Leihbiblivthet von Cdnard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und Veſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Rückgabe der Bücher jeden 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eine pfangnahme und 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, b eines Buches, eine dem Wer e von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: — — 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— auf 1 Monat: 1 Mr.— Pß 1 Vek. 50 Pf. 2N— Pf. 3 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ ünd Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Des Vergnuͤgens, welches die Fuͤrſtin von Oedenburg uͤber den Brief des Gentlemans em⸗ pfand, ungeachtet, verurſachten ihr doch Styn⸗ dalls Aeußerungen uͤber den Religionswechſel einige Unruhe. Sie hatte weder jemals gewuͤnſcht, noch gehofft, daß er der ſeinigen entſagen moͤchte; ſie hatte aber auch nicht die Abſicht, den Ka⸗ tholicismus abzuſchwoͤren; denn ſie wußte ſehr wohl, daß zwei Ehegatten von zwei verſchie⸗ denen Kirchen ſich vereinigen koͤnnen, ohne ih⸗ rem Glauben zu entſagen: ihre Furcht betraf blos die Hinderniſſe, die aus einer ſolchen Mei⸗ nung entſtehen koͤnnten. Doch, ſagte ſie ſich, daß Styndall kein gewöhnlicher Menſch ſei, und daß die Neigung, die ſie ihm eingefloͤst, von allen Vorfaͤllen erprobt waͤre, und erwartete mit Ruhe das Schickſal, das ihr der Himmel III. 1 8 und die Liebe zubereiten wuͤrden. Sie war um deſto leichtet zu beruhigen, da Grundſaͤtze einer weiſen Toleranz mit der Moral des ehrwuͤrdi⸗ gen ulrich ihren Geiſt beſeelt hatten. Als Styndall ſeine Pflicht gegen Emma Riverß erfuͤllt hatte, eilte er nach der Leopold⸗ ſtadt, wo er ſeit einigen Tagen nicht geweſen war. Waͤhrend dieſer Zeit hatte er die Huͤtte der Wittwe Flachsmann, die durch den uͤberge⸗ tretenen Strom weggeriſſen worden war, wieder aufrichten laſſen; das Haus wurde ſchoͤner, dauer⸗ hafter und fuͤr das Geſchaͤft dieſer Frau, das im Waſchen beſtand, ſehr vortheilhaft auf eini⸗ gen Klaftern ihres als Erbgut zugefallenen Landes gebaut, das zwiſchen dem Augarten und dem Prater nach dem Felde zu lag. Die kleine Gertrude und ihre Mutter wurden ohne Geraͤuſch heimgefuͤhrt, doch ward die Fuͤrſtin erſt davon benachrichtigt. Sie vernahm dieſe umſtaͤnde aus dem Munde der Witwe, die hrem Kinde einen Beſuch abſtattete, das nach der Ueberſchwemmung ſo edelmuͤthig aufgenom⸗ men worden war. Friedrichs Ruͤckkehr brachte die Zufriedenheit in den Palaſt von Dedenburg mit. Charlottens Unruhe war verſchwunden. Der Fruͤhling lockte ſie oft auf das Feld hin⸗ 2 „ 3 aus; ſein Arm unterſtuͤtzte ſie, der ihr die Be⸗ wegung heilſam und angenehmer machte; und der Englaͤnder genoß ſeinerſeits einige gluͤckliche Stunden in ihrer Gegenwart. Nur die Baro⸗ nin von Stein verwunderte ſich, daß er nicht förmlich und feierlich um die Hand ihrer Cou⸗ ſine anhalte.»Was wartet er,“ ſagte ſie,„ehe er ſeine Abſichten erklaͤrt? Wir ſind, glaube ich; beide von einem ziemlich guten Stande, um ihm zu entſprechen!“ Aber dieſe freund⸗ ſchaftlichen, freien Aeußerungen wurden durch die Fuͤrſtin bald unterdruͤckt, die aus Schaam ſich nicht in eine ſolche Unterredung einlaſſen konnte. Obgleich der Englaͤnder große phyſiſche Vortheile vor den meiſten Maͤnnern in Wien beſaß, ſo ſchmeichelten doch die Vereinigung der Seelen, die Uebereinſtimmung der Gefuͤhle, das Vergnuͤgen einer immer lehrreichen Unter⸗ haltung und die ſeinen zaͤrtlichen Mittheilungen eigne Milde, Charlotten noch mehr. Es gab Augenblicke, wo ſie in der Ueberzeugung, ſo wie ſie wuͤnſchte geliebt zu werden, nicht einſah, was ſie bei einer Standesaͤnderung gewinnen koͤnne. Blos, um ſich den friedlichen Beſitz des Mannes, der ihr theuer war, zuzueignen⸗ dachte ſie daran, ſich in die Bande der Ehe 1— zu begeben. Ihr Leben an Styndalls Seite zuzubringen war das einzige Gluͤck, wonach ſie trachtete; der Monat April verſtrich ſchnell un⸗ ter den Zerſtreuungen des wieder auflebenden Jahres, eine Zeit die nie in das Leben tritt, ohne es wie die Natur von Neuem zu beleben. Die wieder zum vollen Gebrauch ihrer Kraͤfte gelangte Seele waͤchst unter einem wolkenfreien Himmel. Mit ſtiller Freude wird ſie ſich ihrer ſelbſt wieder vollkommen bewußt; ſie verlangt ſtaͤrker, was ſie will, weil ſie ihre Organe maͤch⸗ tiger fuͤhlt, und feſter ſchließt ſie ſich aus Be⸗ duͤrfniß der Mittheilung deſſen, was ſie bewegt, dem theuern Gegenſtand an. Doch iſt dieſe Jahreszeit vielleicht die grauſamſte von allen fuͤr das Weſen, das ſo unglucklich iſt, mitten in dieſer allgemeinen Harmonie Niemanden an⸗ zugehoͤren. Solchen Gedanken uͤberließen ſich Friedrich und Charlotte beim Anblick der be⸗ lebten Donauufer. Die Arbeiten des Landmanns zogen überall ihre Blicke an. Die Huͤlfe, die ſich auf dem Lande die Bewohner deſſelben Wohn⸗ orts wechſelſeitig leiſten, der Beiſtand, womit die jungen Weiber freundlich ihre Maͤnner, die Kinder mit Wohlwollen ihre Vaͤter unterſtutzen, dieſe Thaͤtigkeit von allem was Leben hat, das 5 allgemeine Bedurfniß, einer Beſtiimmung zu ent⸗ ſprechen, ruͤhrte ihre Herzen. Glucklich Arm in Arm zu wandeln, ſahen ſie mit Verdruß die Sonne gegen den Horizont ſinken; das hell⸗ glaͤnzende Geſtirn ließ ihnen vergebens die Hoff⸗ nung, ſich in einigen Stunden an demſelben Orte und unter denſelben Baͤumen wieder zu befinden. Sie mußten ſich verlaſſen! Warum hatten ſie nicht einen einzigen und gemeinſchaft⸗ lichen Schutzort wie die guten Landleute, die ſie eben verließen? Sie betruͤbten ſich daruͤber, ohne es ſich zu ſagen, aber ein unfreiwilliger Seufzer verrieth ihre Unruhe, und ohne ihr* Wiſſen hatte ihr Abſchied ſogar in ſeiner An⸗ muth und in der Freude auf das morgende Wiederſehn etwas melancholiſches. Ein neues Intereſſe fuͤhrte ihren Geiſt auf die Wiſſenſchaften, die Kuͤnſte und Meiſterwerke, die das Feld des edeln Genuſſes fuͤr den ge⸗ ſelligen Menſchen erweiterte. Winkelmann war den zweiten Mai in Wien angekommen; und dieß war für die Stadt eine merkwuͤrdige Begebenheit. Man ſprach davon in der Akademie, in Belvedere, in der Burg und in den Gaſthaͤuſern. Seinetwegen hemm⸗ ten die Philoſophen den Lauf ihrer Meditatio⸗ nen, und die Gelehrten den ihrer Forſchungen. Ihren Arbeiten entriſſen gingen ſie ohne Zweck aus ihren Wohnungen; ſie ſprachen auf den Straßen mit einander, und hatten ſich doch nichts mitzutheilen; ſtatt aller Fragen erkundig⸗ ten ſie ſich unter einander, ob ſie Winkelmann geſehen haͤtten; und nach Maasgabe ſie der Zufall gut oder uͤbel bedient hatte, erregten ſie Neid, oder erhielten ein Kondolenzcompliment. Niemand bis zum friedlichen Buͤrger herab war in Wien, der ſeit drei Tagen durch das unauf⸗ hörliche Sprechen von Winkelmann nicht mit Erſtaunen erfuhr, daß er weder ein Feldmar⸗ ſchall noch Reichsfuͤrſt waͤre, und der ſich nicht verwunderte, daß ein einfacher Abbe ohne bi⸗ ſchoͤfliche Ehrenzeichen eine ſo große Stelle in den oͤffentlichen Unterhaltungen einnaͤhme. Das war etwas unerhoͤrt Neues. Wien hatte in der That dieß Mal Eingriffe in ſeine Gewohn⸗ heit gethan, ſich nur fuͤr weit maͤchtigere Maͤn⸗ ner zu intereſſiren; und es fehlte wenig, daß man in den vornehmen Haͤuſern nicht ernſtlich boͤſe uͤber eine Bewegung wurde, die ſie nicht verurſacht hatten. Winkelmann befand ſich als Gegenſtand dieſer allgemeinen Neugierde hoͤchſt unwohl: der Ruhm 7 auf dem Boden eines Vaterlandes, das ihm die Hand gereicht hatte, dieſer Ruhm, von dem der Gelehrte gern traͤumt, hatte fuͤr ihn in dieſem Augenblicke keine Reize. Obgleich er ein geborner Preuße war, ſo konnte er doch nicht vergeſſen, daß Wien zu Teutſchland gehoͤrt, und daß man hier eine Sprache ſpricht, deren Laute zuerſt in ſeine Ohren getoͤnt hatten. Aber die Erinnerungen der Kindheit waren erloſchen, oder vielmehr durch eine Unbehaglichkeit verſcheucht; ſie halten keinen Platz in einem Geiſt, der nur fuͤr Rom uud ſeine Monumente lebte. Die Land⸗ ſchaften, die Fabriken, die Luft, der Himmel⸗ Alles lag ſchwer auf dem beruͤhmten Archäolo⸗ gen, der ſeinem lieben Italien entriſſen war. Nichts bis auf die altanfoͤrmigen Daͤcher von Rom, Paleſtrino, Nettuno von Caſtal Gandol⸗ pho, gab es, deſſen Entbehren ihn nicht ſchmerzte: die Daͤcher Wiens beleidigten ſeine Augen und er verzieh ihnen nicht, daß ſie fuͤr ein Klima gemacht ſind, das eine pyramidenfoͤrmige Ge⸗ ſtalt verlangt. Wohl zwanzig Mal hatte er auf der Reiſe, ſeit er Tyrol erreicht, ſeinen Reiſegefaͤhrten, den Bildhauer Cavacappi, ge⸗ beten, mit ihm wieder den Weg nach Rom zu nehmen.„Wir wollen wieder nach Rom zuruͤck⸗ 8 kehren,“ war der beſtaͤndige Ruf ſeiner Unruhe, man koͤnnte ſagen ſeiner Herzensangſt. Nur mit großem Unwillen hatte er die Reiſe nach der Hauptſtadt von Nieder⸗Oeſterreich fortge⸗ ſetzt; von da wollte er durch Krain wieder nach Venedig und ſein Wort nicht halten, das er dem Fuͤrſten von Anhalt, der ihn in Deſſau erwartete, und ſeinem Freunde, Herrn von Stoſch in Berlin, gegeben hatte. Dieſer iſt nicht der beruͤhmte Antiquar von Stoſch in Florenz, deſſen reiches Kabinet Winkelmann durch ſeine Be⸗ ſchreibung ſo beruͤhmt machte. Was von dieſem Entſchluß bekannt wurde, ſchadete Winkelmanns Aufnahme in Wien gar nicht; vielleicht entſprang ſogar zu ſeiner Gunſt eine Verdoppelung von Schmeicheleien und Beifall daraus. Man wußte ihm fuͤr den Vorzug Dank, den er vor dem uͤbrigen Teutſchland einer Stadt verwilligte, die weniger Recht daran zu haben ſchien als mehrere andere Univerſitaͤten, wo die Wiſſenſchaften ſchon mit Erfolg betrieben wur⸗ den, und beſonders die kleine Stadt in der Alt⸗ mark Brandenburg, die Zeuge der Spiele und Sorgen ſeiner Kindheit geweſen war. Die vor⸗ nehmſten Perſonen der Hauptſtadt beſuchten ihn in eigner Perſon oder ließen ſich an der Thuͤre ₰— „ Fei ————— 9 des Herrn Schnidtmeyer, wo er abgeſtiegen war, einſchreiben. Der Kanzler, Fuͤrſt von Kaunitz, dirigirender Miniſter, uͤberhaͤufte ihn beſonders mit Zeichen ſeiner Achtung, und der Baron von Sperges, ſtolz auf den Ruhm ſeines Freundes, gab ſich die Ehre, ihn der Kaiſerin, den Erz⸗ herzogen und den Erzherzoginnen, waͤhrend ihres Aufenthaltes im Schloße Schoͤnbrunn, vorzu⸗ ſtellen und diente ihm als Cicerone in Wien; denn obgleich Herr Caracappi ihn in einer großen Kraftloſigkeit des Geiſtes und Körpers verlaſſen hatte, um ſeinem Vorhaben gemaͤß das uͤbrige Teutſchland zu beſuchen, ſo ſammelte der ge⸗ lehrte Preuße, der immer noch von einer bren⸗ nenden Wißbegierde verzehrt rurde, ſeine uͤbrig⸗ gebliebenen Kraͤfte, um mit ſeinen eignen Augen Alles zu unterſuchen, was die Stadt, die den Nachfolgern der Caͤſaren zur Reſidenz diente, an Monumenten enthielt. Eines Abends waren die beiden Gelehrten von ihren Streifereien weniger als Abends vor⸗ her ermuͤdet, und der Stifter der Akademie der Reichen fuͤhrte ſeinem Verſprechen nach, Win⸗ kelmann in den Palaſt der Fuͤrſtin von Oeden⸗ burg. Man erwartete ſie daſelbſt; aber als der Rame des Gelehrten an der Thuͤre des 10 Saals ausgeſprochen wurde, ſtanden doch alle Freunde der Fuͤrſtin, Maͤnner und Weiber, un⸗ willkuͤhrlich auf, und alle Blicke richteten ſich nach der Seite hin, wo er erſcheinen ſollte. Charlotte ſelbſt gab das Beiſpiel der Huldigung, die Gluͤck und Schoͤnheit dem Genie ſchuldig ſind. Auch verdiente in der That Niemand mehr als dieſer beruͤhmte Reiſende mit ſolcher Auszeichnung von einer der liebenswuͤrdigſten Perſonen des deutſchen Reichs behandelt zu werden, weil Winkelmann unter allen alten und neuen Schriftſtellern, die uͤber Kunſt geſchrieben haben, ohne Widerſpruch dieſer Wiſſenſchaft der Grazien am Meiſten geopfert hat. Dadurch eigentlich empfiehlt er ſich auch ſeinen Leſern. Das warf Styndall eben hin, als der ge⸗ lehrte Abbe hereintrat. Er war von Kopf bis zum Fuß ſchwarz gekleidet. Seine braunen kurz geſchnittenen Haare liefen hinter den Kopf, der oben entbloͤßt zu ſein ſchien und ſeine Verbind⸗ lichkeit zum geiſtlichen Stande anzeigte. In ſeiner Tracht war etwas einfaches, ja vernach⸗ laͤßigtes, welches jedoch nicht mißfaͤllig war. Charlotte erkannte ihn ſogleich, wie ſie ſpaͤter bezeugte, und wurde inne, daß die Zeichnung, 11 die ihr der Gentleman gemacht, dem beruͤhmten Fremden bei ihr nicht geſchadet hatte. Dieſer naͤherte ſich ſogleich dem Dichter der Didone abandonnata. Sie hatten ſich ſchon einige Mal in Italien geſehen, wohin ſonſt der Dichter von Zeit zu Zeit Reiſen machte; und ungeachtet ihres verſchiedenen Alters(Meta⸗ ſtaſto war damals neun und ſechzig und Win⸗ kelmann beinahe funfzig Jahre alt) hatte die merkwuͤrdige Gleichheit ihrer Schickſale einen zu dem andern gezogen. So wie der funfjaͤh⸗ rige Knabe des Soldaten Trapaſſt zu Rom ſein Gluͤck durch ſeine harmoniſche Stimme machte, als er auf dem Markte Vallivella Stanzen ſang und einen Barbier und den Rechts⸗ gelehrten Gravina in Bewunderung ſetzte, ſo verdankte auch der preußiſche Archaͤolog bei ſeinem Abgang vom Gymnaſium ſeinen Lebens⸗ unterhalt dem Praͤfektenamt der Chorſchüler, die um einen geringen Lohn ihre Motetten in den Straßen von Stendal ſangen. Nach dieſen Epiſoden, die in jeder etwas zahlreichen Geſellſchaft nach den gebraͤuchlichen Complimenten folgen und der allgemeinern Un⸗ terhaltung vorangehen, ließ man ſich nieder und ſprach von Rom und Italien, dann von Athen 12 und Griechenland. Dann kam man auf die Frage von dem Schoͤnen in der Kunſt. Da⸗ hin wollte Charlotte Winkelmann haben, uͤber dieſen Gegenſtand ihn zu hoͤren, wuͤnſchte ſie weit mehr, als ihn in eine Abhandlung uͤber die mehr oder weniger beſtrittene Glaubwuͤrdig⸗ keit einer Antike zu verwickeln. Man unterhielt ſich italieniſch, der gewoͤhn⸗ lichen Sprache faſt aller Bewohner des Palaſtes von Oedenburg, und die als ausdrucksvolle Sprache den Gedanken des Genies am beſten entſpricht, zumal wenn es von den Werken großer Meiſter entflammt iſt, oder ſich von der Betrachtung, in die es verſunken war, wieder erhebt, um den preſſenden Gefuͤhlen freien Lauf zu machen.„Sie haben,“ ſagte Charlotte von Oedenburg,„die ſchoͤnen Statuen im Original geſehen, die nur wenige Liebhaber durch die minderwerthen Copien Ihrer koſtbaren Beſchrei⸗ bung kennen, gehoͤren der Laokvon, der Torſo, der Apoll von Belvedere, der Apoll Sourok⸗ tonos, den Sie, wenn ich mich nicht irre, in die erſte Reihe dieſer Meiſterwerke ſetzen, die Venus von Florenz, die Niobe, die beiden Her⸗ kules, der Bacchus, der Antinous, die jenen unmittelbar nachfolgen, gehoͤren ſie einer uͤber⸗ menſchlichen Schoͤnheit an, oder ſind ſie nur der Ausdruck einer ſo gluͤcklich gewaͤhlten Na⸗ tur, daß ſie in dieſer Vollkommenheit ſelten wiederholt werden konnte? Das wuͤnſchte ich, Herr Abbe, gern aus Ihrem Munde zu hoͤren. Wenn Sie noch zu Ihrer Meinung etwas Be⸗ ſtimmtes uͤber die alte Schoͤnheit, die Sie ſo gut ſtudirt haben, hinzufuͤgen wollten, ſo wuͤr⸗ den Sie das Recht, das Sie an unſere Dank⸗ barkeit haben, noch ſehr vergroͤßern. Sie haben in Ihrer Geſchichte der Kuuſt mit einer Erha⸗ benheit des Styls und der Gedanken geſprochen, das wiſſen wir: aber da wir nun den Meiſter geleſen haben, wird es uns ſehr lieb ſein, wenn er ſich mit ſeinen Schuͤlern unterhalten wollte. Der Unterricht des beruͤhmten Winkelmann wuͤrde dann nicht vergeſſen werden, ſo wenig als ſeine Reiſe nach Wien, die tiefe Spuren in den Gemuͤthern zurucklaſſen wird.“ Der Gelehrte erroͤthete leicht, neigte ſich und erwiederte, von tiefem Stillſchweigen um⸗ geben: „Der zweiten Aufforderung Ihrer Hoheit muß ich meiner Meinung nach ſogleich Genuͤge leiſten; denn ehe ich von materiellen Vorſtellun⸗ gen der Schoͤnheit zu reden anfange, geziemt 14 ſich's zu wiſſen, ob ſie vorhanden iſt, was ſie iſt, und wo man ſie faſſen muß. Die Anord⸗ nung des Princips davon wird an den un⸗ ſterblichen Werken, die Sie ſo ſchoͤn ordnen, leichter werden. So bald man ſie der Regel naͤhert, werden ihre Beziehungen mit ihr an⸗ ſchaulicher.“ 6 ½ Die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft ſtieg, Winkelmanns Zuͤge belebten ſich ſo ſehr, daß ſeine ganze Phyſtognomie nicht ohne Anmuth erſchien. Er fuhr fort: „Es iſt leichter zu ſagen, daß die Schoͤn⸗ heit nicht iſt, als was ſie iſt. Die Krankheit erklaͤrt ſich in der That leichter, als die Geſund⸗ heit; der Verdruß beſſer als die gewoͤhnliche Zufriedenheit der Seele; und da die Schoͤnheit das Reſultat jener Harmonie iſt, die der Schoͤ⸗ pfung organiſcher und unorganiſcher Weſen vorſtand, ſo kann man ſagen, daß dieſe Schoͤn⸗ heit ihr natuͤrlicher Zuſtand iſt, ſo wie genau genommen, die Geſundheit und die Zufrieden⸗ heit der unſrige ſein ſollte; und hieraus ent⸗ ſpringt die Schwierigkeit, ſie zu erklaͤren. Die Schoͤnheit iſt ein unerklaͤrliches Band der Weſen. Ein Guͤrtel voll Reiz, von Homer ſo ſchoͤn beſchrieben, der eines an das andere * 15 reißt, und ſie in das Reich der Ideen ber⸗ ſchlingt; und ſo ſtimmen ſie uͤberein und be⸗ ſtimmen wechſelſeitig ihren Werth durch Aehn⸗ lichkeiten, oder durch Contraſte in der Materie. Sie iſt demnach das große Geheimniß der Na⸗ tur, und da ſie ſich doch in den erſchaffenen Dingen befindet, ſo kann man ſie auſſer ihnen nicht ſuchen. Wie in Bezug auf uns der Zuſtand des Gluͤcks(d. h. die Abweſenheit des Schmerzes und der Beſitz des Vergnuͤgens) uns am we⸗ nigſten zu erlangen koſtet, und was das Schick⸗ ſal der Menſchen am freiwilligſten zutheilt, eben ſo ſcheint die Idee der vollkommenen Schoͤnheit unter allen, die der Einbildungskraft angehoͤren, am leichteſten zu faſſen, weil man dazu weder philoſophiſche Kenntniſſe noch tiefes Nachforſchen uber die Leidenſchaften der Seele, noch Studium uͤber ihre Aeuſſerungen braucht. Wenn dieſe unſern Blicken gefallen, ſo wird die Seele ſich ihrer bewußt; ſie erklaͤrt nicht, ſie begnuͤgt ſich zu beſitzen und zu genießen; der Geſtalt nach iſt ſie gluͤcklich, weil ſie ohne Unruhe weiß, daß ſie vorhanden iſt, und zwar durch das Schoͤne ſelbſt, wovon ſie das Ge⸗ fuͤhl hat. 16 einer Anſicht nach wird die Schoͤnheit in einem abſtrakten Sinne genommen, unbeſtimmt ſein; wenn wir ſie in einem wirklicheren Sinne auf das ideale Leben, oder darauf, wodurch es repraͤſentirt wird, anwenden, wird ſie uns in einem Zuſtande der Ruhe erſcheinen, der jeden ſie nicht veraͤndernden Ausdruck anzunehmen bereit iſt, ohne jedoch einen ſolchen zu uſſern. Nicht Unbeweglichkeit, nicht Traͤgheit iſt es, was ich von ihr verlange. Ich will ſie wie das Meer bei ruhigem Waſſer und klarem Him⸗ mel. Von Weitem ſcheint es eine vollkommene ebene Oberfläͤche, ein Spiegel ohne Hoͤhen und ohne Vertiefungen: Treten Sie mit aufmerk⸗ ſamen Augen naͤher, und Sie werden tauſend Dinge entdecken, die die Gegenwart der innern Bewegung bezeugen. So kann der Beobachter bei einer ſchoͤnen Antike im Schoos der Ruhe, die Spur des Lebens, den Eindruck eines Ge⸗ fuͤhls und den Charakter eines herrſchenden Gedankens entdecken; dies iſt ein durchſichtiges Waſſer, an dem Ort geſchoͤpft, wo es am rein⸗ ſten, am ruhigſten iſt, vielleicht der Quelle am nüchſten; aber dieſes Waſſer ſpiegelt Staͤdte, Doͤrfer, Felſen, Baͤume und Heerden ab, die an ſeinem Ufer ſind. Es ſchafft die Erſchei⸗ nungen des Lebens, durch die es rinnet, aufs Neue. Wir kommen zu einer ausgedehnteren An⸗ wendung des Princips; die univerſelle Schoͤn⸗ heit hat nichts Ausgezeichnetes in unſern Au⸗ gen, nichts Individuelles und alſo Beſtimmtes, daß ſie in einem Kreis eingeſchloſſen ſei, deſſen Grenzen zu bezeichnen, uns moͤglich ware. Dennoch bildet ſie ſich in uns aus der gegen⸗ waͤrtigen Erinnerung einer gewiſſen Anzahl be⸗ ſonderer Erkenntniſſe, an die wir die Zuruͤck⸗ rufung ſo vieler Vollkommenheiten geknuͤpft haben. Dieſe Sammlung von Erkenntniſſen, wenn ſie richtig, gut verbunden, gut erklaͤrt ſind, und zu gleicher Zeit wieder erwachen, giebt uns die hoͤchſte Idee von der Sicherheit im Allgemeinen, und durch ihre theilweiſe Wie⸗ derkehr von der menſchlichen Schoͤnheit, eine Idee, die wir noch mehr zu erhoͤhen und reiner zu machen, nach den geraden Verhaͤltniſſe unſe⸗ rer Faͤhigkeit, uns uͤber die Materie zu erhe⸗ ben, im Stande ſind. Denn da die Schoͤnheit, ihrer Vortrefflichkeit wegen, in Gott wohnt, ſo muß der Begriff dieſes unausſprechlichen We⸗ ſens, die Allgemeinheit der Zeichen, die ſie uns vorſtellen, in unſern Gehirn in Bewegung ſetzen. MI. 2 18 Je groͤßer das Verhaͤltniß iſt, in welchen ſie ſich bewegen, wenn es die menſchliche Bildung betrifft, deſto auffallender iſt noch die Naͤherung dieſer an die hoͤchſte Schoͤnheit, die ſie mit ihrem urſpruͤnglichen Vorbilde zu bezeichnen gewuͤrdigt hat. Daraus folgt, daß die Idee der Schoͤnheit, um erfuͤllt zu werden, zahlrei⸗ chere Bedingungen bei der Nation erfordert, die ihren Verſtand ausgebildet hat, als bei der, die ſich begnuͤgt, den ſtrengſten Nothwen⸗ digkeiten ihres organiſchen Lebens zu gehorchen. Dadurch ſelbſt, daß die Idee der Schoͤnheit, von der Idee Gottes unzertrennlich iſt, iſt ihr vollkommenſter Begriff, im Verhaͤltniß der Nach⸗ ahmung des Erzeugniß des Geiſtes, der ſich ein Weſen vorzuſtellen ſuchte und aus dem Stein, oder auf der Leinwand in der moͤglich⸗ ſten Uebereinſtimmung mit ſeinem urſpruͤnglichen Schoͤpfer hervortreten ließ. Man bemuͤhte ſich, daſſelbe dem Bild der erſten vernuͤnftigen Krea⸗ tur nachzuformen, das man ſich nach dem Willen der goͤttlichen Einſicht als lebend denkt. Die nach dieſem Entwurf ausgefuͤhrten Formen werden einfach, vielfaͤltig und gleichartig ſein, und da ihre Verſchiedenheit, ſo zu ſagen, von einem Band der Einheit umſchlungen wird, ſo — ——,—— — — ———— „— 19 werden ſie ſich in den harmoniſchen Bezichun⸗ gen die Wage halten. In der That, ſind die Einheit und Einfachheit in einem Ganzen von verſchiedenen Organen, die vornehmſten Quellen der Schoͤnheit, da Gott nur allein ihr Vorbild in Hinſicht ſeiner vollkommnen Einheit iſt. Die Einheit der Gefuͤhle und der Gedanken, ſo weit ſie ſich im Menſchen verbreiten kann, wird immer fuͤr ſeine ſchoͤnſte Zierde gelten, und zwar dem Geſetze zu Folge, daß es uns erlaubt iſt, das Erhabene in Thaten und in Worten zu erſtreben. Denn jeder Bruch oder Sprung des geiſtigen Lebens iſt darin ein Zeichen von Unvollkommenheit; ſo daß in dem ſchoͤnſten Werk der Bildhauerkunſt, trotz der anatomiſchen Genauigkeit des Einzelnen, ein Mangelein wuͤr⸗ de, wenn die untern Glieder nicht als eine wohl benutzte Fortdauer des Rumpfes erſchienen.« Ein ſchmeichelhaftes Beifallsmurmeln gab dem beredten Archaͤologen Zeit, von ſeiner Inpro⸗ viſation auszuruhen. Man bezeugte ihm, wie ſehr man mit den Umriſſen ſeiner hohen An⸗ ſichten, die er ſo eben ausgeſprochen, zufrieden waͤre. Als erſte Huldigung empfing er die Gluͤckswunſche der Frauen. Die ſchoͤne Fuͤrſtin von Boucquvi, Tochter des Grafen von Panl, 2— 20 ſagte zu Jedem in ihrer Naͤhe, daß man ſich uͤber einen ſo oft abgehandelten Gegenſtand nicht mit ſolcher Neuheit der Ideen und dieſer Zierde der Rede ausdruͤcken koͤnne, ohne die Wahrheit gegeben zu haben. Die Fuͤrſtin von Lichtenſtein und Eſterhazy dankten ihrer jun⸗ gen Freundin, ſie zu einem ſolchen Feſte einge⸗ laden zu haben, und Charlotte von Hedenburg bekannte, daß ihre Seele⸗ waͤhrend Winkelmann uͤber die Schoͤnheit geſprochen habe, zu einer hoͤhern Sphaͤre fortgeriſſen worden ſei. Die andern Zuhoͤrer ſparten ebenfalls ihre Lobſpruͤche nicht. Die von Jameray Duval und Styndall, waren ſo, wie ſie einem Manne von Verdienſt zu geben ſich geziemt, aber Noverre und Metaſtaſio waren ganz Ausdruck! Die italieniſche Begeiſte⸗ rung des Abbe, that ſich durch die Beweglich⸗ keit ſeiner Zuͤge und durch den belebten Ton ſeiner Stimme kund, waͤhrend die gluͤhende Einbildungskraft des franzoſiſchen Tonkuͤnſtlers ihn in dieſem Augenblicke wuͤrdig machte, dem⸗ ſelben Vaterlande anzugehoͤren. Haydn ſchien in ſeiner ſůßen Entzůckung einer ſchoͤner Vokal⸗ muſik beizuwohnen. Einen ruhigern Beifall konnte man aus der ernſthaften Geſtalt des Baron Holger leſen, waͤhrend ſeine Toͤchter in 21 ihrer Bewegung ſich die Haͤnde druͤckten; der Ba⸗ ron von Sperges rieb die ſeinigen ſtillſchweigend und freute ſich, ſeinen Freunden das Gluͤck ver⸗ ſchafft zu haben, Winkelmann zu hoͤren. In die⸗ ſer Trunkenheit wurde der Archaͤolog nicht ge⸗ wahr, daß der Doktor van Swieten in einem Winkel boshaft laͤchelte; durch dieſen Beifall auf⸗ gemuntert, nahm Winkelmann das Wort wieder: „Ich muß in eine deutlichere Erklaͤrung der Begriffe eingehen, die ich ſo eben vorgetra⸗ gen habe, und denen Sie Ihren Beifall zu ſchenken, die Guͤte gehabt haben. Wenn ſie einigen Vorurtheilen entgegen ſind, ſo hoffe ich wenigſtens, daß man die Grundſaͤtze, die ihnen zur Baſis dienen, nicht ſtreitig machen wird.“ Kaum hatte er dieſe Worte geſprochen, als das Stillſchweigen im Saale wieder hergeſtellt war. Man legte es ſich um ſo lieber auf, als niemand auf dieſe Fortſetzung des Genuſſes gerechnet hatte. Jeder ging an ſeinen Platz zuruͤck. Van Swieten blieb allein ſtehen und betrachtete einen neulichſt in Rahmen gefaßten Kupferſtich, den Raphael Morghen*) vor kur⸗ *) Dies iſt ein großer Anachronismus. Raphael Morghen wurde erſt 1758 zu Neapel geboren. zem nach Raphael Sanzio geſtochen hatte; man gab darauf nicht acht, obgleich ſich der Doktor mit viel Laͤrm ſtellte, als ſei er vom Schnupfen ſehr beſchwert. „Ich ſagte«, fuhr Winkelmann fort,„daß in der Schoͤnheit ein Geheimniß liegt, wie der urſpruͤnglichen Idee des weiten Schoͤpfungs⸗ plans angehoͤrig, vielleicht als Grundſtein einer noch unſichtbaren Ordnung der Dinge. Dies Geheimniß erſchließt ſich nicht allen vernunft⸗ begabten Weſen. Sehr wenige durchdringen es, aber alle ahnen es in verſchiedenen Stu⸗ fen, die ſich durch das Maas beſtimmen, wo⸗ nach die Zuͤge des Schoͤnen in den Augen eines Jeden verbreitet ſind, ſei es auf der Ober⸗ flaͤche der Erde oder auf dem Menſchenge⸗ ſchlechte, das das trefflichſte Werk derſelben iſt. Obgleich die Regionen, in denen das Vor⸗ bild des Schoͤnen regiert, ungeheuer ſind, ſo ſind ſie doch auch in Bezug auf das Ganze ſehr eingeſchraͤnkt. Die Gewohnheiten und das Winkelmann war 1768 in Wien. Morghen war alſo damals 10 Jahr alt und konnte unmoglich damals ſchon eines ſeiner Meiſterſtuͤcke geliefert haben. Der Ueberſetzer. 23 Klima tragen maͤchtig dazu bei, es zu erhal⸗ ten. Gewiß ſind die Georgierinnen, und die Cirkaſſierinnen, die die Serails des Orients bevoͤlkern, ſehr ausgezeichnete Geſchoͤpfe; aber ſie ſchmachten in den Harems von Aſien, wo fuͤr ſie alle Freiheit erloͤſcht, und ihre Nach⸗ kommenſchaft entartet dort noch mehr. Auch die Muſelmaͤnner nehmen zu dieſer Pflanzſchule ſchoͤner Weiber ihre Zuflucht, die am Fuße des Kaukaſus in Griechenland, im Archipel, unerſchoͤpflich ſcheint. Die Joniſchen Geſtalten verdienen immerfort ihre Beruͤhmtheit. Milet wuͤrde eine andere Aspaſia einem andern Athen liefern. Die Gegenden von Trapani und des einſt der Venus geweihten Berges Eryr beſitzen noch Jungfrauen, wuͤrdig die Altaͤre dieſer Goͤttin zu bedienen, obgleich jetzt dort das Elend gegen den milden Einfluß des Himmels kaͤmpft. Italien und Großgriechenland ſind ſtets das Land ſchoͤner menſchlicher Geſtalten geweſen. In den untern Klaſſen Roms herr⸗ ſchen jetzt mehr Sitten, als in den erſten des Volks. Die Weiber tragen vorzuͤglich dort ſtets die Zuͤge eines erhabenen Charakters. Uebrigens iſt das urſpruͤngliche Vorbild ſelten großen Veraͤnderungen unterworfen, und ich 24 koͤnnte in anderer Beziehung das auf alle andere Laͤnder anwenden, was man über die Juden bemerkt hat, denen, trotz ihrer Zerſtreuung in alle Theile der Welt, ihre Habichtsnaſen geblie⸗ ben ſind. Warum ſcheint den Kuͤnſten eben ſo ein privilegirter Boden ſeit der Welt Urſprunge angewieſen zu ſein? Warum haben die Englaͤn⸗ der bis jetzt nicht ein einziges Genie, das ſich in der Malerei, in der Bildhauerkunſt oder in der Muſik ausgezeichnet haͤtte?“ Alle Augen richteten ſich auf Styndall; ſein aufmerkſames Geſicht zeigte, es ſei ihm leid ein einziges Wort des beruͤhmten Gelehrten zu verlieren. Er ſchien ſchon uͤber eine Widerle⸗ gung nachzudenken, bei der ſeine National⸗ Eigenliebe betheiligt war. „Warum,“ fuhr der Archaͤolog fort,„zaͤhlen die Franzoſen wenig Kuͤnſtler, die denen Grie⸗ chenlands und Italien gleichkaͤmen. Unter an⸗ dern Uurſachen ſchreiben ſie ihrem Klima dieſe Ungunſt zu, die ſie mit Teutſchland theilen, wenn nicht der Geſchmack der Muſik von den Alpen und von Tyrol in unſer ungebildetes Teutſchland herabgeſtiegen iſt. Man kann im Allgemeinen ſagen, daß dieſe Gegenden nicht 25 die ſchoͤne und edle Regelmaͤßigkeit des urbildes beſitzen, das die beiden Griechenlande ererbten. Da die Muſter von geringerm Werthe ſind, ſo muͤſſen die Copien an demſelben Mangel leiden. Wo der Kuͤnſtler nicht durch das Gefuͤhl des ſichtbar Schonen begeiſtert wird, konnen Mar⸗ mor und Erz das Geprage desſelben nicht annehmen. Die Weiber des groͤßten Theils von Europa zeichnen ſich dennoch durch einen ſehr ausdrucksvollen Kopf und einer Menge Annehmlichkeiten aus. Aber bemerken Sie wohl, daß der Kuͤnſtler, der die und jene Grazie in Bewegung nachahmen will, faſt immer in die Manier gerathen muß, welcher Gefahr die alten griechiſchen Kuͤnſtler nicht ausgeſetzt waren. Daher kommt es, daß in unſerm Europa wie bei den Landleuten eine ſchoͤne Geſtalt, die nach den großen Grundſätzen der Kunſt gebaut und mithin mehr erhaben als anziehend iſt, weit weniger als eine viel gemeinere, aber dabei lebhafte und bewegte Geſtalt gefallen wird. Manche Natur mag noch ſo erhaben ſein, grobe Sinne werden ſtets die vorziehen, die mit ihnen uͤbereinſtimmend iſt. Zwei Wege ſtehen den Kuͤnſten der Nach⸗ ahmung offen, wenn ſie vom allmaͤchtigen Ein⸗ 26 fluſſe der Sitten und vom Klima unterſtutzt werden; oder ſie haben vielmehr dann zwei Wege zur Darſtellung der Gegenſtaͤnde zu be⸗ treten. Die Schoͤnheit, die ſie auf die Lein⸗ wand bringen, oder durch die Geſtaltung des Marmors ins Leben rufen wollen, iſt indivi⸗ duell, das heißt, ſie gehoͤrt einem einzigen In⸗ dividuum an, oder collectiv das heißt, eine Aus⸗ wahl ſchoͤner Theile verſchiedenen Individuen erborgt. Denn in den einzelnen Theilen bietet uns die Natur eben ſo große Schoͤnheiten als die Kunſt, weil ſich die Kunſt nur mit dem, was ſie entwendet, bereichern kann. Aber in Bezug auf das Ganze wird die Kunſt, die nach Weiſe der von Blume zu Blume gezogenen Biene ein entzuͤckendes Werk zuſammenſetzen kann, indem ſie ihre Theile aus dem Weltall nimmt, ſtets uͤber die Natur ſiegen, die einer einfachen Einheit eines Gegenſtandes, ſo vor⸗ trefflich er auch ſein mag, unterworfen iſt, und das iſt das, was man das ſchoͤne Ideal nennt. Es giebt noch eine andere Art Ideal, worin die Alten excellirten, wenn wir nach der kleinen Anzahl ibrer Meiſterwerke urtheilen, die der Verwuͤſtung der Barbaren entgangen ſind, dieß M wuͤrde den weiten Begriff eines Weſens dar⸗ ſtellen, deſſen faſt unbeſtimmte und wenig ent⸗ ſchiedene Formen in ihrer grazioͤſen Bildung ſich eher von der Materie loszuringen, als von ihr abzuhangen ſcheinen. Ganymed und Bacchus mußten zwiſchen Mannbarkeit und Jugend ge⸗ halten werdenz dieß iſt die Art den Geiſt in Ungewißheit zu laſſen, welche Abſicht ſie beſeele; man findet darin das ſanfte Gepraͤge und den angenehmen Ton einer reineren Natur, weniger den Schwachheiten unterworfen als die unſriges ſie iſt dadurch beſſer vorbereitet, ſich ihrem himmliſchen Urſprung wieder zu nahen. Dieß verdient einige Aufklaͤrung: Der Inſtinkt der Weſen, die in ſich ſelbſt zuruͤckzukehren faͤhig ſind, ſtrebt ohne Aufhören, die Sphaͤre der moͤglichen Ideen vor ſich zu erweitern. Er treibt ſie dazu mit aller Kraft ihres gluͤhenden Verlangens, ſobald er ſie mit neuen und ſchoͤnen Anſichten erfuͤllt hat, fuͤr die ſie immer leicht einzunehmen ſind, und waͤren ſie auch nur allein ſein Werk; die, von der wir reden, gehoͤrt zu dieſer Zahl. Vielleicht verdankt ſie ihren erſten Zug der Philoſophie oder einer Dichtkunſt, die ſich mit Geſtalten einer himmliſchen Ordnung in einem Lande be⸗ 28 ſchaͤftigt, wo die der Erde ſchon viele Reize beſaßen. Die großen Kuͤnſtler, denen es zu⸗ koͤmmt, die phyſiſche Schoͤpfung zu verbeſ⸗ ſern, und uͤber die intellectuelle Schoͤpfung zu ſchalten, obgleich ſie weniger daran denken, die Seele zu befriedigen als vielmehr den Sinnen zu ſchmeicheln, bemaͤchtigten ſich dieſer Ele⸗ mente einer Natur, uͤber die ſie ſich der Herrſchaft noch nicht bewußt waren. In ihrer tiefen Ent⸗ zuͤckung trachteten ſie die Sproͤdigkeit des Stoffes zu baͤndigen, um ihn mit ihren Gedanken zu durchdringen. Nach mehreren Verſuchen gelang es ihrem Meiſſel, ihm ein Gefuͤhl von Leben zu geben, weniger fuͤr die Zufaͤlle buͤrgend, die das unſrige anfallen, vieheicht auch von den Organen weniger abhaͤngig, und der leichten Flamme vergleichbar, die aus dem Brennſtoff entſtanden ſich Augenblicke lang davon losringt, und ihm nicht mehr anzugehoͤren ſcheint. Sie gaben ihren Zeitgenoßen Gottmenſchen zur Ver⸗ ehrung, ſchoͤner als Menſchen und anziehender als die Goͤtter, von denen man bis dahin nur ein unvollkommenes Bild entworfen hatte; ſo kraͤftig wurden ihre Umriſſe, ihre Linien wellen⸗ foͤrmig, und ſolch ruhige Grazie athmete ſchon in ihren Bewegungen. Man fuͤhlt, daß es 29 ſolchen Weſen moͤglich ſein kann, wenn ſie auch nicht ganz den Geſetzen der Schwere entgehen, doch wenigſtens wirken, und mit der Schnelle der Begeiſterung, die ſie ins Leben rief, ſich fort⸗ zubewegen; man ſah einen Ausfluß goͤttlicher Harmonie und erhabener Schoͤnheit darin. Wenn die Seele des Zuſchauers den ihr offenen Weg betrat, nahm ſie an der begeiſterten Glut des Fuͤnſtlers Theil. Sie erhob ſich mit den Ge⸗ bilden, denen das Talent Leben einhaucht, zu der hohen Region, die ſie zuruͤckforderte und von wo ſie herabgekommen zu ſein ſchienen. Eine ewige Jugend in Verbindung mit der Un⸗ wandelbarkeit des großen Weſens, eine ſchlanke aͤtheriſche Leibesgeſtalt, in der man aber eine reiche Tugend entdeckte, den Ausfluß der ſchaf⸗ fenden Handlung, wodurch die Gottheit ihre Werke verewigt, bezauberten die Blicke. Beim Anblick ſolcher Meiſterwerke wußte man nicht, ob man auf der Erde oder im Himmel war. Aus der Werkſtaͤte ging dann dieſes Ideal hervor, wanderte in die alten Sitten, von denen die unſrigen Eindruͤcke empfingen, und ich be⸗ haupte, es wird in alle Wiſſenſchaften der Welt eindringen. Warum wollen wir, mit einer un⸗ zarten Natur vereinigt, aber mit moraliſchem 30 Sinn begabt, der ſie verbeſſern kann, dem Men⸗ ſchen vorwerfen, daß er ſich einen Augenblick lang in einem der Vollkommenheit naͤhern Zu⸗ ſtand, zu dem ihn ſtets ſeine Sehnſucht zieht, umſehen wollte?“ 26. Der Abbe Winkelmann ſchwieg. Die Be⸗ wunderung, die das Vergnuͤgen ihn zu hoͤren zugleich erregt und zurückgehalten, brach von Seiten der Zuhoͤrer, die ſich ſehr gelehrig ge⸗ zeigt hatten, mit einer Exploſion hervor. Die Weiber, außer der Baronin von Stein, waren ſanfter geruͤhrt; van Swieten betrachtete ſie deshalb daruͤber mit einem grinzenden Laͤcheln. Man ſagte dem beruͤhmten Archaͤologen uͤber die neue Erklaͤrung der Schoͤnheit und uͤber ſeine Anwendung derſelben auf die Kuͤnſte viele Artigkeiten. Nach einigen leichten Einwendun⸗ gen, die Styndall in Form eines beſcheidenen Zweifels entgegenſetzte, und auf die Winkelmann ſeinem Syſteme entſprechend antwortete, ent⸗ fernte er ſich mit dem Baron von Sperges. Sein ganzes Weſen ſchien zu leiden, aber mehr von einem moraliſchen, als von einem phyſt⸗ ſchen Kummer. Da es noch nicht ſehr ſpaͤt war, als er ſich wegbegab, ſo kam die Unterredung von ſelbſt wieder auf den Gegenſtand, den der gelehrte Preuße behandelt hatte. Man war ganz er⸗ ſtaunt, den Praͤſidenten der mediziniſchen Aka⸗ demie, der bisher außer dem Geraͤuſche ſeines Schnupfens ein ſtrenges Stlllſchweigen beob⸗ achtet hatte, Charlottens Freunde folgender Maaßen unterbrochen zu hoͤren: „Trotz der Enthuſiaſten, die der Abbe hier gelaſſen hat, hoffe ich, meine Damen, daß keine von Ihnen von dieſem Gaukelwerke, und von allen den Widerſpruͤchen, die ſich darinnen fin⸗ den, bethoͤrt worden iſt!“ So ſehr auch die Freunde des Palaſtes von Oedenburg an die wunderlichen Einfaͤlle des Doktors van Swieten gewoͤhnt waren, ſo zog doch dieſer die Aufmerkſamkeit aller anweſenden Perſonen an und die Fuͤrſtin bezeugte ihr Miß⸗ fallen daran, ohne daß der Bataviſche Hippo⸗ krates daran geruͤhrt wurde. »Ich wuͤnſche gern zu wiſſen“, fuhr er fort,„wie unſer Antiquitätenliebhaber die ein⸗ fachſten Krankheiten erklaͤrte, wie er beim An⸗ fang ſeiner Rede die Kühnheit hatte, zu verſu⸗ chen, da kaum das ganze Leben eines ausuͤben⸗ 32 den Arztes hinreicht, zur Kenntniß der Dia⸗ gnoſe und Prognoſe zu gelangen? Nach ihm giebt es nichts leichteres, als ſich in dieſer Welt eine vollkommene Gluͤckſeeligkeit zu verſchaffen. Beim heiligen Kosmus! das iſt das erſtemal in der Welt, daß ich mit meinen Ohren ſolche Reden anhoͤren muß, ohne daß man nicht dem⸗ jenigen, der ſie vorbringt, ins Geſicht lacht! Wenn er ſo viel Gluͤck hat, ſo kann er uns etwas davon abtreten und bei der Ehre Zoͤg⸗ ling des großen Boerhaave zu ſein, ich, Ger⸗ hard van Swieten, verſpreche ihm, daß es ihm nicht an Kunden fuͤr ſeine Waare fehlen ſoll! Aber nein; an ſeiner Miene ſieht man wohl, daß es um den armen Teufel nicht beſſer, als um unſer Einen ſteht. Wohl aber im Gegen⸗ theil, oder ich muͤßte mich ſehr irren, wird dieſer Mann, ehe ſechs Wochen vergehen, in eine Krankheit fallen. Und mit welchem Tone ſpricht er uns nicht von der Schoͤnheit mitten in ſeinem Wahnſinn! bald will er ſie unbe⸗ weglich, bald bildet er ſie aus Stuͤcken und Klumpen. Zum Henker! ſo macht die Natur nicht die ſchoͤnen Maͤnner und die ſchoͤnen Weiber! Sie nimmt nicht ein Glied hier, und ein anderes dort. Sie ſchmelzt zuſammen, 33 und ihr Werk denkt, geht, handelt, alles aufs beſte. Und dann bedarf unſer Gelehrter Koͤr⸗ per, die ſich keiner muͤhſeligen Handlung des Lebens zu entledigen brauchen, die bereit ſind, in die Luͤfte zu fliegen, wohin er ſich ſelbſt unfehlbar ſchwingt wie Ariſtophanes in den Wolken. Gerathen Sie immer in Entzuͤckung, wenn Ihnen das gefaͤllt, meine Damen. Es iſt Ihnen erlaubt! Was mich betrifft, ich ver⸗ lange von Ihnen nur meine Bewunderung fuͤr etwas Beſſeres aufbewahren zu duͤrfen.« Man lachte, und erzuͤrnte ſich im Saale den verſchiedenen Eindruͤcken gemaͤß, die die Albernheit des Doktors hervorbrachte. Er wurde umringt, mit Einwendungen angegriffen, ſeine Unwiſſenheit in der Malerei, in der Bild⸗ hauerkunſt, in der Poeſie und Muſik wurde ihm vorgeworfen. Noverre, Metaſtaſio und ſelbſt Haydn, ohngeachtet ſeiner gewoͤhnlichen Sanftmuth im umgange, griffen ihn von Allen am lebhafteſten an. Wie ein in die Enge ge⸗ triebener Eber plotzlich wüthend entwiſcht, in dem er einen von den Hunden, die ihm zu nahe kommen, auf die Seite wirft, dem andern eine Wunde beibringt, und den dritten mit Fuͤßen tritt, ſo erwiederte der Praͤſident: HI. 3 34 „Es iſt wahr, Herr von Noverre, daß ich nicht wie Sie die ganze Wiſſenſchaft der thea⸗ traliſchen Stellung kenne, all das Erhabene des Chaſſirens und Drehens; was die Poeſie anbetrifft, ſo darf ich gewiß die ausgezeichne⸗ ten Dienſte nicht vergeſſen, die ſie dem Publi⸗ kum erzeigt, da ſie unſern lyriſchen Abbe dazu verholfen hat, die ganze Menagerie der Fuͤrſtin von Eſterhazy Stuͤck fuͤr Stuͤck zu beſingen; und hinſichtlich Ihrer, mein lieber Haydn, wuͤrde ich nicht zu entſchuldigen ſein, wenn ich nicht wuͤßte, welch reizende Muſik Sie fuͤr deren Marionetten componirt haben, wenn es ihr ein⸗ faͤllt, ſie ihre kleinen Dramen ſpielen zu laſſen. Ich bekenne, daß das Alles ſeinen Werth hat, aber ungeachtet dieſes großen Verdienſtes wer⸗ den Sie mir zu gut halten muͤſſen, wenn ich nicht dulde, daß man ungeahndet uͤber andere Gegenſtaͤnde albern ſchwatzt, die faſt von der⸗ ſelben Wichtigkeit ſind. Nehmen Sie Jameray und Sir Styndall, deren Beifall nicht ſo uͤber alle Maßen war, und die von dem Antiquar nicht vor Freuden auſſer ſich ſind; ich wette, ſie hatten ihre Gruͤnde, ihr Entzuͤcken nicht in den Ton des Ihrigen zu ſteigern.“ Nach dieſen Worten warf ſich van Swieten 35 unmuthig in einen Armſeſſel, wo er, ſeiner Ge⸗ wohnheit nach die Zaͤhne zuſammen biß, wenn er, nach dem Erguß ſeiner Galle nicht weg⸗ ging. Der Tanzkuͤnſtler, der Verfaſſer der Didone und der Componiſt der Armida waren von dem Schlag betaͤubt. Wenn die Frauen nicht eine Art von Nitleid dabei gefuͤhlt haͤtten, wuͤrden ſie bei dieſem Angriff eine viertelſtuͤndige Be⸗ luſtigung gefunden haben, denn die Fuͤrſtin Eſterhazy lachte ſelbſt hinter ihrem Faͤcher. Man fürchtete, ſich wechſelſeitig anzuſehen, um die Lachluſt nicht zu laut werden zu laſſen. Um dieſem Zuſtande ein Ziel zu ſetzen, bat Char⸗ lotte von Dedenburg, Duval und Friedrich, der Geſellſchaft ihre Meinung uͤber die Lehre Win⸗ kelmanns mitzutheilen.„Van Swieten“, ſagte ſie,„hat, bevor er uns ſchmollte, an Ihre Meinung appellirt; wir werden glauben, daß Sie beide uͤber die ſeinige einverſtanden ſind, wenn Sie uns die Ihrige nicht vorlegen!“ Dieſe Aufforderung war dringend. Der gute Jameray Duval entſchuldigte ſich damit, daß er die Muͤnzen und Antiquitäten mehr in hiſtoriſcher Hinſicht, als in der, der Vervoll⸗ kommenheit ihres Styls ſtudirt habe, daß er 3* 36 alſo uͤber dieſen Gegenſtand kein ſo kompeten⸗ ter Richter ſein koͤnne wie Styndall, der bei⸗ nahe zwei Jahre in Italien geweſen iſt.„In⸗ zwiſchen“, fuͤgte er hinzu,„finde ich, und ſollte auch der Doktor van Swieten auf mich boͤſe werden, daß unſer Freund in ſeiner Krieik von vorgefaßten Meinungen nicht frei geweſen iſt. Eine Doſis Bitterkeit waltet zu ſehr drin⸗ nen vor. Entweder hat er den gelehrten Abbe nicht recht verſtanden, oder die Vorwuͤrfe, die er ihm macht, koͤnnen als eine uͤbermaͤßige Strenge ausgelegt werden. In der That, ent⸗ haͤlt der erſte Theil der Improviſation, dem wir beiwohnten, neue und philoſophiſche Anſichten; der zweite iſt glaͤnzender, aber nach meiner Meinung auch der Beſtreitung mehr ausgeſetzt. Es iſt dies ein Syſtem, wovon die Beweiſe zu fuͤhren ſind. Winkelmann ſieht deren uͤberall, und vielleicht taͤuſcht er ſich. Uebrigens hat er Ihnen in einer ſchnellen Ueberſicht das gege⸗ ben, was ſeine Theorie der Schoͤnheit beſtimmt ausfuͤhrt. In den Beſchreibungen uͤber Mo⸗ numente, die er nach ſehr beſtreitbaren Zeit⸗ raͤumen eintheilt, haben Sie ihm zu verdanken, daß er analytiſch die beredteſten Seiten ſeiner Geſchichte der Kunſt bei den Alten die Muſterung hat paſſiren laſſen. Ich geſtehe ein, haͤtte man auch das Recht, einige ſeiner Behauptungen anzugreifen, ſo wuͤrde es mir doch noch viel Vergnügen gemacht haben, ihn zu hoͤren.“ Charlotte von Hedenburg wandte ſich zum Englaͤnder und wiederholte die Einladung, die ihm gleich dem guten und beſcheidenen Jame⸗ ray gegolten hatte. Er folgte ihr, ohne darauf Eile und Wichtigkeit zu verwenden. „Jetzt“, ſagte er,„meine Damen, werde ich Ihnen meine Meinung mit weniger Furcht⸗ ſamkeit mittheilen, denn ich halte ſie faſt gaͤnz⸗ lich der des ſchatzbaren Gelehrten gleich, der vor mir zu Ihnen ſprach. Ich habe einige Jahre in Rom gelebt, und geſtehe zu meiner Schande, vielleicht auch etwas zu der des Lan⸗ des, daß ich dort mehr uͤber das nachgedacht habe, was es einſt war, und was es hervor⸗ gebracht hat, als uͤber das, was es jetzt iſt. Es iſt unbeſtreitbar, daß die Rationen ihre Jugend haben; da ſie aber von aufeinander folgenden Generationen gebildet ſind, ſo ſehe ich nicht, warum ſie eine Hinfaͤlligkeit haben ſollten, wie man alle Tage behauptet. Dieſe haftet allein den Dingen und Einrichtungen an, die, von Natur unbeweglich, nicht mit der Geſellſchaft fortgehen koͤnnen, und hoͤren auf, ihren neuen Beduͤrfniſſen zu entſprechen. Dann der Stuͤtze der Geſetze beraubt, ſinken die Voͤl⸗ ker und verloͤſchen. Das habe ich mir oft beim Anblick der Ruinen Italiens geſagt; dazu fuͤgte ich im Geiſte noch hinzu, daß die buͤr⸗ gerlichen und religioͤſen Geſetzbuͤcher(dieſes letztere wenigſtens, was die Kirchenzucht anbe⸗ langt) bei jeder Nation, die ihrer Exiſtenz Dauer wuͤnſcht, alle hundert Jahre durchgeſe⸗ hen und verbeſſert werden ſollten.“ Bei dieſen Worten nahm der Baron von Holger ploͤtzlich das Wort und ſagte: „Sie erwaͤhnen da eine wichtige Sache, Sir Styndall. Sie hat ihre Unannehmlichkeiten, die wir heut zu Tage ſehr fuͤhlen, denn wie ſoll man die alten und neuen Geſetze zuſam⸗ men ſtellen? Die Widerſpruͤche hemmen Sie bei jedem Schritte. Wenn der Grund fehlerhaft iſt und verbeſſert werden muß, ſo haͤlt Sie die Form auf. Wenn die Form fehlt und die Abſicht des durch die Anwendung falſch gewor⸗ denen Geſetzes mißbraucht, wie ſoll man ſie vernichten, ohne die ganze Einrichtung des Lan⸗ 39 des umzuwerfen, ohne die großen Staatskoͤrper anzugreifen, die die Waͤchter derſelben ſind?“ Unſer Koder iſt eine Zuſammenſetzung aus dem Feudalrecht, das lange Zeit allein den ganzen Norden Europas beherrſchte, aus dem roͤmiſchen Recht, das aus Nothwendigkeit, es zu mildern, hinzu kam, und aus mehreren Pri⸗ vatrechten, wie das Jus Caesareum, das Land⸗ recht, der Sachſenſpiegel, und vorzuͤglich der Schwabenſpiegel, die den Provincial⸗ und Mu⸗ nicipalrechten zur Baſis gedient haben. Dazu ſollte man vielleicht die Statuten der Biſchoͤfe, der Kapitel und der Aebte hinzufuͤgen, unter deren Schutz das Volk ſich zuerſt begab und die, wie es mit allen Maͤchten geſchieht, zuletzt die Unterdrucker deſſelben wurden. Die Kaiſerin⸗Koͤnigin hat ſehr weiſe eine Uebereinſtimmung dieſer verſchiedenen Geſetze gewünſcht; ſie uͤbergab dieſes ſchwierige Ge⸗ ſchaͤft der Kommiſſion zu Bruͤnn, die ſich be⸗ ſchraͤnkte, ſie unter beſtimmte Titel zuſammen zu ſtellen. Mein Freund Azoni und ich haben dieſe ihre Arbeit mit mehr Methode fortge⸗ ſetzt; wir haben ſelbſt das weggelaſſen, was andern Zeiten zu ſehr anzugehoͤren ſchien. Seit dem Tode des Herrn Azoni, habe ich mich 40 vorzuglich mit dem Criminalgeſetzbuch beſchaͤf⸗ tigt. Meiner Meinung nach, wuͤrden wir einen großen Schritt thun, wenn man zum erſten Mal einen wahren Unterſchied zwiſchen Verge⸗ hen und Verbrechen feſtſtellte und ſie zweierlei Gerichtshoͤfen unterwuͤrfe, die beauftragt waͤ⸗ ren, ihnen perſoͤnliche Strafen nach ihren ver⸗ ſchiedenen Graden aufzuerlegen mit Aufhebung der Geldbuße, die nur eine verſteckte Confiska⸗ tion ſind; denn dadurch, daß man die Men⸗ ſchen beraubt, fuͤhrt man ſie nicht zur Moral zuruͤck. Im Gegentheil verewigt man durch ſolche Erinnerungen den Haß gegen die Re⸗ gierung in den Familien. Zu meinem Verdruß habe ich nur dieſe Ideen im Voraus entwerfen koͤnnen. Ich befuͤrchte ſelbſt, daß ſie nur auf unſere teutſchen und galliciſchen Provinzen an⸗ wendbar ſind. Wie ſollte man in der That Ungarn und Siebenbuͤrgen ihren adelichen Ge⸗ richtsbarkeiten entziehen? Wie....« „Sehr wohl«, rief die Fuͤrſtin von Deden⸗ burg.„Aber, mein theurer Rath, wir ſind ja jetzt nicht im Civilrecht oder Criminalcoder. Ich bin genoͤthigt, Ihnen in das Gedachtniß zuruͤck zu rufen, daß es ſich fuͤr uns hier um das Schoͤne in der Kunſt und in der Natur 41 handelt, und daß wir gerne zu wiſſen wuͤnſchen, was Sir Styndall von der Lehre Winkelmanns uͤber dieſen Gegenſtand denkt.“ „Ich bin bereit, mich dem Verlangen Ihrer Hoheit zu fuͤgen“, entgegnete der Gentleman; „doch ſei es mir vorher erlaubt, den Herrn Baron um die Beantwortung einer einzigen Frage zu bitten.“ „Ich habe aus ſeinem Munde wohl ver⸗ nommen, daß das Feudalrecht, zweifelsohne aus der Eroberung entſprungen, lange Zeit in Europa regiert hat; daß das roͤmiſche Recht gekommen iſt, es aus Nothwendigkeit zu maͤßi⸗ gen, und daß dieſes ſelbſt genoͤthigt worden iſt, die durch die Provincial- und Municipalrechte eingefuͤhrten Verbeſſerungen anzunehmen. Wohl⸗ an denn, welch ein großer Nachtheil wuͤrde daraus entſtehen, wenn das Naturrecht als das gerechteſte und nuͤtzlichſte von Allen, dieſe Ord⸗ nung der Dinge vereinfachte, und die Men⸗ ſchen unter ein gemeinſchaftliches Geſetz braͤchte? Der Fuͤrſt wuͤrde dabei nicht weniger gewinnen, als das Volk.“ „Sachte,“ erwiederte der Baron Holger, was wuͤrde aus unſerer Staatskanzlei werden, aus unſeren zwei Gerichtskollegien, unſerm Hofs⸗ 42 kriegsrath, unſerm Hofpolizeikollegium, unſern Rechtstagen und Landtagen, unſerm Landhaus, unſern Kreiſen und unſern Hauptmannſchaften, unſern edeln Kapiteln und ihren Auflagen? Die großen politiſchen Maſchinen, vorzuͤglich wenn ſie alt geworden ſind, verlangen etwas mehr Schonung. Aus Stuͤcken ſind ſie gebildet, durch Stuͤcke werden ſie ausgebeſſert, wenn man ſie nicht zuſammenbrechen laſſen will; doch iſt es oft am kluͤgſten, nicht daran zu ruͤhren.“ „Verzeihen Sie,“ entgegnete Styndall,„ich muß die Staͤrke Ihrer Einwendung um ſo mehr fuͤhlen, da mein liebes England ſelbſt von ſei⸗ nen alten Gebraͤuchen lebt, und obgleich es das freieſte Land auf Erden iſt, ſo tritt ſein Geſetz⸗ buch oft genug dem gemeinſchaftlichen Rechte zu nahe. Die Spur der Eroberung iſt in dem Buche ſeiner Geſetze geblieben. Nun komme ich auf den uns beſchaͤftigenden Gegenſtand zuruͤck.“ „Ich ſagte, daß ich mit den Menſchen in Italien unzufrieden, ohne ſie jedoch zu ſehr anzuklagen, meine Stunden vorzuͤglich vor Sta⸗ tuen, Gemaͤlden, in Bibliotheken und bei Mo⸗ numenten zubrachte. Aber bevor ich mich uͤber die Meiſterwerke erklaͤre, die in dieſer Haupt⸗ 43 ſtadt die Tugenden ihres alten Volkes und ſelbſt die Kuͤnſte, die ſie hervorbrachten, uͤberleben, bin ich Ihnen noch Rechenſchaft daruͤber ſchul⸗ dig, wie ich die Lehre des beruͤhmten Preußen verſtanden habe. Eben ſo wenig wie der ver⸗ ehrte Herr Duvall kann ich ſie ganz annehmen. So ſehe ich zum Beiſpiel nicht, was in der Schoͤnheit ſo ſehr Geheimnißvolles liegt, denn dieß iſt die Sache auf der Welt, die ſo wie ihr Gegentheil am beſten zu den Sinnen und zu der Vernunft ſpricht. Die Idee davon veraͤn⸗ dert ſich bei den Menſchen, weil ſie verſchiedene Beduͤrfniſſe haben. Die Beduͤrfniſſe ſind wirk⸗ liche oder erkuͤnſtelte; als ſolche entſprechen ſie einer allgemeinen oder beſondern Art von Exi⸗ ſtenz. Es giebt daher feſte Prinzipe der Schoͤn⸗ heit, welche den wirklichen Bedüͤrfniſſen ange⸗ hoͤren, und Vertragsregeln, die die Befriedigung der kuͤnſtlichen Beduͤrfniſſe uber ſich haben. Wenn dieſe letztern nur die Entwickelung einer wohl⸗ geordneten Natur ſind, wenn ſie einem Geiſte der Geſelligkeit angehoͤren, den ſich die Vor⸗ ſehung gewiß vorgeſetzt hatte, ſo treten ſie mit Recht wieder in die Reihe der poſitiven Dinge, ſie kommen wieder in die Domaine der Wirk⸗ lichkeiten, mit denen ſie zur Bildung des Schoͤ⸗ 44 nen zuſammentreffen muͤſſen; ſie ſind endlich davon die nothwendigen Elemente. In der an⸗ dern Vorausſetzung fuͤhren ſie uns zum Gezwun⸗ genen, zum Wunderlichen, zum Ungeheuern, ja zum Abſcheulichen. Bemerken Sie den unge⸗ heuern Abſtand zwiſchen den Goͤtzenbildern der Wilden und der medizeiſchen Venus. Die Schoͤnheit an den Gegenſtaͤnden iſt ſtets die Uebereinſtimmung der Theile mit dem Gan⸗ zen und dieſes Ganzen mit ſeiner Beſtimmung. Warum ſoll man nicht ſagen, daß ſie in dem Guten, in dem Anſtaͤndigen und in dem Nuͤtzli⸗ chen wohne, was zu ſeiner hoͤchſten phyſiſchen und intellectuellen Stufe erhoben worden iſt? So werden wir auch von ihrer Gegenwart durch das moraliſche Gefuhl bekundet, das uns von Gott kommt und unſere Rechte und Pflichten beſtimmt, ſo wie durch das Gefuͤhl unſere ſinn⸗ lichen Begierden, an die er Freuden geknuͤpft hat, wenn man ihnen in einem richtigen Maße gehorcht. Sobald die Beduͤrfniſſe der Seele und der Organe erprobt haben, was ihnen am Beſten zuſagt, ſind die Bedingungen der Schoͤn⸗ heit fuͤr die beiden weſentlichen Theile unſeres Seins erfuͤllt; dann kann man kuͤhn behaupten, daß ſie beſteht. 45 Hat nun in der That nicht jede Tugend ihren Zweck, ſo wie jeder korperliche Vortheil den ſeinigen, ſtreben die eine und die andere nicht zu einer Verbeſſerung unſeres Zuſtandes? Sei es nun durch den geiſtigen Beſitz, deſſen Pfand jene iſt, ſei es durch den fuͤhlbaren Zu⸗ ſtand, den dieſer uns ſichert; das ganze menſch⸗ liche Schickſal wird ſo umſchlungen; aus dieſem reichen Princip entſpringt die Quelle des Mora⸗ liſchſchoͤnen und die des Phyſiſchſchoͤnen deſſen, was dem Geiſt gefaͤllt und deſſen, was den Sinnen gefaͤllt, des Verdienſtes in den Hand⸗ lungen und der Vortrefflichkeit der Formen an den Gegenſtaͤnden. Unter dieſer Leitung der Forſchungen wird uns Gott ſelbſt begreiflich, ſo viel er es nur werden kannz denn was man auch thun mag, man wird ihn nie anders als durch ſeine Wohl⸗ thaten begreifen, die ſeine vorſehungsvolle Hand⸗ lungsweiſe ſind, und durch das Schauſpiel ſeines Univerſums, wo einige ſchwache Zuge ſeines Bildes wiederſtrahlen. Wer hat Gott geſehen! Welches von allen dem gegenwaͤrtigen Leben angehoͤrige Weſen kann ſich ruͤhmen, ihn anderswo als in der Natur zu erblicken? Wir wollen ein kuͤnftiges Leben annehmen, wovon 46 wir das Verſprechen in uns ſelbſt tragen. Dieß neue Leben wird ohne Zweifel auch noch eine Natur haben, die ihm angemeſſen iſt; dort wer⸗ den wir fortfahren, die lebendige maͤchtige Kraft zu betrachten, durch die ſich alles bewegt, und ihren Entſtehungspunkt vielleicht deutlicher ſehen, weil wir ihm naͤher ſind; aber dieſer Begriff wird noch ſehr unvollkommen ſein. Wenn der Weiſe ſeinen Begriff vom Schoͤpfer beſtimmt, ſo faßt er ihn, wie einen angeordneten Willen; er verſieht ihn mit keiner Form; oder wenn er ſich dahin wagt, ſo leiht er ihm die einzige, die ein vernunftbegabtes Weſen auf Erden an⸗ kuͤndigt, nemlich die Unſrige. Der Jupiter von Phydias, der Jupiter Capitolinus, nach den Fragmenten der ſchoͤnen Marmorſtuͤcke die uns davon uͤbrig ſind, ſtellten den Herrn des Welt⸗ alls im tiefſten Nachdenken dar. Der Kuͤnſtler hatte den Sitz deſſelben ubermaͤßig vergroͤßert, er hatte zwei gefaltete Stirnen uͤber einander geſetzt und dann zu den Menſchen geſagt: betet an! Er fuͤhlte, daß er nicht weiter gehen konnte; unſtreitig gehoͤrte es allein dem Verſtande an, daß er uns eine Zeichnung des hoͤchſten Verſtan⸗ des darſtellte. Dieſe Art der Schoͤnheit uͤberſchreitet die 47 menſchliche Faſſungskraft. Der Geiſt verlangt bald herabzuſteigen. Wir bedurfen Formen, die ſtets in Bezug mit ihrem Zwecke find, um unſern Sinnen zu gefallen, und praktiſche Tu⸗ genden, um unſer Gluͤck zu ſichern. Verbinden Sie dieſe beiden Eigenſchaften in demſelben Ge⸗ genſtande durch den Ausdruck und Sie haben die groͤßte Summe von Schoͤnheit, mit der wir hienieden ſimpathiſiren konnen. Gewiſſe Figuren werden es Ihnen darbieten, ohne daß Sie zu langen Forſchungen genothigt ſind. Der Him⸗ mel hatte ſeine Gruͤnde, als er wollte, daß das Weib ſchoͤn ſei durch Privilegium; ich glaube das habe ich Ihnen ſchon geſagt. Was das Erhabene anbelangt, ſo erlaube ich mir von des Abbe Winkelmanns Meinung abzuweichen, und ich erwarte es nicht wie er, von der Einheit, Einfachheit und der Mannig⸗ faltigkeit, die zuſammen vereinigt ſind. Wenn ich nicht irre, ſo gehoͤrt das Erhabene in der phyſiſchen und phaͤnomeniſchen Welt der Idee des Unendlichen an Umfang, Kraft und Dauer an; und das Erhabene in dem moraliſchen Leben ſetzte einen Kampf voraus, deſſen Opfer oder Verleugnung das Ziel ſein wuͤrde; und das Erhabene in der intellectuellen Welt waͤre eine 48 Annaͤherung an die Gottheit, bewirkt durch eins der vorhergehenden Mittel. Wo eine dieſer Be⸗ dingungen wenigſtens nicht erfuͤllt wird, da ſehe ich das Erhabene durchaus nicht. Die bloßen Formen einer Statue geben es mir niemals. Durch dieſe iſt ſie nur einfach ſchoͤn in meinen Augen, wenn es mit ſeinem Zwecke im Ver⸗ haͤltniß ſteht, der in der Erhaltung ſeines We⸗ ſens und in der Fortdauer ſeiner Art liegt, mit der groͤßten Summe des fuͤr die Individuen moͤglichen Gluͤcks. Aber ſie kann durch den Ausdruck erhaben werden, wenn ich darin eins der Gefuͤhle entdecke, denen ich die Macht zu⸗ ſchreibe, es hervorzubringen. An der Venus von Florenz iſt alles ſchoͤn und voll Grazie; ihre Schaam gefaͤllt und ruͤhrt, aber ſie geht nicht weiter. Von dem Apollo Souroktonos wuͤrde ich dieß weniger ſagen; was den vatikaniſchen Apollo betrifft, ſo iſt er erhaben und verdankt es ſeinem Ausdruck, wo man ohne ein Zeichen der Anſtrengung den ſchaffenden Gedanken und die ausfuͤhrende Kraft findet. Wenn der Laokoon erhaben iſt, ſo iſt er es weniger durch das bewundernswerthe Spiel der Muskeln und die Schlingung der Glieder als durch den ſchoͤnen Charakter des 49 Anflehens, der im Geſichte des Greiſes liegt. Mit Erfolg wird man meiner Anſicht nach den Torſo des Apollonius ſtudiren; in ihm Erha⸗ benes finden, hieße es uͤberall hinthun, wie es Winkelmann gethan hat. Der gelehrte Abbe behauptet, dieſe Antike ſtelle die Ruhe des Her⸗ kules im Olymp vor. Dieß iſt eine Muthma⸗ ßung; ſollte er auch das Rechte getroffen haben, ſo brauchte er uns nur an dem Kopfe zu zei⸗ gen, ob in dieſem Meiſterwerke etwas Erha⸗ benes ſei. Bis man dieſes findet, ſehe ich in dem Torſo nur wahre, leichte, belebende For⸗ men, die mir keine Idee von Unendlichkeit oder vom Kampf gegen die Ratur tum Vortheil eines Gefuͤhls geben.“ Styndall hatte ſich beſtimmt eben ſo erklaͤrt, wie der gelehrte Archaͤvlog; aber von verſchie⸗ denen Seiten her rief man ihm zu: Und der Einfluß des Klimas auf die Schoͤnheit! und das ſchoͤne Ideal! was denken Sie denn davon?“ „Was mich betrifft,“ ſagte die reizende Fuͤr⸗ ſtin von Lichtenſtein,„ſo geſtehe ich, daß ich fuͤr das ſchoͤne Ideal bin, ſo wie es Winkel⸗ mann beſchrieben hat. Jene von unſern Ge⸗ brechen befreiten Koͤrper erhaben uͤber die glen⸗ den Beduͤrfniſſe unſerer Lebensbedingung, leicht, III. 4 50 ſchlank, luftig, grazios, bereit uns mit zier⸗ lichen Formen zu erſcheinen, mithin einer rei⸗ neren Liebe faͤhig, ſind ganz nach meinem Ge⸗ ſchmack. Ich hoffe, daß Sir Styndall ſie uns laſſen wird, denn ich haͤnge unendlich daran. Ich weis ſelbſt nicht, ob ich dem verziehe, der den beredten Antiquar in dieſem Eliſtum an⸗ griffe, wenn es auch ſeine Schoͤpfung iſt. Ich habe auch ſeine Geſchichte der Kunſt geleſen; ſie hat mich fuͤr die Meiſterwerke des griechi⸗ ſchen Meiſels begeiſtert. Die vier Schulen, wo er geglaͤnzt hat, muͤſſen eine Theorie und eine uns unbekannte Verfahrungsart angenommen haben, weil der moderne Meiſel ſeit langer Zeit nichts ſo Vollkommenes mehr hervorbringt.“ „Sie wuͤnſchen es, meine Damen,“ ent⸗ gegnete der Englaͤnder,„und ich will Ihnen meine Vermuthungen uͤberlaſſen. Wenn Sie das Ungluͤck haben, Ihnen zu misfallen, ſo bin ich wenigſtens unſchuldig dabei. „Mit Winkelmann nehme ich den großen Ein⸗ fluß des Klimas und eines urſpruͤnglichen Vor⸗ bildes an; ich verwerfe auch eben ſo wenig die Schluͤſſe, die er aus einer irrigen Geiſtesbildung oder aus dem zur Schaͤtzung des Schoͤnen mangelnden Verſtande zieht; ich füͤge noch hinzu, wenn eine lebhafte und beſeelte Geſtalt mehr als eine erhabene und mit großem Charakter begabte gefaͤllt, ſo iſt der Grund, daß die erſtere Zuſchauer fand, deren Geiſt noch nicht entwickelt war, weil ſie Beduͤpfniſſe hatten, die eine gemeine Geſtalt befriedigte und denen die andere Ihrer Vollkommenheit ungeachtet uͤbel entſprechen wuͤrde. Aus einer Statue alſo, die eine oͤffentliche Beſtimmung hatte und deren Entſtehungszeit man angeben kann, wuͤrde man ziemlich gut den gleichzeitigen Zuſtand der Eivi⸗ liſation eines Volkes und ſeines herrſchenden Geſchmacks entſcheiden koͤnnen. Warum ſollte es aber nicht auch erlaubt ſein, nach dem Zu⸗ ſtande der Civiliſation, wenn er beſtaͤtigt iſt, uͤber die Abſicht die den Meiſel der Bildhauer leitete, oder uͤber die intellectuellen oder phyſi⸗ ſchen Beduͤrfniſſe, denen er entſprechen mußte, ein ſehr beifaͤlliges Urtheil zu faͤllen? Winkel⸗ mann aber geſieht ſelbſt ein, daß die merkwur⸗ digſten Antiken, die auf unſere Zeit gekommen ſind, kaum bis zum vierten Beitraum reichen, den er der Bildhauerkunſt ſelbſt anwies. Größ⸗ tentheils verdankt man ſie den unternommenen Nachgrabungen in den Ruinen der Villa Adriani 4* 52 zu deren Verſchoͤnerung ſie ſechzehn Jahrhunderte vorher beigetragen hatten. Die ſchoͤnen Anti⸗ nous, die dort herſtammen, der reizende Melea⸗ ger, der, auf dem esquiliniſchen Berge gefunden, nur eine Wiederholung von jenen ſcheint, die Thetis oder die ſchiffahrende Venus, die etwas ſpaͤter den Truͤmmern von Lanuvium entſtieg, ſo wie mehrere Ganymede und Bacchus, die man in dieſelbe Zeit ſetzen muß, was auch der gelehrte Abbe nicht beſtreitet, ſind gewiß von einer bewundernswerthen Arbeit. Aber wer weiß nicht, daß in dieſen Zeiten die Sitten⸗ verderbniß ſo groß war, daß ſpäterhin die Tu⸗ gend des Antonin und des Mark Aurel ihr nicht Einhalt thun konnten? Ich frage alſo, wie die Ideen einer von den Sinnen wehrlos gezwungenen, wuͤrdigeren Natur aus dem Ge⸗ hirn des Sclaven und befreiter Griechen, ſpaͤ⸗ ter mit der Arbeit der Statuen beſchaͤftigt, ent⸗ ſpringen konnten? Ich frage ferner, wie ſie ſich zum Begriff des Geiſtigſchoͤnen gerade zu der Zeit erheben konnten, wo zur Schande der Menſchheit Italien und Griechenland mit Alta⸗ ren bedeckt waren, zu Ehren des jungen By⸗ thiniſchen Gallipygos errichtet. Ich muß geſte⸗ hen, eine ſolche Annahme laͤuft auf nichts weiter 53 hinaus, als das Feuer des Prometheus in den Koth zu ziehen. Um die beſondere Schoͤnheit dieſer Statuen, oder beſſer die bei ihrer Verfertigung befolgte Regel zu erklaͤren, muß man zu einer andern Ideenordnung Zuflucht nehmen. Der Kuͤnſtler war verdammt zu gefallen, dem wolluͤſtigen Eigenſinn ſeines Herrn zu ſchmeicheln. Er hatte mit Zuſchauern beider Geſchlechter von ſehr zweideutiger Sittlichkeit zu thun. Da er ſich nun Beider Beifall erringen wollte, ſo glaubt er die Geſtalten der Frau und des Mannes in Eins zuſammenzuſchmelzen, ſie durch eine ge⸗ ſchickte Miſchung maͤßigen, ſie einander erinner⸗ lich machen, und die Vereinigung der Grazie und der Staͤrke, immer voll Verfuͤhrung, dar⸗ ſtellen zu muͤſſen. Daher dieſe feinen, biegſa⸗ men und fließenden Linien, ſo wie ſie ein Juͤng⸗ ling beſitzt, deſſen Kraft hervorzuleuchten be⸗ ginnt, und leicht aufgeſchwellt, wie ſie an dem jungen Maͤdchen erſcheinen, die ihrer Geſchlechts⸗ reife nahe iſt. So hatte die buhlende Kunſt ihre Hermaphroditen. Dieſe Vollkommenheit, falſch oder richtig, iſt denn Schuld an der Ur⸗ ſache ſelbſt, von der man es am wenigſten er⸗ 54 warten ſollte, ich meine, an einer Verderbniß des moraliſchen Gefühls. Der Abbe Winkelmann entfernte ſich von dem Wahren, und hat auch die Richtung un⸗ ſerer Ideen uͤber dieſen Gegenſtand veraͤndert. Wenigſtens glaube ich es; aber ich zuͤrne ihm nicht. Ich bin nicht boͤſe, in aller Unſchuld, Goͤtter und Goͤttinnen, endlich ein Vorbild von beſonderer Schoͤnheit, betrachten zu koͤnnen, das in mehr als einer Beziehung in den ſpeciellen Charakter der Menſchheit Eingriffe thut. Uebri⸗ gens ſind wir in der Kunſt unſerer religioͤſen Ideen eine ganz gleichmaͤßige Anleitung ſchul⸗ dig. Unſere Maler und Bildhauer entlehnen gleichfalls von beiden Geſchlechtern die Zuͤge, die ihnen zur Bildung der Engel dienen. Nie⸗ mand hat noch den Gedanken gehabt, ſich dar⸗ uͤber zu beklagen, und ich werde der Fuͤrſtin von Lichtenſtein ihre ſuͤße Taͤuſchung nicht ent⸗ reißen. Ueber den ruhigen Ausdruck, den der Abbe als nothwendige Bedingung des Schoͤnen in den Formen darſtellt, bin ich einverſtanden. Die Schoͤnheit hoͤrt auf ſchoͤn zu ſein, wenn ſie durch Leidenſchaften bewegt wird. Das Leiden der Seele muß ſich aͤußerlich ausdruͤcken, ohne die Zuͤge zu veraͤndern; ihr Schmerz darin iſt 55 noch ruͤhrender. Alſo that der Bildner der Niobe. Dasſelbe Geſetz muß den entgegenge⸗ ſetzten Ausdruck regieren: die Zufriedenheit ſtellt ſich in der That auf einer Figur beſſer dar, als die Freude und eine ſuͤße Wolluſt und als das Vergnuͤgen einer Erigone. Dieß iſt ein Theil der Kunſt, den die Alten herrlicher verſtanden haben und den der Verfaſſer ihrer Geſchichte vollkommen gefaßt hat. Was die kollektive Schoͤnheit betrifft, die er Ideal nennt, ſo denke ich, daß ſie nur in dem Klima beſtehen kann, das vom Himmel wenig beguͤnſtigt iſt. Noch muß man dabei Ein⸗ ſchraͤnkungen machen, denn es iſt ſehr zu be⸗ fuͤrchten, daß der Kuͤnſtler in ſeinem Eifer zur Vollkommenheit zu gelangen, nicht mit zu wenig Studien ungleich artige Schoͤnheiten vereinige. Ich will nur ein Beiſpiel von dieſer Art geben. Wenn mich mein Gedaͤchtniß nicht taͤuſcht, ſo beſchuldigt der Abbe in zweien ſeiner Werke Raphael, die Extremitaͤten ſeiner weiblichen Figu⸗ ren zu plump behandelt zu hoben. Sein Freund Mengs ſpricht nach ihm denſelben Vorwurf aus. Ich glaube, ſie irren beide. Sie moͤgen die Natur beobachten, und ſie werden ſehen, daß uͤberall, wo die Weiber ſchoͤne Arme, eine gut⸗ 56 gebaute Bruſt und angenehm gerundete Schen⸗ kel und Fuͤße haben, weil Weichheit und Zaͤrt⸗ lichkeit im Colorit beſitzen; wenn dieſe zu ſehr in Feinheit ausarteten, ſo wuͤrden Bruͤſte und Arme gewiß mager ſein, denn in dieſen Ver⸗ haͤltniſſen entwickelt ſich immer das Phyſiſche der Weiber. Da ihr Bruſtbild von den Huͤf⸗ ten aus, kuͤrzer als das unſ'rige iſt, ſo wuͤrden in Ermanglung einer Vollleibigkeit, die die Beſtimmung deſſen beſtaͤtigt, ihre untern Glie⸗ der unmaͤßig lang erſcheinen. Im menſchli⸗ chen Koͤrper hat jede Einrichtung der Organe ihren Zweck; ſobald ſie ſich darnach richtet, iſt auch Schoͤnheit vorhanden. Ich wuͤrde alſo rathen, zweimal hin zu ſehen, bevor man Ra⸗ phael tadelt. Wir wollen eingeſtehen, daß das vollendet Schoͤne noch weniger unſerer moraliſchen als unſerer phyſiſchen Natur zuſagt. Er thut uns Zwang an, es beruhigt uns uͤberall, wo wir es antreffen, ohne Zweifel weil es uns zu ſehr anklagt. Ariſtides könnte es nicht leiden; Alles, ſelbſt die Literatur ſtoͤßt es zuruͤck. Der Cyrus des Fenophon langweilt; er iſt zu erhaben fuͤr unſere Schwachheit; er iſt nicht Menſch genug und unſer engliſcher Grandiſſon 57 ermuͤdet die Leſer mit ſeiner beſtaͤndigen Ueber⸗ legenheit noch mehr. Noch bleibt zu wiſſen uͤbrig, ob wir faͤhig ſind, ungeſtraft das in die Kuͤnſte der materiellen Nachahmung zu legen, was wir aus unſern Herzen und Bibliotheken vertrieben haben.“ Styndall hatte geendigt. Selten unterbro⸗ chen, in einem Lande, wo man den ausreden laͤßt, der eine Meinung zu entwikkeln ſucht, und wo die Unterhaltung ſich nicht auf einen feuri⸗ gen Angriff anmaßlicher Phraſen beſchraͤnkt, hatte er nach ſeiner Meinung einige von den Freunden der Fuͤrſtin von Oedenburg beſchwich⸗ tigt. Charlotte wagte nicht, ihn zu loben, wie ſie es wohl gewuͤnſcht haͤtte. Schon waren einige Ideen des Englaͤnders die ihrigen ge⸗ worden. Sie hatten zuſammen Winkelmann geleſen und ſtudirt. Die Fuͤrſtin von Eſterhazy und von Lichtenſtein ſagten dem Fremden Ver⸗ bindlichkeiten und hielten ſich an die umfaſ⸗ ſendſte Lehre vom ſchoͤnen Ideal; und das konnte er auch leicht gewahr werden. Ploͤtzlich erhob ſich aus Luſt des Widerſpruchs der Dok⸗ tor van Swieten von ſeinem Stuhle und rief aus:„Es iſt doch wenigſtens etwas Vernuͤnf⸗ tiges in dem, was der Gentleman geſagt hat; 58 aber mit ſeinen Grundſaͤtzen uͤber die Tugend und über das kuͤnftige Leben ſehe ich gar nicht ein, was aus dem Reiche der Grazie werden wuͤrde.“ Kaum hatte er dieſe orthodoxren Worte geſprochen, als er ſich entfernte. Auch die uͤbrigen anweſenden Perſonen trennten ſich nach und nach. Styndall A* Jameray Duval in ſei⸗ nem Wagen bis in die Burg. Unterwegs unter⸗ hielten ſie ſich noch von dem Archaͤologen, dem ſie einen wahrhaften Beobachtungsgeiſt, und eine vernuͤnftige Kritik zugeſtanden, obgleich er ihnen mehr als einmal zu ſchnell Schluͤſſe aus ſeinen Anſichten zu ziehen ſchien. Sie theilten ſich hierauf wechſelſeitig ihre Meinungen uͤber den Zuſtand der Kuͤnſte und Philoſophie in Oeſtreich mit. Ohne die Gefuͤhle der Dank⸗ barkeit zu verlaͤugnen, die er fuͤr die Kaiſerin hegte und noch mehr dem Andenken des ver⸗ ſtorbenen Kaiſer aufbewahrte, verſicherte Duval, daß die Wiſſenſchaft nur mit großer Muͤhe ſich in den Erbſtaaten, und noch mehr in den an⸗ dern, die einer weniger guͤnſtigen Regierung unterworfen waͤren, einzubuͤrgern vermoͤchten. „Der Boden hier“, ſagte er,„iſt kalt und hart, die Luft iſt rauh. Der Gärtner hat im⸗ 59 mer das Meſſer in der Hand, und ſchneidet alles weg, was ausſchießt. Man will Umzaͤu⸗ mungen von Buxbaum und Eibenbaum in zier⸗ licher Geſtalt und nicht von kraͤftigen Sproͤß⸗ lingen, die ſowohl in der Idee als auch in den Baͤumen mißfallen wuͤrde. In Wahrheit, der Geiſt der Regierung iſt ſo, daß ich nicht weiß, ob es klug waͤre, in irgend einer Art von Dienſtleiſtung das Maaß zu uͤberſchreiten, nach dem er ſich richtet. Das Zuviel wuͤrde ihr nicht weniger zuwider ſein, als das Zuwenig; viel⸗ leicht noch mehr; denn es wuͤrde eine Energie verkuͤnden, die man nicht braucht. Der Prinz Eugen, der zweimal das regierende Haus ge⸗ rettet hat, iſt davon ein Beweis. Wie ein an⸗ derer Wallenſtein iſt er gezwungen worden, ſich uͤber ſeine Siege zu rechtfertigen. Hier hat das Anſehn faſt den verdaͤchtigen Charakter der al⸗ ten Freiheit. Bis auf den Patriotismus, wuͤrde man glauben, im alten Griechenland zu ſein, nur daß man in dem Lande des Perikles und des Alcibiades nicht der Fortdauer opferte, die unſere einzige Gottheit iſt.« Hierauf fuͤgte der kaiſerliche Muͤnzdirektor mit Nachdenken hinzu: „Was wollen Sie hier ſuchen, junger 60 Mann?« wir ſtehen auf einem unbeweglichen Lande, und in Ihrem Kopfe iſt Bewegung; Feuer und Geiſt in Ihren Worten! wenn Ihr Herz, nicht ſtark eingenommen iſt, wie ich zu glauben geneigt bin, beſonders ſeit einiger Zeit, ſo iſt es wenigſtens viel zu viel Geiſt fuͤr das Land wo wir ſind! Sie denken ganz allein, und das iſt eine große Kuͤhnheit! Ich huͤte mich, Sie zu tadeln, lieber Freund; ich will Sie nur aufmerkſam machen, ſchloß er und druͤckte Friedrichs Hand, ehe er aus dem Wagen ſtieg. 27. Winkelmann wurde ohne Aufhoͤren von ſei⸗ nem Mißmuth nach Italien gezogen, von dem entfernt zu leben, ihm unmoͤglich war, und wollte nur vierzehn Tage in Wien bleiben. Von Regensburg hatte er ſchon dem Kardi⸗ nal Albani ſeine baldige Ruͤckkehr gemeldet, und dem Graveur Mengali, bei dem er in Rom wohnte, zugleich aufgetragen, ihm ſein kleines Gemach bereit zu halten. Wenn noch etwas ſeine Unruhe mildern konnte, ſo war es ſicher⸗ lich die gute Aufnahme, die er in der Haupt⸗ ſtadt der oͤſtreichiſchen Staaten gefunden hatte. . 61 Es hing nur von ihm ab, hier feſtere Banbe der Freundſchaft zu knuͤpfen. Den Palaſt von Oedenburg beſuchte er vorzugsweiſe, da kein anderes Haus ſo viele ausgezeichnete Menſchen in Geſchmack und Gelehrſamkeit vereinigte. Er aß mehrere Mal daſelbſt und brachte den groͤß⸗ ten Theil der Stunden dort zu, die ihm von den Beſuchen in der Stadt ubrig blieben, oder die er nicht auf die Verbeſſerung ſeiner Ge⸗ ſchichte der Kunſt verwendete, uͤber deren fran⸗ zoͤſiſcher Ueberſetzung, die Herr Huber ſchon ausfuͤhrte, er ein wachſames Auge haben wollte. Charlotte und Styndall lieſſen ſich oft mit ihm in Unterſuchungen uͤber Gegenſtaͤnde der Wiſſenſchaft oder der Chronologie ein; aber da ſie beide wußten, daß der Archaolog nicht gern Widerſpruch ertrug, und daß ſeine Eigenliebe von ſehr zarter Empfaͤnglichkeit war, ſo be⸗ ſchraͤnkten ſie ſich immer auf Fragen, die von der Achtung begleitet waren, durch die man bei Gelehrten mehr den Wunſch, belehrt zu ſein, darlegt, als die uͤbel angebrachte Anmaſ⸗ ſung, ſie in Verlegenheit zu ſetzen, oder an ihrer ſchwachen Seite anzugreifen. Deshalb unterhielt ſich der Gelehrte gern mit ihnen und 62 oͤffnete ihnen mit Zutrauen die Schaͤtze ſeiner großen Gelehrſamkeit. Auch ſein Anſehen nahm bei ihnen zu, jemehr ſie ihn kennen lernten. Eigenſinnig in ſeiner Meinung, trieb er den Streit bis zur Bitterkeit, um die zu ſchwache Kritik, auf welche er ſeine vier Zeitraͤume der Kunſt ſtuͤtzte, zu vertheidigen. Wenn er Bloͤſ⸗ ſen zeigte, ſo enthuͤllte er auch eine vortreff⸗ liche und freimuͤthige Seele, einen freien und natuͤrlichen Geſchmack, eine aufrichtige Liebe zum Schoͤnen, und eine unerſchütterliche Treue in der Freundſchaft. Wenn er ſich im Augar⸗ ten in ſeiner Gemaͤchlichkeit befand, ſprach er von den Meiſterwerken des griechiſchen Mei⸗ ſels mit leidenſchaftlicher Hingebung; er erklaͤrte ſelbſt einige derſelben mit einem Reiz, der die Vorſtellung davon in die Seele ſeiner Zuhoͤrer brachte; denn er verdankte ſeiner Begeiſterung ſehr gluͤckliche Augenblicke. Seine Reden nah⸗ men Friedrich lebhaft ein, mit dem er mehrere Beruͤhrungspunkte hatte. Gleiche Biederkeit, glei⸗ chen Charakterſtolz. Vielleicht eben ſo argwoh⸗ niſch, als Winkelmann, hatte Styndall mehr Herrſchaft uͤber ſeine aͤußeren Bewegungen. Was dem Preußen unertraͤglich war, verachtete der Englaͤnder mehr, und er rettete ſich von 63 Laune durch Verachtung, oder durch die Kraft ſeiner Empfindlichkeit. Charlotte ſtand zwiſchen beiden, dem Einen war ſie theuer, von dem Andern wurde ſie ge⸗ ſchaͤtzt; bisweilen ladete ſie noch den recht⸗ ſchaffnen Duval dazu ein, der auch ein Natur⸗ menſch war, und die Fuͤrſtin hatte alſo drei oder vier Abende nach ihrem Geſchmack, die ihr eine angenehme Erinnerung zuruͤckließen. In einer dieſer Zuſammenkuͤnfte ſagte der Ge⸗ lehrte zu ihr:„Ich bin eine wilde Pflanze; meinem eignen Inſtinkt uͤberlaſſen, bin ich em⸗ por gewachſen; ich wuͤrde faͤhig geweſen ſein, mein Leben aufzuopfern, wenn ich gewußt haͤtte, daß man den Moͤrdern der Tyrannen Bildſaͤu⸗ len errichtete.“ Auf dieſe Worte ſprang Styndall mit flam⸗ menden Augen auf; alle Flecken hatte er ver⸗ geſſen, die Winkelmanns Charakter verun⸗ ſtalteten, und hätte ihn faſt in die Arme ge⸗ ſchloſſen. Der Baronin von Stein gefiel der Archaͤolog wenig, und ſie hoͤrte von ſeiner nahen Abreiſe ohne Schmerz reden. Auf wiederholtes An⸗ halten ihrer Couſine hatte ſie vergebens ver⸗ ſucht, die Schriften des gelehrten Abbe zu leſen. 64 Kaum ließ ſie die Blaͤtter derſelben durch ihre Finger gleiten, um zu den Kupferſtichen zu kommen, die ihre Aufmerkſamkeit etwas mehr anzogen, denn ſie gewahrte darin mehrere Arten des weiblichen Haarputzes, denen ſie, ohngeachtet ihrer Einfachheit, ihren Beifall zu ſchenken, ver⸗ ſucht wurde; aber ſie kehrte bald davon, wie von altem Plunder, zuruͤck. Der Text beſchaͤf⸗ tigte ſie wenig. Wenn ſie auch ihre Lobſpruche mit denen vereinigte, deren Gegenſtand er war, ſo ſah man, daß dies mehr aus Gefaͤlligkeit, als aus ueberzeugung geſchah. Es ſagte ihr in der That wenig zu, mit dem Sohn eines armen Schuhmachers der Altmark Brandenburg einerlei Meinung zu haben⸗ Winkelmann verließ Wien den zweiten Juni im Trieſter Wagen. In dieſem Hafen ange⸗ kommen, beſchloß er mit dem erſten nach Oſtia ſegelnden Schiffe uͤberzufahren. Dies war eine Abaͤnderung ſeines Wegs, denn ſeinem fruͤhern Entſchluß zufolge, wollte er durch Oberkrain nach Venedig; und deswegen hatte er ſich mit Briefen an die vornehmſten Senatoren, dieſer, ſonſt mit ſo viel Glanz uͤber das Adriatiſche Meer herrſchenden Stadt, verſehen. Der Ba⸗ ron von Sperges, dem er einen Theil dieſer 65⁵ Briefe verdankte und der ihnen dafuͤr neue nach Trieſt unterſchob, begleitete ihn bis zum Augen⸗ blick ſeiner Abreiſe. Er ließ einige Thraͤnen auf ſeinen gelehrten Freund fallen und ſah ihn in den Wagen ſteigen. Der beruͤhmte Gelehrte war waͤhrend ſeines Aufenthaltes in Heſtreich von einer zu großen Schwermuth beherrſcht worden, als daß ſein perſoͤnliches Verdienſt weiter als in die Leopolds⸗ ſtadt haͤtte dringen koͤnnen. Der Tag, an dem er ſich gezeigt hatte, war ihm uͤberhaupt nicht guͤnſtig geweſen. Man verlaͤßt ein Land ohne Schmerzen, von dem uns die Ungeduld fort⸗ treibt; und wenn ſeine Ankunft in Wien, den ſchmeichelhaften Anſchein eines ſeltenen Ereig⸗ niſſes hatte, ſo wurde doch ſeine Abreiſe kaum bemerkt. Nur in dem Palaſte von Hedenburg beſchaͤftigte man ſich noch einige Abende lang mit dem beruͤhmten Preußen. „Ich habe nicht ruͤgen wollen«, ſagte Styndall,„daß er meinem Vaterlande die Kunſt abſprach. Da er jedoch anfuͤhrte, wie in allen ſeinen Werken, daß der Geiſt der Freiheit und Unabhaͤngigkeit, dem Kuͤnſtler nothwendig ſei, ſo haͤtte er nicht vergeſſen ſollen, daß unſer Parlement in Europa die einzige, den Erzeug⸗ III. 5 66 niſſen des Genies guͤnſtige Regierung iſt. Es iſt ſchon wichtig, daß der Gedanke ſich ohne Hinderniſſe damit beſchaftigen kann. Die ge⸗ ſellſchaftliche Verbeſſerung, die wir dieſer Re⸗ gierung verdanken, wird von Tag zu Tag deutlicher. Das Zunehmen des haͤuslichen Wohlſtandes hat bei uns die Menſchengattung vervollkommnet, beſonders die Weiber, die unſern großen Kuͤnſtlern, wie Weſt und Reynolds, herrliche Muſter bieten. Meiner Meinung nach muß der gluͤckliche Erfolg der griechiſchen Bildhauer auf eine an⸗ dere Urſache, als den Geiſt der Freiheit zuruͤck⸗ gefuͤhrt werden; ich behaupte ſogar, daß die Reinheit des Himmels, die Großbrittanien ent⸗ behren muß, auch nicht die erſte Bedingung deſſelben iſt. Eine ſtrenge Religion, die in der Liebe faſt einen urſpruͤnglichen Makel, und eine Unvollkommenheit unſerer Natur in den Reizen, durch welche ſie erregt wird, geſehen hat, er⸗ laubt dem Meiſel wenig Ausuͤbung, indeß die Religion der Alten, die der Schoͤnheit uͤberall Altaͤre errichtete, ſie als einen Gegenſtand des oͤffentlichen Cultus darſtellte. Es war nichts Auſſerordentliches, daß ſich die Einbildungs⸗ kraft der Kuͤnſtler, an deren reizendſten Gebil⸗ 67 den der ſichtbaren und empfindſamen Welt ent⸗ flammte, mit denen ſie ſich ſtets beſchaͤftigte. Wenig mit Kleider in einem Lande beſchwert, wo die Schaam kaum eines Schleiers bedarf, ſtellte ſich das ſchoͤne Menſchliche ihren Augen unter allen Formen dar; ſie ſtudirten es, ſie traͤumten mit Entzuͤcken davon, und das Ta⸗ lent, das es ins Leben zaubern ſollte, wurde nicht allein durch den Beifall eines anbetenden Volkes aufgemuntert, es erhielt nicht allein Ruhm und Belohnung, ſondern es hatte dies auch vom Himmel und von der Erde verdient. Dieſe Religion, die unbegreiflich iſt, weil ſie nicht eine gewiſſe oͤffentliche und geheime Moral ausſchloß, beſteht nicht mehr. Was von ihren reizenden Symbolen noch uͤbrig iſt, bezeugt allein ihr Wandel uͤber die Erde. Auch kann man behaupten, daß die Kuͤnſte nie wieder in Verhältniſſen, die ihrer Entwickelung ſo guͤnſtig ſind, zuſammen treffen, wie bei den Alten z. B. im Zeitalter des Perikles, wo es fuͤr eine Frau nicht genug war, der Huldigung zu genieſſen, die man ihrer Schoͤnheit erzeigte, wo man es ihr vielmehr Dank wußte, ſchoͤn zu ſein, wo ſie taͤglich dafuͤr belohnt wurde, und wo ſie ſogar ein durch die Beſchluͤſſe der Gerichts⸗ 5— 68 ſtuͤhle geheiligtes Recht darauf erhielt. Sie werden mich nicht fragen, warum der Mahom⸗ dismus, der unwuͤrdige Erbe der Gegend, die die Wiege der Kuͤnſte war, ſie nicht auf die⸗ ſelbe Weiſe verehrt; die uneingeſchraͤnkte Macht, die Unempfindlichkeit, die ſie beguͤnſtigt, wuͤrden das Genie morden, das einige Begeiſterung aus einer izu leichtſinnigen Wolluſt, und aus dem religioſen Glauben, wo ſie ſich wieder darſtellt, geſchoͤpft haͤtte. Phidias und Praxiteles ſtan⸗ den nicht unter dem Stock eines Kadi, wenn ſie ihre Meiſterſtuͤcke erſchufen; ſie nahmen nicht zu lebloſen Muſtern ihre Zuflucht, und nicht in Opium berauſchten ſie ſich mit Phryne und Aspaſia.“ Friedrich und Charlotte berauſchten ſich auch in Liebe. Die Fortſetzung ihrer zaͤrtlichen Verhaͤltniſſe die glaͤnzenden Eigenſchaften, die ſie wechſelſeitig an ſich erkennen mußten und mehr als dies, die Tugend und edlen Gefuͤhle, die ihre Seelen durchgluͤhten, machten ihr Bei— ſammenſein zu einem gemeinſchaftlichen Beduͤrf⸗ niſſe; und nur mit lebhaften Mißvergnuͤgen unterwarfen ſie ſich der Trennung von einigen Tagen, die durch Maria Thereſiens Willen noth⸗ wendig gemacht wurde. Der Hof war zu 69 Schoͤnbrunn, und da die Kaiſerin wuͤnſchte, Charlotten bei ſich zu haben, ſo mußten ſie ſich mit Beruͤckſichtigung dieſer Gunſt, den groͤß⸗ ten Zwang anthun. Sie philoſophirten uͤber das laͤſtige Joch der Groͤße; ſie ſeufzten daruͤ⸗ ber, und haͤtte gern gewuͤnſcht, in einem gerin⸗ gern Stande leben zu koͤnnen; aber ſie konnten ſich ſchreiben; ſie verſprachen es ſich, und hielten Wort. Jede Verechnung war Charlotten fremd; ſie liebte Friedrich zu ſehr, und wurde zu ſehr von ihm geliebt, als daß ihre Anhaͤnglichkeit eine Schmaͤlerung, oder einen Zuwachs von Liebe hatte zulaſſen koͤnnen. „Ich bin ganz allein hier, mein lieber Styndall“, ſchrieb ſie ihm unter dem 7. Juni; obgleich in dieſem Augenblick das Schloß von unten bis oben bewohnt iſt, denn man bereitet ſchon die Feſtlichkeiten vor, die das Verloͤbniß der Erzherzogin Karoline mit dem Koͤnige von Neapel feierlich begleiten ſollen. Die Kaiſerin unterhaͤlt ſich gern mit mir. Von ſieben Uhr des Morgens an ſind wir allein in einem ver⸗ ſchloſſenen Kabinet, was mich des ſuͤßen Ver⸗ gnuͤgens beraubt, mich mit mir ſelbſt einige Stunden vor meinem Aufſtehen zu unterhalten. 70 Sie vertraut mir dann ihre Familiengeheim⸗ niſſe an, ja ſogar ihre haͤuslichen Sorgen, in welchen der Erzherzog Joſeph immer eine Stelle hat. Bald fragt ſie mich, was man ſich von der Regierung ihres Sohnes ver⸗ ſpreche, bald, ob ich glaube, daß Kaunitz ihm den Vorzug vor ihr gaͤbe, ob der erſte Mini⸗ ſter nach ihr an ſeinem Poſten bleiben werde, oder nicht? Sie vermuthen ganz gewiß, was ich auf ſolche verfaͤngliche Fragen antworten kann. Gluͤcklicher Weiſe zieht man mich noch uͤber andere Gegenſtaͤnde zu Rath, die weniger in Verlegenheit ſetzen. Endlich bin ich ein Gegenſtand des Reides. Sagen Sie mir, Friedrich, warum ich fuͤr dieſe Auszeichnung jetzt weniger empfaͤnglich bin, als ſonſt? Die Lage von Schoͤnbrunn hat nichts Anziehendes, das grandioſe Schloß iſt ohne Geſchmack an einem Sumpf erbaut, wo die Natur von der Kunſt beſiegt worden iſt, das iſt Maria The⸗ reſiens Verſailles. Ich weiß dies alles ſchon lange, aber ich weiß nun auch, daß von allen Reiſen, die ich hierher gemacht, dieſe die ein⸗ zige iſt, wo ich Langeweile habe, denn ich liebe das Leben auf dem Lande, was es auch fuͤr eines ſei, ich liebe ſogar den Schein deſſelben, 71 und wenn ich hier auch nicht auf dem Lande bin, ſo ſehe ich es doch von Ferne, ſobald ich auf die Teraſſe des franzoͤſiſchen Gartens ſteige, und das gewaͤhrt mir ſchon einiges Vergnuͤgen. Mit der Waiſe von Klattau, wird man ſagen, iſt jetzt uͤbel auszukommen. Es iſt wahr, ſchon ſind es vier Tage, ſeit ich meine Tochter nicht ſah! und warum, Styndall, ſoll ich Sie hier vergeſſen? das hießſe Lügen, und die Liebe, die man ſich ohne Erroͤthen geſtehen kann, zeigt nicht ſolche Fehler. Ich habe mich wohl ge⸗ pruͤft, unb ſelbſt durch Ihre Bekanntſchaft gewonnen. Dies iſt eine Wahrheit, von der ich Ihnen das Zeugniß ſchuldig bin. Ich hoffe, daß Sie mich als Ihre Verpflichtete annehmen werden.“ „Ich muß Ihnen mit fortgeſetzter Freimuͤ⸗ thigkeit ſagen, was Ernſtine von uns denkt:“ „Mutter“, ſagte ſie zu mir den Abend vor meiner Abreiſe,„du verwunderteſt dich, daß ich Friedrich mehr, als den Baron von Sperges liebe: ich habe dir neulich meine Gruͤnde ange⸗ geben, gieb mir jetzt die Deinigen; denn ich glaube, daß du ihn auch mehr liebſt, und doch iſt es der Baron, der dich italieniſch gelehrt hat.“ Lieber Freund, dieſes Kind hat mich 72 ſehr in Verlegenheit geſetzt. Jedermann ſieht alſo ein, daß Sie mir theuer ſind. Ich bin auch nicht daruͤber betruͤbt; ich werde es bei⸗ den Oeſtreichen und ſogar Ungern, das ich mehr achte, bekennen. Inzwiſchen glaubte ich bei Weitem nicht, daß es ſo auffallend ſichtbar ſei. Ich muß etwas mehr auf meiner Hut ſein, ſonſt wuͤrde ich meine Gruͤnde anfuͤhren muͤſſen, wie es meine Tochter verlangte, und dann wuͤrde ich Ihnen, Friedrich, dieſe Sorge uͤbertragen! deswegen wuͤrde ich Sie bitten, die Perſonen einigemal zu beſuchen, denen, mich zu tadeln, einfallen koͤnnte. Welche Frau, die das Große und Edle in Ihrem Geiſte kennt, wuͤrde leugnen, Sie ausgezeichnet zu haben, ja Sie zu lieben? Der neunundzwanzigſte Juli des Jahres Ein Tauſend ſieben hundert ſieben und ſechzig hat mein Schickſal entſchieden. Bald ſind zwoͤlf Monate ſeit jenem entſcheidenden Tag verlaufen. Wer wird uns lehren, wer wird uns berichten, was er fuͤr uns in ſeinem Schooße trug. Ich weiß nicht, warum ich traurig bin, und doch wuͤnſchte ich nicht Ihnen ſo zu ſchei⸗ nen.. Zuͤrnen Sie deshalb dieſem alten Schloß, auch ein wenig der zunehmenden Andacht der Kaiſerin. Dieſe herrliche Frau wird ernſthaft und es genugt ihr nicht, uͤber dieſe ungeheuern Staaten zu regieren, ſie muß uͤber die Gewiſſen herrſchen; ſie vermiſcht die Sorge, ihr Volk zu regieren, mit der, es zu bekehren; ſie ſpricht von ihren Keuſchheitsge⸗ richt, als wenn die Keuſchheit durch Bekannt⸗ machung des Gerichtsdieners ſich anordnen ließ, als wenn die Keuſchheit vor einem Richter⸗ ſtuhle nicht erſchreckt, zuruͤckwiche! Die tugend⸗ hafte Tochter des Helkias, Suſanne, fand Richter, die ſie verdammten, und es war ein Kind, das ſie rettete. Ach! gewiß iſt Sympa⸗ thie zwiſchen der Schmeichelhaftigkeit der Frau und der Unſchuld des erſten Alters; ſuͤßes Ge⸗ ſchenk des Himmels, beide ſtehen unter dem Schutz der Engel, und ich zweifle, daß ſie mit ſo großer Sicherheit, denjenigen Menſchen an⸗ vertraut wuͤrden, deren Hauch gar zu oft ſie zu entweichen ſtrebt! Ich kann mir gar nicht einbilden, wo Maria Thereſta den Gedanken zu ihrem Richterſtuhl, und den Erzbiſchof Miggazi dazu zu beſtellen, hergenommen hat? Die Je⸗ ſuiten, von denen man ſich uͤberall befreit, ver⸗ drehen uns hier den Kopf, denn die Strenge, die man bisweilen gegen ſie anzunehmen, ſich 74⁴ ſtellt, iſt nichts weniger als wahr. Ich liebe die Moͤnche wenig, im Kloſter oder nicht im Kloſter; aber ich fuͤrchte ſie ſehr, wenn ſie in der Welt leben, denn das iſt gar nicht ihre Stelle. Sie machen alles um ſich truͤbſinnig, in Schoͤnbrunn ſelbſt ſtehen wir unter ihrem Einfluſſe. Seit nicht langen Tagen, ſind die heitern Ideen ſo ſelten bei mir, als die Doͤrfer in Boͤhmen. Noch zwei Worte uͤber den reiſenden Win⸗ kelmann. Jemehr ich uͤber die Unterſuchung nachdenke, die Sie uͤber ſeine Lehre unmittelbar nach ſeinem erſten Beſuche anſtellten, deſto ge⸗ rechter ſcheinen mir Ihre Ideen uͤber das Schoͤne; mit ihnen wird das Unbeſtimmte der Philoſophie aufhoͤren, denn Ihr Syſtem um⸗ faßt unſere ganze phyſiſche und moraliſche Na⸗ tur; es iſt ſo einfach, daß es mich in Ver⸗ wunderung ſetzt, wie Sie es zuerſt aufſtellen konnten. Aber ich habe ihn geſehen, Friedrich; der von dem Gelehrten in den Gemuͤthern hin⸗ terlaſſene Eindruck iſt tiefer als der, den Sie hervorgebracht haben. Nur Duval, ich und dieſer griesgraͤmliche van Swieten waren Ihrer Meinung, und dieſer letztere hat ſich noch ein⸗ fallen laſſen, Sie in einer Frage uͤber Kunſt 75 und Schoͤnheit nicht orthodox nach ſeiner Art zu finden! Und das iſt bis hieher gedrungen; man lobt Sie, aber das iſt ein ſolches Lob, das Sie in ihrem Leben nicht in den Hofrath, wenn Sie ſich dazu verſucht fuͤhlten, Eingang finden wuͤrden. Gott behuͤte Sie ja davor! Sie haben das Zuviel, was man in Wien wie das Feuer fuͤrchtet, leben Sie wohl, mein Freund, ich empfehle Ihnen nicht an, mich zu lieben, denn es wuͤrde mir unmoͤglich ſein, Sie nicht zu lieben, und ich fuͤhle, daß unſere See⸗ len mit einem unaufloͤslichen Bande gebunden ſind; ſobald ſie ſich begegneten, mußten ſie ſich vereinigen, wie die Androgynen des Plato. Sie ſehen, daß ich in Ermangelung des grie⸗ chiſchen Philoſophen, deſſen Sprache ich nicht verſtehe, wenigſtens unſern Wieland geleſen habe, und daß ich ihn nicht zu uͤbel anwende« „Geben Sie meiner Coufine Nachricht von mir, ich will Ihnen auch das Recht ertheilen, deren wieder von ihr zu verlangen, denn der Brief, der meiner Abreiſe von Schoͤnbrunn vorangehen wird, und ſollten Sie ſich auch⸗ daruͤber beſchweren, ſoll fur ſie ſein. Es ſollte mir ſehr leid thun, wenn meine Abweſenheit Ihnen den Weg nach dem Augarten zu ſehr 76 vergeſſen ließ.. Womit bringen Sie Ihre Zeit zu? Ich kann Ihnen ſagen, daß die mei⸗ nige mir lang dauert...... Leben Sie noch einmal wohl, ich werde den eilften dieſes Mo⸗ nats wieder in Wien ſein; ich vergeſſe, daß ich es der Baronin ſchreiben ſollte, und daß Sie es von ihr erfahren koͤnnten. Charlotte. „Ich! den Weg nach dem Augarten vergeſ⸗ en!“ lautete unter andern Styndalls Antwort. „Haben Sie das vermuthen koͤnnen, Charlotte? der Verſtand, der Wille, das Gedaͤchtniß muͤß⸗ ten mir auf einmal ganz abgehen, und dennoch wuͤrde mich der bloße Inſtinkt, die traurigen Truͤmmern meiner Exiſtenz an Ihr Thor fuͤh⸗ ren und wenn das Leben in dieſem Verein der Organe erloͤſchen ſollte, die mich belehrten, daß unſere Seelen uͤbereinſtimmen, wenn dieſes irdiſche Gebaͤude zuſammenbrechen ſollte; mein Geiſt wuͤrde noch auf dem Dache, unter dem Sie wohnen, hingleiten, nicht um Sie, meine liebe Freundin, zu beunruhigen, ſondern über Sie zu wachen, und ſogar den Schatten einer Gefahr von Ihnen zu entfernen! Ich wuͤrde nach meinem Hinſcheiden ein Vaterland an den 77 durch Ihre Gegenwart verſchoͤnerten Orten fin⸗ den; das ſollte mein Elyſium ſein, um kein andres wuͤrde ich den Schoͤpfer bitten, bis es ihm endlich gefiel, uns in ſeinem Schooße zu vereinigen.. Ich bin drei Male in Ihrem Palaſt gewe⸗ ſen und eben ſo viele Male habe ich Ihre kleine Erneſtine umarmt. Glauben Sie es, Charlotte, es war in meinen Augen eine Kuͤhnheit. Meine Lippen haben zu gleicher Zeit vor Furcht und Wolluſt gebebt, als ſie ſich Ihrer Tochter naͤherten; ſie zeigt mir dergeſtalt Ihre Zuͤge, ja ſogar Ihr ganzes Ebenbild, daß ich in mei⸗ nen Gedanken befuͤrchtet habe, mich in Hinſicht Ihrer eines Raubes ſchuldig zu machen. Ach! Sie haben wahr geſprochen, daß der Himmel die Unſchuld des zarten Alters unter die Auf⸗ ſicht der Engel geſtellt hat. Ich ſtand nicht an, die Gunſt, um die ich Sie zu bitten nicht gewagt, Ihnen ſelbſt mit Taͤuſchung von der Stirn Ihres Kindes zu rauben! Ich betheuere auf Ehre, daß ſie den ehrerbietigen Kuß eines Freundes empfangen hat; ihr den Kuß eines Vaters zu geben waͤre zu viel geweſen! Ihre Couſine, nicht weniger gut, als fuͤr mich eingenommen, ſo daß ſie deswegen meine 78 ganze Erkenntlichkeit verdient, hat mir einige Augenblicke gůtigſt bewilligt. Sollten wir nicht von Ihnen geſprochen haben? Sie beklagt ſich, daß Sie die Kaiſerin nie um etwas erſuchen; ſie ruͤckt Ihnen vor, keinen Ehrgeitz zu haben. Und doch ſagt ſie, haͤtten Sie eine Tochter und Verwandte; Ihre Zukunft koͤnne ſich aͤndern;... noch reichere Leute als Sie empfingen.... Char⸗ lotte, wie ehre ich an Ihnen dieſe Gefuͤhle! der edle Gebrauch, den Sie von Ihrem Ver⸗ moͤgen machen, iſt in meinen Augen niemals mehr erhoͤht worden. Sie haben ſich wohl erinnert, daß Alles, was das Ungeſtuͤm der Hofleute dem Monarchen entreißt, dem Elende der Voͤlker entriſſen worden iſt; Sie haben ge⸗ glaubt, daß das, was man ohne Recht erhaͤlt, nicht ohne Schimpf beſeſſen werden kann. Die Schuͤlerin des weiſen Ulrich hat nicht eine Moral fuͤr den Hof und eine andere fuͤr Boͤhmens Fluren; ſie giebt das ihrige den Ar⸗ men; ſie laͤßt ſich nicht erſt um ein Almoſen anflehen; ſie iſt immer dieſelbe geblieben, immer gerecht, immer die liebenswuͤrdigſte und tugend⸗ hafteſte der Weiber.“ „Sie wollen wiſſen, wie ich meine Zeit hin⸗ bringe; ſollten Sie ſolche Fragen an mich rich⸗ — 79 ten, die Sie eben ſo gut als ich zu beantworten wiſſen? Sind Sie nicht immer meinen Blicken gegenwaͤrtig? Stehe ich nicht in der Ferne und Naͤhe unter Ihrem Einfluße? Habe ich nicht eine Menge Andenken? Kann ich mit etwas anderm mein Leben hinbringen, und verdanke ich es Ihnen nicht? Sein Sie ja verſichert, daß die Augenblicke meiner Einſamkeit mir die angenehmſten ſind! Fern von beſchwerlichen Menſchen rufe ich Sie an meine Seite: und Sie folgen meinem Rufe; ich biete Ihnen mei⸗ nen Arm an, wir gehen durch den Prater, wir ſetzen uns an den Rand eines kleinen Hafens unter das Laubgewoͤlbe, das unſere Haͤupter ſchon bekraͤnzt hat; da unterhalte ich mich mit Ihnen; ich ſammle die Worte Ihres Mundes auf; wir reden mit Verdruß uͤber die unvoll⸗ kommenen Geſetze, die die geſellige Ordnung re⸗ gieren; aber mit Begeiſterung und Hinreißung von denen, durch die die Vorſehung ihr Werk in einer unveraͤnderlichen Ordnung erhaͤlt! Ihre Gedanken, ſelbſt Ihre Fragen enthuͤllen mir Ihre ſchoͤne Seele; ich leſe in Ihren Zuͤgen die lebhafte Ruͤhrung, von der Sie durchdrun⸗ gen ſind, und ich bin gluͤcklich. Was liegt daran, daß ich es einer Unwahrheit verdanke? 80 Ich tauſche mich, es iſt wahr, daß ich mich auf das Vergangne beziehe, das ich wieder ver⸗ wirkliche, damit es mir das Gluͤck wiedergaͤbe, womit es mich berauſcht hat. O, Sie, die Sie mir ſo ſuͤße Gedanken einfloͤßen, moͤgen dagegen keine bittere und duͤſtere naͤhren! Wenn nach dem Sprichwort die Doͤrfer in Boͤhmen ſelten ſind, ſo erinnern Sie ſich, daß es deren genug giebt, die in Thaͤlern, am Abhange der Huͤgel, am Ufer der Seen liegen, und faſt immer von Geſtraͤuchen beſchützt ſind, die ſie den Blicken entziehen. Dieſe entlegene und faſt geheimnißvolle Orte ſichern dem Landmann mehr Ruhe zu, ſie ſind ein wahres Ebenbild von dem Leben eines Weiſen; ſie lehren uns, daß die Natur in ihrer groͤßten Einfachheit uns gluͤck⸗ lich machen kann, daß ſie ihre Guͤnſtlinge in die Einſamkeit rufe, und daß fuͤr die groͤßte Rechtfertigung der Vorſehung das Gluͤck auf der Erde nicht auf einen ſo hohen Werth ge⸗ ſetzt worden iſt, weil die die Beſcheidenſten ſind, die dort emporkommen. Sie ſind reich, ſie ſind von einem erhabenen Rang; aber Ihr Geſchmack, meine geliebte Freundin, iſt rein, und unter den reichen Spitzen, die Ihren Buſen zieren, ſchlaͤgt Ihr Herz nur fuͤr unſchuldige Vergnuͤgen, oder 81¹ auch fuͤr Leiden, die Sie nicht verurſacht haben: Ihnen verkuͤmmert alſo der Palaſt nicht die Ruhe der Seele, die Andern ein niederes Stroh⸗ dach zuſichert. Obgleich Sie mir eine treue Bundesgenoſſin ſind, ſo habe ich doch fuͤr gut befunden, noch ein feſtes Band mit Jemanden zu knuͤpfen, den ich ſehr ſchaͤtze. Es iſt einer von Ihren empfehlungswertheſten Freunden; aber glauben Sie nicht, daß ich damit eine ſo große Perſon andeuten will, deren Titel man in Wappenfel⸗ dern ihres Wagens lieſt, oder deren Kleid im noͤthigen Falle ihre Umſtaͤnde angaͤbe, ſo wie in dieſem Lande die Wuͤrde vornehmer Haͤuſer dem Auge des Spaziergaͤngers die vornehmſten Begebenheiten der Familien, die ſie bewohnt haben, in Gemaͤlden darbieten. Nein, es iſt weder eine Hoheit noch eine Excellenz, der ich meine Aufmerkſamkeit geſchenkt habe. Der gute Jamerai Duval war der Gegenſtand derſelben; ich habe zwei Male in der Burg bei ihm zuge⸗ ſprochen, ohne uͤber die Einhundert und ſechzig Stufen, die man erklimmen muß, um in ſein kleines Gemach zu kommen, abgeſchreckt worden zu ſein: ich habe ihm den Hof gemacht, wenn Sie mir dieſen Ausdruck erlauben; denn es iſt III. 6 8² bei ihm viel zu erreichen, wenn man die ge⸗ braͤuchliche Sprache ſpricht, und Sie wiſſen, daß die Hofleute immer einen eigennuͤtzigen Ge⸗ winn, oder einen Gewinn an Eitelkeit ſich aus den Beſuchen verſprechen, die Sie erhalten; da ſie aber alle denſelben Gegenſtand verfolgen, ſo ereignet es ſich gar oft, daß ihre Hoͤflichkeit falſch und betruͤgeriſch iſt. Gott ſei Dank, daß die, die ich mit dem wuͤrdigen Jamerai zu un⸗ terhalten gedenke, dieſen Flecken nicht zu befuͤrch⸗ ten hat.“ „Charlotte, bei dieſer Gelegenheit muß ich Ihnen uͤber die meiſten Verbindungen meine Gedanken ſagen, und warum ſie hauptſaͤchlich ſo wenig bei den Begebenheiten des Lebens die Probe halten.“ „Wenn nur die Rede von den verſchiedenen Freundſchaften iſt, die ſich unter Maͤnnern knuͤpft, um die Staͤrke oder moͤgliche Dauer derſelben zu berechnen, ſo iſt nur eine Frage zu thun, und es iſt faſt gewiß, daß die Antwort zu einer Aufloͤſung dieſer ſtatiſtiſchen und morali⸗ ſchen Aufgabe fuͤhren wird. Man muß anfan⸗ gen zu wiſſen, ob die Perſonen, welche ſich mit dem Aeußern wechſelſeitiger Anhaͤnglichkeit vor uns ſiellen, dieſelben Sachen lieben, und ob 83 dieſe Dinge ſich nach einem gemeinſchaftlichen Beſitze richten, oder ob ſie mit ihren Begierden diejenigen verfolgen, deren Beſitz ſich unter einem ausſchließenden Charakter zeigt. Dieſe zweite Art von Guͤtern enthaͤlt die Ehrenſtellen, die Macht, den Kredit, das große Vermoͤgen und ſelbſt das privilegirte Anſehn, das Schauſpiel einer ſchoͤnen Natur, das Studium ihrer Er⸗ ſcheinungen, das Forſchen nach Wahrheit, die haͤuslichen Vergnuͤgungen, die aus der nuͤtzlichen Anwendung des Lebens entſtehende Zufriedenheit, bilden im Gegentheil einen gemeinſchaftlichen Fond, wo Alle ſchoͤpfen koͤnnen, ohne Jemanden zu vertreiben. Der Genuß des Einen, weit ent⸗ fernt dem des Andern zu ſchaden, bereitet ſie und vergroͤßert ihre Intenſität.“ „Ich rede nicht von dem unausſprechlichen Vergnuͤgen des Menſchen, der den Vortheil gehabt hat, eine tugendhafte und ſchoͤne Frau ſeinen Eindruͤcken zu verbinden und die annimmt, die ſie ihm mittheilt.« „Dielß iſt das an ſeiner reinſten Quelle ge⸗ ſchoͤpfte Gluͤck, das was ich Ihnen ſchulde, Charlotte, und was mich wieder an das Leben feſſelt, welches ohne dieſe Gunſt des Himmels fur mich eine Laſt ſein wuͤrde. Dieß iſt außer 6* jeder Vergleichung! Aber ich frage meine geiſt⸗ reiche Freundin, ob es ein einziges Weſen un⸗ ſerer Art giebt, das an ſeiner Seite nicht den Freund ſeines Herzens haben wollte, wenn es in einer gefundenen gluͤcklichen Lage die ruͤhrende Harmonie darin bewundert? Ich frage Sie, ob in Ermangelung ſeines Freundes es nicht ver⸗ ſucht werden ſollte, die Voruͤbergehenden anzu⸗ rufen, und ihnen zu ſagen:»Kommt, laßt uns zuſammen bewundern!“ So iſt es auch mit dem Leſen eines guten Buchs, mit der Theilnahme an einem oͤffentlichen Feſte bei einer gluͤcklichen Nation. Dieß ſind die Ergoͤtzlichkeiten, die we⸗ der Kampf noch Streit erregen. Man kann ſie nicht beſſer erklaͤren, als wenn man ſie auf das anwendet, was bei der Vorſtellung eines guten Theaterſtuͤckes ſtatt findet. Je voller der Saal war, deſto vergnuͤgter gehen die Zu⸗ ſchauer weg.“ „Bemerken Sie von einer andern Seite, daß der Beſitz der Reichthuͤmer und ſelbſt des Ruhms jede Gegenſeitigkeit ausſchließt. Wo Jedermann reich waͤre, wuͤrde auch Jedermann an ſeine eignen Kraͤfte gebunden ſein, und die Meinung, deren Beifall Allen leicht zu erlangen waͤre, verloͤre ihren Werth, weil die in Anſehen Ste⸗ 85⁵ henden ſich nur von Vorzuͤgen und Ausſchließun⸗ gen naͤhren. Der Credit iſt mit ſtaͤrkerm Grunde demſelben Geſetz unterworfen. Alle Menſchen koͤnnen nicht Guͤnſtlinge und Kammerherren ſeinz wenn man an allen Kleidern Baͤnder, Kreutze und Schilder ſaͤhe, Niemand wuͤrde ſie zu tra⸗ gen wuͤrdigen. Die Wiſſenſchaft in Wahrheit tritt wieder in das gemeinſchaftliche Recht ein, aber die Privilegien der gelehrten Geſellſchaften ſind nicht dabei. Ach! der Allmaͤchtige hat ohne Zweifel das Geheimniß einer Haushaltung, die das Gluͤck ſeinen Geſchoͤpfen ohne Widerſpruch zuſichert, weil er hienieden die weiſen und tugendhaften Menſchen aus verſchiedenen Gegenden der Erde zu unerſchoͤpflichen Vergnuͤgungen ruft; obgleich Alle Theil daran nehmen, wir freuen uns doch mit Harwey der Entdeckung des Blutumlaufes in dem Syſtem der Adern; mit Newton des der Planeten durch den unermeßlichen Raum, mit den großen Geſchichtſchreibern aller Laͤnder der edlen Gedanken, die ſie in ihre Werke ge⸗ ſaͤet haben. Roch ſchoͤner iſt das Buch der Natur vor unſern Augen offen! denſelben Tag, in demſelben Augenblicke koͤnnen Millionen Leſer eine hinreißende Begeiſterung daraus ſchoͤpfen! 86 Alſo beſtimme ich die Freundſchaft unter Men⸗ ſchen, welche an gemeinſchaftlich nutzbaren Din⸗ gen Wohlgefallen finden, welche ihrem Weſen nach gut ſind; die andere iſt nur eine Luͤge durch welche ſie ſich taͤuſchen, indem die kuͤnſt⸗ lichen Guͤter, die ſie mit Inbrunſt begehren, keine Theilung zulaſſen, und unfehlbar die Quelle der Uneinigkeit des Menſchengeſchlechts werden muͤſſen. Liebenswuͤrdige Charlotte, Sie werden leicht einſehn, daß der ehrwuͤrdige Duval und ich Freunde werden konnten; wir lieben dieſelben Guͤter, aber wir werden ſie uns nicht ſtreitig machen, ſo lange uns nicht etwas verhindern ſollte, ſie zuſammen zu genießen.“— Zwei Tage nach der Sendung dieſes Briefs, mit dem die Baronin von Stein von dem Eng⸗ laͤnder in Perſon beauftragt worden war, und den ſie in ihr erſtes Paquet nach Schoͤnbrunn einſchloß, kehrte die Fuͤrſtin von Hedeuburg in ihren Palaſt zuruͤck; es war den eilften Juni, wie ſie gemeldet hatte. Styndall, ihre Cou⸗ ſine, ihre Tochter und ihre Leute erwarteten ſie im Hofe und auf den Treppen. Fraͤulein Hubert ſpringt leicht aus der Berline, wirft Tom Sylcock, der im Haufen ſteht, einen Blick 87 zu und nimmt Erneſtine in die Arme, um ſie den Liebkoſungen ihrer Mutter zu uͤbergeben. Charlotte ſteigt endlich aus, von Friedrich un⸗ terſtuͤtzt, der zufrieden mit dem leiſen Druck, den ſeine Hand empfunden, ſich beſcheiden einige Schritte entfernt, um den Beweiſen der An⸗ haͤnglichkeit Raum zu geben, die Natur und Freundſchaft fordern. Die Fuͤrſtin umarmt ihre Couſine, dann druͤckt ſie ihre Tochter zu ver⸗ ſchiedenen Malen an die Bruſt, macht ſich ploͤtz⸗ lich von ihr los und geht vertraulich auf Styn⸗ dall zu, um ihm einen Kuß zu reichen, deſſen er ſich nicht verſehen hatte, und welches der erſte war, den er von dieſem angebeteten Mund erhielt. Charlotte ſpricht zu gleicher Zeit dieſe Worte in ſein Ohr:„Wenigſtens ſollen Sie dieſen nicht zu verantworten haben, er gehoͤrt Ihnen zu;“ und indem ſie bemerkt, daß man ſie anſieht, fuͤgt ſie mit einer etwas ſtaͤrkern Stimme hinzu:„Das iſt der Lohn fuͤr die, welche Sie Erneſtinen gegeben haben.“ Friedrichs ganzes Weſen war verwandelt, dieſe unerwartete Gunſt hatte ſeine Sinne ver⸗ wirrt wie noch nie, er wankte, er ſtammelte und fand kaum ſo viele Kraͤfte, die Fuͤrſtin bis in den Saal zu fuͤhren, wo ſie von mehreren 88 andern Freunden erwartet wurde. Man brachte eine Stunde mit Gluͤckwuͤnſchen bei ihr zu, zu denen ihre Ankunft Veranlaßung gab; man bemerkte, daß ihre Geſundheit gut ſei, die ſich durch die Friſche ihrer Farbe aber noch mehr durch die Zufriedenheit beſtaͤtigte, die ihre ſchon ſo ausdrucksvolle Geſichtsbildung erheiterte. So ſchloß ſich an das Vergnuͤgen ſie wiederzuſehen faſt noch ein Gefuͤhl von Erkenntlichkeit an, ſie immer ſchoͤn und liebenswuͤrdig zu finden. Bald ließ man ihr freies Feld. Jeder vermu⸗ thete, daß es ihr nach der Abweſenheit einer Woche von ihrem Hauſe nun lieb ſein wuͤrde, von ihrem innern Hausweſen Beſitz zu nehmen; jedoch war dieß nur eine Vertagung, denn am folgenden Tage ſollten ſich Alle in dem Palaſte von Dedenburg verſammeln, um an einem glaͤn⸗ zenden Diner Antheil zu nehmen. Der Englaͤn⸗ der zog ſich auch zuruͤck; ſeine Augen waren mehrmals denen der Fuͤrſtin begegnet, aber den ganzen Abend hatte er nur einſilbige Worte oder einige von den Reden, die man ohne große Aufmerkſamkeit ausſprechen und verſtehen kann, hervorgebracht. 89 28. Styndall kam mit einer phyſiſchen und mo⸗ raliſchen Unruhe nach Hauſe, von der er ſich ſchwer Rechenſchaft ablegen konnte. Charlottens Kuß hatte ihn mit Entzuͤcken berauſcht, ſeine Lippen hatten nicht ungeſtraft auf denen dieſer himmliſchen Frau geruht; er fuͤhlte ſie noch; der Eindruck davon war ihm noch lebhaft ge⸗ genwaͤrtig; ſeine Blicke waren verwirrt; eine Wolke ſchwebte vor ſeinen Augen, ein kuͤhler und balſamiſcher Hauch hatte ſtets die Luft, die er einathmete, mit Wohlgeruch erfuͤllt; vor ſeinen Ohren klang ein leiſes Murmeln in un⸗ ausſprechlichen Toͤnen, und die Worte, die ihm einen Augenblick die Thore des Himmels ge⸗ offnet hatten, hoͤrte' er hundert Mal, ſie hallten im Innerſten ſeines Herzens fort. Er ſchau⸗ derte und gluͤhte zu gleicher Zeit. Dieſe wol⸗ luͤſtige Scene verlaͤngerte ſich in ihrer ganzen Schoͤnheit, ohne daß er wußte, ob er ſich dar⸗ uͤber freuen oder beklagen, ſich ihr uͤberlaſſen oder durch die Handlung eines ſtarken Willens ſich ihr entziehen ſollte. Als wieder Ruhe in ſeinem Gemuͤthe einzog, erſchrak er uͤber ſeine Liebe, und nicht weniger uͤber die, welche er erhielt; die Zukunft zeigte ſie ihm in ihren 90 traurigſten Folgen, und was jeden Andern an ſeiner Stelle mit Freude uͤberhaͤuft haben wuͤrde, erfüͤllte ihn mit einem ploͤtzlichen Schrecken. „Ich bildete mir ein,“ ſagte er zu ſich, „daß ein zaͤrtlicher Austauſch der Ideen und Gefuͤhle mit dieſem unvergleichlichen Weſen ohne zu viel Gefahren fuͤr mich alles Glück, das ich hienieden bezweckt, verwirklichen wuͤrde. Ein Reiz mehr, der Unterſchied der Geſchlechter hatte den Zauber deſſelben vermehrt; die Suͤßigkeiten meiner reinen Liebe genießend, waͤre ich— es iſt wahr— ihren brennenden Leidenſchaften, wie ihren unruhigen Bewegungen, entgangen, aber ich haͤtte eine Pflicht erfuͤllt, die Zuſage, die ich mir gegeben habe, geehrt; ich waͤre endlich ein Mann geweſen. Und nun kenne ich mich ſelbſt nicht mehr! Ein Kuß hat meine Seele und meine Sinne in Verwirrung gebracht. Durch ihn habe ich meine ganze Schwaͤche kennen gelernt, er hat mich zu Boden geworfen, er hat mich beſiegt! Wo iſt mein Entſchluß? wo iſt meine Wuͤrde? Ich bin allein der Zeuge meiner Verbindlichkei⸗ ten; gab es aber jemals nothwendigere und unwiderruflichere? Und muß ich hier nicht zur ganzen Energie, die mir Gott und Natur ga⸗ ben, meine Zuflucht nehmen?.. Ungluͤcklicher, 91¹ es iſt alſo nicht genug, daß das Opferthier beſtimmt iſt, es muß auch noch mit eigner Hand die Vorbereitung zum Opfer machen! Selbſt ſoll es das Feuer des Opferherdes anzuͤnden: es ſoll ſich ſelbſt zu jeder Stunde, zn jedem Augenblick, bei Nacht und Tag hinſchlachten! So hat es ein eiſernes Verhaͤngniß gewollt. Nein, dieſe Lage iſt unertraͤglich! Ich verwun⸗ dere mich, daß ich ſie ohne Schauder habe ſehen koͤnnen; nur der Wahnſinn und Eigen⸗ duͤnkel vermochten ſich hinein zu verwickeln und jetzt iſt die hoͤchſte Zeit ihnen ein Ziel zu ſetzen... Wie! ich haͤtte ſtets das vollkommenſte Geſchoͤpf, das aus den Haͤnden des Ewigen hervorging, vor Augen; ſo verfuͤhreriſch an Geiſt, Anmuth, Liebe und Guͤte wuͤrde ſie mir an jedem Ort erſcheinen; bei jedem Worte, bei jedem Blicke wuͤrde ſie mir ſagen:„Styndall, ich liebe dich!“ ſie hat es mir ſchon von Angeſicht zu Ange⸗ ſicht geſagt; ſie hat ihre reine und keuſche Liebe auf meinen Lippen verkuͤndigt! Sie ſind noch davon entzuͤndet! und eine ſtoiſche Tugend ſollte mich hindern, mich den ſuͤßeſten und recht⸗ maͤßigſten Gefuͤhlen zu uͤberlaſſen! Bin ich denn ein Gott oder ein hoͤlliſcher Geiſt, um bei den Schmeicheleien der Engel gefuͤhllos zu ſein: Und 92 was habe ich der gegen mich empoͤrten Welt gethan, um von ihr gequaͤlt zu werden?“ Mit dieſen ſchmerzhaften Klagen und trau⸗ rigen Gedanken fiel Styndall in eine große Schwaͤche. Beide Ellenbogen auf den Tiſch geſtuͤtzt, den Kopf in den Haͤnden verborgen, verſank er in tiefes Nachdenken, das laͤnger als eine Viertelſtunde dauerte. Die Liebe und der Muth lagen im Streit. Brennende Thraͤnen floßen auf ſeine Hände. Sie benetzten den Tiſch, der ihm zur Stuͤtze diente; Seufzer entfuhren ſeinem Buſen, der in konvulſiviſcher Bewegung war. „Was iſt zu thun?“ rief er aus und rich⸗ tete ſich wieder auf.„Was iſt zu thun? O Himmel! lehre es mich! Soll ich fliehen bis an's aͤuſſerſte Ende der Erde, weil ich einer Frau theuer bin, deren Liebe zu erkaufen, alle Herrſcher der Welt nicht reich genug ſein wuͤr⸗ den? Soll ich mit Zorn dieſen Becher voll Wol⸗ luſt zwiſchen ihren Haͤnden zertruͤmmern, den ſie meinem Durſt im ganzen Glanze ihrer jung⸗ fraͤulichen Unſchuld darbietet? Charlotte, wo iſt denn dein Verbrechen, wofuͤr du ſo behandelt wirſt? Wo iſt das meinige? ich frage die ganze Natur darum? Bin ich taub geweſen, als das Geſchrei des Ungluͤcks bis zu mir drang? Sollte der Schwache mir eines Tages ſeine Unterdruͤckung Schuld geben? Habe ich jemals die demuͤthige Bitte des Armen zuruckgewieſen? Wird man mir vorwerfen, ich habe ihm nicht einen Theil des Golbes, das ich beſitze, zu⸗ flieſſen laſſen, ohne es mit meinen Wuͤnſchen zu verfolgen und das sicht den tauſendſten Theil der Qualen aufwiegt, womit mich der Himmel uͤberhauft? Vorſehung meines Gottes, wie ſuß waͤre es mir dennoch geweſen, dich zu ſegnen und meine Hand in die Hand des bezauberten Wei⸗ bes zu legen, die du mitten in dieſes Jammer⸗ thal auf meinem Wes geſtellt haſt! War ich ſo kuͤhn, ſie von dir auf eine andere Weiſe, als durch meine ſorgenvollen Seufzer zu ver⸗ langen? War ſie nur einen Augenblick lang der Gegenſtand meines Strebens? Habe ich nicht bei ihrem Begegnen wie vor dem Feinde gezittert? Du weißt es, ich habe mich ihren Reizen entziehen wollen! Du haſt uns allein grauſam zuſammen gefuͤhrt! Charlotte, du wuͤr⸗ deſt mich beklagen, wenn du Zeuge der Ver⸗ wirrung meines Verſtandes waͤrſt, du wuͤrdeſt deinen reizenden Arm um mein Haupt ſchlin⸗ 94 gen, um es empor zu richten; deine klagende Bitte wuͤrde meinen Schmerz ausforſchen, und ich wuͤrde ſchweigen; denn das ungluͤckliche Geheimniß muß mit mir ſterben, und wenn gleich du noch einmal die grauſame Macht deines Kuſſes an den ungluͤcklichen Styndall verſuchen wollteſt!... Aber iſt es wahr, daß ich den bezaubernden Druck deines Mundes der Liebe verdanke? Sollteſt du vielmehr nicht die bloſſe Abſicht gehabt haben, als eine zaͤrtliche Schwe⸗ ſter meiner Freundſchaft das zu bewilligen, was von dir die eines Bruders nach einer Abweſen⸗ heit erhalten haͤtte? Das wuͤrde mir zugleich weniger ſuͤß und weniger zerreiſſend ſein; ich wuͤrde noch nicht dem hoͤchſten Gluͤcke nahe ſein, und deshalb leben koͤnnen! Dann wuürde ich auch mit Zufriedenheit meine Kette ſchleppen, wie der Strafbare ſeine Begnadigung annimmt, ohne ſie gewuͤnſcht zu haben.“ An dieſer Idee haͤngend, wiederholte der Englaͤnder in ſeinem Geiſte alle Umſtaͤnde des ausgezeichnetſten Beweiſes, den er von der Zuneigung der Fuͤrſtin erhalten hatte, auch wie ſie ihn in Gegenwart ihrer Diener, ihrer Couſine und ihrer Tochter ganz ungezwungen gekußt habe, und da er dies fuͤr eine wohl⸗ 95⁵5 wollende Abſicht nahm, in der ſie ihm ein Be⸗ weis dankbarlicher Geſinnungen auszudruͤcken ſich beſtrebte und in dieſem Augenblicke als Mutter die Schuld ihrer Tochter abtragen wollte, ſo fuͤhlte er ſeine Ueberſpannung ſtufen⸗ weiſe abnehmen. Als er ſich endlich einbildete, Charlotte ſei vielleicht uͤber ſeine Selbſtgefaͤllig⸗ keit, die er in den der kleinen Erneſtine be⸗ wieſenen Liebkoſungen habe blicken laſſen, beun⸗ ruhigt worden, ſo ſtimmte ſich ſeine Ueberſpan⸗ nung ſogar zur Traurigkeit herab. Es fehlte wenig daran, daß er nicht glaubte, ſie habe ihn geringſchaͤtzig behandeln wollen. Die unge⸗ zwungene Art, mit der ſie ſich zu ihm gewen⸗ det, und der Ton, den ſie gegen ihn gefüͤhrt hatte, beſtaͤtigten ihn in dieſer Meinung, in der er jedoch den andern Tag ſchon irre ge⸗ macht wurde. Denn kaum war ihm die Thuͤr des Saals geoͤffnet, iu welchen die Hausfrau ihre Gaͤſte erwartete, als er auf dem Geſichte der liebenswuͤrdigen Frau eine Unruhe erblickte, die durch die Veranderung der Zuge ihres Freundes verurſacht wurde. Dieſer hatte wirk⸗ lich eine unruhige Nacht gehabt, und ſeine tiefe Schwermuth konnte den durchdringenden Blicken eines liebenden Weibes nicht entgehen. 96 Charlotte befragte ihn bekuͤmmert uͤber den Zu⸗ ſtand ſeiner Geſundheit und noͤthigte ihn, ſich mit Vorſicht uͤber ihre wechſelſeitige Lage zu unterhalten; aber man meldete einige eingela⸗ dene Perſonen an, und ſie hatte nur Zeit⸗ erro⸗ thend den Eingang zu einer zaͤrtlicheren und vertrautern Unterredung zu machen. Ein neuer und ſehr dringender Brief, von dem ehrwuͤr⸗ digen Herberg hatte ihrer Schaamhaftigkeit Geſetze auferlegt. Friedrich fuͤhlte in der Gegenwart eines Weſens, in das er ſein Gluck geſetzt und das ſich durch jenes verſchoͤnte, was ſie an ſeiner Seite entſprieſſen ließ, die Laſt ſeines Ungluͤcks leichter werden. Er nahm Theil an der Freude der Gaͤſte. Er vermehrte ſie ſelbſt, ohne beſ⸗ ſer als ſie vorauszuſehen, welchen Schmerz ſie ſich nach einigen Minuten uͤberlaſſen wuͤrden. Die Geſellſchaft war eben vom Tiſch aufge⸗ ſtanden und in ein anderes Gemach gegangen, als der Baron von Holger, der ſich Abends zuvor bei der Fuͤrſtin hatte entſchuldigen laſſen, daß er die Einladung nicht annehmen koͤnne, mit beſtürzter Miene herein trat. Niemand zweifelte an der Ueberbringung einer traurigen Nachricht. Der Baron, in ſeinen Handlungen klug und vorſichtig, ſetzte ſeine Freunde nur mit weiſer Schonung in Kenntniß derſelben, er verkuͤndete zuerſt, daß Winkelmann in Trieſt geſtorben ſei, wie dieſen Morgen eine Depeſche an das Gerichtskollegium gemeldet habe. Wie ein Donnerſchlag traf dies Wort die Anweſen⸗ den. Jeder zollte dem Andenken des beruͤhmten Gelehrten durch Schmerz ſeinen Tribut, den man zwei Wochen zuvor das Gluͤck gehabt hatte, in demſelben Saale zu unterhalten. Charlotte vergoß Thraͤnen, und die Baronin von Stein weinte wenigſtens aus Sympathie. Der Baron von Holger erklaͤrte nach Verlauf einiger Minuten, daß der beruͤhmte Verfaſſer der Geſchichte der Kunſt von der Hand eines Elenden umgekommen ſei, den er das ungluͤck gehabt haͤtte, mit Guͤte aufzunehmen, als er ihn einige Tagereiſen von Wien angetroffen habe und der, in Trieſt in demſelben Gaſthof woh⸗ nend, ſich ſeiner goldenen Muͤnzen habe be⸗ maͤchtigen wollen; endlich fuͤgte der Hofrath hinzu, daß dieſer Verbrecher der beruͤchtigte Archangeli ſei, der den Befehl erhalten habe, in ſein Vaterland Piſtoja in Toscana zuruͤckzukehren, da die Zeit ſeiner Gefangenſchaft abgelaufen. Trotz der Vorſicht, die dieſe Nachricht be⸗ III. 7 98 gleitete, brachte doch ihre Wirkung eine Be⸗ taͤubung hervor. Wenn der Baron von Hol⸗ ger dies voraus geſehen haͤtte, ſo wuͤrde er die traurige Folge, ſeine Freunde davon zu unterrichten, Andern uͤberlaſſen haben. Char⸗ lotte befand ſich in einem ſehr leidenden Zu⸗ ſtande. Bleich wie das Taſchentuch, das ihre Finger ſchwach hielten, athmete ſie kaum. Ihre Blicke druͤckten nicht allein Schmerz, ſondern Entſetzen aus. Sie weinte nicht mehr; ſchmach⸗ tend wandte ſie ihre Augen gen Himmel und heftete ſie dann ſtarr auf Styndall. Dieſer verrieth noch etwas Auffallenderes in ſeinem Geſichte. Man haͤtte glauben koͤnnen, die Hand des unerbittlichen Verhaͤngniſſes liege ſchwer auf ihm. Seine Augen waren duͤſter, die Au⸗ genbrauen gewaltſam zuſammengezogen. Da er Jedermann anſtarrte, ſo war es klar, daß er Niemanden erkannte. Seine Stirne glich der Wolke des Ungewitters, die ſchwer uͤber dem Gefilde haͤngt, und das traurige Gepräge, das zeither ſuͤßere Gefuͤhle faſt davon ver⸗ tilgt hatten, druͤckte ſich wieder mit einer Art von Drohung aus. Mit geballter Fauſt ſtutzte er ſich ſtark auf den Arm ſeines Stuhles. Auſſer dem ſtarken Zittern ſeiner Unterlippen, 99 war er ganz unbeweglich und dieſe Ruhe war fuͤrchterlich. Der Doktor van Swieten berief ſich ſogleich auf dies abſcheuliche Ereigniß, um mit mehr Vortheil und wenig Edelmuth, das in Erin⸗ nerung zu bringen, was er ſchon im vorigen Jahre prophezeit hatte, daß es ſehr unrecht geweſen ſei, dieſen Menſchen der Gerechtigkeit entzogen zu haben; wenn der Henker an ihm ſein Amt verrichtet haͤtte, wuͤrde man jetzt nicht ein Ungeheuer zu beſtrafen, und einen beruͤhmten Gelehrten zu beweinen haben. Den Wider⸗ ſpruch dieſer letzten Worte, mit der ſpottiſchen Art, womit der Praͤſident der mediziniſchen Facultät den gelehrten Preußen behandelt hatte, wurde bemerkt. Niemand aber tadelte ihn und aus Styndall war kein Wort zu bringen. Noch war Jemand im Zirkel, deſſen Schmerz einen hoͤchſt traurigen Charakter annahm. Es war der Baron von Sperges, der ſich ſelbſt anklagte, Winkelmann nach Wien gelockt und ihn dann auf den Gedanken gebracht zu haben, es wieder zu verlaſſen, vorzuͤglich aber ſeinem Moͤrder Begnadigung ausgewirkt, und ungluͤck⸗ lich genug, ſie in eigner Perſon ausgewirkt zu haben. Er nannte nicht die Fuͤrſtin von Oeden⸗ 7 100 burg, er bemerkte nicht einmal, daß er auf ihre dringende Vitte ſich zum Grafen von Cataldo begeben; die Guͤte ſeiner Seele erlaubte ihm nicht, eine Frau zu betruͤben, deren gute Ab⸗ ſichten getaͤuſcht worden waren; aber er ſprach mit Schluchzen; und ſeine Schonung fuͤr den Schmerz einer andern Perſon erregte ein leb⸗ hafteres Gefuͤhl, er ruͤhrte mit dieſer traurigen Scene die Anweſenden tiefer, als die Beſchuldi⸗ gungen des bataviſchen Arztes. Die Geſellſchaft erhob ſich, und unterhielt ſich gruppenweiſe; man ſprach laut uͤber den Vorfall, der eben alle Gemuͤther in Bewegung geſetzt hatte. Der Baron von Holger naͤherte ſich Charlotten, die allein auf ihrem Stuhle geblieben war, theilte ihr noch einzelne Um⸗ ſtaͤnde mit, und entlockte dadurch Allen Thraͤ⸗ nen. Man erfuhr, daß der ſchaͤndliche Franz Archangeli ſich dem Gelehrten ohnweit Trieſt ge⸗ naht und durch Gefaͤlligkeiten und bewieſenen Ei⸗ fer fuͤr die ſchoͤnen Kuͤnſte ſein Zutrauen gewonnen habe. Der Hofrath erzaͤhlte, wie der Italiener in demſelben Gaſthofe abgeſtiegen ſei, Winkel⸗ manns volle Boͤrſe und die goldnen Medaillen, die er der Großmuth der Kaiſerin verdankte, geſehn, und den Entſchluß gefaßt habe, ſich —,.— 101 derſelben zu bemaͤchtigen, und den Mann zu morden, der ihn als Freund behandelt hatte: wie er eines Morgens, da der Verfaſſer der Geſchichte der Kunſt ihn guͤtig zu einem Fruͤh⸗ ſtuͤck eingeladen, von ſeinem Verbrechen zuruͤck⸗ geſchaudert waͤre; aber zwiſchen ein und zwei Uhr Nachmittags daſſelbe ausgefuͤhrt habe, nachdem er den beruͤhmten Reiſenden gebeten, den Tiſch, an welchem er ſchrieb, zu verlaſſen, um ihm noch einmal ſeine Muͤnzen zu zeigen. Dies habe den Ungluͤcklichen, der ſeinen Wunſch erfuͤllen wollte, genoͤthigt, nieder zu knieen, um das Vorlegeſchloß ſeines Koffers zu oͤffnen. Sogleich habe der Moͤrder das Verbrechen, nicht ohne einigen Widerſtand des Schlacht⸗ opfers ausgeuͤbt. Der Schlinge, mit welcher Archangeli ihn habe erdroſſeln wollen, ſei Win⸗ kelmann ausgewichen und habe dann fuͤnf Meſſerſtiche in den Unterleib erhalten.„»Der Moͤrder«, ſagte der Baron von Holger am Ende ſeiner Rede,„iſt in den Haͤnden der Gerechtigkeit.“ „Und ich hoffe,“ fuͤgte van Swieten hinzu, „daß er dieß Mal in Trieſt Niemanden finden wird, der ihn der ſo gerechten Strafe entzieht; denn wenn die philanthropiſchen Theorien auf 102 dem Papiere ſich recht ſchoͤn ausnehmen, ſo erhalten ſich die Geſellſchaften doch durch etwas Anderes.“ „Doktor,“ erwiederte Styndall, deſſen reiz⸗ bare Fiber abgeſpannt war, ernſthaft und trau⸗ rig,„Wahrheit bleibt immer Wahrheit. Ich bin ſehr verwundet, und Jedermann iſt es hier; Niemand wird Ihnen antworten, und am we⸗ nigſten werde ich es thun. Sie wollen ſtets um jeden Preis Recht haben, Sie ſollen es morgen haben, uͤbermorgen und noch mehr Tage lang, denn das Ende des ungluͤcklichen, ſchaͤtzbaren Winkelmann ruft lauter als alle Ihre Gruͤnde, die durch ſeinen Tod, meiner Meinung nach⸗ gar nichts gewonnen haben.“ Der Praͤſident der Univerſitaͤten zuckte mit ſeinen dichten Augenwimpern, ſchlug mit der flachen Hand auf den Marmor eines Conſol⸗ tiſches und rief:„Herr Gentleman, alſo Gott oder der lebhaftige Teufel allein koͤnnen Sie beſiegen!“ Und er verſuchte einen zweiten Streit uͤber dieſen Gegenſtand anzufangen, aber das allgemeine Stillſchweigen verkuͤndigte ihm, daß er durch eine ſo ubel angebrachte Beharrrlichkeit die Meinung und ſelbſt das Gefuͤhl verletze. Er empfahl ſich, ohne Zweifel in der Abſicht, S 103 um irgend wo anders uͤber dieſen Vorfall zu ſprechen. Dieſer war jedoch von ſolcher Art, daß man im Palaſte von Oedenburg unvorſaͤtzlich darauf zuruͤckkam. Es war unmoͤglich, ſich von etwas Anderm zu unterhalten. Der Baron von Sper⸗ ges hatte ſich Styndall genaͤhert. Man umringte ſie beide; ſie beſprachen ihre ſchmerzhaften Erin⸗ nerungen aber ohne Bitterkeit. Winkelmanns alter Freund ſchuͤttelte ſeine traurige Klage un⸗ gekuͤnſtelt aus, und der Gentleman war ent⸗ fernt, ihren Lauf zu hemmen. „Ach, mein Herr,“ rief der Baron von Sperges,„gegen Sie habe ich nichts, nur ge⸗ gen Ihre Pferde. Warum befanden Sie ſich gerade da, und waren ganz bereit, mich in die Burg zu bringen, wohin ich das ganze Jahr, ja mein Leben lang, nicht den Fuß hingeſetzt hatte? Ein unbeſiegbarer Widerwille hielt mich von dieſem Gange ab; ohne Ihre Pferde, ich ſage es Ihnen bei meiner Ehre, wuͤrde ich nie⸗ mals aus der Kaleſche gewichen ſein; aber ich mußte fort, und die verteufelten Pferde liefen wie der Wind!.. Auch fuͤhlte ich noch die Peitſche Ihres ehrbaren Bedienten auf das Kreuz des Meinigen fallen. Der arme Burſche⸗ 104 der Himmel moͤge ihm verzeihen, denn ich moͤchte ſchwoͤren, er that es unſchuldiger Weiſe!... Je⸗ doch, mein Herr, wenn wir zwei Minuten ſpaͤ⸗ ter angekommen waͤren, ſo wuͤrden wir den Grafen von Catoldo nicht angetrofſen haben, und noch weniger den Fuͤrſt Kanzler von Kau⸗ nitz, der ſchon auf dem Tritte ſeines Wagens ſtand, als wir zu ihm traten. Der Elende wuͤrde dann ſein Verhaͤngniß erfullt haben, und das Leben des wuͤrdigen und beruͤhmten Win⸗ kelmanns waͤre erhalten worden! Wenigſtens waͤre das ſeines Moͤrders nicht durch mich ver⸗ laͤngert worden! Mein ungluͤcklicher Freund wuͤrde leben!... Aber Ihre Pferde liefen, ſo⸗ bald wir Sie aus den Augen verloren hatten, den Poſttrab; ich weis nicht, welch hoͤlliſcher Geiſt ſie trieb... Ich bitte deswegen Ihre Herr⸗ lichkeit um Verzeihung... Man hat dieſem ar⸗ men Winkelmann zu Wien keine Gerechtigkeit widerfahren laſſen, denn er war gut und edel! Sein Aeuſſeres war etwas rauh, das wußte er: auch wiederholte er mir alle Tage, daß er fuͤr das wenige Wohlwollen, das man ihm bewieſen, ſehr erkenntlich ſei. Ich wollte ihm das kleine Stephanskreuz ſchicken, das ich ſo eben fur ihn, jedoch ohne ſein Wiſſen, erhalten hatte; 105 auf meinen Betrieb hatte ihm die Kaiſerin die goldnen Muͤnzen geſchenkt, die die Begierde des ſchaͤndlichen Archangeli erregt haben.... Und ſo habe ich ihm geſchadet, jedoch ohne es zu wiſſen. Aber ich bitte Ihro Excellenz mir zu verzeihen, wenn ich darauf zuruͤckkomme; Ihre verwuͤnſch⸗ ten bulgariſchen Pferde haben das ganze Uebel angerichtet!— So jammerte der gute Tyroler Edelmann von Seufzern unterbrochen. Man ſah, daß er ſeiner Ehrerbietung fuͤr Titel und Perſonen treu ſich in ſeinem tiefen Schmerze nur an die Pferde des Englaͤnders hielt; und dieſe Sonderbarkeit, die zu einer andern Zeit das Laͤcheln der Zuhoͤ⸗ rer erregt haben wuͤrde, machte nur den Aus⸗ druck ſeines Schmerzes ruͤhrender und die Ach⸗ tung fuͤr ihn groͤßer.„Wie ſind wir ſo un⸗ gluͤcklich, Styndall, dieſes Ungeheuer gerettet zu haben!« rief Charlotte aus, ohne die Ver⸗ traulichkeit des Ausrufs zu bemerken, der ihr entwiſcht war, und den ſie mit keiner Benen⸗ nung des Titels begleitet hatte. Die Geſellſchaft verließ den Saal der Fuͤr⸗ ſtin von Hedenburg fruͤher als gewoͤhnlich. Der uͤbermaͤßige Eindruck, den Jedermann hier em⸗ pfangen hatte, erlaubte nicht mehr, ſich mit 106 einem andern Gegenſtand zu beſchaͤftigen. Der Abbe Metaſtaſio war ſehr geruͤhrt. Die Ueber⸗ einſtimmung ſeiner Lage mit der Winkelmanns hatte ihm den Schlag noch empfindlicher ge⸗ macht. Nach dem erſten Schmerz jedoch, den ihm der Tod des Gelehrten verurſachte, war ſeine zweite Idee, in ihm ein Thema zu einem Gedicht zu ſuchen, Haydn ſeinerſeits fand Stoff zu einem Oratorium darin. Beide entfernten ſich und theilten ſich ihre Anſichten wegen dieſem Gegenſtande mit. Bald kamen ſie uͤberein, daß der Eine den Text, und der Andere die Muſik liefern ſollte. Schon bildeten ſich die drei erſten Stanzen im Kopfe des Dichters, und das Praͤ⸗ ludium in dem des geſchickten Tonkuͤnſtlers. Noverre ſtieg hinter ihnen die Treppe hinab, und war von den Maßregeln Zeuge, die ſie eben trafen. Vergebens ſtrengte er ſich an, ein Mittel zu erſinnen, wie er dieſes ungluͤckliche Ende in ein Ballet oder in eine dramatiſche Pantomine bringen koͤnnte. Die Schwierigkeit, Frauen darin auftreten zu laſſen, ſchien ihm unuͤberwindlich; es waͤre denn, daß die Wir⸗ thin des Gaſthofs, in welchem Winkelmann umgekommen war, mit ihren Toͤchtern dabei figurirten; aber das war ein wenig zu buͤrger⸗ 107 lich, wenn nicht gar gemein. Es blieb alſo nur uͤbrig, die Kuͤnſte und die Muſen zu per⸗ ſonificiren; da aber das allegoriſche Syſtem ungluͤcklicher Weiſe von Natur matt iſt, ſo be⸗ hielt ſich der Tonkuͤnſtler vor, daruͤber nachzuden⸗ ken. In dem Augenblicke, wo ſich Friedrich nach allen Andern entfernen wollte, rief ihn die Fuͤr⸗ ſtin zuruͤck, und richtete an ihn dieſe Worte: „Styndall, nicht wahr, wir werden uns ſtets lieben? Aber ich muß geſtehen, daß wir uns unter ſehr traurigen Auſpicien kennen gelernt haben!“ Der Englaͤnder kuͤßte ſtatt der Ant⸗ wort Charlottens Hand, und ging zuletzt aus dem Saal. Mit gepreßtem Herzen ſtieg er in ſeinen Wagen und befahl ſeinem Kutſcher ihn gerade nach Wieden zu bringen. Dort fand er einen Brief von Emma Ri⸗ verß, der von Montpellier aus datirt war. Sie meldete ihm, daß ihre Bande mit dem Manne, deſſen Namen ſie fuͤhrte, von keiner langen Dauer ſein wuͤrden, denn der Ritter von St. Yvon habe ſich vor der Zeit entkraͤftet. Von der Schußwunde zwar geneſen, haͤtten ſich jedoch ſeit einigen Monaten mehrere Gebrechen nach einander bei ihm gezeigt, ſo daß von ſeiner Schwaͤche wenig zu hoffen ſei. Dies erzaͤhlte 108 Emma mit einem Schmerz, der ſich in rechter Faſſung erhielt. Dieſem traurigen Bericht fuͤgte ſie noch einen dem Gentleman ſehr widrigen umſtand hinzu. Nachdem der Italiener Fra⸗ tello den Ritter in Paris vergebens erwartet hatte, entdeckte er ihn endlich durch viele Nach⸗ forſchungen im ſuͤdlichen Frankreich; ſei es nun, daß er die Abſichten hatte ſich dem bretagni⸗ ſchen Edelmann zu naͤhern; ſei es, daß der ſchlechte Zuſtand ſeiner Finanzen nur dieſe Huͤlfs⸗ quelle ſeiner Wahl uͤbrig ließ; kurz und gut, er hatte ſeinen Weg, ohne vorhergehende Mel⸗ dung, nach Montpellier genommen. Anfaͤnglich wurde er zuruͤckgewieſen, ohne daß er ſich dar⸗ uͤber in Erſtaunen ſetzte; aber durch Anlauf und Zuſetzen gelang es ihm dennoch, bei dem alten Spießgeſellen ſeiner Vergnuͤgungen einzuniſten. Bei dieſem Letztern ereignete ſich, was bei ge⸗ wiſſen Verbindungen ſtatt findet, gegen die man anfaͤnglich Widerwillen hat, die man ſchließt, ohne daß das Herz unterzeichnet, und die die Gewohnheit endlich unter die Anzahl der Be⸗ duͤrfniſſe ſetzt, deren Joch man tragen muß, was vorzuͤglich bei kraͤnklichen Perſonen der Fall iſt, die die Laſt ihrer Einſamkeit druͤckt. Fratello begleitete den Ritter auf Spazier⸗ . 109 gaͤngen. Er gab ihm den Arm, waͤhrend die ſanfte Emma von den Sorgen fuͤr das Haus⸗ weſen und fuͤr ihr Kind zu Hauſe zuruͤckgehal⸗ ten wurde. Er brachte ihm Neuigkeiten aus der Stadt, wenn den Kranken ſeine Entkraͤf⸗ tung ins Zimmer bannte, er erzaͤhlte ernſthafte Dinge in einem drolligen Tone und Scherzreden mit Ernſt. Der italieniſche Accent gab Allem eine originelle Form, die die Zuhoͤrer ergotzte. Sollte Frau von St. Yvon dem Ritter ſeine vorzuglichſte Zerſtreuung in einem Lande entzie⸗ hen, wo ſie ſelten ſind? Inzwiſchen hielt ſie es fuͤr rathſam, Friedrich nicht zu verbergen, daß dieſer Raͤnkemacher ihrem Mann oft mit Fra⸗ gen uͤber die Verhaͤltniſſe und Umſtaͤnde des Mannes zuſetze, deſſen Wohlthaten ihren Haus⸗ halt erhielten, und daß Herr von St. Pvon ſeine Fragen ſiets mit einem ungeſtuͤmen Tone zuruͤckwieß, Fratello aber des ungeachtet nicht verhindert wuͤrde, immer wieder darauf zuruͤck⸗ zukommen. Seit aber Emma mit Verdacht in die Abſicht des Fremden, ihm erklaͤrt habe, man ſolle bei ihr durchaus nicht anders von Styndall ſprechen, als wenn man ihn ſegne und ſeinen edlen Abſichten gedenke, ſo ſei ſie dadurch allen fernern Pachfragen uͤberhoben geweſen. „ 11⁰ Sie vergaß auch nicht, daß der Italiener vorgaͤbe, er habe ſich uͤber den Gentleman zu beklagen, weil er ihn bei Gelegenheit einer Handlung gegen die Fuͤrſtin Eſterhazy in einem offentlichen Garten Londons, uͤbel beurtheilt habe. Fratellos Aeuſſerungen nach war in dieſer Sache hoͤchſtens nur die Luſtigkeit zweier Menſchen zu tadeln, denen das Begegnen einer einzelnen und ſehr geputzten Frau der Gegen⸗ ſtand eines zu lebhaften Scherzes wurde. Es war klar, daß der Spitzbube durch dieſe unver⸗ ſchaͤmte Lüge den ſchaͤndlichen Eindruck zu ver⸗ hindern ſuchte, wovon er fuͤrchtete, das Paar, auf deſſen Koſten er lebte, moͤchte darin einen genauern Zuſammenhang finden. Dieſe Nachricht vermehrte zwar Styndalls Sorgen, ſie verurſachten ihm aber auch eine Zerſtreuung; er mußte der jungen Frau ant⸗ worten, und ſie mit Mißtrauen gegen den Heuch⸗ ler erfullen, der ſich bei ihr eingeſchlichen hatte; er mußte ſie auch von der traurigen Sorgfalt, die ſie ihrem Manne leiſtete, aufmuntern, denn Alles kuͤndigte an, daß der Reiz, der ihre Ju⸗ gend zum Ritter von St. Yvon hingeriſſen hatte, zerſtort ſei, und ſie das Bewußtſein ſei⸗ ner Verbrechen erlangt habe. Ihre Verbin⸗ 111 dung war nur noch Pflicht, ſobald weder die Hochachtung, noch bie Freundſchaft, die Laſt derſelben erleichtern konnte; ſo blieb nichts uͤbrig, als mit ihr im Namen der Tugend zu reden, und dieſes that auch der Englaͤnder mit der Schonung, zu welcher ihn die Wiederver⸗ einigung antrieb, die ſein Werk war. Friedrich und Charlotte blieben noch einige Tage in dem Schmerz, der ihnen durch Win⸗ kelmanns Tod verurſacht worden war. Dies Gefuͤhl war in Wahrheit allgemein, denn wenn Wien dieſen Gelehrten auch ohne Theilnahme aus ſeinen Mauern entlaſſen hatte, ſo erwarb ihm das grauſe Verhaͤltniß, dem er als Opfer fiel, doch den vorenthaltenen Beifall. Die Son⸗ derbarkeiten, ſelbſt die Charakterfehler, ver⸗ ſchwanden und raͤumten nur der hohen Mei⸗ nung von ſeinen Talenten, und der Abſcheulich⸗ keit des Verbrechens, das ihn ins Grab geſturzt hatte, die Stelle ein. Die Erinnerung der Fuͤr⸗ ſtin und des Gentleman wurden ſtets auf dieſe Kataſtrophe von der traurigſten Vorbedeutung zuruͤckgefuͤhrt, die ihre Liebe empfangen hatte. Der Dolch, der fuͤr Winkelmann beſtimmt war, war faſt unter ihren Augen, an dem Tage, wo ſie ſich kennen lernten, geſchliffen worden; der 112 Arm eines Verraͤthers wurde gleichſam durch ſie damit bewaffnet und die Sympathie, die ſie aneinander zog, ließ ſie beide gleich zur Erhal⸗ tung des Moͤrders beitragen, der ſchon den Haͤnden der Gerechtigkeit uͤbergeben war, deren Schwert ſie ungluͤcklicher Weiſe gehemmt hat⸗ ten. In dieſem Zuſammentreffen von Umſtaͤn⸗ den, haͤtten gewoͤhnliche Geiſter, eine ſelbſt vom Himmel gegebene traurige Warnung geſehen. So groß auch die Geiſtesſtärke des Englaͤnders und die des Verſtandes ſeiner jungen Freundin war, ſo wurden ſie doch beide ſehr erſchuͤttert, nicht daß ihre Anhaͤnglichkeit eine Veraͤnderung erlitt, denn dieſe war ſchon zu einen ſolchen Grad gediehen, daß keine menſchliche Macht ſie haͤtte ſchmaͤlern koͤnnen; aber es geſellte ſich zu ihrer Neigung und zu den Beweiſen die ſie ſich davon gaben, etwas Furchtſames und Zu⸗ ruckhaltendes. Dieſer Anſtrich von Trauer war bei beiden ziemlich bleibend, um ſeine Spur auf die Geſichter zu praͤgen, als Archangelis ab⸗ ſcheuliche Verraͤtherei der Erinnerung der Per⸗ ſonen, welche Winkelmann gleichfalls gekannt hatten, nicht mehr gegenwaͤrtig war. Bei Styn⸗ dall zeigte ſie ſich durch ein duͤſteres Vorur⸗ theil, von dem er ſich ohne Anſtrengung nicht 113 los machen konnte; bei Charlotten in einer Niedergeſchlagenheit, welche nicht ohne Reize dieſe Ergebung in den goͤttlichen Willen feſtzu⸗ halten ſchien, womit man einem Verhaͤngniſſe trotzt, das man unvermeidlich glaubt. Der Doktor van Swieten trug nicht wenig zur Ver⸗ laͤngerung dieſer ſorgenvollen Eindruͤcke bei. Er brachte ohne Aufhoͤren die Unterredung auf denſelben Gegenſtand zuruͤck, er ſprach von dem Moͤrder und dem Schlachtopfer, und ließ keine Gelegenheit unbenutzt, ſeine Gruͤnde gegen jede Gnade, im Betreff des Criminalgerichts anzu⸗ fuͤhren. Der Englaͤnder hatte mit einer Art von Aengſtlichkeit dieſen Streit vermieden, wurde aber von dem bataviſchen Hippokrates in Zorn geſetzt und beſchloß, ihm für ein letztes Mal zu antworten, wenn er ihn noch ferner zu die⸗ ſem Streit zoͤge. Der Moͤrder des beruͤhmten Archaͤologen mußte bald die gerechte Strafe ſeines Verbre⸗ chens in der Stadt buͤſen, die der Schauplatz deſſelben geweſen war. Der Baron von Hol⸗ ger las in dem Palaſte von Hedenburg den Brief vor, welcher ihm die Hinrichtung Archan⸗ gelis meldete, nicht ohne ſeine eigne und ſeiner edlen Freunde Ruͤhrung zu erneuern. Dieſem III. 8 1¹4 Vorleſen ließ er noch neue Umſtaͤnde nachfol⸗ gen, die den letzten Augenblicken Winkelmanns entlehnt waren. Mit Ungeduld hatte er in Trieſt den Augenblick erwartet, wo er nach ſeinem geliebten Italien unter Segel gehen koͤnnte. Der Gelehrte erheiterte aufs Beſte die Langeweile ſeines in dem Gaſthofe verlaͤngerten Aufenthaltes mit dem Homer, dem einzigen Buche, womit er ſich auf der Reiſe verſehen hatte und mit der Beſchaͤftigung einiger Zuſätze zu ſeinem Werke der Geſchichte der Kunſt bei den Alten. In dieſe letztere Beſchaͤftigung miſchten ſich noch Vriefe an ſeine Goͤnner nach Wien, unter denen die Fuͤrſtin von Oedenburg nicht vergeſ⸗ ſen war, und welcher neue Umſtand Charlottens Augen wieder Thraͤnen entlockte. Die antici⸗ pirte Beſorgung dieſer Sendſchreiben, die be⸗ ſtimmt waren, erſt von Rom abzugehen, zeugte wenigſtens von Herzensguͤte, in der Erkennt⸗ lichkeit hervorleuchtete. In der kurzen Zeit, die ihm von ſeinen Beſchaͤftigungen uͤbrig ge⸗ blieben, hatte ſich der Ungluͤckliche eine un⸗ ſchuldige Zerſtreuung gemacht, indem er mit einem Kinde des Gaſthofs, das er lieb gewon⸗ nen hatte und deſſen ungekuͤnſteltes Geſchwaͤtz 115 ihm gefiel, zu plaudern ſich beluſtigte. Der unvermutheten Widerkehr dieſes Kindes, das an der Thuͤre Winkelmanns pochte, da er ſchon von Archangeli zu Boden geſchlagen war, ver⸗ dankte der Gelehrte noch einen Reſt ſeines Le⸗ bens, denn der Moͤrder entwiſchte in ſeinem Schreck, ohne den Mord zu vollenden. Wenn der Himmel dieſes unſchuldige Kind fuͤnf Mi⸗ nuten eher zu ſeinem ehrwuͤrdigen Freund gefuͤhrt haͤtte, wuͤrde der Verſuch des Ungeheuers ge⸗ ſcheitert ſein. Dieſe Bemerkung wurde von den Zuhoͤrern gemacht, ſie vermehrte den gemeinſchaft⸗ lichen Schmerz. Noch ein letzter hinzu gefuͤgter umſtand berichtete, daß der Alterthumsforſcher eine Ahnung von ſeinem traurigen Schickſale gehabt zu haben ſchien, weil gerade in dem Augenblicke des heuchleriſchſten Abſchiedes, wo der Schaͤndliche ihn bewegte, an den Koffer, der ſeine Muͤnzen verwahrte, niederzuknieen, er in Form eines literariſchen Teſtamentes ſeinen letzten Willen aufzeichnete, unter welchen Be⸗ dingungen er die große Ausgabe ſeines Haupt⸗ werks ausgefuͤhrt haben wollte. Artikel 3: ſagte er: Man ſoll im Dexte keine Veraͤnderungen machen. Artikel 4: Man..und die Feder 8— 1¹6 des guten argloſen Mannes, der den Willen ſeines Feindes that, wurde aufgehalten! Aber das Manuſcript, das an der Stelle ſelbſt mit Blut befleckt, den Charakter ſchmerzhafter Glaub⸗ wuͤrdigkeit erhielt, veranlaßte zu vielen Be⸗ merkungen. Mit philoſophiſchem und religioͤſem Sinne zugleich bemerkte Jamerai Duval, es ſei fuͤr jeden das Beſte, da der Wille des Him⸗ mels jeden Augenblick uͤber unſer Leben gebie⸗ ten koͤnne, täglich und ſtuͤndlich das Rechnungs⸗ buch er uns anvertraut, und zwar ſeines eig⸗ nen Vortheils wegen bereit zu halten.„Der rechtſchaffene Winkelmann“, fuͤgte er hinzu, „ſcheint mir dieſe Regel vollkommen angewendet zu haben.“ „Und das beweißt noch“, fuhr van Swie⸗ ten fort“, daß in dem Projekte derer, die ſich vornehmen, mit der alten Religion unſerer Vaͤter, die Kriminalrechtspflege dieſes Landes umzuwerfen, kein Verſtand iſt. Ich weiß, daß man mit der Abſchaffung der Todesſtrafen in den Oeſtreichiſchen Staaten beſchaͤftigt iſt, aber ich hoffe, daß nach einem ſolchen Vorfalle ſich Niemand mehr finden wird, der ſich kuͤnftig un⸗ ter uns unterſtehen ſollte, ſolche Grundſaͤtze laut zu bekennen, die der geſellſchaftlichen Ord⸗ 117 nung den Umſturz drohen. Die Reue und die Abſolution eines guten Prieſters, der Henker und der Galgen, das muß das Ende gewiſſer Leute ſein, und auf nichts Beſſeres haben ſie Anſpruͤche zu machen.“ Wenn der Praͤſident der mediziniſchen Fa⸗ cultaͤt, noch ſtol; uͤber die ihm in Wien eben widerfahrnen Ehrenbezeugungen, ſeine Meinung uͤber dieſe Sache nicht ſo entſcheidend und ge⸗ wichtig ausgeſprochen haͤtte, ſo wuͤrde Styn⸗ dall, dem es zuwider war, ſich in dieſe bejam⸗ mernswerthe Polemik einzulaſſen, wahrſcheinlich geſchwiegen haben; aber die ſchonungsloſen Ausdruͤcke, deren ſich van Swieten bediente, ſchienen ihm ein gerader Angriff, den er nicht umhin konnte zuruͤckzuweiſen, Doch koſtete es ihm viel, ſeinen großen Unwillen in der folgen⸗ den Antwort nicht merken zu laſſen. 29. „Mein ganzer Einfluß in meinem Vaterland,“ ſagte Styndall ganz kaltbluͤtig,„beſchraͤnkt ſich, Gott ſei Dank, auf den, welchen in Großbri⸗ tannien jeder freie Unterthan genießt. Hier be⸗ werbe ich mich um keinen, und wuͤnſche auf keine Weiſe hier ſolchen zu haben. Ich hoffe 118 doch nicht, daß der Herr Praͤſident mich unter die Neuerer zaͤhlen wird, die ihm ſo großen Schreck verurſachen; die muß er hoͤher ſuchen. Inzwiſchen ſoll der feindliche Ton, den er in Anſehung ihrer ſich anzunehmen beſtrebt, mich nicht verhindern, der Wahrheit oder dem, was die Erkenntniß meines Gewiſſens mir als ſolche anzeigt, zu huldigen. Wir haben ſchon mehr als noͤthig iſt uͤber dieſen traurigen Gegenſtand geſtritten! und ungeachtet des Verbrechens, das uns Alle anfangs des vorigen Monats in tie⸗ fen Schmerz verſenkt hat, muß ich doch beken⸗ nen, daß ich meine Meinung nicht geaͤndert habe.“ „Sie beſtehen alſo noch auf der Abſchaf⸗ fung der Todesſtrafe?“ fragte van Swieten haͤmiſch. „Allerdings!“ war Styndalls feſte Antwort. „Dies beweist, daß Sie zu den Leuten ge⸗ hoͤren, die nicht zu beſſern ſind. Das Beiſpiel, das wir vor Augen gehabt haben, war alſo nicht hinreichend, Ihnen Eckel vor Ihren ein⸗ gebildeten Utopien einzufloͤßen? Man wird alſo wohl den geſunden Theil der Geſellſchaft dem brandigen aufopfern muͤſſen, den Banditen mit einer Vollmacht verſehen, daß er die Landſtraßen 119 entweihe und uns in unſerm eignen Hauſe er⸗ wuͤrge? Heute hat er ſich den Sohn vom Halſe geſchafft; warten Sie nur, morgen wird er aus unnachlaͤßiger Nothwendigkeit, und ſei es auch nur zur Ehre einer philoſophiſchen Theo⸗ rie, mit dem Vater fertig werden.“ „Habe ich geſagt,“ bemerkte Styndall,„daß man dieſen Menſchen oder vielmehr dieſes aus⸗ geartete Weſen, ehe er der Religion und Moral wieder übergeben iſt, auf die Landſtraße wer⸗ fen ſoll?... Zehn Monate lang, glaube ich, haben Sie den ſchaͤndlichen Archangeli in Ver⸗ wahrung gehabt. Was hat er waͤhrend dieſer Zeit gethan? Mit was haben Sie ihn beſchaͤf⸗ tigt? Haben Sie verſucht, ihn durch die Arbeit wieder zur Froͤmmigkeit zuruͤckzubringen? Haben Sie ihm erklaͤrt, was die Geſellſchaft iſt, welche Geſetze ſie regieren? Haben Sie ihn gelehrt, daß ſie auf ein Geſetz gegenſeitiger Verhaͤlt⸗ niſſe gegruͤndet iſt, daß dieſes Geſetz Alle, Groß und Flein, verpflichte? Haben Sie das Uebel ſeines verdorbenen Herzens bei der Wurzel an⸗ gegriffen? Haben Sie ihm zu erkennen gegeben, daß der Ehrgeiz nur in Begleitung von Talen⸗ ten oder eines ehrbaren und arbeitſamen Kunſt⸗ fleißes gehen darf? Iſt ihm endlich ſeine ſchaͤnd⸗ liche Begierde wie ein Antaſten an die Geſetze der Vorſehung vorgeſtellt worden, die nichts umſonſt gab, als ſie den Menſchen auf dieſe Dornen beſaͤte Erde warf, und die verlangt, daß auf die Arbeit die Ernte folge und das Pfropfreis der Frucht vorangehe? Nein, gewiß haben Sie alles dieſes nicht gethan! Dieſer Elende hat mit andern Elenden beinahe ein Jahr geſchmachtet. Sie haben ſich ihre Leiden⸗ ſchaften und ihre ungluͤckbringenden Projekte einander mitgetheilt. In dieſem ſchlammigen Aufenthalte ſind ihre Laſter in Gaͤhrung uͤber⸗ gegangen, und haben den Tag ihres Ausbruchs erwartet. Dann und wann hat ihnen ein Moͤnch Gebete hergeſagt, die ſie nicht verſtanden; er hat ſie von der Suͤnde freigeſprochen und ihnen dadurch einen Freibrief zum Verbrechen gegeben, dann ſagten ſie zu dem vom Grafen von Cal⸗ tado begnadigten Haushofmeiſter: Du biſt nun vor allen Menſchen gerechtfertigt, gehe nun nach Toskana, erbaue deine Eltern und deine Lands⸗ leute mit dem Glanze der Tugenden, mit denen man in den Gefaͤngniſſen von Wien ausge⸗ ſchmuͤckt wird!“ „Ich habe Sie reden laſſen ohne Sie zu unterbrechen,“ verſetzte van Swieten,„und dies — 121¹ zwar um ſo lieber als Ihre reiche Erzaͤhlung deſſen, was man nicht gethan hat und deſſen was unmoͤglich zu thun war, beſſer als jeder Beweisgrund die Ungereimtheit Ihrer menſchenfreundlichen Lehre zeigt. Urtheilen Sie einmal allein nach Ihren Erforderniſſen uͤber die Sorgen, womit man ſich belaͤſtigen wuͤrde, um nur einen Verſuch anzuſtellen, Menſchen, die durch ihr eigen Verderbniß die Plage der Ge⸗ ſellſchaft geworden ſind, zur Moral zuruͤckzu⸗ fuͤhren. Man muͤßte Schulen fuͤr ſie errichten, in die ſie aufgenommen und nach der Art ihres Verbrechens belehrt wuͤrden, und wo man zu⸗ gleich Lehrer der Moral und anderer oͤkonomi⸗ ſchen Wiſſenſchaften anſtellen muͤßte, um ſie wie Kinder zu unterrichten. Die Kaiſerin hat in der That Unrecht, ihnen nicht das Thereſia⸗ num zu oͤffnen; denn wenn man Sie reden hoͤrt, ſollte man glauben, der Staat ſei ſeine ange⸗ legentlichſte Sorge nur dieſer Art von Ge⸗ ſchoͤpfen ſchuldig? Nach ſo vielen Schwierigkei⸗ ten werden ſie mir doch an dem Erfolge Ihrer Bekehrung zu zweifeln erlauben. Es giebt aber doch etwas, das ganz außer allem Streite iſt, daß man nemlich die Ausrottung der Gewohn⸗ heiten eines gottloſen Lebens auf keine Zeit 120 beſchraͤnken kann. Diebe und Moͤrder ſind Scla⸗ ven ihrer gewohnten Laſter. Unterwerfen Sie ſich alſo der Vernunft, mein lieber Gentleman, und laſſen Sie uns gutwillig den Gebraͤuchen und Gewohnheiten unſerer Vaͤter folgen! dieſe erwarteten ſehr wenig von dieſen Leuten, und wußten ſich beſſer vor ihnen zu ſchuͤtzen; ja, ſie entledigten ſich derſelben ſo bald ſie nur konn⸗ ten, ohne ſie zum Gegenſtand ihrer Verſuche, die immer gefaͤhrlich ſind, oder einer ſtrafbaren Liebe zu machen.“ „Unſere Vaͤter verbrannten Hexen,“ entgeg⸗ nete Styndall bitter,„ſie zitterten vor einem roͤmiſchen Legaten; ſie waren Vaſalle und Leib⸗ eigne eines Kloſters; zur Vertheidigung eines Proceſſes hatten ſie die Probe des glähenden Eiſens, des ſiedenden Waſſers oder den Kampf mit dem Schwerte, zum Beſten der Unſchuld: muͤſſen wir zu ſolchen Gewohnheiten wieder zu⸗ ruͤckkommen?“ „Es wuͤrde beſſer geweſen ſein, ſie haͤtten Nattern in ihren Buſen erwaͤrmt! Wir werden von jetzt an wiſſen, wem wir unſere Aufmerk⸗ ſamkeit und unſere Vorzuͤge aufbewahren ſollen.“ „Ich nehme Ihren Spott ganz an und, ohne ihn zuruͤckzuſtoßen, erklaͤre ich Ihre Mei⸗ nung als allgemeine Pflicht. Hierin habe ich einen großen Meiſter vor mir; es iſt ein Buch, das wir Beide ehren; oͤffnen Sie es, und leſen Sie darin! Ja die Boͤſen, die Verbrecher muͤſſen der beſondere Gegenſtand der Aufmerkſamkeit der Regierung ſein! Die Guten haben weder Ihrer Aufſicht noch Ihrer Sorgen noͤthig, ſo wie die Geſunden weder Ihre Arzneien noch Ihre Verordnungen verlangen.“ „Was die Art der Erziehung betrifft, die ich Ihrer Beſchuldigung nach fuͤr Verbrecher halten ſoll, ſo haben Sie mich nicht verſtan⸗ den, oder nicht verſtehen wollen. Einſperrung, Arbeit, magere aber geſunde Koſt, dem Klima angemeſſene Kleidung, evangeliſchen Unterricht, nach ihrer Faͤhigkeit eingerichtet, iſt das, was ich fuͤr ſie wuͤnſche. Solch Regiment wuͤrde jaͤhrlich die Hälfte der Summen koſten, die die Hoͤfe zur Verſchwendung erhalten, und ſie wuͤrde ganz andere Fruͤchte tragen. Die Menſchlich⸗ keit wuͤrde wenigſtens das dabei gewinnen, daß ſie ihre Wuͤrde in denen ſich erheben ſaͤhe, die ſie jetzt am meiſten verachteten. Und das iſt etwas Wichtiges. Ich geſtehe aber ſelbſt, daß dieſes umſtaͤndliche Sorgen und eine beſondere Aufſicht verlangen wuͤrde Das Toͤdten iſt eine 124 leichte Sache. Ein Beichtiger und ein Henker ſind bald gefunden. Von allen Unterhandlun⸗ gen iſt dieſe ohne Streit die ſchnellſte. Inzwi⸗ ſchen, lieber Doktor, ſcheint es mir, daß Sie in der Ausuͤbung Ihrer Kunſt nicht ſo verfah⸗ ren. Sollten Sie aus einem andern Grunde Arzt ſein, als zu kuriren? Nahen Sie ſich nicht alle Tage dem Bette Ihrer Kranken mit eigner Gefahr? Sollen denn die Gebrechen der Seele allein ohne Huͤlfe ſein, da ſie unter allen die beklagenswertheſten ſind?“ „Dafür iſt die Religion da, um fuͤr ſie zu ſorgen,“ erwiederte van Swieten. Ich habe noch nicht geleſen, daß ſie uns geboͤte, ſich dem Feinde mit entbloͤßter Bruſt zu zeigen. Es wüͤrde mehr als außerordentlich ſein, daß der Verbrecher allein uͤber uns das Recht des Todes haͤtte! Soll er allein unſere Tage zaͤhlen und ihr Ziel wiſſen? Bedenken Sie doch, daß Ihrem Syſtem nach alle Vortheile auf Seiten des kuͤh⸗ nen Boͤſewichts ſind; ein entſchloßener etwas geſchickter Menſch, koͤnnte eine ganze Geſellſchaft vertilgen, die ſich ihm nicht mit gleichen Waf⸗ fen entgegenſtellte. Ich hoffe inzwiſchen, daß Sie gnaͤdig Allen ſo viel Recht als Einem zur Arbeit wie zum Diebſtahl, zur Rechtſchaffenheit 12⁵ wie zur Liſt, zur Tugend wie zum Laſter, ein⸗ raͤumen; ſonſt wuͤrden Sie das erſte Geſetz des geſelligen Vertrags verkennen, das durch eine ſtillſchweigende und dem oͤffentlichen Wohl noth⸗ wendige Uebereinkunft Allen ein Souverains⸗ recht uͤber Jeden gewaͤhrt.“— „Dieſes Recht hat auch noch ſeine Gren⸗ zen“, verſetzte Styndall. „Wie ſeine Grenzen! Wer wird die Geſell⸗ ſchaft verhindern, ſich zu ſchuͤtzen und ſich bei⸗ zuſtehen. Wenn das Blut ihrer Gerechten ge⸗ floſſen iſt, wer wird ihr unterſagen, es zu raͤchen? Erblicken Sie doch das Mitleid, das ſich uͤberall fuͤr das Schlachtopfer ausſpricht! Wenn Winkelmann unterliegt, ſo werden Sie uns ohne Zweifel anbefehlen, den Archangeli zu beklagen.“ „Warum nicht?“ verſetzte Styndall leb⸗ haft,„weil Sie als Chriſt ſein Schickſal hoͤchſt beklagenswerth anſehen muͤſſen. Wenn Sie Abels Blut um Rache ſchreien laſſen, ſo werden Sie uns auch ſagen koͤnnen, warum Kain nicht ſogleich auch den Tod von Moͤrders Hand fand. Sie werden unſere Verwunderung erlauben, daß, ſtatt eines Zeichens, das ihn vom Angriff haͤtte zuruͤckhalten ſollen, die An⸗ 126 lockung ihn zu toͤdten, nicht mit Feuerbuchſta⸗ ben auf ſeine Stirn geſchrieben worden iſt. Sie ſprechen von den Rechten der Geſell⸗ ſchaft, Doktor, und Sie entſcheiden ſehr ſchnell, daß ſie das Recht des Todes uͤber ihre Glieder hat: man kann nur geben, was ſein iſt, aber unſer Leben gehoͤrt uns nicht an. Wir erhal⸗ ten es nicht von unſerm eignen Willen; wir erhalten es nicht einmal durch eine Wirkung unſeres Willens. Es iſt der Aufſicht des In⸗ ſtinkts und der Natur ſo anvertraut worden, daß faſt alle Handlungen der organiſchen Ein⸗ richtung und eine große Anzahl derer, die die Wachſamkeit als Erhalterin aller Stunden und aller Augenblicke betreffen, keiner Berathſchla⸗ gung unterworfen ſind. Wenn das anders waͤre, ſo wuͤrde das Menſchengeſchlecht ſchon laͤngſt von der Erde verſchwunden ſein. Da werden Sie vielleicht Ihre ſtaͤrkſte Einwendung gegen den Selbſtmord finden. Alſo, wenn Sie an⸗ nehmen, daß beim Eintritt in die Geſellſchaft der Menſch mit Andern eine Verbindlichkeit ein⸗ geht, vermoͤge derſelben man in gewiſſen Faͤllen ſeinen Lebensfaden zerſchneiden Loͤnnte, ſo iſt Ihre Vorausſetzung auf nichts gegruͤndet, weil 127 der Ceſſionarius uͤber fremdes Eigenthum ge⸗ ſchaltet haͤtte.“ In dieſem Augenblick des Streits glaubte der Baron von Holger aus zwei Gruͤnden dem⸗ ſelben beitreten zu muͤſſen: erſtlich, weil er ihn ſehr lebhaft ſahe, wollte er das Feuer des⸗ ſelben vermindern; und da ferner der Gegen⸗ ſtand vorzuͤglich in ſein Fach ſchlug, ſo hielt er ſich fuͤr geeignet, ihn behandeln zu koͤn⸗ nen. Inzwiſchen konnte ſich der Doktor van Swieten nicht verhehlen, daß der letztere Be⸗ weis, den ſein Gegner aus der Philoſophie entlehnt, keineswegs der Staͤrke ermangele. In ſeiner Verlegenheit eine genuͤgende Antwort, gegen ſeine Gewohnheit, aus dem Stegreif zu machen, bedauerte er nicht, daß man i das Wort entriß. „Mein Herre«, ſagte der Hofrath,„ſobald eine dritte Perſon unbeſchadet iſt, iſt jeder Con⸗ trakt, wenn er zum wahren Nutzen der verhan⸗ delnden Theile gemacht wird, vor jedem gericht⸗ lichen Angriff geſichert. Jetzt frage ich Sie, welches groͤßere Intereſſe ſollte denn die Ge⸗ ſellſchaft haben, als das ihrer Erhaltung? Ihr erſtes Geſetz iſt zu leben. Wenn ſie eingeſehen hat, daß die auf die Verletzung des abgeſchloſ⸗ 128 ſenen Vertrags feſtgeſetzte Todesſtrafe fuͤr ihre Fortdauer durchaus nothwendig iſt, ſo ſehe ich gar nicht ein, wie jemand ſich berechtigt halten koͤnnte, ſich dawider zu ſetzen. Denn hierin liegt die Einwilligung der contrahirenden Theile. Es zeigt ſich kein dritter, deſſen Klage ſich als guͤltig dazwiſchen ſetzen koͤnnte. Der Vertrag bindet Alle. Niemand verlangt deſſen Aufloͤ⸗ ſung; Niemand hat ſich dazu mit unguͤltig machenden Umſtaͤnden verpflichtet; er hat in Folge deſſen alle erforderlichen Bedingungen der Guͤltigkeit. Indem ich alſo mit Sir Styn⸗ dall uͤbereinſtimme, daß die Todesſtrafe ſehr ſelten, wohl uͤberlegt und mit vorhergegangener Anwendung aller Mittel, die den verirrten Men⸗ ſchen zu frommen Geſinnungen zuruͤckfuͤhren koͤnnen, angewendet werden muß, ſo glaube ich doch, daß ſie ſich auf ein zuverlaͤſſiges Recht gruͤndet. Es ſchadet nichts, daß dieſes Recht in der Ordnung der Natur und des Inſtinkts, deren Geſetze der wuͤrdige Gentleman mit vieler Beredſamkeit auffuͤhrt, beſtritten werden kann. Der Vertrag ſoll nicht weniger guͤltig anerkannt werden, erſtens, weil ſich die Geſellſchaft unter dem Schutz eines neuen Geſetzes gebildet hat, posteriara derogant prioribus, dann durch den ſehr maͤchtigen Grund der Gefahr der Woh⸗ nung, propter periculum domus. Alle Tage huldigen Sie dieſem Grundſatze, wenn Sie ein Haus, das die Flammen noch nicht ergriffen hat, einreiſſen, um dadurch die benachbarten Wohnhaͤuſer vor dem Feuer zu ſchuͤtzen.“ „Ich beſtreite“, erwiederte Styndall mit Kraft,„die Genauigkeit des Vergleichs. Ein Haus iſt kein Leben. Es wird nicht ein zweites Mal, wie ein Haus auf ſeinem Grunde wieder hergeſtellt. Nach der Niederreiſſung eines Ge⸗ baͤudes kann jeder ſeinen Aufenthalt anders wohin verlegen; aber wo ſoll der auf dem Blutgeruͤſte gerichtete Verbrecher den ſeinigen aufſchlagen? Wiſſen wir das? Wer wird ſich dafuͤr verbuͤrgen? Jedes Gluͤck iſt wider ihn. Sie haben unrecht geſchloſſen, als wenn ich von Ihnen verlangte, ihn wieder mit ſeinen Leidenſchaften und mit ſeiner Wildheit in die Geſellſchaft zu werfen. Strafen, beſſern Sie, nur toͤdten Sie nicht, denn der Tod iſt keine Beſſerung, weil er dazu zu ſchnell das Ziel ſetzt. Ich will Ihnen noch beweiſen, daß er nicht einmal eine Zuͤchtigung iſt. Oft iſt es nur die Sicherheit des Anklaͤgers, oder die den falſchen Zeugen bewilligte Praͤmie. Ich will, III. 9 130 daß der Schuldige ſein Leben von einer ſchwe⸗ ren Laſt niedergedruckt fuͤhle, als durch Ihre Strenge gegen ihn, und daß er wie Syſiphus einen Felſen fortrolle, der immer wieder auf das Haupt zuruͤckzufallen droht. Sie haben den ſchaͤndlichen Archangeli nur mit einem Streich getroffen, man muͤßte ihm deren tau⸗ ſend beibringen, ja, man muͤßte ihn zu leben zwingen! Ich habe nur zwei Worte uͤber den geſell⸗ ſchaftlichen Vertrag zu ſagen, die Sie, Herr Hofrath, nach meiner Meinung zu weit ausge⸗ dehnt haben. Ihre vortreffliche Urtheilskraft wird Sie leicht erkennen laſſen, daß zwiſchen einer beweglichen oder unbeweglichen Sache und dem Leben, das keines von beiden iſt, kein Vergleich ſtatt finden kann. Eine einzige Frage wird Sie auf den rechten Weg bringen. Ich bitte Sie, mir zu ſagen, ob in Teutſchland ein Gerichtshof iſt, der nicht einen Kauf vernich⸗ tete, von deſſen Abſchließung die Sicherheit zweier Familien abhingen, ſobald der letzte Paragraph, der angehaͤngten Klauſeln, die ihn beſtaͤtigten, alſo lautete:„Im Falle der Ueber⸗ tretung beſagten Traktats von Seiten Eines der beiden Hauptbetheiligten, die ihn unterzeich⸗ —,— 131 nen, ſoll der Andere das Recht haben, ihn zu toͤdten, wozu ſie gegenſeitig ihre Einwilligung hiermit zu erkennen geben. Gewiß, mein Herr Baron von Holger, wenn Sie auf dem Nichterſtuhle ſaͤßen, und den Auftrag haͤtten, ihre Stimme zu geben, Sie wuͤrden gewiß erklaͤren, daß keiner von den kontrahirenden Theilen das Recht habe, ſolche Verbindlichkeiten einzugehen. Aber dennoch find Sie verpflichtet, ſich auf etwas zu ſtutzen, um eine Todesſtrafe auszuſprechen, oder mit den Kraͤften Aller, den zu vernichten, der Sie nur mit den Kraͤften eines Einzigen angreifen wuͤrde!“ Der Hofrath ſchien verlegen. Er dachte uͤber eine Antwort nach, die auf die Geſetzr maͤßigkeit gegruͤndet waͤre, von der er eine ausgebreitete Kenntniß hatte. Der Doktor van Swieten antwortete ſchneller als er, ohne zu dieſen Waffen ſeine Zuflucht zu nehmen, weil er durch den Widerſpruch erbittert wurde: „Die Sache ſcheint mir ganz einfach, mein Herr Gentleman, ſobald Sie zugelaſſen haben, daß die Sicherheit der beiden Familien von ſtrenger Beobachtung als unter ihren Haupt⸗ perſonen abgeſchloſſenen Traktats abhaͤngt, ſo 9 132 iſt dabei keine Schwierigkeit, daß in Beſorgniß einer Vergeſſenheit, die ihr Verderben verur⸗ ſachte, ſie ſich durch die Mittel verbinden, die am meiſten geeignet ſind, ihren Vertrag auf⸗ recht zu erhalten, der die Bedingung ihrer Exi⸗ ſtenz iſt. Dies iſt geſcheider als ein wildes Leben erbaͤrmlich zu fuͤhren, oder ſich der Ge⸗ fahr auszuſetzen, in ſeinem eignen Hauſe von dem Nachbar, der ſich darnach geluͤſten laͤßt, ermordet zu werden.“ „Ich ſaͤhe darin nur ein Hinderniß“, ant⸗ wortete Styndall,„und dies iſt von dem Herrn Hofrath auch vorausgeſehen worden, der, die Schwierigkeit fuͤhlend, ſich blos beſchraͤnkt hat, ihr auszuweichen, dies iſt die Dazwiſchenkunft einer dritten Perſon, die bereit iſt, gegen die vornehmſte Klauſel mit maͤchtiger Stimme feierlich Einſpruch zu thun; und dieſe Perſon iſt Gott, die Natur oder der Inſtinkt! nennen Sie ſie, wie Sie wollen. Aber ich verbiete Ih⸗ nen, hier Verjaͤhrung oder Abbruch der Geſetze zu beſchuldigen. Sonſt werden Sie mir ſagen muͤſſen, wie es zugeht, daß Niemand in der Geſellſchaft der Vollfuͤhrer Ihres Rechtsſpruchs ſein will, deſſen Rechtmaͤßigkeit Ihnen ſo klar bewieſen ſcheint! Es iſt anerkannt, daß in einem — ——— 2. 133 ſolchen Amte Erniedrigung der menſchlichen Wuͤrde liegt. Warum dies Vorurtheil gegen den Todſchlaͤger, wenn der gewaltſame Tod dem zugefuͤgt, der ſich nicht vertheidigte, dem Natur⸗ rechte kein Schimpf iſt? uͤberall wird es im Namen des Fuͤrſten angethan; warum wird der Executor, des mit einer koͤniglichen Unterſchrift oder der des Richters, der ſie repraͤſentirt, ver⸗ ſehenen Befehls uͤberall veraͤchtlich behandelt und entehrt? Antworten Sie! der Geſetzgeber der Hebraͤer, der das Leben wohl kannte, weil er ſelbſt verbot, das der Thiere ohne Noth anzugreifen, war konſequenter als Sie, da er in ſeinem Geſetzbuche die Todesſtrafe ganz ver⸗ nichtete Er war weit entfernt anzunehmen, daß, wenn ein Menſch gefehlt haͤtte, eine fremde Familie den Schimpf ſeines Verbrechens thei⸗ len ſollte, und um den ſtrafbaren zu treffen, huͤtete er ſich, die Unſchuld zu entehren! Ganz Israel wurde aufgefordert, die Uebertretung des Geſetzes mit ſeiner Hand zu beſtrafen, der Verdammte wurde aus dem Lager geſtoſſen, und mußte ſeinen Geiſt unter einem Steinhau⸗ fen aufgeben; eine harte Geſetzgebung, die fuͤr ein ungebildetes Volk gemacht war und die der Chriſtenglaube zum Nutzen des Menſchenge⸗ 131 ſchlechts umgeworfen hat; aber ſie verlangte doch wenigſtens nicht unbillig eine buͤrgerliche Herabwuͤrdigung. Nun muͤſſen Sie auch ein ehrloſes Amt ſtif⸗ ten(fuhr der Englaͤnder mit verdoppelter Kraft fort): Sie ſind nun genoͤthigt, um nach Ihrer Be⸗ haglichkeit grauſam zu ſein, in Staͤdten, Flecken, Bezirken,— denn Sie haben hier auf allen Seiten herrliche Gerichtsbarkeiten, mit der ho⸗ hen, mittlern, niedern Juſtiz— eine Familie dem abſcheulichen Amte des Blutvergieſſens wei⸗ hen oder dem die Menſchen zu quaͤlen! obgleich von einer geringen Ordnung, hat dieſe Betrach⸗ tung doch nicht ihre Kraft, in der abgehandel⸗ ten Frage; denn Ehre und nicht Schmach ſollte auf die Vollziehung jedes Geſetzes folgen, dem man nicht den Charakter von Gerechtigkeit ver⸗ weigern kann. Aber es muß bei dieſer Sache in unſerm Innern ſich etwas Empoͤrendes zu⸗ tragen, weil es uberall die geſetzliche Ordnung mit Luͤgen ſtraft. Unſer kleiner Streit erinnert mich an eine Unterredung des wuͤrdigen John Howard mit einigen ehrbaren Maͤnnern Londons, da dieſer Freund der Menſchheit von einer ſeiner Reiſen nach Europa zuruͤckgekommen war. Er erzaͤhlte 135 ihnen eine ſehr merkwuͤrdige Anekdote; ich war noch ſehr jung, als ich bei deren Erzaͤhlung gegenwaͤrtig war. Wenn Sie es nicht uͤbel neh⸗ men, ſo will ich Ihnen dieſe Geſchichte erzaͤhlen, die zu unſerm Gegenſtande paßt, und deren Ein⸗ druck bei mir ſo ſtark geblieben iſt, daß er nie verloͤſchen wird.“ Die Unterhaltung des Abends war durch Schuld des Doktors van Swieten bis dahin im Palaſte von Hedenburg ſehr wenig ergotzlich geweſen. Die Fuͤrſtin war daruͤber ſehr em⸗ pfindlich. Sie fuͤhlte ſich nur mit Schmerz zu einer Begebenheit hingezogen, die mit einem ſo traurigen Ausgang auf ihr Leben einen ſo großen Einfluß gehabt hatte. Da ſie lieber eine Erzaͤhlung, von welcher Art ſie auch ſei, als den Streit zwiſchen dem Praͤſidenten und dem Gentleman hoͤren wollte, ſo noͤthigte ſie den letztern, ſeine Anekdote zu erzaͤhlen. Sie rich⸗ tete einen freundlichen Blick auf Friedrich, um ihn dazu zu vermoͤgen, erſchrak aber uͤber die Blaͤſſe ſeines Geſichtes. Doch meinte ſie, ſei er einmal dem Feuer dieſes Streites entriſſen, wuͤrde er ſein Gemuͤth beruhigen und mit dieſer Hoffnung gab ſie ſelbſt das Zeichen zur Auf⸗ merkſamkeit. 136 Van Swieten, der dem Baron von Holger zur Seite ſaß, und ſich das Stillſchweigen zu Nutze machte, fragte dieſen ganz leiſe, ob ſie, mit dieſem Manne, aus guten Katholiken, die ſie waͤren, Hugenotten werden und fuͤr ein Diplom offenherziger Geſinnungen ihren Namen als treue Unterthanen Ihrer Majeſtaͤt der Kai⸗ ſerin aufgeben ſollten? „Hoͤren Sie“, antwortete ihm der Rath Holger,„ich hoͤre gern etwas von dem beruͤhm⸗ ten Howard. Es hat mir ſehr weh gethan, daß ich mich damals nicht in Wien befand, als er nach erhaltener Erlaubniß die Gefaͤngniſſe hier beſuchte.“ „John Howard“, begann Styndall, doch nicht ohne jenes leichte Zucken der Unterlippe, das ſich bei ihm zeigte, wenn er ſehr bewegt war;„John Howard hat dreimal Europa und die beiden Amerika durchreiſt, und die Ge⸗ baͤude durchforſcht, wo der Angeklagte ſein Urtheil erwartet; um ihre Lebensordnung hin⸗ ſichtlich der Geſundheit zu ſtudiren, um das phyſiſche und moraliſche Loos der dort aufbe⸗ wahrten Ungluͤcklichen zu verbeſſern und die ſouveraͤnen Maͤchte der beiden Erdtheile zu ver⸗ moͤgen, ihre Blicke auf dieſen traurigen aber — 4 137 nothwendigen Theil der geſellſchaftlichen Ein⸗ richtung hinzurichten. Vorzuglich hat er ge⸗ funden, daß ſie das menſchliche Geſchlecht an dieſen Orten vollends verſchlimmern, die doch nur die Beſtimmung haben ſollten, fuͤr die Leute, die als Verbrecher angeklagt ſind, bis zur Stunde ihres Gerichts verantwortlich zu ſein, und ihre Ruͤcktehr zur Tugend zu beguͤnſtigen⸗ wenn ſie das Geſetz ſtrafbar gefunden hat. Eines Tags erhielt ich die Gunſt, ihn bei einem Freunde meines Oheims zu ſehen, der, in der Hoffnung, von ſeinem Beſuche beehrt zu werden, uns davon benachrichtigte, und mir dabei zu ſein erlaubte. Ich glaube, Sie Alle wuͤrden meine Gemuͤthsbewegung mit empfun⸗ den haben, denn die Miſſion, die Leiden der Menſchheit zu lindern, iſt ſo ſchoͤn, daß man immer darin eine Art Prieſteramt ſehen muß und noch mehr, weil die Gottheit auf Erden nicht wuͤrdiger repraͤſentirt werden kann, als durch ein Weſen, das ſo herrlich in ihre Pläͤne eingeht. Ich ergoͤtzte mich mit Muße, die Zuͤge dieſes wohlthaͤtigen Mannes betrachten zu koͤnnen. Er kam bald nachdem wir einge⸗ treten waren. Dieſer unermuͤdete Beſchuͤtzer der Armen und Betruͤbten unterhielt uns mit 138 einer beſcheidenen Einfachheit don den Beſchwer⸗ den, die er fuͤr nichts hielt, und die einem Koͤnige Ehre gemacht haͤtten. Einige ſeiner Freunde machten ihm aus einem verzeihlichen Enthouſtasmus Lobeserhebungen, die er jedoch zuruͤckwies. Er wurde ſogar gegen einen der⸗ ſelben empfindlich, der von„Bildfaͤulen“ ſprach. „Der heiligen Humanitaͤt muͤſſen wir eine ſolche in unſern Herzen errichten,“ ſagte er,„weil ſie die Beſchwerden unſerer Bruͤder erleichtert, und die Wiederkehr zur Gnade des himmliſchen Va⸗ ters beguͤnſtigt. Sie nennen mich einen Men⸗ ſchenfreund, das iſt ein ſchoͤner Titel, den man nicht zuruͤckſtoßen darf, und nur ihn ſuche ich zu verdienen; aber auf meinen Reiſen habe ich einen Mann angetroffen, der deſſen weit wuͤr⸗ diger iſt als ich; und dieſer Mann,— fuͤgte er zum größten Erſtaunen Aller hinzu,— iſt der Henker einer ziemlich betraͤchtlichen Stadt in Frankreich!« Mehr als ein Zuhoͤrer druckte ſeine Verwunderung laut aus, man drang in John Howard mit Fragen, und um die allge⸗ meine Neugierde zu befriedigen, theilte uns die⸗ ſer Freund der Unglucklichen folgende Erzaͤhlung mit. Ich will mich ſeiner Worte bedienen, weil ſie faſt alle in meinem Gedachtniſſe geblieben ſind: 139 Begierig ſelbſt uͤber den Zuſtand von Liſa⸗ bon, gleich nach der großen Kataſtrophe des Jahres 1755 zu urtheilen, ſchiffte ſich Howard auf dem Hanober, einem Schiff der koͤniglichen Flotte, ein, das nach der Halbinſel beſtimmt war; da es aber unterwegs auf eine groͤßere franzoͤſiſche Macht ſtieß, ſo mußte ſich die engli⸗ ſche Mannſchaft nach einem hartnaͤckigen Gefechte ergeben. Der Kriegszuſtand beider Nationen verlaͤngerte die Gefangenſchaft des Reiſenden bis zum Ende des Jahres 1757 im Innern eines feindlichen Koͤnigreichs. Die geringe Frei⸗ heit, die ihm bewilligt wurde, erlaubte ihm wenig ſeinen Beobachtungen zu folgen, fuͤr die er ſich von der Vorſehung beſtimmt glaubte. Er war nach Rennes in die Bretagne gefuͤhrt worden. Da er auf ſein gegebenes Wort jeden Abend in die Stadt zuruͤckkehren mußte, daſelbſt Niemanden kannte und mit der Sprache, die er erſt erlernte, noch wenig bekannt war, ſo ſpazierte er in dem Stadtgebiete, das er ſchoͤn angebaut fand, umher; uͤbrigens las er, be⸗ fragte Arbeitsleute, ſammelte Anmerkungen, und ſo wurde ihm die Zeit nicht lang. An einem Sommerabende ſtand er auf dem Walle, von ſeinem Spaziergange zuruͤckkehrend, 140 ſtille, und betrachtete mit Vergnuͤgen einen faſt unter ſeinen Fuͤßen liegenden, laͤnglichen, un⸗ ebenen und kleinen Garten, der ſehr gut gewar“ tet und mit einer einzig ſchoͤnen Wahl von Blu⸗ men angefullt war. Ein Mann von ſtarker Leibesbeſchaffenheit und geſunder Farbe ging in dieſem Blumen arten hin und her und bearbei⸗ tete ihn mit eigner Hand. Dieſes Gaͤrtchen graͤnzte mit einem Ende an einen von den al⸗ ten Befeſtigungswerken uͤbrigen Thurm, war von der einen Seite von einem ſtarken ſchlam⸗ migen Bache und von der andern von der Stadtmauer umgeben, laͤngs welcher ſich ein ſchoͤnes Gebaͤude hinzog. Jedes Mal, wenn John Howard auf dem Wall ging, betrachtete er das Gaͤrtchen von der Hoͤhe der Mauer herab; jedes Mal ſah er auch dieſen Mann in einer Jacke und mit derſelben Arbeit beſchaͤftigt darin. Auch ein junges Frauen⸗ zimmer, ſchoͤn von Geſicht, zierlich gekleidet und von anſtaͤndigem Aeuſſern luſtwandelte darin. Sie half die Blumen warten; einige ſtuͤtzte ſie mit Staͤbchen, andere begoß ſie mit einer gruͤnen Gießkanne, mit der ſie Waſſer aus einer nahen Tonne ſchoͤpfte. Zuweilen ſah er noch Leute von gutem Anſtande im Gaͤrtchen, die den erſten ——5— ——— 141 Klaſſen der Stadt anzugehoͤren ſchienen. Sie behandelten das junge Maͤdchen, in Gegenwart ihres Vaters, auch wenn ſie allein war, mit vieler Achtung, von denen der Reiſende ver⸗ muthete, daß die Beiden, deren Eigenthum dieſer kleine Umfang ſei, durch die heiligſten Bande des Lebens verbunden waͤren. Erſt nach Verlauf mehrerer Wochen erkun⸗ digte ſich John Howard nach dem Beſitzer die⸗ ſes Blumengartens bei einem Bewohner der Stadt, der, wie er, vom Walle herab ihren Beſchaͤftigungen mit Luſt zuſah. Da erfuhr der Reiſende zum groͤßten Erſtaunen, daß dieſes der Scharfrichter mit ſeiner Tochter waͤre. Einige andere Umſtaͤnde, die Howard von dem Buͤrger erfuhr, vermehrte das Erſtaunen noch weit mehr, und floͤste ihm das Verlangen ein, mit Joſeph Ganier, dem Scharfrichter in dieſem Theile der Bretagne, eine Bekanntſchaft anzuknuͤpfen. John Howard iſt einer von den ſeltenen Menſchen, den hohe Namen wenig imponiren, wenn ſie nicht mit Tugenden verknuͤpft ſind, und auf den die der niedrigſten Handthierungen der menſchlichen Geſellſchaft keinen widrigen Ein⸗ druck machen, ſobald ſich nicht Laſter und un⸗ anſtaͤndige Auffuͤhrung mit einmiſchen. Er na⸗ 142 hete ſich Ganier und ſeiner Frau mit Achtung, gewann bald ihr Zutrauen und fand großen Ge⸗ fallen daran, mit ihrer Tochter, welche die Ratur mit Schoͤnheit, verbunden mit den glucklichſten Eigenſchaften, begabt, im Garten ſpazieren zu gehen. Sie ergoͤtzte ihn, wenn ſie Klavier ſpielte, er nahm Antheil an ihren Mahlzeiten, und als der Friede die Auswechslung der Gefangenen nothwen⸗ dig machte, konnte er ſie nicht ohne Schmerz verlaſſen. Er ſprach mit Ruͤhrung und Hochach⸗ tung von dieſer Familie. Und Sie ſollen bald wiſſen, ob ſeine Gefuͤhle, die ihm das Verdienſt dieſes Menſchen einfloͤste, auch gerecht waren. Nach der Erzaͤhlung meines wuͤrdigen Land⸗ manns ſtammte Joſeph Ganier von einer armen Familie ab, und kam nach langer Abweſenheit mit einer jungen Gattin, die er in einem frem⸗ den Lande geehlicht, wieder nach Rennes zu⸗ ruͤck. Ihr mittelmaͤßiges Vermoͤgen war fuͤr ihr Gluͤck hinreichend, das vorzuͤglich darin beſtand, Duͤrftige und Nothleidende zu unkter⸗ ſtutzen. Reine Sitten und die Ausuͤbung der Religion ſicherten ſie vor den Stuͤrmen, die das menſchliche Leben bewegen. Wenigſtens glaub⸗ ten ſie dies. Aber ein Donnerſchlag, ein Vor⸗ fall, der nicht einmal einen Augenblick ihre 143 Gedanken beunruhigt hatte, ſtuͤrzte ſie in einen Abgrund von Verzweiflung: der Scharfrichter der Stadt ſtarb ohne Kinder. Es iſt Ihnen nicht unbekannt, daß in jedem Lande zu Folge des Abſcheues, den er einflost, dieſer Stand das verpflichtungsmaͤßige Erbrecht der⸗ Familie bleibt. Nachbaren, die das Gluͤck dieſes un⸗ ſchuldigen Paares beneideten, und dabei zu⸗ gleich ſchwatzhaft und geſchwaͤtzig waren, wie es auf dem Lande oft geſchieht, um ihre he⸗ raldiſchen Kenntniſſe zu erproben, bezeugten, daß Joſeph Ganier in gerader Linie von dem Großvater des verſtorbenen Scharfrichters her⸗ ſtamme. Der Elendeſte und Aermſte von Ren⸗ nes haͤtte, nach Howards Erzahlung, dieſes Amt nicht fuͤr einen Haufen Gold angenommen. Dies beſtätigt ſich vorzuͤglich dadurch, daß, wenn in dieſer Stadt zu einer Execution ein Blutge⸗ ruͤſt errichtet werden ſoll, kein Zimmermann die Hand eher an die Arbeit legt, bevor nicht alle ſeine Mitmeiſter wechſelweiſe einen Hammerſchlag an die Baumaterialien thun. Nach einem Verhoͤr im Landgericht, darauf im Parlament, wurde jenem Unglücklichen durch den Boten die Anzeige gemacht, daß er ſein Amt antreten ſollte. Aber ſo reichlich auch das Einkommen dieſer Stelle war, ſo haͤtte er doch lieber ſein Todesurtheil ausſprechen hoͤren. Er verbarg ſich, wurde entdeckt, entfloh und wurde drei bis vier Mal wieder ergriffen; eine Ma⸗ giſtratsperſon, die um dieſe Zeit einer der em⸗ pfehlungswertheſten Buͤrger war, begab ſich aus Guͤte in Ganiers Wohnung. Hier nahm er an ihnen beiden den aufrichtigſten Antheil, zeigte ihnen aber auch zugleich, daß in dieſem ſtrengen Verhaͤltniſſe eine vorzuͤgliche Abſicht der Vor⸗ ſehung liege, und mit Huͤlfe eines Beichtvaters der jungen Eheleute brachte er den Ungluͤcklichen zur Unterwuͤrfigkeit. Aber, guter Gott, welche Unterwerfung! John Howard brachte uns Alle zu Thraͤnen, als er erzaͤhlte, in welcher Kriſis Ganier die erſten Tage ſeines abſcheulichen Amtes ſich be⸗ fand, obgleich die exekutoriſchen Verrichtungen deſſelben auf die Knechte fremden Urſprungs fielen. Man kann ſich keinen Begriff von un⸗ ſerer Ruͤhrung machen, als wir erfuhren, wie er bei dem Gerede einer bevorſtehenden Hinrich⸗ tung von einem ſchrecklichen Schauder ergriffen worden; wie ſeine bloße Gegenwart auf dem Blutgeruͤſt ihn in die groͤßte Angſt verſetzte, und wie man oft genoͤthigt geweſen, ihn, waͤh⸗ — — 145⁵ rend eines Anfalls von Erſtickung, die ſein Leben in Gefahr ſetzte, in ſeine Wohnung zu⸗ ruͤckzubringen. Seine Erregbarkeit war noch gar nicht ſtumpf gemacht worden, als ihn mein Landsmann kennen lernte. Dieſelben Zufaͤlle von Schrecken bemaͤchtigten ſich ſeiner, wenn eine Exekution bevorſtand. Sobald ihm die Nach⸗ richt zu Ohren kam, ſchickte er dem Ungluck⸗ lichen, den er mit Wohlthaten unterſtutzte, neue Erquickungen an Lebensmitteln, wie ſie der Arme wuͤnſchte, den das erſchreckliche Gericht treffen ſollte. Er faſtete, ließ ſich die Sakramente ſeiner Kirche reichen, und, auf den Knien lie⸗ gend, brachte er die Naͤchte im Gebete zu, und Niemand, nicht einmal ſeine fromme Gattin, durfte ſich ſeiner Thuͤre nahen; ſo konnte er auch nicht eher zum Blutgeruͤſte gehen, bevor er nicht eine ſtarke Doſis geiſtiger Getraͤnke zu ſich genommen hatte. Von Natur gut und mit⸗ leidig, aber das Opfer menſchlicher Vertraͤge, ſuchte er ſeinen Verſtand zu betaͤuben, um dem Schmerze, den ihm dieſe entſetzliche Verrichtung verurſachte, nicht zu unterliegen: das war ſein Opium. Auch ſah er waͤhrend der Exekution elend und niedergeſchlagen aus, ſo daß zwiſchen ihm und dem Verbrecher, von Zuſchauern die III. 10 146 ihn nicht kannten, kein Unterſchied gemacht werden konnte. Jedermann beklagte den ungluͤcklichen Ganier, Jedermann ehrte ihn: aber dennoch behielt das Vorurtheil, beſonders beim Poͤbel, die Ober⸗ hand; man ſah nur einen Menſchen, unterdruͤckt von einem andern; man ſah nur Marterinſtru⸗ mente in den Haͤnden des Inhabers dieſes grau⸗ ſamen Dienſtes; und der Mann, dem dieſe ver⸗ haßte Erbſchaft aufgedrungen worden, war oft gezwungen, durch verborgne Mittel wohlzuthun, deren Ausuͤbung ihm zur Gewohnheit geworden war; denn mancher Taugenichts, der ein ſchlech⸗ tes Leben fuͤhrte, hätte ſich fur entehrt gehal⸗ ten, ſeinen Beiſtand anzunehmen. Inzwiſchen ſei es nun, daß ſein und ſeiner Gattin Tugend dieſe Ueberzeugung beſiegt hatte, oder daß man ſeiner Tochter huldigte, gegen die ſich die Na⸗ tur gar nicht ſtiefmuͤtterlich gezeigt hatte; aus⸗ gezeichnete Menſchen aus den obern Klaſſen beehrten ihn endlich mit ihren Beſuchen. Junge Magiſtratsperſonen gingen in ſeinen Garten ſpatzieren, und John Howard verſicherte uns, daß er ſie, ohne ſich ſelbſt daruͤber zu wundern, mehr als ein Mal an dem Tiſche dieſer Familie, wo er ſich ſelbſt zwiſchen den wohlthaͤtigen Mann 147 und ſeiner wuͤrdigen Frau niederſetzte, habe Platz nehmen ſehen. Mein gelehrter Landsmann meldete uns noch einen Umſtand, der uns tief erſchuͤtterte. Ganier, von ſeinem Ungluͤck uͤberzeugt und in der Ab⸗ ſicht, dies ſeinen Nachkommen zu erſparen, hatte zwei Soͤhne im fruͤheſten Alter aus Frankreich entfernt, deren Schickſal unbekannt geblieben iſt. Er ſelbſt ſpricht niemals davon; aber man vermuthet, daß ſein langer Aufenthalt in frem⸗ den Laͤndern ihm Freunde erworben haben moͤchte, denen er die koſtbaren Pfaͤnder anvertraute. Aber geſtehen Sie ein, gnaͤdige Frauen, denn an Sie wende ich mich vorzuͤglich,“ fuͤgte Styn⸗ dall hinzu mit einer Veraͤnderung ſeiner Zuͤge, die wahrſcheinlich die Ermuͤdung von der langen Er⸗ zaͤhlung bewirkte,„muß man nicht auf die tiefſte Stufe des Ungluͤcks herabgeſtiegen ſein, um ſich freiwillig der ſuͤßeſten Freuden der Natur zu berau⸗ ben? Und das Geſetz, das einen Vater verpflich⸗ tet, die Bande ſeiner Vaterſchaft zum großen Intereſſe ſeiner Kinder mit eigner Hand zu zerbre⸗ chen, das Geſetz, das dem Herzen und den Armen einer Mutter die Geſchoͤpfe entreißt, die ihr das Leben verdanken, iſt dieſes Geſetz nicht aus dieſem einzigen Grunde in ſeinem Princip vernichtet. 10* 148 „John Howard konnte uns die Anekdote, die er aus ſeinem Journal zog, nicht ohne Thraͤnen erzaͤhlen.“ „Ich ſehe, ich hoͤre ihn noch, mein Oheim ſeinerſeits ſtimmte mit allen Gefühlen ſeines Freundes uͤberein, niemals hat er ſich in meiner Gegenwart einer ſo charakteriſtiſchen Gemuͤths⸗ bewegung uͤberlaſſen. Ich hoffe, meine Gnaͤdi⸗ gen,“ ſchloß der Englaͤnder ſeine Erzaͤhlung, „daß Sie mir verzeihen werden, wenn ich dem Eindruck ſolcher Erinnerungen nicht wider⸗ ſtehen kann.“ ⸗ Seine Stimme war faſt erloſchen, tief er⸗ griffen hielt er ſein Schnupftuch vor Augen und Stirn, die von Schweiß feucht war, als wenn er einige Stunden lang in der Sonne des Auguſts gegangen waͤre. Die Geſellſchaft geſtand das Ungluͤck der Familie Ganier ein; ſie zollte ihr Thraͤnen und zwang den Praͤſidenten der mediciniſchen Fakultaͤt zu bekennen, wenn man jemals Anſtalten haͤtte, wo die Verirrung des menſchlichen Geſchlechtes einen richtigen Stufengang ausſoͤhnender Zuch⸗ tigung faͤnde, koͤnnte man ohne Gefahr fuͤr die Geſellſchaft die Todesſtrafe der Geſetzbuͤcher Europas aufheben. Der Doktor war aber bei 149 ſeinem Weggehen wenig zufrieden, daß man dieſes Geſtaͤndniß von ihm erſchlichen hatte; denn er bekannte ſich ſelbſt, daß der Gentleman ſeine Beweisgruͤnde gegen ihn mit großer Staͤrke der Logik gefuͤhrt hatte. Nur mit der Zeit konnte der deutſche Hippokrates ihm dieſen Vor⸗ theil uͤber einen Gegner verzeihen, der ſich ſei⸗ ner Wuͤrde nach verpflichtet glaubte, immer Recht zu haben; auch enthielt er ſich ſeit dieſer Zeit im Palaſte von Hedenburg, Archangeli zum Gegenſtand ſeiner Unterredung zu machen, ent⸗ ſchaͤdigte ſich aber dafuͤr irgendwo anders. Man war ſelbſt zu vermuthen genoͤthigt, daß er aus Winkelmanns Tod einige auſſerordentliche Fol⸗ gerungen zoͤge, die zwar auf keine Weiſe Styn⸗ dalls Ehre gefaͤhrdeten, aus denen man aber aus Zuſammenſtellen von Umſtaͤnden haͤtte den Schluß ziehen koͤnnen, zu zeigen, als habe der Englaͤnder ein dunkles oder indirektes Intereſſe fuͤr den ſchaͤndlichen Toskaner, den Moͤrder des Archaͤologen. Der denkwuͤrdige Vorfall zu Trieſt hatte noch einen andern Erfolg. Der Namen der Fuͤrſtin von Hedenburg und des Englaͤnders wurden nie zuſammen ausgeſprochen, ohne daß man nicht von ihren Verdienſten, von ihren 150 Verhaͤltniſſen, von ihrer Verbindung und von dem Bande, das die Folge davon ſein mußte, geſprochen haͤtte. In den Augen einiger Be⸗ wohner Wiens und einiger Hofdamen, die dazu verſchiedne Beweggruͤnde hatten, ſollte dieſer Vereinigung kein Hinderniß im Wege ſtehen; Styndalls glaͤnzende Eigenſchaften waren nach ihrer Meinung hinreichend, ſie aus dem Wege zu raͤumen. Die kleine Anzahl, die Parthei der Neuerer aͤußerte dieſe Meinung. Die ent⸗ gegengeſetzte Meinung fand vielleicht wenigere oͤffentliche Stimmen, aber ſie wurde hauptſaͤch⸗ lich auf der Burg angenommen, obgleich des Englaͤnders edles Betragen bei verſchiedenen Vorfaͤllen noch in friſchem Andenken war, wo⸗ von die eine immer denkwuͤrdiger als die andere in einem Lande waren, wo man der Titel be⸗ darf, nicht nur um zu den geringſten Aemtern zu gelangen, ſondern auch ſelbſt ein Anſehn zu erlangen, das nicht davon abhaͤngen ſollte. Die Namen des Fremden und Proteſtanten waren negativ und klangen in den Ohren der alten Koͤpfe des Hofkabinets ſehr uͤbel. Ein großes Vermoͤgen und ausgezeichnet muſterhaftes Be⸗ tragen hielten nicht hinlaͤnglich das Gleichge⸗ wicht. Um dieſe Zeit der oͤſterreichiſchen Mon⸗ 151 archie warfen die Gaben eines erhabnen Gei⸗ ſtes ein ſehr geringes Gewicht in die Wag⸗ ſchaale, noch viel weniger ſprachen Seelenadel und Charakterfeſtigkeit, die nicht geneigt iſt, ſich gemachten Ideen anzuſchmiegen oder ſich vor vertragsmaͤßiger Uebermacht zu beugen, zu Gun⸗ ſten des Mannes, der dieſe Eigenſchaften beſaß. Es war ſchon viel, wenn man keine Urſache zu Vorwuͤrfen darin fand. Es lag eine Art Duldung darin, nach einem Ausdrucke, der an der Tagesordnung war, nur Epxcentricitaͤt dabei zu ſehen. Dieſes Wort wurde auf Styndall angewandt, und dem Individuum vielleicht ver⸗ ziehen, aber ſeine Unthaͤtigkeit zu Geſchaͤften war ſo ausgeſchrien, als wenn ſie den oͤſtreichi⸗ ſchen Kreiſen durch ein kaiſerliches Reſcript bekannt gemacht worden waͤre. Dies waren Charlottens und Friedrichs ge⸗ ringſte Sorgen. Die traurigen Eindruͤcke der Fuͤrſtin fingen an zu verloͤſchen. Styndalls Eindruͤcke waren dauerhafter, weil ſie ſich ohne Zweifel wieder an eine ſehr fruͤhe Lage an⸗ knuͤpften, wenigſtens fanden ſie ihn nicht waffen⸗ los. Seine gewoͤhnliche Seelenſtaͤrke gab ihm eine feſte Stuͤtze. Er wußte in der That nicht, daß er ſeit Winkelmanns Tod ein Gegenſtand 152 der Unterredung und der allgemeinen Neugierde war; und da die ſchoͤne Jahreszeit ſchon ziem⸗ lich vorgeſchritten war, ſo genoß er ihre Reize bei Charlotten, die ihn nicht nur zu Spazier⸗ gaͤngen aufforderte, ſondern auch ihre Couſine ſeit vierzehn Tagen geſchickt davon zu entfernen ſuchte Sie wollte, wie ihr der maͤhriſche Herberg gerathen hatte, dem Englaͤnder Gele⸗ genheit geben, foͤrmlich um ihre Hand anzu⸗ halten, die ſie ihm auch ſogleich gegeben haͤtte. Je mehr ſie ihn kannte, deſto mehr war ſie uͤberzeugt, daß ſie in ihm den einzigen Mann gefunden hatte, mit dem ſie vollkommen uͤber⸗ einſtimmte. Sie hatte niemals die Reize eines zaͤrtlichen Umgangs ſo ſehr geſchaͤtzt; ſie ver⸗ heimlichte ſich nicht die ſchnellen Fortſchritte, die die Liebe bei ihr gemacht hatte; aber weit entfernt, bei ihr ein Sinnenrauſch zu ſein, erfüͤllte dieſe edle Leidenſchaft noch ihrem Zwecke vielmehr Charlottens Geiſt mit ehrbaren Ge⸗ danken und zwar zu derſelben Zeit als ſie ihr Herz mit ſuͤßen Gefuͤhlen unterhielt. Der Beſitz ihres Geliebten war in ihren Augen nur ein Mittel, ſich ſeiner Geſellſchaft zu vergewiſſern, wodurch ihr Leben ſich verſchoͤnern, ihr Ge⸗ ſchmack ſich reinigen und ihre Ausſicht fur die 153 Zukunft erheitern wuͤrde. Sie haͤtte feſtern Banden entſagen koͤnnen, wenn in der Welt ein anderes Band vorhanden geweſen waͤre, das ſie des Gluͤckes gleichfalls verſichert haͤtte, ihr Leben bei Styndall zuzubringen; alſo ihre Neigung zu dem Freund ihrer Wahl war noch eine Huldigung der Tugend. Auf dieſem Grund hatte die Fuͤrſtin von Oedenburg den Plan ihres Lebens entworfen. Da ſie erfuhr, daß die Baronin von Stein mit Auftraͤgen ihres Mannes den ganzen Tag be⸗ ſchaͤftigt ſei, beſchloß ſie, dieſe Zeit zu benutzen, um mit dem Gentleman den neuen Haushalt in der Jaͤgerzeil zu beſuchen, der ihrem Edel⸗ muthe ſeine Einrichtung verdankte. Der Eng⸗ laͤnder wurde ſogleich durch einige Zeilen davon benachrichtigt, die ihn noͤthigten, den Tribut der Liebe und der Erkenntlichkeit ſogleich abzu⸗ tragen; bei Rachel beſtellte Charlotte ein laͤnd⸗ liches Mahl, aus einem gebackenen Huhn und zum Nachtiſch aus Erdbeeren mit Sahne beſte⸗ hend. Allein wollte ſie mit ihm ſein und in einer Laube mitten unter Blumen ſpeiſen; einen ſchoͤnen Schatten wuͤnſchte ſie, plaudern wollte ſie mit ihm und ſie hoffte, daß das Beiſpiel des ſchoͤn vereinten Paares, das man vor Au⸗ 154 gen habe, ſeinen Einfluß geltend machte, das entbundene Wort entlocken von ſuͤßer Hingebung, zu der immer das Schauſpiel der Natur im Fruͤhling einladet, der Ausleger beider Herzen, die ſich ſchon verſtanden, werden wuͤrde. Gluͤcklicher noch durch den gegenwaͤrtigen Augenblick, als durch den morgenden Tag, den ſie verſprach, aber den ſie mit holder unruhi⸗ ger Schaam betrachtete, erhielt ſie den Abend aus der Burg ein Billet, das ſie noͤthigte, das laͤndliche Mahl aufzuſagen, und Styndall eben⸗ falls zu benachrichtigen, daß der Spaziergang nach der Jaͤgerzeile aufgeſchoben ſei. Des letz⸗ tern Auftrags entledigte ſie ſich, ohne die Ur⸗ ſache davon anzuzeigen, weil ſie die Muthmaſ⸗ ſungen fuͤrchtete, die ſie dem etwas argwoͤhni⸗ ſchen Styndall erwecken wuͤrde. 30. Das Billet war von der Hand der Kaiſerin geſchrieben, in einfacher Form, in der ſich aber Freundſchaft offenbarte, lud ſie Charlotten ein, ſich fruͤh in die Burg zu begeben, und ſich an der Thuͤre der kleinen Gemaͤcher Maria There⸗ ſias zu zeigen, um mit ihr daſelbſt zu fruͤhſtuͤk⸗ ken. Die angezeigte Stunde war ſehr fruͤh, 155 was jedoch nicht zu verwundern war, da die Kaiſerin die Gelegenheit beibehalten hatte, als eine der Erſten in ihrem Palaſte fruͤh das La⸗ ger zu verlaſſen. Charlotte glaubte, die Mo⸗ narchin wolle ſie nach ihrer Gewohnheit von ihren Familienangelegenheiten unterhalten und dies entlockte ihr einige Seufzer, wegen des abgeredeten Spazierganges, wo ſie eine andere Geſellſchaft zu genieſſen gedachte. Styndalls Schmerz war weniger heftig, obgleich es in ſeinen Augen das groͤßte Gluͤck war, einen Tag mit einer Frau allein zuzubringen, die geboren ſchien, ihm ein neues Schickſal zu bereiten. Dieſe Gunſt war ſo groß, daß er ſie fuͤrchtete, und daß er nicht Kraft gegen die Reize zu haben glaubte, deren Probe er unterworfen ſein wuͤrde. Ohne noch einen jungfraͤulichen Sinn zu haben, hatte der Englaͤnder niemals ſo hef⸗ tig geliebt, wie er Charlotten liebte oder er hatte vielmehr die Liebe von dem Tage ihrer Bekanntſchaft erſt kennen gelernt. Indem er aber ſeine Leidenſchaft in die Grenzen zwingen wollte, die er ihr vorgeſchrieben, und die ſie, trotz ſeines Entſchluſſes, ſtets zu uͤberſchreiten drohete, zitterte er vor dem Gedanken, ſich bei der Herrlichen allein zu befinden, der er gern 156 ſein Leben aufgeopfert haͤtte, und der dennoch ſeine Liebe aufzuopfern, ihm doch zu ſchwer geweſen waͤre. Daraus entſtand fuͤr ihn die peinlichſte Unruhe, der Kampf der grauſamen Pflicht mit der reizenden Neigung. Wenn er ſich zuweiien trunken vom Gluͤck dem Ein⸗ druck des Augenblicks uͤberließ, frei von jeder Betrachtung uͤber ſich ſelbſt, dann erfaßte ihn ploͤtzlich der Gedanke an ſein Schickſal und er duͤnkte ſich wieder der Ungluͤcklichſte aller Men⸗ ſchen, und das Ungluͤck war um ſo groͤßer, als ſich dann nothwendiger Weiſe ſeine Laune verſchlimmerte, was bei ihm die Ruͤckwirkung ſeiner großen Seele auf ſich ſelbſt war! In einer Art von Vorgefuͤhl der ſüßen Worte, die ſein Herz den folgenden Tag einge⸗ nommen hatte, freute ſich der Englaͤnder uͤber das unvermuthete Hinderniß, das ihm das groͤßte Vermoͤgen entriß, das vielleicht die menſchliche Natur in ſich faßt. Charlotte, ihrerſeits, war genoͤthigt, ihre Hoffnung aufzuſchieben. Ihre Augenlieder gehorchten nur dem Schlaf erſt dann, als ſie die verſchiedenen Beweggruͤnde ihres Entſchluſſes zur einer zweiten Heirath durchgemuſtert hatte; ſie gereichten dem Frem⸗ den dergeſtalt zum Vortheile, daß ſie nur auf 157 eine andere Art davon in ihrer Meinung be⸗ ſtaͤrkt wurde. Dieſes Vorſpiel der naͤchtlichen Ruhe war ſuͤßer als die Ruhe ſelbſt, und die Fuͤrſtin entzog ſich ihm beim maͤchtigen An⸗ drang des Schlafs hoͤchſt ungern. Den Morgen erwachte ſie fruͤher als ge⸗ woͤhnlich, kleidete ſich geſchmackvoll, aber ein⸗ fach an, und begab ſich in einem verſchloſſenen Wagen in die Burg, wo ſie durch das Amalien⸗ thor um ſieben Uhr des Morgens anlangte; man hatte Befehle ertheilt, ſie hier zu empfan⸗ gen. Maria Thereſia erwartete ſie in ihrem Toilettenkabinet, das, wie die uͤbrigen Gema⸗ cher, noch Spuren einer bis in das dritte Jahr verlaͤngerten Trauer um den Tod ihres Ge⸗ mahls Franz trug. Alles um ſie war ſchwarz behaͤngt, und ihre Kleider trugen daſſelbe Zei⸗ chen eines zielloſen Schmerzes. Ihre Haare, mit Ausnahme der Stirnwurzel, verbarg eine kleine ſchwarzſeidne Haube, deren Enden auf den Schlaͤfen knappanliegend unter dem Kinn zuſammen liefen und daſſelbe einſchloſſen. Ihre Geſichtsfarbe war ſehr weiß, ihre Haut fein, was man auch an den Ellbogen bemerken konnte, wo die Aermel ihres Kleides ſich endigten. Dies war ihre gewoͤhnliche Tracht; auch ver⸗ 158 wendete die Fuͤrſtin von Hedenburg, der die Kaiſerin ihre Hand, eben ſo ſchön wie der Arm, reichte, keine Aufmerkſamkeit darauf. Charlotte druckte ihre Lippen auf die Hand und Maria Thereſia kuͤßte ſie auf die Stirn und ließ das Fruͤhſtuͤck bringen. Sobald abgetragen war, rief die erhabene Wittwe ihre junge Geſellſchafterin zu ſich, und ſagte mit einer gewiſſen Feierlichkeit: „Kommen Sie naͤher, Charlotte, fuͤrchten Sie nichts, ich rede als Freundin zu Ihnen.“ Die Fuͤrſtin von Oedenburg ſetzte ſich an die Seite der Kaiſerin auf ein kleines Kanape von Sammt. Maria Thereſia bemerkte, ſie wuͤnſche ſich mit ihr uͤber etwas zu unterhalten, was ihre Perſon ſelbſt betraͤfe, und dieſe An⸗ rede, deren ſie ſich nicht verſah, verſetzte Char⸗ lotten in einige Unruhe. Ohne durch die freund⸗ ſchaftlichen Worte ihrer Monarchin beruhigt zu werden, ſchickte ſie ſich in der Ueberzeugung an, daß Styndall in dieſer Unterredung begrif⸗ fen ſein wuͤrde, ſie aufmerkſam auzuhoͤren. „Seit einem Jahre, meine junge Freundin“«, fuhr Maria Thereſia fort, und legte auf ihren Ton einen großen Ernſt,„ſehe ich Sie ſelte⸗ ner; Sie wiſſen doch, das mir Ihre Geſell⸗ 159 ſchaft angenehm iſt, und daß ich Ihnen ſtets zugethan war. Glauben Sie mir, daß ich Ihre Abweſenheit bemerke. Sie verlangten auch nicht nach Schoͤnbrunn zu kommen; wenn ich es Ih⸗ nen nicht vorgeſchlagen haͤtte, wuͤrden wir uns den ganzen Lenz uͤber nicht geſehen haben. Sollte mich Charlotte vergeſſen?.... „Ich Sie vergeſſen, gnaͤdigſte Frau“, ent⸗ gegnete Charlotte lebhaft,„Ihre Gnade erhaͤlt ſich immer in meinem Gedaͤchtniſſe. Sie haben aus mir gemacht, was ich bin, und von allen Gnadenbezeugungen iſt mir das Wohlwollen, womit Sie mich beehren, ohnſtreitig das koſt⸗ barſte!“ „Sagen Sie die Freundſchaft!« verſetzte die Kaiſerin.„Aber dieſe muß ausgeubt wer⸗ den! Es iſt nicht ſchoͤn, die zuruͤck zu ſetzen, die uns lieben! Wenn meine gute kleine Maͤh⸗ rin ſo oft an mich gedacht haͤtte, als ſie in meinem Andenken war, ſo wuͤrden wir uns oͤfter geſehen haben.“ „Ich befuͤrchtete unbeſcheiden zu werden“, erwiederte die Fuͤrſtin verlegen,„Ihre Maje⸗ ſtaͤt werden mir die Anmerkung erlauben, daß Dieſelben in den letztern Monaten ſehr beſchaͤf⸗ tigt waren, daß Sie Geſandten aus Polen und 160 Rußland empfingen, und mehrmals eine Au⸗ dienz dem Geſandten von Toskana gnaͤdigſt bewilligten, deſſen Regent nach der Ehre ſtrebt, ſich mit dem Hauſe Habsburg zu verbinden, daß die nordiſchen Angelegenheiten Ihnen viele Zeiten raubten, daß Sie Ihren eignen Geſand⸗ ten Verhaltungsbefehle ertheilten, daß vornehme Fremde „Charlotte, wenn man ſo fruͤh aufſteht, als ich“, unterbrach ſie die Kaiſerin laͤchelnd,„ſo kann man allen ſeinen Geſchaͤften obliegen und der Abend bleibt dennoch fuͤr die Freunde! Sie haben die Ordnung geſehen, die in der Burg eingefuͤhrt iſt; ſie beſteht noch; es koͤmmt mir ſchwer an, ſie Ihnen erinnerlich zu machen. Aber, Sie empfangen oft Fremde, und wenn ich mich nicht irre; ſo ſieht man deren in Ih⸗ rem Saale mehr als an meinem Hofe. Man ſpricht bei Ihnen italieniſch, engliſch, franzo⸗ ſiſch, alles, nur nicht teutſch! Sie wiſſen, daß mir das mißfaͤllt.“ „Dieſe Fremde ſind faſt alle durch Ihre oder der Perſonen Gnade in Wien gebunden, die Ihnen naͤher angehoͤren. Noverre, Meta⸗ ſtaſio, der gute Duval, van Swieten ſelbſt.. Sie haben die Erfahrung gemacht, wie ſchwer —————— 161 es haͤlt, dem Abbe zwei teutſche Worte zu ent⸗ locken; der arme Winkelmann, obgleich in Preuſ⸗ ſen geboren, ſprach auch nur italieniſch; Haydn ſpricht lieber dieſe oder die engliſche Sprache, als jede andere, beſonders ſeit dem ungluͤckli⸗ chen Funde ſeiner ſchottiſchen Balladen; was den guten Duval betrifft, wenn er in den Au⸗ garten kommt.„ „Haydn, Noverre, der Abbe, der gute Du⸗ val ſind nicht alle die Fremden, die man im Augarten gut aufnimmt!“ ſcherzte die Kaiſerin⸗ Koͤnigin, Charlottens Ton nachahmend.„Meine artige Maͤhrin iſt nicht geſchickt genug zu ver⸗ bergen, was in ihrem Herzen vorgeht. Sie wurden roth, Charlotte, als ich das Wort Fremde ausſprach; und als Sie es nach mir wiederholten, erroͤtheten Sie abermals.“ „Ihre Majeſtaͤt“, entgegnete Charlotte mehr bewegt als unruhig,„wollen ohne Zweifel von Sir Styndall reden, ganz Wien kann von ſei⸗ nem Charakter Zeugniß ablegen und.. e „Hoͤren Sie mich an, Charlotte“, fuhr die Kaiſerin fort, ohne die Fuͤrſtin ausreden zu laſ⸗ ſen,„und unterbrechen Sie mich nicht, um mit Ihnen ungehindert von Ihnen ſelbſt ſpre⸗ II. 11 162 chen zu koͤnnen, habe ich dieſen Morgen keine Erzherzogin herkommen laſſen.« „Von dem Tage an, an dem Sie mir vor⸗ geſtellt wurden, haben Sie mir gefallen. Jeder⸗ mann in der Burg hat den Eindruck bemerkt, den ich nicht verbergen konnte. Ich habe keine Gelegenheit verſaͤumt, es zu ſagen und Ihnen zu beweiſen. Ich bin weit entfernt, Ihnen daruͤber einen Vorwurf machen zu wollen, denn ich habe mein eignes Vergnuͤgen dabei gefun⸗ den; es freut mich immer, Sie bei mir zu ſehen. Ihre Offenherzigkeit, Ihr herrliches Temperament ſtanden mir an. Ihr reiner und ſcharfer Verſtand, der ſich oft uͤber Ihr Geſchlecht erhob, entzuͤckte mich ebenfalls. Ein ſuͤßes Mitgefuͤhl zog mich zu Ihnen hin; ich liebte Sie ſo ſehr, wie eine meiner Toͤchter, und Sie wiſſen, wie ſehr ich dieſe liebe! Sie verloren Ihren Gemahl und die Uebereinſtimmung unſe⸗ rer Schickſale brachte uns noch naͤher; ich fand wenigſtens Jemanden, dem ich einen Schmerz mittheilen konnte, der ſeinen Gegenſtand lange uͤberleben wird! Ich ſchuͤttelte manchen Kummer in Ihren Buſen aus. Sie verſtehen mich, Char⸗ lotte! Wenn ich als Regentin meinen Kummer und meine Sorgen hatte, wenn die Vorſehung . 163 ſie zerſtreut hat, ſo habe ich doch als Mutter Widerwaͤrtigkeiten zu dulden, und in dieſer Hinſicht weniger gluͤcklich, habe ich die Urſache derſelben nicht immer verſchwinden ſehen. Sie wiſſen, daß ſich die Erzherzogin Chriſtine wider meinen Willen verheirathet und mir eine Ein⸗ willigung abgezwungen hat, die mir ſchmerzlich war; denn das Habsburgiſche Regentenhaus ſollte, nach der Muͤhe, die ich mir gegeben, zu erwarten haben, nicht von einem Chur⸗ fuͤrſten von Sachſen abhaͤngig zu werden. um dieſe Erniedrigung zu verdecken, habe ich meine Tochter und ihren Gemahl zur Regierung der Niederlande berufen. Was ſoll ich Ihnen, meine gute Freundin, uͤber den Erzherzog Jo⸗ ſeph mehr ſagen, was Sie nicht ſchon aus meinem Munde wiſſen? vergebens habe ich mit ihm die Herrſchaft getheilt! Er verlangte ſie ganz! Es iſt ihm nicht genug, die Kriegsver⸗ waltung unter ſich zu haben, er beabſichtigt ſogar, mir die Liebe meiner alten Soldaten zu entwenden, mit denen ich ihm ein Reich wieder erobert habe; ich weiß es wohl, mit mißguͤnſti⸗ gen Augen ſieht er mich durch ein Corps Gar⸗ diſten paſſiren und meinen Wagen ſtille halten, um einige Geſchenke in die Haͤnde dieſer treuen 11* 164 Leute zu legen, die mir, wie ihm zwei Sonen erhalten haben.“ „Alles dieſes, mein Kind, hat Ihre Koͤnigin mehr als einmal Ihrer Verſchwiegenheit an⸗ vertraut; und da ſie ihren Mißmuth den Un⸗ terthanen verheimlichen muß, ſo beklagt ſie ſich gern frei bei Ihnen. Den Verluſt des Kaiſers Franz fuͤhle ich noch gar zu ſehr; Sie ſind ſelbſt Zeuge meines Schmerzes geweſen. Ich habe gehofft, daß Sie, wie ich, eines Gatten beraubt, fortfahren werden, meinen Schmerz mit gleichen Gefuͤhlen zu theilen, ſo wie wir lange unſere Thraͤnen vermiſcht haben.. Ich habe mich taͤuſchen koͤnnen; Sie ſind jung, und ungeachtet der Staͤrke Ihres Charakters iſt es moͤglich, daß in Ihrem Alter, die Ein⸗ druͤcke nicht die Dauer haben moͤgen, die ſie von dem meinigen erhalten„ 4 „Ach, daß doch dieſe Unterredung in mir die Erinnerung Ihrer Gnade wieder erwecken moͤchte, wenn ich das Ungluͤck gehabt haͤtte, ſie verloͤſchen zu laſſen!“ fiel Charlotte mit ſehr empfindlichem Tone ein.„Aber Dank ſei es dem Himmel, gnaͤdigſte Frau, dieſer Vorwurf wird mich nicht verfolgen. Ich fuͤhle, daß ich ihn nicht verdient habe, und hoffe ſelbſt, daß 165 ich ihn niemals verdienen werde! Was den Grafen von Oedenburg anbelangt, ſo hat er mich immer ausgezeichnet, vorgezogen, er iſt der Vater meines Kindes, das ſind hinlaͤng⸗ liche Rechte, die er meiner Dankbarkeit und meiner Hochachtung auflegt. Wie ſehr muß ich nicht ſein Andenken in Ehren halten, da er mir den Vortheil verſchafft hat, mich meiner erhabenſten Gebieterin nahen zu duͤrfen und von Ihrer Majeſtaͤt wohl aufgenommen zu wer⸗ den! aber wenn ſeine Wahl nur eine Berechnung geweſen waͤre, wenn er, als er ſich zu meiner Gunſt mit einer Schnelligkeit ent⸗ ſchloß, die die erſten Bande zerbrach, wenn er das Gluͤck anderwaͤrts, als in der neuen Ver⸗ einigung, die er eben geſchloſſen, geſehen haͤtte„„ „Charlotte“, unterbrach ſie die Kaiſerin mit einer gewiſſen Strenge,„huͤten Sie ſich, Ent⸗ ſchuldigungen fuͤr einen ſchon gefaßten Ent⸗ ſchluß zu ſuchen, um ſie beſonders auf Koſten desjenigen zu finden, der ſich nicht mehr ver⸗ theidigen kann! Die Aufrichtigkeit iſt der lie⸗ benswuͤrdigſte Zug Ihres Charakters, denn durch haben Sie auch meine Gnade verdient.. „Auch will ich fortfahren, mich 166 wuͤrdig zu zeigen“, redete die Fuͤrſtin, ohne zu ſtocken, weiter.„Ich habe Ihrer Majeſtaͤt nur die Wahrheit geſagt... Der Graf ſtand im Begriff, Ihr Geſandter zu werden; er bot mir, waͤhrend dieſe Angelegenheit mit dem Kanzler Miniſter unterhandelt wurde, nicht ein⸗ mal an, ihm nach St. Petersburg zu folgen, vielmehr ſagte er mir vier und zwanzig Stun⸗ den, ehe er von ſeiner toͤdtlichen Krankheit befallen wurde, daß ſeine Anordnungen getrof⸗ fen waͤren, mich in Wien zu laſſen. Beim An⸗ blick der Thraͤnen, die mir dieſe Eroͤffnung koſteten, und mit denen ich blos meine Gefuͤhle ausdruͤckte, fuͤgte er hinzu, es geſchaͤhe nur auf Ihre Befehle, daß er die Sachen ſo eingerichtet habe. Als ich einige Monate nachher mit dem Fuͤrſten von Kaunitz zufaͤlligerweiſe davon ſprach, ſo erfuhr ich, daß Ihre Majeſtaͤt nicht einmal deswegen befragt worden waͤren.« „Es iſt wahr;. aber vielleicht wollte Ihnen der Graf die Beſchwerlichkeit eines fer⸗ nen Aufenthaltes, eines ſtrengen Klimas, und ſich ſelbſt die Muͤhe einer doͤppelten Repraͤſen⸗ tation erſparen?“ „Wenn er mich geliebt haͤtte, ſo wuͤrde er mir wenigſtens ſeine Betruͤbniß daruͤber bezeigt 167 haben..... Aber er hielt nach ſeinen Abſich⸗ ten dafuͤr, daß meine Gegenwart bei Ihnen nützlicher waͤre; er war nicht einmal ſo geſchickt, mir es zu verbergen. Wird meine gute Regen⸗ tin dieſe Art von Entdeckung verzeihen, woruͤber ich ſo ſpät erſt zu klagen mir erlaube, gegen einen Mann, der mit meinen Thraͤnen in die Gruft gegangen iſt, der noch immer meine Hochachtung beſitzt, aber der ohne Zweifel einen geringen Werth auf meine Liebe legte? Sie werden auch meine Empfaͤnglichkeit entſchuldi⸗ gen, Sie, die Sie ſich durch ſo viele Veraͤn⸗ derungen, niemals freiwillig von einem Gat⸗ ten trennte, und deſſen kurze Abweſenheit nur noch fuͤr beide zum Beweggrund beſchwerliche Nothwendigkeiten hatte? Ich muß eingeſtehen, daß meine Regentin, um ein Herz, daß Ihrer wuͤrdig war, feſtzuhalten, Rechte hatte, die ich nicht beſitze...... Schoͤn, die Stirn mit einer dreifachen Krone umgeben.4 „Und meine ſchoͤne Maͤhrin«, entgegnete Maria Thereſia laͤchelnd,„hat einen angetrof⸗ fen, der ein wenig weit hergekommen iſt, um ſich bei ihr niederzulaſſen... Charlotte, weil Sie andere Bande knuͤpfen wollen, warum entſchlieſſen Sie ſich nicht, einen aus Ihrem 1 168 Lande zu beguͤnſtigen! ſeit drei Jahren hat es Ihnen an Bewerbungen nicht gefehlt... Nun muß ein Fremder, ein Unbekannter.„ „Verzeihen Sie, meine erhabene Koͤnigin“, verſetzte Charlotte erroͤthend, aber mit Lebhaf⸗ tigkeit,„Sir Styndall iſt in Wien kein Frem⸗ der! da er einer Nation angehoͤrt, die nicht die unſerige iſt, ſo kann er ſich nicht in unſern Augen mit oͤſtreichiſchen Titeln zeigen; das iſt ſein einziger Fehler, aber ſeit dem er ſich in Ihren Staaten aufhaͤlt, hat er ſich daſelbſt durch viele Zuͤge bekannt gemacht, die jeden andern Charakter zieren.“ „Sie wiſſen aber Charlotte, daß ich die Heirathen zwiſchen Perſonen ungleichen Stan⸗ des nicht leiden kann!“ „Ich habe noch nichts fuͤr mich noch fuͤr ihn verlangt, gnaͤdigſte Frau“, antwortete Charlotte mit ſchwacher Stimme und einer Beklemmung, die der Kaiſerin Worte verurſachten. „Wenn er das Ungluͤck hat, Ihnen zu mißfallen, ſo werde ich allen Muth in mir auffordern, um mich meinem Verhaͤngniſſe zu unterwerfen... Ich habe nicht vermuthen koͤnnen, daß Ihre Gnade ſich noch weiter erſtrecken wuͤrde, Sie haben mich ſogar daran gewoͤhnt, daß es mir 169 ſchwer geworden iſt, ſie nicht vorauszuſetzen. Meine Anmaßung verdiente ohne Zweifel be⸗ ſtraft zu werden... Ich werde mich beſtreben zu ℳ Hier verging der Fuͤrſtin von Oedenburg die Stimme, Maria Thereſia verbarg ihre Be⸗ wegung unter dem Scheine von Unwillen und fuhr fort: „Sie werden ſich beſtreben, ihn zu vergeſſen; das wollten Sie gewiß ſagen; und wenn Sie das nicht vermoͤgen, ſo werden Sie ſich fuͤr ungluͤcklicher halten, als Sie in der That ſind! und Sie werden mir wie billig Ihren Schmerz zuſchreiben! das iſt die Regel, und Sie werden ſich huͤten, dem angenommenen Gebrauch zu⸗ wider zu handeln. Weiß ich alles das nicht zum Voraus? Habe ich das nicht in meiner eignen Familie erlebt?.. Charlotte hatte zu viel Scharfſinn, um nicht die ſchwache Seite zu gewahren, die ihr die Kaiſerin zeigte, und ſie antwortete alſo: „Gott moͤge verhuͤten, daß ich mein Ungluͤck Ihrer Maſeſtaͤt zuſchreibe, der ich Alles ver⸗ danke, was ich bin; die Anhaͤnglichkeit an mei⸗ nen Mann, die ich nur mit großer Muͤhe ver⸗ geſſen koͤnnte, wuͤrde die zaͤrtlichen und ehr⸗ 17⁰ furchtsvollen Gefuͤhle, mit denen mein Herz angefuͤllt iſt, nicht ſchmaͤlern. Ich wuͤrde ſeuf⸗ zen koͤnnen ohne, und dulden ohne mich zu beſchweren. „Sehr wohl,“ fuhr Natia Thereſia mit einem Ton uͤbler Laune fort, doch ſagten ihre Blicke das Gegentheil,„man wird die ſchoͤne Maͤhrin traurig und ſchmachtend ſehen; und Niemand wird wiſſen warum; und ihre langen niedergeſchlagenen Augenwimper werden nichts kund thun, auch nicht mehr, wenn ſie ſie wie⸗ der aufgehoben hat; dann wird ſie Augen zei⸗ gen, die ihre ſuͤße Heiterkeit verloren haben; Madame, hat man nicht ſchon bemerkt, daß Ihre Geſundheit ſich verſchlimmert, und daß Ihre Farbe nicht mehr dieſelbe Lebhaftigkeit hat? Sie ſind wenigſtens etwas mager geworden... Dieſe Worte waren mit einem forſchenden Blicke begleitet, der faſt dem einer Mutter glich. Die Kaiſerin nahm hierauf eine Hand ihrer jungen Freundin und fuhr auf folgende Weiſe fort: „Hoͤren Sie mich noch einmal an, Char⸗ lotte! ich will mich gegen Sie frei erklaͤren. Wenn es durchaus ſein muͤßte, ſo wollte ich lieber in eine Mißheirath einwilligen, als den 171 Verdruß haben, Sie zu verlieren; aber Sie duͤrften niemals vergeſſen, daß das Blut der Temeſche in ihren Adern fließt, und daß Sie einen beruͤhmten Namen Ungarn, den Ihres Mannes tragen! Ich ſpreche mit Ihnen davon zum letzten Male und ich hoffe, daß Sie ein wenig daruͤber nachdenken, bevor Sie einen Tauſch deſſelben machen werden....« Charlotte weinte, und als Maria Thereſia in ihren Augen Thraͤnen erblickte, fuͤgte ſie hinzu: „Glauben Sie ja nicht, Charlotte, daß der Zuſtand Ihres Herzens meiner Aufmerkſamkeit entgangen ſei; ich habe ihn ſo gut gekannt, daß Kaunitz auf meinen Befehl an meinen Geſandten nach Lon⸗ don geſchrieben hat, um beſtimmte Auskunft uͤber Ihren Englaͤnder, uͤber ſeine Umgebungen, uͤber ſein wirkliches Vermoͤgen, ſeiner Familie, ſeiner Geburt einzuziehen; dieſe Nachrichten ſind einige Monate erwartet worden; endlich habe ich ſie erhalten.. „Und!“ Charlotte fragte aͤngſtlich und forſchte mit furchtſamen Blicken in den Geſichtszugen der Kaiſerin. „Alles was man hat vernehmen koͤnnen,“ fuhr Marin Thereſia mit einem kalten und ge⸗ ſetzten Ton fort,„iſt, daß er der Neffe, Ver⸗ 172 wandte oder Freund denn man weis nicht ganz gewiß, eines reichen Pflanzers von Jamaika iſt, der ſchon ſeit zwei Jahren todt und ihm ſeinen Namen und ſein Vermoͤgen hinterlaſſen hat. Charlotte von Temeſch, die Fuͤrſtin von Hedenburg wird nun ſehen, ob das hinreicht, ihrerſeits eine Veraͤnderung des Standes nnd der Lage zu rechtfertigen; ob einige perſoͤnliche Eigenſchaften, mit einem ſo großen Opfer, zum Vergleich gegen einander gehalten werden koͤn⸗ nen; ob.„ Da ſie gewahr wurde, daß Charlotte vor Ungeduld, ſie zu unterbrechen, brannte, ſo eilte ſie, ihren Einwuͤrfen zuvorzukommen. „Ich weis alles, was Sie zu Gunſten die⸗ ſes Fremden ſagen koͤnnen; er beſitzt einen große Edelmuth, von dem der Fuͤrſt und die Fuͤrſtin Eſterhazy mir ein Zeugniß abgelegt haben; auch hat er ſich durch ſeine Auffuͤhrung Anſehn hier erworben. Van Swieten hat an ihm ausge⸗ breitete Kenntniſſe gefunden, obgleich ſeine Ideen zu gewagt ſind, und vor dergleichen wir uns in Wien nicht genug huͤten koͤnnen. Auch weis ich ſeinem Verfahren gegen den jungen Grafen Torontal vielen Dank, der nicht ſo gluͤcklich geweſen iſt, Ihnen zu gefallen. Ohne ſeine 173 Reizbarkeit zu billigen, durch die er ſich an demſelben Tage ein zweites Mal gegen einen unbedeutenden Abentheuerer in einen Zweikampf einließ, kann ich doch nicht unterlaſſen, ſeiner Aufopferung waͤhrend der Ueberſchwemmung der Vorſtaͤdte Gerechtigkeit zu erweiſen. Man hat auch gehoͤrt, was ich daruͤber in meinem Cirkel geſagt habe; es bedurfte mich Niemand dazu anzureizen, und wenn mein Sohn der Erzherzog Joſeph, der meine Stelle zu vertreten ſich im⸗ mer bemuͤht, mir nicht zuvorgekommen waͤre, ſo haͤtte ich an Ihren Guͤnſtling aus meiner eignen Kanzlei in meinem Namen ſchreiben laſſen, um ihm meine Zufriedenheit zu bezeugen.“ „Es war hoͤchſt traurig fuͤr mich,“ entgeg⸗ nete Charlotte mit Seufzer,„daß die Gnade des Erzherzogs ihm die Ihrige entzogen; er wuͤrde in dieſem Augenblick gewiß den Werth derſelben beſſer fuͤhlen.“ Das habe ich nicht im Sinne gehabt,“ ſagte die Kaiſerin laͤchelnd,„Sie beſitzen die Kunſt, alle meine Gedanken zu Ihrem Vortheil anzu⸗ wenden.“ Damit klopfte ſie leiſe mit einer ihrer Haͤnde in Charlottens Hand, die ſie mit der andern feſthielt, und fuhr fort;„Ich ſah es nur gar 174 zu ſehr ein, wir werden ſchwerlich eine Fuͤrſtin von Dedenburg lange in der Burg behalten.“ „Und wenn ich Titel und alles was es ſchmei⸗ chelhaftes an Maria Thereſiens Hof giebt, ver⸗ lieren ſollte,“ antwortete Charlotte geruͤhrt, ſo waͤre ich gluͤcklich, wenn mir nur die Er⸗ laubniß bliebe, zuweilen im Stillen in dieſes kleine Gemach zu kommen, um meine zaͤrtlichen Handlungen zu den Fuͤßen meiner Regentin zu legen.“ „Stellen Sie ſich die Sache nicht zu traurig vor;“ verſetzte die Kaiſerin und fuhr fort, die⸗ ſelbe Bewegung ihrer Hand zu machen;„in Ermangelung einer Fuͤrſtin, die nach ihrem Kopfe handeln wollte, werden wir uns eine Baronin oder Graͤfin gefallen laſſen, der nicht allein dieſe kleine Thuͤr, ſondern ſelbſt noch eine groͤßere offen ſtehen wird. Das werden wir nun nach unſerer Klugheit zu ordnen haben; ich befuͤrchte nur zu ſehr ein wenig eher, als wir gewuͤnſcht hatten.“ In dieſem Augenblick verließ Charlotte den Platz auf dem ſchwarz ſammtnen Kanape, ließ ſich auf ihre Knie vor der Kaiſerin nieder und bedeckte ihre Haͤnde mit Kuͤſſen und Thraͤnen. Maria Thereſia wurde bewegt:„Stehen 175 Sie auf, Charlotte,“ ſagte ſie;„dieſe Unterre⸗ dung endigt unter uns anders, als ich hoffte. Nun bin ich noch immer von Ihrem Blendwerk getaͤuſcht, Sie Sirene! ich ſchmeichle mir, daß ich es nicht zu bereuen haben werde. Ich fuͤhle, daß ich Sie auch unter dem Namen einer Graͤ⸗ fin von Styndall lieben muß! Doch ſchickt es ſich wenigſtens, daß wir wiſſen, wer er eigent⸗ lich iſt, der Ihnen denſelben geben wird! Und das trage ich Ihnen auf, mich ſo bald wie moög⸗ lich davon zu benachrichtigen; denn die einge⸗ zogene Rachricht meines Geſandten beſchraͤnkt ſich auch von London aus blos auf das, was wir ſchon in Wien gehoͤrt haben. Sie werden einſehen, daß das Herkommen Ihres Freundes beſtimmt angegeben werden muß, weil ich mich zu Ihrem Willen herabgelaſſen habe, ſo ſollen Sie wiſſen, daß ich, ſobald als es ſein kann, die Sache abgeſchloſſen wuͤnſche. Ich zweifle nicht, meine liebe Charlotte, daß Ihr Umgang mit Herr von Styndall tugendhaft iſt; es iſt nur deshalb, weil das Beiſpiel davon noch ge⸗ faͤhrlicher iſt. Da ich ein Keuſchheitsgericht eingefuͤhrt und dasſelbe beauftragt habe, alle zu ſtark betriebenen Verbindungen zu beurthei⸗ len und ihnen ſelbſt Hinderniſſe in den Weg zu 176 legen, ſo waͤre ich tadelnswerth, Sie nicht zu zwingen; die Sache iſt unvermeidlich, daß Sie Ihrer Verbindung die unmittelbare Beſtaͤtigung der Kirche geben laſſen.“ „Jetzt faͤllt mir noch eine Schwierigkeit mehr ein, weshalb ich mich nun ſelbſt anklage, ſie Ihnen nicht eher dargelegt zu haben, bevor ich mich von Ihnen hinreißen ließ. Wir haben zwar einige Beiſpiele von Ehen verſchiedener Religionsverwandten(die aber in Oeſterreich ſehr ſelten geweſen ſind); und das muß ich noch mit dem Erzbiſchof Miggazy abthun, den ich noch gegen mich aufzubringen befuͤrchten muß... Aber erinnern Sie ſich wohl, Charlotte, daß ich zur Befreiung meines und Ihres Gewiſſens die Bedingung dabei mache, daß Sie Ihren Englaͤnder zur Bekehrung anhalten; Sie ſtehen mir bei Gott dafuͤr, verſtehen Sie mich! Denn ich bin uͤber die Mittel vollkommen unterrich⸗ tet, die Sie im Ruͤckhalt haben, um Jemanden auf andere Gedanken zu bringen..„Gehen Sie nun, denn die Stunde iſt da, wo der Fuͤrſt von Kaunitz mit ſeinem Portefeuille zu mir koͤmmt. Ich hoffe, daß Sie mich nicht wieder ſo lange vergeſſen werden.“ Charlotte ſtammelte einige Worte und preßte 177 ſtatt der vornehmſten Antwort ihre Lippen auf die Hand der Kaiſerin; aber dieſe gab ihr einen Kuß auf die Stirn, wie beim Eintritt in das Kabinet; hierauf klingelte ſie einer ihrer Kam⸗ merfrauen, und ließ den Thuͤrhuͤter hereintreten. 31. Als die Fuͤrſtin wieder im Augarten ange⸗ langt war, fuͤhlte ſie eine ſolche Zufriedenheit, daß ſie nicht umhin konnte, ſie ihrer Couſine mitzutheilen. Die Baronin von Stein wurde in Charlottens Zimmer gerufen und von Allem unterrichtet, was ſich in der Burg zugetragen hatte, einige Umſtaͤnde, die die Kaiſerin betra⸗ fen, ausgenommen. Doch ſchien ſie daruͤber weniger beſtuͤrzt, als die Fuͤrſtin es erwartete, und gab den Grund davon in dieſen Worten an: „Sie werden ſagen, meine gute Charlotte, daß ich feſt an meinen Ideen haͤnge. Ohne mir die wenigen Jahre, die ich aͤlter als Sie bin(dieſe kleine Anzahl macht zwoͤlf Jahre aus), anzurechnen, waͤhrend welcher Zeit ich die Welt vollkommen kennen gelernt habe, verſichere ich Sie, daß das, was Sie mir ſo eben geſagt haben, allein hinreichen wuͤrde, mich in meiner Meinung zu befeſtigen. Ich kenne wie Sie die lII. 12 178 Kaiſerin, ich kenne aber auch ihren Abſcheu vor Mißheirathen. Ungeachtet ihrer Anhaͤng⸗ lichkeit an Sie bin ich verſichert, daß ſie nicht ſo leicht in Ihre Vereinigung mit Herrn von Styndall gewilligt haͤtte, wenn ſie von ihm nicht mehr als Sie und ich wuͤßte. Es iſt augenſcheinlich, daß der Pflanzer von Jamaika nur dazu dient, ein Geheimniß zu verbergen. Uebrigens benutzen Sie dieſe Geſinnungen; und weil der junge Herr an Ihren Wagen gefeſſelt iſt, ſo befeſtigen Sie ihn eher mit Banden dar⸗ an, die ihn auf immer feſthalten, als hoͤhere Befehle ihn einer andern Beſtimmung wieder⸗ geben koͤnnten.“ Charlotte verwies ihrer Couſine ihren roman⸗ haften Ton und warf ihr vor, daß ſie den Scherz in einer ſo wichtigen Sache zu weit treibe; aber die Baronin von Stein erwiederte: „Ich ſcherze nicht; es iſt mir von gewiſſer Hand hinterbracht worden, daß Herr von Styn⸗ dall Briefe aus der Fremde erhaͤlt, daß er ſich einſchließt, um darauf zu antworten, und daß er ganz neulich Briefe aus Frankreich und Eng⸗ land erhalten, die er ſogleich als er ſie geleſen verbrannt hatte, und daß er die ſeinigen, um 179 ſie nicht fremden Haͤnden anzuvertrauen, ſelbſt auf die Poſt traͤgt.“ Die Fuͤrſtin von Hedenburg merkte wohl, daß ihre Couſine dieſe Belege der Plauderei Tom Sylcock verdanke; ſo wie auch, durch welchen Kanal ihr dieſelben zugefloſſen waren. Ohne einen Werth auf die Muthmaßung der Baronin von Stein zu legen, die ihre Scharf⸗ ſichtigkeit für untruglich hielt, ſo oft ſie ſich auch ſchon darin geirrt hatte, faßte ſie einen Entſchluß, der mit ihren eignen Wünſchen uͤber⸗ einſtimmend am Beſten entſprach⸗ Waͤhrend Eliſe heimlich an ihren Mann ſchrieb, um ihm die bevorſtehende Hochzeit zu melden, die ihrer Familie gefeiert werden ſollte, ergriff Charlotte die Feder, um Styndall ſo⸗ gleich in den Augarten einzuladen. Ohne von der guͤnſtigen Stimmung Maria Thereſiens zu erwaͤhnen, ließ ſie in dieſem Brief ihre heitere Stimmung durchblicken, um die des Englaͤnders anzureizen. Dieſer war, als man den Brief der Fuͤrſtin brachte, in Wieden abweſend. Von einem Beſuche zuruͤckgekehrt, den er in dem kleinen Hauſe der Wittwe Flacksmann gemacht, deren Schickſal er nach der Ueberſchwemmung von Leopoldſtadt geſichert hatte, wurden ihm 180 mehrere Briefe uͤberreicht, unter denen ſich auch Charlottens Billet befand, er anfangs gar nicht bemerkte. Zuerſt oͤffnete er ein dickes, ſchwarz verſie⸗ geltes Paket, mit dem Stempel von Montpel⸗ lier nach Bruͤſſel, und vernahm von Emma Riverß, daß der Ritter von St. Yvon in ihren Armen mit Ruhe und Heiterkeit, eines beſſern Lebens wuͤrdig, verſchieden ſei, vor⸗ ausgeſetzt, daß der Schein ſie nicht betro⸗ gen. Der bretagniſche Edelmann hatte einige Tage vor ſeinem Tode ſelbſt an ſeinen Wohl⸗ thaͤter geſchrieben, um von ihm Abſchied zu nehmen. Sein verſiegelter Brief lag in dem der Wittwe eingeſchloßen. Mit einer gerechten Erkenntlichkeit, obgleich in dem ihm eignen Stil ausgedruͤckt, berichtete er etwas, das die Auf⸗ merkſamkeit des Gentleman verdiente. Die dieſe Nachricht betreffende Stelle des Briefes lautete: „Mein lieber Friedrich, in meinem Leben, deſſen Faden kaum noch an der Spindel haͤngt, habe ich Ihnen genug Verdruß und Geld ge⸗ foſtet. Fuͤr das Erſtere möge der Himmel Ihnen einen Vergelter zufuͤhren! Was das An⸗ dere betrifft, ſo waren Sie reich genug um es auszuhalten, und eben ſo edelmuͤthig, um in 181 dieſe Anwendung Ihres Vermoͤgens zu willigen. Ich hoffe auch, daß Sie fortfahren werden, der Beſchuͤtzer meiner Frau und meiner Kinder zu ſein. Die arme Emma liebt mich nicht mehr. Ich bin aber deswegen nicht boͤſe auf ſie. Da ich ihr die Liebe ihrer Familie entzo⸗ gen hatte, wofuͤr ſie, ohne Ihre Vermittelung, von mir noch uͤbler bezahlt worden waͤre, mußte ich mich darauf gefaßt machen. Ich bin fuͤr ſie ein ſehr ſchmutziges und ekelhaftes Geſchoͤpf geworden, und es iſt nun Zeit, daß das bald aufhoͤre.“ „Ja, mein lieber Styndall, in Ihre Haͤnde lege ich die zwei Scepter, die ich Ihrer Frei⸗ gebigkeit verdanke. Ich uͤbergebe Ihnen alle meine Hoheitsrechte in Europa. Regieren Sie ohne Theilung von Frankreich und die britan⸗ niſchen Inſeln wie in dem alten Latium und in dieſem kalten Auſtenſien, wo Sie Ihre Erobe⸗ rungen auf mehr als eine Weiſe erweitert haben! Mir iſt nicht unbekannt, daß Sie ſo gluͤcklich geweſen ſind, ein Herz, das Ihrer wuͤrdig iſt, zu finden und zu feſſeln. Eine ſchoͤne, reiche, mit dem Blute der Koͤnige verwandte und ſehr geiſtreiche Frau hat den ernſthaften und weiſen Styndall nicht ſehen koͤnnen, ohne ſein Ver⸗ 182 dienſt zu ſchatzen; das heißt, ſie hat Sie lieb gewonnen. Gehen Sie ohne Furcht Ihrem glaͤn⸗ zenden Schickſal entgegen! Setzen Sie ſie zu Ihrer Rechten oder Linken auf den Thron! Sein Sie mit ihr und durch ſie gluͤcklich! In⸗ dem ich bereit bin, eine Laufbahn zu enden, die ebenfalls ihr Hohes und Niederes gehabt hat, beneide ich nicht mehr das Gluͤck der Ihrigen. Ich bin noch erſtaunt, daß ſich trotz meiner Narrheiten auf Erden noch ein Weſen gefunden hat, das mir Wohlthaten erzeigte; und es thut mir nicht leid, daß dieſes Weſen durch ſeine perſoͤnlichen Eigenſchaften zu einem glaͤnzenden Gluͤcke gelangt iſt.... Ich werde alſo nicht Jedermann Ungluͤck verurſacht haben.“ „Styndall, wenn ich etwas in Ihrem ge⸗ heimnißvollen Leben erblicke, wenn ich aus Ue⸗ berraſchung oder aus Antrieb erkannt habe, daß wir beide wenigſtens unter gewiſſen Beziehungen einander durchaus nicht fremd waren, ſo ſein Sie ruhig! Keines meiner gegenwaͤrtigen oder vergangenen Worte ſoll Ihre Gluͤckſeligkeit ſto⸗ ren. Sie wiſſen, daß in unſerm ſtaͤrkſten Streit damals, als wir kriegfuͤhrende Maͤchte waren, und als Sie gegen mich Ihre Manifeſte ſchleu⸗ derten, ich Ihre Staatsgeheimniſſe immer reſpek⸗ 183 tirt habe. In Ihrer Gegenwart, ſelbſt in mei⸗ nem groͤßten Zorn, iſt mir kein Wort entfahren, das Sie haͤtte benachtheiligen koͤnnen. Sie werden mit mir in das Grab hinabſteigen. Sie werden hinabgefahren ſein, wenn Sie dieſen mit unſerm Siegel verſiegelten Hriginalbrief erhalten, den wir nicht einmal unſerm Kanzler mit der Binde oder unſerm Staatsſekretair zum Kontraſigniren uͤbergeben haben. Leben Sie alſo gluͤcklich!“ „Mein Couſin,(denn bereit in das Schat⸗ tenreich hinabzuſteigen, quo Tullus dives et Ancus, bereit meine Aſche mit der der Koͤnige meiner Vorfahren zu vermiſchen, ohne daß man eigentlich weiß, ob jemals zu Montpellier ein regierender Fuͤrſt oder Fuͤrſtin begraben wurde, werden Sie es nicht uͤbel nehmen, daß ich mich dieß Mal noch mit gekroͤnten Haͤuptern einer vertraulichen Sprache bediene): Mein Couſin, ſage ich, iſt ein Erzbettler, ein Italiener, ein Boͤſewicht von Charakter und Profeſſion, der ſchon ſeit zwei Jahren gegen Ihre Majeſtaͤt gottloſe Geſinnungen hegt, daß wir jeden Au⸗ genblick befurchten, er moͤchte, wenn ich meinen letzten koͤniglichen Hauch von mir gegeben, ſeine verbrecheriſchen Plaͤne ausfuͤhren. Dieſes Ihnen 184 ſchon bekannte meineidige und treuloſe Subjekt, Namens Fratello, koͤnnte ſich an Ihrer gehei⸗ ligte Perſon vergreifen, wenn Sie die ſeinige nicht in Sicherheit bringen, und das wuͤrde Ihnen ſehr leicht ſein, weil er ſich ſchon ſchlech⸗ ter Handlungen gegen eine Fuͤrſtin, die jetzt eine Ihrer Freundinnen iſt, und wie man ſagt, bald Ihre Verwandtin werden wird, zu Schul⸗ den hat kommen laſſen. Es haͤngt alſo blos von Ihnen ab, ſobald er ſich auf dem oͤſtrei⸗ chiſchen Gebiete ſehen laͤßt, ihn Ihrer vielge⸗ liebten Couſine der Kaiſerin ernſtlich an zu em⸗ pfehlen. Das ſind ſo kleine Dienſte, die ſich hohe Maͤchte gegenſeitig gern einander erweiſen. Wir benachrichtigen Sie davon als treuer Bun⸗ desgenoſſe, und ſind uͤberzeugt, das obengenann⸗ ter Fratello in ſeiner rachſuͤchtigen Seele, Ih⸗ nen einen kleinen Beſuch abzuſtatten beſchloſſen hat. Aber Sie wiſſen wohl, daß dieſe Art Feinde ſehr oft durch verborgene Mittel und Waffen zu Werke ſchreiten. Ich gruͤnde meine Prophezeihung darauf: der Elende iſt nemlich gegen Sie, ſeit der Haͤndel in Ranelagh, die er mir ganz verborgen ielt, und die meine Frau, durch Ihren letztern Brief beſſer unterrichtet, mir nunmehr berichtet 185 hat, ſo ſehr erbittert, daß er Ihnen Feindſchaft geſchworen hat, die er mir zwar verhehlt, die aber doch aus ſeinen geringſten Handlungen herborblickt. Sie wiſſen, was der Haß eines Italieners vermag. Er verdient um ſo mehr Ihre Aufmerkſamkeit, da er mehr als hundert Mal, anfangs ziemlich oͤffentlich, dann als ihm Frau von St. Yvon ſeinen ſchlechten Charakter vor Augen ſtellte, auf Nebenwegen verſuchte, mir das wahre oder muthmaßliche Sie betref⸗ fende Geheimniß abzulauern, da er weiß, daß ich der Inhaber desſelben bin.. Du wirſt mich fragen, Friedrich, wie ich dieſes abgefeimte Subjekt bei mir behalten und von deinen Gaben habe ernaͤhren koͤnnen? Du mußt wiſſen, daß ich traurig, verlaſſen und voll Ge⸗ brechen war, daß ich wohl einſah, Emma liebe mich nicht mehr, und daß dieſer Kerl mir nothwendig geworden war. Ich brauchte ſeinen Arm auf dem Spaziergang, er beluſtigte mich immer zu Hauſe, denn der Schurke iſt unter⸗ haltend, wenn er ſich Muͤhe giebt. Jetzt, da ich ihn verabſchieden will, nimm dich in Acht, daß er dir nicht in die Seite faͤllt, wie ein ſchlechter Condottiero ohne Dach und Fach. Bei mir bringt er ſeine Liſt uͤbel an, denn ich 186 kenne ihn; er ſchont keinen Feind, und du biſt der ſeinige. Er giebt vor, du habeſt einen Bruder ſeines Gelichters niedergemacht. Unter uns geſagt, ich glaube, er hat ihn aus Zaͤrt⸗ lichkeit ſelbſt abgefertigt; ein Gewarnter kann ſich gegen zwei wehren.“ Ich kann nicht mehr ſcherzen, Friedrich, das heißt ſchon todt ſein. Kaum kann ich die Feder noch halten. Der Buchſtabe und die Dinte werden dir beweiſen, daß ich dieſen Brief verſchieden Male zu ſchreiben angefangen habe. Meine Rolle iſt aus, die mag nun gut oder ſchlecht geſpielt worden ſein. Ihr Ende iſt nicht ſehr ergoͤtzlich; beſſer waͤre es geweſen, ich haͤtte es aus deiner Hand empfangen.. Ich muß dir aber doch be⸗ kennen, daß, wenn ich ſie wieder anfangen ſollte, ich ſie doch auf eine andere Weiſe uͤber⸗ nehmen wuͤrde, aber nicht daß ich mir etwa viel von dem Leben verſpraͤche, denn das iſt ein dummes Spiel, ſondern ich halte es fuͤr moͤg⸗ lich, daß ich einen beſſern Gebrauch davon machen konnte und hierin wuͤrdeſt du wohl Recht haben. Emma konnte mich gluͤcklich machen. Ich habe nicht unterſchieden, was ſie wirklich zu meinen Vortheil beſaß. Nun werde 187 ich erſt gewahr, daß in ihr der Keim zu einer liebenswuͤrdigen, reizenden Frau lag. Nun iſt es wahrhaftig zu ſpaͤt, daß ich mir es einfallen ließ, ſie davon zu benachrichtigen! ein anderer wird es ihr vielleicht ſagen, und deſto beſſer fuͤr ſie und fuͤr meinen Nachfolger! Fuͤr mich ſind das nun keine Angelegenheiten mehr. Ich fuͤhle, daß ich ſchon ein vergeſſenes Weſen bin, und darauf mußte ich mich auch gefaßt machen. Friedrich, in dem Worte, vergeſſen zu werden, liegt etwas Hartes! das iſt eine Qual, die du niemals erdulden wirſt. Du wurdeſt ſchon fuͤr das Gute geſchaffen, es wird dir wohl einfallen, einigemal an mich zu denken, und das wird aber auch Alles ſein! Was wuͤrdeſt du auch im Grunde davon haben, wenn es nicht des⸗ wegen waͤre, daß wir uns ſonſt gekannt haͤt⸗ ten; und dennoch fuͤhle ich das Beduͤrfniß, dir mein letztes Lebewohl zu ſagen. Lebe denn wohl, Friedrich! Der Ritter von St. Yvon. Dieſer Brief ſtimmte Friedrich ſehr traurig, nicht dadurch, daß er ihn perſoͤnlich betraf, ſondern wegen der Erinnerung an eine laͤngſt verloſchene Freundſchaft, die ſein Herz mit einer 188 ſchmerzhaften Spur bezeichnet hatte. Es war wie mit einer geheilten Wunde, die man nicht beruͤhren darf, ohne ein ſchmerzhaftes Gefühl zu erregen. Die letzten Augenblicke dieſes Fran⸗ zoſen waren geeignet, um des Englaͤnders ge⸗ fuͤhlvolle Seele zu betruben. Wie uͤbel ange⸗ bracht ſchien ihm dieſer Leichtſinn in einer ſolchen Stunde! Wie traurig war dieſe Gleich⸗ guͤltigkeit fuͤr ſich ſelbſt und fuͤr das, was er zuruͤck ließ. Welche Leere und mit welch tref⸗ fenden Farben war ſie geſchildert! Der Tod ſprach aus jeder Zeile des Fremden, er lag darin mit allem, was er Kaltes und Finſteres bei einem Menſchen hat, der ſich keiner Tu⸗ gend bewußt iſt, der mit ſanfter Liebe kein Weſen auf Erden erwaͤrmt hat. Nur ein Licht⸗ punkt glaͤnzte in dieſer tiefen Finſterniß und deſſen Erſcheinung verdankte er nur der Ehre. Der Ritter von St. Yoon wußte das Geheim⸗ niß eines Freundes zu ehren, ſo gut oder ſo uͤbel er auch davon unterrichtet war, und das war viel. Hier zeigte ſich die Macht des Stol⸗ zes auf altem Adel, der bei gewiſſen Klaſſen oft weſentliche Eigenſchaften uͤberlebt und bis⸗ weilen ihre Stelle vertritt. Was die Warnung des Ritters vor dem 189 Italiener betrifft, ſo brauchte ſie nur nicht beſ⸗ ſer zu ſein, als Fratello, um ſie ganz wegzu⸗ laſſen. Der Gentleman dachte wenig daran; aber er beſchaͤftigte ſich mit zaͤrtlicher Sorge fuͤr die Wittwe ſeines alten Freundes. Er ſchrieb an dieſe junge Frau, ſchickte ihr faſt alles Gold, was er eben hatte, um ihr die Mit⸗ tel zu verſchaffen, ſchnell nach England zuruͤck⸗ kehren zu koͤnnen und benutzte dazu die Abreiſe eines Landsmanns, der von Wien gerade nach Montpellier reiſte, um ſich zu ſeiner Familie zu begeben. Auf Styndalls Buͤreau lagen noch andere Briefe; in dem er ſie wegnahm, wurde er das Briefchen der Fuͤrſtin von Hedenburg gewahr. Es ergreifen, aufbrechen, durchleſen, die Worte verſchlingen, war das Werk eines Augenblicks. „Kommen Sie nach dem Augarten, ich habe Ihnen Dinge zu ſagen, die Ihnen nicht unan⸗ genehm ſein werden, denn mir ſelbſt verurſa⸗ chen ſie ein ſehr großes Vergnuͤgen. Styndall, wir koͤnnen uns ganz in Frieden lieben, in voll⸗ kommener Unſchuld! Weil wir uns lieben muß⸗ ten, weil es nicht mehr von mir abhing, aufzu⸗ hoͤren Sie zu lieben, ach! Wie iſt es mir drum ſo angenehm, Ihnen endlich ganz laut ſagen 190 zu koͤnnen, ſo wie mir ſelbſt, daß ich die beſte Ihrer Freundinnen bin! „Charlotte von Hedenburg.“ Obgleich etwas raͤthſelhaftes in dieſem Briefe lag, ſo war er doch herrlich zu leſen und es ließ ſich ſehr angenehm daruͤber nach⸗ denken. Welcher Uebergang fuͤr den Englaͤn⸗ der! Von dem Briefe eines jungen ſchon aus⸗ gedienten Freidenkers ohne Anhaͤnglichkeit, ohne Anſpruͤche auf ein Intereſſe, Egoiſt bis zu ſei⸗ nen letzten Augenblicken, der nur bedauerte, keinen beſſern Vortheil von ſeinem Leben gezo⸗ gen zu haben, der auch Niemanden den Schmerz ſeines Vermiſſens zuruͤckließ, der nur in den ſo lange verkannten Eigenſchaften ſeiner Frau einen perſoͤnlichen Vortheil finden konnte; von einem ſolchen Briefe nun zu dem einer liebenden, tugendhaften und von Allen angebeteten Frau uͤberzugehen, heißt, aus einem Todtengewoͤlbe in ein Eliſtum verſetzt werden, in einem Punkte Alles genieſſen, was das Leben Reizen⸗ des hat, ſo lange es an irdiſchen Banden blei⸗ ben wird! Styndall uͤberließ ſich mit Entzuͤcken dieſem neuen Eindruck. Geleſen, wiedergeleſen, an die Lippen gepreßt, und ihnen entriſſen, an⸗ 191 geredet, wie ein belebtes Weſen behandelt, und faſt als Theilnehmer der Gefuͤhle betrachtet, die es hervorbrachte, empfing das Papier Hul⸗ digungen voll Ueberſpannung, doch von Ehr⸗ furcht begleitet und dadurch ihres wirklichen Gegenſtandes ſogar noch wuͤrdiger. Die Augen, der Korper des Englaͤnders waren in Wieden; aber ſeine ganze Seele im Augarten, eine mit magiſcher Kraft begabte Stimme hatte ihn nicht vergebens dahin gerufen. Hier trugs ſich zu, was dem Gentleman bei allen großen Bewegungen begegnete, und beſon⸗ ders bei denen, die ihn am wolluͤſtigſten ruͤhr⸗ ten, daß er ſich naͤmlich bald vor ſeinem Gluͤcke fuͤrchtete. Eine Vertraulichkeit, noch ſuͤßer als die, die zwiſchen ihm und Charlotten von Oedenburg beſtand, ſchien ihm ganz unmoͤglich und ſo fragte er ſich, welche unverhoffte Be⸗ gebenheit der Fuͤrſtin die Zeilen eingegeben, deren ſuͤße Begeiſterung er ſo eben getheilt habe. Nach mehrern an ſich gerichteten Fra⸗ gen und mehrern Erklaͤrungen des Briefs, der zugleich ſeine Freude und ſeine Unruhe verur⸗ ſachte, beruhigte er ſich endlich. „Und wenn dieſe liebenswuͤrdige Frau“, ſagte er zu ſich,„wie ich, das Zauberiſche in 192 der Vereinigung unſerer Seelen kennt, wenn ich ſo gluͤcklich geweſen bin, ſie zu einem Tauſch der Gedanken und Gefuͤhle zu beſtimmen, daß er fuͤr Sie einige Reize hat, ſo bleibt mir nur uͤbrig, dem Himmel zu danken! Ich waͤre von ihm mit vieler Gunſt bedacht, wenn auch durch ſeine unerforſchlichen Wege, unſerm Schick⸗ ſale keine Vollkommenheit wird, als ich mir, unter einem beſſern Stern geboren, hatte ver⸗ ſprechen koͤnnen! Was geht mich das Uebrige an? Ich werde wenigſtens gelebt haben! Ach, Charlotte! es iſt immer noch ſuͤß, dich zu lie⸗ ben, auch wenn man ſich ſelbſt die ſtrengſten Aufopferungen auflegt!“ Styndall legte ſich nieder, von einer Neu⸗ gierde, die aber nicht mehr beſchwerlich war, hin und hergetrieben. Er fand dieſelbe Be⸗ wegung bei ſeinem Erwachen wieder, ſtand auf, und ging zu Fuße nach dem Augarten mit dem Vorſatz, ſeinen Gang ſo einzurichten, daß er ſich ſeiner Gewohnheit nach zu der Stunde zeigen wollte, wo die Fuͤrſtin, die gewoͤhnlich nicht ſo fruͤh auf war, zu ſeinem Empfang bereit ſein wuͤrde. Die beiden Couſinen erwar⸗ teten ihn beim Fruͤhſtuͤck, und er ſetzte ſich zu ihnen, der Frohſinn, den er auf ihren Geſich⸗ 193 tern las, gab dem ſeinigen freien Lauf. Man aß Backwerk; man trank Chokolade und darauf folgte ein Spaziergang in den Garten. Nie⸗ mals hatte Charlotte ſo liebenswuͤrdig ausge⸗ ſehen, obgleich eine gewiſſe Verlegenheit in ihren Zuͤgen ſich zeigte. Der Englaͤnder war ganz entzuͤckt. Die Stunden vergingen, und es kam zu keiner neuen Entdeckung; wollte man ihn in Ungewißheit halten? War das eine ſeiner Leicht⸗ glaͤubigkeit gelegte Schlinge? Wie konnte er ſo etwas von der befuͤrchten, die die Aufrichtigkeit ſelbſt war! Hatte man das am vorigen Tage geſchriebene Billet vergeſſen? Aber es war ſo beſtimmt, und druͤckte eine ſolche Zufriedenheit aus, daß es nicht ſchnell aus dem Gedaͤchtniſſe der Frau konnte gekommen ſein, die einen Freund zur Theilnahme ihres Gluͤcks ſo zaͤrtlich einge⸗ laden hatte! Sollte es Koketterie von Charlot⸗ ten ſein? Ihr Charakter widerſetzte ſich einem ſolchen Verdacht; Uebrigens verſtand ſie ſich ſo gut genug auf natuͤrlich erlangte Eigen⸗ ſchaften, um Styndall zu bezaubern, ohne ihre Zuflucht zu einem ſolchen Blendwerk zu neh⸗ men, womit ein Verſtaͤndiger nicht lange ge⸗ taͤuſcht werden kann! Sollte ſie ihre Meinung geaͤndert haben, und aus dem, was ſie ſo II. 13 194 dringend mittheilen wollte, nun ein Geheimniß machen? Was ſollte er glauben, weil bis jetzt in dem Betragen der Fuͤrſtin von Oedenburg gar nichts Verſtecktes geweſen, der Gentleman wußte, daß Alles, was ſich ihren Blicken auf eine ge⸗ heimnißvolle Art zeigte, ihr zuwider war! Nicht daß die Schuͤlerin des weiſen Ulrich Mißver⸗ gnuͤgen empfand, ſich nicht in die Angelegen⸗ heiten ihrer Freunde, oder in die gleichguͤltiger Perſonen miſchen zu koͤnnen; ſondern von Ju⸗ gend auf jeder Verſtellung fremd, hatte ſie ſich nicht verziehen, Gebrauch davon zu machen oder Gelegenheit dazu zu geben. Was ſchob alſo dieſe Mittheilung ihrer Gedanken auf, auf die der Englaͤnder zu zaͤhlen ſich berechtigt glaubte; da war gewiß etwas dahinter, ihn von der Aufgabe, die er loͤſen ſollte, ſo einzunehmen! So freimuͤthig und natuͤrlich ſich auch Char⸗ lotte mit ſtarkem Geiſte zeigte, ſo ſehr ſie auch mit unnachahmlichen Reizen eine Tochter der Natur war, ſo hatte ſie doch an ihre Lage als Frau, Styndall gegenuͤberſtehend, gedacht, und ihre Schamhaftigkeit, ohne bei ihr jemals das Reſultat einer uͤberlegten Berechnung zu ſein, wurde durch den bloſen Gedanken beunruhigt, einen Menſchen, der nicht ihres Geſchlechts 195 waͤre, das zu erzaͤhlen, was ſich zwiſchen ihr und Maria Thereſien zugetragen hatte. Dieſe Unterredung, in der der Englaͤnder, ohne ſein Wiſſen, eine Hauptrolle geſpielt hatte, konnte wohl von ihrer Feder, aber nicht ſo von ihrem Munde gut dargeſtellt werden. Es waͤre ihr zu ſchwer vorgekommen, von Angeſicht zu Angeſicht ſelbſt dem Manne, den ſie am meiſten liebte, zu ſagen, was ihr Herz von dem Schiedsrichter ihres gemeinſchaftlichen Schickſals fuͤr ihn ein⸗ gefloͤßt hatte. Inzwiſchen wollte ſie ſich erklaͤren, und der rechtſchaffene Herberg hatte ihr hieruͤber ein Geſetz auferlegt. Das war der Ausweg, der ihr einfiel, um die bewußte Sache einzuleiten, in der die beiden erſten Gefuͤhle ihres Geſchlechts, die Schamhaftigkeit und die Liebe, ihr nach der Reihe zu ſchweigen befahlen und verboten. Waͤhrend die Baronin ſich einiger haͤuslichen Geſchaͤfte entledigte, entſpann ſich zwiſchen der Fuͤrſtin und dem Gentleman folgendes Geſpraͤch: „Sie haben meinen Brief erhalten?“ „Ich wagte nicht, liebenswuͤrdige Freun, din, Sie an Ihr darin gethanes Verſprechen zu erinnern.“— „Nun! ich will Ihnen naͤchſtens einen an⸗ 13* 196 dern ſchreiben oder machen Sie ſich wenigſtens Morgen fruͤh gefaßt, einen ſehr langen Brief zu erhalten, denn das, was ich Ihnen nur ubel erzaͤhlen wuͤrde, wird mir leichter werden, Ihnen zu ſchreiben.“ Bei dieſen Worte fuͤhlte Char⸗ lotte die Roͤthe in ihr Geſicht ſteigen; doch ſetzte ſie eine kleine Weile darauf hinzu:„Mein Brief iſt ſchon fertig, er enthaͤlt noch dazu ein Geſpraͤch, die Sie gern haben, wie ich weiß.“— „Ja, wenn ich ſolche von Ihnen erhalte, und wenn Sie darin begriffen ſind.“—„Es iſt auch von Ihnen die Rede mit darin.“— „Nun, wollen Sie mir ihn geben, Charlotte!“ —„Nur unter einer Bedingung kann ich ein⸗ willigen!«—„Ich nehme ſie an, welche iſt ihre Bedingung?“—„Daß Sie meinen Brief nur in Wieden dieſen Abend um zehn Uhr, oder Morgen fruͤh leſen, wenn Sie wollen, aber durchaus nicht eher.«—„Wie es Ihnen gefaͤllig ſein wird; geben Sie ihn mir, liebens⸗ wuͤrdige Charlotte!«— Er empfing den Brief und druͤckte einen Kuß auf die Hand, die das Blatt aus einem Arbeits⸗ beutel gezogen, und ihm zitternd uͤberreicht hatte. Der Englaͤnder bemerkte eine noch auf⸗ fallendere Roͤthe als die vorhergehende auf der 197 Stirn der Fuͤrſtin, und ihren Purpurlippen entſchluͤpften folgende ganz leiſe aber nicht ohne Reiz ausgeſprochene Worte: „Nicht wahr, Friedrich, Sie bringen mir Ihre Antwort nach Augarten?“—„Brauchen Sie mir das erſt anzuempfehlen, reizende Freun⸗ din!“ Als die Baronin von Stein in das Zim⸗ mer trat, war das Geſpraͤch geendigt und der Brief vor unbeſcheidenen Blicken geſichert; ob⸗ gleich Eliſa von dem Entſchluſſe, den ihre Cou⸗ ſine gefaßt, unterrichtet war. Aber ſo innig auch die Vereinigung dieſer beiden edlen Unga⸗ rinnen war, ſo wußte Styndall doch, daß es Beguͤnſtigungen und Vorrechte gibt, die in Charlottens Augen, wie in den ſeinigen ſelbſt in Gegenwart einer dritten Perſon ihren Werth verloren haͤtten. In der Liebe gefuͤhlvoller Herzen iſt Alles merkwuͤrdig. Ein ſo verſtohlen erhaltener Brief reizte die Neugierde des Englaͤnders. Da er den Inhalt nicht errathen konnte, vor Unge⸗ duld ihn zu oͤffnen brannte, auch wohl wußte, daß er dieſes nur in Wieden thun duͤrfte und dazu endlich die vorgeſchriebene Stunde abwar⸗ ten muͤſſe, ſo wuͤnſchte er ſehnlichſt zuruͤck in 198 ſeiner Wohnung zu ſein. Sein Beſuch wurde nur mit einer wahrhaften Aengſtlichkeit ver⸗ laͤngert. Merkwuͤrdig genug war es, daß er ſich immer vertraulicher mit Charlotten unter⸗ hielt, jemehr er ſich zu entfernen trachtete. Das Auge bald auf ſeiner Uhr, bald auf der Wand⸗ uhr, lauſchte er auf den Lauf des Zeigers mit Schmerz, daß er ſich nicht ſchneller bewegen wollte. In der That hatte er ſchon der Fuͤrſtin angekuͤndigt, daß er den Palaſt Dedenburg gleich nach Mittag verlaſſen wuͤrde, weil er den jun⸗ gen Englaͤnder erwarte, dem er Briefe an die Wittwe des Ritters von St. Yvon zu⸗ ſtellen wolle. Mit vieler Muͤhe gelang es ihm, nicht ſo wohl ſeine unruhige Bewegung zu maͤßigen, als ſie vielmehr unvollkommen zu verſtellen. Eben ſchlug die Glocke, und Styndall, der wohl wußte, ſein Landsmann werde Wien nicht, ohne mit ihm zuſammen zu kommen, verlaſſen, eilte nicht weniger, um einige Minuten fruͤher weg zu gehen. Charlotte nahm den Beweggrund von Friedrichs fruͤherm Weg⸗ gehn fuͤr hinreichend an, und fuͤhlte ſich, nach dem Glanze zu urtheilen, der ihren Reizen beim Abſchiede des Englaͤnders entſtrahlte, nicht 199 davon beleidigt. Er betrachtete ſie mit Wonne und voll des Liebetranks, den er in langen Zugen ſchluͤrfte, er war berauſcht, wie der junge Gatte, der, nach dem heiligen Eide am Altare, ſeine Augen auf die Gefaͤhrtin richtete, ſie reizend findet und ſich gluͤcklich preißt, ſich auf immer uͤber ein ſo herrliches Weſen ein Recht zugeſichert zu haben. Das war der erſte Eindruck, dem ſich der Englaͤnder uͤberließ, als er ſchnell die Treppe hinabſtieg. Als er ſchon in einiger Entfernung vom Palaſte Oedenburg war, hemmte er ploͤtzlich das ungeſtuͤm ſeiner Schritte und fragte ſich, was denn eigentlich dieſe Eile bezwecken ſollte; der wichtige Brief, den er bei ſich trug, und der wie ein Talisman auf ihn wirkte, beſchaͤftigte alle ſeine Gedanken. Er zog ihn aus ſeiner Brieftaſche, wendete ihn in ſeinen Haͤnden um, wurde gewahr, daß er nicht einmal verſiegelt war, und ehrte deshalb nicht weniger den Wil⸗ len der, die ihm denſelben anvertraut hatte. Indeſſen ſtand ſeinen Muthmaßungen ein wei⸗ tes Feld offen, obgleich von einem Kreiſe guͤn⸗ ſtiger Wahrſcheinlichkeit glucklich begrenzt. Lau⸗ ter vergebliche Verſuche, nicht einen einzigen davon konnte ſein Verſtand annehmen! Sollte 200 man den Gedanken haben, ihm ein Amt in einem der vornehmſten Landeskollegien anzubie⸗ ten? Er wuͤrde es nicht annehmen, und ſeine Weigerung wuͤrde das Unangenehme haben, die Kaiſerin oder den Erzherzog Joſeph unzufrieden zu machen, ſollte man ihn mit einer Vorſtel⸗ lung bei Hofe beehren wollen? dabei ſah er nicht ein, wie er Charlottens Eifer rechtferti⸗ gen wollte, die in ihrer Zuruͤckgezogenheit zu Klattau gelernt hatte, allen Dingen des Lebens ihren wahren Werth beizulegen! „Aber warum unterſagt ſie mir die Oeff⸗ nung des Briefs vor zehn Uhr Abends? Sie hat gewiß vermuthet, der Inhalt werde derge⸗ ſtalt auf mich wirken, daß er einer Seits Ge⸗ fuͤhle der Dankbarkeit in mir erregen wuͤrde, deren Huldigung ich auf der Stelle in den Au⸗ garten truͤge und daß er doch anderer Seits mir Stoff zu reicheren Ueberzeigungen geben wuͤrde, worin ſie mir keinen Zwang anthun wollte: Es iſt alſo hier ein Geheimniß von großer Wichtigkeit im Spiel! Unſinniger, nun bin ich wieder in meine Verwirrung zuruͤckge⸗ fallen! Charlotte, was haſt du mit meiner Vernunft gemacht? Bin ich mehr als dein Spielball, oder dein Sclabe? Geſtern druͤckten 201 * mich zwei Zeilen von deiner Hand faſt vor Wolluſt nieder; ich unterlag noch uͤber meine Kraͤfte dieſer Laſt und heute uͤberliefert mich deine Schrift einer Qual anderer Art! Unbe⸗ greifliches Weib, ſoll man ſagen, daß Alles, was mir von dir zukoͤmmt, die Beſtimmung habe, meine Seele mit Unruhe zu erfuͤllen. Was liegt daran, ob mich Luſt oder Schreck von dir trifft, wenn du mich doch vernichteteſt?.... Und damit ſtieß er den Brief, mit einer, wie vom Schreck herruͤhrenden Bewegung, in die Brieftaſche zuruͤck. Alle dieſe verſchiedenen Betrachtungen, waͤh⸗ rend welcher der Gentleman ſeine Schritte haͤtte maͤßigen koͤnnen, nahmen die Zeit und als er unter lauter Muthmaßungen nach der Uhr ſah, bemerkte er, daß er ziemlich weit von Wieden entfernt war, obgleich die zweite Stunde des Tages eben ſchlagen wollte. Er machte ſich nun ſelbſt Vorwuͤrfe uͤber eine Leidenſchaft, deren Gewalt uͤber ihn auf eine traurige Weiſe zunahm und ließ ſich durch eine Miethkutſche ſchnell nach ſeiner Wohnung bringen. Der junge Englaͤnder, der auf ihn wartete, mußte von Styndall gewiß eine ſonderbare Idee mit auf die Reiſe nehmen, wenn er ihn nach 202 ſeinem zerſtreuten und gedankenvollen Weſen, waͤhrend der drei Stunden, die ſie zuſammen zubrachten, beurtheilte. Zwar ſagte dem brit⸗ tiſchen Pflegma das Stillſchweigen zu, das un⸗ ter ihnen den groͤßten Theil der Mahlzeit dauerte, aber der geſunde Verſtand des Fremden mußte ſich uͤber die Ungereimtheit wundern, zu wel⸗ cher ihre Unterredung, ungeachtet Friedrichs Kuͤrze, Gelegenheit gab. Nach der National⸗ ſitte ſprach man beim Deſſert ein wenig mehrz und der in Wien einheimiſch Gewordene gab ſich mithin durch ſeine Zerſtreuung mehr Bloͤßen. Endlich ſah ſich der Gentleman allein. Die Sonne war untergegangen und die Arbeit im Garten wurde eingeſtellt; aber die Bedienten und einige Nachbaren, welchen der Englaͤnder den Eingang erlaubte, gingen darin ſpazieren. Da Styndall hier die Einſamkeit nicht zu finden glaubte, ſo ging er in ſein Zimmer. Sein erſtes war, den Brief der Fuͤrſtin von Oedenburg aus der Brieftaſche zu nehmen, und ihn auf ſein Bureau zu legen; dann ſtarrte er mehrere Mi⸗ nuten lang nach ihm hin. Aus dieſer Unbeweg⸗ lichkeit ermuntert, ließ er Licht bringen. Hier⸗ auf ging er mit großen Schritten im Zimmer umher, kam an das Bureau zuruͤck, ſah darauf, 203 und wie von einem unwiderſtehlichen Zauber gezogen, ſetzte er dieſe Uebung bis zur Annaͤ⸗ herung des Augenblicks fort, wo der Befehl aufgehoben ſein wuͤrde. Der Zeiger wollte eben die zehnte Stunde andeuten, als Styndall ſich zum magiſchen Pa⸗ pier wandte, das ihm einen halben Tag ſeines Daſeins geraubt hatte; und dieſe letztere Betrach⸗ tung ſchloß er durch folgende Worte: „Du liebe und grauſame Schrift, die du einer theuern Hand entfloſſen biſt, du ſollſt, wenn ich meiner Ahnung glauben darf, uͤber mein Schickſal entſcheiden! Du enthaͤltſt das Urtheil meines Verhaͤngniſſes. Durch dich ſoll ich gluͤcklich oder ungluͤcklich werden. Bald werde ich ſehen, ob dieſer gluͤckſelige Strahl, der einen Augenblick in meinen Augen leuchtete, mich zu dem freundlichen Schutzort fuͤhren ſoll, den ich nur halb zu ſehen mir erlaubte, wofern es nicht die luͤgneriſche Anzeige eines mich zum Abgrunde fuͤhrenden Weges war!“ „Und du, liebenswuͤrdige Frau, reizendes Weſen, das der Himmel in ſeiner hoͤchſten Guͤte oder in ſeinem groͤßten Zorn auf meinen Weg ſtellte, ſprich! deine Stimme wird mich wieder in die ſchreckliche Einſamkeit verſenken, aus der 204 ich mich geriſſen hatte, wenn ſie nicht die Fort⸗ dauer dieſes unausſprechlich feindlichen Zuſtan⸗ des beſtaͤtigt, zu dem ich durch deine Stimme mich gerufen glaubte! Nur zu klar ſehe ich ein, daß ich meinen Willen freiwillig in deine Haͤnde gelegt habe! Deine Macht uͤber mich iſt unum⸗ ſchraͤnkt; du kennſt nur den ſchwaͤchern Theil derſelben; zittere, ſie ganz kennen zu lernen!“ Nach dieſen halb laut und halb in Gedanken geſprochenen Worten ſchlug die Uhr in ſeinem Zimmer zehn; ſchnell entfaltete er Charlottens Brief, der zwiſchen ſeinen Fingern eine ſchwin⸗ gende Bewegung erhielt; er las ihn! 32. Waͤhrend Styndalls Augen den Brief durch⸗ irrten, ſtieg ſeine Bewegung. Zu gewiſſen Au⸗ genblicken druͤckte ſich in ſeinen Zuͤgen das leb⸗ hafteſte Intereſſe aus; und da belebten ſie die Liebe, die gluͤckliche Liebe; in andern Augen⸗ blicken zog die Macht des Schmerzes ſeine Stirne zuſammen. Endlich behielt dieſer letztere Ein⸗ druck die Oberhand, und das Papier auf das Bureau werfend rief der Gentleman: „Meine Ahnungen gehen aus; was mich mit Freuden erfuͤllen ſollte, was mich in dieſem 205 Augenblick ſelbſt wider meinen Willen mit Luſt berauſcht, macht das Maas meines Elendes voll!. Charlotte, himmliſches Weib, du En⸗ gel an Schoͤnheit und Tugend, du trägſt mir an, was das Gluͤck aller Fuͤrſten der Erde machen wuͤrde, nach dem ſie nicht zu ſtreben wagten, wenn ſie ſich Gerechtigkeit erwieſen; du bieteſt mir deine Hand an, und W muß ſie zuruͤckweiſen.“ Er ſank erſchoͤpft auf ein Sopha und ſchlug ſeine Stirn mit geballter Fauſt. Dieſer ver⸗ zweiflungsvollen Geberde folgten Worte, die ihm in verſchiedenen Zwiſchenraͤumen entfuhren. Die Gedanken wogten in ſeinem Gehirn wie ein ſtuͤrmiſches Meer. „Ich waͤre glücklich genug geweſen,“ ſagte er zu ſich ſelbſt,„dieſes edle gefuͤhlvolle Herz gefeſſelt und dieſem ſcharfen Geiſt gefallen zu haben. Dieſes Weſen, reich an tauſend Reizen, das nur ein Wort zu ſagen brauchte, um ganz Wien zu ſeinen Fuͤßen zu ſehen, hat mich vor⸗ gezogen, hat mich zum Schiedsrichter ihres Schickſals gemacht, und die Verleumdung, die hart auf mir liegt, wird ſich zwiſchen uns ſtellen!. „Aber nach welchem Rechte ſollten ſich denn die 206 Dinge ſo geſtalten?*“ fuhr er fort, und ſchritt mit ſtolzer Haltung im Zimmer auf und ab.„Wer wird ſie mir ſtreitig machen? Sollte etwa Je⸗ mand groͤßere Anſpruͤche als die meinigen haben? Er zeige ſie auf, er zeige ſich ſelbſt, und ich will ſie ihm abtreten!.... Iſt nicht das ungluͤck⸗ liche Geheimniß mit dem Ritter St. Ypon in das Grab geſtiegen? Iſt es nicht in ſeinem Keime mit dem rechtſchaffenen Greiſe erſtickt worden, der keine andere Schuld gegen mich hatte, als mir es ſelbſt offenbart zu haben? Wer moͤchte ſich denn das Recht anmaßen, meine Handlungen zu tadeln? Was zogerſt du, Styn⸗ dall? Wie, du biſt noch nicht in den Augarten geeilt! Du liegſt noch nicht zu den Fuͤßen des zauberiſchen Weibes, die ſich dir in die Arme wirft, und deren Beſitz alle Kronen der Erde uͤberwiegt! Du deines Glucks Unwuͤrdiger haſt ſie noch nicht einmal an deine liebevolle klop⸗ fende Bruſt gedruͤckt!. „Aber was willſt du ihr ſagen, wenn ſie dich ausforſchen will? Was wuͤrdeſt du ihr antworten, wenn ſie dich fragte, wer du ſeiſt und woher du ſtammſt? denn aus deinem Munde will ſie das wiſſen, daruͤber ſollſt du ſie befrie⸗ digen, und das iſt der Preis, um den du ſie 207 erkaufen mußt!... Unkluger, ſollteſt du ver⸗ geſſen, daß im Augenblicke, wo du ihre Dreue erhielteſt, deine Worte zu ewigem Schweigen verdammt ſind, und daß das abſcheuliche Ver⸗ haͤngniß mit eiſerner Hand deine Lippen verſchließt? Ein Freund, nein nur ein Sterbender, ermahnte dich ja vor einigen Tagen, dich in die Bahn zu ſtuͤrzen, die vor dir liegt. Er haͤtte gelogen an deinem Platz verſichert, daß das Grab auf immer ſchweigt; aber du, du biſt nicht an dem ſei⸗ nigen! Styndall, dir fehlt nur ſeine Unver⸗ ſchaͤmtheit! Doch betrachte das Gluͤck, das zu koſten dir erlaubt waͤre und dem du nur das Opfer zu bringen brauchſt! Sieh Charlotten, ſiehe dies ſuͤße, verfuͤhreriſche Werk der voll⸗ kommenen Schoͤpfung, das dich mit ſeinem Laͤ⸗ cheln ruft! Charlottens Lächeln!... Vorge⸗ ſchmack der himmliſchen Wonne... wann es dieß Gluͤck nicht ſelbſt iſt „Nein, ich will nichts ſehen!“ rief er mit Staͤrke aus.„Zum Lugen wuͤrdige ich mich nicht herab. Ich will dem Himmel und der Erde Trotz bieten, wenn es ſein muß! unter ihren ſtaͤrkſten Streichen verlache ich ihre unge⸗ rechte Wuth; ich werde meiner und ihr wuͤrdig 208 bleiben, die ihre wohlwollenden Blicke auf mich gerichtet hat!.... „Wer haͤtte mir jemals geſagt, daß Wien, wo ich einſam und den Menſchen unbekannt zu leben glaubte, und wo ein Geſchlecht ſo wenig Gewalt uͤber das andere hat, meinen Augen die einzige Frau darſtellen wuͤrde, der ver⸗ goͤnnt war, eine unbezwingliche Leidenſchaft in meinem Buſen zu entzuͤnden! Wer haͤtte mir jemals geſagt, daß ſie im Glanze ihrer bluͤhen⸗ den Jugend mich lieben, daß ſie mich ſelbſt er⸗ ſuchen wuͤrde, an meiner Seite den Weg des Lebens zu gehen! Suͤße Traͤume, eure Verfuͤh⸗ rungen ſollten alſo verſchwinden! Und ihr, köſt⸗ liche Stunden, die ihr ſo ſchnell im liebevollen Umgang verſchwandet, ihr werdet nicht wieder⸗ kehren! Den kuͤhlen Schatten der Lauben im Augarten werde ich ertragen muͤſſen! Ich will abreiſen. ach, ich muß abreiſen, ich muß fliehen und ſobald als moͤglich, wenn ich die Macht haben ſoll, fuͤr mich ſelbſt verantwort⸗ lich zu ſein!“ „Aber nicht wie ein Verbrecher will ich mich entfernen! Styndalls Stirn braucht nicht zu erroͤthen... Um den Antheil meiner himmliſchen Gluͤckſeligkeit will ich ihr den Verdacht nicht 209 hinterlaſſen, ein Weſen geliebt zu haben, das ihrer unwuͤrdig waͤre. In ihrer ruͤhrenden Scham⸗ haftigkeit wollte ſie mir nur durch Briefe den ſuͤßen und geheimnißvollen Willen ihrer Seele.... Ich werde auch ſchreiben.... Ach, großer Gott, welcher Unterſchied wird in den Worten meiner Feder ſein! Welcher Unterſchied in dem Geheim⸗ niß, was ich ihr zu entdecken habe. Wie ſchreck⸗ lich und dunkel wird es ſein! Und ſollte mein Herz brechen, ſie muß Alles wiſſen! Wird das Ihrige vor Schrecken erſtarren, wenn ſie es leſen wird? Wird ſie mich beklagen und Thraͤ⸗ nen des Mitleids uͤber mich weinen? Es liegt nichts daran. Wenigſtens wird ſie mich ſchaͤtzen, ſie wird mich ſogar hochachten.... Gewiß werde ich unter mehr als einem Titel Anſpruͤche auf ihre Achtung haben! Denn nur mit einem hei⸗ ligen Zittern betrachtet der Wanderer den Ort, wo der Blitzſtrahl einſchlug! O Charlotte, thue das Eine für das Andere, durch unſern Ge⸗ ſchmack, durch unſere Gefuͤhle, durch den Him⸗ mel einander genaͤhert, der in ſeiner grauſamen Guͤte das Zuſammentreffen laͤßt, worin unſere Seelen ſich ſo innig verſtanden, wir muͤſſen Abſchied nehmen, und dieſer Abſchied wird auf ewig ſein! Ach! die Zeit wird die zwiſchen uns III. 14 2¹0 ſich erhobenen Hinderniſſe nicht vernichten; ſie macht ſie feſter, ſie giebt ihnen die Starke und Dauer des Erzes!“ Niemals war Styndalls Seele von einem ſolchen Sturme beunruhigt worden, einige bren⸗ nende Thraͤnen entglitten ſeinen Augen, und Seufzer mit Schluchzen vermiſcht bezeugten ſei⸗ nen ungeheuern Schmerz. Sein Entſchluß war gefaßt. Er wußte aber nicht, wohin er ſeine Schritte leiten und in welchem entlegenen Win⸗ kel der Erde er einen Zufluchtsort ſuchen ſollte. Es lag ihm nur einzig daran, daß die Fuͤrſtin von Oedenburg keine Kenntniß von ſeinem Vor⸗ haben erhielt. Er fuͤhlte die Kraft ſich von ihr zu entfernen, aber er hatte nicht die, ihr den Tag und die Stunde der Trennung zu melden. Die Lage des Englaͤnders war ſo geſtaltet, ſei es nun wegen ihr ſelbſt, ſei es nur in ſeinen Augen, daß er ſich ſelbſt gelobt hatte, niemals eheliche Bande zu ſchließen. Das herrlichſte Weib des Univerſums, das den Weg zu ſeinem Herzen am Beſten gefunden, haͤtte ihn nicht vermocht, von dieſer Verbindlichkeit einen Fin⸗ gerbreit zu weichen, und zu ſeinem Unglucke hat er dieſes Weib gefunden. Obgleich empfaͤng⸗ ————— 211 lich fuͤr die Reize des ſchwachen und zarten Geſchlechts war Styndall gewoͤhnt, es ganz anders zu betrachten als andere Maͤnner. Oft genug in ſeinen Meinungen beſtaͤtigt, die das Reſultat ſeiner innigſten Ueberzeugung waren, bisweilen in ſeinem Syſtem uͤber die geſelligen Verhaͤltniſſe, woruͤber er ſich zu beklagen be⸗ ruhigt hielt, mistrauiſch, war er doch gewiß voll Achtung fuͤr das weibliche Geſchlecht uͤber⸗ haupt; aber die Schoͤnheit, die vorzugsweiſe in die Augen faͤllt, beherrſchte ſeine Seele ſo ſehr, daß er nicht ohne Furcht und Zittern die Frauen anreden konnte, die der Himmel mit ſolchen vortheilhaften Gaben beſchenkt hatte; daher ſeine Gefuͤhle der Verehrung und jede Drei⸗ ſtigkeit in einem ſolchen Fall ſchien ihm eine Entweihung. Dieſe Scheu, die nicht ohne An⸗ nehmlichkeit war, hatte er uͤberwunden, um ſich bei dem Auftritt des neun und zwanzigſten Julius des vergangenen Jahres, waͤhrend man den Archangeli zum Galgen fuͤhrte, an die Fuͤr⸗ ſtin von Oedenburg zu wenden. Ohne Ausnahme waͤre es ihm unmoͤglich geweſen, ſich mit einer gleichfalls ſchoͤnen Baͤue⸗ rin, die ihm begegnet waͤre, mit demſelben Eindruck nnterhalten zu koͤnnen. So kuͤhn und 14 212 beherzt er auch gegen Maͤnner war, ſo haͤtte er doch vor einem weiblichen Weſen gezittert; daraus wird klar, mit welcher Energie eine Lei⸗ denſchaft, beguͤnſtigt durch das Wiedererwachen fruherer zaͤrtlicher Gefuͤhle, auf einen ſolchen Geiſt wirken. Die Kraͤfte ſeiner Natur reichten fuͤr Styndalls Kampf nicht mehr zu; denn er war von allen Lockungen umgarnt, die Char⸗ lottens unſchuldige Liebe gleichſam uͤber ihn ausgoß. Dieſe Liebe verlangte eine letzte Erklaͤrung, die Unterredung in den kleinen Gemaͤchern der Burg betreffend, wo die Macht einer liebens⸗ wuͤrdigen und geiſtreichen Frau mit einem faſt ſyſtematiſchen Widerſtand uͤber ihre Herrſcherin geſiegt hatte. Die Fuͤrſtin von Hedenburg hatte zu ihrer Abſchrift einige Zeilen hinzugefuͤgt, in welchen ſich ihre ſo aufrichtige und reine Seele vollkommen abſpiegelte. Durch dieſen Abſchnitt des Briefes, den er eben geleſen, ſollte Styn⸗ dall vorzuͤglich uͤber Charlottens beſtimmte Ab⸗ ſichten Licht erhalten. Die Nothwendigkeit des Punktes, bei dem er ſtehen blieb, ſchien ihm eine unmittelbare Folge derſelben zu ſein. So herzzerreißend auch der Entſchluß war, Wien zu verlaſſen, ſo war er doch der einzige, der 2¹3 ſeiner Qual ein Ziel ſetzen konnte, ſollte ſie auch nur ihre Natur veraͤndern. „Der Mann, dem ich wohl wollte,“ ſchrieb Charlotte,„der Freund, deſſen Macht uͤber mich vermocht hat, einen Vorſatz aufzugeben, mit dem ich mein Leben zu beſchließen glaubte, ſoll mir nicht vorwerfen, ihm die Gefuͤhle meiner Seele ſo treu geſchildert zu haben. Bei ihm brauche ich nicht meinen Verdienſten Anerken⸗ nung zu wuͤnſchen; er liebt mich, und das iſt genug. Ohne mich der Verſtellung ſchuldig zu machen, haͤtte ich den Augenblick erwarten koͤn⸗ nen, wo er ſeine Abſichten erklaͤrt haͤtte; wenn ich aber gegen den Gebrauch fehlte und ihm mittheilte, was ſich auf der Burg zugetragen, ſo fuͤrchte ich ſeine Misbilligung nicht; er ſoll ſich nicht beklagen, von mir zu wiſſen, wie theuer er mir iſt. Sind nicht unſere Seelen und Herzen ſchon lange in vollkommener Ueber⸗ einſtimmung? Und hat unſere Freundſchaft, wie er ſich ſelbſt ſo treffend ausdruͤckt, nicht alle Eigenthuͤmlichteiten, die ihr Dauer zuſichern, weil wir an den Dingen, deren Beſitz uns ge⸗ meinſchaftlich ſein kann, gleichen Wohlgefallen finden? Styndall, wir haben eine und dieſelbe Lebensanſicht, wir faſſen das Leben in demſelben 214 Sinn; wir brauchten nur noch die Mittel zu vereinigen, um es zu unſerm gegenſeitigen Vor⸗ theil und zu dem unſerer Bruͤder zu vervoll⸗ kommnen, ſo wie der Himmel zwei Geſchoͤpfe dazu einladet, wenn er beide durch Bande ſuͤßer Simpathie an einander geknuͤpft hat.“ „Ich weis nicht, ob ich Ihren Wuͤnſchen zuvorkomme, oder ob ich Ihnen das Zuvor⸗ kommen uͤberlaſſe; auch will ich das nicht un⸗ terſuchen, mein theurer Freund. Sobald wir nur ein gemeinſchaftliches Intereſſe haben, warum ſoll nicht derjenige von uns, der eine gluckliche Nachricht erhaͤlt, nicht zuerſt den andern, der ſie noch nicht weis, davon benachrichtigen? Auch ſehe ich gar nicht ein, was mir ſolch große Zu⸗ ruͤckhaltung gegen einen Mann auferlegen ſollte, dem ich nichts zu verbergen habe. Wenn ich mit ihm rede, duͤnkt mich ja, als ſpraͤche ich mit mir ſelbſt. Und dennoch bin ich bei dem Vorſatz ſtehen geblieben, Ihnen morgen fruͤh unter vier Augen zu ſagen, mit welchen Wor⸗ ten ich Sie gegen die Kaiſerin vertheidigte. Schon bei dem einzigen Gedanken erroͤthe ich, daß ich Ihnen ſagen will, wie ſie unſere Liebe erlaubt! Zur Feder alſo muß ich meine Zuflucht nehmen, und Sie, mein geliebter Freund, werden 215 mich darum nicht tadeln. Denn nur dadurch gewinne ich Muth. Ich hoffe, wenn Sie erſt dieſe Zeilen geleſen haben, werden meine Augen Ihren Blicken nicht mehr ausweichen, und wenn ſie bei Ihrem Eintritt in den Augarten wider meinen Willen den Boden ſuchen ſollten, ſo ſein Sie verſichert, daß ſie ſich ſogleich wieder erheben, um in dem Ihrigen die ſuͤße Gewohn⸗ heit eines Gluͤckes zu leſen, das mir nur theuer iſt, weil Sie es theilen werden. Den 22. Juli 1768. Charlotte von Oedenburg.“ Die Nacht brachte dem Gentleman weder Schlaf noch Ruhe. Mit ſich ſelbſt conſequent ſein, weder an der Treue noch an der Liebe zum Verraͤther werden, fuͤr eine Frau gluͤhen, in ſich ſelbſt die Staͤrke ihr zu entſagen fühlen, ſie zu fliehen und nicht Verzweiflung im Buſen zu tragen, alles dieß war unvereinbar; und doch lag dieſes Alles dem Gentleman ob. O haͤtte doch der Tod ihn in dieſem Augenblick allen dieſen Drangſalen entzogen! Styndall haͤtte ihn als eins der koſtbarſten Geſchenke des Himmels angenommen. Der Tag brach an und der Englaͤnder mußte 216 einen Entſchluß faſſen. Nichts konnte ihn ab⸗ halten, ſich in den Augarten zu begeben, und das Peinlichſte fuͤr ihn war die Verſtellung, die ihm zur Pflicht wurde, wenn er nicht ſelbſt der Ausfuͤhrung ſeines Vorhabens ein Hinder⸗ niß in den Weg legen wollte. Der Englaͤnder beſaß Seelenſtaͤrke; er entfernte ſich von Wie⸗ den mit dem Vorſatz, ſogleich nach ſeiner Ruͤck⸗ kehr ſeinen Leuten Befehle zu den Vorbereitun⸗ gen einer Reiſe zu geben, deren Beweggrund ihm zwar nur zu gut bekannt, deren Zweck aber in ſeiner Seele noch nicht ganz beſtimmt war. Und wenn der Ungluͤckliche die Zuͤge ſeines Geſichts noch ſo ſehr zu beherrſchen glaubte, ſo betrat er die Schwelle des Palaſtes von Heden⸗ burg doch nicht ohne eine krampfhafte Bewe⸗ gung.„Was ſollſt du thun, Unglucklicher?“ ſagte er zu ſich,„gezwungen biſt du, eine Frau zu lieben, die ſo ungluͤcklich iſt, dich zu lieben. Geh nur und beluͤge die unverſchaͤmt, die du anbeteſt! Dies Werk iſt deines Muthes werth, denn auf dieſe Art mußt du die Gaſtfreund⸗ ſchaft belohnen, die du Wini in dieſem Hauſe empfangen haſt.“ Zerknirſcht durch ſeine eignen Betrachtungen, empfand er ſeine Schwaͤche, als er die Stufen 217 hinauf ſtieg, die zu Charlottens Zimmer fuͤhr⸗ ten; da vernahm er die Toͤne einer lauten Freude, die aus dem Gemache drangen, auf welches er losging, und die ſeinem Schmerz eine gewiſſe Richtung gaben. Er trat ein; die Fuͤrſtin, durch die Froͤhlichkeit ihrer Couſine aufgeheitert, reichte ihm freundſchaftlich die Hand, ſchlug aber, wie ſie es vorher geahndet, unfreiwillig die Augen nieder. Aber bald, als ſie ſie wieder erhob, gewahrte ſie mit Ueber⸗ raſchung die Veraͤnderung in den Zuͤgen Fried⸗ richs, die von Tag zu Tag ſich mehr zeigte. Dieſer, der auf eine ſolche Bemerkung gefaßt war, gab eine Unpaͤßlichkeit vor. Ueberzeugt, daß es ihm zu peinlich ſein wuͤrde, an einer Unterhaltung Theil zu nehmen, die beſtimmt und doch unvermeidlich den Gegenſtand betraf, der ihn in den Augarten gerufen hatte, ſo wollte er ſich wenigſtens den Augenblick entfernen, und fragte, welcher Urſache er die Freude zuſchrei⸗ ben ſolle, deren lebhafte Aeußerung in ſeine Ohren gedrungen waͤre? Die Baronin nahm das Wort, um ihn zu benachrichten, daß ein Paquet, aus Maͤhren angekommen, und ein Brief des Barons von Stein, mit der Adreſſe des ehrbaren Sir Styndall, beigeſchloſſen ſei. 218 Aber ohne Zweifel war der Verfaſſer mit ſei⸗ nem Werke ſo zufrieden geweſen, daß er den beiden Couſinen das Leſen desſelben erlaubte, bevor ſie den Brief an ſeine Beſtimmung gelan⸗ gen lieſſen. Und dieſe Sendung war es, die die Heiterkeit des vergangenen Augenblicks er⸗ regt hatte. Die Epiſtel wurde offen dem Gent⸗ leman hingereicht, der aber wenig geneigt war, ein Blick darauf zu werfen. Auch durchlief er ihn ſehr oberflaͤchlich und kaum zuckte ein ſchwaches Laͤcheln uͤber ſeine Lippen. Die Ba⸗ ronin, gelaunter als gewoͤhnlich, entnahm das Papier Friedrichs Haͤnden und ſagte: „Wohlan, Herr von Styndall, ich muß Ih⸗ nen nach meiner Art eine Seite des Briefs vor⸗ leſen, womit mein Gemahl Sie beehrt, weil ihre Herrlichkeit uns das Vergnugen verſagt, aus Ihrem Munde die herrlichen Nachrichten zu hoͤren, die er Ihnen mittheilt.« Und trotz Charlottens Widerſpruch, die un⸗ ter einem Vorwande, waͤhrend des Leſens der vier erſten Zeilen ſich entfernte, rief Eliſa ziem⸗ lich laut: „Verehrungswerther Gentleman, es iſt ein Geruͤcht zu uns gedrungen, daß Sie auf unſerm Beſitzthum in der Leopoldsſtadt gejagt und eine 2¹9 Couſine von mir, Ihren Hunden die Spur nicht verleitet habe. Ich will uͤber dieſen Gegenſtand nicht ſchwierig ſein, obgleich er mich indirekter Weiſe angeht, da die Hindin noch kein Kalb mit dem Nachfolgerecht hat. Sie koͤnnen alſo nach Ihrer Luſt durch Ihr Verhau ſtreifen, denn Sie ſind ein Ehrenmann und uͤberall hoͤrt man Ihr Lob. Deshalb will ich weder Ihnen noch meiner lieben Couſin in den Weg treten.“ In dieſem Augenblick trat die Fuͤrſtin mit niedergeſchlagenen Augen, eine Spitzenſtickerei in der Hand, wieder aus ihrem Putzzimmer: „Wohl habe ich vermuthet“, fuhr die Ba⸗ ronin zu leſen fort, daß eine Angelegenheit dieſer Art Sie in Wien feſſele, ſonſt wuͤrde ich Sie mit aufs Schloß Itzendorf genommen haben, wo der Graf von Schoͤnbrunn Sie gewiß auf eine Ihrem Verdienſt gebuͤhrende Art empfangen haben wuͤrde. Jetzt beauftragt er mich, Ihnen dieſen Vorſchlag in ſeinem Namen zu erneuern. In unſerer beiden Namen betrachten Sie ſich als ein neues Glied des Hirſchordens, deſſen Statuten bald erſcheinen werden; und um Ihnen meine Hochachtung zu bezeugen, will ich Ihnen nicht unbekannt laſſen, daß ich fuͤr Sie ein paar Hunde abrichten laſſe, die von unvermiſch⸗ 220 ter Rage und in ihrer Art meinen armen Spitz⸗ chen gleich kommen ſollen. Es wird Ihnen dies angenehm ſein, bevor Sie ſich eine Kuppel angeſchafft haben und deshalb ſage ich Ihnen, es wird Ihnen nicht gelingen, wenn Sie ſich nicht erſt mit einem guten Büchſenſpanner ver⸗ ſechen. Aber der guͤtige Gott oder der ſeelige St. Hubert moͤge Ihnen einen ſolchen beſche⸗ ren, denn ſolche Leute werden von Tag zu Tag ſeltener, ſo wie Hunde und Pferde von reinem Blut. Ich zweifele nicht, daß ein Wort der letztern Zeilen Ihnen ein ungluͤck ahnen laßt. Sie taͤuſchen ſich nicht, Mika hat einem Wolfe von ungeheurer Groͤße, wie wir bei uns keinen kennen, unterlegen. Frencks hat darauf ein Jagdlied gedichtet, das er mit Fanfaren nach Art des Reftains begleitet, und den unempfind⸗ ſamſten Weſen moͤchten daruͤber Thraͤnen in die Augen kommen. »Sie ſtehen im Vegriff, Ihre eigne Wirth⸗ ſchaft einzurichten, mein theurer Styndall; machen Sie es wie ich und zeigen Sie Charak⸗ ter. Haͤtte ich Eliſen geglaubt, ſo läge ich immer in Wien und Gott befohlen Jagd und frohes Leben eines Weidmanns! Die beiden Couſinen brachten ihr Leben zuſammen recht M1 huͤbſch zu, bevor ſie Sie kennen lernten; ich bin ihnen wenig zur Laſt gefallen; folgen Sie mir und fallen Sie ihnen auch nicht weiter zur Laſt, halten Sie ſich vielmehr zu uns! Wir wollen als gute Ehemaͤnner unſern Frauen jaͤhrlich ein oder zweimal beſuchen; was ſollen wir denn die uͤbrige Zeit in Wien machen? von Muſik, Poeſie, Philoſophie oder Muͤnzen mit dem alten Duval ſprechen! Glauben Sie mei⸗ ner Erfahrung, mein theurer Freund, dies Al⸗ les iſt ziemlich langweilig; auch erfordert es Nachdenken, was in die Laͤnge eine ſehr ermuͤ⸗ dende Arbeit wird. Wiſſen Sie, was ich der Jagd alles zu verdanken habe? Sie vermuthen es vielleicht nicht. So hoͤren Sie denn: Zehn Stunden lang oder noch laͤnger, je nach dem ſie taͤglich dauert, mit wenigſtens ſechs Stun⸗ den bei Tafel, iſt man uͤberhoben, an irgend etwas in der Welt zu denken. Das teutſche Reich koͤnnte zuſammen brechen, man wuͤrde gar nicht davon geruͤhrt ſein. Das iſt doch Philoſophie, hoffe ich! Auf dieſe Art regieren auch die Koͤnige, und wahrſcheinlich giebt dies der Jagd einen ſo hohen Werth, daß man ſie uͤberall als eine koͤnigliche Beſchaͤftigung be⸗ trachtet. Sie haben ein gutes Auge, Sir Friedrich, Sie zielen richtig. So hat mir Eliſa gemel⸗ det, als Sie den Taugenichts zur Ruhe wie⸗ ſen, der Ihnen in Wien Haͤndel machen wollte. Sie werden mir verziehen haben, daß ich nicht gegen ihn oder gegen jeden Andern Ihr Se⸗ condant ſein konnte. Ich habe keinen Augen⸗ blick daran gezweifelt, daß Sie ſich nicht zu Ihrem Vortheil aus dieſem Handel gezogen haben. Zum Schluß, werther Gentleman, rech⸗ nen wir auf Sie, wie Sie ſtets auf Ihren ergebenen Diener zu rechnen haben. Schloß Itzendorf, den 20. Juli 1768. Baron von Stein. „Sie koͤnnen ſich was darauf einbilden, von mir die zwei laͤngſten Briefe, die ich mein Leb⸗ tag geſchrieben, erhalten zu haben, die aus⸗ genommen, welche ich der Baronin ſchrieb. Es iſt wahr, daß ich ſeit einigen Jahren Frencks dies muͤhſelige Geſchaͤft uͤberlaſſen habe. Wenn die theure Couſine mich von Ihrer Ein⸗ richtung benachrichtigt hat, ſo rechnen Sie auf mich, wie auf den Kopf eines wilden Schweines, und auf das Hinterviertel eines 223 Rehes. Ich verlange es nur zwei Tage vor⸗ her zu wiſſen, damit ich mein Wort halten kann. Zu jeder andern Zeit wuͤrde der Gentleman dieſen Brief, dem er nicht die geringſte Auf⸗ merkſamkeit zollte, ausgelegt haben. Kaum ließ er den Scherz zu, deſſen Gegenſtand er in dem Munde der Baronin von Stein war. Inzwi⸗ ſchen nahm der Lauf ſeiner traurigen Gedanken eine andere Richtung an, nicht daß die Ehre davon den uͤbertriebenen Einfaͤllen des Barons gebuͤhrt hatte, Charlottens Gegenwart uͤbte vielmehr ihre gewohnte Herrſchaft wieder uͤber Styndall aus. Er konnte ſich dieſer Frau nicht nahen, ohne daß ſeine Ideen wieder heiterer und die Ruhe wieder in ſeinem Geiſte einkehrte. Als er ſie anredete, kuͤndigte ſich in ſeinem ganzen Weſen eine phyſiſche und moraliſche Unterwerfung an; jetzt druͤckten ſeine Augen nur eine tiefe Schwermuth aus, und die Schwer⸗ muth liegt ſo wenig auſſerhalb des Gluͤckes, ſie grenzt oft ſo nahe daran, daß die Fuͤrſtin ſich bis auf einen gewiſſen Punkt taͤuſchen konnte. „Wenigſtens,“ ſagte der Englaͤnder zu ſich, „wird mir uͤberall die Macht bleiben, Sie zu lieben und dieſe Macht, hoffe ich, ſoll mir 224 nicht einmal mit meinem letzten Seufzer ent⸗ riſſen werden.“ Die Baronin von Stein fand Gruͤnde ſch zu entfernen, vielleicht einer fruͤheren Abredung der beiden Couſinen gemaͤß, und fuͤr Styndall trat ein ſchrecklicher Augenblick ein, der ihm die Rolle der Verſtellung wieder aufzwang, wozu ihn das unwiederrufliche Schickſal verdammt hatte. Verdammt eine Unterredung zu begin⸗ nen, die ſein Herz marterte, leitete er ſie mit dieſen Worten ein: „Alle Ihre Briefe, alle Ihre Handlungen, meine liebenswuͤrdige Freundin, tragen das Gepraͤge Ihrer Seele,“ ſagte er mit einem geſetzten aber zaͤrtlichen Tone, der ihm Ueber⸗ windung koſtete.„Was Sie mir geſtern ge⸗ ſchrieben und was ich zur beſtimmten Stunde geleſen habe, macht das Maaß Ihrer Guͤte voll. Wie ſoll ich es jemals vergelten.... Nein, es ſteht nicht in meiner Gewalt. Der Himmel allein.. „Sie ſind nicht wohl, mein theurer Freund,“ entgegnete Charlotte, die ihn ſcharf betrachtet hatte.„Sie leiden Styndall!« „Beunruhigen Sie ſich meinetwegen nicht. 225 Das Gluͤck uͤberhaͤuft oft den, deſſen Wuͤnſche es nur erfuͤllen ſollte.“ „Die Ihrigen ſind alſo erfullt!“ entgegnete Charlotte empfindlich,„ſuͤße Worte! wie wuͤn⸗ ſche ich mir ſelbſt Gluͤck, daß ich ſie ſammeln kann, ſorgen Sie fuͤr Ihre Geſundheit, o Sie! die Sie mir ſo unentbehrlich geworden ſind. O, in Zukunft will ich daruͤber wachen! Wohlan Styndall, die Kaiſerin erlaubt uns gluͤcklich zu ſein. Ich geſtehe Ihnen, daß mein Erfolg, ein ſo ſchneller Erfolg, mich in Erſtaunen ge⸗ ſetzt hat.. Er berauſchte mich und ich brannte vor Begierde, die Freude mit Ihnen zu theilen.“ „Sind Sie ſo gewiß“, begann Styndall nach einer Pauſe ſtockend,„daß man Maria Thereſien nicht Vorurtheile einzufloͤßen bemuͤht ſein wird?.... welche neue Schwierigkeiten werden nicht wieder dazu kommen „Aber in dieſem Augenblick macht man uns keine“, verſetzte Charlotte lebhaft,„van Swie⸗ ten hat uns nicht geſchadet. Als wir ihn fuͤrchteten, haben wir ihn vielleicht etwas zu ſtreng beurtheilt. Die Eſterhazy ſind uns ſehr nuͤtzlich geweſen. Die Kaiſerin ſelbſt hat es uͤber ſich genommen, den Biſchof..4 III. 15 226 Mit einiger Verlegenheit ſetzte die Fuͤrſtin hinzu: „Sie brauchen ihr nur Ihren Stand und Ihre Geburt anzugeben... Zwei Worte, nur zwei Worte.“ „Meinen Stand! meine Geburt!“ rief Styndall erſtaunt und unwillig aus. „Ja Styndall“, ſagte Charlotte vertrau⸗ ungsvoll,„Sie haben es geleſen; Maria Thereſia verlangt weiter nichts von uns. »Alſo werde ich zum Stoffe ihrer Nach⸗ forſchung dienen!“ ſagte Styndall mit Stolz, „Ich erwarte nicht..« „O beſter und edelſter meiner Freunde“, unterbrach ihn Charlotte eilig“,„ſprechen Sie nicht ſo! Sie haben ſich hinlaͤnglich bekannt gemacht. Sie wiſſen, was ich Ihretwegen be⸗ reits der Kaiſerin geantwortet habe. Sie iſt nicht weniger als ich damit bekannt; ganz Wien kann Zeugniß uͤber Sie und Ihrer ſeltenen Ei⸗ genſchaften ablegen. Seid ich das Gluͤck hatte, Sie zum erſtenmal zu ſehen, habe ich keine Seele, der Sie bekannt ſind, über Sie befragt! Kein Englaͤnder, kein Fremder kann Ihnen ſa⸗ gen, daß ich eine Frage an ihn gerichtet haͤtte, die Sie von nahe oder ferne betraͤfe! Wenn ich in dieſem Augenblick eine Aufklaͤrung wuͤnſche, 227 die eine andere Frau gewuͤnſcht zu haben ſcheint, und worauf ich wenig Gewicht lege, ſo wuͤnſche ich Sie allein von Ihnen zu er⸗ halten.“ „Charlotte, habe ich ein kaiſerliches Re⸗ ſcript oder ein Dekret der Hoftanzlei zu lieben erwartet“, fragte Styndall mit voller Stimme. In den Augen der Füͤrſtin von Oedenburg zitterte eine Thraͤne, ſie traͤufte auf die Spitzen⸗ ſtickerei; und Charlotte antwortete bewegt: „Styndall, Sie koͤnnen nicht ſagen, daß ich ſelbſt Sie erwartet habe! Ich habe Niemand um Rath gefragt, um mich Ihnen zu uͤbergeben und mein Herz hat mir niemals deshalb Vor⸗ wuͤrfe gemacht.“ Und mit Zaͤrtlichkeit fuhr ſie fort:„Gott ſei Dank, geliebter Friedrich, wir haben kein Hinderniß mehr zu beſiegen, keine Schwierigkeiten mehr zu uͤberwinden. Ich for⸗ dere blos zwei Worte von Ihnen, um ſie der Kaiſerin zu hinterbringen, es liegt nichts daran, welche es ſind.“ „Sie ſollen ſie haben, Charlotte“, entgeg⸗ nete Styndall mit wiedergewonnener Faſſung und gefuͤhlvoll fuhr er fort:„liebenswuͤrdige Frau! unvergleichliche Frau! entſchuldigen Sie Ihren Freund, wenn ſein Gluͤck ſeine Ideen 15* 228 verwirrte!... Weniger gluͤcklich vielleicht wuͤrde er Ihren Gunſtbezeugungen, die ihm den Verſtand rauben, wuͤrdiger entſprechen. O, wel⸗ chen Werth hatte Ihre Liebe fuͤr mich und wie habe ich nicht meinem Gluck unterlegen, als ich das theure Geſtaͤndniß von Ihren Lippen er⸗ hielt Du Geſtraͤuch der Inſel, unter dem unſere Seelen ſich verbanden, ſage mir, warum ſtarb ich nicht vor Liebe zu Ihren Fuͤßen? Dieſer Tod wuͤrde ſüß geweſen ſein, er haͤtte nichts Schreckliches für mich gehabt, ich haͤtte ihn als Gunſt angenommen....... Ja, wenn der Schatten der Hainbuche, unter der wir ſaßen, jetzt meine Huͤlle deckte, mein Loos waͤre beneidenswerth!.... ⸗ „Mein zaͤrtlicher Freund“, ſagte Charlotte, und hielt ihre Hand Styndall entgegen, auf die er Kuͤſſe preßte,„das Schickſal iſt uns guͤn⸗ ſtiger geweſen! der Himmel ſelbſt iſt fuͤr uns. Nicht vom Sterben iſt die Rede, nein gluͤcklich wollen wir zuſammen ſein!... Sie ſagten mir einſt, daß Ihr Vater und Ihre Mutter Achtung verdien⸗ ten; ich habe es nicht vergeſſen; und dies reicht hin, ihnen die meinige zu verſichern. Nennen Sie ſie nur, geben Sie mir ihr Vaterland an! Leben ſie noch, damit ich ſie mit Ihnen vereh⸗ 229 ren kann? Dies wuͤrde mein letzter Wunſch ſein!“ „Mein Vater! meine Mutter!“ entgegnete Styndall, mit einem von Mißmuth und Stolz gemiſchten Tone,„wuͤnſcht man, daß ſie Her⸗ zoge, Pairs, oder Herrſcher ſeien? Und wenn ſie noch etwas Beſſeres waͤren! Wer wagt das Gegentheil zu behaupten? Sie haben auch ihre Titel und welche ſie auch ſein moͤgen, ſie fuͤh⸗ Ein bitteres Laͤcheln zuckte uͤber des Gent⸗ lemans Lippen, das traurige Gepraͤge, das lange Zeit verſchwunden geweſen war, ſtellte ſich wie⸗ der auf eine ſchreckliche Weiſe ein. „Mein theurer Styndall“, rief Charlotte entſetzt,„Sie verſtehen mich nicht, nein, Sie verſtehen mich nicht! Es handelt ſich unter uns weder um Titel noch Groͤße! Ich glaube, Sie kennen den Werth, den ich darauf lege! Heben Sie nur einmal den geheimnißvollen Schleier ein wenig, worein Ihr Leben ſich huͤllt und den ich nie zu luͤften verſuchte, ſeid wir zuſam⸗ men ſind! Es iſt Ihre Freundin, Ihre Ge⸗ liebte, die dieſe Gunſt von Ihnen erwartet. Und glauben Sie ja nicht, Friedrich, daß ich Ihr en mit meiner unruhigen Neugierde, be⸗ 230 ſchwerlich fallen will! Bewahren Sie alle Ihre Geheimniſſe, wenn Sie deren haben! Ich ver⸗ lange ſie in keiner Art zu kennen. Morgen, Uebermorgen, werde ich eben ſo wenig in dieſer Hinſicht neugierig ſein, wie heute. Sehe ich nicht daß Alles guͤnſtig fuͤr Sie, und für Ihre Familie in Ihrer Perſon ſpricht? Charlotte bedarf weiter nichts, ſie hat Ihnen das deut⸗ lich bewieſen. Zwei Worte fuͤr Maria There⸗ ſien ſind mein einziger Wunſch, deſſen Erfül⸗ lung ich von Ihrer Liebe erwarte.« „Sie ſollen ſie haben, Charlotte!“ entgeg⸗ nete Styndall feſt und entſchloſſen,„ich ver⸗ ſpreche es Ihnen; noch einige Zeit nur wenig Tage und Sie ſollen Alles wiſſen, woran Ihnen zu wiſſen liegt!“ Dieſe Unterredung hatte fuͤr den Gentleman wie fur Charlotten etwas Angreifendes, ſie em⸗ pfanden es beide. Die Fuͤrſtin von Hedenburg war über Styndalls wiederholte Zuruckhaltung nicht unwillig. Sie vermuthete, das triftige Gruͤnde ihm dieſelbe auferlegt, was ihm ſelbſt beſchwerlich ſei. Er hatte augenſcheinlich waͤh⸗ rend der Unterhaltung zu viel gelitten, als daß ihm eine freiwillige Schuld zur Laſt gelegt wer⸗ den konnte. Wenn er uͤbrigens in ſeinen Ant⸗ 231 worten ihr auszuweichen ſchien, ſo waren die Beweiſe ſeiner Liebe ſo lebhaft, ſo achtungs⸗ voll wie fruͤher, und in dieſem Punkte irrt ſich die Scharfſichtigkeit einer Frau ſelten. Char⸗ lotte wußte alſo, daß ſie geliebt wurde, eine ſuͤße Gewißheit fuͤr ihr Herz, die ihre Unruhe aber noch mehr verſtaͤrkte, zu Folge der Ge⸗ meinſchaft ihrer Schickſale, deren Gefuͤhl ſich in ihr beſtaͤtigte. Sobald Friedrich den Palaſt verlaſſen hatte, verfuͤgte ſich die Fuͤrſtin auf das Gemach ihrer Couſine, und weit entfernt, ſich mit ihr uͤber die eben ſtatt gefundene Un⸗ terredung gluͤcklich zu preiſen, verſuchte ſie, ihrer Verwandtin ihre Unruhe mitzutheilen. Die Baronin hatte nicht den weitdringenden Blick. Mehr als je von der wichtigen Rolle uͤberzeugt, wozu ſie den Englaͤnder berufen glaubte, beſtaͤrkte ſie ſich in dem Syſteme ihrer Vermuthungen, wovon die Eine immer glaͤn⸗ zender war als die Andere. Und wirklich ver⸗ einigten ſich mehrere Gruͤnde, um ihnen einen Anſchein von Glaubwuͤrdigkeit in der Einbil⸗ dung dieſer Dame zu geben. Auch war bei einem Beſuche Styndalls im Augarten ein vom Ritter von St. Yvon an den Gentleman uͤber⸗ ſchriebener Brief, aus der Taſche des Letztern 232 gefallen, beſſen ſich die Baronin von Stein ohne Ve⸗ denken bemaͤchtigt hatte. Sie verlangte ſogleich eine Auslegung deſſelben von Fraͤulein Hu⸗ bert, die den Brief ſodann Tom Silcock fuͤr ſeinen Herrn uͤbergeben ſollte. Die Kammer⸗ frau ließ ſich dazu brauchen, um ihre eigne Neugierde zu befriedigen. Das Schreiben des Bretagniſchen Edelmanns enthielt viel hohe Worte, als Krone, Thron, Unterthan, auf die die Staaten der beiden alten Freunde Anſpruͤche machten, und in dem Geiſte der bei⸗ den Neugierigen, die die Loͤſung des Raͤthſels nicht verſtanden, bildete ſich eine Beſtaͤtigung ihrer Vermuthungen uͤber den erhabenen Rang des Englaͤnders. Ein merkwuͤrdiger Umſtand kam hinzu: wenig Englaͤnder reisten durch Wien, die den Gentleman nicht beſuchten. Die Be⸗ duͤrftigſten erhielten dort Huͤlfe, und einige bedeutende Fremde, die ihn Zweifelsohne auf ihren Reiſen getroffen hatten, ſprachen auf der Burg mit ganz beſonderer Auszeichnung von ihm. Nichts fehlte an einem ganzen Heere von Beweiſſen. »Ein Mann wie Sir Styndall«, ſagte die Baronin mit einer gewiſſen Wichtigkeit,„kann 233 ſehr wohl Geheimniſſe haben, die die Zeit blos aufklaͤren kann.“ „Was liegt mir an der Hoͤhe ſeines Ranges“, entgegnete die Fuͤrſtin von Oedenburg,„wenn er ſich in Finſterniß huͤllt. Das iſt es eben was ich befuͤrchtete! Mehr als einmal habe ich Ihnen meine Beſorgniſſe daruͤber entdeckt. O wie ungluͤcklich bin ich, dieſen liebenswuͤrdi⸗ gen und zugleich gefaͤhrlichen Mann gehoͤrt zu haben! Haͤtte er doch weniger Tugenden, ich wuͤrde noch frei ſein! Aber ich fuͤhle, daß ich So bin ich alſo an ſein Schickſal gebunden, an das Schickſal eines Mannes, den ich allein nicht kenne! Sie werden es ſehen, Eliſe, verge⸗ bens iſt dieſe Verbindung entworfen, vergebens hat die Kaiſerin ihre Hand dazu gereicht; ſie wird nicht zu Stande kommen, oder mit einen ſehr theuern Preis erkauft werden! Es iſt Blut in unſerer Liebe.“ „Wie, Blut!“ rief die Baronin. „Nun“, erwiederte Charlotte, floß ſein Blut nicht unter unſern Augen an dem Tage, wo wir ihn zuerſt ſahen? Vereinigte ich nicht meine Kraͤfte mit den ſeinigen, um einen Elenden zu retten, den ein gewaltſamer Tod erwartete? 234 Hat nicht dieſes ungluͤckliche Mitleid den Dolch eines Ungeheuers in Winkelmanns Buſen ge⸗ ſenkt? Sagen Sie, Couſine, iſt nicht Blut in unſere Liebe? Und dennoch kann ich ihr nur mit meinem Leben entſagen! Sieh, grauſame Eliſe, wohin du mich mit deinen beſtaͤndigen Taͤuſchun⸗ gen waͤhrend des verfloßenen Jahres gefüͤhrt haſt! Vergebens beſtritt ſie meine Vernunft; mein Herz hat ſie nur zu leicht angenommen. WMit dieſen Worten entſchluͤpften zu gleicher Zeit tiefe Seufzer der Bruſt der Fuͤrſtin. Die Baronin fuͤhrte ihren Geiſt auf Styndalls herr⸗ liche Eigenſchaften und vorzuͤglich auf die Zart⸗ heit der Gefuͤhle, die ihn charakteriſirte, und es gelang ihr dadurch ſie zu beruhigen. Und in der That war es unmoͤglich, etwas Anderes als Ehrbares von ſolchem Manne zu erwarten; ein ſolch ſicherer Grund war vielleicht der ein⸗ zige, den Charlotte nicht zuruͤckweiſen konnte. Von ſo verſchiedenen Unruhen ſeit zwei Tagen ermudet, beauftragte ſie ihre Couſine, ſie ſchrift⸗ lich bei der Fuͤrſtin Karoline von Lichtenſtein zu entſchuldigen, die uͤbermorgen einen Ball gab, und deren Karte ſie ſüri ſeit der vorigen Woche hatte. „Das werde ich nicht thun,“ entghith 235 die Baronin.„Wir haben uns beide zuſammen zu dieſem Abendzirkel verpflichtet. Man rechnet auf uns. Was wuͤrde eine abſchlaͤgige Ant⸗ wort ohne Gruͤnde bedeuten? Und ſie noch vier und zwanzig Stunden vor dem Balle zu geben? Herr von Styndall nimmt durchaus keine Ein⸗ ladungen an; man weis, er tanzt nicht; man weis auch, daß er nur hierher und in den Palaſt Eſterhazy geht. Sein Sie verſichert, wenn man Ihre Abweſenheit bemerkte, wuͤrde man bald uͤber die Daͤcher hinrufen, daß Sie nur ſeinetwegen zu Hauſe blieben! Ich frage Sie, ob Sie das wollen.“ Die Fuͤrſtin fuͤgte ſich ſeufzend dieſen Gruͤn⸗ den und ſie nahm zu ihrer gewoͤhnlichen Erho⸗ lung ihre Zuflucht, die darin beſtand, ſich in ihr Zimmer zuruͤckzuziehen, um an den Maͤhren ulrich zu ſchreiben, wenn ſie die Annaͤherung jener Niedergeſchlagenheit empfand, die von dem tugendhafteſten und dem beſchaͤftigſten Leben unzertrennlich ſind. * 33. Mit umwoͤlktem Blicke, wankendem Schritte, ging Styndall aus dem Palaſt von Oedenburg, einige Minuten nach ſeiner Unterredung mit der 236 Fuͤrſtin. Das Lebewohl, das er ihr mit ſtarker Bewegung geſagt, ſollte das letzte ſein. Man muß geliebt haben, um zu wiſſen, welche Leiden die Seele in den Tagen ihrer hoͤchſten Aufopfe⸗ rung erduldet, wo ſie ſich von ihren Gewohn⸗ heiten losreißt und in der moraliſchen Verminde⸗ rung, die in ihr vorangeht, beharrt. Der Eng⸗ laͤnder hatte Charlotten erſt ſeit einer Stunde verlaſſen, und doch ertrug er dieſe Abweſenheit ſo ungeduldig als wenn ſie mehrere Wochen gedauert haͤtte. Was hat er ihr nicht alles noch ſagen wollen! Von welch zaͤrtlichen Ge⸗ fuͤhlen ſtroͤmte ſein Herz nicht uͤber, und wie bereuete er es, ſie ihr nicht mitgetheilt zu haben! In gewiſſen Augenblicken eigner Taͤuſchung, fragte er ſich, ob es wahr ſei, daß er ſeine zaͤrtliche Freundin nicht wiederſehen werde, an deren Schickſal er das ſeinige ſo innig gebun⸗ den glaubte: in andern uͤberraſchte er ſich auf Fragen, als wenn ſie gegenwaͤrtig ſei und er ihre Antwort erwarte. Von Wien entfernt zu leben, ſchien ihm nicht nur etwas außerordent⸗ liches ſondern etwas unmöglithes, ja wahrhaft nicht beſtehendes. Keine Thaͤtigkeit mehr in ſeinen Handlungen, keine Gruͤnde mehr in ſei⸗ nen Entſchluͤſſen. Das heilige Feuer, das ſein S 237 Herz durchgluͤhte, ſollte alſo verloͤſchen! Dieſer der zaͤrtlichſten Menſchlichkeit erbaute Altar ſollte alſo umſtuͤrzen. Es gab Menſchen, die der Einſamkeit hingegeben, ohne Verbindungen mit dem andern Geſchlecht, doch ihr Leben mit Tugenden ſchmuͤckten; ſie hinterließen hienieden leuchtende Spuren ihres Daſeins: aber nichts aͤhnliches erwarte man von dem, der geliebt hat und ſich von ſeiner Liebe trennen mußte! Von dem Augenblicke an, wo er von ihr ge⸗ riſſen wurde, verliert er ſeine Kraft und der Geiſt weicht von ihm. Dieß erfuhr auch der Gentleman. Und wie konnte es anders kommen? Niemand konnte die Frau beſſer ſchaͤtzen als er, von der er entfernt einen bejammernswerthen Ueberreſt ſeines Lebens forttragen ſollte. Er kannte alle Schaͤtze dieſer liebenden edelmuͤthigen Seele. Vielleicht mehr als ein anderer von den Freunden des Palaſtes von Oedenburg zu den phyſiſchen Vollkommen⸗ heiten dieſer Frau hingeriſſen, die in jeder Be⸗ wegung eine Grazie zeigte, verehrte er vor Allen ihre Vereinigung mit dem goͤttlichen Hauch, der ihnen das Leben verlieh. Er wiederholte bei ſich die Geſpraͤche, die Entſchluͤſſe, den Ausdruck ihres Geſichts, ja ſogar die Stellungen der 238 Fuͤrſtin, verfolgte ſie mit den Augen, indem ſie einen faſt herrſchenden Einfluß um ſich ausuͤbte. Er ſah im Geiſte, wie die Bewegung plotzlich durch ſeinen Eintritt in den Saal unterbrochen wurde; in ſeiner fortwaͤhrenden Taͤuſchung, die ſein Ungluͤck vermehrte, ſah er, wie Jedes ver⸗ moͤge einer geheimen Anziehungskraft ſich der Stelle, wo ſie war, naͤherte, und wie es nicht eher zufrieden ſich entfernte, bevor es zu ihr geſprochen und Antwort erhalten hatte. Er aber, der niemals auf ſich warten ließ, hatte ſo viel Reize, beſaß ſo viel Guͤte, daß er Alle fuͤr einen Abend und oft noch mehr begluͤckte. Styndall konnte ſeine Augen nicht von die⸗ ſem Gemaͤlde wenden, ohne in eine Verzweiflung zu fallen, die ihn faſt erſtarren machte. Aus dieſem langen Dumpfſinn erwachend, klingelte er ſeinem Kammerdiener und befahl ihm, An⸗ ſtalten zur Abreiſe zu treffen; dieſe unerwartete Nachricht erfullte den treuen Diener mit Beſtuͤr⸗ zung. Der Auftrag, ſeine Geſchaͤfte zu beſor⸗ gen, ohne davon etwas außerhalb verlauten zu laſſen, verbunden mit dem Verbot in die Leopoldſtadt zu gehen, kuͤndigte einen ſehr feſten Entſchluß an. Tom Sylcock, dem jede ueber⸗ legung unterſagt, ſobald keine Zweifel uͤber die 239 Willensmeinung ſeines Herrn vorhanden war, erinnerte ſich doch ſeiner entſchirdenen Neigung zu Fraͤulein Hubert. Und da ſeine Plaͤne kunf⸗ tigen Gluͤcks mehr als gefaͤhrdet waren, ſo erlaubte er ſich, das erſte Mal ſeit fͤnf Jahren treuer Dienſte, Einwuͤrfe zu machen; dieſe gin⸗ gen in Murren uͤber; das Ungluck machte Styn⸗ dall nicht ungerecht und er ſagte: „Mein Freund, ich habe Gruͤnde Wien zu verlaſſen; ich wuͤrde dich taͤuſchen, wollte ich dir Hoffnung zur Ruͤcktehr in die Stadt machen. Wenn dir der Aufenthalt hier gefaͤllt, wenn du durch eine Verbindung zuruͤckgehalten wirſt, ſo iſt es nicht recht, daß du unter einer Noth⸗ wendigkeit leideſt, die allein meine Perſon be⸗ trifft. Ich erlaube dir nach mir in Oeſterreich zu bleiben. Sei außer Sorge, daß ich deshalb deine Mutter Ketty nicht unterſtutze, ich werde ihr ihr Jahrgeld fortzahlen; was dich betrifft, ſo kannſt du auf die Halfte deines Gehaltes auch ferner rechnen, da ich bis jetzt mit deinem Dienſt zufrieden geweſen bin. Ich gehe jetzt aus, um dem Notarius Winſel die Beſorgung meiner Angelegenheiten verſchiedener Art, die ich in Wien zuruͤcklaſſe, zu ubertragen; ich werde ihn beordern, deine kleine Rente in die Zahl derer 240 aufzunehmen, die er nach meiner Abreiſe zu beſorgen hat. Der Ertrag des Verkaufs, den ich ihm uͤbertragen werde, wird zu dieſer Be⸗ ſtimmung mehr als hinreichend ſein. Alſo biſt du ganz frei.. Hoͤrſt du Tom?“ Der ehrliche Burſche zauderte einige Augen⸗ blicke, waͤhrend derer das liebliche Bild der Fraͤulein Hubert vergebens gegen ſeine aͤltere Anhaͤnglichkeit kaͤmpfte, dann erklaͤrte er, er werde ſeinem Herrn folgen und waͤre es bis ans Ende der Welt. Da aber dieſe Verpflich⸗ tung von einem bedeutungsvollen Seufzer be⸗ gleitet war, ſo wollte Styndall den Entſchluß nicht gelten laſſen, der einer Ueberraſchung zu⸗ geſchrieben werden konnte, und erneuerte des⸗ halb ſein Anerbieten. Um ihm mehr Nachdruck zu geben⸗ wiederholte er ausdruͤcklich das Ver⸗ bot zwei Tage lang in den Augarten zu gehen, welches auch Sylcocks Entſchluß ſein moͤge. Dieſer aber beharrte nicht weniger bei ſeiner erſten Erklaͤrung. Hierauf ging der Gentleman aus, um ſich zu ſeinem Notar zu verfuͤgen, und der Kammerdiener dachte ſeinerſeits daran dem empfangenen Befehl nachzukommen. Der Englaͤnder kehrte ſehr ſpaͤt zuruͤck. Sein Geſicht war finſter. Er warf ſich ganz ange⸗ 24¹ kleidet auf ſein Bett, ſtand ſehr fruͤh wieder auf, ſchrieb viel, entfernte ſich nochmals einige Stunden und befahl nach ſeiner Ruͤckkehr, den Wagen und die Koffer um zehn Uhr des Abends bereit zu halten. Schon war es ſechs Uhr⸗ Kaum hatte er eine kleine Erfriſchung zu ſich genommen, als er ſich an das an ſein Zimmer ſtoßende Kabinet zuruͤckzog und ſich einſchloß um ſeine Korreſpondenz zu vollenden. Aber er hatte die Vorſicht nicht verſaͤumt, ſeinen Leuten den Eintritt in das Gemach zu verbieten, bevor er den letzten Brief geſchrieben, den die Fuͤrſtin von ſeiner Hand empfangen ſollte. Waͤhrend deſſen hatte die Zeit Charlottens Aengſtlichkeit beruhigt. Selbſt das Traurigſte, was ſie in Friedrichs Entdeckung, die er ihr nach kurzem Verzug zuſicherte, hatte ſich zu Folge reiferer Ueberlegungen betraͤchtlich ge⸗ ſchwaͤcht. Wenig geneigt, die Meinung ihrer Couſine uͤber Styndalls privilegirte Geburt zu theilen, vermuthete ſie vielmehr, daß die augen⸗ ſcheinliche Beklommenheit, die ſie an ihm bei ihrer letzten Unterredung bemerkt hatte, von dem Kummer herruͤhre, ſich nicht mit einem eben ſo glaͤnzenden Urſprung als der der Fuͤrſtin von Oedenburg ſchmuͤcken zu koͤnnen. Aber die MI. 16 242 Eigenſchaft als Englaͤnder, die weite Entfer⸗ nung des brittiſchen Koͤnigreichs, der Unterſchied der Sitten beider Voͤlker, der ſeltene Verkehr, den ſie zuſammen unterhielten, und vor allem das Anſehn, womit ſich der Gentleman in Wien gezeigt hatte, ſchienen ihr den Nachtheil einer dunkeln Abkunft auszugleichen oder ein Gegen⸗ gewicht zu geben, und ſie gab zu, wenn es zum Schlimmſten kaͤme, daß die ihres Freundes nicht des Anſehns ermangele. Endlich kam ſie auf den Gedanken, Styndalls Familie konne ſich in die buͤrgerlichen Unruhen gemiſcht haben, die zu Ausgang des vorigen Jahrhunders Eng⸗ land beunruhigt hatten. Ein Anſchein von Glaub⸗ wuͤrdigkeit bekraͤftigte vollends bei ihr die letzte Idee. In dieſem Falle, der noch ſeine gute Seite hatte, konnte man vielleicht zu Maria Thereſiens Schutz Zuflucht nehmen und mit einigem Rechte auf ihre erhabene Vermittelung rechnen. Der Erzbiſchof Miggazi wurde ſelbſt zuerſt ſeine Dienſte bei der Kaiſerin⸗Koͤnigin anbieten. Sie hatte alſo zehn Gruͤnde fur einen, dieß zu glauben. Alſo auf jeden Ausgang gefaßt, ſah Char⸗ lotte die Stunde des Balls nahen, zu dem ſie eingeladen war. Ohne Zweifel waͤre ſie lieber 243 nicht hingegangen, obgleich ſie verſichert war, daß Friedrich nicht in die Leopoldſtadt komme, weil er vorausſetzen mußte, daß ſie den ganzen Abend uͤber im glaͤnzenden Saale des Palaſtes von Lichtenſtein von Huldigungen umgeben ſei. Aber durch die Gruͤnde beſtimmt, die ihre Cou⸗ ſine zur Beſiegung ihres Widerwillens angeführt hatte, beſchaͤftigte ſie ſich mit ihrer Toilette. Da ſie am laͤngſten dauern mußte, hatte die Baronin von Stein die Ihrige zuerſt begonnen. Bevor ſie die letzte Hand anlegte, bemerkte ſie, daß ſie ſich in der innern Stadt eines wichti⸗ gen Auftrags fuͤr ihren Mann entledigen muͤſſe und daß ſie bald zurückkehre; und ſo verließ ſie im Kopfputz, aber ohne das Ballkleid, ſehr eilig in einem Kabriolet den Palaſt, von einem Kam⸗ merdiener begleitet. Von dem Zimmer der einen Couſine ver⸗ fuͤgte ſich Fraͤulein Hubert in das der andern. In vierzig Minuten war Charlotte von Kopf bis zu den Fuͤßen mit jener zierlichen Einfach⸗ heit geſchmuͤckt, die ſchoͤne Frauen oft mit viel Geſchmack dem reichſten Putz vorziehen. Ploͤtz⸗ lich bemerkte ſie Thraͤnen in den Augen ihrer Kammerfrau. Schon die haͤufigen Zerſtreuun⸗ ven derſelben, waͤhrend ſie ihren Dienſt dieſen 16* 244 Abend verrichtete, wunderten Charlotten. Es lag in der Guͤte der Fuͤrſtin, ſie um die Urſache derſelben zu befragen, ach, ſie wußte nicht, daß ſie ſelbſt dabei betheiligt ſei! Was wurde aus ihrem Muthe, als Fraͤulein Hubert, die bis zur Ruͤckkehr der Baronin Stillſchweigen gelobt hatte, den dringenden Aufforderungen ihrer Herrin nachgab und ihr Styndalls nahe Abreiſe verkuͤndete! Anfangs glaubte ſie nicht daran, endlich aber druckte ſie der Schlag dieſer traurigen Nachricht nieder, die ihre Kammerfrau aus kei⸗ ner verdaͤchtigen Quelle geſchoͤpft hatte. Denn die Wittwe Flachsmann war ganz troſtlos Nach⸗ mittags drei Uhr zu Sidonien gekommen und hatte ihr berichtet, daß ſie im Hauſe des Gent⸗ leman die ſehr weit vorgeſchrittenen Anſtalten zu einer Reiſe geſehen, als ſie Waͤſche dorthin gebracht, und daß die Dienerſchaft des Englaͤn⸗ ders durch ihren eigenen Schmerz nur zu ſehr die grauſame Nachricht beſtaͤtigt haͤtten. Vorausſehend, welchen Schlag eine ſolche Kunde dem Herzen ihrer Gebieterin beibringen würde, vertraute Fraͤulein Hubert ihr Geheim⸗ niß nur der Baronin, als ſie dieſe vollends ankleidete. Dieſe fuhr ſogleich mit dem klugen Vorſatz auf die Burg, um ſich bei dem Baron von Sperges Raths zu erholen. Sie hoffte, der tyroliſche Edelmann ſollte ſich von ihren inſtaͤndigen Bitten beſtimmen laſſen, ohne Ver⸗ zug nach Wieden zu eilen, um die Gruͤnde eines ſo raſend ſchnellen Entſchluſſes zu erforſchen, und ihm ein Hinderniß in den Weg zu legen, und ſollte es ſelbſt auf Rechnung der Liebe geſchehen, die Charlotte dem Fluͤchtling geweiht hatte. In der Ueberzeugung, ihre Couſine werde dieſe Anſtalten nicht billigen, huͤtete ſie ſich wohl, ſie davon zu unterrichten und da ſie den Vorſatz hatte, Charlotten nach ihrer Ruͤckkehr auf den Ball zu fuͤhren, ſo befahl ſie in der Furcht, es moͤchten neue Geruͤchte in den Au⸗ garten dringen, Fraͤulein Hubert heit an. Die Sachen grſtalteten ſich aber ganz an⸗ ders, als ſie vermuthet hatte. Fraͤulein Hu⸗ bert ſchwieg nicht, denn ſie war auch dabei intereſſirt. Nach dem erſten kurzen Erſtaunen auf dieſe entſetzliche Nachricht faßte die Fuͤrſtin von Oedenburg einen Entſchluß, der bei jeder andern Frau Seueii geweſen waͤre, der aber jedem, der in das Innere ihres Charak⸗ ters eingedrungen iſt, nicht ſo vorkommen kann. 246 In einen Mantel gehuͤllt, der ihren Putz zum Theil bedeckt, ſteigt ſie in Begleitung ihrer Kammerfrau die Stufen hinab. Schon waren die Pferde angeſpannt. Der Diener oͤffnet beim Anblick ſeiner Herrin den Schlag und ver⸗ ſchließt ihn wieder, als er erfaͤhrt, man werde die Baronin nicht erwarten, und der Kutſcher regierte mit leichter Hand das lebhafte Geſpann. Bald darauf hebt Fraͤulein Hubert auf Char⸗ lottens Befehl die Vorhaͤnge des Wagens und deutet auf Wieden, wohin ſie durch die Altſtadt und die Kaͤrnthnerſtraße ihren Weg nahmen. Dies war das erſte Mal, daß die Fuͤrſtin ſich zum Gentleman begab. Sie dachte nicht daran, daß dieſer Schritt kuͤhn und unſchicklich ſei; die wunderbarſten Gefuͤhle ſtuͤrmten durch ihr Herz, waͤhrend ſie die verſchiedenen Stadt⸗ viertel durchfuhr. Beim Einbruch des Abends gegen neun Uhr hielten die Pferde auf ein aus dem Innern des Wagens gegebenes Zeichen auf einem Kreutzweg, von dem gluͤcklicher Weiſe Styndalls Wohnung nicht weit entfernt war. Die Fuͤrſtin ſtieg aus, befahl Fraͤulein Hubert zu warten, fragt vergebens einen Voruͤbergehen⸗ den nach Styndalls Haus und erfaͤhrt es erſt von einem zweiten; und ohne zu bemerken, daß 247 ihr eigener Putz die Blicke der Leute, an denen ſie ſchnell vorbei eilt, auf ſich zieht, fliegt ſie durch die kleine Esplanade, die an das Thereſianum ſtoͤßt. Noch einige Schritte und ſie kann die Nummer unterſcheiden, die man ihr angezeigt hat! Sir klopft und ſchon wird die innere Thuͤr des Hotels wieder hinter ihr geſchloſſen! Der Gentleman war in ſeinem Kabinet und endigte den an die Fuͤrſtin beſtimmten Brief. Allen moraliſchen Schmerz, den die menſchliche Natur nur zu tragen im Stande iſt, hatte er tropfenweiſe erſt gekoſtet, eh er die Zeilen nie⸗ derſchrieb, die zugleich ſein Benehmen und ſeine Trennung von dem, was ihm auf Erden am Theuerſten war, erklaͤren ſollte. Alle Schleier waren geluͤftet, alle Geheimniſſe waren erklaͤrt! Noch ſollten einige Worte folgen, aber er be⸗ ſaß nicht die Kraft, ſie auf das Papier zu werfen, ſo ſchwach war ſeine Seele: denn es waren die des ewigen Lebewohls.„In wenig Stunden,“ ſchrieb er endlich,„wenn Sie er⸗ wachen werden, Charlotte, nach der Ruͤckkehr von einem Feſte, das Sie durch Ihre Gegen⸗ wart verſchoͤnern werden; wenn das Blatt, das ſo viele Leiden in ſich faßt, in Ihren Haͤnden iſt, athmen wir nicht mehr dieſelbe Luft.... 248 Weit von Wien werde ich dann ſein, weit von Ihnen!.. und ſeine Feder verſagte ihm den Dienſt. Waͤhrend dieſer Pauſe ſtoͤrt ihn ein Ge⸗ raͤuſch, das von der Treppe her zu ſeinen Ohren dringt, denn Tom Sylcock ſchweifet eine Fackel in der Hand der Fuͤrſtin von Oedenburg vor, um ſie anzumelden. Friedrich tritt eilig aus ſeinem Kabinet und verſchließt die Thuͤre deſſelben ſorgfaͤltig, dann bleibt er in der Mitte des Zimmers ſtehen, will eben ſeinem Diener verweiſen, daß er ihn in ſeinen Beſchaͤftigun⸗ gen ſtoͤrt, da glaubt er hinter ihm den leichten Schritt einer Frau zu unterſcheiden, er horcht, zittert, zweifelt nicht mehr und ſieht Charlotten vor ſich ſtehen, die den Mantel abwirft und ihn anredet: „Styndall, mit Liſt und Verſtellung han⸗ deln Sie gegen mich? Sie wollen abreiſen, mich verlaſſen, und haben nicht den Muth, es mir zu ſagen!... Aber ich habe Muth, Sie zu fragen und Sie zu hoͤren!... Sie ſehen, graufamer Freund, daß ich hier bin, Ihr Lebe⸗ wohl und Ihre Rechtfertigung ſelbſt zu holen; denn nur mit meiner Achtung koͤnnen Sie ſich entfernen, wenn Sie mir Ruhe hinterlaſſen, 249 wenn Sie ſelbſt Ihren Frieden erhalten wol⸗ len. Ich kenne Sie, Styndall; was ich Sie frage iſt uns beiden gleich noͤthig. 4 Die Augen auf Charlotten gewendet, die ſchoͤn, obgleich verzweifelt, voll Adel in Geſtalt und Rede, ſelbſt da ihr Herz gebrochen war, vor ihm ſtand, ſchwieg der Englaͤnder. Seine zerzoͤrten Zuͤge verriethen die tiefe Unruhe ſei⸗ ner Seele; ſein Blick war unbeweglich; kaum konnte er athmen. Er glich einem Menſchen, dem eine magiſche Gewalt ploͤtzlich den Gebrauch der Stimme entriſſen hat, und der unter dem Streich einer hoͤlliſchen Macht vergebens Worte fuͤr ſeine Gedanken ſucht. „Sie ſchweigen, mein Freund«, fuhr die 5 Fuͤrſtin fort.„Soll ich aufhoͤren, an die Tu⸗ gend zu glauben? Sollte Styndall mit meiner Liebe ſein Spiel getrieben haben?“ Bei dieſen Worten erlangte der Gentleman wieder einen Theil ſeiner Kraͤfte und antwortete: „Den Ewigen rufe ich zum Zeugen an, daß ich Sie nicht betrogen habe! Rie habe ich Sie ſtaͤrker geliebt, als in dieſem Augenblick! Mein Herz iſt nie von mehr Glut fuͤr Sie verzehrt worden, als jetzt! Wenn Sie darin leſen koͤnn⸗ 250 ten, ſo wuͤrden Sie nur Verzweiflung, Wuth und Liebe darin ſehen.“ „Wuth und Verzweiflung, Styndall!«“ ent⸗ gegnete die Fuͤrſtin.„Die duͤrfen nicht einmal dem Verbrecher angehoͤren, der nur noch einige Minuten uͤbrig hat.... Rein, mein Freund hat kein Verbrechen begangen! Sagen Sie mir, Friedrich, haben Sie ſich eine Schuld vorzu⸗ werfen oder zwingt Sie ein Vorfall, der nicht von Ihnen abhaͤngt, mich zu verlaſſen? Ge⸗ horchen Sie einem hoͤhern Befehl, den Sie nicht umhin koͤnnen anzuerkennen?... Sagen Sie es mir, um Gottes Willen!“ „Ich ſchwoͤre Ihnen zu, daß ich unſchuldig bin! entgegnete Styndall mit Verdopplung ſeiner Energie, und fuͤgte dann mit Stolz hin⸗ zu:„Auch weiß ich nicht, ob Jemand auf der Erde das Recht hat, mir Befehle zu geben.“ »Nun, Grauſamer«, verſetzte Charlotte«, weil Sie nur Ihren eignen zu gehorchen brau⸗ chen, warum haben Sie mich verlaſſen? War⸗ um wollen Sie ſich um meine Liebe bewerben? Ich lebte ruhig mit meinem Schickſal zufrie⸗ den, und Sie haben mich rechtſchaffenen Freun⸗ den, ruhigen Beſchaͤftigungen entriſſen; denn ſelbſt als Sie Antheil daran nahmen, beherrſch⸗ 251 ten Sie mein Weſen, das Sie mit Ihrer un⸗ gluͤcklichen Liebe berauſchten. Die Handlungen eines edlen Herzens, und faſt im Namen der Tugend ſelbſt haben Sie mich Ihrer Herrſchaft unterworfen? Sie ſahen, Styndall, wie Gleich⸗ heit der Verhaͤltniſſe und Gefuͤhle mich an Sie zog; es konnte Ihnen nicht unbekannt bleiben und Sie verdoppelten Ihren Zauber gegen mich! Als Sie mein Herz mit Ihrem Bilde erfuͤllten, wollten Sie mich da ungluͤcklich machen und mich verlaſſen? Sagen Sie, Styndall, haben Sie ausdruͤcklich den Augenblick erwartet, wo ich nicht mehr ohne Sie leben kann, um mich in eine Einſamkeit zu verſtoſſen, die durch Ihre treuloſe Kunſt fuͤr mich in eine Wuͤſte ver⸗ wandelt iſt? Und ſollten Sie denn allein gegen mich unbillig ſein, Sie, der Sie der Edelſte der Menſchen ſind? Ach, Friedrich, erinnern Sie ſich der Donauinſel!... 4 Nach dieſen Worten, eine Erinnerung beſſe⸗ rer Tage und reiner Freuden, ſetzte ſich die Fuͤrſtin weniger aus Abſicht, als aus organi⸗ ſcher Schwachheit auf ein neben ihr ſtehendes Sopha. Rit duͤſterm Blick und die Haͤnde uͤber die bedraͤngte Bruſt gekreuzt, huͤtete ſich der Englaͤnder wohl, den Strom zaͤrtlicher Vor⸗ 25¹ wuͤrfe, der von ihren reizenden Lippen floß, zu unterbrechen; als ſie aber das Andenken des Vorfalls, der ſie nach ſeiner Geneſung wieder zuſammen gefuhrt hatte, erneuerte, rief er aus: „O Tag voll Wonne, Tag voll Ungluͤck, wo ich alle Wolluſt empfand, deren das Men⸗ ſchenherz faͤhig iſt, du haſt mich vernichtet! Ach, gnadige Frau, mit wie viel Streichen haben Sie mein Herz zerfleiſcht, indem Sie mir Alles zeigten, was für ein Gluck mir der gerechte Himmel haͤtte auf Erden bewilligen koͤnnen! Er hat mich beneidet!.. Er hat mich in den Abgrund geſtuͤrzt!. 4 „Hüten Sie ſich!« entgegnete die Fuͤrſtin mit Strenge;„ſollte ich nicht Grund haben, Ihnen zu ſagen, daß Sie nicht das Recht ha⸗ ben, ein Geſchoͤpf mit hinab zu reiſſen, dem ſein Gewiſſen nichts vorwirft und das Ihnen niemals etwas zu Leide gethan hat? Ich will nicht einmal von dem Verhaͤltniſſe reden, worin ich mit der Kaiſerin und dem Publikum ſtehe; denn dieſes iſt Ihnen ſchon bekannt, ſondern nur davon ein Wort, mein Herr, daß, um Sie zu ſolcher Behandlung gegen mich zu verpflich⸗ ten, hier Dinge vorgehen muͤſſen, deren Gedanke allein mir ein Schimpf iſt!... Sind Sie 253 durch andere Bande gefeſſelt? Sind Sie ver⸗ heirathet?“ „Bis jetzt“, fiel Styndall ihr ſchnell in die Rede,„habe ich Ihre Vorwuͤrfe ertragen kön⸗ nen und muͤſſen; Ihre Klagen zerreiſſen mein Herz, aber ſie ſchmeichelten ihm noch; ſie zeig⸗ ten mir die Tiefe meines Ungluͤcks, aber noch berauſchten ſie mich mit Stolz... Aber fuͤr die Frage, die Sie an mich richteten, giebt es weder Arznei, noch Palliativmittel. Nur dies Ungluͤck fehlte meinem Elende noch! Charlottens Verdacht!.. Nein, gnaͤdige Frau, nicht wie ein niedertraͤchtiger Verfuͤhrer habe ich mich bei Ihnen eingeſchlichen! Sogar als ich durch eine unwiderſtehliche Macht wieder in Ihr Haus zuruͤckgefuͤhrt wurde, beſchraͤnkte kein Band meinen Willen. Nur eine einzige Frau habe ich in der Welt geliebt und angebetet.. Mag mich nun der Himmel heut oder morgen von meiner Qual befreien, ſo lebte ich und ſterbe mit der Liebe zu ihr.“ „O mein Freund!“ klagte die Fuͤrſtin ru⸗ higer und in ihren Augen glaͤnzte ein Strahl von Hoffnung,„hier waltet ein Verſehen ob; ich bin verſichert, wir ſind einander werth.“ 254 „Auch ich glaube es!“ ſagte Styndall mit wuͤrdevoller Gewißheit. „Alſo habe ich mich nicht betrogen“, rief Charlotte in einem Auffluge von Freude, die ſie nicht zuruͤckhalten konnte,„als ich Friedrich allen andern Menſchen vorzog! Meine Liebe war nur Gerechtigkeit! Weg von mir, einge⸗ bildete Furcht! Entfliehe, Irrthum eines Angen⸗ blicks! Und Sie ſelbſt Styndall, weshalb ha⸗ ben Sie Ihre Freundin ſo beunruhigt? Warum haben Sie ſie mit einer Trennung bedroht, die wir Beide nicht wuͤrden ertragen haben?.. Fuͤhlen Sie nicht, Friedrich, daß Sie mir un⸗ entbehrlich ſind? Und Sie, koͤnnten Sie ſich von mir reiſſen? Sie hatte ihm ihre Hand gereicht, die in Styndalls Haͤnden lag, deſſen Knie gebeugt waren. Er preßte ſie an ſeine Lippen, er druͤckte ſeine heißen Kuͤſſe darauf, mit denen ſich Worte und Seufzer vermiſchten, von denen ſie verſtand: „Großer Gott, welche Probe!« Die Fuͤrſtin war in dieſem Augenblick hin⸗ reiſſend von Grazie, Guͤte, ja von Schmachten und Hoffnung. Ihr leichter Putz in Harmonie mit ihrer bluͤhenden Farbe, vermehrte noch ihre Reize. Alles was die Schaam einer tugend⸗ 255 haften Frau nicht geſtattet, Alles was der Ball⸗ putz der letzten Haͤlfte des achtzehnten Jahr⸗ hunderts vermochte, wo die wenig ſtrenge Tracht die Formen verrieth, obgleich ſie dieſelben nicht beſſer verbarg, gab Charlotten einen verfuͤhre⸗ riſchen Reiz, den ſie allein nicht kannte. In ihrer Stimme enthuͤllten ſich noch zartere und weichere Toͤne, doch ihr unbewußt, als die, welche ſie ſchon ſo melodiſch fuͤr das Ohr ihrer Freunde machte; und mit dieſem Schmelz ſprach ſie: „Styndall, warum quaͤlen Sie ſich mit einer vergeblichen Sorge, die auf mein Herz zuruckfaͤllt? Wenn Sie einer niedern Klaſſe angehoͤren, glauben Sie denn, daß ich Sie deshalb weniger liebe? Hoͤchſtens wuͤrde ich mich verwundern, daß eine ſo edle Seele, ein ſo erhabener Geiſt durch Zauber und eigene Kraft in der Geſellſchaft aufkeimen konnten. Aber kaͤme es ulrichs Schuͤlerin zu, Ihnen daraus eine Schuld zu bilden? Nein, mein Freund, beurtheilen Sie mich beſſer! Ich glaube ein Recht zu haben, dies zu verlangen... Ei⸗ gentlich fordert Maria Thereſia wenig von uns und ich vermuthe noch, ſie legt wenig Werth darauf. Um Ihnen Alles zu geſtehen, Fried⸗ 255 rich, aus den ihr entſchluͤpften und Sie betref⸗ fenden Worten, mit Unrecht oder Recht, ſcheint ſie mir diesmal ſehr geneigt, ihre Anſpruche auf alten Adel aufzuopfern, woruͤber Sie ſich nicht verwundern durfen; denn unter uns ge⸗ ſagt, hier macht man zwiſchen einem Ihrer Lords und einem Burger Wiens keinen großen Unterſchied. Wie Ihre Charlotte, wird ſich die Kaiſerin einem andern Adel gefuͤgt haben... Nennen Sie mir Ihre Familie, welche ſie auch ſei, mein Freund; ich bin bereit, ſie anzuerken⸗ nen! Moͤgen Sie der Sohn unbedeutender Land⸗ leute ſein, ich bringe ihnen meinen Tribut der Dankbarkeit!... Mutter und Kind ſehnen ſich von den guten Alten geſegnet zu werden!“ Vermochte dieſe zaͤrtliche Anrede, von einem bezaubernden Munde gelispelt, nicht alle Lei⸗ denſchaften des Englaͤnders zu beruhigen! Aber kaum waren die letzten Worte wie Roſenduft von den Lippen der Fuͤrſtin gehaucht, als ſich die Stirne des Englaͤnders wieder ſichtbar um⸗ woͤlkte. Das traurige Geprage erſchien wieder auf ihr. Er ließ die Hand ſeiner Gelſebten, die er in der ſeinigen hielt, wieder auf ihren Schoos fallen, und richtete ſich in die Hohe; raſch ſchritt er dann nach dem Fenſter hin mit 257 einer augenſcheinlichen Geiſtesunruhe, wie aus ſeinen heftigen Bewegungen hervorging. Char⸗ lotte erhob ſich ebenfalls. Auch ſie entfernte ſich; und nicht allein ein gerechter Stolz be⸗ ſtimmte ſie zu dieſem Entſchluß, ſondern ihr eigener Schmerz erlaubte ihr nicht, dieſe uner⸗ klaͤrliche Scene zu verlaͤngern. Ploͤtzlich wendet ſich Friedrich um und ſieht die Fuͤrſtin nach der Thuͤre gehen, da ruft er verzweifelt: „Ich beſchwoͤre Sie, Charlotte, nicht ſo verlaſſen Sie mich! Bevor Sie noch in dieſes Zimmer traten, war ich ein ſehr ungluͤcklicher Menſch: wenn Sie es jetzt mit vollem Rechte gegen mich erzuͤrnt verlaſſen, werde ich der verzweifeltſte ſein! Wenn des Himmels Fluch auf meinem Haupte ruht, muß da das einzige Weſen, das ſich bis jetzt zwiſchen ihm und mich zu ſtellen ſchien und mir einen Augenblick den Glauben einfloͤßte, daß ſein Arm ſich entwaffnet habe, muß dieſes Weſen die Rieſenlaſt ſei⸗ ner Verachtung noch dazu auf mich walzen? Engel an Guͤte, wollten Sie nicht noch einen letzten Blick Ihres Wohlwollens auf den Ab⸗ grund werfen, in den ich ſtuͤrzen ſoll?.. Ach! Wenn wir uns trennen ſollen, Charlotte, ſo III. 17 258 beklage mich wenigſtens, nur verachte mich nicht!. „Styndall,“ antwortele die Fuͤrſtin mit einem Tone, der von ihrer innern Bewegung zeugte, „Sie qualen ſich ſelbſt und vernichten grau⸗ ſam alle Hoffnung in meinem Herzen. Sie wiſſen doch, daß Sie mir theuer ſind? Was fordere ich von Ihnen, mein Freund? Konnte ich ahnen, daß vor ſo einfachen Fragen ein Mann von Ehre ſo zuruͤckſchaudern konnte? Seit wann ſetzte man einen Sohn in Verle⸗ genheit, wenn man ihn nach ſeinen Eltern fragte, und nachdem er ſelbſt erklaͤrt hat, daß ſie mit freier erhabener Stirne einher gehen koͤnnten?“ „O“, rief der Englaͤnder feurig,„ſie ſind die rechtſchaffenſte und tugendhafteſte der Sterb⸗ lichen!“ „Und wie kann es Ihnen ſchwer fallen, mein Freund«, ſagte die Fuͤrſtin faſt bittend, mir zu ſagen, wer ſie ſind.« Und nach einer Ueberlegung fuͤgte ſie hinzu:„Heißen ſie denn nicht wie Sie?“ „Rein, Charlotte!« rief Styndall beſtuͤrzt. „Ihr Name kann doch kein Verbrechen ſein? fragte Charlotte erſtaunt. 259 »Nein, ein Verbrechen iſt er nicht!« ent⸗ gegnete der Englander bleich.„Gott rufe ich zum Zeugen an. Aber wenn einer der groͤßten Ungluͤcksfalle, der ipn Menſchen treffen kann, ſtatt fand; wenn. „Friedrich!“ 93 die Fuͤrſtin; „ich bin uberzeugt, Ihre hitzige Einbildungs⸗ kraft ſchafft ſich Trugbilder, die ſie nach Ge⸗ fallen vergroͤßert. Wenn Sie einiges Zutrauen zu Ihrer Freundin gehabt haͤtten, dieſe Irrun⸗ gen waͤren ſchon lange beſeitigt. Aber nein, Sie verbergen ſich vor mir! Sie huͤllen ſich in Geheimniße!... Lch! Friedrich⸗ habe ich mich mit Ihnen auf ſolchen Fuß geſetzt? Hat nicht meine Seele offen vor Ihren Augen ge⸗ leſen?.. Es iſt ja ſo ſuͤß, von dem gekannt zu ſein, 36 man liebt!. Thraͤnen erſtick⸗ ten ihre Worte. „Bald ſollen ſich Ihnen dieſe Geheimniſſe enthuͤllen, ſagte der Englaͤnder empfindſam. „Alles ſchrieb ich Ihnen, Charlotte, als Sie vorhin erſchienen!.. Sie ſollen Alles erfah⸗ en „Ja Grauſamer“, verſetzte die Fuͤrſtin im Tone eines zaͤrtlichen Vorwurfs,„wenn Sie abgereiſt ſind, wenn es nicht mehr in Charlot⸗ 1 260 tens Macht ſteht, Sie zuruͤckzuhalten und Ih⸗ nen zu zeigen, wie wenig gegruͤndet Ihre Furcht war... Dann, dann wird ſie wiſſen, daß ſie mit Styndall habe gluͤcklich leben und ihn be⸗ gluͤcken koͤnnen; wie aber nun der Traum des Glucks fuͤr bei verſchwunden iſt!“ „Sie wollen alſo wiſſen, was mich von Ihnen entfernt?“ fragte der Englaͤnder, an allen Gliedern zitternd,„was mich aus Ihrer Gegenwart verjagt? Sie te ich es Ihnen ſage! Ja, ſch win es!“ tief die Fuͤrſtin ent⸗ ſchloſſen.„Ich befehle es, Friedrich; ich bin ganz Ohr! Reden Sie!“ „Nein, beim Himmel! ich' werde ich re⸗ den“, preßte Styndall heraus, dem ſchmerzlich⸗ ſten Entſetzen ganz zur Beute hingegeben.„Aber deſſen ohngeachtet ſollen Sie nicht weniger Alles erfahren! Treten Sie in dieſes Kabinet; dort finden Sie den fuͤr Sie beſtimmten Briefz er liegt auf meinem Schreibetiſch. Sie werden die Spur meiner Thraͤnen noch darauf finden; leſen Sie ihn Charlotte, und wenn mich Ihre Verwuͤnſchung nicht verfolgt, Charlotte«, rief er ihr, den Arm heftig druͤckend,„ſo ſind Sie das bewundernswertheſte, das himmliſchſte 261 Geſchoͤpf, das jemals aus des Schoͤpfers Hän⸗ den hervorging!.. In diefem Augenblick vernahm man ſchnelle Schritte auf dem Vorſaale. Es kam an die Thuͤre, legte die Hand auf die Klinke und ein verwirrtes Geraͤuſch von Stimmen ließ ſich hoͤren, das von der einen Seite Widerſtand und von der andern Hartnaͤckigkeit anzeigte. Styn⸗ dall hatte kaum Zeit, ſein Kabinet zu oͤffnen und die Fuͤrſtin ſchleunizſt hinein zu fuͤhren, hinter welcher er die Thuͤre mit einem doppel⸗ ten Riegel verſchloß. Als er zuruͤck kam, fand er den Baron von Sperges im Zimmer. 34. Niemals war ein Beſuch läſtiger geweſen. Friedrich wuͤnſchte den Baron lieber hundert Meilen von Wieden entfernt. Jedoch gebot ihm Alles, ſeine Unruhe zu verbergen; die Ehre und der gute Ruf einer Frau, die ihm ſo eben einen großen Beweiß ihrer Liebe gegeben hatte, legten ihm ein Geſetz auf, ſich raſch des tyro⸗ liſchen Edelmanns zu entledigen, es war fuͤr ſeine Lage eine um ſo groͤßere Nothwendigkeit, weil in demſelben Augenblicke die Furſtin wahrſchein⸗ lich den Brief durchlief, worin ſein Bekenntniß 262 der Erde anvertraut haben würde. Auch war es moͤglich, daß Charlotte verſuchte aus dem Kabinet zu kommen; es konnke ihr ein Zeichen, ein Ruf entſchluͤpfen; ihte Stimme war dem Baron bekannt; was ſollte er von einem ſol⸗ chen Zuſammentreffen denken? Seiner Ver⸗ ſchwiegenheit ungeachtet, die man gar nicht in Zweifel zog, in welchem Tone ſollte er daruber ſprechen? Und welche Beſtuͤrzung ſollte ſich aller drei bemaͤchtigen, wenn ſie ſich von Ange⸗ ſicht zu Angeſicht mitten in der Nacht im ein⸗ ſamen Zimmer eines jungen Mannes gewahr⸗ ten? Denn trotz Styndalls vortrefflicher Sit⸗ ten, die er ſeit dem Jahr, das er in Wien zubrachte, gezeigt hatte, wuͤrden doch ſein Al⸗ ter, ſeine haͤusliche Einrichtung, die glaͤnzenden Eigenſchaften ſeiner Perſon, ja ſogar die An⸗ haͤnglichkeit, die die Fuͤrſtin ihm in den Augen des Publikums gezeigt, gegen einen Beſuch ge⸗ ſprochen haben, der mit dem Gebrauch ſo wenig uͤbereinſtimmte. Zwar würde man mit Erfolg Stillſchweigen von dem Gruͤnder der Akademie der Reichen verlangt haben, daran zweifelte Styndall nicht; denn eine der betheiligten Par⸗ teien hatte uͤber ihn dieſe Macht, aber haͤtte ſtand, deſſen Geheimniß er lieber dem Schoos — 263 man ſich nicht fuͤr ſtrafbar bekannt und ſich mithin einer unverdienten Verdammung unker⸗ worfen? Gewiß wuͤrde Charlotte erroͤthet ſein, ſich zu dieſer Rolle herzugeben, gegen die Fried⸗ rich ſelbſt den groͤßten Widerwillen empfand. Dieſe Nachtheile leuchteten in Maſſe dem Englaͤnder ein. Daraus entſprang der feſte Entſchluß, ſich des ungeſtuͤmen Beſuchs ſobald als moͤglich zu entledigen. Und da er ihn ungluͤcklicher Weiſe blicken ließ, ſchlug er den verkehrten Weg nach ſeinem Ziele ein; denn wenn auch der Baron von Sperges durch Styn⸗ dalls kalten Empfang bereute den Auftrag an⸗ genommen zu haben, zu dem er mit keinem Beglaubigungsſchreiben verſehen war, ſo war dies zugleich ein Beweggrund noch zuvorkom⸗ mender und artiger gegen den Gentleman zu ſein. Ohne von den gebraͤuchlichen Feremonien eine einzige auszulaſſen, hielt er es zuerſt fuͤr Pflicht, ſich wegen der Stunde ſeines Erſchei⸗ nens zu entſchuldigen und worauf er die Ant⸗ wort erhielt, daß ſie wirklich ſehr ungelegen ſei. Aber der gute Edelmann, in deſſen Kopf die Natur keine Spur von Widerſpruch gelegt hatte, hielt ſich genau an das der Baronin von Stein geleiſtete Verſprechen. Und ſollte er ſich 264 deſſelben auch nur in ſo fern entledigen— da er ſelbſt die Verlegenheit empfand, deren Zeug⸗ niß er auf des Engländers Stirne las— daß er wenigſtens die Hauptfrage an ihn richtete, mochte er ſich nachher auch aus dem Handel ziehen, wie er koͤnnte. Der Baron von Stein hatte ihn mit einem Jaͤger verglichen, der das Wildpret erblickt, ſich aber auf eine andere Seite wendet, und ohne etwas beſſeres auszu⸗ ſpaͤhen, zuletzt ſeine Flinte aufs gerade wohl abdruͤckt. Styndall vergaß gegen ſeinen Charakter alle Hoͤflichkeiten und nothigte den Baron nicht ein⸗ mal zum Sitzen, und dieſer blieb deshalb ſte⸗ hen. Gluͤcklicher Weiſe kehrte er ſeinen Ruͤcken gegen die Glasthuͤre des Cabinets, die mit einem Vorhang verſehen war, dicht genug um die Zuͤge der darin befindlichen Perſon undeutlich zu machen, aber auch durchſichtig genug, um nach dem bloſſen Anblick der Formen und der Kleidung beſtimmen zu koͤnnen, welchem Ge⸗ ſchlecht ſie angehoͤrte. Nach einer Pauſe, die die Strafbarkeit des Einen enthuͤllte, waͤhrend der Andere ganz allein mit ſeiner unbeſiegbaren Hoͤflichkeit da ſtand, begann endlich der Baron von Sperges: 265 „Ich bitte Ihre Herrlichkeit nochmals, mich zu entſchuldigen, wenn ich uͤber die Schranken gegangen bin. Ich ſehe wohl ein, daß Ihr rechtſchaffener Diener mich nur deshalb ver⸗ ſicherte, daß Sie ſich mit einer Dame Ihres Landes unterhielten, um mich eher zu entfernen. Ich hoffe von Ihrer Gnade, daß Sie ihm ſo gut wie mir verzeihen werden, wenn ich ſeinen Befehl verletzt habe.“ „Es iſt Ihnen Alles verziehen, Herr Baron,“ verſetzte Styndall kalt;„aber ich verhehle Ihnen nicht, daß ſehr wichtige Angelegenheiten in dieſem Augenblick meine ganze Aufmerkſamkeit erfor⸗ dern.“ „Ich ſage Ihrer Herrlichkeit meinen Dank,“ ſtammelte der Baron von Sperges.„Es war in der That wenig wahrſcheinlich, daß Sie nach zehn Uhr Abends in einer ſolchen Unterredung begriffen waͤren... wofern Sie nicht vor Ihrer unvorhergeſehenen Abreiſe Rechnungen abzu⸗ ſchließen oder Befehle zu geben haͤtten, und dann „Das iſt gerade der Grund,“ ſagte Styn⸗ dall mit entſchiedenem Tone,„weshalb ich allein zu ſein wuͤnſchte und weshalb ich es noch wuͤnſche.“ „Wegen dieſer Abreiſe wuͤnſchte ich auch 266 mit Ihnen zu ſprechen; Sie haben wahrſchein⸗ lich nicht daran gedacht, daß Sie in Wien viel Betruͤbniſſe zuruͤcklaſſen werden.“ „Sie ſind ſehr guͤtig, Herr Varon,“, Styndall mit einer Verneigung des Kopfes, die ſeiner von uͤbler Laune zeigenden Stimme wider⸗ ſprach.„Wenn Sie erlauben, wollen wir uͤber dieſen Punkt verhandeln. „Aber niemals war ein Schmerz gerechter!“ bemerkte der Baron ſi ch ermunternd.„Glauben Sie ja nicht, daß ich ihn allein empfinde; ihn theilt gewiß ber verehrte Fuͤrſt Eſterhazy und die Fuͤrſtin ſeine Gemahlin, die lie benswuͤrdige Fuͤrſtin von Lichtenſtein, der Herr Hofrath Ba⸗ ron von Holger, der Herr Baron van Swieten; denn Sie wiſſen doch, daß unſere erhabene Kaiſerin ihm kurzlich dieſen Titel ertheilt und ihn zugleich zum Präſidenten des Zenſurcolle⸗ giums ernannt hat, endlich die theure vereh⸗ rungswerthe Baronin von Stein, die.. „Ich glaube, Ihnen ſchon bemerklich ge⸗ macht zu haben, Herr Baron,“ unterbrach ihn Stynball mit einer Gebehrde der Ungeduld,„daß mich die Nothwendigkeit, meine Sachen in Ord⸗ nung zu bringen, drangt.“ „Verzeihung, wenn ich in dieſem Augenblick 267 dem wuͤrdigen, verehrungswerthen Gentleman zur Laſt falle,“ fuhr der Baron verlegen fort, „aber noch andere Perſonen werden ſich unſerm Schmerz anſchließen. Gewiß wird die vortreff⸗ liche Charlotte von Hedenburg nicht unempfindlich uber dieſe Abreiſe bleiben und ich bin uͤberzeugt, daß Ihro Hoheit, nach ihrer Ruͤckkehr von dem Balle der Furſtin Karoline von Lichtenſtein, wo ſie ſich gegenwaͤrtig befindet, uͤber die ſchnelle Abreiſe eines ſo ſchätzenswerthen Freundes ſich mehr als jemand Anders betruͤben wird. Styndall ſtand auf glüͤhenden Kohlen; die Verlaͤngerung dieſes Zwiegeſpraͤchs peinigte ihn um ſo mehr, als er in dem Kabinet ein leich⸗ tes Geraͤuſch vernahm. Seine Antwort zeugte von der Angſt, deren Beute er war. „Herr Baron,“ ſagte er mit rauher Stimme, „wenn die Fuͤrſtin von Hedenburg mir etwas Wichtiges uͤber dieſen oder einen andern Gegen⸗ ſtand mitzutheilen gehabt haͤtte, ſo wuͤrde ſie ſich die Muhe gegeben haben es ſelbſt zu be⸗ ſorgen, und ich ſehe nicht ein, wer das Recht hat, ſich zum Interpreten ihrer Gefuͤhle aufzu⸗ werfen, wofern ſie Ihnen nicht den ausdruͤcklichen Auftrag dazu gegeben hat. Ich habe die Ehre Ihnen zu ſagen, Herr Baron, daß ich nach 268 zwei Stunden abreiſe„und mir die Zeit ſehr ſparlich zugemeſſen iſt, die ich zur ungeſtoͤrten Beſchaͤftigung bedarf.“ Mit dieſen Worten ging Friedrich auf die Thuͤre zu, druckte auf die Klinke und hielt ſie halb offen. Dieſe Geberde war bezeichnend; aber weit entfernt ſich zu fuͤgen, glaubte der Baron, ſelbſt irre geleitet durch die eben gehoͤrten Worte und den uͤbereilten Entſchluß des Englaͤnders einer Verzweiflung der Liebe zuſchreibend, ihm den Irrthum folgender Maaßen benehmen zu muͤſſen „Hochverehrter Gentleman, ich weis nicht, ob ich zu weit gehe, in jedem Falle haben Sie nicht das Recht, ſich daruber zu beklagen.. Ich bin üͤberzeugt, daß die Fuͤrſtin ſich weit mehr uͤber Ihre Abreiſe graͤmen wird, als Sie es ſelbſt glauben... Sie ſind ein Mann von Ehre und ich rechne auf Ihre Verſchwiegen⸗ heit. Ich vermuthe, daß die Fuͤrſtin gegen Ihre Vorzuͤge nicht unempfindlich iſt. Sie koͤnnten einen ſolchen Eindruck auf ſie gemacht haben, ich habe aus guter Hand.. Er ſah in Styndalls Blick Zorn und Unge⸗ duld, ſchrieb ſie aber einem andern Grunde — 269 als ihrer wirklichen Urſache zu, und ſprach des⸗ halb eilig weiter: „Verzeihung, ich weis nicht, daß ich mir die Freiheit genommen habe, Sie davon zu unter⸗ richten. Ihre Schaam, ihre Tugend, auf der niemals der Schatten eines Fleckens haftete, wuͤrden ſich Zweifels ohne dawiderſetzen. Ich kaͤme daruͤber in Verzweiflung.. Sie werden mich gewiß nicht verrathen! Ich bitte Sie um Verſchwiegenheit; wollen Sie mir dieſe verſpre⸗ chen, verehrteſter, vortrefflichſter Gentleman?“ „In Gottes oder des Teufels Namen, wollen Sie mich denn nicht allein laſſen,“ rief Styn⸗ dall faſt wuͤthend mit einem Blick auf die Glas⸗ thuͤre. In dieſem Augenblick hoͤrte man im Kabi⸗ net eine deutliche Bewegung. Ein Armſeſſel ſchien auf dem Fußboden fortgeſchoben zu wer⸗ den. Der Baron von Sperges hatte das Ge⸗ raͤuſch vernommen und drehte ſich um; er be, merkte hinter dem Vorhang den Ruͤcken einer Frau, deren Kopfputz ſehr koſtbar war; er warf ſeine Augen auf das Sopha und gewahrte einen ſehr reichen Mantel, der ihm noch nicht in die Augen gefallen war; er nahm Hut und Stock und ſchickte ſich zum Weggehn an. Mehr iro⸗ 270 niſch als zeremonioͤs ſagte er:„Ich ſehe nur zu wohl, Herr Gentleman, daß Sie vollkom⸗ men Recht haben. Ich alleintaͤuſchte mich auf eine thoͤrichte, laͤcherliche Weiſe, und die Baro⸗ nin von Stein ſelbſt hat mich getaͤuſcht. Sie können abreiſen, wenn es Ihnen gefaͤllig iſt, ich werde Sie gewiß nicht daran verhindern;... aber ich beſchwoͤre Sie bei Ihrer Ehre„niemals ein Wort von dem verlauten zu jaſſen, was ich das Ungluͤck hatte, in Ihrer Gegenwart von der hochverehrten Charlotte von Hedenburg vor⸗ eilig zu ſagen! Und zu meiner groͤßten Beſchaͤ⸗ mung erklaͤre ich Ihnen, daß ich durchaus ohne ihr Vorwiſſen und ohne von ihr im geringſten beauftragt zu ſein, mir eine ſolche Sprache zu fuͤhren erlaubte! Das iſt das zweite Mal in meinem Leben, daß mich Frauen zu unbewegten Handlungen verleiteten; aber ich ſchwoͤre; es ſoll das letzte Mal ſein Um zum Ende dieſer Tirade zu kommen, die der Varon mit einer feierlichen Grabität aus⸗ ſprach, war viel Zeit noͤthig geweſen. Noch hatte er nicht die letzten Worte ausgeſprochen, als eine ſtarke Erſchuͤtterung von einem dum⸗ pfen Schrei das Kabinet erbebend machte und alle Meubeln deſſelben in Bewegung ſetzte. Des 21 Englaͤnders Augen waren beſtaͤndig auf die Glas⸗ thuͤre geheftet geweſe en, jetzt ſchob er mit ner⸗ figem Arm den tyroliſchen Ebelmann mit Ge⸗ fahr ihn aus dem Gleichgewicht zu bringen zum Zimmer hinaus: verſchloß die Thuͤre, ſchob den Riegel vor und flog zum Kabinet, waͤhrend der Baron die Treppe hinabſteigend mit lauter Stimme rief,„Ihre Herrlichkeit enden alſo damit, ſich bekannt zu machen; ich hoffe wohl Recht zu haben, wenn Sie morgen noch in Wien ſi nd.“ Welcher Anblick fuͤr den S Die Fuͤrſtin lag beſinnungslos auf dem Boden aus⸗ geſtreckt. Im Fallen war ihr Kopf auf ein Theetiſchchen von Porcellan geſchlagen und hatte ihn mit in ihren Fall gezogen; die Ader ihres Arms, die ein Splitter einer zerbrochenen Taſſe getroffen hatte, war offen; ein Lehnſtuhl lag umgefallen hinter ihr und der verhaͤngnißvolle Broͤf unſtreitig ihrer Hand entfallen lag mit Blut befleckt nicht weit davon. Styndall war in ein ſolches Meer von Schmerz verſenkt, daß er gern vernichtet zu ſein wuͤnſchte. Aber er mußte leben, waͤre es auch nur um der ange⸗ beteten Frau beizuſtehen, deren Tod er ſich mitten in ſeiner Wuth gegen ſich ſelbſt ſchon vorwarf! 272 „Barbar,“ ſagte er zu ſich,„mußteſt du ſie dieſer Pruͤfung ausſetzen Einen Augenblick ſtarrte er ſie mit Etſten an, dann erhob er die empfindungsloſe Char⸗ lotte, er ſetzte ſie in einen Lehnſtuhl, er be⸗ ſpritzte ſie mit geiſtigen Waſſern, die aber ohne Wirkſamkeit blieben. Es fehlte nicht viel, daß er das Maaß dieſer Trauerſcene voll machte und eine Buͤchſe von der Wand des Kabinets riß, um ſein Leben zu endigen. So hätte er die graͤßliche Wolluſt genoſſen, an der Seite ſeines Schlachtopfers zu ſterben. Dieſen verzwei⸗ felten Gedanken verdraͤngte die Furcht aus ſei⸗ nem Gehirn, daß ein ſolches, unerklaͤrliches und uͤbel ausgelegtes Ereigniß der Ehre der Fuͤrſtin hoͤchſt nachtheilig werden wuͤrde. Vergebens bot er mnoch einmal alle Kraͤfte auf, Charlottens Lebensgeiſter wieder zu erwecken. Dann oͤffnete er die Thuͤr des Zimmers und klingelte heftig. Tom erſchien; denn dieſer treue Diener hielt ſich zu Folge ſeiner Ahnung einer traurigen Begebenheit in einer geringen Entfernung auf, die ihm ohne Verzug zu erſcheinen erlaubte. „Lauf,“ rief ihm Styndall zu,„und hole Fraͤu⸗ lein Hubert, die du in der ſtillhaltenden Kalle⸗ ſche der Fuͤrſtin rechts oder links vom There⸗ — 273 ſianum finden wirſt. Zögere keinen Augenblick zuruͤckzukehren, denn es gilt dein und mein Leben.“ Dieſe Worte bezeichneten genugſam die Ver⸗ ſtandesverirrung des Gentleman; bis zur Ruͤck⸗ kehr ſeines Kammerdieners blieb er vor der beſin⸗ nungsloſen Fuͤrſtin in einer Starrheit ſtehen, deren Anblick noch graͤßlicher war, als der Charlottens. Inzwiſchen fing die Wunde am Arme der Fuͤrſein wieder zu bluten an, was ein gutes Zeichen war, bald offnete ſie die Augen, aber als wenn der vorhin empfangene Eindruck fortfuͤhre die regelmaͤßige Bewegung der Lebenskraft bei ihr zu uͤberwin⸗ den, verſchloß ſie ſie wieder; und in dieſem fuͤr ihr Leben bedenklichen Zuſtand kam ſie unter die Haͤnde ihrer Kammerfrau, deren Beiſtand einen beſſern Erfolg hatte. Die erſte Hand⸗ lung, wodurch ſich die Rückkehr ihrer Vernunft anzeigte, war die Frage, ob man zum Doctor van Swieten oder irgend einem andern Arzt geſchickt habe? Auf die verneinende Antwort be⸗ zeugte ſie ihre Zufriedenheit und verbot Niemand etwas der Art zu ſagen. Ihre gute Natur trug wirklich ganz allein den Sieg uͤber dieſen harten Schlag davon, und nach halbſtuͤndiger Ruhe auf dem Sohpa des Kabinets und ohne ein an⸗ III. 18 274 deres Getraͤnk als etwas Linden⸗ und OHrangen⸗ bluͤthenwaſſer glaubte ſich Charlotte von ihrer Schwaͤche ſo weit hergeſtellt, daß ſie ihren Wagen beſteigen konnte, den Tom Sylcock kluger Weiſe an das Thor des Hotels hatte anfahren laſſen. Waͤhrend Sidonie der Fuͤrſtin mehr zutraͤg⸗ liche Hülfe an ſie verſchwendete, hatte ſich Styn⸗ dall mit dem von Blut feuchten Brief, den er in ſeinem Buſen verbarg, in ſein Zimmer zu— ruͤckgezogen. Aufrecht ſtehend mit herabhaͤngen⸗ den Armen, die Haͤnde vor ſich in einander geſchlungen, an die Wand gelehnt, bleich, mit verwirrten Haaren ſah er einer Kariatyde ähn⸗ lich. Das einzige Zeichen ſeines Lebens ſtroͤmte aus ſeinen Blicken, die beſtaͤndig auf das Ka⸗ binet gerichtet waren. Kein Wort, keine Silbe entſchluͤpfte ſeinen Lippen: aber ſeine Augen ſprachen ſelbſt in ihrer Starrheit eine Frage aus, die Tom verſtand; denn als Fraͤulein Hubert dieſen Diener herbeirief, um ihn auf Befehl der Fuͤrſtin zu befragen, verließ er das Kabinet und wandte ſich mit den Worten an ſeinen Herrn:„Sie iſt gerettet!“ Dies Wort hatte Wirkung; ſogleich machte ſeine Betaͤu⸗ bung einem erweiterten Schmerze Platz; haͤufig 275 auf einander folgende Seufzer ſtiegen aus der Bruſt des Gentleman; ſeine Bruſt hob und ſenkte ſich mit ſtarker Bewegung. Bald trat Styndalls ganze Seele in ſeine Augen, als Sidonie hereintrat um den Mantel zu holen, den ihre Herrin auf dem Sopha vergeſſen hatte. Aber ſeine Bewegung uͤberſtieg alle Graͤnzen, als das Geraͤuſch im Kabinet ihn belehrte, daß die Fuͤrſtin ſelbſt herauskaͤme. Sie erſchien, ihren Arm auf den der Fraͤulein Hubert ge⸗ ſtuͤtzt, der andere war an dem Orte der Wunde mit einem Muſſelintuch nach Art einer Bandage umwunden. Die zarten Roſen ihrer Wangen waren verblichen, ihr ſchoͤnes Haupt neigte ſich aus Schwaͤche auf die Schulter der Kammer⸗ frau; ihr Schritt war unſicher und doch ſah man in ihrem Geſicht den Willen, Staͤrke hin⸗ einzulegen; vorzuͤglich war der Ausdruck ihrer Zuͤge traurig, aber ruhig und leblos. In ge⸗ wiſſer Hinſicht erinnerte ſie an jene juͤdiſche Gemahlin des Ahasveros, deren ſchmachtende Reize der gute Duval in ſeiner treuen Ueber⸗ ſetzung wiedergegeben hatte. Wenn dieſe etwas ſtudirt waren, wie man glauben koͤnnte, duͤrfte wohl derſelbe Vorwurf die Fuͤrſtin von Deden⸗ burg nicht treffen, die ſich beeilte von dieſem 3 276 Schauplatze des Schmerzes zu entkommen. Da ſie aber in der Mitte des Zimmers war, das ſie durchſchreiten mußte, bevor ſie auf den Vor⸗ ſal gelangen konnte, wandte ſie ihre Augen auf Styndall und ein tiefes Mitleid druͤckte ſich in dem Blicke aus, den ſie lange auf dem ungluck⸗ lichen jungen Manne geheftet hielt. Tom Sylcock trat mit einem Gefaͤße voll Waſſer und einem Schwamm in der Hand her⸗ ein; der Gentleman errieth ſeine Abſicht und kam ihm zuvor, indem er ihm mit aͤngſtlicher Stimme zufluͤſterte:„Laß das Blut auf dem Boden liegen, ich muß es noch einige Zeit ſehen.“ Und er trat in das Kabinet mit einem entſchloſſenen Schritt, waͤhrend der rechtſchaf⸗ fene Diener ſich mit der Beſorgniß entfernte, daß ſeinen Herrn eine Verſtandeszerruͤttung be⸗ troffen habe; wenig Augenblicke nachher trat Tom wieder ein und meldete Friedrich, daß die Fuͤrſtin kaum in ihrem Wagen angelangt den Wunſch geaͤußert habe, ihn vor ihrer Ruͤckkehr in ihrem Palaſt noch zu ſprechen. Styndall hoͤrte den Diener mit Entſetzen an, ohne ein Wort darauf zu erwiedern; nur auf eine aber⸗ malige Aufforderung fuͤgte er ſich der Einla⸗ dung, an der er noch zu zweifeln ſchien. Als 7 er die Treppe hinabgeſtiegen war, blieb er un⸗ beweglich auf der erſten Stufe des Trittſteins ſtehen; Charlotte gewahrte ihn dort, neigte ſich gegen den Kutſchenſchlag, ſtützte ſich mit der Hand darauf und ſprach mit einem Ton, der ihre Leiden bekundete:„Mein Kopf iſt eingenom⸗ men!... Heute vermoͤchte ich Ihnen nichts zu ſagen, morgen ſollen Sie meine Meinung er⸗ fahren, warten Sie!...“ Dem letztern Worte ſollte vielleicht noch ein anderes folgen, aber die Fuͤrſtin ſank in die Kiſſen zuruͤck und Sido⸗ nie befahl dem Kutſcher fortzufahren. So lange als Styndall das Raſſeln des Wagens hoͤrte, blieb er der Finſterniß der Nacht ungeachtet an der Thuͤre ſtehen. Dann ſtieg er in ſein Ge⸗ mach, wo er Tom beſchaͤftigt fand, die Flecken des Kabinets heimlich abzuwiſchen. Dies Mal beklagte er ſich nicht daruͤber und ſetzte dieſer Sorgfalt kein Hinderniß entgegen, vielmehr ver⸗ folgte er mit ſeinen Augen die Bewegungen des Dieners, der ihn bald allein und unruhig auf dem Sofa ſitzen ließ. Dieſe ſchnelle Wie⸗ derkehr der Gedanken und die Verſchiedenheit der Eindruͤcke bei dem Gentleman hatten ihren Grund. In dem ausdrucksvollen Blick, den die Fuͤrſtin auf ihn gerichtet, als ſie ſchweigend 278 durch das Zimmer ſchritt, hatte er nur nieder⸗ beugendes Nitleid geſehen. Aber in den abge⸗ riſſenen Worten, die ſie aus dem Wagen an ihn richtete, erkannte er die Spur eines zaͤrtli⸗ cheren Gefuͤhls wieder. Warten Sie! Dies einzige Wort reichte hin, um ihn wieder an das Leben zu ketten; dies war ihm ein Aufruf zum Leben; dies war ihm Kunde„daß Charlottens Herz unter dem ſchrecklichſten Schlag, den ſie ertragen, nicht aufgehoͤrt hatte, fur Liebe zu ſchlagen. Er zog aus ſeinem Buſen den ſtarken Brief, und redete ihn an: „Du biſt es alſo, Papier, das das furcht⸗ bare Geheimniß meines Lebens enthaͤlt. Mit dem Blute des Weſens biſt du gefaͤrbt, fuͤr das ich das meinige gern bis zum letzten Tropfen ver⸗ gieſſen wͤrde. Von Schmerz und Freundſchaft geheiligtes Pfand, das meine Wuͤnſche erfuͤllte, o wie du jetzt meine Seele verwirrſt! Ein Mei⸗ ſterſtuͤck der Schoͤpfung haſt du jetzt zu Boden geworfen, den edelſten Muth haſt du niederge⸗ druͤckt; dein Anblick zerreißt mich, und ſo grau⸗ ſam du auch gegen eine anbetungswerthe Frau geweſen biſt, wie theuer biſt du mir dennoch in dieſem Trauergewande geworden?“ 279 „Ungluͤckliches Verhaͤngniß, wenn es jemals ein ſolches gab! Wer zwang mich das theuerſte Weſen auf der Welt zu verwunden und mit Abſcheu gegen mich zu erfuͤllen? Wer zwang mich, Worte der Trennung auszuſprechen, als keine Stimme mich verrathen konnte, als mir das Grab ſelbſt ein unverletzbares Schweigen gelobte? Wer verhinderte mich, dich, Engel an Schoͤnheit zu begluͤcken und ſelbſt durch dich glucklich zn werden? Sollte ich mir eine falſche Moral gebildet haben? Habe ich nicht gefehlt, da ich in meine Handlungen eine Ueberſpannung der Grundſatze legte, die die Ehre nicht ver⸗ langte? O Tugend, wie theuer wuͤrdeſt du mir zu ſtehen kommen und wie unwuͤrdig wuͤrdeſt du mich dann getaͤuſcht haben! Schuldig gegen mich ſelbſt, wuͤrde ich es noch weit mehr gegen dich ſein, Charlotte, die du dich mit der ſuͤßen Hingebung der Unſchuld in meine Arme warfſt! Nicht zufrieden, mein Gluͤck mit Fuͤßen zu tre⸗ ten, wuͤrde ich noch mit dem deinigen mein Spiel getrieben haben! Hatte ich dazu ein Recht? Aber in dem Herzen, von Erſcheinungen und Schreckbildern erfuͤllt, wirſt du geleſen haben⸗ in dieſem Herzen, o geliebteſte der Frauen, worin du noch herrſcheſt. Du kannſt dich von 280 mir losreißen, aber mich nicht verachten, denn ich habe zu viel geopfert(und du weißt es ſo gut als ich), um von dir verachtet werden zu koͤnnen!“ In Styndalls Meinung ſchleppten ſich die Stunden nur ſehr traͤge fort, ſtatt ihren ge⸗ woͤhnlichen Lauf zu verfolgen. Er hatte Pferde und Reiſewagen aufſagen laſſen. Ein ſtrenger Befehl hatte ihm aufgegeben, in Wien zu blei⸗ ben.„Warten Sie!« Dies magiſche Wort machte allein ein ganzes Geſetz aus. Er hatte es gehoͤrt, er mußte ihm gehorchen! Auf dem Sofa, wo Charlotte ſo entſetzliche Augenblicke zugebracht hatte, ſchlief der Gentleman vor Mudigkeit ein. Er fuͤhlte ſie wieder, als wenn ſie ihn ſelbſt betroffen haͤtten. Gern haͤtte er ſie ſich vergegenwaͤrtigt, als er bieſe Stelle einnahm; es war fuͤr ihn eine ſchmerzliche Wolluſt. Um ein Uhr des folgenden Tages erhielt er folgenden Brief: „Augarten am Morgen. Alles habe ich geleſen; ich bin bis zu Ihrer letzten Zeile gekommen. Sie ſind ein Mann von Ehre, ein rechtſchaffener Mann; denn Sie koͤn⸗ nen ſchweigen. Unter Tauſenden iſt nicht Einer, 281 der das gethan haͤtte. Vielleicht haͤtte ich es ſelbſt gewuͤnſcht, als mir der Stich durch das Herz ging. Aber verzeihen Sie mir, theurer Freund, dieſen Augenblick der Schwaͤche. Ich habe mich Ihrer wuͤrdig wieder emporgerichtet. Ja, ich habe es, das erklaͤre ich Ihnen vor Gott, der mich hoͤrt; jetzt weis ich es Ihnen Dank, mir Alles entdeckt zu haben! Und das iſt noch ein Anſpruch mehr auf meine Hochachtung, ja ich ſage, auf meine Liebe! Styndall, ich be⸗ fehle Ihnen, Alles zu vergeſſen, wie ich Alles vergeſſen habe! Ich befehle Ihnen, nie zu mir uͤber das zu ſprechen oder zu ſchreiben, was ich geſtern Abend geleſen habe. Ich verbiete Ihnen auch die entfernteſten Anſpielungen auf dieſen Abend! Er iſt nicht mehr vorhanden, er iſt fuͤr mich niemals vorhanden geweſen! Sie haben ſich Ihres Briefes wieder bemaͤchtigt; ich weis es, weil ich ihn nicht mehr im Kabinet neben mir fand, als meine Sinne wiederkehrten. Er iſt mein. Theuer genug habe ich ihn be⸗ zahlt. Ich will, daß er mit dieſem meinem Billet verbrennt wird! Das befehle ich Ihnen ausdruͤcklich an. Da ich auf einige heftige Worte Ihres Ge⸗ ſpraͤchs mit dem Varon von Sperges, die zu 282 mir drangen, nur ſehr wenig aufmerkſam war, ſo wuͤrden ſie wahrſcheinlich meinem Gedaͤchtniß ganz entſchwunden ſein, wenn dieſer ehrenwerthe Freund nicht dieſen Morgen um elf Uhr in der Meinung, ich habe die Nacht auf dem Balle der Fuͤrſtin von Lichtenſtein zugebracht, mit dem Wunſche bei mir erſchienen waͤre, mir ſeine Beſchwerden gegen Sie zu klagen. Ich unter⸗ brach ihn nicht in ſeiner Erzaͤhlung. Wundern Sie ſich nicht, Friedrich: ich laͤchelte uͤber den Verdruß des herrlichen Mannes, und da ich merkte, wie unleidlich ihm meine Unglaͤubigkeit war und daß er die Geduld verlor, was bei dem Baron, wie Sie wiſſen, ſelten vorkommt, ſagte ich ihm:„Mein lieber Baron, vor Ihnen habe ich kein Geheimniß. Schon lange ſchaͤtzen wir uns und in dieſem Umſtande haben Sie mir einen ſehr ſtarken Beweiß Ihrer zaͤrtlichen Anhaͤnglichkeit gegeben, daß ich Sie nicht als den beſten meiner Freunde behandeln ſollte.“ Dann fügte ich hinzu:„Kennen Sie dieſen Mantel? Betrachten Sie ihn wohl! Erinnern Sie ſich nicht, ihn irgendwo geſehen zu haben?“ Und damit hob ich ihn mit einer Hand auf, denn auf meiner Ottomane ruhend hatte ich mir die Fuͤße damit bedeckt. Der gute Edelmann erroͤthete, ſtammelte und befuͤrchtete eine Muthmaßung zu hegen, die mir mißfallen koͤnnte. Auch machte ich ſeiner Verlegenheit bald ein Ende, die die Baronin und mich ſehr beluſtigte; denn dies Alles trug ſich in Eliſas Gegenwart zu, die ich mit Allem bekannt ge⸗ macht hatte, was der Baron erfahren ſollte, ſo daß Beide jetzt ſo viel wiſſen, als Sidonie ſelbſt. Dann fuhr ich abermals fort: „Mein lieber Baron, laſſen Sie Ihren Zorn fahren, am wenigſten hegen Sie einen Groll auf den armen Styndall! Bitten Sie ihn viel⸗ mehr um Verzeihung, daß Sie einen ſo unwuͤr⸗ digen Verdacht auf ihn gehabt haben. Denn als ich auf der Treppe eine fremde Stimme zu hoͤren glaubte, fluͤchtete ich mich ſelbſt in jenes Kabinet. Wohl war es dieſer mein eigner Mantel, der auf dem Sopha lag, waͤhrend Sie nach Ihren Kraͤften den Gentleman angingen, der ſeiner Seits aus Ruͤckſicht fuͤr mich, Sie weit weg wuͤnſchte, vorzuͤglich als mein Stuhl auf dem Boden hinſchurrte und ich einen Fall that, den ich, wie ich hoffe, in zwei Tagen verſchmerzt haben werde. „Ich verſichere Sie, Styndall, daß der Praͤ⸗ ſident der Akademie der Reichen ſchon heut 284 Morgen wieder in Ihrer Gnade zu ſein wuͤnſcht und Sie bitten will, ſeine Unbeſonnenheit zu vergeſſen. Niemals, ſagte er, habe er ſich in einem ſolch gewaltſamen Zuſtand befunden und er kann ſeine Schuld gegen Sie gar nicht groß genug finden. Seiner Erzaͤhlung nach meint er aber doch, wenn ihn ſein Gedaͤchtniß nicht ganz truͤge, ſei Ihre Erregtheit eben ſo groß als die ſeinige geweſen, vorzuͤglich in dem Au⸗ genblick, wo ſie ihn bei den Schultern gefaßt und zur Thuͤr hinaus geſchoben haͤtten. Doch habe ich ihn gebeten, ſeinen Beſuch bei Ihnen aufzuſchieben; da Ihre Vergehen gegen einan⸗ der gleich ſeyen, ſollten Sie ſich beide die Haͤnde in meiner Gegenwart im Angarten reichen, mor⸗ gen oder einen Tag der folgende Woche: ſo erſpare ich, mein lieber Freund, für diesmal Ihrem kriegeriſchen Sinne ein Duell. Aber vergeſſen werde ich doch nicht, daß mir der tyroler Edelmann etwas boshaft ſagte:„Um Ihren Proceß zu fuͤhren, konnte Ihre Hoheit keinen beſſern Advokaten waͤhlen, als ſich ſelbſt, wenn wir den Gentleman in Wien zuruckhalten wollen.“ Ihnen, mein Friedrich, uͤberlaſſe ich die Entſcheidung der Frage, ob er ſich dadurch an Ihnen oder an mir raͤchen wollte. Nun 285 war die Reihe an mir, verlegen zu ſein, und ich antwortete ihm, nicht ohne die Augen nieder zu ſchlagen, daß Sie Ihre Abreiſe verſchieben wuͤrden. Ich ſchmeichle mir, daß Sie meine Eigenliebe ſchonen und ſie nicht luͤgen ſtrafen werden. Sie ſehen an der Laͤnge meines Briefes, daß es mein linker Arm iſt, der von Ihren ſchoͤnen Porcellantaſſen leicht verwundet wurde. Vielleicht ſind Sie verſucht, mich wegen Scha⸗ denerſatzes fuͤr ihren zerſchmetterten Theetiſch gerichtlich zu belangen. Aber nein, Styndall. Fuͤr uns giebt es, wie ich ſchon oben bemerkte, einen Tag weniger im Monat Juli des Jahrs 1768, und das iſt gerade der, wo ich mich die⸗ ſes Schadens ſchuldig machte. Ich nehme des⸗ halb Amneſtie in Anſpruch. Da ich inzwiſchen den Verluſt, welchen ich Ihnen geſtern zugefugt, nach Kraͤften wieder zu erſetzen wuͤnſche, ſo fuͤge ich Gegenwaͤrtigem das Geſchenk eines goldenen Rings zu; er iſt die Haͤlfte eines andern, den ich an meinem Finger trage. Mein Kopf iſt noch ein wenig ſchwach; kommen Sie erſt morgen. Ich liebe, ich ver⸗ ehre Sie noch mehr, Friedrich. Dies iſt das letzte Mal, daß ich es Ihnen ſage. In der 286 Folge werde ich Sie wie meines Gleichen be⸗ handeln. Doch wird die Humanitaͤt niemals ſich hoͤher erheben, als bei meinem Freund; glauben Sie dies der Ausſage Ihrer Charlotte, Fuͤrſtin von Oedenburg.“ Dieſer Brief empfing Styndalls Huldigung, wie Alles, was aus Charlottens Haͤnden kam. Er war auch deren werth. Wenn er auch Friedrichs Liebe nicht vergroͤßerte, ſo beguͤn⸗ ſtigte er doch den Aufflug und die Entwicke⸗ lung derſelben. Welcher Mann hatte jemals die Neigung einer Frau auf eine ſo harte Probe geſtellt, und welche Frau hatte ſie jemals mit gleichem Edelſinn und Charakterfeſtigkeit beſtan⸗ den? Wie ſuͤß war es, ſo geliebt zu ſein! Welche zarte Guͤte fuͤr den Gentleman in der Art den Baron von Sperges zu enttaͤu⸗ ſchen und welche Grazie in der Art, es ihm zu ſagen! Die Fuͤrſtin opfert faſt ihren guten Ruf dem ihres Freundes und ſie ſcheint es ſelbſt nicht zu bemerken; rein wie die Engel fuͤhlt ſie, daß kein Argwohn ſie beflecken koͤnne! Und wirklich fanden weder die Baronin von 287 Stein, noch Fraͤulein Hubert, noch der ehrbare Edelmann etwas Auſſerordentliches darin, daß ſie in eigener Perſon ſich von der uUrſache uͤber⸗ zeugen wollte, die den Englaͤnder beſtimmte, Oeſtreich zu verlaſſen, noch daß ſie ſich bemuͤht habe, ihm ein Hinderniß entgegen zu ſtellen. Der Praͤſident der Akademie fuhr nicht weniger fort, ſie mit Ehrfurcht zu betrachten, als er wußte, daß ſie um zehn Uhr Abends im Kabi⸗ net eines ihr theuren jungen Mannes einge⸗ ſchloſſen geweſen war. Er fragte ſich nicht einmal, warum ſie nicht darin verſteckt geblie⸗ ben ſei, da ſie ihn wohl erkannt hatte. Was er erfahren hatte, konnte man auch der Fuͤrſtin Eſterhazy, dem guten Duval, ſelbſt dem Abbe Metaſtaſio und dem franzoſiſchen Tanzkuͤnſtler ſagen, die ſich eben ſo wenig die geringſte, der Ehre der Fuͤrſtin nachtheilige Folgerung erlaubt haben wuͤrden. Ueberall hatte man ja einen ſichern Buͤrgen ihrer Tugend, der war ſie ſelbſt und das war auch genug.. Charlottens Befehle mußten inzwiſchen voll⸗ zogen werden; ſeufzend zuͤndete der Gentleman ein Licht an und vollendete das Opfer der bei⸗ den Briefe. Als die Flamme, die mit dem reinen, koſtba⸗ 288 ren Blute getraͤnkten Buchſtaben ergriff, erblich er. Ein ploͤtzlicher Gedanke verſenkte ihn in einen tiefen Schmerz; er vertrieb aus ſeinem Herzen die ſuͤße Zufriedenheit, die eben darin eingezogen war.„Wie!“ ſagte er zu ſich ſelbſt, „du bemerkſt nicht, daß du die Pfaͤnder deiner Liebe mit eigener Hand vernichten mußt, die deine Wuͤrde als Menſch vergroͤßert und ſie in deinen Augen erhebt? So wirſt du dein Leben elend zubringen, die Spuren deiner Schritte zu vernichten, dem Wilden gleich, der zittert, ſeine Spur moͤge ihn den Verfolgern verrathen. So groß iſt das Elend deiner jetzigen Lage, daß du das nicht bewahren kannſt, was einen unſchaͤtzbaren Werth fuͤr dich hat. Einen Au⸗ genblick haſt du waͤhnen koͤnnen, daß deine Pro⸗ ben nun vollendet ſeyen, daß du dich nun nur dem Entzuͤcken hingeben koͤnnteſt, daß der Him⸗ mel nun entwaffnet ſei. O dunkelhafteſter aller Menſchen, bekenne es, du haſt in deiner Wonne das Gluͤck einer Ehe erblickt, der zu entſagen, du ſelbſt geſchworen haſt. Schwacher, klein⸗ muͤthiger Geiſt, unentſchloſſener Menſch, beſinne dich! Iſt denn ein Geheimniß vernichtet, wenn es zwei Weſen kennen, die beſtimmt ſind, ſich taͤglich zu ſehen und eine Gemeinſchaft der 289 Intereſſen und zaͤrtlicher Mittheilungen zu bil⸗ den? Lebt es nicht ganz in jedem Einzelnen? .. Heute biſt du der Fuͤrſtin theuer; du wirſt es morgen ſein, immer; es ſei! Aber da ſie dir ſagt, ſie habe Alles geleſen, Alles vergeſſen, da ſie dir befiehlt, ſelbſt Alles zu vergeſſen, verbietet ſie dir nicht jemals uͤber das mit ihr zu ſprechen, was ſie geſehen oder geleſen hat? Iſt ſie es nicht, die dir befiehlt ſowohl die Blaͤtter, die du ihren Blicken dar⸗ gelegt, den Flammen zu uͤbergeben, ſondern ſogar auch die, auf denen, ohne ein Wort, ein einziges Wort zu wiederholen, ſie dir gebietet ſie zu vernichten? Es liegt alſo etwas in dei⸗ nem Schickſal, das ſie zuruͤckſtoßt, etwas, wovor ihr Gedanke vor Schrecken zuruͤckſchaudert!... Und du ſollteſt auf ihre Vergeſſenheit rechnen! Armer Spielball eines armen Vernunftſchluſſes, ſiehſt du nicht, daß du den guten Katholiken gleichſt, die einfaͤltig genug vorausſetzen, wenn ſie ihrem Pfaffen ihre ganze Seele enthuͤllt haben, daß dieſer nichts davon in ſeinem Ge⸗ daͤchtniſſe behaͤlt? Wie ſie, ergehe dich, ſetze dich zur Tafel, gib dich den Zerſtreuungen des Lebens hin, geh freundſchaftlich mit dem Mit⸗ wiſſer deiner tiefſten Geheimniſſe um! Wie ſie, III. 19 290 rechne auf ein Wunder der Vergeſſenheit, die durch dein Annaͤhern wieder angefriſcht wird! Mach Anſpruͤche auf Ruͤckſichten, fordere Ach⸗ tung, erhalte ſie, ohne Taͤuſchung von Seiten des Vertrauten darin zu argwohnen, der dich bis zum innerſten Mark durchdrungen hat!... Aber wenn dein Glaube nicht ſtark genug iſt, um dir eine ſolche Sicherheit einzufloͤſſen, ſo erſpare dir, erſpare Charlotten dieſe lange Luͤge! Ihr ſeid beide zu groß zu einer ſo elenden Rolle! Sie iſt eines Thrones wuͤrdig, du weißt es; reiße ſie in deinem Geiſte nicht herab und ver⸗ damme ſie zu einem Syſtem von Verſtellung; du biſt wuͤrdig, an ihrer Seite zu ſitzen; das hat auch ſie anerkannt. Bleibe in deiner Stel⸗ lung! Sei ferner, was du wahrhaft biſt; ſtelle dich nicht ſo weit herab, ſie, die dich mit Liebe berauſcht, ſogar zu beſitzen! Du haſt ſchon ihr Herz; erhalte mehr, der Augenblick naht, wo ſie dir einen Altar darin errichten wird! Suche ihn nur zu verdienen! Der Brautring iſt in deiner Hand, denke nur an die Pflichten, die er dir auflegt!“ Dies waren die Gedanken, die Friedrich beſtuͤrmten und feinblich gegen einander gerich⸗ tet ſeine Seele qualten, ſo wie die ſchaͤumenden 294 Wellen von zwei gegen einander kaͤmpfenden Winden gepeitſcht, das ſchwanke Schiff von beiden Seiten anſtuͤrmen. In weniger als zwei Stunden war der Gentleman von der Trun⸗ kenheit des Beſitzes zum graͤßlichſten Kampf der Verzweiflung und bon dieſem zum reinſten Genuß der Tugend uͤbergegangen. In dieſen verſchiedenen Empfindungen hatte ſelbſt ein edler Stolz ſeine Stelle gefunden. Sein Kopf brannte. Er brach auf und ſtreifte in das Feld hinaus, ungewiß, nicht uͤber den Entſchluß⸗ den er gefaßt, ſondern uͤber die zu waͤhlenden Mittel, ihn auszufuͤhren, denn ein großer, edel⸗ muͤthiger Gedanke gaͤhrte in ſeinem Buſen. Es galt jetzt nicht mehr abzureiſen, ſondern die Ruhe einer Frau, die ihn ausgezeichnet hatte, dadurch fuͤr immer feſtzuſtellen, daß er aus einer verwirrten Lage heraus trete, wohin ihn eine durch Entgegnung wieder vergoltene Lei⸗ denſchaft geſchleudert hatte. Er gab den Befehl, die Waͤſche wieder in die Commode zu legen, ſo wie die andern zur Reiſe beſtimmten Gegenſtaͤnde wieder auszupak⸗ ken. Die Vorbereitungen zur Reiſe waren zur groͤßten Zufriedenheit der Diener Styndalls bald verſchwunden. Ziemlich ſpaͤt kehrte er . 16 292 nach Hauſe zuruͤck, mehr als je in ſeinen Ent⸗ ſchluͤſſen befeſtigt, aber ohne den Schluͤſſel ge⸗ funden zu haben, der ihn zur Ausführung der⸗ ſelben fuͤhren ſollte. Tom glaubte, als er ihn bei Tiſche bediente, ihm eine Vermuthung mit⸗ theilen zu muͤſſen, auf die er großes Gewicht legte. Der Diener hatte naͤmlich auf dem Ruͤckweg von der Jaͤgerzeile, wohin er dem Gaͤrtner Dietrich Befehle gebracht hatte, in dieſer Vorſtadt einen Fremden von einer auf⸗ fallenden Aehnlichkeit mit dem Italiener Fra⸗ tello bemerkt. Anfangs ſchrieb er dieſe ver⸗ meinte Aehnlichkeit einem bloſſen Zufall oder einer Taͤuſchung zu. Da er ſich aber des To⸗ des des Ritters von St. Yvon und der Abreiſe ſeiner Wittwe nach England erinnerte, welche Nachricht ihm Styndall mitgetheilt hatte, ſo wurde er unruhig. Die Idee dieſes gefaͤhrli⸗ chen Menſchen wich nicht aus ſeiner Seele und da ſeine Vermuthungen faſt zur Gewißheit ge⸗ worden waren, theilte er ſie ſeinem Herrn mit. Bei dem Namen Fratello erwachte dieſer aus ſeinen Traͤumereien, in die er verſenkt war. Den Meldungen zu Folge, die ihm Emma Riverß gemacht, uͤberzeugte er ſich leicht, daß dieſer Boͤſewicht nur mit ſtraͤflichen Abſichten nach 293 Heſtreich gekommen ſei. Die Raͤhe eines ſol⸗ chen Menſchen erſchreckte ihn nicht; im Gegen⸗ theil faßte er die Hoffnung, ihn zu ſeinen Ab⸗ ſichten zu gebrauchen. Ein Strahl von Freude glaͤnzte in Styndalls Augen, und er trug Tom auf, gleich den folgenden Tag dieſen Menſchen aufzuſpuͤren. Seine Nachforſchungen ſollten ſich jedoch blos auf die Kenntniß ſeiner Woh⸗ nung beſchraͤnken. Tom hielt ſich ganz zur Ausfuͤhrung dieſes Auftrags bereit. Mit Tages Anbruch ſtreifte er durch die verſchiedenen Stadtviertel, wo Leute die⸗ ſer Art zu wohnen pflegen. Sein Forſchungs⸗ eifer war um ſo lebhafter, als er, wenn die Gegenwart des ſchaͤndlichen Italieners in Wien wirklich ſtatt finde, ſich von dem Beiſtande des Barons von Holger und im Einverſtaͤndniſſe mit dem Fuͤrſten Eſterhazy einen Sequeſtera⸗ tions⸗Befehl der hohen Polizei oder eine Ver⸗ weiſung gegen einen Menſchen verſprach, von dem man nichts gutes zu erwarten hat. Styn⸗ dalls Anſichten waren nicht ganz dieſelben. 35. Obgleich die Fuͤrſtin von Oedenburg ſchon am Morgen an Styndall geſchrieben hatte, ſo 204 war ihre phyſiſche Veſchaffenheit von den Vor⸗ faͤllen der vergangenen Nacht nicht weniger als noch ſehr erſchuͤttert; ihre Seele hatte einen ſolchen Schlag nicht ertragen koͤnnen, ohne daß ihre QOrgane nicht die Ruͤckwirkung derſelben empfunden haͤtten. Ein heftiges Fieber machte ſie anfangs aller Ueberlegung unfaͤhig, dieſem folgte ein Streit zwiſchen ihrem Herzen und den conventionellen Ideen auf die ein Theil des geſellſchaftlichen Syſtems geſtutzt iſt; dies war nur der Uebergang von einem Paroxismus zum andern. Rach einer unruhigen Nacht, in der Charlotte kein Auge geſchloſſen, blieb ſie bei einem Entſchluß ſtehen, den ihr weniger die Leidenſchaft eingab, als vielleicht ihre in der Schule der Herrnhuͤter erworbene Grundſatze. Hier leuchtete der Einfluß der erſten Erziehung deutlich hervor, wenn die ihr anvertrauten Cha⸗ raktere feſt und energiſch ſind. Durch einen natuͤrlichen Zufammenhang ihrer Ideen mußte ſich der Englaͤnder, der aus dieſem Kampfe als Sieger hervorgegangen war, dem Geiſte der Fuͤrſtin in demſelben Zuſtande darſtellen, worin ſie ihn Abends vorher verlaſſen hatte. Als die Fuͤrſtin den Beſuch Styndalls noch um einen Tag hinaus ſchob, hatte ſie blos 4 ¹ 295 Kopfſchmerz vorgegeben und ihre Qualen der verfloſſenen Nacht, ſo wie die des gegenwaͤrti⸗ gen Augenblickes verhehlt. Friedrich wurde durch dieſe feine Zuruckhaltung keineswegs ge⸗ taͤuſcht: und dennoch war dies mehr, als er ſich nach einem Sturme verſprach, der ihn ſelbſt niedergeſchmettert hatte, da er ſein Nachdenken auf einen wichtigen Punkt richten mußte, der ſeinem Forſchen lange entgangen war, ſo ſchickte er ſich zum Ausgehen an, wie er Abends vor⸗ her gethan hatte, in der Hoffnung, daß ein Spaziergang in freier Luft einiges Licht in ſeinen Geiſt gieſſen wuͤrde. In demſelben Au⸗ genblick trat Tom Sylcock vor ihn mit dem Ausdruck des Entſetzens in ſeinen Zuͤgen. Der ehrliche Kammerdiener traͤufte von Schweiß. Aus ſeinem Bericht ergab ſich, daß er den gan⸗ zen Morgen herumgelaufen war, ohne guͤnſtige Nachrichten zu erhalten. Keuchend meldete Tom ſeinem Herrn, daß Fratello wohl in Wien ſei, weil er, trotz ſeinen auffallenden Veraͤnderung in der Tracht, von dem gnaͤdigen Herrn erkannt worden ſei, bei dem er im vorigen Jahre unter dem Schutze des Ritters von St. Pvon ge⸗ wohnt habe; daß er ſich aber in eine ohne Zweifel wegen ſeiner treuloſen Abſichten wohl⸗ 296 wohlberechnete Dunkelheit einhuͤlle. Tom wagte wenigſtens hinſichtlich ſeiner ſolche Muthmaſ⸗ ſungen; in der That, als ſein alter Wirth ihn angeredet, war er den Fragen deſſelben ausge⸗ wichen und hatte den guten Buͤrger der Joſeph⸗ ſtadt veraͤchtlich behandelt. Der Letztere war dadurch, ſeiner eigenen Erzaͤhlung nach, durch die ungewoͤhnliche Unverſchaͤmtheit verdutzt, ei⸗ nige Zeit uͤber der Identitaͤt der Perſon zwei⸗ felhaft geweſen; aber der italieniſche Accent des Abentheurers hatte die Verſchlagenheit deſſelben bald verrathen. Tom hatte den Muth nicht verloren, rieth ſeinem Herrn angelegentlichſt auf ſeiner Hut zu ſein und ſetzte dann, wie ihm anbefohlen war, ſeine Nachforſchungen fort. Styndall aber gab ſeinen fruͤhern Vorſatz, noch über den Wall hinaus ſpazieren zu gehen, auf, und eilte vielmehr in ſeinen Garten, den er ſeit acht Tagen nicht betreten hatte. Ein leiſes Bangen trieb ihn auf den Huͤgel, von dem man in daͤmmernder Entfernung die Leopoldsſtadt ſah. Hier meinte er, Charlotten in der Entfernung zu ſehen; denn in ſeinem Kabinet, deſſen Fuß⸗ boden ſie mit ihrem Blute gefaͤrbt und deſſen Wand ſie mit ihrem Haupte beruͤhrt hatte, war 205 ſie ihm gegenwaͤrtig! Er ließ ſich auf einer Bank nieder, in gerader Richtung nach dem Palaſt von Oedenburg und dachte abwechſelnd an die holde Frau, die unter jenem Dache ath⸗ mete, das ihm ſelbſt einſt ein Aſil geboten, und fuͤr ſeine Lage einen wuͤnſchenswerthen Ausgang ſuchte, den er trotz des wiederholten Raths ſeiner Freunde noch immer nicht entdeckte. Dar⸗ uͤber hatte er die Stunde der Mahlzeit vergeſſen. Da es ſpaͤt wurde, kam Tom ihn zu erinnern. Dies Mal hatte er beſtimmte Nachrichten uͤber Fratello. Der kluge Diener war wieder in die Joſeph⸗ ſtadt gegangen, wo ihn der gnaͤdige Herr aber⸗ mals verſicherte, daß ſich der Italiener in Wien verſteckt aufhalte. Dadurch wurde er noch mehr von der Nothwendigkeit uͤberzeugt, ihn aufzu⸗ ſpuͤren. Mit dieſer Abſicht durchſuchte er bis zum Abend die verſchiedenen Gaſthaͤuſer. Seine fruchtloſen Nachſuchungen fuͤhrten ihn endlich mitten in die innere Stadt. Als er uͤber den Platz am Hof ging, blieb er ploͤtzlich faſt ma⸗ ſchinenmaͤßig vor der Bude eines Troͤdlers ſtehen. Verſchiedene Kleider, nach ihrer Beſtimmung geſondert, die faſt alle Hanthierungen und alle Laͤnder Europas repraͤſentirten, hingen an den 298 Waͤnden des Kramladens. Unter der Zahl dieſer Gewaͤnder, wo der Rabbi wie der Be⸗ wohner des Bosphorus ihre eigne Tracht finden konnten, hing ein gruͤner Tuchmantel, deſſen ſonſt vergoldete Treſſen kupferfarbig zu werden begonnen. Bei Menſchen, die mit einer fixen Idee umgehen, werden oft durch den kleinſten Zufall leicht Erinnerungen, die ihnen entſpre⸗ chen, geweckt; Tom, der einen Mantel von gleichem Tuch in dem Zimmer des Ritters von St. Ypon geſehen hatte, glaubte ſich eine Frage erlauben zu duͤrfen. Der Troͤdler verweigerte in der Meinung, daß er einen Handel machen konne, die Antwort nicht. Er war um ſo wil⸗ liger mit ſeinen Erklaͤrungen, als er mit Eng⸗ laͤndern zu handeln gewohnt war, und berich⸗ tete dem treuen Diener, daß er das Kleidungs⸗ ſtuͤck eingetauſcht, und der Edelmann, dem es gehoͤrt habe, ſei mit einem blauen Mantel da⸗ von gegangen und habe den ſeinigen mit zehn Gulden zuruͤckgelaſſen.„Und deshalb,“ fügte der Troͤdler hinzu, kann ich das Stuͤck billig laſſen. Sie haben auch nicht zu befuͤrchten, daß ein Bewohner von Ober⸗ oder NRiederoͤſter⸗ reich Ihnen jemals den Vorwurf macht, in ſeine Huͤlle gekleidet zu ſein, denn der ehemalige 299 Beſitzer dieſes Mantels iſt ein Fremder und hat den Vorſatz Wien ſogleich zu verlaſſen, ſobald er eine wichtige Sache abgemacht hat. Vielleicht iſt er jetzt ſchon fort.“ „Und wie wiſſen Sie das?“ fragte Tom. „Weil er es mir ſelbſt geſagt hat,“ ent⸗ gegnete der Troͤdler. „Es iſt moͤglich, daß der Edelmann und ich uns einander ſuchen,“ verſetzte der Kammer⸗ diener. Zum Beweis dieſer Ausſage bezeichnete er das Signalement des Italieners ſo genau, daß der Kleiderhaͤndler an der Wahrheit deſſelben nicht zweifeln konnte. Auch ſetzte er ſchnell hinzu: „Sie moͤgen den Mantel kaufen oder nicht, mein Freund, ſo kann ich Ihnen doch die Adreſſe des Edelmanns geben, von dem er ſtammt. Er wohnt zwei Straßen von hier in dem kleinen Gaſthof, der Prinz Eugen genannt. Mein aͤlteſter Sohn Karl kann Sie hinbegleiten; denn da der Fremde in die Zahlung ein franzoͤ⸗ ſiſches Geldſtuͤck gemiſcht hatte, woran ich we⸗ nigſtens einen halben Gulden einbuͤßen muͤßte, ſchickte ich meinen Jungen nach, der ihn auf dem Judenplatz wieder antraf. Karl iſt geſcheid. 300 In unſerm Stand darf der Gewinn nicht blind machen, und es iſt gut, wenn man den Kaͤufer und den Verkaͤufer kennt. Der Junge blieb einige Augenblicke im Winkel der Straße ſtehen, als er von dem Signor abgefertigt war, und ſah ihn in den kleinen Gaſthof eintreten, den ich Ihnen bezeichnete; gleich darauf kammn er ohne den neuen Mantel wieder heraus. Wahrſchein⸗ lich hat er ſich deſſen entledigt, da die Hitze ſeit einigen Tagen ſo druͤckend iſt.« Dies war fuͤr Sylcock genug. Er theilte einige Kreutzer unter die Kinder in der Bude und empfahl ſich mit der Abſicht, uͤber den Judenplatz zu gehen, obgleich er dadurch Wieden im Ruͤcken behielt. Aber ſeine Muͤhe blieb nicht unbelohnt; denn er gewahrte Signor Fratello in aufgeſtuͤlptem Hut mit einer gewiſſen Heimlichkeit aus dem bezeichneten Hauſe treten und ſeinen Weg nach dem Viertel der Stadt nehmen, das uͤber die Leopoldſtaͤdter Brucke nach dem Prater fuͤhrt. Der blaue Mantel hing auf ſeinen Schultern, obgleich der Ther⸗ mometer auf drei und zwanzig Grad ſtand. Styndall unterbrach ſeinen Diener waͤhrend dieſer Erzaͤhlung auch nicht ein einziges Mal; ia er ſchien ihn mit Wohlgefallen anzuhören, und als Tom fertig war, gab er ihm durch einige freundliche Worte ſeine Zufriedenheit uͤber die Nachricht zu erkennen. Da er dieſe Aus⸗ zeichnung ſeines Herrn genoß, bemuͤhten ſich die andern Diener um ein noch groͤßeres Wohl⸗ wollen; aber dies ruͤhrte den jungen Sylcock ſehr wenig. Sein einziger Wunſch war, ein Leben vor Gefahren zu ſchuͤtzen, an deſſen Er⸗ haltung das Gluͤck mehrerer Weſen geknuͤpft war und der Wohlthaͤter ſeiner Mutter erſchien ihm ſtets unter dem Bilde eines Vaters. Die erhaltene Nachricht hatte auf Friedrichs Gemuͤth einen direkten Einfluß; er fuͤhlte ſich ploͤtzlich von einer Ruhe durchdrungen, die er ſeit acht und vierzig Stunden nicht mehr gekannt hatte. Er ſpeiste mit einer gewiſſen Heiterkeit und legte Tom hinſichtlich Fratellos große Ver⸗ ſchwiegenheit auf; auch verbot er ihm einige Tage lang nicht in die innere Stadt zu gehen, und ſich vorzuͤglich nicht auf dem Judenplatz ſehen zu laſſen. Dieſe Einſchaͤrfungen waren um ſo mehr nach Toms Geſchmack, als ſie ihm von Seiten ſeines Herrn den Entſchluß zu erkennen gaben, ſich gegen die Schliche des Italieners zu ſichern. Auch ließ ſich der von ſeinem langen Umherlaufen ermudete Burſche ſelbſt die Gerechtigkeit wider⸗ fahren, mit der man ſich ſo ſüß dem Schlafe hingiebt, und ſah ohne Reue das Ende eines Tages herannahen, an dem er die Pflichten eines guten und treuen Dieners ſo ſchoͤn erfuͤllt hatte. Styndall brachte einen Theil des Abends mit Schreiben zu. Um zehn Uhr, als er vermuthete, daß Alles um ihn her ſchlafe, oͤffnete er einen Schubkaſten ſeines Sekretairs, nahm an Werth hundert Dukaten heraus und that ſie mit einer beſondern Beſtimmung in ein Etui. Er konnte die Summe in Gold nicht voll machen, ohne einen Wechsler aufzuſuchen, und da er nicht ſo ſpaͤt noch ausgehen wollte, ſah er ſich ge⸗ noͤthigt, ſie in Gulden voll zu machen. Aber das Paket wurde dadurch zu groß und er mußte zu einem etwas groͤßeren Käſtchen ſeine Zuflucht nehmen. In Ermangelung eines ſolchen warf er ſeine Blicke üͤberall ſpaͤhend umher. Ploͤtz⸗ lich gewahrte er auf einem Tiſchchen ſeines Kabi⸗ nets eine kleine laͤngliche Schachtel von Birkenholz, die er das Jahr vorher aus dem Palaſt von Dedenburg mitgenommen hatte. Sie ſchien ſeinen Abſichten zu entſprechen, nur mußte er den leer⸗ bleibenden Raum mit Papier ausfuͤllen. Er 303 eilte, dies zu bewerkſtelligen; ſie enthielt nur noch eine von den vier Flaſchen ungriſchen Waſſers, fur die ſie gemacht war; und auch dieſe einzige war faſt verdunſtet, und der Gentleman goß den Reſt in ſeine hohle Hand. Dies kaum noch duftende Waſſer, obgleich es von beſter Guͤte geweſen war, erweckte dennoch ſeine Geiſter wieder; wohl konnte auch ein tiefes Gefuͤhl die Wirkung deſſelben vermehren. Er verſetzte ſich in Gedanken in den Zeitpunkt ſeiner Geneſung und erinnerte ſich der Sorgen, die man im Au⸗ garten an ihn verwendet; dadurch wurde er ganz geruͤhrt. „Tage einer koſtbaren Unruhe,“ ſagte er zu ſich,„ihr ſeid ſchon lange voruͤber! Die Liebe, die ihr erzeugtet, iſt euch nachgefolgt. Meine Gluckſeligkeit hat ihren Gipfel erreicht; nun muß ſie abwaͤrts ſteigen. Feſt muß ich ſie halten, ſonſt gleicht ſie dieſem Waſſer, das einen ſchwachen Theil ſeines ſuͤßen Geruchs behal⸗ ten hat; denn ſo iſt ja immer des Menſchen beſtes Geſchick!“ Und er ſchluͤrfte noch den letzten dem Flaͤſchchen entſtroͤmten Duft. Charlottens reines holdes Bild ſchwebte vor ſeinen Augen voruͤber. Bald ſah er ſie ſo, wie ſie ihm an dem Tage in leichtem Morgenanzug erſchien, 304 als er wieder geneſend nach Hauſe zuruͤckkeh⸗ ren wollte; bald in dem Glanze des Ballan⸗ zugs, ſo wie ſie gleich ſchoͤn an Liebe als Reizen nach Wieden kam, ſich mit flehender Stimme einer zweiten Abreiſe zu widerſetzen. Nicht allein dieſe kleine birkene Schachtel, das Pfand einer zaͤrtlichen Fuͤrſorge erweckte des Gentlemans Phantaſie, ſondern auch ein verwelktes Veilchen⸗ ſtraͤußchen, das er in der Hand hielt und das zwei Tage zuvor nach der Ohnmacht der Fuͤr⸗ ſtin in ſeinem Kabinet gefunden worden war. Ohne von dem Wohlgeruch Gebrauch zu machen, war es doch Styndall nicht unlieb, ihm bei Gelegenheit zu begegnen. Er billigte, daß die Frauen ſich deſſen maͤßig bedienten, und er ſprach um ſo ſchoͤner zu ihm, wenn er ihm die Naͤhe des bezaubernden Weſens verkuͤndete. Dann hatte ſeine durchdringende Kraft einen Reiz fuͤr ihn, der mit den ſüßeſten Gefuͤhlen innig zuſammenhing. Voll von dieſem Gedan⸗ ken, nahm er eine Feder und warf unter einer neuen Form folgende Worte auf das Papier: „In duftiger Blumenhuͤlle feiert der Fruͤh⸗ ling das Feſt der Wiedergeburt der Pflanzen: ſo wird das Weib, als Mutter des Menſchen, in dem Alter, wo ihr die Natur die Sorge 305 uͤbertraͤgt, ihr wichtigſtes Werk fortzupflanzen, vom geheimen Inſtinkte getrieben, ſich mit ſuͤßen Duͤften zu umhuͤllen. Warum ſollte die liebliche Tochter des Himmels gleich den Blumen, die auch Toͤchter des Himmels und des Thaues ſind, nicht eine Wohlgeruͤche hauchende Athmos⸗ phaͤre um ſich erſchaffen? In allen Lebensal⸗ tern darf ſie ſich lieben laſſen, aber eins iſt vorzuͤglich, wo ſie durch holde Bezauberung unſerer Sinne auf ihre gewaltige Herrſchaft hindeutet. Virgil erzaͤhlt uns, daß Venus an dem Adel ihres Ganges als Goͤttin erkannt wurde*); doch das entzuͤckte nur die Augen; aber der Saͤnger ſagt auch, daß ſie in den Luͤften, wenn ſie ſich entfernte, die Spur herr⸗ licher Duͤfte zuruͤckließ; dies iſt dem Geruch⸗ ſinn Wonne, und durch dieſen erſten Pinſelſtrich muß vielleicht ein großer Kuͤnſtler die Gegen⸗ wart der Mutter der Liebe andeuten.**)ee *) Virg. Aeneid. lib. I. v. 405. Et vera incessu patuit dea. Und ganz Gottin erſchien in dem Gang ſie. Voß. **) Virg. Aeneid. lih. I. v. 403. Ambrosiumque comae divinum, vertice, odorem Spiravere... III. 20 306 An dieſe Bilder, voll Grazie und Friſche, reihten ſich in Styndalls Geiſte weit ernſtere Gedanken. Noch ein Mal ſog er den ſchwachen Duft der welken Veilchen ein, legte ſie dann in eine Kriſtallvaſe, die auf ſeinem Bureau ſtand, und beſchaͤftigte ſich, die Adreſſe der Fuͤrſtin von Hedenburg auf dem Schachteldeckel mit dem Federmeſſer zu vertilgen. Dann that er die hundert Dukaten hinein, die ſchon ihre Beſtimmung hatten. Ehe er die Schachtel ſchloß, legte er noch ein Billet hinein, das er mit ver⸗ ſtellter Hand geſchrieben hatte; hierauf ſchrieb er mit derſelben Sorge auf das Birkenholz: „An den Signor Fratello, im Gaſthof zum Prinzen Eugen auf dem Judenplatz.“ Das Jaͤſtchen wurde verbunden und mit einem einfachen Petſchaft verſiegelt. Da es noch nicht ſehr ſpaͤt war, ſo ſchrieb Styndall noch zwei Stunden lang Briefe und las noch einige Papiere durch. Darunter waren Briefe von der Füͤrſtin Charlotte; er preßte ſeine Lip⸗ pen darauf und legte ſich nieder. Die Ideen, Und ambroſiſchen Locken entathmete ſuͤß von dem Scheitel Goͤttlicher Duft... Voß neberſetzung. ——. 307 womit ſeine Einbildungskraft ſich genaͤhrt, kehr⸗ ten in ſeinen Traͤumen wieder. Eine phanta⸗ ſtiſche Miſchung von lieblichem Koſen und wil⸗ den Drohungen, von dufthauchendem Geſtraͤuch und treuloſem Hinterhalt, von Nymphen, die in eine mit Wohlgeruͤchen geſchwaͤngerte Wolke gehuͤllt mit leichten Fuͤßen kaum die Erde be⸗ ſtreiften, und von Schlangen, die aus Roſen⸗ buͤſchen hervor ihre giftigen Zungen ziſchen ließen. Mißvergnůgt uͤber dieſe ungeregelte Phan⸗ taſie verſprach ſich Styndall bei ſeinem Erwa⸗ chen, ſie in der folgenden Nacht zu entfernen. Charlottens Einladung zu Folge mußte er ſich ſchon fruͤh in die Leopoldſtadt begeben. Weit entfernt, ein Gefuͤhl von Zwang zu empfinden, als er in den Augarten eintrat, hatte er ſich vielmehr Charlotten nie mit mehr Vertrauen genaͤhert. Die ſeltne Frau reichte ihm freund⸗ ſchaftlich die Hand, doch nicht ohne Schuͤch⸗ ternheit des Blicks; bald aber beſchwichtigte ſie die Ruhe, die in des Gentlemans ganzem Weſen herrſchte, und die Feſtigkeit ſeiner Stimme. Die Fuͤrſtin hatte ſich noch immer nicht ganz von dem heftigem Schlage erholt, den ſie in Wieden empfangen; Friedrich wurde von dem Anblick des liebenswuͤrdigen Hauptes tief geruͤhrt, 20* 308 das ſanft auf die Seite geneigt war, wie die zarte Hyacinthe, die der Sonnenſtral zu heftig traf. Dieſem koͤſtlichen Hingeben folgte die ſuͤſ⸗ ſeſte Unterredung, in der ſich zwei Herzen ver⸗ ſtanden. Keine Schwuͤre der Liebe! Sie wä⸗ ren Zweifel uͤber eine Neigung geweſen, wo doch Jedes fuͤr das Andere ſtehen konnte. Die Feierlichkeiten zur heiligen Knuͤpfung des Ban⸗ des im Angeſicht des Himmels und der Men⸗ ſchen wurden auf den Abend des folgenden Tages verſchoben. Styndall verſprach um acht Uhr des Abends bei der Fuͤrſtin zu ſein; ge⸗ woͤhnlich kam er etwas ſpaͤter, gewoͤhnlich wenn er nicht im Palaſt von Hedenburg ſpeiste, eine Gunſt, die er dies Mal ausſchlug, indem er wichtige Geſchaͤfte vorgab. Als er ſich entfernt hatte, blieb Charlotte, des Vergnuͤgens ihn zu ſehn beraubt, einige Minuten lang nachdenkend ſitzen. Vergebens verſuchten die Bemerkungen ihrer Couſine ſie dieſem Rachdenken zu entreißen. Das Allein⸗ geſpraͤch der Baronin lief an einem weg wie die Rolle eines Schauſpielers, der von der Buͤhne laͤuft, ohne die gebuͤhrende Antwort abzuwar⸗ ten. Als Frau von Stein endlich wahrnahm, 309 daß ſie allein die Unterredung fuͤhrte, ſo rief ſie endlich die Fuͤrſtin an: „Geſtehen Sie nur, meine Theure, daß ich mich nicht taͤuſchte, als ich vom erſten Tag an, wo wir den Edelmann in den Palaſt fuͤhrten, behauptete, daß er ihnen naͤher angehoͤren wuͤrde? Alles an ſeiner Perſon von Kopf bis zum Fuße verrieth den Adel ſeines Urſprungs. Nach der Unterredung, die Sie in ſeinem Hauſe gehabt haben, wiſſen Sie ohne Zweifel nun, wie Sie mit ihm daran ſind, und ich hoffe, daß Sie ſich uͤber meine Prophezeihung nicht mehr be⸗ ſchweren werden!“ Eliſas Schweigen, nach einem ſo geiſtrei⸗ chen Einwurf, hatte eine Wirkung, die ſie durch fortgeſetztes Reden nicht erzielt haben wuͤrde. Charlotte erhob das Haupt und die Augen und antwortete mit einer finſtern Schwermuth: „Noch iſt dieſe Ehe nicht geſchloſſen!“ „Und wer hindert ſie,« fuhr die Baronin fort,„da Sie die Zuſtimmung der Kaiſerin haben? Ihr Beiſtand, wenn er noͤthig iſt, ent⸗ hebt Sie, den eines andern Herrſcherhauſes zu ſuchen..... Sie koͤnnen ſich ruͤhmen, den vollkommenſten Cavalier Europas gefeſſelt zu haben... Wird er den Litel eines Her⸗ 3¹0 zogs oder eines Füͤrſten annehmen? Dann wird ja wohl das Geheimniß bald weichen.« Charlottens Geſicht druckte ein gewiſſes Ent⸗ ſetzen aus, aber dieſes war voruͤbergehend, und die Fuͤrſtin erwiederte: „Dies bekuͤmmert uns wenig!. Was auch das Loos dieſer Vereinigung ſei, ſie wird unter ſehr traurigen Auſpicien geknuͤpft. In⸗ dem wir einen Verbrecher retteten, verſtanden ſich unſere Herzen und doch fuͤhle ich, daß nichts ſie zu trennen vermag. Sir Styndall und Charlotte von Hedenburg koͤnnen einander nicht mehr fremd ſein!.... In zwei Tagen muß ich die Antwort des guten Herbergs ha⸗ ben, viel hat ſich ereignet, ſeit ich ihm den letzten Brief ſchrieb... Es war gerade als ich Friedrich mit dem Ergebniß meines Beſuchs auf der Burg bekannt gemacht hatte, ich weiß nicht welche Ahnung mich quaͤlte, als ich die Feder nahm„ „Charlotte«, entgegnete Frau von Stein, „wie koͤnnen Sie mit Ihrem Geiſte ſo viel Vertrauen auf das Geſchwaͤtz dieſes Alten ſetzen! Nie hab' ich das begreifen koͤnnen. Es iſt recht uͤbel, daß die Schwachheit meiner Tante auf dem Gute Klattau, ihm erlaubte, ſich Ihnen zu 311 nahen. Ich wette, daß dies ſein letzter Brief iſt, der fortfaͤhrt, Ihnen unnoͤthige Bekuͤmmer⸗ niß zu machen. Sehen Sie, ob Ihr Braͤutigam gleiche Beſorgniſſe hegt. Sehen Sie, ob er, der oft Zerſtreuungen unterworfen iſt, jemals liebenswuͤrdiger und heiterer war als heute. Als eine Wittwe wie Sie, meine theure Cou⸗ ſine mit einigen Jahren weniger, haͤtte ich ihn Ihnen wahrſcheinlich ſtreitig gemacht und wir wuͤrden uns wahrſcheinlich die Thraͤnen erſpart haben, die Sie ſich beide umſonſt verurſachen!“ Mit dieſen Worten betrachtete die Baronin ihre beiden Haͤnde und legte eine auf die an⸗ dere auf eine faſt liebkoſende Weiſe. Ein zweites Lächeln ſtreifte die Lippen der Fuͤrſtin, dann fiel ſie wieder in tiefes Sinnen, aus dem der Ungeſtuͤm ihrer Couſine ſie vergeb⸗ lich zu wecken ſuchte. Von ihrem natuͤrlichen Scharfſinn unterſtuͤtzt, ſchoͤpfte Charlotte aus der Geiſtes Ruhe, die in den aͤußern Weſen des Gentleman waͤhrend ſeines Beſuchs gelegen hatte und ſelbſt aus der Anmuth, womit er die Unterredung verlaͤngert hatte, neuen Kummer. Dieſe Ruhe war umſonſt voll Wuͤrde und dieſe Anmuth zeigte ſich vergebens leicht, denn es war nicht weniger, daß man einen Stoff zur Ver⸗ wunderung haͤtte finden koͤnnen. Der Vorfall am Montag Abend haͤtte tiefere Spuren bei einem fuͤr Eindruͤcke ſo empfaͤnglichen Manne hinterlaſſen ſollen. Dachte man daran, ſo war es unmoͤglich, Styndalls jetziges Be⸗ tragen nach gewoͤhnlichen Regeln zu erklaͤren. Eine ſolch vollkommene Gleichmuth grenzte bei ihm an ein Phoͤnomen. Doch war der goldene Ring an ſeinem Finger und Charlotte hatte dieſe Bemerkung wohl gemacht. Was die Verwunderung der Fuͤrſtin erregte, hatte nur zu viel Recht auf ihre Aufmerk⸗ ſamkeit. Es war augenſcheinlich, daß der Eng⸗ laͤnder mit einem gewonnenen entſcheidenden Entſchluß den Sturm ſeiner Seele beſchwich⸗ tigt hatte. Ueberzeugt, daß ſein Leben nicht laͤnger dauern koͤnne, ohne dem Weſen zu ſcha⸗ den, das ihm auf der Welt am theuerſten war, oder ſeiner eignen Wuͤrde zu nahe zu treten, an der er nicht weniger hing, glaubte er ſich berechtigt, ihm ein Ziel zu ſetzen. In ſeiner Lehre mußten ſolche Fälle ſehr ſelten ſein; ſie erforderten unumgaͤnglich ein Zuſammentreffen ſolcher Umſtaͤnde, ſo daß in dieſem Zuſammen⸗ treffen die Stimme des Himmels ſelbſt zu ſpre⸗ chen ſchien. Wenn er ſelbſt die Grenze ſeines 313 Daſeins zog, ſo war es nicht eine Laſt, die er abzuwerfen trachtete, wie es bei allen der Fall iſt, die Hand an ihr Leben legen; denn zu kei⸗ ner Zeit hatte es fuͤr ihn mehr Reize gehabt. Aber die Enge, in die er ſelbſt das Ergebniß ſeiner Liebe getrieben hatte, ließ ihm nur dieſen einzigen Weg noch uͤbrig. Seiner Meinung nach waren eheliche Bande mit jeglicher Frau ihm unterſagt, mit der Fuͤrſtin von Hedenburg duͤnk⸗ ten ſie ihm ein Verbrechen. So, Charlottens Ring an der Hand, war es ihm weder erlaubt, ſie zu fliehen, noch ſie zaͤrtlich an ſeine Bruſt zu druͤcken. Es blieb ihm nichts als der Tod uͤbrig und ihm wollte er ſich kalt und beſonnen weihen. Lange dachte er erfolglos uͤber die Wahl der Mittel nach. Durch einen Streich auf ſich ſelbſt meinte er nicht allein ſein Andenken zu ſchmaͤhen, ſon⸗ dern die Laſt der Erniedrigung leuchtete ihm ein, die er auf das Haupt waͤlzen wuͤrde, das er mit Glanz umgeben wollte. Er war ſich der Rechte bewußt, die der Ehrfurcht und der Achtung gebuͤhren; ſie mußte er erhalten. Sein Leben vernichten war noch nicht alles, die Ehre zweier Weſen hatte auch ihre Anſpruͤche und er durfte Charlotten nicht dem Vorwurf ausſetzen, daß 314 ſie ihre Blicke auf einen Mann gerichtet, der ſich durch einen Selbſtmord ihrer unwuͤrdig bekannte. Nur dieſer Gedanke machte ihn zit⸗ tern, denn er war vollkommen uͤberzeugt, wenn auch die Stirn dieſer himmliſchen Frau mit Maria Thereſiens Diadem geſchmuͤckt ſei und irgend ein Sterblicher nach ihrem Beſitz trachte, daß er allein dieſer Sterbliche ſei, der als ſolcher ſie dem Uniberſum abgeſtritten hätte. Sonderbare peinliche Lage, unter allen die man haben kann! Von der Fuͤrſtin von Hedenburg wenigſtens wie einer ihres Gleichen von Ver⸗ dienſt anerkannt; gluͤhend vor Liebe fuͤr die, vor welcher die Anſpruͤche ſeines eignen Ge⸗ ſchlechts ſchwiegen; dem edelſten Herzen will⸗ kommen, von Tauſenden vorgezogen; ſo reich und vielleicht noch geachteter als irgend ein Edler der beiden Oeſtreiche, unvermoͤgend die Hand einer entzuͤckenden Frau anzunehmen, noch das Band derſelben zuruͤckzuweiſen; mit dem Rechte, die Luft zu athmen, welche ſie athmete, auch deſſen verluſtig, von ihr fern zu leben und zum Ueber⸗ maaß des Elends zu der grauſamen Unmoͤglich⸗ lichkeit gebracht, den Faden ſeines Lebens ſelbſt zu durchſchneiden, wenn er die auf ſeinen Geiſt almaͤlig wirkende Betrachtungen beruckſichti⸗ gen wollte, war er in eine unaufloͤsliche Verle⸗ genheit verſtrickt. Kein Lichtſtrahl erhellte dieſe dichte Finſterniß ſeiner Bruſt, nicht der geringſte Fingerzeig auf einen Ausgang! Da brachte Fra⸗ tellos ploͤtzliches Erſcheinen in Wien allen dieſen Verwirrungen ein Ende. Der Fremde war Rache gierig; der Himmel ſprach, er ſolle durch den Dolch dieſes Boͤſewichts fallen und unter ſeinen Streichen endigen! Die Freude des Englaͤnders hatte keinen andern Grund als Tom Sylcock die Entdeckung machte, daß er des Italieners Wohnung gefun⸗ den. In dem Augenblick war ſein Plan fertig, mit Feuer hing er ſich daran und weit entfernt vor dem Morde zuruͤckzuſchaudern, betrachtete er ihn vielmehr mit jener Seelenruhe, die alle wichtigen Handlungen ſeines Lebens leitete; ſein Muth widerſtrebte ſelbſt den Eindruͤcken einer zarten Empfindſamkeit. Und da Erinnerungen der Liebe ihn milderten, hoͤrte er doch nicht auf, maͤnnlich zu ſein. Zu derſelben Zeit, als das balſamiſche Waſſer und einige verwelkte Blu⸗ men Styndall in die Gegenwart des himmli⸗ ſchen Weibes verſetzten, die durch ſuͤßes An⸗ ſchmiegen ihn mit ſtarker Hand zuruͤckzuhalten 316 ſuchte, ſchrieb er folgende Zeilen fuͤr den Moͤr⸗ der Fratello: „Man hat Sie in Plaͤnen gegen den Eng⸗ laͤnder Sir Styndall in Verdacht; wenn dem alſo iſt, wuͤrde man es Ihnen Dank wiſſen, ſie ſchnell auszufuͤhren, was zugleich zu Ihrem Nutzen iſt, da ihre Gegenwart in Wien zu ver⸗ lauten beginnt. Einen Tag um den andern geht er Abends an dem Augarten vorbei zur Fuͤrſtin von Oedenburg, und er geht dann ziem⸗ lich ſpaͤt meiſt zu Fuß nach Hauſe zuruͤck. In dem Falle Sie fuͤr den Donnerstag oder naͤch⸗ ſten Sonnabend Abſichten haͤtten, wird man ſeinen Kammerdiener, den einzigen ſeiner Die⸗ ner, der ihn gewoͤhnlich begleitet: anderswo aufzuhalten ſuchen. Man muntert Sie weder zu dieſem Entſchluß auf, noch treibt man Sie dazu. Man wuͤnſcht allein zu wiſſen, ob Sie darauf beharren und man erſucht Sie, Ihre Meinung daruͤber zu erkennen zu geben, in dem Sie mit Kohle oder Kreide den erſten Buchſta⸗ ben Ihres Namens an das Portal der Kirche Salvador deutlich anſchreiben. Die hundert Dukaten wuͤrden dann zu Ihrer Flucht dienen; in allen Faͤllen behalten Sie dieſelben. Sein Sie verſchwiegen.“ 317 Dies italieniſch geſchriebene Billet legte Styndall in die Birkenholzſchachtel. Dies war ein Todesurtheil; es brauchte nur noch an ſeine Adreſſe geſandt zu werden. Noͤthigenfalls haͤtte es der Englaͤnder ſelbſt hingetragen, aber da⸗ durch entſtanden Schwierigkeiten und die wich⸗ tigſte waͤre geweſen, den moraliſchen Erfolg der Dunkelheit zu benachtheiligen, die auf im⸗ mer eine an Styndall veruͤbte Gewaltthat ver⸗ huͤllen ſollte. Es war zu befuͤrchten, daß Char⸗ lotte fruͤh oder ſpat in dies Geheimniß dringen koͤnnte. Schon warf er ſich vor, den kaum gewonnenen Seelenfrieden nicht genugſam ver⸗ heimlicht zu haben, denn er hatte in den Spaͤher⸗ blicken ſeiner jungen Freundin ein Forſchen erlauſcht, das ſie zu einem Verdacht und von dieſem zur Wahrheit fuͤhren konnte. Aber dies war nicht der Gegenſtand ſeiner Unruhe. Wo⸗ fern nicht ein anderes Auge dieſen Abgrund zu durchſchauen verſucht haͤtte, lag ihm wenig daran, daß die Fuͤrſtin von Hedenburg den Umfang eines Opfers kenne, das er ſich aufge⸗ legt. Entſchloſſen, ihr zum letzten Mal zu ſchreiben, wollte er keine Verſtellung gegen ſie brauchen. Sei es nun, daß der Gentleman dadurch noch tiefer in ein Herz dringen wollte 318 daß er ſchon beſaß; ſei es, daß er ohne daran zu zweifeln, der menſchlichen Natur den letzten Tribut zahlen wollte, die ſelbſt uͤber das Grab hinaus nach Ehre duͤrſtet; er wollte, daß Char⸗ lotte das Weſen ganz kenne, das ſie mit ihrer Liebe beehrt hatte. Sein Brief war faſt fertig geſchrieben und durch ein ſicheres Mittel wollte er ihn in die Haͤnde der angebeteten Frau ſpie⸗ len, ſo bald ſein Schmerz eine Erleichterung ergriffen, die ſeiner ſchoͤnen Seele wuͤrdig ſei. Die fuͤr Fratello beſtimmte Sendung durfte ihm nur durch eine dritte Perſon uͤberbracht werden, deren Schweigen ſicher war; Styndall mußte ſie ſuchen und er fand ſie. Seinem Na⸗ men und Stande nach der alten Frau unbe⸗ kannt, die von ſeinen Wohlthaten lebte und die er in dem Sackgaͤßchen beim kleinen Zeughauſe getroffen hatte, wo er den Sorgen der Fuͤrſtin von Oedenburg anheim gefallen war, glaubte er ſich keines geheimern Botens verſichern zu koͤnnen. Nach ſeiner Ruͤckkehr aus der Leopolds⸗ ſtadt wechſelte er vorſichtig die Kleider, ver⸗ barg die Schachtel unter einem Sommer⸗Ueber⸗ rock und ſchlich auf einem Weg in die Stadt, den er ſelten einſchlug. Als er vor dem Sack⸗ gaͤßchen angekommen war und von weitem den 319 wachstuchenen Schirm gewahrte, deſſen Schat⸗ ten die Frau ſchuͤtzte, der er die verhängnißvolle Schachtel anbertrauen wollte, ſprang er frendig hinzu. Die Scene des vergangenen Jahrs, die Kalleſche, die an ſeiner Seite hielt, der Gerichts⸗ zug, der langſam die Straße hinſchritt, aber vor allem das reizende Weib, das ſich mit einem Blicke ſeiner Seele bemaͤchtigte und das mit dem Tone der reinſten Stimme alle Fibern ſeines Herzens erſchuͤtterte; alle dieſe Bilder draͤngten ſich in dieſem feierlichen Augenblick wieder vor ſeine Augen. Sie ſchienen ihm noch den Weg zu verſperren; ſie ſchienen ſich zwiſchen ihn und das Ziel zu draͤngen, auf das er los⸗ eilte. Zu gleicher Zeit erhoben ſich in ſeinem Geiſt Zweifel uͤber das angemaaßte Recht, uber ſein Leben zu verfuͤgen und die Hand eines Ge⸗ ſchoͤpfes ſeiner Art zu dieſem Werk der Ver⸗ nichtung zu gebrauchen. Er zoͤgerte, um ſich uͤber ſeine Kuͤhnheit zur Rechenſchaft zu ziehn. „O mein Gott,“ ſagte er,„Du kennſt die Reinheit meiner Abſichten! Wenn dieſer Elende nur geldgierig iſt, ſo wird er mit dieſem Golde fliehen; hat er mehr beſchloſſen, ſo wird er es ausfuͤhren, und Jedem wird nach ſeinem Ver⸗ 320 dienſt gelohnt werden. Aber es bleibt ihm Zeit uͤbrig, dein Todesurtheil abzuwenden oder zu vollziehen.. Ich allein werde mich vor deinen Du wirſt mich mit deiner Allguͤte richten! Du, der da weiß, daß der Gerechte der Gerechten gern unter den Streichen einiger Verirrten und einiger ehrſuͤchtiger Prieſter fiel! Du der du mitgelitten haſt mit dem erhabenen Schlacht⸗ opfer, als es wiſſentlich die Schrift erfuͤllte und den Verrath ſeines Juͤngers duldete! Alſo wirſt du auch mir ein Opfer verzeihen, wozu du mir ein Vorbild gegeben haſt! Du ſiehſt es, daß dies der einzige Weg iſt, der mir zur Ehre und Ruhe uͤbrig bleibt; drum fort!“ Und mit feſtem Schritte eilte er auf den Strohſitz zu, uͤber den die beiden mit Wachs⸗ tuch beſchlagenen Reife ausgeſpannt waren. Die Schachtel wurde in die Haͤnde der gut⸗ muͤthigen Alten gelegt, die, ohne das Schick⸗ ſal eines guten Menſchen zu ahnen, ſich nach dem Judenplatz verfuͤgte, waͤhrend Styndall ruhig nach Wieden zuruͤckkehrte. 321 36. Die dritte Stunde des Nachmittags toͤnte eben von der Glocke des Thereſianums. Der Englaͤnder war etwas aufgeregt, als er wieder nach Hauſe kam. Alle ſeine Maasregeln waren getroffen. Nur den Brief an die Fuͤrſtin von Hedenburg mußte er noch ſchließen. Dieſe Be⸗ ſchaͤftigung war die ſußeſte, die ſein Herz noch faſſen konnte. Durch ſie begeiſterte er ſeine letzten Augenblicke, ohne den Entſchluß fahren zu laſſen, Alles mit Sorgfalt zu vermeiden, was ſeinen Muth ſchwaͤchen koͤnne. Sein Opfer hatte das Eigne, daß er es nicht der Liebe al⸗ lein brachte, auch die ſtrenge Tugend forderte in ſeinen Augen einen eben ſo edlen Theil die⸗ ſer Aufopferung. An ſeinem Buͤreau ſitzend, um den Faden ſeiner Ideen wieder anzuknuͤpfen, durchlas er die ſchon geſchriebenen Seiten und ſeine Seele ſchoͤpfte neue Kraͤfte daraus. Das Ende dieſes Briefs lautete folgendermaßen: Wieden den 4. Auguſt 1767. „Wenn dieſes Papier in Ihren Haͤnden iſt, Charlotte, wird Ihr Schmerz weniger bitter ſein. Sie werden zu glauben anfangen, daß II. 21 322 wir nicht gaͤnzlich getrennt ſind, Sie werden die Einſamkeit ſuchen, um mich an Ihre Seite zu rufen, um ſich ruhiger mit Ihrem Friedrich zu unterhalten. Sie werden Ihn mehr als einmal anreden und er wird Ihnen antworten; ſein Sie deſſen verſichert, meine theure Freun⸗ din; denn da Sie das Geheimniß meiner Nei⸗ gungen, meiner Meinungen, meiner Gefuͤhle und des Intereſſes beſitzen, von denen mein Herz bewegt oder geſchmeichelt war, wird es Ihnen leicht werden, mich ſprechen zu laſſen, wie ich ſelbſt geſprochen haͤtte. O welche Reize wer⸗ den dann meine Gedanken haben! O wie ſuß wird es fuͤr mich ſein, ſie zu ſammeln, beſeelt von dem Ausdruck, womit Ihr Mund und Ihre Zuͤge ſo herrlich im Einklang ſich verſchoͤnern werden? Sie werden beſſer, weit beſſer ſein als die Meinigen, weil Sie einen Theil Ihres Selbſt hineinlegen. Charlotte, wir muͤſſen uns verlaſſen, wenn man mit dieſem Namen einen Akt belegen kann, der mich keinem andern Weſen uͤbergiebt und mich nicht Ihrer Liebe entzieht. Der Ritter von St. Ypon hatte die ganze Wahrheit ver⸗ muthet, aber er war in das Grab geſtiegen. Sein Schweigen war uns gewiß. Es gab 323 alſo nur zwei Menſchen auf der Erde, die da wußten was Sie in meinem Kabinet geleſen haben, Sie und ich; Einer iſt dabei zu viel! Seid ich gegen Sie nicht mehr ſchweigen konnte ſeid die Ehre mir die Zunge loͤſte, ſeid Ihr muthiger Entſchluß in Widerſtreit mit meinem Schickſal trat und Ihr Ring meinen Finger druͤckte, war ich nicht mehr Herr meines Schick⸗ ſals. Ich konnte Sie nicht in mein Ungluͤck verwickeln. Bedenken Sie, meine Freundin, daß wir uns taͤglich von Angeſicht zu Ange⸗ ſicht ſehen mußten, weder bleiben noch fliehen war mir moͤglich. Charlotten fliehen, als ſie mich ihren Gatten genannt, und als ſie allem trotzend, was in eines andern Seele das Ent⸗ ſetzen getragen, ſie ſich in meine Arme gewor⸗ fen haͤtte! Dies waͤre eine Erniedrigung gewe⸗ ſen, eben ſo groß als die Ihre Anerbietungen anzunehmen. Ich bin nicht zu einer ſo tiefen Stufe des Elends herabgeſtiegen, daß man ſich erlaubte, etwas aͤhnliches von einem Weſen zu erwarten, das Ihnen einer ſolchen Aufopferung wuͤrdig ſchien. Wie auf der Erde ſollte ein Menſch das Recht zu ſagen gehabt haben: dieſe mit allen Reizen begabte Frau, dieſe Fuͤrſtin von Hedenburg, reich an Schoͤnheit und Spn 324 Tugend haͤtte ich beſitzen koͤnnen.—„Elen⸗ der, wuͤrde man ihm mit Recht geantwortet haben, warum beſitzeſt du ſie nicht? Der Tod allein durfte dir dies Gluͤck rauben, wofern du nicht der feigſte, oder der niedertraͤchtigſte Menſch warſt!“ „Charlotte, nicht uͤber mich, nicht uͤber Sie duͤrfte man eine ſolche Sprache fuͤhren.“ Ihr Brief alſo von Vorgeſtern hat Alles entſchieden. Wenn Sie mich weniger geliebt haͤtten, ich waͤre heute zweihundert Meilen von Ihnen entfernt und alſo weiter als ich jetzt bin. Ich hase bei dem Tauſch gewonnen. Himmliſches Geſchoͤpf ich danke Dir! Du biſt nicht fuͤr Styndall verloren und Styndall iſt es nicht fuͤr Dich. Denke an die Unterhaltun⸗ gen im Augarten, wo unſere Geiſter ſich mit den herrlichſten Begriffen der Vorſehung naͤher⸗ ten, wo wir uns uͤber die Anordnung der Velt erhebend, in dem Thiere, das auf dem Graſe kriecht, den Gedanken hervorbrechen, ihn von Stufe zu Stufe mit einem Zuwachs von Waͤrme und Licht ſteigen ſahen, um ſo zu dem Men⸗ ſchen zu gelangen, der hienieden die wahre Stiftshutte derſelben iſt Rufe in Dein Gedacht⸗ niß zuruͤck, daß wir in dieſen bevorrechteten 325 Weſen zehnmal mehr Vernunft gefunden haben, als er hienieden zur Erhaltung ſeines organi⸗ ſchen und ſelbſt geſellſchaftlichen Lebens bedarf; vergiß nicht, daß, wenn der Vortheil der Mo⸗ ralitaͤt, der allein berechtigt waͤre, uns einer endloſen Zukunft zu uͤberliefern, verbuͤrgt iſt, es in uns etwas giebt, was das intellectuelle Faſſungsvermoͤgen uͤberſteigt. In der That, das Menſchengeſchlecht wuͤrde nicht weniger exiſtiren, ſelbſt wenn Maͤnner wie ein Baco, ein Shakeſpeare, ein Newton, ein Locke, ein Descartes, ein Corneille und ein Rouſſeau von Genf, ihr Zeitalter nicht erleuchtet haͤtten. Koͤnnen wir inzwiſchen glauben, daß dieſe Leucht⸗ thuͤrme auf immer verloͤſcht waͤren und daß die Hand, die dieſe Fackeln anzuͤndete, der Welt nur ein leeres Phoͤnomen einer glaͤnzen⸗ den Dekoration darſtellen wollte? Nein, meine theure Freundin, die Erſcheinung dieſer großen Geiſter haͤngt ganz allein von einer andern Art des Lebens ab, von der ſie ihr Theil vorweg⸗ nahmen. Sie vereinigten die beiden Welten, die beiden Syſteme, vielleicht die beiden Sphaͤ⸗ ren, wo das Leben fortdauern wird. In der gegenwaͤrtigen Welteinrichtung die Hoͤchſten, waͤren ſie Zweifels ohne in der neuen Einrich⸗ 326 tung, zu der ſie gelangt ſind, die Letzten gewe⸗ ſen, wenn ſie nicht dieſe Erganzung der Geiſtes⸗ kraͤfte erhalten haͤtten, von denen ſie die Vor⸗ ahnung hatten.“ „Die Fortdauer unſeres Weſens iſt meiner Mei⸗ nung nach das, was am Beſten bewieſen werden kann, von den Dingen, die man nicht mit Haͤn⸗ den greift und nicht mit den Augen des Koͤr⸗ pers ſieht. Ich lebe, Charlotte, in dem Au⸗ genblicke, wo Ihre Augen auf dieſe Zeilen fal⸗ len. Meine Neigung und meine Erinnerungen haben mich nicht verlaſſen, aber wenn die in⸗ dividuelle Fortdauer nicht beſtaͤnde, ſo hätte der Himmel die Erde belogen, und das Laſter koͤnnte ungeſtraft den frommen Schmerz der Tugend beſchimpfen. Eher wollen wir Gott leugnen und ſein Altar zerbrechen, als auf eine ſo ſchmaͤhliche an ſeine Ohnmacht glauben!“ »Nicht ſelbſt habe ich mich aus dem Leben gewieſen, weil ich nichts von dem verlor, was es mir theuer machte. Ich habe meine volle Liebe bewahrt, weil Sie deren wuͤrdig waren, ich habe Ihr Bild mit allen ſeinen Reizen in meinem Geiſt befeſtigt, ſo wie das Meinige auf ewig in dem Ihrigen iſt. Dies iſt ein 327 Vortheil, den wir beide der Zeit abgewonnen haben. Sie koͤnnen fuͤr mich nicht altern, Char⸗ lotte. Dieſe ſchoͤnen blauen Augen, von ihren langen Wimpern, und ihren ſchwarzen Brauen berſchattet, werden immer zu meiner Seele ſprechen. Ihr Mund wird immer fuͤr Ihren Freund ſein koͤſtliches Laͤcheln haben; das zarte Mitleid, das Ihr Herz zu Gunſten der Un⸗ gluͤcklichen ſchlagen laͤßt, wird nie vor mir aufhoͤren, Ihren Buſen zu heben! Was man⸗ gelt noch meinem Gluͤck, ſage mir, entzuͤckende Frau? Beſitze ich nicht deine Treue? Biſt du nicht meine heiß geliebte Gefaͤhrtin? Hat mein Haupt nicht das ſuͤße Schaukeln Deines ſtei⸗ genden Buſens empfangen? Wenn Du mit mir nicht zum Altar gegangen biſt, wenn Du nicht meinen Ramen getragen? Wenn... Ich habe es nicht gewollt! Ja ich wage es zu be⸗ haupten, Charlotte, meine Liebe allein hat mei⸗ ner Liebe Grenzen geſetzt. Es hing von mir ab, mich in Deinen Armen in Wonne zu berau⸗ ſchen und Du weißt, ob Du mir etwas ver⸗ weigert haͤtteſt! Nicht daß Dein Herz aufgehoͤrt haͤtte, der Tugend anzugehoͤren, aber Du konn⸗ teſt ſie nicht lieben, ohne meine zu ſein. Durch ſie hatte ich ja das Recht erlangt, Dir zu gebie⸗ ten, ein einziger Kuß hat doch unſern Bund beſiegelt; das war genug. Ein einzig Mal haben meine Lippen auf den Deinigen geruht, und meine Seele hat, mich verlaſſend, der Dei⸗ nigen begegnet. O wie köſtlich war der Augen⸗ blick, wo Du von Schoͤnbrunn zuruͤckgekehrt, auf meinen Mund dieſen duftigen Mund druck⸗ teſt! Ich biete Jedem Trotz, der da ſagt, daß er in irgend einem Genuß eine Wolluſt gekoſtet habe der Meinigen gleich! Und das iſt es gerade, was mich toͤdtet! Es war ein Glaube unter den Hebraͤern, wenn man den Engel des Herrn geſehen, koͤnne man nicht laͤnger leben. Ich habe ihn geſehen, dieſen Engel! Ich wollte nicht zweimal gegen ihn kaͤmpfen, denn er hat mich das erſtemal zu Boden geworfen. Ich konnte ſeiner Schoͤnheit nichts entgegen ſetzen, ich fuͤhlte meine Seele bei ſeinem Nahen zer⸗ ſchmolzen, drum habe ich mich in die Zukunft gefluͤchtet, den einzigen mir erlaubten Zufluchts⸗ ort, da ich nicht faͤhig war, unter den Lebenden zu bleiben und nicht Alles ganz zu beſitzen, meine Geliebte, meine Herrin, meine Charlotte, meine unvergleichliche Freundin!—“ „Du hoͤrſt mich ohne Zorn. Ich rede zum letztem Mal zu Dir mit großer Vertraulich⸗ 329 keit; das iſt meine Beſitznahme. So wie Du mir vor drei Tagen ſchriebſt, Charlotte von Oedenburg iſt Friedrich Styndalls wuͤrdig, ſo betrachte ich Dich als eine ſolche. Hätten wir uns die Hand gegeben, wir hätten uns Beide erniedrigt. Indem ich meinen Vorſatz ausführe, erhebe ich Dich zu mir, denn Du verdienteſt dieſen Preis Deiner Liebe. Mit Stolz wirſt Du an Deinen Gatten denken; Du wirſt Allen, Du wirſt Dir ſelbſt ſagen:„»Dieſer hat mich geliebt!« Du kannſt mit aufrechtem Haupte einher⸗ gehen, uͤberall wird man in Dir meine Gefaͤhrtin ſehen. Ich habe Deinem Wittwenſtand ein Ziel geſetzt. Ich verlaſſe Dich hienieden, ohne zu fuͤrch⸗ ten, daß Du einem Andern angehoͤren wirſt! Du wirſt Keinem zugeſtehen, was ich verehrt, was ich mir ſelbſt verweigert habe Es iſt mein Gut, ich habe es in meiner Gewalt geſehen und Du wirſt Dich wohl huͤten, es zu ent⸗ weihen. Sage, welcher Geliebte haͤtte mehr fuͤr Dich gethan! Sage, welch' Weſen, un⸗ ter denen, die die Mutterbruſt genaͤhrt hat, haͤtte Dir einen ſolchen Werth zugetheilt! Charlotte, mit Deinem Ringe an der Hand und mit dem Gedanken an das mir vorgeſetzte Opfer erkenne ich in Dir etwas, was die 330 Huldigung der Sterblichen verdient, wenn ſie von Weitem ihre Knie beim Anblick der Tem⸗ pel beugen, wohin ſ e doch ihre Schritte nicht lenken!“ Als Styndall dieſen Abſchnikt ſeines Briefs durchgeleſen hatte, war er befriedigt. Im Geiſte verſetzte er ſich an den Tag, wo die Fuͤrſtin dieſe Zeilen erhalten wuͤrde. Er ſtellte ſich die liebenswürdige Frau, ſie durchlaufend vor. An⸗ fangs zitternd, bei gewiſſen Stellen verweilend um ſie beſſer zu uͤberlegen, bei andern ſchmerz⸗ lich laͤchelnd, dann Thraͤnen vergießend, und zuletzt das Blatt kuͤſſend, das durch einen dop⸗ pelten Tribut geehrt war. Aus dieſen Betrach⸗ tungen ging hervor, daß der Englaͤnder ſich gegen ſeine Abſicht in die Gegenwart des Weſens verſetzte, deſſen Herrſchaft uͤber ſeine Geiſtes⸗ kraͤfte mehr als ſtark war. Charlottens Reize, durch eine erhitzte Einbildungskraft vielleicht verſchoͤnert, verfolgten ihn zu derſelben Zeit, als ſanfte Tugenden und der Vorrang eines gebildeten Geiſtes auf ſein Herz wirkten. So unterwarf er ſich ſelbſt dem Zauber der Worte, die er eben geſchrieben hatte. Aus dieſen ver⸗ ſchiedenen Eindrucken bildete ſich eine zuſammen⸗ geſetzte Idee, unter deren Einfluß er noch fol⸗ gende Worte ſchrieb: „Wenn die Gladiatoren des alten Rom vor dem kaiſerlichen Sitze vorbei in das Amphi⸗ theater gingen, ſagten ſie:„Caͤſar, die Maͤnner, die in den Tod gehen, ſagen dir Lebewohl!“ Char⸗ lotte, ich liebe dich, ich ſage Dir Lebewohl! Lebe lange! Ich wuͤnſche es, ich wuͤrde es Dir dringend anbefehlen, ſoll ich auf Erden nicht in eines Menſchen Gedanken fortleben? Wohin koͤnnte ich mein Bild beſſer ſtellen? O meine Freundin, verweile an dieſen Orten, die wir zuweilen durchwandelt ſind, wenn Du nicht deine Einſamkeit vorziehſt, wo Du mir noch mehr angehoͤren kannſt! Ich hinterlaſſe dir Gutes zu thun; bleibe auch, um der kleinen Erneſtine, die mich geliebt hat, deine Sorge zu weihen!... Sie iſt noch zu jung um ſich deſſen zu erin⸗ nern und die in dieſem Alter empfangenen Ein⸗ druͤcke ſind wenig dauerhaft.... Du wirſt ſie erneuern. Moͤge ſie Dir gleich ſein, aber moͤge ſie keinem andern Styndall begegnen! denn ſolche Liebe heiſcht Blut! Doch zitt're nicht fuͤr ſie! Der Himmel iſt zu gerecht, um ſeine Ge⸗ ſchoͤpfe zwei Mal zum Spielwerk eines ſo grau⸗ ſamen Verhaͤngniſſes zu machen. Hier war Friedrich üͤber ſich aufgebracht, daß er weich geworden war. Faſt haͤtte er das Blatt zerriſſen, das ſo wenig männliche Betrach⸗ tungen nach ſeinem Gefallen enthielt. Doch erhob ſich ſeine Seele wieder, nahm ihre vo⸗ rige edle Stellung ein und ſo vollendete er den „Ich bilde mir ein, daß die Vorſehung den Charakteren gemaͤß die Ereigniſſe des Tages fuͤr jeden von uns einrichtet, oder daß ſie we⸗ nigſtens daruber wacht, daß die Eindrucke im⸗ mer im Verhaltniß mit den wahren Bebürfniſſen unſerer Seele ſtehen. Sie wollte ohne Zweifel, daß ich an ein zuküͤnftiges Leben glaubte, weil ſie mir die Kraft gab, auf das Gegenwaͤrtige zu verzichten. Ich konnte Dich nicht beſitzen, Charlotte, und dann noch etwas uͤber dieſe irdiſche Laufbahn hinaus wuͤnſchen. Die Liebe, die man mit in das Grab nimmt, ohne daß ſie befriedigt war, iſt ein Beweis unſerer Unſterb⸗ lichkeit, entſcheidender als alle Andern der alten Wiſen „Du haſt mich mehrmals gefragt, meine gute Freundin, was die Seele iſt; ich glaube Dir geantwortet zu haben, daß ſie an die Geſammtheit der Organe verbunden, das Leben —— N 333 ſelbſt iſt, das auf dem gemeinſamen Heerd fuͤhl⸗ bar wurde, mit dem ſie Beziehungen der Wir⸗ kung und Gegenwirkung unterhalten, endlich daß ſie in dem vervollkommnenden Geſchlecht das Bewußtſein des Lebens iſt, beſtaͤtigt durch das der Handlungen und der allmaͤhligen Einheit des Weſens, das ſie vollbringt. Ich haͤtte noch hinzufuͤgen koͤnnen, daß das organiſche Indivi⸗ duum ſich erneut, Zuſaͤtze anfuͤgt, ohne Ende Verringerungen leidet und unaufhoͤrlich einige Charaktere ſeiner Identitaͤt verliert, waͤhrend das Gefuͤhl den Seinigen wunderbarer Weiſe bewahrt. Der wahrhafte Menſch iſt alſo ge⸗ ſichert, erſt durch ſeine Erinnerungen, dann durch eine Faͤhigkeit des Geſchmacks, des Wil⸗ lens, der Anhaͤnglichkeit, der anziehenden oder abſtoßenden Neigungen, die bei ihm fortdauern und den Grund ſeines Weſens bildend faſt im⸗ mer den Untergang oder die Veraͤnderung der Elemente uͤberleben, durch welche unſere Ge⸗ wohnheiten zuerſt beſtimmt wurden. Dieſe Wahr⸗ heit iſt nicht allein von dem unſterblichen Sthall eingeſehen worden, ſondern ſie dient in gewiſſer Hinſicht zur Grundlage ſeiner Lehre, ſo daß nach ihm die Seele alle Arten von Neigungen beherrſcht, daß ſie ſie ſelbſt und ſich endlich 334 ſo beſtimmt. Unſer Freund van Swieten wuͤrde mir wohl dieſe Saͤtze nicht beſtreiten, vor⸗ zuͤglich ſeit er die Pſychologie angenommen hat.“ „Wohlan, Charlotte, meine Liebe iſt in die Verfaſſung meiner Seele eingedrungen. Erſt hat ſie mein Leben der Verhaltniſſe geleitet, nun iſt ſie ein integrirender Theil meines innern intel⸗ lectuellen Lebens geworden. Sie mir entreißen waͤre mich vernichten, waͤre mir das Beſte, was in mir iſt, nehmen, weil ſie ſich mit meinen edelſten Gefuͤhlen identificirt hat.“ „O daß dieſe Idee Ihrem Herzen gefalen moͤchte! Wie troͤſtend iſt ſie fuͤr meine Zukunft! Mein moraliſches Leben iſt alſo geſichert und Du nimmſt den erſten Platz darinnen ein! Wir bilden ein unaufloͤsbares Ganze. Richts wird mich von Charlotten trennen. Es iſt unmoͤg⸗ lich, daß ſich eins dem andern entziehe. Es giebt keinen Tod, es giebt kein Grab mehr. Es iſt das Lebewohl des Abends, das ich Dir ſage, es iſt die ſuͤße Umarmung des Morgens⸗ die Du mir ſchuldig biſt. Ich befehle Dir nichts an, Charlotte; ich lebe ja in dir wie du in mir lebſt, und ſo erraͤthſt du mich. Was liegt an einer Spanne Zeit und Raum, da wir zwiefach 335 verſichert ſind, immer beiſammen zu ſein, hier wo Du zuruͤckbleibſt, dort wohin ich gehe? Der Gott, der uns erſchaffen und vereinigen wollte⸗ iſt kein Gott des Zwieſpalts; wir haben hie⸗ nieden nur das Vorſpiel unſerer Liebe gefeiert, unter beſſern Auſpicien wird ſie ſich vollenden. Die Liebe verloͤſcht in ſchlecht gewaͤhlten Ver⸗ bindungen und verlaͤßt die Seele, ſie leidet in widrigen Verbindungen und haͤngt ſich daran; niemals aber vertagt ſie ſich. Liebe iſt fort⸗ dauernd fuͤr die, welche die heiligen Geſetze der Tugend geehrt haben. Sie und Charlotte ſind mir gleich theuer geweſen; ich habe ihnen nur einen Altar erbaut, ich habe nur eine und dieſelbe Opferſpende darauf gelegt; Sie werden ſich damit begnuͤgen wie zwei befreundete Gott⸗ heiten. Lebe wohl, ſuͤße Gefaͤhrtin meiner Ewig⸗ keit; mein letzter Blick wird nach dem Augarten gewandt ſein; mein letzter Seufzer wird nach dir hinfliegen! Friedrich Styndall.“ Als er dieſen Brief ein zweites Mal durch⸗ geleſen hatte, ſchloß er ihn in ein nach London beſtimmtes Paͤckchen. Die verſchiedenen Depe⸗ ſchen, die er eben beſorgt hatte, ſteckte er in die Taſche ſeines Fracks; dann zog er ſeinen grauen Ueberrock an, druͤckte einen runden Huth in die Augen und ging mit dem Anbruch des Abends den Weg nach der Baſtei. Seine Ideen irrten von einem Gegenſtande zum andern und doch hatten ſie alle einen gemeinſchaftlichen Ver⸗ einigungspunkt; dies war der große Entſchluß, den er gefaßt hatte. Unvermerkt war er von Wieden an das Kaͤrnthner⸗Thor gekommen, durch dies trat er in die Stadt, mit dem einzigen Plane ſich nach einem Bureau der Briefpoſt zu verfuͤgen. An einer ziemlich entlegenen Straßen⸗ ecke angelangt, erwachte er aus ſeiner Traͤume⸗ rei, als er einen Menſchen ſich mit Kindern herumzanken ſah, es war der Famulus eines Kloſters der Stadt, der die Thuͤren ſeiner Kirche verſchloß. Der Englaͤnder bemuͤhte ſich dieſen Mann zu beruhigen, vor dem er ſtand, faſt ohne daß er ſich deſſen verſehen hatte. Aber dieſer mehr launiſch als es die Oeſterreicher ge⸗ woͤhnlich ſind, ſchimpfte die Jungen fuͤr ihren Eigenſinn immer fort, daß ſie jeden Abend die beiden Fluͤgel ſeines Portals beſchmutzten. „Bald,“ ſagte er,„mahlen ſie mir Solda⸗ ten dran, bald Haͤuſer, die ich den andern Morgen fruͤh mit dem Schwamme wegwiſchen 337 muß. Dieſer kleine Schurke,“ fuͤgte er hinzu und zeigte mit dem Finger auf einen in einiger Entfernung ſtehenden Knaben von etwa ſieben Jahren,„glaubt ſich verpflichtet, ſeit er bei dem Kantor der Choriſten ſchreiben lernt, mit ſeinem Roͤthelſtift uͤberall armenlange Buchſtaben anzubringen!“ „Das iſt nicht wahr, Vater Bentorff,“ ant⸗ wortete der luſtige Vogel,„denn mein Stift iſt weiß;“ und damit zeigte der Junge ein Stuͤck weiße Kreide, die er in der Hand hielt. „Wenn ich dich unterſuchen wollte, kleiner Taugenichts, ſo wuͤrde ich ſicher einen andern in deiner Taſche finden; ſo mahlſt du mir auch immer zwei große rothe F an meine Thuͤrflugel, als ob das ganze Viertel wiſſen muͤßte, daß du ſchon den erſten Buchſtaben deines Namens hinſudeln kannſt! Warte nur, boͤſer Friedrich, ich will dich ein ander Mal luͤgen lehren!“ Der Famulus machte Miene, dem Knaben nachzulaufeu, der aus allen Kraͤften davon⸗ fliehend, aus vollem Halſe ſchrie: „Wenn die F roth ſind, ſo habe ich ſie nicht gemacht.“ „Und wo ſind wir?“ fragte der Englaͤnder eine junge Frau, die ihm nahe ſtand. III. 22 338 „Sie ſind auf dem Platze der St. Salvador Kirche,“ antwortete ſie,„und ich ſuche meinen Jungen, der ſeinem Vater und mir zum Trotz alle Abend unter dieſem Portal ſpielt.“ „Das iſt ja recht gut,“ ſagte der Fremde mit einem tiefen Seufzer, ohne von der Ant⸗ wort der jungen Frau etwas zu bemerken, als die Bezeichnungen der Kirche. „Wie ſo! recht gut!“ ward ihm geantwor⸗ tet.„Bemerken Sie nicht, daß es gleich ſtock Nacht ſein wird? Es iſt wahr, die Tage ſind ſchon kuͤrzer geworden und das iſt es ohne Zweifel, was Ihro Gnaden verlangt.“ „Sie haben recht, meine Gute,“ entgegnete Styndall.„Die Nacht naht und dieſe und die morgende werden ſehr lang ſein!... „Aber jetzt noch nicht, wenn Ihro Gnaden erlauben; wenigſtens erſt in ein Paar Mönaten,“ fuhr die junge Mutter fort und nahm ihren kleinen Friedrich beim Arme, der ſeine Taſchen vor ihr ausleerte um zu zeigen, daß er keinen Roͤthelſtift bei ſich habe. Die Frau wurde beim Weggehn von einer Nachbarin angeredet und zoͤgerte nicht ein Ge⸗ ſpraͤch anzuknuͤpfen.„Das iſt ein ſonderbarer Edelmann,“ murmelte ſie mit gedaͤmpfter Stimme. 339 „Er findet die Naͤchte jetzt ſchon lang, was wird er erſt im December ſagen! doch darf ich nicht uͤber ihn ſcherzen, denn er hat ſo ein leut⸗ ſeliges Anſehn wie unſer Erzherzog, wenn er ſieht, daß man ihn betrachtet; und ich glaube gar, er hat dem garſtigen Friedrich einen Gul⸗ den in die Hand gedruͤckt.“ „Ja,“ erwiederte der Knabe, der Alles ge⸗ hoͤrt hatte,„und als er ihn mir gab, ſagte er auch, daß wir einerlei Namen hätten; und mor⸗ gen ſchreibe ich das Wort Friedrich ganz mit ſchoͤnen rothen Buchſtaben an die Kirchenthuͤre. Der Vater Bentorff mag ſchreien wie er will, der gute Edelmann ſoll ſeinen Namen daran ſehen.“ „Er wird nichts ſehen!. antwortete eine Stimmez aber ſie wurde von der der jungen Frau uͤbertaͤubt, die uͤber ihren Jungen ſchalt, denn jene Stimme war die Friedrichs ſelbſt. So kannte alſo Styndall nun Fratellos Geſinnungen vor dem vermutheten Augenblick; denn er hatte ſich vorgenommen, erſt den fol⸗ genden Morgen einen fluͤchtigen Blick auf das Portal der St. Salvador Kirche zu werfen. Anfangs war ſeine Seele durch dieſe Radifica⸗ tion ſeines Anerbietens erſchuͤttert, die ihn wie 22 eine unerwartete Nachricht traf. Alles war be⸗ ſchloſſen. Nur noch vier und zwanzig Stunden hatte der Englaͤnder zu leben. Er ließ ſich das naͤchſte Poſtbureau anzeigen. Um dahin zu kom⸗ men brauchte er nur einige Straßen zuruͤckzu⸗ gehen; er warf ſeine Briefe hinein und kehrte nach Wieden zuruͤck. Die Ruͤckkehr des Edelmanns in ſeinem Hauſe war durch nichts bezeichnet, was eine Veraͤn⸗ derung der Laune in ſeiner Perſon verkuͤndet haͤtte. Nichts ſchien in ſeinen Gewohnheiten geſtort; er aß zur ſelben Stunde und zos ſich zur ſelben Stunde in ſein Kabinet zuruͤck. Seine Seelenſtaͤrke erlaubte ihm, ohne Entſetzen aber nicht ohne Bewegung den Streich zu betrachten, der ihn bald treffen wuͤrde. Inzwiſchen waren alle ſeine Geſchaͤfte beendigt und ſeine Maas⸗ regeln genommen, doch fuͤrchtete er, daß etwas Zweckwidriges darin liege, ſeinen Geiſt zu lange auf ſich ſelbſt zuruͤckwirken zu laſſen, und er ging um in ſeiner Bibliotheck den Platon zu holen, zu dem wichtige Maͤnner alter und neuer Zeit ihre Zuflucht nahmen, die mit voller Gei⸗ ſtesſtaͤrke das Ende ihrer Tage fruͤhzeitig kom⸗ men ſahen. Er ſchlug den Platon auf und ſchoͤpfte neue 341 Kraͤfte aus dem hiſtoriſchen Theil dieſes ſchoͤ⸗ nen Dramas, worin ein Gerechter ſich gleich treu ſeiner Ueberzeugung zeigt, die ihm die Lehre von der Einheit eines Gottes offenbarte und dem Geſetz ſeines Vaterlandes, das ihn mit dem Tode beſtrafte, weil er ſie gelehrt hatte. Aber wie ſchwach und ſelbſt gehaltlos erſchienen ihm die Beweiſe, die der Philoſoph von Aegina in Sokrates Bund zu Gunſten der Unſterblich⸗ keit der Seele legt! Wie!“ ſagte er zu ſich, darf ich durch Zahlenrechnungen, darf ich durch Vergleiche, toͤnenden Inſtrumenten und geome⸗ triſchen Figuren entlehnt, von dem Leben zu dem erſtaunenden Weſen reden, bei dem es in Ueberfluß iſt, das ſich nur mit den groͤßten Schmerzen davon losreißt, das mit dem groͤß⸗ ten Beduͤrfniß zu leben ſich ohne Aufhoͤren in die kuͤnftigen Zeitalter verſetzt, als wenn der Athemzug des gegenwaͤrtigen Augenblicks ihm nicht genuͤge; das ſchon bei ſeinen Lebzeiten vor dem Urtheil einer Nachkommenſchaft zittert, die noch geboren werden muß, der er ſich ſchon unterworfen meint, und das mit einem unruhi⸗ gen Auge durch Jahrhunderte hindurch das Lvos des kalten Staubes verfolgt, deſſen Theilchen eine fluͤchtige Belebung eingepflanzt wurde? O 342 Platon! an andern Stellen kann ich dich be⸗ wundern, aber hier erſcheinſt du mir arm. Wenn du es könnteſt, du wuͤrdeſt mir Sokrates ver⸗ leiden. Er war ein Weiſer, und indem du ihn an ſeinem Sterbebette ſprechen laͤßt, biſt du nur ein Redner und Sophiſt!““ Styndall legte das Buch weg, und nahm die teutſche Ueberſetzung der Lieder des Oſſian, die ihm der Bibliothekar und kaiſerliche Rath Denys geſchickt hatte. Aber er fand, daß ſie in dieſer Sprache ihren Hauptcharakter verloͤ⸗ ren und ſuchte lieber die engliſche von Macpher⸗ ſon hervor. Einige Bilder ſchienen ihm gluͤck⸗ lich; einige energiſche Ausdruͤcke drangen ihm in's Herz, und die Schwermuth mehrerer Stel⸗ len ſtimmte mit ſeiner perſoͤnlichen Lage uͤber⸗ ein. Doch kam ihm dieſe Schwermuth endlich monoton vor und als er die Lekture doch fort⸗ ſetzte, wirkte ſie auf ihn, wie ein kalter unter⸗ irdiſcher Gang, in dem er ſich verirrt habe. Folgende Stelle aus Berratons Liede hatte ihn vorzuͤglich angezogen, als das Werk in London herausgekommen war. Ein gewiſſer Reiz in Beziehung mit ſeiner Seelenneigung beſtimmte ihn, ſie aufzuſchlagen und zu leſen. Der Ge⸗ ſang des Kaledoniers lautete ſo: 343 „Warum biſt du ſo traurig, Sohn des Fin⸗ gal, warum dieſe Wolke uͤber deiner Seele? Die Helden der Vorzeit ſind nicht mehr und ihr Ruhm iſt mit ihnen untergegangen. Die Kinder kuͤnftiger Jahrhunderte werden auch ver⸗ gehen; ein neues Geſchlecht wird ſie wieder er⸗ ſetzen; die Menſchen werden auf einander folgen, wie die Wellen des Oceans oder wie die Blaͤtter der morviſchen Waͤlder. Duͤrr fliegen ſie nach des Windes Willkuͤhr umher, aber bald gruͤnt ein neues Laub hervor. Iſt deine Schoͤnheit, o Nino, dauernd geweſen? Hat deine Stärke, mein theurer Oskar, der Zeit widerſtanden? Hat nicht Fingal ſelbſt unterliegen muͤſſen? und ſind nicht die Schritte ſeiner Ahnen in ſeinen Saͤlen verhallt? Und du, alter Barde, ſollteſt auf der Erde bleiben, von der die Helden verſchlungen ſind! Nein, aber mein Ruhm wird zuruͤckblei⸗ ben; er wird wachſen wie die morviſche Eiche, die dem Sturme ein breites Haupt entgegen⸗ ſtreckt und die Macht der Winde verſpottet!“ Durch ſeine Betrachtungen hingeriſſen denen des blinden Saͤngers der Selma eine Fort⸗ ſetzung zu geben, ſchrieb Styndall auf ein Blatt Papier: „Dieſelbe Welle wird ſich nur ein Mal auf der Oberflaͤche des Meeres zeigen; dasſelbe Blatt wird ſich nicht wieder an den Zweig des Baumes heften und Niemand wird ſeinen Na⸗ men in das Lebensregiſter zweimal eingeſchrie⸗ ben ſehen. In der ſchnellen Folge der Weſen verſchwinden die Individuen; die Geſchlechter allein dauern fort. An dieſe Stelle, auf dieſen Boden, den meine Schritte nur noch wenig Stunden beruͤhren, werden andere Geſchoͤpfe tommen, und ſie werden auch ſagen, daß ihre Tage kurz und elend waren. Die Klage wird immer auf den Lippen des Menſchen wohnen. Dieſer hier hat ſeinen Bau noch nicht vollen⸗ det, hat die Fruchte ſeiner Baͤume noch nicht gekoſtet; dieſer dort hat ſein Gluͤck noch nicht genug begruͤndet und die Staatswuͤrden in ſei⸗ ner Familie noch nicht befeſtigt; manche haben ihren Ruf nicht begruͤnden koͤnnen, manche wuͤnſchten nur Zeit eine kleine Aufgabe zu loͤſen, und ſie ſtarben. Ich wollte nur lieben, was mir der Huldigungen der ganzen Welt wuͤrdig ſchien, und ich ſterbe! Wer wird laͤugnen, daß in dieſer univerſellen Irrung ein tiefes Geheim⸗ niß verborgen ſei? Kann das Atom eines Ta⸗ ges Jahrhunderte vorausſehen? Mit dem Hauch eines Augenblicks hat man fuͤr die Ewigkeit 345 gebaut, gepflanzt und Plane entworfen. Das⸗ ſelbe Gebaͤude, dasſelbe Gebuͤſch geben zwanzig Generationen Schutz, und die erſte ganz allein hat den Grund des einen und den Saamen des andern gelegt. Welche große Ausſichten auf ein Mal und welche Ohnmacht der Mittel! Welche elende und traurige Beſtimmnng fuͤr das Ziel eines ſo großen Ehrgeizes. Eigentlich thun wir hienieden weiter nichts, als daß wir uns einander anmelden und uns unſere Woh⸗ nung bereiten. Wo der Wurm oder das Vieh ihr Leben erfuͤllen, da ſchiebt es der Menſch ohne Aufhoͤren hinaus. Das iſt eine Eiche, die von der Axt faſt immer in der kraͤftigſten Saft⸗ zeit getroffen wird.« „Der erhabene Werkmeiſter, in allen ſeinen herrlichen Werken conſequent, konnte ſich in dem wunderbarſten von Allen nicht widerſpre⸗ chen; doch wer von uns ſollte nicht nach einem ſolchen Aufwand von Wuͤnſchen, Kraͤften und auf Verſprechen unternommenen Arbeiten, das Recht haben, ihn uͤber Schaden und Vortheile zur Rechenſchaft zu ziehen, wenn dieſer Auf⸗ wand fuͤr immer ohne Fruͤchte ſein ſollte? Es giebt alſo eine Zukunft, wo alle Entwuͤrfe un⸗ ter einem beſſer abgefaßten Plane zur Vollendung reifen, wo die Seele eine reinere Nahrung wie⸗ der finden wird, wo ſich die Quellen des Wiſ⸗ ſens dem Durſte wieder oͤffnen werden, der uns aufreibt, und wo das Herz die Gegenſtaͤnde ſeiner Neigungen wieder umfaſſen wird. Du ſchnelles und fruchtloſes Voruͤbergehen des Menſchengeſchlechts auf dieſer Erde voll Sor⸗ gen, du erklaͤrſt mir Alles! Du ſprichſt deutli⸗ cher zu mir, als die Schriften der Philoſo⸗ phen! Du beredtes Blatt im Buche der Natur, du allein kannſt den Streit ſchlichten, der ſeit ſo vielen Jahrhunderten unter ihnen gekaͤmpft wur⸗ de! O Charlotte, in deinem alleinigen Andenken, wie in der holden Glut deiner Augen, liegt das Verſprechen einer ganzen Ewigkeit! Ich nehm' es an, ich bewahr' es in meinem Buſen; mit ihm werde ich der Vernichtung trotzen und kuͤhn von Gott meine Liebe und mein Leben zuruͤckfordern!“ Das von ſeiner Hand beſchriebene Blatt heftete er ſelbſt neben die Stelle der ſchotti⸗ ſchen Lieder, die ihm zum Beweggrund gedient hatte. Dieſe Beſchaͤftigung hatte ihn weit uͤber die Stunde des Schlafs hinaus gefeſſelt. Ein Blick, den er auf das Zifferblatt warf, das „— 347 uͤber dem Tiſche des Kamins hing, uͤberzeugte ihn davon. Dann ſtand er auf, nahm den Schluͤſſel der Pendeluhr, die einen Monat ging und zog ſie auf, nicht ohne dieſe Handlung mit einer natuͤrlichen Betrachtung zu begleiten.„Die von meiner Hand geſchaffene Bewegung“, ſagte er zu ſich, wird noch dreißig Tage fortdauern, wenn ſie kalt und bewegungslos iſt; die Be⸗ wegung meiner Seele ſollte untergehen! Nein, mein Wille wird ſich nicht begnuͤgen, die Wir⸗ kung auf dieſen einfachen Mechanismus fort⸗ dauernd zu machen. Ein maͤchtigerer Wille iſt ihm mehr ſchuldig; er wird nicht vergebens durch ſo große Verſprechungen geredet haben!“ So naͤhrte Styndall ſeinen Geiſt mit Ge⸗ danken der Unſterblichkeit. Er ſetzte die beiden Baͤnde des Oſſian und des Platon wieder in die Bibliothek und legte ſich nieder, um auf dem Lager die Ruhe der letzten Nacht zu ſu⸗ chen. Jedes Ereigniß des gewoͤhnlichen Lebens nahm in ſeinen Augen eine ernſthafte Faͤrbung an; aber dieſe Feierlichkeit verurſachte ſeiner Seele keinen Kummer, ſondern vermehrte viel⸗ mehr ihre natuͤrliche Kraft. Als ein Opfer des Verhaͤngniſſes oder vielmehr einer Folge von Thatſachen, deren Folgen ſich zu entziehen, nicht 348 in ſeiner Macht geſtanden hatte, huͤtete er ſich wie vor dem groͤßten Unrecht, ſeinen Entſchluß leichtfinnig anzuſehen; und er wollte ſich die Gerechtigkeit anthun, ſie wenigſtens mit dem gehoͤrigen Ernſte behandelt zu haben. Nach einem ruhigen Schlafe erwachte er weit ſpaͤter, als Tags zuvor.„Habe ich mich einer Wohlthat zu ruͤhmen oder uͤber eine Ver⸗ kuͤrzung zu beklagen?“ fragte er ſich und ging in ſeinen Garten hinab, wo er doch bald durch die Ankunft einiger Freunde zuruͤckgerufen wurde. Es waren ſolche, die zur Geſellſchaft des Palaſtes von Hedenburg gehoͤrten, und wollten, ohne Styndall gerade zu ſeiner nahen Verbin⸗ dung mit der Fuͤrſtin von Oedenburg foͤrmlich zu gratuliren, ihm blos zu hoͤren geben, daß das Geruͤcht davon bereits Wien durchlaufe. Obgleich er vermied, ihre etwas ſchwerfaͤlligen Komplimente, die inzwiſchen bei den meiſten aufrichtig waren, anzunehmen, ſo wies er ſie doch nicht gerade zu zuruͤck. Den Baron von Sperges bat er ins beſondere wegen ſeiner Leb⸗ haftigkeit, die ſich ſchon durch ihren Beweg⸗ grund entſchuldigte, um Verzeihung, und machte ihm eine ſehr koſtbare Antike zum Geſchenk. Er 349 lud ihn ſogar zu Tiſch, worauf der tyroliſche Edelmann erwiederte, daß er ſo eben von Tafel komme und noch einen Beſuch in der Nachbar⸗ ſchaft machen muͤſſe. Es war drei Uhr Nach⸗ mittags, als ſich der Praͤſident der Akademie der Reichen entfernte. Da der Englaͤnder nun allein war, gab er Tom mehrere Auftraͤge, die ihn den ganzen Abend beſchaͤftigen mußten; er mußte dahin ein Buch tragen, dort ein anderes wieder holen. Bei dem guten Jamerai Duval in der Burg, der keinen Diener zu ſeinem Be⸗ fehl hatte, um es nach Wieden zu ſchicken, ſollte er das Manuſcript holen, worin er die erſten Jahre ſeines anfangs hoͤchſt kummervollen, jetzt aber allgemein geachteten Lebens aufrichtig erzaͤhlte. Der Gentleman bereute ſehr, das Buch nicht geleſen zu haben, das ihm uͤbrigens nichts gegeben haͤtte, was er nicht ſchon aus dem Munde dieſes wuͤrdigen Greiſes beſaß. Wenn er durch eine unſchuldige Verſtellung jene Blaͤt⸗ ter verlangte, auf denen ſein Blick doch nie ruhen wuͤrde, ſo druͤckte doch wenigſtens das Billet, worin er darum bat, die Gefuͤhle und Zuneigung aus, von denen er fuͤr den Verfaſ⸗ ſer durchdrungen war, in ſeinen Augen der ſchaͤtzenswertheſte Mann an Maria Thereſiens ⸗ 350 Hof. Sein Herz empfand eine ſuͤße Befriedi⸗ gung, der beſcheidenen Tugend des Aufſehers des kaiſerlichen Muͤnzkabinets zu huldigen; er konnte ihm ſo Lebewohl ſagen, ohne ſein Ge⸗ he imniß blos zu ſellen. Als Sylcock alle Auftraͤge vernommen hatte⸗ fragte er nach dem Orte, wo er Abends ſeinen Herrn finden werde, was den Gentleman nicht wenig auſſer Faſſung brachte, da er ſeinem Kammerdiener fuͤr einen ganzen Tag beſchaͤftigt zu haben glaubte. „Soll ich Ihnen Ihr Reitpferd oder das Cabriolet bringen?“ fragte der ehrliche Diener. „Weder das Eine noch das Andere“, ant⸗ wortete Styndall leicht;„der Abend iſt ſchoͤn und ich will zu Fuße heimkehren.“ „Ich ſoll alſo den Herrn im Palaſte von Oedenburg abholen?“ „Ich weiß nicht zu welcher Stunde ich dort weggehen werde.. Wenn dir Zeit uͤbrig bleibt, ſo waͤre es mir lieb, wenn du den Shakeſpeare, den ich Noverre geliehen, dort hol⸗ teſt, und ihn der Füͤrſtin Charlotte von Lich⸗ tenſtein braͤchteſt, die ihn gewuͤnſcht hat.“ „Sie geben mir da ſehr viel Auftraͤge. Und wenn ich ſie nun alle ausgerichtet habe, ——— 351 kann ich dann den Abend vollends in der Leo⸗ poldſtadt zubringen?“ „Warum? Ich ſehe die Nothwendigkeit dazu nicht ein. Dann iſt es auch noch nicht gewiß, ob ich von der Fuͤrſtin gerade nach Hauſe gehe.— Schon lange bin ich dem Palaſte von Eſterhazy meinen Beſuch ſchuldig. RNach meinem Dafuͤrhalten werde ich deiner dieſen Abend gar nicht noͤthig haben.“ „Mein lieber Herr, haben Sie denn Ihre Vorſichtsmaßregeln gegen Fratello genommen. Ohne Zweifel haben Sie ihn bei der Wiener Polizei angezeigt? Gott ſei Dank! denn ich kann den verfluchten Italiener gar nicht ausſtehen. Er war ſo unverſchaͤmt, eh' Ihre Herrlichkeit ihn kannten, und ſo niedertraͤchtig, als Sie mit ihm ſo derb ſprachen!“ Beim Namen Fratello konnte ſich Styndall einer Bewegung nicht erwehren, die er in ſei⸗ nen Worten zu verbergen ſuchte. „Sei ruhig, Tom; ich weiß ſchon was ich thun muß. Falls du deine Gaͤnge beſorgt haſt, bevor ich mit den Meinigen fertig bin, wird es Zeit ſein, dich auszuruhen und du wirſt mich im Palaſt ich wollte ſagen, in Wieden erwarten.“ ₰* 352 „Die Italiener ſind entſetzlich rachſuchtige Leute, mein beſter Herr! Haͤtten Sie einen Teutſchen ſo behandelt, ich waͤre nicht den zehnten Theil ſo unruhig. Haͤtten Sie dieſem guten Wein zu trinken gegeben oder Geld, daß er ſich voll Fleiſch ſtopfen und ſich im Bier in der Kneipe berauſchen konnte, ſo brauchten Sie weiter nicht an ihn zu denken. Aber bei die⸗ ſem boͤſen Kerl iſt es eine andere Sache! Der hat mehr Haß im Herzen als Durſt im Schlund. Als ich ihn den Beutel aufheben ſah, den ſie ihm den Rucken kehrend fuͤr ihn hinwarfen, dankte er zwar mit erheuchelten Worten; aber in dem Kabinet, wo ich aufpaßte, machte er mich fuͤr Sie zittern; denn zu gleicher Zeit als ſeine Zunge ſchmeichelte, ſchoſſen ſeine Augen zwei Dolchſtiche nach Ihnen hin.“ „Genug deines Geſchwaͤtzes, Tom!. Du behandelſt mich wie eine Frau oder wie ein Kind; wahrhaftig, ich ſollte glauben, du waͤrſt gedungen, um mir Angſt zu machen„ Sei ohne Furcht. Man duldet von ſolchen Leuten nur das, was man ihnen zu thun erlaubt „Um Gunſt, mein lieber Herr, vergeſſen Sie ja nicht, ſich mit Waffen zu verſehen, be⸗ vor Sie ausgehen! Nehmen Sie wenigſtens * 353 Ihren Stockdegen! denn vielleicht hat ſich die Polizei des Signors noch nicht bemaͤchtigt. Ich hoffe doch, daß der Herr nicht vergeſſen haben wird, die Anzeige direkte hin zu ſchicken? Ich babe ſie Ihnen vorgeſtern gegeben.“ Und der treue Diener oͤffnete die Thuͤr, um ſich zu entfernen und wiederholte nochmals: „Judenplatz, Gaſthof zum Prinzen Eugen, wenn man vom Platz am Hof kommt, linker Hand. Zwei Huſſaren mit blankem Saͤbel und ein Conſtabler brauchen nur fruͤh zu ihm zu gehen und Alles iſt abgemacht; denn Abends kriechen dieſe Schurken uͤberall herum, wo es was Boͤſes zu vollbringen giebt, und da weiß man nicht, wo man ſie fangen ſoll.“ „Gut, Tom, es iſt genug; es iſt Zeit, du dich deiner Auftraͤge entledigſt.“ Dieſes Geſpraͤch, das das gute Herz des Kammerdieners bezeugte, ermuͤdete den Herrn, da es ſeine harten Proben noch vermehrte. Tom ging ziemlich mißvergnuͤgt uͤber ſo viele Wege, die er zu thun hatte. Die Anhaͤnglichkeit, in deren Namen er ſprach, war aufrichtig; aber ſein Verdruß, Styndall nicht in den Augarten begleiten zu koͤnnen, hatte noch einen andern Grund, und die Reize der Fraͤulein Hubert hat⸗ III. 23 ten nicht vergeblich einen Platz in ſeinem Ge⸗ daͤchtniß. Gleich darauf ſchickte ſich der Englaͤnder ſelbſt an, ſein Haus zu verlaſſen. Durch das Fenſter warf er noch einen Blick in den Gar⸗ ten und bemerkte den alten Dietrich mit ſeinem Sohne Nepomuk, beſchaͤftigt, ein Stuͤck Erd⸗ reich zu ebnen, das er befohlen hatte, da konnte er trotz ſeiner Entſchluͤſſe einigen traurigen Gedanken den Eingang in ſein Herz nicht ver⸗ bieten. In demſelben Augenblick vernahm er Toͤne der Freude, die aus dem untern Saale erſchallten, wo die Dienerſchaft noch nach dem Mahle verſammelt war. Dieſe Bewegung, de⸗ ren Urſprung er war, und dieſe Luſt, die unter ſeinem Schutze ihren Aufſchwung nahm, beruͤhr⸗ ten die zarteſten Saiten ſeiner Seele.„In wenig Tagen, in wenig Stunden“, ſagte er zu ſich,„wird dieſe Frohlichkeit verſtummt ſein, dieſe Geſchaͤfte werden aufgeſchoben, dieſe ehr⸗ lichen Diener zerſtreut ſein. Noch einige Mo⸗ nate und andere Weſen werden dieſen Boden mit ihren Schritten, vielleicht auch mit ihren Schmerzen belaſten! Es iſt auch moͤglich, daß mein Name zu ihnen gelangt; dann werden ſie in winterlichen Abendunterhaltungen ſich erzaͤh⸗ 355 len, was mir heute widerfahren wird; das junge Maͤdchen wird vor Furcht den Arm ihrer Mut⸗ ter ergreifen, waͤhrend der Gaͤrtner pfeiffend Schaufel und Rechen auf die Schulter nimmt, um nach Hauſe zu gehen; dann wird das An⸗ denken des Ereigniſſes von Jahr zu Jahr mehr erloͤſchen, bis es verſchwunden iſt... Aber worauf mache ich ſonſt Anſpruͤche? Wird die Scene nicht immer erneuert werden? Gleichviel durch wen. Ob ich den Platz etwas eher oder ſpaͤter verlaſſe, daran liegt eben ſo wenig. Nur der Hirnloſe oder der Gefuühlloſe kann uͤberhaupt den Wunſch hegen, die Generation zu uͤberle⸗ ben, deren Zeitgenoſſe er iſt.“ Die letztere Betrachtung brachte ſeine Seele wieder ins Gleichgewicht. Den Stockdegen, den Tom an den Stuhl gelehnt hatte, ließ er ab⸗ ſichtlich ſtehen, warf noch einen Blick auf das Sopha, auf dem er drei Tage zuvor die erſte Schoͤnheit Wiens faſt um ſeine Liebe flehend geſehen hatte, verließ dann das Zimmer und verſchloß die Thuͤre deſſelben. Sein Muth war nicht erſchuͤttert. Ein fuͤrchterlicher Stoß erwartete ihn noch in ihrer Gegenwart. Um ſich dem Heere von Ideen, die ihn beſtuͤrmten, zu entziehen, ſtuͤrzte er ſich mehr auf die Straße, 25 als er ging, und bald hatten ſeine Schritte auf immer aufgehoͤrt, in dieſen Saͤlen zu ſchal⸗ len. In einiger Entfernung von ſeinem Hauſe draͤngte es ihn, ſich noch einmal umzuwenden, um ſeine Wohnung zu ſehen; aber er ſtraͤubte ſich gegen dies Verlangen, warf es ſich als eine Schwachheit vor und ſetzte ſeinen Weg mit verdoppelten Schritten fort, ohne dem Verlan⸗ gen Gehoͤr zu geben.»Die kleinen Ueberwin⸗ dungen“, ſagte er zu ſich,„duͤrfen von dem nicht gering geſchaͤtzt werden, der groͤßeren trachtet.“ Da er noch faſt zwei vor ſich hatte, glaubte er, die Zeit erlaube ihm noch durch die Jaͤgerzeile, von da durch die große Allee des Praters und dann nach dem Augar⸗ ten zu gehen; ſo konnte er noch zum letzten⸗ mal die Wittwe Flachsmann beſuchen. Die Sonne ſtand noch hoch und der Zweck dieſes Spaziergangs gefiel Friedrich um ſo mehr, da ſeine Seele darin einen Genuß, wenigſtens eine Zerſtreuung finden wuͤrde. Er kam in dem Augenblick bei der Wittwe an, wo ſie ihre Waͤſcherinnen fortgeſchickt, und mit ihrer Tochter ein einfaches Abenbbrod aß. Das Kind, welches Styndall, ſeinen Retter, 357 immer mit neuer Freude wieder ſah, lief nach der Thuͤre eines mit Weiden bepflanzten Gaͤrt⸗ chens, an denen die Stricke zum Trocknen der Waͤſche befeſtigt waren; es hatte naͤmlich die Abſicht, einen Strauß Vergißmeinnicht zu pfluͤk⸗ ken, den ſie dem daruͤber laͤchelnden Gentleman bald uͤberreichte. Als er eine halbe Stunde bei der Wittwe zugebracht und die liebenswuͤrdige Gertrude geliebkost hatte, deren Gegenwart ihn an die Guͤte der Fuͤrſtin erinnerte, die ſie ihrer Mut⸗ ter geleiſtet hatte, entfernte er ſich; aber den Vergißmeinnichtſtrauß hatte er vergeſſen; und Gertrude lief ihm nach, um ihm denſelben zu uͤberreichen. Der Englaͤnder wendete ſich um, umarmte das Kind, nahm ihr einen Theil der blauen Bluͤmchen ab und ſagte: Was hindert mich, dieſe Blumen Charlotten wieder anzubieten? Sie ſind ein Andenken der Liebe; und wo ſollte ich es ſchoͤner anwenden? Aber kaum hatte er einige Schritte gethan, als er ſchon ſeinen Vor⸗ ſatz änderte.„Wenn man die Plaͤne eines Mannes entworfen hat,« dachte er bei ſich, „ſo muß man nicht die Ideen eines Kindes einmiſchen. Die Zuſammenkunft mit der Fuͤr⸗ ſtin wird mich tief genug ergreifen; nichts An⸗ genehmes darf ich hinzufuͤgen, woran nur die gluͤckliche Liebe ſich ergoͤtzen darf, was aber ſtets die Seele erweicht.“ Dann fielen ihm einige Verſe des Abbe Metaſtaſio ein, und ihren Sinn auf ſich an⸗ wendend, ſprach er laut: Sentirsi, oh Deil morir, E non poter mai dir: Morir mi sento!*) Den Vergißmeinnichtſtrauß warf er in den Waſſergraben am Wege. Die Nacht brach ein; der Gentleman ging ſchneller, und trat um acht Uhr bei der Fuͤrſtin von Oedenburg ein. 37. Die Lage, in der der Gentleman Charlotten fand, waͤre die gluͤcklichſte geweſen, die er nur hoffen konnte, wenn er nicht durch die freund⸗ liche Aufnahme inne geworden waͤre, wie bit⸗ ter bald die Schmerzen ſeiner zaͤrtlichen Ge⸗ liebten ſein wuͤrden. Sie zeigte ihm ſogleich *) O ihr Goͤtter zu fuͤhlen, daß man ſterbe und ſich doch nicht ſagen koͤnnen: Ich fuͤhle, daß ich ſterbe. 359 ein freundſchaftliches Billet, das, von Maria Thereſia ſelbſt geſchrieben, ſie eben von der Burg erhalten hatte. Den Zeilen der Kaiſe⸗ rin war eine Dispenſation der erzbiſchoflichen Kanzlei beigefüͤgt, vom Metropolitan unter⸗ zeichnet, der einen Prieſter des katholiſchen Kul⸗ tus autoriſirte, die Ehe der Fuͤrſtin von OHeden⸗ burg mit dem Englaͤnder ohne vorheriges Auf⸗ gebot einzuſegnen. Das Protokoll dieſer Akte beſtimmte, daß die kuͤnftige Gatein geloben ſollte, ihren Gemahl fuͤr den rechtglaͤubigen Kultus zu gewinnen, eine Foͤrmlichkeit, woraus keine Folge hervorging, weil der lutheriſche Pfarrer bei der engliſchen Geſandtſchaft ſeiner Seits gleiche Bedingungen zu Gunſten ſeiner Kirche haͤtte machen koͤnnen. Hinſichtlich der unerlaͤßlichen Dokumente, die Styndall uͤber ſeine Perſon beibringen ſollte, ſo ſchien es, als habe man ſie dem Erzbisthum auf irgend eine Art verſchafft; denn in der officiellen Akte ge⸗ ſchah ſeines Alters, ſeines Standes als Colo⸗ niſt, und deſſen als Univerſalerbe ſeines Onkels John Styndall Erwaͤhnung, was wenig zu verwundern war, weil ihn ſeine Angelegenheiten in London genoͤthigt hatten, einen Notarius in Wien zu beauftragen, und daß dieſer Mann den Titel eines apoſtoliſchen Notarius des roͤ⸗ miſchen Hofs fuͤhrte. Dieſe Gnade war jeden Falls ſo ſchnell bewilligt worden, weil die Kaiſerin ſelbſt die Beendigung dieſer Angelegenheit wuͤnſchte. Im⸗ mer mehr von frommen Scrupeln und der Wichtigkeit ihres Keuſchheitsgerichtes eingenom⸗ men, wollte ſie dem Grade uͤber eine tugend⸗ hafte Verbindung bald ein Ende machen, von der ſie mit Unrecht fuͤrchtete, daß ihr Beiſpiel in einer Stadt anſtecke, wo viele Andere von zweideutiger Natur lebten. Die Baronin von Stein erinnerte ſich zur rechten Zeit, daß der Prieſter Wittola ſeine baldige Ankunft in Wien angezeigt habe, um uͤber den Glauben eines ſeiner kirchlichen Kinder ſelbſt zu wachen. Die⸗ ſer ehrwuͤrdige Geiſtliche galt fuͤr den geiſtigen Beiſtand der Fuͤrſtin von Hedenburg, und es war ganz einfach, daß er bei dieſer Gelegenheit die heilige Handlung der Trauung verrichten werde. Charlotte konnte ganz erroͤthend die Bemerkung nicht hoͤren, die ſich auf den Probſt von Pienko bezog, ohne ein leiſes Laͤcheln uͤber ihre Lippen gleiten zu laſſen, und dieſes La⸗ cheln zerſchnitt Styndalls Herz. Die Stand⸗ haftigkeit des Englaͤnders ging ſiegreich aus 361 mehreren andern Angriffen hervor, die nicht weniger ſtark waren als er, um ſie zu ertragen. Denn fuͤr ihn war an dieſem Tag Alles Probe. „Was ſoll denn aus dem Hotel in Wieden werden?“ fragte die Varonin von Stein laͤchelnd. Mit einer ſeltenen Geiſtesgegenwart antwor⸗ tete der Gentleman:„Wenn ich nicht mehr darin ſein werde, warum ſollte man es nicht zu irgend einer nuͤtzlichen Einrichtung beſtimmen? Und wer wird die beiden Couſinen verhindern, es von Zeit zu Zeit zu beſuchen?“ „Sir Styndall,“ verſetzte die Baronin mit einem boshaften Blick,„koͤnnte ſich, wie ich hoffe, wohl die Muͤhe geben, uns dahin zu begleiten; denn nur Eine von uns hat das Hotel hoͤchſtens im Voruͤbergehen halb geſehen!“ „Warum nicht?“ erwiederte Friedrich.„Wiſſen Sie nicht, daß ich koͤrperlich oder geiſtig immer da ſein werde, wo Sie beide ſind 7 Der Englaͤnder theilte das frugale Abend⸗ eſſen der Fuͤrſtin und der Baronin. Zwiſchen ihnen ſitzend hatte er den Muth, ſowohl ſein Geſchick zu vergeſſen als auch die Stunden, deren Flucht ihn der letzten von allen naͤher brachte. Er war ſogar liebenswuͤrdig, obgleich zuweilen ſich ſeine Stimmung zu einer ſanften Schwermuth hinneigte, die der Fuͤrſtin keines⸗ wegs mißfiel. Als der Augenblick der Trennung kam— und welche Trennung!— erhob er ſich ent⸗ ſchloſſen von ſeinem Armſeſſel. Die Baronin klingelte, damit man Styndalls Leuten ſage, ſich bereit zu halten; aber dieſer bemerkte ſchnell, daß ihn die Schoͤnheit des Wetters locke, zu Fuß nach Wieden zuruͤckzukehren. „Wenn Sie Ihr Kabriolet nicht mit haben,“ aͤußerte Charlotte fragweiſe,„ſo iſt doch wenig⸗ ſtens Tom da, um ſie zu begleiten?“ „Ich trug ihm dieſen Abend ſo viel drin⸗ gende Geſchaͤfte auf,“ erwiederte der Gentleman, „daß es ihm ſchwer werden moͤchte, ſie alle zu beſorgen und mich noch im Augarten abzuholen. Die Nacht iſt herrlich, wir haben Vollmond. Dank ihrer Polizei und wie ich glaube noch etwas mehr der Guͤte der Einwohner; es giebt keine Boͤſewichte in Wien.“ „Wer hat Ihnen das geſagt?“ fragte Char⸗ lotte aͤngſtlich.„Was in einem Monat, in einem Jahre nicht vorgefallen iſt, kann es nicht heute geſchehen? Es waͤre das erſte Mal, daß Sie allein ſo ſpaͤt nach Hauſe kehrten!“ „Nicht allein werde ich gehen,“ entgegnete 363 Styndall;„die ſuͤßeſten Erinnerungen werden mich immer begleiten; aber Ihr Gedaͤchtniß taͤuſcht Sie, Charlotte. Ein Gleiches iſt mir voriges Jahr zwei Mal begegnet.“ „ Voriges Jahr!“ entgegnete die Fuͤrſtin lebhaft.„Voriges Jahr! Ei, verſtanden wir uns denn damals ſchon? Was heute beſchloſſen iſt, war es da ſchon, mein theurer Styndall? Ach, mein theurer Freund, ich kann nicht zu⸗ geben, daß Sie Ihr Leben mit ſolchem Leicht⸗ ſinn wagen. Das heißt, mich gar zu ſehr ver⸗ geſſen! Bedenken Sie, daß es Ihnen nicht mehr vergoͤnnt iſt, der Sir Styndall der Abendge⸗ ſellſchaft des Prinzen Ludwig zu ſein!“ „Und doch bin ichihm verpflichtet,“ erwiederte der Gentleman, indem er Charlottens Hand ergriff und ſie kuͤßte; denn es iſt derſelbe, den Sie auszuzeichnen die Guͤte gehabt haben. Ver⸗ bannen Sie Ihre Beſorgniß, meine zaͤrtliche Freundin. Auf dem Ruͤckweg nach Wieden brauche ich ja nicht durch den Schwarzwald zu reiſen. Gluͤcklich bis jetzt, von Ihrer Liebe beguͤnſtigt, von Ihrer liebenswuͤrdigen Couſine gern gelitten, wie ſollte ich nicht auf einen noch wirkſameren Schutz des Himmels rechnen?““ Der Englaͤnder hatte dieſe Worte nicht ohne Gewiſſensbiſſe eusſprechen koͤnnen. Er warf ſich vor, den Himmel in eine Verſicherung ge⸗ miſcht zu haben, die ein ungluͤckliches und un⸗ vorhergeſehenes Ereigniß bald Luͤgen ſtrafen werde. Die Fuͤrſtin ſah ſeine Unruhe. Zu glei⸗ cher Zeit bemerkte ſie, daß ihr Ring nicht an des Gentlemans Finger ſei; ſie erblaßte und bezeugte ihm das Erſtaunen, das ihr dieſer Zufall verurſache. Friedrich griff unter ſeine Weſte und zeigte ihr den Ring an einem ſchwar⸗ zen Bande haͤngend mit der Antwort, daß er ihm einen weit ſchicklicheren Platz angewieſen habe. Die Baronin erklaͤrte dies Wort fuͤr koſtlich und nach dem beſten Ton. Die Fuͤrſtin blieb nicht weniger nachdenklich, als ſich Styn⸗ dall einem Conſoltiſchchen nahte, um ſeinen Hut zu nehmen. „Wie, ohne die geringſte Waffe zu Ihrer Vertheidigung?“ rief ſie, als ſie den Gentleman nach der Thuͤre ſchreiten ſah. Und ſie ſelbſt eilte ihm einige Schritte zuvor, als wollte ſie ſein Weitergehen hindern, waͤhrend die Baronin ihrerſeits ſich uͤber die Tollheit beſchwerte, ohne Vorſicht ein entlegenes Viertel der Stadt zu ſolcher Stunde zu durchwandeln. In der Ant⸗ wort auf dieſe Erinnerungen bemuͤhte ſich Fried⸗ 365 rich einen ſeinen Worten angemeſſenen Ton an⸗ zunehmen.„Charlotte, meine liebenswuͤrdige Freundin,“ ſagte er,„ich trage ſelten Waffen bei mir. Sie haben mir verziehen, darin von der Gewohnheit des Landes abzuweichen. Ich bedarf keiner, um in den Augarten zu kommen. Sie haben mir erlaubt, Ihr Herz auf andere Art anzugreifen, und von Ihnen weggehend, kenne ich im ganzen teutſchen Reiche keine an⸗ dere Belagerung, die ich unternehmen wollte.“ „Wie kann es Styndall gefallen, ſo ber meine Unruhe zu ſcherzen?“ entgegnete Char⸗ lotte mit Schmerz.„Ich wiederhole es Ihnen, dieſer Leichtſinn, der nicht in Ihrem Charakter liegt, betruͤbt mich ſehr. Lachen Sie uͤber meine Beſorgniſſe, nennen Sie ſie chimaͤriſch, wenn Ihnen das gefaͤllt, mein Freund, ich erlaube es Ihnen! Sie wiſſen, daß ich ſtets unſere Liebe bedroht glaubte; eine duͤſtere Ahnung laͤßt mich glauben, daß ſie es heute noch mehr iſt. Nein, Friedrich, Sie gehen heute Abend nicht allein und ohne Waffen aus meinem Hauſe! Ich werde nimmermehr einwilligen; ich werde es durchaus nicht zugeben!““ Die ſuͤße und durchdringende Stimme der Fuͤrſtin war dem Englaͤnder tief ins Herz ge⸗ 366 gangen. Auf ein Mal war Zaͤrtlichkeit und Schrecken in ſeinen Lauten, denen die Natur ſchon ſo viel Reiz verliehen hatte. Wie ſollte er nicht bewegt ſein? Es haͤtte weniger bedurft, um jeden andern Entſchluß zu brechen, als Styndalls war. Seine Qual war um ſo groͤßer, da er ſie verbergen mußte. Ein Umſtand fuͤhrte ſeine Verlegenheit zum aͤußerſten Gipfel, daß naͤmlich Charlotte den Schellenzug ergriff, um den Befehl zu geben, daß man ihren Wagen anſpanne. Vergebens verſuchte er ſich zu wi⸗ derſetzen, indem er den Arm der Fuͤrſtin feſt⸗ hielt; zweimal klingelte ſie ſtark vor ſeinen Au⸗ gen; der Schweis rann von ſeiner Stirne; er war auf der Folter, als ſtatt des Bedienten des Hauſes Tom Sylcock erſchien. Obgleich die Gegenwart des ehrlichen Die⸗ ners ein neues Hinderniß wurde, das ſpaͤter zu entfernen er ein Mittel finden mußte, ſo war es dem Gentleman doch weniger zuwider, als wenn er eine Viertelſtunde fruͤher gekommen waͤre. Friedrich faßte ſeinen Entſchluß und ſagte? „Du da, Tom? Ich rechnete dieſen Abend nicht auf dich. Wenigſtens wird die Fuͤrſtin ſich nun beruhigen, weil wir zuſammen nach Hauſe gehen.“ 367 In dem Augenblick buckte er ſich um ſein Schnupftuch aufzuheben, das er bei dem Sopha hatte fallen laſſen, und fuhr dann fort:„Wetter! mein Freund, du biſt gut bewaffnet. Wenn ich meinen Stockdegen in Wieden vergeſſen habe, ſo haſt du ein beſſeres Gedaͤchtniß als ich ge⸗ habt. Die Diebe werden nun an uns keinen guten Kauf thun!“ „Ei ja, mein Herr,“ antwortete Tom;„es giebt in der Welt zu viel Leute, denen zu mis⸗ trauen gar gut iſt; das wiſſen Sie beſſer als ich.“ Ein ſehr bezeichnender Blick Styndalls ver⸗ wies Tom zur Verſchwiegenheit, wozu er ſich auch verfuͤgte, uͤberzeugt, er ſolle die Fuͤrſtin durch den Namen Fratello nicht beunruhigen. Doch fuhr er ſprechluſtig fort: „Als ich meine Gaͤnge ſchon bei guter Zeit beendigt hatte,— und Gott weis, was ich Alles zu thun hatte!— kehrte ich nach Hauſe zuruͤck, ſo wie der Herr mir befohlen hatte; aber ich langweilte mich ein wenig, ſo allein zu ſein; da ſah ich den Vater Dietrich mit ſeinem Sohne im Mondſchein heimkehren, und ich ſchloß mich an ſie an. Zuvor wollte ich wiſſen, ob der Herr auch ſeinen Stockdegen mitgenom⸗ men, und da ich ihn noch am Stuhle fand, wie ich wohl erwartet hatte, nahm ich ihn gleich. Den Vater Dietrich ließ ich durch die Jaͤger⸗ zeile gehen, wohin ich ihn ein gut Stuͤck Wegs begleitete, dann ging ich nach dem Augarten und rechnete darauf den Herrn hier zu finden.“ Die letztern Worte ſprach er mit einem ſchlauen Blick, der die Frauen ergotzte. „So biſt du alſo nicht auf dem gewoͤhnli⸗ chen Wege hierher gekommen?“ „Nein, Ihro Gnaden!“ „Gut! Laß uns gehen! Es iſt etwas uͤber halb eilf, und die Fuͤrſtin wird ſich noch mehr angſtigen, wenn wir laͤnger bleiben.“ Charlotte naͤherte ſich Styndall, neigte ihr reizendes Geſicht zu ihm und ſagte:„Jetzt bin ich etwas ruhiger; laſſen Sie uns Frieden machen!“ Wie konnte er dieſem verfuͤhreriſchen Aner⸗ bieten widerſtehen? Und wie ſollte er nicht den Schmerz des groͤßten Opfers empfinden, deſſen ein Menſch faͤhig iſt, wenn er dies Zeugniß der Liebe erhalten hat? Zum zweiten Male, ſeit der Englaͤnder die Fuͤrſtin kannte, ſeit er ſie anbe⸗ tend, von ihr geliebt war, naͤherte ſich ſein Mund dem Ihrigen. Charlottens Arme waren auf Fried⸗ richs Schultern geſtutzt, ihr Buſen draͤngte ſich 369 ſeiner Bruſt entgegen und ſo erwiederten ihre Lippen den ſuͤßen Dank. Unausſprechlicher Au⸗ genblick! Warum entflog der letzte Hauch des Gentleman nicht unter dieſem koͤſtlichen Kuß? Warum war es ihm nicht vergoͤnnt, ſo mit dem Leben die Laſt abzuwaͤlzen, die er noch einige Schritte weit zu tragen hatte? Von dem laͤſtigen Gefuͤhl ſeiner Exiſtenz uͤberwaͤltigt, eilte er mit bleichen Wangen, auf der Stirn das finſtere Gepraͤge furchtbar ausgedruͤckt, und ſich kaum noch haltend auf die Baronin von Stein zu, um von ihr dieſelbe Gunſt zu verlangen; dann ging er. Die Fuͤrſtin von Hedenburg folgte ihm mit den Augen. Traurig, ohne ſich den Grund ihrer tiefen Schwermuth erklaͤren zu koͤnnen, ſeit ſie Friedrich nicht mehr ſah, horchte ſie auf das Geraͤuſch ſeiner Schritte auf den Stu⸗ fen; und als ſie ihn nicht mehr hoͤrte, wandte ſie ſich zu ihrer Couſine und zeigte ihr ein Paar Augen voll Thraͤnen. Sie wollte ſprechen, ſie wollte ihr Bangen am Buſen ihrer Verwandtin ausſchuͤtten, als Eliſa dieſem Wunſche ein Ziel ſetzte, indem ſie ſagte:„Woruͤber haͤrmen Sie ſich, meine Gute? Einige kleine Ungleichheiten ausgenommen, muß man geſtehen, iſt Sir Styn⸗ III. 24 370 dall ein liebenswuͤrdiger Kavalier! Man wird es mir nicht ausſtreiten, daß dieſer junge Herr nicht mehr in Palaͤſten und am Hofe gelebt hat, als in der Stadt. Sein Sie uͤberzeugt, daß die Kaiſerin weit mehr uͤber dieſes Sub⸗ jekt weiß, ſonſt wuͤrde ſie....“ Charlotte er⸗ griff eine Kerze und zog ſich in ihr Zimmer zuruͤck. Der Gang des Englaͤnders war anfangs ſo raſch als er ſelbſt ſtillſchweigend. Sein Diener, obgleich gut zu Fuß, hatte Muͤhe ihm zu folgen So wie der Gentleman die Thuͤre des Palaſtes von Oedenburg hinter ſich hatte, ſchien er von einem unſichtbaren Arm nach einem geheimniß⸗ vollen Ziele hingedraͤngt. Als er einen Winkel, den die Straße bildete, zuruͤckgelegt hatte, forſchte er aufmerkſam vor ſich hin und hielt ploͤtzlich ſeine Schritte ein. Bei vier großen Linden, die mit ihren Zweigen eine ſteinerne Bank be⸗ ſchirmten, nahm der Gentleman in der Entfer⸗ nung eines Buͤchſenſchuſſes einen von dem Mond⸗ licht quer uͤber den ganz veroͤdeten Weg gewor⸗ fenen Schatten von menſchlicher Geſtalt wahr. Ein Woͤlkchen, das zu gleicher Zeit uͤber die glaͤnzende Scheibe des Mondes wandelte, machte dieſe Wirkung weniger abſcheulich. Tom Sylcock ———— 371 konnte ſich nun an ſeinen Herrn anſchließen, der ihn zu erwarten ſchien und ihm mit einem faſt ſchmeichelnden Ton ſagte: „Es iſt nun beſchloſſen, daß dieſer Tag fuͤr dich große Beſchwerden habe, und ich bin wirk⸗ lich ſelbſt unzufrieden mit mir, daß ich dich noch einen Weg gehen laſſen muß. Eben werde ich inne, daß ich meine gruͤne ſaffiane Brieftaſche auf der Fuͤrſtin Sopha habe liegen laſſen. Wir ſind noch nicht ſehr weit vom Palaſte von De⸗ denburg; ſollteſt du aber zu muͤde ſein, mein lieber Freund, ſo will ich mich ſelbſt lieber hinbegeben!“ Styndall hatte wirklich ſeine Brieftaſche zwiſchen das Kiſſen und dem Ueberzug des So⸗ pha hingelegt; und als Tom in dem Saal er⸗ ſchien, ließ er ſein Schnupftuch fallen, um eine Gelegenheit, ſich zu buͤcken, zu finden. So wußte er allenfalls, daß dieſer brave Burſche, und ſei es auch nur ſeiner eigenen Liebe wegen, nach dem Augarten umkehren würde. Von einer andern Seite kannte der junge Sylcock ſchon ſeit langer Zeit den Werth, den ſein Herr auf dieſe Brieftaſche legte; auch hatte er noch nicht die unzufriedenheit vergeſſen, die ſein Herr an dem Tage, wo man den Archangeli nach dem Platz 24* 372 am Hof fuͤhrte, bezeugte, als man bie Kühn⸗ heit gehabt hatte/ ſie zu oͤffnen. „Ich gehe,“ ſagte Tom,„doch werde bald wieder zuruͤck ſein! aber ich bitte Sie, mein lieber Herr, gehen Sie nicht zu weit vor⸗ aus, denn das iſt eine Stunde der Racht, wo es beſſer iſt, ſich nicht allein auf den Weg zu machen. Ich uͤberlaſſe Ihnen den Stockdegen.“ „Gut,“ antwortete Styndall,„ich will nur bis zu dieſen Linden gehen, und dich auf der Steinbank erwarten.“ Er empfing den Stockdegen aus der Hand des Kammerdieners und ſah ihn mit einer Schnel⸗ ligkeit ſich entfernen, die die Ermuͤdung gar nicht zu verringern ſchien. Da aber der Palaſt von HOedenburg wenigſtens um einige hundert Schritte entfernt lag, ſo konnte der junge Menſch ungeachtet ſeiner Schnelligkeit unter einer Vier⸗ telſtunde nicht zuruͤck ſein. Der Gentleman ſetzte ſeinen Weg in den Theil der Leopoldſtadt fort, die damals noch nicht ſehr bevoͤlkert war und wo nur einzelne ſchoͤne und geſchmackvolle Haͤuſer ſtanden. Die Mondſcheibe wurde nicht mehr von der Wolke verdunkelt; man brauchte keine Luchsaugen zu haben, um einen ziemlich großen in einen Man⸗ tel bis an die Ohren gehuͤllten Mann zu ſehen, der ſich an die erſte der Linden gelehnt hatte. Styndall ging einen Augenblick bei Seite, ſo daß er nicht geſehen werden konnte, zerbrach die Klinge ſeines Stockdegens, und warf die Stuͤcken uͤber die Mauer eines Gartens. Hier⸗ auf nahm er ſeinen gewoͤhnlichen Schritt wieder, jedoch nicht ohne eine gewiſſe erdichtete Abwei⸗ chung vom Wege zu machen, die der eines Spaziergaͤngers glich, der ſich ſeinen Gedanken uͤberlaͤßt, wenn er in voller Sicherheit zu wan⸗ deln glaubt. Friedrich hatte nicht genau Fratellos Zuͤge erkannt, da der Untertheil ſeines Geſichts in den Mantel gehuͤllt war. Aber!an der ſchlanken und hagern Geſtalt hatte er ihn erkannt. Er ging mit Vorbedacht weiter und ließ die Baͤume zur Seite. Die an einen von ihnen angelehnte Geſtalt machte nicht die geringſte Bewegung; ſchon erreichte Styndall den Platz, ſo daß er ſich an der Reihe der letzten Linden befand, aber noch immer dieſelbe Unbeweglichkeit von Seiten der ſtehenden Geſtalt. Der Gentleman war daruͤber nicht wenig erſtaunt. Er vermuthete, daß der Italiener in der Entfernung zwei Menſchen gezählt und eine Schlinge befuͤrchtete, da er jetzt nur einen ſaͤhe. Da in dieſer Ueberzeugung der Englaͤnder Fra⸗ tello beweiſen wollte, daß er allein ſei, ſetzte er ohne nur im Geringſten anzuſtehen ſeinen Weg fort; kaum hatte er einige Schritte gethan, als er hinter ſich ein Geraͤuſch zu bemerken glaubte, das ihm vermuthen ließ, Fratello habe ſeinen Hinterhalt verlaſſen; dieſes Geraͤuſch naͤherte ſich immer mehr. Styndall empfahl ſeine Seele Gott! Er gab durch keine Bewegung zu erkennen, daß man ihm auf der Verſe nach⸗ folgte, ging noch einige Sekunden weiter und wendete ſich nicht eher um, bis er zwei Dolch⸗ ſtiche, von denen der eine toͤdtlich war, in den Ruͤcken erhalten hatte... „Niedertraͤchtiger,“ ſagte er, da er Fratello im Angeſicht hatte,„was that ich dir, daß du mich alſo behandelſt?“ „Du haſt mich genoͤthigt, meinen Bruder zu toͤdten. Du biſt im Beſitz meines Geheim⸗ niſſes, und ich konnte nicht zu dem Deinigen ge⸗ langen!“ wurde ihm zur Antwort. Fratello ſuchte ſeine Stiche zu vervielfaͤlti⸗ gen, allein der Englaͤnder entwandte ihm mit noch kraͤftigem Arm den Dolch, der, von den 375 Strahlen des Mondes erleuchtet, in der Hand des Moͤrders glaͤnzte. „Du ſieheſt,“ fuͤgte Styndall hinzu, indem er die treuloſe Waffe bei Seite warf,„ich koͤnnte mich raͤchen. Fliehe und bereue es! Ich ver⸗ zeihe dir meinen Tod... Kehre nicht wieder in die Stadt zuruͤck, denn man hat deine Woh⸗ nung ſchon entdeckt.“ Des Gentlemans Kräfte waren erſchoͤpft, ſeine Bruſt fullte ſich mit Blut; bei jedem Athem⸗ zug ſpie er deſſen aus, und mit dem Geſichte nach dem Augarten gerichtet, fiel er an einer Linde nieder. Alles dieſes hatte ſich in acht Minuten zu⸗ getragen, und Tom kam doch ſchon mit der Brieftaſche zuruͤck, indem er den Ort, wo die Straße eine Kruͤmmung bildete, gerade durchge⸗ ſchritten hatte. Waͤre er nur einen Augenblick fruͤher gekommen, ſo waͤre er Zeuge von Styn⸗ dalls Kampf mit Fratello geweſen. In dem Schweigen der Nacht hatte er nur das Geraͤuſch ihrer Worte gehoͤrt, ohne den Sinn derſelben faſſen zu koͤnnen. Von einer großen Unruhe getrieben, ſtrzte er ſich zu den Baͤumen und war dieſen ſchon ſo nahe gekommen, daß er das Fallen des einen der Streitenden ſehen konnte, Obgleich er noch nicht wußte, welchen von Beiden das ungluckliche Loos betroffen, ſtieß er ein lautes Geſchrei aus, das in dieſer Einſam⸗ keit laut wiederhallte, Fratello erſchrack davor. Von dem edlen Betragen ſeines Schlachtopfers noch erſchuͤttert als durch die Gegenwehr des⸗ ſelben, wußte er nicht, nach welcher Seite hin er fliehen ſollte. Im Winkel einer Mauer ſtek⸗ kend unterſuchte er mit dem Finger die Schaͤrfe eines andern Dolches, den er bei ſich hatte, und uͤberlegte, ob er nicht auch den Diener nie⸗ derſtechen ſolle. Aus dieſer Unentſchloſſenheit riß ihn ein Geraͤuſch von Schritten, die von der Seite der Carmeliter Pfarre herkamen und ſich den Linden merklich naͤherten. Anderſeits ſetzte Tom Sylcock ſein Geſchrei um ſo ſtaͤrker fort, da er Styndalls traurigen Zuſtand erkannt hatte.„Herbei, herbei, meine Freunde!“ rief er aus,„ein niedertraͤchtiger Italiener hat den geehrteſten Edelmann von ganz England ge⸗ meuchelt!“ Bald waren drei oder vier Vor⸗ uͤbergehende um den Sterbenden und ſeinen treuen Diener verſammelt. Durch ſein Geſchrei wurden noch andere Buͤrger herbeigerufen und dieſe bat Tom geradewegs nach dem Judenplatz zu eilen, weil der Moͤrder wahrſcheinlich dieſe„ platz zu, billige. Die Hoffnung, ſein Leben zu 577 Richtung genommen habe, vorzuͤglich aber er⸗ ſuchte er ſie, einen Arzt herbei zu ſchicken, und zeigte ihnen die Wohnung des Doktors van Swieten am Graben an, wenn ſie keinen in einer naͤhern Straße finden koͤnnten. Fratello ſah ein, daß ſeine Ruͤckkehr in den Gaſthof zum Prinzen Eugen gefaͤhrlich ſein koͤnnte; er machte ſich alſo die Nacht und den durch ſein Verbrechen verurſachten Aufſtand zu Nutze und ſchlich ſich, ſtatt uͤber die Bruͤcke gerade aus zu laufen, die er fuͤr ſich nicht mehr zugaͤnglich hielt, hinter den Linden weg und erreichte durch das Augarten Viertel das Feld. Der Englaͤnder athmete inzwiſchen noch, ſeine große Beklommenheit verhihderten ihn nicht einige Worte auszuſprechen, die die voll⸗ kommene Richtigkeit ſeines Urtheils bezeugten. Seine Lage am Baume hatte ihm in der Dun⸗ kelheit erlaubt, den Italiener in den Augen⸗ blicke zu bemerken, wo er die Straße hinauf ging, indeſſen die Perſonen, die mit ihm eifrig beſchaͤftigt waren, dem Boͤſewicht den Ruͤcken zukehrten. Styndall beobachtete dennoch Still⸗ ſchweigen. Er gab ſelbſt ein Zeichen, daß er die veranſtaltete Nachforſchung nach dem Juden⸗ 378 retten, war bei den Anweſenden noch nicht auf⸗ gegeben. Man konnte ihn, aͤrztliche Huͤlfe erwar⸗ tend, nicht laͤnger unter der Linde liegen laſſen. Dieſe Straße war mit Gaͤrten umgeben, und die dazu gehoͤrigen Haͤuſer faſt unbewohnt, denn ihre Beſitzer waren ſchon ſeit dem Mai auf ihre Guͤter gereiſt. Die Anzahl der Zuſchauer hatte ſich ver⸗ mehrt. Einige Lichter verbreiteten ihren ſchwa⸗ chen Glanz uͤber die traurige Scene. Mitten in dieſer Verwirrung ließ ſich eine Stimme hoͤ⸗ ren, welche ſagte:„Sie haben uns berichtet, daß Sie aus dem Palaſte von Oedenburg ge⸗ kommen waͤren, als Ihr Herr ermordet wor⸗ den. Da wir nun nicht weit davon entfernt ſind, warum wollen Sie ihn nicht dahin ſchaf⸗ fen? Denn dort kann er auf eine Huͤlfe rech⸗ nen, die er anderswo nicht beſſer finden wird. Dieſer Rath wurde einſtimmig angenommen, Styndall, der alles dieſes gehoͤrt hatte, ver⸗ ſuchte einige Worte zu ſtammeln, um ſie davon zu verhindern. Allein es war ihm unmoͤglich, ſeine Weigerung deutlich auszudruͤcken. Seine Kraͤfte nahmen zuſehends ab. Ohne auf dieſe verneinende Zeichen Ruͤckſicht zu nehmen, beeilte 379 man ſich nur, den Vorſchlag auszufuͤhren. Man legte ihn auf eine Tragbahre, die man in einem benachbarten Garten geholt und die man aus Vorſicht mit einem Theile der Kleidungsſtuͤcke der anweſenden Perſonen belegt hatte; denn dieſe hatten ſich wetteifernd ihrer Kleider ent⸗ bloßt, um ihm ein weicheres Lager zu berei⸗ ten, und Tom, der in Thraͤnen zerfloß, behielt weiter nichts auf ſeinen Schultern, als ſein Dies war der Eifer der Menſchlichkeit und der Barmherzigkeit; aber er war wenig aufge⸗ klaͤrt. Die Ortsveraͤnderung zerſtoͤrte vollends Styndalls phyſiſche Kraͤfte. Er fuͤhlte die Annaͤherung des Todes und richtete die Augen auf ſeinen Diener, der ſeinen Kopf unterſtützte, und auf ſeine geringſten Zeichen aufmerkſam, ſich zu ihm herab beugte. Der Englaͤnder rich⸗ tete noch an ihn einen kurzen Auftrag, in wel⸗ chem der Name der Fuͤrſtin von Oedenburg mit begriffen war. Sie war das letzte Wort, was ſeinen Lippen entging, denn in dieſem Au⸗ genblick verſchloß ſie der Tod auf immer. Nur noch ſechzig Schritte von dem Palaſte verließ ihn der letzte Hauch. Tom wollte nicht eintreten; er ſtieß ein 380 verzweiflungsvolles Geſchrei aus, er ſagte fo⸗ gar, daß er ſich in die Donau ſtuͤrzen wolle. „Wie?« ſagte ihm Jemand,„Sie wollen auf dieſe Weiſe Ihren Herrn, todt oder leben⸗ dig, verlaſſen, ohne eigentlich zu wiſſen, wie Sie mit ihm daran ſind! Denn wer kann be⸗ haupten, daß er nicht noch lebe! Man hat viele Beiſpiele von Menſchen, die ihr Bewußtſein gaͤnzlich verloren hatten, dennoch ihren Freun⸗ den erhalten wurden; es waͤre bejammerns⸗ werth, den Koͤrper dieſes armen Edelmanns hier zu laſſen!“ Man ging weiter. Man klingelte; ein faſt eingeſchlafener Schweizer zog den Riegel und man kam bis zur Hausflur. Obgleich es ſtark auf zwoͤlfe ging, ſo waren doch mehr als zwan⸗ zig Perſonen der Tragbahre gefolgt. Denn un⸗ terwegs hatten ſie ſich dem Zug angeſchloſſen; Jedermann, wie es bei dergleichen Gelegenheiten hergeht, ſprach, fragte, antwortete und ſeufzte. Durch den Larm wurden die Bedienten des Palaſtes von Hedenburg halb entkleidet herbei⸗ gerufen. Sie bebten ſogleich vor dem entſeel⸗ ten Koͤrper zuruͤck. Als ſie ihn erkannten, war ihr Schmerz ihrem Schreck gleich, denn alle liebten Styndall und alle hatten ſich ſeiner 381 Leutſeeligkeit und Freigebigkeit zu erfreuen ge⸗ habt. Fraͤulein Hubert weckte ſchnell Frau von Stein und bat ſie, zu verhindern, daß die Fuͤr⸗ ſtin dieſen Leichenzug gewahrte, weil ihre Em⸗ pfaͤnglichkeit einen ſolchen Auftritt nicht ertra⸗ gen wuͤrde. Dieſe Vorſicht war nur zu noͤthig. Charlotte hatte ſich eben niedergelegt, und war noch nicht eingeſchlafen, als der Laͤrm der ver⸗ ſammelten Menge vom Hofe aus zu ihr drang. Anfangs verwunderte ſie ſich, darauf oͤffnete ſie ein Fenſter, aber ſchon war der Zug bis in den niedern Saale vorgeſchritten. Sie klingelt, war⸗ tet vergebens drei Minuten lang, ſteht auf, kleidet ſich nach den Anforderungen des Wohl⸗ ſtandes an, und mit einem der ſchrecklichſten Angſt preisgegebenen Herzen, ſteigt ſie die erſten Stufen der Treppe herab, die an die Hausflur grenzte. Wie ein Streich des Todes trifft der von Tom mit Geſchrei ausgeſprochene Name Fratello ihre Ohren. Sie verdoppelt ihre Schnelligkeit und ſteht ſchon unten am zweiten Treppengelaͤnder, noch einige Schritte und ſie kann den Freund erblicken, der fuͤr ſie ein Ge⸗ genſtand ewiger Trauer geworden iſt! Ihre Couſine, die ihr aus dem niedern Saale entge⸗ 382 gen kommt, bedeckt ihr die Augen mit einem Tuch. Charlotte hatte nichts geſehen, und mit dem ſchmerzhafteſten Tone ruft ſie aus:„Al⸗ les iſt aus, weil der ungluͤckliche Traum voll⸗ kommen erfuͤllt iſt!« und ſie faͤllt entkraͤftet auf die Stufen. Trotz ihrer Thraͤnen und Bitten, bringen ſie ihre Leute von der Baronin unterſtuͤtzt in ihr Zimmer. Die Baronin von Stein hatte Geiſtes Ge⸗ genwart genug, Charlotten zu verſichern, daß Styndall nur gefaͤhrlich verwundet ſei, daß ein Arzt angekommen, wie auch wirklich der Fall war— der ausdruͤcklich jeden Anlauf bei dem Gentleman verboten haͤtte, und beſonders nicht erlauben wollte, daß eine ſo theure Perſon wie die Fuͤrſtin, ſich den Blicken des Kranken blos⸗ ſtelle, bei dem in dieſem Augenblicke jede Unruhe toͤdtlich werden koͤnnte. Der Arzt ſelbſt hatte dies der Baronin eingegeben. Aber als liebe⸗ volle Verwandtin hatte ſie mit Geſchicklichkeit dieſer Fabel, einen großen Anſtrich von Wahr⸗ ſcheinlichkeit zu geben gewußt. Alle Viertelſtunden ließ ſich Charlotte nach Friedrichs Befinden erkundigen und jedesmal wurde ihr Bote mit einer Unwahrheit zuruͤck⸗ geſendet. Dieſer Zuſtand konnte nicht lange 383 dauern. Vergebens hatte man ſich von Tom verſprechen laſſen, Schweigen zu beobachten, denn der geringſte Laut haͤtte alles entdecken koͤnnen. In dieſer peinlichen Verlegenheit hielt es die Baronin fuͤr rathſam, ihre Zuflucht zu dem Beiſtand ihrer Freunde zu nehmen... Sie ſchickte mehrere Diener an ſie ab, der eine erhielt den Befehl zu dem Baron von Sper⸗ ges, von Holger und ſelbſt zu Noverren, den ſie faſt eben ſo ſehr achtete, zu gehen, ein an⸗ derer zu van Swieten und dem guten Duval, die nicht weit von einander wohnten; alle ließ ſie inſtaͤndigſt bitten, ohne Verzug nach Augarten zu kommen. Ein Bote wurde nach dem Thereſianum geſchickt, wo der Doktor von Storch, Leibarzt des Erzherzogs Joſephs, und Styndalls Freund wohnte. Der letztere Die⸗ ner ſollte zu gleicher Zeit in Styndalls Haus gehen und die traurige Nachricht von der Er⸗ mordung des Gentlemans daſelbſt verkuͤnden. Es war gut, daß die Baronin an den gu⸗ ten Jamerai Duval gedacht hatte, denn er war von Allen der einzige, der zu ſprechen war; die andern waren theils noch nicht aufgeſtanden, theils waren ſie den Tag vorher mit der Kai⸗ ſerin nach Schoͤnbrun abgereiſt, wo ſie ſich zu 384 den Erzherzoginnen verfuͤgt hatten. Es war fuͤnf Uhr des Morges, die Fuͤrſtin hatte einen Augenblick geſchlummert. Aber ihr Geiſt ward von unglucklichen Ahnungen getrieben, ſie er⸗ wachte, und trotz aller Einwendungen, kuͤndigte ſie mit entſchloſſenem Willen an, in den kleinen Saal hinabzugehen. „Was!“ ſagte ſie,„ich konnte an ſeiner Seite ſein, als er faſt von den Raͤdern meines Wagens zermalmt worden, ich konnte ihn mit in das Zimmer tragen, das auch ſeinen Na⸗ men noch fuͤhrt, als er der Muͤdigkeit unter⸗ liegend, und von ſchlammigem Waſſer durch⸗ naͤßt, ſeinen letztem Hauch von ſich gegeben zu haben ſchien, und Sie wollen mir verbieten, mich ihm in den Augenblick zu naͤhern, wo ihn der Dolch eines Moͤrders getroffen hat! Sie halten mich alſo fuͤr ein ſehr ſchwaches Weib und noch fuͤr eine ſchwaͤchere Freundin!.. Habe ich nicht ſein Blut ſchon fließen geſehen. Glauben Sie, daß dieſer Auftritt mich vor Schrecken erſtarren ließ? Rein, ich ſtehe Ihnen dafuͤr, ſo lange die Quelle dieſes edlen Blutes nicht verſiegt ſein wird!. Laſſen Sie mich hinunter, ich beſchwoͤre Sie! Entweder kenne ich Styndall nicht, oder es macht ihm 385 noch einige Freude, nachzuſehen. Es giebt keine ſo große Wunde, die das Auge einer Freun⸗ din jemals vergiftet haͤtte“ Nach dieſen Worten draͤngte ſie ihre Cou- ſine zuruͤck und ging nach der Thuͤre zu. Der ehrwuͤrdige Duval hatte zehn Minuten bei der Leiche im kleinen Saale zugebracht. Als er Toms Erzaͤhlung angehoͤrt hatte, faßte er ſeinen Entſchluß, ohne Zoͤgerung ging er hinauf, und da er die Fuͤrſtin auf der Treppe fand, fuͤhrte er ſie wieder in ihr Zmmer zuruͤck. Als ſie ſich geſetzt hatte, ſah ſie gute Duval an, und in ſeinem Blicke las ſie ihr ganzes Ungluͤck. Ein augenblickliches Still⸗ ſchweigen nicht wenig traurig als beredt herrſchte von beiden Seiten; dann nahm der Aufſeher des kaiſerlichen Muͤnzkabinets das Wort: „Ja, wuͤrdige und vortreffliche Frau, der Beſte der Menſchen iſt Ihnen durch ein ab⸗ ſcheuliches Verbrechen geraubt worden.“ „Warum hat man mir es nicht fruͤher be⸗ richtet?“ antwortete die Fuͤrſtin mit der Ruhe der Verzweiflung; man wuͤrde meinem Schmerz die Hoffnung erſpart haben. Die Hoffnung iſt kein Balſam fuͤr die Seele, wenn ſie nur ange⸗ III. 25 386 wandt wird, um die Menſchen zu taͤuſchen, dann iſt ſie die groͤßte Qual, womit man einen Unglucklichen zu Boden druͤcken kann, und dieſe dulde ich.“ „Wenn ich vor einigen Stunden bei ihm geweſen waͤre, ich weiß in der That nicht was ich gethan haͤtte. Auch ich wuͤrde wahrſchein⸗ lich ihren Blicken den Koͤrper eines ſchaͤndlich ermordeten Mannes entzogen haben, der Ihr Freund, ja— warum ſoll ich es verſchweigen, Ihr Geliebter war, und der es zu ſein verdiente.“ „Sagen Sie noch, der im Begriff ſtand, mein Gemahl zu werden. Ach! er iſt es in meinem Herzen! Er wird niemals aufhoͤren, es zu ſein! Duval, nein, Sie wiſſen nicht, Sie werden niemals wiſſen, was dieſe Seele fuͤr edle und erhabene Geſinnungen enthielt! Ihre Einbildung wuͤrde vergebens befuͤrchten, in einer ſolchen Nachforſchung die Grenzen des Moͤgli⸗ chen zu uͤberſchreiten. Sie koͤnnen mir es ſicher⸗ lich glauben, ſie wuͤrde immer unter der Wirk⸗ lichkeit bleiben!“ „Ich ſehe es ein, das Verbrechen, oder vielmehr der Himmel, der es zugegeben, hat nichts getrennt! Dieſes ſchoͤne Leben wird fuͤr Sie fortdauern, es hat ein Heiligthum gefun⸗ 387 den, wuͤrdig, ihm zum Schutzort zu dienen. Liebenswuͤrdige, tugendhafte Charlotte, nehmen Sie wenigſtens dieſe Erleichterung für Ihre Schmerzen an! Ich bin alt, bald vier und ſiebzig Jahre habe ich auf Erden gelebt; glau⸗ ben Sie, uls ich dieſen Morgen nach der trau⸗ rigen Nachricht, meine hundert und dreißig Stufen herabſtieg, um mich zu Ihnen zu bege⸗ ben, ſagte ich nicht zu mir:»Ich will dieſe arme Frau troͤſten.“ Ei! wer bin ich, um zu troſten, wenn der Schiedsrichter unſeres Schick⸗ ſals uns heimſucht? Ich habe nicht die Kraft das Leben wieder zu geben; aber ich kann P⸗ nen ſagen:„Lieben Sie fort, was Sie verſö⸗ ren haben!“ das iſt das einzige Mittel was Ihnen uͤbrig bleibt, ihn zu erhalten. Warum habe ich keinen andern Balſam, Liebe, verehrte Freundin, auf Ihr zärtliches und gefuͤhlvolles Herz zu legen; ich weiß nur zu gut, welches ausgezeichnete Weſen ein Schaͤndlicher aus der Zahl der Lebendigen geriſſen hat! Geſtern ſchrieb mir noch Sir Styndall, ihm das Manuſcript zu ſenden, worin ich einfach das dunkele Schick⸗ ſal meines Lebens erzaͤhlte. Sein Brief an mich iſt voll unbeſchreiblicher Artigkeit, und ich wußte ihm ſehr Dank dafuͤr, denn ſein Beifall 25* 388 war von der ſehr kleinen Anzahl derer, die mir in Wien ſchmeicheln. Aber um wieder auf den Vrief zu kommen, ich glaubte darin etwas trauriges zu bemerken, das mich ſehr geruͤhrt hat. In Wahrheit, meine gute Freundin, ich ſollte wirklich glauben, daß uns der Himmel faſt immer in das Ge⸗ heimniß unſeres Schickſals eindringen laͤßt. Wenn wir es naͤher betrachteten, wuͤrden wir ſehen, das unſere groͤßten Ungluͤcksfaͤlle uns vorher verkuͤndigt worden ſind.“ „Sie haben ganz Recht, mein lieber Du⸗ val! Geſtern Abend, eine Viertelſtunde vor dem Verbrechen, ja, geſtern war ich den dun⸗ kelſten Ahnungen preisgegeben. Da ich Styn⸗ dall ohne Waffen, ohne Bedienten ſahe, wollte ich ihn nicht zu Fuße fort laſſen. Ich hatte fuͤr ihn meinen Wagen beſtellt. Ach! Warum bin ich nicht dieſer Eingebung gefolgt! Wenn ich gewußt haͤtte, daß der Verbrecher in Wien waͤre, wuͤrde ich befohlen haben. Aber Tom kommt und ich gebe nach! Der arme Bediente koͤmmt zuruͤck, um hier eine Brieftaſche zu holen! Meine Couſine muß zehn Thuͤren oͤff⸗ nen, um ſie zu finden! Friedrich hatte meine Briefe hineingelegt und mir erklaͤrt, ſie nicht 389 eher als bei ſeinem Tode von ſich zu geben. Er nannte ſie ſeine Egide, ſein Palladium; und da er ſie ohne den moraliſchen Theil ſei⸗ ner Idee anzunehmen, an ſeiner Bruſt auf⸗ bewahrte, ſo nahm ich ſie in einem etwas ma⸗ teriellen Sinne, und ſagte zu mir, daß dieſe Brieftaſche einem Dolchſtiche widerſtehen koͤnne. Ach, ſie haͤtte ihn nichts geholfen.“ „Nein, weil die Streiche meuchelmoͤrderiſch von hinten beigebracht wurden„ aber die Brieftaſche gehoͤrt Ihnen blos zu, erwiederte der alte Duval, indem er ſie ihr reichte. In ſeinen letzten Worten an Tom wuͤnſchte unſer armer Freund, daß ſie Ihnen zugeſtellt werden moͤchte! So hat es mir wenigſtens der gute Sylcock erzaͤhlt, dem dies gewiß am treueſten im Andenken geblieben ſein muß.“ Die Fuͤrſtin empfing die Brieftaſche aus den Haͤnden, die ſie ihm anboten; ſie bedeckte ſie mit Kuͤſſen und ihre Thraͤnen fielen auf den gruͤnen Saffian, endlich legte ſie ſie neben ſich nieder. Der Beſuch des vortrefflichen Mannes hatte in Charlotten eine Wirkung hervorge⸗ bracht, die man vernuͤnftiger Weiſe davon er⸗ warten konnte. Obgleich ihr Schmerz noch eben ſo groß als in den vergangenen Stunden 390 war, ſo hatte er doch einen feſten Charakter gewonnen. Und als Duval von ſeiner Ruͤck⸗ kehr in die Burg ſprach, hielt ſie ihn durch folgende Worte zuruͤck: „Mein lieber Jamerai Sie muͤſſen mir noch einen Dienſt erweiſen:“ „Welchen, meine theure Frau?“ „Ich will mit Ihnen hinabgehen, ich will ihn noch einmal ſehen!“ Der Aufſeher des Muͤnzkabinets entſchied ſchnell. „Ja, mit der Bedingung, daß dieſes zum letzten Male ſei.“ „Ich willige ein.“ „So erlauben Sie mir, Sie fuͤnf Minuten zu verlaſſen... Ich will nur die Fremden bitten, ſich etwas entfernt zu halten.“ Duval kehrte in den kleinen Saal zuruͤck, der wirklich mit Menſchen aus Wieden aber nicht mit Fremden angefuͤllt war, wenn man nicht des Gentleman treuen Diener, die Arbei⸗ ter die er beſchaͤftigte und mit Achtung behan⸗ delte, die Duͤrftigen, die er unterſtutzt und wie⸗ der empor gebracht und die Nachbaren, mit denen er in Verhaͤltniſſen und guter Eintracht gelebt hatte, dieſen Namen giebt. Nach erhal⸗ 391 tener Rachricht entfernten ſie ſich ſchluchzend. Da ſie aber die Abſicht der Fuͤrſtin von He⸗ denburg erfuhren, fanden ſie dieſen Befehl nicht ſtreng. Sie wurden dadurch von noch groͤßerer Hochachtung fuͤr dieſe ungluͤckliche Frau erfuͤllt. Der gute Duval nahm noch einige Maßregeln, die ſich auf die Lage des Leichnams und den Oertlichen bezogen, worin ihr die Baronin von Stein nicht beiſtehen konnte, weil ſie an ihren Mann ſchrieb, um ihn von ſeinem Vorhaben nach Wien zu kommen, abzureden. Charlotte betrachtete waͤhrend dieſer Zeit die Brieftaſche weinend, nahm ſie in die Haͤnde, drehete ſie um und ſahe ſie wieder an, hatte aber nicht den Muth, ſie zu oͤffnen. Etwas von Styndalls Schrift zu durchblaͤttern, waͤre uͤber ihre Kraͤfte gegangen; es waͤre ihr ſogar ſchwer gefallen, ihrem Blick ein zweites Mal auf die Zeilen zu heften, die er fär ſie, in den Tagen des Gluͤcks und der ſuͤßen Innigkeit geſchrieben hatte. Da erinnerte ſie ſich an den merkwuͤrdigen Tag, wo ſie beim Arſenal hielt und ihr ein Zog⸗ ling der Medicinſchule dieſelbe Brieftaſche dar⸗ reichte. Damals las ſie noch nicht in ihrem eigenen Herzen; nur ein dunkler Inſtinkt verrieth ihr, wie theuer ihr der Fremde werden wuͤrde, und 392 nur mit zitternder Hand hatte ſie Styndalls Papiere beruͤhrt! Wie weit lebhafter wuͤrden nicht in den jetzigen Umſtaͤnden ihre Gefuͤhle geweſen ſein! Wenigſtens haͤtte ſie damals nicht die Hoffnung verloren, und jetzt da er nicht mehr war, hatte es ihr geſchienen, als wenn er aus dem Schooße des Grabes Worte an ſie richtete. Dieſe Probe haͤtte den Schmerz in ſeiner ganzen Groͤße uͤber einen unerſetzlichen Verluſt wieder zu ſehr erweckt. Die Brieftaſche wurde abermals weggelegt; Charlotte entfernte ſie ſelbſt aus ihren Augen. Wie Jamerai verſprochen hatte, kehrte er zur Fuͤrſtin von Dedenburg zuruͤck. Der ehr⸗ wuͤrdige Greis gab ihr den Arm. Hier gewaͤhrte die Hinfaͤlligkeit des Lebens der bluͤhenden Ingend Beiſtand, traurige Hul⸗ digung, dem Schmerz der Seele gereicht und noch ſtaͤrker auf unſere Natur wirkend als die Anfaͤlle der Jahre! Sie gingen zuſammen in den kleinen Saal, und obgleich Charlottens Glieder ein Schauer durchlief, ſo richteten ſich doch ihre Augen ſogleich nach dem Englaͤnder, den man in dem obern Theil des Zimmers nie⸗ dergelegt hatte. Mehr in ſitzender als liegender Stellung hatte Friedrich den Kopf auf ein Kiſſen 393 von Karmoſinſeide geſtuͤtzt, daß der Wiederſchein ſeinen bleichen Zuͤgen einen faſt lebhaften Glanz mittheilte. Dieſe druͤckten eine nachdenkende Ruhe, aber frei von Sorgen aus. Keine Ver⸗ ziehung, kein Zeichen erinnerte an das traurige Gepraͤge; die Wirkung war mit der Urſache verſchwunden, und der gelehrte Pſycholog waͤre vielmehr bei dieſem blaſſen Anblick auf den Gedan⸗ ken gerathen, daß die Seele freiwillig ihrer Huͤlle entflohen ſei. Keinen ihrer natuͤrlichen Reize hatte ſeine Geſtalt verloren, ſie erſchien in ihrem ganzen Adel, gleich einer ſchoͤnen Statue von italieni⸗ ſchem Marmor, die in der Werkſtaͤtte den Au⸗ genblick erwartet, wo ſie auf einem Grabe ruhen ſoll. Die Fuͤrſtin ſchritt langſam vorwaͤrts. In der Entſfernung von einigen Schritten verließ ſie Duvals Arm, ohne etwas in der Ruhe zu veraͤndern! Aus der Feierlichkeit ihres Ganges hatte man vermuthen koͤnnen, ſie nahte ſich dem Seſſel, auf welchem Styndall ſchlummerte. Einen Augenblick blieb ſie vor ihm ſtehen, um das friedliche Geſicht und die Stirn zu betrachten, wo noch die milde Erhabenheit des vorigen Abends thronte, denn Alles an ſeinem Haupte ſchien gelaͤutert. Darauf kniete ſie ſchweigend 394 nicder, nahm Friedrichs Hand und fuͤhrte ſie nach ihren Lippen. Dieſe blieben einige Sekun⸗ den darauf geheftet. Der Kuß, den ſie dem Todten gab, war keuſch und voll Ehrfurcht. Dann legte ſie die aufgehobene Hand wieder in ihre vorige Lage. Als ihm Charlotte dieſe letzte Huldigung gebracht, verließ ſie mit dem⸗ ſelben Schweigen ihre gebeugte Stellung, ſuchte den Arm ihres betruͤbten Gefaͤhrten wieder und verließ den kleinen Saal. Nur als ſie uͤber die Schwelle getreten war, wandte ſie ſich um, ſah den Leichnam an und ſprach:„Wir haben ein Weſen zum letzten Mal geſehen, das un⸗ ſerm Geſchlecht auf Erden die groͤßte Ehre ge⸗ macht hat. Ich, die ich ihn gekannt habe, kann Ihnen das im Angeſicht des Himmels ſagen, wo er jetzt ohne Zweifel wohnt!“ Bei dieſen Worten wendeten ſich ihre Augen gen Himmel, gleichſam um ihren Freund von ihm zuruͤckzufordern, oder um ſeinen Platz dort zu bezeichnen! Duval ſchwieg. Er war durch dieſe außerordentliche Scene ganz in ſich gekehrt geworden. Niemals war er ſeit dem Tage, wo ihm Kaiſer Franz I. auch im Monate Auguſt 1765 entriſſen wurde, ſo betruͤbt geweſen. Er eilte die Fuͤrſtin in ihr Gemach zuruͤckzufuͤhren; 395 da fuͤhlte er, daß ſie faſt ohnmaͤchtig wurde, und rief ihre Kammerfrauen, um ſie der Sorg⸗ falt derſelben zu uͤbergeben. 38. Die Doktoren van Swieten und von Storch kamen faſt zu gleicher Zeit an; an die Barone Holger und von Sperges war ein Courrier nach Schoͤnbrunn abgeſandt worden, und man er⸗ wartete ſie Abends. Von einem jungen Zoͤgling der chirurgiſchen Schule unterſtuͤtzt, nahmen die beiden Aerzte die Beſichtigung Styndalls in Gegenwart eines Gliedes des Tribunals der buͤrgerlichen und gerichtlichen Polizei vor; die Ermordung wurde beſtaͤtigt. Ein Dolchſtich in den Ruͤcken neben den Wirbelbeinen war abge⸗ glitten und ziemlich tief, ſchief in das Fleiſch eingedrungen; der andere— und das war der erſte geweſen— in die linke Seite war durch den Herzbeutel gedrungen und hatte das Herz⸗ ohr verletzt, wo das Herz mit der großen Schlagader zuſammenhaͤngt. Daher eine Er⸗ gießung des Blutes in die Bruſt, durch den Widerſtand des Verwundeten gegen ſeinen Moͤr⸗ der noch verſtaͤrkt; der Transport desſelben bis zum Palaſt von Oedenburg hatte ſein Ende 396 beſchleunigt. Die beiden Aerzte konnten ihre Bewegung nicht verbergen, indem ſie ihr Amt verrichteten; ſie ließen dem Todten volle Gerech⸗ tigkeit widerfahren; jeder von Beiden erhob ſeine vortrefflichen Eigenſchaften mehr; vielleicht erkannte ihnen van Swieten mehr Lobſpruͤche zu als ſein Genoße, der Baron von Storch, aus dem Grunde ſelbſt, weil er ſie oͤfters an⸗ gegriffen hatte. Das oͤffentliche Geſchrei verfolgte mit Un⸗ willen in ganz Wieden den Moͤrder des guten Englaͤnders, denn unter dieſem Namen war Styndall vorzuͤglich den Bewohnern dieſer Vor⸗ ſtadt bekannt; die Duͤrftigen verloren in ihm einen Vater, die Uebrigen einen Freund. Tom Sylcocks Meinung war, daß Fratello nicht allein eine ſo abſcheuliche Gewaltthat habe aus⸗ fuͤhren koͤnnen; in dieſem Gefuͤhl bezog ſich der treue Diener als eines Beweiſes auf die Ent⸗ deckung eines zerbrochenen Degens, den ein Gaͤrtner gefunden und in den Palaſt von Oe⸗ denburg gebracht hatte. Ihm zu Folge war kein Verbrecher ſo vollendet, dem ſein Herr nicht fahig geweſen waͤre zu widerſtehen; unverſehens angegriffen, muͤſſe der Englaͤnder von einem Raͤuber entwaffnet worden ſein, waͤhrend der 397 Andere ihn niedertraͤchtig mit dem Dolch durch⸗ bohrte. Dieſe Waffe wurde auch noch entdeckt, einige Schritte von dem Orte, wo ſich der Kampf zwiſchen dem Gentleman und ſeinem Moͤrder ent⸗ ſponnen; man legte ſie gleichfalls als ein Beweis⸗ ſtuͤck in die Haͤnde der Gerechtigkeit. Rach der Ankunft des Baron Holger ward ihm die Sorge der gerichtlichen Unterſuchung anvertraut. Kaum war die Nachricht von dem ungluͤcklichen Ereigniß zu den Ohren des Ma⸗ giſtrats gelangt, der verpflichtet war ſtreng uͤber die Sicherheit der Stadt zu wachen, als auf. Toms Erklaͤrung der kleine Gaſthof zum Prinzen Eugen auf dem Judenplatz durch ge⸗ heime Agenten beſetzt wurde; aber Fratello hatte ſich nicht wieder dort ſehen laſſen, obgleich er in den erſten Stunden ungeſtraft haͤtte erſcheinen koͤnnen. Er hatte funfzig oder ſechzig Gulden in Silber dort im Stich gelaſſen, mit denen er ſich nicht hatte beſchweren wollen und die, wie ſein Plan Zweifels ohne geweſen war, nach vollbrachter Mordthat an ſich zu nehmen, weil er ſie mit einigen andern Gegenſtaͤnden in einen Wandſchrank ſeines Zimmers verſchloſſen hatte. Dieſer Schrank wurde im Beiſein eines Actua⸗ rius erbrochen, der das Vorgefundene aufſchrieb 398 und das Geld mit der Schachtel, in der es war, mit fortnahm, um es dem unterſuchenden Richter vorzuzeigen. Schon war Styndalls Teſtament bekannt. Keiner ſeiner Diener war vergeſſen; ſein Haus in Wieden mit allem Hausgeraͤthe vermachte er der Fürſtin von Hedenburg. Verſchiedene Bankno⸗ ten waren ihr auch beſtimmt, die ohne ihr Wiſſen ſchon in ihrem Beſitz mit der Brieftaſche waren, die ſie in ſich ſchloß, und die ihr Jamerai Duval zuruͤckgeſtellt hatte. Ueber ſein Beſitz⸗ thum in England hatte er durch eine beſondere Akte verfuͤgt, auf die er ſich bezog, indem er den Notar in London anzeigte, bei dem ſie nie⸗ dergelegt war. Der letztere war beauftragt, von ſeiner Seite der Wittwe des Ritters von St. Yoon einen Beweis ſeines Antheils an ihr darzureichen; aber Charlotte von Oedenburg ſollte mit dem Betrag der Bankſcheine oder Tratten, die ihr durch das Geſchenk der Brief⸗ taſche zugefalleu waren, zwei Leibrenten ſtiften, die eine von zweihundert Gulden zum Beſten der Wittwe Flachsmann, die andere von funf⸗ zig Gulden zu Gunſten einer armen Frau, die der Teſtator bezeichnete, indem er den ſtroher⸗ nen Armſtuhl mit Wachsleinwand uͤberſpannt — 399 angab, wo ſie einen Schutz im Sackgaͤßchen beim großen Zeughauſe finde. Die Fürſtin war zu ſehr vom fuͤrchterlichen Schmerz daniedergeworfen, daß man nicht wagte, ihr jetzt ſchon dieſe Einzelnheiten mitzutheilen. Mit ihrer Bewilligung oder vielmehr ihren Wuͤn⸗ ſchen zu Folge, blieb der Leichnam bei ihr ru⸗ hen. Von der Leopoldſtadt ſollte er gerade nach der Schottenpfarre gebracht und dort von dem Geiſtlichen der engliſchen Geſandſchaft zu ſeiner Ruhſtatt geführt werden. Fraͤulein Hubert ſagte Charlotten, daß ein goldener Ring an einem ſchwarzen Bande auf der Bruſt des Frem⸗ den haͤnge, und fragte ſie, was ſie wuͤnſche, daß damit geſchehe.„Er mag ihm bleiben,“ antwortete ſie,„er mag dies Pfand meiner Treue mit in das Grab nehmen! Ich gebe ihm ſein Wort nicht zuruͤck und nie werde ich das meinige zuruͤcknehmen.“ Vier und zwaͤnzig Stunden waren verfloſſen; Styndalls Ueberreſte, fromm geſammelt, wur⸗ den in einen Sarg von Lerchenbaumholz gelegt, mit einem bleiernen Ueberſatz; das Leichentuch bedeckte ſie; Trauergehaͤnge warfen ihre Falten von allen vier Waͤnden herab; Wachskerzen erhellten den geraͤumigen Saal, wo der, der 400 als Gatte in dieſes Haus treten ſollte, zum dritten Mal die traurige und letzte Gaſtauf⸗ nahme fand; und eine Menge ehrbarer Hand⸗ werker, Weiber und Kinder, unter denen ſich zuweilen Perſonen vom hoͤchſten Range zeig⸗ ten, erwieſen ſeinen Tugenden eine feierliche Huldigung, als ein Greis mit kahlem Scheitel faſt unvermuthet in demſelben Raum erſchien. Er ſchien weit her zu kommen. Seine Fuͤße waren ſtaubig; der weiße Bart, der ſein Kinn umſchattete, gab ſeinen Zuͤgen Wuͤrde; ſeine Kleider hatten im Schnitt etwas Fremdartiges. Der Haufe oͤffnete ſich von ſelbſt bei ſeinem Herannahen, was er der Ehrfurcht oder dem durch ſein Erſcheinen verurſachten Erſtaunen zuſchrieb. Er blieb einige Zeit in einer geſpann⸗ ten Stellung aufrecht ſtehen. Der lange Stock, der ihm auf der Reiſe gedient, beruͤhrte mit dem einem Ende die Erde und ruhete mit dem andern an ſeiner linken Schulter. Seine Arme waren verſchlungen, ſein Kopf leicht vorwaͤrts geneigt und ſeine hohe Geſtalt hatte etwas ſehr Auffallendes. Ein Gegenſtand aller Blicke be⸗ merkte er es allein nicht. Ohne daß ſeinen Au⸗ gen Thraͤnen entſtuͤrzten, war er ſichtbar ſehr angegriffen. Aber das tiefe Mitleid, das ſich * 401 in ſeinen Zuͤgen ausdruͤckte, begründete ſich ſelbſt in einer frommen reſignirten Unterwer⸗ fung. Dies zwiefache Gefuͤhl, das auf ſeinem Geſichte herrſchte, erhielt dadurch einen ruͤhren⸗ deren Ausdruck, als wenn er allein den des Schmerzes dargeboten haͤtte. Trotz des großen Antheils an dem Manne, deſſen Verluſt man beweinte, beſchaͤftigte man ſich in dieſem Au⸗ genblick ganz allein mit dem Unbekannten, der erſt zehn Minuten in tiefer Betrachtung vor dem Sarge ſtand und auch dann aus ſeiner Bewegungsloſigkeit nur ſo weit herausging, als er bedurfte, um folgende Worte zu ſagen: „Junger Ungluͤcklicher, da liegſt du hinge⸗ ſtreckt in der Bluͤthe deiner Jahre! In ein fremdes Land biſt du gekommen, deinen Tribut dem allgemeinen Schickſal zu entrichten! Hier haſt du unterlegen; denn ohne Zweifel wurde deine Seele hier von Schmerz geſaͤttigt. Ach, warum war es dir beſchieden, eine Gluͤckſelig⸗ keit zu ſehen, die du fliehen mußteſt? Deine getaͤuſchte Seele hat den irdiſchen Freuden zu viel gelaͤchelt. Du eilteſt einen Augenblick auf die wiedergeborne Gattin zu, die eingewilligt hatte, ihren Schleier vor deinen Blicken fallen zu laſſen und die unſchuldig ihre Arme nach III. 26 402 dir ausſtreckte; aber bald mußteſt du vor dem nahenden Gluͤck zuruͤckweichen; denn das Gluͤck iſt nicht fuͤr das gegenwaͤrtige Leben beſtimmt. Chriſtus hat gewollt, daß wir gepruͤft werden; deine Pruͤfungen waren ſtark, guter, junger Mann; du konnteſt ſie nicht ausdauern; moͤge dir der Himmel verzeihen, daß du mit eigner Hand die Laſt des Lebens abwälzteſt; moͤg er dir verzeihen, daß du nicht den Muth hatteſt, ſie bis ans Ende deiner Laufbahn zu tragen; denn deine Seele war ſchoͤn und mit Tugenden geſchmuͤckt!“ „Was wollt ihr, guter Mann, mit Eurem inſpirirten Ton ſagen?“ rief Jemand, den dieſe Einſchmeichlung aͤrgerte; dieſer brave Edelmann iſt ſchaͤndlich von einem Italiener ermordet wor⸗ den. Der Himmel wird ihn beſtrafen, wenn die menſchliche Gerechtigkeit ſeiner nicht habbaft werden kann! Habt ihr den Leichnam nicht ge⸗ ſehen, bevor er in den Sarg gelegt wurde? Ihr wuͤrdet ſo gut als wir wiſſen, daß er von einem feigen Italiener von hinten meuchle⸗ riſch ermordet worden iſt! Verſteht Ihr, mein Guter?“ „Wohlan! meine theuren Freunde,“ entgeg⸗ 403 nete der Fremde,„gelobt ſei der Herr Gott, daß er ſein armes Geſchoͤpf nicht verlaſſen hat!“ „Guter Vater,“ erwiederte dieſelbe Stimme, Ihr rappelt wohl? der Himmel ſoll erlaubt haben, daß der wuͤrdige Gentleman, deſſen Ver⸗ luſt wir beweinen, das eines Verbrechers geworden ſei! „Wer hat Euch geſagt,“ iebtti der Unbekannte und richtete ſeine etwas gekruͤmmte Geſtalt und ſtutzte ſeine noch ſtarke Fauſt auf den Stock;„daß das Maaß der Suͤnden nicht voll war, und daß der Ewige in ſeiner Guͤte ſelbſt durch die Hand eines Boͤſewichts dem nicht habe die Laſt abnehmen wollen, deſſen Kraͤfte faſt unter ihr erlagen?“ Nach dieſer Antwort, die den meiſten an⸗ weſenden Perſonen raͤthſelhaft vorkam, verlangte der Reiſende zur Fuͤrſtin gefuͤhrt zu werden. Man berathſchlagte, was in dieſer Hinſicht zu thun waͤre, als Charlotte, die davon be⸗ nachrichtigt war, befahl, daß man den Fremden auf ihr Zimmer fuͤhre. Sie ging ihm entgegen, warf ſich in ſeine Arme und richtete folgende Worte an ihn: „Mein Vater, der Himmel ſei gelobt, der Dir den Wunſch eingefloͤst hat, endlich das 26 404 Verſprechen zu loͤſen, das Du mir ſeit fuͤnf Jahren immer erneuert haſt. Du kannſt in keinem traurigern Augenblick fuͤr mich in Wien ankommen; und mithin wird deine Gegenwart fuͤr deine Tochter eine wahre Wohlthat. Der Greis druͤckte die troſtloſe Frau an ſeine Bruſt. Aus ſeinen Augen rannen einige Thraͤnen als Zeugen einer von Alter und Gebet geſchwaͤchten Empfaͤnglichkeit, deren Qnelle ſich aber unter den Streichen, die ſein Kind ge⸗ troffen hatten, wieder zu oͤffnen ſchien. Man haͤtte ſagen koͤnnen, der Fels Horel wuͤrde von der maͤchtigen Ruthe des Sohnes Amram ge⸗ ſchlagen. Mitten unter Schluchzen fragte ihn die Fuͤrſtin von neuem: „Was hat Dich veranlaßt, deine Tochter zu beſuchen, da ſie Niemanden weiter zur Ge⸗ ſellſchaft als Gott und ihren Schmerz hatte?“ „Du ſelbſt,“ erwiederte der alte Ulrich, „armes Geſchoͤpf... Dein letzter Brief brachte Unruhe in meine Seele. Ich ſah daraus, daß ein großes Ungluͤck bevorſtaͤnde. Als ich er⸗ fuhr, daß der Mann, der in meinen Gedanken Dein wiedergeborner Gemahl werden mußte, keine Freude uͤber die Einwilligung der Kaiſe⸗ rin in Deine Wuͤnſche bezeugt, die bei einer 405⁵ ſolchen Ausſicht den Kindern der erſten Verbin⸗ dung eigen iſt, da ſagte ich zu mir, dieſe Ehe wird nicht zu Stande kommen.“ „Ach, mein Vater, ich ſagte es mir ſelbſt!.. Ich ſchrieb, ich erzaͤhlte Dir, wie er Wien ver⸗ laſſen wollte, wie ich ihn zuruͤckgehalten! Aber mein Brief wird vor deiner Abreiſe nicht an⸗ gekommen ſein? „Nein, meine Tochter; da ich mich mit die⸗ ſem Stock in der Hand auf den Weg gemacht, ſo konnte ich vor dem vierten Tage die Reſidenz⸗ ſtadt nicht erreichen.“ „Nur mit einer traurigen Ahnung ließ ich mir deine Wohnung zeigen, wo ein Leichenge⸗ ruͤſte meine Beſorgniß gerechtfertigt hat. Haͤtte ich den Brief erhalten, von dem Du ſprichſt, ſo wuͤrde ſie den hoͤchſten Grad errreicht haben. Gewiß hatte dein Freund ſeine Gruͤnde, um ſich von dir zu entfernen; waͤre er geblieben, ich haͤtte zittern muͤſſen! Seine Gefuͤhle waren zu ſehr beſtimmt, als daß er ſeine Meinung ſo ſchnell uͤber das geaͤndert haͤtte, was ſeiner Liebe ein unuͤberſieigliches Hinderniß ſchien. So⸗ bald du ihn zuruͤckhielteſt.. „Aber mein Vater, unter den Streichen eines 406 Meuchelmoͤrders iſt ja der tugendhafteſte Menſch gefallen!“ „Das habe ich eben gehoͤrt, und dem Him⸗ mel ſei dafuͤr gedankt, mein Kind! Denn der Geiſt hat mir geſagt, daß er nicht dein Gemahl werden konnte, und ohne Zweifel hat ihm der Himmel eine große Schuld erſpart.“ Die unterredung zwiſchen dem Maͤhren Her⸗ berg und der Fuͤrſtin von Oedenburg dauerte noch fort, und die Letztere fuͤgte ſich den Wuͤn⸗ ſchen des Greiſes, ihrer Couſine die alte Do⸗ maine Klattau abzukaufen und einen Fluͤgel des Gebaͤudes in Stand zu ſetzen, daß er einige Sommermonate bewohnt werden könne. Es war ſogar beſtimmt, daß man vierzehn Tage nach Styndalls Begraͤbniß nach Boͤhmen ab⸗ reiſen wollte, und der gute Herrnhuter machte ſich verbindlich, auf ſeinem eigenen Meierhof eine fuͤr die beiden Couſinen paſſende Wohnung einzurichten, doch unter der Bedingung, daß ſie nur die Kinder und eine ſehr kleine Anzahl von der Bedienung mitnehmen ſollte. Weniger zuſammengepreßt erhielt der Schmerz der wuͤrdigen Frau durch die Einrichtungen, die ſie zu treffen hatte, einige Entfernung. Die Gegenwart des maͤhriſchen Bruders wirkte auch 407 heilſam auf dieſen Schmerz, indem er ihr eine mehr religioͤſe Richtung gab. Noch hatte Char⸗ lotte einen ſchrecklichen Augenblick zu uͤberſte⸗ hen, als der Leichenzug ſich in Bewegung ſetzte, um den Palaſt zu verlaſſen.„Lebe wohl, Be⸗ ſter, liebenswuͤrdigſter der Menſchen!« rief ſie, die Blicke durch das Fenſter werfend,„Leb wohl, ebler, großmuͤthiger Freund! Ein ſchaͤnd⸗ licher Verrath entreißt dich meinen Armen, aber er iſt unvermoͤgend, dich aus meinem Herzen zu verdraͤngen. Vergebens entfernt ſich in die⸗ ſem Augenblick deine Huͤlle von mirz wie theuer ſie mir auch war, ich konnte ſie ja doch nicht zuruͤckhalten; aber unſere Seelen haben ſich verſtanden, Friedrich; ihre Hochzeit iſt vollzo⸗ gen und dein Tod knuͤpft die Bande nur noch feſte Styndalls Leichenbegaͤngniß wurde mit Pracht gefeiert. Alle Freunde der Fuͤrſtin von Heden⸗ burg wohnten ihm bei; alle Nachbarn des Gent⸗ leman und ein großer Theil der Einwohner Wiedens, vergroͤßerten den Zug, der ſtill durch die Stadt nach der Schottenkirche ging. Nur als man aus der Leopoldsſtadt treten wollte, kamen die Bewohner der Donauufer, denen der Fremde bei der letzten Ueberſchwemmnung beige⸗ 408 ſtanden hatte, aus ihren Haͤuſern und ein Schrei des Schreckens breitete ſich laͤngſt des ufers bis an die hoͤlzerne Bruͤcke, die ihnen zur Ver⸗ bindung mit der innern Stadt dient. Der alte Herrnhuter mit ſeinem Stock in der Hand, ragte faſt Kopfs hoch aus dem Haufen hervor. Er glich einer Tanne, deren Gipfel waͤhrend vielen Jahren den Schlaͤgen des Sturms wiber⸗ ſtanden, obgleich die zerſchmetterten Aeſte ihre Gewalt bezeigen. Der Erzherzog Joſeph wollte des Englaͤnders Andenken ehren und ſchickte zu ſeiner Beſtattung eine Abtheilung ungriſcher Garde⸗Reiterei. Mit blanken Saͤbeln die Spitze auf die Schulter geſenkt, beſchloſſen ſie den Zug. Der Fuͤrſt Eſterhazy hielt in eigner Per⸗ ſon einen Zipfel des Leichentuches, die andern faßten, der Baron von Sperges, der Hofrath Baron von Holger, und der Baron Friedrich Moſer. Die Doktoren van Swieten und von Storch folgten unmittelbar: Noverre einige Schritte ſpäter ſprach zu ſeinen Nachbarn vom Gentleman und erklaͤrte, er ſei wuͤrdig, ein Franzoſe geweſen zu ſein; der Abbe Metaſtaſio auf Haydns Arm geſtuͤtzt, recitirte einen Au⸗ genblick um den andern Stellen aus der Ode von Horaz auf den Tod des Quintilius; auch 409 ſchoͤpfte er aus der, die mit dem Verſe an⸗ faͤngt: Fortem et tenacem propositi virum: ohne das sit tibi terra levis der Alten zu ver⸗ geſſen; der gute Duval weinte und nicht weit von ihm hoͤrte man das Schluchzen des armen Sylcock. Die Fuͤrſtin von Oedenburg hatte bei der Beerdigung keine andere Geſellſchaft als ihre Couſine und war gezwungen, die Muthmaſſun⸗ gen anzuhoͤren, welchen ſie die Baronin von Stein uͤber Styndalls Mord uͤberließ: „Das wird dem Wiener Kabinet einen ver⸗ wickelten Handel verurſachen. Ich zweifle nicht, daß man bald davon ſprechen wird. Machen ſie ſich gefaßt, eine Macht zu ſehen, die von unſerm Hofe Genugthuung verlangen wird.“ Charlotte antwortete auf ſolche Prophezeihung nur mit Thraͤnen. Die Ruͤckkehr der Leichenbegleitung in den Palaſt riefen die Thraͤnen im Uebermaaße her⸗ vor. Ohne ein Wort auszuſprechen, umarmte die Fuͤrſtin die Perſonen, die ihr in dieſem Au⸗ genblick aufwarteten und einige verdankten die⸗ ſer Gelegenheit eine Gunſt, nach der ſie zu jeder andern Zeit zu ſtreben nicht gewagt haͤtten. Fratellos Flucht hatte inzwiſchen keine Spur 41⁰ zurckgelaſſen. Acht Tage lang blieben die Nachforſchungen der Wiener Policei fruchtlos und die Steckbriefe hinter dem Italiener ohne Erfolg; aber ein ſehr ſonderbarer Zufall, der neue Unterſuchungen nothwendig machte, ber⸗ breitete ein ſchreckliches Licht uͤber dieſe Ange⸗ legenheit. Der zerbrochene Degen, dann der mit Blut gefaͤrbte Dolch und andere Gegenſtaͤnde, die dem Moͤrder angehoͤrten, waren dem Rath Holger vor Augen gelegt worden. Die Schach⸗ tel, die das Geld enthielt, zog ſeine Auf⸗ merkſamkeit an. Er fand das anonyme Billet, durch welches Styndall die Geſinnungen des Italieners ergruͤnden wollte. Dieſe Zeilen waren von dem Elenden nicht zerſtoͤrt worden, der in der Ueberzeugung, die Hand zu kennen, ſich vornahm, nach dem Gebrauche der Leute von ſeinem Schlage, ſich damit zu einer andern Zeit ein Recht zu neuen Erpreſſungen dadurch zu machen. Fratello waͤhnte naͤmlich in den Gedanken, der Brief und die Summe von der er begleitet war, kaͤme von einem Torontal und beſchloß nach vollbrachter That, ſich mit dem ganzen Gelde davon zu machen, die Zurechtweiſung, die Tom Sylcock mit lauter Stimme den Voruͤber⸗ 41¹¹ gehenden gab, als der Verbrecher hinter den Linden ſtand, ja die Vorſicht, die ihm ſelbſt der Edelmuth des Sterbenden anrieth, brachten ihn von ſeinem Vorhaben, in die Stadt zuruͤckzu⸗ kehren, ab. Nur die Beſorgniſſe fuͤr ſein Leben konnte ihm den Entſchluß eingeben, Geld und Brief, der noch mehr Werth fuͤr ihn hatte, aufzuopfern. Treu der Klugheit, die einer obrigkeitlichen Perſon in der Ausuͤbung ihrer Funktionen zu⸗ kommt, glaubte der Baron von Holhger nicht vorſichtig genug nach den Entdeckungen, die er erlangt hatte, handeln zu koͤnnen. Sein Verdacht, wie der des Verbrechers, fiel auf die Familie Torontal; allein der Oberſte des Hauſes, der ſich mit dem Englaͤnder hatte ſchlagen wollen, hatte ſich auf Befehle der Kai⸗ ſerin ſchon ſeit mehreren Monaten zu ſeinem Regimente begeben, das in Lithauen kantonirte. Es war alſo noͤthig, Erkundigungen einzuziehen, ob er ſich heimlich von ſeinem Orte wegbege⸗ ben, oder eines geheimen Agenten in Wien be⸗ dient haͤtte; denn es war gar nicht zu vermu⸗ then, daß ſeine Eltern, die in Presburg wohn⸗ ten, ſeinen Streit eben ſo heftig betrieben oder, ihnen ſeinen feindſeeligen Geiſt mit ſol⸗ 412 chem Einfluß eingefloͤßt, um ſie zu einer Hand⸗ lung zu verleiten, die wider Ehre und Geſetz war. Dieſe Unterſuchung verlangte eine große Vorſicht. Es ſchien, als ſollte die Unterſuchung im⸗ mer verwickelter werden und ein neuer Unfall, nicht weniger merkwuͤrdig, als der vorhergehende, gab dazu Veranlaſſung. Friedrich Moſer, der Freund des unterſu⸗ chenden Richters, betrachtete einſt die Schachtel genau, worin das Geld, der bekannte Preis oder wenigſtens der Lohn fuͤr den Mord gewe⸗ ſen war und glaubte auf dem kleinen Kaͤſichen Buchſtaben zu entdecken, die bei einer andern Veranlaſſung geſchrieben waren, und die der Name des Signor Fratello ſehr unvollkommen bedeckte. Die Anwendung eines chemiſchen Mit⸗ tels brachte ſie noch deutlicher hervor, und ob⸗ gleich Styndall die Vorſicht gebraucht hatte, die Adreſſe der Fuͤrſtin von Oedenburg auszu⸗ kratzen, ſo erſchien ſie auf dem Bretchen ſo deutlich wieder, daß man ſie ohne Muͤhe erken⸗ nen konnte. Daraus entſtand eine andere Art von ſehr kitzlicher Nachforſchung und die mit um ſo mehr Vorſicht betrieben werden mußte, als der 413 Baron von Holger, der Charlottens Leiden ehrte, befuͤrchtete, ſie durch unbeſcheidene Fra⸗ gen zu vermehren. Er begnuͤgte ſich alſo blos, ohne ihr Wiſſen, die Leute ihres Hauſes zu befragen, die die Schachtel von Birkenholz ſehr gut erkannten, die aber auch zugleich ausſagten, daß die Fuͤrſtin dergleichen jedes Jahr von Presburg erhalte und daß man alſo nicht an⸗ geben koͤnne, wann und wie dieſe aus dem Palaſt gekommen waͤre. Die Schachtel veranlaßte verſchiedene Ver⸗ muthungen. Obgleich Charlottens Bedienten endlich angelobt hatten, nichts aus dem Ver⸗ hoͤre zu ſprechen, was aber Fraͤulein Hubert mehr als alle Andere beſchwerte, ſo fing doch das Geruͤcht an in Wien ruchbar zu werden; es drang ſogar bis in die unteren Klaſſen, wo alles, was geheimnißvoll ausſteht, Glaubhaftig⸗ keit erhaͤlt. Man beſchaͤftigte ſich hier um ſo mehr mit der an Styndall veruͤbten Gewalt⸗ that, da ſeine Tugenden eine Art Gemeingut geworden waren. Die arme Frau, auf dem mit Wachstuch uͤberſpannten Strohſtuhle, die nicht einmal den Namen ihres Wohlthäters kannte, erhielt eine umſtaͤndliche Erklaͤrung von dem, was ſich zu⸗ 414 getragen hatte. Sie erzaͤhlte, was ſie ſelbſt wußte, einem Geiſtlichen der St. Joſephskirche, bei dem ſie wohnte. Dieſer rieth ihr unge⸗ geſaͤumt, der Obrigkeit davon Anzeige zu ma⸗ chen. In vier und zwanzig Stunden erhielt ſie in ihrem Hauſe eine Vorladung; und ſie erſchien vor dem Rath Holger, der, die Augen auf ſie geheftet, ihr zuerſt die Schachtel von Birken⸗ holz vorlegte. Die arme Frau erkannte ſie ſogleich fuͤr die, welche ſie in den Gaſthof zum Prinzen Eugen getragen hatte. Die Obrigkeit glaubte ſich natuͤrlich auf die Spur des zu belangenden Agenten, das heißt des wahren Verbrechers. Um ſie nicht zu ver⸗ lieren, bemuͤhte ſich der Rath Holger, das Zu⸗ trauen der armen Frau zu gewinnen; eine unnoͤ⸗ thige Vorſicht; denn die rechtſchaffene Frau wollte ſelbſt ſprechen. Nach verſchiedenen Fra⸗ gen, auf die ſie ganz aufrichtig antwortete, er⸗ klaͤrte ſie ſich, vom Baron Holger aufgefordert, folgendermaaßen: „Derſelbe Unbekannte, der das erſtemal zu mir ſagte:«„Ihr ſitzt zu Euerm Gluͤck hier, gute Mutter, ermangelt nicht wieder hieher zu kommen, und rechnet darauf, daß ich mich eu⸗ rer erinnern werde!“„ſtand ploͤtzlich vor mir —.— 415 gegen zwei Uhr Nachmittags am dritten oder vierten Auguſt. Ihre Excellenz werden verzei⸗ hen, wenn ich mich um einen oder zwei Tage irren ſollte. Im erſten Augenblick hatte ich Muͤhe, ihn zu erkennen; denn er hatte ſich ſehr veraͤndert. Auch war er nicht wie gewoͤhnlich gekleidet. Er zog dieſe Schachtel unter ſeinem grauen Mantel hervor und fragte mich, ob ich ſie gleich auf den Judenplatz tragen koͤnnte? Und noch weiter, mein lieber Herr! antwortete ich ihm! Ach, Ihre Excellenz ſind ſeit einem Jahre ſo guͤtig geweſen, daß ich Ihnen nicht in einer ſo geringen Sache dienen ſollte. Der Edelmann ſchien es bereut zu haben, daß er keine beſſere Maske gegen mich angenommen hatte; aber dem ohngeachtet ſtellte er mir die Schachtel zu und trug mir auf, ſie alsdann in den Gaſthof zum Prinzen Eugen zu tragen. Aber ſeine Hand zitterte, als er mich zuerſt anredete, ich kann jedoch nicht ſagen, ob er ſie nicht mit Vorſatz verſtellt hat. Doch ſo viel iſt gewiß, daß es nicht ſein gewoͤhnlicher Ton war. Da er ohne Zweifel fuͤr unnütz hielt, ſich weiter gegen mich, die ihn erkannt hatte, zu verſtellen, ſo ſchenkte er mir drei Dukaten. Dabei zitterte ſeine Hand nicht mehr, und 416 er ſagte mir, mit ſeiner mir wohl bekannten Stimme: „Meine gute Mutter, ich reiſe morgen, ja morgen Abend ab, in ein ſehr entferntes Land. Ich werde nie wieder in dieſe Stadt, in dieſe Straße zuruͤckkehren, ich werde euch nie wieder vor dieſem Thore ſehen, wo ich an einem Tage des Friedens und des Zorns einem Engel be⸗ gegnet bin. Allein ich werde nicht boͤſe daruͤber ſein, wenn ihr noch manchmal hierher kommt, und wenn ihr es nur zum Andenken an mich thut; denn eben hier an dieſem Platze, wo ihr jetzt ſteht, iſt mein Schickſal unwiderruflich entſchieden worden.“ „Ich muß Ihnen geſtehen, Herr Hofrath, daß dieſe Worte, die ich wohl im Gedaͤchtniß behalten, mir vielen Kummer verurſachten. Der arme Edelmann iſt ohne Zweifel von der Familie der jungen Dame von der er ſprach, mit ſeinem Heirathsplane zuruͤck gewieſen wor⸗ den; und das iſt gewiß ſchade, denn man konnte alles darauf wetten, daß er ein ehrba⸗ res Maͤdchen glucklich gemacht haben wuͤrde. Dieſe waͤre eben nicht zu beklagen geweſen, einen ſolchen Mann in den Armen zu haben. Wenn meine Angen mich nicht truͤgen, ſo wird ———. 417 man in Wien wohl ſchwerlich einen Mann fin⸗ den, den man ihm vorziehen konnte.“ „Und was hat er nachher noch geſagt?“ entgegnete der Rath Holger. „Er ging weg und blickte noch einigemal zurͤck, vermuthlich um zu ſehen, ob ich auch den Weg nach dem Judenplatze hin einſchluͤge.“ „Und ihr?“ „Nun, ich trug die Schachtel hin. Er konnte mich mit den Augen ſo lange verfolgen, bis er ſelbſt in die Herrngaſſe einbog, denn dieſen Weg ſchlug er ein.“ „Genug, meine Gute, ihr koͤnnt fuͤr jetzt abtreten.“ „Wuͤrden wohl Ew. Epcellenz die Gnade haben, mir zu ſagen, ob dieſer Edelmann beſchuldigt iſt, jemals dem armen Englaͤnder, von dem ſo viel Gutes erzaͤhlt und der in der Raͤhe des Augartens ermordet wurde, etwas zu Leide ge⸗ than zu haben?“ „Kein Menſch beſchuldigt ihn, meine gute Frau, geht, das iſt eine abgemachte Sache.« „Ich war auch im Voraus uͤberzeugt, daß er einer ſolch ſchwarzen That unfaͤhig war; allein ich werde es Ew. Excellenz jeder Zeit III. 27 Dank wiſſen, mir geſagt zu haben, daß man ihm nicht uͤbel will.“ Nach dem Abtreten der armen Frau war der Rath Holger in ſeinen Betrachtungen ver⸗ tieft, er ſchwankte von Muthmaßungen zu Muthmaßungen, von Zweifeln zu Zweifeln und da er ſtets von der vollen Wahrheit, ſobald ſie ſich ſeinem Blick darbot, zuruͤckſchauderte, ſo gingen mehrere Tage hin, ohne daß er aus die⸗ 1 ſem Verhoͤr, ſich eine richtige Anſicht von der Sache bilden konnte. Endlich faßte er den Entſchluß, die Fuͤrſtin Dedenburg um eine vier⸗ telſtuͤndige Unterredung erſuchen zu laſſen. Dieſe Maaßregel ſchien ihm unerlaͤßlich, bevor er ſein Urtheil uͤber dieſe Angelegenheit, die nach dieſem Verhoͤre ihm nur um ſo ſonder⸗ barer erſchien, abſchlieſſen zu duͤrfen glaubte. Faſt ein Monat war ſeit jenem ungluͤckli⸗ chen Abende in der Leopoldsſtadt verfloſſen; Charlotte war mehr als je in Betruͤbniß ver⸗ ſenkt, denn eben hatte ſie von London den Leſern bereits mitgetheilten Brief erhalten, in welchem der Englaͤnder die Untroͤſtliche verſicherte, wenn ſie je haͤtte daran zweifeln koͤnnen, wie ſehr er ſie geliebt und welch* großes Opfer er ſeiner Liebe habe bringen 41¹9 wollen. Als ſie das Blatt faßte und die Hand erkannte, uͤberfiel ſie ein heftiges Zitternz ſie las gleichwohl den Brief raſch durch, oder vielmehr ſie verſchlang ihn. Nein, niemals war ihr Styndall theurer geweſen, als in dieſem Augenblicke! Wie er es voraus geſagt hatte, ſie errichtete ihm in ihren Herzen einen Altar. um ſich einer herzzerreiſſenden Ruͤhrung beſſer hin zu geben, zu der ſie aber eine Art von Reiz hinzog, der aus ihrem Schmerze ſelbſt hervor⸗ ging, hatte ſie die einzigen Weſen, die ihrem Geiſte eine andere Richtung haͤtte geben koͤnnen, aus ihren Armen entfernt. Dies war ihre eigne Tochter und die der Wittwe Flachsmann. Die kleine Beatrix, die ihr von Styndall zukam, und ihr einen Zug ſeines an großen Handlungen reichen Lebens zuruͤckrief, war ſeit einigen Ta⸗ gen der beſondere Gegenſtand ihrer Liebkoſungen geworden. Die Natur lehnte ſich vergebens dagegen auf, wenigſtens ließ die Adoptivtochter ſie einige Zeit die leibliche hintanſetzen und die kind⸗ liche Anmuth beider mußte doch der Allmacht einiger Zuͤge weichen, die eine nunmehr erſtarrte Hand gezeichnet hatte. In dieſem Zuſtand befand ſich Charlotte, 420 als man ihr den Baron Holger zum zweiten Male meldete. Der Hofrath hatte gewuͤnſcht, ſie ohne Zeu⸗ gen zu ſprechen, woruͤber die Baronin, die ihm ſeit einer Viertelſtunde im Salon Geſellſchaft leiſtete, einigen Verdruß empfand. Er wurde ohne ſie in das Kabinet der Fuͤrſtin gefuͤhrt: und die Unterhaltung der beiden achtungswer⸗ then Perſonen dauerte faſt eine Stunde. Der Baron verließ das Kabinet zuerſt, er hielt ein Taſchentuch vor das Geſicht und ſein Blick ſo wie ſeine unſicheren Schritte verkuͤndeten, daß dieſe Unterhaltung eine tiefe Bewegung in ihm erregt hatte. Waͤhrend die Thuͤre noch halb geoͤffnet war, hoͤrte man von ihm blos die Worte:„Ja, gnaͤdige Frau, morgen werde ich Ihnen ſogleich die Schachtel zuſenden.“ Von dieſem Tage an hoͤrten alle Nachforſchungen nach Fratello wegen des Mordes auf. Erſt ſpaͤt am Abend erſchien Charlotte wie⸗ der vor ihrer Couſine. Ihre Augen waren ge⸗ ſchwollen von Thraͤnen, ihre faſt gebrochene Stimme hatte nur Laute fuͤr den Schmerz. Jedes ihrer Worte war eine Klage, denn die blutende Wunde wurde durch Holgers Mittheilung des Verhoͤrs der armen Frau von Neuem aufge⸗ 421 riſſen. Welche Liebe! Welche Aufopferungi Welche Seelenſtaͤrke und welch erhabener Cha⸗ rakter! O wie ſuͤß waͤre es geweſen von dieſem Manne ferner geliebt zu werden, und wie bitter war es, ihn verloren zu haben! Jener bedeutungsvolle Abend, wo Styndall in ihrem Saale ſo edle Geſinnungen ausgeſpro⸗ chen, trat mit allen einzelnen Umſtaͤnden in die Erinnerung der Fuͤrſtin. Sein Eigenſinn, allein vom Augarten weggehen zu wollen, der letzte Kuß von der einen Seite mit ſo zaͤrtlicher Be⸗ ſorgniß gegeben, von der andern mit ſo viel Schwermuth empfangen, das offenbar abſicht⸗ liche Vergeſſen der Brieftaſche, die Tom auf⸗ getragene Nachſuchung nach derſelben und die blutige That waͤhrend der Abweſenheit des treuen Dieners, Alles dies war lebendig gegenwaͤrtig vor Charlottens Augen, Alles brachte ihre Seele in Aufruhr. Sie unterlag dieſen mannigfalti⸗ gen Eindruͤcken, ſie verließ ihr Gemach, um ſich in die Arme der Baronin zu werfen, und ſagte ihr mit einem Tone, den die Natur nur dem Weſen verliehen hat, das tiefes Mitleid erflehen will: „Laſſen Sie uns reiſen, Couſine, und den Boden verlaſſen, auf dem das edelſte Blut ver⸗ 422 goſſen wurde, das ihn jemals getraͤnkt hat! Wir wollen fort; ich beſchwoͤre Sie, theure Eliſe, bringen Sie mir dies Opfer! Sie ſind mir es ſchuldig, denn Ihre Reden ſind meinen Schmerzen nicht fremd geweſen. Wenigſtens ſeit vierzehn Tagen iſt der gute ulrich wieder mit ſeiner Gemeinde vereinigt und er hat Zeit genug gehabt, uns einen Zufluchtsort zu berei⸗ ten. Was verlieren wir, daß wir Wiens Lurus dort nicht finden. Ich bedarf blos einer Huͤtte, wo mein Haupt ruhen kann. Ach Styndall, edler Sterblicher, zu erhaben uͤber die menſch⸗ liche Natur, warum war mir es nicht vergoͤnnt, mit Dir die niedrigſte, die beſcheidenſte Huͤtte zu theilen!““ Die Baronin, welche von der Nothwendig⸗ keit dieſer Aenderung uͤberzeugt war, erwiederte, daß die Anſtalten zur Reiſe durch die Aufmerk⸗ ſamkeit der Fraͤulein Hubert und Tom Sylcocks, der ſeit der letzten Woche unter die Dienerſchaft des Palaſtes von Oedenburg aufgenommen war, bereits getroffen waͤren. Derſelbe Wille, der Sylcocks Dienſte angenommen, hatte auch die des Hundes Kanot nicht verſchmaͤht. Die Ba⸗ ronin bemerkte, daß ſie durch ihre Antwort Charlottens Schmerz etwas beruhigt hatte und 423 fuͤgte ohne von ihren angebornen Ideen abzu⸗ gehen hinzu: „Ich verlange nicht in Ihr Geheimniß zu dringen, meine theure Freundin; allein ich bin uͤberzeugt, daß der Rath Holger blos deshalb dieſen Morgen eine Unterredung mit Ihnen wuͤnſchte, um Sie von der Verlegenheit zu unterrichten, in der ſich der Wienerhof wegen Sir Styndalls Tode befindet. Nicht ungeſtraft duͤrfen ſolche Perſonen verſchwinden; allein des ungeachtet blaͤttre ich ſeit acht Tagen vergebens in den Tagsblaͤttern, die ich mir vom Baron Sperges kommen laſſe, dennoch habe ich keine Anzeige geſehen, daß in dieſem oder vorigem Jahre irgend eine Perſon von Auszeichnung in uropa verſchwunden waͤre.“ „Meine liebe Couſine,“ entgegnete die Fuͤr⸗ ſtin von Oedenburg mit jenem Tone, aus dem die innere Ueberzeugung ſprach.„Sie koͤnnen ſich das Wuͤrdigſte, das Achtungswertheſte auf der Erde denken, denn Sie koͤnnen den, den wir beweinen, nicht hoch genug in Ihrem Geiſt ſtellen. Ich habe das traurige Recht, Ihnen dieſe Verſicherung zu geben, denn ich habe ihn gekannt; ja ich werde wahrſcheinlich die einzige ſein, die ihn verſtanden hat.“ 424 „Das habe ich mir auch ſeit langer Zeit gedacht,“ erwiederte die Baronin, die in der feſteſten Ueberzeugung ein großes erhabenes Un⸗ gluͤck beweinen zu muͤſſen glaubte. Der folgende Morgen fand die beiden Cou⸗ ſinen mit den Kindern auf dem Wege nach Boͤhmen.