes thun,“ verſetzte Miß Ophelia, und ſie fuhr von jetzt an fort, an ihrer neuen b 179— Aufgabe mit einem lobenswerthen Eifer und großer Energie zu arbeiten. Sie gab dem Kinde regelmäßige Veſchäftigungen und übernahm es, ihm Leſen und Nähen zu lehren. In der erſteren Kunſt erwies ſich die Kleine als äußerſt gelehrig. Sie lernte die Buchſtaben wie durch Zauberei und war ſehr bald im Stande einfach Ge⸗ ſchriebenes zu leſen. Aber mit dem Nähen ging es ſchwieriger. Sie war flink wie eine Katze und beweglich wie ein Affe, und das Stillſitzen beim Nähen war ihr ein Greuel, ſie zerbrach ihre Nadeln, warf ſie heimlich aus dem Fenſter oder in Mauerritzen, verwirrte, zerriß oder beſchmutzte den Faden, oderverſteckte ganze Knäule ſo, daß ſie nicht wieder zu finden waren. Ihre Bewegungen waren faſt eben ſo ſchnell wie die eines gewandten Taſchenſpielers und eben ſo groß ihre Herrſchaft über ihre Mienen, und wenn auch Miß Ophelia feſt überzeugt war, daß ſo viele Unfälle unmöglich hintereinander geſchehen konnten, ſo war es ihr doch ohne eine Wachſamkeit, die ihr keine Zeit zu irgend etwas Anderem ge⸗ laſſen haben würde, unmöglich ſie auf der That zu ertappen. Topſy war in der Haushaltung bald eine hervorragende Perſönlichkeit, denn ihrTalent zu allen Arten von Grimaſſen, Nachahmungen und muthwilligen Streichen— zum Tanzen, Radſchlagen, Klettern, Singen, Pfeifen und Nach⸗ ahmen jeden Tones, der ihr auffiel— ſchien unerſchöpflich zu ſein. In ihren Spielſtunden war ſie ſtets von ſämmtlichen Kindern des Hauſes, mit vor Ver⸗ wunderung weit offenem Munde umringt— ſelbſt Miß Eva nicht ausgenommen, die von ihren wilden Teufeleien bezaubert zu werden ſchien wie eine Taube von einer glänzenden Schlange. Miß Ophelia war darüber unwillig, daß Eva ſo großes Gefallen an Topſy's Geſellſchaft fand, und bat St. Clare flehentlich ihr es zu verbieten. „Pah! laß das Kind gehen!“ ſagte St. Clare.„Topſy wird ſie auf⸗ heitern.“ „Aber ein ſo entartetes Mädchen— fürchteſt Du nicht, daß ſie ihr Böſes lehren wird?“ „Sie kann ihr nichts Böſes lehren, bei manchen anderen Kindern wuͤrde dies vielleicht der Fall ſein, aber von Eva's Geiſte gleitet das Böſe ab wie der Thau von einem Kohlblatte— es dringt kein Tropfen hinein.“ „Glaube das nicht zu feſt,“ erwiderte Miß Ophelia;„ſo viel weiß ich, daß ich mein Kind nicht mit Topſy ſpielen laſſen würde.“ „Nun, Deine Kinder brauchen es nicht zu thun,“ antwortete St. Clare; „aber die meinen mögen es. Wenn Eva verdorben werden könnte, ſo hätte ſie es längſt ſein müſſen.“ Topſy wurde Anfangs von der oberen Dienerſchaft gering geſchätzt und verachtet; aber die Leute hatten bald Grund ihre Meinung zu ändern. Man ent⸗ veckte ſehr bald, daß Jedem, der Topſy eine Beleidigung zufügte, kurz darauf ein höchſt unangenehmer Unfall begegnete— entweder wurden ein paar Ohr⸗ ringe oder irgend ein hochgeſchätzter Schmuckgegenſtand vermißt, oder ein Klei⸗ dungsſtück war völlig verdorben vder die betreffende Perſon ſtolperte zufällig in einen Eimer mit heißem Waſſer, oder eine Libation von ſchmutziger Lauge über⸗ ſchwemmte ſie unerklärlicher Weiſe von oben herab, wenn ſie ſich im vollen Staate befand, und bei allen dieſen Anläſſen war, wenn ſie unterſucht wurden, Niemand zu finden, der den Streich auf ſich nahm. Topſy wurde zu wiederholten Malen citirt und vor allen häuslichen Ge⸗ richtsperſonen in's Verhör genommen, bewahrte dabei aber ſtets die treuherzigſte Unſchuld und Gravität in ihren Mienen. Kein Menſch zweifelte daran, baß ſie die Streiche verübt habe, aber es war keine Spur eines direkten Beweiſes auf⸗ 12* 180 zufinden, um den Vermuthungen Gewicht zu ertheilen und Miß Ophelia war zu gerecht, um ohne einen ſolchen Strafen zu dietiren. Das Unheil, welches verübt wurde, war dabei ſtets ſo gut berechnet, daß den Urheber nicht wohl Strafe treffen konnte. So wurden die Gelegenheiten zur Rache an Roſa und Jane, den beiden Kammermädchen, ſtets zu der Zeit ge⸗ wählt, wo ſie(was nicht ſelten ver Fall war) bei ihrer Herrin in Ungnade waren, und ihre Klagen demnach natürlich fein theilnehmendes Gehör fanden. Kurz, Topſy brachte die Dienerſchaft bald zu der Einſicht, daß es weit beſſer ſein würbe, ſie unbehelligt zu laſſen, was nach einiger Zeit auch geſchah. Topſywarin allen Handarbeiten geſchickt und gutwillig, und ſie begriffAlles, was ihr gelehrt wurde, mit überraſchender Schnelligkeit. Nach wenigen Leftio⸗ nen hatte ſie Miß Ophelia's Zimmer aufeine Weiſe, an der ſelbſt dieſe eigne Dame nichts zu tadeln fand, in Ordnung bringen gelernt. Keine andere Menſchenhand vermochte die Tücher glätter auszubreiten, die Kiſſen genauerzu legen das Zimmer mit größerer Vollkommenheit zu fegen und abzuſtäuben und aufzuräumen, als Topiy, wenn ſie wollte— aber ſie wollte nicht oft. Wenn Miß Ovhelia nach drei bis vier Tagen ſorgfältiger und geduldiger Aufſicht ſo wohlmeinend war, u glauben, daß Topſy ſich envlich ihre Weiſe angreignet habe und ohne Auf⸗ ſcht gelaſſen werden könne, und ſich entfernte, um etwas Inderes zu thun, ſo pflegte Topſy einige Stunden lang ein wahres Carneval von Verwierung zu halten. Statt das Bett zu machen, beluſtigte ſie ſich damit, daß ſie die Kiſſen⸗ überzüge auftrennte und mit ihrem Wollkopfe hinein ſuhr, daß er zuweilen gro⸗ tesk mit nach allen Seiten hinausragenden Federn geſchmückt war; ſie erkletterte die Bettpfoſten und hing ſich kopfabwärts an den Betthimmel, warf die Decken und Tücher im ganzen Zimmer umnher, putzte das Kopfkiſſen mit Miß Ophelia's Nachtkleidern an und führte mit ihm Schauſpiele auf— ſang und pfiff und grimmaſſirte mit ſich ſelbſt im Spiegel, kurz, ſie verübte, wie Miß Ophelia es zu nennen pflegte, wahre Kainsthaten. Einmal fand Miß Ophelia Topſy, wie ſie ihren allerbeſten ſcharlachrotheu chineſiſchen Kreppſhawl wie einen Turban um den Kopf gewunden hatte und eben ihre Komödie vor dem Spiegel aufführte.— Miß Ophelia hatte nämlich mit einer bei ihr unerhörten Nachläſſigkeit den Schlüſſel einmal ausnahmsweiſe an ihrer Kommode ſtecken laſſen. „Topſy!“ pflegte ſie zu ſagen, wenn ihr der Geduldsfaden völlig geriſſen war,„wie kannſt Du nur ſo tolle Streiche machen!“ „Weiß nicht, Miſſis— wahrſcheinlich weil ich ſo gottlos bin.“ „Ich weiß nicht mehr was ich mit Dir anfangen ſoll, Topſy.“ „Gott, Miſſis, Sie müſſen mich ſchlagen. Meine alte Miſſis hat mich immer geſchlagen. Ich bin nicht gewohnt zu arbeiten wenn ich nicht ge⸗ ſchlagen werde.“ „Aber ich möchte Dich gern nicht ſchlagen. Du kannſt Dich recht gut be⸗ nehmen, wenn Du Luſt dazu haſt; warum willſt Du es nur nicht thun?“ „Ach, Miſſis, ich bin einmal an die Schläge gewöhnt; ich glaube, daß ſie gut für mich ſind.“ Miß Ophelia verſuchte das Recept und Topſy machte dabei ſtets einen ent⸗ ſetzlichen Lärm und ſchrie, ſchluchzte und ſiehte. Wenn ſie aber eine halbe Stunde nachher von einer Heerde Kinder umgeben auf einem Vorſprunge des Balkons hockte, ſo ſprach ſie ihre tiefſte Verachtung der ganzen Geſchichte aus. „Gott, das nennt Miß Feely ſchlagen! mit ihren Schlägen würde ſie keinen Floh todt machen! ſie hätte ſehen ſollen, wie der alte Maſter zuſchlug, daß das Fleiſch in Fetzen herumſlog— der verſtand es!“ — ,—— 181 Topſy ſprach beſtändig von ihren Sünden und Vergehen und betrachtete ſie offenbar als etwas ganz Ausgezeichnetes. 2 „Gott, Ihr Nigger,“ pflegte ſie zu ihrer Zuhörerſchaft zu ſagen,„wißt Ihr, daß Ihr Alle Sünder ſeid?— Jawohl, Ihr Alle ſeid Sünder! auch die weißen Leute ſind Sünder— Miß Feely ſagt es, aber die Nigger werden wohl die größten ſein. Mir kommt jedoch Keiner von Euch gleich. Ich bin ſo ent⸗ ſetzlich ſündhaft, daß kein Menſch etwas mit mir anfangen kann. Die alte Miſſis hat immer den halben Tag auf mich fluchen müſſen. Ich glaube, ich bin das ſündhafteſte Geſchöpfvon der Welt!“ Dann ſchlug ſie einen Purzelbaum, kletterte behend auf einen hoͤheren Punkt und that ſich offenbar auf die Auszeichnung viel zu gute. Des Sonntags beſchäftigte ſich Miß Ophelia ſehr eifrig damit, Topſy den Katechismus zu lehren. Topſy hatte ein vortreffliches Wortgedächtniß und lernte mit einer Schnelligkeit, welche ihre Lehrerin bedeutend in ihren Be⸗ mühungen ermuthigte. „Meinſt Du venn, daß es ihr etwas nützen wird?“ ſagte St. Clare. „Nun, es hat den Kindern ſtets Nutzen gebracht. Den Katechismus müſſen alle Kinder lernen,“ erwiderte Ophelia. „Gleichviel, ob ſie die Worte verſtehen oder nicht?“ fragte St. Clare. „O, die Kinder verſtehen ſie zu ver Zeit, wo ſie ſie lernen, nie, aber wenn ſie erwachſen ſind, findet ſich das von ſelbſt.“ „Bei mir hat es ſich noch nicht gefunden,“ verſetzte St. Clare,„obgleich ich e muß, daß Du mir die Worte in meiner Jugend gehörig einge⸗ prägt haſt.“ „O Du haſt immer gut gelernt, Auguſtin. Ich hatte große Hoffnungen auf Dich gebaut.“ „Nun, haſt Du die nicht mehr?“ fragte St. Clare. „Ich wollte, Du wärſt noch eben ſo gut wie Du als Knabewarſt, Auguſtin.“ „Das wünſchte ich ſelbſt, Cvufine“, ſagte St. Clare.„Nun, fahre nur fort, Topſy zu katechiſiren, vielleicht wirſt Du doch noch etwas aus ihr machen.“ Tovſy, die während dieſes Geſprächs mit demüthig gefaltenen Händen, wie eine ſchwarze Statue dageſtanden hatte, fuhr jetzt auf ein Signal von Miß Ophelia fort: „Unſere erſten Eltern waren der Freiheit ihres eigenen Willens überlaſſen und fielen aus dem Zuſtande, worin ſie erſchaffen waren.“ Topſy's Augen zwinkerten und ſie blickte fragend auſ. „Was grebt es, Topſy?“ fragte Miß Ophelia. „Bitte, Miſſis, war das der Staat Kintuck?*) Der Maſter hat mir oft erzählt, daß wir von Kintuck herabgekommen ſeien.“ St. Clare lachte. „Du wirſt ihr eine Auslegung geben müſſen, wenn ſie ſich nicht ſelbſt eine machen ſoll,“ Kagte er.„Es ſcheint hier von einer Auswanderungsgeſchichte die Rede zu ſein.“ B Min. ſei ſtill!“ rief Miß Ophelia;„wie kann ich etwas ausrich⸗ ten, wenn Du Unmer ſcherzen und ſpötteln willſt?“ „Nun, ich werde auf Ehre Deine Uebungen nicht wieder ſtören,“ erwiderte St. Clare, nahm eine Zeitung zur Hand und ſetzte ſich nieder, bis Topſy ihre *) Dieſe Aeußerung des Regermädchens gründet ſich auf die mehrfache Bedeutung des engliſchen Wortes state, weſches im Deutſchen Stand, Zuſtand und Staat heißt. Aufgabe hergeſagt hatte. Es ging recht gut, nur daß ſie dann und wann einige wichtige Worte auf ſonderbare Weiſe mit einander verwechſelte und trotz aller Verſuche, das Gegentheil zu bewirken, auf dem Irrthume beharrte. St. Clare fand trotz aller ſeiner Verſprechungen ernſt zu bleiben, ein gottloſes Vergnügen an dieſen Fehlern, rief Topſy zu ſich, wenn er ſich beluſtigen wollte, und ließ ihr trotz der Vorſtellungen Miß Ophelia's die fehlerhaften Stellen erſagen. SWie kann ich mit dem Kinde etwas anfangen, Auguſtin, wenn Du es ſo treibſt?“ pflegte ſie zu ſagen. „Nun, es iſt wirklich zu arg; ich will es nicht wieder thun, aber es macht mir wirklich Vergnügen, das drollige kleine Geſchöpf über die langen Worte ſtolpern zu hören.“ „Aber Du beſtärkſt ſie in ihren Fehlern!“ „Was ſchadet das?— für ſie iſt ein Wort ſo gut wie das andere.“ „Du haſt verlangt, daß ich ſie ordentlich erziehen ſoll; Du darfſt nicht ver⸗ geſſen, daß ſie ein vernünftiges Weſen iſt und mußt Deinen Einfluß auf ſie gut anwenden.“ „O ich weiß, daß es abſcheulich von mir iſt; aber ich bin nun einmal ſo ſündhaft, wie Topſy zu ſagen pflegt.“ Auf dieſe Weiſe wurde Topſy's Erziehung einige Jahre lang fortgeſetzt, und Miß Ophelia plagte ſich täglich mit ihr wie mit einer Art von chroniſcher Krankheit, an die ſie ſich mit der Zeit eben ſo gewöhnte, wie andere Perſonen an die Neuralgie oder an die Migräne. St. Clare ergötzte ſich an dem Kinde ungefähr wie an den Kunſtſtücken eines Papageys oder eines Hundes. Wenn Topſy durch ihre Sünden bei An⸗ dern in Ungnade fiel, ſo fluͤchtete ſie ſich ſtets hinter ſeinen Stuhl, und St. Clare ſchloß auf die eine oder andere Weiſe für ſie Frieden. Sie erhielt von ihm häufig ein kleines Stück Geld, für das ſie Nüſſe oder Kandis kaufte, welche Näſchereien ſie ſtets mit ſorgloſer Freigebigkeit unter alle Kinder des Hauſes vertheilte, denn wir müſſen Topſy die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß ſie 8 und freigebig war und ſich nur aus Nothwehr bösartig zeigte. Sie iſt jetzt in unſer Balletcoxps aufgenommen und wird pon Zeit zu Zeit, wenn die Reihe an ſie komt, mit den anderen Schauſpielern auftreten. 21. Kentuck. Unſern Leſern wird es vielleicht nicht unangenehm ſein, auf kurze Zeit einen Blick in Onkel Tom's Hütte auf dem Gute in Kentucky zu werfen und zu ſehen, was unter den von ihm dort Zurückgelaſſenen vorging. Es war ſpät an einem Sommernachmittag und die Thüren und Fenſter des großen Wohnzimmers waren geöffnet, um ein Lüftchen, das etwa ſo freund⸗ lich ſein würde einzutreten, in das Haus einzulaſſen. Mr. Shelby ſaß in einem großen Saale neben dem Wohnzimmer, der die ganze Länge des Hauſes ein⸗ nahm und der an beiden Enden auf einen Balkon ging. Er hatte ſich gemächlich in einen Stuhl geſtreckt, die Füße auf einen andern gelegt, und rauchte ſeine Nachmittags⸗Cigarre. Mrs. Shelby ſaß mit einer feinen Nätherei beſchäftigt in der Thür. Sie ſchien etwas auf dem Herzen zu haben und eine Gelegenheit zu ſuchen, ſich der drückenden Laſt zu entledigen. „Weißt Du, daß Chloe einen Brief von Tom erhalten hat?“ „Ah, wirklich? Tom wird wohl dort einen Freund gefunden haben. Wie geht es dem alten Jungen?“ „Er iſt, wie es ſcheint, von einer trefflichen Familie gekauft worden, wird gut behandelt und hat nicht viel zu thun,“ antwortete Mrs. Shelby. „Nun, das freut mich herzlich,“ ſagte Mr. Shelby mit Innigkeit.„Tom wird ſich hoffentlich an den Aufenthalt im Süden gewöhnen, und gar nicht wie⸗ der hierher kommen wollen.“ „Im Gegentheil, er erkundigt ſich ſehr angelegentlich, wenn das Geld für ſeine Auslöſung aufgebracht ſein wird.“ „Ich weiß es wahrhaftig nicht,“ erwiderte Mr. Shelby.„Wenn die Ge⸗ ſchäfte einmal einen ungünſtigen Verlauf nehmen, ſo ſcheint es gar nicht aufzu⸗ hören. Es iſt, als ob man aus einem Sumpfe in den andern ſpränge; von Einem borgt man, um einen Andern zu bezahlen, dann muß man wieder von einem Andern borgen, um Jenen zu bezahlen, und die verwünſchten Wechſel, die fällig werden, ehe man Zeit hat eine Cigarre zu rauchen und ſich umzuwenden— Mahnbriefe und Mahnboten— man iſt beſtändig wie ein gehetzter Hund.“ „Ich ſollte aber doch meinen, daß ſich etwas thun ließe, um die Sache wie⸗ der in das richtige Gleis zu bringen, lieber Mann. Wie wäre es, wenn wir ſämmtliche Pferde und eines von Deinen Gütern verkauften und Alle bezahlten?“ „Wo denkſt Du hin, Emilie! Du biſt das trefflichſte Weib in Kentuckh, aber dennoch haſt Du nicht Verſtand genug, um einzuſehen, daß Du nichts von Geſchäften verſtehſt. Die Weiber können nichts davon verſtehen.“ „Kannſt Du mir aber nicht eine kleine Einſicht in die Deinen verſchaffen?“ fragte Mrs. Shelby;—„eine Liſte von allen Deinen Schulden und Außen⸗ ſtänden wenigſtens; vielleicht könnte ich Dir doch im Sparen helfen.“ „Dummes Zeug! plage mich nicht, Emilie— ich kann Dir es nicht genau ſagen; ich weiß ungefähr wie es ſein mag, aber ich kann unmöglich meine An⸗ gelegenheiten ſo genau abzirkeln wie Chloe, wenn ſie die überflüſſige Kruſte von ihren Paſteten abſchneidet. Noch einmal, Du verſtehſt das nicht.“ Und Mr. Shelby, der kein anderes Mittel kannte, um ſeinen Ausſprüchen Nachdruck zu verleihen, erhob die Stimme— eine ſehr bequeme und überzeu⸗ gende Manier, wenn ein Mann mit ſeiner Frau über Geſchäftsſachen ſpricht. Mrs. Shelby ſeufzte und ſchwieg. Obgleich ſie, wie ihr Gemahl ſagte, nur eine Frau war, ſo beſaß ſie doch einen klaren, energiſchen praktiſchen Verſtand und eine Charakterſtärke, die der ihres Gatten in jeder Hinſicht überlegen war, ſo daß es keine ſo abgeſchmackte Vermuthung geweſen wäre, wie Mrs. Shelby dachte, wenn man ſie für fähig gehalten hätte, Geſchäfte zu leiten. Sie war ernſtlich darauf bedacht, ihr Tom und Chloe gegebenes Verſprechen zu halten, und ſie ſeufzte, als die Hinderniſſe um ſie her immer größer wurden. „Meinſt Du nicht, daß wir auf irgend eine Art das Geld aufbringen könn⸗ ten? Die arme Tante Chloe! es iſt ihr höchſter Wunſch auf Erden.“ „Es thut mir leid, wenn dem ſo iſt; ich glaube es war übereilt von mir, daß ich es verſprach! Ich weiß wirklich nicht, ob es nicht beſſer wäre, wenn wir es Chloe ſagten, damit ſie ſich darein finden lernt. Tom wird in ein paar Jah⸗ ren eine andere Frau nehmen, und ſie würde am beſten thun, wenn ſie ſich auch einen Andern ſuchte.“ „Shelby! ich habe meinen Leuter gelehrt, daß ihre Ehen eben ſo heilig 5 die unſern. Ich wäre nicht im Stande, Chloe einen ſolchen Rath u geben Es iſt ſehr thoöricht, Frau, daß Du ſie mit einer Moralität belaſtet haſt, die über ihren Stand und ihre Ausſichten geht. Ich habe ſtets ſo gedacht.“ „Es iſt nur die Moralität der Bibel, Shelby!“ „Run, ich will mich nicht in Deine religiöſen Anſichten miſchen, aber ſie ſcheinen mir für Leute in ſolcher Lage äußerſt unpaſſend zu ſein.“ „Das ſind ſie in der That,“ erwiderte Mrs. Shelby,„und eben deshalb haſſe ich die ganze Sklaverei aus tiefſter Seele. Ich ſage Dir, lieber Mann, ich kann mich nicht von den Verſprechungen, die ich dieſem hilfloſen Geſchöpf ge⸗ geben habe, entbinden. Wenn ich vas Geld auf keine andere Weiſe zuſammen⸗ bringen kann, ſo werde ich Muſikunterricht geben— ich weiß, daß ich Schüler genug erhalten würde— und die Summe ſelbſt verdienen.“ „Du würdeſt Dich doch nicht ſo erniedrigen, Emilie? ich könnte nie darein willigen.“ „Erniedrigen? Würde es mich eben ſo tief erniedrigen, als wenn ich mein Verſprechen gegen hilfloſe Geſchöͤpfe bräͤche?— Nein, gewiß nicht!“ „Nun, Du biſt ſtets heroiſch und überſchwenglich,“ ſagte Mr. Shelby, „aber Du ſollteſt Dich doth beſinnen, ehe Du ein ſolches Stück Donquirotis⸗ mus ſpielteſt.“ Hier wurde das Geſpräch durch das Erſcheinen der Tante Chloe am Ende der Veranda unterbrochen. „O Miſſis!“ rief ſie. „Run, Chloe, was giebt es?“ fragte ihre Herrin, indem ſie aufſtand und an das Ende des Balkons ging. Wenn die Miſſis nur herkommen und dieſes Federvieh anſehen wollte.“ Mrs. Shelby lächelte, als ſie eine Quantität Hühner und Enten am Bo⸗ den liegen ſah, welche Chloe mit ernſt überlegendem Geſichte betrachtete. „Ich möchte wiſſen, ob die Miſſis eine Hühnerpaſtete davon zu haben wünſcht.“. ſcthrzaftig Tante Chloe, mir iſt das ſo ziemlich gleich. Bringe fie auf den Tiſch wie Du willſt.“ Tante Chloe befühlte das Geflügel zerſtreut. Es ließ ſich nicht verkennen, daß es nicht das war, woran ſie eigentlich dachte. Endlich ſagte ſie mit dem kurzen Lachen, womit ihre Race oftmals einen zweifelhaften Vorſchlag einleitet. „Du lieber Gott, Miſſis, warum wollen ſich Maſter und Miſſis wegen des Geldes die Köpfe zerbrechen und nicht das gebrauchen, was ſie in ihrer Hand haben?“ Und Chloe lachte von Neuem. „Ich verſtehe Dich nicht, Chloe,“ erwiderte Mrs. Shelby, die in Folge ihrer Kenntniß von Chloe's Weſen nicht bezweifelte, daß dieſe jedes Wort des Geſpräches zwiſchen ihr und ihrem Gatten gehört habe. „Du mein Himmel, Mſſis,“ fuhr Chloe abermals lächelnd fort,„andere Leute vermiethen ihre Nezer und verdienen Geld mit ihnen; ſie halten eine ſolche Menge, die Haus und Hof aufißt.“ „Nun Chloe, wen ſchläͤgſt Du vor zu vermiethen?“ „Ich ſchlage nichts vor, aher Sam hat geſagt, daß einer von Kreditors, wie man ſie nennt, in Louisville eine gute Kuchen- und Paſtetenbäckerin braucht, und daß er Einer vier Dollars die Woche geben wolle.“ „Nun Chlve?“ „Nun ich denke, Miſſis, es iſt Zeit, daß Sally angehalten wird, etwas zu thun. Sally iſt ſchon ſeit einiger Zeit bei mir in der Lehre und ſie kann es bei⸗ nahe ſo gut wie ich, und wenn die Miſſis mich gehen ließe, ſo würde ich das Geid aufbringen helfen. Ich fürchte mich nicht, meine Kuchen und Paſteten neben die eines Perditors zu ſtellen, er mag nun heißen wie er will.“ „Conditor, Chloe.“ —— 185 „Du lieber Gott, Miſſis, es kommt darauf nicht an, die Worte ſind ſo kurios, daß man ſie nie recht herausbringen kann.“ „Aber Chloe, willſt Du Deine Kinder verlaſſen?“ „Ach, Miſſis, die Jungen ſind ja groß genug, um Tagearbeiten zu thun; ſie werden ganz gut auskommen, und Sally wird das Kleine übernehmen— es iſt ein ſo kluges Kind, daß es keine Aufſicht weiter nöthig hat.“ „Louisville iſt ſehr weit entfernt.“ „Davor fürchte ich mich nicht! ich weiß, es liegt flußabwärts, vielleicht gar in der Nähe meines Alten?“ ſagte Chloe, die die letzten Worte im Tone einer Frage ſprach und dabei Mrs. Shelby anblickte. „Nein Chloe, es iſt noch viele hundert Meilen weiter,“ erwiderte Mrs. Shelby. Chloe's Geſicht verlängerte ſich. „Aber das thut nichts; wenn Du dorthin gehſt, ſo wird es Dich doch ihm näher bringen, Chloe; ja Du magſt gehen, und Dein Lohn ſoll bis auf den letzten Cent für die Erlöſung Deines Mannes zurückgelegt werden.“ Chloe's Geſicht erhellte ſich augenblicklich, wie ein glänzender Sonnenſtrahl eine dunkle Wolke verſilbert. Es ſchimmerte ordentlich. „Gott, die Miſſis iſt wahrhaftig zu gut! Ich habe daran gedacht, denn ich würde keine Kleider und Schuhe und gar nichts brauchen. Ich könnte jeden Cent zurücklegen. Wieviel Wochen giebt es im Jahre, Miſſis?“ „Zwei und funfzig,“ antwortete Mrs. Shelby. „Wirklich! und vier Dollar für jede! wieviel mag das ſein?“ „Zweihundert und acht Dollars,“ erwiderte Mrs. Shelby. „Ei, ſo viel!“ rief Chloe in überraſchtem und entzücktem Tone;„und wie lange würde ich brauchen um es abzuarbeiten, Miſſis?“ „Vier bis fünf Jahre, Chloe; aber es ſoll nicht ſo lange dauern, denn ich werde auch etwas dazu legen.“ „Ich würde es nicht zugeben, daß Miſſis Unterricht giebt. Der Waſter hat darin ganz recht. Es würde nicht angehen. Ich hoffe, daß Niemand aus unſerer Familie jemals ſo weit herabkommen wird, ſo lange ich noch Hände habe.“ „Fürchte nichts, Chloe, ich werde die Ehre der Familie gut zu wahren wiſſen, ſagte Mrs. Shelby lächelnd;„aber wann gedenkſt Du zu gehen?“ „Nun, ich hatte daran noch gar nicht gedacht, aber Sam ſagte, daß er mit einigen Fohlen nach dem Fluſſe hinabgehe, und er hat geſagt, daß ich ihn be⸗ gleiten könnte; ich will daher ſogleich meine Sachen zuſammenpacken. Wenn es die Miſſis erlaubte, ſo würde ich morgen früh mit Sam gehen, wenn mir die Miſſis nur meinen Paß und eine Empfehlung ſchreiben wollte.“ „Nun Chloe, ich werde dafür ſorgen, wenn Mr. Shelby nichts dagegen hat; ich muß mit ihm ſprechen.“ WMrs. Shelby ging die Stufen hinauf und Tante Chloe begab ſich entzückt in ihre Hütte, um ihre Anſtalten zu treffen. „Wiſſen Sie, Mr. George, daß ich morgen nach Louisville gehe?“ ſagte ſie zu George, als dieſer in ihre Hütte trat und ſie mit dem Sortiren der Kleider ihres jüngſten Kindes beſchäftigt fand.„Ich will nur noch Sis Sachen durch⸗ ſehen und in Ordnung bringen; aber ich gehe, Mr George, und werde wöchent⸗ lich vier Dollars bekommen und die Miſſis wird das Geld ſparen, um meinen Alten wieder zu kaufen.“ „Wirklichk“ rief George,„das iſt eine hübſche Geſchichte! Du willſt gehen?“ „Morgen mit Sam! Und nun, Maſter George, weiß ich, daß Sie ſo gut ſein werden ſich hin zu ſetzen und an meinen Alten zu ſchreiben, um ihm die ganze Sache zu erzählen— nicht wahr?“ „Gewiß,“ erwiderte George;„Onkel Tom wird ſich freuen, von uns zu hören. Ich will ſogleich hinein gehen um Papier und Tinte zu holen, und dann, weißt Du, Tante Chloe, will ich ihm von den neuen Fohlen und Allem erzählen.“ „Gewiß, gewiß! Maſter George; gehen Sie, ich werde Ihnen unter⸗ deſſen ein Hühnchen oder etwas dergleichen zurecht machen. Sie werden nicht oft mehr bei Ihrer alten Tante zu Abend eſſen.“ 22. Das Grgs verdorrt, die Blume verwelkt. Das Leben verſtreicht fuͤr uns Alle Tag für Tag, ſo auch unſerm Freunde Tom, bis zwei Jahre in's Land gezogen waren. Obgleich von Allem, was ſei⸗ nem Herzen theuer war, getrennt und ſich danach ſehnend, hatte er ſich doch nie wirklich unglücklich gefühlt, denn vie Harfe ver menſchlichen Gefühle iſt ſo gut aufgezogen, daß nur ein Stoß, welcher alle Saiten zerreißt, ihre Harmonie völlig zerſtören kann, und wenn wir auf die Periode zurückblicken, die uns als die der Entbehrungen und Prüfungen erſcheint, ſo können wir uns doch erin⸗ nern, daß jede Stunde im Vorübergleiten ihre Erleichterungen und Zer⸗ ſtreuungen mit ſich führte, ſo daß wir, wenn auch nicht glücklich, doch auch nicht ganz elend waren. Tom las in ſeinem einzigen literariſchen Schatze von Einem, welcher„ge⸗ lernt hatte, in jeder Lage zufrieden zu ſein;“ dies ſchien ihm eine gute und ver⸗ nünftige Lehre und ſtimmte zu der Gewohnheit des ruhigen Denkens, welche er durch die Lektüre jenes Buches erlangt hatte. Sein nach Hauſe geſchriebener Brief wurde, wie wir im vorigen Kapitel erzählt haben, in Kurzem durch Mr. George in einer guten runden Schul⸗ knabenhand, die, wie Tom ſagte, beinahe vom anderen End-Zimmer geleſen werden konnte, beantwortet. Das Schreiben enthielt verſchiedene erquickliche Nachrichten aus der Heimath, welche unſeren Leſern vollkommen bekannt ſind. Es beſagte, daß Tante Chlve an einen Conditor in Luuisville vermiethet wor⸗ den ſei, wo ſie mit ihrer Geſchicklichkeit im Paſtetenbacken große Geldſummen verdiene, welche ſämmtlich zurückgelegt werben ſollten, um den Betrag ſeines Löſegeldes aufzubringen. Moſes und Peter befänden ſich wohl und das Kleinſte trabe unter der Obhut Sally's und der Familie im Allgemeinen, im ganzen Hauſe umher. Tom's Hütte war für einen Augenblick verſchloſſen, aber George ließ ſich ausführlich über die Ausſchmückungen und Erweiterungen aus, welche dieſelbe erhalten ſollte, wenn Tom zurückkehren würde. Der übrige Theil ves Briefes enthielt ein Verzeichniß von George's Schul⸗ ſtudien, wovon jede mit einem verzierten Kapitalbuchſtaben angefangen war, nannte ferner die Namen von vier neuen Fohlen, die ſeit Tom's Abreiſe auf dem Gute zur Welt gekommen waren, und theilte ſchließlich mit, daß Vater und Mutter ſich wohl befänden. Der Styl des Briefes war kurz und gedrängt, aber Tom hielt ihn für eines der vollkommenſten Prachteremplare, welche die Neuzeit aufzuweiſen hatte. Er wurde nicht müde ihn zu betrachten und hielt ſogar mit Gva eine Berathung, ob es nicht möglich ſei, ihn einzurahmen und in ſeinem Zimmer aufzuhängen; nur die Schwierigkeit es ſo daß beide Seiten des Blattes auf einmal zu ſehen waren, ſtand dieſem Unternehmen im — ——,———— 187 Wege. Die Freundſchaft zwiſchen Tom und Eva hatte mit dem Heranwachſen des Kindes zugenommen; es ließ ſich ſchwer beſtimmen, welchen Platz ſie in dem weichen, gefühlvollen Herzen des treuen Dieners einnahm. Er liebte ſie als etwas Schwaches und Irdiſches und betete ſie doch auch beinahe als etwas Himmliſches und Göttliches an. Er blickte auf ſie wie der italieniſche Seemann auf ſein Bild des Chriſtuskindes— mit einem Gemiſch von Ehrerbietung und Zärtlichkeit, und ſeine höchſte Freude war, ihren anmuthigen Launen zu dienen und den tauſend kleinen Wünſchen entgegenzukommen, welche die Kindheit wie ein bunter Regenbogen umgeben. Auf dem Markte waren des Morgens ſeine Augen ſtets auf die Blumenſtände gerichtet, um köſtliche Sträuße für ſie zu ſuchen und die ſchönſten Pfirſichen und Orangen wanderten in ſeine Taſche, um ſie ihr zu geben, wenn er zurückkam; aber der Anblick, welcher ihm am meiſten gefiel, war der ihres blonden Köpſchens, der zur Hausthür heraus⸗ ſchaute, um ihn von Ferne nahen zu ſehen und ihn mit der kindlichen Frage zu begrüßen:—„Was haſt Du mir heute mitgebracht?“ „Eva war dagegen in ihren kleinen Freundesdienſten nicht weniger eifrig. Obgleich noch ein Kind, konnte ſie doch ſchon vortrefflich leſen; ein gutes muſi⸗ kaliſches Gehör, eine ſchnell erregbare poetiſche Phantaſte und ein angeborner Sinn für alles Große und Edle machte ſie zu einer Bibelvorleſerin, wie ſie Tom noch nie gehört hatte. Anfangs las ſie, um ihrem beſcheidenen Freunde gefälli zu ſein, bald aber trieb ihre eigene ernſte Natur fromme Schößlinge, ſchlang ich um das majeſtätiſche Buch, und Eva liebte es, weil es in ihr ein ſeltſames Seh⸗ nen und unbeſtimmte Empfindungen erweckte, denen ſich leidenſchaftliche phan⸗ tafiereiche Kinder gern hingeben. Die ihr am meiſten gefallenden Theile waren die Offenbarung und die Propheten— Theile, deren wunderbarer Bilderreichthum und glühende Sprache einen um ſo größeren Eindruck auf ſie machten, als ſie vergebens nach ihrer Bedeutung fragte, und ſie und ihr einfacher Freund, das alte und das junge Kind, fühlten in dieſer Beziehung ganz gleich. Sie wußten nur, daß dieſe Bücher von einer zu offenbarenden Herrlichkeit— einem noch kommenden wun⸗ derbarem Etwas— ſprachen, woran ſich ihre Seele erfreute, ohne zu wiſſen warum, und wenn es auch in den phyſiſchen Wiſſenſchaften anders iſt, ſo iſt doch in der Moral das, was wir nicht verſtehen, nicht immer nutzlos. Die Seele erwacht als zitternder Fremdling zwiſchen zwei nebelhaften Ewigkeiten— der ewigen Vergangenheit und der ewigen Zukunft, das Licht erhellt nur einen klei⸗ nen Raum um ſie her und deshalb muß ſie ſich nothwendigerweiſe nach dem Unbekannten ſehnen und die Stimmen und ſchattenähnlichen Bewegungen, welche ihr aus der Wolkenſäule der Begeiſterung zuſtrömen, finden in ihrem er⸗ wartungsvollen Gemüth Widerhall und Antwort. Ihre myſtiſchen Bilder mit unbekannten Hieroglyphen beſchriebenen Talismanen und Edel⸗ einen. Sie verſchließt ſie in ihrem Buſen und hofft dieſelben zu leſen, wenn ſie hinter den Schleier gedrungen ſein wird. Zu dieſer Periode unſerer Geſchichte iſt das ganze St. Clareſche Haus auf einige Zeit nach der Villa am See Pontchartrain gezogen. Die Sommer⸗ hitze hatte Alle, welche die ſchwüle ungeſunde Stadt verlaſſen konnten, bewogen, die Ufer des Sees und ſeine kühle Luft aufzuſuchen. St. Clare's Villa war eine von leichten Bamnbus⸗Veranden umgebene oſtindiſche„Cottage,“ die auf allen Seiten von Gärten und Anlagen einge⸗ ſchloſſenwar. Das gemeinſchaftliche Wohnzimmer ging auf einen großen Gar⸗ ten, in welchem herrliche Tropenpflanzen und Blumen dufteten und wo geſchlän⸗ gelte Pfade bis an das Ufer des Sees hinab liefen, deſſen ſilberner Waſſerſpie⸗ gel die Sonnenſtrahlen zurückwarf,— ein Bild, welches nie eine Stunde lang das nämliche und doch jede Stunde ſchöner war. Es war ein glühender goldener Sonnenuntergang, welcher den ganzen Horizont zu einer Flammenglorie entzündet und das Waſſer zu einem zweiten Himmel macht. Der ganze See lag in roſigen oder goldenen Streifen da, mit Ausnahme der Stellen, wo weißbeſchwingte Gondeln wie Geſpenſter hin und her glitten und kleine goldene Sterne durch die Gluth funkelten und auf ihr zitterndes Vilb im Waſſer hinabblickten. Tom und Eva ſaßen auf einer kleinen Moosbank in einer Laube am Fuße des Gartens. Es war Sonntag Abend und die Bibel lag aufgeſchlagen in ihrem Schvoße offen da. Sie las: 3 „Und ich ſah ein Meer von Glas mit Feuer gemiſcht.“ „Tom,“ ſagte ſie, plötzlich inne haltend und auf den See deutend; „Da iſt es!“ „Was, Miß Eva?“ „Siehſt Du nicht dort?“ rief das Kind, indem ſie auf das ſpiegelklare Waſſer deutete, das in ſeinem Wogen die goldene Gluth des Himmels zurück⸗ warf,„das iſt ein Meer von Glas mit Feuer gemiſcht.“ „Sehr wahr, Miß Eva,“ ſagte Tom, und er ſang: „O hätt' ich die Flügel der Morgenröthe So flöge ich fort nach Kanaan's Strand, und goldene Engel ſollten mich tragen Heim in das neue Jeruſalem.“ „Wo meinſt Du, daß das neue Jeruſalem iſt, Onkel Tom?“ fragte Eva. „O, droben in den Wolken, Miß Eva.“ „Dann iſt es mir als ob ich es ſähe,“ ſagte Eva;„ſchau jene Wolken an, ſie ſehen aus wie große Perlmutterthore und Du kannſt hindurchſehen— weit, weit hinten iſt Alles Gold. Tom, ſinge etwas von„heitern Geiſtern.“ Tom ſang die Worte einer bekannten Methodiſtenhymne: „Ich ſehe heitre Geiſter ſtehn In ſeligem Behagen, Sie All' in weißen Kleidern gehn Und Siegespalmen tragen.“ „Onkel Tom, ich habe ſie geſehen,“ ſagte Eva. Tom zweifelte nicht daran, es überraſchte ihn nicht im Mindeſten. Wenn Eva zu ihm geſagt hätte, daß ſie im Himmel geweſen ſei, ſo würde er es für ganz wahrſcheinlich gehalten haben. „Sie beſuchen mich zuweilen im Schlafe, die Geiſter;“ und Eva's Augen wurden ſchwärmeriſch und ſie flüſterte mit leiſer Stimme: „Sie All' in weißen Kleidern gehn Und Stegespalmen tragen.“ „Onkel Tom,“ ſagte Miß Eva,„ich gehe dorthin.“ „Wohin, Miß Eva?“ Das Kind ſtand auf und deutete mit ſeiner kleinen Hand nach dem Himmel. Die Gluth der Abendröthe übergoß ihr goldenes Haar und ihre roſigen Wan⸗ gen mit einem faſt überirdiſchen Strahlenglanze und ihr Blick war ernſt auf den Himmel gerichtet. 5 gehe dorthin,“ ſagte ſie,„zu den heitern Geiſtern, Tom— ich gehe bald!“ Dieſe Worte gaben dem alten treuen Tom einen Stich ins Herz und er dachte daran, wie oft er in den letzten ſechs Monaten bemerkt hatte daß Syas — — 189 Händchen magerer, ihre Haut durchſichtiger und ihr Athem kürzer geworden waren und wie ſie, wenn ſie im Garten umherlief oder ſpielte, was ſie ſonſt ſtundenlang thun konnte, bald ſo müde und natt wurde Er hatte Miß Ophelia oft von einem Huſten, den alle ihre Arzeneien nicht heilen konnten, ſprechen hören, und auch jetzt glühte die rothe Wange und die kleine Hand in einem hektiſchen Fieber. Der Geda'e aber, den Eva's letzte Worte in ihm weckten, war ihm bisher noch nie in den Sinn gekommen. Hanes je ein Kind wie Eva gegeben? Ja, es haben ſolche gelebt, aber ihre Namen ſiehen alle auf Grabſteinen und ihr holdes Lächeln, ihre himmliſchen Augen, ihre eigenthümlichen Reden und Manieren gehören zu den begrabenen Schätzen ſehnender Herzen. In wie vielen Familien hört man nicht die Sage, daß alle Güte und Anmuth der Lebenden gegen den eigenthümlichen Zauber eines andern Weſens, das nicht mehr iſt, nichts ſeien; es iſt als ob der Himmel eine beſondere Engelſchaar habe. deren Amt es ſei, auf einige Zeit hier zu verweilen und ſich dem launiſchen Menſchenherzen theuer zu machen, damit ſie es auf ihrem Fluge heimwärts mit hinauf tragen können. Wenn Ihr das tiefe geiſtige Licht im Auge ſeht, wenn die kleine Seele ſich in holderen und ernſteren Worten als gewöhnlich Worte der Kinder ſind, ofſenbart,— ſo hoffet nicht, daß Ihr dieſes Kind behalten werdet, denn das Siegel des Himmels iſt ihm aufgedrückt und das Licht der Unſterblichkeit blickt aus ſeinen Augen. So auch Du, geliebte Eva— Du holder Stern Deines Hauſes! Du ſchwindeſt dahin und gehſt ein, aber die, welche Dich am innigſten lieben, wiſſen es nicht. Das Geſpräch zwiſchen Tom und Eva wurde durch einen haſtigen Ruf Miß Ophelia's unterbrochen. .„Eva— Eva! Der Thau fällt, Kind, Du darfſt nicht ſo lange im Freien eiben.“ Eva und Tom eilten hinein. Miß Ophelia war alt und in der Taktik der Krankenpflege wohl erfahren. Sie kam aus Neuengland und kannte nur zu gut die erſten ſchlimmen Symp⸗ tome der hinterliſtigen Krankheit, welche ſo viele von den Schönſten und Lieb⸗ lichſten hinwegrafft und, ehe eine Faſer des Lebens zerriſſen zu ſein ſcheint, ſie unwiderbringlich dem Tode weiht. Sie hatte den leiſen krockenen Huſten, die täglich hohler werdende Wange bemerkt, und der Glanz des Auges und die fieberhafte Röthe vermochten ſie nicht zu täuſchen. Sie wollte St. Clare ihre Befürchtungen mittheilen, aber er wies ihre Einflüſterungen mit einer ungeduldigen Heftigkeit zurück, die von ſeiner gewohn⸗ ten ſorgloſen Heiterkeit ganz verſchieden war. „Lamentire nicht, Couſine, ich kann das nicht leiden!“pflegte er zu ſagen; „ſiehſt Du nicht, daß das Kind nur im Wachſen begriffen iſt? Die Kinder ver⸗ lieren ſtets etwas von ihren Kräften, wenn ſie ſchnell wachſen.“ „Aber der Huſten...“ „Unfinn! der Huſten iſt nichts, ſie hat ſich vielleicht ein wenig erkältet.“ „Gerade ſo fing es mit Eliſa Jane, mit Ellen und Mary Sanders an“ „O höre mit Deinen Spukgeſchichten aus der Krankenſtube auf! Ihr alten Praktiker werdet ſo weiſe, daß ein Kind nicht huſten oder nieſen kann, ohne daß Ihr Tod und Verderben in der Nähe ſeht. Nimm nur das Kind in Acht, ſchütze ſie gegen die Nachtluft, laß ſie nicht zu anhaltend ſpielen und es wird ſich bald wieder geben.“ 190 So ſprach St. Clare, aber er wurde ängſtlicher und unruhiger; er beob⸗ achtete Eva mit jedem Tage ängſtlicher, was ſchon daraus hervorging, daß er be⸗ ſtändig wiederholte, das Kind ſei ganz geſund— der Huſten habe nichts zu be⸗ deuten— es ſei nur ein kleines Magenübel, wie es bei Kindern oft vorkomme; aber er hielt ſie häufiger bei ſich als vorher, ließ ſich auf ſeinen Spazierritten öfter von ihr begleiten und brachte ihr faſt alle Tage irgend ein Stärkungs⸗ mittel mit— nicht, wie er ſagte, weil es das Kind bedürfe, ſondern weil es ihm keinen Schaden thun könne. Was jedoch ſeinem Herzen einen viel tieſern Schmerz verurſachte als alles Andere, das war die täglich zunehmende Reife des Geiſtes und der Gefühle des Kindes. Während ſie immer noch die ganze phantaſtiſche Anmuth eines Kindes bewahrte, ließ ſie doch oftmals unbewußt Worte von ſolcher Gedankentiefe und ſeltſamer, dieſer Welt nicht angehörenden Klugheit fallen, daß ſie inſpirirt zu ſein ſchienen. Bei ſolchen Gelegenheiten fühlte St. Clare ein plötzliches Zucken und ſchloß ſie in ſeine Arme, als ob vieſes liebevolle Umfaſſen ſie retten könne, und ſein Herz wurde von einer wilden Entſchloſſenheit, ſie zu behalten, ſie nie von ſich zu laſſen, erfüllt. Des Kindes ganze Seele ſchien von Werken der Liebe und Güte in An⸗ ſpruch genommen zu werden. Sie war ſtets freigebig geweſen; jetzt aber zeigte ſie eine rührende weibliche Fürſorge, welche Jedermann bemerkte. Sie ſpielte zwar immer noch gern mit Topſy und den übrigen farbigen Kindernz jetzt ſchien ſie aber eher eine Zuſchauerin als eine Theilnehmerin ihrer Spiele zu ſein, und ſie konnte halbe Stunden lang daſitzen und über die muthwilligen Streiche Topſy's lachen;— dann aber ſchien ein Schatten über ihr Geſicht zu ziehen, ihre Augen verſchleierten ſich und ihre Gedanken ſchwebten in weiter Ferne. „Mama,“ ſagte ſie ploötzlich eines Tages zu ihrer Mutter,„warum lehren wir unſern Dienern nicht leſen?“ „Welche Frage, Kind! das thut Niemand.“ „Warum nicht?“ „Weil ihnen das Leſen nichts nützt. Sie arbeiten deshalb nicht beſſer, und ſie find zu nichts Anderem geſchaffen.“ ſie ſollten doch die Bibel leſen, Mama, um Gottes Willen kennen zu lernen.“ „O, ſie können ſich Alles, was ſie brauchen, vorleſen laſſen.“ „Mir ſcheint es, Mama, daß die Bibel für Jeden zum Selbſtleſen iſt. Man braucht ſie oft gerade, wenn man Niemanden hat, der ſie Einem vorlieſ't.“ „Eva, Du biſt ein ſonderbares Kind,“ ſagte die Mutter. „Miß Ophelia hat Topſy leſen gelehrt,“ fuhr Eva fort. un ſiehſt, was es nützt; Topſy iſt die ſchlechteſte Creatur, die ich egeſehen habe. „Sieh z. V. die arme Mammy,“ verſetzte Eva;„wie ſehr ſie die Bibel liebt und leſen zu können wünſcht! Was wird ſie anfangen, wenn ich ihr nicht mehr vorleſen kann?“ Marie beſchäftigte ſich mit dem Ordnen des Inhalts eines Schubkaſtens und antwortete: „Nun, natürlich, Du wirſt bald an andere Dinge zu denken haben, Eva, als der Dienerſchaft aus der Bibel vorzuleſen. Es iſt allerdings ganz paſſend, und ich habe es ſelbſt gethan, als ich geſund war; aber wenn Du Bich wirſt putzen und in Geſellſchaften gehen müſſen, wirſt Du dazu keine Zeit mehr haben. Sieh her,“ fügte ſie hinzu,„dieſe Juwelen werde ich Dir geben, wenn Du zum 191 erſten Male auf den Ball gehſt. Ich habe ſie ebenfalls auf meinem erſten Balle getragen und ich habe damit Senſation erregt, das kann ich Dir ſagen.“ Eva nahm das Juwelenkäſtchen und hob ein Diamanthalsband heraus. Ihre großen ſchwärmeriſchen Augen ruhten auf den Edelſteinen, aber ihre Ge⸗ danken waren anderwärts. „Wie gleichgültig Du bleibſt, Kind!“ ſagte Marie. „Sind vieſe Dinge eine große Geldſumme werth?“ „Gewiß; mein Vater hat ſie aus Frankreich kommen laſſen; ſie find ein kleines Vermögen werth.“ „Ich wollte ſie wären mein und ich könnte damit anfangen, was ich wollte,“ ſagte Eva. „Was würdeſt Du thun, Eva?“ „Ich würde ſie verkaufen, dafür eine Beſitzung in den freien Staaten kaufen und alle unſere Leute dorthin bringen und Lehrer annehmen, um ihnen Leſen und Schreiben zu lehren.“ Eva wurde durch das Gelächter ihrer Mutter unterbrochen. „Eine Koſtſchule errichten! Möchteſt Du ihnen nicht auch Klavierſpielen und auf Sammet malen lehren?“ „Ich würde ſie die Bibel leſen, ihre Briefe ſchreiben und die Briefe, welche ſie bekommen, leſen lehren,“ ſagte Eva feſt.„Ich weiß, Mama, daß es ihnen wirklich ſehr hart vorkommt, daß ſie dies Alles nicht können. Tom fuhlt es, Mammy ebenfalls und noch viele Andere. Ich glaube, daß es Unrecht iſt.“ „Nun, nun, Cva, Du biſt noch ein Kind,“ ſagte Marie.„Du verſtehſt nichts von dergleichen Dingen, und übrigens machſt Du mir mit Deinen Reden Kopfſchmerzen.“ Marie hatte ſiets ihre Kopfſchmerzen bei der Hand, wenn ein Geſpräch ihr nicht zuſagte. Eva ſtahl ſich hinweg, von vieſem Augenblicke an aber gab ſie Mammy Unterricht im Leſen. 23. Henrique. Um dieſe Zeit kam St. Clare's Bruder Alfred mit ſeinem älteſten Sohne, einem zwölfjährigen Knaben, auf einige Tage zu der Familie am See zum Beſuch. Es konnte keinen eigenthümlichern und ſchöneren Anblick geben, als den dieſer beiden Zwillingsbrüder. Die Natur hatte ſie, anſtatt ähnlich, in jeder Beziehung verſchieden von einander geſchaffen. Deſſen ungeachtet ſchien aber ein geheimnißvolles Band ſie in einer innigeren Freundſchaft als gewöhnlich zu vereinigen. Sie pflegten Arm in Arm die Alleen und Gänge des Gartens zu durch⸗ wandeln— Auguſtin mit ſeinen blauen Augen und ſeinem goldnen Haar, ſeiner ätheriſch biegſamen Geſtalt und ſeinen lebhaften Zügen, und Alfred mit den dunkeln Augen, dem ſtolzen, römiſchen Proſil, den kräftigen Gliedern und der fiſten, entſchiedenen Haltung. Sie ſchmähten beſtändig auf ihre gegenſeitigen Anſichten und Gewohnheiten und doch wurden ſie dadurch um kein Haar weniger geneigt, ihre Geſellſchaft jeder andern vorzuziehen; gerade der Gegenſatz ſchien ſie enger an einander zu feſſeln. Henrique, Alfred's älteſter Sohn, war ein ſchöner, ſchwarzäugiger Knabe voll Leben und Geiſt und ſchien vom erſien Augenblicke ihrer Bekanntſchaft an die zarte geiſtige Anmuth ſeiner Cvuſine Cvangeline bezaubert worden ein. 192 Eva beſaß einen kleinen Lieblingspony von ſchneeweißer Farbe. Er war in ſeinen Bewegungen ruhig wie eine Wiege, eben ſo fromm wie ſeine Herrin, und dieſer Pony wurde jetzt von Tom vor die hintere Veranda gebracht, während ein kleiner, etwa dreizehnjähriger Mulattenfnabe einen kleinen arabiſchen Rap⸗ pen, der vor Kurzem erſt mit großen Koſten für Henrique importirt worden war, herbeiführte. Henrique ſetzte einen knabenhaften Stolz auf ſein neues Beſitzthum, und als er vortrat und die Zügel aus den Händen ſemes kleinen Reitknechtes nahm, betrachtete er das Pferd aufmerkſam und ſeine Stirn bewölkte ſich. „Was iſt das, Dodo, Du kleiner fauler Schlingel? Du haß ja mein Pferd dieſen Morgen nicht geſtriegelt?“ „O ja, Maſter,“ ſagte Dodo unterwürfig;„es hat ſich den Staub ſelbſt zugezogen.“ „Halt's Maul. Schurke!“ rief Henrique, indem er heftig ſeine Reitpeitſche erhob.„Wie kannſt Du zu ſprechen wagen?“ Der Knabe war ein hübſcher, feuriger Mulatte, von derſelben Größe wie Henrique und ſein lockiges Haar hing um eine hohe gerade Stirn. Er hatte weißes Blut in ſeinen Adern, wie man an dem Erglühen ſeiner Wange und dem Funkeln ſeines Auges ſehen konnte, als er nochmals zu ſprechen verſuchte. „Mr. Henrique,“— begann er. Henrique ſchlug ihn mit der Reitpeitſche über's Geſicht, erfaßte ihn dann an einem Arme, legte ihn über das Knie und ſchlug ihn bis er athemlos war. „Da, Du unverſchämter Hund! wirſt Du enklich lernen, Dich nicht zu verantworten, wenn ich Dir etwas ſage? Führe das Pferd zurück und reinige es gehörig; ich werde Dir lehren, wie man ſich benimmt!“ „Junger Maſter,“ ſagte Tom,„er hat wahrſcheinlich ſagen wollen, daß ſich das Pferd gewälzt hat, als er es aus dem Stalle brachte; es iſt zu feurig— dadurch wird es wieder ſchmutzig geworden ſein; ich habe geſehen wie er es reinigte.“ „Du hältſt Deinen Mund bis Du gefragt wirſt!“ rief Henrique, indem er ſich auf dem Abſatze herumdrehte, und die Freitreppe hinaufging, um mit Cva, die ihn in ihrem Reitkleide erwartete, zu ſprechen. „Liebe Couſine, es thut mir leid, daß dieſer einfältige Burſche Dich warten läßt,“ ſagte er.„Wir wollen uns hier auf dieſe Bank niederſetzen, bis ſie kommen. Was fehlt Dir, Couſine, Du ſiehſt betrübt aus!“ „Wie haſt Du nur ſo grauſam und gottlos gegen den armen Dodo ſein können?“ fragte ihn Eva. „Grauſam?— gottlos?“— wiederholte der Knabe mit ungeheucheltem Erſtaunen,„wie meinſt Du das, liebe Evas“ will nicht, daß Du mich liebe Eva nennſt, wenn Du das thuſt,“ agte dieſe. „Liebe Couſine, Du kennſt Dodo nicht. Er muß ſo behandelt werden; er iſt zu voller Lügen und Ausflüchte. Es giebt bei ihm kein andres Mittel, als ihn ſofort nicderzudrücken, ihn nicht den Mund öffnen zu laſſen. Das iſt die Art, wie es der Vater macht.“ „Aber Onkel Tom hat geſagt, daß Dodo nicht dafür konnte, und er ſagt nie eine Unwahrheit.“ „Dann iſt er ein ungewöhnlicher alter Nigger,“ verſetzte Henrique.„Dodo lügt ſo oft er den Mund aufthut.“ „Du zwingſt ihn zum Lügner zu werden. wenn Du ihn ſo behandelſt.“ 193 „Ei, Eva, Du ſcheinſt wahrhaftig an Dodo ſo viel Gefallen gefunben zu haben, daß ich eiferſüchtig werden könnte.“ „Aber Du ſchlägſt ihn, und er hat es nicht verdient.“ „Nun es mag ihim für ein anderes Mal zu gut kommen, wenn er es ver⸗ dient hat, und dann ſoll er nicht beſtraft werden. Ein paar Hiebe ſind bei Dodo nie ſchlecht angewendet— er iſt ein wahrer Kobold, das kann ich Dir ſagen; aber ich werde ihn in Deiner Gegenwart nicht wieder ſchlagen, wenn es Dir unangenehm iſt.“ Eva war nicht zufrieden geſtellt, hielt aber jeden Verſuch, ihren hübſchen Couſin zum Verſtändniß ihrer Gefühle zu bringen, für vergebens. Bald darauf erſchien Dodo mit den Pferden. „Nun, Dodo, dies Mal haſt Du es ziemlich gut gemacht,“ ſagte ſein junger Herr mit gnävigerer Miene.„Komm und halte Miß Cva's Pferd, während ich ſie in den Sattel hebe.“ Dodo kam herbei und hielt Eva's Pony. Sein Geſicht war verſtort, ſeine Augen ſahen aus, als ob er geweint habe. Henrique, der ſich auf ſeine gentlemänniſche Geſchicklichkeit in allen Ange⸗ legenheiten der Galanterie etwas zu gute that, hatte bald ſeine hübſche Couſine in den Sattel gehoben, nahm dann die Zügel zuſammen und gab ſie Cva in die Hand. Aber Eva beugte ſich auf die andere Seite des Pferdes, wo Dodo ſtand und ſagte zu ihm, als er die Zügel abgab: „Du biſt ein guter Junge, Dodo, ich danke Dir.“ Dodo blickte erſtaunt in das holde jugendliche Antlitz hinauf, das Blut trat ihm in die Wangen und die Thränen in die Augen. „Komm her, Dodo,“ rief ſein Herr gebieteriſch. Dodo ſprang herbei und hielt das Pferd, während ſein Herr aufſtieg. „Da haſt Du eine Picayune, kaufe Dir Zuckerkand dafür, Dodo,“ ſagte Henrique;„geh und hole Dir etwas.“ Henrique ſprengte hinter Eva die Allee hinab. Dodo blickte den beiden Kindern nach. Das Eine hatte ihm Geld gegeben, das Andere aber ein freund⸗ lich geſprochenes, gutes Wort— und dies war ihm viel lieber. Dodo war erſt ſeit wenigen Monaten voͤn ſeiner Mutter entfernt, ſein Herr hatte ihn in einem Sklavenmagazin wegen ſeines hübſchen Geſichts, das zu dem hübſchen Pony paßte, gekauft, und er wurde jetzt von dem jungen Herrn dreſſirt. Die beiden Brüder St. Clare hatten in einiger Entfernung die Prügel⸗ ſcene mit angeſehen. Auguſtin's Wange erglühte, aber er bemerkte nur mit ſeiner gewohnten ſarkaſtiſchen Gleichgültigkeit: anf„Dies iſt wahrſcheinlich das, was wir republikaniſche Erziehung nennen, red?“ „Henrique iſt ein Teufelsjunge, wenn er gereizt wird,“ erwiderte Alfred. „Wahrſcheinlich glaubſt Du, daß dies für ihn eine belehrende Uebung iſt,“ verſetzte Auguſtin trocken. „Ich könnte es nicht ändern, wenn ich auch wollte. Henrique iſt ein wahrer kleiner Wirbelwind. Seine Mutter und ich haben ihn ſchon längſt aufgegeben. Aber der Dodo iſt auch ein unverbeſſerlicher Tauchenichts, man mag ihn ſchlagen ſo viel man will, es iſt bei ihm Alles fruchtlos.“ „Und das geſchieht um Henrique den erſten Vers des Katechismus eines Republikaners:—„Alle Menſchen ſind frei und gleichgeboren,“ zu lehren.“ „Pah!“ ſagte Alfred,„das iſt Eines von Tom Jefferſon's franzöſiſchen Onkel Tom's Hütte. 13 194 Sentimentalitätsſtückchen. Es iſt wahrhaft lächerlich, es noch heutzutage unter uns die Runde machen zu hören.“ „Das denke ich auch,“ entgegnete St. Clare bedeutſam. „Weil wir,“ fuhr Alfred fort,„deutlich genug ſehen können, daß eben nicht alle Menſchen frei oder gleich geboren ſind. Ich meinestheils halte die Hälfte dieſer republikaniſchen Redensarten für wahre Albernheiten. Die Gut⸗ erzogenen, die Intelligenten, die Reichen, die Gebildeten ſind es, welche gleiche Rechte haben ſollten, und nicht die Kanaille.“ „Wenn Du nur die Kanaille zu dieſer Anſicht bringen könnteſt!“ ſagte Auguſtin.„In Frankreich iſt auch an ſie einmal die Reihe gekommen.“ „Sie muß niedergehalten werden, konſequent und feſt, wie ich es thunwürde,“ verſetzte Alfred, indem er ſtark mit dem Fuße auftrat, als ob er auf Jemandem ſtände. „Es erfolgt ein entſetzlicher Rückſchlag, wenn ſie ſich aufrichtet!“ ſagte Auguſtin,„z. B. in St. Domingo.“ „Pah!“ rief Alfred,„in St. Domingo! in unſerm Lande wollen wir dem ſchon vorbeugen. Wir müſſen uns allen dem Erziehungs⸗ und Erhebungsge⸗ ſchwätz, welches jetzt umgeht, widerſetzen; die untere Claſſe darf nicht erzogen werden.“ „Damit iſt es aus!“ erwiderte Auguſtin;„ſie wird erzogen und wir haben nur zu beſtimmen, wie es geſchehen ſoll. Unſer Syſtem erzieht ſie in Barbarei und Brutalität. Wir zerreißen alle humaniſirenden Bande und machen ſie zu rohem Vieh, und wenn ſie die Oberhand erhalten ſollten, werden ſie ſich als ſolches zeigen.“ „Sie ſollen aber nie die Oberhand erhalten!“ rief Alfred. „Das iſt recht,“ ſagte St. Clare;„ſpannt den Dampf an, ſchließt das Sicherheitsventil und ſetzt Euch darauf und dann ſeht, wohin Ihr geſchleudert werdet.“ „Nun, erwiderte Alfred,„wir wollen es abwarten. Ich fürchte mich nicht auf dem Sicherheitsventile zu ſitzen, ſo lange die Keſſel ſtark ſind und die Ma⸗ ſchine gut arbeitet.“ „Der Adel zu Ludwig des Sechzehnten Zeit dachte gerade ſo und Frankreich und Pius der Neunte denken jetzt ebenſalls ſo; aber eines ſchönen Mor⸗ ens könnt Ihr Alle in der Luft zuſammentreffen, wenn die Keſſel ge⸗ ſind.“ „Dies declarabit,“ ſagte Alfred lachend. „Ich ſage Dir,“ rief Auguſtin,„wenn es irgend etwas giebt, was ſich in unſerer Zeit mit der Gewalt eines göttlichen Geſetzes offenbart, ſo iſt es das, daß ſich die Maſſen erheben und die unteren Klaſſen an die Stelle der höheren treten werden.“ „Das iſt eine von Deinen rothrepublikaniſchen Albernheiten, Auguſtin. Warum haſt Du nie den Baumſtumpf beſtiegen? Du würdeſt einen famoſen Volksredner abgeben. Nun, ich hoffe, daß ich geſtorben ſein werde, ehe dieſes tauſendjährige Reich Deiner ungewaſchenen Maſſen erſcheint.“ „Ungewaſchen oder nicht— ſie werden Euch beherrſchen, wenn ihre Zeit kommt,“ ſagte Auguſtin,„und ſie werden ganz ſolche Herrſcher ſein, zu denen Ihr ſie macht. Der franzöſiſche Adel wollte un Böit ebenfalls zu Sansculotten und er erhielt Sansculotteregenten nach Herzensluſt. Das Volk von ayti—“ „O ſchweig, Auguſtin! als ob wir nicht genug von jenem abſcheulichen verächtlichen Hayti gehört hätten! Die Haytier waren keine Angelſachſen; wenn 195 ſie es geweſen wären, ſo würde die Geſchichte ganz anders ausgefallen ſein. Die Angelſachſen ſind die herrſchende Race der Welt und werden es i „Nun, wir haben jetzt eine ganz hübſche Quantität von angelſächſiſchem Blut unter unſeren Sklaven,“ bemerkte Auguſtin.„Es befinden ſich unter ihnen genug, die nur ſo viel afrikaniſches haben, daß ſie unſerer berechnenden Feſtig⸗ keit und Vorausſicht eine Art von tropiſcher Wärme und Gluth verleihen. Wenn je der St. Domingotag kommt, wird angelſächſiſches Blut das Treffen anführen. Söhne weißer Väter, in deren Adern alle unſere ſtolzen Gefühle glühen, werden nicht ewig gekauft und verkauft und verhandelt werden. Sie werden aufſtehen und die Race ihrer Mutter mit ſich emporziehen.“ „Unſinn! dummes Zeug!“ „Nun,“ ſagte Auguſtin,„es giebt ein altes Sprichwort dieſes Sinnes: Wie es in den Tagen Noah's war, ſo wird es ſein. Sie aßen, ſie tranken, ſiepflanzten, 8 ſie bauten und wußten von nichts bis die Fluth fam und ſie hinwegriß.“ „Ich denke wirklich, Auguſtin, daß Deine Talente für einen Reiſeprediger genügend ſein würden,“ ſagte Alfred lachend.„Fürchte nichts für uns. Der Beſitz bildet unſere Neun⸗Zehntel des Rechts. Wir haben die Macht. Dieſes Unterthanengeſchlecht,“ rief er mit dem Fuße ſtampfend,„iſt unten und ſoll un⸗ tbiben Wir haben Energie genug, um unſer Pulver ſelbſt in Verſchluß zu halten.“ „Söhne, die erzogen ſind wie Dein Henrique, werden treffliche Hüter Eurer Pulvermagazine ſein,“ verſetzte Auguſtin.„Wie kaltblütig und voll Selbſt⸗ beherrſchung er iſt! Das Sprichwort ſagt:„Wer ſich ſelbſt nicht beherrſchen kann, kann auch Andere nicht beherrſchen.“ 2 „Das iſt allerdings ein ſchlimmer Punkt,“ erwiderte Alfred nachdenklich; „es läßt ſich nicht bezweifeln, daß ſich unter unſerm Syſteme die Ki zr ſchwer erziehen laſſen; es giebt den Leidenſchaften, die in unſerm Klima ſehr heftig ſind, viel zu freien Spielraum. Henrique macht mir viel Sorge; der Knabe iſt edel und hochherzig, aber wenn er aufgeregt wird, eine wahre Rakete; ich glaube, daß ich ihn zu ſeiner weiteren Ausbildung nach dem Norden ſenden werde, wo der Gehorſam mehr in der Mode iſt, und wo er mehr mit Gleichſtehenden als mit Untergebenen umgehen wird.“ „Da das Erziehen der Kinder eine Hauptarbeit des Menſchengeſchlechts iſt,“ ſagte Auguſtin,„ſo möchte ich es für ziemlich richtig halten, daß unſer Syſtem in dieſer Beziehung keine gute Wirkung hat.“ „Für manche Dinge hat es die allerdings nicht,“ entgegnete Alfred,„für andere aber wohl. Es macht die Knaben mannhaft und muthig und ſelbſt die Laſter einer niedrigeren Race wirken darauf hin, die entgegengeſeßten Tugenden in ihnen zu kräftigen. Ich denke, daß Henriquez. B. dadurch ein feineres Gefühl für das Schöne der Wahrheit bekommt, daß er Trug und Lug als den allge⸗ meinen Steipel der Sklaven kennt.“ „Das iſt wirklich eine chriſtliche Anſicht von der Sache,“ bemerkte Auguſtin. „Chriſtlich oder nicht, es iſt wahr und eben ſo chriſtlich wie die meiſten an⸗ deren Dinge auf Erden,“ antwostete Alfred. „Das mag ſein, entgegneke St. Clare. „Mun, es nutzt nicht viel, davon zu reden, Auguſtin; ich glaube, daß wir mehr als fünfhundertmal auf dieſem alten Wege die Runde gemacht haben. Was ſagſt Du zu einer Partie Puff?“ Die beiden Brüder gingen die Verandaſtufen hinauf und ſaßen bald mit —— 196 dem Puffbrete zwiſchen ſich auf an einem leichten Bambusgeſtelle. Während ſie die Steine aufſtellten, ſagte Alfred: „Höre, Auguſtin, wenn ich ſo dächte wie Du, würde ich etwas thun.“ „Das glaube ich wohl! Du biſt Einer von der thätigen Sorte; aber was?“ „Du ſollteſt Deine eigenen Dienſtleute erziehen, um ein Beiſpiel zu geben,“ ſagte Alfred mit einem halb ſpöttiſchen Lächeln. „Eben ſo gut könnteſt Du den Aetna auf ſie ſetzen und ihnen ſagen, daß ſie damit auſſtehen ſollen, wie mir ſagen, daß ich meine Dienſtleute unter der auf ihnen liegenden ganzen Maſſe der Geſellſchaft auf einen höheren Standpunkt erheben ſoll. Ein Einzelner vermag nichts gegen die ganze Einwirkung der Geſammtheit. Die Erziehung muß, um etwas zu bewirken, vom Staat aus⸗ gehen oder es müſſen genug darin übereinſtimmen, um ſie in Gang zu bringen.“ „Du haſt den erſten Wurf,“ ſagte Alfred, und die Brüder waren bald in das Spiel verſenkt und dachten an nichts Anderes mehr, bis man das Scharren der Pferde unter der Veranda vernahm. „Da kommen die Kinder!“ rief Auguſtin indem er ſich erhob. Sieh her Alfred, haſt Du je etwas Schöneres geſehen?“ Es war in der That ein ſchöner Anblick. Henrique mit ſeiner kühne Stirn, mit ſeinen dunkeln, glänzenden Locken und ſeinen glühenden Wangen, beugte ſich zu ſeiner hübſchen Couſine herüher, als ſie unter heiterem Lachen herankamen. Sistkug ein blaues Reitklei deine Mütze von derſelben Farbe. Die Bewegung 6 Uiſchere Farbe verliehen und den Effect 0 ihrer auffallend durchſichtigen Haut und ihres goldenen Haares erhöht. „Gott, welche blendende Schönheit!“ rief Alfred.„Höre, Auguſtin, ſie wird noch ſo Manchem Herzweh machen.“ „Gott weiß, daß ſie das in nur zu hohem Maße thun wird, wie ich fürchte,“ St. Clare in bitterem Tone als er herbeieilte, um ſie vom Pferde zu eben. „Liebſte Eva, Du biſt doch nicht zu ſehr ermüdet?“ fragte er, indem er ſie in ſeine Arme ſchloß. Nein, Papa,“ antwortete das Kind, aber ihr kurzer, beklommener Athem erſchreckte ihren Vater. „Wie haſt Du nur ſo ſchnell reiten können, Kind? Du weißt, daß es Dir nicht gut iſt.“ Ich habe mich ſo wohl gefühlt und ſo viel Vergnügen daran gefunden, daß ich es vergaß.“ 6 6 Clare trug ſie auf den Armen in das Zimmer und legte ſie auf ſein opha. „Henrique, Du mußt Eva in Acht nehmen,“ ſagte er;„Du darfſt nicht ſo ſchnell mit ihr reiten.“ „Ich werde ſie unter meine Obhut nehmen,“ antwortete Henrique, indem er ſich auf das Sopha ſetzte und Cva's Hand ergriff. Eva befand ſich bald bedeutend wohler, ihr Vater und Onkel begannen wieder zu ſpielen, und die Kinder blieben allein beiſammen. „Weißt Du, Eva, daß es mir ſehr leid thut, daß der Papa nur zwei Tage lang hier bleiben will und daß ich Dich dann ſo lange nicht wieder ſehen ſoll? Wenn ich bei Dir bliebe, ſo würde ich verſuchen gut zu ſein und nicht auf den armen Dodo böſe zu werden u. ſ. w. Ich habe nicht die Abſicht, Dodo ſchlecht zu behandeln, aber ſiehſt Du, ich habe einen ſehr heftigen Charakter. Ich bin auch nicht eigentlich ſchlecht gegen ihn; ich gebe ihm dann und wann einen Pi⸗ cayune und Du ſiehſt, daß er gut gekleidet iſt. Ich glaube, daß es Dodo im Ganzen recht gut geht.“ „Würdeſt Du ſagen, daß es Dir gut ginge, wenn Du keinen Menſchen auf Erden hätteſt, der Dich liebte?“ „Ich?— nein, gewiß nicht.“ „Und Du haſt Dodo von allen ſeinen Freunden hinweggenommen, und jetzt hat er keine Menſchenſeele, die ihn liebt; auf dieſe Weiſe kann Niemand ſich wohl fühlen.“ „Nun, ich wüßte nicht wie ich es ändern könnte. Seine Mutter kann ich ihm nicht verſchaffen, ich ſelbſt kann ihn nicht lieben, und ich weiß auch ſonſt Niemanden, der es könnte.“ „Warum kannſt Du es nicht?“ „Dodo lieben? ei, Eva, Du meinſt das wohl nicht im Ernſt! Ich kann ihn zwar ziemlich gut leiden, aber ſeine Diener liebt man nicht.“ „Ich thue es dennoch.“ „Iſt das wahr?“ „Sagt nicht die Bibel, daß wir jeden Menſchen lieben ſollen?“ „O, die Bibel! die ſagt eine Menge ſolcher Dinge, aber kein Menſch denkt daran, ſie zu thun; Du weißt, daß kein Menſch danach thut.“ di Eva ſchwieg. Ihre Augen blickten einige Momente ſtarr in die Ferne inaus. „Jedenfalls,“ hob fie nach einer Pauſe wieder an,„liebe den armen Dodo um meinetwillen und ſei gut gegen ihn, lieber Couſin.“ „Ich könnte um Deinetwillen Alles lieben, Cvufine, denn ich glaube wirk⸗ lich, daß Du das lieblichſte Geſchöpf biſt, das ich je geſehen habe.“ Henrique ſagte dies mit einem Feuer, von welchem ſich ſein hübſches Ge⸗ ſicht röthete. Eva nahm die Schmeichelei mit der vollkommenſten Gleichgültig⸗ keit und ohne eine Miene zu verziehen auf, und antwortete nur „Es freut mich, daß Du ſo denkſt, lieber Henrique! ich hoffe, daß Du es nicht vergeſſen wirſt.“ Die Tiſchglocke machte dem Geſpräche ein Ende. 24. Vorahnungen. Zwei Tage darauf ſchieden Alfred und Auguſtin St. Clare von einander, und Eva, die durch die Geſellſchaft ihres jungen Couſins zu ungewöhnlichen Anſtrengungen angeregt worden war, begann mit größerer Schnelligkeit ſchwächer zu werden. St. Glare verſtand ſich endlich huzu, ärztlichen Rath eeſ wogegen er ſich ſtets geſträubt hatte, weil es die Anerkennung einer unwillkommenen Wahrheit war. Einige Tage war jedoch Eva ſo unwohl, daß ſie das Zimmer hüten mußte, und der Arzt wurde gerufen. Marie St. Clare hatte von der allmälig abnehmenden Geſundheit und Kraft des Kindes keine Notiz genommen, weil ſie völlig von dem Studium einiger neuen Krankheitsformen, für deren Opfer ſie ſich hielt, beſchäftigt war. Marie hatte die feſte Ueberzeugung, daß Niemand ein ſo großer Dulder ſein könne wie ſie, und ſie wies daher ſtets jede Andeutung, daß irgend Jemand in ihrer Umgebung krank ſei, mit der größten Entrüſtung zurück. Sie war in ſolchen Fällen ſtets im voraus überzeugt, daß es nichts als Trägheit oder Mangel an Engerie ſei, und daß ſie bald den Unterſchied kennen lernen würden, wenn ſie einmal ſolche Leiden ertragen müßten wie ſie. ———— 198 Miß Ophelia hatte zu verſchiedenen Malen verſucht, mütterliche Beſorg⸗ niſſe wegen Eva in ihr zu erwecken, aber umſonſt. „Ich ſehe nicht, daß dem Kinde etwas fehlt,“ pflegte ſie zu ſagen;„ſie läuft ja umher und ſpielt.“ „Aber ſie hat einen böſen Huſten.“ „Einen Huſten! vom Huſten dürfen Sie mir gar nicht ſprechen. Ich habe all mein Lebtag an Huſten gelitten. Als ich in Eva's Alter war, glaubte man, daß ich die Schwindſucht habe. Mammy hat alle Nächte bei mir gewacht. Eva's Huſten hat gar nichts zu bedeuten.“ „Aber ſie wird ſchwach und hat kurzen Athem.“ „Gott, das habe ich viele Jahre lang gehabt, das iſt nichts als Nervenſchwäche.“ „Aber ſie hat ſo ſtarke Nachtſchweiße.“ „Die habe ich ſchon ſeit zehn Jahren. Sehr oft ſind meine Nachtkleider viele Nächte hintereinander zum Ausringen durchnäßt. Es iſt kein trockner Faden daran und die Bettwäſche befindet ſich in einem ſolchen Zuſtande, daß Mammy ſie zum Trocknen aufhängen muß. Eva ſchwitzt noch lange nicht ſo!“. Miß Ophelia ſchwieg nun auf einige Zeit. Jetzt aber, wo Eva unwider⸗ leglich das Bett hüten mußte, und ein Arzt gerufen wurde, nahm Marie plötzlich. eine ganz andre Sprache an. „Sie wiſſe es,“ ſagte ſie,„ſie habe es ſtets gefühlt, daß ſie dazu beſtimmt ſei, die Unglücklichſte aller Mütter zu werden. Hier ſei ſie mit ihrer ſchwanken⸗ den Geſundheit an's Zimmer gefeſſelt, während ihr einziger Liebling vor ihren Augen dem Grabe zueile!“ Und in Folge dieſes neuen Unglücks ließ Marie N alle Nächte durchwachen und ſchalt und tobte den ganzen Tag um ſo eftiger. „Rede nicht ſo, liebe Marie,“ ſagte St. Clare zu ihr.„Du darſſt die Hoffnung nicht ſo ohne Weiteres aufgeben.“ „Du haſt nicht die Gefühle einer Mutter, St. Clare— Du haſt mich nie verſtanden und verſtehſt mich auch jetzt noch nicht.“ „Aber rede nicht ſo, als ob ſchon Alles aus wäre.“— „Ich kann es nicht ſo gleichgültig nehmen, wie Du, Auguſtin. Wenn Du auch nicht einſiehſt, daß Dein einziges Kind ſich in einem Beſorgniß erregenden Zuſtande befindet, ſo ſehe ich es doch ein. Der Schlag iſt bei Allem, was ich außerdem zu tragen habe, zu viel für mich.“ „Es iſt wahr, Eva iſt ſehr zart,“ ſagte St. Clare,„ich habe das immer gewußt; ſie iſt ſo ſchnell gewachſen, daß ſich ihre Kräfte erſchöpft haben, und hre Lage iſt kritiſch. Jetzt wird ſie aber nur durch die Hitze, durch die Aufre⸗ b gung des Beſuchs ihres Couſins und die dadurch veranlaßten Anſtrengungen niedergedrückt. Der Arzt ſagt, daß noch Hoffnung ſei.“ „Nun meinetwegen; wenn Du die helle Seite ſehen kannſt, ſo thue es in„ Gottes Namen. Es iſt ein Glück für die Menſchen, welche kein reizbares Ge⸗. fühl haben. Ich wünſchte wahrhaftig, daß ich nicht ſo ſtark fühlte, es macht mich nur noch elender. Ich wollte ich könnte eben ſo ruhig ſein wie Ihr Uuebrigen.“ Und die„Uebrigen“ hatten guten Grund, den gleichen Wunſch auszu⸗ ſprechen, denn Marie paradirte mit ihrem neuen Unglücke als der Urſache und dem Vorwande zu allen möglichen Quälereien aller ihrer Umgebungen. Jedes Wort, das von irgend Jemand geſprochen wurde, Alles was gethan oder nicht gethan ward, war nur ein neuer Beweis dafür, daß ſie von hartherzigen, un⸗ empfindlichen Weſen umgeben war, die ihrer ſchweren Leiden nicht achteten. Die arme Eva hörte einige von dieſen Reden und weinte ſich aus Mitleid für ihre Mama und aus Kummer, daß ſie ihr ſo große Noth mache, faſt die Augen aus. Nach ein paar Wochen trat in den Symptomen eine große Beſſerung ein— eine von den trügeriſchen Windſtillen, womit ihre unerbittliche Krankheit ſo oft das beſorgte Herz ſelbſt am Rande des Grabes noch täuſcht. Eva's Stimme war wieder im Garten und auf den Balkonen zu hören; ſie ſpielte und lachte von Neuem und ihr Vater behauptete entzückt, daß ſie bald wieder eben ſo geſund wie alle Andern ſein würde. Nur Miß Ophelia und der Arzt wurden durch dieſe trügeriſche Ruhe nicht getäuſcht. Auch noch ein Herz fühlte die gleiche Gewiß⸗ heit, und dies war das kleine Herz Eva's. Was iſt es, das zuweilen der Seele ſo ruhig und klar verkündet, daß ihre Zeit auf Erden nur noch kurz ſein wird? Iſt es der geheime Inſtinkt der hinwelkenden Natur oder das geheime Beben der Seele beim Herannahen der Unſterblichkeit? Was es auch ſein möge, in Eva's Herzen lebte eine ſüße, heitere prophetiſche Gewißheit, daß der Himmel nahe ſei, heiter wie das Licht des Sonnenunterganges, ſüß wie die heitere Stille des Herbſtes, und darin ruhte ihr kleines Herz, nur von Beſorgniß um Diejenigen erfüllt, welche ſie ſo innig liebten. Denn das Kind empfand trotzdem, daß es ſo zärtlich geliebt wurde und das Leben ſich vor ihr mit allem Glanze entfaltete, welchen Liebe oder Reichthum ihm verleihen konnten, doch um ſeinetwillen keinen Kummer bei der Ausſicht auf den Tod. In dem Buche welches ſie und ihr einfacher Freund ſovft zuſammen laſen, hatte ſie das Bild deſſen, der die Kindlein liebte, geſehen und in ihr junges Herz geſchloſſen, und während ſie noch darauf blickte und darüber nachſann, hatte er aufgehört ein Bild der fernen Vergangenheit zu ſein und war eine lebende, Alles umgebende Wirklichkeit geworden. Seine Liebe umfing ihr kindliches Herz mit mehr als irdiſcher Zärtlichkeit und ſie ſagte, daß ſie zu ihm und in ſeine Hei⸗ math gehe. Aber ihr Herz wendete ſich mit ſchmerzlicher Liebe Allen zu, die ſie auf Erden zurücklaſſen ſollte— am meiſten ihrem Vater, denn Eva hatte, obgleich ſie ſich deſſen nie deutlich bewußt war, doch eine unbeſtimmte Ahnung davon, daß ſie ſeinem Herzen mehr als irgend ein anderes Weſen war. Sie liebte ihre Mutter, weil ſie nur der Liebe fähig war, und die Selbſtſucht, welche ſie an ihr wahrgenommen hatte, konnte ſie nur betrüben und beunruhigen, denn ſie glaubte mit dem unbedingten Vertrauen eines Kindes, daß ihre Mutter nichts Unrechtes thun könne. Sie hatte Etwas an ſich was Eva nicht begreifen konnte, und ſie glich Alles durch den Gedanken aus, daß ſie doch die Mama ſei, die ſie auf das Zärtlichſte liebte. Dann fühlte ſie auch für die liebevollen treuen Diener, für welche ſie das Licht des Tages und der Glanz der Sonne war. Kinder fühlen gewöhnlich nicht ſo allgemein; aber Eva war ein ungemein verſtändiges Kind, und was ſie von den Uebeln des Syſtems, unter welchem ſie lebte, geſehen hatte, war all⸗ mälig in die Tiefen ihres gedankenvollen, ſinnenden Herzens gedrungen. Sie hatte ein unbeſtimmtes Sehnen, etwas für ſie zu thun,— nicht nur ſie, ſondern Alle, die ſich in ihrer Lage befanden, zu erlöſen und zu retten, ein Sehnen, wel⸗ ches mit der Schwäche ihrer kleinen Geſtalt in einem traurigen Kontraſte ſtand. „Onkel Tom,“ſagte ſie eines Tages, als ſie ihrem Freunde vorlas,„ich u es begreifen, warum Jeſus das Bedürfniß gefühlt hat, für uns zu erben.“ „Warum, Miß Eva?“ „Weil ich ebenfalls ſo gefühlt habe.“ „Wie meinen Sie das, Miß Eva?— ich verſtehe Sie nicht.“ „Ich kann es Dir nicht erklären, aber als ich jene armen Geſchöpfe auf dem Dampfboote ſah, als Du und ich hierherkamen,— die Einen hatten ihre Mutter verloren, Andere ihre Gatten, und Einige von den Müttern weinten um ihre kleinen Kinder— o, war das nicht entſetzlich?— Auch ſonſt noch viele Male habe ich gefühlt, daß ich gern ſterben würde, wenn mein Tod allen dieſem Elend ein Ende machen könnte. Ich wollte gern für ſie ſterben, Tom, wenn ich es könnte,“ fügte das Kind mit einem feierlichen Ausdrucke hinzu, indem ſie die kleine magere Hand auf die ſeine legte. Tom blickte ſie ehrfurchtsvoll an und als ſie die Stimme ihres Vaters vernahm und hinwegeilte, blickte er ihr nach, und trocknete zu wiederholten Malen ſeine Augen. „Es wird nichts nützen, daß wir es verſuchen Miß Eva hier zu behalten,“ ſagte er zu Mammy, die er einen Augenblick ſpäter traf;„ſie hat das Zeichen des Herrn auf der Stirn.“ „Ja, ja,“ antwortete Mammy, indem ſie die Hände erhob;„ich habe es immer geſagt; ſie war nie wie ein Kind, das am Leben bleiben ſoll— in ihren Augen hat ſtets etwas Himmliſches gelegen. Wie oft habe ich es der Miſſis geſagt; es trifft ein, wir ſehen es Alle— das liebe kleine holde Lämmchen!“ Eva trippelte die Veranda-Stufen zu ihrem Vater hinauf. Es war ſpät 3 Lutis und die der Sonne umgaben ſie wie mit einer Glorie, als ſie in ihrem weißen Kleide, mit ihrem goldenen Haar, den glühenden Wang rihtue⸗ Augen, von dem in ihren Auun ſchlei⸗ chenden Fieber unnatürlich glänzten, herbeikam. St. Clare hatte ſie gerufen, um ihr eine Statuette, die er für ſie gekauft, zu zeigen, aber ihre Erſcheinung machte, als ſie herankam, einen ſchmerzlichen Eindruck auf ihn. Es giebt eine Art von Schönheit, die ſo erhaben und doch auch ſo vergänglich iſt, daß wir es nicht ertragen können, ſie anzublicken. Ihr Vater ſchloß ſie plötzlich in ſeine Arme und vergaß beinahe, was er ihr ſagen wollte. „Liebe Eva, Du biſt jetzt wohler, nicht wahr?“ „Papa,“ erwiderte dieſe mit ſonderbarer Feſtigkeit,„ich habe Dir Dinge n ſagen, die ich Dir ſchon vor langer Zeit habe mittheilen wollen; ich möchte ſe Dir jetzt ſagen, ehe ich ſchwächer werde.“ St. Clare zitterte, als Eva ſich auf ſeinen Schvoß ſetzte und den Kopf an ſeine Bruſt legte. „Es nützt nichts, Papa, wenn ich es noch länger für mich behalte;“ fuhr ſie ſchluchzend fort,„die Zeit kommt, wo ich Dich verlaſſen muß. Ich gehe um nie zurückzukehren.“ „O meine liebe kleine Eva,“ ſagte St. Clare, obgleich ihn bei ihren Wor⸗ ten ein Schauder durchrieſelte, in heiterem Tone,„Du biſt ängſtlich und reizbar eworden, Du darfſt Dich nicht ſo düſteren Gedanken hingeben. Sieh her, ich habe Dir eine Sta nette gekauft.“ „Nein, Papa, verſetzte Eva, indem ſie dieſelbe ſanft zurückſchob,„täuſche Dich nicht ſelbſt. Ich bin nicht wohler, ich weiß es vollkommen und ich werde in nicht gar langer Zeit von hinnen gehen. Ich bin nicht ängſtlich— ich bin nicht niedergeſchlagen; wenn es mir nicht um Dich, Papa, und meine Freunde wäre, würde ich vollkommen glücklich ſein. Ich möchte gehen— ich ſehne mich fort von hier!“ „Ei, liebes Kind, was hat Dein armes Herzchen ſo betrübt gemacht? Du haſt Alles zu Deinem Glücke Dienende gehabt, was man Dir geben konnte.“ „Ich möchte aber doch lieber im Himmel ſein— nur um meiner Freunde willen möchte ich leben. Es giebt hier eine Menge Dinge, die mich traurig machen und die mir entſetzlich erſcheinen; viel lieber möchte ich dort ſein; aber daß ich Dich verlaſſen ſoll, bricht mir beinahe das Herz.“ „Was macht Dich traurig und ſcheint ſo entſetzlich, Eva?“ 8 „O, Dinge, die beſtändig geſchehen. Ich bin um unſere armen Leute be⸗ trübt, ſie lieben mich innig und ſind Alle gut und lieb gegen mich. Ich wollte ſie wären Allefrei, Papa.“ biſt ein Kind, Eva; denkſt Du nicht, daß es ihnen jetzt gut ge⸗ nug geht?“ 3„Aber was würde aus ihnen, wenn Dir ein Unglück zuſtoßen ſollte? Es giebt nur ſehr wenige Menſchen wie Du, Papa. Onkel Alfred iſt nicht wie Du und die Mama auch nicht! ich weiß, welche abſcheulichen Dinge die Menſchen thun können und wirklich thun!“— und Eva ſchauderte. „Mein liebes Kind, Du biſt viel zu reizbar. Es thut mir leid, daß ich Dich jemals habe ſolche Geſchichten hören laſſen.“ „O, das iſt es, was mich beunruhigt, Papa; Du möchteſt, daß ich ſo glück⸗ lich lebe und nie Schmerz empfinde, nie etwas leide, ja, nicht einmal eine trau⸗ rige Geſchichte höre; während andere arme Geſchöpfe ihr ganzes Leben lan nichts als Schmerz und Kummer haben. Das ſcheint ſelbſtſüchtig zu ſein. J muß dergleichen Dinge kennen— ich muß in Bezug auf ſie fühlen; ſie ſind mir ſtets in's Herz gedrungen, ſie ſind tief darin hinabgegangen, ich habe viel über ſie nachgedacht. Papa, giebt es keinen Weg, um alle Sklaven frei zu machen?“ „Das iſt eine ſchwierige Frage, Kind; es läßt ſich nicht leugnen, daß die Sklaverei etwas Verwerfliches iſt— ſehr viele Leute denken ſo; ich ſelbſt eben⸗ falls. Ich wünſchte von Herzen, daß es im ganzen Lande keinen Sklaven gäbe, aber ich weiß nicht, wie dies zu erreichen wäre.“ „Papa, Du biſt ein ſo guter Mann, biſt ſo edel und gütig, und verſtehſt ſo ſchön zu ſprechen, könnteſt Du nicht bei allen Leuten herumgehen und ſie zu überreden ſuchen, hierin Recht zu thun? Wenn ich todt bin, Papa, dann wirſt Du an mich denken und es um meinetwillen thun. Ich ſelbſt würde es thun, wenn ich könnte.“ „Wenn Du todt biſt, Eva!“ rief St. Clare leidenſchaftlich.„O, Kind, rede nicht ſo! Du biſt Alles, was ich auf Erden habe.“ „Papa, jene armen Geſchöpfe lieben ihre Kinder eben ſo ſehr wie Du mich. O thue etwas für ſie! Die arme Mammy liebt ihre Kinder, ich habe ſie weinen ſehen, wenn ſie von ihnen ſprach, Tom liebt ſeine Kinder, und es iſt entſetzlich, Papa, daß ſolche Dinge beſtändig geſchehen.“ „Nun, nun, mein Herzenskind,“ ſagte St. Clare beſchwichtigend,„beküm⸗ mere Dich nicht ſo und ſprich nicht vom Sterben; ich werde Alles thun, was Du wünſcheſt.“ 3 verſprich mir, lieber Vater, daß Tom ſeine Freiheit haben ſoll, ſo⸗ ich—“ Sie hielt inne und fügte zaudernd hinzu:— „Geſtorben bin.“ „Ja, Kind, ich werde Alles thun— Alles, was Du von mir verlangſt.“ „Lieber Papa,“ ſagte Eva, indem ſie ihre brennende Wange an die ihres Vaters legte,„wie ſehr wünſchte ich, daß wir zuſammengehen könnten!“ „Wohin denn?“ fragte St. Clare. „Zu unſerm Heiland; es iſt dort ſo ſchön und ſo friedlich— es iſt Alles dort ſo voll Liebe!“ „ Das Kind ſprach unbewußt wie von einem Orte, wo ſie ſchon oft ge⸗ weſen war. „Willſt Du nicht auch gehen, Papa?“ fragte ſie weiter. St. Clare zog ſie näher an ſich, ohne auf dieſe Frage zu antworten. „Du wirſt zu mir kommen!“ ſprach Eva in einem Tone ruhiger Gewißheit, deſſen ſie ſich oft unwillkürlich bediente. „Ich werde Dir nachkommen; ich werde Dich nicht vergeſſen.“ Die dunklen Abendſchatten ſenkten ſich tiefer und tiefer auf ſie herab, als St. Clare die kleine zarte Geſtalt ſchweigend an ſeine Bruſt drückte. Er ſah die dunkeln Augen nicht mehr, aber die Stimme traf ſein Ohr wie Geiſtertöne und ſein ganzes vergangenes Leben ſtieg in einem Augenblicke vor ſeinen Augen auf— die Gebe und Hymnen ſeiner Mutter— ſein eigener jugenblicher Drang, Gu⸗ tes zu thun, und zwiſchen ihnen und dieſer Stunde Jahre voll Weltlichkeit und Zweifel, was die Menſchen ein achtbares Leben nennen. Wir können in einem Augenblicke viel, ſehr viel denken. St. Elare ſah und fühlte mancherlei, ſprach aber nicht, und. als es dunkler wurde, trug er die Kleine in ihr Schlafzimmer; als ſie ausgekleidet war, ſchickte er die Dienerſchaft fort, und wiegte ſie in ſeinen Armen und ſang ſie in den Schlummer. Es war ein Sonntagsnachmittag. St. Clare lag auf einem Bambusſopha in der Veranda und labte ſich an einer Cigarre. Marie lag dem auf die Veranda gehenden Fenſter gegenüber auf einem Divan unter einer Decke von durchſich⸗ tiger Gaze, welche ſie gegen die Zudringlichkeiten der Muskitos ſchützte, und hielt nachläſſig ein elegant gebundenes Gebetbuch in der Hand. Sie hatte es in der Hand, weil es Sonntag war, und bildete ſich ein, daß ſie darin geleſen habe — obgleich ſie in der That nur eine Reihe von kurzen Schläfchen gehalten hatte, während es offen in ihrer Hand lag. Miß Ophelia, die nach einigem Bemühen in nicht zu großer Entfernung eine Methodiſtenverſammlung aufgeſtöbert hatte, war mit Tom als Kutſcher ausgefahren, um ihr beizuwohnen, und Eva hatte ſie begleitet. „Höre Auguſtin,“ ſagte Marie nach einigem Nicken,„ich muß meinen Doktor Poſey aus der Stadt holen laſſen; ich habe ſicher eine Herz⸗ rankheit.“ „Warum willſt Du dieſen noch kommen laſſen? Der Arzt, welcher Eva behandelt, ſcheint geſchickt zu ſein.“ „Ich würde ihm in einem kritiſchen Falle kein Vertrauen ſchenken,“ ent⸗ gegnete Marie,„und ich glaube wohl ſagen zu dürfen, daß meine Krankheit kri⸗ tiſch wird. Ich habe die letzten zwei bis drei Nächte daran gedacht, ich fühle ſo peinigende Schmerzen und habe ſo ſeltſame Empfindungen.“ nur Langeweile, Marie; ich glaube nicht, daß es eine Herz⸗ ankheit iſt.“ traue ich Dir wohl zu,“ verſetzte Marie;„ich habe es kaum anders erwartet. Du kannſt wohl beſorgt ſein, wenn Eva huſtet oder wenn ihr das Mindeſte fehlt; an mich aber denkſt Du nie.“ „Wenn es Dir beſonders angenehm iſt, eine Herzkrankheit zu haben, ſo will ich recht gern zugeben, daß Du ſie haſt,“ ſagte St. Clare;„ich wußte nicht, daß es der Fall war.“ „Nun, ich will nur hoſſen, daß Du nicht dann erſt beſorgt um mich wirſt, wenn es zu ſpät iſt,“ erwiderte Marie;„Du magſt es aber glauben oder nicht, ſo muß ich Dir doch ſagen, daß mein Kummer um Eva und die Anſtrengungen, die mir das liebe Kind verurſacht, das, was ich ſchon lange geahnt, ent⸗ wickelt haben.“ Es würde ſich nur ſchwer angeben laſſen, worin die Anſtrengungen be⸗ ſtanden, von denen Marie ſprach. St. Clare machte dieſe Bemerkung im Stillen und fuhr als hartherziger Ehemann fort zu rauchen, bis ein Wagen vor der Ve⸗ randa anhielt und Eva und Miß Ophelia ausſtiegen. Miß Ophelia begab ſich direkt in ihr Zimmer, um Hut und Shawl abzu⸗ legen, wie ſie ſtets zu thun pflegte, ehe ſie über irgend einen Gegenſtand ein Wort ſprach, während Eva auf St. Clare's Rufherbeikam, ſich auf ſeinen Schooß ſetzte und ihm Bericht über den Gottesdienſt abſtattete. Bald hörten ſie laute Rufe in Miß Ophelia's Zimmer,— welches gleich dem, worin ſie ſich befanden, auf die Veranda ging,— und heftige an irgend Jemand gerichtete Scheltworte. „Welches neue Unheil mag Topſy angeſtiftet haben?“ fragte St. Clare; „ich bin überzeugt, daß ſie die Urſache des Lärmes iſt.“ Im nächſten Augenblicke trat Miß Ophelia in höchſter Entrüſtung ein und ſchleppte die Schuldige mit ſich herbei. „Willſt Du kommen?“ rief ſie;„ich werde es Deinem Herrn ſagen.“ „Was iſt wieder geſchehen?“ fragte Auguſtin. „Es iſt ſo viel geſchehen, daß ich mich nicht weiter mit dieſem Kindeplagen kann. Es iſt unerträglich! Fleiſch und Blut können es nicht mehr aushalten! Ich hatte ſie eingeſchloſſen und ihr ein Lied zum Auswendiglernen gegeben, und was thut ſie?— ſie ſpionirt, wo ich meinen Schlüſſel habe, geht in meine Kom⸗ mode, nimmt das Zeug zu einem Hute heraus und ſchneidet es in Stücken, um Puppenjacken daraus zu machen. So etwas habe ich in meinem Leben noch nicht geſehen.“ „Ich habe es Ihnen vorher geſagt, Couſine,“ ſagte Marie,„daß Sie bald finden würden, daß dieſe Geſchöpfe nicht ohne Strenge erzogen werden können. Wenn es nach meinem Willen ginge,“ fuhr ſie mit einem vorwurfsvollen Blicke auf St. Clare fort,„ſo würde ich das Mädchen in die Kalabuſe ſchicken und ſie ſchlagen laſſen, bis ſie nicht mehr ſtehen könnte.“ „Daran zweifle ich nicht,“ erwiderte St. Clare.„Man ſpricht ſo viel von der ſüßen Herrſchaft der Frauen, aber ich habe in meinem ganzen Leben nicht mehr als ein halbes Dutzend geſehen, die nicht ein Pferd oder einen Diener, ge⸗ ſchweige denn einen Mann halb umbringen würden, wenn es nach ihrem Willen ginge.“ „Deine ſentimentale Manier nützt gar nichts, St. Clare,“ ſagte Marie. „Die Couſine iſt eine verſtändige Frau und ſieht es jetzt eben ſo klar ein wie ich.“ Miß Ophelia beſaß die Fähigkeit zur Entrüſtung, welche einer vollkomme⸗ nen Wirthſchafterin eigen iſt, und dieſe war durch die zweckloſe Vergeudung, deren ſich das Negermädchen ſchuldig gemacht hatte, in einem ziemlich hohen Grade erregt worden. Viele von meinen Leſerinnen werden eingeſtehen, daß ſie in ihrer Lage ganz das Gleiche gefühlt haben würden; aber Marien's Worte waren ihr doch zu ſtark und dämpften ihren Zorn bedeutend. „Ich möchte das Kind um Alles in der Welt nicht ſo behandeln laſſen,“ ſig ſie;„aber ich weiß wahrhaftig nicht mehr, was ich thun ſoll. Ich habe ſie belehrt und belehrt, ich habe mich müde geredet, ich habe ſie geſchlagen, ich habe ſie jede denkbare Weiſe beſtraft, und dennoch iſt ſie jetzt noch ganz ſo wie nfangs.“ Momm her Topſy, kleiner Affe,“ rief St. Clare. Topſy kam herbei; ihre runden Augen glänzten und blinzelten mit einem Gemiſch von Beſorgniß und ihrem gewöhnlichen ſeltſamen Muthwillen. —————————— 204 „Weshalb benimmſt Du Dich ſo?“ fragte St. Clare, den der Ausdruck des Kindes unwillkürlich beluſtigte. „Wahlſcheinlich iſt mein ſündhaftes Herz daran ſchuld,“ antwortete Topſy unterwürfig;„wenigſtens ſagt Miß Feely ſo.“ „Siehſt Du nicht ein, wieviel Miß Ophelia für Dich gethan hat?— ſie ſagt, daß ſie Alles Erdenkliche verſucht habe.“ 3 „Gott, Maſter, die alte Miſſis hat eben ſo geſagt. Sie hathnich weit ſtärker geſchlagen und mich an den Haaren gerauft und mich mit dem Kopf gegen die Thür geſchlagen, aber es hat Alles nichts geholfen. Wenn man mir auch alle Haare aus dem Kopfe raufte, ſo würde es mir doch nichts nützen. Ich bin ſo gottlos! ich bin ja doch nichts als ein Nigger.“ „Ich werde ſie wohl aufgeben müſſen,“ ſagte Miß Ophelia,„ich kann mich nicht länger mit ihr plagen.“ „Ich möchte Dir eine Frage vorlegen,“ ſagte St. Clare. „Und die wäre?“ „Wenn Dein Chriſtenthum nicht ſtark genug iſt, um ein einziges Heiden⸗ kind, das Du hier zu Hauſe ganz für Dich haben kannſt, zu retten, ſo möchte ich wiſſen, was es nützt, ein paar arme Miſſionaire dahin unter Tauſende von Solchen zu ſchicken? Dieſes Kind iſt nur ein Pröbchen von dem, was Tauſende Deiner Heiden ſind.“ Miß Ophelia antwortete nicht ſogleich, und Eva, die bis jetzt eine ſchwei⸗ gende Zuſchauerin der Scene geweſen war, gab Topſy ein ſtummes Zeichen, ihr zu folgen. An der Ecke der Veranda befand ſich ein kleines Glaszimmer, welches St. Clare als Leſezimmer benutzte und in dieſem verſchwanden Eva und Topſy. „Ich möchte wiſſen, was Eva vorhat,“ ſagte St. Clare;„ich will nachſehen.“ Und er ſchritt auf den Zehen an die Glasthür, lüftete den dieſelbe bedecken⸗ den Vorhang und blickte hinein. Im nächſten Moment legte er ven Finger auf den Mund und winkte Miß Ophelia herbeizukommen und zuzuſehen. Die beiden Kinder ſaßen, das Geſicht den Spähern im Profil zugewendet, auf dem Fußboden,— Topſy mit ihrer gewöhnlichen Miene komiſcher Gleich⸗ gültigkeit und Sorgloſigkeit, ihr gegenüber aber Eva mit Thränen in den großen Augen und von innerer Erregung glühendem Geſicht. „Was macht Dich nur ſo böſe, Topſy?— warum willſt Du nicht ver⸗ ſuchen gut zu ſein? Liebſt Du denn gar keinen Menſchen?“ „Ich verſtehe nichts von der Liebe— ich liebe den Zuckerkand und der⸗ gleichen, ſonſt nichts,“ ſagte Topſy. „Aber Du liebſt doch Deine Eltern?“ habe keine Eltern, wie Sie wiſſen; ich habe es Ihnen erzählt, iß Eva.“ 36 ich weiß es,“ erwiderte Eva betrübt;„aber haſt Du denn keine Ge⸗ ſchwiſter gehabt— keine Tante, oder—“ „Nein, gar nichts von alle dem— ich habe nie einen Verwandten gekannt.“ „Aber, Topſy, wenn Du nur verſuchen wollteſt, gut zu ſein, ſo könnteſt 1— „Ich könnte nie etwas Anderes als ein Nigger ſein, wenn ich auch noch ſo gut wäre!“ unterbrach ſie Topſy;„wenn ich mir die Haut abziehen laſſen und weiß werden könnte, dann würde ich es verſuchen.“ „Aber die Menſchen konnen Dich lieben, wenn Du auch ſchwarz biſt; Miß Ophelia würde Dich gewiß lieben, wenn Du gut wäreſt.“ 205 Topſy ließ das kurze, abgebrochene Gelächter vernehmen, welches ihre ge⸗ wöhnliche Art war, um ihre Ungläubigkeit auszudrücken. „Denkſt Du nicht ſo?“ fragte Eva. „Nein, ſie kann mich nicht ausſtehen, weil ich ein Nigger bin. Sie würde eher eine Kröte angreifen als mich. Kein Menſch kann die Nigger lieben und Nigger kölnen nichts thun. Mir iſt es egal,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie zu pfeifen aufing. „O Topſy, Du armes Kind— ich liebe Dich!“ rief Eva mit einem plötz⸗ lichen Ausbruch des Gefühls, und ſie legte ihre kleine magere weiße Hand auf Topſy's Schulter;„ich liebe Dich, weil Du weder Eltern noch Freunde haſt— weil Du ein armes gemißhandeltes Kind geweſen biſt! Ich liebe Dich und ich möchte, daß Du gut wäreſt. Ich bin ſehr krank, Topſy, ich glaube, daß ich nicht lange mehr leben werde, und es bekümmert mich wirklich, daß Du immer ſo unartig biſt. Ich wollte, Du verſuchteſt um meinetwillen gut zu ſein,— ich werde ja nur noch eine kurze Weile bei Euch bleiben.“ Die runden blitzenden Augen des ſchwarzen Kindes füllten ſich mit Thränen, große, helle Tropfen rollten langſam über ihre Wangen und fielen auf die kleine weiße Hand. Ja, in dieſem Augenblicke war ein Strahl von wahrem Glauben, ein Strahl himmliſcher Liebe in das Dunkel ihrer heidniſchen Seele gedrungen. Sie legte den Kopfzwiſchen ihre Knie und weinte und ſchluchzte, während Cva ſich wie ein tröſtender Engel zu ihr herabbeugte. „Arme Topſy,“ ſagte Eva,„weißt Du nicht, daß Jeſus uns Alle liebt? Er iſt eben ſo bereit Dich zu lieben wie mich; er liebt Dich eben ſo gut wie ich, nur noch mehr, weil er beſſer iſt. Er wird Dir helfen gut zu werden, und Du kannſt zuletzt in den Himmel kommen und ein Engel werden, ganz ſo als ob Du weiß wäreſt. Denke nur, Topſy! Du kannſt einer von den heitern Geiſtern werden, von denen Onkel Tom ſingt.“ „O liebe Miß Eva, liebe Miß Eva!“ rief das Mädchen,„ich will es verſuchen! ich will es verſuchen!— ich habe bis jetzt noch nie daran gedacht.“ St. Clare ließ in dieſem Augenblicke den Vorhang fallen. „Es erinnert mich an meine Mutter,“ ſagte er zu Miß Ophelia.„Es iſt wahr, was ſie mir immer ſagte: Wenn wir die Blinden ſehend machen wollen, müſſen wir bereit ſein zu thun wie Chriſtus gethan hat— ſie zu uns rufen, und ihnen die Hand auflegen.“ „Ich habe ſtets ein Vorurtheil gegen Neger gehabt,“ ſagte Miß Ophelia, „und ich geſtehe, daß ich es nie habe über mich gewinnen können, mich von dem Kinde anrühren zu laſſen; aber ich dachte nicht, daß ſie es wiſſe.“ „O Kinder bemerken ſo etwas nur zu wohl, ihnen entgeht nichts!“ er⸗ widerie St. Clare.„Aber ich glaube, daß alle Verſuche, einem Kinde wohl zu thun und alle materiellen Freuͤndſchaftsdienſte, die man ihm erweiſen kann, nie ein Gefühl der Dankbarkeit wecken werden, ſo lange dieſer Widerwille im Herzen bleibt. Es iſt eine ſonderbare Erſcheinung, aber ſie läßt ſich nicht ableugnen.“ „Ich weiß nicht, wie ich es ändern ſoll,“ ſagte Miß Ophelia.„Sie ſind mir nun einmal zuwider— und beſonders dieſes Kind. Läßt ſich dieſes Gefühl unterdrücken?“„ „Eva kann dies wie es ſcheint.“ „Ja, ſie iſt ſo liebevoll; und doch handelt ſie im Grunde nurchriſtlich,“ verſetzte Miß Ophelia.„Ich wollte, ich wäre ihr gleich. Sie könnte mir eine Lehre geben.“ „Wenn es geſchähe, ſo würde es nicht das erſtemal ſein, daß ein kleines ind einen alten Schüler unterrichtet,“ ſagte St. Clare. 25. Der Tod, 37 Eva's Schlafzimmer war ein geräumiges Geu Iches gleich allen übrigen Zimmern im Hauſe auf die breite Wenner Bn Zimmer ſtand auf der einen Seite mit dem ihrer Eltern, auf desndern mit dem der Miß Ophelia in Verbindung. St. Clare hatte ſein Auge ünd ſein Herz dadurch er⸗ freut, daß er dieſes Zimmer auf eine Weiſe einrichtete, welche nitgn Charakter derjenigen, für die es beſtimmt war, vollkommen harmonirte. Bie Vorhänge waren von roſa und weißem Mouſſelin, der Boden war mit einem Teppich be⸗ legt, den er in Paris nach einem von ihm ſelbſt gezeichneten Muſter beſtellt hatte, welches aus einem Mittelſtück von aufgeblühten Roſen, mit iinn von Roſenknospen und Blättern beſtand. Die Bettſtelle, die Sthhle und Sophas waren von Bambus und in beſonders anmuthigeund phäütaſtiſchen Formen angefertigt. Ueber dem Kopfende des Bettes befans ſich ein Alabaſter-Piedeſtal, auf welchem eine ſchöne Engelsſtatue mit geſenkten Flügeln und einem Myrthen⸗ kranze in den Händen ſtand. Von dieſem Piedeſtal hingen leichte, roſenfarbige Gazegardinen mit ſilbernen Streifen über das Bett und verliehen dieſem den Schutz vor den Muskitos, welcher beim Schlafen in jenem Klima eine unerläß⸗ liche Nothwendigkeit iſt. Die graziöſen Bambusſophas waren reichlich mit Kiſſen von roſenrothem Damaſt verſehen, während über ihnen aus den Händen geſchnitzter Figuren ähnliche Gazevorhänge wie die des Betts, herabfielen. In der Mitte des Zimmers ſtand ein leichter phantaſtiſcher Bambustiſch, auf welchem eine ſtets mit Blumen gefüllte pariſche Marmorvaſe in Geſtalt einer weißen Lilie mit Knospen ſtand. Auf dieſem Tiſche lagen Eva's Bücher und kleinen Schmuckſachen, und daneben ſtand auch ein elegant gearbeitetes Alabaſterſchreib⸗ jeug⸗ welches ihr Vater ihr gegeben hatte, als er ſah, daß ſie ſich im Schreiben zu verbeſſern ſuchte. Im Zimmer befand ſich ein Kamin, auf dem Marmorſims des⸗ ſelben ſtand eine ſchöne Statuette, welche Jeſus, wie er die Kindlein zu ſich kommen läßt, darſtellte, und auf beiden Seiten derſelben Marmorvaſen, welche Tom mit Stolz und Freude jeden Morgen mit Bougquets verſah. Einige herr⸗ liche Gemälde von Kindern in verſchiedenen Stellungen ſchmückten die Wände, kurz das Auge konnte ſich nirgends hinwenden, ohne auf Bilder der Kindheit, der Schönheit und des Friedens zu ſtoßen. Die Augen der Kleinen öffneten ſich im Morgenlichte nie, ohne auf etwas zu fallen, was das Herz mit wohlthuenden Gedanken erfüllte. Die trügeriſche Kraft, welche Eva eine Zeitlang aufrecht erhalten hatte, verſchwand ſchnell; ſeltener und immer ſeltener vernahm man ihren leichten Schritt in der Veranda und öfter, immer öfter ſah man ſie auf einem kleinen Sopha am offenen Fenſter, den Blick auf den glänzenden Waſſerſpiegel des Sees erichtet. 3 Es war gegen die Mitte des Nachmittags und ſie lag wieder auf dem kleinen Sopha, die aufgeſchlagene Bibel im Schooße und die zarten, durchſcheinenden Finger zwiſchen den Blättern, als ſie plötzlich die ſchneidende Stimme ihrer Mutter in der Veranda hörte. „Was haſt Du da wieder gethan, Du Nickel? welchen neuen Unfug haſt Du angeſtiftet? Du haſt Blumen abgepflückt, nicht wahr?“— und Eva hörte den Schall eines heftigen Schlages. „Gott, Miſſis, ſie ſind für Miß Eva,“ hörte ſie eine Stimme antworten, die, wie ſie wußte, Topſy angehörte. „Miß Eva! eine ſchöne Entſchuldigung! Denkſt Du, daß ſie nach Deinen Blumen verlangen wird, Du nichtsnutziges Niggerding? packe Dich fort!“ * 207* Eva erhob ſich augenblicklich von und eilte unter die randa hinaus. K 5 „O Mutter thue das nicht, ich will die Blumen haben; bitte, gieb ſie mir, ich wünſche ſie.“ „Aber Cva, Dein Zimmer iſt ja ſchon voll davon.“ „Ich kann ihrer nicht zu viele haben,“ erwiderte Eva.„Bitte, Topſy, bringe ſie her.“ Topſy, wache finſter und mit geſenktem Kopfe dageſtanden hatte, kam jetzt herbei und reichte ihr die Blumen; ſie that es mit einer zaudernden, verſchämten Miene, welche ihrer gewöhnlichen Dreiſtigkeit ganz entgegen eſetzt war. „Ein ſchönes Bouquet,“ ſagte Cva indem ſ es betrachtete. Es wa nzeigenthümliches und beſtand nur aus brillanten, ſcharlach⸗ rothen Geranium hnd einer nzigen weißen Japonika mit i glänzenden Blättern. Es war offenbar Fit Abſicht auf den Farbenkontra gebunden und die Stellung jedes Blattes war ſorgſältig ſtudirt. Topſy ſh erfreut aus, als Eva ſagte: „Topſy, Du ordneſt Deine Blumen ſehr hübſch. Hier iſt eine Vaſe,“ fuhr kee„ich habe noch keine Blumen darin und möchte täglich friſche für ſie aben.“ „Du biſt ſonderbar,“ ſagte Marie.„Wie kommſt Du darauf, das zu verlangen?“ „Laß t ſein, Mama, Du haſt doch nichts dagegen, das es Topſy thut — nicht wahr?“ „Gewiß nicht, wenn Du es wunſcheſt, liebes Kind! Topſy, Du haſt gehoͤrt, was Deine junge Herrin ſagt, vergiß es nicht.“ Topſy machte einen kurzen Knir und blickte zu Boden und als ſie ſich abwen⸗ dete, ſah Eva eine Thräne über ihre dunkle Wange rollen. „Siehſt Du, Mama, ich wußte, daß die arme Topſh gern etwas für mich thut,“ ſagte Eva zu ihrer Mutter. 3 „Du irrſt Dich; ſie thut es nur, weil ſie gern Unheil anrichtet; ſie weiß, daß ſie keine Blumen pflücken darf und deshalb thut ſie es gerade— das iſt der ganze Grund. Aber wenn es Dir gefällt ſie von ihr pflücken zu laſſen, ſo mag es meinetwegen geſchehen.“ „Mama, ich glaube, daß Topſy jetzt anders iſt wie ſonſt; ſie bemüht ſich ein gutes Mädchen zu werden.“ „Sie wird ſich eine ziemliche Weile bemühen müſſen, ehe ſie gut wird,“ entgegnete Marie gkeichgültig lachend. „Nun, Du weißt Mama, daß ſtets Alles gegen die arme Topſy geweſen iſt.“ „Doch gewiß nicht ſeit ſie ſich hier befindet? es iſt ihr zugeredet und vorge⸗ predigt und Alles gethan worden, was ein Menſch nur immer khun konnte, und ſie iſt noch eben ſo ſchlimm wie ſonſt und wird es ſtets bleiben; man kann aus dem Geſchöpfe nichts machen.“ „Aber Mama, es iſt ein großer Unterſchied, ob man ſo erzogen wird wie ich, unter ſo vielen Freunden und mit ſo vielen Dingen, die mich erfreuen und machen, oder ob es Einem ſo ergeht, wie es ihr während ihres ganzen ebens ergangen iſt bis ſie hierher kam.“ 6 ſ wahrſcheinlich,“ ſagte Marie gähnend.„O Himmel, wie heiß iſt!“ „Nicht wahr, Mama, Du glaubſt daß Tppſy eben ſo gut ein Engel werden könnte, wie wir Alle, wenn ſie eine Chriſtin wärez⸗ „Topſy? welche lächerliche Idee! So etwas kann nur Dir einfallen!“ 5 4 208 „Aber, Mama, iſt nicht Gott eben ſo gut ihr Vater wie der unſere? Iſt nicht Jeſus ihr Heiland?“ „Nun, das mag ſein, Gott wird wohl Alle geſchaffen haben,“ ſagte Marie. —„Wo iſt mein Riechfläſchchen?“ „Es iſt ſo ſchade— o ſo ſchade!“ ſprach Eva auf den fernen See blickend vor ſich hin. „Was ihade?“ fragte Marie. „Nun, daß Jemand, der ein Engel werden und mit Engeln leben könnte, hinab, tief hinab ſinkt, ohne daß ihm ein Menſch hilft! O Gott!“ „Wir können das nicht ändern; es nützt nichts, wenn wir uns auch noch ſo ſehr darüber grämen. Ich weiß wahrhaftig nicht, was da zu jammern iſt; wir ſollten Gott für unſere Vorzüge danken.“ „Das kann ich kaum thun,“ ſagte Eva.„Es thut mir ſo leid, wenn ich an arme Leute denke, die keine beſitzen.“ 8 „Das iſt ſonderbar,“ erwiderte Marie;„meine Religion macht mich jeden⸗ falls dankbar für die Vorzüge, die ich genieße.“ „Mama,“ ſagte Eva,„ich möchte mir einen Theil meines Haares abſchnei⸗ den laſſen.“ „Wozu?“ fragte Marie. „Ich möchte meinen Freunden etwas davon geben, ſo lange ich noch im Stande bin es ſelbſt auszutheilen. Willſt Du nicht die Tante rufen, damit ſie es mir abſchneidet!“ Marie erhob ihre Stimme und rief Miß Ophelia aus dem andern Zimmer. Das Kind richtete ſich halb von ſeinem Kiſſen empor, als ſie herein kam, ſchüt⸗ telte die langen goldnen Locken und ſagte ſcherzhaft: „Komm, Tantchen, ſcheere das Lamm.“ „Was iſt das?“ fragte St. Clare, der eben jetzt mit einigen Früchten, die er ihr beſorgt hatte, eintrat. „Papa, ich möchte mir von der Tante einen Theil meines Haares abſchnei⸗ den laſſen; es iſt zu lang und erhitzt mir den Kopf; außerdem möchte ich einige Locken davon verſchenken.“ Miß Ophelia kam mit ihrer Scheere. „Sieh Dich vor, damit Du ſie nicht entſtellſt,“ ſagte der Vater;„ſchneide unten hinweg, wo man es nicht bemerkt. Eva's Locken ſind mein Stolz.“ „O Papa!“ ſagte Eva betrübt. „Ja, ich möchte, daß ſie recht ſchön wären, wenn ich Dich nach der Pflan⸗ zung Deines Onkels bringe, um den Couſin Henrique zu beſuchen,“ ſagte St. Clare in heiterem Tone. „Ich werde nie dorthin gehen, Papa, ich gehe in ein beſſeres Land, o bitte, glaube mir! ſiehſt Du nicht, daß ich mit jedem Tage ſchwächer werde?“ „Warum beſtehſt Du darauf, daß ich etwas ſo Trauriges glauben ſoll, Eva?“ fragte ihr Vater. „Weil es wahr iſt, Papa. Und wenn Du es jetzt glaubſt, ſo wirſt Du viel⸗ leicht darüber ebenſo denken, wie ich.“ St. Clare ſchwieg und betrachtete wehmüthig die langen ſchönen Locken, welche dem Kinde in den Schooß gelegt wurden, ſobald ſie vom Kopfe getrennt waren. Sie hielt ſie empor, blickte ernſt darauf, wand ſie um ihre dünnen Finger und betrachtete von Zeit zu Zeit ängſtlich ihren Vater. „Es iſt ganz wie ich es geahnt habe,“ ſagte Marie;„das iſt es eben, was von Tag zu Tag an meiner Geſundheit genagt und mich an den Rand des Grabes gebracht hat, wenn es auch Niemand bemerkt. Ich habe das ſchon — 209 längſt kommen ſehen. St. Clare, Du wirſt in Kurzem erkennen, daß ich Recht hatte.“ „Was Dir ohne Zweifel großen Troſt gewähren wird,“ erwiderte St. Clare in trocknem bitteren Tone. Marie warf ſich auf ein Ruhebett und bedeckte ihr Geſicht mit ihrem Battiſt⸗ taſchentuche. Eva's klares, blaues Auge blickte aufmerkſam bald auf ſea auf ihren Vater. Es war der ruhige, ahnungsvolle Blick einer ſchon halb von ihren ir⸗ diſchen Banden befreiten Seele; offenbar ſah, fühlte und erkannte ſie den Unter⸗ ſchied zwiſchen Beiden. Sie winkte ihrem Vater mit der Hand; er kam und ſetzte ſich neben ſie. „Papa, meine Kräfte ſchwinden mit jedem Tage, und ich weiß, daß ich ſcheiden muß. Es giebt Dinge, die ich ſagen und thun möchte, die ich thun muß, und Du biſt ſo dagegen, mich ein Wort über dieſe Sache ſprechen zu laſſen; aber muß kommen, es läßt ſich nicht verſchieben. Geſtatte mir, daß ich jetzt preche.“ „Ich geſtatte es, mein Kind,“ ſagte St. Clare, indem er ſeine Augen mit der einen Hand bedeckte und Eva's Händchen mit der andern hielt. „Nun, dann möchte ich alle unſere Leute beiſammen ſehen. Ich muß ihnen noch Einiges ſagen,“ fuhr Eva fort. „Wohlan!“ ſagte St. Clare ſchmerzlich aber thränenlos;„es ſei.“ 8 Miß Ophelia ſendete einen Boten ab und die ganze Dienerſchaft verſam⸗ 1 melte ſich kurz darauf im Zimmer. Eva lag auf ihrem Ruhebett; ihr Haar hing loſe um das Geſicht und ihre purpurnen Wangen bildeten einen peinlichen Kontraſt mit der durchſichtigen Bläſſe ihrer Geſichtsfarbe und den abgezehrten Gliedern und Zügen. Ihre großen ſeelenvollen Augen waren liebevoll auf Alle gerichtet. Die Leute wurden von einer plötzlichen Bewegung ergriffen. Das ver⸗ klärte Antlitz, die abgeſchnittenen und neben ihr liegenden langen Haarlocken, der abgewendete Kopf ihres Vaters und Marien's Schluchzen: dies Alles ver⸗ fehlte ſeinen Eindruck auf das Gemüth des leichtempfänglichen Geſchlechtes nicht, und als ſie hineinkamen, blickten ſie einander an, ſeufzten und ſchüttelten die Köpfe. Es herrſchte eine tiefe Stille wie bei einem Begräbniß. Eva richtete ſich auf und ſah ſich lange und ernſtunter ihnen um. Alle ſahen traurig und beſorgt aus. Mehrere von den Weibern verbargen das Geſicht in ihren Schürzen. „Ich habe Euch Alle rufen laſſen, meine lieben Freunde, weil ich Euch lieb habe. Ich habe Euch Alle lieb und möchte Euch etwas ſagen, deſſen Ihr Euch ſtets erinnern ſollt— ich werde Euch verlaſſen; in wenigen Wochen werdet Ihr mich nicht mehr ſehen.“ Hier wurde das Kind durch das unwillkürliche Schluchzen und Wehklagen aller Anweſenden unterbrochen und ihre zarte Stimme völlig übertäubt; ſie wartete einen Augenblick und ſprach darauf in einem Tone, welcher die Aus⸗ brüche des Schmerzes um ſie her unterdrückte. „Wenn Ihr mich lieb habt, ſo dürft Ihr mich nicht ſo unterbrechen. Höͤrt, was ich Euch ſage. Ich möchte wegen Eurer Seelen mit Euch ſprechen. Viele von Euch ſind, wie ich fürchte, ſehr gleichgültig. Ihr denkt nur an dieſe Welt; ich wünſche, daß Ihr Euch daran erinnert, daß es eine ſchönere Welt giebt, wo Jeſus iſt. Ich gehe dorthin und Ihr könnt dorthin kommen; ſie iſt für Euch eben ſo gut vorhanden, wie für mich. Wenn Ihr aber dorthin kommen wollt, ſo dürft Ihr kein träges, leichtſinniges gedankenloſes Leben führen, Ihr müßt Onkel Tom's Hütte. 14 . 210 Chriſten ſein, Ihr müßt bedenken, das Ihr Alle einſt Engel werden könnt. Wenn Ihr Chriſten ſein wollt, ſo wird Euch Jeſus dazu helfen! Ihr müßt zu ihm beten, Ihr müßt leſen—“ Das Kind unterbrach ſich ſelbſt, blickte mitleidig auf ſie und ſagte betrübt: *„O Gott! Ihr könnt nicht leſen. Ihr armen Seelen!“ und ſie verbarg ſeufzend das Geſicht in den Kiſſen. Das unterdrückte Schluchzen Derjenigen, zu denen ſie geſprochen hatte, rief ſie wieder zu ſich. „Gleichviel,“ ſagte ſie, den Kopf wieder erhebend und heiter durch ihre Thränen lächelnd,„ich habe für Euch gebetet, und ich weiß, daß Jeſus Euch helfen wird, wenn Ihr auch nicht leſen könnt. Verſucht Alle ſo gut zu leben als Ihr könnt. Betet täglich; bittet ihn, daß er Euch erlöſen möge, laßt Euch die Bibel vorleſen wenn Ihr könnt, und ich denke, daß ich Euch Alle im Himmel ſehen werde.“ „Amen!“ murmelte es antwortend von den Lippen Tom's und Mammy's und einiger der älteren Diener, die der methodiſtiſchen Kirche angehörten. Die Jüngeren und Leichtſinnigeren waren für den Augenblick völlig übermannt und ſchluchzten mit geſenktem Kopfe. „Ich weiß, daß Ihr Alle mich lieb habt,“ ſagte Eva. „Ja gewiß und wahrhaftig! Gott ſegne Sie!“ antworteten Alle. 5„Ja, ich weiß, daß Ihr das thut, es iſt unter Euch Niemand, der nicht ſtets gut gegen mich geweſen wäre, und ich möchte Euch etwas geben, das Euch, wenn Ihr es anſeht, ſtets an mich erinnern ſoll. Ich werde Euch Allen eine Locke von meinem Haar geben, und wenn Ihr ſie anſeht, ſo denkt, daß ich Euch geliebt habe und in den Himmel gegangen bin, und daß ich Euch Alle dort wie⸗ der zu ſehen wünſche.“ Es iſt unmöglich, die Seene zu beſchreiben, als die Leute ſich weinend um das kleine Weſen drängten und das letzte Zeichen ihrer Liebe aus ihren Händen empfingen. Sie fielen auf die Knie, ſie ſchluchzten und beteten und küßten den Saum ihres Kleides. Als Jeder ſeine Gabe erhalten hatte, winkte ihnen Miß Ophelia, die we⸗ gen der Wirkung dieſer Aufregung auf ihre kleine Patientin in Beſorgniß war, daß ſie das Zimmer verlaſſen möchten. Endlich hatten ſich bis auf Tom und Mammy Alle wieder entfernt. „Hier, Onkel Tom, iſt eine ſchöne für Dich,“ fuhr Eva fort,„o es macht mich ſo glücklich, daß ich Dich im Himmel wiederſehen werde; und Mammy, liebe, gute Mammy!“ ſagte ſie, die Arme liebevoll um ihre alte Wärterin ſchlin⸗ gend;„ich weiß, daß Du auch hinkommen wirſt.“ „O, Miß Eva, ich kann nicht ohne Sie leben!“ rief das treue Geſchöpf; „es iſt mir, als ob mit Ihnen Alles verſchwände,“ und Mammy brach in einen Thränenſtrom aus. Miß Ophelia ſchob ſie und Tom ſanft aus dem Zimmer und glaubte nun, daß ſie Alle fort ſeien; als ſie ſich aber umwendete, ſtand Topſy noch da. „Woher biſt Du gekommen?“ fragte ſie plötzlich. „Ich bin die ganze Zeit hier geweſen,“ antwortete Topſy, indem ſie ſich die Thränen aus den Augen wiſchte.„O, Miß Eva, ich bin ein böſes Mädchen geweſen, aber wollen Sie mir nicht auch eine geben?“ 6„Ja, arme Topſy, gewiß will ich das. Da— jedesmal, wenn Du ſie an⸗ ſiehſt, denke daran, daß ich Dich lieb gehabt und gewünſcht habe, daß Du ein gutes Mätchen werdeſt.“ „O, Miß Eva, ich bemühe mich, es zu werden,“ ſagte Topſy ernſtlichz — ee — — 211 „aber ach Gott, es iſt ſo ſchwer, gut zu ſein. Es ſcheint, daß ich nicht daran ge⸗ wöhnt bin.“ „Jeſus weiß es, Topſy, er iſt um Dich betrübt und er wird Dir helfen.“ Topſy wurde mit hinter ihrer Schürze verborgenen Augen ſchweigend von Miß Ophelia aus dem Zimmer gebracht; unterwegs verbarg ſie aber die koſt⸗ bare Locke in ihrem Buſen. Sobald Alle fort waren, ſchloß Miß Ophelia die Thür. Die gute Dame hatte ſich während des Auftrittes ſelbſt die Thränen aus den Augen getrocknet; aber die Rückſicht auf die Folgen einer ſolchen Aufregung für ihre junge Pflege⸗ befohlene erfüllte ihren Geiſt vor Allem. St. Clare hatte die ganze Zeit über unbeweglich und das Geſicht mit bei⸗ den Händen bedeckt, dageſeſſen. Auch nachdem ſie Alle fort waren, blieb er ſo ſtill. „Papa!“ ſagte Eva ſanft, indem ſie ſeine Hand berührte. Er zuckte plötzlich wie fröſtelnd zuſammen, antwortete aber nicht. „Lieber Papa,“ wiederholte Eva. „Ich kannnicht,“ ſagte St. Clare, indem er ſich erhob,„ich kann es nicht ertragen. Der Allmächtige hat es ſehr hart mit mir gefügt!“ Dieſe Worte ſprach St. Clare mit einem wahrhaft bitteren Ausdrucke aus. „Auguſtin! Hat nicht Gott das Recht, mit ſeinem Eigenthume zu thun, was er will?“ fragte Miß Ophelia. „Mag ſein, aber das macht es nicht leichter zu ertragen,“ ſagte er in einem trocknen, harten Tone, indem er ſich abwendete. „Papa, Du brichſt mir das Herz!“ rief Eva aufſtehend und ſich in ſeine Arme werfend.„Du mußt nicht ſo ſprechen.“ Und das Kind ſchluchzte und weinte mit einer Heftigkeit, welche Alle in Beſorgniß ſetzte, und den Gedanken ihres Vaters ſofort eine andere Richtung gab. „Sei ſtill, Eva, ſei ſtill, Kind! ich hatte Unrecht, es war böſe von mir. Ich werde Alles thun und denken, was Du willſt— nur bekümmere Dich nicht, nichtſe Ich werde reſignirt ſein; es war gottlos, ſo zu ſprechen, wie ich es gethan habe.“ n lag bald wie eine müde Taube in den Armen ihres Vaters und er beugte ſich über ſie und beſchwichtigte ſie mit allen möglichen zärtlichen Worten, die er erdenken konnte. Marie ſtand auf und begab ſich aus dem Zimmer in das ihre, wo ſie einen heftigen hyſteriſchen Anfall hatte. „Du haſt mir keine Locke gegeben, Eva,“ ſagte ihr Vater mit einem weh⸗ müthigen Lächeln. „Sie ſind alle Dein, Papa,“ antwortete ſie mit heiterem Geſicht—„Dein und der Mama, und Du mußt der lieben Tante geben ſo viel ſie verlangt. Ich habe ſie unſern armen Leuten nur deshalb ſelbſt, egeben, weil ſie ver ien wer⸗ den könnten, wenn ich fort bin, und weil ich hoffte, daß es ihnen helßen könnte, ſich zu erinnern— Du biſt doch ein Chriſt, nicht wahr Papa?“ fragte Cva zweiſelhaſt⸗ „Warum fragſt Du mich dies?“ „Ich weiß es nicht; Du biſt ſo gut, daß ich nicht glaube, daß es anders ſein kann.“ „Was heißt ein Chriſt ſein, Eva?“ „Chriſtum vor Allem lieben,“ antwortete Eva. „Thuſt Du das?“ „Gewiß.“ 212 „Du haſt ihn doch nie geſehen,“ ſagte St. Clare. „Das macht keinen Unterſchied,“ antwortete Eva;„ich glaube an ihn und werde ihn in wenigen Tagen ſchauen.“ Und das jugendliche Antlitz ſtrahlte von Freude. St. Clare ſagte weiter nichts; es war ein Gefühl, welches er ſchon früher bei ſeiner Mutter bemerkt hatte, aber keine Saite ſeines Innern entſprach demſelben. Von jetzt an wurde Eva täglich kränker; der Ausgang des Uebels ließ ſich nicht mehr bezweifeln; ſelbſt die zärtlichſte Hoffnung konnte ſich nicht mehr täu⸗ ſchen laſſen. Ihr ſchönes Zimmer war ein Krankenzimmer geworden, Miß Ophelia erfüllte Tag und Nacht die Pflichten einer Krankenwärterin und nie hatten ihre Freunde ihren Werth in reicherem Maße erkannt als in dieſer Eigenſchaft. Die⸗ jenigen, welche über ihre kleinen Eigenthümlichkeiten, welche der ſorgloſen Frei⸗ heit der ſüdländiſchen Sitte ſo unähnlich waren, geſpöttelt hatten, geſtanden jetzt ein, daß ſie ganz die Perſon ſei, deren man bedurfte. Onkel Tom war häufig in Eva's Zimmer. Das Kind litt ſehr an nervöſer Ruheloſigkeit und es war ihr eine Erleichterung, wenn es getragen wurde; es war Tom's größte Freude, ihre kleine zarte Geſtalt auf einem Kiſſen ruhend auf ſeinen Armen, bald im Zimmer auf und ab, bald in die Veranda zu tragen, und wenn die friſche Seeluft herüber wehte— ſie fühlte ſich des Morgens am wohlſten— ging er zuweilen mit ihr unter den Hrangenbäumen im Garten umher oder ſetzte ſich auf einen von ihren früheren Ruheplätzen nieder und ſang ihr ihre alten Lieblingshymnen vor. Ihr Vater that oftmals das Nämliche, aber ſein Körper war weniger kräf⸗ tig und wenn er müde wurde pflegte Eva zu ihm zu ſagen: „O Papa, erlaube, daß mich Tom nimmt! der gute Alte thut es gern und Duweißt, daß erjetzt nichts weiter thunkann, und daß er gern etwas thun möchte.“ „Das möchte ich auch,“ ſagte ihr Vater. „Nun Papa, Du thuſt ja ſchon ſo viel, und biſt mir Alles. Du lieſeſt mir vor,— Du wachſt die Nächte hindurch und Tom hat außer dem Singen nur das Eine; ich weiß, daß es ihm leichter wird als Dir. Er iſt ja ſo ſtark.“ Der Wunſch Etwas zu thun, beſchränkte ſich nicht auf Tom. Die Diener des Hauſes zeigten Alle den nämlichen Eifer und thaten auf ihre Weiſe, was ſie konnten. Das Herz der armen Mammy ſehnte ſich nach ihrem Liebling, aber ſie fand Tag und Nacht keine Gelegenheit, zu ihr zu kommen, da Marie behauptete, daß ihr Gemüthszuſtand von der Art ſei, daß ſie keine Ruhe finden könne, und es natürlich gegen ihre Grundſätze war, irgend eine andere Perſon ruhen zu laſſen. Mammy wurde des Nachts wohl zwanzigmal gerufen, um ihr die Füße zu frot⸗ tiren, ihr den Kopf zu baden, ihr Taſchentuch zu ſuchen, nachzuſehen, was das Geräuſch in Cva's Zimmer bedeute, einen Vorhang herunter zu laſſen weil es zu hell, oder ihn aufzuziehen, weil es zu dunkel war, und den Tag über, wenn ſie ſich danach ſehnte, an der Pflege ihres Lieblings Theil zu nehmen, ſchien Marie ungemein ſinnreich darin zu ſein, ſie im ganzen Hauſe oder um ihre eigene Perſon beſchäftigt zu erhalten, ſo daß ſie nur dann und wann einige Worte oder Blicke erlangen konnte. „Ich halte es fuͤr meine Pflicht, mich jetzt beſonders in Acht zu nehmen,“ pflegte ſie zu ſagen,„da ich ſo ſchwach bin und die ganze Abwartung des lieben Rindes und die Sorge für daſſelbe auf mir laſtet.“ „Wirklich, meine Liebe?“ entgegnete St. Clare,„ich war der Meinung, daß unſere Couſine Dich davon befreit habe.“ 213 „Du ſprichſt wie ein Mann, St. Clare; als ob eine Mutter ſich von der Sorge für ein Kind in dieſem Zuſtande befreien laſſen könnte! Aber ich bin das ſchon von Dir gewöhnt. Kein Menſch weiß, was ich fühle; ich kann die Dinge icht ſo von mir ſchütteln wie Du.“ St. Clare lächelte. Ihr müßt ihn entſchuldigen; er konnte ſich deſſen lten. St. Clare war noch im Stande zu lächeln.„ Die letzte Reiſe der kleinen holden Seele war ſo heiter und ruhig— die kleine Barke wurde von ſo lieblichen und duſtigen Lüftchen nach den Geſtaden Himmels getragen— daß man unmöglich glauben konnte, der Tod nahe eran. Das Kind fühlte keinen Schmerz— nur eine ſanfte Schwäche, welche täg⸗ lich und faſt unmerklich zunahm, und ſie war ſo ſchön, ſo liebevoll, ſo vertrauend, ſo glücklich, daß man dem beſchwichtigenden Einfluſſe der Unſchuld und des Friedens, die ſie um ſich her zu verbreiten ſchien, nicht widerſtehen konnte. St. Clare fühlte, daß eine ſeltſame Ruhe über ihn kam. Es war nicht Hoffnung— das war unmöglich!— es war nicht Reſignation— es war nur eine in der Gegenwart liegende Ruhe, die ihm ſo ſchön vorkam, daß er an keine Zukunft denken wollte. Sie glich dem Seelenfrieden, den wir im Herbſt in einem Walde fühlen, wenn die dunkle hektiſche Röthe auf den Bäumen liegt und die letzten Blumen noch am Bache verweilen; aber wir freuen uns um ſo mehr darüber, weil wir wiſſen, daß bald Alles vorüber ſein wird. Von Eba's Phantaſieen und Ahnungen wußte ihr treuer Tom am meiſten. Ihm ſagte fie das, wodurch ſie ihren Vater nicht betrüben wollte. Ihm theilte fie die geheimnißvollen Empfindungen mit, welche die Seele fühlt, wenn ſich die Bande zu lockern beginnen, ehe ſie die irdiſche Hülle für immer abſtreift. Tom wollte endlich nicht mehr in ſeinem Zimmer ſchlafen, ſondern er brachte die ganze Nacht in der äußern Veranda zu, wo er bereit war, ſich auf jeden Ruf zu erheben. „Onkel Tom, weshalb haſt Du angefangen überall und nirgends zu ſchlafen wie ein Hundz“ fragte ihn Miß Ophelia;„ich dachte, daß Du zur Ordnung rt Klaſſe gehörteſt, die es vorzieht, wie ein Chriſtenmenſch im Bett zu iegen.“ „Ich thue es auch, Miß Feely,“ ſagte Tom geheimnißvoll;„ich thue es — aber jetzt—“ „Nun, was iſt jetzt?“ „Wir dürfen nicht laut ſprechen, Mr. St. Clare würde nichts davon wiſſen wollen; aber Miß Feely, Sie wiſſen, daß Jemand da ſein muß, der den Bräu⸗ tigam erwartet.“ „Was meinſt Du, Tom?“ „Sie wiſſen, wie es in der heiligen Schrift heißt:„Um Mitternacht erhob ſich ein großes Geſchrei:— Seht der Bräutigam kommt.“ Das iſt es, was ich jetzt allnächtlich erwarte, Miß Feely, und ich könnte nicht an einem Orte ſchlafen, wo ich es nicht hörte.“ Ei, Onkel Tom, wer bringt Dich auf ſolche Gedanken?“ „Miß Eva— ſie erzählte mir, der Herr ſendet ſeine Boten in die Seele;— ich muß da ſein, Miß Feely, denn wenn das liebe Kind in das Himmelreich geht, ſo wird die Thür ſo weit geöffnet werden, daß wir alle einen Blick auf die Herrlichkeit erlangen können, Miß Feely.“ „Hat Miß Eva geſagt, daß ſie ſich heute unwohler als gewöhnlich fühle?“ „Nein, aber ſie hat mir heute früh geſagt, daß ſie näher komme.— Es giebt Weſen, die es dem Kinde ſagen, Miß Feely, es find die Engel—„es iſt der Poſaunenſchall vor dem Anbruche des Tages!“ eitirte Tom aus einer ſeiner Lieblingshymnen. Dieſes Geſpräch zwiſchen Miß Ophelia und Tom fand eines Abends zwiſchen zehn und elf Uhr ſtatt, als Erſtere, nachdem ſie alle ihre Anordnungen ſue die Nacht getroffen hatte und ihre äußere Thür verriegeln wollte, Tom in der äußeren Veranda am Boden liegend gefunden hatte. Sie war nicht nervenreizbar, aber ſein feierliches inniges Weſen erſchüt⸗ terte ſie. Eva war jenen Nachmittag ungewöhnlich heiter und munter geweſen, hatte in ihrem Bette aufrecht geſeſſen und ihre ganzen kleinen Schmuckſachen und Tändeleien durchgeſehen und die Freunde bezeichnet, denen ſie ſie hinterlaſ⸗ ſen wollte; ihr Benehmen war lebhafter und ihre Stimme natürlicher geweſen, als ſie beide ſeit Wochen geweſen waren. Ihr Vater war am Abend hereinge⸗ kommen und hatte geſagt, daß Eva beſſer ausſähe, als je ſeit dem Beginn ihrer Krankheit, und als er ſie küßte um ſich für die Nacht von ihr zu trennen, ſagte er zu Miß Ophelia: „Couſine, wir werden ſie vielleicht doch noch bei uns behalten; ſie iſt je⸗ denfalls wohler“, und er hatte ſich mit leichterem Herzen als ſeit Wochen in ſein Zimmer zurückgezogen. Aber um Mitternacht— zu der ſeltſamen, geheimnißvollen Stunde, wo der Schleier zwiſchen der vergänglichen Gegenwart und der ewigen Zukunft durchſichtig wird— kam der Bote. In ihrem Zimmer hörte man das Geräuſch von ſchnellen Schritten,— es war Miß Ophelia, die ſich vorgenommen, die ganze Racht bei ihrem kleinen Pfleglinge zu wachen, und die um Mitternacht entdeckt hatte, was erfahrene Rrankenwärterinnen bedeutſam eine„Veränderung“ nennen. Die äußere Thüre geöffnet und Tom, der vor derſelben wachte, war augenblicklich zur Stelle. „Hole den Doktor, Tom, ſäume keinen Augenblick,“ ſagte Miß Ophelia, und ſie ſchritt durch das Zimmer und klopfte an St. Clare's Thür. „Vetter,“ ſagte ſie,„ich wünſchte Du kämſt einmal herein.“ Worte ſielen auf ſein Herz wie Erdſchollen auf einen Sarg. Wie am das? St. Clare ſtand augenblicklich auf, eilte in das Zimmer und beugte ſich über Eva, welche noch ſchlief. Was ſah er hier, daß ſein Herz ſo plötzlich ſtillſtand? warum wurde zwi⸗ ſchen Beiden kein Wort gewechſelt? Nur der kann es ſagen, der denſelben Aus⸗ druck auf dem ihm theuerſten Antlitz geſehen hat, den unbeſchreiblichen, hoff⸗ nungsloſen, unverkennbaren Ausdruck, welcher ihm ſagte, daß ſein geliebtes We⸗ ſen nicht mehr ihm gehöre. 3 Auf dem Geſichte des Kindes war kein geiſterhaftes Gepräge zu erkennen; nur ein feſter erhabener Ausdruck, der Schatten geiſtiger Naturen, das Aufdäm⸗ mern des unſterblichen Lebens in der Kinderſeele. Sie ſtanden ſo ſtill auf ſie herabblickend da, daß ſelbſt das Picken der Uhr zu laut zu ſein ſchien. Nach wenig Minuten kehrte Tom mit dem Doktor zu⸗ rück; er trat ein, warf einen Blick auf die Kranke und blieb eben ſo ſtumm wie die Uebrigen ſtehen. „Wann iſt dieſe Veränderung eingetreten?“ fragte er Miß Ophelia leiſe. „Um die Zeit der Nachtwende!“ war die Antwort. 3 Marie, welche bei der Ankunft des Doktors erwacht war, kam haſtig aus bem anſtoßenden Zimmer. „Auguſtin!— Couſine!— o— was!“— begann ſie haſtig. 215 „Still!“ ſagte St. Clare mit gedämpfter Stimme,„ſie ſtirbt!“ Mammy hörte die Worte und eilte die Dienerſchaft zu wecken. Das ganze Haus war bald in Bewegung— man ſah Lichter, und hörte Schritte; in der Veranda drängten ſich ängſtliche Geſichter und blickten thränenfeucht durch die Glasthür; aber St. Clare hörte und ſprach nicht! er ſah nur jenen Ausdruck auf dem Antlitze der kleinen Schläferin. „O, wenn ſie nur noch einmal erwachen und ſprechen wollte!“ rief er aus, und er beugte ſich über ſie und flüſterte ihr in's Ohr: „Liebe Eva!“ Die großen blauen Augen öffneten ſich und ein Lächeln zog über ihr Ge⸗ ſicht; ſie verſuchte den Kopf zu erheben und zu ſprechen. „Kennſt Du mich, Eva?“ „Lieber Papa!“ ſagte das Kind mit einer letzten Anſtrengung, indem es die Arme um ſeinen Hals legte. Im nächſten Augenblicke ſanken ſie wieder herab, und als St. Clare ſich aufrichtete, ſah er den Krampf des Todesſchmerzes über das Geſicht ziehen; ſie rang nach Athem und zuckte mit ihren kleinen Händen. „O Gott, das iſt entſetzlich!“ ſagte er ſich ſchmerzerfüllt abwendend, und wiſſen was er that, drückte er Tom die Hand.„O Tom, es bringt mich um!“ Tom hatte die Hand ſeines Herrn zwiſchen den ſeinen und blickte das dunkle Geſicht von heißen Thränen überſtrömt, um Hilfe dort hinauf, wo er ſie ſtets zu ſuchen gewöhnt war. „Bitte Gott, daß dies ſchnell zu Ende geht,“ ſagte St. Clare,„es zerreißt mir das Herz!“ „O, dem Herrn ſei Dank, es iſt vorüber,— es iſt voruber, lieber Herr!“ ſagte Tom.„Sehen Sie ſie an.“ Das Kind lag keuchend und erſchöpft auf dem Kiſſen, die großen Augen waren ſtarr nach oben gerichtet. O, was ſagten dieſe Augen, die ſo oft von dem Himmel ſprachen? Die Erde und der irdiſche Schmerz war überwunden, aber ſo feierlich, ſo geheimnißvoll war der ſtrahlende Triumph dieſer verklärten Züge, daß er ſelbſt das Schluchzen des Schmerzes unterdrückte. Sie drängten ſich in athemloſer Stille um ſie. „Eva!“ ſagte St. Clare ſanft. Sie hörte nicht. „O, Eva, ſage uns was Du ſiehſt,— was iſt es?“ fragte ihr Vater. Ein ſtrahlendes, hehres Lächeln zog über ihr Geſicht und ſie ſagte gebrochen: „O— Liebe!— Freude!— Friede!“ ſeufzte noch einmal und ging vom Tode zum Leben über. Lebe wohl, geliebtes Kind; die Pforten der Ewigkeit haben ſich hinter Dir geſchloſſen; wir werden Dein liebliches Antlitz nicht wieder ſchauen! O wehe denen, die Deinen Eingang in den Himmel geſehen haben, wenn ſie erwachen und nur den grauen Himmel des Alltagslebens finden werden und Du auf ewig von ihnen genommen biſt. 26.„Dies iſt das Letzte auf Erden.“ John Quincy Adams. Die Statuetten und die Gemälde in Eva's Zimmer waren mit weißen Tüchern verhängt und nur leiſes Athmen und gedämpfte Schritte waren zu ver⸗ 216 nehmen, und das Licht ſtahl ſich feierlich durch die geſchloſſenen Läden der Fenſter herein. 77 Das Bett war weiß behangen und hier unter der Engelsfigur lag eine kleine, ſchlafende Geſtalt in dem Schlummer, von dem es kein Erwachen giebt. Da lag ſie in einem von den einfachen weißen eidern⸗ die ſie im Leben zu iſtteee eneie die Vorhänge drang, warf ie 5 öthe auf die eiſige Kälte des Todes. Die langen Wimpern lagen weich auf den reinen Wangen, der Kopfwar ein wenig ſeitwärts gewendet, wie im natürlichen Schlafe, aber über alle Züge des Geſichts war der erhabene himm⸗ liſche Ausdruck, das Gemiſch von Seligkeit und Ruhe verbreitet, welches be⸗ wies, daß es kein irdiſcher Schlaf, ſondern die lange heilige Ruhe ſei, welche „er ſeinen Geliebten giebt.“ Für Weſen wie Du, theure Eva, giebt es keinen Tod— weder Finſterniß noch Todesſchatten,— nur eine helle Bämmerung, wie wenn der Morgenſtern im goldenen Morgenroth verbleicht. Dein iſt der Sieg, ohne die Schlacht— die Krone ohne den Kampf! So dachte St. Clare, als er mit verſchränkten Armen vor ihr ſtand und auf ſie herabblickte. O, wer kann ſagen was er dachte? denn von der Stunde an, wo die Stimme in dem Sterbezimmer geſagt hatte:—„ſie iſt hinübergegangen!“— war für ihn Alles ein trüber, ſchwerer Nebel geweſen. Er hatte Stimmen um ſich her gehört, er war gefragt worden und hatte geantwortet; man hatte von ihm zu wiſſen begehrt, wenn das Begräbniß ſtattfinden und wo ſie ruhen ſolle, und er hatte ungeduldig erwibert, daß es ihm gleich ſei. Adolph und Roſa hatten das Zimmer in Ordnung gebracht. So leicht⸗ ſinnig und kindiſch ſie ſich auch für gewöhnlich erwieſen, waren ſie voch weich⸗ herzig und gefühlvoll, und während Miß Ophelia über die allgemeinen Details der Ordnung und Reinlichkeit die Aufſicht führte, waren es ihre Hände, welche den Anordnungen die weichen poetiſchen Züge verliehen, die dem Leichenzimmer das düſtere, geſpenſtiſche Ausſehen benehmen, welches nur zu oft eine Leichenfeier in Neu⸗England bezeichnet. Auf den Simſen ſtanden immer noch Blumen— ſammetweiße, zarte und duftende, mit anmuthig geſenkten Blättern. Eva's Hei gedecktes Tiſchchen trug ihre Lieblingsvaſe mit einer einzigen weißen Moosroſeiftnospe darin. Die Fal⸗ ten der Draperie und der Gardinen wrem⸗vn Adolph und Roſa mit dem Ge⸗ ſchmack, welcher ihre Race charakteriſirt, zu wiederholten Malen geordnet wor⸗ den; ſelbſt jetzt, während St. Clare in Gedanken verſunken daſtand, trippelte die kleine Roſa leiſe mit einem Korbe voll geißer Blumen in's Zimmer! ſie trat zurück als ſie St. Clare erblickte und wartete ehrerbietig; da ſie aber ſah, daß er ſie nicht bemerkte, kam ſie herbei, um die Leiche mit den Blumen zu ſchmücken. St. Clare ſah wie in einem Traume, als ſie eine ſchöne Jasminblüthe in die kleine Hand ſteckte und mit bewundernswürdigem Geſchmacke andere Blumen um das Lager ordnete. Die Thür öffnete ſich abermals, und Topſy erſchien mit von Thränen ge⸗ ſchwollenen Augen und einem unter ihrer Schürze verborgenen Gegenſtande. Roſa machte eine ſchnelle abweiſende Geberde, aber ſie trat einen Schritt in's Zimmer. „Du mußt hinausgehen,“ flüſterte Roſa in einem harten, beſtimmten Tone; „Du haſt hier nichts zu thun.“ „O bitte, laß mich! ich habe eine Blume gebracht— eine ſo ſchöne“ ſagte 2 5 e S † 1 . „ 217 Topſy, indem ſie eine halbaufgeblühte Theeroſenknospe emporhielt;„bitte, laß mich nur die eine hinlegen.“ „Geh fort!“ wiederholte Roſa entſchiedener. „Laß ſie!“ rief St. Clare mit dem Fuße ſtampfend;„ſie ſoll kommen.“ Roſa zog ſich raſch zurück und Topſy kam herbei und legte ihr Opfer zu den Füßen der Leiche nieder. Dann warf ſie ſich plötzlich mit einem wilden Schmerzensſchrei neben dem Lager auf den Boden und weinte und ſchluchzte laut. Miß Ophelia eilte in das Zimmer und verſuchte ſie aufzuheben und zum Schweigen zu bringen, aber vergebens. „O, Miß Eva, Miß Eva! ich wollte, ich wäre auch todt! ja, das wollte ich!“ In dem Schrei lag eine herzerſchütternde Verzweiflung, das Blut drängte ſich in St. Clare's marmorbleiches Geſicht und die erſten Thränen, welche er ſeit Eva's Tode vergoſſen, ſtanden in ſeinen Augen. „Stehe auf, Kind,“ ſagte Miß Ophelia mit milderer Stimme,„weine nicht ſo! Miß Eva iſt in den Himmel gegangen; weine nicht ſo!“ „Aber ich kann ſie nicht ſehen!“ rief Topſy,„ich werde ſie nie wieder⸗ ſehen!“— und ſie ſchluchzte von Neuem. Sie ſtanden Alle einige Augenblicke ſchweigend da. „Sie hat geſagt, daß ſie mich lieb habe,“ rief Topſy;„ſie hat es ge⸗ ſagt, o Gott, ſie hat es geſagt! Jetzt hat mich Niemand mehr lieb!““ „Das iſt leider wahr,“ ſagte St. Clare;„aber bitte,“ fügte er zu Miß Ophelia gewendet hinzu,„ſiehe, vb Du das arme Geſchöpf nicht troͤſten kannſt.“ „Ich wollte, ich wäre nie geboren!“ rief Topſy wieder;„ich möchte gar n ſein, ich ſehe nicht ein, was man davon hat!“ tiß Ophelia erhob ſie ſanft aber feſt und führte ſie aus dem Zimmer; aber während ſie es that, fielen auch aus ihren Augen einige Thränen. „Topſy, Du armes Kind!“ ſagte ſie, als ſie ſie in ihr Zimmer führte;„gieb nicht Alles verloren; ich kann Dich lieb haben, wenn ich auch nicht wie jener liebe kleine Engel bin. Ich hoffe, daß ich durch ſie etwas von der Liebe Chriſti gelernt habe. Ich kann Dich lieben, ich thue es, und ich werde verſuchen, ob ich 8 nicht behülflich ſein kann, zu einem guten, chriſtlichen Mädchen auf⸗ zuwachſen.“ Miß Ophelia's Stimme war eindrucksvoller als ihre Worte und mehr als Beide waren es die aufrichtigen Thränen, die ihr über die Wangen rollten. Von jener Stunde an erlangte e einen Einfluß auf das Gemüth des verwaiſ'ten Kindes, den ſie nie wieder verlor. „O, meine Eva, deren kurzes Walten auf Erden ſo viel Gutes gethan hat,“ h St. Clare;„welche Rechenſchaft habe ich für meine langen Jahre ab⸗ zulegen?“ Eine Zeitlang vernahm man in dem Gemach leiſes Flüſtern und Schritte, als ein Mitglied der Dienerſchaft nach dem andern ſich herein ſtahl, um die Todte zu betrachten, und dann kam der kleine Sarg— und dann war ein Be⸗ gräbniß und Wagen fuhren vor, und Fremde kamen und ſetzten ſich ein, und es gab weiße Schärpen und Bänder und Kreppſchleifen und in ſchwarzen Krepp gehüllte Leidtragende, und es wurden Worte aus der Bibel geleſen, und Gebete geſprochen, und St. Clare lebte und ging umher und bewegte ſich wie ein Menſch, der alle ſeine Thränen vergoſſen hat. Bis zum letzten Augenblicke ſah er nur ein einziges Ding— jenes goldene Köpfchen im Sarge; dann aber ſah er das Tuch darüber breiten, den Deckel des Sarges ſchließen, und er ſchritt, als er neben die Uebrigen geſtellt wurde, nach einem Plätzchen am Fuße des Gar⸗ 218 tens hinab, und dort an der Raſenbank, wo ſie und Tom ſo oft mit einander geſprochen, geſungen und geleſen hatten, war das kleine Grab. St. Clare blieb davor ſtehen— blickte, ohne etwas zu ſehen, hinab, be⸗ merkte, wie man den kleinen Sarg in die Tiefe ſenkte, hörte undeutlich die feier⸗ lichen Worte:„Ich bin die Auferſtehung und das Leben, und wer an mich glaubt, der hat das ewige Leben;“ und als die Erde hineingeworfen und der kleine Grabhügel aufgeworfen wurde, konnte er nicht glauben, daß es ſeine Eva ſei, die man ſeinen Augen verbarg. Auch war ſie es nicht— nicht Eva, ſondern nur die vergängliche Hülle der ſtrahlenden, unſterblichen Geſtalt, in der ſie am Tage des Herrn auferſtehen wird. Und dann waren Alle fort, und die Leidtragenden hatten ſich nach dem Orte zurückbegeben, welcher die Hingeſchiedene nicht mehr ſehen ſollte, und Marien's Zimmer wurde verſchloſſen, und ſie lag in unbezähmbarem Schmerze ſchluchzend und ſtöhnend und jeden Augenblick die Dienſtleiſtungen ihrer Leute verlangend auf dem Bett. Natürlich hatten ſie keine Zeit zum Weinen— warum ſollten ſie auch?— der Schmerz war ja nur ihr Schmerz— und ſie war feſt überzeugt, daß kein Menſch auf Erden ihn ſo wie ſie fühlte— fühlen konnte und fühlen würde. „St. Clare hat keine Thräne vergoſſen,“ ſagte ſie;„er nimmt an meinen Gefühlen nicht Theil. Es iſt wahrhaft wunderbar, wenn man bedenkt, wie hartherzig und gefühllos er iſt, während er doch wiſſen muß, wie ich leide!“ Die Menſchen ſind ſo ſehr die Sklaven ihrer Augen und Ohren, daß Viele von den Dienern wirklich dachten, die Miſſis leide bei der Sache am meiſten, beſonders als Marie von hyſteriſchen Krämpfen ergriffen wurde, den Doktor holen ließ, und endlich behauptete, daß ſie im Sterben liege, und durch das Laufen und Springen und Herbeibringen von heißen Flaſchen und das Wärmen von Flanell und das Frottiren, welches erfolgte, entſtand eine ordentliche Zer⸗ ſtreuung. 5 Tom hatte jedoch in ſeinem Herzen ein Gefühl, welches ihn zu ſeinem Herrn zog; er folgte ihm betrübt,und aufmerkſam, wohin er auch ging, und als er ihn ſo blaß und ſtill in Esa's Zimmer ſitzen und ihre kleine Bibel vor ſeine Augen halten ſah, obgleich er keinen Buchſtaben von dem, was darin ſtand, erkannte, lag in jenem ſtillen, ſtarren, thränenloſen Blicke für Tom ein größerer Schmerz, als in allen Seufzern und Wehklagen Marien's. Nach wenigen Tagen war die Familie St. Clare's wieder in der Stadt. Auguſtin ſehnte ſich mit der Ruheloſigkeit des Schmerzes nach andern Um⸗ gebungen, um den Strom ſeiner Gedanken in ein anderes Bett zu leiten. Sie verließen alſo das Haus und den Garten mit ſeinem kleinen Grabe und kehrten nach New⸗Orleans zurück; St. Clare ging geſchäftig in den Straßen umher und bemühte ſich die Leere in ſeinem Herzen durch Haſt und Eile und Ortsver⸗ änderung auszufüllen; und Leute, die ihn auf der Straße ſahen oder im Kaffeehauſe trafen, erkannten ſeinen Verluſt nur an dem Trauerflor um ſeinen Hut, denn er lächelte und plauderte und las die Zeitung und ſprach von Politik und beſorgte Geſchäftsſachen, und Niemand ahnete, daß dieſe ganze lächelnde Außenſeite nur eine hohle Schale über einem Herzen bildete, das ein dunkles, ſtummes Grab war. „St. Clare iſt ein ſonderbarer Mann,“ ſagte Marie in klagendem Tone zu Miß Ophelia;„ich habe ſonſt geglaubt, daß, wenn er irgend ein Weſen auf Erden liebe, es unſere gute, kleine Cva geweſen ſei, aber er ſcheint ſie ſehr leicht 21¹9 u vergeſſen. Ich kann ihn nicht dazu bringen, nur von ihr zu ſprechen. Ich , wirklich gedacht, daß er mehr Gefühl zeigen würde.“ „Stille Waſſer ſind tief, pflegt man zu ſagen,“ antwortete Miß Ophelia orakelartig. „O, ich glaube nicht an dergleichen Dinge, es ſind nichts als hohle Redens⸗ arten; wenn die Menſchen Gefühl haben, ſo zeigen ſie es— ſie können nicht anders, aber es iſt freilich ein großes Unglück, Gefühl zu haben. Viel lieber möchte ich wie St. Clare geſchaffen ſein; meine Gefühle nagen zu ſehr an mir.“ „O, Miſſis, Mr. St. Clare iſt wie ein Schatten geworden, die Leute ſagen, daß er nie etwas ißt!“ ſagte Mammy;„ich weiß, daß er Miß Eva nicht ver⸗ eſſen hat; ich weiß, daß es Keiner könnte— das liebe, kleine, ſelige Geſchöpf!“ ügte ſie, ſich die Augen trocknend hinzu. „Nun, auf alle Fälle hat er keine Rückſicht für mich,“ entgegnete Marie; „aber er hat kein theilnehmendes Wort geſprochen, und er muß wiſſen, daß eine Mutter viel ſtärker fühlt, als es irgend ein Mann im Stande iſt.“ „Das Herz kennt allein ſeinen Schmerz,“ ſagte Miß Ophelia ernſt. „Das denke ich eben auch. Ich weiß genau, was ich fühle, aber ſonſt ſcheint es kein Menſch zu wiſſen. Eva wußte es; aber ſie iſt fort!“ ſeufzte Marie, lehnte ſich auf ihr Ruhebett zurück und begann troſtlos zu ſchluchzen. Marie war eine von den unglücklichen Sterblichen, in deren Augen alles Verlorene, Verſchwundene einen Werth annimmt, welchen es zur Zeit ſeines Beſitzes nie gehabt hatte. Was ſie beſaß, ſchien ſie nur zu dem Zweck zu be⸗ trachten um Fehler daran zu entdecken. Sobald es aber einmal verloren war, kannte der Werth, welchen ſie ihm beimaß, keine Grenzen. Während dieſes Geſpräch in dem Wohnzimmer ſtattfand, wurde in St. Clare's Bibliothek ein anderes gehalten. Tom, der ſeinen Herrn ſtets ruhig beobachtete, hatte ihn vor einigen Stun⸗ den in ſeine Bibliothet gehen ſehen, und nachdem er vergeblich auf ſein Heraus⸗ kommen gewartet, ſich endlich entſchloſſen, ſich darin etwas zu thun zu machen. Er trat leiſe ein. St. Clare lag am andern Ende des Zimmers auf dem Sopha; er lag auf dem Geſicht und Cva's Bibel in einiger Entfernung offen vor ihm. Tom ſchritt zu ihm heran und blieb aih Sopha ſtehen. Er zauderte und während er noch daſtand, richtete ſich St. Clare plötzlich auf— das treue, ſchmerzerfüllte Antlitz mit ſeinem flehenden Ausdruck voll Liebe und Theilnahme ſiel ſeinem Herrn auf. Er legte ſeine Hände auf die des braven Tom und neigte ſeine Stirn darüber. „D Tom, mein Alter, die ganze Welt iſt leer wie eine Eierſchale!“ „Ich weiß es, Maſter, ich weiß es,“entgegnete Tom;„aber wenn der Ma⸗ ſter nur aufblicken könnte— dort hinauf, wo unſere theure Miß Eva iſt!— hinauf zu dem lieben Herrn Jeſus.“ „Ach Tom, ich blicke hinauf aber das Traurige dabei iſt, daß ich nichts ſehe, wenn ich es thue. Ich wollte, ich könnte es.“ Tom ſeufzte tief auf. „Es ſcheint nur Kindern und armen braven Menſchen wie Dir gegeben zu ſein, zu ſehen, was wir nicht erblicken können,“ fuhr St. Clare fort.„Wie kommt das?“ „Du haſt Dich vor den Weiſen und Klugen verborgen und Dich den Un⸗ mündigen offenbart,“ murmelte Tom. „Tom, ich glaube nicht— ich kann nicht glauben, ich habe die Gewohn⸗ heit des Zweifelns angenommen,“ ſagte St. Clare;„ich möchte an dieſe Bibel glauben, und ich kann es nicht.“ — 6 „Lieber Maſter, beten aus meinem Unglauben.“ „Wer weiß irgend Etwas von irgend Etwas?“ ſprach St. Clare mit träu⸗ meriſch umherſchweifendem Blicke vor ſich hin;„war alle jene ſchöne Liebe und jener Glaube nur eine von den ſtets wechſelnden Erſcheinungen des menſchlichen Gefühls, das auf nichts Wirklichem beruht und mit dem letzten Hauche des klei⸗ nen Weſens verſchwand? und giebt es keine Eva mehr?— keinen Himmel— keinen Chriſtus— gar nichts?“ „O lieber Maſter, das iſt Alles vorhanden— ich weiß es ich bin deſſen ge⸗ wiß,“ erwiderte Tom, indem er auf die Knie fiel.„Bitte, bitte, lieber Maſter, glauben Sie es!“ „Woher weißt Du, daß es einen Chriſtus giebt, Tom?— Du haſt den Herrn nie geſehen.“ „Ich habe ihn in meiner Seele gefühlt; ich fühle ihn auch jetzt; o Maſter, als ich von meiner Frau und den Kindern hinwegverkauft wurde, war mir das Herz beinahe gebrochen; es war mir, als ob es nichts mehr gäbe, und dann ſtand der gute Herr mir bei und ſagte: Sei ohne Furcht, Tom!— und er brachte Licht und Freude in die Seele eines Armen— er machte Alles voll Frie⸗ den, und ich bin ſo glücktich und liebe Alle und fühle mich willig des Herrn zu ſein und den Willen des Herrn geſchehen zu laſſen, und da zu ſtehen, wohin mich der Herr ſetzen will. Ich weiß, daß es nicht von mir kommen konnte, denn ich bin ein armes, elendes Geſchöpf. Es kommt von dem Herrn, und ich weiß, daß er bereit iſt, dem Maſter zu helfen.“ Tom ſprach mit reichlich ſtrömenden Thränen und erſtickter Stimme. St. lehnte den Kopf auf ſeine Schulter und drückte die rauhe, treue ſchwarze and. „Tom, Du liebſt mich!“ ſagte er. „Ich bin bereit, mein Leben noch heute zu laſſen, wenn der Maſter dadurch ein Chriſt werden könnte.“ „Armer thörichter Menſch!“ ſagte St. Clare, indem er ſich aufrichteteß „ich bin der Liebe eines guten, redlichen Herzens wie das Deine nicht werth.“ „D, Maſter, es giebt noch Andere als mich, die Sie lieben!— der Herr Jeſus liebt Sie.“ „Wie kannſt Du das wiſſen?“ fragte St. Clare. „Ich fühle es in meiner Seele. Maſter, die Liebe zum Herrn iſt beſſer als alles Wiſſen!“ „Seltſam!“ ſprach St. Clare ſich abwendend,„daß die Geſchichte eines Mannes, der vor achtzehnhundert Jahren gelebt hat und geſtorben iſt, auf die Menſchen noch immer ſolchen Einfluß haben kann; aber er war kein Menſch,“ fügte er plötzlich hinzu.„Kein Menſch hat je eine ſo lange lebensvolle Macht be⸗ ſeſſen. O, könnte ich nur glauben, was mir meine Mutter gelehrt hat und beten, wie ich es als Knabe gethan habe!“ „O Maſter,“ ſagte Tom,„Miß Eva hat mir dies ſo ſchön vorgeleſen. Ich wollte, der Maſter wäre ſo gut es zu leſen. Seit Miß Eva geſtorben iſt, höre ich faſt gar nichts mehr.“ Das Kapitel war das elfte im Evangelium Johannes— die rührende Er⸗ zählung von der Auferweckung des Lazarus. St. Clare las es laut und unter oftmaligem Innehalten, um die von der rührenden Geſchichte erregten Gefühle zu unterdrücken. Tom knieete mit gefalteten Händen und mit einem wie ver⸗ Klärten Ausdruck von Liebe, Vertrauen und Anbetung auf ſeinem heiteren Ge⸗ ſicht vor ihm ſie zu dem guten Herrn: Herr ich glaube! hilf mir S 221 „Tom,“ fragte ſein Herr;„dies Alles iſt für Dich Wirklichkeit?“ „Ich kann es geradezu ſehen, Maſter,“ erwiderte Tom. „Ich wollte, ich hätte Deine Augen.“ „Ich wollte beim lieben Gott auch, daß ſie der Maſter hätte.“ „Aber Tom, Du weißt, daß ich weit mehr Kenntniſſe beſitze als Du, wenn ich Dir nun ſagte, daß ich nicht an dieſe Bibel glaube?“ 4 Maſter,“ erwiderte Tom, indem er mit flehender Geberde die Hände erhob. „Würde es nicht Deinen Glauben einigermaßen erſchüttern, Tom?“ „Um kein Stäubchen.“ „Aber Tom, Du mußt wiſſen, daß ich mehr verſtehe als Du.“ „O Maſter, haben Sie nicht ſo eben geleſen, daß er den Unmündigen offen⸗ bart, was er den Weiſen und Klugen vorenthält?— aber der Maſter hat ſicher⸗ lich nicht im Ernſt geſprochen!“ meinte Tom beſorgt. „Nein, Tom, das habe ich auch nicht. Ich bin kein Ungläubiger, ich denke, daß Grund vorhanden iſt, um zu glauben und dennoch thue ich es nicht. Es iſt eine ſchlechte Gewohnheit, die ich angenommen habe, Tom.“ „Wenn der Maſter nur beten wollte.“ „Woher weißt Du, daß ich es nicht thue?“ „Thut es der Maſter?“ „Ich würde es thun, Tom, wenn bei meinem Gebet Jemand zugegen wäre aber wenn ich es thue, iſt es mir gerade, als ob ich in's Blaue hinaus ſpräche. Aber komm, Tom, bete Du einmal und zeige mir, wie man es machen muß.“ Tom's Herz war voll, er ſchütteke es im Gebet aus wie lange aufgedämm⸗ tes Waſſer; ſo viel war klar, Tom glaubte, daß Jemand ihn höre, mochte er an⸗ weſend ſein oder nicht. In der That fühlte ſich St. Clare auf dem Strome ſeines Glaubens und Gefühls faſt bis an die Pforten jenes Himmels, dem er ſich ſo lebhaft vorzuſtellen ſchien, getragen; es war als ob es ihm Eva näher bringe. „Ich danke Dir, mein Alter,“ ſagte er, als Tom ſich erhob;„ich höre Dich gern, Tom, aber jetzt geh und laß mich allein; ein anderes Mal werde ich mehr mit Dir ſprechen.“ Tom verließ ſchweigend das Zimmer. 27. Wiedervereinigung. In dem St. Clare'ſchen Hauſe verging eine Woche nach der andern und die Wellen des Lebens nahmen da, wo jenes kleine Schifflein untergegangen war, ihren gewöhnlichen Lauf wieder an. Wie gebieteriſch, wie kalt bewegt ſich ohne Rückſicht auf jegliches Gefühl, der harte, kalte, unintereſſante Lauf der täglichen Wirklichkeiten weiter! Wir müſſen fortwährend eſſen und trinken und ſchlafen und wieder erwachen— und fortwährend handeln, kaufen, verkaufen, Fragen ſtellen und beantworten— kurz tauſenderlei Schatten verfolgen, wenn auch jedes Intereſſe an ihnen verſchwunden iſt— die kalte mechaniſche Gewohnheit des Lebens bleibt zurück, ſelbſt nachdem alles Intereſſe daran entflohen iſt. Alle Intereſſen und Hoffnungen im Leben St. Clare's hatten ſich ſeiner un⸗ bewußt auf dieſes Kind concentrirt; für Eva hatte er ſein Vermögen verwaltet, für Eva hatte er Pläne zur Eintheilung ſeiner Zeit gemacht, und Dieſes und Jenes für Eva zu thun— für ſie zu kaufen, zu verbeſſern, zu ändern, zu ordnen oder über etwas zu verfügen— war ſo lange ſeine Gewohnheit geweſen, daß jetzt ſeit ſie fort war, für ihn nichts mehr zu denken und nichts mehr zu thun zu ſein ſchien. 2 222 Allerdings gab es noch ein anderes Leben— ein Leben, welches, wenn man einmal daran glaubt, als eine feierliche bedeutſame Zahl vor den ſonſt bedeu⸗ tungsloſen Nullen der Zeit ſteht und ſie in Ausdrücke eines geheimnißvollen unſchätzbaren Werthes verwandelt. St. Clare wußte dies recht wohl, und er hörte oft in trüben Stunden jene zarte kindliche Stimme ihn nach dem Himmel rufen und ſah, wie die kleine Hand ihm den Weg des Lebens andeutete; aber auf ihm laſtete ein ſchwerer Schmerz— er konnte ſich nicht erheben— er hatte eine von den Naturen, welche religiöſe Dinge durch ihre eigenen Wahrnehmungen und Inſtinkte beſſer und deutlicher zu erfennen vermögen, als ſo viele praktiſche Chriſten. Die Gabe, die feineren Schattirungen und Verhältniſſe der moraliſchen Dinge zu unterſcheiden und die Fähigkeit ſie zu fühlen, ſcheinen oft Eigen⸗ thümlichkeiten Derjenigen zu ſein, deren ganzes Leben eine ſorgloſe Gleichgültig⸗ keit dagegen zeigten. So ſprechen Moore, Byron und Göthe oftmals Worte, die das wahre religiöſe Gefühl treffender beſchreiben als irgend ein anderes menſchliches Weſen, deſſen ganzes Leben davon geleitet wird, es vermöchte. Bei ſolchen Geiſtern iſt die Geringſchätzung der Religion ein ſchändlicher Verrath— eine ſchwere Sünde. St. Clare hatte nie darauf Anſpruch gemacht, ſich durch irgend eine religiöſe Verbindlichkeit leiten zu laſſen und ſein gebildeter Verſtand verlieh ihm eine ſolche inſtinktmäßige Idee von dem Umfange der Erforderniſſe des Chriſtenthums, daß er vor dem zurückbebte, was, wie er fühlte, die Anforderungen ſeines eigenen Gewiſſens ſein würden, wenn er ſich einmal entſchließen ſollte, ſie anzuerkennen, denn die menſchliche Natur iſt beſonders im Idealen ſo verkehrt, daß es ihr beſſer dünkt, nichts zu unternehmen als etwas zu verſuchen und esnicht durchzuführen. St. Clare war jedoch in mehr als einer Beziehung ein anderer Menſch ge⸗ worden; er las die Bibel ſeiner kleinen Eva mit Ernſt und Aufmerkſamkeit; er dachte ruhiger und praktiſcher über ſein Verhältniß zu ſeiner Dienerſchaft nach, — hinlänglich um ihn ſowohl mit ſeinem früheren wie mit ſeinem gegenwär⸗ tigen Leben höchſt unzufrieden zu machen— und bald nach ſeiner Rückkehr nach New⸗Orleans begann er die nöthigen geſetzlichen Schritte zur Freigebung Tom's, die, ſobald die üͤblichen Formalitäten erfüllt waren, erfolgen ſollte. Mittler⸗ weile aber gewann er Tom mit jedem Tage lieber. In der ganzen weiten Welt ab es nichts, was ihn mehr als dieſer an Eva erinnerte und er beſtand darauf, ihn fortwährend um ſich zu haben und ſo verſchloſſen er auch in Bezug auf ſeine tieferen Gefühle war, konnte man doch ſagen, daß er gegen Tom beinahe laut dachte. Wer den Ausdruck der Liebe und Ergebenbeit, womit Tom ſeinem jungen Herrn beſtändig folgte, geſehen hätte, wuͤrde ſich hierüber auch kaum gewun⸗ dert haben. „Nun Tom,“ ſagte St. Clare den Tag darauf, nachdem er die geſetzlichen Formalitäten zu ſeiner Emancipation eingeleitet hatte;„ich will Dich zu einem freien Manne machen; packe alſo Deinen Koffer und mache Dich zum Aufbruch nach Kentucky bereit.“ Der plötzliche Strahl von Freude, welcher in Tom's Geſicht aufblitzte, als er ſeine Hände zum Himmel erhob, und ſein inniges:„Gott ſei gelobt!“ brachte St. Clare einigermaßen aus der Faſſungz es gefiel ihm nicht, daß Tom ſo bereit war, ihn zu verlaſſen. „Du haſt es hier nicht ſo ſehr ſchlecht gehabt, daß Du urſache hätteſt, Dich ſo zu freuen, Tom!“ ſagte er trocken⸗ „Nein, nein, Maſter— das iſt es nicht!— daß ich ein freier Mann werde, das iſt es, worüber ich mich freue.“ 223 „Ei Tom, meinſt Du nicht, daß Du für Deine Perſon es ſo beſſer haſt, als wenn Du frei wäreſt?“ „Nein, gewiß nicht, Mr. St. Clare,“ erwiderte Tom mit feuriger Ener⸗ gie;„nein, wahrlich nicht!“ „Du hätteſt mit Deiner Arbeit doch nicht ſolche Kleider und ein ſolches Leben, wie Du bei mir genießeſt, verdienen können.“ „Das weiß ich Alles, Maſter St. Clare. Der Maſter iſt nur zu gutgeweſen; aber ich will lieber geringe Kleider, ein geringes Haus, Alles geringe haben, wenn es mein iſt, als das Beſte, wenn ich es von einem Andern erhalte. Ich denke, das iſt ganz natürlich, Maſter.“ „Das glaube ich wohl, Tom, und in ein oder ein paar Monaten wirſt Du fortgehen und mich verlaſſen,“ fügte er ziemlich unzufrieden hinzu;„es wird freilich kein Menſch einſehen, warum Du es nicht thun ſollteſt,“ fagte er in heiterem Tone, indem er aufſtand und im Zimmer auf und abzugehen begann. „Ich thue es nicht, ſo lange der Maſter in Noth iſt,“ ſagte Tom;„ich bei Maſter bleiben ſo lange er mich braucht, ſo lange ich ihm von Nutzen ein kann.“ „Nicht, ſo lange ich in Noth bin, Tom?“ fragte St. Clare, indem er Fi aus dem Fenſter blickte,„und wann wird meine Noth vor⸗ über ſein?“ „Wenn Mr. St. Clare ein Chriſt ſein wird,“ antwortete Tom. „Und du willſt wirklich bei mir bleiben, bis dieſer Tag kommt?“ fragte St. Clare halb lächelnd, und er wendete ſich vom Fenſter ab und legte ſeine Hand auf Tom's Schulter.„Ach Tom, Du gute treue Seele, ich will Dich nicht bis zu dem Tage feſthalten. Geh heim zu Frau und Kindern und grüße ſie Alle von mir.“ „Ich habe den Glauben, daß der Tag kommen wird,“ ſagte Tom ernſt und mit Thränen in den Augen;„der Herr hat Arbeit für den Maſter.“ „Arbeit?“ meinte St. Clare.„Nun, Tom, theile mir Deine Anſichten über die Art dieſer Arbeit mit; laß hören.“ „Selbſt ein armer Burſche wie ich hat Arbeit vom Herrn, und Mr. St. Clare, der Gelehrſamkeit und Reichthum und Freunde beſitzt— wie viel könnte er für den Herrn thun!“ „Tom, Du ſcheinſt zu denken, daß der Herr ſehr viel für ſich gethan zu haben wünſcht,“ ſagte St. Clare lächelnd. „Wir wirken für den Herrn, wenn wir für ſeine Geſchöpfe wirken!“ ant⸗ wortete Tom. Hier wurde das Geſpräch durch die Anmeldung von Beſuchen unterbrochen. Marie St. Clare fühlte Eva's Verluſt ſo tief, wie ſie nur immer etwas zu fühlen vermochte, und da ſie eine Frau war, welche ein großes Talent vozu beſaß, Jedermann unglücklich zu machen, wenn ſie es war, ſo hatten ihre unmittelbaren Umgebungen noch ſtärkeren Grund, den Verluſt ihrer jungen Herrin zu bedauern, deren gewinnende Weiſe und ſanfte Fürſprache ihnen ſo oft ein Schild gegen die tyranniſchen und ſelbſtſüchtigen Anforderungen ihrer Mutter geweſen war. Be⸗ ſonders die arme alte Mammy, deren von allen häuslichen Banden losgeriſſenes Herz ſich mit dieſem Einen ſchönen Weſen getröſtet hatte, war ganz zu Voden gedrückt. Sie weinte Tag und Nacht und war im Uebermaße ihres Kummers bei ihren Dienſtleiſtungen weniger geſchickt und rüſtig, als gewöhnlich, was uf ihr ſchutzloſes Haupt einen fortwährenden Sturm von Scheltworten her⸗ abzog. Miß Ophelia fühlte den Verluſt, aber in ihrem guten, rechtſchaffenen Her⸗ 224 in trug er Früchte für das ewige Leben. Sie war milder und ſanfter, und wenn ie auch alle Pflichten noch mit der gleichen Aufmerkſamkeit erfüllte, ſo that ſie es doch mit einem ruhigeren, ſtilleren Weſen, wie eine Perſon, welche nicht ver⸗ gebens mit ihrein Herzen zu Rathe gegangen iſt. Sie war ſleißiger in den Be⸗ lehrungen, welche ſie Topſy ertheilte— lehrte ihr hauptſächlich aus der Bibel — ſcheute ſich nicht mehr vor ihrer Berührung und gab keinen ſchlecht unter⸗ drückten Ekel zu erkennen, weil ſie wirklich keinen empfand. Sie betrachtete ſie jetzt durch das gemilderte Medium, welches ihr Eva's Hand zuerſt vor die Augen gehalten hatte und erblickte in ihr nur ein unſterbliches Weſen, welches Gott herabgeſendet, um von ihr zur Seligkeit und Tugend geführt zu werden. Topſy wurde nicht ſogleich eine Heilige, aher däs Leben und der Tod Eva's brachten eine auffallende Veränderung in ihr hervor. Die verſtockte Gleichgültigkeit war verſchwunden, ſie zeigte jetzt Gefühl, Hoffnung, Wünſche und ein Streben nach dem Guten— ein unregelmäßiges und oft unterbrochenes Streben, das aber immer wieder erneuert wurde. Eines Tages als Miß Ophelia Topſy hatte rufen laſſen, verbarg ſie beim Eintreten haſtig etwas im Buſen. „Was thuſt Du da, Du Teufelsbrut? ich bin überzeugt, daß Du wieder etwas geſtohlen haſt!“ rief vie gebieteriſche kleine Roſa, welche abgeſendet wor⸗ den war, um ſie zu rufen, indem ſie ſie unſanft am Arme erfaßte. „Laß mich zuftieden, Roſa,“ ſagte Topſy ſich loßreißend;„was ich thue, geht Dich nichts an.“ „Sei nicht unverſchämt!“ rief Roſa;„ich habe geſehen, wie Du etwas verſteckteſt— ich kenne Deine Streiche!“ Und Roſa erfaßte ihren Arm von Neuem und verſuchte es ihr in den Buſen zu greifen, während Topſy wüthend um ſich ſchlug und für das, was ſie als ihre Rechte betrachtete, tapfer kämpfte. Geſchrei und Getümmel der Schlacht zogen Miß Ophelia und St. Clare erbei. „Sie hat geſtohlen,“ ſagte Roſa. „Nein, das habe ich nicht gethan!“ rief Topſy ſchluchzend. „Gieb es mir, was es auch ſein mag,“ befahl Miß Ophelia. Topſy zauderte, zog jedoch auf einen zweiten Befehl ein in einen alten Strumpf gewickeltes Paketchen aus ihrem Buſen. Miß Ophelia öffnete es. Es beſtand aus einem kleinen Buche, welches Topſy von Eva zum Geſchenk erhalten hatte und das für jeden Tag des Jahres einen Vers der heiligen Schrift enthielt, und in einem Papierchen die ihr an dem denkwürdigen Tage bes letzten Lebewohls gegebene Haarlocke. St. Clare wurde von dem Anblicke tief ergriffen; das kleine Buch war in einen langen ſchwarzen Kreppſtreifen, den ſie von ihrem Begräbnißkleide abge⸗ riſſen hatte, gewickelt. „Weshalb haſt Du dies um das Buch gewickelt?“ fragte St. Clare, indem er den Krepp emporhielt. „Weil— weil— weil er von Miß Eva war. O nehmen Sie mir die Sachen nicht!“ fügte ſie hinzu, ſetzte ſich auf den Voden, ſchlug die Schürze über ihren Kopf und begann heftig zu ſchluchzen. Es war ein merkwürdiges Gemiſch von Rührendem und Komiſchem. Der kleine alte Strumpf,— der ſchwarze Krepp,— das Spruchbuch,— die blonde weiche Locke— und Topſy's bitterliches Weinen. St. Clare lächelte, aber in ſeinen Augen ſtanden Thränen, als er ſagte: „Nun, weine nicht, Du ſollſt die Sachen behalten;“ und er wickelte die⸗ —— —— 225 ſelben zuſammen, warf ſie ihr in den Schooß und zog Miß Ophelia mit ſich in das Wohnzimmer. „Ich glaube wirklich, daß Du etwas aus dem Subjekte machen kannſt,“ ſagte er, mit dem Daumen rückwärts über ſeine Schulter deutend.„Jedes eines wahren Schmerzes fähige Gemüth iſt auch zum Guten fähig. Du mußt verſuchen, etwas mit ihr anzufangen.“ „Das Kind hat ſich bedeutend gebeſſert,“ erwiderte Miß Ophelia,„ich ſetze große Hoffnungen auf ſie; aber Auguſtin,“ fügte ſie, die Hand auf ſeinen Arm legend, hinzu,„Eines möchte ich Dich fragen. Wem ſoll dieſes Kind gehören? Dir oder mir?“ 3 „Ich habe ſie Dir ja gegeben! Kſagte Auguſtin. „Aber nicht geſetzlich! ich will ſie geſetzlich beſitzen,“ entgegnete Miß Ophelia. „Oho, Couſine,“ verſetzte Auguſtin;„was wird die Abolitioniſtengeſell⸗ ſchaft denken? ſie wird einen Faſttag für dieſen Glaubensabfall anſetzen, wenn Du eine Sklaveneigenthümerin wirſt““ „Du irrſt Dich; ich verlange ſie deshalb, damit ich das Recht habe, ſie in die freien Staaten mitzunehmen und ihr die Freiheit zu geben, damit nicht Alles, was ich zu thun verſuche, wieder zerſtört werden kann.“ „Cuufine, es iſt etwas Entſetzliches, Böſes zu thun, damit Gutes daraus entſtehen möge! Ich kann meine Zuſtimmung dazu nicht geben.“ „Ich verlange nicht, daß Du ſcherzen, ſondern daß Du vernünftig denken ſollſt,“ ſagte Miß Ophelia.„Meine Bemühungen, dieſes Mädchen zu einem Chriſtenkinde zu machen, würden nutzlos ſein, wenn ich ſie nicht vor allen Wechſelfällen und Uebeln der Sklaverei behütete. Und wenn Du wirklich willſt, daß ich ſie haben ſoll, ſo verlange ich, daß Du mir eine Schenkungsurkunde oder ſonſt ein geſetzlich giltiges Dokument darüber ausſtellſt.“ „Schon gut,“ erwiderte St. Clare,„es ſoll geſchehen;“ und er ſetzte ſich nieder und entfaltete eine Zeitung um zu leſen. „Aber ich verlange, daß es jetzt geſchieht,“ ſagte Miß Ophelia. „Weshalb eilſt Du ſo?“ „Weil das Jetzt die einzige und beſte Zeit iſt, um Etwas zu verrichten,“ antwortete Miß Ophelia.„Komm, hier iſt Schreibzeug— ſtelle mir ein ſolches Dokument aus.“ St. Clare haßte, wie die meiſten Männer ſeiner Geiſtesrichtung, das Prä⸗ ſens der aktiven Zeitwörter von ganzem Herzen und war daher über Miß Ophe⸗ lia's Verlangen ſehr ungehalten. „Was ſoll das heißen?“ rief er;„kannſt Du Dich nicht mit meinem Worte begnügen? Man ſollte meinen, daß Du bei den Juden in die Schule gegangen wäreſt, da Du auf dieſe Weiſe zu Werke gehſt.“ „Ich will der Sache gewiß ſein,“ ſagte Miß Ophelia.„Du kannſt ſterben oder bankerott machen, und dann wird Topſy, ohne daß ich das Mindeſte da⸗ gegen thun kann, in die Auktion geſchickt.“ „Du biſt wirklich ſehr vorſichtig. Nun, da ich in den Händen eines Yan⸗ kee's bin, wird es wohl nicht anders gehen als daß ich nachgebe!“ Und St. Elare ſchrieb ſchnell eine Schenkungsurkunde, was ihm, da er in den juriſtiſchen For⸗ men hinlänglich erfahren war, keine Mühe machte, und unterzeichnete ſeinen amen in mächtigen Kapitalbuchſtaben, worauf er Alles mit einem gigantiſchen Federzuge ſchloß. „„Da haſt Du es Schwarz auf Weiß, Miß Vermont;“ ſagte er, indem er ihr das Papier gab.„So iſts recht, verſetzte Miß Ophelia lächelnd„muß es aber nicht eine Zeugenunterſchrift haben?“ Onkel Tom's Hütte. 15 226 „O, welche Plage! Ja wohl.“ Eröffnete die in Marien's Zimmer füh⸗ rende Thür und rief:„Komm einmal her, Marie— die Cuuſine verlangt Dein Autograph; ſetze Deinen Namen hierher.“ „Was ſoll das?“ fragte Marie, indem ſie das Papier ſchnell durchlief; „lächerlich! ich hätte die Couſine wirklich für zu fromm gehalten, um dergleichen entſetzliche Dinge zu thun,“fügte ſie hinzu, indem ſie flüchtig ihren Namen dar⸗ unter ſchrieb;„aber wenn ſie zu dem Artikel Neigung hat, ſo mag ſie ihn haben.“ „Da, jetzt iſt ſie mit Leib und Seele Dein!“ ſagte St. Clare ihr das Papier reichend. „Eben ſo wenig mein wie ſie n war,“ entgegnete Miß Ophelia; „nur Gott hat das Recht ſie mir zu geben, aber ich kann ſie jetzt wenigſtens beſchützen.“ „Nun, dann iſt ſie durch eine Fiktion des Geſetzes Dein,“ ſagte St. Clare, indem er in das Zimmerzurückkehrte und ſeine Zeitung wieder zur Hand nahm. Miß Ophelia, die ſ tn lange in Marien's Geſellſchaft aufhielt, folgte ihm in das ne mer, nächdem ſie das Dokument ſorgfältig verwahrt hatte. „Auguſtin, fagte ſie plötzlich, ohne in ihrem eifrigen Stricken aufzuhören, „haſt Du ſchon für den Fall Deines Todes Vorkehrungen wegen Deiner Diener⸗ ſchaft getroffen?“ „Nein, antwortete St. Clare und las weiter. „Dann wirhſich vielleicht alle Deine Nachſicht gegen ſie dereinſt als eine ſehr große Graufümkeit erweiſen.“ St. Clare hatte ſchon oft das Nämliche gedacht, aber er antwortete nachläſſig: „Nun, ich werde nächſtens Vorkehrungen für ſie treffen.“ „Wann?“ fragte Miß Ophelia.„ „In dieſen Tagen.“ „Wie aber, wenn Du vorher ſterben ſollteſt?“ „Was haſt Du nur, Coufine?“ fragte St. Clare, indem er die Zeitung weglegte und ſie verwundert anblickte.„Meinſt Du, daß ſich Symptome vom gelben Fieber oder von der Cholera an mir zeigen, daß Du mit ſolchem Eifer Verfügungen für den Fall meines Todes treffen möchteſt?“ „Mitten im Leben ſind wir im Tode,“ erwiderte Miß Ophelia. St. Clare ſtand auf, legte die Zeitung weg und ſchritt nachläſſig zu der auf die Veranda gehenden Thür, um dem ihm unangenehmen Geſpräche ein Ende zu machen. Er wiederholte mechaniſch das letzte inhaltſchwere Wort:„Tod“ und als er am Geländer ſtehend, das glitzernde Waſſer des Springhrunnens ſteigen und fallen ſah und wie durch einen undeutlichen Nebeldunſt die Blumen und Bäume und Vaſen des Hofraumes betrachtete, wiederholte er abermals das ge⸗ it Wort, welches in jedem Munde ſo gewöhnlich iſt, und doch eine o furchtbare Gewalt beſitzt:„Tod!“ „Seltſam, daß es ein ſolches Wort giebt!“ ſagte er,„und ein ſolches Ding, und daß wir es ſtets vergeſſen, daß wir heute lebend, warm und ſchön, voll Hoffnungen, Wünſche und Bedürfniſſe, und morgen auf ewig und gänzlich verſchwunden ſein können!“ Es war ein warmer, goldener Abend und als er nach dem andern Ende der Veranda ging, ſah er Tom eifrig mit ſeiner Bibel beſchäftigt, wobei er mit dem Finger auf jedes Wort der Reihe nach deutete, und ſie mit ernſter Miene vor ſich hinflüſterte. 6 ſ ich Dir vorleſen, Tom?“ fragte St. Clare, indem er ſich neben ihn ſetzte. „Wenn der Maſter ſo gut ſein will?“ erwiderte Tum dankbar,„der Maſter macht es immer deutlicher.“ St. Clare nahm das Buch, warf einen Blick auf die Stelle und begann einen von den Verſen zu leſen, welche Tom mit ſeinen Nägelſtrichen bezeichnet hatte; er lautete wie folgt „Wenn aber des Menſchen Sohn kommen wird in ſeiner Herrlichkeit, und alle Engel mit ihm, dann wird er ſitzen auf dem Stuhle ſeiner Herrlichkeit.— Und werden vor ihm alle Völker verſammelt werden. Und er wird ſie von einander ſcheiden, gleich als ein Hirte die Schafe von den Böcken ſcheidet.“ St. Clare las mit lebhafter Stimme weiter bis er zu den letzten Verſen kam: „Dann wird er auch ſagen zu denen zur Linken: Gehet hin von uns, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet iſt dem Teufel und ſeinen Engeln. — Ich bin hungrig geweſen und Ihr habt mich nicht geſpeiſſt. Ich bin durſtig geweſen und Ihr habt mich nicht getränkt.— Ich bin ein Gaſt geweſen und Ihr habt mich nicht beherberget. Ich bin nackend geweſen und Fr habt mich nicht bekleidet. Ich bin krank und gefangen geweſen und Ihr habk mich nicht beſucht. — Da werden ſie ihm antworten und ſagen: Herr, wenn haben wir Dich ge⸗ ſehen hungrig und durſtig, oder als Gaſt, oder nackend, oder krank, oder ge⸗ fangen und haben Dir nicht gedienet?— Dann wird er ihnen antworten und ſagen: Wahrlich ich ſage Euch, was Ihr nicht gethan habt einem unter dieſen Geringſten, das habt Ihr mir auch nicht gethan.“ St. Clare ſchien von der letzten Stelle erſchüttert zu werden, denn er las ſie zweimal— das zweitemal langſam und als ob er die Worte überlege. „Tom,“ ſagte er,„die Leute, die hier ſo hart mitgenommen werden, ſcheinen ganz daſſelbe gethan zu haben wie ich— ſie ſcheinen ein gutes, behag⸗ liches, reſpektables Leben geführt und ſich nicht die Mühe genommen zu haben, ſich zu erkundigen, wie viele von ihren Brüdern hungrig oder durſtig, vder krank, oder gefangen geweſen ſind.“ Tom antwortete nicht. St. Clare ſtand auf ging nachdenklich in der Veranda auf und ab; er ſchien über ſeine Gedanken Alles zu vergeſſen und war ſo tief in dieſelben ver⸗ ſunken, daß Tom ihn zweimal daran erinnern mußte, daß die Glocke zum Thee gerufen habe, ehe er ſeine Aufmerkſamkeit erregen konnte. St. Clare war die ganze Theezeit über zerſtreut und nachdenklich; nach dem Thee kehrte er mit Marien und Miß Ophelia faſt ſtumm in das Wohnzimmer zurück. Marie legte ſich auf ein Ruhebett unter einem ſeidenen MWoskitovorhange und ſank bald in tiefen Schlaf. Miß Ophelia beſchäftigte ſich ſchweigend mit ihrem Strickſtrumpfe. St. Clare ſetzte ſich an den Flügel und begann eine ſanfte, wehmüthige Melodie mit Begleitung des Aeolsharfenpedals zu ſpielen. Er ſchien in tiefen Träumen zu ſein und durch die Muſik ein Geſprach mit ſich ſelbſt zu halten. Nach einiger Zeit öffnete er einen von den Kommodenkäſten, nahm ein altes Notenbuch, deſſen Blätter von der Zeit vergilbt waren, heraus und begann es durchzuſehen. „Hier,“ ſagte er zu Miß Ophelia,„dies war eines von den Büchern meiner Mutter, und das iſt ihre Handſchrift; komm und ſieh ſie an. Dies hatte ſie nach Mozart's Requiem copirt und arrangirt.“ Miß Ophelia kam herbei. „Es waren Worte die ſie oft zu ſingen pflegte,“ fuhr St. Clare fort;„es iſt mir, als ob ich ſie noch jetzt hörte.“ . 15* habene„Dies iras“ zu ſingen. Tom, der ſich in der äußern Veranda aufhielt, wurde von den Tönen an die Thür gelockt, wo er aufmerkſam lauſchend ſtehen blieb. Natürlich verſtand er die Worte nicht, aber die Muſik und die Art des Geſanges ſchienen einen ſtarken Eindruck auf ihn zu machen, beſonders wenn St. Clare vie pathetiſcheren Theile ſang. Tom würde noch herzlicher mit ihm ſympathiſirt haben, wenn er die Be⸗ deutung der ſchönen Worte gekannt hätte: „Recordare, Jesu pie Quaerens me sedisti lassus, Puod sum caussa tuae viae, Redemisti erucem passus, Ne me perdas illa die: Panſus labor non sit cassus.“ St. Clare legte einen tiefen, innigen Ausdruck in die Worte, denn der Nebelſchleier der Jahre ſchien hinweggezogen worden zu ſein und er glaubte die Stimme ſeiner Mutter in Verbindung mit der ſeinen zu hören. Stimme und Inſtrument ſchienen zu leben und gaben mit warmer Sympathie die Töne wieder, welche der unſterbliche Mozart als ſeinen eigenen Schwanengeſang gedichtet hat. Nachdem St. Clare mit dem Geſange zu Ende war, ſaß er, den Kopf auf die Hand geſtützt, einige Augenblicke da und begann darauf im Zimmer auf und ab zu gehen. Sein Geſicht war mit einem trüben, träumeriſchen Ausdrucke übergoſſen. „Ich weiß nicht was mich heute Abend ſo ſehr auf den Gedanken an meine Mutter bringt,“ ſagte er;„ich habe ein ſeltſames Gefühl, als ob ſie mir nahe wäre. Ich denke beſtändig an Dinge, die ſie zu ſagen pflegte. Es iſt ſonderbar, daß uns dergleichen vergangene Umſtände zuweilen ſo lebhaft vor dem Geiſte ſtehen!“ St. Clare ging noch einige Minuten im Zimmer auf undab und ſagte dann: Ich werde noch einige Augenblicke auf die Straße hinuntergehen und hören was es Neues giebt.“ Er nahm ſeinen Hut und verließ das Haus. Tom folgte ihm bis zu dem aus dem Hofe führenden Thore und fragte, ob er ihn begleiten ſolle. „Nein, mein Alter,“ ſagte St. Clare„ich werde in einer Stunde wieder zurück ſein.“ Tom ſetzte ſich unter der Veranda nieder. Es war ein ſchöner mondheller Abend und er betrachtete das Steigen und Fallen und Schäumen des Spring⸗ hrunnens und lauſchte auf deſſen Geplätſcher. Tom dachte an ſeine Heimath und daß er bald ein freier Mann ſein werde und, wenn er wolle, dorthin zurück⸗ kehren könne. Er freute ſich ſchon darauf, wie er arbeiten wollte, um ſeine Frau und Kinder loszukaufen. Er befühlte die Muskeln ſeiner kräftigen Arme mit einer Art von Vergnügen, als denke er, daß ſie bald ihm ſelbſt gehören würden und wie viel ſie thun könnten, um die Freiheit ſeiner Familie zu erlangen. Dann dachte er an ſeinen edeln jungen Herrn und betete für ihn wie immer, dann gin⸗ gen ſeine Gedanken auf die ſhön⸗ Cva über, die er ſich jetzt unter den Engeln dachte, und er verſenkte ſich in dieſe Idee bis es ihm faſt vorkam, als ob das ſtrahlende Geſicht und goldene Haar aus dem Schaume des Springbrunnens ihm zulächelte. Und unter dieſen Träumereien ſchlief er ein und es war ihm als o ſie ganz wie ſonſt mit einem Jasminzweige im Haar, mit gerötheten Wangen und von Freude ſtrahlenden Augen auf ihn zuſpringe; während er aber noch hinſah, ſchien ſie ſich vom Boden zu erheben, ihre Wangen hatten eine bleichere Färbung, ihre Augen einen tiefen himmliſchen Glanz, eine goldene Glorie ſchien ihr Haupt zu umgeben, ſie entſchwand ſeinen Blicken und Tom wurde durch ein lautes Klopfen und den Schall vieler Stimmen an der Thür geweckt. Er ſchlug einige majeſtätiſche Akkorde an und begann lateiniſch das alte er⸗ * — 229 Er eilte zu öffnen und mit gedämpften Stimmen und ſchwerem Schritt traten mehrere Männer, die einen in einem Mantel gehüllten und auf einem Fenſterladen liegenden Körper trugen. Das Licht der Lampe fiel auf das Geſicht und Tom ſtieß einen wilden Schrei des Entſetzens und der Verzweiflung aus, der durch das ganze Haus widerhallte, als die Männer mit ihrer Laſt nach der offenen Thür des Wohnzimmers ſchritten, in welchem Miß Ophelia noch mit Stricken beſchäftigt ſaß.„ St. Clare war in ein Kaffeehaus gegangen, um eine Abendzeitung zu leſen. Während er darin las, erhob ſich ein Streit zwiſchen zwei halb betrun⸗ kenen Männern im Zimmer. St. Clare und einige Andere machten einen Verſuch ſie zu trennen und St. Clare erhielt dabei mit einem Bowiemeſſer, welches er dem Einen von ihnen abzuringen verſuchte, einen tödtlichen Stich in die Seite. Das Haus war voll Geſchrei und Wehklagen, die Dienerſchaft riß ſich wie raſend das Haar aus, warf ſich auf den Boden oder lief verzweiflungsvoll jam⸗ mernd umher. Nur Tom und Miß Ophelia ſchienen noch einige Geiſtesgegen⸗ wart zu bewahren, denn Marie lag in heftigen hyſteriſchen Krämpfen. Auf Miß Ophelia's Weiſung wurde eiligſt ein Sopha im Zimmer zurecht gemacht und der blutende Körper darauf gelegt. St. Clare war vor Schmerz und Blut⸗ verluſt in Ohnmacht geſunken; als aber Miß Ophelia Belebungsverſuche an⸗ wendete, kam er wieder zu ſich ſchlug die Augen auf und ließ den Blick im Zim⸗ mer umher ſchweifen, bis er endlich auf dem Portrait ſeiner Mutter ruhte. Jetzt kam der Arzt und ſtellte ſeine Unterſuchung an; der Ausdruck ſeines Geſichts verkündete augenſcheinlich, daß keine Hoffnung vorhanden ſei, aber er verband die Wunde, und er verrichtete mit Miß Ophelia's und Tom's Beiſtande efaßt dieſe Arbeit unter dem Schluchzen und Jammern der entſetzten Diener⸗ ſchaft, die ſich um die Thüren und Fenſter der Veranda drängte. „Nun müſſen wir alle dieſe Leute fortſchicken,“ ſagte der Arzt,„es hängt Alles davon ab, daß der Verwundete ruhig gehalten wird.“ St. Clare öffnete die Augen und blickte ſtarr auf die bekümmerten Leute, welche Miß Ophelia und der Arzt aus dem Zimmer zu drängen verſuchten. „Die armen Geſchöpfe!“ ſagte er, und ein Ausdruck bitteren Selbſtvor⸗ wurfs zog über ſein Geſicht. Adolph weigerte ſich entſchieden zu gehen. Das Entſetzen hatte ihn aller Geiſtesgegenwart beraubt, er warf ſich auf den Boden und nichts vermochte ihn zum Aufſtehen zu bewegen. Die Uebrigen gaben Miß Ophelia's dringenden Vorſtellungen, daß die Rettung ihres Herrn von ihrem ruhigen Verhalten und ihrem Gehorſam abhänge, nach. St. Clare konnte nur wenig ſprechen; er lag mit geſchloſſenen Augen da, aber es war unverkennbar, daß er mit bitteren Gedanken kämpfte. Nach einiger Zeit legte er ſeine Hand auf die des neben ihm knieenden Tom und ſagte: „Tom! armer Alter!“ „Was, Maſter?“ fragte Tom ernſt. „Ich ſterbe,“ ſagte St. Clare ihm die Hand drückend,„bete!“ „Wenn Sie einen Geiſtlichen zu haben wünſchen“— begann der Arzt. 8 ſchüttelte den Kopf und ſagte abermals noch dringender: „Bete!“ Und Tom betete mit allen ſeinen Geiſteskräften für die Seele, welche die Erde verlaſſen ſollte, die Seele, die ſo wehmüthig aus den großen, matten blauen Augen auf zu blicken ſchien. Als Tom zu ſprechen aufhörte, ſtreckte St. Clare die Hand aus und ergriff, ihn ernſt anblickend, aber ohne ein Wort zu ſagen, die ſeine; er ſchloß die Augen, ließ ihn aber immer noch nicht los, denn an den Pforten der Ewigkeit halten die ſchwarze und die weiße Hand einander mit und gebrochen vor ſich hin: „Recordare, Jesu pie“—„Ne me perdas— illa die Quaerens me— sedisti lassus.“ Offenbar zogen ihm die Worte, welche er an jenem Abend geſungen hatte— Worte des Flehens an den Allbarmherzigen— vor dem Geiſte vorüber. Seine Lippen bewegten ſich in Zwiſchenräumen, als die abgebrochenen Theile der Hymne ihnen entfielen. „Er phantaſirt!“ ſagte der Arzt. „Nein! er geht endlich heim!“ ſagte St. Clare laut und vernehmlich, „endlich! endlich!“ gleicher Innigkeit. Er murmelte leiſe Die Anſtrengung des Sprechens erſchöpfte ihn; der bleiche Schatten des Todes ſenkte ſich auf ihn herab, mit ihm aber verbreitete ſich über ſein blaſſes Geſicht auch ein ſchöner Ausdruck des Friedens, gleich dem eines müden ſchlum⸗ mernden Kindes. So lag er auf einige Augenblicke da. Man ſah, daß die unerbittliche Hand auf ihm ruhte. Kurz ehe der Geiſt entfloh öffnete er die Augen mit einem plötz⸗ lichen Ausdrucke der Freude und des Erkennens, und flüſterte:„Mutter!“ und war nicht mehr. 28. Die Schutzloſen. Wir hören oft von dem Schmerze der Negerdiener beim Verluſt eines gů⸗ tigen Herrn und zwar mit gutem Grunde, denn es giebt kein ſchutzloſeres und verlaſſeneres Geſchöpf als den Sklaven unter dieſen ümſtänden. Das Kind, welches ſeinen Vater verloren hat, befindet ſich immer noch un⸗ ter dem Schutze ſeiner Freunde und des Geſetzes, es iſt etwas und kann etwas thun— es beſitzt anerkannte Rechte und eine Stellung; der Sklave aber von alle dem nichts. Das Geſetz betrachtet ihn in jeder Hinſicht als eben ſo rechtlos wie einen Waarenballen. Das einzige mögliche Zugeſtändniß der Wünſche und Bedürfniſſe eines menſchlichen und unſterblichen Weſens, welches ihm zu Theil wird, kommt ihm durch den ſouveränen, unverantwortlichen Willen ſeines Herrn zu, und wenn ſein Herr dahingeſchieden iſt, bleibt ihm nichts mehr. Die Zahl Derer, welche eine unumſchränkte Gewalt menſchlich und groß⸗ müthig auszuüben wiſſen, iſt ſehr gering. Das weiß Jedermann, und der Sklave am beſten. Er fühlt daher, daß zehn Wahrſcheinlichkeiten dafür ſind, einen har⸗ ten tyranniſchen Herrn, und nur eine, einen gütigen zu finden. Deshalb iſt ſeine Trauer um einen guten Herrn ſo heftig und anhaltend. Als St. Clare ſeinen letzten Seufzer ausgehaucht hatte, bemächtigte ſich ſeines ganzes Hauſes Schrecken und Beſtürzung; er war in einem Augenblicke in der Blüthe und Kraft ſeiner Jugend hingerafft worden. Alle Zimmer und Galerieen des Hauſes hallten von Schluchzen und Jammergeſchrei wieder. Marie, deren Nervenſyſtem durch eine beſtändige Verzärtelung geſchwächt worden war, beſaß nichts, was ſie in der Erſchütterung aufrecht erhalken konnte und ſank zu der Zeit, wo ihr Gatte ſeine Seele aushauchte, aus einer Ohnmacht in die andere. So verließ der Mann, mit dem ſie durch das geheimnißvolle Band der Ehe verbunden geweſen war, ſie auf ewig und ohne ein einziges Wort des Abſchiedes. Miß Ophelia war mit charakteriſtiſcher Selbſtbeherrſchung und Kraft bis zum letzten Augenblicke bei ihrem Vetter geblieben; ſie war ganz Auge, ganz —— ——. —— 231 Ohr, ganz Aufmerkſamkeit geweſen, hatte das Wenige, was ſich thun ließ, im vollen Maße gethan und ſich von ganzer Seele den innigen leidenſchaftlichen Gebeten, welche der arme Sllave fuͤr die Seele ſeines ſterbenden Herrn ſprach, angeſchloſſen. Als man ihn zur letzten Ruhe vorbereitete, fand man auf ſeiner Vruſt eine kleine einfache, mit einer Feder zu öffnende Miniaturkapſel; es war das Bildniß eines edeln, ſchönen, weiblichen Geſichts, und auf der Rückſeite unter eiiem Glaſe eine dunkle Haarlocke. Die traurigen Reliquien der Jugendträume, bei denen einſt jenes kalte Herz ſo warm geſchlagen hatte, wurden wieder auf die entſeelte Vruſt gelegt— Staub zu Staub! Tom's ganze Seele war von Gedanken an die Ewigkeit erfüllt, und wäh⸗ rend er mit Dienſtleiſtungen um den lebloſen Staub beſchäftigt war, bedachte er nicht ein einziges Mal, daß der plötzliche Schlag ihn in hoffnungsloſer Skla⸗ verei zurückgelaſſen habe. Er fühlte ſich über ſeinen Herrn beruhigt, denn zu der Stunde, wo er ſein Gebet in den Schooß des Allmächtigen ausgeſchüttet, hatte er auch eine ſeinem Innern entſpringende Antwort der Beruhigung und Zuverſicht gefunden. In den Tiefen ſeines liebevollen Herzens fühlte er ſich fähig, etwas von der Fülle der göttlichen Liebe zu erkennen, denn ein altes Orakel ſagt:„Wer in der Liebe wohnet, wohnet in Gott und Gott in ihm.“ Tom hoffte und vertraute und war beruhigt. Aber das Begräbniß mit allem ſeinen Prunk von ſchwarzem Krepp und Gebeten und ernſthaften Geſichtern ging vorüher, und die kalten, ſchmutzigen Wellen des Alltagslebens rollten wieder herbei und dann kam vie ewige harte Frage:„Was iſt jetzt zu thun?“ Sie ſtieg in Marien's Geiſte auf als dieſe in wallenden Trauerkleidern und von beſorgten Dienern umgeben in einem großen Lehnſtuhle ſaß und Krepp⸗ und Bombaſſinmuſter beſichtigte. Sie trat vor den Geiſt Ophelia's, die ihre Ge⸗ danken ihrer nordiſchen Heimath zuzulenken begann; ſie drängte ſich mit ſtum⸗ mem Schrecken der Dienerſchaft auf, die den gefühlloſen tyranniſchen Charakter der Herrin, in deren Händen ſie zurückblieb, nur zu gut kannte. Alle wußten vollkommen, daß die ihnen bisher gewordene Rückſicht nicht von ihrer Herrin, ſondern von ihrem Herrn ausgegangen war, und daß jetzt nach ſeinem Hin⸗ ſcheiden keine Schutzwehr weiterzwiſchen ihnen und den tyranniſchen Strafen lag, welche ein von Leiden verbitterter Charakter erfinnen konnte. Es war etwa vierzehn Tage nach dem Begräbniß, als Miß Ophelia, wäh⸗ rend ſie in ihrem Zimmer beſchäftigt war, ein leiſes Klopfen an der Thür ver⸗ nahm. Sie öffnete und vor ihr ſtand Roſa, das hübſche Quadronenmädchen, welche wir früher erwähnt haben, mit verwortenem Haar und verweinten Augen. „D, Miß Feely,“ ſagte ſie auf die Knie fallend und den Saum ihres Kleides erfaſſend,„bitte, bitte, gehen Sie für mich zu Miſſis Marie! bitte, legen Sie für mich ein gutes Wort ein— ſie bat mich fortgeſchickt, um mich ſchlagen zu laſſen— ſehen Sie her!“— und ſie überreichte Miß Ophelia ein Papier. Es war eine in Marien's zarter, flüchtiger Hand geſchriebene Ordre an den Herrn einer Peitſchanſtalt, der Ueberbringerin funfzehn Streiche zu geben. „Was haſt Du gethan?“ fragte Miß Ophelia. „Sie wiſſen, daß ich ein heftiges Temperament habe, Miß Feely,— es iſt ſehr ſchlimm für mich, ich verſuchte der Miſſis Marie ein Kleid an, und ſie ſchlug mich in's Geſicht und ich ſprach ehe ich dachte und war vorlaut, und ſie ſagte, daß ſie mich ſchon herabſtimmen und mir ein für allemal lehren wolle, daß ich die Naſe nicht mehr ſo hoch tragen dürfe, wie bisher, und ſie ſchrieb dies und 232 ſagte, daß ich es ſelbſt hintragen ſolle. Es wäre mir viel lieber, wenn ſie mich geradezu umbrächte.“ Miß Ophelia ſtand überlegend mit dem Papiere in der Hand da. „Sehen Sie, Miß Feely,“ fuhr Roſa fort,„ich mache mir nicht ſo viel aus den Schlägen, wenn Sie oder Miſſis Marie es thäten— aber zu einem Manne geſchickt zu werden— und zu einem ſo abſcheulichen Manne. Die Schande, Miß Feely!“ Miß Ophelia wußte, daß es eine allgemeine Gewohnheit war, Frauen und. junge Mädchen in die Schlaghäuſer zu ſchicken, um unter den Händen der niedrigſten aller Männer, von Männern, die erbärmlich genug ſind, um dies zu ihrem Geſchäft zu machen— einer brutalen Behandlung und ſchmachvollen Züchtigung unterworfen zu werden. Sie hatte es ſchon früher gewußt, bisher ſich aber keine Vorſtellung davon gemacht, bis ſie die zarte Geſtalt Roſa's vom Schmerz zu Boden gedrückt, vor ſich ſah. Das Blut ſtieg ihr in die Wangen und pochte ſzig in ihrem entrüſteten Herzen, aber ſie bemeiſterte ſich mit gewohnter Klugheit und Selbſtbeherrſchung, druͤckte das Papier feſt in ihrer Hand zufam⸗ men und ſagte nur zu Roſa: „Setze Dich nieder, Kind, währendeich zu Deiner Herrin gehe!“ „Schändlich! abſcheulich! monſtrös!“ ſagte Sie vor ſich hin, während ſie durch das Zimmer ging. Marie ſaß in ihrem Lehnſtuhle, Mammy ſtand hinter ihr und kämmte ihr Haar, während Jane vor ihr auf dem Boden kauerte und ihr geſchäftig die Füße frottirte. „Wie befinden Sie Sich heute?“ fragte Miß Ophelia. Ein tiefer Seufzer und ein Schließen der Augen war für den Augenblick die einzige Antwort; dann erwiderte Marie: ich weiß es nicht, Couſine; ich denke, ich befinde mich ſo wohl, wie ich es überhaupt ſein kann.“ Und Marie trocknete ſich die Augen mit einem, mit zollbreiten, ſchwarzen Spitzen beſetzten Batiſttaſchentuche. „Ich komme,“ ſagte Miß Ophelia mit einem kurzen, trocknen Huſten, wie man ihn gewöhnlich anwendet, um einen unangenehmen Gegenſtand einzuleiten, „ich komme, um wegen der armen Roſa mit Ihnen zu ſprechen.“ Marien's Augen waren jetzt ziemlich weit geöffnet, und das Blut ſtieg in ihre bleichen Wangen, als ſie hochfahrend erwiderte: „Nun, was iſt's mit ihr?“ „Ihr Fehler thut ihr ſehr leid.“ „Wirklich? es wird ihr noch Manches leid thun, ehe ich mit ihr fertig bin! ich habe die Unverſchämtheit dieſes Mädchens lange genug ertragen und jetzt werde ich ſie demüthigen bis ſie im Staube vor mir liegt.“ „Aber fönnten Sie ſie nicht auf irgend eine andere Weiſe beſtrafen, auf eine Weiſe, die weniger entehrend wäre?“ „Ich will ſie eben entehren! Das iſt es gerade was ich wünſche. Sie hat ſich ihr ganzes Leben lang ſo viel auf ihr Zartgefühl, auf ihr hübſches Lärvchen und ihre Damenhaltung eingebildet, daß ſie vergeſſen hat, wer ſie iſt, und ich will ihr eine Lektion geben, an der ſie hoffentlich genug haben wird.“ „Aber Cuufine, bedenken Sie, daß Sie ein junges Mädchen ſchnell herab⸗ würdigen, wenn Sie die Scham und das Zartgefühl bei ihr zerſtören.“ „Das Zartgefühl!“ ſagte Marie mit ſpöttiſchem Lachen.„Ein ſchönes Wort für eine Birne wie ſie; ich werde ihr lehren, daß ſie bei allen ihren Airs um nichts beſſer iſt als die zerlumpteſte Straßendirne. Mir gegenüber wird ſie ſich keine Airs mehr geben!“ —————— 233 „Sie werden Gott für eine ſolche Grauſamkeit Rechenſchaft abzulegen haben!“ ſagte Miß Ophelia. „Gruuhmeit— ich möchte wiſſen, worin die Grauſamkeit beſteht! Ich habe die Ordre auf nur funfzehn Hiebe ausgeſtellt und ihm geſagt, daß er ſie leicht geben ſoll; darin liegt doch wahrhaftig keine Grauſamkeit.“ „Keine Grauſamkeit?“ rief Miß Ophelia;„ich bin überzeugt, daß jedes Mädchen ſich viel lieber geradezu tödten laſſen würde.“ „Bei Leuten von Ihren Gefühlen mag das wohl ſein, aber alle dieſe Ge⸗ ſchöpfe gewöhnen ſich daran— es iſt das einzige Mittel, um ſie in Ordnung zu erhalten. Sobald man ſie einmal fühlen läßt, daß ſie Zartgefühl und haben dürfen, ſo werden ſie dreiſt und übermüthig— wie es eben meine Diener⸗ ſchaft immer geweſen iſt. Ich habe jetzt angefangen, ſie in Ordnung zu bringen, und ſie ſollen Alle erfahren, daß ich Eine ſo gut wie die Andere in die Kalabuſe ſic wenn ſie ſich nicht in Acht nehmen!“ ſi Marie, indem ſie ſich drohend umblickte. Jane ließ bei dieſen Worten den Kopf hängen, denn ſie fühlte, daß ſie ihr beſonders galten. Miß Ophelia ſaß auf einen Augenblick ſtumm und unbeweg⸗ lich, als ob ſie eine erplodirende Miſchung verſchluckt habe und nahe am Berſten ſei. Bald dachte ſie jedoch an die völlige Nutzloſigkeit eines Streites mit einem ſolchen Charakter; ſie ſchwieg daher, ſtand auf und verließ das Zimmer. Es war hart, zurückkehren und Roſa ſagen zu müſſen, daß ſie nichts für ſie habe thun können. Kurz darauf kam einer von den männlichen Dienern und meldete, daß ſeine Herrin ihm den Befehl gegeben habe, mit Roſa in das Peitſchhaus zu gehen, wohin ſie denn auch trotz ihres Flehens und Bittens ge⸗ ſchleppt wurde. Wenige Tage darauf ſtand Tom nachdenklich an einem Balkon, wo Adolph, der ſeit dem Tode ſeines Herrn im höchſten Grade troſtlos und niedergeſchlagen war, zu ihm trat. Adolph wußte, daß er ſtets ein Gegenſtand der Abneigung Marien's geweſen war, hatte dies aber zu Lebzeiten ſeines Herrn nur wenig be⸗ achtet. Jetzt, nach deſſen Tode ſchwebte er in beſtändiger Angſt und Furcht, denn er wußte nie was ihm im nächſten Augenblicke zuſtoßen könne. Marie hatte mehrere Berathungen mit ihrem Advokaten gehalten. Nach⸗ dem ſie ſich mit St. Clare's Bruder beſprochen, war der Beſchluß gefaßt worden, das Haus und die ſämmtliche Dienerſchaft bis auf ihr perſönliches Eigenthum zu verkaufen, worauf ſie mit dem letztern nach der Pflanzung ihres Vaters zu⸗ rückkehren wollte. „Weißt Du, Tom, daß wir alle verkauft werden?“ fragte Adolph. „Wo haſt Du das gehört?“ „Ich habe mich hinter den Fenſtervorhängen verſteckt, als die Miſſis mit dem Advokaten ſprach. In wenigen Tagen werden wir Alle zur Auktion ge⸗ ſchickt, Tom.“ „Gottes Wille geſchehe!“ ſagte Tom, die Hände faltend, mit einem tie⸗ fen Seußzer. „Wir werden nie wieder einen ſolchen Herrn bekommen,“ bemerkte Adolph,„aber ich will mich lieber verkaufen laſſen als bei der Miſſis bleiben.“ Tom wendete ſich ab, ſein Herz war übervoll. Die Hoffnung auf die Frei⸗ heit, der Gedanke an ſeine ferne Frau und Kinder erhoben ſich vor ſeiner gedul⸗ digen Seele wie vor dem faſt ſchon im Hafen Schiffbruch erleidenden Seemann der Anblick des Kirchthurms und der traulichen Dächer ſeines Heimathsborfes, die er nur zu einem letzten Lebewohl über dem Kamme einer ſchwarzen Woge erblickt. Er verſchlang die Arme feſt über der Bruſt, unterdrückte die bitteren 234 Thränen und verſuchte zu beten. Die arme alte Seele beſaß ein ſo ſonderbares, unerklärliches Vorurtheil zu Gunſten der Freiheit, daß es für ihn ein harter Schlag war, und je öfter er ſagte: Dein Wille geſchehe! deſto ſchwerer käm es ihm an. Er ſuchte Miß Ophelia auf, die ihn ſeit St. Clare's Tode mit auf⸗ fallender, achtungsvoller Güte behandelt hatte. „Miß Feely,“ ſagte er,„Maſter St. Clare hat mir meine Freiheit ver⸗ ſprochen, er hat mir geſagt, daß er Anſtalten getroffen habe, mir ſie zu erwirken, und wenn Miß Feely jetzt vielleicht ſo gut ſein wollte, mit der Miſſis darüber zu ſprechen, ſo würde ſie am Ende gern damit fortfahren, da es Maſter St. Clareis Wunſch geweſen iſt.“ „30 will für Dich ſprechen Tom, und mein Möglichſtes thun,“ erwiderte Miß Ophelia,„wenn es aber von Mrs. St. Clare abhängt, ſo kann ich nicht viel für Dich hoffen; ich werde es jedoch verſuchen.“ Dies trug ſich einige Tage nach dem Vorfalle mit Roſa zu, während Miß Ophelia ſich mit Vorbereitungen zu ihrer Rückkehr nach dem Norden beſchäftigte. Bei ernſtlicher Ueberlegung hatte ſie geglaubt, daß ſie vielleicht in ihrem frühern Geſpräche mit Marie eine zu heftige Sprache geführt habe und ſie be⸗ ſchloß, ſich jetzt zu bemühen, ihren Eifer zu mäßigen und möglichſt ſanft zu ſein. Die gute Dame machte ſich daher auf, nahm ihr Strickzeug und beſchloß in Marien's Zimmer zu gehen, ſich ſo angenehm als es nur immer anging zu ma⸗ chen und ſich mit aller diplomatiſchen Geſchicklichkeit, deren ſie fähig war, für Tom zu verwenden. Marie lag auf einem Ruhebette, wo ſie ſich mittelſt Kiſſen auf den einen Ellbogen ſtützte, während Jane, die zum Einkaufen aus geweſen war, Proben von dünnen, ſchwarzen Stoffen vor ihr ausbreitete. „Das geht an,“ ſagte Marie, indem ſie eine auswählte;„ich weiß nur nicht gewiß, ob es paſſende Trauer iſt.“ „Gott, Miſſis,“ erwiderte Jane geläufig,„die Generalin Derbennon hat vergangenen Sommer nach dem Tode des Generals ganz das Nämliche getragen — es macht ſich wunderſchön.“ „Was ſagen Sie dazu?“ fragte Marie Miß Ophelia. „Es iſt wohl nur Geſchmacksſache,“ antwortete dieſe;„Sie können das beſſer beurtheilen als ich.“ „Nun,“ ſagte Marie,„ich habe kein einziges Kleid, das ich tragen könnte, und da ich das Haus aufgebe und künftige Woche fortgehe, muß ich mich für etwas entſcheiden.“ „Gehen Sie ſchon ſo bald?“ „Ja, St. Clare's Bruder hat geſchrieben, und er und der Advokat denken, daß es am beſten ſein wird, die Dienerſchaft und Möbel zur Auktion auszuſetzen und das Haus unſerm Advokaten zum Verkauf zu übertragen.“ „Ich möchte mit Ihnen über etwas ſprechen,“ ſagte Miß Ophelia.„Au⸗ uſtin hat Tom die Freiheit verſprochen und die dazu nöthigen geſetzlichen Formlihteiten eingeleitet; ich hoffe, daß Sie Ihren Einfluß anwenden werden, um ſie vervollſtändigen zu laſſen.“ „Das werde ich keineswegs thun,“ entgegnete Marie kurz.—„Tom iſt einer von den werthvollſten Dienern im Hauſe; wir könnten es gar nie antworten. Wozu braucht er übrigens die Freiheit?— er iſt ſo weit daran.“ „Aber er wünſcht ſie ſehnlich, und ſein Herr hat ſie ihm verſprochen, w derholte Miß Ophelia. „Ich glaube gern, daß er ſie wünſcht, meinte Marie;„ſie wollen ſie Alle, — — 235 aber nur, weil ſie eine unzufriedene Bande ſind und ſtets das verlangen, was ſie nicht haben. Nein, meine Grundſätze ſind ganz gegen das Emancipiren. Wenn man einen Neger unter der Obhut eines Herrn hälk, ſo geht es ihm gut genug. und er iſt ganz reſpektabel; giebt man ihnen aber die Freiheit, ſo werden ſie faul und wollen nicht mehr arbeiten, gewöhnen ſich den Trunk an und ſinken Alle zu erbärmlichen werthloſen Thieren herab. Es iſt keine Wohlthat, ſie in Freiheit zu ſetzen.“ „Aber Tom iſt ſo ſtetig, fleißig und fromm!“ „O Sie brauchen mir das nicht zu ſagen; ich habe Hunderte geſehen, die eben ſo gut find wie er. Er wird ſich ganz wohl befinden, ſo lange Jemand für ihn ſorgt, das iſt Alles.“ „Aber bedenken Sie die Möglichkeit, daß er einen harten Herrn erhält, wenn er zum Verkauf ausgeſetzt wird!“ ſagte Miß Ophelia. „O, das iſt alles Unſinn,“ antwortete Marie;„es kommt unter hundert Fällen kaum einmal vor, daß ein guter Sklave einen ſchlechten Herrn bekommt. Die meiſten Herrn ſind gut, was auch darüber geſprochen wird. Ich bin hier im Süden geboren und aufgewachſen und ich habe nie einen Herrn gekannt, der nicht ſeine Leute ganz ſo gut behandelt hätte, als es zweckmaͤßig war. Ich bin in dieſer Beziehung ganz außer Sorge.“ „Nun,“ ſagte Miß Ophelia mit Nachdruck,„ich weiß, daß es einer von den letzten Wünſchen Ihres Mannes war, daß Tom ſeine Freiheit haben ſolle — es war eines von den Verſprechen, welche er der lieben kleinen Eva auf ihrem Sterbebette gegeben hat, und ich hätte nicht geglaubt, daß Sie Sich für berech⸗ tigt halten würden, es unbeachtet zu laſſen.“ Marie hatte bei dieſen Worten das Geſicht mit dem Taſchentuche bedeckt und begann zu ſchluchzen und mit großer Heftigkeit ihr Riechfläſchchen anzu⸗ wenden. „Gegen mich ſind auch Alle!“ ſeufzte ſie.„Die Menſchen ſind Alle ſo rückſichtslos; ich hätte nicht erwartet, daß Sie mir alle dieſe Erinnerungen an mein Unglück von Neuem zurückrufen würden; es iſt zu rückſichtslos! Aber auf mich nimmt nie ein Menſch Rückſicht— meine Prüfungen ſind zu hart! Ich hatte nur eine einzige Tochter, und ſie wurde mir genommen! ich hatte einen Gatten, der gerade zu mir paßte— und ich bin ſo ſchwer zu befriedigen— auch ihn mußte ich verlieren! Und Sie ſcheinen ſo wenig Gefühl für mich zu haben und erinnern mich fortwährend ſo leichtſinnig daran, während Sie wiſſen, daß es mich überwältigt! Ich glaube wohl, daß Sie es gutmeinen, aber es iſt ſehr, ſehr rückſichtslos!“ Und Marie ſtöhnte und rang nach Athem und rief Mammh, um das Fenſter zu öffnen, ihr die Kampherflaſche zu bringen, ihr den Kopf zu baden und ihr das Kleid aufzuhefteln, und in der allgemeinen Verwirrung, welche jetzt erfolgte, ſtahl ſich Miß Ophelia hinweg in ihr Zimmer. Sie ſah ſogleich ein, daß es nichts nützen würde, weiter etwas zu ſagen, denn Marie beſaß ein ſeltenes Talent zu hyſteriſchen Anfällen und ſie fand es von jetzt an, ſobald einer von den Wünſchen ECva's oder ihres Gatten in Bezug auf die Dienerſchaft erwähnt wurde, ſtets am bequemſten, einen ſolchen in An⸗ wendung zu bringen. Miß Ophelia that daher das nächſtbeſte, was ſie für Tom ausführen konnte, ſie ſchrieb für ihn einen Brief an Mrs. Shelby, worin ſie ſeine Noth berichtete und ſie aufforderte, ihm zu Hilfe zu kommen. Am folgenden Tage wurden Tom und Adolph und noch etwa ein halbes Dutzend andere Mitglieder der Dienerſchaft nach dei Sklavenmagazin gebracht, um dort zu bleiben ſo lange es dem Händler, welcher eine Quantität ſeiner lebenden Waare zur Verſteigerung zuſammenbringen wollte, belieben würde. 29. Das Sklavenmagazin. Ein Sklavenmagazin!— Wahrſcheinlich machen ſich einige von meinen Leſern eine entſetzliche Idee von einem ſolchen Orte; ſie werden ſich eine ſchmutzige, dunkle Höhle, einen entſetzlichen Tartarus darunter vorſtellen. Aber nein, unerfahrener Freund! heutzutage haben die Menſchen die Kunſt gelernt, geſchmackvoll und anſtändig zu ſündigen, ſo daß ſie die Augen und Sinne der reſpektabeln Geſellſchaft nicht beleidigen. Das menſchliche Eigenthum ſteht auf dem Markte hoch im Preiſe und wird daher gut gefüttert, gut gereinigt, und ge⸗ pflegt, damit es glatt und wohlgenährt und trüßin und glänzend zum Verkauf kommt. Ein Sklavenmagazin in New⸗-Orleans iſt ein Haus, welches vielen andern nicht unähnlich ſieht, nett gehalten wird, und wo man täglich unter einer Art von Wetterdach, der Vorderſeite entlang, Reihen von Männern und Frauen ſehen kann, die als Aushängeſchilder der im Innern zu verkaufenden Waare daſtehen. Man wird höflich erſucht einzutreten und Rundſchau zu halten, und man findet dort eine Menge von Gatten, Gattinnen, Brüdern, Schweſtern, Vätern, Müttern und Kindern, welche einzeln oder in Partien verkauft werden, wie es dem Käufer eben paßt; die einſt als die Erde bebte und die Felſen zerriſſen und die Gräber ſich öffneten, unter Blut und Schmerzen von dem Sohne Gottes er⸗ löſten und unſterblichen Seelen können verkauft, verpfändet, vermiethet, gegen Spezereiwaaren oder Fabrikate vertauſcht werden, wie es eben dem Zuſtand des Geſchäfts oder der Laune des Käufers convenirt. Es war einige Tage nach dem Geſpräch zwiſchen Marien und Miß Ophelia, als Tom, Adolph und etwa ein halbes Dutzend Anderer aus dem St. Clareſchen Hauſe der liebevollen Obhut des Mr. Skeggs, der ein Depot in— Street hielt, überantwortet wurden, um die auf den folgenden Tag angeſetzte Auktion zu er⸗ warten. Tom hatte ebenſo wie die meiſten Andern einen ganz anſtändigen Koffer voll Kleidungsſtücke bei ſich. Sie wurden für die Nacht in ein langes Zimmer ewieſen, wo eine Menge anderer Männer jeden Alters, jeder Größe und Haut⸗ arbe verſammelt waren, und aus welchem ihnen ſchallendes Gelächter und ſorg⸗ loſe Fröhlichkeit entgegenhallte. „Aha, ſo iſt's recht! nur zu Jungens, nur zu!“ rief Mr. Skeggs, der Ma⸗ gazinier.„Meine Leute ſind immer ſo luſtig. Sambo, wie ich ſehei“ ſagte er belobend zu einem kräftigen Neger, der gemeinkomiſche Streiche ausfuͤhrte, welche das von Tom gehörte Gelächter veranlaßt hatten. Wie man ſich leicht denken kann, befand ſich Tom nicht in der Gemüths⸗ verfaſſung, um in die Heiterkeit einzuſtimmen; er ſtellte daher ſeinen Koffer ſo weit als möglich von der lärmenden Gruppe entfernt hin und ſetzte ſich, das Geſicht gegen die Wand gerichtet, darauf nieder. Die Menſchenhändler machen die angelegentlichſten und ſyſtematiſchſten Verſuche, um unter ihnen eine lärmende Luſtigkeit zu befördern, da ſie das beſte Mittel iſt, um das Nachdenken zu betäuben, und ſie gegen ihre Lage unempfind⸗ lich zu machen. Der ganze Zweck der Abrichtung, welcher der Sklave von der Zeit an, wo er auf dem nordiſchen Markte verkauft wird, bis zu der, wo er im Süden ankommt, unterworfen wird, iſt ſyſtematiſch varauf gerichtet, ihn zu ver⸗ härten, gedankenlos und thieriſch zu machen. Der Sklavenhändler bringt ſeine Heerde in Virginien oder Kentucky zuſammen und treibt ſie nach einem beque⸗ men, geſunden Orte, oftmals einem Badeorte, um ſie zu mäſten. 3 —— ———— —— —— 237 Hier werden ſie täglich reichlich gefüttert und da einige doch zum Gram geneigt ſind, eine Geige beſtändig im Gange erhalten; man läßt ſie täglich tanzen und Derjenige, welcher ſich weigert, luſtig zu ſein in deſſen Seele die Gedanken an Weib oder Kind oder an die Heimath zu ſtark ſind, um ihn heiter werden zu laſſen— werden als verſtockt und gefährlich bezeichnet, unt ſind allen Uebeln ausgeſetzt, welche die Neigung eines völlig unverantwortlichen und ge⸗ fühlloſen Mannes ihm auferlegen können. Munterkeit, Beweglichkeit und Hei⸗ terkeit, beſonders vor Beobachtern, werden ihnen beſtändig eingeſchärft, ſowohl durch die Hoffnung, dadurch einen guten Herrn zu erlangen, wie durch die Furcht vor Allem, was ihnen der Händler auferlegen kann, wenn ſie ſich nicht als verkäuflich erweiſen. „Was thut der Neger hier?“ fragte Sambo, indem er zu Tom herankam, ſobald Mr. Skeggs das Gemach verlaſſen hatte. Sambo war ein Schwarzer von bedeutender Größe, ſehr lebhaft, ein geläufiger Redner und voller Schelmen⸗ ſtreiche und Poſſen. 8 „Was thuſt Du hier?“ fragte Sambo, indem er zu Tom trat und ihn ſßaß⸗ haft in die Seite ſtieß.„Denkſt Du nach?“ „Ich ſoll morgen in der Auktion verkauft werden,“ entgegnete Tom ruhig. „In der Auktion verkauft werden?— haha!— iſt das nicht Dein Spaß? ich wollte ich könnte auch mit auf dieſe Weiſe fortgehen— ich ſage Euch, ich würde ſie zum Lachen bringen: Aber was iſt das? geht die ganze Maſſe morgen fort?“ fragte Sambo ſeine Hand auf Adolph's Schulter legend. „Sei ſo gut, mich allein zu laſſen,“ erwiderte Adolph heftig, indem er ſich mit dem äußerſten Ekel emporrichtete. „Aha, Jungens, das iſt Einer von den weißen Niggern— eine Art von Rahmfarbe, wißt Ihr, und auch parfümirt!“ ſagte er zu Adolph herankommend und ſchnuffelnd;— Der würde für einen Tabaksladen paſſen. Man könnte ihn dort halten, um dem Tabak Geruch zu geben! Gott, er würde einen ganzen Laden im Gange halten— ja, das würde er!“ „Ich habe Dir geſagt, daß Du mich zufrieden laſſen ſollſt; kannſt Du es nicht thun?“ rief Adolph wüthend. „Gott, wie zimperlich wir ſind, wir weißen Nigger! Seht uns doch ein⸗ mal an!“ Und Sambo ahmte Adolph's Benehmen komiſch nach. „Das iſt die rechte Miene und Grazie. Wir ſind wohl in einer guten Fa⸗ milie geweſen?“ „Ja,“ erwiderte Adolph,„ich hatte einen Herrn, der Euch Alle als altes Eiſen hätte kaufen können.“ „Gott, denkt Euch nur,“ ſagte Sambo,„was wir für feine Herrn ſind!“ „Ich habe der St. Clare'ſchen Familie angehört,“ ſagte Adolph ſtolz. „Wirklich?— ich will mich hängen laſſen, wenn ſie nicht froh ſind, daß ſte Dich los werden. Sie werden Dich wohl mit einer Maſſe von zerbrochenen Theekannen und dergleichen losſchlagen!“ verſetzte Sambo grinſend. Adolph, den dieſer Spott erbitterte, fuhr wüthend auf ſeinen Gegner los, fluchte und ſchlug nach allen Seiten um ſich. DieUebrigen lachten und jauchzten, und der Aufruhr lockte den Magzininhaber an die Thür. „Was iſt hier los, Jungens? Ordnung! Ordnung!“ rief er, indem er eine große Peitſche ſchwang. Die Sklaven ſtoben Alle nach verſchiedenen Richtungen auseinander; nur Sambo, der ſich auf die Gunſt verließ, mit welcher ihn der Hänvler als privile⸗ 238 Witzbold betrachtete, blieb ſtehen und ſenkte den Kopf mit einer komiſchen rimaſſe, als der Herr nach ihm griff. „Gott, Maſter, wir ſind es nicht! wir ſind ganz ruhig geweſen— es ſind hier, ſie ärgern uns Alle und haben die ganze Zeit über auf uns eſpöttelt.“ 3 Hierauf wendete ſich der Händler zu den Angeklagten und theilte unter ſie ohne viel zu fragen einige Fußtritte und Püffe aus, worauf er Allen den Befehl kinteieß gute Jungen zu ſein und ſich ſchlafen zu legen. Dann entfernte er wieder. ich Während dieſer Scene in dem Schlafſaale der Männer wird der Leſer vielleicht gern einen Blick auf das den Frauen angewieſene entſprechende Ge⸗ mach werfen. n verſchiedenartigen Lagen und Stellungen auf dem Boden ausgeſtreckt, ke unzählige ſchlafende Geſtalten jeder Hautſchattirung, vom reinſten olzſchwarz bis zum Elfenbeinweiß und von jedem Alter, vom Kinde bis zur Greiſin, ſehen. Hier iſt ein hübſches, verſtändiges, zehnjähriges Mädchen, deſſen Mutter geſtern verkauft worden iſt und das ſich dieſe Nacht in den Schlaf geweint hat, als Niemand auf ſie achtete; dort iſt eine alte abgelebte Negerin, deren ſchwache Arme und ſchwielige Hände von ſchwerer Arbeit zeugen, und die darauf wartet, morgen als Ausſchuß für einen Pappenſtiel verkauft zu werden, und vierzig bis funfzig Andere, in Decken oder Kleidungsſtücke gehüllt liegen um ſie her am Boden. Die Eine von ihnen iſt eine anſtändig ausſehende und gut gekleidete vierzig bis fünfzigjährige Mulattin mit milden Augen und einer ſanften, einnehmen⸗ den Phyſiognomie: auf dem Kopfe trägt ſie einen hohen Turban von einem rothen vſtindiſchen Tuche erſter Qualität; ihre Kleidung iſt nett und von gutem Stoffe und beweiſt, daß ſie mit ſorgſamen Händen gepflegt worden iſt. An ihrer Seite und dicht an ſie geſchmiegt, erblicken wir ein junges Mädchen von funf⸗ zehn Jahren— ihre Tochter. Sie iſt eine Quadronin, wie man an ihrer helleren Hautfarbe ſieht, obgleich die Aehnlichkeit mit ihrer Mutter vollkommen erkenn⸗ bar iſt. Sie hat daſſelbe milde, ſanfte, dunkle Auge, aher mit längeren Wim⸗ pern und ein lockigeres Haar von glänzendem Braun. Auch ſie iſt ſauber ge⸗ kleidet und ihre zarten, weißen Hände verrathen nur ſehr geringe Bekanntſchaft mit niedriger Arbeit. Dieſe Beiden ſollen morgen mit den Dienern St. Clare's verkauft werden und der Mann, dem ſie gehören und dem das aus ihrem Verkauf erlöſte Geld äberſendet werden ſoll, iſt ein Mitglied einer chriſtlichen Gemeinde in New⸗York Herrn gehen und nicht weiter daran denken. Dieſe Beiden, die wir Suſanne und Emmeline nennen wollen, waren die Dienerinnen einer liebenswürdigen, frommen Dame in New⸗Orleans geweſen, welche ſie ſorgfältig und chriſtlich unterrichtet und erzogen hatte. Sie konnten leſen und ſchreiben, waren mit den Wahrheiten der Religion bekannt und hatten ein ſo glüchliches Lvos genoſſen, wie es in ihrer Lage nur immer möglich war; aber der einzige Sohn ihrer Beſchützerin hatte die Verwaltung ihres Eigen⸗ thums in den Händen, verſchwendete es durch Leichtſinn und unordentlichen Lebenswandel und machte endlich bankerott. Zu den bedeutendſten Gläubigern ihren Rechtsfreund in New⸗Orleans, der Beſchlag auf das Vermögen legte (wovon dieſe beiden Artikel und eine Anzahl von Pflanzungsnegern den werth⸗ vollſten Theil bildeten) und dies nach New⸗York berichtete. Bruder B., der, und wird das Geld empfangen und darauf wieder zum Mahle ſeines und ihres gehörte die achtbare Firma B.& Co. in New⸗York. B.& Co. ſchrieben an — 239 wie wir geſagt haben, ein Chriſt war und in einem freien Staate wohnte, fühlte einige Bedenken bei der Sache. Er wollte nicht gern mit Sklaven und Men⸗ ſchenſeelen handeln— natürlich! aber es handelte ſich um dreißigtauſend Dollars, und das war doch etwas zu viel Geld, um es wegen eines Grundſatzes zu ver⸗ lieren. Nach langer Ueberlegung und Einholen von Rathſchlägen von Den⸗ jenigen, die, wie er wußte, ihm ſo rathen würden, wie es ihm paßte, ſchrieb Bruder B. an ſeinen Anwalt, daß er die Sache auf die ihm am geeignetſten dünkende Weiſe abmachen und den Ertrag ihm zuſenden möge. Am Tage nach der Ankunft dieſes Briefes in New⸗Orieans wurden Su⸗ ſanne und Emmeline in das Depot geſchickt, um einer allgemeinen Auktion, die am folgenden Morgen ſtattfinden ſollte, beizuwohnen, und während ſie uns ſchwach in dem Mondſchein, der ſich durch das vergitterte Fenſter ſtiehlt, ſichtbar werden, können wir ihr Geſpräch mit anhören. Beide weinen, aber Jede ſii damit es die Andere nicht hören ſolle. „Mutter, lege Deinen Kopf auf meine Schulter und ſieh, ob Du nicht ein wenig einſchlafen kannſt,“ ſagte das Mädchen ſich bemühend ruhig zu erſcheinen. „Ich fann nicht ſchlafen. Emmeline, ich kann es nicht! Es iſt vielleicht die letzte Nacht, die wir beiſammen ſind.“ ſprich nicht ſo! Vielleicht werden wir zuſammen gekauft— wer weiß!“ „Wenn es ſich um irgend eine andere Perſon handelte, ſo würde ich das ebenfalls ſagen, Emmeline,“ antwortete die Frau,„aber ich fürchte ſo ſehr, Dich zu verlieren, daß ich nur die Gefahr ſehe.“ „Warum, Mutter? der Mann hat geſagt, daß wir Beide anſehnlich wären und einen guten Preis einbringen würden.“ Suſanne erinnerte ſich der Mienen und Worte des Mannes; ſie gedachte mit Schaudern, wie er Emmelinen's Hand betrachtet, ihre lockigen Haare erhoben und ſie für einen Prima⸗Artikel erklärt hatte. Suſanne war als Chriſtin aufer⸗ zogen, an das tägliche Leſen der Bibel gewöhnt und hatte einen Abſcheu vor dem Verkaufen ihres Kindes zu einem Leben der Schande wie nur irgend eine chriſt⸗ liche Mutter; aber ſie hatte keine Hoffnung— keinen Schutz. „Mutter, ich denke, daß wir ausgezeichnet ankommen könnten, wenn Du eine Stelle als Köchin und ich eine als Kammermädchen oder Nätherin in einer Familie erhielten. Ich glaube, daß es ſo gehen wird. Wir wollen Beide ſo munter und lebhaft ausſehen, wiewir können undAlles ſagen, was wir verſtehen, vielleicht glückt es uns,“ ſagte Emmeline. ſ möchte, daß Du morgen Dein Haar gerade zurück kämmteſt,“ ſagte uſanne. „Wozu, Mutter? ich ſehe auf die Weiſe lange nicht ſo gut aus.“ „Ja, aber Du wirſt Dich doch ſo beſſer verkaufen.“ „Ich ſehe nicht ein warum!“ meinte das Kind. „Es würde Dich eher eine reſpektable Familie kaufen, wenn ſie ſähe, daß Du einfach und anſtändig biſt, als wenn Du hübſch auszuſehen verſuchſt. Ich kenne das beſſer als Du!“ „Nun, Mutter, dann werde ich es thun.“ „Und, Emmeline, wenn wir einander nach dem morgenden Tage nicht wie⸗ der ſehen ſollten— wenn ich auf irgend eine Pflanzung verkauft wurde und Du wo anders hin, ſo vergiß nie, wie Du erzogen worden biſt, und was Dir die Miſſis geſagt hat. Nimm Deine Bibel und Dein Gebetbuch mit, und wenn Du dem Herrn treu bleibſt, ſo wird er auch treu gegen Dich ſein.“ Die arme Frau ſprach dies mit trauriger Muthloſigkeit, denn ſie wußte, . 240 daß morgen Jeder, wie gemein und brutal, wie gottlos und unbarmherzig er auch ſein mag, wenn er nur Geld genug hat, ſie zu bezahlen, der Eigenthümer des Leibes und der Seele ihrer Tochter werden könne, und wie ſollte dann das Kind treu bleiben? Sie denkt an Alles dies, während ſie ihre Tochter in den Armen hält und wünſcht, daß ſie nicht ſo ſchön und anziehend wäre. Es erſcheint ihr faſt als eine Verſchlimmerung ihres Lvvſes, wenn ſie bedenkt, wie rein und fromm, wie hoch über dem großen Haufen ſie erzogen worden. iſt; aber ſie erblickt kein anderes Hilfsmittel, als das Gebet, und aus dieſem ſauberen und anſtändigen Sklaven⸗ gefängniß ſind eine Menge ſolcher Gebete zu Gott emporgeſtiegen— Gebete, welche Gott nicht vergeſſen hat, wie ein zukünftiger Tag zeigen wird, denn es ſteht geſchrieben, wer dieſer Geringſten Einen ärgert, dem wäre es beſſer, daß ihm en an den Hals gehängt und er erſauft würde im Meere, wo es am iefſten iſt. Die weichen, ſtillen Mondſtrahlen ſchauen herein und zeichnen die Eiſen⸗ ſtäbe der Gitterfenſter auf den ausgeſtreckt daliegenden ſchlafenden Geſtalten ab. Mutter und Tochter ſingen zuſammeneine ſanfte Melodie, welche als Begräbniß⸗ hymne unter den Sklaven üblich iſt. „Wo iſt die arme Mary? Todt iſt ſie und im Himmel, Wo iſt die arme Mary? Todt iſt ſie und im Himmel, Sie iſt im ſchönern Land. Sie iſt im ſchönern Land!“ Dieſe von wehmüthigen, lieblichen Stimmen nach einer Melodie, welche dem Seufzen der irdiſchen Verzweiflung nach himmliſcher Hoffnung glich, geſungenen Worte zitterten durch die dunkeln Gefängnißräume, als ein Vers nach dem an⸗ dern ertönte: „O wo ſind Paul und Silas? Todt ſind ſie unv im Himmel, O wo ſind Paul und Silas? Todt ſind ſie und im Himmel, Sie ſind im ſchönern Land. Sie ſind im ſchönern Land!“ Singt nur, Ihr Armen! die Nacht iſt kurz und der Morgen wird Euch auf ewig trennen. Aber jetzt iſt es Morgen und Alles iſt rege und der wackere Mr. Skeggs iſt geſchäftig und munter, denn es ſoll eine Quantität Waare zur Auktion vorbe⸗ reitet werden. Er ſieht ſorgfältig nach ihrer Toilette, ſchärft Allen ein, ihre beſten Mienen anzulegen und luſtig zu ſein, und nun werden Alle zur letzten Revue in einen Kreis aufgeſtellt, ehe er ſie nach der Börſe abmarſchiren läßt. Mr. Skeggs mit ſeinem Palmhute auf dem Kopfe und der Cigarre im Munde, geht umher, um an ſeine Waaren die letzte Hand zu legen. „Was iſt das?“ fragte er, vor Suſanne und Emmeline tretend;„wo ſind Deine Locken, Dirne?“ Das Mädchen blickte ſchüchtern auf und ihre Mutter antwortete mit der Geläufigkeit, welche unter ihrer Claſſe gewöhnlich iſt: „Ich habe ihr geſtern Abend geſagt, daß ſie ihr Haar glatt und nett auf⸗ ſin und es nicht ſo in Locken umher fliegen laſſen ſoll. Es ſieht anſtän⸗ iger aus.“ „Dummes Zeug!“ entgegnete der Mann, zu dem Mädchen gewendet, in ge⸗ bieteriſchem Tone;„Du marſchirſt ſogleich und machſt Dir ordentliche Locken!“ Er ſchwippte mit einem ſpaniſchen Rohre, das er in der Hand hielt, durch die Luſt und fügte hinzu:„Daß Du ſchnell wieder da biſt!— Du gehſ und hilſt — 241 ihr,“ ſchloß er, zu der Mutter gewendet.—„Die Locken können beim Verkauf einen Unterſchied von hundert Bollars machen.“ Unter einer prächtigen Kuppel bewegten ſich Männer aller Nationen über das Marmorpflaſter hin und her. Auf allen Seiten des runden Raumes befan⸗ den ſich kleine Tribünen oder Katheder zum Gebrauch für die Reoner und den Auktionator. Zwei von dieſen waren jetzt auf entgegengeſetzten Seiten des Rau⸗ mes von Männern eingenommen, welche enthuſiaſtiſch in einem Gemiſch von Engliſch und Franzöſiſch die Gebote von Liebhabern ihrer verſchiedenen Waaren in die Höhe ſchraubten. Eine dritte noch unbenutzte auf einer andern Seite war von einer Gruppe umgeben, die den Anfang der Auktion erwarteten. Hier kön⸗ nen wir die Dienerſchaft St. Clare's: Tom, Adolph und Andere erkennen, und hier warten auch Suſanne und Emmeline mit ängſtlich niedergeſchlagenen Ge⸗ ſichtern, bis die Reihe an ſie kommen wird. Eine Anzahl von Zuſchauern und Kauf⸗ und Nichtkaufluſtigen hatten ſich um die Gruppe verſammelt, befühlten und unterſuchten ſie, und machten ihre Bemerkungen über ihre verſchiedenen Eigenſchaften und Geſichter mit derſelben Rückſichtskoſigkeit wie Jockeys, welche von den Vorzügen eines Pferdes ſprechen. „Sieh da, Alf, was führt Dich hierher?“ ſagte ein junger Stutzer, indem er einem modiſch gekleideten jungen Manne, welcher Adolph durch die Lorgnette beſichtigte, auf die Schulter klopfte. „Ich brauche einen Kammerdiener und habe gehört, daß St. Clare's Leute verſteigert werden. Ich will mir den ſeinigen anſehen.“ „Mich bringt kein Menſch dazu, einen von St. Clare's Leuten zu kaufen; 3 ſind Alles verzogene Nigger, unverſchämt wie der Teufel,“ erwiderte der ndere. „Das hat nichts zu ſagen,“ entgegnete der Erſtere,„wenn ich ſie erhalte, werde ich ihnen bald die vornehmen Grillen vertreiben— ſie werden bald finden, daß ſie es mit einem andern Herrn zu thun haben, als mit Monſieur Fi Auf mein Wort, ich werde den Burſchen kaufen. Seine Geſtalt ge⸗ ällt mir.“ „Sie werden ſehen, daß er Ihnen Ihr ganzes Vermögen koſtet, er iſt furcht⸗ bar verſchwenderiſch.“ „Mag ſein, aber der gnädige Herr wird finden, daß er bei mir nicht ver⸗ ſchwenderiſch ſein kann. Wenn er erſt ein paarmal nach der Kalabuſe geſchickt worden und gehörig durchgeprügelt ſein wird, ſoll ſich das ſchon geben. Ich fage Ihnen, es wird ihn ſchon zur Vernunft bringen! O, ich werde ihn beſſern, gleichviel ob es bergauf oder bergab geht— Sie werden ſehen!— Ich kaufe ihn, es bleibt dabei.“ Tom hatte aufmerkſam die Menge von Geſichtern, welche ſich um ihn her drängten, betrachtet, und nach einem geſucht, von dem er gewünſcht hätte, daß es ſeinem zukünftigen Herrn angehören möge. Und wenn einer unſerer Leſer ſich je in der Nothwendigkeit befinden ſollte, unter zweihundert Männern Einen zu wählen, welcher die unbedingte Verfügung über ihn erhalten ſollte, ſo würde er vielleicht, wie Tom, finden, daß nur ſehr Wenige darunter ſind, denen er mit nur einiger Ruhe überantwortet werden möchte. Tom ſah eine Menge von Männern, theils große und vierſchrötige, theils kleine, zirvende und dürre, theils lange und hagere, kurz, jede Varietät von Alltagsmännern, die ihre Mitmen⸗ ſchen aufleſen wie Holzſpähne und ſie je nach ihrer Bequemlichfeit mit gleicher Sorgloſigkeit in's Feuer oder in den Korb werfen; aber er ſah keinen St. Clare. Onkel Tom's Hütte. 16 242 Kurz vor dem Beginn der Verſteigerung drängte ſich ein kurzer, breitſchul⸗ triger, muskulöſer Mann in einem auf der Bruſt weit offenen quarrirten Hemd und ſtark beſchmuzten und abgetragenen Beinkleidern, geſchäftig durch die Menge, kam zu der Gruppe heran und begann ſie ſyſtematiſch zu unterſuchen. Von dem Augenblicke an, wo ihn Tom herannahen ſah, fühlte er ein Grau⸗ ſen und Entſetzen vor ihm, welches ſich, als er näher kam, noch verſtärkte. Er war augenſcheinlich, wenn auch kurz, doch von rieſenhafter Stärke. Sein kugel⸗ runder Kopf die großen, hellgrauen Augen mit ihren zottigen röthlichen Brauen, und das borſtige, drahtartige, ſonnenverbrannte Haar waren, wie wir geſtehen müſſen, allerdings ziemlich uneinnehmende Dinge. Sein großer, roher Mund war von Tabak ausgedehnt, deſſen Saft er von Zeit zu Zeit mit großer Entſchie⸗ denheit und Kraft von ſich ſpritzte ſeine Haͤnde waren ungeheuer groß., behaart, von der Sonne gebräunt, ſommerſproſſig, ſchmutzig und mit langen unſauberen Nägeln verziert. Dieſer Mann unterſuchte die zu verkaufenden Gegenſtände mit ziemlicher Rückſichtsloſigkeit, erfaßte Tom am Kinn und riß ihm den Mund auf, um ſeine Zähne zu beſichtigen, ließ ihm den Aermel aufſtreifen, um ſeine Muskeln zu un⸗ terſuchen, wendete ihn um und ließ ihn Sprünge und Sätze machen, un ſeine Gelenkigkeit zu prüfen. ſ biſt Du aufgezogen?“ fragte er nach dieſer Unterſuchung in bar⸗ em Tone. „In Kentuck, Maſter,“ antwortete Tom, indem er ſich wie nach Erlö⸗ ſung umſah. „Was haſt Du gethan?“ „Das Gut des Herrn verwaltet.“ „Eine wahrſcheinliche Geſchichte,“ fagte Jener kurz, indem er weiter ging. Er blieb einen Augenblick vor Dolph ſtehen, ſpie eine Salve Lnbatſuht auf deſſen blank geputzte Stiefeln, ſtieß ein verächtliches Hm! aus und ging weiter. Vor Suſanne und Emmeline blieb er aberials ſtehen. Er ſtreckte ſeine große, ſchmuzige Hand aus und zog das junge Mädchen an ſich, ſtrich ihr über Hals und Buſen, befühlte ihre Arme, unterſuchte ihre Zähne, und ſchob ſie dann wieder gegen ihre Mutter zurück, deren reſignirtes Geſicht die Schmerzen ver⸗ rieth, welche ſie bei jeder Bewegung des fremnden Ungethüms erlitten hatte. Das Mädchen ängſtigte ſich und begann zu weinen. „Halt's Maul, Dirne!“ rief der Auktionator;„hier darf nicht gewinſelt werden! Die Verſleigerung wird ſogleich angehen.“ Und ſie begann. Adolph wurde für eine bedeutende Summe an den jungen Mann verkauft, welcher ſchon vorher die Abſicht, ihn zu erſtehen, ausgeſprochen hatte, und die übrigen Leute St. Clare's fielen verſchiedenen Anderen zu. „Nun, mache Dich auf, Burſche, hörſt Du?“ ſagte der Auktionator zu Tom. Tom trat auf den Block, und warf einige ängſtliche Blick umher. Alles ſchien ſich zu einem allgemeinen undeutlichen Lärm zu verſchmelzen das Rufen des Auktionators, welcher ſein Lob in franzöſiſcher und engliſcher Sprache aus⸗ ſchrie, die raſche Aufeinanderfolge franzöſiſcher und engliſcher Gebote und faſt im nächſten Augenblicke der letzte Schlag des Hammers und der helle Klang des letzten Wortes„Dollars,“ als der Auftionator ſeinen Preis verfüntete, und Tom wurde überantwortet— er hatte einen Herrn. Er wurde von tem Blo eſchoben und der kurze bombenköpfige Mann erfaßte ihn rauh an der Schulter, ſußio auf die eine Seite und ſagte n barſchein Tone zu ihm: „Da bleibſt Du ſchen.“ 243 Tom brachte nur ſehr wenig ein. Das Bieten ging aber auch nach ſeinem Verkauf noch bald franzöſiſch, bald engliſch laut und lärmend fort, der Hammer fiel von Neuem. 2 Suſanne iſt verkauft, ſie ſteigt vom Block— bleibt ſtehen, ſieht ſich ſehn⸗ ſüchtig um— ihre Tochter ſtreckt ihre Hände nach ihr aus Sie blickt ſchmerzlich in das Geſicht des Mannes, der ſie gekauft hat— eines anſtändigen Mannes von mittlerem Alter und von wohlwollendem Ausſehen. „O, Maſter, ſeien Sie ſo gut, meine Tochter zu kaufen!“ „Ich möchte es wohl, aber ich fürchte, daß ich es nicht beſtreiten kann,“ erwiderte der Mann, indem er mit ſchmerzlicher Theilnahme auf das junge Mädchen ſah, welches den Block beſtiegen hatte und ſich ängſtlich und ſchüchtern umblickte. Das Blut röthet ihre ſonſt farbloſen Wangen, ihre Augen blitzen von einem fieberhaften Feuer und ihre Mutter bemerkt mit Folterqualen, daß ſie ſchöner iſt als ſie ſie je erblickt hat. Der Auktionator erkennt ſeinen Vortheil, verbreitet ſich geläufig in einem Gemiſch von Franzöſiſch und Engliſch über ihre Vorzüge und die Gebote folgen raſch auf einander. „Ich werde thun, was ich kann!“ ſagte der wohlwollend ausſehende Mann, indem er ſich hinzudrängte und ſich den Bietenden anſchloß. Nach wenigen Augenblicken ſind die Gebote über ſeine Mittel hinausge⸗ gangen, er ſchweigt und der Auktionator wird wärmer, aber die Gebote werden allmälig ſeltener; jent wird der Kampf nur noch zwiſchen einem ariſtokratiſchen alten Städter und unſerm bombenköpfigen Bekannten geführt. Der Städter bietet noch einigemale, während er ſeinen Gegner verächtlich mißt, aber der bombenköpfige Gegner hat über ihn den Vortheil der Halsſtarrigkeit und ver⸗ borgenen Länge der Börſe, und der Streit dauert nur wenige Augenblicke— der Hammer fällt— er hat das Mädchen mit Leib und Seele, wenn ihr Gott nicht hilft. Ihr Herr iſt Mr. Legree, der eine Baumwollenpflanzung am Red⸗River beſitzt; ſie wird mit Tom und zwei andern Männern in eine Gruppe geſtoßen und entfernt ſich weinend. Dem wohlwollenden Herrn thut es leid, aber die Sache kommt täglich vor. Man ſieht die Töchter und Mütter bei ſolchen Verſteigerungen ſtets weinen. Es läßt ſich nicht indern u. ſ. w., und er begiebt ſich mit ſeiner neuen Waare nach einer andern Richtung. Zwei Tage darauf ſendete der Advokat der chriſtlichen Firma B.& Co. in New⸗York ihr Geld. Mögen ſie auf der Rückſeite der ſo erlangten Anweiſung die Worte des großen Zahlmeiſters ſchreiben, dem ſie dereinſt Rechenſchaft abzulegen haben werden:„Wennerüber das Blut zu Gericht ſitzt, vergißternicht das Schreien der Geringen.“ 30. Die Stromfahrt. Im untern Raume eines kleinen Dampfbootes auf dem Red⸗River ſaß Tom— an ſeinen Händen und Füßen befanden ſich Ketten und auf ſeinem Herzen lag eine ſchwerere Laſt als jene. Alles war vom Himmel verblichen— der Mond wie die Sterne! Alles war an ihm vorübergezogen wie jetzt die Bäume und Ufer, um nie wieder zu⸗ rückzukehren, die Kentucky⸗Heimath mit Frau und Kindern und gütigen Herrenz 16* 244 die St. Clare⸗Heimath mit ihrem Glanz und ihrer Pracht, das Goldköpfchen Eva's mit ſeinen frommen Augen, der ſtolze, heitere, dem Anſchein nach gefühl⸗ loſe aber ſtets gütige St. Clare— Stunden der Behaglichkeit und Muße— Alles war verſchwunden— und was iſt an ihrer Stelle zurückgeblieben? Es iſt eine von den bitterſten Eigenſchaften der Sklaverei, daß der gefühl⸗ volle Neger, welcher oft in einer feingebildeten Familie die Neigungen und Ge⸗ wohnheiten annimmt, welche die Atmoſphäre eines ſolchen Hauſes ausmachen, doch nichts deſtoweniger der Sklave des Roheſten und Brutalſten werden kann — wie ein Möbel, welches einſt einen glänzenden Salon geziert hat, endlich entſtellt und halb zerbrochen in das Schenkzimmer irgend einer ſchmuzigen Kneipe oder in ein Haus gemeiner Ausſchweifung kommt. Der große Unter⸗ ſchied iſt der, daß Tiſch und Stuhl nicht fühlen können und der Menſch es kann, denn ſelbſt ein Geſetz, daß er„von Rechtswegen für ein Stück Mobiliareigen⸗ thum gehalten und geachtet werden ſoll“— kann ſeine Seele mit ihrem kleinen Privatſchatze von Erinnerungen, Hoffnungen, Liebe, Befürchtungen und Wün⸗ ſchen nicht verwiſchen. Mr. Simon Legree, Tom's Herr, hatte in New⸗Orleans an verſchiedenen Orten acht Sklaven gekauft und ſie, zu Zweien aneinander gekettet, nach dem guten Dampfer„Pirat“ hinab geführt, welcher am Quai lag, um die Reiſe den Red⸗River hinauf anzutreten. Sobald er ſie an Bord hatte und das Boot abgefahren war, kam er mit der Geſchäftsmiene, welche ihn ſtets charalteriſirte, herbei um ſie zu beſichtigen. Vor Tom, der ſich zur Verſteigerung in ſeinen beſten Tuchanzug, gut geſtärkte Wäſche und glänzende Stiefeln gekleidet hatte, ſtehen bleibend, revete er ihn kurz in folgenden Worten an: „Steh auf!“ Tom ſtand auf. „Nimm das Halstuch ab!“ Und als Tom, von ſeinen Feſſeln gehemmt, ſich anſchickte, dieſen Befehl auszuführen, leiſtete er dadurch Beiſtand, daß er es ihm mit nicht eben ſanfter Hand vom Halſe riß und in ſeine Taſche ſteckte. Hierauf wendete ſich Legree zu Toms Koffer, den er ſchon vorher geplün⸗ dert hattc, nahm ein Paar alte Beinkleider und einen abgetragenen Rock heraus, den Tom zu ſeiner Stallarbeit anzuziehen pflegte, und ſagte, indem er Tom's Hände vor den Feſſeln befreite und auf einen leeren Raum zwiſchen den Kiſten und Vallen deutete: „Geh dorthin und zieh Dich an!“ Tom gehorchte und kehrte nach wenigen Augenblicken zurück. „Zieh Deine Stiefeln aus!“ befahl Mr. Legree. Tom that es. „Da,“ ſagte der Mann rauh, indem er ihm ein paar plumpe Schuhe, wie ſie unter den Sklaven gebräuchlich waren, zuwarf,„ziehe dieſe an.“ Tom hatte bei ſeinem haſtigen Umkleiden nicht vergeſſen, ſeine geliebte Bibel in die Taſche ſeines jetzigen Anzugs zu ſtecken. Es war gut, daß er dies gtan denn Mr. Legree begann, nachdem er Tom die Handſchellen wieder ange⸗ egt hatte, gemächlich den Inhalt ſeiner Taſchen zu unterſuchen. Er zog ein ſeidenes Taſchentuch heraus und ſteckte es in ſeine eigene Taſche. Mehrere Klei⸗ nigkeiten, welche Tom hauptſächlich weil ſie Cva Vergnügen gemacht hatten, auf⸗ bewahrte, betrachtete er mit einem verächtlichen Grinſen und ſchleuderte ſie über ſeine Schulter in den Fluß. Tom's methodiſtiſches Geſangbuch, welches dieſer in der Eilevergeſſen hatte, kam jetzt an die Reihe und wurde durchblättert. „Hm!— natürlich fromm! Du gehörſt alſo zur Kirche— he?“ „Ja, Maſter“ antwortete Tom feſt. „Nun, ich werde Dir das bald abgewöhnen. Ich leide keinen ſchreienden, betenden und ſingenden Nigger auf meinem Gute— vergiß das nicht. Nun ſieh mich an!“ ſagte er indem er aufſtand und Tom mit einem funkelnden Blicke ſeines grauen Auges anſtarrte;„ich bin jetzt Deine Kirche— verſtehſt Du mich?— Du wirſt thun, was ich ſage!“ Ein gewiſſes Etwas in dem ſtummen ſchwarzen Manne antwortete: „Nein,“ und wie von einer unſichtbaren Stimme gerufen, kamen ihm die Worte eines alten prophetiſchen Liedes, welches Eva ihm oftmals vorgeleſen hatte, in's Gedächtniß:—„Fürchte nichts, denn ich habe Dich erlöſ't— ich habe Dich nach meinem Namen genannt— Du biſt mein!“ Aber Simon Legree hörte keine Stimme. Dieſe Stimme iſt eine, welche er nie hören wird. Er ſtarrte auf das niedergeſchlagene Geſicht Tom's, ging hinweg und trug Tom's Koffer, welcher eine ſehr nette und reichliche Garderobe enthielt, nach dem Vorderkaſtell, wo er von der Bootsmannſchaft umgeben war. Unter lautem Gelächter auf Koſten der Nigger, welche den Gentleman ſpielen wollten, wurden die Gegenſtände zu guten Preiſen an Den und Jenen verkauft und endlich der leere Koffer zur Verſteigerung ausgeſetzt. Sie betrachteten es als einen guten Spaß, beſonders als ſie ſahen, wie Tom ſeinen Kleidungsſtücken nachblickte, welche hierhin und dorthin gingen, und die Verauktivnirung des Koffers war komiſcher als Alles Andere und verurſachte reichliche Witze. Sobald dieſes kleine Geſchäft vorüber war, ſchlenderte Simon wieder zu ſeinem Eigenthum zurück. „Nun, Tom, Du ſihſt, daß ich Dir Deine Ertrabagage abgenommen habe. Nimm die Kleider gut in Acht, es wird lange dauern, ehe Du andere erhälſt. Ich ſehe darauf, daß meine Nigger ſparſam werden; auf meinem Gute muß ein Anzug ein Jehr lang aushalten.“ Hierauß ging Simon nach der Stelle, wo Emmeline an ein anderes Frauen⸗ zimmer gekettet ſaß. „Nun, mein Kind,“ ſagte er ihr unter das Kinn greifend,„ſei guten Muthes.“ Der unwillkürliche Blick des Entſetzens, der Furcht und des Widerwillens, ihn dos Mädchen betrachtete entging ihm nicht. Er runzelte wüthend ie Stir. „Sei mir nicht blöde, Dirne!— Du wirſt ein freundliches Geſicht machen, wenn ich Dich anrede, hörſt Du? Und Du, altes gelbes Mondſcheingeſicht,“ ſagte er mit einem Stoße zu der Mulattin, an welche Emmeline gefeſſelt war, „Du nimmſt auch eine andre Miene an— Du mußt munter ausſehen, das ſage ich Dir! Ich ſage Euch Allen,“ rief er hierauf, indem er einige Schritte zurücktrat,„ſeht mich an! ſeht mich an! Blickt mir gerade in's Auge!— ge⸗ radel“ rief er bei jeder Pauſe mit dem Fuße ſtampfend. Wie von einem Zauber gefeſſelt, waren jetzt Aller Blicke auf das glühende, grünlich graue Auge Simon's geheftet. „Nun,“ fuhr er fort, indem er ſeine große ſchwere Fauſt zu etwas einem Schmiedehammer Aehnlichen ballte,„ſeht Ihr dieſe Fauſt? Befühle ſie,“ ſagte er, ſie auf Tom's Hand niederfallen kaſſend;„ſeht dieſe Knochen an— nun, ich ſage Cuch, daß dieſe Fauſt hier vom Niederſchlagen von Niggern eiſenhart ge⸗ worden iſt. Ich habe noch keine Nigger geſehen, den ich nicht mit einem ein⸗ igen Schlage zu Boden ſtrecken könnte,“ fügte er hinzu, und er brachte ſeine Bonſ dem Geſicht Tom's ſo nahe, daß dieſer mit den Augen blinkte und ſich zu⸗ rückzog.„Ich halte keine von den verdammten Aufſehern, ich führe die Aufſicht ſelbz. und ich verſichere Euch, daß bei mir für das Arbeiten geſorgt wird. Ihr thut Alles was ich befehle, ſobald ich geſprochen habe— das iſt die Art, wie man mit mir auskommt. Ihr werdet an mir keine weiche Stelle finden, alſo nehmt Euch zuſammen, denn ich kenne keine Gnade!“ Die Weiber hielten unwillkürlich den Athem an ſich und ſämmtliche Skla⸗ ven ſaßen mit niedergeſchlagenen mutbloſen Mienen da. Unterbeſſen machte Simon Kehrt und marſchirte nach dem Schenkverſchlage des Bootes, um einen Schnaps zu trinken. „Das iſt die Art, wie ich mit meinen Niggern anfange,“ ſagte er zu einem entlemaniſch ausſehenden Manne, welcher während ſeiner Rede neben ihm ge⸗ Sen hatte;„es iſt mein Syſtem, energiſch anzufangen, damit ſie wiſſen, was ſie zu erwarten haben.“ „Wirklich?“ ſagte der Fremde, indem er ihn mit der Neugier eines Natur⸗ forſchers, der ein merkwürdiges Thier ſtudirt, betrachtete. „Ja, wirklich; ich bin Keiner von den vornehmen Pflanzern mit weißen Fingern, die umherlungern und ſich von einem alten Spitzbuben von Aufſeher betrügen laſſen. Fühlen Sie nur einmal meine Knöchel an, und ſehen Sie meine Fauſt. Ich ſage Ihnen, Sir, das Fleiſch iſt von der Uebung an den Niggern ſteinhart geworden! Fühlen Sie ſie an.“ Der Fremde legte ſeine Finger auf das fragliche Werkzeug und ſagte einfach: „Sie iſt ziemlich hart, und wahrſcheinlich,“ fügte er hinzu,„hat die Uebung Ihr Herz ganz eben ſo gemacht.“ „Nun ja, das kann ich wohl ſagen,“ antwortete Simon mit lautem Lachen. „Ich glaube, daß ich weniger Weiches an mir habe, als irgend ein Anderer. Ich ſage Ihnen, mich betrügt Keiner. Die Nigger können mir weder mit dem Heulen, noch mit guten Worten hinten herumkommen,— das ſteht feſt.“ „Sie haben da eine hübſche Gruppe.“ „Ja, es ſind Gute,“ ſagte Simon,„z. B. der Tom dort. Man hat mir ge⸗ ſagt, daß er etwas Ungewöhnliches wäre. Ich habe ihn ziemlich hoch bezahlt, weil ich ihn zum Treiber und Verwalter beſtimmt hatte; wenn er nur erſt die Ideen verloren hat, die ihm durch eine Behandlung, wie ſie die Nigger niemals haben ſollten, in den Kopf geſetzt worden ſind, ſo wird er ausgezeichnete Dienſte leiſten. Mit dem gelben Weibsbilde bin ich betrogen worden, ſie ſcheint mir kränklich zu ſein, aber ich werde das, was ſie mich koſtet, ſchon noch herausſchla⸗ gen; ſie kann ein bis zwei Jahre aushalten. Ich bin nicht dafür, ſparſam mit den Niggern umzugehen; ſie aufbrauchen und Andere kaufen, das iſt meine Manier. Es macht Einem weniger Mühe und Noth, und ich bin feſt überzeugt, daß es am Ende auch wohlfeiler iſt.“ Mit dieſen Worten ſchlürfte Simon ſein Glas Branntwein. „Und wie lange halten ſie gewöhnlich aus?“ fragte der Fremde. „Das weiß ich nicht, das kommt auf ihre Conſtitution an. Kräftige Bur⸗ ſchen halten ſechs bis ſieben Jahre aus, weichliche werden in zwei bis dreien abgenutzt. Als ich das Pflanzen anfing, hatte ich bedeutende Mühe damit, daß ich auf ſie Rückſicht nahm und ſie zum längeren Aushalten zu bringen ver⸗ ſuchte— ſie zuſammen doktorte, wenn ſie krank waren, und ihnen Kleider und Decken und Gott weiß was Alles gab, um es ihnen ordentlich behaglich zu machen; aber es nutzte nichts. Ich verlor mein Geld an ihnen und es machte eine Menge Noth. Zetzt, ſehen Sie, laſſe ich ſie arbeiten, ſie mögen krank oder —————————————————————————— —— 247 geſund ſein. Stubt ein Nigger, ſo kaufe ich einen andern, und ich finde, daß es in jeder Hinſicht wohlfeiler und bequemer iſt.“ Der Fremde wendete ſich ab und ſetzte ſich neben einen Mann, der dem Ge⸗ ſpräche mit unterdrücktem Unwillen zugehört hatte. „Sie dürfen den Burſchen nicht für ein Durchſchnittsexemplar eines ſüd⸗ lichen Pflanzers halten,“ ſagte er. „Das möchte ich auch nicht hoffen,“ antwortete der junge Mann nach⸗ drücklich. „Es iſt ein gemeiner, erbärmlicher, brutaler Menſch,“ ſagte der Andere. „Und doch erlauben ihm Ihre Geſetze jede beliebige Anzahl von menſchlichen Geſchöpfen, ohne auch nur einen Schatten von Schutz, unter ſeinem abſoluten Willen zu halten, und ſo erbärmlich wie er iſt, können Sie voch nicht ſagen, daß es nicht Viele Solche gäbe.“ „Nun,“ verſetzte Berter,„es giebt unter den Pflanzern auch viele rückſichts⸗ volle und humane Leute.“ 3 „Das gebe ich zu,“ fuhr der junge Mann fort,„aber eben die rückſichts⸗ vollen, humanen Männer ſind für alle die Rohheiten und Schändlichkeiten, welche jene Boͤſewichter verüben, verantwortlich denn wenn nicht ihre Sanction und ihr Einfluß wäre, ſo könnte das ganze Syſtem ſich keine Stunde lang halten. Wenn es keine anderen Pflanzer gäbe als ſolche wie Jener,“ ſagte er, mit dem Finger auf Legree deutend, der in einiger Entfernung von ihnen ſtand, „ſo würde die ganze Sache hinabſinken wie ein Mühlſtein. Eben Ihre Achtbar⸗ keit und Humanität ſind es, die ſeine Brutalität beſchützen.“ „Sie haben unverkennbar eine hohe Meinung von meiner Menſchenfreund⸗ lichkeit,“ ſagte der Pflanzer lächelnd,„aber ich rathe Ihnen, nicht ſo laut zu ſprechen, da es auf dem Boote Leute giebt, die für Ihre Anſichten nicht ganz ſo tolerant ſein dürften wie ich. Warten Sie lieber, bis wir auf meine Pflanzung kommen, dort können Sie uns Alle mit Muße ausſchelten.“ Der junge Mann erröthete und lächelte, und die Beiden waren bald in eine Partie Puff vertieft. Unterdeſſen fand im unteren Theile des Bootes ein anderes Geſpräch zwiſchen Emmelinen und der Mulattin, mit welcher ſie zuſammenge⸗ feſſelt war, ſtatt. Sie tauſchten die Erzählung ihrer bisherigen Geſchichte mit einander aus. „Wem haſt Du gehört?“ fragte Emmeline. „Mein Maſter war Mr. Ellis in Leveeſtreet, vielleicht haſt Du das Haus geſehen.“ „War er gut gegen Dich?“ „Faſt immer, bis er krank wurde. Er hat mehr als ſechs Monate lang auf dem Krankenbette gelegen und er war entſetzlich eigen. Er wollte keinen Men⸗ ſchen bei Tag oder Nacht eine Minute Ruhe gönnen und wurde ſo kurios, daß er mit Keinem mehr zufrieden war. Mit jedem Tage wurde er garſtiger, er ließ mich die Nächte durchwachen, bis ich ganz erſchäpft war und nicht mehr munter bleiben konnte, und weil ich eines Nachts einſchlief, ſprach er entſetzliche Worte zu mir und ſagte mir, daß er mich an den härteſten Herrn verkaufen würde, den er ausfindig machen könne, und doch hatte er mir meine Freiheit verſprochen, wenn er ſterben würde.“ „Hatteſt Du keine Freunde?“ fragte Emmeline. „Ja, meinen Mann— er iſt ein Grobſchmied. Der Maſter pflegte ihn zu vermiethen. Ich bin ſo ſchnell fortgeſchleppt worden, daß ich nicht einmal Zeit hatte, ihn zu ſeben, und ich habe vier Kinder. O Gott! v Gott!“ ſchluchzte die Frau, indem ſie das Geſicht mit beiden Händen bedeckte. ————— ———— 248 Jeder, der eme Erzählung von Schmerzen und Unglück vernimmt, fühlt einen natürlichen Drang, etwas Tröſtliches ſagenzuwollen; Emmeline wünſchte etwas zu ſagen, aber er wolite ihr nichts einfallen. Was hätte ſich auch ſagen laſſen? Sie vermieden Beide wie auf Verabredung mit Furcht und Zittern jede Erwähnung des entſetzlichen Mannes, welcher jetzt ihr Herr war. Allerdings erhellt das religiöſe Vertrauen ſelbſt die traurigſte Stunde. Die Mulattin war ein Mitglied der methodiſtiſchen Kirche und beſaß eine un⸗ aufgeklärte, aber aufrichtige Frömmigkeit. Emmeline war weit intelligenter erzogen, ihre fromme Herrin hatte ihr Leſen und Schreiben gelehrt und ſie fleißig in der Bibel unterrichtet; mußte es aber nicht eine ſchwere Prüfung für den Glauben ſelbſt des feſteſten Chriſten ſein, wenn er ſich dem Anſcheine nach von Gvott verlaſſen, in der Hand unbarmherziger Gewaltthätigkeit ſieht? Um wie viel mehr mußte es den Glauben der armen Kinder Chriſti, die ſchwach an Wiſ⸗ ſen und jung an Jahren waren erſchüttern! Das mit ſeiner Schmerzenslaſt befrachtete Boot bewegte ſich den zahlreichen Krümmungen des rothen, ſchlammigen und reißenden Red-River hinauf und trübe Augen blickten wehmüthig auf die ſteilen, rothen Lehmufer, welche in trau⸗ riger Einförmigkeit vorüberglitten. Endlich hielt das Boot vor einer kleinen Stadt an und Legree ſchiffte ſich mit ſeinen Sklaven aus. 31. Düſtere Bilder. Tom und ſeine Genoſſen ſchleppten ſich müde hinter einem roh gearbeiteten Wagen auf einer in noch roherem Zuſtande befindlichen Straße fort. In dem Wagen ſaß Simon Legree; die beiden noch zuſammengefeſſelten Frauenzimmer waren mit dem Gepäck in den hintern Theil deſſelben gebracht worden und die ganze Geſellſchaft befand ſich auf dem Wege nach der in ziem⸗ licher Entfernung liegenden Pflanzung Legrees. Es war eine wilde, einſame Straße, die ſich bald durch öde Fichtenwälder, wo der Wind traurig flüſterte, bald über Dämme durch lange Cypreſſenſümpfe ſchlängelte, wo die ſchwärzlichen Bäume, mit langen Guirlanden von düſter aus⸗ ſehendem ſchwarzen Moos bedeckt, ſich aus dem ſchlammigen Moorboden erhoben, während man von Zeit zu Zeit die widerliche Geſtalt der Moeaſſinſchlange zwi⸗ ſchen abgebrochenen Baumſtumpfen und abgeriſſenen Aeſten, die hier und da faulend in Waſſer lagen, dahingleiten ſah. Eine ſolche Reiſe iſt ſchon für den Fremden, der mit wohlgefüllter Taſche auf einem guten Pferde den einſamen Weg in Geſchäften zurücklegt, traurig genug; aber noch wilder und trauriger iſt ſie für den Armen, den jeder müde Schritt von Allem, was der Menſch liebt und wofür er betet, weiter entfernt. Dies würde Jeder gedacht haben, der den niedergeſchlagenen Ausdruck auf jenen dunkeln Geſichtern geſehen hätte, die geduldige Mattigkeit, womit jene trüben Augen auf einem Gegenſtande nach dem andern, an dem ſie auf ihrer traurigen Reiſe vorüber kamen, ruhten. Simon fuhr jedoch dem Anſcheine nach in heiterer Stimmung auf der Straße hin und that zuweilen einen Zug aus einer Branntweinflaſche, die er bei ſich hatte. „Hört Ihr!“ rief er als er ſich umwendete und die muthloſen Geſichter hinter ſich erblickte,„ſtimmt ein Lied an, Burſchen!— Singt!“ Die Männer blickten einander an und das:„Singt!“ wurde unter einem kräftigen Knall mit der Peitſche, welche Legree in den Händen hielt, wiederholt. Tom begann eine methodiſtiſche Hymne: — 249 „Jeruſalem Du theure Stadt Wenn werd' ich Dich mit Augen ſehn, Du Troſt in meinem Leiden, Wenn ſeh ich Deine—“ „Halt's Maul, ſchwarzer Hund!“ brüllte Legree,„denkſt Du, daß ich Deinen verdammten alten Methodismus haben will! Stimmt etwas Luſtiges an— ſchnell!“ Einer von den andern Männern begann eines von den ſinnloſen Liedern, die unter den Sklaven gebräuchlich ſind: „Der Maſter ſah mich auf dem Baum, Hoho ho Jungen, ho! Hei Jungen hei! Hojo— hei hei— o!“ Er hielt ſich den Leib— ſeht Ihr den Zaum? Der Sänger ſchien das Lied nach Gutdünken zuſammenzuwürfeln, und den erſten beſten Reim zu nehmen, ohne ſich viel um den Sinn zu kümmern, und die Uebrigen ſtimmten von Zeit zu Zeit im Chorus ein:— „Hoho ho Jungen ho! Hei— i— o— o— hei— i— o!“ Das Lied wurde äußerſt lärmend und mit einem erzwungenen Verſuche ſich luſtig zu zeigen abgeſchrieen, aber kein Jammer der Verzweiflung, keine Worte des glühendſten Gebets hätten von einer ſolchen Tiefe des Wehs erfüllt ſein können, wie die wilden Töne des Chors. Es war als ob das arme, ſtumme, bedrohte eingekerkerte Herz ſeine Zuflucht zur Freiſtätte der Muſik nähme und dort eine Sprache fände, deren Laute ein Gebet zu Gott ſind! Es lag ein Ge⸗ bet darin, welches Simon nicht verſtehen konnte. Er hörte nur die Stlaven lärmend ſingen und war damit zufrieden— er erhielt ſie ja bei gutem Muthe. „Nun, liebe Kleine,“ ſagte er zu Emmelinen, indem er die Hand auf ihre Schulter legte,„jetzt ſind wir bald zu Hauſe.“ Wenn Legree ſchalt und tobte, ſo war Emmeline entſetzt, wenn er aber ſeine Hand auf ſie legte und ſo ſprach wie er es jetzt that, dann war es ihr als ob ſie viel lieber von ihm geſchlagen werden möchte. Sie ſchauderte, wenn ſie den Ausdruck ſeines Blickes ſah, und ſie ſchmiegte ſich unwillkürlich dichter an die neben ihr ſitzende Mulattin, als ob ſie ihre Mutter wäre. „Du haſt wohl nie Ohrringe getragen?“ fragte er indem er ihr kleines Ohr mit ſeinen plumpen Fingern erfaßte.. „Nein, Maſter,“ antwortete Emmeline zitternd und zu Boden blickend. „Nun, zu Hauſe werde ich Dir ein Paar geben, wenn Du ein gutes Mädchen biſt. Du brauchſt Dich nicht ſo zu fürchten, ich werde Dich nicht ſehr ſchwer arbeiten laſſen, Du wirſt bei mir gute Zeit haben und wie eine Dame leben— nur ſei ein gutes Mädchen.“ Legree hatte ſo ſtark getrunken, daß er geneigt war, ſehr gnädig zu ſein. Jetzt wurde die Einfriedigung der Pflanzung ſichtbar. Das Gut hatte früher einem Manne von Reichthum und Geſchmack gehört, der auf die Verſchöne⸗ rung ſeiner Anlagen viel Aufmerkſamkeit verwendete. Als er inſolvent ſtarb, war es wohlfeil von Legree gekauft worden, der es wie alles Andere nur als Werkzeug zum Gelderwerb benutzte. Das Ganze beſaß das öde, verfallene Ausſehen, welches ſtets durch die Beweiſe, daß der Fürſorge des frühern Eigen⸗ thůmers eine Vernachläſſigung gefolgt iſt, hervorgebracht wird. Der früher glatt gemähte Raſenplatz vor dem Hauſe, welchen hier und da Zierſträucher geſchmückt hatten, war jetzt mit grobem verworrenem Gras bedeckt, in dem an mehreren Orten Pfähle zum Anbinden der Pferde eingerammt waren, um die der Raſen niedergeſtampft und der Boden mit zerbrochenen Waſſereimern, Maishülſen und anderem Gerümpel bedeckt war. Hier und da hing noch ein mit Mehlthau bedeckter Jasmin oder Geisblattſtrauch von einer früher als 250 Zierde benutzten Säule, die durch ihre jetzige Anwendung als Pferdepfahl eine Neigung auf die Seite erhalten hatte. Der einſt ſchöne Garten war jetzt mit Unkraut überwachſen, waährend nur noch an einzelnen Stellen eine einſame erotiſche Pflanze das Haupt erhob. Das frühere Gewächshaus hatte jetzt keine Fenſter mehr und auf den modernden Stellagen bewieſen die Stöcke und ver⸗ dorrten Blätter in einigen Blumentöpfen, daß hier ſonſt Pflanzen geweſen waren. Der Wagen rollte einen mit Unkraut bewachſenen Kiesweg hinauf unter einer ſchönen Allee von Chinabäumen, deren anmuthige Formen und ſtets friſches Laub die einzigen Dinge zu ſein ſchienen, welche die Vernachläſſigung nicht zu unterdrücken oder zu verändern vermochte— gleich edeln Geiſtern, die im Guten ſo tief wurzeln, daß ſie mitten unter Entmuthigung und Verfall nur noch blühender und feſter darin werden. Das Haus war groß und hübſch geweſen, es war auf die im Süden ge⸗ wöhnliche Weiſe gebaut, daß eine breite, zwei Stock hohe Veranda, deren unterer Theil von Backſteinſäulen getragen wurde, ſich um alle Theile derſelben zog. Jetzt ſah aber das Gebäude öde und unbehaglich aus,— ein Theil der Fenſter war mit Bretern verſchlagen, an andern waren die Scheiben zerbrochen und die Rahmen hingen nur an einem einzigen Haspen— kurz Alles verrieth rohe Vernachläſſigung und Verfall. Der Boden war überall mit Bretſtücken, Stroh, alten morſchen Fäſſern und Kiſten überſäet und drei bis vier vyR dem Geräuſch des Wagens geweckte roße Hunde kamen wüthend heraus ped ließen ſich nur mit Mühe durch die Unſtrengungen der ihnen nacheilenden, zerlumpten Sklaven abhalten, Tom und ſeine Gefährten zu zerfleiſchen. „Ihr ſeht, was Euch widerfahren würde,“ ſagte Legree, indem er die Hunde mit finſterer Zufriedenheit ſtreichelte und ſich zu Tom und deſſen Schick⸗ ſalsgenoſſen wendete.„Ihr ſeht, was Euch widerfabren würde, wenn Ihr zu 1 entlaufen verſuchtet. Die Hunde hier ſind zum Aufſpüren von Negern abge⸗ richtet, und ſie würden eben ſo gern Einen von Euch zerreißen wie ihr Abend⸗ ———— ——— eſſen verzehren. Seht Euch alſo vor. Wie ſteht's, Sambo?“ fragte er einen zerlumpten Burſchen mit einem krempenloſen Hute, der ihn mit dienſtfertigen Aufmerkſamkeiten überhäufte,„wie iſt es unterdeſſen gegangen?“ „Ganz gut, Maſter.“ 1„Quimbo,“ ſagte Legree hierauf zu einem Anderen, welcher eifrige De⸗ monſtrationen machte, um ſeine Aufmerkſamkeit zu erregen,„haſt Du beachtet, was ich Dir geſagt habe?“ „Ich hoffe es.“ Dieſe beiden Farbigen waren die oberſten Arbeiter auf der Pflanzung. Legree hatte ſie eben ſo ſyſtematiſch wie ſeine Bullenbeißer in der Brutalität 3 und Grauſamkeit dreſſirt und durch lange Uebung in Härte und Mißhandlungen 3 hre ganze Natur ſo ziemlich auf die nämliche Stufe gebracht. Es iſt eine ge⸗ wöhnliche Erſcheinung, die wie man glaubt, ſtark gegen die Charakter der Race ſpricht, daß der ſchwarze Sklavenaufſeher ſtets⸗tyranniſcher und grauſamer iſt als der weiße. Hiermit ſagt man aber einfach nur, daß der Geiſt des Negers mehr herabgewürdigt und zu Boden gedrückt wird als der des Weißen. Es iſt von dieſer Race nicht wahrer als von jedem andern unterdrückten Geſchlechte 2 der ganzen Welt: der Sklave iſt ſtets ein Tyrann wenn ihm die Möglichkeit 3 dazu geboten wird.. 1 Legree beherrſchte wie viele andere Potentaten, von denen man in der Ge⸗ 5 ſchichte lieſt, ſeine Pflanzung durch eine Art von Theilung der Gewalten. Sambo ——— ———— 251 und Quimbo haßten einander von ganzem Herzen, ſämmtliche Arbeiter haßten Beide, und indem er die eine Partei der andern entgegenſtellte, war er ziemlich ſicher, durch irgend eine von ihnen über das, was auf ſeinem Gebiete vorging, Nachricht zu erhalten. Kein Menſch kann gänzlich ohne geſelligen Umgang leben und Legree mun⸗ terte daher ſeine beiden ſchwarzen Satelliten zu einer Art von roher Vertrau⸗ lichkeit auf— einer Vertraulichkeit, die jedoch jeden Augenblick den Einen oder Andern von ihnen in Ungelegenheiten bringen konnte, da der Eine ſtets auf das leiſeſte Zeichen hin bereit war, zum Werkzeug ſeiner Rache an dem Andern zu dienen. Als ſie jetzt ſo bei Legree ſtanden, gaben ſie einen ſprechenden Beweis da⸗ für, daß rohe Menſchen noch tiefer ſtehen als die Thiere. Ihre groben, dunkeln, ſchwerfälligen Züge, ihre neidiſch gegen einander rollenden großen Augen, ihre barbariſchen, halb viehiſchen Kehllaute, ihre im Winde flatternden, zerriſſenen Kleider ſtanden alle im trefflichem Einklange mit dem erbärmlichen, niedrigen Charakter des ganzen Ortes. „Hier, Sambo,“ ſagte Legree,„bringe dieſen Burſchen in die Quartiere und hier iſt eine Frau, die ich Dir mitgebracht habe,“ ſetzte er hinzu, indem er die Mulattin von Emmelinen trennte, und ſie zu ihm ſtieß,„Du weißt, daß ich Dir verſprochen habe, Dir eine zu bringen.“ Das Weib ſchrak plötzlich zuſammen, trat zurück und ſagte: „O, Maſter, ich habe meinen alten Mann in New-Orleans zurückgelaſſen!“ „Was thut das!— wirſt Du hier nicht einen brauchen?— Mache keine Worte— marſch!“ rief Legree indem er ſeine Peitſche ſchwang. „Komm, Miſtreß,“ ſagte er dann zu Emmelinen,„Du gehſt mit mir hier herein.“ Ein dunkles Geſicht erſchien auf einen Augenblick an einem Fenſter, und als Legree die Thür öffnete, ſagte eine weibliche Stimme etwas in hartem, ge⸗ bieteriſchem Tone. Tom, der Emmelinen mit beſorgter Theilnahme nachblickte, bemerkte dies und hörte Legree zornig antworten: „Du kannſt Deine Zunge halten! ich werde Dir zum Trotz thun was ich will.“ Tom hörte weiter nichts, denn er folgte bald darauf Sambo nach dem Skla⸗ venquartier. Dies war eine kleine Straße von rohen Hütten in einem weit von dem Hauſe entfernten Theile der Pflanzung. Sie hatten ein ödes todtes Aus⸗ ſehen. Tom wurde das Herz ſchwer, als er ſie ſah; er hatte ſich mit dem Ge⸗ danken getröſtet, daß er eine, wenn auch geringe, doch nette und ſtille Hütte ſinden würde, worin er ein Regal für ſeine Bibet und einen Platz haben könne, wo er außer den Arbeitsſtunden allein war Er blickte in mehrere; ſie waren leer, ohne alles Hausgeräth, und nur ein ſchmutziger Strohhaufen lag auf dem nackten Erdboden, den die Tritte unzähliger Füße hart gemacht hatten. „Welche von dieſen wird die meine ſein?“ fragte er Sambo unterwürfig. „Ich weiß nicht; Du wirſt hier wohl mit hinein kriechen können,“erwiderie Sambo,„es wird wohl noch für Einen Platz da ſein Es ſind jetzt in jeder ſchon eine gute Menge von Niggern; ich weiß wahrhaftig nicht, wo ich noch mehr unterbringen ſoll.“ Es wa ſpätr am Abend, als die müden Bewohner der Hütten nach Hauſe ſtrömten Männer und Weiber in ſchmutzigen und zerlumpten Kleidern, mür⸗ riſch und feineswegs in der Stimmung, um neue Ankömmlinge freundlich zu bewillkommnen. Das kleine Dorf war nicht von einladenden Tönen belebt; dumpfe Kehlſtimmen zankten untereinander an den Handmühlen, wo ihre kleine Ration von hartem Mais noch zu Mehl gemacht werden ſollte, um daraus den Kuchen zu backen, welcher ihr einziges Abendbrod bildete. Sie waren von der früheſten Morgendämmerung an, von der Peitſche der Aufſeher zur Arbeit an⸗ getrieben, auf dem Felde geweſen, denn es war jetzt Erntezeit und man ließ kein Mittel unverſucht, um einen Jeden zur äußerſten Anſtrengung ſeiner Kräfte zu bringen.„Das Baumwolkenſammeln iſt keine ſchwere Arbeit,“ ſagt der in⸗ differente Zuſchauer. Es iſt auch kein großes Unglück, wenn Einem ein Waſſer⸗ tropfen auf den Kopf fällt, deſſen ungeachtet wird aber die ſchlimmſte Tortur der Inquiſition dadurch hervorgebracht, daß ein Tropfen nach dem andern, einen Augenblick nach dem andern in gleichmäßiger Folge auf dieſelbe Stelle trifft, und eine an ſich ſelbſt nicht ſchwere Arbeit wird es dadurch, daß ſie eine Stunde nach der andern mit wechſelloſer Gleichheit betrieben werden muß, ohne auch uur das Bewußtſein des freien Willens, um ihr etwas von ihrer Langweilig⸗ keit zu benehmen. Tom ſah ſich vergebens unter der herbeiſtrömenden Menge nach Geſichtern ſolcher um, mit denen er hätte Ungang haben mögen. Er erblickte nichts als mürriſche, verſtockte, verthierte Männer und ſchwache, entmuthigte Weiber, oder Weiber, die keine Frauen waren;— die Starken ſtießen die Schwächeren, über⸗ all zeigte ſich die rohe, ungezügelte, thieriſche Selbſtſucht menſchlicher Weſen, von denen nichts Gutes erwartet und gewünſcht wurde, und die in jeder Hin⸗ ſicht wie das Vieh behandelt, ſo nahe zu demſelben herabgeſunken waren, wie es bei menſchlichen Weſen nur immer möglich ſein konnte. Das Geräuſch des Mahlens dauerte bis tief in die Nacht, denn die Zahl der Mühlen war im Ver⸗ gleich zu der der Mehlbedürftigen nur gering, und die Müden und Schwachen wurden von den Stärkeren zurückgetrieben und kamen zuletzt an die Reihe. „He Du, ſagte Sambo, indem er zu der Mulattin trat und ihr einen Sack mit Mais hinwarf;„wie iſt Dein verdammter Name.“ „Lucy,“antwortete die Frau. „Mun, Luchy, Du biſt jetzt meine Frau, Du mahlſt dieſes Korn und bäckſt mein Abendeſſen, hörſt Du?“ „Ich bin nicht Deine Frau und will es nicht werden,“ rief die Mulattin, mit dem plötzlichen Muthe der Verzweiflung;„geh Deines Wegs!“ „Dann gebe ich Dir einen Tritt,“ ſigte Sambo, indem er drohend ſeinen Fuß erhob. „Du magſt mich umbringen, wenn Du willſt; je eher je beſſer; ich wollte ich wäre todt,“ verſetzte ſie. „Höre, Sambo, wenn Du die Leute verdirbſt, ſo werde ich es dem Maſter ſagen,“rief Quimbo, der an der Mühle beſchäftigt war, von welcher er zwei bis drei müde Weiber, die ihren Mais mahlen wollten, vertrieben hatte. „Und ich werde ihm ſagen, daß Du die Weiber nicht an die Mühle kommen läßt, Du alter Nigger!“ ſchrie Sambv.„Du brauchſt Dich um meinen Streit gar nicht zu kümmern.“ Tom war von ſeiner Tagereiſe zum Umfallen hungrig. „Da,“ ſagte Sambo indem er ihm einen groben Sack, welcher etwa einen viertel Scheſſel Mais enthielt, vor die Füße warf,„da, Nigger, friß! nimm es in Acht; dieſe Woche kriegſt Du nichts mehr.“ Tom wartete lange, ehe er einen Platz an einer von den Mühlen erhielt und dann mahlte er von der Mattigkeit zweier Weiber, die er mit dem Verſuche ihr Korn zu zerkleinern beſchäftigt ſah, gerührt, daſſelbe für ſie, ſcharrte die letzten Kohlen des Feners, an welchem ſo viele vor ihm ſchon Kuchen gebacken — 253 hatten, zuſammen und ging daran, ſich ſein Abendbrod zu bereiten. Es war hier etwas Neues, ein Werk der chriſtlichen Liebe verrichten zu ſehen, aber dieſes erweckte, ſo gering es auch war, in den Herzen der Weiber eine entſprechende Regung— ein Ausdruck weiblicher Güte trat auf ihre harten Geſichter. Sie kneketen ihm ſeinen Kuchen und beſorgten das Backen deſſelben, und Tom ſetzte ſich beim Scheine des Feuers nieder und zog ſeine Bibel heraus— denn er war des Troſtes bedürftig. „Was iſt das?“ fragte eine von den Weibern. „Eine Bibel!“ antwortete Tom. „Guter Gott, ich habe keine geſehen ſeit ich aus Kentuckh bin.“ „Biſt Du aus Kentucky?“ fragte Tom mit Intereſſe. „Ja, und ich habe eine gute Erziehung genoſſen; ich habe nie gedacht, daß es ſo weit mit mir kommen würde!“ antwortete die Frau mit einemn Seufzer. „Was für ein Buch iſt das?“ fragte die andere Frau. „Die Bibel.“ „Was iſt denn die Bibel?“ fragte jene von Neuem. „Haſt Du nie davon gehört?“ verſetzte die Antere.„In Kentuck hat uns die Miſſis mitunter daraus vorgeleſen, aber Du lieber Gott, hier hoͤrt man nichts als mit der Peitſche knallen und fluchen.“ „Lies einmal ein Stück daraus,“ ſagte die Erſtere neugierig, als ſie ſah, wie ſich Tom aufmerkſam darüber beugte. Tom las:„Kommt zu mir, die ihr mühſelig und beladen ſeid, ich will euch erquicken.“. „Das ſind recht gute Worte!“ ſagte die Frau;„wer ſpricht ſie?“ „Der Herr,“ antwortete Tom. „Ich wollte nur, ich wüßte wo ich ihn finden könnte,“ ſprach das Weib, „ich würde zu ihm gehen. Es ſcheint mir, als ob ich nie wieder Erquickung finden ſollte. Das ganze Fleiſch thut mir weh und ich zittere täglich am ganzen Leibe, und Sambo ſchimpft beſtändig auf mich, weil ich die Baumwolle nicht ſchneller leſe und des Abends dauert es beinahe bis um Mitternacht, ehe ich mein Abendbrod erhalten kann, und dann habe ich kaum die Augen geſchloſſen, ſo höre ich das Horn zum Aufſtehen blaſen und es geht von Neuem los. Wenn ich wüßte, wo der Herr wäre, ſo würde ich es ihm ſagen.“ „Er iſt hier— er iſt überall!“ ſte Tom. „Oho, das glaube ich nicht. Ich weiß, daß der Herr nicht hier iſt,“ ent⸗ gegnete das Weib.„Es hilft freilich nichts, wenn man auch davon ſpricht; ich will mich nur jetzt niederlegen und ſchlafen ſo lange es geht.“ Die Weiber begaben ſich in ihre Hütten und Tom blieb allein an dem glim⸗ menden Feuer ſitzen, Velches einen rothen Schein auf ſein Geſicht warf. Der ſilberne Mond erhob ſich an dem Purpurhimmel und blickte ruhig und ſtill herab, wie Gott auf die Stelle des Elends und der Bedrückung— auf den ein⸗ ſamen ſchwarzen Mann, der mit ſeiner Bibel auf dem Schooße daſaß. Iſt Gott hier? Ach wie iſt es möglich, an dem Glauben feſt zu halten, ohne zu wanken, im Angeſicht dieſer unverkennbaren unbeſtraften Ungerechtig⸗ keit? In Tom's einfachem Herzen wüthete ein wilder Kampf: das peinigende Gefühl des Unrechts, die Ahnung eines ganzen Lebens zukünftigen Elends, die Zertrümmerung aller vergangenen Hoffnungen wogten vor den Blicken der Seele, die Leichen von Weib, Kind und Freunden aus den dunklen Wogen em⸗ porwerfend, und brachten ſie vor das Angeſicht des halb ertrunkenen Seemanns! Ach, iſt es da leicht, das große Wort des chriſtlichen Glaubens feſtzuhalten: Gott iſt, und er iſt der Vergelter derer, die ihn ſuchen? 5 254 Endlich ſtand Tom, ohne dieſen Abend große Erquſckung gefunden zu ha⸗ ben, auf und begab ſich in die ihm angewieſene Hütte. Der Boden war bereits mit müden Schläfern bedeckt und die übelriechende Luft des Raumes trieb ihn beinahe zurück; aber der ſtarke Nachtthau war kalt und Tom ermüdet; er hüllte ſich daber in eine zerriſſene Wolldecke, welche ſein einziges Vett war, ſtreckte ſich auf das Stroh und ſchlief ein. In ſeinen Träumen drang eine ſanfte Stimme an ſein Ohr; er ſaß auf der Moosbank im Garten am Pontchartrain-See, und Eva las ihm mit geſentten Augen aus der Bibel vor; er hörte ſie ſprechen: „Wenn du durch die Waſſer gehſt, ſo werde ich bei Dir ſein, und die Flüſſe ſollen Dich nicht überfluthen. Wenn Du durch das Feuer gehſt, ſo ſollſt Du nicht verbrennen und die Flamme ſoll nicht an Dir lecken, denn ich bin der Herr Dein Gott, der Heilige von Iſrael, Dein Erretter.“ Die Worte ſchienen allmälig zu einer himmliſchen Muſik zu verſchmelzen, das Kind erhob ſeine tiefen Augen und heftete ſie liebevoll auf ihn, und Strah⸗ len der Wärme und des Troſtes drangen aus ihnen in ſein Herz, und wie von den Schwingen der Muſik getragen, erhob ſie ſich in die Luft, goldene Sterne ſchwebten von ihr herab, und ſie war verſchwunden. Tom erwachte. War es ein Traum geweſen? Es mag für einen gelten; aber wer will behaupten, daß es dem freundlichen Geiſte der im Leben ſo gern die Betrübten tröſtete und beruhigte, von Gott ver⸗ boten worden ſei, nach dem Tode dieſes Amt zu übernehmen? 32. Caſſy. Es bedurfte nur kurzer Zeit, um Tom mit Allem, was von ſeinem neuen Leben zu hoffen oder zu fürchten war vertraut zu machen. Er war in Allem, was er unternahm, ein erfahrener, tüchtiger Arbeiter und aus Gewohnheit ſowohl wie aus Grundſatz ſteißig und treu. Bei ſeinem ruhigen, friedlichen Charakter hoffte er durch unabläſſigen Eifer wenigſtens einen Theil der Uebel ſeiner Lage von ſich abwenden zu können; er ſah genug Mißhandlungen und Elend, um von Abſcheu und Lebensüberdruß erfüllt zu werden, aber er beſchloß, ſich mit gewiſſenhafter Geduld anzuſtrengen, und Alles dem anheim zu ſtellen, welcher ge⸗ recht richtet, indem er hoffte, daß ſich ihm noch irgend ein Weg zur Flucht öff⸗ nen könne. Legree bemerkte Tom's Brauchbarkeit im Stillen. Er betrachtete ihn als einen Arbeiter erſter Claſſe und doch fühlte er gegen ihn einen gebeimen Wider⸗ willen, die angeborne Antipathie des Böſen gegen den Guten. Er ſah deutlich, daß, wenn ſeine Gewaltthätigkeit und Brutalität, wie es häufig der Fall war, auf Hilfloſe fiel, Tom davon Notiz nahm, denn die Atmoſphäre der öffentlichen Meinung iſt ſo burchdringend, daß ſie ſich ſelbſt ohne Worte fühlbar macht, und ſogar die Meinung eines Sklaven kann einem Herrn unangenehim ſein. Tom gab auf vielfache Weiſe eine Zartheit des Gefühls, ein Mitleid für ſeine Leidensgenoſſen zu erkennen, wie es ihnen ſeltſam und neu war und von Legree mit eiferſüchtigem Auge beokachtet wurde. Er hatte Tom in der Abſicht gekauft, um ihn mit der Zeit zu einer Art Aufſeher zu machen welchem er bei kurzen Ab⸗ weſenheiten die Leitung ſeiner Geſchäfte anvertrauen könne, und ſeiner Anſicht nach war Härte das erſte, zweite und dritte Erforderniß für dieſe Stelle. Da aber Tom nicht ſo hart war. wie es für ihn vaßte. ſo nahm Legree ſich vor, ihn zu verhärten, und beſchloß einige Wochen nach Tom's Ankunft, das Verfahren zu beginnen Eines Morgens, als die Arbeiter gemuſtert wurden, ehe ſie auf die Felder gingen, bemerfte Tom mit Ueberraſchung unter ihnen eine neue Perſon, deren Aeußeres ſeine Aufmerkſamfeit erregte. Es war ein hochgewachſenes, ſchlankes Weib mit auffallend zarten Händen und Füßen und netten, anſtändigen Kleidern. Dem Ausſeben ihres Geſichts nach mochte ſie fünfunddreißig bis vierzig Jahre altſein, und es war ein Geſicht, welches man, wenn man es einmal geſehen, nie wieder vergeſſen kann, eines von denjenigen, die uns auf den erſten Blick eine wilde, veinliche und romantiſche Geſchichte zu erzählen ſcheinen. Ihre Stirn war hoch und ihre Augenbrauen ſchön gewölbt, ibre gerade. gutgebildete Naſe, ihr ſchön geſchnittener Mund und die anmuthigen Umriſſe ihres Halſes und Kopſes zeigten, daß ſie einſt ſchon geweſen ſein müſſe; aber ihr Geſicht war von Linien des Schmerzes und Stolzes tief gefurcht. Ihre Geſichtsfarbe war bleich und ungeſund, ihre Wangen eingefallen, ihre Züge ſcharf markirt, und ihre ganze Geſtalt abgezehrt, aber ihr Auge war das auffallendſte an ihr— ernſt, groß tief, ſchwarz, von langen, eben ſo dunkeln Wimpern beſchattet und voll wilder, wehmüthiger Verzweiung. In jeder Linie ihres Geſichts, in jeder Kurve der biegſamen Lippen, in ſeder Bewegung ihres Körpers lagen ſtolzer Trotz und Herausforderung, aber ihr Auge war von einer tiefen, ſchwarzen Nacht der Pein— einem ſo hoffnungsloſen Ausdruck erfüllt, daß er einen furchtbaren Contraſt mit dem Stolze und Hohne ihrer ganzen Haltung bildete. Woher ſie kam und wer ſie war, wußte Tom nicht. Das Erſte, was er er⸗ fuhr, war, daß ſie im Morgennebel ſtolz an ſeiner Seite hinſchritt; den übrigen Negern war ſie jedoch bekannt, denn faiſt alle wendeten ſich nach ihr um und es war unter den elenden, zerlumpten, halb verhungerten Geſchöpfen, welche fie umgaben, eine heimliche Schadenfreude deutlich zu erkennen. „Iſt es endlich dazu gekommen?— das freut mich!“ ſagte die Eine. „Hihihr!““ kicherte eine Andere, jetzt werden Sie ſehen, wie es thut, Miß.“ „Ich möchte wiſſen. ob ſie des Abends Hiebe kriegen wird, wie wir Andern?“ „Ich würde mich freuen, wenn ſie eine gehörige Tracht Schläge erhielt!“ rief eine Andere. Die Frau nahm von allen dieſen höhnenden Worten keine Notiz, ſondern ſchritt mit dem unveränderten Ausdrucke zorniger Verachtung, und als ob ſie nichts gehört habe, weiter. Tom hatte ſtets unter fein gebildeten Menſchen ge⸗ lebt und fühlte unwillfürlich aus ibren Mienen und ihrer Haltung, daß ſie die⸗ ſer Claſſe angeböre; aber wie oder warum ſie in dieſe entwürdigende Lage herab⸗ geſunken ſein fönne, vermochte er nicht zu errathen.— Die Frau blickte ihn weder an, noch ſprach ſie mit ihm, obgleich ſie ſich au dem ganzen Wege zum Felde dicht an ſeiner Seite hielt. om war bald fleißig bei ſeiner Arbeit. Da ſich aber die Neuangekommene in nicht großer Entfernung von ihm befand, warf er oft einen Blick auf ſie und er bemerkte bald daß eine angeborne Geſchicklichkeit und Behendigkeit ihr die Aufgabe leichter machte, als vielen Anderen. Sie vflückte die Baumwolle ſehr ſchnell und rein und mit emer Miene der Verachtung, als ob ſie ſowohl über die Arbeit wie über die Schande und das Demütbigende ihrer Lage erhaben wäre. Im Laufe des Tages fam Tom mit der Mulattin zuſammen, welche zugleich mit ihm getauft worden war Sie fühlte ſich offenbar ſehr unglücklich und Tom hörte ſie ontmals beten, während ſie ſchwankte und zitterte und mederfallen zu wollen ſchten. Tom nahm als er in ihre Mahe kam. ſchweigend mehrere Hände voll Baumwolle aus veinem Sacke, um ſe in den ihren zu legen. „D. thue es nicht!“ ſagte das Weib mit einem erſtaunten Blicke;„es wird Dich in Ungelegenheiten bringen.“ 256 In dieſem Augenblicke kam Sambo heran. Er ſchien einen beſonderen Groll gegen das Weib zu hegen, ſchwang ſein Peitſche und ſagte mit roher Härte: „Was ſoll das heißen, Lucy?“— Mit dieſen Worten gab er der Mulattin einen Tritt mit ſeinem ſchweren rindsledernen Schuh und ſchlug Tom mit der Peitſche über das Geſicht. Tom fuhr ſchweigend in ſeiner Arbeit fort, aber das Weib, welches ſchon vorher auf dem letzten Punkte desErſchöpfung geſtanden hatte, fiel in Ohnmacht. „Ich werde. ſchon zu ſich bringen,“ ſagte der Aufſeher mit einem rohen Fluche;„ich werde ihr etwas Beſſeres geben wie Kampher!“ Und er zog eine Stecknadel aus ſeinem Aermelaufſchlage und grub ſie bis an den Kopf in ihr Fleiſch. Die arme Frau ſtöhnte und erhob ſich halb. „Steh' auf, Beſtie und arbeite; ſonſt werde ich Dir noch etwas zeigen!“ Die Arme ſchien auf einige Augenblicke zu einer unnatürlichen Kraft an⸗ geſtachelt zu ſein und arbeitete mit verzweifeltem Eifer. „Siehe zu, daß Du es ſo fort machſt!“ ſagte der Aufſeher,„ſonſt wirſt Du heute Abend wünſchen, daß Du geſtorben wäreſt.“ „Das wünſche ich jetzt ſchon!“ hörte Tom ſie ſagen, und dann fügte ſie hinzu:„O Gott, wie lange wird es noch dauern— o Herr, warum hilfſt Du uns nicht?“ Auf Gefahr Alles deſſen, was er dafür zu leiden haben konnte, kam Tom wieder herbei und ſteckte alle Baumwolle, die ſich in ſeinem Sacke befand in den des Weibes. „O Du darfſt das nicht thun! Du weißt nicht wie es Dir ergehen wird!“ ſagte die Frau. „Ich kann es leichter als Du tragen,“ antwortete Tom, und er eilte wieder an ſeinen Platz. Alles dies war in einem Augenblicke vorüber. Plötzlich erhob die Fremde, die wir beſchrieben haben und welche ihm im Laufe ihrer Arbeit nahe genug gekommen war, um Tom's letzte Worte zu hören, ihre großen, ſchwarzen Augen, heftete ſie eine Sekunde lang auf ihn, nahm darauf eine Quantität Baumwolle aus ihrem Korbe und legte ſie in den ſeinen. „Du kennſt dieſen Ort nicht,“ ſagte ſie,„ſonſt würdeſt Du das nicht ge⸗ than haben. Wenn Du einen Monat hier biſt, ſo wirſt Du aufhören, irgend Einem zu helfen. Du wirſt es ſchwer genug finden, Deine eigene Haut in Acht zu nehmen.“ „Das verhüte der Herr, Miſſis!“ erwiderte Tom, welcher inſtinktmäßig gegen ſeine Feldgenoſſin die ehrerbietige Ausdrucksweiſe anwendete, deren er ſich gegen die Leute bei denen er gelebt, bedient hatte. „Der Herr beſucht dieſes Haus nie,“ ſagte die Fremde bitter, indem ſie He in ihrer Arbeit fortfuhr und das verächtliche Lächeln ſpielte abermals um ihre Lippen. Aber der Aufſeher hatte von der andern Seite des Feldes die Bewegung des Weibes bemerkt und er kam jetzt, ſeine Peitſche ſchwingend, herbei. „Was! was!“ ſagte er mit triumphirender Miene zu ihr,„Du treibſt Narrheiten! Mache daß Du weiter kommſt! Du ſtehſt jetzt unter mir!— Paß auf, ſonſt wirſt Du es kriegen!“ Aus den ſchwarzen Augen zuckte ein Blitz und ſie wendete ſich mit zitternden Lippen und weit geöffneten Naſenflügeln um, richtete ſich hoch auf und heftete ihre von Wuth und Verachtung glühenden Augen auf den Treiber. „Hund!“ ſagte ſie,„rühre mich an, wenn Du es wagſt, ich habenoch Macht 257 genug um Dich von Hunden zerreißen, lebendig verbrennen, in Stücke zerhauen zu laſſen. Ich brauche nur ein Wort zu ſagen.“ „Was Teufel thuſt Du denn hier?“ ſagte der Mann offenbar herabgeſtimmt, indem er ſich mürriſch um ein paarSchritte weiter zurückzog.„Ich habe es nicht ſo böſe gemeint, Miß Caſſy(Caſſandra).“ „Nun ſo geh mir aus dem Wege,“ ſagte die Frau, und in der That ſchien der Treiber ſehr geneigt zu ſein, ſeine Aufmetſamkeit auf irgend etwas am an⸗ dern Ende des Feldes zu richten, denn er eilte raſch hinweg. Die Fremde kehrte plötzlich zu ihrer Arbeit zurück und verrichtete dieſelbe mit einer Schnelligkeit, über welche Tom ganz erſtaunt war. Sie ſchien wie mit Zauberei zu arbeiten, ehe der Tag vorüber war, hatte ſie ihren Korb gefüllt, niedergedrückt und noch einmal aufgehäuft und doch hatte ſie verſchiedene Male große Quantitäten in Tom's Korb gelegt. Lange nach Einbruch der Nacht wanderte die ganze müde Geſellſchaft mit den Körben auf den Köpfen nach dem Gebäude, welches zur Aufſpeicherung und zum Wiegen der Baumwolle beſtimmt war. Hier befand ſich Legree in eifrigem Geſpräch mit den beiden Aufſehern. „Der Tom wird uns ungeheure Noth machen. Er hat fortwährend Wolle in Luch's Korb gelegt; er iſt Einer von Denen, die allen Niggern weis machen, daß ſie gemißhandelt werden, wenn der Maſter ſein Auge nicht auf ihn hat“— ſagte Sambv. „Ha! ber ſchwarze Schuft!“ rief Legree;„erwird dreſſirt werden müſſen, nicht wahr, Jungens?“ Beide Neger begannen bei dieſer Andeutung entſetzlich zu griſſen. „Ja, ja, Maſter Legree verſteht das Dreſſiren; der Teufel könnte den Maſter darin nicht übertreffen, ſagte Quimbv. „Nun, Burſche, es iſt das beſte, ihm das Auspeitſchen zu übertragen, bis er ſeine Ideen abgelegt hat. Es wird ihn abrichten.“ „O es wird eine harte Arbeit für den Maſter ſein, ihn dahin zu bringen.“ „Er wird ſchon daran müſſen,“ ſagte Legree, indem er den Tabak in ſeinein Munde auf die andere Seite ſchob. „Ah, da iſt Luch, das widerſpenſtigſte, garſtigſte Ding auf dem Gute,“ fuhr Sambo fort. „Sieh Dich vor, Sam, ich kann mir denken, was der Grund zu Deinem Groll gegen Lucy iſt.“ „Nun, der Maſter weiß, daß ſie ſich gegen den Maſter aufgelehnt hat und mich nicht haben wollte, als er es ihr befahl.“ „Ich hätte ſie ſchon dazu gepeitſcht,“ ſagte Legree;„aber es giebt jetzt ſo viel zu thun, daß ich ſie in dieſem Augenblicke nicht arbeitsunfähig machen will. Sie iſt mager und die magern Mädchen laſſen ſich eher halb todt ſchlagen, als daß ſie von ihrem Kopfe abgehen.“ „Nun, Luch war ungeheuer faul und trieb ſich umher und wollte nichts thun— und Tom hat ſich ihrer angenommen.“ Wirklich! nun dann ſoll Tom das Vergnügen haben, ſie zu peitſchen; es wird für ihn eine Uebung ſein, und er wird es der Dirne auch nicht geben, wie Ihr Teufel.“ „Hohoho!— hahaha!“ lachten die beiden ſchwarzen Böſewichter, und die diaboliſchen Töne waren in der That ein nicht unpaſſender Ausdruck des dämo⸗ niſchen Charakters, den ihnen Legree beimaß. „Nun aber Maſter, Tom und Miß Caſſy haben zuſammen Luch's Korb ge⸗ füllt. Ich denke, daß das rechte Gewicht darin ſein wird, Maſter.“ Onkel Tom's Hütte. 17 258 „Ich wiege die Wolle!“ ſagte Legree pathetiſch. Beide Aufſeher ſtießen abermals ein diaboliſches Gelächter aus. „Miß Caſſy hat alſo ihr Tagewerk gethan,“ fügte er hinzu. „Sie pflückte wie der Teufel und alle ſeine Engel.“ „Ich glaube, daß ſie ſie Alle im Leibe hat,“ brummte Legree mit einem rohen Fluche und begab ſich nach dem Wiegezimmer. Die ermatteten Geſchöpfe kamen langſam in das Zimmer und übergaben mit widerſtrebender Furchtſamkeit ihre Körbe zum Wiegen. Legree bemerkte den Betrag auf einer Schiefertafel, an deren einer Seite eine Liſte der Namen aufgeklebt war. Tom's Korb wurde gewogen und gut befunden, und er wartete mit einem Blicke, wie es der Mulattin gehen würde, deren er ſich angenommen atte. Sie kam vor Erſchöpfung ſtrauchelnd herbei und lieferte ihren Korb ab. Er hatte das volle Gewicht, wie Legree recht gut bemerkte, aber er ſagte mit er⸗ heucheltem Zorne: 5 „Was, Du faule Beſtie, ſchon wieber zu wenig?— Tritt bei Seite, Du wirſt es bald erhalten.“ Das Weib ſtieß ein Geſtöhn der tiefſten Verzweiflung aus und ſetzte ſich auf eine Bank. Jetzt kam die Perſon, welche Miß Caſſy genannt worden war, herbei und gab mit hochfahrender nachläſſiger Miene ihren Korb ab. Legree ſah ihr dabei mit einem ſpöttiſchen, aber forſchenden Blicke in die Augen. Sie blickte ihn feſt an, ihre Lippen bewegten ſich leiſe und ſie ſagte etwas in franzöſiſcher Sprache; was es war, wußte Niemand, aber Legree's Geſicht wurde in ſeinem Ausdrucke wahrhaft dämoniſch als ſie die Worte ſprach. Er erhob die Hand, als wollte er ſie ſchlagen— eine Geberde, die ſie mit ſtolzer Geringſchätzung betrachtete, während ſie ſich abwendete und davon ſchritt. „Und nun komm Du her, Tom,“ ſagte Legree;„Du weißt, ich habe Dir geſagt, daß ich Dich nicht gerade für gewöhnliche Arbeit gekauft habe; ich ge⸗ denke Dich zu befördern und Dich zum Aufſeher zu machen und heute Abend kannſt Du anfangen, Deine Hände zu üben Nimm die Dirne hier und gieb ihr eine Tracht Schläge. Du haſt genug geſehen, um zu wiſſen, wie Du es machen mußt.“ „Ich bitte den Maſter um Verzeihung,“ ſagte Tom,„aber ich hoffe, daß der Maſter mich nicht dazu beſtimmen wird. Ich bin nicht daran gewöhnt— ich habe es nie gethan— und kann es nicht thun— es iſt mir unmöglich.“ „Du wirſt Manches lernen müſſen, was Du nie gekannt haſt, ehe ich mit Dir fertig bin,“ bemerkte Legree, indem er einen Ochſenziemer nahm und Tom einen heftigen Schlag über das Geſicht gab, worauf er noch einen Hagel von Schlägen folgen ließ. „Da,“ ſagte er, als er inne hielt, um auszuruhen.„Willſt Du mir jetzt noch ſagen, daß Du es nicht kannſt?“ „Ja, Maſter,“ erwiderte Tom, indem er die Hand erhob, um das über ſein Geſicht herabträufelnde Blut abzuwiſchen⸗„Ich bin bereit, Tag und Nacht zu arbeiten, ſo lange ich lebe und Athem in mir habe, aber ich fühle, daß es unrecht iſt, dies zu thun; und ich werde es nie thun— nie.“ Tom hatte eine ungemein milde ſanfte Stimme und ein ſo ehrerbietiges Weſen, daß Legree dadurch auf die Idee gekommen war, daß er feig und leicht 259 zu unterwerfen ſein würde. Als er jene letzten Worte ſprach, wurden alle An⸗ weſenden von Erſtaunen erfüllt. Die arme Mulattin faltete, die Hände und ſagte:„O Gott!“ und Alle blickten einander unwillkürlich an und ſtanden athemlos da, wie um ſich auf den Ausbruch des unvermeidlichen Sturms vor⸗ zubereiten. Legree ſah verblüfft aus, endlich platzte er heraus: „Was, Du verdammte ſchwarze Beſtie, Du ſagſt mir: daß Du es nicht für recht hälſt zu thun, was ich Dir befehle? Was habt Ihr verdammtes Vieh mit dem Denken an das was Recht iſt zu ſchaffen? Ich werde dem ein Ende machen! Glaubſt Du etwa, Du biſt ein Gentleman, Maſter Tom, daß Du Deinem Herrn ſagſt, Wos Recht iſt und was nicht? Du hälſt es alſo für unrecht, die Dirne zu ſchlagen?“ 83ch denke es, Maſter,“ ſagte Tom;„das arme Geſchöpf iſt krank und ſchwach, es würde geradezu grauſam ſein, und ich werde es nie thun. Wenn Sie mich umbringen wollen Maſter, ſo tödten Sie mich; aber ich erhebe meine Hände gegen Niemanden. Lieber will ich ſterben.“ Tom ſprach mit ſanfter Stimme aber mit unverkennbarer Entſchiedenheit. Legree zitterte vor Zorn; ſeine grünlichen Augen glühten wild und ſelbſt ſein Bart ſchien ſich vor'Wuth zu ſträuben, aber wie ein wildes Thier, welches mit ſeinem Opfer ſpielt, ehe es daſſelbe verſchlingt, hielt er ſeinen ſtarfen Antrieb zu augenblicklichen Gewaltthätigkeiten zurück und brach in bittern Spott aus. „Nun, hier haben wir einmal einen frommen Hund unter uns Sündern — einen Heiligen, einen Gentleman, und nichts Geringeres, ver uns Sündern von unſern Sünden predigen will. Er muß ein mächtig heiliges Geſchöpf ſein. Sag, Schurke, Du thuſt, als ob Du ſo fromm wäreſt, haſt Du nie in Deiner Bibel geleſen:„Ihr Diener ſeid gehorſam Euerm Herrn?“— Bin ich nicht Dein Herr?— habe ich nicht baare zwölfhundert Dollars für Alles, was in Deiner alten verdammten ſchwarzen Haut ſteckt bezahlt?— Viſt Du jetzt nicht mit Leib und Seele mein?“ ſagte er und gab Tom einen heftigen Stoß mit ſeinem ſchweren Stiefel. In der Tiefe ſeines körperlichen Schmerzes, niedergebeugt durch rohe Un⸗ terdrückung, ſchoß dieſe Frage wie ein Strahl der Freude und des Triumphes durch Tom's Seele. Er richtete ſich plötzlich auf, blickte ernſt zum Himmel em⸗ vor und rief während die Thränen und das Blutüber ſein Geſicht herabſtrömten: „Nein! nein! nein! Meine Seele gehört Ihnen nicht, Maſter, Sie haben ſie nicht gekauft— Sie können ſie nicht kaufen! Ich bin von Einem, der ſie zu behalten im Stande iſt, gekauft und bezahlt worden. Sie können mir nichts anhaben!“ „Wirklich nicht!“ ſagte Legree höhniſch;„das wollen wir ſehen. Kommt her, Sambo und Quimbv, gebt dieſem Hunde eine ſolche Tracht Schläge, daß er den nächſten Monat noch daran denkt.“ Die beiden rieſenhaften Nigger, welche jetzt mit ſataniſcher Schadenfreude Hand an Tom legten, würden keine unpaſſende Perſonifikation der Mächte der Finſterniß abgegeben haben. Die arme Mulattin begann in Furcht und Angſt zu kreiſchen und Alle Uebrigen erhoben ſich wie auf gemeinſchaftlichen Antrieb während Tom ohne Widerſtand zu leiſten aus dem Gemach geſchleppt wurde. 33. Die Geſchihte der Quadronin. Ees war ſpät in der Nacht, und Tom lag ächzend und blutend allein in einem alten verlaſſenen Zimmer des Maſchinenhauſes unter Stücken von zer⸗ 17* — 260 brochener Maſchinerie, Haufen von beſchädigter Baumwolle und anderem Ge⸗ rumpel, welches ſich hier angehäuft hatte. Die Nacht war feucht und die dicke Luft wimmelte von Myriaden von Muskitos, welche die Qualen ſeiner Wunden erhöhten, während ein brennender die ſchlimmſte ſeiner Foltern, das äußerſte Maaß phyſiſcher Pein voll machte. „O, guter Gott, bitte, ſchaue herab, gieb mir den Sieg— gieb mir den Sieg über Alle!“ betete der arme Tom in ſeiner Qual. Ein Schritt hallte im Zimmer hinter ihm und das Licht einer Laterne traf ſeine Augen. „Wer iſt da? o, um Gotteswillen gebt mir Waſſer.“ Caſſy, denn ſie war es, ſetzte ihre Laterne nieder, goß Waſſer aus einer Flaſche, erhob ſeinen Kopf und gab ihm zu trinken. Ein zweiter und dritter Becher wurde mit fieberiſcher Gier geleert. „Trinke ſo viel Du willſt,“ ſagte ſie;„ich wußte, wie es kommen würde, es iſt nicht das erſtemal, daß ich in der Nacht ausgeweſen bin, um den armen Burſchen, denen es ergangen war wie Dir, Waſſer zu bringen.“ „Dank, Miſſis,“ ſagte Tom, als er ausgetrunken hatte. „Nenne mich nicht Miſſis, ich bin ein Sklave, wie Du, ich ſtehe noch tiefer wie Du!“ ſagte ſie bitter;„aber nun,“ fügte ſie hinzu, indem ſie an die Thür ging und einen kleinen Strohſack, über den ſie mit kalten Waſſer befeuchtete Leintücher gebreitet hatte, hereinzog,„verſuche es, Dich hierauf zu rollen, mein armer Burſche.“ Der von Wunden und Beulen ſteife Tom bedurfte lange Zeit, um dieſe Bewegung zu bewerkſtelligen; als er es aber gethan hatte, fühlte er von der Kühlung, die ſeinen Wunden dadurch zu Theil wurde, bedeutende Erleichterung. Die Fremde, welche eine lange Prarxis bei den Opfern der Brutalität mit vielen Heilmitteln vertraut gemacht hatte, fuhr fort, Tom's Wunden mit lin⸗ dernden Mitteln zu befeuchten, wodurch ſeine Schmerzen bald einigermaßen ge⸗ ſtillt wurden. „Nun,“ ſagte ſie, nachdem ſie ſeinen Kopf auf eine Rolle beſchädigter Baumwolle, die ihm zum Kiſſen dienen ſollte, gehoben hatte,„das iſt das Beſte, was ich für Dich thun kann.“ Tom dankte ihr und die Fremde ſetzte ſich auf den Boden nieder, zog ihre Knie herauf, umfaßte ſie mit ihren Armen und blickte mit einem bitteren Aus⸗ drucke ſtarr vor ſich hin. Ihre Haube fiel zurück und langes, ſchwarzes Haar umwallte ihr eigenthümlich melancholiſches Geſicht. „Es nutzt nichts, mein armer Burſche,“ ſprach ſie endlich,„es nutzt nichts zu thun, was Du verſucht haſt. Du warſt ein wackerer Burſche, Du hatteſt das Recht auf Deiner Seite, aber es iſt Alles umſonſt und Du kannſt nicht dagegen ankämpfen, Du biſt in den Händen des Teufels. Er iſt der Stärkere und Du mußt Dich ergeben.“ Ergeben! Hatte nicht menſchliche Schwäche und körperliche Qualen das ſchon früher geflüſtert? Tom ſchrak zuſammen, denn die Fremde mit ihren wilden Augen und ihrer traurigen Stimme erſchien ihm als eine Verkörperung der Verſuchung, gegen die er angekämpft hatte. „O Gott! v Gott!“ ſtöhnte er,„wie kann ich mich ergeben!“ „Es iſt unnütz den Herrn anzurufen— er hört es nie!“ ſagte die Frau feſt.„Ich glaube nicht, daß es einen Gott giebt, oder wenn es Einen giebt, ſo hat er gegen uns Partei genommen. Himmel und Erde ſind gegen uns! Alles ſtößt uns in die Hölle; warum ſollten wir nicht gehen?“ 261 Tom ſchloß die Augen; es ſchauderte ihm vor den düſtern ſataniſchen Worten. „Siehſt Du,“ fuhr die Fremde fort,„Du weißt nichts dabon— ich kenne es aberz ich bin ſeit fünf Jahren mit Leib und Seele hier unter dem Fuße dieſes Mannes, und ich haſſe ihn wie den Teufel. Du biſt hier auf einer einſamen Pflanzung zehn Mrilen von jeder andern entfernt, in den Sümpfen. Es giebt keine weiße Perſon hier, welche Zeugniß ablegen könnte, wenn Du lebendig ver⸗ brannt— wenn Du in Oel geſotten, in Kochſtücken zerhauen, den Hunden zum Zerreißen vorgeworfen oder aufgehangen und zu Tode gepeitſcht würdeſt. Es giebt hier kein göttliches oder menſchliches Geſetz, das Dich oder irgend Einen von uns ſchützen könnte, und dieſer Mann! es giebt nichts, wozu er nicht fähig wäre. Ich könnte haarſträubende Dinge erzählen, wennich nur ſagen wollte, was ich hier geſehen und erfahren habe— aber jeder Widerſtand iſt vergebens. Habe ich mit ihm leben wollen?— war ich nicht ein zart erzogenes Mädchen?— und er, Gott im Himmel, was war er, und was iſt er? und doch habe ich volle fünf Jahre mit ihm gelebt und Tag und Nacht jeden Augenblick meines Lebens ver⸗ flucht, und jetzt hat er eine neue— ein junges Ding— erſt funfzehn Jahre alt, und ſie ſagte, daß ſie fromm erzogen ſei. Ihre gute Herrin hat ihr die Bibel leſen gelehrt und ſie hat ihre Bibel hierher— in die Hölle— mitgebracht.“ Und das Weib ſtieß ein wildes, klagendes Gelächter aus, welches mit ſelt⸗ ſamen, übernatürlichem Klange durch das alte Gemäuer wiederhallte. Tom faltete die Hände. Alles war Finſterniß und Schrecken. „O Zeſus, Herr Jeſus! Haſt Du uns arme Geſchöpfe ganz vergeſſen?“ rief er endlich;„hilf mir Herr, ich verſchmachte!“ Die Frau fuhr mit ernſter Stimme fort: „Und was ſind die erbärmlichen gemeinen Hunde mit denen Du arbeiteſt, daß Du ihretwegen leiden willſt?— Jeder von ihnen würde ſich gegen Dich wen⸗ den, ſobald er die Gelegenheit dazu erhält. Sie ſind alle ſo ſchändlich und grau⸗ ſam gegen einander, wie ſie es nur ſein können. Es nutzt nichts, wenn Dü lei⸗ deſt, um ihnen einen Schmerz zu erſparen.“ „Die armen Geſchöpfe!“ ſagte Tom,„was hat ſie grauſam gemacht? und wenn ich mich ergebe, ſo werde ich mich daran gewöhnen und allmälig gerade wie ſie werden.— Nein, nein, Miſſis, ich habe Alles verloren, Frau und Kinder und Heimath und einen guten Maſter— und er würde mich frei gegeben haben, wenn er nur noch eine Woche länger gelebt hätte. Ich habe auf dieſer Welt Alles verloren, den Himmel aber mag ich nicht auch noch verlieren. Nein, ich kann zu dem Allem noch nicht auch noch gottlos werden.“ „Aber es iſt unmöglich, daß der Herr uns eine ſolche Sünde anrechnet,“ ſagte die Frau,„er wird uns nicht damit belaſten, wenn wir dazu gezwungen werden. Er wird ſie denen anrechnen, die uns dazu getrieben haben.“ „Ja,“entgegnete Tom,„aber das wird uns nicht abhalten, böſe zu werden. Wenn ich eben ſo hartherzig werde, wie Sambo und eben ſo gottlos, ſo wird nicht viel darauf ankommen, wie ich ſo geworden bin. Daß ich überhaupt ſo werde— das iſt es, was ich fürchte.“ Die Fremde heftete einen wilden, verſtörten Blick auf Tom, als ob ſie von einem neuen Gedanken ergriffen worden wäre; dann ſagte ſie mit einem tie⸗ ſen Seufzer: „O Gott der Gnade, Du ſprichſt die Wahrheit!— o!— o!— o!“ und ſie ſank ächzend und ſich wie ein zertretener Wurm krümmend zu Boden. Es entſtand eine Pauſe, während welcher man das Athmen Beider ver⸗ nehmen konute, und endlich ſagte Tom mit ſchwacher Stimme: „O Miſſis!“ 262 Die Frau erhob ſich plötzlich mit ihrem gewöhnlichen ſtarren und finſtern Geſichtsausdruck. „O Miſſis, ich habe geſehen, wie mein Rock in jene Ecke geworfen wurde, und in meiner Rocktaſche iſt meine Bibel— wenn die Miſſis ſo gut ſein wollte mir daraus vorzuleſen.“ Caſſy ging hin und brachte ſie. Tom öffnete ſogleich eine ſtark bezeichnete und ſehr zerleſene Stelle, die Beſchreibung der letzten Auftritte im Leben Des⸗ jenigen, durch deſſen Leiden wir erlöſt worden ſind. „Wenn die Miſſis nur ſo gut ſein wollte, das zu leſen. Das iſt beſſer als Waſſer.“ Caſſy nahm das Buch mit ſtolzer Miene und ſah die Stelle durch; hierauf las ſie mit ſanfter Stimme und mit eigenthümlicher Schönheit der Intonation jene rührende Darſtellung des Schmerzes und der Herrlichkeit vor. Oft ſchwankte beim Leſen ihre Stimme und zuweilen verſagte ſie ihr völlig; dann hielt ſie eine Weile inne, bis ſie ſich bemeiſtert hatte. Als ſie an die rührenden Worte kam: Vater vergieb ihnen, denn ſie wiſſen nicht, was ſie thun, legte ſie das Vuch nie⸗ der, vergrub ihr Geſicht in den dichten Maſſen ihrer Haare und ſchluchzte laut mit krampfhafter Heftigkeit. Tom weinte ebenfalls und ließ von Zeit zu Zeit einen unterdrückten Stoß⸗ ſeufzer hören. „Wenn wir nur ihm nachkommen könnten!“ ſagte Tom;„es ſcheint ihm ſo natürlich angeboren zu ſein und wir müſſen ſo ſchwer darum kämpfen. O Herr, hilf uns! o geſegneter Jeſus, hilf uns!“ „Miſſis, ſagte Tom nach einiger Zeit,„ich kann ſehen, daß Sie in Allem über mir ſtehen; aber es giebt Eines, was die Miſſis ſelbſt von dem armen Tom lernen könnte. Sie haben geſagt, daß der Herr gegen uns Partei genommen habe, weil er uns mißhandeln und ſchlagen läßt, aber Sie ſehen, was ſeinem eignen Sohne— dem geſegneten Herrn der Herrlichkeit widerfahren iſt. War er nicht ſtets arm— und iſt irgend Einer von uns noch ſo tief gekommen wie er? Herr hat uns nicht vergeſſen. Ich bin deſſen gewiß. Wenn wir mit ihm leiden, ſo werden wir auch die Herrlichkeit haben! ſagt die heilige Schrift; aber wenn wir ihn verleugnen, ſo wird er auch uns verleugnen. Haben ſie nicht Alle gelitten— der Herr und alle die Seinigen? Das Buch erzählt, wie ſie geſteinigt und zerſägt worden und in Schaf⸗ und Ziegenfellen umhergewandert und arm und nothleidend und gequält geweſen ſind. Das Leiden iſt kein Grund, um uns auf den Gedanken zu bringen, daß der Herr ſich gegen uns gewendet hat, ſon⸗ dern gerade das Gegentheil, wenn wir nur an ihm feſthalten und uns nicht der Sünde ergeben.“ „Aber warum verſetzt er uns dahin, wo wir uns der Sünde nicht enthalten können?“ fragte das Weib. „Ich denke doch, daß wir uns ihrer enthalten können,“ ſagte Tom. „Du wirſt es ſehen,“ fuhr Caſſy fort;„was willſt Du thun? morgen wird man von Neuem mit Dir anfangen. Ich kenne ſie; ich habe ihr ganzes Thun geſehen. Mich ſchaudert, wenn ich daran denke, wozu man Dich bringen wird, und endlich wirſt Du doch nachgeben müſſen.“ „O Jeſus!“ entgegnete Tom;„Du wirſt meine Seele in Schutz nehmen! O Herr, thue es— geſtatte nicht, daß ich nachgebe!“ „Ach!“ ſagte Caſſy;„ich habe das Weinen und Beten ſchon früher gehört, und doch ſind ſie Alle überwältigt und zum Gehorſam gebracht worden. Em⸗ meline verſucht jetzt auch ſtandhaft zu bleiben, und Du verſuchſt es; aber was nützt es— Du mußt nachgeben, wenn Du nicht zollweiſe getödtet werden villi. 263 „Nun, dann will ich ſterben!“ ſagte Tomz„ſie mögen es ausſpinnen ſo lange ſie wollen; ſie können es nicht hindern, daß ich doch einmal ſterbe— und nachher können ſie mir nichts mehr thun. Ich bin entſchloſſen, ich weiß, daß mir der Herr helfen und mich hindurch tragen wird.“ Die Frau antwortete nicht; ſie ſaß unbeweglich, den Blick ſtarr auf den Boden geheftet. „Vielleicht iſt es der rechte Weg,“ murmelte ſie vor ſich hin;„aber für Diejenigen, die nachgegeben haben, giebt es keine Hoffnung— keine. Wir leben im Koth und werden fluchwürdig, bis wir uns ſelbſt verfluchen; wir ſehnen uns zu ſterben und wagen es nicht, uns ſelbſt zu tödten— keine Hoff⸗ nung!— keine Hoffnung!— keine Hoffnung! Dieſes Mädchen— gerade ſo alt wie ich war!— Du ſiehſt mich jetzt,“ ſagte ſie zu Tom;„ſiehe was ich bin. Ich bin im Ueberfluß aufgewachſen; das Erſte, deſſen ich mich erinnere, war, daß ſch als Kind in prächtigen Zimmern ſpielte— daß ich geputzt wurde wie eine Puppe und die Geſellſchaft mich zu loben pflegte⸗ Die Salonzimmer gingen auf einen Garten und dort ſpielte ich mit meinen Brüdern und Schweſtern unter Orangenbäumen Verſtecken. Ich wurde in ein Kloſter geſchickt und lernte dort Muſik, Franzöſiſch und Sticken und Gott weiß was Alles, und als ich vierzehn Jahre alt war, kam ich heraus, um dem Begräbniß meines Vaters bei⸗ zuwohnen. Er ſtarb plötzlich, und als ſein Nachlaß geordnet wurde, fand es ſich, daß kaum genug vorhanden war, um die Schulden zu decken, und als die Gläubiger ein Inventarium des Gutes aufnahmen, wurde ich mit darin auf⸗ gezeichnet. Meine Mutter war eine Sklavin geweſen und mein Vater hatte ſtets beabſichtigt, mich freizu geben, aber er hatte es nicht gethan, und ſo wurde ich in die Liſte aufgenommen. Ich hatte ſtets gewußt, wer ich war und nie viel daran gedacht. Man erwartet nie, daß ein ſtarker, geſunder Mann ſterben werde. Mein Vater war kaum vier Stunden vor ſeinem Tode noch ein geſunder Mann. Es war einer von den erſten Cholerafällen in New⸗Orleans.“ „Am Tage nach dem Begräbniß nahm die Frau meines Vaters ihre Kinder und ging auf die Pflanzung ihres Vaters. Es kam mir vor, als ob ich ſonder⸗ bar behandelt würde; aber ich wußte es nicht. Es war ein junger Advokat zu rückgeblieben, um die Angelegenheiten in's Reine zu bringen, und er kam täglich in's Haus und ſprach ſehr höflich mit mir. Eines Tages brachte er einen jungen Mann mit, der mir der Schönſte zu ſein ſchien, den ich je geſehen hatte. Ich werde jenen Abend nie vergeſſen. Ich ging mit ihm im Garten ſpazieren; ich war einſam und bekümmert, er war gegen mich gütig und ſanft, und er ſagte mir, daß er mich geſehen ehe ich in das Kloſter gegangen ſei, daß er mich ſeit langer Zeit ſchon liebe, und daß er mein Freund und Beſchützer ſein wolle. Kurz er ſagte mir zwar nicht, daß er zweitauſend Dollars für mich bezahlt habe, und daß ich ſein Eigenthum ſei, aber ich wurde gern die Seine, denn ich liebte ihn!“ ſagte die Frau innehaltend;%v, wie ich jenen Mann geliebt habe— wie ich ihn noch jetzt liebe und ihn ſtets lieben werde, ſo lange ich athme!— Er war ſo ſchön, ſo hochherzig, ſo edel— er brachte mich in ein ſchönes Haus mit Dienern, Pferden und Wagen und Möbeln und Kleidern. Alles, was mit Geld zu kaufen war, gab er mir, aber ich legte keinen Werth auf Alles das; ich kümmerte mich nur um ihn. Ich liebte ihn mehr als meinen Gott und mich ſelbſt, und wenn ich es auch verſuchte, hätte ich doch nichts Anderes thun können, als was er von mir verlangte.“ „Ich verlangte nur Eines— ich verlangte, daß er mich heirathen ſollte. Ich dachte, daß er, wenn er mich liebte, wie er ſagte, und wenn ich das war, wofür er mich zu halten ſchien, mich gern heirathen und frei machen würde, aber 264 er überzeugte mich, daß dies unmöglich ſei und ſagte mir, daß es eine Heirath vh Gott wäre, wenn wir einander nur treu blieben. Wenn das wahr iſt, war ich dann nicht das Weib jenes Mannes?— war ich nicht treu?— habe ich nicht ſieben Jahre lang jeden Blick, jede Bewegung ſtudirt und nur gelebt und ge⸗ athmet, um ihm zu gefallen? Er bekam das gelbe Fieber und zwanzig Tage und Nächte habe ich bei ihm gewacht— ich allein— und ihm alle ſeine Medizin gegeben und Alles für ihn gethan— und dann nannte er mich ſeinen guten Engel, und ſagte, daß ich ihm das Leben gerettet habe. Wir hatten zwei ſchöne Finder; das Erſte war ein Knabe und wir nannten ihn Henry. Er war das Ebenbild ſeines Vaters— er hatte ſo ſchöne Augen— eine ſolche Stirn, ſein Haar hing in Locken um dieſelbe und er hatte das ganze Feuer und die Talente ſeines Vaters. Die kleine Eliſe, ſagte er, ſähe mir ähnlich. Er ſagte oft, daß ich das ſchönſte Weib in Louiſiana und daß er auf mich und die Kinder ſtolz ſei. Er ſah es gern, wenn ich ſie putzte und fuhr oft mit ihnen und mir in einem. offenen Wagen aus, um die Bemerkungen zu hören, welche die Leute über uns machten, und er wiederholte mir beſtändig die ſchönen Dinge, die zu meinem oder der Kinder Lobe geſagt wurden. O, das waren glückliche Tage! Ich glaubte, daß ich ſo glücklich ſei wie nur irgend ein Menſch ſein könne; aber dann kamen ſchlimme Zeiten! Er hatte einen Vetter, der nach New⸗Orleans kam und ſein beſter Freund war— er hielt die größten Stücken auf ihn; aber ſchon als ich ihn das erſtemal ſah, fürchtete ich ihn, wenn ich auch nicht ſagen konnte, warum, denn ich war überzeugt, daß er Unglück über uns bringen würde. Er veranlaßte Henry, mit ihm auszugehen und oftmals kam er des Nachts nicht eher heim, als um zwei oder drei Uhr. Ich wagte kein Wort zu ſagen, denn Henry war ſo heftig, daß ich ihn fürchtete. Er führte ihn in die Spielhäuſer und er war Einer von denen, die ſich nicht mehr zurückhalten laſſen, ſobald ſie einmal dort⸗ hinein gekommen ſind. Und dann ſtellte er ihn einer andern Dame vor und ich ſah bald, daß ich ſein Herz verloren hatte. Er ſagte mir es nie, aber ich ſah es ich erkannte es mit jedem Tage mehr. Ich fühlte, daß mir das Herz brach, und doch konnte ich kein Wort ſagen. Dann erbot ſich der Böſewicht, mich und die Kinder von Henry zu kaufen, damit dieſer ſeine Spielſchulden bezahlen konnte, die ihn verhinderten, ſich zu verheirathen wie er es wünſchte— und er verkaufte uns. Er ſagte mir eines Tages, daß er Geſchäfte auf dem Lande habe und einige Wochen ausbleiben werde; er ſprach gütiger als gewöhnlich und ſagte, daß er zurückkommen würde. Aber er täuſchte mich nicht, ich wußte, daß die Zeit gekommen war; ich war wie verſteinert und konnte weder ſprechen noch eine Thräne vergießen. Er küßte mich und küßte die Kinder unzählige Male und entfernte ſich. Ich ſah ihn zu Pferde ſteigen und blickte ihm nach; dann ſtürzte ich nieder und wurde ohnmächtig.“ „Dann kam er, der fluchwurdige Böſewicht! er kam um uns in Beſitz zu nehmen. Er ſagte mir, daß er mich und meine Kinder gekauft habe und zeigte mir die Papiere. Ich verfluchte ihn vor Gott und ſagte ihm, daß ich eher ſterben als mit ihm leben wolle.“ „Ganz wie es Dir beliebt,“ ſagte er;„wenn Du Dich aber nicht vernünf⸗ tig beträgſt, ſo werde ich die beiden Kinder verkaufen undzwar ſo, daß Du ſie nie wieder ſehen ſollſt.“ Er ſagte mir, daß er von dem erſten Male an, wo er mich geſehen, den Beſchluß gefaßt habe, ſich meiner zu bemächtigen, und daß er Henrh abſichtlich in Schulden geſtürzt habe, um ihn zu zwingen, mich zu verkauſen; vaß er ihn in eine Andere verliebt gemacht habe, und daß ich aus Alle dem er⸗ ſehen könne, daß er mich wegen einiger Klagen und Thränen nicht loslaſſen würde.“ S 265 *„Ich ergab mich, denn die Hände waren mir gebunden. Er hatte meine Rinder und wenn ich ſeinem Willen in irgend einer Art Widerſtand leiſtete, ſo ſprach er von ihrem Verkauf und machte mich dadurch ſo unterwürfig, wie er es wünſchte.“ „O welch ein Leben das war! Mit täglich brechendem Herzen zu leben, täg⸗ lich von Liebe ſprechen zu hören, wo nur Elend war, und mit Leib und Seele an einen Mann, den ich haßte, gefeſſelt zu ſein! Es war meine Freude geweſen, Henry vorzuleſen, ihm vorzuſpielen, mit ihm zu tanzen und ihm Lieder zu ſingen, aber Alles, was ich für Dieſen that, war ein wahres Gift— und doch fürchtete ich, ihm etwas zu verweigern. Er war ſehr gebieteriſch und rauh gegen die Kinder. Eliſe war ein ſchüchternes Mädchen, aber Henrh war muthig und hochherzig wie ſein Vater, und er war nie von irgend Jemandem im Min⸗ deſten unterdrückt worden. Er hatte beſtändig zu tadeln und mit ihm zu zanken, und ich ebte in täglicher Furcht und Angſt; ich verſuchte das Kind ehrerbietig zu machen— ich verſuchte ſie von einander getrennt zu halten, aber es half nichts. Er verkaufte beide Kinder. Eines Tages fuhr er mit mir aus, und als ich nach Hauſe kam, waren ſie nirgends zu finden. Er ſagte mir, daß er ſie verkauft habe, er zeigte mir das Geld, den Preis ihres Blutes. Da ſchien es, als ob alles Gute von mir gewichen wäre. Ich raſ'te und fluchte Gott und den Menſchen, und ich glaube, daß er wirklich eine Zeit lang Furcht vor mir hatte. Aber er gab nicht ſo leicht nach. Er ſagte mir, daß meine Kinder ver⸗ kauft ſeien, aber ob ich ſie wieder bekäme, hinge von mir ab, und wenn ich nicht ruhig ſei, ſollten ſie dafür büßen. Man kann mit einer Frau Alles anfangen, wenn man ihre Kinder hat. Er machte mich unterwürſig, er machte mich fried⸗ lich, er ſchmeichelte mir mit Hoffnungen, daß er ſie vielleicht zurückkaufen würde, und ſo ging es ein paar Wochen lang.“ „Eines Tages war ich ausgegangen und kam an der Kalabuſe vorüber; ich ſah eine Menge Menſchen um die Thür verſammelt und hörte eine Kinder⸗ ſtimme. Plötzlich riß ſich mein Henry von einigen Männern, die ihn hielten, los, lief ſchreiend auf mich zu und erfaßte mich am Kleide. Sie kamen mit ent⸗ ſetzlichen Flüchen zu ihm heran, und ein Mann, deſſen Geſicht ich nie vergeſſen werde, ſagte ihm, daß er nicht ſo durchkommen würde, daß er mit ihm in die Kalabuſe gehen müſſe und dort eine Lection erhalten ſolle, die er nie vergeſſen würde. Ich legte mich auf's Flehen und Bitten— ſie lachten aber nur. Der arme Junge ſchrie und blickte mich an und hielt mich umklammert, bis ſie ihn hinweg und mir damit das Kleid halb vom Leibe riſſen, und ſie trugen ihn hinein während er beſtändig„Mutter! Mutter! Mutter!“ ſchrie.“ „Ein Mann, der dabei ſtand, ſchien Mitleid für mich zu fühlen, ich bot ihm alles Geld an, das ich bei mir trug, wenn er nur ein gutes Wort einlegen wolle. Er ſchüttelte den Kopf und ſagte, daß der Knabe ſtets unverſchämt und unge⸗ horſam geweſen ſei, ſo lange er ſich in den Händen ſeines neuen Herrn befinde, und daß er ein für allemal einen Denkzettel erhalten müſſe. Ich eilte fort, und bei jedem Schritte, den ich that, war es mir, als ob ich ihn ſchreien hörte. Ich kam in das Haus und lief athemlos in das Zimmer, wo ich Butler fand. Ich ſagte es ihm und bat ihn hinzugehen und ſich zu verwenden; er lachte aber nur und erwiderte mir, daß es dem Knaben nach Verdienſt ergangen ſei. Er müſſe gedemüthigt werden— je eher, je beſſer;„was ich wohl erwarte?“ fragte er.“ „Es ſchien mir, als ob in jenem Augenblicke etwas in meinem Kopfe zer⸗ reiße; ich wurde von einem Schwindel ergriffen und wie raſend. Ich erinnere mich ein großes ſcharfes Bowiemeſſer auf dem Tiſche geſehen zu haben; ich ent⸗ 266 ſinne mich undeutlich, daß ich es ergriff und auf ihn eindrang; dann wurde Alles finſter und ich wußte viele Tage lang nichts mehr von mir.“ „Als ich wieder zu mir kam, war ich in einem hübſchen Zimmer— aber nicht in dem meinen. Eine alte Negerin pflegte mich und ein Arzt kam, um mich zu behandeln und man pflegte mich ſorgfältig. Nach einiger Zeit erfuhr ich, daß er fortgegangen ſei und mich in dieſes Haus geſchickt habe, um verkauft zu wer⸗ den, und daß dies der Grund ſei, weshalb man ſich mit mir ſolche Mühe gäbe.“ „Ich wollte nicht wieder geneſen und hoffte, daß es nicht geſchehen würde, aber trotz Allem, was ich thun konnte, verließ mich das Fieber und ich wurde geſund. Dann zwang man mich, mich täglich zu putzen und es kamen Herren, die mich, mit der Cigarre im Munde, betrachteten und über den Kaufpreis für mich unterhandelten. Ich war ſo finſter und ſchweigſam, daß mich Keiner von ihnen haben wollte. Sie drohten mir mit Schlägen, wenn ich nicht hei⸗ terer würde.“ „Endlich kam eines Tages ein Herr, Namens Stuart; er ſchien einige Theilnahme für mich zu fühlen; er ſah, daß etwas Entſetzliches auf meinem Her⸗ zen lag, kam oft, um mich allein zu ſehen, und überredete mich endlich, es ihm zu ſagen. Zuletzt kaufte er mich und verſprach, Alles, was er könns, zu thun, um meine Kinder ausfindig zu machen und zurückzukaufen. Er ging in das Hotel, wo mein Henry war; man ſagte ihm, daß er an einen Pflanzer am Pearl⸗ River verkauft worden ſei, und das war das Letzte, was ich von ihm gehört habe. Dann machte er ausfindig, wo meine Tochter war; ſie wurde von einer alten Frau aufgezogen. Er bot eine ungeheure Summe für ſie, aber man wollte ſie nicht verkaufen. Butler erfuhr, daß er ſie für mich haben wolle, und ließ mir ſagen, daß ich ſie nie wieder erhalten ſolle. Capitain Stuart war ſehr gütig ge⸗ gen mich; er hatte eine prächtige Pflanzung und brachte mich dorthin. Im Laufe des Jahres gebar ich ihm einen Sohn. O, jenes Kind!— wie ich es liebte! Der liebe Kleine ſah ganz wie mein armer Henry aus! Aber ich hatte meinen Entſchluß gefaßt— ja, ich hatte ihn gefaßt!— ich wollte nie wieder ein Kind leben und aufwachſen laſſen; ich nahm den Kleinen in meine Arme als er vier⸗ zehn Tage alt war, und küßte ihn und weinte über ihn; dann gab ich ihm Opium und hielt ihn dicht an meine Bruſt, während er ſich todt ſchlief. Wie ich ihn be⸗ trauerte und beweinte! Und wer ließ ſich je im Traume einfallen, daß es etwas Anderes als ein Verſehen geweſen wäre, was mich veranlaßt hatte, ihm das DOpium zu geben? Aber es gehört zu den wenigen Dingen, über die ich jetzt froh bin. Es thut mir noch heutigen Tages nicht leid. Er wenigſtens hat ſeine Schmerzen überſtanden. Was konnte ich dem armen Kinde Beſſeres geben als den Tod? Nach einiger Zeit kam die Cholera und Capitain Stuart ſtarb, Jeder, dem ich das Leben wünſchte, ſtarb, und ich— auch ich kam bis an die Pforten des Todes— aber ich blieb am Leben!“ „Dann wurde ich verkauft und ging aus einer Hand in die andere, bis ich alt und welk wurde; dann kaufte mich dieſer Böſewicht und brachte mich hierher!“ Die Quadronin hielt inne. Sie hatte ihre Geſchichte mit haſtigen Worten und mit wildem, leidenſchaftlichem Ausdrucke erzählt— bald an Tom gewendet, bald wie mit ſich ſelbſt ſprechend. Die Kraft, mit der ſie ſprach, war ſo über⸗ wältigend geweſen, daß Tom ſelbſt den Schmerz ſeiner Wunden vergaß und auf einen Elbogen geſtützt ſie beobachtete, während ſie heftig erregt und mit aufge⸗ löſtem Haar auf⸗ und abſchritt. „Du ſagſt mir,“ hob ſie nach einer Pauſe wieder an,„daß es einen Gott gebe— einen Gott, der herniederblickt und alle dieſe Dinge ſieht. Es mag ſo 267 ſein; die Schweſtern im Kloſter erzählten mir oft von einem Tage des Gerichts, wo Alles an's Licht kommt; wird es dann nicht Rache geben?“ „Sie denken, daß es nichts ſei, was wir leiden— daß es nichts ſei, was unſere Kinder leiden! Es iſt Alles nur eine Kleinigkeit, und doch habe ich die Straßen durchwandert, während es ſchien, als ob in meinem Herzen Elend ge⸗ nug wäre, um die Stadt tief unker die Erde hinab zu drücken. Ich habe ge⸗ wünſcht, daß die Häuſer auf mich fallen, oder die Steine unter mir verſinken möchten! Ja, und am Tage des Gerichts werde ich vor Gott Zeugniß gegen Diejenigen ablegen, die mich und meine Kinder mit Leib und Seele in's Ver⸗ derben geſtürzt haben.“ „Als ich ein Mädchen war, dachte ich, ich ſei religiös. Ich liebte Gott und das Gebet. Jetzt bin ich eine verlorene Seele und werde von Teufeln verfolgt, diemich Tag und Nacht peinigenz ſietreiben und drängen mich dazu— und ich werde es auch noch einmal thun!“ rief ſie, die Fauſt ballend, während ein Blitz des Wahnſinns aus ihren tiefſchwarzen Augen zuckte.„Ich werde ihn noch eines Nachts dorthin ſchicken, wohin er gehört— es iſt für ihn kein weiter Weg— wenn man mich dafür auch lebendig verbrennt.“ Ein langes, wildes Gelächter zitterte durch das öde Gemach und endete mit einem hyſteriſchen Schluchzen; ſie warf ſich mit konvulſiviſchem Stöhnen auf den Boden nieder. In wenigen Augenblicken ſchien jedoch der Anfall von Raſerei vorüber zu ſein; ſie erhob ſich langſam und ſchien ſich zu ſammeln. „Kann ich ſonſt noch etwas für Dich thun, mein armer Freund?“ fragte ſie indem ſie ſich der Stelle, wo Tom lag, näherte.„Soll ich Dir noch ein wenig Waſſer geben?“ In der Stimme und dem Benehmen, womit ſie dies ſagte, lag eine gütige theilnehmende Milde, welche einen ſeltſamen Kontraſt mit der früheren Ver⸗ ſtörtheit bildete. Tom trank das Waſſer und blickte ihr ernſt und mitleidig in's Geſicht. „O, Miſſis, ich wollte, Sie gingen zu Dem, der Ihnen Waſſer des Lebens geben kann!“ „Zu ihm!— wo iſt er? wer iſt er?“ fragte Caſſy. „Zu Dem, von welchem Sie mir vorgeleſen haben— zum Herrn!“ „Ich habe als Mädchen ſein Bild über dem Altar geſehen,“ ſagte Caſſy⸗ deren dunkle Augen jetzt einen Ausdruck wehmüthigen Tiefſinns annahmen, „aber er iſt nicht hier. Hier giebt es nichts als Sünde und lange, lange ewige Verzweiflung.—„O!“ rief ſie und ſie legte die Hand auf ihre Bruſt und athmete tief auf wie um eine ſchwere Laſt zu erheben. Tom wollte wieder ſprechen; aber ſie ſchnitt ihm die Rede durch eine ent⸗ ſchiedene Bewegung ab.— „Sprich nicht, mein armer Freund; verſuche zu ſchlafen, wenn Du es kannſt!“ und ſie ſtellte das Waſſer in den Bereich ſeiner Hände, traf alle kleinen Anordnungen zu ſeiner Bequemlichkeit, die ſie erdenken konnte und verließ dann das Gemach. * 34. Die Denkzeichen. Das Wohnzimmer in Legrees Hauſe war ein großes Gemach mit einem breiten, geräumigen Kamin. Es war einſt mit koſtſpieligen ſchönen Tapeten verſehen geweſen, aber dieſe hingen jetzt modernd, zerriſſen und verblichen von den feuchten Wänden herab. Es herrſchte darin der eigenthümliche, widerliche, 268 ungeſunde Geruch, welcher aus einem Gemiſch von Feuchtigkeit, Schmutz und oder beſteht und den man vſt in ſelten gelüfteten Häuſern wahrnimmt. Die Wandtapeten waren hier und da mit Wein⸗ und Bierflecken beſpritzt oder mit Kreidenotizen oder Rechenerempeln verziert. Im Kamin ſtand eine Kohlen⸗ pfanne mit glühenden Holzkohlen, denn wenn auch das Wetter nicht kalt war, ſchienen in jenem großen Zimmer doch dis Abende ſtets feucht und kühl zu ſein, und Legree brauchte überdies Feuer um ſeine Cigarren anzuzünden und ſein Waſſer zum Punſch zu erwärmen. Die rothe Gluth der Kohlen ließ das un⸗ gaſtliche Ausſehen des Zimmers erkennen— Sättel, Zäume, verſchiedene Arten von Wagengeſchirr, Reitpeitſchen, Ueberröcke und andere Kleidungsſtücke lagen in bunter Verwirrung im Zimmer umher, und die Hunde von denen wir ſchon früher geſprochen haben, hatten ſich darauf gelagert, wie es eben ihrem Geſchmacke und ihrer Bequemlichkeit zuſagte. Legree bereitete ſich eben ein Glas Punſch, indem er das heiße Waſſer aus einem ſprüngigen Kruge goß und dabei vor ſich hin brummte: „Die Peſt über Sambo, daß er mich zu dem Spektakel zwiſchen mir und den neuen Arbeitern aufgereizt hat! Der Burſche wird eine Woche lang nicht arbeiten können— noch dazu in der dringendſten Arbeitszeit!“. 6„Ja, das ſieht Dir anz ähnlich,“ ſprach eine Stimme hinter ſeinem Stuhle. e Es war Caſſy, die ſich während ſeines Selbſtgeſprächs hereingeſchlichen atte.] „Ha, Du Teufelsbalg! biſt Du wieder da?“ „Ja, hier bin ich,“ ſagte ſie kaltblütig,„und ich bin ſogar gekommen, um meinen Willen zu haben.“ „Du lügſt, Dirne! Ich werde mein Wort halten. Entweder benimmſt u Dich wie es Dir geziemt, oder Du bleibſt unten im Negerquartier und ar⸗ beiteſt und lebſt mit den Anbern.“ „Ich möchte zehntauſendmal lieber in dem ſchmutzigſten Loche des Quar⸗ tiers leben, als in Deinen Klauen,“ verſetzte Caſſy. „Aber Du biſt trotzdem in meinen Klauen!“ ſagte er, indem er ſich mit einem furchtbaren Grinſen zu ihr umwendete,„und das iſt ein Troſt. Setze Dich alſo hier auf meinen Schvoß meine Liebe, und nimm Vernunft an.“ Mit dieſen Worten ergriff er ſie am Handgelenk. „Simon Legree, nimm Dich in Acht!“ rief das Weib mit funkelnden n— einem Blicke von ſo wild wahnſinnigem Feuer, daß er beinahe Ent⸗ erregte.„Du fürchteſt Dich vor mir, Simon,“ ſagte ſie bedächtig,„und Du haſt Urſache dazu! Sieh Dich vor, denn ich habe den Teufel in mir.“ i letzten Worte flüſterte ſie in einem ziſchenden Tone dicht an ſei⸗ m Ohre. Geh! ich glaube meiner Seel“, daß Du ihn haſt!“ rief Legree indem er ſie von ſich ſtieß und ſie faſt ängſtlich anblickte.„Warum kannſt Du denn nicht eundlich mit mir ſein wie ſonſt, Caſſy?“ „Wie ſonſt?“ wiederholte ſie mit Bitterkeit. Sie brach ab— eine in ihren Herzen aufſteigende Welt von ſchmerzlichen Gefühlen lähmte ihr die Zunge. Caſſy haitt ſtets auf Legree den Einfluß bewahrt, den ein ſtarkfühlendes, leidenſchaftliches Weib auch auf den roheſten Mann ausüben kannz in der letzten Zeit war ſie aber unter dem abſcheulichen Joch ihrer Knechtſchaft immer reiz⸗ Harer und ruheloſer geworden und ſie brach zuweilen in eine wahnſinnige Ra⸗ ſerei aus, was ſie zu einem Gegenſtande der Furcht für Legree machte, der die abergläubiſche Angſt vor Wahnſinnigen theilte, welche man bei rohen, ungebil⸗ deten Menſchen gewöhnlich findet. 3 2 5 269 Als Legree Emmelinen in das Haus brachte, loderten alle verglimmenden Kohlen des weiblichen Gefühls in dem gebrochenen Herzen Caſſy's noch einmal auf; ſie nahm die Partei des Mädchens, und es fand zwiſchen ihr und Legree ein heftiger Auftritt ſtatt. Legree ſchwor grimmig, vaß ſie zum Felddienſt verwendei werden ſolle, wenn ſie nicht Frieden halte. Caſſy erklärte mit ſtolzer Verachtung, daß ſie auf das Feld gehen wolle. Und ſie arbeitete wie wir beſchrieben haben, einen Tag lang dort, um zu zeigen, wie vollkommen gleichgültig ihr die Probe ſei. Legree war den ganzen Tag über von geheimer Angſt erfüllt, denn Caſſy übte einen Einfluß auf ihn aus, deſſen er ſich nicht erwehren konnte. Er hatte auf einige Nachgiebigkeit gehofft, als ſie ihren Korb zum Wiegen abgab, und ſie in einem halb verſöhnlichen, halb höhniſchen Tone angeredet; ſie aber hatte ihm mit der tiefſten Verachtung geantwortet. Die ſchmachvolle Behandlung des armen Tom hatte ſie noch mehr aufge⸗ reizt und ſie war Legree blos in der Abſicht, ihn wegen ſeiner Brutalität Vorwürfe zu machen, in das Haus gefolgt. „Ich wollte, Du benähmſt Dich anſtändig, Caſſy,“ ſagte Legree. „Du ſprichſt von anſtändigem Benehmen, und was haſt Du gethan? Dein Teufelscharakter läßt Dir nicht einmal Verſtand genug, um Dich abzuhalten, einen von Deinen beſten Arbeiter gerade zu der dringendſten Zeit unbrauchbar zu machen.“ „Ich war ein Narr, daß ich einen ſolchen Spektakel aufkommen ließ, das weiß ich,“ ſagte Legree.„Aber als der Burſche ſeinen Kopf aufſetzen wollte, mußte er gedehmüthigt werden.“ „Ich glaube, daß Du ihn nie demüthigen wirſt.“ „Meinſt Du?“ rief Legree indem erzotnig aufſprang;„das möchte ich ſehen! Er wäre der erſte Nigger, der mir getrotzt hätte! ich werde ihm alle Knochen im Leibe zerſchlagen, aber nachgeben muß er.“ In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür und Sambo trat ein. Er kam unter zahlloſen Bücklingen herbei und überreichte ſeinem Herrn ein in Papier gewickeltes kleines Päckchen. „Was iſt das, Schurke?“ fragte Legree. „Es iſt ein Herending, Maſter.“ „Ein was?“ „Etwas, das ſich die Nigger von den Hexen geben laſſen, ſſo daß ſie nichts ien ſie geſchlagen werden. Er trug es an einer ſchwarzen Schnur am Halſe.“ Legree war abergläubiſch wie die meiſten gottloſen und grauſamen Menſchen. Er nahm das Papier und öffnete es ängſtlich. Es ſiel ein Silberdollar und eine lange blonde Haarlocke heraus, die ſich wie ein lebendes Weſen um Legree's Finger wand. „Hölle und Verdammniß!“ ſchrie er in raſendem Zorne, indem er auf den Boden ſtampfte und wüthend an den Haaren zog, als ob ſie ihn gebrannt hätten. „Woher iſt das?— Nimm es weg!— verbrenne es!“ kreiſchte er, und er riß ſie von ſeiner Hand und warf ſie in die Kohlen.„Wozu haſt Du es mir gebracht?“ Sambo ſtand mitweitgeöffnetem Munde und in der höchſten Verwunderung da, und Caſſy, die das Zimmer hatte verlaſſen wollen, wendete ſich noch einmal um und blickte ihn erſtaunt an. „Daß Du mir nichts mehr von Deinen Teufelsdingen bringſt!“ rief er, die Fauſt gegen Sambo erhebend, der ſich haſtig nach der Thür zurückzog; dann „ * 3 270 nahm er den Dollar und ſchleuderte ihn klirrend durch vas Fenſter in die Nacht hinaus. Sambo war froh, als er aus dem Zimmer entwiſchen konnte. Sobald er fort war ſchien ſich Legree ſeines Anfalls von Beſtürzung einigermaßen zu ſchä⸗ men. Er ſetzte ſich ſchweigend wieder nieder und begann mürriſch ſeinen Punſch zu ſchlürfen. Caſſy ſchickte ſich an, von ihm unbemerkt das Zimmer zu verlaſſen, und ſtahl ſih hinaus, um dem armen Tom, wie wir bereits erzählt haben, Hilfe zu leiſten. Was war mit Legree vorgegangen? was lag in der einfachen blonden Haar⸗ ocke, daß ein ſo roher, an jede Form der Grauſamkeit gewöhnter Mann ſich vor entſetzte?— un dies zu beantworten, müſſen wir den Leſer in ſeiner Geſchichte rück⸗ wärts führen. So hart und laſterhaft der gottloſe Mann jetzt auch erſchien, hatte es doch eine Zeit gegeben, wo er am Buſen ſeiner Mutter gewiegt,— mit Gebeten und frommen Hymnen in den Schlaf geſungen, ſeine jetzt vom Laſter gebrandmarkte Stirn mit dem Waſſer der heiligen Taufe benetzt worden war. In ſeiner frühen Kindheit hatte ihn eine blonde Frau beim Klange der Sonntagsglocken zum Gottesdienſt geführt. Im fernen Neuengland hatte jene Mutter ihren einzigen Sohn mit unermüdlicher Liebe erzogen. Sein Vater hatte einen harten Charakter beſeſſen, an den jene ſanfte Frau einen Schatz von unbeachteter Liebe verſchwen⸗ dete, und Legree war in die Fußtapfen des Vaters getreten. Heftig, unlenkſam und tyranniſch, hatte er alle ihre Rathſchläge verachtet und ihrem Tadel getrotzt und ſich ſchon in frühen Jahren von ihr losgeriſſen, um ſein Glück zur See zu ſuchen. Er war nur ein einziges Mal wieder nach Hauſe gekommen, und da hatte ſeine Mutter mit dem Sehnen eines Herzens, welches etwas lieben muß und nichts Anderes zu lieben hat, an ihm gehangen, ihn durch leidenſchaftliche Bitten von einem Leben der Sünde loszureißen und ſeinem ewigen Seelenheile zuzu⸗ ühren verſucht. Dies war Legree's Tag der Gnade. Die guten Engel riefen ihn; er ließ ſich beinahe überreden und die göttliche Barmherzigkeit hatte ſeine Hand erfaßt. Sein Herz ſchwankte— es trat ein Kampf ein— aber die Sünde errang den Sieg und er ſträubte ſich mit der ganzen Kraft ſeiner rauhen Natur gegen die Ueberzeugung ſeines Gewiſſens. Er trank und fluchte, war wilder und brutaler ls je, und eines Nachts, als ſeine Mutter in der Todespein ihrer Verzweiflung vor ihm auf den Knien lag, ſtieß er ſie von ſich, warf ſie beſinnungslos zu Boden und ſioh unter rohen Flüchen auf ſein Schiff. Das nächſte was Legree von ſeiner Mutter hörte, war, daß ihm eines Abends, als er mit trunkenen Genoſſen zechte, ein Brief übergeben wurde. Er nete ihn, eine lange Haarlocke fiel heraus und wand ſich um ſeinen Finger⸗ er Brief ſagke ihm, daß ſeine Mutter geſtorben ſei und däß ſie ihn vor ihrem Tode noch geſegnet und ihm verziehen habe. Im Böſen liegt ein entſetzlicher, unheiliger Zauber, welcher ſelbſt die ſüßeſten und heiligſten Dinge in Phantome der Furcht und des Schreckens verwandelt. Das bleiche Bild der liebevollen Mutter— ihre letzten Gebete, ihre verzeihende Liebe— wirkten in dieſem dämoniſchen Sündenherzen nur wie ein Verdammungsurtheil und weckten in ihm eine ſchreckensvolle Ahnung des jüngſten Gerichts und des göttlichen Zornes. Legree verbrannte die Haare und den Brief, und als er ſie in der Flamme ziſchen und praſſeln hörte, ſchauderte ihm innerlich, während er an das ewige Feuer dachte. Er verſuchte zu trinken 271 und zu jubeln und die Eriunerung zu verſcheuchen, aber oftmalse in der tiefen Nacht, deren feierliche Stille die Seele des Böſen zur Selbſterkenntniß zwingt, hatte er geſehen, wie die bleiche Mutter ſich an ſeinem Bette erhob, und gefühlt, wie ſich die Haare weich um ſeinen Finger ſchlangen, bis der kalte Schweiß ihm über das Geſicht herabſtrömte und er entſetzt aus dem Bette ſprang. Ihr, die Ihr Euch verwundert habt, wenn Ihr in demſelben Evangelium laſet, daß Gott die Liebe und daß er ein verzehrendes Feuer ſei, ſeht Ihr nicht ein, wie für die im Böſen untergegangene Seele die vollkommene Liebe die furchtbarſte Qual, das Siegel und das Urtheil der tiefſten Verzweiflung iſt? „Zum Teufel!“ ſagte Legree zu ſich ſelbſt, während er ſeinen Punſch ſchlürfte,„woher mag er nur das haben? Sie ſah wahrhaftig gerade aus wir— hu! ich dachte, daß ich es vergeſſen hätte! Ich will verflucht ſein, wenn es ſo etwas wie das Vergeſſen giebt!— Ich fühle mich einſam! Ich will Em⸗ melinen rufen. Der Affe haßt mich! Gleichviel, ſie ſoll und muß kommen!“ Legree trat in eine große Vorhalle hinaus, von welcher eine früher präch⸗ tige Wendeltreppe in das obere Stockwerk führte; aber der Boden war jetzt ſchmutzig und mit Kiſten und Gerumpel verſtellt. Die unbelegte Treppe ſchien ſich in der Dunkelheit zu einer unbekannten Ferne hinaufzuwinden. Die blaſſen Mondſtrahlen fielen durch ein zerbrochenes Fenſter über der Thür herein, die Luft war ungeſund und kalt wie die eines Grabgewölbes. Legree blieb am Fuße der Treppe ſtehen und hörte eine Stimme fingen. Sie kam ihm in dem alten, öden Hauſe ſeltſam und geſpenſtiſch vor; vielleicht weil ſeine Nerven bereits erſchüttert waren. „Horch! was iſt das?“ Eine rührende Stimme ſingt eine unter den Sklaven gewöhnliche Hymne: „O einſt wird man hören Jammer, Jammer, Jammer. O einſt wird man hören Jammer an Chriſti Richterthron!“ „Hol' der Teufel das Mädchen!“ ſagte Legree.„Ich werde ſie erwürgen.— Emmeline! Emmeline!“ rief er rauh; aber nur das ſpottende Echo der Wände antwortete ihm. Die liebliche Stimme ſang weiter: „Eltern und Kinder dort müſſen ſcheiden! Eltern und Kinder dort müſſen ſcheiden! Scheiden auf Nimmerwiederſehn!“ Und hell und laut hallte durch die leeren Räume der Refrain: „O einſt wird man hören Jammer, Jammer, Jammer! 8 O einſt wird man hören Jammer an Chriſti Richterthron!“ Legree blieb ſtehen. Er würde ſich geſchämt haben es zu ſagen; aber auf ſeiner Stirn ſtanden große Schweißtropfen; ſein Herz klopfte laut vor Angſt; er glaubte ſogar etwas Weißes ſich erheben und im Zimmer vor ihm ſchimmern z ſehen, und er dachte mit Schaudern daran, daß die Geſtalt ſeiner todten Mutter ihm plötzlich erſcheinen könne. „So viel weiß ich,“ ſagte er zu ſich, als er ſtolpernd in das Wohnzimmer zurückkehrte und ſich niederſetzte,„von jetzt an werde ich den Burſchen unge⸗ ſchoren laſſen. Habe ich ſein verwünſchtes Papier verlangtt Ich glaube wahr⸗ haftig, ich bin behert! Ich habe ſeitdem beſtändig gezittert und geſchwitzt! Woher er nur das Haar haben mag? Das konnte es nicht geweſen ſein! Das hatte ich verbrannt, ich weiß, daß ich es verbrannt habe! Es wäre etwas ganz MNeues, wenn Haare von den Todten auferſtehen könnten!“ Ja, Legree, jene blonde Locke war in der That bezaubert! jedes Haar darin hatte ſeinen Zauberſpruch des Schreckens und der Reue für Dich und 272 war von einer mächtigeren Hand dazu beſtimmt worden, um Deine grauſamen Hände zu binden, daß ſie den Hilfloſen nicht das äußerſte Uebel zufügten. „Holla!“ rief Legree indem er aufſtampfte und ſeinen Hunden pffff, „wacht auf, Beſtien, und leiſtet mir Geſellſchaft!“ Aber die Hunde öffneten nur ſchläfrig das eine Auge und ſchloſſen es wieder. „Sambo und Quimbo ſollen heraufkommen und ſingen und einen von ihren Höllentänzen tanzen, um mir die entſetzlichen Ideen zu vertreiben,“ ſagte Legree; und er ſetzte ſeinen Hut auf, ging in die Veranda und ſtieß in ein Horn, durch welches er gewöhnlich ſeine beiden ſchwarzen Sklaventreiber herbeirief. Legree beſchied, wenn er ſich in gnädiger Laune befand, dieſe beiden Ehren⸗ männer oft in ſein Zimmer, erhitzte ſie durch Whisky und machte ſich dann das Vergnügen, daß er ſie je nach ſeiner Laune ſingen, tanzen oder ſich raufen ließ. Es war in jener Nacht zwiſchen ein und zwei Uhr, als Caſſy auf dem Rück⸗ wege von ihren Liebesdienſten bei dem armen Tom ein wildes Kreiſchen, Brüllen und Singen, mit dem Vellen der Hunde und anderen Symptomen eines allge⸗ meinen Lärms vermiſcht, im Wohnzimmer ertönen hörte. Sie kam die Verandaſtufen herauf und blickte hinein. Legree und die Sklaventreiber befanden ſich in einem Zuſtande völliger Betrunkenheit und ſangen, ſchrieen, warfen Tiſche und Stühle um und machten einander alle mög⸗ lichen komiſchen und abſcheulichen Grimaſſen. Sie legte ihre kleine zarte Hand auf das Fenſterbret und blickte ſie ſtarr an. S ihren ſchwarzen Augen lag eine Welt von Pein, Verachtung und heftiger rbitterung. „Purte es eine Sünde ſein, die Welt von einem ſolchen Böſewichte zu be⸗ freien?“ ſagte ſie zu ſich ſelbſt. Sie wendete ſich haſtig ab, eilte nach einem Hinterpförtchen, ſtieg die Treppe hinauf und klopfte an Emmelinen's Thür. 35. Emmeline und Caſſy. Caſſy trat in das Zimmer und ſah hier Emmelinen ſchreckensbleich in dem entlegenſten Winkel ſitzen. 2 Als ſie eintrat, ſprang das Mädchen ängſtlich auf, kam jedoch, ſobald ſie Caſſy erkannte, herbei, erfaßte ihren Arm und ſagte: 6„O, Caſſy, biſt Du es? Ich bin froh, daß Du gekommen biſt. Ich fürchtete es ſei— o, Du weißt nicht, welcher entſetzliche Lärm den ganzen Abend unten geherrſcht hat.“ „6 muß es wohl wiſſen,“ erwiderte Caſſy trocken,„ich habe ihn oft ge⸗ nug gehört.“ „O, Caſſy, ſprich! können wir nicht von hier fortkommen?— gleichviel wohin— in die Sümpfe, unter die Schlangen— irgendwohin! Könnten wir nicht irgendwohin entfliehen?“ „Nirgendhin als in unſer Grab,“ antwortete Caſſy. „Haſt Du es ſchen einmal verſucht?“ „Ich habe von den Verſuchen und dem, was daraus folgt, genug geſehen,“ erwiderte Caſſy. „Ich würde gern in den Süͤmpfen leben und die Rinde von den Bäumen nagen; ich fürchte die Schlangen nicht! ich möchte viel lieber eine in meiner Nähe haben, als ihn!“ ſagte Emmeline mit Heftigkeit. 8 „Es ſind hier ſchor Viele Deiner Meinung geweſen,“ verſetzte Caſſy;„aber 273 Du könnteſt nicht in den Sümpfen bleiben, Du würdeſt von den Hunden auf⸗ geſpürt und zurückgebracht werden, und dann— und dann!“ „Was würde er thun?“ fragte das Mädchen, indem ſie ihr mit athemloſer Spannung in's Geſicht blickte. „Frage lieber, was er nicht thun würde,“ ſagte Caſſy,„er hat ſein Ge⸗ werbe unter den Seeräubern in Weſtindien erlernt; Du würdeſt dieſe Nacht nicht beſonders gut ſchlafen, wenn ich Dir Dinge erzählte, die ich geſehen habe— Dinge, die er zuweilen als ergötzliche Späße erzählt. Ich habe hier Geſchrei ge⸗ hört, das ich Wochen lang nicht aus meinen Ohren habe bringen können. Dort unten bei den Quartieren giebt es eine Stelle, wo Du einen ſchwarzen, verkohl⸗ ten Baumſtamm und den Boden rund umher mit ſchwarzer Aſche bedeckt ſehen kannſt. Frage einmal Einen, was dort geſchehen iſt, und ſieh zu, ob er wagen wird, es Dir zu ſagen.“ „O, was meinſt Du damit?“ „Ich werde es Dir nicht erzählen. Schon der Gedanke daran iſt mir ver⸗ haßt, und ich ſage Dir, nur der Herr weiß, was wir vielleicht morgen zu ſehen bekommen, wenn jener arme Burſche ſo fortfährt, wie er angefangen hat.“ „Gräßlich!“ rief Emmeline, der jeder Blutstropfen aus den Wangen wich. „O, Caſſy, bitte, ſage mir, was ſoll ich thun?“ „Was ich gethan habe— thue das Beſte, was Du kannſt— thue was Du mußt und gleiche es durch Haß und Fluch aus.“ „Er wollte mich bewegen, ſeinen abſcheulichen Branntwein zu trinken,“ ſagte Emmeline,„und er iſt mir doch ſo zuwider.“— 3 „Trinke nur zu,“entgegnete Caſſy,„mir iſt er auch zuwider geweſen und jetzt kann ich nicht mehr ohne ihn leben. Etwas muß man haben. Das Leben ſieht nicht mehr ſo entſetzlich aus, wenn man ihn trinkt.“ „Die Mutter hat mir geſagt, daß ich nie ſo etwas anrühren ſolle,“ ſagte Emmeline. „Die Mutter hat Dir es geſagt?“ rief Caſſy mit bitterer Betonung des Wortes Mutter.„Was nützt es den Müttern, wenn ſie etwas ſagen? Ihr ſeid Alle dazu beſtimmt, gekauft und bezahlt zu werden, und Eure Seelen gehören Demjenigen, der Euch kauft. Ich ſage Dir, trinke Branntwein, trinke, ſo viel Du kannſt und es wird Dir Manches leichter werden.“ 6„O, Caſſy, bitte, habe Mitleid mit mir.“ 3 „Mitleid? habe ich das nicht?— Habe ich nicht eine Tochter? Gott weiß, wo ſie iſt und wem ſie jetzt gehört! ſie wird wahrſcheinlich denſelben Weg gehen, 3 den ihre Mutter vor ihr eingeſchlagen hat und auf dem ihre Kinder folgen müſſen! Der Fluch dauert ewig!“ „Ich wollte, ich wäre nie geboren!“ rief Emmeline die Hände ringend. „Das iſt ein alter Wunſchvon mir,“ erwiderte Caſſy,„ich bin es gewohnt, das zu wünſchen. Ich würde ſterben, wenn ich den Muth dazu hätte,“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie mit der ſtillen, ſtarren Verzweiflung, welches der gewöhnliche Ausdruck ihres Geſichts war, wengſich daſſelbe in Ruhe befand, in die Nacht hinausblickte. „Es würde ſündhaft ſein, ſich ſelbſt das Leben zu nehmen!“ ſagte Emmeline. „Ich wüßte nicht warum, es iſt nicht ſündhafter als Vieles, was wir im 3 Leben täglich thun; aber als ich im Kloſter war, haben mir die Schweſtern Dinge geſagt, die mir Furcht vor dem Tode einflößen. Wenn damit für uns Alles vorbei wäre, ja dann—“ Emmeline wendete ſich ab und verbarg das Geſicht in den Händen. Während dieſes Geſpräch in Emmelinen's Zimmer ſtattfand, war Legree 6 Onkel Tom's Hütte. 18 274 vom Branntwein überwältigt in dem untern Gemache eingeſchlafen. Legree war kein eigentlicher Trunkenbold. Seine rohe kräftige Natur forderte und ertrug einen fortwährenden Reiz, der eine zartere völlig zerſtört und aufge⸗ rieben haben würde. Aber ein tiefliegender Geiſt der Vorſicht verhinderte ihn, ſich ſeinem Hange oſt in ſolchem Maße hinzugeben, daß er vie Herrſchaft über ſich ſelbſt verlor. Dieſe Nacht hatte er jedoch in ſeinem fi berhaften Bemühen, die furchtbaren Flemente der Qualen und der Reue, welche in ihm erwacht waren, aus ſeinem Geiſte zu verbannen, ſtärker als gewöhnlich getrunken, ſo daß er, nachdem er ſeine ſchwarzen Untergebenen fortgeſchickt, auf einen Seſſel geſunken und einge⸗ ſchlafen war. O wie kann die Seele des Böſen es wagen, das ſchattenhafte Reich des Schlafes zu betreten?— das Land, deſſen nebelhafte Umriſſe dem furchtbaren Schauplatze der Vergeltung ſo nahe liegen? Legree träumte. In ſeinem ſchwe⸗ ren, unruhigen Schlafe ſtand eine verſchleierte Geſtalt neben ihm und legte eine kalte, weiche Hand auf ihn. Er glaubte ſie zu erkennen und ſchauderte entſetzt zu⸗ ſammen, obgleich ein Schleier ihr Geſicht verhüllte. Dann ſchien es ihm als ob ſich jene Haarlocke um ſeine Finger ſchlinge, dannllegte ſie ſich glatt um ſeinen Hals und zog ſich immer enger und engerzuſammen, ſo daß er nicht mehr athmen konnte, und dann war es ihm, als ob Stimmen flüſterten, und ihr Flüſtern erfüllte ihn mit Entſetzen. Dann glaubte er am Rande eines furchtbaren Ab⸗ grundes zu ſtehen und ſich feſtzuhalten und in Todesangſt zu ringen, während ein Paar dunkle⸗Hände auftauchten und ihn hinüber zogen, und Caſſy lachend von hinten herbei kam und ihn hinabſtieß. Dann ſtieg jene ernſte ver⸗ ſchleierte Geſtalt empor und warf den Schleier zurück— es war ſeine Mutter, und ſie wendete ſich von ihm ab und er fiel tief, tief, tief hinunter, während ein wirrer Lärm von Geſchrei und Stöhnen und dämoniſchem Gelächter erſcholl— und Legree erwachte. Das roſige Licht der Morgenröthe ſtahl ſich ruhig in das Zimmer. Der Morgenſtern blickte mit ſeinem heiligen ernſten Lichtauge von dem heller wer⸗ denden Himmel auf den Mann der Sünde herab. O, mit welcher Friſche, mit welcher Feierlichkeit und Schönheit wird jeder neue Tag geboren, als ob er dem unempfindlichen Menſchen ſagen wollte: Siehe, Du haſt noch eine Ausſicht, ſtrebe nach unvergänglichem Ruhm! Es giebt keine Sprache in der dieſe Stimme nicht vernehmbar wäre, aber der ruchloſe Mann hörte ſie nicht. Er erwachte mit einem Fluch und einer Verwünſchung. Was kümmerte ihn das Gold und der Purpur, das täglich wiederkehrende Wunder des Morgens? was achtete er des heiligen Schimmers des Sternes, den der Sohn Gottes zu ſeinem Sinnbild erwählt hat? Er ſah ihn wie das Thier ohne ihn zu erkennen, ſchwankte an den Tiſch, ſchenkte ſich ein Glas Branntwein ein und trank die Hälfte davon. „Ich habe eine Höllennacht gehabt,“ ſagte er zu Caſſy, die eben jetzt durch die ihm gegenüber befindliche Thür eintrat. „Du wirſt bald mehr ſolche haben,“erwiderte ſie trocken. „Wie meinſt Du das, Dirne?“ „Das wird Dir ſchon einmal offenbar werden,“ entgegnete Caſſy in glei⸗ chem Tone.„Simon, ich will Dir einen Rath geben.“ „Geh zum Teufel damit!“ „Mein Rath iſt der, daß Du Tom in Ruhe läßt,“ ſagte Caſſy feſt, indem ſie einige Gegenſtände im Zimmer zu ordnen begann. „ba geht das Dich an?“ „Mir könnte es in der That gleichgültig ſeinz wenn Du Zwölfhundert für 6 275 einen Sklaven bezahlen und ihn gerade in der dringendſten Jahreszeit un⸗ brauchbar machen willſt, nur um Deinen Groll an ihm auszulaſſen, ſo geht mich das allerdings nichts an. Ich habe für ihn gethan, was ich konnte.“ „Wozu hatteſt Du Dich in meine Angelegenheiten zu miſchen?“ „Allerdings aus keinem erdenklichen Grunde. Ich habe Dir zu verſchie⸗ denen Malen einige tauſend Dollars erſpart, indem ich für Deine Leute Sorge trug, und das iſt der ganze Dank, der mir dafür zu Theil wird. Wenn Deine Ernte ſpärlicher auf den Markt kommt wie die irgend eines Andern, ſo wirſt Du Deine Wette verlieren, Tomkins wird Dich auslachen und Du wirſt Dein Geld bezahlen wie eine Dame, nicht wahr? Es iſt mir ſchon als ob ich Dich ſähe.“ Legree kannte wie viele andere Pflanzer nur eine einzige Form des Ehr⸗ geizes— die ſtärkſte Ernte des Jahres zu haben, und er hatte in der nächſten Stadt ſchon mehrere Wetten auf den Ausfall der jetzigen gemacht. Caſſy be⸗ rührte daher mit weiblichem Scharfſinn die einzige Saite, welche ſie zum fibriren bringen konnte. „Nun gut, es ſoll mit dem, was er erhalten hat, genug ſein,“ ſagte Legree;„aber er muß mich um Verzeihung bitten und ein beſſeres Betragen verſprechen.“ „Das wird er nicht thun,“ verſetzte Caſſy. „Er wird es nicht thun?“ „Nein.“ „Ich möchte wiſſen warum, Miſtreß,“ ſagte Legree mit der äußerſten Geringſchätzung. „Weil er recht gethan hat und es weiß und daher nicht ſagen wird, daß er Unrecht habe.“ „Wer Teufel kümmert ſich um das, was er weiß?— Der Nigger ſoll ſagen, was mir beliebt, oder—“ „Oder Du wirſt Deine Wetten auf die Baumwollenernte verlieren, indem Du ihn gerade zu dieſer Zeit vom Felde fern hältſt.“ „Aber er wird nachgeben, ganz gewiß wird er es. Weiß ich nicht recht gut, was Nigger ſind? Er wird heute Morgen wie ein Hund betteln.“ „Das wird er nicht, Simon; dieſe Art kennſt Du noch nicht. Du kannſt ihn zollweiſe tödten, ehe Du ein Wort eines Zugeſtändniſſes aus ihm bringſt.“ „Das wollen wir ſehen. Wo iſt er?“ fragte Legree indem er hinausging. „Im Abfallzimmer des Maſchinenhauſes,“ ſagte Caſſy. Legree verließ, obgleich er ſo zuverſichtlich gegen Caſſy ſprach, das Haus doch mit einem bei ihm ungewöhnlichen Grade von Beſorgniß. Seine Träume der verfloſſenen Nacht verbanden ſich mit Caſſy's Vorſicht empfehlenden Andeu⸗ tungen und übten einen bedeutenden Einfluß auf ſeinen Geiſt aus. Er beſchloß, daß Niemand ſeinem Zuſammentreffen mit Tom beiwohnen ſolle und wenn er ihn nicht durch Drohungen unterwerfen könne, ſeine Rache bis zu einer paſſen⸗ deren Zeit zu verſchieben. Das ernſte Licht der Morgendämmerung, die Engelsglorie des Morgen⸗ ſterns hatte durch das ſcheibenloſe Fenſter des Verſchlages, worin ſich Tom be⸗ fand, herein geblickt und gleichſam auf jenem Sternenſtrahle waren die feier⸗ lichen Worte herabgeſtiegen:„Ich bin die Wurzel und der Sprößling David's und der helle Morgenſtern.“ Die geheimnißvollen Warnungen und Andeutungen Caſſy's hatten keineswegs ſeine Seele entmuthigt, ſondern ſie endlich wie durch einen himmliſchen Ruf aufgerichtet. Er glaubte, ſein Todestag ſei ange⸗ brochen und ſein Herz klopfte vor Freude und Sehnſucht, als er dachte, daß das wunderbare All, worüber er ſich oft in Träume verloren, der große weiße 18* 276 Thron mit ſeinen ſtets ſtrahlenden Regenbogen, die weißgekleideten Schaaren mit Stimmen wie die vieler rauſchenden Gewaſſer, die Kränze, die Palmen, die Harfen— daß dies Alles ſeinem Auge ſichtbar werden könne, ehe die Sonne wieder untergehen würde, und er hörte daher ohne Schaudern oder Beben die Stimme ſeines Peinigers, als dieſer ſich ihm näherte. „Nun, mein Junge,“ ſagte Legree mit einem verächtlichen Fußtritte,„wie befindeſt Du Dich? Hatte ich Dir nicht geſagt, daß ich Dir noch einiges bei⸗ bringen würde? Wie gefällt Dir das, he? Wie ſind Dir Deine Prügel be⸗ kommen, Tom? Biſt nun wohl nicht mehr ſo vorlaut wie geſtern Abend? Könnteſt Du nicht einem armen Sünder jetzt eine kleine Predigt halten?“ Tom antwortete nicht. „Steh auf, Beſtie!“ rief Legree mit einem abermaligen Tritte. Dies war für einen ſo zerſchlagenen und erſchöpften Menſchen eine ſchwie⸗ rige Aufgabe, und als Tom ſich anſtrengte, es zu thun, lachte Legree höhniſch. „Was macht Dich dieſen Morgen ſo ſanft, Tom? Haſt Du Dich geſtern Abend vielleicht erkältet?“ Tom hatte ſich jetzt aufgerichtet und ſtand ſeinem Herrn mit feſtem Blicke gegenüber. „Den Teufel auch,“ ſagte Legree indem er ihn vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete;„ich glaube wirklich, daß Du noch nicht genug haſt. Nun, Tom, jetzt falle auf die Kniee und bitte mich wegen Deiner Thorheit von geſtern Abend um Verzeihung.“ Tom rührte ſich nicht. „Nieder, Hund!“ rief Legree mit ſeiner Peitſche nach ihm ſchlagend. „Maſter Legree,“ antworte Tom;„ich kann das nicht. Ich habe nur ge⸗ than, was ich für recht hielt. Ich werde es gerade wieder ſo machen, wenn es dahin kommen ſollte. Ich werde nie eine Grauſamkeit begehen. Es mag daraus werden was da will.“ „Ja, aber Du weißt nicht, was daraus werden kann, Mr. Tom; Du denkſt was Du bekommen haſt, ſei etwas?— ich ſage Dir, es iſt noch gar nichts. Wie würde es Dir gefallen, wenn man Dich an einen Baum bände und ein langſames Feuer um Dich anzündete? Würde das nicht angenehm ſein,— he, Tom?“ „Maſter,“ ſagte Tom,„ich weiß, daß Sie entſetzliche Dinge thun können, aber— er richtete ſich hoch empor und faltete die Hände;„aber wenn Sie den Leib getödtet haben, können Sie nichts mehr thun, und dann kommt die Ewigkeit!“ Ewigkeit!— Das Wort erfüllte die Seele des Negers mit Licht und Kraft. Es durchzuckte aber auch die Seele des Sünders wie der Stich eines Skorpions. Legree blickte ihn zähneknirſchend an, aber der Grimm erhielt ihn ſtumm und Tom ſprach wie ein Verklärter mit hellerer, freudigerer Stimme: „Mr. Legree, da Sie mich gekauft haben, werde ich Ihnen ein treuer und uter Diener ſein; ich werde Ihnen die ganze Arbeit meiner Hände, alle meine eit, alle meine Kräfte geben, aber meine Si gebe ich keinem ſterblichen Men⸗ ſchen. Ich werde an dem Herrn feſt halten ufid ſeine Gebote Allem voranſtellen; ich mag nun ſterben oder kehen, deſſen können Sie ſicher ſein. Ich fürchte mich keineswegs vor dem Tode, Mr. Legree, ich möchte lieber ſterben als nicht, Sie können mich peitſchen, mich verhungers laſſen, mich verbrennen— es wird mich nur früher dorthin ſenden, wohin ich zu gehen wünſche.“ „Ich werde Dich aber mürbe machen, ehe ich mit Dir fertig bin!“ rief Legree wüthend. „Ich werde Hilfe haben,“ ſagte Teras„Sie werden es nie thun.“ 277 „Wer Teufel ſoll Dir helfen?“ fragt Legree verächtlich. „Gott, der Allmächtige“ erwiderte Tom. „Hol Dich der Teufel!“ verſetzte Legree, und er ſtreckte Tom mit einem Fauſt⸗ ſchlage zu Boden. In dieſem Augenblicke berührte eine kalte weiche Hand die Legree's. Er wendete ſich um. Es war Caſſy. Aber die kalte weiche Berührung erinnerte ihn an ſeinen Traum von vo⸗ riger Nacht und durch die Kammern ſeines Gehirns blitzten alle die furchtbaren Bilder der vergangenen Nacht von einem Theile des mit ihnen verbundenen Entſetzens begleitet. „Biſt Du ein Narr?“ ſagte Caſſy in franzöſiſcher Sprache.„Laß ihn ge⸗ hen! überlaß es mir, ihn wieder zur Feldarbeit tauglich zu machen. Iſt es nicht ganz ſo wie ich Dir geſagt habe?“ Man ſagt, daß der Alligator und das Rhinozeros trotz ihres kugelfeſten Panzers eine verwundbare Stelle haben; bei wilden, rückſichtsloſen, ungläubigen Böſewichtern iſt dieſe Stelle gewöhnlich die abergläubiſche Furcht. Legree wendete ſich ab und beſchloß die Sache für diesmal ruhen zu laſſen. „Nun, ſo thue was Du willſt,“ ſagte er ſtörriſch zu Caſſy. „Hörſt Du,“ rief er hierauf Tom zu;„ich werde mich jetzt nicht mit Dir befaffen, weil die Arbeit drängt, und ich alle meine Arbeiter brauche: aber ich vergeſſe nie! Ich werde es Dir gut ſchreiben und mich ſchon noch einmal an Deiner alten ſchwarzen Haut bezahlt machen— verlaß Dich darauf!“ Legree wendete ſich ab und ging hinaus. „Da geht er,“ ſagte Caſſy, indem ſie ihm düſter nachblickte;„Deine Ab⸗ rechnung wird auch noch kommen!— Wie geht es Dir, mein armer Tom?“ „Der Herr hat ſeine Engel geſendet und für dieſes Mal den Rachen des Löwen geſchloſſen,“ antwortete Tom. „Für dieſes Mal ja,“ erwiderte Caſſy;„aber jetzt haſt Du ſeinen Groll auf Dir, der Dir Tag und Nacht folgen und an Dir hängen wird, wie ein Hund an Kehle, um Dir das Blut tropfenweis auszuſaugen. Ich kenne den Mann!“ 36. Die Freiheit. Wir müſſen Tom eine Zeitlang in den Händen ſeiner Peiniger laſſen, wäh⸗ rend wir uns zu dem Schickſale Georgels und ſeiner Frau wenden, die unter⸗ deſſen in freundlichen Händen unter dem Dache eines Farmhauſes an der Straße geblieben ſind. Tom Loker lag ſtöhnend in einem reinlichen Quäkerbett unter der mütter⸗ Pflege der Tante Doreas, die an ihm einen eben ſo geduldigen Patienten fand, wie es ein kranker Büffel nur geweſen ſein würde. Denkt Euch eine hochgewachſene würdevolle Frau, deren weiße Mouſſelin⸗ haube wallendes Sulberhaar beſchattet, das über einer breiten, offenen Stirn, welche ein Paar ſeelenvolle graue Augen überwölbt, geſcheitelt iſt. Ihren Buſen verhüllt ein ſchneeweißes Tuch von geſticktem Krepp, ihr ſchimmerndes braunes S rauſcht ſanft und friedlich, während ſie im Zimmer auf und ab ſchreitet. „Teufel!“ rief Tom Loker, indem er die Bettdecken von ſich warf. „Ich muß Dich bitten, Thomas, kein ſolches Wort zu gebrauchen,“ ſagte Tante Dorcas, während ſie ruhig das Bett wieder in Ordnung brachte. 278 „Nun, ich werde es nicht thun, Mütterchen, wenn ich kann,“ antwortete Tom;„aber es iſt ſo verflucht heiß, daß man wohl fluchen muß.“ Dorcas nahm eine wollene Decke vom Bett, ſtrich die zurückgebliebene wieder glatt und ſtopfte ſie unter, bis Tom wie eine Raupenpuppe ausſah. Dabei ſagte ſie: „Ich wünſchte, Freund, daß Du vom Fluchen und Schwören abließeſt und über Dein Leben nachdächteſt.“ „Was Teufel!“ rief Tom;„weshalb ſoll ich daran denken! Das wäre das Letzte, worüber ich nachdenken möchte. Es mag Alles zum Henker gehen!“ Und Tom drehte ſich um und brachte Alles wieder in Unordnung. „Der Burſche und die Dirne ſind wahrſcheinlich hier,“ ſagte er nach einer Pauſe mürriſch. „Allerdings!“ antwortete Dorcas. „Sie würden am beſten thun, wenn ſie ſich nach dem See davon machten und zwar je eher je lieber!“ ſagte Tom. 1 „Wahrſcheinlich werden ſie das auch thun,“ erwiderte Tante Dorcas, in⸗ dem ſie ſich ruhig mit ihrem Strickzeug beſchäftigte. „Und hören Sie,“ fügte Tom hinzu,„wir haben Correſpondenten in San⸗ dusky, welche für uns die Dampfboote überwachen. Ich mache mir jetzt nichts daraus, da ich hoffe, daß ſie durchkommen werden; wäre es auch nur, um Marks einen Poſſen zu ſpielen! Der verwünſchte Hund!— hol ihn der Schwarze!“ „Thomas!“ ermahnte Dorcas. „Ich ſage Ihnen, Mütterchen, wenn Sie Einen zu feſt zupfropfen, muß man berſten, ſagte Tom.„Was aber das Mädchen betrifft— ſchärfen Sie ihr ein, daß ſie ſich verkleidet, damit ſie nicht erkannt wird; ihr Signalement iſt in Sandusky bekannt.“— „Wir werden dies beachten,“ erwiderte Doreas mit charakteriſtiſcher Ruhe. Da wir hier von Tom Loker Abſchied nehmen, wollen wir ſagen, daß er, nachdem er drei Wochen an einem rheumatiſchen Fieber, welches ſich ſeinen übri⸗ gen Leiden zugeſellte, in dem Quäkerhauſe gelegen hatte, als ein etwas ruhi⸗ gerer und beſonnenerer Mann ſein Bett verließ und das Sklavenfangen mit dem Leben in einer von den neuen Anſiedelungen vertauſchte und dort ſeine Talente glücklicher im Fallenſtellen für Bären, Wölfe und andere Bewohner des Waldes entwickelte, ſo daß er ſich dadurch einen ordentlichen Namen im Lande machte. Tom ſprach von den Quäkern ſtets mit Ehrerbietung.„Ganz nette Leutchen,“ pflegte er zu ſagen,„ſie wollten mich bekehren, aber ſie konnten es doch nicht recht; aber ich will Euch was ſagen, Fremder, ſie behandeln einen Kranken ausgezeichnet, das läßt ſich nicht leugnen; ſie machen die beſten Suppen und Leckerbischen.“ Nach Tom's Mittheilung, daß die Flüchtlinge in Sandusky erwartet wur⸗ den, hielt man es für das Klügſte, ſie zu theilen. Jim wurde mit ſeiner alten Mutter vorausgeſchickt, und einige Tage darauf fuhren George und Eliza mit ihrem Kinde insgeheim nach Sandusky, wo ſie gaſtliche Aufnahme fanden, bis ſie ihre letzte Ueberfahrt auf dem See unternehmen konnten. Die Nacht neigte ſich jetzt dem Morgen zu und der Morgenſtern der Frei⸗ heit ging hell vor ihnen auf. Freiheit! elektriſches Wort! was iſt es— was iſt es? Liegt darin etwas mehr als ein Name, als eine rhetoriſche Floskel? Warum, ihr Männer und Frauen von Amerika, warum klopft euer Herz höher bei dieſem Worte, für welches 279 eure Väter geblutet und eure noch muthigeren Mütter ſich dazu verſtanden ha⸗ ben, ihre beſten und edelſten Verwandten dem Tode zu weihen? Giebt es etwas Herrliches und Theures für eine Nation, das nicht auch für den Einzelnen herr⸗ lich und theuer wäre?— Was iſt die Freiheit einer Nativn Anderes, als die Freiheit jedes einzelnen Gliedes derſelben? Was iſt die Freiheit für den jungen Mann, der dort ſitzt, die Arme über ſeiner breiten Bruſt gekreuzt und die Farbe des afrikaniſchen Blutes auf ſeinen Wangen, deſſen dunkles Feuer in ſeinem Auge glüht— was iſt die Freiheit für George Harris? Für eure Väter war die Freiheit das Recht einer Nation, eine Natton zu ſein,— für ihn iſt ſie das Recht eines Menſchen, ein Menſch und nicht ein Thier zu ſein; das Recht, das Weib ſeines Herzens ſeine Gattin zu nennen und ſie vor geſetzloſen Gewaltthätigkeiten zu beſchützen, das Recht, ſein Kind zu be⸗ ſchützen und zu erziehen, das Recht, ſeinen eignen Heerd, ſeine eigne Religion, ſeinen eignen Charakter, der dem Willen Anderer nicht unterthänig iſt, zu beſitzen. Alle dieſe Gedanken bewegten George's Bruſt, als er ſinnend den Kopf auf die Hand geſtützt daſaß und ſeine Frau betrachtete, welche die männlichen Klei⸗ dungsſtücke, in denen man es für das Sicherſte hielt, ihre Flucht zu bewerk⸗ ſtelligen, ihrer ſchlanken hübſchen Geſtalt anpaßte. „Nun muß es geſchehen,“ ſagte ſie, indem ſie ſich vor den Spiegel ſtellte und ihr reiches, ſeidenartiges ſchwarzes Lockenhaar ſchüttelte.„Iſt es nicht darum ſchade, George?“ ſetzte ſie hinzu, indem ſie eine Flechte davon ſcherzhaft emporhielt;„iſt es nicht ſchade, daß es Alles herunter muß?“ George lächelte wehmüthig, antwortete aber nicht. Eliza wendete ſich wie⸗ der zu dem Spiegel, die Scheere blitzte und eine lange Locke nach der andern wurde von ihrem Kopfe getrennt. „So, das wird genug ſein,“ ſagte ſie, eine Haarbürſte nehmend;„nun noch ein paar Verſchönerungsſtriche.— So, bin ich nicht ein hübſcher junger Burſche?“ fragte ſie, indem ſie ſich lachend und und erröthend zu ihrem Gatten umwendete.* „Du biſt immer hübſch, Du magſt thun, was Du willſt.“ „Was macht Dich ſo betrübt?“ fragte Eliza, ſich vor ihm auf ein Knie niederlaſſend und ihre Hand auf die ſeine legend.„Wir ſind, wie wir gehört ha⸗ ben, nur noch vierundzwanzig Stunden von Canada entfernt, nur ein Tag und eine Nacht auf dem See, und dann— o dann!“ „O, Eliza!“ erwiderte George, indem er ſie an ſich zog,„das iſt es eben! Jetzt nähert ſich mein Schickſal dem entſcheidenden Punkte; ſo nahe zu kommen, das freie Land beinahe zu ſehen, und dann Alles zu verlieren! ich würde es nicht überleben, Eliza.“ „Fürchte nichts,“ entgegnete dieſe vertrauensvoll,„der liebe Gott würde uns nicht ſo weit gebracht haben, wenn er uns nicht hindurch führen wollte. Ich fühle, daß er mit uns iſt, George.“ „Du biſt ein geſegnetes Weib, Eliza!“ ſagte George und er drückte ſie krampfhaft an ſich;„aber— o ſprich!— kann dieſe große Gnade für uns be⸗ ſin ſ Werden dieſe Jahre des Elends ihr Ende erreichen, werden wir rei ſein?“ „Ich bin davon überzeugt,“ antwortete Eliza, indem ſie aufblickte, wäh⸗ rend Thränen der Hoffnung und der Vegeiſterung an ihren langen dunkeln Wimpern perlten.„Ich fühle es in meinem Herzen, daß Gott uns noch heute aus der Knechtſchaft erlöſen wird.“ ch will Dir glauben, Eliza,“ ſagte George ſich plötzlich erhebend,„ich will Dir glauben. Komm, wir müſſen aufbrechen. Ja, wirklich,“ fuhr er fort, 3 280 indem er ſie auf Armeslänge von ſich hielt und ſie bewundernd betrachtete,„Du biſt ein hübſcher kleiner Burſche. Die kleinen kurzen Locken ſtehen Dir ganz vortrefflich. Setze Deine Mütze auf— ſo— ein wenig auf die Seite— ich habe Dich nie ſo hübſch geſehen. Aber es iſt beinahe Zeit, daß der Wagen kommt. Ich möchte wiſſen, ob Mrs. Smith unſern Harry aufgetakelt hat.“ Die Thür öffnete ſich und eine reſpektable Frau von mittlerem Alter trat, den kleinen Harry in Mädchenkleidern führend, ein. „Welch ein hübſches Mädchen er abgiebt,“ ſagte Eliza, indem ſie ihn um⸗ wendete.„Wir nennen ihn Harriet— klingt der Name nicht ganz hübſch?“ Das Kind betrachtete ernſt und in tiefem Schweigen ſeine Mutter in ihrer neuen und ſonderbaren Kleidung. Von Zeit zu Zeit ſeufzte er tief auf und blickte unter ſeinen dunklen Locken hervor auf ſie. „Kennt Harry ſeine Mama?“ fragte Eliza, indem ſie ihm die Hand reichte. Der Knabe ſchmiegte ſich ſchüchtern an ſeine Mutter an. „Komm, Eliza, warum verſuchſt Du ihn an Dich zu locken, da Du doch weißt, daß er von Dir fern bleiben muß?“ „Ich weiß, daß es thöricht iſt,“ erwiderte Eliza,„und doch kann ich es nicht ertragen, daß er ſich von mir abwendet; aber wo iſt mein Mantel?— hier— wie nehmen die Männer ihre Mäntel um, George?“ „Du mufßt ihn ſo tragen,“ ſagte ihr Gatte, und er warf ihn über ihre Schultern. „So alſo?“ entgegnete Eliza, die Bewegung nachahmend;„und ich muß ſtark auftreten und lange Schritte machen und keck auszuſehen verſuchen?“ „Strenge Dich nicht an,“ ſagte George,„es giebt auch beſcheidene junge ſie und ich glaube, daß es Dir leichter werden wird, dieſe Rolle zu pielen.“ „Und dieſe Handſchuhe! Gott ſei mir gnädig!“ rief Eliza,„ſoll ich den wirklich an eine Hand ziehen?— meine Hand verſchwindet ganz darin.“ „Ich rathe Dir, ſie beſtändig anzubehalten,“ ſagte George;„Dein kleines, ſchmales Händchen könnte Alles verrathen. Nun, Mrs. Smith, Sie reiſen unter unſerer Obhut und als unſer Tantchen, vergeſſen Sie es nicht.“ „Ich habe gehört,“ erwiderte Mrs. Smith,„daß Männer hier geweſen ſind, die alle Schiffscapitaine vor einem Manne mit einer Frau und einem kleinen Knaben gewarnt haben.“ „So?“ verſetzte George;„nun wenn wir ſolche Leute ſehen, wollen wir ſie darauf aufmerkſam machen.“ Jetzt fuhr eine Miethkutſche vor und die freundliche Familie, welche die Flüchtlinge aufgenommen hatte, drängte ſich mit Abſchiedsgrüßen um ſie. Die Verkleidung, in der ſich die Geſellſchaft befand, war in Folge der Winke Tom Loker's gewählt worden. Mrs. Smith, eine achtbare Frau aus der kanadiſchen Rietelaung nach welcher ſie flohen, war glücklicher Weiſe eben im Begriff, über den See zu gehen, um dorthin zurückzukehren, und hatte einge⸗ willigt als Tante des kleinen Harry zu gelten. Um ihn mehr an ſie zu feſſeln, hatte man ihn die letzten beiden Tage unter ihrer alleinigen Obhut gelaſſen, und eine Ertra⸗Quantität von Liebkoſungen in Verbindung mit einer unendlichen Maſſe von Kuchen und Kandiszucker hatte eine ſehr innige Zuneigung in dem jungen Herrn geweckt. Die Miethkutſche fuhr nach dem Quai. Die beiden jungen Männer gingen über die Planke in das Boot, wobei Eliza galant der Mrs. Smith den Arm bot, und George das Gepäck beaufſichtigte. 281 George ſtand an dem Bureau des Kapitäns und bezahlte für ſeine Geſell⸗ ſchaft, als er zwei Männer neben ſich ſprechen hörte: „Ich habe Jeden, der an Bord gekommen iſt, beobachtet,“ ſagte der Eine, „und ich weiß, daß ſie nicht auf dieſem Boote ſind.“ Dieſer war der Sekretär des Bootes; der Andere, welchen er anredete, war unſer früherer Freund Marks, der mit der ſchätzbaren Ausdauer, die ihn charakteriſirte, nach Sandusky gekommen war, um Beute zu ſuchen „Man würde das Weib kaum von einer Weißen unterſcheiden können,“ ſagte Marks;„auch der Mann iſt ein ſehr heller Mulatte, er hat ein Brandmal in der einen Hand.“ Die Hand, mit welcher George die Billets und das kleine Geld in Empfang nahm, zitterte ein wenig, aber er wendete ſich kaltblütig um, warf unbemerkt einen Blick auf das Geſicht des Sprechenden und ging ruhig nach einem andern Theile des Bootes, wo Eliza ihn erwartete. Mrs. Smith und der kleine Harry ſuchten die Abgeſchiedenheit der Damen⸗ kajüte auf, wo die dunkle Schönheit des angeblichen kleinen Mädchens den Paſ⸗ ſagieren eine Menge von ſchmeichelhaften Bemerkungen entlockte. George hatte, als die Glocke zur Abfahrt ertönte, die Freude, Marks über die Planke an's Ufer zurückkehren zu ſehen, und er ſtieß einen tiefen Seufzer der Erleichterung aus, als das Boot eine kleine Entfernung erreicht hatte und es nicht mehr möglich war, ihn einzuholen. Es war ein prächtiger Tag; die blauen Wellen des Erieſees tanzten kräuſelnd und glitzernd im Sonnenſchein, auf der Höhe wehte eine friſche Briſe und das majeſtätiſche Schiff durchpflügte die Wogen mit mächtigen Schlägen. O, welche unermeßliche Welt in einem einzigen menſchlichen Herzen liegt! Wer ahnete, als George ruhig mit ſeinem ſchüchternen Gefährten an der Seite auf dem Verdeck des Dampfbootes hin und her ging, was in ſeiner Bruſt glühte? Das Leben, welches ſich jetzt zu nähern ſchien, kam ihm zu ſchön vor, um es ſich je verwirklichen zu können, und er fürchtete jeden Augenblick, daß es ihm wieder entriſſen werden könne. Aber das Boot ſetzte ſeine Reiſe fort,— die Stunden verſtrichen und endlich zeigte ſich deutlich die geſegnete engliſche Küſte— die von einem mächtigen Zau⸗ ber erfüllte Küſte, welche mit der erſten Berührung jeden Bann der Sklaverei, leichviel in welcher Sprache er gethan oder durch welche andre Macht er be⸗ ätigt ſein mag, aufhebt. George und ſeine Gattin ſtanden Arm in Arm beiſammen, als das Boot ſich der kleinen Stadt Amherſtberg in Canada näherte. Er athmete kurz und beklommen— vor ſeine Augen trat ein Nebel, er preßte ſchweigend die zitternd auf ſeinem Arme liegende kleine Hand. Die Glocke läutete— das Boot hielt an. Ohne zu wiſſen, was er that, ſuchte er ſein Gepäck zuſammen und verſam⸗ melte ſeine kleine Geſellſchaft. Sie wurden am Ufer ausgeſetzt, ſie blieben ſtehen, bis das Boot wieder abgefahren war, dann knieeten der Gatte und die Gattin mit ihrem erſtaunten Kinde in den Armen unter Thränen und Umarmungen nieder und erhoben ihre Herzen zu Gott. Die kleine Geſellſchaft wurde bald von Mrs. Smith zu der gaſtlichen Woh⸗ nung eines guten Miſſionairs geleitet, den die chriſtliche Liebe als einen Hirten für verſtoßene Wanderer, welche fortwährend auf dieſer Küſte eine Freiſtätte fin⸗ den, hierher geſendet hat. 282 Wer kann die Segnungen der Ruhe ermeſſen, die ſich auf das Lager des freien Mannes unter Geſetzen, die ihm die von Gott den Menſchen gegebenen Richter ſichern, niederſenkt? Wie ſchön und koſtbar erſchien dieſer Mutter das Geſicht des ſchlafenden Kindes, das ihr durch die Erinnerung an tauſend Ge⸗ fahren noch theurer wurde! Wie unmöglich war es, im Beſitz ſolcher Selig⸗ keiten zu ſchlafen! Und doch beſaßen dieſe Beiden keinen Acker Landes— kein Dach, welches ſie das ihre nennen konnten— ſie hatten ihre ganze Habe bis auf den letzten Dollar aufgezehrt, ſie hatten nicht mehr als die Vögel in der Luft oder die Blumen auf dem Felde— und dennoch konnten ſie vor Freude nicht ſchlafen. — O Ihr, die Ihr dem Menſchen die Freiheit genommen habt, womit werdet Ihr Euch vor Gott verantworten? 37. Der Sieg. Haben nicht Viele von uns auf dem mühſeligen Wege des Lebens in man⸗ chen Stunden gefühlt, wie viel leichter es wäre zu ſterben als zu leben? Der Märtyrer findet ſelbſt, wenn ihm ein Tod voll Qual und Schrecken entgegenſtarrt, gerade in dem Entſetzlichen ſeines Schickſals einen ſtarken Reiz. Es iſt eine Aufregung, welche durch jedes Leiden, das die Geburtsſtunde der ewigen Herrlichkeit und Ruhe iſt, führen kann. Aber zu leben, einen Tag nach dem andern eine harte, erniedrigende, pei⸗ nigende Knechtſchaft zu ertragen, während jeder Nerv erſchlafft, jedes Gefühl allmälig erſtickt wird— dieſes lange verzehrende Märtyrerthum des Herzens, dieſes langſame, tägliche Verbluten des innern Lebens— das iſt der wahre Prüfſtein des Menſchen. Als Tom ſeinem Verfolger gegenüberſtand, und ſeine Drohungen hörte und in ſeiner Seele dachte, daß ſeine Stunde gekommen ſei, hob ſich ſein Herz muthig und er war feſt überzeugt, daß er Folter und Feuer und Alles ertragen könne, da er nur einen Schritt entfernt Jeſus und den Himmelzu ſehen erwarten durfte; als jener aber hinweggegangen und die gegenwärtige Aufregung vorüber war, kehrte der Schmerz ſeiner zerſchlagenen und erſchöpften Glieder wie das Gefühl ſeines völlig entwürdigten, hoffnungsloſen Zuſtandes zurück, und der Tag ſchlich traurig dahin. Lange ehe ſeine Wunden geheilt waren, beſtand Legree darauf, daß er wie⸗ der die regelmäßige Feldarbeit beginne, und dann kam ein Tag des Schmerzes und der Mattigkeit nach dem andern, und alles dies wurde noch durch jede Un⸗ gerechtigkeit und Mißhandlung, die der böſe Wille eines gemeinen boshaften Menſchen nur erſinnen konnte, verſchlimmert. Wer in unſernUmſtänden den Schmerz ſelbſt unter allen Erleichterungen, welche ihn für uns zu begleiten pflegen, kennen gelernt hat, muß wiſſen, welche Gereiztheit mit ihm eintritt. Tom wunderte ſich nicht mehr über die zur Ge⸗ wohnheit gewordene mürriſche Laune ſeiner Genoſſen, ja er fand, daß die ruhige, ſtille Gemüthsart, die ihm während ſeines ganzen Lebens eigen geweſen war, durch die nämlichen Uebergriffe ſchwer geprüft wurde. Er hatte gehofft, daß er ſeine Bibel mit Muße werde leſen können, aber es gab hier keine Muße. Wenn die Arbeit drängte, nahm Legree keinen Anſtand, alle ſeine Arbei des Sonntags wie des Wochentags anzutreiben. Warum ſollte er auch ni Er erlangte dadurch mehr Baumwolle und gewann ſeine Wette, und wenn a einige Arbeiter darauf gingen, ſo konnte er dann beſſere kaufen. Anfangs pflegte Tom bei dem flackernden Feuer ein paar Verſe aus ſeiner 283 Bibel zu leſen, nachdem er von ſeiner Tagesarbeit zurückgekehrt war. Aber nach der grauſamen Behandlung, die ihm zu Theil geworden, kam er ſtets ſo erſchöpft nach Hauſe, daß ſich in ſeinem Kopfe Alles im Kreiſe drehte und ſeine Augen ihm den Dienſt verſagten, wenn er zu leſen verſuchte; er mußte ſich daher wohl in der äußerſten Erſchöpfung wie die Andern niederlegen. Es kann nicht auffallen, daß der religiöſe Friede und die Zuverſicht, welche ihn bisher aufrecht erhalten hatten, ſich in Unruhe und muthloſe Düſterheit ver⸗ wandelten. Das ſchwärzeſte Problem dieſes geheimnißvollen Lebens lag be⸗ ſtändig vor ſeinen Augen: Seelen wurden niedergedrückt und verderbt, das Böſe triumphirte und Gott ſchwieg. Wochen und Monate hindurch rang Tom in ſeiner Seele mit Dunkelheit und Schmerz— er dachte an Miß Ophelia's Brief an ſeine Freunde in Kentucky und betete innig, daß Gott ihm Erlöſung ſenden möge, und dann wartete er einen Tag nach dem andern in der unbeſtimmten Hoffnung, Jemand zu ſeiner Loskaufung ankommen zu ſehen, und wenn Nie⸗ mand kam, ſo drängte er die bittern Gedanken, daß es vergeblich ſei, Gott zu dienen, daß Gott ihn verlaſſen habe, in ſeine Seele zurück. Zuweilen ſah er Caſſy und mitunter konnte er, wenn er in das Haus be⸗ rufen wurde, einen Blick auf das niedergeſchlagene Geſicht Emmelinen's werfen; aber er hielt nur ſehr geringen Verkehr mit der Einen oder Andern. Er hatte auch gar keine Zeit mit irgend Jemand umzugehen. Eines Abends ſaß er in der äußerſten Niedergeſchlagenheit und Erſchöpfung bei einigen halb ausgebrannten Kohlen, über denen er ſeinen Abendkuchen buk. Er warf einige Reiſer in's Feuer, damit es heller brennen ſolle, und zog dann ſeine zerleſene Bibel aus der Taſche. Sie enthielt noch alle die bezeichneten Stel⸗ len, welche ſo oft ſein Herz ergriffen hatten— Worte von Patriarchen und Se⸗ hern, Dichtern und Weiſen, die in frühen Zeiten dem Menſchen Muth zuge⸗ ſprochen— Stimmen aus der großen Wolke von Zeugen, die uns bei dem Kampfe des Lebens ſtets umringen. Hatte das Wort ſeine Macht verloren oder konnten die trüben Augen und müden Sinne nicht mehr der Berührung jener mächtigen Begeiſterung entſprechen— er ſteckte diẽ Bibel mit einem tiefen Seufzer wieder in die Taſche. Ein rohes Gelächter ſchreckte ihn auf; er blickte empor— Mr. Legree ſtand vor ihm. „Nun, alter Junge,“ ſagte er,„Du findeſt, wie mir ſcheint, daß Deine Re⸗ ligion nicht wirkt. Ich hatte wohl gedacht, daß ich endlich durch Deine Wolle kommen würde.“ Der grauſame Hohn war ſchmerzlicher als Hunger und Kälte und Nacktheit. Tom ſchwieg. „Du warſt ein Narr,“ ſagte Legree,„denn ich hatte Gutes mit Dir im Sinne, als ich Dich kaufte. Du hätteſt beſſer daran ſein können als Sambo und Quimbo, hätteſt gute Zeit haben und anſtatt alle Augenblicke geſcholten und geprügelt zu werden, den Herrn ſpielen und die übrigen Nigger traktiren können, und dann und wann wäre Dir der Magen mit gutem Whiskypunſch gewärmt worden. Hältſt Du es nicht für beſſer, vernünftig zu ſein? Wirf den alten lächerlichen Plunder in's Feuer und tritt zu meiner Kirche über.“ „Das verhüte der Herr!“antwortete Tom ernſt. „Du ſiehſt, daß der Herr Dir nicht helfen wird. Wenn er es hätte thun Men, ſo würde er nicht zugegeben haben, daß ich Dich bekam. Die Religion iſ nichts als Lug und Trug, Tom; ich kenne die ganze Geſchichte. Du thuſt am beſten, wenn Du es mit mir hältſt. Ich bin ein Mann von Gewicht und kann etwas thun.“ 284 „Nein, Maſter, ſagte Tom,„ich werde aushalten; der Herr mag mir hel⸗ fen oder nicht, aber ich will an ihm feſt hangen und bis zum letzten Augenblick an ihn glauben.“ „Um ſo dümmer von Dir,“ verſetzte Legree, indem er ihn verächtlich an⸗ ſpuckte und mit dem Fuße von ſich ſtieß;„doch es thut nichts; ich werde Dich ſchon noch weich gerben und geſchmeidig machen. Das wirſt Du ſehen.“ Und Legree wendete ſich ab. Wenn eine ſchwere Laſt die Seele auf den tiefſten Punkt, wo das Ertragen noch möglich iſt, herabdrückt ſo tritt eine augenblicklich verzweifelte Anſtrengung aller phyſiſchen und moraliſchen Nerven ein, um die Laſt abzuſchütteln, und da⸗ her geht der ſchwerſten Seelenqual oftmals eine Fluth von Freude und Muth voraus. So war es auch bei Tom. Der atheiſtiſche Spott ſeines grauſamen Herrn drückte ſeine Seele auf die tiefſte Ebbe herab, und obgleich die Hand des Glaubens immer noch an dem ewigen Felſen feſthielt, ſo war es doch nur mit Verzweiflung und zunehmender Schwäche. Tom ſaß wie betäubt an dem Feuer. Plötzlich ſchien Alles um ihn her zu verbleichen, und vor ihm erhob ſich die Viſion eines mit Dornen gekrönten, ge⸗ ſchlagenen und blutenden Mannes. Tom blickte mit Ehrfurcht und Verwunde⸗ rung auf die majeſtätiſche Geduld des Geſichts. Die dunklen Augen warfen ihre Blicke bis in das Innerſte ſeines Herzens; ſeine Seele erwachte, als er mit einer Fluth von Gefühlen die Hände ausſtreckte und auf die Knie fiel, und Alles veränderte ſich. Die ſpitzen Dornen wurden zu leuchtenden Strahlen und er ſah daſſelbe Geſicht in einem unnennbaren Glanze ſich mitleidig zu ihm herabbeu⸗ en, und eine Stimme ſagte:—„Wer überwindet, ſoll mit mir auf meinem hrone ſitzen, wie ich überwunden habe und bei meinem Vater auf ſeinem Throne ſitze.“ Wie lange Tom dalag, wußte er nicht. Als er wieder zu ſich kam, war das Feuer ausgegangen, ſeine Kleider waren vom Nachtthau durchnäßt, aber die furchtbare Seelenkriſis war vorüber und über der ihn erfüllenden Freude fühlte er den Hunger, die Kälte und die Herabwürdigung, ſeine getäuſchten Hoff⸗ nungen, das bittere Elend nicht mehr Von tiefſter Seele riß er ſich in jener Stunde von jeder Hoffnung in dieſem Leben los und brachte ſeinen Willen dem Unendlichen zum unbedingten Opfer dar. Tom blickte zu dem ſtummen ewigen Sterne, dem Symbol der engliſchen Heerſchaaren, welche ſtets zum Menſchen herabſchauen, auf, und die Einſamkeit der Nacht hallte von den triumphirenden Worten einer Hymne wieder, die er oft in glücklicheren Tagen geſungen hatte, aber nie mit ſolchen Gefühlen wie jetzt. Wie Schnee zerſchmelzen wird die Welt, und wenn die Erdenhünl' verblich, Die Sonne nicht mehr ſcheinen; Und Fleiſch und Sinne ſchwinden, Doch Gott, der mich hierher beſtellt, So werd'ich immer innerlich Bewahrt mich bei den Seinen. Noch Freud' und Frieden finden. Und wenn wir auch zehntauſend Jahr Verlebt im Himmelsgarten, So haben wir noch ganz ſo viel Dort oben zu erwarten. Diejenigen, welche mit der religiöſen Geſchichte der Sklavenbevölkerung vertraut ſind, wiſſen, daß Erzählungen wie die, welche wir berichtet haben, un⸗ ter ihnen ſehr häufig vorkommen. Wir haben von ihren eignen Lippen einige von höchſt rührendem Charakter vernommen. Der Pſycholog ſagt uns von einem Zuſtande, in welchem die Empfindungen und Bilder des Geiſtes ſo herr⸗ 285 ſchend und überwältigend werden, daß ſie die äußeren Sinne zu ihrem Dienſt zwingen und den Phantaſieen eine greifbare Form geben. Wer kann ermeſſen, was ein Alles durchdringender Geiſt mit den Fähig⸗ keiten unſerer Sterblichkeit thun, oder auf welche Weiſe er die entmuthigte Seele der Troſtloſen aufmuntern kann?— Wenn der arme verlaſſene Sklave glaubt, daß Jeſus ihm erſchienen ſei und ihn angeredet habe, wer wird ihm wider⸗ ſprechen?— Hat er nicht geſagt, daß ſeine Sendung zu allen Zeiten die ſei, die Wunden zu verbinden und die Gedrückten von ihrem Joche zu befreien? Als das trübe Morgengrauen die Schläfer zu ihrer Feldarbeit weckte, be⸗ fand ſich unter den zerlumpten, vor Froſt zitternden Sklaven Einer, der mit triumphirendem Schritt einherging; denn feſter als der Boden unter ihm war ſein ſtarker Glaube an die allgewaltige ewige Liebe. O, Legree, verſuche jetzt alle Deine Kräfte! Todespein, Wehe, Herabwürdigung, Mangel und Verluſt aller Dinge wer⸗ den nur den Vorgang beſchleunigen, durch den er zu einem Könige und Prieſter Gottes gemacht werden ſoll. Von dieſer Zeit an umgab eine unverletzbare Sphäre des Friedens das arme Herz des Unterdrückten. Ein ſtets gegenwärtiger Heiland weihte es wie einen Tempel. An dem Bluten irdiſcher Kümmerniſſe— an ſeinen Schwan⸗ kungen der Hoffnung und der Furcht und der Wünſche vorüber— war der menſchliche Wille, welcher ſo lange gebeugt und blutend und ringend geweſen, jetzt völlig in dem Göttlichen aufgegangen. Die noch übrige Lebensreiſe ſchien jetzt ſo kurz— die ewige Seligkeit ſo nahe, ſo lebhaft zu ſein— daß das äußerſte Weh der Erde keine Gewalt mehr über ihn hatte. Alle bemerkten die Veränderung in ſeinem Aeußeren; ſeine Heiterkeit und e ſchienen zurückzukehren und er von einer Ruhe, die weder Schmähungen noch Mißhandlungen zu trüben vermochten, erfüllt zu ſein. „Was Teufel iſt in Tom gefahren?“ ſagte Legree zu Sambo;„vor Kur⸗ zem war er noch ganz niedergeſchlagen und jetzt iſt er munter wie ein Heimchen.“ „Weiß nicht, Maſter; vielleicht will er davonlaufen.“ „Ich möchte ihn das wohl einmal verſuchen ſehen,“ erwiderte Legree mit einem grimmigen Lächeln.„Du nicht auch, Sambo?“ „Das glaube ich wohl, hahaha!“ lachte der ſchwarze Gnome unterwürfig. „Gott, das wäre ein Spaß, wenn man ihn im Schlamme ſtecken und durch die Gebüſche laufen und ſpringen ſähe, während die Hunde ihn feſthielten! Ich hätte vor Lachen berſten mögen, als wir damals Molly fingen. Ich dachte ſie würde ganz zerriſſen werden, ehe ich die Hunde losbringen konnte. Sie trägt die puren von dem Spaße noch an ſich.“ „Ich glaube, daß ſie ſie bis an ihr Grab behalten wird,“ verſetzte Legree; zbe paß auf, Sambv. Wenn der Nigger ſo etwas vor hat, ſo fange nauf.“ „Das überlaſſen Sie nur mir, Maſter,“ erwiderte Sambo;„ich werde ein ſcharfes Auge auf ihn haben.“ Dies wurde geſprochen, als Legree ſein Pferd beſtieg, um nach der nahen Stadt zu reiten. Als er am Abend zurücktehrte, fiel es ihm ein, nach den Quar⸗ tieren zu gehen, um zu ſehen, ob Alles richtig ſei. Es war eine herrliche Mondnacht, die Schatten der prächtigen Chinabäume lagen deutlich abgezeichnet auf dem Raſen und in der Luft herrßhte die feierliche Stille, welche zu ſtören beinahe unheilig erſcheint. Legree befand ſich in einiger Entfernung von den Quartieren, als er die Stimme eines Singenden vernahm. 286 Es war hier kein gewöhnlicher Geſang, und er hielt an um zu lauſchen. Eine wohlklingende Tenorſtimme ſang: „ „Sobald in Himmelsſicherheit Wenn auch das ganze Erdenrund, Verwandelt ſich mein Sehnen, Wenn Satan mich bekriegt, Die Furchtich werfe von mir weit So bleib' ich doch mit Gott im Bund Und trockne meine Thränen. Die fromme Seele ſiegt. Laß kommen nur der Sorgen Fluth, Laß Leidensſtürme wehen, Ich ſtehe unter Gottes Huth Werd' ein zum Himmel gehen.“ „Oho!“ ſagte Legree zu ſich;„er denkt ſo? Wie ich die verdammten Me⸗ thodiſtenhymnen haſſe! Halloh, Nigger!“ rief er indem er plötzlich zu Tom trat und ſeine Reitpeitſche erhob;„wie kannſt Du es wagen, hier ſolchen Spektakel zu machen, während Du im Bett ſein ſollteſt? Schließe Deine alte ſchwarze Schnauze und mache, daß Du hinein kommſt!“ „Ja, Maſter,“ ſagte Tom mit heiterer Bereitwilligkeit, indem er aufſtand und hinein trat.* Legree wurde durch Tom's offenbar frohe Stimmung heftig aufgebracht, et ritt daher zu ihm heran und bearbeitete ihn über Kopf und Schultern. „Da, Du Hund,“ ſagte er;„ſieh zu ob es Dir jetzt noch ſo behaglich ſein wird.“ Aber die Schläge fielen jetzt nur auf den äußern Menſchen und nicht wie früher auf das Herz. Tom ſtand in der vollkommenſten Unterwürfigkeit da, und doch konnte Legree ſich ſelbſt nicht verbergen, daß er die Macht über ſeinen Leib⸗ rigenen auf irgend eine ihm unbekannte Weiſe verloren habe, und als Tom in ſeiner Hütte verſchwand und er ſein Pferd plötzlich umwendete, zuckte durch ſeinen Geiſt einer von den feurigen Blitzen, welche vftmals das Licht des Gewiſſens auf die verdunkelte ſündige Seele werfen; er begriff vollkommen, daß es Gott war, der zwiſchen ihm und ſeinem Opfer ſtand— und er läſterte ihn. Der unterwürfige und ſtille Mann, den weder Spott, noch Drohungen, noch Striemen, noch Grauſamkeiten irre machen konnten, erweckte in ihm eine Stimme, wie ſie in alter Zeit ſein Herr in der Dämonenſeele erweckt hatte, und ſagte.„Was haben wir mit Dir zu ſchaffen, Jeſus von Nazareth? biſt Du ge⸗ kommen um uns vor der Zeit zu peinigen?“ Tom's ganze Seele ſtrömte von Mitleid und Theilnahme für die armen Un⸗ glücklichen, von denen er umgeben war, über. Ihm war es, als ob ſeine Lebens⸗ kümmerniſſe jetzt vorbeigezogen ſeien und als ob er aus dem Schatze des Friedens und der Freude, mit welchem er von oben begabt worden war, einen Theil zur Linderung ihrer Schmerzen ſpenden müſſe. Allerdings kam die Gelegenheit da⸗ zu nur ſelten; aber auf dem Wege nach den Feldern und wieder zurück, und wäh⸗ rend der Arbeit wurde es ihm zuweilen möglich, den Müden, den Niedergeſchla⸗ genen und den Muthloſen eine hilfreiche Hand zu reichen. Die armen niedergedrückten, verthierten Geſchöpſe konnten dies Anfangs kaum begreifen; als es aber eine Woche nach der andern und einen Monat nach dem andern fortgeſetzt wurde, begann es lange ſtumm geweſene Saiten in ihrem betäubten Herzen zu erwecken. Allmälig und unmerklich erlangte der ſchweigſame, eduldige Mann, der bereit war, die Laſt eines Jeden zu tragen und der bei Keinem Liße ſuchte— der ſich Allen nachſtellte und zuletzt kam, immer das Wenigſte nahm und dennoch der Erſte war, das Seinige mit Jedem zu theilen— der Mann, der in kalten Nächten ſeine zerriſſene Decke abtreten konnte, um einer im Fieber zitternden Sklavin ein wenig mehr Bequemlichkeii zu verſchaffen, und der 287 die Körbe der Schwächeren auf dem Felde trotz der furchtbaren Gefahr der er ſich ausſetzte, wenn ſein eignes Maaß nicht voll war, füllte— und der, obgleich ihr gemeinſchaftlicher Tyrann ihn mit unbarmherziger Grauſamkeit verfolgte, doch nie ein Wort der Schmähung oder des Fluches ausſprach: dieſer Mann erlangte endlich eine ſeltſame Macht über ſie, und als die dringende Arbeitszeit vorüber war und man ihnen wieder den Sonntag zu ihrer eigenen Verwendung geſtattete, ſammelten ſich Viele um ihn, um ſich durch ihn von Jeſus erzählen zu laſſen. Sie würden ſich gern verſammelt haben, um an irgend einem Orte zu beten und zu ſingen, aber Legree duldete es nicht und jagte mehr als einmal ſolche Gruppen mit Flüchen und brutalen Verwünſchungen auseinander, ſo daß das Evangelium von Einem zum Andern verbreitet werden mußte. Wer vermag aber die einfache Freude zu beſchreiben, womit Einige von dieſen armen Ausgeſtoßenen, denen das Leben eine freudenleere Reiſe nach einem dunklen unbekannten Ziele war, von einem mitleidigen Erlöſer und einer himm⸗ liſchen Heimath hörten! Die Miſſionäre ſagen, daß unter allen Racen der Erde keine das Evangelium mit begierigerem Eifer aufgenommen habe, als die afrikaniſche. Das Prinzip des zweifelloſen Glaubens, welches ſeine Grundlage bildet, iſt bei dieſer Race mehr als bei irgend einer andern ein angeborenes Ele⸗ ment, und es iſt oft unter ihnen vorgekommen, daß ein verwehtes Samenkörn⸗ chen der Wahrheit, welches zufällig in die unwiſſendſten Herzen fiel, darin Früchte getragen hat, deren Reichlichkeit die einer höheren Kultur beſchämt. Die arme Mulattin, deren einfacher Glaube durch die auf ſie eingeſtürmte Lawine von Grauſamkeiten und Unrecht beinahe erdrückt worden war, fühlte wie ihre Seele durch die Hymnen und Bibelſprüche, welche dieſer beſcheidene Miſ⸗ ſionair von Zeit zu Zeit, wenn ſie zur Arbeit ging, oder von ihr kam, in ihr Ohr flüſterte, erhoben; und ſelbſt der verſtörte, halb wahnſinnige Geiſt Caſſy's wurde durch ſeine einfachen Einflüſſe beſänftigt und beruhigt. Caſſy, die durch die Qualen ihres Lebens zum Wahnſinn und zur Ver⸗ zweiflung aufgeſtachelt worden war, hattel oftmals in ihrem Herzen beſchloſſen, daß eine Stunde der Vergeltung eintreten und ihre Hand an ihrem Peiniger alle Ungerechtigkeiten und Gauſamkeiten rächen ſolle, deren Zeuge ſie geweſen war, oder die ſie ſelbſt erfahren hatte. Eines Nachts, als ſchon Alle in Tom's Hütte Befindlichen ſchliefen, wurde er plötzlich dadurch aufgemuntert, daß er ihr Geſicht an dem Wandloche, welches zum Fenſter diente, wahrnahm. Sie winkte ihm mit einer ſtummen Geberde herauszufommen. Tom trat vor die Thür. Es war zwiſchen ein und zwei Uhr Nachts— der Mond ſchien ruhig und hell. Tom bemerkte, als das Licht des Mondes auf Caſſy's große Augen fiel, daß in ihnen eine wilde eigenthümliche Gluth leuch⸗ tete, welche ganz verſchieden war von ihrem gewöhnlichen ſtarren Ausdrucke. „Komm her, Vater Tom,“ ſagte ſie, ihre kleine Hand auf ſeinen Arm le⸗ gend und ihn mit einer Gewalt, als ob die Hand von Stahl wäre, vorwärts ziehend,„kumm her, ich habe Nachrichten für Dich.“ „Was, Miſſis Caſſy?“ fragte Tom aͤngſtlich. „Tom, moͤchteſt Du nicht gern Deine Freiheit haben?“ „Ich werde ſie erhalten, Miſſis, wenn es Gott gefällt;“ ſagte Tom. „Ja, aber Du kannſt ſie dieſe Nacht erhalten,“fügte Caſſy mit plötzlich auflodernder Energie hinzu.„Komm mit!“ Tom zauderte. „Komm,“ flüſterte ſie, ihre ſchwarzen Augen auf ihn heftend,„komm mit! — er liegt in tiefem Schlafz ich habe genug in ſeinen Branntwein gethan, da⸗ 288 mit er ſo bald nicht erwacht. Ich wollte, ich hätte mehr gehabt, ich würde Dich dann nicht gebraucht haben. Aber komm, die Hinterthür iſt offen— dort liegt eine Art— ich habe ſie ſelbſt hingelegt— die Thür ſeines Zimmers iſt nicht verſchloſſen; ich werde Dir den Weg zeigen. Ich würde es ſelbſt gethan haben, wenn nicht mein Arm ſo kraftlos wäre.“ „Nicht um tauſend Welten!“ entgegnete Tom feſt, indem er ſtehen blieb und ſie zurückhielt. „Aber denke an alle dieſe armen Geſchopfe,“ ſagte Caſſy,„wir könnten ſie Alle in Freiheit ſetzen und irgend wohin in die Sümpfe gehen, eine Inſel aufſuchen und unter uns leben. Ich habe gehört, daß dergleichen Dinge ge⸗ ſchehen ſind. Jede andere Lebensweiſe iſt beſſer als dieſe.“ „Nein!“ rief Tom nochmals;„nein, aus Böſem kommt niemals Gutes. Ich würde eher meine rechte Hand abhacken.“ „Dann werde ich es thun,“ ſagte Caſſy, indem ſie ſich umwendete. „O, Miſſis,“ rief Tom ihr den Weg vertretend;„um des lieben Heilands willen, der für Sie geſtorben iſt, verkaufen Sie Ihre koſtbare Seele nicht dem Teufel auf dieſe Weiſe! Es wird nichts als Böſes daraus entſtehen. Der Hert hat uns nicht zum Zorn berufen. Wir müſſen dulden und unſre Zeit erwarten.“ „Erwarten!“ rief Caſſy,„habe ich nicht gewartet?— gewartet bis mir der Kopf verwirrt und das Herz gebrochen iſt? Was hat er mich leiden laſſen? Was hat er Hunderte von armen Geſchöpfen leiden laſſen? Drückt es Dir nicht das Herz ab? Ich werde gerufen! ſie rufen mich! ſeine Zeit iſt gekommen und ich muß ſein Blut haben.“ „Nein, nein, nein!“ rief Tom und er hielt ihre kleinen Hände, die mit krampfhafter Heftigkeit geballt waren;—„nein, Sie arme, verlorene Serle das dürfen Sie nicht thun! Der theure, geſegnete Heiland hat nie anderes Blut vergoſſen als ſein eigenes, und das vergoß er für uns, als wir ſeine Feinde waren. Gott helfe uns ſeinen Schritten folgen und unſere Feinde lieben!“ „Lieben?“ ſagte Caſſy mit einem wilden Blicke—„wir ſollen unſere Feinde lieben? Das liegt nicht in Fleiſch und Blut.“ „Allerdings nicht, Miſſis, ſagte Tom aufblickend,„aber Er giebt es uns und das iſt der Sieg; wenn wir bei Allem, was uns geſchieht, lieben und beten können, ſo iſt der Kampf vorüber und der Sieg errungen. Ehre ſei Gott!“ Und der Neger blickte, während er dieſe Worte mit feuchten Augen und erſtickter Stimme ſprach, zum Himmel empor. Die tiefe Innigkeit und Milde ſeiner Stimme und ſeine Thränen fielen wie Thau auf den wilden verſtörten Geiſt der Armen; das Feuer ihrer Augen er⸗ loſch, ſie blickte zu Boden und Tom konnte fühlen, wie die Muskeln ihrer Hand ſchlaffer wurden, als ſie ſagte: „Habe ich Dir nicht geſagt, daß böſe Geiſter mich verfolgen? O, Vater Tom, ich kann nicht beten— ich wünſchte, ich könnte es! Ich habe es nie wie⸗ der gethan ſeit meine Kinder verkauft wurden! Was Du ſagſt, muß recht ſein, ich weiß, daß es das ſein muß, aber wenn ich zu beten verſuche, kann ich nur haſſen und fluchen. Ich vermag nicht zu beten!“ „Arme Seele,“ ſprach Tom mitleidig.„Der Satan will Sie verſuchen. Ich will zu Gott für Sie beten. O Miſſis Caſſy, wenden Sie Sich zu dem theuern Herrn Jeſus; er iſt gekommen, die Wunden zu verbinden und die Be⸗ trübten zu tröſten.“* Caſſy ſtand ſchweigend da, während große Thränen aus ihren niederge⸗ ſchlagenen Augen rannen. „Miſſis Caſſy,“ fuhr Tom zaudernd fort, nachdem er ſie einige Augenblick 289 ſchweigend betrachtet hatte,„wenn Sie nur von hier fortkommen könnten— wenn es möglich wäre, ſo würde ich Ihnen und Emmelinen rathen, es zu thun. Das heißt, wenn Sie ohne Blutſchuld gehen könnten— ſonſtnicht!“ „Würdeſt Du es mit uns verſuchen, Vater Tom?“ „Nein!“ antwortete Tom;„es hat eine Zeit gegeben, wo ich es gethan haben würde, aber der Herr hat mir eine Arbeit unter dieſen armen Seelen hier zugewieſen und ich werde bei ihnen ausharren und mein Kreuz mit ihnen bis an s Ende tragen. Bei Ihnen iſt es anders! für Sie iſt es ein Fallſtrick— es iſt mehr als Sie überwinden können und Sie würden am beſten thun, wenn Sie gingen, ſo bald Sie können.“ „Ich kenne keinen andern Weg als durch das Grab,“ ſagte Caſſy;„es giebt kein Thier, keinen Vogel, der nicht irgendwo ein Aſyl finden könnte; ſelbſt die Schlangen und Alligakoren haben ihre Plätze, wo ſie ſich niederlegen und ruhig ſind, aber für uns giebt es keine Stätte: ſelbſt in den ſchwarzen Sümpfen ſpüren uns die Hunde auf und finden uns. Alles iſt gegen uns! ſelbſt die Thiere neh⸗ men gegen uns Partei; wohin ſollen wir gehen?“ Tom ſtand ſchweigend da, und endlich ſagte er: „Er, der David aus der Löwengrube gerettet— der die Männer im feurigen Ofen erlöſ't— er, der über das Meer gegangen iſt und dem Winde Stille ge⸗ boten hat, er lebt noch und ich glaube, daß er Sie erlöſen kann. Verſuchen Sie es und ich werde von ganzen Kräften für Sie beten.“ Welches ſeltſame Geſetz des Geiſtes iſt es, das eine lange überſehene und als nutzloſen Stein in den Staub getretene Idee plötzlich gleich einem entdeckten Diamant in einem neuen Lichte blitzen läßt? Caſſy hatte oft Stunden lang über alle möglichen Fluchtpläne nachgeſonnen und ſie alle als hoffnungslos und unausführbar verworfen; aber in dieſem Augenblicke blitztein ihrem Geiſt ein ſo einfacher und ſo leicht ausführbarer Plan auf, daß er augenblickliche Hoffnung erregte. „Vater Tom, ich werde es verſuchen,“ ſagte ſie plötzlich. „Amen!“ verſetzte Tom,„der Herr ſei mit Ihnen.“ 38. Die Kriegsliſs. Der Dachboden des Hauſes, welches Legree bewohnte, war, wie die meiſten andern Dachböden, ein großer, öder, ſtaubiger mit Spinnegeweben behangener und mit altem Gerumpel angefüllter Raum. Die wohlhabende Familie, der das Haus in den Tagen ſeines Glanzes gehört, hatte eine große Quantität prächtiger Möbeln vom Auslande kommen laſſen, und einige davvn mitgenom⸗ men, während andere einſam und verlaſſen in moderigen, unbewohnten Zim⸗ mern ſtehen geblieben oder in dieſem Raume aufbewahrt worden waren. Einige große Packkiſten, in denen dieſe Möbel angekommen waren, ſtanden an den Wänden des Bodens. Er hatte ein kleines Fenſter, das durch ſeine trüben be⸗ ſtaubten Scheiben ein ſpärliches Licht auf die großen hochlehnigen Stühle und ſtaubigen Tiſche, die einſt beſſere Tage geſehen hatten, warfen. Der Raum ſah im Ganzen unheimlich und geſpenſtiſch aus und überdies fehlte es nicht an Legenden unter den abergläubiſchen Niggern, die ſeine Schrek⸗ ken vergrößerten. Vor einigen Jahren war eine Negerin, welche ſich Legrees Ungnade zugezogen hatte, dort mehrere Wochen lang eingeſperrt geweſen. Wir wollen nicht beſchreiben, was dort vorging, die Neger pflegten es ſich geheimniß⸗ voll zuzuflüſtern; aber es war bekannt, daß eines Tags der Leichnam des un⸗ Onkel Tom's Hütte. 19 290 glücklichen Geſchöpfes von dort herabgelaſſen und begraben wurde, und von da an hieß es, daß Flüche und Verwünſchungen und der Schall von heftigen Schlägen mit dem Jammer und Stöhnen der Verzweiflung vermiſcht, ſich oft auf jenem alten Boden vernehmen ließe. Als Legree einmal zufällig etwas Derar⸗ tiges hörte, gerieth er in die heftigſte Wuth und ſchwur, daß der Nächſte, welcher Geſchichten über jenen Dachboden erzählte, die Gelegenheit erhalten ſolle, kennen zu lernen, was ſich dort befinde, indem er ihn eine Woche lang dort anketten werde. Dieſer Wink genügte, um das Gerede zu unterdrücken, wiewohl es natür⸗ lich den Glauben an die Geſchichte nicht im Mindeſten beeinträchtigte. Allmälig vermieden alle Bewohner des Hauſes die zum Dachboden führende Treppe und ſelbſt den mit ihr in Verbindung ſtehenden Gang— Alle fürchteten, davon zu ſprechen und die Sage gerieth mit der Zeit in Vergeſſenheit. Es war plößzlich Caſſy eingefallen, Legrees Aberglauben zum Zweck ihrer Befreiang und der ihrer Leidensgefährtin zu benutzen. Das Schlafzimmer Caſſy's lag gerade unter dem Boden. Eines Tages ließ ſie ohne Legree zu befragen, plötzlich mit bedeutender Auffälligkeit alle Mö⸗ beln und ſonſtigen Einrichtungen des Zimmers nach einem andern in ziemlicher Entfernung liegenden bringen. Die untere Dienerſchaft, welche herbeigerufen worden war, um dieſen Umzug zu bewerkſtelligen lief mit eifriger Geſchäftigkeit hin und her, als Legree von einem Ritte zurückkehrte. „Hollah, Caſſy,“ rief Legree;„was iſt wieder im Winde!“ „Nichts! ich habe nur ein anderes Zimmer haben wollen,“ antwortete Caſſy mürriſch. „Und darf ich fragen wozu?“ fragte Legree. „Es beliebt mir ſo,“ erwiderte Caſſy. „Warum, zum Teufel?“ „Ich möchte dann und wann einmal ein wenig ſchlafen.“ „Schlafen?— Was hindert Dich am Schlafen?“ „Ich glaube, daß ich es ſagen könnte, wenn Du es hören willſt,“ ſagte Caſſy trocken. „Heraus damit, Dirne!“ rief Legree. „O, es iſt nichts, es wird Dich wahrſcheinlich nicht berühren. Es iſt weiter nichts als Stöhnen nnd Winſeln und ein Geräuſch, als ob Leute mit einander rängen, und ſich auf dem Boden der Dachkammer umherwälzten, und das dauert die halbe Nacht von Zwölf bis zum Morgen.“ „Leute oben in der Dachſtube?“ ſagte Legree erſchrocken, aber mit einem Ferzwungenen Lächeln.„Wer ſind ſie, Caſſy?“ Caſſy erhob ihre ſtechenden ſchwarzen Augen und blickte mit einem Ausdruck, von dem Legree das Mark in den Gebeinen erſtarrte, zu ihm auf, indem ſie ſagte: „Ja, Simon, wer ſind ſie?— es wäre mir lieb, wenn Du mir das ſagteſt. Du weißt es wahrſcheinlich nicht.“ Legree ſtieß einen Fluch aus und ſchlug mit ſeiner Reitpeitſche nach ihr, aber ſie ſprang zur Seite und entfernte ſich, und als ſie unter der Thür war, blickte ſie zurück und ſagte: „Wenn Du in dem Zimmer ſchlafen willſt, ſo wirſt Du Alles erfahren, vielleicht wäre es am beſten, wenn Du es verſuchteſt.“ Darauf ſchlug ſie die Thür zu und verſchloß ſie augenblicklich. Legree fluchte und ſchimpſte und drohte die Thür einzuſchlagen, beſann ſich aber dem Anſchein nach eines Beſſern und ging ängſtlich in das Wohnzimmer. Caſſy bemerkte, daß ihr Pfeil getroffen hatte und von dieſer Stunde an hörte ſie 291 nicht auf, mit der ausgeſuchteſten Geſchicklichkeit die Kette von Einwirkungen, welche ſie begonnen hatte, weiter zu ſchmieden. In ein Aſtloch der Dachſtube hatte ſie den Hals einer alten Flaſche ſo geſteckt, daß bei dem geringſten Windhauche die kläglichſten Jammertöne erzeugt wurden, die ſich bei einem heſtigeren Winde zu einem wahren Kreiſchen verſtärkten, das leichtgläubigen und abergläubiſchen Ohren wie das des Entſetzens und der Ver⸗ zweiflung klingen konnte. Die Dienerſchaft hörte von Zeit zu Zeit dieſe Töne und ſie riefen die Er⸗ innerung an die alte Geſpenſtergeſchichte wieder hervor. Das Haus ſchien von einem abermaligen Schrecken erfüllt zu ſein und wenn auch Niemand wagte, Legree etwas davon zu ſagen, ſo fühlte er ſich doch davon umgeben wie von einer Atmoſphäre. Es giebt keinen abergläubiſcheren Menſchen als einen Gottloſen. Der Chriſt wird von dem Glauben an einen weiſen, Alles lenkenden Vater beruhigt, deſſen Gegenwart den unbekannten leeren Raum mit Licht und Ordnung erfüllt, aber für den Mann, der Gott verleugnet, iſt das Geiſterland wirklich ein Land der Finſterniß und der Todesſchatten, ohne alle Ordnung, worin das Licht der Finſterniß gleicht. Leben und Tod ſind für ihn mit Geſpenſtern und mit unbe⸗ ſtimmten, aber entſetzlichen Koboldgeſtalten angefüllt. In Legree war durch ſeinen Verkehr mit Tom das ſchlummernde moraliſche Element geweckt worden— aber nur, um den entſchloſſenſten Widerſtand von Seiten der Macht des Böſen zu finden; deſſenungeachtet wurde aber durch jedes Wort, jedes Gebet, jede Hymne ein Beben und eine Bewegung der finſtern innern Welt erregt, die abergläubiſche Furcht hervorrief. Der Einfluß, welchen Caſſy auf ihn ausübte, war von ſeltſamer und eigen⸗ thümlicher Art. Er war ihr Eigenthümer, ihr Tyrann und Quälgeiſt. Sie war, wie er wußte, ganz und ohne Möglichkeit der Hilfe oder Unterſtützung in ſeinen Händen, und doch zeigte es ſich auch hier, daß der roheſte Mann nicht beſtändig unter einem ſtarken weiblichen Einfluß leben kann, ohne bedeutend davon beherrſcht zu werden. Als er ſie kaufte, war ſie, wie ſie Tom erzählt hatte, ein feingebildetes Weſen und er hatte ſie zu jener Zeit unbedenklich mit ſeiner Brutalität niedergetreten, als aber die Zeit und erniedrigende Einflüſſe und Verzweiflung das weibliche Gefühl in ihr erſtickten und das Feuer heſtiger Lei⸗ denſchaften weckten, war ſie gewiſſermaßen ſeine Gebieterin geworden, und er war abwechſelnd ihr Tyrann und ihr Sklave. Dieſer Einfluß war noch entſchiedener und veinlicher geworden, ſeit ein theilweiſer Wahnſinn allen ihren Worten und Bewegungen eine unheimlche Färbung ertheilt hatten. Einige Abende darauf ſaß Legree in dem Wohnzimmer vor einem flackernden Holzfeuer, welches das Zimmer ſchwach erleuchtete. Es war eine jener ſtürmi⸗ ſchen Nächte, welche ganze Regimenter von unbeſchreiblichen Tönen und Klängen in alten Häuſern wecken. Die Fenſter klavverten, die Läden knarrten in ihren Angeln, der Wind heulte im Schornſtein und trieb von Zeit zu Zeit Rauch und Aſche in das Zimmer, als ob ihnen eine Legion von Geiſtern nachkomme. Legree hatte Rechnungen geſchrieben und Zeitungen geleſen, wärend Caſſy in einer Ecke ſaß und ſtumm in's Feuer blickte. Legree warf ſeine Zeitung weg, und als er ein altes Buch auf dem Tiſche liegen ſah, worin, wie er bemerkt hatte, Caſſy den rößten Theil des Abends geleſen hatte, nahm er es und begann es durchzublättern. s war eine jener Sammlungen von Geſchichten blutiger Mordthaten, Ge⸗ ſpenſterſagen und übernatürlicher Erſcheinungen, welche mit ihren groben Illu⸗ ſionen auf Denienigen, der ſie zu leſen anfängt, einen feſſelnden Zauber ausüben. 19* „Dummes geug! Unſfinn!“ ſagte Legree, las aber ein Blatt nach dem andern und immer weiter bis er endlich das Buch mit einem Fluche hinwarf. „Glaubſt Du an Geſpenſter, Caſſy?“ ſagte er, indem er die Feuerzange und das Feuer anſchürte.„Ich hätte gedacht, daß Du mehr Verſtand be⸗ d e 3⁴ ſi„Gleichviel was ich glaube!“ erwiderte Caſſy mürriſch. „Auf dem Meere haben mir die Matroſen auch mit ihren Geſchichten Angſt machen wollen,“ fuhr Legree fort;„es iſt ihnen aber nie gelungen. Ich bin für ſolchen Unſinn zu zähe, das ſage ich Dir.“ Caſſy blickte ihn aus ihrem dunklen Winkel mit glühenden Augen an. Das ſeltſame Feuer derſelben machte auf Legree ſtets einen unheimlichen Eindruck. „Der Lärm war nichts als die Ratten und der Wind,“ fuhr Legree fort; „die Ratten machen einen verteufelten Lärm; ich habe ſie zuweilen unten im Schiffsraume gehört, und der Wind— Du lieber Gott mit dem Winde kann man Alles anfangen.“ Caſſy wußte, daß Legree unter dem Einfluſſe ihres Blickes bange wurde, und ſie antwortete daher nicht, ſondern heftete ihre Augen mit dem unverän⸗ derten geiſterhaften Ausdrucke auf ihn. „Sprich, Weib! Denkſt Du nicht auch ſo?“ „Können Ratten die Treppe auf und nieder gehen und durch den Saal ſchreiten und Thüren öffnen, wenn man ſie verſchloſſen und den Stuhl davor hat?“ fragte Caſſy;—„können ſie an's Bett kommen und ihre Hände v ausſtrecken?“ Caſſy hielt während dieſer Worte ihre blitzenden Augen auf Legree geheftet und er ſtarrte ſie an, als ob ihn der Alp drücke, bis er, als ſie zuletzt ihre eiſig kalten Hände auf die ſeinen legte, mit einem Fluche aufſprang. „Weib, was meinſt Du damit? das hat Niemand gethan?“ „O nein— gewiß nicht— habe ich geſagt, daß es Jemand gethan habe?“ fragte Caſſy mit einem Lächeln voll kalten Hohnes. „Aber— haſt— Du— eswirklich geſehen? Nun, Caſſy, was iſt es, rede!“ „Du kannſt ſelbſt dort ſchlafen, wenn Du es wiſſen willſt,“ ſagte Caſſy. „Iſt es aus der Dachkammer gekommen 2“ „Es— was?“ fragte, Caſſy. „Nun das, wovon Du erzähltſt.“ „Ich habe Dir von nichts erzählt,“ verſetzte Caſſy verſtockt. Legree ging aufgeregt im Zimmer auf und ab. „Ich muß das unterſuchen. Ich werde noch heute Abend nachſehen und meine Piſtolen mitnehmen.“ „Thue es,“ ſagte Caſſy;„ſchlafe in dem Zimmer, es ſoll mich freuen. Feure Deine Piſtolen ab— thue es.“ Legree ſtampfte mit den Füßen und fluchte heftig. „Fluche nicht! man weiß nicht, wer Dich vielleicht hort. Horch!— was war das?“ „Was?“ fragte Legree zuſammenſchreckend. Eine alte Schwarzwälder Uhr in der Ecke des Zimmers begann langſam die zwölfte Stunde zu ſchlagen. Legree bewegte ſich eine Zeitlang nicht und ſprach kein Wort; eine unb⸗ ſtimmte Angſt hatte ſich ſeiner bemächtigt, während Caſſy ihn mit einem ſpöt⸗ tiſchen durchbohrenden Blicke anſah und die Schläge zählte. „Zwölf Uhr; nun jetzt wollen wir ſehen“ ſagte ſie, indem ſie ſich um⸗ wendete, die in den Gang führende Thür öffnete und dort ſtehen blieb wie um zu lauſchen. „Horch, was iſt das?“ fragte ſie, die Hand erhebend. „Es iſt nur der Wind,“ ſagte Legree;„hörſt Du nicht, wie verwünſcht er eult?“ „Simon, komm her,“ flüſterte Caſſy, und ſie ergriff ſeine Hand und führte ihn an den Fuß der Treppe.„Weißt Du, was das iſt?— horch!“ Ein wilder Schrei ertönte von oben herab— er kam aus dem Dachzimmer. Legree's Knie ſchlotterten, ſein Geſicht wurde kreideweiß. „Willſt Du Deine Piſtolen nehmen?“ fragte Caſſy mit einem ſpöttiſchen Ausdrucke, welcher Legree's Blut zum Erſtarren brachte.„Es iſt Zeit, daß die Sache unterſucht wird, es wäre mir lieb, wenn Du jetzt hinauf gingeſt— ſie haben wiederangefangen!“ „Ich will nicht gehen,“ ſagte Legree mit einem Fluche. „Warum nicht? es giebt ja keine Geſpenſter. Komm!“— Und Caſſy flog die Wendeltreppe lachend undſich nach ihm umblickend hinauf. „Komm mit!“ „Ich glaube wirklich, daß Du der Teufel biſt,“ ſagte Legree;„komm zurück, Hexe, komm zurück, Caſſy— Du ſollſt nicht gehen.“ Caſſy aber lachte wild und eilte weiter hinauf. Er hörte, wie ſie die zum Dachzimmer führende Thür öffnete. Ein heftiger Windſtoß fegte herab, löſchte das Licht aus, welches er in der Hand hielt, und mit ihm kam das furchtbare ge⸗ ſpenſtiſche Kreiſchen. Es war ihm als ob ihm Jemand in's Ohr ſchrie. Legree floh entſetzt in das Zimmer, wohin Caſſy ihm nach einigen Augen⸗ blicken folgte. Sie war bleich, aber ruhig und kalt wie ein rächender Geiſt, undidas frühere unheimliche Feuer blitzte immer noch in ihren Augen. „Du wirſt hoffentlich jetzt zufrieden ſein,“ ſagte ſie.. „Hol Dich der Teufel, Caſſy!“ rief Legree. 8 „Weshalb?“ verſetzte Caſſy;„ich bin hinaufgegangen und habe die Thür geſchloſſen. Was meinſt Du, Simon?— was iſt's mit der Dachkammer?“ „Das geht Dich nichts an,“erwiderte der Mann. „O, wirklich nicht? Nun,“jſagte Caſſy,„jedenfalls bin ich froh, daß ich nicht darunter ſchlafe.“ Caſſy, die an jenem Abende das Stärkerwerden des Windes erwartet hatte, war ſchon früher hinaufgegangen, um das Fenſter der Dachſtube zu öffnen. Natürlich war, ſobald die Thür aufgeriſſen wurde, der Wind herabgebrauſt und hatte das Licht ausgelöſcht. Dies mag als eine Probe des Spieles dienen, welches Caſſy mit Legree trieb, bis er lieber ſeinen Kopf in den Rachen eines Löwen geſteckt, als dieſen Boden beſucht haben würde. Mittlerweile häufte Caſſy des Nachts, wenn alle Andern ſchliefen, langſam und vorſichtig dort einen Vorrath von Lebensmitteln auf, welcher für einige Zeit hinlänglich war; dann ſchaffte ſie den größten Theil ihrer und Emmelinen's Garderobe Stück für Stück hinauf. Sobald Alles in Ordnung war, erwartete ſie nur eine paſſende Gelegenheit, um ihre Pläne zur Ausführung zu bringen. Durch Schmeichelworte und die Benutzung einiger ſeltenen Anfälle von Gutherzigkeit hatte Caſſy Legree dazu vermocht, ſie mit nach der benachbarten Stadt, die am Red⸗River lag, zu nehmen. Sie merkte ſich mit ihrem außer⸗ ordentlich ſcharfen Gedächtniß jede Wendung des Weges und berechnete im Stillen die Zeit, welche ein Fußgänger zum Durchmeſſen deſſelbem brauchen würde. 294 Jetzt war Alles zur Ausführung reif und unſere Leſer werden vielleicht gern einen Blick hinter die Couliſſen werfen, um Zeugen von dem letzten Streiche Caſſy's zu ſein. Der Tag neigte ſich zu Ende. Legree war abweſend und auf ein benach⸗ bartes Gut geritten. Schon ſeit mehreren Tagen war Caſſy ungewöhnlich nach⸗ giebig und gnädig geweſen, und ſie hatte dem Anſcheine nach mit Legree im beſten Vernehmen geſtanden. Gegenwärtig können wir ſie und Emmelinen im Zimmer der Letzteren mit dem Zuſammenknüpfen zweier kleiner Bündel be⸗ ſchäftigt ſehen. „So, dieſe werden groß genug ſein,“ ſagte Caſſy,„nun ſetze Deinen Hut auf und laß uns aufbrechen. Es iſt die rechte Zeit.“ „Man kann uns aber noch ſehen!“ „Das ſoll man auch,“ erwiderte Caſſy kaltblütig.„Weißt Du nicht, daß ſie jedenfalls Jagd auf uns machen werden? Die Sache muß auf folgende Art geſchehen. Wir werden uns durch dieſe Hinterthür hinausſchleichen und am Quartier vorüberlaufen. Sambo und Quimbo werden uns gewiß ſehen; ſie werden uns verfolgen, und wir laufen in den Sumpf. Sie können uns dann nicht weiter folgen. Ehe ſie hier herauf gegangen ſind und Lärm gemacht, die Hunde herausgelaſſen haben u. ſ. w., und während ſie noch umhereilen und über ihre eigenen Beine fallen, wie ſie es ſtets thun, werden wir Beide nach dem Sumpfe hinter dem Hauſe gelangen und darin fortwaden, bis wir der Hinter⸗ thür gegenüber ankommen. Das wird die Hunde irre machen, denn im Waſſer können ſie eine Spur nicht verfolgen. Die ſämmtlichen Vewohner des Hauſes werden herabkommen, um uns zu ſuchen, und dann ſpringen wir zur Hinter⸗ thür herein und in die Dachſtube hinauf, wo ich in einer von den großen Kiſten ein Bett zurecht gemacht habe. Wir müſſen eine ziemliche Zeit dort bleiben, den ich ſage Dir, daß er Himmel und Erde in Bewegung ſetzen wird, um uns zu fangen. Er wird einige von den alten Aufſehern der übrigen Pflanzungen zu⸗ ſammenbringen und eine große Jagd veranſtalten, und ſie werden jeden Zoll breit Land im Sumpſe durchſuchen. Er prahlt damit, daß ihm nie Jemand entwiſcht ſei. Er mag alſo nach Belieben jagen.“ „Caſſy, Dein Plan iſt ſehr gut ausgedacht,“ ſagte Emmeline;„wer außer Dir wäre auf ſo etwas gekommen?“ In Caſſy's Augen lag weder Freude noch Triumph— nichts als verzwei⸗ felte Feſtigkeit. „Komm,“ ſagte ſie, indem ſie Emmelinen bei der Hand nahm. Die beiden Flüchtlinge glitten geräuſchlos aus dem Hauſe und unter dem Schutze der einbrechenden Dunkelheit nach den Quartieren hinab. Der Mond, der wie eine ſilberne Sichel am weſtlichen Himmel ſtand, ver⸗ zögerte den Eintritt der Nacht noch ein wenig. Wie Caſſy erwartet hatte, hör⸗ ten ſie, als ſie ziemlich an den Rand der Sümpfe, welche die Pflanzung umga⸗ ben, gekommen waren, eine Stimme, die ihnen ſtehen zu bleiben befahl. Es war i nicht Sambo, ſondern Legree, der ſie mit den heftigſten Verwünſchungen verfolgte. Als Emmeline dieſe Stimme vernahm, verließ ſie ihr ſchwacher Muth; ſie erfaßte Caſſy's Arm und ſagte: „O, Caſſy, ich werde ohnmächtig!“ „Wenn Du das thuſt, ſo bringe ich Dich um,“ erwiderte Caſſy, indem ſie ein kleines Stilet hervorzog und vor den Augen des Mädchens blitzen ließ. Dieſes Mittel that ſeine Wirkung; Emmeline wurde nicht vhnmächtig, und es gelang ihr, mit Caſſy einen ſo tiefen und finſtern Theil des Sumpflabyrinthes 295 zu eicn daß es Legree unmöglich wurde, ihnen ohne Unterſtützung weiter zu folgen. „Nun,“ rief er mit einem rohen Gelächter—„jedenfalls iſt die Bagage jetzt ſelbſt in die Falle gerannt. Sie können mir nicht entgehen, und ſie ſollen dafür ſchwitzen! Holla! Sambo! Quimbo!“ ſchrie Legree als er zu den Quar⸗ tieren kam, wohin die Sklaven eben von der Arbeit zurückkehrten.„Im Sumpfe ſind zwei Ausreißer! Ich werde demjenigen Neger, der ſie fängt, fünf Dollars geben. Laßt die Hunde los— bringt Tiger und Fury und die übrigen!“ Dieſe Neuigkeit erregte augenblicklich die größte Senſation. Viele von den WMännern ſprangen dienſteifrig herbei, ſei es in der Hoffnung auf den Lohn oder in Folge der kriechenden Liebedienerei, welche eine von den ſchmachvollſten Wir⸗ kungen der Sklaverei iſt. Die Einen liefen hierhin, Andere dorthin, Einige holten Kienfackeln, Andere banden die Hunde los, deren dumpfes, wüthendes Gebell zur Belebung des Schauſpiels nicht wenig beitrug. „Maſter, ſollen wir ſie niederſchießen, wenn wir ſie nicht fangen können?““ fragte Sambo, dem ſein Herr eine Büchſe gebracht hatte. „Du kannſt auf Caſſy feuern, wenn Du willſt. Es iſt Zeit, daß ſie zum Teufel geht, wohin ſie gehört. Aber auf das Mädchen nicht,“ ſetzte Legree hinzu; „und nun, Burſchen, ſeid munter und rührt Euch. Fünf Dollars dem, der ſie fängt und ein Glas Branntwein Jedem von Euch!“ Die ganze Bande begab ſich beim Scheine der Fackeln, unter Jauchzen und Schreien und wüthendem Gebrüll nach dem Sumpf hinab und die Dienerſchaft des Hauſes folgte ihr in einiger Entfernung. Das Haus war völlig verlaſſen, als Caſſy und Emmeline zur Hinterthür herein ſchlüpften. Das Geſchrei und Jauchzen ihrer Verfolger erfüllte noch immer die Luft, und die beiden Frauen konnten von den Fenſtern des Wohnzimmers aus die Truppe mit ihren Fackeln ſich am Rande des Sumpfes zerſtreuen ſehen. „Sieh dort,“ ſagte Emmeline, indem ſie mit dem Finger hinaus deutete; „die Jagd hat begonnen; ſieh wie die Lichterumhertanzen! Hörſt Du die Hunde? — vernimmſt Du ſie nicht? Wenn wir dort wären, ſo würde unſere Ausſicht auf Flucht keine Picayunewerth ſein. O um Gotteswillen, wirwollen uns raſch verbergen!“ „Es hat keine Eile,“ erwiderte Caſſy kaltblütig;„ſie ſind Alle auf der Jagd— das iſt die Unterhaltung des Abends. Wir werden ſchon noch hinauf⸗ Unterdeſſen,“ ſagte ſie bedächtig einen Schlüſſel aus der Taſche eines ockes nehmend, den Legree in der Eile ausgezogen hatte, unterdeſſen werde ich etwas nehmen, damit wir die Koſten unſerer Flucht beſtreiten können.“ Sie ſchloß das Pult auf, nahm ein Packet Banknoten heraus und zählte ſie ſchnell durch. „O, wir wollen das nicht thun!“ ſagte Emmeline. „Warum nicht?“ fragte Caſſy;„was iſt Dir lieber— in den Sümpfen zu verhungern oder die Mittel zu haben, um nach den freien Staaten zu gelangen? Mit Geld läßt ſich Alles anfangen, Mädchen!“ So ſprechend, verbarg ſie das Geld in ihrem Buſen.. „Das hieße ſtehlen!“ flüſterte Emmeline unruhig. „Stehlen?“ verſetzte Caſſy mit ſpöttiſchem Lachen.„Diejenigen, welche Leib und Seele ſtehlen, ſollen uns deshalb keinen Vorwurf machen. Jede von dieſen Banknoten iſt geſtohlen— von armen, hungernden Geſchöpfen geſtohlen, die endlich zu ſeinem Nutzen zum Teufel gehen müſſen. Er ſoll mir vom Stehlen reden! Aber komm— es wird wohl am beſten ſein, wenn wir auf den Boden hinaufgehen. Ich habe dort einen Vorrath von Kerzen und einige Bücher, um 296 uns die Zeit zu vertreiben. Du kannſt ziemlich ſicher ſein, daß ſie nicht dort hinauf kommen, um ſich nach uns zu erfundigen. Und ſollten ſie es thun, dann werde ich zu ihrem Nutzen und Vergnühen das Geſpenſt ſpielen.“ Als Emmeline die Dachkammer erreichte, fand ſie eine ungeheure Kiſte, in der einſt ſchwere Möbelſtücken hergebracht worden waren, auf der Seite liegen, ſo daß die Oeffnung der Wand oder vielmehr dem Dache zugekehrt war. Caſſy zündete eine kleine Lampe an, ſchlüpfte in die Kiſte und machte es ſich darin bequem. Sie enthielt ein paar kleine Matratzen und einige Kiſſen. Ein anderer Ka⸗ ſten war reichlich mit Kerzen, Mundvorräthen und allen für ihre Reiſe nöthigen Kleidungsſtücken, welche Caſſy in Bündel von erſtaunlich geringem Umfange zuſammen gebracht hatte, angefüllt. N„Da, ſagte Caſſy, indem ſie die Lampe an den kleinen Haken hing, den ſie zu dieſem Zwecke in die Seite des Kaſtens eingeſchlagen hatte, befeſtigte;„das muß für jetzt unſere Wohnung ſein. Wie gefällt ſie Dir?“ „Biſt Du ſicher, daß ſie nicht kommen und die Dachkammer vurchſuchen werden?“ „Dazu hat Simon Legree gewiß nicht den Muth,“ ſagte Caſſy.„Er wird froh ſein, wenn er fortbleiben kann. Was die Dienerſchaft betrifft, ſo würden ſie Alle lieber mit der Büchſe auf ſich ſchießen laſſen, als hier ihr Geſicht zu zeigen.“ Emmeline machte es ſich, hierdurch einigermaßen beruhigt, auf ihren Kiſ⸗ ſen bequem. „Was haſt Du damit gemeint, Caſſy, daß Du ſagteſt, Du wollteſt mich um⸗ bringen?“ fragte ſie dann. „Ich wollte Dich verhindern, ohnmächtig zu werden,“ antwortete Caſſy, „und es iſt mir gelungen. Auch ſo lange wir hier ſind, darfſt Du um des Him⸗ mels willen nicht ohnmächtig werden, es mag kommen was da will. Wenn ich es nicht verhindert hätte, würde der Böſewicht Dich jetzt in ſeinen Händen haben.“ Emmeline ſchauderte. Die Beiden ſchwiegen jetzt eine Zeitlang. Caſſy beſchäftigte ſich mit einem franzöſiſchen Buche, während Emmeline von der Erſchöpfung überwältigt, in einen Schlummer fiel und eine Zeitlang ſchlief. Sie wurde durch lautes Rufen und Geſchrei und Pferdegetrappel und Hundegebell geweckt. Mit einem ſchwachen Schrei fuhr ſie empor. „Es iſt weiter nichts als daß die Jägerzurückkehren,“ ſagte Caſſy kaltblütig. „Fürchte nichts. Blicke durch dieſes Aſtloch. Siehſt Du ſie dort unten nicht Alle? Simon muß ſich für dieſe Nacht zur Ruhe begeben. Sieh, wie kothig ſein Pferd von dem Umherwaden im Sumpfe iſt. Auch die Hunde ſehen ziem⸗ lich niedergeſchlagen aus. O mein guter Mann, Du wirſt die Hetze anderwärts verſuchen müſſen,— das Wild iſt nicht dort.“ „Ach, ſprich kein Wort!“ bat Emmeline;„wenn Dich Jemand horte!“ „Wenn man etwas hört, ſo wird man darin nur einen Grund mehr finden, um von uns fern zu bleiben,“ ſagte Caſſy.„Es hat keine Gefahr, wir können ſo viel Lärm machen als wir wollen, der Effekt wird dadurch nurverſtärkt werden.“ Endlich ließ ſich die Stille der Mitternacht auf dem Hauſe nieder, Legree begab ſich unter Verwünſchungen ſeines ſchlechten Erfolges und unter Schwüren der furchtbarſten Rache für morgen zu Bett. 39. Der Märtyrer. Der längſte Weg muß ein Ende haben— die finſterſte Nacht wird nicht S ohne einen Morgen bleiben. Ein ewiges, unerbittliches Verſtreichen von Augen⸗ 297 blicken treibt beſtändig den Tag des Böſen zu einer ewigen Nacht, und die Nacht des Gerechten zu einem ewigen Tage weiter. Wir haben unſern beſcheidenen Freund bis hierher durch das Thal der Sklaverei begleitet, zuerſt durch blumige Auen der Behaglichkeit und des Wohllebens, dann durch herzbrechende Tren⸗ nungen von Allem, was ihm theuer iſt. Ferner haben wir mit ihm auf einer ſonnigen Inſel verweilt, wo großmüthige Hände ſeine Ketten mit Blumen um⸗ wanden, und endlich ſind wir ihm gefolgt, als der letzte Strahl irdiſcher Hoff⸗ nung in Nacht unterging und haben geſeben, wie in der Schwärze irdiſcher Finſterniß am Firmament des Himmels Sterne von neuem bedeutungsvollen Glanze aufgingen. Jetzt ſteht der Morgenſtern über den Bergen und nicht der Erde angehörige Lüfte zeigen, daß ſich die Pforten des Tages öffnen. Das Entrinnen Caſſy's und Emmelinen's erbitterte den vorher ſchon mür⸗ riſchen Charakter Legrec's auf's äußerſte und ſein Grimm fiel, wie ſich erwarten ließ, auf das ſchutzloſe Haupt Tom's. Als er in haſtigen Worten ſeinen Leuten die Nachricht verkündete, blitzte in Tom's Augen ein plötzliches Licht auf, wel⸗ ches ihm nicht entging. Er ſah, daß er ſich den Verfolgern nicht anſchloß, er dachte daran, ihn dazu zu zwingen; da er aber von früher her ſeine Unbeugſam⸗ keit, wenn es galt ſich an irgend einer unmenſchlichen That zu betheiligen, kannte, ſo wollte er ſich in ſeiner Eile nicht mit ihm aufhalten. Tom blieb daher mit Einigen, welche von ihm beten gelernt hatten, zurück und betete für das Entkommen der Flüchtlinge. Als Legree in ſeinen Erwartungen getäuſcht zurückkehrte, begann der ganze, ſchon längſt kochende Haß ſeiner Seele gegen ſeinen Sklaven eine tödtliche, ver⸗ ſet⸗ Geſtalt anzunehmen. Hatte nicht dieſer Mann ihm ſeit der Zeit, wo er hu gekauft, beſtändig und unwiderſtehlich Trotz geboten? war er nicht von einem Geiſte beſeelt, welcher trotz ſeiner Stummheit in Legree's Seele wie Feuer der Verdammniß brannte? „Ich haſſe ihn,“ ſagte Legree jenen Abend, als er ſich zu Bett begab;„ich haſſe ihn! Und iſt er nicht mein? Kann ich nicht mit ihm thun, was ich will? Ich möchte wiſſen, wer mich daran hindern könnte!“ Und Legree ballte die Fäuſte und ſchüttelte ſie, als ob er etwas in ſeinen Händen habe, was er in Stücke zerreißen könne.. Tom war aber ein treuer, werthvoller Diener und obgleich ihn Legree des⸗ halb nur um ſo ſtärker haßte, ſo hielt ihn dieſe Rückſicht doch immer noch eini⸗ germaßen zurück. Am folgenden Morgen beſchloß er noch nichts zu ſagen, ſondern eine An⸗ zahl Leute aus benachbarten Pflanzungen mit Hunden und Gewehren zu ver⸗ ſammeln, den Sumpf zu umſtellen und die Jagd ſyſtematiſch zu beginnen. Ge⸗ lang ſie, ſo war es gut, gelang ſie aber nicht, ſo wollte er Tom vor ſich fordern und— ſeine Zähne knirſchten und ſein Blut kochte— dann wollte er den Muth des Vurſchen brechen oder— er vernahm ein grimmiges, inneres Flüſtern, wel⸗ chem ſeine Seele beiſtimmte. i Ihr ſagt, daß der Eigennutz des Herrn eine hinlängliche Schutzwehr für den Sklaven ſei. In der Wuth ſeines wahnſinnigen Willens iſt aber der Menſch im Stande, ſelbſtbewußt und mit offenen Augen ſeine eigne Seele dem Teufel zu verkaufen, um ſeinen Zweck zu erreichen, und glaubt Ihr, daß er mit dem Leibe ſeines Nächſten vorſichtiger umgehen wird? „Nun,“ ſagte Caſſy am folgenden Tage, als ſie von der Dachſtube aus durch das Aſtloch hinabſpähte,„die Jagd wird heute wieder beginnen.“ * 298 Drei bis vier Berittene courbetirten auf dem Raume vor dem Hauſe um⸗ her und ein paar Koppeln fremder Hunde zerrten gegen einander bellend an den Riemen, womit ſie die Neger hielten. Zwei von den Männern waren Aufſeher von Pflanzungen in der Nachbar⸗ ſchaft und die übrigen beſtanden aus Legree's Zechgenoſſen in der Schenke einer benachbarten Stadt, die des Vergnügens der Jagd wegen herüber gekommen waren. Man konnte ſich kaum eine häßlichere Bande vorſtellen. Legree ſpendete ihnen reichliche Quantitäten von Branntwein, und das gleiche Verfahren fand gegen die Neger ſtatt, welche zu dieſem Dienſte von den verſchiedenen Pflanzun⸗ gen in der Nähe geholt worden waren, denn man ſah darauf, jeden derartigen Dienſt für die Neger ſo viel als möglich zu einem Feſttage zu machen. Caſſy legte ihr Ohr an das Aſtloch, und da der Morgenwind gerade auf das Haus zu wehte, konnte ſie einen großen Theil der Geſpräche verſtehen. Ein ernſtes Spottlächeln zog über ihr düſteres Geſicht, als ſie die Worte der Unten⸗ befindlichen vernahm und hörte wie man die Poſten vertheilte, die verſchiedenen Vorzüge der Hunde beſprach und Befehle in Bezug auf das Feuern und die Be⸗ handlung der Flüchtlinge gab, für den Fall, daß ſie gefangen werden ſollten. Caſſy zog ſich zurück, faltete die Hände, blickte zum Himmel auf und ſagte: „O, großer, allmächtiger Gott! wir ſind Alle Sünder, aber was haben wir mehr als die übrigen Menſchen gethan, um eine ſolche Behandlung zu verdienen?“ In ihrem Geſicht und in ihrer Stimme lag bei dieſen Worten ein entſetz⸗ licher Ernſt. „Wenn es nicht um Deinetwillen wäre, Kind,“ ſagte ſie mit einem Blicke auf Emmelinen,„ſo würde ich zu ihnen hinausgehen und Demjenigen, der mich niederſchöſſe, danken, denn was wird mir die Freiheit helfen? Kann ſie mir meine Kinder zurückgeben oder mich wieder zu dem machen, was ich einſt war?“ 6 Emmeline fürchtete ſich in ihrer kindlichen Einfalt faſt vor den düſteren Launen Caſſy's; ſie machte ein verlegenes Geſicht, gab aber keine Antwort, ſon⸗ dern erfaßte nur ihre Hand mit einer ſanften, liebkoſenden Bewegung. „Thue das nicht,“ ſagte Caſſy mit einem Verſuche ihre Hand hinwegzu⸗ ziehen,„Du würdeſt mich nur dazu bringen, Dich zu lieben, und ich will nie wieder ein menſchliches Weſen lieb haben!“ „Arme Caſſy!“ erwiderte Emmeline,„ſprich nicht ſo! Wenn der Herr uns die Freiheit giebt, ſo wird er Dir vielleicht auch Deine Tochter wiederſchenken. Jedenfalls will ich Tochterſtelle bei Dir vertreten. Ich weiß, daß ich meine arme alte Mutter nie wieder ſehen werde; ich will Dich lieben, Du magſt mich nun wieder lieben oder nicht.“ Der milde kindliche Geiſt ſiegte. Caſſy ſetzte ſich zu ihr nieder, ſchlang ihren Arm um Emmelinen's Nacken, ſtreichelte ihr reiches, braunes Haar, und Emme⸗ line wunderte ſich jetzt über die Schonheit ihrer herrlichen von Thränen gemil⸗ derten Augen. „O, Emmeline,“ ſagte Caſſy,„ich habe nach meinen Kindern gehungert und gedürſtet und meine Augen ſind von der Sehnſucht nach ihnen trübe ge⸗ worden! Hier! hier!“ fügte ſie an ihre Bruſt ſchlagend hinzu,„hier iſt Alles öde und leer. Wenn Gott mir meine Kinder wieder gäbe, dann könnte ich beten.“ „Du mußt ihm vertrauen,“ verſetzte Emmeline,„er iſt unſer Vater.“ „Sein Zorn laſtet auf uns!“ antwortete Caſſy,„er hat ſein Antlitz von uns abgewendet.“ 299 „Nein, Caſſy, er wird gütig gegen uns ſein, laß uns auf ihn hoffen; ich habe ſlets Hoffnung gehabt.“ Die Jagd war lang, lebhaft und völlig erfolglos, und Caſſy blickte mit ironiſchem Triumph auf Legree herab, als dieſer müde und erſchöpft vom Pferde ſtieg. „Nun, Quimbo,“ ſagte Legree, als er ſich im Wohnzimmer auf ein Sopha warf,„jetzt geh zu Tom und bringe ihn direkt hierher. Der alte Hund weiß um die ganze Sache und ich werde es aus ſeiner alten ſchwarzen Haut bringen, oder er ſoll erfahren, was es heißt, mir zu trotzen.“ Sambo und Quimbo vereinigten ſich trotz ihres Haſſes gegen einander boch zu einem noch tieferen gegen Tom. Legree hatte ihnen, als er Tom auf das Gut brachte, geſagt, daß er ihn zum allgemeinen Aufſeher für den Fall ſeiner Abweſenheit beſtimme, und hierdurch eine Abneigung bei ihnen erregt, welche ſich in ihren entarteten Knechtsnaturen verſtärkte, als ſie ſahen, wie er ſich das Mißfallen ihres Herrn zuzog. Quimbo entſernte ſich daher mit dem beſten Willen, dem ihm ertheilten Befehle nachzufommen. Tom hörte die Botſchaft mit ahnendem Herzen, denn er kannte den ganzen Fluchtplan der Entronnenen und den Ort ihres gegenwärtigen Verſtecks. Er war mit dem dämoniſchen Charakter des Mannes, mit welchem er es zu thun hatte und ſeiner deſpotiſchen Macht nicht unbekannt; aber er fühlte ſich ſtark, eher dem Tode entgegen zu treten, als an den Hilfloſen zum Verräther zu werden. Er ſetzte ſeinen Korb nieder, blickte nach oben und ſagte: „In Deine Hände befehle ich meinen Geiſt! Du haſt mich erlöſ't, o Gott der Wahrheit!“ Darauf ließ er ſich von Quimbo, der ihn mit roher Gewalt erfaßt hatte, willig fortführen. „Ja, ja,“ ſagte der Rieſe, als er ihn mit ſich fortſchleppte,„jetzt wirſt Du es kriegen. Der Maſter iſt borſtig geworden. Jetzt wirſt Du nicht mehr ſo durch⸗ kommen! Ich ſage Dir, Du wirſt es kriegen, darauf kannſt Du Dich verlaſſen. Du wirſt Dich wundern, wie es Dir dafür ergehen wird, daß Du den Niggern des Maſters zum Entlaufen behilflich biſt.“ Von dieſen Worten drang kein einziges zu ſeinem Ohre— eine höhere Stimme ſprach zu ihm:„Fürchte die nicht, die den Leib tödten, es giebt danach nichts mehr, was ſie thun können.“ Der Körper des armen Mannes erbebte, als ob er von dem Finger Gottes berührt worden ſei und er fühlte die Kraft von tauſend ſtarken Seelen in der ſeinigen. Während er dahin ging, ſchienen die Bäume und Büſche, die Hütten ſeiner Knechtſchaft und ſeiner ganzen Erniedri⸗ gungszeit an ihm vorüberzuwirbeln wie die Landſchaft an dem dahinbrauſenden Eiſenbahnzuge. Seine Scele war in Ertaſe— er erblickte ſeine ewige Heimath— und die Stunde der Erlöſung ſchien ihm nahe zu ſein. „Nun, Tom,“ ſagte Legree, indem er zu ihm herantrat und ihn grimmig am Rockkragen erfaßte, in einem wahren Parorismus von Wuth,„weißt Du, daß ich mich entſchloſſen habe, Dich todtzuſchlagen?“ „Das iſt leicht möglich, Maſter,“ ſagte Tom ruhig. „Ich— ich— werde— es thun,“ fuhr Legree mit entſetzlicher Ruhe fort, „wenn Du mir nicht ſagſt, was Du von den Dirnen weißt, Tom.“ Tom ſchwieg. „Hörſt Du's?“ rief Legree aufſtampfend mit dem Brüllen eines gereizten Löwen.„Sprich!“ 5 habe nichts zu ſagen, Maſter,“ antwortete Tom langſam und feſt. „Wagſt Du mir zu ſagen, daß Du nichts von ihnen wüßteſt, Du alter ſchwarzer Chriſtenhund?“ Tom ſchwieg. „Sprich!“ donnerte Legree, indem er ihn wüthend ſchlug.„Weißt Du etwas?“ „In, Maſter; aber ich kann nichts ſagen— ich kannſterben.“ Legree athmete tief auf, ergriff mit unterdrücktem Grimme Tom's Armz brachte ein Geſicht faſt dicht an das des Negers und ſagte mit furchtbarer Stimmet „Höre, Tom, Du denkſt, daß ich nicht im Ernſte ſpreche, weil ich Dich ſchon einmal durchgelaſſen habe; diesmal aber habe ich michentſchloſſen, und die Koſien berechnet. Du haſt mir bisher ſtets getrotzt— jetzt werde ich Dich bändigen oder Dich umbringen; das Eine oder das Andere. Ich werde jeden Blutstropfen zählen, der in Dir iſt, und Dir einen nach dem andern ab⸗ zapfen bis Du nachgiebſt.“ Tom blickte zu ſeinem Herrn auf und antwortete: „Maſter, wenn Sie krank oder in Noth wären, oder im Sterben lägen und ich Sie retten könnte, ſo würde ich Ihnen mein Herzblut geben, und wenn Ihre unſchätzbare Seele dadurch errettet würde, daß Sie jeden Blutstropfen aus dieſem armen alten Körper nähmen, ſo würde ich ſie alle eben ſo gern wie der Herr ſein Blut für mich dahin gegeben hat, vergießen. O, Maſter, laden Sie dieſe große Sünde nicht auf Ihre Seele! Es wird Ihnen mehr ſchaden als mir. Thun Sie das Schlimmſte, was Sie können, meine Noth wird bald vorüber ſein, wenn Sie aber nicht bereuen, ſo wird die Ihrige nie enden.“ Gleich einem in der momentanen Pauſe eines Sturmes vernommenen Himmelsklange brachte dieſer Ausbruch des Gefühls eine kurze Stille hervor. Legree blickte Tom wie verſteinert an und es herrſchte eine ſo tiefe Stille, daß man den Pendelſchlag der alten Wanduhr vernehmen konnte, welcher die letzten Augen⸗ blicke der Gnade und Prüfung für jenes verhärtete Herz abmaß. Es dauerte nur einen Moment; eine kleine Pauſe des Zauderns und der Unſchlüſſigkeit— dann kam der Geiſt des Böſen mit ſiebenfacher Heftigkeit zu⸗ rück und Legree ſchlug wuthſchäumend ſein Schlachtopfer zu Boden. Scenen des Bluts und der Grauſamkeit ſind unſerm Ohr und Herzen ein Abſcheu. Was der Menſch zu thun den Muth hat, beſitzt der Menſch zu hören nicht Feſtigkeit genug; was der Nebenmenſch und chriſtliche Bruder dulden muß, peinigt die Seele ſo ſehr, daß es uns ſelbſt in unſerm geheimen Kämmerlein nicht geſagt werden darf, und doch, o mein Vaterland, werden dieſe Dinge unter dem Schatten Deiner Geſetze verübt! O Chriſtus! Deine Kirche ſieht ſie beinahe ſtillſchweigend mit an! Aber vor alter Zeit gab es Einen, deſſen Leiden ein Werkzeug der Qual, Entwürdigung und Schande in ein Symbol der Herrlichkeit, Ehre und des un⸗ ſterblichen Lebens verwandelte, und wo ſein Geiſt waltet, vermögen weder Striemen noch Blut noch Schmähungen den letzten Kampf des Chriſten weniger herrlich zu machen. War er allein in jener langen Nacht? war es nur ſein muthiger, liebevoller Geiſt, der ihn in jener Marterkammer gegen rohe Streiche aufrecht erhielt? Nein, bei ihm ſtand Einer, den nur Er erblickte— Einer in ſeiner Herrlichkeit wie der Sohn Gottes.— 301 Auch der Verſucher ſtand bei ihm und trieb ihn vom blinden despotiſchen Willen unterſtützt an, durch den Verrath der Unſchuldigen die Schmerzen von ſich abzuwälzen. Aber das wackere treue Herz ruhte feſt auf dem ewigen Felſen. Gleich ſeinem Heiland wußte er, daß er ſich nicht retten könne, wenn er Anbere retten wolle und die äußerſte Qual vermochte ihm nichts Andres auszupreſſen als Worte des Gebetes und des frommen Vertrauens. „Es iſt bald aus mit ihm, Maſter,“ ſagte Sambo, der von der Geduld ſeines Opfers unwillkürlich gerührt wurde. „Schlag zu bis er nachgiebt. Gieb es ihm! gieb es ihm!“ ſchrie Legree; „ich will ihm den letzten Blutstropfen entreißen, wenn er nicht bekennt!“ Tom öffnete die Augen und blickte auf ſeinen Herrn. „Du armes, elendes Geſchöpf,“ ſagte er,„Du kannſt nicht mehr thun! ich vergebe Dir von ganzem Herzen!“ und er wurde völlig ohnmächtig. „Ich glaube meiner Seel, daß es mit ihm aus iſt,“ ſagte Legree, indem er hinzu trat, um ihn zu betrachten.„Ja, es iſt ſo! Nun, endlich iſt ihm doch das Maul geſtopft— das iſt wenigſtens ein Troſt.“ Ja, Legree, aber wer wird die Stimme in Deiner Seele zum Schweigen bringen? in der Seele, die ohne Reue, ohne Gebet und ohne Hoffnung ſchon von dem Feuer ergriffen iſt, welches nie verlöſchen wird? Und doch war Tom noch nicht ganz todt; ſeine Worte und frommen Ge⸗ bete hatten ſelbſt die Herzen der verthierten Neger, welche ſich zu Werkzeugen der Grauſamkeit an ihm hergaben, gerührt, und ſobald ſich Legree entfernt hatte, banden ſie ihn vom Marterpfahle los und ſuchten ihn in ihrer Unwiſſenheit in's Leben zurückzurufen, als ob das für ihn eine Wohlthat geweſen wäre. „Wir haben wahrhaftig etwas Schändliches gethan,“ ſagte Sambo,„ich hoſfe, daß der Maſter ſich dafür zu verantworten haben wird und nicht wir.“ Sie wuſchen ſeine Wunden— ſie bereiteten ihm ein rohes Lager von Baumwollenabfall und Einer von ihnen eilte nach dem Hauſe und bettelte von Legree unter dem Vorwande, daß er müde ſei und es für ſich ſelbſt brauche, ein Glas Branntwein. Er kam damit zurück und ſchüttete es Tom in den Mund. „O, Tom,“ ſagte Quimbo,„wir ſind gegen Dich entſetzlich ſchlecht ge⸗ weſen.“ „Ich vergebe Euch von ganzem Herzen,“ ſagte Tom ſchwach. „O, Tom, ſage uns, wer der Jeſus iſt,“ fragte Sambo,„der Jeſus, der die ganze Nacht ſo bei Dir geſtanden hat!— Wer iſt er?“ Das Wort rief den entfliehenden Geiſt wieder zurück, er ſprach einige energiſche Worte über jenes wunderbare Weſen— ſein Leben, ſeinen Tod, ſeine ewige Gegenwart und ſeine rettende Kraft. Die beiden entarteten Menſchen weinten. „Warum habe ich nicht eher davon gehört!“ ſagte Sambo,„aber ich glaube daran— ich kann mir nicht helfen! Herr Jeſus ſei uns gnädig.“ „Ihr armen Geſchöpfe!“ erwiderte Tom,„ich will gern alle meine Leiden ertragen, wenn ſie Euch nur zu Chriſtus bringen. O, Herr, ich bitte Dich, gieb mir dieſe beiden Seelen!“ Sein Gebet wurde erhört. 40. Der junge Herr. Zwei Tage darauf fuhr ein junger Mann mit einem leichten Wagen durch die Allee von Chinabäumen, warf den Pferden haſtig die Zügel auf den Hals, ſprang heraus und fragte nach dem Beſitzer des Hauſes. Es war George Shelby, und um zu zeigen, wie er dorthin kam, müſſen wir in unſerer Geſchichte zurückgehen. Das Schreiben Miß Opheliu's an Mrs. Shelby war durch irgend emen unglücklichen Zufall in einem abgelegenen Poſtbureau einige Monate liegen ge⸗ blieben, ehe es ſeinen Beſtimmungsort erreichte, und bevor es eintraf, war Tom natürlich ſchon hinter den fernen Sümvfen am Red⸗River verſchwunden. Mrs Shelby las die Nachricht mit der tiefſten Bekümmerniß, aber es war unmöglich unmittelbar darauf etwas zu thun. Sie mußte die Pflege am Kran⸗ kenlager ihres Gatten, welcher in heftigem Fieber lag, beſorgen. Mr. George Shelby, der ſich unterdeſſen aus einem Knaben in einen hochgewachſenen jungen Mann verwandelt hatte, war ihr ſteter treuer Gehilfe und ihre einzige Zuflucht für die Beaufſichtigung der Angelegenheiten ſeines Vaters. Miß Ophelia hatte die Vorſichtsmaßregel ergriffen, den Namen des Advokaten, welcher die Rechts⸗ geſchäfte der St. Clare's beſorgte, einzuſenden und das Aeußerſte, was ſich unter den obwaltenden Umſtänden thun ließ, war, einen Erkundigungsbrief an ihn zu ſchreiben. Der wenige Tage darauf eingetretene plötzliche Tod Mr. Shel⸗ by's zog natürlicher Weiſe auf einige Zeit eine Menge anderer dringender Ge⸗ ſchäft nach ſich. Mr. Shelby bewies ſein Vertrauen zu den Fähigkeiten ſeiner Gattin da⸗ durch, daß er ſie zur einzigen Verwalterin ſeiner Güter und Vormünderin ſeines Sohnes einſetzte, und ſo lag ihr eine große und complicirte Geſchäftsmaſſe auf den Schultern. Mrs. Shelby ging mit charakteriſtiſcher Energie an's Werk, um das ver⸗ worrene Gewebe ihrer Angelegenheiten zu ordnen, und ſie und George waren eine Zeitlang mit dem Einfordern und Unterſuchen von Rechnungen, dem Ver⸗ kaufen von Eigenthum und Bezahlen von Schulden beſchäftigt, denn Mrs. Shelbywar entſchloſſen, Alles in leicht erkennbare Formen zu bringen, gleichviel, welche Folgen für ſie daraus entſpringen mochten. Unterdeſſen erhielten ſie ein Schreiben von dem Advokaten, an den Miß Ophelia ſie verwieſen hatte, worin er ſagte, daß er nichts von der Sache wiſſe, daß der Mann öffentlich verſteigert worden ſei und daß er außer der Empfangnahme des Geldes mit der Sache nichts zu thun gehabt habe. Weder George noch Mrs. Shelby konnke ſich bei dieſem Reſultate be⸗ ruhigen, und etwa ſechs Monate darauf beſchloß daher der Erſtere, weicher für ſeine Mutter Geſchäfte zu beſorgen hatte, New⸗Orleans verſönlich zu beſuchen und in der Hoffnung Tom's Aufenthalt zu entdecken und ihn wieder an ſich zu kaufen, eifrige Nachforſchungen anzuſtellen. Rachdem George einige Monate lang erfolglos geſucht hatte, ſtieß er zu⸗ fällig in New⸗Orleans auf einen Mann, welcher ihm die gewünſchte Auskunſt geben konnte, und der junge Mann beſtieg mit dem nöthigen Gelde in der Taſche ein nach dem Red⸗River abgehendes Dampfboot, um ſeinen alten Freund wie⸗ der aufzuſuchen und zurückzukaufen. Gr wurde bald in das Haus geführt, wo er Legree im Wohnzimmer fand. Legree empfing den Fremden mit einer gewiſſen mürriſchen Gaſtlichkeit. „Wie ich höre,“ ſagte der junge Mann,„haben Sie in New⸗Orleans einen Neger Namens Tom gekauft. Er war früher auf dem Gute meines Vaters und ich komme um zu ſehen, ob ich ihn nicht zurückkaufen kann.“ Legrec's Stirn runzelte ſich und er rief leidenſchaftlich: „Ja, ich habe einen ſolchen Burſchen gekauft es war ein Höllengeſchäft. Er war der widerſpenſtigſte, vorlauteſte, unverſchämteſte Hund von der Welt. Er hat meine Nigger zum Entlaufen aufgeſtachelt, und zwei Dirnen, von denen 303 jede achthundert bis tauſend Dollars werth war, zur Flucht verholfen. Er ge⸗ ſtand es ein, und als ich ihm befahl, mir zu ſagen, wo ſie wären, ſagte er, daß er es wiſſe, ſie aber nicht verrathen wolle, und dabei blieb er, obgleich ich ihm die mächtigſte Tracht Schläge gab, welche je ein Nigger von mir erhalten hat. Ich glaube, daß er zu ſterben verſucht, weiß aber nicht, ob er es zu wege bringen wird.“ „Wo iſt er?“ fragte George heftig.„Laſſen Sie mich ihn ſehen.“ Die Wangen des jungen Mannes waren purpurroth und ſeine Augen ſprühten, aber er ſagte wohlweislich vor der Hand noch nichts. „Er iſt dort in dem Schuppen,“ ſagte ein kleiner Burſche, welcher herbei⸗ gekommen war, um George's Pferd zu halten. Legree gab dem Knaben fluchend einen Fußtritt, aber George wendete it ohne weiter ein Wort zu ſprechen, ab und ſchritt nach der angedeuteten telle. Tom hatte ſeit jener Schreckensnacht zwei Tage lang dagelegen— nicht leidend, denn jeder leidensfähige Nerv war abgeſtumpft oder zerſtört. Er la meiſtens in einer ſtillen Betäubung da, denn ſein kräftiger Körper ließ den Geiß nicht ſo ſchnell entfliehen. Im Dunkel der Nacht waren verſtohlen einige von den armen, bedrückten Geſchöpfen zu ihm gekommen und hatten ſich einen Theil ihrer ſpärlichen Ruheſtunden abgedarbt, um ihm die Liebesdienſte mit denen er ſtets ſo freigebig geweſen war, einigermaßen zu vergelten. Allerdings hatten die Armen nur wenig zu geben, nur einen Becher kalten Waſſers; dieſer aber wurde mit aufrichtigem Herzen dargebracht. Auf das redliche bewußtloſe Geſicht waren Thränen herabgeſtrömt, Thrä⸗ nen ſpäter Reue von Seiten der armen unwiſſenden Heiden, welche ſeine Liebe und Geduld im Todeskampfe zur Buße erweckt hatte, und innige Gebete waren an ſeiner Seite einem ſpätgefundenen Heiland dargebracht worden, von dem ſie kaum mehr als den Namen kannten, den aber das ſehnende unwiſſende Men⸗ ſchenherz niemals vergeblich anruft. Caſſy, die aus ihrem Verſteck geſchlüpft war und durch Lauſchen das für ſie und Emmelinen gebrachte Opfer erfahren, hatte ſich in der vorigen Nacht, der Gefahr der Entdeckung trotzend, zu ihm begeben und die wenigen letzten Worte, welche die liebevolle Seele noch auszuhauchen vermochte, hatten den lan⸗ gen Winter der Verzweiflung, das Eis von Jahren hinweggethaut, und das düſtere, verzweifelnde Weib hatte geweint und gebetet. Als George in den Schuppen trat, ſchwindelte ihn und ſein Herz erbebte. „Iſt es möglich!— iſt es möglich?“ rief er neben ihm niederknieend. „Onkel Tom! mein armer, armer, alter Freund!“ Die Stimme drang bis an das Ohr des Sterbenden. Er bewegte leiſe den Kopf, lächelte und ſprach: „Jeſus kann ein Sterbebett Weich wie Flaumenkiſſen nichen.“ Thränen, die ſein Mannesherz ehrten, entſtrömten den Augen des jungen Mannes, als er ſich über ſeinen unglücklichen Freund beugte. „O, lieber Onkel Tom, bitte, wach auf! bitte, ſprich noch einmal! Blicke auf! hier iſt Mr. George, Dein kleiner Mr. George. Kennſt Du mich nicht?“ „Mr. George!“ ſagte Tom die Augen aufſchlagend, mit ſchwacher Stimme „Mr. George?“ Er blickte verwirrt um ſich. Allmälig ſchien die Idee ſeine Seele zu erfüllen und das trübe Auge klärte ſich, das ganze Geſicht heiterte ſich auf, die harten Hände wurden gefaltet und über ſeine Wangen rollten Thränen herab 304 „Geſegnet ſei der Herr— mehr— mehr— habe ich nicht gewollt! Sie haben mich nicht vergeſſen. Es erwärmt meine Seele— es thut meinem alten Herzen wohl— jetzt will ich gern ſterben.— Segne den Herrn, o meine Seele!“ „Du ſollſt nicht ſterben! Du darfſt nicht ſterben! Du darfſt nicht daran denken. Ich bin gekommen, um Dich zu kaufen und heim zu bringen,“ ſagte George mit ungeſtümer Haſt. „O, Mr. George, Sie kommen zu ſpät; der Herr hat mich gekauft und wird mich heimführen, und ich ſehne mich nach ihm. Im Himmel iſt es beſſer als in Kentuck.“ „O, ſtirb nicht! es wird mich umbringen— das Herz bricht mir, wenn ich denke, was Du gelitten haſt— und hier in dieſem alten Schuppen liegen zu müſſen!— Armer, armer Burſche!“ „Nennen Sie mich nicht einen armen Burſchen,“ ſagte Tom feierlich;„ich bin ein armer Burſche geweſen, aber das iſt jetzt Alles vorüber. Ich ſtehe an der Thür, um zur Herrlichkeit einzugehen. O, Mr. George der Himmel iſt ge⸗ kommen, ich habe den Sieg errungen, der Herr hat ihn mir gegeben. Geſeghet ſei ſein Name!“ George wurde von der Kraft, der Heftigkeit, der Gewalt, womit er jene abgebrochenen Sätze ausſtieß, erſchüttert. Er blickte ihn ſchweigend an. Tom erfaßte ſeine Hand und fuhr fort: „Sie dürfen Chloe, der armen Seele, nicht ſagen, wie Sie mich gefunden haben, es würde für ſie zu entſetzlich ſein. Sagen Sie ihr nur, daß Sie mich gefunden haben, als ich eben zur Herrlichkeit einging, daß ich nicht länger habe bleiben können, daß der Herr mir überall und ſtets beigeſtanden und mir Alles leicht gemacht hat. O, die armen Kinder— und das Jüngſte! mein altes Her iſt um ihretwillen beinahe gebrochen. Sagen Sie ihnen Allen, daß ſie mir nachfolgen ſollen!— Vringen Sie dem Maſter und der lieben guten Miſſis und Allen auf dem Gute meine Grüße, Sie wiſſen nicht, wie lieb ich ſie Alle habe— ich liebe jedes Geſchöpf auf Erden!— es iſt nichts als Liebe! v, Mr. George, wie ſchön iſt es, ein Chriſt zu ſein.“ In dieſem Augenblicke trat Legree an die Thür des Schuppens, blickte mit der Miene affektirter Gleichgültigkeit herein und wendete ſich wie⸗ der ab. „Der alte Satan!“ rief George in ſeiner Entrüſtung;„es iſt ein Troſt, daß der Teufel ihn wohl noch einmal bezahlen wird.“ „O, ſprechen Sie nicht ſo. O, Sie müſſen nicht ſo reden!“ ſagte Ton, indem er ſeine Hand erfaßte;„er iſt ein armes, elendes Geſchöpf; es iſt ent⸗ ſetzlich, wenn man daran denkt. O, wenn er nur bereuen könnte! Der Hert würde ihm noch jetzt verzeihen, aber ich fürchte, daß er nie Reue fühlen wird.“ „Das hoffe ich,“ ſagte George,„ich möchte ihn nie im Himmel ſehen.“ „O, ſein Sie ſtill, Mr. George, es thut mir weh! er hatmir eigentlich nichts it zugefügt— er hat mir nur die Pforten des Paradieſes geöſſnet— das es.“ In dieſem Augenblicke verſchwand die momentane durch die Freude erzeugte Kraft, welche die Ankunſt ſeines jungen Herrn erregt hatte. Er ſchloß die Augen und über ſeine Züge ging die geheimnißvolle, erhabene Veränderung, welche das Nahen anderer Welten verkündet. Er begann in langen tiefen Zügen zu athmen, und ſeine breite Bruſt hob und ſenkte ſich mühſam. Der Ausdruck ſeines Geſichts war der eines Siegers. „Wer— wer— wer kann uns von der Liebe Chriſti trennen?“ ſagte et Aiiue 2 — Dnkel Tom's Hütte. 305 mit einer Stimme, welche mit der irdiſchen Schwäche kämpfte, und er ſchlum⸗ merte lächelnd ein. George ſaß in feierlicher Ehrfurcht neben ihm. Es war ihm, als ob der Ort geheiligt ſei, und als er die lebloſen Augen ſchloß und von dem Todten auf⸗ ſtand, war er nur von einem einzigen Gedanken erfüllt, den, welchen ſein ein⸗ facher alter Freund ausgeſprochen hatte: Wie ſchön iſt es ein Chriſt zu ſein! Er wendete ſich ab. Legree ſtand mürriſch hinter ihm. Ein gewiſſes Etwas in jener Sterbeſcene hatte die natürliche Heftigkeit des jugendlichen Zornes gezügelt. Der Anblick des Mannes war George nur wider⸗ lch und er fühlte nichts weiter als den Wunſch, mit ſo wenigen Worten als möglich von ihm hinweg zu kommen. Er heftete ſeine dunkeln leuchtenden Augen auf Legree und ſagte, indem er einfach auf den Todten deutete: „Sie haben Alles von ihm erlangt, was Sie konnten. Was ſoll ich Ihnen für den Körper bezahlen? Ichwill ihn mit fortnehmen und anſtändig begraben.“ „Ich verkaufe keine todten Nigger,“ erwiderte Legree ſtörriſch.„Sie mögen ihn begraben, wann und wie Sie wollen.“ „Kommt her, Burſchen,“ ſagte George in gebieteriſchem Tone zu einigen Negern, welche daſtanden und den Körper anblickten;„helft mir ihn aufheben und nach meinem Wagen tragen, und bringt mir einen Spaten.“ Einer von ihnen lief nach einem Spaten, während die andern Beiden mit George den Leichnam nach dem Wagen trugen. George redete Legree weder an noch blickte er auf ihn, und dieſer wider⸗ ſprach ſeinen Befehlen nicht, ſondern ſtand pfeifend und mit der Miene er⸗ wungener Gleichgültigkeit dabei. Er folgte ihnen mürriſch bis zu dem vor der hür ſtehenden Wagen. George breitete ſeinen Mantel in dem Wagen aus und ließ die Leiche vor⸗ ſichtig darauf legen, indem er den Sitz ſo rückte, daß hinlänglich Platz für ſie wurde. Dann wendete er ſich um, heftete ſeine Augen auf Legree und ſprach mit erzwungener Ruhe: „Ich habe Ihnen noch nicht geſagt, was ich von dieſer abſcheulichen Ge⸗ ſchichte halte. Hier iſt dazu weder die Zeit noch der Ort, aber Sir, dem unſchul⸗ digen Blute ſoll Gerechtigkeit zu Theil werden. Ich werde dieſen Mord bekannt machen. Ich werde zu dem erſten Friedensrichter gehen und Sie anzeigen.“ „Thun Sie das,“ erwiderte Legree, indem er höhniſch mit den Fingern ſchnippte.„Es ſoll mir ſehr angenehin ſein. Woherwollen Sie Zeugen nehmen? Wie wollen Sie es beweiſen?— ſagen Sie mir das.“ George erkannte ſofort die Richtigkeit dieſer Bemerkung. Auf dem ganzen Gute befand ſich keine inzige weiße Perſon, und in allen ſüdlichen Gerichts⸗ höfen gilt das Zeugui farbigen Blutes nichts. Er hatte in dieſem Augen⸗ blicke das Gefühl, als ob er den Himmel mit ſeinem entrüſteten Herzſchrei nach Gerechtigkeit erſtürmen könne; aber vergebens. Welch ein Lärm um einen todten Nigger!“ ſagte Legree. Das Wert wirkte wie ein Funken auf ein Pulvermagazin. Die Vorſicht war nie eine Cardinaltugend des jungen Kentuckyers geweſen; George wendete ſich um und ſtreckte mit einem einzigen furchtbaren Schlage Legree zu Boden, und als er ſo von Zorn und Wuth ſchäumend vor ihm ſtand, würde er kein ſchlechtes Bild ſeines großen den Drachen beſiegenden Namensvetter abge⸗ geben haben. Manche Menſchen werden jedoch dadurch, daß man ſie zu Boden ſchlägt, um ein Bedeutendes gebeſſert; wenn Einer ſie vhne weiteres in den Staub ſchleu⸗ 20 306 dert, ſo ſcheinen ſie augenblicklich eine gewiſſe Achtung vor ihm zuerhalten, und Legree gehörte zu dieſer Art. Als er daher aufſtand und ſich den Staub von den Kleidern ſchüttelte, ſchaute er dem ſich langſam entfernenden Wagen mit unver⸗ kennbarem Reſpekt nach und öffnete den Mund nicht eher, als bis jener ver⸗ ſchwunden war. Fenſeits der Grenze der Pflanzung hatte George einen von einigen Bäu⸗ men beſchatteten, trocknen ſandigen Hügelbemerkt; hier wurde das Grab gemacht. „Sollen wir den Mantel abnehmen, Maſter?“ fragten die Neger, ſobald das Grab fertig war. „Nein, nein, begrabt ihn mit ihm. Es iſt Alles, was ich Dir noch geben kann, armer Tom. Du ſollſt ihn behalten.“ Sie legten ihn in das Grab und die Männer ſchaufelten es ſchweigendzu, worauf ſie den Hügel mit grünem Raſen bedeckten. „Jetzt könnt Ihr gehen, Burſchen,“ ſagte George, indem er Jeden von ihnen einen viertel Dollar in die Hand gleiten ließ. Sie zögerten jedoch. „Wenn der junge Maſter ſo gut ſein wollte, uns zukaufen!“ ſagte der Eine. „Wir würden ihm treu dienen,“ fügte der Andere hinzu. „Hier giebt es ſchlimmeZeit, Maſter,“ bemerkte der Erſtere;„bitte, kaufen Sie uns!“ „Ich kann nicht! ich kann nicht!“ ſagte George mit ſchwerem Herzen, in⸗ dem er ihnen hinwegwinkte,„es iſt unmöglich!“ Die armen Neger machten niedergeſchlagene Geſichter und entfernten ſich ſchweigend. „Sei mein Zeuge, ewiger Gott!“ rief George indem er auf dem Grabe ſeines alten Freundes niederkniete,„ſei mein Zeuge, daß ich von dieſer Stunde an thun will, was ein Mannvermag, um dieſen Fluch der Sklaverei von meinem Vaterlande zu wälzen!“ Die letzte Ruheſtätte des alten Tom wird durch kein Monument bezeichnet —eer bedarf eines ſolchen nicht; ſein Herr weiß, wo er liegt, und Er wird ihn zum unſterblichen Leben auferwecken, um mit ihm zu erſcheinen, wenn er in ſeine Herrlichkeit kominen wird. Beklagt ihn nicht! ein ſolches Leben und ein ſolcher Tod ſind nicht b⸗ klagenswerth. Nicht in den Reichthümern der Allmacht liegt der größte Gottes⸗ ruhm, ſondern in ſelbſtverleugnender, duldender Liebe. und geſegnet ſind die Menſchen, die er zu ſich beruft und die ihm mit Geduld ihr Kreuz nachtragen Von ſolchen ſteht geſchrieben:„Geſegnet ſind die Leidtragenden, denn ſie wer⸗ den Troſt finden.“ 41. Eine wirkliche Geſpenſtergeſchichte. Aus irgend einem auffallenden Grunde waren um dieſe Zeit unter der Die⸗ nerſchaft auf Legree's Gute die Geſpenſtergeſchichten ungemein häufig. Es wurde flüſternd behauptet, daß man in ſtiller Racht Schritte die Dach⸗ trepve herabkommen und im Hauſe umherpatrouilliren höre. Umſonſt wurdeh die Thüren des obern Eingangs verſchloſſen gehalten, das Geſpenſt hatte ent⸗ weder einen Nachſchlüſſel oder bediente ſich des uralten Vortechts der Geiſtet, durch das Schlüſſelloch zu ſchlüpfen, und ſpazierte wie früher mit einer beſorg nißerregenden Freiheit umher. Ueber die äußere Geſtalt des Geiſtes waren die Angaben verſchieden, was von einer unter den Negern und ſo viel wir wiſſen auch unter den Weißen hert⸗ 307 ſchenden Gewohnheit herrührte, bei dergleichen Anläſſen ſtets die Augen zu ſchließen und den Kopf in Bettdecken, Unterröcken oder was ſonſt gerade bei der Hand ſein mochte, zu verbergen. Natürlich ſind, wie Jedermann weiß, wenn die leiblichen Augen auf dieſe Weiſe kampfunfähig gemacht worden, die geiſtigen un⸗ gemein lebhaft und ſcharf, und daher gab es einen Ueberfluß von maleriſchen Portraits des Geiſtes, welche reichlich beſchworen und bezeugt wurden und wie bei Portraits oftmals der Fall iſt, in keiner andern Hinſicht mit einander über⸗ einſtimmten, als der allgemeinen Familieneigenthümlichkeit der Geſpenſter: ei⸗ nem Fiätn Tuche⸗ ie dem ſedoch auch ſein mochte, ſo haben wir doch unſere beſonderen Gründe, umzu wiſſen, daß eine lange Geſtalt in einem weißen Tuche zu den aner⸗ kannten Geſpenſterſtunden in dem Legree'ſchen Hauſe umging, aus den Thüren ſchritt, im Hauſe umherſchlüpfte, von Zeit zu Zeit verſchwand und wieder er⸗ ſchien, über die ſtille Treppe in jenes furchtbare Dachzimmer hinaufging und daß am Morgen die Zugangsthüren ſämmtlich eben ſo feſt wie ſonſt verriegelt und verſchloſſen gefunden wurden. Legree mußte nothwendiger Weiſe dieſes Flüſtern vernehmen, undes ängſtigte ihn um ſo mehr, je größere Mühe man ſich gab, um es vor ihm verborgen zu halten. Er trank mehr Branntwein als gewöhnlich, trug den Kopf höher und fluchte am Tage lauter als je; aber er hatte böſe Träume und die nächtlichen Vi⸗ ſionen ſeines Geiſtes waren keineswegs angenehm. Den Abend darauf, nachdem Tom's Leiche fortgebracht worden war, ritt er in die nächſte Stadt zu einem Zechgelage. Er kam ſpät und müde nach Hauſe, verſchloß ſeine Thür, zog den Schlüſſel ab und legte ſich nieder. Wie viel Mühe die Menſchen ſich auch geben mögen, um ſie zu betäuben, ſo iſt die menſchliche Seele für einen Schlechten doch ein furchtbares, geſpenſti⸗ ſches, unruhiges Beſitzthum. Wer kennt ihre Grenzen und ihr Maß? wer kennt alle ihre furchtbaren Wahrſcheinlichkeiten?— das Schaudern und Beben, wel⸗ ches ſie eben ſo wenig unterdrücken kann, wie ſie ihre eigne Ewigkeit zu über⸗ leben vermag? Welch ein Thor iſt derjenige, der ſeine Thuͤr verſchließt, um die Geiſter draußen zu erhalten, wenn er in ſeiner eignen Bruſt einen Geiſt hat, dem er nicht allein entgegenzutreten wagt— deſſen Stimme, mag man ſie un⸗ terdrücken und mit irdiſchen Gebirgen belaſten, dennoch der Poſaune des jüngſten Gerichts gleicht! Aber Legree verſchloß ſeine Thür und ſetzte einen Stuhl davor; er ſtellte eine Nachtlampe an das Kopfende ſeines Bettes und legte ſeine Piſtolen daneben. Er unterſuchte die Fenſterläden, ſchwor darauf,„daß er ſich nichts aus den Teu⸗ fel und ſeinen Geſellen mache“ und ging zu Bett. Nun, er ſchlief, denn er war müde— er ſchlief feſt; endlich aber trat in ſeinen Schlaf ein Schatten,— ein Schreckbild— eine Beſorgniß vor etwas Furchtbarem, das über ihm hing. Es kam ihm vor, als ob es das Leichentuch ſeiner Mutter wäre; aber Caſſy trug es und hielt es empor und zeigte es ihm. Er hörte einen verworrenen Lärm von kreiſchenden und ſtöhnenden Tönen und bei alledem wußte er, daß er ſchlief und bemühte ſich, zu erwachen. Er war halb wach, er war überzeugt, daß irgend Etwas in das Zimmer kam; er wußte, daß ſich die Thür öffnete, aber er konnte weder Hand noch Fuß rühren. Endlich wen⸗ dete er ſich entſetzt um— die Thür ſtand wirklich offen, und er ſah eine Hand das Licht verlöſchen. Es war eine bewölkte nebelige Mondnacht, und er ſah es— etwas Weißes kam hereingeglitten; er hörte das ſtille Raſcheln der geſpenſtiſchen Gewänder; es ſtand an ſeinem Bette ſtill; eine kalte Hand berührte die ſeine; eine Stimme rief dreimal mit einem leiſen, furchtbarem Flüſtern:„Komm! komm! komm!“ und während er in Angſtſchweiß gebadet dalag, war das Ding verſchwunden, ohne daß er bemerkt hätte, wie oder wann, Er ſprang aus dem Bett und zog an der Thür— ſie war feſt verſchloſſen, und Legree fiel ohnmächtig nieder. Von nun an wurde Legree ein ſtärkerer Trinker als je zuvor; er trank nicht mehr vorſichtig, ſondern in einem unklugen, rückſichtsloſen Grade. Bald darauf verbreitete ſich in der Gegend das Gerücht, daß er krank ſei und auf den Tod darniederliege. Die Unmäßigkeit hatte die furchtbare Krank⸗ heit herbeigeführt, welche die grellen Schatten einer herannahenden Vergel⸗ tung in das gegenwärtige Leben zurückzuwerfen ſcheint. Keiner von ſeinen Leu⸗ ten vermochte die Schrecken jenes Krankenzimmers zu ertragen, wenn er tobte und ſchrie und von Geſichten ſprach, daß Denjenigen, welche ihn hörten, das Blut in den Adern erſtarrte, und an ſeinem Sterbebette ſtand eine ſtrenge, weiße, unerbittliche Geſtalt, welche ſagte:„Komm! komm! komm!“ Durch ein ſonderbares Zuſammentreffen fand man am Morgen nach der Nacht, in welcher Legree dieſe Viſion erſchien, die Hausthür offen, und einige von den Negern hatten zwei weiße Geſtalten die nach der Landſtraße führende Allee hinab eilen ſehen. Es war gegen Sonnenaufgang, als Caſſy und Emmeline auf einen Augen⸗ blick unter einer kleinen Baumgruppe in der Nähe der Stadt anhielten. „ Caſſy war nach Art der ſpaniſchen Kreolinnen ganz in Schwarz gekleidet. Ein mit einem dichten geſtickten Schleier verſehener Hut verbarg ihr Geſicht. Die Beiden waren überein gekommen, daß Caſſy auf ihrer Flucht die Rolle einer Kreolin und Emmeline die ihrer Dienerin ſpielen ſollte. Von Jugend auf an den Umgang mit der vornehmſten Welt gewöhnt, ſtimmten die Sprache, das Benehmen und die Haltung Caſſy's völlig zu dieſer Angabe, und ſie hatte noch genug von einer einſt glänzenden Garderobe und von ihren Juwelen bei ſich, um ihren Charakter gut durchführen zu können. Sie hielt vor einem Hauſe der Vorſtadt an, wo ſie zum Verkauf ausgeſtellte Koffer bemerkt hatte, und kaufte einen ſolchen, worauf ſie den Verkäufer bat, ihr denſelben mitzuſenden. Sie trat demnach, von einem Burſchen, der ihren Koffer auf einem Schubkarren fuhr, und von Emmelinen, die ihre Reiſetaſche und ver⸗ ſchiedene Bündel trug, begleitet, in dem kleinen Gaſthauſe als eine vornehme Dame auf. 6 Die erſte Perſon, welche nach ihrer Ankunft ihren Blicken begegnete, war George Shelby, der das nächſte Dampfboot erwartend, hier verweilte. Caſſy hatte den jungen Mann von ihrem Spähloche im Dachzimmer aus bemerkt, ſie ſah, wie er die Leiche Tom's fortſchaffte, und beobachtete mit ge⸗ heimer Freude ſein Brnehmen gegen Legree. Später hatte ſie aus den Geſprächen, welche ſie unter den Negern belauſcht, wenn ſie des Nachts in ihrer geſpenſtiſchen Verkleidung umherwandelte, entnommen, wer er war und in welchem Verhält⸗ niſſe er zu Tom ſtand. Sie war daher hocherfreut, als ſie erfuhr, daß er gleich ihr das nächſte Boot erwartete. Caſſy's Benehmen und Haltung, ſowie das Geld, welches ſie zur Verfügung u haben ſchien, verhinderte in dem Hotel jedes Aufſteigen von Verdacht. Die tenſchen fragen nie zu argwöhniſch nach Leuten welche gut bezahlen— Caſſy hatte das ſehr wohl gewußt, als ſie ſich mit Geld verſah. Gegen Abend hörte man ein Boot ankommen. George Shelby führke Caſſy mit der jedem Kentuckner angebornen Artigkeit an Bord und bemühte ſich, ihr eine gute Kajüte zu verſchaffen. Caſſy hütete unter dem Vorwande von Krankheit während ihrer ganzen — 309 Fahrt auf dem Red⸗River das Zimmer und Bett und wurde von ihrer Beglei⸗ terin mit rienſtfertiger Ergebenheit gepflegt. Als ſie auf den Miſſiſippi kamen, ſchlug George, welcher erfabren hatte, daß die fremde Dame ebenfalls ſtromaufwärts reiſte, ihr vor auf dem nämlichen Boote mit ihm eine Kajüte zu nehmen, denm er fühlte Mitleid für ihre ſchwache Geſundheit und wünſchte Alles, was er konnte, zu thun, um ihr die Reiſe ange⸗ nehm zu machen. Wir ſehen alſo jetzt die ganze Geſellſchaft wohlbehalten auf den guten Dampfer„Miſſiſippi“ übergeſiedelt und unter einer gewaltigen Dampfwolke ₰ ſtromauſwärts fahren. Caſſy's Geſundheit hatte ſich bedeutend gebeſſert. Sie ſaß häuſig auf dem Verdeck, kain zur Tafel und wurde auf dem Bovte als eine Dame, die einſt ſehr 8 hübſch geweſen ſein müſſe, bemerkt. Von dem Augenblicke an, wo George ihr Geſicht zum erſten Male erblickte, verfolgte ihn eine der flüchtigen, unbeſtimmten Erinnerungen, welche faſt Jeder⸗ mann kennt. Er konnte ſich nicht enthalten, ſie beſtändig anzublicken und zu be⸗ obachten. Mochte ſie nun bei Tiſche ſein oder an der Thür ihrer Kajüte ſitzen— ſtets begegnete ſie den Augen des jungen Mannes, welche auf ſie geheftet waren und höſtich wieder abgelenkt wurden, wenn ſie durch ihre Miene zu verſtehen gab, daß ſie die Beobachtung bemerkte. Caſſy wurde ängſtlich. Sie kam auf den Gedanken, daß er etwas argwöhne, 1 weshalb ſie endlich beſchloß, ſich völlig ſeiner Großmuth anzuvertrauen und ihm ihre ganze Geſchichte mitzutheilen. George war von Herzen geneigt mit jeder von Legrees Pflanzung,— ei⸗ nem Orte, deſſen er ſich nicht mit Gleichgültigkeit erinnern und von dem er nur mit Abſcheu ſprechen konnte— entflohenen Perſon zu ſympathiſiren, und ver⸗ ſicherte ihr mit der muthigen Achtloſigkeit gegen die Folgen, welche ſein Alter. und ſeine Landsleute charakteriſirt, daß er Alles, was in ſeinen Kräͤften ſtehe, 6 thun werde, um ſie zu beſchützen und zu ihrem Entkommen behilflich zu ſein. Die Kajüte, welche an die Caſſy's ſtieß, befand ſich im Beſitz einer fran⸗ zöſiſchen Dame, Namens de Thour, welche eine hübſche, etwa zwölfiährige Toch⸗ 6 ter bei ſich hatte. 3 Dieſe Dame hatte aus George's Geſpräche entnommen, daß er aus Ken⸗ tucky war und ſchien offenbar geneigt zu ſein, ſeine nähere Bekanntſchaft zu machen, in welcher Abſicht ſie durch die Anmuth ihres Tochterchens, das eins von den hübſcheſten Spielzeugen war, welche jemals die Langeweile einer vier⸗ zehntägigen Dampfbootreiſe zerſtreut haben, unterſtützt wurde.. George's Stuhl war oft an ihrer Kajütenthür ſichtbar, und Caſſy konnte, 3 wenn ſie auf dem Verdeck ſaß, ihre Unterhaltung hören. Madame de Thour erkundigte ſich genau nach Kentucky, in welchem Staate ſie ſich, ihrer Angabe nach, in früherer Zeit aufgehalten hatte. George entdeckte u ſeinem Erſtaunen, daß ihr ehemaliger Aufenthaltsort ſich in ſeiner eigenen kähe befunden haben mußte, und ihre Erkundigungen bewieſen eine Kenntniß von Menſchen und Dingen in ſeiner Gegend, die ihm wahrhaft überraſchend war. „Kennen Sie in der Nähe Ihres Wohnorts einen Mann Namens Harris?“ fragte ihn eines Tages Madame de Thour. „Ein alter Mann dieſes Namens wohnt unweit meines väterlichen Gutes,“ antwortete George;„wir haben allerdings nie viel Verkehr mit ihm gehabt.“ „Er iſt, glaube ich, ein bedeutender Sklavenbeſitzer,“ ſagte Madame de Thour in einem Tone, welcher größeres Intereſſe an dem Umſtande zu ver⸗ raihen ſchien, als ſie zu zeigen wünſchte. 8 310 1. „Allerdings,“ erwiderte George, über ihr Benehmen ziemlich erſtaunt. „Wiſſen Sie, ob er— vielleicht haben Sie gehört, daß er— einen Mu⸗ latten, Namens George, beſitzt?“ „O gewiß— George Harris— ich kenne ihn recht gut; er hat eine Die⸗ nerin meiner Mutter geheirathet, iſt aber nach Canada entflohen.“ Wirklich!“ rief Madame de Thour lebhaft;„Gott ſei Dank!“ George machte ein überraſchtes fragendes Geſicht, ſagte aber nichts. Madame de Thour ſtützte den Kopf auf die Hand und brach in Thränen aus „Er iſt mein Bruder,“ ſagte ſie. „Wie?“ rief George mit dem höchſten Erſtaunen. „Ja!“ wiederholte Madame de Thour, indem ſie ſtolz den Kopf erhob und ihre Thränen trocknete;„ja, Mr. Shelby, George Harris iſt mein Bruder.“ „Ich bin wahrhaft überraſcht,“ ſagte George, indem er ſeinen Stuhl einige Fuß zurückſchob und Madame de Thour feſt anſah. „Ich bin nach dem Süden verkauft worden, als er noch ein Knabe war,“ fuhr ſie fort.„Ich wurde von einem guten, edelmüthigen Manne gekauft, der mich mit nach Weſtindien nahm, mir die Freiheit gab und mich heirathete. Er iſt erſt vor Kurzem geſtorben, und ich war im Begriff, nach Kentucky herauf zu kommen, um zu ſehen, ob ich meinen Bruder finden und loskaufen kann.“ „Ich habe ihn von einer Schweſter, Namens Emilie, die nach dem Süden verkauft worden iſt, ſprechen hören.“ „Dieſe Schweſter bin ich,“ antwortete Madame de Thour.„Sagen Sie mir was für ein—“ „Er war trotz des auf ihn laſtenden Fluches der Sklaverei ein ſehr wackerer junger Mann,“ fiel George ein;„ſeine Intelligenz ſowohl wie ſeine guten Grundſätze machten ihn allgemein beliebt. Ich weiß es, wie Sie ſehen,“ fügte er hinzu,„weil er in unſer Haus geheirathet hat.“ „Was für ein Mädchen?“ fragte Madame de Thour eifrig. „Einen wahren Schatz,“ antwortete George,„ſie war ein ſchönes, intelli⸗ entes, liebenswürdiges, ſehr frommes Mädchen. Meine Mutter hatte ſie faſt ß ſorgfältig, wie eine Tochter erzogen. Sie konnte leſen und ſchreiben, ſticken und nähen und ſang ausgezeichnet ſchön.“ „War ſie in Ihrem Hauſe geboren?“ fragte Madame de Thour. „Nein, mein Vater hatte ſie einſt auf einer ſeiner Reiſen nach New⸗Orle⸗ ans gekauft und als Geſchenk für meine Mutter mitgebracht. Sie war damals acht bis neun Jahre alt. Mein Vater hatte meiner Mutter nie ſagen wollen, wie theuer er ſie bezahlt, aber als wir unlängſt ſeine alten Papiere durchſahen, fanden wir den Kaufbrief. Er hatte eine wahrhaft ungeheure Summe für ſie bezahlt— wahrſcheinlich wegen ihrer ungewöhnlichen Schönheit.“ George wendete Caſſy den Rücken zu, und er konnte daher den aufmerk⸗ ſ Ausdruck ihres Geſichts, als er dieſe Mittheilungen machte, nicht wahr⸗ nehmen. Als er bei dieſem Punkte ſeiner Erzählung angelangt war, berührte ſie ſei⸗ nen Arm und ſagte mit einem Geſicht, aus welchem die Spannung alles Blut vertrieben zu haben ſchien: „Kennen Sie die Namen der Leute, von denen er ſie gekauft hat?“ „Ein Mann, Namens Simmons, war meines Wiſſens, die Hauptperſon bei dem Geſchäft, wenigſtens denke ich, daß dies der Name war, welcher auf Kaufbriefe ſtand.“ 3 „O mein Gott!“ rief Caſſy und fiel bewußtlos nieder. George und Madame de Thour machten jetzt große Augen; obgleich ſie den Grund der Ohnmacht Caſſy's nicht errathen konnten, erregte ſie doch den in ſolchen Fällen gewöhnlichen Tumult. George warf in der Wärme ſeiner Hu⸗ manität einen Waſſerkrug um und zerbrach zwei Gläſer, und ſobald die Damen in der Kajüte hörten, daß Jemand ohnmächtig geworden ſei, drängten ſie ſich um die Thür des Privatverſchlags und verſperrten der friſchen Luft ſo viel ſie nur immer konnten den Zutritt, ſo daß im Ganzen Alles, was ſich erwarten ließ, gethan wurde. Die arme Caſſy kehrte, nachdem ſie wieder zu ſich gekommen war, ihr Ge⸗ ſicht gegen die Wand und weinte und ſchluchzte wie ein Kind. Vielleicht ver⸗ mögen die Mütter unter meinen Leſern zu ſagen, woran ſie dachte. Vielleicht können ſie es auch nicht, aber ſie war in jener Stunde eben ſo feſt überzeugt, daß Gott mit ihr Erbarmen gehabt, und daß ſie ihre Tochter wiederſehen würde, als ſie es einige Monate darauf— doch wir greifen dem Laufe der Ereigniſſe vor⸗ . 42. Reſultate Die letzten Ereigniſſe unſerer Geſchichte laſſen ſich in der Kürze erzählen. George Shelby, den, wie es vielleicht bei jedem andern jungen Mann der Fall geweſen ſein würde, das Romantiſche des Ereigniſſes intereſſirte und der nicht weniger von Gefühlen der Humanität dazu bewogen wurde, überſendete Caſſy den Eliza betreffenden Kaufbrief, deſſen Datum und Name mit ihrer Kenntniß von den Umſtänden übereinſtimmten und ihr keinen Zweifel an der Identität ihres Kindes ließen; es war jetzt nur noch nöthig, den Weg, welchen die Flüchtlinge eingeſchlagen hatten, zu erforſchen. Sie begab ſich mit der durch die eigenthümliche Aehnlichkeit ihrer Schick⸗ ſale an ſie geknüpften Madame de Thour ſofort nach Canada und begann eine Unterſuchungsreiſe nach den verſchiedenen Stationen, wo die zahlreichen Flücht⸗ linge aus den Sklavenſtaaten untergebracht ſind. In Amherſtberg fanden ſie den Miſſionair, bei welchem George und Eliza bei ihrer Ankunft ein Obdach gefunden, und durch ihn wurden ſie in den Stand geſetzt, der Familie bis nach Montreal zu folgen. George und Eliza befanden ſich jetzt ſeit fünf Jahren in Freiheit. George jett fortwährende Beſchäftigung in der Werkſtätte eines wackern Maſchinen⸗ auers gefunden, in welcher er einen hinlänglichen Verdienſt fand, um den Lebensunterhalt ſeiner Familie, die ſich unterdeſſen durch die Ankunft eines Tochterchens verſtärkt hatte, zu erwerben. Der kleine Harry, der zu einem hübſchen, munteren Burſchen aufgewachſen war, beſuchte eine gute Schule und machte ſchnelle Fortſchritte im Wiſſen. Der wackere Pfarrer der Station Amherſtberg, wo George bei ſeiner An⸗ kunft gelandet war, nahm an den Angaben Caſſy's und der Madame de Thour ſo großes Intereſſe, daß er den Bitten der Letzteren, ſie auf der Reiſe nach Montreal, deren Koſten ſie allein tragen wollte, zu begleiten, nachgab. Wir treten jetzt in ein kleines, neites Häuschen in einer der Vorſtädte von Montreal. Es iſt Abend. Im Kamin lodert ein munteres Feuer, ch mit einem ſchneeweißen Tuche gedeckter Theetiſch ſteht für die Abendmahlzeit hergerichtet, davor In der einen Ecke des Zimmers befindet ſich ein mit grünem Tuche über⸗ zogener Tiſch, auf welchem ein offenes Schreibzeug, Federn und Papier liegen, und über demſelben hängt ein mit guten Büchern angefülltes Regal. Dies war George's Studirzimmer. Derſelbe Eifer ſich auszubilden, welcher * ihn angetrieben hatte, mitten unter Hinderniſſen ſich die erſehnte Kenntniß des Leſens und Schreibens anzueignen, veranlaßte ihn immer noch, ſeine ganze Mußezeit der Selbſtausbildung zu widmen. Jetzt ſehen wir ihn am Tiſche ſitzen und aus einem Bande der Familien⸗ bibliothek, in welchem er geleſen hat, Nottzen machen. „Komm, George,“ ſagte Eliza,„Du biſt den ganzen Tag nicht zu Hauſe geweſen; lege Dein Buch hin und laß uns von etwas Vernünftigem reden, während ich den Thee bereite.“ Und die kleine Eliza unterſtützt das Verlangen ihrer Mutter, indem ſie zu ihrem Vater heranſchwankt, ihm das Buch aus der Hand nimmt und ſich ſtatt deſſen auf ſeinem Schooße niederzulaſſen verſucht. „Warte, Du kleine Here!“ ſagt George, und er giebt nach, wie es unter ſolchen Umſtänden der Mann ſtets thun muß. „Das iſt recht,“ verſetzt Eliza, während ſie das Brod anſchneidet. Sie ſieht etwas älter und ihre Geſtalt ein wenig voller aus; auch ihr Haar iſt ma⸗ tronenhafter geordnet wie ſonſt, aber offenbar iſt ſie ſo glücklich und zufrieden, wie es eine Frau nur immer ſein kann. „Harry, mein Junge, wie haſt Du heute Dein Exempel herausgebracht?“ fragte George, indem er die Hand auf den Kopf ſeines Sohnes legte. Harry hat ſeine Locken eingebüßt, aber er kann die Augen und Wimpern die kühne offne Stirn nicht verlieren, welche vom Stolz geröthet wird als er ſagt: 8,36 habe das Ganze ſelbſt gerechnet, Vater, es hat mir kein Menſch dabei geholfen.“ „Das freut mich,“ ſagt ſein Vater;„verlaſſe Dich immer auf Dich ſelbſt, mein Sohn, Du haſt beſſere Ausſichten als ſie Dein armer Vater je beſeſſen hat.“ In dieſem Augenblicke klopft es an der Thür und Eliza geht hinaus, um zu öffnen. Das entzückte:„Ei, Sie ſind's!“ ruft ihren Gatten herbei und der L Paſtor von Amherſtberg wird bewillkommnet. Bei ihm befinden ſich zwei amen und Eliza ladet ſie ein ſich niederzuſetzen. Nun hatte, wenn wir die Wahrheit geſtehen ſollen, der brave Pfarrer ein kleines Programm entworfen, nach welchem ſich dieſe Angelegenheit entwickeln ſollte und auf dem Herwege hatten Alle einander auf das Vorſichtigſte ermahnt, die Sache nur der getroffenen Verabredung gemäß einzuleiten. Man denke ſich daher die Beſtürzung des guten Mannes als gerade nach⸗ dem er den Damen zu Stühlen verholfen hatte und ſein Taſchentuch herauszog, um ſich den Mund zu wiſchen, damit er ſeine Einleitungsrede in guter Ordnung halten könne, Madame de Thour den ganzen Plan über den Haufen warf, in⸗ dem ſie George um den Hals fiel und Alles auf einmal herauskommen ließ, in⸗ dem ſie rief: 6 6 George, kennſt Du mich nicht mehr? Ich bin Deine Schweſter milie!“ Caſſy hatte ſich gefaßter niedergeſetzt und würde ihre Rolle ſehr gut ge⸗ ſpielt haben, wenn nicht plötzlich vor ihr die kleine Eliza, ganz in derſelben Ge⸗ ftalt und Form und in jedem Umriſſe und Löckchen gerade ſo wie ihre Tochter zur Zeit, wo ſie ſie das letztemal geſehen, erſchienen wäre. Das kleine Ding lugte ihr in's Geſicht und Caſſy ſchloß ſie in ihre Arme, drückte ſie an die Bruſt und ſagte, was ſie in dieſem Angenblicke auch wirklich glaubte: „Herzkind, ich bin Deine Mutter!“ In der That war es eine ſchwierige Aufgabe, eine gewiſſe Ordnung herzu⸗ ſtellen. Dem guten Geiſtlichen gelang es jedoch endlich, Alle zum Schweigen zu bringen und die Rede, mit der er die Angelegenheit zu eröffnen beabſichtigt 313 hatte, zu halten, welche denn auch ſo gut ausfiel, daß ſeine ganze Zuhörerſchaft um ihn her auf eine Weiſe ſchluchzte, welche jeden Redner der alten wie der Neu⸗ zeit hätte zufrieden ſtellen können. Sie kniceten zuſammen nieder und der gute Mann betete— denn es giebt ſo heftige und ſtürmiſche Gefühle, daß ſie nur dadurch beſchwichtigt werden können, daß man ſie in den Schooß der allmächtigen Liebe ausſchüttet.— Dann erhob ſich die Familie, welche ſich ſo merkwürdig zuſammen gefünden hatte, mit einem heiligen Vertrauen auf Den, der ſie nach ſolchen Gefahren und Trübſalen und auf ſo unerforſchlichen Wegen zuſammengeführt hatte. Das Notizbuch eines Miſſionairs unter den canadiſchen Flüchtlingen ent⸗ hält Thatſachen, welche ſeltſamer ſind als irgend eine Dichtung. Wie kann es anders ſein, wenn in zinem Lande ein Syſtem herrſcht, welches Familien umher⸗ wirft und ihre Mitglieder zerſtreut, wie der Wind das Herbſtlaub? Dieſe Küſten der Zuflucht vereinigen oft, gleich denen des ewigen Lebens, Herzen, die einander Jahre lang als verlvren betrauert haben, in froher Gemeinſchaft wieder. Un⸗ ausſprechlich rührend iſt die Innigkeit, mit der jeder neue Ankömmling unter ihnen aufgenommen wird, wenn èr vielleicht Nachrichten von Mutter, Schweſter, Weib oder Kind, die noch im Schatten der Sklaverei den Augen verborgen ſind, mitbringt. Hier werden Heldenthaten vollbracht, welche größer ſind als die, von de⸗ nen wir in Romanen leſen, wenn der Flüchtling der Tortur und ſelbſt dem Tode trotzend, freiwillig zu den Gefahren und Schrecken jenes dunklen Landes zurückkehrt, um ſeine Schweſter oder Mutter oder Gattin außzuſuchen Ein Miſſionair hat uns von einem jungen Manneerzäbhlt, welcher zweimal wieder eingefangen wurde und der nach erlittener ſchmachvoller Züchtigung aber⸗ mals glücklich entkam. In einem Briefe, der uns vorgeleſen worden iſt, theilt er ſeinen Freunden mit, daß er zum dritten Male zurückkehren wolle, um ſeine Schweſter wenn möglich endlich zu befreien. Iſt dieſer junge Mann ein Held oder ein Verbrecher? Wer würde für ſeine Schweſter nicht das Nämliche thun? Wer kann ihn tadeln? Aber wir kehren zu unſern Freunden zurück, die wir verlaſſen haben, wäh⸗ rend ſie ſich die Augen trockneten und ſich von einer zu großen und plötzlichen Freude erbolten. Sie ſitzen jetzt um den Tiſch und werden geſprächig, nur daß Caſſy, welche die kleine Eliza auf ihrem Schvoße hat, von Zeit zu Zeit das kleine Mädchen auf eine ſie in Erſtaunen ſetzende Weiſe an ſich drückt und ſich hart⸗ näckig weigert, ſich den Mund in dem Maße, wie die Kleine es wünſcht, mit Kuchen ſtopfen zu laſſen, indem ſie zur Verwunderung des Kindes behauptet, daß ſie etwas Beſſeres als Kuchen genoſſen habe und nicht ſo ſehr nach ihm verlange. In der That iſt im Laufe von zwei bis drei Tagen mit Caſſy eine ſolche Veränderung vorgegangen, daß unſere Leſer ſie kaum wieder erfennen würden. Der verzweifelte, verſtörte Ausdruck ihres Geſichts war dem eines ſanften Ver⸗ trauens gewichen. Sie ſchien gleichſam an den Buſen der Familie zu ſinfen und die Kleinen als etwas, worauf ihr Herz lange gewartet, in daſſelbe zu ſchließen. In der That war es, als ob ſich ihre Liebe eher der kleinen Eliza als ihrer eig⸗ nen Tochter zuwende, denn ſie war das genaue Bild des Kindes, das ſie verlo⸗ ren hatte. Die Kleine bildete ein blumiges Band zwiſchen Mutter und Tochter, durch welches Bekanntſchaft und Zuneigung entſtand. Eliza's durch das beſtän⸗ dige Leſen der heiligen Schrift geregelte, ruhige conſequente Frömmigkeit, machte dieſe zu einer paſſenden Führerin für den müden und verſtörten Geiſt ihrer * Mutter. Caſſy gab ſich ſofort mit ganzer Seele jedem guten Einfluſſe hin und wurde eine fromme, liebevolle Chriſtin. Nach einigen Tagen theilte Madame de Thoux ihrem Bruder die Lage, in der ſie ſich befand, ausführlicher mit. Der Tod ihres Gatten hatte ſie in den Beſitz eines bedeutenden Vermögens gebracht, welches ſie ſich großmüthig mit der Familie zu theilen erbot. Als ſie ihren Bruder fragte, auf welche Weiſe ſie es am beſten für ihn anwenden könne, antwortete er: „Gieb mir eine gute Erziehung, Emilie, das iſt ſtets der Wunſch meines Herzens geweſen; nachher kann ich alles Uebrige ſelbſt thun.“ Nach reiflicher Ueberlegung wurde beſchloſſen, daß die ganze Familie auf einige Jahre nach Frankreich gehen ſolle, wohin ſie, von Emmelinen begleitet, abſegelte. Das hübſche Geſicht der Letzteren erwarb ihr die Zuneigung des erſten Lieutenants auf dem Schiffe, und ſie wurde kurz nach ihrer Ankunft im Hafen deſſen Gattin. George beſuchte vier Jahre eine franzöſiſche Univerſität, arbeitete dort mit ununterbrochenem Fleiß und verſchaffte ſich eine ausgezeichnete Bildung. Die politiſchen Unruhen in Frankreich veranlaßten die Familie endlich wie⸗ der eine Freiſtätte in Amerika zu ſuchen, und hier faßte George den Entſchluß, ſeine Kräfte und Bildung darauf zu verwenden, die Race ſeiner Mutter zu he⸗ ben, zu welchem Zwecke er ſich mit ſeiner Familie nach Liberia begab, von wo die Welt, wenn wir uns nicht täuſchen, noch von ihm hören wird. George's Geſinnungen und Anſichten mögen am beſten durch einen Brief. an einen ſeiner Feunde geſchildert werden: „Ich bin noch einigermaßen in Zweifel hinſichtlich meines künftigen Ver⸗ haltens. Wohl könnte ich mich, wie Sie mir ſagten, inſ die Kreiſe der Weißen des Landes miſchen, da meine Farbe ſo hell und die meiner Frau und Familie kaum bemerkbar iſt. Vielleicht würde ich dies im Nothfall thunz aber aufrichtig geſagt, wünſche ich es nicht. „Meine Sympathieen gehören nicht dem Stamme meines Vaters, ſondern dem meiner Mutter. Für ihn war ich nichts weiter, als ein ſchöner Hund oder ein gutes Pferd; für meine arme Mutter war ich ein Kind, und obgleich ich ſie nie wieder ſah, nachdem jener grauſame Verkauf uns getrennt hatte, bis ſie ſtarb, ſo weiß ich doch, daß ſie mich immer herzlich geliebt hat. Mein eignes Herz ſagt mir das. Wenn ich an alles denke, was ſie litt, ſo wie an meine eignen frühern Leiden, an die Kämpfe meines heldenmüthigen Weibes, an meine Schweſter, die auf dem Sklavenmarkte von New-Orleans verkauft wurde, ſo hoffe ich, daß man mich entſchuldigen wird, wenn ich nicht wünſche, für einen Amerikaner zu gelten oder mich mit ihnen zu identificiren, obgleich ich hoffe, daß ich keine unchriſtlichen Gefühle hege. „Mit dem bedrückten, in Ketten geſchlagenen afrikaniſchen Stamme fühle ich mich verbunden, und wenn ich etwas wünſchte, ſo wäre es, daß ich lieber zwei Schattirungen dunkler, als eine heller wäre. „Der Wunſch und das Sehnen meiner Seele geht nach einer afrikaniſchen Nationalität. Ich bedarf eines Volkes, das eine koſtbare, geſonderte, eigne Eriſtenz hat, und wo ſoll ich das ſuchen? Nicht in Haiti; denn in Haiti hatten ſie nichts, worauf ſie ſich ſtützen konnten. Ein Strom kann ſich nicht über ſeine Quelle erheben. Das Geſchlecht, welches den Charakter der Haitier bildete, war ein ausgemergeltes, verweichlichtes, und natürlich wird es Jahrhunderte bedür⸗ fen, um es zu irgend Etwas zu erheben. „Wo alſo oll ich danach ſuchen? An den Küſten von Afrika ſehe ich eine 315 Republik— eine Republik, gebildet durch auserleſene Männer, welche durch Kraft und ſelbſtbildende Entſchloſſenheit ſich in vielen Fällen individuell über den Zuſtand der Sklaverei erhoben haben. Nachdem ſie manchen vorbe⸗ reitenden Grad der Schwäche durchgemacht, iſt dieſe Republik endlich eine von der ganzen Erde anerkannte Nation geworden, anerkannt durch Frankreich und England. Dahin wünſche ich zu gehen und ſelbſt ein Volk zu finden. „Ich weiß wohl, daß ich Euch Alle gegen mich haben werde, doch ehe Ihrmich verurtheilt, hört mich an. Während meines Aufenthalts in Frankreich habe ich mit dem größten Intereſſe die Geſchichte meines Volkes in Amerika verfolgt. Ich habe den Kampf zwiſchen Abolitioniſten und Coloniſationiſten geprüft und als ferner Zuſchauer einige Eindrücke empfangen, die als Theilnehmer nie mög⸗ lch geweſen wären. Ich gebe zu, daß dieſes Liberia alle Arten von Zwecken be⸗ günſtigt haben mag, indem ſie in den Händen unſerer Unterdrücker gegen uns an⸗ ewendet wurde. Ohne Zweifel mag das Syſtem auf nicht zu rechtfertigende eiſe als Mittel zur Verzögerung unſerer Emaneipation benutzt worden ſein, aber ich frage: Giebt es nicht einen Gott, der über alle menſchlichen Pläne er⸗ haben iſt? Kann er nicht ihre Abſichten beherrſcht und für uns durch ſie eine Nation gegründet haben? „In unſeren Zeiten wird eine Nation in einem Tage geboren. Eine Na⸗ tion erhebt ſich jetzt mit all den großen Problemen des republikaniſchen Lebens und der Civiliſation fertig zur Hand, ſie hat ſie nicht zu entdecken, ſondern nur anzuwenden. Laßt uns daher mit ganzer Kraft zuſammenhalten und ſehen, was ſwit mit dieſer neuen Unternehmung vermögen, ſo wird der ganze Continent Afrika's ſich uns und unſern Kindern öffnen. Unſere Nation wird die Fluth der Civiliſation und des Chriſtenthums über ſeine Küſten ergießen und mächtige Republiken begründen, die mit der Schnelligkeit tropiſcher Vegetation wachſend für alle kommenden Zeitalter beſtehen werden. „Sagen Sie, daß ich meine in Sklaverei gefeſſelten Brüder verlaſſe? Ich glaube nicht. Wenn ich ſie eine Stunde, einen Augenblick meines Lebens ver⸗ geſſe, ſo möge Gott mich vergeſſen! Doch was kann ich hier für ſie thun? Kann ich ihre Ketten brechen? Nein, ich als Einzelner vermag dies nicht, doch laſſen Sie mich gehen und einen Theil einer Nation bilden, welche eine Stimme in dem Rathe der Nationen haben wird, und dann können wir ſprechen. Eine Nation hat das Recht, die Sache ihres Stammes zu vertreten und Vorſtellun⸗ gen zu machen, welches ein Individuum nicht hat. „Wenn Eurvpa jemals ein großer Rath freier Nationen wird— wie ich zu Gott hoffe, wenn dort Leibeigenſchaft und alle ungerechte und bedrückende ſo⸗ ciale Ungleichheiten beſeitigt werden; wenn, wie von Seiten Frankreich's und England's, unſere Stellung anerkannt wird, dann werden wir bei dem großen Congreſſe der Nationen unſere Sache anbringen und für unſern in Ketten ge⸗ ſchlagenen und leidenden Stamm ſprechen; und das freie aufgeklärte Amerika wird dann ohne Zweifel wünſchen, von ſeinem Wappenſchilde den ſchmachvollen Flecken zu vertilgen, der ihn unter den Nationen herabſetzt und gewiß für das Land eben ſo ein Fluch iſt, wie für die Geknechteten. „Sie werden mir ſagen, unſer Stamm habe gleiche Rechte, ſich unter die Bewohner der amerikaniſchen Republik zu miſchen, wie die Irländer, die Deut⸗ ſchen, die Schweden. Zugeſtanden, er hat ſie; wir ſollten frei ſein, uns mit ibnen zu vermiſchen und durch unſern individuellen Werth zu erheben, ohne Rückſicht auf Stamm oder Farbe, und die, welche uns dieſes Recht verweigern, ſind falſch gegen ihre eignen Grundſätze der Gleichheit aller Menſchen. Wir ſollten beſonders hier zugelaſſen werden. Wir haben mehr, als die Rechte 316 der gewöhnlichen Menſchen— wir haben die Anſprüche eines beleidigten Stam⸗ mes auf Genugthuung. Aber ich will das nicht; ich will ein eignes Land, eine eigne Nation. Ich denke, daß der afrikaniſche Stamm ſeine Eigenthümlich⸗ keiten hat, die noch in dem Lichte der Civiliſativn und des Chriſtenthums ent⸗ faltet werden können, und welche, wenn nicht dieſelben, wie bei den Angelſachen, doch moraliſch ſogar von einem höhern Typus ſein können. „Dem engliſchen Stamme ſind die Geſchicke der Welt während ihrer Zeit des Kampfes und des Ringens anvertraut geweſen. Zu dieſer Miſſion waren ſeine ſtrengen, unbeugſamen, entſchloſſenen Elemente wohlgeeignet, doch als Chriſ ſehe ich einer andern Aera entgegen. An ihren Grenzen ſtehen wir, wie ich hoffe und die Wehen, welche jetzt die Nativnen durchzucken, ſind meiner Hoffnung nach nur die Geburtswehen einer Zeit des allgemeinen Friedens und allgemeiner Brüderſchaft. „Ich bin überzeugt, daß die Entwicklung Afrika's eine weſentlich chriſtliche ſein wird. Iſt der afrikaniſche Stamm kein herrſchender und gebietender, ſo iſt er wenigſtens ein gefühlvoller, großherziger, verzeihender. Nachdem er in der Hölle der Ungerechtigkeit und Bedrückung geſchmachtet, muß er nur um ſo feſter die erhabene Lehre der Liebe und Verzeihung in ſein Herz ſchließen, durch welche allein er erobern kann und deren Verbreitung über den Continent von Afrika ſeine Miſſion iſt. „Ich ſelbſt, ich geſtehe es, bin zu ſchwach dazu— die Hälfte des Blutes in mei⸗ Ken Adern iſt das heiße ſächſiſche; aber ich habe einen beredten Vertheidiger des Altars beſtändig an meiner Seite in der Perſon meiner ſchönen Frau. Schweife ich ab, ſo führt ihr milderer Geiſt mich ſtets zurück und ſtellt mir den chriſtlichen Berufund die Miſſion unſers Stammes vor Augen. Als chriſtlicher Patriot, als ein Lehrer des Chriſtenthums, gehe ich nach meinem Vaterlande— meinem erwählten, meinem glorreichen Afrika! Und in meinem Herzen wende ich auf daſſelbe zuweilen die herrlichen prophetiſchen Worte an: Wo du verlaſſen und verhaßt warſt, ſo daß Niemand von dir wiſſen wollte, da will ich dich zu ewigem Ruhm erheben und zur Freude vieler Generationen!— Sie werden mich einen Enthuſiaſten nennen, werden ſagen, daß ich nicht wol erwogen habe, was ich unternehmen will. Aber ich habe erwogen und die Koſten berechnet. Ich gehe nach Liberia, nicht wie nach einem romantiſchen Elyſium, ſondern wie auf ein Feld der Arbeit. Ich bin gefaßt darauf, mit beiden Händen zu ar⸗ beiten— ſchwer zu arbeiten; gegen alle möglichen Schwierigkeiten und Ent⸗ muthigungen zu kämpfen und zu arbeiten, bis ich ſterbe. Das iſt mein Ziel und ich bin überzeugt, daß ich mich darin nicht getäuſcht haben werde. „Was Sie auch von meinem Entſchluß halten mögen, entziehen Sie mir deshalb Ihr Vertrauen nicht und glauben Sie, daß ich bei Allem, was ich thue, mit einem Herzen handle, das ganz meinem Volke angehört.“ „George Harris.“ Ueber unſere übrigen Perſonen haben wir nichts beſonderes zu ſagen, außer einige Worte in Bezug auf Ophelia und Topſy und ein Abſchiedskapitel, welches wir George Shelby widmen werden. Miß Ophelia nahm Topſy zur großen neberraſchung der ernſthaften be⸗ dächtigen Perſonen, welche ein Reuengländer unter der Bezeichnung„unſere Leute“ anerkennt, mit nach Vermont.„Unſere Leute“ hielten ſie Anfangs für einen ſonderbaren, unnöthigen Zuwachs ihres gut eingerichteten Hausweſens, aber Miß Ophelia war in ihrem gewiſſenhaften Bemühen, an ihrem Zöglinge ihre Pflicht zu erfüllen. ſo glücklich, daß das Kind bei der Familie und der Nach⸗ barſchaft ſchnell an Gunſt und Gnade zunahm. Als ſie zu reiferen Jahren ge⸗ 317 langte, wurde ſie auf ihr eignes Anſuchen getauft und ein Mitglied der chriſt⸗ lichen Kuche des Ortes, und ſie bewies ſo viel Verſtand, Thätigkeit Glaubens⸗ eifer und Verlangen, in der Welt Gutes zu thun, daß ſie endlich für eine von den Stationen in Afrika als Miſſionairin empfohlen und angenommen wurde. Wir haben gehoͤrt, daß dieſelbe Thätigkeitsliebe und Intelligenz, welche ſie als Kind ſo vielfältig und raſtlos in ihrer Ausbildung machte, jetzt auf eine heil⸗ ſamere und beſſere Weiſe zur Belehrung der Kinder ihres Vaterlandes ver⸗ wendet wird. Nachſchrift. Es wird für manche Mütter angenehm ſein, zu hören, daß die von Madame de Thour unternommenen Forſchungen vor Kurzem mit der Entdeckung des Sohnes Caſſy's geendet haben. Er war ein junger Mann von Energie geworden, war einige Jahre früher als ſeine Mutter entffuhen und von Freunden der Unterdrückten im Norden aufgenommen und erzugen worden. Er wird ſeiner Familie in Kurzei nach Afrika folgen. 43. Der Befreier. George Shelby hatte an ſeine Mutter nur einige Zeilen geſchrieben, worin er den Tag ſeiner zu erwartenden Heimkehr beſtimmte. Er hatte nicht den Muth, etwas über die Todesſtunde ſeines alten Freundes zu berichten. Er hatte es mehr⸗ mals verſucht, aber es war ihm nie gelungen, und er hatte ſtets damit geendet, daß er das Papier zerriß, ſich die Augen trocknete und irgend wohin eilte, um Ruhe zu finden. An dem Tage, an welchem derjunge Maſter Georgeerwartet wurde, herrſchte in dem Shelby'ſchen Hauſe eine freudige Geſchäftigkeit. Mrs. Shelby ſaß in ihrem behaglichen Zimmer, wo ein munteres Hickory⸗ feuer die Kühle des ſpäten Herbſtabends milderte. Ein von Silbergeſchirr und geſchliffenen Gläſern blitzender Tiſch, über deſſen Arrangements unſere Freun⸗ din, die altr Chloe, die Aufſicht führte, war zur Abendtafel vorgerichtet. Mit einem neuen Kattunkleide, einer blendend weißen Schürze und einem hohen, gutgeſtärkten Turban angethan und mit freudeſtrahlendem Geſichte, ver⸗ weilte ſie mit unnöthiger Genauigkeit bei den Zurüſtungen zur Tafel, um einen orwand zu haben, ein wenig mit ihrer Herrin zu plaudern. So wird's ihm wohl gefallen,“ ſagte ſie;„da, ich habe ſeinen Teller nahe ans Feuer geſetzt, wo er ſich am liebſten niederläßt. Mr. George verlangt ſtets den wäriſten Sitz. O, warum hat Sally nicht die beſte Theekanne heraus⸗ en— die kleine neue, die Mr. George der Miſſis an Weihnachten ge⸗ chenkt hat? Die muß ich noch holen! Die Miſſis hat alſo von Mr. George gehört?“ fragte ſie dann. „Ja. Chloe, aber er hat mir nur eine Zeile geſchrieben, um mir zu melden, daß er dieſen Abend eintreffen würde, wenn er könne, das iſt Alles.“ „Er hat wohl nichts von meinein Alten geſagt?“ fragte Chloe weiter, in⸗ em ſie immer noch an den Theetaſſen rückte. au„Nein, er hat gar nichts von ihm erwähnt, Chloe. Er hat geſagt, daß er es Vählen würde, wenn er nach Hauſe kommt.“ z„Das ſieht dem Mr. George ganz ähnlich; er will immer Alles ſelbſt er⸗ zi len. Ich habe das an Mr. George ſtets bemerkt. Ich meines Theils ſehe auch ein wie die Weißen ſo viel ſchreiben fönnen, wie ſie es gewöhnlich thun das Schreiben iſß eine ſo langweilige, unbequeme Arbeit.“ Mrs. Shelby lächelte. „Ich glaube, daß mein Alter die Jungen und die Kleine gar nicht wieder erkennen wird. Gott, Polly iſt eine dicke Dirne geworden und wie hübſch und klug iſt ſie dabei! Jetzt iſt ſie zu Hauſe und bäckt die Waffeln. Die hat mein Alter immer ſo gern gegeſſen; ich habe ſie ihm noch an dem Morgen, wo er fort⸗ eſchleppt wurde, gebacken. Gott weiß es, was ich an dem Morgen ge⸗ ühlt habe!“ 5 MWrs. Shelby ſeufzte und fühlte bei dieſer Anſpielung eine ſchwere Laſt auf ihrem Herzen; ſie war ſchon ſeit der Ankunft des Briefes von ihrem Sohne be⸗ ſorgt, denn ſie fürchtete, daß etwas hinter dem Schleier ſeines Stillſchweigens verborgen ſein könne. „Hat die Miſſis die Banknoten?“ fragte Chloe ängſtlich. „Ja, Chlve. Warum?“ „Weil ich meinem Alten dieſelben Papiere zeigen möchte die mir der Per⸗ fectioner gegeben hat. Chloe, ſagte er, ich wollte Du bliebſt länger bei mir! — Danke ſchön, Maſter, ſagte ich, ich würde es gern thun, aber mein Alter komm nach Hauſe und die Miſſis kann ohne mich nicht mehr durchkommen.— Das waren genau die Worte, die ich ihm geſagt habe. Mr. Jones war ein recht netter Mann.“ Chloe hatte beharrlich darauf beſtanden, daß dieſelben Banknoten, in wel⸗ chen ihr Lohn e worden war, aufbewahrt wurden, um ſie ihrem Gatten zum Beweis ihrer Verlangen erfüllt. „Mein Alter wird Polly gar nicht wiederkennen,“ ſagte Chlve.„Gott, es ſind ſchon fünf Jahre verfloſſen, ſeit man ihn fortgeſchleppt hat. Sie war da⸗ mals noch ganz klein und konnte kaum ſtehen. Ich weiß noch wie er lachte, wenn ſie jedesmal auf die Naſe fiel, ſobald ſie zu gehen verſuchte. Du lieber Gott!“ In dieſem Augenblicke vernahm man das Rollen eines Wagens. „Mr. George!“ rief Tante Chloe, indem ſie an das Fenſter ſprang. Mrs. Shelby eilte nach der Hausthür und ihr Sohn flog in ihre Arme, Tante Chloe ſtand ängſtlich da und ſtrengte ihre Augen an, um die Finſterniß zu durchdringen. „Ach, arme Tante Chloe!“ ſagte George, indem er mitleidig ſtehen blieb und ihre harte ſchwarze Hand drückte;„ich würde mein ganzes Vermögen darum ähigkeiten zu zeigen, und Mrs. Shelby hatte gern das gegeben haben; wenn ich ihn hätte mitbringen können, aber er iſt nach einem beſſern Lande gegangen.“ Mrs. Shelby ſtieß einen heftigen Schreiaus, aber Tante Chloe ſagte nichts. Sie traten in das Speiſezimmer. Das Geld, auf welches Chloe ſo ſtolz war, lag noch auf dem Tiſche. „Da,“ ſagte ſie, indem ſie es zuſammenraffte und mitzitternder Hand ihrer Herrin reichte,„ich will nichts mehr davon ſehen, noch hoͤren; es iſt gerade ſo geielnih wie ich es mir gedacht habe— er iſt auf die alten Pflanzungen ver⸗ auft und dort zu Tode gequält worden.“ Chloe wendete ſich ſtolz ab, um das Zimmer zu verlaſſen. Mrs. Shelbh i ihr leiſe, ergriff ihre Hand, zog ſie auf einen Stuhl und ſetzte ſich neben rnieder. „Meine arme gute Chloe!“ ſagte ſie. Chloe lehnte den Kopf auf die Schulter ihrer Herrin und ſchluchzte. „O Miſſis, verzeihen Sie mir, mein Herz iſt gebrochen, das iſt Alles.“ „Ich weiß, daß es ſo iſt,“ erwiderte Mrs. Shelby unter Thränen,„und ich vermag es nicht zu heilen, aber Jeſus kann es. Er heilt die, ſo gebrochenen Herzens ſind und verbindet ihre Wunden.“ k 319 Eine Zeitlang herrſchte tiefe Stille und Alle weinten zuſammen. Endlich ſetzte ſich George neben der Trauernden nieder, ergriff ihre Hand und theilte ihr mit einfachen Worten die feierliche Scene des Todes ihres Gatten und ſeine letzten Liebesaufträge mit. Etwa einen Monat darauf wurden fämmtliche Diener und Arbeiter des Gutes in den großen Saal des Hauſes berufen, wo ihnen ihr junger Herr einige Worte mittheilen wollte. Zu Aller Erſtaunen trat er mit einem Bündel von Papieren in der Hand, welches Freilaſſungsſcheine für ſämmtliche auf dem Gute befindliche Sklaven enthielt, unter ſie, verlas die Dokumente und überreichte ſie den ſchluchzenden und weinenden Leuten. Viele von dieſen drängten ſich jedoch um ihn, baten ihn flehendlich ſie nicht fortzuſchicken, und wollten ihm ihre Freiſcheine zurückgeben. „Wir wollen nicht freier ſein als wir ſind. Wir haben ſtets Alles gehabt, was wir brauchten, wir wollen das alte Haus, den Maſter und die Miſſis nicht verlaſſen,“ äußerte ſie. „Meine guten Freunde,“ ſagte George ſobald er zu Worte kommen konnte, „es wird nicht nothwendig ſein, daß Ihr mich verlaßt. Wir brauchen zur Be⸗ ſtellung des Gutes noch eben ſo viele Leute wie ſonſt. Auch im Hauſe ſind noch eben ſo viele Diener nöthig wie früher, aber Ihr ſeid jetzt freie Leute; ich werde Euch für Eure Arbeit den Lohn bezahlen, über den wiruns einigen. Der Vor⸗ theil, den Ihr dabei habt iſt der, daß Ihr, wenn ich in Schulden gerathen oder ſterben ſollte, was Beides mögliche Dinge ſind, nicht verkauft werden könnt. Ich S das Gut fort zu bewirthſchaften und Euch etwas zu lehren, zu deſſen rlernung Ihr einiger Zeit bedürfen werdet,— wie man nämlich die Rechte, die ich Euch verliehen habe, als freie Menſchen benutzt. Ich erwarte, daß Ihr gut und lernbegierig ſein werdet und hoffe zu Gott, daß ich meinem Vorſatze getreu und zum Lehren bereitwillig bleiben werde. Und nun, meine Freunde ſchaut empor und dankt Gott für die Segnungen der Freiheit.“ Ein greiſer Negerpatriarch, der auf dem Gut alt und blind geworden war, ſtand jetzt auf, erhob ſeine zitternde Hand und ſagte:„Laſſet uns dem Herrn danken!“ Alle fielen auf ihre Knie und kein von Orgelklängen, Glockengeläute und Kanonendonner getragenes Te deum konnte rührender zum Himmel empor⸗ ſteigen, als das von dieſem alten Manne geſprochene Gebtt. „Noch Eins,“ ſagte George, die Dankesbezeugungen der Menge unter⸗ brechend,„IhrAlle werdet Euch wohl unſeres guten alten Onkel Tom erinnern?“ Hierauf erzählte er in Kürze die letzten Augenblicke des Geſchiedenen, und theilte en Lebewohl an Alle auf dem Gute Befindlichen mit, worauf er hinzufügte: „An ſeinem Grabe war es, meine Freunde, wo ich vor Gott den Beſchluß faßte, nie mehr einen Sklaven zu halten, ſo lange es möglich wäre, ihn in Frei⸗ heit zu ſetzen, und keinen durch mich je Gefahr laufen zu laſſen, von Heimath und Freunden getrennt zu werden und, wie er, auf einer einſamen Pflanzung zu ſterben. Wenn Ihr Euch an Eurer Freiheit erlabt, ſo bedenkt, daß Ihr ſie jenem guten alten Mann verdankt und vergeltet es ihm durch Güte gegen ſeine Frau und Kinder. Denkt jedesmal, wenn Ihr Onkel Tom's Hütte erblickt, an Eure Befreiung und betrachtet ſie als Erinnerungszeichen, damit Ihr ſeinen Fußtapfen folgen und eben ſo rechtſchaffen und treu und eben ſo gute Chriſten werden möget, wie er einer war.“ 320 44. Schlußbemerkungen. Die Verfaſſerin iſt oft aus verſchiedenen Theilen des Landes brieflich ge⸗ fragt worden, ob dieſe Erzählung wahr ſei; auf dieſe Fragen will ſie hier eine allgemeine Antwort geben. Die einzelnen Ereigniſſe, welche die Erzählung bilden, ſind in großer Aus⸗ dehnung authentiſch, und viele derſelben trugen ſich entweder unter ihren eignen Augen oder unter denen ihrer perſönlichen Freunde zu. Sie oder ihre Freunde haben Charaktere beobachtet, welche faſt allen denen gleichen, die hier eingeführt ſind; viele ihrer Geſpräche ſind Wort für Wort ſo, wie ſie ſelbſt ſie hörte oder ſie ihr mitgetheilt wurden. Die Perſon Eliza's und der ihr beigelegte Charakter ſind Schilderungen aus dem Leben. Die unbeſtechliche Treue, Frömmigkeit und Redlichkeit Onkel Tom's ſind Eigenſchaften, welche die Verfaſſerin mehr als einmal zu beobachten Gelegenheit hatte. Einige der traurigſten und romantiſchſten Ereigniſſe, einige der fürchterlichſten Umſtände, gehören ebenfalls der Wirklichkeit an. Das Er⸗ lebniß der Mutter, welche über das Eis des Ohiofluſſes ging, iſt eine wohlbe⸗ kannte Thatſache. Die Geſchichte der alten Prue trug ſich unter der perſoͤnlichen Beobachtung eines Bruders der Verfaſſerin zu, der damals Caſſirer eines großen Handlungshauſes in Neu⸗Orleans war. Aus derſelben Quelle wurde der 1 Charakter des Pflanzers Legree geſchöpft. Von ihm ſchrieb ihr Bruder als er 3 von einem Beſuche auf ſeiner Pflanzung zum Behuf der Einziehung von Gel⸗ hammer, und ſagte mir, er hätte ſie dadurch gehärtet, daß er Niggers damit 3 dern ſprach:„Er ließ mich ſeine Fauſt fühlen, die hart war, wie ein Schmiede⸗ niedergeſchlagen.— Als ich die Pflanzung verließ, athmete ich tief auf, und es war mir zu Muthe, als wäre ich der Höhle eines Währwolfs entflohen.“ 8 Daß das tragiſche Schickſal Tom's in der Wirklichkeit auch oft vorkam, kann durch lebende Zeugen im ganzen Lande beſtätigt werden. Man bedenke, daß es in allen ſüdlichen Staaten ein Rechtsgrundſatz iſt, daß keine farbige Per⸗ ſon jemals in einem Proceſſe gegen einen Weißen zeugen kann, und leicht wird man einſehen, daß ein ſolcher Fall ſich überall ereignen kann, wo die Leiden⸗ 3 ſchaften eines Menſchen die Rückſichten auf ſeinen Vortheil überwiegen und ein Sflave genug Muth oder Grundſätze hat, um ſeinem Willen zu widerſtehen⸗ Es giebt in der That nichts, was das Leben des Sklaven beſchützen kann, als der Charakter des Herrn. Thatſachen, die zu erſchütternd ſind, um nicht gelegentlich in Erwägung gezogen zu werden, finden ihren Weg in die Oeffent⸗ lichkeit, und die Bemerkungen, die man oft darüber machen hört, ſind noch nie⸗ derſchlagender als die Sache ſelbſt. Es wird geſagt:„Wohl mögen ſolche Fälle 3 dann und wann vorkommen, aber ſie ſind kein Beleg für die allgemeine Prarxis.“ — Wenn die Geſetze von Neu⸗England ſo beſchaffen wären, daß ein Lehrherr dann und wann einen Lehrling bis zum Tode martern konnte, ohne die Möglichkeit, deshalb vor Gericht geſtellt zu werden, würde man dies mit eben ſolchem Gleichmuth hinnehmen? Würde man ſagen: Dieſe Fälle ſind ſelten und kein Beleg der allgemeinen Praris?— Dieſe Ungerechtigkeit iſt eine Ei⸗ enthümlichkeit des Sklavenſyſtems und kann ohne daſſelbe nicht eriſtiren. er öfſentliche und ſchamloſe Verkauf reizender Mulatten- und Quntronen⸗ midchen iſt durch die Ereigniſſe, welche auf die Wegnahme der„Perle“ folgten, nötvriſch erwieſen worden. Wir entnehmen das Folgende der Rede des Mr. Horace Mann, eines der geſetzlichen Rathgeber für die Vertheidiger jener Sache. Er ſagt:„Unter den 76 Perſonen, welche 1838 aus dem Diſtrikt Co⸗ lumbia auf dem Schvoner„Perle“ zu entfliehen verſuchten und deren Führer 321 ich vertheidigen half, waren mehrere junge und geſunde Mädchen, welche die beſonderen Reize der Formen und Geſichtszuge hatten, die Kenner ſo hoch ſchätzen. Eliſabeth Ruſſell war eine von ihnen. Sie fiel unmittelbar in des Sklaven⸗ händlers Klauen und wurde für den Markt von New⸗Orleans beſtimmt. Die Herzen derer, die ſie ſahen, wurden von Mitleid mit ihrem Schickſal ergriffen, ſie boten 1800 Dollars, um ſie loszukaufen, aber der Teufel von Sklavenhäͤndler war unerbittlich. Sie wurde nach New⸗Orleans geſchickt; doch auf dem halben Wege dahin erbarmte ſich Gott ihrer und erlöſte ſie durch den Tod. Zwei Mäd⸗ chen, Namens Edmundſon, waren in derſelben Geſellſchaft. Als ſie auf den⸗ ſelben Markt geſchickt werden ſollten, kam eine ältere Schweſter zu der Fleiſch⸗ Nank um den Elenden, dem ſie gehörten, bei der Liebe Gottes anzuflehen, ſeiner Opfer zu ſchonen. Er lachte ſie aus und ſagte ihr, was für ſchöne Kleider und Schmuckſachen ſie bekommen würden.—„Ja,“ entgegnete ſie,„das mag in dieſem Leben ganz gut ſein, aber was wird in jenem aus ihnen werden?“— Auch ſie wurden nach New⸗Orleans geſchickt, ſpäter aber um eine große Summe losgekauft und zurückgebracht.“ „Geht daraus nicht klar hervor, daß die Geſchichten von Emmelinen und Caſſy viele Seitenſtücke haben können?“ Die Gerechtigkeit verpflichtet die Verfaſſerin, auch zu erwähnen, daß die Freundlichkeit und Großmuth, welche St. Clare zugeſchrieben werden, nicht ohne Parallele ſind, wie die folgende Anekdote zeigen wird. Vor einigen Jahren war ein junger Gentleman aus dem Süden in Cincinnati mit einem Lieblings⸗ ſklaven, der von Kindheit an ſein perſönlicher Diener geweſen war. Dieſer be⸗ nutzte die Gelegenheit, um ſeine Freiheit zu erlangen und entfloh unter dem Schutze eines Quäkers, der in Angelegenheiten dieſer Art ſehr bekannt war. Der Beſitzer war im höchſten Grade aufgebracht. Er hatte den Sklaven immer mit ſo viel Nachſicht behandelt, und ſein Vettrauen zu deſſen Zuneigung war ſo groß, daß er glaubte, man habe ihn verführt. Er beſuchte den Quäker in ſehr ſener Stimmung, doch da er eine ungewöhnliche Aufrichtigkeit und Recht⸗ chaffenheit beſaß, wurde er bald durch deſſen Gründe und Vorſtellungen be⸗ ſchwichtigt. Die Sache wurde ihm unter einem Geſichtspunkt dargeſtellt, den er noch nie gehört, an den er noch nie gedacht hatte, und augenblicklich ſagte er dem Quäker, wenn ſein Sklave ihm in das Geſicht ſagen wollte, er wünſche frei zu ſein, ſo würde er ihn frei laſſen. Es fand eine Unterredung ſtatt, und Nathan wurde von ſeinem jungen Herrn gefragt, ob er je Urſache gehabt habe, ſich über ſeine Behandlung in irgend einer Beziehung zu beklagen. „Nein, Maſter,“ antwortete Nathan,„Sie ſind immer gut gegen mich geweſen.“ „Nun, warum verläſſeſt Du mich dann?“ „Maſter kann ſterben, und wer wird mich dann bekommen? Ich möchte lieber ein freier Mann ſein.“ Nach kurzer Ueberlegung ſagte der junge Mann:„Nathan, ich glaube, an Deiner Stelle würde ich eben ſo denken. Du biſt frei.“ Er gab ihm augenblicklich einen Freibrief, deponirte eine Summe Geldes in die Hände des Quäkers, um auf zweckmäßige Weiſe dazu angewendet zu werden, ihm fortzuhelfen, und ließ einen ſehr gefühlvollen und freundlichen Brief mit Rathſchlägen für den jungen Mann zurück. Dieſer Brief war einige Zeit in den Händen der Verfaſſerin. Die Verfaſſerin hofft, daß ſie der Hochherzigkeit, Freigebigkeit und Menſch⸗ lichkeit, welche viele Individuen im Süden charafteriſirt, Gerechtigkeit wider⸗ fahren ließ. Solche Beiſpiele bewahren uns vor der äußerſten Verzweiflung. Onkel Tom's Hütte. 21 —— 322 Aber ſie ſragt Jehtn, der die Welt kennt, ſind ſolche Charaktere irgendwo ewöhnlich? Viele Jahre ihres Lebens vermied die Verfaſſerin, irgend etwas über die Sklaverei zu leſen, da ſie es für zu peinlich hielt, näher in eine Sache einzugehen, welche durch die zunehmende Aufflärung und Civiliſativn ganz gewiß unter⸗ drückt werden würde. Aber als ſie durch das Geſetz von 1850 zu ihrem ſchmerz⸗ lichen Erſtaunen erfuhr, daß chriſtliche, menſchliche Leute in der That die Aus⸗ lieferung Flüchtiger in die Sklaverei als eine Pflicht für gute Bürger empfehlen — als ſie auf allen Seiten von gütigen, theilnahmvollen, achtungswerthen Menſchen in den freien Staaten des Nordens Berathſchlagungen und Erör⸗ terungen darüber hörte, was chriſtliche Pflicht in dieſer Sache gebieten könnte, da dachte ſie nur: dieſe Menſchen und Chriſten können nicht wiſſen, was Sklaverei iſt; wüßten ſie es, ſo könnte eine ſolche Frage nicht erſt in Erwägung gezogen werden. Daraus entſtand das Verlangen ſie in leben diger, dramatiſcher Wirklichkeit darzuſtellen. Sie hat verſucht, ſie in ihren beſten und ſchlimmſten Phaſen zu ſchildern. In ihrer beſten Darſtellung iſt ſie vielleicht erfolgreich ge⸗ weſen, doch ach, wer kann ſagen, was aus dem Thal des Todesſchattens, das auf der andern Seite liegt, noch unerzählt bleibt? An Euch, Ihr großmüthigen, edelherzigen Männer und Frauen des Sü⸗ dens, an Euch, deren Tugend, Hochherzigkeit und Reinheit des Charakters um ſo größer ſind, je ſchwerer die Verſuchung war, die er zu beſtehen hatte— an Euch appellire ich. Habt Ihr nicht in Eueren geheimen Gedanken, in Euern vertraulichen Geſprächen gefühlt, daß in dieſem von Gott verfluchten Syſteme Leiden und Uebel lagen, die weit über das hinausgehen, was hier geſchildert wurde oder geſchildert werden kann? Iſt es anders möglich? Iſt der Menſch ein Ge⸗ ſchöpf, das man mit gänzlich unverantwortlicher Gewalt bekleiden darf? Macht nicht das Sklavenſyſtem, indem es dem Slklaven jedes geſetzliche Recht abſpricht, den Beſitzer zu einem unverantwortlichen Despoten? Kann irgend Jemand ſich enthalten, den Schlußzu ziehen, was der praktiſche Erfolg davon ſein wird? Wenn, wie wir zugeſtehen, ein öffentliches Gefühl unter Euch, Ihr Männer von Ehre, Gerechtigkeit und Menſchlichkeit, herrſcht, giebt es dann nicht auch eine andere Art öffentlichen Gefühls unter den Schändlichen, Rohen und Entarteten? Und kann nicht der Schurke, der Rohe, der Entarteie durch das Sklavengeſetz gerade ſo viel Sklaven beſitzen, als der Beſte und Reinſte? Sind die Ehrenwerthen, die Gerechten, die Großherzigen, die Mitleidigen irgendwo in dieſer Welt die Majorität? Der Sklavenhandel wird von den amerikaniſchen Geſetzen als eine Raͤuberei betrachtet. Doch ein Sklavenhandel, eben ſo ſyſtematiſch, als er je an den Küſten Afrika's betrieben wurde, iſt eine unvermeidliche Folge der amerikaniſchen Skla⸗ verei. Können ihre Gräul und herzbrechenden Umſtände geſchildert werden? Die Verfaſſerin hat nur ein ſchwaches Gemälde der Angſt und Verzweiflung entworfen, welche in eben dieſem Augenblicke Tauſende von Herzen zerreißen, Tauſende von Familien zerſprengen und einen hilfloſen und gefühlvollen Stamm u Wahnſinn und Verzweiflung treiben. Es leben Viele, welche wiſſen, daß Putter durch dieſen verfluchten Handel zu der Ermordung ihrer Kindergetrieben wurden, und ſelbſt im Tode Schutz gegen das ſuchten, was ſie mehr fürchten, als den Tod. Es kann nichts Tragiſches geſchrieben, erzählt oder erfunden werden, was der furchtbaren Wirklichkeit der Scenen gleich käme, die ſich täglich und ſtündlich an unſern Küſten unter dem Schutze amerikaniſcher Geſetze, unter dem Schutze des Kreuzes Chriſti ereignen. Und jetzt frage ich Euch, Ihr Männer und Frauen Amerika's, iſt dies eine — — Sache, die leicht genommen, vertheidigt oder mit Schweigen übergangen werden kann? Ihr Farmer von Maſſachuſetts, von New⸗Hampſhire, von Vermont, von Conneectieut, die Ihr dies Buch bei dem Scheine Eurer Abendfeuer leſet;— Ihr ſtarkherzigen und edelmüthigen Seeleute und Schiffseigner von Maine, iſt dies für Euch eine Sache der Unterſtützung und Ermuthigung? Ihr braven, edlen Männer von New⸗York, Ihr Farmer des reichen und heitern Ohio, und Ihr aus den weiten Prairien⸗Staaten, antwortet mir, iſt dies für Euch eine Sache, die Ihr unterſtützen und befördern müßt? Und Ihr, Mütter Amerika's, die Ihr an der Wiege Eurer eignen Kinder gelernt habt, für die ganze Menſch⸗ heit zu fühlen; bei der heiligen Liebe, die Ihr für Euer Kind hegt; bei Eurer Freude an ſeiner herrlichen, fleckenloſen Kindheit; bei der mütterlichen Theil⸗ nahme und Zärtlichkeit, mit der Ihr ſein Wachsthum überwachet; bei Eurer Sorge für ſeine Erziehung; bei den Gebeten, die Ihr für ſein ewiges Seelenheil zum Himmel ſendet,— flehe ich Euch an, habt Mitleid mit der Mutter, welche alle Eure Neigungen hat und nicht ein geſetzliches Recht, das Kind ihres Bu⸗ ſens zu beſchützen, zu leiten oder zu erziehen! Bei den Krankenſtunden Eures Kindes; bei den im Tode brechenden Augen, die Ihr nie vergeſſen könnt; bei dem Schrei, der ſich Eurer Bruſt entrang, wenn Ihr weder retten noch helfen konntet; bei der Verzweiflung über den Anblick der leeren Wiege, des öden Krankenzim⸗ mers, beſchwöre ich Euch, habt Mitleid mit den Müttern, welche durch den ame⸗ rikaniſchen Sklavenhandel fortwährend kinderlos gemacht werden! Und ſagt, Ihr Mütter Amerika's, iſt das eine Sache, die vertheidigt, gebilligt, mit Still⸗ ſchweigen übergangen werden kann? Sagt Ihr, die Bewohner der freien Staaten hätten damit nichts zu ſchaffen und könnten darin nichts thun? Wollte Gott, dem wäre ſo! Aber es iſt nicht wahr. Die Bewohner der freien Staaten haben ſie vertheidigt, ermuthigt, Theil daran genommen, und ſind deshalb vor Gott eben ſo ſchuldig, als der Süden, weil ſie nicht die Entſchuldigung der Erziehung und Gewohnheit für ſich haben. Wenn die Mütter der freien Staaten in vergangenen Zeiten alles das gefühlt hätten, was fie fühlen ſollten, ſo würden die Söhne der freien Staaten nicht Sklavenbeſitzer und ſprichwörtlich die härteſten Herren geweſen ſein; die Söhne der freien Staaten würden dann nicht zur Ausbreitung der Sklaverei in unſerem Nationalkörper beigetragen haben; die Söhne der freien Stagten würden dann nicht, wie ſie dies thun, die Seelen und Körper von Menſchen bei ihrem Handels⸗ verkehr als ein Aequivalent des Geldes betrachten. Kaufleute in nördlichen Städten beſitzen für einige Zeit eine Menge Sklaven, die ſie dann wieder ver⸗ kaufen; darf alſo die ganze Schuld an der Schmach der Sklaverei nur auf den Süden fallen? Die Männer, Mütter und Chriſten des Nordens haben Nöthigeres zu thun, Brüder des Südens anzuklagen: ſie haben vor ihrer eignen Thür zu kehren. Doch was kann ein Einzelner thun? Darüber kann jeder Einzelne urthei⸗ len. Eines aber kann jeder Einzelne thun; er kann darauf ſehen, daß man rechtfühle. Eine Atmoſphäre ſympathetiſchen Einfluſſes umgiebt jedes In⸗ dividuum: und der Mann oder die Frau, welche über die großen Intereſſen der Menſchheit ſtark, geſund und recht denken, ſind fortwährende Wohlthäter des Menſchengeſchlechtes. Man achte daher auf ſeine Sthathien in dieſer Ange⸗ legenheit. Sind ſie in Uebereinſtimmung mit den Shmpathien Chriſti, oder ſind ſie durch die Sophiſtereien weltlicher Politik irre geleitet und verderbt? Chriſtliche Männer und chriſtliche Frauen des Nordens, Ihr könnt noch etwas thun: Ihr könnt beten. Glaubt Ihr an die Kraft des Gebetes, oder 21 ——— 324 iſt es eine unbeſtimmte, apoſtoliſche Tradition geworden? Ihr betet für die Hei⸗ den in der Ferne; betet auch für die in der Heimath. Und betet auch für die un⸗ lücklichen Chriſten, deren ganze Ausſicht religiöſer Verbeſſerung auf dem Zu⸗ alle des Handels beruht, für welche die Befolgung chriſtlicher Moral in vielen Fällen eine Unmöglichkeit iſt, es müßte ihnen denn von Oben der Muth und die Gnade des Märtyrerthums verliehen werden. Doch noch mehr. An den Küſten unſerer freien Staaten landen die armen zerſtreuten Ueberbleibſel auseinandergeriſſener Familien, Männer und Weiber, durch wunderbare Fügungen der Vorſehung der Geißel der Sklaverei entronnen, ſchwach im Wiſſen, und in vielen Fällen moraliſch krank, in Folge eines Syſte⸗ mes, welches jeden Grundſatz des Chriſtenthums und der Moral entſtellt oder verwirrt. Sie kommen, um unter Euch eine Zufluchtſtätte zu ſuchen; ſie kommen, um Erziehung, Kenntniſſe, Chriſtenthum zu ſuchen. Waos ſeid Ihr dieſen armen Unglücklichen ſchuldig, Ihr Chriſten? Iſt nicht jeder amerikaniſche Chriſt dem afrikaniſchen Stamme zu irgendeiner Anſtrengung verpflichtet, um das Unrecht zu vergüten, das die amerikaniſche Nation ihm zu⸗ efügt hat? Sollen die Thüren der Kirchen und Schulen ihnen verſchloſſen ßent Sollen Staaten aufſtehen und ſie ausſtyßen? Soll die Kirche Chriſti ſchweigend den Hohn dulden, der ihnen zugefügt wird, vor der hilfloſen Hand, die ſie ausſtrecken, zurückweichen, und durch ihr Schweigen die Grauſamkeit er⸗ muthigen, die ſie von unſern Küſten vertreiben will? Muß es ſo ſein, dann wird es ein trauriges Schauſpiel geben. Muß es ſo ſein, dann wird das Land Urſache haben, zu zittern, wenn es daran denkt, daß das Geſchick der Nationen in den Händen Eines liegt, der mitleidig und barmherzig iſt. Sagt Ihr:„Wir brauchen ſie hier nicht; mögen ſie nach Afrika gehen?“ Daß die Vorſehung Gottes ihnen in Afrika eine Zufluchtsſtätte bewahrt, iſt allerdings eine große und bemerkenswerthe Thatſache; doch das iſt kein Grund, der die Kirche Chriſti von der Verantwortlichkeit gegen dieſen ausge⸗ ſtoßenen Stamm freiſpricht, die ihr Glaube ihr auferlegt. Liberia mit einem unwiſſenden, unerfahrenen, halbbarbariſchen Geſchlechte anzufüllen, das eben erſt den Feſſeln der Sklaverei entrann, würde nur auf Menſchenalter hinaus die Kämpfe verlängern, welche von jeder neuen Unter⸗ nehmung unzertrennlich ſind. Möge die Kirche des Nordens dieſe armen Dul⸗ der in dem Geiſte Chriſti aufnehmen, ihnen die Vortheile einer chriſtlich⸗republi⸗ kaniſchen Geſellſchaft und Erziehung gewähren, bis ſie einen Grad moraliſcher und geiſtiger Reife erreicht haben, und dann ſei man ihnen zur Ueberfahrt nach den Küſten behilflich, wo ſie das, was ſie in Amerika gelernt haben, zur Aus⸗ übung bringen mögen. Es giebt einen verhältnißmäßig kleinen Verein von Männern im Norden, die dies gethan haben, und als Reſultat davon hat dieſes Land ſchon Beiſpiele von Männern geſehen, welche früher Sklaven waren, und ſchnell Bildung, Ruf und Vermögen erworben haben. Es iſt Talent entwickelt worden, welches mit Berückſichtigung der Umſtände gewiß ſehr bemerkenswerth war; und in Be⸗ ziehung auf moraliſche Züge von Rechtſchaffenheit, Güte und Zärtlichkeit der Gefühle oder heldenmüthiger Anſtrengung und Selbſtverleugnung zur Be⸗ freiung von Brüdern und Freunden, die noch in der Sklaverei ſchmachteten, ha⸗ ben ſie ſich in einem Grade ausgezeichnet, der in Erwägung der Umſtände, un⸗ ter denen ſie geboren wurden, wahrhaft ſtaunenerregend iſt. Die Verfaſſerin lebte viele Jahre an der Grenze der Sklavenſtaaten und hatte oft Gelegenheit, ehemalige Sklaven zu beobachten. Es waren einige als Diener in ihrer eigenen Familie, und in Ermangelung einer andern Schule zu 325 ihrer Aufnahme, hat ſie dieſelben häufig an dem häuslichen Unterrichtre ihre eigenen Kinder Theil nehmen laſſen. Mit ihren Beobachtungen ſtimmen die mehrerer Miſſionaire unter den Flüchtlingen in Canada überein; die Schlüſſe die ſie daraus in Bezug auf die Bildungsfähigkeit des Stammes zog, ſind im höchſten Grade ermuthigend. Das erſte Verlangen der emancipirten Sklaven geht in der Regel auf Unterricht. Sie ſind bereit, für den Unterricht ihrer Kinder Alles zu geben oder zu thun, und ſo weit als die Verfaſſerin ſelbſt es bemerkte oder Lehrer un⸗ ter ihnen dafür Zeugniß ablegten, ſind ſie auffallend mit Verſtand begabt und, lernen ſehr ſchnell. Der Erfolg der Schulen, welche wohlwollende Perſonen für ſie in Cineinnati errichtet haben, beſtätigt dies vollkommen. Die Verfaſſerin ſtützt ſich bei den folgenden Angaben auf das Zeugniß des Profeſſors C. E. Stowe, damals am Lane⸗Seminar in Ohio, in Beziehung auf die emancipirten Sklaven, die jetzt in Cincinnati leben. Sie ſind aufgezeichnet worden, um die Fähigkeiten des Stammes, ſelbſt ohne beſonderen Beiſtand oder Aufmunterung darzuthun. Es werden nur die Anfangsbuchſtaben gegeben. Alle ſind Bewohner von Cineinnati.* „B—. Furniturenmacher; zwanzig Jahre in dieſer Stadt; Vermögen zehntauſend Dollars, Alles eigner Verdienſt. Baptiſt. „C—. Ganz ſchwarz; in Afrika geraubt; in New⸗Orleans verkauft; frei nach funfzehn Jahren; zahlte für ſich ſelbſt ſechshundert Dollars; Beſitzer meh⸗ rerer Farms in Indiana; Presbyterianer; wahrſcheinlich fünfzehn bis zwanzig⸗ tauſend Dollars reich, ſämmtlich ſelbſt verdient. „K—. Ganz ſchwarz; Güter⸗Mäkler; dreißigtauſend Dollars reich; unge⸗ fähr vierzig Jahre alt; frei ſeit ſechs Jahren; zahlte achtzehnhundert Dollars für ſeine Familie; Mitglied der Baptiſtenkirche; empfing ein Legat von ſeinem frühe⸗ ren Herrn, das er zu vermehren verſtand. „G—. Ganz ſchwarz; Kohlenhändler; etwa dreißig Jahre alt; achtzehn⸗ tauſend Dollars reich; zahlte zweimal für ſich, da er einmak um ſechshundert Dollars betrogen wurde; erwarb ſich all ſein Geld durch eigene Anſtrengung, viel davon, während er noch Sklave war, indem er ſeine Zeit von ſeinem Herrn miethete, und für ſich ſelbſt arbeitete; ein hübſcher, anſtändiger Menſch. „W—. Drei Viertel ſchwarz; Barbier und Kellner; aus Kentucky; ſeit neunzehn Jahren frei; zahlte für ſich ſelbſt und ſeine Familie über dreitauſend Dollars; zwanzigtauſend Dollars reich, ganz ſein eigener Verdienſt; Almoſen⸗ pfleger der Baptiſtenkirche. „G. D—. Drei Viertel ſchwarz; Stubenweißer; von Kentucky; ſeit neun Jahren frei; zahlte fünfzehnhundert Dollars für ſich und ſeine Familie; ſtarb unlängſt, ſechzig Jahre alt und ſechstauſend Dollars reich.“ Profeſſor Stowe ſagt:„Mit alle dieſen, G. ausgenommen, bin ich ſeit n Jahren perſönlich bekannt und machte meine Angaben nach genauer enntniß.“ Die Verfaſſerin erinnert ſich ſehr gut einer bejahrten farbigen Frau, die als Wäſcherin in ihres Vaters Familie verwendet wurde. Die Tochter dieſer Frau heirathete einen Sklaven. Sie war eine außerordentlich thätige und ge⸗ ſchickte junge Frau, und durch ihre Anſtrengungen, ihre Sparſamkeit und die ausdauerndſte Selbſtverleugnung, erwarb ſie neunhundert Dollars, die ſie, wie ſie das Geld verdiente, für die Freilaſſung ihres Mannes in die Hände ſeines Herrn zahlte. Sie war noch hundert Dollars ſchuldig, als ihr Mann ſtarb, und ſie bekam von dem Gelde nie wieder etwas zurück. . 3 Dies ſind nur wenige Thatſachen unter der großen Menge, die man als Be⸗ lege für die Selbſtverleugnung, Energie, Geduld und Rechtſchaffenheit anführen könnte welche dieſe Sklaven in einem freien Lande an den Tag legten. Dabei bedenke man, daß dieſe Leute verhältnißmäßig großen Reichthum und eine geſellſchaftliche Stellung errangen, während ſie mit allen Nachtheilen und Entmuthigungen zu kämpfen hatten. Nach den Geſetzen von Ohio kann der Farbige nicht Wähler ſein, und bis vor wenigen Jahren wurde ihm ſogar das Recht verweigert, in Rechtsſtreitigkeiten als gültiger Zeuge gegen einen Weißen aufzutreten. In allen Staaten der Union ſehen wir Menſchen, welche erſt geſtern die Feſſeln der Sklaverei abſchüttelten und ſich durch eigene Kraft, die nicht genug bewundert werden kann, zu hochachtbaren Stellungen in der Ge⸗ ſellſchaft emporgeſchwungen haben. Pennington unter den Geiſtlichen, Douglas und Ward unter den Redacteuren, ſind bekannte Beiſpiele. Wenn dieſer verfolgte Stamm bei allen möglichen Entmuthigungen und Nachtheilen ſo viel vermochte, wie viel würde er erſt vermögen, wenn die chriſt⸗ liche Kirche gegen denſelben in dem Geiſte ihres Stifters handelte? Wir leben in einer Zeit, wo die Nationen erſchüttert und von Krämpfen durchzuckt werden. Ein gewaltiger Einfluß rüttelt die Welt wie in einem Erd⸗ beben. Und iſt Amerika frei davon? Jede Nation, die in ihrem Schooße noch fortbeſtehende große Ungerechtigkeiten trägt, hat auch die Elemente dieſer Er⸗ ſchütterungen in ſich. Zu was erweckt dieſer gewaltige Einfluß ſo in allen Nationen und Sprachen dieſe Seufzer nach Freiheit und Gleichheit der Menſchen, die nicht in Worten ſich äußern dürfen? O Kirche Chriſti, lies die Zeichen der Zeit! Iſt dieſe Gewalt nicht Sein Geiſt, deſſen Reich noch kommen ſoll und deſſen Wille auf Erden geſchehen muß, wie im Himmel? Doch wer mag den Tag ſeines Erſcheinens erwarten?„Denn der Tag wird brennen wie ein Ofen; und er wird mit raſender Schnelligkeit einherfahren gegen die, ſo den Diener in ſeinem Solde bedrücken, die Wittwen und die Waiſen, und die den Fremden in ſeinen Rechten bei Seite ſetzen; und er wird den Bedrücker in Stücken zerhauen.“ Sind das nicht furchtbare Worte für eine Nation, die in ihrem Schooße eine ſo große Ungerechtigkeit birgt? Chriſten, könnt Ihr, ſo oft Ihr betet, daß das Reich Chriſti kommen möge, vergeſſen, daß die Prophezeihung im traurigen Verein damit den Tag der Racheverheißt? Ein Tag der Gnade iſt uns noch geboten. Beide, Nord und Süd, ſind vor Gott ſtrafbar geweſen; und die chrißtliche Kirche hat eine ſchwere Rechen⸗ ſchaft abzulegen. Nicht durch den Verein, Ungerechtigkeit und Grauſamkeit zu beſchützen und ein gemeinſames Stammgeld der Sünde zu bilden, kann die Union gerettet werden, ſondern nur dürch Reue, Gerechtigkeit und Gnade; denn nicht gewiſſer iſt das ewige Geſetz, nach welchem der Mühlſtein im Meere verfinkt als das ſtärkere Geſetz, nach welchem Ungerechtigkeit und Grauſamkeit den Zorn des allmächtigen Gottes über die Nationen bringen! anzeige. In Kurzem erſch int in gleicher Ausſtattung und zu gleichem Preiſe wie„Onkel Com's Zütte“: Ueue Volks-Pibliothet. Zweite Band. Enthaltend: Der weiße Sklave. Ein anderes Gemälde aus dem Shlavenleben in Inerika. Von R. Hildreth, Verfaſſer einer„Geſchichte der vereinigten Staaten“. Preis 10 Rgr. Wenn wir auch nicht der von anderer Seite aufgeſtellten Behauptung beipflichten können, daß dieſes Werk noch intereſſanter als Onkel Tom's Hütte ſei, ſo können wir doch verſichern, daß es alle Leſer dieſes Buches mit doppeltem Intereſſe leſen werden, wie es auch in England augenblicklich neben dem genannten Werke das populärſte Buch und ebenfalls bereits in Hunderttauſenden von Eremplaren in den verſchiedenſten Ausgaben verbreitet iſt. Ueur Volks-Pibliothek. Hutter Ban. Enthaltend: MoE Suthorlond, oder Macht und Grundſatz. Von Harriet Stowe, geb. Beecher, Verfaſſerin vvn Onkel Tom's Hütte. Mit dem Bildniß der Verfaſſerin in Stahlſtich. Preis 10 Ngr. Dieſes Werk, welches gewiſſermaßen eine Fortſetzung von Onkel Tom's Hütte bildet, erzählt das Leben eines jungen Pflanzers, der aus Abſcheu vor der Regerſklaverei ſein Erbe aufgiebt und nach vielen Prüfungen in einem ſklavenfreien Staat ſich zu Wohlſtand und Ehre emporſchwingt. Alle Buchbandlungen nehmen vorläufige Beſtellungen auf dieſe Werke an. Man beſtelle dieſelben ausdrücklich mit dem Zuſatze: * Wohlfeilſte Stereotyp-Ausgabe. Leipzig, G. Z. Friedlein. ———————— ——————— von G. H. Friedlein in Leipzig ist durch alle Buchhand- lungen zu erhalten: UNorE ron's 8A23 N POCKREI SIZE, COMPLEIE— 188 PAGES. S Price 1 Thlr. VIIII SLA. POCKEI SIE, COMPLEIE— 152 PA6ES. Price ½ Thlr.. cLaRES rions 6RNUB UNaBRID6RD RDIIIOMW. 3 Beautifully printed in Monpareil, double columns, and stitched in a neat wrapper. 3 — 7. 578 ei ↄcne — S.