— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Cdnard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Vuches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe veſſelben entſprechende Summe interlegen, welche bei deſſen Z. rückgabe von mir zurückerſtattet wird. v Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 3 5„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei olchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— J das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 2 7. Ausleihereit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkfam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben.. Leihbiblivthek — GCeih und eſebedingungen. 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 2 N f W Pf W. V. 5 1 — Uovellen. Von LTudwig Storch. weiter Ba Die Verſchwörung der Pazzi.— Das Mädchen von Hereford.— F und Y. Frankfurt am Main. Druck und Verlag von J. D. Sauerländer 1 8 3 4. — — Die Perſchwörung der pazzi Hiſtoriſche Novelle. — Ein ſonnumglänzter Tag, der freundliche Vorläufer und Verkünder des nahenden Lenzes, ſpiegelte ſein helles Antlitz in den klaren Gewäſſern des Arno, der gewohnt iſt, die Bilder der reizendſten Gegenden in ſich aufzunehmen und zurückzuſtrahlen; denn wo wäre ein lieblicherer Landſtrich in der alten Welt, als Toscana's reizgeſchmückte, reichgeſegnete Flur; wo eine ſtolzere, herrlichere Stadt, als das paläſte⸗ prangende Florenz? Und wie die Mächtigen und Großen nicht ſich allein ſchmücken mit Pracht und Schöne, ſondern auch ihre Diener und Herolde anthun mit glänzen⸗ der Herrlichkeit, ſo hatte der junge Konig Lenz den Boten geziert und prächtig bekleidet, der da Meldung thun ſollte von des duftenden Herrſchers baldigem Einzuge. War auch das Haupt des Herolds noch nicht mit Blumenkränzen umhangen, trzg er in der Hand auch noch nicht den blühenden kilienſtengel, ſo ſchlüpfte er doch mit leichtem Fuße über den derjüngten, hellgrün leuchtenden Raſenteppich, ſo beruͤhrte ſein zarter Finger doch die ſchwellenden kaubknospen, ſo hauchte ſein würziger Athem doch über die Erde hin, als ob er ſich bengte zu erſpähen, ob die Blumenſproſſen noch nicht hervorkommen wollten. Recht gemächlich hatte ſich der willkommne Freudenverkünder am Nonnenkloſter Santa Maria und Magdalena, ohnfern dem Ufer des Arno, ei⸗ nige Stunden von Florenz nach Piſa zu, gelagert, ſeh es nun, daß er dem paradieſiſchen Thale, durch welches der Fluß ſich ſchlängelte und aus welchem die gaſtlichen Thürme des Kloſters ſo einladend ragten, dieſen Vorzug gab, oder daß er, angezogen von den weiblichen Schönheiten, die in den ſteiner⸗ nen Gebäuden walteten, und gefeſſelt vom Reiz ihrer Anmuth, ſo ſchelmiſch lächelnd das Kloſter umſchlich, ſo heimlich blinzelnd über die Mauer blickte und in den ſtillen Räumen umherlauſchte. Die letztere Annahme verdient faſt den Vorzug, wenn man, von ſüßem, trunknem Erſtaunen erfaßt, die wunderliebliche Geſtalt eines jungen, durch den Hofraum wandelnden Frauenbildes erblickt und, ſich ſelbſt vergeſſend, der Holden in das große, braune, ſchwimmende Auge von zaubermildem, gů⸗ tigem Ausdruck ſchaut, wenn man die regelmäßigen, — — aber von Seele und lieblichem Gemüth erfüllten Züge betrachtet und, von Wonneſchauern durchdrungen, end⸗ lich die ganze Fülle ihrer außerordentlichen Schönheit gleichſam mit einem langen Blicke gierig verſchlingt. Ahnliche Gefühle, oder vielmehr noch gewaltigere, ſtürmiſchere, erweckte der Anblick dieſes lieblichen Weſens in der Bruſt eines Mannes— oder, um noch richtiger zu reden, ihr Anblick blies die im Zunder ſeines Herzens ſtill fortglühenden Funken zur lodernden, ungeheuern Flamme an— der in einer kleinen Barke, tief in einer ſtrauchumgebenen Bai des Fluſſes verſteckt, mehr liegend als ſitzend, die holde Geſtalt, welche ſammt einer Zofe aus der Pforte trat, mit wonnethränenden Augen be⸗ grüßte und, indem ſie am Ufer hin luſtwandelte, mit entzückenbebenden Blicken und den ſtürmiſchen Schlägen ſeines Herzens verfolgte. Es war nicht zu beſtimmen, ob die luſtige Carnevalszeit, welche die Chriſtenheit eben erfreute, oder der Wunſch, nicht erkannt zu werden, ihn zu der wunderlichen Mummerei veranlaßt hatte, in welcher er erſchien. Er war nämlich in die buntſcheckigen Kleider Harlekin's gekleidet, hatte eine ſchwarze Larve vor dem Geſichte und einen weißen Spitzhut auf dem Kopfe. Als die Dame weit genug entfernt war, ſprang der leichtfüßige Harlekin aus dem Kahne, hüllte ſich in ſeinen Mantel und flog ihr nach. Wenige Angenblicke darauf trat er die ſich ſchüchtern Um⸗ wendende mit den Worten an:„Gelobt ſey die heilige Jungfrau! Ihr ſehd es, ſchöne Camilla; ich habe Euch erkannt. Es iſt dem ſchmachtenden, Euch troſtlos ſuchenden Francesco gelungen, Euch zu finden, und nun Euch endlich gegenüberſtehend, fehlt es ihm faſt an Worten, Euch das maaßloſe Entzücken über Euren Anblick auszudrücken. Sagt mir, Madonna— ich beſchwöre Euch! warum ſeyd Ihr aus Florenz geflohen, um Euch in den Mauern dieſes Kloſters zu verſtecken? Warum verſchmaͤht Ihr die rauſchenden Feſte des Carneval, deren Kö⸗ nigin Ihr ſtets in Florenz wart, und hauſt, während alle Lippen Euern Namen nennen, alle Augen Euch un⸗ ter jeder Hülle zu entdecken ſuchen und glauben, in ſolch trübſeliger und unerguicklicher Einſamkeit?“ Schon im Anbeginn dieſer Worte hatte er die Larve abgenommen und ein ſchönes Jünglingsge⸗ ſicht der edelſten Bildung gezeigt, von zwei großen, brennenden Augen belvbt und ganz von dem Aus⸗ drucke einer kühnen Seele erfüllt. * —— „Wie, Signor Francesco!“ rief die Dame er⸗ ſtaunt, ſeyd Ihr's wirklich? Euch ſeh' ich hier, den ich in Rom wähnte, die Vaterſtadt vergeſſend, bis zur überfülle umgeben von Reichthum und Ge⸗ nuß, die reizenden Schönen der Veltſtadt in hun⸗ derterlei verſchiedenen Geſtalten umſchwärmend, wozu die fröhliche Faſchingszeit Euch die Veranlaſſung bietet!“ „So wißt Ihr nicht, ſchöne Soh daß die Signoria von Florenz mir den ſtrengen und unge⸗ rechten Befehl ertheilt hat, meinen Aufenthalt nicht länger in Rom zu haben, ſondern zurückzukehren. während man Andern, ohne Anſtoß, zu leben und zu bleiben vergönnt, wo ſie nur immer Luſt und Belieben haben?“ „Kein Wort weiß ich von den öffentlichen An⸗ gelegenheiten, ſeit ich mich in dieſe ſchöne Einſam⸗ keit zurückgezogen habe,“ verſetzte die Dame. „Vielleicht hätt' ich mich dieſem unſinnigen Be⸗ fehle, hinter welchem ſich doch weiter nichts, als die Tücke der beiden ſtolzen Medict verſteckt, mit Kraft und Erfolg widerſetzt, vielleicht hätt' ich die in Rom kraftloſen Befehle der abhängigen Signoria von Florenz verlacht, wenn mir nicht gerade dieſer — Befehl ſehr erwüuſcht geweſen wäre. Hatte ich doch in ihm den ſchicklichſten Vorwand, in den Bereich jener Sonnenſtrahlen zurückzukehren„ die ſonſt ſchon mein Herz in Gluth und Flammen verſetzt, die mein Leben gelichtet und verklärt haben; durft' ich doch auf dieſen Befehl der Sonne ſelbſt nahen, die ich, gleich dem Indianer, anbete! Hielt mich doch in Rom weiter nichts, als das herzloſe Geſchäft des Kaufmannes, als das kalte Rollen meines Gel⸗ des und die todte, matte Sprache meiner Wechſel⸗ briefe. Der Sonnendienſt ruft dich! jauchzte ich, als ich den Befehl der Signoria erhielt; zog meine WVechſel, kaſſirte mein Geld ein und flog nach Flo⸗ renz. Mein lichtgieriges Auge ſuchte emſig die Sonne, aber Nacht war's in Florenz; mein ſcharfes Auge durchmuſterte alle Masken auf den Straßen und in den Sälen, ich durchſtürmte die Paläſte der Nobili, aber Camilla Cafareli, die ich allein ſehen wollte, ſah ich nirgend. Ich forſchte, ich fragte; ach! Niemand wollte wiſſen, wohin Ihr ſeit Beginn dieſes Jahres gegangen. Man flüſterte mir zu: Giuliand Medici werde von Euch geliebt, Camilla; es fuhr mir wie tauſend Dolche durch die Seele. Ich dingte Kundſchafter, ich ſandte ſie aus, ihnen — das glühende Verlangen meiner Seele einhauchend, und einer kehrte zurück, mir berichtend: ihr wohntet ſeit zwei Monaten im Kloſter St. Maria und Mag⸗ dalena; eine Stunde darauf war ich hier. Ich ging in's Sprachzimmer unter einem Vorwande; ich ſah Euch nicht. Ich umſchlich jene Mauern ſeit zwei Tagen; ich ſah Euch nicht. Da erfuhr ich end⸗ lich durch die Kloſtermagd, wenn auch nicht Euern Namen, Camilla, aber doch, daß eine wunderſchöne Signora ihren heimlichen Aufenthalt im Kloſter habe, und an freundlichen Tagen am Ufer des Fluſſes luſtwandle; ſie beſchrieb Eure Geſtalt. Wer konnte die Herrliche anders ſeyn, als Camilla Cafareli? Ich belohnte ſie fürſtlich. Und nun hat Euch der ſonnige Tag herausgelockt; aber ich ſehe nur die Sonne Eures Antlitzes und glühe ſchon von den Strahlen Eurer Blicke, nach denen ſich mein Herz mit unbändigem Drange geſehnt. O Signora Camilla, kehrt mit mir in die Stadt zurück und erlaubt mir, daß ich Euch dort als die Braut des reichen Francesco di Pazzi im Triumph einführe!“ „Nimmermehr!“ rief Camilla, ſich abwendend, nachdem ſie verſchiedene Male verſucht hatte, die feurig ſtrömende Rede des jungen leidenſchaftlichen —— Mannes zu unterbrechen;„Signore di Pazzi, ich kann Euch nicht folgen!“ „Wie?“ verſetzte dieſer mit ſchmerzlichem Tone. „Ich war doch ſonſt ſo glücklich, Euch nicht zu miß⸗ fallen; woher jetzt dieſe tödtliche Kälte gegen mich⸗ da ich das Ziel meiner Wünſche zu umarmen ge⸗ denke? Sollte das Gerücht doch nicht gelogen, ſolltet Ihr dem weinerlichen, weichen Giüuliano Ge⸗ hör geſchenkt haben? dieſem kraftloſen Träumer? Vielleicht nur, weil er ein Medici iſt? Es iſt un⸗ möglich! Ihr, Camilla, und dieſer Weichling!— Camilla, gebt mir Eure Hand; ich lieb' Euch, wie kein anderer Sterblicher Euch lieben kann, und Euer reizender Anblick weckt den kleinſten meiner Triebe zu einer Rieſenflamme empor.“ „Vergebens ſind Eure Worte, Signore Francesco; ich kann Euer Begehr nicht erfüllen, weil ich Euch weder lieben kann, noch darf. Begnügt Euch damit und verlaſſ't dieſen Ort, deſſen Heimlichkeit durch⸗ ſpäht zu haben gerade Euerm Auge nicht leicht ver⸗ ziehen werden wird.“ Mit dieſen harten Worten verließ die ſchöne Dame den von denſelben niedergedonnerten Jüng⸗ ling, und wandte ihre ſchnellen Schritte wieder dem Kloſter zu, deſſen Pforte klirrend hinter ihrer Ferſe in das Schloß fiel. Erſt nach einigen Minuten ermannte ſich der mit Gewalt aus ſeinem Charakter herausgeriſſene Harlekin, und rang ſich aus ſeiner ſcheinbaren Er⸗ ſtarrung empor. Die heftige Leidenſchaft ſeiner Seele wollte ihn der heiß Geliebten nachtreiben, zu ihren Füßen werfen und um Liebe flehen heißen; aber der noch ſtärkere Stolz ſeines Gemüths hielt ihn zurück. Er preßte beide Hände an die Bruſt, wie wenn ein gewaltiger Schmerz dort unterdrückt wer⸗ den müſſe, ballte dann, die Zähne knirſchend, die Fauſt gen Himmel, hüllte ſich in ſeinen Mantel und ſprang, ein verwandelter Mann, wieder in den Kahn, um ihn mit heftigen Ruderſchlägen raſch ſtromaufwärts zu treiben. Der letzte Tag des Carnevals brauſte durch die Straßen der Hauptſtadt Toscana's. Schon am Morgen drängte die verlarote Menge von einem Platze zum andern in bunter Luſt. Im Palaſte des alten reichen Ritters, Meſſer's Giacomo di Pazzi ſaßen ein Mann und ein junges Mädchen auf einem einſamen Zimmer und laſen zuſammen — 1— in ein Paar zierlich geſchrieb'nen, vergoldeten und ausgemalten Handſchriften des Ovid. Den Lehrer konnte man an ſeiner ſchwarzen Kleidung ſogleich als Weltgeiſtlichen erkennen; das ſtolze Mädchen war die Tochter des Hauſes. „Ich ſehe ſchon,“ ſagte der Geiſtliche,„ſelbſt die Liebeslieder des Ovid munden Euch heute nicht, Signora Giuditta. Eure Aufmerkſamkeit iſt auf den Lärm der Straße gerichtet. Ich erlaſſ' Euch heute Euer Penſum; fliegt hinaus und macht Euch luſtig.“ „Ihr irrt, Pater Stefano!“ verſetzte daß Mäd⸗ chen unmuthig;„mich lockt die Carnevalsfreude nicht.“ „Was fehlt Euch ſonſt?“ fragte der Mieſter mit einem ſcharfen Blicke auf die hohe Jungfrau.„Seit einigen Wochen bemerke ich eine Veränderung an meiner Beichttochter, die mir unerklärlich iſt: Ihr ſehd zerſtreut, gereizt, zänkiſch, auffahrendz gleich darauf milde, gütig. Ich habe während des Unter⸗ richts ſchon Thränen in Euerm Auge bemerkt.“ „Laßt mich, mein Vater!“ ſagte Giuditta, und wollte ſich ſchnell entfernen, bemüht einen Thränen⸗ ſtrom zu verbergen, der ihr aus den Augen ſchoß. „Giuditta,“ bat Stefano herzlich,„bin ich dir fremd geworden, mein Kind? Sieh, ich habe dich in der herrlichen Sprache des alten Rom von früh auf unterrichtet; du biſt mir die liebſte Schülerin; ich bin ſtolz auf dich. Mit ſtiller Freude habe ich die Entwickelung deines ſchönen Geiſtes verfolgt; ich kann ohne Ruhmredigkeit ſagen: ſeine Bildung iſt mein Werk; ich kann kühn fragen: welche von allen edeln Frauen darf ſich mit meiner Giuditta vergleichen?“ „O hättet Ihr meine Seele von dieſem unbän⸗ digen Stolze rein gehalten!“ rief das Mädchen weinend. „Was bedeuten dieſe Worte? Wer denn wäre im reichen Florenz, mit welchem ſich die einzige Jochter des hochbegüterten, hochgeehrten Ritters Gia⸗ como di Pazzi nicht an Schönheit, Reichthum, Geiſt und Bildung vergleichen könnte? Euer Stolz, Sig⸗ nora, kann nicht größer ſehn, denn Ihr ſelbſt. Ver⸗ traut Euch alſo mir, dem Freunde und Führer Eu⸗ rer Kindheit, Euerm Lehrer und Beichtiger. Es iſt ja Euere heiligſte Pflicht, Euer Herz vor mir aus⸗ zuſchütten und aus dem Munde des Prieſters Er⸗ leichterung zu hoffen. Laßt mich nicht länger ver⸗ i geblich nachdenken. Auch Euerm PVater iſt Euer Weſen aufgefallen; ſelbſt Euer verlobter Braͤutigam— Giuditta wandte ſich mit einer ſchmerzlichen Ge⸗ berde ab, und der Prieſter fuhr überraſcht fort: „Wie? ſollte der edle Signore Bernardo Bandini, der ſchönſte, hochherzigſte Jüngling, der Liebling Eu⸗ ers Vaters, ſo unglücklich geweſen ſehn, Euch zu mißfallen?“ „Mein Vater!“ begann die Jungfrau weinend, „Euere theilnehmenden Fragen bereiten mir Folter⸗ qualen; aber Ihr meint es gut, und ich bedarf ei⸗ nes Freundes, dem ich mein ſchmerzliches Geheim⸗ niß mittheile, ſoll ich nicht der Laſt deſſelben er⸗ liegen. So hört denn, mein Vater! ich liebe nicht Bandini. Ach! ich wähnte ihn ſonſt zu lieben. Der Wahn iſt verſchwunden und hat der furchtbaren Wahrheit Platz gemacht, daß mein Herz einem an⸗ dern Manne mit raſender Leidenſchaft anhängt!“ „Und wer iſt's, den meine Giuditta mit ſolcher Gluth umfaßt?“ „Ach! wen, glaubt Ihr, könnte mein Stolz ſich anders erleſen, als den edelſten Jüngling in ganz Florenz? Mein Herz konnte ſich nicht mit Ban⸗ dini begnügen; es ſtrebte höher, es verlangte den — erſten Preis. Man hat mich mit dem ſchönen Glau⸗ ben groß geſchmeichelt, ich ſey die edelſte Jungfrau Toscana's, und man hat nicht bedacht, daß dieſer Glaube den glühenden Wunſch nach dem Beſitz des edelſten Jünglings hervorrufen müſſe. Er iſt da⸗ und ſeine Glut wird mich vernichten.“ „Verſteh' ich Euch recht, Signora? Ihr liebt den ſtolzen Feind Eueres Hauſes? Ihr liebt Lo⸗ renzo Medici?“ „Ihr habt den Namen genannt, deſſen Klang mich mit Wonneſchauern und Schmerz zugleich er⸗ füllt. Die Verzweiflung, ihn nie beſitzen zu können, wird mein Leben verzehren.“ „Gebt Euch nicht dieſer entkräftenden Verzweiflung hin, Giuditta,“ tröſtete der Prieſter.„Gelobt ſey die heilige Jungfrau! die Mutter Kirche hat Mittel und Wege genug, allen zu helfen, die ſich ihr ver⸗ trauensvoll in den Schoos werfen. Ihr ſollt mir nicht vergebens Euer Vertrauen geſchenkt haben.“ „Was gedenkt Ihr zu thun?“ „Lorenzo ſoll dein Gatte werden; ich gehe ſo⸗ gleich, die nöthigen Schritte zu thun.“ Giuditta war zweifelhaft, ob ſie ihn zurückhal⸗ ten oder gehen laſſen ſollte. Eh' aber der Kampf IHI. 2 zwiſchen Stolz und Leidenſchaft in ihrer Bruſt aus⸗ gekämpft war, hatte Stefano ſchon das Haus ver⸗ laſſen. In ſeiner Wohnung warf er ſich in die Maske eines Magiers und durchſtreifte am Nach⸗ mittage im Volksgewühl Straßen und Plätze. Endlich fand er, was er ſuchte. Die Maſſen theilten ſich, ehrerbietig Platz machend, und von allen Seiten hörte man den Namen Lorenzo di Me⸗ dizi flüſtern und ſprechen. In der reichen und prächtigen Kleidung des Großmeiſters des Johan⸗ niterordens ſchritt der junge Mann, auf den Flo⸗ renz nicht anders als auf ſeinen Herrn ſchaute, die Maske nur nachläſſſg vor dem Geſichte, einher, umſchwärmt von einem zahlreichen Anhange junger Vobili, die ihm gleichſam als Hofſtaat auf jedem Schritte folgten. Niemals eine gewiſſe Würde vergeſſend, die nicht mit ſeiner JIngend harmonirte, ſcherzte er je zuwei⸗ len mit einem ſeiner Begleiter, und grüßte dann mit ſtolzer Herablaſſung das ehrerbietige Volk. Der Magier folgte ihm eine Zeitlang, und drängte ſich endlich in einer Colonnade, wo der Zug wegen der allzugroßen Menge Halt machen mußte, mit den Worten an ihn:„Erlaubt mir, —— Großmeiſter und Ritter vom San Giovanni, daß ich Euch weiſſage!“ „Thue das, weiſer Mann!“ verſetzte Lorenzo lächelnd. „Da Euer Keuſchheitsgelübde mit dieſem Tage ſeine Endſchaft erreicht, ſo werdet Ihr wohlthun, ein Volk, das auf Euch ſeine ganze Hoffnung ſetzt, nicht länger auch um die Hoffnung künftiger Zeiten zu betrügen, da Ihr die gegenwärtigen ſo herrlich erfüllt.“ „Das iſt weiter nichts als ein guter Rath und keine Weiſſagung, Freund!“ rief Lorenzo ungeduldig. „Sie kommt nach,“ verſetzte Stefano.„Ich ſeh' einen jungen Löwen wandeln; ich ſeh' auch eine Löwin, ihm gleich an Adel der Geſinnung. Das Reich der Thiere wird jauchzen, wenn ſich der Löwe mit der Löwin vereint. Der glänzende Tag wird kommen, und ein kräftiges Geſchlecht aus ih⸗ rem Bette hervorgehen.“ „Wie heißt deine Löwin?“ fragte Lorenzo den vermummten Prieſter leiſe, doch mit feſtem Tone. „Giuditta di Pazzi,“ entgegnete dieſer. „Der Löwe vermiſcht ſich nicht mit einem Ba⸗ ſtard!“ höhnte Lorenzo, das Haupt ſtolz zurückwer⸗ 2* — 0— fend, und ſchritt ſeinem Palaſte zu, um ſich in eine andre unkenntliche Maske zu kleiden. Stefano ging zähneknirſchend. Als er am Palaſte Giacomo's di Pazzi vorüberſchritt, ſah er Ginditta maskirt heraus⸗ hüpfen. Er wich ihr aus, und überlegte, was in dieſer verwickelten Sache zu thun ſey. Im Palaſte des reichen Francesco di Pazzi in Florenz ſaßen drei kräftige Jünglinge bei der Abend⸗ mahlszeit. Der feurige Montepulciano kreiste im Becher, und bald entfeſſelte der Traubengeiſt die Menſchengeiſter. „Dieſe beiden ſtolzen Medici,“ rief der junge Wirth,„was ſind ſie weiter, als wir? Ihre Väter waren Kaufleute, wie die unſrigen; ſie ſind Kauf⸗ leute und Wecheler, wie wir. Sind ſie reich? ſtein⸗ reich: die Pazzi können es ihnen noch gleich thun in Florenz. Ich habe die letzten Jahre viel in Rom gewonnen; darüber iſt der aufgeblaſene Lorenzo neidiſch, und er allein hat meine Zurückrufung bewirkt.“ „Niemand weiter, ſo wahr ich Bernardo Ban⸗ dini, ſein größter Feind, bin!“ rief der Andre, ein ſchlanker junger Mann, mit trotzigem Geſicht und kühnen, faſt verwegnen Augen.„Ich ſelbſt habe es aus dem Munde des Gonfoliere, daß Lorenzo zu verſchiednen Malen auf deine Zurückberufung antrug, aber bei der Signoria Anfangs kein Gehör fand.“ „Ich denke, es ſoll ihn noch gereuen,“ ſagte Francesco Pazzi. „An Reichthum alſo haben ſie nichts vor uns voraus,“ fuhr er dann fort;„an Klugheit und be⸗ ſondern geiſtigen Gaben eben ſo wenig. Wenn man davon ſprechen wollte, ſo wäre eigentlich Lorenzo nur allein zu nennen; denn der ſchwache Giuliano iſt ein Weib in Männertracht; mir iſt's immer, als wolle er noch über die Strafpredigten ſeines Schul⸗ meiſters weinen. Lorenzo hat Geiſt, und weil er Geiſt hat, ſo hat er auch Kraft; aber er hält ſich für den größten Geiſt und ſchätzt keinen ſich gleich. Ich dächte, es fänden ſich unter den Pazzi Männer, die ihm nicht unterlägen.“ „Du haſt bewieſen, Francesco, daß du ihn bertriffſt,“ redete der Dritte.„Und würdeſt du am Staatsruder ſtehen„wie er, du würdeſt ganz andere Dinge vollbringen.“ „Ich hoffe nicht, daß du mir ſchmeichelſt, Na⸗ poleone,“ nahm Pazzi wieder das Wort.„Die Medici mögen Talente beſitzen und Vieles verrichten; das Meiſte machen ſie mit ihrem Gelde, mit ihrer Freigebigkeit. Ich fühle wenigſtens in mir, daß ich dem Lorenzo die Stange halten könnte. Was endlich die Zahl der Köpfe betrifft, ſo ſind nur zwei Medici in Florenz, aber acht Pazzi, deren jeder einen Medici werth iſt.“ „Aber ihr Anhang iſt groß unter den Bürgern!“ erinnerte Bernardo Bandini. „Nicht ſo groß, als man ſich gewöhnlich einbil⸗ det,“ verſetzte Napoleone Franceſt;„und was ſie von Anhang beſitzen, verdanken ſie nur dem Ruhme ihres Großvaters Cosmo. Was hat denn Lorenzo ſo Großes gethan, das ihm Anſprüche auf die Ver⸗ ehrung aller Bürger gewährte? Ein Mächtigerer würde ihn bald aus der Gunſt der Bürger ver⸗ drängt haben.“ „Deine letzte Behauptung trifft mit meiner Mei⸗ nung zuſammen.“ erwiederte Bandini, und ſich dann zu Pazzi wendend, ſagte er:„Iſt Jemand in Flo⸗ renz geſchickt und beſtimmt, dem ſteigenden Ueber⸗ muthe der Medici nöthigen Einhalt zu thun, ſo biſt du es, Francesco. Du biſt jung und gewandt, klug und ſchlau, reich und freigebig. Dein Anhang — iſt nicht gering; denn wahrlich, wir gehören dazu. Du würdeſt Florenz eine Wohlthat erzeigen, wenn du dies Brüderpaar entfernteſt.“ „Und hätt' ich nicht alle Urſache dazu? Iſt der alte ehrwürdige Name der Pazzi nicht beſchimpft von dieſen Knaben?“ rief Francesco wild.„Wir, die reichſten aller Nobili von Florenz, ſind ausge⸗ ſchloſſen von allen Ehrenämtern des Staates, uns verwehrt man, dem Vaterlande unſ're Kräfte zu weihen. Lorenzo fürchtet uns, aber ſeine Furcht wird zur Beleidigung. Mich ruft man mit einem diktatoriſchen Befehle von Rom zurück, der an ſich Unſinn iſt und keinen Schein von Grund in der Vernunft findet, und durch den man ungeſcheut die hämiſche Abſicht durchblicken läßt, mich in Rom nicht zu reich werden zu laſſen. Meines Bruders Giovanni Frau wird von der Signoria— was ſag' ich?— von dieſem übermüthigen Lorenzo— denn ſein Wille iſt der Wille der Signoria— des Ver⸗ mogens ihres Vaters beraubt, deſſen einzige Erbin ſie war, und wenn meine Vermuthung ſich beſtä⸗ tigt, ſo hat mir der gleisneriſche Giuliano das Herz der Signora Camilla geſtohlen, das ich ſonſt be⸗ ſeſſen habe. Was werden ſich dieſe Buben noch — 2— gegen uns erlauben, wenn wir dies Ungeheuere ge⸗ duldig ertragen?“ „Stürze ſie! Vergilt ihnen mit gleicher Münze! Mein Arm iſt deiner gerechten Sache geweiht!“ rief Bandini.„Ich haſſe dieſen Lorenzo wie die Sünde, aber Güuliano haſſe ich wie den Tod.“ „Wie verhielt es ſich doch mit der Erbſchaft deiner Schwägerin?“ fragte Franzeſi dazwiſchen. „Ich war eben in Mailand, als ſich die Geſchichte hier ereignete, und hörte blos, daß ſie betrogen wurde, nicht aber: auf welche Weiſe.“ „Donna Alfonſina,“ erzählte Francesco,„die Gemahlin meines Bruders Giovanni, iſt, wie du wiſſen wirſt, das einzige Kind des vor einigen Jah⸗ ren verſtorbenen reichen Meſſer's Giovanni Borro⸗ mäi; ſie war alſo nach Vernunft und göttlichem und menſchlichem Rechte die einzige Erbin des großen Vermögens ihres Vaters. Aber kaum hat der alte Herr die Augen geſchloſſen, ſo tritt Carolo Borromäi, der Neffe des Verſtorbenen, auf, und be⸗ mächtigt ſich eines Theils des Nachlaſſes. Mein Bruder erhebt ſich als Kläger gegen ihn vor Ge⸗ richt; aber ſtatt ihm Recht zu ſprechen und ihm zum rechtmäßigen Eigenthume ſeiner Frau zu ver⸗ 5 3 — helfen, erläßt man ein neues ſchändliches Geſetz, kraft deſſen man dem Räuber Carolo das ganze Vermögen zuſpricht und Signora Alfonſina ihres väterlichen Erbes beraubt. Seht, Freunde, das iſt die Gerechiigkeit dieſer Medizi gegen die Pazzi, ge⸗ gen uns, die wir ihnen an Reichthum, Adel und Einſicht gleich ſind, das iſt die Handlungsweiſe die⸗ ſer ſogenannten Fürſten von Florenz, von Eifer⸗ ſucht und Mißtrauen erzeugt, von gemeiner, niedri⸗ ger Geſinnung groß gezogen! Und dieſe Erbärm⸗ lichkeiten ſollen wir länger ertragen?“ „Nimmermehr!“ rief Bandini.„Als Verlobter Giuditta's, der Tochter deines Oheims, gehör' ich zu deiner Familie. Mag Giuditta immerhin Gia⸗ como's natürliche Tochter ſeyn, er hat ſie anerkannt und ihr ſeinen Adel verliehen; ich gedenke durch den meinigen die letzte Spur des Fleckens ihrer Geburt hinweg zu wiſchen. Aber wahrlich, ich müßte ja unter dieſen Verhältniſſen befürchten, mein Vaterland ſchlöſſe mich von allen Aemtern und Würden aus, auf die meine Geburt und Studien einen gerechten Anſpruch haben, wenn ich die Toch⸗ ter eines Pazzi heirathete! Nein, Francesco, das muß anders werden! Das Herz ſiedet mir in Gift und Galle, wenn ich dieſen ſchändlichen Mißbrauch betrachte. Der Papſt iſt den Pazzi gewogen und den Medici Feind— der ſtolze Lorenzo hat ſich ſchon zu verſchiedenen Malen erfrecht, dem Statt⸗ halter Chriſti entgegen zu ſeyn—; dem Könige von Neapel iſt der Hochmuth dieſer beiden Brüder ſchon lang ein Dorn im Auge; der Herzog von Mailand iſt des Grafen Girolamo Schwiegervater, und nicht vergebens ſollſt du der Freund dieſes mächtigen Mannes ſehn.“ „Du ſchlägſt eine Saite an, Bernardo,“ ver⸗ ſetzte der junge Pazzi,„die ſchon lange leiſe von ſelbſt in mir geklungen. Die Regierung meiner Vaterſtadt war mir verhaßt, ſeit ich aus den Kna⸗ benſchuhen trat; Rom hat mich entſchädigt. Graf Girolamo iſt mein Freund in jeder Hinſicht; ich . habe ihn mir verbindlich gemacht, indem ich ihm oft große Summen vorſtreckte. Er vermag Alles über ſeinen Vater— im Vertrauen kann ich euch, als meinen beſten Freunden in Florenz ſagen, daß der Graf Girolamo der Sohn Siſto's 1V iſt,— er iſt des Pabſtes erſter Rath und Seine Heiligkeit folgt ihm unbedingt in jeder Sache. Oft habe ich meinen Groll beim Grafen über die Medici ausge⸗ ſprochen, und ich weiß, daß Siſto meine Außerun⸗ gen freundlich aufgenommen hat; denn er über⸗ häufte mich jedes Mal mit Gnadenbezeugungen, wenn er den Medici irgend ein Hinderniß bereitete, und dazu ließ er nie auch nur die kleinſte Gelegen⸗ heit vorüber ſchlüpfen.“ „Wohlan, ſo benutze deine mächtigen Verbin⸗ dungen zum Untergange der Verhaßten!“ rief Fran⸗ ceſit, und Bandini zog in der Hitze der Leidenſchaft den Degen, gleichſam als hätte er den Gegner vor ſich und trachte, ihn ſogleich nieder zu ſtoßen. In dieſem Augenblicke wurde von den Dienern einem Manne hereingeleuchtet, der in der Kleidung eines Weltprieſters bald als Pater Stefano erkannt wurde, und ſich gegen die drei Anweſenden, vor⸗ züglich gegen den Hausherrn, mit beſonderer De⸗ muth und Unterwürfigkeit verbeugte. „Guten Abend, Stefano!“ rief ihm dieſer ha⸗ ſtig entgegen und unterbrach den frommen Segens⸗ wunſch, den der Prieſter mit gefalteten Händen ſprach;„was bringt Ihr für Kunde?“ „Zweifache,“ verſetzte der Prieſter mit einem ſchlau lächelnden Geſichte.„Zuerſt die Gewißheit, daß Giuliano Medici wirklich der Nobile iſt, welcher — die Signora Camilla Cafareli das Kloſter St. Maria und Magdalena gebracht yat und ſie dort unterhält. Ihre Brüder haben dem guten Giuliano bereits ſehr eindringliche Vorſtellungen gemacht, ſich mit der Signora ehelich zu verbinden, welchem Ver⸗ langen ſich aber Lorenzo widerſetzt. Dieſer ſoll näm⸗ lich den Plan haben, ſeinen Bruder mit einer Für⸗ ſtentochter zu vermählen, ſo wie er ſelbſt eine ſolche zur Gemahlin nehmen wird, um ihre Macht in Italien dadurch zu vergrößern und zu befeſtigen. Vielleicht hegt er ſogar den geheimen Wunſch, ſelbſt Fürſt von Florenz zu werden.“ „Davor wird ihn der Himmel bewahren,“ un⸗ terbrach Bandini den Prieſter mit Hohn, indem er den Degen wieder heftig in die Scheide zurück ſtieß. „Weiter!“ rief Francesco dazwiſchen. „Giuliano pflegt ſeine Geliebte wöchentlich ein Mal zu beſuchen. Heute früh ritt er nach dem Kloſter; ich habe ihn mit meinen eignen Augen geſehn.“ „Ha, Bube!“ raſete Francesco auf,„zur Ge⸗ liebten, zum Spielzeug deiner ſüßen Schwärmereien ſoll dir Toscana's herrlichſte Blume recht ſeyn; zur Gattin ſollſt du ſie nicht erheben dürfen, die Fran⸗ —— cesco Pazzi mit höchſtem Entzücken als Gebieterin in ſein Haus geführt hätte! Ich wollte ſie zur Fürſtin von Florenz erheben, und nun ſoll ſie die Buhlerin dieſes weichlichen Knaben ſehn, der kein Verdienſt weiter hat, als daß ſein Großvater ein großer Mann war? Die ich anbetend erhöht hätte, darf er genießend erniedrigen? Mit Gewalt will ich die Verblendete in meine Arme reißen— die Gluth meiner Liebe für ſie überſpringt die Grenze menſchlicher Leidenſchaften— mein muß Camilla ſeyn, oder ich will nicht mehr leben.“ „Erſt nieder mit ihm, der ſie dir geraubt!“ donnerte Bandini;„denn nie würdeſt du ruhig dich ihres Beſitzes erfreuen, hätten die Medici noch die ihnen nicht gebührende Macht.“ „Was habt Ihr mir ferner für Kunde zu melden, Pater Stefano?“ fragte Pazzi. „In der heutigen Sitzung der Signoria iſt die päpſtliche Bulle eröffnet und verleſen worden, wo⸗ rin der Pontifex den Francesco Salviati zum Erz⸗ biſchof von Piſa ernennt.“ „Ha, wiſſen ſie's endlich!“ tobte Pazzi freudig auf.„Und was haben die trefflichen Signoren zu dieſer Wahl des Papſtes geſagt?“ —— „Es hat einen allgemeinen Aufſtand gegeben. Lorenzo hat ſogleich erklärt: er werde niemals zu⸗ geben, daß dieſer Feind ſeines Hauſes den erzbi⸗ ſchöflichen Stuhl von Piſa bekleide; die ganze Sig⸗ noria ſtimmte bei, und ſo hat man ſogleich eine Erklärung an Seine Heiligkeit erlaſſen, daß die Regierung von Florenz nicht in die Wahl des Fran⸗ cesco Salviati willigen könne und demſelben niemals das Erzbisthum überantworten werde.“ „Ha, die aufgeblaſenen Krämer, dieſe Wachs menſchlein in der Hand des trotzigen Lorenzo! Das haben ſie vortrefflich und ganz nach meinem Wunſche gemacht!“ jubelte Pazzi.„Beleidige nur den Papſt, du ungezogener Knabe; zeige dich mit deiner Geld⸗ macht nur widerſpenſtig gegen den oberſten Kirchen⸗ fürſten mit ſeiner ungeheuern Gewalt; erbittere nur noch mehr den gewaltigen Siſto! Das iſt mir ja eben recht! Und dein eignes Handeln iſt ſchon ein Tropfen Thau auf meine nach Rache lechzende Zunge.“ „Du kannſt jetzt nichts Klügeres thun,“ rieth der beſonnene Napoleone Franeeſi,„als dich ſo ei⸗ lig, als möglich, nach Rom an den päpſtlichen Hof zu verfügen und dort das Eiſen in ſeiner beſten Gluth zu ſchmieden.“ — —— „Fuͤrwahr ein trefflicher Gedanke!“ fiel Bernardo Bandini hitzig ein.„Berede dich mit dem Grafen Girolamo, blaſe die Funken des Haſſes in ſeiner und des Papſtes Bruſt zur Flamme und beſtimme mit ihm, was zu thun iſt. Zur Ausführung jeg⸗ lichen Planes, und ſollte es der ſchlimmſte ſeyn, biet' ich dir Kopf und Arm.“ „Ich unterſtehe mich, dem Rathe der beiden No⸗ bilt beizuſtimmen, weil er mir weiſe und zweckge⸗ mäß ſcheint,“ bemerkte der Prieſter Stefano. „Und ich ſtehe nicht an, denſelben deßhalb zu befolgen,“ verſetzte Francesco.„Wohlan, meine Freunde, ich reiſe noch in dieſer Nacht; die kochende Ungeduld treibt mich. Laßt uns einen Becher auf glückliches Vollbringen leeren!“ Zu haſtig nach dem Becher greifend, ſtieß er ihn um, daß der edle Saft blutigroth über die Tafel floß und das Gefäß an den Boden fiel und zerborſt. „Ein böſes Omen!“ murmelte der Prieſter. „Iſt's dieſer nicht, iſt's ein anderer,“ ſagte Pazzi, hob den Becher auf und ſchenkte ihn wieder voll; aber durch den Riß des gegoſſenen Metalls floß mehr herab, als er trank. Franzeſi war ſichtlich darüber verſtimnt. Ban⸗ . — 32 dini rief;„Die Kraft meines Arms iſt das beſte Omen. Trinkt!“ „Euch, Stefano, befehl' ich Camilla an,“ ſagte Francesco;„bringt ihr meine Grüße und die Schwüre ewiger Liebe. Sucht den Schurken aus ihrem Herzen zu verdrängen und mich wieder hinein zu ſetzen. Dir, Bandini, befehl' ich mein Haus, dir, Fran⸗ ceſi, meine Pferde. Nun gute Nacht!“ Italiens warme Sonne hatte ſchon früh im Jahre ihr ſchönſtes Kind, den Frühling, ihrem lieb⸗ ſten Lande, Toscana, geſandt. Kaum war die Hälfte des April vorüber, als rings um Florenz Baum und Strauch in üppiger Fülle grünten und Blüthendüfte den Geruchsſinn entzückten, während das Auge bezaubert in der auftauchenden Schönheit des Lenzes ſchwelgte und das Ohr ſich den ſüßen Genüſſen hingab, die die Töne der Lebensfreude ihm aus Flur und Hain entgegenboten. Das un⸗ vergleichlich herrliche Florenz hatte nun auch von der Natur ſeinen letzten und ſchönſten Schmuck er⸗ halten, und konnte mit Recht Anſpruch auf den Namen„der lieblichſten der Städte“ machen. Hatte es den Winter über einem koſtbaren Edelſteine geglichen, ſo war es nun ein Brillant in der reich⸗ ſten und glänzendſten Einfaſſung, der als Kleinod ſich auf dem Alabaſterbuſen einer Königin wiegt. War aber die Stadt der Edelſtein, ſo waren die herrlichen Luſtſchlöſſer und Landſitze in ihrer Umge⸗ bung die Perlen des Geſchmeides, an ſich reich und köſtlich und in Beziehung zum Ganzen beſtimmt, dieſes noch mehr zu heben und zu verherrlichen. Einer dieſer Landſitze, ein kleines Eldorado, war das dem Meſſer Giacomo Pazzi gehörige Schloß Montughi. Wie eine Inſel der Seligen tauchte das geſchmackvolle, mit Kunſtwerken ausgezierte Gebäude aus den blühenden Wellen der Büſche und Bäume hervor, umfluthet von dem wogenden Meere der Frühlingsdüfte. Weit umher war ein vom Be⸗ ſitzer angelegter und nun in ſeiner Vollendung pran⸗ gender Garten, deſſen reizende Partieen die ſtets nach ſchönern Genüſſen durſtige Seele des Wan⸗ derers zugleich befriedigten und von Neuem antrieben. In dieſem Paradieſe wandelte am erſten ſchön⸗ ſten Morgen des neuen Lenzes ein freundlicher Greis an der Hand jener hohen blühenden Jungfrau Giu⸗ ditta di Pazzi. Sein Auge hing mit ſchöner Va⸗ terfreude an den edeln, majeſtätiſchen Zügen der rei⸗ II. 3 zenden Mädchengeſtalt, und ſeine Hand umſpannte mit Wohlbehagen ihren ſtarken runden Arm. „Giuditta,“ ſagte er dann lächelnd,„weil du dir auf Montughi ſo wohl gefällſt, ſo ſoll es dein Hochzeitsgeſchenk ſeyn. Hier im Schoße der Natur wirſt du die erſten ſeligſten Wochen der Ehe an der Bruſt deines Gatten zubringen. Aber wie? es ſcheint mir, als ſähe ich in deinen Augen keine Freude glänzen?“ „Ach, Vater!“ verſetzte das Mädchen ſeufzend, „Ihr vermögt an meine Hochzeit zu denken; ich kann es nicht.“ „Vie!“ ſagte der alte Giacomo Pazzi erſtaunt, „hat deine Liebe zu Bernardo Bandini ſchon ein Ende? Biſt du auch ſo launenhaft und wetter⸗ wendiſch, wie andere Geſchöpfe deines Geſchlechts? Ich hielt dich immer für mein ſtarkes und beſtän⸗ diges Mädchen, und lauſchte mit Entzücken von dei⸗ ner früheſten Jugend an der Entwickelung einer ſtärkern Seele, als ich jemals in einer weiblichen Bruſt gefunden. Ueberraſcht dich nun auch die Schwachheit deines Geſchlechts, und iſt die Sünde deiner Mutter, trotz meiner Vorſicht, auch auf dich übergeerbt?“ „Eure Beſorgniſſe, mein Vater, ſind nichtig: ich liebe den muthigen kühnen Bernardo ſo rein und ſtark, wie am erſten Tage, als Ihr meine Hand in die ſeinige legtet und Euren väterlichen Segen über unſern Bund ausſpracht. Aber eben weil ich Euer ſtarkes Mädchen bin, mag ich nichts von der Hochzeit wiſſen.“ „Erkläre mir dieſen Widerſpruch.“ „Ich will's als eine gehorſame Tochter. Die Bürger von Florenz erhoben einen edeln, trefflichen Mann wegen ſeiner Tugenden, ſeines alten Adels, ſeines Reichthums zum Ritter; ein andrer reicher und mächtiger Bürger, Cosmo Medici, ſchenkte ihm Vertrauen und Freundſchaft, fürwahr eben ſo viel werth als das Ritterthum. Dieſer edle, von allem Volke hochgeehrte, von den Beſten geliebte Bürger ernannte das Kind ſeiner Liebe vor den Augen von ganz Florenz zu ſeiner rechtmäßigen Tochter, zu ſeiner Erbin; und das Kind wuchs em⸗ por, gehoben und getragen vom edeln Stolze auf die Vorzüge ſeines Vaters. Ihr ſeyd jener Bürger und ich bin die Tochter. Nun bin ich groß gewor⸗ den und die Braut eines edeln jungen Mannes, in deſſen Seele heiliger Eifer für Recht und Wahr⸗ 38 — heit glüht, in deſſen Adern das edelſte Blut des alten Florenz wallt. Aber plötzlich bin ich wie aus dem ſchönen Traume meiner Kindheit aufgeſchreckt. Ja, ich bin erwacht, mein Vater, und ſehe mit Schaudern, daß Alles anders iſt, als es war, daß Alles ſchlimmer iſt, als es war. Statt Eures großen beſcheidnen Freundes Cosmo, haben ſeine kleinen aufgeblaſenen Enkel die Leitung der Regie⸗ rung übernommen; er ſtand Euch zur Seite, ſie ſtehen Euch gegenüber; er liebte, ſie haſſen Euch; er behandelte Euch mit freundlicher Offenheit, ſie mit liſtiger Heimtücke; er ſuchte Euch empor zu heben, ſie ſuchen Euch zu unterdrücken; er war ein Greis, als Ihr ein junger Mann wart, und ſie ſind Jünglinge, da Ihr nun ein Greis ſeyd. Und das dürfen dieſe übermüthigen Knaben ſich ge⸗ gen den alten Ritter des Volks, gegen den Freund ihres großen Ahn erlauben? O mein Stolz auf den Namen Pazzi iſt furchtbar gedemüthigt wor⸗ den! Ja, Vater, mögt Ihr mir zürnen, ich kann nicht anders als mich ſchämen, daß ich einer Familie angehöre, der ein junger Mann, wie Lorenzo Medici, ungeſtraft ſolche Schmach anthun darf, und ich vermag es nicht über mich, den — 37— edeln Bandini mit in unſer Elend hereinzu⸗ ziehen.“ „Iſt es denn dahin mit uns gekommen!“ ief Giacomo aus. „Ja es iſt ſo weit gekommen, und es wird noch weiter gehen. Kraft iſt in geduldige Nachſicht ver⸗ wandelt, Geduld iſt zur Schwachheit geworden. Wir werden bald Florenz den Rücken kehren müſſen, und wahrlich, dann mag ich Bernardo Bandini nicht mit in mein Epil ſchleppen.“ „Dein lebhaftes Gemüth führt dir ſchwarze Träume vor, die in der Virklichkeit nicht Grund noch Boden finden.“ „Lorenzo und Giuliano Medici ſind Grind und Boden genug; räumt ihn hinweg, und ich werde bunte fröhliche Träume träumen.“ „Iſt es doch, als hörte ich meinen hitzigen Nef⸗ fen Francesco aus dir reden. Sollte er ſo thöricht geweſen ſeyn, dein reines Mädchenherz mit ſeinen überkühnen Plänen zu vergiften? Ich würde es ihm ſchlechten Dank wiſſen.“ „NRicht doch, mein Vater! der edle Francesco hat mich nicht gewürdigt, Theilnehmerin ſeines großen Kummers über die unſrer Familie wider⸗ —— fahrne Kränkung zu ſehn.— Ich will Euch die Wahrheit geſtehen. Ihr habt mir eine mehr männ⸗ liche, als weibliche Erziehung geben laſſen, mein Vater! Darum wundert Euch nicht, daß ich mich um die Ehre unſers Hauſes kümm're und über ſei⸗ nen Rechten und Vortheilen wache, wie ein Mann. Wahrlich, nicht zur Spielerei, nicht zur Befriedigung gemeiner Neugierde, nicht aus thörichter Eitelkeit habe ich Rom's ehrwürdige Sprache erlernt und leſe mit meinem Lehrer Stefano die Bücher des Livius und Tacitus. Ihr wünſchtet mit meinen Talenten zu glänzen; aber Stefano hat eine Römerin aus mir gemacht. Mit dem erwachenden Bewußtſeyn unſrer Unterdrückung wurde der Groll gegen unſ're Thrannen groß in meiner Bruſt, und wie oft ich auch mit dem mir beiſtimmenden Stefano über unſ're Schmach ſprach, mit Euch darüber zu reden wagte ich nicht, weil Ihr glücklich und zufrieden zu leben und mit den beiden Medici im beſten Verhältniſſe zu ſehn ſchient. Ihr hattet Eure Tochter niemals ſo hoch beglückt, mit ihr über öffentliche Angelegen⸗ heiten zu ſprechen; um deſto größern Antheil nahm ſie, ihrer Natur gemäß, daran. Da ſah ich Euch vor wenigen Wochen plötzlich wie verwandelt: die — 33— ſtille Heiterkeit war von Eurer edeln, hohen Stirn gewichen, Euer glänzendes Auge war getrübt, und die mir ſonſt ſtets reichlich geſpendeten Liebkoſungen wurden mir nur ſpärlich und dann, wie ich zu be⸗ merken glaubte, mit erzwungner Heiterkeit von Euch zu Theil. Ich bekümmerte mich ſehr über dieſe Ver⸗ änderung in Eurem ganzen Weſen, und ſchüttete mein betrübtes Herz vor meinem Lehrer und Freunde aus. Ach, ich glaubte anfangs Eure Liebe verloren zu haben. Aber bald gewahrte ich an Bernardo ein ähnliches unſtätes Treiben; ich ſah, daß der Jüng⸗ ling, den mir ſonſt jeder Tag auf den Fittigen ſtür⸗ miſcher Sehnſucht zuführte, ſeltener kam, und nur Augenblicke bei mir verweilte. Ich las in ſei⸗ nen Augen, daß in ſeiner Seele etwas Wichtiges vorgehen müſſe und ich reimte ſeinen Gemüthszu⸗ ſtand mit dem Eurigen zuſammen. Stefano gab mir endlich auf meine wiederholten Bitten Aufſchluß, nachdem er mich den heiligſten Eid auf die Hoſtie hatte ſchwören laſſen, verſchwiegen zu ſehn. Ich erfuhr nun, daß Francesco Pazzi nach ſeiner letzten Heimkehr von Rom vergebens in Euch geſtürmt, Euch mit ihm gegen die unbillige Macht der Me⸗ dici zu verbinden; ich hörte mit ſchmerzlichem Er⸗ —— ſtaunen, daß Ihr durchaus abgeneigt wärt, einem Bunde beizutreten, welcher den Untergang dieſer ſtolzen Feinde unſers Hauſes bezweckt, ach! ich mußte mir ſagen laſſen, daß Ihr jene Medici mehr liebt, als die Pazzi, und das— das hat meine Seele empört und mit Nacht erfüllt. Deßhalb will ich nicht Bandini's Weib werden.“ „Es iſt doch ein wahres Wort, das da ſpricht: So ein Pfaffe um ein Geheimniß weiß, ſo erfah⸗ ren es auch die Weiber,“ ſprach der Greis mißbil⸗ ligend.„Es iſt unrecht von Stefano, daß er deine Seele mit Bildern erfüllt hat, die außer ihrem Wir⸗ kungskreiſe liegen.“ „Das kann nicht Euer Ernſt ſehn, lieber Va⸗ ter; ſonſt wäre er ein Widerſpruch Eurer mir ge⸗ gebenen Erziehung. Alles, was Euch angeht, geht doch auch mich an; oder hätte ich mir mit meiner Liebe nicht ein Recht auf einen Theil des Kummers erkauft, der Euer Herz belaſtet? Darf Euer ſtar⸗ kes Mädchen, darf Giacomo Pazzi's einziges Kind nicht wiſſen, was das Gemüth ſeines alten gelieb⸗ ten Vaters bewegt? O dann wollte ich lieber, Ihr hättet mich ſammt meiner treuloſen Mutter ver⸗ — ſtoßen und mir niemals die heiligen Liebesrechte ei⸗ ner Tochter eingeräumt!“ „Beruhige dich, meine Giuditta,“ redete der Alte gütig, indem ſein Auge wohlwollend am betrübten Geſichte ſeines Kindes hing, über deſſen Wangen einige Schmerzensthränen ſchlichen.„Ich hätte frei⸗ lich beſſer gethan, dich ſelbſt über alles zu unter⸗ richten, was mich ſo ſehr bewegte; denn du biſt ja ſo würdig, mein volles Vertrauen zu beſitzen. Ich habe darin gefehlt. Aber ſolche finſtre Pläne, wie die meines Neffen, eignen ſich nicht für eine lichte, reine Seele, wie die deinige, mein Kind. Und doch hätte ich dir durch Mittheilung manchen Schmerz er⸗ ſpart; denn der geſchwätzige Prieſter hat mich dir im falſchen Lichte gezeigt, vielleicht ſelbſt in Täu⸗ ſchung befangen.“ „O ſo belehrt mich, mein Vater!“ rief Giuditta freudig, und umſchlang das ſilberweiße Haupt ihres Vaters. „Ich weiß nicht, in welchem Geiſte der ſchreck⸗ liche Gedanke aufgekeimt iſt, die beiden Brüder Me⸗ dici zu ermorden, in dem meines Neffen oder in dem des Grafen Girolamo, Fürſten von Forli. Genug, beide ſind damit einverſtanden, und wenn mich nicht —— alle Zeichen trugen, ſelbſt das Haupt der Kirche. Während Francesco's letztem Aufenthalte in Rom iſt davon die Rede geweſen, und ſo wie mein hitzi⸗ ger Neffe ſich einbildet, Ruhm und Glanz des Na⸗ mens Pazzi müſſe untergehen, wenn die Medici län⸗ ger lebten, ſo iſt der Graf Girolamo der Meinung: er könne die von ſeinem Vater, dem Pabſte, erhal⸗ tenen Beſitzungen, nach deſſen Tode nicht ruhig be⸗ herrſchen, wenn die Medici nicht aus dem Wege ge⸗ räumt würden. Die beiden jungen Männer haben in Rom den neuen Erzbiſchof von Piſa, Francesco Salviati, in ihren Plan gezogen, der neuerdings durch die ſtandhafte Weigerung Lorenzo's und der Signoria, ihn nicht anzuerkennen, auf's heftigſte be⸗ leidigt worden iſt. „Bei ſeiner Zurückkunft eröffnete mir Francesco, als ſeinem Oheim und Alteſten des Hauſes, den Plan. Wer wollte läugnen, daß wir von den Me⸗ dici zurückgeſetzt worden ſind? Allein, mein Kind, die Urſachen dieſer Handlungsweiſe ſind vorher wohl in Betracht zu ziehen, ehe man in voreiliger Hitze etwas dagegen unternimmt. Ich bin der Ueberzeu⸗ gung, daß Lorenzo— denn Giuliano hat uns nie übel gewollt und muß viele Handlungen ſeines äl⸗ — ℳ— tern und thatkräftigern Bruders öffentlich gut hei⸗ ßen, die er im Stillen und zu Hauſe tadelt— ich weiß, ſag' ich, daß Lorenzo alle Schritte gegen die Pazzi aus Furcht vor uns, nicht aus Haß gegen uns thut. Wir ſind das reichſte Haus nach ihm; läßt er uns auch mächtig werden, wer bürgt ihm, daß wir ihn nicht verdrängen? Dies Alles entgeg⸗ nete ich Francesco'n auf ſein an mich gerichtetes Be⸗ gehren, einer Verſchwörung gegen die Medici beizu⸗ treten; ich fragte ihn auf ſein Gewiſſen, ob er in gleichem Falle mit Lorenzo nicht eben ſo handeln würde. Aber ich konnte die Glut des Haſſes in ſei⸗ ner Seele nicht dämpfen. Er ſprach das gräßlichſte Wort aus, das mich zurückſchaudern machte: Mord der Medici!— O Giuditta, wer ſich des heitern Sonnenlichts des Lebens erfreut, ſollte nicht ſo kalt und frevelvoll⸗leichtſinnig den Andern in die un⸗ durchdringliche Nacht des Todes ſchleudern wollen! Was immer auch der Feind an mir verſchuldet, es iſt nicht ſo groß, daß er den Tod von meiner Hand verdient hätte. Der Mörder iſt allezeit der Schul⸗ dige, und kein Mund nennt ſchaudernd ſeine That gerecht; ihn trifft der Fluch, ihn der Haß. Hat er nicht dem Todten das Recht geraubt, ſich zu ver⸗ —— theidigen? nicht die Gelegenheit, ſeine Fehler zu verbeſſern, ſein Unrecht zu ſühnen? O der Mör⸗ der hat immer unrecht, und wenn er vor der unſe⸗ ligen That das klarſte Recht hatte. Der Mord überſchüttet die weiße Tafel des Geſetzes mit einem purpurrothen Blutſtrom und wandelt das Wort, das erſt für den Thäter ſprach, nun gegen ihn. Der Mord hat zweierlei Geſicht: ein lockendes Sirenen⸗ geſicht, das zeigt er dem erhitzten Mann, bis dieſer den Dolch zückt; dann grinſ't er ihn plötzlich mit einer teufliſchen Larve, mit einem Gorgonengeſichte, mit einem Furienhaupte an, wenn der Dolch roth iſt vom Herzblute des Feindes. Mörder iſt der furchtbarſte Name, der auf Erden einem Manne ge⸗ geben werden kann, und ich liebe die Pazzi zu ſehr, als daß ich nicht vor dem Gedanken beben ſollte, es könnte jemals einer mit dieſem entſetzlichen Na⸗ men bezeichnet werden. Die Jugend kennt nicht das Leben, nicht ſeinen Werth; drum will ſie es gleich leichtſinnig vernichten. Das reifere Alter weiß es beſſer zu ſchätzen. Dies Alles ſagt' ich Francesco'n; aber er wollte mich nicht hören, und ver⸗ ließ mich unwillig, als ich meine Weigerung, an dem Plane Theil zu nehmen, beſtimmt ausſprach. —„—— c eege. —— Dieſe meine Weigerung hatte er wahrſcheinlich nach Rom berichtet, und bald darauf erſchien der Haupt⸗ mann der päbſtlichen Miethstruppen, Graf Giovanni Battiſta di Monteſeno, mit einer kleinen Truppen⸗ abtheilung, in Florenz, dem Vorgeben nach, um in die Romagna zu marſchieren und dort einige Städte wieder zu erobern, die Graf Carolo, Herr von Faenza, dem Grafen Girolamo genommen, weil der Erſtere eben lebensgefährlich krank war und alſo des Papſtes That nicht hindern konnte. Ich ſage: dieſer Marſch war nur dem Vorgeben nach ſeine Abſicht; eigentlich war er gekommen, ſich von der Lage der Dinge in Florenz zu überzeugen und mich durch die Autorität des Papſtes und des Gra⸗ ſen Girolamo zum Beitritt gegen die Medici zu ge⸗ winnen. Du weißt: als der päbſtliche Hauptmann bei mir war, befand ich mich eben unwohl; auch war Franresco gerade, ſeiner Wechſelgeſchäfte wegen, nach Lucca gereiſ't. Giovanni Battiſta hatte Lorenzo Medici kennen gelernt, und einen viel beſſern Mann in ihm gefunden, als ihm geſchildert worden war. Haß malt ſchwarz, Leidenſchaft übertreibt. Doch er war vom Grafen und, wie ich nicht ohne Grund vermuthe, vom Papſte beauftragt, mich zu werben —— und zu dem Bunde zu ziehen. Ich ſagte ihm: er möge nur nach der Romagna gehen und ſeine Geſchäfte dort abmachen, auf der Rückreiſe ſollte er wieder bei mir anfragen; dann werde ich hergeſtellt und mein Neffe zurückgekehrt ſeyn. Seit dieſer Zeit hat mich die Unruhe nicht eher verlaſſen, als bis ich mit dir, mein Kind, in dies unſer Paradies einwanderte. — Erſcheine ich dir nun immer noch in einem ſo unerfreulichen Lichte?“ Giuditta küßte den Vater auf die Stirn und be⸗ zeigte ihm ihre Freude darüber, daß er ſo und nicht anders gehandelt habe.„Aber nun wird mein wei⸗ ſer und gerechter Vater auch wiſſen, was er der Ehre ſeines Hauſes zu thun ſchuldig iſt,“ ſetzte ſie ſchlau hinzu.„Ihr habt nun den Pflichten der Menſchlichkeit vollkommnes Genüge geleiſtet; jetzt iſt es an Euch, auch an die Pflichten zu denken, die Ihr als Alteſter des Hauſes Pazzi den ſchwerge⸗ kränkten Gliedern deſſelben, die Ihr als Oheim Eu⸗ rem Neffen Francesco, die Ihr als Vater Eurer Tochter Giuditta, die Ihr als reichſter Bürger von Florenz dem Staate ſchuldigt. Denket nicht an die ſcheußliche Fratze des Mordes; vielmehr gewinne die Nothwendigkeit in Eurer Seele Geſtalt und Farbe, — — — 47— daß der ſteigenden Macht der Medici ein Damm geſetzt, daß die von den Medici uns angethane Schmach abgewaſchen und gerächt werde, daß die Anſprüche, welche das Haus Pazzi an die Ehren⸗ ſtellen und die Regierung des Staats hat, in Er⸗ füllung gebracht werden. Denn ich ſchwöre Euch zu, mein Vater, bei der keuſchen Reinheit der heili⸗ gen Jungfrau, daß ich in dieſen mich tief betrüben⸗ den, drückenden Verhältniſſen niemals Bernardo's Gattin werde. Habt Ihr mein weibliches Herz ſelbſt mit der Milch des Stolzes auf den Namen Pazzi groß gezogen, ſo ſchafft auch nun, daß es ſich nicht unter den Dolchſtichen der mir von dieſen Medici angethanen Kränkungen und Demüthigungen ver⸗ blute.“ „Wer hat dich gekränkt? wer hat gewagt, dir etwas zuzufügen?“ rief der Alte plötzlich gereizt und mit dunkler Röthe auf dem Geſichte. „Ihr mögt es immerhin nun wiſſen, was ich Euch bis jetzt verſchwiegen habe, um Euch nicht zu Ee mein Vater, daß Lorenzo mich am letzten Carnevalstage in der Maske eines Schiffers ſchwer beleidigte, indem er mir meine uneheliche Geburt —— vorwarf und keck behauptete: Ihr wäret nicht mein Vater.“ „Der Bube!“ rief Giacomo zornig.„War er's gewiß?“ „Ich hatte ihn wohl ſchon an der Sprache ge⸗ kannt, wenn er ſie auch verſtellte und nicht erkannt zu werden wähnte; als er aber fort war, beſtätigte ſich mein Argwohn in dem rohen mich höhnenden Gelächter der Umſtehenden, durch welches ich mehr⸗ mals hindurch meinen und ſeinen Namen deutlich vernahm.“ Das werde ich dir gedenken, übermüthiger Knabe!“ ſagte mit drohender Stimme der erzürnte Greis; und Giuditta leitete den Vater zu dem Schlößchen zurück. Einige Tage nach dieſer Unterredung kehrte der Hauptmann der päbſtlichen Miethstruppen wieder aus der Romagna zurück, und ſetzte zuerſt in Flo⸗ renz mit Lorenzo Medici jene erdichteten Unterhand⸗ lungen wegen des Grafen Carolo fort, die er bei ſeinem Hermarſche ſchon angeknüpft hatte. Lorenzo war ſchlau genug, dem mächtigen Grafen Girolamo —— ſeine ganze Ergebenheit zu zeigen und dem Abgeord⸗ neten deſſelben hinſichtlich der verlornen und wieder zu gewinnenden Städte in der Romagna die dem Günſtlinge des Papſtes vortheilhafteſten Rathſchläge zu ertheilen. Giovanni Battiſta konnte ſpäter in Giacomo Pazzi's Hauſe nicht anders ſagen, als daß er Lorenzo als einen ſehr verſtändigen und gegen den Grafen Girolamo ſehr freundſchaftlich gelnnten Mann habe kennen gelernt. Francesco Pazzi überflügelte aber in den gehei⸗ men Zuſammenkünften, die er mit dem päbſtlichen Hauptmanne im Hauſe ſeines Oheims hielt, ſowohl den Erſtern als den Letztern mit ſeiner Hitze, in⸗ dem er behauptete, Lorenzo habe ſich nur, aus Schlau⸗ heit, verſtellt. Da nun ohnedies Monteſeno in die⸗ ſer Sache kein eigenes Urtheil haben durfte, ſondern gehalten war, die Befehle des Papſtes zu vollziehen, ſo verband er ſich mit dem racheglühenden Jüngling, den alten Giacomo zur Theilnahme an der Ver⸗ ſchwörung gegen die Medici zu bewegen. Meſſer Gia⸗ como blieb lange unſchlüſſig; aber Francesco bot alle Mittel auf, ihn zu gewinnen, weil er nur durch ſeines Oheims Anſehn bei'm Volke nach dem Morde der Medici zu reüſſiren hoffen durfte. Zuerſt führte II. 4 er den wilden Redner Bandini in die heimliche Be⸗ rathung, dem Giacomo als künftigem Gatten ſeiner über Alles geliebten Tochter ſehr zugethan war; dann den weniger offnen, aber durch Schlauheit im⸗ ponirenden Napoleone Franceſi; er ſchickte den Prie⸗ ſter Stefano, der ſeit Jahren ſchon Giuditta's Leh⸗ rer und Giacomo's Hauſe gewiſſer Maßen einverleibt war, an den bedenklichen Greis. Aber den Sieg trug er doch erſt über dieſen davon, als er von Stefano erfuhr, wie ſchmählich Lorenzo erſt den Prie⸗ ſter, der dem Stolzen des Mädchens Liebe verrathen, und dann Giuditta ſelbſt an einem Tage zurückge⸗ wieſen und behandelt. Francesco wußte dieſen Um⸗ ſtand trefflich zu benutzen, und, indem er ſich ſelbſt bei ihr nie zum Mitwiſſer ihrer Schmach bekannte, überredete er doch den ihm ergebenen Weltprieſter, der an Liebe und Stolz ſchon furchtbar gekränkten Giuditta die höhniſche Zurückweiſung von Lorenzo in einem noch weit düſteren Colorit zu malen und Worte der Kränkung hinzuzufügen, die Lorenzo nicht geſprochen, ſondern welche, aus Francesco's Kopfe entſprungen, jenem untergeſchoben wurden. Giuditta wüthete; ihre Seele wendete ſich vom lichten Himmel ab und kehrte ſich der düſtern Erde — ⸗ zu. Ihr einziger Gedanke war fortan Rache an dem Jünglinge, den ſie eigentlich niemals wahrhaf⸗ tig geliebt, ſondern den als den Erſten und Beſten ihr Stolz nur leidenſchaftlich begehrt hatte. Sie heuchelte nun ihrem Verlobten Liebe; ſie feuerte ih⸗ ren Vater unabläſſig an. Und Giacomo verband ſich mit Francesco endlich zum Meuchelmorde der bei⸗ den Medici. Monteſeno wollte Florenz nicht eher wieder ver⸗ laſſen, als bis man auch über die Ausführung des Unternehmens im Reinen ſeyn würde. Hierüber waren die Theilnehmer des finſtern Bundes verſchie⸗ dener Meinung. Es ging damals das Gerede: Lo⸗ renzo werde auf einige Zeit nach Rom gehen, um ſich mit dem Papſte auszuſöhnen und alle Mißhel⸗ ligkeiten, welche zwiſchen der Regierung von Florenz und Sixtus entſtanden waren, beizulegen. Die Ver⸗ ſchwornen glaubten um ſo eher an die Wahrheit dieſes Gerüchts, weil ſich Lorenzo gegen Giovannt Battiſta ſo ausnehmend gütig und auf den Vortheil des Grafen Girolamo ſehend bewieſen hatte, indem ſie annahmen, er werde die Vermittlung des Grafen in Rom in Anſpruch nehmen wollen. Meſſer Gia⸗ como hielt ihren Plan für unausführhar, ſo lange 4* — 5 beide Bruͤder in Florenz wären, weil ihr ſtarker An⸗ hang, ſo bald Einer niedergemacht ſey, den Andern um ſo kräftiger und nachdrücklicher ſchützen werde. Man müſſe deßhalb abwarten, bis Lorenzo nach Rom gehe; dann ſolle an einem feſtgeſetzten Tage Gio⸗ vanni Battiſta dem ältern Bruder dort das Lebens⸗ licht ausblaſen, während zu derſelben Zeit Giuliano in Florenz von Francesco's oder Bandini's Hand fiele. Der racheglühende Francesco und der päpſtliche Hauptmann waren mit dieſer Anſicht einverſtanden, doch meinte der Erſtere, der in ſeinem wilden Eifer den Zeitpunkt der Ausführung nicht ſchnell genug herbei ſehnen konnte: wenn Lorenzo nicht bald nach Rom ginge, ſo müßten beide Brüder zuſammen an einem Orte, bei einem feſtlichen Mahle, bei'm Spiele oder auch in der Kirche weggeräumt werden; man müſſe nur die ſchickliche Gelegenheit dazu abpaſſen. Hinſichtlich der Hülfe der unter Giovanni Battiſta ſtehenden päbſtlichen Truppen, um gleich nach dem Fall der Medici eine ſtarke bewaffnete Partei zur Unterdrückung jeglichen Aufſtandes in der Stadt zu haben, glaubte Franceseo, daß der Papſt in Toscana ſeine Macht unter dem Vorwande aufſtellen könne, — dem Grafen Carolo das Caſtell Montone wegzuneh⸗ men, wozu ihm dieſer durch die im Sieneſiſchen und Peruginiſchen erregten Aufſtände die gerechteſte Ur⸗ ſache gegeben habe; und dies könne um ſo leichter, ohne allen Verdacht bei den Medici zu erwecken, ge⸗ ſchehen, da ja Lorenzo dem Grafen Girolamo durch Monteſeno zur Wiedereinnahme der vom Herrn von Faenza eroberten Städte ſelbſt gerathen. Zu einem beſtümmten Entſchluſſe kam es bei dieſen Berathungen nicht, außer daß Francesco mit dem Hauptmanne nach Rom gehen und dort mit dem Grafen Girolamo und dem Papſte Alles genan verabreden und beſtimmen ſollte. Der unentſchloſ⸗ ſene alte Giacomo verpflichtete ſich, jenen Beſtim⸗ mungen dann getreulich nachzukommen. Nach genommenen verſchiedenen Verabredungen mit ſeinen Freunden und Verbündeten, folgte Francesco, einige Tage nach Monteſeno's Abreiſe, dieſem nach Rom, um dort ſelbſt Alles thätig zu betreiben. Faſt mehr noch, als der Durſt nach Rache und die Begierde, ſich ſelbſt zum Oberhaupte der Regierung von Florenz zu machen, trieb ihn die Leidenſchaft, Camilla zu beſitzen; und als er ſich erſt berzeugt, daß dies, ſo lange Giuliano lebe, un⸗ — möglich ſey, war der Tod deſſelben auch unerſchüt⸗ terlich feſt in ſeiner ſturmbewegten Seele beſchloſſen. In Rom wurde die Sache vom Grafen Giro⸗ lamo, dem Erzbiſchofe Salviati, dem Hauptmanne Monteſeno und Francesco, und in den geheimſten Audienzen auch vom rachſüchtigen Papſte ſelbſt mit ſeinem Sohne und Pazzi in Berathung gezogen, und es blieb endlich dabei, die Feſtung Montone ſtark zu belagern, um die päbſtlichen Truppen in der Nähe von Florenz zu haben. Zwei päpſtliche Haupt⸗ leute erhielten ſogleich Befehl, ſich mit ihren Com⸗ pagnien in die Romagna zu verfügen und ſich dort mit den Truppen des Landes zu vervollſtändigen, dann aber dasjenige auszuführen, was ihnen der Erzbiſchof Salviati und Francesco Pazzi befehlen würden, welche mit Giovanni Battiſta di Monteſeno nach Florenz gehen und dort alles beſorgen ſollten, was zur Ausführung des Unternehmens nöthig wäre. Der König Fernando von Neapel verſprach durch ſeinen Geſandten alle mögliche Hülfe. Da Lorenzo immer noch zauderte, die beabſich⸗ tigte Reiſe nach Rom anzutreten, ſo wurde in den Zimmern des Statthalters Chriſti ein ausführlicher Plan zur Ermordung beider Brüder in Florenz ent⸗ — 55— worfen, und es ſchien nicht, als ob menſchliche Macht im Stande wäre, ſie vom Verderben zu retten. Die Dämmerung ſchwebte auf Stadt und Land hernieder und ſtillte dort das Geräuſch des Tages, während ſie hier die an der Sonnenhelle ſchlum⸗ mernden Blüthendüfte wach küßte. Die Chorge⸗ ſänge im Kloſter Santa Maria und Magdalena wa⸗ ren verſtummt und das Glöcklein rief, Frieden ver⸗ kündend, mit heller bittender Kinderſtimme zum from⸗ men Abendgebet. Das reizgeſchmückte Thal verſank in Nacht und Ruhe; der Fluß zog ſtill und majeſtätiſch, wie ein ernſter Gott, zwiſchen ſeinen Ufern dahin, gleichſam dem einförmigen Geräuſche, welches ein auf ſeinem Rücken abwärts ſchaukelnder Kahn ver⸗ urſachte, und den Küſſen und Liebesworten lau⸗ ſchend, die ein junges zärtliches Paar darinnen wechſelte. Ein ſchöner Jüngling mit einnehmenden ſanften Zügen lag in den Armen der Signora Ca⸗ milla Cafareli, und wiegte in ſeliger Gefühlstrun⸗ kenheit ſein Haupt auf ihrem reizenden Buſen. „Wie lieblich du biſt!“ ſagte er, ſich inniger an — 56— ſie ſchmiegend;„ich möchte mein Leben an deiner Bruſt verträumen“ „Süßer Schwärmer!“ verſetzte ſie,„könnteſt du der Hoheit entſagen, um mein zu ſeyn?“ „Wie gern!— und, ohne daß es mir Mühe und Schmerz koſtete. Ich wollte meinem Bruder das Regiment überlaſſen und mit dir in unſer Pa⸗ radies bei Fieſole ziehen. Das Geſchrei des Volks, die Thorheiten der Signoren und der hitzige Stolz Lorenzo's, womit er Alles allein anordnen will, ver⸗ letzen mich oft tief genug in der Seele und haben mir zuweilen ſchon den Wunſch erregt, mich von den öffentlichen Geſchäften zurückzuziehen und mur dir zu leben.“ „Man ſagt, das Leben bedürfe zu ſeiner Selbſt⸗ erhaltung Kampf und Streit; ich fühle, wie du, mein Güuliano, daß ich nur des Friedens und der Liebe bedarf. Aber du biſt zur Höhe berufen, du biſt beſtimmt, Lorenzo's ſtolzen Eifer zu zügeln.“ „Und dich zur erſten Bürgerin von Florenz zu erheben, wie deine edle Seele und deine Schönheilt verdienen.“ „Und iſt Lorenzo mir nicht mehr abgeneigt?“ „Dir war er es nie, nur meiner Verbindung — ————— —— mit dir; eine Fürſtentochter ſollte ich heimführen. Sein Sinn ſteht nach dem Höchſten. Doch was half ihm ſeine Widerſetzlichkeit? So wie die Fa⸗ ſtenzeit vorüber iſt, wird meine Camilla auch vor den Augen der Welt mein Weib, und Florenz wird ihr zujubeln als ſeiner Königin.“ „Ich weiß nicht, welche trübe Ahnung mich ſeit dem Tage beſchleicht, wo Francesco Pazzi mich hier überraſchte, und mich nie zur rechten Freude über mein glückliches Loos kommen läßt! Als ich den wilden Mann verließ, ſah ich ein unheimliches Feuer in ſeinen Augen glühen, welches— fürcht' ich— zur verderblichen Flamme für uns werden könnte.“ „Du hältſt ihn für ſchlimmer, als er iſt. Er kennt nicht die ſchönen heiligen Triebe ſüßer Minne; der Ehrgeiz iſt ſein Gott. Iſt dieſer befriedigt, ſo iſt Francesco lammfromm. Und dies zu thun, ſep meine Sache. Schon oft habe ich Lorenzo getadelt, daß er die talentvollen und reichen Pazzi ſo fern von allen Würden des Staats hält; er ſollte ſie ſich befreunden, wie unſer Großvater, der meine Schweſter Bianca dem Guglielmo Pazzi, Frances⸗ 's Bruder, zur Frau gab. Ich werde Lorenzo's — zu verbeſſern ſuchen und auf Francesco's —— Erhöhung dringen; denn ich bin ihm gewogen und habe ſeit unſrer Kindheit viele und ſchöne Beweiſe ſeiner Freundſchaft für mich erhalten. Vir ſind ja zuſammen aufgewachſen und haben unſre Knaben⸗ ſpiele mit einander geſpielt! Von ihm haſt du nichts zu fürchten, wenn er auch in der unbändigen Hitze der Leidenſchaft einige Worte gegen mich ausgeſto⸗ ßen, die dir nicht gefallen haben. Er iſt das Ge⸗ gentheil meines Bruders: wie dieſer kalt und ſtolz⸗ nachträgt und nie verzeiht, ſo iſt jener hitzig und ſtolz, vergißt und vergibt.“ „Und doch graut mich vor ihm,“ klagte Camilla. „Mir fällt plötzlich ein böſer Traum ein, den ich vor einigen Nächten geträumt und bis jetzt dir zu erzählen vergeſſen. Ich ſah dich ſorglos zwiſchen zwei Tigern wandeln; plötzlich fielen ſie über dich her, um dich zu zerreißen. Da weckte mich das Ent⸗ ſetzen auf; aber mir war, als hätte das eine der Ungeheuer Francesco's Züge an ſich getragen.“ „Du biſt ein thörichtes Kind,“ lachte Güultano, „und deine Träume ſind Lügner; die meinigen ſind wahr. Ich ſah oft ſchon die Träume auf Schmet⸗ terlingsflügeln durch mein Fenſter herein flattern, holde Genien, die alle deine Zügen trugen, mich — ———— —— mit Roſenketten umſchlangen und mir glühende Küſſe auf den Mund drückten. Das ſind wahre Träume!“ Und zu der Laute greifend, die neben ihm lag, erhob er die ſchöne, ſchmelzende Tenorſtimme und ſang, indem ſeine kunſtbegabten Finger durch die Saiten irrten, ein ſüßes von ihm ſelbſt gedichtetes Liebeslied an ſeine zärtliche Camilla. Die Wellen des Fluſſes hielten den Athem an, um zu lauſchen; die Frühlingslüfte aber drängten heran, um näher zu horchen und ſäuſelten um die Saiten und den Sänger und küßten ihm und ſeiner Braut dankbar Mund, Wangen und Stirn. Die Dämmerung um⸗ hüllte, eiferſüchtig auf den alleinigen Beſitz des hol⸗ den Liebespaares, die wonnetrunknen Schiffer mit ihren dichteſten Schleiern, um ſie den Augen der Blumen zu entziehen, die ſo ſehnſüchtig⸗neidiſch vom Ufer zu ihnen herüberblickten. Und als der Sän⸗ ger ſchwieg, bog ſich das holde Frauenbild über ihn her und lohnte ihm mit einem langen, langen Kuſſe. Sie landeten und traten an's Ufer. In dieſem Augenblick ſtürzte einr verhüllte Geſtalt auf Giuliano zu; aber Camilla ſah ſie, ſchrie laut auf und machte dadurch ihren Geliebten aufmerkſam, der Zeit ge⸗ 65 wann, ſeinen Degen zu ziehen. Der Verhällte zog ſich ſogleich zurück und verſchwand im Ufergeſträuch. „Das war Francesco!“ ſtammelte Camilla, dor Schrecken bebend. „Nimmermehr!“ verſetzte Giuliano.„Die Furcht vor ihm ſpiegelt dir ſein Bild überall vor. Glaubſt du, der edle Sproß des Hauſes Pazzi werde zum Meuchelmörder an einem Medici, an ſeinem Jugend⸗ freunde werden, der ihn nie beleidigte, ſondern viel⸗ mehr ſtets mit Liebe behandelte?“ „So war es ein von ihm erkaufter Bandit.“ „Auch das nicht. Vir haben ja nicht einmal eine Waffe geſehn.“ Und er geleitete die Zitternde zur Pforte des Kloſters. Camilla's ahnende Seele hatte ſie nicht betro⸗ gen: der Verhüllte war wirklich Francesco Pazzi. Er ſtieß den in der Hitze der Leidenſchaft voreilig gezückten Degen in die Scheide zurück und kam flüch⸗ tigen Fußes zur nahen Herberge, wo er ſich auf ſein Pferd ſchwang. Schnell erreichte er Florenz. ———————— —— Kaum war er in die Gemächer ſeines Palaſtes getreten, als Bernardo Bandini ihm entgegen ſtürmte. „Ich habe mich überzeugt,“ rief ihm Francesco zu;„es iſt alles ſo, wie mir Stefano berichtet. In ihren Armen hab' ich den Buben geſehn, und Gott verdamm' ihn dafür! Raſend ſtürzte ich auf ihn los, um ihn zu durchbohren; ein Schrei Camilla's, die mich bemerkte, gab mir meine Beſonnenheit wieder.“ „Die heilige Jungfrau ſey dafür geprieſen!“ ſagte Bandini.„In einer Stunde hätte Lorenzo ſeines Bruders Tod gewußt, und Alles wäre verlo⸗ ren geweſen. Dafür will ich dir willkomm'nere Kunde mittheilen. Ein Bote vom Papſte iſt ange⸗ langt: übermorgrn kommt der Cardinal di Riario. Die Verſchwornen ſind bei Meſſer Giacomo ver⸗ ſammelt und warten deiner, um deinen Entſchluß zu vernehmen.“ „Auf zu ihnen!“ rief Francesco, und beide ſchrit⸗ ten mit wilder Haſt durch die Straßen nach Gia⸗ como's Hauſe. Todtenſtille lag auf der Stadt, aber die tuuteſe Wuth des Mordes tobte in der Bruſt der heimli⸗ chen, verhüllten Geſtalten, die von allen Seiten nach dem reichen Palaſte des älteſten Pazzi eilten. —— Alle Eingänge waren mit Wachen beſetzt; ge⸗ zückte Schwerter leuchteten durch die Nacht. Rur ein beſtimmtes Wort öffnete die ſtählerne Mauer. Francesco Pazzi trat in den Saal, über welchen die Mitternacht bereits ihre dunkeln Flügel brei⸗ tete. An dreißig Männer und Jünglinge harrten Francesco's. Er wurde mit einem Freudenrufe be⸗ grüßt. Als er ſich gegen alle ehrerbietig und freund⸗ lich bezeigt, ließen ſich die Verſammelten um eine Tafel herum nieder. Oben an ſaß der Erzbiſchof Francesco Salviati, ein ſtattlicher Mann in hohem Mannesalter. Ihm zur Seite hatte der Graf Gio⸗ vanni Battiſta di Monteſeno, päpſtlicher Hauptmann und Abgeordneter des Grafen Girolamo, eine hohe kräftige Mannsgeſtalt, ſeinen Platz. Dieſe beiden präſidirten gleichſam als vornehmſte Häupter der Verſchwörung, indem ſie zugleich als die Fremden den Ehrenplatz einnahmen. Hierauf folgten Gia⸗ como Pazzi) der freundliche Greis, Francesco Pazzi mit ſeinen Brüdern Guglielmo, Renato und Gio⸗ vanni. Francesco war der jüngſte von ihnen. An dieſe reiheten ſich ihre Geſchwiſterkindsvettern An⸗ drea, Nicolo und Galeoto, Söhne des verſtorbenen Meſſer Antonio di Pazzi. Auf der andern Seite it ie —— ſaßen der wilde Bernardo Bandini, der verſchloſſene Napoleone Franceſi; neben dieſem Giacomo Poggio, ein junger Gelehrter von vielen Kenntniſſen, aber noch größerm Ehrgeiz und bis zur höchſten Erbitte⸗ rung unzufrieden mit der Regierungsverfaſſung von Florenz. Unter dem Anhange des Erzbiſchofs zeichnete ſich vorzüglich deſſen Bruder Giacomo Sal⸗ viati, und Vaterbrudersſohn, ebenfalls Giacomo Sal⸗ viati geheißen, aus. In der Zahl der Fremden war vorzüglich ein Mann von Volterra, Meſſer An⸗ tonio, bemerkbar, der, von Lorenzo Medici vielfach bedrückt und beleidigt, ein glühender Feind beider Brüder war. Auch Giuditta's Lehrer, der eifrige Prieſter Stefano, fehlte nicht in der Verſammlung. Außer den Genannten waren noch Bürger, vorzüg⸗ lich junge Leute aus den edelſten Geſchlechtern der Stadt, die, von Lorenzo's Stolz beleidigt, ſich zur Verſchwörung gegen die Medici hatten gewinnen laſſen, ferner Bürger aus den andern von Florenz abhängigen Städten Toscana's, in welchen ſich Lo⸗ renzo manche Gewaltthätigkeit erlaubt hatte, endlich Anhänger und Verwandte des Er biſchofs Salviati und Offiziere aus dem päpſtlichen vor der Feſtung Montone liegenden Heere. —— Der Graf Giovanni Battiſta di Monteſeno nahm zuerſt das Wort:„Ich bin beauftragt, den Signo⸗ ren dieſer Verſammlung anzuzeigen, daß, wie zwi⸗ ſchen denſelben und mir früher verabredet worden, Seine Eminenz der Cardinal Monſignore Raffaelle di Riario übermorgen hier eintreffen wird. Derſelbe führt ein ſtarkes Gefolge mit ſich, welches größten⸗ theils aus unſern Leuten beſteht, die jeden Augen⸗ blick auf unſern Wink alles in der Stadt nieder⸗ machen, was ſich uns zu widerſetzen wagt. Die Ankunft des Cardinals wird mit der größten Pracht ausgeſtattet ſeyn, damit wir dadurch die Verſchwö⸗ rung gegen die Thrannen der Florentiner verſtecken. Es gilt nun, den lang gehegten Plan zur Befrei⸗ ung des Vaterlandes von ſeinen Bedrückern raſch und ſicher auszuführen; und wir erwarten deßhalb Eure Vorſchläge, Meſſer Francesco di Pazzi.“ „Meine Anſicht iſt dieſe,“ verſetzte Francesco: „Meſſer Giacomo, unſer Oheim, meldet den Me⸗ dici die Ankunft des Cardinals und ladet ſie ein, den Empfang deſſelben auf ſeinem Gute Montughi mit verherrlichen zu helfen. Bei Lorenzo's Beſtre⸗ ben, ſich mit dem Papſte auszuſöhnen und ſich dem Grafen Girolamo gefällig zu zeigen, kann er un⸗ —— möglich ausweichen, dem Neffen des Grafen ſeine Aufwartung zu machen; und Giuliano darf ſich nicht ausſchließen, um den Cardinal— und durch dieſen deſſen Onkel— nicht zu beleidigen. Wir alle, wie wir hier verſammelt ſind, begeben uns nach Montughi, empfangen dort die Medici mit un⸗ ſern Dolchen und eilen, ſobald die Sache abgemacht iſt, nach Florenz zurück, um die Stadt zu beſetzen. Was ſagt Ihr zu dieſem meinem Vorſchlage, Oheim?“ „Er zeigt von Klugheit und raſcher Entſchloſſen⸗ heit; aber das Eine betrübt mich, daß der Tempel meines ſtillen Glücks zur Stätte des grauſigen Mor⸗ des geweiht werden ſoll. Ich hatte Montughi zum Angebinde meiner Giuditta beſtimmt,— ein böſes Omen für ihren Bund, wenn das Blut der Me⸗ dici jenen Boden färbt und die Genien des Frie⸗ dens, die ſeit langen Jahren dort hauſen und ein⸗ gewohnt ſind, verſcheuchet.“ „Laſſ't Euch das nicht kümmern, Meſſer Gia⸗ como!“ rief Bandini.„Ich will die Stelle, welche das Blut der Thrannen trank, durch einen Tempel der Liebe verewigen und darin die Feſte meines Glücks mit Ginditta feiern, deren Wonne ſtets der II. 5 — 66— Gedanke erhöhen wird, daß hier die verhaßten Brü⸗ der ihr Leben ausgehaucht haben.“ „Habt Ihr einmal meine Zuſtimmung zum Morde erzwungen,“ verſetzte der Greie bekümmert, „ſo will ich ſie auch dazu nicht verweigern, daß das traurige Geſchäft auf meinem Landſitze abgemacht werde, damit aus Verzögerung nicht Verrath er⸗ wachſe, der uns alle in's Verderben ſtürzen würde.“ „So hätten wir nur die Anordnung des Mor⸗ des ſelbſt noch zu beſtimmen,“ redete Francesco weiter.„Ich nehme Giuliano auf mich und brauche nur noch einen Gehülfen.“ Bandini wollte eben widerſprechen und ſich zu Lorenzo's Mörder aufwerfen, als Renato di Pazzi, ein älterer Bruder Francesco's und in ganz Florenz als ein ſehr verſtändiger und rechtſchaffener Mann geachtet, aufſtand und die Stimme erhob.„Fran⸗ cesco!“ rief er, bis zu Thränen bewegt,„du haſt bis jetzt mein abmahnendes Wort verachtet; du haſt ungläubig gelächelt, wenn ich dir vorſtellte, daß aus dieſer That kein Segen für uns entſtehen kann. Du haſt mich mit dem Schwall deiner Redensarten übertäubt, nicht überzeugt; du haſt mir darthun wollen, wie nothwendig es ſep, die Medici zu er⸗ —— morden, du haſt aber nicht dargethan, daß dieſer Mord nicht ſcheußlich und verabſcheuungswürdig ſey. Du hältſt mir immer die Zuſtimmung des Papſtes entgegen, als wenn ein Papſt Böſes durch ſeine Zuſtimmung in Gutes verwandeln könnte. Er nennt ſich wohl den Statthalter Chriſti, aber iſt er's deßhalb auch?“— „Mich wunderts, meinen ängſtlichen und ge⸗ wiſſenhaften Renato in dieſer Verſammlung zu ſe⸗ hen,“ unterbrach Francesco den herzlichen Redner. „O ſpotte nicht!“ fuhr jener ſchmerzlich berührt fort.„Sieh', ich wäre ja auch nicht gekommen, wenn mich nicht die Hoffnung her getrieben hätte, den Mord der Medici durch alle Mittel, die ich mit Ehren anwenden kann und ohne den Mitverſchwo⸗ renen zu ſchaden, zu hintertreiben und zu verhin⸗ dern. Mein unglückweiſſagendes Gemüth ruft mir jeden Augenblick zu: daß du das ganze Haus Pazzi in das größte Unglück ſtürzen wirſt, Francesco! Bei der Aſche unſers ſeligen Vaters, des edeln, ehrwürdigen Meſſers Pietro di Pazzi beſchwöre ich dich, Francesco: wende dein racheglühendes Herz don dem gräßlichen Morde der Medici. Erinnere dich, daß dein Vater ein Freund und Vertrauter 5* —— des großen Coſimo di Medick war, den Florenz ſegnet; erinnere dich, daß dein Vater viel Freund⸗ ſchaftsdienſte vom edeln Coſimo empfangen. Willſt du dafür die Enkel deſſelben ermorden? willſt ſei⸗ nen Stamm von der Erde vertilgen, ſeine Nach⸗ kommenſchaft vernichten? Bedenke, was du thuſt! Florenz wird dir fluchen, ſtatt dich zu ſegnen. Fran⸗ cesco, höre die Stimme deines Bruders! Fran⸗ cesco, du meinſt es nicht ehrlich mit deinem Vater⸗ lande. Ich weiß es: du willſt die Medici ermorden, um dich ſelbſt zu unſerm Herrn zu machen; ein Thrann— wenn Lorenzo ein ſolcher iſt— ſoll ſter⸗ ben, damit du ſein Nachfolger werdeſt.“ „Wenn dem alſo wäre,“ rief Giacomo Poggio aufſpringend,„ich wäre der erſte, der die Verſchwö⸗ rung verriethe. Man hat mir von der freien Ver⸗ faſſung des alten Rom geſprochen, man hat Flo⸗ renz eine Republik genannt. Francesco di Pazzi, ich bin Euer Freund; aber mein Dolch iſt für Euch geſchliffen, wie für die Medici, wenn Ihr je ver⸗ geſſen ſolltet, weßhalb dieſe ſterben müſſen.“ Francesco antwortete:„Gebt doch der Stimme zaghafter Unentſchloſſenheit kein Gehör! Das Große, das Ungeheure iſt nicht für kleine Seelen. Seyd — ör— Ihr einverſtanden, daß die Medici ſterben müſſen, ſo laſſ't uns nicht bei'm thörichten Schrecken leerer Hirngeſpenſte aufhalten.“ „Sterben müſſen die Thrannen!“ ſagte Poggie entſchieden.„Eilen wir, unſern Schwur noch ein Mal feierlich zu wiederholen! Ihr aber, Francesco, ſchwöret uns auf das Sacrament: die Republik zu erhalten!“ Ein ſchwach verhehlter Unwille zuckte über Francesco's Geſicht, und es war ihm eine willkommne Unterbrechung, als Renato von Neuem rief:„Sie müſſen nicht ſterben! Der Staat kann und wird ferner unter ihnen glücklich ſeyn. Fragt doch die Bürger, ob ſie gegen die Medici murren? Nein, ſie hängen ihnen mit Liebe und Ergebenheit an. O Guglielmo, ſo rede du doch! Du biſt ja auch Francesco's Bruder; vielleicht gelingt es dir beſſer, ſein Herz zu erweichen. Willſt du zugeben, daß er die Brüder deines Eheweibs ermorde? Be⸗ denke doch: ſie ſind Blutsverwandten deiner Kinder; willſt du ihr Blut von deines Bruders Hand ver⸗ gießen laſſen?“ „Ich trete von der Verſchwörung zurück,“ ver⸗ ſetzte Guglielmo di Pazzi. „Und Ihr, alter Oheim,“ fuhr Renato fort, 70 „wollt Ihr kurz vorher, ehe Ihr zur Grube fahrt, Eure greiſen Hände mit meuchelmörderiſch⸗vergoſſe⸗ nem Blut beſudeln, wollt Ihr Cosmo's Schatten alſo vergelten?“— „Conjurate in corpus Jesu Christi!“ brüllte der Prieſter Stefano gerade noch zur rechten Zeit, indem er auf den Tiſch ſprang und mit der Furie des Fanatismus ein Crucifir über den Köp⸗ fen der bewegten Geſellſchaft ſchwang; denn ſchon waren alle von ihren Sitzen aufgeſprungen und eiferten und lärmten in und wider einander. Stefano aber ſchrie unaufhörlich:„Schwört, ſchwört auf den Leib des Herrn, die Thrannen zu vernichten! Im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes!“ Die Vornehmſten verſammelten ſich ſchnell un⸗ ter der Fahne des Prieſters, die Meiſten ſtreckten die Hände nach dem Crucifix aus; bald hallte der fürchterliche Eid allein durch die düſtern Räume des Zimmers. Renato und Guglielmo nahmen nicht Theil daran. Kaum waren die letzten Worte von der Menge dem Prieſter nochgeſprochen, als Bandini die Thüre eines Nebenzimmers aufſtieß. Gefeſſelt von Er⸗ drängte hinzu; und der Prieſter theilte mit freude⸗ ₰— ſtaunen und lautlos ſtarrte die Verſammlung hinein. Auf einem mit geweihten Kerzen geſchmückten Altare ſtand die heilige Monſtranz, daneben der Kelch. Auf dem Altare lagen drei lange neue Dolche; da⸗ neben erblickte man Giuditta in ſchneeweißem Ge⸗ wande. Feierlichen Schritts nahte ſie dem Altar, nahm knieend die Dolche davon, ging durch die Thüre mitten unter die Verſammlung und reichte die Mordſtahle dem Grafen Monteſeno, ihrem Vet⸗ ter Francesco und ihrem Verlobten Bandini mit den Worten:„Nehmet dieſe heiligen und vom Papſte geweihten Werkzeuge zur Befreiung des Vaterlandes von Thrannenmacht aus meiner Hand zum Geſchenk. Ich habe dieſe Dolche zu jenem großen Werke ſchmieden laſſen; Euch weih' ich zu ihren Trägern, zu Vollbringern der großen That.“ Die Angeredeten empfingen die Eiſen mit Knie⸗ beugungen. Ein Sturm der Begeiſterung brach aus der Menge. Bandini ſtürzte mit der Waffe in der Fauſt ungeberdig an den Altar und weihte ſeinen Arm zum Morde. Pater Stefano hatte ſich auf die Stufe des Al⸗ tars geſtellt und erhob das Allerheiligſte. Alles — zitternder Hand den Leib des Herrn aus. Begei⸗ ſterte Wuth durchraſete die blutgierigen Fanatiker; Renato und Guglielmo verli eßen ſchweigend das Haus. Montughi war mit Menſchen überfüllt. Die üppige Kirche des fünfzehnten Jahrhunderts hatte all' ihre Pracht an einen kleinen bleichen Jüngling von ein und zwanzig Jahren verſchwendet, der ſchier noch das Anſehn eines Knaben hatte. Mit dem Purpur und der Tiare bekleidet, mit dem rothen Cardinalshut geſchmückt, nahm er die Huldigung der Nobili von Florenz, die ſich um ihn gedrängt hatten, als einen ihm gebührenden Zoll der Ehr⸗ erbietung an. Je zuweilen flog von den Lippen des jungen Kirchenfürſten die Frage, ob die Me⸗ dici noch nicht angekommen ſeyen; und ſein Herz klopfte immer ängſtlicher. Die Verſchwornen harr⸗ ten theilweiſe im Garten; eine drückende Stille lag über ihnen; nur ſelten wurden einige Worte ge⸗ flüſtert, und begierig flogen die Blicke der Straße entlang nach Florenz zu. Wie ein Paar lauernde Liger ſtanden Fran⸗ — cesco und Bandini hinter einem Buſche, um mit einem Sprunge über ihre Opfer herzufallen. Endlich erkannten ſie in der Ferne den Wagen Giuliano's, von raſchen Pferden gezogenz die Blicke leuchteten und die Hand faſſ'te unwillkührlich nach dem Griff des verborgenen Dolches. Der Wagen kam an; befremdet ſah man Giu⸗ liano allein herausſteigen. Francesco eilte mit lächelndem Geſichte auf ihn zu:„Du haſt lange auf dich warten laſſen, mein Vetter! Aber wo iſt dein Bruder Lorenzo?“ „Ein ſonderbarer Zufall hielt ihn ab, mit mir zu fahren,“ verſetzte der Argloſe freundlich.„Nie⸗ mand kann begreifen, wie alle ſeine Staatskleider zerfetzt oder ſonſt untauglich geworden ſind. Er hatte ſich deßhalb geſtern ſchnell ein neues Kleid zum Empfang Seiner Eminenz beſtellt; aber der Schneider hat es nicht fertig gebracht, und dieſes geringfügigen Umſtandes halber ſieht ſich Lorenzo genöthigt, einige Stunden zu warten. Doch hat er mir aufgetragen, dem Herrn Cardinal zu melden, daß er heute gewiß noch demſelben aufwarten werde.“ Die Verſchwornen ſchöpften neue Hoffnung. Während Giuliano bei'm Cardinal eingeführt wurde, —— beredete ſich Francesco mit ſeinen Freunden, die Brüder bei'm Abendeſſen, wozu ſie lder Cardinal und Meſſer Giacomo einladen ſollten, zu ermorden. Schnell wurden dazu die nöthigen Vorrichtungen gemacht. Giuliano zeigte ſich gegen den jungen Kirchen⸗ fürſten freundlich und ehrerbietig, gegen Meſſer Gia⸗ como und Francesco ſogar herzlich; Giuditta be⸗ handelte er mit Artigkeit. Alle mit Freundlichkeit. Deſſenungeachtet twar nicht zu verkennen, daß eine gewiſſe Schwermuth über ſeinem Weſen lag, und oft ſahen ihn die Verſchworenen„ die ihn nie aus den Augen ließen, Minuten lang ſinnend mit ſich beſchäftigt oder hörten einen Seufzer von ſeinen Lippen flüſtern. Kaum war er einige Stunden da, als er auf einem Spaziergange durch den Garten ſich plötzlich beim Cardinal beurlaubte und zum größten Ver⸗ druſſe der Verſchworenen erklärte: er müſſe die Geſellſcheft verlaſſen. Francesco, der neben ihm ging, legte ihm, gleich den Andern, darüber ſein Befremden an den Tag, und ſuchte ihn durch Bitten zurückzuhalten. „Laſſ' uns wenigſtens dich genießen„ bis dein — 55— Bruder dich ablöſtt, damit wir doch ohne Unter⸗ brechung uns der Gegenwart eines Medici er⸗ freuen, wenn wir auch nicht beide zugleich haben ſollen,“ ſagte der Liſtige, und der Cardinal ſtimmte in dieſe Bitten mit ein. Aber Giuliano erklärte bün⸗ dig: es ſey ihm unmöglich, zu bleiben; er habe ſein Wort gegeben und ſeh gewohnt, ſolches zu halten; ſein Bruder müſſe ohnedies bald kommen. „Vielleicht ein Liebesverſprechen zu einem zärt⸗ lichen Zuſammentreffen?“ fragte Francesco, Freund⸗ lichkeit erheuchelnd. „Nun ja; du ſiehſt, wie wenig ich zu lügen im Stande bin. Und warum ſollte ich dir, dem Ju⸗ gendfreunde, der ſich gewiß über mein Glück freuen wird, verheimlichen, daß ich der Dame meines Her⸗ zens heilig und theuer verſprochen habe, heute bei ihr zu ſeyn, und daß ſie mich noch kurz vor meiner Abfahrt von Florenz durch ein Briefchen bei allen Heiligen beſchwor, heute mein Verſprechen zu hal⸗ ten,— eine unnöthige Erinnerung für mich, der ich die Schwüre der Liebe ſo heilig halte, wie alle an⸗ dere.“ Und flüchtig die Nächſten begrüßend, ging er mit ſchnellen Schritten nach ſeinem Wagen, warf ſich hinein, und war auf und davon, ehe die Ver⸗ ſchwornen nur Zeit gewannen, ſich recht zu beſin⸗ nen und ihren Unmuth über das Fehlſchlagen ih⸗ res Planes auszuſprechen. Die Häupter des Bun⸗ des verſammelten ſich im Erdgeſchoſſe des Schloſſes, um über einen neuen Plan zu ſprechen; man konnte zu keinem Reſultate kommen. Da trat plötzlich Giuditta unter ſie. In ihren reizenden Zügen war etwas von einer Furie.„Wie?“ rief ſie,„hättet ihr ihn nicht niederſtoßen und dann ruhig Lorenzo's An⸗ kunft abwarten können? Oder, wenn euch das zu gefährlich ſchien, hättet ihr nach ſeinem Tode nicht eilig nach Florenz aufbrechen, Lorenzo in ſeinem Hauſe aufſuchen und niedermachen können? Aber ich ſeh' euch vor dem hohlen Geſpenſte eurer eignen Gedanken beben. Wahrlich, ich werde euch beſchä⸗ men! Nicht vergebens führe ich den Namen jener jüdiſchen Heldin, die dem Feinde ihres Vaterlandes, dem wilden Holofernes, den Kopf abſchnitt. Wenn ihr nicht klug und beſonnen, raſch und ſicher han⸗ deln wollt, ſo weiß ich, was ich zu thun habe.“ Francesco und Bandini waren außer ſich vor Wuth, daß ſie nicht Giuditta's Gedanken gehabt, und die Zeit verſtrich unter Aerger und Berathungen. 5— Zwei Stunden nach Giuliano's Abreiſe langte Lorenzo an. Neue Verſtellung war nothwendig. Lo⸗ renzo zeigte ſich gegen die Pazzi höflich kalt, ge⸗ gen den Cardinal ſehr ehrerbietig, und lenkte die Unterhaltung bald mit großer Vorſicht und Geſchick⸗ lichteit auf die Irrungen zwiſchen dem Papſte und der Florentiner Regierung, indem er den Cardinal um ſeine Vermittlung bat. Er blieb zu'm Abendeſſen. Ueber Tiſch erwähnte der Cardinal, daß er in Rom ſehr viel von dem überaus prächtigen Luſthauſe der Familie Medici bei Fieſole gehört, und äußerte den Wunſch, die Herr⸗ lichkeiten deſſelben während ſeines Aufenthaltes in Florenz in Augenſchein zu nehmen. „Wenn es Ewr. Eminenz genehm iſt,“ verſetzte Lorenzo darauf,„ſo erbitte ich mir die Ehre, Euch morgen daſelbſt bewirthen zu dürfen. Darf ich hof⸗ fen, Euch bei mir zu ſehen?“ Der Cardinal willigte ein; Lorenzo wandte ſich an den Hauswirth:„Auch meinen lieben Vetter Giacomo nebſt deſſen Hauſe, alle meine Vettern Pazzi bitte ich freundſchaftlich, morgen mit den Me⸗ dici vorlieb zu nehmen.“ Haſtig ſagte Francesco zu; ſo Giacomo und die Uebrigen. Und in der Nacht noch wurde der Plan verabredet, die Brüder— denn ſie glaubten nichts ſich'rer, als daß beide bei dem Gaſtmahle zugegen ſehn würden— auf ihrem eignen Luſtſchloſſe an der Tafel zu erdolchen. Giuliano war nach Santa Maria und Magda⸗ lena geeilt. Ein Brief ſeiner geliebten Camilla hatte ihm kurz vor ſeiner Abfahrt nach Montughi die be⸗ trübende Nachricht hinterbracht, daß ſie plötzlich er⸗ krankt ſey, und die Botin war mit ſeinem heiligen Verſprechen, bald im Kloſter zu ſeyn, dahin zurück⸗ geeilt. Der zärtliche Jüngling kniete am Lager ſeiner Geliebten. Der von Florenz mitgebrachte Arzt ver⸗ traute dem glücklichen Giuliano, daß er Vater ge⸗ worden ſey, und in der Nacht noch theilte dieſer unter glühenden Küſſen der Kranken die Urſache ſeines Entzückens mit, indem er ſie über ihr Uebel⸗ befinden aufklärte und noch ein Mal die theuerſten Schwüre hinzufügte, ſie ſogleich nach Beendigung der Faſtenzeit zu ſeiner Gattin zu erheben. — 5— Er brachte die Nacht an ihrem Bette zu. Am Morgen wollte er fort; aber ſie hielt ihn zurück, ſie bat, ſie flehte, und— der Zärtliche blieb. Wirklich verſchlimmerte ſich ihre Krankheit, und er dachte an nichts weiter mehr, als an ihre Pflege. Unterdeſſen ließ ihn ſein Bruder ſuchen; einer der Boten kam in das Kloſter. Giuliano erfuhr jetzt erſt von dem Ehrenmahle auf dem Luſiſchloſſe; aber Camilla umklammerte, wie in furchtbarer Angſt, ſeine Hand. Er ließ ſich bei Lorenzo entſchuldigen und blieb. Die Wuth der Verſchwornen über die zweite Täuſchung war um ſo grimmiger, weil ſie dieſe auf keinerlei Weiſe äußern durften, nicht durch ein Wort, nicht durch einen Blick— denn überall ſahen ſie ſich von der zahlreichen Dienerſchaft Lorenzo's beobach⸗ tet;— ja ſie mußten ſogar als trefflich bewirthete Gäſte die Freundlichen ſpielen. Lorenzo bot Alles auf, um dem jungen Kirchenfürſten, dem Neffen des mächtigen Girolamo, Ehre zu erweiſen und Vergnügungen zu bereiten; und er zeigte ſich ſelbſt den Pazzi als Wirth heute liebenswürdig. Für alles, was die Sinne ergötzt, war im reich⸗ ſten Maße geſorgt. Reichthum und Pracht waren — 5 verſchwendet. Er meinte es aufrichtig, während ſeine Gäſte für nichts weiter Sinn hatten, als für das abermalige Fehlſchlagen ihres Planes, ihren gütigen Wirth zu meucheln. Spät in der Nacht kehrten die Gäſte nach Flo⸗ renz zurück, und Francesco und Bandini brüteten noch bis zum Tageslichte über ihren ſchwarzen Ent⸗ würfen. Der erſtere fürchtete vorzüglich, daß durch die widrigen, die That verhindernden Zufälle irgend einer von der großen Anzahl der Verſchwornen ver⸗ leitet werden würde, die Verſchwörung zu verrathen; und ſeine Diener flogen bald umher, alle Glieder des ſchwarzen Bundes in den Palaſt d Meſſer Giacomo zuſammen zu rufen. Die Augenblicke waren koſtbar; jeder wog ein Menſchenleben, und das ſcharfe tödtende Schwert hing an dem Pferdehaar über ihren Häuptern. So⸗ wohl Untreue, als auch Unvorſichtigkeit konnte zu jeder Minute das Geheimniß verrathen. In der heimlichen Zuſammenkunft am Abend deſſelben Tags— es war ein Freitag— ſprach aus Francesco die tobende Haſt der Verzweiflung, und nur Giuditta's Beſonnenheit glückte es, die Männer zu einem wohl überlegten Entſchluſſe zu bringen. — 1— Es wurde dem gemäß verabredet, daß der Cardinal di Riario den nächſten Sonntag eine große ſolenne Meſſe in der Kathedrale halten, und nach derſelben den Medici und Pazzi ein großes Ehrenmahl in ſei⸗ ner Wohnung geben ſolle. So weit ging die wü⸗ thende Rachgier der beiden Tollköpfe, Francesco Pazzi und Bernardo Bandini, und jenes weiblichen, Weſens, deſſen ſchöne Anlagen einſt die edelſte Jungfrau verſprochen und welches nur ein unbän⸗ diger Stolz zur Hyäne umgeſchaffen hatte, daß un⸗ ter ihnen verabredet wurde: Lorenzo ſollte ſeinen Sitz zwiſchen dem Grafen Giovanni Battiſta di Monteſeno und Meſſer Giacomo di Pazzi, Giuliano aber zwiſchen Francesco Pazzi und Bernardo Ban⸗ dini erhalten; jeder dieſer vier Häupter der Ver⸗ ſchwörung ſollte noch einen Mitverſchwornen hinter dem Stuhle haben und in der Nähe der Medici ſich mehre gut bewaffnete Verſchworne aufhalten. Gegen Ende der Mahlzeit ſollte der Erzbiſchof Sal⸗ viati die Geſundheit der Signoria von Florenz trin⸗ ken, gleichſam zum Hohn, da ſie ihn ſo ſehr belei⸗ digt— und dieſer Toaſt das Zeichen des Mordes ſeyn. Beide Medicit ſollten zugleich von hinten, von vorn und von den Seiten durchbohrt werden. Das II. 6 Haus des Cardinals ſollte ſchon in der Nacht vor⸗ her mit päbſtlichen Soldaten angefüllt, die Thüren mit ſtarken Wachen beſetzt werden, um ſowohl vor der Mahlzeit den Andrang des Volks zurückzuhal⸗ ten, als auch nach dem Morde die Begleitung der Medici nicht hinaus zu laſſen und bei etwaniger Widerſetzlichkeit ebenfalls niederzumachen. Nach voll⸗ brachter That ſollte ſich der Erzbiſchof Salviati mit zahlreichem Gefolge nach dem Palaſte der Signoria begeben, ſich dort aller eben gegenwärtigen obrigkeit⸗ lichen Perſonen bemächtigen, ſie zur Einführung ei⸗ ner neuen Regierungsform zwingen, die Pazzi zu den höchſten Würden der neuen Republik ernennen und alle Anhänger und Kreaturen der Medici von den öffentlichen Aemtern ausſchließen. Dieſer Plan wurde bis in die kleinſten Umſtände beſprochen, und mit einem neuen Eide beſchworen⸗ Schon am Vormittage des Sonnabend ließ der Cardinal mit großem Geräuſche und viel Aufſehen erregenden Ceremonien die Vorbereitungen zu der großen glänzenden Meſſe machen und die beiden Brüder Medici nebſt vielen andern Nobili durch„ eine ehrenvolle Deputation dazu einladen. Die Ein⸗ ladung zum Ehrenmahle erfolgte durch eine andere — Deputation eine Stunde ſpäter. Beide Einladungen wurden von beiden Brüdern angenommen. Nach der Tafel begab ſich Francesco in Giuliano's Palaſt, Bandini zu Lorenzo, um ſie zu einer Luſtparthie in einen der ſchönſten Gärten von Florenz abzuholen, und dort den päpſtlichen Hauptleuten und den Vor⸗ nehmſten aus des Cardinals Gefolge Geſellſchaft zu leiſten. Hier kamen nun wirklich beide Brüder ahnungs⸗ los recht in die Mitte ihrer erbittertſten, zu ihrem Morde verbundenen Feinde; aber gerade jetzt dachte keiner der Verſchwornen daran, die That, die ihnen leicht geworden wäre, auszuführen, vielmehr ging ihr Beſtreben einzig darauf hin, die Medici zu be⸗ lauern und zu erforſchen, ob ihnen noch nichts zu Ohren gekommen ſey. Schon die ganze geſellſchaft⸗ liche Zuſammenkunft war deßhalb angeſtellt, um die Aufmerkſamkeit der beiden Medici von der Bewegung unter den Verſchwornen abzuziehen. Giuliano war ſehr ſchwermüthig; Francesco wich nicht von ſeiner Seite und ſuchte ihn durch freund⸗ ſchaftlichen Zuſpruch zu erheitern und dadurch zu⸗ gleich zu erfahren, ob dieſe Traurigkeit in irgend einer Nachricht ihren Grund habe, welche Giuliano'n 6* von der Verſchwörung zugekommen. Um ſeinen Zweck zu erreichen, machte er von all den Mitteln Gebrauch, welche vertraute Freundſchaft erlaubt; aber er fand zu ſeiner Beruhigung bald, daß Giuliano ſelbſt keinen Grund ſeiner Schwermuth anzugeben wußte. Während Beide in den blumigen Gängen des Cartens auf und ab gingen, brachte ein Diener Giuliano's dieſem einen Brief. Giuliano erbrach ihn und wechſelte während des Leſens die Farbe. Francesco, der die Züge ſeines Begleiters mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit beobachtete, bebte vor Furcht, der Brief möchte den Verrath der Verſchwö⸗ rung enthalten. Raſch trat er den erbleichten jun⸗ gen Mann mit den Worten an:„Was fehlt dir, mein lieber Giuliano? Du biſt beſtürzt. Ich hoffe, du wirſt mir die Urſache deines plötzlichen Kum⸗ mers entdecken und meiner brüderlichen Freundſchaft für dich vergönnen, an deinem Schmerze Theil zu nehmen. Es wird alle Laſt leichter, wenn man ſie mit einem treuen Freunde theilt. Ich bitte dich, laſſ' mich den Brief leſen!“ „Es iſt nichts von Bedeutung,“ verſetzte Giu⸗ liand.„Der Brief enthält nur die ſchmerzlichen —— Seelenergüſſe eines mir innigſt befreundeten Men⸗ ſchen, die mein Gemüth nicht ſo ſtark angegriffen haben würden, wenn ich nicht zeither einige Nächte ſchlaflos zugebracht hätte.“ Mit dieſen Worten ſteckte er den Brief in die Bruſttaſche, aber in dem⸗ — ſelben Augenblicke fing er auch an zu wanken und erreichte, auf Francesco's Arm geſtützt, mit Mühe eine Bank, wo er ſogleich ohnmächtig in die Arme ſeines Todfeindes fiel. Die ſämmtliche Umgebung lief davon, um friſches Waſſer aus dem nahen Springbrunnen herbei zu holen, und Francesco be⸗ nutzte dieſen Umſtand, um dem Ohnmächtigen den Brief geſchickt aus der Taſche zu ziehen. Giuliano kam allmählich wieder zu ſich und ver⸗ langte nach Hauſe gebracht zu werden. Francesco entfernte ſich unter einem Vorwande und las mit ſteigender Wuth: Mein einziger Freund, mein Geliebter, mein Gemahl! Kaum biſt du von mir, ſo übermannt mich die fuͤrchterlichſte Angſt und dörrt mir faſt das Blut in den Adern. Meine Umuhe duldet keine Beſchrei⸗ bung; es iſt mir, als müßte ich umkommen. Ach! Giuliano, ich bin krank, ſehr krank; ich fürchte, ich werde ſterben müſſen. Kaum ſchließ' ich die Au⸗ gen, ſo ſtellen ſich meinem Geiſte die gräßlichſten Bilder dar und immer werde ich mit den ſeltſam⸗ ſten Vorſtellungen von deinem nahen, gewaltſamen Tode gequält. Noch ein Mal ſah ich dich in der verwichenen Nacht zwiſchen jenen zwei Tigern, die am Fuße des Altars über dich herfielen und dich zerriſſen. Ich habe dein Blut fließen geſehn, Giu⸗ liano; ach! und mein verzweifeltes Jammergeſchrei, meine Thränenſtröme, weit entfernt, ihre mordgie⸗ rige Wuth zu beſänftigen, dienten nur dazu, ſie noch grauſamer und unbarmherziger zu machen. Ich zittre noch immer, wenn ich an dieſen furchtbar lebendigen Traum denke; und ob er gleich verſchwand, als ich erwachte, ſo dauern doch Furcht, Schrecken, Kum⸗ mer und Sorgen darüber in meiner Seele fort. Dieſe ſind ſo ſtark, daß das koſtbare Pfand unſrer Liebe ſich, ſeit ich erwacht bin, in krampfhaften Zuk⸗ kungen bewegt und mir dadurch kund gibt, daß es⸗ noch ungeboren, ſchon Theil an meiner Liebe und deren Schmerzen nimmt. Theuerſter Gatte, um die⸗ ſes Pfandes willen, das mich unausſprechlich ſelig macht, beſchwöre ich dich, ſetze dein Leben in kei⸗ nerlei Gefahr! Nimm dich vor Jenen in Acht, die — 8— dir meine ahnende Furcht genannt hat! Verachte nicht die Warnungen des Himmels und eines weib⸗ lichen Weſens, das dich tauſend Mal mehr liebt, als ſich ſelbſt und die übrige ganze Welt dazu! Mein Leben iſt in den Stunden, ſeit du von mir biſt, nichts, als ein qualvoller, ohnmächtiger Zuſtand, und ich bilde mir ſtets ein, dich verloren zu haben, ſo⸗ bald ich dich nicht mehr in meinem Arme halte. Giuliano, ich flehe dich an: komm morgen! nur morgen! Ich ſterbe, wenn du nicht kommſt. Ich beſchwöre dich bei unſter Liebe und deren Pfande, komm! Ach, komm! komm! wenn du nur einiges Mitleiden haſt mit deiner Camilla. St. Maria und Magdalena den 25. April 1478. Francesco konnte aus dieſem Briefe nichts an⸗ ders abnehmen, als daß Camilla Cafareli heimlich Giuliano's eheliches Weib geworden ſey, und dieſer umſtand brachte ihn faſt zum Wahnſinne. In die⸗ ſem Zuſtande würde er gewiß Giuliano niederge⸗ ſtoßen haben, wenn derſelbe nicht bereits nach ſei⸗ ner Wohnung gebracht worden wäre. Francesco eilte nach Hauſe. In ſeinem Palaſt fand in der Nacht die letzte Zuſammenkunft ſtatt; — 6— ſie war feierlicher, als alle frühern. Alle Mitglie⸗ der erſchienen in ſchwarzer Kleidung; der Prieſter Stefano las ihnen die Meſſe und beſprengte ſie mit Weihwaſſer. Hierauf reichte Giuditta jedem der Verſchwornen einen Kuß, gleichſam zum Weihezei⸗ chen. Dann wurden noch ein Mal alle möglichen Schwierigkeiten überlegt und mit Klugheit auf de⸗ ren Beſeitigung gedacht. Jeder der Verſchwornen erhielt ſeine beſondere Rolle zuertheilt. Hierauf dankte man Gott, daß nichts verrathen worden ſey, und pries dieſen allerdings ſonderbaren Umſtand als eine gnädige Fügung des Himmels, welcher als Beweis diene, wie wohlgefällig Gott das Werk ſey. Jeder Verſchworne ſchwur dann einzeln am Altare auf den Leib des Herrn, entweder zu ſterben oder das Vaterland von ſeinen Thrannen zu befreien. Zu⸗ letzt verſchwuren ſie ſich alle unter einander und gingen dann, voll Stolz auf die auszuführende That und voll Begeiſtrung für ſie, aus einander. Jeder träumte, ein zweiter Brutus zu werden, und alle glaubten in der Verblendung, daß ächter Römerſinn ihre Verſchwörung belebe. Kein Schlaf ſenkte ſich auf des wilden Francesco Augen; ſein Blut tobte in heſtigſter Unruhe und er eilte in ſeine reiche —— Gemäldegallerie, um darin die Zeit bis zur Meſſe vor einer Ermordung des Cäſar zuzubringen. Der 26. April 1478, einer der merkwürdigſten Tage in der florentiniſchen Geſchichte und der merk⸗ würdigſte in der Geſchichte des Hauſes Medici, brach an. Das Volk von Florenz ſtrömte zu Tauſenden nach der Kathedrale Sante Riparata; Niemand wollte des Segens verluſtig werden, welcher aus der heiligen Handlung des Cardinals ausgehen werde⸗ Bald war das ungeheure Gebäude der Kirche über⸗ füllt, und das Gedränge im Schiffe ſo groß, daß Niemand mehr Platz finden konnte. Schon brann⸗ ten die unzähligen Kerzen auf den Altären der Kirche und die Glocken riefen zum heiligen Dienſte. Die meiſten der Verſchwornen hatten ſich bereits ein⸗ gefunden, und theils einzeln, theils in kleiner Anzahl zuſammen an verſchiedenen Orten der Kirche Platz genommen. Francesco Pazzi war eben im Begriff, aus ſei⸗ nem Palaſt ſich in den des Cardinals zu verfügen und dieſen mit den andern Vornehmen von Florenz nach der Kathedrale zu begleiten, als ihn ein Diener ſeines Oheims auf der Straße heftig anlief und ihm von Meſſer Giacomo, welcher ſich bereits bei'm Cardinal befand, die Nachricht brachte, daß Giuliano di Medici ſo eben bei'm Cardinal habe abſagen laſ⸗ ſen. Er werde nur die Meſſe mit anhören, gleich nach derſelben aber ſeinen Wagen beſteigen und ver⸗ reiſen. Man vermuthe, daß er zu ſeiner Geliebten wolle, die, der Sage nach, ſich krank befinde. Ein neuer Donnerſchlag für Francesco! Aber er war nicht der Mann, der ſich durch Hinderniſſe ſchrecken ließ. Entſchloſſen flog er zur Kirche. Ehrerbietig machte die Maſſe dem reichen Pazzi Platz. Sein übernächtiges, von Zorn und Mordgier glühendes Auge ſuchte in der Menge nach ſeinen Mitverſchwornen umher, und als er den Ei⸗ nen und den Andern erſpäht, ſandte er dieſe nach den Uebrigen aus und ließ ſie ſo ſchnell, als mög⸗ lich, in eine abgelegene und düſtre Kapelle der Kirche beſtellen, wohin er ſich ſogleich ſelbſt begab. Aber die ausgeſandten Boten hatten Noth, die vorzüglich⸗ ſten Glieder der Verſchwörung in der ungeheuern Volksmaſſe zuſammen zu bringen, und ſo geſchah es denn, daß nur der Graf Giovanni Battiſta di Monteſeno, Bernardo Bandini, der Prieſter Stefano, — 9— Antonio di Volterra und einige unbedeutende Leute in die Kapelle kamen. Endlich erſchien auch Meſſer Giacomo di Pazzi, der, von Francesco heimlich und eiligſt eingeladen, an der Berathung Theil zu neh⸗ men, ſich unter einem ſchicklichen Vorwande vor dem Cardinal in die Kirche begeben hatte. Francesco eröffnete dieſen Verſchwornen mit lei⸗ ſen Worten das neue unvorhergeſehne Hinderniß; aber wenn auch die Vorſicht die hervorbrechende Wuth ſeiner Stimme dämpfte, deſto furchtbarere Blitze leuchtete ſein zornentbranntes Auge. Gleich ihm ſchäumte Bandini. „Es bleibt uns nichts übrig,“ ſagte Francesco, „als ſie jetzt gleich, ſo wie ſie in die Kirche treten, nieder zu ſtechen.“ „Wir hätten es geſtern im Garten thun ſollen,“ verſetzte Bandini;„jetzt laßt uns nicht thöricht noch ein Mal die Gelegenheit verpaſſen. Dies ſey ihre letzte Stunde!“ „In der Kirche? Im empel des Herrn!“ er⸗ innerte der alte Giacomo nachdenklich und ein Schau⸗ der überlief ſeine Züge. „Was weiter? Es geſchieht zu Gottes Ehre und iſt ihm ein größrer Dienſt, als die Meſſe,“ ſagte Stefano. — 92— „Es muß geſchehen, muß jetzt gleich ohne Zö⸗ gern geſchehen,“ eiferte Francesco,“ wenn wir nicht alle verloren ſeyn wollen. Die Selbſterhaltung ge⸗ bietet uns diktatoriſch raſches Handeln.“ „Und was iſt die Kirche weiter, daß ich einen Thrannen nicht in ihr todt ſtechen ſoll? wüthete Ban⸗ dini. „Was mich betrifft,“ ſagte der Graf Giovanni Battiſta, der ſtill und nachdenklich vor ſich hin ge⸗ ſehn hatte,„ſo kann ich mich durchaus nicht zum Morde Lorenzo's im Angeſichte Gottes und aller Heiligen, vor den geweihten Altären des Herrn ent⸗ ſchließen. In Montughi, auf dem Landſitze der Me⸗ dici, im Hauſe des Cardinals hätt' ich mir kein Ge⸗ wiſſen daraus gemacht; im Hauſe Gottes verſuch' ich es nimmermehr!“ „Wandelt Euch bleiche Furcht an, Graf?“ knirſchte Francesco. „Führt ſie auf die Straße, und ich will Lo⸗ renzo ſogleich durchbohren, obgleich ich ihn durch ſeinen Umgang liebgewonnen habe, ich läugne es nicht. Aber in dieſen geheiligten Hallen, wo kein Blut weiter fließen ſoll, als das göttliche unſers Erlöſers, in dieſen der Andacht, der Buße und Vergebung geweihten Räumen vermag ich die Sünde — hier tauſendfach größer, als an jedem andern Orte— nicht zu vollbringen; für dieſe gibt es keine Abſolution.“ „Auch ich kann und werde meine bewehrte Hand hier nicht gegen einen Menſchen erheben, und wär' er hundert Mal ſchlimmer, als Lorenzo di Medici,“ ſagte Giacomo di Pazzi.„Ich habe den Mord der Medici ſtets für einen Verrath an der Menſchheit und Republik Florenz gehalten; aber ich habe, durch Gründe bewogen und überredet, daran Theil ge⸗ nommen. Doch den Verrath auch mit der Kirchen⸗ ſchändung zu paaren, verlangt nicht von einem Greiſe, der bald vor Gott ſtehen wird. Auch hofft nicht, daß der Staat Eure That vor dem Altare gut heißen werde.“ „O Ihr Verblendeten!“ wüthete Francesco. „Seht Ihr denn nicht, daß Ihr das Verderben durch Euere Weigerung auf Euch herab rufet! Ich beſchwör' Euch: tretet nicht zurück!“ „Nur dann nicht, wenn die That nicht in der Kirche geſchehen ſoll,“ verſetzte Monteſeno. „Vor den Altären des Herrn trag' ich keinen Dolch,“ ſagte Giacomo. — „Aber die That muß jetzt gleich geſchehn,“ ver⸗ ſetzte Francesco.„Wir ſind ſchon zu oft getäuſcht; die Verſchworenen verlieren den Muth; ſie glauben in all dieſen Hinderniſſen einen Wink Gottes, eine Andeutung ſeines Willens zu ſehen. Geſchieht's heute nicht, ſo ſind wir verrathen, verloren!“ „So wählt Euch andre Werkzeuge; meine Hand befleckt ſich in dieſer Stunde, in welcher Lorenzo andächtig vor Gott zu knieen kommt, nicht mit ſei⸗ nem Blute,“ verſetzte der Graf.„Niemals in der Kirche!“ rief Giacomo mit zitternder Stimme, und trat aus dem Kreiſe zurück. „Wohlan denn, laſſ' ſie!“ rief Bandini, indem ſeine zornblauen Lippen bebten.„Ich und du, Fran⸗ cesco, nehmen Giüuliano auf uns, wie wir verabre⸗ det. Wir haben nur zwei andre Hände für Lorenzo nöthig.“ „Ich biete die meinige an,“ ſprach der Prieſter Stefano.„Zwar iſt ſie nicht gewohnt, den Dolch zu führen; aber ich denke doch die Bruſt dieſes ſtolzen Knaben zu treffen. Wißt Ihr aber eine beſſ're, ſo weich' ich gern.“ „Es ſeh,“ verſetzte Francesco,„und Euer Ge⸗ huͤlfe mag Meſſer Antonio di Volterra ſeyn. Habt — Ihr je das Schwert geführt, Meſſer Antonio? Seyd Ihr ſchon bei gefährlichen Gelegenheiten, bei blutigen Händeln geweſen?“ „Nein!“ verſetzte dieſer zitternd und allen Muth verlierend; doch wagte er nicht, das gräßliche Ge⸗ ſchäft abzulehnen. „Es iſt ſchlimm!“ ſagte Francesco.„Aber hilf Gott! die Zeit drängt und mein Kopf iſt ſo ſiedend heiß, es brauſt und tobt mir darin herum, daß ich keinen vernünftigen Gedanken mehr zuſammen bringe.“ Er wandte ſich mit verbiſſ'nem Grimme an ſeinen Oheim und Monteſeno:„Tretet jenen die Dolche ab.“ Der Graf gab dem Prieſter ſeinen geweihten Stahl; Giacomo dem Antonio ſeinen Gürteldolch. Man beſtimmte nun den Augenblick, wann ſie uͤber die Brüder herfallen wollten, und wählte dazu die Zeit, wo die kleine Silberglocke während der Meſſe drei Mal geläutet werde. Das Signal ſollte ſeyn, ſo wie der Cardinal in der Meſſe die Worte: „Domine, non sum dignus“ ſagen und dazu die kleine Glocke zum zweiten Male erklingen werde. Nach dieſen Verabredungen begaben ſie ſich wie⸗ der in die Kirche zurück, wo der Gottesdienſt bereits begonnen hatte. Unmittelbar nach ihnen langte — auch der prächtige Zug des Cardinals an. All die koſtbar gekleideten Diener deſſelben— obgleich in die Verſchwörung eingeweiht— wußten nichts von der neueſten Verabredung und waren nicht auf eine ſo blutige und ſchreckliche Scene im Tempel vorbe⸗ reitet; die meiſten würden davor zurückgeſchaudert ſeyn. Nur Francesco's und Bernardo's Wahnſinn ſcheute den furchtbaren Frevel nicht. Doch indem die blutdürſtigen Blicke dieſer bei⸗ den Tiger die nächſte Umgebung des Cardinals durchmuſterten, ſahen ſie zu ihrem größten Schrecken nur Lorenzo darunter. Francesco drängte ſich ſogleich an dieſen und fragte mit theilnehmendem Tone:„Wo iſt dein Bruder? Er iſt doch nicht etwa kränker geworden? Ich hoffte geſtern, es ſeh nur eine vorübergehende Schwäche.“ „Er iſt nicht krank,“ verſetzte Lorenzo,„aber e leidet an einem verliebten Herzen. Du kennſt ihn ja, den Schwärmer; da hat ihn ſein Liebchen ge⸗ beten, ſie heute zu beſuchen, und er will ſich nicht ein Mal die Zeit nehmen, die Meſſe zu hören, ſon⸗ dern fort zu der heiß Geliebten, um ihr einige Verſe vorzuleſen, die er dieſen Morgen gemacht hat.“ Francesco trat zuruͤck und Lorenzo ging weiter durch die Kirche nach dem Hochaltare zu, in deſſen Nähe die Medici ihre Ehrenplätze hatten. „Schnell, laſſ' uns in Giüuliano's Haus eilen,“ flüſterte Francesco dem Bandini zu;„noch iſt er zu Hauſe, in wenigen Minuten vielleicht ſchon auf dem Wege nach dem Kloſter. Durch Liſt und Bit⸗ ten müſſen wir ihn herbringen, wenn ihm noch nichts zu Ohren gekommen iſt.“ Und zu Antonio di Vol⸗ terra ſagte er:„Verfügt Euch mit Stefano immer⸗ hin in Lorenzo's Nähe. Wir bringen den Giuliano gewiß. Bei'm verabredeten Signal ſtoßt nur zuz wir werden den Giuliano in demſelben Augenblick abſchlachten.“ Und mit entſetzlicher Hartnäckigkeit bei ihrem Plane verharrend, eilten ſie mit beflügelter Haſt in Giuliano's Palaſt. Der Wagen ſtand ſchon vor der Thüre und Giuliano war eben im Begriff, ſich ankleiden zu laſſen. „Wir kommen, dich zur Kirche abzuholen,“ ſagte Francesco unbefangen. „Ich werde nicht mitgehen, weil ich verreiſen muß,“ verſetzte Giuliano. „Du ſcherzeſt wohl! Der Cardinal würde es II. 7 —— ſehr übel nehmen, wenn du nicht ein Mal ſeine Meſſe hören wollteſt.“ „Es ſähe aus, wie Verachtung,“ fügte Bandini hinzu. „Vorzüglich, wenn er erführe, daß du ihn der Geliebten nachſetzteſt, die du heute noch ſehen kannſt, wenn du die Meſſe gehört.“ „Woher weißt du?“— fragte Giuliano ver⸗ wundert. „Als wenn Giuliano di Medici nöthigere Wege zu machen hätte, denen Alles, ſelbſt das Heiligſte nachſtehen müßte, als zur Geliebten!“ „Wir bitten Euch, Eurer eignen Ehre wegen mit uns zu gehen. Wir werden nicht ohne Euch weichen,“ erklärte Bernardo beſtimmt.„Verliebte Leute können ſich ſelbſt nicht rathen und wiſſen nicht, wo ſie fehlen. Wir müſſen heute für Euch denken und handeln.“ „Nur die Meſſe hörſt du mit an; dann kannſt du hinfahren zu deinem ſchwarzäugigen Mädchen!“ „Ich bin heute für die Geſellſchaft verdorben,“ verſetzte Giuliano. „Die Geſellſchaft macht auch keinen Anſpruch an dich,“ redete Francesco.„Mache dich nur nicht — zum Geſpötte vor Florenz: die ganze Stadt ſchier iſt in der Kathedrale verſammelt und Giuliano di Medict will den jungen Cardinal die Meſſe nicht leſen hören, weil er eine Stunde zu ſpät zu ſeinem Liebchen zu kommen fürchtet!“ „Wir bitten Euch inſtändigſt, Meſſer Giuliano, verderbt uns und dem Cardinal die Freude nicht!“ ſagte Bandini.„Euer eigner Bruder wird auf Euch aufgebracht ſeyn.“ „Laſſ' uns nicht ſo lange bitten und warten!“ ſtürmte Francesco.„Wir fahren jetzt mit dir in die Kirche. Du läßt den Wagen vor der Thüre derſelben warten, und ſobald die Meſſe aus iſt, ſetzeſt du dich hinein und fährſt deinem Paradieſe zu.“ „Nun meinetwegen,“ ſagte Giuliano nach ei⸗ nigem Nachdenken, halb ärgerlich, halb launig; „um euch nur los zu werden, will ich mitgehen.“ Er ließ ſich hierauf in einem Nebenzimmer prächtige Kleider anziehen, und indem Francesco faſt muthwillige Scherze trieb und einige lächerliche Geſchichten erzählte, wurde auch er heiter; ja als ſie zuſammen im Wagen ſaßen, ſtimmte er in die Scherzreden mit ein und brach zuweilen in ein fröhliches Lachen aus. 7* —— „Ich finde dich heute ſo höchſt liebenswürdig, theurer Junge,“ ſagte Francesco,„daß ich nicht widerſtehen kann, dich zu küſſen und zu umarmen, und bedaure nichts mehr, als daß du, wegen deiner Amoren, nicht an unſter geſelligen Tafel Theil neh⸗ men kannſt; wir würden ſehr vergnügt zuſammen ſeyn.“ Während er dieſe Worte ſprach und den Gehaßten umarmte, betaſtete und befühlte er ihm Rücken und Bruſt, um ſich zu überzeugen, daß Gi⸗ uliano keinen Panzer unter den Kleidern trage; denn es war ihm auffällig geweſen, daß dieſer ſich im Nebenzimmer hatte umkleiden laſſen. Und nach⸗ dem der Schreckliche dieſe Ueberzeugung erlangt hatte, wurde er nur noch ausgelaſſ'ner in Witzen und Scherzen. An der Thüre der Kirche ſprang Francesco zu⸗ erſt aus dem Wagen, half dann Güuliano heraus, faſſ'te ihn am Arm und führte ihn unter herzlichen Geſprächen in die Kirche. Bandini folgte ihnen auf dem Fuße nach. Die Blicke der Verſchwornen leuchteten„ als ſie endlich das Schlachtopfer, von den eignen Schläch⸗ tern geführt, ankommen ſahen. — 101— „Domine, non sum dignus!* intonirte der Cardi⸗ nal, unbekannt mit der letzten Verabredung; die Silberglocke rief ihre hellen Klänge zum zweiten Male durch die von Menſchen überfüllten Räume der großen Kirche, und augenblicklich ſtieß Bernardo Bandini ſein Meſſer mit furchtbarer Kraft durch Giuliano's Bruſt. Dieſer that einen gellenden Schrei, lief drei Schritte vorwärts und ſtürzte zu Boden. Francesco warf ſich ſogleich über ihn her, und ſchleuderte ſeine Stiche mit ſolcher Wuth auf Bruſt und Rücken des Sterbenden, daß er ein Mal fehl ſtieß und ſich ſelbſt, das rechte Bein unter dem Knie durchbohrend, ſchwer verwundete. Ganz in derſelben Zeit, ſo wie die Glocke zu läuten begann, zückte Meſſer Antonio di Volterra, der ſich an Lorenzo herangedrängt, aber unter Zit⸗ tern und Beben, ſo daß ihm faſt die Sinne ver⸗ gangen waren, den entſcheidenden Augenblick erwar⸗ tet hatte, mit ſolch blinder Ungeſchicktheit und von Schrecken und Angſt ſo verwirrt, daß er im Stoße mit dem Dolche an Lorenzo's Geſicht vorüber fuhr. Stefano zeigte noch weniger Herzhaftigkeit, aber noch mehr Unvorſichtigkeit; denn ehe er noch den Stoß that, rief er:„halt, Verräther!“ Nun wollte — 102— er ihm den Rücken durchbohren; Lorenzo aber, durch das Geſchrei aufgeſchreckt, machte eine ſchnelle Be⸗ wegung, und des Prieſters Meſſer ſtreifte über ſeine Schulter hin und verwundete ihn nur leicht am Halſe. Raſch und unerſchrocken riß Lorenzo ſeinen De⸗ gen aus der Scheide und vertheidigte ſich geſchickt gegen ſeine Mörder. Antonio führte mehre Stöße gegen ihn, Stefano wollte ihn von unten durch⸗ bohren; die Klinge des gewandten Fechters hielt aber alle Angriffe ab, und den nächſten Augenblick darauf wich auch der ſtarre Schrecken, welcher die Umſtehenden gefeſſelt hatte, der Entſchloſſenheit, ihren edelſten Bürger zu vertheidigen. Schnell waren zehn Schwerter bloß; Andere riſſen Lorenzo fort nach der Sakriſtei, verſchloſſen dieſelbe und beſchützten den Eingang mit bewehrter Hand. Dieſe letztere Maßregel rettete dem ältern Medici das Leben; denn obgleich Antonio und Stefano, als ſie ihre Bemühungen vereitelt ſahen, von Lorenzo abließen und in feiger Furcht die Flucht ergriffen, von Vie⸗ len verfolgt, ſo raſete doch in dieſem Augenblicke Bernardo Bandini, wie ein furchtbar gereizter Ti⸗ ger, ohne Furcht vor den drohenden Schwertern, daher, um auch Lorenzo dem Tode zu weihen. — 103— Als Giuliano gefallen war, entſtand ringsum ein allgemeiner Schreckensſchrei. Ein Freund der Medici, der in der Nähe ſtand, Namens Francesco Stori, zog den Degen und drang auf Bandini ein, welcher ſich ungehindert nach der Gegend hin⸗ bewegte, wo Lorenzo angegriffen wurde und woher man Geſchrei ähnlicher Art vernahm. Alles wich rechts und links, von Entſetzen erſaßt, dem Schreck⸗ lichen aus, der mit hochgeſchwungenem blutigem Dolche, mit verzerrten Mienen und Augen, die gräßlicher blitzten, noch blutiger ſprachen, als das Meſſer in ſeiner Fauſt, dem zweiten Schlachtopfer zu ſtürzte und unſtreitig daſſelbe erreicht und nie⸗ dergemacht haben würde, bevor es in Sicherheit ge⸗ bracht worden, wenn nicht jener Stori ſich dem ſchäumenden Mörder entgegen geworfen hätte. Der muthige Freund Güuliano's hauchte zwar bald da⸗ rauf, von den Meſſerſtichen des Unwiderſtehlichen auf den Boden der Kirche hingeſtreckt, ebenfalls ſeinen Geiſt aus; aber nun kam doch der Gräßliche zu ſpät; Lorenzo war unterdeſſen in die Sakriſtei gebracht worden, und Bandini mußte vör der Mauer blitzender Schwerter umkehren, welche ſich ſchnell vor der Thüre deſſelben aufgebaut hatte. — 104— Dieſe ſchrecklichen Auftritte füllten kaum die Zeit einiger Minuten aus. Das Geſchrei, welches ſich in der Nähe der beiden Mordſcenen erhoben hatte, pflanzte ſich mit großer Schnelligkeit über die ungeheuere Menſchenmaſſe der ganzen Kirche fort. Die Nächſten kamen über den blutigen An⸗ blick ſo außer ſich, daß ſie alle Geiſtesgegenwart verloren und nur immer in gräßlichen Lauten ſchrieen; vorzüglich die Weiber brachen in ein ſo entſetzliches Geheul aus, daß ſchon Viele dadurch allein zu Tode erſchracken, ehe ſie nur erfuhren, was der Grund dieſes unerhörten Lärms war. Die Entferntern konnten anfänglich gar nicht erfahren, was vorge⸗ fallen ſeh, und ſchrieen in der Verzweiflung, daß man ſie belehren möchte; auch konnten ſie ſich nicht von der Stelle bewegen, weil das Gedränge bis zum Erdrücken furchtbar wurde. Die widerſprechend⸗ ſten Gerüchte wurden durch die Kirche ausgerufen, Angſt, Furcht, Schrecken und die entfeſſelten Lei⸗ denſchaften kreiſchten ſich einander entſetzliche Dinge zu; es hieß: die Medici ſeyen ermordet, viele ihrer Freunde lägen in ihrem Blute, und alle ihre An⸗ hänger müßten in der Kirche ſterben. Das Getöſe und Geſchrei brauſte wie Meeresſturm in der Bran⸗ — 105— dung und drohte die Kirche einzuwerfen; man ſah nichts als bloße Schwerter. Die Anhänger der Medici ſuchten ſich durch eilige Flucht zu retten, und brachen ſich in Todesverzweiflung Bahn nach den Thüren; von andern Seiten drängte man ihnen wieder entgegen nach der Stelle, wo Giuliano's and Stori's Leichen lagen, um ſich zu unterrichten, was eigentlich vorgefallen ſey, und durch dieſes Hin⸗ und Herdrängen wurden an achtzig Menſchen beiderlei Geſchlechts erdruckt oder todt getreten. Denn man riß ſich in der raſendſten Eile einander um, und wer einmal lag, konnte ſchwerlich wieder auftommen; die wild bewegte Menge ſtürmte über ihn weg und zertrat ihn. Der bleiche Knabe, den die blinde Willkühr ei⸗ nes ſchlechten Papſtes zur höchſten Kirchenwürde erhoben hatte, flüchtete ſich, zitternd vor Todesfurcht an den Altar und ſchrie um Hülfe. Alle anweſen⸗ den Prieſter ſtellten ſich dicht um ihn herum und ſchützten ihn ſo mit ihren eignen Leibern und mit den heiligen Gefäßen und Büchern, die ſie den wüthenden Anhängern des mediceiſchen Hauſes ent⸗ gegen hielten, und retteten dadurch dds Leben Ria⸗ rio's; denn die empörten Nobili wollten den Car⸗ — 406— dinal als Theilnehmer einer ſo abſcheulichen Ver⸗ ſchwörung niederſtechen. Bebend ſtand der junge Kirchenfürſt ſo mehre Stunden, bis der Aufruhr geſtillt war und die Signoria kam, ihn in ihren Palaſt als Gefangnen zu führen, wo er bis zu ſei⸗ ner Befreiung blieb. Der Erzbiſchof von Piſa, Francesco Salviati, hatte ſich, der getroffenen Verabredung gemäß, ſo⸗ bald beide Medici in der Kirche waren, mit Gia⸗ como Poggio, mit ſeinem Bruder Giacomo Sal⸗ viati und ſeinem Vetter gleiches Namens, ſo wie mit mehren andern Verwandten und Freunden aus der Kirche entfernt und nach der Herberge eines Haufens Peruginer begeben, die, vom Parteigeiſt aus ihrer Heimath verjagt, nach Florenz gekommen und von Francesco Pazzi Tags vorher durch das Ver⸗ ſprechen gewonnen worden waren, daß er ihnen in ihrer Vaterſtadt die Oberherrſchaft verſchaffen werde, wenn ſie ihm in einer wichtigen Sache beiſtehen und dem Befehle des Erzbiſchofs Salviati am an⸗ dern Morgen folgen wollten. Dieſe bedrängten Leute hatten ihm einſtimmig ihre Hülfe zugeſagt, und nun holte ſie der Erzbiſchof ab und zog mit ih⸗ ————— ——— — 407— nen nach dem Palaſte der Signoria. Dort ange⸗ langt, hieß er die Peruginer, wohl hundert an der Zahl, in den untern Saal oder die Kanzlei gehen und bei'm erſten Geräuſch in das obere Stockwerk hinauf ſtürmen. Dieſe Leute warfen, um nicht ent⸗ deckt zu werden, die Thüre des leeren Saals, welche ſie offen gefunden hatten, in's Schloß, welches aber zufälliger Weiſe ſo beſchaffen war, daß es ohne Schlüſſel weder von außen, voch von innen geöff⸗ net werden konnte; und der Schlüſſel befand ſich in Verwahrung des Gonfaloniere der Gerechtigkeit. Die unvorſichtigen Peruginer hatten ſich alſo ſelbſt ein⸗ geſperrt. Der Erzbiſchof ging mit ſeiner Begleitung hin⸗ auf und ſagte den Dienern der Signoria, daß er eine Sache von der höchſten Wichtigkeit vorzubrin⸗ gen habe. Auf Anmeldung wurde er mit ſeinen beiden nächſten Verwandten vom Gonfaloniere Meſ⸗ ſer Ceſare Petrucci eingelaſſen; die übrigen Ver⸗ ſchwornen blieben im Vorſaale. Die Signoria ſaß eben bei'm Mittageſſen; aber ſie erhob ſich bei'm Ein⸗ tritte der drei Männer, und der Gonfaloniere for⸗ derte den Erzbiſchof auf, ſeine Sache vorzubringen. Dieſer begann nun von einem Auftrage zu reden, — 408— den er vom Papſte an die Signoria erhalten haben wollte; allein, ſey es nun, daß er plötzlich erſchreckt von der Verwegenheit ſeines Unternehmens, ſey es, daß er die Rede ohne alle frühere Ueberlegung deſ⸗ ſen, was er eigentlich zum Scheine vorbringen wollte, begonnen, ſeh es endlich, daß ſeine Seele von einer Ahnung des Geſchicks der Verſchwörung, welches in dieſem Augenblick ſchon erfüllt war, überraſcht wurde: genug, er wurde ängſtlich, ſtammelte, verwirrte ſich, blieb ſtecken und ſprach in ſeiner großen Verlegen⸗ heit ſo verkehrte und wunderliche Dinge, daß der Gonfaloniere, nichts Gutes ahnend, plötzlich auf⸗ ſprang und ſchreiend aus dem Saale ſtürzte. Dort ſah er die bewaffneten Männer. Sein Argwohn ſtieg auf den höchſten Grad, und, außer ſich vor Furcht und Schrecken, ergriff er den Giacomo Poggio bei den Haaren, warf ihn zu Boden und ſchleppte ihn, um Hülfe ſchreiend und die Wächter des Palaſtes zu den Waffen rufend, eine Strecke weit fort, bis die Häſcher herzu eilten und denſelben in Empfang nahmen. Die Signoren im Saale griffen in der größten Beſtürzung zu jeglicher Waffe, die ſich ih⸗ nen darbot, um ſich zu vertheidigen, einige nach Meſſern und Gabeln, deren ſie ſich bei'm Eſſen be⸗ ——— — 109— dient, andere nach Seſſeln und ſonſtigem Geräthe; und ſo wurden die drei Salviati eingekreist und ent⸗ waffnet. Die Häſcher kämpften draußen gegen die übri⸗ gen, erſchlugen ſie theils mit Schwert und Parti⸗ ſane, oder ſtürzten ſie lebendig aus den hohen Fen⸗ ſtern herab auf die Straßen, daß ſie zerſchellten und den Geiſt elendiglich aufgaben. Die eingeſchloſ⸗ ſenen Peruginer tobten unterdeſſen vergeblich an der Thüre des Saales, die ihrer Kraft widerſtand. In demſelben Augenblicke erſchallte ein furchtba⸗ res Geſchrei auf allen Straßen der Stadt und pflanzte ſich mit Blitzesſchnelle fort. Männer rannten, Wei⸗ ber geberdeten ſich wie unſinnig, Kinder heulten, Alles gerieth in Aufruhr und Flucht; es war, als ob die Bande ſchnell gelöst worden wären, welche die menſchliche Geſellſchaft zuſammenhalten. Das Gerücht von den ſchrecklichen Vorfällen in der Kirche Santa-Riparata flog mit grauſen Flüchen und Ver⸗ wünſchungen der Pazzi von Mund zu Mund, von Haus zu Haus; die Bürger bewaffneten ſich und liefen nach dem Palaſte Lorenzo's di Medici, um ihn zu ſchützen; ein wilder Aufruhr hatte ſich aller Gemüther bemächtigt. Auch die Signoria war ſchnell — 110— in Kenntniß geſetzt worden; man machte alſo mit dem Erzbiſchofe und ſeinen Verwandten kurzen Pro⸗ zeß: die drei Salviati und Giacomo Poggio wurden an einen Balken im Vorſaale aufgehängt und ſtar⸗ ben den Tod der Schmach. Die Peruginer hatten endlich die Thüre erbro⸗ chen, bemächtigten ſich der Wache, beſetzten den gan⸗ zen untern Raum des Palaſtes und ließen Niemand herein noch hinaus, ſo daß ſie die Signoren förm⸗ lich belagert hielten. Dieſe verrammelten und ver⸗ ſchanzten ſich oben mit Liſchen und Stühlen, ſo gut es gehen wollte, und ließen ihr Hülferufen durch die geöffneten Fenſter erſchallen. Da die Peruginer nicht wußten, was ſie weiter thun ſollten, ſo ließen ſie es dabei bewenden, und wichen erſt nach einer Stunde der gegen ſie andrin⸗ genden Uebermacht. Der Prieſter Stefano und der verzagte Antonio di Volterra hatten ſich, nachdem ſie das Mißlingen ihres Planes erkannt hatten, der eine unter die Menge, der andre in einem Winkel der Kirche ver⸗ krochen. — 111— Sie wurden aber mit Wuthgeſchrei hervorgezo⸗ gen, und an den Stufen des Altars von mehr als hundert Dolchen und Schwertern durchbohrt; dann warf ſich das Volk auf ſie, hieb und riß ſie in Stücke, balgte ſich um ihre Glieder und ſchleppte dieſelben unter gräßlichem Hohngeſchrei durch die Straßen. Bernardo Bandini warf ſich, als ſein Dolch Lo⸗ renzo nicht erreichen konnte, einem hölliſchen Geiſte nicht unähnlich, mit bluttriefender, dolchbewaffneter Fauſt, mit fliegendem Haare und mörderiſchen Bli⸗ cken wieder unter die Menge. Alles floh entſetzt vor ſeinem Anblicke zurück, und ungehindert erreichte er die Thüre, ungehindert ſeine Wohnung und, als er ſich dort anf ſein ſchnellſtes Pferd geworfen, un⸗ gehindert das Stadtthor. Francesco Pazzi hatte ſich zwar auch durch die Menge Bahn gebrochen und ſein Haus erreicht, be⸗ gleitet von ſeinem Oheim Meſſer Giacomo und ſei⸗ nen Verwandten, aber er blutete ſo heftig aus der ſich ſelbſt beigebrachtrn Wunde am Beine, daß er bald alle Kräfte verlor. Zwar verſuchte er, ſich auf ſein Pferd zu ſetzen und an der Spitze aller Ver⸗ ſchwornen und der päpſtlichen Soldaten, die ſich un⸗ terdeſſen vor ſeinem Palaſte verſammelt hatten, die — 112— Stadt zu durchziehen, die Freiheit auszurufen und das Volk zum Aufſtand anzureizen; aber er ſank kraftlos zurück und mußte in ſein Zimmer gebracht werden. Dort ließ er ſich auskleiden, um ſich die Wunde verbinden zu laſſen, und warf ſich, als die⸗ ſes geſchehen war, nackt auf ſein Bett. Hier be⸗ ſchwor er ſeinen Oheim, dasjenige zu thun, was nöthig wäre, um ſie zu retten, und woran er durch ein verfluchtes Geſchick verhindert werde, nämlich an der Spitze der Ihrigen den Ritt durch die auf⸗ geregte Stadt zu machen. Nachdem er noch einige gräßliche Flüche ausgeſtoßen, wandte er ſich mit dem Geſichte und ſprach kein Wort mehr. Der bedauernswerthe Greis ergriff in der Ver⸗ zweiflung das einzige noch übrige Mittel zu ihrer Rettung; er beſtieg das Pferd und ritt an des Grafen Monteſeno Seite durch die Straßen der Stadt, umgeben von ſcharfbewaffneten Verſchwornen und päpſtlichen Soldaten. Sie riefen das Volk zum Aufſtand auf und verkündeten ihm die Freiheit. Aber das Volk war durch die große Freigebigkeit der Medici dieſen ergeben, und die Freiheit war in Flo⸗ renz unbekannt, weil ſie den Medici für ihr Geld derkauft worden war. Alles Schreien war vergeb⸗ — 113— lich. Niemand ſchloß ſich ihnen an, und als ſie an den Palaſt der Signoria kamen, in der Meinung, der Erzbiſchof Salviati habe denſelben eingenommen, fielen ihre beſtürzten Blicke auf die zerſchellten Lei⸗ chen ihrer Anhänger und die Signoren warfen Steine und Geräthe aus den obern Fenſtern nach Meſſer Giacomo, verfluchten ihn und drohten ihm mit den ſchrecklichſten Worten. Monteſeno wollte noch immer nicht alle Hoffnung aufgeben; Giacomo ſtand in verzweifelter Unſchlüſſigkeit. Da kam ein naher Verwandter von ihm, Namens Giovanni Sa⸗ riſtori, ein bejahrter Mann, und machte ihm zuerſt harte Vorwürfe wegen der erregten Unruhe. Durch dieſen Mann erfuhr Giacomo, daß das Volk den Pazzi fluche und bis zur unmenſchlichen Wuth gegen ſie aufgebracht ſey, daß die ganze Stadt ſchon in Waffen, Lorenzo di Medici von einer großen bewaff⸗ neten Menge nach ſeinem Palaſte gebracht worden ſey und eine ungeheuere Anzahl bewehrter Bürger ſich zu Lorenzo's Schutz vor dieſem Palaſte aufge⸗ ſtellt habe. Giacomo ſah ein, daß für ihn und ſeine Partei Alles verloren ſey, und wendete ſich, um ſein Leben zu retten, mit den meiſten ſeiner Begleiter zur ei⸗ II. — 114— ligen Flucht. Glücklich verließ er auch die Stadt und entkam nach der Romagna. Das in immer gewaltigern Maſſen zuſtrömende Volk eroberte den Palaſt der Signoria und machte die Peruginer theils nieder, theils zu Gefangnen. Durch die ganze Stadt rief man mit wildem Ju⸗ belgeſchrei Lorenzo's di Medici Namen; die Köpfe und Glieder der Verſchwornen wurden auf Lanzen in den Straßen umher getragen; die Häuſer der Pazzi vom wüthenden Pöbel eingenommen und ver⸗ wüſtet, und wo man ein Glied oder einen Anhän⸗ ger dieſer zahlreichen Familie traf, wurde er auf's Grauſamſte gemißhandelt. Francesco wurde von einem ſolchen Volkshaufen, der ſein Haus erſtürmte und die Dienerſchaft über den Haufen ſtach, nackt vom Bette geriſſen, unter dem roheſten Hohne, den gemeinſten und tiefſten Beleidigungen, Schlägen und Fußtritten, ohne Be⸗ kleidung und nur mit Blut und Koth beſchmutzt, über die Straßen bis in den Palaſt der Signoria gezerrt und dort unter allgemeiner Acclamation des Volks neben dem Erzbiſchofe aufgehängt. Keine Schmach, die man ihm anthat, vermochte ihm auch nur einen Laut anszupreſſen. Stolz und feſt vor — 115— ſich hinſehend, ließ er ſich fortſchleppen, und ſelbſt, als ihn der Strang erwürgte, ſtieß er keinen Seuf⸗ zer aus. Giuditta hatte aus ihrer Loge in der Kirche, ohnfern dem Hochaltare und ganz in der Nähe Lo⸗ renzo's, dem Attentat auf das Leben deſſelben mit Beſtürzung zugeſehen, da ihr von der letzten Verab⸗ redung der Verſchwornen nichts bekannt war. Als ſie den Plan gänzlich mißlingen und ihren Lehrer vor ihren Füßen umbringen und zerfetzen ſah, ver⸗ ließ ſie aller erkünſtelte Muth; die Schwäche der weiblichen Natur kam über ſie, und todtbleich ſtürzte ſie mit Zetergeſchret aus der Kirche und floh in ih⸗ res Vaters Haus. Dort fand ſie eine Stunde dar⸗ auf das wüthende Volk, mißhandelte ſie mit Wor⸗ ten, da es ihren Einfluß auf die Verſchwörung noch nicht kannte, und ſchleppte ſie in die Gefängniſſe der Signoria. Der Aufruhr und das Morden in der Stadt dauerte die ganze Nacht fort; die Thore wurden ge⸗ ſchloſſen, damit Niemand weiter die Flucht ergreife. Am andern Morgen ſandte die Signoria Eilboten in alle benachbarten Städte mit der Botſchaft von 8* — 116— der ungeheuern Frevelthat und ließ zur Verfolgung der Flüchtigen auffordern. Alles, was mit den Pazzi und deren Anhängern verbunden war, wurde, war es dem Schwerte ent⸗ gangen, in's Gefängniß geworfen. Die Straßen lagen voller Leichen und einzelner Gliedmaßen; überall waren Blutſpuren. Die ungeheure Aufregung dauerte auch noch die folgenden Tage fort; die Bewohner der Stadt wa⸗ ren aus ihrer Ruhe und Ordnung aufgeſchreckt und der aus ſeinem Bette wild aufſchwellende Strom wollte nicht ſo ſchnell wieder den alten Lauf ver⸗ folgen. Dazu kam, daß die Gerechtigkeit immer neues Blut forderte, und der Anblick des Mordes, ſey er begangen, von wem er wolle, verwildert den Menſchen. Der Graf Giovanni Battiſta di Monteſeno hatte als päpſtlicher Hauptmann ſich ſicher geglaubt und nicht für nöthig befunden, zu fliehen. Er wurde gefangen genommen, vor das Gericht geſtellt und öffentlich enthauptet. Die Wuth des Volks verlangte ſogar das Leben des jungen Cardinals; doch die Signorig, Lorenzo an ihrer Spitze, widerſtand mit Nachdruck. — Renato di Pazzi, der ſich der Verſchwörung ſo verſtändig widerſetzt hatte, war am Sonnabend, als er ſah, er werde die Sache nicht verhindern können, aus der Stadt auf ſein in der Nähe gelegenes Land⸗ gut gegangen. Als er nun dort den ſchrecklichen Ausgang erfuhr, ſuchte er in der Verkleidung eines Bauers zu entfliehen, ward aber in der Romagna durch ſein ängſtliches Weſen verdächtig, erkannt, ge⸗ fangen und nach Florenz ausgeliefert. Mit ihm an demſelben Tage wurde auch der unglück⸗ liche Greis, Meſſer Giacomo di Pazzi, gefangen einge⸗ bracht. Auch er war bei dem Uebergange über die Alpen gefangen genommen worden. Wie ein Blitz⸗ ſtrahl hatte die Kunde von dem ſchrecklichen Vor⸗ fall in Florenz in wenigen Tagen ganz Italien überzuckt und war ſelbſt zu den einſamen Alpenhir⸗ ten gedrungen. Der verſtörte alte Flüchtling fiel ihnen auf; ſie nahmen ihn gefangen und lieferten ihn nach Florenz aus. Acht Tage nach der That wurden Giacomo und Renato di Pazzi auf offenem Markte mit dem Strange hingerichtet. Ginditta wurde auf das Schaffot geführt und mußte ihren Vater ſterben ſehen. Sie wurde wahnſinnig und ſtarb bald darauf im Gefängniſſe. — 118— Von den zahlloſen Opfern dieſer blutigen Tage wurde Niemand bedauert, als der biedere Renato, zumal da man erfuhr, wie er gehandelt hatte. Die Gerechtigkeit war zu voreilig geweſen. Meſſer Giacomo's Leiche wurde erſt in das Fa⸗ milienbegräbniß beigeſetzt; aber das emporte Volk war damit nicht zufrieden: er wurde, gleich einem im Kirchenbanne Verſtorbenen, wieder herausgenom⸗ men und fern von den Mauern der Stadt beerdigt. Als aber die Volkswuth keinen Gegenſtand mehr hatte, grub man die Leiche wieder aus, ſchleifte ſie mit dem Strange, womit Giacomo hingerichtet wor⸗ den war, nackt in der ganzen Stadt umher und warf ſie endlich in den Arno. Francesco's Leiche war ſchon einige Tage vorher in Stücke zerriſſen und in den Fluß geworfen worden. Guglielmo di Pazzi, der Schwager Lorenzo's, wurde von ſeiner Frau in den Palaſt der Medici gerettet; ihrer Fürbitte verdankte er das Leben, aber er wurde auf ewig aus Florenz verbannt. Die Vettern und Verwandten der Pazzi, die am Leben geblieben, wurden in den unterirdiſchen Gefängniſ⸗ ſen des Forts von Volterra gefangen gehalten. — 119— Napoleone Franceſi war eben ſo, wie Bernardo Ban⸗ dini, durch die Flucht entkommen. Erſt nachdem alle dieſe furchtbaren Tumulte ge⸗ ſtillt und die Verſchwornen beſtraft waren, wurde Giuliano di Medici mit der größten Pracht und Feierlichkeit beigeſetzt. Ganz Florenz begleitete ſei⸗ nen Leichenzug; die Thränen aller Bürger folgten ihm; es war keine Stimme, die ihn nicht den edel⸗ ſten und beſten aller Menſchen genannt hätte. Hin⸗ ter ſeinem Sarge ſchwankte ein ſchönes, bleiches Weib; ihr troſtloſer Schmerz hatte keine Thränen. Es war Camilla Cafareli. Lorenzo und ganz Florenz hielten ſie gleichſam heilig und Jedermann betrach⸗ tete ſie als Giuliano's rechtmäßige Gattin. Sie er⸗ hielt ihre Wohnung im Palaſte ihres Geliebten und wurde auf Koſten des Staats höchſt anſtändig er⸗ halten; und als ſie drei Monate nachher einen Sohn gebahr, betrachtete man dieſes Kind als Eigenthum der Republik, die es auch unterrichten und erziehen ließ. Es erhielt den Namen Giulio und iſt nach⸗ mals unter dem Namen Clemens vII. als einer der ſegensreichſten Päpſte auf St. Peters Stuhl zu Rom geſeſſen. Der Mord Giuliano's veranlaſſte bald einen all⸗ 6 — gemeinen Krieg in Italien; denn die Republik Flo⸗ renz rief gegen den treuloſen Papſt Sirtus und den König von Neapel zu den Waffen. Niemanden war die Verſchwörung zuträglicher, als Lorenzo'n di Medici. Die Bürger überboten einander in der Huldigung, die ſie ihm darbrachten. Man gab ihm eine Leibwache und geſtand ihm volle Gewalt im Staate zu. So fehlte ihm nichts, als der Titel des Herrſchers. Daß ſeine Nachkommen auch dieſen erhalten, daß die Republik von ihnen in eine Monarchie verwandelt worden, die ſie als mächtige Großherzoge beherrſchten, iſt bekannt. Auch Bernardo Bandini kam noch in die Hände der Florentiner und mußte den Frevel an ihnen mit ſeinem Leben zahlen. Er war in die Türkei an den Hof des Sultans geflüchtet; dieſer hatte aber kaum von ſeinem Verbrechen gehört, als er dem Geſandten der Republik Florenz erlaubte, ihn gefangen zu nehmen. Auch ihm ward der Strang zu Theil. —— —— * Das Mädechen von Hereford. Hiſtoriſche Novelle, nach einer altengliſchen Sage bearbeitet. Wie die Mondesſichel aus dem Riſſe ſchwarzer Wolkenmaſſen hervorſieht und, wenn ſie auch nicht den düſtern Himmel zu klären vermag, aber doch die nächſten ſtarren Dunſtgebirge mit einigem Glanze freundlich erhellt, ſo ſchaut die kleine alte Stadt Hereford in Altengland aus einem von wilden wal⸗ digen Berghöhen umragten Thale. Der freundliche Biſchofsſitz vermag den düſtern Ausdruck der ge⸗ birgigen Grafſchaft nicht zu mildern; aber er giebt den der Stadt zunächſt gelegenen ſchroffen Felſen einen freundlichen Wiederſchein; man ergötzt ſich an ihrem Anblick, weil ſie ihre romantiſche Wildniß bis an die Mauern und Wälle ausbreitet, während ſelten ein menſchlicher Fuß dieſe Gegend betreten würde, hätte die heilige Mutter Kirche nicht im grauen Alterthume hier einen ihrer Tempel erbaut. Am ſchönſten nehmen ſich dieſe von majeſtätiſchen Bäumen gekrönten Felſenhäupter aus, wenn man auf dem die Stadt durchſtrömenden ſchiffbaren Fluſſe Woe nach dem Dörfchen Northbrigg, kaum eine 124 Stunde entfernt, in einem Kahne ſchaukelt und ſich ganz dem Eindrucke überläßt, welchen das grüne Ufer mit kleinen beblümten und von ſchatti⸗ gen Bäumen beſetzten Wieſen zur Rechten, und die weit überragenden hie und da ſchauerlich geſpaltenen Felſen, aus deren Ritzen die ewig junge Natur ihre Vegetation hervorgerufen, zur Linken, auf eine empfängliche Seele macht, während der helle Fluß mit ſeinen Windungen und zitternden Spiegelbildern der Uferumgebung gleichſam ein getreues Bild die⸗ ſer beſchauenden und in ſich aufnehmenden Seele ſelbſt darbietet. Zu allen Zeiten, deren Erinnerung man aufbe⸗ wahrt hat, iſt es für die Bewohner der Stadt He⸗ reford ein großes Vergnügen geweſen, auf der Wye nach Northbrigg zu fahren und dort den ländlichen Feſten beizuwohnen, wie ſie jedes Jahrhundert und jede Jahrszeit in veränderter Geſtalt herbeigeführt hat; unb wie auch das Bedürfniß und ſeine Be⸗ friedigung mit den Menſchen und den Wellen ge⸗ wechſelt ſind, immer iſt der ſchöne Fluß mit ſeinen Felſenwällen und die Luſt an der ergötzlichen Fahrt nach dem nahen Dörfchen in der Bruſt der Ein⸗ wohner geblieben. 6% — — Das düſtre Landſchaftsbild⸗der Grafſchaft Here⸗ ford harmonirte wohl niemals mehr mit dem Bilde der Zeit, als in den Tagen, wo die elende und ſtrafwürdige Regierung des ſchwachen, geiſtesarmen Königs Edward des zweiten eine Empörung des engliſchen Volks und ſeiner edelſten Häupter her⸗ vorrief, an deren Spitze Edward's Gemahlin ſelbſt, die Königin Iſabella, und ihr Sohn, Prinz Ed⸗ ward, ſpäter ſo ruhmvoll unter dem Namen des Königs Edward des dritten bekannt, ſich geſtellt hatten. Zwanzig Jahre lang hatten königliche Will⸗ kühr, geſetzloſe Gewaltthätigkeit und thranniſche Unvernunft ſtill in England gewüthet, wie ein Krebsſchaden am menſchlichen Körper; Gewalt hieß Recht; wer Macht hatte, durfte nehmen, wo war, und nur der durfte behalten, was er ſein nannte, der die Kraft beſaß, dies Eigenthum zu behaupten. Die königlichen Schergen durchzogen das Land nach allen Richtungen, und wo ſie fetten Boden ſanden, fielen ſie, wie gierige Blutigel, an und ſaugten ſich voll vom Mark der Einwohner, und je ſeltner end⸗ lich, dem natürlichen Laufe der Dinge gemäß, ſolche Stellen wurden, deſto wüthender war die Gierde der neu emporgekommenen Sauger, die nun — eben ſo voll werden wollten, wie ihre Vorfahren. Das Emporendſte für die Edlen und das Volk war, 1 daß es den König ſelbſt nicht als Urheber dieſer Gräul erkannte, ſondern ſeine Favoriten, den Gas⸗ cogner Goveſton und die beiden Spencer, Vater und Sohn. Der König war ein Schwächling an Leib und Seele, und beſaß, wie dies oft bei ſchwa⸗ chen Geiſtern der Fall iſt, eine große Herzensgüte, die jedoch, ohne feſten Grund und Boden, auch ſtets eines würdigen Zieles ermangelte und ohne wah⸗ ren Edelſinn in's Blaue hinein handelte, wodurch meiſt mehr verdorben als gebeſſert wurde. Man wußte den König keines perſonlichen Verbrechens zu zeihen— eine Seltenheit bei einem gehaſſ'ten Kö⸗ nige— und die Flüche des Volks trafen allein ſeine Schwachheit, die ihn unter die Füße ſeiner Günſtlinge gab. Der ſchwarze Dämon, der all dies über Eng⸗ land ausgebrochne Unglück herbeibeſchworen hatte, war der alte Spencer, vom Könige zum Grafen von Wincheſter erhoben, ein hochbejahrter Greis, aber von eiſerner Geſundheit und Kraft, von eiſer⸗ nem Willen und einer Herrſchſucht und Grauſam⸗ keit, die beide ſeiner Geſundheit und Willenskraft —— gleich kamen. Er leitete den König nach ſeinem Wohlgefallen, wie ein Rieſe einen Knaben zu leiten pflegt. Der Sohn dieſes Mannes, Sir Hugh Spencer, beſaß bei weitem mehr liebenswürdige Eigenſchaften, als ſein Vater, und weil er den von dieſem oft ge⸗ mißhandelten König bemitleidete und dies Gefühl nicht zu verbergen ſuchte, ſo neigte ſich das Herz des Königs zu ihm und floh oft im Drangſal der Ahnung eigner unglücklicher Unwürdigkeit an das des jungen Mannes, der ihm an Jahren und Nei⸗ gungen näher ſtand, als der alte finſtre Thrann. Vielleicht wurde Hugh Spencer England gerettet haben, wenn der Tod ſeinen neun und achtzig jäh⸗ rigen Vater an fernern Willkührlichkeiten gehindert hätte, und des Sohnes Tugenden, jetzt durch die großen und ſtarken Fehler des Vaters in Schatten geſtellt, ſtets vom Kampfplatz einer ihrer würdigen Thätigkeit verdrängt, den des Greiſes üble That⸗ kraft allein ausfüllte, würden in ſpäterer Zeit viel⸗ leicht zu Englands Heil geglänzt und den ihnen gebührenden Raum eingenommen haben; ja in Ta⸗ gen der Ruhe und des Friedens, wo Gewaltthä⸗ tigkeiten, die Hugh nicht wohl verhindern konnte, — 128— die Gemüther nicht erbittert und perſönliche Feind⸗ ſchaft, die die Verhältniſſe nothwendig mitbringen mußten, nicht wüthend gegen ihn eingenommen hätten, würde er England vom größten Nutzen ge⸗ weſen ſehn und ſein Name in den Geſchichtsbüchern der britiſchen Inſeln leuchten, während er jetzt an einer düſtern Stelle ſteht und ihn die Lehrerin der Menſchheit mit zweideutiger Erwähnung ſeiner ſchö⸗ nen Talente ausſpricht. Der Adel wie das Volk haßten die Spencer, die Königin haßte ſie. Der Adel, weil der Vater, von dunkler und gemeiner Herkunft, die höchſten Würden des Reichs erſtrebt und das alte und wohl⸗ begründete Recht des Adels, das Volk zu bedrücken und auszuſaugen, für ſich allein uſurpirt hatte, weil er nach Gunſt und Willkühr die alten Geſchlechter aus der Nähe des Hofes entfernte und Emporkömm⸗ linge heranzog. Das Volk haßte ſie, weil ihre ei⸗ ſerne Hand furchtbar ſchwer auf ihm lag und nir⸗ gend Hülfe, nirgend Gerechtigkeit zu finden war. Die Königin haßte ſie, weil ſie ſich von ihnen zu⸗ rückgeſetzt und die Stelle, die ſie gern ſelbſt ein⸗ genommen hätte, von ihnen behauptet ſah. Daher kam es denn auch, daß, als der lang aufgehäufte —————— — 129— Zunder endlich Feuer fing und der Haß in lichten Flammen aufſchlug, Königin, Adel und Volk ge⸗ meinſame Sache gegen den König und die Spencer machten. Nichtsdeſtoweniger brachten dieſe eine große Macht zuſammen; denn ſie waren reich, ſehr reich, und konnten den höchſten Sold bezahlen. Die Königin Iſabella dagegen wurde von ihrem Bruder, dem Könige Karl dem Schönen von Frank⸗ reich, mit Geld und Truppen unterſtützt, und die meiſten Städte Englands fielen ihr und dem Kron⸗ prinzen zu. Unter der Zahl dieſer Städte nahm Hereford einen ehrenvollen Platz ein; und da der königlichen Partei viel an ihrem Beſitze gelegen war, ſo brach Sir Hugh Spencer mit ſeinem Heere auf, die Stadt zu belagern, während das Heer Va⸗ ters mit dem von London vertriebenen ge, von feindlichen Heerhaufen gedrängt, in Briſtol Zuflucht ſuchte.. Es war Nacht. Der Vollmond lachte aus der Tiefe des blauen Himmels herab; ſein Spiegelbild aus der Tiefe des blauen Stromes herauf. Die erſten herbſtlichen Winde ſtrichen durch das Thal II. 9 und ſpielten mit den königlichen Farben auf den Zelten des Lagers. Ritter und Knechte ſchliefen; Todtenſtille lag über der leichten Kriegsſtadt, nur zuweilen unterbrochen durch den geiſterhaften Ruf der Wachen. Dicht am Fluſſe lag ein großes, ſchönes Zelt. Lichtſchimmer drang durch die Oeff⸗ nung deſſelben, Waffen und Pergamente lagen auf dem Tiſche, aber der Seſſel davor, ſo wie das da⸗ neben ſtehende Feldbett waren leerz vor der Thüre ſtanden zwei Hellebardiere. Nicht weit davon am ufer des Fluſſes hatte ſich ein junger Mann an eine Weide gelehnt und ſtarrte unverwandten Aug's auf den düſtern unheimlichen Waſſerſpiegel, auf welchem das bloße Mondbild geiſterhaft hinzitterte. Kein Schlaf nahte, die brennenden Augen des ſtol⸗ zen s zu kühlen, und ſein wüſtes Aus⸗ ſehen, die Unordnung ſeiner reichen und vorneh⸗ men Kleidung zeigten zur Genüge, daß er lange nicht geſchlafen habe. In ſeinem unruhigen, heftig bewegten Gemüthe ſchien in dieſer todtenſtillen Mit⸗ ternachtsſtunde eine wunderbare Ahnung aufgegan⸗ gen zu ſehn, als werde aus dieſem ruhig dahin⸗ gleitenden Fluſſe heraus die Entſcheidung ſeines verworrnen Schickſals ſteigen, und in wunderbarer — 131— Vergeſſenheit ſeiner ſelbſt ſah er immer und immer fort in das Waſſer, als wolle er die Enthüllung der Ahnung darin ſuchen, und hatte nicht bemerkt, daß eine verhüllte Geſtalt dem Fluſſe entlang von der Stadt herangeſchlichen war und nicht weit von ihm ſtand, als die Wachen anriefen. „Mylord!“ ſagte einer der Soldaten, und der Jüngling wandte ſich, winkte gleichgültig den Wa⸗ chen mit der Hand, zu ſchweigen, und trat dann muthig und entſchloſſen auf die verhüllte Geſtalt mit den Worten zu:„Wer wagt es, um Mitter⸗ nacht in das Lager des Sir Hugh Spencer zu tre⸗ ten und gar in ſolcher verdächtigen Geſtalt?“ „Bringt mich zum Anführer des Heers, deſſen verehrungswürdigen Namen Ihr eben genannt habt; denn nur mit ihm allein habe ich Wichtiges zu ver⸗ handeln,“ verſetzte eine feiſte nimichegſl „Tritt in jenes Zelt,“ verſetzte der Jüngling, folgte und ſtand bald vor einem wohlgenährten Sohn der Kirche.„Ich bin Hugh Spencer,“ fuhr Jener fort,„was begehrt Ihr von mir, ehrwürdiger Vater?“ „Edler und getreuer Vertheidiger des königli⸗ chen Hauptes,“ redete der Pfaffe pathetiſch,„ich 9* bin gekommen, um Euch die ſichern Mittel an die Hand zu geben, wie Ihr die rebelliſche und gottes⸗ läſteriſche Stadt ohne Schwertſchlag einnehmen und unter den Gehorſam ihres rechtmäßigen Herrn und Königs zurückbringen könnt.“ „Laſſ't hören, mein Vater,“ erwiederte Sir Spen⸗ cer, indem er ſich mit vornehmer Nachläſſigkeit in den Polſterſeſſel warf.„Ich muß geſtehen, ich ver⸗ gieße nicht gern engliſches Blut, am wenigſten eile ich, das Leben eines der Edlen meines Heeres auf das Spiel zu ſetzen einer ſo ſchlechten und ver⸗ dammungswürdigen Sache wegen, wie die Empö⸗ rung einer Stadt wider ihren rechtmäßigen König iſt. Deßhalb habe ich auch gezaudert, auf die abtrünnige Stadt Sturm laufen zu laſſen, hoffend, ſie werde, erſchreckt von meinem gewaltigen Heere, ihr Un⸗ recht n, mir freiwillig ihre Thore öffnen und dem Könige neue Treue ſchwören.“ „Wie ſchlecht ſehd Ihr über die Denkungsart der Bürger von Hereford unterrichtet!“ ſagte der Pfaffe mit ſcheinbar demüthiger Verbeugung.„So mögt Ihr denn wiſſen, Sir, daß die Frechen, vom Geiſte des böſen Feindes erfüllt, Euch und den König ver⸗ ſpotten und Euere Anträge nur deßhalb mit zögern⸗ — den Verſprechungen hinhalten, weil ſie Boten an den Grafen Hainault und den Grafen von Kent geſchickt haben.“ „Verſpotten!“ rief Spencer erzuͤrnt.„Wagen die Spießbürger einer ſolchen Stadt, die ich in Händen habe und zerdrücken kann, wann es meiner Laune beliebt, den mächtigen Spencer zu verſpotten?“ „Daß ich Euch die Wahrheit ſagte, hoher Herr, mögen Euch die täglichen Luſtfahrten beweiſen, welche dies nichtswürdige Volk auf der Whe nach North, brigg unternimmt. Auf dieſen Waſſerfahrten ſingen ſie Lieder zum Preiſe der Königin Iſabella, des Kronprinzen Edward, des Grafen Hainault und ſeiner Tochter Philippa, der verlobten Braut des Kronprinzen, aber Spottlieder auf den König, Eu⸗ ern Vater und Euch ſelbſt.“ Der junge Feldherr biß die Lippen zuſammen und ließ dem Ausbruch ſeines Zornes in den Wor⸗ ten freien Lauf:„Ich werde morgen auf die Stadt Sturm laufen und, was ſich widerſetzt, in die Pfanne hauen laſſen.“ „Ich ſagte Euch, Sir, daß es leichtere Mittel gäbe, in Beſitz der Stadt zu kommen. Das Blut der Rädelsführer und Hauptſchuldigen, der Ver⸗ — 134— führer der unmundigen Menge, könnt Ihr dann immer nach Gefallen vergießen, ohne daß Ihr das Leben eines Euerer Soldaten d'ran geſetzt habt.“ „So theilt es mir mit, ehrwürdiger Vater!“ rief Sir Hugh ungeduldig und heftig,„und ich will Euch ſehr dankbar dafür ſeyn.“ „Sir Euſtatius Chandon, der alte Buͤrgermei⸗ ſter Hereford's, hat ein wunderliebliches Töchterlein von achtzehn Jahren. Wer weiß, Sir, ob Euer Auge je etwas ſo Reizendes geſehn hat, obgleich Ihr am Hofe aufgewachſen ſeyhd. Miß Mary iſt des alten Bürgermeiſters Augapfel,— was ſag' ich, ſie iſt ſein einziges Glück, ſein Leben, und er wird ſicherlich alles Andre lieber miſſen wollen, als ſie. Das holde Kind aber thut auf der Welt nichts lie⸗ ber, als auf ihrem niedlichen Schifflein, welches ihr der zärtliche Vater eigends hat bauen, anmalen und mit Wimpeln und Bändern zierlich ausputzen laſſen, nach Northbrigg zu fahren. Wann der Mond, wie heute, frühzeitig am Himmel iſt, pflegt ſie erſt ſpät heimzukehren und ſich am Mondſchein im Fluſſe zu vergnügen. Gewöhnlich fährt ſie al⸗ lein, ſelten von einer Freundin begleitet. Es wuͤrde einigen oder auch nur einem Euerer Soldaten — 135— leicht ſehn, das Mädchen Abends unbermerkt auf⸗ zuheben und in das Lager zu bringen. Habt Ihr erſt des Bürgermeiſters Tochter, ſo habt Ihr auch die Stadt; ja der Alte würde Euch das ganze Land ausliefern, wenn er im Beſitze deſſelben wäre, um nur ſein Töchterlein wieder zu erlangen.“ „Wenn ſich Alles ſo verhält, wie Ihr mir ſagt, ehrwürdiger Vater, ſo iſt Euer Vorſchlag vortreff⸗ lich, und Ihr könnt, wird der Plan mit Klugheit ausgeführt, meiner glänzenden Dankbarkeit gewiß ſeyn. Was das Letztere betrifft, ſo habe ich einen geſchickten jungen Mann im Heere, ſehr tauglich zu ſolchem Unternehmen, der es gewiß zu meiner Zufriedenheit ausführen wird.“ „Die Heiligen mögen ihn geleiten!“ ſagte der Pfaffe mit einem frömmelnden Blicke nach oben. „Von meiner Aufrichtigkeit und Anhänglichkeit an die gerechte Sache des Königs könnt Ihr Euch leicht ſelbſt überzeugen. Sagt nur Euerm Krieger, daß das Schifflein weiß und grün gerändert und gemalt iſt und rothe und blaue Wimpel und Bänder trägt. Euch aber hoffe ich bald wieder zu ſehen und zwar innerhalb der Mauern der Stadt.“ „Und wie iſt Euer Name, ehrwürdiger Vater?“ Scilde führt.“ — 136— „Fragt nur nach dem Pater Anton im biſchöf⸗ lichen Stifte, und man wird Euch berichten.“ Der verrätheriſche Pfaffe ſchlich nach kurzem Gruß im tiefen Dunkel der Nacht— der Mond war unterdeſſen untergegangen— nach der Stadt zurück und gelangte durch eine einſame Pforte in ſein Stift.* ——— „Unſre Boten an den Grafen Hainault bleiben bis zur Ungebühr lange aus,“ ſagte der alte Bür⸗ germeiſter Euſtatius Chandon zu dem in ſein Ge⸗ mach eintretenden Pater Anton,„und es will mir faſt vorkommen, als ob die Nachrichten von dem großen Glücke des Heeres der Königin etwas über⸗ trieben wären. Was meint Ihr, Pater, e nicht den Bürgern Hereford's gerathener, ſich nicht einer allzugroßen Sorgloſigk,it zu überlaſſen? Man — nicht wiſſen, was Sir Hugh Spencer im „Seyd deßhalb unbeſorgt,“ verſicherte der Pfaffe „ich habe geſtern Abend aus guter und wahrhaftiger Quelle die Kunde, daß der berdammungswürdige Spencer, entmuthigt durch erhaltene Nachrichten über den ſehr ſchlechten Gang der Angelegenheit —— — 137— des Koͤnigs und durch die Feſtigkeit unſrer Mau⸗ ern und unſrer Köpfe, ſich zum Aufbruch und Ab⸗ zug rüſtet“ „Wenn Ihr ſolche Nachrichten habt, Pater, ſo werde ich meiner Tochter nicht wehren, ihre Spa⸗ zierfahrt nach Northbrigg zu machen, welches ich eben im Begriff war zu thun, gewarnt von einem wunderlichen Traume, der meinem alten Kopf den ganzen Morgen über ſchon viel zu ſchaffen gemacht hat.“ „Laſſ't hören!“ ſagte der heuchleriſche Pfaffe; „Euer Beichtvater und Hausfreund hat ein Recht auf Euer volles Vertrauen, und der gottgeweihte Mund eines Prieſters der heiligen Kirche Chriſti wird Euch in frommer Einfalt die beſte Deutung Eueres Traumes geben können und Euch wahrhaftig berichten, wie es meine Pflicht, ob derſelbe von Gott oder vom Teufel geſandt ſt „Mir träumte,“ erzählte Sir Euſtatius,„ich ſah mein geliebtes Kind in ſeinem ſchönen Schifflein luſtig und guter Dinge auf der Whe dahin fahren. Plötzlich gewahrte ich hoch in der Luft über ihr ei⸗ nen ſchwarzen Raben, der mit heiſerem Geſchrei ei⸗ nen Adler lockte, deſſen Horſt auf einem der hohen uferfelſen war. Der Aar ſtieß herab auf das Schiff⸗ lein, aber ſo heftig, daß es umfiel. Ich erwachte vor Schrecken.“ „Der Traum iſt vom Teufel!“ rief Pater An⸗ ton heftig;„der Rabe iſt des Teufels Vogel und der Adler der Teufel ſelbſt. Sie wird in die Ver⸗ ſuchung des Böſen fallen; aber ich werde ihr fleißig zuſprechen mit geiſtlichen Schutzmitteln gegen die hölliſche Gewalt. Erlaubt, daß ich mich ſogleich zu ihr verfüge und das Werk des Himmels ohne Verzug beginne.“ Der Wolf im Felle des Lammes trat mit freund⸗ licher Miene in das verſchwiegene Frauengemach. Die gefälligſte Ordnung lachte ihm entgegen; aber die ſtille Pracht der Geräthe, die Herrlichkeiten, die des Vaters Liebe dieſen Räumen geſpendet, wa⸗ ren doch nur die güldne Faſſung der koſtbaren Perle, waren nur der Blätterſchmuck der edeln ſtrahlenden Roſe; und wer die Perle ſieht, vergißt der güldnen Zier, in der ſie ruht; wer die Roſe anſtaunt, ſchenkt kaum den grünen Strauchblättern einen ſchnellen Blick. Miß Marh aber war noch ſchöner, als die Perle, noch herrlicher, als die Roſe. Frau Venus ſelbſt ſchien der wunderlieblichen Bürgermei⸗ — 139— ſterstochter Taufpathin geweſen zu ſehn und ihr die höchſte Anmuth als Weihegeſchenk eingebunden zu haben. Das Geſchenk war mit dem Kinde ge⸗ wachſen, und fürwahr, die Vollendung ihrer Anmuth hatte etwas Zauberiſches. Vielleicht war Pater Anton nicht frei geblieben von den Wirkungen die⸗ ſes Zaubers; denn ſein ſonſt ſtieres Auge funkelte lüſtern und begehrlich auf Marh's Reize herab. „Mein Kind,“ ſagte er in einem Tone, den er gern zu einem väterlichen geſtempelt hätte, der aber wider ſeinen Willen in ſeinem Munde das Gepräge ſeiner höchſt ſträflichen Leidenſchaft annahm, „mein Kind, Ihr thätet wohl, Euch auf Euern Spa⸗ ierfahrten nach Northbrigg mehr mit geiſtlichen Dingen zu beſchäftigen. Zeit und Ort ſind ganz zum Gebet gemacht Euere Einſamkeit muß die irrenden Gedanken von ſelbſt zu den Helligen leiten, und da Ihr durch die Fürſorge Eueres Vaters und durch meine Mühe der Kunſt des Leſens vor Tau⸗ ſenden Eueres Geſchlechts und Standes theilhaftig geworden ſeyd, ſo werde ich Euch ein ſchön geſchrie⸗ benes Laienbrevier zuſtellen, welches Ihr zu Euern gottſeligen Betrachtungen auf dem Schiffe benutzen mögt.“ — 140— Mary neigte gehorſam ihr Haupt und ſagte: „So Ihr meint, hochwürdiger Herr, daß es mei⸗ nem Seelenheile erſprießlich ſey, ſo will ich gern meine oft wunderlichen Gedanken während der Fahrt künftig auf das Gebet richten.“ „Und Ihr werdet dann nur um ſo mehr und länger auf dem Fluſſe fahren, um Euer Herz im⸗ mer mehr und dauernder dem Himmel zu weih'n.“ „Ich werde heute damit den Anfang machen und täglich damit fortfahren, ſo lang und ſo oft es die Witterung und die kriegeriſchen Verhältniſſe unſrer Stadt geſtatten.“ „So werd' ich Euch das Brevier durch den Guar⸗ dian ſogleich zuſchicken. Unterlaſſ't aber weder heute noch ſonſt die Fahrt, die für Euch nun eine himmliſche Pflicht geworden iſt.“ „Ihr hättet mir keine Pflicht auferlegen können, die beſſer zu meinen Wünſchen paßtz denn was thäte ich wohl lieber, als auf meinem Schifflein nach Northbrigg und in der Dämmrung des Abenbs oder bei Mondſchein wieder nach Hauſe zu fahren?“ Der Pater ging lachend und redete unterwegs in ſich hinein:„Zwing ich den Alten zur Ueber⸗ gabe der Stadt— und das ſoll mir wohl gelingen— — 141— ſo muß Sir Spencer ihn als Rädelsfuͤhrer und Haupt der Faction feſtnehmen und nach Briſtol zum Könige führen laſſen. Dort habe ich meine guten Freunde und— Sir Euſtatius wird um einen Kopf kürzer; er hat lang genug gelebt. Ich werfe mich zu Miß Mary's Beſchützer auf— ich bin der Mächtigſte nach Sir Hugh in der Stadt und, wenn er abgezogen iſt, allein Herr— mir kann man nichts abſchlagen und die reizende Blume blüht für mich.“ Dieſe und ähnliche Betrachtungen zogen durch des ſüßlächelnden Pfaffen wohlgemäſte⸗ ten Kopf. Von einem frommen Wunſche begleitet, ſchickte er dem auserwählten Opfer ſeiner Nichts⸗ würdigkeit das Brevier. Und Miß Marp löſte bald darauf den Knoten des Stranges, der im großen Hofe ihres väterlichen Hauſes ihr zierliches Schiff⸗ lein an das Ufer des Fluſſes, der den Hof durch⸗ ſtrömte, gekettet hielt. Schon ſchaukelte ſie auf den Wellen, das goldverzierte Brevier in der Hand, als ihr Vater, ſich plötzlich losreißend aus dem Wuſt der Geſchäfte, über den Hof eilte und mit ängſtlicher Stimme rief:„Marh, Marh! fahr' heute nicht! Mir ahnet nichts Gutes.“ Aber die Dadon⸗ fahrende entgegnete:„Der Pater Anton hat's mir — — 142— geboten,“ und ihm das Brevier mit dem Bemerken zeigte, ſie werde für ihn und alle Frommen beten. Der Bürgermeiſter ſah zweifelhaft in die Wellen des Stromes und kehrte dann mit einfältigem Ge⸗ ſichte zu ſeinen Geſchäften zurück; der Ruderknecht trieb aber das Schiffchen an und bald war die bunt⸗ geſchmückte Muſchel im ſchönen Bereich der grauen Felſen und grünen Bäume. Wer ſie geſehn hätte, wie ſie vorn im Schiffchen ſtand, den entzuckten Blick von dem Pergament in ihrer Hand auf Fels und Hain wendend, während der leichte Kiel rau⸗ ſchend durch die ſelbſtgegrabne Waſſerfurche dahin zog, der hätte ſie, in trunkner, von ihrem zauber⸗ ſchönen Anblick erregten fabelhaften Begeiſtrung, für die meerentſproſſ'ne Göttin ſelbſt halten können, oder für eine der wunderreizenden Nereiden, eine Tochter des Nereus und der Amphitrite, oder für die Nymphe der Whe, eine wohlthätige Fee. Als das Fräulein in Northbrigg angekommen war, erging ſie ſich eine kleine Weile am Ufer, und wollte endlich über den Felſenpfad wieder in ihr Schiffchen zurückkehren; da trat ihr plötzlich, hinter dem Vorſprung des Felſen hervor, ein jun⸗ ger Kriegsmann entgegen, deſſen Kleidung ihn als — einen Edelknecht aus dem Heere des Sir Spencer bezeichnete. Indem er ſie mit den Worten anre⸗ dete:„Seyd Ihr die Tochter des Bürgermeiſters Sir Euſtatius Chandon?“ kam er ihr ſo nahe, daß ſie ſcheu und ängſtlich nach dem Fluſſe hinab floh, ſeine Frage bejahend. „Ihr ſehd meine Gefangene!“ rief der Krieger beſtimmt und haſchte nach ihren fliegenden Gewän⸗ dern; aber wie die flüchtige Gazelle von Felsblock zu Felsblock ſpringt, ſo ſchwang ſich Miß Marh den Pfad hinab und vom Ufer in das Schiffz aber hier ließen Angſt und Beſtürzung ſie einen Fehltritt thun, ſie prallte vom Borde ab und ſtürzte mit ei⸗ nem lauten Schrei in die Tiefe des Fluſſes, daß ſeine klaren Waſſer hoch über ihr zuſammen ſchlu⸗ gen. Der junge Kriegsmann hatte kaum die ſchlimme Folge ſeines Ueberfalls bemerkt, als er, ſo ſchnell wie ein Gedanke, in das Bett des Fluſſes hinab ſchoß und einen Augenblick darauf die Ohnmächtige mit nervigter Fauſt herauszog und in das Schiff⸗ lein trug. Hierauf befahl er dem erſchrocknen Ru⸗ derknecht, ſogleich in das Dorf zurückzukehren und dort auf ſeine Herrin zu warten, bis ſie ſich ge⸗ trocknet und vom Schrecken erholt hätte. — 144— In einem Hauſe, worin der Krieger bekannt ſchien, ließ er Miß Marh zu Bett bringen, ihr ſtär⸗ kende Nahrungsmittel zubereiten und ihre Kleider trocknen. Er ſelbſt ſetzte ſich an das Lager und rief ihre Lebensgeiſter durch zweckdienliche Mittel zum Bewußtſeyn zurück. Sein Ange ruhte dabei mit dem Ausdrucke höchſter Bewunderung auf den Rei⸗ zen des Mädchens; doch mehr wagte er nicht, ſo viel Vollkommenheiten nur zu berühren, ſondern hielt ſich in ehrerbietiger Ferne und befahl der Frau des Hauſes, dasjenige zu thun, was ohne körperliche Berührung nicht geſchehen konnte. Als nun Marh die Augen aufſchlug und fragend umhergleiten ließ, beugte der junge Edle ein Knie vor ihr, erhob bit⸗ tend ſeine Hände und redete mit aller Beſcheidenheit folgende Worte:„Verehrungswürdiges Fräulein, verdammt und verſtoßt einen unglücklichen jungen Mann nicht, der, vom Befehl ſeines Feldherrn ge⸗ zwungen, auszog, Euch zu fangen, da er Euch noch nicht kannte, der aber nun, da er Euch kennen zu lernen das unausſprechliche Glück genoſſen, in Euere Gefangenſchaft gerathen iſt. Ja, verehrlichſte Miß, Ihr ſeyd frei und könnt ungehindert zur Stadt und in das Haus Eueres Vaters zurückkehrenz Ihr wer⸗ 8 — 145— det alle Gefühle meines Herzens mit dahin nehmen. Ich aber will mich aufmachen, ein übel berathener Mann, und in das Lager des ſtolzen Spencer, mei⸗ nes Feldherrn, gehen, woher ich gekommen bin, und ihm ſagen, daß der Himmelsglanz eines Engels mich geblendet, als ich, auf ſeinen Befehl, meine Hand frevelnd nach der edelſten Sterblichen aus⸗ geſtreckt. Erlaubt mir nur das Eine, daß ich das Gebetbuch als eine Reliquie von der ſeligſten Stunde meines Lebens mit mir nehmen darf, das Euere Hände gehalten, worauf Euere Augen verweilt ha⸗ ben und das Euch entfiel, als ich Euch nahe trat.“ „Steht auf, Sir!“ ſagte das Fräulein;„Ihr tragt ja keine Schuld und habt nur auf Befehl Eueres Feldherrn gehandelt; dem Krieger aber ziemt Gehorſam. Ihn aber, den übermüthigen Königs⸗ knecht, trifft meine volle Verachtung, und das mit Recht; denn er hat ſich zum frechen Jungfrau'n⸗ räuber erniedrigt und will Krieg führen mit dem wehrloſen Geſchlecht. Steht auf und ſeyd ihm der Vote meiner Verachtung!“ „Nicht eher, als bis das ſüße Wort der Verge⸗ bung von Euern Lippen in meine Seele gefloſ⸗ ſen iſt.“ M. 10 — 146— „Ich verzeih' Euch!“ ſagte Mary Chandon und reichte dem Edelknechte die Hand, indem ſie ihr ſchönes Auge mit demjenigen Wohlgefallen auf ſei⸗ 3 ner angenehmen Geſtalt ruhen ließ, wie es nur die plötzlich aufwachenden, zeither ungekannten, kaum 1 geahneten Gefühle eines vom Gluthpfeile der Liebe getroffenen Herzens in die Blicke, der Beſitzerin un⸗ 1 bewußt, zu zaubern vermögen. 1„Euer huldreicher Blick ſchenkt mich mir ſelbſt . wieder, während Euer gütiges Wort mich hoch er⸗ freut!“ rief der Jüngling aufſtehend, und in jedem Blicke, in jeder Bewegung ein namenloſes Entzük⸗ ken verrathend.„Aber noch habt Ihr nicht erklärt, ob ich das Brevier behalten darf,“ ſetzte er mit ei⸗ nem Tone hinzu, der die überzeugung mit ſich führte, die Bitte könne und werde ihm nicht abge⸗ 1. ſchlagen werden. „Vehaltet es immerhin!“ verſetzte Mary,„und wenn Ihr wirklich fromm ſeyd und betet, ſo vergeßt nicht, den Namen eines unbedeutenden Mädchens Lebens aus dem Waſſer gezogen habt.“ In dieſe Worte war die ganze Fülle geiſtiger Anmuth gegoſ⸗ 3 ſen, die aus ihrem körperlichen Weſen leuchtete; ſie einzuſchalten, das Ihr mit Gefahr Eueres eignen — 147— waren gewiſſer Maßen ein Abbild ihrer ſelbſt, ob⸗ gleich ſchnell vorüber rauſchend, aber in dem Herzen des jungen Mannes unvergängliche Spuren zurück⸗ laſſend. Trunken von Wonne, küßte er das zierliche Brevier und ſchwur hoch und theueres„ niemals von ſich zu thun bis an ſeinen Tod. Der junge Edelknecht, deſſen ſehr vortheilhafte Geſtalt ſchon für ihn einnehmen mußte, entwickelte im Laufe der lebhaften Unterhaltung ſo viel Liebens⸗ würdigkeit, daß Miß Mary, die ihn nicht gehen hieß— und er hatte doch ſo lange zu bleiben an⸗ geſagt, bis ſie ihm den Wunſch ſeiner Entfernung ausſprechen würde— daß Miß Marp ihrem Schick⸗ ſal nicht entgehen konnte und wirklich ſeine Gefan⸗ gene wurde, wenn auch in einem höhern und edlern Sinne, als der Krieger bezweckt hatte. Als ſie ſich anzukleiden wünſchte, entfernte er ſich; aber er harrte, bis ſie die Heimfahrt antrat, und begleitete ſie bis an das Schifflein. Der Mond goß die mattfarbigen Lichtwellen auf Fels und Fluß; ſie wogten wie halberrathene, halbgeahnete ſüße Liebesgeheimniſſe, die in der Bruſt des Geliebten auf und ab ſteigen, eh' ſie ſich enthüllen, über die in Dämmerung fern verſchleierte Gegend hin; die 10* + 6— Wellen ſangen dazu ein ſo paſſendes Lied, worin auch auf jene Geheimniſſe angedeutet wurde; die Bäume ſchienen rauſchend einzuſtimmen und die Felshäupter beifällig zu nicken, und der Mond ſah ſo ſchelmiſch lachend auf das Alles herab, als wollte er jeden Augenblick den Mund aufthun und das Geheimniß vollends verrathen, weil doch Welle und Bäume und Felſen neckiſch damit zauderten. Es war eine herrliche Nacht und der Kriegsmann plau⸗ derte viel und Marh hörte ihm mit ſolchem Won⸗ nebehagen zu, daß ſie die Zeit ganz vergaß, bis plötzlich das Rauſchen eines Schiffes, welches von der Stadt herkam, ſie empor ſchreckte. An dem aus demſelben herüber tönenden Rufe erkannte ſie die Stimme ihres Vaters. Raſch riß ſie ſich los. „Vergönnt einem Armen, Euch täglich, ſo lange er in dieſer Gegend weilt, von der Spitze dieſes Felſens einen Gruß zuzuwinken, wenn Ihr in der Abendſtunde vorüberfahrt!“ flehte der Jüngling, und:„Ich komme morgen“ erwiederte Mary, eh' ſie überlegen konnte, was ſie ſagte. Aber noch ein Mal wandte ſie ſich raſch um und fragte:„Wie heißt Ihr, Sir? damit ich doch einen Namen habe für Euer Bild.“ 3 6 6 — 149— „Ich heiße Walter Gaveſton,“ antwortete er ihr zuhauchend, ſtieg raſch über die Felsſpitzen, höher und höher, nach der Richtung des Lagers, und ver⸗ lor ſich in der Dämmrung. Miß Marh ſaß mit dem frömmſten Geſichte auf der Welt in ihrem Schiffchen und legte, während ſie dem Schiffe ihres Vaters entgegen fuhr, dem Ruderknechte mit kurzen Worten und dem Ange⸗ löbniß eines guten Geſchenkes die ſtrengſte Ver⸗ ſchwiegenheit auf. Als die Schiffe zuſammen trafen, ſchrie der alte Bürgermeiſter:„Lebſt du noch, mein Kind? Biſt du wohl? Warum haſt du mir dieſe Angſt berei⸗ tet? Es iſt bald Mitternacht.“ „Ich bin geſund und wohl!“ verſetzte Mary und erduldete die Umarmung ihres Vaters„der unter⸗ deſſen herüber gekommen war.„Durch meine Un⸗ vorſichtigkeit war ich in's Waſſer gefallen; ein frein⸗ der Mann, der in der Nähe war, zog mich heraus. Eh' ich mich vom Schreck erholte und die Kleider trocknete, iſt die Zeit verſtrichen.“ „Gelobt ſey die heilige Jungfrau!“ rief Pater Anton ſalbungsvoll, der den Bürgermeiſter begleitet hatte.„Der Traum Eueres Vaters hat wirklich — 150— 6 einen Unfall bedeutet; aber Ihr ſehd getettehund Sir Euſtatius wird der Kirche gern ein Opfer ſpenden.“ „Ihr ſollt morgen fünßig Pfund erhalten. Aber mein Kind, wer iſt der Mann, der dir das Leben rettete?“ „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Mary unbefan⸗ gen;„er ging davon, als ich noch ohnmächtig war, und weder der Ruderknecht, noch ſonſt Jemand hat ihn gekannt.“ „Schade, daß meine väterliche Dankbarkeit ihm nicht würdig lohnen kann.“ „Gebt der Kirche, was Ihr ihm zugedacht,“ ſagte der Pater,„dann habt Ihr ihn belohnt ſo würdig, wie Ihr nur vermögt.“* „Ihr ſollt morgen hundert Pfund haben.“ Die Rückfahrt wurde angetreten und Miß Marp brachte die Zeit derſelben mit Gedanken an Walter zu, Sir Euſtatius mit Freudesäußerungen und Pa⸗ ter Anton mit ſtillem Groll, daß 6 Plan heute noch nicht gelungen war. Nach einigen Tagen verbreitete ſich das Gerücht in der Stadt, daß Hugh Spencer's Heer bis an die Mauern heranrücke und alle Anſtalten zu einer hartnäckigen Belagerung mache. Sogleich entwik⸗ kelte ſich eine große Thätigkeit: die Thore wurden wohl verwahrt, die Mauern mit Bogenſchützen und Steinſchleudern beſetzt, und Sir Euſtatius übernahm den Oberbefehl der Bürger. Die meiſten von die⸗ ſen aber, als ſie ſahen, daß es Ernſt werden ſollte, verloren den Muth und beſtürmten den Bürgermei⸗ ſter, den Weg der Unterhandlung einzuſchlagen und es nicht auf's Fußerſte ankommen zu laſſen. Sir Chandon erwartete noch immer täglich und ſtünd⸗ lich die an den Grafen Hainault geſchickten Boten mit dem Verſprechen eines baldigen Entſatzes zu⸗ rück, nicht ahnend, daß dieſe Boten ſchon lange in Spencer's Hände gefallen waren und dieſer aus Hainault's Briefen an Chandon wohl wußte, daß das Heer der Königin Arbeit genug habe und nicht an einen Entſatz der Stadt Hereford denken konnte. Aus dem Grunde dieſes Erwartens ging der alte Bürgermeiſter mehr auf den Wunſch der muthloſen Bürger ein, als auf den der muthvollen, welcher nämlich darin beſtand, dem jungen Spencer mit — 152— bewaffneter Hand zu begegnen und den Sturm zu⸗ rückzuſchlagen. Sir Euſtatius ſandte Boten an den feindlichen Heerführer, denen es auch gelang, einen achttägigen Waffenſtillſtand mit ihm abzuſchließen. Jedermann in Hereford hatte gezweifelt, daß Spen⸗ cer auf dieſen Vorſchlag eingehe, am meiſten Pater Anton; und als er es nun doch that, konnte man ſeine Handlungsweiſe nicht begreifen und ſchrieb ſie, um doch eine Urſache anzugeben, ſeiner Ohnmacht zu. Sobald die Dokumente darüber ausgewechſelt waren, überließ man ſich in der Stadt wieder der frühern Sorgloſigkeit, in dem feſten Glauben, die Königin werde einen ihrer ritterlichen Anhänger mit einem ſtarken Heere ſchicken, welcher den verwege⸗ nen Spencer auf's Haupt ſchlüge. Die alten Luſt⸗ fahrten, kaum einige Tage ausgeſetzt, wurden wie⸗ der begonnen, und gleich einer Heerde ſtolzer Schwäne zogen die buntbewimpelten Schifflein wieder auf dem Fluſſe dahin. Später, als alle andern kehrte das koſtbarſte aller dieſer Fahrzeuge nach der Stadt zurück und von der Höhe der Felſen flatterte dann wohl ein weißes Tuch durch die Nacht ihm noch Grüße zu. Auch flüſterte dann noch zuweilen eine weiche Stimme felsauf:„Gute Nacht, mein Walter!“ — 153— Niemand war über die Verzögerung grimmiger, als Pater Anton, und der Haß ſeiner Seele wandte ſich gegen den Feldherrn, den er im Ausbruche ſei⸗ ner Wuth auf der einſamen Zelle ſeines Stiftes ei⸗ uen thörichten, feigen Knaben ſchalt. So oft Miß Mary Abends von ihrer Fahrt nach Hauſe kehrte, ſtieg ſeine Wuth höher, und er begab ſich eines Abends aus des Bürgermeiſters Hauſe ſogleich aus der Stadt, trotz der Gefahr, erkannt und verrathen zu werden, und ſuchte Sir Hugh in ſeinem Zelte auf, um ihn mit harten und tadelnden Worten zur Rede zu ſtellen. Aber der junge Feldherr begeg⸗ nete ihm mit kalter Würde und bedeutete ihn, es ſey bis jetzt dem tapfern Ritter Sir Walter Gave⸗ ſton, den er dazu beauftragt, nicht möglich geweſen, das bezeichnete Mädchen zu fangen. Hierauf machte ſich der Pfaffe anheiſchig, Miß Marh ſelbſt als Ge⸗ fangene in das Lager zu liefern, bedingte ſich aber auch mit der unverſchämteſten Stirne das Mädchen zum Lohne ſeines Verraths aus. Der Feldherr ent⸗ ließ ihn kalt und ſchier verächtlich. Bereits waren vier Tage des geſchloſſenen Waf⸗ fenſtillſtandes verfloſſen; das Herz der Bürger He⸗ reford's begann allmählig ſchon wieder zaghafter z — 154— ſchlagen und man bereitete ſich hie und da vor, die Stadt dem jungen Spencer zu übergeben, ſo ſehr man auch ihn und den König haßte und der Sache der Königin ergeben war. Sir Hugh's Bedingun⸗ gen waren nicht hart, und ſo blieb, um Blutvergie⸗ ßen zu verhüten, ſchon nichts weiter mehr übrig, als ſich wieder gehorſam dem Scepter des Königs Edward zu fügen. Im Lager Sir Spencer's war man ebenfalls des baldigen Einzugs in die Thore Hereford's ge⸗ wärtig, und ſchon waren vom Feldherrn die Be⸗ fehle gegeben, Waffen und Kleidung in den mög⸗ lichſt beſten Zuſtand zu verſetzen, und die Ritter rüſteten bereits ihre Pracht, um den widerſpenſtigen Bürgern ein imponirendes Schauſpiel zu bereiten. Mitten in dieſen erfreulichen Beſchäftigungen langten mehrere Flüchtlinge an, welche zu dem Heere des alten Spencer gehört hatten, und ver⸗ breiteten eingn plötzlichen Schrecken im Lager durch die traurigen Nachrichten, welche ſie mitbrachten. Die Grafen Hainault und Kent, die beiden mächtigen Parteigänger der Königin, hatten den Kö⸗ nig bis nach Briſtol verfolgt. Hier hatte Edward den alten Spencer als Befehlshaber der Feſtung — 155— zurückgelaſſen und war ſelbſt, von allem Muth ver⸗ raſſen, mit einer kleinen Heeresabtheilung nach Wal⸗ lis geflohen. Briſtol wurde ſogleich hart belagert; die darin eingeſchloſſenen Königlichen empörten ſich gegen den alten Spencer, nahmen ihn gefangen, öff⸗ neten die Thore und überlieferten ihn dem herein ziehenden Grafen Hainault. Dieſer verſammelte ſogleich alle die rebelliſchen Barone ſeines Heeres, und im Kriegsrathe verdammten ſie ſämmtlich ihren größten Feind ohne Anklage, Verhör, Zeugniß und Verantwortung oder ſonſt ein rechtliches Verfahren; ließen ihn denſelben Tag noch an einen Galgen henken, am andern Morgen herab nehmen, in Stücke zerhauen und einem Haufen hungriger Hunde zum Futter vorwerfen. Seinen Kopf aber ſandten ſie nach Wincheſter, weil ihm der König den Grafen⸗ titel von dieſer Stadt gegeben; dort wurde dieſe Trophäe auf einen Pfahl gepflanzt und den Verhöh⸗ nungen des Pöbels Preis gegeben. So ſchrecklich hatte der faſt neunzigjährige Greis geendet. Dieſe Nachricht machte einen furchtbaren Ein⸗ druck auf das Gemüth des jungen Spencer; und wenn ſeine Ritter und Edeln in ſeinem Gemüthe zeither ſchon einen an ihm niemals wahrgenomme⸗ — 156— nen Tiefſinn und eine träumeriſche Unthätigkeit be⸗ merkt hatten, ſo ſahen ſie zu ihrem Schrecken ihn jetzt einer grenzenloſen Traurigkeit hingegeben. Der kühne und tapfre junge Mann, die Seele ſeines Heeres, ſchien die Sorge für daſſelbe ganz ver⸗ geſſen zu haben und, erſchlafft vor dem drohenden Anblick des Unglücks, der Gunſt oder Ungunſt des Augenblicks ſein Schickſal überlaſſen zu wollen. Be⸗ ſorgt über dies unmännliche Beginnen, thaten ſich die Ritter zuſammen, beriethen ſich und traten dann vor den Feldherrn mit der Aufforderung: über dem Todten nicht die Lebenden zu vergeſſen und der Pflichten eingedenk zu ſehn, die er dem Könige und ihnen ſchuldig ſey, und einen entſcheidenden Schritt gegen die Stadt zu thun; denn ſchon ſey im La⸗ ger allgemein die Kunde verbreitet, der Graf Kent ziehe mit einem großen Haufen heran, die Stadt zu entſetzen. In ſolch kritiſcher Lage ſey man nicht ſchuldig, den Bürgern das Verſprechen des Waffen⸗ ſtillſtandes zu halten; vielmehr gebiete die Pflicht der Selbſterhaltung, die Stadt zu überrumpeln und ſich in derſelben gegen den— des Grafen Kent feſtzuſetzen. Sir Hugh Spencer hatte den erwählten Spre⸗ — — 157— cher ſtumm und Anfangs, wie es ſchien, theilnahm⸗ los angehört; aber allmählig fing es tief in ſeinem Auge zu glühen an, ſein Blick flog endlich feurig umher, ſeine Geſtalt erhob ſich, ſeine Hand fuhr heftig an das Schwert und wie ein erwachter Löwe rief er:„Ich ſchwör' Euch, dieſe Nacht werden wir die Stadt erſtürmen!“— Ein lauter Freudenruf ſeiner Krieger begrüßte ihn, und augenblicklich wur⸗ den von ihm und Allen die ſchleunigſten und kräf⸗ tigſten Anſtalten zum Sturme gemacht. Kaum war am Abende deſſelben Tages Miß Mary's Schifflein bei Northbrigg gelandet, als Sir Walter Gaveſton mit haſtigen Schritten aus ſeinem Felſenverſteck eilte, von wo er, wie von einer Warte, den Fluß überſchauen konnte und die nach jenem Gipfel ſpähende Jungfrau ſchon lange begrüßt hatte. Geſenkten Augs erduldete ſie die feurigen Um⸗ armungen des Ritters und hörte mit Entzücken die liebeathmenden Worte deſſelben: „Geſegnet ſehſt du auch heute für die ſelige Stunde, die mir deine holde Gegenwart bereitet! * — 158— Ach, Mary!“ fuhr er in einem wehmüthigen Tone fort und legte ſein Haupt ſchwermüthig auf ihre Schulter,„ich habe dir heute viel, ſehr viel zu er⸗ zählen und mehr, als ſonſt; aber meine Zunge wagt nicht Alles auszuſprechen, wovon meine Seele erfüllt iſt, wenigſtens vermag ſie es nicht, ſo lange noch der Widerſchein des Abendroths aus deinen liebevollen Augen ſtrahlt. Nacht muß es um uns ſehn, finſt're Nacht— und es iſt gut, daß der Mond dieſe Nacht nicht mehr beleuchten wird, wie die frühern unſrer Liebe— wenn ich dir das ſagen ſoll, wozu mich das Herz drängt.“ Miß Marh fuhr mit Schrecken und Erſtaunen zurück und bemerkte erſt jetzt den ungewöhnlichen, traurigen Blick ihres Geliebten.„Walter, was ſol⸗ len deine Worte bedeuten?“ rief ſie.„Zögre nicht mit der Enthüllung deines furchtbaren Geheimniſ⸗ ſes; und furchtbar muß es ſehn, ſonſt würdeſt du es nicht mit ſolch unheilſchwangern Worten ange⸗ deutet haben. Biſt du heute gekommen, mein treues, von unausſprechlicher Liebe gegen dich erfülltes Herz zu brechen? Biſt du gekommen, dein mir gegebe⸗ nes heiliges Gelübde zu vernichten? deine Eide zu⸗ rückzufordern? mir anzuſagen das Schrecklichſte, — 159— was meine Ohren je vernehmen können, nämlich, daß wir uns auf ewig trennen müſſen? Ach, du hätteſt beſſer gethan, mich der Gewalt der Wellen zu überlaſſen, als zur Hälfte nur den grauſamen Mord an mir zu vollbringen, indem du mich für das namenloſe Elend aufbewahrteſt, welches ein ge⸗ brochenes Herz und betrog'ne Liebe bereiten!“ „Trockne dieſe Thränen, meine ſüße Geliebte,“ erwiederte der junge Ritter,„und vernimm auch heute den wiederholten Schwur, daß ich dein bin, ſo lang ich lebe. Nicht um dein edles Herz zu bre⸗ chen, mein ſüßes Mädchen, bin ich gekommen— wie vermöchte ich, ſolch gräßliches Werk zu vollbringen! ich wollte eher tauſendfache Todesqual erdulden—; nein, um dich zu warnen vor einer nahen und gro⸗ ßen Gefahr. Die Wälle von Hereford ſind ſtark und die Arme und Herzen ſeiner Bürger feſt und ſtandhaft; aber ihre Stunde iſt gekommen, und die geheime Bahn des Eroberers gleicht dem Strome, der ſich eine Zeit lang unter der Erde verbirgt, dann aber um ſo ſtärker und unwiderſtehlicher her⸗ vor bricht.“ „Deine Worte ſind dunkel und furchtbar; aber ich kenne keinen Grund der Furcht, noch irgend ein S —— — 160— Mittel, ſie zu vermeiden, wenn die Gefahr wirklich droht. Erkläre dich alſo deutlicher, mein Walter!“ „Fliehe! fliehe mit mir, mein Mädchen 1“ rief Walter mit einer Heftigkeit, welche Miß Marh noch nicht an ihm wahrgenommen hatte und die ſie er⸗ beben machte.„Sieh!“ fuhr er ſanfter fort,„ich will es dir geſtehen, daß ich heute gekommen bin, dich zur Flucht mit mir zu bereden und nicht eher in das Lager zurück zu kehren, als an deinem Arm. Vergiß dieſe ſtarken Wälle und dieſe halsſtarrigen Bürger mit Seelen von Eiſen, wie ihre Helme und Harniſche; und Herzen, ſo kalt, wie das Waſſer ih⸗ res Fluſſes. Deine weiche Seele taugt nicht für die Scenen der nächſten Mitternacht. Laſſ' darum Alles zurück, geh' mit mir in's Lager und werde heute noch mein Weib.“ „Nein, nein! um Gottes und aller Heiligen willen nicht!“ rief Marh angſtvoll.„Das Haupt meines Vaters iſt grau, ſein Haus verödet, ſeine Gattin ſtarb ihm, ſeine Söhne und Töchter; ich plieb allein übrig, und alle die Liebe, die er für jene gehegt, hat er nun auf mich allein übergetra⸗ gen; er ſetzt ſein ganzes Vertrauen in mich; alle ſeine irdiſchen Hoffnungen wurzeln in mir. Ach, — 161— es hat mir ſchon unendlichen Schmerz bereitet, daß ich ihn betrogen und nichts von meiner Liebe zu dir entdeckt habe. Aber meine Leidenſchaft iſt ein glü⸗ hendes Meer, das alle Ufer und Schranken über⸗ fluthet und vernichtet; bei Gott! ich kann nicht an⸗ ders, ich muß dich lieben, Walter, und ich liebe dich mit einer Stärke, für die ich keinen Vergleich weiß. Und meinen Vater darf ich nichts von unſ⸗ rer Liebe ſagen; denn er haßt deine Sache und je⸗ den ihrer Anhänger. Als ich ihm ausführlich er⸗ zählte, wie ein Fremder ſeine Tochter aus den Wellen gerettet habe, hob er ſeine Hände gen Himmel und ſegnete ihn. Ich ſagte ihm, daß der Fremde einer von Spencer's Anhängern wäre; er hielt ſeine un⸗ vollendeten Segenswünſche zurück und verfluchte ihn. Darum kann ich nicht mit dir fliehen; ſein Fluch würde auch mich treffen und uns das Leben hin⸗ durch als ein ſchwarzer Dämon verfolgen. Aber wenn du mit mir in die Stadt gingeſt, wenn du Spencer's gottverfluchte Sache verließeſt und mit mir vor den Vater träteſt, wenn er dein edles Herz, Walter, und deine treue Liebe zu mir kennen lernte, dann würden Zeit und Bitten ihn unſern heißen Wünſchen geneigt machen.“ II. 11 — 162— „Ach, meine Marh!“ lächelte der junge Krie⸗ ger bitter,„eine unſchuldige Liebe weiß nichts von dem blutigen Streit unſres Landes und dein zärtli⸗ ches Auge ſieht nur den Geliebten in mir, nicht 1 den Parteigänger. Wie ſchrecklich, daß die Welt ſo ganz ſchroff mit unſern Wünſchen und Hoffnungen in Widerſpruch tritt! Großer Gott! die Schrecken des Bürgerkriegs werden ſich zwiſchen mein und dein Herz wälzen; und ich bin mit diamantenen Ketten an meine Verhältniſſe gebunden. Du un⸗ 1 ſchuldige Seele hoffſt von Zeit und Bitten bei dei⸗ nem Vater; ach, Bitten ſind vergeblich— glaub' 1 es mir, und die Zeit mit Adlerflug davon geeilt. 1 Schon ſchwingt die ſchwarze Stunde ihre Raben⸗ fitige über unſern Häuptern. Armes Kind, du hörſt ihr unglückbringendes Rauſchen nicht! Doch dein Vater ſoll gerettet werden— verlaſſ' dich auf mich. Zittre nicht für ſein Leben; vertraue mir; was ich verſpreche, kann ich halten. Aber du, meine Geliebte, ſollteſt nicht in die Stadt zurück kehren, die in wenigen Stunden ein feuerflammendes, blut⸗ triefendes Bild des Entſetzens ſehn wird; deine frommen, treuen Augen ſollten die Gräu'l nicht ſchauen; du, die Wehrloſe, ſollteſt nicht der Gefahr —— dich Preis geben; denn, obgleich meine Macht hin⸗ reicht, deinen Vater vor Unglück zu ſchützen, würde es ihr leichter ſeyn, die Blumen auf den Wällen der Stadt vor dem Fuße des Eroberers zu retten, als eine ſo ſchöne, ſo ſchwache Blume, wie du, aus ſeiner Gewalt und Begierde. Darum laſſ' dich er⸗ flehen, Marh, gehe mit mir in das Lager; dorthin will ich dir deu Vater unverſehrt bringen aus dem Gewühle des Kampfes heraus; auf ihn allein will ich mein Augenmerk haben. Komm, komm! die Zeit drängt furchtbar.“ „Nimmermehr!“ rief Marh heftig und entſchieden. „Wer du auch biſt, du haſt mein Herz mit einem Zau⸗ ber erfüllt, der es für immer an dich feſſelt; aber, bei Gott! eher wollte ich meine Hand mit der des wilden, gräßlichen Spencer, deines Herrn und Ge⸗ bieters, ſelbſt verbinden, wenn ſie noch vom Blute der beſten Bürger Hereford's rauchte, als daß ich meinen Vater verließe, wenn ſeine grauen Haare in Gefahr ſind, und meine Geburtsſtadt, wenn Ver⸗ rath durch ihre Straßen ſchleicht und die Gewalt ſich ihren Wällen nähert. Glaube nicht, daß die Liebe mich blind mache für die gerechte Sache des Volks, des von ſeinem ſchwachen und grauſamen 11* — 164— Koͤnige und von den ſtarken und noch weit grau⸗ ſamern Spencern furchtbar mißhandelten Volks. Nein, Walter, ich liebe dies Volk und ſeine Sache; ich liebe dieſe Bürger und ihren Muth; ich liebe dieſe Stadt ſo glühend, wie dich, und ich haſſe den König und ſeine ſchlechten Rathgeber, die Spencer; ich haſſe eure Sache, und liebe nur dich allein, nicht fragend nach deiner Meinung und deiner Partei. Nein, Walter, du ſollſt dein Mädchen nicht verach⸗ ten; du ſollſt mich ſchätzen. Ich weiß, was jetzt zu thun mir obliegt, und ich werde mich von mei⸗ nem Herzen an meine unerläßliche Pflicht nicht mahnen laſſen.“ Mary's eifrige Worte hatten Walter'n einen Augenblick mit dem größten Erſtaunen erfüllt, und, wie von einem Blitze aus blauem Himmel getrof⸗ fen und geblendet, war er einige Schritte zurück ge⸗ wichen. Er bedurfte, gänzlich außer Faſſung ge⸗ bracht, Minuten, um ſich zu ſammeln und zu über⸗ legen, was er in dieſer höchſt ſchwierigen Lage zu thun habe. Aber eh' er mit ſich in's Reine kom⸗ men konnte, war Miß Mary, flüchtig, wie damals, als er ſie zuerſt hier fand, den Felſenpfad hinab geeilt und glücklicher in ihrem Schiſſchen angelangt, —— welches ſogleich mit gutem Winde raſch nach Here⸗ ford zutrieb. Wie erſtarrt ſtand der junge Krieger und war nicht im Stande, ſie zu verfolgen. Als das Schiff⸗ chen in der Nacht verſchwunden war, ſchlug er ſich vor die Stirne und rief wild und verzweifelt:„Ver⸗ dammt ſey meine verliebte Narrheit, daß ich viel⸗ leicht um ein Paar funkelnder Augen willen, die mir's angethan haben, den ſchönſten Kriegsplan zer⸗ ſtört. Ich muß fort, oder das falſche Mädchen wird die ſchlummernden Bürger wecken und zur Vertheidigung aufrufen, ehe die That geſchehen iſt.“ Raſch ſtieg er den wilden Waldgehegen zu„ die die Felſen krönen und an deren gegenſeitigem, die Stadt berührendem Saume das Lager aufgeſchlagen war. Aber noch hatte er die Höhe nicht erreicht, als plötz⸗ lich mehre Krieger vor ihm ſtanden, die er wegen der Dunkelheit nicht erkennen konnte. In demſel⸗ ben Augenblick redete ihn die feiſte Stimme des Pater Anton folgender Maßen an:„Im Ramen des ehrenwerthen Sir Hugh Spencer biſt du ge⸗ fangen, Verräther! Ich habe dich dieſen Abend mit der ſchönen Bürgermeiſterstochter von fern ge⸗ ſehen und mich überzeugt, wie ſchändlich du das — 166— Vertrauen deines edlen Feldherrn mißbrauchſt und wie ſchlecht du die von ihm erhaltenen Befehle er⸗ füllſt. Nehmt ihn feſt, ihr Knechte! und führt ihn vor den Feldherrn, damit er ſeine Strafe erhalte.“ Während dieſer effektvollen Anrede hatte ſich Walter einem der Lanzenknechte genähert und dem⸗ ſelben einige Worte in's Ohr geflüſtert, unbemerkt von dem Pater, deſſen Eifer ſeinen Augen die we⸗ nige Wahrnehmungskraft noch nahm, die die Dun⸗ kelheit der Nacht ihm übrig gelaſſen hatte. Kaum hatte er nun jene Rede beendigt und erwartete, daß die Knechte ſogleich über den Ritter herfallen wurden, als er zu ſeinem Erſtaunen ſah, daß die Knechte ſich gegen ihn kehrten, ihn faßten und die Hände auf dem Rücken zuſammen banden. Es half ihm nichts, daß er, ein Verſehen vermuthend, mit Löwenſtimme rief:„Was thut ihr, ihr Wahnſinni⸗ gen! Ich bin ja nicht der Verräther! ich bin der Pater! Dort ſteht er. Eure Augen führen euch irr. Was ſoll das? Hört ihr nicht? Verflucht ſey euer Beginnen! Sehd ihr raſend geworden? Ich werde euch bei Sir Hugh verklagen, und er wird euch die Köpfe abſchlagen laſſen, ihr Schurken!“ Es war alles vergebens. Stumm verrichteten die — 167— Knechte ihr Werk, ließen den geiſtlichen Mann an Händen und Füßen gebunden liegen und gingen mit Sir Walter davon. Die Mitternachtsſtunde ſchlug auf den Thürmen der Stadt. Sir Hugh Spencer ſtand gepanzert und bewehrt in der Mitte ſeiner Ritter. Das ganze Heer war auf den Beinen, die Waffen in der Hand, und erwartete ungeduldig das Zeichen zum ſtillen und geheimen Aufbruch nach der Stadt. Ah⸗ nungsſchaurige Finſterniß lag über Berg und Thal, über Stadt und Lager, und kein troſtblickender Stern konnte durch die düſtre Wolkenhülle dringen, die den Himmel überzogen hatte. „Ritter und Barone!“ ſagte Spencer,„es gilt dieſe Nacht, gottverfluchte Rebellen zu beſtrafen, die ſich freventlich gegen ihren, ihnen von Gott gege⸗ benen König aufgelehnt haben; es gilt ferner, mei⸗ nen Vater zu rächen und ſeinen blutigen, Rache be⸗ gehrenden Schatten zu ſühnen. Der Sieg iſt uns gewiß; Hereford's Bürger ſchlafen, auf den Waffen⸗ ſtillſtand vertrauend, und eine ſtarke Partei in der — 168— Stadt huldigt dem Könige und empfängt uns mit Jubel. Laſſit uns aufbrechen.“ „Es macht mir bange,“ erwiederte Sir Henry Sulton, einer der erſten Anführer,„daß der Pfaffe, der uns in die Stadt führen wollte, nicht wieder⸗ gekehrt iſt. Er erſchien dieſen Abend im Lager, wäh⸗ rend Ihr ausgegangen war't, Sir Hugh, um die Gelegenheit der Stadt zu erſpähen, und beſchuldigte einen unſrer Ritter des Verraths, den er Euch ſelbſt überliefern wollte, wenn ich ihm einige Knechte mitgäbe. Allein weder die Knechte, noch er ſelbſt haben ſich wieder bei mir gemeldet.“ „Sorgt darum nicht,“ verſetzte Spencer;„wir finden den Weg auch allein zur Stadt, und auf meinen einſamen Spazirgängen habe ich mich mit der Umgebung derſelben ganz vertraut gemacht. Sir Henry, gebt das Zeichen zum Aufbruch 1 Gleich darauf ſetzte ſich das Heer in Bewegung und langte nach kurzer Friſt an den mit Waſſer gefüllten Gräben an. Schnell wurden eine Menge Floße, die die Knechte am Tage zugerichtet hatten, hinein geſenkt, die Sturmleitern hinüber gezogen, und nach einer Stunde war das Heer auf mehren Vegen bis an die innern Wälle gelangt. Hier — 169— aber trafen ſie auf unerwarteten Widerſtand. Die Waälle waren mit bewaffneten Bürgern beſetzt und ſogleich begann der heftigſte Kampf. „Der Pfaffe hat Recht gehabt,“ rief Sir B dem Feldherrn zu:„s iſt ein ſchändlicher Verrä⸗ ther unter uns. Dieſe Bürger ſind auf unſern An⸗ griff vorbereitet.“ „Es iſt ſchlimm, daß der Pfaffe Recht hat,“ ſeufzte Sir Hugh,„aber es iſt ein Mal ſo, und jetzt kann uns nur das Schwert retten.“ Und mit der wilden Tapferkeit, die auf das Le⸗ ben verzichtet hat und nichts weiter mehr im Sinne führt, als den Gegner zu vernichten, ſtürzte ſich der kühne Spencer in die Schaar der Bürger; ihm nach ſein kampfglühendes Heer. Die Vertheidiger der Wälle wurden geſchlagen und in die Stadt zu⸗ rückgeworfen. Dort wüthete bald darauf der Kampf weit ſchrecklicher und vernichtender in den Straßen. Alle Schreckensgebilde des Bürgerkriegs waren hier entfeſſelt, und Opfer fielen auf Opfer. Während die Bürger mit Streitärten, Kolben, Partiſanen und andern ſchweren Waffen auf die Königlichen los ſchlugen, warfen ihre Weiber ungeheure Steine aus den Fenſtern der Häuſer auf die vollgeſtopften 3 1 . 5 — — 170— Straßen und goſſen glühendes Hr und Pech, ſchleu⸗ derten brennenden Schwefel und lodernde Reisbün⸗ del auf die Spencer'ſchen Krieger. Dieſe ſahen ſich, trotz ihrer Tapferkeit, mit den örtlichen Verhältniſ⸗ ſen der Stadt unbekannt und von der nächtlichen Finſterniß behindert, in den Straßen eingeſchloſſen. Von hinten und vorn drangen die wüthenden Bür⸗ ger auf ſie ein, ſchlachteten ſie oder nahmen ſie ge⸗ fangen, von oben her wütheten Steine und Feuer ge⸗ gen ſie; ihre Tapferkeit war durch das wilde Gedränge gebunden und, die nicht an beiden Enden waren, mußten unthätig bleiben, wollten ſie nicht ſich un⸗ ter einander ſelbſt morden. Die Häuſer waren alle feſt verrammelt, und ſo mußten die Unglücklichen ſich ſchmachvoll todtwerfen oder verbrennen laſſen. Die ganze Stadt war gegen Spencer aufgeſtandenz Greiſe, Weiber und Kinder dienten dem Mord als Knechte. Sir Hugh überzeugte ſich bald, daß Alles verlo⸗ ren ſeh, und, ſeinem Geſchick fluchend, ſchlug er ſich mit einem Häuflein ſeiner Tapferſten und Getreue⸗ ſten muthig durch mehre Bürgerhaufen und hatte faſt den Wall erreicht, um ſich zur Flucht zu wen⸗ den, als ſich ihm eine neue Schaar entgegen warf, — 171— in deren Reihen ſich Fackelträger befanden. Das Licht dieſer Kienfackeln erleuchtete den wild begin⸗ nenden Kampf abenteuerlich. Aus den Ausrufun⸗ gen der Bürger erkannte Sir Spencer bald, daß er jetzt mit dem Oberhaupte der Stadt, mit Sir Eu⸗ ſtatius Chandon ſelbſt zu thun habe. Wirklich focht der ſilberlockige Greis mit dem Jünglingsmuth in der Mitte ſeiner Getreuen und, als er von den Fackelträgern vernahm, Sir Hugh ſey unter den Gegnern, riß ihn das Feuer ſo weit hin, daß er bald dieſem gegenüber ſtand und ihre Schwerter ſich begegneten. Aber wie Blitzesſtamme zuckte des Jüng⸗ lings Stahl auf den Greis herab, und getroffen ſank dieſer nieder. Ein Wehgeſchrei der Bürger er⸗ hob ſich bei dieſem Anblicke:„Sir Euſtatius Chan⸗ don iſt gefallen!“ und viele von ihnen wendeten ſich zur Flucht, ſo daß es den Königlichen gelang, zu entkommen und das Thor zu erreichen. Sir Hugh Spencer hatte aber kaum den Namen des Greiſes vernommen, den ſeine Jünglingskraft gefällt, als er, ſtatt die Gelegenheit zur glücklichen Flucht, wie ſeine Freunde, zu benutzen, ſich raſch zu dem Ver⸗ wundeten niederbeugte und, nicht ohne einen Aus⸗ druck von Schmerz, die Hauptwunde unterſuchte — Weil er nicht genau ſehen konnte, lief er einem Fackelträger nach, entriß ihm die Fackel und be⸗ leuchtete damit den Kopf des Bürgermeiſters. Die Wunde war bei weitem nicht ſo ſchlimm, als er Anfangs gefürchtet hatte; aber auch dieſe zu ver⸗ binden, löste Hugh ſeine Feldbinde vom Panzer. über dieſem Geſchäfte fanden ihn die zurück gekehr⸗ ten Bürger, und er ward ihr Gefangener, wie ſehr diele Andre ſeines Heeres. Das Blutvergießen hatte aufgehört, die Gefan⸗ genen wurden eingeſperrt, mit ihnen Sir Spencer; an die Verfolgung der Geflohenen dachte man nicht, ſondern überließ ſich bacchantiſcher Freude. So war von den Königlichen gerettet, wer das Thor hatte erreichen können; die übrigen lagen todt oder ſter⸗ bend auf den Straßen oder lebendig in den Ge⸗ fängniſſen. Als der junge Tag ſein Auge auf⸗ ſchlug, erblickte er die Straßen voll Bluts und zum Theil durch Brand verſtümmelter Leichen, über welche der Jubel der Einwohner in wilden Tänzen und Geſängen dahin raſete. Aber ſo wie die ſiegreichen Bürger kein Maß und Ziel in ihrer Freude hielten, eben ſo wenig konnten ſie ein ſolches in ihrer Rache finden. Man ſah berauſchte Weiber mit unmenſch⸗ —— licher Luſt die Leichname noch mehr verſtümmeln, und die edelſten Bürger der Stadt, befangen von der Barbarei des Zeitalters, fanden ein Vergnügen darin, Galgen in den Straßen aufzubauen. Drei Tage lang hatte man ſich damit beſchäftigt; da kam die feierliche Geſandtſchaft zurück, welche der Köni⸗ gin Iſabella die Siegesnachricht überbracht hatte, und verkündete den mit neuem Jubel empfangenen Befehl, alle Gefangene, ohne Unterſchied, als Miſ⸗ ſethäter zu behandeln und öffentlich hinzurichten. Man hatte dieſen Befehl gewünſcht und erwartet; um ſo bereitwilliger zeigte man ſich alſo, ihn aus⸗ zuführen, und Männer und Weiber ſtürzten in ra⸗ ſender Siegstrunkenheit nach den Gefängniſſen, die Schlachtopfer ihrer bacchantiſchen, blutdürſtigen Wuth zu den in allen Straßen, auf allen Plätzen zahl⸗ reich auferbauten Galgen zu ſchleppen. Die tapfern königlichen Krieger erduldeten alle, ohne Auszeich⸗ nung der Geburt und des Standes, die ſchimpfliche Strafe. Und mitten durch dieſe Gräu'l hindurch jubelte ein bunter, ungeheurer Zug, in deſſen Mitte man einen Siegeswagen, von phantaſtiſch gekleideten Men⸗ ſchen gezogen, erblickte. Auf dem Wagen aber ſaß Miß Marh Chandon in fürſtlichem Schmuck, eine Mauer⸗ krone auf dem Haupte; ihr zur Rechten hatte ihr Vater, der alte Bürgermeiſter, mit verbundenem Kopfe Platz genommen— die Freude hatte ihn von ſeiner leichten Wunde ſchnell wieder hergeſtellt— zur Linken aber ſaß Pater Anton, mit einem fromm⸗ ſtolzen Geſichte, mit der einen Hand ein Crucifir uͤber der Menge ſchwingend, während die andre Miß Mary's Hand gefaßt hielt. Sein Mund theilte Segensſprüche über das Volk aus und Belobungen im Namen des Himmels wegen des erfochtenen Siegs. „Heil der Retterin unſrer Stadt!“ jauchzte die nnüberſehbare Menge,„Heil Miß Mary Chandon, die uns vor dem Untergange bewahrt! Heil auch Sir Euſtatius Chandon! Heil dem Pater Anton! Heil den Rettern Hereford's!“ Und wenn Jemand im Volke fragte, wie denn der Pater, dem man nie recht getraut, zu der Ehre komme, für einen Ret⸗ ter der Stadt zu gelten, ſo wurde von Mönchen und Laien mit vielem Pompe erzählt: Pater Anton habe aus wahrgenommenen BVewegungen im feindlichen Lager Vermuthungen gezogen, und, um ſich zu über⸗ zeugen, ſey er über die Felſen nach dem Lager ge⸗ — 175— gangen. Einige Soldaten hätten ihm auf ſeine ſchlauen Fragen auch bereits das Geheimniß des überfalls verrathen; und er ſey eben im Begriff ge⸗ weſen, nach der Stadt zu eilen, um die Anzeige zu machen, als ein Dritter von Spencer's Heer, wahr⸗ ſcheinlich ein Ritter, hinzugekommen und, als dieſer kaum vernommen, daß der Pater von allem unter⸗ richtet, befohlen habe, ihn zu binden. Der Pater habe die ganze Nacht gebunden auf dem Felſen ge⸗ legen und als ein Märthrer für die Stadt gelitten; ja, wenn die Kriegsknechte nicht Ehrfurcht vor ſei⸗ nem heiligen Stande gehabt, ſo hätte er gar den Märthrertod ſterben müſſen. Früh ſey er von Land⸗ leuten aus Northbrigg, die in die offne Stadt ge⸗ ſtrömt ſeyen, um die Feſte des Siegs mitzufeiern, gefunden, erlöst und im Triumph in die Stadt ge⸗ führt worden. Ihm, als dem Märtyrer für die er⸗ rungene Freiheit, gebühre demnach der dritte Platz auf dem Triumphwagen. Und Riemand machte ihm denſelben ſtreitig; vielmehr drängte ſich das Volk, wie unſinnig, etwas von ſeinen Segenswünſchen zu erhaſchen, und wer ſo glücklich geweſen war, von Pater Anton's Cru⸗ eifit berührt zu werden, wurde von frommen Schauern — 176— befallen und konnte der Verſuchung ſchwer wider⸗ ſtehen, ſich ſelbſt für einen halben Heiligen zu halten. Miß Marh ſaß ernſt und bleich, wie eine ge⸗ ſchmückte Statue, im Wagen und heftete das Auge ſtarr auf die Menge, unempfindlich für ihren Jubel und zermartert von dem entſetzlichen Gedanken, plötz⸗ lich an einem der Galgen ihren geliebten Walter hängen zu ſehen. Seit dem Augenblicke, wo ſie ih⸗ rer patriotiſchen Pflicht ein ſo ſtrenges Genüge ge⸗ than, war ihr weiches Herz von den furchtbarſten Qualen zerfleiſcht worden. Am Tage hatte ſie ihren wüthenden Schmerz vor den Augen der ungeſtümen Freude verbergen müſſen; um ſo wilder war er Nachts wiedergekehrt, und ſie hatte die Nächte durch geweint und in troſtloſer Verzweiflung die Hände gerungen. Deßhalb ſaß ſie ſo ſchauerlich bleich und ſtarr auf dem Wagen, deßhalb ließ ſie ſich wie ein gefühlloſes Götzenbild anſtaunen, anjauchzen, mit Blumen und Bändern überſchütten und umherzie⸗ hen; in ihrem eiskalten Herzen pulſirte nur der eine gräßliche Gedanke, wie eine Todtenuhr: Wal⸗ ter's Mörderin zu ſehn. Der Abend deſſelben Tags war dazu beſtimmt, —— die im Kampfe Gefallenen zu entfernen. Es war von Seiten des Stadtregiments beſchloſſen, nach den Tagen der Frende nun eine Nacht der Trauer zu widmen. Bis jetzt hatte man alle Leichen, ohne Unterſchied, auf Befehl des Bürgermeiſters vor die Stadt auf einen großen Platz getragen und dort Freund und Feind an einander gereiht. Nun ſoll⸗ ten die Bürger der Stadt Hereford ausgeleſen und in ein geweihtes Grab mit großer Feierlichkeit be⸗ erdigt werden; die Königlichen aber, ſowohl die Gebliebenen, als auch die Gehenkten— denn auch dieſe waren auf den Anger gebracht worden— ſoll⸗ ten keines Bettes in der Erde theilhaftig,— ſo⸗ weit trieb man die Grauſamkeit— ſondern, dem Fluſſe übergeben, ein Fraß der Fiſche des Meeres werden. Als nun der Abend gekommen war, hielt man mit Fackeln, die ihren blutrothen Schein auf das Leichenfeld goſſen, die Muſterung der Todten. Die Angehörigen der gefallenen Bürger ſuchten dieſe heraus und trugen ſie unter Weinen und Wehkla⸗ gen auf den Gottesacker, wo ſie verſammelt wur⸗ den. Um die übrigen bekümmerte man ſich nicht. Nur zwei ganz verſchleierte und verhüllte Frauen II. 12 eeeeeeee —— 3 — 178— widmeten allein den Königlichen ihre volle Aufmerk⸗ ſamkeit. Die eine von ihnen trug eine Fackel und leuchtete jedem in's Geſicht— ein ſchauerliches Geſchäft. Es war Miß Marh mit ihrer Zofe, die ihres Walter's Leiche ſuchte. Die ganze Nacht brachte die Unglückliche mit dieſer grauſigen Be⸗ ſchäftigung zu und kümmerte ſich nicht, allein mit ihrer Dienerin unter den Todten zu wandeln, noch bezeigte ſie Luſt, dem feierlichen Todtenamte beizu⸗ wohnen, welches Pater Anton mit dem Biſchofe auf dem Gottesacker der Stadt den gebliebenen Bür⸗ gern in der Mitternachtsſtunde hielt, und wohin die ganze Bevölkerung Hereford's geſtrömt warz ſie ſuchte emſig und unermüdlich den Geliebten, aber ſie fand ihn nicht. Als der Morgen graute, war ſie mit der Muſt'rung fertig und kehrte, das Herz voll neuer Hoffnungen, nach Hauſe zurück. Weder unter den Gefallenen, noch unter den Gehenkten hatte ſie ihren Walter gefunden, und das Auge der Liebe hatte ſcharf geſehen, der Muth der Verzweif⸗ lung eifrig geſucht: Walter's Züge hätten ihr, ſelbſt in der Entſtellung des Todes, nicht entgehen kön⸗ nen. Alſo war ihm die Flucht aus der Stadt ge⸗ lungen, wie vielen Andern;z er war gerettet, und ſie — 179— durfte hoffen, ihn wieder zu ſehen. Die ſtarre Eis⸗ rinde, womit die Verzweiflung ihr Herz umſponnen hatte, wich, berührt vom warmen Frühlingshauche der Hoffnung, und fiel, alſo zerſchmolzen, als Thrä⸗ nenthau aus ihren ſchönen Augen. Neues Leben ſtrömte durch Mary's Bruſt, und nun erſt war ſie fähig, Theil an der Freude zu nehmen, welche nun milder und gemäßigter durch die Stadt zog. Von allen Gefangenen hatte man allein Sir Hugh Spencer noch am Leben gelaſſen; nicht etwa, um ihm daſſelbe zu ſchenken„ ſondern um ihn we⸗ gen ſeines hohen Ranges und des äußerſten Gra⸗ des von wüthendem Haß aller Einwohner Here⸗ ford's gegen ihn, als das letzte und beſte Opfer, aufzuſparen und ſeine Hinrichtung, mit allen mög⸗ lichen Ceremonien ausgeſchmückt, zu einem ſehr fei⸗ erlichen Tag für die Stadt zu machen. Nicht das Mitleid oder irgend eine andre milde, menſchliche Empfindung hatte ihm das Daſehn noch um einige Tage gefriſtet, ſondern der Haß. Man wollte ſich rechte Zeit zu der Tigerwonne nehmen und ſie mit recht bequemer und feierlicher Muße ge⸗ nießen, den verfluchten Gegner in Todesangſt zu ſehen. 12* — 180— Der alte Bürgermeiſter ließ große Anſtalten ma⸗ chen: ein ungeheueres Galgengerüſt wurde auf dem Markte der Stadt aufgeführt und Spencer's Range und Reichthum gemäß decorirt; dicht daran waren große Eſtraden für die Ritterfamilien, und die mit⸗ telſte und dem Platze der Hinrichtung nächſte hatte Sir Euſtatius für ſich und ſeine Tochter beſtimmt. Alle Einwohner hatten ſich am beſtimmten Tage wie zu einem beſondern Feſte geſchmückt, und der Markt war voll Menſchen. Jedermann wollte den wilden Spencer ſehen, wenn der Verhaßte den Lohn ſeiner Thaten empfinge. Die allgemeine Freude, den Feind des Adels und des Volks, den verwünſch⸗ ten Feind in ihrer Gewalt zu haben und ſterben zu laſſen, war ſo groß, daß ſelbſt die Frauen und zarten Töchter der Ritter und ausgezeichnetſten Bür⸗ ger ſich auf die Eſtraden um das Schaffot dräng⸗ ten, um den mit dem Leben unter den Händen des Henkers büßen zu ſehen, den ſie für die alleinige urſache all ihres Unglücks hielten. Miß Mary Chandon war nicht unter dieſer An⸗ zahl; ihr zarter weiblicher Sinn ſträubte ſich, Zeu⸗ gin eines ſo gräßlichen Schauſpiels zu ſeyn. Aber ihr in leeren Formen befangener Vater hielt es für* — 181— einen Ehrenpunkt, an der Seite der Retterin der Vaterſtadt, Spencer's Hinrichtung beizuwohnen 5 er nöthigte die Arme durch ſtrengen Befehl, ſich wie⸗ der auf's Koſtbarſte zu ſchmücken und die von der Stadt zum Lohn für ihre That empfangene Mauer⸗ krone auf's Haupt zu ſetzen. Er ſelbſt warf ſich in ſein reiches Bürgermeiſter⸗ ornat und ging alſo an der Seite ſeiner Tochter, jetzt doppelt ſtolz auf ſie„von ſeinem zahlreichen Gefolge geleitet, nach dem Markt, um dort, begrüßt von dem Beifallruf der ungeheuren Volksmenge, den erſten Platz einzunehmen. 6 Schon war der Nachmittag herbeigekommen, da kündeten die Glocken der Domkirche dumpf und feierlich mit inhaltsſchwerem Geläute die Todes⸗ ſtunde des unglücklichen Spencer an. Mit dieſem ſchauerlichen Glockenklange lagerte ſich plötzlich eine ſchwermüthige, faſt ängſtliche Stille auf die Menge, und das grinſelnde Lächeln ſelbſt auf dem Geſichte des Herzloſeſten erſtarrte plötzlich zu einem wun⸗ derbaren Ernſte, gleichſam berührt vom Hauche der ſtrafenden Gottheit ſelbſt. Der traurige Zug näherte ſich dem Markte; langſam und feierlich bewegte er ſich dem Blutge⸗ 4. — 182— rüſte zu; Aller Herzen ſchlugen ängſtlich. Während aber in den Augen der das Schlachtopfer umgeben⸗ den bewaffneten Bürger und Krieger eine zornige Freude glänzte, gaben die Augen der übrigen Zu⸗ ſchauer, vorzüglich der weiblichen, einen Glanz and⸗ rer Art von ſich: es war der von Thränen der Rährung, ein Tribut menſchlichem Gefühle, das wohl auf eine Zeit verläugnet, nie aber ganz unterdrückt werden kann und in gewiſſen Augenblicken um ſo ſtärker hervorbricht. Jener Glanz wurde in vielen Augen zu Thränenbächen, als ſie die ſchöne männ⸗ liche Geſtalt des dem Tode geweiheten jungen Man⸗ nes erhlickten, geeigneter, den Hof eines Königs oder vielmehr einer Königin als prangendſter Edel⸗ ſtein oder als prächtigſte Blume im Kranze der Hofherrn zn zieren, oder der angebetete Gegenſtand einer jungen leidenſchaftlich glühenden Dame zu ſehn, als wegen armſeligen Parteihaſſes das trau⸗ rige Schickſal zu erdulden, dem ſich zu unterwerfen er mit Ergebung bereit war. Des bedauernswürdigen Jünglings Haupt war entblöst und ſein langes blondes Haar fiel in rei⸗ chen Locken auf die breiten, ſtarken Schultern herab und ließ ſeine edeln, ausdrucksvollen, feingebildeten, — 183— obgleich von der Sonne und den Mühwaltungen der letzten Zeit gebräunten Geſichtszüge— die aber dadurch an Reiz gewonnen hatten— unbedeckt. Er trug die Kleidung des königlichen Heeres, und ein Stern auf ſeiner Bruſt zeigte ſeinen Feldherrnrang an. In der einen Hand hielt er ein ſchön verzier⸗ tes Buch, worein er zuweilen blickte; in der andern ein elfenbeinerne Frucifir, welches er oft und mit Inbrunſt küßte. Sein Verhalten war ſtandhaft und ſtolz, und ſeines frühern Lebens würdig z wenn er aber das geiſtreiche Auge über ſeine Umgebung hinglei⸗ ten und auf den theils mißgeſtalteten, theils lächer⸗ lich martialiſch herausgeputzten Geſtalten ſeiner Wa⸗ chen haften ließ, dann flog wohl ein leiſes Lächeln des Spottes über ſein reizendes Geſicht, und er mußte ſchnell in das Buch ſehen, um ſeine Gedan⸗ ken wieder himmliſchen Gegenſtänden zuzukehren. Der Anblick des Galgens jedoch, der fünfzig Fuß hoch über dem Schaffot ragte, ſchien ihn in Schrecken zu verſetzen, da er nicht über die ſchimpf⸗ liche Art ſeines Todes unterrichtet worden war. Er⸗ blaſſend und mit Thränen im ſchmerzgetrübten Auge rief er, auf den verfluchten Baum hindeutend:„Iſt es der abſcheuliche Tod am Galgen, ihr rebelliſchen — 184— Hunde, zu welchem ihr den Erben von Wincheſter führt? Ha, könnt ihr mich nicht einen ehrenvollen Tod ſterben laſſen, wie ihn mein Rang und meine Tapferkeit von euch fordern?“ Ein höhniſches, bitt⸗ res Lächeln war die Antwort ſeiner Wachen; und tief aufſeufzend fuhr der ſchöne Jüngling fort:„D Gott! im Felde, in den Wellen, ſelbſt im Feuer, auf dem Blocke, der ſo oft vom beſten und edelſten Blute rauchte, hätte ich lächelnd ſterben wollen; aber ſo—“ Seine innere Bewegung ſchien ſich zu ſteigernz aber raſch und entſchloſſen unterdrückte er plötzlich jedes äußere Zeichen derſelben und drängte das weh⸗ müthig bitt're Gefühl in das Herz zurück, das in wenigen Augenblicken nicht mehr ſchlagen ſollte. Denn das ſchadenfrohe Vergnügen der rohen und gemeinen Natur, das ſich auf den verzerrten Geſich⸗ tern ringsumher als widriges Grinſen äußerte, das Vergnügen über den ohnmächtigen Zuſtand, in wel⸗ chen ſie das ſtolze Herz ihres vor kurzem noch ſo mächtigen Feindes ſahen, war der Seele des Jüng⸗ lings beängſtigender, ſelbſt als der ſchimpfliche Tod, zu welchem er ſich von gemeiner Rachſucht ver⸗ dammt ſah. —— Er ſtieg auf das Schaffot, und ſo wie er auf der Höhe deſſelben erſchien, hatte ſein ſchönes Ge⸗ ſicht wieder die vorige Ruhe und den ſtolzen Aus⸗ druck beleidigter Würde angenommen, und mit an⸗ ſcheinender Munterkeit ſchritt er vorwärts. Der Pa⸗ ter Anton, welcher ihn auf dem Blutgerüſte erwar⸗ tet hatte, trat jetzt auf ihn zu, um ihm, auf den Wunſch der Stadtoberhäupter, im letzten Augenblicke geiſtlichen Zuſpruch zu gewähren. So wie Hugh Spencer den Pfaffen in's Geſicht bekam, verfinſter⸗ ten ſich ſeine Züge und, indem er mit der Hand eine unwillige, abwehrende Bewegung gegen den falſchen Kirchendiener machte, nahmen ſeine Mie⸗ nen den Ausdruck des tiefſten Abſcheu's an; aber eben ſo ſchnell wandte er ſich ab und drehte ſich nach den Eſtraden hin, auf welchen Hereford's vor⸗ nehme Welt verſammelt war, und ließ ſein Auge ruhig über ſie hingleiten, gleichſam als ſuche er Je⸗ mand in ihren Reihen. In dieſem Augenblicke traf ein furchtbares, herzzerreißendes Geſchrei das Ohr der Zuſchauer von der Seite der Eſtraden her, und ehe man noch Zeit fand, ſich nach der Quelle deſ⸗ ſelben umzuſehen, ſtürzte ein weibliches Weſen tod⸗ tenbleich, wüthenden Jammer ausheulend und die — 186— Luft erfüllend mit entſetzlichem Geſchrei, auf das Schaffot und ſchloß den Verurtheilten mit krampf⸗ hafter Bewegung in die Arme. Das prächtige, ſchier gar fürſtliche Kleid derſelben hing unordent⸗ lich um ſie her, ihr Haar flatterte in der Luft und, wie zum furchtbarſten Hohne, hing noch die koſt⸗ bare Mauerkrone auf ihrem Scheitel. Das größte Erſtaunen feſſelte die Athemzüge der Menge in ih⸗ rer Bruſt; Jedermann hatte Miß Marh Chandon, die Tochter des Bürgermeiſters, in der erkannt, welche den gehaßten Feind in ſolch gräßlichem Ausbruch des Schmerzes und der Leidenſchaft an ihre hoch⸗ aufwallende jungfräuliche Bruſt drückte und dazu ein wahnſinniges Geſchrei ausſtieß. „Walter, Walter!“ ſtöhnte Marh in wahnſinni⸗ ger Verzweiflung,„dich wollen ſie ſtatt des Spen⸗ cer hinrichten? Du willſt dich aufopfern für den Tyrannen? Nimmermehr! Dir dürfen ſie das Le⸗ ben nicht nehmen, du edelſter und bravſter aller Menſchen!— Hinweg, ihr blutdürſtigen Raubthiere! es iſt nicht Hugh Spencer, ſondern Walter Gave⸗ ſton, ein Ritter aus Spencer's Heere. Ihn könnt ihr nicht tödten, ihn dürft ihr mir nicht entreißen; denn er iſt mein Geliebter. Nein! bis daß meine — 187— Arme im Tode erkalten, will ich ihn ſo umſchlin⸗ gen und der Welt, die uns zu trennen verſucht, trotzen.“ „Ach, Marh, theuerſtes Mädchen!“ ſeufzte der Verurtheilte,„das iſt zu viel! Meine Seele ver⸗ mag dieſen Jammer nicht zu ertragen. Großer Gott! der Kelch iſt ſehr herbe, den du mich bis zum Boden leeren läßt. O, Marh! ich hoffte, dei⸗ nen lieben Augen dies Schauſpiel zu erſparen; aber die kalten Bürgerbarbaren haben es ſo beſchloſſen. Laſſ' mich, Macrh! laſſ' mich! Es iſt Alles ver⸗ geblich. Erſchwere mir den Tod nicht grauſam. Herzloſe Mörder, verſchont dieſe Jungfrau, die ich liebe!“ „Aber ſo ſage doch nur ein Wort,“ flehte Miß Chandon,„ſage nur das eine: daß du nicht Hugh Spencer biſt, und du biſt gerettet. Dann muß dich mein Vater befreien. O Walter! Walter! du darſſt nicht ſterben. Ich liebe dich zu glühend, zu ſtark; du darfſt nicht für Spencer ſterben.“ „Armes Kind! ſiehſt du denn nicht, daß ich Hugh Spencer bin? Ach! ich habe deine Unſchuld hin⸗ tergangen, habe mich unter falſchem Namen in dein reines, unſchuldiges Herz geſchlichen— und dies — 188— iſt der einzige Grund, weßhalb ich meinen Tod für gerecht und verdient halte.“ Mary ſtand einen Augenblick wie verſteinert; dann kreiſchte ſie wild auf:„Glaubt es nicht; glaubt es nicht! Eriſt Walter Gaveſton, mein Geliebter, mein Gemahl, und er will grauſam ſterben, um mich für den gräßlichen Verrath zu beſtrafen, den ich an ihm und ſeiner Liebe beging. Walter, ich bin eine verabſcheuungswürdige Verrätherin, aber ich liebe dich mehr als mein Leben;ʒ habe Erbarmen, habe Mitleid mit mir! Stirb nicht, Walter! ſtirb nicht! Lebe für deine Mary. Ach! ich rühre dich nicht; ich will mich an einen Andern wenden.“—„Mein Vater!“ rief ſie den in kleiner Entfernung ſtehenden, heftig zittern⸗ den alten Mann an,„mein Vater, rette ihn! Er rettete dein Kind!“ „Er muß ſterben!“ ſagten die Stadtälteſten mit finſtern Geſichtern, und auf ihren Wink faßten die Lanzenknechte Miß Mary, um ſie von dannen zu führen. Sie ſträubte ſich heftig, ihr Kleid zerriß, die Krone fiel von ihrem Haupte und wurde zertre⸗ ten. Immer wilder jammernd blickte ſie auf Spencer hin, aus deſſen Augen ein Thränenſtrom hervor⸗ hrach. Sie verfiel in Convulſionen; ein mehr thieri⸗ — 189— ſches, als menſchliches Wuthgeſchrei brach aus ih⸗ rem Herzen, dann ſank ſie bewußtlos und ohnmäch⸗ tig in die Arme ihrer Umgebung. „Das iſt dein Werk, Pfaffe!“ wandte ſich Spen⸗ cer jetzt zum Pater Anton;„ich hoffe, der Himmel wird es dir nicht unvergolten laſſen.“ Der Pater erblaßte einen Augenblick, und als er in dem Buche, welches Spencer jetzt an die Lip⸗ pen drückte, ſein der Miß Marh geſchenktes Laien⸗ brevier erkannte, ſuchten ſeine unſtäten Augen einen andern Gegenſtand. Sir Spencer hatte unterdeſſen den hinter ihm ſtehenden Henker einige Worte zugeflüſtert; raſch eilten beide die Leiter hinauf, und eine Minute ſpä⸗ ter hatte der verhängnißvolle Strang dem jungen Leben Hugh Spencer's ein Ende gemacht. Um acht Uhr Abends glitt täglich, Winter und Sommer über, das bekannte ſchöne Schifflein von Hereford nach Northbrigg auf dem Strome dahin; weder Wind noch Wetter, Regen und Sturm wa⸗ ren dem geſchmückten Fahrzeuge ein Hinderniß. Drinnen aber ſaß eine ſchoͤne, bleiche Wahnſinnige, —— Miß Marh Chandon, die Beſitzerin des Schiffleins. Starr und regungslos verweilte ſie den ganzen Tag über in ihrem Zimmer, und außer ihrem Vater durfte Niemand hinein kommen, wenn man ſie nicht in die heftigſte Raſerei verſetzen wollte; ſelbſt dem alten, unglücklichen Manne geſtattete ſie nur ſelten Zutritt. Speiſe nahm ſie wenig, und die Sorge für ihren Körper kam niemals mehr in ihre Seele. Wenn aber der Abend nahete, begann ſie lebendiger zu werden, und obgleich ſie ſich nie um Zeit und Stunde kümmerte, ſo kleidete ſie ſich doch Punkt Sieben an und beſtieg im Hofe ihres Hauſes Punkt Acht das Schiſſchen. Derſelbe Ruderknecht, der ſie ſonſt bedient, mußte ſie jeden Abend hinaus führen. Lächelnd ſaß ſie erſt auf ihrem Platze; wenn das Schiff aber jenem Felſen ſich näherte, von welchem Spencer ſeine Geliebte begrüßt hatte, ſtand ſie auf, trat vor und ſtarrte mit geſpannter Erwartung nach dem Gipfel deſſelben. Dieſe Spannung ſteigerte ſich, wann ſie landete, ſchnell ausſtieg und mit Gemſenflüchtigkeit den Felſenpfad hinaufeilte, wo ihr Spencer ſtets begegnet war. Dort blieb ſie, oft im härteſten Winter, im heftigſten Regen, ſtehen bis zur Mitternachtsſtunde, ſtets ſtarren Aug's den —— Pfad nach dem Felſengipfel hinſchauend. So wie aber die Mitternacht eintrat, that ſie einen lauten Entſetzensſchrei, dem gleich, welchen ſie auf dem Schaffot ausgeſtoßen hatte, und ſtürzte in raſender Eile den Pfad hinab, warf ſich in's Schiff und wehklagte herzzerſchneidenden Jammer bis zur Stadt. So trieb ſie es über zwei Jahre täglich, und die heimkehrenden Landleute, die ſie ſahen, erzählten ſich ihre unglückliche Geſchichte und bekreuzten ſich dazu. In einer Herbſtnacht, zur jährigen Zeit, wo ſie Spencer'n hatte kennen gelernt, hörte ſie der Ru⸗ derknecht noch weit jämmerlicher ſchreien, als ſonſt; auch ſtürzte ſie mit einer Schnelligkeit den Pfad herab, wie er ſie noch nicht hatte laufen ſehen. Es war ihm, als folge ihr ein weißer Schatten auf dem Fuße nach. Die Nacht war dunkel, nur einzelne Sterne waren zu ſehen, und dieſe ſchienen zu wei⸗ nen. Marh that einen weiten Sprung in das Schiff; aber die Gewalt deſſelben warf ſie wieder zurück, wie damals, als ſie Spencer verfolgte, um ſie gefangen zu nehmen: ſie ſtürzte in den Fluß. Der Ruderknecht ſprang ihr nach; aber von beiden ward nichts wiedergeſehen, und das Schifflein trieb allein den Strom hinab. —— Roch in derſelben Nacht ſegelte der alte Bür⸗ germeiſter auf dem Strome umher, wie vor zwei Jahren, um ſein Kind zu ſuchen. Er ſuchte ver⸗ zweifelt die ganze Nacht, er fand es nichtz und als man ihm andern Morgen das leere Schiff brachte, legte er ſein kummervolles Haupt nieder und ent⸗ ſchlief. Pater Anton hielt ihm eine prächtige Leichenrede und ſorgte für ein pomphaftes Begräbniß. Denn Pa⸗ ter Anton war unterdeſſen von der Königin Iſabella, vom Kronprinzen Edward, vom Könige von Frank⸗ reich, von den großen Grafen und Baronen Eng⸗ lands mit Gnadenbezeugungen und Geſchenken über⸗ häuft worden; der Pabſt hatte ihm eine güldne Roſe geſchickt; die Cleriſei hatte ihn zum Biſchof Here⸗ ford's erwählt, und als ein reicher und mächtiger Kirchenfürſt verlebte er ſeine Tage in Wonne und Luſt. Marh Chandon's traurige Liebesgeſchichte machte auf die Gemüther des Volks einen unauslöſchlichen Eindruck, der ſich von Geſchlecht zu Geſchlecht, vier Jahrhunderte hindurch, gleich ſtark fortpflanzte. Der Grund dieſer ſtets gleichen Theilnahme an dem Schickſale der bemitleidswürdigen Bürgermeiſters⸗ tochter lag darin, daß man allgemein behauptete, — 193— nach acht Uhr Abends fahre ein ſchmales, ſchön geſchmücktes Schifſchen auf dem Fluſſe zwiſchen Hereford und Northbrigg mit einem weiblichen We⸗ ſen, das, ſammt dem Fahrzeuge, wie aus Duft und Nebel zuſammengewebt ſeh; das Schiffchen gleite mit der größten Schnelligkeit, gleich einem weißen Vogel im Fluge, über die Wellen, ſelbſt gegen den Wind und mit einer unheimlichen Stille, ſo daß man weder den Wind in ſeinem Segel, noch die Wellen an ſeinem Kiele rauſchen höre. Nicht weit vom Dorfe lande die geſpenſtige Schifferin am öſt⸗ lichen Ufer, verweile bis zur Mitternacht auf dem Felſen, ſtoße dann ein fürchterliches Klagegeſchrei aus, eile in das Schiffchen zurück und ſegle wieder pfeilſchnell der Stadt zu; Boot und Mädchen ver⸗ ſchwänden dann aber auf einer gewiſſen Stelle des Fluſſes in der Nähe der Stadt, wie ſie mehre Stunden früher hier eben ſo unvermerkt plötzlich ſichtbar wären. Die Strecke der Whe, auf welchem man dies ſchauerliche Schiff ſehen wollte, hieß bald allgemein die Geiſterf ahrt, und die Seglerin das Mädchen von Hereford. Unter dieſem Namen hat ſich die Sage in der Umgegend Hereford's bis jetzt erhalten, ein Beweis, II. — 194— daß die Theilnahme der Menſchen an einer unglück⸗ lichen Liebe ſelbſt nach einem halben Jahrtauſend nicht erlöſcht. Noch vor hundert Jahren hätte man dem ärmſten Schiffer nach acht Uhr Reichthümer bieten können, er hätte einen nicht von Nortbrigg nach Hereford gefahren; denn der Volksglaube be⸗ hauptete, daß es lebensgefährlich ſey, dem Mädchen von Hereford zu begegnen. Die Schlacke hat ſich endlich vom Golde ge⸗ trennt; ſie iſt verſchwunden und das edle, reine Metall zurückgeblieben. Der Aberglaube und die Geſpenſterfurcht vor dem Mädchen von Hereford ſind gewichen; aber die Theilnahme an Marh Chan⸗ don's und Hugh Spencer's unglücklicher Liebe wird fortleben in allen Herzen, die davon erfahren, und manche gefühlvolle Seele, die dieſe Blätter liest, wird dem edlen Paare eine Thräne weinen. und Y. Ein Scherz. J. ———— * ⸗ ——— —̃.———— Ein Zeſurh. „Die Wechſel von Schulteß und Compagnie müſ⸗ ſen auf John Halty and Walborn girirt werden,“ perdrirte Herr Tyll Mah, Banquier und Kaufmann, auch Senator einer nordiſchen bedeutenden Han⸗ delsſtadt, in ſeinem Geſchäftspredigerton hinter ſei⸗ nem mit Buͤchern, Papier, Waarenkiſichen und al⸗ lerhand Kram wohlverſchanzten Sitze am hohen Comptoirtiſche hervor, und der gegenüber ſitzende Buchhalter verſetzte mit devotem Nicken:„Sehr wohl, mein Herr Prinzipal!“ „Auf Gebrüder Flamann ſind heute 16,000 Mark Banco zu ziehen, nebſt Intereſſen und Pro⸗ diſion vom 3. März an,“ fuhr der Banquier in ſei⸗ nem ſchnarrenden Tone fort, welchen die Feder des mit:„Sehr wohl, mein Herr Prinzipal,“ antwor⸗ tenden Buchhalters nachahmen zu wollen ſchien. „Es iſt ein Beſuch angekommen,“ ſagte der an der Thäre ſtehende Diener des Hauſes, ein ver⸗ — ſchmitztes Geſicht, und aus ſeinem Stehen ließ ſich abnehmen, daß er den Beſuch wohl ſchon mehrmals angekündigt, ohne eine Antwort erhalten zu haben. „Fleiſcher und Sohn melden wir, daß wir ihre Papiere prompt acceptirt hätten und ſeiner Zeit ho⸗ noriren und ſie mit dem Saldo belaſten würden,“ fuhr der Banquier auch dies Mal fort, ohne die min⸗ deſte Notiz von der Meldung des Dieners zu neh⸗ men; und der Buchhalter machte ebenſo ſeinen Bück⸗ ling und gab die frühere Antwort mit derſelben ſingenden Beugung der Stimme, und ſchrieb eifrig, ohne vom Blatte aufzuſehen⸗ „Es iſt ein Beſuch angekommen,“ warf der Diener mit erhöhter Stimme ein. „Den Gebrüdern Born ſchreiben wir 3000 Rthlr. Wechſelzahlung gut und melden ihnen ſolches,“ fuhr der kleine Prinzipal hinter dem Ziſche fort und durchblätterte die zur Beantwortung vor ihm liegen⸗ den Briefe, und der Buchhalter wurde durch das Wort des Herrn, wie eine Gelenkpuppe durch den Faden, in buͤckende und ſprechende Bewegung ge⸗ ſetzt. Aber an das weiche, ſingende:„Sehr wohl, mein Herr Prinzipal!“ ſchloß ſich dies Mal unmit⸗ 2. telbar das derbe:„Es iſt ein Beſuch ung 3 —,——— „————— des Dieners an, und es war dies Mal ſo laut ge⸗ ſprochen, daß der Banquier unwillig den Drehſtuhl knarren ließ und ſich mit der barſchen Frage wandte: „Wer iſt ſo albern, mich an einem Poſttage zu be⸗ ſuch 2 „Es iſt ein Fremder und men nicht geſagt.“ „Lieber Herr Meher,“ wandte ſich der Banquier jetzt in einem Bittton, in welchen ſich aber der Ar⸗ ger miſchte, Fr Buchhalter,„ſehen Sie doch zu, was man an einem Hauptpoſttage von mir will, und wenn es kein Geſchäft iſt, kein dringendes Ge⸗ ſchäft, ſo beſtellen Sie den Herrn nach Abgang der Leipziger Poſt; eher bin ich heute durchaus nicht zu ſprechen.“ Der Buchhalter repetirte, ſich zeronzi ſeine Antwort, wie ein Papagei, ſtrich das ſchwarze glän⸗ zende Haar glatt auf dem Kopf und ging freund⸗ lich lächelnd. Der Banquier nahm, ungeduldig über die un⸗ willkommene Störung, die neu eingelaufnen Briefe zur Hand, erbrach und las einen nach dem andern und notirte ſeine Bemerkungen darunter. Plötzlich — er nach Eröffnung eines ſolchen und mir ſeinen Na⸗ kaum hatte er einige Blicke hineingethan, als er, kirſchbraun im Geſicht und zornfunkelnden Auges, den Brief zerriß und hinüber auf den Schreibepult ſeines Buchhalters ſchleuderte. Dieſer trat in dem⸗ ſelben Augenblick, mit einem Bückling ſüß lächelnd in die Comptoirſtube. „Nun, was gibt's?“ donnerte ihm Herr May entgegen; der Buchhalter aber verſetzte, nicht irre gemacht durch des Prinzipals böſes Geſicht und deſ⸗ ſen wilden Ton, mit freundlich ſingsder Stimme: „Es iſt ein junger Herr, ein ſchöner Herr, ein fei⸗ ner Herr, und trägt ſich gekleidet nach der neueſten Mode, ſitzt bei der Jungfer Marh auf dem Sopha, auf dem Sopha ſitzt er mit ihr und hielt ſeinen Arm um ſie geſchlungen, als ich in die Stube trat, und lachte mit ihr und ſchäkerte mit ihr und hat ihr einen Kuß gegeben.“ „Was? Was!“ lärmte Herr May dazwiſchen; „ſind Sie toll, lieber Herr Meher?“ „Ich bin nicht toll, ich habe wohl meinen Ver⸗ ſtand; ich hab's geſehn mit meinen Augen. Darauf hat Jungfer Mary geſagt: ich ſolle nur wieder ge⸗ hen, mit mir habe der Herr gar nichts zu ſprechen was derſelbe anzubringen habe, tauge ganz allein für die Ohren des Herrn Papa, es ſey hier weder von einem Wechſel, noch von einem Handel die Rede, die Angelegenheit betreffe ganz allein Fami⸗ lienverhältniſſe. Dann haben ſie mich wieder ſtehen gelaſſen und mit einander fortgeſpaßt, als wenn ſie ſchon Braut und Bräutigam wären.“ Das Gift, welches der freundlich ſingende Mann in ſeine Worte gelegt hatte, verfehlte ſeine Wirkung nicht. „Meine Mgrh! mein einziges Kind!“ bausbackte der Alte; ℳ Liebhaber, einen Freier, ohne daß ich ein Wörtchen davon weiß! Und heute, an einem Hauptpoſttage eine Werbung! Nichts da! An einem Poſttage vergeb' ich die Hand meiner Tochter nicht, und wenn's ein Bethmann von Frankfurt wäre. Aber es iſt kein Kaufmann, kein Geſchäftsmann, kein verſtändiger Mann, ſonſt käm' er nicht an ei⸗ nem Poſttage. Ein junger Sauſewind iſt's, ein Springinsfeld, der ſich in mein Bischen Eigen⸗ thum ſetzen will, um's zu verzehren. Fort, fort! Er kann, er darf, er ſoll meine Tochter nicht haben! Gehen Sie, lieber Herr Meher, gehen Sie und ſa⸗ gen Sie ihm das!“ Als der Buchhalter mit ein klein wenig Beſorg⸗ niß im freundlichen Geſicht anſtand, dem ſonderba⸗ — 202— ren Befehle Folge zu leiſten, fuhr der Banquier, den zerriſſenen Brief erblickend, im erhöhten Eifer fort:„Soll ich mich denn todt ärgern? Denken Sie nur, lieber Herr Meher, erbrach ich da einen Brief, iſt's eine Etabliſſementsmeldung aus Behlin; ein Gelbſchnabel, ein Neuerer verhunzt, verſtümmelt meinen alten ehrlichen Namen, ſchreibt Mai mit dem J. Man möchte berſten vor i Schreibt: Sie werden ſo gütig ſehn mit dem J iſt zum toll werden. Im ganzen Briefe kein nd mit mir Geſchäfte machen! Schreiben Sie dem jungen Manne: ein altes ſolides Haus ließe ſich nicht mit ſchwebelnden Neuerern ein, die klüger ſehn wollen, als die Alten. Baſta!“ „Sehr wohl, Herr Prinzipal!“ Und der Freund⸗ liche notirte.„Was befehlen Sie aber, daß mit dem jungen Manne oben werden ſoll?“ „Was ich befehle?!“ kreiſchte Herr Mah und büpfte hoch vom Stuhle in die Höhe.„Hab' ich's Ihnen nicht geſagt, lieber Herr Meher; aber Sie wollen mich heute auch nur erzürnen! Gehen Sie und führen Sie den unbverſchämten Menſchen zur Treppe hinab, und wenn er nicht gutwillig geht, ſo nehmen Sie ein Paar Packknechte und laſſen „ ——— — ihn hinabwerfen.— Wie? Was? An einem Poſt⸗ * — 203— tage! Mir brennt der Kopf! Fort, fort!“ Das Ge⸗ ſicht des Zornigen war immer dunkelrother gewor⸗ den, die Stimme war zuletzt in die Fiſtel überge⸗ ſchnappt und, als er die letzten Worte heraus hatte, fing er plötzlich an zu keuchen, ſtreckte alle Viere und ſchrie:„Mein übel, mein übel!“ In der That kam ein ſo furchtbar ſtarker Stickhuſten über ihn, daß der lächelnde Buchhalter, obgleich mit dem übel des Prinzipals bekannt, das Argſte befürchtete, den⸗ ſelben in einen Lehnſtuhl brachte, wo er Minuten lang ausblieb und dann eilig wieder hinauf lief zur Jungfer Marh, um ihr den böſen Zufall des S anzuſagen. Wilhelm. Erſchrocken ſprang das liebliche Kind auf und eilte die Treppe hinab in die Comptoirſtube; der junge Mann hinter ihr her. Dieſen betrachtete der Herr Buchhalter Meyer mit recht freundlichen Blik⸗ ken, es lag aber Katzenfalſchheit und Schlangentuͤcke * — 204— darin. Dann folgte er, unverſtändliche Worte vor ſich hin murmelnd, nach. Als er an der Küche vorüber ging, trat die Haushälterin, ein dickes Weib mit einem ſpottwohlfeilen Geſicht, deſſen einziger, ſehr geringer Werth in einigen ſehr impertinenten Zügen lag, heraus und mit der Frage auf den Buchhalter zu: „Was gibt's denn, Herr Meyer? Was rennen Sie hin und her?“ „Gott's Wunder! Ein Freher oben und unten der Stickhuſten! Beide müſſen aus dem Hauſe, Frau Heyſez fort müſſen ſie! Was ſoll mir der Menſch da? Wer iſt der Maulaffe? Warum ha⸗ ben Sie ihn hereingelaſſen, liebe Frau? Ich könnte mich ereifern.“ „Ich bin eben auf dem Hofe geweſen,“ entſchul⸗ digte Frau Heyſe;„ich habe von nichts gewußt. Doch laſſen Sie mich nur machen. Er muß wieder abziehen mit einem Korbe; er bekommt die Marh nicht. Ich halt' Ihnen mein Wort, Herr Meyer: kein Andrer fängt das Goldfiſchchen, als Sie. Laſ⸗ ſen Sie mich nur ſorgen! Sie bedenken mich dafuͤr ſchon auf's Beſte. Nicht wahr, Freundchen?“ Da⸗ mit kneipte ſie ihm in die Backen und trollte vor — 205— ihm her in die Comptoirſtube, um ihre etwa nöthige Hülfe anzubieten. Dieſe wurde auch ſofort in An⸗ ſpruch genommen; denn der junge Mann ſchrieb eben ſchnell etwas auf ein Stückchen Papier und rief:„Schnell, ſchnell! dies Recept in die Apo⸗ theke, und eben ſo eilig mit der Arznei zurück!“ Frau Hehſe ſah den Fremden zweifelhaft an; ein Blick auf den im Lehnſtuhl bewußtlos liegenden Hausherrn überzeugte ſie bald, daß die Gefahr da und Eile Noth ſey, und ſo humpelte ſie fort, vor ſich brummend:„Alſo ein Doktor.“ Marh lag weinend über dem Vater her und trocknete ihm die dicken Schweißtropfen von der hochrothen Stirne ab. Kaum aber fing der Patient an, wieder regelmäßig zu athmen, als ihm auch ſogleich der häßliche Huſten wieder von Neuem zu⸗ ſetzte. „Seh nur nicht ängſtlich, liebe Marh,“ ſagte der fremde junge Arzt;„deine kindlichen Beſorgniſſe werden ſich heben, ſobald die Medicameute da ſind.“ Der Buchhalter horchte hoch auf.„Die dutzen ſich ſchon,“ brummte er mit dem freundlichſten Ge⸗ ſicht und„liebe Mary,“ fluchte er:„daß ihr den den Talles hättet! Ich will's euch vertreiben.“ Der Leidende ſchlug die Augen auf und ſah den Arzt verwundert an, wurde aber durch den immer fort neckenden Huſten von jedo anderweitigen Ey⸗ pectoration abgehalten und nahm ſogar, nachdem Frau Heyſe zurückgekehrt war, auf Marp's beſorgte Bitten die von ihr dargereichte Arznei willig ein. WVirklich legte ſich alſobald der Huſten und der alte Herr ſank, von der Anſtrengung entkräftet, in Schlum⸗ mer. Marh blieb an ſeiner Seite ſitzen und flü⸗ ſterte ſehr vertraulich mit dem jungen Arzte, der, neben ihr ſtehend, ſein ſchönes blondlockiges Haupt oft bis zu ihrem Buſen herabbog; und Herr Meher, der Buchhalter, hatte ſeinen Platz, ſtatt am Pulte, um mit der Feder die Befehle des Herrn Prinzi⸗ pals ſchuldiger Maßen auszuführen, am Fenſter ge⸗ nommen und kaute eifrig an den Nägeln, indem er unter ſeinen ſchwarzen Brauen hervor die freund⸗ lichſten Blicke nach dem plaudernden Paare warf. Frau Hehſe hatte ſich in ihr zurückge⸗ zogen. „Lieber Herr Meyer,“ wandte ſich wlich das kleine braunäugige Mädchen an ihn,„Sie thun mir gewiß recht gern die Gefälligkeit und gehen in den Pelikan, um das Gepäcke aus Nro. 3 her zu uns ſchaffen zu laſſen. Es gehört dem Herrn Doktor hier, der bei uns wohnen wird. Die Wirthsrech⸗ nung iſt ſchon berichtigt.“ „Zu unterthänigſtem Befehl!“ grinſte der Buch⸗ 5. halter und griff dienſtfertig nach dem Hute. ** „Das kann ich unmöglich zugeben,“ wandte der k. Arzt ein;„ich werde meine Sachen ſelbſt beſorgen.“ „Du bleibſt hier, lieber Wilhelm!“ bat die Kleine; „der Vater bedarf ja deines Beiſtandes noch und ich nicht minder deiner mir ſo theuren Gegenwart. Herr Meher iſt ja ſo gefällig„wie du ſiehſt, und nimmt mir die Bitte auch gar nicht übel. Gehen Sie nur, Herr Meper!“ So lange der Buchhalter noch im Zimmer war, verzog ſich keine Falte ſeines Geſichts; als er aber die Thüre hinter dem Rücken hatte, blickte er wie ein Baſiliek, und eine Fluth leiſer Flüche rann glühend und ſtill, wie ein La⸗ vaſtrom, über ſeine Lippen. „Der Menſch iſt gewiß ein Jude,“ ſagte der Arzt. „Wenigſtens einer geweſen,“ verſetzte die Holde, „und wenn das Judenthum„wie man ſagt, nicht ſowohl im Glauben, als vielmehr in Bein und Fleiſch ſteckt, ſo iſt er noch einer. Er iſt ein ge⸗ taufter Jude.“ — 208— „Seine Phyſiognomie und das ewige Lächeln ſeines altteſtamentariſchen Geſichts weiſſagen nichts Gutes. Es gefällt mir nicht.“ „Mir auch nicht,“ lachte Marh;„aber er iſt des Vaters rechte Hand und hat bei demſelben ei⸗ nen großen Stein im Brete. Wer ſeinen lieben Herrn Meher beleidigt, greift ihm an's Leben. So lang ich mich beſinnen kann, iſt er im Hauſe und ich habe mich an ihn gewöhnt. Als die Mutter noch lebte, habe ich den Vater oft zu ihr ſagen hö⸗ ren, daß Herr Meher ihm unentbehrlich ſey; deßhalb muß man ſchon etwas auf ihn halten.“ Nach einer Viertelſtunde erwachte der Vater neu geſtärkt. Sein Auge ruhte mit Verwunderung auf dem jungen Mann und im Tone des Unwillens fragte er die Tochter nur halb leiſe:„Wer iſt der Herr? Was will er?“. „I Papachen,“ rief Marh,„es iſt ja der Vet⸗ ter Wilhelm aus Breslau. Er iſt Ihnen aus dem Geſichte gewachſen, wie mirz ich kannte ihn auch nicht gleich.“ Des Alten Geſicht erheiterte ſich. Er reichte dem jungen Manne die Hand und ſagte mit einem Anhauch väterlicher Milde:„Seh willkommen, Neffe, — 209— im Hauſe deiner Väter! Ich freue mich, daß du da biſt. Haſt ausſtudirt; was Tüchtiges gelernt? He? Soll mir lieb, ſehr lieb ſehn.“ „Ich dächte, Papachen, Sie hätten eine Probe ſeiner Kunſt an ſich ſelbſt erfahren,“ ſagte Marh zutraulich.„Wenn Sie ſonſt von dem abſcheuli⸗ chen Stickhuſten befallen wurden, dann hielt er ein, zwei Tage, ja wohl noch länger an und wollte nicht weichen, noch wanken, Trotz der Angriffe unſers Herrn Medizinalraths Berger; und jetzt haben Sie kaum ein Paar Tropfen von Wilhelm eingenommen, ſo ſind Sie wieder munter und geſund.“ „Alſo die Arznei haſt du mir verſchrieben?“ ſchmunzelte der Alte.„Ei, ei, das läßt ſich hö⸗ ren! Die Tropfen haben mir ſehr wohl gethan. Ja, wenn du mich ganz von dem Ubel befreien könn⸗ teſt! Das wäre doch eines hübſchen Dankes werth.“ „Ich hoff' es,“ verſetzte der Arzt. „Du gefällſt mir,“ fuhr der Banquier fort,„biſt ein bildhübſcher Junge geworden, und, wenn's in⸗ wendig ſo gut ausſieht wie auswendig, ſo werden wir gewiß gute Freunde. Doch, ſage mir, was macht dein Vater, der Trotzkopf? Hab' in acht Jah⸗ ren nichts von ihm geſehn und gehört; hätte mei⸗ IH. 14 — 210— nen Beſuch wohl erwiedern können, aber ich kenn' ihn. Da denkt er gleich, er müſſe etwas von mir annehmen, einen Biſſen Brot von mir eſſen.“ „Er erfreut ſich immer noch des beſten Wohl⸗ ſeyns,“ verſetzte der junge Mann,„und ſchickt Ih⸗ nen hier dieſen Brief.“ Bei'm Anblick des Briefes fuhr der Banquier aus dem Armſtuhl hoch empor.„Ein Brief!“ rief er, „Himmel, was fällt mir ein! Es iſt ja heute Poſttag, und ich bin um zwei Stunden gekommen. Es war aber auch ſehr albern von dir, Wilhelm, an einem Poſttage zu kommen. Nun geh' nur, gehe nur mit Marh. Schwätzt, erzählt euch, eßt, trinkt zuſammen, nur laßt mich jetzt in Ruhe und Frie⸗ denz ich habe bis um ſechs Uhr noch Geſchäfte. Aber wo iſt denn Herr Meher? Iſt er toll ge⸗ worden, an einem Poſttage davon zu gehen?“ Da⸗ mit ſchob er das junge Pärchen zur Thür hinaus; und beide waren das Alleinſehn recht wohl zufrie⸗ den. Und als Herr Meher, kochend von Gift und Galle, wieder in die Comptoirſtube trat, erhielt er noch einen rechten Wiſcher vom Prinzipal, daß er an einem Poſttage und noch dazu, da alle Geſchäfte auf ihm gelegen, die thörichte Bitte eines einfälti⸗ — 211— gen Kindes erfüllt und nicht den Diener Henro ge⸗ ſchickt hätte, der zu dieſer Verrichtung tauglicher ge⸗ weſen wäre, als er. Der junge Chriſt nahm den Verweis mit gewohnter Freundlichkeit hin und machte eine Fauſt in der Taſche. Sei'm Thee. Die Poſt war fort und Herr Thll May ſaß in behaglicher Ruhe auf dem Sopha, neben ihm ſeines Bruders Sohn, vor beiden der blanke Theetiſch, mit Kannen, Taſſen, Wärmemaſchine, und brennenden Kerzen auf hohen ſilbernen Leuchtern, und Onkel und Neffe ſchmauchten aus koſtbaren Meerſchaum⸗ köpfen das wohlduftendſte virginiſche Blatt. Mary ſervirte mit leuchtenden Augen den Thee und ihre feurigen Blicke ſuchten und fanden gar zu oft die des allerliebſten Vetters. Dieſer hatte, während der umſtändlichen Unterhaltung des Oheims, Muße ge⸗ nug, denſelben von Kopf bis zu Fuß zu betrachten und ſeine nſnn Studien in Anwendung zu bringen, die ihm denn auch Gelegenheit genug gaben, ſich über Manches an und in dem Bruder 14* — 212— ſeines Vaters zu verwundern. Ein kleiner, faſt un⸗ anſehnlicher Mann, mit einem breiten, von oben her zuſammengedrückten Geſicht, das durch eine dicke, ſchier unförmliche, hraunroth gefärbte Raſe noch mehr verſtellt war. Aus den feinen Zügen um den Mund ging Trotz und Eigenſinn hervor, und in den kleinen blinzelnden Augen lag etwas Mißtraui⸗ ſches. Sein Korpus war im Verhältniß zu den kleinen krummen Beinen viel zu lang, deßhalb ver⸗ lor er alle Würde, die er ſitzend behauptet hatte, ſobald er aufſtand; und das mochte wohl der Grund ſeyn, weßhalb man Herrn Mah ſtets hinter ſeinem Schreibtiſch ſitzend fand und er alle möglichen Ge⸗ ſchäfte in dieſer Poſition abzumachen pflegte. Noch auffälliger, als ſeine Geſtalt, war ſeine Kleidung. Seine kalbledernen Halbſtiefel hatten vorn faſt lä⸗ cherlich lange Spitzen, waren oben mit rothem Saf⸗ fian zierlich eingefaßt und ließen an ihrer Stirn ein Paar ſchöne Quäſtchen läuten. Die fleiſchfarbne Tricothoſen lagen ſo knapp an, daß man hätte glau⸗ ben können, ſie wären ihm angewachſen; das kaſta⸗ nienbraune Kaſimirweſtchen war ringsum mit Litz⸗ chen in verſchiedenen Schnörkeln und Windungen beſetzt; Hemd und Halstuch waren ſorgfältig in die — 213— kleinſten Fältchen gelegt; die Metallknöpfe auf Weſte und Rock ſo blank wie Spiegel geputzt, eben ſo die Silberbeſchläge der Meerſchaumköpfe, und Onkelchen hatte dem Neffen bereits mit großer Umſtändlichkeit erzählt, daß er dieſe Gegenſtände ſelbſt mit einer beſondern Putzerde täglich polire, und beſagte Erde war bereits den ſtaunenden Augen des jungen Arz⸗ tes vorgehalten worden. Der papageigrüne Rock des alten Herrn hatte etwas Militäriſches im Zu⸗ ſchnitt, was vorzüglich der ſtehende Kragen ausmachte. Das Geſicht war ſorgfältig raſirt und das Hoar glatt gekämmt; denn Herr Mah pflegte täglich zwei Mal Toilette zu machenz früh, eh' er ſich auf's Comptoir verfügte, und Nachmittags, eh' er in Ge⸗ ſellſchaft ging; an Poſttagen raſirte er ſich zum zweiten Mal erſt nach Abgang der Poſt. Eine in Maroquin gebundne, mit purpurrothem Sammet aus⸗ geſchlagene Kapſel mit einem halben Dutzend der beſten engliſchen Scheermeſſer war ebenfalls ſchon durch die Hände des Neffen gewandert, der denn auch nicht ermangelt hatte, ſie gehörig zu bewun⸗ dern, zur ſichtbaren Freude des alten Herrn. Aus lu dieſen Umſtänden ging dem jungen Mann ein aobenswerther Geiſt der Ordnung und Genauigkeit — 211— — die Seele des Geſchäftslebens— aber auch ein ſchrankenloſer Eigenſinn und eine an's Abgeſchmackte ſtreifende Kleinigkeitskrämerei hervor. Hielt er den Charakter ſeines Vaters und ſeinen eignen daneben, ſo mußte er ſich das Geſtändniß machen, daß dieſer Geiſt des Eigenſinns ein Familienfehler ſeh. Bei dieſer Gelegenheit war denn auch die Rede auf die Familienverhältniſſe gekommen, und der alte Herr, vergnügt und redſelig, wie er ein Mal war, perorirte: „Es iſt mir gar ſehr angenehm, lieber Wilhelm, daß doch ein Mal ein andrer May, als ich ſelbſt, uͤber die Schwelle dieſes ehrwürdigen Hauſes getre⸗ ten iſt, welches ſeit länger als zwei hundert Jahren den Mah's gehört hat. Weiß der liebe Gott, war⸗ um wir drei Brüder ſo unverträglich zuſammen wa⸗ renz ſo viel iſt gewiß, an mir hat die Schuld nicht gelegen. Dein Vater war aber ein eigenſinni⸗ ger Menſch, wollte mich immer hofmeiſtern, hatte bald Dies, bold Jenes an mir zu tadeln, wollte Alles beſſer wiſſen, als ich, und— was das Schlimmſte war— er verband ſich mit dem Chriſtoph gegen mich. So hatte ich beide Brüder zu Feinden; und ich mußte doch das Geſchäft des Vaters führen und — 215— die Schlingel mit ernähren, das gab mir natürlich auch ein Gewicht und Selbſtbewußtſehn. Die Liebe deines Vaters zum Soldatenſtande hatte für mich immer ſehr viel Anſtößiges; aber Chriſtoph's vor⸗ nehm thuiges, großfahriges Weſen war mir vollends unausſtehlich. Der Menſch ging, ritt und fuhr ſtets einher wie ein Graf, hielt ſich einen beſondern Reit⸗ knecht und hatte die Dreiſtigkeit zu behaupten, aus ihm werde ein Mal noch etwas recht Großes und Tüchtiges. Er verthat das Geld, und ich ſollte es berdienen und noch dazu ſtets die Zielſcheibe ſeines impertinenten Spottes ſeyn. Im Grunde betrach⸗ tet, war dein Vater nicht viel beſſer gegen mich ge⸗ ſinnt und hat mir manchen unbrüderlichen Streich geſpielt. Ich habe ihm aber nichts nachgetragen. Na, er hat's ſpäter auch eingeſehen und, ohgleich er mir nie wieder in's Haus gekommen iſt— und ich habe ihn doch vor acht Jahren beſucht— ſo hat er mir doch ſeinen wackern Jungen geſchickt, und ich bin ihm dankbar dafür.“ „Sie müſſen den Vater entſchuldigen,“ verſetzte der Doktor.„Der beſchwerliche Soldatendienſt läßt ihm keine Zeit übrig, eine ſo weite Reiſe zu machen. Das hat er Ihnen ja auch geſchrieben.“ — 216— „Nun ja doch; ich will auch gar nicht ſchmollen. Aber dafür ſollſt du bei uns bleiben. Deine Ab⸗ ſtammung erleichtert dir hier die Erlangung des Rechts der mediziniſchen Praxis. Du wohnſt bei mir hier im Hauſe, iſſeſt an meinem Tiſche und be⸗ trachteſt mich als deinen Vater, ſo wie ich dich als Sohn anſehe.“ „Mein gütiger Oheim!“ rief der junge Arzt über⸗ raſcht,„Sie kommen ſelbſt den kühnſten meiner Wünſche noch weit zuvor. Möchten Sie mich die⸗ ſer Güte nur erſt recht würdig finden.“ „Nun das wird ſich zeigen. Dir, mein Braun⸗ chen, iſt's wohl nicht zuwider, wenn der Vetter bei uns bleibt?“ fragte Herr Mah die Tochter faſt ſchelmiſch.„Sie hat, ſeit wir in Breslau bei euch waren, und da zählte ſie ja kaum zehn Jahre, im⸗ mer von dir geſprochen. Ich hoffe, ihr werdet euch gut vertragen.“ Mary ſchlug die Augen erröthend nieder und der Doktor nickte dem herzlichen Alten lachend zu.„Was der Eigenſinn und Trotz der Vä⸗ ter von einander hielt, ſoll die Liebe der Kinder vereinigen,“ fuhr der Banquier vergnügt fort.„Und die Luſt wäre vollkommen, wenn mir Chriſtoph auch —— eins ſeiner Kinder von Nordamerika herüber ſchickte. Na, wer weiß, was geſchieht!“ „Haben Sie denn gar keine Nachrichten vom Onkel Chriſtoph?“ fragte Wilhelm. „Ich habe gute Gründe, keine Nachricht von ihm zu wollen. Er hat mich zu ſehr beleidigt, zu em⸗ pfindlich gekränkt. Vergeben hab' ich's ihm im Her⸗ zen; aber ich mag nichts wieder von ihm ſehn und hören. Vor zehn oder zwölf Jahren ſuchte mich ein Mal ein Kaufmann aus Baltimore auf, der mir erzählte, daß Chriſtoph ein bedeutendes Haus dort bilde und viel gewonnen habe. Nun, er kann's beſ⸗ ſer brauchen, als ich; denn er gibt auch viel aus. Sowohl er, wie dein Vater, haben ihr väterlich Erbtheil verthan: Chriſtoph auf ſeinen weiten, un⸗ nützen und koſiſpieligen Reiſen, Kaſpar, dein Vater, im Lager und Felde.“ „Ich gönne ihnen die Freude„ verſetzte Wil⸗ helm;„und hat mein Vater auch nichts wieder er⸗ werben können, ſo hat er mich von ſeinem Gehalte ſtudiren laſſen, und ich habe ſo viel gelernt, daß ic mich anſtändig ernähren kann, und was braucht der Menſch weiter?“ 3 „Deine Anſichten gefallen mir,“ ſagte Herr Toll X — 218— May, den Neffen auf die Schulter klopfend;„es ſind weder die deines Vaters noch deines Onkels Chri⸗ ſtoph, ſondern die meinigen. Nun, Geld und Gut iſt auch nicht zu verachten, iſt eine ſchöne Gabe Gottes und ſtiftet Himmelsſegen in guter Hand. Sey du nur getroſt und froh, mein Sohn; es wird ſich Alles recht gut machen. Schade iſt's, daß du kein Kaufmann biſt, wahrlich, ſehr Schade; du träteſt in mein Geſchäft als Compagnon. Das wäre himmliſch! Das wär' eine Freude für mich! Nun der Menſch ſoll nicht zu viel vom Himmel ver⸗ langen, und ich begnüge mich.“ Alſo plauderte der Alte fort, und Wilhelm und Mary wechſelten bedeutungsvolle Blicke mit einander. Der Geburtstag. Drei Monate waren ſchon in's Land; Wilhelm hatte die Praxis und durch einige geſchickte und ückliche Kuren großen Ruf erlangt; der alte Herr Senator Toll Mah war den Keuchhuſten los und wußte ſich was Rechtes auf ſeinen tüchtigen Nef⸗ fen, den Jedermann liebte und ſchätzte. Wilhelm — 219— und Marh waren ſchon lange über ihre Gefühle eins; ſie hatten ſich gar kein Hehl daraus gemacht, was in ihnen vorging, und ihr verwandtſchaftlich zutrauliches Verhältniß hatte ihnen alle Verlegen⸗ heiten erſpart. Die ganze Stadt nannte das Pär⸗ chen auch Braut und Bräutigam, und obgleich zwi⸗ ſchen dem Vater und den Kindern noch keine be⸗ ſtimmte Beſprechung über ihr Verhältniß Statt gefunden hatte, ſo ſchöpften doch die Letztern aus den Außerungen der Erſteren die ſchönſten Hoffnun⸗ gen. Des Herrn Buchhalters freundliches Geſicht war zwar vor wüthendem Arger einen Grad ſchwär⸗ zer geworden, und Frau Heyſe erkühnte ſich ſogar, in des Hausherrn Beiſeyn einige Male ein Paar gif⸗ tige Wörtchen über die Sünde der nahen Verwandt⸗ ſchaft hinzuwerfen; aber Herr Mah ſchien es das erſte Mal zu überhören und machte das zweite Mal ein ſo grimmiges Geſicht, daß die Haushälterin ſchwieg und nur in den geheimen Berathungen mit der getauften Judenſeele ihren hausbacknen Grimm aus⸗ ließ, der freilich die Sache ſo wenig änderte, als Herrn Meyer's abentheuerliche Hoffnungen auf ir⸗ gend einen ihm günſtigen Zufall, der die Lage der Dinge umgeſtaltete. — 220— Im Sonnenſchein der jungen Liebe verging der einen Partei die Zeit, der andern im Nachtſchatten der Bosheit, durch welche kaum der leiſeſte Schein eines Hoffnungsſternes, wie ein Wahnlicht, durch⸗ dämmerte, bis zum Geburtstage des alten Herrn. Die Liebenden verabredeten ſich, ihm an dieſem feſtlichen Tage ihre Wünſche auszuſprechen und ihn um ſeinen väterlichen Segen zu ihrer ehelichen Verbindung zu bitten. Wilhelm beſchloß, ihn in ei⸗ nem Glückwünſchungsgedichte, das er ſelbſt anfer⸗ tigen wollte, auf die Scene vorzubereiten, und Marh fand dieſe Idee allerliebſt. Der viel beſchäftigte Arzt mühte ſich nun täglich eine Stunde ab, recht ruhrende Verſe zu drechſeln, und las am Tage vor dem Feſte, als der alte Herr auf dem Comptoir beſchäftigt war, ſeiner Geliebten das Gedicht vor, die darüber Freudenthränen vergoß. Sie zweifelte auch keinen Augenblick, daß der Vater, eben ſo ge⸗ rührt, ohne Weiteres ihre Hände in einander legen und die ſeinigen ſegnend darüber ausbreiten werde. Die Saat ihrer Hoffnungen ſtand in der ſchönſten Blüthe, und Mary traf die Vorbereitungen zu dem Wiegen⸗und Verlobungsfeſte mit ſo heiter'm Muthe, mit ſo ausgelaſſener Fröhlichkeit, daß die ſtrenge — 21— Frau Hehſe mehrmals den Kopf bedenklich und miß⸗ billigend ſchüttelte. Wilhelm ſchrieb das Gedicht fein ſäuberlich mit dem größten kalligraphiſchen Fleiße auf einen goldberänderten Velinbogen; Marh wand einen Kranz von Immortellen dqzu, und„als der Vater in ſeinem Kabinete ſchlief, putzten beide das Zimmer mit Guirlanden aus und ſetzten den Kranz mit dem Gedichte auf den Tiſch, auf welchen, wenn er früh aus dem Kabinet kam, ſein erſter Blick fal⸗ len mußte. Marh konnte vor ſüßer Erwartung faſt die ganze Nacht keine Auge zuthun, und auch der Doktor ſchlief unruhig. Am andern Morgen hatte er kaum die noth⸗ wendigſten Patienten abgewartet, als er mit hoch⸗ klopfendem Herzen auf den Zehen in Marh's Zim⸗ mer ſchlich. Verwundert ſah er ſie auf dem Sopha ſitzen, das Köpfchen an ein hochgeſtelltes Polſter gelehnt. „Fehlt dir etwas, liebe Mary?“ fragte er be⸗ ſorgt. Sie wandte ſich und zeigts ihm ein Paar verweinte Augen.„Das iſt nicht das Geſicht, was ich erwartete. Was gibt es denn gerade heute früh?“ fragte er beſtürzt weiter. „Ach, der Vater iſt ſo böſe, ſo grimmig, wie ich ihn noch nicht geſehen habe.“ „Und weßhalb denn?“ „über dein Gedicht.“ „uber mein Gedicht? Wie iſt das möglich? Was könnte ihm darin anſtößig vorgekommen ſehn? Was ſeinen Zorn ſo ſehr gereizt haben? Ich kann's nicht begreifen.“ „So viel mir aus dem heftigen Ausbruch ſei⸗ nes Grimms klar geworden iſt, muß es ein J oder ein R ſehn, was ihn ſo ſehr verletzt hat; und er behauptete mir in's Geſicht, es ſey deine Abſicht ge⸗ weſen, ihn zu pikiren und zu ärgern.“ „J oder B? das begreife Einer!“ rief der Dok⸗ tor und ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirne. „Wo iſt er denn?“ 4 „Er iſt auf das Comptoir gegangen und hat mir alle Feſtlichkeiten ſtreng unterſagt; die Kränze ſol⸗ len weggenommen werden, Niemand ſoll ihm gra⸗ tuliren, noch ſonſt durch etwas an ſeinen Geburts⸗ tag erinnern. Er war ganz außer ſich. „Das iſt, bei Gott, höchſt ſeltſam!“ rief Wilhelm. „Ich muß mir Licht verſchaſſen und gehe ſelbſt auf das Comptoir.“ —— „Nimm dich aber um Gotteswillen mit ihm in Acht, Wilhelm! Du kennſt ſeinen Eigenſinn und ſeine Launen noch lange nicht genug. Widerſprich ihm in Nichts, ſonſt wird er wüthend.“ „Laſſ' mich nur,“ verſetzte Wilhelm, und ging hinab. Marh ſchlich ihm mit angſtbeklommener Seele nach. Der junge Arzt trat mit einer beſcheidnen Ver⸗ beugung in das Zimmer; der alte Senator dankte kaum dem Gruße und zog ein höchſt verdrießliches Geſicht. Herr Meyer dagegen grüßte ſehr freund⸗ lich, aber eine teufliſche Schadenfreude leuchtete aus ſeinen Augen. „Ich höre ſo eben von Marh,“ begann der Dok⸗ tor feſt,„daß Sie, Herr Onkel, den kleinen poeti⸗ ſchen Erguß meiner freudigen Theilnahme an Ih⸗ rem Wiegenfeſte nicht ſo aufgenommen haben, wie es mein Wunſch und Beſtreben war. Wenn auch die Poeſie von keinem Werthe, ſo waren doch die darin ausgeſprochnen Gefühle wahr und aufrichtig.“ „Ei was, von der Poeſie verſteh' ich nichts! Hab' mein Lebtag kein Geſchreibſel eines Poeten ge⸗ leſen, das Geſangbuch in der Kirche ausgenommen.“ „— 1— „Nun, was iſt Ihnen denn in dem gutgemein⸗ ten Gedichte ſo anſtößig?“ „Gut gemeint?“ fragte der Alte argwöhniſch und lugte nach dem jungen Arzte herüber. „Zweifeln Sie daran?“ fragte Wilhelm ärger⸗ lich mit ſteigendem Affect der Stimme. „Seh ein Mal aufrichtig, junger Mann, iſt es denn Abſicht oder Manier, daß aus dem ganzen Gedicht das B verbannt und an ſeine ihm wohlge⸗ bührende Stelle jedes Mal ein ſchlechtes J geſetzt iſt? Ja, ſchreibſt du denn wirklich deinen Namen, den ehrlichen Namen deiner und meiner Väter, mit ei⸗ ner ſo unerhörten Verſtümmlung, Mai ſtatt Mah, wie du in dieſem Gedichte gethan haſt, oder haſt du mich nur kränken wollen?“ „Es ſeh nen fern von mir, Ihmit Abſicht wehe zu thun. Das B iſt meiner, auf die beſten Gründe geſtützten üwerzeugung zu Folge ein ganz überflüſ⸗ ſiger Buchſtab im deutſchen Alphabet, und deßhalb brauche ich ihn niemals, ſondern ſetze ſtatt ſeiner ſtets das richtige J. Um mir aber conſequent zu ſeyn, ſchreibe ich ſchon ſeit vier Jahren meinen Namen Mai mit dem J.“ Die blutrothe Flamme des Zorns war in des — Onkels zuſammengedrücktem Geſicht aufgeſtiegen, die ſtark bebuſchten Augen warfen Blitze, die Glie⸗ der zitterten und die kurzen geſchweiften Beine ru⸗ morten unter dem Tiſche.„Wärſt du denn wirklich ſo unberſtändig, ſo anmaßend, einen unentbehrli⸗ chen, von Anfang unſrer Sprache in derſelben he⸗ ſtehenden Buchſtaben verdrängen zu wollen? Könn⸗ teſt du denn ſo abgeſchmackt ſehn, dich jenen Alles verbeſſernden Windköpfen anzuſchließen, denen der der Staat nicht gut genug iſt, und die Religion nicht, und die Sprache nicht, die ſtatt h i ſchreiben, ſtatt e k, die das h weglaſſen, wenn es Dehnungs⸗ zeichen iſt, die das ph verdrängen und ſtets f dafür ſchreiben, die— Gott läugnen und die Fürſten und Herrn fortjagen möchten. Wilhelm! du wäreſt auch ein ſolch entſetzlicher Menſch?“ „Sie ereifern ſich über die Kleinigkeit viel zu ſehr, lieber Oheim!“. „Nein, es iſt keine Kleinigkeit, es ſind dies Dinge von der höchſten Wichtigkeit; und ich hätte mir eher des Himmels Einfall eingebildet, als daß ich einen ſolchen Neophyten und Reformer im Hauſe hätte.“ „Aber ſo hören Sie mich doch nur an, liebſter II. 15 — 226— Onkel! Das Streben einer vernünftigen Zeit und eines vernünſtigen Mannes geht dahin, das Leben ſo viel, wie möglich, zu vereinfachen, oder beſſer: durch die kleinſten und einfachſten Mittel die mög⸗ lich größten und vortheilhafteſten Zwecke zu errei⸗ chen. Wenn unſte Zeit darauf hinarbeitet, den Staat zu vereinfachen, ſeine Einrichtungen zu verbeſſern, Mißbräuche abzuſchaffen, veraltete Formen zu ver⸗ jüngen, ungeheuere Summen zu erſparen, ſo iſt das doch ſehr lobenswerth; wenn wir eben ſo den unverſtändlichen Schwulſt geiſtloſer, oft lächerlicher Dogmen aus der Religionslehre entfernen und die⸗ ſelbe vereinfachen, ſo ſehe ich nur Löbliches darin. Ebenſo haben wir in der Sprache viel überflüſſi⸗ ges, und unſer Alphabet kann eben ſo gut die Buch⸗ ſtaben c,) und ph entbehren, wie die deutſche Sprache den größeren Theil der ausländiſchen Wörter. Die drei Buchſtaben ſind ebenfalls ausländiſch und, wie ich Ihnen gleich zeigen werde, gänzlich über⸗ füſſig. Für einen Laut braucht man auch nur ein Zeichen; denn man kann ja dieſen Laut doch nie anders ausſprechen, als nur auf eine und dieſelbe Art. Nun hören Sie gefälligſt. Das C iſt ein römiſcher Buchſtabe und war jedenfalls das K der —— Römer; denn ſie haben neben dem C kein K. Sie ſchreiben aber Wörter, welche die Griechen mit dem K ſchreiben, mit dem E, und umgekehrt ſchreiben die Griechen lateiniſche Wörter, die das C haben, mit dem K; Beweis genug, daß beide Buchſtaben nur einen Laut bezeichnen, und daß man nicht ge⸗ ſagt hat Zizero, ſondern Kikero, Käſar u. ſ. w. Wir Deutſche thäten daher am beſten, wir ſchrieben überall K, wo das C wie K ausgeſprochen wird, und überall, wo es wie z ausgeſprochen wird. Noch überflüſſiger iſt das B. Wie man ſich auch abmühen mag, man kann es nicht anders ausſpre⸗ chen, als i. Wozu nun zwei Zeichen füt ein und denſelben Laut? Und noch dazu iſt das Vpſilon ein griechiſcher Buchſtabe und bezeichnet durchaus nicht den J⸗Laut, ſondern vielmehr unſer ü, welches die griechiſche Sprache außerdem nicht beſitzt. Wir aber haben J und it; wozu nun noch das R? Mit dem Ph iſt es derſelbe Fall es iſt der F⸗Laut der Griechen, und dieſe haben weiter kein F. Wir ha⸗ ben aber ein ſolches und brauchen deßhalb das grie⸗ chiſche Ph nicht.“ Der alte Herr hatte ſchweigend zugehört; aber nicht ohne geheime Freude bemerkte der Halbjude, 45* —— von ſeinem Buche aufſchielend, das zunehmende Zittern des Prinzipals und die dunkler werdende Röthe ſeines Geſichts. „Alſo mich belehren willſt du, junger Meuſch?“ platzte der Alte endlich heraus.„Geh' du hin und mache erſt meine Erfahrungen! Ich ſoll mein Le⸗ ben vereinfachen! Hör' nur Einer! über meine Wirthſchaft zu räſonniren. Wenn es dir nicht an⸗ ſteht, ſo kannſt du gehen.“ „Mein Gott, Sie haben mich ganz falſch ver⸗ ſtanden. Es war ja blos von Ihrer Schriftſprache die Rede.“ „Eben ſo mir zuzumuthen, ich ſoll den Namen meines Vaters, meines Großvaters und all der lieben redlichen Ahnen ſchänden und entſtellen! Mir ſo et⸗ was nur zuzumuthen!“— Der Zorn erſtickte ſeine Stimme. Er brach in Thränen aus. „Liebſter Onkel!“ rief der junge Mann, von Theilnahme ergriffen, und nahte ſich dem Alten. „Höre,“ fuhr dieſer auf;„ich will nicht die Schuld auf mich laden, als hätt' ich dich ungewarnt dem Verderben überlaſſen. Nimm Vernunft an und die gute Lehre eines alten erfahrnen Mannes. Ja, ich will mich herablaſſen, dich zu bitten. Wilhelm! — änd're deine läſterliche Schreibart. Schreibe das Vpſilon wenigſtens in deinem Namen, der ja mit dem J gar nicht mehr derſelbe iſt; ſchreibe das B in den Worten, in welchen es platterdings nicht zu entbehren iſt, wie in„ſehn“(esse), welches man ja ſonſt nicht vom Pronomen„ſein“ unterſcheiden kann; ſchreibe ferner das W im Diphthong ey, wenn er am Ende ſteht, als in Ey, frey, Geſchrey; es ſieht ja ſonſt gar nicht aus, wie ein deutſches Wort.“ „Den Namen meines Vaters fürchte ich nicht zu ſchänden,“ verſetzte der Doktor ernſt.„Worin beſtände denn die Schande, wenn ich ein I ſchreibe, wo er ein N ſchreibt?“ „Aber es iſt eine alte goldne Regel, die man um Gottes willen nicht umgehen ſollte, daß man nichts, gar nichts an ſeinem Namen veränd're,“ ſprach der Banquier ſchier bittweiſe und mit ſehr herabgeſtimmtem Tone.„Der Staat ſollte ſo etwas nicht leiden,“ fuhr er eifriger fort.„Es iſt ein Frevel an der Familie, an Freunden und Verwand⸗ ten, an ſich ſelbſt, an ſeinen Kindern und Enkeln, an der ganzen Welt. Es ſollte mit Zuchthaus und Zwangsarbeit beſtraft werden.“ Er trocknete ſich den Schweiß von der Stirne; denn er hatte zuletzt wie toll geſchrieen. Nun klopfte er dem mitleidig lä⸗ chelnden Doktor auf die Schulter und ſprach plötz⸗ lich mit Anklängen von Wehmuth in der zitternden Stimme:„Sieh', Wilhelm! es könnte irgend ein Mah unſres Geſchlechts— denn von meines Va⸗ ters Brüdern ſind einige ausgewandert— ohne Nachkommen ſterben und uns eine reiche Erbſchaft zufallen; ich bitte dich um Alles: du wärſt ja aus⸗ geſchloſſen mit deinem verfluchten Iz du gehörteſt ja nicht mehr zur Familie, du hätteſt dich ja ſelbſt losgeſagt.“ „Und auch auf die Gefahr hin will ich nicht ge⸗ gen meine überzeugung handeln. Ich bedarf keiner Reichthümer. Und um keinen Preis nehme ich das Vpſilon wieder an in meinem Namen, dieſen ver⸗ wünſchten Buchſtaben, der wie ein alter gebückter Laſtträger ausſieht oder wie ein ungeſtalter Menſch, durch ſeine Naſeweisheit vollends unausſtehiich, mit der er ſich überall hindrängt, wohin er nicht gehört, oder wie ein alter zuſammengebückter Greis, ein Mann des vorigen Jahrhunderts, der ſeine veral⸗ tete Spiesbürgerei überall eigenſinnig durchſetzen will und dadurch dem jungen kräftigen Geſchlecht läſtig wird. So lange wir Deutſche noch das ver⸗ 8 —— fluchte Vpſilon ſchreiben, wird's nicht beſſer mit uns. Dieſer Buchſtabe iſt der wahre Repräſentant des deütſchen alten Schlendrians, des alten überflüſſigen Wuſtes von Mißbräuchen, der alten geſpreizten Unver⸗ nunft, mit der man ſich jeder heilſamen Verbeſſerung widerſetzt. Das Ppſilon iſt der Buchſtab der Ariſto⸗ kraten, und ſo lange ein deutſcher Mann noch „freh“ und„Freyheit“ mit dieſem ekelhaften Buchſtaben ſchreibt, ſo lange iſt's eine wahre Ppſi⸗ lonsfreyheit, das heißt eine, die nicht eine Priſe Taback werth iſt.“ Der Doktor war auch Feuer und Flamme geworden, und als er endlich ſchwieg, kreiſchte der Alte, wie außer ſich:„Herr Meher, lieber Herr Meher! reden Sie doch mit dem Men⸗ ſchen, Sie haben ja das ehrenwerthe Ppſilon auch in ihrem Namen; ich kann vor Zorn nicht mehr ſprechen.“ „Mein verehrteſter Herr Doktor Mai mit dem S,“ begann der Jude lächelnd, wie immer,„Sie wollen mir gefälligſt zu gute halten, wenn ich er⸗ innere, daß Sie in Betreff beſagten Ppſilons ſehr im Irrthum ſind, ſintemal dieſer Buchſtabe ſeit un⸗ denklichen Zeiten iſt gedruckt, geſchrieben, gemalt, geſchnitten und auf and're und mehrfache Art noch * — 232— iſt ausgedrückt und dargeſtellt worden. Nun haben wir die Buchſtaben nicht erfunden und gemacht, ſo wenig, wie die Sprache; alſo ſollen wir auch ändern und davonthun, eben weil uns ſolches nicht zukommt.“ „Sie verſtehen den Teufel von der Sprache und ihrem Studium,“ unterbrach der Doktor, ungeduldig über das langweilige und geiſtloſe Geſchwätz, den Buchhalter unhöflich und heftig.„Bekümmern Sie ſich um Ihre Handlungsbücher, Ihre Briefe und Rechnungen, und ſchreiben Sie Ihren Namen, ſo viel Sie wollen, mit dem Ppſilon; aber ſprechen Sie nicht über Dinge, welche Sie nicht verſtehen.“ „Was?“ polterte der Alte jetzt wieder auf. Welche Frechheit! hier in meinem Angeſicht, auf meiner Comptoirſtube, mir meinen Herrn Meher zu beleidigen, zu inſultiren! Fort, fort! Den Augenblick pack Er ſich aus meinem Hauſe, Er Grobian! Iſt das der Dank für die Liebe und Güte? Fort! Und komm Er mir nicht mehr vor die Augen!“ Der Alte zeigte nach der Thüre und machte Miene, dem Doktor den Weg ſelbſt zu weiſen. Die⸗ ſer nahm, im höchſten Grad entrüſtet über die bei⸗ ſpiellos unwürdige Behandlung, den Hut und eilte, * — 233— glühend vor Zorn, hinaus. Vor der Thüre wartete ſeiger neue Beſtürzung. Mary lag ohnmächtig am en. Sie hatte gehorcht, und der unglückliche Ausgang des Geſprächs ihr die Sinne geraubt. Wilhelm wollte die Arme ſogleich in ärztliche Pflege nehmen, aber der Alte war ihm auf der Ferſe und ſchrie:„Nicht anrühren ſollſt du ſie mir, undank⸗ barer Menſch! Fort! ſag' ich. Und Sie, lieber Herr Meyer! ſpringen Sie doch gefälligſt zum Medici⸗ nalrathe und bringen Sie ihn ſogleich mit her.“ Der Jude lief mit malitiöſem Lächeln; Frau Hehſe kam auf des Prinzipals Ruf zitternd und ſchreiend her⸗ bei und bemächtigte ſich der Ohnmächtigen; und der Doktor ſtieg trotzig die Treppe hinauf. Perbpannung. Als Wilhelm, Nachmittags von ſeinen Kranken⸗ beſuchen heimkehrend, wieder in ſein Zimmer trat, folgte ihm Frau Hehſe keuchend auf dem Fuße, knixte mit einem impertinenten Geſichte, und ſagte, ein Billet überreichend:„Vom Herrn Meher.“ Der Doktor öffnete und las: 5 — 234— „Von des Herrn Senators Mah Gütigkeht be⸗ auftragt, habe ich die Ehre, Ihnen zu ſchrey daß Sie durch Ihr unfehnes Benehmen den Wu deſſelben herbeygeführt haben, ſich ſobald, als mög⸗ lich, von Ihrer Gegenwart befreht zu ſehen. Sie möchten dahero ſich nicht länger in des Herrn Prin⸗ cipals Hauſe verwehlen, ſondern noch heute unver⸗ züglich daſſelbe mehden. Mit unterthäniger Verehrung Dero Johann Tobias Meher.“ „Es iſt gut, Frau Heyſe,“ ſagte der junge Arzt bitter.„Ich werde den Wunſch meines Onkels ſo⸗ gleich erfüllen.— Aber ſagen Sie mir, beſte Frau, wie befindet ſich meine Mary? Der Alte wird mir doch nicht wehren, Abſchied von ihr zu nehmen? „Der Herr Senator haben ausdrücklich befohlen, Sie nicht vor die Jungfer zu laſſen,“ verſetzte das Weib keck und ſtemmte die Arme in die Hüften. „Das Zimmer ſoll immer verſchloſſen ſeyn; ſo will es der Herr. übrigens liegt die Jungfer im Vette und befindet ſich leidlich.“ „Durch Ihre Vermittlung, Frau Heyſe, könnte ich ja wohl das geliebte Mädchen zuweilen heimlich * — 235— ſprechen? Es ſollte Ihr Schaden nicht ſehn, Frau Und bedeutungsvoll klapperte er mit Geld in der Weſtentaſche. Aber die ehrenfeſte Haushälterin blies ſich auf, wle ein welſcher Hahn, und ſchrie:„Wie kommen Sie mir vor, Herr Doktor? Mich zum Verrath an meiner Herrſchaft verführen wollen! Da ſieht man ja, was die Herren vom J für ein ſaubres Völk⸗ chen ſind! Nein, Herr Doktor Mai mit dem§, wir können nicht gute Freunde werden; denn auch ich führe ein R in meinem ehrlichen Namen„ und mein Mann würde ſich im Grabe umwenden, wenn er vernähme, daß ich mit einem Bpſilonsfeind gute Freundſchaft hielte. Und mit der Liebe zu unſrer Jungfer iſt es auch aus. Daß die nicht Ihre Frau wird, dafür iſt in allen Kirchen gebetet. Laſſen Sie ſich das nur vergehen. Weder öffentlich, noch heim⸗ lich ſollen Sie ſie ſprechen, dafür will ich ſchon ſor⸗ gen. In dieſem Hauſe haben Sie ferner nichts mehr zu ſuchen, wo Sie auf lauter Ppſilon ſtoßen, die Ihnen ſo ſehr verhaßt ſind. Herr Tyll May hat, als Haupt des Hauſes, zwei Rim Namen; Herr Meher hat eins; meine Wenigkeit iſt ſtolz dar⸗ auf, eins zu haben. Mary May hat als Tochter — — 236— wieder zwei, und Henry als Diener wieder nur eins. Sonach finden Sie hier ſieben Ppſilon. Hüten Sie ſich vor der böſen Zahl!“ Mit dieſen Worten ging das unverſchämte Weib von dannen. Der Doktor packte ärgerlich ſeine Sachen zuſammen und ging, um ſich nach einer neuen Wohnung umzuſehen. Sobald er dieſe gefunden, ließ er ſeine Habſelig⸗ keiten dorthin bringen, und wollte er auf dem Comp⸗ toir vom Onkel Abſchied nehmen. Herr Meher trat ihm aber freundlich entgegen und verſicherte: der Herr Senator wolle den Neffen durchaus nicht wie⸗ der ſehen und habe, deſſen Beſuch befürchtend, ſich wegbegeben; laſſe auch den Herrn Doktor Mai mit dem J hoflichſt erſuchen, ſich niemals zum Herrn Senator May mit dem W zu verfügen, ſintemal das B platterdings ferner nichts mehr mit dem J zu thun haben wolle. Der Doktor entfernte ſich lächelnd. Es that ihm ſehr wehe, auf dieſe Weiſe aus dem Hauſe ei⸗ nes Mannes verwieſen worden zu ſehn, den er in ſo vieler Hinſicht hochſchätzte, den er als zweiten Vater lieben gelernt hatte. Er war mit dem Vor⸗ ſatz gekommen, nachzugeben, ſo weit es nur möglich, in Betracht des Kummers, welchen die arme Marg — 237— auszuſtehen haben mochte, das geliebte Mädchen, von deſſen innigſter und aufrichtigſter Zuneigung er mehr als einen ſchönen Beweis erhalten. Was ſollte er aber nun thun, abgewieſen von dem glatten, heimtückiſchen Juden? Sollte er ſeine beſſere über⸗ zeugung der despotiſchen Laune eines alten wun⸗ derlichen Mannes ſo ganz und gar opfern, daß er ſich ihm aufflehte? Dies litt der edle Stolz des jungen kenntnißreichen Arztes nicht. Sein beſſ'res Selbſt empörte ſich über die rückſichtsloſe, ſchroffe Behandlung des Senators; er ging und, ob er jetzt erſt, von Marh getrennt, fühlte, wie wahr und ſtark er ſie liebe, wie ſchwer es ihm werde, ohne ihren liebevollen Umgang zu leben, ſo bekämpfte er ſich doch als ein Mann und überließ der Zeit, die unglückliche Wendung ſeines in ſchönſter Bahn da⸗ hin gleitenden Schickſals wieder durch beſſ're und glücklichere Führung zu verſöhnen. Es konnte aber nicht fehlen, daß der widrige Vorfall ihn ſehr verſtimmte und ſeine zahlreichen Freunde ſeit jener Zeit einen ungewohnten Trüb⸗ ſinn auf ſeiner Stirne gelagert fanden; und eben ſo ſehr mußte es auffallen, daß er ſo plötzlich das Haus ſeines Oheims berlaſſen und allen Umgang mit dem 8 —— alten Senator abgebrochen, ſo wie das bekannt ge⸗ word'ne Verhältniß mit Mary aufgegeben habe. Der Medicinalrath Berger hatte über Mary's Krankheit Manches verlauten laſſen; der Jude hatte im gro⸗ ßen Triumph ſeiner Schadenfreude und wieder er⸗ öffneten glänzenden Spekulation geplaudert, und Frau Heyſe nicht geſchwiegen, und ſo war das all⸗ zeit wißbegierige Publikum durch glückliche Combi⸗ nationen zum Schlüſſel des Geheimniſſes gekommen. Ein Freund des Doktors ſetzte dieſem einſt zu, und, da Wilhelm die lächerliche Geſchichte ein Mal ver⸗ rathen ſah, ſo bekannte er Alles haarklein. „Du hätteſt— wärſt du mit den ſkurrilen Ei⸗ genheiten des Alten und der Geſchichte derſelben bekannt geweſen— dieſen Bruch leicht verhüten können,“ ſagte der Freund.„Durch dein Malheur haben ſich ältere Leute freilich erinnert, daß ganz dieſelbe Geſchichte ſchon mit einem Bruder des Se⸗ nators vorgefallen iſt, der ſich ſpäter in Nordame⸗ rika etablirt hat. Weißt du davon nichts?“ „Ich weiß wohl, daß die Brüder uneinig ſind, aber den wahren Grund ihrer Disharmonie hab' ich nie erfahren.“ „Mein Vater iſt ein ſpecieller Freund des Ame⸗ 5 —— rikaners geweſen und hat mir die Geſchichte aus⸗ führlich erzählt. Chriſtoph Mai iſt ein höchſt ta⸗ lentvoller, ja genialer junger Mann geweſen, aber auch voller Schwänke und toller Poſſen. Dein Va⸗ ter hat ihm darin wenig nachgeſtanden, und Beide haben viel Geld durchgebracht. Der gute Tyll iſt dagegen der Haushammel geweſen, ein tüchtiger Ar⸗ beiter und ſpekulanter Kaufmann, aber dabei etwas bornirt und für die Freuden des Lebens unempfäng⸗ lich. Mit ſeiner brüderlichen Liebe hat er ſtets Rauferei gehabt, und Chriſtoph hat nie unterlaſſen, zu thun, was den armen Thll geärgert. So iſt auch Chriſtoph nach des Vaters Tode darauf gekommen, kein Ppſilon mehr in der Schrift anzuwenden, und alſo auch nicht in ſeinem Namen ʒ wahrſcheinlich aus keinem andern Grunde„als weil Tyll die Vpſilon ſehr geliebt und deren mehr geſchrieben, als nothig geweſen. über dieſe Neuerung kam Thll ſo in Wuth, daß er ſich ganz von ſeinem Bruder trennte, und Beide haben ſich nicht wieder geſehen.“ „Meinetwegen möchte doch der alte Narr ſelbſt zum Bpſilon werden,“ rief Wilhelm ärgerlich,„wenn er mir doch nur nicht allen und jeden Umgang mit ſeiner liebenswürdigen Tochter unterſagt hätte, die „ — 240— ausſieht, wie ein ſchönes ſchlankes J, und durchaus nicht in das vertrackte und verkrüppelte Ppſilonshaus paßt. Ich glaube, der alte Pypſilon hat ſie nur deßhalb Marh ſtatt der guten Marie genannt, da⸗ mit ſie ein ſolch buckliches, abſcheuliches Pyſlon in ihrem Namen habe.“ „Ei freilich aus keinem andern Grunde!“ lachte der Freund.„Aber dir, Märthrer des edlen J müſſen alle fröhlichen Leute behülflich ſeyhn— denn die Heitern lachen ja in J und kein Menſch in B — und deßhalb biete ich dir hiermit meine Dienſte an. Du weißt, daß meine Braut eine Freundin Marh's iſt und beide Mädchen oft zuſammen kom⸗ men. Durch ſie kannſt du Marh'n ſchreiben, bei ihr deine Geliebte ſprechen. Beredet mit einander ei⸗ nen Plan, und dann handelt ſchnell.“ Vilhelm umarmte zum Dank den gefälligen Freund. Er ſchrieb dem geliebten Mädchen, wel⸗ ches darauf ſchnell geſund wurde; er ſprach ſie, trotz der Arguswachſamkeit der Frau Hehſe.— Plötzlich war der allgemein beliebte Doktor Mai aus der Stadt verſchwunden, Niemand wußte, wo⸗ hin. Nirgend hatte er perſonlich Abſchied genom⸗ men, ſondern nur Karten geſchickt; ſeine Kunden „ — 241— einem andern Arzte übergeben, und ſein Freund be⸗ hauptete, er werde niemals wiederkehren; denn pure Verzweiflung über den Starrſinn des alten Herrn Bpſilon, womit ſelbiger dem Neffen den Zutritt in die Vpſilonsburg verweigert— ſo nannte man den Derrn Senator Thll May und deſſen Haus allge⸗ mein— habe ihn fortgetrieben. Die Leute ſpra⸗ chen ſechs Wochen lang davon; nach einem halben Jahre dachte Niemand mehr an den Doktor Mai. Per Amerikaner. Kein Menſch war über des Doktors Abreiſe ver⸗ gnügter, als der freundliche Buchhalter Meyer. Er war ſeit der Zeit noch ein Mal ſo freundlich, noch ein Mal ſo liebevoll. Seine geheimen Conferenzen mit Frau Heyſe erhielten neues Leben und Bewe⸗ gung, und wurden zuweilen noch durch ein drittes Glied vermehrt, durch den Diener Henry. Richt ſchülermäßig hatte der Jude berechnet, daß dieſer verſchmitzte Kerl trefflich zu brauchen ſey, und der gute Fortgang der Sache lehrte bald genug, daß ſich Herr Meper nicht getäuſcht habe. II.. 16 — 242— Der ſchlaue Jude fing nun allmählich an, ſich ſorgfältiger zu kleiden, ſich des Geſchäfts noch em⸗ ſiger anzunehmen, nicht anders, als wenn's ſein eignes wäre, ſo viel, als nur immer möglich, Ppſi⸗ lon zu ſchreiben, und der künftigen Erbin des Ge⸗ ſchäfts auf eine ſüßlich verzerrte Weiſe den Hof zu machen. Es erfüllte ihn mit den angenehmſten Hoffnungen, daß Marh ſeine Bewerbungen nicht geradezu zurückwies und um den unſichtbar gewor⸗ denen Geliebten ſich auch nicht im mindeſten zu grämen ſchien. Der alte May ſchien die Bemühnn⸗ gen ſeines Buchhalters ganz zu überſehen und ließ die beiden Leute fertig werden. Dadurch ermuthigt, wagte ſich endlich Herr To⸗ bias Meyer bei ſeinem Prinzipale mit einer förmli⸗ chen Werbung um Marh's Hand heraus. Dies war ohngefähr ein Jahr nach des Doktors Entfernung. „Sie wiſſen, wie ſehr ich Sie ſchätze, mein lie⸗ ber Herr Meher, und ich wünſche mir in der Welt keinen andern und liebern Schwiegerſohn, als Sie,“ verſetzte der Banquier.„Sie ſind durch Ihren Ei⸗ fer, Ihre Treue, Ihr muſterhaftes Betragen, Ihre große Brauchbarkeit gewiſſer Maßen ſchon zum Gliede meiner Familie geworden, und werden Sie es durch . — 6— ein heiliges Band nun wirklich, ſo kann mir das nur erwünſcht ſeyn. Nur werden Sie über dieſen Punkt mit meiner Marh ſelbſt fertig. Denn nichts in der Welt ſollte mich bewegen, das Mädchen zu zwingen. Ich habe in dieſer Hinſicht ein ſchreckli⸗ ches Exempel ſtets vor Augen. Das iſt meine Selige. Die war auch von ihren Eltern gezwun⸗ gen worden, mich zu heirathen. Hilf Himmel! was war das für eine trübſelige Ehe. Ein gutes freund⸗, liches Wort will ich bei Marh für Sie einlegen, mein lieber Herr Meher; mehr aber verlangen Sie nicht von einem redlichen Vater. Ich denke auch, das wird hinreichen, Sie zum Ziele Ihrer Wünſche zu bringen. Mary kennt ja Ihre Vorzüge und müßte blind ſeyn, wenn Sie nicht ſähe, daß Sie ein bildhübſcher Mann in den beſten Jahren ſind.“ Dieſe ſchmeichelhaften Außerungen des Prinzi⸗ pals entzückten den Buchhalter; freudetrunken tau⸗ melte er ſeiner geliebten Freundin, der Frau Hehſe, an die Bruſt, und dieſe begann nun bei jeder ſchickli⸗ chen Gelegenheit die Tochter des Hauſes, nach th⸗ rer Meinung ſehr geſchickt, zu Gunſten des Herrn Meyer zu bearbeiten. Mary hörte die verblümten Anſpielungen der Haushälterin geduldig an und ging, 16* — 244— wenn ſie eben bei Laune war, auch darauf ein; ja, es ſchien ihr ſogar zuweilen Vergnügen zu gewäh⸗ ren, daß ſie durch Vermittlung der Frau Hehſe dem ſpeculanten Buchhalter Hoffnungen machte. Als nun der Vater mit ſeinem guten Wort herausrückte, erklärte ſie: ſie wolle noch einige Jahre warten; ſie ſeh ja zu jung zum Heirathen, ſie wolle ihre Ju⸗ gend erſt noch genießen u. dergl. m. Der Vater konnte dagegen nichts haben und Herr Meher wurde wieder mit Hoffnungen vertröſtet. So verging wie⸗ der ein Jahr; Marh war eine herrliche, üppige Jungfrau geworden und zog die Augen aller hei⸗ rathsfähigen Männer auf ſich; aber keiner trat ihr näher, weil ſie in der ganzen Stadt für die Braut des Herrn Tobias Meher galt. Und wenn auch Frau Hehſe dies Gerücht nicht mit allem erdenkli⸗ chen Fleiß ſtets unter die Leute gebracht, wenn auch Herr Meher nicht ſüß lächelnd die Gratulationen vor der Hand noch abgewieſen und der Herr Se⸗ nator Mah nicht ſtets von ſeines Buchhalters Lobe übergefloſſen wäre, man würde ſchon aus dem dienſt⸗ baren Betragen des Halbjuden erſehen haben, welche Abſichten er hege und wie nahe er daran ſeh, dieſel⸗ ben zu erlangen. Begleitete er doch die ſchöne — 5— Banquierstochter auf alle Bälle, in alle Geſellſchaf⸗ ten, auf allen Spazirgängen, wie ihr Schatten, trug ihr den Shawl und das Körbchen, bediente ſie nach Kräften an öffentlichen Orten und zu Hauſe, kam ihren kleinſten Wünſchen zuvor, machte ihr kleine und große Geſchenke und betrug ſich ganz als Mary's Bräutigam. Da nun Niemand in des ſchö⸗ nen Mädchens Geſichts Unwillen über den ſüßlichen Juden las, ſo fehlte es nicht an einer Menge jun⸗ ger Leute, die das große Glück des unausſtehlichen Menſchen von ganzen Herzen beneideten. Inzwi⸗ ſchen erhielt ſich das Verhältniß zu Aller Erſtaunen auf dieſem äußern conventionellen Tone z man er⸗ wartete täglich die Verlobungskarten, und ein Mo⸗ nat um den andern verging, ein Jahr war wieder hinab— und Herr Meyer noch um keinen Schritt weiter. Da erhielt der Schneckengang dieſer Hei⸗ rathsangelegenheit plötzlich eine andere raſche Wen⸗ dung, die von einer Seite kam, von welcher ſie der freundliche Buchhalter am wenigſten vermuthet hatte. Eines Nachmittags rollte ein ſchöner engliſcher Reiſewagen mit vier ſchlanken Iſabellen dor das Haus; ein Lohnbedienter aus der Stadt ſprang vom Bocke, eilte in das Comptoirzimmer und meldete — 246— den Sir Henrh Mah, Reffen des Herrn Senators Mah, aus Amerika, überreichte auch zugleich eine koſtbare Karte, auf welcher zu des alten Thll's un⸗ ausſprechlicher Freude ſeine erſtaunten Augen mit goldnen Buchſtaben den Namen„Henry May“ erblickten. In Haſt ſchob er ſich hinter dem Schreib⸗ tiſche hervor und bewegte ſeine krummen Beine in unglaublicher Schnelligkeit durch die Hausflur bis an den Wagen. Hier ſchrie er ein:„herzlich will⸗ kommen!“ aus voller Bruſt, war aber ſchier erſchrok⸗ ken, als plötzlich zwei brandſchwarze Kerle in präch⸗ tigen Libreen zu ſeinen Seiten ſtanden, ihn höflich aus dem Wege ſchoben, den Kutſchenſchlag öffneten und einen jungen Mann heraushoben, der mit al⸗ ler amerikaniſchen Kälte an dem Senator vorüber ging und im gebrochenſten Deutſch, das kaum zu verſtehen war, den aus dem Hauſe zurückgekehrten Lohnbedienten fragte, ob Sir Thll Mah ſeine Auf⸗ wartung annehmen werde. Der Gefragte deutete auf den Senator mit dem Bemerken, der Sir ſtehe bereits vor ihm; und kaum hatte der Amerikaner dieſe Worte kapirt, als er auf den Senator los ging, denſelben mechaniſch in die Arme ſchloß und im reinſten geläufigſten Engliſch ſeine Freude aus⸗ — 247— drückte, endlich den thenren Oheim kennen zu ler⸗ nen. Der Senator ſuchte in aller Eile ſein Bischen Engliſch zuſammen und fragte: ob denn der Herr Neffe nicht auch Deutſch gelernt habe. Doch dieſer verſetzte, ihm nicht zum Troſt, daß es damit ſehr ſchlecht bei ihm beſtellt ſey uud er im Hauſe des Dheims erſt ſeine Vaterſprache zu lernen gedenke. „Na, daß du ein Mah biſt, kannſt du nicht verläugnen,“ ſchmunzelte der Alte, und überſetzte ſeine Herzensergießungen dann jedes Mal, ſo gut es gehen wollte, in's Engliſche.„Du haſt ein äch⸗ tes Mahgeſicht und ſiehſt deinem Vater wie— er in deinen Jahren war, wo ich ihn zum letzten Mal geſehen— zum Sprechen ähnlich. Nun komm nur herauf; die Marg wird ſich freuen.“ Damit zog der hocherfreute Mann den amerikaniſchen Neffen in das Haus. Auf der Treppe konnte er aber eine Frage nicht länger unterdrücken„die ihm, ſeit er die Karte erblickt, ſchwer auf dem Herzen lag, und zutraulich ſchmunzelnd ſagte er:„Sag' mir nur ſchnell, lieber Neffe, wie kommt es denn, daß du unſern gemeinſchaftlichen Namen mit einem Bpſilon ſchreibſt, wie ich und unſere Vorfahren, da ihn doch dein Vater, der Chriſtoph, mit dem F ſchreibt?“ — 248— „Ha, das iſt's ja eben, was mich nach Europa getrieben hat und in ihre Arme, theuerſter Onkel!“ verſetzte der Amerikaner.„Sie müſſen nämlich wiſ⸗ ſen, daß ich über das falſche J in ſeinem Namen mit ihm zerfallen bin, mich von ihm getrennt habe und nun komme, das Unrecht, welches mein Vater Ihnen angethan, nach Kräften wieder gut zu machen.“ „JI du Goldjunge!“ rief der Senator außer ſich dor Freuden und ſchloß den Reffen auf der Treppe in die Arme und küßte ihn wacker auf den ſtarken Schnauzbart, der die Oberlippe des Amerikaners bedeckte. In ſeiner Herzenswonne riß Herr Thll die Thüre weit auf und ſchrie:„Marh, Marh! ein neuer allerliebſter Neffe aus Amerika, ein Sohn meines Bruders Chriſtoph, ein Prachtjunge, und am kleinen Finger mehr werth, als der alberne Doktor mit dem J.“ Gegenſeitige ſtumme Verbeugungen. Mary rad⸗ brechte das Engliſche auch ein wenig; man machte ſich die Freude über die neue Bekanntſchaft ver⸗ ſtändlich, und der alte Herr umarmte Eins um das And're und bemerkte mit bedeutungsvollem Lächeln, daß jedes von ihnen zwei Vpſilon im Namen führee Tyll May, Mary Mah und Henry May, und daß — 249— ſie alſo gleichſam für einander beſtimmt wären. Auch lobte er die Engländer und ihre Sprache, als eigent⸗ liche Ppſilonmänner und Bpſilonsſprache, ſo auch deßhalb, daß noch Niemand, weder in Altengland noch in Amerika, auf den albernen Gedanken ge⸗ kommen ſeh, aus dem uralten ₰ ein J zu machen. Wenn es möglich geweſen wäre, die Freude des alten Herrn zu ſteigern, ſo wäre es gewiß geſche⸗ hen, als er auf Anfrage vom Neffen erfuhr, daß dieſer ſeines Gewerbes Kaufmann und Banquier ſey, eine ungeheure Bekanntſchaft in Nord⸗ und Südamerika habe und, ein Mal vom Vater verſto⸗ ßen und zu ſtolz, ſich bei ihm anzubetteln und ſeine überzeugung dem despotiſchen Willen deſſelben zu unterwerfen, große Luſt habe, in das Geſchäft des Oheims zu treten und jene Bekanntſchaften zur Ver⸗ größerung deſſelben zu gebrauchen. „Du ſollſt an mir einen beſſern Vater finden,“ jubelte der Alte,„und dazu einen Freund und Rath⸗ geber. Seit der eigenſinnige Doktor aus dem Hauſe iſt, hat es mich oft gewurmt, daß ich der einzige Mah darin ſeyn ſollte; aber lieber keinen, als einen mit dem J. Nun ſind ja meine Wünſche ſo herr⸗ —— lich erfüllt! Nun, die Geſchichte mit dem Doktor erzähl' ich dir ein ander Mal.“ pſilonsärger. Das ſüße freundliche Geſicht des Herrn Tobias Meher war bei Tiſche in Augenblicken, wo er ſich unbeachtet glaubte, eſſig⸗ſauer, und ſeine blinzelnden Augen ruhten dann alle Mal argwöhniſch auf dem neuen Gaſte. „Wenn unſer Vetter Henrh nicht dunkelbraune Haare und den ſtarken Schnauz⸗ und Backenbart hätte, ſo ſähe er aus wie dem Doktor aus den Au⸗ gen geſchnitten,“ ſagte der Senator zu Marh.„Es iſt wirklich merkwürdig, die Söhne ſehen ſich noch ähnlicher, als die Väter.“ „Einige Ihnlichkeit iſt allerdings vorhanden,“ verſetzte Mary gleichgültig;„doch find' ich ſie nicht ſo groß, als Sie, lieber Papa! Beide Vettern ha⸗ ben, meiner Meinung nach, nur die Familienzůge, und wenn Vetter Wilhelm zugegen wäre, würde man den Unterſchied zwiſchen den beiden Herrn erſt recht gewahr werden. Sehen Sie nur: Wilhelm — 251— hatte eine kleinere zierlichere Naſe, hatte weit blon⸗ dere Haare, einen ganz andern Blick und keine Spur von einem ſo furchtbaren amerikaniſchen Bart. Aber Vetter Henrh gefällt mir deſſen ungeachtet weit beſſer, als Vetter Wilhelm.“ „Mir auch, mein Kind,“ ſchmunzelte der Alte. „Was iſt Ihre Meinung, mein lieber Herr Meyer d“ „Zu unterthänigſtem Gehorſam, mir ebenfalls,“ verſetzte der Jude und ſchluckte gewaltig an einem Biſſen. Der Neffe Henrh gefiel aber dem alten Herrn täglich beſſer; denn er war ein noch weit geſchick⸗ terer Arbeiter, als Herr Meyer, und ein ſo glückli⸗ cher Speculant, daß ſchon in den erſten Wochen ſeines Hierſeyns einige tauſend Thaler durch ſeine Thätigkeit gewonnen waren. Und welche glänzende Ausſichten gewährten erſt die durch ihn eingeleiteten Handelsverbindungen in Amerika! Was aber dem alten Senator beſonders an Henry gefiel, war der höchſt anſtändige Aufwand, den derſelbe machte, und der niemals an Verſchwendung ſtreifte; viel⸗ mehr war der junge Mann zu Hauſe ächt kaufmän⸗ niſch ſparſam, behielt aber ſeine glänzende Equipage und die beiden ſchwarzen Dienſtgeiſter bei, was na⸗ türlich nicht wenig Aufſehen machte. Der Banquier — 252— fühlte, daß der Neffe geſchickt und vielleicht don der Natur auserſehn ſeh, ſein Haus mit einem ſoliden äußern Glanz zu umgeben, wozu er, der Alte, zwar ſtets die objectiven, niemals aber die ſubjectiven Mittel beſeſſen hatte. Er ſagte daher oft zu Marp⸗ „Der Wetterjunge hat alle Tugenden ſeines Vaters, aber keinen ſeiner Fehler und Laſter.“ E war nichts natuͤrlicher, als daß Vetter Henry die liebenswürdige Marh ſonntäglich, auch gar oft in der Woche in der ſchönen Equipage ſpaziren fuhr, ſie auf alle Bälle, in alle Geſellſchaften begleitete, und daß er und ſeine Schwarzen ihr ſtets zu Dien⸗ ſten waren. Herr Tobias Meher ſaß aber daheim und kaute mit dem freundlichſten Geſicht von der Welt an den Nägeln. Bald hieß es denn nun auch in der Stadt: zum Fräulein Pyſilon hat ſich nun ein Herr Ppſilon aus Amerika gefunden; und wer das Pärchen beobachtete, ſah gar bald, wie Mary's ſtrahlende Augen mit ſchwärmeriſchem Ent⸗ zücken am Geſicht ihres Vetters hingen und mit welcher Leidenſchaft er ihr überall und zu allen Zei⸗ ten den Hof machte. Man erwartete nun täglich eine Verlobungskarte mit vier Ppſilons; aber auch —— dieſe kam nicht, ſondern ſo manches And're, was man nicht erwartet hatte. Herr Tobias Meper war nämlich nicht der Mann, der einen ſo herrlichen Plan ohne Weiteres aufgab, weil ihm ein bedeutendes Hinderniß in den Weg kam. Sein ganzes ſtilles Dichten und Trachten ging vielmehr dahin, wie er beſagtes Hinderniß glücklich überwinden möge, und es wurden zu dem Zwecke viele geheime Zuſammenkünfte zwiſchen ihm, Frau Hehſe'n und dem Diener Henrh gehalten. So blühend nun auch, ſeit des Amerikaners An⸗ kunft, das Geſchäft geworden war, ſo ereigneten ſich einige an ſich unbedeutende, aber für Herrn Thll Mah ſehr unangenehme Vorfälle, welche aber nur die Vorboten zu viel unangenehmeren ſehn ſollten. Bei der Vergrößerung des Geſchäftes hatten el⸗ nige Leute mehr angeſtellt werden müſſen, und es lag Herrn Meyer ob, dieſe Neulinge erſt förmlich auf das Ppſilon einzuüben, womit ſie in dieſer aus⸗ gedehnten Anwendung gänzlich unbekannt waren, damit ſie dem Herrn Prinzipale kein Argerniß ge⸗ ben möchten. Inzwiſchen konnte es nicht fehlen, daß, Trotz aller angewandten Mühe des Buchhal⸗ ters, zuweilen dennoch ein durchrutſchte und dem — 251— Herrn Senator zu Geſicht kam, der dann alle Mal einen verdorb'nen Tag hatte. Was aber noch ſchlim⸗ imer war, die Leute ſchrieben das R meiſt ſo un⸗ deutlich, daß man es bald für ein G, bald für ein Ch, bald für ein P oder Z anſah, und daraus mancher ärgerliche Fall entſtand. So hatte einer in einem Brief an einen Lieferanten geſchrieben: „Von Roſinen laſſen Sie mir beſonders fehne,“ der Mann antwortete aber ärgerlich: und wenn die Be⸗ ſtellung noch größer wäre, er könne die Waare nicht noch beſonders fegen laſſen; er hatte das für g, das n für e und das e für n geleſen, wie das oft geſchieht. Ein ander Mal war eine Partie Waaren ſtatt an Herrn Hoher, an Herrn Heper, einen andern Handlungsfreund gekommen, woraus eine heilloſe Verwirrung entſtand. Das Drolligſte von dieſer Art war aber, daß ein reicher aber tan⸗ ber Jude, welcher ſich von einem Diener die Adreſſe des Hauſes hatte geben laſſen, um Geſchäfte mit ihm zu machen, bei ſeiner perſonlichen Aufwartung, den Herrn Senator ſtets Herr Maz und immer wieder Herr Maz nannte, und ſich zu des Alten unbeſchreiblichem Arger anfänglich gar nicht wollte belehren laſſen, bis er, ſchier inſultirt, die Adreſſe — 255— hinhielt, auf welcher ſich das V an May freilich wie ein Z ausnahm. Dieſe offenbaren Neckereien— denn Zufall konnte das öftere Wiederholen dieſer Dinge nicht ſeyn— erſtreckten ſich endlich auch auf Herrn To⸗ bias Meyer, und zwar auf eine Weiſe, die den ar⸗ men freundlichen Junggeſellen in gränzenloſe Wuth verſetzte, die, was bei ihm noch nie geſchehen war, ſelbſt zum Ausbruch kam und einen lang gehegten Entſchluß zur Reife brachte. Es lief nämlich eines Tags mit der Stadtpoſt ein Brief an Herrn To⸗ bias Meher ein, nach deſſen Durchleſung ſein gel⸗ bes Geſicht ſchwarz wurde, ſeine freundlichen Mie⸗ nen ſich zu einer Furiengeſtalt verzerrten und ſeine Augen Wuth und Verderben blickten. Das Blatt entſank ſeiner Hand und er dem Stuhle, und mit dem gräßlichſten Fluche, den die Söhne des alten Teſtamentes über die Lippen bringen, raffte er ſich wieder auf und ſchleuderte den erhaltenen Brief mit einer reſpektswidrigen Frechheit dem alten Herrn beinahe in's Geſicht, mit den Worten:„Es muß rein ſeyn zwiſchen uns; denn ich will nicht ſeyn ein Spott unbärtiger Knaben!“ Der Senator las, erſtaunt über ſeines Buchhal⸗ — 6— ters ungewohntes Weſen, das anonhme Billet, worin nur folgende Worte ſtanden:„Hehrathen Sie die Marh bald, ſonſt iſt das Goldfiſchchen für Sie verloren. Nur im Hehrathen liegt Ihr Hehl; denn Marh's Schatz wird Ihr Hehland; außerdem blei⸗ ben Sie ein unerlöſter Jude.“ Der Senator konnte Anfangs nicht begreifen, was den Buchhalter ſo aus aller Contenance gebracht habe, bis er ſah, daß die Bpſilon in dem Billet ſich alle wie ſtattliche P aus⸗ nahmen, und daß dadurch ein allen Juden unaus⸗ ſtehlicher Ton, das übelberüchtigte Hep herauskam. Der Senator ſuchte den Aufgebrachten ſo gut, wie möglich, zu beſänftigen, erſchrack aber ſchier, als dieſer rund heraus erklärte: er könne das Ding nicht län⸗ ger mehr mit anſehen; entweder müſſe Mard in vier Wochen ſeine Frau ſehn, oder er trete aus dem Geſchäft und etablire ſein eignes. Deßhalb wolle er dieſe Erklärung, im Fall, wie wahrſcheinlich ſeh, er von Mary abgewieſen werde, zugleich als con⸗ tractiſche Aufkündigung angeſehen wiſſen. Dies hatte der Senator nicht erwartet, und der Gedanke, ſeinen lieben Herrn Meher zu verlieren, gab ihm einen Stich in's Herz und war ihm uner⸗ träglich, wenn er bedachte, wie ſehr das Etabliſſe⸗ — 257— ment des Buchhalters der Firma Tyll Mah zu ſchaden vermöge. Mit wenig Hoffnung freilich, ver⸗ ſprach Herr May dem wüthenden Meper, nur um ihn zu beruhigen, daß er ernſtlich und väterlich mit der Tochter ſprechen und ihr aus Leibes⸗ und Le⸗ benskräften zureden wolle, ihm ihre Hand zu geben. Dies geſchah nun zwar; aber, wie voraus zu ſehen, erklärte Marh ohne Umſchweife: ſie werde niemals Herrn Meyer's Frau werden, er möge ſich nun etabliren, oder es bleiben laſſen; ſie ſey mit dem Vetter Henrh ſchon ſo gut als im Reinen, und die⸗ ſer erwarte nur noch einen Brief aus Amerika, um dann bei'm Vater förmlich um ihre Hand anzuhal⸗ ten. Der Senator, durch die zeitherigen Vorfälle ſchon ſehr verſtimmt, wurde nun ganz griesgrämlich. Er konnte Mary's Wahl nicht tadeln und doch war es ihm unendlich leid, ſeinen lieben Herrn Meyer zu derlieren; aber noch mehr kränkte es ihn, daß ein böſer Menſch das geliebte Vpſilon auf eine ſo ſchänd⸗ liche Weiſe benutzt hatte, ſeinen Buchhalter damit zu ärgern. Obgleich nun keine direkte Erklärung von Seiten des Senators an den Buchhalter erfolgte, ſo wußte dieſer doch zu Genüge, woran er war, und bereitete Alles auf ſeinen baldigen Austritt aus dem Geſchäfte II. 17 — vor, was den alten Mah ſchier zur Verzweiflung brachte. Je deutlicher aber der Jude die Gemüths⸗ bewegung des Prinzipals wahrnahm, deſto planmä⸗ ßiger und augenfälliger ging er zu Werke und labte ſich daran, dem alten Manne, dem er(er wußte es wohl) unentbehrlich geworden war— den Dolch des Schmerzes nur recht langſam und tief in's Herz zu ſtoßen. Jetzt ſchien es, als wären Herrn May's gute Tage vorüber. ypſilonstreune, Als Herr Tobias Meher die langjährigen Dienſte des Herrn Tyll Mah verließ, traf es ſich gerade, daß mehre ſehr ſtarke Wechſel auf das Haus liefen und der größte Theil des Vermögens, baar und in Banknoten, in Caſſe war, um jene Papiere ein⸗ zulöſen. Vielleicht war dieſer Umſtand nicht bloßer Zufall. Herr Meyer hatte ſchon ſeit einigen Tagen ſein neues Logis bezogen, und das Geſchäft ging auf dem Mah'ſchen Comptoir, auch ohne Herrn Meher, beſſer, als der alte Senator ſich gedacht hatte. Da — 3— fehlte eines Morgens, als Herr May ſich ankleiden wollte, der Diener Henry. Frau Heyſe fand ſein Bett noch unangerührt, und doch war er Abends vorher da geweſen. Argerlich über des Menſchen ungewohnte Lüderlichkeit, verfügte ſich der Senator auf das Comptoir. Er wurde ſtutzig, als er die ſonſt ſtets wohlverwahrte Thüre deſſelben offen fand, die er, ſeines Wiſſens, doch Abends vorher ſelbſt verſchloſſen hatte. Aber Entſetzen faßte ihn, als er an den Schreibtiſch trat und ſeine Augen auf die daneben ſtehende, an den Boden angeſchraubte ei⸗ ſerne Geldkiſte fielen. Der Deckel ſtand auf und die Kiſte war leer. Ein gräßlicher Laut der Ver⸗ zweiflung entrang ſich dem Munde des alten Man⸗ nes, dann dunkelte es vor ſeinen Augen. Als der Unglückliche wieder zu ſich kam, fand er ſich in den Armen ſeiner höchſt beſtürzten Kinder. Durch den Amerikaner war bereits das ganze Haus von dem Statt gefundenen Diebſtahl unterrichtet. Der Se⸗ nator war in einem Zuſtande, der ihn zum beſon⸗ nenen Handeln unfähig machte; er mußte zu Bette gebracht und ärztliche Hülfe für ihn angerufen wer⸗ den. Marh lag, von Schmerz zerriſſen, vor ſeinem Bette auf den Knieen. Die Sorge, den Dieb zu 17* — 260— verfolgen, überblieb dem Neffen; und dieſer fand, daß der Diener zu allen Schlöſſern müſſe Schlüſſel gehabt haben, weil nirgend ein gewaltſamer Einbruch zu bemerken war. Auch ergab ſich, daß er nicht allein das Geld und die Banknoten, ſondern auch mehre Wechſel mitgenommen hatte; und dieſer Um⸗ ſtand konnte bei ſchnellen Vorkehrungen zur Hab⸗ haftwerdung des Diebes führen. Es wurde ſofort die Anzeige des Diebſtahls bei der ſtädtiſchen Po⸗ lizei gemacht, ein genaues Signalement des Diebes geliefert; der Amerikaner ſchickte nicht nur Staffetten an die Handlungshäuſer, auf welche die entwende⸗ ten Wechſel liefen, ſondern er reiſ'te ſelbſt ſchon nach einigen Stunden, mit den nöthigen Vollmach⸗ ten verſehen, mit Exkrapoſt nach Hamburg, weil der vorzüglichſte Wechſel auf ein dortiges Haus lau⸗ tete und überhaupt zu vermuthen ſtand, daß der Dieb dorthin ſeinen Weg genommen habe. Der Zuſtand im Mah'ſchen Hauſe war ziemlich troſtlos und verſchlimmerte ſich von Tag zu Tage. Denn die einzulöſenden Wechſel liefen allmählich ein und gingen, da ſie nicht gedeckt werden konnten, mit Proteſt zurück; die Krankheit des alten Herrn verſchlimmerte ſich, und wahrhaft rührend war es, — 261— daß der Schmerz, ſich in einem ſeiner Bpſilonsmän⸗ ner ſo ſchrecklich getäuſcht zu ſehen, weit ärger war, als der über den Verluſt ſeines Vermögens. Vald kam auch ein Brief des Neffen an, worin derſelbe meldete: es ſey faſt unbegreiflich, mit wel⸗ cher Umſicht und Sachkenntniß der Dieb verfahren ſeh, was er nun und nimmermehr den Verſtandes⸗ fähigkeiten des Dieners Henrh zutrauen könne. Hier ſey noch eine andere Hand, und zwar eine ſehr ge⸗ ſchickte und vorſichtige, mit im Spiele. Zwar wage er nicht ſeinen Argwohn auszuſprechen; doch werde er ſich's zur heiligſten Pflicht machen, gewiſſe Leute, die der Herr Onkel mit allzugroßem Vertrauen be⸗ ehrt habe, künftig ſcharf in's Auge zu faſſen.“ Die Wechſel waren nämlich in einer faſt un⸗ glaublich ſchnellen Zeit in Hamburg ſchon verkauft worden, und zwar, wie ſich ermitteln ließ, von ei⸗ nem Juden, der aber nicht aufzufinden war. Eben ſo waren an den andern Plätzen die übrigen Pa⸗ piere abgeſetzt, wovon Henry May bereits Nachricht hatte, und dies bewies klar, daß der Dieb einige wohlunterrichtete Helfershelfer habe, und weil dieſe, allen Anzeichen nach, unter den Juden ſteckten, ſo war dem Diebe ſehr ſchwer auf die Spur zu kom⸗ — 262— men. In Hamburg hatte ſich wenigſtens keine ge⸗ funden. „Zugleich,“ ſchrieb er ferner,„muß ich noch eine and're, ebenfalls nicht erfreuliche Nachricht mitthei⸗ len, die mir hier durch einen Nordamerikaner, einen Freund meines Vaters, zugekommen iſt. Derſelbe war nämlich von meinem Vater beauftragt, mich in Ihrem Hauſe, lieber Onkel, aufzuſuchen, und freute ſich, als er mich in Hamburg traf, ſich einen Weg erſparen zu können. Er zeigte mir ein Dokument meines Vaters vor, worin dieſer feſt und unabän⸗ derlich erklärt, mich gänzlich enterben zu wollen, ſo⸗ bald ich auf meinem Vorſatze beharre, meinen Na⸗ men ferner mit dem Ppſilon zu ſchreiben, und ſein ungeheures Vermögen einem Brudersſohn, dem Dok⸗ tor Wilhelm Mai, welcher ſich jetzt in ſeinem Hauſe befinde, zu vermachen. Im Falle ich aber mich zu zu dem J bekehre, iſt der Freund meines Vaters beauftragt, mir eine ſehr große Summe anzuweiſen, mit welcher wir uns ſogleich wieder helfen können. Ich würde dann unſer Unglück meinem Vater mel⸗ den, ihn um ſeine Einwilligung zu meiner Verbin⸗ dung mit Marh bitten, deren Hand Sie, theurer Onkel, mir gewiß nicht verſagen würden, da ich —— das Herz des lieben Mädchens ſchon lange beſitze, und ſo würden durch ſeine Mithülfe unſre Aktien ſchnell wieder ſteigen— denn mein Vater iſt ein ſehr edler Mann— und zwiſchen ein Paar Brü⸗ dern ein fremdes Verhältniß endlich aufhören. Doch ich will nicht für mich handelnz ich will nichts ohne Ihren väterlichen Rath thun, mein Oheim. Sie ſol⸗ len entſcheiden. Soll ich das große Vermögen mei⸗ nes Vaters verſcherzen eines Buchſtaben wegen, oder mich ſeinem unabänderlichen Willen fügen? Ant⸗ worten Sie mir bald, aber überlegen Sie wohl Al⸗ les, das zeitliche und ewige Glück Ihrer vortreffli⸗ chen Tochter, das Ihrige, das meinige.“ Als Marh ihrem Vater den Brief vorgeleſen hatte, brach ſie in helle Thränen aus und faltete die Hände bittend gegen den im Bette liegenden 6 Vater. Auf der Stirne deſſelben ſtanden eben ſo große Schweißtropfen, als Mary Thränentropfen vergoß, und ſein Auge irrte unſtät an der Decke umher. Der arme Mann hatte einen fürchterlichen Kampf zu kämpfen. Hier galt es, dem Ppſilon für ſeine Nachkommen zu entſagen oder einem großen Vermögen, ſein einziges Kind einem J⸗Mann zu uͤberliefern oder der Armuth. Die Wahl war zu — 264— ſchwer. Zwar hatte ihm das Ppſilon ſeither ſchon wie ein neckiſcher Dämon manchen fatalen Streich geſpielt, ſonſt würde er unbedingt nach ihm gegrif⸗ fen und das Vermögen ſeines amerikaniſchen Bru⸗ ders fahren gelaſſen haben; aber deßohngeachtet dauerte der Kampf eine Viertelſtunde, eine halbe, und Marh's Blicke hingen immer troſtloſer und trü⸗ ber an ſeinem ſchwitzenden Geſichte. Herr Meyer. Da klopfte es an die Thüre und Herr Tobias Meher trat mit einem ausnehmend freundlichen Ge⸗ ſichte herein. Zuerſt condolirte er mit großer Weit⸗ ſchweifigkeit ſowohl den Verluſt des Vermögens, als auch die Krankheit des Herrn Senators, tröſtete auch gehöriger Maßen und meinte: der Schurke, dem man ſolche Richtswürdigkeit niemals angeſehen⸗ werde dem Arme der Gerechtigkeit nicht entlaufen, und das Geld wohl größtentheils wieder beigeſchafft werden; es ſeh nur ſo ſehr zu beklagen, daß der Unfall gerade zu ſo höchſt unglücklicher Zeit gekom⸗ men ſey, da er nicht abſehe, wie ſich der Herr Se⸗ nator vor dem Falliment ſchützen wolle. —— Der alte Banquier brach bei dieſen Worten in Thränen aus, und ſein ehmaliger Buchhalter rückte um einen Schritt näher.„Ich wüßte wohl, wie Ihnen gleich zu helfen wäre, mein hochverehrter Herr Senator und Prinzipal,“ fuhr nun der Jude fort;„Sie müſſen mir's aber zu Gnaden halten und nicht übel nehmen, ſonſt ſchweig' ich lieber ſtill.“ „Sagen Sie, ſagen Sie, lieber Herr Meyer!“ rief der Kranke. „Sie wiſſen, ich habe mir in Ihrem Hauſe ein hübſches Kapital geſpart, und bekannt iſt Ihnen auch, daß mir meine Altern eine artige Summe hinterlaſſen haben. Ich ſtrecke Ihnen mit großer Freude all mein Hab' und Gut vor, ſtell' es zu Ihrer Dispoſition; Sie ſollen damit ſchalten und walten, als wie mit dem Ihrigen. Aber das nicht nicht allein. Ich habe einen ſteinreichen Onkel in Frankfurt am Mahn, und ob er gleich ungehalten war, daß ich ein Chriſt geworden bin, ſo hat er mir doch verziehen und will mir helfen, wie er kann. Es iſt kein Zweifel, daß ich von ihm fünfzigtauſend Mark Banko erhalte, mein Geſchäft damit zu he⸗ ben; aber es muß ſeyn mein Geſchäft. Verſtehen Sie wohl! Aber es iſt auch nichts leichter, als die — 266— Sache zu vermitteln, daß es Ihr Geſchäft bleibt und auch das meinige iſt, ſobald Sie mir Ihr Töch⸗ terchen geben und meine ſchon früher ausgeſproche⸗ nen Wünſche erfüllen. Feiern wir heute Verlobung, und von morgen löſ' ich alle laufenden Wechſel ein. In wenigen Wochen iſt das Geſchäft im Gange und wir können den Dieb dann mit aller Muße verfolgen. Schlagen Sie ein, Herr Sena⸗ tor, und Ihnen iſt geholfen.“ Des Alten Geſicht hatte ſich verklärt.„Von Herzen gern!“ rief er, und ſchlug in die dargebotne Rechte des Juden.„Sie ſind mir immer ein lie⸗ ber Mann geweſen, Herr Meher.“ Das Ppſilon hatte geſiegt und in froher Wallung hielt Herr Mah die Hand des Retters gefaßt. „Wie?“ rief Marh aber dazwiſchen, die ſeither ganz ruhig am Fenſter geſeſſen hatte, mit einer weiblichen Arbeit beſchäftigt.„Und mich fragen Sie nicht, mein Vater? Sie ſchlagen mich dieſem Manne um einen gewiſſen Preis zu, wie eine Waare, und fragen nicht danach, daß mein Herz Ihrem Neffen gehört und ich ihm mein heiligſtes Verſprechen gegeben habe?“ „Er iſt ja aber vonſ einem Vater enterbt und — 267— kann uns nichts helfen,“ verſetzte der Vater;„und Herr Meher iſt ja ein ſo hübſcher, lieber, guter Mann, der ſich ganz für uns aufopfern will. Be⸗ denke, mein liebes Kind, daß ich die Schande des Falliments nicht überleben werde, daß ich Armuth nicht ertragen kann! Höre die Bitten deines kran⸗ ken, verzweifelten Vaters! Verlaſſ' ihn nicht en der höchſten Noth! Von dir hängt jetzt ſein Leben oder ſein Tod ab. Schlägſt du Herrn Meher aus, ſo bin ich morgen todt.“ „Aber, lieb„ſterbeſter Vater! der Vetter Henrh iſt ja nicht enterbt; im Gegentheil hat er ſogleich über ein großes Kapital zu verfügen und bekommt einſt das ganze Vermögen ſeines Vaters, ſobald Sie ihm nur erlauben, das B mit dem I zu vertauſchen.“ „Fort mit dem F!“ kreiſchte der Alte;„und nun kein Wort weiter! Herr Meyher hat mein Wort, und das iſt unzerbrechlicher, als Diamant. Du biſt Herrn Meher's Braut und morgen iſt die Verlo⸗ öung.“ umſonſt waren Marh's Thränen. Herr Meher empfahl ſich mit ſüßen Komplimenten, um, wie er ſagte, den Verlobungsring und die Verlo⸗ bungskarten zu beſtellen. Mary's Schmerz betraf mehr die Verirrung ihres Vaters, als ihr eignes —— Schickſal; ſie war ja im Beſitz eines ſüßen Geheim⸗ niſſes und wußte, daß ſie weder des Juden Meyer, noch des Amerikaners Henry Mah Frau werden würde, ſondern bald, recht bald ihrer erſten und hei⸗ ligen Liebe, ihrem über Alles theuern Doktor an⸗ gehören werde. Deßhalb ſah ſie auch getroſt dem folgenden Tage entgegen. Dieſer kam, aber nicht Herr Meyer; er ging wieder, und Herr Tobias Meyer war zu des Se⸗ nators und Mary's Befremden nicht gekommen. Der Alte war ſehr unruhig, obgleich er nichts äuſ⸗ ſerte, und Mary lallte kein Wörtchen von dem Pſeudo⸗Bräutigam. Ebenſo verging der folgende Tag; Herrn Meher's Ausbleiben war unerklärlich, Der Alte fing an zu befürchten, es möchte dem lieben Herrn Meher ein ſchweres körperliches übel zugeſtoßen ſeyn, welches ihn gänzlich untauglich ge⸗ macht, irgend ein Lebenszeichen an ſeinen alten Freund und Prinzipal gelangen zu laſſen, und er bat deßhalb den Medicinalrath Berger bei deſſen nächſtem Beſuche, ſich doch in Herrn Meher's Woh⸗ nung zu verfügen und ſich nach deſſen Geſundheits⸗ zuſtande zu erkundigen. Bereitwillig ging der Arzt, kam aber ſchon nach einer Stunde, noch Abends zu⸗ — 269— rück und berichtete: Herrn Mehers Wohnung ſeh verſchloſſen, und der Wirth habe ausgeredet: ſein Miethmann ſey geſtern in aller Eile abgereiſt. Das war nun Allen ein Räthſel. Den folgenden Tag kam ein neues hinzu. In der Nacht war nämlich die Haushälterin, Frau Hehſe, entwichen und nir⸗ gends aufzutreiben. Und ſo ſah der Senator betrübt ſein Haus von den drei dienſtbaren Vpſilon befreit, mit welchen er ſo lange gewirthſchaftet hatte. Er klagte das Schickſal der Härte an und mochte ver⸗ zweifeln über den geheimnißvollen Schleier, der über der ſonderbaren Flucht des Herrn Meher und dem eben ſo ſonderbaren Verſchwinden der Frau Hehſe hing. Dieſe ſeine trübſelige Stimmung wurde zum furchtbarſten Schrecken, als Tags darauf die Mel⸗ dung einging: Frau Hehſe ſeh todt im Waſſer ge⸗ funden worden, und habe ſich jedenfalls ſelbſt entleibt. Was konnte die lebensluſtige Frau zu dieſem verzweifelten Entſchluſſe verleitet haben? Vergebens zerbrach ſich der alte May den Kopf, er konnte es nicht ergründen; in Marh's Seele dämmerte aber eine Ahnung auf, und ſie wurde nicht von derſel⸗ ben betrogen. Einige Tage nach dieſen Vorfällen 5 wurde der entwichne Diener Henrh mit Bewaffne⸗ — 270— ten eingebracht und an die ſtädtiſche Polizei abgelie⸗ fert. Nun lösten ſich alle Räthſel. Der Menſch war durch des Neffen Wachſamkeit und Liſt wirklich noch in Hamburg entdeckt und aufgegriffen worden, und ſagte nun gleich im erſten Verhör aus: er ſey von Herrn Meyer zu dem Diebſtahl verleitet und vorbereitet worden; ja, dieſer habe ihn eigentlich begangen, und er und Frau Hehſe ſeyen nur dabei geweſen. Beide habe der Buchhalter durch große Geſchenke und noch größere Verſprechungen ſchon lange verlockt, ihm auf alle und jegliche Weiſe zum Beſitz der Jungfer Mary behülflich zu ſeyn, und ſie hätten ihm auch ihr Wort darauf gegeben. Da, als er in Gefahr gekommen, daß all ſeine Pläne ſchei⸗ terten, habe er die Beraubung der Kaſſe als letztes und ſicherſtes Mittel angegeben und die Nachſchlüſ⸗ ſel alle ſelbſt machen laſſen. Dazu habe er ſich armer Juden in einer benachbarten Stadt bedient. Frau Heyſe habe ſich erſt aus allen Kräften dieſem Plane widerſetzt; als ihr der Jude aber klar ge⸗ macht, daß es nur ein Mittel ſey, Mary zu zwin⸗ gen, ſo ſey ſie es endlich zufrieden geweſen. In der beſtimmten Nacht habe Herr Meyer ſelbſt einen Wagen im nächſten Dorfe halten laſſen; er, der * — 271— Diener, habe ihn um zwölf Uhr die Hausthüre ge⸗ öffnet. Meyer ſey dann in das Comptoir gegangen, habe mit den Nachſchlüſſeln Alles aufgeſchloſſen, das Geld herausgenommen und ſich dann mit ihm ent⸗ fernt. Frau Heyſe habe Wache gehalten und er habe geleuchtet. Darauf ſeyen ſie zuſammen in's nächſte Dorf gelaufen; dort habe ihm Meher einen Theil des Geldes, ſo wie einen Wechſel und Briefe an einige Juden übergeben, und dem auf dem Bock als Kutſcher ſitzenden Juden ſcharf zu fahren befoh⸗ len. Sie ſeyen von der Landſtraße abgebogen und nähere Wege gefahren, überall hätten ſie bei den Juden friſche, von Herrn Meyer beſtellte Pferde ge⸗ funden, und ſo wären ſie in unglaubiger Schnelle nach Hamburg gekommen. Dort hätten wieder die Juden, an die er adreſſirt geweſen, Alles beſorgt. Herrn Meyer's Plan ſeh geweſen: das Geld ſo⸗ gleich wieder an ſich zu ziehen, ſobald er mit Mary vermählt ſey; er, der Diener, und Frau Heyſe hät⸗ ten zehntauſend Mark bekommen ſollen. Es fand ſich bald, daß der Diener auch nicht viel mehr von Meyer mit nach Hamburg bekommen hatte. Die Hauptſumme hatte der liſtige Bpſilons⸗ mann behalten und war damit, auf die erſte Nach⸗ —— richt von der Einziehung ſeines Helfershelfers, die ihm jedenfalls durch ſeine frühern Glaubensgenoſ⸗ ſen zugekommen war, mit denen er— wie ſich er⸗ gab— noch in der engſten Verbindung ſtand, ſo⸗ gleich mit Courierpferden geflüchtet. Die Gerech⸗ tigkeit verfolgte ihn zwar mit Eile; aber man brachte nicht mehr heraus, als daß er zu Schiſſe gegangen war und alſo ſeinen Raub in Sicherheit gebracht hatte. Herr Thli Mah ſtarb faſt vor Schrecken auf dieſe Nachricht. Es war ein gräßlicher Gedanke für ihn, ſich in allen ſeinen lieben Ppſilonsleuten ſo furchtbar getäuſcht zu haben. Ja, er ſprach ferner kein Wort mehr vom Poſilon, und als der Reffe in einem langen Brief, worin er die Art, wie er den Dieb entdeckt, das Nähere berichtete, ſchrieb: er werde nicht eher zurückkehren, bis der Onkel ſich hinſichtlich des J erklärt, da befahl der ſchwer ge⸗ drückte Senator ſeiner Tochter mit einem tiefen Seufzer: ſie ſolle dem Henry antworten, daß er ſich dem Willen ſeines Vaters fügen möge. So hatte denn endlich das J den Sieg davon getragen über das Ppſilon 5 Si Der alte Herr hütete noch immer das Bett und die Arzneimittel wollten nicht recht bei ihm anſchla⸗ gen. Von Tag zu Tag erwartete er mit Ungeduld die Rückkehr ſeines Neffen, und dieſer hätte in der That ſchon lange wieder da ſeyn können. Früh und Abends ſprach er von ihm, und Marh merkte wohl, daß er etwas ganz Beſonderes auf dem Herzen haben müſſe. Zuletzt glaubte der Alte, er werde gar nicht er eher geſund werden, bis der Amerika⸗ ner wieder im Hauſe ſeh. Es hatte auch ſeine Rich⸗ tigkeit, daß ihm etwas Beſond'res auf dem Herzen lag, und das war nichts weniger, als: mit der Toch⸗ ter dem Nefſen auch das ganze Geſchäft zu überge⸗ ben und ſich ganz in Ruhe zu ſetzen. Er konnte den Gedanken nicht ertragen, ferner der Chef eines Comptoirs zu ſehn, auf welchem man ſtets dem Bpſilon ſeine uralten Rechte heilig bewahrt und ge⸗ ſichert, Rechte, die nun gekränkt und geſchmälert werden ſollten; es war ihm nicht möglich, an ei⸗ nem Tiſche zu arbeiten, wo ferner das demokratiſche S ſeine verhaßte Pöbelherrſchaft ausüben ſollte. Mit dieſem Gedanken hatte er ſich ſchon lange getragen, I. 18 —— als endlich der Reiſewagen des Amerikaners vor dem Hauſe ſtill hielt und die beiden Schwarzen den Schlag öffneten. Herr Thll Mah fuhr freudig in die Höhe, als ihn Marh mit der Ankunft des Wa⸗ gens bekannt machte, und ſtreckte die Arme der Thüre entgegen, durch welche die Tochter in lieben⸗ der Haſt geeilt war; denn obgleich durch dieſe Thüre ein Mai mit dem J herein treten ſollte, durch welche er mit dem W hinausgegangen war, ſo fühlte der alte Mann doch eine Regung in ſeinem Herzen, welche ſeine Vpſilonsliebe überragte, und ſeit ſeine Ppſilonsleute ſich ihm als Schurken be⸗ thätigt, ſeine Vpſilonsangelegenheiten ſchief gegan⸗ gen waren, fühlte er ſich im Herzen bei weitem milder gegen das I geſtimmt, zumal dieſes wieder gut machte, was jenes verdorben. Die Thüre ging auf, aber Statt eines Mannes traten deren drei herein, zwei ältere und ein jün⸗ gerer. In dem Letztern erkannte der Senator ſo⸗ gleich den Doktor Vilhelm Mai; der ſehnlichſt er⸗ wartete Neffe Henrh war aber nicht dabei. Der Doktor trat, an jeder Hand einen der ältern Män⸗ ner, lächelnd zu dem Bette und ſagte:„Kennen Sie dieſe Beiden, theurer Onkel?“ Verwundert — — ſtarrte der Senator Einen um den Andern an, bis es plötzlich in ſeinem Kopfe zu dämmern und nun ſchnell licht zu werden begann, und er mit faſt er⸗ ſtickter Stimme in höchſter überraſchung ausrief: „Bruder Chriſtoph! Bruder Kaspar!“ „Wir ſind's!“ verſetzten dieſe und lagen an der Bruderbruſt. „Aber, wie iſt mir denn?“ fragte der Senator weiter;„wo iſt denn dein Sohn, Crriſtoph? wo iſt denn mein lieber Neffe Henry? Iſt er denn nicht mit gekommen?“ „Hier ſteht er ja!“ verſetzte der amerikaniſche Bruder. „Dieſer? Das iſt ja der Doktor, der Wilhelm, iſt ja dein Sohn, Kaspar!“ „Er iſt auch Chriſtoph's Sohn; der meinige der Geburt nach, der ſeinige der Adoption nach,“ ent⸗ gegnete Kaspar.„Ja, Bruder Thll, der Junge hat dir einen ganz verdammten Streich geſpielt, toller, als Chriſtoph und ich dir jemals in unſrer Jugend einen aufgebunden haben, und Chriſtoph iſt deßhalb von Amerika gekommen und ich von Breslau, daß wir vereint deine Verzeihung anflehen wollen für den Sakramentskerl.“ 1 — — 26— „Nun, was iſt's denn? Sag't doch!“ rief der Kranke ängſtlich. „Ei, merkſt du denn noch nichts?“ rief chriſtph lachend.„Der Doktor Wilhelm und der Kaufmann Henrh ſind ja eine Perſon,“ „Eine Perſon?“ fragte der Senator verwundert, während Marh, purpurroth, die Sache, mit dem Kopfe nickend, verſicherte.„Eine Perſon?“ wiederholte der Alte kopfſchüttelnd.„Wie iſt denn das möglich? Ihr wollt mich wohl zum Beſten haben?“ „Es iſt ſo und nicht anders, wie Ihnen meine Väter ſagen,“ nahm der Doktor das Wort,„ich bin auch Ihr Neffe Henrh. Verzeihen Sie mir das Spiel, zu welchem mich die glühendſte Liebe zu Marh verleitete.“ Aber der Alte ſchüttelte noch immer den Kopf und ſagte dann;„Es iſt wohl des Henry Ton in der Sprache, aber Henrh ſprach ja das Deutſche ſo ſchlecht und bediente ſich deßhalb ſtets des Eng⸗ liſchen. Auch hatte er ja braunes Haar, einen ſtarken Backenbart, einen Schnurrbart, eine dickere Naſe, eine höhere Stirn, hatte eine viel dunklere Geſichtsfarbe, war ſtärker und größer. Nicht wahr, Marh?“ — — „ — — — * —— „Und doch iſt er derſelbe, lieber Vater,“ verſetzte das ſchelmiſche Mädchen;„ich hab' es ja immer gewußt.“ Ein Schwarzer hatte unterdeſſen auf den Wink ſeines Herrn ein Käſtchen gebracht; daraus zog der Doktor eine ſchöne braune Perücke hervor, die mit einer Feder unverrückbar feſt auf dem Kopfe ge⸗ macht werden konnte, ferner den braungefärbten ab⸗ geſchornen Backen⸗ und Schnauzbart, zeigte dem Senator Alles vor und fragte engliſch, ob er dieſe Dinge und ihn ſelbſt nun wieder erkenne. Da rief der Alte überraſcht:„Ei, du Erzſchelm, du biſt ein würdiger Sohn dieſer beiden alten Schelmen. Aber nun ſage mir nur, wozu die Mummerei?“ „Als mich Ihre Strenge— deren größten Theil ich auf Rechnung des ſchlechten Juden ſetze, der ſich Ihres Vertrauens gänzlich bemächtigt hatte— unerbittlich aus dem Hauſe verwies, war es mein einziges und höchſtes Beſtreben, Sie mir wieder zu verſöhnen, ohne daß ich meinem Stolze etwas ver⸗ gäbe. Meine Liebe zu Marh und ihre zärtliche Nei⸗ gung zu mir ließen uns vereint, wenn wir uns heimlich ſprachen,(was Trotz Ihres ſtrengen Ver⸗ botes und der Wachſamkeit der Frau Hehſe geſchah) — 278— auf Mittel denken, wie wir ungeſtört zuſammen le⸗ ben und Sie endlich doch noch für unſre Verbin⸗ dung gewinnen könnten. Da hörte ich von einem Kaufmann aus Baltimore, daß mein Onkel Chri⸗ ſtoph ſeine Kinder durch den Tod verloren habe. Schnell war mein Plan fertig. Nach Allem, was ich von dem amerikaniſchen Oheim gehort hatte, war er mein Mann. Ich habe mich nicht getäuſchtz er iſt mir ein theurer Vater geworden. Ich beſchloß, nach Amerika zu gehen; Marh billigte mein Vor⸗ haben. Es wurde ausgeführt. Dieſer gütige Mann nahm mich mit Freuden auf, und zuſammen ſchmie⸗ deten wir das Plänchen, welches ich ſpäter ausge⸗ führt habe.“ „Sag' lieber die reine Wahrheit,“ fiel Onkel Chriſtoph ein.„Ich will die Schuld, wie ſich ge⸗ bührt, allein auf mich nehmen. Ich habe den Jun⸗ gen zu der Schelmerei beredet, und Bruder Thll iſt die Schelmenſtreiche von mir ſchon gewohnt.“ „Das weiß Gott!“ ſeufzte der Seuator. „Ich arbeitete zwei Jahre auf des Onkels Comp⸗ toir und machte mich mit dem Geſchäfte ganz ver⸗ traut. Hernach kam ich mit der Perücke mit gefärb⸗ tem Bart, den ich mir umterdeſſen hatte wachſen — — — 279— laſſen, mit gefärbtem Geſicht, mit auswattirten Klei⸗ dern und meinem Engliſch als Neffe Henrh wieder. Mary war von Allem unterrichtet.“ „Als Ihnen der Jude das Geld ſtahl, war On⸗ kel Chriſtoph bereits von mir zur Hochzeit eingela⸗ den. In ſeinem Beiſehn wollte ich mich decouvri⸗ ren. Die Sache iſt etwas anders geworden, aber nicht ſchlimmer. Auf meiner Verfolgungsreiſe hin⸗ ter dem diebiſchen Diener her, traf ich den Onkel in Hamburg; wir erlaubten uns noch den kleinen Scherz, Sie dem J geneigt zu machen. Dann reiſten wir nach Breslau, holten den Vater ab und ſind nun da, um Hochzeit zu halten.“ „Und das Siegesfeſt des J zu feiern,“ rief On⸗ kel Chriſtoph. „Vergeben Sie uns, theurer Vater!“ baten die Liebenden. Der Alte winkte gewährend mit der Hand. „Es hilft dir Alles nichts!“ ſagte Chriſtoph. „Mit der Herrſchaft des Bpſilons iſt es rein aus in dieſem Hauſe. Der Doktor Wilhelm Mai hei⸗ rathet deine Tochter, die nun Marie Mai wird, alles mit dem J. Ich habe mein Bischen Hab' und Gut von Amerika mitgebracht und will bei dir, — 280— im Hauſe unſrer Väter, wohnen, aber auch als Chriſtoph Mai mit dem J. Dein Geſchäft und deine Firma mit dem Ppſilon möge ſanft entſchlum⸗ mern; wir wollen uns in Ruhe ſetzen.“ Und ſo griff er denn zu dem Glaſe alten Rheinweins, den Marh gebracht hatte, und alle griffen darnach, und er rief:„Es lebe das S!“ und ſelbſt Herr Thll Mah nippte vom Weine. —— In demſelben Verlage ſind folgende empkehlenswerthe Schritten erſchienen und um beigeſetzte Preiſe durch alle ſolide Buch⸗ handlungen zu beziehen. Byron, Lord, ſämmtliche Werke, herausgege⸗ ben von Dr. Adrian. Mit dem Bildniſſe des Verfaſſers, einem Faecſimile ſeiner Hand⸗ ſchrift und einer Anſicht von Newſtead⸗Abtey. 12 Bände. Geh. Auf geglättetem Velinpapier Rthlr. 8. 12 gr. oder fl. 14. Auf weißem Druckpapier Rthlr. 6. 18 gr. oder fl. 11. Dieſe Ausgabe iſt vollſtändiger, als irgend eine bis jetzt in engliſcher Sprache erſchienene, und mit der größ⸗ ten Sorgfalt, mit Sachkenntniß und Geſchmack von einem Vereine rühmlichſt bekannter Männer ausgeführt; keinerlei Rückſicht konnte das Auslaſſen auch nur einer einzigen Stelle bedingen. Obgleich nun dieſelbe um 15 Sctavbogen ſtär⸗ ker wurde, wird dennoch vorerſt der äußerſt bir⸗ lige Subſcriptionspreis beibehalten. Die vorzüglichſten kritiſchen Blätter haben ſich über dieſe Ausgabe auf das Vortheilhafteſte ausgeſprochen. Eine ausführliche Beurtheilung in der Halliſchen Lit. Zei⸗ tung L1832. 193] beginnt: „Wir ſehen hier ein unternehmen vollendet, in wel⸗ cbem die univerſalität des Geiſtes unſerer Sprache einen ihrer glänzendſten Triumphe feiert. Wie möchte auch der Franzoſe oder der Italiener die kühne Kraft des engliſchen Dichters wiederzugeben vermögen, wie den freien Schwung ſeines Geſanges, die Liefe zerreißender und verſöhnender Gefühle, die verwegene Bildung der Sätze und einzelner Worte, die tauſend bedeutungsvolten Nüancen, welche By⸗ ron gleichſam tändelnd, aber nie ohne Abſicht und Be⸗ wußtſeyn, hinwirft?“ Cooper's ſämmtliche Werke, 81 Bändchen. Geh. Ausgabe auf Druckvelinpap. Rthlr. 14. * — 20 gr. oder fl. 23. 12 kr. Auf Druckpapier Rthlr. 9. 20 gr. oder fl. 15. 48 kr. Dieſelben enthalten: Der Spion.— Der Letzte der Mohikaner.— Die Anſiedler.— Der Lootſe.— Lionel Lincoln.— Die Steppe.— Der rothe Freibeuter.— Die Nordamerikaner.— Die Grenzwohner.— Die Waſſernixe. — Der Bravo.— Die Heidenmauer.— Der Scharfrichter von Vern. Doöring, Georg, Stimmen des Lebens. Drei Erzählungen. Rthlr. 1. 16 gr. od. fl. 2. 48 kr. —— Sonnenberg. Eine Novelle in 3 Thei⸗ len. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. —— der Hirtenkrieg. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. —— die Mumie von Rotterdam. Eine No⸗ velle. 2 Theile. Geh. Rthlr. 3. 4 gr. oder fl. 5. 30 kr. —— van Speyk. Ein Heldengedicht. Geh. 9 gr. oder 40 kr. —— Novellen. 4 Theile. Ausgabe auf Velinpapier Rthlr. 6. oder fl. 10. 48 kr. Ausgabe auf Druckpap. Rthlr. 5. od. fl. 9. —— das Opfer von Oſtrolenka. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. od. fl. 8. 24 kr. —— Roland von Bremen. Novelle in 3 Thei⸗ len. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. —— Phantaſiegemalde. 5 Jahrgänge. 1829 bis 1833. Jeder Jahrgang mit einem Titel⸗ kupfer von Fleiſchmann. Geb. à Rthlr. 1. 12 gr. oder fl. 2. 45 kr. —— die Geiſelfahrt. Eine Erzählung aus dem vierzehnten Jahrhundert. 3 Bände. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. —— Tage der Vorzeit. Dramatiſches Gedicht in vier Darſtellungen, aus der Geſchichte der freien Stadt Frankfurt. 1. Die Gründung. ———— 2. Der Kaiſerſitz. 3. Die Wahlſtadt. 4. Guſtav Adolphs Abſchied von Frankfurt. Cartonirt. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 15 kr. Doring, Georg, das Kunſthaus. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24kr. —— Erzählungen. 4 Theile. 8. Rthlr. 5. 8 gr. oder fl. 9. —— dramatiſche Novellen. 4 Theile. Rthlr. 5 8 gr. oder fl. 9. Dieſe Dichtungen des berühmten Herrn Verfaſſers hu⸗ ben ſich des außerordentlichſten Beifalls nicht allein von Deutſchland, ſondern auch theilweiſe von England und Frankreich, wohin ſie talentvolle ueberſetzer verpflanzt, zu erfreuen. Mit Recht nennen ihn kritiſche Blätter den deut⸗ ſchen Cooper; denn wie er gleich dieſem genialen Schrift ſteller einen Reichthum der Erfindung entfaltet, eine ſcharfe Charakteriſirung in allen Individuen aufſtellt, ſo gelingen ihm auch ebenſo die Schilderungen von Naturſcenen, die Darſtellungen reizender und romantiſcher Lokalitäten, mit allen dichteriſchen Details, welche dazu beitragen, ein Bild zum Kunſtwerke zu erheben. Daß die reinſte Moralität in allen ſeinen Dichtungen vorherrſche, und ſie deshalb ohne Anſtand jeder Jungfrau in die Hand gegeben werden kön⸗ nen, iſt allgemein anerkannt. Duller, Eduard, Franz von Sickingen. Dra⸗ matiſches Gedicht in fünf Abtheilungen. 8. geh. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 20 kr. Dieſe neueſte Dichtung des ausgezeichneten und belieb⸗ ten Verfaſſers iſt ganz geeignet, die Zahl ſeiner Freunde und Leſer zu vermehren. Der Kampf des Lichtes mit der Finſterniß in den Tagen der erwachenden deutſchen Freiheit;— Fehde bis in den Tod dem tauſendjährigen Wahne, der unvernunft, der geiſtigen Vormundſchaft;— Treue bis in den Tod für Wahrheit und Recht; dies ſind die Grundideen dieſes dramatiſchen Gedichtes.— Möge der zeitgemäße Grundton des Werkes in unſerer und jeder Zeit ſeinen kräf⸗ tigen Wiederhall finden. Edgeworth, Maria, die Gönnerſchaft. Aus dem Engliſchen von Louiſe Marezoll. 4 Theile. Rthlr. 4. 12 gr. oder fl. 7. 48 kr. Erholungsſtunden. Eine Zeitſchrift für ge⸗ bildete Leſer. Von Georg Döring. 2ter und 3r Jahrg. 1829 u. 1830 à Rthlr.2. od. fl. 3. 36 Fr. 4r bis 6ter Jahrg. 1831— 33. à Rthlr. 5. od. fl. S. —— Eine Zeitſchrift für gebildete Leſer. Von Eduard Duller. Neue Folge. Jahrgang 1834, in 12 Heften. Rthlr. 5. oder fl. 8. Dieſe Zeitſchrift, welche ſeit einer Reihe von Jahren ſich des Beifalls der gebildeten Leſewelt erfreut, wird wie bisher in monatlichen Heften erſcheinen. Die Redaktion der⸗ ſelben hat der rühmlichſt bekannte Dichter, Herr Eduard Duller, übernommen.— Durch die ſorgfältige Auswahr Prüfung und Anordnung dieſes ausgezeichneten Schriftſtellers wird dem Publikum eine Zuſammenſtellung des Gediegenſten geboten. Zugleich bürgen auch die Namen der bisherigen Mitarbeiter: Adrian, L. Bechſtein, Velani, Hun⸗ gari, Kilzer, Ph. von Mettingh, Nänny, Rückert, Schopenhauer, Starkloff, L. Storch, Zſchokke u. a. m. für die Tüchtigkeit dieſes unternehmens. Evelina und Johanna, die Heldinnen des fuͤnfzehnten Jahrhunderts. Ein hhiſtoriſcher Roman in 12 Büchern. 3 Theile. Rthlr. 2. 6 gr. oder fl. 3. 48 kr. Fiſcher, C. A, neue Kriegs⸗ und Reiſefahr⸗ ten oder romantiſche Kriegs⸗ und Lebensaben⸗ theuer. 2 Theile. Rthlr. 3. 12 gr. oder fl. 6. Fiſcher, C. A., Hyacinthen in meinem Ker⸗ ker gezogen. Rthlr. 1. oder fl. 1. 45 kr. Gersbach, A., Wandervogelein oder Samm⸗ lung von Reiſeliedern, nebſt einem Anhange von Morgen⸗ und Abendliedern. In vier⸗ ſtimmigen Tonweiſen. Zweite verbeſſerte Auflage. 12. geh. 16 gr. oder fl. 1. 12 kr. Gruner, G. A., Friedemann und die Seinen, oder das Gottesreich auf Erden. Ein Fami⸗ lienbuch zur Veredlung des häuslichen und — — bürgerlichen Lebens. 4 Theile. Geh. Rthlr. 3. 8 gr. oder fl. 6. Irving, Waſhington, ſämmtliche Werke. Aus dem Engliſchen überſetzt. 47 Bändchen. Geh. Auf Velinpap. Rthlr. S. 18 gr. od. fl. 14. 36 kr. Auf ordin. Druckp. Rthlr. 6. 4 gr. od. fl. 10. 6kr. Dieſelben enthalten: Das Skizzenbuch.— Erzählun⸗ gen eines Reiſenden.— Bracebridge⸗Hall.— Eingemach⸗ tes.— Die Geſchichten des Lebens und der Reiſen Chri⸗ ſtoph's Columbus.— Die Eroberung von Granada.— Humvoriſtiſche Geſchichte von New⸗York.— Reiſen der Ge⸗ fährten des Columbus.— Die Alhambra, oder das neue Skizzenbuch. Kits, Kupfertafeln zur Naturgeschichte der Vögel. Ites bis 3tes Heft. Rthlr. 3. oder fl 5. 15 kr. Koͤnig, H., die Wallfahrt. Eine Novelle. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 24 kr. Kupferſammlung zu Walter Scotts ſämmt⸗ lichen Werken. Erſte Lieferung: Das Fräulein vom See. S: gr. oder 36 kr.— 3weite Lieferung: Kenilworth. 12 gr. oder 54 kr.— Dritte Lieferung: Pe⸗ veril vom Gipfel. Jvanhoe. 12 gr. oder 54 kr.— Vierte Lieferung: Das Klo⸗ ſter. Der Abt.— Fünfte Lieferung: Der Seeräuber. Marmion. Die Braut von Lammermoor.— Sechſte Lieferung: Quentin Durward. Rokeby.— Siebente Lieferung: Waverley. Nigel's Schick⸗ ſale.— Achte Lieferung: Der Alter⸗ thuͤmler. Das Herz von Midlothian.— Neunte Lieferung: Die Presbyterianer. Der St. Ronansbrunnen. Robin der Rothe. Von der 4ten bis zur gten Lieferung koſtet jede 8 gr. oder 36 kr. —= Kupferſammlung zu Cooper's ſaͤmmtlichen Werken. Erſte Lieferung. 20 gr. oder fl. 1. 24 kr. Zweite Lieferung. 16 gr. oder fl. 1. 12. Dieſelbenenthalten: der Spion; der Letzte der Mohikaner; die Anſiedler; der Lootſe; Lionel Lincoln; die Steppe; der ro⸗ the Freibeuter; die Grenzwohner; die Waſſer⸗ nire; der Bravv. —— zu Irving's ſämmtlichen Werken. Erſte Lieferung. 16 gr. oder fl. 1. 12 kr. Zweite Lieferung. 8 gr. oder 36 kr.— Dieſelben enthalten: das Skizzenbuch; Erzählungen eines Reiſenden; Bracebridge⸗ Hall; Eingemachtes; Leben und Reiſen des Columbus. Lautir⸗Buchſtabir⸗ und Leſe⸗Spiel für Kinder. Dritte verbeſſerte und vermehrte Auflage. In einem eleganten Käſtchen. 12 gr. oder 48 kr. Nänny, J. C., Gedichte. Rthlr. I. 6 gr. od. fl. 2. Der Name des Herrn Nänny iſt den Freunden der Dichtkunſt aus Taſchenbüchern und Zeitſchriften ein erfreu⸗ licher Klang geworden, der immer irgend ein aus der Liefe der Gemüths⸗ und Phantaſiewelt geſchöpftes Product ankün⸗ digt. Vorzüglich aber ſind es heitre, liebliche Melodieen, die irgend eine gefühlvolle Anſchauung, eine poetiſche Er⸗ kenntniß des Lebens und der Natur enthalten, welche der Muſe des Herrn Nänny gelingen. Sie iſt ein reiches Kind, aber ihr Reichthum beſteht in Blumen und dieſe ſind wiederum einfache Blumen der Wieſe, traulich dem Herzen, wie dem Vaterlande, ein ſinniger Strauß für ſinnige Freunde der Poeſie. Defele, Freiherr von, Bilder aus Italien. 2 Bände. Geh. Rthlr. 2. 20 gr. od. fl. 4. 48 kr. Wir dürfen dieſe Bilder, hauptſächlich der Wahrheit und Lebensfriſche wegen, die ſie karakteriſiren, empfehlen. Es ſind Erfahrungen, die der Verfaſſer unter dem reizenden Himmelsſtriche Heſperiens geſammelt, es ſind ſeine oft höchſt eigenthümliche Anſichten, in denen uns ſo Vieles ſchon vielfach Veſprochene wiederum neu erſcheint, es ſind Ergeb⸗ niſſe heitrer und romantiſcher Natur, welche hier in kecken Zügen, in warmen Localfarben zu Gemälden vereinigt wer⸗ den, die den Beſchauer anziehn, belehren und ergötzen. Offen und einfach, wie Yorick, erzählt der Verfaſſer, unabſichtlich zur Hauptfigur ſeiner Vilder werdend, in deren Weſen ſich die Menſchlichkeit mit ihren tauſendfachen Schattirungen ſpiegelt. 6 Platen, Graf von, Geſchichten des König⸗ reichs Neapel von 1414 bis 1443. Rthlr. 1. 16 gr. oder fl. 2. 48 kr. —— die Liga von Cambrai. Geſchichtliches Drama in 3 Akten. geh. 12 gr. oder 54 kr. Rückert, Fr., Nal und Damajanti. Eine in⸗ diſche Geſchichte. Rthlr. 1. 18 gr. od. fl. 2. 48kr. Das Publikum erhält hier eine, von dem rühmlich be⸗ kannten Dichter Rückert, mit aller ihm in ſo ſeltenem Grade eigenen Sprachfertigkeit und Reimfülle übertragene indiſche Dichtung, bei der aber alles Fremdartige, ohne Studium der indiſchen Poeſie Unverſtändliche, vermieden iſt⸗ ſo daß ſie als eine ſinnige Liebeserzählung erſcheint, über welche ſich nur ein leiſer fremdartiger, aber lieblichſüßer Duft ausbreitet und ſie umweht. Das Mythologiſche, völ⸗ lig verſtändlich, erſcheint in der Figur, welche am bedeu⸗ tendſten eingreift, nur als Allegorie des böſen Gelüſtens, welches in unſrer Bruſt wohnt. Liebe, in bezaubernder Schilderung, ihre Leiden und Treue bilden den Inhalt des Büchleins, und wem Sinn für wahre Poeſie einwohnt, wird an dieſer Dichtung, und wem Sinn für Sprachſchönheit und Ausdruck einwohnt, wird an Rückert's Verſen ein Vergnü⸗ gen genießen, wie es ſelten geboten wird. Schopenhauer, Johanna, Erzählungen. Acht Theile. Zweite wohlfeilere Aus⸗ gabe. Auf Velinpap. Rthlr. 10. 20 gr. oder fl. 19. 24 kr. Auf Druckpap. Rthlr. 8. od. fl. 14. Schopenbauer, Johanna, Novellen. Zwei Theile. Geh. Rthlr. 2. 20 gr. oder fl. 4. 48kr. —— neue Novellen. Drei Theile. Rthlr. 3. oder fl. 5. Dieſe 5 Bände Novellen ſind neu und noch nicht in der Geſammtausgabe aufgenommen. Serrius, Dr. A., Eloa. Weiheſtunden der Andacht und des Gebets. Mit 1 Kupfer von Fleiſchmann. Geh. 12 gr. oder 48 kr. Dieſes Werkchen athmet die reinſte Gottesfurcht, und ſpricht dieſe in poetiſchen und melodiſchen Klängen aus, ſo daß neben der Erhebung des Gemüths auch die Bildung des Geiſtes gefördert wird. Shakspeare, William, The Plays. Vol. I. Con- taining: The Merchunt of Venice. 12. geh. 8 gr. oder 36 kr. —— Vol. II. Containing: King Leur. 12. geh. 8 gr. oder 36 kr. —— Vol. III. Containing: Hunlet Prince of Denmark. 12. geh. 8 gr. oder 36 kr. Starklo ff, L., Erzählungen. Rthlr. 1. 16 gr. oder fl. 2. 48 kr. Stelldichein im Tivoli, das, oder Schu⸗ ſter und Schneider als Nebenbuhler. Localpoſſe mit Geſang in zwei Acten. Vom Verfaſſer des „alten Bürgercapitain.“ Geh. 12gr. od. 45 kr. Storch, L., die Intrigue. Eine Novelle in 2 Theilen. Zweite verbeſſerte Auflage. Rthlr. 1. 18 gr. oder fl. 3. —— die Beguine. Hiſtoriſcher Roman aus der Mitte des 14. Jahrhunderts. 3 Theile. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. —— Malers Traum. Novelle. Rthlr. 1. 16gr. oder fl. 3. Thümmels, H. W. v., nachgelaſſene Apho⸗ rismen, aus den Erfahrungen eines Sieben⸗ und Siebzigjährigen. Elyſium und Tar⸗ tarus. Eine Fantasmagorie. Nebſt des Ver⸗ faſſers Biographie. Geh. 21 gr. od. fl. 1. 30 kr. —