— Leihbibliothet᷑ deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur v Cduard Otlmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih und eſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(antion. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 8. n 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mr.— Pf. „3„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. 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Sie ſchreiben mir: Sie hätten bei Empfang meines Manuſeripts auf ein ähnliches Sujet ge⸗ hofft, wie mein:„Ein deutſcher Leinweber“, zumal unſere noch nicht conſolidirten Zuſtände derjenigen Unterhaltungs⸗Lectüre, welcher nicht ein picantes politiſches oder ſociales Motiv zu Grunde liege, momentan ſehr ungünſtig ſeien. Ich muß geſtehen, dieſe Ihre Aeußerung hat mich frappirt, indem ja die religiös⸗kirchliche Frage für den Augenblick, da die Revolution ſcheinbar ſchläft, das wichtigſte und pieanteſte ſveiale Motiv iſt. Obgleich aufs innigſte mit den übrigen ſocialen Fragen verknüpft, iſt die kirchliche doch jetzt ge⸗ nöthigt, allein aufzutreten, aber ſie thut es auch um ſo mächtiger in den freien Gemeinen, und bald wird ſich zeigen, daß ſie die Hauptfrage iſt und alle anderen von ihrer Geſtaltung abhängig ſind. So wie der Proteſtantismus zu ſeiner äußer⸗ ſten Spitze, dem reinen Humanismus, gelangt iſt und Lutherthum und Rationalismus unmöglich gemacht hat, ſtehen ſich der alte Kirchenglaube in der ſtrengſten Form(Katholicismus) und der Hu⸗ manismus(die freie Gemeine) gegenüber. Dies muß zur Folge haben, daß der reine Abſolitis⸗ mus und der reine Republicanismus, ſich ebenfalls ſchroff gegenüber treten, und der dazwiſchen lie⸗ gende Conſtitutionalismus vernichtet wird, wie dort das ihm verwandte religiöſe Element, der Ratio⸗ nalismus. Abſolutismus und Katholicismus müſ⸗ ſen ſich auf der einen Seite auf's innigſte ver⸗ * binden, Republicanismus und Humanismus auf der andern. Dies zeigt ſich ſchon jetzt. Der Ober-Patriarch der griechiſch⸗katholiſchen Kirche, der als Czaar von Rußland zugleich der Reprä⸗ ſentant des europäiſchen Abſolutismus iſt, ſteht im engen Bündniß mit dem römiſchen Papſt; die Verſuche der katholiſchen Kirche in England be⸗ weiſen daſſelbe. Auf der andern Seite macht die freie Gemeine in Deutſchland und Nord⸗America reißende Fortſchritte und die ganze Demokratie fällt ihr zu. Mit ihr hängt auch die eigentliche Emancipation der Frauen zuſammen. Deshalb mußte in meiner Novelle eine geniale Frau die Trägerin der großen, modernen, weltbewegenden Ideen ſein. Alſo keine wichtigere, picantere ſociale Frage für den Augenblick als die kirchlich⸗religiöſe. Auf einem Raum von 16 Druckbogen war es nicht möglich, auch die andern Fragen der Gegenwart würdig vertreten zu laſſen. Ich mußte mich beſchränken, ſie anzudeuten; ſelbſt die kirch⸗ VI liche Frage habe ich nicht bis zu den äußerſten Conſequenzen verfolgen dürfen. Dazu iſt der Tag noch nicht da. Aber der Verſtändige lieſt zwiſchen den Zeilen; angedeutet iſt Alles, und der noth⸗ wendig tragiſche Conflict in der Novelle iſt mehr als ſymboliſch. Und wenn Sie an den„Leinweber“ erinnern, ſo iſt doch nicht möglich, die proteusartige Gegen⸗ wart in einer kleinen einbändigen Novelle auch nur entfernt ähnlich abzuhandeln, wie die ganz gleiche Zeitbewegung zu Anfang des 16. Jahrhunderts in meinem Roman in neun ſtarken Bänden be⸗ handelt worden iſt. Ganz durchdrungen von der größten Aufgabe des echten Romanſchreibers:„einen getreuen Spiegel der Menſchenwelt in den ver⸗ ſchiedenen Zeiten zu geben und das Emporringen des Menſchengeiſtes, welches der Gottesgeiſt ſelbſt iſt, in den Individuen zu ſchildern,“ mußte ich dort, um die großartige Gegenwart richtig und ver⸗ ſtändlich darzuſtellen, zum Beginn der Bewegung VII hinabſteigen, zum Ende des 15. Jahrhunderts. So iſt der Leinweber entſtanden; ſo der groß⸗ artige Plan zu meinem„Wullenweber“, an deſſen Ausführung ich durch die Revolution gehindert wurde. Im Wullenweber ſollte das deutſche Bür⸗ gerthum vor ſeinem Verlöſchen im ſchönſten und höchſten Glanze zur Anſchauung kommen, jenes Bürgerthum, was weder mit unſerer Demokratie, noch mit unſerer Bourgeviſie etwas gemein hatte, vielmehr beiden, wo ſie ſich zeigen, feindlich ent⸗ gegen tritt. Gutzkow machte gleichzeitig ein Drama aus dem Stoffe. Ich ſchrieb ihm gleich, das ſei ja gar kein dramatiſcher Stoff, ſondern ein echt epiſcher. Der Erfolg hat gelehrt, wie Recht ich hatte. Jetzt bin ich mit der Gegenwart ſelbſt be⸗ ſchäftigt, obgleich ich den Wullenweber keineswegs aufgegeben habe. Die Gegenwart mit ihren tau⸗ ſenderlei ſich meiſtens ſo feindlich gegenüber ſtehen⸗ den Intereſſen kann nirgend weiter treu geſchildert V1II werden, als im Roman, und gerade im deutſchen Roman, denn in keinem Lande ſind alle Intereſſen ſo ſtark und ſo mächtig vertreten, als in Deutſch⸗ land. Sie ſehen, daß ich ſehr groß und ſehr würdig von meiner Aufgabe denke ꝛc. 2c. Gotha, den 3. Februar 1851. „Hier im mütterlichen Schvoße der Erde ruht das ſterbliche Theil des Herrn Pfarrers M. Johann Georg Michael Ehrhardt, welcher 42 Jahre lang der hieſigen Gemeinde Hallungen ein treuer Hirt und Seelſorger war, nachdem er zuvor mit gleichem Eifer und Segen 6 Jahre lang das heilige Amt eines Feldpredigers bei dem Herzogl. Sächſ. Regi⸗ mente Prinz Friedrich in Königl. Niederländiſchen Dienſten in Holland verwaltet und 2 Jahre lang Pfarrer zu Hochheim im Gebirge geweſen war. Sein unſterbliches Theil iſt in Gottes ewigen Frie⸗ den eingegangen, um den Lohn zu empfangen für die unzähligen Segnungen, die er auf Erden ge— ſtiftet. Alle ſeine Beichtkinder weinen Thränen der Liebe und des Dankes über ſeiner Aſche. Er ſtarb am 12. October 1837, alt: 75 Jahre 9 Monate 21 Tage.“ — 2 — Es war mir eine Thräne ins Auge getreten. Das liebliche Bild eines ſilberhaarigen, milden, vom Alter gebeugten Dorfpfarrers ſtand mir lebendig vor der Seele. Konnte dieſe herzliche Grabſchrift lügen? War auch ſie das Machwerk eines bezahl⸗ ten Schreibers, wie auf den prahleriſchen, prunken⸗ den Monumenten reicher und vornehmer Sünder? Wer glaubt in unſerer übertünchten und ſchön ge⸗ ſchminkten Lügenzeit noch dem in Stein gehauenen und in Erz gegoſſenen Lobgeſchrei auf den Gräbern kriechender Fürſtenknechte, aufgeblaſener Bureaukra⸗ ten, dummſtolzer Geldfürſten, herzloſer Wucherer, fanatiſcher und unſittlicher Pfaffen, buhleriſcher ein⸗ flußreicher Weiber? Wer lieſt ſie und lacht nicht über die jämmerliche armſelige Heuchelei, die noch über das Grab hinaus Gott und die Welt zu be⸗ trügen wähnt? Ich ſah einſt eine junge ſchöne Schauſpielerin, die durch Laſterhaftigkeit herunter gekommen war, in einer Dorſſchenke eine Königin ſpielen; der Purpur ſtand ihr gut, ſie bewegte ſich natürlich darin; ihr Spiel war leidenſchaftlich und wahr; ſie war eine ächte Königin. Als ſie im letzten Act auftreten ſollte, kündigte der Direktor 3 an: ſie ſei ſo krank geworden, daß das Stück nicht zu Ende geſpielt werden könne. Ich eilte auf die, aus rohen Brettern zuſammengenagelte Bühne und fand im Winkel eines Stalles auf einem Bündel Stroh die Königin als— Leiche. Aus einem phthiſiſchen Fieber hatte ſie ſich aufgerafft, geſtachelt von der Verzweiflung des Mangels, um für we⸗ nige Groſchen eine Königin zu ſpielen, wozu ſie durch Schnaps ihre letzten Kräfte aufgereizt und erſchöpft hatte. Ein furchtbarer Blutſturz hatte ih⸗ rem Leben ſchnell ein Ende gemacht. Da lag ſie und unter der dick aufgetragenen Schminke brach die Bläſſe des Todes furchtbar hervor; der Blut⸗ ſtrom aus ihrem Munde hatte den geflickten Pur⸗ purmantel wieder friſch aufgefärbt. Die meſſingne Krone, der Flitterſchmuck, das Strohlager, der Stall und die todte Königin, die eine lüderliche Bettlerin geweſen war— welche Contraſte! Ich mußte auch lachen, aber es war ein grauſiges, ent⸗ ſetzliches Lachen, und ich erſchrak ſelbſt davor. So oft ich auf einen Todtenacker voll aufgeputzter Mo⸗ numente komme, muß ich an jene Schauſpielerin denken, an den alten falſchen, mit ihrem Herzblut —— 4 aufgefärbten Purpur, an ihre Flitterkrone, an ihr todtes geſchminktes Geſicht.—— Die entſchlafe⸗ nen Edeln und Gerechten, die von der Selbſtſucht und der Bosheit zertretenen Herzen, die Stillen und Guten im Londe, die unzähligen Armen, die ihr mit Kummerthränen befeuchtetes Brod aßen, das Letzte, das ihnen die Habſucht und Genußgier der Mächtigen und Reichen nicht entriß, die Men⸗ ſchen, deren geräuſchloſe Tugend einen ſanften Hei⸗ ligenſchein um ihr Haupt wob— ſie Alle haben keine Grabſteine und eiſernen Monumente. Der über ihrer zerfallenden Hülle heiter grünende Hügel nennt dem Vorübergehenden nicht ihre Namen. Wozu auch? Was iſt ein Name? Ein Wort, ein Laut, ein Hauch ohne Sinn und Bedeutung, vom Winde verweht, von der Luft verſchlungen und von den Lippen vergeſſen, die ihn ausgeſprochen!— Das Andenken an dieſe Geſtorbenen lebt in eini⸗ gen Herzen fort bis auch dieſe zu ſchlagen aufhö⸗ ren und dann weht der unerbittliche Fittich der Zeit über jener und dieſer Aſche hin und fegt ſie— Aſche, Namen, Erinnerung— mit allem Uebrigen in das ewige ſtarre todte Meer der Vergeſſenheit. 0 Und haben die großen Schauſpieler, wie Octavian, der ſterbend ſeine Umgebung zum Applaus auffor⸗ derte, wenn er ſeine Rolle gut geſpielt, haben ſie etwas voraus, deren Schatten die Geſchichte beim Stirnhaar faßt, um ſie in ihrem Arſenal aufzu⸗ ſpeichern, vor den unberühmten Zuſchauern?— Verkündeten die Worte auf dem einfachen Grab⸗ ſtein, die ich eben geleſen, auch den erlogenen Ruhm eines heuchleriſchen Pfaffen? Nein! ſprach die Thräne in meinem Auge; nein! wiederholte die innere untrügliche Stimme meiner Ahnung, meines Gefühls. Hier erhob ſich der Hügel eines tugend⸗ haften Menſchen.—— Ich trat an die andere Seite des ſteinernen Würfels und las weiter: „An der Seite der Hülle des würdigen Gatten ruht die der würdigen Gattin, der ehrſamen Frau Sabina Chriſtiana Ehrhardt gebornen Ha⸗ berkorn, wie ſie auf Erden 47 Jahre lang ihm treu und ergeben, eine chriſtliche Ehegefährtin in Freud und Leid, zur Seite geſtanden und gewan⸗ delt war und ihm, durch die Liebe und Gnade Gottes, 10 Kinder geboren hatte, von denen ihnen 6 vier in das ewige Vaterland vorausgegangen. Auch ſie ſuchte die himmliſche Heimath faſt ein Jahr früher als ihr Gatte, indem ſie das Zeitliche ſeg⸗ nete am 2. November 1836 in einem Lebensalter von 67 Jahren 5 Monaten und 9 Tagen.— Ihre ſtillen Tugenden bedürfen nicht des rühmen⸗ den Wortes.“ Das Bild eines ſchönen häuslichen Stilllebens trat immer deutlicher vor meine Seele. Neben dem milden Greiſe, dem Tröſter, dem Lehrer, dem Freunde ſeiner Beichtkinder, ſah ich die liebe alte geſchäftige Hausfrau, das herzige freundliche Großmütterchen, umſchwärmt von den Enkeln, derem jedem ſie etwas Gutes und Liebes erweiſt und die, ſo muthwillig ſie auch zuweilen mit ihr umſpringen, ihr doch augenblicklich folgen, wenn ſie ein ernſtes Wort ſagt und ihren Willen entſchieden ausſpricht; eine Helferin aller Hülfsbedürftigen im Dorfe und der ganzen Umgegend, die zu ihr wallfahrten, wie zu einer Heiligen— und wahrlich ſie iſt mit größe⸗ rem Recht eine Heilige zu nennen und gleich ſol⸗ cher zu verehren, als ein hölzernes wunderthätiges Marienbild; denn ſie iſt es, die Wunder thut im 7 ſchönſten Sinne des Wortes, indem ſie durch Rede und That und durch ihr eigenes hell leuchtendes Beiſpiel eine Lehrerin iſt der ganzen Gemeinde, wie ihr Eheherr ein Lehrer, eine Ermahnerin der Frauen und Mädchen im Dorfe zur Tugend und Ehrbar⸗ keit, die fleißige Nährerin und Mehrerin des Hau⸗ ſes. Meine angeregte Phantaſie gruppirte ein klei⸗ nes Paradies um ſie: neben Kindern, Enkeln, Nachbarn, Armen auch das liebe Hausvieh von der Taube auf des Daches„weitragendem Giebel“ bis zur ſtattlichen Kuh im Stalle und dem ſchnur⸗ renden Kätzchen im Fenſter, und Aller Augen auf ſie wartend, und ſie Allen ihre Speiſe gebend zu ſeiner Zeit. Und weiter ſah ich im Geiſte den rein⸗ lichen Obſt⸗ und Gemüſegarten, das wohlbeſtellte Ackerfeld, die üppige Wieſe, und emſig ſchaffende Mägde und Knechte, und den alten Pfarrer im Schlafrock, die ſchneeweiße baumwollene Zipfelmütze über dem weißen Haare, ſein Pfeifchen mit Wohl⸗ behagen ſchmauchend und die Taſſe duftenden Kaffees ſchlürfend, die ihm die freundlich koſende trippelnde Matrone,„ſeine ſüße Jugendliebe“, eingeſchenkt. Ich ſah einen ſchelmiſchen Zug um ſeinen Mund 8 lächeln, hervorgerufen von einem ſchönen, halb der Erinnerung halb der Gegenwart angehörigem, Ge⸗ fühle; er ſcherzt mit der Frau Pfarrerin und er⸗ innert ſie daran, wie er vor vierzig und ſo viel Jahren an einem ſchönen Sommerabend(es war der Abend ihres Hochzeittages) oben in Hochheim im Gebirg, wo die wolkenküſſende Tanne rauſcht in der Laube am Walde, durch deſſen Blätterdach der Vollmond ſein keuſches Silberlicht auf ſie warf, ſie zum erſtenmal inbrünſtig geküßt und ihr einen Wunſch ins Ohr geflüſtert, der ſo ſchön in Er⸗ füllung gegangen; und die Alte ſchmollt mit ihm über die frivolen Reden und nennt ihn einen ver⸗ liebten Schwätzer; aber ſie küßt ihn, ſelbſt von der ſchönen Erinnerung ſanft angeweht, auf die ge⸗ furchte Wange, über die das Traumbild genoſſener irdiſcher Seligkeit verklärend hingaukelt.— So leben⸗ dig ſtand die liebliche Idylle vor meiner Seele, in der eine ſehnſüchtige Trauer erwachte, daß ich das herzige alte Paar nicht gekannt, nicht an ihrer Seite geſeſſen, nicht ihren Geſchichten, Belehrungen und Ermahnun⸗ gen gelauſcht hatte.— Ich trat an die dritte Seite des Steines und las:„Der Staub dreier lieber 9 Kinder vermiſcht ſich hier mit dem Staube der Eltern, denen ſie in die ewige Heimath vorange⸗ gangen: Magdalene Sophie, geb. den 17. März 1793, ſtarb am 14. Aug. 1805.— Hermann Friedrich, geb. d. 4. Novbr. 1802, ſtarb d. 7. Febr. 1804.— Johann Wilhelm, geb. d. 10. Novbr. 1806, ſtarb als vielbelobter Schüler des Gymna⸗ ſiums am 19. Oetober 1822. Saat, geſäet von Gott, am Tage der Ernte zu reifen.“ Mein liebliches Idyll gewann immer lebhaftere Farben. Kann auf Erden ein Glück wahrhaft ſchön ſein ohne die Thräne der Liebe, die auf ein Paar theuere Gräber niederthaut? Wird nicht der Lebens⸗ kranz erſt wahrhaft reizend und duftend durch die Blumen, die auf dem Raſenhügel geliebter Geſtor⸗ benen blühen? Giebt es denn eine rechte Freude ohne die Schauer der Wehmuth? Wäre denn der Tag genußreich, wenn die Ahnung der Nacht mit den ewigen Sternen, der goldenen Verkündigungs⸗ ſchrift eines höheren Wirkens des Weltgeiſtes, nicht in ſeinen Sonnenglanz hereindämmerte? Das ſchönſte Kind der Sonne und des Regens iſt der ſiebenfarbige Bogen am Himmel; das ſchönſte Kind 10 des Glücks und der Thränen iſt der höchſte Friede, die irdiſche Seligkeit, die reinſte Freude der Ehe und des Familienlebens, das ſich, auch ein ſtiller Regenbogen, über das Haus wölbt, und die glän⸗ zende Brücke, auf der die Engel vom Himmel auf die Erde herabſteigen, ſteht meiſt, während ihr Schei⸗ tel das Blau des Himmels küßt, auf ein Paar grünen Gräbern geliebter Kinder, theurer Pfänder der erſten ehelichen Liebe, die nun die ſiebenfarbige Engelſtraße auf und ab wandeln, und die Moll⸗ töne, die, von dieſen Gräbern emporſteigend, unſere froheſten Stunden durchzittern, ziehen unſere, ſo an die Erde gefeſſelten Blicke zu der Höhe empor, wo ſie verklingen.— Die trefflichen Pfarrersleute, das liebe alte Pärchen, war alſo des höchſten irdi⸗ ſchen Glücks theilhaftig geworden, ſie beweinten den Verluſt geliebter Kinderz in den geſchäftigen Sonnen⸗ tag ihrer Schaffensfreude hatte eine Wolke des Him⸗ mels ihren ſchweigenden wehmüthigen Schatten ge⸗ worfen. Ich beneidete den leben gebliebenen Kindern das Glück, ſolche Eltern zu beſitzen, ich wünſchte auch ihr Sohn geweſen zu ſein. Noch war die vierte Seite des beſcheidenen Steins übrig, und ich erwartete hier irgend einen ſchönen Bibelvers oder Reimſpruch zu finden; als ich aber um die Ecke bog, las ich Folgendes:„Hier mitten unter den theuern Seinen ruht der Leib des Herrn Pfarrers Joſeph Marius Ehrhardt. Er war der jüngſte Sohn und zwei Jahre lang der Subſtitut ſeines Herrn Vaters, und endete am 12. December 1836 im 29. Jahre ſeines Alters.— Richtet nicht, ſo werdet ihr auch nicht gerichtet; vergebet, ſo wird euch vergeben. Neben ihm ſchläft ſeine verlobte Braut, die ehr⸗ und tugendſame Jungfrau Johanna Amalia Wilhelmine Lobau, einziges Kind des Herrn Schulzen Matthias Lobau zu Sundheim. Sie ſtarb auf dem Erlenhof am 10. Mai 1839 und brachte ihr Alter auf 28 Jahre 3 Monate 18 Tage. Die Sehnſucht nach dem Geliebten zog ſie ihm nach. Sie war eine der Edelſten ihres Geſchlechts.“ Dieſe Worte ſchnitten mir wie Schwerter durch die Seele; es war mir, als griffe eine verhüllte Hand aus dem Steine und verwiſche mit einem ſchwarzen Flore mein ſchön komponirtes Idyll. Ver⸗ ſchwunden waren der Friede, die Ruhe, das Still⸗ 12 leben aus dem Pfarrerhauſe; ich ſah das trübe Heer menſchlicher Leidenſchaften mit glühenden Au⸗ gen und verzerrten Zügen chaotiſch durch einander wüthen; ich ſah die heilige Stätte des Friedens beſudelt von gemeiner Begierde; ich ſah ſchnell den Engel, der die Erde geküßt hatte, mit wehmüthigem Blick zum Himmel emporſteigen, und an der Stelle, wo er gewandelt, einen höhniſchen Teufel umher⸗ lärmen. Ach, ich war ungemein ſchmerzlich von dem Geheimniſſe berührt, das mir hier düſter verſchleiert entgegen trat, um ſo ſchmerzlicher, da ich wenige Augenblicke zuvor ſo lieblich geträumt und von einem himmliſchen Glücke auf der Erde geſchwärmt hatte. Der ſüßen Thräne der Freude in meinem Auge folgte ſchnell ihre bittre Schweſter, die Thräne des Schmerzes; der ſchöne Traum von einem rei⸗ nen Erdenglück war von der rauhen Wirklichkeit verſcheucht, der wehmüthig lächelnde Genius der Poeſie, der ſich zu mir geneigt, zeigte mir plötzlich die höhniſche Fratze des Dämons, dem Gewalt ge⸗ geben iſt über die Erde und ihre Kinder. Wäh⸗ rend ich an den Blumenborden eines ſanften Eden⸗ fluſſes zu wandeln gewähnt, der das geſchmückte 13 Schiff der Sterblichen leis ſchaukelnd fortträgt in das unbekannte Land, ſtand ich plötzlich ſchaudernd an dem tiefen Riſſe, der durch die Erde läuft, an der ſchwarzen Kluft, in die unſer Auge troſtlos ſtarrt, an dem bodenloſen Abgrund, aus welchem uns die Schrecken der Nacht und des Todes ent⸗ gegengähnen. Mir war unheimlich zu Sinne ge⸗ worden, und in mich ſelbſt verſunken lehnte ich am Grabſteine und hielt das getäuſchte Auge am Bo⸗ den zu meinen Füßen, der eine ſo ſchmerzliche Schick⸗ ſalslöſung in ſich ſchloß. Wie lange ich ſo geſtan⸗ den, weiß ich nicht, aber es waren unterdeſſen Menſchen über den Gottesacker, nicht fern von mir, gegangen. Wie ich nachher bemerkte, führte ein Communikationsweg des großen Dorfes über die Ruheſtätte der Todten. Ich war völlig fremd in dem Orte, ich war zum erſten Male hier; ich kannte Niemanden, ich war von Niemandem gekannt, aber ich hatte von der Güte eines Freundes einen Em⸗ pfehlungsbrief an einen reichen Waidfabrikanten erhalten, der eine Strecke vom Dorfe eine ſchöne Beſitzung haben ſollte; und ich beſchloß endlich, die Adreſſe aufzuſuchen. Doch der Auguſtnachmittag 14 war heiß; ich war ſchon auf dem Wege zum Wirths⸗ hauſe geweſen, um meinen Durſt zu löſchen, als die offenſtehende Gottesackerpforte mich in den hügel⸗ reichen Raum hereingezogen hatte. Es hat für mich einen unwiderſtehlichen Reiz, in allen Dörfern, Flecken, Städtchen und Städten, in die mich meine Lebensreiſe führt, die Gottesäcker und Kirchen zu beſuchen, und zwar, wenn es irgend thunlich, früher als die Wohnſtätten der Lebenden. Ich habe dazu mehrfache Gründe. Zuerſt komme ich dadurch in die rechte Gemüthsſtimmung, die mich geſchickt macht, auf würdige Weiſe mit den Menſchen zu verkehren. Willſt du wahre Lebensweisheit lernen, gehe zum Tod in die Schule. Auf den Gottesäckern ſtehen die Lehrſtühle der Menſchenliebe, der Beſcheidenheit, der Sitte, jeder ächten ſchönen Tugend, und mit dem Schlüſſel der ſtillen Todespforte iſt der gefühl⸗ volle Menſch am geneigteſten, die Thüre ſeines Her⸗ zens zu öffnen, um die heilſamen Lehren zu empfan⸗ gen, welche von den Grabhügeln in die Seele her⸗ einduften und in ihr die ſanfteſten und edelſten Gefühle wach rufen. Wenn ich zwiſchen Gräbern verweilt habe, bin ich am ſicherſten, keinem Men⸗ 15 ſchen unrecht oder wehe zu thun, vielmehr in Jedem, auch im Geringſten, Gottes Meiſterſtück zu achten und zu lieben.— Wenn ich um die ſtillen, einſa⸗ men Dorfkirchen wandle, deren meiſt graues ver⸗ wittertes Geſtein von Obſt⸗ und Lindenbäumen halb verdeckt, von träumeriſchen Fliederbüſchen zum Theil überkleidet iſt, die ſich an den erblindenden Fen⸗ ſtern erheben, als wollten ſie das heilige Geheim⸗ niß des Kirchleins erlauſchen, das ſie dann in ihren Blüthen auszuhauchen ſich beſtreben; wenn ich in den ſtillen Raum der Kirche ſelbſt trete, wo dieſe einfachen Naturmenſchen ihre Herzen durch die Lehren und Tröſtungen der Religion ſtärken und erheben, dann wird immer meine Seele von den poetiſchen Schauern der Andacht ergriffen, und die Gefühlstrunkenheit, die ich mit mir hinweg in die Häuſer der Lebenden nehme, ſchützt mich hier oft vor manchem bittern Gefühl. Weſſen Herz von Gott voll iſt, der hat für den gemeinen Schmerz, den ihm Menſchen bereiten, keinen Raum; er er⸗ zürnt ſich nicht über ihm bereitete Täuſchungen; er hat für empfangene Unbilden nur ein bedauern⸗ des Lächeln, nur ein vergebendes Wort der Liebe.— 16 Und wie fühlſt du dich aufgerufen zum Kampfe für das Wahre, Gute und Rechte gegen die ſchein⸗ heilige Lüge, gegen den Egoismus mit der Larve der Tugend, gegen die freche Gewalt! wie fühlſt du dich geſtärkt und begeiſtert zu dieſem Kampfe, wenn du von einem Gottesacker kommſt; denn da haſt du erkannt, gefühlt— und dieſe Erkenntniß, dieſes Gefühl iſt dir in die Seele hineingewachſen, und zu Saft und Blut geworden— welch nichti⸗ ger und erbärmlicher Tand die Dinge ſind, für welche die Gegner des Lichts und Rechts ſtreiten, wie ſich all ihr finſtres Thun und Treiben um Be⸗ friedigung elenden Stolzes, um brutale Gewalt und Herrſchgierde, um die Pflege des Bauches und nie⸗ dere Sinnlichkeit dreht. Da iſt dein Auge geſchärft worden für die Schminke, mit der ſie ſich anmalen, und aus den Gräbern iſt dir der Muth gequollen, für den Fortſchritt der Menſchheit zu fechten mit dem Munde, mit der Feder, mit dem Schwerte. Nur wer ſich mit dem Tode vertraut macht, ver⸗ ſteht das Leben; nur wer ſich ſtets der Vergäng⸗ lichkeit bewußt iſt, iſt der Begeiſterung für das Bleibende und Ewige fähig. Aber auch für das niedere praktiſche Leben hole ich mir nebenbei auf den Gottesäckern manchen nützlichen Fingerzeig. Ich thue auf den Gräbern der Verſtorbenen oft helle Blicke in die Herzen der Ueberlebenden. Von den prahleriſchen Monumen⸗ ten mit pomphaften Lobſchriften ſchließe ich ſtets mit Recht auf kalte gefühlloſe reiche Leute, und wenn ſich dieſelben Namen auf ſolchen Denkmälern viel wiederholen, dann kenn' ich ſchon die groß⸗ ſprecheriſche aufgeblaſene Geburts- und Geldariſto⸗ kratie, eh' ich ihre Glieder von Angeſicht ſchaue, und ich weiß nachher beſſer, wie ich mich gegen den Träger eines ſolchen Namens, der mir in der Geſellſchaft begegnet, und deſſen Phyſiognomie ich eine Minute lang ſcharf beobachtet, zu benehmen habe, als wenn mir eine unſichere mündliche Kunde über ihn zugekommen wäre; denn die prächtigen Lügen der Grabſteine geben ſichrere Wahrheit, als aller Menſchenmund. Meiſt weiß ich auf dem Gottes⸗ acker auch ſchon die Geldariſtokratie von der Ge⸗ burtsariſtokratie zu unterſcheiden; die erſtere über⸗ ladet in der Regel die Denkſteine ihrer Verſtorbe⸗ nen mit pomphaften, geſchmackloſen Zierathen und 2 18 albernen großſprecheriſchen Inſchriften, und je klei⸗ ner die Stadt, je reicher das Dorf, deſtv mehr Vergoldung und bunte Farben ſind an den Grab⸗ ſteinen verſchwendet, deſto trivialere Behauptungen und herzbrechendere Reimſprüche auf ihnen ausge⸗ ſtellt. Der gebildetere Geſchmack des Geburtsadels ſpricht ſich in edeln Formen und in einfachen ſinni⸗ gen Worten aus.— Ein ſchlichtes Holzkreuz mit einigen herzlichen Worten, Zeugen eines wahren Schmerzes, einer innigen Trauer, eine einzige duf⸗ tende Blume auf dem ſorgfältig gepflegten Grab⸗ hügel haben mir oft ſchon ein edles tieffühlendes, theilnehmendes Herz verrathen und mich die Stunde ſegnen laſſen, die ich— nach Anderer Meinung unnütz— auf dem Gotttsacker verweilte. Auch heute hatte mich das ſeeliſche Bedürfniß zuerſt nach dem ſtillen Kirchhof getrieben, und vor dem Grabſteine der Pfarrersfamilie hatte ich das leibliche vergeſſen, bis mich Vorübergehende, neu⸗ gierige Begaffer der fremden Erſcheinung, in mei⸗ nem Genuſſe ſtörten. Ich brach raſch auf, verließ den Kirchhof und fragte einen ſtädtiſch gekleideten 19 Mann, der vor mir auf der Straße ging, nach dem Wirthshauſe. „Wenn Sie erlauben, werde ich Sie dahin begleiten,“ verſetzte er höflich und freundlich und verrieth mir ſogleich mehr gebildetes Weſen, als man von einem gewöhnlichen Landbewohner erwar⸗ ten darf.„Der heiße Tag nöthigt auch mich dort zur Einkehr.“ „Sind Sie nicht in dieſem Dorfe wohnhaft?“ fragte ich, eigentlich nur um etwas zu ſprechen, da mein Begleiter die Artigkeit ſelbſt war. „Ja und auch Nein. Ich wohne eine tüchtige Strecke davon.— Sie hatten heute einen heißen Tag zur Fußwanderung und ſuchten wahrſcheinlich auf dem grünen ſchattigen Gottesacker kühle Ruhe und Erfriſchung.“ „Das nicht allein. Ich ſuchte mehr dort.“ „Sollte ein Ihnen theures Herz dort ſchlafen?“ „Ich bin ganz fremd hier. Die Todten ſind mir alle theuer, wo ich ſie auch finde unter der grünen Decke der weiten Erde.“ Der Mann ſah mich ſchier betroffen an. Ich 2 X 20 merkte offenbar: er wußte nicht, was er aus mir machen ſollte. Wahrſcheinlich hätte er mich gern für einen Pfarrer, Candidaten der Theologie, Schul⸗ lehrer oder ſonſt ein Stück Geiſtlichkeit gehalten, aber mein voller Bart machte ihn irre. Er konnte, wie er mir ſpäter mit liebenswürdiger Offenheit geſtand, meine letzten Worte mit meinem Barte nicht zuſammenreimen, und dieſer Widerſpruch, ver⸗ bunden mit meiner ganzen fremdartigen Erſcheinung, erregten ſeine Neugierde in hohem Grade. „Der Tag iſt ſchon ziemlich weit vorgerückt,“ begann er nach einigen Minuten mit einer gewiſſen Schüchternheit,„werden Sie heute noch weiter wan⸗ dern, oder hier übernachten? Sie dürfen meine Frage nicht übel deuten. Nicht Neugierde läßt mich dieſelbe thun. Wenn Sie nämlich hier blei⸗ ben— und ich möchte Ihnen dazu rathen— ſo würde ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen ein bequemeres Nachtlager anzubieten, als Sie hier im Wirthshauſe finden können. Geiſtige Bildung liebt auch den Comfort—“ „Ich bin Ihnen ſehr verbunden für Ihr güti⸗ ges Anerbieten, werther Herr; aber ich habe von 24 einem Freunde ein Empfehlungsſchreiben an Herrn“ — ich zog den Brief aus meiner Brieftaſche her⸗ vor und las die Adreſſe—„an Herrn Guſtav Bellmann, Waidfabrikbeſitzer auf dem Erlenhof.“ „Ah iſt's möglich!“ rief mein Gegenüber über⸗ raſcht und ſtreckte die Hand nach dem Briefe aus. „Der Adreſſat bin ich ſelbſt.“ „Das freut mich herzlich!“ ſagte ich, ihm den Brief überlaſſend.„In dem Papiere werden Sie finden, wer ich bin.“ Er hatte es ſchon haſtig entfaltet und las. Einen Augenblick darauf reichte er mir mit freude⸗ ſtrahlendem Geſicht und dem Ausdrucke edelſter Herzlichkeit die Hand und ſagte:„Sie machen mir eine ſehr große Freude, indem Sie mein Haus be⸗ ehren. Schon längſt hat es zu meinen Wünſchen gehört, Sie perſönlich kennen zu lernen; denn gei⸗ ſtig kenne ich Sie ſchon lange, und ich bin von ganzer Seele Ihr Verehrer.“ „Sie ſind ſehr gütig, Herr Bellmann.“ „Nun iſt mir auch klar,“ fuhr er in ſeiner Freude fort,„was mir vorhin ein Räthſel war, Ihre Aeußerungen, Ihr Verweilen auf dem Gottes⸗ 22 acker, die Theilnahme, mit der Sie den Grabſtein meiner Schwiegereltern betrachteten.—“ „Ihrer Schwiegereltern?“ „Ja, der alte verſtorbene Pfarrer Ehrhardt war der Vater meiner Frau. Sie kennen wohl die un⸗ glückliche Geſchichte ſeines Sohnes, des Pfarrer⸗ ſubſtituten, meines guten armen Schwagers, der auch unter jenem Hügel ſeine Ruhe gefunden.“ „Ich kenne ſie nicht. Der Zufall oder mein Genius führte mich an jenen Stein.“ „Schriftſteller machen in der Regel Jagd auf ſolche Lebensereigniſſe und Charakterbilder.“ „Das iſt auch meine Leidenſchaft. Und Sie wür⸗ den mich verbinden, wenn Sie mir etwas über Le⸗ ben und Tod Ihrer würdigen Schwiegereltern und Ihres Herrn Schwagers mittheilen wollten.“ „Das will ich ſehr gern. Nur hier iſt der Ort nicht dazu. Wir wollen in der Abendkühle lang⸗ ſam nach dem Erlenhof hinausſchlendern. Meine Frau wird große Freude haben über den unver⸗ hofften Beſuch!“ Wir plauderten über Allerlei und leerten dabei einige Krüge, bis die heitre Sonne ſchräge Strah⸗ 23 len warf und wir nun als gute Freunde aufbrachen. Unſer Weg führte noch eine Strecke durch das hübſche und reinliche Dorf. Plötzlich ſtanden wir vor einem großen altmodiſchen eiſernen Gatter, deſſen weitgeöffnete Flügelthore eine freie Ausſicht auf ein ſehr ſtattliches hochgelegenes ſteinernes Herrenhaus im Renaiſſanceſtyl gewährte. Eine Doppelrampe führte zu der hohen Einfahrt, zwei Zugbrücken auf dem Vorhofe über den breiten Waſſergraben, der ſich weithin um das Schloß zu ziehen ſchien. In einem uralten verwitterten Nebenbau mit ein Paar Thürmchen ſtellte ſich ein Stück Mittelalter dar. Hinten reihten ſich große Gärten an. Ich ſtand einen Augenblick in Betrachtung des impoſanten Herrenhauſes verloren; ich liebe ſolche Ritterſitze aus dem 16. und 17. Jahrhundert; ſelbſt die Bau⸗ wunderlichen des 18. ſind mir nicht zuwider; es waren Zeitblüthen, Dokumente der verſchiedenen Entwickelungsperioden des menſchlichen Geiſtes. Ich halte nur das Aufwärmen abgeblühter Zuſtände für Narrheit; einen geſtorbenen Menſchen und eine geſtorbene Zeit macht kein menſchlicher Wille wieder lebendig; die galvaniſchen Scheinbelebungen können 24 ſelbſt den blödeſten Blick nicht lange täuſchen, denn Leichen gehen in Verweſung über. Mit Zuſtänden, die in ihrer ganzen Entwicklung der Geſchichte an⸗ heim gefallen ſind, läßt ſich nicht mehr rechten, und am wenigſten kann man den Gebäuden entgelten laſſen, was ihre Erbauer oder Bewohner am Fort⸗ ſchritt der Menſchheit verſchuldet haben. Man muß im Gegentheil dieſe Denkmäler abgeſtorbener Zei⸗ ten werth halten, um an ihnen die Zeit zu ſtudi⸗ ren, welcher ihre Blüthe angehörte, und aus die⸗ ſem Studium ſich den rechten Zorn zu holen, den wir für die Zukunft brauchen. Der Waidfabrikbeſitzer unterbrach meine ſtillen Betrachtungen mit der geheimnißvollen Bemerkung: „Das iſt das Unglückshaus, in welchem ſich mein armer Schwager den Tod geholt hat. Es iſt nun ſchon ſeit Jahren unbewohnt und wird wohl auch ſchwerlich wieder bewohnt werden. Es ruht ein Fluch darauf. Ich will Sie morgen darin herum⸗ führen und Ihnen jede Stelle, im Garten jede Laube zeigen, welche Bedeutung für die traurige Geſchichte hat.“ Meine Neugierde wurde dadurch nicht wenig „——— erregt. Alſo hatte ſich das Räthſel, deſſen Löſung unter dem ſteinernen Würfel auf dem Gottesacker mich dort ſo ſchmerzlich berührt, eh' ich es noch verſtand, hier in dem ſtattlichen Schloſſe entſponnen. Ja, dieſe Fürſten⸗ und Herrenſchlöſſer haben alle ihre ſeltſamen, meiſt herzergreifenden Geſchichten, und wenn ſie alle der Wahrheit getreu aufgezeich⸗ net wären— wir würden von manchem adligen Geſchlechte, von mancher bekannten oder berühmten Perſönlichkeit ein ganz anderes Bild erhalten, als wie es furchtſame, oder ſchmeichleriſche, oder un⸗ wiſſende und falſch belehrte Hiſtoriographen aufge⸗ ſtellt haben. Wenn die niedergeſchriebene Geſchichte auch in ihrer Maſſenhaftigkeit und in den gewonne⸗ nen Reſultaten meiſt recht hat, in den Einzelnhei⸗ ten, in den kleinen Bezügen und Entwickelungen iſt ſie oft eine belogene Lügnerin. Eine ſchattige Ahornallee führte vom Dorfe nach der äußerſt freundlichen Beſitzung des Herrn Bellmann, und wir waren in der Kühle derſelben dort angelangt, wir wußten nicht wie. Mein gü⸗ tiger Wirth hatte nämlich meinen Bitten nicht wi⸗ derſtehen können und mir auf dem anmuthigen Wege 26 einige intereſſante Schilderungen aus dem Hauſe ſeiner Schwiegereltern gegeben, die mich mit einer Art ſtolzer Freude erkennen ließen, wie richtig im Allgemeinen mich mein pvetiſches Ahnungsvermö⸗ gen am Grabſtein der Pfarrersfamilie über dieſe belehrt hatte. Der Erlenhof beſtand aus einem alterthümli⸗ chen, ſehr ſtattlichen Wohnhauſe mit Flügeln und Anbauten, einem uralten runden ſteinernen Thurm, zahlreichen Wirthſchaftsgebäuden, umgeben von Gärten und waſſerreichen Wieſen, wo eine üppige Erlenpflanzung andeutete, woher der Name des Hofes ſtamme. Die naive Freude der Hausfrau, als ſie aus dem Munde ihres Mannes erfuhr, wer ich war, hatte ſehr viel Rührendes für mich. Ein reicher oder vornehmer bekannter Mann ſieht ſich ſtets mit kalter Ehrerbietung und ſcheuer Höflichkeit bewill⸗ kommt, ein bekannter Schriftſteller ſtets mit unver⸗ ſtellter Herzlichkeit. Wir, die wir das edle Feld des Herzens bebauen, ernten auch vom Herzen des Volks die ſchönſten und ſüßeſten Früchte.— Frau Bellmann war eine hübſche Frau von dreißig und 27 einigen Jahren; aus ihrem freundlichen Auge ſprach der wohlthuende Blick keuſcher und züchtiger Weib⸗ lichkeit, aus ihrem Weſen, ihrem Anzuge, aus der Ordnung des Hauſes eine edle und verſtändige Häuslichkeit. Die Kinder, welche kamen, mir eine Kußhand zu reichen, waren einfach aber reinlich gekleidet, und ihre reinen friſchen blühenden Geſich⸗ ter zeugten von Geſundheit des Leibes und der Seele. Ich fühlte mich wohl in dieſem Hauſe, un⸗ ter dieſen Menſchen; das Herz ging mir auf unter ihren freundlichen Mittheilungen, und die dankbare Muſe, erquickt und belebt von der liebevollen Pflege, kehrte während meines mehrtägigen Aufenthaltes auf dem Erlenhofe öfter bei mir ein und ging nie, ohne eine ſinnige Blumengabe für das Haus zu⸗ rückzulaſſen. Der Hauptgegenſtand der Unterhaltung war der unglückliche Bruder meiner liebenswürdigen Gaſt⸗ freundin, und was ich aus ihrem ſchönen Munde und durch die offenen und wahrhaft freundſchaft⸗ lichen Mittheilungen ihres Mannes über dieſen Gegenſtand erfuhr, ſchrieb ich fleißig nieder. Das gaſtliche Ehepaar führte mich im Schloſſe, im 28 Schloßgarten, im Pfarrhauſe, in der Kirche, auf dem Gottesacker, im nahen Berghain, am Bache, auf der Wieſe an alle für ihre Geſchichte merkwür⸗ digen Stellen. Wie beredt war da ihr Mund, mit welchem Feuer ſprach ihr Herz aus jedem Worte! Wie oft ſah ich Thränen in den ſanften Augen meiner Freundin glänzen! Ach, ſie hatte ja ihren Bruder, den edelſten Menſchen, unausſprechlich ge⸗ liebt! Sie war unter ihren Geſchwiſtern ſein Lieb⸗ ling geweſen! Als ich mit den mir ſo theuer ge⸗ wordenen Gaſtfreunden am Abend vor meiner Ab⸗ reiſe am Grabſteine ſtand, deſſen Räthſel mir nun gelöſt war, und Johanna ihre Stirn weinend an die fühlloſe Wand deſſelben lehnte, bat mich ihr liebender Gatte, die Geſchichte ihres Bruders zu veröffentlichen; er meinte, es würde meiner Feder gelingen, ihren Schmerz zu verklären. „Ja,“ ſagte ſie zu mir gewandt,„für ein ſchmerz⸗ krankes Herz iſt der Dichter der beſte Arzt, und dieſe Heilkunſt iſt ſein ſchönſter Beruf. Es iſt von tiefer Bedeutung, daß Apoll zugleich der Gott der Dichtkunſt und der Heilkunſt war, der Vater des „—————,——— 29 Aeskulap und der Muſagete. Ueben Sie Ihren Beruf an meinem leidenden Herzen aus.“ Ich gab ihr die Hand darauf und erfülle hier⸗ mit mein Verſprechen. Vielleicht finden auch noch andere Herzen etwas in der Erzählung, was ihnen wie ein Heilmittel dünkt. Möge ſich die Heilkraft deſſelben bewähren! Das Pfarrhaus zu Hallungen war ein Tempel des Friedens und des ſtillen häuslichen Glücks. Der Pfarrer Ehrhardt, von ſeinen Beichtkindern nur der„Herr Magiſter“ genannt— welchen Titel er vor funfzig Jahren ſchon von der Univerſität mitgebracht hatte— gewann mit ſeiner hohen, vom Alter nicht gebeugten, edeln männlichen Geſtalt, mit den milden regelmäßigen Zügen ſeines, von weißen Locken umwallten, trefflich geformten Kopfes alle Augen, mit den beruhigenden Blicken ſeines eige⸗ nen großen blauen glanzvollen Auges und der klangvollen, etwas weichen Stimme, die ſtets ein 30 treuer Verkünder ſeines reinen Gemüths war, mit den ſanften gehaltvollen Worten, die ihm wie Per⸗ len von den Lippen fielen, alle Herzen. Die Na⸗ tur hat in ihrer Formgebung ihre geheimſten Ge⸗ ſetze, ebenſo bei der Bildung des Menſchen, wie bei der des Thiers, der Pflanze, des Steins. Wer ſie alle verſtände! Eins derſelben iſt unbeſtritten, daß ſie in die hohen, markigen, impoſanten Männer⸗ geſtalten die weichſten edelſten Gemüther geſenkt hat. Es liegt nur ein ſcheinbarer Widerſpruch darin; denn ſie hat ja für den edelſten Geiſt die edelſte Form gewählt. Hohe, kräftige, ſtarke Männer ha⸗ ben meiſt ein mildes Auge, und dieſe koſtbare, be⸗ lebte Perle, aus der die Seele ſtrahlt, ſchwimmt oft im heiligen See des Gefühls, im Thränenborne. Solche Männer vermag das wilde und oft grau⸗ ſame Feuer des Lebens, jener ſtill tobende wüſte Brand der moraliſchen Verderbtheit, nie ſo zu ver⸗ härten und zu verſteinern, daß ſie zu weinen ver⸗ lernten; ſie können als Greiſe noch weinen und müſſen zur rechten Stunde weinen— es iſt ihnen ein unabweisbares Herzensbedürfniß— und jede ihrer Thränen iſt ein Thautropfen des Himmels, 31¹ den ein Engel in goldner Schale auffängt, um junge Herzen damit zu erfriſchen. Der gute alte Herr Magiſter war ein ſolches reines thränenweiches, mitfühlendes Gemüth, ein treuer Jünger ſeines Herrn und Meiſters, der da geſprochen:„Selig ſind, die reines Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen;“ ein wahrhaftiger Prieſter des Herrn in Wort und That, ein Tröſter und Helfer in jeder Noth, ein liebender Vater ſeiner Gemeinde, ein ſanfter Führer und Ermahner der Irrenden, ein gewiſſenhafter Verſorger der Armen, ein eindringlicher Warner der Fehlenden; und Nie⸗ mand befolgte beſſer in der That und Wahrheit das Gebot des Heilands:„Brich dem Hungrigen dein Brod und die, ſo in Elend ſind, führe in's Haus.“ Wie er lehrte, ſo handelte er; ſein Leben war die Verwirklichung ſeines Gebets. Wie herzengewinnend auch ſeine Kanzelvorträge, wie eindringlich ſeine Reden am Krankenbette, wie über⸗ zeugend ſeine einfachen Ausſprüche in den Fami⸗ lienkreiſen ſeiner Beichtkinder waren: ſeine Anord⸗ nungen zum Wohl der Gemeinde, der Familien und Individuen, ſeine Vorſchläge und Einrichtun⸗ gen zur Verbeſſerung des Ackerbaues, der Vieh⸗ zucht und anderer ökonomiſchen Zweige entſprachen vollkommen ſeinen Reden und Worten. So hatte er in einer langen Reihe von Jahren nicht nur die Herzen gebeſſert und die Köpfe erhellt: er hatte auch für die Geſundheitspflege von Menſch und Thier raſtlos geſorgt; er hatte die Kultur des Ackers und der Wieſe redlich gefördert, hatte Obſt⸗ baumzucht eingerichtet und ſeine Thätigkeit bis auf die kleinſten, unbedeutend ſcheinenden Gegenſtände ausgedehnt. Die Trägheit und den Widerſpruchs⸗ geiſt der Bauern hatte er mit Milde und Sanft⸗ muth, aber auch mit männlicher Beharrlichkeit und Ausdauer, die auf dem als recht erkannten, wenn auch noch ſo beſchwerlichen Wege ſich nicht irre machen läßt, wacker bekämpft. Er hatte endlich geſiegt und nun waren ihm ſchon ſeit langen Jah⸗ ren die Früchte ſeiner Bemühungen gereift, die der Liebe, der Achtung, der Ehrerbietung ſeiner Ge⸗ meinde und die ſeiner eigenen ungetrübten Freude an ihrem Wohlſtande, am Gelingen ſeines Werkes, ſo weit dies in den Grenzen menſchlicher Unvoll⸗ kommenheit überhaupt möglich war. Und an ihnen 33 genügte ihm. Die Welt kannte die ſtillen und gro⸗ ßen Verdienſte nicht, die dieſer edle und hochherzige Mann in ſeinem Kreiſe ſich erworben hatte, und er geizte nicht nach der zweideutigen Ehre, von ihr gekannt zu ſein; die ſchimmerden Preiſe der Ruhm⸗ ſucht, an dem vom großen Haufen umdrängten Ziele ausgeſtellt, hatten ihn in der Jugend nicht gelockt, wo das Herz doch am empfänglichſten iſt für ihre Eindrücke und am ſtärkſten, ſie zu erſtreben; wie viel weniger im Alter, wo ihre ganze Nichtigkeit der der ruhigen Betrachtung bedürftigen Seele ſich mit unwiderſtehlicher Gewalt aufdringt. Er hatte in ſeinem Kreiſe unausſprechlichen Segen verbrei⸗ tet, einen Segen, der ſich nun von Geſchlecht zu Geſchlecht bis in die fernſte Zukunft fortzupflanzen verſprach, aber er ſchien es nicht zu wiſſen, daß er es war, der als ein guter Säemann den erſten Samen zu dieſer heilvollen Pflanzung ausgeſtreut hatte. Es hatte nicht an Zeichen von Anerkennung ſeiner Verdienſte von Seiten ſeiner Behörde gefehlt; man hatte ihm ſogar von oben eine glänzende Stellung in der Hauptſtadt des Landes bereiten wollen, er hatte aber die gutgemeinten Anerbietun⸗ . 0 34 gen dieſer Art mit beſcheidener Dankbarkeit abge⸗ lehnt und ſo rührend und herzlich gebeten, ihn im Schvoße ſeiner Gemeinde als Vater und Freund fortwirken zu laſſen, daß man von allen derartigen Verſuchen, ihn für einen größeren und— herzlo⸗ ſeren Kreis zu gewinnen, abgeſtanden war. Dafür hingen die Herzen ſeiner Beichtkinder mit deſto feſteren und heiligeren Banden der Liebe an ihm, und dieſe Liebe würde ſich in der Bruſt der ein⸗ fachen Naturkinder, wenn er nicht dagegen gekämpft hätte, zu einer Art Vergötterung geſteigert haben. Seine wohlthuende Erſcheinung übte auf ſie einen milden aber ſtarken Zauber aus; ſie hielt jeden fanatiſchen Ausbruch liebender Verehrung zurück; wenn er aber langſamen und würdigen Schrittes durch das Dorf wandelte, deſſen blühender Wohl⸗ ſtand ſein Werk war, dann konnte ſein gerührtes Herz in den beſcheidenen Grüßen, in den ſtillen ehrerbietigen Blicken, in den herzlichen Worten, die an ihn gerichtet wurden, die entzückende Ueberzeu⸗ gung leſen, daß er nicht vergebens gelebt und gewirkt habe. Sie waren alle wie ſeine Kinder, die ihn ſo liebten; er hatte ſie faſt Alle durch die 35 Taufe und Confirmation in den Bund der Chri⸗ ſten aufgenommen; er hatte ihrer kindlichen Seele die Lehren des Chriſtenglaubens eingeprägt, er hatte dem Bunde ihrer Herzen die kirchliche Weihe gege⸗ ben und in jeder Lage ihres einfachen Lebens ihnen als ein guter Genius zur Seite geſtanden. Und dieſer treffliche Mann hatte das von ihm geſuchte und wohlverdiente Glück auch im engern Kreiſe ſeines Hauſes im reichſten Maße gefunden. Sein Herz hatte in den ſchönſten und für die Ge⸗ ſchlechtsliebe empfänglichſten Jahren ein holdes treff⸗ liches Weib gewählt. Man konnte unmöglich be⸗ ſtimmen, ob er ſie mehr liebe oder von ihr mehr geliebt werde. Seine Sabina oder„Königin von Saba,“ wie er ſie ſcherzweiſe zu nennen pflegte, die Tochter eines wohlhabenden Pächters, war nebſt ihren Geſchwiſtern von früh an von den frommen und arbeitſamen Eltern zur Gottesfurcht und Ar⸗ beit angehalten worden. Der gute alte Kernſpruch: „Bet' und arbeit', ſo hilft Gott allzeit“ war von dieſen einfachen Menſchen täglich in lebendige That überſetzt worden, und da, wo dieſe wahrhaft goldne Lebensregel nicht allein auf der Lippe ruht, ſondern 36 im Kopfe, im Herzen und in der Hand, und nicht ſowohl ruht, als vielmehr drängt und treibt, da fehlt der ſichtbare Segen des Himmels niemals weder im Hauſe, noch auf dem Felde; weder in der Schüſſel, noch in der Wiege; weder im Kopfe, noch im Herzen. Und da ſeine Grundbedingungen mit dem jungen Ehepaare in das Pfarrhaus ein⸗ gewandert waren, ſo kehrte denn auch der Segen ein und füllte Speicher und Schrein, Schüſſel und Wiege, und in dem Grade, in welchem der Pfarrer wohlthätig war, mehrte ſich ſein Gut. Sabina beſchenkte ihren Gatten mit zehn Kindern. Davon ſtarben drei. Zuerſt ein lieber zweijähriger Knabe, und 1½ Jahr ſpäter ein zwölfjähriges holdes Mäd⸗ chen, voll Verſtand und Gemüth und in ihrer gei⸗ ſtigen Ausbildung ihren Jahren weit vorausgeeilt, eines von den Kindern, von denen man ſagt:„ſie ſind zu klug, ſie ſterben früh.“ Die damals noch jugendliche Mutter litt unſäglich über den Verluſt ihres Lieblings; ſie hatte kaum den Tod des Kna⸗ ben verſchmerzt, als ſie der fürchterliche Schlag traf, und der Vater, ſelbſt auf's Heftigſte angegriffen, mußte lange die ganze Kraft ſeiner eindringlichen 37 Beredſamkeit anwenden, geſtützt auf die heiligſten Lehren und Tröſtungen des Glaubens, deſſen treuer Diener er war, um den fürchterlichen Schmerz ſeiner Sabina endlich in jene wohlthuende ſtille Weh⸗ muth zu verwandeln, die über die Welt den ver⸗ klärenden Regenbogen des ſtillen Thränenthaues ſpannt. Als nun ſiebenzehn Jahre ſpäter das wür⸗ dige und geprüfte Ehepaar ein weit größerer und herberer Verluſt traf, indem ihnen Gott ihren jüng⸗ ſten, ſechszehnjährigen Sohn, einen blühenden hoff⸗ nungsvollen Jüngling und ausgezeichneten Schüler des Gymnaſiums der Hanptſtadt, hinwegnahm, da waren ſie beide gefaßter, und ſo groß auch der Schmerz war, ſo groß war ihre Ergebung. Frau Sabina faltete die Hände über der ſchönen Leiche des Lieblings und betete inbrünſtig:„Der Herr hat ihn gegeben, der Herr hat ihn wieder genom⸗ men; der Name des Herrn ſei gelobet in Ewig⸗ keit. Amen.“ Seit jenem Tage, als der Pfarrer mit ſeiner Frau an der offenen Gruft ſeines edeln trefflichen Sohnes geſtanden, als er Sabinen die Erde ſeg⸗ nen geſehen hatte, die auf den Sarg desjenigen 38 ihrer Kinder, das ihrem Herzen am theuerſten ge⸗ weſen war, hinabrollte, dachte er groß von ihr, und ſeine Verehrung für ſie würde ſich noch geſtei⸗ gert haben, wenn dies möglich geweſen wäre, als er wahrnahm, mit welcher größeren Zärtlichkeit ſie ihre übrig gebliebenen Kinder liebte, und wie ruhig und gefaßt, wie würdig und erhaben ſie mit der alten Sorgfalt und Emſigkeit ihren Geſchäften ob⸗ lag und Jedermann, der Hülfe bedurfte, wohlzu⸗ thun bemüht war. Ihr Leben hatte nun auch ſeine Abendröthe, die über dem Grabhügel der geliebten Kinder hing, hindeutend auf die Herrlichkeit des ewigen Lichts, das hinter dem Schleier der Nacht hervorblitzt. Das Pfarrhaus, einſt vom Getümmel froher Kinder widerhallend, war im Laufe der Jahre ſtill und ſtiller geworden; außer denen, deren ſterblich Theil unter dem Raſen lag, hatten noch fünf Kin⸗ der das Vaterhaus verlaſſen, meiſt um am eignen Heerde zu wohnen. Die Söhne waren Väter ge⸗ worden, die Töchter Mütter, und nur an beſtimm⸗ ten Tagen lärmte das alte Jugendgeräuſch durch Haus und Garten; aber es waren jetzt die Enkel, 39 das verjüngte Geſchlecht, von den Eltern eingeführt, für das die Großeltern nun die alte und doch neue Sorge trugen. Der älteſte Sohn Chriſtoph war Oekonom und Beſitzer eines kleinen aber treff⸗ lich beſtellten Gutes, das er mit ſeiner Frau erhei⸗ rathet hatte, in Sundheim, zwei Stunden von Hallungen entfernt. Seine Nachkommenſchaft blühte in anſehnlicher Zahl luſtig empor. Wilhelmine, die darauf folgende Tochter, an einen fünf Stun⸗ den weit wohnenden Pächter eines großen fürſtli⸗ chen Kammergutes verheirathet, hatte ihren Mann ebenfalls mit reichem Kinderſegen beſchenkt. Er⸗ neſtine, die zweite Tochter, war Jungfrau und im Vaterhauſe geblieben, ein liebes ſanftes Eben⸗ bild und treue Freundin der Mutter. Sie war mit einem Candidaten der Theologie verlobt gewe⸗ ſen und hatte ihn ſehr geliebt, aber er war in Folge allzu großen Fleißes kurz vor Antritt des Pfarramtes, das er erhalten, geſtorben, und ihr ſtiller Schmerz weinte ihm nach, indem ſie jede ihr ſpäter angebotene Partie ſtandhaft ausſchlug. Sie wollte die Stütze und Gehülfin der altgewordenen Mutter bleiben, und dieſe trat der umſichtigen 40 Tochter allmälig das Regiment in Garten und Feld, in Stall und Hof ab, welches denn auch die ernſte Erneſtine zur größten Zufriedenheit ihrer Eltern und Geſchwiſter zum Nutzen und Frommen des Hauſes verwaltete. Den darauf folgenden Sohn Karl hatte die Liebe zum Schneidemühlenbeſitzer und Holzhändler im nahen Gebirge gemacht. Er hatte ſich nämlich zum Juriſten beſtimmt und war bereits zur Uni⸗ verſität reif, als er, auf einer Vergnügungsreiſe durch's Gebirge, in einer ſchönen Schneidemühle eingekehrt, die Bekanntſchaft der einzigen liebens⸗ würdigen Tochter des Hauſes machte und ihr Herz gewann, während er das ſeinige an ſie verlor. Der Vater des Mädchens, deſſen Seele zugleich am ein⸗ zigen Kinde und an der Schneidemühle, ſeiner Schöpfung, hing, konnte beide nicht von einander trennen, und der Gedanke war ihm unerträglich, daß ſein Töchterchen von ihm ziehen und die Mühle einſt in fremde Hände kommen ſollte. Er wußte alſo durch Bitten und Verſprechungen den jungen Mann zu beſtimmen, daß derſelbe die Studien auf⸗ gab und ſich dem Geſchäfte widmete. Karl hatte — 41 es nie bereut und ſein geliebtes Weib nie darum getadelt, daß ſie die Bitten ihres greiſen Vaters unterſtützt und dadurch den Ausſchlag gegeben hatte. Nun ſollte einer von ſeinen Söhnen ſich der Rechts⸗ wiſſenſchaft widmen; auch er erfreute ſich eines reichen Eheſegens. Ihm folgte den Jahren nach Marianne, die Frau des Waidfabrikanten Burdach im Dorfe, die der leidenſchaftlichen Heftigkeit ihres Mannes un⸗ erſchöpfliche Sanftmuth und Geduld entgegenſetzte und ſich ſelten bei Mutter und Schweſtern eine Klage entſchlüpfen ließ; der rauhe Mann war ihre Wahl, ihre Liebe geweſen, und nicht ungewarnt von den Ihrigen hatte ſie ihm Herz und Hand gegeben. Ihr ſtilles ausgleichendes Glück waren ihre Kinder und ihre Eltern, mit denen ſie doch zuſammen in einem Orte leben durfte. Die beiden jüngeren, noch unverheiratheten Kin⸗ der waren Marius und Hannchen; der erſtere, Candidat der Theologie, lebte als Hauslehrer einer adligen Familie bei Dresden und hatte das Vater⸗ haus ſeit mehren Jahren nicht geſehen, ſtand mit dem Vater aber im herzlichen, halb wiſſenſchaftli⸗ 42 chen Briefwechſel, deſſen Gegenſtand natürlich die Entwickelung der Wiſſenſchaft abgab, der ſie ſich Beide gewidmet hatten. Johanna, das lebens⸗ frohe ſchöne„Hannchen“, unſtreitig die lieblichſte Blüthe von allen, die dieſem friedlichen Garten entſprungen waren, erfreute ſich als jüngſtes Kind der innigſten Liebe aller zum Hauſe Gehörigen, aber vorzüglich war ſie der Liebling ihres Bruders Marius, den ſie wiederum ſchwärmeriſch liebte, und nie erhielt der Vater einen Brief von dem fernen Sohne, in welchem nicht ein kleines Briefchen voll ſüßer Bruderliebe an Hannchen lag. Und wenn er auch Eltern und die anderen Geſchwiſter und deren Gatten und Kinder mit kleinen, von ſeinen Erſparniſſen erworbenen Geſchenken bedachte; Hann⸗ chen erhielt die meiſten, die koſtbarſten und die ſinnigſten. Dies waren die einzelnen Figuren in dem rei⸗ zenden idylliſchen Gemälde, in welchem es natürlich auch nicht an Schattenpartien und menſchlichen Mängeln und Unvollkommenheiten fehlte, und in welches ein grauſames Schickſal bald einen ſo furcht⸗ baren Schlagſchatten warf, daß es davon faſt ganz — 43 verdunkelt wurde. Die Schattirungen der handeln⸗ den Charaktere treten am beſten und natürlichſten in der handelnden Bewegung derſelben ſelbſt her⸗ aus. Darum zu der Geſchichte der Kataſtrophe! Das große Rittergut im Dorfe war Eigenthum des Oberſten von Schneebach in Dresden. Dieſer im höheren Mannesalter ſtehende Offizier war ein Freund des Magiſters und hatte auch Marius in einer angeſehenen Adelsfamilie die angenehme und einträgliche Hauslehrerſtelle verſchafft, in welcher er ſich ſo glücklich fühlte. In allen Briefen an den Vater und an Hannchen rühmte Marius die Güte und Gaftfreundſchaft des Oberſten, der ihn ganz wie ſeinen Sohn behandelte und ihm zu fördern⸗ den Bekanntſchaften und Verbindungen behülflich ſei. Der Oberſt war in der That ein ſehr braver und gutmüthiger Herr; gerade nicht von tiefen Gei⸗ ſtesgaben, dafür aber Beſitzer von mancher geſelli⸗ gen und häuslichen Tugend. Von altem Adel und ſein Leben lang ſich nur in ariſtokratiſchen Ver⸗ 44 hältniſſen bewegend, ſpielte er gern den Mäcen und behandelte die Dinge mit einer von oben auf ſie herabblickenden Wohlwollenheit, die ſogar etwas Herzliches hatte und für diejenigen, die ſich einer ſolchen Stellung zu ihm freiwillig oder mit ſelbſtiſchen Abſichten hingaben und ihn merken lie⸗ ßen, daß ſie mit Hochachtung und Ehrerbietung zu ihm emporſchauten, ſelten ohne Rührung und nie ohne Nutzen war. Auf dieſe Weiſe hatte er das bürgerliche Glück ſchon vieler Menſchen begründet, und da es bei ſolchen Beſtrebungen nicht fehlen konnte, daß er ſchon mannichfachen Undank erfah⸗ ren, ſo war er gar nicht abgeneigt, etwas davon in den Kauf zu nehmen, ſobald er nur bemerkte, daß die Würde ſeines Adels und ſeine hohe Stellung in der Geſellſchaft gehörig reſpektirt wurden. Es war ſeinem Herzen Bedürfniß, immer einen Mignon zu haben, dem er alle Vortheile zuwenden konnte und mußte, die er aufzutreiben und zu bewerkſtelli⸗ gen im Stande war. Zu dieſer Zeit war Marius Ehrhardt ſein Liebling.— In der Regel kam der Oberſt mit ſeiner Gemahlin im Frühjahr nach Hallungen, beſuchte dann von hier aus ein Bad 45 und kehrte im Herbſt auf vier bis ſechs Wochen auf den freundlichen Landſitz zurück. Im Pfarr⸗ hauſe fehlte es natürlich nicht an der tiefſten De⸗ votion gegen die Perſon des Gutsherrn und die der gnädigen Frau, und Herr von Schneebach ver⸗ weilte deshalb gern im traulichen Kreiſe der mit ſo viel Tugend geſchmückten Familie. Und da der Charakter des Oberſten ein ſo ehrenwerther, ſeine ſoldatiſche Figur eine ſo Achtung gebietende war, ſo miſchte ſich in das Gefühl von Ehrerbietung, welches man ihm hier bei jeder Gelegenheit— vielleicht vft etwas zu auffallend— zeigte, durch⸗ aus keine Spur von Heuchelei. Es war ſämmt⸗ lichen Kindern des Pfarrers zur Natur geworden, ſich in dieſer Weiſe gegen die Gutsherrſchaft zu benehmen und ſie gleichſam als Weſen beſſerer und vorzüglicherer Art zu betrachten. Die Dankbarkeit ſteigerte dies Gefühl noch in mamnichfacher Weiſe. Doch war es, wie aus der Natur der Sache her⸗ vorging, gegen den Oberſten größer und wahrer, als gegen deſſen Gemahlin. Dieſe war nämlich eine ſteife, hochmüthige Frau, mit den hochtraben⸗ den, ſich ſelbſt vergötternden, und von Andern gleiche 46 Vergötterung mit Unverſchämtheit fordernden Ma⸗ nieren und hochadligen Lebensanſchauungen, wie ſie im vorigen Jahrhundert gang und gäbe gewe⸗ ſen waren. Kalt und gemeſſen, ließ ſie auch kalt, und vor ihrem ſcharfen Tadel aller menſchlichen Schwächen empfand man eine gerechte Scheu. Die Verehrung, die man den edlen Eigenſchaften des Oberſten freiwillig und freudig entgegenbrachte, wurde gegen ſie zur leeren Förmlichkeit, durch den Standesunterſchied erzeugt und durch Gewohnheit aufrecht erhalten. Als die Herrſchaft in einem Frühlinge früher als gewöhnlich in Hallungen ankam, und die Pfarrerfamilie ihr die Aufwartung machte, nahm dieſe eine merkliche Verfallenheit an der gnädi⸗ gen Frau wahr; auch zeigte ſie ſich eigenſinniger und krittelnder als je, und Alle, die mit ihr in Berührung kamen, hatten viel von ihr auszuſtehen. Da ſie ſich auch das Anſehen einer frommen und gottesfürchtigen Frau zu geben wußte, ſo hatte ſie jedesmal während ihres Aufenthaltes in Hallungen öftere Unterredungen mit dem Magiſter unter vier Augen, zu denen ſie ihn einladen ließ, und auch 47 diesmal nahm ſie wieder zu ſeiner geiſtigen Zu⸗ ſprache Zuflucht. Aber der alte Herr kam jedes⸗ mal verſtimmt von ihr, und, wenn er ſich auch in Worten nicht gegen die Seinigen austhat, ſo wurde es dieſen doch nicht ſchwer, ihm anzumer⸗ ken, welch' einen peinlichen Eindruck die Unter⸗ redungen mit der Gutsherrin auf ihn machten. Alle fühlten ſich daher froh und erleichtert, als ſie mit dem Oberſten nach Karlsbad abgereiſt war. Nach vier Wochen lief aber ein Brief des Oberſten an den Magiſter ein, worin er meldete, daß ſeine Frau bedenklich erkrankt ſei und ein ſo heftiges Verlangen nach ihm, dem Magiſter, äußere, daß er ihn dringend erſuche, ſich unverzüglich auf⸗ zumachen, um der Kranken den erſehnten geiſtigen Beiſtand zu bringen. Das Reiſegeld war dem Briefe beigefügt. So unangenehm der Eindruck zu ſein ſchien, den dieſe unerwartete Aufforderung auf das Gemüth des alten Pfarrers hervorbrachte, ſo zauderte er doch keinen Augenblick, ſich den Müh⸗ ſeligkeiten und Beſchwerden einer gerade nicht kur⸗ zen Reiſe auszuſetzen, um den heiligen Pflichten ſeines Berufes ein würdiges Genüge zu leiſten. Er, der ſeit einer langen Reihe von Jahren ſeine Gemeinde niemals länger als eine Nacht verlaſſen hatte, ſchickte ſich jetzt an, aber mit ſchwerem Her⸗ zen, auf einen größeren Zeitraum von ihr zu ſchei⸗ den; und nicht nur ſeine Familie,— das ganze Dorf überkam eine große Wehmuth nach ſeiner Abreiſe. Um ſo herzlicher war die Freude, als er ſchon nach vierzehn Tagen ſchrieb, er werde in wenigen Tagen zurücktehren und zwar in Geſellſchaft der gnädigen Frau, deren Zuſtand ſich bald nach ſeiner Ankunft bedeutend gebeſſert habe, die aber nun mit Beharr⸗ lichkeit darauf beſtehe, nicht länger im Bade, wo ihr doch die ärztliche Hülfe ſo nahe ſei, zu ver⸗ weilen, ſondern nach Hallungen zurückzureiſen, wo ſie bis zum Winter zu bleiben gedenke. Aus dem Briefe des Magiſters ſchien über dieſen Entſchluß der Frau von Schneebach keine Freude hervorzu⸗ gehen, vielmehr zeugten ſeine Aeußerungen von einer an ihm nicht gewohnten Geiſtesabſpannung. Die ganze Familie bereitete zu ſeinem Empfange ein kleines Feſt und die Dorfbewohner, auf An⸗ ſtiften der Frau Magiſterin, ein gleiches zum Em⸗ pfange der geneſenen gnädigen Frau, das aber 49 im eigentlichen Grunde dem geliebten Pfarrherrn auch mehr galt, als der ungeliebten Gutsherrin. Die Erwarteten kamen an; der Pfarrer ſah ſchier leidender aus, als die Oberſtin, und die Freude des Feſtes erhielt einen wehmüthigen Anſtrich, in⸗ dem nicht allein die Bewohner und Abkömmlinge des Pfarrhauſes, ſondern das ganze Dorf beküm⸗ mert auf die gedrückte und zuſammengefallene Ge⸗ ſtalt des alten ehrwürdigen Mannes blickte, und doch Niemand ſich dieſen Kummer merken laſſen wollte. Die Leute lärmten nur um ſo lauter, wie dies immer der Fall, wenn's mit der Freude kein rechter Ernſt iſt. Erneſtine fühlte es zumeiſt ihrem Vater an, daß ihn etwas guälte, und ſie wäre für ihr Leben gern hinter das Geheimniß gekommen. Obgleich in jeder Hinſicht ein treffliches Mädchen, gehörte doch die Neugierde zu ihren kleinen Schwächen. Vom Vater war ſchwerlich etwas zu erfahren und aus ihren vorſichtigen Forſchungen wurde ihr klar, daß die Mutter nichts wußte. Die hätte nicht widerſtehen können. Erneſtine entſchloß ſich, an ihren Bruder Marius zu ſchreiben, der ja ſo oft 4 S 0 im Schneebach'ſchen Hauſe geweſen war und leicht etwas Näheres über die Angelegenheiten und den Krankheitszuſtand der gnädigen Frau wiſſen konnte. Sie erhielt bald die Antwort, er wiſſe nichts wei⸗ ter, als daß die Oberſtin überhaupt in keinem gu⸗ ten Rufe ſtehe. Es werde behauptet, ſie ſei am Verderben einiger jüngerer Geſchwiſter Schuld. Da ſie aber eine geborene Polin ſei und die angebliche Schuld der Frau ſich wohl fünfundzwanzig bis dreißig Jahre zurück datire, ſo laſſe ſich darüber ſchwerlich etwas Genaues erfahren. Auch ſei es überhaupt nicht edel und gut, den Schwächen und Fehlern ſeiner Mitmenſchen nachzuſpüren, blos um ſie zu kennen. Ueber dieſen letzteren Punkt behalte er ſich vor, mündlich weiter mit ihr zu ſprechen, da er auf des Vaters dringenden Wunſch, der natürlich für ihn Befehl ſei, in den nächſten Wo⸗ chen nach Hauſe kommen werde. Er erwarte eben nur den neuen Lehrer, der in ſeine Stelle trete, um ſich als gehorſamer Sohn ſofort in's Vater⸗ haus zu begeben, und dort die weitere Verfügung des beſten Vaters über ſeine Perſon zu vernehmen. Erneſtine ſchloß, daß dieſe Anordnung des Vaters irgend wie mit dem Geheimniſſe zuſammenhängen möchte, welches aus dem Herrenhauſe in's Pfarr⸗ haus unheimlich herüberragte, und ſie wurde von einer bangen Ahnung ergriffen, daß von dieſem Geheimniß aus ihrer Familie ein großes Unglück drohe. So ſehr ſie den Bruder Marius liebte, ſo wünſchte ſie, von jener böſen Ahnung getrieben— ſie wußte ſelbſt nicht warum, der Bruder möchte diesmal nicht kommen. Aber er kam, kurz vorher angekündigt vom Va⸗ ter im Familienkreiſe, von Eltern und Geſchwiſtern und vom ganzen Dorfe herzlich bewillkommt. Er war ein ausgezeichnet ſchöner Mann von achtund⸗ zwanzig Jahren, in Fülle der Kraft und Geſund⸗ heit, mit einer ſtolzen, faſt majeſtätiſchen Haltung. Sein edelgeformter Kopf hatte einen apolliniſchen Ausdruck; ein reiches dunkelblondes Lockenhaar thürmte ſich über der hohen gedankenreichen Stirn; in dem dunkelblauen großen Auge lag viel Schwär⸗ merei; um den Mund aber feſte Charakterentſchie⸗ denheit. 4* 52 Am andern Tage hatte Marius eine Unter⸗ redung unter vier Augen mit dem Vater auf deſſen Studirzimmer. „Mein lieber Sohn,“ redete ihn der Alte mit würdevoller Herzlichkeit an;„ich habe Dich erſucht, Deine zeitherige Stellung aufzugeben und zu mir zurückzukehren. Ich verſprach Dir die Gründe mündlich anzugeben, weil ſie ſo delikater Natur ſeien, daß ich ſie dem Papier nicht anvertrauen möchte. Es ſoll jetzt geſchehen.— Du ſiehſt meine Kräfte plötzlich ſehr abgenommen; ich bin ſeit mei⸗ ner Reiſe nach Karlsbad ſo herabgekommen, daß es mir kaum mehr möglich iſt, den Pflichten meines Amtes gewiſſenhaft zu genügen. Ich fürchte, wenn es noch einige Zeit mit mir ſo fort geht, ganz dienſtunfähig zu werden. Deshalb habe ich Dich zu meinem Subſtituten beſtimmt und ſchon die nöthigen Schritte beim Conſiſtorium gethan, auch bereits die Zuſicherung als freundſchaftliche Notiz erhalten, daß meinen desfallſigen Wünſchen kein Hinderniß im Wege ſtehe. Du wirſt alſo bald die Einladung zum Collvquium erhalten und dann ſo⸗ fort der Ordination gewärtig ſein. So wie ich 53 Dich kenne, mein Sohn, bedarf es von meiner Seite keiner Ermahnung, Dich würdig auf die Prieſterweihe vorzubereiten. Du kennſt das ganze Gewicht, das auf Deine Schultern mit dem Prie⸗ ſterthume Jeſu Chriſti gelegt wird; Du weißt, was es heißen will, ein Diener ſeiner Kirche zu ſein. Es fallen Dir gleich ſchwere Pflichten zu; die ſchwerſte iſt die, welche mich ſelbſt faſt zu Boden drückt, deren Laſt ich nicht mehr allein zu tragen vermag, und deretwegen ich vorzüglich Deine Hülfe anrufe. Höre und erfahre, was ſo ſchwer auf mir laſtet!— Du weißt, daß, ſeit der Major, jetzige Oberſt von Schneebach das hieſige v. Oelerſche Rittergut gekauft hat, eine Art freundſchaftlichen Umgangs zwiſchen ſeinem und meinem Hauſe ſtatt⸗ gefunden hat— es ſind nun fünfzehn Jahre.— Die Oberſtin erbat ſich in Religionsſachen vft mei⸗ nen geiſtlichen Rath. Es war mir ſtets auffallend, daß ſie in allen Unterredungen mit mir niemals ein religiöſes Bedürfniß des Herzens, ſondern ſtets nur kirchliche Bedürfniſſe des Geiſtes gegen mich äußerte; ja ich kann dieſe Aeußerungen nicht ein⸗ mal Ergebniſſe von Geiſtesbedürfniſſen nennen. Es 54 waren die auf die Oberfläche ſteigenden Blaſen eines in der Tiefe des Geiſtes grübelnden ſcharfen Verſtandes; Kritiken über kirchliche Lehren und Satzungen, Zweifel an den höchſten Gütern des Menſchen, Einwürfe gegen die klarſten Ausſprüche unſerer Religivn, Ausſtellungen an den uns ge⸗ wordenen troſtreichen Verheißungen. Und ſo oft ich dieſe mir feindlich gegenüber tretenden Gewal⸗ ten ſiegreich bekämpft zu haben glaubte, immer kehrten ſie mit neuer Kraft zurück, und ich konnte ihrer nie völlig Herr werden. Oft kam es mir vor, als würde die gemüthloſe Frau von einem innern Dämon getrieben, mir ſtets dieſe Dinge entgegen⸗ zuhalten, es wehte mich kühl an von ihr; es war mir unbehaglich in ihrer Nähe. Aber ich bezwang mich, meinem Berufe getreu. Und zuweilen kam es mir wieder vor, als könne ſie nicht von mir laſſen, als ſei mein geiſtlicher Zuſpruch ihr ein unentbehrliches Bedürfniß, als beſchwichtige ſie durch mich den brennenden Schmerz einer inneren klaffen⸗ den Wunde, vielleicht paralyſire ſie ſogar dadurch die Folgen einer böſen Schuld. Ich forſchte dar⸗ über nicht nach; ich that meine Pflicht und ant⸗ 55 wortete ihr nur auf ihre Fragen, bekämpfte nur ihre Zweifel und Einwürfe, und ſtärkte mich dazu jedesmal durch Gebet. Ueber ihre äußern Ver⸗ hältniſſe wußte ich nichts. Ihr Gatte, früher in polniſchen Dienſten, hatte ſie in Warſchau kennen gelernt und dort geheirathet. Nur durch Zufall erfuhr ich, daß ſie ſehr reich geweſen ſei, daß aller Wahrſcheinlichkeit nach in ihrem Golde die An⸗ ziehungskraft für Herrn von Schneebach gelegen, und daß er mit dieſem Golde das hieſige Gut er⸗ worben habe. Von ihren Familienverhältniſſen kam niemals die kleinſte Kunde zu meiner Wiſſenſchaft. Die Frau war übrigens eines jener herzloſen menſch⸗ lichen Weſen, die allein Werth in ihre adlige Ge⸗ burt legen und auf alle andern Menſchen, denen ſolches Vorrecht nicht zu Theil geworden, mit Ge⸗ ringſchätzung herabſehen. Sie war wirklich der feſten Ueberzeugung, es gäbe zweierlei Menſchen, nämlich ſolche von„Geblüt“ d. h. Ariſtokra⸗ ten, und ſolche von gemeinem Blut d. h. ge⸗ meines Volk. Wie ich auch dieſe lächerlichen Vorurtheile beſtritt, es war mir nicht möglich, ſie davon zu befreien; ſie waren ihr zu Fleiſch und 56 Blut geworden; die Frau war gleich von Haus aus vornehm, nicht menſchlich, nicht natürlich ge⸗ weſen, und ſpäter nie unter Menſchen gekommen, ſondern immer nur wieder unter vornehme Leute. Sie kannte keine andern unadligen Menſchen als ihre Dienerſchaft. Einſt ſagte mir der Oberſt, als ich ihm meine Verwunderung darüber äußerte, daß ſeine Gemahlin als geborene polniſche Ariſtokratin der evangeliſchen Kirche angehöre: ſie ſei erſt als ſeine Frau übergetreten und früher eine ſehr eifrige Katholikin geweſen. So wie ich die Frau kannte, konnte ich durchaus keinen innern ſeeliſchen Grund für einen ſolchen Uebertritt und Ueberzeugungs⸗ wechſel auffinden; und ein äußerer Grund ſchien mir gar nicht vorzuliegen. Die Sache blieb mir unerklärlich(der Oberſt gab mir keine Aufſchlüſſe und ich befragte ihn natürlich nicht darüber), bis ich nach Karlsbad an das Krankenlager dieſer merkwürdigen Frau kam. Da bböſite ſich mir die⸗ ſes und manches andere Räthſel, und mir ward Gelegenheit, einen tiefen Blick in die Verderbtheit der menſchlichen Natur zu thun, wie ich ſie, ſo alt ich auch bin, unter meinen ſchlichten braven 57 Landleuten— Gott ſei dafür geprieſen!— noch nicht gehabt hatte.“ Der Greis ſchwieg erſchöpft, um neue Kräfte zur Vollendung ſeiner Erzählung zu ſammeln. „Es ſcheint, mir ſoll ſich als Wahrheit ent⸗ hüllen,“ ſagte Marius mit tiefem Ernſt,„was mir ſtets, wenn ich mit der Oberſtin zuſammen war, als ſtille Ahnung durch die Seele ging, daß ſie nämlich eine große Sünderin, vielleicht ſogar eine ſchwere Verbrecherin aus Stolz und Standesvor⸗ urtheil iſt. Ja mir iſt zuweilen geweſen, als müſſe ſie ein ſolches Verbrechen an ihrer eignen Familie begangen haben(und mehrfache Kunde hat dieſe Ahnung beſtätigt), denn niemals— ſo oft ich auch hier und in Dresden in ihrem Hauſe und mit ihr zuſammen war— hörte ich ſie ihre Familie, ihre Jugend, ihr Vaterland erwähnen; ſie vermied dies mit auffallender Scheu. Niemals iſt von Ihrer Verwandtſchaft irgend ein Glied als Beſuch zu ihr gekommen. D'rum war ich ſtets überzeugt, daß auf dieſer kalten ſtolzen Frau der Fluch einer Un⸗ that ruhe.“ „Wie richtig hat Dich Deine Ahnung geführt!“ 58 rief der Greis verwundert.„Es iſt wirklich Alles ſo, wie Du ſagſt. Daß meine Reden und Ermah⸗ nungen, trotz dem Anſcheine vom Gegentheil, doch einen tiefen Eindruck auf die harte Frau gemacht, zeigte ſich in ihrer Krankheit, als ſie ſterben zu müſſen meinte. Da trieb ſie die Gewiſſensangſt und ſie verlangte heftig nach mir. Ich war der einzige Stern in der troſtloſen Nacht ihrer Ver⸗ zweiflung. O wie begierig ſtreckte ſie mir die ab⸗ gezehrte zitternde Hand entgegen, als ich in ihr Zimmer trat! wie begierig und heildürſtend ſuchte ihr trocknes ſtarres Auge das meinige! Da Du mein Aſſiſtent bei ihr werden ſollſt, ſo muß ich Dich mit ihrem ganzen Bekenntniß ausführlich be⸗ kannt machen; denn nur, wenn Du Alles weißt, fönnen wir einen Operationsplan gemeinſchaftlich verabreden. Auch iſt mir dieſes Bekenntniß nicht als Beichtgeheimniß anvertraut worden, und indem ich Dir Mittheilung davon mache, geſchieht es nur im Intereſſe und zum Beſten der Sünderin.“ „Sie iſt eine geborene Rezewuski und mit den erſten Familien des Königsreichs Polen verwandt. Ihr Vater, ein treuer Anhänger des Königs Sta⸗ 59 nislaus Poniatowski, fiel für die Unabhängigkeit ſeines unglücklichen Vaterlandes kämpfend unter Kosciuskv gegen die Ruſſen und hinterließ eine Wittwe mit vier Kindern, von welchen Natalie, unſere Dame, das älteſte, im fünfzehnten Lebens⸗ jahre ſtand, das jüngſte, ein Sohn, vier Jahr alt war. Zwei Töchter von zwölf und ſechs Jahren waren dazwiſchen. Da die Alltere derſelben als Braut geſtorben iſt, ſo iſt nur von drei Geſchwi⸗ ſtern zu reden. Natalie, früh von jenem ſtarken ariſtokratiſchen Stolze beherrſcht, der bei den vor⸗ nehmen Polinnen faſt zur Nationalität zu gehören ſcheint, wurde dadurch der Liebling ihrer Mutter, welche derſelben unbändigen Leidenſchaft ganz und gar ergeben war. Die Mutter war der Sprößling einer der reichſten gräflichen Familien; von ihr kam der Reichthum des Hauſes. Natalie lernte die Schwächen der Mutter bald kennen und benutzen. Sie wurde die Erzieherin ihrer beiden jüngſten Ge⸗ ſchwiſter und der böſe Quälgeiſt derſelben. Sie tyranniſirte die Kinder; es war ihr Wolluſt, ſie mit ausgeſuchter Grauſamkeit zu quälen. Und ſtets wußte ſie die Augen der thörichten Mutter für 60 dieſe Nichtswürdigkeiten zu überſchleiern. Sie hat mir in dieſer Beziehung erſchreckliche Geſtändniſſe gemacht. Die Schweſter— ſie hieß Regina— entfloh, kaum ſechszehn Jahre alt, der Hölle des mütterlichen Hauſes mit einem deutſchen Kupfer⸗ ſtecher, den ſie kennen gelernt hatte. Ihr Bruder Ladislaus folgte ihr bald nach und wurde preußi⸗ ſcher Kadett. Natalie brachte es bei ihrer ſchwa⸗ chen Mutter dahin, daß beide Kinder enterbt wur⸗ den und ſie das ganze mütterliche Vermögen erhielt. Sobald dieſes bekannt geworden war, mieden alle Standesgenoſſen ihr Haus; jede Ausſicht auf eine ſtandesmäßige Ehe im Vaterlande verlor ſich. Sie war verachtet, und dieſer Umſtand verbitterte und verhärtete ihr Herz bis zum höchſten Grade. Ohne Liebe, ohne Prüfung gab ſie dem deutſchen Offi⸗ zier, der ſich um ſie bewarb, ihre Hand. Ihre Mutter folgte ihr nach Dresden und iſt da geſtor⸗ ben, nachdem ſie zum Lohn für ihre Schwäche mit großer Liebloſigkeit von der Tochter behandelt wor⸗ den war. O dieſes Weib iſt entſetzlich! Der gänz⸗ liche Mangel aller Liebe in ihrer Bruſt iſt mark⸗ erſchütternd. Der Jammer über eine ſolche, vom 61 Unkraut der Selbſtſucht und des Stolzes über⸗ wucherte Seele hat mich krank gemacht. Denke Dir, ſie hat alle Briefe der beiden Geſchwiſter an die Mutter unterſchlagen; ſie hat die Schweſter in Noth und Elend gewußt und hat jeden Hülfsſchrei derſelben verhallen laſſen. Sie hat die Schweſter in Noth, Elend, Jammer und Verzweiflung ſterben laſſen. Sie hat das Alles gewußt— die Ent⸗ ſetzliche!— und nicht die mindeſte Hülfe geboten. Eben ſo wenig wie um die Schweſter hat ſie ſich um den Bruder bekümmert. Dieſer hat ſich als preußiſcher Hauptmann in den Niederlanden ver⸗ mählt, iſt aber bald darauf in der Schlacht bei Waterlov gefallen. Seine Wittwe hat ſich wieder verheirathet; von ihm lebt eine Tochter. Eben ſo leben von der Schweſter einige Kinder. Davon iſt ein Sohn merkwürdig. In die revolutionairen Wirren des Jahres 1830 verſtrickt und auf die Feſtung geſetzt, hat er von dort aus an ſeine Tante einen Brief geſchrieben, der ein höchſt werthvolles Produkt eines edlen, genialen, aber verwilderten und zürnenden Geiſtes iſt. Jedes Wort ſpricht gerechten Zorn gegen das Weib als die Verderberin 62 ſeiner Mutter, ſeines Vaters und ihrer Kinder. Nie hat eine Schrift mich ſo erſchüttert, wie dieſer Brief. Und welche Kraft darin liegt, beweiſt, daß er die Oberſtin faßte und ſo lange ſchüttelte, bis ſie auf's Krankenbett ſank. Dieſer Brief führte die erſten gewaltigen Hammerſchläge auf den ehernen Mantel ihres Herzens. Er zwang endlich dieſes Herz, ſich mir zu eröffnen. Dieſer junge Menſch— Guſtav Bellmann iſt ſein Name— bittet nicht etwa die reiche Sünderin, nein er befiehlt ihr, ihn zu be⸗ freien und ihm das Erbe ſeiner Mutter herauszu⸗ geben, damit er ſich und ſeinen Geſchwiſtern zu anſtändigem Lebenserwerb nöthige Bildung ver⸗ ſchaffen könne; denn er habe aus Armuth ſeine Studien nicht fortſetzen können.— Das Gewiſſen der Oberſtin, aufgerüttelt durch dieſen gewaltigen Stoß, kam nun in den heftigſten Kampf mit ih⸗ rem Stolze und mit ihrem Geize. Sie ſollte ſich von ihrem Mammon trennen und ſollte ihn einem gemeinen bürgerlichen Menſchen geben, der noch dazu das in ihren Augen fluchwürdigſte aller Ver⸗ brechen begangen, der ſich gegen die Autorität der Ariſtokratie aufgelehnt hatte. Denn nach ihrer 63 Ueberzeugung iſt die Ariſtokratie nicht nur vollkom⸗ men berechtigt, ſie iſt ſogar dem göttlichen Welt⸗ regiment auf's feſteſte verpflichtet, das gemeine Volk in Zaum und Stange zu halten und ihm die Wolle zu ſcheeren, damit es nicht üppig werde und die göttliche Ordnung umwerfe, d. h. ſich des Druckes entledige. Einen ſolchen abſcheulichen Böſewicht ſollte ſie jetzt dem ſtrafenden Arme der Gerechtig⸗ keit entziehen; ſie ſollte Geld geben, daß er frei werde, ſie ſollte ihm dann noch mehr Geld geben, auch ſeinen Geſchwiſtern Geld geben. Dieſer Kampf warf ſie nieder, und ich wurde vom Oberſten nach Karlsbad gerufen.— Ich ſuchte die Erſchütterung fortzuſetzen; ich packte ihre ſündige Seele mit jener Rieſenkraft hehrer Begeiſterung, welche nur die Re⸗ ligion verleihen kann; ich hielt ihr das Strafgericht Gottes nach dem irdiſchen Tode vor, und forderte, als ich ihre Gebeine erbeben ſah, daß ſie nach der Nachkommenſchaft ihres Bruders forſche und dieſer, wie der der Schweſter, alles ihren Geſchwiſtern entwendete Gut nebſt Zinſen ausantworte, ferner, daß ſie dieſe Kinder in's Haus nehme, ihnen eine gütige Mutter ſei, für ihre Ausbildung ſorge und 64 alle Kraft der erwachten Liebe anſpanne, um gut zu machen, was noch gut zu machen ſei. Sie ver⸗ ſprach Alles, und ihr Zuſtand beſſerte ſich merklich. Aber als ihre Geneſung nicht mehr zu bezweifeln 1 war, und ich auf unverzügliche Erfüllung ihres Verſprechens drang, erklärte ſie mir mit der alten trotzigen Kälte: das ginge gar nicht an, weil ſie 1 ihrem Manne ihr ganzes Vermögen als teſtamen⸗ tariſches Vermächtniß übergeben und natürlich ſchon jetzt auf jede Dispoſition darüber ohne ſeine Zu⸗ ſtimmung gerichtlich verzichtet habe. Sie werde aber nimmermehr ihrem Manne Geſtändniſſe ablegen, wie ſie ſie mir gemacht, und ſich der Heftigkeit ſei⸗ nes Zornes ausſetzen. Jetzt wurde mir denn frei⸗ lich klar, welches das Band war, daß dieſe beiden Gatten zuſammenhielt. Ich ſchauderte über die bodenloſe Tiefe dieſer ſittlichen Verderbniß. Ver⸗ 1 gebens war all mein Reden, meine äußerſte An⸗ 1 ſtrengung, ſie andern Sinnes zu machen; ſie ver⸗ bot mir, ihrem Manne irgend eine Mittheilung zu machen; ja ſie erklärte mir trocken und derb, ich falle ihr mit meinen Bußpredigten läſtig, und ſie wünſche, daß ich wieder nach Hauſe reiſe. Ich kam 65 krank hier an; ſie bald darauf geſund. Meine Kraft war an dieſer Felſenbruſt gebrochen, die ihrige hatte ſich an ihrer eigenen Hartnäckigkeit geſtärkt. Aber ſeltſamer Weiſe blieb ſie hier. Sie ſchützte zwar dies und das vor und allerdings iſt einiges nicht Unwichtige vorgefallen; aber mir will es ſcheinen, als könne ſie nicht fort, als wäre ſie an mich und meine Straf⸗ und Bußpredigt gebannt; denn ſie verlangt faſt täglich meinen geiſtlichen Zuſpruch. Und dieſer auffallende Umſtand giebt mir Hoffnung, daß dieſer Fels endlich doch noch zu zermalmen ſein, daß dieſes verſchloſſene, von Jugend auf in Sün⸗ den und Vorurtheilen verſtockte Herz ſich der wah⸗ ren Buße und Bekehrung öffnen und den heran⸗ tretenden Chriſtus in ſich aufnehmen wird. Aber ich habe die Kraft nicht mehr dazu; deshalb über⸗ gebe ich dieſen Acker voll Dornen und Diſteln Dei⸗ nem Fleiße, mein Sohn! Deiner jugendlichen Be⸗ geiſterung wird und muß die volle Bekehrung dieſer verſtockten Sünderin gelingen.“ „Gott gebe ſeinen Segen dazu!“ ſagte Marius mit Wärme.„Doch auch den Ihrigen geben Sie mir, würdiger Diener des göttlichen Wortes!“ 5 66 Und er beugte das Haupt vor dem Vater. Die⸗ ſer legte die zitternde Hand darauf; von der ſilber⸗ weißen Wimper floß eine Thräne herab, indem er ſprach:„Ich ſegne Dich, mein Sohn! Möge Gottes Segen durch meine Hand auf Dich ſtrömen!“ „Amen!“ ſagten Beide. Als Marius am folgenden Morgen die Schwe⸗ ſter Erneſtine im Garten mit der Ernte der Win⸗ tergemüſe beſchäftigt fand, trat er zu ihr und rich⸗ tete einige freundliche Worte an ſie.„Du thuſt geheimnißvoll,“ ſagte ſie, ein klein wenig ſchmollend, „und doch haſt Du jedenfalls geſtern ſchon Alles erfahren, was auch ich gern gewußt hätte.“ „Liebes Tinchen, bedenke doch, daß es das Ge⸗ heimniß des Seelſorgers und daß es das Geheim⸗ niß unſeres Vaters iſt! Was er mir anvertraut hat, darf ohne ſeine Erlaubniß nie über meine Lippen kommen.“ „Freilich, dann iſt's etwas Anderes,“ verſetzte ſie entſchuldigend, und ließ den Blick wohlwollend 67 über die ſchöne Geſtalt des geliebten Bruders hin⸗ gleiten. In dieſem Augenblick kam Hannchen aus dem Hinterhauſe gehüpft und umarmte den Bruder. „Die Mutter ſchickt mich nach Sundheim zu Chriſtoph; ich ſoll dort etwas ausrichten. Ich bitte Dich, begleite mich, lieber Marius. Du wirſt den Bruder und ſeine Familie überraſchen. Sie wiſſen noch nicht, daß Du da biſt, und ſtatt der Nachricht von Deiner Ankunft bring' ich Dich lieber gleich ſelbſt mit. Zu Mittag ſind wir wieder hier.“ „Topp!“ entgegnete Marius.„Aber vorher muß ich Schweſter Erneſtinen entſchädigen. Für Etwas, das ich ihr nicht erzählen kann, will ich ihr einen Traum erzählen, den ich verwichene Nacht geträumt habe. Ich weiß, wie gern ſie dergleichen hört, ja daß ſie ſich ſogar auf das Auslegen der Träume verſteht.“ „Ich auch! ich auch!“ rief Hannchen und klatſchte munter in die kleinen Hände. „Du darfſt auch zuhören.— Mir träumte, ich ſtand im vollen Prieſterornate vor dem hieſigen Herrenhauſe, aber es ſah etwas anders aus als in der Wirklichkeit. Nämlich der Graben war ohne 68 Waſſer und der Felſen, auf welchem der alte Neben⸗ bau mit dem Thürmchen ſteht, ſtreckte ſich auch un⸗ ter dem neuen Schloſſe hervor und ſah ganz ſchwarz aus, wie Baſalt. Und weil der Graben leer war, konnte ich den Felſen, auf welchem das Schloß ruhete, großentheils überſehen, und ſo bemerkte ich auch mehrere kleine Höhlen und Löcher in dem dunkeln ſcharfkantigen Geſtein. Ich hatte einen blanken Hirtenſtab in der Hand, wie ihn die hohen Kleriker der katholiſchen Kirche führen; der mei⸗ nige war ſehr ſchwer; denn er war von Stahl. Mit dieſem ſtählernen Stabe ſchlug ich nun aus Leibeskraft an den ſchwarzen Fundamentſtein des Schloſſes, und nach jedem Schlag ſpritzte mir aus den kleinen Höhlen im Felſen trübes, ſchlammiges, garſtiges Waſſer entgegen und floß träge in den Graben, den es auf dieſe Weiſe mehr und mehr anfüllte, ſo daß ich mit den Füßen wirklich ſchon in dieſem ekelhaften Waſſer ſtand, das mir bald bis zu den Knien ſtieg—“ Erneſtinens Hand war das Küchenmeſſer ent⸗ fallen; blaß und beſtürzt machte ſie mit der Hand unwillkürlich eine abwehrende Bewegung und rief 69 plötzlich:„O weh! o weh! das iſt ein ſchlimmer Traum, mein Bruder! Trübes ſchlammiges Waſſer bedeutet ſtets Unglück. Doch erzähle weiter! Gro⸗ ßer Gott, was werd' ich noch hören müſſen!“ „Ach, meine gute Sibylle!“ lachte Marius etwas befangen.„Es wird nicht ſchlimm werden. Wie kann ein guter frommer Chriſt an Träume glauben!“ Erneſtine winkte wieder, und es lag in ihrer Handbewegung und in ihrem Mienenſpiele theils Unwille über des Bruders Zweifel an der wahr⸗ haftigen Vorbedeutung der Träume, theils der leb⸗ hafte Wunſch, das Ende des Traumes zu erfahren. Hannchen war blaß geworden und hatte den Arm um den Bruder geſchlungen, während ſie die an⸗ dere Hand gleichſam abwehrend ausſtreckte, als wolle ſie den theuern Mann vor nahendem Unheil ſchützen. Er aber erzählte weiter:„Trotz dem Waſſer, das der ſchwarze Felſen mir entgegen warf, ließ ich nicht nach, ihn mit meinem Hirtenſtabe zu ſchlagen; ich ſchlug ſogar nur noch ſchneller und heftiger darauf los, denn ich wollte— Funken. Und zu meiner Freude ſprang endlich ein ſolcher aus dem Stein. Neue Schläge— neue Funken, immer mehr 70 Funken, endlich ganze Funkelbündel. Plötzlich zuckt eine mächtige Flamme aus dem Stein hervor und fährt in das Schloß, durchſauſt alle Gemächer, alle Räume deſſelben und führt envlich zum offen ſtehen⸗ den Thore heraus auf mich los. Da ſeh' ich, daß die Spitze der Flamme ein glänzendes zweiſchneidi⸗ ges Schwert iſt, von einer ſehr ſchönen kleinen Hand geführt, die aus der Flamme auftaucht. Dieſe Hand ſtößt mir das Schwert in's Herz; ich fühle einen furchtbaren brennenden Schmerz in der Bruſt und ſehe zu gleicher Zeit, daß das trübe Waſſer ſehr ſchnell höher und höher ſteigt und mir an die verwundete Bruſt heranreicht. Schmerz und Angſt machen mich munter!“— ² „Gott wende alles Unheil von Dir und uns!“ ſagte die ältere Schweſter ſeufzend und mit einem Geſichtsausdruck, welcher bewies, daß ſie ſelbſt nicht an die Erfüllung ihres frommen Wunſches glaubte. Die Jüngere aber hing ſchluchzend an des Bruders Halſe. Sie hatte ſich über den Traum wahrhaft entſetzt. Inzwiſchen verwiſchte ſich der empfangene Ein⸗ druck wieder aus ihrer hellen jugendlichen Seele, 71 als ſie mit dem Bruder den zwei Stunden langen Weg nach Sundheim wanderte und Beide im Hauſe des älteren Bruders durch ihren Beſuch einen wah⸗ ren Freudenſturm hervorriefen.— Als ſie in das freundliche Gutshaus traten, von mehren Kindern Chriſtophs gezogen und unjjubelt, die ſie vor dem Hofe ſchon in Empfang genommen hatten, fanden ſie außer den Eltern und Kindern, die ſchnell zu⸗ ſammen gerufen wurden, auch ein ſehr hübſches Landmädchen, die, wie die älteſte Tochter des Hau⸗ ſes, halb ſtädtiſch, halb ländlich gekleidet war und in ihrer züchtigen Haltung, in ihrem ſchlanken und doch kräftigen Bau, in der lieblichen Form ihres Kopfes, in den friſchen milden Zügen und vorzüg⸗ lich in dem großen blauen Auge eine ſolche Fülle von Sanftmuth und Gutmüthigkeit entwickelte, daß Marius ſehr angenehm davon überraſcht war. Wollte ihn doch bedünken, als habe er noch nie ſo viel urſprüngliche Liebenswürdigkeit und ächte Menſchengüte in einem friſchen jugendlichen Weibe beiſammen geſehen. Obgleich die holde Jungfrau verſchämt den Blick zu Boden ſenkte, ſo antwortete ſie doch auf ſeine theilnehmenden Fragen verſtändig 72 und herzhaft. So erfuhr er denn von ihr, daß ſie die einzige Tochter des Dorſſchulzen ſei und und Amalie heiße, aber Malchen genannt werde; ferner, daß ſie 18 Jahre alt ſei und von ihren Eltern ſehr geliebt werde. Marius erinnerte ſich ihres Vaters als eines Bekannten ſehr wohl und trug der hübſchen Tochter Grüße an ihn auf, und Malchen geſtand ihm erröthend, daß ſie ihn ſchon als Gymnaſiaſten und Studenten geſehen, ſo oft er in Sundheim geweſen. Er hatte freilich niemals Notiz von ihr genommen. Deſto mehr nahm er ſolche jetzt von dem bildſchönen Bauernmädchen, und es that ihm wohl, daß ſie ſchon längſt und ſogar als Kind Intereſſe an ihm genommen. In⸗ zwiſchen blieb es doch bei dem bloßen ſinnlichen Wohlgefallen an ihrer Erſcheinung; ſein Herz kam in der That dabei nicht in's Spiel. Nach dem Frühſtück gingen die beiden Brüder auf's Feld. Marius erzählte, daß er höchſt wahr⸗ ſcheinlich des Vaters Subſtitut werden werde. „Dann wirſt Du den Eltern und Geſchwiſtern, beſonders aber der Mutter und den Schweſtern Erneſtine und Johanne keine größere Freude machen 73 können, als wenn Du Dir bald eine gute liebe Frau heimführſt. Sieh', Marius, es geht doch kein Glück der Welt über das des Familienlebens! Haſt Du je glücklichere und ehrwürdigere, ja aber auch glückwürdigere Menſchen kennen gelernt als unſere lieben Eltern? Und ſieh', der Segen, der auf ihrer ſchönen Ehe ruht, iſt auch auf ihre Kin⸗ der übergegangen. Wie unausſprechlich glücklich lebe ich mit meiner Marie! Wir ſind ein Herz und eine Seele. Sieh' nun die Schweſter Wil⸗ helmine an. Was für ein braver thätiger Mann und Landwirth iſt ihr Stegmann! Ich glaube, ſie haben ſich in ihrer zwanzigjährigen Ehe noch kein unfreundliches Wort geſagt. Und iſt's mit Karl nicht eben ſo? Der ſegnet die Stunde, die ihn in die Schneidemühle geführt hat. Die beiden hüb⸗ ſchen Leute ſind noch ſo verliebt in einander, wie vor fünfzehn Jahren, als ſie ſich verlobten. Wenn's mit Mariane nicht eben ſo gut geht, ſo iſt ſie wahr⸗ lich nicht daran Schuld. Sie erträgt die Unbilden ihres hitzigen Mannes mit Engelsgeduld und hat ihn dadurch ſtets wieder auf den rechten Weg ge⸗ bracht. Wäre ſie anders, die Wirthſchaft wäre längſt 7⁴ zu Grunde gegangen. Aus dem Allen ziehe ich nun den Schluß, daß man ſich mit ſeinen Herzens⸗ neigungen hübſch in den untern Regionen der Ge⸗ ſellſchaft halten muß, will man ſich ein glückliches Leben bereiten. Unſere Mutter iſt die Tochter eines Pächters; meine Frau iſt die Tochter eines dörf⸗ lichen Gutsbeſitzers; Wilhelmine hat einen Pächter zum Mann, Karl eine Schneidemüllerstochter zur Frau. Lieber Marius, willſt Du glücklich ſein— und wer hätte nicht dieſen Wunſch!— ſo nimm Dir ein an Leib und Seele geſundes Landmädchen zum Weibe; da kömmſt Du bald auf einen grünen Zweig, oder biſt vielmehr von vorn herein gleich darauf; denn die Pfarrerſtellen auf dem Lande ha⸗ ben mehr oder minder bedeutende Landwirthſchaf⸗ ten, und da Du ſelbſt bis jetzt nichts von der ODekonomie verſtehſt— Du haſt viel zu viel hinter den Büchern geſeſſen— ſo muß durchaus Deine Frau der Sache gewachſen ſein, ſonſt kommſt Du in's Pech und weißt nicht wie. Und da thuſt Du am beſten, Du nimmſt die Frau ſo bald als mög⸗ lich, damit wir Dir, ſo lange Du in Hallungen biſt, recht auf die Sprünge helfen können.“ 75 Marius hatte lächelnd zugehört, nun drückte er dem Bruder die Hand und antwortete:„Ich danke Dir für Deinen liebevollen Rath; Du meinſt es herzlich gut mit mir. Sieh', Chriſtvph, ich habe aber geiſtige Bedürfniſſe, die über den Fruchtſpei⸗ cher und den Viehhof hinausgehen; mich zieht die Wiſſenſchaft mächtig an, und ich bin nicht mehr bei ihren Schalen, ich bin ſchon bis zum Kern gedrungen, und wer einmal davon gekoſtet hat, dem ergeht's wie den Opiumrauchern in China: er kann nicht mehr davon bleiben. Du begreifſt alſo, daß ich wünſchen muß, meine Frau ſei etwas mehr als eine gute Landwirthin und Wirthſchafterin.“ „So willſt Du Dir wohl eine Gelehrte neh⸗ men, oder ſo eine Wachsfigur, die Klavier ſpielt, Romane lieſt, ſpazieren führt, Kopfweh hat, in Ge⸗ ſellſchaften läuft, Stramin ſtickt und nicht weiß, wann das Waſſer kocht? Ich bitte Dich um Got⸗ teswillen! Bedenke Dein Lebensglück! Wenn Du durchaus nicht anders willſt, ſo kannſt Du ja bei Deinen Büchern bleiben, aber die Frau muß auf Feld und Wieſe, in Scheuer und Stall und zu⸗ ſehen, daß Alles zur rechten Zeit geſchieht. Was 76 fann Dir denn ſo ein Porzellanpüppchen nützen? Sie ſoll gelehrt mit Dir ſprechen? Wohl gar ſelber in Deinen Büchern herum ſtöbern? Brüderchen, Du wirſt den gelehrten Krimskrams bald genug ſelbſt ſatt kriegen.'s iſt unſerm guten Alten eben ſo ergangen. Seit dreißig Jahren hat ſich der Staub auf ſeinen Büchern gehäuft. Und was für ein trefflicher und glücklicher Mann iſt er! Wenn Dir Deine Zukunft lieb iſt, ſo laß die Gedanken an eine gelehrte und vornehme Frau fahren. Nimm Dir ein Beiſpiel an unſerer Mutter! Wären ihre Kinder alle in ſo guten Umſtänden, wenn ſie ſich um Bücher bekümmert oder gar auf Viſiten und Reiſen gegangen wäre?“ „Du haſt recht, Chriſtoph!“ begütigte der Can⸗ didat den eifernden Oekonomen. „Und wenn ich recht habe, ſo thue danach. Ich will Dir einen Vorſchlag zu Deinem beſten Glück machen. Heirathe Schulzens Malchen, die Du vor⸗ hin bei mir kennen gelernt haſt. Eine beſſere Partie kannſt Du im ganzen Lande nicht machen. Das Mädchen vereint alle Vortheile und Tugenden, die ein Mann wie Du ſich nur wünſchen kann. Erſtlich 77 iſt ſie das einzige Kind ihrer Eltern, die den größ⸗ ten bäuerlichen Landbeſitz in unſerer Gegend haben. Vater und Mutter ſind reich und ſehr ſolid. Ich glaube, mit fünfzigtauſend Thalern ſchlägt man den Schulzen noch zu gering an. Und weder er noch ſeine Frau ſtecken in einer feſten Haut. Mir kommt immer vor, als hätten ſie beide die Schwind⸗ ſucht und würden gerade nicht lange mehr herum⸗ laufen.— Sodann iſt das Mädchen als einzige Tochter nichts weniger als zimperlich erzogen; im Gegentheil, weil ſie allein iſt, muß ſie auch allein alle Arbeit thun. Es wird ihr gar nichts geſchenkt. Ferner iſt das Malchen die Liebe und Güte ſelber. Ich glaube, ſie liefe für jeden Chriſtenmenſchen, wer es auch ſei, durch's Feuer, und wenn ſie irgend von Noth und Elend hört, ſo ſtehen ihr gleich die Augen voll Waſſer, und im Stillen ſteuert ſie gleich nach Kräften. Weiter iſt ſie klug und pfiffig wie ein Thorſchreiber. Wer ihr etwas weiß machen wollte, würde zu ſpät kommen, und wenn er noch früher aufſtände. Der Schulmeiſter ſchwört oft darauf, ſie ſei die Beſte in der Schule geweſen ſeit ſeiner Amtsführung. Ein wahres Genie ſei ſie. Und 78 endlich iſt ſie nicht ein Bild von Schönheit? Ich ſage Dir, Bruder, ſie iſt eine Perle in Gold ge⸗ faßt.“ Daran, daß dem Marius Malchens Lob ſo wohl that, merkte er, daß er doch ein ganz unge⸗ wöhnliches Intereſſe an ihr nehme. Der Gedanke Chriſtophs kam ihm annehmbar vor, und er beſchloß, die Sache in Ueberlegung zu ziehen. Schon aus dieſem Vorſatz erhellt, wie lau und gewöhnlich die Gefühle waren, welche in ſeiner Bruſt für das ſchöne Landmädchen erwachten. Aber was wußte dieſer junge edle Mann von Geſchlechtsliebe? Er kannte nur die Menſchenliebe, die Chriſtenliebe und war ein begeiſterter Verkünder derſelben. Die Liebe zum Weibe war in ſeiner reinen und ſchönen Seele noch nicht gezeitigt. Nicht durch die Treibhaus⸗ wärme poetiſcher und erotiſcher Lektüre, nicht durch den Beſuch des Theaters, nicht durch den Umgang mit liebeſiechen Frauen war ſie als Kunſtblume in ihm aufgeſchoſſen, wie in den meiſten jungen Män⸗ nern unſerer abgeſchwächten Zeit; Marius hatte nur den ſtrengen und ernſten Wiſſenſchaften gelebt, und ſein Herz war noch im Begriff ſeiner ganzen 79 urſprünglichen ſpröden Friſche. Die Stunde ſeiner Vollendung war noch nicht gekommen; die Knospe auf dem Gipfel ſeines geiſtigen Weſens hatte ſich noch nicht zur Blüthe aufgethan. Für das ſchöne Landmädchen fühlte er Wohlwollen, Güte, herzliche Neigung, und er fing an ſich einzureden: das ſei Liebe. Er kannte eben die Liebe nicht; wie hätte er ſie richtig beurtheilen ſollen? Er bat Hannchen, ſeine Nichte und Malchen zu vermögen, daß ſie ein Stück Wegs nach Hallun⸗ gen zu mitgingen Da ſprach er denn viel mit der Schulzenstochter und ſtellte eigentlich eine Schul— prüfung, ein Colloquium mit ihr an, mit deſſen Reſultat er ſehr zufrieden war. Beim Abſchied gab er ihr die Hand und bat die Hocherröthende, ihn bis zum hoffentlich baldi⸗ gen Wiederſehen im guten Andenken zu behalten. Sehr heiter geſtimmt kam er nach Hauſe, und nach einer Viertelſtunde wußten alle Familienglieder von Hannchen den Grund dieſer Heiterkeit und ſegne⸗ ten laut und im Stillen, zuſammen und einzeln, den Weg des guten Marius nach Sundheim. 80⁰ Als die erſten Vorboten des Winters, die rauhen Herbſtſtürme, durch Hallungen zu brauſen begannen, fanden ſie Herrn Marius Ehrhardt als thäti⸗ gen Pfarrſubſtituten. Seine Antrittspredigt hatte ihm die Liebe der Dorf bewohner, die er ſchon längſt beſeſſen, gleichſam für ewige Zeiten erobert. Dieſer feierliche Tag hatte alle Familienglieder, Kinder, Schwiegerkinder und Enkel im Pfarrhauſe verſam⸗ melt; er war ein Feſt der ſchönſten Liebe geweſen. Auch Schulzens Malchen war mit Chriſtophs Fa⸗ milie von Sundheim gekommen, von Allen zärtlich begrüßt und ſtillſchweigend ſchon als Familienglied anerkannt. Alle waren dem holden treuen Mäd⸗ chen gewogen und gewannen ſie immer lieber.— Von jenem Tage an widmete ſich der junge Pfarrer der größten Thätigkeit ſeines heiligen Berufs. Die Gutsherrin war nach Ablauf der Saiſon mit ih⸗ rem Gemahl nicht nach Dresden zurückgekehrt, theils weil ſie ſich mit dem Eintritt des Herbſtes wieder unwohl fühlte, theils weil ihr der Umgang mit dem alten Pfarrer zum Bedürfniß geworden war. Die Beſuche und die Unterhaltung des jungen Pfarrers wurden es ihr bald noch mehr. Marius mußte 81 endlich täglich eine, wohl auch zwei Stunden bei ihr zubringen. Er hatte ſich für ihre geiſtliche Be⸗ handlung einen feſten Operationsplan gemacht und brachte ihn mit der größten Vorſicht in Anwendung. Ohne daß ſie ſeine Abſicht merkte, zog er weite Kreiſe um ihre Seele, dann engere und immer engere, bis ſie ihm nicht mehr entrinnen konnte. Anfangs wies ſie hartnäckig die Lehren und Trö⸗ ſtungen der Religion zurück, ja ſie beſtritt dieſelben mit der dürren Logik eines nüchternen Verſtandes, den ſie für ſehr ſcharfſichtig erklärte. Sobald ſie heftig und unangenehm wurde, hielt Marius die Schritte ein wenig an, um ſie dann, wenn ſie ſich müde geſprochen, mit wenigen Sätzen gleichſam zu überfallen und nieder zu werfen. In den erſten Wochen wurde ſie einige Male, als ſie ſich auf⸗ dieſe Weiſe durch die Kraft und Weihe ſeiner gott⸗ begeiſterten Worte überwunden fühlte, ſehr zornig, ja einmal ging ſie ſogar ſo weit, ihm zu befehlen, daß er nicht wieder komme: ſie wolle in einigen Tagen nach Dresden reiſen; aber ſchon am folgen⸗ den Tage ließ ſie ihn dringend um ſeinen Beſuch bitten und reiſte nicht ab. So wurde die öde und 6 82 dunkle Seele dieſer Frau, die von der chriſtlichen Religivn nichts weiter gekannt hatte, als die äußern Gebräuche des katholiſchen Kultus, allmälig von den hohen göttlichen Wahrheiten, die ſo überzeugend aus der tiefen Bruſt des jungen beredten Geiſtli⸗ chen ihr entgegen tönten und wie ſtarke ſcharfe Waffen auf ſie eindrangen, bezwungen und erfüllt. Es war ein geiſtiger Kryſtalliſationsprozeß; zuerſt ging Alles durch ihre kalte ſchroffe Seele ſchnell und glatt hindurch, nichts ſetzte ſich an; aber ſie wurde wund, und endlich blieb ein großes warmes Bibelwort plötzlich an ſolch einer wunden Stelle hängen und heilte die Wunde und wurde eins mit der armen Seele. Nun war der Anfang gemacht. Um dieſen erſten Kern ſetzten ſich langſam die an⸗ dern Wahrheiten und Schönheiten feſt, wuchſen zu⸗ ſammen, füllten langſam die Seele aus und erwärm⸗ ten ſie. So unwillig ſie dieſe Gewalt erſt ertrug: ſie konnte ſich ihr auf die Dauer nicht entziehen und gab ſich ihr endlich ohne ferneren Widerſtand gefangen. Als dies geſchehen war, ſtieg die Be⸗ gierde nach dem göttlichen Worte in ihr: ſie konnte die Stunde nicht erwarten, bis die beiden Geiſtli⸗ 83 chen kamen(denn in der letzten Zeit hatte der wie⸗ der kräftiger gewordene Vater den Sohn faſt jedes⸗ mal begleitet, und Frau von Schneebach hatte es ausdrücklich ſo gewünſcht) und ſich neben ihrem Lager niederließen. Wenn dann Marius in der Begeiſterung ſeiner gotterfüllten Rede, die aus je⸗ dem Worte wie eine Engelhymne herausklang, ihre Hand ergriff und rief:„Selig ſind, die da geiſtig arm ſind, denn das Himmelreich iſt ihre; ſelig ſind, die da Leid tragen, denn ſie ſollen getröſtet werden; ſelig ſind die Barmherzigen, denn ſie werden Barm⸗ herzigkeit erlangen; ſelig ſind, die reines Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen; ſelig ſind die Friedfertigen, denn ſie werden Gottes Kinder hei⸗ ßen,“ da leuchteten die Augen der Kranken und wenn nun der Greis, da der Sohn ſchwieg, mit ſanfter Stimme, faſt flüſternd, hinzufügte:„So Ihr ſolches wiſſet, ſelig ſeid Ihr, ſo Ihr's thut!“ da ergriff ſie ſchluchzend die Hände der beiden Män⸗ ner, die ihr wie Propheten gemahnten, die erſt mit zürnenden und markerſchütternden Worten zu ihr geſprochen und nun verſöhnend und heilverkündend zu ihr redeten. Endlich ſchmolz vor dem gewaltigen Strahl der göttlichen Gnadenſonne, welche die bei— den Prieſter des Herrn ihr aufgehen ließen, das letzte Eis in ihrer Seele. Der Frühling der Liebe zog ein.„Die Liebe iſt langmüthig und freundlich,“ jauchzte Marius, während ihm Freudenthränen über die Wangen rollten,„die Liebe eifert nicht, die Liebe treibt nicht Muthwillen; ſie blähet ſich nicht; ſie ſucht nicht das Ihre; ſie läßt ſich nicht erbittern; ſie trachtet nicht nach Schaden. Sie freut ſich nicht der Ungerechtigkeit, ſie freut ſich aber der Wahrheit; ſie verträgt Alles, ſie glaubet Alles, ſie hoffet Alles, ſie duldet Alles.“— Die Edelfrau begehrte ihren Frieden mit Gott zu machen und das Abendmahl zu genießen. Jetzt forderten die Geiſtlichen, daß ſie den Kindern ihrer Geſchwiſter gerecht werden müſſe; denn nur die durch die That bekräftigte Beſſerung ſei die wahre. Sie beauftragte den jun⸗ gen Pfarrer, ohne Verzug nach Dresden zu reiſen und mit ihrem Gemahl über dieſen Punkt zu ver⸗ handeln. Als ſie das geſegnete Brod und Wein genoſſen hatte, unterſchrieb ſie die dem jungen Pfarrer ausgeſtellte Vollmacht, und am andern Morgen reiſte Marius ab. 85 Der Oberſt, zwar unangenehm erſtaunt über die ihm ganz fremd gebliebene Geſchichte, die er erfuhr, fügte ſich doch weit leichter, als Marius erwartet hatte. Er benahm ſich als vernünftiger Mann, der den Geſetzen der Ehre und Pflicht ge⸗ horcht. So erklärte er ſich denn bereit, nicht nur den Kindern der unglücklichen Geſchwiſter ſeiner Frau das Ihrige herauszugeben, ſondern ſich auch um ihr Wohl und Wehe zu bekümmern. Die Kin⸗ der der Schweſter waren leicht aufzufinden, da Marius den Brief des jungen Bellmann in der Hand hatte. Ueber den Aufenthalt der Tochter des Bruders mußten erſt Erkundigungen eingezogen werden. Der Oberſt wollte das Letztere beſorgen, während er den Pfarrer beauftragte, jene aufzu⸗ ſuchen und für Bellmanns Befreiung zu wirken. Marius reiſete alſo weiter. Die Dokumente, die der Oberſt ihm verſchafft, und die Summen, die er ihm zur Verfügung ge⸗ ſtellt, öffneten dem Pfarrer die Thüren, und ſchon zu Ende der zweiten Woche ſaß er mit dem befrei⸗ ten jungen politiſchen Verbrecher im Wagen, um ihn vor der Hand nach Hallungen in's Pfarrhaus zu bringen. Dies war nicht nur der Wunſch des Oberſten und ſeiner Gemahlin, ſondern auch der des Pfarrers Marius und des Befreiten ſelbſt. Der Letztere, ein offener, biederer Charakter, hatte ſich ſogleich mit herzlicher Zuneigung dem Pfarrer an⸗ geſchloſſen und ſprach geradezu das Verlangen aus, vor der Hand, bis er ein feſtes Lebensziel gefunden, in ſeiner Nähe bleiben und ſeinen belehrenden Um⸗ gang genießen zu dürfen. Die beiden jüngern Ge⸗ ſchwiſter Bellmann hatte Marius in ein gutes Pen⸗ ſivnat untergebracht. Auf der Heimreiſe lernten ſich die beiden jungen Männer noch lieber gewinnen. Vom Empfang im Pfarrhauſe, von der Aufnahme, die ihm widerfuhr, von der treuherzigen, liebevollen, ſchlichten Art und Weiſe der Familienglieder ganz entzückt, verſicherte Guſtav Bellmann ſeinem älteren Freunde: hier habe er unverhofft gefunden, was er zeither ſo ſchmerzlich entbehrt und geſucht habe: das ſtille Glück, den Frieden, die Liebe des Hau⸗ ſes. Wäre er der Sohn einer ſolchen Familie ge⸗ weſen, er würde nie auf Abwege gerathen ſein. Der Beſuch bei der Frau Oberſtin hatte dage⸗ gen für den jungen Mann etwas Peinliches. Im 87 Gefühl ihrer Schuld war ſie verlegen, zurückhal⸗ tend, und dies machte ihr ſteifes, förmliches, ariſto⸗ kratiſches Weſen noch unerguicklicher. Die Unter⸗ haltung ging kaum über die herkömmlichen Höflich⸗ keitsbezeugungen hinaus. Der krankhafte Zuſtand der Oberſtin verſchlim⸗ merte ſich nach dieſem Beſuch, der ſie ſehr ange⸗ griffen hatte. Augenſcheinlich nahmen ihre Körper⸗ kräfte in demſelben Grade ab, wie ihre geiſtige Erkenntniß zu, und als ſie ſich ganz mit Gott und ihrem Gewiſſen verſöhnt hatte, wurde ſie bettlägrig und wünſchte ſelbſt den Tod herbei. Obgleich ſie ſich nun täglich bei Marius nach Guſtav erkun⸗ digte und ihm nicht ſelten reiche Geſchenke zukom⸗ men ließ, ſo wünſchte ſie doch ſeinen Beſuch nicht wieder. Eben ſo wenig ſpürte Guſtav Luſt, ihr einen ſolchen zu machen. Geſtaltete ſich doch ſein Leben im Pfarrhauſe immer mehr zu ſeiner höch⸗ ſten Zufriedenheit. Erneſtine nahm ſich ſeiner mit mütterlicher Vorſorge an und beſchaffte die vielen kleinen Bedürfniſſe, die uns das Leben leicht und ſchön machen; Marius wurde ſein Lehrer und un⸗ terrichtete ihn täglich mehre Stunden; dem alten 88 verehrungswürdigen Ehepaar las er jeden Abend vor, bis das liebe Mütterchen über dem Strick⸗ ſtrumpf, das Väterchen über der Tabakspfeife ein⸗ nickte, und endlich mit Hannchen— ja mit Hann⸗ chen ſtand er auf einem wunderlichen Fuße. Sie ſprachen eigentlich ſehr wenig zuſammen und nur das Nöthigſte, und das konnte natürlich nicht viel ſein; ſie gingen ſich in Wahrheit ſogar aus dem Wege, und wenn ſie ſich zufällig begegneten, ſo wurden ſie Beide blutroth und getrauten ſich nicht, einander anzuſehen. Wenn ſich aber das Eine vom Andern unbemerkt glaubte, ſah es Jenes um ſo fleißiger an und ſeufzte wohl unwillkürlich und ver⸗ ſtohlen dazu; und wenn Guſtav den Eltern vor⸗ las, fehlte Hannchen gewiß nicht; und eben ſo wenig Guſtav, wenn Hannchen auf dem Klavier ſpielte und ſang. Beide fingen im Laufe des Winters auch an eigne Verſe zu machen und zu componiren. Guſtav hatte beim Schullehrer Muſikunterricht und war fabelhaft fleißig, ſo daß er mit Hannchen bald vierhändig ſpielen konnte. Wenn ſich ihre Finger berührten, durchzuckte es ſie wie elektriſche Schläge; dann wandelte Hannchen wohl im Garten ſtill in 89 ſich verſunken, das ſchöne Auge voll Thränen, und Guſtav ging am Berge im„Abendſcheine“ und machte ein Gedicht„an den Mond“ oder„an die ferne Geliebte,“ die doch nur ein Paar Hundert Schritte von ihm war. So machten dieſe beiden jungen und reinen Herzen die Entwickelungsphaſen der Liebe, wie ſie für dieſes mächtigſte und ſchönſte aller Gefühle in„deutſchen Landen“ beſtehen, mit großer Genauigkeit durch. Ein ſolches Stadium war dann auch, daß Hannchen ſich nach Mitthei⸗ lung ſehnte und ſich Schulzens Malchen zu ihrer Vertrauten erſah, eine ſehr natürliche Wahl, da Malchen und Hannchen die innigſten Freundinnen waren. So erfuhr denn Malchen, daß Hannchen ſtets ſo wehmüthig geſtimmt ſei, daß ſie oft heim⸗ lich weinen müſſe, ſie wiſſe gar nicht weshalb, daß die gewaltigſte Sehnſucht nach Etwas, dem ſie kei⸗ nen Namen zu geben vermöge, ihr faſt die Bruſt zerſprenge, daß ſie ſich den Tod wünſche u. ſ. w. Dann ſangen die beiden Mädchen einige Lieder von Hölty und Matthiſon, welche ihrer Stimmung ſehr angemeſſen waren, und die ſie in ein Meer von ſchwärmeriſchen, wehmüthig ſüßen Gefühlen ver⸗ * 90 ſenkten. Auch laſen ſie einige Taſchenbücher und Novellen und ſuchten und fanden viele Beziehun⸗ gen auf ſich darin. Malchen war nicht ſo ſchwärmeriſch wie Hann⸗ chen, aber ſie hatte ein nicht minder tiefes Gefühl, und je mehr ſie ſich allgemeine Bildung erwarb, deſto intenſiver wurde dieſes Gefühl; ihr Charakter war von Haus aus feſter und entſchiedener; ſie beſaß eine intuitive Geiſteskraft, mit der ſie ſich leicht und ſchnell Dinge zu eigen machte, die weit über ihrem Horizonte lagen. Die gebildeten Frauen der höheren Stände leben in der Regel in Bezug auf die Frauen der niederen in einem ſeltſamen Irrthum. Sie ſchließen nämlich aus den Bildungs⸗ formen und Aeußerungen auf Unfähigkeit zu tiefe⸗ rem Gefühl und zur Bildung überhaupt; und ſo nehmen ſie das für Weſenheit, was doch nur Be⸗ dingung iſt. Das geiſtig begabte Landmädchen hat dieſelbe Gefühlsbefähigung und liebt mit derſelben Tiefe und Innigkeit, wie die Tochter der höchſten Stände; erweitert ihren Geiſt und Ihr gebt ihrer Seele Bewegung, Sprache, Leben, Gefühl, Selbſt⸗ bewußtſein. Und wahrſcheinlich wird ſie ſtärker, 91 friſcher, wahrer und tiefer lieben, weil die urſprüng⸗ liche Kraft ihrer Gefühle nicht durch die Miasmen der Geſellſchaft angekränkelt und geſchwächt worden iſt. Malchen war ein geiſtig ungewöhnlich begab⸗ tes Weſen und hatte durch den gebildeten Schul⸗ lehrer ihres Geburtsorts eine über das ländliche Bedürfniß hinausgehende Bildung erhalten. Merk⸗ würdiger Weiſe war in ihre Seele, als ſie kaum die Augen vom ſüßen Halbſchlaf der Kindheit er⸗ hoben, ein zündender Funken gefallen und hatte eine Flamme erzeugt, die ſie allmälich mit dem Rauſche des tiefſten und heiligſten Gefühls erfüllt. Sie hatte Marius als Primaner geſehen. Sie ſah ihn als Studenten, und ſo oft ſie ihn ſah, loderte die Flamme der Liebe mächtiger in ihr empor und weckte Sehnſucht und Trieb in ihr, dem Gegen⸗ ſtande dieſer kanoniſirenden Liebe durch höhere Bil⸗ dung würdig zu werden. Dabei hatte ſie nie daran gedacht, ihn je zu beſitzen. Es war bloß der dunkle Drang in ihr, nicht zu tief unter ihm zu ſtehen. Sie lernte beim Schullehrer Muſik, er verſchaffte ihr Lektüre; ſie ſuchte den Umgang der gebildeten Familien in der Umgegend, und machte auf dieſe 92 Weiſe ſtill und unbemerkt in der Bildung ihres Geiſtes und Herzens die ſchönſten Fortſchritte. Aber dabei wurde das ländliche Colorit ihres Weſens in jeder Weiſe geſchont; ſie blieb das ſtille, beſchei⸗ dene, einfache Landmädchen. Welch eine Fülle un⸗ verhofften Glücks erblühte nun in dieſem Herzen, als es ſich vom Gegenſtande ſeiner Vergötterung bemerkt, ausgezeichnet und geliebt ſah! Was ſie Jahre lang ſtill im Herzen getragen ohne Hoff⸗ nung, ſelbſt ohne Wunſch, trat ihr jetzt plötzlich als leuchtende Erfüllung entgegen. Als Erfüllung?! Durch den Jubel ihrer Seele zitterte bald ein lei⸗ ſer ſchmerzlicher Ton, der mit der Zeit ſtärker wurde. Es war doch ein ſeltſames Verhältniß. Sie galt als Marius' Verlobte in der Familie, in den bei⸗ den Dörfern, in der Umgegend, überall, und doch war ſie es eigentlich nicht; denn weder öffentlich noch im Geheimen hatte ſich der junge Pfarrer mit ihr verlobt. Seine Familie wünſchte, daß ſie ſeine Frau werde, ihre Eltern wünſchten es auch, um ſo mehr, als beide kränklich waren und nicht lange mehr zu leben fürchteten; es war ihr eigner höch⸗ ſter Wunſch, ſo unausſprechlich hoch, daß ſeine Gewährung ihr einer Seligkeit gleich kam, für deren Wonnen ſie gar keinen Maßſtab hatte, und die ihr deshalb unerreichbar vorkam. Marius hatte den Wunſch, ſie zu beſitzen, auch einmal flüchtig aus⸗ geſprochen, aber dabei war es geblieben. Sie betete ihn im Stillen immer an; er dünkte ihr ein Apo⸗ ſtel des Herrn, ein Heiliger, der größte, edelſte und herrlichſte aller Menſchen; ſie beugte ſich in Demuth vor ihm, aber es wehte ſie doch kühl an, wenn er ſie ſo wenig beachtete, nur ſelten mit ihr ſprach und dann nur von wirthſchaftlichen Gegenſtänden, während ſie von ganz anderen mit ihm ſprechen konnte und wollte; aber ſie hatte nicht den Muth, ſelbſt anzufangen und ihm zu zeigen, was in ihr war. Sie war und blieb ein ſcheues Landmädchen dem„Herrn Pfarrer“ gegenüber. Und die An⸗ dern hatten gar kein Auge für ihre ſtillen Vorzüge. Daraus entſtand nun ein eigenthümliches Verhält⸗ niß. Malchen kam oft und viel in das Pfarrhaus herüber und wurde hier als künftige Schwieger⸗ tochter behandelt; Hannchen kam vft in das Schul⸗ zenhaus nach Sundheim, zuweilen auch Erneſtine und die andern Geſchwiſter. Chriſtoph nannte den Schulzen Schwiegervater und wurde von dieſem Sohn genannt; Marius kam aber nie in des Schul⸗ zen Haus und behandelte Malchen, wenn ſie kam, zwar freundlich, mild und gut, aber doch nicht wie ein liebender Mann die geliebte Braut. Fort und fort beſchäftigt, bald mit Erfüllung ſeiner engeren Amtspflichten, bald mit der Seelſorge der Oberſtin, bald mit Bellmanns Unterricht, bald mit gelehrten Studien, fand er nie Zeit, ſich lange bei ſeiner Zukünftigen aufzuhalten. Er ſchien, wenn auch unbewußt, ſeine Verheirathung mit dem Mädchen für ein nothwendiges Uebel zu halten, mit dem ſich möglichſt wenig einzulaſſen das Gerathenſte ſei. Das Verhältniß war übrigens keineswegs ein ſtö⸗ rendes. Alles ging in ſchönſter Ordnung, Har⸗ monie, Frieden und Einigkeit. Niemand ahnete Malchens tiefes Gemüth und heiße Liebe; es hätte ſie auch Niemand begriffen. Sie ſelbſt wurde ſich nicht klar und kam nicht zum Selbſtbewußtſein ihrer Lage, obgleich ſie, als ſie Hannchens Vertraute wurde und die erwachende Liebe der Freundin und Bellmanns beobachtete, immer mehr fühlte, ihrer eignen Liebe fehle etwas. Aber die Gottähnlichkeit, 95 welche Marius in ihren Augen hatte, glich das wieder aus und verwehrte, als rieſige Erſcheinung vor ihrer Seele, jedem Lichtſtrahle den Eintritt. Die thätige Arbeit der Landwirthſchaft, Lektüre, Muſik, Geſellſchaft halfen ihr über das Uebrige hinaus. Gegen das Frühjahr verſchlimmerte ſich die Krankheit der Oberſtin täglich; der Arzt verſicherte, ſie werde den vollen Frühling nicht erleben. Sie machte ein Teſtament, ſchrieb noch eigenhändig an ihren Gemahl einen langen Brief, worin ſie ihn beſchwor, an den Kindern ihrer Geſchwiſter wieder gut zu machen, was ſie ſchlimm gemacht, und ſtarb endlich nach Exfüllung aller religiöſen Pflichten mit Gott und der Welt verſöhnt, in Marius' Beiſein, der ihr die letzten Tröſtungen reichte, einen ſanften ſchönen Tod. Marius, wie ſein Vater, ſahen mit Recht die⸗ ſen Tod, ebenſo die Bekehrung der Oberſtin und die Wendung ihrer Angelegenheiten als einen Tri⸗ umph des Chriſtenthums, als eine Beſtätigung der Göttlichkeit ſeiner Lehren und Ausſprüche an, zu den tauſenden und abertauſenden eine neue Beſtä⸗ tigung. Es war für Sohn und Vater ein Labſal, als Diener des beſeligenden Wortes, welches durch ihren Mund ſolche Wunder bewirkt hatte, ſich das Zeugniß geben zu müſſen, daß ſie durch die Gnade Gottes und das Wort Jeſu Chriſti eine Seele gerettet, und mit Gellerts Worten rief der Greis nach dem Leichenbegängniſſe der Oberſtin ſeinen Sohn umarmend dieſem zu: »„O Gott, wie muß das Glück erfreu'n, Der Retter einer Seele ſein!“ Die verſtorbene Oberſtin hatte dem Pfarrer Marius Ehrhardt ein nicht unbedeutendes Le⸗ gat„zum Hochzeitsgeſchenk bei ihrer Vermählung mit Jungfrau Johanna Amalie Wilhelmine Lobau“ ausgeſetzt, und der Oberſt ſchrieb in ſeinem Glückwünſchungsbriefe, er bäte ſich die Ehre aus, die Hochzeit ausrichten und die Braut führen zu dürfen; deshalb möge das Feſt bis zu ſeiner An⸗ kunft verſchoben werden. In der That hatte noch Niemand von den Betheiligten in Hallungen und Sundheim ernſtlich an eine Hochzeit gedacht. Da nun Marius nach Eingang dieſes Briefes noch immer nicht einmal den Wunſch äußerte, ſich mit Nalchen zu verloben, ſo kam die Sache im Fami⸗ lienrathe, welchen diesmal die beiden Alten, Er⸗ neſtine, Mariane und Chriſtoph bildeten, zur Sprache, und es wurde beſchloſſen, daß die Mutter ernſtlich mit ihm reden und ihn darauf aufmerkſam machen ſolle, wie verletzend für Malchen und ihre Eltern eine längere Verzögerung der Verlobung, zu der gar kein Grund vorhanden, ſein müſſe. Die Frau Magiſterin hatte vor ihrem jüngſten Sohne, beſonders ſeit ihm die Bekehrung der Oberſtin ge⸗ glückt war, eine gewiſſe Ehrfurcht; er kam ihr wie ein höheres Weſen vor, wie ein Erwählter des Herrn. Es fehlte nicht viel, daß ſie den Heiligen⸗ ſchein um ſein Haupt geſehen hätte. Die beiden älteren Söhne liebte ſie nur als gewöhnliche Men⸗ ſchen. Die kleine alte Frau bereitete ſich alſo zu der wichtigen Unterredung mit dem Auserwählten durch Gebet und Faſten vor, und trat dann, von Erneſtinen fein ſäuberlich angethan und die grauen Haare mit einer ſchneeweißen Haube bedeckt, von 7 98 ihrem freundlichen Magiſter erſt noch geſegnet und geküßt, die Reiſe von ihrem Zimmer in das des Sohnes, nicht ohne einiges Herzklopfen, an. Ma⸗ rius hatte die unbegrenzteſte Ehrfurcht und Liebe für ſeine Eltern. Seine Mutter war ihm das liebenswürdigſte menſchliche Weſen. Erfreut über ihren Beſuch, küßte er ſie auf die Stirn und zog ſie auf das Sopha, als ſie ihm geſagt, daß ſie mit ihm zu reden habe. Nun hörte er ſie ruhig an und unterbrach ſie nicht. In der That fiel er gleich⸗ ſam aus den Wolken, daß er, der ſchier ängſtlich gewiſſenhafte Menſch, ſich einer Pflichtverſäumniß gegen Malchen ſchuldig gemacht; er meinte, mit Verlobung und Hochzeit habe es noch lange Zeit; wie lange eigentlich— davon hatte er gar keine Vorſtellung. Aber er erklärte ſich der lieben Mutter ſogleich bereit, Verlobung und Hochzeit mit Mal⸗ chen zu halten, ſobald Eltern und Geſchwiſter es wünſchten; denn er liebe Malchen recht ſehr und ſei überzeugt, daß ſie eine tüchtige Wirthſchafterin werden müſſe. So lange er bei ſeinen theuern Eltern wohne, habe er eine eigne Wirthſchaft für überflüſſig und ſtörend gehalten und deshalb die 99 Schließung des Ehebundes mit Malchen bis zur nöthigen Herſtellung ſeiner eignen Wirthſchaft be⸗ anſtanden wollen. Doch füge er ſich ganz dem Wunſche der Seinigen. Die Mutter, froh, auf kein Hinderniß geſtoßen zu ſein, erklärte nun, daß die Hochzeit nach dem Wunſche des gnädigen Herrn bis zu deſſen Ankunft verſchoben, die öffentliche Verlobung aber dieſer Tage ſtattfinden müſſe. Sie forderte dem zufolge den Sohn auf, nach Sund⸗ heim hinüber zu gehen und beim Schulzen um deſſen Kind anzuhalten; denn die Verlobung müſſe im Vaterhauſe der Braut ſtattfinden. Marius kleidete ſich ohne Verzug an, frühſtückte mit den Seinigen und machte ſich dann, von ihren Segenswünſchen begleitet, auf den Weg. Mit dem Werke beſchäf⸗ tigt, welches er eben ſtudirte, dachte er nicht eher wieder an Malchen, als bis er vor dem erröthen⸗ den Mädchen ſtand. Als ſie von ihm gehört, wes⸗ halb er gekommen, führte ihn die Entzückte zu ihren Eltern. Es ging Alles der Ordnung und dem Gebrauch gemäß. Der Herr Schulz und die Frau Schulzin gaben ihr Jawort und die Verlobung wurde auf nächſten Sonntag feſtgeſetzt. Dann 7 100 beſuchte der Pfarrer ſeinen Bruder und ging end⸗ lich wieder, wie er gekommen war. In gleicher Weiſe fand die Verlobung ſtatt; die ganze beiderſeitige Verwandtſchaft war dazu gebeten. Es wurde viel Braten, Wein, Bier und Kaffee vertilgt und herkömmlich lange und breite Geſpräche geführt, die nicht hierher gehören; am wenigſten ſprachen die Verlobten zuſammen. Von dieſem Tage an hatte Malchen das Recht und die Pflicht, ihre Ausſteuer zu bedenken, und ſie ſetzte viele Hände in Bewegung. Im Pfarrhauſe zu Hollungen war man dagegen bedacht, die Woh⸗ nung für das junge Ehepaar herzurichten, wobei ſich Erneſtinens Thätigkeit in glänzender Beleuch⸗ tung zeigte. Die geringſte Theilnahme zeigte Ma⸗ rius; er betrieb gerade mit dem größten Eifer Bell⸗ manns Bildung und zog Hannchen herzu, Theil⸗ nehmerin dieſes Unterrichts zu ſein. Für dieſe Beiden war dies die ſüßeſte Zeit ihres Lebens; es waren die friſchen ſonnigen Morgenſtunden ihrer Liebe, wo noch an jedem Hälmchen ein Thautropfen hing, in welchem die Sonne wiederſtrahlte. Auf dieſe Weiſe verſtrich der Frühling und ein 101 Theil des Winters; der Oberſt kam nicht. End⸗ lich ſchrieb der Oberſt und kündigte ſeine baldige Ankunft mit— ſeiner Braut an. Dieſe ſei die Nichte ſeiner verſtorbenen Frau, die Tochter ihres Bruders, die er aufgefunden und der er im Sinne der Verſtorbenen nicht beſſer vergelten zu können geglaubt habe, als wenn er ſie heirathe. Er wünſche vom jungen Pfarrer getraut zu werden.— Die Gewiſſenhaftigkeit des Gutsherrn wurde im Pfarr⸗ hauſe ſehr belobt und zu ſeinem und der künftigen Gebieterin Empfang und Hochzeitsfeſt vielfache Vor⸗ kehrungen getroffen. Darüber dachte Niemand mehr an Marius' und Malchens Hochzeit. Am beſtimmten Tage der Ankunft des Ober⸗ ſten ſtand Marius auf einer Eſtrade neben einem von der Gemeinde gebauten Triumphbogen, hinter ihm die Choradjuvanten, um das Brautpaar, das ſie in des Oberſten allbekanntem Reiſewagen erwar⸗ teten, zu begrüßen. Die Leute waren alſo ſehr erſtaunt, in einem der wenigen daherſprengenden Reiter den Oberſten zu erkennen, welcher ihnen zuwinkend auf eine junge Dame deutete, die neben ihm einen prächtigen Grau⸗ 102 ſchimmel ritt und mit der Reitgerte grüßte. Die Bauern wurden von einer Beſtürzung ergriffen, die einem Schrecken ſehr ähnlich war; denn keiner von ihnen hatte jemals eine reitende Dame geſehen, und dieſe ſaß ſo leicht und keck im Sattel und beherrſchte ihr Thier mit ſolcher Geſchicklichkeit, daß ihnen der Verſtand ſtill ſtand. Auch der Pfarrer war anfangs betroffen, er war ſich aber nicht klar bewußt, ob über das unerwartete Reiten oder über die eigen⸗ thümliche Schönheit der Dame. Soviel hielt er ſich wenigſtens in dieſem Augenblicke überzeugt, daß er einen ähnlichen geiſtreichen Geſichtsausdruck noch niemals an einem weiblichen Weſen wahrgenommen habe. Zum erſten Male mußte er ſich zuſammen⸗ nehmen, um eine Verwirrung zu beſiegen und die Begrüßungsrede zu halten. Aber er ſprach viel weniger, als er ſich vorgenommen hatte, und dieſes mit ſichtlicher Befangenheit und unſicherer Stimme. Als er fertig war nnd das verſammelte Dorf in das vom Schulzen ausgebrachte Hoch! eingeſtimmt hatte, dankte der Oberſt mit kurzen herzlichen Wor⸗ ten und wandte ſich dann zu ſeiner Braut mit der Frage:„Mein Kind, wollen Sie vielleicht ſelbſt 103 ein Paar Worte ſprechen?“ Sie nickte und begann ſogleich mit einer ſüß und wohlklingenden Stimme und dem edelſten Pathos:„Ihrem Gruße, Herr Pfarrer, meinen Dank! Ihrem Wunſche, ſo viel an mir iſt, meine Gewährung! Doch meine Worte gelten nicht Ihnen allein, ſondern Euch Allen, liebe Leute. Ihr kennt mich nicht und bringt mir doch Liebe und Verehrung entgegen, weil ich morgen Eure Gutsherrin werde. Das iſt deutſch, und ich habe es nicht anders von Euch erwartet. Ob es recht, ob es gut iſt, einem blutfremden Menſchen mit Auszeichnungen entgegen zu kommen, als ſei er Allen als ein Wohlthäter der Menſchheit be⸗ kannt, bloß aus dem Grunde, weil er vornehmer iſt? Das iſt eine andere Frage. Genug es iſt ſo, und ich bin gewohnt, mich der Nothwendigkeit zu fügen. Seht aber: käme ich daher geritten und Ihr wüßtet nicht, daß ich morgen die Frau des Oberſten würde, es ſiele Euch nicht ein, mich irgend wie auszuzeichnen. Ihr ſcht alſo, ich bin klar in dieſer Sache. Eben ſo klar weiß ich, was ich hier will und ſoll. Ich will Eure Liebe und Achtung wirklich verdienen; ich will mich Eurer leiblichen — 104 Noth annehmen, noch mehr Eurer geiſtigen. Des Leibes Nahrung und Nothdurft habt Ihr wohl zur Genüge; deſto ſchlimmer ſteht's mit des Geiſtes Nothdurft. Wenn Ihr geiſtig ſo gut genährt wä⸗ ret, wie leiblich, würdet Ihr mich, die Fremde, nicht anjauchzen, als wär' ich ein Engel vom Himmel; Ihr würdet abwarten, ob ich auch nur des klein⸗ ſten Grußes werth ſei. Ich will damit keinen Ta⸗ del gegen Sie ausſprechen, Herr Pfarrer. Sie können dafür nichts, und ich erkläre mich Ihnen ſchon näher.— Liebe Leute, ich bin wahrlich nicht gekommen, Eure Herrin zu ſein. Gott ſoll mich bewahren, daß ich über einen meiner Mitmenſchen mir Herrſchaft anmaßte! Dann wäre ich wirklich nicht des kleinſten Grußes von Euch werth. Eure Freundin will ich ſein, Eure Schweſter, Eure Mut⸗ ter, Eure Lehrerin, Eure Erzieherin, Eure Pflege⸗ rin, Eure Wohlthäterin, und ich will Euch mir zu Freunden und Freundinnen gewinnen, zu Brüdern und Schweſtern, zu Vätern und Müttern; ich will auch von Euch Lehre, Pflege und Wohlthat anneh⸗ men. Mit einem Worte: ich will als Menſch un⸗ ter Menſchen leben; wir wollen uns zu ächten, 105 wahren und guten Menſchen bilden, und ſo zwar, daß, wenn wieder ein Fremder oder eine Fremde hierher kommt, wir nicht jubeln, ſondern hübſch abwarten, ob ſie unſere Achtung verdient und dann wollen wir ſie ihr auf eine würdige Weiſe zu er⸗ kennen geben.“ Sie grüßte wieder leicht und freundlich, gab dem Pferde die Sporen und ſprengte anmuthig voran. Der Oberſt, der ihr mit einem ſchmunzeln⸗ den Lächeln zugehört, als wolle er damit ſagen: „ich kenne dieſe kleinen Betiſen und will ſchon da⸗ mit fertig werden,“ eilte ihr vergnügt mit den Be⸗ gleitern und Dienern nach. Die Bauern ſahen einander erſtaunt an. Mancher traute ſeinen Oh⸗ ren nicht und ſtieß den Nachbar an, um deſſen Meinung zu erforſchen. Im eigentlichſten Sinne ging Allen der Verſtand aus, und es fehlte in der That nicht viel, daß es dem Pfarrer nicht eben ſo ergangen wäre. So lange das Dorf ſtand, waren ſolche Worte einer Gutsfrau von keinem ſterblichen Ohre vernommen worden. Auf den Pfarrer hatte die ganze Erſcheinung einen berauſchenden, ſchier betäubenden Eindruck gemacht. Auf dem Heimweg 106 ſah er ſeine nächſte Umgebung kaum, aber das ſchlanke Weib auf dem ſchlanken Pferde, ihre zier⸗ lichen graziöſen Bewegungen, das feine kleine Ge⸗ ſicht von dunkeln Locken eingerahmt, ritt immer vor den Augen ſeines Geiſtes, während ihm die ſüße, weiche Stimme in den Ohren klang. Zerſtreut kam er nach Hauſe und bemerkte Malchen im Fami⸗ lienkreiſe erſt, als Hannchen ſie ihm lachend zu⸗ führte; aber ſeine Unterhaltung mit ihr war küm⸗ merlich genug. Natürlich war nur von der Braut des Gutsherrn und ihrem merkwürdigen Auftreten die Rede, welches weit größeren Tadel als Beifall fand. Eigentlich waren es nur Bellmann und Mal⸗ chen, welche ſich für die Dame erklärten, die Letztere ſogar mit einigen genialen Aeußerungen, die Nie⸗ mand von ihr erwartet hatte. Es ſchien, als ſeien die Geiſtesfunken aus jener Rede zündend in ihren eignen Geiſt gefallen. Bellmann meinte, ſeine Cou⸗ ſine ſei auch geiſtesverwandt mit ihm; ſie habe ſeine eignen Anſichten und Meinungen ausgeſprochen. Der alte Magiſter ſchüttelte bedenklich den Kopf; „die Ertreme taugten nichts.“ Die vorige Guts⸗ frau habe auf der äußerſten Rechten geſeſſen, die 107 jetzige nehme ihren Platz ſogleich auf der äußerſten Linken. In jene hätten ſich die Bauern leicht fin⸗ den können; denn ſie ſeien das hochmüthige Weſen vom Adel gewöhnt und nähmen es im tiefſten Re⸗ ſpekt als ſich von ſelbſt verſtehend hin. In die Freundſchaft und Schweſterſchaft der nunmehrigen Gutsherrin würde ſich aber kein Menſch im Dorfe finden können, und die junge Frau Oberſtin werde bald genug von dieſen idealen Schwärmereien durch ſchlimme Erfahrungen abkommen. Am unzufrie⸗ denſten ſprach ſich die Frau Magiſterin aus; ſie war faſt erbittert über die Unbeſonnenheiten, welche das Fräulein„geſchwatzt“ habe. Marius hielt ſein Urtheil ganz zurück, und darum befragt, antwor⸗ tete er: auf Worte ſei nicht viel zu geben; man müſſe die entſprechende That abwarten. Die Familie ließ gegen Abend im Schloſſe an⸗ fragen, wann es der gnädigen Herrſchaft belieben möchte, ſie zu empfangen. Statt der Antwort trat plötzlich der Oberſt mit ſeiner Braut in das Pfarr⸗ haus. Alle zum Hauſe Gehörigen waren betreten; der Empfang war ſchier peinlich. Mit großer Un⸗ befangenheit nahm aber die junge Braut das Wort: 108 „Es zieme ſich, daß ſie, die Fremde, Angekommene, zuerſt den Einheimiſchen, ſie, die Junge, den wür⸗ digen Alten, ſie, die um Freundſchaft und Wohl⸗ wollen Bittende, den zu Bittenden den Beſuch mache. Und damit wir uns gleich auf den rechten Fuß ſtellen, auf welchem ich mit Ihnen verkehren möchte und der meiner Individualität und wahrſcheinlich auch der Ihrigen am angemeſſenſten iſt, ſo will ich mich Ihnen heute ſchon offen und ehrlich geben, wie ich bin. Ich bin weit entfernt, ſtolz, hoch⸗ müthig, anmaßend zu ſein, aber eben ſo wenig bin ich demüthig, ſchüchtern, beſcheiden; nein ich bin ein ganz natürliches Menſchenkind, das ſich als Indi⸗ viduum geltend macht, aber durchaus will, daß Andere ihm gegenüber daſſelbe thun, das alſo un⸗ ter und mit natürlichen Menſchen verkehren will.“ Dieſe Erklärung rief neue Verlegenheiten her⸗ vor. Der Magiſter nahm das Wort und ſagte: „Sein Haus werde ſtets wiſſen, was es ihr an Ehrerbietung ſchuldig ſei. Gott habe die Standes⸗ unterſchiede ſelbſt eingeſetzt und ſie ſeien ſelbſt in der Thierwelt deutlich wahrzunehmen. Gottes Weis⸗ heit müſſe man aber überall reſpectiren.“ 109 „Nicht als Gottes Weisheit kann ich anſehen, Herr Magiſter, was allein rohe Gewalt und Ueber⸗ hebung unter den Menſchen hervorgerufen haben,“ verſetzte das Fräulein ruhig.„Legen Sie mir es nicht für Unbeſcheidenheit aus, wenn ich Sie an das große Wort Chriſti erinnere: Ihr wiſſet, daß die weltlichen Fürſten herrſchen und die Mächtigen unter ihnen haben Gewalt. Aber alſo ſoll es nicht ſein unter Euch; ſondern wer groß werden will unter Euch, der ſoll Euer Aller Diener ſein; und welcher unter Euch will der Vornehmſte werden, der ſoll Euer Knecht ſein. Denn auch des Men⸗ ſchen Sohn iſt nicht gekommen, daß er ihm dienen laſſe, ſondern daß er diene.“ Der Verblüffung des alten Mannes kam der Oberſt glücklich zu Hülfe, indem er lachend rief: „Ja, binden Sie nur mit der an! Die iſt bibel⸗ feſt. Und eine Bibliothek hat ſie. Drei ſchwere Frachtwagen voll Bücher. Und ich glaube, ſie hat ſie alle durchſtudirt.“ Marius horchte auf. Alſo eine Gelehrte! Er war ganz Auge und Ohr und verſenkte ſich geiſtig in den Anblick dieſer ſchmächtigen Geſtalt. Sie war doch eigentlich nicht ſchön. Sie hatte faſt gar kein Fleiſch. Das Geſicht war weiß, kränklich blaß, nur ein zartes Roth ſchimmerte durch. Die Naſe nicht groß, aber etwas adlermäßig erhöht und von edler Form; und das kleine graue Auge blickte ſo wun⸗ derbar geiſtreich und gab dem ganzen Geſicht einen ſo ungewöhnlichen Ausdruck. Marius verſuchte das Geſicht zu ſtudiren, aber er verfiel unwillkürlich in vage Träumerei.— Das Fräulein wandte ſich mit unerſchütterlichem Gleichmuth an Frau Sabine: „Wir werden einander ſchon verſtehen. Ich will gern recht viel lernen als Hauswirthin; denn ich weiß noch blutwenig. Und da komme ich denn als Hülfsbedürftige, Bittende zu Ihnen. Wo könnte ich mehr lernen als in Ihrem Hauſe!“ Erneſtine ließ ſich nun wenigſtens in ein Ge⸗ ſpräch mit ihr ein über Haushalt und Wirthſchaft, und Hannchen wurde zutraulich. Endlich kam Bell⸗ mann, der einen Spaziergang gemacht hatte. Kaum hörte das Fräulein, wer er ſei, als ſie ihn ſtür⸗ miſch umarmte und küßte und weinend wiederholt ihren theuern Cvuſin nannte. Frau Sabine ſchüttelte über dieſes„unſchick⸗ 111 liche“ Benehmen wieder mißbilligend den Kopf Es gelang dem Fräulein nicht, ſie zu gewinnen. Aber nur gegen den Alten und gegen Erneſtinen ließ ſie ihren ſcharfen Tadel aus, als das Paar fort war. Unbegreiflich war Allen der Oberſt, daß er ein ſol⸗ ches„Weſen“ heirathe. Die Aeußerungen über ihn waren zum Theil ſehr bitter und nichts weniger als chriſtlich. Ganz verſchieden war Marius' Ur⸗ theil über das Fräulein. Aber er ſprach es gegen Niemanden aus. Es war auch eigentlich gar nicht auszuſprechen; denn es war ja gar kein ſcharf ge⸗ dachtes, ausgebildetes Urtheil; es war vielmehr ein ſüßes wunderbares, ihm die Bruſt beklemmendes Gefühl von der hohen Vortrefflichkeit dieſes Wei⸗ bes. Er träumte Nachts von ihr. Im Pfarrhauſe hatte man vorausgeſetzt, das Brautpaar werde ſich im Schloſſe oder wenigſtens Abends in der Kirche bei Fackelſchein trauen laſſen. Das war nämlich adlige Sitte. Es gab alſo neue Verwunderung, neuen Tadel, als Fräulein Her⸗ mine wie eine Bauernbraut am hellen Tage in der Dorfkirche getraut zu werden verlangte. Es half aber nichts, es mußte drei Mal zur Kirche geläutet 112 werden, und nicht nur ganz Hallungen, auch Viele aus den benachbarten Dörfern ſtrömten zur Kirche. Und wiederum kam das Brautpaar nicht im Wa⸗ gen, ſondern zu Fuß in die Kirche. Der Oberſt hatte ſich wirklich von Grund aus geündert. Die Brautjungfern waren Mädchen aus dem Dorfe; Hannchen und Malchen mit darunter. Und wie einfach war die Braut geſchmückt! Ein weißſeid⸗ nes Kleid, ein Myrthenzweig im ſchlichten Haar; das war Alles. Aber gerade dieſe noble Einfach⸗ heit erhöhete den Eindruck, welchen Marius bereits empfangen hatte. Niemals war ihm ein Weib rei⸗ zender erſchienen, keines edler, keines größer. Die Worte: welcher unter euch will der Vornehmſte ſein, der ſei Aller Knecht! kamen ihm nicht mehr aus dem Sinne. Seit er ſie aus dieſem kleinen Munde gehört, war's ihm, als ſei ihm ihre wahre Bedeu⸗ tung erſt aufgegangen. Mit Begeiſterung ſprach er von der Liebe, als der QOuelle alles Lebens und alles Glückes; ſein Auge ſtrahlte, ſeine Wange färbte ſich höher, unwilllürlich floſſen jene Worte Chriſti in ſeine Rede. Noch nie hatte er ſchöner, ergreifender geſprochen. Als er aber die Trauformel 113 ſprach und ſeine Hand die verbundenen Hände des Paares berührte, war's ihm, als ſtröme ihm von Herminens kleiner Hand belebende Wärme, von der ſtarken Hand des Oberſten Kälte zu. Die ſeinige zitterte und in demſelben Augenblick drängte ſich ihm die Ueberzeugung auf: welch ein geiſtloſer ge⸗ wöhnlicher Menſch doch dieſer alte Soldat ſei und wie er ganz und gar nicht zu dieſem jungen un⸗ gewöhnlichen Weibe paſſe. Er war froh als die Handlung vorüber war; abgeſpannt und mit Kopf⸗ weh zog er ſich auf ſein Zimmer zurück. Die Fa⸗ milie war zu einem Mittagsmahle auf's Schloß geladen. Marius ging zwar mit, aber er war ein⸗ ſilbig und zerſtreut. Sein Auge haftete auf der Braut, ohne daß er es wußte, und er ſog das ſüße Gift der Liebe mit Augen und Ohren ein. Sein Kopfweh vermehrte ſich, ſeine Stirn glühete, ſeine Pulſe pochten, die Bruſt drohte ihm zu zer⸗ ſpringen. Er ging nach Hauſe, um eine fieberhafte Nacht zu durchwachen. Am andern Morgen fühlte er ſich ernſtlich krank. Das junge Ehepaar reiſte in's Bad, und Guſtav Bellmann begleitete ſie auf ihren Wunſch. Hannchen ging mit verweinten 8 ——— 114 Augen umher. Jedermann wußte, was ihr fehlte und lächelte. Niemand aber ahnete, was in dem armen Marius vorging. Wäre die Oberſtin in Hallungen geblieben, Marius würde höchſt wahrſcheinlich bald die Kraft in ſich gefunden haben, den Funken der Leiden⸗ ſchaft, der in ſeine Seele gefallen war, auszulö⸗ ſchen. Sein prieſterliches Amt, ſein Pflichtgefühl, ſeine Familie, ſeine Braut, die Achtung, die er dem Oberſten, die hohe Verehrung, die er der edeln Weiblichkeit in der reichbegabten jungen Frau zollte: Alles hätte ihn dabei unterſtützt. So aber wirkte das durch die ſchnelle Entfernung pvetiſch verklärte Bild des ungewöhnlichen Weibes mit unwiderſteh⸗ lichem Zauberreiz auf ſeine aufgeregte Phantaſie und grub ſich täglich tiefer in ſeine friſche empfäng⸗ liche Seele. Ungeſtört konnte er ſich ſeinen Träu⸗ mereien überlaſſen, die täglich bunter und heißer wurden und ihm ihren Liebreiz in immer verlocken⸗ deren Farben vorführten.— Und wäre nur das ———„ 115 Original dieſer Bilderreihe in dieſem Jahre nicht wieder nach Hallungen zurückgekehrt, oder doch we⸗ nigſtens erſt im Spätherbſt, nach Ablauf der Sai⸗ ſon, ſo würde Marius' moraliſche Kraft Zeit ge⸗ habt haben, ſich wieder zu finden und empor zu arbeiten. Das Bild der ungemeinen Frau wäre verblichen; ſeine moraliſche Kraft wäre Siegerin über die Leidenſchaft geworden, und niemals hätte Jemand von ſeiner Umgebung erfahren, welch eine gewaltige Flamme in ihm aufgeloht und ausge⸗ brannt ſei. So aber kam ſie ſchon nach ſechs Wochen wie⸗ der und zwar allein. Sie hatte den Oberſten im Bade zurückgelaſſen und verſicherte im Pfarrhauſe, wo ſie eine halbe Stunde nach ihrer Ankunft ſchon den Beſuch machte, ihr Herr Gemahl unterhalte ſich ohne ſie weit beſſer; er ſei genirt durch ſie, und ſie ſei ihm viel zu dankbar ergeben, um zu dulden, daß er ſi ich ihretwegen einen Zwang anthue. Eben ſo wenig könne ſie ſich aber auch nach ihm geniren und ſich ſeinetwegen Zwang auferlegen. Alles Gezwungene und Gemachte ſei ihr zuwider. Sie liebe das Natürliche und aus ſich ſelbſt ſich 116 Entwickelnde. Es ſei doch baarer und lächerlicher Unſinn, zu verlangen, daß aus der Eichel eine Buche, und aus einer Ecker eine Eiche erwachſe; ſchier noch größer ſei der Unſinn, einer Eiche zuzumuthen, daß ſie ſich in eine Buche verwandle oder umgekehrt. Der gute Oberſt ſei eine prächtige Eiche und wenn ſie ſelbſt nicht einmal die Ehre beanſpruchen dürfe, ſich mit einer Buche zu vergleichen, ſo ſpüre ſie doch etwas von der Natur eines Kirſch- oder Apfel⸗ baumes in ſich, der tauſend Blüthen treibe, von denen auch ein gutes Theil zu Früchten werde. Sie habe Nöthigeres zu thun, als in einem Bade zu faullenzen und ſich zu langweilen. Nicht vergebens ſei ſie des Oberſten Frau und Gutsherrin von Hallungen geworden, und nicht vergebens glaube ſie bei ihrem Empfange hier bemerkt zu haben, daß es für ſie hier viel Arbeit geben möchte, die ſie denn mit Hülfe der beiden Herren Pfarrer ohne Verzug und rüſtig in Angriff zu nehmen gedenke. Marius, bei ihrem unerwarteten Anblick von einer ſüßen Beſtürzung ergriffen, die ihn ſchwindlich machte und des Athems zu berauben drohete, ſchau⸗ erte in ſchmerzlicher Wonne zuſammen, als ſie ſich 7 an ihn mit den Worten wandte:„Auf Ihre Hülfe und Leitung rechne ich ganz beſonders; denn die Kräfte Ihres Herrn Vaters müſſen geſchont werden.“ „Verfügen Sie über die meinigen! Gebieten Sie über mich!“ ſtammelte er befangen.„Doch nach welcher Richtung hin wünſchen Sie, daß ich für Sie thätig ſei?“ „Nicht ſowohl für mich, als für alle Andern und nach allen Richtungen hin, die Ihnen Ihr edles Herz, Ihr gebildeter Geiſt, und Ihr Amt und Beruf vorzeichnet. Auch ſollen Sie nicht ſo⸗ wohl mein Gehülfe, vielmehr will ich Ihre Gehülfin ſein. Wir wollen die Menſchen hier glücklicher machen; dazu bedürfen ſie eines größeren Reich⸗ thums an ideellen und materiellen Gütern. Ge⸗ währen wir ihnen den erſteren, ſo werden ſie ſich den letzteren, wenn nur ſonſt der Kern gut iſt, ſelbſt erwerben. Es iſt eine Schmach, wie wenig die große Bildungsfähigkeit des menſchlichen Gei⸗ ſtes zum Wohl des Einzelnen wie ganzer Corpo⸗ rationen und der ganzen Geſellſchaft ausgebeutet wird. Dieſe Bildungsfühigkeit iſt, meiner Meinung 118 nach, weit größer, als man gewöhnlich annimmt. Ich fürchte nicht, daß Sie mich falſch verſtehen. Nicht zu Gelehrten im gewöhnlichen Sinne des Wortes ſollen die Menſchen gebildet werden— das wäre ja der allergrößte Unſinn; denn die Ge⸗ lehrten in dieſem Sinne ſind in der Regel ſehr charakterſchwache, unſelbſtſtändige und nicht ſelten ſogar recht alberne Menſchen— ſondern zu ver⸗ nünftigen Menſchen. Vernunft, die göttliche Flamme des Geiſtes, iſt bei den Meiſten ein kümmerliches Lichtlein, bei Vielen nur ein Funke, der bei Man⸗ chen gar nur in der Aſche glimmt, und ſie ſollte überall ein Feuer, bei Vielen ein himmelauflodern⸗ des ſein. Das ſei unſer Werk, Herr Pfarrer, die Flamme hervorzurufen, ihre Hinderniſſe zu entfer⸗ nen, ſie zu nähren und zu fachen, bis ſie aus ur⸗ eigner Kraft fortlodert. Was könnten die meiſten Menſchen ihren natürlichen Anlagen gemäß ſein, und was ſind ſie! Mich überläuft jedesmal ein Schauder bei dieſem Gedanken. Diejenigen, welche berufen ſind, die Menſchen zu bilden, entledigen ſich dieſer ihrer Pflicht, welche gerade zu die höchſte und heiligſte iſt, auf eine unverantwortliche Weiſe, vder „ 149 ſie haben ſelbſt nicht den mindeſten wahren, d. h. geiſtigen Beruf zu ihrem Geſchäft. Denken Sie nur an die Bewunderung erregende Geſchicklichkeit unſerer Kunſtreiter, Equilibriſten, Akrobaten, Tur⸗ ner u. ſ. w. Woher dieſe Biegſamkeit und Schnell⸗ kraft, dieſe Gewandtheit und Ausdauer des Körpers? Von der frühen Uebung, mein Herr, und von der fortgeſetzten, immer weiter ſchreitenden Uebung. Als zarte Kinder, als ſie kaum gelernt hatten, ihre Glie⸗ der zu gebrauchen, ſind ſie zu ſolchen, ſcheinbar ganz unbedeutenden Uebungen angehalten worden, bis ſie allmälig zu dieſer vollendeten Meiſterſchaft gelang⸗ ten. Wenn nun dergleichen mit dem Körper erzielt werden kann, wie viel mehr mit dem Geiſte, der doch hundertmal elaſtiſcher, dehnbarer und überhaupt bildungsfähiger iſt, als jener.“ „Und womit wollen Sie dem Geiſte dieſen un⸗ geahnet hohen Grad von Bildung gewähren?“ rief Marius, überraſcht von der Neuheit und Kühn⸗ heit der Idee, welche die geniale Frau eben enthüllt hatte, aus. „Machen Sie ihn allmälig mit den Geſetzen der Natur und denen ſeines eignen Weſens bekannt, 120 die eben dieſelben ſind— Makrokosmus und Mi⸗ krokosmus— ſo weit ſie die Wiſſenſchaft bis heute entdeckt hat; dann überlaſſen Sie ihn getroſt ſich ſelbſt. Er wird auf der Bahn, auf die Sie ihn geleitet, allein weiter gehen, ſo weit als es eben ſeine individuelle urſprüngliche Kraft geſtattet, der Eine einen Schritt, der Andere viel tauſend Mei⸗ len. Mit einem Worte, belehren Sie ihn, bis Sie ihn zu ſeiner vollen Reife gebracht haben, dann aber bevormunden Sie ihn nicht, wohlverſtanden in kei⸗ ner Weiſe, alſo auch nicht in religiöſer; und Sie werden Reſultate erleben, von denen die Welt bis jetzt noch gar keine Ahnung gehabt hat.“ „In der That, des Verſuches iſt die Sache werth,“ meinte Marius. „Und wir wollen den Verſuch ohne Zögern beginnen. Wir fangen mit den Kleinſten an. Die Erziehung des Menſchen muß, wie der ehrliche Jean Jacques Rouſſeau ganz richtig bemerkt, ſchon vor ſeiner Geburt beginnen. Ich habe da meine Pläne mit den jungen Müttern. Sie werden der Gegen⸗ ſtand meiner Sorgfalt ſein, meiner ganz beſondern aber in jenem geheiligten Zuſtand, wo die Hand ————— 13 der ſchaffenden Natur ſie zu Trägern eines neuen, ſich aus dem Keime entwickelnden Lebens geweiht hat. Ich habe da ſehr gute Bilder, Kindergruppen und einzelne Kinder, alle von klaſſiſcher Schönheit, Gemälde in Oel- und Waſſerfarben, Stahlſtiche und Lithographien zu dieſem Behufe mitgebracht; ich werde noch mehr zuſammenkaufen, auch Skulp⸗ turen in guten Gypsabgüſſen. Mit dieſen Kunſt⸗ werken werde ich die jungen Frauen umgeben, um dadurch ſchöpferiſch geſtaltend auf ihre Phantaſie einzuwirken. Aber, damit bei Weitem noch nicht genug, werde ich überhaupt ſchöne Formen um ſie aufzuſtellen ſuchen, werde ſie ſelbſt Schönes ſchaffen lehren. Die Künſte ſind dazu beſtimmt, das Leben in einem ganz andern Sinne zu veredeln, als man dieſen Gemeinplatz gewöhnlich nimmt; ſie ſollen den Menſchen ſelbſt körperlich und geiſtig verſchö⸗ nen und veredeln. Ein Menſch, dem die Idee des Schönen ſchon im Mutterleibe eingeimpft wurde, der ſie dann von Kindesbeinen an in ſich erlebte und verkörperte, der muß ſie dann auch durch jedes Wort und durch jede That ſeines Lebens zur ſinn⸗ lichen Anſchauung bringen. Er kann gar nichts 122 Häßliches reden und thun, und er iſt moraliſch, tugendhaft, religiös, nicht nur aus ſittlichem Be⸗ dürfniß, ſondern aus ſittlicher Nothwendigkeit. Wie aus der Eichel die Eiche aufwachſen muß, ſo aus dieſem Kinde ein ſittlich ſchöner Menſch. Das wahrhaft Schöne iſt auch immer wahrhaft gut, und durch das Schöne wird die Menſchheit ihrer idea⸗ len Vollendung entgegengeführt. Wahrlich die Künſte ſind nicht da, um der Eitelkeit reicher Leute zu fröh⸗ nen, oder ihnen die Langeweile auf Augenblicke zu vertreiben; ſie ſollen das Hauptbeförderungsmittel der wahren Menſchenerziehung ſein.“ „Ihre Anſichten und Pläne entzücken mich!“ rief Marius mit leuchtenden Augen und höher ge⸗ rötheten Wangen. „Meine Sorge wird dann den Neugeborenen ſich zuwenden, daß ihnen von Milch, Waſſer, Luft und Licht, vom Grün des Waldes und der Wieſe, vom Schmelz der Blumen, von Geſang und Muſik die gehörige leibliche und geiſtige Nahrung zuge⸗ wendet werde. Wir müſſen eine Singakademie er⸗ richten, die Knaben und Mädchen, die allmälig der geſchlechtlichen Reife entgegen gehen, müſſen einen ——,— 123 Geſangchor bilden, in welchem auch die jungen Frauen kunſtgemäß ſingen lernen; ferner müſſen wir einen Männergeſang bilden, und wie wir die ſchwangern Frauen anhalten, allen dieſen Geſangs⸗ produktionen beizuwohneu, ſo laſſen wir auch die Kinder dahin bringen. So auch zu den Auffüh⸗ rungen der Muſikanten, deren höhere künſtleriſche Ausbildung ich ſelbſt übernehmen werde. Sie müſſen unſere beſten Meiſter ſpielen lernen. Ohr und Geiſt der Kinder müſſen die ſeelenvollſten Gefühlsaus⸗ drücke der genialſten Meiſter in ſich aufnehmen. Wir regeln und ordnen die Spiele der Kinder nach Geſang und Tanz. Die rhythmiſche Bewe⸗ gung nach rhythmiſchem Geſang wird von unbe⸗ rechenbarem Einfluß auf die Kinder ſein. Wir bilden ihnen das Leben gleichſam harmoniſch vor. Die Harmonie, das äſthetiſche Maß wird für ihr ganzes Leben beſtimmend ſein; wir drücken es ihnen mit unauslöſchlichen Zügen in die Seele, oder viel⸗ mehr wir laſſen es zu ihrem eigenſten Leben wer⸗ den; ſie ſelbſt werden harmoniſches Maß und ſitt⸗ liche Schönheit. Ebenſo benutzen wir den dem Menſchen angeborenen Thätigkeitstrieb, der ſich ſo 124 früh im Kinde kund giebt, um ihnen die Elemen⸗ tarwiſſenſchaften beizubringen, nicht in der dunſti⸗ gen ſtaubigen Schulſtube, nicht auf den Schul⸗ folterbänken, nein im Wald und Feld mit Geſang und Tanz. Dort ſollen ſie mir leſen, ſchreiben, rechnen, Naturkunde, Geſchichte lernen, dort ſollen ſie Gott ſelber finden und ihr junges Herz ſtau⸗ nend an ſeiner Größe und Liebe erheben.— Sehen Sie, lieber Herr Pfarrer, in dieſen kurzen Umriſſen habe ich Ihnen angedeutet, wie ich ein neues beſſe⸗ res Geſchlecht ſchaffen will. Ich zähle beſtimmt auf Ihre Mitwirkung.“ „Alle meine Kräfte gehören Ihrem herrlichen Plane!“ rief Marius in der edelſten Erregung, die ſeinem äußern Weſen einen überraſchend herrlichen Ausdruck verlieh. Die Mutter hatte durch eine, an ihr unge⸗ wohnte, ſtrenge Miene, die ſich im Verlauf der Erpektoration der Gutsherrin allmälig gleichſam verſteinerte, ihr Mißfallen an dieſer verrathen; jetzt nahm ſie den Ausdruck ſchier zorniger Mißbilligung an, mit welcher ſie gegen ihren Sohn gewandt, den Kopf ſchüttelte. Der Magiſter verſtand ſie voll⸗ 125 kommen, und er hielt es für Pflicht, ihre Beſchei⸗ denheit, die ihr Schweigen auferlegte, zu belohnen, indem er ihren und zugleich ſeinen eignen unan⸗ genehmen Gefühlen die ſchonendſten Worte gab. „Die gnädige Frau,“ ſagte er bitter lächelnd, „wollen mir erlauben, zu bemerken, daß die von Gott verordnete Beſtimmung des Landvolks iſt, in Züchten und Ehren und aller chriſtlichen Tugend zu leben, zu arbeiten und zu ſterben, um durch die erlöſende Kraft des Blutes Chriſti der ewigen Se⸗ ligkeit theilhaftig zu werden. Alles Uebrige würde von Uebel, von großem Uebel ſein; denn es wäre wider Gottes Ordnung und Geſetz.“ „Dann muß ich Sie in aller Beſcheidenheit um die gefällige Erklärung bitten, was Sie unter Gottes Ordnung und Geſetz verſtehen?“ „Sie ſind deutlich genug in der Natur, ſeinem Werke, und in der Bibel, ſeinem geoffenbarten Worte, ausgeſprochen. Im Schweiße Deines An⸗ geſichts ſollſt Du Dein Brod eſſen! hat er befoh⸗ len, und: ſechs Tage ſollſt Du arbeiten. Großer Gott, was ſollte aus den Bauern werden, wenn ſie nur Muſik und Tanz trieben, ſchöne Bilder 126 anſähen und Bücher läſen! Das ſind Ideen, gnä⸗ dige Frau, von denen Sie hier im Orte bald genug zurückkommen werden. Jedem das Seine. Den vornehmen Ständen die Künſte und Wiſſenſchaf⸗ ten, die Vervollkommnung des Geiſtes: dem Bauer die Arbeit der Hände und ein ſchlichtes gottgefälli⸗ ges Leben. Mit der hohen und feinen Kultur ſind ſtets Laſter und Sünden verbunden; mit dem ein⸗ fachen ſchlichten Sinne aber Tugend und Ehrbar⸗ keit. Das iſt meine, auf die Erfahrungen und Prü⸗ fungen eines langen Lebens und einer geſegneten Wirkſamkeit baſirte Meinung. Wollen Sie dieſelbe nicht ungnädig vermerken.“ Die Alte ſah mit dem Ausdruck großer Befrie⸗ digung auf ihren Eheherrn hin und gab ihm ihren Beifall durch ein leiſes Neigen des Kopfes zu er⸗ kennen. Für ſie hatte ein Orakel geſprochen. Auch Erneſtine war mit der würdevollen Abfertigung der Oberſtin ſehr einverſtanden. Marius blickte verle⸗ gen und in augenſcheinlich peinlicher Stimmung auf ſeinen Vater und Frau von Schneebach. Dieſe aber verſetzte mit der größten Ruhe:„Wir gera⸗ then in einen Prinzipienſtreit, Herr Magiſter, und 127 da dürfen wir uns einander nichts verübeln. So ſag' ich Ihnen denn offen, Ihre Erklärung der Ordnung und des Geſetzes Gottes genügt mir kei⸗ neswegs. Ich habe eine ganz andere und ich darf wohl behaupten, weit höhere Anſicht davon, und auch die meinige iſt auf die klaren Ausſprüche der Natur und der Bibel begründet. Und ich denke, feſter als die Ihrige. Nirgend in der ganzen Na⸗ tur hat ſich Gott herrlicher, ich möchte ſagen gött⸗ licher geoffenbart als in der menſchlichen Vernunft. Sie iſt ſelbſt ein Strahl ſeines ewigen und uner⸗ gründlichen Lichtes. Alle Menſchen haben dieſen Strahl empfangen, aber nicht alle in gleicher Stärke. Die Abſtufung in der geiſtigen Begabung iſt un⸗ gemein groß und mannigfach⸗ Aber wie ſchwach auch zuletzt noch der Schimmer des göttlichen Glan⸗ zes ſei, immer iſt der Geiſt des Menſchen einer großen und vielſeitigen Bildung fähig, und es iſt unverkennbar Gottes Wille, daß alle Anlagen des Menſchen, geiſtige, wie körperliche, zu der höchſten Ausbildung, deren ſie überhaupt fühig ſind, geſtei⸗ gert werden. Wenn dies nicht Gottes Wille wäre, ſo würde er dem einen Menſchen nicht grade dieſe, 128 dem andern nicht gerade jene Anlagen gegeben ha⸗ ben. Auch beſtätigt die Bibel vollkommen dieſe An⸗ ſicht, indem ſie ſpricht: Gott will, daß allen Men⸗ ſchen geholfen werde und ſie zur Erkenntniß der Wahrheit kommen. Wahrheit kann hier unmöglich etwas Anderes heißen, als die höchſte harmoniſche Ausbildung aller Anlagen und Kräfte des Men⸗ ſchen. Und wie bedeutungsvoll iſt doch das Wort „geholfen“. Von wem, durch wen ſoll ihnen denn geholfen werden? Von uns, durch uns, Herr Magiſter, die wir durch glückliche Umſtände bereits zu einer höheren Ausbildung gelangt ſind. An uns iſt die innere Miſſion ergangen, Helfer der armen Menſchheit zu werden. Wenn nun wirklich nach Gottes Willen allen Menſchen geholfen iſt, wenn ſie alle zur Erkenntniß der Wahrheit gekommen ſind, d. h. wenn jedes Individuum durch Lehre und Bei⸗ ſpiel zur größtmöglichſten harmoniſchen Ausbildung aller ſeiner Anlagen und Kräfte gelangt iſt, und Alle mit dieſen Kräften ſolidariſch auf das eine große und gemeinſame Ziel losſtreben, auf Glück, Wohlſein und Zufriedenheit jedes einzelnen Men⸗ ſchen und ſomit der ganzen Menſchheit, dann kann 129. natürlich nicht mehr von einem Unterſchied der Menſchen die Rede ſein, wie ihn die Nichterfüllung des göttlichen Willens, wie ihn die Vernachläſſi⸗ gung der menſchlichen Kräfte und Anlagen, wie ihn Eigenſucht, Trägheit und Gewohnheit allmälig feſtgeſtellt haben und wie Sie ihn als göttliche Ordnung und Geſetze feſterhalten wiſſen wollen. Der große Herr und Meiſter von Nazareth hat uns gelehrt, daß wir Alle Kinder eines Vaters ſind und ſomit alle gleiche Rechte an das Gottes⸗ reich haben. Dieſes Gottesreich beginnt aber nicht erſt nach unſerm Tode, nein hier auf dieſer ſchö⸗ nen Erde iſt es ſchon; Jeder hat die vollgültigſten Anſprüche an ihre Freuden und Schätze, die Gott mit ſo überſchwenglicher Liebe und Güte in uner⸗ ſchöpflicher Fülle darbietet. Mit nichten ſoll der Eine dumm bleiben und arbeiten, damit der Andre ſich ausbilde und praſſe und ſchwelge. Nicht die Arbeit will ich verbannt wiſſen und an ihre Statt das Vergnügen ſtellen; wie könnte mir ſo Thö⸗ richtes einfallen! Die Arbeit iſt's allein, welche ewig das Material zur helllodernden geiſtigen Le⸗ bensflamme liefert. Ohne Befriedigung des Thä⸗ 9 130 tigkeitstriebes ſinkt der Menſch unter das Thier. Aber eben weil Arbeit geiſtige Lebensbedingung iſt, will ich ſie für Alle, und ich kann unmöglich eine Scheidung der Arbeit in geiſtige und körperliche geſtatten. Jede Arbeit iſt zugleich geiſtig und kör⸗ perlich, und die Arbeit des Bauers, wie er ſie jetzt noch verrichtet, wird ſo durchgeiſtigt werden, wenn er ſich erſt der harmoniſchen höchſten Aus⸗ bildung aller ſeiner Kräfte erfreut, daß ſie dem ſtillen Forſchen und Wirken des Geiſtes im Gebiete der Künſte und Wiſſenſchaften gleich zu achten iſt, während wir jetzt die ſogenannte geiſtige Arbeit gar oft unter das Schaffen des gemeinen Tagelöhners herabſinken ſehen. Der künſtliche Unterſchied zwi⸗ ſchen geiſtiger und körperlicher Arbeit beruht auf jenem unwahren Dualismus, dem Grundprincip des zeitherigen Menſchheitlebens. Es iſt ein fal⸗ ſches geweſen, aber als Stufe zur höhern Einſicht hat es natürlich ſeine hiſtoriſche Berechtigung. Was ewig Eins war und in alle Ewigkeit Eins ſein wird, trennten die Menſchen in zwei Theile und thaten dadurch der Natur Zwang an. Dieſer aber hat ſich natürlicher Weiſe furchtbar an ſeinen Voll⸗ 131 ziehern gerächt. Alles geſellſchaftliche Elend, in dem wir bis an die Ohren ſtecken, iſt aus dieſem unnatürlichen Zwang erwachſen. Ich kann mich hier nicht näher über das eigentliche Weſen dieſes Dualismus auslaſſen; genug es iſt ein verderb⸗ liches geweſen, verderblich wie in allen Beziehun⸗ gen, ſo auch in dieſer, daß ſie die Menſchheit, die eine einige und ganze ſein ſoll, in zwei ungleiche Hälften ſpaltete. Die ungeheure Majvrität iſt die mit der Hand arbeitende, die ſchaffende; die Mi⸗ norität beſteht aus Leuten, die zum Theil mit dem Kopfe arbeiten, zum Theil gänzlich müßig ſind und durch tauſenderlei Ränke und Kniffe, die ſie ausgeſonnen, es allmälig dahin gebracht haben, daß ſie die Früchte der Arbeit Andrer im reichſten Maße genießen und in dieſem Ueberfluß mit Raf⸗ finement ſchwelgen. Zwiſchen dieſen beiden Hälften iſt eine ungeheure Kluft entſtanden, und beide haben faſt nichts mehr miteinander gemein, als daß die Einen ſäen und ernten und die Andern die geerntete Frucht in Empfang nehmen. Dieſe Kluft, ſo breit und ſo tief ſie iſt, wird, wenn jene zweite Hälfte der Zeit nicht Rechnung trägt, über 9* 132 kurz oder lang mit Leichen ausgefüllt werden, und dann wird die Menſchheit ihrer göttlichen Beſtim⸗ mung nach Eins ſein. Dann wird man den Ge⸗ ſetzgeber und Lenker des Staats vom Pfluge hin⸗ wegholen, wie einſt den weiſen Cincinnatus, dann wird der Gelehrte ſeine Studirſtube in eine Werk⸗ ſtatt verwandeln, wo die Künſte der Mechanik und die Forſchungen in dem Gebiete der Naturwiſſen⸗ ſchaften als mächtige Hebel in das Leben eingreifen, dann wird jeder Handwerker ein Künſtler ſein, dann wird mit einem Worte der große Verſchmel⸗ zungsprozeß zwiſchen Theorie und Praxis, deren geſonderte und ſchier feindſelige Stellung gegen einander auch aus jener dualiſtiſchen Weltanſchauung hervorgegangen iſt, vollzogen werden. Dann wird es keine dummen Bauern und keine hypochondern Gelehrten mehr geben. Aber dazu, meine Herren, muß der Menſch erzogen werden; denn er iſt ſtets nur das Product ſeiner Erziehung. Und zu ſol⸗ cher menſchheiteinheitlichen Erziehung will ich meine Kräfte verwenden; ich will was an mir iſt dazu beitragen, daß allen Menſchen geholfen werde und ſie zur Erkenntniß der Wahrheit kommen; ich will, — — 133 daß es nicht blos in der Bibel ſtehe, daß wir Alle Kinder eines Vaters ſind; nein ich will, daß dieſe allgemeine Kindſchaft, die große Verbrüderung der Menſchheit eine Wahrheit werde. Schöne Worte ſind von Thronen, Kanzeln und Tribünen Jahr⸗ hunderte lang genug gemacht worden; es iſt nun Zeit, daß wir mit Thaten handeln.“ Die ſonſt bleichen ſchmächtigen Wangen der Oberſtin hatten ſich während des geſteigerten Feuers ihrer Rede mit einer leichten Gluth überzogen, gleichſam der Widerſchein ihrer in Flammen ſte⸗ henden Seele; ihr Auge ſtrahlte wunderbar, ihre Bruſt hob und ſenkte ſich raſch; ihre ganze Geſtalt hatte etwas Fremdes, Siegreiches, und dem ent⸗ zückten Marius, der vor Bewunderung bebte, ſiel plötzlich ein, ſo müſſe Welada ausgeſehen haben, wenn ſie weiſſagte. Der alte Magiſter wußte auf die begeiſterte und hinreißende Rede der Gutsfrau in ſichtbarer Verlegenheit nichts zu erwiedern, als daß die geäußerten Anſichten ſehr viel Gutes enthielten, wozu die Menſchheit aber noch lange nicht reif ſei, womit er ſich eigentlich überwunden erklärte. 134 „Wir wollen ſie aber durch Erziehung reif machen, lieber Herr Magiſter,“ entgegnete die junge Frau und verabſchiedete ſich raſch. Ein geſpanntes Schweigen herrſchte mehrere Minuten in der Familie. Frau Sabina brach es zuerſt, indem ſie ihrem gepreßten Herzen Luft machte und die junge Gutsfrau für eine der über⸗ ſpannteſten Schwärmerinnen erklärte, die es nur geben könne, für eine unbeſonnene Neuerin, die leicht gefährlich werden könne und von der ſie viel Unglück für das Dorf, ja wohl gar für das Pfarr⸗ haus fürchte. Ihr beſorgter Mutterblick fiel dabei auf Marius, der erröthend den ſeinigen zu Boden ſchlug. Ihm war als habe das helle Mutterauge ihn durchſchaut, und mit einer ſehr gemiſchten und unklaren Empfindung, in welcher aber Bitterkeit vorherrſchte, begab er ſich auf ſein Zimmer und verfiel da wieder in ein tiefes Sinnen oder viel— 1 mehr traumartiges Brüten. Er hatte das bange 11 Gefühl, wenn auch nicht das volle Bewußtſein, daß ein Mißton zwiſchen ihn und die Seinigen getreten war, der leicht zum Zwieſpalt werden konnte; aber die Rieſengedanken der Oberſtin 135 flammten immer wieder in ihm auf und verdun⸗ kelten Alles daneben. Sein ſchwerbeladenes Herz verſuchte zu beten; aber er fand nicht Ruhe, nicht Klarheit im Gebet. Die Oberſtin ließ ihren Worten raſch Thaten folgen. Sie zeigte ſich bald als einer jener Cha⸗ raktere voll Federkraft, welche Hinderniſſe mur in ſo fern anerkennen, als ihr urſprünglicher kräftiger Gang dadurch mehr und mehr beflügelt wird. Sie ging im Dorfe von Haus zu Haus und verbannte durch freundliches belehrendes Geſpräch die dem Bauer mit der Muttermilch eingeflößte Scheu vor den„vornehmen Leuten!“ Und ſie war überall ſo wahr und ſo natürlich, daß den Dorfbewohnern, die meiſt ein ſehr richtiges Gefühl in dieſer Be⸗ ziehung beſitzen, gar nicht die beklemmende Ueber⸗ zeugung wurde, die Gutsfrau laſſe ſich zu ihnen herab; ſie fanden vielmehr zu ihrem Erſtaunen, daß die Dame von vorn herein auf gleichem Bo⸗ den mit ihnen ſtehe. Dadurch gewonnen ſie die 136 nöthige Sicherheit im Verkehr mit ihr, und dieſer folgte denn auch bald der richtige Takt. Es fiel ſelbſt gemeinen und verwahrloſten Naturen nicht ein, ſich etwas gegen die Frau herauszunehmen, die ſich doch, nach ihrem Ausdruck, ſo„gemein mit ihnen mache.“ So veredelte ſie Alle um ſich her, während ſie eine Gleiche unter Gleichen zu verkehren ſchien. Und das machte ſich gleichſam Alles von ſelbſt; nirgend ein Befehl, ein Zwang, eine Bevormundung. „Hier ſtellt ſich klar heraus,“ erwiederte ſie dem jungen Pfarrer, der ihr ſeine hohe Verwun⸗ derung über dieſes ihm ſo merkwürdige Reſultat zu erkennen gegeben hatte,„auf welchen Irrwegen unſre Regierungen, die freilich aus lauter„vor⸗ nehmen Leuten“ beſtehen, begriffen ſind, wenn ſie fort und fort das Volk regieren, am Zwangſeil herumzerren, ihm alles, was ſich von ſelbſt ver⸗ ſteht, mit barſchem hochnaſigen Tone befehlen und es mit Worten und Thaten behandeln, wie einen halsſtarrigen bösartigen Stier. Dadurch machen ſie denn das Volk endlich dazu, wofür ſie es von vornherein gehalten haben, zu einem ungeberdigen 137 wilden Thier, das nur im Joch, mit Zaum und Gebiß, im Zwangſtall und mit äußerſter Strenge in Zucht und Ordnung gehalten werden kann. Das geht denn ſo lange, bis es auf der einen Seite zum tückiſchen raſenden Thiere gepeinigt worden iſt, auf der andern ſich ſeiner Kraft und ſchwerbeleidigten Menſchenwürde bewußt wird. Dann wirft das gemarterte Roß den Reiter wohl ab, läßt ihn aber gutmüthig wieder aufſitzen und denkt, er werde ſich die Lection zu Gemüthe ziehen. Im Rei⸗ ter erwacht aber im Gegentheil nun das unedelſte Rachegefühl und er peinigt das Roß nun erſt recht. Nach langem oder kurzem Dulden wirft ihn das Roß wie⸗ der ab und zerſtampft ihn mit den Hufen. Vertrauten die Staatenlenker dem innern edeln Kern der menſchlichen Natur, dem Gotte in der Menſchheit, es würde niemals zu ſolchen Wuth⸗ ausbrüchen kommen. Aber ſolche furchtbare Wehen und Schmerzen ſind nöthig zur Geburt der Ein⸗ heitsidee im Geiſte der Menſchheit, der größten und erhabenſten, welche je zu Fleiſch und Blut 138 geworden iſt. Iſt ſie erſt als ſichtbare und greif⸗ bare Erſcheinung ins Leben getreten, dann wird der Entwicklungsgang der einheitlichen Menſchheit nicht mehr durch ſolche furchtbare Kataſtrophen unterbrochen werden; denn es werden dann nicht mehr zweierlei Menſchenklaſſen neben einander hin⸗ gehen, die faſt nichts weiter mit einander gemein haben, als daß die eine befiehlt und genießt und die andre gehorcht, arbeitet und entbehrt; es wird nicht mehr einen übermüthigen Reiter und ein ge⸗ martertes Roß geben, ſondern einen Centauren— Roß und Reiter werden ein Weſen ſein. Sie ſehen, daß der Grund des Uebels wieder in dem ſchon gerügten Dualismus der zeitherigen Welt⸗ anſchauung liegt. Hätten wir nicht einen Gott und einen Teufel, Ormuzd und Ahriman, Engel und Dämonen, Himmel und Hölle, Zeit und Ewig⸗ keit, Leben und Unſterblichkeit, wir würden auch keine zweierlei Menſchenklaſſen im oben angedeu⸗ teten Sinne haben. Aber der Tag iſt nicht mehr fern, wo die Welt, die ewig ein Ganzes war, nämlich in Gott und durch Gott, oder was das⸗ ſelbe iſt, in ſich ſelbſt, durch ſich ſelbſt— denn 139 Gott und die Welt ſind ja eben ewig eins und durchaus nicht zwei einander entgegengeſetzte Be⸗ griffe— wo die Welt, ſag' ich, auch in des Menſchen Geiſt zu einem Ganzen zuſammenſchmel⸗ zen und als ein Ganzes, Untheilbares begriffen werden wird. Wenn erſt der Menſch aus ſich heraus die begriffne Wahrheit lebt, daß in der unendlichen Mannichfaltigkeit, in der ewigen Viel⸗ heit nur die ewige unendliche Einheit ſei, daß dieſe Einheit Alles umfaſſe, daß Alles in ihr zuſammen⸗ falle, daß dieſe Einheit der Grund und das Weſen aller Dinge ſei, unendlich geſtaltig in die Erſchei⸗ nung tretend, daß alles Leben und Werden ſeinen Grund in ihr habe und eins mit ihr ſei— dann wird das Menſchenleben auch ein andres, ein ſchöneres und erhabneres werden. Wir wollen in unſerm Kreiſe darauf hinarbeiten, daß dieſes glück⸗ lichere Zeitalter bald anbreche.“ Marius hatte nachdenkend zugehört; er war ſtets tief ergriffen, wenn ſie ihren Geiſt in ſo ge⸗ waltigen Wellenſchlägen ausſtrömen ließ; auch jetzt prägte ſich ſeine innere Erregung in ſeinen Zügen aus. Er ſchwieg einige Minuten, dann ſagte er 140 ſchmerzlich:„Ihre pantheiſtiſche Weltanſchauung, gnädige Frau, iſt ſo himmelweit verſchieden von der chriſtlichen, daß Sie unmöglich eine Chriſtin ſein können.“ „Sie haben recht, ich bin es nicht! Ich bin es weder im ſtreng kirchlichen Sinne, noch nach dem ſchwankenden Begriffe der Rativnaliſten. Aber wir haben uns noch nicht genug in einander ge⸗ lebt, um dieſes wichtige Thema mit einander zu erörtern. Ich weiß wohl, daß ſeine Abhandlung für uns eine unvermeidliche iſt, aber ich denke, wir ſetzen ſie noch einige Zeit aus; wir ſind noch nicht vorbereitet genug dazu und müſſen erſt klarer an einander werden.“ „Wie können wir dies beſſer als gerade in der verſuchten Auflöſung dieſer hohen Aufgabe? Mich drängt es, Sie zum reinen und beſeligenden Chriſtusglauben zu bekehren, wie Ihre verſtorbene Tante. Es giebt ein höheres als die Vernunfts⸗ ſchlüſſe des Geiſtes, ein Unſichtbares, urewig Gött⸗ liches, das allerdings der rohen Materie entgegen⸗ geſetzt iſt und das wir nur in begeiſterter Glau⸗ bensſeligkeit ahnen und endlich anſchauen können. —,— „— 141 Sie müſſen dieſer höchſten Weihe des Gemüths theilhaftig werden. Nie war eine Frauenſeele deſſen würdiger als Sie.“ „O mein Freund!“ verſetzte die Oberſtin mit ſchmerzlichem Lächeln,„wie recht hatte ich, als ich Ihnen einwarf, wir ſeien noch nicht vorbereitet genug, dieſes höchſte Thema miteinander abzuhan⸗ deln. Wir ſind noch ſehr weit von einander ent⸗ fernt. Sie betrachten mich als eine noch auf einer niedern Stufe unter Ihnen Stehende, die Sie empor zu heben ſich gedrungen fühlen und begreifen nicht, daß ich weit höher ſtehe als Sie ſelbſt. Sie ſprachen mir die Weihe des Gemüths ab, welches der begeiſterten Glaubensſeligkeit nicht fähig ſei, mit der man allein das Unſichtbare, Göttliche an⸗ ſchauen lerne, das hoch über der rohen Materie ſtehe. So trennen Sie alſo den Gott von der Welt, den Geiſt von der Materie, das unſichtbare Subject vom ſichtbaren Object. Sie müſſen das als Chriſt und namentlich als chriſtlicher Prieſter. Denn auch Chriſtus hatte die große Idee der Einheit alles Lebens und Seins noch nicht in ihrer ganzen Klarheit erfaßt, wenigſtens nicht nach 142 den Berichten dieſer unvollſtändigen und unzuver⸗ läſſigen Bücher, welche die Evangelien genannt werden. Und doch nannte ſich dieſer große Geiſt voll kühner und gewaltiger Anſchauungen vorzugs⸗ weiſe und ſehr bedeutungsvoll den Menſchen⸗ ſohn, d. h. den Sohn der Menſchheit, und doch haben die Verfaſſer der Evangelienbücher das große Wort von ihm aufgezeichnet:„Ich und der Vater ſind Eins,“ was nie etwas Anderes heißen kann als Gott und die Menſchheit ſind Eins.— Aber die Kirche hat dieſe Worte anders gedeutet; ſie erhebt den einfachen Lehrer und Propheten zum Gott und ſtellt in ihren Symbolen die Begriffe feſt, die da geglaubt werden ſollen und die nicht. Ein Chriſt iſt nur der, welcher aus innerer Ueber⸗ zeugung Alles glaubt, was ihm der ſogenannte chriſtliche Glaube d. h. die Kirchenſatzung zu glau⸗ ben vorſchreibt. Wer an irgend einem Satze zweifelt, hat ſchon aufgehört ein Chriſt im eigent⸗ lichſten Sinne zu ſein. Seine Vernunft mafßt ſich ein Urtheil über Glaubensſachen an, und er iſt Rativnaliſt. Sie werden mir nun ſchon die Ge⸗ wiſſensfrage geſtatten: glauben Sie Alles, was in 143 der Bibel ſteht und was das apoſtoliſche, nicäiſche, athanaſiſche Glaubensbekenntniß, was die augs⸗ burgiſche Confeſſivn, der große und der kleine Katechismus Luthers, die ſchmalkälder Verträge, das Concordienbuch, kurz alle die Satzungen der proteſtantiſchen Kirche, welche man unter dem gemein⸗ ſamen Namen der ſymboliſchen Bücher zuſammen⸗ faßt, als Glaubensnorm feſtſtellt und vorſchreibt?“ „Dieſe Frage, gnädige Frau, aus Ihrem Munde an mich gerichtet, hat faſt etwas Beleidi⸗ gendes,“ entgegnete Marius mit der Miene des gekränkten Stolzes.„Ich huldige dem Geiſte des Chriſtenthums, dem Geiſte der Liebe, der Wahrheit des Lebens, nicht alten todten Formen.“ „Wohl! Ich habe allerdings keine andre Ant⸗ wort von Ihnen erwartet. Sie ſind alſo ein Rativnaliſt. Nun kommt die zweite wichtigere Frage: geſtatten Sie Ihrer Vernunft ein unbe⸗ ſchränktes Recht, die heiligen Ueberlieferungen des Chriſtenthums zu kritiſren, und verwerfen Sie demnach Alles, was unſtrer durch die Erkenntniß der Naturgeſetze ausgebildeten Vernunft widerſpricht, oder haben Sie ſich eine Auswahl von Dingen 144 gemacht, die Sie glauben und von andern, die Sie nicht glauben? Und nach welchem Geſetz ver⸗ fahren Sie dabei? Mit andern Worten: wo hört Ihre Vernunft auf und wo geht Ihr Glaube an? Und aus welchem vernünftigen Grunde haben Sie gerade an dieſe Stelle den Grenzſtein geſetzt und nicht an eine andre? Sie glauben z. B. nicht, daß Chriſtus mit ſeinem menſchlichen Leibe erſt in die Hölle hinabgeſtiegen und dann gen Himmel aufgefahren ſei; denn das Geſetz der Schwere erlaubt einem Körper ein derartiges ſogenanntes Hinabſteigen und Auffahren nicht, ſodann giebt es keine Hölle und keinen Himmel in dieſem chriſtli⸗ chen Sinne; es giebt kein unten und kein oben. Die Erde iſt ein Wandelſtern, der ſich mit ſeinen Geſchwiſtern um ihre gemeinſchaftliche Lichtſpen⸗ derin, die Sonne, dreht, und dieſe Sternfamilie, dieſes Planetenhaus durchfliegt ſauſend in ewiger drehender Bewegung die Unendlichkeit des Raums; und ſo Planetenſyſtem um Planetenſyſtem, jedes individuell und charakteriſtiſch vom andern ver⸗ ſchieden. Aber Alles iſt unendlich, alſo auch die Planetenſyſteme; nirgends fängt die Welt an, nir⸗ 145 gends hört ſie auf. Der menſchliche Gedanke ſchwindelt, aber ihm dämmert zugleich die Ahnung vom eigentlichen Weſen Gottes.— Doch ich ſchweife ab. Himmel und Hölle ſind von der kindlichen Auffaſſungsgabe früherer Völker erträumte Orte, denen in der Wirklichkeit gar nichts entſpricht. Sie können alſo weder an Chriſti Höllen-, noch Himmelfahrt glauben. Aber Sie glauben, daß er am Kreuze geſtorben und nach drei Tagen wieder lebendig geworden ſei. Die Himmelfahrt geben Sie Ihrer Vernunft preis, aber die Auferſtehung hält Ihr Glaube feſt. Und doch iſt dieſe ganz nach denſelben Naturgeſetzen ſo unmöglich wie jene. Nie kann derſelbe Körper, in welchem die treibende Flamme, welche wir Leben nennen, einmal verlöſcht iſt, ſie wieder in ſich aufnehmen; denn in dem Augenblick, wo ſie erlöſcht, verfällt er jenem che⸗ miſchen Proceſſe, der ihn über lang oder kurz zum Organ oder Träger andrer von der frühern gänz⸗ lich verſchiedenen Lebensflammen macht. Chriſtus konnte alſo, als er einmal todt war, nicht wieder aus dem Grabe auferſtehen. Ihr Glaube wird mir vielleicht erwiedern: Er konnte es als Got⸗ 10 146 tesſohn, als Gott ſelbſt, welcher über den Geſetzen der Natur ſteht. Allein das iſt's, was ich Ihnen mit gutem Fug beſtreite. Denn die Natur und Gott ſind Eins, wie der Leib und der Geiſt des Menſchen Eins ſind und zuſammen den Menſchen ausmachen, wie das Holz und die Kraft, die es erzeugt und die Blatt, Blüthe und Frucht hervor⸗ treibt, zuſammen Eins ſind und den Baum aus⸗ machen. Die Welt, die Natur iſt der Körper, das ſtoffliche Kleid, die durch die Sinne wahr⸗ nehmbare Erſcheinung Gottes; er iſt ihr Geiſt, ihre treibende Kraft, ſo gut im Baume, wie im Menſchen, im Steine, im Gräschen, in der Mücke, wie im Sterne, im Planetenſyſteme wirkſam, immer die eine und dieſelbe Kraft, die nach ewigen und unabänderlichen Geſetzen wirkt, und dieſe Geſetze ſind eben auch nichts von ihr Gegebenes, Ausge⸗ gangenes, Geſchiedenes, ſie ſind keine objective Willensäußerungen Gottes, ſondern ſein eigenſtes Weſen, wie z. B. das Denken keine willkührliche Selbſt⸗ beſtimmuug des menſchlichen Geiſtes, ſondern ſein eigenſtes Weſen iſt. Gott kann alſo den Naturgeſetzen nicht zuwider handeln, weil er ſich ſelbſt nicht auf⸗ 147 heben und vernichten kann. Ihr Glaube kommt eben ſo ins Gedränge, wie Ihr Rativnalismus.“ „Wollen Sie mich denn abſichtlich mißverſte⸗ hen, oder verſtehen Sie mich wirklich nicht?“ verſetzte der junge Pfarrer mit dem Tone des ſchonenden Vorwurfs:„Mein Glaube iſt weit erhaben über dieſen ſogenannten Kirchenglauben, der in den ſymboliſchen Büchern feſtgeſtellt iſt, und mein Rationalismus— wenn Sie meinen Ueber⸗ zeugungen denn doch einmal dieſen Namen geben wollen— hat nichts gemein mit der trivialen Philiſterweisheit, die ſich etwas darauf zu gut thut, die Wunder Jeſu natürlich zu erklären. Ich achte dieſe Schaalen des Chriſtenthums eben als Schaa⸗ len, in welchen der köſtliche, lebendige, treibende Kern wohl bewahrt wurde; aber dieſer iſt's, den ich pflege und ausſäe in die Herzen, der in mir ſelbſt immer neue Sproſſen treibt, deſſen heilige Gotteskraft mich begeiſtert und beſeligt und mich mit immer neuem Muth inſpirirt, für Gottes Reich zu wirken und zu ſchaffen. Dieſer Glück und Le⸗ ben ſchaffende Segen des Chriſtenthums iſt wie die Sonne erhaben und wirkſam gegen die zum 10* 148 Symbol erhobenen Beſchlüſſe irgend einer Kirchen⸗ verſammlung oder der autonomiſchen Beſtimmung eines Prieſters oder Theologen. Dort iſt Gottes⸗ kraft, hier iſt Menſchenweisheit.“ „Es iſt beides Menſchenweisheit und Gottes⸗ kraft; denn Menſchenweisheit iſt eben Gotteskraft. Jene Leute urtheilten nach dem Grade ihrer Er⸗ kenntniß d. h. nach dem Maße von Gotteskraft, welches ihnen zu Theil wurde; Sie haben die Berechtigung mit Ihrem empfangenen Maße das⸗ ſelbe zu thun. Sie ſtehen auf einem höhern und freiern Standpunkt, auf welchen der entwickeltere älter gewordne Zeitgeiſt Sie gehoben, und fühlen ſich nicht mehr an die Beſtimmungen und Satzun⸗ gen von Menſchen früherer Jahrhunderte in Din⸗ gen und Angelegenheiten gebunden, die Ihr eignes Heil und das Ihrer Mitlebenden betrifft. Sie ſind im vollen Rechte. Aber zugleich verfallen Sie in einen großen Fehler. Sie bleiben auf halbem Wege ſtehen; Sie behalten doch noch dies und das von den kindlichen Anſchauungen und Irr— thümern längſt verweſter Menſchengeſchlechter bei; Sie mißachten jene Formen und haben doch nicht 149 die moraliſche Kraft, ſie ganz zu verläugnen und abzulegen. Der Geiſt des Chriſtenthums, wie Sie Ihre religiöſen Ueberzeugungen nennen, paßt nicht zu den gegebenen Formen dieſer Religion; beide ſtehen alſo mit einander in Widerſpruch. Warum verwerfen Sie dieſe als unwahr erkannten Formen nicht und wählen die wahre, die rechte, die dem Geiſte angemeſſen? Das macht: Sie haben Ihren Amtseid auf Bibel und Symbola abgelegt, d. h. Sie haben geſchworen an dieſe Formen zu glauben, ihren Inhalt als den rechten und wahren Geiſt des Chriſtenthums zu lehren; Sie haben alſo einen falſchen Eid geſchworen, denn Sie wußten ſchon, ehe Sie ihn ablegten, daß Sie ihn nicht halten würden, ja ganz unmöglich halten könnten. Sie haben ſich alſo dadurch auf unſittlichen Boden ge⸗ ſtellt und entſchuldigen dies dadurch, indem Sie raiſonniren; die Kirche zwingt mich zu dieſem Eid. Ein gezwungener Eid aber iſt Gott leid. Indem ich den wahren Geiſt des Chriſtenthums lehre, gehe ich doch den rechten Weg und mache meinen Frieden mit Gott und mir ſelbſt. Ich ſtehe ja immer auf dem Felſengrund des Chriſtenthums; 150 ich halte mich an den Kern und verwerfe nur die Schaalen. Und nun kommt erſt der rechte Irr— thum, der Fehler des geiſtigen Hochmuths, der ſich für chriſtliche Demuth ausgiebt. Nämlich das, was Sie für den Kern und Geiſt des Chriſten⸗ thums ausgeben, iſt gar nicht das Charakteriſtiſche dieſer Religion, ſondern es iſt das Subſtrat aller Religionen und wird in ſeine äußerſten und höch⸗ ſten Conſequenzen verfolgt zum reinen Humanis⸗ mus. Der Menſch findet ſich eins mit Gott und der Welt, wohl verſtanden: eins, nicht einerlei; denn der Menſch iſt nicht die Welt und Gott, ſondern er iſt eins mit ihnen, d. h. aufs innigſte und unzertrennlichſte verbunden, ſo daß das eine ohne das andere gar nicht beſtehen kann, die Welt nicht ohne Gott und Gott nicht ohne die Welt. Das Gefühl des Einsſeins mit Gott iſt aber das höchſte und beſeligendſte, deſſen der Menſch theil⸗ haftig werden kann; es iſt über alle Religionen erhaben und iſt die Blüthe der höchſten Sittlichkeit. Die daraus erwachſende Frucht iſt das höchſte und reinſte Glück auf Erden, das harmoniſche Inein⸗ anderwirken aller harmoniſch möglichſt ausgebildeten 151 Kräfte des Menſchen und endlich der Menſchheit. Ich und der Vater ſind Eins. Auf dieſem Standpunkt hat der Menſch alle Religion über⸗ wunden, alſo auch das Chriſtenthum, welches eben ſo nur eine Phaſe iſt, wie alle andern Religionen, die der Menſchheit-Geiſt zu durchwandern hat, um ſich endlich ſelbſt zu finden, d. h. zu entdecken, daß Gott in ihm und er in Gott iſt, daß er mit Gott Eins iſt. Und den, welcher dieſen höchſten Gipfel des reinen Menſchenthums erreicht hat und die höchſte Seligkeit genießt, welche das Bedürfniß erzeugt, alle Menſchen gleich glücklich zu ſehen. Dieſen Glücklichen wähnen Sie unter ſich ſtehen und wollen ihm die Hand bieten, um ihn zu ſich herauf zu ziehen!“ „Was Sie als höchſte Glückſeligkeit ſchildern, Ihren Humanismus oder reines Menſchenthum, das iſt eben doch nur ein kühler nüchterner Zu⸗ ſtand, kaum ein bloßer Wiederſchein der ſtrah⸗ lenden Morgenröthe jubelnder Gottesbegeiſterung, deren Dichter Klopſtock iſt, jenes innigen Su⸗ chens, Findens und ſich Verſenkens in Gott durch das unausſprechliche Myſterium des Erlöſungstv⸗ 152 des Jeſu Chriſti, des Vermittlers zwiſchen Gott und dem Menſchen.“ Das Feuer, mit welchem der Pfarrer dieſe geſchraubten Worte ſprach, war durchaus kein na⸗ türliches, keine auflodernde Begeiſterung, ſondern ein gemachtes und deshalb der Ton der Stimme outrirt und unſicher. Er war unwahr in dieſem Augenblick, und er wurde ſich deſſen bewußt, als ihn die Oberſtin ſcharf firirte, ſo daß er erröthend ihrem Blick auswich. „Ich hatte erwartet, daß Sie nur aus Ueber⸗ zeugung zu mir ſprechen würden,“ ſagte ſie kühl und pikirt;„das war die ſtillſchweigende mora⸗ liſche Bedingung, unter welcher ich mich mit Ihnen auf dieſe Unterredung einließ. Ich will Ihnen alſo jetzt nur noch kurz bemerken, daß es zwiſchen dem ſichtbaren und dem unſichtbaren Weſen eines Dinges, zwiſchen dem Stoff und der in ihm woh⸗ nenden, mit ihm aufs innigſte in Eins verbundenen treibenden Kraft keines Vermittlers bedarf ja eine Vermittlung nur zwiſchen zwei verſchiednen Dingen, die ſich einander feindlich gegenüber ſtehen, möglich und denkbar iſt. Eine Vermittlung alſo zwiſchen 153 Gott und der Menſchheit iſt das Traumbild kind⸗ licher Phantaſie, welche ſich Gott als eine Perſon, einen mächtigen König vorſtellte, welcher in ſeiner fernen Reſidenz, dem Himmel, der ſündigen Menſch⸗ heit zürne. Wie wenig der jetzigen Reife des Men⸗ ſchengeiſtes entſprechend iſt die ganze Mythe! Damit tritt denn auch die oft entwickelte Erlöſungstheorie von einer Erbſünde der Menſchheit, die niemals vorhanden ſein konnte, in ihr rechtes Licht. Wenn wir den ſogenannten Sühntod Jeſu vorurtheilsfrei und ſcharf ins Auge faſſen, ſo entdecken wir bald, daß ihm eben nur die ganz verwerfliche Vorſtellung des Heiden⸗ und alten Judenthums von Men⸗ ſchenopfern zu Grunde liegt, daß nämlich das Blut und der Tod des Menſchen, welcher nach jenen rohen Begriffen die Gottheit beleidigt habe, ihr angenehm ſei und ihren Zorn beſchwichtige, daß man aber auch einen unſchuldigen Stellvertreter, — Menſch, ſpäter Thier, namentlich Lamm— auf den man die begangne Sünde übertrage d. h. ſich davon entlaſte, ihn damit belaſte, abſchlachten könne. Welch ein eigenthümlicher Begriff von der Gerechtigkeit Gottes, den Tod eines Weſens zur 154 Sühne der Schuld eines andern ſich angenehm ſein zu laſſen! Sind wir denn auch nur eine Linie über den gemeinſten Fatiſchismus und Heidenglau⸗ ben hinaus? Und gerade in derjenigen Handlung, die Ihr das höchſte Myſterium nennt, offenbart ſich die heidniſche Idee am ſchlagendſten! Wie wenig erhaben denkt Ihr von Euerem Gott, daß er erſt der Menſchheit die Erbſünde auferlegt und dann gar ſehr zornig wird, daß ſie nun mit dieſer Erb⸗ ſünde behaftet iſt, nachher aber durch den gewalt⸗ ſamen Tod eines Unſchuldigen, der ſich in über⸗ ſchwenglicher Liebe für dieſe ſündige Menſchheit opfern läßt, verſöhnt erſcheint und nun ein guter lieber Vater iſt, obgleich die unartigen Erdenkinder in aller möglichen nur denkbaren Weiſe drauf los⸗ ſündigen! Sie haben aber davon keinesweges eine üble Nachwirkung und göttliche Strafe zu befürch⸗ ten; denn das Sündenlamm Chriſtus hat ſie ja längſt vorher von den Folgen und Strafen ihrer Sünden erlöſt. Und dieſes unſchuldige Opferlamm in Knechtsgeſtalt iſt nun vollends Gottes einge⸗ borner Sohn, den er ſich von einer Jungfrau ausdrücklich zu dem Zwecke gebären ließ, damit er 155 die Welt erlöſe, d. h. für die Sünden aller An⸗ dern ſterbe. Iſt Euer Gott, wenn Ihr ſo ihn denkt, um einen Deut beſſer als Zeus, oder die incarnirten Götter Buddha, Kriſchna, Mithras und andre? Und wenn er mur noch das ſchöne poe⸗ tiſche Kolorit des Morgenlandes behalten hätte! wenn er nur auf der poetiſchen Höhe, umfluthet von ſinnigen Mythen, durch welche er als vergött⸗ lichte Sonne hindurchglänzte, erhalten wäre! Aber Eure Gedanken und Vorſtellungen haben ihn ſo entweiht, daß ſeine erhabne Perſönlichkeit wahrhaft in den irdiſchen Staub herabgezerrt iſt. Dazu kommt die Mythe von der heiligen Jungfrau, der vollendetſte Ausdruck heidniſcher Anſchauung, jenes Andropomorphismus der alten Welt, und alle verhimmelte Myſtik kann dieſes Stück Heidenthum nicht verhüllen, ſie mag noch ſo dichte und duftige Schleier darüber hängen. Und nach faſt zweitau⸗ ſend Jahren halten wir gebildeten Abendländer, und namentlich wir philoſophiſchen Deutſchen, immer noch an dieſem morgenländiſchen rohen Arabesken⸗ ſchmuck feſt, als hinge gerade an ihm unſer ewiges Heil; immer noch haben wir einen heiligen Reſpect 156 vor dieſen Phantaſiebildern, und wenn wir dieje⸗ nigen, die ſie in ihr nebelhaftes Nichts auflöſen, auch nicht mehr auf Scheiterhaufen verbrennen, ſo ſuchen wir ſie doch immer noch als verwegne und freche Menſchen zu verſchreien, deren laſterhaftes Herz keine Spur von Ehrfurcht vor dem Höchſten und Heiligſten mehr berge, und vor denen man ſich zu hüten habe, weil ſie zu jedem Niederträch⸗ tigen und Abſcheulichen fähig ſeien.“ Die Oberſtin glühte vor Erregung und edlem Unwillen; ſie verabſchiedete ihren Beſuch mit einer leichten und graciöſen Bewegung der Hand; aber der Pfarrer ging nicht, und jetzt ſprach er mit Ueberzeugung und Wahrheit, um ſie wieder zu verſöhnen.„Ich gebe zu, daß, da der Kern des Chriſtenthums ſeinen Keim bereits zur Baumpflanze emporgetrieben, die Schaalen unbeſchadet der Pflanze entfernt werden können. Aber der Kern wird ſeine göttliche Lebenskraft immer mehr in der Pflanze bewähren; ſie wird zum ungeheuern Baum erſtar⸗ fen, der alle Welt mit ſeinen Früchten laben wird, in deſſen Schatten alle Völker des Erdbodens wohnen werden.“ 157 „Das heißt ohne Bild, mein Freund: das rein Menſchliche, oder, wenn Sie lieber wollen, wahr⸗ haft Göttliche, das den Kern und das eigentliche Weſen aller Religionen bildet, wird immer erha⸗ bener, immer bewältigender, immer ſegensreicher hervortreten. Dies iſt ja eben meine Meinung. Wir müſſen zuerſt darauf hinwirken, daß jenes einfache, große, kindliche Weſen, jener wahrhafte Lehrer des reinen Menſchenthums, den wir den Evangelien und Epiſteln nach Jeſus nennen, ob⸗ gleich er in der That und Wahrheit nicht ſo ge⸗ heißen hat—“ „Wie? er habe nicht Jeſus geheißen?“ unter⸗ brach ſie der Pfarrer haſtig und erſtaunt. „Brauch' ich Ihnen, dem gelehrten Kenner der alten Sprachen, das erſt zu beweiſen?“ entgegnete die Oberſtin.„Ich hatte einen alten trefflichen Lehrer, der mich mit ſicherer Hand in die heiligen Hallen der Wiſſenſchaft einführte; dieſer verſchloß mir auch zuerſt das wahre Verſtändniß der Evan⸗ gelien. Die Verfaſſer derſelben, ſagte er mir, obgleich Hebräer, mußten doch als Apoſtel der neuen Religion, in der damaligen Weltſprache, der 158 griechiſchen, ſchreiben. Dem Munde des feinen gebildeten Griechen, des Franzoſen der alten Welt, waren aber die rauhen und harten Formen der hebräiſchen Eigennamen ein Gräuel. Dieſe mußten alſo dem weichen Griechenorgan mundgerecht ge⸗ macht, gräciſirt werden. So wurde der uns aus dem alten Teſtamente wohlbekannte hebräiſche Name Joſchuah, Jeſchuah, Joſua, Jeſua in Jeſus um⸗ geformt, ſo Mirjam in Maria.“ „Gewiß, ſo iſt's!“ rief Marius überraſcht; denn dem Gelehrten war dieſe Entdeckung ent⸗ gangen. „Ich wollte alſo vorhin ſagen: wir müſſen den Rabbi Jeſchuah, dem edeln und hochherzigen Lehrer ſeines Volks, dem es nie eingefallen iſt, eine neue Religion zu begründen, ſondern der die in Verfall gerathene moſaiſche Religion reformiren, auf der einen Seite auf ihren wahren Gehalt zu⸗ rückführen, auf der andern den Bedürfniſſen ſeiner Zeit gerecht machen wollte, und der wohl oder übel, um ſich Gehör zu verſchaffen, auf die alte Meſ⸗ ſiasidee eingehen mußte, wir müſſen dieſen ſchlichten Menſchen Jeſchuah von dem prächtigen Gott Chri⸗ 159 ſtus, dieſer letzten Incarnation der perſönlichen Gottheit im Orient ſtreng ſcheiden. Von dem wirklichen Leben des Rabbi Jeſchuah wiſſen wir ſehr wenig. Er war wahrſcheinlich ein Zimmer⸗ mann wie ſein Vater Joſeph, in dem Städtchen Nazareth am See Tiberias, wandte ſich in ſeinem männlichen Alter dem Lehrfache zu und verſam⸗ melte einen Kreis von Männern ſeines Standes um ſich, mit denen er eine Schule nach Art der alten Prophetenſchulen gründete. Er ſuchte das verrottete privilegirte Prieſterkaſtenthum zu ſtürzen. Die angegriffene Kaſte verband ſich mit dem Aber⸗ glauben des Volks und der römiſchen Militärherr⸗ ſchaft, welcher ſie den jungen kühnen Rabbi als gefährlich denuncirte, und es iſt nach der Erzählung der Evangelien gerade nicht unwahrſcheinlich, daß er von ſeiner Partei zum Befreier des Vaterlandes vom Römerjoch und zum theokratiſchen König Paläſtinas beſtimmt war, daß aber das Unterneh⸗ men am Oſterfeſt an der Apathie des Volks ſchei⸗ terte. Die Folge war, daß er als Hochverräther öffentlich hingerichtet wurde. Das iſt der Kern der ganzen Geſchichte. Und daraus hat das Prie⸗ 160 ſterthum der neuen Lehre, das durchaus nicht ohne einen neuen Gott durchdringen konnte, fußend auf die alten vrientaliſchen Göttermythen, den neuen Gott Chriſtus gebildet, der beim rechten Lichte be⸗ trachtet, ſich uns als ein Sonnengott enthüllt, oder vielmehr als die ſchwache Nachbildung der alten Perſonifizirungen der Sonne als Gottmenſch. „Sonnengott?!“ rief der Pfarrer im höchſten Erſtaunen.„Chriſtus die perſonifizirte Sonne! Das iſt ja unerhört.“ „Ebenſo wie Buddah, Mithras, Apollo und andre Sonnengötter. Sobald meine Biblothek auf⸗ geſtellt und geordnet iſt, werde ich Ihnen den Be⸗ weis liefern. Heute nur ſoviel: alle dieſe Incar— nationen orientaliſcher Sonnengötter wurden von reinen Jungfrauen geboren. Sie traten im Schvoße der Nacht oder in einer dunkeln Höhle ins Da⸗ ſein, ſo auch Chriſtus d. h. die Sonne tritt aus der Nacht der Erde ſtrahlend hervor. Sie wandelt im Thierkreis. Auch dieſer hat ſich bei der Geburt Chriſti noch erhalten, die Höhle iſt zugleich Thier⸗ ſtall. Der Sonne geht der Morgenſtern voraus. Bei Chriſti Geburt zieht er als Leitſtern den drei 161 Königen am Himmel voraus und ſteht über der Höhle ſtill. Auch zu den frühern jungen Sonnen⸗ göttern kommen Könige mit reichen Geſchenken und Hirten, die ſie anbeten. Nicht minder ſind die Auferſtehung und Himmelfahrt Chriſti ſymboliſche auf die Sonnenbahn bezügliche Mythen, welche ſchärfer ausgeprägt ſchon bei frühern Sonnengöt⸗ tern vorkommen. Vorzüglich iſt es der perſiſche Sonnengott Mithras, deſſen Kultus bald nach Jeſu Tod in den Provinzen des Römerreichs und namentlich in Paläſtina bekannt wurde. Die ganze Mythologie des Chriſtusgottes ſcheint dem Mi⸗ thraskultus entlehnt oder nachgeahmt zu ſein. Doch heute ſei es genug! Später will ich mich auf jeden einzelnen Punkt einlaſſen und Ihnen Alles bewei⸗ ſen. Ich bin nicht gern auf das Thema einge⸗ gangen; da Sie mich aber einmal dazu vermocht haben, ſo ſoll es ſo gründlich als möglich abge⸗ handelt werden.“ 11 162 Der Kampf in Marius' Seele wurde immer gewaltiger; er war gleichſam mit allen Lebens⸗ wurzeln in den alten Kirchenglauben verwachſen, und wenn auch ſeine Vernunft früher ſchon manche gelockert, ſo blieb dieſer Glaube doch der Boden, aus welchem er ſeine geiſtige Lebenskraft geſogen hatte. Nun riß dieſe kühne und gewaltige Frau, dieſes phyſiſch ſo ſchwache Weſen mit der reinen großen für Menſchenglück glühenden Seele, eine dieſer Wurzeln um die andre los, um ſie in einen wärmern und edlern Boden zu verpflanzen, der ihnen aber ein fremder war und an den ſie ſich nicht ſogleich gewöhnen konnten. Und war nicht mit dem Kirchenglauben ſein ganzes Familienglück ſo verwebt und verbunden, daß ſeine Trennung von jenem auch nothwendig ſeine Trennung von dieſem herbeiführen mußte? Und eine Trennung von ſeiner Familie, war ſie nur denkbar? war ſie nur möglich? Er hatte die Ueberzeugung, daß er eher ſterben würde, eh' er ſich von ſeinen Eltern und Geſchwiſtern losſagen könnte. Und das war es nicht einmal allein! Je mehr Terrain die ſieg⸗ reichen Ueberzeugungen der Oberſtin in ihm ge⸗ 163 wannen, deſto feſter ſtellte ſich für ihn die mora⸗ liſche Nothwendigkeit heraus, ſein Amt niederzulegen, ſeine Gemeinde zu verlaſſen, die für die Lehre der Gutsfrau jetzt noch nicht reif war. Und wie liebte er dieſe Gemeinde, wie wurde er von ihr geliebt! Wie hatte ſein ganzes Lebensglück darin beſtanden, ihr und ſeiner Familie in liebevoller Thätigkeit anzugehören, als ein„treuer Arbeiter im Wein⸗ berge des Herrn!“ Und doch warf die Oberſtin mit hinreißender überzeugender Beredſamkeit eine Säule nach der andern nieder, welche die ſo ſtarke und prächtige Kuppel ſeines Glaubens getragen. Wenn ſie in reizender Erregtheit mit begeiſterten Worten von dem von ihr hochverehrten großen Meiſter in Israel ſprach, den ſeine Anhänger er⸗ niedrigt, indem ſie durch Truggebilde ihn zu erhe⸗ ben ſich beſtrebt, wenn ſie aus jeder ſeiner Lehren den glänzenden Kern des reinen Menſchenthums herausſchälte, da war es dem Pfarrer zuweilen als müſſe er ſich ſchämen, daß er jemals an die Gottheit Chriſtt im kirchlichen Sinne geglaubt habe. Es iſt hier nicht der Ort, die ganze Pro⸗ cedur ſeiner Bekehrung in allen einzelnen Theilen 142 164 zu verfolgen; genug, ſeine Einwürfe wurden immer ſchwächer, ſein moraliſcher Widerſtand immer ge⸗ ringer, dafür aber auch ſeine ſtille Verzweiflung, ſobald er von ihr entfernt und ſich ſelbſt überlaſſen war, immer größer. Nur in ihrer Gegenwart, wenn er ihr in das tiefe Auge ſchauen und den Ton ihrer Stimme vernehmen konnte, ſchwieg der Sturm in ſeiner Bruſt, verdrängt von einem ſüßen Rauſche, der, wenn er auch nicht das Gefühl des Glücks in ihm erweckte, dieſes ruhige, ſtille, in ſich abgeſchloſſene Gefühl, wie er es ſonſt wohl im Schooße ſeiner Familie und bei ſeinen Studien empfunden, ſo doch ihm ein narkotiſches Surrogat gewährte, das er noch nie gekoſtet hatte, den heißen, ſtark gewürzten, betäubend duftenden Becher der Leidenſchaft. Es läßt ſich durchaus nicht mit Beſtimmtheit angeben, ob die Liebe oder die Ver⸗ nunft die größere Macht über Marius bei ſeiner Bekehrung ausübten; genug beide waren eben zu ſeiner Beſiegung verbunden, und wenn er zehnmal ſtärker geweſen wäre, als er wirklich war, er würde ihren gemeinſchaftlichen Angriffen endlich erlegen ſein. 165 Zwar bedurfte die Oberſtin ſeiner Hülfe ſtets; denn ſie richtete eine Kleinkinderbewahranſtalt oder vielmehr Spielſchule ein, ſie verbeſſerte die Schule ſelbſt; eine Sonntagsſchule für Erwachſene kam ebenfalls zu Stande; aber ſie las auch abwechſelnd mit Marius an beſtimmten Abenden aus Volks⸗ ſchriften vor, gab muſikaliſchen Unterricht und be⸗ gann noch viel Anderes, um das geiſtige und materielle Wohl der Dorfbewohner zu fördern. Der junge Pfarrer war ihr dabei unentbehrlich und als ihr treuer Gehülfe ſtets an ihrer Seite. Aber ſchärfer ſehende Augen, namentlich die ſeiner Mutter, ſeiner Schweſter Erneſtine und ſeiner Braut ent⸗ deckten doch bald, daß er noch weit mehr in der Geſellſchaft der Gutsfrau war, als alle dieſe An⸗ ſtalten und Beſchäftigungen erforderten. Auch konnte dieſen durch den Argwohn geſchärften Augen ſein innerer Kampf und ſein allmäliges Erliegen nicht entgehen. Er war aber viel zu ſehr mit ſich und der Oberſtin beſchäftigt, und ſein Blick war von der täglich wachſenden Flamme der Leiden⸗ ſchaft für die außerordentliche Frau ſo getrübt, daß er die ſchwere und düſtre Wolke nicht bemerkte, 166 welche ſich immer dichter und tiefer auf den Frieden des Hauſes ſenkte, auf den ſonſt ſo heitern Häup⸗ tern lagerte, die ſonſt geglätteten Stirnen furchte und den einſt lachenden zufriedenen Zügen einen peinlichen Ausdruck von Furcht, Angſt, Zorn und Widerwillen verlieh. So unſchuldig die Oberſtin bis jetzt war, ſie wurde doch ein Gegenſtand des Abſcheues in der Familie, und namentlich ſprach die alte Magiſterin ſich in ihrem Familienkreiſe auf die bitterſte und rückſichtsloſeſte Weiſe über ſie aus. Marius' düſtres, bleiches, abgehärmtes An⸗ ſehen, ſein unſtetes Weſen, die gänzliche Vernach⸗ läſſigung ſeiner Braut waren für ſeine Mutter lauter furchtbare Ankläger gegen die vermeintlichen Verführungskünſte der gefährlichen vornehmen Frau, und ihrer daraus erwachſenen ungeheuern Schuld. Marius galt der Matrone natürlich als gänzlich unſchuldig, als verführt und überliſtet. Mehr als ein Familienrath wurde abgehalten, aber es kam zu keinem Reſultate, weil der Magiſter mit großer Entſchiedenheit jeden leidenſchaftlichen Schritt, jeden Eclat verbot, indem er die Anſicht ausſprach: er kenne den ſtarken Geiſt ſeines Sohnes; ſelbſt wenn 167 Marius, wovon er, der Magiſter, noch keineswegs überzeugt ſei, wirklich eine Neigung für die Guts⸗ frau gefaßt, ſo werde ſein beſſtes Selbſt dieſelbe bald bekämpft haben, zumal wenn die Oberſtin, wie doch als beſtimmt anzunehmen ſei, mit ihrem Gatten, nach deſſen Rückkehr aus dem Bade, Hal⸗ lungen verlaſſe und ihr Domiecil in Dresden nehme. Irgend mißbilligende Aeußerungen nach der einen oder der andern Seite könnten leicht das Gegen⸗ theil erreichen von dem, was ſie bezweckten und würden, wenn wirklich eine Flamme vorhanden ſei, Oel ſtatt Waſſer hineingießen. Habe Marius eine Leidenſchaft für die geiſtreiche Frau gefaßt, ſo ſei er ſich deſſen gewiß nicht klar bewußt und gleiche einem Nachtwandler, den man nicht durch ängſt⸗ lichen Zuruf erwecken dürfe, ſonſt könne er leicht zu Schaden kommen. Die Oberſtin ſei durchaus keine gemeine Frau, am wenigſten eine Verfüh⸗ rerin. Der alte würdige Herr, dem eine Ahnung von Herminens hohem Werthe durch die Seele gezuckt war, ſetzte ſeinen Willen durch, und ſo blieb alles in der unbequemen und peinlichen Spannung. 168 Dieſem böſen Zauber entriß ſich Malchen zuerſt. Die ſeltſame Stellung, in welche ſie ohne ihr Ver⸗ ſchulden gerathen war, weckten in dieſem begabten Landmädchen Geiſteskräfte, von deren Daſein in ihr weder ſie, noch Andre etwas geahnt hatten. Sie, die im Begriff ſtand, im Hafen zu ſcheitern, überkam das inſtinetive Gefühl, daß Marius nur durch ſie gerettet werden könne, wenn er überhaupt noch zu retten ſei, daß dies aber auf eine edle und großartige Weiſe geſchehen müſſe, und eine hingebende Begeiſtrung erfüllte ſie mit Heldenmuth und Opferfähigkeit. In keiner Seele von allen, welche die Oberſtin um ſich verſammelt, hatten die von dieſer ausſprühenden Geiſtesfunken ſchneller und wirkſamer gezündet, als in Malchens. Das ganz eigenthümliche und außergewöhnliche Verhält⸗ niß ihres Brautſtandes erhöhte und ſpannte ihre einmal geweckte Seelenthätigkeit, und ſo glichen ihre bedeutenden geiſtigen Kräfte einer Kette, de⸗ ren letztes Glied den electriſchen Funken empfängt, wenn er das erſte berührt. Malchen verſtand nicht nur, was die Oberſtin ſagte, in ſeiner ganzen Be⸗ deutung; ſie begriff wie eine Hellſeherin auch alle 169 Conſequenzen des Geſagten, und deshalb wurden ihre Fortſchritte in der geiſtigen Erkenntniß mit Siebenmeilenſtiefeln gemacht. Niemand wurde ihren erhöhten Seelenzuſtand gewahr; anfangs war ſie ſo ganz mit ſich und ihrer Aufgabe beſchäftigt, daß es ihr nicht einſiel, ihrer Umgebung irgend welche Mittheilung darüber zu machen; ſpäter ver⸗ barg ſie ſich abſichtlich und brütete über ihrem großen Plan. Dieſer bezweckte nichts Geringeres, als der Oberſtin bei Marius den Rang abzulau⸗ fen; denn ſie meinte, daß nur die hohen geiſtigen Vorzüge dieſer Frau auf den Pfarrer einen ſo bewältigenden Eindruck gemacht haben könnten. Liebe und Eiferſucht bewirkten ein Wunder in ihr; ſie gaben ihr die Ueberzeugung, daß ſie hinſichtlich des Geiſtes nicht hinter der Oberſtin zurückſtehe und nur der Ausbildung bedürfe, in körperlicher Beziehung aber den Vorzug verdiene; denn ſie ſei ſchöner und jünger als jene. Eins vergaß das intereſſante Kind, das von der gekränkten Liebe zu ſo merkwürdiger Geiſtesthätigkeit angeſpornt wurde, und ſie mußte dieſes Eine vergeſſen, weil ſie es nicht kannte, die Leidenſchaft, welche ſich Marius 170 ganzer Seele bemächtigt hatte und mit verzehrenden Flammen ausfüllte. Während ſie ſelbſt ſtill und raſtlos ihre Erkenntniß zu immer höherer und wei⸗ terer Ein- und Unſicht ſteigerte, ſtieg auch die Leidenſchaft des Pfarrers und ſein düſter glühendes Auge, ſeine hohle Wange zeugten genugſam von ihr. Hatte denn die Oberſtin kein Auge dafür? Ahnete ſie denn nicht, was in der Seele ihres Freundes vorging?— Sie wußte es und hier war ihre ſchwache Seite, hier die Achillesferſe ihrer Weiblichkeit. Anfangs beachtete ſie den Eindruck wenig, welchen ſie ſo ſichtbar auf den Pfarrer machte; er ſchmeichelte ihrer Eitelkeit, von der auch ſie nicht frei war. Doch war ſie viel zu ſehr mit ihren Volkserziehungsplänen beſchäftigt, als daß ſie ſich lange bei einer flüchtigen Neigung hätte verweilen können, wofür ſie Marius' Gefühl für ſie hielt. Ihr war die Liebe nichts Neues; ſie hatte ſie bereits in verſchiedenen Stufen und Schattirungen kennen gelernt und fühlte deshalb ihre Pulſe bei Marius' Erſcheinen nicht ſchneller ſchlagen. Aber der junge, ſchöne und geiſtreiche Mann wurde ihr täglich angenehmer; ſein Umgang 171 war ihr bald Bedürfniß— ſie wußte es ſelbſt noch nicht— und wenn er nicht zur rechten Mi⸗ nute in ihr Zimmer trat, wurde ſie unruhig; kam er endlich, ſo fühlte ſie einen leiſen ſüßen Krampf in der Bruſt, und über ihr Haupt eine fiebernde Hitze ausgegoſſen. Mit dem Siege, den ſie über ſeine religiöſen Ueberzeugungen davon trug, verlor ſie die Sicherheit des Benehmens ihm gegenüber. Sie blieb ſich nicht lange im Unklaren über dieſes Gefühl; ſie wußte daß es Liebe war; aber der Rauſch war ſo ſüß; von dieſem keuſchen ſpröden Herzen geliebt zu werden und es wieder zu lieben, war ein Wonnegefühl, wie ſie es noch nicht em⸗ pfunden, und ſie gab ſich ihm, ohne auch nur an die nächſte Zukunft zu denken, endlich mit ganzer Seele hin. Es iſt eine überall hervortretende Thatſache, daß die geiſtreichſten Frauen nach dieſer Seite hin am meiſten fehlen und ohne Vorſicht, ja nicht ſelten ſogar mit frevelndem Uebermuthe, zuweilen mit wollüſtigem Behagen mit dem gefähr⸗ lichen Feuer ſpielen, bis ſie davon ergriffen ſich und Andre ins Verderben ſtürzen. Die Biblothek der Oberſtin war angekommen 172 und ausgepackt worden. Ein ungeheurer Haufe Bücher wartete in dem neugetauften Bibliothek⸗ zimmer auf das Ordnen und Aufſtellen, eine lang⸗ wierige und nicht leichte Arbeit, die genügend und gut nur von kundiger Hand vollbracht werden konnte. Marius erbot ſich dazu und wurde gern angenommen. Er war nun den ganzen Tag im Schloſſe und bei der angebeteten Frau, die ihm half, und zwiſchen beiden entſpannen ſich von der oft gebotenen Gelegenheit hervorgerufen, die in⸗ tereſſanteſten Discuſſionen. Der Pfarrer fand er⸗ ſtaunt die Oberſtin in allen Zweigen des Wiſſens erfahren, wenn ſie auch nicht in die Details überall eingedrungen war. Hier war es auch, wo der Kampf über die kirchlichen und religiöſen Satzun⸗ gen vollends durchgekämpſt wurde, der mit des Pfarrers gänzlicher Niederlage endigte. Nach einem viel beſchäftigten Tage voll gei⸗ ſtiger Aufregung ſaß Marius auf dem Sopha des Bibliothekzimmers; mehre aufgeſchlagene Bücher lagen auf dem Tiſche vor ihm, berühmte wiſſen⸗ ſchaftliche Werke. Oft ſchon hatte ihn der Gedanke 173 beſchäftigt, wie die junge Frau doch zu dieſer aus⸗ gezeichneten Bibliothek, wie ſie zu dieſer ſeltnen Geiſtesbildung gelangt ſein möchte? Sie hatte bis jetzt, wie es ihm ſchien, abſichtlich vermieden, ihm von ihrer Vergangenheit zu reden. War es nicht wie ein Wunder, daß ſie die größten und wichtig⸗ ſten Fragen der Zeit mit Unſicht, Tiefe und Ge⸗ wandtheit löſete und zugleich in ihrem Hauſe wirthſchaftliche Verbeſſerungen von durchgreifender Art vornahm? Und wenn er ſich auch ſagte: daß ſie von hoher Genialität ſei, welche in Stunden begriff, wozu gewöhnliche Menſchen Wochen brau⸗ chen, ſo konnte ſie dieſe praktiſche Tüchtigkeit doch nicht ohne ein reichbewegtes Leben erlangt haben. Ein ſolches begünſtigt aber die ſtillen Forſchungen der Wiſſenſchaft nicht, deren Reſultate doch in der Oberſtin zu Tag lagen. Wie ließ ſich z. B. ihre hohe Reitkunſt mit ihrem gelehrten und ihrem prak⸗ tiſchen Wiſſen, mit ihren muſikaliſchen Kenntniſſen und übrigen Kunſtfertigkeiten vereinigen? Sie war und blieb dem Pfarrer ein Räthſel, aber ein ſo ſchönes und ſüßes, daß ihm der Wunſch, ſeine Löſung zu kennen, kaum mehr einfiel. Machte ſie doch das duftartig über ſie gebreitete Geheimniß nur noch intereſſanter. Die untergehende Sonne warf den Widerſchein ihres Purpurs durch das geöffnete Fenſter in das Zimmer; der Garten, der ſich unter demſelben ausdehnte, ſtand in der vollen üppigen Pracht des Frühſommers; ein paar herrliche Linden füchelten leiſ' rauſchend mit Kühlung eine Menge Blumen⸗ duft in das Gemach. Marius verſank in den traumähnlichen Zuſtand, wo wir die Außenwelt, als wäre ſie weit von uns geſchieden, ſo daß unſre Thätigkeit ſie gar nicht erreichen könnte, wie durch ein Fernrohr betrachten. Wenn auch ſein Herz nicht voll ſüßen reinen Friedens war, ſo war es doch voll ſüßen ſchönen Rauſches; und wie oft wird doch dieſer für jenen genommen, und da jener auf Erden ein gar zu ſeltner iſt, ſo darf man fragen: welcher von beiden mehr werth iſt? Ja es wird ſogar unentſchieden bleiben müſſen, welcher von beiden glücklicher macht? Marius' Seele war voll von Herminen, die ihn kurz vorher verlaſſen hatte; er war jetzt nicht mehr im Einzelnen wie vorhin, ſondern im Ganzen und Allgemeinen mit ihr beſchäftigt; er lebte und webte mit einer ſchmach⸗ tenden Paſſivität in dem ſüßen Geheimniß, das für ihn ein Lebensbedürfniß geworden war. Es war eine jener weichen Stunden über ihn gekom⸗ men, die den gemüthlichen Mann zuweilen in die weichen Arme nehmen und denen der Härtere— freilich weit ſeltner— ſich unwillkührlich hinge⸗ geben ſieht; er gewahrte den Knoten nicht, in welchen ſeine Verhältniſſe ſich verſchlungen; er ſah nur die entwirrten Fäden freilich neben einander laufen. Ach wie viel Seligkeit in wenigen Mi⸗ nuten! Hermine trat herein. Sie kam ihm rei⸗ zender, ja blühender vor als je. Ein liebliches faſt ſchalkhaftes Lächeln ſpielte um ihren kleinen reizenden Mund.„Sie dürfen mich heute noch nicht verlaſſen,“ ſagte ſie ſanft.„Ich bitte Sie, eine Taſſe Thee von mir im Garten anzu⸗ nehmen.“ „Laſſen Sie uns hier verweilen!“ bat er da⸗ gegen.„Mir iſt, als wäre mir heute in dieſem Zimmer wohler, als im Garten.“ „Ich werde das Nöthige ſelbſt hierher beſor⸗ 176 gen. Sie haben recht; wir können hier unge⸗ ſtörter plaudern.“ Sie ging, um bald mit den Theegeräthſchaften und Speiſen zurückzukehren. Sie ſchenkte ein, ſie präſentirte, Alles mit einer gewiſſen gehobenen Stimmung, die man feierlich hätte nennen können, wenn ſie nicht von jenem ſchalkhaften Lächeln be⸗ gleitet geweſen wäre. Dann entfernte ſie ſich. Es vergingen wohl zehn Minuten. Da trat ſie wieder in das Zimmer und trug auf einem großen Teller einen feinen Aſchkuchen, einen vollen Blumenkranz und ein ſchön gebundenes Buch.„Es iſt morgen Ihr Geburtstag,“ ſagte ſie lieblich lächelnd,„und Ihre Familie wird ihn, wie immer, feſtlich bege⸗ hen. Ich werde Sie da nur vfficiell beſchenken können. Deshalb habe ich ganz im Stillen eine kleine Vorfeier unter uns veranſtaltet, wo ich Sie erſt officiös vder vielmehr cordial beſchenken darf. Den Kuchen habe ich ſelbſt gebacken, den Kranz ſelbſt gewunden, das Buch ſelbſt geſchrieben, und alles zu dieſem Zweck. Ich bringe Ihnen meinen Glückwunſch dar.“ Damit warf ſie ihm, wie ein ſchelmiſches Kind, den Kranz über das Haupt. —.———————————————— 177 Höchlichſt überraſcht und erröthend vermochte er im erſten Augenblick kein Dankwort zu finden. Er griff unwillkührlich nach dem Buche und ſchlug es auf; es waren Aufſätze und Gedichte der Geberin. Ueberwältigt von mächtig aus ſeinem innerſten Leben hervorbrechenden Gefühl, ergriff er ihre Hand und preßte ſie mit einer ſchier krampfhaften Hef⸗ tigkeit an ſeine bebenden Lippen. Dabei war er todtenbleich geworden und Thränen ſtürzten ihm aus den Augen. „Hermine!“ ſtammelte er mit halb erſtickter Stimme, aber erſchrocken vor dieſer Bewegung und vor dieſem Tone, und voll Ahnung, welch ein Wort er ausſpreche und daß damit der gute Zauber ihrer gegenſeitigen Stellung gelöſt werde, verſchloß ſie ihm plötzlich mit der kleinen ſchmalen Hand den Mund und flüſterte ſchmerzlich bittend:„O mein Freund, kein Wort weiter!“ Er verſank traurig in ſich ſelbſt und ließ den zu ihr erhobenen Blick ſcheu zu Boden gleiten. In dieſem Momente lag etwas Wildes, Fremdes und Grauſenhaftes in dieſem Blick, wovor die Oberſtin innerlich erbebte. Eine äußerſt ſchmerzliche Ahnung ging ihr in die⸗ 12 178 ſem Blicke auf und durchbohrte ihre Seele wie ein Dolchſtich. Doch eine ſo ſtarke und elaſtiſche Natur wie die ihrige erlag nur momentan ſolch lähmendem Eindruck; einen Augenblick darauf ſ chüt⸗ telte ſie ihn ab, wie einen böſen Traum. „Ermannen Sie ſich, mein Freund!“ rief ſie ihm zu.„Es ziemt uns, feſt und ſtark zu ſein und über uns zu wachen.“ Er lächelte ſchwermüthig.„Das nicht ge⸗ ſprochne Wort iſt noch lange nicht das nicht er⸗ füllte Schickſal. Dieſes kettet ſich nicht an ein Wort; es iſt an die Geiſter gebunden.“ „Ein feſter Wille vermag viel!“ „Der Mythus der Alten, daß die Götter leicht und ſchnell die Bezwinger des menſchlichen Willens ſind, hat einen tiefen Sinn. Die ſittliche Stärke zerknickt wie ein ſchwaches Rohr vor dem Hauch des dämoniſchen Elements in uns.“ „Aber Kampf iſt unſte Pflicht; Kampf iſt Le⸗ benselement. Kämpfen Sie, arbeiten Sie, ſchaffen Sie! Wir wollen unſre Thätigkeit verdoppeln. Wir haben einen ſo würdigen Gegenſtand derſelben. Es giebt keinen würdigern und erhabenern. Vor 179 ſeiner Majeſtät ſinkt der Dämon in uns machtlos nieder.“ Der Pfarrer ſchüttelte ſchweigend das Haupt, als habe er dergleichen ſchon vergebens verſucht. „Verzweifeln Sie nicht an ſich! Sie ſind ein Mann von Geiſt und Charakter; liebende Men⸗ ſchen ſtehen Ihnen zur Seite, immer voll leben⸗ digen, thätigen Dranges Ihnen zu helfen, Sie zu unterſtützen.— Glauben Sie mir, es gelingt Ih⸗ nen! Iſt doch mir, dem ſchwachen Weibe, das meiſt allein ſtand und verlaſſen war, ſo viel und ſo Schwieriges gelungen.— Ich muß Ihnen heute meine Lebensgeſchichte erzählen. Manche Ihrer Fragen z. B. wie ich doch zu der großen und vortrefflichen Bibliothek gekommen? wie ich eine ſo gute Reiterin geworden? haben mir Ihren natürlichen Wunſch verrathen, daß ich Ihnen den Schleier lüften möchte, welcher über meinem frühern Leben liegt. Sie haben ſich meines Vertrauens würdig gemacht; ich darf und will offen zu Ihnen ſprechen.“ Marius reichte ihr dankbar die Hand; der düſtre und ſchreckliche Zug von Schwermuth war 42 180 aus ſeinem Geſicht verſchwunden; er lächelte wie⸗ der wehmüthig. Er hatte ſie verſtanden, daß ſie ihn erheitern, daß ſie ihn führen wollte, ſich ſelbſt wieder zu finden. Geſchäftig und mit der ihr eig⸗ nen Grazie füllte ſie nun ſcherzhaft plaudernd, als ſei gar nichts vorgefallen, die Taſſen, zerſchnitt den Kuchen und reichte ihm davon dar. Sie wußte nicht wie ſie ihn durch all dieſe Dinge bezauberte. Nun ſetzte ſie ſich zu ihm und erzählte mit dem alten ſchalkhaften Lächeln:„Sie werden oft ſchon— ge⸗ dacht haben: wie hat nur dieſe gelehrte Frau eine ſo gewandte Reiterin werden können? Oder wie iſt dieſe Reiterin nur zu dem gelehrten Griesgrams gekommen? Ei nun, auch ich bin nicht fertig wie die Athene aus dem Haupte des Zeus geſprungen. Und wenn ich auch mit Recht den Namen einer Gelehrten, den Sie mir oft beilegen, ernſtlich zu⸗ rückweiſen muß, ſo iſt mir doch ſchon das Wenige, was ich weiß, ſauer genug geworden, und ich habe es mit vielen Entbehrungen erkaufen müſſen.— Die erſte Ehe meiner Mutter, die mich ins Leben rief, dauerte nur wenige Monate. Mein Vater fiel in der Schlacht bei Waterlov und ich wurde 181 geboren, als der nächſte Winter das weiße Leichen⸗ tuch über ſein Grab gebreitet hatte. Meine Mutter war von altem Adel, aber ſie beſaß kein Vermö⸗ gen. Ihr bedeutend älterer Bruder war der allei⸗ nige Erbe eines ſehr überſchuldeten Gutes, von dem er ſeinen Geſchwiſtern nichts abgeben konnte. Ich weiß nicht, wie ſie ſich und mich erhalten hat, aber es iſt kümmerlich genug geweſen, und ſie hei⸗ rathete aus Noth einen alten Offizier, der mich aber nicht mit in Kauf nehmen wollte. Da ent⸗ ſchloß ſich mein Oheim, das Hinderniß zu beſeiti⸗ gen und mich zu ſich zu nehmen. Ich war damals noch nicht vier Jahre alt und habe ſeit jener Zeit meine Mutter nur einige Male wieder geſehen und bin dann nie länger als einige Stunden mit ihr zuſammen geweſen. Ihr leidendes Ausſehen, die tiefe Reſignation, welche ihre Züge verkündeten, verfehlten nicht, einen ſtarken Eindruck auf mein junges Herz zu machen. Ich erfuhr, daß ſie für des Leibes armſelige Nothdurft die demüthige Skla⸗ vin eines rohen despotiſchen Soldaten war, der dumm und geldſtolz, ſie mit Brutalität behandelte und dazu ein wohlbegründetes Recht zu haben 182 glaubte, weil er ſie aus Armuth und Dürftigkeit als Frau in ſein reiches Haus genommen. Auch war ihre Mutterſorge den Kindern zugewendet, die ſie dieſem Manne geboren, und es ſind ihrer, wenn ich die Zahl derſelben recht behalten habe, zehn geweſen. Sie lebt noch heute in der Mitte ihrer Familie, und ihr Eheherr, obgleich jetzt ein Acht⸗ ziger, tyranniſirt ſie noch eben ſo als damals, wo er noch ein rüſtiger Sechsziger war. Ich bin gar niemals in ſein Haus gekommen, und meine Mut⸗ ter iſt mir deshalb eine fremde Perſon geblieben. Ich ſtehe auch jetzt noch nicht in irgend einer nennenswerthen Verbindung mit ihr.— Mein Oheim, der Freiherr Peter von Bloomberg, war, als ich zu ihm gebracht wurde, ohngefähr 45 Jahre alt; er war nie verheirathet geweſen, weil die von ſeinen Vorfahren bewirkte Ueberſchuldung ſeines Gutes ihm nicht erlaubte, eine Familie ſeinem Stande gemäß zu unterhalten. Auch war er ein großer und ganz ſeltſamer Sonderling, der ſelbſt am beſten fühlte, wie wenig geſchickt er ſei, eine Frau gewöhnlichen Schlages glücklich zu machen. Wie aber hätte der von Jugend auf in tiefer Ein⸗ 183 ſamkeit lebende Mann Gelegenheit finden ſollen, ein ungewöhnliches Weib von großer und ſtarker Seele, wie ſie ihm angemeſſen geweſen wäre, zu finden, noch dazu, da er körperlich ſehr unanſehn⸗ lich und ausgewachſen war? Seine Wärterin hatte ihn nämlich als Säugling ſtürzen laſſen. Dadurch war ihm das Rückgrat ſtark gekrümmt; der Cor⸗ pus war im Wachsthum hinter Armen, Beinen und Kopf zurückgeblieben und der letztere ſaß auf einem kurzen Halſe tief zwiſchen hohen Schultern. Dieſe Mißgeſtalt vorzüglich hat ſeinem Leben die eigenthümliche Richtung gegeben, von welcher ich Ihnen zu erzählen habe, und welche einen ſo ent⸗ ſcheidenden Einfluß auf mein eignes Leben gehabt hat. Auch muß ich bemerken, daß er, ſo lange ich ihn gekannt habe, ſtets kränkelte, und daß er ſchon in ſeinem 63. Jahre ſeinen langjährigen körperlichen Uebelſtänden erlegen iſt. Zur Ver⸗ vollſtändigung ſeines äußern Bildes, das zu ſeiner Charakteriſtik ſo unerläßlich iſt, zeichne ich Ihnen einen ſehr edel geformten Kopf mit hoher gewölb⸗ ter Stirn und darüber eine Fülle dunkelbraunen lockigen Haares, tiefliegende, kleine, blitzende, graue 184 Augen mit einem ganz eigenthümlichen Ausdruck, den ich vielleicht nicht ganz richtig bezeichne, wenn ich ihn ärgerlich ſtaunend nenne, für den ich aber kein bezeichnenderes Wort habe. Eine ſcharf her⸗ vorſpringende ſpitze Naſe, ein kleiner zuſammenge⸗ kniffener Mund, ein ſpitzes Kinn, magere, einge⸗ fallene Wangen von ſteingrauer Farbe und das ganze Geſicht voll geiſtreicher Züge, ein grauer Stoppelbart, der höchſtens alle acht Tage einmal raſirt wurde, oft aber ein Alter von drei Wochen erreichte; dazu ein ſchwarzer abgetragener und übel gehaltener Anzug, welcher einige Jahrzehnte hinter der Mode zurückgeblieben war, und an den langen dürren Beinen kalblederne, mit Talg und Kiehnruß geſchmierte Reiterſtiefeln mit plumpen und roſtigen Eiſenſporen. Da haben Sie die ſeltſame äußere Geſtalt des Mannes, der mich erzogen hat und mir die zärtlichſte Vaterliebe widmete.— Schwerer wird mir Ihnen ſein Inneres, ſein Weſen, ſeinen reich und wunderlich ausgeſtatteten Geiſt zu ſchil⸗ dern. Denn dieſer hatte noch mehr Abnormitäten, wie ſein Körper. Ich übertreibe nicht, wenn ich ſage: er war kindiſch wie ein fünfjähriger Knabe 185 und weiſe wie ein Sokrates; er war ſcheu und feig und verkroch ſich vor einem Weibe, ja er konnte aus bloßer Apprehenſion vor einem ihm angeſagten Beſuch, dem er nicht auszuweichen ver⸗ mochte, krank werden, und wiederum war nicht leicht ein Mann zu finden, der ſtandhafter, muthiger und feſter und mit großartigerer Verachtung aller Rückſichten und inmitten ſeiner Gegner das was er als Wahrheit erkannt hatte, auch bekannte und vertheidigte. Sein Herz war die Liebe und Güte ſelbſt; er konnte keinen Menſchen beleidigen, und doch konnte er Leute mit der Reitpeitſche ſchlagen, wenn er ihr Thun als niederträchtig erkannt hatte. Höchſt ungewöhnlich in ſeinen Verhältniſſen war ſeine große Gelehrſamkeit. Es giebt kaum irgend ein Feld des menſchlichen Wiſſens, in welchem er nicht bewandert geweſen wäre, und er hatte eigent⸗ lich nur eine Leidenſchaft, die für Bücher, nachher noch eine Liebhaberei, für ſchöne Reitpferde. Und wenn er nicht in ſeinem Bibliothetzimmer ſaß und ſtudirte, ſo ſaß er auf einem ſeiner Pferde und durchſtreifte die Umgegend, im Geiſte aber immer mit der Abhandlung irgend eines gelehrten Themas 186 beſchäftigt. Seine geiſtige Richtung wird aus ſei⸗ ner Erziehung erklärlich. Sein Vater, ein roher und diſſoluter Soldat, in Brüſſel in Garniſon, bekümmerte ſich um das ſchwächliche ausgewachſene Kind gar nicht. Die Mutter, eine gute ſanfte Frau, erzog ihn nach Kräften und nahm zu die⸗ ſem Zwecke einen armen Candidaten der Theologie ins Haus, welcher als ein gelehrter junger Mann und angehender Bücherkenner, die Stelle eines Un⸗ tereuſtos der königlichen Bibliothek mitverſah, welche ihm meine Großmutter verſchafft hatte, um ſich ſelbſt ſeinen Unterhalt zu erleichtern. Einer ihrer Verwandten und Gönner war nämlich Herr de Luc, Profeſſor der Geſchichte und Staatswiſſen⸗ ſchaften und Bibliothekar und ſelbſt Beſitzer einer ſehr großen und vielſeitigen Bibliothek. Dieſer ſehr gelehrte Mann faßte bald eine große Zunei⸗ gung zu dem ihm empfohlenen Untercuſtvs, dem gelehrten Candidaten Faßmann und dieſer liebte wiederum ſehr ſeinen gelehrigen Zögling Anton von Seeburg. Dadurch kam Anton als ein klei⸗ nes Wunder von Gelehrſamkeit in des Profeſſors Haus, wo er deſſen Bibliothek fleißig benutzte. Es 187 dauerte nicht lange ſo war der gelehrte Knabe des gelehrten Mannes Liebling und ſtets um ihn. Sie trieben ihre Studien eigentlich gemeinſchaftlich. Später wurde denn auch Anton Erbe der Biblio⸗ thek ſeines ältern verſtorbenen Freundes.— Es war Antons Plan und ſeiner Freunde Wunſch, daß auch er eine Profeſſur und die damit verbun⸗ dene Bibliothekarſtelle erwerben ſollte, allein als ſein Vater im Revolutionskrieg geblieben war, zog er es vor, ſich auf das überſchuldete Gut zurück⸗ zuziehen, theils um Ordnung in ſeine Vermögens⸗ umſtände zu bringen, theils um ſich mit ſeinem Lehrer und Freunde Faßmann in der tiefſten Zu⸗ rückgezogenheit den unfaſſendſten Studien hinzu⸗ geben. Denn dieſer Faßmann war von ſeinem ſo wohl gerathenen Zögling unzertrennlich und über⸗ nahm bald darauf die vacant gewordene Pfarrer⸗ ſtelle des Gutes Seeburg. Auch er blieb unver⸗ heirathet. Angeblich wohnte zwar der Pfarrer im Pfarrhauſe des Dorfes, eigentlich war er aber den ganzen Tag in der Bibliothek des Schloſſes mit dem Gutsherrn zuſammen, aß mit demſelben an einem Tiſch und hatte auch ein Schlafzimmer im 188 Schloſſe. Nur zum Mitreiten entſchloß er ſich nicht, dazu war er zu furchtſam. Die dritte Perſon auf dem Schloſſe war die Haushälterin, eine alte wunderliche Perſon, ältere Schweſter des Pfarrers, und ſehr ſtolz auf ihn. Sie ſprach ſtets mit einer gewiſſen Würde und Abgemeſſenheit, und das nie erſchöpfte Hauptthema ihrer Unterhaltung waren die Verdienſte ihres Bru⸗ ders, von denen ſie ſich freilich einen großen Theil zuſchrieb, weil ſie ihn durch ihrer Hände Arbeit erhalten und erzogen hatte. Sie war lang und dürr wie ihr Bruder; die Aehnlichkeit beider war überhaupt groß; nur ſah ſie noch etwas unappe⸗ titlicher aus als er. Unter ihrer ſtets ſehr un⸗ reinlichen Dormeuſe quollen die grauen Haare hervor und hingen theilweiſe in Locken herab. Dazu ſchnupfte ſie ſehr ſtark Tabak, worüber ihr Bruder ſtets heimlich räſonnirte. Dagegen eiferte ſie gegen die olympiſchen Wolken von Tabaksrauch, welche das Bibliothekzimmer ſtets erfüllten; denn beide Herren dampften den ganzen Tag und tranken Kaffee dazu. Im Uebrigen fiel es keinem von Beiden ein, Urſulas Willen etwas entgegenzuſetzen. 189 Sie herrſchte im Hauſe, die Herren in der Bibliothet. Die Dienerſchaft des Hauſes beſtand in einer Magd und einem Knecht. Die Erſtere war auch gleichzei⸗ tig Köchin und Kammerjungfer der„Schloßmam⸗ ſell“(ſo hieß Urſula im Dorfe und in der Umge⸗ gend); der Letztere verſah alle möglichen Dienſte, wie die eines Haus⸗ und Reitknechts, eines Kutſchers, Livreedieners ꝛc. Unter dieſen Leuten bin ich auf⸗ gewachſen, von ihnen erzogen und unterrichtet wor⸗ den. Urſula hat Mutterſtelle bei mir verſehen und trotz ihres ſchroffen herriſchen Weſens, trotz ihres grämlichen Alters hat ſie mich mit wahrer Liebe behandelt und zu allem Guten angehalten. Ich ſegne ihr Andenken. Eben ſo treu und gewiſſen⸗ haft hat mein Onkel Vaterpflicht an mir geübt. Ich wurde ſein Liebling; er unterrichtete mich in Allem, was er konnte und wußte, natürlich auch im Reiten; meine Gelehrigkeit entzückte ihn und ſein größtes Vergnügen war, wenn ich ihn auf ſeinen Spazierritten begleitete. Er kaufte mir die ſchönſten Pferde, und er ritt nun nie mehr allein; wir ſprengten zuſammen über Stock und Stein und ich wurde unter ſeiner Leitung eine kühne, 190 geſchickte und ausdauernde Reiterin. Wie Sie ſich denken können, unterrichtete mich auch der Pfarrer, namentlich verdanke ich ihm meine muſikaliſchen Kenntniſſe. Seine Geduld mit mir kann ich nicht genug rühmen. Was ich von weiblichen Kennt⸗ niſſen beſitze, iſt Urſulas Werk. Als der Pfarrer mich confirmirt hatte, nahm ich den dritten Stuhl in der Bibliothek ein und ſtudirte in der dicken Tabakswolke die griechiſchen und römiſchen Klaſ⸗ ſiker. Meine Geſundheit würde gelitten haben, hätte der zwei⸗ oder dreiſtündige Ritt jeden Tag nicht die Nachtheile des Sitzens und die geiſtige An⸗ ſtrengung wieder ausgeglichen. Unſer Leben ver⸗ lief fabelhaft einfach; wir waren wirklich wie ver⸗ hert. Nie ſahen wir Geſellſchaft bei uns, nie kamen wir in Geſellſchaft. Mein einziger Umgang waren die Bauernmädchen des Dorfes; aber ich liebte ſie und wurde von ihnen geliebt. Dabei las ich mit einer wahren Wuth alle Bücher, und da mir nichts unverſtändlich blieb, weil jede Frage in ſolcher Beziehung von meinen beiden Lehrern aufs Umſtändlichſte beantwortet wurde, ſo nahm ich an Erkenntniß der Dinge raſch zu. In religiöſen 191 Dingen ſtanden beide auf dem Standpunkt der reinen philoſophiſchen Kritik; ſie hatten den Ra⸗ tionalismus und ſomit die ganze Theologie über⸗ wunden und waren ſo auf der Höhe des Selbſt⸗ bewußtſeins des reinen Menſchenthums angelangt, von welcher aus ſie das ganze Gebiet des Lebens und der Wiſſenſchaft beherrſchten. Dadurch hatte ſich die urſprüngliche Seelenſchönheit beider Män⸗ ner zu einer Reinheit und Milde des Charakters abgeklärt, die auf ihre Umgebung und zunächſt auf mich nur höchſt wohlthuend wirken konnte. Sie waren ſelbſt wie unſchuldige Kinder; um ſo näher ſtanden ſie mir, um ſo mächtiger und nach⸗ haltiger wirkten ſie auf mich ein. Unvermerkt und gleichſam ſpielend wurde ich von ihnen in das in⸗ nerſte Heiligthum der Wiſſenſchaft eingeführt, und wie andre Kinder mit Blumen und bunten Stein⸗ chen ſpielen, ſo ſpielten wir Kinder mit den Sternen am Himmel menſchlicher Geiſtesgröße. Auf dieſe Weiſe war ich neunzehn Jahre alt geworden, ohne daß meine unbeſtimmten Wünſche ſonderlich weit über die Grenzen meiner Reittouren hinausgeſchweift wären, da zerriß der Tod unſer 192 ſchönes und inniges Verhältniß. Der Pfarrer und ſeine Schweſter ſtarben kurz hintereinander. Sie waren hochbetagt, und Urſula konnte unmöglich lange ohne ihren Bruder leben. Als wir ſie be⸗ graben hatten, ſtürzte plötzlich das ſchwere Blei⸗ gewicht der Einſamkeit faſt erdrückend auf uns Hinterbliebene. Die Bibliothek war leer, das alte Schloß war leer, und ich bemerkte jetzt erſt wie düſter und ſchauerlich es ſich auf der wal⸗ digen windigen Höhe ausnahm, und ein niege⸗ kanntes Grauſen überfiel mich, wenn ich durch die winkligen öden Gänge ſchritt, in welchen die Jahr⸗ hunderte ihre Schatten abgelagert zu haben ſchie⸗ nen. Zuletzt kam mir das weitläufige baufällige Haus wie ein verfallendes ſteinernes Grab vor, in welchem wir zwei Menſchen wohnten. Es be⸗ dünkte mich, als werde mein Oheim von ähnlichen Gefühlen beherrſcht, und als ſcheue er gleich mir das einſame Schloß; denn er dehnte ſeine Spa⸗ zierritte mit mir nicht ſelten über halbe Tage aus, und doch verfiel ſeine Geſtalt zuſehends, und mir wurde bange, er möge ſeinem Freunde, Lehrer und Lebensgefährten, ſeinem Alterego, wie er ihn ſtets 193 genannt hatte, bald nachfolgen. Wie froh nahm ich daher den Vorſchlag an, den er mir eines Tages nach langem düſtern Schweigen auf dem Heimritt in finſtrer ſtürmiſcher Herbſtnacht machte, daß wir den Winter in Brüſſel verleben wollten. Mir hatte ſchon oft gegrauſt, wenn ich an dieſen Winter dachte. Ich weiß nicht, welche ſeltſamen wirren und phantaſtiſchen Vorſtellungen vom Zu⸗ ſammenleben der Menſchen in großen Städten ſich plötzlich mir aufdrängte, aber ich zitterte vor Wonne, mich in dieſes Luftmeer von Vergnügungen ver⸗ ſetzen zu dürfen, und konnte in dieſer Nacht kein Auge ſchließen. Die Ausführung folgte dem Ent⸗ ſchluſſe raſch. Wir dachten beide nicht daran, große Vorbereitungen zu treffen. Sie ſehen daraus, wie gänzlich unbekannt wir beide mit der Welt waren. Inzwiſchen brauchte ich nicht lange in Brüſſel, um einzuſehen, was mir fehlte, damit ich nicht der Gegenſtand ſpöttiſcher Neugierde bleibe. Wenige Wochen reichten hin, um mich vollkommen darüber zu witzigen, daß ich mich der Modiſtin, dem Schnei⸗ der, dem Friſeur und dem Tanzmeiſter zu unter⸗ werfen habe, um mir das cvurfähige Gepräge der 194 Hauptſtadt zu geben. Ich darf ſagen, daß ich Alles, was ſich an dieſe äußere Form knüpfte, ſchneller begriff und mir aneignete, als man wohl von mir hätte erwarten dürfen. Wenn ich auf meiner prächtigen Iſabelle durch die Straßen ritt, ſah ich mit einer Art Rauſch alle Blicke ſich auf mich richten; auf Bällen und in den Zirkeln der haute volée, die mein alter berühmter polniſcher Adelsname, wie der meines Oheims mir öffneten, war ich ebenfalls der Gegenſtand allgemeiner Auf⸗ merkſamkeit, und alle jungen Männer huldigten mir. Inzwiſchen hielt der Rauſch der Eitelkeit und Neuheit nicht lange in mir an. Keiner der Män⸗ ner, die mir genaht waren und mir geſchmeichelt hatten, hatte einen tiefern Eindruck auf mich ge⸗ macht; ich begann die Dinge in ihrem rechten, d. h. eignen Lichte zu ſehen und wandte mich wieder ausſchließlich meinem Oheim und der Literatur zu. Damals beſchäftigte mich der Gedanke viel, ſelbſt als Schriftſtellerin aufzutreten, und ich traf dazu mancherlei Vorbereitungen. Ein Ereigniß ſtörte mich darin und brachte mich von meinem Vorhaben gänzlich ab. Was ich Ihnen nun zu erzählen 195 habe, iſt von der Art, daß— wie Sie ſich gleich überzeugen werden— ein unerſchütterliches Gefühl tiefinniger Freundſchaft und Hochachtung dazu ge⸗ hört, um Ihnen offene Geſtändniſſe zu machen, wie ſie nur die richtige Beurtheilung des Hörers und das unbegrenzte Vertrauen in ſeinen hohen Edelſinn gewähren können.“ Marius ergriff ſtumm die Hand der Oberſtin und drückte einen heißen Kuß darauf. Er konnte eben ſo wohl für ein Zeichen der Dankbarkeit als der Huldigung gelten. Das feine Lächeln, womit ſie zu erzählen fortfuhr, war jedenfalls der leichte Schleier einer Befangenheit, von der ſie in dieſem Augenblick eines freiwilligen Bekenntniſſes, einem theuern Manne gegenüber, überraſcht wurde. „Ich hatte die Welt durch das Medium der Bücher kennen gelernt, ich hatte ſie im Hohlſpiegel ihres flitterhaften Nichts geſehen; nun war die Reihe an mein Herz gekommen, das ſeine Erfah⸗ rungen machen ſollte. Es wäre ein Wunder ge⸗ weſen, wenn ich ſchweren Irrthümern entgangen wäre, ein Wunder bei den Ihnen geſchilderten Verhältniſſen, in welchen ich aufgewachſen war; 185 196 aber es geſchehen keine Wunder, und ich mußte der Thorheit meinen Tribut bezahlen. Ich war ja erſt zwanzig Jahre alt und keine Mutter ſtand mir zur Seite. Der Mann aber, dem mein Schutz oblag, war ſelbſt ein unſchuldiges, unerfahrenes Kind. Es war eine ſehr geſchickte Kunſtreitergeſell⸗ ſchaft nach Brüſſel gekommen, und ich hatte mit meinem Onkel ihre Vorſtellungen mehrmals beſucht, an welchen wir natürlich großes Intereſſe nahmen. Ein junger, ſehr ſchöner Mamn zeichnete ſich vor allen übrigen Mitgliedern der Geſellſchaft ſo vor⸗ theilhaft aus, daß man eigentlich ihn nur allein zu ſehen wünſchte. Er war Herr des großen Ge⸗ heimniſſes vollendeter Grazie, dabei der gewandteſte Reiter. Wie Phantaſie und Kunſt des reinen Hellenenthums ſich die jugendlichen Göttergeſtalten des Apollon, des Ares und des Dionyſos erſchu⸗ fen, ſo ſah ich hier einen Mann, der bald dem einen, bald dem andern, bald dem dritten Gotte glich. Meine Seele wurde plötzlich ganz berauſcht von ſo viel Schönheit und Anmuth. Ich hatte bald nur noch einen Wunſch, nämlich mit dieſem 407 Manne zu reiten. Ich äußerte mein Wohlgefallen an einem der zierlichen Pferde der Reitergeſellſchaft, und mein Oheim ging eines Vormittags mit mir in den Circus. Andronique— das war der Name des ſchönen Kunſtreiters, wenigſtens der, welchen er als ſolcher führte— war zugegen und empfing uns mit der liebenswürdigen Art eines gewandten Weltmannes. Ich wußte ſogleich, daß er der hö⸗ hern Geſellſchaft angehört hatte; denn ihn umwal⸗ tete der unſichtbare und doch ſichtbare Zauber, welcher das Ergebniß des feinſten Schliffs und der reinſten Politur der vornehmen Stände iſt. Ich fand, was bei Künſtlern dieſer Art ſelten iſt, daß er im Leben noch weit angenehmer und ſchöner war als in der Ausübung ſeiner Kunſt. Er war Franzoſe, aber er hatte etwas Würdiges und Stol⸗ zes in ſeinem Weſen, das ſeiner Nationalität nicht entſprach. Später wurde mir darüber genügende Erklärung; ſeine Mutter war die Tochter eines kaſtiliſchen Adelsgeſchlechts geweſen.— Andronique bewies mir viel Aufmerkſamkeit und erſuchte mich mit ihm in der Bahn zu reiten. Dies machte mich ſehr glücklich; noch glücklicher ſein Lob. Nie 198 hatte mich ein Lob des Pfarrers oder meines Oheims— wenn ich irgend eine gelehrte Schwie⸗ rigkeit gelöſt hatte— ſo entzückt, als die wenigen Worte des Beifalls aus dem Munde dieſes Kunſt⸗ reiters. Ueber den Handel des Pferdes konnten wir nicht einig werden, und Andronique ſuchte uns am andern Tage unter dieſem Vorwande auf und bat mich wieder mit ihm zu reiten. Um alle Be— denken meines Onkels hinſichtlich der bürgerlichen Stellung des Künſtlers zu beſchwichtigen, gab er ſich ihm als einen Grafen St. Martin zu erkennen, welcher durch ein ſehr widerwärtiges Schickſal ge⸗ zwungen worden war, die höhere Reitkunſt zum Broterwerb zu machen. Genug ich ritt mit ihm; ich fragte nicht nach ſeinem Adelsbrief. Die ſchöne ſchlanke Stute Mirabelle wurde durch Androniques Vermittlung für einen verhältnißmäßig billigen Preis mein Eigenthum, und ich ritt mit dem ſchö⸗ nen, liebenswürdigen und fein gebildeten Manne faſt täglich, erſt in der Bahn, dann aber auch auf Spazierritten. Ich liebte den Grafen und wußte bald, daß auch ich von ihm geliebt wurde; denn er kam faſt täglich zu uns und zeigte mir die hin⸗ 199 gebendſte Theilnahme. Inzwiſchen würde ſein un⸗ gleiches Benehmen, ſeine wilde Heiterkeit ſeine tiefe Traurigkeit, die oft unmittelbar aufeinander folg⸗ ten, ſein gänzliches Schweigen gegen mich in Bezug auf unſer ſtilles und doch ſo inniges Herzensver⸗ hältniß mein Bedenken in höherm Maße angeregt haben, wenn nicht der Geſundheitszuſtand meines ⁴Onkels mir immer größere Beſorgniſſe eingeflößt hätte“— Die Erzählerin ſchwieg hier einige Augenblicke, indem ſie ſich mit der Hand über Stirn und Augen ſtrich. Und wirklich hatten ihre Züge eine auffal⸗ lende Wandlung erfahren. Bisher hatte ſie ſicht⸗ bar in ſüßen Erinnerungen geſchwelgt, und, das Auge gleichſam nach innen gekehrt, lächelnd als ob die holden Bilder vor ihrer Seele vorüberzögen, mehr eigentlich ſich ſelbſt, als ihrem Zuhörer erzählt; jetzt blickte ſie düſter vor ſich hin und fuhr raſcher und eintönig fort:„Laſſen Sie mich nun ſchnell über die Erlebniſſe der letzten Jahre hinweggehen! Mein Onkel ſtarb im nächſten Frühjahr. Ich war die Erbin ſeines unbedeutenden baaren Vermögens und ſeiner ſehr bedeutenden Bibliothek. Das Gut 200 fiel natürlich an den nächſten Agnaten. Meine äußere Lage wurde durch den Verluſt des theuern Mannes eine ſehr ſchwierige. Ich hatte von mei⸗ nem Vater gar kein Vermögen, meine Mutter lebte in der drückendſten Abhängigkeit von ihrem Manne, wie ſie waren mir ihre beiden Schweſtern, meine Tanten, fremd und ebenfalls in ſehr beſchränkter Lage. Genug ich ſtand allein und verlaſſen in der Welt und härmte mich über meine Zukunft. Andronique war mit ſeiner Geſellſchaft in das nördliche Frankreich gegangen; die Trennung von ihm würde mich tief geſchmerzt haben, wenn die hoffnungsloſe Krankheit meines Oheims nicht alle meine Gefühle beherrſcht hätte. Jetzt in meiner verzweifelten Lage erſchien er plötzlich wie mein rettender Engel. Er beredete mich leicht, ihm zu folgen. Ich wurde unter ſeiner Leitung Kunſtrei⸗ terin. Seine Gemahlin konnte ich nicht werden, weil er— was er mir früher verſchwiegen hatte, — verheirathet war. Dies war der Grund ſeines Herabkommens, ſeiner jetzigen Lage und ſeiner ſo ungleichen Gemüthsſtimmung. Seine Gemahlin lebte reich und angeſehen noch in der vornehmen — 201 Welt und wollte ihn zwingen, ſich und ſeine Grund⸗ ſätze zu verläugnen. Inzwiſchen lernte ich auch den Grafen als einen flatterhaften Franzoſen und ſchwankenden Charakter kennen. Es kam zu Diffe⸗ renzen zwiſchen uns, und ich verließ nach drittehalb Jahren die Geſellſchaft, um die Stelle einer Leh⸗ rerin an einem weiblichen Erziehungsinſtitut in der Schweiz zu übernehmen. Hier habe ich faſt drei Jahre gewirkt und bin in der praktiſchen Ausübung verkehrter Erziehungsmaßregeln auf diejenigen Er⸗ ziehungsmarimen gekommen, welche ich hier ins Leben zu rufen bemüht bin. Meine Schickſale, das Verhältniß zu meiner Mutter, das ihrige zu ihrem Gatten, mein Verhältniß zu Andronique— Alles dies zwang mir die Ueberzeugung auf, daß der ganze ſociale Bau der heutigen Geſellſchaft ein durch und durch fauler und morſcher iſt, daß er allmälig zuſammenſtürzt und einen Theil des leben⸗ den Geſchlechts unter ſeinen Trümmern begräbt. Ich begriff, daß nur Eins wahrhaft helfen kann, ſoll nicht endlich durch einen gewaltſamen Umſturz alles Beſtehenden die ganze Kultur gefährdet wer⸗ den, nämlich: eine naturgemäße, vernünftige Er⸗ 202 ziehung. Aus ihr müſſen ſich die vernünftigen Anſichten über Religivn und Staat von ſelbſt er⸗ geben, aus ihr muß eine beſſre Zukunft hervor⸗ wachſen. Ich glühte, meine Marimen zur wirk⸗ lichen Geſtaltung zu bringen. Da las ich mit großer Ueberraſchung in einem öffentlichen Blatte die Aufforderung des Oberſten von Schneebach, mich bei ihm zu melden, da er mir ſehr wichtige Familienangelegenheiten zu eröffnen habe. Ich ſchrieb an ihn; ſtatt der Antwort kam er ſelbſt. Warum ich ſeine mir angebotene Hand annahm, wiſſen Sie nun ſchon. Die ganz unverhofft mir gewordene Gelegenheit, meine Pläne ins Leben zu fördern, war zu reizend, als daß ich nur einen Augenblick hätte anſtehen können. Ich folgte ihm und er ordnete meine Angelegenheiten. Und hier am Orte, wo meine neue Wirkſamkeit beginnen ſollte, fand ich Sie, den für meine Jeen ſo em— pfänglichen Mann, den mir der Oberſt bereits ſo ſehr gerühmt hatte, und der mir ſelbſt täglich wer⸗ ther wurde.— Sie kennen mich nun und mein ganzes Leben. Ich durfte Ihnen nichts verſchweigen. Urtheilen —————————————— 203 Sie nun ſelbſt, mein theurer Freund, ob wir nicht Alles, Alles daran ſetzen müſſen, um auf das große Ziel loszugehen, das mir leuchtet. Ich bitte Sie, laſſen Sie uns ſtark ſein, damit wir den Weg nach jenem erhabenen Ziele gemeinſam fort⸗ ſetzen können.“ Sie ſprach die letzten Sätze mit Nachdruck und Bedeutung. Marius verſtand ſie vollkommen. Er reichte ihr die Hand und ſagte, indem ſein Auge in Thränen ſchwamm:„Ich danke Ihnen, meine Freundin! Sie haben mich mir ſelbſt wiedergege⸗ ben. Ich will den Kampf mit mir ſelbſt und mit der Welt beginnen, um Ihnen ein würdiger Ge⸗ hülfe ſein zu können.“ Aber während er noch ſprach und ihre Hand hielt und ihr tief ins Auge ſah, fühlte er, daß er wohl ſchwerlich der Sieger über ſeine Leidenſchaft ſein werde. Die Bruſt voll tobender, widerſtreitender Ge⸗ fühle verließ er ſie ſpät, und die Nacht gab dem Armen keine Ruhe. 204 Und je gewaltiger ſeine Leidenſchaft für die reizende Frau wurde, deſto ruhiger wurde der Kampf ſeiner Vernunft gegen ſie. Er rang mit ihr wie ein Löwe; er meinte ſie durch treue Pflicht⸗ erfüllung und durch die kräftigſte Unterſtützung bei Ausführung ihrer genialen Pläne beſiegen zu kön⸗ nen. Aber der Kampf war ein doppelter; denn eben in Bezug auf ſeine Pflichterfüllung war er mit ſich ſelbſt in heftigen Widerſtreit gerathen. Er hatte, wie die meiſten Prediger unſerer Zeit, aus moraliſcher Nothwendigkeit dem Rationalismus ge⸗ huldigt, ohne ſich ſelbſt Rechenſchaft abzulegen, wo die Grenze der Vernunft in der Kirchenlehre oder der geoffenbarten Religion ſei. So ſehr ſich ſeine Vernunft geſträubt, er hatte ſie doch in vielen in der Religivnsausübung täglich vorkommenden Dingen der Kirchenſatzung gefangen gegeben. Nun hatte die ſo mächtig auf ſein Weſen einwirkende Frau ihm mit ſo hinreißender Beredſamkeit be⸗ wieſen, daß die Vernunft im Gebiete der Religion gar keine Grenze habe, daß Vernunft und Reli⸗ giovn überhaupt gar keine verſchiedenen, einander bekämpfenden Potenzen— eine innere und eine —— —— 205 äußere— ſondern vielmehr beide die höchſtmög⸗ liche harmoniſche Ausbildung aller Geiſteskräfte und die aus dem Selbſtbewußtſein des Menſchen als Doppelblüthe hervorgeblühte Summe alles Geiſteslebens ſeien. Er überzeugte ſich: daß, wenn er dieſe letzte Conſequenz des Rationalismus ziehe, damit der ganze Kirchenglaube fallen müſſe; er überzeugte ſich, daß, wenn er bei dieſer höhern Erkenntniß dem Kirchenglauben in der Ausübung ſeines Amtes ferner huldige, d. h. wenn er anders predige und lehre als er ſelber glaube, er ein ver⸗ ächtlicher Heuchler ſei. Aber immer kam er wieder darauf zurück, daß mit dieſem Kirchenglauben all ſeine Lebenswurzeln verwachſen waren, daß ſein Vater, der ſo unerſchütterlich daran hing, daß ſeine Mutter, die Alles als gottlos verdammte, was nicht mit dem Dogma der augsburgiſchen Confeſ⸗ ſion und des großen und kleinen Katechismus Luthers übereinſtimmte, daß ſeine Geſchwiſter, die gar keine Vorſtellung davon hatten, daß es außer dem Kirchenglauben noch eine andre Anſicht von der Religion gebe, daß alle dieſe ihm ſo unaus⸗ ſprechlich theuern Menſchen, die ihn mit der größ⸗ 206 ten Aufopferungsfähigkeit liebten, durch ſeinen Abfall von der Kirchenſatzung zur Verzweiflung getrieben werden müßten. Und ihn ſelbſt feſſelte die ſüße Gewohnheit an die Kirche; das Leben war ihm, als er ihren Geboten blind folgte, ſo idylliſch verfloſſen; ſeine Pflichterfüllung hatte ihn ſtets mit ſo himmliſchem Frieden erfüllt. Er konnte ſich nicht zum letzten und äußerſten Schritt ent⸗ ſchließen. Sein Kampf war furchtbar, und er verfiel endlich in die troſtloſe Apathie des Zuwar⸗ tens, des dumpfen ungewiſſen Hoffens auf irgend etwas unbeſtimmt Gedachtes, was ſeinem qual— vollen Zuſtande von außen Hülfe bringen ſollte, dem doch allein nur durch innere Erkräftigung zu helfen war. Natürlich dehnte ſich dieſe moraliſche Abſpannung auch auf die andre Seite ſeines See⸗ lenkampfes aus. Das Feuer der Leidenſchaft für Herminen brannte ihm die Seele aus. Es trieb ihn, ſie immer mehr aufzuſuchen, um ſie zu ſein, ſie zu ſehen und zu hören, aber je mehr er bei ihr war, deſto höher ſtieg die Gluth und drohte ihn endlich ganz zu verzehren. Zuweilen war er nahe daran den Verſtand zu verlieren, und eine 207 zufüllige Berührung ihrer Hand durchzuckte ihn wie ein elektriſcher Schlag und verſetzte ihn auf Minu⸗ ten in einen Zuſtand, der einer Ohnmacht glich. So ſehr er ſeine Seelenkämpfe und Leiden ſeinen Angehörigen zu verbergen ſuchte, ſo ſehr erriethen ſie dieſelben aus ſeiner immer mehr ver⸗ fallenden Geſtalt und aus ſeinem Benehmen. El⸗ tern und Geſchwiſter wurden von der größten Be⸗ ſorgniß erfaßt, beſonders nahm ſich die Mutter dieſes Unglück ſehr zu Herzen. Am ruhigſten und gefaßteſten zeigte ſich Malchen. Niemand aber wußte Rath und alle hofften darauf, daß der Oberſt mit Bellmann bald kommen und die Unglückſtif⸗ terin mit ſich fortnehmen werde. Guſtavs Briefe an Hannchen ſtellten dieſe Ankunft in nahe Aus⸗ ſicht. Marius wurde von dieſer Nachricht erſchüt⸗ tert; die Vorſtellung, daß Hermine Hallungen verlaſſen werde, erfüllte ihn mit Grauſen, und doch lag auch wieder eine Wolluſt für ihn in dem Gedanken, daß es zu einer Entſcheidung kommen müſſe. Dieſe dumpfe ſchlaffe Reſignation, dieſes zielloſe Zuwarten und Vegetiren von einem Tage zum andern war ihm ſelbſt unerträglich. 208 Gegen Ende September langte der Oberſt mit Guſtav geſund und heiter an, und obgleich er etwas verwundert war über die gänzliche Umwand⸗ lung des Schloſſes, welche die junge Frau wäh⸗ rend ſeiner Abweſenheit vorgenommen hatte, ſo hieß er doch in fröhlicher Laune Alles gut und war nur darauf bedacht, ſeinerſeits auch etwas zum Glück und Wohlſein der Leute in Hallungen zu thun. Vor der Hand hatte er ſich dazu zwei Partien auserſehen, und das Pfarrhaus war es vorzüglich, auf welches er ſeine philanthropiſchen Abſichten lenkte. Er hatte Bellmann liebgewonnen und wollte die Wünſche, die ihm derſelbe zu er⸗ kennen gegeben hatte, ſo ſchnell als möglich be⸗ friedigen. Und ſo kaufte er denn ſchon nach einigen Tagen den nahe gelegenen Erlenhof und beſeellte ſogleich Handwerksleute, um ihn zu einer großar⸗ tigen Waidfabrik, ſo wie zu einem comfortablen Wohnhauſe umzuſchaffen. Zugleich hielt er im Pfarrhauſe feierlich um Hannchens Hand für ſeinen Neffen an, die ihm denn auch— da er über die Vermögensverhältniſſe des Letztern erfreuliche Auf⸗ ſchlüſſe gab— mit Freuden zugeſagt wurde. 209 Hierauf kündigte er in der fröhlichſten Laune von der Welt an, daß er auf ſeine Koſten die Doppel⸗ hochzeit zwiſchen dem Pfarrer Marius und Malchen und zwiſchen Guſtav Bellmann und Hannchen auszurichten wünſche. Für dieſes Feſt beſtimmte er den achtzehnten October, welchen er jedes Jahr feierlich beging, weil er in der Schlacht bei Leipzig mitgefochten hatte und lebensgefährlich verwundet worden war. Bis dahin waren nur noch volle drei Wochen, und die kirchlichen Aufgebote mußten unverzüglich beginnen. Marius ſollte ſich am nächſten Sonntag ſelbſt von der Kanzel proclami⸗ ren und heute war Freitag. Er erblaßte; ein leiſes Zittern flog über ſeine Glieder, und er ging auf ſein Zimmer, wo er in ein ſchier bewußtloſes Brü⸗ ten verſank. Unterdeſſen ſchickte die Frau Magi⸗ ſterin in ihrer Herzensfreude, daß plötzlich Alles eine ſo gute Wendung nahm, einen Boten nach Sundheim, welcher das kirchliche Aufgebot ihres Sohnes und Malchens auch beim dortigen Pfarrer beſtellen und die Braut auf dieſen Abend nach Hollungen einladen mußte. Als Marius Abends nicht am Familientiſche 14 erſchien, eilte Guſtav auf das Zimmer deſſelben und fand ihn auf dem Sopha mehr liegend als ſitzend im heftigſten Fieberparvrismus, der ihn der Beſinnung beraubt hatte. In großer Beſtürzung eilte die Familie herbei nebſt Malchen, welche eben angekommen war. Der Erkrankte wurde zu Bett gebracht, und ein Eilbote nach dem Arzte geſandt. Alle waren verſtört und voll banger Ahnung. Die alte Mutter ſaß ſtill vor ſich hinjammernd am Krankenbette. Die ſchwere drohende Wetterwolke hatte ſich tiefer geſenkt und hing unmittelbar über den bang athmenden Häuptern der Betheiligten. Wem von ſeinen Angehörigen des tief erregten Marius glühende Leidenſchaft für die Gutsfrau noch ein Geheimniß geweſen wäre, der hätte ſie während ſeiner langwierigen Krankheit von ihm ſelbſt erfahren; denn in ſeinen Fieberphantaſieen war er nur mit ihr beſchäftigt. Er machte ihr die heftigſten und zärtlichſten Liebeserklärungen, er bat ſie im rührendſten Tone um ihre Gegenliebe, er 211 beſprach ihre religiöſen Anſichten mit ihr und ſtimmte ihnen zum Entſetzen der Zuhörer bei, und in den Tagen der wildeſten Fiebergluth flog er mit ihr auf flüchtigen Roſſen als Kunſtreiter über die Erde oder durch die Lüfte dahin und recitirte dazu Stellen aus Bürgers Leonore.— Dieſe Dinge blieben natürlich nicht verſchwiegen; ſie wurden nicht allein der Oberſtin durch ihre Dienſt⸗ leute zugetragen, im ganzen Dorfe war bald Nie⸗ mand, der nicht wußte, wie der junge Pfarrer zur Gutsfrau ſtand und was die Urſache ſeiner Krank⸗ heit ſei; nur allein der Oberſt wußte es nicht, ihm ſagte es Niemand, und er hatte nicht die leiſeſte Ahnung davvn. Hermine zeigte nicht die mindeſte Unbefangen⸗ heit; ſie ſchickte täglich in das Pfarrhaus und ließ ſich nach dem Befinden des Kranken erkundigen. Dabei waren ihre Anſtrengungen in den Schulen und neuen Anſtalten für die Volksbildung doppelt, da ſie die Hülfe des Pfarrers entbehrte. Der Oberſt hatte unter dieſen Umſtänden wenig Unter⸗ haltung. Im Pfarrhauſe war Alles verſtört, auf den Edelſitzen der Umgegend wurde er ſeit ſeiner Wiederverheirathung kalt aufgenommen und zu keiner Partie mehr eingeladen; als er daher mit der Einrichtung des Erlenhofs fertig war und keine Ausſicht hatte, die Doppelhochzeit, auf die er ſich ſo ſehr gefreut, bald auszurichten, fing er an ſich zu langweilen und ſehnte ſich nach ſeiner Dres⸗ dener Geſellſchaft. Als er aber von der Abreiſe ſprach, erklärte ihm Hermine ſehr beſtimmt: ſie werde Hallungen nicht verlaſſen, wo ihre Gegen⸗ wart unentbehrlich ſei; er möge nur allein reiſen; ſie werde ihm das nicht übel nehmen. Er ließ ſich das nicht zweimal ſagen und reiſte ab. Die Kunde, daß die Oberſtin bleibe, war eine Hiobspoſt im Pfarrhauſe. Die Stimmung wurde hier noch ge⸗ drückter. So ſehr man auch gegen Herminen ein⸗ genommen war, ſo wurde doch ſelten eine Stimme darüber laut, weil Bellmann offen und ehrlich ſeine Sympathieen für ſeine Couſine bekannte und je⸗ desmal, wenn ein Tadel gegen ſie ausgeſprochen wurde, als ihr Vertheidiger auftrat. Hannchen gerieth dadurch zwiſchen zwei Feuer; ſie hing ihrem Verlobten an, ſie liebte ihre Eltern. So war die Mutter eigentlich nur auf Erneſtine und Mariane 213 beſchränkt, bei welchen ſie denn ihrem gepreßten Herzen Luft machte. Am ruhigſten und würdigſten benahm ſich immer Malchen; ſie kam gerade nicht oft, und wenn ſie da war, hörte man nie die kleinſte Klage von ihren Lippen, nie ein Wort des Tadels über die Gutsfrau oder ihren Verlobten. Im Gegentheil beſuchte ſie dann ſtets die Lehranſtalten der Oberſtin, ja ſie ging ſogar zu derſelben ins Schloß, um ſich über dieſes und jenes von ihr unterrichten zu laſſen, oder Bücher und Muſikalien von ihr zu entlehnen. Darüber war denn die Frau Magiſterin bitterböſe auf Malchen und ſchalt ſie wohl gar wegen ihrer „Charakterloſigkeit“ aus. Das Mädchen ließ das ſchweigend über ſich ergehen und vertheidigte ſich nicht. Höchſtens ſagte ſie einmal: Jeder müſſe ſeinen eignen Ueberzeugungen folgen und Keiner könne den Andern richtig beurtheilen, ſo lang dieſer ihm nicht die ganze Seele aufgeſchloſſen und durch die That ſich bewährt habe. Die Magiſterin ſchüt⸗ telte dann verzweifelt den Kopf und meinte: ſie könne ſich in die heutige Welt nicht mehr finden. Es komme ihr Alles verkehrt und verrückt vor. Es ſei Zeit, daß ſie ſterbe. Hernach würden die Folgen der Thorheiten die Unglücklichen ſchon be— lehren, daß ſie allein recht gehabt habe. In Hoffen und Bangen verſtrich faſt der ganze October; endlich erklärte der Arzt die Krankheit für beſiegt; das Fieber wich und die Zeichen der Geneſung traten ſtark hervor. Er ſchlief viel, und wenn er wachte, lag er meiſt ſtill und ſinnend vor ſich hin, dann ruhete wohl ſein Auge minutenlang forſchend und fragend auf den Anweſenden. End⸗ lich flüſterte er Guſtav zu:„Ich muß mit dir allein ſprechen; komm' zu mir, wenn die Andern zu Tiſch ſind.“ Guſtav that alſpv.„Wie lange bin ich krank?“ fragte der Reconvaleſcent. „Faſt vier Wochen, lieber Marius.“ „Iſt der Oberſt mit ſeiner Gemahlin abge⸗ reiſt?“ „Er allein. Sie iſt hier geblieben und widmet ſich mit großem Eifer ihren Anſtalten.“ Eine hohe Röthe war über des Pfarrers Ge⸗ ſicht geflogen, doch verklärte ſichs jetzt zu einem ſeligen Lächeln. — 215 „Iſt die Oberſtin während meiner Krankheit hier im Hauſe geweſen?“ fragte Marius weiter. „Nein. Sie konnte nicht kommen. Der Wunſch deiner Eltern und Geſchwiſter, daß ſie nicht kom⸗ men möchte, iſt ihr nicht verborgen geblieben. Aber ſie hat täglich geſchickt, und ſich nach deinem Be⸗ finden erkundigen laſſen⸗“ „Willſt du mir eine Liebe erweiſen, Guſtav?“ „Kannſt du noch fragen?“ „Nun ſo nimm dort den zweiten Theil von Spinozas Schriften, trag' ihn zu deiner Couſine und bitte dir den dritten und vierten Theil aus.“ „Und ſoll ich nichts dazu ſagen?“ „Das beſagt ſchon mehr als Worte; ſie ver⸗ ſteht es.— Niemand im Hauſe darf von deinem Gang erfahren, und die Bücher giebſt du mir heimlich.“ Nach einer Stunde kehrte Guſtav mit den Büchern zurück. Marius griff haſtig danach. Ein Blatt Papier fiel heraus und er las: „Glück auf zum Sieg! Glück auf zum neuen Leben! Der Gott in dir belohnt dein redlich Streben; Im Spiegel deines Ichs wird dir die Welt nun klar. Wird dir ſein Wirken bald im allerkleinſten Ringe Der ew'gen Weſenkette offenbar.“ Er preßte das Blatt lange an die Lippen; dann begann er unverzüglich die Lectüre. Am Abend beſuchte ihn ſein Vater. Das Buch lag auf dem Tiſche, und der Alte ſchlug es auf, aber erſchrocken ſchob er es bei Seite, als er den Titel geleſen hatte.„Ach, mein Sohn!“ ſagte er ſeufzend,„ich hätte dich lieber mit einem unſrer frommen Kirchenväter beſchäftigt geſehen, als mit dieſem gottloſen, aberwitzigen Juden, der Gott ver⸗ läugnet und läſtert und den Heiland im Geiſte abermals verhöhnt und gekreuzigt hat.“ „Kennen Sie Baruch Spinoza's Schriften, mein Vater?“ fragte der Pfarrer ſchmerzlich lächelnd. „Gott ſoll mich bewahren, daß ich jemals die Bücher eines Atheiſten geleſen hätte! Das iſt keine Lectüre für einen chriſtlichen Pfarrer. Nicht vergebens wurden wir junge Studenten der Theo⸗ logie auf der Univerſität vor dieſem Gottesläſterer und Chriſtusſchänder gewarnt.“ Weißt du den Geiſt des Alls als Urgrund aller Dinge, — 217 „So iſt Ihnen freilich früh eine falſche An⸗ ſicht von dieſem tiefen Denker und redlichen Men⸗ ſchen beigebracht worden; Sie haben ſich dadurch abhalten laſſen, ſelbſt zu prüfen und haben alſo kein Urtheil über ihn. Sie ſehen, daß ich es anders mache, und deshalb kann ich Sie aufrichtig ver⸗ ſichern, daß Sie über Spinoza und den Pantheis⸗ mus im Irrthum ſind.“ „Mein Sohn, meine Befürchtungen beſtätigen ſich immer mehr. Du biſt durch dieſe Frau auf Wege gekommen, die du ſonſt nicht wandelteſt. Kind, ſie führen dich ins zeitliche und ewige Ver⸗ derben. Das ſind eben die breiten lockenden Wege, von welchen die Schrift ſagt. Wer dem heiligen Wunder des Glaubens untreu wird und allein auf ſeine kleine armſelige Vernunft vertraut, an dem haben die böſen Mächte ſchon Theil. Bedenke, daß unſer großer Luther die menſchliche Vernunft als einen Ausfluß dieſer böſen Mächte bezeichnete und ihr die göttliche Offenbarung als das allein Wahre entgegenſtellte.“ „Ja und ſie eine Hure, eine Beſtie, einen Satan ſchalt. Ich habe höhere Anſichten von der 218 Vernunft und halte ſie für die höchſte und ſchönſte Offenbarung Gottes.— Doch ich möchte darüber nicht mit Ihnen ſtreiten, lieber Vater. Das We⸗ ſen des Alllebens und darum auch des Einzellebens iſt ſtetes Fortſchreiten in der Erkenntniß der Dinge; es iſt alſo eben ſo natürlich als nothwendig, daß des Sohnes Anſichten andre ſind als die des Vaters.“ „Alſo höhere, weiſere!“ ſagte der alte Mann mit einer wehmüthigen Bitterkeit, die dem jungen ins Herz ſchnitt.„Sieh, dich hat auch ſchon der geiſtige Hochmuth ergriffen.— Wo iſt nun dein kindlich inniges Vertrauen auf Gottes allgütige und allweiſe Weltregierung? wo iſt nun die chriſt⸗ liche Demuth, mit welcher du dich dem ewigen Rathſchluß der Vorſehung fügteſt, die Worte des Erlöſers nachbetend; Nicht mein Wille, ſondern dein Wille geſchehe!— Mein Jammer würde unausſprechlich groß ſein, wenn ich nicht die troſt⸗ reiche Hoffnung hegte, dich nach deiner völligen Geneſung wieder auf den Weg des ewigen Heils zurückzuführen. Und deshalb wollen wir heute das Thema fallen laſſen.— Eins nur laß uns heute —,— — 219 beſprechen. Du weißt, wie gern wir deine Braut in unſerm Familienkreiſe aufgenommen haben. Sie iſt uns eine gar liebe Tochter geworden. Es war nicht allein des Oberſten Wunſch, deine und Hann⸗ chens Hochzeit zuſammen zu feiern. Deine Krank⸗ heit hat die Ausführung dieſes Wunſches hinaus geſchoben. Natürlich iſt er neuerdings wieder zur Sprache gekommen. Aber nun erklärt Malchen zu unſerm ſchmerzlichen Erſtaunen: ſie könne nicht deine Frau werden; es müſſe durchaus dein eigner Wunſch ſein, daß dieſe Ehe, die doch nur eine unglückliche werden würde, nicht zu Stande käme. Und doch wiſſen wir aus den ſchweſterlich freund⸗ ſchaftlichen Geſtändniſſen, die ſie früher Hannchen gemacht hat, daß ſie dich ſeit Jahren ſchon tief im Herzen getragen und dein Weib zu ſein für das höchſte Erdenglück erachtet hat. Hier waltet wieder daſſelbe unſelige Geheimniß, das wir Alle bang ahnen und vor deſſen näherer Bekanntſchaft uns grauſ't. Ich muß dich alſo des lieben guten Mäd⸗ chens wegen aufs Gewiſſen fragen: iſt es wirklich dein Wunſch, wie ſie behauptet, nicht mit ihr ver⸗ bunden zu werden?“ 220 „Gönnen Sie mir Zeit, mein Vater, mir ſelbſt klar zu werden,“ verſetzte Marius ſehr gedrückt. „Es wogt ſo chaotiſch in mir, und die Krankheit hat auch meine Geiſteskraft geſchwächt. Bin ich zu neuer Kraft und Ruhe gekommen, will ich ſelbſt mit Malchen reden. Sollte ſich übrigens eine paſ⸗ ſende Partie für ſie finden, kann und darf ich ih⸗ rem Glücke nicht im Wege ſtehen. Denn ich fürchte ſelbſt, daß wir nicht glücklich miteinander werden würden.“ Der alte Magiſter ſtand ſchweigend auf. Ein leiſes Kopfſchütteln begleitete eine Bewegung ſeiner Lippen, als ſpräche er etwas. In der That aber ging kein Laut von ihnen aus, und nur ein paar Thränen quollen aus ſeinen Augen. Er entfernte ſich; ſein Entſchluß war gefaßt. Malchen, die unten in der Familienſtube ge⸗ wartet hatte, las ihren Urtheilsſpruch in den ſtei— nernen, gramzerwühlten Zügen des alten Mannes. Er vermied es zu ſprechen, aber es bedurfte für ————— ———— 221 ſie auch nicht der Worte. Die ganze Lage der Dinge war ihrem lebendigen Geiſte im Augenblick klarer als irgend einem der dabei Betheiligten. Sie hatte den Blick einer Seherin; denn ſie hatte den Blick der Liebe. Darum gedieh auch in ihr ein Entſchluß, den ſie ſchon lange gefaßt, zur Reife. Ohne Jemandem ein Wort davon zu ſagen, ging ſie gegen Abend auf das Schloß und ſtand bald der Oberſtin gegenüber. „Iſt Ihnen wieder ein Zweifel aufgeſtoßen? Bedürfen Sie meines belehrenden Wortes? Oder wünſchen Sie ein Buch aus meiner Bibliothek?“ fragte Hermine freundlich. „Nicht ein Wort, nicht ein Buch möchte ich heute von Ihnen erbitten, gnädige Frau, ſondern eine That,“ verſetzte Amalie, und der ſchwungreiche getragene Ton ihrer Stimme, durch welchen Auf⸗ regung und Befangenheit des Landmädchens zit⸗ terten, rief ſogleich eine eigenthümliche Wirkung in der Seele der gelehrten Frau hervor, ſo daß ſie verwundert ſprach:„Eine That?! Wohlan, welche wünſchen Sie? Ich liebe Thaten mehr als Worte und Bücher!“ 222 „Ich will ohne Umſchweife zu Ihnen reden, gnädige Frau. Die Verhältniſſe im Pfarrhauſe werden täglich trauriger und drängen unaufhaltſam zu einer Entſcheidung hin. Wenn wir, die Be⸗ theiligten, ſie nicht behutſam ſelbſt herbeiführen und die Verwirrung vernünftig löſen, ſo fürchte ich, daß es gewaltſam und auf eine uns Allen ſehr ſchmerzliche Weiſe geſchehen wird.“ „Erklären Sie ſich deutlicher, liebes Malchen; ich verſtehe Sie nicht ganz. Sprechen Sie völlig offen!“ „Sie wiſſen es, gnädige Frau, Sie müſſen es wiſſen, daß der Pfarrer Marius durch Sie ein geiſtig gänzlich verwandelter Mann geworden iſt. Denn nicht nur daß er ſich zu Ihren religiöſen Meinungen und Anſichten bekehrt hat, er liebt Sie auch mit der heftigſten Leidenſchaft ſeiner großen und ſchönen Seele.“ Die letzten Worte wurden mit gedrückter und zitternder Stimme geſprochen; aber die Schwäche dauerte nur ein paar Augen⸗ blicke, und mit feſter Stimme fuhr ſie fort: „Ja nur Sie liebt er heiß und ſtark mit der unentweihten Seele eines edeln Mannes, und in 223 Ihre Hand iſt es gelegt, ihn zu retten oder zu verderben.“ „Mein liebes Kind,“ antwortete Hermine ver⸗ legen lächelnd,„Sie ſind die Verlobte des Herrn Pfarrers; es wäre ſehr unrecht von ihm, wenn er die Neigung ſeines Herzens Ihnen entziehen und mir zuwenden wollte. Eine Andre, welche die Worte, die ich ſo eben von Ihnen gehört, zu mir geſprochen hätte, würde ich mit Stolz behandeln; Ihnen verſichere ich aufrichtig und herzlich; ich bin mir keiner Schuld und Veranlaſſung bewußt, den Herrn Pfarrer—“ Das weiß ich; davon bin ich überzeugt!“ fiel Walchen lebhaft ein.„Von einer ſchuldvollen Veranlaſſung kann hier bei keinem Theile die Rede ſein. Die Belehrung und Anregung, die ich von Ihnen empfangen, haben auch mich auf einen hö⸗ hern Standpunkt gehoben, von wo ich die Dinge in einem andern und gewiß richtigern Lichte ſehe, als ſonſt, als ich noch das unwiſſende, in den Vorurtheilen meines Standes befangene Landmäd⸗ chen war. Wenn ich mit einigem Selbſtgefühl glaube, daß der Unterſchied zwiſchen Ihrem und 224 meinem geiſtigen Standpunkte eben nicht ſehr ver⸗ ſchieden mehr ſein dürfte, ſo iſt dieſes Selbſtgefühl Ihre Schöpfung, gnädige Frau, und die Offenheit, mit der ich es Ihnen bekenne, meine beſte Dank⸗ ſagung. Aber mit meinem geläuterten und ge⸗ ſchärften Geiſtesauge habe ich von vorn herein die Nothwendigkeit eingeſehen, daß Marius Sie lieben müſſe, habe ich dieſe Liebe in ſeinem Herzen ent⸗ ſtehen und wachſen ſehen. Es blieb ihm ja keine Wahl und kein Widerſtand. Glauben Sie mir, er hat gekämpft, ſchwer gekämpft; aber ein Mann wie er muß durchaus eine Frau wie Sie lieben! Sie Beide ſind für einander geſchaffen. So ver⸗ braucht dieſe Redensart geworden iſt, ſo hat ſie doch hier ihre volle Geltung. Sobald Sie einmal in ſeinen Geſichtskreis getreten waren, blieb ihm durchaus weiter nichts mehr übrig, als ſich der geiſtigen Rieſenmacht zu fügen, welche, Herrſchaft über ihn gewinnend, von Ihnen ausging, und der Anziehungskraft zu folgen, die in Ihrem Weſen liegt, und ſo ſind Sie beide gleich frei von Schuld. Wer darf überhaupt von Schuld reden, wo eine Nothwendigkeit vorliegt? Wir kennen die Geſetze 225 der Geiſter nicht, nach welchen ſie ſich angezogen und abgeſtoßen fühlen. Hat die Sonne die Schuld oder die Erde, daß dieſe ſtets um jene wandeln muß, angezogen und genährt von ihrem Lichte? Sie folgen beide dem ewigen unergründlichen Na⸗ turgeſetz und können ſich demſelben nicht entziehen. Entziehen auch Sie ſich ihm nicht, gnädige Frau. Alle Sünde am Naturgeſetz iſt eine Sünde am Weltgeiſt; denn beide ſind ja eben Eins und das⸗ ſelbe, wie ich durch Sie gelernt und begriffen habe.“ „Mädchen, Mädchen!“ rief die Oberſtin er⸗ ſtaunt,„nein, nein, dieſe Weisheit haſt Du nicht von mir. Du verbirgſt mir ihre wahre Quelle, aber ich ahne, ich kenne ſie doch. Nun laß doch hören, mein Kind, was Du eigentlich von mir verlangſt? Was ſoll ich thun? Oder ich will die Frage ſchärfer ſtellen: Was würdeſt Du thun an meiner Stelle?“ „Um ſie zu beantworten, muß ich über einen Punkt erſt volle Gewißheit haben. Zwar glaube ich im Reinen darüber zu ſein, aber ich muß die Beſtätigung aus Ihrem Munde hören. Alſo: lie⸗ 15 226 ben Sie Ihren Gatten, gnädige Frau? Haben Sie ihm mit Ihrer Hand Ihr Herz gegeben?“ „Mädchen, welche Frage!“ „Halten Sie mich nicht für eine Unverſchämte! Sie verlangen: ich ſoll mich an Ihre Stelle ver⸗ ſetzen. Dann muß ich ganz klar über Sie ſein. So wie ich Sie bis jetzt verſtanden habe, lieben Sie Ihren Gemahl nicht, können ihn nicht lieben, weil er Ihnen geiſtig nicht ebenbürtig iſt. Sie ſind den Ehebund aus durchaus keinem andern Grunde mit ihm eingegangen, als weil Ihnen da⸗ durch Gelegenheit geboten wurde, Ihre großen ge⸗ nialen Erziehungspläne auszuführen, und deshalb wollen Sie auch nicht in Dresden mit ihm leben, ſondern hier, um dieſes Dorf gleichſam zu einer Muſtererziehungsanſtalt zu machen. Das iſt der Grund, aus welchem Sie den Oberſten geheirathet haben. Von Liebe in der höchſten und ſüßeſten Bedeutung des Wortes kann zwiſchen Ihnen beiden nicht die Rede ſein. Wenn ich Umecht habe, ſo widerſprechen Sie mir.“ „Ich ahne, ich weiß, was Dir den Blick geſchärft.— Nun zugegeben, Du haſt recht ge⸗ 227 ſehen: was würdeſt Du thun, Amalie, an meiner Stelle?“ „Von mir— kein Wort mehr! Sie müſſen ſich von dem ungeliebten Gatten trennen; Sie müſſen Marius' Weib werden. Er muß ſeine Pfarrerſtelle niederlegen; denn auf dem reli⸗ giöſen Standpunct, den er durch Sie gewonnen hat, kann er unmöglich Pfarrer bleiben. Es wird für ſeine Familie ein großer Schmerz ſein, aber ſie wird ihn in Hinblick auf ſein Glück zu tragen wiſſen. Wahres, aus dem innern Lebenskern her⸗ auswachſendes Glück(und dieſes iſt nur allein das wahre) kann ja nie ohne Schmerz und Opfer er⸗ rungen werden. Dann widmen Sie ſich beide der Ausführung Ihrer Pläne mit vereinten Kräften.“ „Liebe Schwärmerin, als ob das dann noch möglich werden könnte! Du vergißt ganz, daß ich das nur als die Frau des Oberſten vermag.“ „O wenn Sie nur von äußern Bedingungen reden! Das habe ich freilich von Ihnen nicht er⸗ wartet. Der Keim einer neuen Lebensgeſtaltung trägt ja die ſchöpferiſche Kraft in ſich ſelbſt und erringt ſich mit dieſer unwiderſtehlichen Kraft die äußern günſtigen Bedingungen. Bedürfen Sie des Oberſten zur Verwirklichung Ihrer Pläne? Wahr⸗ lich nein! Sie bedürfen des Marius dazu.“ „Du kennſt die Welt, die Menſchen nicht, Kind. Deine ideale Weltanſchauung leidet Schiff⸗ bruch in der Wirklichkeit. Ich dachte und fühlte auch einſt wie Du. Wer etwas Großes ſchaffen will, muß ſich erſt den kleinen und engen Ver⸗ hältniſſen anbequemen. Ich fürchte ſehr, Ma⸗ rius und ich als Ehegatten würden nicht viel erreichen.“ „Wenn Sie das ſo kühl ſagen, gnädige Frau, dann fürchte ich freilich, daß ich mich in einem weſentlichen Punkte geirrt habe.“ Malchen war in dieſem Augenblicke ſehr traurig. „Und in welchem?“ „Daß Sie den Pfarrer lieben.“ „Und Du? Du, Amalie! Von Dir ſprichſt Du nicht?“ rief die Oberſtin heftig, umarmte ſie und küßte die Weinende auf die reine, hohe Stirn. „Ich ſagte Ihnen ja vorhin, daß von mir nicht mehr die Rede ſein dürfe.“ 229 „Stolze Seele, wie ganz durchſchau' ich Dich! Kryſtallreines Herz, wie blicke ich Dir auf den tiefſten Grund! Und glaubſt Du wirklich, daß ich mich von Dir an Großmuth beſchämen ließe?— Komm an mein Herz, ſüßes, edles, großes Weib! Du allein biſt des edlen großen Mannes würdig, weil Du allein ihn wahrhaft liebſt. Nur diejenige, welche ihr Theuerſtes todesmuthig opfern kann, die den Geliebten einer andern Frau aufdringen kann, um ihn dadurch glücklich zu machen, nur die liebt ihn wahrhaft. Du liebſt dieſen Mann wie ſelten Frauen lieben, Du liebſt ihn wie es ſelten Einer verdient. Ihr ſeid einander wahrhaft würdig. Amalie, Dein Gatte muß Marius werden; nur in Deinem Beſitz wird er wahrhaft glücklich ſein. Hätt' ich Dich früher gekannt, wie ich Dich heute kennen gelernt habe, ihr beide wäret ſchon vereint. Aber nun darf nichts dieſe Vereinigung verzögern. Mit Freuden bring' ich Euch das Opfer und ver⸗ laſſe Hallungen ſogleich und kehre erſt zum Früh⸗ jahr zurück. Dann wird er wiſſen, welch eine Perle er an Dir beſitzt, wie Du weit, weit mehr werth biſt als ich.“ 230 Das liebende Mädchen löſ'te ſich faſt in Thrä⸗ nen auf. Sie war beſiegt und widerſtand nicht der großen edelmüthigen Siegerin, die ſie wieder⸗ holt, ſie liebkoſend, in die Arme ſchloß und ihr die Thränen von den Wangen küßte. Dann entließ ſie dieſelbe mit den Worten:„Nun geh, liebe Seele, und ſei getroſt. Es wird noch Alles gut werden. Sei verſichert, daß ich rüſtig Hand anlege, Dein Glück zu bauen.“— Als Hermine allein war, ſtand ſie einige Au⸗ genblicke ſtarr wie eine Bildſäule mitten im Zim⸗ mer; dann that ſie plötzlich einen verzweiflungs⸗ vollen Schrei— es war einer jener furchtbaren Naturlaute, die unwillkührlich tief aus der Seele hervorſteigen und Kunde geben von einem gräß⸗ lichen Zuſtande der gemarterten Kreatur; die die künſtlich gewebten Schleier zerreißen und einen Blick vergönnen in das Innerſte eines ſonſt ver⸗ ſchloſſenen Lebens. Sie bedeckte ihr Geſicht mit beiden Händen und ſank weinend auf das Sopha. Was war es nun, das dieſe Erſchütterung in ihr hervorrief? Liebe zu Marius? Verletzter Stolz, der ſich zur Großmuth emporgipfelte, die ihrem 231 Weſen nicht eigen war? Erkannte ſie ſich zum erſten mal ſelbſt und bereitete dieſe plötzliche Er⸗ kenntniß ihr ſo wilden Schmerz? Oder trübte die Geſtaltung der Verhältniſſe ihren innern Blick ſo ſehr, daß ſie von dieſer Verwirrung ſo ſchmerzlich ergriffen wurde? Ihre Handlungsweiſe in den nächſten folgenden Tagen wird den Schlüſſel zu dieſen Räthſeln, die Antwort auf dieſe Fragen geben. Am andern Morgen ließ ſich der alte Herr Magiſter bei der Oberſtin melden. Sie empfing ihn mit gemeſſenem Anſtand und ernſter Würde. Sie bemerkte ſogleich die peinliche Spannung in den verwitterten Zügen des alten Mannes und baute ihm deshalb die Brücke zu ihr herüber mit der Frage, ſobald er neben ihr auf dem Sopha Platz genommen hatte:„Was verſchafft mir in ſo früher Tageszeit die unerwartete Ehre Ihres gü⸗ tigen Beſuchs, Herr Magiſter? „Mögen Sie die ungewohnte Stunde mit ſagen, als daß Marius der Troſt und die Hoff⸗ 232 meinem Anliegen und dem Drange der Umſtände gütigſt entſchuldigen, gnädige Frau,“ begann er verlegen und mit zitternder Stimme.„Auch müſ⸗ ſen Sie einem alten Manne, der ſich ein Recht auf die Liebe und Achtung ſeiner Mitmenſchen er⸗ worben zu haben glaubt, ſchon erlauben, offen und ehrlich, ohne allen Rückhalt mit Ihnen zu reden, gleichſam wie ein Vater mit ſeiner Tochter“ Ergriffen von dieſer herzlichen Anſprache ver⸗ ſetzte Hermine:„Ich bitte Sie inſtändigſt, mein lieber Vater, reden Sie ganz, wie Ihnen Ihr Herz vorſchreibt, und ſein Sie verſichert, daß ein gefühl⸗ volles Menſchenherz Sie anhört. „Unſte Anſichten über die wichtigſten Dinge ſind ſehr verſchieden, aber wenn unſre Herzen ſich verſtehen, werden wir uns doch einigen.— Gnä⸗ dige Frau, es handelt ſich um Leben, Glück und Wohlfahrt meines jüngſten Sohnes, es handelt ſich um Glück und Wohlfahrt meines Hauſes. Meine alte Sabine liebt dieſen Sohn mit einer Zärtlichkeit und Hingebung, für welche die Sprache keine Worte hat. Von mir will ich weiter nichts 233 nung meines Alters iſt. Nun hat ſich uns in ſeiner Krankheit ein Geheimniß enthüllt, welches wir zwar früher ſchon geahnt, über das wir aber doch in großer Ungewißheit waren. Der Inhalt deſſelben iſt nichts Geringeres, als daß Marius nicht ſeine ihm verlobte Braut liebt und deshalb nicht mit ihr verbunden werden kann und will, ſondern daß ſein Herz von der ſtärkſten Leidenſchaft für Sie, gnädige Frau, ergriffen iſt und daß er nur in Ihrem Beſitz glücklich zu werden vermag. Wir vermuthen nicht ohne Grund, daß dieſe Lei⸗ denſchaft von Ihnen erwiedert wird; ich darf we⸗ nigſtens von Ihrer Güte nicht fürchten, daß Sie ſich beleidigt fühlen, wenn ich Ihnen davon rede. Die außerordentlichen Umſtände müſſen mich bei Ihnen entſchuldigen.“ „Es bedarf einer ſolchen Entſchuldigung nicht, Herr Magiſter. Sie haben keine vornehme Sün⸗ derin vor ſich, die ſich Ihnen gegenüber auf das hohe moraliſche Pferd beleidigter Tugend ſetzte. Ich weiß menſchliche Dinge menſchlich zu beur⸗ theilen. Die Herzensneigung Ihres Sohnes zu mir iſt mir nicht unbekannt geblieben, obgleich ich 234 es durchaus nicht zu einer Erklärung habe kommen laſſen. Ob ich ihm eine Herzensſchwäche verra⸗ then— muß ich bezweifeln. Ich hoffe, ich bedarf bei Ihnen der Verſicherung nicht, daß ich es nicht auf eine ſogenannte Liaiſon abgeſehen habe, wie gelangweilte und eoquette Frauen meines Standes ſie anzuknüpfen pflegen, um ſich eine angenehme Aufregung zu verſchaffen und die Zeit zu vertrei⸗ ben.— Ich hätte wohl Hallungen gleich verlaſſen ſollen, als ich bemerkte, was in der Seele Ihres Sohnes vorging, aber ich hielt ſeine Gefühle für vorübergehend, und hoffte, er werde bald mit ver⸗ doppelter Zärtlichkeit zu ſeiner Braut zurückkehren, die ſeiner in jeder Beziehung ſo würdig iſt. Von der andern Seite waren mir meine hieſigen kaum begonnenen Schöpfungen zu lieb, als daß ich ſie eines Verhältniſſes wegen, das mir— wie geſagt — nicht gefährlich ſchien, übereilt und leichtſinnig hätte aufgeben ſollen.“(Sie ſprach in dieſem Au⸗ genblick nicht ganz wahr; auch fühlte ſie dies und war deshalb nicht ganz ſicher in Stimme und Ausdruck)„Doch da ſich die Sache ſo verhält, wie Sie ſagen, werde ich unverzüglich Anſtalten zu meiner Abreiſe treffen und durchaus nicht eher wiederkehren, als bis ich Ihren Sohn als glück⸗ lichen Gatten weiß.“ Der Magiſter ſchüttelte wehmüthig und zwei⸗ felnd das ſchneeweiße Haupt.„Ich fürchte, ſagte er, daß Ihre Abreiſe uns nicht nur nichts mehr helfen, ſondern das Uebel noch viel ſchlimmer ma⸗ chen wird. Ich habe geſtern einen tiefen Blick in meines Sohnes Seele gethan. Da hilft nur noch Eins: Ihr Beſitz, die Vereinigung mit Ihnen. Sie ſind ſich ſelbſt, Ihrem Gemahl, meinem Sohne und mir und meiner ganzen Familie, ja Gott und der Welt ſchuldig, ein Ehebündniß aufzuheben, zu welchem Sie der heilige Trieb des Herzens nicht geführt hat; Sie haben dieſelbe Pflicht, dem Manne, den Sie lieben, von dem Sie ſo grenzenlos geliebt werden, als Gattin anzugehören. Weiter giebt es kein Mittel, aus einem unmoraliſchen Verhältniß in ein moraliſches zu gelangen. Aber Sie müſſen vorher die armſelige Freigeiſterei, die dürre Ver⸗ ſtandesphiloſophie aufgeben, worin Sie befangen ſind; Sie müſſen die ewigen Wahrheiten des Chri⸗ ſtenthums nicht nur begreifen, ſondern in ſich auf⸗ 236 nehmen, erleben und ſich ganz zu eigen machen. Dieſe Ueberhebung des Verſtandes über die Wun⸗ der des Glaubens ſind mir nichts Neues. Meine Geburt ſiel in eine Zeit, wo gleichſam die halbe Welt, die vornehme, gebildete Welt, von dieſen dürren, unfruchtbaren Marimen angeſteckt war. Dieſe Ungläubigkeit, dieſe Verachtung und Ver⸗ ſpottung des Chriſtenthums war gerade den ge⸗ nialſten Leuten eigen. Sie ging zuerſt von den ſogenannten Deiſten und vorzüglich von dem be⸗ rühmten Bolingbrocke aus und pflanzte ſich zuerſt nach Frankreich über, wo ſie in den ſogenannten Encyklopädiſten ſehr eifrige Anhänger fand. Di⸗ derot, d'Alambert, Holbach, Voltaire, J. J. Rouſſeau waren Ihre Häupter—“ „Ich kenne die Schriften und Lebensumſtände aller dieſer Männer,“ fiel Hermine dem geſchwätz⸗ gen Alten ins Wort. „Nun ich wollte Ihnen nur bemerken, daß ihre jämmerlichen Lehren auch in Deutſchland Platz griffen. Die ewige Wahrheit des Chriſtenthums hat ſie alle überwunden. Einer der glänzendſten Siege des Chriſtenthums in dieſer Beziehung, der 237 damals in der ganzen chriſtlichen Welt beſprochen wurde, fand in meinem Knobenalter ſtatt. Zwar war ich erſt 11 bis 12 Jahre alt, aber nichts⸗ deſtoweniger erinnere ich mich die Geſpräche darüber in meinem elterlichen Hauſe— mein Vater war auch Prediger— mit dem größten Intereſſe gehört zu haben. Es war dies die berühmte Bekehrung des Grafen Struenſee, des däniſchen Miniſters und großen Sünders, durch den evangeliſchen Bi⸗ ſchof Dr. Münter in Kopenhagen. Struenſee hatte ganz die Anſichten eines Holbach und verachtete das Chriſtenthum tief, und nachdem ihn Münter ſieben Wochen lang einen Tag um den andern im Gefängniß beſucht hatte, ſtarb Struenſee als der gläubigſte Chriſt auf dem Blutgerüſt.“ „Ich kenne auch dieſe Geſchichte,“ ſagte Her⸗ mine etwas lau;„ich habe ſogar das Buch gele⸗ ſen, worin Dr. Münter die Bekehrung Struenſees ausführlich beſpricht.“ „Sie haben das Buch geleſen?!“ ſagte der Magiſter beſtürzt.„Ich wollte es Ihnen eben übergeben und hoffte davon die beſte Wirkung auch auf Ihren Unglauben; denn die Wahrheiten, die 238 es enthält, gelten für alle Zeiten, und die Gründe, womit Struenſee von Münter beſiegt und bekehrt wird, haben heute noch ihre volle Kraft.“ „Ich danke Ihnen für Ihre Güte. Von meinen Ueberzeugungen wird mich das gutgemeinte Münterſche Buch nicht abzubringen vermögen; kein Buch, kein Menſch in der Welt. Ich will Sie nur auf einen kleinen Unterſchied zwiſchen mir und Struenſee aufmerkſam machen. Struenſee war Arzt und als ſolcher— wie ſehr viele Aerzte— ganz ge⸗ wöhnlicher Materialiſt und hielt vom Menſchen als freiem vernünftigen Weſen gar nichts. Der Menſch war ihm nichts weiter als eine Maſchine, die einem blinden Naturgeſetz zu folgen gezwungen ſei. Ueber das Verhältniß Gottes zur Welt hatte er gar nicht nachgedacht. Er war ein ſinnlicher, eitler, ehrgei⸗ ziger Weltmenſch, der im Strudel des intriganten Hoflebens ſein beſſeres Sein verloren hatte. Wenn man nun kaum niedriger vom Menſchen und ſeiner Beſtimmung denken kann, als Struenſee, ſo kann man im Gegentheil unmöglich höher vom Men⸗ ſchen und ſeiner Beſtimmung denken als ich. Mir iſt der Menſch nicht ſowohl das Ebenbild Gottes, 239 ſondern ſelbſt Gottes voll; ja da dieſes mit allen Dingen der Fall iſt, indem Gott Urgrund und Weſen aller einzelnen Dinge, wie des Alls iſt, ſo hat der Menſch den hohen Vorzug erhalten, daß Gott in ihm zum Bewußtſein kommt, wenn er durch Bildung, Nachdenken, böſe Schickſale, mit einem Worte durch geiſtige Frietion geweckt und zu immer klarerer Anſchauung ſeiner ſelbſt gebracht wird.“ „Sie werden mir erlauben, gnädige Frau,“ nahm der alte Magiſter jetzt ſehr ernſt und ſogar betrübt das Wort,„daß ich Ihnen offen und ehr⸗ lich über das, was ich ſo eben von Ihnen gehört habe, meine Meinung zu erkennen gebe, und zwar daß ich das Kind gleich beim rechten Namen nenne. Dieſe iſt, daß alle Ihre Aeußerungen raffinirte Gottesläſterungen ſind, ja Gottesläſterungen. Zu welcher ſchmachvollen Vorſtellung von Gott ſind Sie gekommen, der erſt und nur im Menſchen, im armen, ſchwachen, allen Irrthümern und Fehlern preisgegebenen Sohn der flüchtigen Stunde zum Selbſtbewußtſein kommen ſoll.“ „Wer ſagt Ihnen: nur? Iſt der ſelbſtbewußte Gott nicht der Urgrund des Alls? Iſt er nicht das All ſelbſt? Das von der Materie unzertrenn⸗ bare Weſen, der Weltgeiſt des Alls? Von dem aus ihm hervorgegangenen Einzelweſen iſt der Menſch das einzige mit Vernunft begabte, das iſt mit der höhern Erkenntnißgabe, durch die er ſich bewußt werden kann, ein Funke des geiſtigen Flam⸗ menmeers zu ſein, welches belebend und erwärmend das All durchſtrömt, ſeine Hülle, die ſichtbare Welt, nach Geſetzen, die eben ſein eigenſtes Sein und Weſen ausmachen, immer neu ſchaffend und ver⸗ nichtend, oder vielmehr umwandelnd. So ſtirbt Gott jeden Augenblick und gebiert ſich jeden Au⸗ genblick neu, aber nur der Menſch iſt gewürdigt, dieſen ſteten und erhabenen Wandel des Alls d. h. Gottes, der eben ſein Geſetz, ſein Sein und Leben iſt, zu erkennen.“ „Dann kommen Sie auf die eraſſeſte Vielgöt⸗ terei, die jemals da geweſen iſt. Sie haben erſt einen großen Gott, den Weltgeiſt des Alls, wie ſie ihn benennen, dann aber gerade ſo viel kleine Götter als es Menſchen giebt.“ „Gewiß ſo iſt es! Und in dieſer Vielgötterei, 241 wie Sie die Sache zu benennen belieben, beſteht eben das wahre Weſen der Religion; denn all dieſe Götter ſind doch nur ein Gott, all dieſe Funken ſind Kinder der einen Flamme, des Welt⸗ geiſtes. Doch nicht im Sinne der alten Welt ſind die Menſchen Götter oder Gottesſöhne, ſondern nach modernen Begriffen, die aus dem Weſen der Natur abſtrahirt ſind. Wir ſind eben alle erfüllt von demſelben Geiſte, welcher das innerſte Weſen, Sein und Leben des Alls iſt, wir ſind durchglüht von derſelben Flamme, welche Alles belebt, der Menſch iſt aber gewürdigt, dies wiſſen zu können.“ „Es bleibt immer ein Gott blinder Nothwen⸗ digkeit, kein liebender Vater der Welt.“ „O nein, verehrter Herr! Gerade in uns ſelbſt und an uns ſelbſt erkennen wir, daß er ein Gott der Liebe und der Freiheit iſt; denn je höher und klarer in uns die Erkenntniß ſeiner oder unſrer ſelbſt(was einerlei iſt) ſteigt, deſto reicher werden wir an Liebe und Freiheit(Beide ſind wieder Eins). Das iſt der kräftigſte Beweis, daß er die höchſte Freiheit, die höchſte Liebe iſt. Jemehr wir ihn nun zum Wachsthum in uns bringen, deſto glück⸗ 16 licher werden wir ſein; denn Glück iſt eben das letzte Reſultat der Freiheit und der Liebe.“ „Ich komme nicht zur Klarheit in Ihrer An⸗ ſicht, obgleich ich wohl begreife, daß Sie nicht auf Struenſees Standpunkt ſtehen. Sie verwerfen natürlich die Gottheit Chriſti und ſein Erlöſungs⸗ werk?“ „Ja und Nein! Ich verwerfe alle geoffenbarte Religion im kirchlichen Sinne. Gott braucht ſich uns nicht nach dem Kirchenbegriff im Fleiſche zu offenbaren, weil er ſich jeden Augenblick im Fleiſche, im Geiſte, in allem was iſt, offenbart. Ich ſagte Ihnen ſchon, wir ſind alle Gottesſöhne. Mir iſt Jeſus nicht der alleinige geoffenbarte Gott, er iſt mir etwas weit Höheres und Verehrungswürdiges, nämlich das Ideal der Menſchheit, und als ſolches der Gottesſohn an ſich, das heißt wieder der Menſchenſohn, wie er ſich ſelbſt am liebſten nennt, der Sohn der Menſchheit. In ihm war Gott zu der höchſten Höhe gewachſen, die er über⸗ haupt in einem Menſchen erreichen kann. Von der Erbſünde braucht er uns nicht zu erlöſen, denn ſie iſt eine kirchliche Chimäre. Aber von der Eng⸗ — 243 herzigkeit, von der Dummheit, vom Aberglauben, von der Selbſtſucht, von dieſen Grundurſachen alles Unglücks der Menſchheit ſoll er uns erlöſen, und wenn wir ihm folgen, ſo erlöſt er uns wirklich davon. Und das iſt ſein großes Erlöſungswerk, an das ich glaube, ein größeres, als das im kirchlichen Sinne; denn das iſt wahrlich ſchwer zu faſſen.“ Der Magiſter war in die Enge getrieben, ob⸗ gleich nichts weniger als überzeugt. Im Gegen⸗ theil widerſtrebte Alles in ihm den Anſichten der Oberſtin. Da er aber nichts Schlagendes zu er⸗ wiedern wußte, ſo erbitterte er ſich und in dieſer Bitterkeit fragte er faſt barſch:„Und was halten Sie endlich von der Unſterblichkeit der menſchlichen Seele?“ Hermine ſchien einige Augenblicke lang un⸗ ſchlüſſig ob ſie auf die Beantwortung dieſer ſchrof⸗ fen Frage eingehen ſolle. Doch ſie nahm ſich zuſammen und erwiederte:„Laſſen Sie mich darauf mit den eigenen Worten eines der größten Thev⸗ logen und Predigers unſrer Zeit antworten, eines Mannes, den Sie gewiß hoch verehren, ich meine 16 244 Friedrich Schleiermacher!“ Und ſie ſtand auf, nahm ein Buch aus einem Schranke, blätterte und ſagte dazu:„Es iſt Schleiermachers berühmtes Werk„Ueber Religion, Reden an die Gebildeten unter ihren Verächtern“, dann las ſie die aufge⸗ ſuchte Stelle:„Doch ihr glaubt ja noch an einen perſönlichen Gott und an perſönliche Unſterblichkeit. O ich ſehe, ihr ſeid noch Schüler gegen mich in der Aufklärung! Selbſt dieſer Begriffe bedarf ich nicht, um euren Augen die erhabene Schönheit und Göttlichkeit der Religion zu enthüllen. Mein Gott iſt das Univerſum, die Einheit des Alls, die unſer Gefühl berührt und unſre Unendlichkeit gei⸗ ſtig empfinden läßt; und auf andre Weiſe als durch dieſe geiſtigen Erregungen des Univerſum kann man Gott nicht haben im Gefühl. Dieß iſt das Haben Gottes und das urſprüngliche Wiſſen um Gott; mit einem perſönlichen außerweltlichen Gotte aber hat die Religion an ſich nichts zu ſchaffen. Das wahre Weſen der Religion iſt die Gottheit in der Welt, die Eins iſt und Alles zugleich.— Und eure perſönliche Unſterblichkeit außer der Zeit und hinter der Zeit iſt in Wahrheit keine. Nur 245 wer die Perſönlichkeit, als das Vergängliche, hin⸗ giebt an Gott, das Ewige, der erſt hat die wahre Unſterblichkeit. Mitten in der Endlichkeit Eins werden mit dem Unendlichen und ewig ſein in jedem Augenblick, das iſt die Unſterblichkeit der Religion.“— Zu dieſem berühmt gewordenen Ausſpruch, den alle ſpecula⸗ tiven Dogmatiker der Neuzeit adoptirt haben, laſſen Sie mich nun einige eigene Worte hinzufügen: „Das Leben, die Weſenheit des Alls, d. i. Gottes, iſt im ſteten Wandel. Jedes Ding wandelt ſich jeden Augenblick und ohne Aufhören fort und fort, aber jedes auch nach ſeinem eigenen aus ſeiner Weſenheit hervorgehenden Geſetz. Die Verände⸗ rungen an einer Blume gehen ſchneller vor ſich als die an einem Baume, die an einem Inſeet ſchneller als an einem Menſchen, die an einem Menſchen ſchneller als an einem Stern. Jed' Ding entſteht aus einem andern Dinge, meiſt durch Zeugung, d. h. durch Vereinigung der beiden Geſchlechter, in welche die ganze organiſche Natur getheilt iſt, dann aſſimilirt ſich das junge Weſen durch Nahrung andrer Dinge oder vielmehr die Urſtoffe der Dinge 246 und wächſt, erlebt ſeine Blüthenzeit, den Höhepunkt ſeines Daſeins, pflanzt ſich fort, nimmt dann wie⸗ der ab, hört dann durch einen beſtimmten Lebens⸗ proceß, den wir Tod nennen, auf, ein Individuum zu ſein und löſt ſich nun wieder in ſeine Urſtoffe auf, die dann in den verſchiedenſten Wandlungen ſich wieder zu andern Individuen zuſammenfügen. Tod iſt daher nichts weiter als ein ſtärkerer als gewöhnlicher Wandlungsproceß; er vernichtet nichts, er wandelt nur um. Er kann nichts vernichten; denn alles iſt ewig. Kein Atom kann aufhören zu ſein. Denn das Atom gehört zum All und das All iſt Gott; im Atom iſt Gott. Es iſt Alles unſterblich. Meinen Sie aber, daß dieſe Lebens⸗ flamme in mir, die mich zum Individuum macht, die der Lebensgrund dieſes meines Körpers bedingt, ſobald ſie erloſchen iſt und die Materie ſich in die Grundſtoffe auflöſt, wieder an einem andern Orte für ſich allein auflodern ſoll, um in alle Ewigkeit als Perſon, als Individuum fortzuleben, ſo wider⸗ ſpricht meine Vernunft ganz entſchieden. Leib und Seele bilden zuſammen den Menſchen und ſind zur Lebensbedingung unzertrennlich aneinander ge⸗ 247 kettet. Erlöſcht die Lebensflamme, ſo hört beider Leben auf; es lebt kein Körper, es lebt aber auch keine Seele mehr. Wir hören nicht auf zu ſein; wir ſind nur in anderer Form und Weſenheit in Gott; denn wir können nie aus ihm heraus, er kann nie aus uns heraus; wir ſind alſo auch ewig, weil Gott, weil das All ewig iſt. Die perſönliche Fortdauer nach dem Tode iſt nichts als ein menſchliches Phantaſiebild wie ſo viele an⸗ dere, denen in der Wirklichkeit nichts entſpricht. Erzeugt vom Egvismus und der feigen Angſt vor dem Tode kehrt es bei allen Völkern in der ver⸗ ſchiedenſten Form wieder. Kindliche Völker wußten dieſem erträumten Zuſtande nach dem Tode we⸗ nigſtens einen poſitiven Gehalt zu geben, indem ſie ihn reichlich mit ihren Lieblingsgenüſſen und Be⸗ ſchäftigungen ausſtatteten; der chriſtliche Himmel iſt aber unbeſchreiblich langweilig; eine ewige Se⸗ ligkeit in ewiger Unthätigkeit iſt der größte Unſinn. Thätigkeit iſt ja eben Lebensbedingung. Und die⸗ ſer Traum kindiſcher Angſt und Selbſtſucht hat den Menſchen bisher die Erde verdorben und das Leben verleidet. Indem die Erde für ein Jammer⸗ ˙ 248 thal, für einen Pfuhl von Sünden und Laſtern ausgeſchrieen wurde, für die Fremde, in welche der Menſch verbannt ſei, um durch allerlei Qual und Prüfung ſich ſeiner Heimath, des unausſprechlich herrlichſten Himmels würdig zu machen, mußte er dieſen Himmel erſehnen, dies Leben verachten, ſei⸗ nen Körper als das Irdiſche geringſchätzen und allein die Seele, als das Himmliſche, hochhalten. Die ganze Lebensbeſtimmung kam ihm erbärmlich, nichtig, widerwärtig vor; der Himmel war der In⸗ begriff all ſeiner Hoffnungen und Wünſche. Da⸗ durch iſt die Natur entſtellt, dem Leben Gewalt angethan worden; die ganze chriſtliche Vergangen⸗ heit iſt ein Zerrbild, unwürdig der hohen Beſtim⸗ mung des Menſchen. Der Geſpenſterglaube, das Kloſterleben, die abgöttiſche Verehrung eines Men⸗ ſchen ſind die unſeligen Früchte dieſes erträumten Seligkeitshimmels geweſen. Denn nur durch den Glauben an die Gottheit Jeſu und an ſeine Er⸗ löſung vom ewigen Tode ſollte ſich der Chriſt dieſen Himmel erwerben können. Alle andern Menſchen ſollten dieſem ewigen Tode oder gar den ewigen furchtbaren Qualen einer Hölle verfallen 249 ſein. Man ſchaudert über all dieſe Verirrungen der menſchlichen Phantaſie. Doch ſie waren nöthige Stufen, auf welchen der menſchliche Geiſt zur im⸗ mer höhern Erkenntniß ſeiner ſelbſt und der Welt, d. h. Gottes, emporſtieg.“ „Und die Tugend wird Ihrer Meinung nach nicht nach dem Tode belohnt, das Laſter nicht be⸗ ſtraft?“ fragte der Magiſter faſt grimmig. „Was für eine jämmerliche Tugend iſt doch die, welche auf Lohn ſpeculirt!“ rief die Gutsfrau erregt.„Und das Böſe?! Es giebt nichts abſolut Böſes. Alles Böſe iſt relativ. Das Böſe iſt nur die geſtörte Harmonie des Guten. Es iſt aber nöthig, um durch Frictivn der Geiſter die immer reinere Erkenntniß des Guten und ſein immer hö⸗ heres Wachsthum im Menſchen zu fördern. Das All iſt ewig gut, oder Gott iſt ewig gut. So wie die Harmonie hergeſtellt wird, iſt das Böſe ver⸗ ſchwunden. Iſt es doch ſchon nach der Kirchenlehre verſchwunden, wenn Reu und Leid eintritt. Mit der lockenden Vertröſtung auf den Himmel hat man nur zu oft das dumme Volk zur Sklaverei herab⸗ gewürdigt. O das Chriſtenthum iſt recht vft ent⸗ 250 weiht und gemißbraucht als Religion der Unter⸗ drückung, obgleich Jeſus gerade das Gegentheil wollte und lehrte!“ Der Magiſter hatte mit Ungeduld das Ende dieſer Rede erwartet. Er ſtand raſch auf, ver⸗ neigte ſich kurz vor der Oberſtin und ſagte kalt: „Sie haben recht, gnädige Frau, mein Sohn dürfte nimmermehr ihr Gatte werden, ſelbſt wenn Sie frei und ledig wären. Gott ſtehe uns Allen bei, aber Sie ſind nicht zu unſerm Heil nach Hallun⸗ gen gekommen.“ Und mit raſcherm Schritt, als ſein Alter gewöhnlich geſtattete, verließ er Zimmer und Schloß. Guſtav verrieth dem Pfarrer Marius, daß die Oberſtin in einigen Tagen ganz in der Stille ab⸗ reiſen wolle und dazu die Vorkehrungen ziemlich heimlich treffe. Sie habe ihn gebeten, ihm(dem Marius) einen Brief von ihr zu übergeben, ſobald ſie fort ſei. An dieſem Briefe habe ſie abwechſelnd geſchrieben, ſeit der Magiſter bei ihr geweſen. Der 251 Geneſende ſchnellte von dieſer Nachricht empor; er verlangte auszugehen und ein leidlich ſchöner Herbſt⸗ tag diente ihm zum Vorwand. Er kleidete ſich an; es war ihm, als ſei alle Schwäche von ihm ge⸗ wichen. Die alte Mutter erhob einigen beſcheide⸗ nen Widerſpruch gegen das zu frühe Ausgehen des geliebten Sohnes, das ihm leicht ſchädlich werden könne, aber Marius war ſo zerſtreut, oder ſo ganz und gar nur mit dem einen Gedanken beſchäftigt, daß er ihr gar nicht antwortete und zum Verdruß ſeiner Schweſtern mit Guſtav das Haus verließ. Frau Sabine nahm das befrem⸗ dende Schweigen des Sohnes für Liebloſigkeit; ſie bildete ſich ein, von den ſchlauen Verführungskün⸗ ſten der Gutsfrau gänzlich aus dem Herzen ihres Sohnes verdrängt worden zu ſein. Wenn ſie erſt ſchon eine möglichſt ſchlechte Meinung von der Oberſtin gehabt hatte, ſo hielt ſie doch dieſelbe, ſeit ihr würdiger Eheherr ihr ſeine Unterredung mit derſelben ausführlich mitgetheilt hatte, geradezu für das verabſcheuungswürdigſte aller weiblichen Weſen, für eine Art Teuflin, Unholdin, Hexe und Zauberweib, und beklagte es als das größte Un⸗ 252 glück ihres Lebens, daß dieſes entſetzliche Geſchöpf nach Hallungen gekommen ſei, um in der Maske eines Engels ihren trefflichen Sohn zu verführen, von Gottes Wegen abzubringen und in zeitliches und ewiges Verderben zu ſtürzen. Ja ſie war der Meinung, daß der böſe Geiſt, der in dieſem jungen Weibe wohne, der Hölle fort und fort Opfer zu⸗ führen müſſe und daß ſie deshalb ſehr wirkſame Anſtalten getroffen habe, das ganze Dorf zu um⸗ garnen. Ihr Kummer war unausſprechlich groß, und wenn der Harm über des armen Marius Krankheit ſchon an ihrer Lebenskraft gezehrt hatte, die vom Alter ohnedies ſehr herabgebracht war, ſo ſetzten ihr die letzten Erfahrungen noch mehr zu. Sie klagte über ſtete Müdigkeit, Schwere in den Gliedern und andre Vorboten einer Krankheit. Jetzt ging ſie weinend in die Wohnſtube und gab einer Magd Befehl, hinter den beiden Spazier⸗ gängern herzugehen und ſie zu beobachten, ob ſie nicht etwa in das Schloß gingen. Die Magd fam bald mit der Meldung zurück, nicht beide, ſondern der Herr Pfarrer allein ſei in das Schloß gegangen. Vor der Thür habe er den Herrn Bell— 253 mann verabſchiedet, der dann nach dem Erlenhofe hinaus ſpaziert ſei. Der erſchrockenen Matrone wurde von Stund an ſo ſchlimm, daß ſie von Erneſtine zu Bett gebracht werden mußte. Sogleich ſtellten ſich alle Anzeichen einer bedeutenden Krank⸗ heit ein, was große Beſtürzung im Hauſe hervorrief. Marius hatte wirklich Guſtav erſucht, einſt⸗ weilen auf den Erlenhof hinauszugehen, wo er ihn nach dem Beſuch bei Hermine, die er durchaus al— lein ſprechen müſſe, abholen wolle. Er fand die geliebte Frau ſchreibend im Bi⸗ bliothekzimmer. Die herbſtliche Nachmittagsſonne warf einen ſpäten und matten Blick durch das hohe Fenſter. Hermine ſtand erröthend auf und ging ihm entgegen; denn er war an der Thür in ihr Anſchauen oder in ſeine eigne Gedanken verſunken ſtehen geblieben. Ach! ſie kam ihm reizender vor als je. Sie war im Hauskleide, unvorbereitet auf einen Beſuch; ein paar Flechten ihres reichen Haares fielen auf Hals und Nacken herab; in ih⸗ rem Auge ſchlief ein tiefer und doch ſo ſüßer Kum⸗ mer. Er ſah es ihr auf den erſten Blick an, daß ſie um ihn gelitten hatte. 254 „Ich war eben in Gedanken mit Ihnen be⸗ ſchäftigt,“ ſagte ſie ſanft und liebreich.„Ich ſchrieb an Sie; denn ich hoffte, nach dem, was vorgefallen iſt, nicht Sie wiederzuſehen.“ „Hermine!“ rief er plötzlich mit der ganzen Leidenſchaftlichkeit ſeiner heißen Seele und ergriff ihre Hand, ſie ans Herz preſſend;„Du kannſt, Du darfſt mich nicht verlaſſen! Was hlilft alles Widerſtreben! Ich gebe mich ganz der allmächtigen Liebe gefangen. Es muß klar werden, wie ich Dich liebe. Ich muß es mit Worten ausſprechen, ſo weit ich es vermag. Angebetetes Weib, ich beſchwöre Dich mit einem Herzen voll trunkener, wahnſinniger Liebe und Verzweiflung, verlaß mich nicht, ſo lang ich lebe! Geh nicht, Hermine! Geh nicht! Es wäre ſogleich mein Tod!“ Und in einen heftigen Thränenſtrom ausbrechend, ſtürzte er jetzt an ihre Bruſt, umſchlang ſie mit beiden Armen und heftete ſeinen fiebriſch heißen Mund bebend und Küſſe ſprühend auf ihre nicht widerſtrebenden Lippen. Nein, ſie entzog ſich ihm nicht. Auch ſie hatte alle Kraft des Widerſtandes verloren, und wie ſie ihn auch wenige Minuten vorher noch brieflich ermahnt hatte, ſeine treffliche Braut zu lieben: ſie wußte jetzt nichts mehr davon. Die ſchmachtende Bläße ſeiner Züge, die tiefe Schwer⸗ muth in ſeinem Auge, der ſchmerzvolle Ton ſeiner Stimme, die Ueberraſchung, die er ihrem nicht ſtreng bewachten Herzen bereitet— Alles wirkte zuſammen, die Starke ſchwach zu machen, und nun war ſie ſo ſchwach wie ein Kind. Ein langes Schweigen folgte dem erſten hefti⸗ gen Ausbruch des lang verſchloſſenen Gefühls, nur die hingebenden und empfangenden Zärtlichkeiten der erſten Stunde erklärter Liebe füllten die Pauſe. Und als ſie ſprachen, was war es weiter, als daß ſie ſich ihre Wonnen und Schmerzen, ihre Sehn⸗ ſucht und Ahnung, ihr überquellendes Gefühl in Worten klar machen wollten! Spät erſt trennte er ſich von ihr. Bellmann hatte vergebens auf dem Erlenhofe gewartet. Als er immer noch befangen vom ſüßeſten Rauſche ſeines Lebens in das Pfarrhaus trat, meldete ihm Hannchen die Erkrankung der Mutter. Er erſchrak. Das war ein eiskaltes Sturzbad auf ſein glühend heißes Herz. Hannchen zog ihn in 256 das Krankenzimmer. So wie die alte Frau ihn erblickte, brach ſie in ein krampfhaftes, heftiges Schluchzen aus, das ſie zu erſticken drohte. Er ſtand verlegen, ernüchtert am Bette. Sein Ge⸗ wiſſen regte ſich und machte ihm Vorwürfe. Es war ihm ſehr unangenehm zu Muthe. Aber dies Gefühl wurde zur Beſtürzung, als die Mutter plötzlich ſeine Hand ergriff, ihn heftig zu ſich heran zog, ihn umklammerte und nun verzweiflungsvoll ſchrie:„O mein Sohn! mein geliebter Sohn, Du biſt bei der Oberſtin geweſen. Das hat mich nie⸗ dergeworfen. Du biſt frei von aller Schuld, ich weiß es. Du biſt immer mein frommer, guter, edler Sohn geweſen. Das arge Schandweib, die gottvergeſſene Buhlerin hat Dich verführt. Sie iſt ein Kind des Teufels. O Sohn, Sohn, laß ab von ihr! Deine Mutter beſchwört Dich bei dem Herzen, unter dem ſie Dich getragen, bei der Bruſt, die Dir die erſte Nahrung gereicht, bei der Liebe, mit der ſie Dich erzogen und gepflegt und hoch und werth gehalten bis zu dieſer Stunde: laß ab von dieſem Weibe! Sonſt iſt es Dein und unſer aller Verderben. Komm, mein geliebter, theurer 257 Sohn, mein armes verführtes Kind, komm an das Mutterherz! Keins in der Welt meint es beſſer mit Dir!“ Heftig weinend lehnte Marius das glühende Haupt an die Bruſt der Matrone. „Sei geſegnet! Sei geſegnet, mein lieber Sohn!“ hauchte ſie über ihn hin.„Und nun verſprich mir, mein guter Marius, daß Du nicht wieder zu ihr gehen, daß Du ſie nicht wieder ſehen willſt. Sie ſoll und muß abreiſen. Laß ſie alſo reiſen und frage nicht mehr nach ihr. Wenn Dir's auch ſchwer dünkt, gieb Acht, in wenigen Tagen haſt Du's ſchon überwunden, und dann wird Dir's ſein, als wärſt Du aus einem böſen wirren Traum erwacht. Gott ſteht Dir ſchon bei; denn Du ge⸗ horchſt Deiner Mutter. Verſprich es mir! Gieb mir die Hand darauf!“ Marius verſprach Alles, that Alles was ſie von ihm verlangte. Gedanken hatte er eigentlich gar keine dabei, auch weiter keine Vorſätze: es war nur ein dumpfes quäleriſches Gefühl in ihm. Gern hätt' er ſich todt geweint. Die Mutter nahm dieſe Thränenfluth für etwas ganz Andres. Sie wähnte, er fühle Reu und Leid; die Thränen er⸗ 12 258 leichterten ſein gepreßtes Herz, und nun ſei Alles gut. Ihre Bruſt füllte ſich mit neuen Hoffnungen, und ſie faltete die Hände zu einem Dankgebet. Ach, was wußte die alte Frau von dem wilden, lavaglühenden Wonnerauſch einer Liebe, wie ſie nur eine Seele von Marius' Größe und Gehalt durch⸗ toben konnte! Sie hatte in ihrer blühendſten Ju⸗ gend keine Ahnung von ſolcher Leidenſchaft der Geiſter gehabt, wie ſollte ſie jetzt dazu kommen? Marius verlebte eine entſetzliche Nacht. Zur Beſinnung kam er eigentlich gar nicht; auch wachte er weder, noch ſchlief er. Es war ein dumpfes Hinbrüten, aus dem nur dann und wann Hermi⸗ nens und ſeiner Mutter Geſtalten verzerrt und von widrigem Anſehen auftauchten. Am andern Tage fühlte er eine Abſpannung und Schwäche, die ihm faſt wohl that. Alle Gegenſtände waren ihm wie mit einem Nebelſchleier umhüllt oder in die Ferne gerückt. Oder es war ihm ſtets als träume er und höre die Stimmen der Seinigen aus einem tiefen Hintergrunde zu ſich herauf tönen. Wenn er auch einen Gedanken faßte, feſtzuhalten ver⸗ mochte er ihn nicht. Er beſuchte die Mutter einige 259 Male; ſie lag im Fieber und die Krankheit war im Steigen, aber der Atzt gab die beſte Hoffnung. Er ſelbſt ſchlief mehrere Stunden am Tage und erwachte erſt, als der Abend ſchon herein dunkelte. Die Schwäche war von ihm gewichen, er war hell im Geiſte. Da ſtand das Verſprechen, das er Herminen gegeben hatte, dieſen Abend wieder zu kommen, rieſengroß vor ihm. Und wenn er es nicht gegeben hätte, es zog ihn mit allen Banden und Trieben ſeiner Seele zu ihr. Der alte Kampf zwiſchen Pflicht und Liebe erneuerte ſich in ihm. Aber welch ein Kampf! Es war ſein feſter Wille, die Kindespflicht zur Siegerin zu machen über dieſe raſende Leidenſchaft, und feſten Schrittes ging er hinab in das Zimmer der Mutter. Sie ſtreckte ihm lächelnd die dürre Hand entgegen; ſie hieß ihn willkommen. Er trat zu ihr und ihre beiderſeiti⸗ gen Blicke begegneten ſich und tranken ſich einander auf, Blicke der herzinnigſten Liebe und Zärtlichkeit. Er legte ihr das verſchobene Hauptkiſſen zurecht, er band ihr die aufgegangenen Bänder der Schlaf⸗ haube, er ſtrich ihr die grauen Haare aus der Stirn, und er küßte dieſe ehrwürdige Stirn mit 260 heiliger Inbrunſt. Wie fromm ſchlug in dieſen Minuten ſein Herz, voll der edelſten Gefühle der Liebe, des Dankes und des Gehorſams gegen ſeine Erzeugerin! Sie zog ihn wieder an ſich; ſie küßte ihn auf die Wange und flüſterte ſo herzinnig, zärtlich und dankend:„Sei geſegnet, mein Ma⸗ rius!“— „Ich habe den ganzen Nachmittag geſchla⸗ fen,“ ſagte er,„und fühle mich wunderbar ge⸗ ſtärkt.“— „Siehſt Du, mein Sohn!“ unterbrach ſie ihn triumphirend.„Ich ſagte Dir es voraus, daß Dir Gott beiſtehen werde, weil Du ein ſo guter, treuer Sohn biſt. Er wird Dich auch ferner ſtär⸗ ken auf dem Wege der Tugend und Pflicht.“ „Und da ich nun ausgeſchlafen habe, ſo will ich bis Mitternacht bei Dir bleiben, liebes Mütter⸗ chen, und Dir aus einer ſchönen Reiſebeſchreibung etwas vorleſen. Erneſtine kann ſchlafen und dann nach Mitternacht die Wache bei Dir übernehmen.“ „Thu das, mein lieber Sohn! daran erkenn' ich Deine Liebe. O nun wird ja Alles gut!“ Er holte das Buch herbei und las. Der 261 Vater, der ein Stündchen zugehört, ſchlummerte ein und wurde von Bellmann, der in einem Zim⸗ mer mit ihm ſchlief, zu Bette gebracht. Hannchen ging ebenfalls zu Bette und Erneſtine legte ſich, von der Arbeit des Tages ermüdet, auf das Sopha, um einige Stunden zu ſchlafen. Sie hatte die vorige ganze Nacht am Bette der Mutter gewacht. Es ſchlug zehn Uhr; Marius las noch immer. Da bemerkte er, daß auch die Mutter entſchlum⸗ mert war. Er hörte auf zu leſen. Seine wilden wüſten Gedanken, die er durch das Leſen gewaltſam von Herminen abzuziehen vergebens verſucht hatte, ſprangen jetzt wie toll zu ihr über und zogen ihn und marterten ihn. Die Glut der Leidenſchaft dörrte ihm Gaumen, Mund und Zunge. Er konnte nicht ſchlucken; es ſchwirrte ihm vor den Augen; ſein Herz klopfte in unregelmäßigen Schlägen wie ein Hammer. In dieſem Augenblick fuhr die Mut⸗ ter aus dem Schlummer auf, ſtarrte ihn an, wie wenn ein böſer Traum ſie geängſtigt hätte, ergriff haſtig ſeine Hand, hielt ſie in der ihrigen feſt und ſagte beſorgt:„Du hälſt doch Dein Verſprechen, Marius?“ 262 Er ſchauderte. Die Frage ging ihm wie ein Schwert durch die Seele. Ohne ſeine Antwort abzuwarten, ſchlief ſie wieder ein, aber ſie hielt ſeine Hand feſt. Da ſaß er ſtarr wie eine Bildſäule, die Augen auf das nur halb erhellte Geſicht der Mutter gerichtet; aber wie glühte und tobte es in ihm! Wie wilde Gebirgsbäche rauſchte und ſtürzte es um ihn, die Gegenſtände verzerrten ſich und tanzten um ihn; zuletzt nur ein Gedanke, ein Gefühl: Hermine! Zu ihr! An ihre Bruſt? An ihren Mund!“ Er wußte nicht mehr, was er that. Aber die Hand brannte ihm in der Hand der Mutter, und er zog ſie heraus. Er ſtand auf; der Athem ver⸗ ſagte ihm ſchier; er ging leiſe hinaus, ſchlich nach der Hausthüre, öffnete ſie und trat ins Freie. Das Wetter war umgeſchlagen; ein Herbſtſturm brauſte durch die Luft und warf große Regentropfen herab. Dabei war es auffallend kalt geworden. Marius bemerkte nichts von dem Allen. Er ſah die ſchwar⸗ zen Wolken nicht geſpenſtiſch am Himmel hinjagen, nicht die fliehende, bald verdeckte, bald ſichtbare Mondſichel; er hörte nicht das Brauſen des 263 Sturms, nicht das Kreiſchen der Wetterfahne auf dem Pfarrhauſe; ſelbſt wie vom Sturme gejagt, ſtürzte er baarhäuptig, mit wirren Haaren und todtenbleich vorwärts dem Schloſſe zu und ver⸗ ſchwand im Thore deſſelben.— Hermine hatte, nach Marius' Entfernung, kaum minder gelitten, als er ſelbſt. Sie war zu dem Briefe zurückgekehrt und hatte mit Beſchämung, ja mit Verzweiflung geleſen, was ſie geſchrieben. Auch ſie rang die ganze Nacht und kam zu dem Ent⸗ ſchluſſe, am andern Tage heimlich abzureiſen. Ge⸗ gen Morgen ſchlief ſie ein, und ſchlief faſt den ganzen Vormittag. Als ſie nun an die Ausfüh⸗ rung ihres Entſchluſſes gehen wollte, war er ver⸗ blaßt. Die ſüßen Erinnerungsbilder der Liebe, die ſie genoſſen, drängten ſich in ihrer Seele vor und wurden immer farbenprächtiger. Sie ging wie eine Träumende umher und konnte zu nichts kommen. So kam der Abend heran. Da gelobte ſie ſich heilig und theuer, am folgenden Morgen abzureiſen, dieſen Abend Marius' Beſuch noch anzunehmen, den ſie ihm einmal zugeſagt, doch dabei ſich ſtreng zu überwachen. Je länger er 264 nun ausblieb, deſto höher ſtieg ihre Sehnſucht nach ihm; zuletzt weinte ſie vor Aufregung und Verlangen, und als er endlich herein trat, ſtürzte ſie ihm entgegen und hing an ſeinem Halſe, und vergeſſen waren alle Vorſätze.—— Es war faſt eine Stunde über Mitternacht, als er ſchied. Sie begleitete ihn bis an die Haus⸗ thür, wo ſie ihn mit einem langen innigen Kuſſe entließ. Er öffnete die Thür, um hinauszutreten, da fiel ihm ein Körper entgegen, der auf der Schwelle gelegen haben mußte, und er ſtrauchelte darüber hin und fiel. Dabei berührte er mit der Hand ein eiskaltes Menſchenantlitz.„Es iſt ein Menſch,“ ſagte er ſchaudernd.„Hole ſchnell Licht!“— Während ſie eilte, ſeinen Willen zu erfüllen, flog eine entſetzliche Ahnung durch ſeine Seele. Das Haar ſträubte ſich ihm, ſeine Zähne ſchlugen unwillkührlich klappernd aneinander: er hatte auch gefühlt, daß es ein Weib war. Aber nicht um die Welt hätte er die Hand ausſtrecken können, um ſich zu überzeugen. Seine Angſt ſtieg bis aufs höchſte; Feuerfunken flogen ihm ſchaa⸗ renweis an den Augen vorüber; das Gehirn im —— —— — 265 Kopfe, das Mark in den Gebeinen fror ihm. Hermine kam mit dem Lichte; er riß es ihr aus der Hand und leuchtete die Leiche an. Ein dumpfer Schrei, wiederum einer jener gräßlichen Natur⸗ laute, in welchen die aufs Aeußerſte gemarterte Seele ſich unwillkührlich Luft macht, quoll aus ſeiner Bruſt hervor, doch nicht ganz, denn ſchon war er ohnmächtig auf die Leiche ſeiner Mutter geſtürzt. Im bloßen Hemde hatte ſie im Sturm und Regen und der kalten Nacht wohl Stunden lang auf der ſteinernen Schwelle der verſchloſſenen Thür geſeſſen und war hier geſtorben. Ihr ſchwa⸗ ches Pochen, ihren leiſen Angſt⸗ und Nothruf hatte der in der Wonne des ſüßeſten Liebesglücks ſchwel⸗ gende Sohn nicht vernommen. Als Marius nach einem langen Schlafe die Augen aufſchlug und mit Bewußtſein um ſich blickte, ſah er Malchen in tiefer Trauerkleidung an ſeinem Bette ſitzen. Außerdem befand ſich Gu⸗ 266 ſtav Bellmann noch in ſeinem Zimmer. Er mußte ſich lange beſinnen, eh' ihm irgend eine Erinne— rung kam; es ſchien ihm als ſei ſein Kopf ganz leer von allen Gedanken und Vorſtellungen. End⸗ lich trat ihm die gräßliche Scene, die ihm das Bewußtſein geraubt, wieder vor die Seele, aber es war ihm, als habe er ſie geträumt. Er konnte nicht fertig damit werden. Er berührte die Hand ſeiner Braut und fragte leiſe:„Malchen, iſt meine Mutter todt?“ „Gottlob!“ rief ſie,„er hat das Bewußtſein wieder.“ Er wiederholte die Frage; aber ſie fuhr fort: „Faſt einen Monat haſt Du bewußtlos dagelegen, entweder im ſtarren Dumpfſinn oder in wilden Fieberphantaſien. Nun biſt Du gerettet!“ „Iſt meine Mutter todt?“ fragte er mit Nach⸗ druck.„Ich bitte Dich, ſage mir die Wahrheit!“ „Nun ja, ſie iſt geſtorben,“ entgegnete das Mädchen verlegen.„Sie war ja eine alte Frau und hat die Beſtimmung der Natur erfüllt. Aber Du lebſt, Marius! Du wirſt noch lang und glück⸗ lich leben!“ — „O daß ich erwachen mußte!“ ſeufzte er aus tiefer Bruſt. „Nicht alſo, mein Lieber! Hänge nicht dieſem düſtern Gedanken nach! Für Dich beginnt nun ein neues Leben des Glücks und der Zufriedenheit. Luß nur den Winter vorüber ſein! Du biſt unbe⸗ wußt ſchon ein gutes Stück darüber hinweg ge⸗ kommen. Sieh nur wie die Dächer voll Schnee liegen!“ „Iſt die Oberſtin nach Dresden?“ fragte der Kranke weiter. „Nein, ſie iſt noch hier. Auch ſie iſt lange krank geweſen; doch iſt ſie eher geneſen als Du. So wie Du geneſen ſein wirſt, wirſt Du mit ihr vereinigt werden. Sie wird Deine Gattin werden und Ihr werdet die Fülle des Glücks in Euerm gegenſeitigen Beſitz finden, die ſo edle treffliche Menſchen, wie Ihr ſeid, verdienen.“ Marius lächelte ſchwermüthig; dann ſagte er verwundert:„Und das ſagſt Du?“ „Gerade ich ſag' es, weil Niemandem Dein und ihr Glück mehr am Herzen liegt als mir, Ihr ſeid für einander geſchaffen. Und Pfarrer kannſt 268 Du ja nach Deiner jetzigen religiöſen Ueberzeugung doch nicht bleiben.“ „Wir haben kein Vermögen; man wird mich verabſcheuen!“ flüſterte Marius in ſich hinein. „Kleinmüthiger! Als ob die Liebe nicht alle Schwierigkeiten beſiegte, wachſend im Kampfe! Hier könnt und ſollt Ihr nicht bleiben. Ihr geht in die Schweiz und errichtet eine Lehranſtalt: die Oberſtin iſt dort bekannt. Oder nach Amerika.“ „Es fehlen uns ja alle Mittel.“ „Mein ganzes nicht unbedeutendes Vermögen iſt Dein. Ich ſtell' es Dir zur Verfügung. Das⸗ ſelbe thut Herr Bellmann. Es iſt reichlich geſorgt für Eure Zukunft.“ „Was redeſt Du doch!“ verſetzte Marius ſchier ärgerlich.„Denkſt Du, Deine Eltern werden mir ihr Hab und Gut zur Dispoſition ſtellen, oder ſelbſt wenn ſie das wollten, ich etwas von ihnen annehmen, wenn Du nicht mein Weib wirſt?“ „Meine Eltern ſind beide todt; ich bin unbe⸗ ſchränkte Herrin des reichen Erbes. „Deine Eltern todt? Wie? Wann?“ „Vor drei Wochen ſchon; ſie ſtarben ſchnell 269 hintereinander nach ganz kurzem Krankenlager, zu⸗ erſt mein Vater, dann meine Mutter. Doch reden wir davon nicht, ſondern von Dir und Deinem Glück!“ „Edle Seele, und was ſollte dann aus Dir werden?“ „Ihr müßt mich mit Euch nehmen; ich kann nicht ohne Euch leben. Ich werde Eure treueſte Freundin, Eure Dienerin ſein.“ Sie ſtand plötzlich auf und wandte das Geſicht ab; dann ging ſie raſch aus dem Zimmer. Guſtav nahm ihren Platz ein.„Malchen,“ ſagte er,„iſt die größte und edelſte Seele, die Gott geſchaffen hat. Sie hat abwechſelnd Dich und die Oberſtin gepflegt. Ihr Leben hat nur ein Ziel, ihr Herz nur einen Wunſch: Dein Glück. Und da ſie nun einmal die Ueberzeugung hegt, daß Du nur mit meiner Couſine glücklich werden kannſt, ſo ſetzt ſie Alles daran, Euch zu vereinigen. Man kann Dir jetzt noch gar nicht Alles ſagen, wie edel und großmüthig ſie an Dir gehandelt hat. Später aber ſollſt Du's erfahren. Du wirſt ſtaunen und ſie verehren.“ 270 „Und ich muß die ganze Größe ihrer Seele jetzt erſt kennen lernen, wo es zu ſpät iſt!“ ſeufzte Marius.„Ich war im Beſitz des koſtbarſten Edel⸗ ſteins und wußte es nicht.“— Guſtavs letzte Worte machten ſtarken Eindruck auf den Kranken; er beſchäftigte ſich im Stillen fort und fort damit. Und eh einige Tage vergin⸗ gen, hatte er dem unſchuldigen Hannchen das Ge⸗ heimniß entlockt. Die Umſtände, welche den Tod der Magiſterin herbeigeführt, hatten in der ganzen Umgegend un⸗ gemeines Aufſehen gemacht, und alle Welt hatte den Stab über den Pfarrer und die Oberſtin ge⸗ brochen. Malchens Eltern, welche beide ſchon ſeit längerer Zeit an Hektik litten, hatten ſich über die ihrer Tochter und beziehentlich auch ihnen zuge⸗ fügte Schande aufs Heftigſte alterirt; denn Mal⸗ chens Verbindung mit dem Pfarrer Marius war ihr höchſter Stolz und gewiſſermaßen die Summe ihres Lebensglücks geweſen. Aber wahrhaft zum Entſetzen hatte es beiden gereicht, wie ihre Tochter nicht nur den Pfarrer, ſondern auch die Oberſtin mit der wärmſten Beredſamkeit vertheidigt und jede 224 Schmähung derſelben mit Entſchiedenheit zurück⸗ gewieſen hatte. Der Schulze hatte ſich in den Kopf geſetzt, ſein Kind müſſe eben ſo von der verruchten Hexe im Hallunger Schloſſe bezaubert ſein, wie der unglückliche Pfarrer, deſſen Mutter ſtets behauptet habe, die Oberſtin ſei eine Teu⸗ felin. Sein Zorn und Kummer darüber hatte einen Schlagfluß herbeigeführt, der ſeinem Leben ſchon nach wenigen Tagen ein Ende gemacht. Der Schreck darüber hatte der Frau einen Blut⸗ ſturz erzeugt, in Folge deſſen auch ſie geſtorben war. Malchen hatte in kindlicher Treue bei bei⸗ den bis an ihr Ende ausgeharrt, war dann aber gleich wieder nach Hallungen gekommen, um ihren Platz an Marius' und Herminens Krankenbett wieder einzunehmen. Jedes Wort von Hannchens Geplauder war eine feurige Kohle auf Marius' Haupt. Bald darauf trat Malchen in das Zimmer. Ihr von den ſchönſten blonden Locken umrahmtes rundes Geſicht war der Spiegel ihrer reinen ſchönen Seele. Ihr Auge ſtrahlte ruhig und zufrieden 272 auf den geliebten Mann herab. Er ergriff ihre Hand, bedeckte ſie mit Küſſen und weinte bitterlich. Die gewaltigſte Sehnſucht nach Herminen be⸗ ſchleunigte abermals Marius' Geneſung; es war als ſtachle ſie ihn empor, als gebe ſie ihm wun⸗ derbare Kraft. Er wollte und mußte zu ihr und war kaum zu vermögen, einen ſchönen Wintertag zu dieſem Ausgang und Beſuch abzuwarten. Da erzählte ihm Malchen eines Abends, die Oberſtin habe heute einen Brief erhalten, der ſie ganz umgewandelt. Denn von Stund an ſei ſie heiter und froh geworden und habe geſagt: ſie erwarte in den nächſten Tagen einen angenehmen Beſuch. Nun würden alle Wirren ſich löſen und Alles zu Aller Zufriedenheit ausſchlagen.„Auch Du wirſt noch ganz glücklich ſein, liebes Kind!“ hatte ſie zu Malchen geſagt.— Dieſe Nachricht erfüllte den Pfarrer mit großer Unruhe, er konnte ſich ſelbſt nicht erklären weshalb. Am dritten Tag 273 danach war Malchen früh nach Sundheim gegan⸗ gen, um dort einige Geſchäfte abzumachen, und Guſtav hatte ſie auf ihren Wunſch begleitet. Gegen Mittag kam Hannchen in Marius' Zimmer und berichtete, daß vorhin ein ſehr ſchöner vornehmer Herr zu Pferde mit ſeinem Diener auf dem Schloſſe angelangt ſei. Jetzt litt es Marius nicht länger. Er mußte mit ihr reden. Eine wilde Angſt über⸗ flog ihn. Das düſtere Bild ſeiner Erlebniſſe trat überwältigend in ſeine Seele. Der ſtumme Vor⸗ wurf im Blick ſeines Vaters, der ſelten zu ihm kam, die verweinten Augen Erneſtinens, die An⸗ deutungen, welche Hannchen zuweilen mehr verrieth als freiwillig gab, marterten ihn; er klagte ſich als Mörder ſeiner Mutter und der Eltern Mal⸗ chens an, er machte ſich Serupel über ſeinen Ab⸗ fall vom alten Kirchenglauben, ein Beweis, daß die Schärfe und Stärke ſeines Geiſtes durch die Schickſalsſchläge und die Krankheit gelitten. Dazu kam der ſeltſame Beſuch bei Herminen, der ihn ängſtigte. Genug er mußte zu ihr, er mußte mit ihr ſprechen, damit ſie ihre Flucht fort, weit fort verabreden könnten. Es duldete ihn nicht mehr in 18 Hallungen, jede Stunde wurde ihm zur qualvollen Ewigkeit. Langſam und nicht ohne Mühe kleidete er ſich an; er hatte doch die rechten Kräfte noch nicht. Doch er kam damit zu Stande. Erneſtine und Hannchen weinten ihm nach. Der alte Vater, der immer tiefſinnig in ſeinem Zimmer ſaß, erfuhr gar nichts von des Sohnes Ausgang. Es war ſchon gegen Abend, als Marius un⸗ angemeldet, wie er gewohnt war, in das Zimmer der Gutsfrau trat. Sie erhob ſich erröthend vom Sopha, wo ſie neben einem ſehr ſchönen, ritterlich ausſehenden Manne geſeſſen hatte. Ihr etwas an⸗ gegriffenes Geſicht ſtrahlte von Glück und Befrie⸗ digung. Mit einiger Befangenheit erwiederte ſie des Pfarrers Gruß und ſtellte ihm den Fremden als den Grafen St. Martin aus Paris vor.„Sie kennen den Herrn aus meiner Erzählung,“ ſetzte ſie faſt ſchalkhaft lächelnd hinzu. Wie die eiskalte Hand des Todes krallte ſich etwas in ſein Herz. Er würde bläſſer geworden ſein, wenn das möglich geweſen wäre. Auch erhielt er ſich an einer Stuhl⸗ lehne, ſonſt wäre er wahrſcheinlich umgeſunken. Der Graf verbeugte ſich vornehm kalt gegen ihn, 275 und eine gezwungene dürre Unterhaltung begann. Doch bald wurde ſie lebendiger. Seltſam! Marius wurde beredt, witzig, ſcherzhaft; er lachte, die Rede ſprudelte von ſeinen Lippen wie eine unheimliche Flamme. Hermine ſah ihn einige Male bedenklich an. Dann aber, als der Graf einmal bei Seite ging, flüſterte ſie dem beredten Pfarrer zu:„So iſt's recht, lieber Marius! So lob' ich Sie! Sie haben ſich ſchnell wiedergefunden, ſchneller als ich fürchtete.“ Die letztern Worte klangen faſt wie ein leichter Vorwurf. „Wirklich? Finden Sie das, Hermine?“ fragte er lachend.„Es freut mich, daß Sie die Wahr⸗ heit ſo ſchnell errathen.“ „Nun muß Malchen bald Ihre Gemahlin werden. Sie iſt die Würdigſte von allen unſtes Geſchlechts.“ „Ich werde ſogleich Anſtalten zur Hochzeit treffen,“ verſetzte er immer lachend. Der Graf unterbrach dieſes Zwiegeſpräch. Der Pfarrer verabſchiedete ſich. Er ging aber nicht ſogleich aus dem Schloſſe, ſondern in das Zimmer des Oberſten. Hier hingen mehrere Jagdflinten, 276 Büchſen und Piſtolen an der Wand. Marius wußte, daß die Letztern geladen waren. Er nahm zwei in der Dunkelheit und verſteckte ſie unter ſei⸗ nen Rock. Dann ging er hinab, aber nicht nach dem Dorfe, ſondern in den Garten.— Spät Abends kehrten Malchen und Guſtav von Sundheim zurück. Im Pfarrhauſe angelangt, fragten jene ſogleich nach Marius. Sie erſchrak heftig als ſie hörte, er ſei ins Schloß gegangen. „Ich habe ſeit Nachmittag eine Angſt, die mit jeder Minute unerträglicher geworden iſt,“ ſagte ſie, und ihr Ausſehen beſtätigte ihre Worte.„Du weißt, ich wollte erſt morgen wiederkehren, aber es litt mich nicht in Sundheim. Wenn ihm nur kein Unfall begegnet iſt! Es quält mich wie ſchreckliche Ahnungen!“— Nach zehn Uhr forderte ſie Guſtav auf, ſie ins Schloß zu begleiten. Sie nahm eine Laterne. Hermine ſaß wieder beim Grafen auf dem Sopha und erklärte verwundert dem eintretenden Mädchen, daß der Pfarrer ſich ſchon in der Abend⸗ ſtunde wegbegeben habe. „Ich vermuthete es,“ ſagte Malchen kalt und ging in den Garten. Z „Wohin willſt Du?“ fragte Guſtav befremdet. „Folge mir!— Siehſt Du dieſe friſchen Fuß⸗ tapfen im Schnee? Das ſind die ſeinigen.“— Stumm gingen ſie weiter bis zu einem Platze, der im Sommer ſehr ſchattig und einſam war, und wo Marius oft mit Herminen auf einer Steinbank geſeſſen hatte. „Hier iſt er!“ ſagte ſie monoton, und beleuch⸗ tete eine dunkle Maſſe, die neben der Bank im Schnee lag. Guſtav erkannte ſeinen Freund und Lehrer, eine Piſtole in der Hand. Die andre lag auf der Bank. Der Schnee war von ſeinem Herz⸗ blut geröthet. Er hatte ſich durchs Herz geſchoſſen. Die Oberſtin reiſte noch in der Nacht mit dem Grafen ab. Ein halbes Jahr ſpäter war ſie vom Oberſten geſchieden und des Grafen Gemahlin, deſſen erſte Frau kurz vor ſeinem Beſuche in Hal⸗ lungen geſtorben war. Hermine kam nicht wieder nach Hallungen. Eben ſo wenig der Oberſt. Der alte Magiſter lebte noch ein Jahr, aber in einem 278 tiefſinnigen, traumähnlichen Zuſtand. Er war wie ein Kind, doch ſprach er ſelten ein Wort. Wäh⸗ rend dieſes Jahres wurden Guſtav und Hannchen ein Ehepaar. Es war eine ſtille traurige Hochzeit. Mit ihnen zog Malchen auf den Erlenhof und machte ſich nützlich, ſo viel ſie vermochte. Aber jedermann ſah es ihr an, daß der Wurm des To⸗ des an ihrer Blüthe nage. Die Sehnſucht nach ihrem geliebten Marius zog ſie ihm bald nach. Sie ſtarb ein Jahr ſpäter als der Magiſter, ruhig, heiter und glücklich, den Schmerz der Erde beſiegt zu haben. Bellmanns waren die Erben ihres Vermögens. Gedruckt bei A. W. Schade in Berlin, Grünſtr. 18. — 8= *—— E 3 V 3*