. Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Oftmu n in Gießen, Schloßgaſſe Lit. Nr. 256. Seih und Seſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden ag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 h offen. 2. Lesepreis. Bei R ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. ² S 3. Caution. Unbekaunte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben ent hinterlegen, welche bei deſſr Zurückgab wird. 2 ſprechende Summe e von mir zurückerſtattet 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1M— Pf 7W 50 Pf. 2 MWr.— f. „ 5. Answäntige 4Abo und Zurückſendun der Bücher auf ihre e denten haben für Hin⸗ 9 r hab⸗ und Gefahr ſekbſt zu forgen.)) 6. 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Welch ein Pomp!— Kaiſer Karl feiert ſeinen drei⸗ ßigſten Geburtstag mit ſeiner Kaiſerkroͤnung von der Hand des Papſtes zu Bologna.—— Am 27. Juli war er in Barcelona zu Schiffe geſtie⸗ gen, am 12. Auguſt in Genua ans Land getreten. An⸗ dreas Doria, der beruͤhmte Genueſe, fuͤhrte ihn. Ein großes Gefolge aus dem vornehmſten und reichſten Adel der ſpaniſchen Königreiche begleitete ihn auf der wichtigen Reiſe. Zehntauſend ſpaniſche Soldaten wurden mit ihm auf der ſpaniſch⸗italieniſchen Flotte von Barcelona nach Genua uͤbergeſetzt. Es war Alles gethan, ihn in der Herr⸗ lichkeit und Macht des Siegers, in der Pracht und Groͤße des erſten Fuͤrſten des Erdkreiſes zu zeigen. Er wußte was er that, dieſer kalte verſchloſſene ſchlaue Karl, als er mit ſolchem Schaugepraͤnge den Fuß auf die italieniſche Ein deutſcher Leinweber. IX. 1 2 Der große Reichstag zu Augsburg Erde ſetzte und von da nach Deutſchland zu ziehen ge⸗ dachte. Sieben volle Jahre hatte er die Laͤnder des heiligen roͤmiſchen Reiches nicht geſehen, hatte Spanien in dieſer Zeit nicht verlaſſen. Es waren gerade die wichtigſten Jahre im Leben des Menſchen, die Jahre der Reife und feſten Geſtaltung des Charakters, die Jahre der Auspra⸗ gung und Vollendung des innern und aͤußern Menſchen, des Ueberganges aus dem Juͤnglings- in das Mannes⸗ alter. Und wie hatte er ſich ausgebildet! Der deutſche Juͤngling, einſt nach Spanien gegangen, um die Erbſchaft der Kronen ſeiner muͤtterlichen Großeltern anzutreten, dann nur auf nicht volle zwei Jahre zuruͤckgekehrt, um ſich in Aachen zum deutſchen Koͤnig kroͤnen zu laſſen und den Reichstag zu Worms zu halten, jetzt kam er als ein voll⸗ endeter Spanier wieder. Er hatte unter den Spaniern nicht allein ſpaniſch regieren gelernt, er hatte den Geiſt ſeines muͤtterlichen Großvaters, Ferdinands des Katho⸗ liſchen, begriffen und ſich ganz zu eigen gemacht. Viele Tauſende waren aus ganz Oberitalien herbei⸗ geſtroͤmt, ihn zu empfangen, zu begruͤßen, zu ſehen. Es war ein ſo furchtbares Gedraͤnge, daß Viele erdruͤckt wur⸗ den, Andere vom Quai hinabgeſtuͤrzt in den Sewiſſeen des Hafens den Tod fanden. Dieſer ungeheure Menſchenzudrang, dieſe beiſpielloſe Aufregung in ganz Oberitalien hatten ihren guten Grund. War doch dieſem jungen Kaiſer gelungen, was eigentlich noch keiner ſeiner Vorgänger zu Stande gebracht hatte, und der Zug nach Tunis. 3 ſich zum Herrn von Italien zu machen. Wie waren ſie ſeit Jahrhunderten uͤber die Alpen gekommen, die ſtolzen kriegeriſchen deutſchen Oberfurſten mit mächtigen Heeren, um ſich die Kaiſerkrone des heiligen römiſchen Reichs in Rom aufſetzen zu laſſen und das Land ſich unterthänig zu machen, und wieder vertrieben worden! Und dieſer Karl, dieſer merkwuͤrdige Gluͤcksſohn, hatte das ſtolze Ziel erreicht, ohne ſein perſoͤnliches Zuthun; es war ihm Alles wie im Schlafe zugefallen. Und welch ein mächtiger Gebieter war er! Die neuentdeckte Welt, die ungeheure, deren Umfang man noch nicht einmal kannte, aus der man taͤglich Selt⸗ ſameres, Wunderbareres vernahm, und in welcher die Phantaſie ſich in den kuͤhnſten Ausſchweifungen erging, ſie huldigte ihm als ihrem Koͤnig und Herrn; ganz Spa⸗ nien war ſein Erbe, Neapel und Sicilien ſein Eigenthum, Burgund und die Niederlande nannte ihn ihren Herzog, Oeſtreich war ſein Stammland, er war deutſcher Kaiſer! So lang es eine Geſchichte gab, hatte die Welt noch kei⸗ nen ſo maͤchtigen Monarchen geſehen. Dazu ſeine Siege! Seine Siege; es klang merkwuͤrdig; denn er war doch noch nie in einem ernſtlichen Kriege geweſen, hatte noch keine Schlacht geſehen. Und der ſtolze kriegeriſche Fran⸗ zoſenköͤnig, wie der ſtolze kriegeriſche Papſt waren von ſeinen Feldherrn wiederholt geſchlagen und gefangen ge⸗ nommen worden. Der wilde Heinrich von England hatte nichts gegen ihn ausrichten koͤnnen; das reiche Venedig war gedemuͤthigt. 1* Der große Reichstag zu Augsburg Da ſtieg er nun aus dem Schiffe, dieſer Kaiſer, als Triumphator und ritt, von den praͤchtigen ſpaniſchen Granden umgeben, langſam durch das endlos wogende, ihm unaufhoͤrlich zujauchzende Volk, ein ſchmaͤchtiger, faſt zierlich gebauter junger Mann mit einem bleichen ziemlich unanſehnlichen Geſicht, mit einer ſchwachen Stimme, ohne Stolz, aber auch ohne Majeſtaͤt; nicht wie ein Koͤnig, nicht wie ein Krieger ausſehend, ſondern wie ein Hof⸗ mann. Das war der Guͤnſtling des Gluͤcks, wie die Erde keinen zweiten beſaß.— Seit faſt vier Jahren war Karl mit der Prinzeſſin Iſabella von Portugal, Tochter des Koͤnigs Emanuel und Schweſter des jetzigen Koͤnigs Johann des Dritten, ver⸗ maͤhlt. Damals, als er den Koͤnig Franz von Frankreich der Gefangenſchaft entlaſſen, war er nach Sevilla zu ſeiner! Vermaͤhlung gereiſt. Ein Jahr ſpäter war ihm ein In⸗ fant geboren worden, dem er ſeines Vaters Namen Phi⸗ lipp gab. Als er jetzt von der Kaiſerin-Koͤnigin geſchie⸗ den und ihr die Regierung der ſpaniſchen Koͤnigreiche uͤbergeben, war ſie abermals geſegneten Leibes und ihre Entbindung von einem zweiten Prinzen wurde dem Kaiſer in der Mitte des folgenden Jahres, als er eben mit dem Papſte zuſammen in Bologna war, gemeldet. Der In⸗ fant ſtarb aber wenige Monate nach ſeiner Geburt.— Es war keine Ehe, die die Herzen geſchloſſen. War es doch zweifelhaft, ob Karl uͤberhaupt jener Gemuͤthsre⸗ gungen, die man dem Herzen zuſchreibt, faͤhig war. Die und der Zug nach Tunis. 5 Jugend wenigſtens, wo jene Gefuͤhle friſch und lauter ſtroͤmen, war ſchon lang fuͤr ihn voruber. In ſeiner Ge⸗ ſtalt, in ſeinen Geſichtszuͤgen war ſchon deutlich jene Raf⸗ finerie der diplomatiſchen Kuͤnſte, gepaart mit einer gewiſſen Verdroſſenheit, ausgeprägt, die ihm eine fuͤr ſein Alter unheimliche Ruhe und ſelbſt ſeinem Laͤcheln etwas von der Kälte des Sonnenblicks, der von einem Gletſcher zuruͤck⸗ prallt, verlieh. Bald langten Geſandtſchaften von allen Hoͤfen in Genua an, dem Kaiſer Huldigung und Ergebenheit zu bezeigen. Er hatte gegen alle das hoͤfliche Lächeln und die Verſicherung des Friedens und Wohlwollens. Seinen Feinden zeigte er keine Strenge, im Gegentheil waren die Bedingungen, die er fuͤr die Verſoͤhnung ſtellte, aͤußerſt billige. All ſein Streben war die Empoͤrung, den Krieg zu erſticken, Ordnung und Ruhe herzuſtellen, die Seg⸗ nungen des Friedens zu foördern. Von den Florentinern verlangte er ſtreng die Zuruͤckberufung der Medicaͤer, un⸗ bedingte Unterwerfung unter den Willen des Papſtes. Den jungen Herzog Aleſſandro Medici, natuͤrlichen Sohn des Papſtes Clemens von einer Hausmagd, aber fur einen Sohn des letzten Herzogs Lorenzo geltend, von den Flo⸗ rentinern zwei Jahre vorher verjagt, beſtimmte Karl zu ſeinem Schwiegerſohne, d. h. zum Gemahl ſeiner ſieben⸗ jahrigen natuͤrlichen Tochter Margaretha, und hatte ihn ſtets um ſich. Inzwiſchen bedrohte der Eroberungszug Suleimans 6 Der große Reichstag zu Augsburg durch Ungarn nach Oeſtreich und ſeine Belagerung Wiens noch einmal Karls Macht in Italien, und Mailand und Venedig glaubten im Großſultan einen maͤchtigen Erſatz fuͤr den Koͤnig Franz gefunden zu haben. Des Kaiſers Blicke ſchweiften nicht ohne ernſtliche Beſorgniß von Genua nach Wien; aber ſein Gluͤcksſtern zerſtäubte ſchnell die Wolken, und als Suleiman heimzog, war Karls Macht in Italien nur noch feſter gegruͤndet. Deſto billiger und verſoͤhnlicher zeigte er ſich gegen Mailand und Venedig. Nie war ein kluͤgerer Kaiſer nach Italien ge⸗ kommen. Nachdem er auch den Herzog von Ferrara wie⸗ der zu Gnaden angenommen, ging er zu Anfang Novem⸗ bers nach Bologna, wo ihn der Papſt erwartete. Das Ge⸗ praͤnge war groß von beiden Seiten. Als der praͤchtige Zug— der Kaiſer im ſilbernen Helm und Kuͤraß auf einem milchweißen Pferde unter dem von den Profeſſoren und Doktoren der Univerſitaͤt getragenen Himmel von guldnem Stuck— unter Trompeten und Paukenſchall auf dem Platze vor der Hauptkirche des heiligen Petronius angekommen war, ſtieg Karl vom Pferde und ſchritt auf die geraͤumige mit koſtbaren Tapeten uͤberkleidete Buͤhne zu, welche hier aufgeſchlagen war, und auf welcher Papſt Clemens in Pontificalibus mit der Tiara auf dem Haupte, umgeben von Kardinaͤlen und Biſchoͤfen, ihn erwartete. Während der Kaiſer zwiſchen zwei Kardinälen die Stufen hinaufſtieg, erhob ſich der Papſt und ging ihm einige Schritte entgegen. Oben angelangt, warf ſich Karl auf und der Zug nach Tunis. beide Kniee nieder und kuͤßte dem Papſt den Fuß. Cle⸗ mens hob ihn auf, kuͤßte ihn auf Stirn und Wangen und gab ihm die Hand. Karl ſprach:„Allerheiligſter Vater, ich komme hier zu den Fuͤßen Eurer Heiligkeit in der Ab⸗ ſicht, die ich ſtets gehabt, mit Euch gemeinſchaftlich zum Beſten der Chriſtenheit, die ſchon lange Noth leidet, zu wirken, und bitte ich Gott, der mir ſo große Gnade erwie⸗ ſen, er moͤge unſer Vorhaben ſegnen und machen, daß meine Ankunft allen Chriſten zum Vortheile gereiche.“ Der Papſt erwiederte:„Ich verſichre Ew. Majeſtät, daß ich nichts eifriger, als dieſe unſre Zuſammenkunft ge⸗ wuͤnſcht; Gott und alle Heiligen moͤgen mir Zeuge ſein! Und ich bin der goͤttlichen Majeſtät vielen Dank ſchuldig, daß ſie Euch ſo gluͤcklich hierher gebracht und mir die Freude goͤnnt, Euch zu ſehen;z ferner, daß ſie die Dinge ſo gewendet, daß ich nicht zweifle, es werde durch Eure kaiſer⸗ liche Macht nicht nur der Kirche, ſondern auch ganz Europa der Friede wieder gegeben werden.“ Nach dieſer Begruͤßung beſchenkten ſie ſich mit einigen Kleinodien und ſtiegen dann von der Buͤhne unter dem Beifallsruf des Volkes herab, der Kaiſer zur Linken des Papſtes. Jener begab ſich mit mehren Kardinaͤlen in die Kirche, um ſein Gebet zu verrichten, dieſer in ſeinen Pal⸗ laſt. Zunaͤchſt daran war der Pallaſt des Kaiſers und beide durch eine neuerbaute hoͤlzerne Gallerie verbunden, ſo daß ſie ſich ſprechen konnten, ohne die Straße zu be⸗ 8 Der große Reichstag zu Augsburg treten, gerade wie kurz zuvor die beiden Fuͤrſtinnen in Cambrai, als ſie den Friedensſchluß verhandelten. Und ſie verhandelten auch mit einander im Geheimen, der Papſt und der Kaiſer, uͤber die hoͤlzerne Gallerie her⸗ uͤber und hinuͤber, und zwar den Weltfrieden, das heißt, die Unterdruͤckung jedes kräftigen Aufſtrebens des Volks⸗ geiſtes im Staat und in der Kirche, in Italien wie in Deutſchland, ſie verhandelten, daß die lutheriſche und die zwingliſche Ketzerei gewaltſam unterdruͤckt werden müſſe. Seht da den„deutſchen Kaiſer“, der durch deutſche Sol⸗ daten, die kampfmuthig und begeiſtert ſeinem Rufe folg⸗ ten, als er ſie gegen den Papſt fuͤhren ließ, ſich zum Herrn von Italien machte und den Papſt gefangen nahm, ſeht ihn ſich mit dem Papſt verbinden und unterhandeln zur Bekaͤmpfung desſelben deutſchen Geiſtes, der nach Befrei⸗ ung von der Schlangenumarmung des Papſtes rang und deshalb ſo jubelnd und freudig dem Kaiſer gefolgt war! Das iſt die weltberuͤhmte ſpaniſche Kunſt, die Kunſt der Koͤnige. Und doch ſpielten das Oberhaupt des Reichs und das Oberhaupt der Kirche ebenſogut Komoͤdie miteinander, wie vor dem Volke. Sie konnten ſich einander nicht aus⸗ ſtehen; ſie grollten einander in der tiefſten Seele, keiner 3 traute dem Andern. Aber der Papſt brauchte den Kaiſer gegen die republikaniſchen Florentiner und gegen die Ketzer in Deutſchland, und der Kaiſer brauchte den Papſt gegen Mailand und Venedig, gegen Frankreich und wieder gegen Deutſchland. Mit einem Worte: Jeder brauchte den An⸗ * und der Zug nach Tunis. 9 dern gegen den maͤchtig aufſtrebenden und ſich ſeiner Kraft allmaͤlig bewußt werdenden Volksgeiſt. So kam denn ihr Bund zu Stande zur Ehre Gottes und Jeſu Chriſti und zur Erlangung des Friedens und der Ruhe und Ordnung in Europa⸗ Dann gingen Boten vom Kaiſer aus nach Deutſch⸗ land, die Staͤnde des Reichs durch Circularbriefe zu einem großen Reichstage nach Augsburg zu beſcheiden, der am achten Tage des Monats April eroͤffnet werden ſollte. Unter den vielfachen und verwickelten Verhandlungen und Abſchluͤſſen mit den verſchiedenen italieniſchen Staa⸗ ten verſtrich die Zeit. Der Kaiſer gewann alle Herzen durch ſeine Guͤte, ſeine Maͤßigung. Nur Florenz, das ſich durchaus dem rachſuͤchtigen Mediräer auf St. Peters Stuhl nicht fuͤgen wollte, wurde auf Befehl des Kaiſers vom Prinzen von Oranien belagert. Der Kaiſer hatte gewuͤnſcht, nach Beendigung dieſer Angelegenheiten ſich in Rom krönen zu laſſen und dann erſt nach Neapel zu gehen, bevor er Deutſchland heim⸗ ſuchte; aber ſein Bruder Ferdinand ſandte ihm Boten auf Boten mit der immer dringendern Mahnung: Karl moͤge unverzuͤglich uͤber die Alpen kommen, um dem gefaͤhrlichen Geiſte in Deutſchland mit der ganzen Macht ſeines kaiſer⸗ lichen Anſehens entgegen zu treten und ihm ſelbſt dann wieder zu Ungarn zu verhelfen. Den Kaiſer trieb es ſelbſt; er gab jenen Plan auf und beſchloß, ſich in Bologna kroͤ⸗ nen zu laſſen. Er beſtimmte ſeinen Geburtstag zu dieſer . * 10 Der große Reichstag zu Augsburg wichtigen feierlichen Handlung; dieſer fuͤr ihn bereits ſo bedeutungsvolle Tag ſollte dadurch noch hoͤhere Bedeutung gewinnen. Vor fuͤnf Jahren war an dieſem Tage die Schlacht bei Pavia geſchlagen, vor drei Jahren war an dieſem Tage ſein Bruder Ferdinand in Prag zum Koͤnig von Boͤhmen gekrönt worden. Mit dem dreißigſten Ge⸗ burtstage, wo der Mann in das Zenith ſeines Lebens tritt, wollte Karl die uralte Kaiſerkrone von des Papſtes Hand auf dem Haupte empfangen. Er wollte ſein Gluͤck an die⸗ ſen Gluͤckstag binden, und er band es däran; es gelang ihm wider Erwarten. Es war in jeder Hinſicht eine merk⸗ wuͤrdige Kaiſerkroͤnung. Zwei Tage vorher, am 22. Februar, fand die Kroͤnung Karls mit der eiſernen Krone zum Koͤnig der Lombardei mit großen Feierlichkeiten in der Kirche Johannes des Taͤufers ſtatt. Dieſe von Karl dem Großen ſtammende Krone, der ein ſchmaler in den breiten Goldring eingelaſſ⸗ ner eiſerner Reif den Namen gegeben, wurde ſeit ſieben⸗ hundert Jahren in Monza verwahrt, und dem Herkommen gemaäß hätte ſich Karl in dieſer Stadt damit kroͤnen laſſen ſollen. Aber Karl ſagte: er reiſe nicht zu den Kronen; die Kronen muͤßten zu ihm kommen. Und wie die Kaiſerkrone, ſo ward die eiſerne Krone nach Bologna gebracht. Der Kaiſer wurde von zwei Kardinaͤlen in die Kirche gefuͤhrt. Er trug einen langen Purpurmantel mit ſilber⸗ nen Ranken und einen goldgeſtickten ſpaniſchen Hut. Der Markgraf von Moja trug ihm das Schwert in der und der Zug nach Tunis. 1 8 nach Scheide, der von Aſtorga das Scepter, der Herzog Aleſſan⸗ dro von Medici den Reichsapfel und der Markgraf von Montferrat die Krone vor. In einer Kapelle der Kirche empfing ihn der Kardinal von Tortoſa und verrichtete, vermoͤge paͤpſtlicher Vollmacht, die Salbung auf die Schul⸗ tern und den rechten Arm an ihm. Hierauf wurden in der Sakriſtei dem Kaiſer von Kardinaͤlen die koͤniglichen Gewande angelegt. Indeſſen kam der Papſt in die Kirche, dem der Kaiſer ehrerbietig entgegen ging. Der Papſt trat, nach Beendigung der Meſſe und mehrer Chorgeſaͤnge vor den Altar, der Kaiſer kniete auf ein Sammtkiſſen vor ihm. Der Papſt ſteckte dem Kaiſer einen koſtbaren Ring an den Zeigefinger der rechten Hand und guͤrtete ihm das Schwert um, beides mit der Wortformel des alten Ritus. Der Kaiſer ſtand auf, zog das Schwert und fuͤhrte damit drei Stteiche in die Luft, ſteckte es wieder in die Scheide, kniete wieder nieder und empfing die lombardiſche Koͤnigskrone aus des Papſtes Hand auf das Haupt. Er kuͤßte dem Papſt den Fuß und erhob ſich. Der Papſt ſtimmte das Te deum laudamus an. Der Chor fiel ein und ſang dann das Agnus dei, während deſſen Papſt und Kaiſer den Friedenskuß auf die Wangen wechſelten. Der Papſt ertheilte hierauf allen Anweſenden auf hun⸗ dert Jahre Ablaß und beſchloß damit die Kroͤnungsfeier. Hand in Hand gingen Papſt und Kaiſer in den Pallaſt zuruͤck. Die Menſchenmenge, die aus ganz Italien zuſtroͤmte, 12 Der große Reichstag zu Augsburg wuchs in dieſen Tagen ſo außerordentlich an, daß die Stadt ſie kaum beherbergen konnte, aber gerade diejenigen fehlten, denen es am erſten gebuͤhrte, hier mit Wuͤrde und Repraͤſentation aufzutreten: die deutſchen Fuͤrſten. Hoher und geringer Adel, hohe und niedrige Geiſtlichkeit aus Spanien und Italien waren am Morgen des 24. Februar in Maſſe zugegen; ein einziger deutſcher Fuͤrſt war durch Zufall Tags vorher angekommen, der Pfalzgraf Philipp, der kurz zuvor Wien gegen Suleiman vertheidigt hatte. Die deutſchen Kurfuͤrſten waren nicht eingeladen worden, keine deutſche Ritterſchaft, wie ſie ſonſt ihren Kaiſer nach Rom fuͤhrte, war zu ſehen. Auf dem Platze ſtanden wohl dreitauſend deutſche Landsknechte, aber ein Spanier befeh⸗ ligte ſie, der contract gewordne Antonio de Leiva, der auf einem Tragſeſſel ſaß. Was hier in Glanz und Pracht auftrat, war aus Spanien und Italien zuſammengekom⸗ men. Spaniſche Edelknaben eroͤffneten den Zug nach der Kirche St. Petronius, deren Kapellen der Papſt die Na⸗ men der Kapellen von St. Peter beigelegt und einem Ort in derſelben ſogar als die Confeſſion Petri geweiht hatte. Den ſpaniſchen Juͤnglingen folgten die ſpaniſchen Gran⸗ den. Da waren es vorzuͤglich die Traͤger der alten be⸗ ruͤhmten Namen der kaſtiliſchen Geſchlechter: Mendoza, Guzman, Pacheco, Padilla, Manriquez, Zuniga, Toledo, Cueva, Rojas, Ponce de Leon, Saldanga, Gatlinara, Oli⸗ varez. Jedes große Haus war vertreten. Alle wetteiferten in Pomp und Herrlichkeit. Es war ein Schaugepraͤnge, und der Zug nach Tunis. 13 wie es noch kein Menſch geſehen, womit die ſtolzen Spa⸗ nier den Italienern imponiren wollten. Der Glaͤnzendſte war Alvarez Aſſorio Marquis von Aſtorga. Aber auch Aragonien, Katalonien, Navarra hatten ihre zahlreichen Repräſentanten geſendet und nur Männer aus den erſten Adelshaͤuſern. Dasſelbe war mit Neapel und Sicilien der Fall. Aus den uͤbrigen italieniſchen Staaten immer die Bluͤthe des Adels, die nicht hinter den Spaniern zu⸗ ruͤckſtehen wollte. Millionen waren verſchwendet worden an die Huͤlle des Menſchen, um die vermeintliche Stellung zu behaupten. Hierauf kamen die Herolde, nicht etwa der deutſchen, ſondern der ſpaniſchen und italieniſchen Provin⸗ zen. Das Scepter trug der Markgraf von Montferrat, das Reichsſchwert der Herzog von Urbino, den Reichs⸗ apfel der zufällig gekommene Pfalzgraf Philipp, die goldne Kaiſerkrone Karls Schwager, der Herzog von Savoyen. So waren die Aemter der deutſchen Kurfuͤrſten beſetzt. Hinter ihnen trat der Kaiſer in der Mitte zweier italieniſcher Fuͤrſten einher; die Mitglieder ſeines ſpani⸗ ſchen geheimen Raths, ſein Hofſtaat und die fremden Ge⸗ ſandten folgten ihm nach. Er hatte einen langen baby⸗ loniſchen Mantel um, deſſen Schweif ſein Oberkaͤmmerer, der Graf Heinrich von Naſſau trug, und die Koͤnigskrone auf dem Haupte. Ueberall Spanier, Spanier, Italiener, Italiener, ſo weit das Auge blickte. Wo waren die Deut⸗ ſchen? Hier wurde ja der deutſche Kaiſer gekroͤnt! Armes verhoͤhntes Deutſchland! Was bebarf der Spanier —— . 14 Der große Reichstag zu Augsburg Don Carlos der deutſchen Fuͤrſten zu ſeiner Kroͤnung als deutſcher Kaiſer! Und Euch geſchieht ſchon recht, Ihr ver⸗ blendeten thoͤrichten deutſchen Fuͤrſten! Wie Ihr das deutſche Volk behandelt habt, ſo behandelt Euch wieder dieſer deuſche Kaiſer. Wahrlich, Franz von Sickingen haͤtte ſich mit der ſilbernen deutſchen Koͤnigskrone in Aachen be⸗ gnügt, aber nur deutſche Maͤnner haͤtten ihn umgeben, nur das deutſche Volk haͤtte ihm zugejauchzt, nur Deutſch⸗ lands Große waͤre ſein Ziel geweſen. Er ruht in der kuͤh⸗ len Erde. Ihr habt ihn geſchlachtet, und der kalte hoͤfliche Spanier hat kein Herz fur Euch. Er kennt nicht das deutſche Volk, er verſteht die großen Ideen nicht, von denen es erfuͤllt iſt; kein Fluͤgelſchlag des Zeitgeiſtes hat ſeine gewohnliche Seele beruͤhrt; er verdammt den maͤch⸗ tigen Drang nach freier Bewegung des deutſchen Geiſtes, den Drang nach Einheit und Groͤße; er will Frieden, Ordnung und Herrſchaft im ſpaniſchen und im paͤpſtlichen Sinne. und wie merkwuͤrdig! Faſt waͤre ſeinem deutſchfeind⸗ lichen Streben auf dieſem Kroͤnungsgange fuͤr immer ein Ziel geſetzt worden. Der Zug ging uͤber eine neuerbaute hoͤlzerne Gallerie, durch welche der Pallaſt mit der Kirche St. Petronio verbunden worden war. Kaum war der Kaiſer voruͤber und eben im Begriff, in die Kapelle zu treten, welche vor der Kirche am Ende der Gallerie errich⸗ tet worden war, als dieſe unter der Laſt der nachdraͤngen⸗ den Menſchenmaſſe zuſammenſtuͤrzte. Erſchrocken uber und der Zug nach Tunis. 15 das Krachen des zuſammenbrechenden Gebälks und das furchtbare Geſchrei der Fallenden, Verletzten, Sterbenden, wandte ſich Karl um; noch bläſſer als gewoͤhnlich ſagte er mit lächelnder Miene:„Das weiß ich, daß ich am 24. Februar zweimal geboren worden bin. Vor dreißig Jah⸗ ren in Gent und heute in Bologna.“ Dann trat er in die Kapelle. Der ſelbſtſuchtige herzloſe Fuͤrſt dachte nur an ſich; er erkannte auch jetzt, in dieſem ſchauerlichen Augenblick nur ſein ihm unerſchuͤtterlich getreues Gluͤck, das ihn auch jetzt wieder geſchuͤtzt hatte. Der Papſt erwartete ihn auf einem Thron ſitzend, der daneben ſtehende um ein paar Stufen niedrigere Thron war fuͤr den Kaiſer beſtimmt. Karl verneigte ſich vor dem Statthalter Chriſti; dieſer erhob ſich und weihete jenen zum Kanonikus von St. Peter und St. Johann im Late⸗ ran. Die Kanonikuſſe ſtimmten einen Chorgeſang an, und der Kaiſer ließ ſich einige Minuten neben dem Papſt auf dem Throne nieder. Nun traten die Ceremonien⸗ meiſter und beiſitzenden Kardinäle zum Papſt, die Kano⸗ nikuſſe von St. Peter und St. Johann im Lateran zum Kaiſer, um ihnen die paſſenden Gewander anzulegen. Der Papſt wurde mit dem großen Pontifical-Ornat, der Kaiſer mit dem geweihten Diakonalkleide angethan. Der Papſt ſchritt zum großen Altar und begann die Feier der Meſſe, von zwei Muſikchoͤren begleitet; der Kaiſer bediente ihn während derſelben als Diakonus, indem er ihm das Waſ⸗ ſer in einem goldnen Becken und gleicher Kanne reichte, Marquis von Aſtorgg den goldnen mit Edelſteinen beſetzten 16 Der große Reichstag zu Augsburg wie er es ſelbſt von einem Kardinal empfangen hatte. Der Papſt reichte dem Kaiſer, welcher niederkniete, die Hoſtie auf goldner Patelle, und ſtimmte das Gebet an: „Herr, ich bin nicht wurdig ꝛc.“, welches der Kaiſer fort— betete und dreimal mit leiſer Stimme wiederholte. Unter vollen Chorgeſaͤngen empfing er die Hoſtie, und ſie dauer⸗ ten bis die Ceremonie des Kelchs voruͤber war. Nach der Segenſprechung ſetzte ſich der Papſt auf einen mit guͤld⸗ nem Stuck belegten Seſſel vor dem Altar nieder; der Kaiſer begab ſich nach ſeinem Throne zuruͤck, wo ihm die Kanonikuſſe das Prieſtergewand wieder abnahmen, die hohen adligen Herrn, die ſtatt der Kurfuͤrſten hier waren, ihn dagegen mit den Sandalen und dem von Edelſteinen ſtarrenden Kaiſermantel, der vom byzantiniſchen Kaiſer— hofe heruͤbergekommen war, bekleideten. Nun wurde der Kaiſer von den Kardinaͤlen nach der Sakriſtei gefuͤhrt und empfing hier vom Kardinal Farneſe die Salbung an der rechten Hand, die bis zum Ellnbogen entbloͤßt wurde, und an den beiden Schulterblaͤttern. Der Kardinal ſprach waͤhrend der Salbung die Formel:„Chriſtus ſelbſt gießt uͤber Dein Haupt die Segnung aus und macht ſie Dir bis zum Innerſten Deines Herzens dringen.“ Darauf ſchritt der Kaiſer, von den Kardinaͤlen und Hofherrn begleitet, zum Altar, auf welchem die Reichs⸗ kleinodien niedergelegt waren, zuruͤck und kniete vor dem ſitzenden Papſt nieder. Dieſer nahm aus der Hand des und der Zug nach Tunis. 17 Scepter und las dazu aus dem romiſchen Ceremonial, wel⸗ ches ein knieender Kardinal ihm aufgeſchlagen vorhielt, die Worte:„Nimm hin, mein Sohn, das Scepter und ge⸗ brauche es zur Regierung des Reichs, welchem vorzuſtehen Gott, wir und die Kurfuͤrſten Dich wuͤrdig befunden ha⸗ ben“ Der Herzog von Escalon bot dem Papſte das Reichsſchwert dar; er nahm es und ubergab es dem Kaiſer mit den Worten:„Nimm hin dieſes Schwert, und be⸗ diene Dich ſeiner zur Vertheidigung der Kirche Chriſti gegen die Feinde des Glaubens!“ Der Kaiſer that damit drei Streiche in die Luft und ſenkte die Spitze jedesmal zur Erde. Aleſſandro de Medici gab dem Papſte den goldnen, reich mit Edelſteinen ver⸗ zierten Reichsapfel in die Hand, und dieſer uͤberantwortete ihn dem Kaiſer weiter ſprechend:„Dieſe Kugel bedeutet die Welt, die Du mit Tugend, Muth und Treue beherr⸗ ſchen ſollſt“.— Zuletzt uberbrachte Bonifazio Gonzaga, Markgraf von Montferrat, die goldne Krone Karls des Großen. Der Papſt ſetzte ſie auf das geſalbte Haupt. „Nimm, unuͤberwindlicher Kaiſer, die Krone, die vor aller Welt die Dir verliehene Gewalt bezeugt, damit alle Vöͤl⸗ ker, die ihr untergeben ſind, Dich ehren und Dir gehor— ſam ſind!“ Der Kaiſer trat im vollen Ornat an den Altar, legte Hand und Scepter auf das Evangelienbuch und ſchwur den ihm vom Papſt vorgeleſenen Eid, daß er den Papſt und die roͤmiſche Kirche, alle ihre Beſitzthuͤmer, Ehren und Ein deutſcher Leinweber. M. 2 2 —— 18 Der große Reichstag zu Augsburg Rechte vertheidigen wolle. Das war derſelbe Eid, den die Hierarchie einſt, als ſie dem Kaiſerthum ſiegreich den Fuß auf den Nacken geſtellt, aufgebracht, und ihn ſchwur jetzt der Kaiſer dem Papſte, den er mit Huͤlfe der fuͤr Luthers und Zwinglis Lehren begeiſterten Deutſchen vor drei Jah⸗ ren in den Staub geworfen hatte, er ſchwur ihn gegen Luther und Zwingli und ihre Anhaͤnger. Das Rad der Zeit ſollte um drei Jahrhunderte zuruͤckgedreht werden; noch einmal fand die Verbindung der geiſtlichen und welt⸗ lichen Hierarchie ſtatt, um die Entwicklung des Menſchen⸗ geiſtes im Fortſchritt der Weltgeſchichte in die ſtarre Form veralteter Geſetze zu bannen. Nach dem Schwur kniete der Kaiſer abermals vor dem Papſte und kuͤßte ihm den Pantoffel. Und doch, trotz aller Demuth des Kaiſers vor dem Nachfolger St. Petri konnte dieſer den Argwohn nicht los werden, daß er der Betrogene ſei, ja er aͤußerte ſogar gegen den franzoͤſiſchen Geſandten, Biſchof von Tarbes: er ſehe es, daß er betrogen werde, er muͤſſe ſich aber ſtellen, als merke er es nicht. Der Kaiſer ſeinerſeits hatte den Papſt in demſelben Argwohn und be⸗ klagte ſich uber deſſen Falſchheit in ſeinen Briefen an ſeinen Bruder, den Koͤnig Ferdinand.— Sobald der Fußkuß applicirt war, kehrten Papſt und Kaiſer Hand in Hand zu ihren Thronen zuruͤck; der Kar⸗ dinal-Diakonus de Medici ſtellte ſich auf den Altar und rief mit lauter Stimme:„Es lebe der großmächtigſte und unuͤberwindlichſte Beſchuͤtzer des Glaubens Karl der Fuͤnfte!“ und der Zug nach Tunis. 19 In dieſem Augenblicke donnerten hundert draußen aufge⸗ ſtellte Kanonen, und alles Volk in und außer der Kirche rief unter Trompeten⸗ und Paukenſchall:„Es lebe der Kaiſer!“ Die aufgeſtellten Soldaten präſentirten auf Leiva's Kommando die Gewehre und gaben eine Salve. Der Lärm dauerte eine halbe Stunde. Auf dem Platze ſprang aus Brunnenroͤhren rother und weißer Wein, ein gewichtiger gebratener Ochſe ward dem Volke preis gege⸗ ben, und allerlei Backwerk unter dasſelbe ausgeworfen. Die Menſchenmenge wurde von den Soldaten ge⸗ noͤthigt den Platz zu verlaſſen. Der Zug ſetzte ſich aus der Kirche in Bewegung. Ihn eroͤffnete der ſpaniſche und italieniſche Adel zu Pferde; die päpſtliche, die kaiſerliche und die bologniſche Fahne folgten. Hierauf die Herolde, die Geſandten, das Venerabile und die Univerſitaͤt und das Stadtregiment von Bologna, die Kardinäle und die Fuͤr⸗ ſten, welche die Reichskleinodien vortrugen, alle theils zu Pferd, theils zu Maulthier; nun der Papſt und der Kaiſer auf milchweißen Zeltern unter einem von drei venetiani⸗ ſchen Geſandten und drei bologniſchen Patriciern getra⸗ genen Himmel von guͤldnem Stuck, der Papſt im großen von Edelſteinen glänzenden Pontifical⸗Ornate und mit der dreifachen Krone auf dem Haupte, der Kaiſer im Kaiſer⸗ mantel und mit der goldnen Krone. Als ſie zu Pferde ſtiegen, trat der Kaiſer hinzu und hielt dem Papſte den Buͤgel. Clemens weigerte ſich, dieſe Ehre anzunehmen, aber Karl bat, ihm dieſe ehrerbietige Dienſtleiſtung zu ver⸗ 2* 20 Der große Reichstag zu Augsburg goͤnnen. Der Papſt entgegnete endlich:„So will ich dieſe Ehrenbezeugung annehmen, doch nicht fuͤr mich, ſondern fur den, deſſen Vicar ich bin“. Der Kaiſer hielt den Buͤ⸗ gel, Andreas Doria den Zaum des paͤpſtlichen Pferdes. Als aber der Kaiſer, nachdem der Papſt aufgeſtiegen war, den andern Zuͤgel ergriff, um das Pferd einige Schritte zu fuhren, gab Clemens dies durchaus nicht zu, und der Her⸗ zog von Urbino empfing den Zuͤgel aus des Kaiſers Hand und fuͤhrte mit Doria das Pferd ſechs Schritte. Dem Kaiſer hielt der Großkanzler und Großkommandeur Don Francisco de Lovos den Buͤgel und der Herzog Aleſſandro Medici den Zaum. * Die Straßen, durch welche der Zug ging, waren mit praͤchtigen Tapeten behangen, alle Fenſter mit ſchoͤnen Frauen beſetzt. Jubelgeſchrei erſchallte uͤberall, und der Papſt ertheilte dann und wann den Segen. Der kaiſer⸗ liche Herold im Zuge warf Goldſtuͤcke unter die Menge aus, welche fuͤr dieſen Tag gepraͤgt waren, auf dem Avers Karls Bild, auf dem Revers ſein Symbol, zwei Saͤulen, dazwiſchen die Jahreszahl und die Worte plus ultra. End⸗ lich verabſchiedete ſich der Papſt, und der Zug ging zum Pallaſt des Kaiſers. Die Kardinaͤle, der hohe Adel, die Geſandten wurden von ihm zur Tafel gezogen. Der Kai⸗ ſer zog ſich in ſeine Gemaͤcher zuruck, ließ ſich den ſchweren Ornat abnehmen und ruhte eine Zeit lang auf ſeinem Bette. Dann verfuͤgte er ſich zur Tafel. Auf der Tafel, an welcher er allein ſaß, lagen die Reichskleinodien ausge⸗ und der Zug nach Tunis. 21 breitet. In demſelben Zimmer ſpeiſten an einer andern Tafel, die einen halben Fuß niedriger ſtand, die Kardinäle, der Herzog von Savoyen, der Pfalzgraf, der Herzog von Urbino, der Herzog von Medicis, der Herzog von Mai⸗ land, der Markgraf von Montferrat und der alte Leiva. Im nachſten Saale ſaßen an zwei Tafeln die ſpani⸗ ſchen Granden, der uͤbrige italieniſche hohe Adel und die Prälaten; in einem dritten die Univerſitaͤtsverwandten, der Magiſtrat, die Geſandten; in einem vierten wurden die uͤbrigen Edelleute bewirthet. Die Muſik der kaiſerlichen Kapelle durchrauſchte die Säle. Der Kaiſer wurde von ſpaniſchen Herzogen und Markgrafen bedient. Vor dem Pallaſt war das Fußvolk und Kanonen aufgeſtellt, welche bei den Toaſten geloͤſt wurden. Der Kaiſer brachte zuerſt ſtehend und mit entbloͤßtem Haupte die Geſundheit des Papſtes unter Geſchuͤtzdonner und Trompeten- und Pau⸗ kenſchall aus. Alle ſtimmten ein und leerten die Becher. Der Kardinal von Medicis bedankte ſich im Namen des Papſtes und trank die Geſundheit des Kaiſers. Dann wurden nach einander die Geſundheiten der Kaiſerin, des Koͤnigs Ferdinand, des Infanten von Spanien Philipp und der Erzherzogin Margaretha getrunken.— Nach ſieben Uhr Abends hatte die Tafel begonnen, gegen elf Uhr wurde ſie aufgehoben, dieweil der folgende Tag ein Freitag war. Der Kaiſer ſchlug hierauf ſieben Edle zu Rittern, worunter der Marquis d'Aſtorga und der Pfalzgraf, und zog ſich dann zuruͤck. Das war die große Komoͤdie zu 22 Der große Reichstag zu Augsburg Bologna; ſie war gut ausgefuͤhrt worden, und die beiden Hauptacteurs hatten ihre Rollen vortrefflich geſpielt. Karl war ermuͤdet von der Aufregung und dem Lärm des Tags. Luis de Moja, ſein Lieblingspage, bediente ihn beim Auskleiden. „Den Heiligen ſei Dank gebracht,“ ſagte der Page, „daß ſie heute Ew. Majeſtät Leben erhalten. Waͤre die Gallerie einige Minuten fruͤher eingeſtuͤrzt— Gott wuͤßte, wie anders dieſer Tag geendet!“ „Seltſam!“ ſagte der Kaiſer vor ſich hin.„Ich hatte dieſen Morgen beim Gebet eia eigenthumliches baͤngliches Gefuͤhl; es war eine Ahnung. Und jetzt kann ich mich nicht uͤberreden, daß das Einſtuͤrzen der Gallerie bloßer Zufall geweſen iſt. Den Florentinern, den Mailaͤndern, den Venetianern, ja ſelbſt den Roͤmern waͤr es ſchon recht geweſen, wenn ich erſchlagen worden waͤre, und ich mag es nicht wiſſen, wer den Einſturz des ſcheinbar feſtgezim⸗ merten Gebaͤlks veranlaßt hat. Daß er mir galt, davon bin ich uͤberzeugt. Wie viel Menſchenleben hat das Un⸗ gluck gekoſtet?“ „Es ſind nur drei todt zehtae darunter ein ſehr ſhönes Weib, eine Zigeunerin.“ „Eine Zigeunerin!“ ſagte der Kaiſer betroffen. „Ja, es iſt dasſelbe Weib, das die Thuͤrwache heute fruͤh zweimal hat zuruͤckweiſen muͤſſen. Sie hat durchaus begehrt, zu Ew. Majeſtaͤt gelaſſen zu werden, was doch vor der Kroͤnung nicht moͤglich war.“ und der Zug nach Tunis. 23 Karls Zuͤge verfinſterten ſich.„Es waͤre vielleicht beſſer geweſen, wenn man ihr den Willen gethan. Was mag die Frau gerade dieſen Morgen von mir gewollt ha⸗ ben? Haͤtte ſie mich warnen wollen? Nun iſt ihr Mund auf ewig ſtumm. Ich ahne, mit ihr wird ein ſchweres Geheimniß begraben.“ „Sie hielt todt ein kleines koſtbares Buͤchlein krampf⸗ haft in der Hand. Die es der Leiche abgenommen, haben darin das ſchoͤne gemalte Bildniß eines fuͤrſtlichen Herrn entdeckt, und halten es fuͤr das Conterfei von Eurer Ma⸗ jeſtät hochſeligem Herrn Vater.—“ Der Kaiſer war mit aͤngſtlicher Spannung den Wor⸗ ten des Pagen gefolgt.„Ha!“ unterbrach er dieſe Mithei⸗ luug mit ungewoͤhnlicher Erregtheit und ſtreckte die zit⸗ ternde Hand nach dem Portefeuille aus, das ihm der Page darbot und er auf den erſten Blick wiedererkannte.„Ich ahnete es wohl! Sie! Sie! Es war in der Nacht, als mir die Boten die Kunde vom Tode des Koͤnigs von Ara⸗ gonien brachten.“ Von Erinnerungen und Gedanken be⸗ waͤltigt, ſchlug er das wohl erhaltene Buͤchlein auf; das Bild ſeines Vaters blickte ihn an. Darunter ſtanden die Worte in kaſtiliſcher Sprache:„Karl, gehe nicht uͤber die hoͤlzerne Gallerie zur Kroͤnung, Du biſt ſonſt des Todes“ Der Kaiſer ſtand auf und ging unruhig, aber ſchwei⸗ gend auf und ab. Aller Schlaf war ihm vergangen.— „Ruf' mir den Grafen von Naſſau!“ befahl er endlich. Als der Page fort war, nahm Karl das Buͤchlein wieder 24⁴ Der große Reichstag zu Augsburg zur Hand.„Wunderbares Geſchick!“ ſprach er dumpf. „Dieſes Kleinod, den letzten Befehl meines ſterbenden Va⸗ ters an mich enthaltend, das ich als ein thoͤrichter Minne⸗ knabe vor vierzehn Jahren leichtſinnig in die Hand der ſchonen Zigeunerin legte, muß mir gerade heute zuruͤckge⸗ geben werden. Und nicht von ihr ſelbſt mehr. Ihre todte Hand hat es feſt gefaßt gehalten. Sagte ich ihr nicht da⸗ mals, ich wollte ihr jede moͤgliche Gnade gewaͤhren, wenn ſie mir das Buͤchlein uͤberreichen wuͤrde? Heute hat ſie es gewollt und den Tod daruͤber gefunden. Dieſe harten Maͤnner durften das Zigeunerweib ja nicht zum Kaiſer laſſen. Da bin ich nun der machtigſte Kaiſer der Erde, und das einzige Herz auf dieſer Erde, das mich liebte, das mich warnen wollte, durfte nicht zu mir, weil ich im Be⸗ griff ſtand mich von dem falſchen Heuchler kroͤnen zu laſ⸗ ſen.“ Er lachte bitter in ſich hinein.— Der Graf von Naſſau trat beſtuͤrzt in das Zimmer:„Iſt Ew. Majeſtät ein Unwohlſein aufgeſtoßen?“ „Weißt Du von den Leuten, welche die einſturzende Gallerie erſchlagen?“ „Sie ſind von ihren Angehoͤrigen beim Anbruch des Abends abgeholt worden.“ „Wenn die Leute arm ſind, muͤſſen wir ihnen Gold geben. Was kann der Kaiſer anders?— Es iſt eine Zi⸗ geunerin darunter.“ „Eine ſpaniſche Zigeunerbande, die zum Kroͤnungsfeſt hierhergekommen, hat die Leiche in ihre Herberge getragen, und der Zug nach Tunis. 25 behauptend, die Erſchlagene ſei ihre Fürſtin. Der Stall⸗ meiſter Cebes iſt ihr Fuͤrſprecher geweſen. Man hat ihn dieſer Tage mit den Zigeunern und namentlich mit der erſchlagenen Frau verkehren ſehen.“ „Ich weiß. Geh jetzt und zieh Kundſchaft ein, wo die Zigeunerherberge iſt. Mir aber gib vorher mein Landsknechtskleid, den ſchwarzen Hut und den grauen Mantel. Nimm noch zwei Trabanten, ſo daß ich der Dritte bin. Niemand darf mich erkennen.“ „Ew. Majeſtaͤt!“ rief der Oberkaͤmmerer erſchrocken. „Nun ja, wir gehen zur todten Zigeunerfuͤrſtin, ver⸗ ſteht ſich im tiefſten Geheimniß. Du entfernſt vorher die Zigeuner von der Leiche.— Geh und erfuͤlle meine Befehle!“ Der Graf entfernte ſich, der Page brachte die ver⸗ langten Kleider und ſchuf den Kaiſer in kurzer Zeit zum gemeinen Landsknecht um.„Als ein Knecht ging ich zuletzt zu ihr. Dazwiſchen liegt der Erzherzog von Oeſt⸗ reich, der Herzog von Burgund, der König von Spa⸗ nien, der deutſche Kaiſer. Wunderbares Schickſal!“ Nach einer Stunde kehrte der Oberkämmerer zuruͤck. Die Zigeunerherberge war in einer engen abgelegenen Gaſſe in einem gemeinen verfallenen Wirthshauſe. Die Leiche lag in einem öden Stalle. Der Kaiſer folgte dem Grafen und ſchloß ſich auf der Straße den beiden Knech⸗ ten an, deren Einer eine brennende Fackel trug. Schwei⸗ gend verfolgten die vier Männer ihren Weg. Die Mit⸗ 3 26 Der große Reichstag zu Augsburg ternachtsſtunde ertoͤnte von den Thuͤrmen, als ſie vor dem finſtern Hauſe anlangten. Naſſau hatte ſeine Vorkehrun⸗ gen gut getroffen. Durch einen offnen Thorgang gelangten ſie in einen engen Hof, an deſſen Ende der Graf eine Stallthuͤre oͤffnete. Der Kaiſer nahm die Fackel, der Graf befahl den beiden Soldknechten die Wache im Hofe an. Er trat mit den Kaiſer ein. Auf einem Strohbuͤndel lag die noch im Tode ſchoͤne junge Frau. Karl beleuchtete ſie ſchweigend, dann ergriff er ihre Hand und fluͤſterte:„So⸗ naca!“ Die Augen wurden ihm feucht. Sein ſchoͤnſter Jugendtraum ſtand lebhaft vor ſeiner Seele. Er fuͤhlte, daß er einſt einen Himmel auf Erden gehabt, als er das Haupt auf der Bruſt dieſes Weibes gewiegt. Die Kronen hatten dieſen ſuͤßen Himmel fuͤr immer verſcheucht. Sie hatte den ihrigen behalten bis zum Augenblick ihres Todes. Sie war mit dem Herzen voll Liebe fuͤr ihn geſtorben. Zwei bittre Schmerzensthraͤnen rollten uͤber Karls Wangen. „Komm!“ war das einzige Wort, das er ſprach, und ſie gingen. Karl hatte von ſeiner Jugend Abſchied genom⸗ men. Waͤhrend er heute mit unvergleichlichem Prachtge⸗ praͤnge zu ſeiner kalten Kroͤnung gezogen war, war ſie in ſeliger warmer Liebe geſtorben und lag nun auf Stroh in einem duͤſtern Stalle. Und dieſe beiden Herzen hatten einſt in heißem Jugendleben an einander geſchlagen.— Seht da die Menſchengeſchicke! In der bitterſten Stimmung betrat der Kaiſer ſeine Gemaͤcher wieder. Er blieb allein und durchlas ſeines Va⸗ und der Zug nach Tunis. 27 ters Befehl an ihn.„Wie ſchlecht hab' ich ihn erfullt!“ rief er im hoͤchſten Verdruß.„Ich kenne heute den Admi⸗ ral Alfonzo de Granada noch nicht. Ich weiß nicht, ob er lebt oder todt iſt, ob er Kinder hat, denen ich vergelten koͤnnte, was mein Vater an ihm verſchuldet. Und hab' ich nicht ſelbſt ſchwere Schuld gegen Sonaca auf mich geladen?! Vergib, vergib, Verklaͤrte!“ rief er ſchmerzvoll und warf ſich vor dem Betpult nieder und betete bruͤnſtig zu Gott und den Heiligen. Spaͤt erſt ſuchte er das Lager, noch ſpaͤter ihn der Schlaf. Das war Karls Geburts⸗ und Kroͤnungstag zu Bologna. Zweites Kapitel. Anfangs Mai ging der Kaiſer mit ſeinem zahlreichen und praͤchtigen Gefolge uͤber die triendiniſchen Alpen nach Inſpruck, wo ihn ſein Bruder Ferdinand und ſeine Schwe⸗ ſter Maria erwarteten. Der Papſt hatte ihn, wegen der zur äußerſten Vertheidigung entſchloſſenen Florentiner, immer noch zuruͤckzuhalten vermocht. Die Langeweile dieſes Aufenthalts hatte ihm der venetianiſche Maler Ti⸗ zian Vercelli dadurch verſuͤßt, daß er ſein Bild in Lebens⸗ groͤße im Kroͤnungsornat gemalt. Hoch erfreut uͤber dieſes Bild hatte Karl den Kuͤnſtler zum Ritter geſchlagen und ihm einen Jahrgehalt ausgeſetzt. In Mantua echob Karl den Markgrafen zum Herzog, dem Herzog von Ferrara gab er Kapri, dem Herzog von Savoyen, ſeinem Schwager, das vom Koͤnig Franz abge⸗ tretene Aſtiz bei den reichen Genueſen borate er Geld, viel und der Zug nach Tunis 29 Geld, und band ſie dadurch feſter an ſein Intereſſe, und dieſes Geld ſchenkte er Andern und band ſie dadurch eben⸗ falls an ſich. So hatte er, als er Italien verließ, es erſt wahrhaft und zwar perſoͤnlich erobert, nicht durch Feuer und Schwert, ſondern durch Gunſt- und Gnadenbezeu⸗ gungen, durch Gold und Guͤte, durch Schlauheit und Nachgiebigkeit, durch Verſtellung und Wahrheit, mit einem Worte: durch die ſpaniſche Kunſt. Aber dem deutſchen Reiche erwuchs daraus kein Vortheil; nicht das Reich hatte Italien gewonnen, ſondern der Kaiſer, ja bei ſchar⸗ fem Licht betrachtet, kaum der Kaiſer, ſondern Don Car⸗ los, Koͤnig von Spanien. Das deutſche Reich kam in kei⸗ nerlei Betracht dabei, ja Karl und ſeine Umgebung ließen dies den deutſchen Fuͤrſten deutlich genug merken. Ver⸗ trauend auf ſein Gluͤck und ſeine Kunſt und auf die Schwaͤche und Verderbtheit der menſchlichen Natur, hoffte Karl und mit ihm der Papſt, er werde mit Deutſchland und der Ketzerei auf dieſelbe Weiſe und durch dieſelben Mittel eben ſo ſchnell fertig werden, wie er mit den Ita— lienern fertig geworden war. Schon in Inſpruck ſollte er merken, daß er ſich hinſichtlich des deutſchen Geiſtes geirrt. Karl hatte ſeine beiden genannten Geſchwiſter in acht Jahren nicht geſehen, da uͤberraſchte ihn denn die hohe vollendete Schonheit der verwittweten Koͤnigin von Ungarn und Boͤhmen. Maria ſtand im fuͤnfundzwanzigſten Le⸗ bensjahre, und ihre geſchonte Bluͤthe hatte den hoͤchſten 30 Der große Reichstag zu Augsburg Grad der Vollendung erreicht. Die gluͤckliche Vermiſchung des habsburgiſchen und ſpaniſchen Typus verlieh ihr einen unausſprechlichen Reiz, dem jedoch ihre hohe geiſtige Be⸗ gabung und ihr liebenswuͤrdiges Weſen vollkommen ent⸗ ſprachen. In jeder Beziehung war ſie eine der ausgezeich⸗ netſten Frauen. Karl hatte ihr wegen ihrer Ketzerei ge⸗ grollt, war es doch an allen Fuͤrſtenhoͤfen beſprochen und getadelt worden, daß ſie nach dem Tode ihres Gemahls die Dedication eines Buchs von Luther angenommen und ihm freundlich fuͤr dieſes Troſtmittel gedankt hatte. Aber vor dieſer Schoͤnheit, vor dieſer Anmuth verſchwand ſein Groll. Haͤtte er nur einen Theil ihres Gemuͤths gehabt, er waͤre jetzt von ihr bekehrt worden, und die Geſchicke der Welt haͤtten ſchnell eine andre Wendung genommen. Schon fuͤrchteten der paͤpſtliche Legat a latere Campaggi, der mit dem Kaiſer nach Inſpruck gekommen war, und die ſpaniſchen Hofherrn etwas dergleichen; denn ſie wollten be⸗ merken, daß Karl ſeiner Schweſter groͤßeres Intereſſe be⸗ weiſe und innigere Huldigung weihe, als einem Bruder zukäme. So oft er konnte, war er in ihrer Geſellſchaft; wenn er ausritt, war ſie ſtets ſeine Begleiterin. Die Die⸗ ner hoͤrten ſie oft uͤber die kirchliche Bewegung in Deutſch⸗ land ſtreiten. Maria wurde dann immer warm und hef⸗ tig; Karl blieb ſtets ruhig und kuͤhl. Das war's eben, daß er fuͤr eine große weltbewegende Idee nicht warm, nicht begeiſtert werden konnte, wie ſie. Deshalb war er auch nicht zu bekehren. Ihre Schoͤnheit, ihr Geiſt, ihre und der Zug nach Tunis. 31 Seele beruͤhrten ihn wohl angenehm und wohlthuend, aber ſie vermochten ihn nicht zu durchdringen und zu bewegen. In ihm ſtand die Ueberzeugung feſt: die frechen deutſchen Theologen haͤtten Chriſtum geſchaͤndet, und die Ehre des Kaiſers erfordere, daß er dieſe Schande austilge. Die Koͤnigin Maria war dagegen der Anſicht, daß Chriſtus vom Papſt und den Pfaffen geſchaͤndet, von Luther und ſeinen Genoſſen aber wieder rein gewaſchen werde, und daß die Ehre des Kaiſers ihn in entgegengeſetzter Richtung fuͤhren muͤſſe, als er wandle. Die Geſchwiſter waren alſo him⸗ melweit verſchieden und deshalb an eine Vereinigung nicht zu denken. Und doch liebten ſie ſich, und Karl liebte die Schweſter ſogar zaͤrtlich. Die junge, edle Königin mußte uͤbrigens bei ihrer wichtigen, klaren, porurtheilsfreien Anſchauung der öffent⸗ lichen Dinge und bei ihrem innigen Gemuͤthsleben man⸗ chen Schmerz erfahren, und ſie hatte den Troſt, in der Königin Anna— wenn dieſe auch nicht von hoher geiſti⸗ ger Begabung war— eine treue Freundin zu beſitzen, der ſie ſich ganz anvertrauen durfte. Die Eroͤffnung des Reichstag hatte namlich wegen des wiederholten Aufent— haltes, den der Kaiſer noch in Italien erfahren, aufgeſcho⸗ ben werden muͤſſen. Jetzt, nachdem Karl die Stimmung der deutſchen Reichsſtände, den ihm fremd gewordenen deutſchen Geiſt ſondirt und zu ſeinem Unbehagen gefunden hatte, daß nicht Alles ſo ſei, wie er und der Papſt ge⸗ wuͤnſcht, jetzt blieb er mit Fleiß länger in Inſpruck, als er 32 5 Der große Reichstag zu Augsburg erſt beabſichtigt, um ſich hier zuvor zu uͤberzeugen, wer zu ihm halte und wer nicht. Da ſtroͤmten die Fuͤrſten, der hohe Adel und die hohe Kleriſei, die die Reformation haß⸗ ten, oder nach kaiſerlichen Gunſt- und Gnadenbezeugungen luſtern waren, nach Inſpruck zur Begruͤßung des Kaiſers. Und Mancher kam, den Maria nicht erwartet hatte. Was ihr fuͤr den geliebten Bruder, den deutſchen Kaiſer, lieb war, that ihr wehe fuͤr die Sache Gottes. Durch Eins aber wurde ſie erbittert. Der, vom uͤbermuͤthigen, trotzi— gen Adel Daͤnemarks vertriebene Koͤnig Chriſtiern, des Kaiſers Schwager, der in Bruͤſſel bei der Statthalterin lebte, kam ebenfalls nach Inſpruck, wo der Kaiſer foͤrmlich Hof hielt. Nun war Chriſtiern, der Freund des Volks, „der Bauernkoͤnig“, ſchon vor mehren Jahren oͤffentlich zu der neuen Kirche uͤbergetreten. Maria ſah in ihm alſo einen Verbuͤndeten, wie ja ihre verſtorbne Schweſter Iſa⸗ bella gleich ihr mit Begeiſterung an Luthers Lehre gehalten hatte und mit dieſer Ueberzeugung in den Tod gegangen war. Chriſtiern ſtand ſo gut, wie ſie ſelbſt, mit Luther im Briefwechſel, und er hatte ihr ſelbſt oft genug geſchrie⸗ ben, daß er an der erkannten evangeliſchen Wahrheit feſt⸗ halten werde. Und kaum war er ein paar Wochen am kaiſerlichen Hofe, als er ſich vom Kaiſer, von den anweſen⸗ den Fuͤrſten und Praͤlaten berathen ließ und mit beklagens⸗ werther Oſtentation offentlich in den Schooß der allein⸗ ſeligmachenden Kirche zuruͤckkehrte, ein ungeheurer Triumph der roͤmiſchen Partei, der genialen Koͤnigin gegenüber. und der Zug nach Tunis. Sie behandelte von Stund an ihren ſchwachen Schwager mit um ſo groͤßerer verachtungsvoller Kalte, als er vom Kai⸗ ſer mit zur Schau getragener Auszeichnung begnadigt wurde. Von den proteſtantiſchen Furſten kam keiner nach In⸗ ſpruck. Der Kurfuͤrſt Johann von Sachſen lehnte die Einladung dahin ſogar mit ehrecbietigen Worten ab. Hatte doch Karl ihm bereits zugemuthet, er ſolle den Pre⸗ digern, die er mit nach Augsburg gebracht, Stillſchweigen auferlegen. Jedermann begriff, daß der Augsburger Reichs⸗ tag, auf welchen ſich der Kaiſer in Inſpruck auf ſo ſelt⸗ ſame Weiſe vorbereitete, der gaͤnzlichen Unterdruͤckung der evangeliſchen Lehre gelte, und die Spannung ſtieg um ſo hoͤher, als die proteſtantiſchen Staͤnde zu gar keinem ernſt⸗ lichen, d. h. bewaffneten Widerſtand entſchloſſen waren, und Luther und Melanchthon ſtets von einem ſolchen ab⸗ riethen. Bei der Deputation, welche die Stadt Augsburg nach Inſpruck an den Kaiſer ſchickte, um ihn auf deutſchem Bo⸗ den zu begluckwunſchen, befand ſich Anton Fugger, der, als er ſeine ſtaͤdtiſche Pflicht erfullt, in traulicher Abendſtunde eine beſondere Audienz beim Kaiſer hatte. Karl fuͤhrte den Geldfuͤrſten in ſein Kloſet, alle Dienerſchaft war entfernt, und der vertrauliche Ton, den er hier anſtimmte, war weit verſchieden von dem der ſtrengen Foͤrmlichkeit, mit dem er zu der Deputation, und namentlich zu Anton Fugger als Haupt derſelben, geredet hatte. Seit Anton Fugger, als Geſandter Augsburgs an den Kaiſer in Spanien in To⸗ Ein deutſcher Leinweber. IX. 3 34 Der große Reichstag zu Augsburg ledo krank danieder gelegen und von dieſem mit ſchmeichel⸗ hafter Aufmerkſamkeit behandelt worden war, ſchien ſich zwiſchen beiden Maͤnnern ein ahnliches Verhaͤltniß geſtal⸗ ten zu wollen, wie es zwiſchen dem Kaiſer Maximilian und Jakob Fugger beſtanden hatte. Freilich hatte Karl ſo wenig von der gemuͤthlichen Treuherzigkeit ſeines Groß⸗ vaters, wie Anton von derſelben Eigenſchaft ſeines Ohms, aber gerade weil ſich die Charaktere dieſer beiden wieder gleich waren, wie die jener, ſo fuhlten ſie ſich von einander angezogen. Antons ſtolze Kälte, ſein ruhiges vornehmes Weſen im großen Styl entſprach vollkommen der feinen ariſtokratiſchen, marmorglatten und kalten Klugheit des Kaiſers. Karl glaubte und vertraute Antonen mehr als irgend einem andern Deutſchen. Deshalb ließ er ſich auch von ihm uͤber die nach der blutigen Unterdruͤckung der po⸗ litiſchen Bewegung nur um ſo maͤchtiger gewordene kirchlichen Bewegung, namentlich in den freien Staͤdten berichten und erfuhr da freilich Manches, was er noch nicht gewußt oder was man ihm in einem falſchen Licht gezeigt hatte, und was ihn allerdings ſtutzig machte. „Genug von dieſen Dingen,“ ſagte endlich der Kaiſer, „und kommen wir auf haͤusliche Angelegenheiten! Ihr habt mir noch nichts von Eurem Hausgenoſſen geſagt. Martin lebt doch noch bei Euch?“ „So iſt's. Ich habe Eurer Majeſtaͤt zuletzt von der truͤben Geiſtesſtörung, die ihn ſeit ſeiner Verwundung in der Bauernſchlacht, in die ihn ſeine unbaͤndige Mutter ge⸗ und der Zug nach Tunis. 35 fuhrt hatte, beherrſcht. Darin hat ſich ſeit jener Zeit nichts geaͤndert; er leidet immer noch an dieſem ſtillen trüben Wahnſinn. Dabei iſt er einer der fleißigſten und geſchick⸗ teſten Arbeiter auf unſter Schreibſtube geworden und fin⸗ det, wie es ſcheint, in ſteter emſiger Beſchaͤftigung Gluͤck und Zufriedenheit.“ „Weiß er, daß jene Tollhaͤuslerin ſeine Mutter iſt, und hat ſie ihm Entdeckungen gemacht?“ „Nie hat er ein Wort geſprochen oder irgend etwas gethan, woraus ſich auf ſolche Wiſſenſchaft ſchließen ließe. Die Vergangenheit, d. h. ſein Leben vor der Leipheimer Schlacht iſt ihm mit Nacht verhullt oder liegt wenigſtens in unklarer Daͤmmerung und ſeltſamer Verwirrung in ſeinem kranken Geiſte. Ueberhaupt ſpricht er aͤußerſt wenig und nur das Nothwendigſte in Bezug auf das Geſchaͤft. Sobald er nicht beſchäftigt iſt, verſinkt er augenblicklich in ein tiefes finſtres Bruͤten, waͤhrend dem er nichts, was um ihn iſt und vorgeht, zu ſehen und zu hoͤren ſcheint, und ich vermuthe, daß er aus Furcht vor dieſem ihm qualvollen Zuſtande immerfort angeſtrengt arbeitet.“ „So ſeid Ihr alſo ſelbſt uber ſein fruͤheres Leben im Ungewiſſen?“ fragte der Kaiſer. „Dem iſt nicht ganz ſo,“ entgegnete Fugger mit eini⸗ ger Verlegenheit.„Manche Partien ſeines Lebens haben ſich mir auf unetwartete Weiſe enthuͤllt, und es ſind mir daruͤber ganz uͤberraſchende Aufſchluͤſſe geworden. Eine gerade nicht geringe Anzahl von Dokumenten, die ihm ge⸗ 3* 36 Der große Reichstag zu Augsburg hoͤrten, hatte er vor der fur ihn verhängnißvollen Schlacht auf dem Bauernhofe, wo er geboren worden iſt, niederge⸗ legt, und ſie kamen ſpater in unſte Hände. 6 „Von dieſen Papieren habt Ihr mir nichts geſchrieben. Was enthalten ſie?“ „Es war der ausdruͤckliche Wille meines Ohms, durch⸗ aus keinen Gebrauch davon zu machen, wenn dies nicht die Nothwendigkeit gebiete. Bei ſeiner Geiſteskrankheit iſt natuͤrlich eine ſolche Nothwendigkeit nicht zu erwarten. Aerztliche Behandlung hat ihn nicht heilen koͤnnen; er wird ſein Leben in dieſem traurigen Zuſtand beſchließen. Neue Aufſchluͤſſe uͤber die oͤffentlichen Angelegenheiten Ewr. Majeſtaͤt enthalten die Geſchriften nicht, und mein Ohm hatte jedenfalls ſeine gute Abſicht, als er mir verbot, ihren Inhalt zu irgend eines Menſchen Kenntniß zu brin⸗ gen. Auch ſind ſie meiſt in arabiſcher Sprache abgefaßt, und es hat uns viel Zeit und Muͤhe gekoſtet, ſie mit der gehorigen Vorſicht ins Deutſche uͤberſetzen zu laſſen. Ein gelehrter Rabbi in Wien hat uns fuͤr ſchweres Geld dieſen Dienſt geleiſtet.“ „und Ihr ſeid heute noch nicht gewillt, das Verbot Eures verſtorbenen Ohms zu umgehen?“ „Ich wuͤrde mit Ew. Majeſtät eine Ausnahme machen, wenn Ihr es befoͤhlet.“ „Wohlan ſo macht mich mit dem Inhalte bekannt!“ „Martin hat danach nicht nur im Dienſte des Koͤnigs von Frankreich, ſondern auch des Dei von Algier geſtan⸗ und der Zug nach Tunis. 37 den und iſt von beiden zu wichtigen Sendungen gegen die Intereſſen Eurer Majeſtaͤt gebraucht worden. So ſcheint er mehr als einmal beim Großſultan geweſen zu ſein und das Buͤndniß zwiſchen dieſem und dem Koͤnig Franz ver⸗ handelt zu haben. In Algier hat er ſogar unſre heilige Religion abgeſchworen und iſt zum Islam uͤbergetreten. Genug, er iſt ein faſt eben ſo großer Feind Eures kaiſer⸗ lichen Hauſes und insbeſondere Eurer geheiligten Perſon, wie ſeine Mutter eine Feindin. Auch iſt er vom Koͤnig Franz als Bote und Unterhändler an den Herzog ulrich von Wuͤrtemberg geſchickt worden, und ſein Auftreten im Bauernkriege haͤngt mit dieſer Feindſchaft zuſammen, ob⸗ gleich wir wiſſen, daß es eigentlich ſeine Mutter geweſen iſt, die ihn gezwungen hat, unter den aufruͤhreriſchen Bauern zu kämpfen.“ „Das ſind ſcheußliche Dinge, die Ihr mir von dem Menſchen ſagt, und wahrlich nicht geeignet, ihm meine Gnade zuzuwenden.“ „Er bedarf deren auch nicht, Majeſtät. Ihr werdet gewiß nichts dagegen haben, daß er Zeit ſeines Lebens in unſerm Hauſe in der Stellung verbleibt, die er einmal eingenommen hat, und die die ſeinen Umſtaͤnden angemeſ⸗ ſenſte iſt.“ „Ihr habt recht. Er lebe, arbeite und ſterbe bei Euch. Es ſei ferner nicht mehr die Rede von ihm!“— Doch was iſt aus ſeiner Mutter, dem argen Weibe, geworden?“ „Wir haben uͤber dieſe ungemein böſe und rachgierige, 38 Der große Reichstag zu Augsburg proteusartige, außerordentliche Frau durch unſte Handels⸗ verbindungen in der Tuͤrkei Nachrichten erhalten. Erſt hat ſie bald als gemeiner Tabuletkrämer, bald als vornehmer Edelmann den verſchiedenen Anfuͤhrern der empoͤrten Bauern gedient, dann iſt ſie zu Suleiman nach Conſtan⸗ tinopel gegangen und hat ihn auf dem erſten Feldzug nach Ungarn begleitet. Aus Verdruß, daß der Sultan nicht damals ſchon nach Wien ging, verließ ſie ihn. Hoͤchſt wahrſcheinlich hat ſie dann einige Jahre in Algier bei Barbaroſſa gelebt, deſſen ihr befreundete Gemahlin jene Euch und mir wohlbekannte Agnes von Cardona iſt, die auch einſt in Augsburg ihre ſchlaue Rolle ſpielte; ja ich habe die Spur, daß Eleonore van der Voort in dieſer Zeit in Florenz und Mailand geweſen iſt, verſteht ſich, immer als Mann verkleidet, wie ſie es liebt; wenigſtens hat ein geheimnißvoller Fremder mit auffallenden Flecken im Ge⸗ ſicht dort mit den Haͤuptern der Empoörung verkehrt. Dann iſt ſie wieder zu Suleiman zuruͤckgekehrt und hat mit ihm vor Wien gelegen. Genug, ſie hat jedem gedient, der ſich gegen Eurer Majeſtaͤt Macht auflehnt und gegen Euch kaͤmpft. Wo Eleonore jetzt lebt, daruͤber hab' ich keine Kunde.“ „Dies Weib muß aus der Hölle ſtammen,“ ſagte Karl ernſt.„Wenigſtens iſt ſie der boͤſe Genius unſeres Hau⸗ ſes. Sie hat meine Mutter um den Verſtand gebracht, meinen Vater bis in den Tod verfolgt, mit mir hat ſie's eben ſo vor. Wohl mir, daß ich unter dem Schirme 4. und der Zug nach Tunis. 39 guter Geiſter ſtehe, die alle Anſchläge der Hölle gegen mich zu nichte machen! Mit ihrem Beiſtand werde ich mit all meinen und der heiligen Religion Feinden fertig werden; auch mit dem verruchten Auguſtinermoͤnch und ſeinem Anhange.“ „Das walte Gott und die Heiligen!“ verſetzte Fugger. „Wenn ich in Deutſchland die geſchaͤftigen Hoͤllen⸗ geiſter gebaͤndigt, Ruhe und Ordnung geſtiftet und der heiligen Mutter Kirche wieder ihr volles ſtrahlendes An⸗ ſehen verſchafft habe,“ fuhr der Kaiſer mit geſteigertem Affect fort,„dann gedenke ich mit der ganzen Macht des Reichs gegen dieſen Suleiman, den Erzfeind der Chriſten⸗ heit, zu ziehen und ihn unſchaͤdlich zu machen. Ich werde meinen Bruder Ferdinand im Triumph nach Ungarn zu⸗ ruͤckfuͤhren. Der Kampf gegen die Tuͤrken und ihre Ver⸗ treibung aus Europa war der große Plan des Kaiſers Maximilian. Er hatte ſich die Ausfuͤhrung deſſelben gleichſam zur Aufgabe ſeines Lebens gemacht. Durch die blinden, traͤgen, eigenſuchtigen Reichsſtaͤnde wurde er daran verhindert, und wir haben die ſchlimmen Folgen dieſer Verkehrtheit zu genießen. Was ihm nicht gelang, hoff' ich auszufuͤhren; denn gluckliche Sterne ſtehen uͤber mei⸗ nem Haupte. Dann ein Kriegszug gegen dieſen uͤber⸗ muͤthigen verwegenen Seeraͤuber in Algier, der fort und fort die ſpaniſchen Kuͤſten uberfaͤllt und beraubt und Tau⸗ ſende von guten Chriſten in die Sklaverei wegſchleppt. Dieſem graͤulichen Unfuge muß ich ein Ende machen, wie 40 Der große Reichstag zu Augsburg Allem Unfug, mag ihn Barbaroſſa anſtiften oder Luther, die Florentiner oder die Schweizer, die Franzoſen oder die Tuͤrken.“ „Gott und die Heiligen erhalten Ew. Majeſtät bei dieſem frommen Muthe!“ rief Fugger mit Waͤrme. „Dir vertrau' ich das an, Anton Fugger, und noch Anderes, Geheimeres und Wichtigeres,“ ſpann der Kaiſer das Wort mit ſteigender Vertraulichkeit fort, indem er die Hand auf die Schulter des Augsburger Buͤrgers legte und ihm unverwandt ins Auge ſah.„Ich wuͤrde es nicht thun, wenn ich nicht wuͤßte, wem ich mich anvertraue. Wie Dein Ohm meines Großvaters Freund war, ſo biſt Du der meinige. Ja, ich weiß, was ich an den Fuggern in Augsburg habe. Drum alſo hoͤre, was ich von Dir will. Ich gehe mit großen und kleinen Plaͤnen ſchwanger, die ſich theils auf die Geſtaltung der Weltangelegenheiten, theils auf die meiner eignen Perſon und meines Hauſes beziehen, und deren Vorbereitung und Reife nur im Schooße des tiefſten Geheimniſſes gedeihen kann. Ver⸗ ſtehe: ich will, daß weder mein Herr Schwager, der Koͤnig Franz, noch der Papſt, noch mein Herr Ohm, der Koͤnig von England, den leiſeſten Wind von meinen Pläͤnen erhal⸗ ten, ebenſo wenig die Venetianer oder die Mailaͤnder, als dieſe lutheriſchen deutſchen Fuͤrſten. Ja meine eignen Ge⸗ ſchwiſter durfen nicht das Mindeſte davon erfahren; denn Koͤnig Ferdinand iſt dem Papſte viel zu ſehr ergeben, Koͤ⸗ nigin Maria dagegen dem Luther. Ich traue weder mei⸗ und der Zug nach Tunis. 41 nen Raͤthen, noch den Kanzleibeamten. Dir aber trau' ich.— Ich bedarf einer ganz geheimen Schreibſtube und eines oder einiger Schreiber, auf deren Treue nnd Ver⸗ ſchwiegenheit ich Haͤuſer bauen kann. Dieſe Schreibſtube ſollſt Du mir waͤhrend des Reichstags in Deinem Hauſe einrichten; Du und vielleicht einer Deiner Leute, fuͤr deſſen Treue Du buͤrgen kannſt, fuͤhrt die Schreibereien nach mei⸗ ner Angabe aus. Und um meinen oͤftern Beſuchen in Deinem Hauſe den ſchicklichſten Vorwand zu geben, ſo daß ſie keinem Menſchen auffallen koͤnnen, beſtelle ich bei Dir Quartier in Deinem Hauſe fuͤr die Koͤnigin Maria. Wo koͤnnte ſie beſſer wohnen als bei Dir, und wohin konnte ich täglich leichter, ohne Aufſehen zu erregen, ge⸗ hen, als zu ihr? Die Briefe gehen unter Deiner Auf⸗ ſchrift, mit Deinem Pitſchir und mit Deinem Poſt⸗ boten.— Haſt Du einen ſolchen Mann, wie ich ihn brauche?“ „Ich habe ihn ganz nach Euerm Beduͤrfniß, mein gnädigſter Herr. Es iſt der junge Raimund Mohr, meines Bruders Pathe und Pflegeſohn. Das Wich⸗ tigſte ſchreibe ich natuͤrlich ſelbſt. Und die Koͤnigin Maria iſt mir hoch willkommen. Ich weiß die Ehre zu ſchätzen, die Ihr mir in dieſem hohen Gaſte er⸗ zeigt.“ „So richte Alles beſtens ein, mein lieber Fugger, und ſei meiner Gnade gewiß.“ 42 Der große Reichstag zu Augsburg „Gott ſchuͤtze Eure kaiſerliche Majeſtät und mache Alle Eure Feinde ohnmaͤchtig!“ rief Anton, entzuͤckt von dieſem Beweis des hoͤchſten Vertrauens und kuͤßte, ſich verabſchiedend, des Kaiſers dargebotene Hand. Yrittes Kapitel. Ganz Augsburg war mit den Vorbereitungen zum Empfang des Kaiſers beſchaͤftigt; uͤberall erhoͤhtes Leben, geſteigerte Bewegung. Die Reichsſtaͤnde waren ſchon alle verſammelt, die Fuͤrſten alle in Perſon zugegen. Jeder⸗ mann ſah mit großer Spannung der Ankunft des Kaiſers entgegen; denn Jeder, mochte er zu der einen oder zur an⸗ dern Partei gehoͤren, hatte die Ueberzeugung, daß ein wich⸗ tigerer Reichstag noch nicht in Augsburg gehalten wor⸗ den ſei. Auf der Fuggerſchen Schreibſtube haͤuften ſich die Ge⸗ ſchaͤfte, und Alles, was geſchah und was geſchehen ſollte, wurde da ausfuͤhrlich beſprochen. Auf den ſtillen ſcheuen Martin machten dieſe Reden einen unerwarteten Eindruck. Von der Stunde an, als die Nachricht eingelaufen war, der Kaiſer werde nach 44 Der große Reichstag zu Augsburg Deutſchland kommen und in Augsburg einen großen Reichs⸗ tag halten, hatte ſich ſeine Theilnahme an den oͤffentlichen Dingen von Tag zu Tag geſteigert. Die truͤbe Schlaff⸗ heit wich allmaͤlig aus ſeinen Zuͤgen, ſein Auge wurde le⸗ bendiger; er horchte mit unverkennbarer Theilnahme auf jede, auf den Kaiſer bezugliche Kunde. Wenn er auch zu⸗ weilen wieder in ſein altes finſtres Bruͤten verfiel, ſo dauerte es doch nicht lange, und er fuhr dann meiſt erſchreckt dar⸗ aus empor und ſchaute ſich munter und fragend um. Als endlich bekannt wurde, der Kaiſer ſei von Muͤnchen, wohin er von Inſpruck gegangen, aufgebrochen, und die ganze Stadt von Menſchen wogte, da ergriff den ungluͤcklichen Geiſteskranken ebenfalls ein fieberhafte Bewegung. Ueber ſein Geſicht flog es oft wie ein Blitz, dann lächelte er halb bitter, halb wehmuͤthig vor ſich hin, und dann ſprach er wieder heftig und laut zu ſeiner Umgebung, ſo daß ihn Alle erſtaunt anſahen. Keiner beobachtete dieſe Veraͤnderung in Martins We⸗ ſen mit ſchärferem Auge und größerer Theilnahme als Raimund Mohr. Der junge Mann las mit fieberhaft aͤngſtlicher ſteigender Hoffnung, mit fliegender zitternder Haſt in den Augen des Geiſteskranken, forſchte in ſeinen Zuͤgen, horchte auf ſeine Worte. Endlich kam der Sonn⸗ tag, ein prächtiger Fruͤhlingstag, geeignet jedes kranke Menſchenherz geſund zu machen und uͤber den Wuſt der gemeinen menſchlichen Erbaͤrmlichkeiten zu erheben. Rai⸗ mund Mohr ging auf Martins Zimmer und fand ihn und der Zug nach Tunis. 45 emſig ſchreibend. Doch bewillkommte er den ſeltnen Be⸗ ſuch mit einer Art Freude, die Jener noch nicht an ihm bemerkt hatte. „Es ſcheint, Ihr befindet Euch wohler als zeither,“ begann der Juͤngling mit ſcheinbarer Ruhe,„und an der bevorſtehenden Ankunft des Kaiſers in unſterStadt ſcheint Ihr ganz beſondern Antheil zu nehmen.“ „Wie Ihr's ſagt, Herr Raimund Mohr, ſo iſt's. Ich habe die Nächte zeither ſehr ſchoͤne Träume gehabt;z immer ſeh' ich den Kaiſer, wie er mich entweder zum Ritter ſchlaͤgt, oder mich zum Reichsgrafen macht, oder mir koſtbare Ge⸗ ſchenke uberreicht, ein arabiſches Roß, ein Schwert, einen ſilbernen Harniſch, einen prächtig geſtickten Mantel. Seht, das muß doch etwas zu bedeuten haben. Meint Ihr nicht auch?“ „Gewiß. Sollte nicht auch der Kaiſer zu Euerm fruͤ⸗ hern Leben, vielleicht zu Euerer Geburt und Abkunft in irgend einer Beziehung ſtehen?“ Martin warf einen ſtechenden tuͤckiſchen Blick auf Raimund und laͤchelte dazu ſeltſam haͤmiſch. „Es will mich zuweilen auch ſo beduͤnken, und es iſt mir, als haͤtte mir fruͤher Jemand daruͤber Aufſchluſſe ge⸗ geben. Aber ich habe das Alles vergeſſen und kann mich durchaus nicht darauf beſinnen, wie ich auch nachdenke und mich anſtrenge. Aber es fällt mir gewiß noch ein. Dann und wann zuckt mir's ſeit einigen Tagen wie ein Blitz 46 Der große Reichstag zu Augsburg durch den Kopf. Auch fluͤſtert mir der Kaiſer Nachts im Traume immer ein vertrauliches Wort zu, er gibt mir irgend einen ſchoͤnen Namen; aber fruͤh morgens, wenn ich erwache, hab' ich dieſes Wort jedesmal vergeſſen, den ganzen Tag über ſchwebt mir's gleichſam auf der Zunge, aber dennoch iſt's mir noch nicht eingefallen, ich mag daruͤ⸗ ber ſinnen wie ich will. Aber es kommt gewiß noch.“ „Vielleicht faͤllt Euch beſſer ein, was mich angeht,“ fuhr Raimund geſpannter fort.„Ihr erinnert Euch doch noch, wie Ihr in Kremnitz zu mir kamt und Euch mir erbotet, mich zu meiner vornehmen Mutter zu fuͤhren. Ihr zeigtet mir damals einen koſtbaren Ring, den Ihr von meiner Mutter zu haben behauptetet. Ihr wußtet alſo damals recht gut, wer meine Aeltern ſind; denn Ihr woll⸗ tet mich ja zu ihnen bringen. Ich ſelber habe ſchon lange nicht daran geglaubt, daß ich der Sohn eines verungluͤckten Bergmanns in Ungarn bin, wie man in dieſem Hauſe be⸗ hauptet. Nun hab' ich Euch ſchon mehrmals nach mei— nen Aeltern gefragt, ſeit Ihr mit mir im Dienſte der' Fugger ſteht, aber Ihr waret krank und konntet Euch auf nichts beſinnen. Sollte es Euch nicht jetzt einfallen? Ihr begreift doch, daß wir in dieſem Hauſe natuͤrliche Verbuͤn⸗ dete ſind. Dem Einen wie dem Andern geſchieht hier un⸗ recht, und wir muͤſſen uns deſſen gemeinſam erwehren. Alſo ſagt, ich beſchwoͤr' Euch: wer bin ich? wer ſind meine Aeltern?“ Raimund hatte mit mehr und mehr erhoͤhter Stimme —,————,—— und der Zug nach Tunis. 47 geſprochen und ſtand nun gluͤhend vor Erregtheit und Er⸗ wartung vor dem bleichen Martin, ihm ſcharf in das un⸗ ruhige Auge blickend, als muͤſſe er ihm das Geheimniß ſei⸗ ner Geburt gleichſam aus der Seele herausziehen. Ploͤtz⸗ lich war Martin wie zur Bildſaͤule geworden und blickte ſtarr ins Leere. Aber ſein Auge war eigentlich nach innen gekehrt. Nach einer Minute erwartungsvollen Schweigens von beiden Seiten lief ein leiſes Zittern uber ſeine Glieder, welches ſchnell zunahm und heftiger wurde; ſeine Augen begannen zu funkeln, uͤber ſeine Zuͤge ergoß ſich eine flam⸗ mende Roͤthe, er ſtieß einen gellenden Schrei aus, der Raimunden erſchreckte.„Ja, jetzt hab' ich's endlich! Jetzt weiß ich's!“ rief er heftig und triumphirend und machte dazu mit den Armen faſt ſchreckliche Bewegungen.„Ihr ſeid ein Erzherzog von Oeſterreich, Ihr ſeid der Bruder des Kaiſers und des Koͤnigs Ferdinand, der Koͤnig Philipp von Spanien war Euer Vater, und Eure Mutter iſt eine große ſtolze Frau, eine ernſte ſtrenge Frau. Ich aber bin ein mauriſcher Prinz, ich bin der rechtmaͤßige Erbe der Koͤnigskrone von Granada. Mein Vater iſt der Sidi Selim Aben Muhamed Alnayar, und meine Mutter war eine koͤnigliche franzoͤſiſche Prinzeſſin.“ Raimund hatte mit ſteigendem Schrecken zugehoͤrt und verließ ſchnell mit einer Geberde der Furcht und des Entſetzens das Zimmer, wo es ihm ploͤtzlich ſehr unheimlich geworden war. „Er iſt verruͤckter als je!“ bebte es von ſeinen blei⸗ 48 Der große Reichstag zu Augsburg chen Lippen,„und bald wird er eingeſperrt werden muͤſſen.“— Am 14. Juni brachte ein Herold die Nachricht nach Augsburg, daß der Kaiſer am folgenden Tage Nachmit⸗ tags eintreffen werde. Am 6. war er mit ſeinem Bruder und ſeiner Schweſter und den anweſenden Fuͤrſten und Prälaten in Inſpruck aufgebrochen und hatte ſeinen Weg uͤber Muͤnchen genommen, wo er von den Baiernherzoͤgen prachtvoll empfangen und bewirthet worden war. Am Morgen des 15. Juni glich Augsburg einem Ameiſenhaufen. Eine ſo glaͤnzende Verſammlung von Fuͤrſten weltlichen und geiſtlichen Standes, von Geſandt⸗ ſchaften aus ſchier allen europaiſchen Laͤndern, von hohem und niederm Adel und Kleriſei, evangeliſchen Predigern, Doctoren und Profeſſoren, Theologen und Juriſten, aus der Naͤhe und Ferne, aus Ober- und Niederdeutſchland, von Buͤrgern aus vielen Staͤdten, Kaufleuten, Kraͤmern, fahrenden Schauſpielern, Kunſtreitern, Poſſenreißern, Pfeifern, Zigeunern, Juden, Frauen aus allen Staͤnden, von der Fuͤrſtin und der ſtolzen Courtiſane des geiſtlichen Fuͤrſten bis zur fahrenden Dirne und dem Liebchen des ge⸗ meinen Pfaffen herab— eine ſolche Verſammlung hatte Augsburg noch nicht in ſeinen Mauern geſehen. Alle Haͤuſer waren bis unter das Dach mit Menſchen beſetzt, alle Straßen und Plätze waren voll Menſchen, Pferde, Wagen und anderes Geräth. Gegen Mittag kam zuerſt der Kardinal von Luttich und der Zug nach Tunis. 49 mit hundert niederlaͤndiſchen Reitern anz er ſelbſt ward in einer Roßſaͤnfte getragen. Sofort ſetzte ſich der Zug der Kurfuͤrſten und Fuͤrſten, weltlichen und geiſtlichen, nebſt den Buͤrgermeiſtern und Rathsverwandten und den Vätern und erwachſenen Soͤhnen der vornehmſten Familien Augs⸗ burgs vom Weinmarkt aus, wo ſie ſich verſammelt hatten, zu Roß und zu Fuß, in Bewegung. Das geſammte Hof⸗ geſinde der Fuͤrſten ſchloß ſich anz eine ungeheure Menſchen⸗ maſſe ſtroͤmte mit. An der kleinen Lechbruͤcke erwarteten ſie den Kaiſer. Die Ankunft desſelben verzoͤgerte ſich bis gegen Abend. Der Zug des Kaiſers war noch impoſanter und prachtvoller als der von Augsburg gekommene. Ne⸗ ben ihm ritten der Koͤnig Ferdinand, der paͤpſtliche Legat Campeggi, zunachſt die Herzöge von Baiern, Wilhelm und Ludwig, der Pfalzgraf Friedrich, die Kardinaͤle von Salz⸗ burg und Trident, der Erzbiſchof von Bremen und viel andre hohe weltliche und geiſtliche Haͤupter aus Spanien, Italien und Deutſchland, alle im koſtbarſten Schmuck. So wie der Kaiſerzug den Lech paſſirte, ſtiegen die deutſchen Kurfuͤrſten und Fuͤrſten am rechten Ufer des Fluſſes von den Pferden und gingen dem Kaiſer entgegen. Als Karl dies wahrnahm, wollte er ebenfalls abſteigen, aber er war dabei ſo eilig, daß er faſt herabgefallen waͤre. Die Kur⸗ fuͤrſten rannten herbei, ihn aufzufangen, inzwiſchen kam er gluͤcklich herab. Auch Koͤnig Ferdinand war abgeſtiegen und beide erwiederten den Gruß der Kurfuͤrſten und Fuͤr⸗ ſten mit großer Huld und Freundlichkeit und reichten jedem Ein deutſcher Leinweber. IX. 4 50 Der große Reichstag zu Augsburg Einzelnen die Hand. Der Kurfuͤrſt von Mainz, als Reichskanzler, bewillkommte jetzt den Kaiſer im Namen aller dieſer hier verſammelten Glieder des heiligen roͤmi⸗ ſchen Reichs mit einer Rede und begluͤckwuͤnſchte ihn zu ſeiner Kroͤnung. Der Kaiſer und ſein Bruder unterredeten ſich einige Augenblicke mit dem Pfalzgrafen Friedrich, worauf dieſer den Fuͤrſten im Namen des Kaiſers Dank ſagte. Die Einzigen, welche während disſes Empfangs auf den Pferden ſitzen blieben, waren die Erzbiſchoͤfe von Trident und Salzburg; der Kardinal Campeggi war aber kurz vorher ganz bei Seite geritten, um der Unannehmlich— keit zu entgehen, daß ihm die Ehre, die er als Geſandter des Papſtes beanſpruchte, nicht erwieſen wuͤrde.— So wie der Kaiſer wieder zu Roß ſteigen wollte, erfaßten die jungen Fuͤrſten von Sachſen, Heſſen, Luͤneburg, Meklen⸗ burg, Brandenburg und Anhalt die Zaͤume, den Sattel und den Steigbuͤgel und halfen ihm hinauf. Eine Strecke weiter ſtanden der Buͤrgermeiſter und die Rathsherrn von Augsburg. Sie fielen dreimal vor dem Kaiſer auf die Knie und zogen dann einen koſtbaren dreifarbigen Traghimmel uͤber ihn und ſeinen weißen pol⸗ niſchen Hengſt. Sechs Augsburger Rathsherrn trugen den Baldachin und bildeten mit ihren Buͤrgern, Kauf⸗ leuten, Soͤldnern und Volk, zum Theil im Harniſch, zum Theil in Sammt und Seide gekleidet, zu Roß und zu Fuß, uͤber zweitauſend Koͤpfe ſtark, eine lange und präch⸗ tige Schlachtordnung, waͤhrend das ſchwere Geſchuͤtz von und der Zug nach Tunis. 51 den Mauern unaufhoͤrlich dem gekroͤnten Herrn der Stadt ſeine Donnergruͤße entgegen rief. Der feierliche, großartige und in ſeiner Art einzige Einzug in die freie Reichsſtadt fand nun in folgender Weiſe ſtatt. Zwei Fähnlein Landsknechte, die der Kaiſer erſt jetzt in Memmingen angeworben und gemuſtert hatte, um ihnen die Wachen der Stadt zu uͤbertragen, als deren Herr er jetzt angeſehen ſein wollte. Sie hatten nicht die rechte kriegeriſche Haltung;z denn es waren viel junge Leute dabei. Aber auch viele Maͤnner, die die italieniſchen Kriege mitgekämpft, befanden ſich unter ihnen Angefuͤhrt wur⸗ den ſie von ihrem Oberſten Maximilian von Eberſtein. Ein Mann zog vorzuͤglich die Augen der Augsburger auf ſich, Simon Seits, Feldſchreiber des Kaiſers, ein Augs⸗ burger Buͤrger, der jetzt, in Goldſtuck gekleidet,auf brauner Jenette mit koſtbar geſtickter Decke, nicht ohne glaͤnzenden Troß, in ſeine Vaterſtadt zuruͤckkehrte. Die Knechte gingen je ſieben in einem Gliede und waren etwa tauſend Mann ſtark. Um ſechs Uhr Abends erreichten die Erſten das Thor.— Nach keinem Vorzug ritten die reiſigen Mannen der Kurfuͤrſten einher, je drei in einem Gliede, zum Theil Hofgeſinde, Fuͤrſten, Grafen und Herrn, zum Theil Gra⸗ fen, Edelleute und Räthe, welche aus den Laͤndern einbe⸗ rufen waren. Voran die des Kurfuͤrſten von Sachſen und darunter der junge Kurprinz Johann Friedrich, der ſechs⸗ zehn Jahre ſpäter in einem ſo traurigen Conflict um der⸗ ſelben Sache, wegen welcher ſie jetzt in Augsburg zuſam⸗ 4* 52 Der große Reichstag zu Augsburg men kamen, gerathen ſollte. Den ſaächſiſchen folgten die pfalziſchen, brandenburgiſchen, koͤlniſchen, mainziſchen und trierſchen Haufen, jeder in ſeiner beſonderen Farbe und Ruͤſtung. Der reiſige Zeug der Baiernherzoͤge ſchloß ſich an. Der Rangordnung des Reichs nach haͤtten die Baiern hier noch nicht eintreten duͤrfen, aber ſie ritten ploͤtzlich vor, und Niemand hinderte es. Und ihre Pracht war wenig⸗ ſtens des Platzes wuͤrdig. In lichten Harniſchen, rothen Leibroͤcken und hohen Federbuͤſchen mit Spießen, fuͤnfhun⸗ dert Pferden, je fuͤnf in einem Gliede, gaben ſie ein herr⸗ liches Bild.— Hierauf des Herzogs Heinrich von Braun⸗ ſchweig Reiter, vierzehn Glieder, je drei in einem Gliede; die des Landgrafen von Heſſen in ſechsundzwanzig Glie⸗ dern; Pommern in ſieben Gliedern; des Deutſchmeiſters Walters von Kronberg Roſſe. Endlich eine große Schaar von Grafen, Edelleuten, kaiſerlichen und koͤniglichen Räthen, Spanier, Italiener und Deutſche. Wieder dauerte es eine Weile, bis der dritte Zug, der des Kaiſers und der Fuͤrſten ankam. Ihn eroͤffneten die Edelknaben des Kaiſers und des Koͤnigs, in gelben oder rothen Sammet gekleidet, auf zwanzig ſpaniſchen Roſſen des kaiſerlichen Großhofmeiſters von Roys, dann neunund⸗ zwanzig Glieder ungariſche Huſaren, je fuͤnf in einem Gliede; des Kaiſers Marſtall, dreiundzwanzig der herrlich⸗ ſten Pferde, polniſche, turkiſche, arabiſche, ſpaniſche, genue⸗ ſiſche, geritten von kaiſerlichen Edelknaben in gelben Sam⸗ metroͤcken; nun wieder zweihundert Pferde und des Koͤ⸗ und der Zug nach Tunis. 5* nigs Ferdinand Hofgeſinde, ſpaniſche, deutſche, boͤhmiſche Herren, zum Theil in goldnem Stuck und Sammtkleidern, mit großen goldnen Ketten, aber faſt alle ohne Harniſch. Botſchafter fremder Fuͤrſten, des Kaiſers und des Koͤnigs Raͤthe, Herrn des kaiſerlichen Regiments, ſpaniſche Große, Alle in ſchwarzem Sammet. Dies war das Geleite; nun kamen die fuͤrſtlichen Herren ſelbſt, und ein paar Reihen Trompeter und Heerpauker mit ihren Trommelſchlaͤgern, theils in des Kaiſers Farbe(gelb), theils in die des Koͤnigs (roth) gekleidet, Perſevanten und Herolde kuͤndigten ſie an. Ihnen voran ein langer ſchwarzer Pfaffe mit einem großen Kreuze in der Hand, die Staffiere und Palafreniere des päpſtlichen Legaten mit Saͤulen und Kolben in den Haͤnden. Praͤchtigen und trotzigen Anſehens ſind die Fuͤrſten, die Biſchoͤfe mit jenem unausſprechlichen Duͤnkel in den Geſichtern, der ſich nach Luthers Auftreten und der Beſiegung der Bauernempoͤrung noch ſchaͤrfer ausgepraͤgt hatte, als fruͤher. Das waren nun die Herren und Be⸗ herrſcher der deutſchen Laͤnder, jeder in dem ſeinigen faſt unumſchraͤnkt nach ſeinem Geluͤſten ſchaltend und waltend, und unter einander meiſt in Feindſchaft. Da ſah man den an Luthers Lehre mit Begeiſterung haͤngenden Ernſt von Luͤneburg und ſeinen Vetter, den dem Papſtthum mit Fanatismus ergebenen Heinrich von Braunſchweig, außer⸗ dem noch wegen der unbeendigten Hildesheimer Fehde bittre Feinde, nebeneinander reiten; da den jungen, Zwing⸗ lin noch mehr als Luthern ergebenen heißbluͤtigen Land⸗ 54 Der große Reichstag zu Augsburg grafen Philipp von Heſſen und ſeinen an der Mutter Kirche mit verbiſſener Zaͤhigkeit hängenden Schwiegervater Georg von Sachſen, den Feind Luthers, die kuͤrzlich beide wegen der Packiſchen Händel ſo hart aneinander ge— rathen waren; neben den Baiernherzoͤgen ihre Vettern, die Pfalzgrafen, kaum auf kurze Zeit leidliche Freunde und jetzt ſchon wieder heimliche Feinde; neben den Branden⸗ burgern die Herzoge von Pommern, die jenen zum Trotz auf dem Reichstage die unmittelbare Belehnung zu erſtre⸗ ben gedachten. Die einzige Vereinigung dieſer Fuͤrſten war der Kaiſer, den ſie als ihr Haupt ſämmtlich anerkann— ten und verehrten. Die weltlichen und geiſtlichen Kur⸗ furſten ritten zunächſt. Der von Sachſen, Johann, trug als Erzmarſchall ſeinem Kaiſer das bloße Schwert vor; ihm zur Rechten der von Brandenburg, Joachim, ſein bitt— rer Feind. Jetzt der Kaiſer allein, unter dem von ſechs Augsburger Ratsherrn getragenen Baldachin. Der deutſche Kaiſer in der Mitte der deutſchen Fuͤrſten, der deutſchen Reichsſtaͤdte, des deutſchen Volks, zu einem deutſchen Reichstage gehend, und nichts Deutſches an ihm, nichts innen, nichts außen, ein fremder Mann hier; ſeinen Ge⸗ ſinnungen, ſeinen Sitten und Gewohnheiten nach ein Spanier, ein Koͤnig von Spanien, und ſpaniſch gekleidet vom Kopf bis auf den Fuß. Ein kleines ſeidnes ſpaniſches Huͤtlein deckt jenen, ein goldner ſpaniſcher Waffenrock den Leib; mit goldnen ſpaniſchen Zierathen iſt der weiße Hengſt behaͤngt. Ueber ſeinem Haupte ſteht das Bild des deut⸗ und der Zug nach Tunis. 55 ſchen Reichsadlers am damaſtnen Traghimmel wie zum Hohne. Karl haͤtte gern ſeinen Bruder und den paͤpſtli⸗ chen Legaten zu ſeinen Seiten unter dem Baldachin geſehenz es lag ihm daran, den Letztern recht augenfaͤllig zu ehren und auszuzeichnen, und deshalb ſollten ihm die geiſtlichen Kurfuͤrſten den Vorrang uͤberlaſſen. Aber ſie hatten ſich deſſen kurz und beſtimmt geweigert, und ſo ritt nun der Legat Campeggi mit dem Koͤnig Ferdinand unmittelbar hinter dem Baldachin des Kaiſers. Neben dem Kaiſer liefen dreihundert Trabanten, Deutſche, Niederlaͤnder und Spanier, gelb, braun und aſchgrau gekleidet; neben dem Koͤnig und dem Legaten wieder hundert Trabanten, roth gekleidet. Nun die Erzbiſchoͤfe mit dem ſtolzen Beicht⸗ vater des Kaiſers, dem Biſchof von Osma, Biſchoͤfe und andre hohe Geiſtliche in großer Anzahl, gefolgt von hun⸗ dert kaiſerlichen Hatſchieren, zu Pferde und geruͤſtet, die reiſigen Mannen und das Hofgeſinde der geiſtlichen Herrn, jede Schaar in ihrer beſondern Farbe, alle entweder in Harniſchen mit Spießen, oder als Schuͤtzen mit Schieß⸗ zeug bewaffnet, uͤber dreihundert Koͤpfe, darunter zwoͤlf Stradioten und zwei Tuͤrken. An dieſe ſchließen ſich acht⸗ zehnhundert Fußknechte der Stadt Augsburg unter vier Faͤhnlein, mit Harniſch und Spieß geruͤſtet; ſie ſind meiſt mit ſchwarzen barchentenen Paltroͤcken, an den Aermeln zwei weiße Atlasſtreifen, angethan; vierhundert aber tragen aſchfarbne Kleider und zeichnen ſich durch Pracht der Klei⸗ dung und Bewaffnung auffallend vor den Uebrigen aus; 56 Der große Reichstag zu Augsburg es iſt die von den Fuggern allein angeworbne und ausge⸗ ſtattete Schaar; denn aſchgrau iſt die Farbe der Fugger. Zwoͤlf Halbſchlangen, die draußen den Kaiſer mit ihrer Stimme begruͤßt, und hinter ihnen der ſtattliche Zug der Augsburger Buͤrger zu Roß und zu Fuß, zweitauſend Mann unter vier Fähnlein, alle wohlgeruͤſtet, mit Feder⸗ buͤſchen und anderm Schmuck herrlich ausgeſtattet. Dar⸗ unter Raimund, Anton und Hieronymus Fugger und Raimund Mohr. Als der Kaiſer ſich dem Stadtthore naͤherte, ertoͤnte das Gelaͤute aller Glocken der Stadt und der Donner des Geſchutzes von den Mauern und Thuͤrmen, ſo daß Nie⸗ mand ſein eignes Wort verſtehen konnte. Innerhalb der Stadt kam dem Kaiſer ein neuer Zug entgegen, der Bi⸗ ſchof von Augsburg mit dem Domkapital und der geſamm⸗ ten Kleriſei der Stadt, Moͤnchen und Nonnen in großer Proceſſion. Die Pfaffen brachten einen andern Himmel mit, unter den ſie den Kaiſer nehmen wollten. Allein der Hengſt des Kaiſers ſcheute ſich ſo ſehr vor dem Pfaffen⸗ himmel, daß er ſeinen Reiter faſt abgeworfen hätte, und war, zum groͤßten Ergoͤtzen des Volks, mit nichten dar⸗ unter zu bringen. Da ſagte das Volk: das Pferd ſei klu⸗ ger als ſein Herr, es wolle nichts wiſſen vom Himmel der Pfaffen. Unter Geſang und Glockengelaͤute ging der Zug nach der Domkirche, wo der Kaiſer auf die Kniee niederfiel, die und der Zug nach Tunis. 537 Haͤnde erhob und betete. Als der Segen uͤber ihn geſpro⸗ chen war, fuͤhrten ihn die Fuͤrſten nach der Pfalz, ſeiner Herberge. Da nun die evangeliſchen Fuͤrſten oder die Proteſtanten wie man ſie allmaͤlig ſchon von ihrem auf dem letzten Reichstage zu Speier uͤbergebenen Proteſte nannte, mit dem Kaiſer im Dome geweſen waren und die geiſtli⸗ chen Cerimonien mitgemacht hatten, ſo knuͤpfte der ſchlaue Karl daran ſogleich ein Begehren an ſie, indem er den erſten großartigen und bewältigenden Eindruck ſeiner An⸗ kunft benutzen wollte, um ſie zu einer weſentlichen Nach⸗ giebigkeit zu vermoͤgen. Er ließ naͤmlich, waͤhrend die uͤbrigen Fuͤrſten nach ihren Herbergen abzogen, den alten Markgrafen Georg von Brandenburg, den jungen Landgrafen Philipp von Heſſen und den Herzog Franz von Luͤneburg in ein beſonderes Zimmer beſcheiden, wohin er ſich ſogleich mit ſeinem Bru⸗ der verfuͤgte. Hier eroͤffnete ihnen der Letztere: der Kaiſer laſſe ſie hiermit auffordern, die Predigten nunmehr abzu⸗ ſtellen. Die ältern Fuͤrſten ſchwiegen erſchrocken auf dieſe unerwartete Zumuthung; aber der feurige Landgraf ver⸗ ſetzte unerſchrocken:„Ew. Majeſtaͤt Willen in Ehrfurcht; aber in den Predigten kommt kein andres Wort vor, als eben Gotteswort, wie es auch S. Auguſtinus gefaßt hat. Gotteswort laͤßt ſich aber nicht abbeſtellen, nicht heute, nicht morgen und nimmermehr.“— Solche unwider⸗ legliche Argumente waren aber dem Kaiſer hoͤchſt wider⸗ 58 Der große Reichstag zu Augsburg waͤrtig; er wollte ſie nicht hoͤren und machte eine abweh⸗ rende aͤrgerliche Bewegung mit der Hand. Dabei ſtieg ihm das Blut zu Kopfe, der kecke Ton des Landgrafen ver⸗ letzte ihn, und faſt zornig ſprach er ſelbſt:„Ich will es; die Predigt iſt der Zankapfel. Ihr muͤßt ſie abſtellen. Ich, der Kaiſer, fordere es von Euch.“ „Herr,“ ergriff jetzt der alte Markgraf wehmuͤthig, aber feſt das Wort und ſprach ſo ehrerbietig als entſchloſſen, „ehe ich von Gottes Wort abſtuͤnde, wollte ich lieber auf der Stecke niederknieen und mir den Kopf abhauen laſſen.“ Karl, der ja nur Milde und Verſoͤhnung im Munde fuͤhren wollte, erſchrak uͤber dieſe maͤnnliche Erklaͤrung. Betroffen uͤber den ihm gegenuͤber ausgeſprochnen Ge⸗ danken an eine ſolche Moͤglichkeit, rief er beguͤtigend: „Lieber Fuͤrſt, nicht Koͤpfe ab, nicht Koͤpfe ab!“— Die drei Furſten wurden huldreich entlaſſen; Karl be⸗ griff immer mehr, daß er es nicht mit biegſamen Italienern zu thun hatte. Er war den Reſt des Abends ſchweigſam und nachdenklich und verfugte ſich bald zur Ruhe. Am folgenden Tage fand die Frohnleichnamsproceſſion ſtatt. Der Kaiſer forderte die proteſtantiſchen Fuͤrſten auf „dem allmaͤchtigen Gott zu Ehren“ daran Theil zu neh⸗ men. Sie lehnten es auf das Beſtimmteſte ab, weil ſie die Theilnahme auf den angegebenen Grund hin als eine Verletzung ihres Gewiſſens anſehen muͤßten. Nicht dazu habe Gott das Sakrament eingeſetzt, daß man es anbete. Hätte der Kaiſer ihre Begleitung als einen Hofdienſt bean⸗ und der Zug nach Tunis. 59 ſprucht, ſo wuͤrden ſie ihm gefolgt ſein, wie Naman in der Schrift ſeinem Koͤnig.— Die Proeeſſion ging ohne die Proteſtanten vor ſich; ſie war duͤrftig. Die Zeit des Glan⸗ zes der Kirche war voruͤber. Der Menſchengeiſt trieb in andre, in neue, in hoͤhere Bahnen. Am Abend dieſes Tages langte die Koͤnigin Maria mit ihrem Gefolge von Muͤnchen in Augsburg an. Es war der Wille des Kaiſers geweſen, daß ſie, als die einzige Frau, nicht mit im Kaiſerzuge in die Stadt einreiten ſollte. Verabrede⸗ termaßen nahm ſie ihre Herberge in Anton Fuggers Hauſe am Weinmarkt und wurde vom Stadtrath dort mit den gebuͤhrenden Ehren empfangen. viertes Kapitel. Der Kaiſer machte Tags darauf ſeiner Schweſter den Beſuch. Er hatte ſie ſchon mit Ungeduld erwartet. Ihr Liebreiz, der eine magiſche Gewalt uͤber ihn ausuͤbte, wie keine Macht der Erde weiter, zerſtreute auch diesmal ſchnell die Wolken des Unmuths von ſeiner Stirn. Es war doch ein ſonderbares und hoͤchſt eigenthuͤmliches Verhaͤltniß zwiſchen dem Kaiſer und ſeiner ſchoͤnen Schweſter. Inner⸗ lich erbittert uͤber den Widerſtand der proteſtantiſchen Fuͤr⸗ ſten, den er nicht erwartet hatte, ſuchte und fand er bei ihr Erheiterung und Stunden behaglichen ſchoͤnen Gefuͤhls, bei ihr, deren ihm wohlbekannte Geſinnung und Ueber⸗ zeugung ſo ſehr mit denen der ihm widerſtrebenden Fuͤr⸗ ſten uͤbereinſtimmte, und die ihm gegenuͤber gar kein Hehl daraus machte, daß ſie ſich uͤber dieſen wuͤrdigen und maͤnnlichen Widerſtand herzlich freue. Er mußte von und der Zug nach Tunis. 61 ihrem Charakter vorausſetzen, daß ſie ſich in freundliche Beziehungen zu jenen Fuͤrſten ſetzen und ſie ermuntern werde, feſt bei ihrem Glauben zu beharren. Vergebens waren ſeine, ihr entwickelten, politiſchen Gruͤnde, daß er zum Papſt halten muͤſſe; ſie wollte in Glaubensſachen nichts von Politik wiſſen und blieb die Feindin des Pap⸗ ſtes und der Pfaffen. Ja, nur Karls dringender Bitte gelang es, daß ſie ſich nach langem Weigern endlich bereit erklärte, den Beſuch des Kardinals Campeggio annehmen zu wollen. Nichts bedauerte ſie mehr, als daß Luther nicht mit dem Kurfuͤrſten von Sachſen nach Augsburg ge⸗ kommen war; er war nach dem Willen ſeines Herrn und auf Anrathen ſeiner Freunde, als noch mit der Reichsacht belegt, in Coburg zuruͤckgeblieben und wohnte dort auf der hohen Bergveſte im Schloſſe des Kurfuͤrſten. Den anweſenden Melanchthon hatte Maria bereits zu ſich ein⸗ laden laſſen, wie ſie ihrem kaiſerlichen Bruder lachenden Mundes berichtete. Und gerade dieſer kleine weibliche Trotz, umkleidet mit der reizendſten Anmuth und dem ſußeſten Muthwillen, war es, der jeden aufkeimenden Un⸗ willen Karls in der Geburt erſtickte und ihn immer ſtaͤrker an das herrliche Weib feſſelte, das ihm ſchon mit den eng⸗ ſten Banden des Bluts verbunden war, das er aber bis jetzt ſo gar nicht gekannt hatte. Bei dieſem erſten Beſuche ließ der Kaiſer ſich und der Koͤnigin faͤmmtliche Glieder des Fuggerſchen Hauſes nebſt dem Dienſtperſonal des Geſchaͤfts vorſtellen. Er beabſich⸗ 62 Der große Reichstag zu Augsburg tigte damit Martinen auf eine ungeſuchte und unge⸗ zwungene Weiſe zu ſehen. Die Leute waren im großen Gaden der Reihe nach aufgeſtellt, obenan Frau Sibylle im altmodiſchen koſtbaren Schmuck, den ſie ſeit Jahren nicht getragen, neben ihr ihr ſchlankes, bleiches holdes Pflegekind Regina Turzoin in reicher ungariſcher Nationaltracht. Dann kam Raimunds Familie, Antons Ehewirthin, Hie⸗ ronymus, dann die Schweſtern mit ihren Gatten, die alle zum Reichstag gekommen waren, um den Kaiſer und die andern hohen Herrſchaften zu ſehen. Bei Raimunds Fa⸗ milie ſtand Raimund Mohr, bei Antons Frau Martin van der Voort. Raimund und Anton Fugger fuͤhrten den Kaiſer un die Koͤnigin herein. Karl hatte ſeine Schweſter am Arme. Anton ſtellte ihnen die Familienglieder einzeln vor. Der Kaiſer war ſehr leutſelig und reichte der tief⸗ knickſenden Frau Sibylle die Hand, belobte das Andenken ihres verſtorbnen Jakob, befragte ſie nach ſeiner Krankheit, nach ſeinem Tode. Die Koͤnigin unterhielt ſich guͤtig mit ihrer Landsmaͤnnin Regina Turzoin und erkundigte ſich nach ihren Eltern. Maria's ſcharfes Auge hatte ſogleich beim Eintritt Raimund Mohrs Apollogeſtalt geſucht und gefunden. Obgleich ſie gehofft und erwartet hatte, ihn hier zu ſehen, zuckte ihr Arm doch leiſe in dem des Kaiſers, beim Anblick des unvergleichlich ſchoͤnen Juͤng⸗ lings. Laͤngſt wußte ſie, wo er war, der wuͤrdige Gegen⸗ ſtand ihrer erſten und einzigen Liebe, und neben dem Wunſche, dem glaͤnzenden, geraͤuſchvollen Reichstage bei⸗ — und der Zug nach Tunis. 63 zuwohnen, Luthern und Melanchthon' perſoͤnlich kennen zu lernen, die proteſtantiſchen Fuͤrſten zu begruͤßen und dem intereſſanten Kampfe der beiden Parteien zuzuſehen, hatte ſie ein geheimes aber weit ſtärkeres Verlangen nach Augsburg gefuͤhrt, den geliebten Juͤngling, den ſie im Herzen trug und noch keinen Augenblick vergeſſen hatte, wieder zu ſehen. Wie ſtand er dort in ſeiner ſiegſtrahlen⸗ den Schoͤnheit! das Herz zuckte und bebte ihr vor namen⸗ loſer Wonne. Sie mußte ihre ganze Kraft zuſammen⸗ nehmen, um der großen koͤniglichen Kunſt der Verſtellung keine Sch inde zu machen, als der Kaiſer mit ihr ein paar Schritte weiter ging und ſie dem Geliebten nun gegenuͤber ſtand. Zum Gluͤck hatte Karl auch nicht die entfernteſte Ahnung von der Liebe ſeiner Schweſter; aber eben ſo we⸗ nig hatte ſie eine ſolche von dem Verhaͤltniß, in welchem der Kaiſer zu dem bleichen blonden jungen Manne mit den ſeltſamen Flecken im Geſicht ſtand, welchen Anton Fugger eben mit Namen benannte und als ſeinen Pflegeſohn be⸗ zeichnete. Des Kaiſers Auge ruhete forſchend auf Martins Zuͤgen und Geſtalt, und ſeine erſt heitern Mienen nahmen unwillkuͤrlich einen finſtern Ausdruck an. Martins ſonſt ſo gedruͤckte Geſtalt hatte ſich auffallend emporgerichtet; in ſeinen Augen, die er feſt auf den Kaiſer gerichtet hielt, gluhte ein wildes, ſchier unheimliches Feuer. „Ihr ſeid ein Niederlaͤnder dem Namen nach?“ fragte Farl kalt. „Ein geborner Schwabe, Ew. Majeſtät zu dienen,“ 64⁴ Der große Reichstag zu Augsburg antwortete Martin mit bebender Stimme.„Meine Ael⸗ tern aber waren beide Niederlaͤnder.“ Was Karl gewollt, war geſchehen; er hatte den Men⸗ ſchen ſprechen gehoͤrt, den Ton der Stimme. Er ging voruͤber. „Raimund Mohr, Pathe und Pflegeſohn meines Bru⸗ ders,“ berichtete Anton. „Ah der!“ ſagte der Kaiſer betroffen von der Schoͤn⸗ heit des Juͤnglings.„Ein geborner Ungar?“ „Der Sohn eines Bergmanns in Kremnitz.“ Um Martins Lippen ſchwebte ein liſtig-hoͤhniſches Laͤ⸗ cheln Raimund Mohrs Blicke, in holder Verwirrung den ſuͤßen heißen Blicken der Koͤnigin ausweichend, gewahr⸗ ten dieſes Laͤcheln, und es empoͤrte ihn, er wußte ſelbſt nicht, warum. Die Koͤnigin gluͤhte und ſtrahlte wie eine praͤchtige Centifolie, aber kein verathendes Wort entſchluͤpfte ihren Lippen. „Er iſt der Verlobte von Regina Turzoin, ſeiner Landsmaͤnnin,“ fuhr Anton fort.„Schon im Mai haͤtte, nach meines ſeligen Ohms Willen, die Hochzeit ſein ſollen; wir haben ſie bis zur Ankunft Eurer Majeſtaͤt verſchoben, weil wir hofften, Ihr wuͤrdet unſrer Bitte, um die Gnade, dem Feſte durch Eure hohe Gegenwart einen Glanz zu verleihen, wie ihn noch kein Fuggerſches Familienfeſt ge⸗ habt, geneigtes Gehoͤr geben.“ und der Zug nach Tunis. 65 „Ich will Brautfuͤhrer ſein,“ nickte der Kaiſer gnädig. Ein leichtes Woͤlkchen lag jetzt uͤber der Stirn der Koͤ⸗ nigin, und ein leiſer Schmerzenszug krauſelte um ihren kleinen reizenden Mund, als ſie das Auge noch einmal auf den jungen Halbgott richtete und ſein Auge in Thra⸗ nen glänzen, um ſeinen Mund Schmerz und Unmuth zucken ſah. Der Kaiſer und die Koͤnigin zogen ſich in ihre Gemaͤ⸗ cher zuruͤck. Anton verfuͤgte ſich bald darauf dahin, um den Kaiſer in das abgelegene Zimmer zu fuͤhren, welches zur geheimen Kanzlei eingerichtet war. Raimund Mohr wurde dorthin gerufen, um vom Kaiſer in Dienſt und Pflicht genommen zu werden, ihm den Eideshandſchlag zu leiſten und ſeine geheimen Inſtruktionen zu erhalten. Martin beobachtete, was um ihn vorging, ploͤtzlich wie⸗ der mit der alten ſchlangenſchlauen Scharfſichtigkeit. Es war eine ungeheure Veränderung mit ihm vorgegangen, er hatte ſeine ganze Geiſteskraft wieder. Am Tage des Einzugs war ſeine Unruhe bis zur fieberhaften Beweglich⸗ keit geſtiegen, ſo daß Alle, die ihn kannten, als ſie ihn ſo herumſchießen ſahen und bald haſtig ſchwatzen hoͤrten, bald ſeinen ſtieren Blick wahrnahmen, mit Bedauern meinten, daß ihm der Kopf nun ganz und gar verruͤckt, daß er völlig wahnſinnig geworden ſei. So ging es die ganze Nacht mit ihmz er konnte nicht ruhen, nicht ſchlafen: er hatte den Kaiſer geſehen, und ſeine Gedanken waren nur mit dem⸗ Ein deutſcher Leinweber. IX. 2 66 Der große Reichstag zu Augsburg ſelben beſchäftigt. Wie das Lager, ſo war ihm das Zim⸗ mer, das Haus unertraͤglich. Gerade in dieſer Nacht wurde ihm nicht ſchwer, unbemerkt zu entwiſchen. Er irrte durch die nichts weniger als menſchenleeren Straßen, immer mit dem wogenden Gedankenchaos ringend, das ihm durch den Kopf brauſte. So kam er vor die Pfalz und rannte auf und ab, nach den Fenſtern der Zimmer hinauf⸗ ſtarrend, die der Kaiſer bewohnte. Am folgenden Morgen war er ſchon ſo weit gediehen, daß er ruhiger heimkehren und ſich zu faſſen vermochte, als ihn Anton Fugger auf⸗ forderte, ſich mit den Uebrigen dem Kaiſer vorſtellen zu laſſen. Und waͤhrend der Vorſtellung war ihm ſeine alte Ruhe, die alte Klarheit ſeines Geiſtes zuruͤckgekehrt. „Thor, der ich war!“ murmelte er pfiffig läͤchelnd vor ſich, als er durch das Haus ſchluͤpfte.„Als er mir gegen⸗ uͤberſtand, fiel mir Alles ein, worauf ich mich ſo tande ſchon vergeblich beſonnen habe. Nun ich es weiß, will ich meinen Nutzen daraus ziehen, und Regina muß mein Weib werden.“ Der Kaiſer war kaum zur Koͤnigin zuruͤckgekehrt, als Martin keck in das Vorzimmer trat. Die hier poſtirte Dienerſchaft kannte ihn ſchon als einen Hausgenoſſen, und die Erklaͤrung: er habe mit Seiner Majeſtät zu reden, oͤffnete ihm die Thuͤre des Zimmers. Der Kaiſer, in der Meinung, es ſei Raimund Mohr, der ihm irgend eine Meldung machen wolle, war deshalb unangenehm uͤberraſcht, Martin hereintreten zu ſehen. Er krhob ſich 5 und der Zug nach Tunis. 67 von dem Lotterbette, wo er neben der Schweſter ſaß und gab ihr mit der Hand ein Zeichen, auf welches ſie ſich in das Nebenzimmer verfuͤgte. „Was wollt Ihr von mir?“ fragte Karl ubelgelaunt, doch Martin wurde durch die Frage und ihren Ton nicht eingeſchuͤchtert. „Ew. Majeſtaͤt hat nach meiner Herkunft zu forſchen die Gnade gehabt. Es draͤngt mich Euch hier zu ſagen — was ich unten nicht konnte— wer mein Vater war—“ „Ich erlaß Euch das,“ unterbrach ihn der Kaiſer raſch und unwillig.„Ich will es nicht wiſſen. Entfernt Euch!“ „Nicht alſo, mein kaiſerlicher Herr!“ flehte Martin mit ausgeſtreckten Haͤnden.„Hoͤrt mich und erfahrt mein Geheimniß! Mein Vater war der Koͤnig Philipp von Spanien, der Erzherzog von Oeſtreich, der Herzog der Niederlande. Ja Ew. Majeſtät Erzeuger iſt auch der meinige. Ich bin Euer natuͤrlicher Bruder.“ „Ein Wahnſinniger biſt Du!“ rief Karl zornig.„Ich ſchone Deine Verwegenheit nur, weil Dein Verſtand ver⸗ wirrt iſt.“ „Nie war mein Kopf heller, wein Verſtand geſunder als heute. O ſprecht nicht ſo ungnaͤdig zu mir, in deſſen Adern dasſelbe Blut fließt, wie in den Euern!— Zwei⸗ felt Ihr an meiner Behauptung? Die Fugger wiſſen, wer ich bin, der Koͤnig Ferdinand weiß es— o Ihr ſelbſt wißt 5* 68 Der große Reichstag zu Augsburg es, Majeſtaͤt! Gebt der Stimme Eures Herzens Gehoͤr, die mich anerkennt!“ „Ja, ich weiß wer Du biſt“, verſetzte der Kaiſer ruhig und kalt, faſt hoͤhniſch.„Ich weiß auch was Du biſt und was Du geweſen biſt. Ich kenne Dich genau. Du biſt der eheliche Sohn des Kaufmanns Peter van der Kapellen zu Antwerpen und deſſen Eheweibes Eleonore Bry, Du biſt der Stief- und Adoptivſohn des Malers Martin van der Voort, des zweiten Ehemannes Deiner Mutter, der Dir ſeinen Namen gegeben hat, und der verſtorbene Jakob Fugger hat ſich Deiner und Deiner Mutter angenommen, weil er dem Hauſe Peters van der Kapellen einige Ver⸗ bindlichkeiten ſchuldig zu ſein glaubte und ein dankbares Herz hatte. Geh hin, mein Sohn, und beruhige Dich. Du biſt von Deiner Mutter, einem boͤſen Weibe, zu argen Zwecken gemißbraucht, hintergangen und belogen worden.“ „Nicht alſo! Majeſtaͤt! Der Brief meiner fuͤrſtlichen Abſtammung, den die Natur ſelbſt auf geheimnißvolle Weiſe mit unausloͤſchlichen Zuͤgen mir in's Angeſicht ge⸗ ſchrieben, widerlegt Euch. Als Eure koͤnigliche Mutter, die ſpaniſche Johanna, in einem Anfalle wuͤthender Eifer⸗ ſucht, der meinigen die Scheere, womit ſie ihr das gold⸗ blonde lange Haar abſchnitt, in welches ſich der Erzherzog Philipp ſo ſehr verlisbt hatte, in das Antlitz ſtieß und es zerfetzend, Eleonorens ſtrahlende Schoͤnheit vernichtete, da empfing die Frucht ihrer und Philipps verbotener Liebe in und der Zug nach Tunis. 69 ihrem Schooße dieſelben Wunden, und noch eh ich geboren wurde, blutete ich fuͤr die Schuld meiner Erzeuger. An Euch iſt's, Majeſtät, dieſes unſchuldige Blut zu ſuͤhnen. Seht mich an, meine Geſtalt; ſeht dieſe Zuͤge, dieſes blonde Haar, und dann betrachtet ein getreues Conterfei Eures Vaters, befragt aͤltere Maͤnner, die ihn perſoͤnlich gekannt haben, und Ihr werdet uͤberzeugt werden, daß ich dem Koͤnig Philipp aͤhnlicher bin, als Ih und Euer Bruder.“ Der Kaiſer hatte ſich abgewandt und ſchien nicht mehr auf die Worte des kuͤhnen Sprechers zu hoͤren. Jetzt kehrte er ſich ihm wieder zu, erdfahl und mit Zuͤgen voll Entſetzen und Abſcheu. Seine Lippen zitterten vor furcht⸗ barer Aufregung, aber er verſtand ſich zu beherrſchen. „Ungluͤckſeliger!“ ſprach er mit gedaͤmpfter Stimme, „woran haſt Du mich erinnert! An das unſagliche Un⸗ gluͤck meiner Mutter, deren Geiſt ſeit jener furchterlichen Stunde in den Banden duͤſtern Wahnſinns liegt bis heute. Sieh, weil die Hand meiner armen Mutter bei jener un⸗ ſeligen That der Leidenſchaft auf wunderbare geheimniß⸗ volle Weiſe Dich zeichnete, will ich Dir vergeben; denn ich weiß, daß Du mein Todfeind biſt, ich weiß, daß Du aus Feindſchaft zu mir den Chriſtenglauben und damit Deine Seligkeit abgeſchworen haſt und ein Sohn des verfluchten Mohamed geworden biſt. Ich weiß, daß Du dem ſcheußlichen Seeraͤuber, dem Fluch Spaniens, dem nichtswuͤrdigen Chaireddin Barbaroſſa, daß Du dem Sultan Suleiman, daß Du dem König — 70 Der große Reichstag zu Augsburg Franz, daß Du dem Herzog Ulrich von Wuͤrtemberg gegen mich gedient haſt. Fuͤr all meine Feinde biſt Du cthaͤtig geweſen, mich und mein Haus zu verderben, ſelbſt mit den aufruͤhreriſchen gottverfluchten Bauern haſt Du gegen Geſetz und Recht gekaͤmpft. Es gibt nichts Schaͤndliches und Schlechtes, was Du nicht gegen mich vollbracht haͤtteſt. Und doch wagſt Du mir unter die Augen zu treten und etwas von mir zu verlangen! Was willſt Du von mir?“ Martin war nun ſeinerſeits ebenfalls in der inner— ſten Seele erbebt. Die Flecken in ſeinem Geſichte wa⸗ ren weiß wie Kalk geworden. Er zitterte an allen Gliedern. Das hatte er nicht erwartet, daß der Kaiſer die Geſchichte ſeines wirren Lebens ſo genau kenne. Doch er war nicht der Mann, der ſich zuruͤckſchrecken ließ, und der Kaiſer hatte viel zu ſanft geſprochen, um jede Hoffnung in ihm zu erſticken. Er ſtuͤrzte auf die Knie nieder, erhob die Haͤnde und flehte:„Vergebung, mein kaiſerlicher Herr! Meine verſtoßne Jugend wurde verfuͤhrt und mißbraucht. Waͤre ich erzogen worden, wie es einem Sohne des Koͤnigs Philipp zugekommen, nimmer waͤre ich auf ſolche Abwege gerathen. Nicht auf mir laſtet die Schuld dieſer Vergehungen. Ver⸗ zeiht und macht wieder gut, was Andre an mir verbrochen haben!“ „Haͤtt' ich Dir nicht ſchon verziehen, Du wuͤrdeſt und der Zug nach Tunis. 71 vor ein Gericht geſtellt werden und Deine Frevel mit Deinem Leben buͤßen. Sei thaͤtig und ordentlich, und Du wirſt noch ein geachteter Mann werden.“ „Die natuͤrlichen Soͤhne des Habsburger Hauſes ſind ſtets zu adligen Ehren und Wuͤrden erhoben wor⸗ den. Sie haben meiſt der Kirche als hohe Praͤlaten ge⸗ dient.“ „Ha, dahin ſteht Dein Sinn, eitler Menſch!“ ſprach der Kaiſer entruͤſtet und wandte ſich wieder von ihm ab. „Ein Bekenner des Koran und chriſtlicher Biſchof! Du biſt ein naͤrriſcher Kauz! Der Sohn Eleonorens van der Voort, der ſcheußlichen Megäre, wird nun und nim⸗ mer von den Fuͤrſten des Hauſes Habsburg etwas er⸗ langen. Geh und wage nicht wieder vor mir zu erſchei— nen bei meinem ſchwerſten Zorn! Es koͤnnte Dich den Kopf koſten, thoͤrichter Menſch!“ Mit drohender Geberde verließ der Kaiſer das Zim⸗ mer. Martin machte ſich auf und floh mit ſcheuem Schritt hinaus. Ein tuͤckiſches Lächeln ſchwebte uͤber ſeinen bleichen Zuͤgen. Auf ſeinem Zimmer verſank er in ein finſtres Bruͤten, aber es war nicht mehr das alte Bruͤten ſeines verwirr⸗ ten nachtumhuͤllten, es war das ſeines nur allzuklaren, kalten, berechnenden und ſpekulirenden Geiſtes. Er⸗ ſchreckt vom Unwillen und Zorn des Kaiſers gab er zwar den Plan auf, ihn auf die verſuchte Weiſe fuͤr ſich zu Der große Reichstag zu Augsburg gewinnen, aber nach einer Stunde hatte er ſich ſchon einen andern zur Erreichung ſeines Zieles gebildet, und ruhig und kalt, als waͤre nichts mit ihm vorgefallen, miſchte er ſich bald darauf unter die auf den Straßen wo⸗ gende Menſchenmenge. Fünftes Rapitel. Raimund Mohr hatte Anton Fuggers Haus in großer geiſtiger Aufregung verlaſſen. Das Wiederſehen der Ko⸗ nigin Maria hatte ihn maͤchtig ergriffen und ſeine Gefuͤhle ſo ſeltſam gemiſcht und geſteigert, daß ſie ihm ſchier die Bruſt zu zerſprengen droheten. Es waren ſuͤße und bittre Gefuͤhle, die in ihm wogten und draͤngten, aber die Letz⸗ tern waren uͤberwiegend. Die hohe Schoͤnheit und An⸗ muth der Koͤnigin hatte wieder einen ſtarken Eindruck auf ſeine Sinnlichkeit gemacht, aber gehoben, beſeligt war er nicht von dieſem Wiederſehen worden. Er fuͤhlte ſich viel⸗ mehr gedruͤckt davon. Die Sehnſucht ſeiner Seele nach irgend einem Ziele, das er nicht kannte und das nur in dunkele, aber raſtlos webende Ahnungen gehuͤllt in ihm ſtand, ergriff ihn maͤchtiger als je. Es war ihm, als muͤßten ihm Schwingen wachſen und er von ihnen getra 74 Der große Reichstag zu Augsburg gen von dannen ſtuͤrmen, nicht zu der Koͤnigin, nicht nach Ungarn, aber wohin? das wußte er nicht. Und doch war's ihm wieder, als fingen die gluͤhenden Kuͤſſe, die er einſt von der Koͤnigin erhalten, an, auf ſeinen Lippen und Wangen zu brennen, ſo daß ihm unertraͤglich heiß davon wurde. Die reizende Maria! Er hätte ſich noch einmal von ihr ſo kuͤſſen laſſen, ſie ſo wieder kuͤſſen moͤgen. Dieſe Widerſpruͤche in ihm, die er nicht vereinigen konnte, das Hin- und Herwogen ſeiner Gefuͤhle nach den verſchie⸗ denſten Seiten machte ihn faſt toll. Er ſtuͤrzte ſich in die Menſchenwogen. Der herrlichſte Fruͤhlingstag lag uber der Stadt und ihrer Umgebung und lockte Alles heraus ins Freie. Fuͤrſtliche Maͤnner und Frauen, Adel, Buͤrger, Alles trieb durcheinander zu Roß und zu Fuß. Niemand haͤtte ahnen koͤnnen, welch ein Geiſt in dieſer frohen genuß— ſeligen Menge gaͤhrte. Er ſtieß auf Frau Sibylle Fugger und Regina Tur⸗ zoin, die ſich nach ihrer Wohnung verfuͤgten, und die Letz⸗ tere forderte ihn auf, ſie zu begleiten. Sie war ſo lieb, ſo gut; ihre ſchoͤne edle Seele klang ihm voll heiliger, wahrer, inniger Liebe aus ihren ſanften Worten, ſtrahlte ihm aus ihrem reinen ausdrucksvollen Auge entgegen. Er wußte, wie ſtark und wahr er von ſeiner Verlobten ge⸗ liebt wurde, und doch vermehrte dieſes Wiſſen nur ſeinen Unmuth und machte ihn keineswegs gluͤcklich. Seufzend riß er ſich los und ging weiter. Der Kampf der Gefuhle in ſeiner Bruſt war nur heftiger geworden. Er hatte und der Zug nach Tunis. 75 beim Scheiden von Reginen eine Thraͤne in ihrem Auge ſchwimmen geſehen, die ſie ihm zu verbergen ſuchte, ihre Stimme hatte wehmuͤthig gezittert; ſie war ihm bleicher vorgekommen, als ſonſt. Das fiel ihm jetzt ſchwer aufs Herz, und ſeine Gedanken ſprangen ſchnell auf die Koͤnigin Maria uͤber. Gewiß graͤmte ſich Regina, daß ihre gefaͤhr⸗ liche Nebenbuhlerin nach Augsburg gekommen war und nun gar im Fuggerſchen Hauſe wohnte. Und er hätte die⸗ ſen Gram ihr ſo gern verſcheucht; er war ja der lieben Schweſter ſo herzlich gewogen und zugethan. Aber weder der Gedanke an ſie, noch der an die Koͤnigin befriedigte ihn; ſein ſtuͤrmiſches Herz wußte ſelbſt nicht, was es wollte. Mloͤtzlich horchte er auf. Die ſchmerzlich ſuͤßen Toͤne eines ungariſchen Nationaltanzes ſchlugen an ſein Ohr und drangen in ſeine Seele, Stimmen der Heimat, Ju⸗ gendgruͤße, Klaͤnge aus dem fernen Vaterlande. Der Tanz wurde auch hier, wie dort, von Zigeunern geſpielt; denn nur ſie ſind die geſchickten Muſikanten, welche der Geige, dem Cymbal, der Schellentrommel und dem Triangel ſo ſchmerzlich aufjauchzende Toͤne zu entlocken verſtehen. Die ſeltſame Tanzmelodie ſprach ſo recht Raimunds Stim⸗ mung aus. Was kein Wort vermocht haͤtte, thaten dieſe Toͤne. Nichts haͤtte ihn in dieſem Augenblick gewaltiger ergreifen koͤnnen; er fuͤhlte ſich wie bezaubert und gebannt. Ein Zigeunermaͤdchen tanzte auf einem ausgebreiteten Teppich. Wie eine Minute vorher Raimunds Ohr, ſo 76 Der große Reichstag zu Augsburg wurde jetzt ſein Auge entzuckt, und beide fuͤhrten ſeiner Seele einen Rauſch zu, der mit ſeiner wuͤſten Verſtim⸗ mung kurz vorher im grellſten Contraſt ſtand. Die Tän⸗ zerin war noch ſehr jung, man war verſucht, ſie noch ein Kind zu nennen, und doch war ſie eine hohe, vielleicht ſchon eine vollendete Schönheit. Man begriff, daß die Sonne Andaluſiens ſie gezeitigt, daß ſpaniſches Blut ihr die Reife in einem Alter gegeben, wo deutſche Maͤdchen noch Kinder ſind. Ein ſo wunderbar und eigenthuͤmlich reizendes weibliches Weſen hatte Raimund noch nie geſe⸗ hen; ihm vergingen die Gedanken bei ihrem laͤngeren An⸗ blick; die Seele trat ihm in die Augen; er verſchlang ſie damit, gleichſam um ſeine Trunkenheit dadurch zu be⸗ ſchwichtigen, aber er vergroͤßerte ſie nur. Das Feuer, das von dieſen glaͤnzend ſchwarzen Augenſternen ausſtrahlte, fraß ſich ihm tief ins Herz; die ſchlanke ſchmaͤchtige elaſti⸗ ſche Geſtalt mit den Grazienbewegungen einer Löwin in dem phantaſtiſchen bunten Anzuge gemahnte ihn wie ein Traumbild oder wie die aus einem Kindermaͤrchen ent⸗ ſprungene Schoͤpfung eines Dichters. Und doch kam ihm dieſes abenteuerlich ſchoͤne Kind wieder ſo bekannt vor; es war ihm, als habe er ihre Zuͤge irgend in ſeiner fruͤheſten Jugend ſchon geſehen, als ſei er mit der Beſitzerin derſel⸗ ben ſchon vertraut geweſen, ſo daß er mit dunkeln Erinne⸗ rungen kaäͤmpfte, um ſie ſich klar zu machen. Ein Schlag auf ſeine Schulter weckte ihn aus den bunten Traͤumen. und der Zug nach Tunis. 75 „Wie gefaͤllt Euch dieſe kleine Hexe, Junker?“ fragte eine rauhe Stimme. Schlag und Frage kamen von einem ſtarken Manne von ebenſo dunkler Geſichtsfarbe und glaͤn⸗ zend ſchwarzen Haaren, wie die Zigeunerin beſaß, in einem ſpaniſchen Waffenrock von der kaiſerlichen Farbe und in einem kleinen ſpaniſchen Hute. Raimund erkannte ſogleich und mit froher Ueber— raſchung den poſſierlichen Freund ſeiner Kindheit, den Bergknappen Toni, der ihn einſt von Antwerpen nach Bruͤſſel heimlich entfuͤhrt und zu der ſchoͤnen fremden Frau gebracht hatte, deren Geſtalt noch immer ſo lebendig in ſeiner Seele ſtand, und der er am folgenden Morgen von dem ernſten Manne, der ihn ſo ſehr geliebt, wieder abge⸗ nommen worden war. Sonderbar, daß ihm gerade dieſe Scene in dieſem Augenblick, da er Toni erkannte, mit den lebhafteſten Farben und den kleinſten Nebenumſtaͤnden in die Erinnerung trat.„Ach, Toni!“ rief er und ſtreckte ihm die Haͤnde entgegen,„ſei gegruͤßt! Wie freu' ich mich, Dich wieder zu ſehen. Welch ein ſtattlicher Mann biſt Du, und wie vornehm ſiehſt Du aus!“ „Nun, ich habe auch ſchon meinen vierzigſten Geburts⸗ tag gefeiert und hab's bis zum Stallmeiſter des Kaiſers gebracht,“ verſetzte Jener ſchmunzelnd.„Du biſt auch ein ſchmucker Burſch geworden und haſt Dich gut gemacht im Hauſe der Fugger. Ich weiß, man kann ſich da pfle⸗ gen. War ja auch einmal Weberlehrjunge beim alten Jakob, Gott hab' ihn ſelig, und ich will heute noch meine 78 Der große Reichstag zu Augsburg alte gute Freundin, die treffliche Frau Sibylle, aufſuchen und ihr meine Reverenz machen. Hab' ſie immer noch im beſten Andenken, die gute dicke Frau. Dich hab' ich geſtern ſchon beim Frohnleichnam und alsbald als meinen praͤchtigen Jungen aus Kremnitz erkannt. Das Herz lachte mir im Leibe, als ich Dich ſah, ich konnte aber nicht zu Dir, weil ich im Dienſt war. Aber befragt hab' ich die Leute nach Dir und zu meiner Genugthuung erfahren, daß die Regina bald Deine Frau wird. Gluͤck braucht man Dir nicht zu wuͤnſchen; denn der Himmel uͤber⸗ ſchuͤttet Dich ja von ſelbſt damit.“ „Pah!“ verſetzte Raimund verdrießlich.„Die Sache ſieht von außen ſchoͤner aus, als ſie innerlich iſt. Ich glaube, Du wirſt mich verſtehen, wenn ich Dir im Ver⸗ trauen ſage: mir ergeht's im Fuggerſchen Hauſe gerade, wie es Dir darin ergangen iſt, und ich habe zeither oft an B und Deine Jugendſchickſale gedacht. Ich bin ſo we⸗ nig zum Kaufmann gemacht, wie Du zum Leinweber und Bergmann.“ „Ah, pfeift der Vogel ſo!“ lachte der Stallmeiſter. „Ob mir nicht geſtern, als ich Dich ſah, ſolch ein Ge⸗ danke durch den Sinn fuhr! Solch ein praͤchtiger Junge mit heißem Blute, wie Dir's aus den Augen blitzt, und in der Fuggerſchen Schreibſtube! Und nun endlich Neffe und Compagnon des Hauſes! Dazu gehoͤrt deutſches Fiſchblut. Wir ſind kein deutſches Rindvieh, das ſich und der Zug nach Tunis. 79 tagtaͤglich geduldig ins Joch ſpannen laͤßt, weder Du, noch ich.“ „Ich verkenne nicht, die Fugger ſind meine Wohl⸗ thaͤter. Aus dem Staube der Armuth haben ſie mich in die goldne Fuͤlle des Reichthums emporgehoben; den Kna⸗ ben von dunkler niedriger Herkunft haben ſie zu ihrem Sohn gemacht und gleichſam um das Maaß ihrer Guͤte fuͤr mich bis zum ueberlaufen voll zu machen, wollen ſie mir die gute ſanfte Regina, dieſen Engel in Menſchenge⸗ ſtalt, zum Weibe geben. Sie, die Tochter des alten unga⸗ riſchen Adelshauſes und des Fuggerhauſes, deſſen Gold es zu einem Fuͤrſtenhauſe machtz ich arm, ohne Namen, ohne Aeltern und Verwandte. Jeder Ritter, jeder Reichsgraf wuͤrde ſich glucklich preiſen, Reginas Hand zu erhalten. Ich weiß das Alles, und mein Herz iſt voll Dankbarkeit fur meine Wohlthater. Und doch—!“ Er ſchwieg ſchmerzlich bewegt und druͤckte die Hand auf das ſtuͤrmende Herz. „Und doch moͤchteſt Du lieber heute als morgen davon laufen und die ganze goldne Herrlichkeit, ſammt der guten ſanften adligen Regina im Stich laſſen,“ ergaͤnzte Toni boshaft grinſend. „Freilich iſt's ſo!“ beſtaͤtigte Raimund kleinlaut.— „Sieh, ich bin recht froh, daß Du mit dem Kaiſer nach Augsburg gekommen biſt, und ich doch mein volles Herz einmal bei einem Freunde ausſchuͤtten kann. Du biſt der einzige wahre Freund meiner Kindheit. Du haſt's immer 80 Der große Reichstag zu Augsburg gut mit mir gemeint, und an keinem Menſchen hing ich mehr, als an Dir. Du ſollſt Alles erfahren, was mich druckt. Vielleicht wird mir's dann wieder wohl. O, daß ich noch einmal ſo heiter und gluͤcklich waͤre, wie ich als Knabe war, als ich mit Dir ſpielte!“ „Schuͤtte mir Dein Herz aus, Junge, vielleicht wird's doch noch. Du liebſt ein andres ſchoͤnes Kind und ſollſt die Regina heirathen; Du ſollſt in der Schreibſtube hocken, rechnen und Geld zählen, und ſäßeſt fuͤr Dein Leben gern auf einem muntern Roͤßlein und jagteſt den ſtolzen Hirſch im Walde. Nicht wahr, ſo iſt's?“ „Und doch auch wieder nicht ſo. Ich liebe kein andres Madchen; Regina iſt mir der liebſte aller Menſchen. Sie iſt großen und edlen Sinns, mit einem ſchoͤnen Herzen voll Liebe und Guͤte, ein wares Heiligenbild; ſie liebt mich uͤber Alles. Ich verehre ſie, aber der Gedanke, ſie zum Weibe zu haben, erfuͤllt mich nicht mit Wonne. Ich habe gar keine Luſt zu heirathen und wollte, ſie waͤre wirk⸗ lich meine Schweſter. Die geringſte Weigerung von mei⸗ ner Seite wuͤrde mich frei und ledig machen; es wuͤrde keinem Menſchen einfallen mich zu dieſer Verbindung zwingen zu wollen, aber ich wuͤrde die engelgute Regina in den Tod betruͤben, ich wuͤrde als ein Undankbarer er⸗ ſcheinen. Und das macht dies Band ſo unzerreißbar feſt. — Ferner bin ich nicht gezwungen, Tag fuͤr Tag in der Schreibſtube zu arbeiten. Ich habe mein eignes Pferd und kann hinausreiten, uͤber Berg und Thal, wann ich und der Zug nach Tunis. 81 Luſt habe. Auch den ſtolzen Hirſch in den Fuggerſchen Waͤldern zu jagen iſt mir nicht verwehrt. Ich werde dazu ſogar aufgefordert und angehalten. Ich kann auf Reiſen gehen, wann ich will, wohin ich will; denn uͤberall hat das Haus Fugger ſeine Geſchaͤfte.“ „Nun zum Henker!“ rief Toni verwundert,„was willſt Du denn eigentlich noch? Du haſt Gold und haſt Freiheit, zu thun und zu laſſen, was Du willſt. Wohin ſtehen denn nun Deine Wuͤnſche?“ „Das ganze Kaufmannsgeſchaͤft iſt mir zuwider. Nie⸗ mals werde ich ein ertraͤglicher Kaufmann werden.“ „So laß Dich in die Fuggerſchen Herrſchaften ſetzen als Adminiſtrator, als Foͤrſter, treibe Landwirthſchaft, was Du willſt.“ „Glaubſt Du, ich waͤre dadurch gebeſſert? Das Alles behagt mir nicht.“ „So geh nach Tirol oder nach Ungarn in die Berg⸗ werke. Eins wird Dir doch zuſagen?“ „Nichts. Nicht unter der Erde iſt das Ziel meiner heißen Sehnſucht. Was meine Tage mit fieberhafter Unruhe, meine Naͤchte mit traͤumeriſcher Schwermuth erfullt, es iſt kein Gegenſtand, den die Fugger beſitzen. Ich weiß ihn nicht mit Namen zu nennen; aber wenn ich auf den Bergen ſtehe und meine ſehnſuͤchtigen Blicke nach Suͤden ſchweifen laſſe in die blaue Ferne, da weiß ich ge⸗ wiß, daß ich ihn dort finden wuͤrde, aber weit, ſehr weit von hier. Mir iſt, als muͤßt' ich Tag und Nacht zu Ein deutſcher Leinweber. M. 6 82 Der große Reichstag zu Augsburg Pferde ſitzen und wie der Sturmwind mit flatternden Haaren und Gewanden durch die Wuͤſte ſauſen, davon wuͤrde ich geſunden; ein andermal iſt mir wieder, als muͤßt' ich in Schlachten kaͤmpfen, tagelang, wild und ge⸗ waltig und mit tauſend Reitern brauſend uͤber das mit Leichen bedeckte Schlachtfeld dahin ſtuͤrmen. Da wuͤrde mir wohl werden und ich finden, was ich ſo ſchmerzlich ent⸗ behre.— Dieſe enge Schreibſtube mit den Eiſengittern vor den Fenſtern, dieſe Rechenbuͤcher, dieſe Goldhaufen, dieſes ewige ſchaale Einerlei des Erwerbes und Gewinnes machen mich toll.“ „Nur ein klein wenig noch Geduld, mein Junge! Kein Menſch verſteht Dich beſſer als ich. Der Kaiſer ſoll Dich mitnehmen in den Tuͤrkenkrieg, den er jetzt vorbe⸗ reitet. Da kannſt Du hundert Tuͤrken die harten Schaͤdel ſpalten. Der Wein, der in Dir gaͤhrt, muß austoben; es iſt ein edles Gewaͤchs.“ „und noch Eins quaͤlt mich. Stets ſagt man mir, ich ſei das Kind eines armen vor meiner Geburt verungluͤckten Bergmanns; meine Mutter ſei gleich nach meiner Geburt geſtorben, der alte Fugger habe ſich meiner erbarmt und mich in das turzoinſche Haus gebracht. Laͤngſt ſchon hab' ich daran gezweifelt. Sagten mir doch die Bergleute in Kremnitz, ich ſei der Sohn des Bergkoͤnigs. Vieles deutet darauf hin, daß ich von edlem Herkommen bin. Ja man hat mir geſagt, das Erbarmen der Fugger moͤchte ſich zu⸗ letzt als eine Verſuͤndigung an mir ausweiſen.“ ———— und der Zug nach Tunis. 83 „Das ſind ſtets auch meine Gedanken uͤber Dich ge⸗ weſen.“ 2 „Ich muß Licht daruͤber haben, ich muß. Es laͤßt mir nicht länger Ruh. Dieſe Zigeuner— ſie kennen das Schickſal jedes Menſchen. Und eine ſchoͤne Zigeunerin ſoll mich als Saͤugling nach Kremnitz gebracht haben.“ In dieſem Augenblick ertönte von den Zigeunern her die Muſik einer Sequidillia, jenes berauſchenden ſudſpa⸗ niſchen Nationaltanzes, voll mauriſcher Elemente. Die Guitarre ließ ihre ſanft ſchmeichelnden Toͤne hoͤren, die Caſtagnetten klapperten, und das ſchlanke reizende wild⸗ ſchoͤne Maͤdchen gaukelte uͤber den Teppich hin. „O!“ rief Raimund und erfaßte zitternd und krampf⸗ haft Tonis Hand, waͤhrend ſeine Augen funkelten und ſein Geſicht wie mit Purpurfarbe uͤbergoſſen war.„Welche Toͤne! Das iſt das Rechte! Ihr Heiligen, wie wird mir! Als ſchwebte mir das Wort ſchon auf der Zunge, das mir alle Raͤthſel loͤſte; als muͤßte es von dieſen Leuten kommen, in dieſen Toͤnen verborgen liegen, was mir fehltl — Kennſt Du dieſes himmliſche Kind? Zu ihr, zu ihr zieht es mich unwiderſtehlich.“ „Es iſt Carlotta, die Enkelin Zaroya's, der Zi⸗ geunerfuͤrſtin. Ich will Dich dieſen Abend in ihre Her⸗ berge fuͤhren. Da kannſt Du mit dem ſuͤßen Kinde plaudern ſo viel Du willſt. Und die alte Karacha, meine Großmutter, die auch mit hier iſt, ſoll Dir aus 6* 8⁴ Der große Reichstag zu Augsburg der Hand wahrſagen. Vielleicht erfaͤhrſt Du von ihr, wer Dein Vater iſt.“ Dieſes Verſprechen verſetzte den aufgeregten Juͤng⸗ ling in Entzuͤcken. Ihre Zuſammenkunft wurde verab⸗ redet, und nachdem Toni ſich entfernt hatte, berauſchte ſich Raimund noch lange im Anſchauen der unvergleich⸗ lichen Carlotta und im Anhoͤren der ungariſchen und ſpaniſchen Taͤnze. Von Straße zu Straße folgte er den muſicirenden und tanzenden Zigeunern und gab ihnen all ſeine Baarſchaft. So verfloſſen ihm die Stunden wie ein kurzer Traum. Am Ort der Zuſammenkunft fand er bereits den Stallmeiſter warten, und Beide wanderten in die Ja⸗ kobsvorſtadt, wo ſie im Hintergebaͤude eines alten Hau⸗ ſes die Zigeuner fanden. Raimund trat hinter Toni mit klopfendem Herzen in die ſchwarzgeraͤucherte Spe⸗ lunke. Karacha, eine lebende Mumie— ſie war vierund⸗ achtzig Jahre alt— humpelte ihm mit einer gewiſſen Feierlichkeit auf ihrer Kruͤcke entgegen. Ohne Zweifel war ſie durch Toni von Raimunds Beſuch in Kenntniß geſetzt; denn die Zigeuner empfingen ihn wie einen hohen Herrn, und die Zigeuneraltmutter ſprach einen arabiſchen Gluckwunſch zu ſeiner Bewillkommnung aus, den er nicht verſtand. Dann fuͤhrte ſie ihm Carlotta zu, die ſich zuchtig vor ihm verneigte. Verwirrt von dem An⸗ blick des holden Mädchens, in welchem er ſeinen heißeſten — und der Zug nach Tunis. 85 Jugendtraum verkoͤrpert vor ſich ſah, vermochte er an⸗ fangs kein Wort uͤber die Lippen zu bringen. Die Zi⸗ geuner umringten ihn und faßten ſich an den Händen, eine ſanfte Muſik ertoͤnte, und die Gruppe bewegte ſich im Kreiſe im leichten Tanze. Eine ſchoͤne Frau— es war Zaroya— hatte Carlottas Hand erfaßt und fuͤhrte ſie ihm zu und wieder zuruͤck, dieſelbe Bewegung wäh⸗ rend des Tanzes mehrmals wiederholend, wobei ſich Alle verneigten. „Sie huldigen Dir, Herr, als ihrem Gebieter,“ ſagte Karacha zu Raimund. „Als ihrem Gebieter?“ fragte er erſtaunt.„Was ſoll das bedeuten? Wie komm' ich dazu?“ „Laͤngſt hab ich Deinen Stern ſtrahlen ſehen. Ich wußte, daß Du zu uns kommen wuͤrdeſt. Du mußteſt kommen; denn Du gehoͤrſt zu uns, wir gehoͤren zu Dir.“ „Erklaͤrt mir dieſe Raͤthſel! Kennt Ihr mich denn?“ „Dein Blut und Carlottas Blut ſind verwandt und doch feindlich. Aber ihr ſeid beſtimmt, die Feindſchaft in Liebe zu verwandeln. Der alte Haß zwiſchen Dei⸗ nem und ihrem Blute wird durch Euch geloͤſt werden. — Getroͤſte Dich, mein Herr! Bald werden ſich Dir alle Raͤthſel loſen, bald alle Deine Wuͤnſche erfuͤllt werden.“ Zu weitern Erklaͤrungen war die Alte nicht zu ver⸗ moͤgen, und Toni ſchnitt Raimunds Bitten mit den 86 Der große Reichstag zu Augsburg Worten ab:„Laß ſie! Du erfaͤhrſt jetzt doch nicht mehr. Du weißt ja nun, daß die Fugger Dich belo⸗ gen haben. Du haſt gehort, daß Dir die Stunde bald ſchlagen wird, wo Du die Rechte Deiner Geburt geltend machen darfſt.“ In der That gab ſich Raimund leichter zufrie⸗ den, als man von ſeinem ſtuͤrmiſchen Temperament haͤtte erwarten ſollen. Aber ſeine Seele war ſo ſehr mit Carlotten beſchaͤftigt, daß er nicht Zeit hatte, noch viel an das Raͤthſel ſeiner Geburt zu denken. Die Scheu der beiden jungen Leute wich bald einem harm⸗ loſen Geplauder. Die uͤbrigen Zigeuner verließen all⸗ mälig die unfreundliche Herberge, um ſich in die Kruͤge und Schenken der Stadt zu begeben und dort zu mu⸗ ſiciren, zu tanzen, allerlei Kunſtſtuͤcke zu machen und zu wahrſagen. Raimund horchte auf die Muſik der Worte aus Carlottas Munde. Sie erzaͤhlte ihm von Spanien, ihrem Vaterlande, und ihm war, als wuͤrde ihm von dem ſeinigen erzaͤhlt. Nur einen ſchlanken jungen Burſchen ſah er zuweilen aus der Daͤmmrung mit boͤſen Augen auf ſich her ſtarren und ſie unheim⸗ lich umſchleichen; er hoͤrte, daß Karacha ihm einige⸗ male befahl:„Joſſuf, geh!“ Aber er ſtampfte mit dem Fuße und gehorchte nicht. Raimund war wie gebannt. Die ſuͤß und ſtark duftenden Wogen der erſten Liebesſeligkeit umrauſchten 1 und der Zug nach Tunis.⸗ 87 ihn, betaͤubten ihn. Laͤngſt war Mitternacht voruͤber, als er wie ein Trunkener aus dem duͤſtern Hauſe trat. Carlotta fluſterte ihm ſcheidend die Bitte zu, bald wie⸗ der zu kommen. Ein grimmiger Blick Joſſufs traf ihn, ein boͤſer Fluch ſchlug an ſein Ohr, als er aus der Thuͤre trat. Sechstes Kapitel. Die Königin Maria wuͤnſchte nichts ſehnlicher, als den geliebten Juͤngling heimlich ſprechen zu können, um ihn mit dem Plane bekannt zu machen, welchen ſie in Be⸗ zug auf ihn ſchnell entworfen hatte. Der Koͤnig Ferdinand ſollte ihm den ungariſchen Reichsadel verleihen, und ſie wollte ihn dann zu ihrem Hofcavalier machen. Aber die mit erneuter Heftigkeit erwachte Leidenſchaft ihres zartlichen Herzens verlangte vor allen Dingen eine heimliche Zuſammenkunft mit ihm. Dazu mußte natuͤrlich die großte Vorſicht angewandt wer⸗ den, damit der dichteſte Schleier des Geheimniſſes daruͤber gebreitet werde. Auch wußte ſie ja ſchon aus Erfahrung, daß die Fugger in dieſer ihrer Herzensangelegenheit ihre Gegner waren. Die Koͤnigin Anna war hingegen darin auch ihre Vertraute, und es gelang der feurigen Maria und der Zug nach Tunis. 89 leicht die gutmuͤthige Schwaͤgerin zu bereden, daß dieſe Zuſammenkunft durch ſie vermittelt wuͤrde. Die beiden koniglichen Frauen hatten nichts Angelegentlicheres zu thun, als allerlei feine Plaͤne zu ſchmieden. Zuerſt muß⸗ ten ſie auszukundſchaften ſuchen, ob Raimund Mohr aus freiem Entſchluß und aus Liebe zu Regina Turzoin in der nächſten Zeit deren Gemahl werden wollte, oder ob er nicht vielmehr von ſeinen Wohlthaͤtern, den Fuggern, dazu be⸗ redet und gewiſſermaßen gezwungen werde. Maria wollte etwas dahin Zielendes in des Juͤnglings Augen geleſen haben, als er dem Kaiſer als Reginas Verlobter genannt worden war. Doch mufßte ſie daruͤber volle Gewißheit haben, um mit Sicherheit weiter handeln zu koͤnnen. Ohne bewaͤhrte Huͤlfe dritter Perſonen konnte natuͤrlich nichts ins Werk geſetzt werden, und eine alte treue in der⸗ gleichen Händeln wohl erfahrne Hofdame der Koönigin Anna, Frau von Palfy, wurde ins Geheimniß gezogen. Dieſe berichtete, ſie habe heute eine alte ſehr intereſſante Bekanntſchaft erneuert, eine Zigeuneraltmutter, die un⸗ truglichſte Wahrſagerin ſeit zwei Menſchenaltern, die ſchon der Koͤnigin Iſabella von Kaſtilien die verborgenſten Ge⸗ heimniſſe enthuͤllt und an verſchiedenen Hoͤfen die geheim⸗ ſten Geſchaͤfte der hoͤchſten Damen und Herren ſo geſchickt als puͤnktlich beſorgt habe, daß man ihre Dienſte in hohem Preis gehalten. Die beiden Koͤniginnen bekamen auf dieſen Bericht hin die unwiderſtehlichſte Luſt, ſich von der alten ſo hoch 90 Der große Reichstag zu Augsburg geruͤhmten Wunderfrau wahrſagen zu laſſen und nach Be⸗ finden der Umſtaͤnde den Verſuch zu wagen, ob durch ihre Vermittlung geheime Zuſammenkuͤnfte zwiſchen Marien und dem ſchönen Gegenſtande ihrer gluͤhenden Leidenſchaft erzielt werden koͤnnten. Die Hofdame erhielt Befehl, die alte Zigeunerin Abends ſpaͤt zur Koͤnigin Maria zu brin⸗ gen, und ſchon am folgenden Abend kruͤckte Karacha von ein paar Kammerfrauen gefuͤhrt, die ſteinernen Treppen im Fuggerſchen Hauſe am Weinmarkt hinauf und trat keck, als wandle ſie immer in ſolchen Gemaͤchern, vor die beiden jungen Koͤniginnen, eine haͤßliche, aber darum nicht minder willkommne Pythia. Die alte Hexe machte ihren Hokuspokus mit großer Feierlichkeit, zog einen Zauberkreis mit ihrem Stabe, ließ die Koͤnigin hineintreten und ſah dann in die dargebotne ſchmale und zierliche Hand.„Wenn Ihr auch zwei Kro⸗ nen durch den Tod Eures Gemahls verloren habt, ſo ſteht Euch doch naͤchſtens die Herrſchaft uͤber ein großes und reiches Land zu, und Ihr werdet ſie ganz allein ausuben. Ihr liebt den ſchoͤnſten Fuͤrſten, der da lebt und werdet von ihm geliebt. Wie an Schoͤnheit, ſo iſt ihm an ritterlicher Tugend kein Andrer gleich. Darum erbluͤht Euch das ſuͤßeſte Minnegluͤck. Ihr hattet den Geliebten verloren und habt ihn wiedergefunden. Der dichte Schleier eines wunderbaren Geheimniſſes liegt uͤber ihm, aber wenn Ihr die rechten Mittel waͤhlt, wird es Euch nicht ſchwer wer⸗ den, dieſen Schleier zu luͤften. Ein Mann, der Euch und der Zug nach Tunis. 91 blutsverwandt iſt, wird Euch dabei treu dienen. Nur durch ihn koͤnnt Ihr zum Ziele Eurer Wuͤnſche gelangen. Ohne ſeine Huͤlfe iſt all Euer Streben vergeblich. Ihr werdet ihn ſicher an einem rothen Muttermaale in ſeinem Antlitz erkennen.“ Maria verlangte daruͤber noch naͤhere Erklaͤrungen, Karacha verſicherte aber keine ſolchen geben zu koͤnnen. Anna fluͤſterte der Schwaͤgerin zu: ſie ſei im Stande, ihr uͤber dieſen Punkt aufhellende Mittheilungen zu machen. Die kleine zarte Koͤnigin erhielt hierauf ebenfalls die ge⸗ wuͤnſchte Prophezeihung, welche darin beſtand, daß ſie zur Mutter und Ahnfrau eines mächtigen und langdauernden Herrſchergeſchlechts uͤber vier große Laͤnder beſtimmt ſei und ihr Gemahl uͤber ſeine Feinde— nur den Hauptfeind ausgenommen— glaͤnzend triumphiren werde. Die beiden Koͤniginnen zogen ſich zuruͤck, und die ver⸗ traute Hofdame verhandelte das Uebrige mit Karacha. Die Zigeuneraltmutter uͤbernahm den Auftrag, den jungen Raimund Mohr zu einer heimlichen Zuſammenkunft mit einer vornehmen Dame, die ihm ihr Herz geſchenkt, zu vermoͤgen. Erſt ſollte ſie aber von ihm erkunden, ob er ſeine verlobte Braut wirklich aus Liebe heimfuͤhren wolle, oder ob er ſich dazu nur aus Ruͤckſichten der Dankbarkeit gegen das Fuggerſche Haus verſtehe. Reich beſchenkt wurde die Alte entlaſſen. Zwiſchen ihr und Frau von Palfy war ein dritter Ort zur Zuſammenkunft beſtimmt, wo die letztere die gewuͤnſchten Nachrichten in Empfang 92 Der große Reichstag zu Augsburg nehmen ſollte. Denn ein oͤfteres Kommen der Zigeunerin in die Wohnung der Koͤnigin mußte, um keine Aufmerk⸗ ſamkeit zu erregen, ebenſo vermieden werden, wie der ohne⸗ dies nicht angenehme Beſuch der Hofdame in der Zigeuner⸗ herberge. Am folgenden Tag ſchon konnte Frau von Palfy der verliebten und mit heißer Sehnſucht der Antwort harrenden koͤniglichen Herrin die Kunde hinterbringen, daß Raimund Mohr nichts weniger wuͤnſche, als die eheliche Verbindung mit Regina Turzoin. Nur mit bruͤderlicher Neigung ſei er ihr zugethan, trage aber eine heftige Liebe zu einer an⸗ dern Dame im Herzen. Ohne Huͤlfe des bezeichneten blutsverwandten Mannes mit dem Muttermaale ſei ein heimlicher Minnedienſt nicht moöglich. Ueber dieſen ſo deutlich bezeichneten Mann hatte die Koͤnigin Anna ihrer Schwaͤgerin ſchon Tags vorher Mit⸗ theilungen gemacht, welche dieſe in nicht geringes Erſtau⸗ nen verſetzt hatten. Anna hatte erzaͤhlt, daß Martin der Sohn jener in der Geſchichte des oͤſterreich-ſpaniſchen Herrſcherhauſes ſo ſchlimm beruͤchtigten Kaufmannsfrau von Antwerpen ſei, eine Frucht ihres verbrecheriſchen Um⸗ gangs mit dem Erzherzog Philipp, und daß er auf einem Bauernhofe in der Naͤhe Augsburgs geboren, wohin ſeine Mutter durch den alten Fugger gebracht worden, daß er als Knabe von dort entwichen, als Juͤngling nach Tirol gekommen und bei Jakob Fugger nach ſeiner Abkunft ge⸗ und der Zug nach Tunis. 93 forſcht, daß dieſer ihn dem Erzherzog Ferdinand zugefuͤhrt und ſie, die damalige Erzherzogin, mit dem Schickſale des jungen Mannes, fuͤr den ſich der Kaiſer ſehr intereſſirt, bekannt gemacht worden ſei. Seit einer Reihe von Jah⸗ ren lebe dieſer Martin nun im Fuggerſchen Hauſe, an Geiſtes ſchwaͤche und Truͤbſinn leidend. Maria erinnerte ſich ſogleich des bleichen Menſchen mit den rothen Flecken im Geſicht, der ihr bei der Vorſtellung der Fuggerſchen Familie aufgefallen, und mit dem der Kaiſer geſprochen, erſt im Gaden und dann auf ihrem Zimmer, wohin Jener gekommen. Der Ton heftiger Worte ihres Bruders war im fernen Zimmer an ihr Ohr geſchlagen. Die Gemuͤths⸗ bewegung Karls nachher war ihr nicht entgangen; ſie war aber in Gedanken zu ſehr mit dem Juͤngling ihrer Liebe, den ſie nach Jahren jetzt wiedergeſehen, beſchaͤftigt geweſen, um auf andre Dinge viel achten zu koͤnnen. Jetzt wurde ihr die Sache wichtig, und ſie wunderte ſich, daß der Kaiſer daruͤber gegen ſie gaͤnzlich geſchwiegen. Nicht allein die geheimnißvolle Hindeutung der Zigeunerprophezeihung weckte ihr Intereſſe an dem armen natuͤrlichen Bruder, ihr edles und tieffuͤhlendes Herz gebot ihr liebevolle Theil— nahme an ſeinem Schickſale. Sie beſchloß, ſich mit ihm in eine nicht auffällige Verbindung zu ſetzen, wozu ihr ihre Wohnung in demſelben Hauſe, wo auch er wohnte, die beſte Gelegenheit bot. Frau von Palfy wurde beauf⸗ tragt, den Buchhalter Martin van der Voort heimlich auf ſeinem Zimmer heimzuſuchen und ihn zu einer geheimen Der große Reichstag zu Augsburg Unterredung mit der Koͤnigin Maria einzuladen. Dar⸗ über vergingen einige Tage in Ungeduld und vielfacher lebendiger Bewegung. Die Koͤnigin erhielt von fuͤrſtlichen und hochadligen Perſonen zahlreiche Beſuche, namentlich von den proteſtantiſchen Fuͤrſten, die ſich angelegentlich um ihre Gunſt und Vermittlung mit dem Kaiſer bewar⸗ ben, ebenſo von gelehrten Theologen und Traͤgern der kirchlichen Bewegung, und der ſanfte Melanchthon, deſſen ruhiges und beſonnenes Weſen ihr vorzuͤglich zuſagte, war mehrmals bei ihr. Auch der Kaiſer ließ keinen Tag vor⸗ uͤber gehen, ohne ſie zu ſehen; auf ſeinen Wunſch ritt ſie wieder wie in Inſpruck mit ihm aus in der Umgegend der Stadt. Auch ſtritten ſie wieder miteinander, wie in In⸗ ſpruck, und doch druͤckte er ihr ſo warm die Hand, doch kuͤßte er ſie ſo zärtlich auf Stirn und Wange, wenn er ſchied, doch ſah man ihn nur munter und froh in ihrer Geſellſchaft; nur bei ihr plauderte er heiter, und nur uͤber ihre witzigen, oft ausgelaſſenen Einfaͤlle lachte er herzlich. Außerdem war er immer ernſt, duͤſter, ſchweigſam. Es war doch eine merkwuͤrdige und ungewoͤhnliche Liebe, die des Kaiſers Karl zu ſeiner ſchoͤnen Schweſter Maria, und keine ſeiner andern Schweſter durfte ſich einer ſolchen ruͤh⸗ men. Und doch war keine ſo ſeine Widerſacherin, wie Maria, die Freundin Luthers und des reinen Evan⸗ geliums. Auch fiel in dieſe Tage die Eroͤffnung des Reichs⸗ tages, wo die beiden Parteien ſich nun offen gegenuͤber und der Zug nach Tunis. 95 traten, um den Kampf, der alle Welt und insbeſondre die Koͤnigin Maria lebhaft intereſſirte, zu beginnen. Enblich brachte Frau von Palfy ihrer Gebieterin die Nachricht, daß ſie Martinen geſprochen und er, hocherfreut uͤber die Einladung der Koͤnigin, denſelben Abend, ihrem Befehle Folge leiſtend, bei ihr erſcheinen werde. Zu glei⸗ cher Zeit verſicherte die Hofdame, der junge Mann ſei von ſeiner Geiſteskrankheit voͤllig geneſen und erfreue ſich des beſten und ſchaͤrfſten Verſtandes, den nur ein Menſch be⸗ ſitzen koͤnne. Mit einer faſt fieberhaften Spannung erwartete ihn die Koͤnigin. Die warmen wuͤrzigen Luͤfte einer koͤſtlichen Spaͤthfruͤhlingsnacht drangen ſchmeichelnd mit dem Ge⸗ ſurre der draußen uͤber den Markt hin und herwogenden Menſchenmenge durch die geoͤffneten Fenſter in die Räume ihrer Wohnung. Die Kerzen waren mit Schirmen um⸗ ſtellt, ſo daß eine liebliche Daͤmmerung im Zimmer wal⸗ tete. Die reizende Koͤnigin ſchritt im faltenreichen ſchnee⸗ weißen Batiſtgewand unruhig auf und ab. Ihr dunkles Haar quoll in Locken unter der Haube hervor in den Nacken. Ihr Buſen hob ſich dann und wann von einem Seufzer. Sie hatte heute den ſchoͤnen Raimund geſehen. Er hatte ſie tieferroͤthend und das große ſprechende Auge ſenkend ehrerbietig gegruͤßt. Die nahen Kirchthuͤrme ver⸗ kundeten die zehnte Stunde; die Thuͤre wurde leiſe ge⸗ oͤffnet, Frau von Palfy geleitete Martinen hinein, ver⸗ ſchwand wieder und druckte die Thuͤre ins Schloß. 96 Der große Reichstag zu Augsburg Der Eingetretene ſchritt unbefangen, wenn nicht keck auf die in der Mitte des Zimmers ſtehende Koͤnigin los, beugte ein Knie vor ihr und haſchte nach einem Fluͤgel ihres Gewandes, auf deſſen Zipfel er die Lippen druͤckte. Maria wurde nicht gerade angenehm von dieſem freien Benehmen beruͤhrt. Dennoch ſprach ſie guͤtig:„Euer trauriges Schickſal iſt mir erſt in dieſen Tagen bekannt geworden. Hätte ich fruͤher von Euch und Eurer Ab⸗ ſtammung gewußt, als ich noch regierende Koͤnigin von Ungarn und Boͤhmen war, ich wuͤrde Euerm Schickſale ſchnell eine beſſre Wendung gegeben haben. Doch auch jetzt bin ich vielleicht im Stande, Manches fuͤr Euch zu thun.“ „Ew. koͤniglichen Hoheit Gnade wird Balſam in die tiefen Wunden traͤufeln, die ein hartes Geſchick mir Un⸗ ſchuldigen geſchlagen hat,“ verſetzte Martin mit geſchmei⸗ diger Zunge. S „Es iſt nicht das erſte Mal, daß ich Euch gegenuͤber ſtehe. Ich habe Euch wieder erkannt. Ihr ſeid derſelbe junge Mann, den ich in Kremnitz verhinderte, den jungen Raimund Mohr dem Hauſe ſeiner Pflegeältern zu ent⸗ fuͤhren. Warum floht Ihr damals? warum entdecktet Ihr Euch nicht mir, wozu Ihr die ſchoͤnſte Gelegenheit hattet?“ „Meine Geburt und Abſtammung waren mir ſelbſt noch ein Geheimniß. Ich kannte weder den Namen meiner Mutter, noch den meines Vaters.“ und der Zug nach Tunis. 97 Und ſeid Ihr jetzt mit dieſen Verhältniſſen ganz vertraut?“ „Vollkommen. Meine Mutter hat ſich mir ſelbſt entdeckt und mir jeglichen Aufſchluß uͤber meine Entſte⸗ hung gegeben. Ich weiß Alles.“ „So wuͤrde mir es lieb ſein, wenn Ihr mir die Euch gewordenen Mittheilungen wiederholen, ja wenn Ihr mir alle Eure Erlebniſſe erzählen wolltet.. Doch vorher beant⸗ wortet mir eine Frage: Was hattet Ihr damals in Krem⸗ nitz mit Raimund Mohr vor? Wohin gedachtet Ihr ihr ihn zu bringen?“ Martin ſchwieg einige Augenblicke. Die Frage hatte ihn uͤberraſcht; er hatte geglaubt, es wuͤrde nur von ihm die Rede ſein; jetzt ahnete er, daß das Intereſſe der Koͤni⸗ gin an Raimund groͤßer war, als das an ihm. Doch ſeine Schlauheit hatte ſchnell den Vortheil begriffen, der fuͤr ihn daraus erwachſen koͤnne, wenn er die Um⸗ ſtaͤnde klug benutze und ſich der Koͤnigin unentbehrlich mache. „Hoheit,“ ſagte er zogernd,„es iſt ein Geheimniß von der aͤußerſten Wichtigkeit. Ich weiß nicht gewiß, ob die Herren Fugger damit bekannt ſind; doch vermuthe ich es. Der alte Jakob hat es gewußt. Aber wenn die Neffen es auch von ihrem Ohm erfahren haben, ſo ahnen ſie doch nicht, daß ich der Mitwiſſer desſelben bin. Obgleich nun Raimund Mohr die Ahnung hat, daß das Vorgeben, er ſei der Sohn eines verungluckten Bergmanns, ein ſchlau Ein deutſcher Leinweber. MK. 7 6 98 Der große Reichstag zu Augsburg erſonnenes Mäͤrchen iſt, um ihn in Abhängigkeit zu erhal⸗ ten und ſich ſeine dankbare Ergebenheit zu ſichern, ſo ahnet er doch nicht im Entfernteſten, wer er wirklich iſt. Dieſes Wiſſen wuͤrde ſchnell ſeine Dankbarkeit in Haß und Rache⸗ durſt verkehren. Aber noch weit gefahrlicher, als den Fuggern, wuͤrde Raimunds Kenntniß von ſeiner Abſtam⸗ mung einem weit maͤchtigern Herrn werden— dem Kaiſer.“ „Seltſam und unbegreiflich!“ rief Maria erſtaunt. „Ihr ſteigert mein Verlangen, das jenen jungen Mann betreffende Geheimniß zu kennen, auf den hoͤchſten Gipfel.“ „Der Verrath dieſes Geheimniſſes an Raimund Mohr wuͤrde ſicherlich mein eignes Verderben ſchnell herbeifuͤhren. Noch iſt es mir nicht gelungen, mir die Gnade des Kaiſers zu erwerben. Jede Hoffnung darauf verſchwaͤnde fuͤr immer, ja ich wuͤrde ſeinem Zorne erliegen, wenn er erfuͤhre, durch mich ſei ausgekommen, was aller Welt und vorzuͤglich dem Juͤngling fuͤr immer ver⸗ borgen bleiben ſoll. Bevor ich alſo nicht aus Eurer koͤ⸗ niglichen Hand feſte Zuſagen erhalten habe, darf ich mich — ſo groß auch mein Vertrauen auf Euere koͤnigliche Großmuth iſt, nicht blosſtellen. Die Pflicht gegen mich ſelbſt, die Pflicht der Selbſterhaltung verbietet mir es.“ „Das heißt mit undern kurzen Worten: Ihr traut und der Zug nach Tunis. 99 mir nicht recht. So laßt denn hören! welche ſind Eure perſoͤnlichen Plaͤne und Wuͤnſche?“ „Erlaubt mir vorher die Gegenfrage: Hat man Euch berichtet, wer mein Erzeuger war? Kennt Ihr die Ge⸗ ſchichte meiner Entſtehung?“ „Die Antwort auf dieſe Frage liegt ja ſchon in mei⸗ ner an Euch ergangenen Einladung und in meiner An⸗ ſprache von vorhin an Euch. Die mir gewordene Nach⸗ richt, daß mein Vater auch der Eurige ſei, wird durch Euere äußere Erſcheinung faſt zur Gewißheit.“ „Werde ich alſo auf den thaͤtigen Beiſtand der edel⸗ ſten Koͤnigin, der edelſten Frau, werde ich auf das Herz der edelſten Schweſter rechnen duͤrfen?“ Das vertrauliche Wort mißfiel der Koͤnigin noch mehr, als das vertrauliche Benehmen bei aller geſchmeidigen an Kriecherei anſtreifenden Oſtentation. Es wehte ſie kuͤhl an, ſtatt warm. Aber ſie war ſchon zu weit gegangen, um ſtehen bleiben zu koͤnnen, und vor Allem mußte ſie Raimunds Geheimniß wiſſen. Doch gemeſſener als von einer Schweſter, die den Bruder— ſei er auch ein natuͤr⸗ licher— zum erſtenmal als ſolchen ſpricht, erwartet wer⸗ den durfte, entgegnete ſie:„Die Koͤnigin Maria wird ſich Euch ſtets köͤniglich erweiſen. Sagt nur, wozu Ihr meines Beiſtandes beduͤrft! was ſoll ich fuͤr Euch thun?“ „Mir zur Geltung der Anſpruͤche verhelfen, zu de⸗ 7* 100 Der große Reichstag zu Augsburg nen Don Philipps, Eueres koͤniglichen Vaters, Blut mich berechtigt.“ „Und welche ſind das?“ „Die beſcheidenſten, die der Baſtardbruder des maͤch⸗ tigſten Monarchen des Erdbodens haben kann. Der Kai⸗ ſer ſoll mich als ſolchen anerkennen, mich zum niederlaͤndi⸗ ſchen Grafen oder ſpaniſchen Marqueſe erheben und mir ſo viel Einkuͤnfte auf koͤnigliche Guͤter anweiſen, daß ich ſeiner wuͤrdig davon leben kann. Er und Ihr werdet Euch ein bis in den Tod dankbar ergebenes Herz ſchaffen.“ „Wenn aber der Kaiſer nicht auf Euer Verlangen einginge. Ihr habt ihn ſchon angeſprochen, und er hat Euch zuruͤckgewieſen.“ „Ihr vermoͤgt viel uͤber ihn.“ „Und doch kann ich Euch den Erfolg meiner Fuͤrſprache nicht verbuͤrgen.“ „Wenn es Euch beim Kaiſer fehlſchluͤge, ſo wendet mir die Gnade des Koͤnigs Ferdinand zu.“ „Der Koͤnig thut nichts, namentlich in Familienan⸗ gelegenheiten, was dem Kaiſer unangenehm waͤre.“ „Wenn weder der Eine noch der Andere zu bewegen waͤre, etwas fuͤr mich zu thun, ſo empfehlt mich der Gnade Euerer Schweſter, der Königin von Frankreich oder Euerer Tante, der Erzherzogin Statthalterin.“ „Ich will verſuchen, was ſich fuͤr Euch thun laͤßt. Ihr habt mein Verſprechen.“ und der Zug nach Tunis. 101 „Und wenn ich an Euer eignes Herz eine Bitte wagen darf: ich liebe Regina Turzoin. Seit fuͤnf Jahren trage ich die Leidenſchaft fuͤr ſie in der Bruſt. Verwendet Euch fuͤr mich bei ihr, bei ihren Eltern, bei den Fug⸗ gern.“ „Sie iſt ja die Verlobte Raimund Mohrs.“ „Er liebt ſie nicht; er wird zu dieſer Verbindung halb gezwungen, halb beredet. Sie darf nicht ſeine Gemahlin werden. Denn, erfuͤhre er, wer er iſt, er wuͤrde ſie ver⸗ ſtoßen. Das holde Bild wuͤrde ſehr ungluͤcklich werden. Ihr begreift aber, um ſie zum Altar fuͤhren zu koͤnnen, muß ich ihr einen edeln Namen, eine wuͤrdige Stellung bieten koͤnnen. Die Turzoin ſind ein altes ſtolzes Ge⸗ ſchlecht. Nicht vergebens betreiben ſie und die Fugger Reginas Verbindung mit Raimund Mohr. Daraus erkenn' ich, daß ſie wiſſen, wer er iſt. Aber auch der Baſtardbruder des Kaiſers wurde ihnen ein hochwillkomm⸗ ner Eidam ſein.“ Die Königin ging nachdenken auf und ab. Ihre Pulſe flogen. Ihr Auge glitt brennend uͤber die vorge⸗ beugte Geſtalt Martins. Sie kam zur Ueberzeugung, daß die heißen Plaͤne ihres eignen Herzens ſie zum Ver⸗ buͤndeten dieſes ihr hlutsverwandten Menſchen machten, gegen den ſich doch in dieſem Herzen eine ſtille Abneigung, ein leiſer Widerwille kund gab.„Wohl!“ ſagte ſie endlich entſchloſſen.„Ich werde mich mit all meinem Einfluß 102 Der große Reichstag zu Augsburg fuͤr Euch verwenden. Aber ſeid Ihr denn auch gewiß, daß Regina Turzoin Euch wieder liebt?“ „Ich werde ihre Liebe zu gewinnen wiſſen. Die Schwägerin des kaiſerlichen koͤniglichen Hauſes zu werden, iſt lockend.“ Die Koͤnigin ſchuͤttelte unwillig das ſchoͤne Haupt. Martins nur nothduͤrftig überfirnißte Rohheit wurde ihr immer klarer. Aber ſie mußte das Geheimniß um jeden Preis erfahren. Alle ihre Gefuͤhle waren im ſtuͤrmiſchen Aufruhr. Sie haͤtte Alles verſprochen, um nur zum Ziele zu gelangen; ſie haͤtte jede Ruͤckſicht beſeitigt; denn ſie war jetzt nur— aber ganz— ein liebegluͤhendes Weib. „Ihr habt nun mein feierlich gegebenes Wort, daß ich Euere Intereſſen auf alle mir moͤgliche Weiſe foͤrdern will. Ihr ſteht unter meinem Schutz; Ihr ſollt nicht gefaährdet werden. Jetzt ſagt: wer iſt Raimund Mohr?“ „Der rechtmaͤßige Erbe des Koͤnigsthrones von Gra⸗ nada; denn er iſt der Sohn des Sidi Selim Aben Mu⸗ hamed Alnayar, der als Chriſt Alfonzo de Granada hieß und Admiral der Koͤnigin Iſabella von Kaſtilien war. Sidi Alnayars Vater war der Wali von Baza Sidi Mu⸗ hamed Aben Yahye Alnayar, der noch, waͤhrend der Re⸗ gierung ſeines Vetters Boobdil el 6hi⸗ Sultans von Gra⸗ nada, zu Ferdinand und Iſabella uͤberging und ſich mit ſeinem Sohne taufen ließ und nachher nach der Eroberung Granadas durch das chriſtliche Koͤnigspaar Statthalter des Koͤnigreichs und der Zug nach Tunis. 103 wurde. Raimunds Mutter aber iſt die franzoͤſiſche Prinzeſſin Luiſe von Maine, die erſte Geliebte Eures und meines Vaters, dann verwittwete Herzogin von Najara, die einſt mit Eurer Tante, der Erzherzogin Margaretha nach Spanien gegangen war, als dieſe dem Prinzen von Aſturien vermaͤhlt wurde. Eines Tags verſteckte im koͤniglichen Schloſſe von Toledo ein Page des Erzherzogs Philipp einen auf den Tod ver⸗ folgten Mann in das Zimmer einer Hofdame der Koͤnigin Iſabella. Der Mann hatte das Schwert gegen den Erz⸗ herzog gezogen, von dieſem furchtbar an ſeiner Ehre ge⸗ kraͤnkt. Dieſer Mann war Don Alfonzo de Granada, mit ſeinem mauriſchen Namen Sidi Alnayar. Die Hof⸗ dame war die Herzogin von Najara; der Page Marr von Buͤbenhoven. Don Alfonzo war naͤmlich von Eurer Mutter, der Infantin Donna Juana geliebt worden; er hatte ſie wieder geliebt. Beide hofften, Ferdinand und Iſabella wuͤrden ein chriſtliches Koͤnigreich Granada mit einem ihnen tributpflichtigen Koͤnig errichten, und Don Alfonzo, den Sproß des mauriſchen Koͤnigshauſes, auf den neuen Thron ſetzen und ihm Donna Juana zur Gemahlin geben. Die öſtreichiſche Doppelheirath ver⸗ nichtete dieſe Hoffnungen. Aber der ſchöne Philipp von Oeſtreich liebte ſeine Gemahlin, die minder ſchoͤne Jo⸗ hanna nicht, deſſen bin ich ein lebender Beweis. Ja, er behandelte ſie unwuͤrdig. Der Wahnſinn Eurer Mutter zeugt heute noch davon. Don Alfonzo ſetzte den Erz⸗ herzog uber dieſe abſcheuliche Behandlung zur Rede; denn 104 Der große Reichstag zu Augsburg der edle Maure hatte nie aufgehoͤrt, Eure ungluckliche Mutter zu lieben. Daher der Haß und Streit zwiſchen den beiden fuͤrſtlichen Maͤnnern. Don Philipp ließ einen Preis auf Don Alfonzos Kopf ſetzen, aber die hochſinnige Herzogin von Najara rettete den Verfolgten mit Gefahr ihres eignen Lebens. Sie verbarg ihn, wurde ſeine Ge⸗ mahlin und floh mit ihm nach England. Doch auch dort nicht ſicher, flohen ſie nach Ungarn. Sie wollten zur Koͤ⸗ nigin Anna, die eine Verwandte und Jugendgeſpielin der Donna Luiſe warz in den Karpathen wurden ſie von Raͤubern uͤberfallen und beraubt. Don Alfonzo ließ ſeine hochſchwangre Gemahlin in einer Dorfſchenke zuruͤck und eilte allein an den Koͤnigshof nach Ofen. Die Frau wurde bald darauf von einem Knaben entbunden. Der Zufall wollte, daß in derſelben Nacht Herr Jakob Fugger mit zwei Neffen, Raimund und Marx Fugger, in dem⸗ ſelben Wirthshauſe uͤbernachtete, auf der Reiſe nach Kremnitz begriffen. Die Kindbetterin befahl ſterbend ihr Kind dem reichen Fugger an; Marx, ein Prieſter, taufte es, Raimund hielt es uͤber das Becken und gab ihm ſeinen Namen. Der Knabe wurde im Turzoinſchen Hauſe in Kremnitz erzogen. Die genaueſten Nachrichten uͤber alle dieſe Verhaͤltniſſe und Begebenheiten kann und wird Euch der Junker von Buͤbenhoven geben, der ſich als Geſandter Eurer Tante hier befindet. Er wird und muß Euch die Wahrheit meiner Ausſagen voll⸗ kommen beſtaͤtigen.“ und der Zug nach Tunis. 105 Das Erſtaunen der Koͤnigin war, waͤhrend der Er— zahlung Martins, mit jedem Worte desſelben geſtiegen · Sie ſchlug mehrmals die Haͤnde vor Verwunderung zu⸗ ſammen und ließ einzelne unwillkuͤrliche Ausrufungen hoͤren.„Und wie ſeit Ihr zur Kenntniß all dieſer Dinge gekommen?“ fragte ſie endlich. „Das ſonderbare Geſchick meiner Jugend machte mich zum Diener und Begleiter des Don Alfonzo de Granada, der durch die Vermittlung Eurer Tante vom Kaiſer Mapi⸗ milian den deutſchen Namen Ritter von Suͤderland er⸗ halten hatte. Mit ihm kam ich nach Spanien, wohin ihm eine niederlaͤndiſche Graͤfin von Iſſelſtein, die ihn liebte, folgte und dort ſtarb; mit ihm ging ich dann nach Afrika, wo— wie Ihr wißt— viele Tauſende ſeines Vol⸗ kes leben, und wo er in Algier bei Chair Eddin Barbaroſſa eine Zuflucht fand.“ „Und dorthin wolltet Ihr den jungen Raimund Mohr bringen?“ „Euer Scharfſinn hat es errathen. Doch geſchah es nicht auf den Wunſch ſeines Vaters, ſondern auf den der Gemahlin Chaireddins, Suleima Abdelmelic, die, ebenfalls ein Sproß des mauriſchen Sultangeſchlechts von Granada, den ungeheuern Plan hegte, die Herrſchaft des Kaiſers in Spanien zu ſtuͤrzen, den Thron der Mauren wieder auf⸗ zurichten und Raimund darauf zu heben. Wenigſtens ſollte der Juͤngling zur Emporung und Erhebung der noch in Spanien lebenden Mauren benutzt werden. Vielleicht 106 Der große Reichstag zu Augsburg iſt Euch dieſe kuͤhne Frau unter ihrem chriſtlichen Namen bekannt; denn ſie war ein Liebling Eurer Großmutter Iſabella, eine Geſpielin, Freundin und Hofdame Eurer Mutter, Freundin und Geſellſchafterin Eurer Tante. Sie war die Ziehſchweſter des Koͤnigs von Neapel und hieß Agnes oder ſpaniſch Ineſe de Cardona.“ „Ha dieſe! Meine Tante hat mir von ihr erzaͤhlt. Sie lebte am Hofe zu Bruͤſſel.“ „Jetzt weiß Ew. koͤnigl. Hoheit das ganze Ge⸗ heimniß.“ 5 „Ihr muͤßt mir Alles noch einmal ausfuͤhrlich erzaͤh⸗ len, ſo wie Eure eignen Schickſale, die, wie ich begreife, auf's Innigſte damit verwebt ſind. Dann werde ich ge⸗ nauen Bericht vom Junker von Buͤbenhoven einfordern. Jetzt ſchwimmt mir im Kopfe Alles wie ein Chaos herum und muß ſich aufklaͤren. Das Eine verſteh ich, den Na⸗ men des Juͤnglings. Mohr heißt Maure, Raimund der Maure, der mauriſche Koͤnigsſohn. Vor Allem muͤßt Ihr mir eine geheime Unterredung mit Raimund Mohr ver⸗ ſchaffen. Ich muß den edeln jungen Mann genau kennen lernen. Nur durch Euch kann ich dazu gelangen Ihr ſeid jetzt mein innigſt Verbuͤndeter.“ „Ich diene Euch mit Leib und Leben. Gebietet uͤber mich. Nur bedenkt wohl, ob es zweckdienlich iſt, daß Raimund jetzt ſchon das Geheimniß ſeiner Geburt er⸗ fahre.“ „Nein; er darf es noch nicht wiſſen.“ und der Zug nach Tunis. 107 „Zu einer Zuſammenkunft, die in der Stadt uͤberall leicht bemerkt und verrathen werden koͤnnte, ſchlage ich Euch den eine Stunde von hier einſam auf der Hoͤhe nach ulm zu gelegenen Fuggerſchen Maierhof, der Wellenhof genannt, vor. Die Verwaltung dieſes kleinen Guts iſt mir von Herrn Anton uͤbertragen. Ich habe dort ein Zimmer, wo Ihr ungeſtoͤrt mit dem Juͤngling ſprechen koͤnnt, ſo lang es Euch beliebt. Befehlt, wenn ich ihn dort⸗ hin beſtellen ſoll.“ „Morgen Nachmittag um ſechs Uhr, will ich mit einer meiner Frauen dorthin reiten auf dem geraden Wege⸗ Raimund ſoll auf einem Umwege dorthin kommen. Ihr aber ſorgt, daß um dieſe Zeit auf dem Hofe keine Men⸗ ſchen ſind, die zu Verraͤthern werden koͤnnten.“ „Verlaßt Euch auf mich. Ihr ſollt in jeder Hinſicht ſicher ſein.“ „Wohl! Nun erzaͤhlt mir Euere und Raimunds Le⸗ bensgeſchichte mit allen Nebenumſtaͤnden.“ Martin kam dieſem Befehl mit der ihm eigenthuͤm⸗ lichen ſchlauen Geſchmeidigkeit nach. Er wob wieder Luͤge in Wahrheit; er verſchwieg ſeine Fehler oder ſuchte ſie in ein glänzendes Licht zu ſetzen; aber der Scharfſinn der Koͤ⸗ nigin ſah heller, als er wuͤnſchte. Vorhin, als er ihr das wichtige Geheimniß enthuͤllt, war er ihr ploͤtzlich eine an⸗ genehme Perſon geworden und zu dem Vermittler zwiſchen ihr und Raimund Mohr fuͤhlte ſie gleichſam eine ſchwe⸗ ſterliche Zuneigung. Der erſte unangenehme Eindruck, 108 Der große Reichstag zu Augsburg den er auf ſie gemacht, war dadurch verwiſcht und hatte dem lebhafteſten Intereſſe fuͤr ihn Platz gemacht; als er aber nach Mitternacht von ihr ſchied, war jener erſte Ein⸗ druck wieder und ſtaͤrker in ihr hervorgetreten. Sie hatte das unklare und druͤckende Gefuͤhl, ſich mit einem unedeln Charakter eingelaſſen zu haben. Doch ſchnell draͤngten andre heiße und bunte Gefuͤhle, kuhn flatternde Gedanken und von ihrer Phantaſie praͤchtig beleuchtete Bilder der Zukunft, deren reizender Gegenſtand der ritterliche Maurenprinz war durch ihre aufgeregte Seele. Seine Mutter war ihres Va⸗ ters erſte, wahre und reine Liebe geweſen, und ihre ungluck⸗ liche Mutter hatte ſeinen Vater geliebt; die Liebenden hat⸗ ten den ſchoͤnen Plan gehegt, als Koͤnig und Koͤnigin von Granada, uͤber ein edles Volk zu herrſchen. Jetzt ſah ſie ſich im Geiſte mit Raimunden auf dieſem Throne, das herrlichſte Paar in allem königlichen Prachtglanz. O, welche Entſchaͤdigung fuͤr ſie, fuͤr die Marter an einen un⸗ geliebten knabenhaften Gemahl, auf einem freudloſen Thron gekettet geweſen zu ſein! Wie ganz anders, wie uͤberaus wunderbar und außerordentlich war ploͤtzlich ihre Stellung zu dem geliebten Juͤngling geworden! Vorhin noch war ihr hoͤchſter Wunſch geweſen, ihn zu ihrem Ca⸗ valier zu gewinnenz jetzt wollte ſie ſeine Gemahlin werden, jetzt ihn zum Koͤnig von Granada machen. Heil dem Koͤnig und der Koͤnigin von Granada! brauſte es, als der vieltauſendſtimmige Chorus eines gluͤcklichen Volks durch ihre brennende Seele. Ihr ſchoͤnes Haupt gluͤhte fieberiſch, N und der Zug nach Tunis. 109 ihre Pulſe flogen. Wohl dachte ſie auch einen Augenblick an die Schwierigkeiten, die ſich ihr entgegenthuͤrmen koͤnnten, daß der Kaiſer nicht leicht fuͤr ihren kuͤhnen Plan zu ge⸗ winnen ſein duͤrfte; aber das liebeheiße Herz eines Wei⸗ bes glaubt kuͤhn mit den ſchwerſten Dingen leicht und ſchnell fertig werden zu koͤnnen; das Herz einer Koͤnigin iſt noch kuͤhner; Marias Herz war das kuͤhnſte. Siebentes Kapitel. Am 20. Juni wurde der Reichstag mit den herkömm⸗ lichen Feierlichkeiten im großen Saale des Rathhauſes er⸗ oͤffnet. Der Kaiſer hatte ſich Tags zuvor durch den Genuß des Leibes Chriſti und am Morgen ſelbſt durch eine vom Kardinal⸗Legaten gehaltene Meſſe vorbereitet. Er ſaß im vollen kaiſerlichen Ornat auf einem Thron, und vor ihm auf der Tafel lag das bloße Reichsſchwert. Ihm zur Rechten und Linken auf niedern Seſſeln hatten der Legat und der Koͤnig Ferdinand ihre Plaͤtze, dann die Kurfuͤrſten, Fuͤrſten und Städte nach der Hierarchie des Reichs. Seit dem Reichstage zu Worms 1521 war der Kaiſer zum erſten Male wieder in der Mitte der verſammelten Staͤnde. Jedermann fuͤhlte die Wichtigkeit des Moments. Durch das Unterliegen der Volkspartei hatte ſich ſeit vier Jahren der Geiſt der alten Zeit immer mehr gekraͤftigt; jetzt kam und der Zug nach Tunis. 111 er mit dem Kaiſer, dem Beſieger Italiens, dem Verbuͤn⸗ deten des Papſtes, und ſtellte ſich dem eingeſchuchterten Geiſte der Neuzeit gegenuͤber, dem die Fuͤrſten und die Wittenberger Kirchenreformatoren nur halbe Conceſſionen gemacht hatten. Daß er auf ſehr ſchwachen Fuͤßen ſtand, wer konnte ſich's verhehlen? Es fragte ſich: ſollte er unter⸗ liegen? Sollte die Unvernunft der abgelebten Zuſtaͤnde noch einmal triumphiren? Der Fluch der Niederlage des Volks hatte ſich ja ſchon gezeigt; die Widerſacher des Alten hatten ſich in zwei Parteien geſpalten; die Wittenberger und die Schweizer hatten ſich getrennt. Auf den trotzigen und hoͤhniſchen Geſichtern der Anhaͤnger des Papſtes und des Kaiſers, welche die große Majoritaͤt in der Verſamm⸗ lung hatten, zeigte ſich deutlich genug, wie wenig Hoffnung fur die ſchwache Minorität vorhanden war, die kirchliche Reform durchzuſetzen. Campeggi eroͤffnete die Sitzung mit einer langen Rede, worin er auf Einigkeit der Kirche drang, d. h. auf das Nachgeben der proteſtantiſchen Staͤnde und ihren Ruͤcktritt unter Papſt und Rom. Dann ließ der Kaiſer durch den Reichskanzler die Reichstagspropoſition verleſen. Sie legte den Ständen dringend und vor allen andern Dingen eine dem Zwecke entſprechende Ruͤſtung wider die Turken ans Herz. Zunaächſt erklaͤrte er ſeinen kaiſerlichen Willen dahin, die religisſen Irren im Reiche in Milde und Guͤte beizulegen und forderte alle Stände auf, ihm mit ihrem beſten Willen dabei zur Hand zu ſein. Zu dem Ende 112 Der große Reichstag zu Augsburg moͤge ein Jeder, wie er ſchon im Ausſchreiben begehrt, ſeine Meinung und Gutduͤnken in Schriften uͤberant⸗ worten. Der Reichsrath faßte aber den Beſchluß, die kirchliche Angelegenheit zuerſt vorzunehmen. Sofort erhoben ſich die fuͤnf proteſtantiſchen Fuͤrſten, der Kurfuͤrſt Johann von Sachſen, der Markgraf Georg von Brandenburg, der Herzog Ernſt von Luͤneburg, der Landgraf Philipp von Heſſen und der Fuͤrſt Wolfgang zu Anhalt von ihren Stuͤhlen und ſtellten ſich vor dem Kaiſer auf. Der kur⸗ ſaͤchſiſche Kanzler ergriff im Namen und Auftrag dieſer Fürſten das Wort an den Kaiſer, verſicherte ihm ihre Unterthaͤnigkeit und Gehorſam als Reichsfuͤrſten, und bat um Erlaubniß, ihr Glaubensbekenntniß uͤberreichen und in oͤffentlicher Reichsverſammlung vorleſen zu duͤrfen, um ſich auf ſolche Weiſe aus der uͤblen Nachrede zu ſetzen, daß ſie Ketzer ſeien. Der Kaiſer hatte gute Gruͤnde, die proteſtantiſchen Fuͤrſten, namentlich ihr Haupt, den alten Kurfuͤrſten von Sachſen, ſo glimpflich als moͤglich zu behandeln, um einen bis jetzt noch ſehr geheim gehaltnen Plan ins Werk zu ſetzen. Dieſer beſtand in nichts Geringerem, als ſeinen Bruder zum roͤmiſchen, d. h. eigentlich deutſchen Koͤnig erwaͤhlen zu laſſen. Es lag ihm alſo Alles daran, die Kurfuͤrſten dafuͤr zu gewinnen, und Herr Hans war doch der maͤchtigſte und einflußreichſte. Dann bedurfte er der Anhaͤnger der neuen Kirchenlehre zu ſeinem beabſichtigten und der Zug nach Tunis. 113 Kriegszug gegen die Turken. Sie hatten ihm trefflich gegen den Papſt geholfen; ſie ſollten ihm jetzt gegen Suleiman helfen. Deshalb erklaͤrte Karl jetzt, er werde das angekuͤndigte Glaubensbekenntniß entgegennehmen und ſich die Vorle⸗ ſung desſelben in der nächſten Reichsverſammlung gefallen laſſen. Damit wurde die erſte Sitzung geſchloſſen. Die paͤpſtliche Partei, im höchſten Grad aͤrgerlich uber die Erklaͤrung des Kaiſers, begann ſogleich ihre Intriguen. Sie beſtuͤrmte den Kaiſer und verlangte, daß die Verleſung des Glaubensbekenntniſſes unterbleibe; dieſe Ketzer und Abtruͤnnigen ſeien ſolcher Ehre nicht werth, der Kaiſer duͤrfe ſich in keine Unterhandlungen mit ihnen einlaſſen, ſondern habe unbedingten Gehorſam zu fordern, widrigen⸗ falls die ihm zuſtehende Gewalt anzuwenden ſei.— Der Kardinal-Legat, gewohnt, den Kaiſer allen ſeinen Wuͤn⸗ ſchen entgegen kommen zu ſehen, erfuhr bei ſeinem Beſuch in den Prachtgemaͤchern der Pfalz, daß der gegen ihn ſo nachgiebige Kaiſer ihm auch einen ſehr entſchiedenen Wil⸗ len entgegenſetzen konnte. Jarl erklaͤrte ruhig: Seine Eminenz moͤge ihn doch nicht fuͤr ein Kind halten, das heute wiederrufe, was es geſtern verſprochen. Keinem Menſchen auf der Welt zieme Worthalten mehr, als dem Kaiſer. Das Glaubensbekenntniß der Proteſtanten werde in der Reichsverſammlung geleſen werden.— Die von Melanchthon ausgeapbeitete Schrift, deren Grundzuͤge von Luthern herruͤhrten, wurde am 25. Juni Ein deutſcher Leinweber. IN. 8 114 Der große Reichstag zu Augsburg vom kurheſſiſchen Kanzler in der Reichsverſammlung ver⸗ leſen, zuerſt in deutſcher, dann in lateiniſcher Sprache. Die proteſtantiſchen Fuͤrſten hatten erwartet, daß dies im gewoͤhnlichen Local des Reichstags, im großen Saale des Rathhauſes, geſchehen werde, aber der Kaiſer beſtimmte die kleinere Kapitelſtube der biſchoͤflichen Pfalz dazu, wo nur die Staͤnde und keine Zuhoͤrer Platz finden konnten. Ebenſo wollte der Kaiſer auch nur die lateiniſche Faſſung verleſen laſſen, aber die proteſtantiſchen Fuͤrſten ſtellten ihm ſehr angelegentlich vor, daß es eine deutſche Sache ſei, um die es ſich handle, und daß ſie in einer deutſchen Reichsſtadt verhandelt werde. Die deutſche Sprache trug den Sieg davon. Dieſes wichtige Dokument, das unter dem Namen, der„Augsburger Confeſſion“ ſo beruͤhmt geworden iſt, enthielt nichts, welches den Principien der lateiniſchen Kirche entgegen geweſen waͤre; ja, die proteſtantiſchen Staͤnde gingen im Gefuͤhl ihrer phyſiſchen Schwaͤche darin ſogar von ihrem Grundſatz ab, nichts anzuerkennen, was nicht im neuen Teſtament begruͤndet ſei, indem ſie, um ihre ſtarken Gegner ebenfalls zur Nachgiebigkeit zu ge⸗ winnen, Glaubensſaͤtze aufſtellten oder vielmehr zugaben, von denen kein Wort in der Bibel ſteht. Wie viel nach⸗ druͤcklicher und wuͤrdiger haͤtten ſie auftreten koͤnnen, wenn Luthet ſeine Halsſtarrigkeit aufgebend, der menſchlichen Vernunft, die er freilich fuͤr den„Teufel“ erklaͤrte, Con⸗ ceſſionen gemacht und ſich nicht von den der Vernunft und der Zug nach Tunis. 115 weit mehr huldigenden Schweizer Reformatoren getrennt hätte. Daher war es gekommen, daß die oberdeutſchen freien Staͤdte und namentlich Augsburg ſelbſt auf der Seite der Schweizer ſtanden und ihren Lehrbegriff annah⸗ men, ja daß der Landgraf ſich ſo ſtark zu Zwinglin hin⸗ neigte, daß er das Melanchthonſche Glaubensbekenntniß nicht mit unterſchreiben wollte, und erſt durch eine ſehr nachdruͤckliche briefliche Mahnung Luthers dazu vermocht wurde. Die päpſtliche Partei begann nun ihre Berathungen, was zu thun ſei. Wenn die Proteſtanten durch eine be⸗ fremdende Nachgiebigkeit, mit der ſelbſt Luther nicht ein⸗ verſtanden war, gehofft hatten, ihre mächtigen Gegner zu irgend erheblichen Conceſſionen zu beſtimmen, ſo mußten ſie ſich zu ihrem Schmerze bald eingeſtehen, daß ihren Hoffnungen die Taͤuſchung auf dem Fuße folgte. Wah⸗ rend ſie ſich nur in der Defenſive hielten, gaben ſie den uͤbermuͤthigen Roͤmlingen Bloßen, die dieſe ſogleich benutz⸗ ten; es wäre fuͤr die zeitgemaͤße Entwickelung und den vernuͤnftigen Fortſchritt erſprießlicher geweſen, ſie haͤtten mit kraͤftiger Hand die Offenſive ergriffen, und die Ent⸗ ſcheidung auf die Spitze des Schwertes geſtellt. Dazu hätten ſie aber mit den Schweizern eins ſein muͤſſenz denn die große Maſſe des Volkes, die nach Befreiung von den roͤmiſch⸗katholiſchen Banden lechzte und den Kampf gegen die Roͤmlinge gern wieder aufgenommen haͤtte, ſtand wohl hinter Zwinglin, aber nicht mehr hinter Luthern, der ſich 116 Der große Reichstag zu Augsburg ſeit fuͤnf Jahren den gemeinen Mann, namentlich in Ober⸗ deutſchland entfremdet hatte. Der Kaiſer verſchmäͤhte ſeinerſeits auch nicht geheime Schritte zu thun, um einzelne der proteſtantiſchen Fuͤrſten fur ſich zu gewinnen und durch allerlei Mittel, die einem Kaiſers und beſonders ihm leicht zu Gebot ſtanden, ihrer Partei zu entfuͤhren. Dem alten Herzog Johann zu Sachſen ſtellte er die Unterwerfung unter den Papſt als Bedingung zur Belehnung mit der Kurwuͤrde, die dieſer noch nicht hatte, und um die er geziemend nachgeſucht. Die juͤngern proteſtantiſchen Fuͤrſten ſuchte er durch ein Mittel zu gewinnen, welches noch ſehr ſelten fehl ge⸗ ſchlagen hat. Ueber Erwarten leicht gelang ihm naͤmlich, ſeine Schweſter Maria zu uͤberzeugen, wie es zur Einheit des deutſchen Reichs, zur Befeſtigung der Macht und des Anſehens des Hauſes Oeſtreich, zur Bekaͤmpfung der Tuͤr⸗ ken und zur Zuruͤckfuͤhrung des Bruders Ferdinand auf den ungariſchen Thron, ferner, zur kraͤftigen Niederhaltung der feindlichen Maͤchte in Italien und zur Paralyſirung des von heimlichem Groll erfullten Schwagers, des Koͤnigs Franz von Frankreich, unerlaͤßlich nothwendig ſei, daß die proteſtantiſchen Fuͤrſten ſich der kirchlichen Obermacht des Papſtes wieder unterwuͤrfen und den lutheriſchen Neue⸗ rungen entſagten, und daß ſie als oͤſtreichiſche Fuͤrſtin aus allen Kraͤften mit zu wirken habe, dieſes Ziel bald zu erreichen. Der Kaiſer gedachte alſo die hohe Macht der weiblichen Schoͤnheit und Anmuth Maria's und den geiſti⸗ und der Zug nach Tunis. 117 gen Einfluß, welchen ſie auf die proteſtantiſchen Fuͤrſten ausuͤbte, zu benutzen, um den Einen und den Andern wie⸗ der in das paͤpſtliche Lager heruͤberzuziehen, wie dies be⸗ reits mit ſeinem Schwager, dem Koͤnig Chriſtiern von Dänemark ſo gut gelungen war. Maria wuͤrde zu andrer Zeit dieſen ſeltſamen und ver⸗ faͤnglichen Antrag des Kaiſers, der mit ihren religiöſen Ueberzeugungen in ſo grellem Widerſpruch ſtand, unbe⸗ dingt, vielleicht ſogar mit Entruͤſtung zuruͤckgewieſen ha⸗ ben; jetzt ging ſie zu Karls eigener Verwunderung ſogleich darauf ein. Sie wollte ſich naͤmlich den Kaiſer durch ſolche wichtige Dienſtleiſtungen verpflichten, um ihn ihren ſtillen kuͤhnen Wuͤnſchen in Bezug auf Raimund Mohr und die Koͤnigskrone von Granada geneigt zu machen; ſie hoffte, wenn der Zeitpunkt gekommen ſein wuͤrde, dieſe Wuͤnſche vor ihm laut werden zu laſſen, ſich nicht nur an ſeine Liebe, ſondern auch an ſeine Dankbarkeit wenden zu koͤnnen und des erſehnten Erfolges dadurch nur um ſo ſichrer zu ſein. Durch Martins ſchlaue Vermittlung hatte ſchon mehr als ein zärtliches Stelldichein der verliebten Koͤnigin und des heißblutigen Juͤnglings auf dem einſamen Wellenhofe ſtatt gefunden, und obgleich ſie bis jetzt ſo viel Gewalt über ſich behauptet hatte, dem Geliebten keine klaren Er⸗ öffnungen uͤber ſeine hohe Abſtammung zu machen, um nicht durch ſeinen Ungeſtuͤm Alles zu verderben, ſo mußten ihre fußen ſchmeichleriſchen Worte, ihre geheimnißvollen 118 Der große Reichstag zu Augsburg Andeutungen, ſein ohnedies ſchon heftig erregtes Gemuͤth in die lebhafteſte Bewegung verſetzen. Das rein Weib⸗ liche in ihr, das, in leidenſchaftlicher Liebe zum Durchbruch kommend, ihre koͤnigliche Wuͤrde gaͤnzlich vergaß, ver⸗ ſcheuchte in Raimunden bald die ſcheue Ehrfurcht, die er vor der Koͤnigin hatte, und er hätte nicht voll Jugend und Kraft, voll ſtuͤrmenden drängenden Bluts und heißer Ge⸗ fühle ſein muͤſſen, um nicht berauſcht zu werden von der Liebe eines ſo goͤttlichen Weibes, einer ſo reizenden Koͤni⸗ gin, und dieſe im vollen Maaße zu erwiedern. Aber der wunderbare Zauber, der ihn an die ſchlanke junge Zigeu⸗ nerin feſſelte, wurde durch die Liebe zur Koͤnigin nicht auf⸗ gehoben, ja es war gleichſam, als wuͤrde derſelbe dadurch noch geſteigert. Raimund kam in ein merkwuͤrdiges Dop⸗ pelverhaͤltniß. Seine Liebe zur Koͤnigin war bei weitem ſinnlicherer Natur; er gluͤhete fuͤr ſie, aber dieſe Liebe machte ihn nur gluͤcklich, wenn das wonnetrunkene Auge der Koͤnigin ſich in ſein eignes tauchte, wenn der raſchere Schlag ihres Pulſes durch ſeine Finger zitterte, und ſelbſt dann, in den gluͤcklichſten Momenten, konnte er ihre Ho⸗ heit doch nicht ganz vergeſſen, und ein druͤckendes Gefuͤhl ging fur ihn davon aus. War er fern von Marien und gedachte ſeines Verhaͤltniſſes zu ihr, ſo uͤberflog es ihn, wie ein Schrecken, wie ein geheimes Grauen; der Gedanke, von der ſchoͤnen Koͤnigin geliebt zu werden und ſie zu lieben, wurde ihm faſt unheimlich. Von ganz andrer Art waren ſeine Empfindungen fuͤr Carlotten; dieſe Liebe war und der Zug nach Tunis. 119 mehr geiſtiger Natur. Er ſtand hoch uͤber dem ſuͤßen Kinde und beugte ſich zu ihm hinab, um die reinen Lieb⸗ koſungen zu empfangen, das harmloſe holde Geplauder desſelben zu vernehmen. Das Gluͤck, welches ihm die Liebe der Zigeunerin bereitete, war ohne alle bittern und aufreizenden Beigeſchmack. Auch war, der Natur der Sache nach, ſeine Liebe zu ihr tiefer und inniger, als die ihrige zu ihm; denn ſie war ja noch ein Kind. Die Liebe der Koͤnigin zu ihm war dagegen uͤberwältigend, athem⸗ raubend. Daher geſchah es, daß er in der Zuſammenkunft mit der Koͤnigin ſich nach der Zigeunerin ſehnte und von jener zu dieſer eilte, um ſich ein paar Stunden in der ſchmutzigen Zigeunerherberge unter dem naiven Gekoſe des„Kindes“ erſt wahrhafter Liebesſeligkeit bewußt zu werden. Maria aber, die ſtolze Wittwe des Koͤnigs von Ungarn und Boͤhmen, die geliebte Schweſter des maͤchtigen Kaiſers, vergaß in dem Liebeswonnemeer, in das ſie ſich geſtuͤrzt, Alles, woran ſie ſonſt ſo ſtarken Antheil genommen. Was kuͤmmerte ſie jetzt die Sache der Proteſtanten? Sie em⸗ pfing die Fuͤrſten zerſtreut und kalt. Was waren ihr Luther und Melanchthon? Sie war nur noch ein liebendes Weib und hatte fuͤr nichts Sinn und wahres Intereſſe, als fuͤr ihre Liebe, fuͤr ihre Hoffnungen, fuͤr ihre Pläne. Martin wurde taͤglich mehr ihr Vertrauter, ihr gehei⸗ mer Agent. Er hatte faſt jeden Abend geheime Audienz bei ihr. Der Schlaue baute auf die Hoffnungen und 120 Der große Reichstag zu Augsburg Entwuͤrfe der koͤniglichen Schweſter das ſchimmernde Luft⸗ ſchloß ſeiner eignen.— Die Ritte der Koͤnigin nach dem Wellenhofe wurden ihr unbequem; ſie konnten ihr gefaͤhrlich werden. Martin kam ſchnell ihren desfallſigen Wuͤnſchen entgegen. Er ſtellte Herrn Anton in einer vertraulichen Unterredung vor, daß die geheime Kanzlei des Kaiſers im Hauſe durchaus nicht unbewacht bleiben koͤnne. Man kenne die ungeheu⸗ ren Raͤnke des Papſtes. Der KardinalLegat koͤnne Wind von der Sache erhalten und Alles aufbieten, um ſich in den Beſitz mancher hier aufbewahrten Papiere zu ſetzen; ein Gleiches habe man ſich von den proteſtantiſchen Fuͤrſten und Staͤdten, ja vom Koͤnig von Frankreich und vom Groſiſultan zu verſehen; denn wer koͤnne wiſſen, ob der Letztere nicht auch ſeine Spione in Augsburg unterhalte. Es ſei daher nothwendig, daß Raimund Mohr, als der vom Kaiſer Betraute, in der Kanzlei ſchlafe und Waffen bei ſich fuͤhre, um jedem naͤchtlichen Beſuch ernſtlich zu be⸗ gegnen, der bei dem unruhigen Treiben im Hauſe, durch den Aufenthalt der Koͤnigin veranlaßt, nichts Unmoͤgliches ſei.— Anton belobte die Scharfſicht Martins, und Rai⸗ mund Mohr erhielt ſein Lager in der Kanzlei. Von die⸗ ſem Tage an konnte ihn die Koͤnigin ungeſtoͤrt und ohne alle Gefahr Nachts ſprechen, ſo oft ſie es wuͤnſchte. Mar⸗ tin lag auf der Lauer und fuͤhrte ihr den Geliebten zu. Die heißen Wogen des Liebesrauſches brauſten immer hoͤher um den begluͤckten Juͤngling; er hatte nicht Kraft und der Zug nach Tunis. 121 genug, ihnen zu widerſtehen; willenlos wurde er von ihnen getragen und forgeriſſen; es war ihm zuweilen, als muͤßten ſie ihn verſchlingen. Es war vorauszuſehen, daß er die ungeheure, immer fieberhaftere Spannung all ſeiner Seelenkraͤfte und Gefuͤhle nicht lange werde ertragen koͤnnen. Achtes Kapitel. Nach der Verleſung und Uebergabe der Confeſſion der Proteſtanten erwartete der Kaiſer, der Natur der Sache angemeſſen, daß die Majorität des Reichstags, die katho⸗ liſchen Staͤnde, mit einer aͤhnlichen Erklaͤrung in ihrem Sinne oder wenigſtens mit einer Anklage gegen die Evan⸗ geliſchen hervortreten werde; er wollte dann den Vermitt⸗ ler und Schiedsrichter beider Parteien machen und dadurch ſein kaiſerliches Anſehen und oberſte Reichsmacht in das klarſte und ſtrahlendſte Licht ſetzen. Der Koͤnig Ferdinand ſtellte ſogar in der Verſammlung der Staͤnde einen darauf zielenden Antrag, als einige Zeit nach der Uebergabe des proteſtantiſchen Glaubensbekenntniſſes nichts der Art er⸗ folgt war. Aber die katholiſchen Staͤnde waren noch ſchlauer als er. Die Majoritaͤt ſah ſich als rechtmaͤßige In⸗ haberin der Reichsgewalt an, den Kaiſer nur als Vertreter — und der Zug nach Tunis. 123 derſelben. Sie grollte dem Kaiſer, daß er die Proteſtanten angehoͤrt, daß er ſie als Partei uͤberhaupt anerkannt; ſie geſtand den Ketzern eine ſolche rechtliche Exiſtenz gar nicht zu. Sie grollte dem Kaiſer ferner, daß er ſich in Bo⸗ logna, ohne die Kurfuͤrſten, hatte kroͤnen laſſen. Sie grollte dem Koͤnig Ferdinand, daß er Verſuche gemacht hatte, ſich auf Unkoſten einzelner Fuͤrſten zu vergroͤßern, ſie grollte ihm, daß er paͤpſtliche Bewilligungen geiſtlicher Einkuͤnfte ausgebracht, die wohl in Spanien durchgingen, in Deutſchland aber unerhoͤrt waren und deshalb in der geſammten Kleriſei Mißvergnuͤgen und Widerſtand erzeugt hatten. Die Majorität lehnte alſo ab, ſich als Partei zu conſtituiren und den Kaiſer als Schiedsrichter zwiſchen ihr und den Proteſtanten anzuerkennen. Sie erklärte: ſie ſtehe auf dem feſten Boden der Kirche und des chriſtlichen Glaubens, habe daher nichts Neues vorzubringen und halte ſich allein an das(Wormſer) Edict des Kaiſers. Mit Ketzern koͤnne ſie nicht verhandeln; wolle der Käiſer eine Anklage, ſo moͤge er ſie von der Uebertretung ſeines Ediets ableiten. Es ſei altes Herkommen, daß der Kaiſer der Majoritaͤt des Reichstags beitrete, und es ſei ihre An⸗ ſicht, daß der Kaiſer auch jetzt ihr Intereſſe zu dem ſeinigen zu machen habe. Er moͤge in dieſer Sache mit der Kur⸗ fuͤrſten, Fuͤrſten und Staͤnde Rath aus kaiſerlicher Macht⸗ vollkommenheit procediren. Dieſe Erklaͤrung ſtand im Widerſpruch mit dem im Ausſchreiben klar ausgeſprochnen Willen des Kaiſers, den Streit der Parteien zu vermitteln. 124 Der große Reichstag zu Augsburg Wollte Karl jetzt nicht als offner Gegner der Majoritat auftreten und ſeinen katholiſchen Eifer in ein zweideutiges Licht ſtellen, ſo mußte er ſich dem Begehren der Majoritaͤt fuͤgen. Er mufßte es vorzuͤglich auch, um die Kurfuͤrſten fuͤr ſeinen Wunſch zu gewinnen, daß ſie ſeinen Bruder zum roͤmiſchen Koͤnig erwaͤhlten. Von dieſem Tage an war Karl eine ziemlich uͤberfluͤſſige Perſon in Augsburg; er mußte verfuͤgen, wie und was die Majoritat be⸗ ſchloß; aber er war daruͤber voll Unmuth und Bit⸗ terkeit. Die Majoritaͤt war keineswegs einer Meinung uͤber die in der kirchlichen Angelegenheit zu thuenden Schritte. Ein Theil wollte ohne Weiteres mit dem Schwerte drein ſchlagen, uͤberzeugt, daß nur Gewalt der Spaltung im Reiche ein Ende machen koͤnnte. Dies war auch die An⸗ ſicht des Kardinal-Legaten und des ganzen paͤpſtlichen An⸗ hangs. Die groͤßere Partei wollte doch lieber die Guͤte verſuchen. Wie aber das anzufangen ſei, wußte kein Menſch. Ihr Hauptbeſtimmungsgrund war die Furcht vor den Tuͤrken. Der Kardinal-Erzbiſchof-Kurfuͤrſt Al⸗ brecht von Mainz ſetzte in der Reichsverſammlung aus⸗ einander, daß die katholiſchen und evangeliſchen Staͤnde ſich nur im Intereſſe des Großſultans bekriegen wuͤrden. Ueberhaupt war die Anſicht verbreitet, Suleiman unterhalte nicht minder, wie Koͤnig Franz, Spione in Augsburg, und beide warteten nur darauf, daß der Religionskrieg in Deutſchland ausbreche, um das Land mit ihren Heeren und der Zug nach Tunis. 125 zu uͤberfluthen. Der Kaiſer trat der Anſicht der Gemäßig⸗ ten bei, und es ward beſchloſſen, die Confeſſion vor allen Dingen widerlegen zu laſſen, und dazu wurden die beruͤhm⸗ teſten Dunkelkoͤpfe, die ſpitzfindigſten Scholaſtiker der ariſtoteliſch-dominikaniſchen Schule beſtellt, die von den Humaniſten ſchon laͤngſt beſiegt und laͤcherlich gemacht waren: Eck von Ingolſtadt, Cochläus von Dresden, Wim⸗ pina von Frankfurt an der Oder, Faber von Wien, ge⸗ lehrte Weihbiſchoͤfe, Dominikaner, Barfuͤßer und Carme⸗ liter von unruͤhmlich bekanntem Namen. Dieſe Leute wurden von der Majoritaͤt des Reichstags und vom Kaiſer beſtellt, die Irrthuͤmer der Proteſtanten zuwiderlegen. Darin lag eine unbewußte Selbſtironie. Dieſe gelehrten Herren, welche in der literariſchen Fehde unterlegen waren, ſollten nun, mit der Reichsgewalt hinter ſich, noch einmal den Federkampf aufnehmen. Bald genug zeigte ſich aber auch, daß ſie nicht hoͤher zu fliegen vermochten, als ihre Fluͤgel reichten. Ihre Widerlegung des proteſtantiſchen Glaubensbekenntniſſes war plump und ſchlecht, ſo weit⸗ ſchweifig und ſo voller armſeliger Streitigkeiten und Be⸗ hauptungen, auf die es hier nicht ankam, ſo voller Schmaͤ⸗ hungen und Schimpfreden auf die Gegner, daß der Kaiſer mit großem Unwillen die Arbeit zuruͤck gab und befahl,“ eine beſſere anzufertigen; denn Kaiſer und Reich ſollten ja die Widerlegung zu der ihrigen machen; ſie ſollte der Ausdruck der Majoritaͤt des Reichstags ſein. So ſchlimm ſtand es um dieſe faule Sache, daß ſie durch nichts zu 126 Der große Reichstag zu Augsburg ſtuͤtzen war, als durch die rohe Gewalt. Deshalb hatten die gewiß recht, welche eben nur dieſe Gewalt angewendet wiſſen wollten und die jaͤmmerliche Schreiberei der Scho⸗ laſtiker verachteten und verlachten. Und auch fuͤr die Proteſtanten waͤre es beſſer geweſen, es waͤre damals ſchon zum blutigen Kampfe gekommen, wie es denn ſpaͤter doch dazu kommen mußte. Sie haͤtten dem Angriff eine ver⸗ zweifelte Gegenwehr entgegenſtellen muͤſſen und haͤtten die Sympathien der Mehrzahl des Volks fuͤr ſich gehabt. Das war auch dem Kaiſer nicht verborgen geblieben und fiel ſchwer in die Wagſchale, wo bereits die Tuͤrkengefahr lag. So wunderlich ſtanden nun die Dinge: die von den Proteſtanten aufgeſtellten Glaubensſaͤtze, in welchend ſie ſich der alten lateiniſchen Kirche ſo viel als moͤglich und ſchon mehr als ihnen dienlich genaͤhert hatten, ſollten uͤber⸗ zeugend widerlegt werden, was doch moraliſch ganz un⸗ moͤglich warz die Gewalt ſcheute der Kaiſer und ſcheuten die Wittenberger Profeſſoren, und doch ſollte die Trennung ausgeglichen werden, ein Dilemma, wie ſie in den Zeiten neuer Weltgeſtaltungen ſters hervortreten, und an deren Loͤſung ſich in der Regel die beſten Kraͤfte verbluten. Kaiſer Karl war nichts weniger als ein genialer ſcharf⸗ ſinniger Kopf; ihm war kein Blick in die Zukunft ver⸗ goͤnnt, ihn druͤckten die Wirren der Gegenwart; denn ſein nuͤchterner Verſtand ließ ihn die Dinge, wie ſie waren und ſeine ſchwierige Stellung wohl erkennen. Er war meiſt ernſt, duͤſter und verſchloſſen, und die mancherlei Luſtbar⸗ und der Zug nach Tunis. 127 keiten, die ihm die Stadt bereitete, die uͤppigen Feſte und Gaſtmaͤhler bei den Fuggern, Welſern und andern Ge⸗ ſchlechtern, erheiterten ihn nicht. Nur der Koͤnigin Maria gelang es ſtets die Wolken von ſeiner Stirn zu verſcheu⸗ chen, und er ſuchte deshalb ihre Unterhaltung mit einer an ihm befremdenden Leidenſchaftlichkeit. Drei Dinge zogen ihn oft und viel in das ſtolze Fuggerhaus am Weinmarkt, ſeine Schweſter, ſeine geheime Kanzlei, in welcher er vieles abmachte, was ihm am Herzen lag, und Anton Fugger, den als ſeinen treueſten und verſtaͤndigſten Anhaͤnger er immer lieber gewann.— Raimund Mohr vollzog die ihm aufgetragenen Arbeiten meiſt zu des Kai⸗ ſers Zufriedenheit, und Alles ging im Hauſe aͤußerlich ſeinen geregelten Gang. Haͤtte Jemand dieſe aͤußerliche Huͤlle wegnehmen koͤnnen, es wuͤrden wunderliche Dinge ans Licht gekommen und die Bewohner des Hauſes gegen⸗ ſeitig in das groͤßte Erſtaunen gerathen ſein. Aber weder der ſehr kluge Hausherr noch ſonſt Jemand von ſeiner Familie ahneten etwas von den leidenſchaftlichen Verhält⸗ niſſen, in welchen Raimund zur Koͤnigin Maria und zur Zigeunerin Carlotta, und Martin zur Koͤnigin und Rai⸗ mund Mohr ſtand. Aber ebenſowenig wußte die Koͤni⸗ gin etwas von Raimunds Liebe zu Carlotten, und auch dem katzenſchlauen Martin war dieſes romantiſche Minne⸗ thum bis jetzt entgangen, und die junge ſchlanke Zigeune⸗ rin wußte nichts von ihres Geliebten Umgang mit der ſchoͤnen Koͤnigswittwe. Dagegen kannte auch Raimund 128 Der große Reichstag zu Augsburg Mohr Martins Plaͤne nicht. Nur die alte Karacha hatte alle dieſe verborgenen Faͤden in der Hand, und Reginas ſtilles tiefes Gemüth ahnete, daß nicht Alles war, wie es ſein ſollte. Sie ſah ſich von ihrem Verlobten vernachlaͤſ⸗ ſigt, ſie erbebte innerlich vor der duͤſtern Glut, die aus ſeinen Augen herausſchlug, und hatte gar keine Freude an den großartigen Anſtalten, die zu ihrer Hochzeit gemacht wurden. Ihr ſtiller ſchoͤner Eifer ging auf die Pflege und Wartung ihrer Großtante Sibylle, welche faſt immer kraͤnklich war. Am wenigſten von Allen wußte der Kai⸗ ſerz denn er kannte nicht einmal Raimund Mohrs Her⸗ kunft, mit dem er doch in ſchier tägliche Beruͤhrung kam; er ahnete auch nichts, er hatte keine zu Ahnungen geneigte Seele. Martin verbarg unter der Huͤlle kalter Gleichgultigkeit ein leidenſchaftlich tobendes Herz. Er hatte fuͤr die Koͤni⸗ gin Maria Alles gethan, was ſie gewuͤnſcht und nicht ge⸗ wuͤnſcht; er hatte gehofft, ſie werde aus Erkenntlichkeit nun auch fuͤr ihn thun, was er ſo ſehnlichſt wuͤnſchte, aber er wartete vergebens, und ſchon war der Tag feſtge⸗ ſetzt, an welchem die von ihm mit ſo heißer Glut— deſto heißer, je verſchloſſener er ſie hielt— geliebte Regina Raimunds Gattin werden ſollte. Er hatte nicht genug bedacht, daß Koͤnige und Koͤniginnen nur in ſeltnen Fallen fuͤr geleiſtete Dienſte warhaft dankbar zu ſein pflegen, und daß Maria viel zu ſehr mit ihren eignen weitgreifenden und hochfliegenden Plänen beſchaͤftigt war, um an die und der Zug nach Tunis. 129 ſeinigen denken zu koͤnnen, die ſie eben nicht ſonderlich in⸗ tereſſiren konnten. Seine Unruhe wuchs von Tag zu Tagz er begriff, daß er durchaus etwas Entſchiedenes thun muͤßte, wollte er nicht Reginen und eigentlich Alles verlie⸗ ren, aber er konnte nicht mit ſich klar werden, was eigent⸗ lich zu thun ſei.— Die Huͤlfe ſollte ihm von außen kom⸗ men. Bruͤtend ſaß er eines Abend auf ſeinem Zimmer. Da wurde die Thuͤre leiſe aufgethan, und Karachas alte haͤßliche und verknoͤcherte Geſtalt humpelte herein. „Herr Martin van der Voort,“ huͤſtelte ſie,„ich komme zu Euch, als Botin einer wichtigen Perſon, die Euch in Euern eignen Angelegenheiten ſprechen muß, aber durchaus nicht zu Euch in dieſes Haus kommen kann. Es ſollen Euch Dinge von großer Bedeutung fuͤr Euch mitgetheilt werden; deshalb werdet Ihr erſucht, mir zu folgen. Ich werde Euch an einen ſichern Ort fuͤhren, wo Ihr dieſe Mittheilungen entgegen nehmen koͤnnt.“ „Wer iſt die Perſon?“ fragte Martin. „Ihr werdet ſie ſelbſt ſehen.“ „Iſt es ein Mann oder eine Frau?“ „Ein Mann, mein Junge. Eure Unſchuld ſoll nicht in Verſuchung gefuͤhrt werden. Kommt nur, die Sache hat Eile.“ Martin bruͤckte ſeinen Hut tief ins Geſicht, warf ſeinen ſpaniſchen Mantel um und folgte der greiſen Zigeu⸗ nerin.— Sie leitete ihn in ihre verſteckte Herberge. Hier ſchob ſie ihn in eine duͤſtre Kammer und druckte die Ein deutſcher Leinweber. K. 130 5 Der große Reichstag zu Augsburg Thuͤre hinter ihm zu. Ein Mann in unſcheinbarer buͤrger⸗ licher Tracht erhob ſich von einer Bank und trat auf ihn zu. Beim duͤrftigen Schein des trubbrennenden Holz⸗ ſpans, der in der ruſigen Wand ſteckte, erkannte er— ſeine Mutter. Ein jaͤher Schrecken fuhr ihm durch Herz und Glieder. Sie, die Gefuͤrchtete, hatte er am wenig⸗ ſten hier erwartet. Der Gedanke an die Moglichkeit, daß ſie jemals zu ihm zuruͤckkehren koͤnnte, hatte ihn ſchon be⸗ bend gemacht. Er nahm ihre dargebotne Hand mit einem furchtſam⸗ wehmuͤthig⸗bittern Gefuͤhl; denn er hatte die Ahnung, daß er nun wieder ihrem furchtbaren daͤmoniſchen Einfluß auf ihn verfallen ſei, und daß es ihm nicht moͤglich werden werde, ſich demſelben zu entziehen. Es erging ihm, als er ihr in das tuͤckiſch laͤchelnde Auge ſah, wie dem Vogel der Klapperſchlange gegenuͤber, der keinen Verſuch macht ſeine Fluͤgel zu gebrauchen und dem bezaubernden Blicke zu entfliehen. „Du zitterſt ja wie ein Espenlaub, Knabe!“ lachte die ſchlimme Frau hoͤhniſch.„Iſt das ein Beweis von Deinem boͤſen Gewiſſen? Komm' ich Dir etwa unge⸗ legen? Haſt Dich vielleicht mit unſern Feinden verſoͤhnt und ſtreichſt ihnen dienſtfertig das Katzenfell?“ „Wohin denkt Ihr, Mutter!“ ſtammelte der Er⸗ ſchrockne ſich zuſammennehmend, ſo gut er es vermochte. „Wie koͤnnt' ich nach dem Eide, den ich Euch vor fuͤnf Jahren auf dem Haſenhoſe in der Mitternacht geſchworen, und der Zug nach Tunis. 131 jemals daran denken, Euch und Euern Planen untreu zu werden?“ „Es wuͤrde auch Dein ſicheres Verderben ſein. In dieſem Falle haͤtte ich, wie ich Dir ſchon damals zuſchwur, keine Gnade und Barmherzigkeit mit Dir. Du muͤßteſt von meiner Hand ſterben, und wenn ich kein Meſſer mehr haͤtte, um Dich abzuſchlachten, ſo wuͤrde ich doch noch Kraft haben, Dich mit den Haͤnden zu erwuͤrgen, und waͤre auch die mir ausgegangen, ich wuͤrde Dir Brod und Wein vergiften. Denn nichts Schlimmeres koͤnnte mir begegnen, als Dich im Dienſt derjenigen zu ſehen, die ich mit unausloſchlichem Haß verfolge, ſo lange mir der Athem ein⸗ und ausgeht.“ Ein leiſer Schauder lief durch Martins Gebeine. „Genug davon!“ fuhr ſie fort.„Es haͤtte mir keine groͤßere Freude begegnen koͤnnen, als hier, gleich nach mei⸗ ner Ankunft zu erfahren, daß Du endlich von Deinem geiſtigen Siechthume geneſen biſt. In der That, Deine verdammte dumme Krankheit hat mir manchen ſchlechten Strich durch manche gute Rechnung gemacht. Doch das laͤßt ſich Alles nachholen. Ich hoffe, Du biſt ſeit Deiner Geneſung fur unſte Zwecke nicht unthätig geweſen. Was haſt Du mir daruͤber zu berichten? „Viel. Es laͤßt ſich heute Abend, da es ſchon ſpaͤt iſt, und ich bald wieder auf dem Platze ſein muß, nicht berichten. Deshalb ſagt mir lieber zuvorderſt, wo Ihr Euch die letzten Jahre uͤber, ſeit ich Euch nicht geſehen, 9* — 132 Der große Reichstag zu Augsburg aufgehalten, wie Ihr gelebt und was Ihr getrieben habt, endlich, woher Ihr jetzt kommt, und was Ihr hier beab⸗ ſichtigt?“ „Du fragſt viel und thöricht, wie ein Kind, ſtatt mir zu antworten und Bericht zu geben. Doch will ich Dir kurz ſagen, was Du zu wiſſen verlangſt. Ich habe ab⸗ wechſelnd in Algier bei meiner edlen Freundin Suleima und in Stambul im Harem des Großſultan bei der ſchoͤ⸗ nen Ropelane gelebt; ich habe Ungarn durchwandert und die Kriegszuͤge des Sultans nach Ungarn und Oeſtreich mitgemacht. Aber auch in Spanien bin ich wieder gewe⸗ ſen unter den Mauren in Granada und Cordova und unter den Zigeunern in Andaluſien. Und uͤberall habe ich fuͤr unſere Zwecke gewirkt. Jetzt komme ich aus Ofen, wo ich mich beim Koͤnig Johann einige Zeit aufgehalten habe, und bin hier als Berichterſtatter des Großſultans und des Ungarnkoͤnigs. Ich hoffe, daß die Fuͤrſten hier ſo anein⸗ andergerathen, daß die Kriegsflamme bald uͤber ganz Deutſchland loht. Dann iſt endlich unſre Erntezeit ge⸗ kommen. Doktor Luther iſt unſer beſter Verbuͤndeter, obgleich er nichts vom Dreinſchlagen wiſſen will. Das wird ſchon ohne ihn kommen, dafuͤr buͤrgt mir der Land⸗ graf, der Hitzkopf. Bald wird Alles drunter und druber gehen und den faulen Pfaffen, die ſich wieder ſo ſicher duͤnken, wie in Abrahams Schooß, die fetten Hälſe gebro⸗ chen werden. Die Fuͤrſten muͤſſen ſich einander todt⸗ ſchlagen; den Kaiſer ſchlagen wir dann todt. So wird's, und der Zug nach Tunis. 133 ſo muß es kommen. Mit den Spionen des Franzoſen⸗ koͤnigs habe ich mich ſchon in Verbindung geſetzt, und wahrſcheinlich gehe ich von hier nach Paris zum Koͤnig. Es kommt darauf an, wie die Sachen hier verlaufen.— Was weißt Du?“ „Der Kaiſer will Alles im Stillen für ſich vermit⸗ teln und dann ſeinen Bruder zum deutſchen König kroͤnen laſſen und mit einem mächtigen Kriegsheere nach Ungarn fuͤhren.“ „Das wird nimmer geſchehen. Er iſt oft im Hauſe Anton Fuggers. Man vermuthet, daß er dort mehr thut, als Beſuche bei ſeiner Schweſter machen. Was weißt Du daruͤber?“ „Er hat eine geheime Kanzlei im Hauſe, wo er die wichtigſten Dokumente ausfertigen laßt. Es wird ſehr geheimnißvoll betrieben.“ „Haſt Du ſchon Einſicht genommen in ſolche Do⸗ kumente?“ „Nein. Wie koͤnnte ich? Kein Menſch außer dem Kaiſer, Anton Fugger und Raimund Mohr darf das Zim⸗ mer betreten.“ „Du mußt es betreten; Du mußt die Schreibereien leſen! Ich befehle es Dir! Wozu biſt Du hier, Schwach⸗ kopf, wenn Du nicht fuͤr mich arbeiteſt? Verſchaffe Dir einen Nachſchluͤſſel und geh' Nachts auf die Kanzlei⸗ ſtube.“ „Raimund Mohr ſchlaͤft dort und bewacht ſie.“ 134 Der große Reichstag zu Augsburg „So gib ihm einen Schlaftrunk ein. Karacha ſoll ihn Dir brauen. Ich erkenne keine Entſchuldigung an. Wenn es gilt, das öſtreichiſche Haus zu ſtuͤrzen und zu verderben, mußt Du das Unmoͤgliche moͤglich machen⸗ Denn ich will es.“ Martin verſprach Alles, was ſeine Mutter, von ihm forderte. Er fuͤhlte wieder ihre Gewalt, wie das ſtaͤrkſte Roß die des guten Reiters. Aber ſo ſehr er ſich vor ihr furchtete, ſo konnte ſie doch mit aller ihrer Macht uͤber ihn nicht verhindern, daß er doch ſeinen eignen Gedanken und Plaͤnen nachhing. Und dieſe waren auf nichts Anderes gerichtet, als ſie dennoch zu hintergehen, ſein Gluͤck auf eigne Fauſt zu betreiben und bei der Koͤnigin Maria und Regina Turzoin ſeine Sache zu betreiben, dort ſeine Er⸗ hebung, hier ſeine Minnewerbung, und dann, wenn er ſein glaͤnzendes Ziel erreicht, ſeine Mutter, auf welche Weiſe es auch ſei, unſchaͤdlich zu machen. Vielleicht ahnete ſie ſeine ihr ſo feindſeligen Gedanken; denn ſie ent⸗ ließ ihn mit fuͤrchterlichen Drohungen, falls er ihr nicht gehorche und befahl ihm einen Abend um den andern ihr Bericht abzuſtatten. Im Gaden, wenn man den weiten Raum ſo nennen durfte, der freilich mehr einem Stalle glich, war es ſtockfinſter; denn die Zigeuner waren ausge⸗ flogen und Martin tappte umher nach dem Ausgang. Er hatte nicht den Muth, ſeine Mutter zu bitten, daß ſie ihm mit dem Kiehnſpan leuchte. Ein ſchwacher Lichtſtrahl fiel durch eine Thuͤrklinſe und lockte ihn an. Er trat hinzu, und der Zug nach Tunis. 135 legte das Auge an den ſchmalen Spalt und erblickte zu ſeinem Erſtaunen Raimund Mohr und die ſchoͤne Zigeuner⸗ prinzeſſin auf einer Bank Arm in Arm ſitzen und ſich ge⸗ genſeitig zaͤrtlich abkuͤſſen. Dazu vernahm ſein feines Ohr das ſußeſte Liebesgeſchwaͤtz, das ein paar Verliebte nur fuh⸗ ren koͤnnen. Der vorſichtige Schleicher hielt ſich nicht lange aufz er hatte genug geſehen und gehoͤrt, und die un⸗ erwartete Entdeckung wog ihm den Verdruß auf, den ihm der gezwungene Beſuch bei ſeiner Mutter verurſacht hatte. Er fand die Thuͤr gluͤcklich und war nach einigen Augen⸗ blicken unbemerkt auf der Straße. Ueuntes Rapitel. Am andern Morgen nach dem Gottesdienſt— es war naͤmlich Sonntag— machte Martin einen Beſuch bei der alten Frau Sibylle Fugger, welche das Bett huͤtete. Die Geſtaltung der Vechaͤltniſſe draͤngte ihn zu raſchen ent⸗ ſcheidenden Schritten. Wie er erwartet, fand er die ſanfte Regina am Bette ihrer Großtante. Nachdem er ſich mit einſchmeichelnden theilnehmenden Worten nach dem Be⸗ finden der Kranken erkundigt und eine Menge Neuigkeiten ausgekramt hatte, welche das bunte Leben in der Stadt jetzt täglich bot, entſchlummerte die Alte. Jetzt fluͤſterte er Reginen zu, er habe auch ein paar Worte mit ihr allein zu ſprechen, die ſich auf ihr Schickſal bezoͤgen, an welchem er den waͤrmſten Antheil nehme. Sie fuͤhrte ihn in ein andres Zimmer. „Es iſt nicht allein die heilige Pflicht der Dankbarkeit, und der Zug nach Tunis. 137 die ich dem Hauſe Fugger ſchulde,“ begann er mit jenem ſußlichen heuchleriſchen Schmeichelton, womit er alle an Kopf und Herz beſchraͤnkten Menſchen kirrte,„es iſt auch die ganz beſondre Verehrung und Hochachtung, die ich Euern ausgezeichneten Tugenden und edlem Weſen zu zollen, mich ſchon laͤngſt angetrieben fuͤhle, es iſt, wie ich Euch vorhin ſchon ſagte, die lebendigſte Theilnahme an Euch und Euerm Geſchick, daß ich mich erkuͤhne, ein Frage an Euch zu richten, die mir in meiner untergeord⸗ neten Stellung freilich nicht zukommt. Aber ich bin von Euerm edlen hochherzigen Gemuͤth überzeugt, daß es mich aus den angefuͤhrten Gruͤnden entſchuldigen wird, daß Euer ſchoͤnes, nur tugendſamen Regungen und keiner ge⸗ meinen Leidenſchaft zugaͤngliches Herz, mir darob nicht zuͤrnen wird, ja nicht zuͤrnen kann.—“ „Ich bitt' Euch, kommt zur Sache, Herr van der Voort,“ unterbrach Regina dieſen Wortſchwall, der ihr, wie das ſůßliche Weſen des Sprechers, von deſſen Falſch⸗ heit ſie ein beſtimmtes untrugliches Gefuhl hatte, ſehr zuwider war. Durch dieſe eben nicht freundliche Aufforderung etwas verlegen gemacht, fuhr er mit weniger Sicherheit fort: „Der Tag Euerer Verbindung mit Raimund Mohr fuͤr die ganze Lebenszeit ruckt ſchnell und ſchneller heran, und meine ſtille Beſorgniß, die ich zeither tief im Herzen ver⸗ ſchloß, ſteigt in gleichem Grade. Die Angſt ſprengt mir endlich das Siegel von Herz und Mund; eine un⸗ 138 Der große Reichstag zu Augsburg widerſtehliche Gewalt draͤngt mich Euch zu fragen: Habt Ihr zeither an Euerm Verlobten keine Veraͤnderung wahr⸗ genommen?“ Regina erſchrak; auch ihr ſtieg eine zeither nur ſtill und unbewußt in ihr lebende Angſt ploͤtzlich als drohendes Geſpenſt in der Seele auf. Sie ſah es mit dem innern Auge und erblaßte vor ſeinem Anblick. Sie wußte auch, daß Martin recht hatte, in dem, was ſeiner Frage zu Grunde lag, aber ſie war zu gleicher Zeit empoͤrt, daß er ſich ihr als Vertrauter aufdringen wollte. Und doch mußte ſie wiſſen, was er wußte, und um jeden Preis, ſelbſt um den hoͤchſten und theuerſten, klar ſehen. Sie antwortete daher mit Vorſicht, obgleich ihre Stimme vor Aufregung zitterte:„Welche Veraͤnderung koönnt Ihr meinen? Die Zerſtreuungen des Reichstags und die be⸗ ſondern Geſchaͤfte, die ihm uͤbertragen worden ſind, haben allerdings auf ihn gewirkt. Er hat viel von ſeiner Mun⸗ terkeit verloren“ „O, wenn es die Munterkeit allein waͤre! Die ließe ſich wohl wieder beibringen. Ich fuͤrchte, er hat etwas Koſtbareres verloren, was Euch ganz allein angeht.“ „Was meint Ihr fuͤr einen Verluſt?“ „Fraͤulein Regina, ſeid Ihr uͤberzeugt, daß Euch Rai⸗ mund wirklich jemals geliebt hat?“ „Welche Frage, Herr Martin van der Voort!“ „Ich kann mir naͤmlich nicht denken, daß ein Mann, deſſen Herz einmal in hoher Liebe fuͤr einen Engel, wie ———— und der Zug nach Tunis. 139 Ihr ſeid, ergluͤhte, jemals aufhoͤren koͤnnte ſolch ein hohes reines Weſen mit allen Trieben ſeiner Seele zu lieben. Wenigſtens mich koͤnnte nichts verlocken, wenn ich des hoͤchſten Gluͤcks eines ſolchen Beſitzes gewuͤrdigt waͤre. Wenn ich einen Paradiesgarten mein nennen duͤrfte, wie koͤnnte mir einfallen zur Luſt in einem Sumpfe zu waten?“ „Ihr ſprecht raͤthſelhaft. Haͤtte Raimund vergeſſen, daß ich— ſeine Braut bin?“ „Ich muß an dem Glauben feſthalten, daß er Euch nie geliebt hat, und daß nur die Dankbarkeit, die er dem Hauſe Fugger ſchuldet—“ „Mir ein Opfer bringe!“ unterbrach ihn Regina mit einem ſchmerzlichen Schrei, der ihre erkuͤnſtelte Faſſung vernichtete.„Ein Opfer von Raimund anzunehmen, iſt Regina Turzoin zu ſtolz. Nicht die Pflicht der Dankbar⸗ keit, nur die Liebe ſoll ihn an mich feſſeln.“ „Ich ſchwoͤre Euch zu, die Liebe thut es nicht. Und die Dankbarkeit wuͤrde ſich in ihr Gegentheil verkehren, wenn er erfuhre, wer ſeine Eltern geweſen ſind. Wahrlich, Ihr ginget dem traurigſten Leben entgegen; denn er wuͤrde das Geheimniß ſeiner Geburt doch erfahren, ſo ſorgfaltig man es ihm auch zu verbergen ſucht.“ „Ihr kennt dieſes Geheimniß und wart deshalb in Kremnitz.“ „Ich kenne es und war deshalb dort.“ 140 Der große Reichstag zu Augsburg „Werdet Ihr mir es anvertrauen, wenn ich Euch darum bitte?“ „Gewiß nicht, ſo lange Ihr noch an Raimunds Liebe glaubt und mich im Herzen fuͤr einen boͤſen Verlaͤumder aus eigennuͤtzigen Abſichten haltet. Denn es kann Euch nicht verborgen geblieben ſein, daß mein Herz in wahrer und aufrichtiger Minne fuͤr Euch ſchlug ſeit den Tagen, wo Ihr wie ein helfender Engel an meinem Krankenbette waltetet. Die aufrichtige Bewundrung Eurer Tugenden wurde zur ſtillen, aber heißen Liebe. Aber ich war geiſtes⸗ krank und Ihr die Verlobte eines Andern. Jetzt bin ich geſund und habe die Ueberzeugung erlangt, daß Euer Ver⸗ lobter Euch nicht liebt, wie man eine Gattin lieben muß. Und es iſt wahrlich nicht das geringe Loos eines Buchhal⸗ ters, auf der Fuggerſchen Schreibſtube, daß ich dem Fraͤu⸗ lein Turzoin biete. Auch ich bin nicht, der ich ſcheine. In Kurzem werdet Ihr erfahren, daß ich Perſonen nah verwandt bin, an deren hoher Stellung Ihr jetzt ſtaunend hinauf ſeht. Aber nicht eher werde ich um Eure Hand werben, als bis Ihr Euch von Raimunds Untreue uͤber⸗ zeugt habt, und ich Euch ein glaͤnzendes Loos, wuͤrdig des Hauſes Turzoin bereiten kann.“ „Wohl! Gebt mir klare Ueberzeugung, daß Raimund falſch iſt!“ „So ruͤſtet Euch, mir dieſen Abend, in guter Ver⸗ huͤllung, an einen Ort zu folgen, wo Ihr Raimunden in den Armen einer Zigeunerin ſehen ſollt.“ und der Zug nach Tunis. 141 Als der ſchlaue Schleicher fort war, uͤberließ ſich Re⸗ gina den Ausbruͤchen ihres heftigen Schmerzes. Sie weinte lange und troſtlos. Aber mit dieſen Thränen trug ſie auch ihrer menſchlichen, ihrer weiblichen Natur den Zoll ab. Sobald ſie ſich ausgeweint hatte, war ſie wieder ſtark und groͤßer als erſt. Ihre Seele war gewachſen; ſie hatte ihren Entſchluß gefaßt, und ſie wußte auch, daß nichts im Stande ſein wurde ihn zu erſchuͤttern. Sie fuͤhlte ſich feſt genug, ihren Leidenskelch bis zum herben Bodenſatz zu lesken; fie wollte ſich von des Geliebten Falſchheit uͤber⸗ zeugen und dann den Umſtaͤnden gemaͤß handeln. Darum hatte ſie Martinen die Begleitung zugeſagt und traf nun die Anſtalten dazu. * Zehntes Kapitel. Am Nachmittag deſſelben Sonntags ſchritt der Stall⸗ meiſter des Kaiſers, Antonio Cebes, haſtig nach der Vor⸗ ſtadt und der verſteckten Zigeunerherberge zu. Ihm zur Seite lief der junge Zigeuner Juſſuf, der Sohn ſeines Bruders Jayme. Der junge Menſch ſchwatzte viel und heftig auf ſeinen Ohm hinein, worauf dieſer weiter nichts erwiederte, als ihm dann und wann muͤrriſch Schweigen aufzuerlegen. Sie traten in die duͤſtre Spelunke und fan⸗ den Karacha allein. Die vierachtzigjahrige Altmutter wohnte den Taͤnzen und Spielen ihrer Leute auf den Straßen nicht bei. Sie pflegte am Tage der Ruhe und machte nur Abends ihre geheimen Ausgaͤnge und Geſchaͤfte. „Iſt Nazzi zu Hauſe?“ fragte Toni die Alte fluͤſternd indem er auf Eleonorens Kammer deutete. und der Zug nach Tunis. 143 „Er wird bald ausgehen. Haſt Du mit mir allein zu reden?“—„Ja!“—„So verziehe ein wenig.“ Der Stallmeiſter ſetzte ſich ſchweigend auf eine Bank. Juſſuf lief ungeduldig vor die Thuͤre. Nach einer Viertelſtunde wurde die Kammerthuͤr ge⸗ oͤffnet, und ein dem Anſehen nach alter Mann trat heraus. Kinn und Mund waren in einen ſchwarzen mit ſtarkem Grau vermiſchten ſtruppigen großen Bart gehuͤllt. Ein gleiches Haupthaar hing ihm unter dem breiten nieder⸗ laͤndiſchen Hut hervor. Was man vom Geſicht ſah, hatte eine dunkelgraue Farbe und war voller Runzeln. Der An⸗ zug war gemein und ſchmutzig. Die gebeugte Geſtalt war auf einen Stab geſtuͤtzt. Niemand, ſelbſt ihr eigner Sohn nicht, haͤtte in dieſem Greiſe Frau Eleonore van der Voort erkannt. In dieſer Umwandlung ging ſie ihre Kundſchaftswege. Toni trat auf das abenteuerliche Weib in der ſeltſamen Vermummung zu und begruͤßte ſie. Sie fluſterten einige Minuten heimlich zuſammen; dann verließ Eleonore das Haus, und Toni begab ſich zu dem duͤrftigen Lager, auf welchem ſeine Großmutter ruhete. „Du biſt auch von ihr gewonnen,“ ſagte die Alte. „Du haſt es mir in Bologna zu verhehlen geſucht, aber ich habe daruͤber nachgedacht, ob Du nicht um die Gallerie wußteſt, auf welcher der Kaiſer erſchlagen werden ſollte. Daß ſie die Hand dabei im Spiele hatte, iſt fur mich kein Zweifel; denn ſie war erſt in Florenz, und der Baumeiſter 144 Der große Reichstag zu Augsburg der Gallerie wurde von Florentinern beſtochen, oder war ſelbſt ein Florentiner. Nicht wahr ſo iſt's? Geſteh' es ur: ihr wart beide dabei betheiligt, Du und ſie?“ „Kennt Ihr denn alle großen und herrlichen Plaͤne dieſer großen und herrlichen Frau?“ fragte Toni aus⸗ weichend. „Was iſt daran?“ verſetzte die Alte aͤrgerlich.„Sie will ihre Rache kuͤhlen an Leuten, die ihr kein Leids zugefugt. Mag ſie's, es geht mich nichts an. Aber Großes und Herrliches iſt dabei nicht. Die edle Suleima iſt ihre Freundin und hat ſie an Zaroya empfohlen. Sie iſt unſre Gaſtfreundin, und wir ſind ihr Schutz und Bei⸗ ſtand ſchuldig. Ihr Thun und Treiben kuͤmmert uns nicht. Aber wenn ſie Dir den Kopf verruͤckt und Dich zu undankbaren und ſchlechten Handlungen gegen den Kaiſer verfuͤhrt, ſo iſt mir das nicht einerlei.“ „Seht, Ihr kennt Ihre Plaͤne nicht, ſonſt n nicht ſo geringſchatzig von ihr reden.“ „Mein Bub', ich kenne ſie. Sie will den Kuiſer ſtuͤr⸗ zen und ſein Haus; ſie will den Pfaffen die Hälſe brechen und das ganze Chriſtenthum vernichten. Ueber Deutſch⸗ land ſoll Suleiman herrſchen, uͤber Spanien Chair Eddin. Wem ſie Italien und Frankreich zugetheilt hat, weiß ich nicht, aber Fuͤrſten gewiß nicht. Uns koͤnnt' es ſchon recht ſein. Was geht uns das Chriſtenthum an? Aber ſie iſt doch ein verruͤcktes Weib.“ „Ich dachte mir's wohl, daß Ihr nicht Alles viß und der Zug nach Tunis. 145 Mit Chair Eddins und Suleimas Huͤlfe will ſie auch unſerm armen zertretenen und zerſtreuten Volke zu neuem Glanze und zu Macht und Groͤße verhelfen.“ „Und Dich zum Koͤnig machen, zum Sultan! Hes Iſt's nicht ſo? Dir Italien ſchenken und Rom zu Deiner Reſidenz?“ „Warum ſoll ich zum Koͤnig nicht ſo gut das Zeug haben, wie irgend ein andrer Kronenträger? Ich denke, ich hab' es mehr, als Alle.“ „in praͤchtiger Lumpenkoͤnig! S Poſſen das!“ hoͤhnte Karacha. „Kuͤhn ſind die Plaͤne, aber nicht dumm. Die deut⸗ ſchen Fuͤrſten kommen täglich hier hitziger aneinander⸗ Zuletzt muͤſſen ſie das Schwert ziehen und ſich gegenſeitig auf Tod und Leben bekaͤmpfen. Gleich wird's auch in Italien losgehen; denn das Joch des Kaiſers iſt den Italienern unerträglich, und der Franzoſenkoͤnig ſchuͤrt das Feuer. In Spanien wird ſich das gemeine Volk erhe⸗ ben. In Deutſchland wird der Bauer aufſtehen. Das Jahr 1530 iſt als das der großen Rache und Umwaͤlzung prophezeit. Suleiman uͤberzieht mit furchtbarer Heeres⸗ macht Deutſchland und Italien. Chair Eddin fuͤhrt auf ſeiner Flotte die Mauren von Afrika heruͤber; die Mauren in Spanien machen ihm leichte Arheit. Unſer Volk wird ſich unter der Fahne des Propheten ſammeln und ſeine Rolle ſpielen.“ „Das iſt in Euern Köpfen Alles fertig, und der Ein deutſcher Leinweber. IX. 10 146 Der große Reich stag zu Augsburg Kaiſermord, womit ihr in Bologna anfangen wolltet, miß⸗ gluckte gleich. Du haſt Eins nicht bedacht, daß nicht alle Leute denken wie Du und ſie. Du hatteſt Sonaca in die Karte ſehen laſſen, und ſie hatte nichts Eiligeres zu thun, als den Kaiſer zu warnen, den ſie noch eben ſo heiß liebte, als ſonſt.“ „Dafuͤr ward ſie auch von der Gallerie erſchlagen,“ lachte Toni boshaft.„So muͤſſe es Allen ergehen, die ſich an dieſe uͤbermuͤthigen Großen wegwerfen. Sonaca hat mir mein Leben verdorben; ſie hat ihren Lohn dahin. Ich werde es dem Kaiſer nie vergeſſen, daß er mir ihre Liebe ſtahl. Die Rache hat noch nicht eine Stunde in mir geſchlafen. Und wenn er mich zum Großſtallmeiſter erhoͤbe, meine Gedanken wuͤrden blutige Rache ſein. Ich gehoͤre den Voͤlkern an, die zu Allah beten, und die berufen ſind, der Chriſtenluͤge ein Ende zu machen.“ „Es wird Dir den Kopf koſten,“ ſagte die Greiſin gleichguͤltig. „Ich muß ein andres Wort mit Euch reden,“ fuhr der Stallmeiſter fort. „Der Raimund Mohr liebt Carlotten, ich bin ihm treu ergeben, weil er ein Sohn jenes Volkes iſt, das, unter den eiſernen Fuß der Chriſten geworfen, knirſcht und mit 3 ſeinen Bruͤdern in Afrika ſich zur Abwerfung der Gewalt erheben wird. Seit ich von Euch erfahren, daß er ein mauriſcher Fuͤrſt iſt, hing mein Herz mit zwiefacher Liebe an ihm; denn ich liebte ihn ſchon als Knaben, als ich noch ——— und der Zug nach Tunis. 147 nicht wußte, wer er war. Ich beguͤnſtige ſeine Liebe zu Carlotten; denn eine Verbindung zwiſchen ihnen paßt ganz in meinen und Nazzis Plan. Dadurch wird mein Volk mit dem ſeinigen eng verbunden. Und Ihr ſelbſt habt dieſe Liebe beguͤnſtigt. Ich ſuchte Juſſuf, der in das Maͤdchen verliebt iſt, wie ich es in ihre Mutter war, auf alle Weiſe zu beſchwichtigen; ich troſtete ihn mit meinem eignen Beiſpiel. Ihr ſelbſt wieſet Juſſufen ſtreng zuruͤck und nahmt ihm alle Hoffnung auf Carlottas Beſitz, gerade wie Ihr einſt mit mir verfuhrt. Und nun hoͤre ich mit Befremden, daß der Wind ſich bei Euch gedreht hat. Ihr habt Juſſufen wieder Hoffnungen auf Carlotten gemacht; Ihr habt ihm geſagt, ſie werde nicht Raimunds Weib werden; er werde von ihr laſſen. Was ſoll das be⸗ deuten?“ „Das bedeutet, daß die Lage der Dinge ſich geaͤndert hat. Es iſt ein Plan im Werke, vernuͤnftiger als der Deinige, der unſerm Volke und den gedruͤckten Mauren in Spanien wahrhaft zum Heile gedeihen kann, was mit den tollen Traͤumereien Deiner Freundin nie der Fall ſein wuͤrde. Zwar wirſt Du nicht Konig werden, aber Du biſt dazu auch verdorben. Dafuͤr wird es Raimund wer⸗ den, und ihm gebuͤhrt die Krone.“ „Was iſt's fuͤr ein Plan? Welche Krone habt Ihr meinem Schuͤtzling Raimund zugedacht?“ „Du haſt mir den Eurigen mitgetheilt, den ich ver⸗ werfen muß. Dafuͤr will ich Dir den nicht verſchweigen, 10* 148 Der große Reichstag zu Augsburg zu welchem ich halte, uud ich hoffe Dich dazu zu bekehren, weil er vernuͤnftig und ausfuͤhrbar iſt. Die Koͤnigin Maria liebt Raimund Mohrenz ſie weiß, wever iſt, und will ihn zum Koͤnig von Granada, ſich zu ſeiner Koͤnigin ma⸗ chen. Sie hat ſich mir anvertraut und mich um meine Mitwirkung erſucht. Ich habe ihr meine Huͤlfe zugeſagt; denn aus der Verwirklichung dieſes Plans werden fuͤr uns die groͤßten Vortheile entſpringen.“ Toni war beſtuͤrzt uͤber dieſe Mittheilung, aber er ver⸗ barg der Großmutter ſeine innere Bewegung. Wenn auch nicht gerade zuſtimmend, aͤußerte er ſich doch auch nicht gegen dieſen Plan.„Von Gluͤck und Zufall, von Klug⸗ heit und kraͤftiger That wird es abhaͤngen, welcher von beiden Plaͤnen gelingen ſoll.— Ich will Euch nicht ent⸗ gegen ſein, und Nazzi ſoll nichts von der Liebe der Koͤnigin Maria erfahren. Doch nun noch Eins. Mein Vater iſt hier angekommen. Ihr wißt, er ſteht im Sold des Koͤnigs Ferdinand. Seine Zwecke ſind nicht die meinigen. Aber er iſt mein Vater. Er iſt Euer Sohn. Er iſt ſtets ſeinen eignen Weg gegangen. Er und Nazzi ſind die bitterſten Feinde. Wir muͤſſen ſie von einander fern halten. Deshalb wird Euch der Alte nur dann beſuchen, wenn Nazzi nicht zu Hauſe iſt. Ich bitt' Euch jeden Hader zwiſchen den Beiden zu verhuͤten.“ „Ich werde thun, wie Du wuͤnſcheſt. Mir liegt ſelbſt daran, daß ſie einander nicht treffen; denn ich muͤßte auf und der Zug nach Tunis. 149 Seiten des wilden Weibes ſtehen, weil ſie unſre Gaſt⸗ freundin iſt.“— Waäͤhrend dieſer lebhaft gefuͤhrten Unterhaltung war es Abend geworden, und Toni nahm mit der Alten eben einen Imbiß ein, als mehre Zigeuner und Zigeunerinnen athemlos hereinſtuͤrzten und verkuͤndeten, Carlotta ſei ſo eben von mehren bewaffneten Männern geraubt worden, und die Schergen hätten jedem mit dem Tode gedroht, der ihnen folgen wuͤrde. Es kamen immer mehr, die Beſtuͤr⸗ zung war allgemein. Juſſuf ſchwur wuͤthend Raimund Mohren den Tod; denn Niemand weiter als er habe den Raub ausfuͤhren laſſen. Toni eilte endlich fort, um beim kaiſerlichen Stadtvogt den frechen Maͤdchenraub anzu⸗ zeigen. Die meiſten der Uebrigen liefen wieder fort, um eine Spur der Geraubten aufzuſuchen.— Bald trat auch Raimund Mohr arglos und voll Sehnſucht nach den Kuͤſſen des holden Madchens in das duͤſtre Neſt. Die Kunde von ihrer Entfuͤhrung wurde ihm aus Karachas Munde. Wie ein Verzweifelter ſturzte er fort mit dem Schwure, ſie zuruͤckzubringen und furchtbare Rache an dem Frevler zu nehmen. Draufen begegnete er ein paar verhuͤllten Geſtalten, auf die er nicht achtete, die ihn aber wohl erkannten. Es waren Martin und Regina. Zitternd hielt ſich die Schmerzvolle an des Schlauen Arm. Auch ſie erfuhren von dem Raube und verließen die unheimliche Herberge ſchnell wieder. Regina hatte genug geſehen und gehört. Auch ſie argwöhnte, daß Raimund den Raub bes 150 Der große Reichstag zu Augsburg Madchens veranlaßt habe, und Martin beſtaͤtigte ſie in dieſem Glauben. Sie verlebte eine ſchlimme troſtloſe Nacht, und fruͤh war ihr Kiſſen feucht geweint. Wie ſie den Juͤng⸗ ling ihrer Wahl geliebt, ſo tief, ſo rein, ſo innig, ſo liebte ihn weder die Koͤnigin noch Carlotta. Um ſo gewaltiger war aber auch ihr Schmerz, und um ſo erhabener der Sieg, den ſie uber denſelben davontrug. Elftes apitel. Die ſchlanke junge Zigeunerprinzeſſin hatte unter allen Standen nicht wenige feurige Anbeter gefunden, und wenn ſie auf der Straße tanzte, hielt wohl mancher der voruͤberreitenden Fürſten und Herrn das Pferd an und ließ den luͤſternen Blick ſchmunzelnd auf der lieblichen Ge⸗ ſtalt verweilen. Es hatte natuͤrlich auch nicht an ver— lockenden Antraͤgen gefehlt, die mit der reizendſten Un⸗ ſchuld und Natuͤrlichkeit zuruͤckgewieſen wurden. Die Silber⸗ und Goldſtuͤcke, die es nicht ſelten auf den Teller der Einſammlerin regnete, ließen ſich die Zigeuner wohl gefallen, und die andern huͤbſchen Taͤnzerinnen zeigten ſich gegen dringende Liebeswerbung gerade nicht ſproͤde, aber Carlotta war und blieb ein unzugaͤngliches Zauberſchloß, und mancher der hohen Herren, weltlichen und geiſtlichen Standes zog nicht ohne ſtillen Aerger nach vergeblichen 152 Der große Reichstag zu Augsburg Verſuchen, ſtuͤrmiſchen und ſanften, wieder ab. Ganz Augsburg ſprach von der jungen reizenden tugendhaften Zigeunerin, und die Abgewieſenen verbargen ihren Aerger in dem Ausſpruch: ſie ſei eben noch ein Kind. Aus den Niederlanden waren mit dem Koͤnig Chriſtiern von Daͤnemark und der zahlreichen Geſandtſchaft der Statthalterin auch mehre hohe Kirchenhaͤupter nach Augs⸗ burg gekommen. Darunter der mächtige Erzbiſchof-Kar⸗ dinal von Luttich, ein ſtattlicher ritterlicher Herr von ſtar⸗ kem Koͤrperbau mit hochrothem fleiſchigem Antlitz, ein mittler Funfziger, dem, wenn er zu Roß ſaß, kein Menſch den geiſtlichen Fuͤrſten anſah. Auch war in der That ſeine Fauſt geſchickter den Sperber zu tragen und das Jagdgeſchoß zu fuͤhren, als den Weihwedel zu ſchwingen und das Meßbuch zu durchblaͤttern. Auch war er ein minne- und weinfroͤhlicher Herr geweſen all ſein Lebtag und hatte in dieſen Kaͤmpfen glaͤnzende Siege davon ge⸗ tragen. Wenn er auch gerade kein Kirchenlicht war, ſo ging es an ſeinem Hofe doch keineswegs duͤſter zu. Schoͤne Frauen fuͤllten die Gemaͤcher ſeines Biſchofshofes, und gute Weine deren Keller. Die Gunſt des Koͤnigs Philipp hatte ihn zuerſt gefoͤrdert, dann hatte er durch ſein muntres Weſen der Statthalterin zu gefallen gewußt und war ſtets ein gern geſehener Gaſt an ihrem Hofe geweſen. So hatte er es vom Archidiakonus zu Antwerpen erſt zum Probſt in Bruͤſſel und nach und nach zum Exzbiſchof von Lüttich gebracht; der Papſt hatte ihm zuletzt den Kardi⸗ und der Zug nach Tunis. 153 nalshut verliehen.— Um beim Kaiſer nicht anzuſtoßen, hatte er kein Liebchen mitgebracht, uͤberzeugt, er werde in Augsburg eine koͤſtliche Auswahl finden fur Luſt und Be⸗ lieben. Als Kenner weiblicher Schoͤnheit war ihm Car⸗ lottas Erſcheinung in den Straßen der Reichsſtadt beſon⸗ ders aufgefallen; er hatte ihrem Tanze mehr als einmal zugeſehen, und das Beſondere, Ungewoͤhnliche, Pikante an dieſem ſchlanken Zigeunerkinde reizte ihn ſo ſehr, daß er ohne Weiteres zu dem Beſchluſſe kam, die reizende Tan⸗ zerin fuͤr ſich zu gewinnen. Der geiſtliche Fuͤrſt konnte natuͤrlich nicht unter Carlottas Minnewerbern auftreten; auch hoͤrte er von ihrer ſtrengen Tugend. Dies fachte aber ſeine Flamme fuͤr ſie nur noch mehr anz er ertheilte ſeinen Knechten geheime Befehle, und das Madchen wurde von der Straße weggeraubt. Der minneluſtige Kardinal war ein alter Bekannter des Oberkaͤmmerers der Statthalterin, Marx von Buͤben⸗ hovens, und auf der Reiſe zum Reichstag und nach In⸗ ſpruck hatten ſie viel zuſammen verkehrt und die Nachther⸗ hergen getheilt. Dafuͤr beſtellte Buͤbenhoven dem Erz⸗ biſchof die Herberge in Augsburg, wo dieſer unbekannt war. Der Oberkämmerer brachte ſeinen fuͤrſtlichen Goͤn⸗ ner und Freund in demſelben Hauſe unter, wo er ſelbſt die Wohnung nahm, nämlich bei ſeinem Schwager Hierony⸗ mus Fugger. Hieronymus beſaß nämlich ein ſehr großes und geräumiges Haus, in welchem der ſtille und truͤbſin⸗ nige Mann mit geringer Dienerſchaft allein wirthſchaftete. 154 Der große Reichstag zu Augsburg Der uͤppige Erzbiſchof von Luͤttich fand darin den ſeinen Wuͤnſchen entſprechenden Platz. Der Erzbiſchof hatte ſeine Zeit fuͤr Carlottas Raub gut gewählt; Hieronymus Fugger und Buͤbenhoven waren zu einem Banket beim Buͤrgermeiſter Rehlinger gegangen; die erſchrockene Car⸗ lotta wurde ohne Aufſehen ins Haus und in ein nach dem Hofe abgelegenes Zimmer gebracht. Bald darauf trat der minneluſtige Kardinal im leichten Nachtgewande herein, ein paar brennende Kerzen tragend, welche ihm das ſchoͤne Kind in ſeinem verfuͤhreriſchen Schmerze zeigten. „Du haſt nicht Urſach zu weinen— und ich werde Deine Thranen zu ſtillen wiſſen,“ redete der Kirchenfurſt die jammernde Zigeunerin mit ſich uͤberſtuͤrzender Haſt und ſtoßweiſe hervorſprudelnden Worten an.„Was Dein kleines eitles Herz nur wuͤnſcht und begehrt— ſollſt Du in koſtlicher Fuͤlle haben— und brauchſt nicht mehr auf den Straßen zu tanzen— und Deine Reize den Blicken aller Neugierigen— fur ein paar Heller blos zu ſtellen.— Ich will Dich in Sammet und Seide kleiden— wie eine geborne Fuͤrſtin— und Du ſollſt auch die Fuͤrſtin meines Herzens ſein.— Ich will Dir einen ſchonen Zelter ſchen⸗ ken— da kannſt Du reiten, wann Du willſt.— Auch ein paar Guͤrtelmaͤgde will ich Dir halten.— Du ſollſt ſpeiſen wie eine Koͤnigin— der ſuͤßeſte Malvaſier ſoll im goldnen Becher vor Dir perlen.— Auf den weichſten Pfuͤlben ſollſt Du ſchlafen.“ „Ich verlange nichts von Euern Schätzen,“ weinte und der Zug nach Tunis. 155 Carlotta,„nur um das Eine beſchwore ich Euch, laßt mich los! Gebt mich frei! Erlaubt mir, zu den Meinigen zuruͤckzukehren!“ „Daß ich ein Narr waͤre!“ polterte der Biſchof. „Es wird Dir ſchon gefallen bei mir— doch greine nicht! — Ich kann das nicht leiden— Dein kleiner Mund wird viel beſſer thun, mich zu kuͤſſen—“ Aber Carlotta ſchluchzte und ſchrie nur noch jämmer⸗ licher, rang die Hände und geberdete ſich wie eine Verzwei⸗ felnde. Der Biſchof wurde davon vertrieben.„In ein paar Stunden,“ ſagte er abgehend,„wenn Du ausge⸗ greint haſt— will ich wiederkommen.— Da ſollſt Du Dich uͤberzeugen, wie gut ich's mit Dir meine.“ Ein Diener trat gleich darauf ein, deckte den Tiſch und brachte die leckerſten Speiſen und Weine. Dabeiruͤhmte er dem Maͤdchen die Guͤte und Liebe des Herrn auf die ubertriebenſte Weiſe und pries ſie glucklich, daß das Auge des Gnädigen wohlwollend auf ſie gefallen ſei. Carlotta antwortete keine Sylbe, ruͤhrte weder Speiſe noch Trank an und lief nur ſchreiend und ſtoͤhnend im Zimmer auf und ab. Sie verſuchte die Thuͤre zu oͤffnen, aber ſie war verſchloſſen. Die Fenſter vermochte ſie aufzuſchieben, doch die Tiefe und die Nacht gaͤhnten ſie draußen ſchauerlich an.— Um dieſelbe Zeit kehrte Buͤbenhoven von dem Banket nach Hauſe zuruͤck. Hieronymus hatte ſich von ihm ge⸗ trennt und war in das Katharinenkloſter gegangen, in deſſen Sprachzimmer er Sonntag Abends gewoͤhnlich eine 156 Der große Reichstag zu Augsburg Stunde in freundlicher Unterhaltung mit den Nonnen Jo⸗ hanna, Felicitas und Barbara zubrachte. Buͤbenhoven erfuhr von ſeinem Knechte, der allein zu Hauſe geweſen war, daß die Knechte des Kardinals ein weinendes Mädchen ins Haus geſchleppt, und er ſetzte hinzu, er moͤge ſchier darauf ſchwoͤren, es ſei die Zigeune⸗ rin geweſen, die durch ihren Tanz auf der Straße alle Welt entzuͤcke. Der Oberkaͤmmerer war uͤber dieſe Nach⸗ richt ſehr betroffen. Bald kam der Knecht wieder und be⸗ richtete, im Hofe hoͤre man deutlich das Wimmern, Schluchzen und Stoͤhnen des eingeſperrten Maͤdchens. Buͤbenhoven uͤberzeugte ſich ſelbſt und uberlegte eben, was er zu thun habe, als eine verhuͤllte Frau hereintrat. Sie warf den Mantel ab. Die Zigeunerin Zaroya ſtand vor ihm. Er hatte ſie ſchon geſprochen, ſeit er in Augsburg warz er konnte ſeine heiße ſchwaͤrmeriſche Jugendliebe nicht vergeſſen, und ſo oft er das Weib ſah, das ihn einſt als reizendes Mädchen mit ihrer Gegenliebe entzuckt hatte, ſchwelgte der ſanfte gemuͤthliche Poet in den ſeligſten Erin⸗ nerungen. Dann plauderte er mit ihr lange von der Ver⸗ gangenheit. Er nahm immer noch den regſten Antheil an ihr und ihrem Schickſale. Und ſie war immer noch eine intereſſante Frau, erſt dreiundvierzig Jahre alt, aber noch voll Leben und Beweglichkeit und mit der ganzen Wuͤrde ihrer Stellung angethan. „Carlotta iſt vor einer Stunde von Bewaffneten auf der Straße geraubt und entfuͤhrt worden,“ redete die — und der Zug nach Tunis 157 Zigeunerfuͤrſtin ängſtlich ihren ehemaligen Geliebten an, „Carlotta, Sonaca's Tochter, Deine Enkelin, und ich bin gekommen, Deine Huͤlfe, Deinen Beiſtand fuͤr ſie und uns anzurufen. Ich vermuthe, der Kaiſer hat ſie rauben laſſen, um ſie uns zu nehmen, aber er hat kein Recht auf ſie; weder Sonaca, noch ich, noch ſonſt Jemand von un⸗ ſern Leuten hat ihm jemals ein ſolches Recht zugeſtanden. Wir haben uns ſtets fern gehalten von ihm, um das Kind nicht durch ihn zu verlieren. Du mußt mit dem Kaiſer reden. Du mußt uns das Kind wieder verſchaffen!“ „Du biſt im Irrthum, Zaroya! Nicht der Kaiſer iſt der Raͤuber Deiner Enkeltochter. Einer ſolchen unedlen Handlung iſt er nicht faͤhig. Ein lͤſterner Pfaffe hat ſie geraubt, und ſie iſt Dir nahe. Sie iſt hier im Hauſe in der Gewalt des Erzbiſchofs von Luͤttich.“ „Ha, der alte Schelm! So komm mit mir, daß wir ſie ihm entreißen.“ „Das waͤre unklug. Er wuͤrde es laͤugnen und ſie ſchnell aus der Stadt fuhren laſſen. Wir muͤſſen mit Liſt gegen den ſtolzen und maͤchtigen Pfaffenfurſten ver⸗ fahren. Auch duͤrfen wir ihn nicht blos ſtellen; denn er ſteht in hoher Gunſt bei der Statthalterin, beim Kaiſer, beim Papſt. Was liegt an einem Minneabenteuer mit einem Zigeunermaͤdchen, auf das am Ende alle Schuld gewalzt wird? Der Kaiſer weiß ja nicht, wer ihm Carlotta iſt! Er weiß nichts von ihrem Leben. Darum 158 Der große Reichstag zu Augsburg Vorſicht. Wir duͤrfen nichts ohne den Hausherrn unter⸗ nehmen.“ „Aber wir muͤſſen raſch handeln, daß das Kind nicht zum Opfer pfaͤffiſcher Begierde wird.“ „Begleite mich ins St. Katharinenkloſter, wo wir Hieronymus Fuggern finden. Vielleicht koͤnnen uns die ehrwuͤrdigen Schweſtern einen ſchnellen und ſichern Weg zu Carlottas Befreiung angeben.“ Zaroya ließ ſich erſt in den Hof fuͤhren. Carlotta ſchaute eben weinend aus dem geoͤffneten Fenſter. „Carlotta!““ fluͤſterte Zaroya hinauf. Das Kind ſchwieg und horchte herab.„Ich bin's, Zaroya. Harre noch ein klein wenig und widerſetze Dich allen Zu⸗ muthungen. Ich bringe Dir bald Befreiung. Haſt Du verſtanden!“ Großmutter!“ hauchte die Gefangene herab. Raſchen Schritts eilten Buͤbenhoven und Zaroya dem Kloſter zu. Im Sprachzimmer fanden ſie Hieronymus Fuggern im Geſpräch mit einem alten Manne. Hinter dem Gitter waren die Nonnen Barbara, Felicitas und Johanna. Buͤbenhoven zog ſeinen Schwager bei Seite und fluſterte ihm zu, was vorgefallen war. „O!“ rief Hieronymus,„das muß ich dem Alten dort erzählen. Der weiß gewiß am beſten, was zu thun iſt.“ Zaroya war aber ſchon zu dem Greiſe getreten und ſprach mit ihm. Hieronymus brauchte nichts mehr hinzu⸗ zufugen. Er nahm den Alten bei der Hand und fuͤhrte und der Zug nach Tunis. 159 ihn zu Buͤbenhoven.„Junker,“ hoͤrte ſich dieſer von einer ihm wohlbekannten Stimme angeredet,„ich ver⸗ traue Eurer Ehrenhaftigkeit, daß Ihr nicht verrathet, daß ich in Augsburg bin. Herr Fugger hat ſich bei mir eben fuͤr Euch verbuͤrgt. Was zwiſchen uns vorgefallen iſt, Ihr werdet Euch waͤhrend des Reichstags nicht daran erinnern.“ „Eleonore!“ ſtammelte der Oberkaͤmmerer erſchrocken. „Gut, ich bin Euer gewiß!“ fuhr die vermummte Frau fort.„So gewiß wie Eures Schwagers, Eurer Schweſter, meiner Schweſter und der dritten Schweſter dort. Laßt uns jetzt in Eure Herberge gehen!— Doch ſagt mir, Herr Fugger,“ wandte ſie ſich zu Hieronymus, „beſitzt Ihr noch Kleider von meiner Schweſter Martha?“ „MNoch alle,“ entgegnete er erroͤthend.„Ich habe ſie wohl aufgehoben in einer Spinde.“⸗ „Wohl!“ Sonſt hätten mir die Nonnen aushelfen muͤſſen, oder ich hätte erſt zu den Zigeunern gehen muͤſſen, um mir Frauenkleider zu verſchaffen. Jetzt kommt und uͤberlaßt mir die Befreiung des Maͤdchens. Ihr habt doch eine Leiter, die zu ihrem Fenſter hinaufreicht?“ „Gewiß.“— Die Viere gingen. Zu Hauſe ange⸗ kommen, bat ſich Eleonore Martha's Kleider aus. Zaroya blieb bei ihr. Nach kurzer Zeit trat ſie umge⸗ wandelt zur ſtattlichen Frau, wieder zu den Maͤnnern. „Ich werde jetzt hinaufſteigen in das Zimmer, und Carlotta herab. Ich will den Pfaffen erwarten und mit 160 Der große Reichstag zu Augsburg ihm reden,“ ſagte ſie mit einem Tone, der wie ſataniſche Schadenfreude klang. Dazu funkelten ihre Augen, wie die einer wuͤthenden wilden Katze.„Ich bitte Euch um nichts, als Euch im Hofe bereit zu halten, falls der Pfaffe— was ich kaum furchte— ſich an mir vergreifen und ſeine Leute gegen mich auftufen ſollte. Dann kommt mir auf meinen Ruf zu Huͤlfe. Doch es wird nicht noͤthig ſein. Ich werde ſchon allein mit dem alten Schur⸗ ken fertig werden.“ Die Leiter wurde leiſe und vorſichtig herbeigebracht und angelehnt! Eleonore ſtieg hinauf und durch das Fenſter ins Zimmer. Einige Minuten darauf half ſie Carlotten auf die Leiter. Das Madchen kletterte raſch herab, und wurde von ihrer Großmutter fort in das St. Katharinenkloſter geführt, wo die Nonnen ſie in Empfang nahmen und ihr eine Zelle anwieſen. Denn ſo war es erſt ausgemacht worden. Carlotta ſollte das Aſylrecht des Kloſters gegen die Nachſtellungen des Luͤtticher Kardinals genießen, bis ſie ſich wieder herausbegeben koͤnnte. Die Leiter wurde entfernt. Eleonore ſchloß das Fenſter, ſtellte die Kerzen weit von ſich und ſtreckte ſich auf das Lotter⸗ bett. Nie hatten ihre Zuͤge einen boshaftern Ausdruck. Sie wartete auf ihr Opfer. Die Zeit wurde ihr lang. Bald holte ſie aus dem Buſen einen Dolch hervor, zog ihn aus der Scheide und pruͤfte Spitze und Schneide; bald ſturzte ſie lechzend einen Becher von dem vor ihr ſtehenden koͤſt⸗ lichen Wein hinab, bald maß ſie das Zimmer mit raſchen und der Zug nach Tunis. 161 Schritten hin und her.— Endlich knarrten Schloß und Angel. Die Thuͤr ging auf. Der Erzbiſchof trat her⸗ . ein. Flink, leichtfertig, in uͤppiger Kleidung, duftend von Wohlgeruchen, recht wie ein junger Minnefant, nahte er dem Bette, auf welchem die rachedurſtende Frau lag. „Haſt Du Dich beruhigt, mein ſuͤßes Kind?— Haſt Vernunft angenommen?— Recht! Recht!— Ich wußte das gleich!— Du ſollſt's nicht bereuen!— Jetzt laß Dich kuͤſſen, mein Taͤubchen!“— Er beugte ſich zu ihr hinab. Eleonore fuhr auf und faßte ihn raſch beim Kopfe. Dazu ſtieß ſie einen Wuth⸗ ſchrei aus, aͤhnlich dem einer hungrigen Hyane.„Was— iſt— das!“ ſtammelte der Fuͤrſt zum Tod erſchrocken. „Willkommen, Vetter Innocens!“ heulte die boͤſe Frau.„Deine heißgeliebte Baſe iſt's, das von Dir be⸗ gehrte Weib Deines Ohms Peter van der Kapellen, und Du kommſt zur langerſehnten Minneſtunde, mein from⸗ mer Beichtvatet.“ Zum Tod entſetzt war der Biſchof auf das Bett hin⸗ geſunken. Der ſtarke Mann war keines Wortes fahig. Ihm war in ſeinen verwirrten Sinnen, als ſei ihm ein hoͤlliſcher Zaubertrug geſchehen, und eine Teuflin ſtehe vor . ihm, ihn in die Hoͤlle abzufuͤhren. „Haben Dich die paar Worte ſchon niedergeworfen, ſtarker Held?“ hoͤhnte das Weib weiter, und in einem furchtbaren Tone fuhr ſie fort:„Ja, Eleonore ſteht vor Ein deutſcher Leinweber. M. 162 Der große Reichstag zu Augsburg Dir, um endlich Abrechnung mit Dir zu halten, heuchle⸗ riſcher, ſchurkiſcher Pfaffe, glatzkoͤpfiger alter Schand⸗ bube! Auswurf der Menſchheit! Du biſt mir recht in das Meſſer gelaufen, und ich will es Dir mit unſaglicher Wol⸗ luſt im Leibe umdrehen. Viele Jahre habe ich auf dieſe Stunde gewartet und geſpart. Ich wußte, daß ſie kom⸗ men wuͤrde, und ſie iſt da! hei ſie iſt da, und der Tanz ſoll beginnen.“ Der Biſchof machte eine Anſtrengung, ſich zu erheben. Angſtſchweiß rann ihm von dem blaugewordenen Geſicht. „Verſuch' es, Dich von der Stelle zu ruͤhren, oder Deine Pfaffen und Knechte um Huͤlfe zu rufen, und im Nu ſitzt Dir mein guter Dolch in der Gurgel.“ Er ſtohnte und ruͤhrte ſich nicht. Er war noch der alte Feigling. „Sieh, ich war die erſte Stufe Deiner Erhebung, als Du mich an den ſchoͤnen Philipp von Oeſtreich ver⸗ kuppelteſt, als Du meine Eitelkeit und meinen thö⸗ richten Sinn zu Deinem Vortheil ausbeuteteſt, nieder⸗ traͤchtiger Suͤnder! Ha, ich will jetzt die letzte Stufe ſein, auf der Du von Deiner ſtolzen Hoͤhe hinabſteigen ſollſt— ins Grab.“ „Gnade! Gnade!“ keuchte der gefaͤllte muthloſe Kirchenfuͤrſt. „Ha! das thut mir wohl!“ lachte die rachetrunkne und der Zug nach Tunis. Frau.„Das iſt mir eine Genugthuung fuͤr ſchwere Leiden, die Du mit verſchuldet. Dich um Gnade flehen zu hoͤren! Aber ich will Dir keine Gnade gewaͤhren. Ich will von Dir gehen, wie Du von mir gingſt, als die grau⸗ ſame Scheere der beleidigten Spanierin mir das goldne Haar geſtohlen und meine Schonheit vernichtet hatte. Da, als ich blutend vor Dir lag, ein geſchaͤndetes Weib, da gingſt Du von mir gleichguͤltig, hohnlachend,— Teufel!— Der treuloſe Philipp hatte mich verlaſſen in meinem Elend, ſo verließeſt auch Du mich, Fuͤrſtenknecht, Pfaffe! Damals ſchwur ich ihm und Dir Rache, ſchwur allen Fuͤrſten und Pfaffen, den Blutſaugern und Ver⸗ derbern der Menſchheit, Rache. Der Tod enthob ihn meinem Dolche, Du wurdeſt ihm aufgeſpart. Erſt Erz⸗ biſchof und Kardinal mußteſt Du werden, auf dem alten Suͤndenwege mußte ich Dir begegnen, damit Du recht in Deinen Graͤueln dahin fahreſt, wo wird ſein Heulen und Zähneklappern.“ Der Erzbiſchof hatte ſich etwas geſammelt; die Verzweiflung gab ihm einen raſchen Entſchluß ein. Er ſprang auf und wollte nach der Thuͤre jliehen. Im Nu verrannte ſie ihm den Weg, mit Löwenſtarke warf ſie ihn zuruͤck, der Dolch blitzte in ihrer Fauſt, zwei— drei blitzſchnell gefuͤhrte Stoͤße— und das ſchwarze Blut ſtroͤmte ihm aus Kehle und Bruſt. Er ſchrie jammervoll; ſie ſtuͤrzte nach der Thuͤre, riß ſie auf, rannte einen herbeieilenden Knecht um und war ploͤtz⸗ 164 Der große Reichstag zu Augsburg lich in der Nacht verſchwunden. Weder Buͤbenhoven noch Hieronymus ſahen etwas von ihr. Wie eine Katze war ſie aus dem Hauſe geſchluͤpft. Zwei Tage darauf erſcholl die Kunde durch die Stadt: der Kardinal von Luͤttich ſei am Schlagfluß geſtorben. Zwölftes Kapitel. Raimund Mohr ging bleich und verſtort umher und war zur Arbeit unfähig. Die Zigeuner hatten ihm ge⸗ ſagt, Carlotta ſei nicht wiedergefunden. Er wurde von ihnen mit kalter befremdender Ehrerbietung behandeltz Karacha und Zaroya erklärten ihm endlich: er muͤſſe Car⸗ lotten vergeſſen, ſie ſei nicht fuͤr ihn, er aber fuͤr ein hoͤheres, fuͤr ein erhabenes Loos beſtimmt. Er eilte zu ſeinem Freunde Toni.„Ich kann Dir nicht helfen,“ antwortete ihm der Stallmeiſter auf ſeine Klagen,„ich weiß von der Entfuͤhrung des Maͤdchens. Meine Mei⸗ nung aber, die ich Dir nicht vorenthalten will, iſt, das Carlotta auf Zaroya's und Karacha's Anordnung entfernt worden iſt, um ſie Dir zu entziehen. Vielleicht hat das Madchen es ſelbſt gewuͤnſcht. Denn Du haſt ihr ver⸗ ſchwiegen, daß die Fugger glaͤnzende Vorbereitungen zu 166 Der große Reichstag zu Augsburg Deiner Hochzeit mit ihrer Baſe treffen und— was auch ich nicht gewußt habe— daß Du der bruͤnſtigſte Minne⸗ knabe der Koͤnigin Maria biſt. Du haſt freilich ein tolles Spiel getrieben und dazu ein undankbares gegen mich, der ich Deine Liebe zu Carlotten beſchuͤtzte. Aber fur ſolch ein unwuͤrdiges Spiel iſt das Maädchen zu gut.“ „Du mißkennſt mich, Toni!“ rief der Juͤngling ver⸗ zweiflungsvoll.„Ich ſchwoͤre Dir zu, daß ich allein Car⸗ lotten liebe! O, und wie raſend liebe ich ſie! Gott und alle Heiligen ſind mir Zeuge! Und keine Andre ſoll mein werden. Das ſchwoͤre ich Dir zu, ſo wahr ich in der Noth von den vierzehn heiligen Helfern Hulfe und Rettung erwarte!“ „Aber warum thateſt Du nichts, Dich von dem läſti⸗ gen Verloͤbniß frei zu machen, wenn Du's aufrichtig mit Carlotten meinteſt? Das arme Kind mußte ja endlich von Deiner bevorſtehenden Hochzeit Spricht doch die ganze Stadt davon.“ „Ich habe ihr auch davon geſagt, doch nicht die ganze volle Wahrheit. O, wenn Du meinen Kampf kennteſt, Du wuͤrdeſt billiger gegen mich ſein! Du weißt, Regina iſt meine Ziehſchweſter; ſie iſt ſanft, gut, edel, das treff⸗ lichſte Maͤdchen, das ich kenne, und ich liebe ſie, wie man nur eine Schweſter lieben kann. Nein, ich liebe ſie weit mehr; ich verehre ſie, wie eine Heilige. Aber ich kann ſie nicht lieben, wie man die Geliebte, die Gattin liebt. Sie laͤßt mich kalt, wie das Licht des Mondes; Carlotta iſt und der Zug nach Tunis. 167 meine Sonne, meine heiße ſtrahlende Sonne, die mich mit Glut erfuͤllt. Aber Regina liebt mich nicht wie einen ₰ Bruder; ſie liebt mich wie die Braut den Brautigam. Ihr einziger und hoͤchſter Wunſch iſt, mich zu beſitzen und mir ewig anzugehoͤren. Ich weiß, ich ſtoße dem herrli⸗ chen Maͤdchen einen Dolch ins Herz, an dem ſie verbluten wird, wenn ich ihre Liebe zuruͤckweiſe. O, davor habe ich gezittert! Wie ein thoͤrichter Knabe hoffte ich auf irgend ein Ereigniß, daß die Entſcheidung herbeifuͤhren ſollte. Die Fugger werden mich aus ihrem Hauſe ſtoßen als einen verabſcheuungswuͤrdigen Undankbaren. Ich bin arm und verlaſſen. Ich habe keinen Verwandten. Soll ich mit dem Fluche des Undanks durch die Welt gehen? Und doch muß ich mich losreißen. Ich fuͤhlte taͤglich die Nothwendigkeit ſtaͤrker werden, aber mir fehlte der Muth zur That.— Um mich endlich dem Wahnſinn zu uͤber⸗ liefern, mußte die ſchöne geiſtreiche Koͤnigin mich mit ihrer Liebe begluͤcken, umſtricken. Welcher Mann hätte kalt bleiben koͤnnen unter ihren Liebkoſungen, ihren feuri⸗ gen Kuͤſſen? Aber ich fuhle jetzt deutlich: ich liebe die Koͤnigin nicht. Es war eine Sinnenrauſch; ich taumelte unter Roſen und Narciſſen, von den ſtarken Duͤften trunken.— Jetzt muß ich handeln, mag auch daraus ent⸗ 5 ſtehen, was da will.“ „Du dauerſt mich, und um ſo mehr, da ich nicht ohne Grund fuͤrchte, daß Carlotta fur Dich verloren iſt. Ent⸗ weder haben die Fugger oder die Koͤnigin— vielleicht 168 Der große Reichstag zu Augsburg beide— ſich mit Zaroya und Karacha zu Carlottens Ent⸗ fuͤhrung verbunden, und Du wirſt ſie ſchwerlich wieder⸗ ſehen.“ „Wohlan, es gilt!“ rief Raimund in fuͤrchterlicher Stimmung.„Jetzt muß es reißen und brechen.“ Er ſtuͤrzte fort und ging gerades Weges nach dem Hauſe der alten Frau Sibylle Fugger. Er fand Reginen allein auf ihrem Zimmer. Sie lag bleich und abgehaͤrmt auf ihrem Ruhebette. Eine fliegende Roͤthe zuckte einen Augenblick uͤber ihr ſchoͤnes leidendes Geſicht, als ſie ihn ſah, dann wurde ſie nur um ſo bleicher. „Du biſt krank, Regina, und ich erfahre das erſt jetzt?“ rief er beſtuͤrzt. „Nicht doch! Ein leichtes Unwohlſein, das bald vor⸗ uͤber gehen wird,“ verſetzte ſie ſchmerzlich. Was ſollt' ich Dich mit der Kunde belaͤſtigen?“ „Belaͤſtigen? Großer Gott! Welch ein Vorwurf fuͤr mich!“ „Kein Vorwurf! Ich will und werde Dir keine Vor⸗ wuͤrfe machen. Ich wuͤnſchte nur Deinetwegen, Du waͤrſt offen und wahr gegen mich geweſen. Du haſt mein Herz doch nicht gekannt, Raimund, ſonſt haͤtteſt Du ihm den Schmerz erſpart, Dich—“ „Regina, Du weißt!“ „Ich weiß, daß Du— mich nicht liebſt!“ Ein Thraͤ⸗ nenſtrom erſtickte ihre Stimme. Heftig ſchluchzend ver⸗ huͤllte ſie das Geſicht. „ und der Zug nach Tunis. 169 „Regina, ich verſtumme im martervollen Gefuͤhle, meiner unvergleichlichen Schuld. Erwarte keine Entſchul⸗ digung; denn ich weiß keine! Keine Rechtfertigung; denn ſie iſt unmoͤglich!“ „Warum unmoͤglich, Raimund? Du liebſt mich nur als Schweſter. Du haſt Dich fruͤher ſelbſt uͤber Deine Gefuͤhle fuͤr mich getaͤuſcht. Jetzt biſt Du klar. Das ſpricht Dich frei.“ „O, nicht dieſe Guͤte, Regina! Sie erſchuttert mich gewaltiger, als Dein gerechter Zorn es vermoͤchte.— Schilt mich einen Undankbaren! Halte mir vor, was Deine Aeltern, was die Fugger fuͤr mich gethan. Rechne mir alle Liebe vor, die ich von Dir und den Deinigen ge⸗ noſſen, und zerſchmettre mein Herz mit Deinen Vorwuͤrfen. Ach, der Todesſchmerz kann nicht entſetzlicher ſein, als die⸗ ſer Zwieſpalt in meiner Bruſt.“ „Raimund, wir verſtehen uns ſchon nicht mehr und haben uns doch von Kindesbeinen an ſtets ſo innig ver⸗ ſtanden. Welchen Vorwurf koͤnnte ich Dir machen! Die einzige Schuld, die Dich trifft, daß Du mich ſogleich hät⸗ teſt enttaͤuſchen ſollen, als Du klar uber Dich wurdeſt— ſie iſt Dir vergeben⸗“ „Regina! Regina!“ rief er und ſtuͤrzte verzweif⸗ lungsvoll zu ihren Fuͤßen, ihre kalte Hand krampfhaft ergreifend. „Laß mich, Raimund!“ hauchte ſie, ihm die Hand ſanft entziehend.„Es iſt der erſte Sturm, der in mei⸗ 170 Der große Reichstag zu Augsburg nem vollen Bluͤthenfruͤhling wuͤthet. Er wird ſich aus⸗ toben, und es wird wieder ſtill werden in meinem Ge⸗ muͤth, ſehr ſtill!“ „Und ich Verworfener bin es, der dieſen Sturm er⸗ regte. Deine geknickten Fruͤhlingsbluͤthen, ſie klagen mich an als ihren Verderber. O, daß dieſer Sturm mir den Tod gaͤbe!— Fluch mir und meinem Schickſal!“ „Halt ein, Raimund, und frevle nicht!“ „Kann ich noch mehr freveln, als ich ſchon gethan? Bin ich nicht ein Frevler an Dir und Deiner Liebe! ein Frevler an Deinen Aeltern und Verwandten und ihrer Guͤte! Kann der Himmel mir gnädig ſein, kann er mir vergeben, daß ich mich losſage von ſeinem Engel, von Dir, Regina?“ „Der Himmel iſt Allen gnaͤdig, die ſich zu ihm wen⸗ den, und ſendet Ruh und Frieden in jede ſtuͤrmiſche Bruſt.“ „Ach, Regina, mich beſchleichen wirre, boͤſe Gedanken. Ich muß doch nicht zu Euch gehoͤren, daß ich nicht Frie— den finde unter Euch, an Deiner Seite, daß ich verzwei⸗ felte am Gluͤck aus Deiner Hand, um das mich alle Welt beneidete. O, ein unbezwinglicher Drang lockte mich fort! Wie koͤnnt' ich Dir ſchildern, wie's in mir wogte und brauſte!“ „Es iſt nicht Deine Schuld. Was kannſt Du fuͤr dieſen ungeſtumen Trieb! Was kannſt Du dafuͤr, daß die Stimme Peines Herzens Dir nicht meinen Namen zu⸗ und der Zug nach Tunis. 171 fluſterte! daß ich Dich nicht zu bannen vermochte an den friedlichen Heerd ſtiller Haͤuslichkeit!“ „Regina, meine Seele nennt Dich eine Heilige. Ich verehre Dich, wie Ihr die Himmelskoͤnigin verehrt.“ „Raimund!“ rief das bleiche Maͤdchen erſchrocken, „verehrſt Du die Himmelskönigin nicht! Iſt es wirklich wahr, was man mir ſchon geſagt hat, daß auch Du von unſerm heiligen Glauben abgefallen biſt, daß das luthe⸗ riſche Gift in Dein Herz gedrungen iſt? O, die Konigin von Ungarn, ſie hat Dich verfuͤhrt! Das macht mir noch groͤßeren Schmerz, als der Verluſt Deiner Liebe.“ Raimund, zwiefach ergriffen von dem Vorwurf, den ſie ſelbſt nicht ganz verſtand, verſetzte haſtig:„Meine theure Regina, was ſoll ich Dir in dieſer Stunde auf dieſen unerwarteten Vorwurf erwiedern! Du holder Engel, halte feſt an Deinem Glauben, der Dich beſeligt. Ich kann es nicht. Meine Ueberzeugung hat mich auf andre Wege gefuͤhrt. Mehr noch als der Lehre Luthers hange ich der Zwinglis an. Ich kann nicht anders. Und doch genuͤgt auch ſie mir nicht. Ich bin im Widerſtreit mit mir ſelbſt. Der ungeſtuͤme Drang, das wilde Feuer in mir treibt mich von den Altären dieſer Kirchen, wo fromme Seelen, wie Du, den Schmerz des Lebens in glaͤu⸗ biger Entſagung und Unterwerfung unter den Willen eines Gottes verklaͤren, der— der doch nur eine Schoͤpfung der Pfaffen iſt. Ach, ich mag Dir nichtch weher 172 Der große Reichstag zu Augsburg thun, als ich ſchon gethan; darum laß uns davon ſchweigen.“ „Deine Reden erfuͤllen mich mit namenloſer Angſt. 4 Raimund, es gilt das Heil Deiner Seele! Um Gottes Barmherzigkeit, Du biſt in die Fallſtricke der Hoͤlle ge⸗ fallen. Dieſe Zigeuner— o mein Gott! Dein Bild iſt wild und ſchrecklich. Du biſt namenlos ungluͤcklich, biſt ewig verloren, Und ſo ſoll ich Dich verlaſſen! Welch ein Kampf fuͤr mich.“ „Du mich verlaſſen? Wie ſoll ich das verſtehen? An mir iſt's, Dich und Augsburg zu meiden. Ich ziehe mit dem Kaiſer in den Tuͤrkenkrieg. Dort wird eine mitleidige Kugel den grauſen Brand meines Herzens fuͤr immer loͤſchen. Willſt Du nach Ungarn zuruͤckkehren, in Dein ſchoͤnes Vaterland!“ „Niemals! Ich habe auf Erden kein Vaterland mehr. Ich bleibe in Augsburg.“ „So iſt's recht. Unter Deutſchlands Adel kann ſich die Tochter der Turzoin und der Fugger den wuͤrdigen Gatten wählen.“ „Ach wie wenig haſt Du mein Herz gekannt!— Ich vermochte nicht ohne Dich im Vaterhauſe, in der Vater⸗ ſtadt, im Vaterlande zu leben. Es zog mich Dir mit ſtarken Geiſtesbanden nach. Ich waͤre vor Sehnſucht„ nach Dir geſtorben, wenn ich nicht zu Dir gekommen waͤre. Ich war unausſprechlich gluͤcklich in Augsburg, in Deiner Ich liebte Dich. Wie ich Dich geliebt, und der Zug nach Tunis. wie könnte ich es mit Worten bezeichnen wollen! Aber fuͤr ein Herz, wie das meine, giebt es nur eine Liebe, wie es nur einen Fruͤhling giebt fuͤr die Natur, nur einen Gott für die Welt. Meine Liebe iſt geſtorben, mein Fruͤhling abgebluͤht, mir bleibt nur Gott.“ „O, Regina! Regina! Ich erliege der Verzweiflung.“ „Nicht doch! Du ſollſt und mußt noch glucklich wer⸗ den. Auch ich werde es ſein, doch in einem andern Sinne, als ich mir getraͤumt.— Sieh wir waren ſo gluͤcklich als Kinder. Waren unſte Seelen nicht verbunden, wie zwei Knospen eines Roſenzweigs? die Berge und Waͤlder von Kremnitz haben neidiſch unſer hohes Gluͤck geſehen; denn es war hoͤher als ſie, es war ſo hoch wie die Sterne. Damals gelobte ich Gott oft im Stillen, Dir mein Leben zu weihen. Dieſen Schwur muß ich halten. Dein Weib kann ich nicht werden, aber es bleibt mir eine andre, eine noch höhere und herrlichere Loͤſung meines Schwurs uͤbrig. Ich muß Deine Retterin werden, Deine Retterin aus den Garnen der Hölle. Mein Leben iſt Dir geweiht, dem Gebet fuͤr Dich. Ja, Raimund, nur in der Stille des Kloſters kann ich den Frieden des Herzens finden, der mich geſchickt macht, durch unablaͤſſiges bruͤnſtiges Gebet Deine Seele dem Himmel zu gewinnen.“ „Regina, Du wollteſt der Welt entſagen? Meinet⸗ wegen?“ „Raimund, ich habe Dir entſagt, und ohne Dich giebt es keine Welt mehr fuͤr mich, kein Vaterland, keine 174⁴ Der große Reichstag zu Augsburg Aeltern, keine Verwandte. Ich war heute fruͤh ſchon im Katharinenkloſter und habe vor der Baſe Felicitas und der Priorin meinen unumſtößlichen Entſchluß beſprochen. Der Tag, welcher zu unſrer Hochzeit beſtimmt war, wird der Tag meiner Einkleidung ſein.“ „O, Engel! Heilige! Zerknirſcht lieg ich Dir zu Fuͤßen. O koͤnnt ich mich todt weinen!— Du durfteſt nicht mein Weib werden. Der Staub der Erde durfte Dich nicht beruͤhren. Auch keines andern Mannes Weib! Du haſt Recht! Rein und unbefleckt von irdiſcher Begierde mußt Du in den Himmel eingehen, wie er Dich entlaſſen hat.— Ja, Heilige, bitte fuͤr mich!“ „Steh auf, mein Bruder! Gott wird meinem Gebet Kraft und Dir gnädig Ruhe und Gluͤck verleihen.“ „Nur einen Kuß noch auf Deine reine Hand! Den letzten! Den Kuß der Dankbarkeit! Ich nehme mit ihm auf ewig Abſchied vom ſuͤßen Gluͤck meiner Jugend.“ Und er kuͤßte ihre Hand knieend. Frau Sibylle, von dem langen lauten Geſpräch ange⸗ lockt, öffnete in dieſem Augenblick die Thuͤr. „Ei iſt das eine Zärtlichkeit?“ rief ſie lachend.„Auf den Knien?— Hatt' ich doch den ſchmucken Jungen im Verdacht, er ſei etwas kuͤhl gegen mein Täubchen gewor⸗ den. Deſto mehr freut mich's, ihn in dieſer Stellung zu uberraſchen. Nein, auf den Kuien hat mein Jakob nie⸗ mals vor mir gelegen. Das wuͤrde ſich auch wunderlich und der Zug nach Tunis. 175 ausgenommen haben. Aber Dir ſteht's gut an, mein Junge.“ Raimund war verwirrt aufgeſprungen und zeigte eben nicht die Geſichtszuge eines gluͤcklichen Braͤutigams. „Sei ruhig und laß mich gewaͤhren!“ fluͤſterte ihm Regina zu. „Ich komme Euch wohl ungelegen?“ fuhr die alte dicke Frau ſchmunzelnd fort.„Ihr ſeht ganz verſtoͤrt aus. Aber laßt mich nur! Der Anblick war mir ein Augen- und Herzenstroſt. Jetzt muß ich dem huͤbſchen Burſchen da meinen Verdacht abbitten, und wie gern thu' ich's; denn ich bin ihm immer ſo gewogen und zugethan geweſen, als waͤr' er mein eigner Sohn.“ „O meine guͤtige Mutter!“ rief Raimund zrtenieſih und faßte ihre fleiſchige Hand. „Aber warum ſo ein ſaures Geſicht! Eure Zaͤrtlich⸗ keit macht mich geſund. Auf Eurer Hochzeit tanz' ich den Ehrentanz mit Dir.— Sieh, die Regina iſt mein Augapfel. Sonſt hatt' ich die Sibylla lieb, ſehr lieb, wie keine ihrer Schweſtern. Sie war meine Pathe, und ich hatte ſie aufgezogen. Sie war ein gutes und frommes Maͤdchen. Und der Buͤbenhoven war mir auch ein gar lieber Geſell, ſo recht nach meines Herzens Wunſch ge⸗ rathen. Da war nun mein einziger Wunſch, ſie moͤchten ein Paar werden. Und ſie wurden's. Das war mir eine Freude! Aber der liebe Gott hat das ſchmucke Weib⸗ chen zu ſich genommen; mir aber hat er einen köſtlichen 176 Der große Reichstag zu Augsburg Erſatz in meiner Regina beſcheert. Sie iſt gerade wieder ſo gut und fromm, wie Sibylle war. Sie liebt mich wieder ebenſo, wie Jene. Und Du, Raimund, biſt wieder gerade ſo ein prächtiger Junker, wie Buͤbenhoven war. Da wuͤnſcht' ich denn nichts ſehnlicher, als es moͤchte ſich wieder ebenſo machen, wie mit jenem Paͤrchen. Und es hatte ſich eigentlich ſchon ſo gemacht, eh' ich's nur einmal wuͤnſchte. Ihr liebtet Euch von Kindheit an. Das machte mich fröhlich und guter Dinge. Nur dauerte mir die Zeit zu lange, bis Ihr zuſammen kamt. Aber mein ſeliger Alter hatt' es ſo angeordnet, und ſo mußt' ich wohl zuwarten. Nun war mir's auf einmal, als ſeiſt Du kalt geworden, Raimund, gegen mein lieb Toͤchterlein, und als grame ſich das gute Kind daruͤber. Das hat mich krank gemacht; weiter nichts. Glaubt's mir.— Aber nun iſt Alles gut. Ich weiß nun, daß ich meine paar Tage bei Euch verleben und in Euern Armen ſterben kann. Und Ihr ſeid meine Erben, Ihr allein. Die Andern haben Alle genug, Ihr aber habt nicht viel, ſo bekommt Ihr das Meine, dies Haus und Alles, was drin iſt. Ihr werdet ſchon ein hubſches Schätzchen finden, wenn ich die Augen fur immer zugethan habe; denn mein alter Jakob hat gut fur mich geſorgt.“ „Ach, beſte Mutter!“ brach Raimunds gräßlicher Schmerz los, und er preßte ſeine heißen bebenden Lippen auf die Hand der heitern Greiſin.„Ich bin der Unſeligſte aller Menſchen!“ — ——————————„ und der Zug nach Tunis. 177 „Hilf Gott!“ rief die Alte jetzt hoͤchlich erſchrocken. „Was iſt das Der Unſeligſte! Und Thraͤnen auf meiner Hand! Um aller Heiligen willen, Kinder, was habt Ihr vor?“ „Ich werde Euch Alles ſagen, Mutter. Geh, Rai⸗ mund, und laß mich allein mit ihr.“ „Aber warum nicht in ſeiner Gegenwart?“ „Um ihm nicht noch einmal wehe zu thun.“ „Regina, Regina, Du ſammelſt gluͤhende Kohlen auf meinem Haupte!“ rief Raimund mit wehmuther⸗ ſtickter Stimme. „Geh, Raimund, ich bitte Dich!“ „Du willſt es, Regina, und ich gehe.“ „Geht er doch ſo traurig, als haͤtte Dich ein Andrer zur Braut gewonnen,“ bemerkte Sibylle ihrer Pflege⸗ tochter. „So iſt's auch, meine Mutter!“ ſprach Raimund noch in der Thuͤre.„Ein Andrer hat ſie zur Braut ge⸗ wonnen, der ihrer reinen hohen Liebe wuͤrdiger iſt— der Himmel.“ Und weinend verließ er Zimmer und Haus. „Der Himmel! Regina, was ſoll das heißen? Was bedeutet dieſe ſeltſame Rede?“ fragte die Alte zitternd. „Einen Gedanken, meine Mutter, der zum Willen, zum Entſchluß in mir gereift iſt.“ „Wile Entſchluß?— Bin ich doch wie be⸗ täͤubt.— Du, die gluͤckliche Braut— Ein deutſcher Leinweber. IR. 12 178 Der große Reichstag zu Augsburg „Des Himmels!“ „Kind, Kind! Frevle nicht am Himmel, nicht an mir, nicht an uns Allen! Raimund hat Dein Wort, das Wort Deiner Aeltern, das Wort der Fugger!“ „Er gab es mir zuruͤck.“ „Es Dir zuruͤck? Weshalb?“ „Weil er eingeſehen, daß wir kein Ehepaar werden koͤnnen.“ „Was hindert Euch?“ „Die Geſchwiſterliebe, die wir fuͤr einander hegen, ſie kann und wird nie die Liebe der Gatten werden. Wir haben uns verſtändigt. Wir haben uns klar ge⸗ macht, was uns aͤngſtigte. Mich zieht es in den ſtillen Frieden des Kloſters, ihn auf den lauten Markt der Welt. Ich will Nonne, er will Krieger werden.“ Waͤhrend ihrer Rede war Raimund Fugger durch die offen gebliebene Thuͤre in das Zimmer getreten und hatte die letzten Saͤtze vernommen. „Was muß ich ſehen und hören?“ fragte er be⸗ ſturzt.„Auf der Straße begegnet mir Raimund außer ſich und ſchießt an mir voruͤber, ohne mich zu ſehen; hier hor' ich noch ſeltſamere Dinge.“ „Sie will in's Kloſter, er in den Krieg!“ ſchrie Frau Sibylle. Ich verſtehe nichts von all dieſen Dingen, aber der Tod iſt mir eingeſchenkt.“ „Was habt ihr vor?“ fragte Raimund Fugger Re⸗ ginen ſtreng.„Erkläre Dich!“ und der Zug nach Tunis. 179 „Ich habe mich erklärt. Ich kann nie Rai⸗ mund Mohrs Gattin werden. Ich werde den Schleier waͤhlen.“ „Das werden wir nicht zugeben. Du mußt Raimunds Frau werden!“ „Ihr habt keine Gewalt uͤber nich Und meine Aeltern werden ihre S zu meinem Entſchluß geben.“ „Regina, das iſt mein Tod!“ heulte Sibylla. „Bedenke doch, daß Du mir unentbehrlich geworden biſt Deine Jugend, Deine Liebe erheiterten und begluͤckten mein Alter. Wie ſoll ich ſie miſſen?“ „Sie wird Euch auch bleiben, wenn ich im Kloſter bin. O, ich beſchwoͤr' Euch, ſucht mich nicht zu hindern, nicht von dem abzuhalten, was doch geſchehen muß. Erſpart mir und Euch noch groͤßern Schmerz. Mein Leben kann nur noch von dem Sonnenſtrahle ange⸗ glaͤnzt werden, der durch das Fenſter meiner Zelle faͤllt.“ „Hier waltet ein boͤſes Geheimniß,“ ſagte Fugger ernſt.„Ich habe es meinem Pflegeſohne ſchon ſeit einiger Zeit angeſehen, daß ihn etwas druͤckt und erregt. Er war ſtets zerſtreut, fuhr oft wie aus tiefen Gedanken auf und ſtarrte wild um ſich. Bald war er uͤbermaͤßig froͤhlich, bald tief traurig. Zuweilen ruͤhrte er die Speiſen auf unſerm Tiſche nicht an und klagte ſich unwohl.“— Und mehr fuͤr ſich, als fuͤr die Andern 12* 180 Der große Reichstag zu Augsburg ſetzte er leiſer hinzu:„Sollte er hinter das Geheimniß ſeiner Geburt gekommen ſein?— Ich muß mir Licht ſchaffen in dieſer Verwirrung.“— Und zu Sibylle ge⸗ wandt:„Verzweifelt nicht, Baſe! Dieſe Maͤdchenlaune wird voruͤbergehen, und Alles noch gut werden. Ich gehe, um mit Anton daruͤber zu ſprechen.“ Vreizehntes Kapitel. Zu derſelben Stunde gingen Anton Fugger und Map von Buͤbenhoven in einem Zimmer in des Erſtern Hauſe im lebhaften Zwiegeſpraͤch auf und ab. „Du kannſt es nicht ablaͤugnen,“ ſagte der Oberkaͤm⸗ merer,„der Kaiſer hat alle Hoffnungen, welche die Deut⸗ ſchen, und namentlich, welche das Volk auf ihn geſetzt, gaͤnzlich getaͤuſcht.“ „Ich wäre thoͤricht oder falſch gegen Dich und mich, wenn ich es laͤugnen wollte,“ entgegnete Anton.„Es handelt ſich hier allein um die Frage: ob er nicht in ſeiner Stellung durchaus zu dieſer Taͤuſchung gezwun⸗ gen war?“ „Davon wirſt Du mich nicht uͤberzeugen. Kein Menſch, er ſtehe niedrig oder hoch, ſoll ſich durch Verhalt⸗ niſſe zwingen laſſen, ein allgemein in ihn geſetes Ver⸗ 182 Der große Reichstag zu Augsburg trauen zu taͤuſchen. Wir wollen uns die Sache ſo klar, als moͤglich machen. Ein neuer Geiſt iſt ſeit einem halben Jahrhundert in Deutſchland erwacht, von den gelehrten Humaniſten iſt er ausgegangen, aber er hat ſchon alle Schichten des Volkes durchdrungenz er iſt groß und maͤch⸗ tig geworden.“ „Ja, wir haben es vor fuͤnf Jahren geſehen, wohin er gefuͤhrt, indem er in das Volk gedrungen war,“ verſetzte Fugger mit ſpoͤttiſchem Tone. „Was war die furchtbare Empoͤrung des Volks an⸗ ders, als die Rachethat fuͤr Jahrhunderte erlittene Unbill, als die Anſtrengung, ſich eines entſetzlichen Druckes zu entledigen, der, da er Allen zum Bewußtſein gekommen. unertraglich geworden war? Die Empoͤrung iſt unter⸗ druͤckt worden, und das war gut; denn aus ihrem Sieg waͤre jedenfalls eine namenloſe Verwirrung erwachſen; daß ſie auf ſo graßliche und blutige Weiſe unterdruckt wurde, iſt nicht gut. Denn der Geiſt iſt dadurch nicht getoͤdtet worden, wie wir uns bereits uͤberzeugt haben; aber arges Ungluͤck iſt aus den Blutthaten erwachſen, und das Aergſte wird noch kommen. Der Geiſt wächſt von neuem, und ſeine Fittiche ſind nun vom Blute des gemor⸗ deten Volks geröthet. Was will dieſer Geiſt? Befreiung von dem Drucke der roͤmiſchen Hierarchie; Herſtellung„ der urſpruͤnglichen chriſtlichen Kirche nach den klaren Aus⸗ ſpruͤchen Chriſti, nach der Lehre und Einrichtung der ———,—— ——— und der Zug nach Tunis. 183 Apoſtel. Er will alle ſpaͤtern menſchlichen Zuſaͤtze ent⸗ fernt, er will die Kirche von allem Zwange pfaffiſcher Herrſch⸗- und Selbſtſucht gereinigt wiſſen; er will das wahre Chriſtenthum in die Kirche und in das Leben ein⸗ gefuͤhrt ſehen. Da der Papſt ſich weigert, ſolchem Ver⸗ langen zu willfahrten, ſo erklärt ihn der neue Geiſt fuͤr den Antichriſt— und er hat ein unbeſtreitbares Recht dazu— das vom neuen Geiſt beſeelte deutſche Volk will den Antichriſt bekaͤmpfen und machtlos machen und wen⸗ det ſich an ſeinen Kaiſer mit dem Begehren: er ſoll es unter ſeinen Fahnen ſchaaren und gegen den Papſt fuͤhren. Nur dieſer Geiſt beſiegte vor drei Jahren den Papſt und eroberte Rom, nur dieſer Geiſt warf die Tuͤrken aus Deutſchland hinaus, und nur dieſer Geiſt kann und wird ſie aus Ungarn vertreiben, ja aus Europa. Nur dieſer Geiſt wird die Franzoſen fern halten von den Grenzen Italiens und Deutſchlands, er wird die Rechte des Kaiſers gegen die Uebergriffe der Fuͤrſten kräftig ſchuͤtzen, er wird immer fuͤr den Kaiſer eintreten, ihm immer den Sieg ver⸗ ſchaffen, ihn groß und ſtark machen. Und mit dem Kaiſer das Reich. Haͤlt der Kaiſer zu ihm, ſo werden wir wie⸗ der ein maͤchtiges Reich haben, die Zeiten der großen Hohen⸗ ſtaufen werden wiederkehren. Tritt der Kaiſer in arger Verblendung ihm entgegen, ſo wird Deutſchland in Par⸗ teien zerfallen, klein, arm und ohnmaͤchtig werden.— Und was ſehen wir nun den Kaiſer Karl thun, auf den alle Hoffnungen der redlichen und einſichtsvollen deutſchen 184 Der große Reichstag zu Augsburg Herzen geſtellt werden? Er ſtoßt den Geiſt zuruͤck, durch den er den Papſt, den Sultan und den Koͤnig beſiegte, und verbuͤndet ſich auf's Engſte mit dem Papſte gegen dieſen Geiſt. Die erſte Folge dieſes unſeligen Buͤndniſſes ſehen wir ſchon vor Augen. Der Kaiſer iſt zu ſeinem großen Verdruß zum willenloſen Werkzeuge der fuͤrſtlichen Gegner des Zeitgeiſtes herabgeſunken. Das Volk ſtaunt und trauert. Es hat vergebens auf ſeinen Kaiſer ver— traut. Die Folgen werden ſchrecklich ſein.“ „Du haſt von Deinem Standpunkt aus gut geſpro⸗ chen, verſetzte Anton Fugger ruhig.„Der meinige weißt mich auf die Vertheidigung des Kaiſers hin. Du haſt ſogar vergeſſen anzufuͤhren, daß der Kaiſer fruͤher viel von einer Reformation der Kirche ſprach und ſich ſehr dazu geneigt zeigte, ferner, daß diejenigen Fuͤrſten— ich meine die Baiernherzoͤge— die am entſchiedenſten auf Seiten der roͤmiſchen Hierarchie ſtehen, die gefaͤhrlichſten Feinde des Erzhauſes Oeſtreich ſind und ihm ſchon nach der Kaiſerkrone geſtrebt haben.— Doch hoͤre mich nun wohl an und betrachte mit mir die Lage der Dinge und die perſoͤnliche Stellung des Kaiſers zu ihnen genau. Karl iſt ein Sohn des Erzhauſes Oeſtreich, das immer treu und feſt zum Papſt gehalten und dieſer Treue ſeine Groͤße zu verdanken hat. Er iſt in dieſer Treue und im frommen Glauben an die Satzungen der romiſchen Kirche erzogen; aber er iſt auch ein Enkel Ferdinands und Iſa⸗ bella's, der größten Stuͤtzen der Kirche. Und nunt er iſt und der Zug nach Tunis. 185 der Erbe von Oeſtreich, von den Niederlanden, von Spa⸗ nien. Karl iſt Koͤnig von Spanien, und er war es fruͤher als deutſcher Kaiſer. Das iſt fur ſeine Stellung von un⸗ geheurer Wichtigkeit.“ „Ja, es iſt ſehr ſchlimm, das Du recht haſt! Denn gerade darin liegt das Ungluͤck Deutſchlands. Nie waren die Kurfuͤrſten kurzſichtiger, als damals, wo ſie einen maͤchtigen, reichen Kaiſer wollten und den Koͤnig von Spanien wählten. Der alte Jakob trug auch einen Theil der Schuld. Gott wird ſie ihm vergeben haben; denn ſie entſprang aus einem edeln dankbaren Herzen. Er ſah die Folgen nicht ein, und hing, wie Du und ich mit dem gan⸗ zen Herzen am Erzhauſe. Die oſtreichiſchen Fuͤrſten hatten die Fugger gehoben, der Fugger erhob dafuͤr den öſtreichiſchen Fuͤrſten wieder; aber Deutſchland iſt dabei zu Schaden gekommen.“ „Wir thun beſſer, das dahin geſtellt ſein zu laſſen und die Dinge zu nehmen, wie ſie eben ſind. Genug, Karl war in Spanien der Nachfolger des Kardinal Timenes, des groͤßten und ſtrengſten Kirchenfuͤrſten der neuern Zeit. Karl konnte nur in Fimenes' Grundſaͤtzen dort regieren, und er nahm ſie um ſo williger an, als Naturanlage und Erziehung ihn dazu antrieben. Sein eigner Lehrer Adrian Florens wurde Papſt. In keinem Lande Europa's ſteht die Kirche noch ſo in ihrer alten kraͤftigen Herrlichkeit, als in Spanien; Koͤnigthum und . 186 Der große Reichstag zu Augsburg Prieſterthum durchdringen und bedingen ſich gegenſeitig. Die Scholaſtik der Dominikaner bluͤht in Spanien jetzt erſt recht auf und beherrſcht alle gelehrten Koͤpfe. Die leiſeſte Annaͤherung an die umſtuͤrzenden Lehren Luthers wuͤrde dem Koͤnige die Krone koſten. Aber Karl iſt, wie geſagt, ſeiner Natur nach ſolchen Ideen feind; ſie ſind ihm aufs Aeußerſte zuwider, und nichts betruͤbt ihn mehr, als daß ſeine eignen Schweſtern, die verſtorbene Iſabella und die Koͤnigin Maria ihnen zuneigten. Auch bekampfte er den Papſt Clemens durchaus nicht als Oberhaupt der Kirche, im Sinne der Proteſtanten, ſondern als Fuͤrſten des Kirchenſtaats, der ſich mit ſeinen Feinden verbunden hatte. War es ſeine Schuld, wenn die deutſchen Kriegs⸗ voͤlker das anders auffaßten? Die gottloſe Verhöhnung des Papſtes und der Kirche durch das rohe deutſche Volk hat den Kaiſer ſehr geſchmerzt und erbittert.— Und nun wollen wir einmal annehmen, Karl wäre weniger ein ſtrenggläubiger Sohn der Kirche, auch er neige— was jedoch bei ihm unmoͤglich iſt— zu den lutheriſchen Neue⸗ rungen und haͤtte den Papſt ferner bekaͤmpft. Welche furchtbaren Verwickelungen und Verwirrungen wuͤrden daraus entſtanden ſein! Ein unabfehbares Ungluͤck fuͤr Deutſchland, ja fuͤr ganz Europa. Der Fall des Papſt⸗ thums hatte den Fall des Kaiſerthums nach ſich gezogen; denn beide ſind auf einander geſtuͤtzt, bedingen ſich gegen⸗ ſeitig. Das Eine kann nicht beſtehen ohne das Andre. Der Kaiſer haͤtte alſo gegen ſich ſelbſt gewuͤthet, gegen die und der Zug nach Tunis. 187 Zukunft ſeines Hauſes, gegen die des Reichs. Laͤßt ſich ſolch ein Wahnſinn von einem beſonnenen Manne erwarten, ja nur als moͤglich denken? Der Kaiſer muß als ſolcher, er muß als Konig von Spanien zum Papſt halten mit all ſeiner Macht; er muß der Gegner der Proteſtanten ſein; denn dieſe ſeine Macht be⸗ ruht ſeit uralten Zeiten bis heute auf der Macht der la⸗ teiniſchen Kirche. Unmoͤglich kann er der wilden und regelloſen Neuerungsſucht eines großen Theils des deut⸗ ſchen Volks den Zuͤgel ſchießen laſſen. Das waͤre dem Unverſtand Thuͤr und Thor geoffnet. Er verkennt nicht, daß ſich Mißbrauche in die Kirche eingeſchlichen haben, und er dringt ernſtlich zur Abſchaffung derſelben auf ein allgemeines Concilium. Aber das Kind ſoll nicht mit dem Bade verſchuͤttet, der Kopf nicht mit dem Kragen abgeſchnitten werden.— Und wie ſeine innern, ſo weiſen auch ſeine äußern Verhaͤltniſſe den Kaiſer an den Papſt und das treue beharrliche Feſthalten an der Kirche. Will er den Woiwoden aus Ungarn vertreiben und ſeinen Bruder auf den Thron der Magyaren zuruͤckfuͤhren, er kann es nur mit Huͤlfe der Majorität des Reichstags, mit den alt⸗ kirchlichen Ständen. Will er ſeinen Schwager Chriſtiern auf den däniſchen Koͤnigsthron wieder einſetzen, er kann es nur mit den katholiſchen Fuͤrſten. Denn die Partei, welche den Koͤnig Chriſtiern vertrieben hat, iſt den pro⸗ teſtantiſchen Lehren zugethan, und die deutſchen Proteſtan⸗ ten werden wahrlich nicht die däniſchen und ſchwediſchen 188 Der große Reichstag zu Augsburg Anhänger des Lutherthums bekämpfen. Will er die Schmach, welche Koͤnig Heinrich von England dem Kaiſerhauſe durch die Scheidung von Katharina von Ara⸗ gonien angethan, vertilgen, er muß den Papſt beſtimmen den ertheilten Ehedispens fuͤr ungiltig zu erklaͤren, wie dieſer auch bereits gethan hat. Seinen Schwager, den Koͤnig Franz von Frankreich, kann er nur zur Ruhe zwingen durch ſeine Verbindung mit den Stuͤtzen der Kirche; denn Franz hat ſtets Luſt, ſich mit den Proteſtanten zu verbinden, obgleich er nichts weniger, als ihr Glau⸗ bensgenoß iſt. Soll die Schweiz dem Reiche nicht ganz verloren gehen, muß er das mit den altgläͤubigen Canto⸗ nen— die die alte gleichſam ererbte Feindſeligkeit gegen das oͤſtreichiſche Haus vergeſſen haben— im vorigen Jahre gegen die Neuerer abgeſchloſſne Buͤndniß aufrecht erhalten. Kurz, wohin wir auch blicken, der Kaiſer wird von ſeiner eignen Natur und von ſeinen Verhaͤltniſſen genoͤthigt, an Papſt und Kirche feſtzuhalten und die neuen Ideen ſich nicht uͤber den Kopf wachſen zu kaſſen.“ „Du haſt uͤberzeugend geſprochen. Ich begreife, daß Karl dem jungen Zeitgeiſte keine Conceſſionen machen kann und wird,“ ſagte Buͤbenhoven mit truͤbem Ernſte oder vielmehr Traurigkeit.„Es bleibt alſo nichts uͤbrig, als ein entſcheidender Kampf zwiſchen beiden Principien. Und dieſer Kampf kann nicht mit Worten und Schriften, er muß mit dem Schwerte gefuͤhrt werden. Was Hutten und Sickingen als unvermeidlich begriffen und ſchon —— —— und der Zug nach Tunis. 189 vor ſieben Jahren ausfuͤhren wollten, es wird doch geſche— hen muͤſſen.“ „Ich glaube es ſelbſt,“ verſetzte Anton Fugger.„Aber Du haſt an Sickingens und Huttens Untergang, Du haſt an dem Unterliegen des furchtbar drohenden Volksauf⸗ ſtandes zwei Jahre ſpäter geſehen, wohin ein ſolcher Kampf fuͤhren wird, zu einer gaͤnzlichen Niederlage der Proteſtanten, zum Siege der Kirche gegen ihre Wider⸗ ſacher. Wahrlich, Kaiſerthum und Papſtthum ſind mit einander verbuͤndet noch ſtark genug, alle ihre Feinde niederzuwerfen und in gaͤnzliche Ohnmacht zuruͤckzu⸗ ſtoßen.— Wer alſo klug iſt, wird es mit dem Kaiſer und dem Papſte halten. Ich gebe auf all dieſe Bewe⸗ gungen zu Gunſten der Kirchenreform im Sinne der Wittenberger und Zuͤricher nicht viel. Dieſe Schwaͤrme⸗ reien ſind mit einem drohenden Kriegsheer gedaͤmpft. Das Haus Fugger wird katholiſch und kaiſerlich bleiben, und wenn ganz Augsburg von Kaiſer und Papſt abfiele, und die Fugger werden bei ſolcher Treue und Beharrlichkeit gut fahren.— Es iſt mir leid, daß die beiden Kleriker in unſrer Familie, mein Onkel Marx und mein Bruder Marx von einem fruͤhzeitigen Tode hinweggerafft worden ſind. Es ſollte mir fuͤr meinen Bruder nicht bange ſein, um den Kardinalshut und ein Erzbisthum. Von meinen und Raimunds Soͤhnen muͤſſen ein paar geiſtlich werden. Mir ſelbſt hat der Kaiſer in dieſen Tagen ein paar Woͤrt⸗ lein geſagt, die auf unſre baldige Erhebung hindeuten. 190 Der große Reichstag zu Augsburg Ich werde die Treue der Fugger, wie es dem Kaiſer ziemt, zu belohnen wiſſen, ſprach er.— Wohl, mein lieber Buͤbenhoven! Wir werden feſthalten. Ich will Dir meine geheimſten Gedanken nicht verhehlen. Der Kampf, von dem wir vorhin ſprachen, wird vielleicht bald ausbrechen. Augsburg und die andern Reichsſtaͤdte werden wider Kaiſer und Papſt ſein, wie die proteſtantiſchen Fuͤrſten. Dieſe werden verjagt werden, jene die Reichsfreiheit ver⸗ lieren. Denk' an die Mediceer! Ihre Vorfahren waren Leinweber, wie die unſrigen. Sie waren Wechsler, wie wir. Sie wurden die Fuͤrſten von Florenz; wir werden die Fuͤrſten von Augsburg werden. Nur klug und vor⸗ ſichtig auf das Ziel losgeſteuert! Darum iſt mir die Ver⸗ bindung Raimund Mohrs mit Regina Turzoin ſo ſehr wichtig. Noch weiß der Kaiſer nicht, wer er iſt. Er darf es auch nicht eher erfahren, als nach der Hochzeit, er moͤchte ſonſt die Verbindung hintertreiben. Wir ent⸗ ſchuldigen uns deshalb mit dem ausdruͤcklichen Verbot meines Ohms Jakob. Waͤre Regina eine Fugger, ſo ſahe die Sache ſchwieriger aus; das Haus Turzoin iſt aber ſo alt und vom beſten ungariſchen Adel, daß die Vermählung ſeiner Tochter mit einem Fuͤrſten nichts Auffallendes hat, zumal mit einem ſolchen Fuͤrſten. Aber wir werden doch dadurch einem Fuͤrſten verwandt, und der Kaiſer wird dem Fuͤrſten Raimund ſicherlich allen moͤg⸗ lichen Vorſchub leiſten.“ „Das iſt aber gerade gegen den ausdruͤcklichen Willen und der Zug nach Tunis. 191 ſeines Vaters und unſres ſeligen Ohms. Dieſer mir mehrmals kundgegebene Wille lautete dahin, daß Rai⸗ mund ein ruhiger Buͤrger und Kaufmann werden und niemals etwas von ſeiner fuͤrſtlichen Abſtammung erfah⸗ ren ſolle. Du weißt, in welchen engen und freundſchaft⸗ lichen Beziehungen ich zu Don Alfonzo de Granada ſtand; ich war ſein Retter, als die Rache des Erzherzogs Philipp ihm nach dem Leben ſtrebte; ich war ſpaͤter, als ihm der Kaiſer Maximilian auf Fuͤrbitte der Erzherzogin Margaretha den Namen Ritter von Suͤderland verliehen, oft mit ihm zuſammen, und ſein Sohn war mehr als ein⸗ mal der Gegenſtand unſter Unterhaltung. Da ſagte er: ich bin durch meine hohe Geburt unausſprechlich ungluck⸗ lich geworden; der Fluch dieſer Geburt hat mich von Land zu Land getrieben; die edeln Frauenherzen, die ſich mir zuneigten, ſind dadurch in Noth und Tod geſturzt worden. Ich will meinem Sohne ein gleiches unſeliges Loos erſpart wiſſen. Im Hauſe der Fugger wachſe er auf, als der Sohn der Niedrigkeit; er lerne arbeiten und ſeinen Lebensunterhalt durch geregelte Thaͤtigkeit gewinnen. Nie erfahre er, wie nah er dem Ungluck des mauriſchen Volks ſteht. Seine Tage ſollen fern von der gefaͤhrlichen Groͤße in Ruhe und Zufriedenheit mit ſeinem niedern Looſe ver⸗ fließen.— Und darauf fußen die Verabredungen, die er mit Jakob Fuggern nahm; darauf bezieht ſich endlich die Verfuͤgung des Letztern in Bezug auf Raimund Mohr. — Das Alles wollt ihr nun umſtoßen, und trotz dieſer 192 Der große Reichstag zu Augsburg Verfuͤgungen den jungen Mann mit ſeiner vornehmen Geburt bekannt machen und ihn in eine Laufbahn ein⸗ fuͤhren, wo er den ſchwindelnden Weg der Groͤße zu ſeinem Verderben gehen wird. Und dieſe Enthuͤllungen ſollen erſt erfolgen, wenn er durch das Sakrament mit unſerm Hauſe unauflöslich verbunden iſt. Das iſt ein gefaͤhr⸗ liches Spiel. Ich fuͤrchte, er wird Euch der Falſchheit und Hinterliſt anklagen, und Ihr werdet Euch einen bit⸗ tern Feind und Haſſer erzogen haben.“ „Nicht doch!“ lächelte Anton kalt und im Gefuͤhl uͤberwiegender Klugheit.„Was iſt er ohne uns? Ein armer unbedeutender mauriſcher Prinz. Erſt das Geld und der Einfluß der Fugger geben dieſem Prinzen die rechte Folie. Wir machen ihn reich; wir verſchaffen ihm die Gnade des Kaiſers und wo moͤglich die Beſitzungen ſeines Vaters. Dagegen gibt er uns die Folie ſeines furſtlichen Namens. Des Kaiſers Verbindlichkeiten gegen unſer Haus, welche durch Martins Pflege ſchon vermehrt worden ſind, werden durch unſre Verwandtſchaft mit Rai⸗ mund erhoͤht. Kommt dann der unausbleibliche Zeit⸗ punkt, auf welchen ich hindeutete, ſo erleichtert uns dies Alles den Weg zu einem hohen und glaͤnzenden Ziele.— Und uͤberdies wiſſen wir Alle zur Genuͤge, wie neckiſch der Zufall ſein Spiel zu treiben pflegt. Unverſehens wuͤrde er einmal Raimunden das Geheimniß ſeiner Ge⸗ burt verrathen; und dann hatte er Urſache uns zu grollen, daß wir es ihm verſchwiegen. Es zeigt ſich immer mehr, und der Zug nach Tunis. 193 daß er durchaus nicht zum ruhigen Buͤrger, zum betrieb⸗ ſamen Geſchaͤftsmann paßt. Der Adler verlaͤugnet die ihm angeborne Natur nicht. Vergebens iſt's, ihn mit den Huͤhnern und Gaͤnſen auf dem Haushofe zuſammen⸗ zuſtecken. Eines Tags, wenn ihm die Schwingen erſtarkt ſind, wird er zur Sonne empor ſteigen, und werden ihm die Fluͤgel gebrochen, ſo wird er vor Sehnſucht nach der Sonne ſterben. Dieſe Sehnſucht draͤngt und treibt ſchon in Raimunds Bruſt. Ich habe ihn zeither wohl be⸗ obachtet. Darum muͤſſen wir von dem Willen ſeines Vaters und unſtes Ohms abgehen und fuͤr uns ſelbſt aus Raimunds Adlernatur den moͤglichſt groͤßten Vortheil ziehen.“ „Moͤge der Himmel Deine hochgehenden Plaͤne ſeg⸗ nen!“ ſagte Buͤbenhoven mit gutmuͤthiger, aber auch weh⸗ muͤthiger Ironie; denn er konnte kein Gluͤck darin ſehen, wenn die Fugger Herzoͤge von Oberſchwaben wuͤrden. Raimund Fugger trat raſch in das Zimmer.„Der Teufel ſelbſt hat ſein Spiel!“ rief er ungewoͤhnlich auf⸗ geregt.„Ich komme von der Tante Sibylle. Regina ſchwort Stein und Bein ins Kloſter gehen zu wollen; Raimund ſchießt auf der Straße wie ein Toller an mir voruͤber. Nun verraͤth mir der alte Veit, daß dieſelben Bigeuner hier ſind, welche bei Raimunds Geburt waren und ihn nach Kremnitz brachten, und daß der junge Menſch alle Abende heimlich zu ihnen laͤuft und ein Minneſpiel mit der jungen Zigeunerin angeſponnen hat, die allen Ein deutſcher Leinweber. M. 13 * 194 Der große Reichstag zu Augsburg jungen und ſelbſt vielen alten Maͤnnern den Kopf verruͤckt. Soll doch dieſe Verruͤcktheit dem Kardinal von Luttich das Leben gekoſtet haben.— Das iſt eine ſchoͤne Beſcheerung, die uns die kleine Hexe anrichtet.“ Anton war vor Schrecken bleich geworden.„Wir muͤſſen raſch und entſchieden handeln,“ ſagte er mit ſeiner gewohnten Ruhe.„Vor allen Dingen muͤſſen wir erfor⸗ ſchen, ob Raimund von den Zigeunern das Geheimniß ſeiner Geburt erfahren hat, und danach unſte Maßregeln nehmen. Jedenfalls muͤſſen wir die kleine ſchoͤne Zigeu⸗ nerin uns unſchaͤdlich machen, ſei es, auf welche Weiſe es wolle. Zigeunerwitz ſoll wahrlich nicht durch die Plaͤne der Fugger fahren. Bis morgen muß Alles wieder in Ordnung ſein. Regina wird ſich leicht verſöhnen laſſen.“ Buͤbenhoven laͤchelte unglaͤubig und betrachtete einen Augenblick den zu den außerſten Gewaltmaßregeln ſo ſchnell entſchloßnen Anton verwundert und mit leichtem ſtillen Kopfſchuͤtteln. vierzehntes Rapitel. Bei der alten Karacha fand Anton Fugger mit einer ſchweren Geldboͤrſe leicht Eingang und Gehoͤr und viel weniger Widerſtand, als er erwartet hatte. Sie und Zaroya verſprachen dem reichen Manne, den Minnehandel zwiſchen Raimund Mohr und Carlotten nicht mehr zu dulden und mit einer guten Entſchaͤdigung Fuggers Augs⸗ burg in einigen Tagen zu verlaſſen. Bis dahin ſollte das Maͤdchen in ihrem Verſteck im Katharinenkloſter bleiben. Damit ſchien dem ſehr verſtaͤndigen Anton die Sache ab⸗ gemacht. Mit Raimund Mohr und Katharina Turzoin hoffte er noch viel leichter fertig zu werden oder eigentlich ſchon fertig zu ſein. Aber bei Reginen ſtieß er zuerſt auf hartnaͤckigen Widerſtand. Sie erklaͤrte ihm auf das Ent⸗ ſchiedenſte, daß ſie weder Raimunds, noch eines andern Mannes Weib werden wolle, ſondern eine Nonne, und 132 196 Der große Reichstag zu Augsburg all ſein Bitten und Drohen, ſeine Verſprechungen und Ueberredungskunſte richteten nichts bei ihr aus. Sie zu zwingen hatte er weder Recht noch Gewalt; denn die alte Sibylle, uber den Vorfall noch kraͤnker geworden, trat auf des Maͤdchens Seite und ſchnitt dadurch mit einem Male alle weitern Operationen ab. Es blieb den beiden Bruͤdern nichts weiter uͤbrig als einen Eilboten nach Kremnitz zu ſchicken, um Regina's Aeltern fuͤr ſich zu gewinnen. Mit Raimund Mohr war auch nicht viel anzufangen. Er befand ſich in einer ſo exaltirten Stimmung, daß er bald troſtlos weinte, bald ſich und ſein Schickſal verfluchte, bald hoch und theuer ſchwur, er muͤſſe und werde mit dem Kaiſer in den ungariſchen Krieg ziehen; denn es ſei ſeine heiligſte Pflicht fuͤr ſein Vaterland zu kaͤmpfen und zu fallen; ſich mit Reginen zu vermaͤhlen halte er aber fuͤr Suͤnde; denn er liebe ſie nur als Schweſter. Aus dieſen verworrenen Aeußerungen ging indeſſen ein Troſt fuͤr die Fugger hervor, der Juͤngling hatte von den Zigeunern, wie dieſe bereits heilig und theuer verſichert, das Geheim⸗ niß ſeiner Abſtammung nicht erfahren. So hofften ſie denn von der Zeit, von den Nachrichten aus Kremnitz und von der perſoͤnlichen Einwirkung des Kaiſers auf dieſe ploͤtzlich getruͤbten Verhaͤltniſſe, die ſie zu beanſpruchen ge⸗ dachten, noch immer das Gelingen ihres Plans. Raimund Mohr erfuhr inzwiſchen vom Stallmeiſter Toni Carlottas Aufenthalt, und obgleich Anton die Ver⸗ und der Zug nach Tunis. 197 fugung getroffen hatte, daß das Zigeunermaͤdchen kaum anders als Gefangne im Katharinenkloſter gehalten wurde, ſo gelang es ihm doch durch die Huͤlfe der Schweſter Bar⸗ bara, die ſich ihm ſtets gewogen gezeigt, Carlotten wiſſen zu laſſen, daß nach dem Tode des Erzbiſchofs von Luttich keinerlei Gefahr mehr fuͤr ſie vorhanden ſei. Carlotta langweilte ſich uͤber die Maßen in dem finſtern einſamen Kloſter unter den triſten Nonnen und ſehnte ſich in glei⸗ chem Grade nach ihrem Geliebten, nach dem ſonnigen Sommer, nach dem bunten froͤhlichen Menſchengewuͤhl auf den Straßen, nach ihren Stammgenoſſen und Spiel und Tanz. Nachdem ſie ſo gute Botſchaft von Raimunden erhalten, wollte ſie fort zu ihm und zu ihren Leuten. Die von Anton Fuggern gewonnene Priorin verſuchte ſie zuruͤck⸗ zuhalten, das Mädchen ſchrie, rang die Haͤnde verzweif⸗ lungsvoll und haͤrmte ſich ab, ſo daß die Schweſtern Fe⸗ licitas und Johanna Mitleid mit ihr hatten, und mit Hieronymus Fuggern bei ſeinem naͤchſten Beſuch uͤber die gewaltſame und widerrechtliche Gefangenſchaft der Zigeu⸗ nerin ſprachen. Dieſer beſprach ſich mit Buͤbenhoven. Beide waren uͤber Antons deſpotiſche Handlungsweiſe, die ſie durchſchauten, empoͤrt, und wie Hieronymus immer der ſtille Antagoniſt ſeiner Vettern, namentlich des kalten klugen Spekulanlen Anton geweſen war, ſo war ihm vor⸗ zuglich deſſen Spekulation mit Raimund Mohr zuwider, und er freute ſich ſehr uͤber das Mißlingen derſelben. Bübenhoven hatte aber noch ein beſonderes Intereſſe an 198 Der große Reichstag zu Augsburg dem lieblichen Zigeunermaͤdchen: ſie war ſeine Enkel⸗ tochter, und ſein ſanftes Dichterherz fuͤhlte ſich warm und innig zu ihr hingezogen. Beide Maͤnner thaten die noͤthigen Schritte, und Carlotta wurde noch denſelben Tag in Freiheit geſetzt, da gar kein Grund vorhanden war, ſie im Kloſter zuruͤckzuhalten. Kaum aber zeigte ſich das Maͤdchen auf der Straße, als ſie auch ſogleich vom Volke umringt und mit Jubel begruͤßt wurde. Die Menſchen⸗ menge haͤufte ſich, jauchzte, jubelte und fuhrte ſie in Pro⸗ ceſſion, wie eine Fuͤrſtin zu den Zigeunern, die eben auf dem Weinmarkt vor Anton Fuggers Haus ſpielten und tanzten. Hier mußte Carlotta tanzen. Der Beifall ſtieg und wurde zum Sturm; es regnete Blumen auf ſie und Geld auf den Teller der Einſammlerin. Hatte man das holde Maͤdchen erſt ſchon uͤberaus gern geſehen, ſo wurde ſie nun raſch der Liebling des Volks, und Alles ſchwaͤrmte fur ſie. Der Grund davon lag nicht allein in ihrer Schoͤnheit und in ihrem Tanze. Die große Maſſe war mit fana⸗ tiſchem Eifer der Kirchenreformation zugethan, und die Bevoͤlkerung Augsburg vorzuͤglich der Zwingliſchen Lehre. Wenn ſich Melanchthon oder ein andrer Reformator auf der Straße zeigte, wurde er vom Volke mit ehrerbietigem Jubel begruͤßt und begleitet, kam ein Biſchof oder gelehrter Moͤnch des Wegs, wurde er mit Ziſchen und Hohnreden empfangen. Die proteſtantiſchen Fuͤrſten überhaͤufte das Volk mit lauten und ſtuͤrmiſchen Beweiſen der Ehrfurcht, und der Zug nach Tunis. 199 Liebe und Bewundrung, am meiſten den jungen koͤrper⸗ und geiſteskräftigen Landgrafen von Heſſen; gegen die katholiſchen aͤußerte es nicht ſelten ſein Mißfallen; den Kaiſer und den Koͤnig Ferdinand ließ es ſtumm voruͤber⸗ ziehen; der Koͤnigin Maria huldigte es dagegen auf alle nur erdenkliche Weiſe. Dem ſtolzen und brutalen Erz⸗ biſchof von Luͤttich hatte die Menge ihren Haß nicht ver⸗ hehlt. Nun hatte ſich gleich nach dem ploͤtzlichen Tode dieſes widerwaͤrtigen geiſtlichen Herrn das mannichfach variirte Geruͤcht verbreitet: er habe das ſchoͤne Zigeuner⸗ maͤdchen rauben laſſen, um ſie zu ſeiner Kebſe zu machen, ſie habe ihm aber durch ihre Zauberkuͤnſte den Tod dafuͤr eingeſchenkt. Andre erzaͤhlten: die Knechte des Erzbi⸗ ſchofs haͤtten geſehen, wie ſich die Zigeunerin ploͤtzlich in eine Tenflin verwandelt und ihren Herrn mit der Be⸗ ruͤhrung ihrer gluͤhenden Hand getoͤdtet. Dem großen Haufen war das anfangs ziemlich gleich; ihm genuͤgte, daß Carlotta dem Erzbiſchof nach Verdienſt gelohnt. Daher das allgemeine und große Intereſſe an ihr. Die⸗ ſes wurde dadurch noch erhoͤht, daß man erfuhr, ſie liebe den ſchoͤnen Ungar und werde von ihm geliebt, und dadurch ſei deſſen Verbindung mit der Baſe der Fugger ruͤckgaͤngig geworden. Waren doch die beiden Bruͤder Fugger nichts weniger als beliebt in Augsburg. Ihr hochmuͤthiges Zuhalten zu Kaiſer und Papſt hatte ſie um die Volksgunſt gebracht, wenn nicht gar ſie verhaßt gemacht, und man goͤnnte ihnen den Streich, den die Zigeunerin ihnen geſpielt. 200 Der große Reichstag zu Augsburg Dieſe Dinge wurden in der dichtgedrängten Menge von Mund zu Mund beſprochen, waͤhrend Carlotta mit bezaubernder Anmuth, wie noch nie, ihre Taͤnze auf dem Weinmarkt ausfuͤhrte. Der Kaiſer befand ſich eben bei ſeiner Schweſter, und ſie fuͤhrten ein hoͤchſt merkwuͤrdiges Zwiegeſpräch. Maria, von der herannahenden Hochzeit ihres ſchoͤnen Guͤnſtlings und des ſanften Ungarmaͤdchens zu einem Entſchluß ge⸗ draͤngt,(von den Vorfällen zwiſchen Raimund Mohr und Regina Turzoin hatte ſie keine Kunde erhalten), hatte die heitre Laune, welche ihr kaiſerlicher Bruder diesmal zu ihr gebracht, benutzt, um geſchickt auf ihr Ziel loszuſteuern. Sie mußte die Hochzeit hintertreiben; dazu mußte ſie mit der Farbe herausgehen. Sie that es mit großer Schlauheit. „Ich habe geſtern einen beſondern Genuß gehabt,“ begann ſie vorſichtig.„Ferdinand hat Annen und mir ſpaniſche und mauriſche Geſchichten erzaͤhlt. Dann iſt er jedesmal liebenswuͤrdig. Er lebt und webt darin; es ſind die Eindruͤcke ſeiner Jugend, und er iſt doch ganz und gar ein Spanier und wird es bleiben; niemals wird er ein Ungar, ein Boͤhme, oder gar ein Deutſcher werden.“ „Geht es mir anders?“ laͤchelte der Kaiſer.„Und ich bin doch mit Dir in den Niederlanden aufgewachſen, und unſre liebe Erzieherin, Tante Gretchen, iſt doch eine ächte Deutſche. Aber Spanien iſt ein wunderbares Land, wie es kein zweites gibt, und Keiner, der dort lebt, wird und der Zug nach Tunis. 201 ſich den maͤchtigen Einfluͤſſen, die auf ihn eindringen, ent⸗ ziehen koͤnnen, am wenigſten der Koͤnig des Landes, oder. der Koͤnigsſohn. Wer nun vollends dort geboren wurde und aufwuchs, wie Ferdinand! Der Zauber Spaniens muß ihn beherrſchen ſein Lebenlang. Nicht vergebens hat ein in allen ſeinen Verhaͤltniſſen ſo eigenthuͤmliches Volk, wie die Mauren dort achthundert Jahre gelebt und ſeine Bluͤthen entfaltet. Trotz des Chriſtenthums iſt Spanien mauriſch in Sitte und Lebensgewohnheit, und man wird bei jedem Schritte an jenes außerordentliche Volk erinnert. Nirgend aber wirkt dieſer Zauber maͤchtiger als in Gra⸗ nada und ſeiner herrlichen Koͤnigsburg der Alhambra. Ganz Deutſchland vermag nichts auch nur entfernt Aehn⸗ liches zu bieten.“ „Dasſelbe ſagt auch Ferdinand. Und ich war nie⸗ mals in dieſem Wunderlande, wohin mich ſchon ſo oft die ſtaͤrkſte Sehnſucht meiner Bruſt zog und jetzt— ich ge⸗ ſtehe es— maͤchtiger und unwiderſtehlicher als je. Ja, ſie zieht mich nicht nur nach dem Lande, ſie zieht mich noch mehr nach der ungluͤcklichen Koͤnigin, die uns geboren hat, und die ich nur mit den Augen eines einjaͤhrigen Kindes geſehen. Es hat mich oft mit bittrer Wehmuth erfuͤllt, daß ich ſtets fern von der armen Geiſteskranken war, daß ſie mich nicht kennt und ich ſie nicht, die doch der Liebe und Pflege ihrer Toͤchter ſo ſehr bedarf.“ „Du ſollſt ſie ſehen und pflegen; Du ſollſt die ſtolzen ſpaniſchen Städte ſehen und die herrlichen mauriſchen 202 Der große Reichstag zu Augsburg Staͤdte Cordova und Granada, Du ſollſt mit mir in der Alhambra wohnen, und kommſt mit Deinem Wunſche nur dem meinigen zuvor,“ ſprach Karl mit ungewoͤhnlicher Waͤrme.„Du gehſt mit mir nach Spanien; wir trennen uns nicht wieder, meine liebe Maria.“ So zaͤrtlich hatte er noch nicht zu ihr geſprochen; die uͤberraſchte Koͤnigin erroͤthete unwillkuͤrlich vor dem Aus⸗ druck ſeines Auges. „Aber Deine ketzeriſchen Geluͤſte mußt Du in dem truͤben kalten Deutſchland zuruͤcklaſſen,“ ſetzte er fein laͤchelnd hinzu.„Sie taugen nicht fuͤr das helle warme Spanien. Dort wuͤrden Luther und Zwingli, Melanchthon und Oecolampadius und alle die hochweiſen Herren, die mit ihnen laufen, von der heiligen Hermandad einge⸗ fangen und vom Inquiſitionsgericht in einem praͤchtigen Auto⸗da⸗fo verbrannt werden.“ Ein leichter Schauder lief durch die Glieder der Koͤ⸗ nigin und uͤberhauchte ihr edel ſchoͤnes Geſicht mit einer augenblicklichen Blaͤſſe. Doch ihre Gedanken kehrten ſchnell zu dem fruͤhern lockenden Bilde in ihrer Seele zuruͤck, und ſie fluͤſterte:„Ja, auf der Alhambra moͤchte ich wohnen Welch ein Genuß, von der Generalife aus die bluͤhende Veja zu uͤberſchauen und in den Luſthainen der Sultaninnen zu wandeln Dieſe mauriſchen Koͤnigin⸗ nen waren doch gluͤcklicher als wir. Ferdinand hat mir ein reizendes Bild von ihrem Leben entworfen; es floß ihnen wie ein bunter ſchoͤner Traum dahin.“ und der Zug nach Tunis. 203 „Dafuͤr iſt ihnen der Himmel verſchloſſen, deſſen nur glaͤubige Chriſten theilhaftig werden,“ entgegnete der Kaiſer ernſter. „Ich wollte, ich wäre ein Mann!“ ſeufzte Maria. „Ich ließe mich von Dir zum Vicekoͤnig von Granada machen.“ „Wunderlicher Einfall!“ lachte der Kaiſer. „Man hat mir geſagt, es leben noch Nachkommen des granadiſchen Sultansgeſchlechtes, und ſie hatten ſich zum Chriſtenthum bekehrt.“ „Ein ſolcher Koͤnigsenkel, wenn auch nicht aus dem Stamme der Könige von Granada, wurde voriges Jahr in Valencia entdeckt. Er war lange als der geheime König der Mauren verehrt worden, und ſeine Abſicht war, ſich ſogleich nach meiner Abreiſe nach Italien zu empoͤren.“ „Und was war ſein Schickſal?“ „Er wurde mit ſeinem ganzen Stamme und Anhange niedergehauen. Nur die aͤußerſte Strenge frommt dieſem unruhigen Volke. Ich werde keinen Bekenner des Koran in Spanien dulden. Im Koͤnigreich Valencia lebten noch gegen dreißigtauſend mauriſche Familien, wahrend nicht viel uͤber zwanzigtauſend chriſtliche vorhanden waren. Nach dem Siege von Pavia fuͤhlte ich mich aus Dank⸗ barkeit gegen Gott verpflichtet, die Feinde Gottes unter meiner Krone zu Chriſti Heil zu bekehren. Die Mauren widerſetzten ſich mit bewaffneter Hand. Es kam zum Krieg zwiſchen mir und ihnen. Sie warfen ſich in die 204 Der große Reichstag zu Augsburg Sierra Espadan, aber die deutſchen Landsknechte, die mir nach Spanien gefolgt waren, ſuchten ſie dort auf und be⸗ kehrten ſie ſchnell zum Chriſtenthum. Die Moſcheen wurden in Kiechen verwandelt, und die heilige Inquiſition nahm die Neugetauften in ihre ſtrenge Obhut. Man muß ſie zu ihrem ewigen Heile zwingen; ſie ſind wie ſtor⸗ riſche Kinder.“ Die junge gefuͤhlvolle Koͤnigin war wieder erblaßt. Es graußte ihr vor dem Glaubenseifer ihres Bruders. „Ich ſprach nur von den Nachkommen der Koͤnige von Granada,“ fuhr ſie nach einigen Augenblicken aͤngſtlichen Schweigens fort.„Noch ſoll Don Alfonzo de Granada leben, ein furſtlicher Sproß jenes Hauſes.“ „Was weißt Du von ihm? Wo lebt er? Wer ſagte Dir von ihm? Wer nannte Dir dieſen Namen?“ fragte der Kaiſer emporfahrend mit ungewoͤhnlicher Haſt und Erregtheit. „Ich weiß nicht, wer mir von ihm ſagte, ich weiß nicht, wo er lebt,“ verſetzte Maria faſt erſchrocken. „Ich glaube, Ferdinand hat mir von ihm erzaͤhlt.“— Zögernd und lauernd fuͤgte ſie hinzu:„Wenn er nun. noch lebte oder ein Sohn von ihm, und er oder dieſer Sohn waͤre ein guter Chriſt und Dir treu ergeben: wuͤr⸗ deſt Du den Einen oder den Andern zum Vicekoͤnig von Granada erheben?“ „Seltſame Frage! Ich glaube ſelbſt, ich waͤre nicht abgeneigt dazu, obgleich ich keinem Abkoͤmmling der und der Zug nach Tunis. 205 Mauren traue, und wenn er noch ein beſſrer Chriſt ſcheint. Die Gruüͤnde, weshalb ich dennoch vielleicht einen ſolchen Verſuch wagte, erlaß mir. Sie beziehen ſich auf unſern Vater. Merkwuͤrdiger Weiſe habe ich mich in dieſen Tagen und in dieſem Hauſe mit jenem Alfonzo de Gra⸗ nada beſchaͤftigt, um Naͤheres uͤber ihn zu erkunden.— Sollte Deine Frage—“ er ſprach den Satz nicht aus und ſchwieg in Nachdenken verſinkend. „Und wenn ein ſolcher Vicekoͤnig von Granada um meine Hand wuͤrbe,“ fuhr Maria mit leiſe bebender Stimme fort,„wuͤrdeſt Du ſie ihm gewahren?“ Ueberraſcht blickte ſie der Kaiſer an, als wollteer in ihrer Seele forſchen.„Maria!“ rief er endlich, und der Ton ſeiner Stimme klang faſt ſchmerzlich.„Was iſt das? Was bedeuten dieſe ſeltſamen Fragen?— Maria, ich goͤnne Dich keinem Manne.“ Damit war denn das Geheimniß ſeines Herzens, viel⸗ leicht ihm ſelbſt ein ſolches bis zu dieſem Augenblick, klar ausgeſprochen. Mit Thraͤnen in den Augen kuͤßte ihn die Koͤnigin auf die Wange; er aber heftete ſeine Lippen einen Augenblick auf ihren ſuͤßgeſchwellten Mund. Es war nicht der Kuß eines Bruders, den er ihr gab. In dieſem Augenblicke erſchallte tauſendſtimmiger Ju⸗ belruf vom Markte herauf. Der Kaiſer zuckte auf; er glaubte, ihm gelte dies ſtuͤrmiſche Jauchzen. Verwundert 206 Der große Reichstag zu Augsburg trat er mit der Koͤnigin ans Fenſter. Schon ſeit Wochen war er der jubelnden Begruͤßung des Volks in Augsburg nicht mehr gewohnt. Mit Ueberraſchung erblickte er die zarte Silphengeſtalt der Taͤnzerin im Kreiſe, den das ju⸗ belnde Volk um ſie geſchloſſen, und ward ſeines Irr⸗ thums inne. Ein paar Augenblicke lang ſtieg eine dunkle Roͤthe in ſein feines blaſſes Geſicht, und mit geſpannter Aufmerkſamkeit verfolgte er die anmuthi⸗ gen Bewegungen der tanzenden Zigeunerin. Die leb⸗ hafte Konigin wurde durch das Schauſpiel ſehr er⸗ goͤtzt; ſie liebte das Volk, weil ſie von ihm ge⸗ liebt wurde, und ſie ſah eine ſolche Maſſenanhaͤu⸗ fung ſtets gern. Aber ploͤtzlich ſtieß ſie einen kurzen und gedaͤmpften Schrei aus und erblaßte. Ein junger vornehm gekleideter Mann hatte ſich aus dem Hauſe ſtuͤrzend, mit kraͤftigen Armen einen Weg durch die Menge gebahnt, war in den Kreis geeilt und hatte die Taͤnzerin umarmt und gekuͤßt. Beifallsjauchzen des Volks war dieſer improviſirten Scene gefolgt. Die Koͤnigin hatte Raimund Moh⸗ ren erkannt. Ebenſo der Kaiſer. Er warf einen ſcharfen forſchenden Blick auf die beſtuͤrzte Schwe⸗ ſter, und ſie ſenkte verlegen das Auge vor dieſem Blick. Der Blaͤſſe folgte eben ſo ſchnell Purpurglut in ihrem Geſicht. Karl kniff die Lippen feſt zuſam⸗ men, ſtets ein Zeichen ſeiner innern Erregtheit.„Iſt dieſer huͤbſche Burſche vielleicht ein Sohn des Don und der Zug nach Tunis. 207 Alfonzo de Granada?“ fragte er nach einigen Mi⸗ nuten peinlichen Schweigens. „Ich glaube, Ew. Majeſtaͤt beſitzt etwas See 4. verſetzte Maria trotzig. „Er ſieht ſchon aus, wie ein mauriſcher Prinz und hat Wohlgefallen an ſchoͤnen Landsmaͤnninnen, wie wir eben geſehen haben,“ lachte der Kaiſer bit⸗ ter. Die Koͤnigin ſchwieg ſchmollend; der Kaiſer em⸗ pfahl ſich mit kurzem Abſchiedsgruße und verfugte ſich in ſeine geheime Kanzlei, wohin er Anton Fuggern beſcheiden ließ. Dieſer hatte aus einem andern Fenſter des Hau⸗ ſes die aͤrgerliche Scene zwiſchen Raimund Mohr und der Zigeunerin mit angeſehen und erwartete die Ruͤckkehr des Juͤnglings, um ihn tuͤchtig ins Gebet zu nehmen, als ihn der Page des Kaiſers in die Kanzlei rief. Die Konigin Maria war ſo unmuthig, daß ſie in Thraͤ⸗ nen ausbrach. Ihr kleiner Kopf kreiſte mit allerlei Rache⸗ plänen, aber ſie waren weit mehr gegen die ſchoͤne Zigeune⸗ rin, als gegen ihren Liebling gerichtet, obgleich auch er be⸗ ſtraft werden ſollte. Eh noch der Tag ſich neigte, hatte ſie von einer ihrer Kammerfrauen Raimunds Minne⸗ handel mit Carlotten und das daraus hervorgegangene Zerwuͤrfniß mit ſeiner Braut erfahren. Mißmuthig 208 Der große Reichstag zu Augsburg befahl die Koͤnigin ihren Zelter und ritt nur von einem Käͤmmerling begleitet, ins Freie. Spaͤt kam ſie mit einem Entſchluß zuruͤck: die Zigeunerin ſollte entfernt und der Kaiſer genßthigt werden, Raimunden zum Vice⸗ koͤnig von Granada zu erheben. Fünßehntes Kapitel. Martin widerſtand weniger ſeiner eignen Natur, als ſeiner Mutter, wenn er die naͤchtlichen Beſuche Raimunds bei der Koͤnigin Maria zu ſeinem Vortheil zu benutzen ſuchte. Da hielt er vorſichtig in dem verlaſſnen Zimmer Wache, zuͤndete eine kleine Diebslaterne an und oͤffnete mit einem Nachſchluͤſſel, den er ſich verſchafft, den Schrein, in welchem die Scripturen verſchloſſen waren, durchlas ſie und zog ſich Notizen heraus. Da er nun wahrnahm, daß auch die Königin Maria keine Anſtalt machte, ihn dem Ziele ſeiner Wuͤnſche naͤher zu fuͤhren, ja, als er ſich auch von ihr mit nicht zu verbergender Kälte behandelt ſah, und endlich, als er erfuhr, daß Re⸗ gina feſt entſchloſſen ſei, den Nonnenſchleier zu nehmen, daß alſo nirgends von ihm die Rede war, da gewann ſeine Mutter ihren ganzen Einfluß wieder über ihn, oder viel⸗ Ein deutſcher Leinweber. R. 14 210 Der große Reichstag zu Augsburg mehr das eigne boͤſe Princip in ihm, daß ihm nur aus ihr bewaͤltigend entgegen trat, erhielt tuͤckiſch und rache⸗ lechzend unbeſchraͤnkte Herrſchaft uͤber ſeine Seele. Wäh⸗ rend er auf der einen Seite noch an dem Plane feſthielt, durch die Koͤnigin zu reuſſiren, theilte er auf der andern ſeiner Mutter die im Schooſe der Nacht geſammelten wichtigen Notizen, ſo weit er es fuͤr gut fand, mit. Dar⸗ unter befand ſich auch ein Verzeichniß der ungariſchen Magnaten, welche es insgeheim mit dem Koͤnig Ferdinand und dem Kaiſer hielten, nebſt Auszuͤgen aus ihren Briefen an beide und aus verſchiedenenen Plaͤnen, wie Ferdinand wieder zum Beſitz von ganz Ungarn gelangen koͤnnte. Dieſe Dinge waren Eleonoren naturlich von großer Wich⸗ tigkeit, ſie ſchrieb einen Brief an den Woiwoden oder jetzigen König Johann und verrieth darin Namen und Plaͤne. Ein aus Ungarn gebuͤrtiger Zigeuner bei der Bande ward von ihr gewonnen, den Brief zu beſtellen. Aber, wie ſchlau und heimlich ſie auch Alles angelegt, ſie ward doch uberliſtet. Der alte Antonio Cebes hatte ſich ſehr geſchickt vor ihr zu verbergen gewußt, aber er hatte ſie jede Stunde bei Tage und bei Nacht beobachten laſſen, und die Zigeuner, von denen ſie umgeben war, ſtanden in ſeinem Solde und hielten zu ihm, ihrem Stammgenoſſen, mit Nationalſym⸗ pathie und Treue, während ſie nichts an die fremde Aben⸗ teuerin feſſelte. Der Bote, welchen Eleonore an den Woiwoden geſchickt, wanderte zwar nach Ungarn, aber er ————————— ———— und der Zug nach Tunis. 211 hatte ihren Brief erſt an den alten Cebes abgeliefert. Von dieſem gelangte das Geſchrift noch an demſelben Tage in die Haͤnde des Königs Ferdinand und des Kaiſers. Der Letztere gerieth daruͤber in großen Zorn, indem er durch dieſes Dokument die Ueberzeugung erhielt, daß all ſeine Vorſicht vergebens geweſen war und ſelbſt im Fugger⸗ ſchen Hauſe der Verrath ihn umgeben habe. Um jedes Aufſehen zu vermeiden, begab er ſich ſelbſt in gewohnter Weiſe dorthin, um Anton Fuggern die unangenehme Er⸗ fahrung mitzutheilen und mit demſelben die geheimen Maßregeln gegen Raimunden— denn dieſen hielt er natuͤrlich fuͤr den Verraͤther— zu berathen. Zu dieſer Vorſicht wurde er dadurch beſtimmt, daß er von Anton Fuggern uͤber Raimund Mohrs Abſtammung das Aus⸗ führliche erfahren hatte. Er fuhlte ſich nach dem letzten Befehl ſeines Vaters dem jungen Menſchen ſelbſt dann noch verpflichtet, wenn dieſer wirklich den Verrath be⸗ gangen; er vermuthete, daß derſelbe nicht allein ſtehen, ſondern einer Verſchwoͤrung angehoͤren moͤchte, die er, der Kaiſer, gern ganz entdeckt haͤtte, und auf keinen Fall wollte er in dieſer Sache etwas ohne den treuen, umſichtigen und ruhigen Anton unternehmen. Aber er fand ihn nicht zu Hauſe und begab ſich, um ihn abzuwarten, zu ſeiner Schwe⸗ ſter. Noch hatte er nicht wieder mit Marien geſprochenz er wußte alſo nicht, auf welchem Wege ſie hinter das Ge⸗ heimniß von Raimund Mohrs Geburt gekommen war, da dieſer ſelbſt es durchaus nicht kannte. Obgleich er nun 212 Der große Reichstag zu Augsburg ſeit der letzten Unterredung mit der Koͤnigin ihr grollte, ſo trieben doch ſeine tiefgewurzelte Neigung zu ihr und die Furcht, ſie in irgend einer Weiſe blosgeſtellt zu ſehen, ihn jetzt dazu, ihr hinſichtlich des erfahrenen Verraths Mit⸗ theilungen zu machen und ſeine Beſchuldigung Raimunds unverhohlen auszuſprechen. Vielleicht hatte er dabei auch die geheime Abſicht, die Neigung der Koͤnigin fur den ſchoͤnen Abkömmling der Koͤnige von Granada, die ſie ihm verrathen, zu erſticken. Aber ſeine Erzahlung des Vorfalls brachte eine ganz andre Wirkung in Marien hervor. Sobald ſie erfahren hatte, daß der aufgefangne Brief von der gefaͤhrlichen Eleonore geſchrieben ſei und dieſe ſich heimlich in Augsburg aufhalte, entdeckte ihr Scharfſinn im Nu den Verräther und den Hergang des Verraths. Sie verbarg ihre Beſtuͤrzung. Es galt, raſch zu handeln, um einer Entdeckung ihres wahren Verhaͤlt⸗ niſſes zu Martinen und Raimunden zuvorzukommen. Sie erſuchte den Kaiſer mit erkuͤnſtelter Ruhe den jungen Mann nicht eher zu beſchuldigen, als bis die Sache genau unterſucht ſei. Waͤhrend ſie ſprach und ſich gleichguͤltig. fur die Sache anſtellte, uͤberſah ſie den ſehr beunruhigen⸗ den Colliſionsfall, in welchen ſie durch dieſe Entdeckung verwickelt worden war. Ihr eignes Intereſſe gebot ihr, Martinen von der ihm und ſeiner Mutter drohenden Ge⸗ fahr ſo ſchnell als moͤglich zu unterrichten und beide durch thätige Hülfe der Gewalt und der Strafe zu entziehen, um von Martinen, an dem, wie ſie ſich geſtehen mußte, ————————— —— und der Zug nach Tunis. 21¹3 ſie nichts Beſſres verdient, nicht blosgeſtellt und in den böſen Handel ſelbſt verwickelt zu werden. Der Kaiſer mußte naͤmlich in dieſem Falle ihre leidenſchaftliche Liebe zu Raimunden, ihre Zuſammenkuͤnfte mit ihm, ihre Plaͤne mit ihm und die Art, wie ſie ſich Martins dazu bedient, erfahren, und das Scheitern dieſer Plaͤne und ſeine Un⸗ gnade waren dann unvermeidlich. Entzog ſie ſich aber dieſen Entdeckungen dadurch, daß ſie Martinen und ſeine Mutter fortſchaffte, ſo war damit auch das Mittel un⸗ möglich geworden, Raimunds Unſchuld an den Tag zu bringen, und ſie ſah ihre Plaͤne dadurch ebenfalls bedroht. Es kam noch hinzu, daß ſie bereits Schritte gegen das Zigeunermaͤdchen gethan hatte. Schon hatte ſie gegen den ihr ergebenen Stadthauptmann Sebaſtian Schärtlin den Wunſch ausgeſprochen, daß auf die gefaͤhrliche Hepe gefahndet werden moͤchte. Aus ganz anderm Grunde hatte Anton Fugger dasſelbe Verlangen geſtellt. Ihre Leidenſchaft fuͤr Raimunden hatte eine Hoͤhe erreicht, wo ſie auf nichts Ruͤckſicht nahm, um den Juͤngling fuͤr ſich zu gewinnen und den Königsthron von Granada mit ihm zu theilen. Als nun Anton Fugger nach Hauſe zuruͤckgekehrt und der Kaiſer mit ihm in das Kabinet gegangen war, wählte Maria mit Entſchloſſenheit unter den beiden Uebeln das⸗ jenige, welches ihr als das geringere erſchien und wodurch ſie ſelbſt ſich vor der Entdeckung zu ſchuͤtzen vermeinte. Sie hoffte, da ſie Raimunden fuͤr den Augenblick preis⸗ 214 Der große Reichstag zu Augsburg geben mufßte, ihn ſpaͤter, ſobald nur Martin und Eleonore glucklich entkommen ſeien, doch zu retten, ſeine Unſchuld darzuthun und Martins Schuld zu beweiſen. Sie ließ* alſo Martinen heimlich in ihr Kloſet rufen. „Ungluͤckſeliger!“ redete ſie ihn an,„welch ein Daͤ⸗ mon hat Euch getrieben, alle meine Bemuͤhungen, Euer Gluͤck zu begruͤnden, ſo hochverrätheriſch zu vernichten! Ihr ſucht von des Kaiſers Gnade ein glaͤnzendes Lebens⸗ loos zu erlangen und verrathet verbrecheriſch den Kaiſer an Eure boͤſe Mutter, ſeine Feindin! Ihr beanſprucht von uns Geſchwiſterliebe und betruͤgt uns Alle auf die gemeinſte und ſpitzbuͤbiſchſte Weiſe. Wißt denn, Euere Raͤnke ſind entdeckt, Euer Verbrechen iſt an den Tag ge⸗ kommen. Der Kaiſer weiß bereits, daß Ihr Nachts ſeine Papiere im Hauſe durchforſcht, der Brief, welchen Eure Mutter an den Woiwoden geſchrieben, und worin die Magnaten genannt ſind, die ihrem rechtmäßigen Koͤnig ergeben ſind und mit dem Kaiſer in Verbindung ſtehen, er iſt in ſeiner Hand, ein furchtbarer Beweis Eures Ver⸗ brechens. Dankt es dem Intereſſe, welches ich an Euch nehme, daß ich Euch rette und dem ungemeſſnen Zorne des Kaiſers entziehe. Hier habt Ihr meine Boͤrſe. Ent⸗ fernt Euch ſchleunigſt mit Eurer Mutter aus der Stadt. Ehe eine Stunde vergangen ſein wird, werden die Ver⸗ haftbefehle gegen ſie und Euch gegeben ſein. Der Kaiſer weiß bereits, daß ſie ſich bei den Zigeunern aufhaͤlt. Ihr begreift, daß ihr beide verloren ſeid, wenn ihr in die Haͤnde und der Zug nach Tunis. 215 der ſtrafenden Gerechtigkeit fallt. Thut mir geheime Meldung, wenn Ihr in Sicherheit ſeid; ich werde Euch ferner noch zu nuͤtzen ſuchen.“ Martin hatte mit ſprachloſem Schrecken die Hiobspoſt vernommen. Er begriff, daß Alles fuͤr ihn verloren ſei, wenn er nicht ſchleunigſt den Rath der Koͤnigin befolge. Nur wie ein Blitz zuckte der Gedanke durch ſeinen Kopf, ſeine Schuld auf Raimunden zu ſchieben und ſich hinter die Schuld der Koͤnigin, als ihr Vertrauter, den ſie nicht fallen laſſen duͤrfe, zu verſtecken; aber er ſah eben ſo ſchnell ein, daß ihm das nichts helfen werde, da der Brief ſeiner Mutter gegen ihn zeugte und er ſich durch neue Treuloſig⸗ keit auch den Haß der Königin zuziehen wuͤrde. Ueber⸗ dies hatte er erſt heute in einer Unterredung mit Reginen den letzten Schimmer von Hoffnung auf ihren Beſitz ver⸗ loren. Den Rath der Koͤnigin zu befolgen, war wirklich das Einzige, was ihm uͤbrig blieb. Er empfahl ſich alſo kurz, um die ſchleunigſten Vorkehrungen zu ſeiner Flucht zu treffen. Er war damit bald fertig; denn furchtſam und feige, wie er war, wagte er weder, ſich irgend noch im Hauſe aufzuhalten, oder etwas von ſeinem Gepäck mitzu⸗ nehmen. Er ſteckte alſo nur Geld und Papiere in ſeine Taſchen. Als er eben aus dem Hauſe hinausſchreiten wollte, begegnete ihm Raimund. Mit einem hämiſchen Laͤcheln zog er ihn bei Seite.„Der Augenblick iſt ge⸗ kommen,“ fluͤſterte er ihm zu,„wo ich Dir das Geheim⸗ niß Deiner Geburt entdecken kann. Wiſſe denn, Du biſt 216 Der große Reichstag zu Augsburg der einzige Sohn des mauriſchen Fuͤrſten Alnayar, der als Chriſt den Namen Don Alfonzo de Granada fuhrte. Dein Vater lebt in Algier bei dem Dei Chair Eddin Barbaroſſa. Deine Mutter war eine franzoͤſiſche Prin⸗ zeſſin, Luiſe von Maine, aus dem Hauſe Anjou, das Neapel und Ungarn Koͤnige gegeben. Sie war die Jugendfreundin der Erzherzogin Margaretha von Oeſt⸗ reich und die erſte Geliebte ihres Bruders, des Erzher⸗ zogs Philipp, meines Vaters und des Kaiſers Vaters. Denn ich bin ein Sohn Philipps, ſo gut wie der Kaiſer und der Koͤnig von Boͤhmen. Du aber biſt der recht⸗ maͤßige Erbe der Koͤnigskrone von Granada, welche die ſpaniſchen Koͤnige Deinem Hauſe geſtohlen. Hätte die ſchlaue Politik des Kaiſers Maximilian nicht Deine Mut⸗ ter und meinen Vater gewaltſam getrennt, ſo waͤre ſie ſein Weib geworden und nicht jene ſpaniſche Johanna, an die er ohne Liebe geſchmiedet wurde, und Du waͤrſt Philipps älteſter Sohn, Du wärſt jetzt deutſcher Kaiſer. Noch mehr und von der andern Seite: Die ſpaniſche Johanna liebte Deinen Vater, den Don Alfonzo de Gra⸗ nada, und hatte die treuloſe Politik ihrer Aeltern, des raͤnkevollen Koͤnigs Ferdinand und der ſchlauen Koͤnigin Iſabella, ſie nicht von einander geriſſen zu Aller Ungluͤck, ſo waͤrſt Du Johannas älteſter Sohn und jetzt Koͤnig von Spanien. So biſt Du von dieſen Kaiſern und Koͤnigen um die Kronen betrogen, ja, ſelbſt die, welche Dir nach göttlichen und menſchlichen Rechten zukoͤmmt, die Krone —— —— und der Zug nach Tunis. 217 von Granada, ſie iſt im Beſitz dieſes gluͤcklichen Karl, der Dich zu ſeinem Schreiber braucht. und die wackern Fugger haben treulich geholfen, Dich zu beluͤgen und zu betruͤgen, und hätten Dich gern zu einem Gliede ihres Hauſes gemacht, um ſich durch Dich ſelbſt zu heben.— Nun weißt Du genug.“ Raimund ſtarrte den Sprecher wie ein Wahnſinniger an.„Alfonzo de Granada!“ toͤnte es unwillkuͤrlich von ſeinen bebenden bleichen Lippen.„Schrieb ich doch dieſer Tage einen Brief des Kaiſers an dieſen Mann, worin er ihn einladet, nach Spanien zuruͤckzukehren, wo er ihn in ſeine Guͤter und Wuͤrden wieder einzuſetzen ver⸗ ſpricht.“ „Die geraubte Krone wird er ihm nicht zuruͤckgeben,“ lachte Martin und wollte gehen. Raimund hielt ihn krampfhaft am Arme zuruͤck: „Weshalb wollteſt Du mich aus Kremnitz entfuͤhren und wohin? Das Eine ſage mir noch.“ „Ich war ein Bote der Gemahlin des Dei von Algier, die eine Verwandte Deines Vaters iſt. Chaireddin und Suleima, ſeine Gattin, wollten Dich nach Granada fuͤhren mit Heeresmacht und Dich auf den Thron Deiner Väter ſetzen. Der Ring, den ich Dir zeigte, war von Suleima; ich gab aber vor, er ſei von Deiner Mutter. Deine Mut⸗ ter ſtarb in Ungarn gleich nach Deiner Geburt.— Ich war jahrelang in Deines Vaters Geſellſchaft.— Nun laß mich; ich habe ein dringendes Geſchäft.“ Er ſchluͤpfte 218 Der große Reichstag zu Augsburg aus der Thuͤr und eilte in die Zigeunerherberge, wo er ſeine Mutter fand und ihr in ihrer Kammer athemlos mittheilte, was ſich ereignet hatte. Eleonore begriff die Gefahr, in welcher ſie ſchwebte, aber ſie verlor die Ruhe der Beſonnenheit nicht. Es war ihr nichts Ungewohntes, ſich in gefaͤhrlichen Lagen zu befinden. Ihre Plaͤne for⸗ derten ihren laͤngern Aufenthalt in Augsburg; denn noch war im Reichstag nichts entſchieden, wie ſchroff auch die Parteien ſich gegenuͤberſtanden. Jeden Tag durfte man den Bruch erwarten, und ſchon hatte ſich der Landgraf zum großen Verdruß des Kaiſers heimlich entfernt. Eleonore konnte nicht eher gehen, bevor nicht die Entſcheidung er⸗ folgt war; der ganze Zweck ihrer Reiſe wäre vereitelt gewe⸗ ſen. Aber bei den Zigeunern war ſie nicht eine Stunde mehr ſicher; auch kam der Verrath offenbar von ihnen. Sie hatte ſchnell ihren Plan gemacht und ſchritt ohne Zaudern an ſeine Ausfuͤhrung. Ohne Aufſehen verließ ſie mit ihrem Sohne die Herberge; außer Karacha war kein Mitglied der Bande zugegen. Ebenſo unbemerkt er⸗ reichten ſie das Katharinenkloſter, und nach einer Stunde haͤtte ſie Niemand in den zuͤchtigen Nonnenkleidern wieder erkannt, mit welchen ſie die Schweſter Barbara verſehen hatte. Selbſt unter dem dichten Schleier waren die ver⸗ raͤtheriſchen Flecken in ihren Geſichtern geſchickt zuge⸗ ſchminkt. Martin nahm ſich als Nonne nicht uͤbel aus. Die entlegenſte Zelle nahm ſie auf; ſie waren geborgen.— Die Pfoͤrtnerin war durch ein reiches Geldgeſchenk von und der Zug nach Tunis. 219 Eleonoren leicht gewonnen, ihr zu jeder Zeit in der Nacht Ein⸗ und Ausgang zu gewaͤhren. Die Klauſur war ohne⸗ dies nicht ſtreng, und der Trubel des Reichstags geſtattete noch manche Ausnahme. Die Priorin war auch keine ſtrenge Oberin und hatte den Freuden der Welt nur zum Schein entſagt. Die reformatoriſchen Ideen waren ihr nicht unbekannt geblieben, und die beiden fremden Nonnen, die als Fluͤchtlinge aus einem aufgehobenen Kloſter in Sachſen galten, durften ihres Schutzes gewiß ſein. Sechszehntes Rapitel. Raimund Mohr ſtand lange wie verzaubert. Ein jaͤher Blitzſtrahl hatte die Wolken zerriſſen, die ihn zeither umhuͤllt, aber ſein Auge war davon geblendet, er vermochte ſich in den neuen Verhaͤltniſſen nicht zu orientiren, ſie nicht zu uͤberſchauen. Nur das eine Gefuͤhl erfullte ihn ganz mit maßloſem Groll und Bitterkeit, daß er betrogen, furchtbar betrogen ſei, und daß diejenigen, welche er bis⸗ lang fuͤr ſeine Wohlthaͤter gehalten, ſich ſchmachvoll an ihm vergangen. Seine Liebe ſprang in Haß uͤber, und dieſer ging viel zu weit, weil er eben unfaͤhig war, die Verhaͤltniſſe richtig zu wuͤrdigen. Auch waren ihm nun ploͤtzlich ſeine Natur und ſein Weſen klar, die ihm zeither ſtets als ein ſeltſames Raͤthſel vor Augen geſtanden hatten; er verſtand den unbandigen Drang ſeiner Bruſt und die unertraͤgliche Unzufriedenheit mit ſeiner Beſchaͤftigung „ und der Zug nach Tunis. 221 ſeiner Umgebung und ſeinem ganzen Leben. Am meiſten emporte ihn gegen die Fugger, daß ſie ihn mit Reginen hatten verbinden wollen, und er war in der wildeſten Auf⸗ regung nahe daran, ſelbſt ſie, die Unſchuldige, Edle, zu haſſen. Dieſer Haß wandte ſich nicht minder gegen den Kaiſer und die Koͤnigin Maria. Er fuͤrchtete den Ver⸗ ſtand zu verlieren und ſtuͤrzte aus dem Hauſe; nur dunkel ſchwebte ihm der Gedanke vor, daß Carlotta allein im Stande ſein moͤchte, den ihn durchraſenden Sturm zu beſchwoͤren, daß er nur bei ihr Ruhe und die Faͤhigkeit, ſeine Lage beſonnen zu uͤberſchauen und einen Entſchluß zu faſſen, finden wuͤrde. Als er an die Herberge kam, toͤnte ihm ein herzzerreißendes Geſchrei entgegen. Er erkannte Carlottens Stimme; ein Haufen Haͤſcher fuͤhrte ſie eben gefeſſelt heraus. Wie ein gereizter Loͤwe warf er ſich auf die bewaffneten Maͤnner, und ſie wichen einen Augenblick vor ſeiner Wuth zuruͤck. Er hatte mit ſeinem Schwerte einige verwundet. Aber ſchnell ſah er ſich um⸗ ringt, verwundet, von der Uebermacht uͤberwaͤltigt. Ge⸗ feſſelt, wie die Geliebte, wurde er mit ihr ins Gefaͤngniß gebracht. Doch ſelbſt dieſes traurige Gluͤck ſollte er nur ſehr kurze Zeit genießen. Sein Vergehen und ſeine Ge⸗ fangennahme war unverzuͤglich den Fuggern gemeldet wor⸗ den, und ſogleich langte der Befehl des Kaiſers an, ihn in Anton Fuggers Haus abzuliefern. Hier wurde er in ein Zimmer gebracht und bewacht; denn er tobte, wie ein Raſender.— Nach einer Stunde wurde er vor den Kai⸗ * 222 Der große Reichstag zu Augsburg ſer und Anton Fugger gefuͤhrt. Der Letztere nahm das Wort: ein ſchlimmer Verdacht hafte auf ihm, dem Kaiſer die geſchworne Treue gebrochen zu haben und zum Ver⸗ raͤther der ihm anvertrauten Papiere geworden zu ſein. Er las ihm Eleonorens Brief an den Woiwoden vor. Dieſe unerwartete Beſchuldigung gab dem jungen Manne ſeine Beſonnenhlt wieder. Mit dem Ausdruck der äußer⸗ ſten Verachtung wies er ſie zuruͤck. „Ich weiß nicht, wie der Verrath ſtattgefunden hat, aber ich habe ihn nicht begangen,“ erklaͤrte er be⸗ ſtimmt „Es ſcheint, daß Du Dich von Martin van der Voort haſt verfuͤhren laſſen, ihm die Notizen zu geben, welche zu dieſem Briefe benutzt ſind,“ ſagte Anton,„und ſobald dieſer nach Hauſe zurückgekehrt ſein wird, wird er Dir gegenuͤbergeſtellt werden.“ 3 „Ich erwarte es,“ verſetzte Raimund im Gefuͤhl ſler Unſchuld. Der Kaiſer verließ unbefriedigt und mißmuthig das Haus, nachdem er befohlen hatte, ihm zu melden, wann Martin und Eleonore verhaftet ſeien, wozu der Befehl an die Haͤſcher bereits gegeben war. Als ihm am folgenden Morgen angezeigt wurde, daß weder Martin in das Fug⸗ gerſche Haus, noch Eleonore in die Zigeunerherberge zuruͤck⸗ gekehrt ſeien, ſteigerte ſich ſeine uͤble Laune, und er gab die ſtrengſten Befehle zu ihrer Haft. Aber er mußte ſich bald uͤberzeugen, daß ſie entflohen ſeien. Wer hatte ſie und der Zug nach Tunis. 223 gewarnt? Dieſe Frage beſchäftigte ihn ſtundenlang und oft drängte ſich ihm die Antwort auf:„die Koͤnigin Maria.“ Mit Unwillen ſtieß er ſie von ſich und nahm lieber an, daß die Entflohenen von dem Zigeunerboten, welchem der Brief abgenommen worden war, hiervon benachrich⸗ tigt worden ſeien. Nichtsdeſtoweniger konnte er den quä⸗ lenden Verdacht gegen die geliebte Schweſter nicht los⸗ werden. 3 In dieſen Zweifeln und quaͤlenden Gedanken wurde ihm Anton Fugger gemeldet. Bleich und verſtoͤrt trat der Geldfurſt ein, ſo daß der Kaiſer auf den erſten Blick wahrnahm, daß ihm etwas ungewohnlich Unangenehmes begegnet ſei.„Was iſt geſchehen, daß Dich ſo er⸗ ſchreckt hat?“ fragte er deshalb ſelbſt voll banger Be⸗ ſorgniß. „Ich halte es fuͤr meine heiligſte Pflicht,“ begann Anton zoͤgernd,„Eurer Majeſtaͤt nichts zu verſchweigen, was ſich in Bezug auf Euch und Euer Haus in dem meinigen ereignet. Ich muß deshalb ehrlich berichten, was ſich in der verwichenen Nacht zugetragen, ſo unange⸗ nehm Euch auch die Kunde ſein mag. Wahrlich, mir iſt ſie es nicht minder.“ „Zur Sache! Ich kenne Deine Treue,“ entgeg⸗ nete Karl mit der wiedergewonnenen alten eiſigen Ruhe.„ „Ich hatte, eh' ich mich zur Nachtruhe begab, den 224 Der große Reichstag zu Augsburg beiden Wächtern Raimund Mohrs befohlen, mich zu wecken, wenn es dem Gefangenen einfallen ſollte, irgend etwas Ungewoͤhnliches vorzunehmen.— Und ich wurde geweckt. Der Wächter berichtete, der Gefangene habe ſich vom Lager erhoben und fuͤhre ſo ſeltſame Reden, daß daraus erhelle, er habe den Verſtand verloren. Er ſchreie fort und fort nach ſeiner geraubten Krone. Erſchrocken begebe ich mich in ſein Schlafgemach. An dem ſeltſa⸗ men vorſichtigen Tritt, an dem unheimlichen glanzloſen Blick des Juͤnglings erkenne ich ſogleich, daß ich einen Nachtwandler vor mir habe. Er ſieht weder mich, noch die Waͤchter.„„Karl!““ ſpricht er mit einer Stimme, vor deren Ton ich mich entſetze,„„gib mic meine Krone zuruͤck! gib mir die Koͤnigskrone von Granada, die Deine Vorfahren den meinigen vom Haupte geriſſen haben. Ich bin der rechtmäßige Koͤnig von Granada, nicht Du. Du erdruͤckſt mein armes Volk. Ich will und muß es wieder zu Chren und Anſehen bringen. Bedenke: waͤren Deine Vorfahren nicht grauſam geweſen gegen ihre eignen Kinder, ſo waͤre mein Vater der Gatte Deiner Mutter geworden, und ich waͤre der Erbe der ſpaniſchen Koͤnigs⸗ kronen, oder meine Mutter waͤre die Gattin Deines Va⸗ ters geworden, und ich waͤre jetzt Herr von Oeſtreich und der Niederlande und deutſcher Kaiſer. Darum ſei gerecht und gib mir wenigſtens die geraubte Krone zuruͤck!— Du willſt nicht? Du gehſt! Ha! Ich will die ſchoͤne Königin, Deine Schweſter, zu meiner Huͤlfe aufrufen. und der Zug nach Tunis. 225 Wir wollen uns gegen Dich verbinden und Dir die ge⸗ ſtohlne Krone abzwingen.““ Fugger machte eine Pauſe, gleichſam als ſcheue er ſich weiter zu erzaͤhlen. Der Kaiſer hatte ihm ruhig und ſchweigend zugehoͤrt.„Wie mag er es erfahren haben?“ fragte er jetzt faſt gleichguͤltig. „Es iſt mir unbegreiflich. Geſtern wußte er es noch nicht.“ „Einerlei! Er weiß es nun, und er hätte es doch ein⸗ mal erfahren.— Was geſchah weiter?“ „Er zog einen Schluͤſſel aus der Taſche und verließ das Zimmer; ich leiſe ihm nach. So ſteigen wir die Treppe hinab und kommen zu den Thuͤren der Gemaächer der Koͤnigin. Mit dem Schluͤſſel will et die Thuͤre oͤffnen, welche in das Schlafgemach Eurer koͤniglichen Schweſter fuͤhrt. Entſetzen erfaßt mich. Mit kraͤftiger Hand weiſ' ich den Verwegenen zuruͤck und zerr' ihn die Treppe wieder hinauf. Er folgt mir willenlos. Schlaf⸗ trunken, traͤumeriſch ſchaut er mich und die Waͤchter an; er weiß nicht, was mit ihm geſchehen iſt, und legt ſich auf mein Geheiß wieder nieder. Die uͤbrige Nacht verfloß ruhig.“ „Und was iſt aus dem Schluͤſſel geworden?“ fragte der Kaiſer. „Er entfiel ſeiner Hand, ich hob ihn auf.“ „Wohl! Deiner Verſchwiegenheit bin ich gewiß. Ich ahnete ſchon, daß das Herz der Koͤnigin im heißen Minne⸗ Ein deutſcher Leinweber. R. 15 226 Der große Reichstag zu Augsburg rauſch ſich dem ſchoͤnen Maurenprinzen zugewendet. Auch ſie weiß, wer er iſt, und durch ſie wurde ich zuerſt darauf gebracht, Dich ernſtlich uͤber ſeine Herkunft zu befragen. Der Schluͤſſel beſtätigt meine Ahnung als Gewißheit. Der Schluͤſſel ſoll mir als ihr Heilmittel von dieſer Lei⸗ denſchaft dienen.— Jetzt befolge genau, was ich Dir ſage. Den Schluͤſſel ſteckſt Du ihm heimlich wieder in das Wams und kuͤndigſt ihm die Freiheit an, doch laß ſeine Schritte genau uͤberwachen. Mir aber bereiteſt Du mit der größten Heimlichkeit ein Lager in Deinem eignen Schlafgemach. Raimund ſoll ferner in der Kanzlei ſchlafen. Vorſichtig entfernſt Du alle Perſonen, die uns Nachts in den Weg kommen oder belauſchen koͤnnten. Niemand darf es ahnen, daß ich eine oder einige Nächte bei Dir zubringe.“ „Es ſoll Alles nach Eurer Majeſtaͤt Befehl vollzogen werden.“ Anton Fugger wurde in Gnaden entlaſſen. Der Kaͤmmerer meldete: ein paar Zigeunerinnen, wovon die Eine uralt ſei, verlangten durchaus Seine Majeſtaͤt zu ſprechen; ſie ließen ſich nicht abweiſen und baͤten deingenb in einer wichtigen Angelegenheit um Gehoͤr. „Fuͤhre ſie herein!“ Karacha und Zaroya traten in das kaiſerliche Gemach und ließen ſich auf die Knie nieder, die Haͤnde flehend em⸗ porgeſtreckt. „ 1 . „ und der Zug nach Tunis. 227 „Was begehrt Ihr von mir?“ fragte der Kaiſer mit ungewöhnlicher Milde. „Gnade und Freiheit fur meine Enkelin Carlotta!“ rief Zaroya. „Carlotta iſt Sonaca's einziges Kind,“ ſagte die alte Karacha mit Bedeutung,„Sonaca's, die in Bologna von der einſturzenden Gallerie erſchlagen wurde. Sonaca hat nur einen Mann geliebt; ſie hat ſich nie von einem an⸗ dern beruͤhren laſſen. Sie blieb ihrer erſten Liebe treu. Das kann ich vor Gott bezeugen.— Und ihrem ſuͤßen Kinde gab ſie den Namen ſeines Vaters.“ Ein mildes, faſt verſchaͤmtes Lächeln flog uͤber des Kaiſers Zäge und uͤberhauchte ſie mit einem Schimmer ſeiner verſchwundenen Jugend. Ploͤtzlich ſtand ihm ein reizendes Bild vor der Seele, wie ein ſchoͤner Traum. „Warum hat Sonaca das dem Vater ihres Kindes nicht ſelbſt geſagt, als ſie noch lebte?“ fragte er dann mit einem leiſen Anfluge von Wehmuth. „O, weil ſie ſtolz war, wie ich es bin!“ verſetzte Zaroya.„Nie wollte ſie, nie wollten wir von dem Vater Carlottas etwas begehren, was unſern Stolz verletzt hätte. Wir ſind die Fuͤrſtinnen unſtes Stammes. Sie war gluͤcklich, daß ſie einſt von ihm geliebt worden war, und hätte ſich dieſes ſüße Gluck ſelbſt um den reichſten Preis nicht truͤben laſſen. Sonaca war eine edle 15* 228 Der große Reichstag zu Augsburg Seele und ihres Geliebten wuͤrdig bis zu ihrer letzten Stunde.“ „Und ihre Liebe fuͤhrte ſie in den Tod,“ fuͤgte Karacha hinzu.„Das hat auch ihr Geliebter erkannt; denn er erwies ihrer Leiche die Ehre eines Beſuchs in ſtiller Mitternacht.“ „Weib, woher weißt Du das?“ fragte der Kaiſer uͤberraſcht und von ſchmerzlichen Erinnerungen ergriffen, ſo daß es feucht in ſeinen Augen ſchimmerte. „Ich hielt die Todtenwache bei ihr und ſaß in einer Ecke des Stalles hinter einem Strohbuͤndel, als die Todte den Beſuch erhielt, der ihre aufopfernde Treue aner⸗ kannte.“ Der Kaiſer winkte ihr, zu ſchweigen und wandte ſich ab. „Carlotta hat nichts verbrochen,“ weinte Zaroya; „ſie iſt unſchuldig, wie ein Lamm und rein wie das Sonnenlicht.“ „Geht getroſt,“ ſprach Karl.„Eh der Abend kommt, iſt ſie frei. Im Katharinenkloſter werde ich ihr zum Schutz fuͤr den fanatiſchen Poͤbel eine Freiſtatt erbitten. Doch muͤßt Ihr ſie in dieſen Tagen ſtill und ſchnell nach Spanien zuruͤckfuͤhren. In Cordova werd' ich ihr die Wohnung bereiten laſſen. Nicht ferner kann ich dulden, daß ihre Jugendbluͤthe auf Gaſſen und Plaͤtzen den frechen Blicken des Poͤbels ausgeſetzt iſt, eines Poͤbels, der ſie geſtern vergoͤtterte und heute als Zauberhere verſchreit und verfolgt. Meine Macht reichte nicht hin, ſie gegen dieſen und der Zug nach Tunis. 229 Poͤbel zu ſchuͤtzen. Bei meiner ſtrengen Ahndung, ſie ſoll nicht mehr auf den Straßen und in den Schenken tanzen, um Euern Seckel zu fuͤllen! Ich werde Euch zu entſchaͤ⸗ digen wiſſen.“ Er winkte noch einmal, und die Zigeune⸗ rinnen verließen mit Dankſagungen auf den Lippen das Gemach. Der Kaiſer ſandte ſeinen Oberkaͤmmerer zur Priorin des Katharinenkloſters mit der Bitte, die kleine Zigeune⸗ rin noch einmal aufzunehmen und ihr fuͤr ein paar Tage eine Zelle zu geben, worin ſie Abends ein Mann ſprechen koͤnne, ohne von den Nonnen bemerkt zu werden. Wie ſchlecht kannte der Kaiſer die Frauen, vorzuglich die Frauen in den Kloͤſtern! Der Oberkammerer befahl der Priorin die Sache als ein tiefes Geheimniß, und eine Stunde ſpaͤter wußten alle Nonnen, daß die ſchoͤne Zigeunerin auch dem ſittenſtrengen Kaiſer das Herz geruͤhrt habe, daß er ſie ins Kloſter bringen laſſen und ihr hier Beſuche machen werde. Ein Ereigniß von ſolcher Wichtigkeit hatten die Schweſtern des Stifts der heiligen Katharina noch nicht erlebt, und es wurde natuͤrlich in allen Zellen ſo heimlich und ſo eifrig als moͤglich beſprochen. Wie manches Noͤnnchen beneidete im Herzen, waͤhrend ſie als ſtrenge Sittenrichterin ihren Abſcheu vor dieſer unerhoͤr⸗ ten Entweihung des heiligen Hauſes ausſprach, die kleine Zigeunerin! Wie haͤtte es nun anders kommen können, als daß die Priorin fuͤr Carlotten ein Gemach beſtimmte, das aus einem ſichern Verſteck uͤberſehen werden konnte! 230 Der große Reichstag zu Augsburg unterdeſſen war aber noch mehr geſchehen, um dem Kaiſer begreiflich zu machen, daß man einer Kloſterfrau kein Herzensgeheimniß anvertrauen darf. Eleonore van der Voort hatte es vortrefflich verſtanden, ſich bei der etwas beſchraͤnkten Priorin in beſondre Gunſt zu ſetzen. Die in ihren Mauern ſeit dreißig Jahren hauſende Frau lauſchte mit Begierde auf die unterhaltenden Erzaͤhlungen von dem bunten und wunderlichen Treiben draußen in der Welt, und wer konnte wohl mehr und Seltſameres davon berichten, als die vielerfahrne Eleonore! Die Abenteurerin war in kurzer Friſt die vertrauteſte Freundin der neugie⸗ rigen Oberin geworden, und ſie war die Erſte, welche das kaiſerliche Geheimniß erfuhr. Eleonore haͤtte ihre Natur verlaͤugnen muͤſſen, wenn ſie dasſelbe nicht zu ihren Zwecken benutzt haͤtte. Es war noch nicht Mittag, als Martin, als alte Baͤuerin verkleidet, Anton Fuggers Haus umſchlich, fuͤr den Fall, daß er Raimunden nicht zu ſprechen ermoͤglichen ſollte, mit einem Briefe an ihn ver⸗ ſehen, der den jungen Mann auf geheimnißvolle Weiſe in in das Kloſter beſchied, wo ihm wichtige ihn betreffende Eroͤffnungen gemacht werden ſollten. Doch der Brief wurde entbehrlich. Waͤhrend dieſes Vormittages verbreitete ſich das Ge⸗ ruͤcht ſchnell durch die Straßen der Stadt, der ſchoͤnen Zi⸗ geunerin werde der Proceß gemacht und ſie in wenigen Tagen als Hexe oͤffentlich verhrannt werden. Man er⸗ zaͤhlte, daß ſie nicht nur den Erzbiſchof von Luͤttich durch und der Zug nach Tunis. 231 Zauberei umgebracht, auch den ſchoͤnen Ungar im fugger⸗ ſchen Hauſe habe ſie ſo behext, daß er den Verſtand ver⸗ loren und Nachts mit boͤſen Geiſtern verkehre. Allen Maͤnnern habe ſie's angethan, und ihre Zauberkunſt komme der des Doktor Fauſt gleich. Die abenteuer⸗ lichſten Geſchichten davon wurden aufgetiſcht, und die Volksmaſſe freute ſich kannibaliſch auf ihre Hinrichtung. Das Geruͤcht drang auch in das fuggerſche Haus; es er⸗ reichte Raimund Mohrs Ohr, welcher kurz vorher durch Anton Fugger in Freiheit geſetzt worden war. Ein paar Augenblicke war er wie gelaͤhmt vom Entſetzen, das ploͤtz⸗ lich uͤber ihn hereingeſtuͤrzt war. Seine Zuͤge waren ent⸗ ſtellt, die Augen weit vorgetreten und mit Blut unter⸗ laufen; ſein Anblick war fuͤrchterlich. Dann ſchnellte er empor und rannte fort nach der Zigeunerherberge, wo er erfuhr, was der Kaiſer den beiden Frauen zugeſagt und verfuͤgt hatte. Der Wechſel ſeiner Gefuͤhle war ſo ſtark, daß er ihn faſt niederwarf. Er brauchte Zeit, um ſich zu faſſen. Auf dem Heimwege dahinſchlendernd dachte er eben daruͤber nach, wie er es anzuſtellen habe, um die Geliebte Abends im Kloſter zu ſehen und zu ſprechen, als er ſich am Aermel gezupft fuͤhlte und eine alte Baͤuerin vor ſich ſah, die ihn mit bedeutungsvoller Geberde in den Winkel eines Hofes zog, wo ſie ſich ihm als Martin zu erkennen gab. Wenige Worte deſſelben beſtaͤtigten dem ſtaunenden Jungling die kurz zuvor vernommene Kunde von Car⸗ 232 Der große Reichstag zu Augsburg lotta's bevorſtehender Befreiung und Ueberſiedlung in das St. Katharinenkloſter, aber der ſchlimme Nachſatz, daß ſie der Kaiſer dieſen Abend dort heimlich beſuchen werde, machten wiederum ſein Blut faſt erſtarren. Alſo das war der Preis ihrer Befreiung! Er hätte in dieſem Augen⸗ blick die ganze Menſchheit umbringen moͤgen vor Wuth, Haß und Rache. Aber er wollte ſich ſelbſt uͤberzeugen, und das gerade hatte Martin gewuͤnſcht. Der Plan dazu wurde ſchnell verabredet; dann ſchieden ſie. Raimund todtenbleich und zitternd wankte nach Hauſe und bis zum Abend fuͤrchterliche Stunden. Er kam ſpaͤt, dieſer Abend, aber er kam doch, und Raimund, gut verkleidet, ſchluͤpfte an Martins Hand, der ihn an der Pforte erwartet, in die kuͤhle Kloſterhalle. Eleonore warf ihm in einer dunkeln Zelle das weite Ge⸗ wand und den Schleier einer Nonne uͤber, und ſo wurde er in das Verſteck gebracht, wo er durch eins der unſchein⸗ baren kleinen Loͤcher in dem Geſims der Wand Carlotten in der durch ein Licht erleuchteten Zelle erblicken konnte. Die andern Loͤcher wurden von der Priorin, Eleonoren und Martin beſetzt. Eleonore fluͤſterte ihm zu:„Ihr moͤgt ſehen, was Ihr wollt, faßt Euch; denn wenn Ihr durch einen Laut Euch und uns verrathen ſolltet, ſo ſeid Ihr des Todes!“ Er glaubte, e ohnedies zu ſein; denn die Wuth drohete ihm die Bruſt zu zerſprengen; er kam ſich wie ein und der Zug nach Tunis. 233 ſchwer Berauſchter vor und mußte ſich anhalten, um nicht umzuſinken. Die elfte Stunde ertoͤnte vom Kloſterthurme, als die Thuͤre von Carlottas Zelle ſich oͤffnete, und der Kaiſer im Rock eines Hauptmanns der Schaarwache hereintrat. Carlotta ſchien ihn zu erkennen; ſie verneigte ſich tief und demuͤthig vor ihm. Karl ſprach gutig zu ihr, aber in dem Verſteck waren nur einzelne Worte zu verſtehen. Raimunds Ohr erfaßte einige dieſer Worte; der Kaiſer nannte das Maͤdchen„mein ſuͤßes geliebtes Kind!“ Sie fuhren dem Lauſcher wie Dolchſtoͤße durch die Seele. Er war gleichſam nur noch Auge und Ohr. Und er ſah, mit welchem Wohlgefallen der Kaiſer die Zigeunerin lange betrachtete, wie er ihr dann Wange und Kinn ſtreichelte, endlich die Arme um ſie ſchlang, ſie zaͤrtlich an die Bruſt druͤckte und ihr Kuͤſſe auf Mund, Stirn und Wangen gab. Und Carlotta erwiederte dieſe Kuͤſſe. „Bring mich fort; ich ſterbe!“ fluͤſterte Raimund dem neben ihm ſtehenden Martin zu. Dieſer faßte ihn raſch unter den Armen und zog ihn leiſe heraus in die friſche Luft des Kloſterhofs. „Nicht Du ſollſt ſterben, Thor!“ raunte er ihm hier ins Ohr.„Der Dir zu Deiner Koͤnigskrone auch noch die Geliebte geſtohlen, er hat den Tod von Deiner Hand verdient. Ein Dolchſtoß— und Du biſt geraͤcht. Wer hat ſchoͤnere Gelegenheit dazu, als Duz“ Damit fuͤhrte er ihn auf die Straße und wuͤnſchte ihm mit teufliſchem 234 Der große Reichstag zu Augsburg Hohne eine gute Nacht. Raimund wankte fort; er ſah nicht die Sterne am Himmel, nicht die Haͤuſer in den Straßen. Nur der Inſtinkt fuͤhrte ihn in das Anton Fuggerſche Haus, und todtmuͤde, wie an allen Gliedern zerſchlagen, ſank er auf ſein Lager. Die Erlebniſſe dieſes Tages hatten endlich ſeine Kraft gebrochen. Der Kaiſer verfuͤgte ſich mit einem einzigen Begleiter aus dem Katharinenkloſter ebenfalls in das Haus Anton Fuggers, wo er von dem Hausherrn erwartet und in ein Gemach geleitet wurde, welches an die Kanzlei ſtieß. Hier war fuͤr die beiden Maͤnner das Lager bereitet. Nachdem ſie ſich uͤberzeugt, daß Raimund Mohr im Nebenzimmer feſt ſchlief, verkehrten ſie noch lange im leiſe gefuͤhrten Zwiegeſpraͤch. Die Kerzé war verdeckt; der Mond goß ſein volles Silberlicht durch die hohen Fenſter und erhellte die Gemaͤcher auf ſeltſame geheim⸗ nißvolle Weiſe. Ploͤtzlich hoͤrten ſie, wie Raimund ſich erhob und ſich ankleidete. Sie ſchlichen herzu und beob⸗ achteten ihn. Er ſuchte etwas in einer Spinde. Endlich zog er mit leiſem unheimlichem Lachen einen Dolch her⸗ vor.„Du ſollſt das Herzblut des gekroͤnten Räubers ſchmecken!“ fluͤſterte er hohl und ſchauerlich.„Maria ſoll mich zu ihm bringen. Sie muß! Ich zwinge ſie. Sie hat mich ſo heiß gekuͤßt, daß all mein Blut zu Feuer und Flamme geworden iſt. Das ſoll ihn verzehren und ſie. Und dann— meine Krone! meine Krone! Ruſſt Du mich, mein Volk?! Ich hoͤre, ich hoͤre Deinen ſehn⸗ und der Zug nach Tunis. 235 ſuͤchtigen Ruf nach mir, Deinem Koͤnig. Geduld! ich komme! Ich komme!“ Er zog den Schluͤſſel aus der Taſche und ging durch die Thuͤr. Der Kaiſer und Anton Fugger folgten vorſichtig. Raimund oͤffnete die in das Schlafzimmer der Koͤnigin fuͤhrende Thuͤr und trat hinein; Karl war ihm auf den Ferſen und ſchluͤpfte hinter den Vorhang des Bettes; Anton blieb an der Thuͤre ſtehen. Der Nachtwandler trat an das Bett der Koͤnigin und beruhrte die Schläferin; ſie fuhr empor, umwallt von den weißen Nachtgewaͤndern und der Fuͤlle dunkler Locken, eine Lilie, die aus dem Blaͤtterſchmuck hervor ihren Kelch dem Mondſtrahl zukehrt.„Raimund!“ fluͤſterte ſie ſuß und ſehnſuchtsvoll und ſtreckte die Arme nach ihm aus, „zwei Nächte hab' ich vergebens auf Dich gewartet, und nun ſturzeſt Du nicht in meine Arme und laͤßt mich Deine Kuͤſſe nicht trinken, nach denen ich ſchmachte. O Du kennſt die verzehrende Gluth der Liebe nicht! Wie ſtehſt Du ſo ſeltſam kalt vor mir, wie ein Nachtgeſpenſt! Was haſt Du? mir grauſt vor Dir!“ „Maria, ich liebe Dich nicht mehr!“ ſagte der Nacht⸗ wandler in ſeinem ſchauerlichen Tone. „Raimund! Welch ein furchterliches Wort! Ich bin entſetzt davon. Sollteſt Du wirklich— geiſteskrank ſein? — Wos willſt Du denn von mir, wenn Du mich nicht mehr liebſt?“ „Meine Krone! Die Königskrone von Granada!“ 236 Der große Reichstag zu Augsburg „Ha! ſo weißt Du, daß Du der Sohn des mauriſchen Koͤnigshauſes biſt?“ „Ich weiß Alles.“, „Wohl, Du ſollſt Deine Krone haben. Aber beſinne Dich doch, Raimund! Welch ein Irrthum hat ſich Deines Geiſtes bemaͤchtigt! Deiner Liebe, unſrer Liebe ſollſt Du die Krone verdanken. Ich werde Deine Koͤnigin, Dein liebendes Weib ſein.“ „Du willſt Carlotten verbrennen laſſen, und der Kronenraͤuber hat ſie mir geraubt. Das fordert Blut!“ „Raimund, um der heiligen Jungfrau willen! Die Angſt, die mir aus Deinen Worten erwaͤchſt, bringt mich um.— Himmel, was haſt Du in der Hand? Einen Dolch! Barmherziger Gott, willſt Du mich er⸗ molden?“ „Nein! den Kaiſer! Und Du ſollſt mir helfen, daß das Eiſen ſein Herz nicht verfehlt!“ „All ihr Heiligen! Er iſt wirklich wahnſinnig!“ ſchrie die Koͤnigin auf und ſprang empor, um zu fliehen. Der Kaiſer vertrat ihr den Weg:„Bleib, Thoͤrin, damit Du die Fruͤchte genießeſt, die Du geſaͤet haſt!“ Maria ſtieß einen zweiten, noch furchtbarern Schrei aus und ſank wie vernichtet in ihren Seſſel. „Bring uns Licht, Anton!“ befahl der Kaiſer kalt und ruhig dem an der Thuͤre ſtehenden Fugger. Nach ein paar im peinlichen Schweigen verſtrichenen Minuten trat Anton mit zwei brennenden Kerzen herein. Der und der Zug nach Tunis 237 Schlafwandler ſtand wie ein Steinbild. Der Kaiſer ergriff ihn am Arm und rief ihm zu:„Raimund Mohr!“ Wie vom Blitz getroffen ſturzte er nieder; der Dolch rollte am Boden hin. Veraͤchtlich ſtieß ihn der Kaiſer mit dem Fuße an und herrſchte ihm zu:„Steh auf, Ungluͤcklicher! Der Kaiſer befiehlt es Dir.“ Raimund erhob ſich traͤumeriſch beſtuͤrzt. Er ſchaute ſich ſtaunend um und erkannte ſeine Umgebung. Sein bleiches Geſicht zeigte das Gepraͤge des Schreckens, und er bedeckte es ploͤtzlich mit beiden Haͤnden. „Was haſt Du hier zu ſchaffen? Rede!“ ſprach der Kaiſer ernſt zu ihm. Er ſchwieg.— Die Koͤnigin erhob ſich feſt und ſtolz: „Wenn es ſich um ſein Hierſein handelt, ſo bin ich die Schuldige. Aber mein Herz ſpricht mich frei. Ich liebe ihn; ich liebte ihn vom erſten Tage an, als er an den Hof nach Peſth kam. Stets hatte ich die Ahnung, daß er aus edlem Blute entſproſſen ſei, und als ich erfuhr, er ſei ein Sohn des Koͤnigshauſes von Granada, war ich ent⸗ ſchloſſen, ſeine Gattin zu werden. Wie ich ihn liebe— daruͤber kein Wort! Er iſt meine erſte Liebe, er wird meine einzige ſein. Von der jaͤmmerlichen Politik Maximilians — dem Gott vergeben moͤge!— an einen unreifen Knaben gekettet, haͤtte ich meine Jugend in Trauer und Leid verwel⸗ ken ſehen muͤſſen, wäre Raimunds leuchtende Geſtalt nicht zu mir getreten. Er hat meinem Leben Glanz und Friſche ge⸗ „ 238 Der große Reichstag zu Augsburg geben. Jetzt entſcheide, Kaiſer Karl: ſoll er die Krone von Granada haben, die ihm gebuͤhrt, und mit ihr meine Hand, oder willſt Du ungerecht und grauſam gegen uns Beide ſein?“ „Was haſt Du zu dieſer Erklaͤrung zu ſagen?“ wandte ſich der Kaiſer an Raimunden.„Keine Luͤge! Keine Heu⸗ chelei! Bei meinem ſchwerſten Zorn!“ „Ich liebe nur Carlotten, die Zigeunerin.“ Die Königin verhuͤllte ihr Geſicht. Der Kaiſer wei⸗ dete ſich einen Augenblick an ihrem Schmerz. „Und was wollteſt Du mit dieſem Dolche?“ Der Kaiſer ſchleuderte die Waffe mit der Fußſpitze zu Rai⸗ munds Fuͤßen hin. Dieſer zuckte ſchaudernd zuſammen und ſchwieg. „Unſeliger!“ ſchrie ihn Anton an,„Du haſt Deine innerſten ſchwarzen Gedanken verrathen. Scheuſal, den Frieden dieſes Hauſes mit dem graͤßlichſten aller Verbrechen zu entweihen, mit dem Kaiſermord, daran haſt Du gedacht. Ich fordere Deinen Kopf vom Kaiſer!“ „Der Kaiſer gebe ihn Euch, und mir das Ende meiner Qual. Denn das Leben iſt mir unertraͤglich.— Ihr aber, Kaiſer und Fugger, kroͤnt Euer gemeinſchaftliches Werk, das Ihr an mir vollbracht habt, das Werk des Lugs und Trugs, kroͤnt es mit meinem Morde!“ „Genug des Frevels, Elender!— Mein Kaiſer, er⸗ laubt, daß ich ihn zu ſchwerer Haft bringe und als ſein Ankläger auftrete.“ * und der Zug nach Tunis. „Thue, was Dir recht duͤnkt!“ entgegnete Karl. „Folge mir!“— Fugger und Raimund verließen das Gemach. Farl ſaß ſeiner Schweſter ſchweigend gegenuͤber. Ein Gefuhl, wie Schuld, laſtete auf ſeiner Bruſt.— In der Fruͤhe des folgenden Morgens reiſte die Ko⸗ nigin Maria von Augsburg nach Prag, wohin ſie vom Kaiſer verwieſen war. Raimund Mohr lag im Kerker. Einen Tag ſpäter waren die Zigeuner aus der Stadt ver⸗ ſchwunden. Auch Eleonore und Martin wurden hier nicht mehr geſehenz ſie entkamen ſicher nach Ungarn. Der Kaiſer aber war duͤſtrer und verſchloſſner als je. ⸗ Siebenzehntes Kapitel. Auf dem Reichstage kam nichts zu Stande. Obgleich die von den katholiſchen Gelehrten und Biſchoͤfen endlich dem Kaiſer zu Genuͤgen ausgefertigte Widerlegung der proteſtantiſchen Confeſſion gar nichts widerlegte, ſo gaben doch die proteſtantiſchen Kirchenlichter immer mehr zu, ſo daß im Dogma von einem Widerſpruch gegen die Kirche eigentlich gar nicht mehr die Rede war; und auch in den Kirchengebraͤuchen ließen ſie, um des lieben Friedens willen, nach und nach von ihren ſich auf die heilige Schrift ſtuͤtzen⸗ den Ausſpruͤchen fahren, ſo daß ſich der ganze Unterſchied zuletzt nur noch um einige unweſentliche Dinge drehete. Ein paar abweichende Gebraͤuche! Sollte deshalb die Einbeit des Reichs und der Nation aufgegeben werden? Sollte deshalb ein Buͤrgerkrieg entbrennen? Hatte die Kirche nicht ſtets in verſchiedenen Laͤndern und in ver⸗ und der Zug nach Tunis 241 ſchiedenen Zeiten abweichende Gebraͤuche geduldet?— Man haͤtte meinen ſollen, die Vereinigung der Parteien hätte deshalb gar nicht beanſtandet werden koͤnnen. Und doch kam ſie nicht zu Stande. Denn je mehr die prote⸗ ſtantiſchen Kirchenlehrer nachgaben, deſto hartnaͤckiger und unverſchaͤmter wurden die Forderungen des paͤpſtlichen Le⸗ gaten, der zur rechten Zeit ſtets des Kaiſers katholiſchen Eifer zu entflammen und ihn zum Standpunkt der Curie zuruͤckzufuͤhren verſtand. Ebenſo bearbeitete er die Majo⸗ rität der Stände, ſo daß dieſe ſo ziemlich die ganze hierar⸗ chiſche Ordnung der Kirche, als vom heiligen Geiſt einge⸗ geben, als unantaſtbar forderte. Hier traf Luthern und ſeine theologiſchen Helfer der Fluch für ihre Abtruͤnnigkeit von der Volksſache. Hätten ſie ſich fort und fort auf die friſche treibende Kraft des Volks geſtuͤtzt, wie ſie vom Anfang gethan, wie wäre der ganze Trugbau der Hierarchie vor ihren Augen zerfallen! Wie herrlich haͤtte auf den feſten Volksgrund die neue Kirche errichtet werden koͤnnen! Aber ſie waren dem jugendlichen Zeitgeiſt, dem kuͤhnauftretenden Volksgeiſt untreu geworden, ſie waren vor ſeiner Kraft und Kuͤhn⸗ heit erſchrocken und zuruͤckgebebt auf die Seite der Fuͤrſten geflohen, und nun half ihnen alles Nachgeben gegen die Katholiſchen nichts,„um die Einheit des Reichs und den Frieden zu erhalten.“ Waͤren nicht die proteſtantiſchen Fuͤrſten ſtandhafter geweſen, als die proteſtantiſchen Theg⸗ logen, die ganze Reformation haͤtte auf dem Augsburger Ein deutſcher Leinweber. R. 16 242 Der große Reichstag zu Augsburg Reichstag ein ſchmaͤhliches Ende erreicht. Da war es denn noch ein Gluͤck fuͤr ſie, daß die Katholiſchen zuletzt Dinge forderten, die ſie, die Proteſtanten, unmoglich zu⸗ geben konnten, wenn ſie ſich nicht vor der Welt und Nach⸗ welt laͤcherlich machen wollten. Und ſo zerſchlugen ſich denn alle Vermittlungsverſuche, und der Kaiſer griff nun die Ideen eines allgemeinen Conciliums wieder auf, wo⸗ fuͤr er das Verſprechen des Papſtes hatte. Karl ſchrieb deshalb an den Papſt, und dieſer zeigte ſich nicht abge⸗ neigt ſein Wort zu halten und auf ein Concilium einzu⸗ gehen— obgleich ſeine Curie dagegen war— wenn die Proteſtanten bis zur Zuſammenberufung desſelben alle ihre Neuerungen aufgeben und ſich gaͤnzlich und unbedingt wieder der Kirche unterwerfen wollten. Daß der Kaiſer dieſe unerhoͤrte Bedingung der Mino⸗ ritaͤt der Stände vorlegen und allen Ernſtes verlangen konnte, daß ſie darauf eingehe, gab den Beweis, daß es ſeiner geiſtigen Faſſungskraft durchaus verſagt war, das Weſen des Proteſtantismus zu begreifen. Es verdroß ihn gewaltig, daß die proteſtantiſchen Staͤnde eine ſolche Be⸗ dingung von ſich wieſen, und da nun ſeiner Meinung nach alle Mittel und Wege der Guͤte erſchoͤpft waren, zeigte er ſich ſeinerſeits ſehr geneigt, die der Gewalt anzu⸗ wenden und die Proteſtanten mit dem Schwert auf die⸗ ſelbe Weiſe zu bekehren, wie er die Mauren in Valencia bekehrt hatte. Aber nun hatte ſich die Kriegsluſt der Maioritaͤt verloren. Es war eben Alles erſchlafft, und die ——.——— und der Zug nach Tunis. 243 Griesgrämlichkeit des Kaiſers, ſeit ſeine Schweſter abge⸗ reiſt war, wirkte noch mehr lahmend auf ſeine Partei. Deshalb brachten die Staͤnde einen Abſchied in Vorſchlag, der den Krieg zwar in Ausſicht ſtellte, aber noch verſchob. Die Proteſtanten ſollten Bedenkzeit bis zum 5. Mai er⸗ halten und ſich dann über die unverglichenen Artikel erklä⸗ ren. In dieſem Entwurf waren die Proteſtanten aber wiederum mit Ausdruͤcken und Bedingungen auf eine ſie empoͤrende Weiſe behandelt, ja, es ſtand die dreiſte Luͤge darin, ihr Glaubensbekenntniß ſei mit gutem Grunde der heiligen Schrift widerlegt worden. Die Proteſtanten ver⸗ warfen natuͤrlich dieſen ſie ſchmaͤhenden Abſchied unbe⸗ dingt. Darauf die Erklaͤrung des Kaiſers und der Staͤnde: wenn die Proteſtanten den Abſchied nicht ſo, wie er ſei, annaͤhmen, ſo wuͤrden ſie, Kaiſer und uͤbrige Stände, Alles daran ſetzen, um ihre Secte unverzuͤglich auszurotten.— Die Proteſtanten blieben ſtandhaft, und im vollſten Zwieſpalt trennten ſich die Staͤnde. Die Staͤdte blieben nicht minder feſt, wie die Fürſten, ja, ſo lange auch Augsburg gezoͤgert hatte, ſich gegen ſeinen Kaiſer und Gaſt zu erklären, zuletzt geſchah es doch. Alle Beſtrebungen der maͤchtigen Fugger fuͤhrten zu nichts. Es zeigte ſich, daß Anton weit davon entfernt war, in ſeiner Vaterſtadt eine Popularität zu beſitzen, wie ſie einſt ſein Ohm beſeſſen hatte. Die evangeliſche Lehre hatte zu tief Wurzel gegriffen in der freien Reichsſtadt, als daß kaiſerliches und fuggerſches Anſehen ſie haͤtten ausreißen 16* 244⁴ Der große Reichstag zu Augsburg koͤnnen. Der große Rath, zu welchem Glieder aller Zuͤnfte gehoͤrten, mußte— was nur in ſeltnen und ſehr wichtigen Faͤllen geſchah zuſammengerufen werden, und da zeigte ſich denn die uͤberwiegende Farbe. Im Ange⸗ ſicht des Kaiſers verweigerte Augsburg die Annahme ſeines Abſchieds. Und dieſe Erklaͤrung ſchmerzte Karln beſon⸗ ders. Er hatte in Augsburg ſo viel gelitten, daß er ſehr angegriffen ausſah, und man fuͤrchtete, er moͤchte erkran⸗ ken. Um nun ein Gegengewicht gegen dieſe Laſt des Ungemachs zu finden und einen Luſt- und Freudentag in dieſe truͤbe Zeit zu legen, veranſtaltete der Kaiſer eine Feierlichkeit, mit welcher er ſich ſchon lange in Gedanken beſchaͤftigt hatte. Die proteſtantiſchen Fuͤrſten waren ab⸗ gereiſt, die katholiſchen noch zugegen. Sie wurden in die Pfalz entboten, wo der Kaiſer noch einmal alle Pracht entfaltete, die er beim Einzug in die Stadt dem ſtaunen⸗ den Volke gezeigt hatte. Ein impoſanter Zug entwickelte ſich von der Pfalz nach dem Rathhauſe. In der Mitte desſelben zwiſchen dem Kaiſer und dem Koͤnige gingen die beiden Bruͤder Raimund und Anton Fugger; ihnen folg⸗ ten alle Glieder der fuggerſchen Familie. Selbſt Georg Turzoin und ſeine Frau waren aus Kremnitz gekommen. Im großen Saale, wo die Reichstagsſitzungen gehalten worden waren, ſchloſſen die Fuͤrſten einen Kreis, in deſſen Mitte die beiden Fugger von Marſchallen gefuͤhrt wurden. Der Kaiſer ſaß auf dem Throne, ihm zur Seite auf einem niedrigen Seſſel der Konig. Der Erzbiſchof von Mainz und der Zug nach Tunis. 245 verlas an den Stufen des Throns eine Urkunde des Kai⸗ ſers, worin er die beiden Bruͤder Fugger nebſt ihren Nach⸗ kommen fuͤr ewige Zeiten zu Grafen und Pannerherrn des heiligen roͤmiſchen Reiches ernannte, ihnen auf der ſchwäbiſchen Grafenbank den Platz unter den Reichsſtän⸗ den anwies und ihnen die vom Kaiſer Maximilian an Jakob Fugger verpfaͤndeten Herrſchaften Kirchberg und Weißenhorn erb- und eigenthuͤmlich uͤberwies, das von Jakob Fugger geſtiftete Familienfideicommiß der fugger⸗ ſchen Guͤter zur Reichsgrafſchaft erhob und ihnen einen kaiſerlichen Siegelbrief einhaͤndigte, der ihnen fuͤrſtliche Gerechtſame verlieh, Alles„fur bewieſene Treue und An⸗ haͤnglichkeit an die Perſon des Kaiſers und das ganze kaiſerliche Haus, ſo wie für ihre ubrigen großen Verdienſte um das Reich.“ Die Grafen Fugger gaben dann dem Kaiſer und den Fuͤrſten ein koſtbares Banket auf dem Rath⸗ hauſe. So war die zweite Stufe der Erhebung des Hauſes Fugger erreicht. Es ſah dagegen faſt wie Ironie aus, daß Hieronymus Fugger einige Tage ſpaͤter den Titel als kai⸗ ſerlicher Rath erhielt. Dieſer glaͤnzenden Feſtlichkeit folgte im fuggerſchen Hauſe bald eine ſehr wehmuͤthige, die Einkleidung Regina Turzoins, als Nonne im St. Katharinenkloſter. Nach dieſen Vorgaͤngen erließ der Kaiſer den Reichs⸗ tagsabſchied, worin er den ernſtlichen Entſchluß verkun⸗ 246 Der große Reichstag zu Augsburg dete, das Edict von Worms ſtreng zu vollziehen. Er be⸗ ſtaͤtigt aufs Neue die Gerechtigkeiten der geiſtlichen Fuͤr⸗ ſten; er ſchaͤrft die Handhabung der angegriffenen Kirchen⸗ lehren und Gebraͤuche ein und bedroht alle dawider Han⸗ delnden mit ſchweren Strafen bis zur Acht. Der Wille des Kaiſers, die Widerſpenſtigen mit der Schaͤrfe des Schwertes zum Gehorſam zu bringen, leuchtete hindurch. Faiſer und Reich— und hinter ihnen der Papſt— waren entſchloſſen, den letzten Reſt der großen Volksbewe⸗ gung, den verkuͤmmerten Proteſtantismus, durch rechtliches Verfahren— dazu war das Reichskammergericht revidirt und vermehrt worden— und mit Gewalt zu unterdruͤcken und den jungen Genius der Freiheit in den blutgetraͤnkten Staub zu werfen.— Aber ſchnell genug zeigte ſich, daß in dem neu auf⸗ gepfropften Reiſe des alten Feudalreichs doch nicht mehr die friſche treibende Lebenskraft war, und der gegen die Bekenner des reinen Evangeliums ſo kriegsluſtige Kaiſer mußte ſich nach wenigen Monaten ſchon uͤberzeugen, daß er in Deutſchland eben nicht Koͤnig von Spanien war. So klein und ſcheinbar machtlos das Häuflein der prote⸗ ſtantiſchen Staͤnde gegenuͤber dem Kaiſer, dem Reiche und dem Papſte war, ſo wenig ſie erſt zum realen Widerſtande Luſt bezeigt und Vorbereitungen getroffen hatten, jetzt trieb die Drohung des Reichsabſchiedes ſie zuſammen. Die beiden Parteien nahmen bald nach dem Schluß des Reichstags ſehr verſchiedene wichtige Handlungen vor, — und der Zug nach Tunis. 247 jede in ihrem Sinne. Der Kurfuͤrſt von Mainz rief die uͤbrigen Kurfuͤrſten nach Coͤln zur Wahl des Koͤnigs Fer⸗ dinand zum roͤmiſchen Koͤnig zuſammen, und auch der Kurfuͤrſt von Sachſen wurde dazu eingeladen. Dieſer proteſtirte aber gegen die Wahl, als eine ſolche, die das Beſtreben des Ka ſers kund gebe, die Kaiſerkrone in ſeinem Hauſe erblich zu machen. Er ſelbſt berief dagegen die proteſtantiſchen Staͤnde in die ihm gehoͤrige kleine Stadt Schmalkalden im Thuͤringer Walde, wo ſie ein Trutz⸗ und Schutzbuͤndniß gegen die ihnen drohende Gewalt ſchloſſen. Bald traten ſie auch in Verbindung mit den Koͤnigen von Frankreich und England und erhielten von beiden Huͤlfe zugeſagt. Koͤnig Franz, der nur auf eine paſſende Gele⸗ genheit wartete, den mit dem Kaiſer abgeſchloſſenen Frie⸗ den zu brechen, ſchickte einen geheimen Agenten an die Höfe der proteſtantiſchen Fuͤrſten und ließ ihnen die ſchoͤn⸗ ſten Verſprechungen machen. In ſolcher Weiſe wurde das Jahr beſchloſſen. In Coͤln wurde Ferdinand in ſeiner und des Kaiſers Gegen⸗ wart von den uͤbrigen fuͤnf Kurfuͤrſten am 5. Januar 1531 zum roͤmiſchen Koͤnige erwaͤhlt, und ſchon am fol⸗ genden Tage brachen die beiden Bruͤder mit den Kurfuͤrſten und einer Menge andrer Fuͤrſten und Herrn mit dem prachtvollen Zuge, der den Kaiſer von Spanien begleitet hatte, nach Aachen auf, wo am 10. Januar die Kroͤnung des erwaͤhlten Koͤnigs mit allem alterthuͤmlichen Geprange und Feierlichkeiten vollzogen wurde. Aber gerade dieſe 248 Der große Reichstag zu Augsburg Wahl und Kroͤnung, welche die Partei des Kaiſers ſtaͤrken ſollte, ſtarkte im Gegentheil den ſchmalkaldiſchen Bund. Denn auch die Baiernherzöge, welche ſeit lange nach der hoͤchſten Reichsgewalt geſtrebt, ſchlugen ſich nun zur Par⸗ tei der Gegner des Kaiſers, obgleich ſie die eifrigſten An⸗ haͤnger des Papſtes waren. So kamen merkwuͤrdiger Weiſe die erbittertſten Feinde und die wärmſten Freunde des Papſtes in eine Bundesgenoſſenſchaft gegen den Kaiſer. Der ſchmalkaldiſche Bund erſtarkte raſch, und als ſeine Glieder kurz vor Oſtern abermals in Schmalkalden zu⸗ ſammenkamen, erklärten ſie ſich mit Kurſachſen ſehr ener⸗ giſch, dem König Ferdinand den Gehorſam verweigern zu wollen. Obgleich nun Ferdinand in ſeiner Wahlcapitu⸗ lation ausdruͤcklich auf den augsburger Reichsabſchied ver⸗ pflichtet worden war und vom Kaiſer die Reichsverwal⸗ tung zum groͤßten Theil ubertragen erhalten hatte, ſo ſah er ſich doch ziemlich machtlos. Denn auch die offentliche Meinung, die Volksſtimme, war gegen ſeine Wahl. Bei all ſeinem Gluͤck kam der Kaiſer nicht aus dem Aerger und Verdruß heraus. Von Aachen gingen die beiden fuͤrſtlichen Bruder nach Cöln zuruͤck, wo ſie ſich mehre Wochen aufhielten, bemuͤht das Buͤndniß des Herzogs Wilhelm von Baiern mit dem Koͤnige von Frankreich zu trennen. Dann begleitete der Kaiſer ſeinen Bruder nach Prag, wo Ferdinand eine Ver⸗ ſoͤhnung Karls und Marias zu Stande brachte. Trotz des Verdruſſes, den ihm die ſchöne Schweſter in mehr als —. und der Zug nach Tunis. 249 einer Hinſicht bereitet, war der Kaiſer doch ſehr geneigt, ihr zu verzeihen; denn ſeit ihrer Abreiſe von Augsburg hatte ihn eine unbezwingliche Sehnſucht nach ihr gequaͤlt, und ohne daß er es ſich ſelbſt geſtand, war ſie der Haupt⸗ grund ſeiner Reiſe nach Prag geweſen. Unter den Zer⸗ ſtreuungen und Feſtlichkeiten, die der Koͤnig, und unter den Sorgen, die die proteſtantiſchen Fuͤrſten dem Kaiſer bereiteten, erhielt er im Fruͤhling zwei ſchmerzliche Bot⸗ ſchaften. Zuerſt uͤberbrachte Marx von Bübenhoven die Nachricht von dem unerwartet ſchnellen Tode der Erzher⸗ zogin Statthalterin Margaretha. Obgleich ſchon ſeit einigen Jahren kraͤnklich, hatte ſie den Aerzten und ihrer Umgebung doch keine Beſorgniß fuͤr ihr Leben gegeben. Eine nervoͤſe Krankheit von nur wenigen Tagen hatte ſie nun ploͤtzlich dahin gerafft, und der Kaiſer und die Koͤni⸗ gin Maria wurden durch den Tod ihrer edeln Erzieherin, die ſie ſtets als ihre Mutter betrachtet, in tiefen Schmerz verſetzt. Dieſer war um ſo groͤßer, da Karl die geliebte Tante nicht wieder geſehen hatte, und eben mit den Vorberei⸗ tungen zu ſeiner Reiſe in die Niederlande beſchaͤftigt war, um ſeine treue und verehrte Statthalterin heimzuſuchen. Margaretha war am 20. Januar 51 Jahre alt geworden und die beiden furſtlichen Bruͤder hatten ihr mit der Mel⸗ dung der Kroͤnung Ferdinands zum roͤmiſchen Koͤnig von Aachen aus Gluͤckwuͤnſche zu dieſem Geburtstage durch eine beſondre Geſandtſchaft zugehen laſſen, wobei ihr der Kaiſer ſeinen baldigen Beſuch angekundigt. Jetzt betruͤbte es 250 Der große Reichstag zu Augsburg Karln, daß er nicht von Aachen, wo er ihr ſo nah geweſen, nach Bruͤſſel gegangen war. Die zweite unangenehme Kunde war die von den ungeheuern Ruͤſtungen des Großſultans Suleiman, um Deutſchland durch Ungarn, und Neapel und Spanien zu Waſſer zu uͤberziehen. Durch Briefe und Kundſchafter wurde Karl unterrichtet, daß ſein Schwager, der Koͤnig Franz, damit umgehe, ein Buͤndniß mit Suleiman abzu⸗ ſchließen, wie er ein ſolches bereits mit den proteſtantiſchen Fuͤrſten abgeſchloſſen hatte, und daß der Koͤnig Heinrich von England nicht abgeneigt ſei, dieſes neue Buͤndniß zu unterſtutzen, wie er das alte unterſtuͤtzt hatte. Der pro⸗ teſtantiſche Fuͤrſtenbund erhielt dadurch eine fruͤher nicht fuͤr moͤglich gehaltene moraliſche Staͤrke, die fuͤr Kaiſer und Reich nicht ohne drohende Gefahr war.— Der Kaiſer traf Vorkehrungen, ſo viel er vermochte. Von Prag zog er nach den Niederlanden, um die durch den Tod ſeiner Tante erledigte Regierung ſelbſt zu uͤbernehmen und zu ordnen. Er fand dort viel Arbeit, bereiſte das ganze Land und hielt ſich in den einzelnen Staͤdten lange auf. Im Spaͤtſommer ernannte er ſeine Schweſter, die Koͤnigin Maria, zu ſeiner Statthalterin und Nachfolgerin ihrer Tante und ließ ihr dieſe ihr ſchmeichelhafte Erhebung durch eine Geſandtſchaft nach Prag melden. Maria brach bald darauf mit einem glaͤnzenden Gefolge auf und wurde vom Koͤnig Ferdinand einige Tagereiſen begleitet. In Coͤln erwartete ſie eine und der Zug nach Tunis. 251 große Anzahl niederlaͤndiſcher Edelleute, vom Kaiſer ge⸗ ſchickt, um ſie mit den großten Ehrenbezeigungen in das Land zu fuͤhren, welches zu regieren ſie berufen war. Der Kaiſer empfing ſeine ſchoͤne Schweſter mit großer Auszeichnung in Bruͤſſel und wies ſie in die Reaierung ein. Ihre Schoͤnheit, ihre Anmuth und ihre bekannte Vorliebe fuͤr die Kirchenreformation gewannen ihr ſchnell alle Herzen. Die ſtille Schwermuth, die in ihrem Auge lag und ſich in den rauſchenden Feſten, die ihr zu Ehren gegeben wurden, oft genug al tiefer Seelenſchmerz in ihren reizenden Zuͤgen ausprägte, erweckte ſogar in den jungen Maͤnnern eine Art ritterlicher Schwaͤrmerei fuͤr die junge Koͤnigin, zu welcher im niederlaͤndiſchen Charak⸗ ter doch ſonſt ſo wenig Anlage vorhanden war. Maria's fuͤnfundzwanzigſter Geburtstag wurde am 17. Septem⸗ ber in Bruͤſſel mit einem Glanze gefeiert, welcher ſelbſt dem Kaiſer ſchmeichelte. Er ſelbſt bot Alles auf, dieſen Tag zu verherrlichen und ihr den ſchoͤnen Maurenprinzen vergeſſen zu machen. Ihre ſtille Trauer bewies, daß ſie ihn nicht vergeſſen konnte.— Erſt zu Anfang des Winters verließ Karl Bruͤſſel— es wurde ihm ſo ſchwer, ſich von Marien zu trennen— um nach Regensburg zu gehen, wohin er den neuen Reichstag zuſammenberufen hatte. In Mainz aber hielt ihn Kurfurſt Albrecht auf, und es gelang dieſem geiſtli⸗ chen Fuͤrſten, der bei der Schwäche und dem Schwanken ſeines Charakters doch niemals der proteſtantiſchen Partei 252 Der große Reichstag zu Augsburg und der Kirchenreformation im Herzen ernſtlich abgeneigt geweſen war, ihn in Bezug auf die Strenge gegen den ſchmalkaldiſchen Bund auf andre Gedanken und andre Entſchluͤſſe zu bringen. Denn die offentlichen Dinge hat⸗ ten ſich in einem Jahre unerwartet geaͤndert. Die katho⸗ liſchen Fuͤrſten hatten ſich wenig mehr um des Kaiſers Plaͤne bekuͤmmert; jeder war in ſeinem Lande ſeinen eig⸗ nen Intereſſen nachgegangen; fuͤr das allgemeine Intereſſe zeigten ſie ſich gleichgultig, der Volkstrieb war unterdruͤckt, die Lebensadern unterbünden, nirgend etwas weiter, als eine uͤppige verſchwenderiſche Fuͤrſtenwirthſchaft, keine Kraft, keine Erhebung, kein Zuſammenhalten und Zuſam⸗ menwirken. Ueberall das traurige Bild moraliſcher Zer⸗ fahrenheit und Zerfallenheit. Dagegen die proteſtantiſchen Staͤnde in einem feſten drohenden Bund voll ſteigenden Lebens, voll taͤglich ſich ſchoͤner entwickelnder Kraft; die Voͤlker zu den Fuͤrſten haltend, in den freien Städten wachſender Muth, wachſender Gemeinſinn, wachſender Reichthum. Der ganze Norden Deutſchlands ergriffen von der reformatoriſchen Bewegung. Herzog Wilhelm von Baiern im Bunde mit den Proteſtanten, der Koͤnig von Frankreich entſchloſſen ſie gegen den Kaiſer zu unter⸗ ſtuͤtzen, und endlich im Oſten die furchtbar gegen Karl ſich erhebende Macht der Osmanen. Der Kurfuͤrſt hatte uͤber Alles dieſes ſpecielle Kunde und bewies dem Kaiſer, daß er nur mit Huͤlfe der Proteſtanten Suleiman von den Grenzen des Reichs werde zuruͤckcbkrfen koͤnnen, daß ſie und der Zug nach Tunis. 2353 aber entſchloſſen ſeien nicht das Geringſte fuͤr ihn zu thun, wenn die Strenge des augsburger Reichsabſchieds gegen ſie ferner gehandhabt wuͤrde. Jetzt begriff Karl, daß er ſich vom Papſt hatte verleiten laſſen, gegen die Proteſtan⸗ ten zu weit zu gehen, und er lenkte von Stund an um. Inne gehalten hatte er eigentlich ſchon auf den Rath des Koͤnigs Ferdinand, der mit einem raſchern und richtigern Ueberblick uͤber die Verhaͤltniſſe in allen Briefen an den Kaiſer in die Niederlande die Gefahr geſchildert, welche das harte Auftreten gegen den ſchmalkaldiſchen Bund dem Reich bringen muͤſſe. Schon hatte Karl deshalb den Fiscal des Reichskammergerichts angewieſen, mit dem Prozeſſiren gegen die Proteſtanten inne zu halten bis zum neuen Reichstag in Regensburg.— Jetzt trieb ihn der allgemeine Schrecken vor den Ruͤſtungen Suleimans zu Unterhandlungen mit den proteſtantiſchen Staͤnden. Der Kurfuͤrſt von der Pfalz, welcher nach Mainz gekommen war, um den Kaiſer zu begruͤßen, und der Kurfuͤrſt von Mainz uͤbernahmen die Vermittlung; die Eroͤffnung des Reichstags wurde verſchoben. Die beiden Kurfuͤrſten traten ohne Verzug mit dem Kurfuͤrſten von Sachſen und durch dieſen mit den andern proteſtantiſchen Fuͤrſten in Verbindung, und es kam zu Anfang April des folgenden Jahres eine Unterredung zu Schweinfurt zu Stande, welche ganz geeignet war, dem ſchmalkaldiſchen Bunde zum vollſten Bewußtſein ſeiner Macht zu verhelfen. Der Kaiſer war nach Regensburg gegangen, und in 254 Der große Reichstag zu Augsburg der Mitte des April wurde der Reichstag eroͤffnet. Die furchtbare Macht der Umſtaͤnde verbot von irgend An⸗ derm zu handeln, als von der Tuͤrkenhuͤlfe; denn die Kunde von dem bereits erfolgten Aufbruch Suleimans mit einem Heere, wie Europa noch keins geſehen, flog Alles mit Entſetzen erfuͤllend durch Deutſchland. Man erzaͤhlte ſich, daß der Sultan nichts Geringeres im Sinne habe, als ſich ganz Europa zu unterwerfen und Conſtan⸗ tinopel zur Hauptſtadt der Welt zu machen. Der Kaiſer uberzeugte ſich bei der Ruͤſtung, daß dieſe Drohung zur Wahrheit werden koͤnne, wenn die Proteſtanten nicht das Schwert fuͤr ihn zoͤgen, und die Verhandlungen wurden der Naͤhe wegen nach Nuͤrnberg verlegt. Der heranzie⸗ hende Sultan brachte die Vereinigung bald zu Stande, die ohne ihn ſchwerlich erfolgt ſein wuͤrde. Es kam ein Religionsfriede zum Abſchluß, der, wenn er auch die Be⸗ ſchluͤſſe des augsburger Reichsabſchieds nicht aufhob, ſie doch ausſetzte und die Verfolgung der Proteſtanten hemmte. Damit war aber die katholiſche Partei hoͤchſt unzufrieden; es kam zu ſo heftigen Discuſſionen und ihr Zorn wendete ſich nicht nur gegen die Proteſtanten, ſon⸗ dern nun auch gegen den Kaiſer ſelbſt, daß dieſer von den unaufhoͤrlichen ihm uͤber die Maaßen widerwaͤrtigen Zaͤnkereien und Hetzereien ganz leidend und hinfaͤllig wurde. Er war doch erſt zweiunddreißig Jahre alt, aber er hatte faſt das Ausſehen eines Greiſes. Sein von Natur ſchwaͤchlicher Koͤrper war verfallen, ſeine Geſichts⸗ und der Zug nach Tunis. 255 zuͤge bleich, mager und abgeſpannt. Auf einer Wolfs⸗ jagd, die man zu ſeiner Erholung veranſtaltet, ſtuͤrzte er mit dem Pferde und verletzte ſich das linke Bein. Dieſe Beſchaͤdigung hatte einen ſo ſchlimmen Verlauf, daß die Aerzte ſchon der Anſicht waren, der Schenkel werde abge⸗ loͤſt werden muͤſſen. Die Krankheit wurde ſo gefaͤhrlich, daß man fuͤr gut fand, ihm eines Nachts die Sakramente zu reichen. Durch aͤrztliche Kunſt war das Uebel endlich faſt beſeitigt, als es ſich durch unzeitige Theilnahme an einer Proceſſion erneuerte. Karl ſuchte und fand im Bade zu Abach, während des Reichstags, Heilung, aber er war ſo ſehr von Hypochondrie heimgeſucht, daß er zu Zeiten keinen Menſchen vor ſich ließ, ſelbſt ſeinen Bruder nicht.— Die Beſchämung, die ihm die Proteſtanten be⸗ reiteten, wirkte dazu mächtig auf ihn. Denn kaum hatte er ſich im Nuͤrnberger Vertrag— obgleich mit innerm Wi⸗ derwillen— ihnen wieder geneigt gezeigt, als ein erfreulicher Eifer unter ihnen entbrannte, ihm ihren kraͤftigſten Bei⸗ ſtand gegen die Tuͤrken angedeihen zu laſſen. Nicht nur, daß ſie ihre baaren Beitraͤge ihm ſchnell einſchickten, ſie machten ihm auf den Vorſchlag des Kurfuͤrſten von Sachſen auch ein ſehr anſehnliches freiwilliges Geldge⸗ ſchenk; die Werbetrommel ging ſchnell in ihren Laͤndern und Städten um, und bald darauf bedeckten ihre Heere die Landſtraßen nach Wien, dem Verſammlungsorte der kai⸗ ſerlichen Kriegsmacht. Es war ruͤhrend zu ſehen, wie dieſe ſo oft verſtoßenen und beleidigten Proteſtanten, die 256 Der große Reichstag zu Augsburg nichts verlangten, als die Ausuͤbung der chriſtlichen Reli⸗ gion nach der Vorſchrift des Evangeliums, jetzt wieder wetteiferten, ihrem Kaiſer, der ihnen ſchon mehr als ein⸗ mal ſo ſchlecht gelohnt, zu helfen. Die Reichsſtadte ſtreng⸗ ten ſich uͤber ihre Kraͤfte an. Nuͤrnberg hatte ein Faͤhn⸗ lein zum Reichscontingente zu ſtellen, und es ſtellte zwei, warb mit einigen Nachbarn noch hundert Reiter, gab 15 Stuͤck grobes Geſchuͤtz, 175 Centner Pulver, 1000 Spieße, 200 Harniſche und einen großen Vorrath von Mehl; Augsburg gab all ſein Geſchuͤtz, und das Alles „dem Kaiſer zu Ehren und gemeiner Chriſtenheit zum Beſten.“— Bei weitem nicht ſolchen Eifer zeigten die katholiſchen Staͤnde. Aus Neapel und dem uͤbrigen Italien und aus Spa⸗ nien kamen große Geldſummen und bedeutende Streit⸗ kräfte. Die Konigin Statthalterin ſchickte viel Geld und viel ſtreitbare Maͤnner. Außer Frankreich hatte die ganze europaͤiſche Chriſtenheit ihr Contingent zu des Kaiſers Heer geſtellt. Das deutſche Element war das vorwaltende in dem großen Heere, und in den deutſchen Haufen das proteſtantiſche. Die große Haͤlfte der Deutſchen waren Proteſtanten und ſie waren die beſten Soldaten. Der Kaiſer uͤbernahm den Oberbefehl ſelbſt; mit der Geſund⸗ heit hatte er Muth und Kampfluſt gefunden. Er war entſchloſſen, zu ſiegen oder zu ſterben. Zum erſten Male ſah man ihn an der Spitze eines Heeres. Aber es war ihm nicht vergoͤnnt eine Schlacht zu ſchlagen. Suleiman, und der Zug nach Tunis. 237 wankelmuͤthig, wie immer, erſchrak vor dem gewaltigen Heere und vor dem Geiſte, der es beſeelte. Er hatte auf den Geiſt der Zwietracht unter den Deutſchen gerechnet, und er ſah den Geiſt der Eintracht, er ſah die gluͤhendſte Kampfbegeiſterung. Er ſandte 15000 leichte Reiter nach Oeſtreich, die von den Deutſchen aufgerieben wurden, er ſelbſt wandte ſich nach Steiermark und erſchien vor Gratz. Die tuͤrkiſche Großſprecherei von der Eroberung Europa's erfullte ſich als raſcher Ruͤckzug. Ehe der Herbſt zu Ende ging war Suleiman wieder in Conſtantinopel und Karl auf der Ruͤckreiſe nach Italien und Spanien. Keiner von den beiden hohen Herrn hatte von dieſem mit ſo großem Geraͤuſch unternommenen Feldzug ſonderlichen. Ruhm davon getragen. In Bologna hatte der Kaiſer wieder eine Zuſammen⸗ kunft mit dem Papſte. Beide hegten noch groͤßeres Miß⸗ trauen gegeneinander, als bei der erſten. Das Verſpre⸗ chen des Kaiſers in Augsburg, den Papſt zur baldigen Zuſammenberufung eines allgemeinen Concils zu vermoͤ⸗ gen, hatte dieſen mit großem Mißvergnuͤgen erfuͤllt, Karls ſpaͤteres Benehmen gegen die Proteſtanten es erhoͤht. Karl beſtand jetzt perſoͤnlich auf dem Concil, und Clemens machte deshalb heuchleriſche Verſprechungen. Sie ſchieden beide mit der Ueberzeugung von einander, daß ihre ſogenannte Freundſchaft nicht lange mehr dauern werde. Zu Anfang des Maͤrz 1533 reiſete der Kaiſer uͤber Modena und Mailand nach Genua, uͤberall von den Ein deutſcher Leinweber. IX. 17 258 Der große Reichstag zu Augsburg Fuͤrſten auf das Prächtigſte empfangen und bewirthet. Am glaͤnzendſten zeichnete ſich Andreas Doria in Genua aus, der im verwichnen Herbſt mit ſeiner Flotte die Tuͤrken auch im mittellaͤndiſchen Meere geſchlagen hatte. Jetzt fuͤhrte er den Kaiſer auf ſeinen Galeeren wieder nach Bar⸗ celona uͤber. Karl war viertehalb Jahr aus Spanien ab⸗ weſend geweſen.* Achtzehntes Kapitel. Unter dem Gefolge des Kaiſers befand ſich Raimund Mohr, jetzt Don Raimondo de Granada genannt. Aus ſeiner Haft in Augsburg war er entlaſſen worden, um ſo⸗ gleich in das vom Kaiſer geworbene Heer, welches ſich in der Nähe Augsburgs verſammelte, eingeſtellt und nach Heſtreich gegen die Tuͤrken gefuͤhrt zu werden. Der Kaiſer behandelte ihn gnadig, ließ ihn aber ſcharf uͤber⸗ wachen. Nach Beendigung des Feldzugs wurde ihm eroͤff⸗ net, daß ihn der Kaiſer mit nach Spanien nehmen und dort ſein ferneres Schickſal beſtimmen werde. Raimunds Erſcheinen am Hofe zog die allgemeine Aufmerkſamkeit auf ihn, ebenſowohl ſeiner ungewoͤhnlichen maͤnnlichen Schönheit, als ſeines ſchnell bekannt gewor⸗ denen intereſſanten Schickſals wegen. Denn das Geruͤcht von ſeinem Minnehandel mit der Schweſter des Kaiſers 17½ „ 260 Der große Reichstag zu Augsburg hatte auch den Weg nach Spanien gefunden, und die Schickſale ſeines Vaters, gerade in dieſer Beziehung dem ſeinigen ſo aͤhnlich, waren am Hofe Vielen noch im guten Andenken und wurden durch das Auftreten des Sohnes in der Erinnerung aufgefriſcht. Die Herzen der jungen Donna's am Hofe waren da— durch jbald genug fuͤr Don Raimondo gewonnen, und manche flammten um ſo heftiger fuͤr ihn, je ſchwermuͤthi⸗ ger er ausſah, je zuruͤckhaltender er auftrat. Mit der groͤßten Theilnahme hoͤrten ſie die Verſicherung, der Kaiſer habe dem ſchoͤnen Morisko ſeine beſondre Gnade zuge⸗ wendet und werde ihm alle Guͤter und Beſitzungen ſeines Vaters zuruͤckgeben und ihn zur Wuͤrde eines ſpaniſchen Grands erheben. Raimund haͤtte an die Thuͤr eines Grafes oder Marquez anklopfen duͤrfen, um ſich die Toch⸗ ter des Hauſes zur Gemahlin zu erbitten, er waͤre uͤberall mit Freuden aufgenommen worden. Aber der intereſſante Gegenſtand ſo vieler ſtillen Wuͤnſche blieb unberuͤhrt von aller Schoͤnheit, von aller Freundlichkeit und wollte keine Annaͤherung, keinen Wink verſtehen; kalt und theilnahm⸗ los ging er durch die glaͤnzenden Hoffeſte, ſelbſt daß die Kaiſerin ihn auszeichnete, ſchien keinen Eindruck auf ihn zu machen. Stets lagerte die Wolke der Schwermuth auf ſeiner hohen Stirne. Dem Kaiſer, der ihn nie aus den Augen ließ, ſchien dieſe Stimmung ſeines Schuͤtzlings auf der einen Seite zu gefallen, auf der andrrn war ſie doch auch geeignet, ihm Beſorgniſſe einzufloͤßen. So und der Zug nach Tunis. 261 ſtreng auch die Mauren in Granada uͤberwacht und durch die eiſerne Hand des Despotismus und die feurige Hand der Inquiſition niedergehalten wurden, ſo war damit doch die Despotenfurcht in Karls Bruſt nicht erſtickt, die Mau⸗ ren moͤchten mit ihren Bruͤdern in Afrika in geheimer Verbindung ſtehen, und eines Tags eine maͤchtige Erhe⸗ bung des in den Staub getretenen Volks erfolgen, und Raimund ihm dann der gefährlichſte Menſch in Spanien werden. Wenn Suleiman der Sieg zu Land und zu Waſſer gegluͤckt waͤre, ſo wuͤrde dieſe Erhebung zweifels⸗ ohne erfolgt ſein. Wer buͤrgte dafuͤr, daß dem Beherr⸗ ſcher des Oſtens nicht ferner ein ſolcher Sieg dennoch gluͤcke? Schon geſtalteten ſich die Verhaͤltniſſe unguͤnſtig fuͤr den Kaiſer. Koönig Franz, der zu dem alten Groll gegen Karl neue Erbitterungen uͤber das durch den Letz⸗ tern in Italien hervorgerufene Buͤndniß mit dem Papſt und den italieniſchen Fuͤrſten geſchoͤpft hatte, naͤherte ſich dem Papſte, und es kam zwiſchen ihnen ein Verhältniß zu Stande, welches den Kaiſer beunruhigen mußte. Ja, Franz ging ſo weit, dem Papſte eine eheliche Verbindung zwiſchen ſeinem zweiten Sohne Heinrich mit der Nichte des Papſtes, Katharina von Mediei, Schweſter des Her⸗ zogs Alexander, anzubieten. Die Enkelin eines Kauf⸗ manns mit einem Koͤnigs ſohne verbunden! Daran war zu erkennen, wozu Franz entſchloſſen war, um Karln zu ſchaden.— War er nicht fähig auch neue Verbindungen mit Suleiman einzugehen? Und wurde der Seeraͤuber 262 Der große Reichstag zu Augsburg Chair Eddin in Algier nicht immer frecher und maͤchtiger zur See? Wenn nun doch dieſe verſchiedenen Kraͤfte und und Intereſſen ſich vereinigten, ſo war es nicht zweifelhaft, daß das mauriſche Intereſſe ſeinen Mittelpunkt in Rai⸗ mund finden wuͤrde. Der Kaiſer mußte ſich des finſtern Menſchen— war es ſchwer zu errathen, woruͤber er bruͤ⸗ tete?— fuͤr immer entledigen, um vor ſeinen und der Mauren Plaͤnen ſicher zu ſein, und doch gebot ihm die von ihm heilig gehaltene Pietät, den letzten Willen ſeines Vaters, in Bezug auf Don Alfonzo de Granada gewiſſen⸗ haft zu erfüllen. Farl fand Mittel und Wege dieſe bei⸗ den ſich ſo ſchroff widerſprechenden Intereſſen zu vereini⸗ gen und ſich ſelbſt wie dem Maurenprinzen genug zu thun. Er nahm ſeine Maßregeln. Mit dem Kaiſer war auch Marx von Buͤbenhoven nach Spanien gekommen, doch hatte er ſich nur kurze Zeit am Hofe in Toledo aufgehalten und war dann nach dem Suͤden des Landes gereiſt, um Unternehmungen des Kaiſers auf Bergbau zu betreiben, zu welchem Zwecke ihn Karl nach dem Tode ſeiner Tante fuͤr ſeine Dienſte ge⸗ wonnen hatte. Raimund hatte ihn in Toledo nur fluͤchtig begruͤßt und ſpaͤter nicht erfahren, wohin er auf des Kai⸗ ſers Befehl gegangen. Im Herbſte ging der Kaiſer der Jagd wegen in das Koͤnigreich Murcia und nahm nur ein kleines Gefolg mit, zu welchem auch Raimund auserwählt wurde. Im noͤrd⸗ lichen, gebirgigen und waldigen Theil der Provinz wurde und der Zug nach Tunis. 263 eine Woche lang gejagt und die Gaſtfreundſchaft der Edeln in Anſpruch genommen. Eines Tages aber entließ der Kaiſer all ſeine Begleiter bis auf Raimund, und in⸗ dem er jene nach der Hauptſtadt Murcia ſandte und ihnen befahl, ihn dort zu erwarten, wandte er ſich mit dieſem in das obere Thal der Segura, wo ſie Abends ein altes mauriſches Bergſchloß erreichten, verſteckt in der oͤden Wildniß eines von hohen Felſen eingezaunten Seiten⸗ thals.. Raimund konnte nicht begreifen, was der Kaiſer mit ihm vorhabe, indem er ihn in die ſchier ſchauerliche Ein⸗ ſamkeit dieſes verfallenden Schloſſes fuͤhrte, und die Ah⸗ nung durchzuckte ihn, ob dieſes Felſenneſt wohl gar zu ſeinem kuͤnftigen Gefaͤngniß beſtimmt ſei. Hatte Karl vielleicht in ſeiner Seele geleſen? Ein Zimmer war hell erleuchtet, als ſie durch das Thor ritten, und es duͤnkte Raimunden, als ſei der Hof von Menſchen belebt. Diener nahmen ihnen die Pferde ab; einer derſelben fuͤhrte Raimunden in ein hohes duͤſtres Zimmer, das durch eine duͤrftige Kerzenflamme nur noch unheimlicher wurde. Der Kaiſer war abhanden gekom⸗ men, Raimund hatte nicht bemerkt, wie und wohin. Rai⸗ mund froſtelte; es war ihm ſeltſam baͤnglich zu Sinne. Die Zeit ging mit bleiernen Fuͤßen; die ſchauerliche Stille wurde nur dann und wann durch einen fernen Laut oder ein Geraͤuſch unterbrochen, die dem Einſamen nur unbe⸗ ſtimmte Vermuthungen vergoͤnnten. Er wurde immer 264 Der große Reichstag zu Augsburg aufgeregter und verſtimmter; das Herz klopfte ihm hoͤr⸗ bar in der Bruſt. So mochte ohngefaͤhr eine Stunde vergangen ſein, als der Diener wieder eintrat. „Donna Carlotta d'Auſtria, die Herrin dieſes Schloſ⸗ ſes, läßt Euch erſuchen an ihrer Tafel Platz zu nehmen und mir in den Speiſeſaal zu folgen.“ Raimund gehorchte ſtumm und ſtieg hinter dem ihm vorleuchtenden Diener eine ſteinerne Treppe hinauf; eine Thuͤre wurde geoͤffnet, er trat in ein hohes weites mit vielen Kerzen hell erleuchtetes Gemach. Er ſah nur wenig Menſchen. Zwiſchen dem Kaiſer und Buͤbenhoven trat eine praͤchtig gekleidete Dame auf ihn zu. Als ſeine Augen auf ſie fielen, durchzuckte ihn ein freudiger Schrek⸗ ken. Carlotta war's, ſeine Carlotta, die vor ihm ſtand, ihn ſelig anlächelte, ihm die Hand zum Willkommen bot. Der Kaiſer nahm ſie an der einen Hand, Buͤbenhoven an der andern. Der Erſtere ſprach zu Raimunden:„Sie iſt meine Tochter, und ich gebe ſie Dir zum Weibe. Du haſt die Pruͤfung gut uͤberſtanden.“ Der Andre ſprach: „Sie iſt meine Enkelin und ich gebe ihr und Dir meinen Segen.“ Aus dem Hintergrunde trat noch eine Dame, es war Zaroya:„Sie iſt auch meine Enkelin; ich habe ihre Mutter geboren. Ich bin aus dem Koͤnigsgeſchlecht meines Volkes entſproſſen, wie Du aus dem der Mauren von Granada. Sie iſt Dir ebenbuͤrtig in jeder Beziehung, und der Kaiſer hat ihr ſeinen Geſchlechtsnamen gegeben . 6 und der Zug nach Tunis. 265 und ſie zur Marqueſe erhoben. Sie heißt Donna Car⸗ lotta d'Auſtria.“ Raimund war beſtuͤrzt und faſt betaͤubt, die Freude konnte bei ihm nicht zum Ausbruch kommen. Der Kaiſer kam ſeiner Befangenheit zu Huͤlfe.„Jetzt er⸗ leichtert Eure Herzen durch heitres Plaudern! Kein Zeuge, kein Lauſcher ſoll Euch ſtoͤren. Eine Stunde habt Ihr Zeit dazu, dann wartet Euer der Prieſter und der Traualtar.“ Carlotta fuhrte den Geliebten in ein andres Zimmer, wo der Mund des ſchoͤnen Paars bald von den Gefuͤhlen ihrer Bruſt uͤberfloß und ſie ſich gegenſeitig ihre Schick⸗ ſale ſeit dem augsburger Reichstag mittheilten. So langſam die vorhergehende Stunde dem harrenden Rai⸗ mund geſchwunden war, ſo ſchnell verflog ihm dieſe. Selig traten die Liebenden auf Zaroya's Finladung in den Saal zuruͤck, wo unterdeſſen der Altar hergerichtet war, vor welchem ein Prieſter ihrer wartete. Es war Raimunden wie ein Traum, aus welchem er zu erwachen fuͤrchtete, als er die Geliebte, deren Verluſt er ſo ſchmerz⸗ lich betrauert hatte, als ſeine Gattin im Arme hielt, be⸗ gluͤckwuͤnſcht vom Kaiſer, den er noch nie ſo heiter und froh geſehen, und von den uͤbrigen Verwandten. Der Kaiſer fuͤhrte die Braut zur Tafel. Kaum ſaß die kleine Geſellſchaft an derſelben, als die Thuͤr aufgethan wurde, eine rauſchende luſtige Muſik erſchallte und ein buntes Voͤlkchen paarweiſe herein tanzte. Es waren die Zigeuner, 266 Der große Reichstag zu Augsburg die der Kaiſer beſtellt hatte, ihrer jungen Fuͤrſtin die Brautlieder zu ſingen. Unter Geſang und Tanz verſtrich der Abend. Alle vergaßen, daß der großte Herrſcher der Welt unter ihnen warz Karl hatte den Purpur abgelegt und war nichts weiter als ein gluͤcklicher Menſch. Am folgenden Morgen ſprach er zu Raimunden: „Ich habe Dich zu meinem Statthalter von Hispaniola ernannt und Du wirſt in wenigen Tagen mit Deiner Gattin auf einem Schiffe abreiſen, welches im Hafen von St. Lucar ſegelfertig liegt. In Carthagena erwartet Euch ein Kuͤſtenſchiff, welches Euch nach St. Lucar bringen wird. Buͤbenhoven wird Euch dahin begleiten. Fran⸗ cesco Pizarro hat auf dem Feſtlande der neuen Welt reiche Laͤnder entdeckt und ſie theilweiſe fuͤr die Krone Spanien erobert. Es hängt von Deinem Betragen ab, daß ich Dich vielleicht bald zum Vieekoͤnig jener Laͤnder erhebe.“ Kaum hatte Raimund dieſe inhaltſchweren Wort ver⸗ nommen, als er ihren ganzen Sinn begriff. Der Kaiſer hatte ihn zwar durch Carlotten an ſeine Perſon gefeſſelt und ihn zur Dankbarkeit verpflichtet, aber er ſollte nichts⸗ deſtoweniger fuͤr immer aus Spanien entfernt und uͤber das ungeheure Weltmeer in jene Laͤnder verbannt werden, welche noch immer aus der Ferne ſich halb wie eine Fabel ausnahmen. Er wußte, weshalb er fortgeſchickt wurde, und die alte Bitterkeit trat ihm wieder ins Herz; aber es blieb ihm keine Wahl; er mußte gehorchen. Und damit er nicht entwiſchen koͤnne, wurde ihm Buͤbenhoven als und der Zug nach Tunis. 267 Waͤchter mitgegeben. Er ſah, daß er des Kaiſers Ge⸗ fangner war. Die Enttaͤuſchung war ihm fuͤrchterlich. Die koſtbaren Geſchenke, die der Kaiſer zuruͤckließ, konnten Raimunds Schmerz nicht ſtillen, der ihn um ſo verzehren⸗ der marterte, je weniger er wußte, was er ſich von Car⸗ lotten zu verſehen hatte. War auch ſie im Dienſte ihres Vaters, und durfte er ihr anvertrauen, was ihm das Herz ſo maͤchtig bewegte? Doch in dieſer peinlichen Unge⸗ wißheit ſollte er wenigſtens nicht lange bleiben. Er konnte Carlotten ſeine Mißſtimmung nicht verbergen, und zu ſeinem Troſte erfuhr er von ihr, daß ſie weniger die Toch— ter des Kaiſers, als ſein Weib, ſein ihn mit ganzer glühen⸗ der Seele liebendes Weib war. Auch ſie war mit der Verfuͤgung des Kaiſers unzufrieden, aber ſie vermochte ſo wenig, als er, etwas daran zu aͤndern. Buͤbenhoven drängte zur Abreiſe, und ſchon am fol— genden Tage verließ das junge Ehepaar in ſeiner Beglei⸗ tung das einſame Schloß. Sie hatten eine Landreiſe von ſechs Tagen bis nach Karthagena. Ein paar Maulthiere, mit ihrem Eigenthum bepackt, folgten ihren Pferden. Am dritten Tag der Reiſe wurden ſie von einem ſchmucken Reiter eingeholt, dem Anſchein nach einem Edelmanne des Koͤnigreichs, der nach der Hauptſtadt zu reiſen vorgab. Er unterhielt ſich eine zeitlang mit ihnen und zeigte ſich uͤber die Verhältniſſe des Landes gut unterrichtet. Doch ſprach er mehr mit Buͤbenhoven, mit welchem er voraus⸗ ritt. In einem Orte, wo ſie anhielten, um ſich und die £ 268 Der große Reichstag zu Augsburg Pferde zu ſtärken, benutzte der Fremde die Gelegenheit, als Buͤbenhoven ſich entfernt hatte, Raimunden einen Brief mit den Worten zuzuſtecken:„Leſet dies. Ich weiß, wer Ihr ſeid. In Carthagena erwarte ich Eure Antwort.“ Raimund ging bei Seite und las:„Wenn Ihr— was mehr als wahrſcheinlich iſt— lieber nach Afrika zu Euerm Vater, zu Verwandten und Freunden und zu Euerm Volke, die Euch Alle mit Sehnſucht erwarten, gehen wollt, als nach Weſtindien, wo Eurer ein trauriges Schickſal erwartet, ſo geht am Abend nach Eurer Ankunft in Carthagena oͤſtlich vom Hafen am ufer des Meeres etwa eine Viertelmeile entlang. Der, welcher Euch dieſen Brief uͤbergeben, wird Euch dort begegnen und Euch naͤhere Eroͤffnungen machen, Euch auch Briefe Eures Vaters, des Dei von Algier und ſeiner Gemahlin Su⸗ leima uͤbergeben. Es wird Sorge getragen werden, daß Euer Begleiter und Beaufſichtiger, der Junker von Buͤben⸗ hoven, Euch nicht folgen kann.“ Eine ſchone Hoffnungsſonne ging dem Verzweifelten in dieſen Zeilen auf. Freudeſtrahlend gab er bald darauf dem Fremden ein zuſtimmendes Zeichen, worauf ſich dieſer bald von ihnen trennte. In Carthagena angekommen, uͤberzeugte ſich Rai⸗ mund, daß Buͤbenhoven den Befehl habe, ihn nicht aus den Augen zu laſſen; denn er begleitete ihn auf jedem Schritt. Das Schiff, welches ſie nach St. Lucar bringen und der Zug nach Tunis. 269 ſollte, lag in Bereitſchaft und hatte nur auf ſie gewartet, um in der Fruͤhe des andern Morgens den Anker zu lich⸗ ten. Die Reiſenden ſollten Abends an Bord gehen; ſo hatte es Buͤbenhoven angeordnet. Raimund begriff nicht, wie er ſich losmachen ſolle; doch vertraute er dem Worte des Fremden. Ploͤtzlich trat ein reich gekleideter Herr in das Hafenhaus, wo die Reiſenden verweilten. Er hatte kaum die Augen auf Buͤbenhoven fallen laſſen, als er haſtig auf ihn losſchritt, ihn an der Schulter faßte und in barſchem Tone ſagte:„Ihr ſeid der beruͤchtigte See⸗ raͤuber Sinan, genannt der Jude, der Schiffsaga Chair Eddins und mein Gefangner. Ich verhafte Euch im Namen des Kaiſers und Ihr muͤßt mir unverzuͤglich zum Richter folgen.“ „Ihr irrt Euch in meiner Perſon,“ verſetzte Buͤben⸗ hoven ruhig.„Ich bin ſelbſt ein Diener des Kaiſers.“ „Das muͤßt Ihr vor dem Richter beweiſen. Ihr habt mir unverzuͤglich dahin zu folgen, und wenn Ihr Euch ſtreubt, ſo ſtehen die Alquacils vor der Thuͤre, welche Euch zwingen werden.“ Buͤbenhoven bat Raimunden eine kurze Zeit zu ver⸗ ziehen; das Irrthum werde ſich ſchnell aufklaͤren. Kaum war er fort, als Raimund Carlottas Arm nahm und mit ihr die bezeichnete Richtung am ufer hin einſchlug. Car⸗ lotta's Neugierde forſchte vergebens nach dem Grunde die⸗ ſes Ganges.„Du wirſt ihn bald genug erfahren, Kroͤſtete ſie ihr Gatte. 5 Der große Reichstag zu Augsburg Sie waren noch nicht weit gegangen, als ihnen ein Schiffer begegnete und auf ſie zutrat. Sie erkannten den Fremben wieder. „Hier iſt der Siegelring Eures Vaters!“ ſagte dieſer, nachdem er ſie mit Herzlichkeit begruͤßt und ihnen einen praͤchtigen Ring hinhielt, in deſſen Stein Raimund die Granade erblickte.„Die Briefe findet Ihr in einem Boote, das nicht weit von hier in einer Bucht verſteckt liegt. Dort werdet Ihr auch einen alten Bekannten ſehen, der Euch die erwuͤnſchteſten Nachrichten uͤber die Eurigen in Algier mittheilen wird.“ Raimund und die ſtaunende Carlottazbeflügelten ihre Schritte, von dem geheimnißvollen Fiſcher gefuͤhrt. Sie erreichten mit der Nacht das Boot. Ein andrer Schiffer ſprang ihnen entgegen und ergriff Raimunds Hand. Dieſer ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus. Martin van der Voort war's, der vor ihnen ſtand und rief:„Ich gruße Euch im Namen Sidi Alnayars, Deines Vaters, Chair Eddins und Suleima's, ich gruͤße Dich ſelbſt! Tretet herein und leſet die Briefe der Eurigen, unterdeſſen wird Sinan, der Befehlshaber des eine Meile von hier auf der Meerhoͤhe kreuzenden Schiffes, bei uns ſein. Oder willſt Du lieber, daß ich Dir meine Schickſale erzaͤhle, ſeit wir uns nicht geſehen?“ Sie beſtiegen das Boot. Eh' aber Raimund Zeit fand, die Briefe zu leſen, ſprang jener ſtolze Fremdling, welcher Buͤbenhoven zum Richter gefuͤhrt hatte, in das — — und der Zug nach Tunis. 271 Fahrzeug. Im Nu ſetzten ſich die Ruder in Bewegung, und das Boot ſchoß in die dunkle See hinaus. Bald aber ſtieg der Mond aus den Wellen empor und ſein Licht zeigte ihnen ein praͤchtiges Schiff. Ein Pfiff wurde dort beantwortet. Sie legten an und erſtiegen auf der herab⸗ geworfenen Leiter die Goelette, die ſofort alle Segel bei⸗ ſetzte. Am dritten Tage lief ſie im Hafen von Algier ein. Ueunzehntes Rapitel. Zu jener Zeit war das ungeheure Gebiet von Tunis der reichſte und bluͤhendſte der Staaten an der nordafrika⸗ niſchen Kuͤſte. Sein Gebieter, der Koͤnig Mahmed, ein hochbejahrter Greis, hatte mit den Frauen ſeines Harems vierunddreißig Soͤhne erzeugt.* Die Favorite Zaide wußte den von ihr beherrſchten Dei zu der Ungerechtigkeit zu beſtimmen, daß er ihren Sohn Mulei⸗Haſſan, einen der jungſten der Prinzen, oͤffentlich und geſetzlich zu ſeinem Nachfolger ernannte. Aber dieſer Mulei Haſſan war ein Ungeheuer. Kaum hatte er durch ſeine Mutter das Ziel, nach welchem er ge⸗ ſtrebt, erreicht, als er ſeine fuͤrſtliche Wirkſamkeit damit begann, ſeinen Vater zu vergiften, damit dieſer nicht etwa die Verfuͤgung hinſichtlich der Thronfolge wieder aͤndern moͤchte, und alſobald nach Mahmeds Tode ließ er ſeine und der Zug nach Tunis. 273 Bruͤder einfangen und umbringen. Einer der Aelteſten, Alraſchid, hatte aber Mulei Haſſans Plan durchſchaut und ſich gluͤcklich zu den Beduinen der großen Wuͤſte gerettet. Es gelang ihm, die Scheiks einiger Stämme für ſeine Sache zu gewinnen und mit ihrer Huͤlfe Verſuche zu ma⸗ chen, den grauſamen Mulei Haſſan vom Thron zu ſturzen und ſich ſelbſt darauf zu ſetzen. Aber die Soͤhne der Wuͤſte wurden vom Heere des jungen Koͤnigs geſchlagen, und Alraſchid konnte ſich der Gefahe, von ihnen an Mulei Haſſan ausgeliefert zu werden, nur durch ſchnelle Flucht entziehen. Es blieb ihm nichts weiter uͤbrig, als nach Algier zu gehen und Chair Eddins Gaſtfreundſchaft und Huͤlfe in Anſpruch zu nehmen. Dies ereignete ſich im Herbſte des Jahres' 1534. Chair Eddin nahm den um Schutz Flehenden mit allen Zeichen der Ehrerbietung und Freundſchaft auf und machte ihm die glaͤnzendſten Ver⸗ ſprechungen. Kurz zuvor war Chair Eddin vom Padi⸗ ſchah Suleiman nach Konſtantinopel eingeladen worden, und als Alraſchid nach Algier kam, traf der Dei eben ſeine Vorkehrungen zu der großen Seereiſe. Suleiman hatte endlich durch Schaden einſehen gelernt, wie noͤthig es ſei, eine tuͤchtige Flotte gegen Neapel und Spanien auszu⸗ ruͤſten und ihr einen Anfuͤhrer zu geben, der an Kenntniß des Seekriegs und an Tapferkeit dem beruͤhmten Andreas Doria nichts nachgebe und ihm die Spitze bieten könne. Es gab nur einen ſolchen Mann unter den Glaͤubigen: Chair Eddin Barbaroſſa. Aber Suleiman war neidiſch Ein deutſcher Leinweber. IX. 18 3 274 Der große Reichstag zu Augsburg auf den außerordentlichen Ruf dieſes Fuͤrſten; er mochte keine Groͤße neben ſich dulden; er wollte allein der Beſie⸗ ger des maͤchtigen Kaiſers Karl ſein und einem Andern nichts vom Ruhme dieſes Sieges gönnen. In dieſem Neide war der Grund zu ſuchen, weshalb der Sultan immer noch nicht auf die Vorſchlaͤge und Anerbietungen Chair Eddins, Suleima's und Eleonorens eingegangen war. Die letzten Jahre hatten ihn aber gewitzigt. Eleo⸗ nore van der Voort, die in ſeinem Harem lebte und der Hauptkundſchafter und Berichterſtatter uͤber die europai— ſchen Verhaͤltniſſe war, drang endlich mit ihrer Stimme durch. Im Diwan wurde beſchloſſen, dem Dei von Algier die Bildung und den Oberbefehl einer neuen großen Flotte aufzutragen und ihn nach Konſtantinopel zu rufen. Mit dem Staatsboten, welcher dem Dei den Befehl des Großſultan uͤberbrachte, reiſte Eleonore nach Algier. Eleonore van der Voort und Agnes von Cardona ſa⸗ hen ſich wieder und hielten ſich lange umarmt, zwei Frauen vom kuͤhnſten Geiſte und ſich geiſtig verwandt in Entwerfung und beharrlicher Verfolgung außerordentlicher und abenteuerlicher Plaͤne und in dem unablaͤſſigen An⸗ ſtreben nach demſelben Ziele, dem Sturz des oͤſtreichiſchen Fuͤrſtenhauſes, wenn auch aus ganz verſchiedenen Beweg⸗ grunden. Dieſe beiden Frauen, in ihren Charakteren ſo gaͤnzlich verſchieden, hatten ſich doch, die Eine, wie die Andre, des weiblichen Charakters ſo ganz entaͤußert, daß die Welt in Flammen zu ſetzen. und der Zug nach Tunis. 275 ſie vor keiner That, die ſelbſt die abgehaͤrtetſten Maͤnner⸗ herzen erbeben macht, zuruͤckwichen, um ihre zuͤgelloſen Leidenſchaften zu befriedigen. Aber die Eine handelte aus gluͤhender ſchwaͤrmeriſcher Liebe fur ein edles niedergetre⸗ tenes Volk, deſſen Tochter ſie war, die Andre aus gluͤhen⸗ der Rache fuͤr erlittene Schmach, die ſie doch ſelbſt ver⸗ ſchuldet, und indem ſie das niedergetretene Volk, deſſen Tochter ſie war, aus den Feſſeln, die ihm unwuͤrdige Machthaber angelegt, befreien zu wollen vorgab, wuͤrdigte ſie ſelbſt den gemißhandelten Genius der Freiheit zum Be⸗ friediger ihres Rachedurſtes herab. Jene war von einer Abenteurerin zur Gemahlin eines geiſtesſtarken thatkraͤfti⸗ gen Fuͤrſten emporgeſtiegen; dieſe war aus glaͤnzenden Verhaͤltniſſen zur verwegenſten Abenteurerin herabgeſunken. So ſahen ſie ſich wieder. Eleonore hatte faſt ſchon das Ausſehen einer Greiſin, obgleich ſie erſt vierundfunfzig Jahre alt war, aber ungeheure Strapazen hatten ihre Spuren in dieſe einſt ſo ſchoͤnen Zuge verwuͤſtend einge⸗ graben, nachdem ſie von Donna Juanas morderiſcher Scheere zuerſt durchwuͤhlt worden waren. Nichts deſto weniger war ſie immer noch eine ſtolze Geſtalt. Agnes, oder vielmehr Suleima, zwoͤlf Jahre juͤnger, hatte ſich neben der imponirenden Wuͤrde ihrer Geſtalt auch noch einen großen Theil ihrer Schoͤnheit erhalten oder n wieder gewonnen. Jetzt wollten ſich dieſe beiden Frauen vereinigen, um 18* 276 Der große Reichstag zu Augsburg Sie theilten ſich einander ihre Schickſale und Erleb⸗ niſſe mit. „Ich habe eine Wiedergeburt erfahren, wie ſelten ein Weib,“ ſagte Suleima.„Ich hatte mich meines Volkes, meines Zieles, ja meiner ſelbſt unwuͤrdig gemacht, ich hatte mich an dem verhaßten Gegenſtand meiner ſchmählichen Leidenſchaft geraͤcht, aber nun war mir das Leben zuwider, und ich ſtuͤrzte mich in das Meer, um den Tod zu ſuchen, der noch mein einziger Wunſch war. In der Meerbucht, in welcher ich ſterben wollte, lag die Barke eines Raub⸗ ſchiffes Chair Eddins. Er ſelbſt war's, der mich fuͤr todt aus dem Waſſer zog, und ſtundenlang lag ich beſinnungs⸗ los. Als ich die Augen wieder aufſchlug, ſtand mir der kuͤhne Seeheld gegenuͤber und begruͤßte mein neues Leben mit Jubel. Ich befand mich auf ſeinem Schiffe und er fuͤhrte mich nach Algier in ſein Harem. Mein fruͤheres Leben war gleichſam untergegangen im Meere, und als eine Wiedergeborne ſtieg ich daraus empor. Nun erſt fand ich die mir angemeſſene Beſtimmung; ich war die Favorite eines Mannes, der mich verſtand und fuͤr die Triebe mei⸗ nes Geiſtes nicht nur die entſprechenden Triebe im eignen Geiſt, ſondern auch die ſtarke ausfuͤhrende That, den kraf⸗ tigen Willen und die maͤchtige Stellung hatte. Wir er⸗ kannten ſchnell, daß wir fuͤr einander geſchaffen waren, und wir haben unſer Leben dieſer Erkenntniß gemaͤß eingerichtet. Waͤre der Sultan Suleiman auf unſte Plaͤne eingegangen, er waͤre jetzt Herr von Europa, und er wird es noch und der Zug nach Tunis. 277 werden, wenn er es jetzt nicht verſchmaͤht, wie ſeine Ein⸗ ladung zu beweiſen ſcheint, darauf einzugehen.“ „Er wird es nicht. Der Vezier hat ſich endlich uͤber⸗ zeugt, daß ich Recht hatte. Er war mein Gegner. Nun haben ſie den Schaden und werden es beſſer machen. Um etwas Großes zu vollbringen, gehoͤrt der rechte Mann an den rechten Ort. Glaube mir, von Suleiman iſt mehr Geſchrei, als er werth iſt. Ein wildes Strohfeuer, weiter nichts. Ins Maßloſe ausſchweifende Selbſtuͤberſchaͤtzung mit dem praͤchtigſten Wortſchwall. Soll's zur That kom⸗ men, ſind ploͤtzlich die Sterne nicht guͤnſtig.— O, wenn ich je den rechten Mann fuͤr mich gefunden haͤtte, wie Du: was haͤtten wir zuſammen ausgerichtet. Nur wahre Geiſtesgroͤße iſt zum Herrſchen geboren; die Natur hat ihr den Stempel der Hoheit und Macht auf die Stirn ge⸗ druͤckt, und Alles, was ſie unternimmt, iſt groß und gut, wenn es der beſchraͤnkte Verſtand der Maſſen auch nicht begreift.— Sieh, ich war eine geborne Koͤnigin, wie Du; aber mir bot kein geborner Koͤnig die Hand zur Ret⸗ tung und Veyeinigung. Auch ich lernte einen großen geiſtesſtarken Mann kennen, einen gebornen Koͤnig, einen Einzigen. Aber nicht mir bot er die Hand, ſondern mei⸗ ner juͤngern und ſchoͤnen Schweſter. Er hieß Gaismeier und haͤtte Beherrſcher ſeines Vaterlandes Tirol werden muͤſſen. Aber er erlag ſeinem Geſchick. Ich habe keinen zweiten wieder gefunden.— Doch ſage, wo iſt meine Schweſter Martha?“ 278 Der große Reichstag zu Augsburg „Beim Sidi Alnayar in Conſtantine. Alnayar hat ſich die große Aufgabe geſtellt, das fruchtbare Land auf europäiſche Weiſe bebauen zu laſſen und verwendet dazu zahlreiche Chriſtenſtlaven. Martha iſt ſeine Pflegerin; denn er iſt alt geworden. Als ſie ihr Geſchick vor ſechs Jahren an die Kuͤſte von Algier fuͤhrte, kam ſie ihm wie gerufen. Er bedurfte einer Chriſtin, wie ſie iſt, fuͤr ſein Haus, und ſie hat ſich gut in ihre Lage gefunden.“ „Wohl ihr, daß auch ſie im Ruhehafen eingelaufen! Sie war nicht fuͤr große Dinge geſchaffen. Ich werde ſie ſehen und mich freuen.— Lebt Raimund bei ſeinem Vater?“ „Ja, aber ihm gefaͤllt die ruhige Einförmigkeit dieſes Lebens nicht. Er richtet den ſehnſuͤchtigen Blick nach Spanien hinuͤber. Die Krone von Granada iſt das Ziel ſeiner heißen Wuͤnſche, und Martin nahrt ſeine Hoff⸗ nungen mit den Nachrichten, die er ihm von unſerm Volke druͤben oft bringt. Denn Dein Sohn iſt unermuͤd⸗ lich, wie Du ſelbſt, und uns von unſchaͤtzbarem Werth. In den mannichfachſten Verkleidungen durchirrt er das Meer und die Kuͤſtenländer. Er iſt unſer beſter Kund⸗ ſchafter in Spanien und Neapel, er unterhaͤlt unſre Ver⸗ bindung mit dem Koͤnige von Frankreich. Und wo es reiche Beute zu machen gibt, weiß er ſtets anzugeben. Chair Eddin und ich halten ihn hoch.“ „Es freut mich, ſein Lob zu vernehmen. Ich habe Luſt ihn auf ſeinen Fahrten zu begleiten. Ja, auch ich und der Zug nach Tunis. 279 werde in Spanien fuͤr unſere Zwecke perſoͤnlich zu wirken ſuchen.“— Es wurden vorlaͤufig ſchon mancherlei Plaͤne von den beiden Frauen verabredet. Dieſen unbeſtimmten Plaͤnen gab Alraſchids Erſcheinen am Hofe in Algier bald genug beſtimmte Geſtalt und Richtung. Es ſtellte ſich naͤmlich ſchon am erſten Tage ſeines Aufenthaltes fuͤr die Herr⸗ ſcherfamilie klar heraus, daß der Praͤtendent des Thrones von Tunis ein ſehr mittelmaͤßiger Kopf, ein ſehr gewoͤhn⸗ licher Menſch war, der kein andres Recht vor ſeinem juͤngern Bruder aufzuweiſen hatte, als das der fruͤhern Geburt, welches aber eben kein Recht war. Inzwiſchen behauptete er eine ſtarke Partei in Tunis zu haben, welche Mulei Haſſan durch furchtbare Grauſamkeiten täglich vermehre. „Der Thron von Tunis muß Dein werden!“ rief Suleima ihrem Gemahl zu, als er allein in ihren Gema⸗ chern war.„Du mufßt dieſe Laͤnder zu einem großen Koͤnigreich vereinigen. Dann biſt Du der gewaltige Herr des Meers bis an die Pforten von Neapel und Rom, dann ſteigſt Du ungehindert an den Kuͤſten Spaniens und Frankreichs ans Land. Spanien und Neapel ſind in Deine Hand gegeben, und mit Suleiman im Buͤnde wirſt Du das Chriſtenkreuz unter Deine Fuͤße werfen und den ſtolzen Habsburger vernichten.“ „Sie gab ihm den Weg an, wie er ſich in Beſitz von 280 Der groͤße Reichstag zu Augsburg Tunis zu ſetzen habe, und Chair Eddin umarmte entzuͤckt das kuͤhne umſichtige Weib. Der Dei machte dem Fuͤrſten Alraſchid den Vorſchlag, mit ihm nach Konſtantinopel zu reiſen, um den Groß⸗ ſultan fuͤr ſeine Angelegenheit zu gewinnen. Wenn eine Flotte des Großherrn ihn nach Tunis zuruͤckbringe, werde Mulei Haſſan ohnmaͤchtig die Flucht ergreifen. Dieſe Ausſicht ſchmeichelte Alraſchids Wuͤnſchen ungemeinz er ging in die kuͤnſtlich verdeckte Falle und beſtieg das Schiff, welches ihn mit Chair Eddin nach der hohen Pforte fuͤhrte. Zuvor aber ließ er ſeine Anhänger in Tunis durch einen geheimen Boten unterrichten, er werde bald mit einer turkiſchen Flotte kommen und mit einem ſtarken Heere den Thron ſeiner Vaͤter in Beſitz nehmen.* Chair Eddin, der gewandte Grieche, ſpielte am Hofe des Großherrn ſeine Rolle vortrefflich und wußte den eiteln Suleiman, den Großvezier, die ſchoͤne Roxelane und alle Perſonen von Einfluß durch geſchmeidiges unterwuͤrfiges Weſen fuͤr ſich zu gewinnen. Suleiman, gluͤhend vor, Begierde, Europa zu erobern, beauftragte den Dei mit der Bildung der Flotte. Der Angriffsplan auf Neapel und Suͤdſpanien wurde verabredet. In dieſen Eroberungsplan paßten die Ereigniſſe vortrefflich. Tunis war ein ſelbſt⸗ ſtaͤndiges Koͤnigreich. Chair Eddin wußte dem Sultan begreiflich zu machen, daß dieſes große Reich ihm ebenfalls unterworfen werden muͤſſe, wie Algier, um Einheit der Kraͤfte zu erzielen. Sei Suleiman Herr der nordaftika⸗ und der Zug nach Tunis. 281 niſchen Kuͤſtenländer, dann habe die Flotte einen Hinter⸗ grund, der ſie unuͤberwindlich machen muͤſſe. Gut ge⸗ fuͤhrt, werde ſie ihm dann bald auch die europäiſchen Kuſtenlaͤnder des Mittelmeers unterwerfen. Suleiman war entzuͤckt von dieſer Ausſicht. Chair Eddins Plan wurde genehmigt. Mit ſcheinbar uͤberſchwenglicher Großmuth verſprach der Großherr dem huͤlfeſuchenden Fuͤrſten von Tunis jede Unterſtuͤtzung. Die Flotte, welche ihn heimfuͤhren, das Heer, welches ihn auf den Thron ſetzen ſollte, wurden vor ſeinen Augen ausgeruͤſtet. Alraſchid ſah ſich im Geiſt ſchon auf dem Throne. Der ungluͤckliche Thor! In der Stunde, in welcher die Flotte abſegelte, als er ſchon von ſeinem hohen Goͤnner ſich verabſchiedet hatte, wurde er ver⸗ haftet und in einen Kerker geworfen, den er nur als Leiche wieder verließ. Suleima hatte unterdeſſen Alraſchids Partei in Tunis mit immer neuen Hoffnungen zu naͤhren gewußt. Ihre geheimen Sendboten uͤberbrachten die guͤnſtigſten Nach⸗ richten. Bald bewaͤhrte ſich ihre Wahrheit. Wie ein Sturmwind vor dem Gewitter flog die Kunde von dem Herannahen einer großen tuͤrkiſchen Flotte unter Chair Eddins Fuͤhrung uͤber das Mittelmeer und die Lander zu beiden Seiten desſelben, und verbreitete Furcht und Schrecken. Die Kuͤſten von Calabrien und Sicilien wurden von Chair Eddin verwuͤſtet, die Inſel Malta, erſt vor vier Jahren dem Johanniter⸗Orden vom Kaiſer Karl 282 Der große Reichstag zu Augsburg ubergeben, waͤre faſt in die Haͤnde des großen Seeraͤubers gefallen, der ſich eines Tags mit zweihundertundfunfzig ſtolzen Schiffen im Meerbuſen von Tunis vor Anker legte. Er ſetzte ſeine Voͤlker ans Land, und die Feſtung Goletta, welche den Meerbuſen beherrſcht, fiel ſchon am folgenden Tage durch den Verrath ihres Befehlshabers in ſeine Hand. Er ließ uͤberall bekannt machen, er fuͤhre Al— raſchid auf der Flotte und handle in ſeinem Namen. Der Fuͤrſt liege krank auf dem Admiralſchiff. Mit dieſer Kunde ließ er die Stadt auffordern, ſich ihm zu ergeben. Alraſchids Partei, ſchon lange geſchickt auf die Ankunft ihres Hauptes vorbereitet, erhob ſich mit den Waffen in der Hand. Die uͤbrige Bevoͤlkerung, muͤde der kindiſchen Grauſamkeit Mulei Haſſans, ſchloß ſich ihr an. Ganz Tunis rief nach dem Befreier Alraſchid, und der junge Tyrann konnte nur das nackte Leben durch die eiligſte Flucht retten. All ſeine Schaͤtze blieben zuruͤck. Jubelnd wur⸗ den die Thore dem großmuͤthigen Befreier Chair Eddin ge⸗ oͤffnet, und er zog in der Mitte ſeiner Krieger ein und ver⸗ fugte ſich auf die Citadelle, welche die Stadt beherrſchte. Immer und immer ertönte Alraſchids Name auf den Straßen, aber vergebens ſah ſich die begeiſterte Menge nach ihm um.„Wo iſt er?“—„Auf dem Admiralſchiff!“ — Hunderte ſegelten auf Booten hinaus. Er war nir⸗ gend zu finden, und die Tuͤrken verlachten die Betrogenen mit Hohn. Neues Geſchrei erhob ſich, der fuͤrchterliche Betrug ward offenkundig. Alles lief wuͤthend zu den und der Zug nach Tunis. 283 Waffen und ſtuͤrmte mit Verwuͤnſchungen Chair Eddins gegen die Citadelle. Der ſchlaue Dei war auf dieſen An⸗ fall vorbereitet. Ein moͤrderiſches Feuer aus den Kanonen der Veſte empfing ſie, warf ſie nieder, jagte ſie in die Flucht. Die ungeordneten Haufen zerſtoben; Chair Eddin war Herr der Stadt und des Landes. Mit Trompetenſchall ließ er verkuͤnden, daß er Tunis fuͤr ſeinen Herrn den Großſultan Suleiman in Beſitz genommen, und daß Jeder⸗ mann dieſem als Landesherrn und Gebieter zu huldigen habe. Ebenſo ihm, dem Dei von Algier, als Statthalter und Unterkoͤnig. Und die Tuneſen huldigten. Der Streich war gegluͤckt. Das Land lag zu den Fuͤßen des Seeraͤubers, und Suleima hielt ihren praͤchtigen Einzug. Zwanzigſtes Rapitel. Kaiſer Karl hielt Hof in der Alhambra zu Geanada. Er erachtete ſeine Anweſenheit in der alten mauriſchen Koͤnigsſtadt fuͤr nothwendig, um jedes aufruͤhreriſche Ge⸗ luͤſt des Volks im Keim zu erſticken. Eine drohende Heeresmacht deutſcher Reiter und Landsknechte hatte ihn begleitet. Die blutigſte Strenge hing uͤber dem armen Volke. Aber hoffend blickte es nichtsdeſtoweniger nach Afrika hinuͤber, von wo es ſeinen Retter erwartete. Chair Eddin Barbaroſſas Name war nach der Eroberung von Tunis im Munde aller Mauren in Spanien, und die Geruͤchte von ſeinem Thun und Treiben uͤberboten ſich in Seltſamkeit und Abenteuerlichkeit. Er werde mit furcht⸗ barer Heeresmacht nach Spanien heruͤberkommen, hieß es, und einen jungen Koͤnig aus dem alten Herrſcherſtamme heruͤberfuͤhren und auf den Thron ſetzen und das Land fuͤr und der Zug nach Tunis. 285 ihn erobern. Dann werde er Neapel erobern und der Herrſchaft des Kaiſers in dieſen Laͤndern ein Ende machen. Er werde den Papſt aus Rom treiben und den Islam zur Herrſchaft bringen. Denn zu gleicher Zeit werde der Sul⸗ tan Suleiman uͤber Ungarn in Deutſchland einfallen und von Norden her Italien erobern. Was ein niedergedruͤck⸗ tes, unter dem eiſernen Fußtritt des Despotismus ſchmach⸗ tendes Volk wuͤnſcht und erſehnt, das glaubt es auch. Die ausſchweifendſten Geruͤchte fanden bei den Mauren Glauben, und die Aufregung unter ihnen ſtieg mit jedem Tage⸗ Der Kaiſer ſah von dem hohen Koͤnigsſchloſſe ernſt und bekuͤmmert in die verwickelte Lage der Dinge und die fuͤr ihn ſich daraus erhebende Gefahr herab. Er verkannte dieſe Gefahr nicht. Zwar hatte ihn der Tod im Herbſt von einem laͤſtigen und zweideutigen Freund befreit, mit welchem er nie einen aufrichtigen Frieden haben konnte. Clemens Vll., der raͤnkevolle Mediceer, war ploͤtzlich nach kurzer Krankheit im 56. Lebensjahre vom Stuhl Petri in die Gruft geſtiegen, nachdem er kurz zuvor die Ver⸗ maͤhlung ſeiner Nichte mit dem franzoͤſiſchen Prinzen zum groͤßten Verdruß des Kaiſers gefeiert hatte, und Alexander Farneſe, dem Kaiſer ſtets ergeben, hatte, von den Kardinaͤ⸗ len gewaͤhlt, als Paul III. den paͤpſtlichen Thron beſtie⸗ gen, dem Kaiſer ein treuer Bundesgenoſſe. Deſto treu⸗ loſer hatte ſich Karls Schwager, der Koͤnig Franz, ihm gezeigt. Auf der einen Seite hatte er offen ein Buͤndniß 286 Der große Reichstag zu Augsburg mit Suleiman abgeſchloſſen, eine Geſandtſchaft nach Kon⸗ ſtantinopel geſchickt und eine tuͤrkiſche empfangen, auf der andern hatte er die proteſtantiſchen Staͤnde in Deutſchland an ſich zu locken geſucht und ihnen ſchoͤne Verſprechungen gemacht. Koͤnig Heinrich von England war ebenfalls mit dem Kaiſer gaͤnzlich zerfallen und ſtand im Begriff wegen ſeiner Eheſcheidung von des Kaiſers Tante ſich und ſein Land vom paͤpſtlichen Kirchenregiment loszuſagen. Die Geruͤchte von neuen großen Rüſtungen Sulei⸗ mans wurden durch Nachrichten von Koͤnig Ferdinands Partei in Ungarn beſtaͤtigt; die Einnahme von Tunis durch Chair Eodin und die Unterwerfung dieſes Koͤnig⸗ reichs unter Suleimans Oberhoheit war ein hoͤchſt wichti⸗ ger und in ſeinen Folgen ſehr bedrohlicher Moment fuͤr Karl. Er erfuhr durch ſeine Kundſchafter, wie eifrig Chair Eddin an der ſtaͤrkern Befeſtigung von Goletta und von Tunis ſelbſt arbeiten laſſe, wie die tuͤrkiſche Flotte unter ſeinem Oberbefehle immer vergroͤßert werde, mit welcher Pracht und Macht der Seeraͤuber als König in Tunis ſich gebahre. Dabei nahmen die frechſten Raͤube⸗ reien auf dem Mittelmeer und an den ſpaniſchen und neapolitaniſchen Kuͤſten iit jedem Tage zu. Kein ſpani⸗ ſches und neapolitaniſches Schiff durfte ſich mehr aus dem Hafen wagen; die tuneſiſchen Kaper durchſchwaͤrmten das Meer nach allen Richtungen, ihre zuͤgelloſe Beſatzung uͤberfiel die Doͤrfer und Städte oft weit in das Land hinein, warf Alles nieder, was ſich ihrer Brutalität wider⸗ und der Zug nach Tunis. 287 ſetzte und fuͤhrte Menſchen und Thiere, Hab und Gut mit ſich fort. Auf dieſe Weiſe wurden Tauſende von Men⸗ ſchen in die Sklaverei nach Tunis geſchleppt und waren dort, wenn ihre Verwandten nicht ein hohes Loͤſegeld be⸗ zahlten, den haͤrteſten Arbeiten und Entbehrungen unter⸗ worfen. Die Klagen uͤber dieſes unertraͤgliche Raubwe⸗ ſen aus Sicilien, Neapel, aus den baleariſchen Inſeln, Katalonien, Valencia, Murcia, Granada und Andaluſien mehrten ſich mit jedem Tage vor dem Kaiſer. Aber eben ſo wenig blieben die portugieſiſchen Kuͤſten verſchont, ja ſelbſt bis an die franzoͤſiſchen Kuͤſten wagten ſich die ver⸗ wegenen Korſaren. Die Johanniter-Ritter auf Malta konnten ſich ihrer kaum mehr erwehren und waren fort und fort in Gefahr von ihnen ganz aufgerieben zu wer⸗ den. Das Uebel wurde dadurch vermehrt, daß faſt Alle, welche von mauriſchem Blute abſtammten, den tuneſiſchen Raͤubern offen oder heimlich anhingen und ihnen allen Vorſchub gegen die ſpaniſche Bevoͤlkerung leiſteten. Je groͤßer die despotiſche Strenge war, deſto wilder der Fana⸗ tismus, mit welchem ſie ihre baldige Befreiung und Er⸗ hebung durch die afrikaniſchen Bruͤder verkuͤndeten. Die burgerliche Ordnung wurde durch dieſes unerhoͤrte Un⸗ weſen vernichtet, der geſellſchaftliche Zuſtand in den Kuͤ⸗ ſtenlaͤndern in vollige Aufloſung verſetzt, und endlich war wirklich von Chair Eddin das Aeußerſte zu befürchten. Das waren Dinge, die das Herz des Kaiſers mit Kummer und Beſorgniß erfuͤllen mußten. Ihn erfreute nicht die 288 Der große Reichstag zu Augsburg zauberiſche Schoͤnheit des Fruͤhlings, der ſeine koſtbaren Gaben in uͤppiger Fuͤlle uͤber die Veja von Granada aus⸗ geſchuͤttet hatte, er war nur mit dem Gedanken beſchaͤf⸗ tigt, wie er dem tollen Raubweſen ein Ende machen und dem gedrohten großen Angriff von Tunis zuvorkommen könne. Denn die ganze Kuͤſte durch Heeresmacht zu ſchuͤtzen, war unmoͤglich. Mitten in dieſen Sorgen wurde Karl von einem uner⸗ warteten Beſuche uͤberraſcht. Es war Mulei Haſſan, der junge aus Tunis vertriebene Koͤnig, dem es nach langen Irrfahrten gegluͤckt war nach Spanien uͤberzuſetzen. Er erſchien als Huͤlfeflehender; der vertriebene Koͤnig kam, um den maͤchtigen Kaiſer, der Moslem den Beſchuͤtzer der Chriſtenheit anzurufen, daß er ihm wieder zum Reiche ver⸗ helfen moͤchte. Dieſe Bitte ſchmeichelte Karls Eitelkeit. Konnte es einen groͤßern Ruhm fuͤr ihn geben, einen glaͤn⸗ zenderen Beweis fuͤr ſeine Uneigennuͤtzigkeit, welche Koͤnig Franz immer zu verdächtigen ſuchte, als wenn er dem mu⸗ hamedaniſchen Koͤnige zu ſeinem Rechte verhuͤlfe? Karl uͤberſah mit einem Blick, welch ungeheurer moraliſcher Gewinn in der Meinung der ganzen Welt ihm aus ſol⸗ cher großmuͤthigen That erwachſen mußte, und daneben erreichte er ſeine eignen Zwecke. Von Stund an war er entſchloſſen, einen Kriegszug gegen Tunis zu thun, und zwar in eigner Perſon. Noch hatte er nicht Gelegenheit gehabt, ſich als Kriegsheld auszuzeichnen; Suleiman hatte ihn vor drei Jahren um dieſe Ehre, nach der er ſo ſehr N. und der Zug nach Tunis. 289 geizte, durch den unerwarteten Ruͤckzug betrogen. Jetzt bot ſich ihm eine unvergleichliche Gelegenheit, den Ruhm, der ihm noch fehlte, im hoͤchſten Glanze zu erwerben. Er behandelte den Koͤnig Mulei Haſſan mit aller Auszeich⸗ nung, die einem gekroͤnten Haupte ſchuldig zu ſein in ſeinen Begriffen von koͤniglicher Wuͤrde lag. Mulei Haſſans Beduͤrfniſſen wurde nicht nur ſchnell abgeholfen, er wurde mit orientaliſcher Koͤnigspracht umkleidet. Karl fuͤhrte dann ſeinen Gaſt nach Madrid an den Hof, wohin er die Koͤnigin Germaine mit ihrem jetzigen Gemahl, dem Prinzen von Calabrien, einlud. Dieſer Prinz war der eigentliche Erbe des Koͤnigreichs Neapel, der letzte Sproß aus dem aragoniſchen Koͤnigs⸗ hauſe. Bei ſeiner Vermaͤhlung mit Germaine hatte er ſeinen Anſpruͤchen an Neapel zu Gunſten des Beſitzers entſagt und war nun der leichten Gefangenſchaft oder Beaufſichtigung entlaſſen. In der That war von dieſem nicht mehr jungen Fuͤrſten fuͤr den Kaiſer nichts zu fuͤrch⸗ ten. Er war ein freundlicher wohlwollender Herr, der nichts mehr als Muſik liebte und ſelbſt mehre Inſtrumente mit Fertigkeit ſpielte. Zur Erlernung derſelben hatte er in ſeiner langen Gefangenſchaft die beſte Muße gehabt. Nun lebte er auf den Guͤtern ſeiner Gemahlin in Arago⸗ nien und hielt ſich zu ſeiner Unterhaltung eine Kapelle. All ſeine Bedienung und Umgebung mußte muſikaliſch ſein. Dies war nicht nur auch mit ſeinem Beichtvater, dem Pater Philipp der Fall, ſondern derſelbe war ſogar Ein deutſcher Leinweber. K. 19 290 Der große Reichstag zu Augsburg ſein Kapellmeiſter. Dieſer Geiſtliche war derſelbe Menſch, welcher einſt als Knabe mit ſeinem ſchoͤnen Geſang und Lautenſpiel die wahnſinnige Koͤnigin Donna Juana er⸗ freut hatte, den ſie als Philipp und Sohn ihres Gemahls von der ſchoͤnen Kaufmannsfrau in Antwerpen ſo ſehr geliebt und dann ſo toͤdtlich gehaßt hatte, daß er ihr nicht mehr unter die Augen hatte kommen duͤrfen. Er war jener arme Leinwebersſohn aus der Fuggerei in Augsburg, der Pathe des wackern Knechts Veit Schellenberger; er war's, deſſen Gluͤck dadurch begruͤndet worden, daß Jakob Fugger ihn fuͤr Martin van der Voort auszugeben beab⸗ ſichtigt hatte und der auf Agnes von Cardona's Betrieb nach Spanien gefuͤhrt worden war, um den Verſuch zu machen, ob die Konigin Juana nicht durch ihn herzuſtellen ſei. Der Kaiſer hatte, ſo lange er in dem Wahne war, dieſer junge Menſch ſei der naturliche Sohn ſeines Vaters, ihn fuͤr eins der hoͤchſten Kirchenaͤmter beſtimmt und ihm deshalb eine geiſtliche Ausbildung geben laſſen. Heinz Gogel, das Augsburger Stadtkind, hatte aber, ſeiner Na⸗ turanlage folgend, zumeiſt Muſik getrieben und in den theologiſchen Studien ſehr geringe Fortſchritte gemacht. Später, als der Kaiſer erfahren, wer ſein Schuͤtzling eigentlich war, hatte er ihm die Prieſterweihe ertheilen laſſen und ſich nicht mehr um ihn bekuͤmmert. Muſik und Geſang hatten dem guten Pater von Augsburg eine ſchone Cxiſtenz verſchafft; der Prinz von Calabrien hielt ihn hoͤher, als irgend einen Kleriker, den Papſt ſelbſt nicht und der Zug nach Tunis. 291 ausgenommen. Heinz lebte als Pater Philipp mit dem Fuͤrſten auf gleichem Fuße und begleitete denſelben auf jeder Reiſe. So kam er auch jetzt mit an den kaiſerlichen Hof, um bei Gelegenheit ſich vor demſelben hoͤren zu laſſen; denn der Prinz that gern groß mit ihm. Heinz war ein ſtattlicher Mann geworden und hatte das ſpaniſche große Weſen angenommen; er war gewohnt mit Fuͤrſten, Granden und Hofleuten umzugehen; er war ſelbſt ein Hofmann. Sein praͤchtiger Bauch zeugte da⸗ von, daß er ein Verehrer der furſtlichen Kuͤche, ſein dunkel⸗ rothes pockennarbiges breites Antlitz, daß er auch ein Ver⸗ ehrer des fuͤrſtlichen Kellers war. Dieſer treffliche Mann lag eines Tages auf dem Lot⸗ terbette in behaglicher Ruhe, eine Flaſche Keres vor ſich auf dem Tiſche und dachte uͤber eine neue Kunſtleiſtung nach, die er zu Ehren des jungen tuneſiſchen Koͤnigs vor dem Hofe ausfuͤhren ſollte, als ſein Diener ihm einen Fremden meldete. Der Pater winkte herablaſſend ſeine Zuſtimmung und— Martin van der Voort trat in das reiche Gemach. Da ſtanden ſie ſich wieder gegenuͤber, deren Schickſal ſo ſeltſam mit einander verflochten war, wie ſie ſich einſt auf dem Haſenhofe einander gegenuͤber geſtanden hatten. Aber welch ein Unterſchied zwiſchen beiden! Der Sohn des armen Leinwebers gleiſend von Wohlleben, der Sohn des Konigs mager, gebraͤunt von der afrikaniſchen Sonne, die Zuge tief gefurcht von den Muͤhen und Anſtrengungen eines raſtloſen Lebens, gebeugt 292 Der große Reichstag zu Augoburg von der Macht ſeines feindſeligen Geſchicks, in ſchlechter, faſt armſeliger Kleidung. Der Pater erkannte ihn auf den erſten Blick. Die gegenſeitige Begruͤßung war 6½ nicht ſonderlich herzlich. „Mein frommer Pater,“ ſagte Martin, nachdem ſie ſich nach ihren Befinden erkundigt hatten,„Euch geht es gut und mir ſchlecht. Ihr ſeid durch mich in die Wolle gekommen; es iſt billig von Euch, daß Ihr mir wieder hinein helft. Es gab eine Zeit— aber es iſt ſchon lange her— als ich, ohne es ſelbſt zu wiſſen, eine ſo wichtige Perſon war, daß man zu meinem Schutze fuͤr noͤthig fand Euch fuͤr mich auszugeben. Ich war der Sohn des Koͤnigs von Spanien, und Ihr mufßtet ihn ſpielen. Heute wiſſen die, welche es angeht, wer ich bin, aber ich bin keine wichtige Perſon mehr. Der Kaiſer zuͤrnt mir, ich bin in Armuth und Elend gerathen. Ich bin alſo zu Euch gekommen, um Eure Huͤlfe anzurufen.“ Hierauf erzaͤhlte er die Geſchichte ſeiner Schickſale, halb Wahrheit, halb Luͤge, wie alle ſeine Berichte uͤber ſich, und ſchloß mit dem Vorſchlage, der Pater möge ihn zuerſt mit dem Prinzen von Calabrien bekannt machen. Darauf baute er den Plan, daß die Koͤnigin Germaine ſich ſeiner anneh⸗ men und ihn der Kaiſerin empfehlen moͤchte. Durch dieſe hoffte er endlich die Gnade des Kaiſers wieder zu erlangen. Vielleicht war es ſein Ernſt damit, wahrſcheinlicher war, daß er wieder ſeinen zwiefachen Plan hatte und keinen mit Treue verfolgte Gluͤckte der eine nicht, mußte der — und der Zug nach Tunis. 293 andre gluͤcken. Er ſpielte wohl wieder dieſelbe zweideutige und falſche Rolle, wie in Augsburg zur Zeit des Reichs⸗ tags, jene liſtige Doppelrolle, welche ſeiner Natur ange⸗ meſſen war. Der Pater Philipp war im Grunde doch eine gutmuͤthige deutſche Haut geblieben. Obgleich ihm Martin keineswegs gefiel, ging er doch auf deſſen Vor⸗ ſchlaͤge ein. Zuerſt verſchaffte er ihm adlige Kleidung; dann ſprach er mit dem Prinzen uͤber ihn. Dadurch nun, daß die Koͤnigin Juana noch lebte und zwar in jenem traurigen Wahnſinn, der Folge des Minnehandels, welcher Martinen ins Leben gerufen, war das Andenken an jene Begebenheit, welche damals ſo ungeheures Aufſehen ge⸗ macht hatte, immer friſch erhalten worden, und Martin wurde zu einer intereſſanten Perſoͤnlichkeit. Der Prinz gutmuͤthig, neugierig und verſeſſen auf ſolche Hof⸗ und Kabinetsſtuͤcke, ließ ſich den beruͤchtigten Koͤnigsſohn ſo⸗ gleich zufuͤhren; und es gelang dem ſchlauen Martin ſchnell, den ſchwachen Mann fuͤr ſich zu gewinnen. Den⸗ ſelben Tag noch ſtellte der Prinz ihn ſeiner Gemahlin vor, deren lebhaftes Intereſſe fuͤr ihn rege geworden war. Am Abend ſchon erfuhr die Kaiſerin von ihm. Sie war auch ein Weib, und Martins Angelegenheit recht fuͤr Frauen geeignet. Iſabella und Germaine waren ent⸗ ſchloſſen Alles, was ihnen möglich, fuͤr den Ungluͤcklichen zu thun; er mußte ihrer Meinung nach wenigſtens zum ſpaniſchen Granden erhoben werden. In einer geheimen Audienz bei der Kaiſerin, welcher 294 Der große Reichstag zu Augsburg Germaine beiwohnte, wußte Martin durch geſchickte Er⸗ zahlung ſeiner Schickſale die beiden Frauen tief zu ruͤhren. Hinſichtlich des Verraths der Dokumente in Augsburg wuſch er ſich ſchneeweiß und waͤlzte alle Schuld auf Rai⸗ munden, der durch ſeine Flucht nach Afrika dem Hofe uͤber⸗ dies verdaͤchtig geworden war. So weit war fuͤr Martinen Alles nach Wunſch ge⸗ gangen, aber kaum hatte der Kaiſer ſeinen Namen aus Iſabellas Munde vernommen, als ſich ſeine Zuͤge verfin⸗ ſterten und ein Wort des Unwillens uͤber ſeine ſonſt ſo ſchweigſamen Lippen glitt. Die beiden fuͤrſtlichen Frauen hatted Muͤhe ihn von dem ſchnell gefaßten Entſchluß, den Verraͤther verhaften und den Verrath ſtreng un⸗ terſuchen zu laſſen, abzuhalten, und nur durch die Vorſtellung, daß ſich eine ſolche Unterſuchung nach faſt fuͤnf Jahren und in Madrid ganz unmoͤglich fuͤhren laſſen wuͤrde, gab er ihn auf. Aber Mar⸗ tinen zu ſehen, ihm eine Gnade zu erzeigen, ihm Mittel zu ſeinem Unterhalte anzuweiſen dazu war er nicht zu bewegen, und erklaͤrte der Kaiſerin kurz: Er wolle ſich in Tunis ſelbſt uͤberzeugen, ob Mar⸗ tin ſchuldig oder nicht, ob der Verdacht, den er gegen ihn hege gegruͤndet ſei oder nicht. Damit waren freilich die Frauen nicht zufrieden. Je haͤrter der Kaiſer war, deſto mehr erfreute ſich Martin ihres Schutzes und ihrer hohen Gunſt. Sie und der Zug nach Tunis. 295 machten heimliche Oppoſition gegen den Kaiſer. Mar⸗ tin wurde von ihnen, vom Prinzen von Calabrien und mehren vornehmen Hofherrn und Damen, wie der natuͤrliche Koͤnigsſohn behandelt und erhielt von der Kaiſerin und der Königin einen ſtandesmaͤßigen Unterhalt. Die beiden Frauen ſchrieben ſeinetwegen ſogar an die Schweſtern des Kaiſers, an die Koͤnigin Eleonore von Frankreich und an die Koͤnigin Katha⸗ rina von Portugal. Die letztere, die juͤngſte Schwe⸗ ſter des Kaiſers, war naͤmlich mit dem Koͤnige Jo⸗ hann IIl. von Portugal, dem Bruder der Kaiſerin, vermaͤhlt. Der Kaiſer war mit ſeinem Vorhaben, einen gro⸗ ßen Kriegszug nach Tunis ſelbſt zu fuͤhren, ſo ſehr beſchaͤftigt, daß er an allen andern Angelegenheiten we⸗ nig Theilnahme zeigte. Es war, als ſei ploͤtzlich der romantiſche Geiſt ſeines Großvaters Maximilian uͤber ihn gekommen, und alle Welt war erſtaunt, den nuͤch⸗ ternen, kalten, Alles wohl uͤberlegenden und abwaͤgen⸗ den Karl ſich in ein ſo gewagtes und zweifelhaftes Un⸗ ternehmen gleichſam ſtuͤrzen zu ſehen. In der That grenzte ſein Eifer fuͤr dieſe Sache ans Fabelhafte. Nach⸗ dem er dem Konig Mulei Haſſan durch einen Ver⸗ trag ſich verbindlich gemacht, ihn mit Kriegsmacht nach Tunis auf den Thron zuruͤckzufuͤhren, ließ er ihn mit einer Escadrille nach Afrika uͤberſetzen, damit er dort unter ſeinen Freunden und Anhaͤngern ein Heer 296 Der große Reichstag zu Augsburg zuſammen bringe. Er ſelbſt ſetzte raſch ſeine Hebel in Bewegung. Seine Boten flogen gleichſam nach allen Winden, um ein maͤchtiges Heer zuſammenzurufen, nach den Niederlanden, nach Deutſchland, Boͤhmen, Neapel, Sicilien, Malta, nach Genua zu Doria, nach Liſſabon. Der Hafen von Cagliari wurde zum Verſammlungsorte aller Schiffe beſtimmt. Ganz Europa ſprach in kurzer Zeit von nichts anderm, als von dem abenteuerlichen Zuge, welchen der Kaiſer vorhatte. Karl kehrte ſich nicht an die mißbilligenden Urtheile in ſeiner Naͤhe und aus der Ferne, nicht an die Abmahnungen ſeiner Miniſter und Räthe, nicht an die Bitten ſeiner Gemahlin und Verwandten. Er wollte ſich nicht allein Kriegsruhm erwerben, er wollte nicht allein uͤber die Feinde der Chriſtenheit ſiegen oder fuͤr den heiligen Glauben ſter⸗ ben: es hatte ſich ſeiner ein ſeinem Charakter widerſpre⸗ chender Fanatismus bemächtigt; er wollte vorzuͤglich mit dieſem Zuge gegen die Unglaͤubigen eine geheime Schuld ſuͤhnen, die ihn ſeit fuͤnf Jahren druckte, die Leidenſchaft fur ſeine Schweſter Maria. Mitten in dieſen grofartigen Vorbereitungen wurde Martin van der Voort eines Morgens vermißt, und hinterließ ſeinen großmuͤthigen Beſchuͤtzerinnen die Be⸗ ſchämung, daß der Kaiſer hinſichtlich ſeiner Recht gehabt. Zum Gluͤck fragte Karl nie nach ihm, und ſo machte ſeine treuloſe Entweichung kein Aufſehen. Martin hatte ſich uͤberzeugt, daß er vom Kaiſer niemals etwas und der Zug nach Tunis. 297 zu hoffen haben werde, und ſo floh er mit den Notizen, die er geſammelt, wieder zu Chair Eddin, der ihn als Kundſchafter an den ſpaniſchen Hof geſandt hatte. Haͤtte er hier ſein Gluͤck gemacht, waͤre er den Mauren untreu geworden. Des Kaiſers Widerwille gegen ihn fuͤhrte ihn nach Tunis zuruͤck. Einundzwanzigſtes Rapitel. Eleonore van der Voort war mit Suleima nicht nach Tunis gegangen. Sie hatte ſich in das Haus des Sidi Alnayar in Conſtantine ubergeſiedelt, dem ihre Schweſter Martha vorſtand. Der alte Herr konnte ſich naͤmlich niemals entſchließen, dem europaͤiſchen haͤuslichen Leben, deſſen Reize er ſo viele Jahre genoſſen, zu entſagen. So war Martha eigentlich die deutſche Wirthſchafterin in dem mauriſchen Hauſe. Raimund und ſeine Gemahlin lebten mit dem endlich gefundenen Vater in herzlicher Eintracht und Liebe. Es ſchien, daß das Schickſal ermuͤdet ſei, dieſe Menſchen in wirren und truͤben Verhaͤltniſſen umher⸗ zutreiben, als wolle es ihnen durch ſtilles Gluͤck und Ruhe die Leiden der Vergangenheit vergelten. Raimund hatte den Glauben ſeiner Väter und den Namen Abul Kaſim angenommen. Carlotta war natuͤrlich ſeinem Beiſpiele und der Zug nach Tunis. 299 gefolgt. Alnayar hatte ſich jeder Betheiligung an den politiſchen Kaͤmpfen und Beſtrebungen ſeines Volks ent⸗ ſchlagen. Es war jene elegiſche Stimmung uͤber ihn ge⸗ kommen, jene verklaͤrte Wehmuth des Alters, das ein Leben voll Leiden und bittrer Taͤuſchungen hinter ſich hat und an keine Verwirklichung ſeiner hochherzigen Beſtre⸗ bungen mehr glaubt. Mit Chair Eddins Hauſe ſtand Alnayar in faſt gar keiner Verbindung. Was konnte der edle, ſanfte, ſtill duldende, im kleinen Kreiſe ſtill ſchaffende und nur in ſolchem geraͤuſchloſen und beſcheidnen Wirken ſein einziges Gluck noch findende alte Mann auch mit dem kuͤhnen, hochſtrebenden, ehrgeizigen Korſaren gemein ha⸗ ben? Es war natuͤrlich Alnayars Wunſch, daß ſein Sohn an dieſem ſtillen Leben und Schaffen ebenfalls Geſchmack, daß auch er ſein Gluͤck darin finden moͤchte. Dies ſchien auch Anfangs der Fall zu ſein. Auch Raimund hatte nur wenige Beſuche im Hauſe des Dei von Algier ge⸗ macht. Aber es ſchien nur, und unter den ruhigen Zuͤ⸗ gen, die er ſeiner Umgebung zeigte, barg er eine gluͤhende leidenſchaftliche Seele, die mit gewaltigen Plaͤnen und großen Ideen ſchwanger ging. Es trieb und drängte ihn fuͤr ſein Volk etwas Großes zu thun, es aus dem Staube, in welchen es vom chriſtlichen Despotismus getreten wor⸗ den, aufzurichten und wieder zu Macht und Groͤße zu erheben. und er war nicht einſam mit ſeinen Gedanken; er brauchte nicht auf ſich ſelbſt gewieſen, unverſtanden und nur von der eignen Glut zehrend, zu verkuͤmmern. Das 300 Der große Reichstag zu Augsburg Schickſal hatte ihm durch Kaiſer Karls Hand eine hohe Gunſt erzeigt und ihm in ſeinem Weibe eine ſeiner wuͤr⸗ dige Gefaͤhrtin gegeben. Kam bei Carlotten vielleicht auch der Trieb weiblicher Eitelkeit hinzu, ſich mit koͤnig⸗ lichem Glanz geſchmuͤckt zu ſehen, die ſie ja von Vater und von Mutter aus königlichem Blute entſproſſen war: genug ſie harmonirte mit ihrem Gatten, ſie baute mit phantaſtiſch kuhnem Sinne an dem ſchimmernden Tempel ſeiner kuͤnftigen Herrlichkeit; ſie nährte mit liebender Hand in der Zuruͤckgezogenheit des Harem die Flamme ſeiner aufſtrebenden Geiſteskraft. Granada war das Ziel ihrer Wuͤnſche; die Alhamhra ſtand als leuchtendes Bild vor ihrer Seele. Martha Bry's ſich am Boden haltende, im kleinen, ſchoͤn und behaglich ausgeſtatteten Kreiſe ſich gefallende Geiſtesthatigkeit war nicht zur Verbuͤndeten des jungen Ehepaars gemacht; ihre Wirkſamkeit befriedigte den Va⸗ terz denn ſie ſchaffte ſeinem Alter ein Leben voll ſtill heitrer ſchoͤnrer Genuͤſſe. Mit Eleonoren trat dagegen der auf⸗ reizende boͤſe Dämon in das friedliche Haus. Sie gab Raimunds und Carlottens unbeſtimmten Bildern der Zukunft ſcharfe Umriſſe und lebendige Farbentoͤne; ſie ſetzte die Phantaſieſchoͤpfungen des jungen Paars, die in der Luft geſchwebt hatten, als reale Gebilde auf den feſten irdiſchen Boden; ſie ertheilte aus dem reichen Schatze ihrer Erfahrungen praktiſche Rathſchlaͤge. Seit ſie da war, ritt Raimund nicht mehr hinaus, die Spuren der und der Zug nach Tunis. 301 verſunkenen Roͤmergroͤße im Lande aufzuſuchen, ſaß er nicht mehr uͤber den Buͤchern, Karthago's und Hannibals Geſchichte zu ſtudiren. Eleonorens Zuruf: ſelbſt ein Hannibal zu werden und unverzuͤglich Hand anzulegen an die Eroberung Spaniens fiel in ihm auf einen frucht⸗ baren Boden. Es wurden Plaͤne geſchmiedet; die erſten noͤthigen Schritte vorbereitet. Eleonore wurde Raimun⸗ den unentbehrlich. Sie liebte es zuweilen aus ihrem Leben zu erzaͤhlen. So gab ſie auch Gaismeiers Ge⸗ ſchichte zum Beſten, an deſſen Andenken, als an dem eines großen thatktaͤftigen Mannes ſie mit großer Ver⸗ ehrung hing. Als ſie die Scene ſchilderte, wo ſie ſich von ihm getrennt, vergoß ſie Thraͤnen.— Martha ergriff dann das Wort und erzählte weiter, daß Gaismeier von⸗ der Republik Venedig ſeinen Aufenthalt in Padua ange⸗ wieſen erhalten und eine fuͤrſtliche Rente bezogen habe, daß er aber hier im Sommer 1526 von jenem alten Zi⸗ geuner Antonio Cebes, der fruͤher eine ſo daͤmoniſche Ge⸗ walt uͤber ſie ausgeuͤbt, gemeuchelmordet worden ſei. Martha hatte dann noch einige Jahre in Venedig gelebt. Dann war ſie auf einer Seereiſe nach dem ſuͤdlichen Spa⸗ nien, wohin ſie ihr von den Fuggern in die neuen Berg⸗ werke geſetzter Bruder gerufen, einem algierſchen Kaper in die Haͤnde gefallen und auf dieſe Weiſe in Chair Eddins Haus gekommen. Von hier war ſie Alnayars Ruf ge⸗ folgt, ſein Hausweſen zu leiten. „Die gerechte Vergeltung hat jenen alten Schurken 302 Der große Reichstag zu Augsburg und Moͤrder ereilt,“ ſagte Eleonore ernſt.„Wir waren ſtets die bitterſten Feinde. Und ſo geſchah es denn, daß er in Ungarn, wohin er ſich als Spion des Königs Ferdi⸗ nand gewagt, vor drei Jahren von einer Kugel toͤdtlich getroffen wurde, die ich ihm zuſandte. So wurde ich des edeln Gaismeiers Raͤcherin ohne es ſelbſt zu wiſſen.“ Die Zuhoͤrer wurden von einem leiſen Schauer durch⸗ froͤſtelt.— Dieſe geheimnißvollen Entwuͤrfe und Anſchlaͤge in Conſtantine wurden ploͤtzlich von Martins Ankunft und ſeiner Kundgebung uͤber die Ruͤſtung des Kaiſers gegen Tunis durchkreuzt. Bald erſchien auch ein Bote Chair Eddins an Raimunden mit der Aufforderung, die waffen⸗ faͤhigen Mauren im Gebiet von Conſtantine nach Tunis zu fuͤhren. Dies veraͤnderte ploͤtzlich die Scene in Al⸗ nayars Hauſe. Kriegeriſches Gedraͤnge, lauter Waffen⸗ laͤrm traten an die Stelle der ruhigen haͤuslichen Bilder. Raimund frohlockte uͤber des Kaiſers Entſchluß. Ihm ſtand es wie eine unerſchuͤtterliche Gewißheit in der Seele, daß das kaiſerliche Heer und Karl ſelbſt den Untergang in Afrika finden wuͤrden; er jauchzte, ſich dadurch nach ſeinem Ziele raſch um ein großes Stuͤck Wegs hingeriſſen zu ſe⸗ hen, ſchneller als er in ſeinen kuͤhnſten Traͤumen zu hoffen gewagt hatte. Mit fieberhafter Haſt betrieb er die Ruͤ⸗ ſtung. Carlotta ließ es ſich nicht nehmen, ihm in Allem behuͤlflich zu ſein und ihn nach Tunis zu begleiten. Nur der alte Sidi Alnayar ſchuͤttelte von boͤſen Ahnungen und der Zug nach Tunis 303 beſchlichen wehmuͤthig das ergraute Haupt. Als er ſeinen Sohn zum Abſchied umarmte, rollten ein paar Thraͤnen uͤber ſeine Wangen.„Leb wohl,“ ſprach er.„Ich habe ein ſchoͤnes, wenn auch nur kurzes Gluͤck in Deinem Be⸗ ſitz genoſſen. Es war doch ein freundliches Abendroth an dem fruͤher ſtets umwoͤlkt geweſen Himmel meines Lebens.“ „Und noch glaͤnzendere Tage werden unſerm Wieder⸗ ſehen folgen, mein Vater,“ verſetzte Raimund freudigen Muths. Alnayar ſchwieg darauf, wandte ſich ab und weinte ſtill. Eleonore war ſchon laͤngſt voraus geeilt. Als Raimund und Carlotta an der Spitze eines ſtatt⸗ lichen Heerhaufens Tunis erreichten, war dort Alles in wilder kriegeriſcher Bewegung. Von allen Seiten ſtroͤm⸗ ten aus dem Lande bewaffnete Schaaren herbei. Des Koͤnigs maͤchtiger Wille brachte ein großes Heer zuſammen. Goletta wurde ſtaͤrker befeſtigt und ſechstauſend Tuͤrken, die mit Chair Eddin von Konſtantinopel gekommen waren, unter dem Befehl der beiden ausgezeichnetſten Anfuͤhrer und Korſaren Sinan des Juden und Hai Eddin Kala⸗ mans, des ſogenannten Jagdteufels, hineingelegt. Chair Eddin ſelbſt blieb in der Stadt und traf mit ſeinem Scharf⸗ blick die beſten Anordnungen. Suleima und Eleonore ent⸗ falteten eine unermuͤdliche Thaͤtigkeit. Zu ihnen geſellte ſich als drittes und juͤngſtes Glied eines ſeltnen Frauen⸗ bundes Carlotta. Raimund erhielt ſeinen Standpunkt in ihrer Naͤhe. 304 Der große Reichstag zu Augsburg Ein fanatiſcher Geiſt hatte ihn ergriffen und ging von ihm aus durch alle Mauren. Es galt, das Chriſtenthum zu vernichten und ihr altes unvergeßliches Vaterland in Europa wieder zu erobern. Aber noch weiter ſchweiften ihre verwegenen Hoffnungen. Chair Eddin entſandte Boten an Koͤnig Franz und an den Großherrn Suleiman. Der Erſtere ließ ihm verſpre⸗ chen, ſogleich wenn der Kaiſer nach Afrika abgereiſt ſei, in Oberitalien einzufallen, der Letztere, ſobald der Kaiſer vor Tunis geſchlagen ſei, Deutſchland zu uͤberziehen. Es galt Europa, es galt der ganzen Chriſtenheit. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Kaiſer Karl verließ mit einem zahlreichen und ſehr glaͤnzenden Gefolge Madrid zu Anfang des Monats Juli, um die Ruͤſtung der Flotte in Sardinien ſelbſt zu betrei⸗ ben. Die Kaiſerin und der Infant Philipp begleiteten ihn bis Barcelona, wohin einige Galeeren des Dogen Andreas Doria von Genua zu ſeiner Ueberſchiffung be⸗ ſtellt waren. Sie ließen nicht auf ſich warten. Andreas Doria, der große Seeheld, kam ſelbſt, um ſeinen Kaiſer uͤber das Meer zu fuͤhren. Auch wartete bereits eine Botſchaft des Papſtes Paul auf Karl, welche ihm ein von ihm fuͤr Doria beſtelltes vom heiligen Vater geweihtes Schwert uͤberbrachte. Karl veranſtaltete zur Uebergabe dieſes koſtbaren, mit goldnem Kreuz und Scheide ausge⸗ ſtatteten Schwertes eine Feierlichkeit im großen Styl. Wie er durch ſeinen Entſchluß die Mauren in Afrika zu Ein deutſcher Leinweber. X.* 20 306 Der große Reichstag zu Augsburg bekriegen eine fanatiſche Begeiſtrung unter dem Volke in Spanien und Italien hervorgerufen hatte, ſo gedachte er ſie klug zu naͤhren. Auf ſeiner Reiſe hatte ihn der Jubel des Volkes begleitet; in Barcelona empfing ihn dieſer Jubel; man nannte ihn den Streiter Chriſti, man ver⸗ glich ihn mit ſeinen Großeltern Ferdinand und Iſabella, den Erobern Granadas. Die Botſchaft des Papſtes be⸗ gruͤßte ihn als die ſtarke Saͤule der Kirche. In Barce⸗ lona wurde das kaiſerliche Paar vom Bruder der Kaiſerin, dem Infanten Dom Luis von Portugal empfangen, wel⸗ cher eine ſtarke Escadron zur Unterſtuͤtzung des kaiſerlichen Kriegszugs herbeigefuͤhrt hatte. Wahrlich, Karls Zug nach Tunis war kein Ergebniß einer romantiſchen Schwaͤrmerei des Kaiſers, wofuͤr ihn die Proteſtanten in Deutſchland gern ausgegeben hatten; er war ein Ergeb⸗ niß ſeiner berechnenden Klugheit und ſeiner frommen und aufrichtigen Anhaͤnglichkeit an das paͤpſtliche Chriſten⸗ thum, ein religioͤſer Akt, aus dem Verſtand und dem Ge⸗ wiſſen Karls hervor gewachſen. Er fuͤhrte ſtets Chriſtum im Munde, und es war ihm ernſt damit; denn er war kein Heuchler. Daß dieſer ſein Chriſtus nichts als ein paͤpſtliches Goͤtzenbild war und mit dem großen Menſch⸗ heitlehrer von Nazareth nichts gemein hatte, als einen Namen, den dieſer nicht einmal gefuͤhrt, das wußte Karl nicht; das einzuſehen, fehlten ihm alle Mittel. Auf der prächtigen fuͤr den Kaiſer beſtimmten Galeere war ein reich geſchmuͤckter Thron errichtet. Karl zog im und der Zug nach Tunis. 30 halben Kaiſerornat, d. h. mit dem kaiſerlichen Mantel und der Krone bekleidet, das Scepter in der Rechten, an der Seite der Kaiſerin und des Infanten unter einem von hohen Klerikern getragenen Baldachin, von ſeinen Rittern und Hofherrn gefolgt, aus der Stadt in die Galeere, wo er vom Dogen Doria im großen Admiralſchmuck an der Spitze der Schiffsmannſchaft empfangen wurde. Vom Thron herab uͤberreichte Karl dem greiſen Seehelden, welcher ſich auf ein Knie niederließ, das paͤpſtliche Schwert, und ſprach:„Edler Doria, ich uͤberreiche Euch das Schwert, welches Euch der Statthalter Chriſti fur dieſen heiligen Glaubenskrieg geſchickt hat, und welches unfehl⸗ bar den goͤttlichen Segen uͤber Eure Tapferkeit bringen wird.“ Doria nahm das Schwert und verſetzte:„Ich ſchwoͤre Eurer kaiſerlichen Majeſtaͤt und Seiner Heiligkeit, daß ich dieſe geweihte Waffe nur zu Gottes und der Kirche Ehre und Ew. Maj. Dienſt gebrauchen will.“ Der Kaiſer erhob ſich und umarmte den Dogen. Die Geſchuͤtze der Flotte, des Hafens und der Stadt donnerten bei dieſem Akt, und der Schall der Pauken und Trompeten der auf der Galeere befindlichen kaiſerlichen Kapelle ſchloß ſich daran. Nach dieſer Handlung nahm die Kaiſerin Abſchied von ihrem Gemahl. Sie weinte und verhehlte ihm nicht, daß eine boͤſe Ahnung ſie ängſtige. Da zog er das Cru⸗ cifir, welches er ſtets auf der bloſen Bruſt trug, hervor und hielt es ihr mit den Worten entgegen:„Falle ich in 20 308 Der große Reichstag zu Augsburg dieſem zu Gottes und Chriſti Ehre unternommenen Kriege, ſo wird dieſer hier Euer Gemahl und unſers Philipps Vater ſein.“ Die Segel wurden aufgezogen, und die Flotille mit der Bluͤthe des ſpaniſchen Adels und mit dem portugieſi⸗ ſchen Geſchwader ſetzte in vier Tagen nach Sardinien uͤber. Hier fand Karl das Heer verſammelt, den Kern des Kriegsvolks faſt aller Nationen Europa's. Die Kö⸗ nigin⸗Statthalterin der Niederlande hatte auf einer Flotte ein Corps deutſcher Fußvolker geſchickt. Es waren ſechs⸗ tauſend kampfbewaͤhrte deutſche Maͤnner zugegen. Die Galeeren von Neapel und Sicilien hatten die alten geuͤbten ſpaniſchen und italieniſchen Söldlinge gebracht, jenes durch die Siege uͤber die Franzoſen beruͤhmt gewordne Kriegsvolk. Es waren ſechszehntauſend Spanier und ſechstauſend Italiener nebſt zweitauſend Pferden. Der Papſt hatte ſo viel Mannſchaft geſtellt, als in ſeinen Kraͤften ſtand; der Maltheſer-Orden eine zwar kleine aber furchtbare Flotte ausgeruͤſtet; die tapferſten Ritter befan⸗ den ſich darauf. Es war die Stärke Spaniens, Italiens und Deutſchlands, welche mit dem Kaiſer nach Afrika zu gehen ſich eingeſtellt hatte. Auch Karl wußte, was es galt. Andreas Doria wurde vom Kaiſer zum Admiral der Flotte ernannt, der Marquis del Guaſto zum Oberbefehls⸗ haber der Landmacht. Die oberſte Leitung behielt ſich Karl ſelbſt vor. Aber er rief den Soldaten zu, wenn er und der Zug nach Tunis. 309 muſternd ihre Reihen durchſchritt:„Seid guten Muths, Ihr Bruͤder! Chriſtus ſelbſt iſt unſer Heerfuͤhrer. Er zieht uns voran, er fuͤhrt uns zum Sieg; denn wir kaͤmpfen fuͤr ihn und ſeine heilige Kirche. Ich aber bin der großen Ehre theilhaftig, ſein Fahnentraͤger zu ſein.“ Am 16. Juli ging die Flotte, die faſt aus fünfhun⸗ dert Schiffen beſtand und uͤber dreißigtauſend regelmäßige Krieger am Bord hatte, unter Segel. Der Kaiſer war von zweitauſend adligen Maͤnnern aus den aͤlteſten und vornehmſten Haͤuſern Spaniens, Italiens und Deutſch⸗ lands umgeben, die als Freiwillige gekommen waren, fuͤr die Kirche zu ſtreiten. Alle beruͤhmten Namen dieſer Län⸗ der waren vertreten. Ebenſo hatte Portugal ſeine beſten Maͤnner auf das von Dom Luis befehligte Geſchwader ge⸗ liefert. Niemals war das Mittelmeer von einer gleichen Flotte durchſchnitten worden. Europa ſah mit erwar⸗ tungsvollem Staunen auf dieſes Schauſpiel. Wohlbehalten landete die Flotte zu Portofarina, dem alten Utica, und ſetzte das Heer ans Land, welches ſich un⸗ verzuͤglich auf Goletta in Marſch ſetzte. Der Kaiſer ſchlug im Angeſicht der Feſtung ein befeſtigtes Lager auf. Die tuͤrkiſche Beſatzung ſuchte dies durch haͤufige Ausfalle zu verhindern; auch von einigen mauriſchen Truppencorps wurde das kaiſerliche Heer faſt täglich vexirt; aber der Geiſt in demſelben war ein ſo herrlicher und der Kaiſer verſtand ihn immer hoͤher anzufachen, daß nicht nur alle dieſe Angriffe mit großer Tapferkeit zuruckgeſchlagen, ſon⸗ 310 Der große Reichstag zu Augsburg dern auch die groͤßten Strapazen unter der gluͤhenden afrikaniſchen Sonne mit Freudigkeit ertragen wurden. Karl theilte unverdroſſen dieſe Muͤhen und Beſchwerlich⸗ keiten. Neun Tage und Nachte kam er nicht aus den Kleidern und wenig vom Pferde, indem er alle Arbeiten ſelbſt beſichtigte, alle Wachtpoſten viſitirte, alle Anord⸗ nungen ſelbſt traf und ſich furchtlos oft genug der Gefahr aus ſetzte. Chair Eddin und ſeine Umgebung begannen zu be⸗ greifen, welch eine furchtbare moraliſche und phyſiſche Kraft in dieſem begeiſterten, kampfluſtigen, abgehärteten und kriegserfahrenen Chriſtenheer ſei, und daß die leichten eines ſolchen Kriegs unkundigen Reiterhaufen der Mauren ſehr im Nachtheil gegen die Chriſten ſtaͤnden. Die Toll⸗ kuͤhnheit der Verzweiflung ergriff die Fuͤhrer. Auch im Lande ſelbſt drohte ihnen Gefahr. Ueber zehntauſend Chriſtenſklaren waren hier vertheilt, meiſt kraͤftige Leute. Es ließ ſich voraus ſehen, daß ſie, ſobald der Kaiſer zum Angriff uͤbergehen werde, ja, wenn er Goletta einnehmen ſollte, nicht ruhig zuſehen wuͤrden. Deshalb ließ ſie Chair Eddin greifen und nach Tunis auf die Citadelle bringen. Hier wurden ſie in große Gewoͤlbe zuſammen⸗ geſteckt, wodurch ihr Zuſtand bald unerträglich wurde. Chair Eddin machte in einem Kriegsrathe den graͤßlichen Vorſchlag, ſie auf einmal Alle zuſammenzuhauen, um ihrer ledig zu werden. Allein Sinan und Raimund wi⸗ derſetzten ſich einem ſolchen barbariſchen Mord unbewaff⸗ und der Zug nach Tunis. 311 neter Menſchen, die zeither durch ſchwere Arbeit dem Lande unberechenbaren Nutzen gebracht. Raimund ſchwur mit Thraͤnen im Auge, eine ſolche entſetzliche That muͤſſe ihren Waffen Ungluͤck, ihnen ſelbſt den Untergang bringen. Chair Eddin rief ſtolz:„Wohl, Ihr wollt es! Ihr wollt die Chriſtenhunde geſchont wiſſen; es ſei! Allah wende es zum Beſten!“ Raimund ſprach:„Laß uns gegen die bewaffneten Chriſten ſtuͤrmen, die uͤber das Meer gekommen ſind uns zu vernichten. Und wenn wir ſie alle niedermetzeln: unſre Sache bleibt eine gerechte. Der Mord eines einzi⸗ gen Chriſtenſklaven macht ſie zu einer ungerechten. Haben wir nur einen Sieg erſt erfochten, dann wird unſer Stern ſteigen, der ihrige ſinken und untergehen.“— Und der Stern des chriſtlichen Herrs begann bereits zu ſinken. In der Nacht eines Tages, an welchem die Spanier in der unertraͤglichen Sonnenhitze bis zur Er⸗ ſchoͤpfung an den Schanzen gearbeitet hatten und maſſen⸗ weis in tiefen Schlaf gefallen waren, machten die Tuͤrken uͤber dreitauſend Mann ſtark einen heftigen Ausfall aus Goletta und richteten unter den aus dem Schlafe erſchreckt emporfahrenden Kriegern eine furchtbare Verwirrung und Metzelei an. Sie nahmen uͤber dreihundert abgeſchnittene Koͤpfe der beſten Soldaten auf ihren Spießen mit und ſtellten ſie auf den Feſtungsmauern auf. In der folgen⸗ den Nacht erfuhren die Italiener einen eben ſo ſturmiſchen 312 Der große Reichstag zu Augsburg Angriff mit aͤhnlicher Niederlage von einem tuͤrkiſchen Corps, welches ſich am Tage unbemerkt genaͤhert hatte. Vierhundert Mann fanden den Tod, zweihundert geriethen in Gefangenſchaft. Der Fuͤhrer der Italiener, Graf Sarnoe blieb mit ſeinen beſten Hauptleuten; ſeine reiche Bagage fiel in die Haͤnde des Feindes. Großer Jubel erſchallte in Tunis, als der Kopf und die rechte Hand des Grafen als Siegeszeichen anlangten. Der Muth der Mauren wurde gehoben, und es erfolgte Ueberfall auf Ueberfall uͤber die einzelnen chriſtlichen Heerhaufen. Schon war eine große Menge aufgerieben; die beſchwerlichen Schanzarbeiten dauerten fort, und der Einfluß des ver⸗ derblichen Klimas aͤußerte ſich in ausbrechenden Seuchen, welche tauſende niederwarfen und hunderte raſch in den Tod riſſen. Auch der Mangel an nöthigſten Lebensmit⸗ teln, vorzuͤglich an Trinkwaſſer, wurde täglich fuͤhlbarer. Die unmaͤßige Hitze machte Fleiſch und Brot faſt un⸗ genießbar. Schon war den Chriſten der Muth geſunken, am meiſten den Spaniern. Sie hielten ſich in dieſem un⸗ wirthbaren Lande alle fuͤr verloren und gefaͤhrliche Meu⸗ tereien droheten auszubrechen. Nur des Kaiſers Perſoͤn⸗ lichkeit und ſeine ermuthigenden Anſprachen an die einzel⸗ nen Haufen vermochte die offne Empoͤrung niederzuhalten. Er ſtellte ihnen vor, welch eine ewige Schande fuͤr ſie, welch ein abſcheuliches Aergerniß vor der ganzen Welt es ſein werde, wenn ſie aus Furcht und Schrecken jenen und der Zug nach Tunis. 313 unſterblichen Ruhm, den ſie ſich in Europa durch gewal⸗ tige Schlachten gegen Chriſten erworben, in Afrika gegen Muhamedaner verloren gehen laſſen wollten, ehe ſie noch in einer Schlacht ſich mit den Feinden gemeſſen haͤtten. Alle ſchrien nach einer Schlacht, um dieſen aufreiben⸗ den Arbeiten, die zu nichts nuͤtzten, ein Ende zu machen. Zum Gluͤck fur dieſe augenblickliche Stimmung des Heeres langte der Graf Alarcon, ein alter bewaͤhrter Krieger und beruͤhmt durch gewonnene Schlachten, in welchen er die Spanier befehligt hatte, mit einem Sucturs von dreitau⸗ ſend Mann auf einer neapolitaniſchen Escadre im Lager des Kaiſers an. Dreihundert ſpaniſche Edelleute befanden ſich als Freiwillige bei ihm. Der Kaiſer, hocherfreut uͤber die Ankunft des Grafen, deren Wichtigkeit er einſah und ſogleich zu benutzen gedachte, umarmte ihn vor allem Volke; das Heer begruͤßte ihn mit Jubel. Der Marquis del Guaſto trat ſogleich vom Oberbefehl zuruͤck, welchen Alarcon auf des Kaiſers Befehl uͤbernahm. Von dieſem Augenblick an wendete ſich das Kriegs⸗ geſchick. Schon am folgenden Tag fuͤhrte Alarcon ein Corps von dreitauſend Reitern und eine dieſen entſpre⸗ chende Anzahl deutſcher und ſpaniſcher Fußknechte plotzlich gegen den eines ſolchen Angriffs nicht gewaͤrtigen Feind und erfocht einen glaͤnzenden Sieg. Die geſchlagenen Mauren, welche viele Todte und Verwundete auf der Wahlſtadt zuruͤcklaſſen mußten, flohen nach der Stadt hin und richteten dort große Beſtuͤrzung an. Deſto glaͤn⸗ 314 Der große Reichstag zu Augsburg zender war die Wirkung dieſes Siegs auf das chriſtliche Heer. Der Kaiſer ritt umher und verſprach den Soldaten die Pluͤnderung der Stadt Tunis, von deren Schaͤtzen er eine reizende Beſchreibung machte. Die Tuͤrken benutzten einen heftigen Sturm am fol⸗ genden Tage zu einem Ausfall aus Goletta. Der die ganze Atmosphaͤre erfuͤllende Sand war ihr Verbuͤndeter und die Spanier wurden zum Weichen gebracht. Die Italiener und Deutſchen ſchlugen aber die Angreifenden mit ſtarkem Verluſt zuruͤck. Beſchaͤmt uͤber ihr Zuruͤck⸗ weichen verlangten die Spanier mit Ungeſtuͤm die Feſtung zu ſtuͤrmen. Es mufßte ihnen nachgegeben werden. Aber die Tuͤrken wehrten ſich mit ſolcher Tapferkeit und der Verluſt der Spanier war ſo ſtark, daß der Kaiſer Befehl zum Ruͤckzug gab. Doch erhoͤhte dieſes fehlgeſchlagene Unternehmen die Wuth des chriſtlichen Heers, und der Kaiſer entſchloß ſich zu einem allgemeinen Sturm auf die Feſtung. Waͤhrend der Woche, welche die Vorbereitungen dazu noch koſteten, langte der Koͤnig Mulei Haſſan mit drei⸗ hundert Reitern im Lager an. Noch war eine Batterie herzuſtellen, aber der Kaiſer ergriff ſelbſt Hacke und Schaufel und arbeitete mehre Stunden. Natuͤrlich folgten alle Adligen ſeinem Beiſpiel. Das ganze Heer warf ſich gleichſam auf die Arbeit und in wenigen Tagen war Alles hergeſtellt. Am folgenden Morgen wurde die Feſtung zugleich vom Lande und vom und der Zug nach Tunis. 315 Meer aus angegriffen. Alle Batterien auf den Schanzen und auf den Schiffen ſpieen ihr flammendes Geſchoß gegen die Mauren und Gebaͤude. Bald ſtuͤrzten Thuͤrme ein, Breſchen entſtanden, Feuerſaͤulen ſchoſſen auf. Der Be⸗ ſatzung verfiel der Muth; ſie zog ſich gegen Abend in die Bollwerke zuruͤck. Die Kanonade wurde bis nach Mitter⸗ nacht fortgeſetzt. Dann ließ der Kaiſer durch die Trom⸗ peter das Zeichen zum Sturmlaufen geben. Waͤhrend die alten ſpaniſchen Soldaten die Leitern anlegten und zuerſt mit wildem Geſchrei hinaufſtuͤrmten, griffen die Deutſchen die Bollwerke an. Die Italiener bildeten die zweite Sturmcolonne. Eine Stunde lang wehrten ſich die Tuͤrken verzweifelt. Aber der Muth der Chriſten ſteigerte ſich bis zur Raſerei des Fanatismus. Sie erſtiegen die Mauern und warfen Alles nieder. Die Haͤlfte der Beſatzung war ſchon auf⸗ gerieben; die andre Haͤlfte ergriff die Flucht uͤber die Bruͤcke, welche uͤber den Kanal fuͤhrte. Die Deutſchen verfolgten ſie und erlegten ihrer noch Viele. Der groͤßere Theil entkam mit Huͤlfe der Nacht nach Tunis zu, um Chair Eddin die Schreckensbotſchaft zu uͤberbringen. In der erſten Fruͤhe des naͤchſten Tags zogen Kaiſer Karl und Koͤnig Mulei Haſſan in die eroberte Feſtung ein, ſtuͤrmiſch begruͤßt vom Freudengeſchrei des ſiegreichen Heers. Die gefallenen Tuͤrken lagen noch am Wege. Des Kaiſers Augen fielen ploͤtzlich auf eine Leiche, deren langes 316 Der große Reichstag zu Augsburg blondes Haar in Locken uͤber den Boden zerſtreut war. Eine auffallende Ausnahme von den uͤbrigen Todten. Karl hielt ſein Pferd an und ſchaute dem Gefallnen in das ruͤckwärtsgebogene Geſicht. Aus der bleichen Flaͤche desſelben traten mehre dunkelblaue Flecken. Karl erkannte dieſe Flecken, die unheilvollen Zeichen eines Muttermales, herruͤhrend von einer Scheere, die vor vierunddreißig Jah⸗ ren durch einen rachſuͤchtigen Schnitt in ein praͤchtiges blondes Frauenhaar dem Geſchick ſeines Hauſes und ſeiner Laͤnder eine andre Wendung gegeben hatte. Er kannte den ungluͤcklichen Mann, der hier ſein trauriges Schickſal erfullt hatte. Martin war Tags vor dem Sturme als Chair Eddins Botſchafter in die Feſtung gekommen. Eine chriſtliche Kugel hatte ihm die Bruſt zerriſſen. Der Kaiſer ritt weiter, aber ernſt, faſt truͤb geſtimmt, trotz des Sieges. Drei Tage ſpäter fuͤhrte Karl ſein Heer auf der Ebene gegen Tunis und ſtieß drei Meilen vor der Stadt auf den Feind. Chair Eddin hatte ſein Heer in Schlachtordnung aufgeſtellt, eine impoſante Macht. Es waren ſiebzigtau⸗ ſend Mauren zu Pferd und zu Fuß, die Letztern theils Bogen⸗ theils Rohrſchutzen, und ſiebentauſend Tuͤrken. Er war alſo faſt noch einmal ſo ſtark als der Kaiſer. Mit dem verwegenen Muthe, welchen die unabweisbare Ueber⸗ zeugung verleiht, daß das entſcheidende Schickſal vor der Thuͤre ſtehe, daß der Sieg die Bahn eroͤffne zu ſchimmern⸗ der Macht und Groͤße, die Niederlage aber Vernichtung und der Zug nach Tunis. 317 bringe, redete der kuͤhne Abenteurer, der es vom Toͤpfers⸗ ſohn in Lesbos bis zum Koͤnig in Tunis gebracht und dem ſein ſtrahlender Gluͤcksſtern ſich noch niemals verhuͤllt hatte, ſein Heer an.„Wenn Ihr das Heer der Chriſten vernichtet, ſo ſteht Euch Euer Vaterland, aus dem Eure Vaͤter von den Chriſten vertrieben wurden, wieder offen. Denn Spanien iſt Euer Vaterland. Viel tauſende Eurer ungluͤcklichen Bruͤder warten dort nur auf Euern Sieg, um das ſchmachvolle Joch der Chriſten abzuwerfen und Euch mit offnen Armen zu empfangen. Ein Sproß des Koͤnigshauſes von Granada wird an Eurer Spitze kaͤmpfen. Die Schiffe des Kaiſers mit ſeinen Schaͤtzen ſind Eure erſte koſtbare Beute. Ihr braucht ſie nur zu beſteigen und uͤber das Meer zu fahren, um Spanien in Beſitz zu nehmen. Der Feind unſres Glaubens muß alſo von Euch geſchlagen werden. Wohlauf denn, zur Schlacht! Die Stimme des Propheten iſt's, die Euch zum Kampfe ruft!“ Aber auch Kaiſer Karl hatte einem Gluͤcksſtern zu ver⸗ trauen, der ihm noch niemals untreu geworden war und ihn zum maͤchtigſten Herrn der Erde gemacht hatte. Mit dieſem Gefuͤhl ſprach auch er zu ſeinem Heere.„Ihr ſeht die Feinde Chriſti, unſers goͤttlichen Erloͤſers, vor Euch. Sie ſind auch unſte Feinde. Chriſtus der Herr iſt Euer Fuͤhrer; ſeine herrliche Fahne geht Euch voran. Ihr wer— det durch die Vernichtung dieſes Feindes zeitlichen und ewigen Lohn erringen. Euer Ruhm wird unſterblich ſein. Jeden, welcher in dieſem heiligen Kriege faͤllt, trägt Chriſtus 318 Der große Reichstag zu Augsburg ſogleich in Abrahams Schoos.— Ihr Spanier beſonders bedenkt, daß Euch Mauren gegenuͤberſtehen, die Eure Vaͤ⸗ ter ſiegreich von Spaniens chriſtlichem Boden vertrieben haben, die ſie dort und ſelbſt in Afrika ſtets mit dem gluͤck⸗ lichen Erfolg bekaͤmpft haben. Zahlreich ſind die Schlach⸗ ten, in welchen die Chriſten den Muhamedanern oblagen. Fuͤgt ihnen noch eine glaͤnzende Zahl hinzu. Befreit Euer Vaterland von den grauſamen Raͤubereien, mit welchen es zeither durch dieſe Barbaren heimgeſucht wurde. Verleiht Chriſti Namen heute neuen Glanz. Millionen Eurer Bruͤ⸗ der werden Euch dafuͤr ſegnen. Die Stadt Tunis mit ihren unermeßlichen Schaͤtzen iſt Euer. Auf denn zum Sieg in Chriſti Namen!“ Und das Crucifix ſchwingend gab er das Zeichen zum Angriff. Das Geſchuͤtz begann ſeine Donner. Das der Muhamedaner, dem chriſtlichen ebenfalls an Zahl uͤber⸗ legen, richtete große Verwuͤſtung im kaiſerlichen Heere an. Die Mauren dehnten ſich zu einem großen Halbkreis um die Chriſten aus. Ihre Abſicht war offenbar ſie zu um⸗ ringeln. Da warf Karl ſeine eiſernen Reiter auf Chair Eddins Centrum, und die ſpaniſchen und deutſchen Fuß⸗ knechte ruͤckten im Sturmſchritt nach. Wie die Mauren ſich zertheilten, ſo zogen die Chriſten ſich zuſammen und trieben ſich als Keil in die Mitte des Feindes. Dadurch wurde dieſer zerſprengt und die Schlacht entſchieden. So⸗ bald Chair Eddins Centrum durchbrochen war, erhoben die Chriſten das Siegesgeſchrei, und die Mauren ergriffen — und der Zug nach Tunis. 319 die Flucht. Das chriſtliche Schwert maͤhete ſie nieder. Tauſende von ihnen bedeckten ſterbend das Schlachtfeld. Der herrlichſte Sieg war in kurzer Zeit gewonnen. Chair Eddin vermochte die allgemeine Flucht der Seinigen nicht aufzuhalten; er wurde von ihr mit fortgeriſſen. Karl ſtieg vom Pferde und kniete im heißen Sande des Schlachtfelds nieder, ein Dankgebet zu ſprechen. Das Heer um ihn ſtimmte ein gloria in excelsis an. Dann brachen die Sieger nach der Stadt auf. Dreiundzwanzigſtes Rapitel. Die Verwirrung in Tunis erreichte ſchnell eine furcht⸗ bare Höhe. Zuerſt laͤhmte der Schrecken, welchen die heranſprengenden fliehenden Reiter verbreiteten, auf kurze Zeit die Lebensthätigkeit der Bewohner. Dann erhob ſich ein entſetzliches Klagegeſchrei, und die ganze Bevoͤlkerung lief verzweiflungsvoll heulend wirr auf den Straßen durch⸗ einander. Ein Theil ergriff mit dem, was er von ſeinen beſten Habſeligkeiten fortbringen konnte, ſchleunigſt die Flucht; ein andrer Theil ſammelte ſich auf Suleima's und Eleonorens Ruf, um ſich zum Widerſtand zu ruͤſten. Suleima hielt Anreden an das Volk, wie ſie einſt von Maria de Padilla vernommen. Wie dieſe hatte ſie ſich ein Schwert umgeguͤrtet, wie dieſe ſchwang ſie muthig eine Fahne. Eleonore unterſtuͤtzte die koͤnigliche Freundin mit Kraft, und als Chair Eddin ankam, fand er urſache, die und der Zug nach Tunis. 321 Anordnungen der Frauen zu preiſen. Es gelang ihm, die Truͤmmer des fliehenden Heeres aufzuhalten. Aber die Stimmung dauerte nur kurze Zeit. Das bewaffnete Volk verlangte ſich in die Citadelle zu werfen. Doch dieſe war von den gefangenen dort eingeſperrten Chriſtenſklaven beſetzt. Und von ihnen drohete jetzt im kritiſchen Augen⸗ blicke neues Verderben. Aus dem furchtbaren Geſchrei hatten ſie die Niederlage des Koͤnigs vernommen. Mit tauſendſtimmigen Gebruͤll verlangten ſie von ihren Waͤch⸗ tern die Oeffnung der Kerker, und dieſe hatten nicht den Muth bei der gefaͤhrlichen Lage der Dinge ein ſolches Be⸗ gehren zu verſagen. Zehntauſend Menſchen ſturzten auf die Waͤlle heraus, richteten die Geſchutze gegen die Stadt und erhoben ein ſo weitſchallendes Triumphgeſchrei, daß allem Volke in der Stadt grauſte. Der Gedanke, daß der Feind die Citadelle bereits in ſeiner Gewalt habe, und jeden Augenblick die Stucke loͤſen und moͤrderiſche Kugeln herabſenden koͤnne, wirkte niederſchmetternd. Und ſchon erſchallte der Ruf, daß die ſpaniſchen Reiter ſich am Hori⸗ zonte zeigten. Mann, Weib und Kind ſtuͤrmte heulend fort, aus den Thoren, in die Weite. Wohin man blickte, boten ſich dem Auge Bilder des Entſetzens. Die weich⸗ herzigen Rathgeber verwuͤnſchend, die ihn zur Schonung der Chriſtenſklaven vermocht, warf ſich Chair Eddin auf's Pferd. Nicht einen Augenblick war er mehr ſicherz denn ſchon erhob ſich Mulei Haſſans Partei, um ihn zu fangen. Sein ſchnelles Roß entriß ihn gluͤcklich ihren ſchon nach Ein deutſcher Leinweber. M. 21 322 Der große Reichstag zu Augsburg ihm ausgeſtreckten Haͤnden. Aber Suleima und Eleonore wurden von ihnen gefaßt und in einen Kerker geworfen. Stolz und feſten Schrittes gingen ſie Arm in Arm unbe⸗ kuͤmmert um den Hohn ihrer Feinde. Sie waren als aͤchte Heldinnen auch auf dieſes Schickſal vorbereitet und ſahen ihm feſt ins Auge. Die Partei des vertriebenen Koͤnigs, von Minute zu Minute wachſend, oͤffnete die Thore der Citadelle. Ju⸗ belnd ſtroͤmten die Gefangenen heraus. Sie ſchickten un⸗ verzuͤglich einen reitenden Boten an den Kaiſer ab, ihm ihre Befteiung zu verkuͤnden. Auch die Stadt ſandte eine Botſchaft an den Kaiſer, welche ihm die Schluͤſſel der Thore uͤberbrachte und um Schonung des Lebens und des Eigenthums der zuruͤckgebliebenen Mulei Haſſan ergebenen Bewohner anflehte. Karl konnte dieſe Bitte nicht erfuͤllen; er hatte ſeinen Kriegern die Pluͤnderung der Stadt verſprochen. Um aber Ungluͤck vorzubeugen, ließ er ſchnell auf dem Wege die Heerfuͤhrer zu einem Kriegsrath zuſammenrufen. Sogleich ſchoͤpften die nach Beute lechzenden Soldaten Verdacht, daß ihnen die zuge⸗ ſagten Fruͤchte des Siegs verkuͤmmert werden ſollten, und ohne den Beſchluß des Kriegsraths abzuwarten und trotz der ungeheuren Strapazen, die ſie bereits erduldet, ſetzten ſie ſich mit unbaͤndigem Geſchrei und in wilder Unordnung in ſchnellern Marſch. Alle Zucht, aller Gehorſam hatten ein Ende. Wie hungrige Raubthiere erreichten ſie die Stadt und ergoſſen ſich in die Straßen und Haͤuſer, alles und der Zug nach Tunis. 323 Lebende mordend, was ihnen aufſtieß, alles Werthvolle raubend und zuſammenſchleppend. Alle ſchauderhaften Ausſchweifungen, welcher ſiegreiche, durch die Wuth des Sturms entmenſchte Soldaten faͤhig ſind, alle blutigen Greuel, zu welchem Volks- und Religionshaß ſolche Sol— daten hetzt und ſtachelt, wurden an dieſem Tage veruͤbt. Ueber dreiſigtauſend unſchuldige Einwohner von Tunis fielen als Opfer chriſtlicher Beſtialitaͤt, zehntauſend, meiſt Frauen und Kinder wurden als Sklaven in die Citadelle gefuͤhrt. Die Beute war uͤber alle Erwartung reich und groß. Waͤhrend das Entſetzensgeſchrei der Ueberfallenen und das Jammergeſchrei der Sterbenden die Luͤfte durchſchnitt, zogen die befreiten Chriſtenſklaven aus der Stadt, voran ein Greis mit langem weißen Barte ein hohes Kreuz tra— gend, das ſie ſchnell zubereitet hatten, und ſangen den am⸗ broſianiſchen Lobgeſang. Als ſie den Kaiſer erblickten, fielen ſie auf die Knie und prieſen ihn als ihren Retter und Befreier. Der Kaiſer umarmte und kuͤßte die Aelte⸗ ſten mit Thranen der Ruͤhrung. Dann zog er an ihrer Spitze in die Citadelle. Die Stadt, wohin ſich Mulei Haſſan begab, ſcheute er ſich zu betreten; er mochte die Greuel der entfeſſelten Leidenſchaft nicht ſehen, die er nicht hindern konnte. Eine ſchauerliche Nacht folgte dem graͤßlichen Tage. Die gefangnen mauriſchen Krieger mußten alle Leichen aus der Stadt in eine große Grube ſchaffen und beim 324⁴ Der große Reichstag zu Augsburg erſten Licht des folgenden Morgens die Straßen von Blut ſaͤubern. Gegen Mittag hielt Karl, Mulei Haſſan an der Seite mit ſeinem glaͤnzenden Gefolge den Triumphzug durch die Stadt. Herolde verkuͤndeten mit Trompeten⸗ ſchall, daß der Kaiſer den rechtmaͤßigen Koͤnig des Landes auf den Thron ſeiner Väter zuruͤckfuͤhre und feierlich wie⸗ † der in die Macht einſetze. Der verabſcheute Moͤrder nahm den von Blut und Leichen umgebenen Herrſcherſitz ein, um das Rachewerk an ſeinen Widerſachern zu beginnen. Kaiſer Karls chriſtlicher Sinn hatte ihm dazu verholfen. Da gedachten denn die Schmeichler die einflußreiche Fa⸗ vorite Chair Eddins und ihre umſichtige Freundin dem jungen Koͤnig vorzufuͤhren, damit er an ihnen, den Wei⸗ bern, ſeine Rache auslaſſe. Der Kerker wurde geoffnet, und— zwei Leichen gefunden. Arm in Arm geſchlungen lagen ſie, die Königin und die Bettlerin. Das Gift, das ſie fuͤr einen ſolchen Fall bei ſich getragen, hatte ſeine Wirkung gethan. Zwei der außerordentlichſten Frauen waren vom Schauplatz abgetreten. Die beſtialiſche Ge⸗ meinheit der Geſinnung wollte wenigſtens einen Erſatz fur das vereitelte Schauſpiel. Der Rachedurſt ſollte wenig⸗ ſtens gekitzelt werden, da er nicht befriedigt werden konnte. Die Leichen wurden vor die beiden koͤniglichen Haͤupter gebracht. Ein Strahl von Freude zuckte uber Karls Ge⸗ ſicht. Obgleich er Eleonoren nie geſehen, erkannte er ſie doch; er erkannte ſie an den Narben, die ſeine Mutter ge⸗ graben, an dem blonden Haar, das ſeinen Vater einſt und der Zug nach Tunis. 325 beſtrickt. Auch Suleima'n betrachtete er einige Augen⸗ blicke und das Bild ſeiner Jugend ſtand vor ſeiner Seele, wie dieſes reizende Weib ihm einſt in Bruͤſſel Reitunter⸗ richt gegeben hatte. Seine beiden groͤßten und ſchlaueſten Feindinnen waren nicht mehr. Mulei Haſſan befahl, die beiden Leichen durch die Straßen zu ſchleifen und ſie dann den Hunden vorzuwerfen. Karl befahl ruhig und feſt, um ſie auch vor ſpäterer Mißhandlung zu ſchuͤtzen, ſie nach Goletta zu fuͤhren und in mit Steinen beſchwerten Saͤcken ins Meer zu verſenken. Und ſein Befehl war hier noch Geſetz. Im Meeresgrund an der Kuͤſte von Afrika lagen am andern Tage die Leiber der beiden Frauen, die es ver⸗ ſucht hatten, der Welt eine neue Geſtalt zu geben. Kaiſer Karl ſollte noch ein ſolches Schauſpiel ſehen und uͤberzeugt werden, daß ſein Gluͤcksſtern im vollſten Glanz in ſeinem Zenith ſtehe; aber dieſe Ueberzeugung ſollte zu⸗ gleich mit großem Schmetz fuͤr ihn verbunden ſein, damit er ſich erinnere, daß er ein Menſch ſei. Chriſtliche und mauriſche Krieger waren ausgeſchickt, die Todten auf dem Schlachtfelde zu begraben. Die Letztern kehrten zuruͤck mit zwei Leichen, die ſie ſich vom Kaiſer zum Geſchenk er⸗ bitten wollten, um ſie nach Conſtantine zu fuͤhren. Es waren die Raimunds und Carlotta's. Sie waren bei einander gefunden worden, Raimund mit von einem Schwerthiebe geſpaltenem Kopfe, Carlotta uͤber ihm mit von einem Dolche, den ſie noch in der Hand durch⸗ bohrter Bruſt. 326 Der große Reichstag zu Augsburg Karl ſah ſie tief erſchuͤttert. Er ließ ſich einen Kranz bringen, und legte ihn auf die beiden ſchoͤnen Leichen. Dann wandte er ſich ab. Den Mauren wurde ihre Bitte gewaͤhrt. Die Kaͤmmerer des Kaiſers erzaͤhlten am andern Morgen in vertraulicher Weiſe, daß ihr Herr die ganze Nacht uͤber im Zimmer gewandelt. Seine Augen waren geroͤthet. Mit Mulei Haſſan ſchloß er einen Vertrag, wonach der Koͤnig ſein Land als ſpaniſches Lehn des Kaiſers em⸗ pfing und ſich verbindlich machte, alle Chriſtenſklaven im Koͤnigreich freizugeben, allen Unterthanen Karls freien Handel und freie Religionsuͤbung zu geſtatten, keinen tur⸗ kiſchen Seeraͤuber zu dulden u. ſ. w. Der Kaiſer behielt nicht nur Goletta, ſondern alle feſten Seehaͤfen des Koͤnigreichs; fuͤr Unterhaltung der Beſatzung ſollte der Koͤnig jaͤhrlich zwoͤlftauſend Kronen bezahlen und als Lehnszins jaͤhrlich ſechs arabiſche Pferde und ebenſoviel Falken entrichten. Am 17. Auguſt ging Karl unter Segel nach Neapel, wo ihm die glaͤnzendſten Feſte gefeiert wurden. Dann gegen Koͤnig Franz, der mit einem Heer in Savoyen ein⸗ gefallen war, zu neuen Siegen. Der ſiegreiche Zug nach Tunis umgab das Haupt des Kaiſers mit einem Nimbus, vor dem der Stern der Prote⸗ ſtanten in Deutſchland verbleichen mußte;z er flocht den un⸗ ſterblichen Kranz des Ruhms um ſeinen Namen, wie keine ſeiner uͤbtigen Thaten, des hoͤchſten Ruhms, deſſen ein Herrſcher theilhaftig werden konnte, des Siegers uber die und der Zug nach Tunis. 327 Feinde der Chriſtenheit: er fuͤhrte ihn auf die Hoͤhe ſeines Gluͤcks. In allen Zungen Europas ward er verherrlicht⸗ die befreiten Chriſtenſklaven verkuͤndeten ſein Lob in allen Landen. Sein Name wurde denen der groͤßten Helden der Vergangenheit beigeſellt. Kein Koͤnig des Alterthums hielt in den Augen der Mitlebenden den Vergleich mit ihm aus, und der Despotismus erhielt durch dieſen leichten Sieg zum Schaden der Voͤlker unerſchuͤtterliche Grundlagen. Und doch fraß an Karls Seele ſchon der Lebensuͤber⸗ druß, der ihn zwanzig Jahre ſpaͤter die Kronen niederlegen ließ und in das einſame Kloſter St.-Juſt in Placentia fuͤhrte. Epilog. Der Verfaſſer dieſer Bilder laͤßt den Vorhang uͤber ſie fallen, aber er kann ſich nicht verſagen, ihnen noch einige Worte hinzuzufuͤgen. Sie ſind in einem Zeitraume nie⸗ dergeſchrieben, der dem geſchilderten uberraſchend aͤhnlich iſt, in vieler Hinſicht groͤßer, in mancher kleiner. Dieſelben maͤchtigen Intereſſen bewegen wieder das deutſche Volk, die hoͤchſten Intereſſen der Menſchen: politiſche und kirch⸗ liche Freiheit; aber die der Jetztzeit gehen doch wiederum weit uͤber die jener Zeit hinaus. Was damals nur einzelne kuͤhne geniale Geiſter, wie Thomas Muͤnzer, anſtrebten: die Volksſouverainetat, das iſt jetzt das Ziel von vielen tauſend Geiſtern, es iſt das Ziel aller edeln Denker, aller hochherzigen Maͤnner der Nation, es iſt das Ziel der fur das Vaterland begeiſterten Jugend. Und wieder wie da⸗ mals haben ſich Fuͤrſten⸗ und Pfaffengewalt gegen den und der Zug nach Tunis. 329 Zeitgeiſt verbuͤndet, noch einmal hat die Reaction ſieg⸗ reich ihr Haupt erhoben. Waͤhrend ich die blutigen Kaͤmpfe des Volks mit der Fuͤrſtengewalt im Jahre 1525 niederſchrieb, warf die Fuͤrſtengewalt die Revolution in Dresden und Baden in den Staub. Wieder wie damals hat eine unſelige Vermittlerpartei dieſes fuͤr Deutſchland ſo verderbliche Reſultat herbeigefuͤhrt; wieder wie damals waren es Profeſſoren, Gelehrte, Beamte, welche das in ſie geſetzte Vertrauen des Volks ſchmaͤhlich taͤuſchten; wieder wie damals ſind ſie von der Seite des Volks auf die Seite ſeiner Herren getreten; wieder wie damals haben ſie den Vorwand der Schwaͤche gebraucht, den Buͤrgerkrieg zu ver⸗ meiden. Was half es Luthern, daß er in faſt unbegreif licher Verblendung gegen das aufſtrebende Volk wuͤthete, daß er ſeine Sache von der des Volkes kuͤnſtlich ſchied, daß er ſeiner Partei ſtets wehrte, das Schwert zu ziehen gegen die uͤbermuͤthigen Gegner, der Kampf war doch un⸗ vermeidlich und wie er nachher gefuͤhrt wurde, wie endlich der dreißigjaͤhrige Krieg im folgenden Jahrhundert die deutſche Kraft in ihrem innerſten Mark verletzte, die herr⸗ liche Entwicklung des deutſchen Geiſtes, wie ſie zu Anfang des 16. Jahrhunderts ſo ſtolz ſtrebend hervortrat, vernich⸗ tete, das Alles lebt in den unſeligſten Folgen noch heute fort. Haͤtte Luther den Geiſt ſeines Volks verſtanden und ſich zu ſeiner Hoͤhe erheben koͤnnen, wie Ulrich von Hutten und Thomas Muͤnzer, Deutſchland waͤre das mächtigſte, das reichſte, das glucklichſte Land der Erde. Und was iſt „ 330 Der große Reichstag zu Augsburg es jetzt? Es kann die unſterblichen Verdienſte des großen Kirchenreformators nicht ſchmaͤlern, daß er nicht noch groͤßer war; es iſt nur ſchmerzlich zu beklagen, daß er, der Sohn des Volks, dem Volke untreu wurde. Er mußte dafuͤr die Demuͤthigung erleben, daß der Sultan Sulei⸗ man und der Franzoſenkoͤnig Franz die eigentlichen Stutzen des Proteſtantismus wurden; denn ohne dieſe beiden ſtets drohenden Feinde Karls waͤre die Reformation, die das Volk verlaͤugnet hatte, auf das ſie doch fußte, von Kaiſer und Reich vernichtet worden, trotz dem Kurfuͤrſten von Sachſen und dem Landgrafen von Heſſen. Das ſind die großen markerſchuͤtternden Gerichte Gottes in der Welt⸗ geſchichte. Der Weg der„Profeſſoren“ iſt 1848 und 1849 der⸗ ſelbe geweſen; aber kein Mann wie Luther iſt an ihrer Spitze. Auch jetzt wird der Kampf entbrennen und wird entbrennen muͤſſen, wie damals. Sollte er— was Gott verhuͤte!— einen ähnlichen Ausgang haben, ſo wäre die Bluͤthe Deutſchlands, ja Europa's wieder fuͤr Jahrhunderte, vielleicht fuͤr immer geknickt; denn die Kultur, ferner nur eine Tochter der Freiheit, wuͤrde allein auf Amerika's freiem Boden gedeihen, und die Maͤnner von Geiſt und Kraft aus allen Laͤndern wuͤrden, von ihren Sternen gezo⸗ gen, uͤber das Meer gehen. Europa wuͤrde dem Fluche des Monarchismus erliegen, wie ihm Spanien unter Karls Nachfolgern erlag. Werfen wir aber ſcheidend nur noch einen einzigen und der Zug nach Tunis. 331 Blick auf den Kampf der ſpaniſchen Niederlande gegen ihre Tyrannen, der nur funfzig Jahre nach dem deutſchen Bauernkriege entbrannte und eine Republik ins Leben rief, welche ſchnell die Mutter und Pflegerin alles Großen und Schoͤnen, die Freiſtatt aller in ihrem Vaterlande verfolgten edlen Geiſter wurde!—— Heil Dir, mein Deutſchland, und Deiner Zukunft! Druck von Otto Wigand in Leipzig. Av