— —— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 5 5. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ 1 pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —.— auf 1 Monat:* M 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Von einem Vorſprunge des Hundsruͤcks, einem ſtattlichen Bergkegel, leuchtete die prachtige Ebernburg in das rei⸗ zende Nahethal hinab, es weithin beherrſchend. Es iſt ein koͤſtliches Stuͤck Erde, dieſes gruͤne fruchtbare Thal der Nahe, wie es im Halbbogen ſich um das Gebirg des Hundsruͤcks ſchweift, von den hochgelegenen und wilden Partien an, wo die Nahe aus den Gebirgsrinnen zuſam— menlaͤuft, bis zu der lieblichen Stelle, wo ſie ihre klaren Waſſer in den maͤchtigen Rheinſtrom ergießt; die Perle des Thales aber war die hoch oben thronende Ebernburg mit ihren ragenden neuen ſteinernen Haͤuſern mit gezackten Zinnen und Thuͤrmen. Dieſe Burg war Eigenthum des maͤchtigen und beruͤhmten Ritters Franz von Sickingen, des hochangeſehnen Oberhaupts des ſchwaͤbiſchen Bundes⸗ heers und jetzt kaiſerlichen Raths und Feldhauptmanns. Es war zu Ende des Fruͤhlings im Jahre 1522, als eines Nachmittags ein kleiner Reitertrupp von Kreuznach aus das Nahethal hinauf ritt, der ſich ohne Zweifel die Ein deutſcher Leinweber. VII. 1 — 2 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Ebernburg zum Ziel geſetzt hatte. Es waren Freunde von Augsburg, nicht kriegeriſch bewaffnete Maͤnner, ſondern Diener des Friedens, der Wiſſenſchaft und des Handels. Es war Konrad Peutinger, der gelehrte Stadtſchreiber, es war Ulrich Fugger und ſein Bruder Hieronymus, ein bleicher ſchmaͤchtiger Juͤngling von dreiundzwanzig Jahren, ſeinem aͤlteren Bruder ſehr aͤhnlich, nur mit einem noch feurigerem Auge, aber einer minder edlen und ſtolzen Hal⸗ tung ausgeſtattet. Dieſen dreien folgten ebenſoviel Knechte. Sie waren den Rhein herabgefahren und kamen von Augsburg. Lange hatten ſie ſchweigend oder nur von gleich⸗ guͤltigen Dingen redend ihren Weg fortgeſetzt, bis ſie ploͤtz⸗ lich bei einer Wendung des Thales die praͤchtige Burg er⸗ blickten. Ueberraſcht von der Schoͤnheit derſelben, hielten ſie die Pferde an. Keiner von ihnen war noch in dieſe Ge⸗ gend gekommen; am lebhafteſten aͤußerte Hieronymus den von der Schoͤnheit der Ritterfeſte empfangenen Eindruckz er jauchzte auf und rief begeiſtert:„Gegruͤßt mir, du herr⸗ liche Herberge der Gerechtigkeit, wie dich Ulrich von Hut⸗ ten ſo ſchoͤn und treffend getauft hat! Das nenn' ich mir einen wuͤrdigen Sitz der Wahrheit, des Rechts und der Begeiſterung fuͤr Beide! Wie ſchlaͤgt mir das Herz ſtuͤr⸗ miſch, nun die Maͤnner zu ſehen, die von dieſer Felſenſpitze den Kampf gegen Lug und Trug ſo kraͤftig fuͤhren! Ich kann es Dir nicht genug Dank wiſſen, mein Bruder, daß Du meinen heißen Wuͤnſchen nachgegeben und 3 auf dieſer Reiſe mitgenommen haſt.“ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 3 „Wie der Geiſt der Jugend aus ihm ſpricht!“ laͤ⸗ chelte der Stadtſchreiber fein.„Fuͤr die großen und neuen Meinungen und Anſichten, welche an altgewordenen For⸗ men ruͤtteln, iſt doch die Jugend ſtets am empfaͤnglichſten. Wie ſtaunenswerth iſt in dieſer Beziehung auch die Ein⸗ richtung Gottes in dem menſchlichen Geiſte! Waͤre die Jugend nicht ſo leicht entzuͤndbar fuͤr die Feuerfunken, die von gewaltigen Geiſtern, den Glutherden einer neuen Weltgeſtaltung, ausfliegen, nie wuͤrden die Flammen, die das Alte, Morſche und unbrauchbar Gewordene verzehren ſollen, damit neuen Schoͤpfungen Raum werde, um ſich greifen koͤnnen; ſie wuͤrden erſticken und verloͤſchen aus Mangel an Brennſtoff und an Zugluft. Darum hät die Jugend immer Recht und wird zu allen Zeiten Recht be⸗ halten, wenn es gilt, eine alte abgelebte Zeit vom Throne zu ſturzen und eine junge, kraͤftige dafuͤr zu erheben. Durch die begeiſterte Jugend werden Luther und Hutten ſiegen, in Rom moͤgen ſie ſich ſpreizen, wie ſie wollen. Sehen wir es doch in Wittenberg. Trotzdem, daß Luther ſeit ſeiner Abreiſe von Worms wie von der Erde verſchwunden war, ſtroͤmten aus allen Gauen des deutſchen Reichs Juͤnglinge nach der kleinen Univerſitätsſtadt, um ſeines Geiſtes theil⸗ haftig zu werden; denn alle Lehrer ſind dort von ſeinem Geiſte ergriffen und erfullt, vorzuͤglich mein junger edler Freund Philipp Melanchthon, ſelbſt noch ein Juͤngling und doch ſchon einer der gelehrteſten und klarſten Koͤpfe und eines der wärmſten und edelſten Herzen.“ 1 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. „Ich wollte, ich haͤtte mich den Wiſſenſchaften gewid⸗ met,“ ſagte Hieronymus mit einem Anfluge von Unmuth, um auch in Wittenberg ſtudiren zu koͤnnen. Welch ein herrliches Leben muß ſich dort entfalten!“ „Wir beduͤrfen auch der freiſinnigen Maͤnner in an⸗ dern Staͤnden,“ nahm Ulrich das Wort.„Namentlich un⸗ ſerem Stande thut es noth, daß wir uns vom Gewoͤhn⸗ lichen, Alltaͤglichen, Herkoͤmmlichen losreißen. Denn kein Stand iſt geneigter, geiſtig zu verſumpfen, das Geld zum Gott der Erde zu erheben und vor der Macht ſich wedelnd zu verbeugen, ſie mag ſo ungerecht, ſo aberwitzig ſich ge⸗ berden, wie ſie will. Haben wir doch das Beiſpiel in un⸗ ſerer eigenen Familie. An uns nun iſt es vorzuͤglich, die kuͤhnen Gedanken der Wahrheit, welche in den großen Gei⸗ ſtern aufblitzen, in das Leben einzuführen, ſie der Wirk⸗ lichkeit anzupaſſen, ihnen Fleiſch und Blut zu geben und ſie fruchtbar zu machen fuͤr unſere und kuͤnftige Zeiten. Wenn es nur unter den Gelehrten empfaͤngliche Koͤpfe gaͤbe, mein Hieronymus, wuͤrde die Wahrheit ſtets ein Schattenbild bleiben. Darum preiſe den von dir erwaͤhlten Kaufmannsſtand, der dir die ſchoͤnſte Gelegenheit gibt, zu verwirklichen, was jene großen Maͤnner gedacht und ge⸗ forſcht und in Wort und Schrift ausgeſprochen haben. Fahre nur fort, die Schriften Luthers, Huttens und anderer kraͤftigen Geiſter unſerer Zeit zu leſen und dir die Seele von ihnen entflammen zu laſſen.“ „Daß ich es daran nicht fehlen laſſe, weißt Du!“ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 5 rief der Juͤngling mit leuchtenden Blicken.„Hab' ich Dich doch deshalb vermocht, mich mit zu nehmen, weil ich fuͤr die Schriften des edeln Ritters von Hutten ſchwärme.“ „Gott ſegne Euch, junger Mann!“ ſagte der be— jahrte Stadtſchreiber mit Ruͤhrung.„Moͤchte die Jugend des ganzen deutſchen Reichs im Denken, Fuͤhlen und Han⸗ deln, was dieſen Punkt betrifft, Euch ähnlich ſein! O, wären doch alle Juͤnglinge, wie Ihr, ergriffen von der goͤttlichen Macht der Wahrheit, wie ſie ſo unverkennbar und bezwingend aus Luthers und Huttens Schriften her⸗ vortritt, es ſtaͤnde beſſer um ihre gute Sache.“ „Ich verſteh' Euch, werther Herr und Freund!“ ſagte Ulrich bitter laͤchelnd.„Wir haͤtten dann nicht das unſelige wormſer Edict zu beklagen. Schwerlich hat unſer junger Kaiſer etwas von Luthers und Huttens Schriften geleſen; wie hätte er ſonſt unſere auf ihn geſetzten Hoffnun⸗ gen ſo bitter täuſchen koͤnnen! Man ruͤhmit ihm doch nach, daß er klug und verſtandig ſei. Wir rechneten es ihm hoch an, daß er ſich dem Einfluß des alten Kardinals Fimenes in Caſtilien ſo geſchickt entzogen, und nun laͤßt er ſich doch zu unſer Aller ſchmerzlichem Erſtaunen von den roͤmiſchen Netzen umgarnen und fangen. Wenn das ſeinem ſchwachen und abgelebten Großvater geſchah, ſo durfte es uns nicht verwundern; wir waren es wohl nicht anders von ihm ge⸗ wohnt. Von dem einundzwanzigjährigen Karl, der vom Papſt ſchon beleidigt worden war, ließ ſich ein beſſeres Verſtaͤndniß erwarten.“ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. „Bah!“ verſetzte Peutinger,„er iſt nicht ſelbſtſtaͤndig, Ihr wißt es ja. Der geizige Chievres und die andern nie⸗ derlaͤndiſchen Miniſter und Edelleute ſeiner Umgebung lei⸗ teten ihn. Seit Chievres Tod bewegt er ſich ſchon freier, wie man ſagt. Wahrſcheinlich wuͤrde heuer das Edict nicht ausgegeben, Luther nicht in die Acht erklaͤrt, die Cenſur fuͤr neue Druckſchriften nicht angeordnet worden ſein, zu⸗ mal es ſo ganz entgegengeſetzte Folgen gehabt hat, als die hohen Herren erwartet haben. Iſt Luther nicht erſt recht gefeiert und ſchier vergoͤttert, ſeit der Bann des Papſtes und die Acht des Kaiſers uͤber ihn ausgeſprochen worden ſind? Sind die gedruckten Buͤchlein ſeit der kaiſerlichen Anbefehlung der Cenſur nicht erſt recht grob und ungeberdig? Es faͤllt keinem Drucker ein, ein ſo wildes und ſtuͤrmiſches Libell dem Biſchof oder der theologiſchen Fakultaͤt auf der nächſten Univerſitaͤt zur Cenſur vorzulegen. War der erſt vergoͤtterte Papſt in Deutſchland mehr verachtet und ver⸗ ſpottet, als nachdem er den Bann uͤber unſern wittenberger Freund ausgeſprochen? Hat ſich der junge Kaiſer durch dieſe unbeſonnene Achterklaͤrung, durch die er ſich nur dem Papſt hat gefaͤllig erzeigen wollen, nicht ſchnell bei allen hellen und feurigen Koͤpfen im deutſchen Reiche um allen Kredit gebracht? Seht da die Macht der Wahrheit, wie ſie bei uns ſchon rieſengroß geworden! Sie geht uͤber Bann und Acht, uͤber Papſt und Fgiſer. Die Macht dieſer beiden kann nur noch etwas Erkleckliches ausrichten, wenn ſie's mit der Wahrheit halten; gegen ſie vermoͤgen ſie Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 7 nichts mehr. Die Politik, die gegen den Volkswillen han⸗ delt, wird zur Luge und zerfallt in Nichts.“ „Wollte Gott, Euer Wort waͤre in aller Hinſicht wahr! Ich fuͤrchte aber, da der Kaiſer des Franzoſenkoͤnigs in Italien maͤchtig geworden iſt, die Kaiſerlichen jetzt die Franzoſen dort gaͤnzlich verjagt und Mailand und Genua nach langer Entfremdung wieder an das Reich gebracht haben, duͤrfte er wohl, wie er einmal ſeine Geſinnung im Edict kund gegeben, die Waffen nicht ohne Erfolg gegen die Wahrheit kehren, zumal der neue Papſt, ſein ehemali⸗. ger Magiſter, auch wieder ins alte roͤmiſche Horn blaͤßt.“ „Ja, Gott ſei's geklagt,“ ſeufzte Peutinger,„daß der ſittenſtrenge und nuͤchterne Papſt Adrian gerade in dem Punkt, der uns zunaͤchſt angeht, wieder eben ſo denkt und handelt, wie ſein leichtfertiger und uͤppiger Vorgaͤnger! In allen andern Punkten und Stuͤcken iſt er ſchnurſtracks das Gegentheil Leo's. Das Licht und die Wahrheit, die in Deutſchland aufgegangen ſind, haßt er wieder ebenſo, wenn auch aus andern Gruͤnden, und vorzuͤglich aus dem laͤcher⸗ lichen Grunde, weil wir Feinde der alten Scholaſtiker ſind, die er gern noch uͤber die Bibel ſtellt. Und dieſer Oberhirt iſt ſelbſt ein Deutſcher! Er verabſcheut die Luͤderlichkeit und den Uebermuth der Kleriker; er erkennt die graͤulichen Gebrechen der Kirche an, und doch iſt er Luthers und der wiſſenſchaftlichen Maͤnner Feind. Iſt das nicht ein ſeltſa⸗ mes und beklagenswerthes Schickſal! Schon als Profeſſor und Dechant der Univerſitaͤt Loͤwen hat er gegen die Suͤn⸗ S —— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 8 den der Geiſtlichen und gegen die Verſchwendung der Kir⸗ chenguͤter geeifert; als Lehrer des Prinzen Karl hat er ſich ehrenhaft gegen die Gebrechen der Kirche ausgeſprochen und ſich das allgemeine Lob eines nuͤchternen, beſonnenen wohlwollenden und verſtaͤndigen Mannes erworben; ſpäter als Regent von Caſtilien hat er den Pfaffen und ihrem Anhang fleißig den Widerpart gehalten, und als Kardinal iſt er nichts weniger als ein ergebener Freund des Papſtes geweſen. Als er vor einem halben Jahre ihm ſelbſt, wie der ganzen Chriſtenheit hoͤchſt unerwartet zum Papſt er⸗ waͤhlt worden war, erklaͤrte er oͤffentlich: er habe ſeinen Nacken nur darum in das Joch der paͤpſtlichen Wuͤrde ge⸗ beugt, um die verunſtaltete Braut Chriſti in ihrer Rein⸗ heit wieder herzuſtellen. Und doch iſt er ein Gegner Lu⸗ thers und will deſſen klares und rechtes Wort unterdruͤcken. Aber, wie ſchon geſagt, er gehoͤrt zu jenen herben Eſſig⸗ toͤpfen, den gelehrten Magiſtern von Loͤwen, welche ſtets gegen die junge wiſſenſchaftliche Literatur und die Theolo— gie, wie ſie in Wittenberg gelehrt wird, geeifert und ge⸗ belfert haben; er iſt ein Anhaͤnger der dominikaniſch⸗ſo⸗ phiſtiſchen Gelehrſamkeit, die nimmer von dem alten ver— rotteten Weſen loskommen kann, und deshalb iſt kein Heil von ihm fuͤr unſere Sache zu erwarten.“ „Von keinem Pfaffen und von keinem Fuͤrſten wird der guten Sache jemals Heil kommen,“ verſetzte Ulrich bitter.„Davon bin ich, ſeit mir mein wackerer Ohm zum Amt eines paͤpſtlichen Kaͤmmerers verholfen, erſt recht S—— ——— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 9 uͤberzeugt worden. Ich ahnete fruher nur, welche unver⸗ beſſerliche Schelme Papſt und Pfaffenfuͤrſten ſeien; als Kaͤmmerer des Papſtes hab' ich's ſattſam erfahren: von Rom kein Heil, aber auch von unſeren Fuͤrſten keins. Darum liegt uns ob und iſt unſere hoͤchſte Pflicht, das ganze Volk dahin zu fuͤhren, daß es die unerſchuͤtterliche Ueberzeugung gewinne, nur von ihm ſelbſt konne Heil und Huͤlfe ſeiner Gebrechen ausgehen. Wenn die Thiere in der Freiheit an irgend einem Gebreſte leiden, ſo ſuchen ſie aus dem ihnen innewohnenden Naturtriebe von ſelbſt die heil⸗ ſamen Kraͤuter; das Roß, welches am Fieber laborirt, beißt ſich wohl ſelbſt die Ader auf, und im Menſchenvolke ſollte nicht eine, dem Menſchengeiſte angemeſſene, lichte und klare Erkenntniß deſſen liegen, was es zu ſeinem Heile bedarf? Warum haben es unſere Vorfahren erkannt und gewußt und durch ſolches Wiſſen ſich ihr Leben gut und vernuͤnftig eingerichtet? Die Fuͤrſten und Pfaffen haben ſich zuſammen verſchworen, die klare Erkenntniß des Vol— kes zu truͤben, ſeinen Geiſt mit widerſinnigen Satzungen zu verwirren, es dumm und unkraͤftig zu machen. Denn Dummheit iſt Ohnmacht. Einem einſichtsvollen vernuͤnf⸗ tigen Menſchen kann kein heuchleriſcher Schlaukopf Feſ⸗ ſeln anlegen und ihn zwingen, fuͤr Schurken in der Kutte und im Hermelin zu arbeiten. Darum zuͤndet dem Volke die Fackel an, und die Finſterniß muß weichen.“ „Ich fuͤrchte nur,“ entgegnete der gelehrte Stadt⸗ ſchreiber fein laͤchelnd, ſo daß unentſchieden blieb, ob blos 10 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Zweifel oder Spott in ſeiner Seele vorwaltete,„ich fuͤrchte nur, das was Ihr Volk nennt, die Maſſe jener zweibeini⸗ gen Thiere, welche ſo ziemlich ein menſchliches Antlitz tra⸗ g.n, aber ſonſt in der Regel von Affen nur durch groͤßere Wildheit unterſchieden ſind, wird jetzt eben ſo wenig be⸗ greifen, was ihm frommt, wie ſie ſolches doch eigentlich niemals begriffen hat. Nehmt die Geſchichte vor und er⸗„ kennt daraus, welch ein erbaͤrmliches veraͤchtliches Weſen das ſogenannte Volk zu aller Zeit geweſen iſt, leidenſchaft⸗ lich, unbeſtaͤndig, unvernuͤnftig, tyranniſch blutduͤrſtig und ſtets zum Schlechten, Gemeinen, Thieriſchen mehr geneigt, als zum Guten, Edeln und Menſchlichen. Immer nutr Einzelne ſind befaͤhigt und berufen geweſen, das Werk Gottes in der Menſchheit zu foͤrdern. Die Fackel, die Ihr der Maſſe anſtecken wollt, moͤchte leicht zur Brandfackel werden und Doͤrfer und Staͤdte einaͤſchern, ja fuͤr die er⸗ leuchteten Geiſter, die nicht in das rohe und blutduͤrſtige Geſchrei des Pöbels einſtimmen, ſogar die Marterfackel des Folterknechts.“ „Ihr beurtheilt das Volk viel zu ſtreng!“ rief Ulrich Fugger faſt unwillig,„und das kommt daher, weil Ihr es aus Buͤchern beurtheilt, aus der von Gelehrten und vor⸗ nehmen Leuten niedergeſchriebenen Geſchichte. Alle dieſe Leute halten ſich aber von dem Volke ſo fern, als ſei ſeine Beruͤhrung peſtanſteckend. Ich dagegen lebe unter dem Volke, verkehre mit ihm; ich bin ſein Freund, Rathgeber und Helfer; ich habe noch nie einen Augenblick vergeſſen, Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 11 daß ich der Sohn eines Leinwebers bin, und ich nenne mich nicht etwa nur ſo mit einer ſtolzen nnd laͤcherlichen Schein⸗ beſcheidenheit, um den fuggeriſchen Reichthum und Einfluß dadurch in ein recht glaͤnzendes Licht zu ſetzen, wie meine lieben Vettern Raimund und Anton. Nein ich bin in der That und Wahrheit ein Volksmann, und ich habe ſtets ſchoͤne Gelegenheit gehabt, das Volk achten und lieben zu lernen, ja es hat mir nicht an ſolcher gefehlt, ſeinen Edel⸗ ſinn, ſeine Treuherzigkeit zu bewundern. Das Volk ver⸗ thiert nur dann, wenn ihm von privilegirten Staͤnden, die ſich ihre Privilegien ſelbſt gegeben oder genommen haben, eine lange Zeit unausgeſetzt Unrecht geſchieht, wenn es be⸗ raubt, ausgeſogen, wenn ihm Schmach und Gewalt ange⸗ than, und es dabei noch verachtet und verſpottet wird. Be⸗ handelt das Volk menſchlich, bruͤderlich nach dem Gebote unſeres Heilands, und Ihr werdet Menſchen und Bruͤder in ihm finden. Und wenn ſein ſittliches Gefuͤhl nicht aus⸗ gebildet, wenn es unwiſſend und roh iſt, wer traͤgt die Schuld als ſeine Tyrannen und vorzuͤglich dieſe uͤppigen geilen, despotiſchen Pfaffen, die doch dazu beſtimmt ſind, das Volk zu bilden? Tauſendjaͤhriges Unrecht wird nicht zum Recht. Noch nie iſt verſucht worden, auf das ganze Volk mit dem ganzen Volk zu wirken. Die Zeit naht, wo dies geſchehen wird und muß.“ Unter dieſem Geſpraͤch waren die Reiſenden der hoch⸗ ragenden Burg nahe gekommen und ſchlugen nun ſchwei⸗ gend den gekruͤmmten berganſteigenden Weg ein, welcher ———— 12 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. zu dem reizenden Ritterſitze emporfuͤhrte. Die Befeſtigungs⸗ werke der Burg waren im beſten Stand und zum Theil ganz neu hergeſtellt. Man ſah es den reinlichen und ſchoͤnen Gebaͤuden auch in der Naͤhe an, daß ein kraͤftiger Geiſt in ihnen walte, und die Ferne hatte nicht getäuſcht, wie bei. vielen Staͤdten und Burgen. Eine frohliche Menge von Dienern und Soͤldnern, alle gut gekleidet, belebte die Hoͤfe; uͤberall, wohin das uͤberraſchte Auge der Ankoͤmmlinge fiel, begegneten ihm Scenen eines muntern und luſtigen Lebens. Roſſe wurden getummelt, Waffen gebeſſert und geputzt, kriegeriſche Uebungen abgehalten. Die Pferde der drei Reiter wurden von flinken Dienern in Empfang genom⸗ men; ſie ließen ſich beim Ritter Ulrich von Hutten anſa⸗ gen, und ehe ſie noch die Treppe des Hauptgebaͤudes, in welches ſie gewieſen wurden, erſtiegen hatten, kam ihnen der ritterliche Dichter ſchon mit einem Ausrufe herzlicher Freude entgegen. „Willkommen, edle Maͤnner und Freunde!“ rief er, Peutinger und Ulrich Fugger umarmend.„Willkommen auf der ſchoͤnen Ebernburg! Ich bin Euch ſehr verbunden, wackerer Fugger, daß Ihr meiner Einladung ſo ſchnell und willig Folge geleiſtet. Und welch frohe Ueberraſchung habt Ihr mir dadurch bereitet, daß Ihr meinen lieben Freund Peutinger mitgebracht! Auch Eueren Bruder— nicht wahr, Hieronymus heißt er?— begruͤße ich mit großer Freude. Wir beduͤrfen der aufſtrebenden Jugend, des neuen den Weltgeſchicken entgegenreifenden Geſchlechts. Wie wird Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 13 ſich Sickingen freuen! Ihr findet die gegenwaͤrtigen Freunde eben alle zuſammen beim Vespertrunk in der Ritterhalle und werdet ein hochwillkommener Zuwachs der Geſellſchaft ſein, zumal wenn Ihr neue Kunde aus Wittenberg oder Italien bringt.“ Sie traten in die Halle. Eine Geſellſchaft von zehn bis zwoͤlf Maͤnnern, ihrer Kleidung nach meiſt Gelehrte, ſaß beim Becher um einen eichenen Tiſch im lebhaften Ge⸗ ſpraͤch. Der Ritter von Sickingen erhob ſich, um den neuen Gäſten entgegen zu gehen und ihnen die Hand zur Begruͤßung zu ſchuͤtteln. Darauf brachte er ihnen nach alter deutſcher Sitte ſelbſt den Willkommbecher zu und nannte ihnen die Namen der Anweſenden, indem ſie mit ihnen anſtießen, die aber dem Augsburger Stadtſchreiber ſchon meiſt perſoͤnlich bekannt waren. Die vorzuͤglichſten Gelehrten waren Kaſpar Aquila, Martin Bucer, Johann Schwebel, Oekolampadius, vor drei Jahren noch Pfar— rer in Augsburg, lauter Namen vom beſten Klange in Deutſchland, lauter Forſcher und begeiſterte An⸗ haͤnger der jungen Wahrheit. Dann Heinrich Kettenbach, ein Prediger aus Ulm, der um der Wahrheit willen, die er gepredigt, verfolgt, hier, gleich dem Ritter von Hutten eine Zufluchtsſtaͤtte gefunden hatte. Unter den ritterlichen Herren war, außer Sickingen und Hutten der edle und troffliche Hartmuth von Kronenberg, der Gatte von Sickin⸗ gens aͤlteſter Tochter, der nennenswertheſte Gaſt auf der Ebernburg, dieſer gluͤhende und gewaltige Anhaͤnger und Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 14 Vertheidiger der evangeliſchen Lehre und erbitterte Feind des luͤgneriſchen Pfaffenthums, ſo daß er oft zu ſagen pflegte: er wolle ſich gern viertheilen laſſen, wenn er damit die Aufnahme des Evangeliums in Deutſchland befoͤrdern koͤnnte. Waͤhrend Peutinger ſeine neueſten Nachrichten vom Siege Luthers uͤber den wilden Fanatismus des gelehrten Doktor Farlſtadt in Wittenberg nach ſeiner Ruͤckkehr von der Wartburg preisgab und ſich ein lebhaftes Geſpraͤch uͤber die tolle Bilderſtuͤrmerei und die Vernichtung aller kirchlichen Form, wie ſie in Wittenberg waͤhrend Luthers Abweſenheit zur Erſcheinung gekommen war, entſpann und ſich weiter uͤber die bereits bekannt gewordene gluͤckliche Ankunft des Kaiſers in Spanien und die juͤngſten Siege des kaiſerlichen Heeres in Italien uͤber die Franzoſen, ſo wie die Vertreibung der Letztern uͤber die Alpen erſtreckte, eben ſo uͤber die neuerlich erfolgte Kriegserklaͤrung des Koͤ⸗ nigs Heinrich vMl. von England an den franzoͤſiſchen Ko⸗ nig, und die Unterhaltung endlich auf den heftigen und groben literariſch⸗religioͤſen Streit des Koͤnigs Heinrich mit Luther fuͤhrte, uͤber den damals die ganze civiliſirte Welt ſprach, zog Ulrich von Hutten ſeinen Freund Ulrich Fugger fort in ein anderes Gemach zum ungeſtoͤrten Zwiegeſpraͤch. Hieronymus blieb bei der Geſellſchaft und hoͤrte mit leuch⸗ tenden Augen den lebhaften Reden und Gegenreden zu. „Noch einmal herzlichen Dank, daß Ihr gekommen ſeid!“ nahm der Ritter das Wort.„Ich habe Wichtiges, hoͤchſt Wichtiges mit Euch zu reden und zu verhandeln, Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 15 und ich konnte nicht zu Euch kommen, wie ich Euch ſchon ſchrieb; denn meine Krankheit iſt von neuem ausgebro⸗ chen und erſchwert mir das Reiſen ungemein, und dann muß auch Sickingen mit Euch reden und, wie ich hoffe und wuͤnſche, gerichtlich mit Euch uͤber gewiſſe Dinge con— trahiren. Deshalb erſuchte ich Euch ſo dringend die Reiſe zu uns zu machenz es iſt ja auch in Euerm Intereſſe, gei⸗ ſtigem und leiblichem, wie Ihr bald hoͤren ſollt.“ „Ihr habt mich durch die Nachricht, daß Ihr wieder an Euerm alten boͤſen Gebreſte leidet, baß erſchreckt. Das iſt ein uͤbel Ding und muß Euch in Eurer geiſtigen Wirk⸗ ſamkeit gar ſehr behinderlich ſein. Das uͤppige Hofleben in Mainz iſt Euch nicht bekommen; ich ſah es Euch an auf den erſten Blick. Und“— fuͤgte er bedeutſam lächelnd hinzu,„ſollte Euch nicht die ſchoͤne und uͤppige Martha Bry gefaͤhrlich geworden ſein? Ihre Leidenſchaft fuͤr Euch war mir gerade kein Geheimniß, und ſo viel mir bekannt, habt Ihr den Genuß einer ſo wohlſchmeckenden und koͤſt⸗ lichen Frucht nie verſagt. Aber man verdirbt ſich den Magen durch zu viel Suͤßigkeit. Sollten Martha's all⸗ zuheiße Kuͤſſe Euch nicht geſchadet haben?“ Ueber des Ritters krankhaft dunkle Geſichtsfarbe ſchoß eine verraͤtheriſche Roͤthe.„Laſſen wir die Martha!“ ſagte er dann ausweichend.„Wir haben wichtigere Dinge mit einander zu reden, und derlei Geſtaͤndniſſe von mir helfen weder mir noch Euch etwas.“ „Und doch erlaubt mir, bevor wir zu den verheißenen 16 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. wichtigeren Dingen uͤbergehen, noch eine Frage nach Mar⸗ tha. Ihr wißt, ich intereſſire mich fuͤr ihr und ihrer Schweſter Eleonore Schickſal. Beide ſind ploͤtzlich vom Mainzer Hofe verſchwunden, und ich habe nicht erfahren können, aus welchem Grunde ſie ſich entfernt und wohin ſie gekommen ſind. Wißt Ihr Naͤheres uͤber ſie?“ „Was ich ſelbſt daruͤber erfahren habe, theil' ich Euch gern mit. Doch bedenkt, daß ich ſelbſt ſchon uͤber zwei Jahre vom Mainzer Hof entfernt bin, und die beiden Schweſtern erſt geraume Zeit nach meiner Entfernung dort unſichtbar geworden ſind, daß ich alſo nichts aus eigner Erfahrung, ſondern Alles nur aus kurzen Berichten An⸗ derer weiß.— Die ſchroffe und herriſche Weiſe der Frau Eleonore wurde dem an harte und eckige Umgangsformen nicht gewoͤhnten Kurfurſten bald unbequem. War doch ſeine Weichlichkeit, ſein verſchwommenes und unbeſtimm⸗ tes Weſen auch der Hauptgrund ſeiner allmaͤligen Ver⸗ ſtimmung gegen mich. Eine derbe entſchiedene Natur wie die meinige und eine verzärtelte, unentſchiedene, gekuͤn⸗ ſtelte, wie die ſeinige, koͤnnen auf die Dauer nicht zuſam⸗ mengehen. In der Grundverſchiedenheit unſeres Weſens iſt die Urſache unſerer Trennung zu ſuchen, nicht in den Drohungen des nun auf ewig ſtill gewordenen Papſtes Leo. Doch ich wollte Euch ja, Euerm Wunſch gemaͤß, Bericht uͤber Martha Bry und ihre Schweſter Eleonore erſtat⸗ ten. Martha, obgleich ſo herriſch und raͤnkeſuͤchtig wie ihre Schweſter, war doch ſchlauer und wußte den wolluͤſtigen Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 17 Furfurſten durch geſchicktes biegſames Nachgeben immer von neuem zu umſtricken. Ihre ungewoͤhnlichen Talente fur die Kunſt riſſen den ſchwachen Albrecht hin, ſelbſt wenn er zuweilen aus Ueberdruß geneigt geweſen waͤrc, anderen Lockungen zu widerſtehen. Aber Martha liebte ihn nicht, ſie handhabte ihn nur geſchickt als Mittel zur Befriedigung ihrer koſtbaren Geluͤſte. Sie betrog ihn, und er mußte endlich dahinterkommen. Er mochte mich wohl, durch Zufluͤſterungen ſeiner Schranzen verleitet, in Verdacht ha⸗ ben, als ſtehe ich mit Martha im minnlichen Verkehr, und dies mochte ſeiner Erkaltung gegen mich Vorſchub leiſten. Ich vermuthe es nur; denn etwas Beſtimmtes uͤber dieſen Punkt habe ich weder aus ſeinem, noch aus einem andern Munde erfahren. Aber Eleonore hatte ſich Aeu⸗ ßerungen und Handlungen erlaubt, die man an Fuͤrſten⸗ hoͤfen, ja ſelbſt an denen ſo freiſinniger und liberaler Fuͤr⸗ ſten wie Albrecht, nicht dulden kann. Endlich erſchien der beruͤhmte Schwarzkuͤnſtler Dr. Fauſt mehrmals in Mainz, und man behauptete, ſeinen Zaubermitteln ſei es gelungen Martha's hoͤchſte Gunſt zu gewinnen. Andere wollen wiſſen, der Kurfuͤrſt habe dem Hexenmeiſter ſelbſt dazu den Auftrag gegeben, und es ſei zwiſchen beiden verabredet wor⸗ den, daß der Kurfurſt ſeine Kebſe in den Armen des Schwarzkuͤnſtlers uberraſche. Genug, ſeit jener Zeit iſt die ſchoͤne und viel beneidete Graͤfin von Aſchaffenburg ploͤtz⸗ lich aus Mainz verſchwunden, und man hat mich verſichert, ſie ſei mit dem alten Fauſt im Reiche umhergezogen und Ein deutſcher Leinweber. VI. 2 18 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. habe bei ſeinen Zauberſtuͤcken als ſchoͤne Helena gedient. Der Magier iſt aber nun auch ſchon ſeit Jahr und Tag den Weg alles Fleiſches gegangen— die Leute erzaͤhlen ſich, der Teufel habe ihn geholt, und wiſſen graͤuliche Ge⸗ ſchichten daruber zu berichten, doch begreife ich nicht, wes⸗ halb der Teufel dieſen Mann geholt haben ſoll und nicht auch den Papſt Leo; da doch der Letztere gewiß einen weit wichtigern Pact mit dem Hoͤllenfuͤrſten gemacht und der Hoͤlle weit groͤßere Dienſte geleiſtet hat, als ein unbedeu⸗ tender Schwarzkuͤnſtler— genug, der beruͤhmte Doktor Fauſt iſt eben ſo gut todt, wie der beruͤhmte Papſt Leo, und was aus ſeinem Schaͤtzchen, der ſchoͤnen Martha Bry, geworden iſt, weiß ich Euch nicht zu ſagen, verehrter Freund.“ „Die Eleonore hat ſich zuweilen wieder in ihrem Haͤuschen in der Fuggerei in Augsburg aufgehalten; bei mir hat ſie ſich aber nicht ſehen laſſen, und ich muß Er⸗ kundigungen nach ihr anſtellen. Denn die Zeit duͤrfte keineswegs mehr fern ſein, wo ich ihrer Huͤlfe beduͤrfte, und ihre Erfahrungen am Mainzer Hof moͤchten ſie zu dieſer Huͤlfe noch tuͤchtiger und geſchickter gemacht haben.“ „Ihr meint, ſie gibt ein gutes Werkzeug in geſchickten Haͤnden ab, die Erhebung des Volks gegen ſeine Unter⸗ druͤcker zu foͤrdern. Glaubt Ihr wirklich, daß das Volk, ſo weit Euer Geſichtskteis reicht, zu einer Erhebung gegen Fuͤrſten und Pfaffen reif ſei?“ „Die guten und rechten Koͤpfe ſind reif dazu, wenig⸗ 4 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 19 ſtens im Algaͤu, den ich oft durchreiſe und genau kenne; fuͤhrt doch mein Weg von Augsburg nach Schwaz ſtets hindurch, und dieſe Koͤpfe werden das andre dumme und traͤge Volk ſchon fortreißen. Und wie im Algaͤu, ſo gaͤhrt's im Hegau, im Linzgau, im Klettgau, im Rheingau, in Franken und anderwarts; uͤberall iſt den Bauern der geſtei⸗ gerte Druck unmoͤglich geworden. Ganz Oberſchwaben iſt voll Zunder. Nicht vergebens haben Joß Fritz und jener Veltlin, von dem Niemand wußte, wer er eigentlich war, hier den Boden bearbeitet, die Saat ausgeſtreut. Sie iſt aufgegangen und reift der Sichel des Schnitters entgegen. Die neue Predigt des Evangeliums vom Doktor Luther iſt recht wie ein fruchtbarer Sonnenſchein darauf gefallen. Wenn wir nur des Luther gewiß wären fuͤr das noͤrdliche Deutſchland, und er ein Wort an das Volk richtete, ſeine Bedruͤcker niederzuwerfen, dann haͤtten wir leichte Sache; denn Ihr könnt kaum glauben, in welch großem ſchier fabelhaften Anſehen Luther beim gemeinen Mann ſteht. Die Bauern in Schwaben verehren ihn hoͤher als alle Heiligen der Kirche zuſammengenommen. Ihr geltet zwar viel beim Volke, vorzuglich ſeit es erfahren, daß Ihr der Verfaſſer des neuen Karſthans' ſeid, den die Bauern uͤber⸗ all verſchlungen haben, aber Luther gilt doch noch mehr.“ „Das macht, weil er ſich nur auf die Bibel als das Wort Gottes ſtutzt und die Luͤge der Pfaffheit zumeiſt be⸗ käͤmpft, ſelbſt ein Ordensbruder. Dies gibt ihm ſo großes Gewicht. Waͤre er im gleichen Maße ein Vertheidiger 2* 20 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. der Volksrechte gegen die betruͤgeriſchen raͤuberiſchen Fuͤr⸗ ſten, er waͤre der Mann, der unſerer Sache ſchnell aufhel— fen koͤnnte. Aber ich fuͤrchte, er ſteht nicht ganz zu uns. Anfangs vor fuͤnf und vier Jahren zeigte er in ſeinen feurigen Schriften wohl große Luſt mit dem Schwerte ge⸗. gen allen Lug und Trug, er mag in der Kutte) im Meß⸗ gewand, in der Schaube, im Harniſch oder Hermelinman⸗ tel ſtecken, weidlich loszuſchlagen, aber neuerdings will er Alles durch die Macht des Wortes allein zwingen. Als ich ihm ſchrieb, dem Evangelium muͤſſe mit dem Schwert Bahn gebrochen werden, antwortete er mir: Ich moͤchte nicht, daß man das Evangelium mit Gewalt und Blut— vergießen verfechte. Durch das Wort iſt die Welt uͤber⸗ wunden worden, durch das Wort iſt die Kirche erhalten, durch das Wort wird ſie auch wieder in Stand kommen, und der Antichriſt, wie er Seines ohne Gewalt bekommen, wird ohne Gewalt fallen.— Das iſt aber eitel Rederei vom Luther, und ſteckt nichts Wahres dahinter. Wohl mit Gewalt und faſt nur mit Liſt und Gewalt hat die Paͤpſterei und die Fuͤrſtenherrſchaft obgeſiegt uͤber das arme Volk. Krieg und Mord haben ſie geuͤbt gegen Einzelne und ganze Voͤlker, die ihnen entſchloſſen und kraftig ent⸗ gegentraten und ihnen ihr Unrecht klar vor der Welt zeig— ten. Gift und Dolch, Fuͤrſten⸗Ritter⸗ und Henkerſchwert, jede Gewalt, jede Buͤberei ſind angewendet worden von Pfaffen und Fuͤrſten, um den frei geſchaffnen Menſchen zu knechten und als Sklaven ſich dienſtbar zu machen; der Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 21 Antichriſt iſt ein Kind der Gewalt, alſo muß er auch mit Gewalt gefaͤllt werden. Wenn das Wort an taube Ohren und Herzen toͤnt und alle geſprochene Wahrheit nichts fruchtet, wenn die Feder vergebens ſtumpf geſchrieben iſt im Kampfe fuͤr Licht, Recht und Wahrheit, dann iſt uns als letztes und wirkſamſtes Mittel das Schwert in die Hand gegeben, damit wir die Luͤgenbrut damit in Stucken zer⸗ hauen ſollen; und Chriſtus der Herr ſpricht ſelber: Ich bin nicht in die Welt gekommen, euch den Frieden zu bringen, ſondern das Schwert. Und wahrlich, Chriſti Wort ſoll uns hoͤher gelten, als Luthers Wort.“ „Wahrlich das iſt auch meine Meinung!“ rief Ulrich Fugger erfreut und erfaßte des ſtuͤrmiſchen Ritters Hand mit Begeiſterung.„Gewalt muß mit Gewalt vertrieben werden. Das Volk iſt ein gefeſſelter Loͤwe, den ſeine Ban⸗ diger verlachen und verhoͤhnen und ihn zum ſchmachvollen Dienſte eines Muͤllereſels herabwuͤrdigen. Wir aber muͤſ⸗ ſen ihm die Erinnerung an den alten Adel ſeines Ge⸗ ſchlechts, wir muͤſſen ihm das Gefuͤhl ſeiner Kraft und Hohheit beibringen; die abſcheulichen Feſſeln des Aberglau⸗ bens, der Bigotterie, des blinden Gehorſams, der Dumm— heit abſtreifen, da wird er benn eines Tags uͤber ſeine uͤppigen und hochmuͤthigen Peiniger herfallen und ſie trotz der vorgehaltenen Monſtranz und des ausgehaͤngten Pur⸗ purmantels zerfleiſchen, wie ſie es verdient haben. Ihr habt ſchon tuͤchtig geſchafft, daß die Stunde der Erloͤſung fuͤr unſer armes deutſches Vaterland bald ſchlage; auch ich 22 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. habe das Meinige gethan, um dem Volke klar zu machen, daß es die pfäffiſchen und adligen Blutegel nicht anders los werden kann, als wenn es ſie abſchuͤttelt und zertritt. Doch die Blutſauger und Bauernſchinder thun ſchon auch das Ihrige, um das große Werk der Befreiung kräftig zu foͤrdern. So hat die Peſt im vorigen Jahre den kleinen ſcheuslichen Tyrannen, den Fuͤrſtabt von Kempten in die Hoͤlle gefuͤhrt, aber den gedrangſalten Bauern der Abtei hat das nichts geholfen; ein Teufel hat nur den andern abgeloͤſt auf dem Fuͤrſtenſtuhle. Der jetzige Abt Seba⸗ ſtian von Breitenſtein ſchindet die Bauern noch toller als ſein Vorfahr. Seit Jahr und Tag ſind von dieſem Men⸗ ſchen Buͤbereien begangen worden, die einem das Herz im Leibe umwendenz er hat die alte Landſteuer auf eine empoͤ⸗ rende Weiſe erhoͤht, eine neue Kriegsſteuer auferlegt und ſchindet dem Bauer, der erſt fuͤnf Schillinge zahlen mußte, jetzt fuͤnf Gulden, alſo das Zwanzigfache des Fruͤhern ab. urkundlich lehnfreie Hoͤfe zieht er als erledigte Lehen ein; von Guͤtern, die vom Zehnten frei waren und deren Be⸗ ſitzer die Freibriefe in den Haͤnden hatten, erpreßt er doch die Zehnten und zerreißt die ihm vorgelegten Briefe. Wenn das Gotteshaus zu Kempten freien Bauern Geld ſchuldet, ſo verſpricht der Abt zu zahlen, ſobald ſie ſich an das Got⸗ teshaus verſchrieben. Thun es die Bauern aus Noth, ſo haben ſie die Freiheit verloren und erhalten doch ihre Zah⸗ lung nicht; denn dem Leibeigenen braucht er nichts zu zah⸗ len, und ſo ſind die armen Leute von dem ſchurkiſchen Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 23 Pfaffen doppelt betrogen, um Geld und Freiheit. Schreit ein ſolcher Bauer uͤber erlittenes Unrecht, ſo wird er in Ketten und Gefaͤngniß gelegt, er wird von Kirche und Sakrament ſo lange ausgeſchloſſen, bis er muͤrbe iſt und einen Eid ſchwoͤrt, zu ſchweigen und weder beim Faiſer noch bei andern Gerichten zu klagen. So wird der neue Fuͤrſtabt von Kempten mit ſeinen Bauern fertig. Sollte man einen ſolchen Wicht nicht lebendig an einem kleinen Feuer roͤſten, bis er die niederträchtige Seele aushauchte? Und wie er, ſo ſind hunderte der edlen Herrn, und die geiſt⸗ lichen ſind immer die ſchlimmſten.“ „Herr mein Gott!“ fuhr der Ritter wild empor und ſtreckte die geballte Fauſt aus.„Das Maß der Buͤberei iſt voll, daß es uͤberlaͤuft. Wir muͤſſen losſchlagen. Mein werther Freund, ich muß Euch in unſer Geheimniß ziehen. Ihr muͤßt Alles erfahren, was wir vorhaben; das Werk der Erloͤſung erfordert Eure Huͤlfe, Eure Kraft. Ja, edler Fugger, hier auf der Ebernburg wird das große Werk vorbereitet. Hier iſt die Schmiede aufgethan, in welcher im Gluͤhfeuer des Geiſtes die Waffen der Wahrheit und des Lichtes gehaͤrtet und auf dem Ambos der Kraft und Mannestugend geſchaͤrft werden. Seht, dort in jenen Zim⸗ mern iſt unſere Buchdruckerei aufgeſchlagen, dort arbeitet unſere Preſſe, meine Büchlein zu vervielfaͤltigen, und von hier ſchicken wir ſie durch gute Boten in alle Welt. Alle die Maͤnner, die Ihr vorhin beim traulichen Vesperbecher beiſammen geſehen, gehoören zu einem Bunde, an deſſen 24⁴ Spitze unſer trefflicher fuͤr die Wahrheit des Evangeliums und fuͤr die Freiheit des Volks hochbegeiſterter Sickingen ſteht. Und noch viel andre gute und wackere Maͤnner ge⸗ hoͤren zu dieſem Bunde. Ihr werdet ſie alle kennen ler⸗ nen; denn auch Ihr werdet dazu gehoͤren, wie ich auf das Beſtimmteſte hoffe. Ich habe in Sickingens Namen und Auftrag an Luther geſchrieben und auch ihm die Ebern⸗ burg als Aſyl angeboten, da er, der in Bann und Acht liegt, in Wittenberg nicht ſicher iſt und ſelbſt vom alten und behutſamen Kurfuͤrſten von Sachſen nicht geſchuͤtzt werden kann. Gewinnen wir ihn fuͤr unſern Plan, ſo haben wir viel gewonnen; ſagt er uns ab, ſo darf uns das nicht irre machen. Mit ihm oder ohne ihn, muͤſſen wir unſer hohes und glaͤnzendes Ziel verfolgen.“ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. „Doch Ihr habt mir dieſes Ziel noch immer nicht deutlich bezeichnet, edler Ritter.“ „Eh' ich dies thue, erlaubt mir noch einige Worte gleichſam zur Einleitung. Wir haben uns lange nicht geſehen. Vor vier Jahren auf dem Reichstage in Augs⸗ burg gingen unſere Anſichten etwas auseinander. Heute, denke ich, werden wir einig ſein. Ich bin fortgeſchritten, Ihr werdet nicht ſtehen geblieben ſein. Viel iſt geſchehen in dieſer drangvollen, thatenſchwangern Zeit. Wir haben ſchier binnen Jahresfriſt einen neuen Kaiſer und einen neuen Papſt erhalten. Ich habe den uͤppigen kurfuͤrſt⸗ lichen Hof zu Mainz verlaſſen und bin in die Herberge * Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 25 der Gerechtigkeit eingekehrt. Es hat ſich viel geaͤndert, und ich bin um zwei große Taͤuſchungen reicher.“ „Ihr meint in Bezug auf den Kurfuͤrſten und auf unſern jungen Kaiſer. Es war in Augsburg viel von Euern neueſten Schickſalen die Rede, und Eure Freunde beklagten Euch aufrichtig.“ „Es iſt uͤberwunden, und ich kann nun offen von mei⸗ nen Plänen und von dem großen Schmerze uͤber ihr Schei⸗ tern reden. Als ich mich dem Kurfuͤrſten anſchloß und mein Lager unter ſeinem praͤchtigen Zelte in Mainz aus⸗ breitete, glaubte ich endlich den rechten deutſchen Mann, wie ihn Deutſchland brauchte, gefunden zu haben, einen hochedeln freigebigen Beſchuͤtzer der Kuͤnſte und Wiſſen⸗ ſchaften, der die Muͤnzen nicht kraͤmeriſch zaͤhlt, die er er⸗ leuchteten Geiſtern mit voller Hand darreicht, einen Feind pfaͤffiſchen Lugs und Trugs, eine erhabene und große Seele, frei von allen kleinlichen und jaͤmmerlichen Dingen, welche die Wuͤrde des Menſchen ſchaͤnden, einen Mann und geiſt⸗ lichen Fuͤrſten, wie er ſein muß, um Segen uͤber das Volk zu bringen. Dazu aus einem alten fuͤrſtlichen Hauſe und der Bruder eines weltlichen Fuͤrſten von gleich großer und liebenswuͤrdiger Geſinnung. Albrecht ließ ſich ganz ſo an, um der hoͤchſten Verehrung aller edeln und braven Deut⸗ ſchen werth zu ſein. Er verhehlte ſeine tiefe Verachtung aller pfaffiſchen Dummheit und Arroganz nicht, er ver⸗ ſpottete die roͤmiſchen Anmaßungen auf eine geiſtreiche Weiſe; er war der Beſchuͤtzer und Freund aller Maͤnner 26 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. mit hellen Koͤpfen und redlichen Herzen, d. h. wie ſich von ſelbſt verſteht, aller Feinde des brutalen und liſtigen Pfaf⸗ fenthums dieſſeits und jenſeits der Berge. Wißt Ihr, wozu ich ihn auserſehn hatte? Zu nichts geringerm als 1 zum deutſchen Papſt. Denn eh' wird nicht Gluͤck, Ruh und Frieden in unſerm ſchoͤnen Vaterlande herrſchen, bis 1 1 es eine ſtarke deutſche Kirche gibt, wie ein ſtarkes deutſches Reich, und an jener Spitze ein maͤchtiger Oberhirt ſteht, 1 wie an dieſer ein maͤchtiger Kaiſer. Wenn erſt der romi⸗ ſche Papſt nichts mehr in Deutſchland und der deutſche Faiſer nichts mehr in Italien wird zu befehlen 03 dann iſt beiden Laͤndern geholfen.“ „Es war ein ſchoͤner Gedanke!“ rief Ulrich Fugger, „aber der weichliche, von den feinſten Genuͤſſen uͤberſaͤt⸗ tigte, characterſchwache Kurfurſt Albrecht iſt trotz aller 3 Schoͤnthuerei mit den Maͤnnern des Lichts und der Frei⸗ 1 heit, nicht der rechte Mann zu ſolchem Werk. Dazu ge⸗ 3 hoͤrt Kraft und Entſchloſſenheit, und er hat nur Geſchmei⸗ 8 digkeit und Glaͤtte.“ „Sagt, er iſt ein Fuͤrſt. Der Kardinalshut, die von den romiſchen Pfaffen gewonnene ſchoͤne Martha, die Schmeicheleien des Papſts! Dieſen Dingen konnte der 8 ſchwache Mann nicht widerſtehen. Ebenſowenig hatte er den Muth, ſich offen fuͤr Rom zu bekennen, dadurch kam er in eine wunderliche Stellung zu mir. Ich hatte kaum vernommen, daß der junge Koͤnig von Spanien auf dem Wege nach Deutſchland ſei, um ſich zum Kaiſer kroͤnen zu Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 27 laſſen, als ich nach den Niederlanden eilte, um erſt ſeinen Bruder, den Erzherzog Ferdinand, dann den Kaiſer ſelbſt fuͤr meine Ideen und Plaͤne zu gewinnen: Losreißung Deutſchlands von Rom, Reformation der deutſchen Kirche, einen ſtarken deutſchen Papſt, einen ſtarken deutſchen Kai⸗ ſer. Die Jugend, rief ich hoffnungsvoll, die Jugend iſt empfaͤnglich fuͤr das Große, Wahre, Rechte; die Jugend iſt leicht zu entflammen fuͤr Gott und Vaterland; die Jugend haßt das Schlechte und Gemeine, das Halbe und Unentſchiedene. Ich glaubte, die Zeit der Erfuͤllungen meiner Hoffnungen und Wuͤnſche ſei da. Ein Kaiſer von zwanzig Jahren, ſein einziger Bruder, der Erzherzog, ſieb⸗ zehn Jahre alt, Juͤnglinge dem habsburger Hauſe ent— ſproſſen, vom Papſt durch die Beguͤnſtigung und Unter— ſtuͤtzung des franzoͤſiſchen Koͤnigs bei der Kaiſerwahl belei⸗ digt; ich meinte, ich muͤßte ſie gewinnen, es ſei nicht an⸗ ders moͤglich. Ach, Fugger, wie arg war meine Taͤu⸗ ſchung! Dieſe Knaben hatten keinen Sinn fuͤr Deutſch⸗ lands Einheit und Groͤße. Der Papſt hatte ſie ſchon ge⸗ wonnen, der junge Kaiſer, dieſe willenloſe Puppe, einigte ſich mit dem ſchlauen Leo. Ich wurde gar nicht vorge⸗ laſſen; die Pfaffen, die die beiden Prinzen wie eine Leib⸗ wache umgaben, hatten mich bereits tuͤchtig angeſchwaͤrzt. Rom hatte Meuchelmoͤrder gegen mich ausgeſandt, und alle Freunde riethen mir, mich ſo ſchnell als moͤglich von Bruͤſ⸗ ſel wieder zu entfernen. Ich verſuchte die ſo hoch geruͤhmte Erzherzogin Margaretha zu ſprechen; der Dichter wollte 28 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. mit Flammenworten zur Dichterin reden— auch ſie ließ mich abweiſen und mir den guten Rath ertheilen, den Hof zu meiden, indem ſelbſt der Faiſer bald nicht mehr im Stande ſein werde mich zu ſchuͤtzen. Die hohen Haͤupter und ihr großer Anhang, jene armen Hundeſeelen, die ſich in menſchliche Leiber verirrt, mieden mich wie einen Peſt⸗ kranken. Wenn es gilt, die ungeſchminkte Wahrheit zu hören und zur That zu ſchreiten, nicht fuͤr fuͤrſtliches In⸗ tereſſe, ſondern fuͤr das des Volks, des Vaterlands, der Menſchheit, ſind die beſten Fuͤrſten eben— Fuͤrſten, ſchwache ſelbſtſuͤchtige Menſchen. Auch Margaretha— ich wiederhole es mit Schmerz— hoͤrte mich nicht. Ich verließ Bruͤſſel, weil ich wirklich meines Lebens dort nicht ſicher war und kehrte nach Mainz zuruͤck. An der glatten Fiſchkaͤlte des Kurfuͤrſten begriff ich, daß hier ferner mei⸗ nes Bleibens nicht ſein konnte. Auch erfuhr ich bald, daß der Papſt ſehr nachdruͤcklich und mit Androhung ſeiner hoͤchſten Ungnade meine Gefangennehmung und Auslie⸗ ferung nach Rom verlangt habe. Meine ſogenannten Freunde am Hofe wichen ſcheu vor mir zuruͤck, und die mir erſt zugejubelt, verlaͤugneten mich wie Petrus den Herrn. Die Schwaͤchlinge! Die kleinen Seelen! Den unmuͤndigen Knaben wollte ich zum großen ſtarken deut⸗ ſchen Kaiſer machen; den kalten feinen ſelbſtſuͤchtigen Kur⸗ fuͤrſten zum grofen ſtarken deutſchen Papſt; ſie ſollten ſich mit dem Volke verbinden, der Schlange des roͤmiſchen Lugs und Trugs den Kopf zertreten, den blutigen Goͤtzen Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 29 kleinlicher Furſtentyrannei ſturzen und Deutſchland zu der Größe fuͤhren, die es uͤber alle Laͤnder des Erdbodens er⸗ heben muß, und deren es wuͤrdiger iſt als irgend ein Land. Ich habe mich geirrt, zu Pfaffen und Hofſchranzen halten ſie wieder; die Schwäche und Jaͤmmerlichkeit der Väter iſt auf die Soͤhne uͤbergegangen. Mich hat das wormſer Ediet nicht uberraſcht; ich wußte vorher, woran ich mit dieſem jugendlichen Kaiſer Karl war. Ich war ſchon enttäͤuſcht; das Edict diente nur dazu, Andere auch zu enttaͤuſchen. Wehe dem Lande, deſſen Koͤnig ein Kind iſt!“ „Und doch ſtandet Ihr bald nach dem Wormſer Reichstage eine kurze Zeit in kaiſerlichen Dienſten,“ warf Fugger ein. „Ja, eine kurze, eine ſehr kurze Zeit!“ ſeufzte Hut⸗ ten.„Es erging mir in dem Dienſte des Kaiſers gerade wie Euch neuerlich mit dem Dienſte des Papſtes. Euch hat Leo noch kurz vor ſeinem Tode auf Eueres Ohms Be⸗ trieb zum Kaͤmmerer gemacht. Das klingt noch ſeltſamer und iſt doch gleichwie den Bock zum Gaͤrtner. Bei mir war der kaiſerliche Dienſt der letzte, mein allerletzter Ver⸗ ſuch mit dieſem jungen Kaiſer. Ich hatte bei meinem Sickingen eine Zuflucht auf ſeiner Burg Landshut gefun⸗ den. Da gewann ihn der Kaiſer als Feldhauptmann und erhob ihn zu ſeinem Rath. Ja, man behauptete allgemein, der Kaiſer ſei hocherfreut uͤber die Gewinnung des maͤch⸗ tigen Ritters. Gleich darauf ließ mir der Kaiſer durch Sickingen eroͤffnen, er wuͤnſche auch mich in Dienſt zu 30 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. nehmen. Sickingen und ich hielten dieſe Schritte fuͤr eine geſchickte Annaͤherung an unſere Sache. Bald hellte ſich der Irrthum auf. Die guten niederlaͤndiſchen Hofſchranzen waren beſchraͤnkt genug zu glauben, ſie wuͤrden mir mit kaiſerlichem Brode das Maul ſtopfen. Sie wollten mich ſchweigen; das war's. Sobald ich klar ſah, quittirte ich den kaiſerlichen Dienſt. Nein, mein Freund, von dieſem kaiſerlichen Knaben iſt nichts fuͤr unſere gute Sache zu hoffen. Schon hat er das Reich wieder verlaſſen, um nach Spanien zuruͤckzukehren. In England iſt er eingekehrt bei ſeinem tollen Ohm, dem Koͤnig Heinrich, dem eitlen Ver⸗ theidiger des Papſtes, dem Luther die rechten und bezeichnen⸗ den Namen gegeben. Gewonnen hat er ihn gegen den Koͤnig Franz, und ſo werden wir bald die alten Kriege zwiſchen Oeſterreich und Frankreich wieder auflodern ſehen, welche uͤber Deutſchland ſchon ſo ſchweres Elend gebracht haben. Wahrlich, es gaͤbe bei uns beſſere und nuͤtzlichere Dinge fuͤr einen Kaiſer zu thun. Hat ſich dieſer Karl um die Noth des Volkes bekuͤmmert? Der blutige Aufſtand der Gemeinen in Spanien gegen ihn haͤtte uns Allen die Augen oͤffnen ſollen. Ein Fuͤrſtenſohn iſt er, der Enkel des ſchwachen Max und des ſchlauen Ferdinand. Sein Vater iſt ein leichtſinniger treuloſer Menſch geweſen, ſeine Mutter iſt die wahnſinnige Johanna. Ich ſag Euch tauſendmal: von dieſem Kaiſer iſt nichts fuͤr unſere gute Sache zu erwar— ten. Wenn wir uns nicht ſelbſt helfen, ſo ſind wir verlo— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 31 ren, und das große Werk, an das wir unſer Beſtes geſetzt, geht mit uns unter.“ „Da wolle Gott vor ſein!“ rief Fugger beſtuͤrzt. „Sagt mir nun gerade heraus, was habt Ihr vor, was gedenkt Ihr zu thun, nachdem Ihr am Kurfuͤrſten Albrecht irre geworden ſeid?“ „Adel, Buͤrger und Bauern zu einem Volk ver⸗ binden, daß ſich einen deutſchen Kaiſer und einen deut— ſchen Papſt waͤhle. Wir konnten uns einſt nicht vereinigenz Ihr wolltet die Macht dem Volke zuweiſen, ich dem Adel; wir werden es nun: aus dem Kerne der deutſchen Ritterſchaft, welche weit mehr volksthuͤmliche Elemente beſitzt, als Ihr ahnet, aus den freiheitliebenden geſinnungs⸗ tuͤchtigen Städtebuͤrgern und aus der im unmenſchlichen Druck ſchmachtenden und kraͤftig aufſtrebenden Bauern— ſchaft muß ein Ganzes geſchaffen werden, ein deutſches Volk. Dieſes vereinigte und feſtzuſammenſtehende Volk gibt ſich ein Oberhaupt aus ſeiner Mitte, es wählt ſich einen Kaiſer. Und da es in Deutſchland keinen zweiten Mann gibt, der die rechte Einſicht mit dem beſten Willen, mit der rechten Thatkraft, der ſchoͤnſten Begeiſterung und der allgemeinen Volksbeliebtheit verbaͤnde, wie unſer edler und trefflicher Freund und Wirth, der ritterliche Franz von von Sickingen, ſo kann und wird nur er deutſcher Kaiſer ſein.“ „Wahrlich, Ihr ſeid kuͤhn in Euern Plaͤnen!“ rief Fugger uͤberraſcht, aber mit dem beifaͤlligen Laͤcheln —————— 32 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ſeines trotzigen Mundes und dem zuſtimmenden Glutblick ſeines blitzenden Auges. „Und hat das vereinigte Volk die Fuͤrſten niederge⸗ worfen, den Pfaffen den Garaus gemacht, die Macht der widerſtrebenden Adeligen und Buͤrger gebeugt, iſt es ſtark und groß unter ſeinem neuen volksthuͤmlichen Kaiſer ge⸗ worden, dann mag es ſich aus ſeinen gelehrten humanen Maͤnnern auch einen deutſchen Papſt erwaͤhlen; und dieſer Kaiſer und dieſer Papſt werden Hand in Hand, getragen von der Liebe und dem Vertrauen des Volkes, unſer ge⸗ knechtetes, niedergetretenes, ausgeſaugtes Vaterland ſchnell zu Kraft und Bluͤthe bringen, und das einige ſtärke Deutſchland wird den kommenden Geſchlechtern herrliche Fruͤchte bringen, wie wir ſie uns kaum traͤumen laſſen.“ „Man hoͤrt's Euch an, daß Ihr ein Dichter ſeid, und ein großes edles Herz dazu. Aber welcher wahre Dichter waͤre nicht ein großes edles Herz, durchgluͤht von Liebe und Begeiſterung fuͤr Volk und Vaterland? Euer Plan iſt dichteriſch kuͤhn und herrlich. Aber dem Kuͤhnen ſteht das Gluͤck bei, dem Kuͤhnen gehoͤrt die Welt, und deshalb ver⸗ zweifle ich nicht an ſeiner Ausfuͤhrung, wenn wir die rechten Mittel anwenden. Was iſt bereits dafuͤr ge⸗ ſchehen?“ „Der ehrenwerthe Theil der Ritterſchaft in Franken und Schwaben, am Ober- und Mittelrhein iſt mehr oder minder bereits dafuͤr gewonnen. Unſere Freunde eilen von Burg zu Burg, unſere Anzahl zu verſtaͤrken, und ſie waͤchſt Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 33 taglich. Und ſelbſt wenn wir Luther nicht fuͤr uns gewin⸗ nen, ſo hat uns ſein Geiſt ſchon beſtens in die Haͤnde ge⸗ arbeitet. Seine treffenden Blitze ſind allermeiſt gegen die uͤbermuͤthigen Pfaffenfurſten gerichtet, und auf dieſe haben wir es ja auch vorzuͤglich abgeſehen. Die beſten Ritter des deutſchen Reichs ſind von Luthers Geiſt erfullt und folgen ſeiner Richtung. Ob er die uͤppigen hochprunkenden Glatz⸗ koͤpfe bloß von der kirchlichen Seite faßt, iſt uns gleich; er faßt ſie eben, und wir faſſen ſie dann von der weltlichen. Ich konnte Euch einige hundert Ritter nennen, die zu uns ſtehen, wenn auch vor jetzt die wenigſten erſt ganz ſo in meinen Plan eingeweiht ſind, wie Ihr. Aber es wird Euch genuͤgen, zu erfahren, daß die Kronberge, Schauen⸗ berge, Fuͤrſtenberge, Helmſtätter, Gemmingen, Menzingen, die Landſchaden von Steinach, die Unſerigen ſind. Auch ſind mehrere unſerer Freunde und Anhaͤnger auf Werbung; Rennenberg wird in Juͤlich und Cleve einen reiſigen Kriegs⸗ haufen zuſammen bringen, der Baſtard von Sombreff wirbt im Erzſtift Coͤln, Franz Voß ruͤſtet im Limburgiſchen, und aus Braunſchweig wird uns Nikel Minkwitz eine an⸗ ſehnliche Macht zufuͤhren. An die Stadte hab ich vor vier Wochen eine Ermahnungsſchrift erlaſſen, worin ich ſie ernſtlich auffordere, die Freundſchaft des Adels anzunehmen und vor allem das neugebackene Reichsregiment, das uns das junge kaiſerliche Blut im Verein mit den Fuͤrſten ge⸗ ſetzt und weiter nichts iſt, als ein rechter Tummelplatz der ungerechten und ſchelmiſchen Fuͤrſtengewalt, zu zerſtören. Der deutſche Leinweber. VII. 3 34 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Ich hab'ihnen gezeigt, daß ſie auf Erden keine ſchlimmeren und tuͤckiſcheren Feinde haben, als dieſe gewaltthätigen, un⸗ redlichen, arggeſinnten Fuͤrſten.“ „Ihr habt mir ja das Buͤchlein ſelbſt geſchickt,“ er⸗ innerte Fugger,„und in Augsburg hatten Eure Boten nicht genug Exemplare; es iſt ſchier verſchlungen wor⸗ den.“ „Straßburg hat uns bereits zugeſagt,“ fuhr Hutten eifrig fort,„andere Staͤdte zeigen ſich willig. In Augs⸗ burg rechnen wir auf Euch, auf meine und Luthers Freunde und Anhaͤnger, auf alle wackern Maͤnnern, die es mit Deutſchlands Wohl redlich meinen und nicht blos Maul⸗ helden ſind. In Nuͤrnberg wird Albrecht Duͤrer fuͤr uns wirken. Er hat den beſten Willen und den rechten Muth fur die gute Sache, wie alle edeln hochbegabten Männer. Mit ihm ſtehen zur guten Sache Hieronymus Ebner, ein herrlicher Mann von gleich großer Gewiſſenhaftigkeit und Sanftmuth, Kaspar Nuͤtzel, Chriſtoph Scheurl, Hierony⸗ mus Baumgaͤrtner, der Rathsſchreiber Lazarus Spengler, der in Geſinnung und Thaͤtigkeit unſerem Peutinger ſo aͤhnlich iſt. Die Augsburger Freunde brauch' ich Euch nicht zu nennen. Und ſo haben wir in andern Staͤdten andere Freunde. Dagegen haben wir unter dem großen Bauernvolke noch wenig Bekanntſchaft, und gerade hier thut ſie uns zumeiſt noth. Denn die Bauern ſind der Natur nach mehr ge⸗ ſchunden worden als die Buͤrger; in ihnen iſt alſo auch — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 35 die Empoͤrung groͤßer, und ihre Kraft iſt friſcher und nach⸗ haltiger als die der Staͤdtebewohner. Viele von ihnen haben in Maximilians Kriegen als Landsknechte gedient und kennen das Kriegshandwerk; viele ſind heuer mit Georg Frundsberg nach Italien gezogen und haben die Franzoſen an der Bicocca wacker geklopft, Mailand und Genua eingenommen und abermals bewaͤhrt, was deutſche Kraft und Tapferkeit vermag. Mit dieſen wackern Bauern laͤßt ſich gegen das Fuͤrſten- und Pfaffengeſchmeis das Meiſte ausrichten.“ „Wahrlich an den Bauern ſoll's nicht fehlen, Ritter Ulrich! Dafuͤr laßt mich ſorgen!“ ſagte Ulrich Fugger, dem Freunde die Hand bietend.„Euer Plan Ritter, Buͤr⸗ ger und Bauern zu verbruͤdern und jedem Stande gleiche Rechte und Pflichten fur das Ganze zuzumeſſen, gefaͤllt mir ſo ſehr, daß ich ganz der Euere bin. Ich kenne die Mittel und die Wege, die arme gedruͤckte und gerupfte Bauernſchaft in Oberſchwaben, Wuͤrtemberg und Tyrol zu bearbeiten, daß ſie zu uns ſteht. Glaubt mir, die zur Ver⸗ zweiflung getriebenen Leute warten nur auf eine gute Ge⸗ legenheit, um gegen ihre Draͤnger und Schinder loszubre⸗ chen. Wir wollen ihnen das Schwert in die Hand geben und die Stelle zeigen, wohin ſie zumeiſt hauen ſollen, daß es fleckt. Haben wir erſt die Bauern von zwei oder drei Landſchaften auf unſerer Seite, fallen uns die andern in allen deutſchen Gauen allmaͤlig von ſelbſt zu. Und mit den Bauern ſind wir unuͤberwindlich. Wer will etwas ge⸗ 3* 36 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. gen uns unternehmen, wenn das Volk unter unſern Fah⸗ nen ſteht? Verſprecht dem deutſchen Bauer halbweg Frei⸗ heit von den unerträglichen Laſten— denn er iſt in ſeinen Forderungen und Beſchwerden wahrlich beſcheiden— und er ſteht zu Euch mit Gut und Blut, mit Leib und Seele. Es gibt auf Erden kein edleres und treueres, kein beſſeres und rechtlicheres Volk als dieſes deutſche; es will nichts als was ihm nach goͤttlichem und menſchlichem Geſetz ge⸗ hoͤrt, es will Recht und Ordnung, Billigkeit und Menſch⸗ lichkeit. Einen tuͤchtigen Kaiſer will es, und ein kraͤftiges Regiment, das jedermann gerecht wird; es will das reine lautere Evangelium von Jeſu Chriſto, wie es die Apoſtel verkuͤndet, und ein ebenſo vernuͤnftiges Kirchenregiment. Und dieſes edle, brave, beſcheidene, arbeitſame und genuͤg⸗ ſame Volk wird fort und fort von Fuͤrſten, hohem Adel und vornehmer Pfaffheit gehetzt und gepeinigt, ſchlimmer als die Thiere des Waldes, und ihm das Blut unter den Naͤgeln hervorgepreßt. O man moͤchte wahnſinnig werden uͤber die Graͤuel! und dann treten wohl auch froͤmmelnde Narren hin, falten die Hände, verdrehen die Augen und kraͤchzen: es ſei Gottes Wille. Der Teufel ſoll dem ſchein⸗ heiligen Pack in die Gedürme fahren!“ „Brav! brav!“ rief der Ritter herzlich lachend und uͤber den Feuereifer des Freundes entzuͤckt. „Ich wollte Euch nur das ſagen,“ fuhr Fugger ge⸗ maͤßigter fort,„mit den Bauern habt Ihr Alles gewon⸗ 6 5 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 37 nen, ohne die Bauern verliert Ihr Alles. Und ich werde Euch die Bauern gewinnen.“ „Wir wußten es, daß wir Euerer Huͤlfe ſicher ſeien,“ ſagte Hutten befriedigt.„Aber wir beduͤrfen ſie noch in anderer Weiſe. Ich kenne Euere reine Geſinnung, und ich weiß, daß Ihr auch ein Mann der That ſeid. Deshalb habe ich keinen Augenblick angeſtanden, mich an Euch zu wenden. Jakob Fugger oder vielmehr Anton Fugger iſt der Geldwechsler des Kaiſers Karl geworden. Werdet Ihr der Geldwechsler des Kaiſers Franz. Dort ſtehen zwei Bruͤder dieſes Hauſes auf Seiten des ſchwachen liſtigen und zweideutigen Karl, auf Seiten der verfluchten Fuͤrſten und Pfaffenmacht, Anton und Raimund; hier werden ebenfalls zwei Bruͤder dieſes Hauſes ſtehen, auf Seiten des feſten, ehrlichen, offenen Ritters Franz, auf Seiten des Volks und ſeiner Freunde, die Bruͤder Ulrich und Hieronymus Fugger, und mit ihrer Huͤlfe werden wir den Ritter Franz bald als deutſchen Kaiſer begruͤßen.“ „Ihr ſeid von Ritter Franz beauftragt, auch uͤber dieſen Punkt mit mir zu unterhandeln?“ „Nur die Einleitung zu machen. Erſelbſt wird dann mit Euch unterhandeln und Euch genaue Nachweiſe uͤber ſein und ſeiner Ehewirthin reiches Beſitzthum vorlegen, eben ſo uber die geldliche Huͤlfe, die ihm von außen feſt zu⸗ geſagt iſt.“ „Gut. Ich werde auch in dieſer Beziehung gern Eueren und Sickingens Willen erfuͤllen; denn ohne be⸗ 38 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. deutende Geldſummen koͤnnt Ihr natuͤrlich nicht zum Ziele kommen. Der ſoll nicht ſagen, er ſtehe zur guten Sache, der Ihr nicht Gut und Blut opfert. Ich werde mein Gut, und wenn's noth thut, auch mein Blut daran ſetzen. Rech⸗ net auf mich und meinen Bruder. Ulrich und Hieronymus Fugger werden den Namen des Hauſes zu neuen und groͤßeren Ehren bringen, als Jakob Fugger je gethan, und als Raimund und Anton Fugger je zu thun im Stande ſein werden. Ja ich geize darnach, mir einen Namen in der Weltgeſchichte zu machen, und hoffe zu Gott, wenn man einſt den Sieg des Lichts und der Wahrheit uͤber Nacht und Luͤge berichtet, mein Name wird neben dem eines U⸗ rich Hutten, eines Franz Sickingen und eines Martin Lu⸗ ther genannt werden.“ „Gebt mir Euere Hand, edler Freund! Und ſo iſt der Bund geſchloſſen fuͤr die gute Sache!“ „Heil der guten Sache!“ rief Fugger, und Hutten zog ihn an die Bruſt und kuͤßte ihn auf die kuͤhne Stirn und die begeiſterten Augen. 7 — Zweites Rapitel. Hieronymus Fugger lebte auf der Ebernburg in einem anhaltenden Rauſche der Begeiſterung. Bald mit ſeinem Bruder und Hutten, bald allein durchwanderte er die Saͤle und Gemaͤcher, wo die Buchdruckerei, die Bibliothek und andere Kunſtſchaͤtze aufgeſtellt waren. Stunden lang ſah er den Setzern und Druckern zu und hatte ein beſon⸗ deres Vergnuͤgen daran, die friſch aus den Preſſen kom⸗ menden Bogen zu leſen, die kuͤhnen und gewaltigen Gei⸗ ſtesblitze, welche Hutten von dieſem hohen Ritter- und Muſenſitze, ſeiner„Herberge der Gerechtigkeit“, in die auf⸗ geregten und immer hoͤher ſteigenden Wogen der Zeit ſchleuderte. Dann wohnte er mit hoher und gluͤhender An⸗ dacht dem nach den Grundſaͤtzen der wittenberger Refor⸗ matoren eingerichteten und von Oecolampadius gehaltenen Gottesdienſt bei. Er bekannte ſich mit ſeinem Bruder oͤffentlich und mit einer ſchwaͤrmeriſchen Hingebung, dem Kinde ſeiner Juͤnglingsbegeiſterung und ſeines edlen Her⸗ zens, zu jenen Grundſaͤtzen und nahm darauf nicht nur 40 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. das Brot, ſondern auch den Wein im Nachtmahle. Denn hier auf der hohen Ritterburg wurde das Heiligthum des Kelches zuerſt zu den andachtdurſtigen Lippen ſtarker Gei⸗ ſter gefuͤhrt, ſie mit dem Blute des Lebens zu tranken, ehe man dies in Wittenberg ſelbſt wagte. Aber der feierliche Kirchenakt, in welchem ſich die beiden Bruͤder Fugger von der paͤpſtlichen Kirche oͤffentlich losſagten, erhielt fur Hie⸗ ronymus durch die Gegenwart einiger neu hinzugekomme⸗ ner Perſonen noch eine beſondere Weihe und hoͤhere Be⸗ deutung. Als naͤmlich die augsburger Freunde auf der Ebernburg anlangten, waren Sickingens Gemahlin und zweite noch unverheirathete Tochter abweſend und zum Beſuch bei der aͤlteren Tochter, Ehewirthin des Ritters Hartmuth, auf Kronberg bei Frankfurt. Aber ſchon nach einigen Tagen waren die Mutter und die beiden Toͤchter angelangt, und die junge Ritterfrau gedachte neben ihrem Ehewirth einige Wochen im Schooße des elterlichen Hauſes zu verleben. Hieronymus wurde beim Anblick der ſchlan⸗ ken edlen Geſtalt des Fraͤuleins Johanna von Sickingen mit dem großen, blauen, ſinnigen Auge und dem verſchamt ernſten Gebahren, zuerſt von jenem beklommenen ſeltſa⸗ men Gefuͤhl uͤberraſcht, welchem die Jugend meiſt keinen Namen zu geben vermag, da ſie ſich unter der Liebe meiſt ein ganz anderes Gefuͤhl denkt. Obgleich Hieronymus ſchon im dreiundzwanzigſten Jahre ſtand, hatte er doch noch kein Auge fuͤr die Schoͤnheit der Toͤchter ſeiner Va⸗ terſtadt gehabt. Die ſtille Schwaͤrmerei ſeiner tiefen Seele —— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 41 hatte allein den großen und maͤchtigen Ideen gegolten, welche die Welt bewegten. Vielleicht hatte ihn auch ſeine ſchwaͤchliche und kraͤnklich ausſehende Geſtalt, das natuͤr⸗ liche Erbe ſeines Vaters, davon abgehalten. Er wufßte es, daß er keiner der jungen Maͤnner war, die durch Friſche oder Schoͤnheit der Geſtalt ſich Herzen zu gewinnen ver⸗ moͤgen. Nur zu der ſchoͤnen Martha Bry, als ſie im Hauſe ſeiner Mutter lebte, hatte er eine Neigung gefaßt, die indeſſen bei weitem mehr die Natur der Geſchwiſter⸗ liebe, als der Geſchlechtsliebe hatte. Auch war Martha drei Jahre aͤlter als er, und er ſchien ſie ſpaͤter faſt ver⸗ geſſen zu haben. In der Schreibſtube ſeines Bruders hatte er emſig des Geſchäftes gewartet, in den Mußeſtunden die Schriften Huttens und Luthers und anderer hervorragen⸗ der Geiſter der Zeit verſchlungen. Fuͤr andere Vergnuͤgun⸗ gen, und namentlich fuͤr das Frauenzimmer ſchien er keinen Sinn zu haben. Seine koͤrperliche Unanſehnlichkeit brachte es zumeiſt mit ſich, daß er in Geſellſchaft ſchuͤchtern und verlegen, und Jungfrauen gegenuͤber meiſt ſtumm war, und ſo war er allerdings nicht geeignet, bei den gefallſuͤch⸗ tigen und luſtigen vornehmen Buͤrgerstoͤchtern Augsburgs Gluͤck zu machen; aber ihr geſpreitztes ſtolzes Thun und Weſen gefiel ihm eben ſo wenig, und ſo waren ſie einan⸗ der ziemlich fern geblieben. Hieronymus' verſchloſſene und ſchwer zu oͤffnende Seele hatte ſich mit gluͤhender Phan⸗ taſie das Traumbild einer Geliebten geſchaffen, welches, ohne daß er es wußte, die meiſten Zuͤge von ſeiner Lieb⸗ 42 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. lingsſchweſter Sibylle, der lieblichen ſanften Ehewirthin Marp von Buͤbenhovens, entlehnte. So ſinnig, ſo rein, ſo edel, gut und tugendhaft ſollte das Mädchen ſeiner Wahl ſein. Aber er ſuchte ſie nicht, er hatte auch kein heftiges Beduͤrfniß ſie zu finden; ihr Bild ſtand eben vor ſeiner Seele, und das genugte ihm. Jetzt, als er im hohen Grade angeregt von der Reiſe durch das ſchoͤne Schwaben und die reizende Rheingegend, von dem Aufenthalt auf der Burg, die als eine Pfalz des Lichts und der Wahrheit in den Traͤumen ſeiner trunkenen Phantaſie gelegen, von den Worten der Maͤnner, die er anbetete und hier in einem großartigen Verein fand, an nichts weniger als Minneluſt dachte, trat ihm ploͤtzlich ein herrliches jugendliches Frauen⸗ bild entgegen, welches ſein Traumbild an weiblicher Wuͤrde, Hoheit und Schoͤnheit bei weitem uͤbertraf, und er fuͤhlte ſich— eingedenk ſeiner verkuͤmmerten Geſtalt— von all dieſer Herrlichkeit beſturzt, gedruͤckt, eingeſchuͤchtert und doch auch wieder geiſtig erhoben und beſchwingt. Er war ſich ſelbſt ein Raͤthſel. An ſeinem, ſeiner Schweſter Si⸗ bylle nachgebildeten Traumbilde fehlte jener Heiligenſchein der hoͤchſten weiblichen Wuͤrde, jenes unverkennbare Etwas von Erhabenheit, was wie ein Strahl von Goͤttlichkeit ein edles und ſchoͤnes Frauengebild umfließt und ein empfaͤng⸗ liches Maͤnnerherz gleichſam zur Anbetung zwingt; aber gerade dieſer ätheriſche Glanz leuchtete in koͤſtlicher Fuͤlle von Johanna's reiner, jungfraͤulicher Stirne. Deshalb konnte er ſich das ſcheue wunderbare Gefuͤhl nicht deuten, 2 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 43 daß ihn in ihrer Nähe ergriff und ihn auch nicht wieder verließ, wenn er ſie nicht ſah; es hatte viel Aehnliches mit dem Gefuͤhle, das ihn in der Kirche bei der Verkuͤndigung des reinen Gotteswortes, beim Genuß des Leibes und Blu⸗ tes Chriſti uͤberkam; und als er nun in ihrem Beiſein und mit ihr und allen Bewohnern und Gaͤſten der Ebern⸗ burg das geſegnete Brot und den Wein genoß und ſich bei dieſen heiligen Pfaͤndern des Glaubens zu der reinen und wahren Lehre Chriſti bekannte, da war es ihm ſtets, als ſei er von Engelsfluͤgeln getragen, von Engelshaͤuptern um⸗ ſchwebt, aus denen Johanna's Antlitz, als das eines Engels hervorſtrahle. Noch niemals hatte ſich der ſtille ſchwaͤrme— riſche Juͤngling in einer ſo hochbegeiſterten Stimmung be⸗ funden; es war der feierlichſte Tag ſeines Lebens, und es war im ſtets, als muͤſſe er vor der heiligen Johanna nie⸗ derſinken und ſie anbeten. Aber auch nur ein einziges Wort an ſie zu richten, vermochte er nicht, und nur zu⸗ weilen wandte er bei Tafel, oder wo ſie ſonſt zuſam⸗ men waren, einen verſtohlenen Blick auf ſie. Traf es ſich dann, daß ihr unbefangenes ruhiges Auge dem ſeinigen be⸗ gegnete, ſo ſchlug er es ſchnell und hocherroͤthend zu Boden, als ſei er auf einer Unziemlichkeit betreten worden. Auf dieſe Weiſe verſtrich dem ſtillen wunderlichen Schwaͤrmer die Zeit des Aufenthalts auf der gefeierten Burg. Vom Ritter Franz und den zahlreichen Freunden desſelben, ſowie vorzugsweiſe von den Frauen guͤtig behan⸗ delt, ſelbſt von Johanna nicht ſelten mit einem freund⸗ 44 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. lichen Worte begluͤckt, das er in ſeiner ſeligen Befangen⸗ heit aber ſelten zu erwiedern den Muth fand, lebte Hiero⸗ nymus in einem anhaltenden erhoͤhten Zuſtand; aber nie⸗ mand ahnte, von welcher Seite demſelben die ſtaͤrkſte Nah⸗ rung kam. Er wufßte es ſelbſt nicht recht. Die Verhand⸗ lungen zwiſchen Sickingen, Hutten und Ulrich Fugger ge⸗ diehen unterdeſſen zu Ende; die Vertraͤge waren abge⸗ ſchloſſen, und die Abreiſe feſtgeſetzt. Da erwachte in Hie⸗ ronymus der Schmerz der Trennung, und dieſer ſteigerte ſich ungemein, als er in einem Zwiegeſpraͤch mit ſeinem Bruder erfuhr, daß Johanna in Kronenberg, der Burg und Stadt ihres Schwahers Hartmuth, die Bekanntſchaft eines jungen Adeligen aus dem fraͤnkiſchen Geſchlecht der Roſenberge gemacht, daß der Vater deſſelben bereits bei Sickingen habe anfragen laſſen, und die Werbung von Sickingens Schwager, dem Ritter Goͤtz von Berlichingen, unterſtuͤtzt worden ſei, Sickingen und ſeine Anhänger ſich aber ſchmeichelten, durch dieſe beabſichtigte nahe verwandt⸗ ſchaftliche Verbindung mit einem ſo beruͤhmten, reichen, angeſehenen und zahlreichen Geſchlecht, wie das der Roſen⸗ berge, einen maͤchtigen Anhang mehr zu gewinnen. Hieronymus wußte nun plotzlich, daß er Johanna liebe, aber er verſchloß den Schmerz, ſie an einen andern Gluͤcklichen zu verlieren, feſt und tief in ſeine Bruſt, und nur als er der Geliebten die Hand zu Abſchied reichte, zitterte ſie, und eine Thräne fiel auf die ihrige. Das unbefangene Maͤdchen ahnete am wenigſten, was in dem bleichen zarten ¹ . Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 45 Juͤngling vorging, und er verſchwieg es ſorgfaͤltig ſeiner Umgebung. Erſt auf der Ruͤckreiſe und daheim bemerkte Ulrich die Veränderung, welche mit dem Bruder vorge⸗ gangen war, aber ohne näher auf den beſondern Fall ein⸗ zugehen, nahm er Gelegenheit, zu erwaͤhnen, daß Franz von Sickingen, als einer der erſten und vornehmſten Ritter des Reichs ſeine Tochter nimmermehr einem Manne von niederem Adel zur Chewirthin geben werde. Auch halte er dafur, daß ſelbſt der junge Ritter Kunz von Roſenberg niemals ihre Hand erhalten werde, und Sickingen dieſes Verhältniß nur benutze, um ſeinen Anhang zu verſtaͤrken. Habe er aber ſein Ziel erreicht, ſo ſei Johanna gewiß fur kein geringeres Ehebett beſtimmt, als das eines der erſten Reichsfuͤrſten. Damit wollte er den ungluͤcklichen Hierony⸗ mus troͤſten. Er konnte an nichts bemerken, ob dieſe ſeine Abſicht gelungen war. Die beiden Bruͤder entwickelten naͤmlich, kaum in Augsburg wieder angekommen, eine un⸗ gemeine Thätigkeit zu Gunſten des Plans, in welchen ſie auf der Ebernburg eingeweiht worden waren. Aber dieſe Thätigkeit war ſo gerauſchlos als moͤglich und vermied alles Aufſehen. Eines Abends ſchlich Ulrich in der unſcheinbaren Klei⸗ dung eines gemeinen Mannes, den breiten Hut tief in's Geſicht gedruͤckt, in die Fuggerei und verſchwand hinter der Thur des Haͤuschen, welches ſchon eine Reihe von Jahren die Wohnung der Frau Eleonore van der Voort geweſen war. Eine ebenfalls gemeingekleidete hohe Frau empfing 46 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ihn mit einer ſtummen Handbewegung hinter der Thuͤre, druͤckte dieſe dann ins Schloß und ſchob den Riegel vor. Dann fuͤhrte ſie den ſpäten Beſuch in ein kleines hinten hinaus gelegenes Stuͤbchen. Es war Eleonore, und ob⸗ gleich ſie jetzt im dreiundvierzigſten Jahre ſtand, ſo verrieth. die edle Koͤrperform immer noch ihre ehemalige Schoͤnheit, und ſelbſt in dem entſtellten Antlitz konnte man jetzt wie⸗ der mehr Spuren ehemaliger Reize entdecken, als in den ungluͤcklichen Tagen, wo ſie der Rachedurſt nach Spanien getrieben hatte. Aber unverkennbar hatte ihre ganze Er⸗ ſcheinung viel Maͤnnliches. „Was wuͤnſcht Herr Urich Fugger von mir, daß er mich ſo dringend um eine Unterredung hat erſuchen laſ⸗ ſen?“ fragte ſie kalt. „In der That, es hat mir viel Muͤhe gekoſtet, Euch zu dem, wie es ſcheint, fur Euch großen Opfer zu bewe⸗ gen, daß Ihr mir eine Stunde ſchenkt. Ich weiß nicht, womit ich es bei Euch verdorben habe, daß Ihr Euch hartnaͤckig vor mir verlaͤugnen laßt.“ „Laſſen wir das! Der Grund liegt nicht in Eurer Perſon. Ihr ſeht, ich hab' Euch noch gewillfahrtet. Sagt mir kurz was iſt Euer Begehr?“ „Frau Eleonore, ich kannte ſonſt Euere Grund⸗ ſaͤtze; Ihr kanntet die meinigen. Wir haben uns lange nicht geſehen, und ich weiß nicht, ob Ihr unterdeſſen urſache hattet, die Eurigen zu aͤndern. Ich hange den meinigen noch feſt an, und mein Beſuch hat zuvoͤrderſt Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 47 die Abſicht, Euch zu fragen: wie es mit den Eurigen ſteht. Hat etwa Euer Aufenthalt am glaͤnzenden Hofe des hoch⸗ gefeierten Kurfuͤrſten Euch mit den Pfaffen und Fuͤrſten und mit den Pfaffenfurſten ausgeſoͤhnt?“ „Hab' ich unterdeſſen am Hofe des Kurfuͤrſten gelebt, ſo ſeid Ihr derweil Kaͤmmerer des Papſtes ge⸗ worden,“ verſetzte die Wittwe kurz und nicht ohne Bosheit. „So meint Ihr, koͤnnten wir gegenſeitig aufheben,“ lachte Ulrich.„Nun ich ſagte Euch ſchon: obgleich Kaͤm⸗ merer des Papſts, ſind meine Grundſätze doch die fruͤhern geblieben, und vielleicht haben ſie ſich in meinem Amte erſt recht befeſtigt. Wahrlich und ich verſehe mich zu Euch, es iſt Euch mit dem Hofleben in Mainz ebenſo ergangen. Wären wir Beide nicht die Alten noch mit Leib und Seele, ſo wuͤrden wir hier in dieſer Stube einander nicht gegen⸗ uͤber ſitzen.“ „Wenigſtens wuͤßte ich nicht, was Ihr bei mir zu ſuchen hättet; denn daß ich nicht die Freundin des Kur⸗ fuͤrſten bin, und daß meine hoffaärtige Schweſter ihre thoͤ— richte Rolle in Mainz ausgeſpielt hat, iſt Euch laͤngſt be⸗ kannt. Alſo erſpart mir das bittere Grefuͤhl, mir Fragen vorzulegen uͤber dieſe Dinge; denn ich werde Euch doch nicht Rede ſtehen Und das war auch der Grund, wes⸗ halb ich nur ungern den Kaͤmmerer des Papſtes bei mir ſehen wollte.“ 48 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. „In dieſer Beziehung koͤnnt Ihr Euch beruhigen. Ich komme wahrlich nicht als paͤpſtlicher Diener zu Euch. Und wenn ich auf Euern Aufenthalt in Mainz und auf die bittern Erfahrungen, die Ihr zuletzt am Hofe des„groß⸗ muͤthigen Albrecht gemacht, hindeutete, ſo geſchah es wahrlich in anderer Abſicht, als Euch eine Schamroͤthe auf die Wangen zu jagen.“ „Nun ſo ſagt endlich: in welcher geſchah es?“ „Um zu erfahren, ob Ihr bereit waͤret, etwas Kuͤhnes gegen die Fuͤrſten und Pfaffen zu unternehmen, oder viel⸗ mehr mich und andere Leute,— deren Namen Ihr auch erfahren ſollt, bei einem tuͤchtigen Unternehmen gegen die Plackerei der Kleriker und gefurſteten Herren zu unter⸗ ſtuͤtzen.“ Eleonore ſah den Verſucher mit einem durchdringen⸗ den Blick an und ſagte dann:„Seid verſichert, daß mein Grimm gegen dieſe uͤbermuͤthigen Menſchen ſich in Mainz angefriſcht, wenn auch nicht geſteigert hat; denn das war nicht wohl moͤglich. Aber meine Wuth wurde von der Schamroͤthe zur hellen Flamme angefacht, daß ich mich noch einmal hatte verlocken laſſen, mit einem Purpurtraͤ⸗ ger, und noch dazu mit einem geſchornen, Friede zu ſchlie⸗ ßen. Laßt mich daruͤber hinweggehen; ich fuͤhle, wenn ich daran denke, etwas von der Natur einer Hyaͤne oder Tige⸗ rin in mir.“ „So gefallt Ihr mir, Frau!“ rief Ulrich.„Ich will p Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 49 Euch Gelegenheit geben, Euern Eifer gegen die verhaßten Großhaͤnſe in Thätigkeit zu ſetzen und Eurer Natur den Willen zu thun.“ Und er ergriff ihre Hand und ſprach mit einer gewiſſen Feierlichkeit:„Frau Eleonore, es han⸗ delt ſich um nichts Geringeres, als den herzloſen Knaben, den uns die hohe Staatsweisheit der Kurfuͤrſten im Bunde mit dem Gelde meines Ohms zum Kaiſer gegeben, wieder vom Throne zu werfen und einen wuͤrdigen Mann hin⸗ aufzuheben. Es handelt ſich darum, die Macht der Fuͤr⸗ ſten und des Klerus mit Einem Schlage zu brechen, das deutſche Volk vom ſchmaͤhlichen Druck zu befreien und die Freiheit und Einheit Deutſchlands unter einem ſtarken Volkskaiſer herzuſtellen. Und dieſer Kaiſer wird Franz von Sickingen, ſein Reichskanzler wird Ulrich von Hutten ſein. Daraus entnehmt, wie es ferner um die Macht des Papſtes und der hohen Pfaffheit beſtellt ſein wird.“ In Eleonorens Augen hatte ſich waͤhrend Fuggers Rede ein unheimlicher Glanz entzuͤndet, der mit jedem ſei⸗ ner Worte zunahm; zuletzt leuchteten ſie wie beutegierige Tigeraugen; ihre Geſichtszuͤge waren mit dunkler Glut uͤbergoſſen, die Narben darin funkelten wie Flaͤmmchen; ihre Hand ergriff krampfhaft Fuggers Hand und mehr ſtöhnend oder heulend als ſprechend ſtieß ſie die Worte heraus:„Dem Knaben Karl! Dem winzigen Kaiſerlein! Seinem Knaben! Und den Pfaffenfuͤrſten! Ja ich bin Dein, reicher Fugger, mit Leib und Seele Dein! Deine Ein deutſcher Leinweber. VII. 4 50 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Magd, Dein Knecht, Alles was Du willſt, wenn Du mir Stillung dieſes gluͤhenden Rachedurſtes in Ausſicht ſtellſt. Befiehl mir, reicher Mann, befiehl mir, der Bettlerin! Was ſoll ich thun? Was ſoll ich vollbringen, Deinen herr⸗ lichen Plan zu unterſtuͤtzen?“ „Wir beduͤrfen vor allen Dingen der Bauern. Sie muͤſſen vorſichtig vorbereitet werden auf das, was geſchehen ſoll. Gedruͤckt, gepreßt, geſchunden ſind ſie zwar genug, und der Geiſt der Empoͤrung— Dank ihren Peinigern — auch in ihnen; in allen Gauen Oberſchwabens, am Rhein, im Schwarzwald und weiter haben ſie große Luſt wieder einen Bundſchuh aufzurichten. Ihrem Geiſte fehlt aber noch das rechte Feuer, ihrer Bewegung die rechte Richtung. Sie muͤſſen erfahren, fuͤr was ſie ſich zu er⸗ heben haben. Das Ziel muß ihnen gezeigt werden, auf welches ſie hinzuarbeiten haben; ſie muͤſſen alle unterein⸗ ander verbuͤndet werden. Und dies ſei Eure Aufgabe, Frau; Eure wichtige Aufgabe. Ihr ſeid ſchon ſonſt als Mann verkleidet als mein Bote hinuͤber gegangen nach Krain und Kaͤrnthen, Ihr habt ſchon ganz Schwaben als Bilderhändler durchwandert. Sucht alſo Euern Bilder⸗ kram und Eure Maͤnnerkleider wieder hervor und tretet die Wanderung wiederum an. Wendet Euch zuerſt in den Allgaͤu und in den Schwarzwald. Wißt Ihr: als Karſthans ſollt Ihr gehen, als jener beruͤhmte Karſthans Ulrichs von Hutten; der Bquernfreund, den er dichteriſch in ſeinem Buͤchlein geſchaffen, ſoll in Euch zur Wirklich⸗ ð Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 31 keit werden. Und das Buͤchlein ſelbſt ſollt Ihr unter den Bauern verkaufen oder verſchenken, wie's kommt, und dazu ſagen: ſeht, dieſer Karſthans bin ich ſelbſt und will euch das Evangelium der Freiheit noch muͤndlich verkuͤnden. Dann belehrt ſie, was ſie zu thun haben, um den roͤmiſchen Papſt und all das Pfaffengeſchmeis los zu werden und die laͤſterliche Fuͤrſten⸗ und Adelsbrut dazu.“ „Ich will's!“ rief Eleonore jubelnd.„Als Karſthans will ich das ganze Land durchziehen und den Bauer r auf⸗ ſtacheln und aufhetzen gegen die verfluchten Dränger.“ Sie reichten ſich die Haͤnde und ſchloſſen den Bund. „Und wo iſt Eure Schweſter Martha?“ fragte Fug⸗ ger.„Wuͤrde ſie keine Rolle in unſerm Spiele uͤber⸗ nehmen?“ „Ich weiß nicht, wo ſie iſt. Ich habe nichts wieder von ihr gehoͤrt, ſeit ſie mit dem Doktor Fauſt von dannen gezogen iſt.“ Ulrich verließ die kuͤhne Frau in ſpaͤter Nacht. Nach einigen Tagen war ſie wieder aus ihrem Haͤuschen ver⸗ ſchwunden. Aber auch Ulrich Fugger verweilte nicht lange in der Stadt. Nachdem er bei ſeinem Ohm Jakob be⸗ deutende Summen aufgenommen, angeblich zu einem gro⸗ ßen Geſchaäft mit Venedig, reiſte er nach Schwaz zuruͤck, um durch geheime Agenten die Bergleute, Hirten und Bauern des Innthales und des benachbarten Hochlandes zu bearbeiten.“ —————— 52 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Fuͤr einen nicht tiefer in die Verhaͤltniſſe des Hauſes Fugger eingeweihten Beobachter mochte es allerdings auf⸗ fallend ſein, den feurigen ulrich Fugger mit ſeiner leiden⸗ ſchaftlichen Liebe fuͤr Licht, Wahrheit, Recht, mit ſeinem oft uͤberſprudelnden Eifer fur die Sache des unterdruckten ausgeſogenen Volks in leidlichem Frieden und in enger Geſchaͤftsverbindung mit ſeinem Oheim Jakob und ſeinen Geſchwiſterkindvettern Raimund und Anton zu ſehen, ja der Titel und die Wuͤrde eines papſtlichen Kämmerers, den er noch vom Papſte Leo erhalten, mochte Manchen uͤber die Aechtheit ſeiner Farbe bedenklich machen. Die Sache verhielt ſich ſo. Obgleich Ulrich mit ſeinem Bruder Hieronymus ein eigenes Geſchaͤft betrieb, ſo war dies doch von derſelben Natur und Art, wie das Geſchaͤft ihres Ohms oder viel⸗ mehr ihrer beiden Geſchwiſterkindsvettern Raimund und Anton: Handel und Bergbau, und die täglichen Beruͤh⸗ rungen waren unvermeidlich. Jede Spannung zwiſchen den beiden ſich ſo nah verwandten Haͤuſern wirkte natuͤr⸗ lich auf den Geſchaͤftsbetrieb beider nachtheilig. Dazu kam, daß es der Gutmuͤthigkeit des alten Jakob bald un⸗ ertraͤglich war, mit dem Sohne ſeines Bruders Ulrich in einem kalten und unfreundlichen Verhältniß zu ſtehen, zu⸗ mal er mit allen Schweſtern Ulrichs in der herzlichſten Eintracht lebte und Anna von Turzoin und Sibylle von Buͤbenhoven als ſeine eigenen Toͤchter hielt und liebte. Der Alte that alſo heimliche Schritte, ſich ſeinem Neffen Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 53 zu naͤhern, ihn allmaͤlig zu gewinnen und von dem falſchen Wege auf den rechten zu leiten. Ulrich wurde von ſeinen Schweſtern beſtuͤrmt, dem Ohm mit Liebe entgegen zu kommen, das Geſchehene zu vergeſſen und die Zukunft zu bedenken. Und dieſe war allerdings fuͤr einen Kaufmann, der der natuͤrliche Miterbe eines Geldfuͤrſten iſt, von gro⸗ ßer Wichtigkeit. War es nicht wahrſcheinlich, daß Jakob, wenn Ulrich bei ſeinem Sinn beharrte, dieſen und vielleicht auch Hieronymus enterbte? Mußte nicht Ulrich vorzuͤglich auf das Wohl und den Vortheil ſeines juͤngern Bruders bedacht ſein und deshalb alle moͤglichen Ruͤckſichten neh⸗ men? Von der andern Seite trat noch ein anderer Mo⸗ ment hinzu. Durch Antons großartige Thaͤtigkeit hatte ſich das uͤberſeeiſche Geſchaͤft ungemein vergroßert; der oſtindiſche Handel brachte ungeheuern Vortheil, erheiſchte aber auch ungeheuere Kapitalien. Ebenſo war es mit den beabſichtigten Handelsunternehmungen in Weſtindien, wozu die Fugger ſich bereits mit den Welſern vereinigt hatten. Der projectirte Bergbau auf Gold in Spanien und in der neuen Welt war ebenfalls ein Lieblingsplan Antons wie ſeines Ohms, aber es mußte ihnen wuͤnſchenswerth ſein, daß auch noch andere Geldkraͤfte dabei in Bewegung ge⸗ ſetzt wuͤrden; und doch durften ſie fremde auch nicht gern dabei betheiligt ſehen. Die Vettern Ulrich und Hierony⸗ mus waren dazu ohnſtreitig die rechten Leute, und fuͤr dieſe waren die einträglichen Unternehmungen Antons das rechte Geſchaft; denn Ulrich wie Hieronymus waren als leiden⸗ 54 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ſchaftliche Gemuͤthsmenſchen viel zu gewaltig von der gei⸗ ſtigen Bewegung der Zeit ergriffen, als daß ſie ſo geſchickte Geſchaͤftsleute haͤtten ſein ſollen, wie der kalte bedächtige Anton, der, ganz das Ebenbild ſeines Ohms, gleichſam der jung gewordene Jakob, wiederum wie dieſer der Geſchaͤfts⸗ fuͤhrer und Erwerber fuͤr die ganze Fuggerſche Familie zu werden ſich anließ. Dies waren die Hauptgruͤnde, wes⸗ halb die beiden Haͤuſer ſich näherten und wieder zu Einem zuſammenzuſchmelzen Miene machten. Um aber den „Tollkopf Ulrich,“ wie Jakob ihn nannte, zu heilen und zu verhuͤten, daß er auch den kleinen Hieronymus mit ſei⸗ nen„verruͤckten“ Gedanken und Reden anſtecke, hatte der alte Ohm bei ſeinem Freunde, dem Papſte Leo, ein gutes Wort eingelegt, und auf dieſe Weiſe war Ulrich, der Pfaf⸗ fenfeind, der Haſſer des Papſtes und Roms, zum paͤpſt⸗ lichen Kämmerer ernannt worden, eine Charge von großer und einflußreicher Wichtigkeit. Ulrich nahm ſie an und mußte ſie annehmen, wollte er es nicht mit ſeinem Ohme und deſſen Haus, ja mit ſeinen eigenen Schweſtern und Schwägern fuͤr immer verderben. Sein Sinn empoͤrte ſich gegen die Annahme, aber die Tante Sibylle, die ihm ſtets gewogen war, und ſeine Schweſtern, namentlich die Nonne Felicitas, redeten ihm ſo lange zu, bis er Ja und Amen dazu ſagte. Nun erſt war Jakob mit ihm aus⸗ geſoͤhnt und hoffte ihn vollends ganz zu bekehren. Wie wenig Grund zu dieſer Hoffnung war, zeigte der Beſuch der beiden Bruͤder auf der Ebernburg und deſſen Folgen. Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 55 Vor Jakob und Anton blieben dieſe Schritte natuͤrlich jetzt noch ein tiefes Geheimniß. Die Zeit draͤngte ſchon Er⸗ eigniſſe herbei, welche die kuͤnſtlich verſtopfte Fuge in der Familie wieder von einander riſſen. —————— Drittes Rapitel. Auf der Ebernburg wurde der große und herrliche Plan, der ſchoͤnſte und kuͤhnſte, welcher in Bezug auf eine poli⸗ tiſche Umwaͤlzung in Deutſchland jemals gefaßt worden iſt, mit all der Kraft und dem Nachdruck gefoͤrdert, welche die Haͤupter deſſelben beſaßen. Hutten, Oekolampadius, Bucer und andere Freunde verließen die Burg, um ſelbſt als Boten und Werber des edeln Sickingen hinauszuzie⸗ hen in die weſtlichen und ſuͤdlichen Provinzen des deutſchen Reichs und in die Schweiz; einige gingen ſogar in das noͤrdliche Deutſchland, um unter der Ritterſchaft Anhang und bewaffneten Zuzug fuͤr Sickingen zu gewinnen. Der Hauptbote war natuͤrlich Hutten, und er ging von Schloß zu Schloß, um den Adel und die Staͤdte fuͤr den Sturz der Fuͤrſten⸗ und Pfaffengewalt zu begeiſtern, was ihm freilich nicht immer gelang. Er war von Sickingen be— vollmaͤchtigt, vorzuͤglich mit der Eidgenoſſenſchaft zu un⸗ terhandeln und ihre ſtarke Unterſtuͤtzung zu vermitteln. Das gemeine Volk in Schwaben und am Rhein ſollte erſt —————— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 57 mit in die Bewegung gezogen werden, wenn die vereinte Ritterſchaft losgeſchlagen und ſich mit den Städten ver⸗ einigt hätte. Boten flogen hin und her. Zuſagen und Verſprechungen wurden uͤberall gegeben. Manche mein⸗ ten es gewiß ernſtlich und treu damit, wie der Graf Fuͤrſten⸗ berg, ein wahrer Freund und Anhaͤnger Sickingens; ebenſo Straßburgz Andere dagegen ſagten nur zu, um die Mah⸗ ner los zu werden, Andere gedachten bei ſich, erſt dem Verlauf der Sache zuzuſehen, um ſich danach zu beſtim⸗ men und den Ruͤcken zu decken, bei den Wenigſten zuͤndete Sickingens und Huttens Begeiſterung fuͤr die große Sache der Freiheit vom zwiefachen Joch. Der gluͤckliche Moment des Handelns zur Erhebung des Volks gegen ſeine ſcham⸗ loſen Tyrannen iſt in Deutſchland ſtets durch kuͤhle Ueber⸗ legung und feiges Abwartenwollen verſaͤumt worden. Die Begeiſterten handelten ſtets zu raſch, die Verſtaͤndigen ſtets zu langſam, und ſo gingen die Kräfte der Partei ausein⸗ der, und ſtatt Freiheit wurde nur groͤßere Tyrannei er⸗ reicht. Daſſelbe traurige Schickſal traf auch Sickingens und Huttens großes Unternehmen. Sie ſelbſt trieb der gewaltige kuͤhne Geiſt zur raſchen That, waͤhrend die, auf deren Verſprechungen und Huͤlfe ſie vertrauten, ſich eines verderblichen Zauderns ſchuldig machten. Am meiſten ſchadete in der Schweiz und in Oberſchwaben der aus ſei⸗ nem Lande vertriebene Herzog Ulrich von Wuͤrtemberg der großen Sache; er und ſein geheimer, aber zahlreicher An⸗ hang arbeitete uͤberall mit Erfolg Huttens Bemuͤhungen 58 Dir Sturmvögel zum Bauernkrieg. entgegen; denn Sickingen hatte ja bei der Vertreibung des Herzogs eine ſehr thaͤtige und einflußreiche Wirkſamkeit entfaltet, und Hutten war ſeit Jahren der erbittertſte Feind des gewaltthaͤtigen Fuͤrſten; niemand hatte ihm in der oͤffentlichen Meinung mehr geſchadet, als der federgewandte kuͤhne Ritter. Sickingens Seele gluͤhete und duͤrſtete nach Thaten. Er war der Meinung, wenn der erſte Schlag gelungen ſei, wuͤrden ihm vön allen Seiten die Heerhaufen der Ritter und der Städte zuziehen, die Zweifelhaften wuͤrden ſich fuͤr ihn erklaͤren, die Bedaͤchtigen Muth gewinnen. Dann wollte er das gehoͤrig vorbereitete Landvolk zum Kampfe aufrufen. Manche ſeiner Freunde waren nicht derſelben Anſicht. Es ergingen Abmahnungen, jetzt noch nicht feind⸗ lich aufzutreten, aus ßiner naͤchſten Umgebung an ihn. Die Beſonnenen hielten das Unternehmen noch nicht reif genug. Aber das Verhaͤngniß riß ihn, trotz dieſer War⸗ nungen, hin. Das geworbene Kriegsvolk lagerte theils in der Ebernburg, theils im Nahethal; von Hutten kamen feurige Ermahnungen loszuſchlagen: die Eidgenoſſen wuͤr⸗ den unverzuͤglich ein Huͤlfsheer ſenden; von Ulrich Fugger liefen aus Tyrol Gelder und gute Nachrichten ein; ebenſo von andern Seiten die erwuͤnſchteſten Zuſagen von maͤch⸗ tigen Rittern, Staͤdten und Korporationen. Sickingen glaubte nicht laͤnger zoͤgern zu duͤrfrn. Mit einem wohl⸗ geruͤſteten Heere von fuͤnftauſend Landsknechten und fuͤnf— zehnhundert Reiſigen nebſt dem gehoͤrigen Geſchutz, that er — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 39 den erſten feindlichen Schritt auf der Bahn, die er und Hutten vorgezeichnet hatten. Es war gleichſam das Vor— ſpiel zu dem großen Drama des heldenmuͤthigen Kampfes gegen die beſtehende Macht, gegen die materielle und gei⸗ ſtige Unterdruͤckung des deutſchen Volks, zu welchem er jetzt den Vorhang aufzog. Dieſes Vorſpiel war eine Fehde gegen den Kurfuͤrſten von Trier, den zweideutigen und brutalen Richard von Greifenklau. Mit dem Sturz die⸗ ſes ihm perſoͤnlich verhaßten Erzbiſchofs ſollte ſeinen An⸗ haͤngern Muth gemacht und die Zaudernden herbeigelockt werden. Und dieſer erſte Schlag ſchien ſo leicht ausfuͤhr⸗ bar; in Sickingens Seele waltete gar kein Zweifel an dem beſten Erfolge dieſes Unternehmens. Den Vorwand zu dieſer Fehde mußte eine wenig bedeutſame Treuloſigkeit des Erzbiſchofs abgeben. Dieſer hatte naͤmlich zwei ſeiner Umerthanen, fuͤr die ſich Franz von Sickingen verbuͤrgt, von der Erfuͤllung ihrer Verbindlichkeiten zuruͤckgehalten. Im Abſagebrief war der Ritter aber ſo ehrlich, dem Pfaf— fenfurſten gleich den rechten Grund anzugeben und mit der wahren Farbe ohne alle Umſchweife herauszugehen. In einem gedruckten und im erzbiſchoͤflichen Gebiele verbrei⸗ teten Aufrufe ſagte er:„Ich begehre euch zu erloͤſen von dem ſchweren unchriſtlichen Joche und Geſetz der Pfaffheit und zu evangeliſchen lichten Geſetzen und chriſtlicher Frei⸗ heit zu bringen.“ Und Hutten rief Allen in einer Druck⸗ ſchrift zu, daß Sickingen das Schwert ergriffen habe,„um dem Evangelium die hart verſchloſſenen Thuͤren wieder zu 60 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. oͤffnen.“ Der Kurfurſt von Trier hatte ſich eines ſolchen Angriffs keineswegs verſehen; denn Sickingen hatte uͤberall ausſprengen laſſen, ſeine Ruͤſtungen gelten dem Koͤnig Franz von Frankreich. St. Wendel, die trierſche Stadt, ſiel durch Sturm in Sickingens Haͤnde, der am 7. Sept. vor Trier ſtand. Es war ein ſchlauberechnetes Spiel, dieſe ſchnell improviſirte Fehde gegen Richard von Greifenklau, aber gerade an der Schlauheit der Berechnung ging es verloren. Um naͤmlich die eigentliche Abſicht, den großen Kampf gegen die herrſchende Macht nicht zu verrathen, be⸗ theiligten ſich die zunaͤchſt angeſeßnen Ritter, welche Hut⸗ ten geworben hatte, nicht an dieſer Waffenprobe, dieſem kleinen Verſuchskrieg, nur begonnen, um das verſammelte Kriegsvolk zu beſchaͤftigen und ihm den Sold aus trier⸗ ſchen Mitteln zu zahlen. Der Zuzug der Verſtärkung ſollte jetzt blos aus den Niederlanden kommen, wo Sickin⸗ gen durch ihm ergebene Ritter ein Heer werben ließ. Un⸗ terdeſſen wollte er die trierſchen Staͤdte einnehmen und ſich im Futter des Erzbiſchofs ſtaͤrken zu dem Hauptſchlage, der zu Anfang des kuͤnftigen Jahres geſchehen und an welchem ſich dann alle Ritter und Staͤdte, die ihm zuge⸗ ſagt, betheiligen ſollten. Bis dahin hofften ſie auch mit dem Landvolk in Schwaben, Franken und am Oberrhein ſo weit zu ſein, um eine allgemeine bewaffnete Erhebung deſſelben zu bewerkſtelligen. Das Gluͤck des erſten leichten Unternehmens ſollte dem ſpaͤtern ſchweren Vorſchub leiſten; Ritter, Städte und Bauern ſollten friſchen Muth gewin⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 61 nen, fuͤr Sickingen und die Freiheit ins Feld zu ziehen, wenn ſie den tapfern Ritter als Sieger im fetten Erzbis⸗ thum Trier begruͤßen koͤnnten. Aber die Fuͤrſten durchſchaueten Sickingens und Hut⸗ tens Plan; es waren auch hie und da einige unvorſichtige und uͤbermuͤthige Stimmen von Sickingens Freunden und Soͤldnern verlautet, die ſchnell verbreitet und richtig ge⸗ deutet wurden. Der Scharfſinn der Fuͤrſten, nie leben⸗ diger, als wenn es gilt, ihren Vortheil zu wahren, begriff bald, auf was dieſe unſcheinbare Fehde des ſtarken und gefuͤrchteten Ritters hinzielte, und ſie zweifelten nicht daran, daß die Niederlage des Kurfurſten von Trier das Vorſpiel ihrer eignen ſei. Sie ſchreckten aus ihrer ſchwel⸗ geriſchen Behaglichkeit empor; an den Hoͤfen ertoͤnte das Angſtgeſchrei: in viel hundert Jahren ſei nichts ſo Ge⸗ faͤhrliches wider die Reichsfurſten unternommen worden, als womit Sickingen umgehe, und: der Ritter und ſein poetiſcher Freund ſeien die allergefaͤhrlichſten Menſchen im Reiche; zu allen unerhoͤrten Dingen faͤhig, gehen ſie damit um, Alles uͤber den Haufen zu werfen, ſo daß man bald nicht mehr wiſſen ſolle, wer Kaiſer, Fuͤrſt oder Herr ſei. Der Kurfuͤrſt von Trier ſchrie das Reichsregiment um Huͤlfe an; die Seele dieſes Regiments waren aber eben die Reichsfuͤrſten, die damit die Macht des Kaiſers ſelbſt laͤhmten. So unthätig es nun auch war, ſo lang es die Abſtellung von Uebelſtänden galt, die den Fuͤrſten zum Vortheil gereichten— und das ganze Reich war voll ſol— ——— „—————— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. cher Uebelſtaͤnde— ſo raſch und nachdruͤcklich rief es jetzt die benachbarten Landesherrn zum eiligen Kriegszug gegen den gefährlichen Ritter auf. Und dieſe folgten dem Ruf mit derſelben ungewohnten Eile. Der von den Fuͤrſten abhaͤngige und im Zaum gehaltene Adel wurde aufgebo⸗ ten; es war, als wuͤchſen Heere aus dem Boden. So ſchnell war in Deutſchland ſeit Menſchengedenken nicht gehandelt worden. Sickingen aber erließ ein Manifeſt an dieſen wider ihn in Waffen gerufenen Adel, worin er ſagte: „Wollte Gott, ihr hättet euch beſſer bedacht! Warum zie⸗ het ihr wider euch, euere Kinder und Kindeskinder? Warum zerreißet ihr eure Freiheit und wollt Knechte und Gefan⸗ gene der Beſchornen ſein? Denkt ihr nicht, wenn Franz mit ſeinem Anhange uͤberwunden ſein wird, wie ſie nach⸗ her euch einen Zaum mund Gebiß in das Maul legen und euch fuͤhren werden, wohin ſie wollen? Ihr wollt denen helfen, die den deutſchen Adel mit Luͤgen verderbt und euer väterliches Gut an ſich gezogen haben, als da ſind die be⸗ ſchornen Knaben, die Stifter und Klöſter. Ihr und die Eurigen leiden Mangel; ſie leben in Saus und Braus, und verthun das Eurige mit Huren, Hoffart, Vollerei, Buͤberei. Und nun wollt ihr euer Leben auch noch fuͤr ſie einſetzen? Ja, ſie wollen unſere Seelen auch verderben, da ſie uns das Cvangelium Chriſti und das Wort Gottes nicht predigen laſſen und auch ſelbſt nicht predigen, und erdruͤcken unſere Seelen mit ihren eigenen Träumen, Er⸗ findungen, Geſetzen, Lehren und gleißenden Worten.“ Aber 7 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 63 dieſe Worte waren bei ſeinen Standesgenoſſen verloren; ſie wollten lieber ihren eigenen Verderbern, die ihnen jetzt ſchmeichelten, dienſtbar ſein, als ſich mit Franz zu ihrer Freiheit verbinden. Gemeine Sklavenſeelen ſchrecken vor der Freiheit, wie vor einem Geſpenſt zuruͤck, und der deut⸗ ſche Adel, wie die deutſchen Buͤrger beſtanden, entnervt durch die Einfluͤſſe der uͤppigen und luͤgneriſchen Pfaffheit, zu⸗ meiſt aus gemeinen Sklavenſeelen. Hutten und Sickingen waren ihnen ſchon um deshalb verhaßt, weil ſie das Joch abwerfen wollten. Es war eine bittere Taͤuſchung dieſer beiden großen Maͤnner, auf den Beiſtand der Pfaffen⸗ und Fuͤrſtenknechte zu rechnen.„ ² Die Fuͤrſten ſandten an Sickingen abmahnende Bo⸗ ten; er empfing ſie mit Trotz und Spott. Sein Herr, der Faiſer, antwortete er ihren Vorſtellungen, werde nicht zuͤr⸗ nen, wenn er den Pfaffen ein wenig ſtrafe und ihm die Kronen (Thaler) eintränke, die er vom Koͤnig von Frankreich gewon⸗ nen habe. Andern erwiederte er: er wolle ſich eines Thuns unterſtehen, deſſen ſich kein roͤmiſcher Kaiſer unterſtanden habe. Er ſelbſt werde eine neue Ordnung im Reiche ein⸗ fuͤhren; von einer Entſcheidung des Kammergerichts zwiſchen ihm und dem Erzbiſchof wolle er nichts wiſſen. Er habe ein Gericht um ſich, beſetzt mit Reiſigen, wo man mit Buͤchſen und Karthaunen entſcheide. Als der Reichs⸗ herold in Sickingens Lager einritt, ſagte er lachend:„Nun ich ſoll des Regiments alte Geigen noch einmal klingen hoͤren.“ 64 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Im Kloſter St. Maximin bei Trier hatte der Kur⸗ fuͤrſt reiche Vorraͤthe aufgehaͤuft, welche Sickingen fuͤr ſein Heer beſtimmt hatte. Aber ehe der Pfaffenfuͤrſt ſich in die befeſtigte Stadt zuruͤckzog, zuͤndete er das Kloſter mit eigener Hand an, und der Ritter fand nur noch die rau⸗ chenden Truͤmmer. Dieſer Umſtand machte einen unange⸗ nehmen Eindruck auf die Soͤldlinge, welcher dadurch ſehr vermehrt wurde, daß Trier nicht mit einem Handſtreiche genommen werden konnte. Denn die Buͤrger der Stadt, mit welchen Sickingen im Einverſtaͤndniß war, wagten, von den Reiſigen, die der Kurfurſt noch ſchnell und zur rechten Zeit hineingeworfen hatte, ſcharf beobachtet, nichts zu un⸗ ternehmen, die Mauern und Thuͤrme wurden von den Va⸗ ſallen des Erzbiſchofs, trotz aller vernuͤnftigen Ermahnun⸗ gen Sickingens, gut bewacht, und die Beſchießung der Stadt zog ſich lange hin und fuͤhrte zu keinem Reſultat. Eine verdrießliche Stimmung bemaächtigte ſich des Belage⸗ rungsheeres; aber noch ſchlimmer wurde die Lage des Rit⸗ ters, als von den aus dem Norden erwarteten Zuzuͤgen auch nicht einer zu ſeiner Verſtaͤrkung anlangte. Der Her⸗ zog von Juͤlich und Cleve, in deſſen Lande der Ritter Ren⸗ neberg fuͤr Sickingen einen Heerhaufen geworben, drohete jedem, welcher dem gefaͤhrlichen Meuterer zuzoͤge, mit Ver⸗ luſt von Lehen und Leben und vereitelte dadurch den Zug. Dieſelbe Machination gelang durch das gleiche Mittel dem Kurfuͤrſten von Koͤln, in deſſen Gebiet der Baſtard von Sombreff eine Reiterſchaar zuſammengebracht hatte. Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 65 Michel Minkwitz hatte im Braunſchweigiſchen fuͤnfzehnhun⸗ dert Knechte gewonnen und zog mit ihnen dem Kriegs⸗ ſchauplatz zu; aber der Landgraf Philipp von Heſſen uber⸗ fiel den Zug, nahm den Fuͤhrer gefangen und uͤberredete die Landsknechte, ſtatt in Sickingens, in ſeine eigenen Dienſte zu treten. Andere Zuzuͤge aus dem Limburgiſchen, Luͤneburgiſchen und Weſtphaliſchen, erlitten durch furſtliche Intriguen und Vaſallenhaufen aͤhnliche Schickſale. Sie wurden gefangen, zerſtreut und am Weiterziehen verhin⸗ dert. Wohl zogen maͤchtige Kriegsſchaaren gen Trier, aber es waren die in Eile aufgebotenen Mannſchaften und rei⸗ ſigen Zeuge des Landgrafen Philipp von Heſſen und des Kurfuͤrſten Ludwig von der Pfalz, welche dem bedraͤngten Furfuͤrſten von Trier zu Huͤlfe eilten. Beide Fuͤrſten wa⸗ ren dem raͤnkevollen Erzbiſchof nichts weniger als freund⸗ lich geſinnt, ja der der lutheriſchen Lehre mit demſelben Eifer wie Sickingen ergebene Landgraf war ſogar ein of⸗ fener Widerſacher deſſelben, und der Pfaͤlzer Kurfuͤrſt war ſogar Sickingens alter Goͤnner, Freund und Dienſtherr; aber jetzt galt es, die fuͤrſtlichen Intereſſen einer drohenden Gefahr gegenuͤber zu retten; da hielten die Feinde zuſam⸗ men gegen den Freund. Alles fuͤrſtliche Blut hatte begrif⸗ fen, daß Sickingens Erhebung keine Fehde gegen eine Per⸗ ſon, ſondern ein Krieg gegen die Fuͤrſtenmacht uͤberhaupt war, ſie mochte nun weltlich oder geiſtlich ſein, und ſo haͤtte wenigſtens Sickingen nicht ſchmerzlich erſtaunen ſollen, den pfaffenfeindlichen Landgrafen und den ihm per⸗ Ein deutſcher Leinweber. vII. 5 66 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ſoͤnlich befreundeten Kurfurſten Ludwig, durch den er ſogar zuerſt emporgekommen war, dem treuloſen, hinterliſtigen und verächtlichen Erzbiſchof zu Huͤlfe eilen zu ſehen. Und doch war es ein harter Schlag fur den kuͤhnen Ritter, um ſo haͤrter, je unerwarteter er war. Unmoͤglich konnte er der vereinigten Macht der Fuͤr— ſten unter den Mauern Triers Stand haltenz es waͤre ſein ſicherer Untergang geweſen. Nachdem er eine Woche ver⸗ gebens vor der Stadt gelegen, zog er ſich vor dem heran⸗ ruͤckenden Feinde zuruͤck. In dieſer Woche liegt die Ent⸗ ſcheidung des Schickſals Deutſchlands fur länger als drei Jahrhunderte. Man hat oft behauptet und ſchon zu jener Zeit, wenn Sickingens Plan gelungen wäre— und er ware jedenfalls gelungen, wenn der Kurfuͤrſt von Trier waͤre beſiegt worden— ſo wäre ſtatt des Fuͤrſtenregiments ein freches, wildes, herzloſes Adelsregiment in Deutſchland aufgekommen. Dies iſt ſehr zu bezweifeln. Sickingen haͤtte ſich, um ein ſtarker Kaiſer zu werden, auf die bereits auf⸗ gerufene Volkskraft ſtutzen muſſen, und dadurch wäre ein Adelsregiment unmoͤglich geworden. Jedenfalls wäre der verderbliche Einfluß Roms auf Deutſchland fuͤr immer ge⸗ brochen geweſen, und die von Luther ausgehende reine evangeliſche Lehre hatte, ſo weit die deutſche Zunge klingt, nirgend mehr Widerſtand gefunden. Sickingen hatte zu fruh losgeſchlagen. Ein halbes Jahr ſpaͤter wuͤrde ſein und Huttens großer und kuͤhner Plan gluͤcklich ausgefuͤhrt worden ſein. Hoͤchſt wahrſcheinlich wuͤrde ſich Luther fuͤr Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 67 den ſiegreichen Sickingen erklaͤrt haben; fuͤr den ſich erſt ruͤſtenden ſich ſchon zu erklaͤren, verbot ihm die Klugheit. Er hatte auf Huttens und Sickingens Einladung eben⸗ falls geantwortet: die reine Lehre des Evangeliums muͤſſe durch die in ihr liegende Kraft des goͤttlichen Worts ſelbſt ſiegen; mit dem Schwerte ſei ihr nicht gedient.— Haͤtte aber das fuͤr die religioͤſe Freiheit eben ſo gut wie fuͤr die politiſche gezogene Schwert Sickingens, der roͤmiſchen Pfaf⸗ fenherrſchaft in Deutſchland mit einem Male den Garaus gemacht, ſo wuͤrde ſich Luther wohl eines Andern beſonnen und ſich erinnert haben, daß das ſiegreiche Schwert Karl des Großen fuͤr die Ausbreitung des Chriſtenthums in Deutſchland tauſendmal mehr gethan hat, als alle Lehre und Kraft des in ihm wohnenden goͤttlichen Worts⸗ Sickingen verſuchte auf ſeinem Ruͤckzug noch verge⸗ bens, Kaiſerslautern zu uͤberrumpeln, entließ dann, da ihn die vereinigten Fuͤrſten nicht verfolgten, einen großen Theil ſeines Kriegsvolks und warf ſich in ſeine neu und gut be⸗ feſtigte Burg Landſtuhl. Aber am 8. Oktober wurde vom Reichsregiment die Reichsacht uͤber ihn erklaͤrt. Die Fuͤr⸗ ſten hatten guten Grund, ihn nicht zu verfolgen; ſie fuͤrch⸗ teten den Loͤwen in Verzweiflung; erſt wollten ſie ſeine Anhaͤnger ſtrafen und vernichten. Zuerſt wandten ſie ſich gegen den wackern Eidam Sickingens, den fuͤr Luthers Lehre ſo fromm begeiſterten Hartmuth von Kronenberg. Ein Heer von dreißigtauſend Mann Fußvolk trat vor die Veſte, aus welcher der Ritter, ſolcher Uebermacht weichend, 5* Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 68 geflohen war. Kronenberg ergab ſich und wurde vom Land⸗ grafen, als heſſiſche Landſtadt in Beſitz genommen. Dann ging der Zug gegen Saalmuͤnſter, die Burg Frowens von Hutten, des Oberhofmeiſters des Kurfuͤrſten von Mainz und Oheims Ulrichs von Hutten,„weil er ſich des Aufruhrs theilhaftig gemacht und erklaͤrte Aechter bei ſich aufgenommen.“ Die Burg wurde zerſtoͤrt, die andern Burgen Frowens beſetzt. Der Kurfuͤrſt Albrecht von Mainz, nicht ohne guten Grund in ſtarkem Verdacht, mit Sickin⸗ gen im Einverſtaͤndniß geweſen zu ſein, wurde von den verbuͤndeten Fuͤrſten um fuͤnfundzwanzigtauſend Gulden geſchaͤtzt,„weil er einen Trupp ſickingiſcher Pferde habe unverwehrt uͤber den Rhein gehen laſſen; das ſei der Ur⸗ ſachen eine, die andern ſtecken in der Feder.“ In der That hatte der feine und ſchlaue Albrecht von Brandenburg im Geheimen mit Hutteis altem Lieblingsplan wieder gelieb⸗ aͤugelt: er moͤchte wohl deutſcher Papſt werden, wenn Sickingen deutſcher Kaiſer wuͤrde. Er haͤtte gerne geerntet, was Luther und Hutten geſät, aber er hatte zu ſeinem Gluͤck noch nicht gewagt, mit der Schnitterſichel hervorzu⸗ treten, und wirklich war die Saat noch nicht reif geweſen. Jetzt wurde ſie zwar ſcheinbar verwuͤſtet, aber die ausge⸗ fallenen Koͤrner wucherten im Boden fort, um in ſpaͤteren Jahrhunderten eine deſto reichere Ernte zu geben, die nicht einem ſchlauen uͤppigen Pfaffen, ſondern dem ganzen deut⸗ ſchen Volke, der ganzen Welt zu gute kommen wird. Gleiches Schickſal wie Frowen von Hutten, hatten Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 69 noch zwei von Sickingens thaͤtigen Verbuͤndeten, Philipp Weiß zu Haußen in der fuldiſchen Mark, und Rudecker im feſten Hauſe Ruckingen; Andere ſuchten ſich durch Ver⸗ trag zu retten. Entferntere Verbuͤndete des geaͤchteten Rit⸗ ters wurden mit einem ähnlichen Ungewitter bedroht; ſo der Graf Wilhelm von Fuͤrſtenberg und der kecke Eitelfritz von Zollern, ja die ganze fraͤnkiſche Ritterſchaft war durch die erbitterten Fuͤrſten gefaͤhrdet, und es half ihr nichts, daß ſie Sickingen nicht geradezu mit bewaffnetem Zu⸗ zuge unterſtuͤtzt hatte; die Fuͤrſten wußten, daß ſie ſein Vorhaben beſtaͤrkt, ſich zu ihm gehalten, ſich als ſeine Freunde bekannt und im Falle eines Siegs uͤber den Kur⸗ furſten von Trier mit ſtarker Macht zu ihm geſtoßen ſein wuͤrden. Der ſchwäbiſche Bund erſah ſeinen Vortheil und trat um die Bewegung des Adels gaͤnzlich zu unterdruͤcken, auf Seite der Fuͤrſten, namentlich einigte er ſich mit dem Kur⸗ fuͤrſten von der Pfalz. Aber er uͤberhob ſich ſogleich und forderte die fraͤnkiſchen Ritter vor ſein Bundesgericht, um ſie wegen einiger Landesfriedensbruͤche zu vernehmen. Er griff alſo verletzend in die Rechte des Reichsregiments, und dieſes, erſt von Sickingen und ſeinen Freunden verſpottet, trat jetzt ploͤtzlich, um der Anmaßung des ſchwaͤbiſchen Bun⸗ des und einiger ſiegreichen Fuͤrſten nachdruͤcklich zu begeg⸗ nen, als Schuͤtzer des mit Sickingen verbunden geweſenen Adels auf. Erſt hatte das Regiment den Ritter ohne La⸗ dung in Acht erklaͤrt, einige Monate ſpaͤter ſchlug es den 70 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Fuͤrſten die erbetene Reichshuͤlfe gegen Sickingen ab, ver⸗ urtheilte ſie auf Frowen von Huttens Klage, ihm ſeine Haͤu⸗ ſer zuruͤckzugeben, und drang in ſie, Kurmainz die gewalt⸗ ſam auferlegte Schatzung zu erlaſſen. Die fraͤnkiſchen Rit⸗ ter waren in Mainz zuſammengekommen und hatten hier den Beſchluß gefaßt, ſich dem ſchwaͤbiſchen Bund zu wider⸗ ſetzen; einige Mitglieder des ſchwaͤbiſchen Bundes trugen beim Reichsregiment auf ein Verbot der ritterſchaftlichen Zuſammenkuͤnfte und Verbindungen anz ſtatt deſſen ſagte das Regiment den verbuͤndeten Rittern ſeinen Schutz zn. Durch dieſe merkwuͤrdige Wendung ſtiegen Sickin— gens Ausſichten wieder. Auf dem Schweinfurter Tage, den er vorzuͤglich veranlaßt hatte, erhielt er viele Zuſagen; Ul⸗ rich von Hutten zog unermuͤdet in Oberſchwaben und in der Schweiz umher und warb mit Wort und Schrift; Balthaſar Stoͤr, ein Emmiſſaͤr der Ebernburg, warb am Oberrhein; Franz Voß, der treueſte Anhaͤnger Sickingens, in Niederdeutſchland. Ja aus Boͤhmen langten Verſpre⸗ chungen redlicher Ritterhuͤlfe auf dem Landſtuhl an. Sickingens Freunde hofften ſogar auf eine allgemeine Er⸗ hebung aller Lutheriſchen zu Gunſten des Ritters. Dieſer ſelbſt befeſtigte ſeine Burg immer mehr und hoffte ſich zwei bis drei Monate, wo die Huͤlfe von allen Seiten ein⸗ treffen konnte, zu halten. Selbſt der alte Kurfuͤrſt von Sachſen, die Hauptſtutze des Reichsregiments, ſah es jetzt gern, daß Sickingen ſich ſo maͤnnlich trotzig behauptete; es galt ja die Befeſtigung des Reichsregiments gegen die Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Willkuͤr einiger Fuͤrſten und des ſchwaͤbiſchen Bundes.— Aber dieſe Fuͤrſten zauderten nun auch nicht länger, ihre verbundene Macht vor den Landſtuhl zu fuͤhren. Am 30. April 1523 eroͤffneten ſie das Feuer aus ihren Kar⸗ thaunen, Nothſchlangen und Scharfmetzen gegen die Burg. Es zeigte ſich bald, daß Sickingen, der ſich noch einmal nach alter Ritterweiſe in ſeiner Burg vertheidigen wollte, ſich verrechnet hatte. Die Kriegskunſt der Neuzeit hatte das Ritterthum bereits uͤberwunden und duldete keine Verſchanzungen in einer Burg mehr. Sickingens Verſuch, das bereits in den letzten Zuͤgen liegende Ritterthum mit der jungen Volkskraft und dem erwachten pfaffenfeind⸗ lichen religioͤſen Beduͤrfniß friſch zu beleben, war ein un⸗ glucklicher und deshalb vergeblicher. Ritterthum und Volk konnten nie ein Ganzes werden, weil ſie eben von Grund aus feindlich gegen einander waren. Die Mauern und Thuͤrme widerſtanden den Kugeln nicht, um ſo weniger, da ſie noch neu waren. Sickingen ging voll ſchwerer Be⸗ kuͤmmerniß nach einer Schießſcharte, um, an das Sturm⸗ geraͤth gelehnt, den Verlauf des Sturms zu uͤberblicken. Aber gerade auf dieſe Lucke war eben eine Karthaune ge⸗ richtet, und kaum war der Ritter vorgetreten, als der Schuß fiel, die gut treffende Kugel das Geruͤſt auseinan⸗ der warf und ihn ſelbſt mit ſolcher Gewalt gegen einen ſpitzigen Balken ſchleuderte, daß er dadurch toͤdtlich ver⸗ wundet niederfiel. Seine Getreuen trugen den beſinnungsloſen Mann 72 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ins Burggewoͤlbe, welches von allen Gemaͤchern allein der Gewalt der Kugeln widerſtand. Als er wieder zu ſich ge⸗ kommen war, brach er in verzweiflungsvolle Klagen aus: „Wo ſind nun meine Herren und Freunde, die mir ſo viel zugeſagt haben? Wo iſt Fuͤrſtenberg? Wo bleiben die Schweizer, die Straßburger?“ Der ungluͤckliche, toͤdtlich verwundete Mann erfuhr es nicht mehr, daß dem ihm treu ergebenen Grafen Fuͤr⸗ ſtenberg die ſchwere Noth des Freundes unbekannt geblie⸗ ben war. Der Bote, welchen Sickingen an ihn geſchickt, war von den Fuͤrſtlichen aufgefangen worden, und der Graf erhielt die Nachricht vom Mißgeſchick des Ritters zugleich mit der ſeines Todes. Er erfuhr auch nicht, wie der rachſuchtige Ulrich von Wuͤrttemberg alle Bemuͤhungen ulrichs von Hutten in der Schweiz hintertrieben hatte. Sickingen kapikulirte und trug dem Gebrauch nach auf freien Abzug an. Die Fuͤrſten ſchlugen dieſen ab.„Ich werde nicht lange ihr Gefangener ſein,“ ſagte er bitter, als er mit ſchwerer Hand die Kapitulation unterſchrieb. Als die Furſten in das Gewölbe traten, umflorte die Nacht des Todes ſchon ſeine Augen ſo, daß er ſie kaum zu unterſcheiden vermochte. Der Pfälzerkurfuͤrſt, der ihm ſtets gewogen geweſen, trat zuerſt erſchuͤttert an das Ster⸗ belager und richtete einige freundliche Worte an den Ster⸗ benden.„Gnaͤdiger Herr,“ entgegnete dieſer,„ich hätte nicht geglaubt, daß ich ſo enden wuͤrde.“ Der Kurfuͤrſt von Trier ſprach ihn dagegen mit dem — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 73 Vorwurf an:„Was haſt Du mich geziehen, Franz, daß Du mich und meine armen Leute im Stift uͤberfallen haſt?“ „Und mich,“ fuͤgte der Landgraf hinzu,„daß Du mein Land in meinen unmuͤndigen Jahren uͤber⸗ zogen?“ „Ich habe jetzt einem groͤßeren Herrn Rede zu ſtehen,“ verſetzte Sickingen edel, groß und einfach.— Auf die Frage ſeines Kaplans Nikolaus: ob er zu beichten begehre, antwortete er ruhig:„Ich habe Gott in meinem Herzen gebeichtet.“ Da rief ihm der Kaplan die Worte des letzten Tro⸗ ſtes zu und erhob die Hoſtie; die Fuͤrſten entblößten das Haupt und knieten, die Haͤnde faltend, am Bette nieder. Im Hintergrunde knieten ſchluchzend getreue Kriegsmaͤn⸗ ner. In dieſem Augenblick hauchte Sickingen die ſtolze Seele aus. Er war der letzte deutſche Ritter in der edelſten Bedeutung, und während die letzten Strahlen des ſpaͤten Abendroths des Ritterthums um ſein tapferes Haupt eine unvergaͤngliche Glorie woben, kuͤßten die erſten Strahlen des jungen Morgenroths einer neuen, einer ganz andern Zeit ſeinen ſinkenden Scheitel. Daß er beide Zeiten, die untergehende und die aufſteigende miteinander vereinigen, das Ritterthum zu neuer Bluͤthe und die reine Lehre des Evangeliums von der Freiheit zur allgemeinen Geltung unter einem ſtarken Kaiſerthum vereinigen wollte, war ſein Fehler, an dem er zu Grunde ging. Haͤtte er das Ritter⸗ 74 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. thum aufgeben und ſich entſchließen koͤnnen, ein volks thuͤmlicher Kaiſer zu werden, er wuͤrde ein hohes Ziel er⸗ reicht und Deutſchland zu einem hohen Ziel gefuͤhrt haben. In der Fuͤlle ſeiner Kraft war er gefallen, zweiund⸗ vierzig Jahre alt, eine hohe herrliche Geſtalt, einer der edelſten deutſchen Maͤnner. Seine Famile war auf der Ebernburg; deshalb entbehrte er ſterbend die Pflege ſeiner Lieben. Seine Feinde frohlockten bei der Nachricht von ſeinem Ende:„Nun iſt der Afterkaiſer todt!“— Niemand hatte mehr Urſache, ſich uͤber ſeinen Fall zu freuen, als Kai⸗ ſer Karl. Das Schickſal hatte ihn ohne ſein Zuthun abermals von einem Sturme befreit, der ihm hoͤchſt wahrſcheinlich die Kaiſerkrone vom Haupte geweht haben wuͤrde. Alle Burgen Sickingens und ſeiner Freunde fielen in die Haͤnde der ſiegreichen Fuͤrſten; es waren zuſammen ſiebenundzwanzig. Die auf dem rechten Rheinufer eignete ſich der Landgraf zu, in die auf dem linken theilten ſich der Pfalzgraf und der Erzbiſchof. Am laͤngſten hielt ſich die Ebernburg, von Sickingens wuͤrdiger Gattin tapfer vertheidigt. Hier hatte der Ritter ſeine Schaͤtze aufgehaͤuft, herrliche Kleinodien zu weltlichem und geiſtlichem Gebrauch. Die Beute war uͤber Erwarten koſtbar. Als Johanna am Arm ihrer Mutter aus der Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 75 reizenden Burg auswanderte, ſagte ſie ſtolz:„Was liegt an dieſen Dingen! Unſer Stern iſt untergegangen; was koͤnnten uns noch Gold und Edelſteine erfreuen? Wir haben nicht nur eine Kaiſerkrone verſpielt, ſondern auch das edle theuere Haupt, das ſo wuͤrdig war, ſie zu tragen; kann uns auf Erden noch Tand und Prunk erfreuen? Mein Pfad wird ein dunkler und will's Gott, ein kurzer uͤber dieſe armſelige Erde ſein.“ „O, es ſollte anders mit Dir kommen!“ ſeufzte die Mutter ſchmerzlich.„Laß uns gehen!“ Und ſie wandten der verlorenen irdiſchen Herrlichkeit den Ruͤcken. Da gingen ſie an dem eroberten Geſchuͤtz vorbei, das Auge der Freifrau fiel auf die praͤchtigſte der Kanonen, die Nachtigall genannt. Sie war vor zwoͤlf Jahren vom Meiſter Stephan in Frankfurt ge— goſſen, 141 Schuh lang, gegen 70 Centner ſchwer, mit dem Bilde des Ritters, ſeiner Gemahlin, ihrer beiderſeitigen Ahnen und des heiligen Franz, ihres Schutzpatrons geſchmuͤckt, ein Prachtſtuͤck in jeder Be⸗ ziehung. „Wie leuchtend lag die Zukunft vor meinen Blicken, als unſere Bilder dieſem Erz eingepraͤgt wur⸗ den! Die Bilder ſchimmern, als ſeien ſie geſtern ge⸗ goſſen, und ſie werden lange bleiben, das Gluͤck aber, das ſie ſchuf, iſt fuͤr ewig dahin! Wie armſelig iſt doch alles Irdiſche! Dieſe kleinliche Menſchenwelt war des großen Mannes nicht werth, der ſie von ſchmachvollen Ban⸗ 76 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. den erloͤſen wollte. Dieſe Kanone ſollte ſie ſprengen helfen.“ „Laßt ihr doch die Feſſeln; ſie will und muß ge⸗ feſſelt ſein. Kommt, kommt! Laßt uns ins Elend wandern.“ viertes Kapitel. Die Kunde von Sickingens ungluͤcklichem Ende durch⸗ flog auf Sturmesfluͤgeln die Laͤnder und traf manches edle fuͤr Freiheit gluͤhende Herz ſchwer. Alle edeln ſtre⸗ benden Männer der Zeit litten im Stillen, indem ſie den Stern untergehen ſahen, von deſſen hellem heiterm Lichte ſie ſo viel, wenn nicht Alles gehofft. Am ſchwer⸗ ſten empfand der treueſte innigſte Freund des Gefallenen, Ulrich von Hutten, den Schlag, am ſchmerzlichſten litt er unter dieſem unerſetzlichen Verluſt. Er lebte gerade in Muͤhlhauſen in der Schweiz, als ihm die Todesbotſchaft des Freundes zukam. Sie ſchmetterte ihn nieder. Durch die Anſtrengungen des letzten Halbjahrs, fuͤr Sickingen in der Schweiz ein Huͤlfsheer zu gewinnen, die bei ſeiner ohnedies die Kraͤfte aufreibenden Krankheit doppelt muͤh⸗ ſeligen und anhaltenden Reiſen und die ſtets fruchtloſen Verhandlungen zu dieſem Zwecke, die ſchmerzlichen Taͤu⸗ ſchungen, ſtets durch das Entgegenwirken ſeiner offenen und heimlichen Feinde, ſeine Beſtrebungen vereitelt zu 78 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg ſehen, hatten ſein Uebel ſehr verſchlimmert; die ſchreckliche Kunde von Sickingens Ende legte den entkraͤfteten Mann auf das Krankenlager. Hier beſuchte ihn nach einigen Tagen ein junger Gelehrter, der Sohn einer angeſehenen Patri— zierfamilie, Namens Uſteri, in welchem Hutten einen Ver⸗ ehrer und gleichgeſinnten Freund gefunden hatte. Durch ihn hatte Hutten die betruͤbende Botſchaft erhalten. Der Ritter bruͤtete dumpf vor ſich hin, eine unheimliche Fieber⸗ glut lag auf ſeinen abgemagerten Wangen. „Kommt mit mir hinaus in Gottes freie Natur, Rit⸗ ter,“ ſprach der junge Mann herzlich und theilnehmend. „Das einſame Bruͤten taugt Euch nichts. Mein Vater, ja unſer ganzes Haus, hat ſchon ſeit ein paar Tagen Euern Beſuch erwartet. Er hat nothwendig mit Euch zu reden. Es iſt mir gelungen, endlich all ſeine Bedenklichkeiten zu beſiegen, und er hatkauf meinen Betrieb, den Buͤrgermei⸗ ſter und die Mehrzahl der Rathsherrn gewonnen. Ihr ſollt nun Vorſchlaͤge machen fuͤr die neue Kirchenein⸗ richtung.“ „Was hilft Alles!“ verſetzte Hutten bitter.„Der Unſinn ſiegt doch uͤberall. Die Wahrheit, das Recht, die Tugend und das Licht der Geiſter ſind nur zum Hohn und Spott des Teufels und ſeiner Anhaͤnger auf der Welt. Der Satan iſt der maͤchtige Herr der Erde, und er gaͤn⸗ gelt ſie unter der fratzenhaften Larve Gottes. Wollt Ihr glucklich ſein, junger Freund, ſo verlaßt die Fahne der Wahrheit und ſchwoͤrt zu der des Scheins. Predigt Frei⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 79 heit, indem Ihr die Geiſter knechtet; ſchwatzt von Recht und Ordnung, indem Ihr das Unrecht foͤrdert und von der Tyrannei Nutzen zieht. Die Menſchen wollen belogen und betrogen ſein; ſie jubeln wohl ein paar Augenblicke dem Kuͤhnen zu, der ſie aus den ſchmaͤhlichſten Banden befreien will, aber ſie verlaſſen ihn in der Stunde der That, ſo daß er dem Heere ſeiner eigenſuͤchtigen Gegner unterliegen muß, und laſſen ſich dann willig nur noch feſter in neue Ketten ſchmieden, ja ſie kuͤſſen dem Ketten⸗ ſchmiede unterthaͤnig die Hand, wenn er ſeine Bloͤße mit einem Purpur behaͤngt hat, und hat er ſich dazu noch eine Platte ſcheeren laſſen, ſo verehren ſie jede Frechheit, jede Luͤge, jede Schandthat als heilig und loben ſie als ein un⸗ mittelbares Werk Gottes, eingegeben vom heiligen Geiſte.“ „Euer Unmuth iſt gerecht, edler Ritter,“ ſagte Uſteri mit einer Thraͤne im Auge.„Aber Euere Freunde ſind nicht gewohnt, Euch der Verzweiflung erliegen zu ſehen. Sickingens Schickſal darf Euch nicht niederwerfen. Die gute Sache braucht Euere Kraft.“ „Ich habe keine Kraft mehr!“ ſeufzte Ulrich.„Es iſt mir nicht anders, als ſchliche der Tod in meinen Adern. Meine Freunde— o laßt mich von ihnen ſchweigen! Wo ſind ſie? Nur der Gluͤckliche hat Freunde. Der Ungluͤck⸗ liche muß Gott danken, wenn er mitleidige Seelen findet. Habt Ihr es nicht an dem großen Erasmus geſehen, wie meine beſten Freunde mich behandeln? Sickingen war mein wahrer Freund. Das ſchwarze Verhaͤngniß, dem Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 80⁰ Macht gegeben iſt uͤber alle guten und großen Menſchen, hat ihn dahin gerafft; die freche Rotte der Luͤge trium⸗ phirt hohnlachend auf ſeinem Grabe. Es wird auch mich hinabreißen, und die geile Pfaffenbrut wird mit den furſt⸗ lichen Buben einen raſenden Chorus auf dem Raſen tan⸗ zen, unter welchem mein fuͤr Freiheit und Recht gewaltig flammendes Herz in Staub zerfaͤllt.“ „O nehmt den Maßſtab, womit Ihr Euere Freunde meßt, nicht von dem eiteln, feigen, achſelträgeriſchen Eras— mus!“ rief der junge Mann wehmuͤthig begeiſtert.„Wel⸗ cher edle Kämpfer fuͤr die hoͤchſten Guͤter des Geiſtes kennd dieſen Erasmus und verachtet ihn nicht! Weiß ich nicht von Euch ſelbſt, wie Oekolampadius, Zwingli, Bucer, Pellikan, ihn als einen Verraͤther der guten Sache und fuͤr unwuͤrdig halten, ſich mit ihm einzulaſſen? Und hat nicht die gerechte Zuͤchtigung, die Ihr ihm in Eurer Ex⸗ poſtulation habt angedeihen laſſen, die Billigung, den Bei⸗ fall, ja theilweiſe das Zujauchzen aller Beſſern Euch zu⸗ wege gebracht? Vielleicht erheitert es Euch, wenn ich Euch ſage, daß mir ein Brief von Brunfels in Straßburg vor⸗ geſtern die Nachricht gebracht hat, daß die Expoſtulation bereits in zweiter Auflage erſchienen iſt. Es iſt ein allge⸗ meines Begehren nach Eurer meiſterhaften Schrift; ſie wird von allen Gelehrten und Wahrheitsfreunden in Deutſch⸗ land verſchlungen.“ Huttens Auge blitzte freudig auf.„Ja damit labt und erfriſcht Ihr mir die vom Schmerz ausgetrocknete Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 81 Seele,“ ſagte er und reichte dem juͤngern Freunde dank⸗ bar die Hand. „Ihr habt tauſende von wahren Freunden in allen Staͤnden und in allen Landen, ſo weit die deutſche Erde reicht, und der Name Ulrich von Hutten iſt zum Wahr⸗ zeichen der fuͤr Licht und Freiheit begeiſterten deutſchen Jugend geworden. Zwei edle Namen erſchallen durch Deutſchlands Gauen, uͤberall begruͤßt und belobt von allen fuͤr Gottes Sache ſchlagenden Herzen, die Namen Luther und Hutten, und ſie werden durch alle Zeiten der deutſchen Geſchichte ſchallen und ſtrahlen bis zu den fernſten Nach— kommen herab. Nach Jahrtauſenden wird man Euch ver⸗ ehren als den kuͤhnen Streiter fuͤr Wahrheit und Freiheit, und die Namen Euerer Feinde werden nur als die dunkeln Schatten, die der Glanz Eueres Namens wirft, auf die Nachwelt kommen.“ „Ich danke Euch, fuͤr Euere ſchoͤnen troſtreichen Worte!“ ſagte Hutten froh bewegt.„O wenn Luther den Muth gehabt haͤtte, zu uns zu ſtehen und mit uns zu gehen, es wäre Alles anders und beſſer gekommen! Aber der Moͤnch haͤngt ihm an, er kann ihn nicht los werden. Die Fuͤr⸗ ſten haben geſiegt; er wird ſich nun ihrer Macht fuͤgen muͤſſen. Ich fuͤrchte, es ſteht ſchlimm mit der Sache der Wahrheit.“ „Sie wird nicht untergehen. Verzagt nicht. Rafft Euch auf, um von neuem fuͤr ſie zu kaͤmpfen. Euere Freunde und Anhaͤnger ſehen erwartungsvoll auf Euch. Ein deutſcher Leinweber. VII. 6 82 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Brunfels ſchreibt mir, ganz Straßburg ſchwaͤrme fuͤr Euch, ſeit die Expoſtulation gedruckt ſei.“ „Wenn mich dieſe unſelige Krankheit nicht verzehrte! Ach, die Leiden dieſer böſen Tage haben mir arg zugeſetzt! Ich bin ein Vertriebener, ein Vaterlandsloſer, von Land zu Land Gejagter!“— „Habt Ihr nicht ſelbſt in Eurer Beklagung der Frei⸗ ſtätte deutſcher Nation' geſungen: Ich weiß, ich werd' noch Lands verjagt, um daß ich ſolchs nicht ſchweigen kann, Und nehm' der Sach' allein mich an?“ Soll ich Euch Euere eigenen kuͤhnen herrlichen Worte zur Ermunterung zurufen: „Drum, fromme Deutſche, haltet Rath, Da es ſo weit gegangen hat, Daß's nicht mehr gehe hinter ſich. Mit Treue hab's gefördert ich, Und will deß anders keinen Genuß. Denn wo mir geſchäh deshalb Verdruß, Daß man mit Hülf mich nicht verlaß, So will ich auch geloben, daß Von Wahrheit ich will nimmer lan, Daß ſoll mir bieten ab kein Mann. Auch ſchafft zu ſtillen mich kein Wehr, Kein Bann, kein Acht, wie faſt und ſehr Man mich damit zu ſchrecken meint. Wiewohl meine fromme Mutter weint, Da ich die Sach hab' gefangen an; Gott woll' ſie tröſten! es muß gahn. Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 83 Und ſollt es brechen auch vorm End. Will's Gott, ſo mag's nicht werden gewendt. Drum will ich brauchen Füß und Händ. Ich hab's gewagt!“ „Ich hab's gewagt!“ rief der Ritter, von ſeinem alten Geiſte ergriffen, der ihm aus ſeinen eigenen treuherzigen Worten entgegen wehete, und ſprang auf.„Ja, ich habe Vater und Mutter verlaſſen, ich habe den ſuͤßen Frieden meines Hauſes geopfert, ich habe auf die ſchoͤnſten Freu⸗ den des Lebens, die der Liebe zu einer edlen Hausfrau, nach denen ſich mein beduͤrftiges Herz zumeiſt ſehnte, fuͤr immer verzichtet; als ein Knabe bin ich arm und allein in die weite Welt gezogen, um die Freiheit zu erringen, die Freiheit fuͤr mein theures geknechtetes deutſches Volk; ich bin durch die Länder gejagt als ein Bettler, immer der Freiheit nach, und ſeht: der Streiter fuͤr Wahrheit und Recht, der Ringer nach Freiheit, der beruͤhmte Ritter von Schwert und Feder, der gefeierte gekrönte Dichter, er iſt wieder zum Bettler geworden und jagt arm und huͤlflos durch die Länder, wie in ſeiner Jugend. Wahrlich, ich hab' deß keinen Genuß gehabt. Aber ſollt es auch brechen vor dem Ende, ich will doch brauchen Fuͤß und Haͤnde, ſo lang ich ſie noch regen kann. Alen jacta est. Ich hab's gewagt.“ „Jetzt ſeid Ihr wieder der Ritter Ulrich von Hutten, der jedem Unfall Trotz bietet. Haben die Fuͤrſten Sickin⸗ gen mit dem Schwerte beſiegt, Ihr werdet ſie mit der 6* Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Feder uͤberwinden. Schreibt eine Expoſtulation gegen ſie, wie gegen den Fuͤrſtenknecht Erasmus, und das deutſche Volk wird Euch zujubeln.“ „Was hilft der Jubel, wenn das Volk ſich nicht er⸗ hebt wie Ein Mann gegen ſeine Draͤnger!“ „Laßt nur den Geiſt Eurer Schriften erſt das ganze Volk durchdrungen haben. Im benachbarten Schwaben und druͤben im Tyrolerland iſt eine maͤchtige Bewegung unter dem Volke. Kuͤhne Praͤdikanten ziehen umher und predigen Landbewohnern das Evangelium der Freiheit. Habt Acht, die große Stunde naht. Was Sickingen nicht gelang, Euch wird's gelingen. Ihr werdet an der Spitze des ſiegreichen Volks ſtehen und als Lichtbringer und Frei⸗ heitsheld die Feinde des Lichts und der Freiheit zu Boden werfen.“ Hutten ſchuͤttelte leiſe und wehmuͤthig das Haupt. Er glaubte nicht mehr an ſolchen Sieg. „Schreibt nur gegen die Bezwinger Sickingens. Auch das Reichsregiment iſt gegen ſie. Und laßt mich das Manuſeript nach Straßburg an unſern Freund Brunfels ſchicken. Der Buchdrucker Schott wird Alles drucken, was Ihr ſchreibt, und ſich vor den Fuͤrſten ſo wenig fuͤrch⸗ ten, wie vor dem erzuͤrnten Erasmus, der ihn beim Magi⸗ ſtrat verklagt und zu ſeiner ewigen Schande in dieſer Klag⸗ ſchrift behauptet hat: Euer Angriff kuͤmmere ihn ſeinet⸗ wegen wenig; allein er fuͤrchte, daß ſolch eine Ausgelaſſen⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 85 heit nicht nur der Stadt Straßburg, ſondern auch der Sache des Evangeliums ſchaden koͤnne.“ „Er iſt ein elender gemeiner Menſch, ſo gelehrt er auch iſt,“ ſagte Hutten mit Abſcheu.„Was hilft doch alles Wiſſen, wenn es das Herz nicht veredelt!“ „O um das Maß ſeiner Niedertraͤchtigkeit voll zu machen, hat er an Gedio, der Schotts Beſtrafung beim Straßburger Magiſtrat hintertrieb, geſchrieben, wie mir Brunfels meldet: Es waͤre beſſer geweſen, wenn der Buch⸗ drucker Schott gebettelt oder die Reize ſeiner Frau ver⸗ kauft haͤtte, als durch ſolche Schandſchriften, wie Eure Expoſtulation, Brot für Frau und Kinder zu erwerben.“ Hutten ſpuckte aus.„Und dieſen Menſchen hab' ich geliebt und verehrt. Solche gemeine Seelen, die die Wahrheit kennen und verlaͤugnen ſie um irdiſchen Vor⸗ theils willen, ſind die allerveraͤchtlichſten Stuͤtzen der Tyran⸗ nei.— Laßt uns ſchweigen von dieſem Elenden! Aber geſteht mir, daß durch Euch eine Abſchrift meiner Expoſtu⸗ lation nach Straßburg zum Druck befoͤrdert worden iſt.“ „Nicht zum Druck durch mich. Ich hatte die Ab⸗ ſchrift an Brunfels geſchickt. Ihr wißt, welch ein großer Verehrer er von Euch iſt. Und er hat die Eppoſtulation bei Schott drucken laſſen.“ „Ich weiß es Euch und Brunfels Dank. Ich ſelber haͤtte die Schrift ſchwerlich drucken laſſen.“ „Doch nun kommt auch und ſpringt uns bei, den evangeliſchen Gottesdienſt, wie er ſchon auf der Ebernburg, 86 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. nach Euerer koͤſtlichen Beſchreibung, beſtanden, in unſerer Stadt einzurichten. Wir muͤſſen Hand anlegen, um zum Ziele zu kommen.“ „Es ſei! Obgleich mich das Fieber plagt, ich will doch mit Hand anlegen, den boͤſen Schwanken der faulen Pfaf⸗ fen zum Trotz.“ „Kommt, theurer Mann! Der ſonnigſte Maitag lockt uns hinaus. Die Nachtigall ruft, und die Finken ſchla⸗ gen. Ihr werdet im gruͤnen Buſch und auf der Wieſe des Thals Euer Gebreſte los werden, und ein Becher kuh⸗ ler Wein wird Euere Heilung vollenden.“ Hutten folgte dem treuen Fuͤhrer. Die Strahlen der Fruͤhlingsſonne thaten ihm wohl, die friſche Luft der Berge zog labend in ſeine Bruſt. Er vergaß ſeine Krankheit. Plaudernd gingen die beiden Maänner aus der Stadt. Da begegnete ihnen ein vhn vielem Volk umſchwaͤrmter wun⸗ derlicher Reiterzug, Männer und Frauen, in glänzender mauriſcher, doch meiſt ins Phantaſtiſche ausartender Tracht, dabei ein chaldaͤiſcher Zauberer mit langem rothen Talar und ſpitzer Muͤtze und ein ſchoͤnes ſtolzes Weib, praͤchtig als die aͤgyptiſche Koͤnigin Kleopatra gekleidet, mit einer Schlange um den Hals, die ſie in einem mit jungen Roſen gefullten zierlichen Korbe trug. Herolde von dunkelbrau— ner Farbe verkuͤndeten nach Trompetenſignalen, daß der Schwarzkuͤnſtler und Kunſtreiter, der mauriſche weltbe⸗ ruhmte Doktor Antonio Maldonato, einziger Nachfolger des Doktor Johannes Fauſt, heute eine Vorſtellung geben Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 87 werde, wozu er das Publikum einlade. Die beiden Wan⸗ derer blieben ſtehen. Huttens Augen hingen ſtarr an der ſchoͤnheitſtrahlenden Koͤnigin Kleopatra; er hatte Martha Bry in ihr erkannt, und ein bitter höhniſches Laͤcheln flog uber ſeine abgeſpannten Zuge. Sie warf ihm einen freund⸗ lichen Blick der Ueberraſchung und einen verſtohlnen Gruß mit der Hand zu, als ſie an ihm vorbei ritt. „So es Euch genehm iſt,“ wandte ſich Uſteri wieder an den Ritter,„ſo beſuchen wir nachher die Vorſtellung der Kuͤnſtlergeſellſchaft. Sie iſt ſeit zwei Tagen hier und ſoll Ausgezeichnetes leiſten; vorzuglich von den Zauberkuͤnſten der Dame, die man als Königin bezeihnet, ſind Alle, die ſie geſtern geſehen, entzuͤckt und können nicht Ruͤhmens genug von ihrer Kunſt und Schoͤnheit machen.“ „Ja, ſie iſt eine Zauberin, eine Fee, vor der ſich Jeder huͤten ſollte. Ich hab's empfunden, in ihrem Zaubernetz gefangen zu liegen, und kann ein Lied davon ſingen,“ ſeufzte Hutten, doch war's, als ob angenehme Erinnerun⸗ gen dabei ſein Geſicht verklärten. „Ihr kennt ſie ſchon?“ fragte Uſteri verwundert.„Sie ſoll die Frau oder Geliebte des Doktor Fauſt geweſen ſein, den, wie man erzaͤhlt, der Teufel geholt hat.“ „Der Tod hat ſchon oft die Rolle des Teufels geſpielt. Ich erzähl' Euch von dieſer merkwuͤrdigen Frau ein ander Mal. Erſt wollen wir ihre Kunſtleiſtungen bewundern.“ und in Gedanken verſunken ging er weiter. Sie unterhielten ſich abwechſelnd von gelehrten Dingen und 88 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. von Zeitereigniſſen, doch war der Ritter ſichtbar zerſtreut und erſuchte ſeinen Begleiter, erſt am folgenden Tage ſei⸗ nen Beſuch in deſſen elterlichem Hauſe machen zu duͤrfen. Nachdem ſie in einem Weinkruge ſich erfriſcht, kehrten ſie nach der Stadt zuruͤck, um die Vorſtellung des Doktors Maldonato nicht zu verſaͤumen. Die Schaubuͤhne war im Freien aufgeſchlagen; die helle Maiſonne lieh ihr ihren ſchoͤnſten Reiz. Der Rit⸗ ter ergoͤtzte ſich nicht minder an den trefflichen Reiterkuͤn⸗ ſten des angeblichen mauriſchen Arztes und Schwarzkuͤnſt⸗ lers, als an den Zauberſtuͤcken, welche er und ſeine Frau, wie Martha genannt wurde, ausfuͤhrten. Martha zeigte, daß ſie nicht vergebens in die Schule des Doktor Fauſt gegangen war. Oft ruhten ihre Augen fragend auf Hut⸗ ten, und als er, nach beendigtem Spiel, den Schauplatz verließ, ſah er ſich plotzlich von einer flinken Dirne aufge⸗ halten, die er vorhin unter den Kunſtreiterinnen bemerkt hatte.„Es wuͤnſcht Euch eine Dame unter vier Augen zu ſprechen,“ fluͤſterte ſie ihm zu.„Sie hat Euch wich⸗ tige Mittheilungen zu machen. Sagt mir Eure Herherge an, damit ich das Nähere der Zuſammenkunft mit Euch verabreden kann.“ Der Ritter willfahrte der netten Zofe; denn wenn er auch von ſeiner böſen Krankheit arg heimgeſucht war, deren Wiederausbruch der feurige Dichter allerdings dem freien Umgange mit ſchoͤnen gefaͤlligen Frauen zu verdan⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 89 ken hatte, ſo war er doch fuͤr Frauenſchoͤnheit nicht abge⸗ ſtumpft, und er dankte der reizenden Martha ſo manche genußreiche Stunde und war auf ihre Mittheilungen zu begierig, als daß er die erbetene Zuſammenkunft nicht ſelbſt gewuͤnſcht haben ſollte. Dieſe Angelegenheit beſchaͤftigte ihn angenehm und regte ſeinen Geiſt an, des kranken Koͤr⸗ pers wieder Herr zu werden. Er hatte die Zofe auf den Abend beſtellt, und ſie trat zur beſtimmten Zeit auf ſein Zimmer. Er machte das huͤbſche Kind geſpraͤchig, ſo daß er bald erfuhr, der Senjor Maldonato, obgleich nichts weniger als ein junger Mann, ſei doch auf ſeine ſchoͤne Frau, die er vom Doktor Fauſt geerbt, ſehr eiferſuͤchtig, und die Zuſammenkunft muͤſſe deshalb mit der groͤßten Vorſicht und ſo geheim als moͤglich veranſtaltet werden. Es wurde alſo zwiſchen ihnen verabredet, daß die Dame und der Ritter am folgenden Nachmittage in einer Her⸗ berge vor der Stadt zuſammentreffen und in einem beſon⸗ dern Zimmer, welches die Zofe vorher beſtellen wollte, ihre Unterredung halten ſollten. Hutten ſchlief zum erſtenmal, ſeit er Sickingens Tod erfahren, wieder ruhig und fuͤhlte ſich am andern Morgen ſo wohl, daß er den verſprochenen Beſuch im Hauſe des Rathsherrn uſteri machen konnte. Hier wurde er mit großer Auszeichnung und Ehrerbietung empfangen, und bald fanden ſich noch einige andre Rathsherrn dazu. Eine hoͤchſt wichtige Angelegenheit wurde hier eifrig beſprochen. Hutten war nämlich mit glaͤnzenden Empfehlungen an den 90 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. jungen Uuſteri nach Muͤhlhauſen gekommen und hatte im elterlichen Hauſe deſſelben eine dieſer Empfehlungen und ſeines beruͤhmten Namens gleich wuͤrdige Aufnahme ge⸗ funden. Er uͤberzeugte ſich bald, daß der geiſtige Boden dieſes, wie mehrer demſelben verwandter und befreundeter Haͤuſer durch den jungen Uſteri und einige ihm gleichge⸗ ſinnte edle Juͤnglinge und Maͤnner mit den Zeitideen bearbeitet war, und daß es nur noch des Regens und Son⸗ nenſcheins beduͤrfe, um die ausgeſtreute Saat zum Auf— gehen und zur Reife zu bringen. Er hatte ſtets die hei— lige Ueberzeugung gehabt, daß die Kraft ſeines Geiſtes be⸗ ſtimmt ſei, den geiſtigen Acker ſeiner Mitwelt zu befruch⸗ ten, und er zauderte deshalb keinen Augenblick, ſo ſchlimm auch ſeine aͤußere Lage war, der Pflicht ſeiner Sendung zu genuͤgen. Sein Aufenthalt in der kleinen Stadt hatte bereits alle Geiſter derſelben in Bewegung geſetzt; die Pfaffen malten ihn ſo ſchwarz als moͤglich, und ihre An⸗ haͤnger ſprachen mit Abſcheu von ihm. Dies regte die Partei der Reformation nur noch mehr an, und Hutten trat, von ihr aufgefordert, kuͤhn und offen, wie es ſeine Art war, mit dem Verlangen hervor, der Magiſtrat moͤge den Gottesdienſt nach den Forderungen des reinen Evan⸗ geliums und der Vernunft einrichten, die ſinnloſe Fruͤh⸗ meſſe abſchaffen, an ihre Statt Fruͤhgebet und Predigt anordnen, das Abendmahl in beiderlei Geſtalt ertheilen laſſen, bei der Taufe und andern Kirchengebraͤuchen die deutſche Sprache einfuͤhren und die Geiſtlichen zu Zucht, Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 91 Maͤßigkeit, Friedfertigkeit und frommem Leben ernſtlich anhalten. Dieſe neuen und wichtigen Einrichtungen betrafen die Unterredung, welche Hutten im Uſteri'ſchen Hauſe mit den juͤngern Rathsherrn hatte, und fuͤr die er ſie mit der uͤber⸗ zeugenden Kraft und hinreißenden Begeiſterung ſeiner Rede gewann. Es wurde der Beſchluß gefaßt, das Ceremoniel des roͤmiſch-katholiſchen Gottesdienſtes abzuſchaffen und dafuͤr das neue nach Huttens Vorſchlaͤgen einzufuͤhren. Unter den Klerikern der Stadt waren ſelbſt einige fuͤr die von Ulrich Zwingli in Zuͤrich hervorgerufene Kirchenrefor⸗ mation gewonnen; denn ſchon ſeit vier Jahren predigte dieſer gelehrte und erleuchtete Schweizer als Pfarrer am großen Muͤnſter in Zuͤrich gegen die Mißbraͤuche des Papſt⸗ thums mit gluͤcklichem Erfolg, und die von ihm aus⸗ gehende gereinigte evangeliſche Lehre fand nicht nur unter gebildeten Laien, ſondern auch unter vielen Klerikern in der Schweiz Anhaͤnger und Bekenner. Der Geiſt der kirchlichen Freiheit ſchwang in der Schweiz ſeine Fahne zu Kampf und Sieg, wie in Sachſen. Hutten hatte die⸗ ſen Geiſt freilich hoͤher erfaßt, als die ſogenannten Refor⸗ matoren; in ihm lebte er als der Geiſt der Freiheit Deutſchlands uͤberhaupt, als der maͤchtige Drang nach Abwerfung jedes despotiſches Joches und unwuͤrdigen Zwanges, und nach Einigung und Kraͤftigung Deutſch⸗ lands, damit es ſeine herrlichen Kraͤfte ungehindert ent⸗ wickeln und dem erhabenen Ziele groͤßtmoͤglichen Voͤlker⸗ 92 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. glucks friſch und frei entgegen gehen koͤnne. Obgleich in den Feſſeln eines kranken Koͤrpers liegend, wirkte der Schwung ſeines Geiſtes doch ſo maͤchtig auf die Muͤhl⸗ haͤuſer Rathsherrn, daß ſie alle Bedenklichkeiten fahren ließen und das Werk der Reformation in Angriff zu neh⸗ men einig wurden. Geiſtig gehoben durch dieſen Erfolg ſeiner Bemuͤhung, eilte er nach dem bezeichneten Orte, um zu hoͤren, was die ſchoͤne Suͤnderin, in deren Banden er einſt gelegen, ihm zu ſagen habe. Obgleich er recht gut wußte, daß Martha der Pfaffenpartei gedient, konnte er ihr doch nicht zuͤrnen. Sie war jung, ſchoͤn und geiſtreich, und ſie hatte ihn feurig geliebt, wie kein anderes Weib; und er war ſehr geneigt, ſie mit ihrem Schickſal und mit dem Drang nach Lebensgenuß, der in ihr gluͤhete, zu entſchuldigen. Martha ließ nicht auf ſich warten. Mit einer ſorg⸗ loſen, ſchier heitern Unbefangenheit begruͤßte ſie den Rit⸗ ter, nicht anders, als waͤren ſie beide noch am glaͤnzenden Hofe des goldnen Mainz, umgeben von der genußbieten⸗ den Ueppigkeit eines ſchwelgeriſchen Lebens, ſie die Freun⸗ din, er der Freund des epikuraͤiſchen erſten geiſtlichen Fuͤr⸗ ſten Deutſchlands. „Es ſcheint Euch wohl zu gehen, ſchoͤne Martha,“ ſagte der Ritter, nicht ohne einige Verwunderung uͤber das Auftreten des leichtſinnigen Weibes.„Euer Ausſehen hat ſich nicht veraͤndert, ſeit wir in Mainz von einander geſchieden ſind.“ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 93 „Und Euch ſcheint es ſchlecht zu gehen, edler Ritter und Freund,“ verſetzte die Dame mit einem Anfluge lu⸗ ſtigen und gutmuͤthigen Spottes, der ihrem Weſen ſo an— gemeſſen war;„denn Euer Ausſehen hat ſich leider nicht zum Beſſern veraͤndert.“ „Ich bin krank und aͤrgere mich uͤber die Menſchen. Die eine Hälfte iſt dumm, die andere niedertraͤchtig; die Dummen bilden ſich ein, ſehr geſcheidt zu ſein, und wollen Alles nach ihrem bloͤden Verſtande ordnen; die Nieder⸗ traͤchtigen ſind meiſt ſchlaue Fuͤchſe; ſie ſtellen ſich fromm und tugendhaft und machen den Dummen weiß, ſie, näm⸗ lich die Schlaukoͤpfe, ſtuͤnden bei Gott und den Heiligen ſehr gut angeſchrieben und duͤrften deshalb uͤber die Schnur hauen. Mit ſolcher Gleißnerei kriegen ſie die Dummen in den Sack, ſetzen ſich drauf und thun ſich guͤtlich. Die wenigen geſcheidten Koͤpfe und ehrlichen Herzen haben das Zuſehen und den Aerger, werden verketzert und verleumdet und be⸗ kommen, wenn ſie das Maul aufthun, noch Schlaͤge, als Feinde der geſetzlichen Ordnung und des göttlichen Rechts.“ „„Und daruͤber aͤrgert Ihr Euch todt, lieber Freund!“ lachte Martha hell auf.„Ohne daß Ihr es gewollt, habt Ihr mir in buͤndigſter Weiſe die ganze Weltgeſchichte vor⸗ getragen. So war es ſtets, ſo wird es immer ſein. Die Schlaukoͤpfe waren die Herren der Welt; die Schlauköpfe ſind es jetzt, und ſie werden es ewig ſein, und Leute wie Ihr, die ſogenannten ehrlichen Patrioten, die gluͤhenden begeiſterten Menſchenfreunde, ſind immer als uͤberlaͤſtige 94 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Gäſte zum Tempel hinausgeworfen worden, und man hat ihnen gern alle Muße gegoͤnnt ſich todt zu aͤrgern.“ „O, daß Du recht haſt, Weib!“ knirſchte Hutten. „Hättet Ihr in Mainz nur halbweg begriffen, daß Jeder, den Ihr anſeht, zuerſt an ſeinen eigenen Vortheil denkt und dann noch einmal und wohl auch zum dritten Mal, und daß es dann den edeln und guten, lieben geprie⸗ ſenen Menſchen erſt einfaͤllt, auch an Andere zu denken und daß ſie dafuͤr in den Himmel erhoben und als die groͤßten Menſchenfreunde und Volksbegluͤcker dargeſtellt werden: haͤttet Ihr aus ſolcher vernuͤnftigen Betrachtung den rich⸗ tigen Schluß gezogen, daß es Euere erſte und heiligſte Pflicht ſei, auch zuerſt an Euch zu denken, Euch ein ſorg⸗ loſes, bequemes und angenehmes Leben zu bereiten und nicht den Schlaukoͤpfen fort und fort mit geballter Fauſt ins Geſicht zu ſchlagen;“ haͤttet Ihr das Alles mit Euerem klugen Geiſte wohl erwogen: Ihr ſaͤßet jetzt als Kanzler des Kurfuͤrſten von Mainz oder des Erzherzogs Ferdinand oder wohl gar des Kaiſers ſelbſt in Seide und Wolle warm und weich, und die Gräfin von Aſchaffenburg wäre Euere innigſte Freundin und Geliebte, die Alles aufboͤte Euch und ſich das Leben zu verſchoͤnen. Ihr zoͤget nicht in die⸗ ſem Lande, als ein kranker, von ſchier allen Menſchen ge⸗ miedener und geflohener Bettler herum, von Fuͤrſten und Pfaffen verfolgt, von Euern ſogenannten Freunden ver⸗ rathen und verkauft, von Allen geſcholten, getadelt, ange⸗ feindet, und ich brauchte nicht die Koͤnigin Kleopatra zu Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 93 ſpielen. O, Ulrich! ich habe nie einen Mann geliebt, wie Dich. Wie haͤtte ich Dir Deine Tage verſuͤßt, wenn Du nicht ein ſolcher Starrkopf waͤreſt! Du ſaßeſt dem Gluͤcke im Schooße, und es verſchwendete ſeine ſchoͤnſten Gunſt⸗ bezeugungen an Dich; dafuͤr haſt Du es mit Fußtritten belohnt. Darfſt Du Dich wundern, wenn es Dir zuͤrnend den Ruͤcken kehrt?“ Der Ritter ſaß in duͤſterem Schweigen. In den Tagen ſeiner Kraft wuͤrde er wild aufgebrauſt ſein, jetzt ſagte er endlich mit einer gewiſſen an ihm ungewohnten Wehmuth:„Ich konnte nicht anders, ſo wahr mir Gott helfe! Ich mußte ſo und nicht anders handeln. Aber das verſtehſt Du nicht und kannſt es nicht verſtehen. Du biſt ein ſchoͤnes ſinnliches Weib, ganz geſchaffen fuͤr den uͤppi⸗ gen Lebensgenuß, und wenn irgend ein Weib einen Mann ſinnlich begluͤcken kann, ſo biſt Du es. Ich war nicht un⸗ empfaͤnglich fuͤr das Gluͤck, daß Du mir ſo freundlich boteſt; Du weißt es. Aber uͤber dieſes Gluͤck hinaus ging mir der Drang, allen Schurken zu Leibe zu gehen und mein Vaterland aus ihren beutegierigen Krallen zu retten. Doch, wie geſagt, dafuͤr haſt Du keinen Sinn, und ich verlange auch gar nicht, daß Du es begreifſt. Sicherlich haſt Du aber gehoͤrt, wie ſich der kuͤhne wittenberger Au⸗ guſtinermoͤnch vor zwei Jahren auf dem Reichstage zu Worms vor dem Kaiſer, den Reichsfuͤrſten und allen Ständen benahm. Als der unanſehnliche geringe Mann in die Verſammlung gefuͤhrt wurde, ſtand der tapfere 96 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Georg Frundsberg an der Thuͤre. Der beruͤhmte Kriegs⸗ mann legte dem Luther die Hand vertraulich auf die Schulter und ſprach:„Moͤnchlein, Moͤnchlein, Du gehſt einen Gang, dergleichen ich und mancher Oberſter auch in unſerer allererſten Schlachtordnung nicht gethan habe. Biſt Du auf rechter Meinung und Deiner Sache gewiß, ſo fahre in Gottes Namen fort, Gott wird Dich nicht verlaſſen.“ Und mit ſolch ehrlicher ritterlicher Getroͤſtung trat Luther hinein, das arme Moͤnchlein vor die pracht⸗ prunkende Verſammlung, und ſprach friſch und frei ſeine unerſchuͤtterliche Ueberzeugung aus und forderte ſeine maͤch tigen Feinde auf, ihn aus der goͤttlichen Schrift zu wider⸗ legen. Zum Schluß aber fuͤgte er die unſterblichen Worte hinzu: Hier ſtehe ich, ich kann nicht anders. Gott helfe mir! Amen.— Und dieſe Worte haben ihm viel tauſend Herzen gewonnen in der Reichsverſammlung und in der ganzen Welt. Wie Luthern, ſo ergeht es mir; auch ich kann nicht anders.“ „Dafuͤr belegte ihn der Kaiſer in Worms mit der Reichsacht,“ verſetzte Martha,„und er wird in Noth und Elend verſinken unduntergehen und all die tauſend Herren, die er gewonnen, werden ihm nicht helfen. Das wird auch Dein unſeliges Loos ſein, armer Ulrich. Du dauerſt mich in der tiefſten Seele.“ Und waͤhrend die ſchoͤne leichtſin⸗ nige Frau dieſe ihrem natuͤrlichen Gefuͤhl entquollene Worte ſprach, floß ein Thränenſtrom aus ihren reizenden Augen.„Du warſt eines beſſern Looſes wuͤrdig. Was Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 97 hilft es Dir, daß ſich die thoͤrichten, ſchwachen und ſchlech⸗ ten Menſchen um Deine Buͤcher reißen, daß Deine Verſe in aller Mund ſind, daß Du weit und breit gefeiert biſt, daß der Kaiſer Max Dich zum Ritter ſchlug und zum Poeten kroͤnte: Du biſt doch ein armer, verachteter Mann, waͤhrend der Schlaukopf Erasmus, Dein gelehrter Freund, in Baſel ein gemaͤchliches und behagliches Leben fuͤhrt und Dich von der Thuͤre weiſt.— Doch das Weib, das Dich liebte und noch liebt, die verachtete Martha wird Dich nicht verlaſſen, wenn ſie Dich auch nicht verſteht, wie Du ſagſt.“ „Wie? Du weißt, wie mir der gelehrte Schuft in Baſel mitgeſpielt?“ fuhr der Ritter zornig auf. „Wer haͤtte nicht davon gehoͤrt? die ganze Schweiz ſpricht ja davon. Doch gewiß vielfach entſtellt iſt die ſchmutzige Geſchichte zu mir gedrungen. Deshalb iſt mir's lieb, ſie aus Deinem eigenen Munde vernehmen zu koͤnnen. Ich bitte Dich, erzähle ſie mir!“ „Du haſt den beruͤhmten Erasmus von Rotterdam in Mainz an der Tafel Deines fuͤrſtlichen Liebhabers ken⸗ nen gelernt,“ begann Hutten ſpoͤttiſch.„Er hat dort nicht allein den Kurfurſten und Dir die ſuͤßeſten Schmeicheleien geſagt; Du erinnerſt Dich vielleicht auch noch, wie er mich mit den koſtbarſten Weihrauchwolken anraͤucherte. Aber auch in den Briefen an meine gelehrten Freunde erhob er mich ſtets bis in den Himmel, uͤbergoß mich mit den ſchmeichelhafteſten Lobſpruͤchen und that uberall groß mit meiner Freundſchaft. Aber ſobald er wahrgenommen, daß Ein deutſcher Leinweber. VII. 7 98 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. der Wind in Mainz ſich fuͤr mich gedreht und die Legion meiner Feinde frecher und mit geſchwollenem Kamme auf mich einſturmte, antwortete er auf meine Briefe nicht mehr, und als ich vollends auch die Ebernburg verließ, um fuͤr Sickingen zu werben, als ich von Burg zu Burg, von Stadt zu Stadt in Oberdeutſchland und der Schweiz zog, immer angefeindet und behindert von den Schergen des wuͤrtembergiſchen Moͤrders, da mochte Erasmus waͤhnen, ich habe gar keine bleibende Staͤtte mehr, es ſei mit mir Matthaͤi am Letzten. Da ſchrieb er denn an Etliche, er wolle mit dem vertriebenen ſchaͤbigen Junker nichts zu ſchaf⸗ fen haben. Der feingeſchliffene, urbane humane Mann! Er wehrte mit Händen und Fuͤßen ab, wenn irgend Je⸗ mand vorausſetzte, er ſtehe noch in der kleinſten Verbindung mit dem unbaͤndigen Hutten, der dem heiligen Vater in Rom und allen hohen geſchorenen und gefurſteten Haͤup⸗ tern ſo viel Verdruß und Aergerniß mache und immer mit Mord und Todſchlag drohe. Solch ſchlimm gefaͤhrlichen Menſchen mußte ſich der feine Mann vom Leibe halten und ihn verlaͤugnen, wo und wie ſich's traf. Ich wußte das damals nicht ſo genau; erſt ſpater hab' ich's erfahren. In den letzten Tagen des vorigen Jahres kam ich auf meiner Werbwanderung nach Baſel. Wenn ich auch Ur⸗ ſache hatte darsber mit Erasmus unzufrieden zu ſein, daß er den Briefwechſel mit mir abgebrochen, ſo ahnete ich doch nicht im Entfernteſten ſeine niedertraͤchtige Falſchheit ge⸗ gen mich. Meine Krankheit plagte mich mehr als je; es „ Die Sturmvögel zum Bauernfrieg. 99 war ein harter Winter. Ich ſehnte mich nach Freundes⸗ wort und Umgang. Ich hatte ja ſo viel mit ihnen zu beſprechen. In Wittenberg hatte waͤhrend Luthers geheimen Aufenthalt auf der Wartburg Doktor Karlſtadt mit Huͤlfe der Zwickauer Propheten tuͤchtige Wirthſchaft gemacht, und nur Luthers geſchicktes und kluges Auftreten hatte den wilden Sturm beſchwichtigen können; mein maächtigſter und wuͤthendſter Feind, der Papſt Leo, war unerwartet ſchnell im kräftigſten Mannesalter aus dem Leben geſchieden, um vor einem hoͤheren Richter Rechenſchaft abzulegen uber ſein Thun und Laſſen; ein neuer Papſt, ein alter, wun⸗ derlicher Mann, war auf St. Peters Stuhl geſtiegen, der ohne Lug und Trug die graͤulichen Suͤnden der Pfaffheit zugibt, dabei aber auf Luthern und die Humaniſten eifert und es mit den alten verkehrten Caſuiſten und Kirchenvaͤtern, den verrotteten Halbgoͤttern der Dominikaner, haͤlt, von denen nimmer Heil fuͤr unſere junge, friſche Zeit zu erwar⸗ ten iſt. Der Kaiſer war wieder nach Spanien zuruͤck, um den wilden Aufſtand der Communeros dort vollends zu erſticken, und durch ſeine Abweſenheit war das neue Reichs⸗ regiment in Nuͤrnberg zu Kraft gekommen und regte ſich friſch im Sinn und Geiſt unſerer Zeit. Ja, einige Wo⸗ chen vor meiner Ankunft in Baſel war der Reichstag in Nuͤrnberg eroͤffnet worden und hatte das Verlan⸗ gen nach einem allgemeinen Concil gleich von vorn herein ausgeſprochen, und man ſah ſchon, daß es einen tuͤchtigen Kampf gegen den alten Kirchenwuſt und pe 100 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. den Papſt, den Beſchuͤtzer deſſelben, dort in der alten, ſchoͤnen, freien Reichsſtadt geben werde, wo mein trefflicher junger Freund, der Schuſter Hans Sachs, das kraͤftige Lied von der wittenberger Nachtigall geſungen hat. Ich durfte mich der Hoffnung hingeben, daß es in Nuͤrnberg diesmal zu einer guten Entſcheidung kommen werde, wie denn nachher im Maͤrz auch wirklich der Reichsabſchied als ein Sieg des Lichts uͤber die Bosheit und die Eigen⸗ ſucht der Pfaffheit, ja als eine Zuruͤcknahme des Banns und der Acht gegen Luthern, und als eine Aufhebung des verfluchten wormſer Ediets betrachtet werden kann. Fer⸗ ner war Italien von den Franzoſen geſaͤubert und der Herzog Sforza vom Kaiſer in Mailand eingeſetzt worden. Endlich hatte der tuͤrkiſche Großherr nach den neueſten Nachrichten einen friſchen gewaltigen Kriegszug gegen die Chriſten geruͤſtet und die Inſel Rhodus belagert, die er ja auch, nach ſpaͤter eingegangenen Nachrichten in der letzten Woche des December, in derſelben Zeit, da ich nach Bäſel kam, eben ſo erobert hat, wie vor zwei Jahren im Auguſt die feſte chriſtliche Stadt Belgrad in Ungarn. Ihr koͤnnt Euch vorſtellen, ſchoͤne Freundin, wie voll mir das Herz von all dieſen Dingen war, als ich in Baſel einzog; denn gerade fuͤr und gegen dieſe Dinge hab' ich mein Lebtag rit⸗ terlich mit Schwert und Feder gekaͤmpft, und wie viel naͤher lagen ſie mir gerade jetzt am Herzen, wo Sickingen unſere kuͤhnen Plaͤne zu verwirklichen im Begriff ſtand. Ich hoffte bei Erasmus neue und naͤhere Zeitungen zu finden * Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 101 vom Reichstag und dem Reichsregiment in Nuͤrnberg, vom Kampf der Geiſter in Wittenberg, von Ulrich Zwingli's Fortſchritten gegen den Papſt und die Pfaffheit, aus Ita⸗ lien und Frankreich(der Koͤnig Franz hatte ja Sickin⸗ gen Unterſtuͤtzung verſprochen), aus Ungarn und der Tuͤr— kei; denn Erasmus unterhält einen großen und weitausge⸗ breiteten Briefwechſel und weiß alle Neuigkeiten aus der gelehrten, religioͤſen und ſittlichen Welt in ſchneller Zeit. Da ich nun aber erſt zu erfahren wuͤnſchte, wie Erasmus ſich gegen mich zu ſtellen Miene mache, ſo ging ich nicht gleich zu ihm, ſondern ſchickte gleich nach Neujahr einen jungen mir ſehr ergebenen Gelehrten aus Baſel, Namens Heinrich Eppendorf, zu ihm und ließ ihm meinen Beſuch anſagen. Aengſtlich und befangen erwiederte er dem jun⸗ gen Manne: wenn es ein bloſer Hoͤflichkeitsbeſuch ſein ſolle, ſo moͤchte er wuͤnſchen, desſelben fuͤr diesmal uͤber⸗ hoben zu ſein. Dabei erſchopfte er ſich in nichtsſagenden Mitleidsbezeugungen uber meine Krankheit undungluͤckliche Lage und verſicherte dem Eppendorf, er liebe und achte mich, obgleich ich ihm etwas zu wild und ſtuͤrmiſch ſei.— Nun wußte ich, wie ich mit dem feinen gelehrten Herrn daran war und bekuͤmmerte mich nicht weiter um ihn. Ich hatte, Gottlob! in Baſel der ehrlichen Freunde genug an der Univerſitaͤt, vor Allen aber den edlen ſanftmuͤthigen Oecolampadius, den ich ſchon vor ſieben Jahren als Prediger in Augsburg bei Peutinger kennen lernte, und der im vori⸗ gen Jahre auf Schloß Ebernburg bei Sickingen Haus⸗ 102 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. und Schloßprediger war, wo ich ihn ſehr lieben lernte, ſeit einigen Monaten aber Profeſſor der Theologie und Paſtor zu Baſel iſt. Der Umgang mit dieſem trefflichen Manne und ſeine Freundſchaft fuͤr mich entſchaͤdigte mich ganz fuͤr die Zweideutigkeit des gelehrten Heuchlers. Nach eini⸗ gen Tagen hatte Eppendorf ein anderes Geſchäft bei Eras⸗ mus; da erkundigte ſich dieſer nach meinem Befinden und wie ich ſeine Antwort aufgenommen. Ganz gut, verſetzte der junge Mann; nur vermuthe ich, der Ritter hätte Euch doch gern geſprochen.— Nun dann, ſagte Erasmus etwas aͤrgerlich, wenn er das wirklich wuͤnſcht, ſo mache ich mir am Ende auch nichts aus dem Gerede der Leute. Koͤnnte ich geheitzte Oefen vertragen, ſo wuͤrde ich ihn beſuchen, wenn ihm ſo viel daran liegt, mich zu ſprechen. Indeſſen kann er mich beſuchen, wenn es mit ſeiner Krankheit ſo ſteht, daß er dieſes Zimmer ohne Ofen vertragen kannz ich will Feuer im Kamine machen laſſen.— Auf eine ſolche Einladung ging ich natuͤrlich nicht zu ihm. Was ſollte ich auch bei einem Manne, der mich kalt(nicht allein in einem kalten Zimmer) und herzlos aufgenommen haben wuͤrde! Die Sache war mir zu unbedeutend; ich ſprach nicht davon, ich ſchrieb ſie keinem meiner Freunde. War ich doch der kalten Aufnahme und des Verraths gewohnt. Ich ſchlug mir den ganzen Erasmus aus dem Sinne und wartete meiner wichtigeren Geſchaͤfte in Sickingens Inte⸗ reſſe Die Machinationen von Seiten der Pfaffen in Baſel gegen mich begannen denn auch bald genug, und . Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 103 der Magiſtrat, der mich einſt auf das Ehrenvollſte aufge⸗ nommen hatte, wurde von den Plattentraͤgern ſo verhetzt, daß er mir nach einem vierwoͤchentlichen Aufenthalt in der Stadt den Schutz aufkuͤndigte. Er bediente ſich dabei der geſchickten Ausrede, daß nicht nur die oͤffentliche Ruhe, ſondern auch meine eigene Sicherheit gefaͤhrdet ſein wuͤrde, wenn ich laͤnger bliebe. Ob Erasmus die Hand heimlich dabei im Spiele hatte, habe ich nicht erfahren koͤnnen, doch vermuthe ich es nach den Schritten, die der ſchlechte Menſch ſonſt gegen mich that und die erſt hier in Muͤhlhauſen zu meiner Kenntniß gekommen ſind. Krank und mit ſchlecht⸗ beſtellter Kaſſe wanderte ich ſtill aus der Stadt Baſel im harten ſtuͤrmiſchen Winter, ging, um alles Aufſehen und einen Ueberfall meiner Feinde zu vermeiden nicht auf der Hauptſtraße, ſondern auf muͤhſamen Nebenwegen hierher. Kaum war ich hier in einem mir befreundeten Hauſe wohl aufgenommen, als von verſchiedenen Seiten theils an den Sohn dieſes Hauſes, einen jungen Gelehrten, theils an mich ſelbſt briefliche Nachrichten uͤber die unverſchämten und luͤgneriſchen Aeußérungen, die ſich Erasmus uͤber mich in Briefen erlaubt hatte, einliefen. Ja einen ſolchen Brief an den Kanonikus Markus Laurin in Bruͤgge las ich ſo⸗ gar gedruckt. Darin hieß es: Hutten hielt ſich hier we⸗ nige Tage auf. Er hat micht nicht beſucht und ich auch ihn nicht. Zwar wuͤrde ich ihn nicht abgewieſen haben, wenn er haͤtte zu mir kommen wollen, da er ein alter Freund von mir iſt, deſſen ungemein gluͤckliches und treff⸗ 104 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. liches Genie mir noch jetzt nicht zu lieben unmoͤglich faͤllt. Seine uͤbrigen Angelegenheiten gehen mich nichts an. Weil er aber wegen ſeiner Geſundheitsumſtaͤnde die geheiz⸗ ten Zimmer nicht entbehren, ich ſie aber nicht ertragen kann, ſo hat Keiner den Andern geſehen.— In dieſer Aeußerung ſind ſo viel Lugen als Worte. Ich ging in Baſel trotz aller Kaͤlte und Schnee und der ſcharfen De⸗ cemberluft alle Tage aus und hatte gar nicht auf einem geheizten Zimmer beſtanden. Aber damit noch nicht genug. Auch von Wittenberg erfuhr ich, daß Erasmus an Philipp Melanchthon geſchrieben: Hutten, duͤrftig und von Allem entbloͤſt, ſuchte ein Neſt, wo er ſterben koͤnnte. Ich hätte dieſen prahleriſchen Ritter in mein Haus aufnehmen ſollen und mit ihm wahrſcheinlich den ganzen ſogenannten Chor der Evangeliſchen. Und auf aͤhnliche Weiſe hatte er noch mehrere Briefe geſchrieben, die mir faſt alle durch Freunde, empoͤrt uͤber ſolche Schlechtigkeit, in Abſchrift zu kamen; in einem ſagte er: ich haͤtte wahrſcheinlich eine Reiterzeh⸗ rung von ihm erpreſſen wollen. Ergrimmt uͤber ſo boden⸗ loſe Nichtswuͤrdigkeit begriff ich ſchon, daß der ſchlaue Fuchs durch dieſe ausgeſtreute Luge mir hatte zuvorkom⸗ men wollen, da er, von ſich ſelbſt auf mich ſchließend, be⸗ furchtet hatte, ich moͤchte die Art und Weiſe, wie er mich abgewieſen, ſchildern und ihm, den um ſeinen Ruf ſo ängſtlich beſorgten vornehmen Gecken bei ſeinen Freunden und Gonnern ſchaden. Weſſen das Herz voll iſt, davon fließen Mund und Feder uͤber. Ich ſchrieb hier in wenigen Die Sturmvögel zum Bauernkrieg 105 Tagen eine kleine Schrift gegen den gelehrten Schuft, der ſich noch immer unterſtand, ſich heuchleriſch meinen Freund zu nennen, worin ich mit kurzen und derben Worten Alles auskramte, was ich gegen ihn auf dem Herzen hatte. Dieſe Schrift, Expoſtulation d. i. Beſchwerde, Abfertigung, wurde hier mehrmals abgeſchrieben und die Kunde davon war auch nach Baſel zu den Ohren des biedern Erasmus ge⸗ langt. Er ſchrieb mir einen Brief, deſſen Eingang ziem⸗ lich hoflich, ja ſogar ſchmeichelhaft klang. Er ſchwatzte da viel von unſerer alten Freundſchaft, von unſerer gemein⸗ ſchaftlichen Liebe zu den Wiſſenſchaften und andern Din⸗ gen, die mich abhalten ſollten ihn durch Veroffentlichung meiner Schrift gegen ihn zu beleidigen. Er nannte ſolch einen Schritt eine Unklugheit— denn er wurde nun all⸗ maͤlig grob und groͤber— die Andere leicht auf die Ver⸗ muthung bringen wuͤrde, als habe ich es bei ihm auf eine Geldprellerei und Erpreſſung einer Summe hollaͤndiſcher Dukaten abgeſehen; endlich drohte er mir ſogar, daß, wenn es noch zum Druck der Expoſtulation kommen ſollte, kein in ſolchen Kampfen Unerfahrener oder wohl gar Feder⸗ ſtummer angegriffen wuͤrde. Zuletzt ſchloß er dies merk⸗ wuͤrdige Schreiben mit den Worten, gleichſam als habe er ein ganz reines Gewiſſen, deſſen Gegentheil doch der ganze Brief bezeugte: Deine Eppoſtulation erwarte ich.— Thoͤ⸗ richter Luͤgner! Mit dieſer Ausforderung war es ihm ge⸗ wiß am wenigſten Ernſt. Ich antwortete dem guten Manne kurz und buͤndig, 106 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ſchrieb, was ich von ihm halte, weſſen er werth ſei, und daß ich ſeine Winkelzuge verachte und ſeine Drohungen verlache. Darauf ein zweiter aͤhnlicher Brief des feinen Federhelden, worin er ſich wie eine Katze windet, aber doch wieder die Krallen ſehen laͤßt. Statt der Antwort ſchickte ich ihm eine Abſchrift der Eppoſtulation. Unterdeſſen war dieſe durch meinen hieſigen jungen Freund nach Straßburg geſendet worden und wurde dort ohne mein Wiſſen gedruckt. Sie hat viel Laͤrm in der gelehrten Welt und Herrn Erasmus wuͤthend gemacht; dies iſt der Verlauf der Sache bis heute.“ „Und glaubt Ihr, der falſche Erasmus werde ſich dabei begnuͤgen?“ fragte Martha.„Sein beleidigter Stolz und ſein gemeines Rachegefuͤhl werden es nicht verſchmaͤhen, ſich mit den roheſten und unwiſſendſten Pfaffen, die er doch ſo ſehr verachtet, zu verbinden, um Euch zu ſchaden; er wird ſogar den Anhaͤngern des landloſen Herzogs von Wuͤr⸗ temberg in die Hände arbeiten, um Euch aus der Schweiz, wo moͤglich aus Deutſchland zu vertreiben. Alle Euere Feinde werden ihm recht ſein, Euch zu ſchaden, und die Zahl derſelben hat ſich natuͤrlich durch Sickingens ungluck⸗ liches Ende und das Scheitern Euerer kuͤhnen Plaͤne, die uͤberall verlautet ſind, bedeutend vermehrt. Alle Buben, Pfaffen⸗ und Fuͤrſtenknechte werden jetzt ungeſcheut auf Euch drauf zu ſchlagen ſich erfrechen.“ „Ich werde mich wehren, ſo lange ich vermag.“ „Was koͤnnt Ihr allein gegen eine Legion ausrichten! — — 7— —,—————— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 107 Denn Euere Freunde werden Euch verrathen und im Stich laſſen. Ihre Thuͤren werden Euch verſchloſſen ſein.“ „Ich weiß es; ich habe ſchon Proben davon. Ich kann auch allein ſtehen. Und nicht alle ſind treulos. Zwingli bleibt mir ſicher in der Schweiz.“ „Ich darf Euch nicht verhehlen, daß die hieſige Pfaff⸗ heit ſchon ſtark damit umgeht, Euch mit Huͤlfe des Poͤbels, den ſie im Beichtſtuhl und wo ſie ſonſt kann, gegen Euch aufhetzt, von hier zu vertreiben. Es iſt nicht unwahr⸗ ſcheinlich, daß Erasmus ſie aufgeſtachelt hat. Die Pfaf⸗ fen ſind wuͤthend, daß Ihr hier die Fruͤhmeſſe abſchaffen, den Kelch einfuͤhren wollt.“ „Das hab' ich erwartet.“ „Eure wenigen Freunde werden Euch nicht ſchutzen können. Was gedenkt Ihr zu thun?“ „Ich werde heute noch an Zwingli nach Zuͤrich ſchrei⸗ ben und ihn um ein Aſyl bitten, wo ich geneſen oder ſter⸗ ben kann.— Ohnedies werden in Zuͤrich jetzt hoͤchſt wich⸗ tige Dinge vorbereitet, bei denen ich gern zugegen ſein „Mir iſt bange vor Euch, daß Ihr aus dem Lande vertrieben werdet.“ „Dann muß ich mich mit dem Koͤnige von Daͤne⸗ mark troͤſten; der iſt vor kurzem vom Adel und von den Pfaffen auch aus ſeinem Lande vertrieben worden, weil er den gedruͤckten Bauern uͤberhalf und das uͤbermuͤthige, 108 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. herrſch- und habſuͤchtige Adelsgeſchmeiß zu Paaren treiben wollte.“ „Aber er hat ein Aſyl mit ſeiner Koͤnigin bei der guten Tante derſelben, der Erzherzogin Statthalterin der Nie⸗ derlande, gefunden.— Dies bringt mich auf einen guten Gedanken. Moͤchtet Ihr nicht auch nach den Niederlan— den gehen? Euer Name iſt dort ſo gefeiert, wie in Deutſch⸗ land, und ich wuͤrde Euch dort ein ſicheres und gutes Aſyl zu verſchaffen im Stande ſein.“ „Ich dank' Euch fuͤr Euern guten Willen. Aber dort wuͤthet die Regierung in Verbindung mit der Pfaffheit gegen alle Anhaͤnger Luthers und der geſunden Vernunft. Es ſind heuer zwei Kleriker, die ſich an die Bibel hielten und die neue Lehre predigten, oͤffentlich verbrannt worden. Ich habe nicht Luſt, auf einem Scheiterhaufen zu ſterben. Bedenkt, daß Papſt Adrian ein Niederlaͤnder und Frau Margaretha die zaͤrtliche Tante des Kaiſers iſt.“ „Man ſagt, die junge Koͤnigin von Däͤnemark ſei der neuen Lehre zugethan.“ „Was koͤnnte ſie mir helfen? Sie iſt ja ſelbſt huͤlflos.“ „Aber auch ihre Schweſter, die ſchoͤne Koͤnigin von Ungarn und Boͤhmen, ſoll mit ganzer Seele lutheriſch ſein und die Gelehrten von Eurer Meinung gern um ſich ſehen. Ihr koͤnntet durch Eueres Freundes Ulrich Fug⸗ gers Schweſter und Schwager in Kremnitz, mit denen die 5—,— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 109 Koͤnigin Maria Freundſchaft haͤlt, leicht Eingang dort finden.“ „Ich will nichts von Ulrich Fugger, nichts von ſeinem Schwager; denn ſie ſind reiche Leute. Ich fliehe alle Reichen, ich bin mißtrauiſch gegen ſie. Ich traue keinem Menſchen mehr. Es iſt ein ſchwaches, armſeliges, ver⸗ raͤtheriſches Geſchlecht, mit dem ich leben muß. Ich will nichts von der Koͤnigin von Ungarnz denn ſie iſt arm, und es ſoll ihr zuweilen knapp genug gehen. Ich will kein Gnadenbrot eſſen. Noch hat die verruchte Welt meinen Stolz nicht gebeugt, und ſie wird es nicht vermoͤgen bis zu meinem letzten Athemzuge.“ „So fluͤchtet zum Koͤnige von Frankreich. Ihr ſeid dort bekannt und geehrt.“ „Ich haſſe dieſen leichtſinnigen Gecken, der keines gro⸗ ßen Gedankens faͤhig iſt.“ „Ja, Ihr ſeid immer noch der alte Trotzkopf. Aber ſo ſagt mir doch um aller Heiligen willen, wie ich Euch dienen und helfen kann? Vielleicht vermag ich Euch mehr zu nuͤtzen, als Ihr meint. Ich habe viel gute und einfluß⸗ reiche Verbindungen.“ „Deine Liebe und Guͤte ruͤhren mich wahrhaft, Martha. Du biſt doch ein gutes Herz. Aber mir iſt nicht zu hel— fen. Meine ſchoͤnſten Wuͤnſche und Hoffnungen ſind be⸗ graben, und mir iſt zuweilen, als hoͤrte ich das Nagen des Wurms, der mir die Lebenswurzel zerfrißt, als fuͤhlte ich die kleinen tuckiſchen Herolde des Todes durch meine Adern 110 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. jagen. So lang ich aber athme, will ich fuͤr das Licht und die Wahrheit ſtreiten und mich nicht von veraͤchtlichen vornehmen und reichen Leuten abhängig machen.“ „Du biſt unverbeſſerlich, Ulrich. Und doch vermag ich Dir nicht deshalb zu zuͤrnen. Im Gegentheil, ich liebe Dich deshalb; denn Du biſt der einzige wahre und ganze Mann, den ich kennen lernte. Auch ich verachte alle jene Leute, aber ich benutze ihre Schwaͤche zu meinem Vortheil. Dann verlach' ich ſie.— Mir aber wirſt Du um der alten Liebe willen nicht den Schmerz bereiten, eine kleine Huͤlfe von mir zu verſchmaͤhen. Ich bitte Dich, mein Leben, nimm dieſen Beutel von mir. Es ſind Fuggerſche Dukaten aus Kremnitz darin, einſt ein Geſchenk von Raimund Fugger an die Geliebte des Kurfuͤrſten von Mainz.“ „Ich nehme ſie, weil ſie von Dir ſind,“ ſagte der Rit⸗ ter laͤchelnd und ſteckte den Beutel ein. „Und wenn du ſonſt Huͤlfe hier bedarfſt, ſo erinnere Dich, daß ich Alles, was ich vermag, fuͤr Dich zu je⸗ den Augenblick bereit bin.“ „Ich danke Dir, ſchoͤne Suͤnderin. Dir wird wie der Magdalena viel vergeben werden; denn Du haſt viel ge⸗ liebt.“ „Ja, aber nur Dich allein.“— Sie trennten ſich, der Ritter nicht ohne ein wehmuͤthig ſchoͤnes Gefuͤhl in der kranken Bruſt. Nicht vergebens hatte er Martha's Warnung vernom⸗ — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 111 men; er ſchrieb gleich an Ulrich Zwingli wegen eines Aſyls im Nothfall. Dann ſtand er muthig und ruͤhrig den Magiſtratsperſonen bei, das ganze alte Kirchenceremoniel abzuſchaffen und dafuͤr das neue evangeliſche von der Ebern⸗ burg einzufuͤhren. Dagegen erhob ſich nun die Pfaffheit mit aller Macht, und da ihr nie und nirgend ein Mittel zu ſchlecht geweſen iſt, ihre Zwecke zu erreichen, ſo bediente ſie ſich des in der Stadt anweſenden Magiers, des ſogenann⸗ ten Mauren Antonio Maldonato, des angeblichen Ge⸗ mahls der tiefgeſunkenen Martha Bry. Dieſer alte boͤſe Knabe— er ſtand im ſechszigſten Lebensjahre— war im⸗ mer noch zu allen Ränken und Schelmenſtuͤcken aufgelegt, die ihm Geld einbrachten, ja ſelbſt ohne Lohn; denn es war ihm Bebuͤrfniß, die Rollen auch im Alter zu ſpielen, die er ſein Lebelang als Zigeuner Antonio Cebns, als Kunſtreiter, als Stallmeiſter der Erzherzogin Margaretha von Oeſtreich, als Wilhelm von Lannoy und Gemahl der Frau von Buͤbenhoven, als ſpaniſcher Ritter Don Antonio de Villaquiran, als Graf Torpillas und Oberkaͤmmerer des Papſtes Leo X., als ſpaniſch⸗mauriſcher Arzt, als Dieb, Spieler, Falſchmuͤnzer, als Zauberer und Famulus des Doktor Fauſt, ausgefuͤhrt hatte, und es war ihm kaum zu Ohren gekommen, daß der Ritter von Hutten ein Liebha⸗ ber der ſchoͤnen Martha in Mainz geweſen war, als er ſeine Hand zum Verderben deſſelben den Pfaffen mit teufliſcher Schadenfreude bot. Es gelang dieſen Verbuͤndeten, den Poͤbel der Stadt in ſo wilde und verwegene Aufreizung 112 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. gegen den kuͤhnen Ritter zu bringen, daß er ſich eines Abends— in der Mitte des Monats Juni— bewaffnet zuſammenrottete und unter Anfuͤhrung des alten Zigeu⸗ ners nach dem Hauße ſtuͤrmte, in welchem Ulrich von Hut— ten ſeine Herberge hatte, offenbar in der Abſicht, ihn zu erſchlagen, was die Pfaffen als ein gottſeliges Werk ge⸗ prieſen hatten. Aber ſo geheim der tuͤckiſche Zigeuner dieſen Plan vor Martha gehalten hatte, ſie wac, ſchlauer als er ſelbſt, den⸗ noch dahinter gekommen und fand noch ſchnell Zeit, die nöthigen Anſtalten zu Ulrichs Rettung zu treffen. Schon war der ſchreiende Poͤbel unterwegs, als Martha in gerin⸗ ger Maͤnnerkleidung in das Hgus ſturzte und auf des ge— liebten Ritters Zimmer eilte. Der kranke Dichter lag zu Bette. Ihn von der ihm drohenden Gefahr unterrichtend, warf ſie ihm raſch die Kleider uͤber, packte ſeine wenigen Habſeligkeiten zuſammen und fuͤhrte ihn durch das Hin⸗ terhaus in eine Seitengaſſe und von da aus der Stadt. Unterwegs erfuhr ſie von ihm, daß er von Ulrich Zwingli eine Einladung nach Zuͤrich erhalten und daß er dahin zu fliehen gedenke. Vor der Stadt hielt ein Bube mit zwei Pferden von der Geſellſchaft des Magiers und Kunſtrei— ters. Der Ritter warf ſich auf das ledige Pferd. Martha druͤckte ihm einen Kuß auf die von Krankheit zitternde Hand, und fort ſprengte der kuͤhne Streiter in die warme Sommernacht hinaus, von dem Zigeunerbuben begleitet. Die einſame Martha blickte ihm mit einer Thräne im Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ſi Auge nach; ein Seufzer entquoll ihrer Bruſt, dann kehrte ſie in die Stadt zuruͤck, wo der Poͤbel eben nur mit Muͤhe von den Magiſtratsperſonen abgehalten werden konnte, das Haus zu demoliren, aus welchem ihm der Gegen⸗ ſtand ſeines kuͤnſtlich erzeugten wuͤthenden Haſſes entron— nen war. Ein deutſcher Leinweber. VII — Fünftes Kapitel. Nirgend hatte die Oppoſition gegen die päpſtlichen Anmaßungen mehr tuͤchtige Freunde gefunden als in der freien Schweizerſtabt Zuͤrich, nirgend zaͤhlten die reforma⸗ toriſchen Ideen waͤrmere Freunde als unter dem Magiſtrat und den vornehmen und einflußreichen Patrizierfamilien dieſer Stadt. Der neue Geiſt war hier geweckt und ge⸗ pflegt worden von dem hochherzigen und erleuchteten Schwei⸗ zer⸗Theologen Ulrich Zwingli, welcher ſeit dem Jahre 1519 als Pfarrer am großen Muͤnſter, Luthers Beiſpiel folgend, das reine Evangelium predigte. Da die Schweizer ihre politiſchen Kaͤmpfe bereits durchgemacht und zu einer freien Verfaſſung ſich durchgearbeitet hatten, ſo fand ein Mann wie Zwingli in ſeiner Umgebung ein weit empfaͤnglicheres Feld fur die kirchliche Reform, als die Gottesſtreiter in Deutſchland, wo Fuͤrſtenvortheil und Adelsintereſſen ſich mit der roͤmiſchen Kleriſei ſtets zu verbinden geneigt waren. Ein glucklicher Umſtand war es fuͤr Zwingli und die Schweizerreformation, daß in Zuͤrich zu jener Zeit eine Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 115 nicht geringe Anzahl tuͤchtiger Koͤpfe lebten, und die ganze Buͤrgerſchaft geiſtige Empfaͤnglichkeit fur Zwinglis Lehren beſaß. Auch hier hatte die unſelige Ablaßkraͤmerei die erſte Veranlaſſung zum Widerſtreit gegen das Papſtthum gege⸗ ben. Zwingli hatte ſich dem Ablaßprediger Bernardin Samſon, einem Franziskaner aus Mailand, im Jahr 1518 widerſetzt, als er noch Prediger im Kloſter Maria⸗Einſie⸗ deln war. Dieſen Kampf gegen Leo's X. Schacher ſetzte er mit Gluͤck in Zurich fort und fand damit ſo allgemei⸗ nen Anklang, daß die Cantonsregierung von Zuͤrich ſchon im folgenden Jahre einen Befehl erließ, das Wort Gottes ſolle rein nach den Ausſpruͤchen der Bibel und ohne alle menſchliche Zuſätze gelehrt werden. Mit gottbegeiſtertem Eifer ging Zwingli nun weiter und führte 1522 die kirch⸗ lichen Verbeſſerungen auch in den aͤußern Formen ein. Nirgend trat ihm ein wichtiges Hinderniß entgegen; er bedurfte nicht der aͤngſtlichen Ruͤckſichtnahme, wie die Wittenberger. Papſt Adrian machte dem edeln freiſin⸗ nigen Schweizer vergebens die glaͤnzendſten Anerbietungen zu hohen kirchlichen Ehrenſtellen, wenn er von dem betre⸗ tenen Wege abließe. Ein Mann wie Zwingli war damit nicht zu fangen. Als nun Johann Oecolampadius(Haus⸗ ſchein) durch Sickingens Ungluͤck von der Ebernburg ver⸗ trieben, in Baſel eine ſeinem Talente, ſeiner Gelehrſam⸗ keit und ſeiner Liebe zu Licht und Wahcheit angemeſſene Anſtellung an der Univerſitat gefunden hatte, traten beide 8* 116 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Maͤnner bald in die innigſte freundſchaftliche Verbindung, wie ſie ein gleiches Streben nach einem herrlichen Ziele nur hervorrufen kann. Beide waren ſich im Alter ziem⸗ lich gleich; Zwingli war damals 39, Oecolampadius 37 Jahre alt. Der Letztere entſtammte ebenfalls einem Schweizergeſchlecht, obgleich er in Weinsberg in Schwaben geboren war. Zwiſchen den beiden Freunden fand faſt ein aͤhnliches Verhaͤltniß ſtatt, wie zwiſchen Luther und Me⸗ lanchthon: Zwingli war der kraͤftige bahnbrechende Geiſt, obgleich nicht ſo hartnaͤckig und eigenſinnig wie Luther; Oecolampadius war ein ſanfter milder Charakter, voll ſchoͤ⸗ ner Begeiſterung, aber auch voll Liebe und Verſoͤhnung, und deshalb iſt er wohl nicht mit Unrecht der Schweizer⸗ Melanchthon genannt worden. Dieſe beiden edeln Gei⸗ ſter, die ſich einander ergaͤnzten, legten nun gemeinſchaft⸗ lich Hand an das große Werk, und auf ihren Betrieb lud der Stand Zuͤrich im Fruͤhling des Jahres 1523 alle Theologen, welche Zwingli's Lehren widerlegen und ihn eines Beſſern uͤberfuͤhren koͤnnten, zum Sommer nach Zuͤrich zu einer großen Unterredung ein. Bereits hatten ſich eine Menge Theologen und weltliche Maͤnner, die an der Sache Intereſſe nahmen, aus der Schweiz und aus den angrenzenden Provinzen des deutſchen Reichs anmel⸗ den laſſen, und es wurden zu ihrem Empfange und ihrer Beherbergung großartige Anſtalten von der Stadt ge⸗ troffen. Mitten in dieſe lebendige, der Zukunft angehörige „ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 117 Bewegung, die ganz nach ſeinem Sinne war, kam der fluͤchtige Hutten und fand den von ihm ſo hochverehrten Oecolampadius in Zuͤrich, um mit Zwingli die Glaubens⸗ artikel des Letztern als die auf der bevorſtehenden großen Verſammlung zu vertheidigenden Streitpunkte auszuarbei⸗ ten und andere Vorkehrungen zu treffen. Der Ritter trat als der Dritte zu dieſem Bunde der Gleichgeſinnten, Gleichſtrebenden, denen er dem Alter, der Geſinnung, der Lebensaufgabe nach angehoͤrte. Die beiden ihm laͤngſt befreundeten Theologen empfingen ihn mit ſchweizeriſcher Treuherzigkeit und ſuchten dem kranken Dichter das von Erasmus zugefuͤgte Unrecht durch Liebe und Wohlwollen zu verguͤten. Oecolampadius reichte ihm freundlich die Hand; Zwingli fugte dem kraͤftigern Handſchlage ein herz⸗ liches„Willkommen unter Euern Freunden, edler Ritter!“ hinzu. Das Geſpraͤch kam ſchnell auf Huttens ſo viel beſprochenes Verhaltniß zu Erasmus.„Aergert Euch nicht uͤber den ſchlauen Fuchs!“ ſagte Zwingli.„Er will ſich bei den Fuͤrſten und großen Herrn, denen Sickingen unterlegen iſt, einen Pelz verdienen. Ihr wißt ja, er liebt die Bequemlichkeit und das Wohlleben und bezieht furſt⸗ liche Penſionen. Da es ſeiner Anſicht nach mißlich mit Euch ſtand, ſo verleugnete er Euch wie Petrus den Herrn. Alle Schwachköpfe und Achſelträger, die ſich erſt gleichſam im Leibe zerriſſen, um Euer Lob auszupoſaunen und Euch zu den Sternen zu erheben, weichen nun ſcheu vor Euch zuruͤck und fuͤrchten, es koͤnne ihnen ſchaden, wenn ſie mit 118 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Euch umgingen. Was kann Euch an ſolchen Lumpen lie⸗ gen! Ein großer Geiſt wie der Eurige iſt uͤber ſolche Er⸗ baͤrmlichkeiten erhaben. Sie fechten ihn nicht an. Im Gegentheil ſeht Ihr durch dieſen Windſtoß die Spreu von den ſchweren Koͤrnern gereinigt und moͤgt nun erſt recht erkennen, welche Euere wahren Freunde ſind.“ „Er iſt es nicht werth, daß man ſich uͤber ihn aͤrgert,“ fuͤgte Oecolampadius hinzu.„Und die Zuͤchtigung, die Ihr ihm ſo meiſterlich habt angedeihen laſſen, iſt eine wohlverdiente und wird ihm von Allen, Feinden wie Freun⸗ den gegoͤnnt. Man ſieht an ihm recht deutlich, daß ſelbſt die groͤßte Gelehrſamkeit und das Kaͤmpfen fuͤr die Wahr⸗ heit und das Recht mit den geiſtreichſten Waffen einen urſpruͤnglich unedlen Charakter nicht edel zu machen ver— moͤgen. Wenn es auf die Probe ankommt, zeigt er ſich doch in ſeiner urſpruͤnglichen Geſtalt.“ „Sprechen wir von beſſern Dingen!“ rief Hutten. „Es ereignen ſich jetzt wichtigere Sachen in der Welt, als die Falſchheit und der ohnmaͤchtige Zorn eines gelehrten Profeſſors. Ich bin herzlich froh, in Euerer Mitte zu ver⸗ weilen, Ihr wackern Freunde. Wir wollen zuſammen tuͤchtig Hand anlegen, damit unſer gutes Werk vorwaͤrts gehe trotz Papſt und Kaiſer, trotz Tuͤrkennoth und Fuͤr⸗ ſtenrache.“ So blitzte der ſtarke Geiſt in dem kranken Koͤrper jugendlich kraͤftig auf, und mit ſtrahlendem Auge fuͤgte er, die Haͤnde der Freunde ergreifend hinzu:„Ihr kennt doch Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 119 Luthers neues ſchoͤnes Lied Eine feſte Burg iſt unſer Gotte Darin heißt es:„Und wenn die Welt voll Teufel waͤr' und wollte uns gar verſchlingen, wir fuͤrchten uns doch nicht ſo ſehr, es muß uns doch gelingen!“ Dieſe Worte des trefflichen Auguſtiners haben mir ſchon viel Troſt und Muth in die Seele geſprochen.“ Zwingli und Oecolampadius umarmten den begeiſterten Freund, jener mit einem zuſtimmenden Laͤcheln, dieſer mit einer Thraͤne der Ruͤhrung in den ſanften Augen. Hutten ſchien in der Unterhaltung mit den Freunden, in der Verehrung, die ihm die Zuͤricher entgegenbrachten, und in der ſeinen Wuͤnſchen angemeſſenen Thaͤtigkeit ſein boͤſes Gebreſte zu vergeſſen, auch war's, als wenn der Sommer und die erfriſchenden Bergluͤfte, die uͤber den See herabſtroͤmten, ſeine Lebenskraͤfte wohlthaͤtig anreg⸗ ten. Oft ging er mit Oecolampadius, der ſich ſeiner vor⸗ zuͤglich annahm, in den Abendſtunden am Ufer des Sees in anregendem Zwiegeſpräch. Hier tauſchen ſie gegenſeitig ihre Anſichten aus; auch Zwingli war zuweilen ihr Be⸗ gleiter. Die Briefe und Zeitungen, welche aus faſt allen Gegenden Deutſchlands einliefen, die Flugſchriften der Wittenberger Reformatoren und ihrer Gegner, welche ihre gelehrten Freunde und die Buchhaͤndler ihnen zuſchickten, wurden auf dieſen einſamen Gaͤngen beſprochen. Eines Tags berichtete Hutten:„Da iſt mir heute von einem jungen Praͤdikanten in Thuͤringen gemeldet worden, der auf Doktor Farlſtadts ſtuͤrmiſchem Wege fortſchreitet und 120 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. wenn er, wie wohl zu erwarten ſteht, darauf beharrt, un⸗ ſerm guten Doktor Luther noch mehr zu ſchaffen machen wird, als der feurige Andreas Bodenſtein*). Er ſitzt in Altſtedt, einem Staͤdtlein zwiſchen Erfurt und Muͤhlhau⸗ ſen, ſoll erſt fuͤnfundzwanzig Jahre alt ſein, hat in Wit⸗ tenberg ſeine Studien abſolvirt, wo er ſich durch Fleiß, Sittenſtrenge, ernſtes wuͤrdiges Weſen und großen ſchier fanatiſchen Eifer gegen die Pfaͤfferei ausgezeichnet hat, und heißt Thomas Muͤnzer.“ „O von dem hat mir Melanchthon auch ſchon ge⸗ ſchrieben,“ fiel Oecolampadius ein,„und mir ein paar kleine Schriften von ihm geſchickt, in welchen der junge hitzige Praͤdikant nicht allein gegen die roͤmiſche Buͤberei, ſondern auch gegen Luther und Melanchthon loswettert. Er nennt die Letztern faules Fleiſch, das vom Glauben alles Heil erwarte. Er dringt auf die Werke und will das weltliche wie das geiſtliche Regiment umgeſchaffen wiſſen.“ „Das gefaͤllt mir baß von dem jungen Feuerkopfe,“ ſagte Hutten.„Solche Leute muͤſſen wir haben, wenn's vorwaͤrts gehen ſoll. Auch ich habe des Muͤnzers neueſte Schriften erhalten. Waͤren ſie nur nicht in einem etwas dunkeln Prophetentone geſchrieben, ſie wuͤrden noch mehr Eingang im Volke finden. Mit gluͤhenden Worten, die *) Karlſtadts eigentlicher Name. Seinen bekanntern Namen nahm er von ſeinem Geburtsort Karlſtadt in Franken an. Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 121 an Jeſaias erinnern, den er uͤberhaupt mehr als noͤthig in ſich aufgenommen hat, fordert er Freiheit fuͤr das Volk vom unmenſchlichen Drucke der Fuͤrſten und Pfaffen, for⸗ dert er die Herrſchaft fuͤr das Reich Gottes auf Erden. Wahrlich, er trifft den Nagel beſſer als die Wittenberger, die Alles mit der Kraft des Wortes allein machen wollen und ſklaviſche Unterwerfung des Volks unter die blut⸗ ſaugende Fuͤrſtengewalt predigen. Das Schwert ſoll ent— ſcheiden, die nothgedrungene That des gedrangſalten Volks; die Freiheit ſoll mit Blut erkämpft werden. Fuͤrwahr, das iſt ſtets auch meine Meinung geweſen, und ich konnte der unwuͤrbigen Lehre von der Unterwerfung des Volks unter die Fuͤrſtengewalt und von der Lammesgeduld, die ſich nicht nur die Wolle abſcheeren, ſondern auch das Blut abzapfen und das Fleiſch ausſchneiden läßt, wie ſie Luther in ſeiner kraͤftigen Weiſe predigt und gleichſam despotiſch verlangt, niemals Beifall ſchenken. Den Muͤnzer moͤcht' ich kennen lernenz er iſt ein wackerer junger Mann, und mich will beduͤnken, er werde bald uͤber dem Luther ſein. Die Welt ſchreitet in unſern Tagen mit Siebenmeilen⸗ ſtiefeln vor, und die Jugend thut ſtets einen tuͤchtigen Schritt weiter, als die ihr vorangegangen ſind. Der Muͤn⸗ zer ſteht auf Luthers Schultern, darum tritt er ihn mit Fuͤßen und ragt uͤber ihn hinaus. Er arbeitet ſchon nicht mehr auf dem theologiſchen Felde allein, nein, er ſchlaͤgt auch wacker auf die harten Erdſchollen des weltlichen Re⸗ giments los; er will auch hier friſche lockere Erde fuͤr ſei⸗ 122 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. nen guten Saamen. Das iſt ein aͤchter Arbeiter im Wein⸗ berg des Herin. Mich erfreut baß, wie er den Tyrannen zu Leibe geht, ſie mögen ihren Eigennutz und ihre Bos⸗ heit mit der Stola oder dem Purpurmantel umhaͤngen. Keine Prieſterknechtſchaft will er mehr dulden, aber auch keine Frohnen; die todte Buchſtabenreligion ſoll aufhoͤren, aber auch das Kaſtenunweſen und der aͤußerliche Unter⸗ ſchied der Menſchen, die alle Kinder Gottes ſeien. Das Reich Gottes, als ein Reich der Freien und Heiligen ſoll uͤber das ganze deutſche Land walten, und das wahre Prie⸗ ſterthum, die geiſtige Pflege des Rechts und der Wahrheit ſoll die Herrſchaft vernuͤnftiger Geſetze uͤber die ganze Welt verbreiten. Krieg allen Tyrannen und Buben! ruft er aus. Das Schwert Gideons ſoll ſie vernichten. Mich duͤnkt, wer ſolche Worte unter das Volk ſchleudert, ſei auch geſchickt, fuͤr ſeine Ueberzeugung ihm jenes Schwert vorzutragen.“ „Doch iſt bei den Muͤnzerſchen Donnerkeilen wohl zu beachten, daß es ein ganz junger Mann iſt, der ſie ſchleu⸗ dert,“ warf Zwingli ein.„Solch begeiſterter Jugend laͤuft ſtets das Herz mit dem Kopfe davon. Ich mag Luthers Geduldslehre auch nicht; wenn Worte nicht mehr helfen, muß man ſchon das Schwert zur Hand nehmen und Krieg und Blut nicht ſcheuen fuͤr die Sache der Wahrheit. Aber Muͤnzer faͤngt gleich mit dem Schwerte an. Es wuͤrde ein boͤſer Handel, blutig und graulich, wie die Welt noch keinen geſehen, wenn ſolch ein wilder Fanatiker wie Gideon Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 123 einherzoͤge an der Spitze des entfeſſelten gemeinen Volks. Deutſchland koͤnnte daruͤber veroͤden.“ „Laßt das gut ſein, werther Freund!“ rief Hutten. „Wenn die Sache vorwaͤrts ſoll, ſo muß ſie einmal einen rechten Ruck thun. Das heißt, ſie muß einen tuͤchtigen Stoß erhalten von ſolch einem Feuer- und Kraftmenſchen. Mit dem Worte und nur immer mit dem Worte allein, mit dem ewigen Reden und Schwatzen kommen wir nicht vom Flecke. Die Maͤnner der That haben in ſolch gaͤh⸗ renden Zeiten, wie die unſrigen, ſtets die Welt vorwarts gebracht. Handeln, Dreinſchlagen, das will die Jugend, die ſich in ihrer Kraft unnuͤtz verzehrt. Alles Große iſt von einer begeiſterten thatkraͤftigen Jugend, die, ohne lang darum zu bitten, das Heft in die Hand nahm, ausgegan⸗ gen. Der Knoten iſt ſo ſchlimm verſchlungen und ver⸗ worren in unſern Tagen, daß er durch die geduldige Wort⸗ klauberei nicht mehr von einander gebracht werden kann; er muß mit dem Schwerte durchgehauen werden. Als Alerander Magnus den gordiſchen Knoten durchhieb, war er auch ein junges Blut, und an die Loͤſung des Knotens hatte das Orakel die Herrſchaft der Welt gebunden, die nun dem wirklich zufiel, der ihn mit einem kuͤhnen und kraͤftigen Schwertſtreiche geloͤſt hatte. Daran ſeht, daß die kuͤhne und kraͤftige Jugend, die mit dem Schwerte drein ſchlaͤgt, immer recht hat auf der Erde wie im Himmel.“ „Fuͤrwahr, es ſcheint, als wollte Eure Anſicht mehr 124 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. und mehr in den Gemuͤthern Platz greifen,“ bemerkte Zwingli.„Da ſuchte mich vor einiger Zeit der Prädikant der Stadt Waldshut im Schwarzwalde, Kaspar Hub⸗ meyer heim, derſelbe, der vor mehreren Jahren als Dom⸗ prediger in Regensburg gegen die Juden eiferte und da⸗ durch die unſchuldige Urſache zur Errichtung der ſchoͤnen Maria dort wurde.“— „Der iſt mir wohl bekannt,“ fiel Hutten ein.„Er iſt ein verſtockter Scholaſtiker.“ „Luthers Schriften haben ihn bekehrt, aber ſchon iſt er weit druͤber hinausgegangen und ſchier auf demſelben Wege, wie Muͤnzer. Die tolle Wirthſchaft mit der ſchoͤ⸗ nen Maria in Regensburg hat ihm die Augen zuerſt ge⸗ oͤffnet, aber ihn auch aus Regensburg vertrieben. Tief im Schwarzwald ſitzt er nun in der kleinen Stadt und hat ſich mit feurigen Predigten gegen alle Tyrannei, geiſt⸗ liche wie weltliche, großen Anhang erworben.“ „So iſts! Die Sache muß vorwaͤrts gehen, und Luthers Zaͤume werden ſie nicht aufhalten.“— Auf dieſe Weiſe vergingen acht Wochen. Da aber zeigte ſich's, daß Huttens Beſſerung doch nur Schein ge⸗ weſen war. Die Kraͤfte verließen den Ritter merklich, die Krankheit verſchlimmerte ſich. Aber ſeinen Feinden er⸗ ſchien der kuͤhne Streiter ſtets als hoͤchſt gefaͤhrlich. Die Kunde, daß er ſich in Zuͤrich bei Zwingli befinde, hatte ſich nicht nur in der ganzen Schweiz, ſie hatte ſich auch in Deutſchland verbreitet, ja ſie war ſogar nach Rom an die ——, he Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 125 paͤpſtliche Kanzlei berichtet worden. Die Pfaffen fuͤrch⸗ teten von ſeiner Anweſenheit bei der ausgeſchriebenen Theologenverſammlung und vom Einfluß ſeiner feurigen Rede und Gelehrſamkeit mehr als von irgend einem An⸗ dern. Um die Mitte des Monats Auguſt lief alſo ein Schreiben des Papſtes Adrian an den Zuͤricher Stadtrath ein, worin er dem Staate zeitliches und ewiges Verderben androhete, wenn dem Ritter Ulrich von Hutten dort Schutz und Pflege gewaͤhrt wuͤrde. Nach einigen Tagen erhielt der kranke Mann einen Brief aus Baſel, worin ihm ge⸗ ſchrieben wurde, Erasmus habe ein Schreiben an den Magiſtrat in Zuͤrich erlaſſen, worin er Hutten anſchwaͤrze und durch allerlei Vorſpiegelungen dahin trachte, daß der Ritter aus der Stadt vertrieben werde. Huttens Kraft war gebrochen; ſie flammte nicht mehr in dem alten Zorn auf uͤber die neue Nichtswuͤrdigkeit des gelehrten Schlei⸗ chers. In ruhiger und wuͤrdiger Weiſe verfaßte er eine Zuſchrift an den Stadtrath und bat um Abſchrift der Erasmusſchen Verleumdung. Er ſchalt nicht wieder, da er geſcholten war, er vergalt ſeinem Feinde mit einer an ihm ungewohnten Sanftmuth. Der Brief hätte nicht anders lauten koͤnnen, wenn er aus Oecolampadiu's Feder gefloſſen waͤre. Die ſtarke Geiſtesflamme zitterte nur noch ſchwach am ausgekohlten Dochte. Aber die ſcheinheilige Bosheit des Mannes, der ihn einſt vor aller Welt geprie— ſen, der mit ſeiner Freundſchaft geprahlt hatte, ſchmerzte ihn tief. In Baſel hatte Erasmus nur ſeinen Beſuch 126 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. abgelehnt; jetzt ging er darauf aus, ihn, den kranken armen Fluͤchtling, aus einem ruhigen Aſyl, aus der Mitte werther Freunde zu vertreiben. Die Gereiztheit, die aus ſeiner Krankheit entſprang, machte ihn fuͤr den Schmerz nur noch empfaͤnglicher, und dieſer wirkte nun um ſo ver⸗ nichtender auf ſeine letzte Kraft.— Obgleich der Magi⸗ ſtrat weder auf das Schreiben des Papſtes, noch auf das des Baſeler Gelehrten die geringſte Ruͤckſicht nahm, ſo ſah ſich Hutten doch veranlaßt, ſchon nach wenigen Tagen die Stadt zu verlaſſen. Zwingli empfahl ihn an einen der Heilkunſt kundigen Pfarrer auf der kleinen Inſel Ufnau im Zuͤricher See; dort hoffte er, werde der Freund von ſeinem Uebel hergeſtellt werden. Ein kleines Boot fuͤhrte eines ſchoͤnen Morgens den Kranken den See hinauf. Sein Auge blickte truͤb auf die reizenden Ufer und die maͤchtigen Berge im Hintergrunde. Ein bitteres Weh zog durch ſeine Bruſt. Alle Hoffnungen und alle Taͤu⸗ ſchungen ſeines Lebens gingen waͤhrend der Fahrt an ſei— nem innern Auge voruͤber, und er kam Abends kränker in Ufnau an, als er Morgens in Zuͤrich ausgefahren war. Der Pfarrer Hans Schnegg empfing den beruͤhmten Mann mit ehrerbietiger Herzlichkeit und wandte neben der lieb⸗ reichſten Pflege alle ihm zu Gebote ſtehenden Mittel an. Aber in der Einſamkeit des aͤrmlichen Pfarrhauſes hatten die finſtern Geiſter der Verzweiflung, der Troſtloſigkeit, des Jammers uͤber menſchliche Dummheit und Bosheit, volle Macht uͤber den Dichter, und ſie verſchworen ſich mit „— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 127 dem ihnen verwandten Geiſte eines verzehrenden Fiebers. Als Knabe war er in die Welt gegangen, um ſich der des⸗ potiſchen Pfaffengewalt zu entziehen. Um der Wahrheit willen war er arm und elend durch die Länder geirrt, ge⸗ haßt und verfolgt von eigenſuͤchtigen Menſchen. Zwanzig Jahre lang hatte er den Kampf gegen die Nichtswuͤrdig⸗ keit mit gewaltiger Feder gefuͤhrt, und immer hatte ihm als letztes und hochſtes Ziel ein großes durch Einheit und Freiheit ſtarkes Deutſchland vorgeſchwebt; er hatte die beſten Kräfte ſeines hochbegabten und vom Feuer der Be⸗ geiſterung durchgluͤhten Geiſtes an dieſes Ziel geſetzt. Als Mann war er endlich krank, elend, gehaßt und verfolgt, nach zweckloſer Flucht durch die Länder, in einem entlege⸗ nen Winkel der Erde angekommen, und er fuͤhlte, daß er am Markſteine ſeines Lebens ſtehe. Ach, und wie weit war er vom ſchoͤnen heiligen Ziele entfernt! Dieſe boͤſen Gedanken rieben ihn hier ſchneller auf, als in Zuͤrich der Fall geweſen ſein wuͤrde. Am zwoͤlften Tage nach ſeiner Ankunft auf Ufnau hauchte er die edle große Seele aus. Kein ihm theures Haupt ſtand an ſeinem Sterbebette und erleichterte dem großen Kaͤmpfer den letzten Kampf. Ein ihm fremder Mann, der ihm nur wenige Tage wirkungs⸗ loſe Huͤlfe geleiſtet, erzeigte ihm die letzte Liebe und begrub ſeine Huͤlle auf dem kleinen Gottesacker der Inſel. Nur vier Monate war der eble Hutten uber ſechsunddreißig Jahre alt geworden; mitten im ſchoͤnſten Mannesalter wurde er dahin gerafft und folgte ſeinem Freunde Sickin⸗ 128 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. gen ſchon nach ſechszehn Wochen in den Tod. Er hinter⸗ ließ, nach Zwingli's Zeugniß, nichts als ſeine Feder und ſein Schwert, wenig und doch ungeheuer viel. Denn es waren die bebeutungsvollen Symbole des Kampfes, die mächtigen Waffen gegen Lug und Trug, gegen Herrſch⸗ ſucht und Selbſtſucht, gegen die geſpreizte Gewalt, die blutſaugende Tyrannei in der ſcheinheiligen Larve der Volksbegluͤckung, gegen die Bedruͤckung und Zerſtuͤckelung Deutſchlands, gegen die hoͤlliſchen Quaͤlgeiſter, die die⸗ ſes un materiellen und ideellen Mitteln ſo reiche Deutſch⸗ land immer und immer wieder zur Ohnmacht herab⸗ druͤcken, um dann in ſeinem Schweiße und Blute zu ſchwelgen. Ulrich von Huttens Feder und Schwert! Heiliges Erbtheil geſinnungstuͤchtiger deutſcher Jugend, großes Vermaͤchtniß des edelſten deutſchen Mannes, uͤber drei⸗ hundert truͤber boͤſer Jahre haſt du todt gelegen. Belebe dich, gewaltiges Erbgut, und trage uns und dem Lande wuͤrdige Zinſen! Noch heute liegt Deutſchland in den ſchmachvollen Ketten ſelbſtſuͤchtiger Fuͤrſtengewalt, die euch jetzt vorheuchelt, wie damals, von ihr nur koͤnne das wahre Heil Deutſchlands kommen; noch zehrt ein Heer uͤppiger Praſſer an euerm Mark. Noch werden alle edeln Deut⸗ ſchen, die des Vaterlands Gluͤck und Wohl, ſeine Einheit und Freiheit, ſeine Groͤße und Macht als hoͤchſtes Ziel uneigen⸗ nuͤtzigen edeln Strebens zu erringen, ſich anſchicken, gehaßt, verfolgt, verdaͤchtigt und in den Tod gejagt. Auch jetzt 3 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 129 ſind wieder gelehrte Profeſſoren, wie Erasmus von Rot⸗ terdam, hervorgetreten, und haben Maͤnner der Freiheit, wie Ulrich von Hutten, mit denen ſie erſt ſchon gethan, verläugnet und vethen, haben um Fuͤrſtengunſt ge⸗ buhlt und ſind zur gerechten Strafe dafuͤr, von den Fuͤr⸗ ſten ſchnoͤde behandelt worden. Wieder der alte Kampf: der ſchwachliche gelehrte Liberalismus, gegenuͤber der hei⸗ ßen Genialität der Jugend; gegen beide, das treuloſe Fuͤrſten⸗ und Pfaffenregiment. Kugeln aus den Rohren fuͤrſtlicher Moͤrder, Ketten und Feſtung ſind heute der Lohn fuͤr Huttens geiſtige Nachkommen.„Wuͤhler, Hetzer, Aufwiegler, Feinde der Ruhe, der Ordnung, des Geſetzes“ nennt ſie die Treuloſigkeit der Fuͤrſten, die Schlechtigkeit der Ariſtokratie, und der bloͤde Verſtand des genußſuͤchtigen blaſirten Buͤrgerthums, der geldgierigen verrotteten Eigen⸗ ſucht beten nach, was jene ihm vorſagen. Aber wie Nrons duͤrrer Stab gruͤnte, als ſeine Zeit gekommen war, ſo werden Huttens Schwert und Feder dem gedrangſalten Vaterlande noch die rechten Fruͤchte bringen. Aber be⸗ denkt es wohl: zuſammen gehoͤren ſie, Schwert und Feder, wie ſie zuſammen auf uns vererbt wurden. Unter dem Raſen der kleinen Inſel im Zuͤricher See ſind die Gebeine des fur Einheit und Freiheit Deutſchlands hoch⸗ begeiſterten feurigkuͤhnen Mannes in Staub zerfallen; Niemand kennt die Stätte mehr. Aber ſein Schwert und ſeine Feder wandern durch Deutſchland, immer ſchaͤr⸗ fer, immer kräftiger, die herrlichen Werkzeuge zur Er⸗ Der deutſche Leinweber VlI. 9 130 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. bauung des ihm allein wuͤrdigen Monuments: die Ein⸗ heit und Freiheit Deutſchlands. Die Zeit iſt endlich gekommen, die es wahr machen ſoll, was er einſt mit prophetiſchem Geiſte geſungen: „Aus meinen Gebeinen wird mir einſt der Raͤcher auferſtehn.“ Sechstes Kapitel. Um dieſelbe Zeit, als eine Handvoll kuͤhler Erde auf das einſt ſo heiße Herz des kuͤhnen ritterlichen Dichters und Kaͤmpfers fur Licht und Wahrheit im Schooße der kleinen, von den hellen Bergwaſſern des Zuͤricher Sees um⸗ ſpielten Inſel fiel, trabte eines heitern ſonnigen Vormit⸗ tags ein junger ſtattlicher Geſell auf einem flinken Rößlein auf dem Wege von Augsburg uͤber die Berge und durch die Thäler der Grafſchaft Burgau und bog endlich, der Straße wohl kundig, den nicht breitgetretenen Pfad nach dem Haſenhofe ein. Er war ein feiner, ſchlanker, etwas ſchmaͤchtiger junger Mann, dem Anſehen nach in den erſten zwanzig Jahren ſtehend; hellblonde Locken fielen unter einem breiten, grauen, mit einer wallenden Feder geſchmuͤck⸗ ten niederlaͤndiſchen Hut auf ſeine Schultern herab; ſein mageres fein geſchnittenes Geſicht haͤtte huͤbſch genannt werden koͤnnen, waͤre es nicht durch eine Anzahl dunkel⸗ rother Flecken, die ſich wie Feuerflaͤmmchen ausnahmen, und durch einen lauernden tuͤckiſchen Zug, der wohl Miß⸗ 9* war und mich in fremden Laͤndern herumtrieb. Erzaͤhle 132 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. trauen erwecken konnte, entſtellt geweſen. Auch hielt er ſeinen gut gewachſenen Koͤrper nicht aufrecht, ſondern trug den Kopf vorwaͤrts gebeugt, was den Eindruck von jenem Zuge um Mund und Augen noch vermehrte. Dieſe blauen, ſcharfen, verſchmitzten Augen ließ er jetzt nach allen Seiten hingleiten und muſterte die ſich ihm darbietenden Gegen⸗ ſtaͤnde mit einer Art laͤchelnder Vertraulichkeit, als ſeien ſie alte Bekannte von ihm, die er nach langer Abweſenheit wieder begruͤße. So war er endlich auf dem Hofe des Bauernguts angelangt, wo ein paarLeute beſchaͤftigt waren, die letzte Ernte einzuheimſen. Verwundert uͤber die unge⸗ wohnte Erſcheinung eines vornehmen, ſchier adelig aus⸗ ſehenden Reiters in glaͤnzendem Waffenſchmuck, dankten ſie unterwuͤrfig dem etwas hochmuͤthigen Gruß des jun⸗ gen Geſellen und traten herzu, nach ſeinem Begehr zu fragen. „Iſt das Haſenhaͤnslein noch hier zu Hauſe auf ſeinem Hofe? Lebt der Bauer noch?“ fragte der junge Fremde mit etwas ſchwerem faſt auslaͤndiſchen und doch wiederum ſchwaͤbiſchen Accent. „Ihr muͤßt lange nicht in unſere Gegend gekommen ſein, junger Herr,“ verſetzte der ſtaͤmmige Bauersmann, „daß Ihr nicht wißt, wie's dem armen Haſenhaͤnslein er— gangen iſt.“ „Nichts weiß ich von ihm; denn Du haſt recht, Bauer, es iſt manches langes Jahr verſtrichen, ſeit ich nicht hier Die Sturmvögel zum Bauernfrieg. 133 mir fur ein gutes Trinkgeld, was ſich mit dem Hänslein zugetragen.“ „Das iſt bald erzählt. Er kam mit dem Vogt in ſchlimme Haͤndel wegen der Lore, ſeiner Tochter. Unſer eins weiß nicht, was an der Sache iſt. Genug, die Lore ging als Magd in Dienſt zu einer vornehmen Herrſchaft in Augsburg und iſt ſogar mit in Ungarn geweſen. Da hat ſie einen Bergmann in den fuggeriſchen Goldgruben gefreit, und der iſt dann mit ihr nach Tyrol gezogen, wo er in den fuggeriſchen Silbergruben angeſtellt wurde. Der Vogt hat aber, wie die Leute erzaͤhlen, das Hänslein zwin⸗ gen wollen, das Menſch wieder herbeizuſchaffen. Hänslein hat ſich das Maul verbrannt, wenn er Einen über den Durſt genommen, und das that er alle Tag, zumal als die Lore fort war. Der Vogt hat ihn in die Eiſen ge⸗ ſetzt und ihm dann den Hof verganten laſſen. Ich hab' das Anweſen gekauft. Mit dem Bauer ſpringen die Herrn um, ſchlimmer als ich mit meinem Ochſen. Das Vieh ſchonen wir, weil's fuͤr uns arbeiten muß; wir aber wer⸗ den nicht geſchont, obgleich wir aͤrger fuͤr die Herren ſchaf— fen muͤſſen, als das Vieh fuͤr uns. Das Hänslein iſt nach⸗ her zu ſeiner Tochter in Tyrol gezogen und lebt dort, wenn's nicht geſtorben iſt.“ „Wißt Ihr mir vielleicht den Namen des Bergmanns anzugeben, welcher der Lore Ehewirth geworden iſt.“ „Ja, das kann ich,“ antwortete die Frau gefällig, „denn ſie iſt vor etlichen Jahren mit ihrem Manne hier 134 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. geweſen und hat ihre Gefreunde und Geſippe beſucht. Sie iſt eine reiche ſtattliche Frau geworden und traͤgt ſich gar hochmuͤthig. Ihr Wirth aber heißt Gebhard Diether und iſt Oberſteiger bei Herrn Jakob Fugger im ſchwazer Sil⸗ berbergwerk.“ „Welches iſt der nachſte Weg von hier dorthin?“ „Ihr reitet wohl am beſten den Mindel hinauf und dann durch den Algäu uͤber die Berge. In Mindelheim moͤgt Ihr die erſte Nachtherberge nehmen, am beſten bei Herrn Georg Frundsberg, der jetzt daheim iſt auf ſeinem hoch uͤber der Stadt gelegenen ſchoͤnen Schloſſe. Er iſt ein gaſtfreier Ritter und hat oft viel adeliger Gaͤſte aus Schwaben und Tyrol und von den reichen Herrn in Augs⸗ burg, die er auch nicht ſelten heimſucht. Als aber der ſchwa⸗ biſche Bund den Edelherrn in Franken die Bergſchloͤſſer verbrannte— vor acht Wochen, iſt er zu Haus geblie⸗ ben. Es wird ihn baß erfreuen, wenn Ihr ihn heimſucht; denn er iſt gar ein leutſeliger Herr. Weiter hinauf werden Euch die Leute beſſer berichten, als wir's können.“ Der Reiter druͤckte der Baͤuerin ein Geldſtuͤck in die Hand und fragte geſchmeidig:„Koͤnnt ihr mir fuͤr Geld und gute Worte nicht einen Imbiß reichen, eine Schale kuͤhler Milch und Brot und meinem Roͤßlein ein Metz⸗ chen Hafer und einen friſchen Trunk? Der Tag iſt heiß.“ — Die Frau ſprang flink die beſcheidenen Wuͤnſche des fremden jungen Herrn zu befriedigen. Das Baͤuerlein nahm ſich des Pferdes an. Der Fremde ging durch Hof Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 135 und Garten und beſah ſich dieſe und jene Stelle, dann trat er auch in das Haus und fragte endlich nach dieſem und jenem Dinge, ſo daß die Baͤuerin neugierig ſagte:„Ihr moͤgt wohl hier bekannt ſein, edler Herr. Aber was fuͤr Verkehr moͤgt Ihr doch mit dem Haͤnslein gehabt haben? Er iſt eben kein feiner Kumpan geweſen.“ „Fuͤrwahr, da haſt Du recht, Frau; das war er nicht.“ „Wer ſeid Ihr denn eigentlich, wenn's erlaubt iſt?“ „Wahrlich,“ verſetzte der Fremde bitter lachend,„das möcht ich ſelbſt gern hier erfahren haben.“ Die Baͤuerin ſchuttelte den Kopf bedenklich vor ſich. „Ihr werdet am beſten wiſſen, wie vornehmer Leute Kind Ihr ſeid. Tragt Ihr doch einen Ring am Finger, ſo reich und koſtbar, wie ihn hier zu Lande nur die Vornehmſten vom Adel beſitzen. Ich glaube, Herr Raimund Fugger in Augsburg hat keinen herrlicheren.“ 5 „Wohl moͤglich! Deshalb bin ich noch lange kein Fugger.— Biſt Du aus dieſer Gegend gebuͤrtig, Baͤuerin?“ „Ei freilich, aus dem naͤchſten Dorfe.“ „Erinnerſt Du Dich nicht eines Buben, der als ein Verwandter des Haſenhaͤnslein hier auf ſeinem Hofe auf⸗ wuchs?“ „Ich werde ja! Der Märten mit den rothen Tupfen im Geſicht.— Ach heilige Mutter Gottes! Seid Ihr das? Ja, ja, jetzt erkenn' ich Euch an den Tupfen. Seid Ihr aber ein ſtattliches Bild geworden! Kennt Ihr mich denn Die Sturmvögel zum Bauernkrieg 136 nicht mehr? Ich bin ja des Rothmeiers Babele Wir haben oft zuſammen geſpielt, und Ihr habt mir oft Eins ausgewiſcht; denn Ihr waret ein boͤſer Bub.“ „Und haſt Du nie gehort, wer meine Eltern geweſen ſind? Das Haſenhänslein ſagte mir zwar oft, ich ſei ſeiner verſtorbenen Schweſter Kind, und er fuͤttere mich um Got⸗ tes Barmherzigkeit auf; aber es wurde mir ſchon da⸗ mals geſteckt, es ſei nicht wahr.“ „Bah!“ rief die Baͤuerin mit einer pfiffigen Geberde. „Meine Baſe Gretel hat mir oft erzahlt, eine fremde Frau habe Euch hier auf dem Haſenhofe geboren. Niemand habe erfahren, wer und woher ſie ſei. Sie habe geſprochen wie man hier zu Lande nicht ſpricht und ſei oft unter den Bauernweibern mit Rocken und Spindel geſeſſen und gar fleißig geweſen. Dann als ſie fort, habe Euch das Haſen⸗ haͤnsleins Frau, Elſe, aufgefuͤttert, und der Bauer habe viel Geld dafuͤr erhalten, ſo daß ſich ſeine Umſtände gar ſehr gebeſſert. Daruͤber ſei er ein arbeitſcheuer Taugenichts und Trunkenbold geworden und ſeine Frau in Gram und Herzeleid geſtorben. Weiter weiß ich Euch nichts zu be⸗ richten.“ „Es iſt ſchon etwas, und ich bin Dir dankbar, Ba⸗ bele. Das Haſenhaͤnslein wird mir ſchon mehr ſagen koͤnnen. Du ſiehſt, daß ich eben ſo wenig weiß, wer ich bin, als Du ſelbſt, und außer meiner Perſon und meinem Taufnamen Martin nichts von mir kenne.“ ——————— ———— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 137 „Wo ſeid Ihr denn in den vielen Jahren geweſen und in ſo gute Umſtaͤnde gekommen?“ „Das iſt eine weitlaͤufige Geſchichte, und ich habe weder Zeit noch Luſt, ſie Dir zu erzählen; denn Dein Mann fuͤhrt eben das abgefuͤtterre Pferd vor, und ich bin mit Deiner guten Milch auch fertig.“ Die Bauerin verweigerte jede fernere Bezahlung aus alter Freundſchaft, erzählte ihrem Ehewirth ſchnell, welche wichtige Entdeckung ſie gemacht, und der Bauer erbat ſich, den Jugendfreund ſeiner Frau ein Stuͤck Wegs zu beglei⸗ ten. Martin beſtieg ſein Roͤßlein und hoͤrte das Thal hinaufreitend nur mit halbem Ohre auf das Geſchwätz des Bauers, der ſich zuletzt noch ein Stuͤck Geld gefallen ließ. Dann ließ der von Ungeduld getriebene Reiter ſein Pferd tuͤchtig ausgreifen und ſchenkte der ſchoͤ⸗ nen Gebirgsnatur umher keinen einzigen Blick, ent⸗ weder weil ihm der Sinn dafuͤr abging, oder weil er im Geiſte mit ganz anderen Dingen beſchaäftigt war. Zuweilen begegneten ihm Truppen ſingender Landsknechte in ihrer wunderlich zuſammengewuͤrfelten Tracht und Be⸗ waffnung; er ſchien an dieſe Erſcheinung ſchon gewohnt zu ſein und widmete ihr keine Aufmerkſamkeit. So ge⸗ langte er am Abend in das Städtchen Mindelheim, uͤber dem ſich auf ſteiler Hoͤhe das ſtattliche Schloß des weltberuͤhm⸗ ten kaiſerlichen Feldoberſten Georg von Frundsberg erhob. Martin hatte natuͤrlich nicht Urſache ſein Pferd den Schloßberg hinaufzulenken. Er ſuchte die beſte Herberge 138 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. in der Stadt auf. Vom Wirth in eine beſondere Stube gewieſen, fand er mehrere Ritter und Junker an den mit blanken kupfernen Weinkannen bepflanzten Tiſchen, die ſeinen hoͤflichen Gruß als den eines Ebenbuͤrtigen erwie⸗ derten. Hervorſtach vor allen ein ſtattlicher Mann, einfach in einem erbsgelben Waffenrock und hohen braunen Rei⸗ terſtiefeln, mit einem milden, faſt freundlichen breiten Ge⸗ ſicht im vollen blonden Bart, die Roͤthe der Geſundheit auf den von der Sonne braun gebrannten Wangen; er mochte ein angehender Fuͤnfziger ſein. Daneben ſaß ein etwas Juͤngerer von wilderem Anſehen mit ſtruppigem braunen Haar und Bart, Lederkoller und blitzendem Wehrgehaͤnge, das ächte Bild eines deutſchen Kriegshauptmanns jener ſturmbewegten Zeit. Der Dritte an dieſem Tiſche war wohl den Sechzigen nahe, wenn nicht ſchon darin, weit reicher, vornehmer und ſorgfaͤltiger gekleidet, mit einer ſchweren goldenen Kette um Hals und Bruſt. Seine Zuͤge waren eiſig ſtreng und duͤſter. Noch zwei Ritter ſaßen an dieſem Tiſche, der Eine mit eiſernem Bruſthar⸗ niſch, der Andere in einem braunen Wamſe. An einem andern Tiſche hatten mehrere Junker Platz, huͤbſche leb⸗ hafte junge Leute, theils in den mittlern, theils in den erſt angehenden zwanziger Jahren. Auch noch an andern Tiſchen ſaß eine Anzahl Ritter von verſchiedenem Alter und Ausſehen. Als Martin in die Gaſtſtube trat und beſcheiden, aber mit hoͤflichem und anſtändigem Gebahren Platz nahm, — — „— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 139 ſtockte die Unterhaltung der Anweſenden und ihre Blicke flogen dem jungen Fremden zu, der durch die rothen Flecken in ſeinem ſchoͤnen Geſichte ſo auffaͤllig war. Auch war ſeine vornehme fremdlaͤndiſche und ſchier praͤchtige Kleidung wohl geeignet, die Aufmerkſamkeit zu erregen. Es dauerte auch nicht lange, ſo wandte ſich einer der Jun— ker, der ihm zunaͤchſt ſaß, mit den Worten an ihn:„Jun⸗ ker, ich hab Euch eben ankommen ſehen. Ihr habt einen koſtbaren Schimmel, ein Pferd, wie's hier zu Lande wenig Ritter in ihren Ställen fuͤttern moͤgen. Fuͤrwahr, ich habe noch kein ſtolzeres und praͤchtigeres Thier geſehen, und ſehr wenige, die ihm gleich kommen moͤchten.“ „Es iſt auch ein Maure von ächt arabiſcher Zucht,“ verſetzte Martin gleichguͤltig.„Ich habe ihn ſelbſt mit aus Spanien gebracht.“ „Ah, Ihr kommt aus Spanien?“ fragte ein Anderer mit erhoͤhtem Tone.„Jedenfalls vom kaiſerlichen Hofe in Toledo?“ „Wohl hab' ich mich kurze Zeit dort aufgehalten.“ „Iſt der Kaiſer gluͤcklich in ſeinen Erblanden ange⸗ kommen?“ „Am 17. Juni iſt er wohlbehalten an's Land geſtie⸗ gen, nachdem er ſich ſechs Wochen lang in England bei ſeinem Ohm dem Koͤnige Heinrich aufgehalten.“ „Was ſagt man in Spanien von dieſem Aufenhalt Sr. Majeſtäͤt am engliſchen Hofe?“ „Er ſoll durch Leutſeligkeit und Milde nicht allein den 140 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Koͤnig und den Kardinal Wolſey, die rechte Hand des Koͤnigs, ſondern auch das engliſche Volk fur ſich gewonnen haben, und ein Buͤndniß gegen den franzoͤſiſchen Koͤnig ſoll zu Stande gekommen ſein, falls derſelbe, wie man von ſeiner Sinnesart erwartet, die in Italien empfangene Scharte wieder auszuwetzen und Mailand wieder zu er⸗ obern Luſt bezeigen ſollte.“ „Daß er dieſe Luſt wirklich hat, koͤnnt Ihr hier zu Lande erfahren, wo er gute deutſche Landsknechte mit ſchwerem Gelde werben läßt, um ſie gegen ihren Kaiſer, ja gegen ihre Landsleute und Bruͤder zu fuͤhren,“ ſagte ein Ritter.„Denn den deutſchen Kriegshauptleuten iſt vom Erzherzog Ferdinand in Inſpruck der Befehl zugegangen, ebenfalls die Werbetrommel ruͤhren zu laſſen, und Herr Sebaſtian Schaͤrtlin, den Ihr dort ſitzen ſeht— er deutete auf den Ritter im ſtruppigen dunkelbraunen Haar und und Bart— wird bald ein Heer Landsknechte uͤber die Alpen fuͤhren, um die Franzoſen zu erwarten.“ „Habt Ihr vielleicht eine Botſchaft vom Kaiſer an Herrn Georg von Frundsberg, den oberſten Feldhauptmann in Tyrol, zu uͤberbringen, die Euch nach Mindelheim, ſei⸗ nen Ritterſitz gefuͤhrt hat?“ fragte der ſchoͤnſte und freund⸗ lichſte der Junker.„Ihr koͤnnt ſie dann gleich abgeben; der Ritter im gelben Waffenrock mit dem blonden Barte iſt's, mein Vater; denn ich bin Melchior, ſein juͤngſter Sohn, und hier ſitzt mein Bruder Kaspar, der diesmal als kaiſerlicher Hauptmann auch mit nach Italien will.“ . Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 141 „Ich dank Euch, Junker, fuͤr Eueren Beſcheid. Aber eine Botſchaft an Euern Vater hab' ich nicht.“ „Wohin gedenkt Ihr denn?“ fragte Melchior Frunds⸗ berg hierauf vertraulich.„Ihr wollt Euch wohl als Hauptmann oder Feldweibel von Herrn Sebaſtian Schaͤrt⸗ lin werben laſſen?“ „Auch das liegt nicht in meinem Willen. Der Zufall hat mich blos hierher gefuͤhrt, und meine Reiſe geht nach Tyrol.“ „An das Hoflager des Erzherzogs? So habt Ihr wohl Botſchaft an ihn? Wohl von ſeinem Bruder dem Kaiſer?“ „Wenn ich ſie haͤtte, durft' ich's doch nicht verrathen,“ verſetzte Martin ſchlau. „Darf man Euern Namen nicht erfahren? Ihr ſitzt hier unter lauter adeligen Herrn und Junkern aus Schwa⸗ ben, und es ſcheint doch, Ihr ſeid ein deutſcher Edelmann, ja Euere Mundart erinnert ſogar an das Schwaͤbiſche. Ihr wuͤrdet gewiß Allen hier eine Freude machen, wenn Ihr Euch zu erkennen geben wollt.“ „Ich heiße Martin; einen andern und beſſern Namen hab' ich zur Stunde ſelbſt noch nicht, hoff' ihn aber zn erhalten. Ich ſuche naͤmlich eine vornehme fremde Frau, die mich in Schwaben geboren hat, oder, wenn ſie nicht mehr leben ſollte, ihre Familie. Ich habe ſie am kaiſer— lichen Hofe in Spanien geſucht, ich will ſie am erzherzog⸗ lichen in Inſpruck ſuchen. Ihr ſeht, daß ich Urſache haben muß, ſie in den hoͤchſten Kreiſen zu vermuthen. Und 142 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. dazu bediene ich mich dieſes koſtbaren Ringes. Vielleicht kann mir Einer von den Rittern durch Erkennung des Ringes auf eine Spur helfen. Den uͤbrigen Theil meines Geheimniſſes wollt Ihr mir billig erlaſſen.“ Dieſer halb offene, halb verdeckte Beſcheid, mit großer Schlauheit aus Wahrheit und Luͤge zuſammengeſetzt und aus Eitelkeit und wirklichem Verlangen auf eine ihm er⸗ wuͤnſchte Spur zu kommen, entſprungen, war natuͤrlich ſehr geeignet, die dem jungen Menſchen bereits zugewen⸗ dete Aufmerkſamkeit ſehr zu ſteigern. Er zog den bezeich⸗ neten Ring vom Finger und uͤberreichte ihn dem Junker, welcher ihn ſogleich den Rittern uͤbergab. Das Kleinod wurde in genaue Betrachtung genommen. Ein großer koſt⸗ barer Smaragd war von goldenen Händen gehalten. Auf dem Edelſtein ſah man einen Turban uͤber einer Fahne und darum im Bogen arabiſche Schrift. Auf den gol⸗ denen Haͤnden waren ebenfalls arabiſche Schriftzeichen. „Das iſt kein deutſches Adelswappen,“ ſagte der Ritter Frundsberg kopfſchuͤttelnd, und gab den Ring Schaͤrtlin. „So mir Gott!“ rief dieſer uͤberraſcht. Das iſt ein Ring, wie ihn nur die tuͤrkiſchen Paſchas zu tragen pflegen, Ich habe im vorigen Jahre auf meinem Kriegszug gegen die Tuͤrken in Ungarn einen ähnlichen geſehen, der einem erſchlagenen Paſcha abgenommen worden war. Wie ſeid Ihr zu dem Ringe gekommen?“ — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 143 „Man hat ihn mir in Spanien gegeben, damit ich durch ihn finde, was ich ſuche.“ „Da koͤnnt Ihr in Deutſchland lange ſuchen.“ „Und doch bin ich ſchon auf der Spur.“ „Gott helf Euch weiter darauf! Aber unter der ſchwaͤ⸗ biſchen Ritterſchaft werdet Ihr weder Vater noch Mutter finden.“ „He, Truchſeß,“ ſagte der Ritter Joͤrg zu dem alten vornehm gekleideten Ritter mit der ſchweren goldenen Kette,„Du ſuchſt Deinen Sohn, und hier ſucht ein junger Geſell ſeinen Vater oder ſeine Mutter. Wenn Ihr Euch zuſammenthaͤtet, waͤr Euch Beiden geholfen.“ „Mit nichten!“ verſetzte der Angeredete muͤrriſch.„Er ſucht ſeinen Vater, ich meinen Sohn. Ich werde mit Huͤlfe der ſchwaͤbiſchen Ritter, meiner guten Schwaͤger und Freunde, ſo wie des Bundes ſelbſt, ſchon finden, was mir noth, und der junge Geſell wird den Ring auch nicht im⸗ mer vorzeigen.“ „Der geſtrenge Herr dort,“ fluͤſterte Melchior Frunds⸗ berg Martin zu, iſt Herr Georg von Waldburg, Erbtruch⸗ ſeß und Oberfeldhauptmann des ſchwäbiſchen Bundes. Der Bund hat ſich genöthigt geſehen, vor acht Wochen gegen viele von der fraͤnkiſchen Ritterſchaft, die den kaiſerlichen Landfrieden ſchmaͤhlich gebrochen, ernſtlich und mit Feuer und Schwert einzuſchreiten. Dieſe verwegenen Franken, die den Adel verunehren, haben gegen die fahrenden Kauf⸗ leute und ihre Waaren uͤbel gehaust. Die Städte, die — 144 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. zum Bunde gehoͤren, haben das uͤbel pern und vom Bunde Huͤlfe gegen die Raͤuber begehrt. Ja nicht genug; Johann Thomas von Abtsberg hat vor zwei Jahren den Grafen Joachim Oettingen, der im Dienſte des Bundes heimreiſen wollte, bei Schwäbiſch-Werth auf offener Straße niedergeworfen und ſo uͤbel zugerichtet, daß der wunde Mann gleich darauf geſtorben iſt. Noch in dieſem Fruͤhjahr hat Chriſtoph von Abtsberg Herrn Schaͤrtlin dort unterwegs uͤberfallen und ihm einen Knecht erſtochen. Wer nicht zu dieſen unſauberen Geiſtern gehoͤrte, war auf des Kaiſers Landſtraße nicht ſicher. Der ſchwaͤbiſche Bund wirkte gegen die Abtsberge und ihre Geſellen die kaiſer— liche Ober- und Unteracht aus, ſammelte das Aufgebot der Staͤdte und zugehoͤrigen Ritter und ſagte allen Burg⸗ beſizern Schwabens und Frankens ab, welche nicht auf dem beſtimmten Tage zu Noͤrdlingen eidlich bekräͤftigt, jede Gemeinſchaft mit den Geächteten gemieden und ihnen nicht Zuflucht in ihren Hauſern gewährt zu haben. Drauf wurde der Abſagebrief im Namen Rudolphs von Ehingen, des Marſchalls der Bundesreiſigen— es iſt der Ritter dort im Bruſtharniſch— und noch anderer einundzwanzig Rit⸗ ter in Wuͤrzburg und Bamberg oͤffentlich ausgehaͤngt und und ihre Ehre bewahrt gegen Hans Thomas von Abtsberg und ſeine Helfer, und der Fehdebrief, von drei Hauptleu⸗ ten ausgeſtellt, jeder verdaͤchtigen Burg zugeſchickt. Nun ging's auch gleich los. Die nuͤrnberger und augsburger Kaufleute waren vorzuͤglich eifrig, den Heckenrittern, die ſie ſo Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 145 ſehr geſchaͤdigt, das faule Handwerk zu legen. Jene ſand⸗ ten gewaltige Buͤchſen aus ihrem Zeughauſe, dieſe tuͤchtige Mannſchaft unter dem Hauptmann Kaspar Rieger, der Lange genannt. So wie aber das Bundesheer im Anzug war, flogen die Raubvoͤgel aus den Neſtern. Dieſe wur⸗ den weidlich niedergebrannt, und ganzer vier Wochen lang fraß das Feuer, vom Bundesheer angemacht, ſchier taͤglich einen fraͤnkiſchen Ritterſitz. Andere wurden verſchont, weil die Herren ſich durch Geldbuße oder Reinigungseid loͤſeten, Der Hans Thomas Roſenberg, dem die Burg Borberg gebrochen war, hat aber niederträchtige Rache am Truchſeß genommen. Der einzige Sohn deſſelben, Jakob, war vom Vater mit andern jungen Edelleuten nach Doln in— Burgund geſchickt, wo er unter eines deutſchen Hofmeiſters Aufſicht ritterliche und freie Kuͤnſte erlernen ſollte. Dort hat ihn nun der Roſenberg vor drei Wochen ſchaͤndlicher und gewaltſamer Weiſe mitten aus der Stadt vom Kirch⸗ gange aufgehoben, geraubt und hinweggefuͤhrt, Niemand weiß wohin, und das ganze Land iſt voll Geſchrei des uner⸗ hoͤrten Raubes. Herr Joͤrg Truchſeß iſt aber mit den an⸗ dern Rittern hierhergekommen zu meinem Vater, um zu berathen, was in dieſem Falle zu thun iſt.“ „Ich dank' Euch fur den Beſcheid, Junker.“ „Iſt der Aufruhr des gemeinen Volks in Spanien gaͤnzlich unterdruͤckt?“ fragte der Ritter Ehingen Martin. „Was die Strenge des Adels noch nicht hatte bezwin⸗ Ein deutſcher Leinweber. vlI. 10 146 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. gen koͤnnen, hat die Milde des Kaiſers vollends ausge⸗ loͤſcht,“ verſetzte dieſer. „Unſere Bauern hier zu Lande ſticht der Hafer, es dem Spanier nachzuthun,“ erhob der Truchſeß die rauhe Stimme.„Es thaͤte wahrlich Noth, daß der deutſche Adel es auch dem ſpaniſchen nachthue und nicht länger dem frechen Spiel des Bauernvolks muͤßig zuſähe. Es wird alle Tage ärger. Prädikanten und ander loſes Geſindel ziehen haufen⸗ weis im Lande herum und predigen dem leibeigenen Volk gaͤnzliche Befreiung von allen Laſten und Abgaben, ſie ſollen's bald beſſer haben, wie die Herrn ſelbſt. Adel und Kleriſei wird ſo ſchwarz als moglich angeſtrichen, und nicht ſelten geradezu zu Mord und Todſchlag aller Leute, die etwas ſind und etwas haben, aufgefordert. Ohne Scheu wird der Bundſchuh gepredigt in ganz Oberſchwaben. Da⸗ ran iſt der verdammte Moͤnch in Wittenberg ſchuld. Und wir ſitzen fein ſtill und ſehen dem loſen Spiel zu. Wahr⸗ lich ich daͤchte, es waͤre eben Zeit, da wir mit den Raub⸗ rittern fertig geworden ſind, wir machten Anſtalt, auch mit dem baͤueriſchen Raubgeſindel fertig zu werden, eh' das Ding zu arg wird.“ Dazu ſchlug er mit der Fauſt auf den Tiſch, daß er droͤhnte. „Laß mir das wittenberger Moͤnchlein aus dem Spiele, Schwaͤger Joͤrg,“ nahm der Ritter Frundsberg das Wort. „Der Doktor Luther hat mit dem Bauernvolke hier nichts zu ſchaffen; er predigt gegen den roͤmiſchen Unfug, gegen Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 147 die Grauel, die Leuteſchinderei, die Unzucht und all das Unweſen, wie's von Rom aus uͤber die deutſchen Lande ge⸗ kommen iſt, und wie ich's in Italien oft genug mit eignen Augen geſehen. Ich habe den Luther in Worms gehoͤrt; es hat ihn keiner der hochnaſigen Pfaffen aus der heiligen Schrift, dem lebendigen Worte Gottes, widerlegen koͤnnen, wozu er ſie doch kecklich aufgefordert. Der Bundſchuh iſt älter als Luthers Wort; das wißt Ihr Alle. Die Noth iſt älter als das Gebot. Das aber dem Bauern ein Licht aufgegangen iſt durch das ihm in die Hand gegebene reine Wort Gottes, das ihm die Pfaffen ſchlauer Weiſe ſtets entzogen, iſt ebenſo wahr. Der Bauer iſt meiſt gehalten worden wie ein Vieh, und die geiſtlichen und weltlichen Herrn waren weidlich daran, ihn ſo dumm zu erhalten, wie ein Vieh. Aber der Bauer iſt ein Menſch, wie wir, Ihr Herren. Gottes Gnade und Barmherzigkeit hat ihm die⸗ ſelben leiblichen und geiſtlichen Gaben verliehen, wie uns, und Chriſtus unſer Herr hat ſein koſtbares Blut fuͤr ihn vergoſſen, wie fuͤr uns, zur Erloͤſung von der Suͤnde und Erlangung des ewigen Lebens.“ „Was faͤllt Dir ein, Bruder Joͤrg!“ lachte der Truch⸗ ſeß bitter.„Du predigſt ja ſelbſt wie ein lutheriſcher Prä⸗ dikant und als wären wir Bauern, die Du belehren oder verfuͤhren wollteſt. Wer will dem Bauern die Theilhaf⸗ tigkeit an Chriſti Blut und an der ewigen Seligkeit ab⸗ ſtreiten? Aber das Bauerngezuͤcht will's auf Erden ſchon haben wie im Himmel, und das iſt gegen die Ordnung 0 148 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. der Dinge und Natur. Der Bauer muß arbeiten; dazu iſt er erſchaffen und in die Welt geſetzt.“ „Lieber Schwager, der Bauer nicht allein. Das aber iſt gegen Natur und goͤttliches Recht, daß die Einen allein arbeiten und darben, die Andern allein faullenzen und ſchlemmen ſollen. Denn es ſteht geſchrieben: Gott will, daß allen Menſchen geholfen werde, und Chriſtus hat gelehrt und Lutherus lehrt's ihm nach, daß wir alle Kinder eines Vaters ſind. Das weiß jetzt der Bauer, und weder ein Pfaffenwedel, noch ein Ritterſchwert werden ihm dieſes Wiſ⸗ ſen wieder aus dem Kopfe bringen.“ „Du redeſt wahrlich, als ob Du mit den Bauern ge⸗ meinſame Sache haͤtteſt.“ „Nicht alſo, Truchſeß!“ ſprach Frundsberg ſehr ernſt. „So wenig wie der Doktor Luther. Kein vernuͤnftiger Menſch wird Aufruhr gut heißen. Es waͤre am Reichsregiment, die Sache der Bauern zu beſſern. Die Zeit fordert das. Aber das Regiment iſt ſchwach und wird niemals ſtark werden. Die Staͤnde ſind uneins. Die Geldſaͤcke in allen Staͤdten eifern gegen den in Vorſchlag gekommenen Zoll, wodurch das Reich zur Einheit kaͤme und ſehr gefoͤrdert wuͤrde, und den Zoll muͤßten ja doch die Verbraucher zah— len und nicht die Haͤndler. Aber die Fugger haben ſich dagegen geſtemmt. Die Fuͤrſten ſind untereinander un⸗ eins, und nur wenn's gilt, den Adel zu unterdrucken, halten ſie zuſammen. Wir haben's— Gott ſei's geklagt!— beim wackern Sickingen geſehen. Der hat daran glauben Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 149 muͤſſen, daß er die arge Sache beſſern wollte. Ihr wißt Alle, es war kein treuerer Mann auf deutſcher Erde, und was er gewollt, konnte ſchon nicht ſo uͤbel ſein; eben weil er's gewollt. Nun ſagt mir: wer ſoll dem geſchundenen und getretenen Bauer helfen, uͤber den Fuͤrſten, Adel, Staͤdte, Kleriſei her ſind, um ihn zu rupfen und zu zupfen. Wahrlich, ich ſag' Euch, es iſt nirgends mehr Ungerechtig⸗ keit und Argliſt, als in deutſchen Landen, und Gott weiß wohin das Alles noch fuͤhren ſoll.“ „Zum neuen Bundſchuh!“ lachte Schaͤrtlin.„Und mein ehemaliger Herr, der Herzog Ulrich ſitzt ja druben auf Hohentwiel und hetzt die Bauern aͤrger als ein Praͤdikant zum Bundſchuh auf; er, der vor neun Jahren den armen Konz*) zuſammenhauen, köpfen, haͤngen und pfaͤhlen ließ, der Bauern Haus und Hof verbrannte, er zieht jetzt die tollen Bauern heran und verbuͤndet ſich mit ihnen zu einem neuen armen Konz, um durch ihn wieder zu Land und Leuten zu kommen. S' iſt auch ein deutſcher Fuͤrſt und der ſchlechteſten keiner, nur der Unklugſte.“ „Wenn er beſſer waͤre, haͤtte er ſich nicht an den Fran⸗ zoſenkoͤnig gehangen, um Geld zu erhalten, womit er das öſterreichiſche Regiment in Wuͤrtemberg bekriege und ver⸗ treibe. Auf der einen Seite verleitet er die Bauern und haͤlt's Der arme Konrad(d. h. koan Rath— kein Rath), der arme Kunz, die Empörung der Bauern in Würtemberg gegen Her⸗ zog Ulrich 1514. 15⁰ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. mit den Aufruͤhrern, auf der andern Seite mit den Fran⸗ zoſen. Pfui!“ Dieſe Worte ſprach der Ritter Frunds⸗ berg mit Entruͤſtung. „Noth kennt kein Geſetz und Gebot!“ rief der Haupt⸗ mann Rudolf von Ehingen.„Es iſt wahr, er hat's toll getrieben, und der ſchwaͤbiſche Bund hat ihn geſtuͤrzt und vom Lande verjagt. Darum aber gebuͤhrt das Land noch nicht Oeſterreich. Es iſt und bleibt Herzog Ulrichs recht⸗ maͤßiges Erbe. Was hat der Erzherzog Ferdinand fuͤr ein Recht auf Wuͤrtemberg? Es iſt als eroͤffnetes Reichslehn eingezogen, ſagt man. Gut. Iſt Heſtreich das Reich? Oder iſt Wuͤrtemberg bei Oeſtreich zu Lehn gegangen? Es iſt himmelſchreiend! Und eine edle treue Ritterſeele, wie Goͤtz von Berlichingen, der feſt an ſeinem Herrn, dem Her⸗ zog hielt, hat daruͤber unterliegen muͤſſen. Wart Ihr nicht alle empoͤrt, als die Heilbronner Spießbuͤrger ihn in den Diebsthurm gelegt? Und doch waren wir als des Bun⸗ des Glieder und Hauptleute unſres Bruders und Genoſſen Goͤtzens Gegner und Bekaͤmpfer. Ich ſag' Euch, es iſt dem Goͤtz Unrecht geſchehen und dem Herzog.“ „Keiner hat den Goͤtz lieber als ich,“ ſagte Frunds⸗ berg.„Er und ſein Schwager Sickingen waren meine Jugendfreunde. Ihr wißt, wie ich ihn gegen die Gewalt der Heilbronner geſchuͤtzt. Ich achte auch die Rechte des Herzogs. Aber ich tadle, daß er zu ſolchen Mitteln greift, wieder zu ſeinem Erbe zu kommen.“ „Wem Unrecht geſchieht, der mißt nicht lang und —,— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 151 ängſtlich die Mittel ab, wie er das Unrecht abwehre. Nun wohl, Ihr ſagt: den Bauern geſchieht Unrecht, deshalb ſoll man nicht ſtreng mit ihnen rechten, wenn ſie Aufruͤh⸗ rerei treiben. Dem Adel geſchieht Unrecht von den Fuͤr⸗ ſten; deshalb ſoll man den Sickingen nicht verdammen, zumal ſein edles hochherziges Blut hat unterliegen muͤſ⸗ ſen. Dem Volke geſchieht Unrecht von den roͤmiſchen Pfaffen, deshalb ſoll man auf den Luther und ſeine Ge⸗ ſellen nicht zuͤrnen. So ſcheltet auch den Herzog nicht, wenn er's nicht genau nimmt mit den Mitteln, wieder zu ſeinem Recht zu kommen. Gewalt mit Gewalt zu ver⸗ treiben iſt erlaubt.“ „Deshalb hat er auch den beruͤchtigten Fuchsſteiner aus Regensburg gewonnen,“ ſagte Frundsberg ſpoͤttiſch, „der nicht nur ein Ritter und Doktor iſt, ſondern, wie man ſagt, auch ein Diener des Teufels Wodan, des alten Heidengoͤtzen, ein Hexer und Zauberer. Schon manchem Fuͤrſten ſoll er mit boͤſer Kunſt gedient haben und mit dem Großtuͤrken in enger Verbindung ſtehen. Der will denn dem Herzog wieder zum Land verhelfen. Iſt das auch ein zu entſchuldigendes Mittel, Vetter Ehingen?“ „Wer weiß, was uͤber den Fuchsſteiner alles gelogen wird!“ entgegnete dieſer. „Wer iſt der Fuchsſteiner?“ fragte jetzt Martin, deſſen Aufmerkſamkeit durch den Gang der Unterhaltung immer hoͤher geſteigert worden war, ſeinen Nachbar. „Wie ich gehoͤrt, ein ſeltſamer Kauz, Hans von Fuchs⸗ 152 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ſtein genannt, aus Regensburg gebuͤrtig. Er ſoll mehr konnen als Brot eſſen. Man ſagt, er ſei beim Doktor Fauſt in die Schule gegangen.“ „Und iſt er wirklich mit dem Geofßtuͤrken in Ver⸗ bindung?“ „Wer kann's behaupten, wer kann's ableugnen? Er wird Keinem darob Rede ſtehen.“ „Und was an dem Geſchrei war vor ſechs Monden, als habe der Herzog einen neuen Bundſchuh im Hegau und Thurgau und allem Lande am See*) aufgerichtet,“ ſagte Ehingen,„hat gar nicht ermittelt werden koͤnnen, ſo großen Laͤrm die oͤſtreichiſche Regierung in Stuttgart auch davon machte.“ „Sonderbar iſts aber doch,“ bemerkte Frundsberg, „daß der Herzog kurz zuvor bei denen von Solothurn 11000 Gulden aufgenommen und dafuͤr ſeine Herrſchaf⸗ ten Clerval und Paſſavant verpfaͤndet. Seine drei treuen Diener, Kaspar von Freiberg, Burkhart von Weiler und Wilhelm von Lier waren um die Zeit in Hohentwiel ein⸗ getroffen, angeblich um die wegen ruͤckſtändigen Solds unzufriedene Beſatzung zu bezahlen. Bedurfte es dazu einer ſolchen Summe und ſo hoher Anleihe? Und daß er ein halbes Jahr zuvor das ganze Nutznießungsrecht des Hohentwiel mitten im unruhigen Hegau und nah an der Schweiz, dieſer alten maͤchtigen feſten Felſenburg, von *) Bodenſee. Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 153 Heinrich von Klingenberg erworben, muß doch auch etwas zu bedeuten haben. Man behauptet zwar, der Herzog ſei vom 16. December bis zum 19. Januar nicht von Moͤm⸗ pelgard weggekommen, aber ich habe mir fuͤr gewiß ſagen laſſen, daß er anfangs December heimlich auf Hohentwiel geweſen. Und daß die Bauern dort herum ein Faͤhnlein aufgeworfen, worin eine Sonne und ein goldner Bund⸗ ſchuh gemalt, mit der Umſchrift: Welcher frei will ſein, der zieh zu dieſem Sonnenſchein, iſt auch wahr. Mir hat's ein Mann erzaͤhlt, der's geſehen. Bei Gelegenheit, als der Freiherr Georg von Hewen, ein treuer Diener des Herzogs, wie Ihr wißt, ſeine Neuvermaͤhlte, die Graͤfin von Hohenthal heimfuͤhrte, ſollte der Bundſchuh ſich unter die die Braut feſtlich einholenden Bauern miſchen und ſo mit dem beſchriebenen fliegenden Faͤhnlein geradezu auf Hohentwiel losgehen, wo der Herzog und viele ſeiner An⸗ haͤnger ſie erwartet, um von da in das Fuͤrſtenthum Wuͤr⸗ temberg einzufallen. Nur weil die Sache verrathen wurde und die oͤſtreichiſche Regierung in Stuttgart, die ſich nie ſicher weiß, ſo großen Lärm ſchlug, iſt ſie unterblieben.. Sandte ſie doch gleich Botſchaft an den Erzherzog auf den Reichstag nach Nuͤrnberg und brachte das ganze Land in Ruͤſtung, beſetzte die Grenzen, bot die Huͤlfe des Schwa⸗ benlandes auf, und ſandte zwei Tuͤbinger Buͤrger in die Aemter des wuͤrtembergiſchen Schwarzwaldes, um die Staͤdte auf die drohende Gefahr des Bundſchuhs aufmerk⸗ ſam zu machen und ſie zur Treue zu ermahnen. Freilich 154 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. fanden die Buͤrger Alles ruhig. Der Herzog war nicht mehr auf dem Hohentwiel, und kein Menſch wollte etwas vom neuen Bundſchuh wiſſen. Aber man ſah doch, daß die Oeſtreicher, die jetzt das wuͤrtemberger Land inne ha⸗ ben, weder dem Herzog, noch den Bauern, noch auch den Staͤdten trauen.“ „Sie haben's auch Urſache,“ meinte der Truchſeß. „Hab' ich mir doch ſagen laſſen, es gaͤbe Leute in den Staͤdten, nicht allein in Wuͤrtemberg, ſondern in freien maͤchtigen Reichsſtaͤdten, vornehme angeſehene Leute, von denen man's nimmer glauben ſollte, die's auch mit den Bauern hielten.“ „Dergleichen hab' ich auch gehoͤrt,“ fuͤgte Frundsberg hinzu.„Auch in Augsburg ſoll's nicht wenige geben. Es iſt eben eine wunderliche Zeit, wo Alles kocht und gaͤhrt, und ſo mir recht iſt, wird's bald drunter und druͤber gehen. Jeder nimmt Partei, fuͤr die Fuͤrſten, fuͤr das Reichsregiment, fuͤr den Kaiſer— denn der Kaiſer ſoll mit dem Regiment nicht zufrieden ſein— fuͤr die Kleriſei, oder fuͤr den Luther, die Bauern, die Staͤdte, wie Jeder geſtellt iſt oder die Einſicht hat. Die Parteien gehen aber meiſt weit uͤber den Willen ihrer Anſtifter hinaus. Schel— ten doch die Praͤdikanten auf den Luther und die Witten⸗ berger, weil er gegen ihre Widertaͤuferei iſt. Ich hab's mit eigenen Ohren gehoͤrt.“ „Ei beſuchſt Du auch die neue Predigt?“ fragte der Truchſeß verwundert. A Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 155 „Wie's eben kommt. Man muß ſich Alles anſehen und anhoͤren. Ich kam vor vierzehn Tagen aus dem Tyrol, wohin mich der Erzherzog beſchieden. Auf der Heimfahrt, hort ich, daß ein Prädikant aus Sachſen, aus Zwickau glaub' ich, im Gebirg predige. Ich ging Abends in meines Knechts Schaube hin und ſah im Thal unter freiem Himmel viel Volks beiſammen. Der Prädikant war bibelfeſt und ſprach friſch und keck von der Leber. Er hat's dem Volke ſonnenklar aus der Bibel bewieſen, daß es ein Recht auf Freiheit und die Guͤter des Himmels wie der Erde hat. Ich ſag' Euch, man muß feſt im Sat⸗ tel ſitzen, wenn einen ſolch ein Burſche nicht heraus⸗ heben ſoll.“% „Ich glaube, Du laͤßt Dich noch bekehren, Joͤrg!“ brummte der Truchſeß, und Alle lachten. „Aber was ſoll aus der vermaledeiten Wirthſchaft werden?“ fragte Schaͤrtlin mit Laune, nachdem er einen tuͤchtigen Zug aus der Kanne gethan. „Nichts bleibt uͤbrig als Gewalt,“ verſetzte der finſtere Truchſeß.„Zu ſpät werden's die Herrn einſehen.“ „Es wird keine Ehre dabei zu verdienen ſein, dabei bleib' ich!“ ſagte Frundsberg.„Die Dinge ſind allweg boͤs. Geholfen wär' uns allein, wenn wir den Kaiſer im Lande hätten, einen kraͤftigen feſten Herrn. Darin geb' ich dem Sickingen recht, ich verhehl's Euch nicht, ſo treu und feſt ich auch an Seiner kaiſerlichen Majeſtaͤt halte. Dann machte man um beſten dem roͤmiſchen Pfaffenweſen 156 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. in Deutſchland ein Ende. Aber Gott beſſer's! Es wird viel Waſſer fließen, eh's wieder klar wird.— Doch Ihr Herrn, es iſt ſpaͤt, und meine Ehewirthin wartet. wahrſcheinlich ſchon lange mit dem Imbiß.“ Sie brachen auf. Im Hinausgehen warf Frundsberg noch einen forſchenden Blick auf Martin, der mit ſeinem Sohne Melchior plauderte. Die Ritter wuͤnſchten ihm gluͤckliche Reiſe und guten Erfolg. Siebentes Kapitel. Am Abend des folgenden Tages ritt Martin durch ein hochgelegenes Thal im Gebirge, nicht weit mehr von der Tyroler Grenze, einem zwiſchen maͤchtigen Bergreihen lang geſtreckten Orte zu, in welchem er Nachtherberge zu neh⸗ men gedachte. Er hatte den Namen deſſelben ſchon un⸗ terwegs erkundet; es war der Marktflecken Neſſelwang im Ober⸗Allgaͤu, und wenn der Alles um ſich ſcharf beobach⸗ tende, nach Allem ausfuͤhrlich fragende Reiter nicht auch ſchon erfahren haͤtte, daß in dem Orte eben das Kirchweih⸗ feſt gefeiert und ein großes Scheibenſchießen gehalten wuͤrde, er haͤtte es ſicher an dem lebhaften Verkehr auf der Straße merken muͤſſen. Hunderte von dem beweglichen Gebirgsvolk mit dem Spitzhut ſtroͤmten da ab und zu, aber als der Tag ſich zu neigen begann, wurde der Zuzug nach dem Flecken immer ſtaͤrker; Alt und Jung, Mann und Weib verfolgten mit Martin denſelben Weg, und bald wußte er aus manchem geſpraͤchigen Munde den Grund dieſer gerade gegen Abend ſo ſeltſamen und auffaͤlligen 158 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Volkswanderung.„Es iſt ein Prädikant aus Sachſen in Neſſelwang,“ ſagte ihm ein ſtrammer junger Bauer,„einer von den Wiedertäufern, die uns armen Leuten das wahre Evangelium predigen, das unſtre ſchlauen Pfaffen uns immer verheimlicht haben. Da erfahren wir den wahren Grund, wie's eigentlich im Himmel und auf Erden mit uns beſtellt ſein ſollte, und wie's leider Goltes in Wahr⸗ heit beſtellt iſt.“ „Uund der Karſthans aus der Schwabenalp iſt auch drin im Dorfe,“ ſetzte eine neben dem Bauer gehende Dirne hinzu,„der weiß die Sache erſt recht auszulegen und holt's aus allen Ecken herbei, was Jener uͤberſehen und vergeſſen hat. Der lauſt den Pfaffen die Platten mit der Kolben.“ „Der Bildernazzi ſoll auch dabei ſein,“ berichtete eine Frau,„der zeigt's fein gemalt und verkauft's fuͤr einen Kreuzer, was Jene predigen; auch gedruckt kann's kaufen, wer leſen gelernt hat. Ich lobe mir die feinen Bildle; das iſt ein Labſal fuͤr mich, wie da die Teufel in der Hoͤll die luderlichen Pfaffen mit gluͤhenden Zangen zwicken; ich mein' ich hör ſie bruͤllen, ſo ſchoͤn iſt's gemalt.“— In dem Orte ſelbſt wimmelte und draͤngte es auf den Straßen und in den Haͤuſern, vorzuglich zahlreich waren die eben dienſtloſen Landsknechte, die ſich maſſenweis ſin⸗ gend und fluchend umhertrieben, die Dirnen verfolgten und ſonſt Unfug anrichteten. Ein wuͤſtes Treiben und Schreien uͤberall, wohin man ſich wendete; man hoͤrte und ſah es der Menge an, wie aufgeregt ſie war, und wie wild und Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 159 drohend der Zeitgeiſt ſich aus ihr heraus kund gab. Die Scheibenſchuͤtzen zogen ſingend und laͤrmend vom Schieß⸗ platz herein in ihr Gelag; trotzige ſtämmige Geſtalten in kurzen Lederhoſen, kurzen Tuchjacken und mit dem breiten ſchoͤn geſteppten Leibgurt, der des Beſitzers Namen zeigte. Es waren Spott- und Schelmenlieder auf den Papſt und die Pfaffen, auf die Fuͤrſten und den Adel, welche hier und dort gebruͤllt, dann und wann von der maſſenhaften Begleitung im Chorus mitgeſungen, oder wiederholt oder nur mit wuͤſtem Geſchrei begruͤßt und bejubelt wurden. Martin fragte ſich nach einer Herberge, aber er ſah bald, daß gerade hier der Mittelpunkt der tollen Volks⸗ wirthſchaft war. Mit Muͤhe gelang es ihm, ſein Pferd unterzubringen und ihm Futter zu verſchaffen. Nachdem er dieſer Sorge genuͤgt, trat er in den großen Gaden des Wirthshauſes, der bereits uberfuͤllt war, und in welchen ſich immer mehr Volk eindrängte. Die ſteinernen Bier⸗ kruͤge wanderten von Mund zu Mund, und das Weibsvolk uͤbertraf die Maͤnner wie im Schwatzen, ſo im Zechen. Martin begriff, daß an eine Nachtruhe nicht zu denken war, und er verzichtete gern darauf, da Aug' und Ohr, beide gleich ſcharf an ihm gebildet, die lebhafteſte Unter⸗ haltung genoſſen. Seine Beobachtungsgabe ließ ſich nichts entgehen, ſo mannichfach und verſchieden auch die Scenen waren, die ſich ihm darboten. Bald unterſchied ſie im wirren Durcheinander mehrere Gruppen, und es ward ihm nicht ſchwer, den Kern derſelben zu erforſchen. Welch 160 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. merkwurdige Entdeckungen machte er! Die verſchiedenſten Intereſſen ſchnitten und kreuzten ſich im dunſtigen heißen Raum dieſer Stube; alle draͤngenden Bewegungselemente dieſer Zeit waren hier verſammelt und machten ſich geltend. An einem langen Tiſche ſaß ein beleibter Kerl von kriege⸗ riſchem Anſehen, unverkennbar ein Weibel, und um ihn hockend und ſtehend auf Tiſch und Bänken dicht gedraͤngt ein Haufen Landsknechte, welcher den Worten des Dicken, die er in unterſchwaͤbiſcher Mundart in kurzen verſtänd⸗ lichen Saͤtzen laut genug mit einer Stentorſtimme hervor⸗ brachte, mit unverkennbarem Vergnuͤgen lauſchte. „Wer haͤlt zu Herrn Sebaſtian Schaͤrtlin?“ rief er weilen die Stimme erhebend.„Wer nimmt Handgeld vom tapfern Feldhauptmann Seiner kaiſerlichen Maje⸗ ſtaͤt? Ueber die Alpen fuͤhrt er euch wieder, eh' noch der Herbſt die Blaͤtter von den Baͤumen ſchuͤttelt und die guten italieniſchen Trauben zeitigt. Da koͤnnt ihr in die Weinberge einfallen und uͤber die Franzoſen her, die ſich uͤber die Schlaͤge, die wir ihnen voriges Jahr dort gege⸗ ben, und Aber den Verluſt von Mailand und Genua ganz ungeberdig ſtellen und Geſichter ſchneiden, als haͤtten ſie Eſſig ſtatt Malvaſier getrunken. Wer zieht mit Herrn Schaͤrtlin? Der Erzherzog in Tyrol hat ihn beauftragt, und ich zahle gutes Handgeld fuͤr ihn; und nirgends hat's ein frommer Landsknecht beſſer, als unter ſeiner Fahne.“ „Zieht Herr Joͤrg Frundsberg heuer nicht über die Alpen?“ fragte ein Landsknecht. Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 161 „Nein. Wer nur mit Herrn Joͤrg ziehen will, muß heuer zu Hauſe bleiben und am Hungerlappen ſaugen, dieweil wiederum nicht viel Korn in Schwaben gewachſen iſt. Wer gut leben will in Italia, in Huͤlle und Fuͤlle, in Saus und Braus, der muß der Trommel nachziehen, die Herr Baſtel ruͤhren laͤßt. Herr Joͤrg muß das Tyrol fein in Ordnung zuſammenhalten fuͤr den jungen Herrn Erzherzog und deſſen Gemahlin, die ungariſche Prinzeß, damit ſie nicht geſtoͤrt werden in der erſten Liebeszeit. Die Leute aus Sachſen, die dem Luther nachbeten, und die aus der Schweiz, die zu dem Zwingli halten, ſind ja des Teu⸗ fels und wollen alle Religion uͤber den Haufen werfen. Deshalb muß Herr Joͤrg im Lande bleiben, damit er ihnen wehre. Herr Baſtel Schaͤrtlin aus Schorndorf, der tapfere Mann, iſt diesmal unſer Fuͤhrer. Es lebe unſer Feld⸗ hauptmann!“ Viele Landsknechte und Bauernburſche ſtießen mit dem Weibel an, doch nicht Alle; denn Manche horchten hin⸗ uͤber nach einem andern Tiſch, wo ein anderer Vogel lockend pfiff. Dort ſaß ein Hauflein zuſammen und ſpielte laſter⸗ lich fluchend und ſchreiend um hohe Einſaͤtze mit Karten und Wuͤrfeln. Ein langer hagerer Kerl mit ſchwarzbrau— nem ſonnenverbrannten Geſicht und liſtigen ſtechenden Augen, den breiten Hut tief in die Stirn gedruͤckt, ver⸗ ſpielte vorzuglich viel Geld, ja es ſchien, daß er ſich ab⸗ ſichtlich angelegen ſein laſſe, recht viel zu verſpielen, um dadurch immer mehr junge Maͤnner um ſich zu verſam⸗ Ein deutſcher Leinweber. VII. 11 162 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. meln. Dann raunte er wohl dem Einen und dem Andern zu:„Kein hoͤher und beſſer Handgeld zahlt als der ritter⸗ liche und großmuͤthige Koͤnig Franciscus von Frankreich. Euere Nachbarn, die Eidgenoſſen, ſenden ihm ein tuͤch⸗ tiges Heer zu, aber es liegt ihm ſchier noch mehr an einem Haufen frommer deutſcher Landsknechte, und jeder von euch, der Dienſte unter des Koͤnigs Fahne nimmt, erhaͤlt dop⸗ pelte Loͤhnung.“ Das zog. Mancher, der erſt gewillt war, in Italien gegen die Franzoſen zu fechten, ſchlug um und entſchloß ſich, mit den Franzoſen gegen die deutſchen Land⸗ leute zu ſtehen. Das iſt ſo deutſcher Geiſt geweſen, und kein Volk der Welt hat ſich in dieſer Beziehung mit gro⸗ ßerer Schmach bedeckt, ſich dem Feinde zu verkaufen und fur ſchnoͤdes Gold fur des Feindes Intereſſe die Waffe ge⸗ gen Bruͤder und Bruͤderſtämme zu kehren, als das deutſche. Der Deutſche iſt ſtets ein geborner Soldat geweſen, wie die Fuͤrſten ihn brauchen und haben muͤſſen, eine Maſchine zum Dreinſchlagen ohne hoͤhern Willen und mit keinem andern Intereſſe als das der Loͤhnung. Wer ihn bezahlte, fur den ſchlug er ſich, ſelbſt gegen ſein Vaterland, gegen ſeine Bruͤder. Er diente jeder Tyrannei, jedem frechen fuͤrſtlichen Geluͤſt und ſetzte ſich ſelbſt in die Kategorie der wilden Raubthiere herab, indem er ſich an den Meiſtbie⸗ tenden verhandelte wie ein Stuͤck Vieh. Fuͤr ſolches Schmachgeld kämpfte er dann mit der Tapferkeit eines Loͤwen, mit der Grauſamkeit eines Tigers, und nie wurde er ſchaamroth, wenn er mit bluttriefender Hand gegen die Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 163 heiligſten Intereſſen der Nationalitaͤt und der geſunden Vernunft focht, nie war er zu uͤberzeugen, daß er ſeine Waffe in ſolchem Kampfe mit Schande beſudelte. Er hatte dem, der ihn gekauft, den Eid geſchworen; nach An⸗ derm fragte er nicht; fuͤr ſolchen Eid wuͤrgte er und ließ ſich wuͤrgen. Am meiſten haben ſich in dieſer Beziehung die Schweizer ausgezeichnet. Heerdenweis haben ſie ſich den Franzoſen und Italienern verkauft, und das Auge wendet ſich unwillig von ihrer thieriſchen Tapferkeit in den blutigen Schlachten dieſer Zeit.— Es war noch ein dritter Menſchenkaͤufer in dem wei⸗ ten vollen Gaden des Krugs, ſeiner Kleidung nach ein Junker, obgleich er einen Bauerhut in das liſtige trotzige Geſicht gedruͤckt hatte. Er trieb das Geſchaͤft nicht ſo offen und marktſchreieriſch, wie der Schorndorfer und nicht ſo brutal, wie der Schweizer, der fuͤr den Franzoſenkoͤnig warb, vielmehr ging er umher und ſah ſich erſt die Bauern⸗ burſche und Landsknechte an, eh' er ihnen einige Worte zufluͤſterte. Er bediente ſich dabei der Leitung einiger Bauern aus dem Orte ſelbſt oder doch aus der Umgegend, die die Leute kanntenz er ſelbſt ſchien mit vielen Anweſen⸗ den perſoͤnlich bekannt zu ſein. Meiſt wandte er ſich an Leute, die noch dem Bauernſtande angehoͤrten und nicht als ſolche zu erkennen waren, die bereits als Landsknechte gedient; doch warb er auch um ſolche, wenn ſie ihm von ſeinen Begleitern durch einen Wink oder ein Wort empfoh⸗ len waren. Das erſte bedeutungsvolle Woͤrtchen, welches 4 164 Dir Sturmvögel zum Bauernkrieg. er dann heimlich dem Auserſehenen zufluͤſterte, war? —„Bundſchuh.“ Zuͤndete dieſer Funke,„hie gut Wuͤrtem⸗ berg allwege.“ Dieſe Formel, im ſuͤdlichen Deutſchland allbekannt und in dieſer aufgeregten Zeit von beſonderer Bedeutung und Wichtigkeit, wirkte in der Regel auf den, an welchen ſie gerichtet war, wie ein Zauber, und er wußte im Nu, mit wem er es zu thun hatte und um was es ſich handelte. Dies Wort hatte unverkennbar auf die Bauern einen maͤchtigern Einfluß, als das Geld der andern Wer⸗ ber auf die Landsknechte. Martin, der das Wort er⸗ lauſchte, erfuhr von einem treuherzigen Bauer, daß der Sprecher deſſelben ein Sendbote des vertriebenen Herzogs Ulrich von Wuͤrtemberg ſei, der jetzt in Moͤmpelgard hauſe und ſich mit dem Bauern zu einem neuen Bundſchuh ver⸗ binden wolle, um mit Huͤlfe deſſelben die öſtreichiſche Re⸗ gierung aus Wuͤrtemberg zu vertreiben und ſich wieder in Beſitz dieſes ſeines Stammlandes zu ſetzen. Der Bote des Herzogs ziehe weit und breit in Schwaben herum, um zu erforſchen, wie weit der Herzog auf die Bauernſchaft rechnen koͤnne, falls er die Gelegenheit wahrnähme, mit einem Kriegsheer gegen Stuttgart zu ziehen, wo Viele ſeiner Anhaͤnger und noch mehr Unzufriedene mit dem erz⸗ herzoglichen Regiment ſeien. Die Bauern wuͤrden ihm in hellen Haufen zuziehen, da er ſie vom Druck der Pfaf⸗ fen und des Adels zu befreien verſprochen habe. Die Scenen in der großen Wirthsſtube folgten raſch aufeinander in bunter und ſeltſamer Abwechſelung und in Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 165 immer lebendigerm und wilderm Treiben. Bald wurde Martin eine Gruppe gewahr, die ſeine Aufmerkſamkeit feſſelte und allmälig in immer hoͤherm Grade in Anſpruch nahm. Am obern Ende eines Tiſches an dem maͤch⸗ tigen Pfeiler, der das Gebälke trug, ſah er drei Maͤnner zuſammenſitzen, um welche ſich das laute Bauernvolk im⸗ mer dichter drängte, um den Worten zu lauſchen, welche von jenem Triumvirat an ſie gerichtet wurden. Alle drei hatten graue Schlapphuͤte auf, zwei davon braune grobe Kutten, oder vielmehr weite Roͤcke, welche ihre Geſtalt ganz bedeckten, der Dritte eine kurze graue Bauernjacke. Die⸗ ſer, eine ſchlanke Figur, ließ das lange blonde Haar weit ins Geſicht herein hängen, in welchem, wenn er ſich gegen das Licht kehrte, mehrere blaͤuliche Flecken, die wie Narben aus ahen, ſichtbar wurden. Er hatte einen Kaſten mit Achſelbaͤndern, ein ſogenanntes Tabulet, neben ſich ſtehen, wie ihn die Kleinkrämer zum Transport ihrer Waaren auf dem Ruͤcken zu tragen pflegten. Aus dieſem nahm er kleine Papiere, Pergamente und Buͤcher heraus. Die er⸗ ſtern waren Kupferſtiche oder grell gemalte Bilder, wie ſie dem Bauerngeſchmack zuſagten. Es waren ſatyriſche und obſcöne Darſtellungen aus dem Moͤnchs⸗ und Pfaffen⸗ leben, und der Teufel war faſt auf allen ſichtbar, wie er auf fuͤr die Bauern ergoͤtzliche Weiſe mit den gehaßten Plattentraͤgern umſprang. Der Bilder⸗ und Buͤcherhaͤnd⸗ ler bot ſeine Waare um Spottpreiſe aus, und die Bauern⸗ weiber kauften um wenige Pfennige einen k chen Bil⸗ 166 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. derſchatz. Der Kraͤmer rief fort und fort mit einer fremd⸗ laͤndiſchen Betonung:„Hier iſt zu ſehen, wie der Teufel die Pfaffen mit Kolben lauſt, hier wie Doktor Fauſt mit ſeinen Bruͤdern den Pfaffen zecht und ihnen die ſchoͤne Helena aus Griechenland zur Buhlſchaft zufuͤhrt, aber ſie iſt eine Teufelin und ſchenkt ihren Buhlen hoͤlliſches Feuer fuͤr Wein ein; hier verſpeiſt der Teufel fette Braten, lau⸗ ter gutgemäſtete und am Hoͤllenfeuer geroͤſtete Pfaffen. Und hier kauft das Geſpraͤchbuͤchlein Karſthans, worin er— wieſen wird, wie die Moͤnche und Pfaffen und die adligen Diebe und Schlemmer dem Bauer das Blut ausſaugen, und wie Doktor Luther die roͤmiſchen Seelenverkäufer zum Tempel hinausjagt; ferner ein ganz neues Buͤchlein be⸗ litelt: Ein ſchoͤner Dialog von Martin Luther und der geſchickten Botſchaft aus der Hoͤlle, die falſche Geiſtlich⸗ keit und das Wort Gottes belangend, ganz huͤbſch zu leſen. — Es folgten noch mehrere aͤhnliche Titel von Flugſchrif⸗ ten fuͤr das Verſtaͤndniß der Bauern berechnet. Am mei⸗ ſten wurde das Geſpraͤchbuͤchlein Karſthans gekauft, ja, der Kraͤmer gab es ſogar umſonſt hin, wenn ein Bauer, der Verlangen danach trug, verſicherte, kein Geld zu ha⸗ ben. Dann rief der Buchhaͤndler wieder:„Seht hier, ihr armen geſchundenen Leute, dieſen meinen Gefaͤhrten!“ Und dabei deutete er auf einen der beiden jungen Maͤnner in braunen Kutten.„Kennt ihr dieſen? Wer ihn noch nicht kennt, der ſoll wiſſen, daß es der Karſthans ſelber iſt, der Bauernfreund, von welchem dies Buͤchlein handelt. Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 167 Er iſt ein Schwabe, euer Landsmann, und wird heute Abe ch zu euch ſprechen und euch belehren uͤber das, wa noch zu wiſſen noth thut. Der Andere aber iſt ein neuer Lehrer des chriſtlichen Evangeliums aus Sach— ſen, ein Schuͤler und Sendbote des Thomas Muͤnzer, von dem ihr ſchon gehoͤrt habt. Dieſer Prediger und wahre Apoſtel des Herrn Jeſu Chriſti wird euch das Evangelium von der goͤttlichen Gemeinſchaft auslegen, und ſo ihr Ver⸗ langen nach dem lebendigen Wort Gottes tragt, euch mit dem Waſſer, das da iſt gleich dem Feuer des Himmels, zu rechten Chriſten taufen.“ Dieſe Worte lenkten die Aufmerkſamkeit der Menge im hohen Grade auf die beiden bezeichneten Maͤnner, und das Wort„der Karſthans!“ flog von Mund zu Mund durch den Gaden. Die Meiſten hatten zwar ſchon ge⸗ wußt, daß der geheimnißvolle junge Menſch, der ſich ſelbſt dieſen damals ſo bedeutungsvollen Namen beigelegt, und ebenſo, daß der Praͤdikant aus Sachſen gegenwaͤrtig ſei, aber in der Menge waren ſie nicht allgemein bemerkt worden. Um deſto groͤßer war nun die Aufmerkſamkeit auf ſie, und das Bauernvolk draͤngte maſſenweis heran, um die beiden jungen Maͤnner anzuſtaunen. Auch Martin war gewandt wie ein Aal durch das Ge⸗ draͤnge geſchluͤpft und endlich dicht an den Bilderkramer herangekommen. Weit mehr als von den Bildern und Buͤchern, vom Karſthans und dem Praͤdikanten war ſeine Theilnahme von einem Umſtande gefeſſelt worden, der alle 168 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Andern, die hier verſammelt waren, wahrſcheinlich ſehr gleich⸗ guͤltig ließ, dies waren die Flecken im Geſicht des Mannes, und dieſe Theilnahme ſteigerte ſich bis zum Erſtaunen, als er jetzt, den Mann anſtarrend, ſich uͤberzeugte, daß dieſe ſelt⸗ ſamen Flecken in der Anzahl, Form und Stellung ganz den ſeinigen gleich waren. Wie das Maal bei ihm ſelbſt ſich gekruͤmmt und zugeſpitzt uͤber den rechten Naſenflugel hinzog, gleichſam einen Haken bildend, ſo war ganz die⸗ ſelbe Zeichnung am rechten Naſenflugel des Bilderhaͤndlers zu ſehen. Und trug der Mann nicht eben ſo lange blonde Haare, wie er ſelbſt? War dieſe ſchlanke Geſtalt nicht ganz wie ſeine eigene gebaut? Selbſt in den Geſichtszuͤgen glaubte Martin Aehnlichkeit mit den ſeinigen zu entdecken. Dieſe ſonderbare Wahrnehmung machte auf ihn einen aͤußerſt aufregenden Eindruck, und als er an den Kraͤmer dicht herantrat und die Hand nach den Bildern und Buͤch⸗ lein ausſtreckte, um durch Kauf derſelben Gelegenheit zur Unterhaltung mit dem Manne zu haben, zitterte ſie ſo heftig, daß es dieſem auffiel. Martin ſtand ſo, daß ſein Geſicht im Schatten war; die ausgeſtreckte zitternde Hand wurde dagegen von den Lichtſtrahlen der naͤchſten Lampe ſo beleuchtet, daß der koſtbare Ring am Zeigefinger derſel⸗ ben blitzte. Des Kraͤmers Augen, von der ſchoͤn geformten Hand und ihrer bebenden Bewegung zuerſt angezogen, fielen jetzt auf den Ring, und ſichtbar uberraſcht beugte er den Kopf naͤher zur Hand herab, um ſich den Ring ge⸗ nauer zu betrachten, waͤhrend er die verlangten Bilder und — —— e — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 169 Buͤcher in die Hand legte. Dannwandte er ſich nach Mar⸗ tin, um ihm den Preis zu nennen. Dieſer trat noch naͤher und machte mit dem Kopfe eine Wendung, indem er den Geldbeutel aus der Taſche zog, ſo daß ſein Geſicht eben⸗ falls beleuchtet wurde. Durch das Hervorſuchen des Gel⸗ des wurde er verhindert die ſtarke Bewegung in den Ge⸗ ſichtszuͤgen des Krämers zu beobachten, und als er wieder aufſchaute, um den Preis zu zahlen, hatte ſich der Mann ſchon wieder ſo weit gefaßt, daß er wenigſtens ruhig und gleichguͤltig in Bezug auf den fremden Juͤngling vor ihm erſchien. „Ihr beſitzt da einen ſeltenen und werthvollen Ring, Junker,“ ſagte der Kraͤmer.„Ein augsburger Goldſchmied hat ihn nicht gefertigt; er iſt weiter her, und der ihn ſchmie⸗ dete, hat kein Wort deutſch verſtanden.“ „Ihr ſchei t Euch auf die Arbeit zu verſtehen. Wo glaubt Ihr. daß der Ring gemacht iſt?“ „Vielleicht wißt Ihr es eben ſo gut wie ich; wenn Ihr es aber nicht wiſſen ſolltet, ſo will ich es Euch ſagen,“ ver⸗ ſetzte der Kraͤmer, mehr fluͤſternd als laut ſprechend. Und ſeinen Mund Martins Ohr noch naͤher bringend, fuhr er fort:„dieſer ſelbe Ring, den Ihr an Euerem Finger tragt, wurde vor achtzig Jahren vom geſchickteſten Goldſchmied in Granada für den damaligen Sultan jenes Reichs gefer⸗ fertigt, als ihm ein Sohn geboren worden war. Auf die⸗ ſen Sohn wurde der Ring vererbt und kam zuletzt an Su⸗ leima, die Urenkelin jenes Koͤnigs und den letzten Sproß 170 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. jenes aus dem Hauſe des Propheten abſtammenden Koͤ⸗ nigsgeſchlechts. Von dieſer Dame muͤßt Ihr den Ring haben, und wenn Ihr ihn mit Recht beſitzt, ſo ſeid Ihr kein Chriſt, ſondern ein Bekenner des Islam.“ Martin hatte erſchrocken die Hand zuruͤckgezogen, ſeine Augen ſtarrten mit dem Ausdrucke des Entſetzens auf den Menſchen, der ihm beim erſten Anblick ſchon unheimlich vorgekommen war, und den er jetzt fuͤr ein Geſpenſt oder hoͤlliſches Weſen zu halten ſehr geneigt war. Ohnedies kein Mann von Muth und Entſchiedenheit, wandelte ihn jetzt Furcht an, ſich hier von einem außerordentlichen unbe⸗ greiflichen Weſen gekannt zu wiſſen, und wenn er, ſo viel ſeine Beſtuͤrzung vermochte, die gehoͤrten Worte mit der Geſtalt des Mannes und den Flecken in deſſen Geſichte verglich, ſo ſteigerte ſich dieſe Furcht zum Entſetzen und draͤngte ihm die Ueberzeugung auf, daß er einen Soͤldling des Hoͤllenfuͤrſten, wenn nicht gar dieſen ſelbſt vor ſich habe. Er wagte natuͤrlich keine Frage weiter, ja jedes Wort der Entgegnung erſtarb ihm auf der bebenden Lippe, und ſcheu, kaum ſeiner Sinne maͤchtig, zog er ſich ſchnell in den dichteſten Menſchenhaufen zuruͤck, vom ſtechenden Blick des ſeltſamen Bilderkraͤmers verfolgt. Doch wie ein Zau⸗ berbann fuͤhrte es den jungen Feigling bald wieder in die MNaͤhe des unheimlichen Mannes zuruͤck, und er hoͤrte, wie derſelbe mit heller Stimme die Bauern zum Haß gegen Pfaffen, Adel und Fuͤrſten anſpornte und mit groben Witzen und Späßen auf dieſe Herren oft ein ſchallendes Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 1 Gelaͤchter und Jauchzen hervorrief. Inzwiſchen war die Menge der gehenden, ſchmauſenden und laͤrmenden Menge ſo groß geworden, daß Niemand im Gaden mehr Platz fin⸗ den konnte. Es war Alles wie in einander gekeilt. Mar⸗ tinen war der Hunger und Durſt vergangen; er ſehnte ſich an die friſche Luft, aber es war keine Moͤglichkeit vorhan⸗ den hinauszukommen. Plötzlich ſah er den Karſthans ſich erheben und auf den Tiſch ſteigen. Einen Augenblick hier⸗ auf herrſchte Todtenſtille.„Ihr Bruͤder und Schweſtern in Chriſto,“ nahm er mit lauter Stimme das Wort.„Es iſt die Mahnung des heiligen Geiſtes an mich und an die— ſen meinen Bruder aus Sachſen ergangen, Euch in dieſer Nacht das wahre Evangelium zu predigen. Dies ſoll im Steinthale vor dem Orte geſchehen, wo alle, die da horen und vom Waſſer des lebendigen Brunnen trinken wollen, Platz finden koͤnnen. Folgt uns alſo an den bezeichneten Platz.“ Wie ein Waſſerſchwall brauſend durch eine gezogene Schleuſe ſturzt, ſo ergoß ſich die Menge larmend durch die Thuͤre auf die Straße, wo ſie von einer ihr an Zahl noch uͤberlegenen, begrüßt wurde. In hellen jubelnden Haufen ging es dem Thale zu, und bald flammten hunderte von Fackeln auf, die ein maleriſches Licht auf die Menſchen⸗ wogen ausgoſſen. Martin ließ ſich von ihnen fortreißen, immer im zagenden Geiſte mit dem unheimlichen Bilder⸗ kraͤmer beſchaͤftigt. Nach einer Viertelſtunde langte der Zug in einem engen Thale an, deſſen Waͤnde zu beiden 172 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Seiten mit Felſen beſetzt waren. Das Fackellicht prallte von ihnen zuruͤck. Die Maſſen gruppirten ſich um einen Felsblock, der nicht hoͤher war, als daß er gerade zur Redner⸗ buͤhne dienen konnte. Fackelträger ſtellten ſich vor demſelben auf. Nicht lange, und der Ton eines Alphorns gebot in langgezogenem Rufe Stille. Die Menſchenmaſſen hatten ſich theils an den felſigen Anhoͤhen, ſo weit es anging, ge⸗ lagert, theils ſtanden ſie im Thale. Auf dem Felsblocke erſchien zwiſchen zwei Fackeln der Karſthans. Es war eine derbe, ſchier baͤueriſch plumpe Geſtalt, aber in ſeinem Ge⸗ ſicht ſprachen ſich Schlauheit und Entſchloſſenheit aus. Sein feuerſpruͤhendes Auge ließ ſchon ahnen, daß er fur dieſen Platz der rechte Mann ſei. Zu den ſtarken Zuͤgen ſeines Geſicht paßte die gewaltige Donnerſtimme, die er erhob. Vortrag und Inhalt ſeiner Rede waren ſowohl ſeiner Erſcheinung, als auch der Verſammlung ange⸗ meſſen. „Bruͤder und Schweſtern in Chriſto,“ ſprach er.„Zu welchem Zweck ſind wir hierhergekommen? Sind wir zu⸗ ſammengekommen, um ein Geſchleck oder Gelag zu halten und uns guͤltlich zu thun mit Freſſen und Saufen? Sol⸗ ches iſt Sache der Herren in Schaube und Kutte, die da verzehren, was der Bauer durch Arbeit verdient, durch Hunger erkargt hat. Es iſt nicht Zeit fuͤr uns froͤhlich zu ſein; denn wir ſtecken tief in Noth und Truͤbſal. Un⸗ ſere Herren ziehen uns das Fell uͤber die Ohren, und die Pfaffen helfen den Schindern als Schinderknechte, falten — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 173 die feiſten Haͤnde, verdrehen die Augen und rufen: Der Herr hat das Werk geſegnet. Wenn uns der Edelmann um einen Pfennig ſtraft, ſo ſtraft uns der Pfaff um drei, und wenn der Edelmann uns das Kalb nimmt, ſo nimmt der Pfaff die Kuh, und wenn der Edelmann uns am Tag zur Frohne zwingt, ſo zwingt der Pfaff des Nachts unſere Weiber und Toͤchter zu ſeiner ſuͤndigen Fleiſchesluſt. Und weil im Evangelium vom Chriſt dem Erloͤſer noch ein ganz ander Ding ſteht, als daß der Bauer ſoll ſein der leibeigene Knecht und das Vieh des Edelmanns und des Pfaffen, deshalb haben uns die Letztern das Evangelium vorenthalten, damit wir nicht hinter ihre Luͤgen und Schelmereien kommen ſollen, damit wir nicht erfahren ſollen Gottes Willen und nach wie vor den Willen des Junkers und des Pfaffen thun, welcher Gottes Willen ent— gegen iſt, wie die Schlange im Paradies. Und weil der Doktor Luther in Wittenberg, der doch auch ein Moͤnch iſt und ein ſehr gelehrter, uns das Evangelium in die Hand gibt und Gottes Willen verkuͤndet und die Schel— merei der Pfaffen aufdeckt, daß alle Welt ihre bloße Schande ſieht, deshalb wuͤthen und toben ſie gegen ihn und brächten ihn gern zum Tode, wie einſt den Johannes Huß in Prag, der auch Chriſti Evangelium verkuͤndete. Das ſind Pfaffenpraktiken, und die Junker ſtecken dahin⸗ ter, um dem Bauer mit dem Schwerte zu beweiſen, daß die großen Lugen wahr ſind. Es ſoll und wird ihnen aber Alles nichts helfen, und wenn ſie ſich noch ungeberdiger 17⁴ Die Sturnvögel zum Bauernktieg. ſtellen, und wenn alle Biſchoͤfe und der Papſt und alle Fuͤrſten und der Kaiſer ſagen: es iſt wahr, ſo bleiben doch Luͤgen in alle Ewigkeit Luͤgen. Chriſtus ſpricht: ich bin die Wahrheit und das Leben, und St. Paulus ſpricht: Gott will, daß allen Menſchen geholfen werde und ſie zur Erkenntniß der Wahrheit kommen. Und weiter ſteht im Evangelium geſchrieben fuͤr uns und alle belogenen Chri⸗ ſten: Ihr werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahr⸗ heit wird Euch frei machen. Das iſt's! das iſt's, meine Bruͤder und Schweſtern, weshalb wir hier zuſammenge⸗ kommen ſind, daß wir die Wahrheit erkennen, wie ſie un⸗ ſer Herr Chriſtus verkuͤndet hat, und daß wir frei werden vom Joch der Luͤgner und Betruͤger durch dieſe Wahrheit. Chriſtus hat Dich durch ſein theueres Blut erloͤst, Du armes Volk, vor anderthalbtauſend Jahren, aber Du liegſt heute noch in den Banden der Suͤnde und Knechtſchaft, Dir angeſchmiedet von denen, die ſich die Nachfolger und Diener Chriſti nennen. Das luͤgen ſie in ihren Hals; denn ſie ſind die Kuppelknechte des Antichriſts, ſie ſind die Geſellen des Teufels. Aber Chriſtus der Herr im ewigen Himmelreich kann die Suͤnde und Schande auf dieſer Welt nicht laͤnger anſehen, ſeine Langmuth geht zu Ende. Dar⸗ um hat er ſich neue Juͤnger erweckt und ſie abgeſandt in die Welt, damit ſie das Evangelium verkuͤnden und pre⸗ digen auf Gaſſen und Straßen und das Volk taufen im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes. Und er hat wieder zu ihnen geſprochen, wie einſt zu den Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 175 heiligen Apoſteln, die er ausſandte, das Heil den Volkern zu bringen: Siehe, ich ſende Euch als Schafe mitten un⸗ ter die Wölfe, darum ſeid klug wie die Schlangen und ohne Falſch wie die Tauben. Huͤtet Euch aber vor den Menſchen; denn ſie werden Euch uͤberantworten vor ihre Rathhaͤuſer und werden Euch geißeln in ihren Schulen. Und man wird Euch vor Fuͤrſten und Koͤnige fuͤhren um meinetwillen zum Zeugniß uͤber ſie und uber die Heiden. Es wird aber ein Bruder den andern zum Tode uͤberant⸗ worten und der Vater den Sohn, und die Kinder werden ſich empoͤren wider ihre Eltern und ihnen zum Tode helfen. Und muͤſſen gehaßt werden von Jedermann um meines Namens willen. Wenn ſie Euch in einer Stadt verfolgen, ſo fliehet in eine andere. Der Juͤnger iſt nicht uͤber ſeinem Meiſter, noch der Knecht uͤber dem Herrn. Es iſt dem Juͤnger genug, daß er ſei wie ſein Meiſter und der Knecht wie ſein Herr. Haben ſie nun den Hausvater Beelzebub geheißen, wie vielmehr werden ſie ſeine Hausgenoſſen alſo heißen. Darum fuͤrchtet Euch nicht vor ihnen. Es iſt nichts verborgen, das nicht offenbar werde, und iſt nichts heimlich, das man nicht wiſſen werde. Was ich euch ſage in Finſterniß, das redet in Licht, und was Ihr hoͤret in das Ohr, das predigt auf den Daͤchern. Und fuͤrchtet Euch nicht vor Denen, die den Leib tödten und die Seele nicht koͤnnen toͤdten. Fuͤrchtet Euch aber vor Dem, der Leib und Seele verderben kann in die Hoͤlle.— Alſo, ſpricht Chri⸗ ſtus noch heute, und ſeine Auserwählten ziehen wiederum 176 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. aus und leiden Schmach und Tod um ſeines Namens willen, und predigen ſein Wort und ſeine Erloͤſung. Die hochmuͤthi⸗ gen Pfaffen und Schriftgelehrten, die ſtolzen Herren, die ſich von Gottes Gnaden nennen und doch vom Teufel ſind, wollen das Licht des Heils abermals ausloͤſchen und luͤgen frech: Chriſtus ſei ihr Patron. Weraber waren denn die Apoſtel, die der Herr gewuͤrdigt, ſein Wort zu lehren? Waren es reiche und vornehme Herren, waren es Phariſaͤer und Schrift⸗ gelehrte? Nicht doch! Es waren arme Fiſcher, Bauern und Handwerker. Und wem predigte der Herr auf den Bergen? Dem gemeinen Volke! Mit wem ſetzte er ſich zu Tiſche? Mit den Zoͤllnern und Suͤndern. Und ſo iſt es heute noch. Nicht zu den Fuͤrſten und Junkern, nicht zu den Biſchöfen und hochprunkenden Pfaffen ſendet er ſeine neuen Apoſtel. Zu Dir kommen ſie, Du armes, ein⸗ faͤltiges Volk. Dir bringen ſie den Herrn und ſein Wort, und mit Dir ſitzt er zu Tiſche und ſegnet Dich.— Auch zu Euch, Bruͤder und Landsleute, iſt ein neuer Apoſtel des Herrn gekommen aus dem Lande Sachſen, der Euch das Evangelium Chriſti predigen und die wahre und rechte Taufe zur Gemeinſchaft der chriſtlichen Gemeinde geben wird. Nicht ich darf mich einen Apoſtel nennen; ich bin nichts als ein ſchlichter Mann, der Euch zeigt, wo Euch der Schuh druͤckt, und Euch ſagt, wie Ihr den Scha⸗ den zu beſſern habt. Nur ein Vorlaͤufer bin ich der rech⸗ ten Gottesmänner, wie Johannes in der Wuͤſte nur ein Vorlaͤufer des Heilands war. Mich, den Karſthans, kennt Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 15 Ihr ſchon und wißt, daß ich ein Pfaffenfeind und ein Junkerfeind, aber ein Freund der Bauern binz und darum will ich Euch nur noch ſagen, was Ihr vorzuglich vom Reichsregiment mit Fug und Recht verlangen ſollt, damit Euch einmal geholfen werde. Jede Bauerngemeinde muß Macht und Gewalt haben, ihren Pfarrer ſelbſt zu erwah⸗ len und zu erkieſen, wie die erſten chriſtlichen Gemeinden, welche von den Apoſteln gegruͤndet waren, ihre Biſchoͤfe und Kirchendiener ſelbſt waͤhlten. Ebenſo muß die Ge⸗ meinde Macht und Gewalt haben, ihren Prediger wieder zu entſetzen, wenn er ſich ungebuͤhrlich hält. Der von der Gemeinde erwählte Prediger ſoll das Evangelium lauter und rein predigen, ohne allen menſchlichen Zuſatz, Men⸗ ſchenlehr und Gebot. Sodann ſollt Ihr nur den rechten Zehnten geben von dem, was auf den Feldern waͤchſt, und dem Pfarrer, welcher das Wort Gottes lauter lehrt, davon zur Nothdurft zu⸗ kommen laſſen, das Uebrige ſoll den Armen gehoͤren. Den kleinen Zehnten ſollt Ihr aber nicht mehr entrichten weder Geiſtlichen noch Weltlichen. Denn Gott der Herr hat das Vieh frei dem Menſchen erſchaffen. Dieſer Zehnt iſt eine unziemliche Plackerei, von den Menſchen erdichtet, und ſteht nichts davon in der Bibel. Ferner ſollt Ihr nicht mehr leibeigen ſein; den Chri⸗ ſtus hat durch ſein koſtbares Blut alle, die an ihn glauben, erlost und losgekauft. Der Obrigkeit d. h. dem Kaiſer und ſeinem Regiment wollen wir gehorchen; denn ſie iſt Ein deutſcher Leinweber. VII. 12 178 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. von Gott geordnet, und es muß Obrigkeit ſein im Lande, damit wir in Geboten leben und nicht im fleiſchlichen Un⸗ willen, aber nicht Eigenleute wollen wir ſein, gleich dem Vieh; denn das iſt gegen Chriſti Lehr und Gebot, und darum muß die Leibeigenſchaft wegfallen. Und als freien Maͤnnern, wie unſere Vaͤter geweſen ſind, muß uns auch das Recht unſrer Vaͤter wieder werden auf das Wild im Walde, auf den Fiſch im Waſſer, auf den Vogel in der Luft. Denn als Gott der Herr den Men⸗ ſchen erſchuf, hat er ihm Gewalt gegen uͤber alle Thiere unter dem Himmel, uͤber den Vogel in der Luft und uͤber den Fiſch im Waſſer. Wir wollen nicht leiden, daß die trutzigen Herren das Gewild zu ihrer Luſt und uns zum Schaden hegen, das uns unſere Saat abfreſſe und wir hungern und darben.— Ebenſo ſoll jedem Mann ſein Antheil am Holz zu ſeiner Nothdurft zukommen und die Waͤlder, welche die weltlichen und geiſtlichen Herren nicht erkauft, ſondern ſich mit Gewalt zugeeignet haben, ſollen den Gemeinden zuruͤckgegeben werden; denn Gott hat das Holz fuͤr alle Menſchen wachſen laſſen.— Auch ſollen die Herren den Bauer nicht mit ſo vielen und großen Dienſten beſchweren, ſondern was recht und billig iſt, und ſoll dar⸗ uͤber pactirt und vertragen werden. Desgleichen ſind viele Guͤter mit Abgaben ſo beſchwert, daß die Bauern umſonſt arbeiten, ja das Ihrige darauf einbuͤßen und verderben. Ein jeglicher Arbeiter iſt aber ſeines Lohnes werth. Und ſo ſoll das Recht auch nicht mehr partheiiſch und nach Gunſt, Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 179 nach Neid und Bosheit geſprochen und uns Strafen auf⸗ erlegt werden, die nicht nach Geſtalt der Sache ſind. Der Kaiſer ſoll uns gerechte Richter ſetzen, die nach dem alten geſchriebenen Recht zu urtheilen verbunden ſind. Alle Wieſen und Aecker, die vormals einer Gemeinde gehoͤrt haben und ihr von Edelleuten und Stiften mit Gewalt genommen ſind, ſollen ihr zuruͤckgegeben werden.— End⸗ lich ſoll der Bauer nicht mehr den Todfall entrichten; denn es iſt ſchändlich und wider Gott und Ehren, daß Wittwen und Waiſen, wenn ihnen Gott der Herr eben den Vater und Ernaͤhrer genommen, vom Edelmann und Stift auch noch ihres Eigenthums beraubt werden. Von dem, was die Herren beſchuͤtzen und beſchirmen ſollten, haben ſie die armen Leute geſchunden und geſchaben und wohl gar genommen. Das will Gott nicht mehr leiden; kein Menſch ſoll hinfuͤr beim Todfall ſchuldig ſein etwas zu geben, weder wenig noch viel. Ueber all dieſe Dinge ſollen ſich die Bauern berathen und ſich einigen in den Gemeinden und ihre Beſchwerden und Forderungen vor das Regiment bringen, damit ſie an Leib und Seel, in Zeit und Ewigkeit geneſen. Amen.“ Der Beifall, welcher den Redner ſchon oͤfters unter⸗ brochen hatte, brach nun mit einer Gewalt hervor, als wolle er zu den Sternen hinaufdringen, welche ſtill und klar auf die Verſammlung herabſchauten. Der Redner hatte allen ans der Seele geſprochen und der Noth und Bedraͤngniß der armen Leute klare und kernige Worte ge⸗ 12 180 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. geben. Das Jubel⸗ und Beifallgeſchrei hielt lange an. Endlich erſchien der junge ſächſiſche Prädikant auf dem Stein, und es wurde Stille geboten. Nach wenigen Augen⸗ blicken trat eine Ruhe ein, daß man das Bächlein mur⸗ meln hoͤrte. Der Praͤdikant erhob ſeine volle, tiefe, wohl⸗ toͤnende Stimme. „Seid gegruͤßt in Chriſti Namen! Ihr ſeid alle Gottes Kinder durch den Glauben an Jeſum Chriſtum. Und daran erkennen wir, daß wir Got⸗ tes Kinder ſind, wenn wir Gott lieben und ſeine Gebote halten. Und weil wir alle Kinder ſind unſeres Vaters im Himmel durch die Gnade und das Blut Jeſu Chriſti, alſo ſind wir auch alle theilhaftig der Gnade Gottes hier auf Erden, wie im Himmel. Wie Ihr durch Chriſtum die ewige Seligkeit erworben habt und die Vergebung der Suͤn⸗ den, ſo auch durch Gottes Gnade alle Guͤter der Erde. Die Fruͤchte des Feldes, das ihr bebaut und die der Herr des Himmels und der Erde durch die Kräfte des Erdreichs, durch Regen und Sonnenſchein wachſen und gedeihen laßt, ſie ſind Euer Eigenthum; denn der Arbeiter iſt ſeines Loh⸗ nes werth. Die Thiere des Waldes und des Feldes ſind zu Euerem Nutzen geſchaffen; Holz und Gras wachſen fuͤr Jedermann. Alſo hat es Gott geordnet. Die Pfaf⸗ fen aber, die da kommen und Euch den Lohn Eueres Fleißes abpreſſen und Euch dafuͤr Ablaß und ewige Seligkeit zu⸗ ſagen, ſie ſind Luͤgner und Betruͤger. Gott und ſein ein⸗ geborner Sohn laſſen nicht mit ſich markten und feilſchen⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 181 Wer Reue und Leid uͤber ſeine Suͤnden traͤgt und Buße thut, indem er fortan nicht mehr ſuͤndigt, dem gewaͤhrt die Gnade des Herrn Vergebung. Wex aber vorgibt, er ſei befugt, dieſe Gnade fur Geld zu verkaufen, der iſt ein Ver⸗ kaͤufer und Tempelſchaͤnder, wie ſie der Sohn Gottes aus dem Vorhof des Tempels trieb. Ich ſage Euch, die Zeit wird nächſtens erfullt werden, daß er die Geißel noch ein⸗ mal ergreift und ſchlagt auf die Verkaͤufer, die ſuͤndhaften Pfaffen, die das Geld nach Rom ſchleppen, um das ſie Euch betrogen, damit es dort verſchlemmt und verpraßt werde mit Saufen, Freſſen, Huren, Spielen, Tanzen, Ja⸗ gen und Turniren. Aber im Hauſe des Herrn ſelbſt wird das furchtbare Strafgericht beginnen und das Feuer aus gehen von ſeinem Heiligthume, und es wird ſich uͤber die Welt verbreiten und die Spoͤtter und Schelme verbrennen. Chriſtus wird das Haus ſeines Vaters abermals ſaͤubern und nur die aͤchten und wahren Kinder Gottes werden da⸗ rin wohnen. Die neue Rotte Korah und Abiram muß von der Erde vertilgt werden; aber es fallt nicht mehr Feuer vom Himmel. Wir muͤſſen uns der gottloſen heuchleriſchen Buben, die uns das Mark aus den Knochen ſaugen und uns dafuͤr Wind und Luͤgen geben, ſelbſt er⸗ wehren. Chriſtus ſpricht: Ihr ſollt nicht waͤhnen, daß ich gekommen bin den Frieden zu bringen. Ich bin nicht gekommen den Frieden zu bringen, ſondern das Schwert. Wohlauf denn, Du armes gedrucktes und gepeinigtes Volk, nimm auf das Schwert Chriſti, das er Dir gebracht hat, 182 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. und erſchlage damit Gottes und Deine Feinde! Alſo ruft der Apoſtel St. Judas: Wehe ihnen! denn ſie gehen den Weg Kains und fallen in den Irrthum Balaams um des Genuſſes willen und kommen um in dem Aufruhr Korah. Und ſo ſpricht David im Pſalter: Die Boͤſen werden aus⸗ gerottet werden; die aber des Herrn harren, werden das Land erben. Es iſt auch nur um ein Kleines, ſo iſt der Gottloſe nimmer, und wenn Du nach ſeiner Staͤtte ſehen wirſt, wird er weg ſein. Aber die Armen werden das Land erben und Luſt haben in großem Frieden. Der Gottloſe drohet dem Gerechten und beißet ſeine Zahne zuſammen. uͤber ihn. Aber der Herr lachet ſeiner; denn er ſiehet, daß ſein Tag kommt. Die Gottloſen ziehen das Schwert aus und ſpannen ihren Bogen, daß ſie faͤllen den Elenden und Armen und ſchlachten die Frommen. Aber ihr Schwert wird in ihr Herz gehen, und ihr Bogen wird zerbrechen. Das Wenige, das ein Gerechter hat, iſt mehr denn das große Gut vieler Gottloſen. Denn der Gottloſen Arm wird zerbrechen, aber der Herr erhaͤlt die Gerechten. Denn die Gottloſen werden umkommen, und die Feinde des Herrn, wenn ſie gleich ſind wie eine koͤſtliche Aue, werden ſie doch vergehen, wie der Rauch vergehet.— Dieſe Pro⸗ phezeihung Davids wird an uns und unſern Draͤngern in Erfuͤllung gehen; denn ſie ſind die Gottloſen, wir aber ſind die Gerechten. Die Gerechten muͤſſen aber verſam⸗ melt werden in einem neuen Bund oder vielmehr in dem wahren Bund Chriſti. Seine Kirche, wie ſie die erſten Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 183 Apoſtel geſtiftet, muß von den zweiten Apoſteln wieder her— geſtellt werden; denn ſie iſt verſchuͤttet vom Schlamm und Unrath der Suͤnde, die von Rom ausgegangen iſt. Die Taufe, die Ihr empfangen, iſt eine falſche geweſen, die Taufe des Antichriſts und ſeiner Geſellen, die er von Rom aus in die Welt geſandt hat, das Reich Chriſti zu verder⸗ ben. Deshalb muͤßt ihr die aͤchte und wahre Taufe des Geiſtes empfangen, um eins zu werden mit Chriſto unſerm Herrn. Durch die rechte Taufe muͤſſen wir ſeinen Tem⸗ pel ſaͤubern und waſchen vom Schmutz der Suͤnde und der Afterlehre und eine ſtarke reine Kirche werden, die ihren Feinden das Schwert Chriſti entgegen traͤgt und ſie aufs Haupt ſchlaͤgt. Ich bin gekommen, nicht nur Euch zu lehren, welches der wahre Glaube ſei, der welcher gute Werke vollbringt; denn der Glaube ohne Werke iſt todt; ich bin gekommen Euch auch die rechte Taufe zu geben im Namen des Vaters, des Sohnes und des heiligen Geiſtes. Kommet her zu mir alle, die ihr muͤhſelig und beladen ſeid, ich will Euch erquicken. Und ſo viel Euer getauft ſind, die haben Chriſtum angezogen nach Pauli Wort. Komm, Du arme gedrangſalte, Du belogene und betrogene Heerde, komm her zu mir! Ich bringe Dir Chriſtum, den neuen Adam, damit Du ihn anzieheſt. Er iſt ein Kleid von Glanz und Herrlichkeit, reiner als die Sonne. Wirf ab das Gewand der Suͤnde, des Schmutzes, der Luͤge, daß Dir die Pfaffen angethan. Steig in das Bad des Gei⸗ ſtes, der Liebe und Gnade unſeres Herrn. Selig ſind, 184 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. die da reines Herzens ſind, denn ſie werden Gott ſchauen. Amen.“. Der Redner, welcher anfangs ſchuͤchtern und zuweilen ſtockend geſprochen hatte, war allmaͤhlig von einem Feuer der Begeiſterung ergriffen worden, welches ſich immer ge⸗ waltiger erhob und zuletzt wie eine brauſende Flamme Got⸗ tes uͤber die lautloſe Menge hinſchlug. Alle horchten mit verhaltenem Athem, aus vielen Augen ſtuͤrzten unwillkur⸗ lich Thraͤnen, Andere ergriff ein Zittern, als ſeien ſie vom heiligen Geiſte ſelbſt beruͤhrt. Als nun der begeiſterte Prädikant ſchwieg, dauerte die Stille noch einge Augen⸗ blicke fort. Da erhob ſich mitten aus dem Volke eine Stimme, die donnergleich durch die Nacht ſchallte:„Ho⸗ ſianna dem Sohne Davids! Gelobet ſei der da kommt, im Namen des Herrn! Hoſiana in der Hoͤhe!“ Nun erſchallte einem Sturm gleich ein jauchzendes Geſchrei im ganzen Volke:„Hoſianna! Hoſianna!“ Andere riefen:„Zur Taufe! zur Taufe!“ Der Praͤdikant zog zwiſchen Fackei⸗ traͤgern zum Bach hinab, das Volk draͤngte ihm nach. Er ſegnete das Waſſer und begann zu taufen. Es war ein erhebender maleriſcher Anblick, wie ſie in den Fackelkreis traten, die kraͤftigen Geſtalten des Gebirgs, Maͤnner und Frauen, Juͤnglinge und Jungfrauen, Greiſe und Kinder und das Haupt fromm zu dem Bache beugten, um es ſich von der Hand des Predigers, den ſie als einen S ten verehrten, benetzen zu laſſen. Martin war bei all den Reden und Ausrufungen kuhl — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 185 geblieben, und als der Begeiſterungsſturm losbrach, zuckte ein hoͤhniſches Laͤcheln um ſeinen Mund. Gleichſam ohne eigentlichen Willen und wie von einem magiſchen Bande gezogen, hatte er ſich in die Naͤhe des ihm ſo unheimlichen Tabuletkraͤmers gedraͤngt und verfolgte den lebhaften Ver⸗ kehr desſelben mit dem Farſthans und andern Männern, die unverkennbar die Leiter der Verſammlung waren, mit den Augen. Da bemerkte er, daß ein etwas unanſehnlicher, aber ſtädtiſch und fein gekleideter junger Mann lange und angelegentlich nit dem Bilderhaͤndler ſprach. Augenſchein⸗ lich fand eine gewiſſe Vertraulichkeit zwiſchen Beiden ſtatt. Bald darauf wurde der Bilderhaͤndler von einem an⸗ dern Mann hinweggerufen, und der junge bleich und truͤb ausſehende Junker— dafuͤr hielt ihm Martin— trat wie in Traͤumen verſunken bei Seite und bekuͤmmerte ſich nicht um das, was um ihn vorging, noch weniger um das Draͤngen des Volks nach der Taufe. Martin ſtand nach wenigen Augenblicken an ſeiner Seite, trat ihn dann mit einer gewiſſen ihm eigenthuͤmlichen feinen und geſchmeidi⸗ gen Keckheit an und fuͤhrte ſich ihm mit einer ſchlauen und gewandten Luͤge vor, indem er ihn anredete: „Mir iſt, als ſollte ich einen alten Bekannten in Euch erkennen, Junker. Schon ſeit einigen Minuten betrachte ich Euere Zuͤge und kämpfe mit unklaren Erinnerungen, wo wir uns ſchon geſehen und geſprochen haben. Helft mir doch aus dem Traume.“ „Der junge bleiche Mann heftete einen durchdringen⸗ 186 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. den, aber mißt auiſchen Blick auf den Sprecher und ſtam⸗ melte dann verlegen:„Ich kenne Euch nicht und erinnere mich auch nicht Euch jemals geſehen zu haben. Vielleicht aber faͤllt mir bei, was Ihr wuͤnſcht, wenn Ihr mir Euern Namen ſagt.“ „Der Name wird zur Aufklaͤrung auch nicht mehr bei⸗ tragen,“ verſetzte Martin ausweichend,„wenigſtens der meinige nicht. Inzwiſchen bin ich nicht abgeneigt, ihn gegen den Eurigen auszutauſchen, da dieſer meiner ge⸗ truͤbten Erinnerung entweder zur Huͤlfe kommen oder meine Taͤuſchung feſtſtellen wuͤrde.“ „Ich ſehe nicht ein, weshalb ich Euch meinen Namen zuerſt ſagen ſoll,“ ſagte der Andere verdrießlich.„Es iſt hier nicht der Ort, wo man mit dergleichen ſo eilfertig jedem Unbekannten aufzuwarten gut thut.“ „Ich daͤchte unſerem Aeußern nach gehoͤrten wir Beide ſchon eher zuſammen, als zu dieſen Landleuten,“ warf Martin wieder geſchmeidig hin. „Gerade Euer Aeußeres duͤrfte fuͤr das Gegentheil ſprechen Ritter und Junker, die ſich hier zeigen, duͤrften leicht bei dem Volke in den Verdacht kommen, als ſeien ſie nicht zu Nutz und Frommen der Sache hierher gekom⸗ men, welche die Meiſten herbeigefuͤhrt hat. Seht dort die Haufen wuͤſter Landsknechte und hoͤrt, wie ſie uͤber die Reden und die Handlung ſpotten, die hier vorgenommen wird.“ „Und wuͤrdet Ihr nicht demſelben Verdachte ausgeſetzt 5 7 „ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 187 ſein?“ fragte Martin.„Ihr ſeht doch auch nicht aus wie ein Bauer, Hirt oder Jager aus dem Gebirge.“ „Wohl wahr. Aber einige dieſer Leute kennen mich und meine Geſinnung, und von ihnen kann Jedermann erfah⸗ ren, daß ich weder als Spaͤher, noch als Spoͤtter hierher gekommen bin.“ „Auf Wort und Treue kann ich Euch verſichern, daß dies mit mir derſelbe Fall iſt, und wenn mich auch Nie⸗ mand kennen ſollte in dieſer Verſammlung. Mich hat nichts als der Zufall hierher gefuͤhrt, indem ich auf einer Reiſe nach Tyrol begriffen bin, um dort im Hauſe der Fugger ein mir wichtiges Geſchaͤft abzumachen.“ Martin wollte mit dieſer Angabe Vertrauen erwecken, um ſo geſchickt ſeinem Ziele naͤher zu ruͤcken. „Im Hauſe der Fugger!“ rief der Andere uͤberraſcht. „So ſagt mir doch, in welchem Hauſe, in dem Jakobs oder Ulrichs? denn Beide wohnen in Tyrol. Euere Antwort durfte uns vielleicht näher fuͤhren, als Ihr ahnet. Und vielleicht habt Ihr dann doch recht, daß wir uns fruͤher ſchon geſehen haben.“ Dieſe unerwartete Antwort brachte Martin in Verle⸗ genheit.„Ich werde wahrſcheinlich mit beiden Fuggern verkehren; denn ich komme ſo eben aus Spanien.“ „Wenn Euer Geſchaft kein Geheimniß iſt, werde ich Euch meinen Namen nicht laͤnger vorenthalten, und Ihr wuͤrdet dann finden, daß dieſer Name und Euer Reiſeziel nicht weit auseinander liegen.“ 188 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. „Das heißt: Ihr ſeid ſelbſt ein Fugger. Wohlan Ihr* koͤnnt ſogleich mein Vertrauen gewinnen, obgleich mein Geſchäft allerdings geheimnißvoller Art iſt, wenn Ihr mir jetzt eine kleine Bitte erfullen wollt.“ „Und die waͤre?“ „Ich ſah Euch vorhin mit dem Bilderhaͤndler ſprechen, dem ich in der Schenke Einiges abgekauft. Ihr kennt je⸗ denfalls dieſen Mann näher. Sagt mir, was Ihr von ihm, ſeinem Leben und ſeinen umſtaͤnden wißt, und Ihr ſollt dann Alles, was Ihr wuͤnſcht, von mir erfahren.“ Hieronymus Fugger— denn er war es— trat dem Frager einen Schritt naͤher und heftete einen ſeltſamen Blick auf ihn. Sei es nun, daß er beim Scheine einer Fackel die Flecken im Geſichte desſelben erkannte, oder daß ihn ſonſt ein widerwaͤrtiges Gefuͤhl anwandelte: genug, erkehrte ſich ploͤtzlich mit unverhehltem Widerwillen ab und ſprach:„Um keinen Preis kann und werde ich Euer Ver⸗ langen erfullen. Glaubt nicht, daß Ihr es mit einem Kna⸗ ben zu thun habt. Ich habe nichts mit Euch zu ſchaffen.“ Und den Ruͤcken wendend, verlor er ſich in der Nacht und der Menge. Durch dieſe ſchroffe Antwort verbluͤfft, ſtand Martin einige Augenblicke wie in den Boden gewurzelt. Dann glitt ein leiſer Fluch uber ſeine Lippen. Zoͤgernden Schrittes und mit ſich ſelbſt uneinig, verließ er den Platz und trat Andern folgend, den Ruͤckweg zu dem Flecken an. Das Volk ver— lief ſich in der Nacht. Martin fand ein duͤrftiges Lager Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 189 und ſank, fort und fort mit dem Bilderhaͤndler und der ſeltſamen Antwort des jungen Fuggers beſchaͤftigt, endlich in einen fieberhaft unruhigen Schlaf, der ihm in wirren Träumen die Geſtalt des Bilderhaͤndlers dämoniſch ver⸗ zerrt vorfuͤhrte. Als er matt und abgeſpannt erwachte und eben ein frugales Fruͤhſtuͤck einzunehmen im Begriff ſtand, ritt ein Haufen reiſiger Knechte des Fuͤrſtabts von Kempten in den Ort, um den Karſthans und den Praͤdikanten zu fangen, aber nicht nur dieſe, ſondern alle Andern waren zerſtoben und wie davon geflogen. Der Ort ſah leer und nuͤchtern aus. Es duͤnkte Martin Alles, was er in der vorigen Nacht erlebt, wie ein einziger wuͤſter Traum. Im hoͤchſten Grad verdrießlich beſtieg er ſein Roͤßlein und ließ es dem hoͤhern Gebirge zu gehen, um dann in die Tyroler Thaler hinabzuſteigen. Achtes Kapitel. Im ſchoͤnen Innſpruck hielt der Erzherzog Ferdinand Hof als Statthalter ſeines Bruders, des Kaiſers Karl, in den oͤſtreichiſchen Landen, wie ſein Großvater, der Kaiſer Maximilian auch Hof gehalten in der Hauptſtadt der Graf⸗ ſchaft Tyrol. War es aber in den letzten Jahren des alternden graͤmlichen Max ſchon ſchlimm geworden an die⸗ ſem Hofe, und hatte die Unzufriedenheit des kraͤftigen an Geiſt und Leib gleich geſunden Bergvolks bis zur Empo⸗ rung uͤberhand genommen, die gleich nach des Kaiſers Tod hier wie in den oſtreichiſchen Herzogthuͤmern ausbrach, ſo hatten ſich die Dinge am Hofe und bei der Regierung un⸗ ter dem jugendlichen Erzherzoge bei weitem noch verſchlech— tert. Nicht vergebens war Ferdinand in Spanien gebo⸗ ren und unter den Augen ſeines muͤtterlichen Großvaters, des ſchlauen und treuloſen Ferdinand des Katholiſchen, er⸗ zogen worden. Obgleich jetzt zwanzig Jahre alt, war der Erzherzog doch auf der einen Seite noch faſt kindiſch in ſeinen Vergnuͤgungen und Beſchaͤftigungen, von der an⸗ — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 191 dern dagegen mit der ganzen treuloſen ſpaniſchen Schlau⸗ heit, mit der ſtarken Neigung zu Intrigue und Falſchheit ausgeſtattet. So kraftlos, unbeſtaͤndig und aller hoͤhern Einſicht und Genialitaͤt baar der habsburgiſche Geiſt in den letzten Kronentraͤgern ſich auch herausgeſtellt hatte, ſo war ihm doch eine gewiſſe gemuͤthliche Nachgiebigkeit, eine wenn auch nicht immer ganz harmloſe Ehrlichkeit eigen⸗ thuͤmlich geweſen; von dieſem Geiſte war auf Karl noch ein ſchwacher Strahl gekommen und dieſer von ſeiner Tante und Erzieherin, der Erzherzogin Statthalterin Marga⸗ retha, gepflegt worden; in Ferdinand war dagegen keine Spur mehr davon; er hatte den Geiſt Ferdinands des Katholiſchen; er war wie in ſeiner ußern Geſtalt, ſo in ſeinem innern Weſen ganz und gar Spanier. Fuͤr die gutmuͤthigen einfachen Tyroler war es ein betruͤbender Anblick, den jungen Fuͤrſten von einer Menge ſpaniſcher Edelleute umgeben zu ſehen, die er aus dem fremden Lande mit in dieſe Berge gebracht hatte, und zwar waren es nicht etwa ehrenwerthe Katalonier oder Aragonier, die ihre eigne Volksfreiheit ſtolz behauptend, wohl auch die des deutſchen Bergvolks zu ſchaͤtzen gewußt hätten; nein, es waren ge⸗ ſchmeidige raͤnkevolle Kaſtilier, vergnuͤgungs ſuͤchtige, geld⸗ gierige, treuloſe Andaluſier. Die Sitten dieſer Menſchen waren im hoͤchſten Grade anſtoͤßig und drohten das ehrliche ſittenreine Bergvolk von der Hauptſtadt aus zu vergiften. Der Verkehr mit ihnen war den natuͤrlich derben tuͤchtigen Menſchen bald ein Graͤuel, um ſo mehr, da dieſe Spanier 192 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. das keineswegs reiche Hochland als eine eroberte Provinz zu betrachten ſchienen, aus der ſie jedweden Vortheil durch jedes Mittel in ihre Taſchen zu ziehen hätten. Es ſchien faſt, als wollten ſie in Tyrol ein Wiedervergeltungsrecht fur die Unbilden ausuͤben, welche die ſpaniſchen Koͤnigreiche durch die geldgierigen niederlaͤndiſchen Edelleute, die Begleiter Philipps, des Vaters, und Karls, des Bruders des Erzherzogs Ferdinand, auf ihren Zuͤgen nach Spanien erfahren hatten. Vorzuͤglich verhaßt hatte ſich der Schatzmeiſter des Erzher⸗ zogs den Tyrolern gemacht, Gabriel von Salamanka, von juͤdiſcher Abkunft, mit einer geldſchmutzigen Judenſeele und deshalb im fuͤrſtlichen Sinne ein vortrefflicher Finanz⸗ mann, ein herrſchſuͤchtiger, gewaltthaͤtiger, habſuͤchtiger, eigennuͤtziger Hoͤfling, der ſich mit juͤdiſcher Geſchmeidig⸗ keit ganz in das unbeſchraͤnkte Vertrauen des jugendlichen, leichtſinnigen, geldliebenden und den ernſten Regierungs⸗ geſchaͤften abgeneigten Fuͤrſten eingeſchlichen hatte. In einer untergeordneten Stellung mit dem Erzherzog ins Land gekommen, war dieſer Menſch ſchon nach wenig Jahren zu dem bedeutenden einflußreichen Poſten empor⸗ geſtiegen und hatte, nach der Verſicherung der Tyroler, nicht nur fuͤr den Schatz des Erzherzogs, ſondern auch fuͤr ſich ſelbſt ungeheure Summen aus dem Lande gezogen, Aemter und Stellen fuͤr ſich allein und nach ſeiner Will⸗ kuͤr beſetzt, ja verkauft und ſich uͤberhaupt wie ein unbe⸗ ſchraͤnkter Gebieter benommen. Zunaͤchſt war es der Geheimerath des Erzherzogs Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 193 Fabri, ein Deutſcher, der ſeinen Namen Schmidt nach der Sitte der Zeit latiniſirt hatte, der durch Gewaltthaͤtigkei⸗ ten, Erpreſſungen aller Art, kalte Herzloſigkeit und Hoch⸗ muth die Tyroler aufs Aeußerſte gegen ſich erbittert hatte. Mit dieſen beiden volksfeindlichen Maͤnnern theilten ſich die zwei vornehmſten Kirchenfuͤrſten der Grafſchaft, der Biſchof von Trient und der von Brixen, in die Gunſt des jungen Erzherzogs und ſeiner Gemahlin. Der erſtere, Bernhard Cles, war Kanzler des Fuͤrſten. Beide kannten nichts vom Geiſte chriſtlicher Liebe und Duldung; im ſtrengſten roͤmiſchen Sinne hochmuͤthige Diener der Kirche, Feinde der neuen Ideen, despotiſche Beherrſcher ihrer Un⸗ terthanen, ſtanden ſie im ſchaͤrfſten, von ſchonungsloſer Gewaltthat begleiteten Widerſpruch mit dem Genius des Jahrhunderts, deſſen kuͤhne und gewaltige Stimme auch in die tyroler Berge gedrungen war. Dieſe vier Maänner waren die vorzuͤglichſten Rath⸗ geber des Erzherzogs, oder vielmehr ſie waren im engen Bunde die Regenten des Landes. Noch ein fuͤnfter kam hinzu, der zwar, außer dem Lande wohnend und deshalb nicht oft in perſoͤnlicher Be⸗ ruͤhrung mit dem Erzherzog, dennoch im Sinne der vier Genannten und zum Vortheil ihres gewaltthaͤtigen Regi⸗ ments großen Einfluß auf den furſtlichen Juͤngling aus⸗ uͤbte, welcher zur Herrſchaft uͤber das reizende Bergland beſtellt war. Dieſer fuͤnfte war der Cardinal Matthaͤus Lang, auf den ſeine Vaterſtadt Augsburg ſo ſtolz war, Ein deutſcher Leinweber. VI. 13 194 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. einſt Biſchof von Gurk, Kanzler, Geheimſchreiber und Guͤnſtling des Kaiſers Maximilian, nun aber ſeit vier Jahren Erzbiſchof von Salzburg, des reichſten und ſchoͤn⸗ ſten Erzſtiftes im ganzen Reich. Ganz im Sinne ſeines verſtorbenen kaiſerlichen Goͤnners war Cardinal Lang als vieljaͤhriger Miniſter und als Diplomat bei den wichtig⸗ ſten europaiſchen Verhandlungen ein warmer Freund der Kuͤnſtler und Gelehrten geweſen, wenn auch nicht mit der jugendlich leichtſinnigen Hingebung wie der Kurfuͤrſt von Mainz; auch er hatte die Auferſtehung der Wiſſenſchaften begruͤßt, auch er hatte ſich einen Freund der Humaniſten genannt und auf dieſe Weiſe ſich einen großen Ruf in Deutſchland erworben. Aber er war ein Freund der Wiſ— ſenſchaften, wie der Papſt Leo X., wie Albrecht von Mainz, wie Jakob Fugger: ſie ſollten ihm das Leben ſchmuͤcken und verſuͤßen und ihm den Ruhm eines Maͤcenas ver⸗ ſchaffen. Sobald ſie ſich anſchickten, umgeſtaltend und be⸗ fruchtend auf das abgeſtorbene, verdorbene und verkruͤp⸗ pelte Leben zu wirken, wurde er ihr bitterſter Feind und wuͤthendſter Verfolger. Denn er war von Charakter und Gemuͤth ſchlimmer geartet, als der genannte Papſt, ſchlimmer als der Mainzer Erzbiſchof und ſchlimmer als ſein Landsmann und Jugendfreund, der reiche Leinweber, ein ſtolzer, harter, ſelbſtiſcher Prieſter ohne Religion und Gewiſſen, ein Raͤnkeſchmied uno rachſuͤchtiger Verfolger Aller, die ſich nicht unbedingt ſeiner finſtern Herrſchſucht fuͤgten, ein Fuͤrſt, von dem einer ſeiner vertrauten Räthe Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 195 ſpaͤter vor Gericht ausſagte:„es habe männiglich Wiſſen, mit was fuͤr Schalkheit und Buͤberei er in das Stift ge⸗ kommen ſei; er habe ſein Lebelang nichts Gutes im Sinne gehabt, er ſei alles Schalks voll, ein Bube, und nie eines guten Gemuͤths gegen ſeine Landſchaft geweſen.“ Als er Coadjutor und dann Erzbiſchof des Erzſtiftes geworden, hatte er in buͤndigen Urkunden der Salzburgi⸗ ſchen Landſchaft feierlichſt gelobt, ſie bei ihren Privilegien, Freiheiten und altem Herkommen gnaͤdig zu beſchutzen, ſie keineswegs dawider zu beſchweren, ſondern dieſelben zu mehren und nicht zu verringern. Er hatte einen Eid dar⸗ auf geſchworen, und der Papſt und der Kaiſer hatten Alles beſtatigt. Die Salzburger hatten Glauben und Vertrauen darein geſetzt und ſich als getreue Unterthanen und Land⸗ ſchaften gegen ihn gehalten. Aber was waren Fuͤrſten⸗ verſprechungen und Furſteneide in dieſer heuchleriſchen heil⸗ loſen Zeit! Nicht vergebens hatte Matthaͤus Lang als ver⸗ trauter Geheimſchreiher Maximilians die diplomatiſchen Geſchaͤfte deſſelben geleitet. Er hatte Fuͤrſtenwort und Treue ſattſam kennen gelernt, um ſie nun, da er ſelbſt zum Fuͤrſtenſitz erhoben worden war, in beliebter Weiſe auszu⸗ üben. Bald gerieth er mit der Salzburger Landſchaft wegen wiederholter Eingriffe in ihre Rechte und Freihei⸗ ten in einen Rechtsſtreit, den er mit dem ganzen Ueber⸗ muthe eines Pfaffenfurſten verfolgte. Die dadurch unter den Salzburgern hervorgerufene Erbitterung gegen ihn wurde durch ſeinen grimmigen Haß gegen die Anhaͤnger 13* 196 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. der lutheriſchen Lehre aufs Aeußerſte vermehrt. Es gab ſchier keinen giftigern Feind Luthers und ſeiner Anhänger als den Cardinal und Erzbiſchof Lang. Und ſeltſam genug, mufßte er erleben, daß in ſeinem Erzſtift, ja in ſeiner naͤch⸗ ſten Umgebung das neue Licht des reinen Evangeliums mehrere tuͤchtige Männer und ausgezeichnete Prieſter als begeiſterte Anhaͤnger gewann. Es ſieht wie eine Jronie des Schickſals aus, daß des Erzbiſchofs eigener Beicht⸗ vater, Namens Kaſtenbauer, ein gluͤhender Freund und Verkuͤnder von Luthers Wort wurde. Der wuͤthende und racheſchnaubende Kirchenfuͤrſt ließ den edlen Mann 1521 in hartes Gefängniß legen, worin er noch ſchmachtete. Paul Spreller, ein gelehrter Prieſter zu Salzburg, eben⸗ falls mit ganzer Seele dem Labſal der lichtausſtroͤmenden Wahrheit hingegeben, rettete ſich 1522 durch ſchleunige Flucht in die Schweiz vor der Verfolgung des Erzbiſchofs. In Radſtatt war ferner der Barfuͤßer Georg Schaͤrer, in Gaſtein Martin Lodinger, der mit Luther Briefe wechſelte, im Pinzgau der Prieſter Matthaͤus, welche die neue Lehre verkuͤndeten. Der Erzbiſchof hatte noch dazu das Miß⸗ geſchick, durch ſeine eigenen Handlungen die Ausbreitung lutheriſcher Meinungen in ſeinem Stift zu befoͤrdern. Zuerſt hatte er nämlich, um den Bergbau im Salz⸗ burgiſchen in hoͤhern Schwung zu bringen und fuͤr ſeine Kaſſe und ſeinen unerhoͤrten Luxus ergiebiger zu machen, eine betraͤchtliche Anzahl ſaͤchſiſcher Bergknappen aus dem Erzgebirge herbeigerufen. Unter keiner Menſchenklaſſe Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 197 hatte aber Luthers Lehre einen ergiebigern Boden gefun⸗ den, als gerade unter den Bergleuten, die den kuͤhnen Re⸗ formator, den Sohn des Bergmanns, gleichſam als den Ihrigen betrachteten. Dieſe Knappen hatten die neue Lehre begierig an der Quelle eingeſogen und kamen davon begeiſtert und mit lutheriſchen Buͤchern beladen nach Salz⸗ burg, wo ſie bald ihre Arbeitsgenoſſen und dann weiter viele Andre dafuͤr gewannen. Das entzuͤndete Feuer brei⸗ tete ſich in aller Stille mit unglaublicher Schnelligkeit aus, und zu ſpaͤt erhielt der auf ſeiner hohen ſtolzen Burg koͤniglich thronende Cardinal davon Kunde. Sodann hatte er, um an Luther eine Tuͤcke zu uͤben und ihm ſeinen ſtaͤrkſten wiſſenſchaftlichen Halt und Beiſtand zu entziehen, den Generalvicar der Auguſtiner, Johann Staupitz, in das Erzſtift Salzburg gezogen. Er glaubte Wunder was er dadurch Luthern geſchadet, aber er ahnte nicht, daß mit Staupitz Luthers Lehre, Schriften und Briefe in das Salzburgiſche gekommen waren. Wuthentbrannt uͤber dieſe Erfolge beſchloß der Kardinal, der„Freund und Goͤn⸗ ner der Kuͤnſte und Wiſſenſchaften,“ alle, die an Luther hingen, es ſei Buͤrger oder Prädikant, Bergknapp oder Bauer, mit ſchwerer Pein zu verfolgen und mit Feuer und Schwert gegen das Gift von Wittenberg zu Felde zu ziehen. Damit goß er natuͤrlich nur Oel ins Feuer. Die Salzburger nahmen jedes Wort Luthers mit Jubel auf und eigneten es ſich an und wurden gegen ihren despo⸗ tiſchen Furſten von Tag zu Tag ſchwieriger und wider⸗ 198 Ddie Sturmvögel zum Bauernkrieg. ſpenſtiger. Die offenen Aeußerungen ihres Unmuths, ihres Spottes und ihrer Begeiſterung kamen dem alten Pfaffen gerade willkommen, und er gedachte ſie als eine ſich ihm guͤnſtig darbietende Gelegenbeit zu benutzen, um uͤber die mißvergnuͤgten Rebellen im Erzſtift mit fremder Kriegsmacht herzufallen, ſie ihrer Privilegien und Freihei⸗ ten, die ihm, ſo wenig er ſich im Grunde daran band, doch unbequem waren— da er gegen ſie ſtets im Unrecht ſtand — zu berauben und ſich zum unumſchraͤnkten Herrn von Stadt und Land zu machen. Er hatte doch nun den Schein des Rechts zu ſolcher Gewaltthat. Im Rathe ſei⸗ ner Vertrauten, denen er den Vorſchlag machte, im Aus⸗ lande ein Kriegsheer gegen die Salzburger aufzubringen, ſprach er:„Ich will zuerſt die Stadt, dann die Landſchaft angreifen und uͤberfallen; die trotzigen Buͤrger muͤſſen die erſten ſein, die ich verderbe, dann muͤſſen die auf dem Lande daran.“ Und die Räthe gaben dazu ihre Zuſtim⸗ mung. Darauf reiſte der Erzbiſchof nach Inſpruck an den Hof des Erzherzogs. Dies war in der Mitte des Mo⸗ nats September 1523. Den Vorwand zu dieſer Reiſe gab die Erbhuldigung, welche der Erzherzog eben von den Ty⸗ rolern einnehmen wollte. Tyrol hatte vor andern Laͤndern Oeſterreichs und des deutſchen Reichs eine Menge alter Freiheiten, ihm von den fruͤheren Fuͤrſten des Landes gewährt, und dennoch herrſchte große Unzufriedenheit. Sie war hier mehr religioͤſer als politiſcher Natur. Der geiſtige Druck des Pfaffenregi⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 199 ments, von den maͤchtigen Biſchoͤfen des Landes mit einer an's Unglaubliche grenzenden brutalen Frechheit ausgeubt, hatte hier Dummheit und Aberglauben des Volks zur uͤppigſten Bluͤthe gebracht; um ſo ſtaͤrker war aber auch in den begabtern Geiſtern das Verlangen nach Licht und Er⸗ loͤſung aus dieſer Nacht geiſtigen Elends. Hier hatte Lu⸗ thers Wort wie ein Blitz gezuͤndet; ſehnſuͤchtig wandten ſich alle lechzenden Seelen nach der Quelle der Wahrheit in Wittenberg. Und auch hierher waren ihre Strome durch jachſiſche Bergleute geleitet worden. In den großen Sil⸗ berbergwerken zu Schwaz und der Umgegend arbeiteten gleich wie im Salzburgiſchen, Bergknappen aus dem Erz⸗ gebirge, welche die Fugger verſchrieben hatten Dieſe Haͤuer, gleich ruͤſtig und arbeitsſam in den Schachten der Berge, wie in denen der Geiſter, ſtanden mit ihren Lands⸗ leuten im Erzſtift Salzburg in engſter Verbindung und tauſchten die wittenberger und ſchweizer Reformatoren⸗ ſchriften mit ihnen aus. Ganz beſonders beguͤnſtigt wur⸗ den ſie von den Bruͤdern Ulrich und Hieronymus Fugger zu Schwaz. In den großen Bergwerken derſelben arbei⸗ tete kein Knappe, der nicht den neuen Lehren mit Begei⸗ ſterung ergeben und nach Kraͤften fuͤr die Verbreitung derſelben thätig geweſen wäre. Ulrich Fugger fuͤhrte die⸗ ſen Leuten die Mittel zu ihrer weiteren Ausbildung zu und weilte ſchier täglich unter ihnen, ſie im Glauben und Stre⸗ ben nach geiſtiger und leiblicher Freiheit zu ſtaͤrken. So ging aus dem Schooße der erzreichen Berge nicht nur das 200 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. edle Metall hervor, auch das Silberlicht der Wahrheit, das Gold des Evangeliums ſtieg aus der Tiefe zu Tage und verbreitete ſich ſtill und geraͤuſchlos uͤber das herrliche Hochland. In Schwaz ſelbſt predigten zwei edle und treffliche Prieſter Johann Strauß und Chriſtoph Soͤll das reine Evangelium nach Luthers Anleitung. Der Erſtere war ein geiſtesſtarker, hocherleuchteter, gelehrter und kuͤh⸗ ner Mann, der den Kampf fuͤr ſeine Ueberzeugung nicht ſcheute. In Hall, nur wenige Stunden von Schwaz, lehrte auf gleiche Weiſe der Prediger Urbanus„Reglus, einer von Sickingens Umgebung auf der Ebernburg. Dieſe Prediger wurden zwar durch das wormſer Ediet vertrie⸗ ben, aber gerade deshalb wurde die Bewegung in Her Mitte des Jahrs 1523 immer maͤchtiger und grofartiger. Ihren eigentlichen Mittelpunkt bildete Ulrich Fuggers Haus, aber durchaus auf eine nicht auffallende Weiſe. Er ſtand nur im Hintergrunde und war ſcheinbar unthätig, deſto tiefer ging ſeine ſtille und den Augen der Welt verbor⸗ gene Wirkſamkeit. Die genannten Prediger hatten als kuͤhne Helden auf der Buͤhne gewirkt. Strauß, Ulrichs innigſter Freund, ſprach mit hoher Freimuͤthigkeit uͤber die Laſter und Erpreſſungen der Fuͤrſten und Großen weltlichen und geiſtlichen Standes und legte ſcharfſinnig ihre Pflichten vor den Augen des Volkes dar. Er zeigte in gewaltiger Rede, wie nach Gottes ewiger Weisheit ein jegliches Reich durch die Selbſtſuͤchtigen und Eigennuͤtzigen zu Grunde gehen muͤſſe; er behauptete, ein Chriſt ſei nicht an die Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 201 heidniſchen Rechte der Juriſten gebunden, und von einem Darlehen Zinſen zu nehmen ſei dem chriſtlichen Glauben entgegen. Er war alſo weit uͤber den Standpunkt Lu⸗ thers hinausgegangen und ſtand ſchon auf dem Thomas Muͤnzers, als er aus Tyrol fluchten mußte. So waren die Dinge in Tyrol beſchaffen, als die Gro⸗ n N des, die ſogenannten Volksvertreter in Inn⸗ huldigung zuſammen kamen. Der Erzbi⸗ burg zog mit einem Prunk ein, als ſei gehuldigt werden ſollte. Die Ein— drian, die den Roͤmern ein Gräuel 6 orientaliſchen Prunk des hoffärtigen K ſeltſam abſtechen muͤſſen. Er fand bereits ſeine guten Freunde, die Biſchoͤfe von Brixen und Trient am Hoflager des Erzherzogs. An demſelben Tage langte auch der alte Jakob Fugger von ſeinem Schloſſe Fuggerau an, mit ihm ſein Neffe Raimund, der als einer der Er⸗ ben ſeiner reichen Beſitzungen in Tyrol dem jungen Fuͤrſten ebenfalls huldigen ſollte. In ihrer Geſellſchaft befand ſich auch Martin, und es konnte Keinem entgehen, daß ſie den jungen Menſchen wie einen der Ihrigen behandelten. Ja⸗ kob Fugger war in der letzten Zeit ſehr gealtert; die im⸗ mer weiter um ſich greifende, ſich immer drohender geſtal⸗ tende Bewegung im kirchlichen und ſtaatlichen Leben nagte an ſeiner Kraft. Er ſah keine Verjuͤngung der Welt in dieſer Bewegung, ſondern ihr groͤßtes Ungluͤck; er zitterte vor einem Umſturz aller Dinge und einem allgemeinen Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 9 202 Verderben, und furchtete, daß dies ihn und ſein Haus am Erſten treffen moͤchte. Und dieſes Haus war nicht ohne Schuld. Durch die fugger'ſchen Handelsſpekulationen waren in Tyrol die Preiſe aller fremdlandiſchen Waaren ungemein empor getrieben. Es war dies eine ſogenannte gluͤckliche Speculation Anton Fuggers, durch Verkaͤufer oder Commiſſionaͤre, eie im ganzen Lande vertheilt waren, und bedeutenden Credit und einen großen Antheil am Ge⸗ winn erhielten, hervorgebracht und einen ungeheuern Ge⸗ winn abwerfend, der aus den Taſchen des Volks in die fugger'ſche Kaſſe wanderte. Durch Verguͤnſtigungen des Erzherzogs war dieſer Handel gleichſam monopoliſirt, aber die Erbitterung des Volks gegen Jakob Fuggers Haus ſtieg mit jedem Tage; der wucheriſche Handel war mit ein Hauptgrund der allgemeinen großen Unzufriedenheit. Vergebens hatte Ulrich Fugger dagegen geeifert; er wurde von dem alten graͤmlichen Jakob mit ſtoͤrriſcher Unduld⸗ ſamkeit, von dem jungen, kalten, ſtolzen Anton mit wort⸗ kargem Hohn zuruͤckgewieſen. Seine Liebe fuͤr das Volk und deſſen Freiheit wurde ihm von ſeinen naͤchſten Ver⸗ wandten zum Verbrechen angerechnet. Jakob, griesgram⸗ lich, krittlich und, ohne es zu wollen und zu wiſſen, von einem unſeligen Unfehlbarkeitsglauben beſeſſen, der aus ſeiner Bildung, aus ſeinem Leben und aus ſeiner Stellung leicht erklaͤrlich war, ließ ſich mit dem Feuerkopf Ulrich gar nicht ein. Er duldete ihn wohl, aber nie fand ein Aus⸗ tauſch ihrer Gedanken uͤber die Zeitverhaltniſſe zwiſchen Die Sturmvögel zum Baueinkrieg. 203 ihnen ſtatt. Auch hatte er ſich ſtreng verbeten ihm uͤber Ulrichs Thun und Treiben etwas zu hinterbringen; er wollte ſich nicht mehr uber ihn aͤrgern, ſein Alter ſich nicht von den„Tollheiten dieſes Menſchen“ verbittern laſſen. Mit Anton und Raimund kam Ulrich in wenig Beruͤhr⸗ rung, und wenn es geſchah, ſo zankte er ſich mit dem Er⸗ ſtern. Mit dem Letztern war nicht zu ſtreiten; er lachte den eifrigen Urich aus, daß ſich dieſer, ein ſo reicher Mann, um das alberne nichtsnutzige Volk in ſo thoͤrichte Haͤndel ſtecke. Er ſelbſt ließ ſich durch nichts in ſeinem behaglichen uppigen Lebensgenuß ſtören und furchtete ſich nicht im Mindeſten vor der drohenden Zeitbewegung. Aber eine befreundete Seele hatte Ulrich doch im Hauſe ſeines Ohms, die Baſe Sibylle. Sie hatte nie viel von den großen Her⸗ ren gehalten, aber das unverſchaͤmte und brutale Treiben derſelben in der letzten Zeit hatte ſie ihr vollends zuwider gemacht, und unter vier Augen gab ſie Ulrich, dem ſie ſtets wohl gewollt, recht; ihr Bemuͤhen ging nur dahin, einem neuen Bruch zwiſchen ihm und ihrem Jakob vorzubeugen. Auch Ulrich und Hieronymus waren von Schwaz nach Inſpruck heraufgekommen zu dem glaͤnzenden Feſte. Ebenſo war Max von Buͤbenhoven, vor Kurzem erſt aus Spanien zuruͤckgekehrt, mit ſeiner Ehewirthin da. Er war noch immer der alten dicken Sibylle Liebling und bildete mit ihr und ſeiner Sibylle die vermittelnde Partei im Hauſe. Im Getriebe der wildaufgaͤhrenden politiſchen und religioͤſen Leidenſchaften der Parteien verlor der ruhige poetiſche 204 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Schwaͤrmer mit der ſanftſchwermuͤthigen Gemuͤthsart alle Bedeutung. Der Schwächling war kein Mann fuͤr dieſe Zeit, und er nahm in keiner Weiſe Theil an der Bewegung. Ueberdies hatte ſein Aufenthalt in dem ungewohnten Klima des Suͤdens ſeiner Geſundheit geſchadet; er kraͤnkelte. Jakob Fugger machte bald nach ſeiner Ankunft ſeinem Landsmanne und Jugendfreund, dem Erzbiſchof von Salz⸗ burg, einen Beſuch in deſſen Herberge. Sie hatten eine lange Unterredung zuſammen; denn der gewaltthaͤtige geiſt⸗ liche Fuͤrſt bedurfte zur Ausfuͤhrung ſeiner Unternehmun⸗ gen, zum Feldzug gegen den Zeitgeiſt, der in den Salzbur⸗ gern lebendig geworden war, Geld, viel Geld, und Jakob Fugger zeigte ſich gar nicht abgeneigt, ihm dasſelbe zu die⸗ ſem loͤblichen Zwecke gegen ſichere Verſchreibung und gute Zinſen vorzuſtrecken. Das Anlehen wurde abgeſchloſſen, und Matthaͤus Lang zeigte ſich daruͤber ſehr vergnuͤgt und meinte nun ſchon geſiegt zu haben. Am Abend desſelben Tags hatte Jakob eine geheime Audienz bei dem Erzherzog. Martin wurde aufgefordert! ihn in das Schloß zu begleiten. Auf dem Wege ſagte der Alte kurz zu dem jungen Menſchen:„Ich habe Euere Sache Seiner hochfuͤrſtlichen Durchlaucht empfohlen und hat er den Wunſch geaͤußert, Euch heute ſchon zu ſehen. Wahrſcheinlich wird er Euch das gnaädige Verſprechen ge⸗ ben, durch ſeinen Einfluß Euern Wunſch zu erfuͤllen und Euere Herkunft zu ermitteln. Benehmt Euch beſcheiden und klug. Ihr ſeid mit dem Erzherzog in einem Alter —— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 205 und koͤnnt leicht einen gnädigen Goͤnner an ihm gewinnen, wenn Ihr's geſchickt anfangt.“ Die Erinnerung, ſich klug zu benehmen, war bei einem Kopfe wie Martin ſehr uͤberfluſſig. Seiner Aufmerkſam⸗ keit entging nichts, und er war entſchloſſen, wo moͤglich Alles zu ſeinem Vortheil zu benutzen. Ueber dieſe auffal— lende Vorſtellung ſeiner Perſon beim Erzberzog hatte er ſeine eigenen Gedanken; aber er war nicht gewohnt, dieſe gegen irgend Jemanden laut werden zu laſſen. Nach der Anmeldung beim Erzherzog wurde Fugger allein in das Zimmer deſſelben gerufen, Martin blieb mit ſeinen Gedanken im Vorzimmer zuruͤck. Der Alte war etwas uͤberraſcht, die Erzherzogin ebenfalls zu finden. Anna war mit ihrem Gemahl faſt in gleichem Alter; beide ſtanden im einundzwanzigſten Lebensjahre. Schon ſeit zwei Jahren war das furſtliche Paar ehelich verbunden, und einen großen Theil des erſten Jahrs hatte es zum Be⸗ ſuch bei der Tante Gretchen in den Niederlanden zuge⸗ bracht. Die Erzherzogin hatte nicht nur die leichte zier— liche Geſtalt ihrer Mutter, derzarten liebenswuͤrdigen Anna von Foix, der holden Sylphide des franzoͤſiſchen Hofes, ſie hatte auch viel von dem beweglichen franzoͤſiſchen Geiſte derſelben und bildete einen auffallenden Gegenſatz zu der ſpaniſch ernſten, ſchier ſteifen Grandezza ihres Gemahls, die ihm anerzogen und aufgezwungen wokben und ſeiner Ju⸗ gend ſo wenig angemeſſen war. WMit ſuͤßer Anmuth und Leichtigkeit begruͤßte ſie den Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 206 alten Herrn.„Ich leſe einiges Erſtaunen in Euern Zuͤgen, Herr Fugger, mich hier zu ſehen, wo Ihr den Erz⸗ herzog allein zu finden erwartet, um mit ihm uͤber ein Ge⸗ heimniß zu ſprechen, und Ihr meint ſicherlich, es ſei ge⸗ faͤhrlich, Frauen Geheimniſſe mitzutheilen. Ihr ſteht frei⸗ lich im Geruch, niemals ein großer Weiberfreund geweſen zu ſein, und doch habt Ihr meiner Mutter die edelſte Freundſchaft erwieſen. Ich weiß es— ich weiß es genau von der Tante Margaretha; ſie hat mir Alles erzaͤhlt, und ich habe Thraͤnen der Ruͤhrung und Freude uͤber Euere Großherzigkeit vergoſſen und liebe Euch dafuͤr wie eine Tochter. Und auch der Tante ſeid Ihr ſtets ein warmer Freund geweſen; ſie weiß es zu ruͤhmen. O wie viel hat ſie mir von Euch geplaudert! Doch das hab ich Euch ſchon ſchon fruͤher geſagt. Heute wollte ich nur damit beweiſen, daß es mit Euerer Weiberfeindſchaft nicht ſo ſchlimm iſt, als die Leute ſagen, und daß ich deshalb wohl hoffen darf, Ihr zuͤrnt mir nicht, daß ich mich in das Geheimniß ge⸗ draͤngt. Ich kannte ja die Geſchichte fruͤher ſchon, und Tante Gretchen hat ſie mir ganz ausfuͤhrlich erzaͤhlt. Des⸗ halb hat mir mein lieber Ferdinand Euern Brief vorge⸗ ſtern mitgetheilt. Ich freute mich, daß der ſo lang ver⸗ mißte Juͤngling ſich ſo unverhofft bei Euch eingeſtellt hat, aber ich bin nun auch neugierig ihn zu ſehen; denn er iſt doch, ohne es ſelbſt zu wiſſen, eine ſehr intereſſante und wichtige Perſon.“ „Und ſo habe ich ihr nicht abſchlagen koͤnnen, gegen⸗ — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 207 waͤrtig zu ſein, wenn Ihr mir den Martin vorſtellt,“ ſetzte der Erzherzog hinzu.„Ihr koͤnnt alſo ohne Zwang von ihm ſprechen. Hoͤchſtens wird Ihre Hoheit der Tante Statthalterin von ihm ſchreiben; denn gegen Jemand an⸗ ders davon zu plaudern, wuͤrde ihr leicht den Zorn des Kaiſers zuwege bringen.“ „Ich habe nur die Befehle Euerer Durchlaucht hin⸗ ſichtlich des jungen Mannes entgegen zu nehmen,“ verſetzte Fugger mit Ehrerbietung,„undich erlaube mir anzufragen: ob Ihr ſchon uͤber ſeine Zukunft etwas beſtimmt habt?“ „Ich kann nichts beſchließen und thun, ohne vorher des Kaiſers Willen daruͤber zu vernehmen. Welches wa⸗ ren denn die Abſichten unſeres kaiſerlichen Großvaters mit ihm?“ „Seine hochſelige Majeſtaͤt hat ſich daruͤber nie klar und buͤndig gegen mich ausgelaſſen. So viel ich aus des Kaiſers Aeußerungen daruͤber entnehmen konnte, wollte er ſich erſt uͤberzeugen, wie des Knaben Charakter und Ge⸗ muͤthsart beſchaffen ſeien. Er ſollte eine einfache aber gute Erziehung erhalten. Die weitere Beſtimmung uͤber ſein Schickſal ſollte von ſeiner Auffuͤhrung abhängig ſein. Nä⸗ heres wurde mir nicht mitgetheilt.“ „So laſſen wir es bei dieſer verſtaͤndigen Verfugung, wenn der Kaiſer nicht anders befiehlt. Wenigſtens muß es ſo bleiben, bis ſein Befehl daruͤber eingeht. Behaltet ihn in Euerm Hauſe, laßt die Maͤngel ſeines Unterrichts, dem er ſich durch ſeine kindiſche Flucht entzogen, nach Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 208 Kraͤften ausfuͤllen und beſchaͤftigt ihn in Euerem Hauſe. Dabei laßt ihn ſcharf beobachten, um uͤber ſeinen Charak⸗ ter ins Reine zu kommen. Das Uebrige wird ſich dann nach des Kaiſers Willen aus dem Reſultat dieſer Beobach⸗ tungen ergeben.“ „Euerer Durchlaucht Befehl wird puͤnktlich befolgt werden.“ „Den Kaiſer muͤſſen wir aber ſobald als moͤglich von der Ankunft Martins in Kenntniß ſetzen.“ „Hierzu bietet ſich jetzt die beſte Gelegenheit. Ihr wißt, daß mein Anton, als erwählter Geſandter der Stadt Augsburg zu Anfang dieſes Sommers mit den Geſandten der uͤbrigen Städte nach Spanien gegangen iſt, um bei Sr. Majeſtaͤt unterthaͤnige Vorſtellung gegen den von den Ständen wider den Willen der Städte beſchloſſenen neuen Reichszoll, wodurch die Städte gar ſehr beeinträch⸗ tigt werden, zu machen. Der Kaiſer hat zwar im Voraus ſchon ſeine Zuſtimmung gegeben, aber die Städte hofften durch gruͤndliche Vorſtellung der Gefahr, in welche ſie durch ſolche Neuerung gerathen, die Sache zu ihrem Vortheil zu wenden. Vorzuͤglich wuͤrde der Handel durch ſolchen Zoll gar ſchwer leiden. Nun iſt vor einigen Tagen die betruͤ⸗ bende Nachricht bei uns eingegangen, daß Anton Fugger von den Beſchwerden der langen Reiſe und vorzuͤglich von der großen Hitze dieſes Sommers am 6. Auguſt mit der Geſandtſchaft ſchwer erkrankt in Valladolid angekommen iſt. Auch mehrere andere Mitglieder der Geſandtſchaft ſind Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 209 erkrankt. Da wir nun nicht wiſſen koͤnnen, wie die Krank⸗£ heit meines Neffen im fernen Lande verlaͤuft, und ob er im Stande ſein wird, bald Sr. Majeſtaͤt die Aufwartung zu machen und die Geſchaͤfte zu beſorgenz es fur das Fug⸗ gerſche Haus aber von großer Wichtigkeit iſt, daß eins ſei⸗ ner Glieder dabei thaͤtig ſei, wir auch wuͤnſchen muͤſſen, daß die bruͤderliche Liebe den Kranken pflege, wie es ſein eigner Wunſch zu ſein ſcheint, ſo hat ſich mein Neffe Rai⸗ mund entſchloſſen, in einigen Tagen nach Spanien abzu⸗ reiſen. Ich bitte daher Ew. Durchlaucht, ihm Eure Auf⸗ träge mitzugeben.“ „Das iſt der beſte Bote fuͤr uns. Ich werde dem Kaiſer ſchreiben. Thut Ihr es ebenfalls.— Nun wollen wir den Burſchen hereinkommen laſſen.“ Martin verbeugte ſich bei ſeinem Eintritt in das Ge⸗ mach ohne Scheu und Aengſtlichkeit und mit einem An⸗ ſtand, den man haͤtte fein nennen koͤnnen. Die Augen des fuͤrſtlichen Paars ruhten mit neugieriger Spannung auf ihm, doch als der Erzherzog die Flecken in ſeinem Ge⸗ ſicht gewahrte, flog ein Ausdruck von Widerwillen uͤber ſeine Zuͤge. Die Erzherzogin aber laͤchelte ihn freund⸗ lich an. „Herr Jakob Fugger hat mich mit Euern Wuͤnſchen bekannt gemacht,“ nahm der Fuͤrſt das Wort,„und ich bin gern bereit, zur Erfuͤllung derſelben das Meinige zu thun.“ „Ich werde Eurer Durchlaucht ſehr dankbar ſein,“ Ein deutſcher Leinweber. VII. 14 210 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. verſetzte Martin mit Freimuth.„Muß ich es doch ſchon als ein guͤnſtiges Geſchick preiſen, das mir ſo hohe Goͤn⸗ nerſchaft verſchafft hat. In dem Hauſe eines Bauers ſuchte ich die Spuren meiner Herkunft, und wie durch ein Wunder bin ich von ihnen in das Fuͤrſtenhaus gefuͤhrt worden.“ Die letztern Worte ſchienen nicht ohne tiefere Bedeu⸗ tung geſprochen zu ſein. Fugger machte eine mißbil⸗ ligende Bewegung mit der Hand, und der Erzherzog ſtarrte mit dem Ausdruck des Unwillens dem Sprecher ins Geſicht und fuhr mit der Frage heraus:„Habt Ihr denn ſchon Spuren Eurer Abſtammung entdeckt?“ „Der Bauer, in deſſen Hauſe ich geboren bin, behaup⸗ tet, meine bald nach meiner Geburt verſtorbene Mutter nicht gekannt zu haben. Weiter vermag ich nichts von ihm herauszubringen.“ „So wird wohl auch nicht mehr zu erfahren ſein,“ ſagte der Erzherzog wieder beruhigt. „Wo habt Ihr Euch ſeit Eurer Flucht herumgetrie⸗ ben?“ fragte die Fuͤrſtin neugierig. „Wir wollen Euch die Erzaͤhlung Eurer Schickſale er⸗ ſparen,“ fiel ihr Gemahl ſogleich mit einem ſtrafenden Blick auf ſie ein.„Herr Fugger wird fuͤr Euer ferneres Fortkommen Sorge tragen.“ Mit dieſen Worten reichte er der Erzherzogin den Arm und verließ, ſich gegen Fug⸗ ger verneigend, das Zimmer. Beim Hinausgehen ſagte er halblaut zu ihr:„Dieſer Menſch iſt mir aͤußerſt zu⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 241 wider.“ Martins feines ſtets lauerndes Ohr erhaſchte die Worte, doch in ſeinen Zuͤgen ging nicht die mindeſte Be⸗ wegung vor. Solch eine Meiſterſchaft in der Selbſtbe⸗ herrſchung hatte dieſer junge Mann bereits erlangt. Mit beſtechender Geſchmeidigkeit und unbefangenem Plaudern begleitete er den alten Herrn, ergoß ſich in Dankſagungen und erreichte ſeinen Zweck, den einflußreichen Mann im⸗ mer mehr fuͤr ſich zu gewinnen. Jakob Fugger urtheilte in ſeinem Familienkreiſe auf ganz andre Weiſe uͤber Mar⸗ tin als der Erzherzog; er fand einen aͤußerſt liebenswur⸗ digen Juͤngling in ihm; aber Frau Sibylle ſtimmte nicht bei. Ihr gefiel das feine, berechnete, gemachte Weſen, die geſchmeidige ſchleichende Freundlichkeit des fremden Men⸗ ſchen nicht. Mit ihr ſtimmte Ulrich Fugger überein. Dagegen war Hieronymus fuͤr ihn und zeigte ihm eine Neigung, die in Freundſchaft uͤberzugehen ſchien, und dies geſchah aus zwei Gruͤnden. Zuerſt hatte Martin ſein fruͤheres Zuſammentreffen mit Hieronymus in der Nacht bei der Praͤdikantenpredigt mit keinem Worte verrathen und dadurch dem ſchwaͤrmeriſchen Juͤngling eine große Verlegenheit erſpart, wofuͤr er ſich ihm dankbar verpflich⸗ tet fuͤhlte. Dann hatte Hieronymus als ein ſchwankender unſelbſtaͤndiger Charakter das Beduͤrfniß, ſich an einen ſtar⸗ ken und feſten Charakter anzulehnen und dieſen zum Ver⸗ trauten ſeiner Liebesſehnſucht zu machen. In der That zehrte ſich der junge Fugger faſt auf in ſtummer Liebes⸗ qual, ſeit er von Sickingens Schloß zuruͤckgekehrt war, Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 212 und der Gedanke, welchen tiefen Kummer der ſchoͤnen Johanna der Tod ihres Vaters bereiten moͤchte, quaͤlte ihn ſelbſt unaufhoͤrlich. Das Beduͤrfniß, einen Freund zu be⸗ ſitzen, dem er ſich mittheilen koͤnnte, wuchs von Tag zu Tag in ihm, ſo wortkarg und verſchloſſen er auch ſonſt war, und da kam ihm Martin ſehr gelegen, deſſen Ver⸗ ſchwiegenheit und kluges geſchmeidiges Benehmen ihn ſchnell gewann und ihm das Herz oͤffnete. Martin, nichts unbeachtet und unbenutzt laſſend, was ſich ihm darbot, nahm die dargebotene Hand gern an und hatte ſchoͤne und troſtreiche Worte genug fuͤr den liebeſchmachtenden Hiero⸗ nymus. Seine ſchlaue Vorſicht war aber weit entfernt, das dargebotene Vertrauen in gleichem Maße zu erwidern. Nur ſo weit er es fuͤr gut hielt, machte er dem neuen Freunde Mittheilungen, und nur ſolche, durch die er ſeinem Ziele näher zu kommen hoffte. Seiner ſchlauen Beobach⸗ tungsgabe war naͤmlich bald jeder Zweifel entſchwunden, daß ſowohl der alte Fugger als auch der Erzherzog und deſſen Gemahlin uͤber ſeine Geburt und ſeine Eltern ganz genau unterrichtet ſein muͤßten, und daß ſie abſichtlich ihm jede Aufklaͤrung daruͤber vorenthielten. Eben ſo klar wurde ihm, daß er von vornehmer Herkunft ſein muͤſſe, und Jakob Fugger bei ſeiner fruͤheſten Erziehung auf dem Haſenhofe betheiligt geweſen ſei. Dies ſchloß er nicht nur aus der Aufnahme, die er, ein blutfremder namenloſer Mann, bei ſeiner Ankunft in Tyrol ſowohl beim alten Haſenhaͤnslein und deſſen Tochter, als auch im Schloſſe Fuggerau ſelbſt Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 213 gefunden, und die Vorſtellung bei dem erzherzoglichen Paare beſtaͤrkte ihn in dieſer Annahme; ſondern auch aus dem Benehmen des Junkers von Buͤbenhoven gegen ihn. Er hatte den Junker auf den erſten Blick wieder erkanntz der Junker hingegen zwang ſich augenſcheinlich, fremd ge⸗ gen ihn zu thun, was ihm jedoch nicht ganz gelang. Nun ſtellte ſich Martin, als habe auch er den Junker fruͤher nie geſehen, und uͤberließ die Loͤſung der Räthſel, die ihn um⸗ gaben, der Zukunft. Er hoffte auf eine gluͤckliche Stunde, die er dann wohl zu benutzen gedachte, und beſchraͤnkte ſich vor der Hand darauf, Alles ſcharf zu beobachten. Ueuntes Rapitel. Der Erzherzog hatte am folgenden Tage den engen Kreis ſeiner vertrauteſten Diener und Freunde an ſeine Tafel gezogen. Die nennenswertheſten der Gaͤſte waren der Erzbiſchof von Salzburg, die Biſchoͤfe von Brixen und Trient, Jakob Fugger, der Schatzmeiſter Salamanka und der Geheimerath Fabri. Die Nachricht von Ulrich von Huttens Tod war Tags zuvor nach Innſpruck gekommen, und dieſes Ereigniß gab ſogleich den erſten Stoff zur Unterhaltung ab. *„Der Herr hat zur rechten Zeit dieſen tollen Menſchen von hinnen genommen,“ ſagte Matthaͤus Lang mit heuch⸗ leriſcher Salbung,„wenn ihn nicht, wie ich fuͤrchte, einer der gefallenen Engel in das Fegefeuer gefuͤhrt. Denn in der That, er war voller ſtinkende Laſter und Bosheit, ein Menſch, der nur Wohlgefallen hatte an Randal und Scan⸗ dal und mit frecher Hand alles Heilige und Ehrwuͤrdige mit Koth bewarf, der ſo reichlich in ihm aufgehaͤuft war, daß ich oft der Meinung geweſen bin, die Seele dieſes Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 215 Menſchen ſei ein ſchwarzer Pfuhl und Unflath. Deshalb machte er auch bei allen Kothſeelen Gluͤck, weil Gleiches ſich mit Gleichem zuſammenthut. Haäͤtte er laͤnger gelebt, er wuͤrde noch viel Unheil angerichtet habenz er wurde immer biſſiger, und jeden Tag ſchien ein neuer boͤſer Dä⸗ mon ſich ſeiner Seele zu bemaͤchtigen.“ „Ihr vergeßt, daß der hochſelige Kaiſer ihm ſelbſt ge⸗ wogen war,“ bemerkte Fugger lachend, den das Paſiſe Schimpfen ſeines Landsmanns verdroß. 5 „Auch meine Gunſt hat er beſeſſen, wie die Eure, Freund Jakob,“ verſetzte der Erzbiſchof.„Aber damals war er noch nicht in die Stricke des Satans gefallen, oder wußte uns durch gleißneriſche Verſtellung zu täuſchen. Er war um ſo gefahrlicher, weil er mit ritterlichem Muthe große geiſtige Gaben vereinigte. Nie hat ein deutſcher Edelmann die Feder beſſer zu fuhren vermocht, aber leider that er es nicht zu Nutz und Frommen Gottes und der heiligen Kirche, ſondern zu ihrem Schaden. Dies Fruͤh⸗ jahr hat der Tod die Kirche von zwei ihrer ſchlimmſten Feinde in deutſchen Landen befreit, von Sickingen und Hutten. Der gerechte Gott hat die Feinde ſeines Namens auch diesmal wieder vertilgt vor ſeinem Angeſicht und ihre Gebeine zerſchmettert. St. Paulus ſchreibt an die Ko⸗ rinther: So Jemand den Tempel Gottes verderbet, den wird Gott verderben. Und ſo wird es geſchehen allen Ab⸗ truͤnnigen und Ketzern in Sachſen und in der Schweiz und wo ſie ſonſt ihre Teufelslehre auspoſaunen.“ 216 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. „Es muß aber bald geſchehen,“ meinte Fabri fein lächelnd,„ſollen ſie uns nicht uͤber den Kopf wachſen. Die ganze Schweiz iſt in Aufregung uͤber die Zuſammenkunft der Theologen in Zuͤrich, wozu der Stand ſelbſt eingeladen, um Zwinglis Lehren zu pruͤfen. Es ſoll ein wahres Heer dort beiſammen ſein, natuͤrlich lauter Feinde des Papſts und der Kirche.“ „Und im Allgäu ziehen die verruchten Praͤdikanten und Wiedertaͤufer umher, predigen, taufen und hetzen das Volk gegen weltliches und geiſtliches Regiment auf,“ fugte Fugger mit Bekuͤmmerniß hinzu.„Der junge Mann, den Ihr geſtern geſehen, Durchlaucht, hat auf der Herreiſe einer ſolchen Predigt und Taufe beigewohnt und mir aus⸗ fuhrlich erzählt, wie es dabei zugegangen. Die Frechheit und der Graͤuel dieſer Menſchen ſind nicht mit Worten zu beſchreiven. Und alles Volk faͤllt ihnen zu, von den Netzen des Boͤſen umſtrickt. Was ſoll das geben, wenn der Herr nicht bald ſteuert! In meinen alten Tagen blicke ich mit ſolcher Bekuͤmmerniß in die Zukunft, wie ich noch niemals gethan.“ „Vertraut auf Gott und die Heiligen!“ ſagte der Fanzler, der feiſte Biſchof von Brixen.„Mit Langmuth ſieht er eine geraume Zeit ſolchem heidniſchen Unfuge zu, dann aber ſchlaͤgt er ploͤtzlich mit der Fauſt drein, daß die Gottloſen zergehen, wie Alpenſchnee vor dem Sonnen⸗ ſtrahl.“ „Fuͤrwahr die Hoͤlle iſt los!“ rief der Schatzmeiſter Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 217 Salamanka.„Iſt doch das ſchweizeriſche und ſäͤchſiſche Gift ſchon lang in dieſe Berge gedrungen und greift von Tag zu Tag weiter um ſich. Das Volk wird ſo trotzig, daß es Einem ins Geſicht lacht und hoͤhnt. Eure erzbiſchofliche Gnaden kann aus Salzburg auch ein Lied davon ſingen. In Schwaz und Hall wurden ſchon vor zwei Jahren die ärgſten Läſterungen gegen Kirche und Obrigkeit gepredigt.“ „Vergebens hab' ich damals gelinde Maßregeln dagegen ergriffen,“ meinte der Kanzler.„Den ketzeriſchen Regius in Hall begleitete jedesmal eine bewaffüete Schaar in die Kirche und zuruͤck, wenn er predigte, und das Volk erdruͤckte ſich faſt im entweihten Gotteshaus. Ein Angriff auf die Perſon des Ketzers von der obrigkeitlichen Macht waͤre zu⸗ ruͤckgeworfen worden und das Zeichen zum Aufruhr geweſen.“ „Was ſagt Ew. Gnaden erſt dazu,“ meinte der Schatz⸗ meiſter ſpoͤttiſch;„in Schwaz iſt in voriger Woche ein Barfuͤßermoͤnch aus dem Kloſter in Hall in die Ulrich Fuggerſchen Bergwerke als Knapp eingetreten, um nicht länger auf der faulen Luͤgenhaut zu liegen und ſein Brod mit Suͤnden zu eſſen; er will es nach dem Gebot der hei⸗ ligen Schrift im Schweiß ſeines Angeſichts verdienen. Ge⸗ ſchehen nicht Zeichen und Wunder? Ja in den genannten Bergwerken iſt die Schule des lutheriſchen Gräuls. Da iſt das Horniſſenneſt, das ſeine ſtachliche Brut uͤber die ganze Grafſchaft ausfliegen läßt. Wenn nicht bald hin⸗ eingeſtört wird, ſo werden ſie die Herrn des Landes zu todt ſtechen. Den guten Willen haben ſie dazu; werden ſie Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 218 ſich erſt ihrer Kraft bewußt und thuen ſich alle zuſammen, ſo duͤrfte ihnen ſchwerlich zu widerſtehen ſein. Werden ſie doch, wie man ſagt, von Euerm eignen Neffen, Herr Fug⸗ ger, gehegt und gepflegt.“ 8 „Es thut mir ſelber leid, daß Ulrich unſerm Namen Schande macht!“ antwortete Jakob ſeufzend.„Mir waͤre wohl, wenn ich bald zu meinen Vaͤtern ginge; denn was ſoll ich noch erleben?“ „Hochfurſtliche Durchlaucht,“ nahm der alte Erzbiſchof wieder mit Emphaſe das Wort,„es iſt ein Ungluͤck für das deutſche Reich, daß ſein Kaiſer in Spanien reſidirtz denn das Reichsregiment neigt— Gott ſeis geklagt!— ſelbſt zur lutheriſchen Ketzerei. Da wir nun weder vom Kaiſer, noch vom Regiment gegen die ketzeriſche und rebel⸗ liſche Wuͤhlerei, welche hier und uͤberall auftaucht wie boͤſe Geſchwuͤre an einem Ausſätzigen und um ſich greift, wie der Krebs, Huͤlfe und Beiſtand zu erwarten haben, ſo muͤſſen wir uns ſelbſt helfen und einmuͤthiglich beiſammen ſtehen, geiſtliche und weltliche Fuͤrſten, Adel und Kleriſei, um mit Waffengewalt dem drohenden Aufruhr zuvorzu⸗ kommen und das boͤſe Feuer in der Geburt erſticken. Denn laſſen wir es aufkommen, koͤnnte es uns leicht verſchlin⸗ gen. Ich bin an Euern Hof gekommen, um mit Eurer und meiner andern maͤchtigen Freunde Huͤlfe ein Heer tuchtiger Landsknechte in Tyrol und Oberſchwaben zu wer⸗ ben, ſintemal jetzt der Krieg mit den Franzoſen ruht und es in dieſer theuern Zeit der hungernden Kriegsgeſellen Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 219 genug gibt, die mir fuͤr guten Sold die Buͤberei im Erz⸗ ſtift unterdruͤcken helfen und das freche Volk zu Paaren treiben.“ „Dies iſt auch meine Anſicht von der Sache,“ ſagte der Erzherzog.„Man muß den Frevlern die eiſerne Ruthe zeigen, und falls ſie wider den Stachel zu lecken verſuchen, mit der Zuͤchtigung nicht anſtehen. Die Raͤdelsfuͤhrer muß man beim Kopf nehmen und ſie dem Stockmeiſter uͤberantworten. Ich habe es in Spanien erlebt, daß das gemeine Volk der Regierung und dem Adel über den Kopf wuchs, weil ihm von vorn herein nicht mit Nachdruck be⸗ gegnet worden war. Jede Schwaͤche und Nachſicht von oben fuͤhrt zu Frechheit und Empoͤrung von unten. So⸗ bald der Adel in Spanien feſt zuſammenhielt, war die Kraft des gemeinen Volks ſchnell gebrochen. Ebenſo war's in Ungarn. Davon weiß die Erzherzogin zu erzaͤhlen. Und iſt die Frechheit in Tyrol und Oeſtreich nicht ſchon groß genug? Haben ſie nicht vor vier Monden meinen Hauptmann Georg Puͤchler von Meidegg zu Perſen meuch⸗ lings erſchlagen? Haben die im Eiſakthale mir nicht die Huldigung geradezu verweigert? Haben ſie nicht vor drei Jahren ſchon die biſchoͤfliche Reſidenz in Bripen uͤberfal⸗ len und die Haͤuſer der Geiſtlichen geplundert, eine wilde Schaar von ſchier tauſend Koͤpfen? Kein Menſch, der wie ein Adliger ausſieht, iſt mehr ſeines Lebens ſicher, und alle Commiſſarien meiner Regierung, die zur Ruhe und Ord⸗ nung mahnen, werden mit dem Tode bedroht. Der ganze 220 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Suͤden Tyrols iſt in wilder Gaͤhrung. Der Sache muß ein Ende gemacht werden, ich bin es meiner furſtlichen Ehre ſchuldig, ich bin es dem Kaiſer und dem ganzen Erz⸗ hauſe, ja ich bin es allen deutſchen Fuͤrſten ſchuldig.“ „Das Tyroler Volk iſt von ſeinen fruͤhern Fuͤrſten verwoͤhnt,“ bemerkte Salamanka mit hohniſchem Grinſen. „Sie ſind verzogene und deshalb freche Kinder ihrer nach⸗ ſichtigen Vaͤter. Kein Land unter oͤſtreichiſcher Herrſchaft hat mehr Freiheiten als Tyrol; einen maͤchtigen Adel, wie in den uͤbrigen Provinzen, gibt es hier gar nicht. Und doch nichts als Unzufriedenheit und unbeſcheidene For⸗ derungen! Da ſieht man es klar: gewaͤhrt ein Fuͤrſt dem Volke gnaͤdig und mild den Finger, gleich will es den Arm; gibt er auch dieſen, ſo fordert es den ganzen Mann. Nur eiſerne Strenge kann groͤßerem Unfug vorbeugen.“ „Die lutheriſche und ſchweizeriſche Ketzerei muß mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden,“ war der gute Rath des Biſchofs von Trient.„Iſt ſie beſeitigt, gibt ſich alles Andre von ſelbſt. Die ketzeriſchen Prediger muͤſſen gehaͤngt, gekoͤpft, geviertheilt werden; denn ſie blaſen das Feuer an, ſie tragen immer neuen Zuͤndſtoff zu. Werden ſie nicht vertilgt, kommen immer ſchlimmere. In Sach⸗ ſen predigt ſchon ein falſcher Prieſter, Namens Thomas Muͤnzer, viel aͤrgere Dinge als Luther ſelbſt und eifert ge⸗ gen dieſen und ſchilt ihn einen Fuͤrſtenknecht und ein fau⸗ les Fleiſch. Die tollen Wiedertäufer uͤberbieten die Luthe⸗ riſchen weit. So bekaͤmpft die Hoölle ſich ſelbſt, aber zu⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 224 letzt ſiegt des Teufels Großmutter und verſchlingt Alles. Predigte doch in Schwaz ſchon der Doktor Strauß gleichwie in Wuͤrtemberg der Doktor Mantel, das alte Jubeljahr der Juden muͤſſe wieder eingefuͤhrt werdenz alle Einrichtungen unſres Lebens ſeien umzuſtuͤrzen und eine andre Ordnung einzufuͤhren. Dafuͤr mußte er das Land meiden und predigt jetzt in Erfurt. Alſo die Axt an die Wurzel des Giftbaums gelegt, bevor ſeine Bluͤthen zu Fruͤchten werden und Land und Leute vergiften!“— So karteten die Herren an der ſchwelgeriſchen Tafel zuſammen. Jakob Fugger ſchuͤttelte wohl zuweilen vor ſich den Kopf bedenklich uͤber die Entſchluͤſſe der hohen Haͤupter; aber er wußte ja auch kein beſſeres Mittel, dem ihm ſelbſt ſo gefährlich duͤnkenden Zeitgeiſt zu begegnen, und deshalb ſchwieg er. Aber er war voll Kummer und Herzeleid uͤber die böſen Weltlaͤufe im lieben Vaterland. Sein edles Herz blutete, daß er in ſeinem Alter noch ſolche Dinge erleben mufßte. Inzwiſchen war es von den Worten bis zur That bei den edlen Herren ein weiter Weg. Sie kamen wie alle feigen und in Genuͤſſen erſchlafften Despoten nur zu hal⸗ ben Maßregeln, welche das Feuer, das ſie verloͤſchen woll⸗ ten, nur noch wilder anfachten. Ein andrer Gegenſtand kam zur Beſprechung der ſchmauſenden Herren. „Was hat Ew. Durchlaucht fur Nachrichten aus Spa⸗ nien?“ fragte den Erzbiſchof von Salzburg den Erzherzog. 22 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. „Der Kaiſer reſidirt in Valladolid und ruͤſtet ſich ſtark, ſelbſt ins Feld zu gehen und ſeinen erſten Angriff auf Fuentarabia zu machen, um ſich durch dieſen Paß den Weg nach Frankreich zu eroͤffnen.“ „Man vernimmt von großen Ruͤſtungen des Koͤnigs von Frankreich, um Mailand wieder zu erobern,“ warf der Kanzler ein.„Es iſt eine Schmach fur den deutſchen Namen, daß drei⸗ bis viertauſend Landsknechte in Schwa⸗ ben von Franzoſen geworben ſind, um in Italien gegen die Heere ihres Kaiſers, gegen ihre Bruͤder und Lands⸗ leute fuͤr den Franzoſenkoͤnig zu fechten.“ „Das iſt der Deutſchen Art,“ ſagte Salamanka hoͤh⸗ niſch,„wer ihnen das meiſte Geld giebt, der hat ſie. Fuͤr Geld dienen ſie gegen ihr Vaterland, gegen ihren Kaiſer; fur Geld ſchlagen ſie Vater und Mutter todt. Nie wuͤrde ſich ein Spanier ſolcher Schmach ſchuldig machen.“ „Nun der tapfere Antonio de Leyva und der achtzig⸗ jährige Prospero Colonna werden in Oberitalien die Haͤnde auch nicht in den Schooß legen und die Lombardei zu ver⸗ theidigen wiſſen,“ bemerkte Fugger. „Es ſteht dem Koͤnige Franz noch ein ganz anderer und gaͤnzlich unerwarteter Schlag bevor,“ ließ ſich der Erz⸗ herzog geheimnißvoll laͤchelnd vernehmen,„ein Schlag, der ſeiner ſtolzen Herrlichkeit, ſeinem prahleriſchen Koͤnig⸗ thume mit einem Male und von einer Seite, von der er's am wenigſten vermuthet, ein Ende machen duͤrfte. Er Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 223 will Mailand wieder erobern, und mich duͤnkt, er wird Frankreich und die Koͤnigskrone verlieren.“ Der Kanzler nickte zu dieſer ſeltſamen Rede wohlge⸗ faͤllig beſtaͤtigend, zum Beweis, daß er in das Geheimniß eingeweiht war. Die Uebrigen ſahen bald den Erzherzog, bald den Kanzler erſtaunt an, bis der Erzbiſchof in die Worte ausbrach:„Ew. Durchlaucht deutet auf ganz außer⸗ ordentliche Dinge. In der That, wenn ein Andrer ſich alſo hätte vernehmen laſſen, ich wuͤrde glauben, er wolle unziemlichen Scherz mit uns treiben, oder er ſei ein Narr. Einem hochherzigen Fuͤrſten, wie Ew. Durchlaucht, muß man unbedingt Glauben ſchenken, und wenn er das Selt⸗ ſamſte verſichert.“ E m „Ich will Euch den Beweis fuͤr meine Behauptung nicht ſchuldig bleiben,“ entgegnete Ferdinand mit freude⸗ ſtrahlendem Antlitz.„Ich ſehe ja die treueſten Freunde des Erzhauſes Oeſtreich um mich verſammelt, von welchen einen Verrath zu furchten eine Beleidigung fuͤr jeden Ein⸗ zelnen waͤre. So hoͤrt denn das ſchier. Unbegreifliche! Der reichſte und maͤchtigſte Vaſall der Krone Frankreichs, der Fuͤrſt, der dem Koͤnig Franz an Reichthum, Macht und Einfluß ſchier gleich ſteht, der tapfere und ritterliche oberſte franzoſiſche Feldherr, der Connetable von Frank⸗ reich, der Herzog Karl von Bourbon, der Vetter des Ko⸗ nigs, hat dem Kaiſer das Anerbieten gemacht, mit ſeinem großen Anhang, mit einem anſehnlichen Haufen Hommes d'Armes die franzoͤſiſchen Fahnen zu verlaſſen und zu den Die Sturmvögel zum Vauerntricg 224⁴ uberzugehen. Mit dieſem Uebertritt iſt Koͤnig Franz natuͤrlich verloren.“ „Seid Ihr der Sache gewiß?“ rief Jakob Fugger er⸗ ſtaunt.„Koͤnnten ſolche ſchier unglaubhafte Anerbie⸗ tungen nicht falſche Vorſpiegelungen des Connetable ſein? Iſt es moͤglich, daß ein Fuͤrſt wie Karl von Bourbon ge⸗. gen ſein Vaterland und gegen ſeinen Koͤnig alſo treulos handelte?“ Das iſt ſeine Sache,“ verſetzte der Kanzler.„Am Kaiſer aber iſt es, den Connetable zu gewinnen, und das iſt geſchehen. Die Unterhandlungen ſind vorzuͤglich durch den niederlaͤndiſchen Hof vermittelt worden. Die Frau Erzherzogin Statthalterin hat den Vertrag zwiſchen des Kaiſers Majeſtaͤt und dem Herzog mit bekannter und Weisheit zu Stande gebracht.“ „Das iſt ein koͤſtlicher Fang!“ jubelte der Erzbiſchof. „Und was bietet der Kaiſer fuͤr ſolche maͤchtige Huͤlfe?“ „Nichts geringeres als die Hand meiner Schweſter Eleonore, der verwittweten Koͤnigin von Portugal, mit einer Mitgift von zweimalhunderttauſend ſpaniſchen Tha⸗ lern; ihre jaͤhrlichen Einkuͤnfte und Kleinodien nicht ge⸗ rechnet.“ „Das iſt freilich ein ſchoͤner Lockvogel mit goldenen Federn,“ lachte Salamanka. „Darf man auch erfahren, was der Herzog dafuͤr zu leiſten verſpricht?“ fragte der Erzbiſchof. „Durch den niederlaͤndiſchen Ritter Adrian von Croy, Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 225 Herr von Beaurein, welcher die Unterhandlungen geleitet, hat der Herzog folgenden Plan vorgeſchlagen: Er wird ſich krank ſtellen, um den Feldzug mit dem Koͤnig nicht nach Italien mitmachen zu muͤſſen. Sobald der Koͤnig mit dem Heere uͤber die Alpen iſt, wird Herr von Croy von den Niederlanden aus ein Heer nach Frankreich fuͤhren; der Koͤnig von England wird mit einem Heere zu gleicher Zeit an der franzoͤſiſchen Kuͤſte landen. Dort wird ſich Bour⸗ bon mit einem Heere mit ihnen vereinigen; eine Menge Edelleute ſtehen zu ihm. Iſt der Koͤnigsthron geſturzt, ſo bedingt ſich der Herzog den Beſitz von Provence und Dauphiné mit dem koͤniglichen Titel aus, das uͤbrige Frankreich ſoll zwiſchen dem Kaiſer und dem engliſchen König vertheilt werden.“ „Wenn dieſer ſtolze Franz gedemuͤthigt iſt,“ ſagte der Erzbiſchof in einem jubelnden Tone,„dann wollen wir mit unſern aufruͤhreriſchen Bauern und verruͤckten Pre⸗ digern bald fertig werden. Den vorlauten Burſchen in Sachſen und in der Schweiz und all dem gelehrten Geſin⸗ del, das von Volksbegluͤckung ſchwatzt, um ſich ſelbſt an's Ruder zu bringen, iſt nachher das geſchwaͤtzige Maul leicht geſtopft.“ „Da hat Ew. Gnaben recht!“ rief der Erzherzog ver⸗ gnuͤgt;„dann wollen wir den Buben die Ruͤcken, wo ſie's ſo ſehr juckt, mit eiſernen Ruthen blutig kitzeln, um ihnen die Luͤſternheit nach der Herrſchaft fuͤr immer zu ver⸗ treiben.“ Ein deutſcher Leinweber. VII. 15 — 226 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. „Ich kann nicht an ſolchen Verrath des Herzogs von Bourbon glauben,“ ſagte Fugger wieder kopfſchuͤttelnd. „Ihr muͤßt wiſſen,“ belehrte ihn Matthaͤus Lang, „daß der Herzog ſchon lang einen Zahn auf den Koͤnig hat. Sie ſind ſich beide im Herzen ſpinnefeind. Ich bin zu⸗ faͤllig genauer uber dieſe perſoͤnlichen Verhaͤltniſſe am fran— zoͤſiſchen Hofe unterrichtet. Mein Oberkämmerer, ein ge⸗ borner Burgunder, ſtand einige Jahre im Hofdienſte des Herzogs und hat mir uͤber die Eiferſucht des Koͤnigs auf— den Herzog mancherlei ausfuͤhrliche Mittheilungen gemacht. Durch die Vermaͤhlung des Herzogs mit der Prin⸗ zeſſin Suſanne von Bourbon, ſeiner Muhme und Erbin der reichen und weitausgedehnten Beſitzungen des Hauſes Bourbon⸗Beaujeu, wurde er der erſte Unterthan des Koͤ— nigs, und da beide in koͤrperlicher und geiſtiger Hinſicht ausgezeichnet waren, ſo kam es bald zu kleinen giftigen Reibereien. Der Herzog gefiel ſich darin, den Koͤnig zu necken. Wer hat vor ſechs Jahren nicht von der uͤber alle Maßen praͤchtigen Taufe gehoͤrt, die der Herzog ſeinem jungen Sohne feierte, zu dem er den Koͤnig zu Gevatter gebeten! Das Feſt war mit ſolcher Verſchwendung ausge⸗ ſtattet, daß der Koͤnig in Verlegenheit gekommen waͤre, ein gleiches zu geben. Wer von gemeinen Edelleuten trägt Sammt? Iſt er nicht ein Stoff, der nur Fuͤrſten zur Be⸗ kleidung gehoͤrt? Und doch waren damals fuͤnfhundert Vaſallen des Herzogs ganz in Sammt gekleidet, und Je⸗ dem hing eine dreifach gewundene goldne Kette um den . 1 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 227 Hals, alles vom Herzog angeſchafft, um den Koͤnig zu ärgern. Die Fuͤlle von Lebensmitteln, die Menge ber Turniere, Maskeraden, Tänze und Aufzuͤge des Adels waren ganz unerhoͤrt. Auch uͤber die Graͤfin von Cha— teaubriand, der jetzigen Geliebten des Koͤnigs, kam's zu Bitterkeiten zwiſchen den beiden Vettern; denn der Her⸗ zog hatte der ſchoͤnen Graͤfin erſt den Hof gemacht und war bei ihr vom Koͤnig ausgeſtochen worden. Ebenſo verdroß den Herzog die Erhebung Bonnivets zum Admiral. Noch ſchlimmer wurden die Dinge durch des Koͤnigs Mut⸗ ter. Dieſe Dame, obgleich in einem Alter, wo die Frauen fromm zu werden pflegen, kann doch die ſuͤßen Gewohn⸗ heiten ihrer Jugend nicht vergeſſen; ſie faßte fuͤr den ſchoͤ— nen Herzog eine verliebte Neigung und glaubte ſich ſelbſt noch liebenswuͤrdig genug, das Herz des dreizehn Jahre juͤngern Fuͤrſten zu gewinnen. Er hat ſie mit Galan⸗ terien getaͤuſcht, bis er die hoͤchſte Wuͤrde im Staate er⸗ langt hatte. Dann heirathete er die ſchwaͤchliche haͤßliche und ausgewachſene Suſanne, freilich ihrer Beſitzthuͤmer wegen. Die getaͤuſchte Herzogin Louiſe entbrannte in Rache, ließ ihm ſein Gehalt mit Beſchlag belegen und hetzte ſeine ſtolze Schwiegermutter, die Herzogin von Beaujeu, den König und wer weiß wen ſonſt noch ihm auf den Hals. Als nun aber im vorigen Jahre die Herzogin Suſanne gleich hinter ihrem Sohne ſtarb, ſetzte die ver⸗ liebte Louiſe noch einmal an. Der Konig ſelbſt mußte dem Herzog die Hand ſeiner Mutter anbieten; dieſer wieß ſie 15* Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 228 mit Verachtung zuruͤck. Nun ging die Rache der belei— digten Frau darauf hinaus, den ſtolzen Herzog arm zu machen. Sie erhob als naͤchſte Verwandte der verſtorbe⸗ nen Suſanne— denn ſie ſtammt aus demſelben Hauſe— Anſpruͤche an die reiche Erbſchaft. Ihr kennt den Rechts⸗ handel, der daraus entſprungen iſt; ganz Europa hat da⸗ von geſprochen. Bourbon ſteigerte durch bittre Spoͤtte⸗ reien uͤber die allerdings nicht tugendhafte Auffuͤhrung der Herzogin den Schmerz der Beſchaͤmung bis zur ſchaͤumen⸗ den Wuth. Der Rache eines an dieſer empfindlichen Stelle ſchonungslos angegriffenen und beleidigten Weibes iſt aber Alles moͤglich; zumal wenn ſie die Mutter eines mächtigen Koͤnigs iſt und ſoviel Gewalt uͤber ihren Sohn hat, wie Louiſe von Savoyen uͤber Koͤnig Franz. Die Herzogin von Angouleme ſcheute nun kein Mittel den Herzog von Bourbon zu ſtuͤrzen. Der Kanzler Duprat, ihr Geſchoͤpf und perſoͤnlicher Feind des Herzogs, fuͤhrte den Prozeß gegen dieſen. Es handelte ſich um nichts ge⸗ ringeres als fuͤnf volkreiche Provinzen Frankreichs und um eine betraͤchtliche Zahl andrer Standesherrſchaften. Der Connetable ſetzte den Intriguen der Herzogin Louiſe, des Koͤnigs und des Reichskanzlers ſein gutes Recht mit ſchar⸗ fem unfuͤgſamen Trotz entgegen. Aber das fuͤgſame Par⸗ lament in Paris entſchied, wie Euch bekannt iſt, daß die ſtreitigen Guͤter vor der Hand zum Vortheil des Koͤnigs verwaltet werden ſollten. Damit iſt denn freilich dem Connetable der Pfeil ins Herz gebohrt. Bedenkt nun, Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. daß er einige Jahre vorher von der Statthalterſchaft Mai⸗ lands, deſſen Eroberung döch zum guten Theil ſein Werk geweſen war, und das er dem Koͤnige treu erhalten, auf eine beleidigende Weiſe zuruͤckgerufen worden, ebenfalls wie man ſagt auf Betrieb der Herzogin von Angouleme; daß ihm dann im niederlaͤndiſchen Krieg die Ehre, die Vor⸗ hut des Heeres zu fuͤhren, die dem Connetable gebuͤhrte, entzogen und dem Schwager des Koͤnigs, dem Herzoge von Alencon uͤbertragen ward, ſo koͤnnt Ihr Euch wohl den jetzigen Schritt Bourbons erklaͤren.“ „Und doch iſt dies Alles noch kein Grund, alſo gegen ſein Vaterland zu handeln“ ſagte Fugger. „Ihr ſeid ein ehrlicher Mann,“ lachte der Erzherzog; „aber junges und fuͤrſtliches Blut denkt und fuͤhlt anders als Ihr.“ Man kam endlich darin uͤberein, daß man den Schritt des Herzogs benutzen muͤſſe, wenn man ihn auch gerade nicht preiſen koͤnne. Ganz zu derſelben Zeit, als dieſe Geſpraͤche im erzher⸗ zoglichen Pallaſt geführt wurden, ſaßen in Ulrich Fuggers Herberge zwei Maͤnner, ebenfalls an der nicht ſchlecht be— ſetzten Tafel. Es waren Ulrich Fugger ſelbſt und der Ge⸗ heimſchreiber des Biſchofs von Brixen, Namens Michael Geismaier, ein hochbegabter Mann und in den Geſchaͤften dem Kanzler unentbehrlich. Einige Jahre juͤnger als Ul⸗ rich Fugger, trug er in den ſehr edlen Zugen ſeines Geſichts faſt denſelben ſuͤdlich lebendigen und geiſtreichen Ausdruck. 230 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Jeder mit geiſtigem Scharfblick Begabte wußte beim erſten Erblicken dieſes jungen Mannes, daß er keinen gewoͤhn⸗ lichen Menſchen vor ſich habe, und wenn ein ſolcher Beo⸗ bachter die beiden Maͤnner hier beiſammen geſehen haͤtte, der haäͤtte ſich ſagen muͤſſen, daß ſie zuſammen gehoͤrten, wie ſelten ein paar Menſchen. In Geismaiers Geſtalt und Weſen ſprach ſich nur noch mehr Kuͤhnheit mit Beſon— nenheit gepaart aus; ſein Adlerblick war zuweilen in ſich gekehrt, als uͤberſchaue und durchforſche er die Welt, die er in ſich aufgenommen, die aͤußere Welt im Spiegel ſeiner reichen Seele. Welch ein Unterſchied zwiſchen dieſem Manne und ſeinem Prinzipale, dem Kanzler von Oeſterreich und Biſchof von Brixen mit dem dummſtolzen, aufgebla⸗ ſenen und beleidigenden Geſicht! Und dieſer Geismaier war der Geheimſchreiber dieſes Pfaffenfurſten! „Fuͤrwahr!“ rief Ulrich vergnuͤgt und reichte ſeinem Gaſtfreunde die Hand.„Ich haͤtte mir nicht im Traume einfallen laſſen, daß ich bei dieſer Erbhuldigung, von der ich mir gar nichts verſprochen, in Innſpruck einen Schatz finden wuͤrde, wie ich noch keinen in den Schwazer Ber⸗ gen gefunden. Seid mir zu tauſend mal willkommen!“ „Ihr uͤberſchaͤtzt mich, edler Fugger,“ verſetzte Geis⸗ maier laͤcheld.„Ihr ſeid das Kleinod, das ich gefunden. Ich habe Euch geſucht, nicht Ihr mich.“ „Wer haͤtte auch im Geheimſchreiber des Erzpfaffen von Brixen, des brutalen Kanzlers, im Zolleinnehmer von Klauſen einen ſo hochherzigen und begeiſterten Freund der „ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 231 Volksſache vermuthen duͤrfen? Niſten die Adler auch in Eulenneſtern? Wohnt der Loͤwe im Fuchsbau?“ ⸗„Der guten Sache dient man zuweilen am beſten im Lager ihrer Feinde. Ich koͤnnte dagegen fragen: Wer vermuthet wohl in dem reichen Ulrich Fugger, im Kaͤmmerer Seiner Heiligkeit des Papſtes, den geſchworenen Feind des Papſtes und aller paͤpſtlichen Kreaturen, aller Fuͤrſten, alles Adels, und den gluͤhenden Freund Luthers und des Volkes.“ „Ihr habt recht: wir ſind ein ſeltſames Paar, ja wahr⸗ ſcheinlich einzig; denn ich moͤchte wohl wiſſen, wo ein zweites der Art gefunden werden ſollte? Der Kaͤmmerer des Papſtes, der reiche adlige Fugger, und der Geheim⸗ ſchreiber des Kanzlers von Oeſterreich und Biſchof von Brixen und dabei Zollbeamter, und Beide die heißen Her⸗ zen voll Haß gegen Pfaffen und Fuͤrſtenbrut; gegen die alte babyloniſche Hure, und voll Schwärmerei fuͤr das Licht der Wahrheit, das aus Sachſen und der Schweiz ſtrahlt, und endlich voll Liebe fuͤr den ſchwer gedruͤckten und gemißhandelten gemeinen Mann, in welchem die hab⸗ gierigen gebietenden Herren, die frommen Soͤhne und heiligen Diener der Kirche Chriſti, gegen Chriſti ausdruͤck⸗ liches Gebot, die Menſchenwuͤrde geſchaͤndet haben. Ja fuͤr⸗ 5 wahr ein ſeltenes, aber ein rechtes Paar! Wie wuͤrde mein edler Strauß in Schwaz jubeln, wie wuͤrde mein ſanfter Regius in Hall ſich ſtill freuen, wenn das abſcheuliche wormſer Edict ſie nicht aus Tyrol vertrieben. Wir nannten 3 232 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. — uns das gruͤne Kleeblatt in Tyrol; jetzt waͤre es ein vier— blaͤtteriges. Die ſind ſelten und bringen dem Finder Gluͤck.— Aber ich ſchrieb es Ihnen.“ „Ich kann, wie ich Euch ſchon bemerkte, mich noch nicht offen zu den thätigen Freunden der Wahrheit zählen, nicht allein meiner Perſon wegen— denn dieſe gaͤb ich gern den reiſenden Thieren preis, wenn damit etwas Gutes fuͤr un⸗ ſere Sache erzielt wurde, aber ganz vorzuͤglich disr Seite wegen, fuͤr die ich in meiner anttlichen Stellung argemein viel wirken kann.“ „Ich bin ganz mit Euch einverſtanden,“ verſetzte Fug⸗ ger,„und ich bin am wenigſten gemeint Euch hlos zie ſtel— len; denn ich weiß gar wohl, was ein geheimer Freund in Feindeslager werth iſt. Auch werden die beiden Prieſter und wahren Verkuͤnder des reinen Evangeliums Euch ebenſowenig verrathen, wie ich ſelbſt. Und wenn ſie nicht ſo hochherzige Maͤnner wären, ſo geboͤte ja ſchon die ge— meinſte Klugheit die aͤußerſte Schonung Eueres Geheim⸗ niſſes. Ergeht es mir doch faſt aͤhnlich, wie Euch. Auch ich darf noch nicht offen mit meiner wahren Farbe hervor⸗ treten. Wenn meine Ruͤckſichten, die ich auf den Ohm Jakob und das Haus Fugger zu nehmen habe, auch nicht von ſo ſtrenger und ſchwieriger Art ſind, wie die Euerigen, ſo ſind ſie darum doch um ſo zarter und delikaterer Natur. Iſt der Alte erſt einmal zu unſern Vatern verſammelt, dann hindert mich nichts, Gut und Blut, Leib und Leben an die Sache zu ſetzen, fuͤr die jeder Pulsſchlag meines — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 233 Herzens ſchlaͤgt; denn auf meine beiden Vettern, den kal⸗ ten eigenſuͤchtigen Anton und den genußſuͤchtigen phan⸗ taſtiſchen Raimund nehme ich gar keine Ruͤckſicht, eben ſo wenig auf meine adligen Schwäher, ſie moͤgen heißen wie ſie wouen. Mein Bruder Hieronymus iſt mein Zoͤgling und aanz von meinem Schlag. Wir beide wollen dann unſenachetenen?“ grhen und dem Hauſe Fugger einen — bis jef„ n und noch glaͤnzendern Namen nn erworben. Waren die Fugger utzen Fuͤrſten- und Pfaffenknechte, o anſerer Linie Diener des Rechts und der 9„deeunde des reinen Gottesworts und des deutſchen Volkes werden. So lange Jakob lebt, muß ich wie Ihr, wenn auch nicht ſo aͤngſtlich, im Geheimen wirken. Bis dahin, wo ich frei bin, werden ſich hoffentlich die Dinge ſo wenden, daß auch Ihr frei und offen hervor⸗ etreten koͤnnt; denn der Geiſt Gottes waͤchſt und erſtarkt lich mehr im Volke, und dann gehen wir Hand in Hand mit Strauß und Regius, mit Luther und Zwingli und allen den Hunderten edler trefflicher Maͤnner, die Sternen gleich, as neue, reine, ſchoͤne Licht ausſtrahlen.“ „So ſoll es ſein, ſo wahr mir Gott helfe und das Blut ſines eingeborenen Sohnes mich erloͤſe!“ rief der Geheimſchreiber begeiſtert.„Ich bin von nun an der Euere mit Leib und Seele.“ „Nicht mir allein, der heiligen Sache der Wahrheit und des Rechts ſollt Ihr gehoͤren, wie ich ſelbſt. Den 234 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Kämpfern fuͤr das Volk gehoͤren wir. So wollte ich Si— ckingen und Hutten angehoͤren; ein hoͤherer Wille hat es anders gefuͤgt zu meinem Schmerze. Nicht durch ſie wollte Gott ſeine Sache hinausfuͤhren laſſen bis zum ſchoͤ— nen Siege. Sie ſind vom Kampfplatze abgetreten, und andere Kaͤmpfer gehen auf das Schlachtfeld. Erkennet Gottes weiſe Fuͤgung! Geſtern erhielt ich die Nachricht von des edlen Huttens Tode und geſtern enthuͤlltet Ihr Euch mir als ein Anhänger der Sache, fuͤr die er ſo eifrig ſtritt. Wer kann wiſſen, ob wir's zu Ende fuͤhren durfen?“ ſetzte er ernſt und wie von einer truͤben Ahnung angeweht hinzu; „ob auch wir nicht von der Nacht des Todes umfangen werden, ehe das Ziel erreicht wird? Sei es immerhin! Wenn wir untergehen, wie ſie untergegangen ſind, ſo wer— den auch wir ſo wenig wie ſie vergebens gelebt und ge— kampft haben. Und andere Kaͤmpfer werden nach uns kom⸗ men und werden die Sache doch zum gedeihlichen Ende bringen. Denn Chriſtus wird ſiegen und die Wahrheit wird triumphiren, und wenn die Hoͤlle ihre Heerſchaaren losließe. Deß leb'ich und ſterb ich mit froher Hoffnung, mit unerſchuͤtterlicher Ueberzeugung.“ „Wenn dies nicht auch mein felſenfeſter Glaube waͤre, koͤnnt ich das Leben nicht ertragen.“ „Doch ſagt mir an, wie ſeid Ihr zur Erkenntniß der Wahrheit gekommen, und wie wurde der Entſchluß in Euch reif, Euch mir zu entdecken?“ „Ich tappte im Dunkeln. Wohl ahnete ich ſeit mei⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 235 ner Jugend das Licht, aber ich verſtand nicht es zu ſuchen. Wie haͤtte ich es fuͤr mich allein finden koͤnnen? Von ar⸗ mer Herkunft und fruͤh eine Waiſe wurde ich in einem Stift in Brixen erzogen. Ihr kennt die Erziehungs- und Lehrart der Moͤnche; was brauch ich ſie Euch zu ſchildern! Die frommen Vater entdeckten in mir einen guten Kopf; ſie gebrauchten mich bald zu ihren Schreibereien. Auf dieſe Weiſe wurde der jetzige Biſchof auf mich aufmerkſam, und ich kam in die Kanzlei. Als er auf den Stuhl ge⸗ langte, nahm er mich unter die Zahl ſeiner Schreiber auf, und ſo hab' ich's bis zu ſeinem Geheimſchreiber gebracht. Er gab mir ein Weib und dazu die einträgliche Zollſtelle in Klauſen. Ich war ganz ſein Geſchoͤpf. Ihr ſeht, daß ich die beſte Gelegenheit hatte, von fruͤher Jugend an das Leben und Treiben der Moͤnche und Pfaffen in allen Ver⸗ haͤltniſſen kennen zu lernen. Der Abſcheu vor ihrer ge— wiſſenloſen und ſchaͤndlichen Handlungsweiſe, vor ihrer graͤulichen Suͤnd- und Laſterhaftigkeit wuchs mit mir und wurde groͤßer und groͤßer; aber ich war immer nur von den außerlichen Erſcheinungen, von den Nebendingen be⸗ fangen, und erkannte nicht die Wurzel und den Kern des Uebels. Ich war immer noch von ehrfurchtsvoller Scheu vor der Kirche und ihren Traͤgern befangen. Es iſt ſchwer ſich von Meinungen und Gewohnheiten loszuſagen, die uns gleichſam zu Saft und Blut geworden ſind. Es mußte arg kommen und mancherlei Umſtaͤnde zuſammenwirken, ehe ich zum Aeußerſten getrieben wurde. Und ſo iſt's ge⸗ 236 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ſchehen, ſeit der Erzherzog in Tyrol reſidirt. Dieſe unver— ſchaͤmten und trotzigen Prahlhaͤnſe von Spaniern— es iſt ja ein ganzes Heer ſolch fremden widerwartigen Volkes hier— machten mit den hieſigen Pfaffen gemeinſame Sache. Die ärgſten Plaͤne wurden geſchmiedet und aus⸗ gefuͤhrt, die Unſchuld des Volkes nach Kraͤften vergiftet und dabei ein foͤrmliches Raubſyſtem organiſirt. Mein hochwuͤrdiger Prinzipal bot zu all dieſen Dingen die Hand. Es war, als ob ein Heer von Teufeln in dieſe ſtillen und frommen Thaͤler gekommen waͤre und der oberſte und mächtigſte, der Beelzebub, iſt dieſer Salamanka, der ſtinkende Jude. Die Herren Biſchoͤfe aber wurden die Diener dieſer Hoͤllenbrut. Salamanka und der Kanzler ſind wie ein Bruderpaar. Oft hat ſich mir das Herz im Leibe vor Empoͤrung umgewendet, wenn ich meine Feder zur Ausfuͤhrung ſolcher Schandthat am Volke hergeben mußte. Da geſchah es, daß mein Weib vor zwei Jahren im Wochenbette ſtarb, und ich dieſes Todesfalls wegen eine Reiſe nach Wien zu ihren Verwandten machen mußte, um meinen beiden Kindern das Erbe zu ſichern. In Wien fuͤhrte mir Gottes Wille Martin Luthers Schriften in die Haͤnde, und ich lernte dort Manner kennen, die vom Geiſte des Evangeliums erleuchet, mir ebenfalls zum unverhuͤllten Lichte verhalfen. Als ein verwandelter Mann kehrte ich zuruͤck. Heimlich wußte ich mir nun Huttens und der andern Schriftmaͤnner Buͤcher zu verſchaffen. Eine Decke um die andere viel mir von den Augen. Nun war mir Die Sturmvögel zum Bauernkrieg 237 ſchon einige Male zu Ohren gekommen, daß Ihr ein gro⸗ ßer Anhaͤnger des Evangeliums und Goͤnner des armen Volkes waret; ich erkundigte mich naͤher nach Euch, und Alles, was ich erfuhr, ſteigerte meine Achtung vor Euch. Ich wuͤnſchte ſehnlich mit Euch zuſammenzutreffen, und dieſer Wunſch iſt nun erfuͤllt worden. Ohne Furcht eroͤff⸗ nete ich Euch mein Inneres; es that mir Noth, einen Freund zu beſitzen, dem ich mein gepreßtes Herz ausſchuͤt— ten koͤnnte. Und ſiehe da unſere Haͤnde, wie unſere Her⸗ zen wuchſen ſchnell zum ſchoͤnſten Bunde zuſammen““ „Und Gott wird dieſen Bund ſegnen, daß er ſtark werde und der unterdruͤckten Wahrheit aufhelfe.“ „Das walte Gott!“. Zehntes Rapitel. Martin nahm im Hauſe des Oberſteigers Diether Abſchied. Am folgenden Morgen ſollte er mit Jakob und Raimund Fugger die Reiſe nach Augsburg antteten, von wo der Letztere dann bald die Weiterreiſe uber Frank⸗ reich nach Spanien machen ſollte. Das Haſenhaͤnslein war wie faſt immer betrunken und leierte ſein altes Schimpflied auf die Pfaffen und Amtleute.„Ich will Dir wohl eingeſtehen,“ ſagte er zu dem Juͤngling,„da Dir doch ſo viel daran liegt, es zu wiſſen, daß Deine Mutter nicht meine Baſe war. Aber ſie war mit mir eines Sin— nes; denn auch ſie war voll Zorn und Rache gegen das Pfaffenvolk und die adligen Diebe und die Spitzbuben von Amtleuten. Wer ſie geweſen iſt, weiß ich nicht. Ein Leinweber brachte ſie mir ins Haus. Der Mann iſt aber todt. Man hat mir geſagt, Deine Mutter ſei ſpaͤter auch geſtorben. Ich habe ſie nicht wieder geſehen.“ „Ich glaub es nicht,“ ſagte Lore, Diethers Frau, des Haſenhaͤnsleins Tochter,„und da Du noch am Leben biſt, Die Stwrmvögel zum Bauernkrieg. 239 ſo will ich mir ſchon Muͤhe geben, der Sache auf den Grund zu kommen. Du weißt, ich habe Dich immer wie meinen leiblichen Bruder lieb gehabt, und nun iſt mirs, als muͤßt' ich jetzt alle Liebe, die ich Dir die Jahre uber, ſeit Du von uns biſt, nicht habe zuwenden koͤnnen, nach⸗ holen und noch viel mehr. Ich koͤnnte mein Leben fuͤr Dich laſſen.“ Damit fiel ſie ihm um den Hals und weinte.„ „Und ich Kag' Dir weiter nichts,“ laͤrmte Haͤnslein, „als daß Du den Pfaffen und allem vornehmen Volk Peſt und Tod an den Hals wuͤnſchen mußt, willſt Du Deiner Mutter aͤchter Sohn ſein. Wenn's einmal gilt, darauf zu ſchlagen, bin ich auch mit dabei, dann wollen wir zuſam⸗ men gehen.“ „Schwatzt nicht ſolchen Unſinn!“ ſagte Diether.„Der Junker ſteht gar gut angeſchrieben im Fuggerſchen Hauſe. Mich duͤnkt, ich ſchieße nicht weit vom Ziele, wenn ich ihn fur einen Sohm dieſes Hauſes ſelbſt halte.“ „Leb wohl! leb wohl!“ weinte Lore an Martins Hals, der dieſe Zaͤrtlichkeit mit kuͤhlem Laͤcheln aufnahm. „Und komm bald wieder nach Tyrol.“ Faſt noch zaͤrtlicher und inniger war Hieronymus Fug⸗ gers Abſchied von Martin. Der ſehnſuͤchtige weichherzige Minneknabe weinte an des ruhigen ſelbſtſuͤchtigen Men⸗ ſchen Bruſt bittere Thraͤnen.„Wenn Du nach Franken oder an den Rhein, oder wo ſie ſonſt weilt— ich Armer weiß es ja nicht einmal!— kommen ſollteſt, ſo gruͤße ſie 240 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. von einem Freunde, ſage ihr aber nicht, wer er iſt, ſie moͤchte mir ſonſt zuͤrnen. Sag' ihr, daß dieſer Freund ſterben wuͤrde aus heißer Liebesbrunſt zu ihr, daß mein Geiſt dann um ſie ſein werde; ſag ihr— ach! ſag' ihr nichts. Sie iſt ja vielleicht ſchon das Weib eines gluck⸗ lichen Ritters. Was hilft mir all mein Erbgut, was der Name Fugger, was mein Adel? ich bin ihr nicht ebenbuͤr— tig.“ So klagte und jammerte der arme Verliebte, und Martin, der ſolche Leidenſchaft nicht begriff⸗ verſprach Al— les, was jener wollte.— Die Reiſe ging mit großer Bequemlichteit vor ſich; denn Frau Sibylle war dabei, die es niemals lange außer den Mauern Augsburgs aushalten konnte. Alle Herrlich⸗ keiten Tyrols und des prachtigen Schloſſes Fuggerau ver⸗ mochten ihr das Haus am Weinmarkt nicht zu erſetzen. Eben ſo ſtark zog ſie die Sorge fuͤr ihre Armen in der Fuggerei an die Ufer des Lech und der Wertach zuruͤck. So ſehr auch Martin die dicke Frau umſchmeichelte und durch gewandtes und gefälliges Weſen ihre Gunſt zu erringen ſich beſtrebte, ſo gelang ihm dies doch keineswegs. Frau Sibylle war und blieb gegen ihn eingenommen und traute ihm nicht.„Ich kann nicht uͤber die haͤßlichen Flecken in ſeinem Geſicht hinauskommen,“ ſagte ſie zu Anna, Raimunds Frau.„Es iſt ein altes bewaͤhrtes Wort: Ein Gezeichneter iſt vom Teufel geſtempelt; man ſoll ſich vor ihm huͤten.“ Der alte Jakob ruͤhmte dagegen Martins uberaus ge⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 241 falliges und zuvorkommendes, und dabei doch ruhiges und geſetztes Weſen. Auch Raimund zeigte ſich dem jun⸗ gen Menſchen gewogen, beſonders weil er ein guter Reiter war und ein ſo koſtbares arabiſches Pferd hatte. Ueber den Gewinn dieſes Pferdes, ſo wie uberhaupt uͤber ſeinen Aufenthalt unter den Mauren in Afrika hatte Martin eine aus Wahrheit und Luge trefflich zuſammengeſetzte Erzäh⸗ lung aufgetiſcht, die ihm jedermann glaubte. Die Haupt⸗ ſachen blieben naturlich ſein Geheimniß. Martin, ſo jung auch noch, war doch nicht der Mann, der ſich auf irgend eine Weiſe und gegen irgend Jemand blosſtellte. In Augsburg angekommen, erhielt Martin ein ſchoͤ⸗ nes Zimmer im Jakob Fuggerſchen Hauſe und den erſten Platz am Familientiſche. Die auffallende Auszeichnung, mit der er auch hier behandelt wurde, ging nicht fur ihn ver⸗ loren. Es wurden ihm Lehrer beſtellt, und auf Jakobs Wunſch nahm er an den Geſchaͤften der Schreibſtube Theil. Schnell und leicht begriff er Alles, war aufmerkſam und folgſam und ſo fleißig, daß bald jeder Mund ſeines Lobes voll war. Abends ſchrieb er aber bei verſchloſſener Thuͤr vieles in arabiſcher Sprache nieder und verbarg es mit vielen wichtigen Papieren, die er ſtets ſorgfaͤltig bewahrte und mit Argusaugen huͤtete. Auf dieſe Weiſe waren einige Wochen vergangen, ohne daß Martin eine Gelegenheit erſpaͤht hatte, ſeinem Ziele naͤher zu kommen, als eines Nachmittags einige Reiter durch das Thor des fuggerſchen Hauſes am Weinmarkt Ein deutſcher Leinweber. VIM. 16 242 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. auf den Hof ritten. Es waren zwei Herren und einige Knechte. Die erſteren ſtiegen ab und uͤbergaben ihre Pferde den letztern. Martin, welcher eben in der Nähe war, wie er denn uͤberhaupt uberall zu ſein ſchien, wenig⸗ ſtens Augen und Ohren uͤberall hatte, erkannte in dem ältern der Ritter ſogleich den kaiſerlichen Heerfuͤhrer und oberſten Feldhauptmann von Tyrol Georg von Frunds⸗ berg wieder. Der Andere war ein hochgewachſener ausge⸗ zeichnet ſchoͤner Mann von der edelſten Haltung und mit einem ernſten ſtolzen Antlitz, in welchem ein herrlicher vol— ler wohlgepflegter ſchwarzer Bart vorzuͤglich auffiel. Ein dunkles großes Auge mit jenem Ausdruck von Gering⸗ ſchätzung und kalter ſelbſtbewußter Ueberlegenheit, wie er nur in den Blicken geiſtig hochbegabter Leute zu liegen pflegt, ſagte dem ſchlauen Martin, daß er hier keinen ge⸗ wohnlichen Ritter vor ſich habe. Dieſer Fremde erregte ſeine Neugierde im hoͤchſten Grade, und die Ahnung ſchoß in ihm auf, dieſer Mann muͤſſe irgend wie mit ſeinem Schickſale zuſammen haͤngen. Mit ſtolzer Verdroſſenheit wechſelte der Fremde einige kurze Worte mit Frundsberg und ſchritt dann an der Seite deſſelben in das Haus. Veit Schellenberger, der fuͤnfundſechszigjaͤhrige, aber immer noch ruͤſtige Diener, hatte ſeinem Herrn bereits Meldung von der Ankunft des hochangeſehenen Kriegsmannes gemacht, und Jakob Fugger kam auf der Stiege ſchon den Gaͤſten entgegen, ſie in ſeinem Hauſe zu bewillkommnen. „Herr Fugger,“ redete Frundsberg mit feierlicherm Die Sturmvögel zum Bauernkrieg 243 Tone, als er gewoͤnlich that,„mir wird heute die beſondere Ehre zu Theil, Euch einen der beruͤhmteſten Maͤnner der jetzt lebenden Welt zuzufuͤhren. Es iſt Se. Hoheit der Herzog Karl von Bourbon, Connetable von Frankreich, welcher uͤber die Schwelle Eures Hauſes getreten iſt.— Hoheit,“ wandte er ſich dann zu dem Herzog„vor Euch ſteht der edle Jakob Fugger, goldener Ritter und Graf des Lateran, Haupt des beruͤhmten Hauſes Fugger und hoch⸗ betrauter Freund des habsburgiſchen Fuͤrſtenhauſes.“ „Ein Leinweber, ein ſchlichter Leinweber,“ ſagte der Greis ſich vor dem Herzog verbeugend und unter einem diplo⸗ matiſchen Lächeln die Miene des Unmuths verbergend, welche bei Nennung des Fremden in ſeinengrauen tiefgefurch⸗ ten Zuͤgen aufgeſtiegen war. Mit großer und gemeſſener Hoflichkeit, die er einem der erſten Fuͤrſten ſchuldig zu ſein glaubte, begruͤßte er den Connetable und geleitete die beiden Gaͤſte in die mit furſtlicher Pracht ausgeſtatteten Prunkzimmer ſeines Hauſes. „Ihr ſeht mich als einen Fluͤchtling, Herr Fugger,“ ſagte der Herzog, als er Platz genommen.„Von der Tuͤcke, Argliſt und Bosheit des franzoͤſchen Hofes aufs Aeußerſte gebracht, ſo daß ich nicht nur fuͤr den Verluſt meines Hab und Guts, ſondern auch fuͤr den des Lebens zu furchten hatte, bin ich auf dem Wege nach Italien, um in den Dienſt des Kaiſers zu treten, der den Koͤnig von Frankreich nicht allein an Tugend und Klugheit, ſon⸗ dern auch an Ritterlichkeit und Großmuth ſo weit uͤber⸗ 16½ 244 Die Sturmvögel zum Bauernfrieg. trifft. Um den Verfolgungen meines Vetters zu entgehen, hab' ich meinen Weg durch Burgund und die Schweiz ge— nommen und habe den wackern Frundsberg in Mindelheim aufgeſucht. Er hat mich hierher geleitet, um mich bei Euch einzufuͤhren, und nun gedenke ich uͤber Tyrol nach der Lombardei zu gehen.“ „Gott verſage dem neuen Wege Eurer Hoheit den Segen nicht!“ entgegnete Fugger ernſt.„Ihr beduͤrft deſ⸗ ſen mehr als ein Anderer.“, Des Herzogs Zuͤge verduͤſterten ſich noch mehrz er zog die ſchwarzen buſchigen Brauen finſter zuſammen.„Wenn Ihr die Schmach kenntet, die mir von dem franzoͤſiſchen Koͤnigshauſe angethan worden iſt, Ihr wuͤrdet meinen Schritt milder beurtheilen. Der treuloſe Konig hat mich dazu gezwungen.“ Dieſe Selbſtvertheidigung war nicht geeignet, den alten Fugger fuͤr ihn zu gewinnen.„Es kommt mir nicht zu, uͤber Ew. Hoheit Thun und Laſſen ein Urtheil zu faͤl⸗ len. Ich weiß im Gegentheil die Ehre zu ſchaͤtzen, die Ihr mir und meinem Hauſe anthut. Ihr wollt dem Kaiſer meinem Herrn die hohen Gaben Eures Geiſtes und die Tapferkeit Eures Armes widmen, und dafuͤr muß ich mich Euch dankbar erzeigen; denn ich liebe den Kaiſer und ſein Haus und bin ihm bis zum Tode treu ergeben.“ „Ihr habt da meine eigene Meinung ausgeſprochen,“ nahm Frundsberg das Wort,„und ich habe mich auf aͤhn— liche Weiſe ſchon Sr. Hoheit erklaͤrt. Jeder Gewinn, wel⸗ 7 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 245 chen der Kaiſer und das Erzhaus macht, erfreut uns baß, und das Uebrige kuͤmmert uns nicht. Der iſt klug, der ſich ſtets an das Nächſte haͤlt, und wer allen Dingen ge— recht werden will, iſt ein Narr. Die Hauptſache iſt jetzt, daß der edle Herzog entflohen iſt, wie Ihr ihn ſeht; er hat kaum mehr als das nackte Leben gerettet. Die Soldaten des Koͤnigs, ihn zu fahen ausgeſchickt, waren ihm ſtets auf den Ferſen, ja er war ſogar einmal mitten unter ihnen. Zum Gluͤck kannte ihn keiner. Um nach Italien zu ge⸗ langen, bedarf er eine Summe Geld, und wir ſind zu Euch gekommen, alter Freund, dieſe von Euch zu entlehnen. Der Herzog wird Euch dafuͤr einen Schuldbrief einlegen.“ „Sie ſteht Eurer Hoheit zu Dienſt,“ antwortete Fug⸗ ger, von Mitleid ergriffen, daß der reichſte Mann Frank⸗ reichs, der dem Kaiſer ſo hohe Verſprechungen gemacht, wie ein Bettler nach Deutſchland gekommen war, und dem neuen Herrn nichts zubringen konnte, als das nackte Le⸗ ben womit dieſem am Ende nicht viel gedient ſein konnte, und eine Treue, die in Bezug auf den am alten Herrn ver⸗ uͤbten Verrath eine ſehr zweifelhafte ſein mußte. Fugger ſah in dieſem Geſchick ſchon den erſten Lohn des beiſpiello⸗ ſen Verraths an Koͤnig und Vaterland und merkte es dem gereizten Weſen des Herzogs wohl an, daß ihn unbehag— liche Gefuͤhle uͤber ſeine That quaͤlen mochten. Die Geldangelegenheit war bald zur Zufriedenheit des Connetable abgemacht. Dann erbat ſich Jakob Fugger die Ehre, den vornehmen Mann an ſeinem Tiſche bewir⸗ 246 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. then zu duͤrfen. Die Bewirthung war, wie ſich erwarten ließ, eines Fuͤrſten wuͤrdig, und der Herzog, etwas hei⸗ terer geſtimmt, erzaͤhlte manches von ſeiner gefährlichen Flucht. Unterdeſſen hatte Martin, auf des Hausherrn Anord⸗ nung, es uͤbernommen, da kein anderes Glied der Familie zugegen war, den Begleiter des Connetable, einen franzö⸗ ſiſchen Edelmann, in einem andern Zimmer zu unterhal⸗ ten und zu bewirthen. Martin verſtand es vortrefflich, die Leute mittheilſam zu machen; er ſchenkte dem Gaſte vom trefflichen Weine ſo trefflich ein, er belobte den Herzog ſo ſchmeichelhaft und benahm ſich ſo zuthulich und geſchickt, daß er bald die ganze Geſchichte des Connetable in der er⸗ wuͤnſchteſten Ausfuͤhrlichkeit erfuhr. Der Herzog hatte ſich krank geſtellt, als der Koͤnig die Aufforderung an ihn ergehen ließ ſich dem Zuge des Heeres, welches der Koͤnig ſelbſt nach Italien zu fuͤhren beabſichtigte, anzuſchließen. Aber der Zufall fugte es, daß der Scheinkranke auf ſeinem Schloſſe zu Moulins wirklich erkrankte. Der Koͤnig kam ſelbſt auf das Schloß, weil er einige Kunde vom beabſich⸗ tigten Abfall des Connetable erhalten und befragte ihn offen daruͤber. Dieſer verſtellte ſich geſchickt, laͤugnete nicht, um den Koͤnig ganz ſicher zu machen, daß er die herr— lichſten Anerbietungen vom Kaiſer erhalten, dieſe aber dem Koͤnig nur perſonlich habe mittheilen wollen. Der König ließ ſich täͤuſchen, und brauchte weiter keine Vorſicht, als dem Vetter einen Edelmann zuzuſchicken, der ſich nach dem Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 247 Befinden desſelben erkundigen, eigentlich aber die Schritte desſelben uͤberwachen ſollte. Dieſer Edelmann, Namens Warty, reitet zwiſchen dem Koͤnig und dem Herzog ab und zu, bis der Erſtere durch das bedenkliche Zoͤgern des Letztern erbittert befiehlt, ihn geſund oder krank mitzubringen. Warty findet den Connetable ſchon auf dem Wege zu St. Geran, aber, wie es ſcheint, dem Tode nah. Von Aerzten umge⸗ ben erreicht er ſtoͤhnend und betend auf kurzer Tagreiſe la Paliſſe. In der Nacht wird ſein Zuſtand immer bedenk⸗ licher; der Kranke bereitet ſich zum Tode. Er laͤßt am Morgen Warty kommen und ſpricht ſeine Verzweiflung aus, daß er ſeinem Koͤnig nicht mehr dienen koͤnne. Wenn noch Rettung fuͤr ihn moͤglich, ſo ſei dies nur in der Luft ſeiner Heimat. Mit dieſer verdaͤchtigen Kunde eilt der Bote zum Koͤnig nach Lyon. Dieſer laͤßt ſogleich durch eilige Reiter das Land rings abſperren und ſchickt Warty mit einem Brief, worin der dringendſte Verdacht ausgeſprochen iſt, an Bourbon. Warty findet dieſen aber nicht mehr in la Paliſſe. Er war bereits in Chantelle. Warty folgt ihm dorthin. Da erklaͤrt ihm der Herzog: die Nachricht, der Koͤnig wolle ihn verhaften laſſen, habe ihn vermocht, ſich ohne Ruͤckſicht auf ſeine Geſundheit nach Chantelle zu retten. Hierauf, als der Herzog inne ward, ſein Plan, den Koͤnig allein uͤber die Alpen ziehen zu laſſen, ſei fehlge⸗ ſchlagen, ſchickte er den Biſchof von Autun zu dieſem nach Lyon mit der Verſicherung ſeiner Treue, wenn er ihm die Guͤter des Hauſes Bourbon ſogleich zuruͤckgaͤbe. Der Koͤ⸗ * 248 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. nig befiehlt nun im heftigſten Zorne dem Connetable die Wege zu verlegen und bemachtigt ſich ſchnell aller feſten Plätze in der Umgegend. Der Connetable geht mit ſei⸗ nem großen Gefolge von Chantelle nach Herment in Auvergne. In der Nacht verläßt er aber verkleidet und nur von fuͤnf Pferden und einem Edelmanne, ſeinem treueſten Anhaͤnger, begleitet heimlich Herment und⸗ flieht auf Nebenwegen und ungebahnten Straßen un⸗ ter tauſend Gefahren der burgundiſchen Grenze zu. In einem Haufen franzoͤſiſcher Soldaten, die ihn verfolgen, ſetzen die Beiden unerkannt uͤber die Rhone, ſchlagen den Weg nach Grenoble ein und kommen endlich zum Cardinal de la Baume, Abt von St. Claude in Burgund, der den Fluͤchtigen Erholung von ihren ſchweren Strapazen gewaͤhrt. Ueber die Schweiz waren ſie in Eilmaͤrſchen nach Oberſchwaben gegangen und hatten bei Frundsberg ein paar Tage geraſtet. Martin wurde am folgenden Morgen vom alten Fug⸗ ger beſtellt, dem Herzog das Ehrengeleite zu geben. Ge⸗ org von Frundsberg erwiederte den hoöͤflichen Gruß des Juͤnglings mit den Worten:„Ei, find ich Euch hier wie⸗ der, Junker? Habt Ihr Kunde uͤber Euere Abkunft aufge⸗ funden?“ „Wenigſtens hoff' ich ſie hier noch zu erhalten,“ ver⸗ ſetzte Martin. Jakob Fugger zog den Feldhauptmann bei Seite und Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 249 fluͤſterte ihm einige Worte zu, worauf ſich Verwunderung in Frunds bergs Zuͤgen ausprägte. Dem ſcharf beobachtenden Martin entging dieſe Bewe⸗ gung nicht, eben ſo wenig, daß ſich der Feldhauptmann, als ſie den Herzog an der Stadtgrenze verlaſſen hatten, und jener den Weg nach Mindelheim einſchlug, mit einer gewiſſen Herzlichkeit von ihm verabſchiedete. „De) nun auch, woher Du ſtammſt,“ ſagte er zu ſich ſelt uf dem Heimritt.„Aber mir wird es keiner von dieſen F ken ſagen. Pah! Meines Bleibens iſt alſo hier nicht lange mehr. Ich will und muß nun meinen erſten Weg wieder verfolgen.“ Der Kunde, daß der franzoͤſiſche Koͤnig in Folge der Flucht und des Treubruchs des Connetable nicht ſelbſt nach Italien gegangen, ſondern die Fuͤhrung des Heeres dem Admiral Bonnivet uͤbertragen, folgte bald eine andere, eben ſo wichtige, naͤmlich, daß der Papſt Adrian am 24. September geſtorben ſei. An dieſen Kunden nahm Martin den lebhafteſten Antheil. Er ſchrieb halbe Naͤchte hindurch auf ſeinem Zimmer. Einige Tage dirauf ritt er fruͤh mit ſeinem Mantelſack aus dem Hauſe. Eine Stunde ſpäter uͤbergab ein Diener dem alten Fugger einen Brief. Martin ſchrieb, da er die Hoffnung auf⸗ geben muͤſſe, in Augsburg ſein Ziel zu erreichen, ſo wolle er dasſelbe an andern Orten verfolgen. Er danke für die genoſſene Gaſtfreundſchaft und wolle wieder kommen, wenn ihn die Umſtaͤnde dazu noͤthig⸗ 250 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ten. Jakob ſchuͤttelte den Kopf:„Ich kann den Men⸗ ſchen nicht halten, aber des Kaiſers wegen iſt mir's unan⸗ genehm. Aus dieſem boͤſen Handel hab' ich noch nichts als Aerger und Verdruß gehabt.“ Elftes Rapitel. Seltſames Wirken und Wandeln des Beiſtes in einer maͤchtig bewegten lebensfriſchen Zeit! Wie werden da alle Gemuͤther ergriffen und in die Stroͤmung hineingeriſſen, und wie wenig vermoͤgen die Gewaltigen, die ſich ihr aus Unverſtand oder Eigennutz zu widerſetzen ſuchen! Es iſt eine in jeder Geſchichte ſolcher großen Zeitperioden bewäͤhrte Thatſache, daß die Jugend und unter dieſer vorzuͤglich das ſchoͤne Geſchlecht von der Begeiſtrung fuͤr neue weltumge⸗ ſtaltende, das abgeſtorbene Leben verjuͤngende und erfri⸗ ſchende Ideen am erſten und maͤchtigſten ergriffen wird und mit gluͤhender Seele, meiſt mit einem ſtarken Zuſatz von Schwaͤrmerei, der Herrſchaft des jungen Zeitgeiſts hul⸗ digt, deſſen Geboten ein uͤberwiegend großer Theil der Maännerwelt und vorzuͤglich die bejahrte ſogenannte Weis⸗ heit widerſtrebt. Die Wahrheit dieſer Erfahrung bewährte ſich jetzt hoͤchſt auffallend in der habsburger Fuͤrſtenfamilie. Außer der Erzherzogin Statthalterin der Niederlande Frau Margaretha, beſtand dieſe Familie jetzt nur noch aus den 252 Die Sturmvögel zum Bauernfrieg. ſechs Kindern ihres verſtorbenen Bruders Philipp. Mar⸗ garetha, jetzt dreiunvierzig Jahre alt, neigte ſich mit ruhiger inniger Liebe dem reinen Lichte des Evangeliums zu, mit jener ſtillen in ſich abgeſchloſſenen poetiſchen Schwärmerei, die ihrer ſanften Dichternatur angemeſſen die rauhe Be⸗ ruͤhrung mit der praktiſchen Ausfuͤhrung der Idee ſchmerz⸗ lich empfindet. Luthers biderbe Kraft, die leider oft genug in leidenſchaftliche Heftigkeit und Grobheit umſchlug, war ihr zuwider. Sie verabſcheute die rmiſche Anmaßung und Gewalt, ſie haßte die pfaffiſche Luͤge, und war im Herzen rein evangeliſch, aber ſie vermochte nicht ſich mit der Art und Weiſe der Reformatoren zu befreunden. An⸗ ders war es mit ihrer zweiundzwanzigjährigen Nichte, der bei ihr lebenden mit ihrem Gemahl vertriebenen Koͤnigin Iſabella von Dänemark. Die einſt ſo luſtige Iſabella hatte den Eindrucken ihres ſchweren Schickſals nicht wider⸗ ſtehen koͤnnen. Sie kraͤnkelte, ſeit ſie ſich in Bruͤſſel auf⸗ hielt, aber nur um ſo inniger und begeiſterter wandte ſich ihr Geiſt der neuen Lehre zu. Sie las alle Schriften der Reformatoren und zog die gelehrten Manner, welche in den Niederlanden ihre Neigung zur Verjuͤngung der Kirche kund thaten, gern in ihren perſoͤnlichen Umgang. Im Spätherbſt des Jahres 1523 ließ ſie ſich das Abendmahl in beiderlei Geſtalt reichen. Mit ihrer vier Jahre juͤngern Schweſter Maria, der Koͤnigin von Ungarn und Boͤhmen, ſtand ſie im ununterbrochenen Briefwechſel, und dieſer be⸗ traf zumeiſt die wichtigſten religioͤſen Fragen, welche die Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 233 Welt eben in Bewegung ſetzten. In der Koͤnigin Maria loderte die Flamme der Begeiſterung fur die freie Entfal⸗ tung der Idee und ihre Verkoͤrperung im Volke kuͤhn und kraͤftig. Sie haßte die Tyrannei des coͤmiſchen Klerus uber die Geiſter mit eben ſo heißer Seele, wie ſie der uber⸗ ſprubelnden Kraft Luthers und ſeiner Freunde und Schuͤ⸗ ler zujauchzte. Gerade die naturwuͤchſige Derbheit dieſer Maͤnner gefiel ihr; ſie maͤkelte nicht mit kritiſcher Ver⸗ ſtandesſchaͤrfe an den Auswuͤchſen jener Kraft; ſie gab ſich vielmehr mit dem vollen geſunden Gefuͤhl ihrer jungen Seele den Eindruͤcken des Lichtes hin, und wenn es noch ſo grell in die wuͤſte Nacht der Dummheit und Selbſtſucht hereinbrach. Durſtig nach Licht und Wahrheit nahm ſie die Stroͤmungen derſelben mit Wonne in ſich auf, nicht mit krankhafter Empfindlichkeit, wie ihre Schweſter Iſa⸗ bella, nicht mit poeliſcher Ruhe und Genügſamkeit, wie ihre Tante Margaretha. Sie war ein reichbegabtes, aͤchtes, geſundes Kind der Neuzeit. Ihr Drang nach religioͤſer Wahrheit, ihre Erkenntniß und ihre volle Hingebung an Jene gingen aus ihrer eigenthuͤmlichen Stellung hervor. So jung ſie noch war, ſtand ſie doch allein, und deshalb hatte ſich ihr reicher und ſchoͤner Geiſt raſch zur Selbſtän⸗ digkeit entwickelt. Der Koͤnig Ludwig, ihr ſiebzehnjaͤh⸗ riger Gemahl, war an Geiſt und Korper ein zehnjähriger Knabe. Die Folgen ſeiner zu frühen Geburt laſteten ſchwer auf ihm. Maria war genöthigt, die Regierung der beiden Koͤnigreiche zu fuͤhren, und ſie that was ein 254 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. achtzehnjaͤhriges Weib vermochte. In Boͤhmen, wo ſie im Jahre 1523 mit dem Koönige zubrachte, hatte ſie raſch die Schule der Erkenntniß durchlaufen. Hier waren noch die Nachkommen der Huſſiten, auf welche die Lichtſtrahlen von Wittenberg belebend wirkten; in Schleſien, welches zur Krone Boͤhmen gehoͤrte, war die Bewegung der Gei⸗ ſter vorzuͤglich ſtark, uͤberall ein fruͤhlingliches Drängen und Treiben. Während der Hofhaltung des jungen Kö— nigspaars in Prag hielten ſich mehrere ſchleſiſche Fuͤrſten am Hofe auf, wie es ihre Vaſallenpflicht mit ſich brachte, und alle waren mehr oder minder der kirchlichen Neuerung zugethan. Da waren zuerſt zwei Vettern, der Herzog Karl von Oels und Muͤnſterberg, der Enkel in männlicher Linie des einſt fuͤr Huſſ' Lehre ſo kraͤftig aufgetretenen be⸗ ruͤhmten Georg Podiebrad, dann ſein Enkel von ſeiner Tochter, der Herzog Friedrich der Zweite von Liegnitz. Der Erſtere wuͤnſchte das Andenken ſeines Großvaters durch Luther rehabilitirt zu ſehen; der Andre ließ ſich von Adel und Städten leicht bewegen, ihnen freiere Religionsuͤbung zuzugeſtehen und wurde bald ſelbſt der waͤrmſte Eiferer fur die lutheriſche Lehre. Er ging ſogar mit dem Gedan⸗ ken um, eine neue evangeliſche Univerſität zu errichten und wurde nur durch die Irrungen, welche Schwenkfeld's Leh⸗ ren zur Folge hatten, die in ſeinem Lande eintraten, davon abgehalten. Ferner war es der ganz lutheriſch geſinnte Markgraf Georg von Brandenburg, welcher eben damals Jägerndorf erworben hatte und natuͤrlicher Weiſe der neuen Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 255 Lehre hier freien Lauf ließ. Der junge Herzog Wenzel Adam von Teſchen ward gleich in den neuen Meinungen auferzogen. Der Biſchof von Breslau Jakob von Salza war der Reformation nicht abgeneigt. Dieſe Fuͤrſten fan⸗ den an den meiſten Wuͤrdentraͤgern am Koͤnigshofe maͤch⸗ tige Verbuͤndete, und die junge liebenswuͤrdige empfaͤng⸗ liche Koͤnigin war ſtets von ihnen umgeben und ſog gleich⸗ ſam mit der Luft die neuen Lehren ein. Sie zog die Haupttraͤger derſelben ſelbſt herbei. Man ſah ſie ſtunden⸗ lang mit dem jungen Doktor Johann Heß, dem vertrau— teſten Freunde Luthers und Melanchthons, ſich unterhal⸗ ten, welcher kurz vorher von Wittenberg gekommen war, und dem die Breslauer auf eigne Hand die Pfarre zu Maria Magdalena uͤbergeben hatten. Ebenſo war Kas⸗ par von Schwenkfeld, ein ſchleſiſcher Edelmann und fenriger Anhaͤnger der Kirchenreformation, der damals noch nicht mit ſeinen von den Ausſpruͤchen der Reformatoren abwei— chenden Lehren hervorgetreten war, viel in Geſellſchaft der Konigin. Die reizende kluge Maria war die Sonne, um welche ſich alle dieſe Sterne dreheten; der Koͤnig war von geringer Bedeutung. Als der Hof nach Ungarn zu— ruͤckkehrte, war Maria eine rein evangeliſche Chriſtin, eine gluͤhende Haſſerin des Papismus. Die weibliche Gefuͤhlsrichtung trat in ihr ſcharf hervor; ſie faßte den großartigen Entſchluß, ihren Hof zum Aſyl aller der neuen Lehre wegen verfolgten Prieſter und Gelehrten zu machen. Mehrere junge Geiſtliche begleiteten die herrliche junge 256 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. furſtliche Frau, und bald zogen nun des Evangeliums hart gedraͤngte Männer nach Ofen, ſich unter den Schutz der geprieſenen Schweſter des Kaiſers zu ſtellen. Sie gab allen reichlich; wie eine wohlthätige Heilige wollte ſie fuͤr die von den wuͤthenden Pfaffenfurſten ver⸗ triebenen Apoſtel der chriſtlichen Wahrheit ſorgen. Aber zur Ausfuͤhrung der ſchoͤnen und großartigen Pläne ihres von Religionseifer, Menſchenliebe und Begeiſterung flam⸗ menden Herzens bedurfte ſie vieler Geldmittel, und gerade damit war die Krone von Ungarn und Boͤhmen gar ſchlecht verſehen. Wladislav hatte die Regierung ſeinem Sohne in den ärmlichſten Umſtaͤnden hinterlaſſen, und der ſchwache Knabe war beim beſten Willen nicht im Stande ihr wie⸗ der aufzuhelfen. Das ganze Finanzweſen der Krone lag im Argen. Es erging der Koͤnigin Maria zuweilen nicht beſſer als ihrer Vorgaͤngerin, der eben ſo holden und lie⸗ benswuͤrdigen Anna. Nur war Maria nicht Dulderin, wie ihre Schwiegermutter; ſie trat dem Geſchick kräftig entgegen, um es zu bezwingen. Ihre Anſtalten, das ge⸗ ſunkene Anſehen und die Macht des Koͤnigthums zu heben, waren vortrefflich, und ſie wurde von ihrem Gemahl wenig⸗ ſtens nicht behindert. In der Beguͤnſtigung der neuen Lehre ſah ſie das Mittel, die Macht der habſuͤchtigen, die beſten Kraͤfte des Landes verſchlingenden Geiſtlichkeit zu brechen, und die Biſchoͤfe ſchrien Zeter und Weh uͤber die ſchoͤne Ketzerin und riefen des Himmels Zorn und Rache auf ſie Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 257 herab. Aber Maria war muthig und kuͤhn, ſie fuͤrchtete ſich nicht vor den geiſtlichen Blitzſtrahlen. Im Rathe der trefflichen Manner, den die Konigin um ſich verſammelt, wurde beſchloſſen, die Einkuͤnfte der Krone zu regeln und wo moͤglich zu vermehren und zu die⸗ ſem Zwecke den Oberbergrath Georg Turzoin in Kremnitz zu gewinnen. Durch ihn hoffte ſich Maria mit dem Fug⸗ gerſchen Hauſe in nähere Verbindung zu ſetzen und vor der Hand ein Anlehn bei demſelben zu machen, deſſen die Krone ſehr benoͤthigt war. Sie rechnete darauf, daß Jakob Fugger die huͤlfreiche Liebe, die er ſowohl dem habsburger Hauſe und beſonders ihrem Großvater, dem Kaiſer Mapi⸗ milian, und ihrer Tante der Erzherzogin Margaretha, als auch ihrer Vorgängerin und Schwiegermutter, der Koͤni⸗ gin Anna von Ungarn und Boͤhmen, ſtets bewieſen, auch auf ſie uͤbertragen werde. Sie ſandte deshalb einen ver⸗ trauten Kammerherrn an den Director der Fuggerſchen Goldbergwerke und lud denſelben an ihren Hof ein. In einem beſondern Briefe an Georg Turzoin erſuchte ſie ihn um ein einſtweiliges Darlehen; denn ſie war in der That faſt von allem Gelde entblößt, und auf das rechtzeitige Zu⸗ fließen aus den Huͤlfsquellen der Krone war bei der allge— meinen Verwirrung des Landes und der Erſchlaffung der Regierung niemals zu rechnen. Ihr Bote kehrte mit der Nachricht zuruͤck, daß er den Oberbergrath nicht zu Hauſe getroffen; er ſei nach Augsburg gereiſt, doch ſolle ihm der Brief ſofort nachgeſchickt werden. Ein deutſcher Leinweber. VII. 17 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. So verging die Zeit bis gegen Ende des Monats No⸗ vember, und die Verlegenheiten der Koͤnigin vermehrten ſich mit jedem Tage. Da traf ein Bote Turzoins in Ofen ein. Er wurde der Koͤnigin unter dem Namen Raimund Mohr gemeldet. Mit fieberhafter Ungeduld erwartete ſie ſeinen Eintritt in ihr Kloſet. Es war noch fruͤh am Tage, und die Koͤnigin hatte noch nicht Toilette gemacht. Ihr reiches kaſtanienbraunes Haar quoll in uͤppigen Locken unter ihrer einfachen Haube hervor; ein faltenreiches Ge⸗ wand umhuͤllte die tadelloſen Formen ihres jugendlich ela⸗ ſtiſchen Körpers. Maria war fuͤnf Wochen vorher in ihr neunzehntes Lebensjahr getreten. Sie war nicht nur die geiſtreichſte und ſchönſte von ihren Schweſtern, ſie war eine der geiſtreichſten und reizendſten Frauen uͤberhaupt. Ihren ſchlanken herrlich gebauten Körper kroͤnte ein klei⸗ nes vom ſuͤßeſten Liebreiz ſeelenvoller Zuͤge uͤbergoſſenes Haupt. In ihrem blauen Auge tauchte ein tiefes Gemuͤth auf, der ſchwaͤrmeriſche Blick deſſelben verrieth ſogleich die Glut hoher Begeiſterung fuͤr das Gute, Wahre und Schoͤne, die ſie erfullte; ihre edle Naſe ſprach von Kuͤhnheit und Feſtigkeit des Willens. Auge und Nuſe waren Erbtheil ihres Vaters und verkuͤndeten die Habsburgerin. Ihre Geſichtsfarbe ſpielte ins Bräunliche; Teint und Haar hatte ſie von ihrer Mutter, der ſpaniſchen Juana. Ein zartes Roth ſchimmerte nur leiſe durch den Sammt ihrer dunkeln Haut auf den Wangen. Starke Augenbrauen druͤckten Wuͤrde und Stolz der Seele aus; die langen Wimpern Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 2 3 25 echoͤhten den Ausdruck eines ſchalkhaften ſuͤßen Schmach⸗ tens im Auge. Maria war unbeſchreiblich reizend, und — ſie kannte die Liebe noch nicht. Die Politik ihres kai⸗ ſerlichen Großvaters hatte ſie als Kind an ein andres koͤnigliches Kind gefeſſelt; ſeit zwei Jahren war ſie die Gemahlin dieſes kindlichen Koͤnigs, dieſes ſchwächlichen unreifen Knaben. Es war wenig Hoffnung vorhanden, daß Koͤnig Ludwig jemals ein Mann werden wuͤrde; aber Koͤnigin Maria war ein uͤppiges herrliches Weib gewor⸗ den. Mit dem deutſchen Gemuͤth ihres Vaters war die ſpaniſche Glut ihrer Mutter in ihr zur vollen Reife ge⸗ diehen. Die zärtlichen Gefuhle ihrer Erzeuger waren auf ſie ubergegangen, doch ſie hatten geſchlummert bis zu die⸗ ſer Stunde. Kein Mann hatte ihre Aufmerkſamkeit in geſchlechtlicher Hinſicht zu erregen vermocht. Aber ihre Zeit war gekommen, ihte Stunde hatte geſchlagen. Ihr ſuͤßes Verhangniß, der Beleber ihrer Gefuͤhle trat zu ihr ein, als ſie nichts als einen Geldboten erwartete. Welch ein Juͤngling ſtand vor der uberraſchten Koͤni⸗ gin! Raimund war auch erſt ſiebzehn Jahre alt, wie Koͤ⸗ nig Ludwig, aber in demſelben Maße, wie dieſer in der körperlichen Entwicklung hinter ſeinem Alter zuruͤckgeblie⸗ ben war, war jener dem ſeinigen vorausgeeilt; er hatte das Anſehen eines Juͤnglings von zwei bis dreiundzwanzig Jahren. Gerade nicht von auffallender Leibesgroͤße, zeigte ſeine Geſtalt doch ein Bild koͤſtlicher Kraft, gemildert durch einen Adel von Anmuth und Formenſchoͤnheit, der 1 260 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. faſt an die Grenze des Weiblichen anſtreifte. Es war Alles vom Scheitel bis zur Ferſe vollendete Harmonie an ihm, ein lebendes in die Wirklichkeit hereingetretenes Ideal, und darum eine fremdartige, ſchier goͤttliche Erſcheinung, eine poetiſche Geſtalt, die wie durch Zauber in Stoff und Form verwandelte Phantaſieſchoͤpfung eines morgenlaͤn⸗ diſchen Dichters. Ein dunkelbraunes Haar bekraͤnzte mit uͤppiger Lockenfuͤlle einen ſtarken ſtolzen Nacken, die edelſte reingewoͤlbte Stirn und umrahmte ein Geſicht, in welchem Alles, was der heiße Traum eines jungen Weibes von Kraft und männlichem Liebreiz ihr vor die Seele gaukelt, verſammelt war. Noch ſtrahlte dieſes keuſche dunkle Auge nicht von der Trunkenheit gluͤhender Gefuͤhle; ſie ſchliefen noch darin, aber man ſah die reizenden, ſchon vom Mor⸗ genroth angeſtrahlten Schläfer; man ſah und begriff die traumeriſche Ahnung von allen Maͤrchen und Liedern, von aller Schoͤnheit und Tiefe des Lebens, welche hier erwachen und im reizendſten Spiele, im ſußeſten Kampfe ſich tum⸗ meln wuͤrden. Der Funke ſchlummerte noch in dieſem Marmot, aber man wußte, daß er darin war und zur Flamme werden, und daß dieſe den Stein zum Gott er⸗ waͤrmen und umwandeln werde. Wie fremd reizend, wie mit nichts in der Naͤhe zu vergleichen waren dieſe Zuͤge! Nichts von einem Ungar, von einem Deutſchen, Franzo⸗ ſen, Italiener oder Spanier! Die Königin kannte viel ſchoöne und ausgezeichnete Maͤnner von all dieſen Voͤlkern. Aber ſie hatte noch keinen jungen Mann von aͤhnlicher Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 261 Schoͤnheit geſehen. Der Blick dieſes Auges drang ihr tief in die Seele, und als der Herrliche ſich mit angeborner Sicher⸗ heit und doch holdec, faſt verſchaͤmter Befangenheit vor ihr verbeugte, da ſchlug ſie ſelbſt in ſuͤßer Verwirrung erroͤthend das Auge nieder. Und er ſprach zu ihr; jedes ſeiner Worte klang wie Muſik aus ſeiner Seele herauf und ſchmeichelte ſich in die ihre. Sie haͤtte ihm ſtundenlang zuhoͤren koͤn⸗ nen, und es wuͤrde ihr minutenlang gedeucht haben; ſie haͤtte vielleicht den Sinn ſeiner Worte nicht gefaßt, aber der Klang ſeiner Stimme haͤtte ſie entzuͤckt. Er berich⸗ tete ihr, daß ſein Pflegevater, der Kammerrath Turzoin, von Augsburg zuruͤckgekommen, ſogleich einen Boten an Ihre Majeſtat habe abſenden wollen, und daß er, der Sohn, gebeten habe, ihm die Sendung zu uͤbertragen, damit er Gelegenheit habe, nicht nur der Koͤnigin ſeine Huldigung darzubringen, ſondern auch dem Koͤnige ſeine Ehrfurcht zu bezeigen, deſſen Jugendgeſpiele geweſen zu ſein er das Gluͤck habe. Dabei haͤndigte er ihr Turzoins Brief und die Goldrollen ein, welche die verlangte Summe enthielten. „Ich danke Euch, edler Junker,“ verſetzte die Koͤnigin mit einer Beklommenheit, die ſie noch nie an ſich wahr⸗ genommen hatte.„Es macht mir Freude, daß Euer Vater Eure Bitte gewaͤhrt hat. Ihr nennt ihn Euern Pflege⸗ vater; ſo ſagt mir, welchem edeln Geſchlechte ſeid Ihr ent⸗ ſproſſen?“ „Ich bin nicht von adliger Abkunft, nur der Sohn eines armen vor meiner Geburt verungluͤckten Bergmanns. 262 Dir Sturmvögel zum Bauernkrieg. Auch meine Mutter ſtarb gleich darauf, als ſie mir das Leben gegeben in einer Dorfſchenke, wo Herr Jakob Fug⸗ ger und ſeine beiden Neffen, die Herren Raimund und Marx Fugger, eben auf der Reiſe von Augsburg nach Kremnitz begriffen, ſchlechten Wetters wegen, die Nacht zubrachten. Die Herren Fugger nahmen ſich meiner an. Herr Marx war ein Prieſter und taufte mich, Herr Rai⸗ mund hielt mich uͤber das Becken. Dann brachten ſie mich nach Kremnitz, wo mich Frau Anna Turzoin mit ihrem eignen Kinde ſaͤugte und muͤtterlich erzog.“ „Eines Bergmanns Sohn!“ ſagte die Konigin un⸗ glaͤubig und muſterte noch einmal die Geſtalt des jungen Halbgottes vor ihr, ſah ihm noch einmal in das Auge, und die Ueberzeugung ſtand in ihr feſt: dieſer Juͤngling koͤnne unmoͤglich der Sohn eines gemeinen Arbeiters und eines Weibes aus dem unterſten Volke ſein; ſolcher Adel ſei nimmer das Gepraͤge einer unter dem Druck der Arbeit entgeiſtigten Natur. Ihr Auge war von fruͤhſter Jugend an gewoͤhnt geweſen, Schoͤnes und Edles zu ſehen; war doch an den Hoͤfen ihres Großvaters, ihrer Tante, ihres Bruders und ihrem eignen Alles verſammelt geweſen von der Adelsbluͤthe des Landes, was auf edle Schoͤnheit, An⸗ muth und Geiſt Anſpruch machen konnte. Aber aus die⸗ ſem Auge blitzte ihr ein Geiſt entgegen, den ſie noch nicht kannte, und der ſie mit einer ſeltſamen noch nie empfun⸗ denen Miſchung von Entzuͤcken und Scheu erfüllte. Es war ihr nicht anders, als ſei dieſer Juͤngling die Erſchei⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 263 nung einer andern und hoͤhern Welt, deren Bewohner rei⸗ cher begabt ſeien, als die Kinder des mangelhaften Men⸗ ſchengeſchlechts. Sie vergaß ihm gegenuͤber ihre koͤnig⸗ liche Wuͤrde, eine faſt demuͤthige Befangenheit wandelte ſie an, und doch fuͤhlte ſie ſich zugleich ſelig und ſtolz als Weib, dieſem jungen Koͤnige ſeines Geſchlechts gegenuber. Es war ihr zu Sinne, wie der hohen Himmelskoͤnigin, der hochgebenedeiten Jungfrau, dem Engel gegenuͤber, der ihr ihr unausſprechlich hohes Loos, die Mutter des Welt⸗ heilands zu werden, verkuͤndete, und wie Jene, deren Na⸗ men ſie ja auch fuͤhrte, ſich vor dem Himmelsboten, ſo haͤtte ſie ſich vor dieſem Juͤngling, der ihr auch wie ein Engel erſchien, verbeugen und ſagen moͤgen: Ich bin des Herrn Magd; mir geſchehe, wie Du geſagt haſt. Sie bat ihn, bei ihr zu verweilen und ihr zu erzaͤhlen von ſeiner Kindheit, ſeinem Juͤnglingsalter, von ſeinen Erlebniſſen und Gefuͤhlen, und er gewaͤhrte ſo gern dieſe faſt ruͤhrende Bitte. Es war ihm, als könne er nicht widerſtehen und muͤſſe der holden herrlichen Frau ſein gan⸗ zes Inneres enthuͤllen, wie er es noch vor keinem Men⸗ ſchen blosgelegt hatte. Auch er vergaß gar bald die Koͤ⸗ nigin in ihr, als er auf ihr Erſuchen neben ihr Platz ge⸗ nommen und ſie ihm das Siegel von Mund und Herz geloͤſt hatte. Wie eine freundliche Fee erſchien ſie ihm, der etwas zu verhuͤllen vergeblich ſei, da ſie ja doch ſeine Seele, wie einen an einem Blumenblatte zitternden Thau⸗ tropfen durchſchaue; im Verlaufe ſeiner offenherzigen Plau⸗ 264 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. dereien trat ſie ihm aber geiſtig noch näher. Er fuͤhlte ſich mit ihr ſo nah verwandt; es duͤnkte ihm, als ſei ſie ſeine Jugendgeſpielin geweſen, wie einſt die Schweſter ihres Gemahls, die jetzige Gemahlin ihres Bruders, des Erz⸗ herzogs Ferdinand. Er fuͤhlte ſich nicht fremd, nicht be— engt und befangen, vielmehr ihr gleichgeſtellt, einen Koͤ⸗ nigs ſohn oder ſie als Bergmannstochter. Und er erzaͤhlte ſo reizend von den hohen ſteilen Bergen und den gruͤnen Waäldern darauf, von den Voͤgeln im Wald und den Läm⸗ mern im Thale. Er ſprach mit Begeiſterung vom Berg⸗ mannsleben und beſchrieb ihr die tiefen Schachte und die Arbeit darin, die Gewinnung des Goldes. Leuchtenden Auges und hingeriſſen von der Glut ſeiner Seele, die in die ihrige uͤberſtroͤmte, rief ſie aus:„Ich will die Schachte mit Euch befahren! Ihr ſollt mein Fuͤhrer ſein in den Goldbergwerken.“ Ein ſuͤßer Freudenrauſch kam uͤber ihn bei dieſen ihren Worten, und er verſprach ihr alle Herrlich⸗ keiten von Kremnitz uͤber und unter der Erde zu zeigen. Er war unaus ſprechlich gluͤcklich, ihr einen ſo koͤſtlichen Dienſt erweiſen zu ſollen. Und nun ſtromte ſein ſchoͤner Mund wieder uͤber von entzuͤckenden Berichten aus ſeiner Jugend; er erzählte der mit der ganzen Seele horchenden Koͤnigin von ſeiner lieben Milchſchweſter Regina und von dem poſſirlichen Zigeunerburſchen Toni, und wie ſie zu⸗ ſammen mit den beiden Koͤnigskindern geſpielt, und wieder von ſeinen trefflichen Pflegeeltern und der holden atha⸗ rina, Herrn Raimund Fuggers Ehewirthin, die ihn eben⸗ 5 —— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 265 falls als ihren Sohn betrachte. Natur- und Menſchen⸗ leben, Schoͤnheit und Liebe woben und glaͤnzten wunder— bar durcheinander in dem vielgeſtaltigen Bilde, das er von der berauſchten Hoͤrerin aufrollte; es war alles Poeſie, was er ſprach, und wie reizend ſprach er es! Wie war ſelbſt der Klang ſeiner Stimme poetiſch! Die Koͤnigin verlor ſich mit ihm in den bunten Traͤumen; ſie wurde ſelbſt wieder zum Kinde und lebte ſchnell eine ganze herrliche Jugend mit ihm durch. Raimund erhielt ein paar ſchoͤne Zimmer in der Hof⸗ burg angewieſen und wurde wie ein vornehmer Adliger be— handelt. Die Koͤnigin ließ ihn durch ihren Ceremonien⸗ meiſter dem Könige vorſtellen und begab ſich dann ſelbſt in deſſen Zimmer, um an der Unterhaltung Theil zu nehmen. Koͤnig Ludwig freute ſich kindiſch, ſeinen Jugendgeſpielen wieder zu ſehen, und erinnerte ſich der kleinſten Zuͤge ihres Beiſammenſeins. Beſonders konnte er von den Purzel⸗ baͤumen und den andern tollen Kunſtſluͤcken Toni's nicht loskommen. Ludwig war ein gutmuͤthiger Juͤngling oder vielmehr ein laͤppiſcher Knabe voller Faſeleien und Kin— dereien. Er ſah in Raimund nur den fruͤhen Genoſſen ſeiner Spiele, die er gern jetzt fortgeſetzt haͤtte; die Koͤni⸗ gin hatte andre Augen fuͤr den ſchoͤnen Gaſt. Ihre ploͤtz⸗ lich erwachte Leidenſchaft ſchlug in ſo ſtarken Flammen aus ihrer jungfraͤulichen Seele empor, und ſie war ſo gaͤnzlich von derſelben beſiegt, daß Verſtellung ihr unmoͤg⸗ lich wurde. Sie dachte gar nicht daran, ſich Zwang an⸗ 266 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. zuthun, vielmehr gab ſie ſich ganz und gar dem ihr neuen ſuͤßen Gefuͤhlsrauſch hin, und trunken von Liebe verrieth ſie ſich ihrer Umgebung. Schon am folgenden Tage war es keinem Menſchen am Hofe ein Geheimniß mehr, daß die Koͤnigin in den ſchoͤnen Fremden ſterblich verliebt ſei. Ver— gaß ſie doch Alles uͤber ihn, ſelbſt ihren Eifer fuͤr die Re⸗ formation, und ihre gelehrten und freiſinnigen Freunde ſchienen ploͤtzlich gar nicht mehr fuͤr ſie vorhanden zu ſein. Sie lebte gleichſam nur in Raimunds Nähe, ſie hatte nur Augen fuͤr ſeine Schoͤnheit, nur Ohren fuͤr die Muſik ſei⸗ ner Rede, ſie dachte nur daran ihn zu erfreuen und zu un— terhalten. Wenn ſie nicht mit ihm zuſammen war, muß⸗ ten ihre Frauen ihr nur von ihm erzählen; ihre Traume waren von ſeinem Bilde in den reizendſten Wandlungen und Beziehungen zu ihr ausgefuͤllt. So verſtrichen ihr Tage wie Stunden im Wonnetaumel der jungen friſchen Leidenſchaft. Raimund wurde wie ein Verwandter des jungen Koͤnigspaars behandelt; die Koͤnigin veranſtaltete eine kleine Jagd, wozu nur einige Hofjunker gezogen wur— den, eine Waſſerfahrt auf der Donau, ein Pferderennen, dann ließ ſie ſich von ihm vorleſen, aber nichts als ſuͤße Liebesgeſchichten, und immer erſchien er ihr dabei wie der Liebesgott ſelbſt. Er mußte endlich abreiſen; ſie durfte ihn nicht laͤnger zuruͤckhalten, die Hofherren ſpoͤttelten ſchon uͤber ihre ungezuͤgelte Leidenſchaft. Doch als er fort war, gewahrten die aufmerkſamen Augen am Hofe bald getruͤbte, ja verweinte Augen der Koͤnigin; ſie wurde ſtill und blaß, Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 267 ſie ſah täglich mehr abgehaͤrmt aus, und ihre Frauen furch⸗ teten, ſie werde tiefſinnig werden. Einige Wochen hielt ſie es aus; dann aber fand ſie eine Reiſe nach Kremnitz fuͤr noͤthig, um uͤber die Anleihe mit dem Fuggerſchen Hauſe und uͤber den neuen Finanzplan perſoͤnlich mit dem Oberbergrath Turzoin zu unterhandeln. Obgleich der Win⸗ ter vor der Thuͤre war, ließ ſie ihren Beſuch nach Kremnitz melden und trat gleich darauf mit einem moͤglichſt kleinen Gefolge die Reiſe dorthin an. Zwölftes Kapitel. Die Kunde von Raimund Mohrs Gluͤck bei der Koͤni⸗ gin hatte ihm nach bald den Weg in das turzoinſche Haus gefunden, und wenn dies nicht der Fall geweſen ware, ſeine Pflegeaͤltern wuͤrden aus ſeiner begeiſterten Beſchrei⸗ bung ſeiner am Hof erfahrenen Behandlung, aus ſeinem Erroͤthen und Stammeln, wenn er der Koͤnigin erwaͤhnte, aus ſeinem traͤumeriſchen Weſen und der ganzen auffal⸗ lenden Veraͤnderung, die mit ihm vorgegangen war, die Wahrheit leicht errathen haben. Die ſchoͤne liebenswuͤr⸗ dige Koͤnigin haͤtte kaum ihre ploͤtzlich ſo heftig erwachte Neigung zu dem Juͤnglinge ſo offen zu zeigen gebraucht, um einen ſtarken Eindruck auf Raimunds keuſches unbe⸗ huͤtetes Herz zu machen, aber daß er ſie liebte, wußte er ſelbſt nicht. Nicht wie ihrer Leidenſchaft zu ihm, war er ſich der Neigung zu ihr bewußt. Auch war dieſe mehr ein träumeriſches Inſichſelbſtverſunkenſein, als der gluͤhende Ausbruch einer ſtuͤrmiſchen Empfindung. Man ſah ihn nur einſam auf wenig betretenen Gebirgspfaden gehen; Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 269 auch zu Hauſe achtete er wenig auf ſeine Umgebung, und wenn man ihn anredete, erwachte er wie aus tiefem Sin⸗ nen, und ſeine Augen ſtanden voll Thränen. Am ſchmerz⸗ lichſten empfand es ſeine Milchſchweſter Regina, daß er ſie vernachläſſigte. Regina war zu einer holden Blume emporgebluͤht. In ihrem braunen Auge lag ein tiefes ſin⸗ niges Geheimniß, welches Allen verſchloſſen blieb. Sie war ernſt und ſtill, und im froͤhlichen Kreiſe ihrer Geſpie⸗ linnen ſprach ſie gewiß am wenigſten und ſtimmte dem heiteren Lachen derſelben hoͤchſtens mit einem halbwehmuͤ⸗ thigen Lächeln bei. Wenn aber Raimund plötzlich ihrem Blick begegnete, belebte ſich ihr Auge in mildſchöner Weiſe und eine ſanfte Roͤthe beruͤhrte ihre Zuͤge. Ihr Auge ver⸗ folgte ihn, ihr Buſen hob ſich leiſe; fuͤr ihn hatte ſie mehr Worte, ihn erfreute ſie gern mit einer ſinnigen Gabe, einer Blume, einer Frucht oder einer Schoͤpfung ihrer Hand. Sonſt aber war Alles unter ihnen, wie unter Geſchwiſtern, und Raimund liebte die ſanfte Regina mit der zärtlichſten Bruderliebe. Deshalb ſah er auch jetzt nicht den Thrä⸗ nenſchimmer in ihrem Auge, wenn er ihr mit begeiſtert be⸗ redter Zunge von der Königin erzählte: wußte Regina doch ſelbſt nicht, weshalb ſie das wehmuͤthig ſtimmte. Die Aeltern hatten ſchon lange den Wunſch gehegt, daß Raimund und Regina ein gluͤckliches Ehepaar werden moͤchten, und da der alte Jakob Fugger und Raimund Fugger und deſſen Ehewirthin Katharina denſelben Wunſch hatten, ſo ſah man in der ganzen Familie und ihrer Um⸗ 270 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. gebung eine ſolche Verbindung der Kinder als eine ausge⸗ machte Sache an. Beide waren mit dieſem Plane der Ihrigen bekannt, es war ja oft und viel in ihrem Beiſein davon die Rede geweſen; man betrachtete ſie als fuͤr ein⸗ ander beſtimmt und ihnen ſelbſt fiel nicht bei, einen Zwei⸗ fel in dieſe Beſtimmung zu ſetzen. Niemand dachte daran, daß es anders werden koͤnnte, am wenigſtens ſie ſelbſt. In dieſe ſtille Behaglichkeit des Familiengluͤcks brachte Rai⸗ mund nach ſeiner Ruͤckkehr von Ofen die erſte Verſtim— mung. Alle fuͤhlten ſie, Niemand gab ihr Worte. Die Ankunft der Koͤnigin brachte im Turzoinſchen Hauſe eine große Aufregung hervor und ſchien den hier aufge— tauchten Schatten zu verdraͤngen. Zwar wohnte die hohe Frau nicht in des Oberbergraths Hauſe, ſondern im koͤnig⸗ lichen Schloſſe. Da aber Turzoin einer der vornehmſten Maͤnner in der Stadt war, und ihm— wenigſtens dem Anſchein nach— ausſchließlich der Beſuch galt, ſo betrach⸗ tete er natuͤrlich die jugendliche Herrin als den ſeinigen, und er hatte in ſeinem Hauſe die Veranſtaältung getroffen, die Koö⸗ nigin darin wuͤrdig zu empfangen und zu bewirthen. Die reizende fuͤrſtliche Frau gewann bei ihrem Erſcheinen in der ſie mit Jubel begruͤßenden Bergſtadt durch natuͤrliche An⸗ muth und Freundlichkeit ſchnell alle Herzen. Sie hatte nicht nur fuͤr die Behoͤrden und vornehmen Familien, die ſich ihr vorſtellen ließen, ſie hatte fuͤr die Geringſten und Aermſten, die ihr nahten, theilnehmende gemuͤthliche Worte und huldreiche Blicke, ja, wenn ſie durch die Straße ritt, Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 271 — nickte ſie allen, ſelbſt den Kindern, freundliche Gruͤße zu. Ihre vom Strahl ſolcher ſuͤßen milden Anmuth verklärte Schoͤnheit haͤtte allein ſchon alles Volk der Bergſtadt fuͤr ſie begeiſtern muͤſſen. Und wie war dieſe Schoͤnheit jetzt, da ſie liebte, da ſie den Juͤngling ihrer Liebe wieder ge⸗ ſehen, einer in hoͤchſter Vollendung, im vollſten Liebreiz erbluhten praͤchtigen Roſe gleich! In dem Augenblick, als Rai⸗ mund Mohr den wonnefeuchten Blick in ihr liebedurſtendes Auge tauchte, als er erroͤthend und verwirrt die weiche Oberflaͤche ihrer dargebotenen Hand mit ſeinen heißen Lip⸗ pen beruͤhrte, trat der Stern ihres Lebens in ſein Zenith und der waͤrmſte ſüßeſte Fruͤhlingshauch ihrer Jugend goß den reichſten Zauber der Bluͤthenpracht uber ſie aus. Die Familie Turzoin war bei dieſer Scene gegenwaͤrtig, und der Oberbergrath Georg las im Auge der Koönigin die Beſtä⸗ tigung der zu ihm gedrungenen Kunde, und er wurde da⸗ von ſchmerzlich beruͤhrt. Noch ſchmerzlicher aber verwun— dete der auf Raimund gerichtete ſelig teunkene Blick Maria's die demuͤthig und ſtill neben ihrem Milchbruder ſtehende Regina. Zum erſten Mal nahm die ſinnige edle Jungfrau wahr, daß auch ein anderes Weib ein Auge fuͤr ihren geliebten Jugendgeſpielen hatte, und welch ein Auge, und welch ein Weib! „Nun moͤgt Ihr mir alle die ſchoͤnen Plätze uͤber und unter der Erde zeigen, von denen Ihr mir ſo begeiſtert ge⸗ ſprochen,“ ſagte die Koͤnigin zu Raimund.„Ich werde mich Euerer Fuͤhrung anvertrauen und keins Tauſchung 272 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. erleben. Denn die Menſchen, die Ihr ſo ſehr liebt, von denen Ihr eben ſo geliebt werdet, und die Ihr mir als ſo ausgezeichnete und herrliche geſchilbert habt, ich habe ſie wirklich Euerer Beſchreibung treu gefunden. Ihr habt keins der Eurigen bei mir zu ſehr geprieſen, ſelbſt die holde Regina nicht, und es wäre Euerem dankbaren Herzen doch zu verzeihen geweſen, wenn Ihr die Farben zu ſtark auf⸗ getragen hättet.“ Dieſe, der Familie Turzoin gemachte Schmeichelei war die Einleitung zu einer Unterredung der Koͤnigin mit dem Oberbergrath unter vier Augen, worin er noch andere uͤberraſchende Dinge zu hören bekommen ſollte. „Der König,“ ſagte die hohe Frau mit ſtark zur Schau getragenen Wuͤrde, hinter welcher ſie ihre Befangenheit verbarg,„iſt Euch dankbar fuͤr die Freude, die Ihr ihm bereitet habt, indem Ihr Eueren Pflegeſohn als Boten an den Hof ſchicktet, und er hat ſo viel Freude an ſeinem Jugendgeſpielen gefunden, daß er denſelben ſtets in ſeiner unmittelbaren Nähe zu haben wuͤnſcht. Seine Gnade hat ſich deshalb bewogen gefunden, ihm den ungariſchen Reichsadel zu verleihen, und er ſtellt es Euch frei, Euerem Pflegeſohn Euern Famliennamen zu geben, außerdem wird er ſelbſt den Namen eines altungariſchen ausgeſtorbenen Adelsgeſchlechts auf den wieder von neuem liebgewonnenen 3 k Jugendfreund ubertragen und ihn zu ſeinem oder meinem Kammerherrn ernennen. Der Koͤnig und ich ſelbſt bitten Euch um Eüere baldige Entſcheidung.“ — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 273 „ Dieſer Antrag kam dem Oberbergrath ſo unerwartet, daß er faſt daruͤber beſtuͤrzt war.„Die Gnade Sr. Ma⸗ jeſtät fuͤr meinen Pflegeſohn iſt mir allerdings hoͤchſt ſchmei⸗ chelhaft und gibt mir einen neuen Beweis der koͤniglichen wohlwollenden Geſinnung fuͤr mein Haus,“ erwiederte er öfter ſtockend;„doch moͤge mir Ew. Majeſtaͤt nicht ungnädig vermerken, wenn ich mich nicht, hohem Befehl gemaͤß, ſogleich darauf beſtimmt erklären kann. Raimund Mohr iſt mir als ein kurz vorher geborenes Kind von meinem Oheim Herrn Jakob Fugger und von meinem Schwager Herrn Rai⸗ mund Fugger, welcher zugleich Pathe und natuͤrlicher Vor⸗ mund deſſelben iſt, zur Erziehung uͤbergeben worden, allein beide haben ſich ihr Recht auf ihn vorbehalten, uͤber ſeine Lebensbeſtimmung das Nöthige zu verfuͤgen, und ich kann alſo, ohne offenbare Verletzung dieſes vorbehaltenen Rechts in dieſer Beziehung nicht eigenmächtig und willkuͤhrlich uͤber den Juͤngling verfugen.“ Das Auge der Koͤnigin hatte ſich etwas verfinſtert. „Weder Ihr, noch die Herren Fugger in Augsburg koͤnnen dem Koͤnige von Ungarn ſein gutes Recht ſtreitig machen, einem in ſeinem Lande geborenen Unterthan den Adel zu verleihen und ihn mit einem Hofamte zu begnadigen.“ „Ich zweifle nicht, daß die Herren Fugger die Gnade des Königs zu ſchätzen wiſſen werden, wie ich ſelbſt, und doch koͤnnten ſie Gruͤnde haben, anders uͤber Raimund Mohrs Zukunft zu verfuͤgen. Ja, es ware ſogar nichts Ein deutſcher Leinweber. VII. 8 2745 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. vitiche daß ihr Wille in dieſer Hinſicht von einer andern Seite, von andern Perſonen gebunden wäre.“ „Das heißt mit andern deutlichen Worten,“ antwor— tele die Königin mit Empfindlichkeit und Spott,„Rai⸗ mund Mohr iſt nicht der Sohn eines armen verungluckten Bergmanns, wie man ihm und Andern glauben gemacht hat, und es beduͤrfte wohl nicht erſt der Gnade des Königs, ihn in den Adelſtand zu verſetzen.“ „Ew. Majeſtät— dieſer Schluß— meine Ehrfurcht erlaubt mir nicht“— ſtammelte der Oberbergrath erſchro⸗ cken und erbleicht. Die Koͤnigin fixirte ihn ſcharf mit den Augen. „Euere Verwirrung beſtätigt nur meinen Argwohn. An dieſem Juͤngling iſt jedenfalls ein großes Unrecht, wenn nicht gar ein großes Verbrechen begangen worden, um ſo mehr wird ſich der Koͤnig beſtreben, ihn, den er liebt, da⸗ gegen zu ſchuͤtzen, auf die Enthuͤllung ſeiner Geburt zu dringen und ihn in die Rechte derſelben wieder einzuſetzen. Und dazu wird es nöthig ſein, daß Raimund Mohr ſich unverzuͤglich unter den Schutz des Koͤnigs ſtellt. Er wird mir daher in meinem Gefolge nach Ofen folgen, und ich erwarte von Euch, daß Ihr dieſem meinem Willen und Befehle nichts entgegenſetzt.“ Die Königin hatte in ihrem Eifer vergeſſen, daß der Zweck ihrer Reiſe der Abſchluß des Anlehens bei dem Hauſe Fugger und die Gewinnung des Oberbergraths von Tur⸗ zoin fuͤr die neue Finanzverwaltung des Koͤnigreichs ſei, Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 275 wenigſtens ſcheinen muͤſſe, und erſt als ſie zur Ueberlegung kam, war ſie nicht ohne Beſorgniß, zu weit gegangen zu ſein. Sie zeigte ſich deshalb gegen die Familie ungemein gnädig und lud, um den boͤſen Schein zu entfernen, als beabſichtige ſie mit Raimund allein die Bergwerke zu be⸗ ſuchen, Regina freundlich ein, ſie auf ihren Ausfluͤgen zu begleiten. Inzwiſchen hatte ſie durch ihr leidenſchaftliches Auftreten dem Oberbergrath gegenuͤber ihren Geldangele— genheiten nichts weniger als geſchadet. Turzoin, aͤngſtlich und unſicher, hoffte durch ein bereitwilliges und uberſchweng⸗ liches Entgegenkommen in der Hauptſache die hohe Frau in der Nebenſache nachgiebiger zu ſtimmen, daß ſie ihm wenigſtens ſo lange Zeit goͤnne, bis er daruͤber des alten Jakob Fugger Beſcheid eingeholt habe. Daneben bot er Alles auf, um die Koͤnigin zu ehren und ihr den Aufent⸗ halt in Kremnitz angenehm zu machen. Was den letztern Punkt betraf, ſo war ſie durch Raimunds Begleitung mehr als befriedigt; das Gluͤck, welches ſie durch ſeinen Anblick und ſeine Unterhaltung genoß, ſtrahlte ihr aus den Augen, tönte aus jedem ihrer Worte. Ein Umſtand kam hinzu, Oel in die Flamme der Koͤnigin zu gießen. Als ſie näm⸗ lich eines Tags mit Raimund und Regina einen Schacht befahren wollte, hatten ſich wie gewöhnlich die Knappen deſſelben aufgeſtellt und empfingen ſie mit ihrer Muſik. Raimund, in der ſchmucken Tracht eines Bergoffiziers, die ihm ungemein gutſtand, trat zum Oberſteiger, um ihm einen Befehl zu geben. Da hoͤrte die Koͤnigin die weh⸗ 18* 276 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. muͤthig klingenden Worte des alten Bergmanns:„Iſt es wahr, daß Ihr ein Page der Koͤnigin werden und uns verlaſſen wollt?“ „Der Koͤnig befiehlt es, und ich muß gehorchen,“ ver⸗ ſetzte Raimund achſelzuckend. „Aber weshalb fragſt Du?“ fragte der Juͤngling verlegen. „Bin ich zu Deinem Gluͤck und Wohlbefinden noth⸗ wendig?“ „Zum meinigen und zu Aller, zum Gluͤck der Herren und der Knappſchaft und vorzuglich zum Gluͤck des Berg⸗ ſegens. Niemand weiß beſſer als ich, was es mit Euch fuͤr ein Bewandtniß hat. Verlaßt Ihr uns, ſo iſt's mit dem Segen der Berge vorbei.“ „Glaube doch die tollen Marchen nicht!“ ſagte Rai⸗ mund unwillig. „Was ich weiß, laß ich mir nicht ausreden,“ verſetzte der Oberſteiger und trat zuruͤck.* Die Neugierde der Koͤnigin ward durch die wenigen Worte dieſes Bergmannes auf's Hoͤchſte gereizt. Sie war kaum wieder im Schloſſe angelangt, als ſie einem ihrer Pagen befahl, den alten Oberſteiger heimlich fuͤr den Abend zu ihr einzuladen. Er erſchien zur beſtimmten Stunde.„Lieber Alter,“ redete ihn die Koͤnigin freund⸗ lich an,„Ihr ſcheint es eben ſo wenig gern zu ſehen, wie Herr von Turzoin, daß Raimund Moht in die Dienſte des Koͤnigs tritt.“ „Das kann der Herr Oberbergrath ſo wenig, wie jeder Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 277 ehrliche Bergmann, der es aufrichtig mit den Herren Fug⸗ ger und mit der Arbeit meint.“ „Ich moͤchte gern erfahren, wie Ihr das verſteht. Wenn Eure Gruͤnde ſtichhaltig ſind und ich uͤberbringe ſie dem Koͤnig, ſo nimmt er vielleicht darauf Ruͤckſicht. Weshalb muß der Oberbergrath und jeder ehrliche, auf den Vortheil der Herren Fugger bedachte Bergmann wuͤnſchen, daß der junge Mann hier bleibt?“ „Weil der reiche Bergſegen an ſein Hierſein gebun— den iſt.“ „Der reiche Bergſegen an ihn!“ rief die Koͤnigin er⸗ ſtaunt.„So meint Ihr die Goldadern werden nicht ſo ergiebig fließen, wenn er fort iſt.“ „So iſt's. Er hat das Gluͤck gebracht, er nimmt es wieder mit.“ „Aber aus welchem Grunde glaubt Ihr das? Seid aufrichtig gegen mich; es ſoll Euer Schade nicht ſein. Entdeckt mir Alles offen.“ „Nun ſeht, Frau Koͤnigin, das iſt eine ſeltſame Ge⸗ ſchichte, und vornehme Leute glauben nicht an derlei Dinge; wir geringen Leute wiſſen aber, daß ſie wahr ſind und er⸗ fahren es taͤglich.“ „Erzaͤhlt mir die ſeltſame Geſchichte von Raimund Mohr; ich werde nicht an ihrer Wahrhaftigkeit zwei⸗ feln.“ „Es iſt gar nicht viel zu erzählen. Man ſagt, der Raimund ſei der Sohn eines armen verungluͤckten Berg⸗ 278 Die Sturmvogel zum Bauernkrieg. manns. Damit hat's aber ſeinen Haken. Wir wiſſen das beſſer. Ein armes Bergmannskind waͤre in dem vor⸗ nehmen Hauſe nicht alſo herrlich gepflegt worden, wie ein Prinz. Aber mit ſolcher Pflege iſt dem jungen Herrn nur ſein Recht widerfahren.“ „So meint Ihr, er ſei wirklich ein Prinz?“ „Das iſt er auch, Frau Koͤnigin, und noch mehr als das iſt er.“ „Noch mehr als ein Prinz? Wie iſ das moͤglich?“ „Er iſt mehr als ein gewöhnti Prinz. Kein ge⸗ woͤhnlicher Prinz, und wenn 8 der Koͤnig ſelbſt waͤre, haͤtte dem fuggerſchen Bergbau ſolchen erſchwenzuch Segen zu Wege bringen koͤnnen. An dieſen Prinzen iſt aber die Goldader gebunden, und wenn er aus dem Bau entfernt wird, wird ſie ſchwaͤcher werden oder gar auf⸗ hoͤren.“ „Nun ſagt mir endlich, wer dieſes merkwuͤrdigen Prin⸗ zen Vater iſt?“ Der Bergmann legte ſein erdfahles altes Geſicht in geheimnißvolle Falten, trat noch einen Schritt naͤher an die Koͤnigin und fluͤſterte ihr mit gedruͤckter Stimme zu, gleichſam als fuͤrchte er gehoͤrt zu werden:„Sein Vater iſt der Bergkoͤnig ſelbſt, der maͤchtige Berggeiſt und Fuͤrſt des Goldes im Kremnitzer Gebirge. Und ſeine Mutter war die wunderſchoͤne Zigeunerkoͤnigin, die ich gar wohl gekannt habe. Sie war ſonſt oͤfter hier und beſuchte nicht ſelten die Gruben. Da hat ſie der Bergfuͤrſt geſehen; Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 279 denn er wandelt immer und meiſt dem menſchlichen Auge unſichtbar, durch die Baue mit ſeinen Dienern, den Gno⸗ men. Die Frucht ſeiner Liebe hat er dann dem Herrn Jakob Fugger zur Erziehung gegeben. Ich weiß noch, es iſt mir als waͤren's kaum ein paar Monden, als die Zi— geunerprinzeſſin, ſeine Mutter, den Raimund nach Krem⸗ nitz brachte. Der Herr Jakob Fugger und zwei ſeiner Nef⸗ fen waren dabei. Es ging Alles ganz geheimnißvoll zu, und die junge Frau von Turzoin legte das Kind an ihre Bruſt neben ihr eigens. Von jenem Tage ſchreibt ſich der erſtaunliche Reicht der Goldminen. Vor dem Fäuſtel des Knaben ſprangen die Leznieren aus dem Geſtein. Und je aͤlter das Kind wurde, deſto mehr vergroͤßerte ſich die Ausbeute der Berge, und im turzoinſchen Hauſe war lau⸗ ter Gluͤck und Segen. Und als er nun als Offizier in die Gruben trat, da konnte man's erſt recht merken, was er zu bedeuten hatte. Alle Berageiſter waren heimlich zu ſeinem Dienſt und trugen ihm zu, was ihn nur erfreuen konnte. Der Bergfuͤrſt liebt ihn mit großer Zaͤrtlichkeit; das wiſſen alle Knappen und viele andere Leute, und manche haben ſogar den Bergkoͤnig mit ſeinem Sohne zaͤrtlich verkehren ſehen. Bedenkt nun ſelbſt, wie uͤbel es der maͤchtige Berggeiſt vermerken wuͤrde, wenn man ſeinen geliebten Sohn von ihm entfernte!“ Die Fönigin war von dieſem unerwarteten Aufſchluſſe ungemein ergriffen und aufgeregt. So aufgeklaͤrt in Sa⸗ chen des Glaubens ſie auch war, in Sachen des Aberglau⸗ 280 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. bens war ſie von den Anſichten und Einfluͤſſen ihrer Zeit befangen und beherrſcht, denen ſich ja ſelbſt Luther nicht entziehen konnte. Es kam ihr kein Gedanke von Zweifel an der Wahrheit der vernommenen Erzaͤhlung in die Seele, ſie war vielmehr ſogleich feſt uͤberzeugt, daß ihr nun der Schluͤſſel fur die fremdartige außerordentliche Schoͤnheit und das ungewoͤhnliche Weſen des Juͤnglings geliefert worden ſei. Raimund war der Sohn der Bergkoͤnigs, das erklaͤrte Alles. Aber ihre Gefuͤhle fur den reizenden Juͤngling wurden durch die Kunde von ſeiner myſterioͤſen Abſtammung in ein hoheres Stadium getrieben. Es war nicht mehr ein gewoͤhnlicher Sterblicher, dem ihre Seele voll junger unentweihter Glut entgegenſtrebte, es war der Sohn eines geheimnißvollen Naturweſens, denen hoͤhere Kraͤfte zu Gebot ſtehen, als dem Menſchen, und es war mehr als wahrſcheinlich, daß manches von dieſen Kraͤften, wenn auch in verminderter Starke oder nur im Abglanz, nichtsdeſtoweniger aber die Schranken der Menſchennatur uberſchreitend, auf ihn ubergegangen ſei und jenen Zau⸗ ber erzeugt und von ihm ausgehen ließ, dem die hohe Frau nicht zu widerſtehen vermocht hatte, ja, dem ſie ſich ſo ganz hinzugeben gezwungen ſah, daß die heißen und nar⸗ kotiſch duftenden Wogen der gegen ſie heranſtuͤrmenden Leidenſchaft ihr ſchon uͤber dem Haupte zuſammenſchlugen. Fand ſie nicht in dem ihr nun erklärten Zauber die beſte Entſchuldigung fuͤr ihre Leidenſchaft? Als ſie den Oberſteiger mit einem Geſchenk entlaſſen —. — Se — ————— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 281 wollte, den ihre Freundlichkeit ſo beredt gemacht hatte, naͤherte er ſich ihr noch einmal und ſagte mit treuherziger Vertraulichkeit:„Ich will Euch noch etwas entdecken, gnaͤdige Frau Koͤnigin. Die Zigeuner haben immer fort gute Nachfrage nach Raimund gehalten und gleichſam Auf⸗ ſicht uͤber ihn gefuͤhrt, als den Sohn ihrer Koͤnigin, obgleich ſie das niemals unſer Einem eingeſtanden. Selten iſt ein Jahr vergangen, daß ſie nicht entweder ſelbſt da waren, oder einen Boten ſchickten, um ſich nach dem Befinden des jungen Prinzen zu erkundigen. So iſt den gerade auch jetzt wieder ein ſolcher Bote hier, mit dem es eine beſondere Bewandtniß haben muß. Ein Zigeuner iſt er ſicherlich nicht, aber abgeſchickt iſt er gewiß von ihnen, und er muß irgend einen wichtigen Auftrag an Raimund haben.“ „Woraus ſchließt Ihr das?“ „Er iſt ganz heimlich geſtern oder vorgeſtern hier an⸗ gekommen auf einem wunderſchoͤnen Pferde„wie es wohl ſchwerlich in Ungarn viele gibt. Er iſt in einer armſeligen Herberge vor dem Thore eingekehrt, und der Hausknecht, den ich kenne, ein alter Huſar, ſagte mir, das Pferd ſei ein arabiſches, und der Koͤnig ſelbſt habe kein ſolches. Auch ſchoͤne Kleider hat er, aber der Hausknecht hat ihm Rock und Hut eines gemeinen Mannes kaufen muͤſſen, und die⸗ ſer hat bei dieſer Gelegenheit bemerkt, daß der Fremde viel Geld hat. In dem gekauften Anzuge kam er nun geſtern mit dem Hausknecht zu mir und bat mich, ihm eine Un⸗ terredung unter vier Augen mit Raimund Mohr zu 282 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. verſchaffen, da er demſelben Dinge von Wichtigkeit mitzu⸗ theilen habe. Solches habe ich nun Herrn Raimund ge⸗ meldet, und es iſt ausgemacht worden, daß ſie dieſen Abend in meinem Haͤuschen zuſammenkommen wollen. Hinter dem Fremden ſteckt etwas ganz Beſonderes: man ſieht's ihm gleich an. Er ſieht ſehr vornehm aus wie ein großer Herr, nur hat er mehrere garſtige braune Flecken im Ge⸗ ſicht— es ſind ohne Zweifel Muttermale— die ihm ein ſeltſames Anſehen geben. Er ſpricht fremdartig und ſagte mir ſelbſt, er komme ſehr weit her und ſei ſchon, ſo jung er noch iſt, die halbe Welt durchreiſt.“ „Hoͤrt,“ ſagte die Koͤnigin nach einigem Nachdenken, „iſt es nicht moͤglich, in irgend einem Verſteck in Euerm Hauſe dieſe Unterredung zu belauſchen? Ich wuͤrde ein paar von meinen Frauen dorthin ſchicken; denn es liegt mir viel daran, zu erfahren, was der Fremde dem Rai⸗ mund Mohr zu ſagen hat. Ihr wuͤrdet Eurer Koͤnigin dadurch eine große Gefälligkeit erweiſen, und ich wuͤrde mich Euch dafuͤr dankbar bezeigen.“ „Ich kenne meine Pflicht, die Befehle der Frau Koͤni⸗ gin zu reſpectiren.“ „So kommt, wenn es dunkel geworden iſt, um meine Frauen heimlich in Eure Wohnung zu fuͤhren.“— Die Koͤnigin konnte kaum den Abend erwarten, ſo aufgeregt war ſie. Sie warf ſich mit ihrer vertrauten Kammerfrau in die unſcheinbaren Kleider einer gewoͤhn⸗ lichen Buͤrgerin und verhuͤllte das Haupt mit dunkeln 3 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 283 Schleiern. Zur beſtimmten Zeit erſchien der Bergmann und fuͤhrte die beiden Frauen ſchweigend durch die Stadt in ein kleines Haus am Abhang eines der Berge, die das Thal umſchloſſen. Hier verſteckte er ſie in die Kuͤche, von wo ſie durch ein kleines verhaͤngtes Guckfenſter die Stube uͤberſehen konnten. Dann ließ er ſie allein und verſchloß die Kuͤche. Bald darauf trat der Fremde in die Stube und legte Hut und Mantel ab. Eine Haͤngelampe er— hellte ſeine Zuͤge und Geſtalt nur nothduͤrftig. Es war Martin, der geheimnißvolle Abenteurer. Unruhig maß er das kleine Gemach mit ſeinen Schritten, bis die Angel der Thuͤr wieder knarrte, und Raimund raſch in das Zimmer trat. Mit edlem Anſtand ging er auf Martin leicht gruͤ⸗ ßend los und ſagte:„Ihr ſeid der Fremde, der mich heim⸗ lich zu ſprechen wuͤnſcht?“ i „Wer ſeid Ihr, und was habt Ihr mir zu ſagen?“ „Die erſtere Frage kann ich Euch nicht ſogleich beant⸗ worten. Erſt muß ich hoͤren, wie Ihr meine Mittheilun⸗ gen aufnehmt. Doch vorlaͤufig darf ich Euch auf Ehren⸗ wort verſichern, daß ich Euer Freund und in der beſten Abſicht fuͤr Euer Wohl aus Spanien hierher gereiſt bin. Ganz allein Euretwegen. Es waͤre mir lieb, wenn Ihr dieſer meiner Verſicherung Glauben ſchenken wolltet.“ „Ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln. Doch gebt mir Beweiſe fuͤr Eure Behauptung. Ich kenne Euch 284 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. nicht, habe Euch nie geſehen. Woran ſoll ich Euch als meinen Freund erkennen?“ „Ich koͤnnte Euch dieſen koſtbaren Ring als Beweis meiner Sendung an Euch darbieten, als Beweis, welche maͤchtige und hohe Perſonen ſich fuͤr Euch intereſſiren, aber Ihr ſeid zu jung, um den Ring zu kennen, Ihr verſteht die Schrift nicht, die ihm eingegraben iſt. Aber ſo viel koͤnnt Ihr wiſſen, daß nur Koͤnige und Fuͤrſten ſolche Ringe zu tragen pflegen. Ich will lieber ein paar Fragen an Euch richten, und bitte Euch ſie mir wahr und aufrichtig zu be⸗ antworten. Fuͤhlt Ihr Euch heimiſch und gluͤcklich in dieſem engen Thale, in dieſer kleinen Stadt, in dem ſtillen Hauſe, in welchem Ihr aufgewachſen ſeid? Hat Euch nie⸗ mals ein dunkles, aber heftiges Gefuͤhl von Unmuth oder Unbehaglichkeit in Euern Verhältniſſen beſchlichen? Iſt nicht zuweilen die Ahnung in Euch aufgewallt, als ſei die⸗ ſes Leben in den Bergen und in dem Hauſe Eurer Pflege⸗ eltern zu dunkel, zu beſchränkt, zu eng und klein fur Euch? Schoß nicht zuweilen plötzlich die Ueberzeugung in Euch auf, daß Ihr zu einem beſſern Looſe, zu einem buntern bewegten Leben, zu Macht und Groͤße geboren ſeid? Habt Ihr bei allem haͤuslichen Gluͤcke Euch doch in einſamen Stunden der ſich Euch aufdringenden bittern Empfindung nicht entſchlagen koͤnnen, als ſeid Ihr doch fremd in die⸗ ſem Hauſe? Hat Euch nicht eine unbeſiegbare Traurigkeit beſchlichen, auf immer in dieſe Schachten, in dieſes Haus gebannt zu ſein?“ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 285 Raimund hielt den Blick ſtarr auf den Sprecher ge⸗ richtet, etwa wie auf ein Geſpenſt oder ein zauberhaftes Ungeheuer, und je weiter Jener ſprach, deſto mehr erblaßte er, deſto ſtaͤrker zitterte er. Endlich ſprach er mit hohler, bebender, abgeſpannter Stimme:„Um der heiligen Jung⸗ frau willen, wer hat Euch die Macht verliehen, mir die geheimſten Gedanken und Gefuͤhle aus der Seele zu leſen, die ich niemals einem menſchlichen Weſen offenbart habe? Seid Ihr einer jener hoͤher begabten Geiſter, die ſich der Allwiſſenheit ruͤhmen duͤrfen? Seid Ihr von Gott oder —“ Er ſprach das Wort nicht aus; die Stimme verſagte ihm. Er wankte und lehnte ſich, wie aller Kraft beraubt, an die Wand. „Dieſe geheimnißvollen Stimmen in Euch ſind die beſten Buͤrgen fur mich,“ fuhr Martin ruhig und laͤchelnd fort.„Sie ſind wahr. Ihr ſeid nicht fur dieſe finſtern Goldgruben, aus welchen die Fugger Schätze holen, und in die ſie den koſtbarern Schatz Eures jungen Lebens vergra⸗ ben, Ihr ſeid nicht fur dieſes ſtille friedliche Haus geboren. Ein andres, ein leuchtendes und glaͤnzendes Schickſal war Euch beſtimmt, als ſich der Keim Eures Lebens im Schooße Eurer Mutter entwickelte. Habt Ihr nie an die Mög⸗ lichkeit gedacht, daß Alles, was man Euch uͤber Eure Ab⸗ ſtammung, uͤber Eure Eltern geſagt, erlogen ſei, um Euch in ein dunkles Loos hinabzudrucken? Hatte der junge Ad⸗ ler unter dem Huͤhnervieh des Hofes nicht das Gefuhl 286 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ſeiner eigenthuͤmlichen ihm angeſtammten koͤniglichen Natur?“ „Ja, ja, bei allen Heiligen! ſo iſt's!“ rief jetzt Rai⸗ mund, der ſich vom Schrecken erholt und von der Ohn⸗ macht ſchnell zur uͤberſprudelnden Kraft uͤbergeſprungen war.„Nicht wahr, mein Vater war kein armer Berg⸗ mann? Und meine Mutter—“ „Eure Mutter lebt, Euer Vater lebt. Ich bin der Bote Eurer Mutter an Euch. Dieſer koſtbare Ring iſt das Eigenthum Eurer Mutter. Geht Euch daraus nicht die Ahnung auf, welch' eine maͤchtige Frau ſie iſt? Nun denn, Eure Mutter läßt Euch ſagen: komm zu mir, mein geliebter Sohn! Mein Herz ſehnt ſich nach Dir! Folge unverzuͤglich dieſem meinen Boten. Er wird Dich ſicher in meine Arme leiten, und hier findeſt Du ein Deiner wuͤrdiges Loos. Hier ſollſt Du Alles erfahren. Eile, eile; denn ich erwarte Dich ſehnlichſt.— Wollt Ihr dem zärt⸗ lichen Rufe Eurer Mutter Folge leiſten?“ „Mir ſchwindelt,“ ſagte Raimund faſt traurig und mit einem Tone voll Angſt und Beklommenheit.„Ich kann keinen Gedanken faſſen. Doch, doch! Der eine draͤngt ſich mir auf: Wer iſt meine Mutter? Wer iſt mein Vater?“ „Hier kann und darf ich es Euch nicht ſagen; denn noch bin ich Eures Entſchluſſes nicht gewiß. Haben wir die Grenze dieſes Landes hinter uns, will ich Euch be⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 287 ſtimmt und wahr auf Eure Fragen antworten, ſo weit mir dies ſelbſt moͤglich iſt. Denn Ihr muͤßt bedenken: ich bin nur der Bote und Diener Eurer Mutter.“ „Was ſoll ich thun?“ rief Raimund noch aͤngſtlicher. „Euerm Herzen folgen und mit mir zu Eurer Mutter eilen.“ „Wann?“ „Koͤnnt Ihr fragen? Jetzt! Sogleich! In dieſer Nacht noch! Es iſt fuͤr all Eure Beduͤrfniſſe geſorgt. Ein gutes Pferd ſteht Euch zu Dienſt. In zehn Minuten muͤſſen wir die Stadt hinter uns haben.“ „Barmherziger Gott, dieſe Haſt! Soll ich nicht Ab⸗ ſchied nehmen von meinen Pflegeeltern, von Regina?“ „Glaubt Ihr wirklich, ſie wurden Euch ziehen laſſen?“ lachte Martin hoͤhniſch.„Die Gruͤnde, welche ſie ſiebzehn Jahre lang gehabt, Euch in der Schmach der Niedrigkeit zu halten, beſtehen auch heute noch. Herr von Turzoin wuͤrde Euch einſperren, ja noͤthigenfalls an eine Kette legen—“ „Soll ich als ein Undankbarer aus ihrem Hauſe fliehen, worin ſie mich ſo wohl gehalten?“ „Fuͤr das Verbrechen, das ſie in Gemeinſchaft mit dem alten Fugger in Augsburg an Euch begingen, verdienen ſit wahrlich etwas Anderes als Dank von Euch. Doch Ihr habt zu wählen und zu entſcheiden. Wollt Ihr an das ſehnſuͤchtige, liebegluͤhende Herz Eurer Mutter, ſo könnt Ihr jetzt nicht in das Turzoinſche Haus zuruͤckkeh⸗ ren, um dort einen weinerlichen Abſchied zu nehmen. Ihr 288 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. muͤßt ſogleich mit mir. Geht Ihr dorthin zuruͤck, ſo bleibt Euch der Weg zum Herzen Eurer Mutter verſchloſſen, vielleicht fuͤr ewig. Ihr habt ſie verloren, habt ſie ſelbſt muthwillig von Euch geſtoßen, und muͤßt Euch dann mit dem geringen Looſe begnuͤgen, das Euch die Fugger bos⸗ haft großmuͤthig bereiten. Wahlt! Doch entſcheidet Euch ſchnell. Ich habe Eile.“ So mit Schlangenwindungen umſtrickte der Schlaue den verwirrten bebenden Juͤngling. Nach kurzem ſchwerem Kampfe rief dieſer entſchloſſen: „Es ſei! Ich will Euch folgen.“ „So laßt uns aufbrechen!“ Raimund ſah geiſterhaft bleich aus; die Fuͤße drohten ihm den Dienſt zu verſagen, aber er gebot ſeinem Willen und ſpannte alle Kraͤfte an ſich zu ermannen. In dem Augenblick, als Martin die Thuͤr oͤffnete, trat ihm ein hohes junges edelſchoͤnes Weib gebieteriſch und zuͤrnenden Antlitzes entgegen.„Nicht alſo!“ herrſchte ſie den beiden jungen Männern zu.„Du bleibſt, Raimund. Und dieſen Verfuͤhrer laß ich ſogleich verhaften.“ Wer iſt dies Weib?“ fragte Martin erſchrocken. „Die Koͤnigin von Ungarn und Boͤhmen,“ bebte es von Raimunds bleichen Lippen. In dieſem Augenblick war Martin durch die Thuͤr verſchwunden. Man hoͤrte ſeinen in wilder Flucht den Berg hinabſtuͤrmenden Fußtritt. Die Koͤnigin war allein in der kleinen Stube mit Raimund. Von den heftigſten Gefuͤhlen uͤberwaͤltigt, ſank er ihr zu Fuͤßen und ſtreckte — 1„ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg.* 289 „ flehend die Haͤnde nach ihr aus. Ihr gluͤhendes Herz ver⸗ ſtand die Bewegung des Juͤnglings falſch; ſie hielt die keuſche Huldigung ſeines Dankes fuͤr das Ueberwallen ſtur⸗ miſcher, den ihrigen verwandter Glutgefuͤhle. Er ſah ehr⸗ furchtsvoll in ihr nur die Koͤnigin, und ſie waͤhnte, er ſtrecke ſehnſuchtsvoll liebende Arme nach dem liebenden Weibe aus. Und trunken vor Liebesentzuͤcken beugte ſie ſich zu ihm herab, ſchlang den Arm um ſeinen Nacken, preßte ſein Haupt an ihren wogenden Buſen, und ihre hei⸗ ßen Lippen warfen ihm die Glutfunken bebender Kuͤſſe auf Stirn und Mund.„Mein theurer Raimund,“ hauchte ſie dazwiſchen,„Du ſollſt bei mir bleiben. Nichts ſoll uns trennen. Mein biſt Du, mein, Geliebter!“ Er wurde eiskalt in ihrem Arm; die Beſinnung ver⸗ ließ ihn. Aber es war nicht die Leidenſchaft eines ſich am ſuͤßeſten Ziele plotzlich angelangt ſehenden Herzens, es war ein jaͤher Schrecken, eine furchtbare Beſtuͤrzung, die ihm den Athem raubte. Dieſes ſproͤde Juͤnglingsherz war noch nicht fuͤr die Liebe reif, und ſelbſt der reizenden Koͤni⸗ gin war es nicht gelungen, dieſe Frucht zu zeitigen. Gerade die Koͤnigin vermochte es am wenigſten. Die Seene im Stuͤbchen wurde von ein paar Augen beobachtet, die ſie nicht hätten ſehen ſollen, von— Regi⸗ na's Augen. Die ſtille Jungfrau war den ganzen Tag uͤber von einer ihr unerklaͤrlichen Angſt gefoltert worden, und ein bedeutungsvoller Traum der letzten Nacht hatte hr den geliebten Milchbruder in ſchlimmer Gefahr gezeigt. Ein deutſcher Leinweber. VlI. 19 290 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Ein Adler und ein Wolf hatten ſich um ihn geſtritten. Die Geaͤngſtete ließ den Juͤngling kaum aus den Augen, und ſein ungewoͤhnlich unruhiges und zerſtreutes Weſen entging ihr nicht. Ebenſo nahm ſie Kenntniß von den geheimnißvollen Botſchaften, die er erhielt. Als ſie ihn nun Abends ſich entfernen ſah, zog eine unſichtbare Kette ſie ihm nach. Sie ſah ihn in das Haͤuschen des Berg⸗ manns gehen, und ſie erkletterte den niedrigen Mauervor⸗ ſprung, um durch eine Spalte des Fenſterlabens ihre Blicke in die Stube zu tauchen. Sie ſah Alles, was darin vor⸗ gingz ſie erkannte die Koͤnigin, und als Raimund in den Armen derſelben lag, fuhr der angſtvollen Lauſcherin ein Schwert durch die Bruſt. Raimund erwachte unter den Kuͤſſen der Koͤnigin. Sie entfernte ſich mit ihrer draußen wartenden Kammerfrau. Auch er kehrte wankenden Schrittes wie ein Trunkener nach Hauſe zuruͤck. Vor der Thuͤre fand er Regina in Thraͤnen. Sie hatte ihn erwartet. Er hatte jetzt nur ein Beduͤrfniß, ſein ſchwerbelaſtetes Herz zu erleichtern, und es gäb ja nur ein Herz fur ihn auf der Welt, dem er ſich mit⸗ theilen konnte, ja mittheilen mußte, das ſeiner Regina. Er verhehlte ihr nichts von den wichtigen Erlebniſſen dieſes Abends. Bebend vor Beſorgniß um den theuern Bruder eilte Regina zu ihrem Vater. Am andern Mörgen war Raimund Mohr aus Krem⸗ nitz verſchwunden, und Niemand konnte angeben, wohin er gekommen ſei. Der Oberbergrath ließ die ängſtlichſten Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 29 Forſchungen nach ihm anſtellen, aus denen ſich ergab, daß er bald nach Einbruch der Nacht eine geheimnißvolle Zu⸗ ſammenkunft mit einem Fremden im Hauſe des Oberſtei⸗ gers gehabt, daß der Fremde gleich darauf abgereiſt und Rai⸗ mund ſodann nirgend mehr geſehen worden ſei. Die Um⸗ ſtaͤnde wurden von Herrn von Turzoin trefflich benutzt, um die Koͤnigin zu taͤuſchen, und es gelang vollkommen. Nach wenigen Tagen verließ ſie, obgleich reichlich mit Geld verſehen, die Bergſtadt in der uͤbelſten Laune. 6 19* Dreizehntes Rapitel. Der junge Padiſchah Suleiman hatte die Jagdzeit in ſeinen praͤchtigen Waͤldern um Adrianopel zugebracht und das Vergnuͤgen der Jagd in vollen Zuͤgen genoſſen. Schon ſtand er im Begriff, mit ſeinem zahlreichen Gefolge nach Stambul zuruͤckzukehren; denn die Tage wurden rauh und ſturmiſch, der Winter ſchickte ſeine Vorboten. Das Harem bereitete ſchon die Abreiſe vor. Da wurde ihm eines Abends, als er ermuͤdet von der Jagd zu ſeiner reizenden Gemahlin Roxelane heimgekehrt war, ein Geſandter des Furſten von Algier, Chair Eddin Barbaroſſa's, gemeldet, der wenige Stunden vorher angekommen war. „Was will der wilde Seeraͤuber von mir?“ fragte der Sultan faſt zornig.„Was hab' ich mit dieſem Menſchen zu ſchaffen?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete die ſchoͤne Ropelane, die jugendlich ſtrahlende Herrin,„aber das weiß ich, daß er mit Dir in ein gutes Vernehmen zu treten wuͤnſcht und aus dieſem Grunde den Geſandten geſchickt hat.“ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 293 — „Woher weißt Du das ſchon, meine ſuͤße glutäugige Gazelle?“ fragte der ſtolze Herr der Osmanen und ſchlang, den ſtrengen Blick zu einem huldigenden Laͤcheln verwan⸗ delnd, den kraͤftigen Arm um die herrlichſte der Frauen, die in ſeinem Harem bluͤhten. „Der Geſandte hat mir bereits die Aufwartung ge⸗ macht, als er Dich nicht zu Hauſe fand. Er iſt ein blut⸗ junger aber ſehr gewandter Menſch, ein Franke von Ge⸗ burt, wie er mir ſelbſt geſagt hat, und durch merkwuͤrdige Schickſale nach Algier verſchlagen, wo er ſich Chair Eddins Gunſt zu erwerben verſtanden hat. Daher ſpricht er auch das Arabiſche ſehr gelaͤufig. Er hat mir zwei koſtbare Geſchenke uͤberreicht, ein herrliches Pferd von Chair Ed⸗ din, wie Du ſelbſt kein gleiches in Deinen Staͤllen haſt, und einen Ring von Suleima, Chair Eddins Lieblingsge⸗ mahlin, einen Ring von ſo koſtbarer Arbeit, wie ich noch keinen beſitze.“ „Da iſt freilich die ſchoͤne eitle Rorelane fuͤr den ſtol⸗ zen Seeraͤuber gewonnen,“ lachte der Sultan.„Und was hat er fuͤr die Geſchenke von Dir verlangt?“ „Daß ich Dich bitten moͤchte, die Unterwerfung Chair Eddins unter Deine Oberhoheit gnädig anzunehmen.“ „Scherzeſt Du mit mir?“ fuhr Suleiman auf. „Ich trage Dir die Bitte des Geſandten vor.“ „Chair Eddin ſich mir unterwerfen! Und dazu koſt⸗ bare Geſchenke! Wer hat ſchon Aehnliches gehoͤrt? Es klingt wie ein Maͤrchen.“ 294 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. „Und um Dich guͤnſtig zu ſtimmen fuͤr die Wuͤnſche des Fuͤrſten von Algier hat mich der Geſandte erſucht, Dir den Ring von der Fuͤrſtin zu zeigen. Er meinte, Du wuͤrdeſt ihn wohl wieder erkennen; denn Du habeſt ihn einſt an der Hand der Fuͤrſtin ſelbſt geſehen.“ „Seltſames Räthſel! Woher ſoll ich die Frau des Seeraͤubers kennen?“ „Hier iſt der Ring, ein unvergleichliches Kleinod!“ Der Sultan hatte kaum einen Blick darauf geworfen, als er freudig uberraſcht ausrief:„Ha, das iſt der Ring der ſchoͤnen Maurenfuͤrſtin von Granada, der Enkelin des Propheten, die einſt hier war, um meinen Vater zum Bei⸗ ſtand der armen Mauren in Spanien zu bereden. Ein ſchoͤnes ſtolzes Weib, voll Muth und Thatkraft, voll Schlau⸗ heit und unausloͤſchlichen Chriſtenhaß, wie ſie bei uns nicht gefunden werden. Ich kenne nur Eine, die ſie an Schoͤnheit und Klugheit uͤbertrifft, und die iſt— meine Rorelane.“ „Schmeichler! Und der ſchonen Frau wegen nimmſt Du wohl Chair Eddins Unterwerfung an?“ „Wunderbar! Suleima Chair Eddins Gemahlin! Dann kann er kein gewoͤhnlicher Abenteurer, kein gemei⸗ ner Raͤuber ſein. Suleima kann nur eines ausgezeich⸗ neten großen Mannes Weib ſein.“. „Wie Ropelane.“ „Schmeichlerin!— Doch laß den Geſandten kommen. Ich bin begierig ihn zu hoͤren.“ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 295 „Ich muß Dich auf etwas Ungewoͤhnliches an ihm vorbereiten. Er hat vier oder fuͤnf haͤßliche braunrothe Flecken im Geſicht, Zeichen, die ihm die Natur jedenfalls ſchon im Mutterleibe aufgedruͤckt hat. Uebrigens iſt er ein feiner junger und huͤbſcher Mann.“ „Der Geſandte wurde hereingefuͤhrt: Martin im praͤchtigen reichen Schucke eines mauriſchen Bei. Sich niederwerfend beruͤhrte er mit der Stirn dreimal den Boden und ſprach den großen Segensgruß. „Erhebe Dich und ſprich!“ redete ihn der Sultan an. „Dein Knecht Chair Eddin der Rothbart, Herr von Algier, entbietet Dir durch mich Gruß und Segen des Propheten; ebenſo Suleima, ſeine Gemahlin. Sie ſen⸗ den Dir dieſen Brief.“ Der Sultan loͤſte das Siegel des ihm uͤberreichten Schreibens und durchlas es. „Suleima ſchreibt mir viel Schoͤnes,“ ſprach er dann freundlich.„Sie und ihr Gemahl wuͤnſchen ſich und das von ihnen beherrſchte Gebiet der hohen Pforte zu unter⸗ werfen und erſuchen mich, mit Dir daruͤber zu verhandeln, indem ſie Dich mir als einen ſehr verſtändigen und wohl unterrichteten jungen Mann ruͤhmen.“ „Ich werde ſtets bemuͤht ſein, ihre Zufriedenheit und ihren Beifall zu erringen, doch auch den Deiner Hoheit, großmaͤchtiger Herr. Meine erhabene Gebieterin hat mit Jubel Deine Siegeszuͤge gegen die Chriſten und Deine Eroberungen im vorigen Jahre vernommen. Sie hat 296 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Feſte gefeiert, als die Kunde zu uns drang, daß die Veſte Belgrad in Deine Haͤnde gefallen und daß Du die Inſel Rhodus den Johanniterrittern genommen. Ihre alten Hoffnungen und Plane, die Dir bekannt ſind, ſind dadurch mit erneuter Staͤrke erwacht.“ „O ich kenne ſie, dieſe kuͤhnen Plane!“ rief der Sul⸗ tan.„Als der Schoͤpfer dieſen Geiſt mit Stoff beklei⸗ dete, vergriff er ſich. Sie haͤtte ein Mann werden ſollen. Dann wäre ſie entweder jetzt ſchon wieder Staub, aber ihr Name wuͤrde doch glorreich fortleben in ihrem Volke, oder Spanien und Italien, vielleicht ganz Europa laͤgen zu ihren Fuͤßen, und das Kreuz waͤre vertilgt.“ „Was ihr, dem Weibe, nicht gelingen konnte, wird und muß Dir gelingen, großer Suleiman, im Bunde mit ihr und Chair Eddin. In ihm hat ſie einen wuͤrdigen Gemahl gefunden, empfaͤnglich fur die großen Gedanken und Entwuͤrfe ihres Geiſtes, und mit Kuͤhnheit, Kraft, Entſchloſſenheit, Muth und Beharrlichkeit ausgeruͤſtet. Ihre Begeiſterung hat die ſeinige entflammt, und ſie hat ihn uͤberzeugt, daß er nur als Dein Vaſall, Deinem Be⸗ fehle gehorchend und mit Deiner Kraft vereint den Plan der alten Kalifen ausfuͤhren kann, die Chriſtenwelt zu er⸗ obern und die Fahne des Propheten von einem bis zum andern Ende der Welt wehen zu laſſen.“ „Ich nehme ihre Unterwerfung an. Laß mich ihre nächſten Plane hoͤren. Welche Vorſchläge haſt Du mir von Deinem Gebieter zu machen?“ **. ————— — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 297 „Es iſt Dir bekannt, daß Karl, der deutſche Kaiſer und König von Spanien mit dem Koͤnig von Frankreich, Franz in Feindſchaft und Krieg lebt, den nur die Eitelkeit und Eiferſucht beider aufeinander erzeugt hat. Die Fran⸗ zoſen ſind zuletzt in Oberitalien geſchlagen worden, aber ſchon ſtehen ſie wieder ſtark geruͤſtet und der Abfall des erſten Feldherrn Frankreichs, des Großconnetable Herzogs von Bourbon, hatFranz nicht nur nicht geſchadet, ſondern ſogar genuͤtz, dem Kaiſer hat er aber keinerlei Vortheil ge⸗ bracht. Von dieſen beiden Koͤnigen wird der Eine den Andern aufreiben, und da in Deutſchland eine allgemeine Volkserhebung gegen die Fuͤrſten vor der Thuͤre ſteht, ſo wird der Kaiſer hier ſo beſchaͤftigt ſein, daß er ſeine Streit⸗ kraͤfte nicht gegen Franz wird wenden koͤnnen. Suleima ſagt: es liegt im Vortheil des Islam, daß Du Dich mit dem Franzoſenkoͤnig verbindeſt. Farl muß unterliegen, damit wir Spanien wieder gewinnen. Spanien und Ita⸗ lien muͤſſen von Dir erobert werden, wie Rhodus. In Rom mußt du das Chriſtenthum an ſeiner Wurzel faſſen und ausreuten. Dazu aber bedarfſt Du einer ſtarken See⸗ macht. Deine Flotten muͤſſen das mittelländiſche Meer beherrſchen.“ „Ich hoͤre Suleima reden,“ bemerkte der Sultan zu Rorelane gewendet, laͤchelnd.„Das Schwierigſte, das Ungeheuere betrachtet und behandelt ſie wie ein Kinder⸗ ſpiel.— Ich habe keine, ſolchem rieſigen Unternehmen ge⸗ nuͤgende Flotte, ich habe keine Seeleute, keine Admirale, 298 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. mein Kriegsvolk kennt den Seekrieg nicht und hat Abnei⸗ gung davor. Was die heißen Traͤume Deiner Gebieterin ihr leicht und luftig vorgaukeln, ſtößt in der Wirklichkeit auf unuͤberſteigliche Hinderniſſe.“ „Suleima ſpricht: dem kleinen Geiſte iſt das Leich⸗ teſte ſchwer, dem großen Geiſte das Schwierigſte leicht. Du biſt der große Geiſt, Du der praͤchtig aufgegangene Stern, auf deſſen Groͤße und Glanz ſich die Augen aller Glaͤubi⸗ gen hoffnungsvoll richten. Von Dir erwarten ſie Sieg uͤber die Chriſten. Unter Deinen Fahnen werden ſich alle ſchaaren, die zu Allah beten. Chair Eddin iſt der kuͤhnſte, kraͤftigſte und einſichtsvollſte Seekrieger, denn die Welt jetzt hat. Er beſitzt eine fuͤr ſeine Krafte zahlreiche und wohl⸗ ausgeruͤſtete Flotte. Er ſtellt ſie mit all ihren tapfern Kriegern, wie ſich ſelbſt, Dir zur Verfuͤgung. Er will Dein Admiral ſein, und er erwartet nur Deine Befehle, um Dir eine Flotte zu ſchaffen ſo ſtark und ſo maͤchtig, daß Du Italien und Spanien damit bezwingen ſollſt. Ich kenne die Streitkraͤfte Spaniens zu Land und zu Waſſer; die letztern ſind unbedeutend, ſelbſt die Neapels und Sici⸗ liens hinzugerechnet, wuͤrden ſie einer tuͤrkiſchen von Chair Eddin angefuͤhrten Flotte nicht widerſtehen koͤnnen. Und biſt Du mit Frankreich verbunden, fuͤhrſt Du ſelbſt ein ſiegreiches Heer nach Ungarn und eroberſt das von einem ſchwachen Kinde regierte Land, in welchem Zapolya's Par⸗ tei jetzt immer maͤchliger wird und jedenfalls uͤber lang oder kurz den Buͤrgerkrieg hervorruft und die ohnedies — —— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 299 ſchwache Kraft des Landes vollends laͤhmt, dann eilſt Du auf den Fittigen des Siegs und des Ruhms unaufhaltſam dem großen Ziele zu.“ „Suleima hat Dich gut geſchult, junger Mann, und ſie hat einen geſchickten Schuͤler an Dir gefunden. Du ſcheinſt auch die Dinge in Ungarn gut zu kennen.“ „Ich habe uͤberall mit eigenen Augen geſehen, habe ſtets aus der Quelle ſelbſt geſchoͤpft.“ „Viel Ehre fuͤr Dich. Du biſt noch jung. Wie viel Jahre zaͤhlſt Du?“ „Ein und zwanzig. Die Reife des Geiſtes zaählt nicht nach Jahren; das hat Deine Hoheit an ſich ſelbſt erfahren.“ „Ich entlaſſe Dich jetzt, um morgen weiter mit Dir zu verhandeln. Es iſt Dir gelungen, Dir nicht nur meine Gnade zu gewinnen, Du haſt Dir auch eine Goͤnnerin errungen, auf deren Wort und Rath ich etwas gebe, die ſchoͤne Sultanin Rexelane.“ Martin beruͤhrte mit der Stirn den Boden des Ge⸗ machs und entfernte fich. pierzehntes Rapitel. Faſt zehn Monate waren ſeid der Audienz Martins bei dem Beherrſcher der Osmanen vergangen, als er in an⸗ derer Kleidung, in der eines gewohnlichen deutſchen Edel⸗ junkers, im Vorzimmer eines andern maͤchtigen Herr⸗ ſchers harrend ſtand, in dem des Koͤnigs Franz von Frank⸗ reich im Schloſſe zu St. Cloud. In dieſen zehn Monaten hatte ſich viel Wichtiges er⸗ eignet. Der zu Ende des vorigen Jahres zur Wiederer⸗ oberung Mailands unternommene Feldzug der Franzoſen, unter dem talentloſen Admiral Bonnevit war gaͤnzlich mißgluͤckt. Sie hatten von den verbuͤndeten kaiſerlichen Heeren, Neapolitanern, Mailaͤndern, Venetianern, Spa⸗ niern und deutſchen Landsknechten wiederholte Niederlagen erlitten und ſich genoͤthigt geſehen, den Ruͤckzug uͤber die Alpen mit ſchwerem Verluſt anzutreten. Auf dieſem Ruͤck⸗ zug fiel auch der beruͤhmteſte aller franzoſiſchen Ritter, der vorzugsweiſe ſo genannte„gute Ritter“ und„Ritter ohne Furcht und Tadel“, Bayard, in welchem ſich noch einmal Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 301 vor dem Untergange des Ritterthums alle glaͤnzenden Eigen⸗ ſchaften desſelben vereinten. Wie Sickingen der letzte deutſche, ſo war Bayard der letzte franzoͤſiſche Ritter in der edelſten Bedeutung. Der Strom einer neuen Zeit mit ganz andern Intereſſen und Beſtrebungen riß Beide gewaltſam nieder und ob ſie noch ſo treffliche Maͤnner waren, und fluthete uͤber ſie hin. Das ganze an dem ab⸗ ſterbenden Geiſte des Ritterthums kraͤnkelnde franzoͤſiſche Heer mußte der ungeſtuͤmen Tapferkeit des vom Geiſte der Neuzeit beſeelten Heeres der Kaiſerlichen weichen und floh in wilder Unordnung uͤber die Alpen. Die ſiegreichen Heerfuͤhrer hielten fuͤr das Beſte, den Vorſchlag des Herzogs von Bourbon, dem es nicht allein nach ſeinen reichen Guͤtern im ſuͤdlichen Frankreich, ſon⸗ dern auch nach der franzoſiſchen Königskrone geluſtete, in Ausfuͤhrung zu bringen, naͤmlich die Begeiſterung des kaiſerlichen Heeres nach dieſen glänzenden Siegen zu be⸗ nutzen und den Feind in ſeinem eigenen Lande aufzuſuchen. Da zu erwarten ſtand, daß Koͤnig Franz immer wieder mit neuen Heermaſſen über die Alpen kommen wuͤrde, und in Betracht, daß man deshalb die geruͤſteten Heere in Ober⸗ italien unthaͤtig und auf die Ankunft der Franzoſen war⸗ tend in Bereitſchaft halten muͤſſe, und daß es daher beſſer ſei ſie in Thaͤtigkeit zu erhalten und dem Feind die Moͤglichkeit ſchnell große Streitkraͤfte zuſammenzuzie⸗ hen abzuſchneiden, ſo gab der Kaiſer von Spanien aus ſeine Zuſtimmung zu dem Kriegszuge nach Frankreich, 302 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. welchen Bourbon mit dem Eifer eines ſtolzen beleidigten racherfullten Herzens betrieb. Im Juli(1524) fuͤhrte er das kaiſerliche Heer aus 5000 deutſchen Landsknechten, unter Zollern und Lodron, 3000 Spaniern unter Pescara und 1500 Italienern beſtehend uͤber die Alpen nach Frank⸗ reich und drang ohne Aufenthalt im Lande vor, bis er am 19. Auguſt vor Marſeille anlangte, um es zu belagern. Aber die wohlbefeſtigte Stadt ſetzte ſich mannhaft zur Wehre, ſo, daß ſelbſt einem Pascara der Muth ſank. Un⸗ terdeſſen erhob ſich Frankreich zur Rettung ſeines Koͤnigs. Außerordentliche Steuern brachten große Summen in ſeine Hand, womit er ein bedeutendes Heer anwarb, Franzoſen Schweizer und deutſche Landsknechte. Im kaiſerlichen Heere fehlte es aber an Geld, und es verbreitete ſich auch das Geruͤcht unter den Soldaten, der Koͤnig wolle unver⸗ zuͤglich hinter ihrem Ruͤcken zur Eroberung Mailands nach Italien ziehen. Am 28. September wurde die Be⸗ lagerung Marſeille's aufgehoben, und mit getaͤuſchten Hoff⸗ nungen ging Bourbon mit dem Heere uber die Alpen zu⸗ ruͤck. Aber ſchon war auch das franzoͤſiſche Heer dorthin aufgebrochen; denn kaum hatte der Koͤnig von Bourbons Aufbruch vernommen, als er auch entſchloſſen war, noch einmal Alles an die Wiedereroberung Mailands zu ſetzen und ſein neues Heer ſelbſt dorthin zu fuͤhren. In dieſen Tagen war's, wo ihm der Junker Martin als geheimer Bote des Fuͤrſten von Algier, Chair Eddin Barbaroſſa ge⸗ meldet wurde. Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 303 Des Koͤnigs impoſante ritterliche Geſtalt trat dem jungen zierlichen Manne mit einem zerſtreuten und fragen⸗ den Blicke entgegen. Er war ſehr beſchaͤftigt und mitten in der Ruͤſtung zum Aufbruch begriffen. Doch der Name des beruͤhmten und gefuͤrchteten Seeraͤubers hatte ihn ver⸗ mocht, die Audienz ſogleich zu bewilligen. Jetzt ſchien er verwundert, einen ſo jungen Menſchen vor ſich zu ſehen. „Mein Auftrag an Ew. Mazeſtät,“ nahm Martin im gelaͤufigen Franzoͤſiſch unerſchrocken und gewandt das Wort,„kommt nicht allein von dem Fuͤrſten von Algier, ich bin auch der Sendbote eines weit maͤchtigern und ge⸗ waltigern Herrn, des ruhmreichen Padiſcha der Osmanen, und bitte Euch, meine Beglaubigungsſchreiben gnädig ent— gegen zu nehmen und pruͤfen zu laſſen.“ „Fuͤrwahr, Ihr ſetzt mich in Verwunderung. Ihr ſeid weder ein Araber, noch ein Tuͤrke, doch auch kein Franzoſe.“ „Ich bin ein Deutſcher, im Dienſte Chair Eddins, des Beherrſchers des Mittelmeers, und war als Bote des⸗ ſelben ſchon einige Male beim Großſultan Suleiman.“ „Das iſt viel fuͤr Euer Alter. Die Deutſchen pflegen ſonſt nicht ſo fruͤh reif zu werden. Doch Euere Auftraͤge! Ich bin begierig ſie zu hoͤren.“ „Chair Eddin hat mit Euerer koͤniglichen Majeſtaͤt den gemeinſamen Feind, den Koͤnig von Spanien, und er hat ihn zeither auf eigene Fauſt, ſo gut er vermochte, be⸗ kriegt. Nun aber hat er ſich neuerdings als Vaſall dem 304 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Großſultan Suleiman unterworfen, um den Kampf gegen Konig Karl mit groͤßerem Nachdruck fuͤhren zu koͤnnen. Es wird eine ſtarke tuͤrkiſche Flotte errichtet und Chair Eddin ihr Oberbefehlshaber werden. Damit wird er Ne⸗ apel, Sicilien und Spanien angreifen. Der Sultan aber wird ſeine Heere nach Ungarn fuhren und von da in die öſterreichiſchen Stammlande einfallen. Ew. Majeſtaͤt ſieht, daß Suleiman und Chair Eddin Euere natuͤrlichen Ver⸗ buͤndeten ſind. Aber Beide wuͤnſchen mit Euch in ein be⸗ ſonderes und engeres Buͤndniß zu treten, um mit Euch nach einem zu verabredenden gemeinſamen Plane zum Sturze des habsaurgiſchen Hauſes zu handeln.“ „Der Plan iſt gut,“ entgegnete der Koͤnig angenehm uberraſcht, mit freudeſtrahlenden Mienen.„Ich bin zu ſolchem Buͤndniſſe wohl geneigt. Seid Ihr ermaͤchtigt, mir die Punkte desſelben vorzulegen?“ „Ich ſoll zuerſt nur Euerer Majeſtät Meinung erfor⸗ ſchen. Auch ſind die Vorbereitungen noch nicht ſo weit gediehen, daß der Angriff in Bälde vor ſich gehen könnte. Die Flotte muß erſt geſchaffen und dabei viele Schwierig⸗ keiten uberwunden werden, zumal der Sultan den Seekrieg nicht kennt und keine Vorliebe dafuͤr hat. Die Koſten ſind ungeheuer und der Schatz ward durch vielfache innere Einrichtungen ſtark in Anſpruch genommen. Alles ruht in Chair Eddins Hand, aber er kann natuͤrlich nicht alle Mittel beſchaffen. Deshalb geht mein beſonderer Antrag von ihm an Ew. koͤnigliche Majeſtaͤt dahin, Ihr moͤchtet * Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 305 bald einen Geſandten an den Sultan ſchicken, um ihn zur ſchleunigen Herſtellung der Flotte anzufeuern, Euer Wort, meint Chair Eddin, wird beim Sultan von großem Ge— wicht ſein. „Ihr ſeht mich eben im Begriff, nach Italien aufzu⸗ brechen. Ein Theil meines Heeres iſt ſchon auf dem Marſche. Es gilt, mich wieder in Beſitz von Mailand zu ſetzen. Ich will und muß es haben. All mein Sinnen und Streben geht dahin, die empfangene Scharte auszu⸗ wetzen, und alle Anſtalten ſind getroffen, daß es mir dies Mal gelinge. Ihr begreift, daß ich jetzt zu nichts Ande⸗ rem Zeit habe. Doch ſobald Mailand wieder mein iſt, kann ich mit Nachdruck andere Plaͤne verfolgen. Sagt Euerem Herrn, daß er ſich bis dahin gedulden moͤge. Her⸗ nach will ich mit ihm und dem Sultan den Angriffsplan auf die Länder des Kaiſers verabreden. Dann kann ich auch von der Lombardei aus mein Heer gegen Neapel fuͤh⸗ ren, und von Frankreich aus in Spanien einfallen, waͤh⸗ rend Chair Eddin zur See angreift. Bis zur Eroberung Mailands muͤſſen wir aber den kuͤhnen großen Plan ruhen laſſen.“ „Ich erlaube mir Ew. Majeſtät Scharfblick auch auf Deutſchland zu lenken. Dort, namentlich in den ſuͤdlichen Landergebieten finden jetzt hoͤchſt merkwuͤrdige und außer⸗ ordentliche Bewegungen ſtatt, die ich perſoͤnlich beobachtet habe, und die von Euch benutzt, der Ausfuͤhrung jenes Pla⸗ nes ſehr zur Unterſtutzung gereichen wuͤrden.“ Ein deutſcher Leinweber. VII. 20 306 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. „Die Bewegung des gemeinen Volkes dort iſt mir bekannt, doch halte ich nicht viel davon; ſie iſt doch meiſt fuͤr die lutheriſche Ketzerei“ „Ich erlaube mir, Ew. Majeſtaͤt zu bemerken, daß ſie tiefer geht. Ich habe mich uͤberall mit eigenen Augen uͤberzeugt. Das Volk iſt nicht allein gegen die Pfaffen, es iſt noch weit mehr gegen die Fuͤrſten erbittert. Ueberall in Oeſterreich, Tyrol und Schwaben gaͤhrt und tobt es, wie in einem Faſſe voll jungen Weins. Es wird und muß dort bald zum Ausbruch kommen. Von Euch ge⸗ ſchickt geleitet, koͤnnte dieſe wilde Bewegung dort den Sturz der Habsburger herbeifuͤhren, ja ſie koͤnnte Karln die deut⸗ ſche Kaiſerkrone vom Haupte werfen und auf das Euerige tragen. Nur ſich ſelbſt uͤberlaſſen darf das Volk nicht blei— ben; es muß von kundiger Hand zu einem Ziele gefuͤhrt werden, das es vor der Hand ſelbſt nicht zu kennen braucht, ja, meiner Meinung nach nicht einmal kennen darf, bis der rechte Zeitpunkt eingetreten iſt. Und welche Hand waͤre dazu geſchickter als die Eurige?“ „Ihr häbt trotz Euerer Jugend viel praktiſchen Blick, und ich bin erſtaunt, Euch, den Boten des Fuͤrſten von Algier, alſo in den deutſchen Haͤndeln bewandert zu ſehen. Ich moͤchte Euere Geiſteskraft fuͤr mich gewinnen. Ihr moͤgt recht haben in Bezug auf Deutſchland, wie in Be⸗ zug auf Neapel und Spanien. Aber derſelbe Grund, der mich abhaͤlt, jetzt ſogleich auf den Plan Eueres Herrn einzugehen, beſtimmt mich auch, mich vor der — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 307 Hand von der Bewegung in Suͤddeutſchland fern zu hal⸗ ten. Erſt und vor allen Dingen muß ich Mailand haben. Ich will die Haͤupter der deutſchen Bewegung meiner be⸗ ſondern Gewogenheit verſichern und habe den Lutheriſchen bereits meinen Beifall zu erkennen gegeben. Weiter kann ich vor der Hand nichts thun. Iſt erſt Mailand wieder mein, läßt ſich weiter von der Sache reden. Doch moͤchte ich immer uͤber den Gang der Dinge in Deutſchland ge⸗ nau unterichtet ſein; ich moͤchte die Leute durch einen ge— ſchickten heimlichen Agenten anfeuern und ihnen meine Huͤlfe zuſagen. Einen Franzoſen darf ich nicht ſchicken; er wuͤrde bald genug von den Schergen der Regierenden erkannt und außer Thätigkeit geſetzt werden. Ein Deutſcher ſteht mir aber nicht zu Gebot. Was meint Ihr, wenn Ihr, da Euere Botſchaft nun erledigt iſt, in Eueres Herrn und meinem Intereſſe, das Geſchaͤft uͤbernaͤhmet? Ihr ſeid ge⸗ wandt und mit den Verhaͤltniſſen vertraut, wie Ihr ſelbſt ſagt. Die Stellung eines Kundſchafters und Volksbear⸗ beiters duͤrfte Euerem Talente angemeſſen ſein, und ich wuͤrde mich Euch dafuͤr erkenntlich zeigen.“ „Ich bin bereit, auf Ew. Hoheit Befehl die Sendung zu uͤbernehmen.“ „Wohl! Ich werde Euch mit den noͤthigen Geldmit⸗ teln und einer Inſtruktion verſehen laſſen. Laßt Euch mor⸗ gen beim Kanzler melden, an den Ihr auch Euere Berichte einzuſchicken habt. Er wird Euch eine Chifferſchrift geben, in welcher dieſe Berichte zu ſchreiben ſind. Auch koͤnnt Ihr 80 308 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Euere Briefe an den Fuͤrſten von Algier und den Groß⸗ ſultan hier abgeben, ſie werden beſtens und ſo ſchnell als moglich beſorgt werden.“ Zwei Tage ſpaͤter reiſete der Koͤnig nach Italien, um⸗ geben von der Bluͤthe ſeines Adels, Martin allein nach Schwaben. Der Auftrag des Koͤnigs war ihm aͤußerſt er⸗ wuͤnſcht, um die im vorigen Jahre abgebrochenen For⸗ ſchungen nach ſeinen Aeltern fortſetzen zu können. Fünfzehntes Rapitel. Der Sturm war ausgebrochen, der ſchon lange in den aufgeregten Geiſtern gedroht, und brauſte von dem hoch⸗ gelegenen Alpenlande Oberſchwabens durch die Thaͤler hinab nach der Donau zu, die bis zu ihren eigenen Quel⸗ len im Schwarzwald hinauf aufſtaͤndiſche Bauern in hel⸗ len Haufen beiſamen ſah. Statt auf die uͤberall ſich zei⸗ genden Vorboten des Sturmes zu achten und die ſtraff gefaßten Zuͤgel der unmenſchlichen Gewalt und Volksbe⸗ druͤckung locker zu laſſen, zogen die verblendeten weltlichen und geiſtlichen Herren ſie nur noch ſtaͤrker an, und die Grauſamkeiten gegen den ſchwergedruͤckten gemeinen Mann ſteigerte ſich in der letzten Haͤfte des Jahres 1524 zu nie erhoͤrter Willkuͤhr und der ſchamloſeſten alles menſchliche Gefuͤhl verhoͤhnenden Frechheit, waͤhrend die Flaͤmmchen bereits hie und da aus dem gluͤhend heißen Boden empor⸗ leckten. Wie von einem boͤſen Daͤmon getrieben, goßen die uͤbermuͤthigen und boshaften Draͤnger des Volkes ſtatt 310 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Waſſer Oel ins Feuer. Die Flammen brachen nun uͤber⸗ all maͤchtig hervor und liefen von den Alpen des Ober⸗ algäus, den hohen Scheidegebirgen des Inn- und des Donaugebiets, zu beiden Seiten mit Windeseile uͤber die Erde hin ſuͤdlich durch das Tyrolerland, noͤrdlich bis zum Harz hinauf, zum Beweis, daß die Revolution uͤberall eine moraliſche Nothwendigkeit geworden war. An allen Orten und Enden rotteten ſich bewaffnete Bauernhaufen zuſam⸗ men, waͤhlten ſich Fuͤhrer und ſtuͤrzten mit graͤßlicher Zer⸗ ſtoͤrungswuth uͤber Burgen und Kloͤſter her. Aher es wa⸗ ren eben nur die Bewohner der Doͤrfer und der kleinen Staͤdte. Die reichen und behaglichen Buͤrger der groͤßeren Staͤdte hielten ſich theils von der Volkserhebung gegen die himmelſchreiende Gewalt fern, theils ſuchten ſie dieſelbe in Gemeinſchaft mit den Fuͤrſten und dem Adel zu unter⸗ druͤcken und zu bekaͤmpfen. Zuerſt trat das politiſche Element allein in der Bewe⸗ gung hervor; die Bauern forderten mit wahrer deutſcher Beſcheidenheit nur die gerechteſte Erleichterung ihrer un⸗ erträglichen Laſten. Ueberall in den deutſchen Landen ſetz⸗ ten ſie ihre Beſchwerden bald in mehr, bald in weniger Punkten ſchriftlich auf und verlangten von der Obrigkeit Abhuͤlfe derſelben. In den Gauen des Oberlandes waren es meiſt ſechszehn Artikel, in Unterſchwaben und Franken zwoͤlf, welche in vielen tauſend Abſchriften ſchier von Haus zu Haus getragen wurden. Eswarauchnichtein unbilliger Punkt darunter, im Gegentheil haͤtten die Bauern das natuͤrliche — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 311 Recht gehabt noch viel mehr zu fordern. Inzwiſchen ließen ſich die Haufen beſchwichtigen, da ihnen die Herrn verſprachen mit ihnen zu Recht zu verhandeln, und wirk⸗ lich gingen ſie in Oberſchwaben auseinander, als ſie die ſchoͤnſten Verſprechungen, daß ihnen zu Recht erkannt werden ſollte, erhalten hatten. O wie oft ſchon hat ſich das Volk von ſeinen Draͤngern durch ſchoͤne Verſprechun⸗ gen täuſchen laſſen und iſt doch niemals durch ſolche Täu⸗ ſchung gewitzigt worden! Aber die oͤſtreichiſche Regierung fachte den Aufruhr ſelbſt wieder an, indem ſie das religioſe Element ihm gewaltſam einimpfte. Die drei Regierun⸗ gen zu Innſpruck, Stuttgart und Enſisheim verfolgten, von der erzherzoglichen Kanzlei zu Innſpruck geleitet, mit dem wuͤthendſten Fanatismus alle Prediger und Anhaͤnger des Evangeliums. Sie ließen die Prediger, deren ſie hab⸗ haft werden konnten, enthaupten, haͤngen und verbrennen verbreiteten in den Orten, wo die Lehren Luthers und Zwinglis Wurzel geſchlagen hatten, Mord und Verderben mit Feuer und Schwert. Dadurch ſteigerte ſich die Er⸗ bitterung des Volkes zur gräßlichſten Wuth. Dazu kam, daß die Bauern bald inne wurden, wie wenig die Herren gewillt ſeien, ihre in der Noth gegebenen Verſprechungen zu halten. So ſtark und drohend auch die Anzeichen des Voͤlkerſturms ſeit Jahren waren, ſo hatten doch gerade die⸗ jenigen, welche die Erbitterung durch freche und grauſame Handlungen, durch Spott und Hohn heraufgerufen hatten, am wenigſtens daran geglaubt. Sie hielten das gemeine ℳ 312 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Bauernvolk gar nicht fuͤr faͤhig, ſich gegen die Gewalt ſei⸗ ner Herren zu empoͤren; ſie trieben die frechſten Spoͤtte⸗ reien uͤber die Verzweiflung des gemeinen Mannes und verfolgten die Prediger des Evangeliums aͤrger, als Diebe und Moͤrder. Als nun der Sturm wirklich losbrach, ge⸗ riethen die Herren in eine ſo furchtbare Beſtuͤrzung, daß alle Kraft und Beſonnenheit von ihnen wich. Denn das Mittel, welches despotiſcher Uebermuth und trotzige Unge⸗ rechtigkeit brutaler Gewaltmenſchen ſtets gegen die zur Verzweiflung gebrachten und in ſolcher ſich erhebenden Un⸗ terdruͤckten anwendet, die bewaffnete Macht ihrer Soͤldlinge, ging ihnen gaͤnzlich ab. Der Erzherzog Ferdinand ſowohl als der Koͤnig von Frankreich hatten im obern Deutſchland alle waffenfaͤhige Mannſchaft angeworben und uͤber die Alpen gefuͤhrt, wo ſie den Kampf der Eitelkeit und Selbſt⸗ ſucht des Kaiſers und des Koͤnigs ausfuͤhren ſollten. Zu Ende des Jahres 1524 gingen die letzten Streickraͤfte von Augsburg aus durch Tyrol nach Italien, und nun ſahen ſich die Herren genoͤthigt, mit den außſtaͤndiſchen Bauern zu unterhandeln und ihnen neue Verſprechungen zu machen. Unter den geheimen Leitern des Aufſtandes gab es zwar wenige, welche Vertrauen zu den frommen Schalksmienen und gleiſenden Worten hatten, aber die gutmuͤthige Menge glaubte und vertraute den praͤchtigen Redensarten. Weil die Bauern es ehrlich meinten und nichts Unbilliges ver— langten, glaubten ſie, die Herren haͤtten ihr Unrecht einge⸗ ſehen und wuͤrden auch ehrlich und gewiſſenhaft ſich mit Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 313 ihnen vertragen. Die Herren aber ſuchten durch ihre Ver— ſprechungen nur Zeit zu gewinnen, um ſich zu ſtaͤrken und zu ruͤſten, und dann mit blutiger Waffengewalt uͤber das freche Bauernvolk herzufallen. Der Erzherzog Ferdinand ging den Fürſten und dem Adel in dieſem falſchen und betruͤgeriſchen Spiel voran. Von aller und jeder Kriegsmacht entbloͤßt, ja ſelbſt ohne Geld um ein neues Heer anzuwerben, ſah er ſich ploͤtzlich zu ſeinem Schrecken in den tyroler Bergen eingeſchloſſen und ringsum in allen Laͤndern den Aufruhr das drohende Haupt erheben. Herzog Ulrich von Wuͤrtemberg ſaß auf Hohentwiel und hatte ein ſtattliches Heer verſammelt und ſich mit den Kindern ſeines ehemaligen Landes, die er ſelbſt grauſam daraus vertrieben, mit den Anhaͤngern des armen Konzen, verbunden, um das Land wieder zu erobern. Die noͤrdlichen Gaue der Schweiz, die oͤſtreichiſchen Beſitzungen, der Algaͤu, der Hegau, Suͤdtyrol, Salzburg, die oſtreichi⸗ ſchen Stamm- und Erblande waren aufgeſtanden. In Tyrol war die Bewegung bei weitem mehr religioͤſer als politiſcher Natur; denn in letzterer Beziehung hatten die Tyroler weit mehr Freiheiten, als alle andern Laͤnder un⸗ ter der oͤſtreichiſchen Herrſchaft. Und auf die Predigt des reinen Evangeliums zielten auch die meiſten Forderungen der tyroler Landleute. Der Erzherzog kam ihnen mit den ſchoͤnſten Bewilligungen gleichſam entgegen. Der blut⸗ junge und feige Furſt war uͤber die Gefahr, in die er ſich verſetzt ſah, entſetzlich erſchrocken. Zwei Monate vorher 314 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. hatte er ſich perſoͤnlich auf dem Reichskonventin Regensburg, der nichts Geringeres als die gaͤnzliche Unterdruͤcknng der lutheriſchen Lehre erzielte, mit der roͤmiſch geſinnten Pfaff⸗ heit und den dem Papſt anhaͤngenden Fuͤrſten verbuͤndet. Der neue Papſt Clemens war wieder ein Medicis und ſchien entſchloſſen, die hierarchiſche Politik ſeines Oheims Leo X. nicht nur fortzuſetzen, ſondern auf die Spitze zu treiben. Er ſetzte Alles in Bewegung, die reine Lichtflamme, die von Wittenberg und der Schweiz aus Deutſchland uͤberſtrahlte, zu erſticken und alle Träger derſelben zu ver⸗ nichten. Der einundzwanzigjaͤhrige Zögling der ſpaniſchen Königstreuloſigkeit und der ſpaniſchen Inquiſition ernied⸗ rigte ſich freudig zum Schergen des Papſtes, zum fana⸗ tiſchen Unterdruͤcker des reinen gottlichen Wertes. Auf dem regensburger Convent waren die ſtrengſten Maßregeln gegen die evangeliſche Lehre und ihre Anhaͤnger und Ver⸗ breiter verabredet worden, und der Erzherzog hatte ſie in den öſtreichiſchen Landen bereits mehrfach in Ausfuͤhrung gebracht und dadurch den Ausbruch des Aufſtandes be⸗ ſchleunigt und den Oeſtreicher, Steiermaͤrker, Tyroler, Schwaben und Wuͤrtemberger in die außerſte Erbitterung verſetzt. Nun erklaͤrte er ploͤtzlich dem aufgeſtandenen ty⸗ roler Landvolk mit ſich ſelbſt und den regensburger Be⸗ ſchluͤſſen im ſchreiendſten Widerſpruch:„er wolle bei geiſt⸗ licher und weltlicher Obrigkeit ernſtlich verordnen, daß ehr⸗ bare, geſchickte und fromme Prieſter als Prediger ange⸗ ſtellt wuͤrden, die das lautere, klare Wort Gottes nach Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 315 chriſtlichem Verſtand, nach dem Text, zu der Liebe Gottes und des Nächſten dem gemeinen Manne verkuͤnden. Wo ſie aber unter dem Schein des Evangeliums das Volk zu unchriſtlichem Verſtand und Aufruhr anreizen wuͤrden, wodurch dann der gemeine Mann an Seele und Leib Scha⸗ den und Nachtheil erleiden muͤſſe, ſo hoffe er, die Gemeinde werde ihm helfen, ſie, wie recht und billig ſei, zu ſtrafen. Wegen der weltlichen Macht der Geiſtlichen ſolle mit an⸗ dern Stuͤcken auf dem gemeinſamen Ausſchußtage der Erb⸗ lande gehandelt werden, der auf Martini ausgeſchrieben ſei.“— Eine andere Forderung der Tyroler betraf die Abſtel⸗ lung des privilegirten Wucherhandels derFugger in der Graf⸗ ſchaft, wodurch das Land alle Waaren theurer bezahlen mußte, als alle Nachbarlaͤnder, und der gemeine Mann ſehr geſchaͤ⸗ digt wurde. Der Erzherzog ſah ſich jetzt in der Angſt genoͤthigt, dem Volke zu verſprechen, daß das ſchaͤdliche Handelspri⸗ vilegium dem Hauſe Fugger entzogen werden ſolle. Eben ſo gab er hinſichtlich einiger andern Forderungen die be⸗ ruhigendſten Erklaͤrungen; einige wurden ſogar ſogleich erfuͤllt. Genug, der junge Erzherzog war der freund⸗ lichſte, guͤtigſte, geſchmeidigſte Fuͤrſt. Waährend dieſer liebe— vollen Verhandlungen ſchrieb der Erzherzog an das Haupt des ſchwaͤbiſchen Bundes, den Truchſeß von Waldburg, „er moͤge nur mit den Bauern guͤtlich verhandeln, bis er ſein Kriegsvolk beiſammen habe.“ Aehnliche Schreiben gingen an die geiſtlichen und weltlichen Fuͤrſten des ſud⸗ lichen Deutſchlands. Und alle die Herren nahmen die 316 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. gute Lehre des ſpaniſchen Juͤnglings an, und, wie er, die Maske der Volksfreundlichkeit, der billigen Zugeſtaͤndniſſe, der ſuͤßen Verſprechungen vor. Und die guten Bauern hielten die Maske fuͤr ein ehrliches Geſicht. Der Erzher⸗ zog aber ſuchte vor allen Dingen Geld aufzutreiben. Die Fugger, an die er ſich wandte, grollten wegen des ihnen entzogenen Handelsmonopols in Tyrol. Jakob, der waͤh⸗ rend der Abweſenheit ſeiner beiden Neffen Raimund und Anton noch einmal die Leitung des ungeheuern vielzweigigen Geſchaͤfts ganz allein gefuͤhrt hatte, war von der Anſtren⸗ gung, die ihm ſowohl dieſe Arbeit als auch der ſchwere Kummer uͤber den immer drohenden Gang der kirchlichen und politiſchen Dinge verurſacht, erkrankt, und hatte ſich, nach der Ruͤckkehr der Neffen, ganz und gar vom Geſchaͤfte zuruͤckgezogen. Die kirchliche Bewegung vorzuͤglich hatte dem alten Manne den Aufenthalt in der geliebten Vaterſtadt unertraͤglich gemacht. Er lebte nun ſtill auf Schloß Fuggerau, nur noch ſeiner Lieblingsbeſchaͤftigung, dem Bergbau. Er mußte alſo den Anſpruch des Erzher⸗ zogs um ein neues Anlehen an den Neffen Anton verwei⸗ ſen, und dieſer war in Beruͤckſichtigung des Standes der Dinge ſo klug, den Antrag von der Hand zu weiſen. Der Erzherzog ging die Welſer an, und nach mehrwoͤchentlichen Verhandlungen gelang es ihm, gegen Zuſicherung großer Vortheile, das Anlehen von dieſem Hauſe zu erhalten. Dies war im Januar 1525 der Fall. Um dieſe Zeit wurde die Bewegung im Algau immer ſtarker, namentlich Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 317 erhob ſich das Volk gegen den treuloſen, wortbruͤchigen Fuͤrſtabt von Kempten, zwar noch nicht in offener Empoͤ⸗ rung, aber doch mit entſchiedener Kraft, um den Rechts⸗ weg wegen der vom Abt erlittenen unſaͤglichen Bedraͤng⸗ niß, Unbill und Rechtsverletzung zu betreten. Auf einem großen Volkstage in der Stadt Kempten wurden drei Maͤn⸗ ner als Ausſchuß gewaͤhlt, Joͤrg Schmidt von Luibas, ge⸗ nannt der Knopf, Joͤrg Taͤuber von Haͤuſern in der Pfar— rei Lauben und Konrad Meier von Goͤtzen in der Pfarrei Bezigau. Sie erließen ſogleich eine Proteſtation gegen das Verfahren des Fuͤrſtabts an den ſchwaͤbiſchen Bund und den Kaiſer, worin ſie verlangten, daß uͤber ihre Be⸗ ſchwerden rechtlich entſchieden werden moͤge. Sie erboten ſich, alle Abgaben, auf die der Abt ein urkundliches Recht nachwieſe, ihm ohne Widerrede zu entrichten, doch ſprachen ſie auch die Erwartung aus, daß der Bund den Fuͤrſten abhalten werde, vor dem Ausgang des Rechtsſtrei⸗ tes etwas Feindliches gegen ſie zu unternehmen. Der Fuͤrſtabt reichte ebenfalls eine Klage gegen ſeine Untertha⸗ nen beim ſchwaͤbiſchen Bunde in Ulm ein, worin er ſie be⸗ ſchuldigte, ſie haͤtten eine Verbindung gegen das Gottes⸗ haus und den Bund gemacht, ihr Thun ſei freventliche Empoͤrung. Er forderte des Bundes bewaffnete Huͤlfe. Die Herren Bundesraͤthe in Ulm beeilten ſich gegen Ge⸗ wohnheit Geſandte an die kemptiſche Landſchaft zu ſchicken, welche den ſuͤßeſten Honig im Munde fuͤhrten. Alle Be⸗ ſchwerden der Bauernſchaft ſollten in Guͤte durch recht⸗ 318 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 3 8 lichen Entſcheid ausgeglichen werden. Der Grund dieſer Sprache war, weil um Ulm ſelbſt ſich der Aufſtand auf drei verſchiedenen Punkten erhoben hatte. Der Erzherzog Ferdinand betrieb mit dem von den Welſern in Augsburg erhaltenen Gelde uͤberall heimliche Werbung und brachte ganz im Stillen ein Kriegsheer von Landsknechten zuſammen. Daneben entließ er aus ſeiner Kanzlei fleißig Briefe an die Fuͤrſten und Herrn. Aber ſchon klang ihre Sprache wieder ganz anders als vor einigen Wochen. Denn die Ruͤſtungen waren uberall zum Theil ſchon vollendet, zum Theil noch im Gange und eifrigſt be⸗ trieben. Schon in der Mitte des Januar erließ der Erz⸗ herzog an ſeine Commiſſäre nach Stockach den Befehl, die Reiſigen ſollten auf die aufruͤhreriſchen und ungehorſamen Bauern und Unterthanen ſtreifen, ſie fahen, wo ſie ſie be⸗ treten, ſie recken und in anderer Weiſe buͤrgerlich oder pein— lich fragen, wer ihre Hauptleute, Vorgeher und Haupt— ſächer ſeien, was ihre Macht und Fuͤrnehmen ſei und wider wen ſie Anſchläge gemacht haben; und nach der Frage ſol⸗ len ſie die Betretenen erſtechen, erwuͤrgen, oder ſonſt ernſt— lich ſtrafen und kein Erbarmen mit ihnen haben. Vor Allem ſollen ſie die Rädelsfuͤhrer, nämlich die Hauptleute, Faͤhndriche, Waibel und andre Vorgeher der Bauern mit allem Fleiß ausſpähen, die Orte, wo ſie ſich am meiſten aufhalten, aufſpuͤren und ſie beiſammen oder einzeln un— verſehens und ungewarnt bei naͤchtlicher Weile in ihren Häuſern und Herbergen uͤberfallen und ſie, wie es am be— — Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 319 quemſten ſei, verderben. Denen, welche ſich, ehe ſie betre⸗ ten wuͤrden, in die Waͤlder oder an andere Sicherheitsorte fluͤchten wuͤrden, ſollte Haus und Hab und Gut ohne alles Erbarmen verodet, verderbt und verbrannt, den fluͤchtigen Raädelsfuͤhrern aber nicht blos ihr Haus und Gut ver⸗ heert, ſondern auch ihre Weiber und Kinder verjagt und aus dem Lande vertrieben werden. Das war die wahre und aufrichtige Sprache des jungen ſpaniſchen Königs⸗ und Pfaffenzoͤglings. Fer⸗ dinand der Katholiſche war nicht vergebens ſein Groß⸗ vater, Pathe und Erzieher geweſen. Das waren die Befehle, die der ſpaniſche Jude Gabriel von Salamanka im Namen ſeines Herrn niederſchrieb, die die edeln Biſchoͤfe von Beixen und Trient unterzeichneten, und mit denen man das getretene, ausgeſaugte, verhoͤhnte, in all ſeinen Rechten und Freiheiten ſchwer verletzte und doch noch gut⸗ muͤthige, den Verſprechungen und Zuſagen ſeiner Fuͤrſten auf Abhuͤlfe der ſchreiendſten Uebelſtände vertrauende deutſche Landvolk zur„Ruhe und Ordnung“ zuruͤckzu⸗ bringen beabſichtigte. Ungluͤckſeliges deutſches Land, bewohnt und bebaut von einem Volke ſo treu und bieder, ſo verſtändig und billig, ſo ruhig und fleißig, einem Volke zu allem Großen und Schoͤnen berufen, und fort und fort geknechtet, ge⸗ mißbraucht, irre geleitet, ausgeſaugt von ſelbſtſuͤchtigen Fuͤrſten und ſchändlichen Pfaffen, welche die herrlichſte Re⸗ ligion, die je auf Erden waltete, die Religion der Liebe 320 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. verdrehen und verderben, um das Volk zu verdummen, damit es ſich der Gewalt ſeiner Blutſauger fuͤge. Und dies Volk, tapfer und muthig bis zum Wunder, wenn es von dieſen ſeinen Draͤngern und Bedruͤckern gegen den äußern Feind gefuͤhrt wird, iſt feige und erſchrocken, wenn es die Waffe, die letzte Zuflucht des verhoͤhnten und grau⸗ ſam getretenen Menſchen, gegen den groͤßten Feind, gegen die lugneriſche, betrugeriſche, tyranniſche Fuͤrſtenmacht in ſeinen Marken gebrauchen ſoll. Da kämpfen die Soͤhne des Volks im Solde der Fuͤrſten gegen ihre Vaͤter und Bruͤder, da zerſtoren ſie das Haus, in welchem ſie geboren und erzogen wurden, in welchem die Liebe ſie gepflegt, da verwuͤſten ſie den Heerd, deſſen gaſtliches Feuer ſie genährt, um nichts als Fuͤrſtenknechte zu werden und den Er⸗ trag ihres Schweißes den Praſſern ſpäter darzubringen, ſie, die, wenn ſie nur wollten, freie Maͤnner ſein und ihr ſchoͤnes Vaterland zum reichſten, bluͤhendſten, mächtigſten und geachtetſten Land der Erde machen koͤnnten. O Deutſch⸗ land, welch ein unſeliger Fluch ruht auf dir! ———— Sechszehntes Kapitel. Jakob Fugger hatte Augsburg an Leib und Seele krank verlaſſen, und eine dunkle Ahnung war durch ſeine Seele geflogen, daß er die theure Vaterſtadt, deren Ruhm ſein hochſter Stolz war, nicht wiederſehen werde. Die Ereigniſſe des Jahres 1524 hatten ſein Gemuͤth erbittert, wie noch niemals. Er war wortkarg, eigenſinnig, gräin⸗ lich, rechthaberiſch und auffahrend geworden, ſo daß er kaum wieder zu erkennen war. Auch ſeine Geſtalt war verfallen und erlag ſichtlich dem Drucke eines zu fruͤhzei⸗ tigen Alters. Seiner Lebensjahre waren doch erſt fuͤnf⸗ undſechszig, und ſeine ſtets ruͤſtige Kraft, ſein von vielen Reiſen, Arbeiten und andern Strapazen abgehaͤrteter Koͤr⸗ per hatten ihm ein hohes und von Krankheiten freies Alter verſprochen, aber er ging gebeugt wie ein achtzigjaͤhriger Greis und konnte ſich von der uͤberſtandenen ſchweren Krankheit nicht wieder erholen. Er fuhlte, daß er immer noch krank war und auch wohl krank bleiben wuͤrde, ob⸗ gleich ihn die Aerzte fuͤr einen Geneſenden ausgaben. Ein deutſcher Leinweber. VI. 322 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Seine letzten Erlebniſſe hatten ſeine Kraft gebrochen, und die Aerzte riethen ihm ſelbſt Augsburg zu verlaſſen, wo er nur immer Stoff zu neuem Kummer fand, und die friſche Bergluft Tirols in ſeinem ſchoͤnen Fuggerau zu athmen. Was hatte er aber auch Alles erleben muͤſſen! Es hatten ſich Dinge in Augsburg, in ſeinem eignen Hauſe und in der ihm ſo theuern habsburger Koͤnigsfamilie ereignet, deren Moͤglichkeit ihm nie im Traume eingefallen war. In der Stadt ſeiner Liebe, in dem ſchoͤnen reichen, dem Kaiſer und dem Papſte ſtets ſo getreuen Augsburg waren geweihte Prieſter, vom Gift der ihm ſo verhaßten luthe⸗ riſcheu Ketzerei angeſteckt, gegen den edeln menſchenfreund⸗ lichen Biſchof, ſeinen werthen und verehrten Freund, auf⸗ getreten und hatten die Kanzeln und die Kirchen durch hef⸗ tige Predigten in Luthers Sinn entweiht. Sogar in der Kirche, wo er ſich mit ſeinen Bruͤdern die herrliche Grab⸗ ſtätte bereitet, und wo die Vorangegangenen ruheten, war ſolcher Frevel geſchehen. Die ganze ſonſt ſo friedliche Stadt kam durch die neue Lehre in eine Aufregung, wie ſie Jakob noch nicht geſehen. In aͤußerſter Betruͤbniß daruͤber prophezeite er mit verduͤſterter Seele(nicht mit hellem Prophetenblick) aus dieſer ihm ſo unſelig erſchei⸗ nenden Bewegung den Untergang der Stadt. Und nun kam es immer ſchlimmer, immer troſtloſer fuͤr den alten kranken, in ſeinen Begriffen und Anſichten feſtgefahrnen Mann. Seine beſten Umgangs- und Geſchaͤftsfreunde, die angeſehenſten Maänner erklaͤrten ſich allmälig, immer Die Sturmvögel zum Bavernkrieg. 323 Einer um den Andern, fur die neue Lehre, und zu Anfang des Jahres 1524 wurde es ein faſt allgemeiner Abfall von der roͤmiſchen Kirche, die in Augsburg ſtets eine Haupt⸗ ſchirmburg gehabt hatte. Er ſuchte ſich zu ermannen; er hielt es fuͤr ſeine heiligſte Pflicht, all ſeinen Einfluß noch einmal aufzubieten, um fuͤr die Sache Gottes und der hei⸗ ligen Mutter Kirche, wie er meinte, in die Schranken zu treten. Er ſtellte ſich auf die Partei des Biſchofs und wurde gewiſſermaßen als Haupt derſelben betrachtet. Als ſolches verlangte er vom Rath die unverzuͤgliche Austrei⸗ bung der ketzeriſchen Prediger;z aber er mußte den uner⸗ warteten Schmerz erleben, daß der Stadtrath ſelbſt die Prediger der neuen Lehre gegen den Biſchof in Schutz nahm. Junge Bürger traten mit einer unerhoͤrt kuͤhnen Sprache hervor und verlangten die Abſchaffung mehrerer Kirchengebraͤuche, und auch dieſem Begehren willfahrtete die ſtädeiſche Obrigkeit nach kurzem Widerſtreben. Ein Leutprieſter verheirathete ſich, und die Buͤrger ſchuͤtzten ihn gegen die Angriffe des Raths. Durch die heftigen Pre⸗ digten eines Barfuͤßermoͤnchs, Johannes Schilling, gegen die Unſittlichkeit der Geiſtlichen und das arge Verderbniß der ganzen Kirche wurde der Bewegung eine wilde und fanatiſche Richtung gegeben. Aus den untern Volksklaſſen rotteten ſich in einer Aprilnacht große Haufen zuſammen und zogen mit Toben und Geſchrei in die Kirchen und Kloͤſter, zerſchlugen die Thuͤren, die ihnen verſchloſſen waren, und vernichteten oder ſchändeten die heiligen Bilder. 2 324⁴ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Einem Prieſter ſchlugen ſie ſogar das Gebetbuch vor dem Altar aus der Hand. Der Ordensprovincial ſchaffte den kuͤhnen Moͤnch, welcher der Mittelpunkt des Aufruhrs zu werden drohete, heimlich aus der Stadt. Nun zog aber der wuͤthende Volkshaufe vor das Rathhaus und verlangte Schilling zuruͤck, widrigenfalls er mit dem Aergſten drohete. Der Rath kam in die groͤßte Verlegenheit; denn er wußte weder, wer den Moͤnch fortgebracht hatte, noch wohin er ge⸗ ſchafft worden war. Umſonſt waren alle guͤtlichen Ver⸗ ſuche das Volk zu beruhigen, und es ware jedenfalls zu ſehr ſchlimmen Epceſſen gekommen, wenn nicht ein Augs⸗ burger Weber Schillingen zufallig bei Eichſtaͤdt auf der Straße getroffen und nach Augsburg zuruͤckgebracht hätte. Der Biſchof und das Domkapitel waren während dieſer Unruhen aus der Stadt gefluͤchtet, und nur dadurch, daß der Ralh zwei Urheber des Aufruhrs enthaupten und einen Dritten am Schandpfahl mit Ruthen peitſchen ließ, wurde der wildeſte Sturm unterdruͤckt. Es war, als hätte ſich Alles gegen Jakob Fugger verſchworen; denn gerade die Weber waren die Wuͤthendſten im Aufruhr, darunter Leute, denen er perſoͤnlich wohlgethan, und Viele aus der Fuggerei, die ihm Wohnung und Nahrung verdankten. Es ſollte aber noch ſchlimmer fur ihn kommen. Um den wilden Ausbruͤchen der aufgeregten Volksleidenſchaft aus dem Wege zu gehen, war er zu Anfang des April nach Nuͤrn⸗ berg gereiſt, wo ſeit dem Februar der Reichstag verſam⸗ melt war. Dort traf er den Erzherzog Ferdinand und —— ——— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 325 deſſen Schweſter, die vertriebene Koͤnigin Iſabella von Daͤnemark, welche mit Auftraͤgen ihrer Tante, der Statt⸗ halterin Margaretha, von Bruͤſſel gekommen war; ebenſo den Cardinal⸗Legaten Campeggi und viele ihm befreundete Fuͤrſten und Herrn. Von dieſem Reichstage erwartete der alte ſo feſt am Alten haͤngende Mann energiſche Schritte gegen die immer frecher um ſich greifende Ketzerei, aber zu ſeinem Entſetzen fielen die Beſchluſſe des Reichstags durch⸗ gehends guͤnſtig fut die neue Kirchenlehre und feindlich gegen den Papſt aus. Unter den Augen des Erzherzogs, des päpſtlichen Legaten und der Fuͤrſten predigten die Nuͤrnberger Geiſtlichen, die faſt ohne Ausnahme der luthe⸗ riſchen Lehre ergeben waren, dieſe mit Kraft und Nachdruck von allen Kanzeln. Der Legat erhielt nicht nur gar keine Ehrenbezeigungen, ſondern es haͤtte ſogar nicht viel gefehlt, daß ihm der Poͤbel Schimpf und Schande angethan. Er ſelbſt, Jakob Fugger, ſonſt gewohnt, in der Stadt Nuͤrnberg mit liebreicher Ehrerbietung begruͤßt und behandelt zu werden, ſah mit wachſendem Gram, wie gleichgultig er den Nuͤrn⸗ bergern geworden war. Sie beachteten ihn gar nicht, und einmal wurde er ſogar von einem Volkshaufen verhoͤhnt; denn es war maͤnniglich bekannt, daß er ein ſtrenger An⸗ haͤnger des Papſtes und der roͤmiſchen Pfaffheit ſei. Um aber das Maß ſeines Kummers in Nuͤrnberg voll zu machen, wurde ihm hier nicht nur die Kunde, die er bis jetzt nicht hatte glauben wollen, von einem Augenzeugen beſtaͤtigt, daß die Koͤnigin Maria von Ungarn und Boͤh⸗ 326 men eine begeiſterte Anhängerin Luthers geworden ſei, ja, das Unglaubliche ereignete ſich gleichſam unter ſeinen Augen, die Koͤnigin von Daͤnemark erklaͤrte ihm, als er ihr die Aufwartung auf der Burg, ihrer Reſidenz, machte, mit naiver Offenheit, daß ſie von den Nuͤrnberger Predi⸗ gern uͤberzeugt und bekehrt worden ſei und die Begeiſterung ihrer Schweſter Maria fur die neue Lehre theile. Einige Tage darauf nahm wirklich die Koͤnigin Iſabella in der Kirche der Burg das Abendmahl in beiderlei Geſtalt, wo⸗ mit ihre offene Erklaͤrung fuͤr Luthers Lehre ausgeſprochen war. Sie kehrte ſich nicht an den Zorn ihres Bruders, des Erzherzogs, ſondern verlachte ihn vielmehr in ihrer Weiſe. Obgleich vom Schickſal ſchwer gepruft und ſehr kraͤnklich, war ſie doch immer noch voll Witz und Scherz, wie einſt als harmloſe Prinzeſſin am Hof ihrer Tante. Der Erzherzog und die Koͤnigin trennten ſich in Unfrieden, und Fugger reiſte mit dem Erſtern im tiefſten Mißmuth nach Augsburg zuruͤck. Hier hatte er kaum ſeiner Ehe— wirthin die boͤſen Dinge, die er in Nuͤrnberg erlebt, mit⸗ getheilt und den todten Kaiſer Map gluͤcklich geprieſen, daß er den Abfall ſeiner Enkel von der heiligen Kirche nicht mehr erlebt, als Frau Sibylle in ihrer trocknen ſchlichten Weiſe ihm zu vernehmen gab, ſie konne ſich uͤber die reli⸗ gioͤſe Sinnesaͤnderung der beiden koͤniglichen Schweſtern weder verwundern, noch ſie tadeln; denn auch ſie ſei waͤh— rend ſeiner Abweſenheit durch die verſtaͤndigen Predigten, die ſie mit angehoͤrt, zu der Ueberzeugung gelangt, daß der Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. —..——— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 327 vielgeſcholtene Doktor Luther doch Recht habe und in alle Ewigkeit Recht behalten werde. Der Papſt und die Pfaf⸗ fen ſeien alle„verſchmitzte Luͤgentoͤpfe.“ Sie habe das zwar ſchon lange gewußt und auch kein Hehl daraus ge⸗ macht;z aber jetzt, da ſie die„himmliſchen Prädikanten“ gehoͤrt, fuͤhle ſie ſich gedrungen, der Sache den rechten Namen zu geben. Auch ſei ihr nicht erſt ſeit geſtern zu Sinn geweſen, daß ihr Neffe ulrich auf dem rechten Wege ſei, indem er zu den lutheriſchen Predigern halte und dem ſchwergedruͤckten gemeinen Mann wohlwolle. Das ſei ge⸗ rade auch ihre Ueberzeugung. Und Meiſter Jakob ſolle ſich nicht etwa ungeberdig ſtellen, wenn er erfahre, daß auch ſein Neffe Raimund Wohlgefallen an der neuen Lehre finde; ſeine Ehewirthin ſchwaͤrme ſchon dafuͤr. Der junge Raimund Mohr habe die Liebhaberei fuͤr Luther von Ungarn ins Haus gebracht. Den habe die Koͤnigin von Ungarn bekehrt. Und ſo liege es gar nicht außer den Gren⸗ zen der Moͤglichkeit, daß eines ſchoͤnen Morgens die ganze Fuggerſche Familie von dem roͤmiſchen Luͤgenglauben ab⸗ gefallen ſei.— Das Alles ſagte die dicke Frau ſo ruhig und mit ſo duͤrren Worten in ihrem koͤſtlichen Phlegma, als wenn ſie von ihren Wirthſchaftsangelegenheiten rede, waͤhrend ihrem Jakob zu Muthe war, als wanke der Boden unter ihm. Das war der argſte Schlag, der ihn treffen konnte. Seine eigene Frau ketzeriſch geſinnt! Sein Neffe, ſein ganzes Haus von der heiligen Kirche abgefallen, die ihm als Hochſtes galt, was die Erde beſaß! Die Wirkung 328 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. war erſchuͤtternd; ein paar große Thraͤnentropfen quollen unter ſeinen grauen Wimpern hervor und rannen durch die tiefgefurchten ſteinernen Wangen. Jakob Fugger konnte ſich nicht erinnern, daß er jemals geweint habe. Sibylle betrachtete ihn, die fleiſchigen Haͤnde uͤber ihrem fleiſchigen Bauche gefaltet, mit einer gewiſſen kleinen Schadenfreude. Sie goͤnnte ihm die Demuͤthigung; ſie hatte nie Wohlge⸗ fallen gehabt an ſeiner Freundſchaft mit fuͤrſtlichen Pfaf⸗ fen und derlei vornehmen Herrn. Jakob unterredete ſich mit ſeinen Neffen Raimund und Anton. Er betrachtete es als Gewiſſensſache, ſie von der Ketzerei zuruͤckzuſchrecken. Da erfuhr er wenigſtens den Troſt, daß der geliebte Anton feſt und unwandelbar an der roͤmiſchen Kirche, ſo wie an allen Grundſaͤtzen ſeines Ohms feſthielt, und daß es mit deshochprunkenden, lebensluſtigen Raimund Ketzerei gerade nicht weit her war. Bei Rai⸗ mund Fugger ging nichts tief, wie haͤtte der reine evange⸗ liſche Glaube tiefe Wurzel ſchlagen ſollen! Er laͤugnete nicht, daß ihm die Predigten der das Evangelium verkun⸗ denden Prieſter gefallen haben und daß ſeine Frau als un⸗ gariſches Landeskind ganz und gar fuͤr Luthern eingenom⸗ men ſei, weil die junge Koͤnigin ihres Geburtslandes eine ſo gluͤhende Anhaͤngerin des wittenberger Glaubens ſei, wie ihr ihr Bruder, der Oberbergrath, geſchrieben, und das ſei freilich auch wahr, daß ſein Pathe und jetziger Haus⸗ genoſſe, der junge Raimund Mohr, nicht nur in der Liebe, ſondern auch im Glauben von der reizenden Königin eifrig Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 329 unterwieſen worden ſei, in alle lutheriſchen Predigten laufe, und alle lutheriſchen Buͤcher leſe. Der alte Jakob be⸗ kreuzte ſich, beſchwor den Neffen von dem Irrweg zuruͤck⸗ zukehren, ſeiner Ehewirthin dic Hoͤlle heiß zu machen, und verabredete dann ins Geheim mit Anton einen Plan, wie dem in der Familie einreißenden Verderben Einhalt zu thun, und wie vorzuͤglich Raimund Mohr wieder zum rechten Glauben zuruͤckzubringen ſei. Dann trat er mit ſeinem alten getreuen Reitknecht und Begleiter durch das Leben, Veit Schellenberger, der wenigſtens tuchtig auf die neue Ketzerei fluchte und ſchimpfte, die Reiſe nach Tyrol an. Nicht nur Augsburg, ſein eignes Haus auf dem Wein⸗ markt waren ihm verleidet. Er ſchied mit bitteren Ge⸗ fuhlen, wie noch niemals von der Vaterſtadt. Auf dem Wege durch das Hochland des Algaus mußte er zur Er⸗ hoͤhung ſeines Leidweſens, die wilde aͤußerſt gereizte Stim⸗ mung des Landvolks wahrnehmen, die dann bald darauf zum Ausbruch kam. Und ſo war er endlich froh, als er die Schwelle ſeines ſchoͤnen Schloſſes in den tyroler Ber⸗ gen uberſchritt. Hier wollte er ſich ganz von der tollge⸗ wordenen Welt zuruͤckziehen, und ſeinen kranken Leib und ſein nicht minder leidendes Gemuͤth von der geliebten Pfle⸗ getochter Sibylle und deren guten ſanften Gatten, dem treuen Marx von Buͤbenhoven, pflegen laſſen. Ihrer Liebe und Hingebung war er gewiß. Aber auch dieſe letzte ſchoͤne Hoffnung, an die er ſich mit der Angſt eines nach dem Strohhalm greifenden Ertrinkenden geklammert hatte, 330 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ſollte dem alten hinfaͤlligen Manne vergaͤllt werden. Sein liebes Pflegekind trat ihm bleich und an einem unheilbaren Bruſtubel leidend, entgegen. Der Tod grinſte der armen Si⸗ bylle ſchon aus den matten Augenz ihre eingefallenen Wan⸗ gen waren von einer das Schlimmſte verkuͤndenden Roͤthe uͤberhaucht. Jakob bebte erſchrocken vor ihr zuruͤck; in Buͤbenhorns Auge glaͤnzte eine bedeutſame Thraͤne, als er dem zuſammengebrochenen Greiſe die Hand reichte. Worte wurden nicht viel gewechſelt; ihr Schmerz ſcheute das laute Wort. Das war der truͤbſte Winter, den Jakob Fugger er⸗ lebt. Es ging ungemein ſtill zu im Schloſſe Fuggerau, waͤhrend die Gaͤhrung und der Laͤrm in den Thaͤlern und auf den Bergebenen Tyrols immer lauter wurde. Der ſchwerbekuͤmmerte Greis wollte nichts davon ſehen und hoͤren; er beſuchte den erzherzoglichen Hof in Innſpruck nur aͤußerſt ſelten; er ſchloß ſich ab von der Welt. Aber unausgeſetzte Beſchaͤftigung war fuͤr ihn erſte Lebensbe⸗ dingung. Und ſo widmete er ſich ganz dem Berg- und Huͤttenweſen und der noch wenig benutzten praͤchtigen Buͤ⸗ cherei im Schloſſe. Bei beiden war ihm Buͤbenhoven ſtets huͤlfeleiſtend zur Seite. Am Tage beſuchte er mit ihm die verſchiedenen Berg- und Huͤttenwerke, wenn dies aber die winterliche Unbill des Wetters oder die an manchen Tagen bedenkliche Schwaͤche des Greiſes nicht erlaubte, ſo wie des Abends und oft ſogar die Naͤchte hindurch— denn der Schlaf floh meiſt den alten kummervollen Mann,— Die Siurmvögel zum Bauernkrieg. 331 las er ihm vor und unterhielt ſich mit ihm uͤber die zeit⸗ lichen und ewigen Dinge. Buͤbenhoven, ſelbſt von den neuen Zeitideen eingenommen, hatte ſie mit ſeinem weichen poetiſchen Gemuͤth erfaßt, auf ſeine eigenthuͤmliche Weiſe in ſich verarbeitet und ſich als Eigenthum gewonnen. So lagen ſie abgeklaͤrt von den Schlacken der Parteileidenſchaft in ihm, aber ſie hatten durch dieſen Prozeß auch die fort⸗ zeugende weiter zuͤndende Kraft verloren; ſie waren ihm eben ein rein poetiſches Gut geworden. Als ſolches konn⸗ ten ſie nicht aus dem kleinen Kreiſe ſeines ſtillen Hauſes hinausgehen; aber hier verbreiteten ſie ihr klares Licht, ihre wohlthaͤtige Waͤrme. Die beſcheidene gemuͤthliche Sibylle hatte ſich ihnen je mehr hingegeben, je klarer ihr eigener Geiſt und je empfindſamer ihre Seele durch das Vorſchreiten ihrer Krankheit wurden. Jakob Fugger hatte ſeine Vaterſtadt und ſein Haus darin verlaſſen, weil es von den ihm ſo verhaßten Zeitideen ergriffen warz er hatte ſich voll Jammers in ſein Schloß in Tyrol zu den ihm theuerſten Menſchen gefluchtet, von deren Liebe und Treue zu ihm er uͤberzeugt war, wie von ſeiner Seligkeit, aber auch ſie hatten ſich der aufgehenden Sonne, die er fuͤr ein trugeriſches Meteor hielt, zugewendet. Doch hier trat ihm das Sonnenlicht nicht grell und hitzig entgegen; es war durch das Prisma der Poeſie in ſeine urſpruͤnglichen herr⸗ lichen Farben aufgeloͤſt, und deshalb merkte der Greis an⸗ fangs nichts von ſeinem Daſein im Schloſſe Fuggerau. Dieſe poetiſche Umwandlung war ein Gluͤck fuͤr den alten 332 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. in ſeinen Ideen ſo ſtarr befangenen Mann. Hätte er ſo⸗ gleich deutlich erkannt, auf welchen religioͤſen Standpunkt das Buͤbenhovenſche Ehepaar uͤberhaupt emporgeſtiegen war, da ſeiner geiſtigen Befangenheit die Befaͤhigung ab⸗ ging dieſen Standpunkt richtig zu wuͤrdigen, er wuͤrde in troſtloſer jammervollſter Verzweifflung untergegangen ſein. So aber kam es wunderbar anders. Buͤbenhoven konnte, ſo viel Muͤhe er auch ſich gab, unmoͤglich verhuͤten, daß der alte Herr und Meiſter nicht endlich inne wurde, wie die ſaͤmmtlichen Bergknappen in ſeinen Gruben, ſo wie alle Huͤttenleute von naturwilder, urkraͤftiger Begeiſterung fuͤr das Evangelium und deſſen Verkuͤnder ergriffen waren; denn dieſe Begeiſterung ſprach ſich bei jeder Gelegenheit und oft recht abſichtlich in des Greiſes Gegenwart aus, deſſen ſtarre Anhaͤnglichkeit an das roͤmiſche Papſtthum den Arbeitern bekannt war. Der bekuͤmmerte, gebeugte Greis hatte ſich unter die Erde gefluͤchtet, aber auch hier in den finſtern Stollen und Gaͤngen trat ihm der Geiſt entgegen, der ihn oben vertrieben hatte. Schwer ſeufzend, an Leib und Seele gebrochen, zuweilen aufs Aeußerſte er⸗ bittert, zuweilen leiſe vor ſich hinjammernd und in ſchmerz⸗ liche Wehmuth aufgeloͤſt, kehrte er in die Zimmer ſeines Schloſſes zuruͤck. Dann ſprach er wohl zu Buͤbenhoven und zum Oberſteiger Gebhard Diether, dem er immer noch das alte Wohlwollen bewahrte:„Ich ſehe wohl, der boͤſe Same, den der Erzfeind in die Welt ausgeſtreut hat, iſt uͤppig aufgeſchoſſen und bringt der armen bethoͤrten Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 333 Menſchheit die giftige Frucht. Gott und die Heiligen haben es zugelaſſen; was kann ein armer ſchwacher Wurm wie ich bin, dagegen thun? Ich muß ſtill halten und tra⸗ gen, was mir Gott in meinen alten Tagen auferlegt hat. Wohin ich meinen Fuß ſetze, tritt mir des Teufels ſieg⸗ reiche Wirkſamkeit hohnlachend entgegen. Mir iſt das heilige Schluͤſſelamt St. Peters in Rom all mein Lebelang die wahrhaftige Statthalterſchaft Chriſti auf Erden ge⸗ weſen, und dieſe Ueberzeugung werde ich behalten, bis ich den letzten Athemzug thue. Wer vom Papſt abfällt, faͤllt von mir ab; wer der Mutterkirche die Treue bricht, bricht ſie mir. Ich ſehe Alles um mich wanken, da ich alt und ſchwach geworden bin und der Treue und Anhaͤnglichkeit mehr bedarf als in fruͤheren Tagen, als ich noch ruͤſtig war und mich auf mich ſelbſt verlaſſen durfte. Ich habe all mein Lebtag den Menſchen, die mir nahe traten, mit Liebe begegnet und wohlgethan ſo viel in meinen Kraäften ſtand. Euch beide aber habe ich beſonders geliebt und Euch auferzogen, wie meine Soͤhne. So haltet Ihr wenigſtens in Liebe und Treue zu mir, zu Kaiſer und Papſt feſt. Werdet Ihr wenigſtens keine Verraͤther an der heiligen Kirche und an der heiligen Kaiſerkrone. Doch was bedarf es bei Euch der Ermahnung! Euere Treue zu Gott und zu mir iſt erprobt. Auf Euch verlaſſe ich mich. Ihr ſeid mir ergeben bis zum Tod. Und ſo habe ich doch einen Troſt in dieſem Truͤbſal, eine Stuͤtze in dieſem Sturme.“ 334 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Auf ſolche herzliche Worte erfolgte in der Regel eine wortreiche und hochgeſpannte Verſicherung des Oberſteigers von Treue bis in den Tod, ein ruhmrediges Erinnern an ſeine zeitherige Ergebenheit, ein Fluchen und Verdammen der Ketzer und Aufruͤhrer, und ſolche umſtändliche Reden klangen gar ſuͤß in den Ohren des alten ſchwachen Man⸗ nes. Buͤbenhoven hatte fuͤr den geliebten Ohm meiſt nichts weiter als eine Thraͤne, einen Haͤndedruck, ein kur⸗ zes, aus dem tiefſten Gefuhl emporſteigendes Wort. Aber wenn er dann Abends beim warmen Ofen dem ſorgenvol⸗ len Greiſe gegenuber ſaß, da ließ er allmälig und ganz un⸗ vermerkt, eine Farbe nach der andern des geiſtigen Son⸗ nenlichts erglaͤnzen und breitete ſie leiſe und vorſichtig mit ſchonender Hand vor ihm aus. Jakob mußte zugeben, wie ſchlimm die Pfaffheit gehauſt, wie die Päpſte abge⸗ wichen ſeien von Chriſti Satzung und Lehre. Er las ihm die Evangelien und die Briefe der Apoſtel vor und knuͤpfte daran ſeine Betrachtungen. Da kam Vieles zur Sprache, was Jakob ſchon ſelbſt gefunden, woruber er ſich ſchon fruher mißbilligend ausgeſprochen. Zuletzt kam er aber immer wieder darauf zuruck, daß der menſchliche Mißbrauch eines gottlichen Geſetzes dieſes nicht umſturzen koͤnne und duͤrfe, ſolle der Teufel nicht ſiegreich durch alle ihm geoͤff⸗ neten Thore in die Menſchenſeele einziehen und ſie in Grund und Boden verderben, in den ewigen Pfuhl der Verdammniß hinabzerren. Wenn nun auch der Greis durch die Unterredungen mit Buͤbenhoven in ſeinen Anſich⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 335 ten gegen die Prediger und Anhaͤnger des Evangeliums milder geſtimmt wurde, uͤberzeugt wurde er nicht, daß ſie recht haͤtten in ihrem hitzigen Eifer gegen Papſtthum und Fleriſei. Aber die vor ihm aufgedaͤmmerte Ahnung, daß ſein Buͤbenhoven und ſeine geliebte Tochter Sibylle im Herzen von der Kirche abgefallen ſeien, wurde ihm immer mehr zur Gewißheit, und dieſe erfuͤllte ſeine betruͤbte Seele mit neuem Schmerz, mit immer groͤßerer Bekuͤmmerniß. Siebenzehntes Rapitel. Buͤbenhoven lebte mit ſeinem Schwager Ulrich Fug⸗ ger in Schwaz im beſten Vernehmen. Oefter noch als die Maͤnner beſuchten ſich die Frauen, bis Sibylle's zuneh⸗ mende Krankheit und die Rauheit des Winterwetters ihr ſelbſt die kurze Reiſe nicht mehr erlaubten. Deſto oͤfter kamen ulrich, ſeine Frau und ſein Bruder Hieronymus nach Fuggerau. Sie begruͤßten den Ohm jedesmal, ob⸗ gleich ſie nie freundlich von ihm aufgenommen wurden. Er gab ihnen zwar keine boͤſen Worte, aber er benahm ſich kalt, ſchweigſam und muͤrriſch gegen ſie. Bei Buͤbenhoven nannte er Ulrich ſtets mit großer Bitterkeit den„Erz⸗ ketzer“ und beklagte nichts mehr, als daß das junge Blut des Hieronymus von ſeinem unverſtaͤndigen Bruder auch zur Ketzerei verfuͤhrt worden ſei. Buͤbenhoven hatte darauf immer nur entſchuldigende, beguͤtigende Worte; mit Si⸗ bylle dagegen ſprach der Alte gar nicht von ihren Bruͤ⸗ dern. ulrichs Freunde, die evangeliſchen Prediger Strauß Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 337 zu Schwaz und Regius zu Hall, beide vor drei Jahren nur durch die Flucht der Verhaftung und Einkerkerung entgangen, ſchrieben ihm fleißig, der Erſtere von Erfurt, der Andere von Augsburg, und es war kein Geheim⸗ niß, daß er fur ihre Zuruͤckberufung wirkte. Auch ver⸗ reiſete er zu Anfang des Jahres 1525 nicht ſelten heimlich nach der Schweiz, den Algaͤu, Klettgau und Hegau, auch wohl weiter nach Unterſchwaben und nach Franken. Noch oͤfter aber kamen zur Nacht⸗ zeit Boten in ſein Haus, die ihm Briefe oder muͤndliche Kunde brachten und nach einem Tage guter Raſt und Pflege wieder bei Nacht abgingen. Durch ſie erhielt er auch alle neue Druckſchriften der Evangeliſchen, die er dann ſeinen Bergleuten mittheilte. Unter ſaͤmmtlichen Berg⸗ knappen und Huͤttenleuten Tyrols, nicht allein unter denen in ſeinen eigenen Bergwerken, war eine große Begeiſte⸗ rung fuͤr ihn, und die Herren vom Hof, die erzherzog⸗ lichen Beamten, die Kleriker und wer ſonſt Luſt hatte, konnten, ſo oft ſie nur wollten, die herzhaften Aeußerungen der Bergleute und Landbewohner vernehmen, falls man in Innſpruck oder anderswo den Einfall haben ſollte, Herrn ulrich Fugger irgend ein Leids zu thun, ſo ſei weder der Kanzler, noch wer es ſonſt ſei, Keiner ausgenommen, ſo hoch er auch ſtehe, in Tyrol laͤnger des Lebens ſicher, und es koͤnne ein Blutbad geben, wie man in dieſen Bergen noch keines geſehen. Ulrich blieb alſo gänzlich ungekraͤnkt. Da ihn die Hof⸗ und Pfaffenpartei nicht zu gewinnen hof Ein deutſcher Leinweber. VI. 22 338 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. fen durfte, ſo ſtellte ſie ſich, in Erwartung guͤnſtigerer Zei⸗ ten, wenigſtens an, als beachte ſie ihn nicht. Es war in der Mitte des Januar, als der ſchlanke Bilderhaͤndler mit den ſeltſamen Narben im Geſicht, eines Abends ſpaͤt bei ihm eintrat. Er ſaß eben mit Schreiben emſig beſchaͤftigt allein auf ſeinem Zimmer. Als er den Schirm der Lampe zuruͤckgeſchlagen und den Mann er⸗ kannt hatte, ſprang er freudig bewegt auf, ſtreckte dem Ta⸗ buletkrämer die Hand zum Wilikomm entgegen und fuͤhrte ihn zu dem Lotterbette, wo er ſich neben ihm niederließ. Dabei ſprach er:„Endlich, endlich darf ich Euch in dieſen Waͤnden begruͤßen, werthe Frau. Seit drei bis vier Wo⸗ chen habe ich Euch von Tag zu Tag, ja zuletzt von Stunde zu Stunde immer ſchmerzlicher erwartet. Ihr habt meine Geduld diesmal auf eine harte Probe geſtellt, Frau Ele⸗ onore.“ „Vorerſt, ehe ich von der Urſache meines uͤber mein Verſprechen hinaus laͤngern Ausbleibens und uͤber meine langwierige Reiſe und deren Erfolge Bericht erſtatte, ver⸗ goͤnnt mir eine Bitte: erinnert Euch und mich nicht mehr an mein Geſchlecht. Der Schoͤpfer hat einen Mißgriff ge⸗ than, als er mich zum Weibe machte, und Ihr kennt die ſchlimmen Folgen, welche dieſer Mißgriff fuͤr mich gehabt hat, nur zum Theil. Ich habe endlich das rechte Mittel ergriffen, um mich vor fernern uͤbeln Folgen dieſes Schoͤ⸗ pfungsfehlers zu ſchirmen, indem ich mich der Weiblichkeit ſo viel als ich vermochte, entaͤußert habe. Niemand kennt Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 339 mich mehr als Weib; ja kein Menſch kennt auch nur das Weib in mir. Eleonore van Bry oder van der Voort, oder wie ich ſonſt einmal geheißen habe, iſt todt, begraben, ver⸗ geſſen. Kein Menſch denkt mehr an ſie; Wenige nur moͤgen ſich ihrer erinnern. Sie iſt ausgewiſcht aus der Tafel, wo die Namen der Lebenden verzeichnet ſtehen. Vor Euch ſitzt der Bildernazzi, ein vielgeprufter, vielgewander⸗ ter Mann. Unter dieſem Namen bin ich bekannt von den Alpen Tyrols und der Schweiz bis zum Thuͤringerwald⸗ gebirge hinab. Ich brauche keinen andern Namen; ich will keinen andern haben. Alſo nennt auch Ihr mich alſo. Vergeßt wer ich einſt war und denkt allein daran, wer ich jetzt bin.“ „Dein Wille geſchehe, Nazzi! Und davon ſoll ferner zwiſchen uns nicht mehr die Rede ſein.— Was bringſt Du mir fuͤr Botſchaften?“ „Die wichtigſte zuerſt: Thomas Muͤnzer iſt ſelbſt im Algau und zieht predigend umher. Er wohnt jetzt heim⸗ lich beim Knopf von Luibas.“ „Das iſt der rechte Mann fuͤr uns!“ rief Ulrich uͤber⸗ raſcht.„Solch ein wuͤrdiger kraftvoller Mann, voll rechter Einſicht und kuͤhner Begeiſterung, hat uns ge⸗ fehlt.“ „Ihr ſcheint zu glauben, dieſer gewaltige Streiter gegen das Fuͤrſten- und Pfaffengeſchmeis ſtehe ſchon in den männlichen Jahren. Er iſt ein Juͤngling, 22* 340 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ein ſchoͤner Juͤngling von vier- bis fuͤnfundzwanzig Jahren.“ „Iſt's moͤglich? Und welche gewaltigen Blitze, welche kraͤftigen Donnerworte hat er ſchon in die Welt geſchickt! In ihm begruͤße ich den erwarteten Erlöſer, den ich vor acht Jahren in Luthern vermuthete. In Thomas Muͤnzern gluͤht Ulrich von Huttens Feuergeiſt. Solcher Juͤnglinge bedarf unſere Zeit, um das große Werk der Volksbefreiung von geiſtigen und leiblichen Banden auszufuͤhren. Wenn Maänner, die von der Wahrheit und der Berechtigung un⸗ ſerer Sache uͤberzeugt ſind, feige ſchweigen, muͤſſen Juͤng⸗ linge das Wort nehmen, und mit dem Worte das Schwert.“ „Muͤnzer ſteht nicht nur hoͤher als Luther, er ſteht auch uͤber Hutten. Luther iſt ein Fuͤrſtenknecht, Hutten war ein Knecht ſeiner Sinnlichkeit. Und wie Luther ſtets ein Moͤnch bleiben wird, und wenn er noch groͤber gegen die Moͤncherei loszieht, ſo waͤre Hutten ſtets ein Edelmann ge⸗ blieben.“ „Selbſt wenn Ihr recht hättet, wie zuträglich wurde es fur die Volksſache ſein, wenn wir ihn an die Spitze des Aufſtandes ſtellen könnten, doch freilich nicht den kranken, gebrochenen, ſondern den geſunden, koͤrper- und geiſtes ſtar⸗ ken Mann. Aber Ihr habt nicht einmal recht; Ihr hattet ſchon lang einen Groll auf den edlen Ritter.“ „Weil ich ihn kannte und beſſer kannte, als Ihr. Ich Die Sturmvögel zum Bauernktieg. 341 ſag' Euch, er war ein Edelmann und das Volk bedarf Maͤnner aus ſeiner Mitte.“ „Ihr koͤnntet eben ſo gut ſagen: auch ich ſei von Adel, ſei paͤpſtlicher Kaͤmmerer, ſei ein Fugger, d. h. ein reicher Mann. Ihr geht zu weit. Euer Haß laͤßt Euch ſelbſt die Freunde der Volksſache mit Mißtrauen be⸗ trachten.“ Nazzi zuckte die Achſeln ſchweigend.„Thomas Muͤn⸗ zer iſt ein Mann ganz nach meinem Sinn,“ ſagte er end⸗ lich.„Ich habe mit ihm uͤber Luthern und Hutten ge⸗ ſprochen. Wir waren uͤber Beide einverſtanden. Muͤnzer iſt in den Bund der Geheimen aufgenommen worden, und er wuͤnſcht Euch zu ſprechen, um mit Euch den Plan feſt⸗ zuſtellen, nach welchem Tyrol von ſeinen Juͤngern, den Prädikanten, und nöthigenfalls von ihm ſelbſt, predigend durchzogen und zum Kampfe vorbereitet werde. Es ſind uber dreißig ſeiner Prädikanten im Algaͤu und zwei davon ſind bereits mit mir in das Unterinnthal heruͤbergeſtiegen, um das Werk nach Euerer Vorſchrift friſch zu beginnen. Sie ſind draußen geblieben am Zechenhauſe des St. Jo⸗ ſephſtollens. „Ich werde ihnen meinen Bruder hinausſchicken, um fur ihre Bequemlichkeit zu ſorgen. Den wackern Muͤnzer werde ich im Algau aufſuchen, ſobald ich mich mit den Geheimen in Tyrol vernommen, und wir den Operations⸗ plan wohl erwogen haben. Geismaier hat dabei eine Hauptſtimme; er iſt ſchlau und vorſichtig und verdirbt Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 342 nichts durch Uebereilung. Aber er iſt in Bripen, und es wird noͤthig ſein, daß ich dahin reiſe.“ „Weiter habe ich Euch Bericht zu erſtatten von mei⸗ nen verſchiedenen Zuſammenkuͤnften mit den Geheimen. Ich habe ſie auf dieſer Reiſe alle geſprochen, ſowohl ein— zeln, als auch die Meiſten beiſammen im Wirthshauſe des Joͤrg Metzler zu Ballenberg auf der Hoͤhe. Von dieſem Staͤdtchen und aus dieſem Wirthshauſe wird der ganze Odenwald aufgeſtachelt. Der Geiſt des Volkes iſt dort durchgehens gut, und Joͤrg Metzler iſt ein praͤchtiger Burſch, ſtets bereit, ſich an die Spitze der Odenwaͤldner zu ſtellen und loszuſchlagen, ſobald der Bund der Wiſſenden es fuͤr gut haͤlt. Der Umſichtigſte im ganzen Bunde iſt zweifelsohne der churmainziſche Keller Weigand zu Milten⸗ berg. Er iſt ein feiner Mann und mir ſchier ein wenig zu vorſichtig. Er miſcht ſich nie unter das Volk, wie der ehemalige hohenlohige Kanzler, der alte Wendel Hipler, ſondern macht Alles mit der Feder ab. Aber was er ſchreibt, ſchlaͤgt unter die Bauern, wie Blitzſtrahlen. Ich habe ſeine Blaͤtter und Buͤchlein zu vielen tauſenden in Fran⸗ ken verbreitet. Was die kluge Vorbereitung und Leitung des Aufſtandes in Franken betrifft, ſo kann es dazu keine beſſern Maͤnner geben, als Hipler und Weigand. Zur Ausfuͤhrung iſt Metzler der rechte Mann. Sie haben ihren Plan fuͤr Euch und Geismaier niedergeſchrieben. Lange habe ich mich in der freien Reichsſtadt Rottenburg aufgehalten und in der Umgegend umgetrieben. Und von Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 343 da habe ich Euch eine wichtige Nachricht mitzutheilen. Zu den drei feurigen lutheriſchen Predigern, Doktor Deutſch⸗ lin, dem Commenthur im deutſchen Hauſe, Pfarrer Chri⸗ ſtian und dem blinden Moͤnch, die die ganzen Stadt und umgegend bereits fuͤr die evangeliſche Lehre gewonnen haben, iſt ein vierter und beruͤhmter Lichtſtreiter gekommen, den Ihr ſchwerlich hier ſuchen wuͤrdet, der große wittenber⸗ ger Theolog, Doktor Karlſtadt.“ „Karlſtadt in Rottenburg! das iſt mir eine ſeltſame Maͤhr.“ „In dieſem Staͤdtlein geht das Werk fleißig vorwaͤrts, obgleich nur erſt gegen dle Pfaffen. Der zweite Theil wird ſchon von ſelbſt nachkommen. Pfaͤfflein und Jun⸗ kerlein ſind zwei Giftblumen an einem Strauch. Wer ihm an die Wurzel geht, nimmt ſie beide mit. Und in Rottenburg graben ſie wacker nach der Wurzel. Ich muͤßte Euch einen Tag lang erzählen, wollte ich Euch Alles be⸗ richten, wie ſich die vier Maͤnner ruͤhren. Der Altbuͤrger⸗ meiſter Kumpf und eine Geſellſchaft Buͤrger laſſen Doktor Karlsſtadts Schriften heimlich drucken und ich habe viel davon verkauft. Morgen leg' ich Euch die Buͤchlein alle vor. Ich habe Karlſtadts Btiefe bis in die Schweiz an Zwingli getragen; auch fuͤr Euch hab ich einen. Auf dieſer Fahrt bin ich auch beim froͤhlichen Weinwirth Jaͤck⸗ lein Rohrbach in Boͤckingen bei Heilbronn geweſen. Das iſt wieder ein kecker kuͤhner Geſell, ganz aͤhnlich dem Joͤrg Metzler in Ballenberg, und auch ſein Wirthshaus dient 344 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. den Wiſſenden zur Zuſammenkunft, und ber hohenlohſche Kanzler blaͤſt auch hier die Kohlen an. Alle Bauern des Neckerthals dort haͤngen an Jaͤcklein und ſind entſchloſſen ihn zu ihrem Hauptmann zu wäͤhlen, wenn's losgeht. Seht, ſo bin ich das Land auf⸗ und abgefahren, am Neckar, am Rhein, an der Donau, am Main, in Franken und Schwaben bis an den Bodenſee und in den Turgau. Im Odenwald und im Schwarzwald hab ich mit dem Volke verkehrt und mit den Haͤuptern, mit den Predigern und andern vornehmen Anhaͤngern des Evangeliums, mit dem Pflugbauer und mit dem Sennhirten, mit den Buͤrgern in den Staͤdten. Ueberall gaͤhrt's und broddelt's, uͤberäll waffnet ſich das Volk, um loszuſchlagen, wenn die Wiſſen⸗ den es an der Zeit halten. Und der rechte Zeitpunkt iſt vor der Thuͤr. Nicht drei Monden werden am Himmel wechſeln, und das Land ſteht in Flammen vom Inn bis zum Main, ja bis zum Harz hinab, und vom Rhein bis an die Elbe. Ich habe hunderte von Briefen der Ge⸗ heimen getragen weit durch die Laͤnder, und ich bringe Euch eine huͤbſche Anzahl mit. Ich habe viel tauſende von Schriften verkauft. Hunderte von Wiedertaͤufern und Praͤdikanten durchſtreifen dieſe Laͤnder, faſt alle vom Muͤn⸗ zerſchen Geiſte beſeelt. Ich kenne die Meiſten, das ſind meine Leute. Die Saat iſt reif, und die Sicheln der Schnit⸗ ter werden gewetzt. Morgen ſollt ihr uͤber Alles ausfuͤhr⸗ lichen Bericht erhalten; denn es iſt Mitternacht voruͤber und ich fuͤhle, daß ich heute einen ſtarken Marſch gemacht. Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 345 Nur noch Eins, das ich nicht mit Schlafen nehmen kann. Es druͤckt mich; ich muß es los werden.“ „Was iſt's, das Euch beſchwert?“ „Ich bin ein paarmal mit meiner Schweſter Martha zuſammengetroffen. Sie iſt weit herabgekommen. Mit einem alten Schwarzkuͤnſtler und Kunſtreiter zieht ſie um⸗ her, geplagt vom Eigenſinn und der Eiferſucht deſſelben. Sie haßt dieſen Menſchen, aber ſie iſt wie durch boſe Kunſt an ihn gebannt und kann nicht von ihm los. Sie fuͤhrt ein elendes Leben und dauert mich. Sie hat ihren Leichtſinn ſchwer gebuͤßt und denkt mit ſchmerzlicher Sehn⸗ ſucht an ihre Tage im Fuggerſchen Hauſe zuruͤck. Und da hat ſie mich mit Thraͤnen gebeten, ein gutes Wort fuͤr ſie bei Euch einzulegen. Sie wird mit ihrem Kebsmanne bald nach Innſpruck kommen, und der alte Hexenmeiſter will auch in Hall und Schwaz ſeine Kunſt ſehen laſſen, und dann nach Salzburg hinunter. Sie laͤßt Euch nun um Gotteswillen bitten, ſie, wenn ſie hierher kommt, von ihrem Unhold zu befreien und in Euerm Hauſe aufzuneh⸗ men. Sie will Euch die Mittel dazu an die Hand geben. Sie moͤchte Euch als Schaffnerin in einem Eurer Haͤuſer dienen, um Ruhe zu finden; denn ſie iſt des luͤderlichen Lebens ſatt.“ „Es duͤrfte nicht gerathen ſein ſich mit ihr einzu⸗ laſſen.“ „Verſucht es; ich bitt' Euch darum! Ihr wißt, mein Stolz bittet nicht gern. Ich hab' Euch noch um nichts 346 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. gebeten. So thut mir's zu Lieb und nehmt Euch der Gefallnen an. Thut's nicht gut, koͤnnt Ihr ihr zu aller Zeit kuͤndigen. Ihr Schickſal iſt doch aus dem meinigen hervorgegangen. Ich hab's verſchuldet, daß ſie elend ge— worden iſt. So erbarmt Euch ihrer meinetwegen.“ „Ich will's. Hier habt Ihr Hand und Wort darauf!“ Das ſeltſame Mannweib ſuchte die Ruhe in der ihr angewieſenen Kammer, und die vom heißeſten Rachedurſt umher Gepeitſchte, einſt die ſtolze Gebieterin ungeheurer Schaͤtze, ſchlief bald ermuͤdet ein, ein armer Botengaͤnger, ein dienſtfertiges eifriges Werkzeug der Maͤnner, die die Flammen ſchuͤrten, welche das morſch und faul gewordene alte Prunkgebaͤude des weltlichen und kirchlichen Despo⸗ tismus verzehren ſollten. ulrich Fugger konnte nicht ſo bald den Schlaf finden. Er las noch die Briefe, welche der Bildernazzi ihm mitge— bracht; die aufgeregten Wogen ſeiner kuͤhnen Seele gingen noch lange hoch, und ſelbſt der endlich ihn beſtrickende Schlaf konnte ſie nicht beruhigen; ſie ſtuͤrmten in die Traumwelt hinuͤber. Der ſchlichte Tabuletkraͤmer verharrte einige Tage in dem reichen Fuggerſchen Hauſe, jedoch ganz auf ſeine Kam⸗ mer und die abgelegenen Zimmer des Hausherrn und Hie⸗ ronymus' beſchraͤnkt, wo er weitere Berichte erſtattete und Auftraͤge erhielt. Abends beſuchten die beiden Bruͤder mit dem Bilderkraͤmer die jungen Praͤdikanten im Zechenhaus, die von den Bergknappen auf's Beſte verpflegt wurden, Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 347 wofuͤr ſie denſelben jeden Tag oder vielmehr Abend das Cvangelium auslegten und feurige Predigten uͤber die neue Lehre hielten. Der Bildernazzi hatte ſeinen Weg uͤber die Berge nach Suͤdtyrol fortgeſetzt, um Michael Geismaier die neueſten Nachrichten, Briefe und Buͤcher zu bringen, und es war uͤber eine Woche vergangen, als Hieronymus eines Mor⸗ gens etwas ſchuͤchtern eintrat.„Sie iſt auch draußen im Zechenhauſe,“ ſagte er. „Wer?“ fragte Ulrich. „Martha Bry. Geſtern Abend iſt ſie hierhergekom⸗ men und heute hat ſie mich hinausbeſchieden. Sie will wiſſen, ob der Bildernazzi mit Dir uͤber ſie geſprochen und wenn dies der Fall, ob ihre Bitte bei Dir eine gute Statt gefunden?“ „Wie kommt ſie dazu, ſich zuerſt an Dich zu wenden?“ fragte Ulrich befremdet. „Ei nun, ſie war ja nicht allein unſerer Schweſter Suſanna, ſie war auch meine Geſpielin, als ſie von unſerer Schweſter Veronika in Balzheim hereinkam in unſer Haus; und ich war damals ſchon ſiebzehn oder achtzehn Jahre alt. Martha aber kann kaum drei Jahre aͤlter ſein als ich. Ich habe ſie immer betrachtet, als ob ſie eine meiner Schwe⸗ ſtern waͤre, und ihr Ungluͤck geht mir deshalb ſehr zu Herzen.“ „Rony, ſieht ſie wirklich aus wie eine Leidende, Un⸗ 348 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. gluͤckliche? Iſt ſie nicht mehr verfuͤhreriſch ſchoͤn? Sage mir aufrichtig, mein Bruder, wie haſt Du ſie gefunden?“ „Sie iſt noch ſehr ſchoͤn,“ verſetzte der junge Mann mit Waͤrme,„ja, ich glaube, daß ſie niemals ſchoͤner war als jetzt. Auch hat ſie ihr munteres frohes Weſen noch. Sie wuͤnſcht nichts ſehnlicher, als von dem alten Scheuſal, das ſich an ſie geklammert, loszukommen, und ſie hat mich bei unſerer ſchoͤnen Jugendzeit beſchworen, ſie zu retten. ulrich wir duͤrfen die Ungluͤckliche nicht verlaſſen.“ „Wir wollen ſie nicht verlaſſen, mein Bruder. Aber bedenke, es iſt ein gefallenes, ein tief gefallenes Weib! Sie hat den brauſenden ſchaͤumenden Becher des Lebens ausge⸗ trunken, wie es dem Weibe nicht ziemt, ja, ſie hat ſelbſt die Hefen nicht verſchmäht, und wir wiſſen noch nicht, ob ſie auch wahrhaft Reu' und Leid traͤgt uͤber ihr luderliches Leben. Du ſagſt ſelbſt, ſie iſt noch ſehr ſchoͤn. Sie iſt achtundzwanzig Jahre alt, Du, mein Rony, fuͤnfundzwan⸗ zig. Deine freundlichſten Jugenderinnerungen ketten ſich an dieſe ſchoͤne Suͤnderin. Ich muͤßte mich ſehr irren, wenn Deine erſte aufkeimende Neigung, die erſte Bluͤthe, die Dein junges Herz trieb, nicht eine gluͤhendere Faͤrbung gehabt haͤtte, als Bruderliebe zu haben pflegt. Als Martha aus dem Hauſe unſerer Mutter ſchied, betrauerteſt Du in ihr gewiß mehr als eine verirrte Schweſter. Du biſt der reine Juͤngling geblieben, ſie iſt den Weg des Laſters ge⸗ gangen. Frauenliebe iſt Dir fremd geblieben. Rony, ich moͤchte um Chriſti Blut nicht mit dieſem ſuͤndigen Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 349 Weibe einen Feuerbrand ins Haus nehmen, der Dein un⸗ ſchuldiges Herz mit boͤſen unreinen Flammen ergriff.“ „Du irrſt, Ulrich,“ verſetzte Hieronymus mit leiſer und faſt zitternder Stimme.„Und wäre Martha noch ſchoͤner und verfuͤhreriſcher, und haͤtte mein Herz einſt mit noch ſtaͤrkern Banden an ihr gehangen, ſie wuͤrde fuͤr mich nie mehr ſein als die bemitleidenswerthe Gefallene; denn in mein Herz leuchtet ein hoher reiner Stern, der es ge⸗ heiligt hat. Und kann ich ihn auch nicht erreichen und zu meinem irdiſchen Eigenthum machen, ſo iſt und bleibt er doch mein himmliſches Gut und erfuͤllt meine Bruſt ſo ganz mit Licht und Glanz, daß niemals ein andres Frauen— bild darin Platz finden kann. Wo dieſe Heilige aufge⸗ ſtellt iſt, findet keine Suͤnderin Eingang.“ „Mein armer Bruder, auch das iſt ſchlimm. Ich weiß nicht, ob das Fraͤulein Johanna von Sickingen ein Engel in dem Sinne iſt, wie Martha Bry eine Suͤnderin; aber das weiß ich, daß die ſtumme unbefriedigte Sehn⸗ ſuchtspein nach dem Engel Dich ebenſo ins Verderben fuͤh⸗ ren muß, wie der befriedigende Kuß der Suͤnderin. Ich wollte, Du fändeſt bald ein holdes Mädchen, welches die Mitte hielte zwiſchen dem Engel und der Suͤnderin und Dein treues Dich begluͤckendes Weib wuͤrde.“ „Nie, nie!“ hauchte der bleiche Juͤngling, und wiegte das Haupt verzichtend hin und her. Dabei glänzte es in ſeinen Augen, und auch Ulrich fuͤhlte die ſeinigen naß werden. 350 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Sie gingen ſtumm nebeneinander in das Thal hinaus und ſtiegen den ſteilen Bergpfad nach dem Zechenhauſe hinauf. Vor der Thuͤr empfing ſie Martha. Sie war ſehr einfach und zuͤchtig gekleidet, obwohl vornehm wie eine Ritterfrau oder wohlhabende Staͤdtebuͤrgerin. Auch gab ſie ſich unbefangen, wuͤrdig und fein. Sie ließ ihrer Haltung und ihren Worten anmerken, daß ſie eine Bit⸗ tende war, ohne zu gemeinen Mitteln zu greifen. Sie ſchilderte ihre Lage lebendig ohne das Mitleid in Anſpruch zu nehmen.„Ich bin an einen Daͤmon gefeſſelt, der mich nicht loslaͤßt und mir ſtetes Grauſen erweckt. Wohl bin ich nicht ohne meine Schuld in dieſes Verhältniß ge⸗ kommen, aber wahrlich, ich habe durch dieſen Menſchen alle Schuld, die auf mir haftet, ſchwer gebuͤßt. Ich koͤnnte Vieles fuͤr mich anfuͤhren, das meine Schuld in Euern Augen verringern wuͤrde; doch ich verſchmaähe dieſes Mit⸗ tel Euch zu gewinnen. Ihr habt mich genug gekannt, ich bin zum Theil im Hauſe Eurer Schweſter Veronika und in dem Eurer Mutter aufgewachſen. Ihr werdet ſonach am Beſten wiſſen, daß ich eines beſſern Looſes wuͤrdig war, als ich mir ſelbſt bereitet, oder vielmehr mein boͤſes Schickſal. Ihr wißt Alles, wie es gekommen; deshalb kein Wort weiter davon. Waͤre ich im Kloſter der hei⸗ ligen Katharina in Augsburg geblieben bei Eurer guten Schweſter Felicitas und bei meiner guten Schweſter Barbara, ſo waͤr' ich freilich eine fromme Nonne geworden. Eure billige Einſicht wird erkennen, daß ich das nicht werden Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 351 konnte. Selbſt heute— ich bekenne es frei— koͤnnte ich nicht ins Kloſter zuruͤckkehren, das mir gewiß die Pforte öffnen wurde. Ich koͤnnte heute noch keine fromme Nonne werden, und eine Heuchlerin— nimmermehr! Nein, als die verlorene Tochter moͤcht' ich lieber in das Vaterhaus zuruͤckkehren, aber ich Arme habe kein Vaterhaus; ich habe niemals eins gehabt. Euer Haus iſt mir das nächſte, das liebſte; es war mir ja einſt das Mutterhaus, o laßt es mir jetzt zum Vaterhaus werden und nehmt mich auf, die reuige Tochter und Schweſter!“ „Ihr habt nicht vergebens geſprochen, Martha; wir Bruͤder waren aber ſchon eins, daß wir Euch ein beſcheide⸗ nes Loos bereiten wollten, in der Ueberzeugung, daß Ihr dieſen Wunſch nicht hegen wuͤrdet, falls es Euch mit einer Lebensänderung nicht wahrhaft ernſt ſein ſollte.“ „Daruͤber will ich keine Worte verlieren; die That muß ſprechen. Bietet mir nur die Hand, um von dieſem Maldonato zu kommen—“ „Seid Ihr ſeine ihm prieſterlich angetraute Frau?“ „Nimmermehr!“ „Wer kann Euch dann wehren, ihn zu verlaſſen? Er hat keinerlei Recht an Euch.“ „O Ihr kennt die gefährlichen, die hoͤlliſchen Kuͤnſte dieſes fuͤrchterlichen Menſchen nicht! Was haͤtte mich ſonſt an ihn gefeſſelt, als eben dieſe Kuͤnſte? Nennt ſie Zauberei, Heperei, daͤmoniſche Gewalt, wie Ihr wolltz aber ſie ſind wirklich, ſind kein Hirngeſpinnſt, er ubt ſie aus uͤber mich. 352 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. Ich bin ſeine Sklavin und wie mit unſichtbaren Ketten an ihn gebunden.“ „Aber ſagt, wie ſollen wir Euch von ihm loͤſen?“ fragte Hieronymus aͤngſtlich. „Aus mancherlei Worten und Handlungen habe ich herausgebracht, daß er mit Eures Ohms Oberſteiger, Geb⸗ hard Diether, ſchon ſeit langer Zeit ein Diebsgeſchaͤft hat. Dieſer Diether hat ihm in Kremnitz geſtohlnes Golderz verkauft und verkauft ihm hier geſtohlnes Silbererz. Sie haben geſtern Abend ſchon eine heimliche Zuſammenkunft gehabt.“ „Dieſen Diether habe ich ſtets fuͤr einen Schelmen und Spitzbuben gehalten,“ ſagte Ulrich zu ſeinem Bruder. „Aber der Alte iſt vernarrt in den Menſchen und haͤlt ihn ſchier wie einen Sohn, weil der ſchlaue Fuchs ihm nach dem Maule ſchwatzt und gut päpſtlich ſpielt.“ „Wenn Ihr es nur einrichten koͤnntet, die beiden Schurken auf friſcher That zu ertappen und in Ketten und Banden hinter Schloß und Riegel zu legen, ſo waͤre ich meinen alten Plagegeiſt auf die beſte Weiſe los.“ Der Plan wurde verabredet. Martha wollte den alten Antonio ſcharf im Auge behalten und den beiden Bruͤdern Fugger durch feſtgeſtellte Zeichen verrathen, wenn er mit Diether behufs des Diebſtahls zuſammenkaͤme. Ulrich wollte ſogleich nach Schloß Fuggerau reiten, um Buͤben⸗ hoven zu gleichen Anſtalten in Bezug auf den diebiſchen Oberſteiger zu vermögen. Der alte Jakob ſollte nicht Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 353 fruͤher von der Sache erfahren, als bis der Streich gluͤck⸗ lich ausgefuͤhrt ſei. Die beiden Bruͤder und Martha handelten mit der groͤßten Vorſicht in Schwaz; mit nicht minderer Buͤben⸗ hoven in Fuggerau. Die beiden Schuldigen waren um⸗ ſtellt, ohne die leiſeſte Ahnung davon zu haben. Auch der alte ſchlangenkluge Zigeuner wußte ſich gut zu verlarven. Er gab ſeine verſchiedenen Kuͤnſte in Schwaz zum Beſten und ſchien ſich um die Bergleute nicht zu be⸗ kuͤmmern. Die Naͤchte waren fuͤr den Diebshandel be⸗ ſtimmt. Aber die Vorkehrungen waren ſo gut getroffen, daß beide Diebe mitten in der Nacht uͤber dem Diebſtahl ergriffen und mit ſtarker Bedeckung in das Schloß ge⸗ bracht wurden. Am andern Morgen benachrichtigten Ulrich und Buͤben⸗ hoven den alten Jakob von dem merkwuͤrdigen Fang. An⸗ fangs wollte er Diethers Untreue durchaus nicht glauben, und wenn Ulrich allein ihn davon hätte uͤberzeugen wollen, ſo wuͤrde er das Ganze fur eine boshafte Erfindung ſeines Neffen gehalten haben, um einen Mann zu verderben, der in hoher Gunſt bei ihm ſtand. Nur Buͤbenhovens Ver⸗ ſicherung, daß Diether durch Ergreifung auf friſcher That des Diebſtahls uͤberfuͤhrt ſei und in Hoffnung einer gelin⸗ dern Strafe alle ſeine Diebſtähle eingeſtanden habe, gaben dem Greiſe endlich die Gewißheit von der Nichtswuͤrdig⸗ keit und Undankbarkeit eines Menſchen, deſſen Wohlthaͤter er von deſſen Kindheit an geweſen war, und dem er ein Ein dentſcher Leinweber. VII. 23 354 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. unbedingtes und ſchrankenloſes Vertrauen geſchenkt hatte. Aber die Wirkung auf den alten kraͤnklichen Mann war eine ſehr ſchlimme. Nach don boͤſen Erfahrungen der letzten Zeit, die ihm ſo hart zugeſetzt, konnte er dieſe juͤngſte nicht uͤberwinden. Nach einigen Stunden, die er in duͤſterm Schweigen zugebracht, nur dann und wann einen halb unterdruͤckten Seufzer ausſtoßend, wurde er von einem Schlagfluß getroffen, der ihm die rechte Seite und die Zunge lähmte, ſo daß er weder ſprechen, noch ſich vom Platze bewegen konnte. Er wurde zu Bett gebracht und Aerzte herbeigerufen, deren Bemuͤhungen es erſt nach mehreren Tagen gelang, ihm wieder zum Gebrauch der Sprache zu verhelfen. Buͤbenhoven, Ulrich und Hieronymus verließen den Kran⸗ ken nicht, und die beiden Bruͤder zeigten ſo viel liebenden Eifer und treue Sorgfalt fur ihn, daß ſein Auge zuweilen mit einem tiefbewegten, dankbaren Blick auf ihnen ruhete. Es ſchien eine merkwuͤrdige und unerwartete Veraͤnderung mit dem Alten vorzugehen, und als er wieder ſprechen konnte, nahm er einmal Ulrichs Hand und druckte ſie faſt zaͤrtlich, gleichſam als wollte er dem Neffen ein Unrecht abbitten. „Gott wird dieſe harte Pruͤfung von Euch nehmen, liebwerther Ohm,“ ſagte Ulrich ſanft.„Und ſie wird Euch dazu dienen, damit Ihr erkennet, welches die Herzen ſind, die es wahrhaft treu und gut mit Euch meinen, wenn ſie Euch auch nicht ſchoͤn thun koͤnnen, wie die falſchen Men⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. gel 3 ſchen, die Euer edles Vertrauen ſchaͤndlich betrogen und ausgebeutet haben.“ „Ulrich,“ ſagte der Alte weich,„ich erkenne es. Gott hat mir in dieſen Leidenstagen die Augen geoͤffnet. Sieh, Du biſt der lutheriſchen Lehre ganz ergeben, und ich habe Dir deshalb ſchwer gegrollt, aber nun bin ich inne gewor⸗ den, daß auch Buͤbenhoven und ſeine Sibylle denken wie Duz; ja meine alte Sibylle iſt auch lutheriſch geſinnt; Raimund iſt es und ſeine Frau iſt es. Faſt alle die Mei⸗ nen ſind's; die beſten meiner Freunde ſind's. So bin ich wohl in einem langen Irrthum befangen geweſen Ihr ſollt mir jetzt ſagen, wie es damit zuſammenhaͤngt. Ich will Euch andächtig zuhoͤren, wie ein frommes Kind; viel⸗ leicht, daß ich's noch begreife.“ ulrich druͤckte einen ehrerbietigen Kuß auf die Stirn des Greiſes und verſprach ihm, ihn mit den goͤttlichen Leh⸗ ren des reinen Evangeliums bekannt zu machen. Jakobs weiche Stimmung hatte aber noch eine andere Folge. Er wollte den verbrecheriſchen Oberſteiger, den er ſo ſehr geliebt, nicht beſtraft wiſſen. Die Strafe, welche nothwendiger Weiſe eine ſehr harte werden mußte, kam ihm wie eine unedle Rache vor. Er trug bei den Gerich⸗ ten darauf an, daß ihm nach vollendeter Unterſuchung die Strafe erlaſſen oder vielmehr in eine Landesverweiſung verwandelt wurde. So geſchah es. Diether wurde nach einiger Zeit uͤber die Grenze geſchafft. Bald darauf waren auch ſeine Frau und Kinder und der Vater der Erſtern, 23 356 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. das Haſenhaͤnslein, verſchwunden, obgleich Jakob Fugger fuͤr ſie zu ſorgen verſprochen hatte. An den alten Zigeuner Antonio Cebes, Doktor Mal⸗ donato genannt, wurde aber die Strafe in ganzer Strenge vollzogen. Er kam auf Lebenszeit in Eiſen und Kerker auf Schloß Tyrol. Martha Bry wurde Schaffnerin auf einer großen Kuͤherei, welche Hieronymus gekauft hatte. Das Gut lag einige Stunden von Schwaz entfernt im Gebirge, und der Beſitzer machte den Weg dahin jetzt oͤfter und hielt ſich laͤnger dort auf, als fruͤher. Ulrich und Buͤbenhoven brachten viel Zeit am Kran⸗ kenbett des Ohm zu, und unterrichteten ihn nach beſten Kraͤften, wie es ſein oft ausgeſprochener Wunſch war. eiiiiiteeie Achtzehntes Kapitel. Immer hoͤher gingen die Wogen der Volksbewegung, immer lauter grollte der Donner des heranziehenden Wet⸗ ters. Nachdem der Fuͤrſtabt von Kempten am Montag nach dem Dreikoͤnigsfeſt im trotzigen Uebermuth alle bil⸗ ligen Forderungen der Bauern auf dem Tage in Guͤntzburg perſoͤnlich abgeſchlagen hatte und vom erwählten Ausſchuß der Landſchaft der Weg Rechtens eingeſchlagen worden war, hatten auch die uͤbrigen geiſtlichen Herren im Algaͤu die Beſchwerden der Bauern zuruͤckgewieſen. Die zahlrei⸗ chen wiedertaͤuferiſchen Praͤdikanten predigten mit großem Erfolg gegen ſie, und das Volk gewann allmaͤlig die An⸗ ſicht, daß es auf bem langſamen und koſtſpieligen Rechts⸗ wege nichts Erkleckliches ausrichten werde. In dem engern Raume von Kempten bis Ulm ſaßen neben dem Furſtabt von Kempten der Abt von Ottenbeuern, der von Moͤnchs⸗ roth, der von Ochſenhauſen, der von Weingarten, der von Roggenburg, der von Weiſſenhorn, der von Wiblingen⸗ der von Elchingen, der von Wettenhauſen und noch andere 358 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. kleinere; uͤber einen ziemlichen Thei des Gauts herrſchte der Biſchof von Augsburg. Zwiſchen ihnen ſaßen eine WMenge Edelleute und preßten das Volk aus ihren Burgen. Die Herren in den Staͤdten, welche hier Unterthanen hat— ten, ſtanden den Pfaffen und Junkern nicht nach. Das gehetzte Menſchenwild wurde jetzt zum Aeußerſten getrie⸗ ben. Thomas Muͤnzer und ſeine Geſellen zeigten, was zu thun ſei. Im Oberalgaͤu, dieſem ſuͤdlichen Hochlande, deſſen bis zum Gipfel waldbewachſene Berge ziemlich weite Ebenen umſchließen, die ſich weniger zum Ackerbau als zur Viehzucht eignen, weil ſie treffliche Weiden bieten, wohnen an den Berghaͤngen und auf den Hoͤhen in einzelnen Wei⸗ lern und Hoͤhen die ſchoͤnen ſtarken Hirten, an Leib und Seele kräftige Naturſoͤhne. Nur um die Pfarrkirchen haben ſich Doͤrfer und Flecken gebildet. Unter dieſem ſchoͤnen einfachen Hirtenvolke fand der Geiſt der Freiheit ein fruchtbares Feld. Hier wirkten die Praͤdikanten am er⸗ folgreichſten. Dieſe Leute waren um die Mitte des Februar entſchloſſen, ſich zuſammen zu thun undmit den Waffen ihr Recht zu erkaͤmpfen. Um dieſe Zeit war's, als Ulrich Fugger eines Tags vor einem einſamen, hochgelegenen und verſteckten Gehoͤf vom Pferde ſtieg, es ſeinem Knecht uͤbergab und in das von hohen Baͤumen umgebene Haus trat. Die Hausbewohner kannten ihn; auch war ſein Beſuch angeſagt worden. Er wurde in ein oberes nach dem Berg zu gelegenes Gemach gefuͤhrt. Ein junger bleicher Mann in einem groben w 2 w 8 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 359 Tuchkittel erhob ſich von Tiſche, wo er mit Schreiben be⸗ ſchaͤftigt war. Dunkelbraune Locken hingen ihm wirr um die Schläfe; ſein großes, kuͤhn und geiſtreich blickendes Auge ſchaute fragend in die des Eingetretenen. Ulrich muſterte die edle trotzige Geſtalt des Junglings einen Augen⸗ blick; dann ſprach er:„Ich bin ulrich Fugger und ſehe den Prediger Thomas Muͤnzer in Euch.“ „Ich bins,“ verſetzte der junge Mann, während ſich ſeine ſtrengen Zuͤge verklärten,„und heiße Euch herzlich willkommen! Ich habe Euch ſchon lange erwartet, doch habt Ihr mir in Euerm Bruder einen guten Boten ge⸗ ſchickt.“ „Ich war, wie Euch mein Bruder bereits geſagt hat, an das Krankenbett meines alten Ohms gefeſſelt. Mein Bruder iſt in jeder Beziehung mit mir einverſtanden.“ „Wir haben uns ſehr befreundet, was um ſo leichter geſchehen konnte, da wir in gleichem Alter ſind. Die Ju⸗ gend muß die Dinge in die Hand nehmen, da das Alter ſchlaff und traͤge iſt, und der Jugend gehoͤrt die Zukunft. Wir muͤſſen einreißen und neu bauenz; die bejahrten Herrn laſſen gern Alles ſtehen, wie's ſteht, oder flicken hochſtens nothdurftig an dem alten, morſchen, baufälligen Hauſe herum. Wir aber wollen ein neues Haus, von Grund auf ein neues Haus, mit weiten hellen bequemen Raͤumen, nicht mit finſtern engen Kammern, in denen die Menſch⸗ heit erſtickt und verſchmachtet. Darum koͤnnen wir von 360 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. dem alten ſchlechten Gebaͤude gar nichts brauchen; es muß niedergeriſſen werden bis auf den Grund.“ „In dieſem Punkt ſtimme ich ganz mit Euch uͤberein. Doch meine ich, man faͤngt beim Einreißen eines Hauſes beim Giebel an, damit Niemand erſchlagen werde, beim Aufbauen dagegen faͤngt man aus demſelben Grunde mit der Schwelle an. Wir muͤſſen zuerſt auf Vertilgung der Fuͤrſtengewalt hinarbeiten, der weltlichen und der geiſt⸗ lichen; hernach koͤnnen wir ohne Gefahr auch weiter unten aufraͤumen. Ich fuͤrchte aber, Ihr uͤberhaſtet Euch, und das wird viel Blut koſten.“ „Von Euch, Herr Fugger, habe ich dieſen Vorwurf nicht erwartet. Ihr ſeid einer der feurigſten Geiſter. Glaubt mir, wir koͤnnen nicht ſchnell genug einreißen. Es iſt leider Gottes ſchon gezaudert genug worden. Da haben die guten frommen Hirten hier zu Land den Rechtsweg ein⸗ geſchlagen. Die ehrliche deutſche Natur des wackern ge⸗ meinen Mannes! Man koͤnnte lachen uͤber ſie, der Schlan⸗ genliſt und dem hoͤlliſchen Betrug der Fuͤrſten, der Pfaf⸗ fen, des Adels, der Herren gegenuͤber, aber es miſchen ſich bittere Thraͤnen der Wehmuth, gluͤhende Thraͤnen des Zorns in dieſes Laͤcheln. Pah! und ich bin nicht einmal der Mann, der laͤcheln kann. Mit der Stimme des Don⸗ ners moͤcht' ich es in die ewig betrogene Welt hinausheu⸗ len: Wie koͤnnt ihr Recht erwarten von den ewigen ſcham⸗ loſen Betruͤgern, Recht von den Blutzapfern und Gift⸗ miſchern, Recht von den Verfuͤhrern, Hurern, Luͤgnern, Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 361 Meineidigen, Recht von der Hoͤlle und ihrer Brut? Nichts kann entſcheiden zwiſchen dem gemeinem Volk und ſeinen Draͤngern als das Schwert.“ „Das Volk weiß den Pflug zu fuͤhren und den Hir⸗ tenſtab, aber nicht das Schwert. Die Herren aber verſtehen ſich auf Wehr und Waffen. Ich dachte vor zwei Jahren auch noch wie Ihr. Aber ich habe mich uͤberzeugt, daß das Volk fuͤr einen Waffenkampf gaͤnzlich unvorbereitet iſt. Es iſt nicht gewoͤhnt an die Schrecken eines blutigen Kampfes; es verſteht die Waffen nicht zu fuͤhren, ja es hat zum Theil keine Waffen meh.“ „Wißt Ihr einen andern Weg zum Heil als den Kampf?“ „Nein, aber das Volk muß vorbereitet werden.“ „Das iſt auch meine Meinung. Wie aber wollt Ihr ein Volk in den Waffen uͤben, das keine beſitzt? Einſt trug jeder deutſche Mann ſeine Waffe und wußte ſie gegen Je⸗ den zu handhaben, der ihm zu nah trat. Die tuͤckiſche Schlauheit ſeiner Draͤnger hat ſie ihm entwunden. Gebt ihm Waffen; die tuͤckiſche Schlauheit ſeiner Bedruͤcker wird ſie ihm entreißen. Wir kommen nicht zum Ziel auf dem Wege, den Ihr wollt. Erſt der Aufſtand, der allge⸗ meine Aufſtand, und dazu iſt jetzt die guͤnſtigſte Zeit. Die deutſchen Kriegsvoͤlker ſind alle in Italien. Das Volk will das reine Cvangelium. Ein ſtuͤrmiſcher Geiſt geht durch die Maſſen. Der guͤnſtige Augenblick muß erfaßt werden. Vor drei Monaten iſt das Volk mit ſchoͤnen Ver⸗ 362 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. ſprechungen abgeſpeiſt worden; jetzt weiß es, daß es abermals betrogen iſt. Alſo Aufſtand, Aufſtand, ſo weit die deutſche Erde reicht! Der Kaiſer iſt fern in ſeinem Spanien, er hat kein Herz fuͤr das deutſche Volk; ſo jung er iſt, ſo falſch iſt er, ein Gemiſch von habsburgiſcher und aragoni⸗ ſcher Treuloſigkeit. Der Krieg mit dem franzoͤſiſchen Faſelhanſen nimmt alle ſeine Kraͤfte in Anſpruch. Wo moͤglich noch ſchlimmer geartet iſt ſein Bruder, der Erz⸗ herzog, ein ſcheinheiliger, heimtuckiſcher, boshafter Bube, mit allen ſpaniſchen Laſtern behaftet, mit keiner ſpaniſchen Tugend ausgeruͤſtet. Alle deutſchen Fuͤrſten ahmen ihn nach, alle ſind treuloſe Betruͤger des Volks, die geiſtlichen die ärgſten. Die einzige Ausnahme iſt mein eigner Herr, der Kurfuͤrſt von Sachſen, ein ehrlicher, wohlwollender, aber ein alter ſchwacher Mann, ein Zauderer all' ſein Lebe⸗ lang, niemals ein Mann der That. Er koͤnnte des deut⸗ ſchen Volkes Retter ſein, wenn er raſch das Schwert zoͤge und unter das Gezuͤcht drein ſchluͤge, wie Petrus der Apo⸗ ſtel. Aber er will Alles in Guͤte vertragen, und darum wird er uns nichts helfen. Das iſt der ehrlichen Deut⸗ ſchen Verderben: das verfluchte Vertragen in Guͤte und Liebe. Hernach wenn ſie's vertragen und verhunzt haben, nehmen die Schinder ſie einzeln vor und ziehen ihnen das Fell uber die Ohren. Ihr, Herr Fugger, dachtet vor zwei Jahren noch wie ich jetzt; hei! noch im vorigen Jahre dachte ich wie Ihr jetzt. Heute bin ich auf dem rechten Sprunge. Kein Vertragen nuͤtzt uns, keins zu Recht, — ——— —— Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 363 keins in Guͤte. Das Schwert und nur das Schwert muß entſcheiden. Blut muß fließen. Die Freiheit bedarf der Blut⸗ taufe, ſonſt gedeiht ſie nicht. Chriſtus hat die erhabenſte Menſchenliebe gelehrt und zum Eckſtein ſeiner Kirche ge⸗ macht, und doch hat er das große Wort geſprochen: Ich bin nicht gekommen, Euch den Frieden zu bringen, ſondern das Schwert. Und noch deutlicher und kraͤftiger druckt er ſich beim Evangeliſten Lucas im neunzehnten Kapitel, im ſiebenundzwanzigſten Verſe aus: Doch jene, meine Feinde, die nicht wollten, daß ich uber ſie herrſchen ſollte, bringet her und erwuͤrget ſie vor mir.— Wer der Wahrheit, der Tugend, dem Recht, der Bruderliebe auf Erden entgegen iſt aus ſchnoͤden, ſelbſtſuchtigen Zwecken, wer lugt, betrugt, verfuͤhrt, raubt, mordet, um ſich im Fleiſch und Blut ſei⸗ ner Mitmenſchen zu maſten, der ſoll und muß erſchlagen werden.“ Der junge Mann hielt inne; er hatte ſich in ein wil— des Feuer hineingeredet, daß ihm haſtig hervorgeſtoßene Worte Flammen gleich von den bebenden zuckenden Lippen ſtroͤmten. Seine Augen rollten, gluͤhenden Sternen gleich, ſein Haar flog wie Schlangen um ſein Haupt. Ul⸗ rich war mächtig ergriffen. Er faßte Muͤnzers hagere Hand, und rief:„Wahrlich, Ihr ſeid ein Mann, wie ich noch keinen geſehen! Waͤre Euer Geiſt im deutſchen Volke, es waͤre morgen ein freies und uͤbermorgen ein großes Volk; denn es wuͤrde noch heute all ſeine Ketten zerreißen, wie Simſon die Stricke, mit denen er gebunden war; es wuͤrde 364 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. alle Schmach und Unwuͤrdigkeit abwerfen, es wuͤrde ſein von Schmutz und Schande gedaͤmpftes Licht aufleuchten laſſen, wie eine Flamme Gottes zur Nachtzeit auf den Bergen. Aber ſeht, Muͤnzer, ſolcher Maͤnner wie Ihr⸗ hat das deutſche Volk blutwenig.“ „Und doch ſind in dieſem engen Zimmer ſchon zwei. Es kommt nur darauf an, die Geiſter zu wecken und zu entzuͤnden, dann anzufeuern und zu vereinigen. Ich habe jetzt Franken durchwandert, dann Schwaben vom Rhein bis zum Bodenſee und wieder herauf in dieſe Berge. Ich habe viel hundert ſolcher Maͤnner kennen gelernt, und es gibt ihrer viel tauſende. Sie muͤſſen nur vereinigt werden, und die gemeinſame Noth wird ſie vereinigen. Iſt nur der erſte Schlag von unſerer Seite geſchehen, dann werden alle nachfolgen. Dann das Volk begeiſtert mit der heiligen Kraft des Wortes! Hunderte meiner Freunde und Anhaͤnger durchziehen dieſe Laͤnder und be⸗ lehren das Volk in gewaltigen Reden. Den Pflug zum Schwert geſchmiedet, die Glocke zur Kanone umgegoſſen! Waffen! Waffen! Und Maͤnner, wie Ihr an der Spitze, die auch Geld daran zu wenden haben! Was feſſelt den Landsknecht an die Fuͤrſten? Das Geld! Fuggerſches Geld hat dem Kaiſer die Treue manch eines Heeres er— kauft; mag Fuggerſches Geld nun auch dem Volke ein Heer erkaufen!“ „Daran ſoll es nicht fehlen, und ſollt ich all mein Hab und Gut opfern!“ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 365 „Das hab ich von Euch erwartet. Geld gibt Much, und im Kampfe waͤchſt die Kraft. Der Kampf gibt die beſte Uebung, der Kampf iſt der beſte Lehrer des Kampfes.“ „Aber ein krieggeuͤbter Fuͤhrer thaͤte uns Noth. Der oberſte Hauptmann des ſchwaͤbiſchen Bundes iſt der alte Joͤrg Truchſeß, ein tuͤchtiger eiſerner Kriegsmann. Wenn wir Frundsberg gewinnen koͤnnten; aber daran iſt nicht zu denken, obgleich er dem Evangelium zugethan iſt und mit Achtung von Luthern ſpricht. O, lebte jetzt Sickin⸗ gen noch! Oder nur Hutten, um ſich an die Spitze zu ſtellen!“ Kopfſchuͤttelnd antwortete Muͤnzer:„Ich kann Euern Wunſch nicht theilen. Nicht Sickingen, nicht Hutten, haͤtten der Volksſache genuͤtzt, ſo wenig wie ihr Luther nuͤtzt. Sie haͤtten ſie nur zu ihren eigenen Zwecken aus⸗ gebeutet. Sie wollten ein Adelsregiment, Sickingen zum Kaiſer. Was waͤren wir gebeſſert geweſen? Luther will Alles mit dem Worte zwingen, der faule Moͤnch! Was hilft das Wort, wenn das Schwert nicht hinter ihm ſteht? Adel und Pfaffen, Fuͤrſten und Herren verlachen dat Wort. Kanonen und Buͤchſen, Spieße und Schwerter, ſind die aͤchten Verkuͤnder der Freiheit. Unſere Feinde koͤnnen niemals uͤberzeugt, ſie muͤſſen vernichtet werden.“ „Damit bin ich einverſtanden. Aber wenn Ihr det Kaiſer und die Fuͤrſten verwerft, welche Staatsform woll⸗ Ihr eingefuͤhrt wiſſen?“ 366 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. „Die allein uͤbrig bleibt: die chriſtliche Republik. Was hat Griechenland und Rom ſtark gemacht in der alten Zeit? Die Republik. Was hat Venedig groß ge⸗ macht und reich in der neuern Zeit? Die Republik. Aber nicht eine unchriſtliche Republik will ich, wie in Venedig, wo die Nobili herrſchen und das Volk knechten; nein, eine chriſtliche Republik, noch chriſtlicher als die der Eid⸗ genoſſenſchaft nach dem goͤttlichen Wort: Gott will, daß allen Menſchen geholfen werde. Das Volk muß ſich ſelbſt Geſetze geben und aus ſeiner Mitte die Voll⸗ zieher deſſelben kuͤren. Die Kirche ſtehe unter denſelben Geſetzen. Die Gemeinde waͤhle ſich ihre Presbytern und Prediger. Fort mit Rom und allem Pfaffengeſchmeis! Fort mit allen Schindern und Blutſaugern! Respublica im Staat, Respublica in der Kirche!“ uleich Fuggers Auge glaͤnzte in Wonnethränen; er umarmte den begeiſterten Sprecher:„Ja, Ihr ſteht uͤber Hutten und Luthern. Moͤchten Euere kuͤhnen Gedanken Euere kraͤftigen Worte das Volk vereinigen! Denn Ein⸗ heit thut vor Allem Noth. Von den Wittenbergern hoff' ich ſelbſt nichts mehr. Was kann uns Luthers Grobheit fordern? Er ſchilt zwar auf die Pfaffen und Fuͤrſten, aber er ſchilt auch auf das arme verzweifelte Volk. Und nun vollends der ſaͤuberlich einherfahrende Melanchthon.“ „Geht doch mit dieſen Leuten! Der Melanchthon kriecht in ein Rattenloch vor einem bloßen Schwerte. Von dieſen gelehrten Herren und Profeſſoren iſt nimmer etwas . Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 367 zu erwarten fuͤr des Volkes Noth und Truͤbſal. Dieſe Herren haben ſich des Mannes beſten Theil verſeßen und vergruͤbelt auf ihren Schreibſtuben. Was hilft's, daß die alte und neue Geſchichte die Maͤnner der That preist und als Muſter aufſtellt; die gelehrten Schwaͤchlinge ſau⸗ gen nur neue Schwachheit heraus. Jorg Metzler und Jaͤcklein Rohrbach ſind mir lieber als Luther und Me⸗ lanchthon, als Erasmus und Reuchlin. Laſſen wir ſie auf der faulen Haut liegen und wenden wir uns Maͤnnern zu, die mit uns den Sieg erſtreiten. Denn ſiegen muͤſſen wir, ſiegen oder— untergehen. Darum nicht halbe Maß⸗ regeln! Nicht auf der Haͤlfte des Weges ſtehen geblieben und vom halb beſiegten Feinde erwarten, er werde ſich nun fuͤgen und nachgeben! Das wäre unſer gewiſſer Unter⸗ gang. Eine Partei muß fallen und in ihrem Blute er⸗ ſticken, ſie oder wir. Gehen wir unter, ſo iſt das deutſche Reich fuͤr Jahrhunderte ein armſeliges verlorenes Land. Nichts Großes und Schoͤnes kann da gedeihen. Der Fuͤrſten⸗ und Pfaffenuͤbermuth wird alle Bluͤthen brechen. Deutſchland wird eine Oede werden, wie das gelobte Land eine geworden iſt. Hilf dir ſolbſt, ſo hilft dir Gott! Denn Gott iſt nicht außer uns, in uns iſt er, in der Menſchheit, in der Natur. Darum drauf! drauf! Nieder mit unſern Feinden!“ ulrich Fugger wurde hingeriſſen vom feuerſpruͤhenden Geiſte des jungen Freiheitspredigers, der alle Saiten ſeines eigenen Geiſtes gewaltig ertoͤnen machte. Sie beſprachen 368 Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. den vorliegenden großartigen Plan zur Oeganiſation des Aufſtandes im ganzen deutſchen Reich, wie er von den Wiſſenden bereits verabredet war und faßten den Beſchluß, manche ihnen zweckdienlich ſcheinende Abaͤnderungen in Vorſchlag zu bringen. Ihre Einigung ging zuletzt dahin, daß Ulrich mit der Macht ſeines Geldes und Geiſtes durch die verſchiedenen Haupter den Aufſtand in Tyrol, Salz⸗ burg, Oeſtreich, im Algäu und wo moͤglich noch weiter leiten ſolle, ſo daß ſich ſeine Thätigkeit uͤber ganz Suͤd⸗ deutſchlund erſtrecke; Muͤnzer dagegen Thuͤringen, den Harz und das noͤrdliche Deutſchland in die Bewegung riſſe. Am folgenden Tage ſchieden ſie voll der kuͤhnſten Ent⸗ wuͤrfe und mit den ſchoͤnſten Hoffnungen von einander. Fugger ritt heiter und wohlgemuth den ſchneegekroͤnten Rieſenbergen Tyrols zu. Unterwegs erzaͤhlte ihm der Knecht, er habe Abends vorher in der Nähe des Hofes den Gebhard Diether umherſchleichen ſehen. Er glaube nicht, daß er ſich geirrt habe, obgleich es ſchon ſtark gedämmert und der Menſch ſich eiligſt davon gemacht, als er auf ihn losgegangen.— Fugger legte kein Gewicht auf bie Nach⸗ richt. Zu Mittag kehrte er in das Wirthshaus eines kleinen Gebirgsdorfes ein, um einen Imbiß zu nehmen und die Pferde fuͤttern zu laſſen. Nicht weit hinter die⸗ ſem Dorfe hatten ſie einen engen Gebirgspaß zu paſſiren. Sie waren eben am Eingang desſelben, als der Knecht ſagte:„Denkt Euch, Herr, ich habe das fromme Spitz⸗ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 369 bubengeſicht des Diether hier wieder geſehen. Als ich ging die Pferde zu traͤnken, huſchte er hinter dem Stalle den Berg hinauf. Er trug einen Stutzer auf dem Ruͤcken. Ich hab' ihn diesmal ganz deutlich erkannt und kann nun den Gedanken an den ſchlechten Menſchen gar nicht los werden. Ja, mir wird jetzt ganz angſt und bang. Wenn er nur nichts Boͤſes gegen Euch im Schild fuͤhrt.“ „Dazu iſt der Kerl zu feig. Doch iſt es aller⸗ dings verdaͤchtig, daß er um meinen Weg ſchleicht.“ Waͤhrend dieſer kurzen Unterredung waren ſie in den Paß eingeritten. Das letzte Wort Ulrichs war kaum ver⸗ hallt, als auf dem Bergvorſprung zu ihrer Linken ein Schuß fiel.„Jeſus Maria!“ rief Fugger,„ich bin ge⸗ troffen! Ich bin des Todes!“ Der Knecht ſchrie auf und ſprang vom Pferde, um den verwundeten Herrn aufzufangen. Dieſer verlor die Beſinnung. Der Knecht riß ihm die Kleider ab, daß Blut ſtroͤmte aus einer Wunde am Vorderhals. Jeden⸗ falls nach dem Kopfe gezielt, war die Kugel ſchraͤg von oben abgeſchoſſen durch einen Theil des Halſes und die rechte Schulter gefahren und hatte dieſe, wie den Ober⸗ arm zerſchmettert. Der Knecht verband die Wunde ſo zut er konnte. Während deſſen kam ein Weib durch den Paß. Dieſe ſchickte der Knecht ins Dorf nach Beiſtand. Ehe derſelbe kam, ein ganzer Haufen Menſchen, war dem Verwundeten das Bewußtſein zuruͤckgekehrt. Er ver⸗ langte unverzuͤglich nach Hauſe gebracht zu werden. Die Ein deutſcher Leinweber. vIl. 24 370 Dir Sturmvögel zum Bauernkrieg. Dorfbewohner hatten kaum gehoͤrt, wer der vornehme Mann ſei, als ſie ſich aufs Aeußerſte beeilten ſeine Wuͤnſche zu erfuͤllen und eine Tragbahre herſtellten, auf die ſie ihn betteten und in großer Menge abwechſelnd trugen. Der Knecht ſprengte mit beiden Pferden voran, um aͤrztliche Huͤlfe zu holen und eine bequeme Saͤnfte. Spaͤt in der Nacht hielt der ungluͤckliche Mann ſeinen traurigen Einzug in ſeinem Hauſe, begleitet von ſeiner Ehewirthin, ſeinem Bruder, von Freunden und Aerzten, die ihm entgegengeeilt waren. Die Aerzte erklaͤrten die Wunde fuͤr aͤußerſt gefährlich; der Verlauf der naͤchſten Tage zeigte leider, daß ſie toͤdtlich war. Der treffliche Mann lebte noch uͤber eine Woche, aber es war ein Leben voll Qual und boͤſer Schmerzen. Den alten Jakob traf dieſer neue Schlag mit rct barem Gewicht. Er ließ ſich nach Schwaz an das Lager des Neffen tragen und hielt im ſtummen Jammer die Hand desſelben. Dann klagte er ſich ſelbſt der Schuld dieſes Mordes an, da er den verruchten Boͤſewicht aus fal⸗ ſchem Mitleid dem ſtrafenden Arm der Gerechtigkeit ent⸗ riſſen habe.“ „O, weh mir!“ weinte er.„Was iſt doch mir altem ſchwachen Mann Alles vorbehalten! Gott pruͤft mich hart, ehe er mich abruft.“ Dann kuͤßte er des Neffen bleiche Stirn, ihn gleichſam um Verzeihung bittend, und kehrte in ſein Schloß zu⸗ ruck um ſich dort von der Welt abzuſchließen. „ Die Sturmvögel zum Bauernkrieg. 371 Am tiefſten beklagte Ulrich, daß er die allgemeine Er⸗ hebung des Volks nicht erleben ſollte und ſeine Wickſam⸗ keit nach dieſer Richtung durch die verruchte Hand eines racheſuͤchtigen Moͤrders abgeſchnitten war.„Auch mir fällt das dunkle Loos,“ ſagte er mit ſchwacher Stimme zu dem weinenden Hieronymus,„welches Sickingen und Hutten zu Theil ward: wir duͤrfen die Freiheit des deutſchen Volks nicht ſehen, fuͤr die wir mit all unſern beſten Kraͤften wirk⸗ ten. Das iſt ſehr bitter. Doch ich muß mich der eiſernen Nothwendigkeit fuͤgen, wie meine edeln Freunde. Mir ahnet, daß auch Thomas Muͤnzer vom Tod hinweggerafft werden wird, ehe der Morgen der Freiheit uͤber Deutſchland tagt. Tauſende werden im Kampfe fallen. O, daß ihr Schick⸗ ſal zu theilen mir vergoͤnnt geweſen waͤre! Es ſollte nicht ſein. Hieronymus, Du biſt der Erbe meiner Habe, uͤber⸗ nimm mit ihr auch die Ausfuͤhrung meiner Plane. Dein Herz ſchlaͤgt fuͤr die Sache des Volks wie das meine; ſo laß es Dir eine heilige Erbſchaft ſein, das zu Ende zu fuͤh⸗ ren, was ich begonnen. Weihe Gut und Blut der Wahr⸗ heit, dem Rechte. Verſprich mir das, damit ich nicht ganz troſtlos ſterbe.“ Hieronymus gab ihm Hand und Wort zum Pfande. „So ſegne Gott Dein Streben und laß Dich den Tag der Freiheit ſchauen.“ In der folgenden Nacht ſtarb der edle Ulrich Fugger, erſt fuͤnf und dreißig Jahre alt. Hieronymus hatte nicht des Bruders Geiſt und Thatkraft. Druck von Otto Wigand.