— ensein der Bibliothek. 6 Bibliothek ſeht me und Rückgabe der Bücher jeden Tag v bends 8 Uhr offen. 2 Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Bu wird von em Tag 5 f bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt 3u 24 Stun⸗ angenommen. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme Vuches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe n, welche bei deſſen itt, von mir zurückerſtattet S reis erſetzt werden.— Jit das zerri mutzte, lorene oder defecte Buch ein Theil eines großeren Whu der Leſer zum Erſatz des Gan en verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſe auf 14 Tage frſtge ett ſ wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das 2 eiterverleihen 3 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch vafür zu ha . 6 2 eehEeieh Zeit⸗ und Lebensbilder aus der erſten Hälfte des ſechszehnten Jahrhunderts von Ludwig Storch. Zweite Abtheilung. Rarl von Spanien. Roman in drei Theilen. Dritter Theil. Leipzig⸗ Verlag von J. J. Weber. 1848. Rarl von Spanien. Roman in drei Theilen von Ludwig Storch. Dritter Theil. Der dentſche Raiſer. Teipzig⸗ Verlag von J. J. Weber. 1848. Ein deutſcher Leinweber. Zweite Abtheilung. Rarl von Spanien. Dritter Theil Erstes Rapitel. Der Cardinal-Regent von Caſtilien war von Madrid nach Alcala de Henarez gereiſt. Es war zu Anfang des Sommers 1517. Eine nicht unbeträchtliche Anzahl vor⸗ nehmer Kleriker und Edelleute war ihm gefolgt; Andere hatten ſich aus Toledo eingefunden; ebenſo aus dem nahen Guadalaxara. Eine Feier eigenthümlicher Art ſollte in der kleinen, nur eine halbe Tagereiſe von Madrid ent⸗ fernten Stadt begangen werden. In Alcala hatte der große und berühmte Primas Spaniens vor ſiebzehn Jah⸗ ren den Grundſtein zu den großartigen und prächtigen Gebäuden der Univerſität gelegt, die er hier zu gründen gedachte, und acht Jahre ſpäter, als die herrlichen Bauten vollendet, hatte er die hohe Schule, welche eine der be⸗ rühmteſten Spaniens und ganz Europas wurde, mit gro⸗ ßen Ceremonien eingeweiht. Zwei Jahre nach der Grund⸗ ſteinlegung der Univerſitätsgebäude war die große Buch⸗ druckerei ſo weit fertig, daß in ihr gedruckt werden konnte. Und nun begann Rimenes ſein zweites großes wiſſenſchaft⸗ Ein deutſcher Leinweber. VI. 1 Der deutſche Kaiſer. liches Werk, die Herſtellung und Herausgabe jener gro⸗ ßen Polyglotten-Bibel, unter dem Namen der complu⸗ tenſiſchen, welchen ſie von ihrem Druckorte entlehnte(Al⸗ cala de Henarez hieß vor dem Einfalle der Mauren Com⸗ plutum und behielt dieſen römiſchen Namen auch jetzt in lateiniſchen Schriften), berühmt bis auf heute. Er hatte es ſich große Geldſummen koſten laſſen, die älteſten Hand⸗ ſchriften zuſammen zu bringen, und eine Anzahl gelehrter Männer war von ihm gewonnen worden, die Ausgabe zu beſorgen. Die weitläufigen und zweckmäßigen, mit königlicher Pracht ausgeſtatteten Univerſitätsgebäude waren weit früher fertig geworden, als die Bibel. Ihre präch⸗ tige Herſtellung und die Ausbildung der jungen Lehran⸗ ſtalt waren die Gegenſtände der zärtlichſten Sorge des Cardinals, und mitten unter den dringendſten und ſchwie⸗ rigſten Geſchäften der Regierung und ſeiner erzbiſchöflichen Functionen vergaß er ihrer nie, ſie waren gleichſam ſeine Kinder, die ihn überleben und ſeinen Namen auf die Nachwelt bringen ſollten. Und ſo war denn endlich nach funfzehn Jahren unſaglicher raſtloſer Arbeit die Polyglotte in ſechs Foliobänden fertig geworden, und die Univerſität veranſtaltete eine zweckmäßige Feierlichkeit zu Ehren ihres Schöpfers, bei Ueberreichung des erſten prachtvoll gebun⸗ denen Exemplars der großen Bibel. Mit Stolz blickte der achtzigjährige Greis auf das Buch und ſprach in Mitte der ihm glückwünſchenden Profeſſoren die merkwürdigen Worte:„Von allen Handlungen, wodurch ſich meine Ver⸗ Der deutſche Kaiſer. 3 waltung des Königreichs auszeichnen mag, gibt es ſicher⸗ lich keine noch ſo mühſame, die mehr Anſpruch auf Euern Glückwunſch hat, als die Herſtellung dieſes göttlichen Buchs. Ich fühle, daß ich damit die Aufgabe meines Lebens vollendet habe, und danke Gott inbrünſtig, daß er mich dieſen wichtigen Tag hat erleben laſſen, an wel⸗ chem ich meine Augen an der Quelle ſeines lebendigen Wortes weiden darf.“— In dieſer frommen Erhebung beſchloß er, ſofort auch noch das jährliche große Ketzergericht zu halten und mit dem Hinſchlachten einiger hundert Menſchen zur Ehre Got⸗ tes ſich noch eine Perle in die Krone ſeiner Verdienſte zu gewinnen. Ein Schauder erfaßt die Menſchenbruſt vor dem Glaubenseifer dieſes außerordentlichen Mannes, der während der letzten zehn Jahre ſeines Lebens als Ober⸗ haupt jenes ſchrecklichen Gerichtshofes des heiligen Glau⸗ bens mit der größten Ruhe und in der feſten Ueberzeu⸗ gung, Gott einen angenehmen Dienſt damit zu erweiſen, mehr als 2500 Menſchen zum gräßlichen Flammentode und 50,000 zu anderen ſchmachvollen Strafen verdammte. Dieſelbe Hand, welche zu Alcala de Henarez die Wiſſen⸗ ſchaften ſo emſig pflegte, welche die wachſende Bogenzahl des großen Bibelwerks mit ſtolem Selbſtgefühl durchblät⸗ terte, welche das Staatsruder mit ſo viel Kraft als Ge⸗ ſchick führte, triefte vom Blute grauſam geopferter Men⸗ ſchen, die fanatiſcher Wahn der Irrgläubigkeit, der Ketze⸗ rei beſchuldigte, weil ſie, früher Juden oder Islamiten, 1 Der deutſche Kaiſer. thätige unbeſcholtene Menſchen, durch Furcht und Schrek⸗ ken und die Gewalt des Schwerts zum Chriſtenglauben gezwungen worden waren, zu dem ſie alſo unmöglich Liebe und Sympathien haben konnten. Seit Kimenes als Regent von Caſtilien ſeine Reſidenz in Madrid genommen hatte, fanden dort auch die Hin⸗ richtungen der von der Inquiſition zum Tode Verurtheil⸗ ten ſtatt. Madrid ſah die Scheiterhaufen des Auto de Fe (Glaubenshinrichtung) jährlich einmal an einem Sonn⸗ tage nach dem Trinitatisfeſte lodern, auf welchen die der Ketzerei Ueberwieſenen(aber welche Ueberweiſung war das). zu Aſche verbrannt wurden. Um dieſe Zeit wurden die Verurtheilten aus den Gefängniſſen der Inquiſition, heilige Häuſer genannt, welche ſich in den verſchiedenen Städten des Königreichs befanden, unter ſtarker Bedeckung von Soldaten der heiligen Hermandad nach Madrid gebracht. Die heilige Hermandad, d. i. Verbrüderung, war zwar kein Inſtitut der Inquiſition, wie man wohl aus ihrem Namen ſchließen möchte, ſondern ein von den aleaſtiliſchen Städten unterhaltenes Heer von Polizeiſoldaten, welches Verbrecher und Ruheſtörer zu ergreifen und an die Ge⸗ richtsſtellen auszuliefern hatten und eine traurige Ehre darein ſetzte, auch zum Transport der verurtheilten Ketzer verwendet zu werden. Der Cardinal war eben im Begriff, in die nördlichen Provinzen zu reiſen, um perſönlich einige Regierungsakte zu vollziehen und die nöthigen Verfügungen bei den Un⸗ Der deutſche Kaiſer. 5 tergerichten der Inquiſitiun zur Ablieferung der zu beſtra⸗ fenden Ketzer zu treffen, als er vom Dechanten Abrian Florens um eine Audienz für die junge niederländiſche Gräfin Maria von Ißelſtein erſucht wurde. Dabei wurde ausdrücklich erwähnt, daß der Vater derſelben ein vor⸗ züglich ausgezeichneter Kriegshauptmann des Königs und von dieſem ſehr geſchätzt ſei. imenes verwilligte mit ei⸗ nem ſtolzen Lächeln das Geſuch, und nach kurzer Zeit trat die unglückliche junge Dame, geführt vom Mitregenten Adrian und umgeben von Vivian de la Chaur und von einem andern Niederländer, ebenfalls Mitglied der eaſtili⸗ ſchen Regierung, Namens von Ammersdorff, welcher ſpä⸗ ter als de la Chaur in Madrid mit ſeiner vom Könige vollzogenen Beſtallung angelangt war, in das Gemach des Cardinals. Maria warf ſich dem hohen Greiſe zu Füßen und rief mit weinender Stimme:„Gnade für den Ritter von Sü⸗ derland!“ Hingeſchmolzen lag ihre zarte liebliche Geſtalt und aufgelöſt in unausſprechlichen Schmerz vor dem ſtren⸗ gen Kirchenfürſten. Welches Herz vermochte wohl der rührenden Klage, der heißen Bitte dieſes holden Kindes zu widerſtehen? Wenn der fromme Glaube an höhere geiſtige Weſen, die in urewiger Schönheit und Unſchuld als Boten Gottes ein reines Daſein friſten, einer erha⸗ benen Wirklichkeit entſpricht, und einer dieſer Engel des Herrn zuweilen, von der allmächtigen Schöpferkraft mit den Pertinentien der Menſchheit bekleidet, auf die Erde Der deutſche Kaiſer. geſendet wird, um die in ſterblichen Herzen erlöſchende Flamme der Tugend wieder anzufachen und das ahnungs⸗ volle Gefühl eines höhern Glücks, als unſer Stern zu bieten vermag, mit ſüßer Beſeligung in ihnen erweckt, ſo mußte Maria von Ielſtein ein ſolcher Licht- und Freu⸗ denbote ſein. Konnte nun ein Mann leben, der der gei⸗ ſtigen Einwirkung eines ſolchen Weſens ſich entziehen durfte? Und doch verſetzte dieſer Greis, der vielleicht in wenigen Tagen ſchon die dunkle Brücke überſchritt, deren jenſeitiger Stützpunkt keinem Erdenſohne bekannt iſt, mit ruhiger Würde:„Der Regent von Caſtilien könnte Euch jede Gnade, die Ihr wünſchtet, angedeihen laſſen, aber Ihr wendet Euch an den Großinquiſitor, der Euch nur auf die göttliche Gnade verweiſen kann und darf.“ „Wenn Euch Gott das Recht der Strafe gegeben hat, o ſo muß er Euch auch das Recht der Gnade zuertheilt haben!“ verſetzte Maria;„denn mit dem Schwerte legt er ſtets den Palmzweig in die Hand des Menſchen. Ihr dürft nur wollen, und der dürre Stab des Richters ver⸗ wandelt ſich in das grüne Reis des Gnadenſpenders.“ „In allen weltlichen Dingen, mein Kind, darf ich einen eignen Willen haben, in den göttlichen gilt allein das göttliche Geſetz. Hier hat ſich Gott ſelbſt die Gnade vorbehalten. Wie wollte ich armer menſchlicher Wurm mich unterfangen, Gott vorzugreifen! Ich muß meine Pflicht als oberſter Glaubensrichter thun, und darf kein haarbreit davon abweichen. Dafür bin ich Gott verant⸗ Der deutſche Kaiſer. 7 wortlich. Ihr könnt und dürft nicht von mir verlangen, was mir Pflicht und Gewiſſen verbieten.“ „So iſt der Ritter unerrettbar zum Flammentode ver⸗ dammt?“ „Gott wird ſich gnädig und barmherzig gegen ihn er⸗ weiſen und ihm die Pforten des ewigen Paradieſes öffnen.“ Ein erſterbender Jammerlaut drang aus dem Herzen der Jungfrau; ſie ward ohnmächtig und wurde von de la Chaur hinausgetragen. Die Anderen folgten ſchweigend im tiefſten Schmerze. Vielleicht berührte eine dunkle Ah⸗ nung des gräßlichen Wahns, der ſich hier für den Wil⸗ len Gottes ausgab, ihre Seelen. Maria erwachte in den Armen ihrer Freundin Maria de Pacheco, die ſie von Toledo nach Madrid begleitet hatte, in einem Zimmer des Dechanten Adrian. Der gelehrte Mann hatte ſich entfernt, und Niemand war weiter zuge⸗ gen. Sie faltete die Hände zum Gebet, und ein paar Thränen glitten ſtill über ihre bleichen Wangen. „Faſſe dich, meine holde Taube,“ ſagte die feurige Caſtilierin,„und wähne noch nicht Alles verloren für Deinen edlen Freund.“. „Es iſt Gottes Wille, daß er den Feuertod ſterben ſoll, um durch die Flammen geläutert zum Himmel em⸗ porzuſteigen, wo ihm Chriſtus der Herr die ſchwere Schuld des Unglaubens vergeben wird. Auch mein Herz wird brechen, und ich werde mit ihm vereint zur Himmels⸗ pforte treten und den Eingang für ihn erflehen.“ Der deutſche Kaiſer. „Sprich nicht alſo, Maria! Nicht du ſollſt ſterben, nicht er darf es. Du ſollſt ihn auf Erden erſt zum Glau⸗ ben bekehren, und deine Liebe ſoll durch Vereinigung mit 3 ihm belohnt werden. Ich habe es vorausgeſehen, daß dieſer kalte eiſerne Prieſter dir die Bitte abſchlagen werde, und für dieſen Fall ſind bereits die kräftigſten Vorkeh⸗ rungen getroffen. Dein Ritter wird nicht den Flammen⸗ tod ſterben. Sei getroſt!“ „Willſt du dich Gottes Willen widerſetzen? Willſt du deine Hand gegen den Herrn erheben?“ „Des Cardinals Wille iſt nicht Gottes Wille. Die Glaubensrichter ſind eben ſo ſündhafte Menſchen wie wir. Und hat ſie Gott oder die Heiligen dazu beſtellt? Es ſind alle liſtige ſchlaue Pfaffen, und mit Liſt und Schlauheit muß man ihnen wieder begegnen. Bekümmere dich um nichts; wir bedürfen deiner Mitwirkung nicht.— Wir reiten jetzt nach Toledo zurück, und de la Chaur beglei⸗ tet uns ſtatt Padillas, welcher hier bleibt. Ueberlaß dich frohen Hoffnungen.“ „Und wo iſt Martin?“ „Er muß ſich auf kurze Zeit deinem Dienſte entzie⸗ hen; er bleibt bei Padilla. Auch Aya hat uns verlaſſen. Frage nicht weiter; ſpäter ſollſt du Alles erfahren. Suche nur jede Unruhe aus deinem Gemüth zu verbannen.“ Der Dechant geſellte ſich bald zu den beiden Freun⸗ dinnen und fügte mit freundlichen milden Worten Troſt⸗ ſprüche hinzu, die auf das Herz ſeiner bekümmerten Lands⸗ ——— — Der deutſche Kaiſer. 9 männin ihre beruhigende Einwirkung nicht verfehlten. Der ſanfte Greis gab ihr ſeinen prieſterlichen Segen, und als er die Hand auf ihre reine Stirn legte und die Worte der Weihe über ſie hin hauchte, kam der Friede Gottes über ſie. Sie ſtellte Alles der ewigen Liebe anheim und glaubte und vertraute. Bweites Rapitel. Durch das Städtchen San Ildefonſo am Fuße des Gua⸗ vamaragebirges führt die Straße von Madrid nach Valla⸗ dolid. Hier langte am Spätnachmittage eines heißen Tags zu Anfang Juli der Zug der vom Glaubensgericht Verurtheilten aus der heiligen Hütte zu Valladolid an. Soldaten und Prieſter, die ſie begleiteten, waren nicht minder matt, wie die Gefangenen ſelbſt. Sie wurden in der zu einem Kloſter gehörigen Locanda untergebracht und die Pforte der das Haus umgebenden Mauer geſchloſſen. Alles überließ ſich dem Genuß der Ruhe und der Erfri⸗ ſchungen, welche von den Knechten und Mägden des Hauſes herumgereicht wurden. Unter den Verurtheilten befand ſich der Ritter von Süderland, welcher, um ſeine Freunde über den Ort ſeiner Gefangenſchaft zu täuſchen, in Valla⸗ dolid eingeſetzt worden war. In Madrid ſollte ihm nun ſchnell der Prozeß gemacht werden. Bleich und kraftlos war er in einem Winkel zuſammengebrochen; ſein ſchönes geiſtvolles Auge hatte den Zauber, der ſonſt aus ihm Der deutſche Kaiſer. 11 geblitzt, verloren, ſeine ſtolze Geſtalt war zuſammengebro⸗ chen. Ein junger Knecht reichte ihm einen Becher mit kühlendem Getränk; eine Magd ſtand daneben und bot ihm auf einem Teller Speiſe dar. Der Ritter griff haſtig nach dem Becher, ohne dem Diener einen Blick zu ſchen⸗ ken; indem er aber mit Wolluſt trank, fielen ſeine Augen unwillkürlich auf das Dienerpaar, und ein leichtes Zucken ſeiner Glieder verrieth ſeine Ueberraſchung. Martin und Aya ſtanden vox ihm. Die treue Magd gab ihm raſch Zeichen, die kein Chriſt verſtand, und unterrichtete ihn, daß ſeine Rettung nahe ſei. Dann entfernten ſich beide an⸗ ſcheinend gleichgültig, um auch Andre zu bedienen. Die zum Zug gehörigen Pfaffen thaten ſich im anſtoßenden Kloſter gütlich, die Wachen ſpeiſten und zechten im Ueber⸗ maße, was ihnen Aya auftrug. Der Wein war aber von ihr mit narkotiſchen Mitteln verſetzt, die ſie ſelbſt geſchickt bereitet. Mit Anbruch der Nacht lag Alles im tiefſten Schlafe, ausgenommen der Ritter, deſſen Augen jede Bewegung Ayas verfolgt hatten. Durch eine un⸗ merkliche Zeichenſprache hatten ſie die genauſte Verabredung miteinander genommen. Sobald ſich die Hausbewohner niedergelegt hatten, ſchlich Aya herein und führte den an der Thüre ihrer harrenden Ritter zu der Pforte, welche Martin bereits mit einem Nachſchlüſſel geöffnet hatte. Hier nahm der Knabe ihn in Empfang und geleitete ihn in eine andre Herberge, wo Padilla ſeiner wartete. Er wurde ſchnell in die Kleider eines Knappen geſteckt. Martin Der deutſche Kaiſer. kehrte in die Locanda zurück. In der erſten Frühe des Tags brach Padilla mit ſeinem Begleiter auf; Süderland beſtieg das Pferd, deſſen geſtriger Reiter ſich zu Fuß fort machte. Auf dieſe Weiſe kamen ſie glücklich durch das Thor und waren in kurzer Zeit im Gebirge. Nun er⸗ zählte der Graf dem Ritter umſtändlich, wie er den Diener und die Magd ſchon vor ein paar Wochen in die Lveanda gebracht, nachdem er in Madrid die Reiſeſtationen des Zuges erkundet habe. Nur Padillas Diener war in das Geheimniß eingeweiht; denn bei der abergläubiſchen Furcht, welche Jedermann vor der im Finſtern ſchleichenden Macht der Inquiſition hatte, mußte die äußerſte Vorſicht vor Verrath angewendet werden. Der Diener ſtieß bald wie⸗ der zu ihnen. Er hatte ein drittes Pferd vorher in einer Waldhütte untergebracht. Nachdem ſich Padilla mit Süder⸗ land über die Richtung, welche der Letztere einzuſchlagen hatte, um ſo ſchnell als möglich und ohne Gefahr Anda⸗ luſien zu erreichen, beſprochen, ſchieden ſie, und Padilla kehrte eiligſt nach Toledo zurück, wo ein paar Frauen⸗ herzen mit Ungeduld auf den Erfolg ſeines gefahrvollen Unternehmens warteten. Der Zug der Verurtheilten ſetzte ſich früh wieder in Bewegung. Aber die Wirkung der betäubenden Mittel, welche die Soldaten und Aufſeher des Zugs von Aya erhalten hatten, war ſo nachhaltig, daß ſie den Mangel eines Mannes nicht bemerkten. Und ſo verließen ſie die Stadt. Erſt im Gebirge angelangt, nahm ein Mönch, Der deutſche Kaiſer. 13 der ſich mit ſeinen Brüdern im Kloſter noch gütlich gethan, und nun den Zug einholte, der Abweſenheit des Mannes wahr, der ihm vorzüglich anbefohlen worden. Die Ge⸗ fangenen wurden ſofort genau durchgemuſtert und zum Schrecken aller Hüter ſtellte ſich klar heraus, daß der be⸗ zeichnete Mann abhanden gekommen war. Sogleich ſchwu⸗ ren aber mehre Soldaten bei allen Heiligen, ſie hätten dieſen Mann beim Eingang in den Wald noch neben ſich wandeln ſehen, und Einer wollte ſogar mit ihm geſpro⸗ chen haben. Sogleich wurde von allen Seiten die Anſicht laut, dieſer Menſch müſſe ein großer Zauberer und Herenmeiſter ſein, der im Walde mit den hier hauſenden böſen Geiſtern in Verbindung getreten ſei, die ihm zu Hülfe gekommen, ihn unſichtbar gemacht und entführt hätten. Auf eine andre Weiſe ließ ſich freilich das Ver⸗ ſchwinden eines Menſchen aus ihrer Mitte nicht erklären. Alle ergriff ein Grauſen vor der Macht des Teufels in ihrer unmittelbaren Nähe, und die Mönche erhoben ihre Stimmen, eine Beſchwörung zur Vertreibung des Teufels und ſeiner Geſellen herſagend und ſtimmten dann ein Lied an, um zu verhüten, daß ihnen nicht noch mehr Gefan⸗ gene entführt würden; ja ſie waren nicht ohne Beſorgniß, daß ſie vielleicht ſelbſt in die Krallen des Satans gera⸗ then möchten. Für die Hüter und Aufſeher des Zugs, die Officiales und Familiares der Inquiſition, war es ein Glück, daß bei ihrer Ankunft in Madrid, der Großinquiſitor abwe⸗ 14 Der deutſche Kaiſer. ſend war. Eben mit den Vorbereitungen zu dem großen Auto da Fe ernſtlich beſchäftigt, erhielt nämlich Kimenes durch einen Courier, welcher zu Land gereiſt war, Bot⸗ ſchaft des Königs aus Brüſſel, daß er in Begriff ſtehe in Seeland zu Schiffe zu gehen und ſich nach Spanien zu verfügen. Kimenes war von den Anſtrengungen der letz⸗ ten Zeit erſchöpft, in dieſen Tagen von einem leichten Fieber ergriffen geweſen, doch brach er, kaum geneſen unverzüglich auf, um den König bei deſſen Landung in einem der nördlichen Häfen des Landes zu begrüßen. Ueber Tordelaguna reiſete er nach Borzeguillas, wo ihm, wie man ſpäter vielfach behauptete, in einer Torte Gift beigebracht wurde. Dies iſt nicht unwahrſcheinlich, da der ihm feindlichen Partei der Granden Alles daran liegen mußte, eine perſönliche Zuſammenkunft des Cardinals mit dem Könige zu verhindern; denn ſie hatten mit Recht zu fürchten, daß der Erſtere dem Letztern über ihr heilloſes Treiben und ihre Abſicht den Infanten Ferdinand zum Könige zu erheben, ausführliche Aufſchlüſſe geben werde. imenes erkrankte von neuem und mußte in dem Fran⸗ ciskanerkloſter Aguilera, nahe bei Arande am Douro lie⸗ gen bleiben. Er wandte gleich geeignete Mittel an, den Wirkungen einer Vergiftung vorzubeugen, nichtsdeſtoweniger überfiel ihn das Fieber von neuem mit ſo eigenthümlichen Erſcheinungen, daß die Vermuthung einer Vergiſtung immer mehr an Wahrſcheinlichkeit gewann. Er wurde wochenlang an ein ſchmerzliches Krankenlager gefeſſelt. Der deutſche Kaiſer. 15 Anfangs ſchien es, als würde ihn die Krankheit auf⸗ reiben, aber ſein ſtarker Geiſt ſiegte noch einmal über die Schwäche ſeines achtzigjährigen Körpers, und er befand ſich bereits wieder auf dem Wege der Beſſerung, als die ihm äußerſt angenehme Kunde von der endlichen Landung des Königs ſeine Geneſung noch raſcher förderte. Karl war am 17. September im Hafen von Villavicioſa in Aſturien eingelaufen und hatte mit einem zahlreichen und glänzenden Gefolge den ſpaniſchen Boden betreten. Rimenes, voll hoher Freude über dieſes ſo lang erſehnte glückliche Ereigniß, ſchrieb ſogleich einen langen Brief an Karl, worin er ihm Glück zur Ankunft in ſeinem Lande wünſchte und ihm die heilſamſten Rathſchläge gab, welche Mittel er anzuwenden habe, um ſich die Gunſt des ſtolzen eaſti⸗ liſchen Volks zu gewinnen. Als eins der vorzüglichſten ſtellte er ihm die Nothwendigkeit dar, ſeine niederlän⸗ diſchen Miniſter zu entlaſſen und dafür Eingeborene zu wählen, welche das Vertrauen des Volks beſäßen. Bald darauf erhielt der Cardinal eine Botſchaft des Königs in den gnädigſten Ausdrücken, welche einen leb⸗ haften Antheil an der Geneſung des hohen Greiſes an den Tag legten. Auch war darin der Ort zu einer per⸗ ſönlichen Zuſammenkunft angegeben, um welche Kimenes dringend gebeten hatte. Die Zeit derſelben ſollte noch näher beſtimmt werden, und der Greis ſah nun in froher Erwartung der Erfüllung dieſes Verſprechens entgegen. Zugleich enthielt der Brief des Königs einen Befehl, wel⸗ 16 Der deutſche Kaiſer. chen der Cardinal unverzüglich mit der an ihm gewohnten Entſchloſſenheit und Strenge ausführte. Zu gleicher Zeit mit ihm war nämlich der Infant Fernando mit ſeinem Gefolge von Madrid abgereiſt und in Aranda liegen ge⸗ blieben, um hier die Meldung von der Landung ſeiner Geſchwiſter(die Infantin Erzherzogin Eleonore kam näm⸗ lich mit dem Könige aus den Niederlanden) abzuwarten, da man nicht wiſſen konnte, in welchem Hafen die Schiffe des Königs einlaufen würden. Karl befahl nun, daß der Hofmeiſter Don Pedro Nunjez de Gusman, der Infor⸗ mator Don Alvaro Oſorio, Biſchof von Aſtorga, der Stallmeiſter Suero del Aguila und die übrige Bedienung des Infanten unverzüglich von der Perſon deſſelben ent⸗ fernt würden, und daß er ſeinen Bruder nur ohne alle Begleitung zu empfangen gewillt ſei. Mit dieſem Befehl begab ſich Kimenes nach Aranda, ließ die Thore verſchlie⸗ ßen und die heilige Hermandad der Stadt ins Gewehr treten, um einen möglichen Aufſtand zu Gunſten des In⸗ fanten zu verhüten. Hierauf machte er die betreffenden Perſonen mit dem erhaltenen Befehl bekannt und erſuchte den Hofmeiſter ſich auf eines ſeiner Güter, den Biſchof ſich in ſeinen Sprengel zu begeben, den Stallmeiſter und die Bedienten ſchickte er nach Madrid zurück. Der Infant that ſehr kläglich über den Verluſt ſeines Hof- und Lehr⸗ meiſters und wollte ſich nicht von ihnen trennen, die Herren ſelbſt aber unterwarfen ſich ſchweigend dem Befehl, den ſie entnahmen, daß alle ihre Anſchläge dem König Der deutſche Kaiſer. 17 verrathen waren. Am folgenden Tage reiſete Don Fer⸗ nando, nur von einigen Dienern des Cardinals begleitet, mit ſchwerem Serzen, ſeinen Geſchwiſtern entgegen. Fimenes aber nahm ſeinen Aufenthalt in der nahen Stadt Koa, um hier die weitern Befehle des Königs zu erwarten, und lebte gleichſam wieder auf, geſtärkt von der Hoffnung, ſei⸗ nem Vaterlande zuletzt noch durch weiſe Leitung des jungen Königs nützlich ſein zu können. Ein deutſcher Leinweber. VI. 2 Prittes Rapitel. Nach einer langen und ſtürmiſchen Seereiſe hatte Karl von Spanien mit ſeiner Schweſter und ſechzig niederlän⸗ diſchen und deutſchen Edelleuten das Land ſeines Erbes betreten, mit großem Jubel von den Küſtenbewohnern bewillkommt. Die Kunde ſeiner Ankunft verbreitete ſich ſchnell weit und breit, und der Connetable von Caſtilien, wie andre Granden eilten mit großem Gepränge herzu, ihm ihre Ergebenheit zu bezeigen. Die außerordentliche Pracht, mit welcher dieſe eaſtiliſchen Herren auftraten, be⸗ wirkie gleich von vorn herein eine merkliche Verſtimmung im Gefolge des Königs; denn Keiner von ihnen, ſelbſt die Fürſten nicht, vermochte es Jenen in dieſer Beziehung gleich zu thun. Der ſchönſte Mann von Allen, die mit dem Könige gekommen waren, war ohnſtreitig der Mark⸗ graf Johann von Brandenburg, und die Erzherzogin Eleonore zeichnete ihn vorzüglich aus, als ihr aber die Gaſtilier die Hand geküßt, meinte ſie ſpöttiſch, der Mark⸗ graf ſolle ſich ſchnell nach den Schneidern und Gold⸗ . Der deutſche Kaiſer. 19 ſtickern dieſer Herren erkundigen, um ihre Kundſchaft zu vermehren; ihr Bruder werde ihm demnächſt ſchon zu ſpaniſchen Einkünften verhelfen.— Und in der That, als ſich der Zug des Königs über San Vicente de la Bar⸗ guera und Ragnoſa nach Burgos, der Hauptſtadt Alt⸗ eaſtiliens begab, nahm er ſich ärmlich aus gegen die ihn begleitenden eaſtiliſchen Großen, deren Anzahl ſich ver⸗ mehrte, je näher ſie der Hauptſtadt kamen. Die Bewoh⸗ ner der Städte und des Landes ſtrömten in ſo großer Menge herzu, um ihren König zu ſehen, daß das Feld meiſt ſo weit das Auge reichte, mit Menſchen bedeckt war. Eine freudige Bewegung ging durch die Bewohnerſchaft des ganzen Landes, endlich den jugendlichen Herrſcher, den ſie ſo ſehnſuchtsvoll erwartet, in ihrer Mitte zu ſehen. Aber auch die eaſtiliſchen Granden blieben nicht ohne Ver⸗ ſtimmung. Schon früher durch Nachrichten und Befehle, welche von Brüſſel eingegangen waren, gegen die Willkür des Herrn von Chievres eingenommen, fühlten ſie ſich nun perſönlich ſowol durch das hochfahrende und abſtoßende Benehmen dieſes Niederländers, den ſie verachteten, gegen ſie, als auch durch die unumſchränkte Leitung des Königs, die er ſich angemaßt, verletzt. Obgleich ſiebzehn Jahre alt, war Karl doch noch in mancher Hinſicht ſo kindiſch unſelbſtſtändig, daß er nichts that, ja ſelten etwas ſagte, was ihm Chievres nicht vorgeſchrieben hatte. Es ging ſo weit, daß kein Spanier den König allein ſprechen konnte; Chievres war ihm ſtets zur Seite, und Karls * 2 20 Der deutſche Kaiſer. Augen hingen an den Zügen ſeines Hofmeiſters, um darin zu forſchen, was er zu antworten habe, und wenn er dies nicht vermochte, bat er gewöhnlich ſeinen einflußreichen Rathgeber, die Antwort für ihn zu geben. Chievres hatte aber den wunderlichen Grundſatz, er könne dem großen Stolz der Caſtilier nur durch noch größern Stolz impo⸗ niren; da der ſeinige aber ein unnatürlicher und gemachter war, ſo artete er in ein widriges Zerrbild aus. Aus dieſen unangenehmen Wahrnehmungen prophezeiheten ſich die Spanier nicht viel Gutes. Ein tieferes Gefühl ergriff Karl, als er in Burgos das alte ehrwürdige Königsſchloß betrat und ſich zuerſt in das Zimmer führen ließ, worin ſein Vater den Geiſt aufgegeben hatte. An dieſer Stelle erinnerte er ſich wieder des letzten an ihn geſtellten Willens des Verſtorbenen und ſogleich wandte er ſich an den ihn begleitenden Connetable von Caſtilien und an die übrigen Granden in ſeiner Nähe mit der Frage:„Wo ſich der Admiral Don Alonſo de Granada geannt Alnayar aufhalte, um ihm unverzüglich eine Einladung an den königlichen Hof zugehen zu laſſen?“ Ein ängſtliches und ſcheues Verſtummen und endlich die ausweichende Antwort:„Niemand wiſſe, ob der Genannte noch lebe und an welchem Orte“ hätte den König belehren können, daß es ſich hier um ein finſtres und unheilſchwangeres Geheimniß handle, wenn er Scharfſinn genug gehabt hätte, eine ſolche Wahrnehmung zu machen. So aber begnügte er ſich in kindiſchem Leichtſinn mit der Der deutſche Kaiſer. 21 erhaltenen Antwort und dem Vorſatze, an andern Orten weitere Nachfrage zu halten. Herr von Chievres zeigte keine Theilnahme für dieſe Angelegenheit; wie hätte ſich alſo Karl dafür beſonders intereſſiren ſollen? In Bourgos langten der Infant Don Fernando und die Infantin Donna Katharina an, um ſich ihren beiden ältern Geſchwiſtern vorzuſtellen. Sie ſahen ſich gegenſeitig zum erſtenmal. Von Einem Vater gezeugt, von Einer Mutter geboren, fand doch eine ſo große Verſchiedenheit unter ihnen ſtatt, daß man ſich ſchwer überreden konnte, ſie ſeien Geſchwiſter. Fernando war ganz Spanier und hatte außer ſeiner Mutterſprache nur franzöſiſch gelernt; Karl war ganz Niederländer und konnte ſich im Spa⸗ niſchen nur nothdürftig ausdrücken. Auch Katharina konnte kein deutſches Wort. Die Geſchwiſter mußten ſich alſo franzöſiſch unterhalten. Der vierzehnjährige zarte Knabe kam nicht ohne Furcht. Nach dem erſten Schritte ſeines Bruders gegen ihn hatte er gegründete Urſache dazu; es war deutlich: Karl wußte um ſein verbrecheriſches Streben nach der Krone. Deſto unbefangener trat die zehnjährige unſchuldige Katharine vor den jungen König und die Schweſter Elevnore, und das holde Kind bildete die Brücke zu allſeitiger Herzlichkeit unter den vier Geſchwiſtern. Anfangs betrachteten ſie ſich neugierig, dann machten die ewigen Rechte der Natur, die in jugendlichen Herzen noch unverkümmert walten, ſich geltend. Elevnore drückte das Schweſterchen ans Herz und liebkoſete es, dann zog Karl 22 Der deutſche Kaiſer. die Kleine an die Bruſt und küßte ſie, und die äiltere Schweſter umarmte den verzagten Ferdinand und legte ihn dann mit zärtlichen Worten in Karls Arme. Und da Herr von Chievres nicht für nöthig fand, jetzt ſeinem Zögling zur Seite zu ſein, ſo überließ ſich dieſer jugendlich wahren Gefühlen. Außer der neunzehnjährigen Eleonore waren ſie Kinder und gaben ſich einander als Kinder hin. Von Fernandos ſträflichen Abſichten auf die Herrſchaft war mit keinem Worte die Rede. Die eaſtiliſchen Stände und die Hauptſtadt Bourgos hatten zwar ihrem Herrn einen glänzenden Empfang be⸗ reitet und gaben ihm und ſeinen Geſchwiſtern reiche Feſte, aber ſie verweigerten ihm hartnäckig den Königstitel und nannten ihn nur durchlauchtiger Prinz, weil ſie allein die Donna Juana als ihre Königin anerkannten, und Herr von Chievres war ſchlau genug einzuſehen, daß bei der unverkennbaren Stimmung dieſes ſtolzen Volks mit Strenge nichts auszurichten ſei, und daß er den bequemern und ſicherern Weg der Intrigue einzuſchlagen habe, um zum gewünſchten Ziele zu gelangen. Zwei Tage nach Ankunft der beiden Geſchwiſter des Königs traf auch der Dechant Adrian und mit ihm die Beiſitzer des großen Raths in Bourgos ein. Karl erwi⸗ derte die Begrüßung ſeines Lehrers mit großer Freude; am willkommenſten war ihm aber Vivian de la Chaur, und er plauderte Stunden lang allein mit ihm und ließ ſich über die Dinge, welche ihn am meiſten intereſſirten, Der deutſche Kaiſer. 23 über Pferde, Hunde, Falken, Jagden und Vergnügungen in Spanien, ausführlichen Bericht erſtatten. Nun erſt fühlte ſich der junge König heimiſch und wohl; Alle, die um ihn verſammelt waren, hatte er von Jugend an um ſich geſehen und lieben gelernt; ſeine knabenhafte Unſelbſt⸗ ſtändigkeit konnte ſie nicht entbehren. Die ſtolzen eeremo⸗ niöſen Caſtilier mit ihrer fürſtlichen Pracht waren ihm zu⸗ wider und erregten ihm ein ängſtliches Gefühl. Er ver⸗ langte nach Keinem, ſo ſehr ſie bemüht waren, ihm auf ihre ſtolze Weiſe zu huldigen, am wenigſten aber nach Fimenes, vor dem er eine unüberwindliche Scheu trug, die auf jegliche Weiſe zu nähren im Intereſſe ſeiner Um⸗ gebung, beſonders in dem des Herrn von Chievres lag. Der Dechant Adrian hatte lang genug mit ſtillem Groll die kleinen höflichen und doch ſo empfindlichen Demüthi⸗ gungen ertragen, die ihm die geiſtige Superivrität und die eiſerne Willenskraft des Cardinals bereitet, um ſich nicht jetzt mit ſeinen Landsleuten auf dem ſpaniſchen Boden nur noch inniger gegen den ſtrengen Greis zu verbinden, der Alles zur Befeſtigung der Herrſchaft des jungen Königs und zur Erhöhung des Glanzes ſeiner Krone gethan und ſich damit doch keinen Dank, vielmehr Neid und Haß bei den niederländiſchen Großen aus Karls Umgebung erwor⸗ ben hatte. Dies iſt das Schickſal aller geiſtigen Ueber⸗ legenheit, die ſich mit Strenge geltend macht; und wenn ihr Streben noch ſo uneigennützig und auf das Beſte deſſen gerichtet iſt, dem es mit Recht gehört, dennoch wer⸗ * 24 Der deutſche Kaiſer. den die ſchönſten Früchte, die ſie erzielt, für ſie ſelbſt einen giftigen Beiſatz haben. Es lag Adrian, Chievres und den andern einflußreichen Niederländern Alles daran, eine Zuſammenkunft des Cardinals mit dem Könige zu verhindern, und in dieſem Punkte ſtimmten ſie ganz mit den eaſtiliſchen Granden, obgleich aus ſehr verſchiedenem Grunde, überein; ſie fürchteten nicht mit Unrecht; des Cardinals rückſichtsloſe Offenheit, ſeine nur auf das wahre Wohl des Königs zielende Ehrlichkeit und ſeine unge⸗ ſchwächte Geiſteskraft möchten ſich ſchnell des lenkſamen Königs bemächtigen und ſie aus allem Einfluß verdrängen. Hatte Kimenes es doch ſchon in ſeinem Begrüßungsſchrei⸗ ben ohne Rückenhalt und Schminke geradezu dem König ans Herz gelegt, daß, wenn er ſich die Liebe der Caſti⸗ lier erwerben wolle, die zur Befeſtigung ſeiner Krone unerläßlich nothwendig ſei, er die Niederländer von ſeiner Perſon entfernen müſſe. Ihre perſönlichen Intereſſen ſtan⸗ den jetzt den patriotiſchen Intereſſen des gefürchteten alten Mannes ſo ſchroff gegenüber, daß das umgehende Gerücht an Wahrſcheinlichkeit gewann, das Gift, welches der Car⸗ dinal empfangen, ſei ihm nicht von ſpaniſcher, ſondern von niederländiſcher Hand gekommen. Gewiß iſt, daß die Nachricht von ſeiner wiederholten Krankheit in der Umge⸗ bung Karls eine ſtille Freude hervorrief und daß man daran die Hoffnung knüpfte, er werde derſelben erliegen. Seine unerwartete abermalige Geneſung machte andre Plane nöthig, um den gefürchteten Schlag abzuwendin. Man Der deutſche Kaiſer. 25 mußte den König ſo lange im Norden des Reichs aufzu⸗ halten ſuchen, bis man ihn ſo gegen Fimenes eingenom⸗ men, daß er die Zuſammenkunft mit demſelben verwei⸗ gerte. Vielleicht beabſichtigte Chievres auch einen aber⸗ maligen Angriff auf das Leben des Cardinals; vielleicht erwartete er von der Natur, die über dem Haupte eines Achtzigjährigen ſtets ihr Mordſchwert ſchwingt, dieſen Dienſt. Alle dieſe Dinge waren in das tiefſte Dunkel des Geheimniſſes eingehüllt. Uebrigens war es, trotz aller kindiſchen Charakterſchwäche des Königs, nicht ganz leicht, ihn dergeſtalt gegen Kimenes einzunehmen, daß er, aller Pietät vergeſſend, den gewaltigen und ehrwürdigen Greis auf beleidigende Weiſe abweiſen ſollte; denn Karl hatte Augenblicke, wo ſein Geiſt, der ſich ſpäter zu ſo kräftiger Selbſtſtändigkeit entwickelte, bereits die Flügel regte, und wo aus ſeinem immer lebendiger werdenden Auge bereits die einſichtsvolle Kraft blitzte, die ihn zu einem der größ⸗ ten Herrſcher gemacht hat. Und auf der andern Seite waren Kimenes Beſtrebungen und Handlungen für die Krone zu offenkundig und ließen durchaus keine ſchiefe Deutung zu, als daß ein offner Kampf gegen ihn klug und ſtatthaft geweſen wäre. Ja was für Chievres' und ſeiner Verbündeten geheime Wünſche das Schlimmſte war, Einer von ihren Landsleuten, der dem Könige zunächſt ſtand, redete, erfüllt von imenes' moraliſcher Größe, dieſem bei Karl das Wort, und dies war der ehrliche fröhliche Vivian de la Chaur. So wenig dem leichten 26 Der deutſche Kaiſer. Blute dieſes jungen Mannes der kalte und gemeſſene Stolz und die ſtets zur Schau getragene ernſthafte Würde des caſtiliſchen Adels zuſagten, ſo überwältigend war für ihn doch imenes ſtrenge Tugend, und er unterließ nicht bei jeder Gelegenheit anerkennend und bewundernd von derſelben zu ſprechen und ſeine ſchier unwillige Ehrfurcht vor dem Car⸗ dinal auf den König überzutragen. In Chievres ränke⸗ vollem Kopfe reifte daher bald der Plan, den jungen Landsmann, welcher auf dem beſten Wege war, der Günſt⸗ ling des Königs zu werden, je eher deſto lieber wieder zu entfernen, und er wartete nur auf die erſte ſchickliche Ge⸗ legenheit, um dieſen Plan ohne Aufſehen auszuführen. Piertes Rapitel. Von Burgos ging der König nach Valencia. Seine Reiſe glich einem Triumphzuge; von allen Seiten ſtrömten Tauſende an ſeinen Weg, und der hohe Adel ſchloß ſich ſeinem Gefolge an. Die Stadt empfing ihn mit Pomp und Feierlichkeiten im großen Styl. Auch hier wurde er, wie in Burgos über zwei Wochen mit Feſten und Ehren⸗ bezeigungen aufgehalten. Spanier und Niederländer ſchie⸗ nen ſich verabredet zu haben, um den königlichen Jüngling nicht zur Beſinnung kommen zu laſſen; er ſelbſt ahnete die Abſicht dieſer lang ausgedehnten Feſte, dieſer ewigen Aufwartungen und Vorſtellungen vornehmer eaſtiliſcher Herren und Frauen am wenigſten, und doch waren ſie eigentlich nichts weiter als feindſelige Demonſtrationen gegen Fimenes, der in Koa des Befehls harrte, vor ſeinem Berrn erſcheinen zu dürfen, und dem man mit dieſer ver⸗ blümten Sprache zu verſtehen gab, daß der König kein Verlangen trage, ihn zu ſprechen, und daß die Zeit ſeiner unbequemen Herrſchaft und ſeiner despotiſchen Gewalt vor⸗ 28 Der deutſche Kaiſer. über ſei. Unterdeſſen war auf Chievres Anſtiften, Vivian de la Chaux nach Madrid zurückgeſchickt worden, um mit dem Dechanten Adrian nöthige Regierungsarbeiten zu verrichten, und der König hörte nun von Allen, die um ihn waren, und die ihm nahten, Niederländern und Spa⸗ niern, tadelnde Bemerkungen über die Regierung des Car⸗ dinals. Mit Vorſicht ging man zu Werk, um die Ach⸗ tung, welche Karl vor Fimenes gefaßt, allmälig zu ver⸗ nichten, und von Andeutungen gingen die Schlauen zu übertriebenen Erzählungen von des Cardinals Willkür, ſeiner unbeugſamen Härte und ſeiner durch die Grämlich⸗ keit des Alters noch mürriſcher gewordnen Sinnesart über. Man ſprach von Ungerechtigkeiten, ja von Grauſamkeiten, die ſich der Verweſer ſollte zu Schulden haben kommen laſſen und malte ihn dem jugendlichen Gemüth, auf welches all dieſe böſen Worte den tiefſten Eindruck machten, immer ſchwärzer. Karl fing an ſich vor der Erſcheinung des Cardinals zu fürchten, und dies hatte Chievres beabſich⸗ tigt. Er war nahe daran, ſein Ziel zu erreichen. Der König ſollte nun nach Valladolid geführt werden, und dieſe große und volkreiche Stadt, die am unzufrie⸗ denſten mit Kimenes' Regentſchaft geweſen war, machte weit umfaſſende Anſtalten zu ſeinem Empfange. Karl aber fühlte eine unbezwingliche Sehnſucht nach ſeiner Mut⸗ ter, und Eleonore theilte ſie. Die königlichen Geſchwiſter ließen ſich nicht länger zurückhalten; Karl ſandte ſein Ge⸗ folge nach Valladolid mit der Meldung, daß es ihn in Der deutſche Kaiſer. 29 drei Tagen in Tordeſillas abholen ſolle, um ſeinen Einzug in die Stadt zu halten, er ſelbſt fuhr mit ſeinen Geſchwi⸗ ſtern an ihren Mauern vorüber nach dem einſamen Schloſſe der unglücklichen Königin, von der ihm nicht einmal eine Erinnerung an ihre Geſtalt im Gedächtniß geblieben war. Nur Eleonore war bei Johanna's Abreiſe aus den Nie⸗ derlanden alt genug geweſen, um eine ſolche Erinnerung feſtzuhalten. Und ſie hatte ſie treu bewahrt. Die Königin war vorher von der Ankunft ihrer beiden älteſten Kinder unterrichtet worden. Ein leiſer Lichtſtrahl ſchien bei dieſer Nachricht in der tiefen Nacht ihres Trüb⸗ ſinns aufzudämmern; ihr Auge belebte ſich von dieſer Stunde mehr und mehr; ſie ſann lange nach, ihre Um⸗ gebung ſah es ihr an, wie ihr gefeſſelter Geiſt rang, ſich die getrübte Erinnerung klar zu machen. Stunden lang ſah ſie aus dem Fenſter hinüber nach dem Kloſter, aber es war nicht jenes unheimliche gedankenloſe Hinſtarren von ſonſt, ihr trockenes Auge wurde wieder feucht, und ſie ſeufzte zuweilen:„O meine Kinder!“ Dann wandte ſie ſich wol zu ihren Katzen und verkündete ihnen mit bewegter Stimme, daß ſie bald die Freude haben würden, ihre hohen königlichen Geſchwiſter bei ſich zu ſehen. Als ihr nun ihre vier Kinder gemeldet wurden, über⸗ lief ihren Körper ein krampfhaftes Zittern; ſie brauchte über eine Stunde, um ſich zu faſſen, und Arzt und Beicht⸗ vater waren ſammt ihren Frauen mit ihr beſchäftigt. Dann begehrte ſie plötzlich königlich geſchmückt zu werden. 30 Der deutſche Kaiſer. Es wurde ihr willfahrtet, und obgleich es wiederum nur Trauerkleider waren, die man ihr anlegen durfte, ſo waren es doch diesmal die einer verwittweten Königin. Die Geſchwiſter traten paarweiſe herein, voran Karl und Eleonore, dann Ferdinand und Katharina. Zitternd vor Rührung und Aufregung eilten die erſtern auf ihre Mutter los, ergriffen ihre Hände und küßten ſie weinend. Die unglückliche Frau lächelte mild; ein Sonnenblick, wie er ihr nur ſelten zu Theil ward, flog über ihre abge⸗ magerten verkümmerten Züge. Sie neigte ſich zu den beiden, betrachtete ſie ſcharf und aufmerkſam, als ſuche ſie Philipps Züge in den ihrigen zu entdecken, und als ihr dies wahrſcheinlich gelungen war, küßte ſie ſie auf die Stirnen. Karl weinte heftig. Mehre Minuten lang wurde kein Wort geſprochen; endlich fragte die Königin, wie aus tiefer Vergeſſenheit:„Wie heißt Ihr, meine ſchönen Kinder?“ „Ich bin Karl, Ew. königlichen Hoheit älteſter Sohn und gehorſamſter Diener.“ „Und ich Eleonore, Eure erſtgeborne, Euch in treuer Liebe ergebene Tochter. Als Ihr mich verließt, war ich ſieben Jahre alt, und ich habe meinem Bruder Karl und meinen Schweſtern Iſabella und Maria oft von Euch er⸗ zählt. Und was ich nicht wußte, daß berichtete uns die gute Tante Gretchen, die immer von Euch ſprach und uns ermahnte Euch recht lieb zu haben. Sie ſchickt Euch durch uns ihre ſchweſterlichen herzlichen Grüße.“ Der deutſche Kaiſer. 31 „Ach das ſchöne blonde Gretchen!“ rief Donna Juana mit einem Anfluge von Heiterkeit.„Sie war ja meines Bruders Gemahlin. Warum iſt ſie nicht mit Euch ge⸗ kommen, mich auch zu beſuchen?“ „Sie iſt von mir zur Statthalterin der Niederlande ernannt worden,“ verſetzte Karl,„und muß als ſolche die Regierung führen.“ „Und Eure Schweſtern— wie nannteſt Du ſie? Ich vergeſſe die Namen immer— warum ſind ſie nicht auch mit euch zu ihrer armen Mutter gekommen?“ „Iſabella iſt Königin von Dänemark„die Gemahlin des Königs Chriſtian des Zweiten, und Maria iſt Kö⸗ nigin von Ungarn und Böhmen, die Gemahlin des Königs Ludwig. Die Erſtere wohnt in Kopenhagen, die Andre in Peſth. Sie haben mir beide geſchrieben und mich er⸗ ſucht, Euch in ihrem Namen kindlich zu grüßen und ihre Ehrfurcht und gehorſame Liebe zu verſichern.“ „Wenn ich ſie doch auch einmal ſehen und mich ihres Anblicks erfreuen könnte!“ ſeufzte die Königin wieder. „Ich muß immer ſo einſam und fern von meinen Kindern ſein. Und auch meine liebſten Dienerinnen ſind mir grau⸗ ſam genommen und dafür fremde Leute gegeben worden, die ich nicht leiden kann.“ „Wer hat das gethan?“ fragte Karl zu dem Beicht⸗ vater und dem Arzt gewandt. „Es iſt auf ſtrengen Befehl des Cardinals Erzbiſchofs von Toledo geſchehen,“ verſetzte der Letztere,„und hat 32. Der deutſche Kaiſer. allerdings einen übeln Eindruck auf die Königin gemacht.“ In des Königs Geſicht blitzte Zorn auf. „Wenn nur Ineſe mich zuweilen beſuchen dürfte!“ klagte Donna Juana. „Wer iſt Ineſe?“ „Die ſchöne Gräfin Cardona, erſte Hofdame Ihrer Hoheit,“ berichtete der Leibarzt. „Sie ſollen Euch Alle wieder werden, meine Mutter!“ tröſtete ſie Karl,„und wenn Ihr ganz geneſen ſeid, wozu Gott und die heilige Jungfrau ihren Segen geben werden, mögt Ihr zu Genuß und Freude eine Reiſe in die Nie⸗ derlande, nach Dänemark und Ungarn machen, um die Tante Gretchen und Eure Töchter Iſabella und Maria zu beſuchen.“ „Und meine Kätzchen werden auch mitreiſen.— Kommt, meine Kinder,“ Ihr müßt ſie kennen lernen, die ſtattlichen Beſtien; ſie ſind ja auch Eure Geſchwiſter.“ Der König ſuchte Herr ſeiner Wehmuth zu werden. Elevnoren gelang es leichter, ſich zu faſſen; ihre ſtolze Seele war nicht ſo leicht von ſchmerzlichen Eindrücken zu bewegen. Für die beiden Jüngern waren dergleichen Sce⸗ nen nichts Ungewohntes. Von der ausgelaßnen kindiſchen Freude, mit der die Königin ihren Kindern die vortrefflichen Eigenſchaften ihrer Katzen anpries, ſprang ſie plötzlich in die tiefſte Nieder⸗ geſchlagenheit über, indem ſie Karl und Eleonoren an das Der deutſche Kaiſer. 33 Fenſter zog und ihnen die Kloſterkirche zeigte.„Dort ſchläft Euer Vater in einem Schrein, und ich warte nun hier ſchon lange auf ſein Erwachen und härme mich man⸗ chen Tag, daß er nicht aufwacht und mich nach Toledo führt als Königin, wie er mir verſprochen hat. Er hält mir ſchlecht Wort, und ich liebte ihn doch ſo ſehr.“ Sie brach in Thränen und dann in ein krampfhaftes Heulen aus, vor dem ſich Karl ſo entſetzte, daß er erbleichte und zitterte. Nur mit Mühe und durch die ſeltſamſten Ver⸗ ſprechungen und Tröſtungen gelang es der Umgebung der Unglücklichen ſie einigermaßen zu beruhigen. Nun er⸗ ſchlaffte ſie aber ſo ſehr, daß ſie zu Bett gebracht werden mußte, wo ſie ſogleich in tiefen Schlaf verfiel. Die vier Geſchwiſter ließen ſich von dem Prior des Kloſters zu der Ruheſtätte ihres Vaters geleiten. Auf Befehl des Königs wurde der Sarg vorher geöffnet, um zuzuſehen, ob die Ueberreſte Philipps noch in einem Zu⸗ ſtand ſeien, der erlaubte, ſie den Blicken ſeiner Kinder auszuſetzen. Sie wurden noch ziemlich gut erhalten ge⸗ funden, namentlich waren die Geſichtszüge nicht ſo ent⸗ ſtellt, daß man von ihnen nicht auf ihre frühere Beſchaf⸗ fenheit hätte ſchließen können. Es war ein feierlicher Au⸗ genblick, als der junge König am Arme ſeiner ältern Schweſter in das Grabgewölke der Kirche hinabſtieg. Die Mönche des Kloſters ſtanden mit brennenden Fackeln, ein feierliches Requiem ſingend, um den offnen Sarg. So wie die Geſchwiſterpaare herantraten, ſchwiegen die Mönche, Ein deutſcher Leinweber. VI. 5 34 Der deutſche Kaiſer. und der Prior ſprach mit erhobener feierlicher Stimme „Dies ſind die irdiſchen Reſte von Don Philipp König von Caſtilien und Levn, Neapel und Siecilien, Erzherzog von Oeſtreich, Herzog von Burgund und Niederland, dem Gott gnädig ſei!“ Und ſogleich fielen die Mönche wieder mit ihrem ſchauerlichen Grahgeſang ein. Einen Augenblick betrachtete Karl die entſtellten Züge ſeines Erzeugers; Ferdinand hatte nur einen Blick hinge⸗ worfen und wandte ſich ab; Eleonore erbleichte und wankte, und Katharina weinte laut. Als Karl im hohen Grad ergriffen, zurücktrat, um Eleonoren wieder an das Tageslicht und die friſche Luft zu führen, erblickte er neben ſich einen ſtämmigen Jüngling in vornehmer Kleidung, der große, ja heftige Theilnahme zeigte. Es war der zum Philipp umgetaufte Heinz, der ehemalige Kammer⸗ ſänger der Königin Juana, den ſie ſeit dem verhängniß⸗ vollen Beſuche des Ritters von Süderland nicht wieder geſehen, nach dem ſie nicht wieder gefragt hatte. Er ſchloß ſich den Geſchwiſtern an und zeigte ſich hülfreich und gefällig, als ſie in das Refectorium getreten waren, um ſich zu erholen, und vom Abt mit einem Becher Wein und einem Imbiß bewirthet wurden. Karl nahm davon Veranlaſſung, den Prior zu fragen, wer der junge Menſch ſei. Der Prior bat den König ihm zu erlauben, daß er auf ſeiner Zelle die befohlnen Aufſchlüſſe geben dürfe, und Karl ließ ſich bald darauf dorthin führen.— Nach einn Viertelſtunde kehrten beide zurück, und nun ruhten des 63 3 Der deutſche Kaiſer. 35 Königs Augen mit großer Theilnahme auf dem Sänger. Er fragte ihn nach ſeinen Jugenderlebniſſen und nach der Veranlaſſung, die ihn nach Spanien geführt. Philipp wiederholte die oft vorgebrachte Lüge, daß er der Sohn oder Verwandte eines Bauers, das Haſenhänslein genannt, nicht weit von Augsburg ſei, und daß ihn einige Män⸗ ner gewaltſam von dort fortgeführt und hierher nach Torde⸗ ſillas gebracht hätten, wo er von den Vätern des Kloſters Muſik und Geſang erlernt, um damit die Königin zu erheitern. „Ich werde für deine fernere Ausbildung Sorge tra⸗ gen,“ ſagte der König liebreich zu ihm,„und du wirſt mir deshalb ſpäter nach Madrid folgen.“ Als die Königin ſich durch Schlaf erholt hatte, war es ihr möglich, ihren Platz an der Tafel einzunehmen, zu welcher die Vorſteher der Stadt und des Kloſters gezogen worden waren. Hier kam es dem König zu Sinne, wie⸗ der nach der Perſon des Admirals Don Alonſo de Gra⸗ nada, genannt Alnahar zu fragen. Der Anblick der Ueber⸗ reſte ſeines Vaters hatte ihn wieder an den letzten Willen deſſelben erinnert. Kaum aber war dieſer Name ſeinen Lippen entſchlüpft, als die kranke Königin wieder auf⸗ ſchrie und in die größte Aufregung gerieth. Sie rief: ſein Geiſt ſei ihr erſchienen und habe ſie an ihr Verſpre⸗ chen gemahnt. Sie ſei eine Wortbrüchige und deshalb von Gott ſo ſehr geſtraft worden. Karl begriff nun, daß hier ein ſchweres und finſtres Geheimniß obwalte. Der 36 Der deutſche Kaiſer. Prior flüſterte ihm zu, daß er ihm nach der Tafel unter vier Augen auch darüber den nöthigen Aufſchluß geben wolle, wenn Se. königliche Hoheit es befehle. Und ſo geſchah es. Der König war mit dem Prior am Abend über eine Stunde in einem Zimmer eingeſchloſſen. Er hatte eine ſehr unruhige Nacht, und am folgenden Tage ſah er noch bleicher als gewöhnlich und ſehr angegriffen aus, und ſeine Augen waren geröthet wie von ſtarkem Weinen. ünftes Rapitel. Herr von Chievres fand ſich nach einigen Tagen mit der übrigen nähern Begleitung des Königs in Tordeſillas ein, und nach den letzten über den Cardinal Fimenes gemach⸗ ten Erfahrungen des letztern war es nicht ſchwer mehr, ihn zu überreden, einen an den alten Kirchenfürſten ge⸗ richteten Brief zu unterſchreiben, der dem jungen Karl zur ewigen Schande in der Geſchichte gereicht. Die unerfreu⸗ lichen Jahrbücher der Höfe und monarchiſchen Regierungen haben unzählige Beiſpiele von kalter und grauſamer Un⸗ dankbarkeit der Fürſten gegen Männer, die ihnen am treuſten und eifrigſten gedient, aufzuweiſen; aber dieſer Brief überragt alle an ſchnödem Undank, wenn man die großen und außerordentlichen Dienſte, welche Nimenes Karl geleiſtet hatte, im Auge behält. Es iſt eine eigenthümliche und ſchmerzliche Wahrnehmung, daß die größten Männer Spaniens in dieſem Zeitraum, welche dieſes Reich auf den Gipfel der erſtaunlichen politiſchen Höhe führten, auf welcher es in jener und der nächſten Zeit glänzte, mit 38 Der deutſche Kaiſer. einem ſchmählichen und empörenden Undank von Seiten ihres Königs belohnt wurden. Chriſtophero Colombo, der große Weltentdecker, Gonſalvo de Cordova, der große Feldherr, und Kimenes de Cisneros, der große Staats⸗ mann, alle drei ſtarben am gebrochenen Herzen; die beiden erſten über den Undank des kalten eigenſüchtigen Ferdinand des Katholiſchen, der Letztere über den Undank ſeines jugendlichen Enkels und Nachfolgers. Der letztere ſchmerzt um ſo mehr, da man von Karls Jugend und von ſeinem deutſchen Sinne eine ſolche Handlungsweiſe am wenigſten erwarten konnte. Aber Dank gegen Wohlthäter gehört ſelten zu den Schwächen eines Königs, er mag ein Deut⸗ ſcher oder ein Spanier ſein, ſo groß und zahlreich auch übrigens die königlichen Schwächen ſein mögen. Der Brief enthielt zuerſt eine magere und froſtige Dankſagung für die geleiſteten Dienſte. Dann ward ein Ort zu einer perſönlichen Zuſammenkunft bezeichnet, wo er, der König, die Wohlthat der Rathſchläge des Car⸗ dinals für ſein ferneres Benehmen und für die Re⸗ gierung Caſtiliens entgegennehmen könne; nachher ſolle ihm, dem Greiſe, geſtattet ſein, ſich in ſeinen Sprengel zurückzuziehen und vom Himmel jene Belohnung zu er⸗ flehen, die eben der Himmel allein angemeſſen gewäh⸗ ren könne. Dieſes berechnet kaltblütige Schreiben machte, wie es nicht anders ſein konnte, auf den Empfänger den widrig⸗ ſten Eindruck. Das Fieber kehrte mit verſtärkter Kraft Der deutſche Kaiſer. 39 zurück und warf den verdienſtvollen Greis auf das Lager, von dem, wie er ahnete, er nicht mehr erſtand. Er ver⸗ ſuchte es, noch einen Brief an den König zu ſchreiben, wahrſcheinlich um ſeine Univerſität Alcala dem königlichen Schutz zu empfehlen. Aber die zitternde Hand verſagte ihm den Dienſt; er gab es auf, nachdem er einige Zeilen zu Papier gebracht, und wandte ſich nun von allen irdi⸗ ſchen Dingen und auch von dem Schmerz ab, von dem Herrſcher, der ihm Alles ſchuldete, zuletzt verlaſſen zu ſein. Er dachte nur noch an ſein Ende, dem er mit Geiſtes⸗ ſtärke entgegenging. Und in ſeinen letzten Augenblicken verſicherte er ſeiner Umgebung noch mit klarem Geiſte und feſter Stimme, daß er niemals einem Menſchen abſichtlich Unrecht gethan, ſondern Jedem habe ſein Recht wider⸗ fahren laſſen, ohne ſich, ſo viel ihm bewußt ſei, weder von Furcht, noch von Zuneigung beherrſchen zu laſſen. Er war nur noch mit Gebet beſchäftigt und bezeigte eine ſo tiefe Reue über ſeine Fehler und ein ſo demüthiges Vertrauen auf die Gnade Gottes, daß alle Umſtehenden mächtig davon ergriffen wurden. Und in dieſer frommen Stimmung verſchied er am 8. November, eine der kräf⸗ tigſten Stützen der katholiſchen Kirche, nur eine Woche nach jenem verhängnißvollen Tage, an welchem der kühne nicht minder kräftige Mönch und Kirchenlehrer im fernen Deutſchland den erſten Brandpfeil an der Thür der Schloß⸗ kapelle zu Wittenberg gegen das veraltete, aber noch feſte und gewaltige Gebäude dieſer Kirche abgeſchoſſen hatte, 40 Der deutſche Kaiſer. dem bald andre folgten und eine ungeheure Feuersbrunſt in den Geiſtern anrichteten.. Kimenes Leiche wurde nach Alcala de Henarez gebracht und in der von ihm ſelbſt erbauten Kapelle des prächtigen Schulgebäudes von San Ildefonſo begraben. Seine Gegner hatten ihr Ziel erreicht: der König hatte ſeinen Wohl⸗ thäter nicht geſehen und geſprochen. WDie Nachricht ſeines Todes verbreitete große Freude unter den Niederländern, und Chievres trat nun ungeſcheut mit ſeinen eigenſüchtigen Plänen hervor. Alle Watnungen des alten Cardinals waren in den Wind geſprochen; jetzt begann die Herrſchaft der Niederländer in Spanien, und die eaſtiliſchen Granden mußten mit Entrüſtung bald genug wahrnehmen, was ſie an Fimenes verloren hatten. Zuerſt beeilte ſich Chievres das erledigte Erzbisthum von Toledo, das erſte des König⸗ reichs und mit ungeheuern Einkünften begabt, für ſeinen Neffen Wilhelm von Croy, einen Jüngling von ſechzehn Jahren, welcher durch den Einfluß ſeines Oheims bereits Biſchof von Kamerich(Cambrai) war, vom König zu verlangen. Der habſüchtige Niederländer fürchtete nicht ohne Grund, der Erzbiſchof von Saragoſſa, Regent von Aragonien, ein natürlicher Sohn Ferdinand des Katho⸗ liſchen, werde das Erzbisthum von Toledo vom König in Anſpruch nehmen, und auf ſeine Veranſtaltung geſchah es, daß dieſem, der nach Tordeſillas gekommen war, um dem König die Aufwartung zu machen, die Audienz auf eine verletzende Weiſe verſagt wurde, ſo daß er wieder abreiſen Der deutſche Kaiſer. 41 mußte, ohne den König geſprochen zu haben. Die nie⸗ derländiſche Intrigue entfaltete ſich von Tag zu Tag mehr und trieb ganz daſſelbe gefährliche Spiel, wie zehn Jahre früher; ja es ſchien, als ob Karl von ſeiner Umgebung zum Aerger der Spanier noch mehr gemißbraucht werden ſollte, als König Philipp von der ſeinigen gemisbraucht worden war. Am 18. November erfolgte endlich der prächtige Ein⸗ zug des Königs in Valladolid. Es waren viele Tauſende der vornehmſten und reichſten Bewohner aus ganz Spa⸗ nien zuſammengeſtrömt. Die großartigen und glänzenden Feſtlichkeiten dauerten drei Wochen. Alles, was eaſtiliſcher Stolz und Reichthum zu erſinnen und auszuführen ver⸗ mochte, wurde zu Ehren des Königs vollbracht: Ritter⸗ turniere, Stiergefechte, Aufzüge, geiſtliche Schauſpiele, Tänze und Bankette. Auf Anſuchen der Stadt gelobte ihr der König, ſich hier von ſeiner langen und beſchwer⸗ lichen Reiſe einige Monate auszuruhen. Gleich nach der geheimen Unterredung, welche der König mit dem Prior des Kloſters Santa Clara im Schloſſe zu Tordeſillas gehabt, waren reitende Boten nach Madrid, Toledo und andern Städten geeilt, um den Don Alonſo de Granada aufzuſuchen und zum König zu gelei⸗ ten, aber alle kehrten ohne den begehrten Mann zurück. Er war nirgends aufzufinden. Dagegen ließ ſich eines Tags der Junker Marx von Bübenhoven, der von Toledo kam, beim König melden und hatte eine lange geheime 42 Der deutſche Kaiſer. Audienz. Seit dieſem Tage ſtellte Karl keine Nachfor⸗ ſchungen mehr nach Don Alonſo de Granada an. Sein Name wurde nicht mehr erwähnt; er ſchien vergeſſen zu ſein. Dagegen ließ der König durch eine eigne glänzende Geſandtſchaft, welche halb aus Caſtiliern, halb aus Niederländern beſtand, und an deren Spitze er den ritter⸗ lichen Markgrafen Johann von Brandenburg ſtellte, die Königin Germaine in ehrerbietiger Weiſe zu ſich nach Valladolid einladen. Sie lebte in tiefer Zurückgezogenheit im Frauenkloſter zu Abroxo, nur von einigen Frauen umgeben. Die vornehmſte und der Königin liebſte der⸗ ſelben war die Gräfin Agnes von Cardona. Man konnte behaupten, daß beide zueinander in ein inniges Freund⸗ ſchaftsverhältniß getreten waren. Von den öffentlichen Angelegenheiten ſchienen ſich beide ganz zurückgezogen zu haben. Ihre Unterhaltung beſchränkte ſich auf Literatur und Kunſt, und Agnes bemühte ſich, ihre königliche Freun⸗ din in die Wundergärten der arabiſchen Poeſie einzufüh⸗ ren, wogegen ſie von Germaine mit den Schätzen der altfranzöſiſchen Dichtkunſt bekannt gemacht wurde. In die Stille dieſes kleinen Kreiſes trat plötzlich und unerwartet der ſchöne und galante deutſche Fürſt. Er hatte ſchon vorher von der hohen Schönheit der beiden vornehmen Frauen viel Rühmens machen hören; er bot alſo all ſeine Liebenswürdigkeit auf, um zu gefallen. Seine vielſeitige Bildung, ſeine freien Anſichten kamen — Der deutſche Kaiſer. 43 ihm dabei trefflich zu ſtatten. Er war ein ſo vollkommner Mann, daß er ſelten oder nie den Eindruck auf ein Frauen⸗ herz verfehlte, den er zu machen beabſichtigte. Auf der andern Seite hatten die Königin Germaine und ihre Ge⸗ ſellſchafterin lange Zeit jeglichen männlichen Umgangs aus ihrem Stande entbehrt, und die leichtblütige Franzöſin, das Kind des genußreichſten Hofes, war erſt jahrelang an einen alten kranken und launenhaften Gatten gekettet und von dem ſteifen umſtändlichen ſpaniſchen Hofeeremoniel gelangweilt worden, dann hatte ihr lebensluſtiges Herz, in eine ihr nichts weniger als zuſagende Abgeſchloſſenheit verbannt, jedes geſelligen Genuſſes mit ausgezeichneten Männern nach ihrem Geſchmack entbehren müſſen. Es glich einem auf den trocknen Sand gerathenen Fiſchlein, das nach der klaren treibenden Fluth lechzte und zu ver⸗ ſchmachten drohete. Aber auch Agnes war, ohne daß ſie ſich deſſen deutlich bewußt war, für einen erhebenden männlichen Umgang in der Zurückgezogenheit des Kloſters empfänglicher geworden. Wenn auch ihr Bedürfniß danach nicht ſo ſtark hervorſprang, wie bei der verwitweten Kö⸗ nigin, ſo war es dagegen um ſo inniger und tiefer. In den beſchränkten Kreis dieſer beiden liebenswürdigen Frauen trat alſo der Markgraf wie eine höhere Erſcheinung, wie der Gott aus einer alten Mythe, ſiegend, überwältigend. Er war der Zauberer, der die beiden Einſamen als ein Muſter⸗ bild der Ritterlichkeit, als ein holdſeliger Minnewart plötz⸗ lich wieder in den bunten und glänzenden Strom des Der deutſche Kaiſer. Lebens zog. Er führte ſie mit prächtigem Geleit nach Valladolid an den fröhlich bewegten Hof, an welchem ſelbſt die ernſten und ſtolzen Caſtilier in Gefahr geriethen, von dem Leichtſinne und der Genußſucht der Niederländer an⸗ geſteckt zu werden. Die Königin Germaine, erſt bange, daß der junge König Karl erfahren haben möchte, daß ſie den Umtrieben der Partei des Infanten Fernando, gegen die er bereits ſtreng aufgetreten war, nicht fremd geblieben ſei, war erſt ſchon von der ehrenvollen Einla⸗ dung des Königs an ſeinen Hof überraſcht, dann aber in Valladolid noch überraſchter von dem glänzenden Empfange, der ihr von Seiten des Königs zu Theil wurde. Karl war klng und galant genug, weder gegen die Königin, noch gegen die Gräfin Cardona, die er als alte Bekannte begrüßte, auch nur ein Wort über ihre Theilnahme an dem Plan, ſeinen Bruder auf den Thron zu ſetzen, fallen zu laſſen. Dieſes von Chievres berechnete und vorge⸗ ſchriebene Benehmen des Königs entſprach ganz dem davon erwarteten Erfolge. Die Partei des Prinzen Ferdinand verſtummte und zog ſich zurück. Wäre Karl gegen ſeinen Bruder und die Wittwe ſeines Großvaters ſtreng verfah⸗ ren, ſo würde ſich die keineswegs geringe Partei erhoben und dem Könige, der als ſolcher noch nicht geſetzlich an⸗ erkannt und gekrönt war, feindlich entgegengeſtellt haben. Es wäre zu einem kaum zweifelhaften Kampfe gekommen, der Karl vielleicht um alle ſpaniſchen Kronen gebracht hätte. Denn es lebte nun kein Rimenes mehr, der mit 4 4 Der deutſche Kaiſer. 45 ſtolzer Energie für Karls Rechte aufgetreten wäre; des Königs Undank gegen dieſen ſeinen Wohlthäter hatte ſogar die Stimmung gegen ihn bedeutend geſteigert. Dies war der Grund des ehrerbietigen und höflichen Benehmens Karls gegen die Königin Germaine und ihre Geſellſchaf⸗ terin, und aus dieſem Grunde hatte er ihr auch den vor⸗ nehmſten und liebenswürdigſten Mann aus ſeinem Gefolge zugeſandt, um ſie mit königlichen Ehren nach Valladolid geleiten zu laſſen. Hier erhob er ſie zur Königin und erſten Ehrendame ſeines Hofs und bewirkte durch ſein Beiſpiel, daß ihr die allgemeine Huldigung dargebracht wurde. Germaine fragte nicht nach dem Grunde; ſie gab ſich mit ganzer Seele dem lang entbehrten Genuſſe hin ihre frühe Jugend ſchien in verſchönerter Geſtalt wieder⸗ gekehrt, die Tage ihres ſüßeſten Lebensglücks ſchienen gekommen; ſie war die Königin aller Feſte und der Markgraf Johann ihr Ritter. Ein Feſt gab dem an⸗ dern die Hand, und die Tage flogen für ſie im heiterſten Rauſche. Zu dieſen Feſten war auch noch ein anderer Fürſt hinzugezogen worden, welcher auf Germaines ſpäteres Leben wichtigen Einfluß hatte. Es war dies der Prinz von Calabrien, der Sohn des Königs Friedrich von Neapel. Seit der Entthronung ſeines Vaters war der Prinz in einer Art ehrenvoller Gefangenſchaft in Spanien gehalten worden, und die niederländiſche Politik fand es für gut, daß König Karl dieſen Kronprätendenten nach Valladolid Der deutſche Kaiſer. einlud und ihm die Ehren ſeines Standes erwies. Man durfte hoffen, ihn dadurch unſchädlich zu machen. Von Toledo waren Don Juan de Padilla mit ſeiner jungen Gemahlin gekommen, um den Feſten beizuwohnen, und man ſah ſie oft mit der Gräfin Agnes von Cardona zuſammen. Auch der Junker von Bübenhoven war in dieſem kleinen Kreiſe ein gern geſehener Gaſt. Doch ver⸗ ließ er die Stadt bald wieder, um mit ſeinen Bergleuten ſeine Forſchungen in den Goldminen Alteaſtiliens fortzu⸗ ſetzen. Oft begleiteten ihn auf dieſen Ausflügen königliche Commiſſaire, und darunter befand ſich auch Toni, der ehe⸗ malige Bergknapp, jetzt einer der königlichen Stallmeiſter und als ein Liebling des Königs ein nicht unwichtiger junger Mann. 6 Maria von Iſſelſtein war nicht mit ihrer gleichnamigen Freundin nach Valladolid gekommen, und wenn Ineſe de Cardona und Maria de Padilla ſich von ihr unter⸗ hielten, geſchah es ſtets auf eine geheimnißvolle Weiſe; doch nie ohne den Ausdruck der innigſten und herzlich⸗ ſten Liebe. Während der Feſtlichkeiten wurde die eaſtiliſche Stände⸗ verſammlung vom Könige nach Valladolid berufen. Ihr Zuſammentritt zum Reichstage ſchloß ſich unmittelbar an die Feſte an. Sobald dieſe vorüber waren, eröffnete Karl ſeinem Bruder Ferdinand mit den ſchönſten und ſüßeſten Worten: Ihr Großvater, der Kaiſer Marimilian, hege das lebhafteſte Verlangen ihn, ſeinen zweiten Enkelſohn, 4 Der deutſche Kaiſer. kennen zu lernen und an das Herz zu ſchließen. Und da der Kaiſer ſeit einiger Zeit kränklich ſei und vom Fleiſche falle, ſo ſei es nothwendig, daß Ferdinand unverzüglich aufbreche, um dem Großvater eine erheiternde Geſell⸗ ſchaft zu ſein. Dieſer in die mildeſte Form gekleidete Verbannungsbefehl machte dem kronenluſtigen Prinzen klar, daß es mit ſeinen Plänen in Spanien vorüber ſei. Er mußte ſich fügen und durfte es ſich nicht ein⸗ mal merken laſſen, mit wie ſchwerem Herzen er es that.— Mit ſeiner Abreiſe war ſeine Partei ſogleich mundtodt, und für die Gräfin Cardona verſchwand abermals jede Hoffnung auf einen Bürgerkrieg und deſſen Folgen. Der eaſtiliſche Reichstag wurde nach der erſten Woche des Februar 1518 geſchloſſen und dem Könige im Kloſter St. Paul von den Prälaten, dem hohen Adel und den Abgeordneten der Städte der Suldigungseid geſchworen. Dies war in Bezug auf die Pracht, welche die Bethei⸗ ligten dabei zur Schau ſtellten, eine der glänzendſten Ce⸗ remonien, die man jemals in Spanien geſehen. Nach der Eidesleiſtung überreichten die Abgeordneten dem Könige die von ihnen berathenen Punkte, um ihre Erfüllung von ihm zu verlangen. Die hauptſächlichſten derſelben waren, daß kein Ausländer in Caſtilien zu Aemtern und Würden befördert, kein Geld aus den öffentlichen Kaſſen, kein edles Metall aus den Bergwerken ausgeführt, noch Kroneinkünfte verpachtet werden ſollten. Dem König wurde ein Ehren 48 Der deutſche Kaiſer. geſchenk von ſechsmalhunderttauſend Dukaten verwilligt, binnen drei Jahren zu bezahlen. Zu Anfang April reiſete der König in Begleitung ſeiner Schweſter Eleonore und der Königin Germaine nach Aragonien ab, deſſen Reichsſtände durch Ausſchreiben be⸗ reits zuſammenberufen waren. Die Prinzeſſin Katharina blieb bei der Königin Johanna in Tordeſillas, welcher die beiden ältern Geſchwiſter in Germaines Begleitung noch einen Abſchiedsbeſuch machten. Obgleich der König gegen Donna Ineſe de Cardona den Wunſch äußerte, daß ſie ihre frühere Stellung bei ſeiner Mutter wieder einneh⸗ men möchte, ſo bat dieſe doch um die Gnade, ferner bei der Königin Germaine verbleiben zu dürfen, und dieſe ver⸗ einigte ihre Bitten mit denen ihrer Freundin. Den Haupt⸗ grund derſelben geſtand ſich Agnes freilich ſelbſt nicht ein; es war das ihr noch nicht zum Selbſtbewußtſein gekom⸗ — mene Verlangen, ferner in der Nähe und im Umgang des Markgrafen von Brandenburg zu ſein. Und ſo wenig, wie ſie über ſich ſelbſt klar war in Bezug auf den ſchönen deutſchen Fürſten, ebenſowenig wußte ſie, daß ihre könig⸗ liche Gebieterin ihre Nebenbuhlerin war. Beide Frauen liebten im Stillen den glücklichen Markgrafen. Sechstes Rapitel. Durch die Thore des„goldnen“ Mainz ſtrömten ſtattliche Fremde ein zu Wagen und zu Roß, ritterliche Männer in blanker Wehr und Waffen, ernſte Männer im Talar und Doetormantel, kecke Geſtalten in der kurzen Schaube, auch ſchöne vornehme Frauen mit prächtigem Geleit. Es waren Adlige vom Rhein und Main, auch wol weiter her aus den deutſchen Gauen, Gelehrte und Künſtler, Alles Leute von berühmten Namen. Auch mancher hohe Kle⸗ riker mit zahlreichem Gefolge war darunter. Und Alle zogen der ehrwürdigen alterthümlichen Hofburg zu, dem Sitze des erſten geiſtlichen Kurfürſten, Erzbiſchofs von Mainz und Erzkanzlers von Germanien. Geladene und ungeladene, aber alle willkommne und herzlich begrüßte Gäſte, gedachten ſie die bevorſtehenden Tage hier in fröh⸗ licher Gemeinſchaft mit dem jungen Kurfürſten und ſeinen zu ſeinem Hoſſtaate gehörigen edlen Freunden zuzubringen, die des ſonnigen frühlingsheitern Pfingſtfeſtes des Jahrs 1518. Seit Albrecht den erzbiſchöflichen Stuhl in Mainz Ein deutſcher Leinweber. vI. 4 50 Der deutſche Kaiſer. eingenommen, pflegte er zu dieſem Feſte Einladungen weit und breit ausgehen zu laſſen, und wenn er auch immer offene Tafel hielt für jeden ausgezeichneten Mann und für jede ſchöne Frau, die an ſeinem Hofe zuſprachen, und es deshalb nie leer war von Gäſten, die der Ruf der Per⸗ ſönlichkeit des Kurfürſten und ſeiner nächſten Freunde und des glänzendſten Hofes in Deutſchland, berühmt wegen der freieſten Sitte und der köſtlichſten Lebensgenüſſe, her⸗ beizog, ſo diente doch das Frühlingsfeſt vorzüglich zur Verſammlung Aller in Mainz, welche in irgend einer geiſtigen Beziehung zu Albrecht ſtanden, oder in eine ſolche mit dem freifinnigen, hochgebildeten und liebenswürdigen Fürſten zu treten wünſchten. Hell bewimpelte, mit Blu⸗ menkränzen und Laubgewinden geſchmückte Schifflein liefen den Main herab, den Rhein herauf und herab und ſetzten eine bunte, lebensluſtige Menge vor den Thoren des rei⸗ chen und prächtigen Mainz ans Land; denn auch das Volk der benachbarten Umgegend nahm gern Theil an den groß⸗ artigen und ſinnreichen Feſten, welche der Kurfürſt ſeinen Gäſten bereitete. In der alten Hofburg war ein luſtiges Getümmel Welcher Fremde hätte ahnen können, daß hier der erſte Oberprieſter Deutſchlands hauſe? Das war das präch⸗ tige, von Luſt und Frohſinn, von Muſik und Geſang widerhallende Haus eines jungen fürſtlichen Epikuräers. Statt der finſtern Asketik der frühern Prieſter und Mönche herrſchte hier der feinſte und raffinirteſte Lebensgenuß, 4 Der deutſche Kaiſer. 51 ſtatt der eintönigen Gebete und langweiligen Litaneien vernahm hier das entzückte Ohr geiſtreiche Scherze und die trefflichſten Urtheile über Kunſt und Literatur. Junge ſchöne Frauen durchrauſchten in fürſtlichem Schmuck ſtolz und liebenswürdig die hohen Zimmer; ſie lächelten und flüſterten der Blüthe der Männer Beifall zu, ſie nahmen die Huldigungen derſelben mit holder Anmuth entgegen. Der Becher, vom köſtlichen Weine überträufend, erklang zwiſchen dem melodiſchen Flüſtern der Laute und ſüßen Liebesliedern. Und von den ſchönen lebenden Geſtalten wandte ſich das Auge auf die Schöpfungen der Kunſt, welche die Wände der Zimmer zierten, Gemälde der vor⸗ züglichſten Meiſter in Italien, in Deutſchland und in den Niederlanden, und auf hie und da aufgeſtellte Bild⸗ werke, lauter Meiſterwerke hochberühmter Bildſchnitzer und Bildhauer. Die ausgezeichnetſte Perſönlichkeit in dieſem von allem Schönen erfüllten Hauſe war aber der Wirth ſelbſt, her⸗ vorrägend in ritterlicher Anmuth, in jugendlicher Liebens⸗ würdigkeit, in ſtolzer Körperſchönheit und in der feinſten Bildung der Courtoiſie. Die drei Brüder des Branden⸗ burger Hauſes wetteiferten miteinander in dieſer Bildung, und jeden von ihnen, den man allein ſah, hielt man für den vorzüglichſten. Vielleicht war es wirklich Albrecht, wenigſtens war er der jüngſte und durch ſeine Stellung als erſter geiſtlicher Kurfürſt und Erzkanzler des Reichs der vornehmſte. Er ſtand eben im achtundzwanzigſten 4* 52 Der deutſche Kaiſer. Lebensjahre und in der vollſten Blüthe jugendlich männ⸗ licher Schönheit und Kraft. Seine äußere Erſcheinung war der reinſte Ansdruck des edelſten Menſchenthums. Aus ſeinem großen dunkelblauen Auge ſtrahlte die Schön⸗ heit einer hochbegabten Seele, von ſeiner hohen gewölbten Stirn leuchtete eine Fülle von Geiſt, und die Züge ſeines Mundes veriethen feine Sinnlichkeit und jenen göttlichen Leichtſinn, der zum reizendſten Lebensgenuß befähigt und dazu eigentlich unerläßlich iſt. Albrecht liebte fürſtliche Pracht; ſie war ihm Lebenselement, aber er gönnte ihren Mitgenuß Allen, die ſich ihm durch Geiſtesgröße würdig zeigten. Er verachtete eitle Prunkſucht und verhöhnte das Beſtreben der Fürſten Schützer und Gönner der Künſte und Wiſſenſchaften ſcheinen zu wollen, und ſich von be⸗ zahlten Schmeichlern preiſen zu laſſen, während ſie doch nur roher Selbſtſucht fröhnten. Ihm war es Bedürf niß, ein wahrer Mären zu ſein; er gab mit vollen Hän⸗ den die klingenden Beweiſe ſeiner Hingebung an die Schö⸗ pfer des Schönen, und das erhabene Gefühl, dadurch die Geiſter zu heben und zu beflügeln, hob und trug ihn ſelbſt. Er erfreute ſich hochherzigen Sinnes der Blüthe, die er hervorrief, aber die Stimme gemeiner Schmeichelei mußte vor ihm verſtummen. Auch waren die Männer ſeiner Gunſt und Liebe nicht fähig Schmeichlerrollen zu übernehmen; Albrecht und ſeine Freunde waren einander würdig. An dieſem Hofe in beglückender und anregender Ge . * Der deutſche Kaiſer. 53 meinſchaft mit den edelſten Männern ſeiner Zeit, lebte ſeit einem halben Jahre der Ritter Ulrich von Hutten, der gekrönte und gefeierte Dichter, nur zwei Jahre älter als der geniale Kurfürſt. Aber von dieſen ſechs Monaten hatte er über zwei in Paris zugebracht, mit Geſchäften des Kurfürſten beauſtragt, und war von den Gelehrten dort auf das Ehrenvollſte ausgezeichnet worden. Von dieſer Reiſe war er an Leib und Seele gekräftigt nach Mainz zurückgekehrt. Albrecht hätte es für eine Kränkung des Genies gehalten, dem Dichter einen Hofdienſt aufzubürden; Ulrich ſollte ein freier unabhängiger Mann bleiben, er ſollte der Freund, nicht der Diener des mächtigen Erz⸗ biſchofs ſein, und dieſer gab dem Theilnehmer und Erhöher ſeiner Genüſſe ſo fein und geſchickt die reichſten Mittel, daß der Empfänger ſo wenig zu erröthen brauchte, als der Geber. Unter den zahlreichen Gäſten, welche das Pfingſtfeſt in die Fürſtenburg des alten Mainz geführt hatte, waren die ausgezeichneten gelehrten und berühmten Männer Eras⸗ mus und Reuchlin, der freiſinnige Albrecht Dürer und ſeine ihm ebenbürtigen Kunſtgenoſſen, der geiſtreiche Grünewald und der kräftige ſächſiſche Sofmaler Lukas Kranach, ferner Wil⸗ libald Pirkheimer und Konrad Peutinger. Auch Raimund Fugger war von Augsburg gekommen und hatte eine kleine Anzahl trefflicher Kunſtwerke mitgebracht. Er war der Haupt⸗ lieferant des Kurfürſten in allen Kunſtartikeln. Unter den ritterlichen Männern war der kurpfälziſche Kriegshaupt⸗ Der deutſche Kaiſer. 54 mann Franz von Sickingen, eine edle markige Geſtalt, der ausgezeichnetſte. Eine hohe üppige Frauengeſtalt zieht die Blicke aller Männer auf ſich. Sie iſt jung, ſie iſt reizend, ſie iſt die ſchönſte von allen Anweſenden ihres Geſchlechts; aber die ſtraffen biegſamen Formen der Ingend ſchwellen leiſe zur Fülle und Rundung an, und dies gibt ihr den Ausdruck ſtolz behaglicher Ueppigkeit, der von dem ſanften Feuer eines geiſtreichen blauen Augs wieder gedämpft wird. Nach dieſer äußern Erſcheinung iſt die Niederländerin nicht zu verkennen. Und ſie war es, die dritte Tochter des blin⸗ den Malers Bry aus Antwerpen, es war die luſtige Martha, der Zögling des Fugger'ſchen Hauſes. Ihre Schönheit ſtund in der höchſten Blüthe. Ihr hochbegabter Geiſt hatte ſich am Mainzer Hofe überraſchend ſchnell ent⸗ wickelt und in Verbindung mit ihrem Witz, ihrer ſtets heitern Laune, ihrem glücklichen Temperament, erſt die Aufmerkſamkeit, dann die hohe Theilnahme und endlich die Leidenſchaft des Kurfürſten ſo ſehr erregt, daß er ſei⸗ nen mit dem Könige Karl nach Spanien ziehenden Bruder vermochte, ſie ihm zurückzulaſſen; denn der Markgraf Johann war erſt gewillt, ſie mitzunehmen. Sie wurde nun die Geliebte des Kurfürſten und ihm bald ſo werth und theuer, daß er ſie ſtets um ſich hatte und ſelbſt nicht einmal nach Aſchaffenburg auf ſein reizendes Jagdſchloß ging ohne ihre Begleitung. Der Grund dieſer ſchwär⸗ meriſchen Anhänglichkeit des jungen Kurfürſten an die Der deutſche Kaiſer. 55 ſchöne Niederländerin war weder allein in ihren körper⸗ lichen Reizen, noch in ihrer Geiſtesſchärfe und ihrem luſtigen Weſen, am meiſten vielmehr in ihrem künſtleriſchen Genie zu ſuchen. Sie hatte von ihrem Vater daſſelbe hohe Talent zur Kunſt ererbt, wie ihre Schweſter Eleonore und wie ihre andern Geſchwiſter; das ihrige war vielleicht noch reicher und ſtärker, als das der älteſten Schweſter, aber die Ungunſt der Verhältniſſe hatte die Ausbildung deſſel⸗ ben verhindert. Seit ſie aber in Mainz und Aſchaffen⸗ burg unter den dort aufgehäuften reichen Kunſtſchätzen ver⸗ weilte und täglich Auge und Geiſt daran weidete, als ſie im Umgang mit dem Kurfürſten und den Künſtlern, die am Hofe lebten oder als Gäſte zuſprachen, immer tiefer in die göttlichen Geheimniſſe der Kunſt eingeweiht wurde, wuchs der in ihr ſchlummernde Funke raſch zur mächtigen Flamme empor und erwärmte und überſtrahlte ihre Um⸗ gebung, am meiſten aber den dadurch hochbeglückten Kur⸗ fürſten. Martha heatte nicht nur bald ein überraſchend richtiges Urtheil in allen Kunſtangelegenheiten, ſie wurde auch ſelbſt ausübende Malerin, wie ihre Schweſter, und ihre rieſenhaften Fortſchritte in der Technik der Kunſt und in der klaren Entwicklung und Darſtellung hoher poetiſcher Ideen riſſen den Kurfürſten und ſeine Freunde zum Er⸗ ſtaunen hin und bereiteten ihr endlich eine unerſchütterlich feſte Stellung in der Gunſt des Erſtern. Er pries ſein Geſchick, das ihm durch die Hand ſeines Bruders ein Weib zugeführt, wie es ſeine kühnſten Träume zu finden 56 Der deutſche Kaiſer. niemals gehofft hatten. Und er verhehlte das Gefühl ſeines hohen Glückes ſeinen Freunden und Dienern nicht; er hielt die geiſtreiche heitre Martha hoch und wollte ſie auch von Andern hochgehalten wiſſen, und ſo war es natürlich, daß ſie bald die Stelle einer regierenden Fürſtin einnahm, ſo weit dies an einem geiſtlichen Hofe und ohne Rang und Namen der Fall ſein konnte. Eben ſo natür⸗ lich war es, daß ſie großen Einfluß auf den ihr mit der zärtlichſten Liebe ergebenen Kurfürſten ausübte, und daß Alle, die ſich ihrer Gunſt erfreuten, auch der Gunſt des Kurfürſten gewiß ſein durften. Aber mit ihrem Glücke und ihrem Einfluſſe war Martha's Stolz gewachſen, deſſen Keime ſo üppig in ihr gewuchert hatten, recht fleißig ge⸗ tränkt von den Demüthigungen, die ſie im Hauſe der Witwe Veronica Fugger hatte erdulden müſſen. Dieſer Stolz entwickelte ſich um ſo gewaltiger in ihr, als ihr Herz in dem Verhältniß mit dem Kurfürſten keine ſüße und beglückende Befriedigung fand. Martha war nicht allein in der künſtleriſchen Begabung ihrer Schweſter Eleo⸗ nore ähnlich, ſie hatte dieſelbe heiße ſinnliche Seele ohne Gemüthstiefe und daher auch ohne Befähigung einer wah⸗ ren, ſich ſelbſt vergeſſenden, ſich ſelbſt aufopfernden Liebe. Ihre heitre und witzige Gabe war nicht das Kind eines gefühlvollen Herzens. Sie hatte nur ſich im Auge, nur die Befriedigung ihres Stolzes, indem ſie die Geliebte des Kurfürſten wurde, und deshalb wurde es ihr auch ſo leicht, von einem Bruder auf den andern überzugehen; Der deutſche Kaiſer. 57 ſie liebte weder den Einen, noch den Andern. Den Mark⸗ grafen hatte ſie als Mittel ihrer Erlöſung aus einer ihrem aufſtrebenden Geiſte peinlichen und unerträglichen Lage be⸗ trachtet, und den ſie wahrhaft liebenden Kurfürſten betrach⸗ tete ſie als das Mittel zur Befriedigung ihres Ehrgeizes, ihres Stolzes und ihre Genußſucht. Wenn dieſe Leiden⸗ ſchaften bei ihr weniger ſchroff hervortraten, als bei Eleo⸗ noren, wenn ſie ſchmiegſamer ſich in die Verhältniſſe fügte, ſo waren ihre gedrückte Erziehung und die Abhängigkeit, in welcher ſie von reichen Leuten geſtanden, ſo wie ihre heitre, ſtets zu Scherz, Witz und allen andern Aeußerungen des Frohſinns aufgelegte Natur die Urſachen dieſer Er⸗ ſcheinung. Sie war von demſelben heißen Stolze gequält, wie Eleonore, ſie verbarg die Glut deſſelben aber unter Lachen und Scherzen und meinte auf dieſem Wege eher zu einem glänzenden Ziele zu kommen, als Eleonore mit finſtrer Heftigkeit. Nichts war Martha's Wünſchen und Beſtrebungen unleidlicher, als in ihrer bedeutenden Stellung die einfache Martha Bry ſein zu müſſen. Die Geliebte und einfluß⸗ reiche Freundin des größten geiſtlichen Kurfürſten Deutſch⸗ lands durfte doch mindeſtens eine Freiherrnkrone bean⸗ ſpruchen, aber ihren Wünſchen ſchien eine Grafenkrone nicht zu hoch; aber die eine wie die andre konnte nur durch den Kaiſer erlangt werden, und bei dieſem ſtand ihr mehr als ein großes Hinderniß im Wege. Zuerſt war Marimilian überhaupt den Freundinnen der hohen —— ————— 58 Der deutſche Kaiſer. Geiſtlichkeit nicht hold geſinnt, ein ſo großer Freund des ſchönen Geſchlechts er auch ſelbſt war; ſodann ſagte ſeinem ſchlichten Sinne die geniale Wirthſchaft ſeines Reichskanz⸗ lers keineswegs zu, und der freilich höchſt auffallende Um⸗ ſtand, daß Kurfürſt Albrecht die Mittel für ſein koſtſpie⸗ liges freies Leben, für ſeine Unterſtützung des jungen frei⸗ ſinnigen Geiſtes und der Neuerung gerade aus dem übel⸗ berüchtigten Inſtitute des Ablaßhandels hernahm, daß er die Dummheit und den Aberglauben fördern und predigen ließ, um ſie auszubeuten, und aus dieſer finſtern und ſchmutzigen Preſſe das Oel gewann, das junge Licht der Wiſſenſchaften, des Humanismus zu tränken, dieſer ſelt⸗ ſame Umſtand hatte dem Kaiſer ſchon mehrmals Gelegen⸗ heit gegeben, ſich tadelnd über den jungen Erzbiſchof von Mainz auszuſprechen. Und in der That war es nicht abzuleugnen, daß es keinen größern Widerſpruch in den Grenzen des deutſchen Reichs gab als die Pflege des friſch auſſtrebenden wiſſenſchaftlichen Geiſtes, des Bekämpfers des Aberglaubens, der Dummheit, der pfäffiſchen Anmaßung und Unduldſamkeit durch Geldmittel, welche eben durch dieſe pfüfſiſche Anmaßung, durch mönchiſche empörende Frechheit und Unduldſamkeit vom Aberglauben und der Dummheit des gemeinen Mannes zuſammengebracht waren. Albrecht kehrte ſich inzwiſchen nicht an den Tadel des Kaiſers und behauptete zuweilen in froher Laune unter ſeinen Freunden, der Kaiſer triebe den Ablaßhandel ſelbſt gern, um ſeine immer leere Kaſſe damit zu füllen, wenn Der deutſche Kaiſer. 59 es ſich nur für ihn ſchicken wolle, und da dies nicht an⸗ gehe, ſo ſpreche nur der Neid aus ihm; es ſei ja män⸗ niglich bekannt, wie wenig ängſtlich gewiſſenhaft die Ma⸗ jeſtät bei andern Gelegenheiten geweſen ſei, um ſich Geld zu verſchaffen. Die beiden Brüder Hohenzollern, die Kur⸗ fürſten von Brandenburg und Mainz ſtanden ſchon deshalb in einer ſchiefen Stellung zum Kaiſer, daß ſie in engen ſchier freundſchaftlichen Verkehr mit dem Könige Franz von Frankreich getreten waren. Aber der ſchönen Martha war dieſe ſcharfe Stimmung zwiſchen dem Kaiſer und dem mainzer Kurfürſten nicht gleichgültig. Ein weiteres und nicht minder großes Hinderniß für die Ausführung ihrer hochſtrebenden Plane lag in ihrer ſchweſterlichen Verwandt⸗ ſchaft mit Eleonoren, da ihr der Groll und die Ungnade, welche der Kaiſer gegen dieſe hegte, nur allzuwol bekannt waren. Es war nun eine ihrem Scharfſinne und ihrer Meiſterſchaft im Ränkeſpiel würdige Aufgabe, alle dieſe Hinderniſſe zu beſiegen, und ſie hatte dazu bereits die ver⸗ ſchiedenſten Fäden angeknüpft und ſchaffte fleißig, ſie mit⸗ einander zu verſchlingen und in ein dauerhaftes Netz zu vereinigen, worin ſie ſich die Grafenkrone zu fangen ge⸗ dachte. Sie wußte ebenſogut, wie ihr fürſtlicher Freund, daß das Gold der Schlüſſel zu allen Schlöſſern iſt, und daß namentlich das Schloß der kaiſerlichen Gunſt und Gnade— und wenn noch feſter verſchloſſen— mit keinem leichter und ſchneller zu öffnen ſei. Aus dieſem Grunde unterhielt und pflegte ſie ihre in der letzten Zeit inniger 60 Der deutſche Kaiſer. gewordene Verbindung mit dem Hauſe Fugger in Augs⸗ burg, deſſen Einfluß auf den Kaiſer ihr ſattſam bekannt war. Die Fugger aber hatten ſich ihr ſehr genähert, ſo⸗ bald es bekannt geworden war, daß ſie die erklärte Ge⸗ liebte Kurfürſt Albrechts und bei ihm viel, ja Alles ver⸗ mögend ſei; denn es mußte einem Wechslerhauſe daran liegen, mit einem Fürſten in Geſchäſtsverbindung zu blei⸗ ben, der ſo ungeheure Summen zur Befriedigung ſeiner Lieblingsneigungen brauchte und dem jetzt unerſchöpf⸗ liche Hülfsquellen zu Gebot ſtanden. Die Fugger hatten bei dem Ablaßhandel zu viel gewonnen, als daß ihr Stre⸗ ben nicht hätte dahingehen ſollen, auch ferner die Geld⸗ geſchäfte des Kurfürſten zu beſorgen. Albrecht marktete und feilſchte nicht knickerig um Procente, ſobald er einer großen Summe bedurfte, und das Geld verſchwand ihm immer ſchnell, wie ein Zauberſchatz, aus den Händen. Albrecht war alſo für einen ſo umſichtigen und betriebſamen Kauf⸗ mann, wie Anton Fugger, ein ſehr wichtiger und in jeder Hinſicht zu berückſichtigender Kunde. Aber auch Raimund Fugger machte große und glänzende Geſchäfte in Kunſt⸗ werken mit Albrecht, und auch in ſeinem Vortheil lag es, ſich die gute Kundſchaft zu erhalten. Aus dieſem Grunde waren ſchon bedeutende Geldgeſchenke aus den Fugger'ſchen Wechſelſtuben in Martha's Kaſſe gewandert, alle unter dem ſchönen und liebreichen Vorwande, daß das Fugger'ſche Haus ſie gleichſam als ſeine Tochter betrachte; aus dieſem Grunde waren auch ſchon einige ehrenvolle Einladungen Der deutſche Kaiſer. 61 an ſie ergangen, einmal wieder in Augsburg in dem Hauſe zuzuſprechen, das ſie als ihr elterliches anzuſehen Fug und Recht habe. Martha's Bruder Matthäus hatte eine höhere Stellung erhalten und war vorzüglich mit dem Auftrage betraut worden, die Geſchäfte mit dem Kurfürſten abzu⸗ ſchließen und zu dieſem Behuf ſchon einigemale in Mainz geweſen. Auch jetzt war er wieder gekommen, um von ſeiner Schweſter Abſchied zu nehmen denn er war zum Chef der Fugger'ſchen Commandite in Antwerpen ernannt worden, ein Poſten, der an Wichtigkeit ſehr zugenommen hatte, ſeit Karl König von Spanien war und der Handel der Niederlande mit Oſt- und Weſtindien einen immer höhern Aufſchwung nahm. Matthäus Bry kehrte jetzt in ſein Geburtsland zurück und hatte die beſten Empfehlun⸗ gen Jakob Fugger's an die Erzherzogin Statthalterin Mar⸗ garetha und an andre hohe und einflußreiche Perſonen. Dem, wie ſie ſelbſt, höher ſtrebenden Bruder vertraute Martha ihre ſtillen Pläne, und er verſprach, ſie dabei auf alle ihm mögliche Weiſe zu unterſtützen. In den erſten Monaten dieſes Jahrs bot ſich Martha eine anderweitige Gelegenheit dar, ſowol ſich zu bereichern, als auch bei dem Kaiſer mit Glück auf ihre beabſichtigte Standeserhöhung hinzuwirken. Das kühne Auftreten jenes dem aufgeklärten und freiſinnigen Auguſtinermönchsorden angehörigen Doctors der Theologie an der neuen Univer⸗ ſität in Wittenberg, des geiſtvollen und gelehrten Martin Luther gegen den frechen Ablaßprediger Tetzel und gegen „ 3 62 Der deutſche Kaiſer. den ganzen Unfug des Ablaßhandels in den letzten Mo⸗ naten des vergangenen Jahrs ſing bald an großes Auf⸗ ſehen in ganz Deutſchland zu machen. Am ſtärkſten waren dabei die Dominikaner betheiligt, welche ſich denn auch ſofort vereinigten, um der neuen ihnen unbequemen und verhaßten Geiſtesbewegung einen ſtarken Damm entgegen zu ſetzen. Dieſer ſollte in nichts Geringerm beſtehen, als in der Errichtung eines Inquiſitionstribunals für Deutſch⸗ land in Köln. Dieſer treffliche Plan war aus dem Kopfe des wüthenden Ketzerrichters Hochſtraaten hervorgegangen; er ſtand an der Spitze ſeiner gleichgeſinnten Ordensbrüder, und er hoffte mit Zuverſicht, daß er Großinquiſitor für Deutſchland werden würde. Aber die Einführung der Inquiſition konnte nur vom Kaiſer bewerkſtelligt werden, und der Erzkanzler des Reichs mußte ſeine Zuſtimmung dazu geben. Die Abneigung des Kaiſers gegen das pfäf⸗ fiſche Treiben der Dominikaner und ihres Anhangs war jedoch ebenſo bekannt, wie die begeiſterte Vorliebe des mainzer Kurfürſten für das junge Licht der Wiſſenſchaften und deſſen Vertreter. Es war alſo von dem Einen ſo wenig für den neuen Pfaffenplan zu hoffen, wie vom Andern. Aber beide hatten eine und dieſelbe Schwächt, an der ſie nicht unſchwer zu faſſen waren. Beide brauch⸗ ten ſtets große Geldſummen, und die ewige Geldverlegen⸗ heit des Kaiſers war im deutſchen Reiche zum Sprichwort geworden. Der Kaiſer und ſein Erzkanzler nahmen das Geld ebenſo wie der Papſt, wo ſie es bekommen konnten, Der deutſche Kaiſer. 63 und waren nichts weniger als wähleriſch in den Quellen. So gut wie jedermann wußte, daß der Papſt die Leh⸗ ren der Kirche verhöhnte und nur in den Werken der alten Heiden geiſtigen Genuß ſuchte und fand und mit dem Chriſtenglauben und Aberglauben— beide galten ihm ja gleich— nur einträgliche Geldſpeculationen trieb, ſo gut wie männiglich bekannt war, daß am Hofe des deutſchen Medicäers im goldnen Mainz dieſelben Grund⸗ ſätze galten und praktiſch— wenn auch nicht ſo augen— fällig wie in Rom— ausgeübt wurden, daß man auch hier die Mönche und Pfaffen verhöhnte und den dummen Glauben des Volks verlachte, jene aber benutzte, um die⸗ ſes zu brandſchatzen, ebenſo war es kein Geheimniß, daß auch der Kaiſer, trotz ſeines Eiferns gegen die brutalen Anmaßungen der geiſtlichen Finſterlinge, doch gar nicht ab⸗ geneigt war, zu ihren Beſtrebungen zu ſchweigen, wenn ihm ein Theil ihres Raubes abgetreten werden würde. Die nackte, die höhere Menſchennatur beſchämende Wahr⸗ heit war: das Volk in ſeiner tiefen Finſterniß zu erhalten, um es bequemer auszuſaugen und mit dem auf ſo ſchmach⸗ volle Weiſe gewonnenen Gelde ſich ſelbſt Genüſſe zu be⸗ reiten, die Mönche und Pfaffen die roheſten und gemein⸗ ſten, der Papſt und der Kurfürſt von Mainz die feinſten und höchſten, der Kaiſer die mittlern, die ſeiner Eitelkeit und Eigenliebe. Im Grunde waren alle gleich unſittlich, und die Gelehrten am mainzer Hofe täuſchten ſich eine zeitlang nur gefliſſentlich ſelbſt über ihren Beſchützer, da 64 Der deutſche Kaiſer. er ſich ſo offen und liebenswürdig für ſie erklärte und ihren Eifer mit ungezähltem Golde unterſtützte, mit dem Golde, das er als päpſtlicher Ablaßcommiſſair durch ihre wüthendſten Feinde, die fanatiſchen Dominikaner, gewann. Auf dieſe Verhältniſſe bauten die Letztern ihren Plan die Inquiſitivn in Deutſchland einzuführen, um durch ſie allen ſogenannten Ketzereien ein Ende zu machen. Den Finſterlingen haben zu allen Zeiten die Schätze der Erde mehr zu Gebot geſtanden, als den Lichtfreunden. Auch die Dominikaner in Köln hatten über große Summen zu gebieten, und ſie arbeiteten damit für ihre Zwecke. Sie ſchlugen verſchiedene Wege ein und ließen keinen unver⸗ ſucht, der ſich ihrer Liſt darbot. Ein ſolcher, welcher a Martha Bry berührte, war folgender. Durch die Betheiligung des Fuggerſſchen Hauſes in Augs⸗ vurg am Ablaßhandel waren die Dominikaner als Ablaßpredi⸗ ger in vielfache Berührung mit dieſer Firma gekommen, und ſie kannten Jakob Fuggers ehrfurchtsvolle Ergebenheit an den Papſt, an die Kirche und ihre Diener, an den Kaiſer und an alle alten ehrwürdigen Satzungen ſie wußten, daß er allein Heil von der reinen Herſtellung derſelben für die kranke Zeit erwarte. Seine ideale Auffaſſung dieſer Dinge bot ihnen auf der einen Seite erwünſchte Gelegenheit, ihn in ihre Intereſſen zu ziehen, auf der andern war es der Fuggerſſche Kaufmannsgeiſt, die Ausſicht auf Geldgewinn, für den reichen Wechsler immer lockend, auf welchen ſie ſpeculirten. Und durch ſeine freundſchaftliche Der deutſche Kaiſer. 65 Verbindung mit dem Kaiſer war er nun vollends ihr Mann. Sie machten den richtigen Schluß: Jakob Fugger für die Einführung der Inquiſition gewinnen, heiße auch den Kaiſer gewinnen, zumal wenn Fugger durch ſie in den Stand geſetzt werde, dem Kaiſer eine bedeutende Rente aus den Erträgen des Glaubensgerichts zu ſichern. Sobald nun Hochſtraaten durch die Spione, die er am mainzer Sofe unterhielt, gewiſſe Nachricht von dem freundſchaft⸗ lichen Verhältniſſe erhalten hatte, welches ſich zwiſchen Martha Bry und dem Hauſe Fugger geſtaltet, ſobald er erfahren, wohin Martha's Wünſche zielten, und wie ſehr der Kurfürſt ihr ergeben war, miachte ſich der Plan von ſelbſt, die eitle, geld- und ehrſüchtige Niederländerin für die Zwecke der Dominikaner zu gewinnen, um durch ſie auf Jakob Fugger und weiter auf den Kaiſer einzuwirken. Es war allerdings ein kühner, ja ein frecher Plan, an demſelben Hofe, wo die Waffen des Lichts im Feuer urgeiſtiger Schöpferkraft von den beſten Meiſtern gehärtet und blant geſchliffen wurden, auch die mörderiſchen Schwerter der Finſterniß zu bereiten, die den erwachten Geiſt tödten und das Blut ſeiner Träger trinken ſollten; aber was iſt herrſchſüchtigen fanatiſchen Prieſtern nicht möglich, die kein Mittel ſcheuen ihre Zwecke zu erreichen! Die äußerſte Vorſicht mußte freilich angewandt werden, um Martha in dem fein geſponnenen Netze zu fangen; denn die Schwie⸗ rigkeit erhöhete ſich noch durch einen beſondern Umſtand. Es war den Spähern der Dominikaner nicht entgangen, Ekin deutſcher Leinweber. vl. 5 66 Der deutſche Kaiſer. daß Martha, obgleich vom Kurfürſten auf das Zärtlichſte geliebt, dieſe Gefühle keineswegs erwiederte, daß ſie keine Leidenſchaft für ihren hohen Freund hegte. Sie brachten vurch fleißiges ſtilles Nachforſchen heraus, daß Martha vielmehr eine ſtarke Leidenſchaft für den ſchlimmſten und gefährlichſten Pfaffenfeind, für Ulrich von Hutten gefaßt. Sie überzeugten ſich bald, daß ſie nicht irrten. Es ver⸗ hielt ſich wirklich ſo. Martha's ſtarker Geiſt, frei von aller Sentimentalität, kräftig heiter, von Frohſinn, Witz und tollen Einfällen überſprudelnd, konnte in dem weich⸗ lichen, überfeinen, üppigen, in raffinirten Genüſſen ſchon faſt überſättigten Weſen des Kurfürſten keine geiſtige Be⸗ friedigung finden; ſie verlangte nach natürlicherer derberer Koſt. Und kein Mann war geſchtckter, dieſes Verlangen zu befriedigen, als Ulrich von Hutten. Seine geſunde urkräftige Natur, ſein glühender Eifer, ſein kerniger, meiſt kauſtiſcher Witz, ſein überſprudelnder kecker Humor, ver alles beim rechten Namen nannte und nichts ihm Widerwärtiges ſcheute, zogen Martha unwiderſtehlich an. Dazu kam Ulrichs körperliche Schönheit, ſein gedrungener Bau, aus welchem ſein Geiſt ſo deutlich ſprach, und end⸗ lich der Ruhm und die Vergötterung ſeines Namens, der in aller Mund war. Martha liebte ihn, ehe ſie es ſelbſt wußte. Aber als ſie es wußte, wußten es auch die Do⸗ minikaner. Und dennoch hofften ſie das eitle ſchöne junge Weib für ſich zu gewinnen; dennoch! Maßloſe Kühnheit, auf dir Schwäche der menſchlichen Natur fußend! Der Der deutſche Kaiſer. 67 Preis war zu reizend und anziehend. Lag die Möglichkeit nicht vor, nicht nur durch Martha's Mitwirkung den Kaiſer zu gewinnen, ſondern auch den Kurfürſten leiſe und all⸗ mälig von den Humaniſten abzuziehen und ſogar dem gewaltigen Hutten die ſcharfen Spitzen abzubrechen oder umzubiegen? Ulrich war von ſtarken ſinnlichen Trieben erfüllt, Martha nicht minder. Und ſind nicht zu allen Zeiten die geiſteskräftigſten Männer durch ſchöne ſinnliche Frauen gebunden, geſchwächt, gebrochen worden? Das Ziel, welches Hochſtraaten und ſeinen Genoſſen vorſchwebte, war ein zu lockendes, als daß ſie nicht alle Mittel und Wege hätten einſchlagen ſollen, um es zu erreichen. Die erſten Verſuche auf Martha durften durchaus von keinem Manne ausgehen, von dem man am mainzer Hofe eine Ahnung haben konnte, er ſei ein Diener oder Werk⸗ seug der Dominikaner. Sie hatten ihre Wahl mit ge⸗ wohnter Schlauheit trefflich gemacht. Ein geſchickter kunſtbegabter Bilvſchnitzer von Regens⸗ burg, Namens Wollfahrt, noch ein junger Mann, von einnehmendem Aeußern und vieler Gewandtheit, ſchon durch eine reiche Lebensſchule gegangen, in welcher er aber nichts gewonnen als die raffinirteſte Selbſtſucht, hatte bereits mehre Auſträge des Kurfürſten zu deſſen Zufriedenheit ausgeführt und ſich zeitweiſe am mainzer Hofe aufgehalten. Wollfahrt hatte in Rom und Venedig behufs der Aus⸗ bildung ſeiner Kunſt jahrelang verweilt, dann die vor⸗ züglichſten Städte Süd⸗ und Weſtdeutſchlands beſucht; 5* 68 Der deutſche Kaiſer. aber was er an Kunftfertigkeit gewonnen, hatte er an Begeiſterung und höherem Seelenſchwung, ohne welche alle Kunſt nur Handwerk iſt, verloren. Er verachtete die Menſchen, die Lichtfreunde, wie die Finſterlinge, ja die erſtern verhöhnte er im Herzen noch mehr als dieſe, da er in Mainz ſah, wie ſie es ſich von den klingenden Früchten, welche die letztern vom Baume der Dummheit und des Aberglaubens gebrochen und in die Vorraths⸗ kammern des freiſinnigen Kurfürſten eingeheimſt, wol ſein ließen. Dieſer Mann war von den Dominikanern für ihre Zwecke erkauft, und er diente ihnen treu, nicht aus Ueberzeugung, ſondern weil ſie ihn gut bezahlten. Woll⸗ fahrt war zum Pfingſtfeſt ebenfalls nach Mainz gekommen und machte dem Kurfürſten und ſeiner Geliebten einen geheimen Antrag, welcher der Eitelkeit beider ſchmeichelte und ſehr geeignet war, ungeſtört auf ſeinen verſteckten Zweck hinzuarbeiten. In Regensburg hatte ein Jahr früher ein den Beſtre⸗ bungen der Dominikaner ganz ergebener Prieſter, Doetor Hübmeyer, heftig wider die Juden gepredigt und dabei gegen die humaniſtiſchen Anſichten Reuchlins und ſeiner Freunde in Bezug auf die Juden und ihre Bücher geeifert. Durch die Darſtellung, wie die Judenſchaft nicht allein durch ihren Glauben der chriftlichen Kirche, ſondern auch und ganz vorzüglich durch ihren unerhörten Wucher der ganzen deutſchen Nation ſchade und eine furchtbare Brand⸗ ſchatzung nehme, hatte er das Volk aufgeregt, das über Der deutſche Kaiſer. 69 die Juden herfiel, ſie theils erſchlug, theils vertrieb und nicht nur ihre Synagoge, ſondern auch viele ihrer Häuſer abbrach. Dieſe Unruhen hatten einen großen Theil des Jahrs 1517 gedauert. Hierauf hatte die Pfaffenpartei, die ſich nicht leicht einen ſich ihr darbietenden Vortheil entgehen ließ, den Beſchluß gefaßt, an die Stelle der Synagoge eine chriſtliche Kirche zu Ehren der Jungfrau Maria zu erbauen. Der Tempel war ſofort in Bau genommen und noch darin begriffen. Man hoffte bis zur Mitte dieſes Jahres damit fertig zu werden. Aber es lag im Plane, etwas Außerordentliches hinzuſtellen, einen mächtigen Fels, an dem ſich die Wogen der neuen frei⸗ ſinnigen Ieen brechen und machtlos werden ſollten. Je gewaltiger und verbreiteter dieſe Ideen wurden, deſto größer und umfaſſender traten auch die Anſtrengungen dagegen hervor. Der Kultus der Maria ſollte in Regensburg, einen neuen noch nicht dageweſenen Aufſchwung erhalten und dazu wurden alle Kräfte in Bewegung geſetzt. Die Parteien rüſteten von beiden Seiten, ſo viel ſie konnten. Den neuen Tempel ſollte ein Bildſtock der Maria zieren, ein Meiſterwerk der Kunſt, ſo ſchön und prächtig als nur möglich. Und dieſes Bild anzufertigen hatte Meiſter Woll⸗ fahrt den Auftrag erhalten. Es war zum Voraus zu einem wunderthätigen Muttergottesbild beſtimmt, ja ſeine Wunder ſollten von ganz außerordentlicher Art ſein. Woll⸗ fahrt kam nun nach Mainz und bat den Kurfürſten und Martha, daß dieſe ihm zu dem Bilde ſitzen möge und er 70 Der deutſche Kaiſer. ihr Conterfei als das des ſchönſten Weibes, das er kenne, als Bildſtock der Himmelskönigin ausführe. Der Kurfürſt ſagte lachend zu, Martha weigerte ſich, geſchmeichelt, nicht lange, und ſo ward verabredet, daß die Sitzungen gleich nach den Feſttagen beginnen ſollten. Der erſte Faden des zu webenden feinen Gewebes war angeknüpft: der Bild⸗ ſchnitzer, in welchem Niemand einen Geheimſendling der Dominikaner vermuthete, hatte nun Gelegenheit, oft mit der eiteln hochſtrebenden Geliebten des Kurfürſten allein zu ſein und vorſichtig ſeine Angeln nach ihr auszuwerfen. Siebentes Rapitel. Der Kurfürſt weilte unter ſeinen zahlreichen Gäſten an der reich beſetzten Tafel. Scherz und Witz flogen wie neckende Genien von Mund zu Mund. Schöne Frauen zierten als Roſen den prächtigen lebendigen Kranz. In der Nähe des Kurfürſten ſaßen ſein geiſtreicher im Geruch des Unglaubens ſtehender Miniſter Frowin von Hutten, Ulrich von Hutten, der Neffe deſſelben, Reuchlin, Erasmus, Albrecht Dürer, Grünewald, Lukas Kranach, Willibald Pirkheimer, Konrad Peutinger, Raimund Fugger, Franz von Sickingen. Der Miniſter ſprach einen Toaſt auf die immer freiere und köſtlichere Entfaltung der jungen Kulturblüthe und ließ die Gäſte als die Geſtirne leben, die den Frühling des Geiſtes in die Welt zu bringen berufen ſeien. Sobald die Becher unter begeiſtertem Zuruf geleert waren, wandte ſich der Kurfürſt an den ihm gegenüber ſitzenden ernſten Lukas Kranach mit den Worten:„Ei Meiſter, Ihr habt mir noch nichts vom Thun und Treiben Eueres wackern 72 Der deutſche Kaiſer. Doetor Luther in Wittenberg berichtet, und ich bin be⸗ gierig, viel von Euch über den kühnen Auguſtiner zu hören, der ſo kecklich gegen den Ablaßprediger Tetzel auf⸗ getreten iſt.“ „Ew. kurfürſtlichen Gnaden hat mich noch nicht nach ihm befragt,“ verſetzte der ſächſiſche Hofmaler trocken, „und von ſelbſt fand ich keinen Beruf, Euch Bericht über ihn abzuſtatten. Eure Gäſte haben ſich dafür ſchon deſto fleißiger nach ihm erkundigt.“ „Er hat Aufſehen gemacht in der Welt mit ſeinen Streitſätzen und ſeiner Predigt gegen den Ablaß,“ fuhr der Kurfürſt fort.„Und am Ende iſt's ihm um weiter nichts zu thun, als eben um Aufſehn zu erregen.“ „Man hat Ew. Gnaden eine« falſche Anſicht vom Doetor Martin beizubringen verſucht,“ antwortete Meiſter Lukas.„Erlaubt mir, daß ich ſie berichtige. Luther iſt ein wahrhaft frommer und demüthiger Mann, aber von ehrenwerthem feſten Charakter. Keinem Menſchen auf der Welt iſt es weniger um ſeine Perſon zu thun, als ihm; ihm gilt allein die Sache, die heilige Sache der Wahrheit und des Rechts. Ruhig und beſcheiden, voll tiefer Ehrfurcht vor dem Papſt und den hohen Kirchen⸗ fürſten, ſowie vor dem Kaiſer und der weltlichen Obrig⸗ keit, läßt er ſich doch nicht durch Scheingründe von einer Sache abbringen, die er als Wahrheit durch langes Nach⸗ denken und vielfache Prüfung erkannt hat. Ueberzeugt man ihn aber durch wahre Gründe, daß er im Irrthum Der deutſche Kaiſer. 73 befangen iſt, ſo gibt er's zur Stelle zu. Auch iſt er nicht wie Andre des guten und bequemen Lebens wegen ein Mönch zu Erfurt geworden, ſondern aus innerm reli⸗ giöſen Drange, und er hat, wie er mir ſelbſt erzählt, ſchwere Kämpfe mit ſich ſelbſt durchgemacht, ehe er ſich von der Lehre des Ariſtoteles und ſeiner thevlogiſchen Aus⸗ leger losgerungen und die Bibel als das allein gültige Wort Gottes erkannt hat.“ „Ihr Wittenberger ſeid alle von ihm eingenommen und, wie es ſcheint, Euer Kurfürſt ſelbſt. Man hat mir geſagt, der würdige alte Herr ſei nicht ganz unbetheiligt bei Luthers Predigt namentlich beim Druck derſelben, und er ſei es, der den Doctor veranlaßt habe, ſie mir mit einem langen Briefe zu ſchicken. Ihr wißt, daß ich im Streit bin mit Euerm fürſtlichen Herrn wegen der Hoheits⸗ rechte über Erfurt. Sollte Luther's Handlungsweiſe nicht damit zuſammenhängen?“ „Ich kann einen Eid darauf ablegen, daß Ihr mei⸗ nem gnädigen Kurfürſten, wie dem Doctor Martin unrecht thut!“ rief Kranach warm.„Der Kurfürſt ſteht mit Luther in gar keiner perſönlichen Verbindung und hat die ſtarke Sprache der Predigt getadelt.“ „Andre meinen wieder,“ fuhr Albrecht fein lächelnd fort,„aus Luther ſpreche nur Brodneid. Im vorigen Jahrhundert waren die Auguſtiner die Prediger und Ver⸗ käufer des päpſtlichen Ablaſſes, und weil die Dominikaner ihnen beim Papſt den Rang abgelaufen, deshalb ſeien ſie 74 Der deutſche Kaiſer. erbittert, und Luther habe dieſem Groll das öffentliche Wort gegeben.“ Kranach lächelte ſpöttiſch.„Ihr ſolltet den Doctor Martin ſelbſt kennen lernen, gnädigſter Herr, um ſchnell von all dieſen Vorurtheilen zurückzukommen. Aus Luther ſpricht nichts als die ſchätzenswerthe Entrüſtung über den greuligen Unfug, welchen Tetzel und ſeine Ordensbrüder mit dem Ablaßhandel treiben. Er iſt der treueſte Sohn der Mutter Kirche, und wenn ihm die erboſten Gegner, namentlich Tetzel, nicht ſo plump und boshaft geantwortet hätten, ſo wäre die Sache jetzt ſchon beigelegt.“ „Ihr habt recht, Meiſter!“ rief jetzt Ulrich von Hut⸗ ten,„Hochſtraaten hat durch ſeinen albernen Angriff auf Euern Wittenberger Doctor und darch ſeinen boshaften Antrag beim Papſt, ihn verbrennen zu laſſen, ſeiner faulen Sache mehr geſchadet, wie Luther ſelbſt. Erſt durch Hoch⸗ ſtraaten und durch das unbehülfliche Geſpräch des Domi⸗ nikanerPriors Silveſter Prierias in Rom bin ich auf Luther aufmerkſam geworden. Beide beweiſen durch ihre Schmähſchriften nichts weiter, als daß Luther recht hat. Aber er iſt ein Bettelmönch, und von dieſem Menſchen⸗ ſchlag ſteht nichts Gutes zu hoffen.“ „Durch ſeine geharniſchte Antwort auf die Faſeleien des Prierias beweiſt Luther, daß er wol erkannt hat, was er will, und die Sache mit Kraft und Geſchick treibt,“ ſagte Reuchlin.„Warum ſoll ein Bettelmönch nicht auch vernünftige Gedanken haben?“ Der deutſche Kaiſer. 75 „Er iſt bereits ſehr grob geworden, der Doctor Luther,“ lächelte Erasmus.„Mehr Spott und weniger Heftigkeit hätte ihm größern Nutzen gebracht.“ „Mit nichten!“ rief Dürer.„Auf einen groben Klotz ein grober Keil. Der Luther iſt eine deutſche Kernnatur, die mir baß gefällt. Wer einen arg verwachſenen Wald lichten will, worin allerlei giftig Gethier hauſt, der kann nicht mit dem feinen Meſſer des Bildſchnitzers aufräumen, er muß die grobe Holzart nehmen. Die Briefe der Dun⸗ kelmänner ſind auch keine Filigranarbeit.“ Ein ſchallendes Gelächter erhob ſich ringsum. „Mir gefällt der Luther ſelbſt,“ nahm der junge fürſtliche Wirth wieder das Wort,„obgleich er ein ge⸗ lehrter Mönch iſt, und von ſolchen hab' ich nie viel ge⸗ halten. Ihr ſollt ſehen, die Sache verläuft auch jetzt wie⸗ der, wie ſie ſchon hundertmal verlaufen iſt. Es bleibt bei einem biſſigen Mönchsgezänk. Der Papſt legt ihm Schweigen auf, und damit iſt's abgethan.“ „So wollen wir wenigſtens heute des kühnen und kräftigen Mannes Geſundheit trinken,“ rief der Ritter Franz von Sickingen,„da wir doch hier Alle mit ihm einverſtanden ſind, ſelbſt Seine kurfürſtlichen Gnaden nicht ausgenommen.“ „Ein guter Einfall, Herr Ritter!“ ertönte Dürer's kräftige Stimme.„Der Doetor Luther hat unſern Beifall; er lebe hoch!“ Und Alle ſtimmten in den Ruf ein und leerten die Becher. 76 Der deutſche Kaiſer. Ein Diener meldete dem Kurfürſten den Kämmerer Seiner Hoheit des Erzherzogs Ferdinand von Oeſterreich Infanten von Spanien, Vivian de la Chaur. Der Kurfürſt erhob ſich und begab ſich in das Audienzzimmer. Schon nach wenigen Minuten kehrte er zurück und verkündete ſeinen Gäſten, daß der junge Erzherzog auf ſeiner Reiſe aus den Niederlanden nach Tirol zu ſeinem kaiſerlichen Großvater mit zahlreicher Begleitung niederländiſcher Hof⸗ herren, die ihm ſeine Tante, die Erzherzogin Statthal⸗ terin, beigegeben, ſoeben in Mainz eingetroffen ſei, und ihrer Verſammlung dadurch ein anſehnlicher Zuwachs ent⸗ ſtehe. Dieſe Nachricht erregte große Theilnahme, vorzüg⸗ lich die der Frauen. Sie wurden neugierig auf den jungen Erzherzog, von deſſen Ankunft aus Spanien in Brüſſel ſie bereits Kunde erhalten hatten. Der Kurfürſt ſandte ſogleich ſeinen Hofmarſchall und mehre Kämmerer, um den Erzherzog einzuholen, und nach einer halben Stunde ritt er, von ſeinem Gefolge umgeben, in die Hofburg, bewillkommt vom Kurfürſten und deſſen Gäſten, die dieſer ihm durch den Hofmarſchall vorſtellen ließ. Der Erzherzog kündigte ſich als Ueberbringer von Briefen des Markgrafen Johann an ſeinen Bruder an; die Briefe wurden über⸗ geben, und die Unterhaltung hielt ſich in höſiſchen Schran⸗ ken über die Aufnahme des Königs in Spanien, über den Markgrafen u. dgl. und wurde etwas mühſam in franzöſiſcher Sprache geführt, da der Infant nicht deutſch und der Kurfürſt nicht ſpaniſch verſtand. Ferdinand nahm Der deutſche Kaiſer. 77 Albrecht's Einladung an, ein paar Tage in Mainz zu verweilen, und es wurden ſogleich Anſtalten zu noch glän⸗ zendern Feſtlichkeiten getroffen. Die Begleiter des Erz⸗ herzogs, beſonders de la Chaur, fanden an der kurfürſt⸗ lichen Tafel manchen Bekannten und manche Bekannte aus frühern Tagen, und bald bildeten ſich Gruppen, deren Unterhaltung lebendiger und intereſſanter war, als die der beiden Fürſten. Am folgenden Morgen ließ de la Chaur Martha Bry um eine kurze Unterredung unter vier Augen bitten; ſeine Mittheilungen würden ihre größte Theilnahme erregen. Sie ließ ihn ſogleich in ihr Cloſet führen. „Wir ſind Landsleute, Fräulein,“ redete der gewandte Hofmann mit ſeinem freundlichſten Weſen zu der ſchönen Niederländerin,„und ſchon deshalb haben wir größeres Intereſſe aneinander. Ein mir werther Freund, der Junker Marr von Büvenhoven, hat mir in Spanien, wo wir uns am Hofe des Königs Karl trafen, viel von Euerer Liebenswürdigkeit erzählt und mich begierig auf Euere per⸗ ſönliche Bekanntſchaft gemacht. Auch der Markgraf Johann ſprach mehrmals mit Begeiſterung von Euch und trug mir, bevor ich mit dem Erzherzog abreiſte, noch die herz⸗ lichſten Grüße an Euch auf. Aber er übergab mir auch einen Brief an Euch mit der Bitte, Euch denſelben heimlich zuzu⸗ ſtellen und mit Euch über die Angelegenheit, welche dieſes Schreiben enthält, mündlich mehr zu verhandeln. Ich erſuche Euch alſo, Kenntniß vom Inhalte des Briefes zu nehmen.“ 78 Der deutſche Kaiſer. Er überreichte den Brief, welchen Martha erbrach und las. Ihre Züge nahmen dabei den Ausdruck der Ver⸗ wunderung an; dann ftagte ſie den Kämmerer:„Ihr kennt alſo den Inhalt dieſes Schreibens?“ „Des Markgrafs Gnaden hat mich wenigſtens mit dem bekannt gemacht, was den Knaben betrifft, und ich habe darauf bezüglich beſondre Aufträge.“ „Der Markgraf ſchreibt mir: ich würde mich dem Könige zu befondern Dank verpflichten, wenn ich den ge⸗ wünſchten Aufſchluß in vieſer dunkeln Sache vermittelte, der König würde mich ſogar dem Kaiſer angelegentlich empfehlen. Aber das Alles iſt mir ſelbſt ein Räthſel. Niemals hab' ich von meiner Schweſter etwas erfahren, weder von ihr ſelbſt noch von Andirn, das hierauf ſich bezöge. Ihr ſeht mich verwundert, und ich kann weder Cuch, noch dem Markgrafen den gewünſchten Dienſt leiſten.“ „So könnt Ihr wol von Euerer Schweſter ſchnell Aufſihluß erhalten.“ „Ich ſtehe mit meiner Schweſter in keinerlei Ver tintnig „Ihren Aufenthaltsort werdet Ihr doch wenigſtens kennen? Lebt ſie noch in Augsburg?“ „Ich vermuthe es, doch mit Gewißheit kann ich es nicht behaupten.“ „Und könnt Ihr Euch nicht mit ihr wieder in Ver⸗ bindung ſetzen?“ Der deutſche Kaiſer. 79 „Es wird ſchwer halten. Und wenn auch, ſo wird ſie mir doch ihr Vertrauen nicht ſchenken.“ „Bietet Alles auf; und wenn Ihr über den ver⸗ ſchwundenen ächten Knaben einen ſichern Nachweis beibrin⸗ gen könnt, ſo dürft Ihr des großartigen Dankes des Königs gewiß ſein. Der Kurfürſt hat mir geſtern ſeinen geheimen Wunſch anvertraut, Euch durch den Kaiſer zur Gräfin von Aſchaffenburg erhoben zu ſehen. Ich gehe jetzt zum Kaiſer; er hat ſich mir ſonſt ſchon gnädig erwieſen. Ich würde mit Freuden des Kurfürſten und Euern Wunſch zu dem meinigen machen und bei Seiner Majeſtät betrei⸗ ben; ich würde den Erzherzog Ferdinand dafür gewinnen, und der Erfolg würde außer allem Zweifel ſein. Aber unerläßliche Bedingung iſt, daß Ihr uns ſichere Nach⸗ richten über den Knaben verſchafft.“ „Ihr ſtellt mir einen ſo ſchönen Lohn in Ausſicht, daß ich Alles, was mir möglich, verſuchen werde, Euerm Wunſche nachzukommen. Und es bieten ſich mir einige Wege dar, eine Verbindung mit meiner Schweſter Eleo⸗ nore anzuſtreben.“ „Und welches ſind ſie? wenn ich mir dieſe Frage er⸗ lauben darf.“ „Der Ritter Ulrich von Hutten, der Freund des Kur⸗ fürſten, iſt auch ein Freund meiner Schweſter. Er hat in Augsburg ihre Bekanntſchaft gemacht. Es wird mir nicht ſchwer werden, den Ritter für unſern Plan zu ge⸗ winnen.— Dann iſt der Kaufmann Ulrich Fugger eben⸗ 80 Der deutſche Kaiſer. falls meiner Schweſter befreundet, und ich lebte früher im Hauſe ſeiner Mutter.— Doch habt Ihr mir noch nicht mitgetheilt, aus welchem Grunde Ihr den Knaben in Spanien für einen untergeſchobenen und falſchen haltet? Woraus ſchließt Ihr, daß er nicht der ächte und wahre iſt?“ — „Der König hatte den jungen Menſchen aus dem Kloſter zu Tordeſillas, wo er unterrichtet wurde, nach Valladolid kommen laſſen, um ihn auf die Hochſchule nach Alcala de Henarez zu ſchicken und hier in den Wiſſen⸗ ſchaften unterrichten und auf ein hohes geiſtliches Amt vorbereiten zu laſſen. Jedenfalls hatte ihn der König zum Erzbiſchof beſtimmt. Während nun ſeine Abreiſe be⸗ trieben wurde, kam der Junker Marr von Bübenhoven, der in Auftrag des Herrn Jakob Fugger nach Spanien gereiſt war, um den dortigen Bergbau in höhern Schwung zu bringen, nach Valladolid und machte dem König die Aufwartung. Hier ſah er den Knaben Philipp und er⸗ kannte auf der Stelle den Sohn eines verſtorbenen armen Leinwebers aus Augsburg in ihm, den er ſelbſt auf einen Bauernhof in der Nähe Augsburgs gebracht. Der ſtäm⸗ mige Burſche war ſehr erfreut, den Junker Bübenhoven wieder zu ſehen. Der Junker machte mich zum Vertrauten, und ich erfuhr, daß eine Vertauſchung der Knaben auf des Kaiſers eignen Befehl ſtattgefunden, welcher damals gefürchtet, ſeine Feinde möchten ſich des ächten Kindes bemächtigen, um irgend einen ihm ſchädlichen Plan damit auszuführen. Der ächte Knabe iſt dem Junker entwiſcht. ———— Der deutſche Kaiſer. 81 MNun haben ſich aber die Dinge ſo geſtaltet, daß an ſeiner Wiedererlangung Alles gelegen iſt. Ich zog deshalb den Markgrafen von Brandenburg ins Vertrauen;dem König aber, der mit Liebe an dem untergeſchobenen Burſchen hängt, und ihn, wie ich ſchon erwähnt, zu einer der höchſten geiſtlichen Würden befördern will, haben wir noch nichts von dem Betruge geſagt, den ſein kaiſerlicher Groß⸗ vater ſelbſt geſpielt, um einer ihm feindlichen Partei ein willkommenes Werkzeug zu entziehen. Jetzt wird, wie Ihr Euch denken könnt, der Kaiſer gern die Hand bieten, Alles wieder gut zu machen. Darum wollen wir auch dem Könige nicht eher vom ganzen Handel etwas ſagen, als bis wir den Rechten haben.“ „Laßt mich Alles wohl überlegen und dann die nö⸗ thigen Schritte mit Beſonnenheit und Vorſicht thun, Herr de la Chaur, und wenn irgend eine Möglichkeit vorhan⸗ den iſt, hoffe ich die Sache zum erwünſchten Ziele zu bringen.“ Ein deutſcher Leinweber. VI. 6 Achtes Rapitel. Die Reichsſtände verſammelten ſich zu Anfang des Monats Juli in Augsburg zu dem vom Kaiſer ausgeſchriebenen Reichstag. Von allen Seiten große Zuzüge der weltlichen und geiſtlichen Fürſten mit ihrem pomphaften Gefolge, das oft das Ausſehen eines kleinen Heeres hatte; die Ab⸗ geordneten der freien Städte; die Geſandtſchaften der Könige von Frankreich, von Spanien, von Ungarn und Böhmen, trafen nach einander ein, dazwiſchen Adlige von allen Rangſtufen und Farben, von der reichen Reichs⸗ ritterſchaft an bis zu den armen und brutalen Wegelagern herab; Mönche von allen Orden, vornehme und gemeine Kleriker; Künſtler und Gelehrte, Bürger der benachbarten Städte, Kauf- und Handelsleute, vorzüglich aus Welſch⸗ land und den Niederlanden; Gaukler, Bänkelſänger, Pfeifer und Poſſenreißer, Magiſter der freien Künſte und fahrende Schüler, Zigeuner, Diebe, Bettler, abgedankte brodloſe Landöknechte, Bauernvolk; vornehme Frauen, Courtiſanen Lautenſchlägerinnen und Bettelſängerinnen und ſonſtiges Der deutſche Kaiſer. 83 lüderliches Weibsvolk, das mit ſeinem Körper ein ſchmach— volles Gewerbe trieb. Die ſteigende Unordnung im Reiche, die vielfachen widrigen Fürſtenhändel, die Macht der neuen Ideen, welche alle Köpfe ergriffen hatte, die ihnen Wider⸗ ſtrebenden nicht minder, als die ihnen Huldigenden, die gewaltigen Rüſtungen, welche von beiden Parteien zum geiſtigen Kampfe, der bald auch ein leiblicher zu werden drohete, gemacht wurden, die durch die kühnen Worte des wittenberger Auguſtinermönchs noch höher geſteigerte Aufregung, die große Theuerung, durch fortdauernde ſchlechte Ernten erzeugt, und endlich die durch das ganze deutſche Volk gehenden wunderbaren Prophezeihungen be⸗ vorſtehender großer Umwälzungen in Kirche und Staat und daß dies des Kaiſers Marimilian letzter Reichstag ſei, bewirkten einen ſo ungeheuern Zuſammenfluß von Menſchen in der alten Reichsſtadt, wie ſie noch keinen erlebt hatte. Durch alle Menſchen ging das Gefühl, bei den Einen dunkler, bei den Andern klarer, bei Vielen bis zur Ueberzeugung geſteigert, daß es ſo wie bisher im Reiche und in der Kirche nicht fortgehen könne; die Welt empfand den Druck der Bande einer böſen Krankheit, die wie ein Alp auf den Geiſtern laſtete; ſie fühlte aber auch den mächtigen Drang nach Geſundheit und wurde ſich des jungen friſchen Triebes der Geneſung bewußt, welcher, von Tag zu Tag ſtärker werdend, die Krankheitsſtoffe aus dem Körper auszuſtoßen ſich anſchickte. Die böſen Geiſter der Krankheit klammerten ſich zu gleicher Zeit immer feſter 6* 84 Der deutſche Kaiſer. an. Die ſtille, aber furchtbare Gährung ging durch alle Schichten der Geſellſchaft; am wildeſten arbeitete ſie, wo die Kräfte am roheſten waren, in der unterſten Schicht; aber gerade hier wußte Niemand klar, wie eigentlich zu helfen und zu beſſern ſei; man hatte nur das Gefühl, daß der Druck unerträglich ſei und daß man ihn abwer⸗ fen müſſe. Wie nun in dem grauſam geknechteten Land⸗ volk die ſtille Empörung der Gedanken vorzüglich auf das unnatürliche weltliche Regiment gegen Fürſten und Adel gerichtet war, während es meiſt noch tief in den Banden des Aberglaubens verſtrickt lag, den Papſt in Rom gleich Gott verehrte und ſich von der liſtigen Pfaffheit leiten ließ, ſo war in den obern Schichten die Richtung gegen den Papſt und die verderbte Kirche⸗ vorherrſchend. Dort war das leibliche Element maßgebend, hier das geiſtige, ganz den verſchiedenen Bildungsgraden angemeſſen. Hätte Kaiſer Maximilian Einſicht, Kraft und Muth gehabt, ſich an die Spitze der geiſtigen Bewegung zu ſtellen und der von Rom ausgehenden frech geſchminkten Lüge entſchieden entgegen zu treten, Deutſchland würde das alte unwürdige Joch abgeſchüttet und, von einem hohen gemeinſamen In⸗ tereſſe erfaßt, zu einer unbeſiegbaren moraliſchen Stärke zuſammengewachſen ſein. Hätte es dieſes perſönlich ſo liebenswürdige Reichsoberhaupt auch noch über ſich ver⸗ mocht, ſich des gemishandelten Volks anzunehmen, es von den Feſſeln zu befreien, die ihm Fürſten, Adel und Pfaffen geſchmiedet hatten, und es der Ausbildung entgegen zu Der deutſche Kaiſer. 85 führen, zu welcher ſeine hohen und ſchönen natürlichen An⸗ lagen berechtigten, hätte der Kaiſer auf dieſe Weiſe das gei⸗ ſtige und leibliche Intereſſe Deutſchlands, die Bedürfniſſe des ganzen deutſchen Volks gefördert und zur Befriedigung ge⸗ bracht, es wäre ein einiges großes herrliches Deutſchland er⸗ ſtanden, der mächtigſte Staat Europas, die entſcheidende Macht im Kampf der Weltgeſchicke, und er ſelbſt, dieſer menſchenfreundliche herzengewinnende Kaiſer, ſtrahlte als einer der größten Wohlthäter der Menſchheit in der Welt⸗ geſchichte, er wäre der Gefeiertſte von allen, welche je die deutſche Königskrone getragen haben, und Kunſt und Poeſie hätten ihn für alle Zeiten verherrlicht. Und wenn er auch die Wünſche und Beſtrebungen der Bauern, die ſich mit ſo großem Vertrauen und mit ſo rührender Bitte an ihn wandten, für zu gering geachtet hätte, die gerechte Nachwelt würde es ihm verziehen haben, wenn er nur ietzt noch den Aufſchwung der Geiſter gegen die verhöh⸗ nende Knechtung des Papſtes begünſtigt und ihm den geſetzlichen Ausdruck verliehen, wenn er ſich jetzt nur noch allen Ernſtes erinnert hätte, daß er das Oberhaupt des den geiſtigen römiſchen Despotismus verſchmähenden deutſchen Volkes ſei, es wäre noch Alles gut geworden. Aber der unſelige Mann, an den die Zeit ſo gewaltige Anforderungen ſtellte, hatte auch jetzt nichts weiter im Sinne als die Vergrößerung ſeines Hauſes. Die Selbſt⸗ ſucht, die Triebfeder aller ſeiner Handlungen von ſeiner Verbindung mit der burgundiſchen Maria an, verließ ihn 86 Der deutſche Kaiſer. auch jetzt nicht, wo die Mahnungen des Zeitgeiſtes immer ernſter und dringender an ihn gelangten. Der Reichstag in Augsburg hätte der entſcheidende Moment werden müſ⸗ ſen, wo Marximilian ſich für die geiſtige Bewegung Deutſch⸗ lands gegen den kirchlichen Despotismus Roms erklärte, ſtatt deſſen vereinigte er ſich mit dem Papſte, um dadurch einem ſeiner Enkelſöhne die Nachfolge auf dem deutſchen Throne zu ſichern. Der leitende Gedanke ſeines Lebens verließ ihn auch jetzt im wichtigſten Augenblick nicht, wo alle perfönlichen Intereſſen hätten ſchweigen und die große Sache Deutſchlands ihn allein hätte erfüllen ſollen. Die Größe, die Macht, der Glanz des öſtreichiſchen Hauſes ging ihm weit über die moraliſche Größe, die geiſtige Macht und den Glanz der Freiheit Deutſchlands, und er bedachte nicht, daß Oeſtreich durch ein großes Deutſchland auch erſt wahrhaft groß geworden wäre. Während die erregten und entflammten Geiſter, mit großen und kühnen Gedanken der Freiheit vom Glaubensjoch ſchwanger, nach Augsburg pilgerten und hier endlich die Löſung des immer verworrener gewordenen Knäuels der alle Gemüther be⸗ ſchäftigenden Angelegenheiten erwarteten, kam er nur mit den alten romantiſchen Plänen der Wiedereroberung Con⸗ ſtantinopels und Jeruſalems und der Krönung des Königs von Spanien zum deutſchen Könige; ja er ging ſo weit, gegen ſeine Umgebung zu behaupten, Alles, was er in ſeinem Leben erſtrebt, ſei fruchtlos und zerfalle zu nichts, † wenn er nicht jetzt das Eine noch erlange, daß ſein Enkel — 5 Der deutſche Kaiſer. 87 Karl zum deutſchen König erwählt werde. Anfangs war er für Ferdinand geſtimmt, ihm wünſchte er die deutſche Krone zuzuwenden; aber die Männer, mit denen er ſich darüber berieth, ſtellten ihm vor, daß Deutſchland eines mächtigen Herrn bedürfe, und daß es der Macht Oeſtreichs erſprießlicher ſein würde, wenn alle Kronen das eine Haupt ſchmückten. Aus dem Grunde der Machtvereinigung habe auch der König Ferdinand der Katholiſche den ihm unbekannten Karl dem von ihm ſo ſehr geliebten Fer⸗ dinand vorgezogen. Und als nun der kleine ſpaniſche Ferdinand ſelbſt nach Inspruck kam, fand der Kaiſer ſo wenig Wohlgefallen an der Perſönlichkeit deſſelben, daß er von nun an nur für Karl zu wirken beſchloß. Marimilian kam mit dem Erzherzog Ferdinand und großem prächtigen Gefolge nach Augsburg. Er liebte es auf den Reichstagen mit Pomp in ſeiner Umgebung auf⸗ zutreten, während er ſelbſt für gewöhnlich edle Einfachheit liebte. Um diesmal dieſer Leidenſchaft zu genügen, hatte er in Inspruck Schulden machen müſſen; denn der Rent⸗ meiſter hatte ihm zum großen Verdruß gemeldet, daß der kaiſerliche Seckel wieder leer ſei. Niemals lernte Mari⸗ milian wirthſchaften, und ſchwerlich iſt ein gekröntes Haupt mehr von ſeinen Leuten betrogen worden als der gutmü⸗ thige, ſtets verzeihende, keinen Diebſtahl ſtreng ahnende ritterliche Max. Jetzt meinte er lachend, wenn ſie nur erſt glückich Augsburg erreicht hätten; dort werde der wackre Jakob Fugger ſchon helfen. 88 Der deutſche Kaiſer. Als er in Augsburg mit großem Gepränge einzog, fiel Allen ſeine zuſammengebrochene Geſtalt auf. Er war doch noch kein Greis, erſt neunundfunfzig Jahre alt und ſtets der geſundeſte und ſtärkſte Mann des ganzen Reichs geweſen, abgehärtet, ein robuſter Krieger und Jäger; aber er war der Mar von ſonſt nicht mehr. Das einſt volle Haar flog dürftig um ſeine Schläfe, ſeine Züge waren verfallen, ein wehmüthiges Lächeln zitterte über ſie, wie die ſcheidende Herbſtſonne über eine entlaubte Landſchaft. Auch wurde ihm der geheimnißvolle Schrein wieder nach⸗ gefahren, in welchem das Volk koſtbare Schätze vermu⸗ thete, von denen ſich der Kaiſer nicht trennen könne. Daß es ſein Sarg ſei, wollte Niemand glauben. Er kam nicht in heitrer Stimmung in die ihm ſo liebe Stadt, und der glänzende geräuſchvolle Empfang der Stände, des Magiſtrats und des Volks gab ihm die alte glückliche Laune nicht zurück. Von dem ganzen zahlreichen Geleit, das ihn bis zur Pfalz gebracht hatte, ließ er nur einen Mann zu ſich bitten in aller Stille— Jakob Fugger. In das Cloſet beſchieden, ſah der Leinweber den Kaiſer mit den Mienen trüber Reſignation am Fenſter ſtehen und, wie es ſchien, in tiefe Gedanken verſunken. Ein heller Schein flog über ſeine Züge, als er den alten Freund vor ſich ſah; er reichte ihm die Hand. Fugger blickte bekümmert in das Angeſicht des geliebten Fürſten; es war ihm, als ſähe er es feucht in Maximilians Augen ſchimmern. Der deutſche Kaiſer. 89 „Jakob,“ ſagte der Kaiſer wehmüthig weich,„heute ſeh' und fühl' ich zum erſtenmal, daß wir alt gewor⸗ den ſind.“ „Ach, mein gnädigſter Herr, wir haben noch eine Strecke zum Alter, und Ew. Majeſtät eine längere noch als ich.“ „Du irrſt, Meiſter Jakob. Ich bin Dir plötzlich vor⸗ ausgeeilt, und weit voraus, weit, ſodaß ich faſt am Ziele ſtehe. Der Kummer und die Sorge haben mich ſo vor⸗ wärts gepeitſcht. Du wirſt auch von der Prophezeihung gehört haben, die durch das ganze Volk geht: Augsburg beherberge den Kaiſer Mar zum letztenmal. Die Son⸗ nenfinſterniß am 7. Juli ſoll meinen Tod bedeuten.“ „Pah! Altweibergeſchwätz! Welcher Menſch kennt Gottes Rathſchluß. Ich habe derlei Weiſſagungen immer als thörichten Menſchenwitz verlacht.“ „Nicht ich, Jakob. Es hat Gott nicht nur gefallen, die Menſchen durch Zeichen und Wunder zu warnen, er hat auch manchen Menſchengeiſtern vergönnt, einen Blick in die Zukunft zu thun und dieſen Auserwählten in be⸗ deutungsvollen Bildern zu zeigen, was er beſchloſſen hat. Ich habe davon in meinem Leben vielfache Beweiſe. Du weißt, wie oft ich zu Land und zu Waſſer, zu Berg und zu Thal, im Kriege und auf der Jagd in Lebensgefahr war, und wie ich meiſt nur auf wunderbare Art gerettet wurde. Sieh und faſt jedesmal wurde ich vorher auch auf wunderbare Art gewarnt vor der Gefahr. So weiß 90 Der deutſche Kaiſer. ich denn auch, daß die Prophezeihung von meinem nahen Ende kein müßiges Geträtſche iſt. Ich fühle es im inner⸗ ſten Lebensmark, ich ahne es in der Seele, daß der Pro⸗ phet, der ſie zuerſt ausgeſprochen, Recht hat: ich bin zum letztenmal in Augsburg!— Laß es gut ſein, Jakob; ich bin auf mein Abſcheiden vorbereitet. Seit vier Jahren begleitet mich mein Sarg auf jeder Fahrt, es iſt ein ſchlichter Schrein, angemeſſen dem ſchlichten tyroler Gem⸗ ſenſchützen, der darin ausruhen ſoll von viel Mühe und Plage, von viel Angſt und Noth, die auf ihn eingeſtürmt von Jugend an bis zu ſeiner letzten Stunde.“— Er hielt inne, ſeine Stimme war weich und zitternd gewor⸗ den, ſein ſchönes mildes Auge hatte ſich mit Thränen gefüllt. Fugger ergriff ſtumm die Hand des Kaiſers; Blick und Geberden des edeln Leinwebers ſagten mehr als alle Worte. „Ich hab' es ſtets gut und ehrlich gemeint mit jedem Menſchen und mit dem ganzen Reiche,“ fuhr der Kaiſer fort,„aber die meiſten Stände haben's nicht erkennen wollen, die Fürſten insbeſondre gar nicht, und ſie haben mir heimlich die Wege verlegt, die ich offen ging. Faſt alle meine guten Anſchläge haben ſie verhindert. Soll ich über die Franzoſen und Venetianer klagen, da mir's die Deutſchen viel ſchlimmer gemacht? Was iſt die Frucht von ſünfundzwanzig Jahren, die ich dem Reiche vorge⸗ ſtanden? Daß Gott ſich erbarme! Ein armſelig verkrüp⸗ peltes eſſigſaures Früchtlein—“ Der deutſche Kaiſer. 91 „O! Ew. Majeſtät ſchlägt die Frucht Eurer Thaten zu gering an!“ rief Fugger eifrig.„Auch ſteht ja Alles erſt in Blüthe, die dereinſt die ſchönſten Früchte verſpricht. Die Erwerbung der Niederlande und Spaniens werden dem deutſchen Reiche Früchte tragen, wie es noch keine geſehen hat. Darum muß aber auch das Regiment des Reichs bei dem Hauſe Oeſtreich bleiben; denn nur dadurch kann es ſich einſt dieſer in Hoffnung ſtehenden Früchte erfreuen.“ „Und das gerade machen ſie mir zum Vorwurf,“ ſagte Marimilian bitter lächelnd,„ich ſoll das Reich zum Beſten meines Hauſes verwahrloſt haben. Die Narren! Ich habe Oeſtreich groß gemacht, um durch ein großes Oeſtreich das Reich groß zu machen. Und nur Karl von Spanien wird als Kaiſer dem Reiche nützen können. Je größer die Macht ſeines Hauſes, deſto größer die Kraft des deutſchen Kaiſers. Freilich paßt das nicht in den Kram der Fürſten. Einen armen Strohmann wollen ſie zum Kaiſer, der bei ihrem Mitleid, bei ihrer Gnade um das tägliche Brod betteln gehen ſoll. Und in daſſelbe Horn bläſt der Papſt und die übermüthige gefürſtete Pfaff⸗ heit. Klein und ohnmächtig ſoll der Kaiſer ſein, damit die Römlinge in Deutſchland nach Belieben ſchalten und walten können. Deshalb iſt das kecke Mönchlein in Wit⸗ tenberg gar kein unrechter Mann, den wir wol zur gele⸗ genen Zeit brauchen können gegen die Eingriffe Roms in unſer Regiment.“ 92 Der deutſche Kaiſer. „Ihr werdet doch dem Doctor Luther nicht Recht geben wollen?“ rief Fugger ſchmerzlich erſtaunt.„Das ſcheint mir ein frecher Patron, der keine Scheu und Ehrfurcht vor dem Heiligſten hat und am Ende doch weiter nichts will, als ſelbſt Päpſtlein ſpielen.“ „Nicht annehmen will und kann ich mich ſeiner. Ich brauche den Papſt und darf es nicht mit ihm verderben. Der Papſt predigt den Türkenkrieg und verſpricht den Zehnten der geiſtlichen Güter dazu zu verwenden. Wenn er nur Wort halten wollte. Du weißt die Vertreibung des Türken iſt der höchſte Wunſch meines Lebens geweſen. So lang der Türk in Conſtantinopel ſitzt und uns nieder⸗ werfen kann, wenn es ihm beliebt, wird das deutſche Reich nicht zu der Macht und dem Atſſehen gelangen, die ihm gebühren. Der Türk muß von uns niedergeworfen und vertrieben werden; Chriſtus muß angebetet ſein auf der ganzen Erde, und wie der Papſt in Rom, ſo muß der Kaiſer in Conſtantinopel herrſchen. Der Türkenkrieg muß unternommen werden. Ihn hab' ich im Ausſchreiben zu dieſem Reichstag als die Hauptaufgabe deſſelben geſtellt. Dazu müſſen Kaiſer und Papſt einig ſein. Verſteh' mich alſo recht: der wittenberger Mönch iſt nur dazu zu brau⸗ chen, um dem Papſt zur rechten Zeit einen Dämpfer auf⸗ zuſetzen, wenn er nicht Wort halten ſollte in Bezug auf die geſammelten Gelder zum Türkenkrieg, wenn er über⸗ haupt mir über die Hörner wachſen zu wollen ſich an⸗ ſchicken ſollte. Weiter geht mich der Wittenberger nichts ——— Der deutſche Kaiſer. 93 an. Der Kurfürſt von Sachſen mag ihn warm halten. Und um den Türken zu vernichten, wenn mich der Tod bald hinwegrafft, muß mein Enkel Karl Kaiſer ſein; er muß von den Kurfürſten jetzt auf dem Reichstage zum deutſchen Könige erwählt und gekrönt werden. Das iſt die zweite Hauptaufgabe dieſes Reichstags, welche aber mit der erſten innig verbunden und gleichſam eins iſt. Aber um die deutſche Krone auf Karls von Spanien Haupt zu bringen, bedarf ich wiederum der Hülfe des Papſtes. Schon iſt hie und da von den widerſpänſtigen Ständen das Bedenken laut geworden: ich ſelbſt ſei ja nur deutſcher König, habe mir zwar den Titel als Kaiſer zugelegt, ſei als ſolcher aber nicht vom Papſt gekrönt. Dagegen kann ich nichts einwenden. Alſo will und muß ich mich noch krönen laſſen, um das Werk, welches die Aufgabe meines Lebens iſt, noch vor dem Schluſſe deſſel⸗ ben, ſo viel an mir iſt, zu fördern, da ich es doch nicht vollenden kann.“ „So will Ew. Majeſtät nach Rom ziehen?“ „Wenn es ſein muß: ja! Doch will ich verſuchen, ob mir der Papſt nicht den halben Weg entgegen kommt, oder ob er mir nicht einen Cardinal ſchickt, der die Krö⸗ nung in ſeinem Namen vollziehe. Ich muß für Karl noch Alles thun, was ich vermag, und was ich für ihn und mein Haus thue, das thue ich für das Reich, für Deutſchland.“ „En. Majeſtät iſt der beſte Vater, der edelſte Menſch!“ 94 Der deutſche Kaiſer. rief Fugger mit ſchöner wahrer Begeiſterung.„Und das ärgert mich am meiſten, daß ſie das nicht anerkennen wollen!“—„Laß ſie, die Herzloſen! Sie wollen einen Kaiſer, dem die Liebe für die Seinigen, das ſchönſte Gefühl, die reinſte Tugend fremd iſt. Aber ich werde mir wahrlich nicht von ihnen wehren laſſen, meine Enkelkinder zu lieben und Glanz und Macht des Hauſes Oeſtreich nach Kräften zu mehren. Karl ſteht in Unterhandlung mit dem Könige von Frankreich, wegen ſeiner ehelichen Verbindung mit der Tochter deſſelben Louiſe; die Vermählung mit der Prinzeſſin Renate, der Tochter des verſtorbenen Königs Ludwig XII. iſt aufgegeben; durch Louiſe binden wir den heißköpfigen König Franz feſter an das öſtreichiſche Intereſſe. Er kann uns dann nicht mehr deutſche' Reichsfürſten ab⸗ ſpänſtig machen, wie neuerlich noch den pfälzer Kurfürſten und die Brandenburger, die ich mit Mühe wieder gewon⸗ nen habe. Karl hat ihm den Güldnen⸗Vließorden ge⸗ ſchickt und den Orden des heiligen Michael von ihm er⸗ halten. Ich denke, wir ſind auf dem beſten Wege, endlich Oeſtreich und Frankreich dauernd zu verſöhnen.— Fer⸗ dinand ſoll bald der Gemahl der kleinen ungariſchen Anna werden und wird ſich dadurch, falls der zarte ſchwächliche König von Ungarn und Böhmen frühzeitig mit Tod ab⸗ gehen ſollte, den Weg zu dieſen beiden Kronen bahnen; von mir erhält er die öſtreichiſchen Erblande. Die Erz⸗ herzogin Eleonore wird in dieſen Tagen die dritte Ge⸗ mahlin des Königs Emanuel von Portugal, und mit der —,— Der deutſche Kaiſer. 95 kleinen Erzherzogin Katharina in Spanien, die ich noch nicht kenne, denke ich den harten und ſtolzen Kopf des alten Kurfürſten von Sachſen und ſeinen Bruder den Herzog Johann zu gewinnen. Ich ſtehe in Unterhandlung mit ihnen wegen einer Vermählung des jungen Kurprinzen von Sachſen Johann Friedrichs, Johanns Sohn, mit Katharina und gedenke ſie auf dieſem Reichstage zum Schluß zu bringen. Dieſe Sachſen muß ich durchaus an das öſtreichiſche Intereſſe feſſeln, damit mir ihre Kurſtimme für Karl nicht entgeht. Dann ſind meine Kinder alle verſorgt und wahrlich nicht zum Schaden Oeſtreichs. Meine Tochter die Erzherzogin Statthalterin in den Riederlanden kann ich leider nicht vermögen durch eine nochmalige Ver⸗ mählung den Glanz unſres Hauſes zu vermehren, obgleich Lebensalter und Schönheit ſie dazu befähigen, ja be⸗ rechtigen.“ „Ihr habt genug des Glanzes auf Euer Haus gehäuft, mein Kaiſer, und Euere Nachkommen werden Euch ſegnen nach Jahrhunderten.“ „Noch etwas drückt mich, Jakob.— Das Schickſal des Knaben, das ich Dir anvertraute. Ich fühle mich nicht frei von Schuld hinſichtlich ſeiner 5 ja alter Freund, ich fürchte, wir haben zuſammen eine Sünde begangen. Haſt Du noch keine Spur von ihm entdecken können?“ „Nicht die mindeſte!“ verſetzte Fugger kleinlaut. Auch ihm ſchlug das Gewiſſen. 96 Der deutſche Kaiſer. „Meine Ahnung hat mich damals nicht betrogen, als ich Dich bat, das Kind zu ſichern. Den untergeſchobenen Buben haben ſie nach Spanien zu der wirrſinnigen Kö⸗ nigin geführt, und Karl hat jetzt mit ihm vor, ihm ein Erzbisthum zu geben.—“ „Ich weiß, ich weiß!“ nickte Fugger verlegen.„Mein Sohn Marx von Bübenhoven hat es mir in dem Briefe geſchrieben, den mir der Kämmerer des Erzherzogs Fer⸗ dinand mit aus Spanien gebracht.“ „Derſelbe Kämmerer Vivian de la Chaur hat mir die ſaubre Geſchichte enthüllt.“ „Wir müſſen das tiefſte Geheimniß darüber zu erhal⸗ ten ſuchen, ſonſt gibt es ein Geſpötte in Augsburg und weiter. Der Bub iſt ja meines Knechts Veit Pathe und das Kind eines meiner ärmſten Weber in der Fug⸗ gerei.“ „Daß uns aber auch der rechte Knabe durch die Lap⸗ pen ging!“ ſeufzte der Kaiſer.„Mir war immer als drohe von dieſer Seite mir und meinem Hauſe ein Un⸗ glück, wie ja ſchon ein grenzenloſes daher gekommen. Wer weiß, wer weiß, was noch geſchieht!“—„Gott und die Heiligen wollen es gnädig verhüten!“ ſprach Fugger feierlich und faltete die Hände. Auch ſeiner hatte ſich ein banges, peinliches Gefühl bemächtigt, und mit dieſem ver⸗ abſchiedete er ſich von dem geliebten Herrn. „Geh heim,“ ſagte dieſer,„und ſchicke mir bald ein vaar tauſend Goldgülden. Ich bin wieder einmal mit Der deutſche Kaiſer. 97 leeren Taſchen nach Augsburg gekommen und muß bei Dir borgen, wie ſchon öfter.“ „Ihr ſollt ſogleich fünftauſend Gulden haben. Oder wollt Ihr mehr?“ „Es iſt genug vorläufig,“ verſetzte Marimilian durch die Ausſicht auf baares Geld wieder heiter geſtimmt, und Jakob Fugger verließ die Pfalz. Ein deutſcher Leinweber. VI. — Ueuntes Rapitel. Der päpſtliche Nuntius kam nach einigen Tagen in Augs⸗ burg an, um die Intereſſen des heiligen Vaters auf dem Reichstage zu vertreten und dem Kaiſer eine Hülfe zu ſein in ſeinen ſchwierigen Verhandluugen mit den Fürſten. Und wahrlich dieſe droheten ſehr ſchwierig zu werden. Die Stände kamen faſt alle mit der Ueberzeugung nach Augsburg, daß die Dinge im Reiche nicht mehr ſo fort gehen könnten, wie zeither. Das Reichskammergericht hatte ſchon wieder ſeine Wirkſamkeit verloren; kein Kurfürſt wollte ſich ihm unterwerfen. Die Unordnung nahm überall auf eine erſchreckende Weiſe überhand. Die fauſtrechtliche Fehde war faſt in allen Provinzen Deutſchlands wieder im Schwange; der Schwächere unterlag der brutalen Gewalt des Stärkern, aller Hülferuf an Kaiſer und Reich verhallte vergebens. Wer ſich nicht ſelbſt helfen konnte, war verloren. Fürſten und Adel, Fürſten und Städte lagen in blutigem Hader miteinander, und dieſe böſen — Der deutſche Kaiſer. 99 Dinge hatten den Anſchein, als ſollten ſie immer ſchlim⸗ mer werden. Der Ablaßkram hatte alle Gemüther empört, und das kräftige Auftreten des Lehrers an der wittenberger Uni⸗ verſität ein allgemeines Beifallsjauchzen erzeugt. Aber auch die Kleriſei war gegen den Papſt eingenommen. Von dem Lateranconcilium im Anfang des vorigen Jahres hatte er das Zugeſtändniß des Zehnten von allen Kirchengütern in der ganzen Chriſtenheit zu erlangen gewußt unter dem Vorwand einer Steuer zum baldigen Türkenkrieg, in Wahr⸗ heit aber, um ſeine von maßloſer Verſchwendung geleerten Kaſſen wieder zu füllen zu neuer Verſchwendung. Alles war gegen den Papſt, und plötzlich ſah man den Kaiſer nach langer Trennung mit dem Papſte vereinigt. Das machte einen üblen Eindruck. Die Perſönlichkeit des päpſt⸗ lichen Legaten vermehrte ihn. Dieſer war der Kardinal Thomas de Vio, genannt Cajetano, Dominikaner und eifriger Vertheidiger der päpſtlichen Vorrechte, ein eitler prunkſüchtiger Menſch, der in Augsburg mit dem Pompe eines Königs auſtrat und auf eine Buldigung Anſprüche erhob, die den Spott herausforderten. Und es fehlte nicht an Spöttern in Augsburg; es war ihrer eine hübſche Zahl aus dem Reiche zuſammengekommen, und auch der kräftigſte fehlte nicht, Ulrich von Hutten. Er war im Gefolge des Kurfürſten von Mainz gereiſt und begrüßte mit treuherziger Innigkeit die alten Freunde. Ueberall wurde er mit Jubel aufgenommen; die Herzen und die . 100 Der deutſche Kaiſer. Thüren thaten ſich ihm gleich weit auf. Man freute ſich über ſein geſundes Ausſehen, und in der That war er durch das von Jakob Fugger beſorgte und von dem kur⸗ mainziſchen Leibarzt Stromer, ſeinem Freund und Ver⸗ ehrer, ihm verordnete und präparirte Medikament, den Trank von Guiak(Franzoſenholz) von ſeinem langjäh⸗ rigen böſen Uebel geheilt. Aller Augen waren in Augs⸗ burg wieder auf ihn gerichtet; alle Fremde drängten ſich heran, ihn kennen zu lernen; er galt den Meiſten für eine wichtigere Perſon als der prunkhafte Cajetan, als irgend ein Fürſt, als der Kaiſer ſelbſt. Das machte die überwältigende Kraft der Wahrheit, die aus ſeiner Feder gefloſſen war. Zwar hatte er in Mainz nicht viel ſchaffen können; ſeine Reiſe nach Paris unb das geräuſchvolle Hofleben waren ſeiner Muſe nicht zuträglich geweſen. Auch jetzt war er kaum von einer Reiſe nach Magdeburg und Halle im Gefolge des Kurfürſten zurückgekehrt. Aber zu Ende des vorigen Jahrs hatte er noch auf ſeiner väter⸗ lichen Burg, dem Steckelberg, eh er nach Mainz über⸗ geſiedelt war, ein altes Buch neu herausgegeben, das durch ſeinen Inhalt, noch mehr aber durch Huttens De⸗ dikation deſſelben an den Papſt Leo abermals das größte Aufſehen machte und die Aufregung der Gemüther um ein Bedeutendes ſteigerte. Dies war eine Schrift eines edeln Römers aus dem vorigen Jahrhundert, Laurentius Valla, worin bewieſen war, daß die Behauptung der Päpſte, der erſte chriſtliche Kaiſer, Konſtantin der Große i ——— Der deutſche Kaiſer. 101 habe der Kirche unter dem Namen eines väterlichen Erb⸗ theils des Apoſtels Petrus diejenigen Länder in Italien geſchenkt, welche nachher den Kirchenſtaat ausmachten, eine erlogene ſei. Dieſes Buch war natürlich vom Papſt ver⸗ dammt und möglichſt unterdrückt worden. Aber ein Eremplar kam in Ulrich's Hände, und er beeilte ſich, das Werkchen neu drucken zu laſſen. Seiner Kühnheit ſetzte er dadurch die Krone auf, daß er dem Werkchen eine Dedikationsepiſtel an den Papſt Leo vordrucken ließ, die das Stärkſte enthielt, was bis jetzt über die Sünden der Päpſte öffentlich bekannt gemacht worden war. Ein ſol⸗ ches Unterfangen hatte alle Welt in ſtarres Erſtaunen verſetzt; denn er nannte die Päpſte in dieſer Epiſtel„Diebe, Mörder, Straßenräuber und Tyrannen, von deren Ver⸗ brechen man gar nicht genug ſagen könne, Feinde der ganzen Menſchheit, Feinde der geſammten Chriſtenheit, Menſchen, die die Schätze aller Länder an ſich geriſſen und ihnen dafür das härteſte Joch aufgebürdet, Könige vom Throne geſtoßen, die Unterthanen ihres Eigenthums beraubt, ſich Nachfolger Chriſti genannt und doch von allem, was Chriſtus zu thun befohlen habe, nichts gethan hätten.“ In Bezug auf den Ablaßhandel hatte er, noch nichts wiſſend von Luther's Schritt, zum Papſt geſagt: „Deine Vorfahren waren es, die in den Sünden andrer Menſchen und ſelbſt in den Strafen der Sünden noch nach dem Tode eine Gelegenheit fanden, Beute zu machen.“ In dieſem ſchonungsloſen derben Tone war die ganze 102 Der deutſche Kaiſer. Epiſtel geſchrieben; die Päpſte wurden der Simonie an⸗ geklagt; ſie hätten die erſten geiſtlichen Würden um hohe Summen feil geboten und ſich nicht begnügt etwa jährlich eine Steuer auszuſchreiben, ſondern ihre Boten, ſo oft es ihnen beliebt, bald aus dieſer, bald aus jener vorge⸗ ſchützten Urſache nach Deutſchland geſchickt, um Geld zu holen. Dennoch hätten ſie„heilige Väter“ genannt ſein und nicht dulden wollen, daß etwas gegen ihr Thun und Treiben geſagt werde. Den Papſt Julius II., Leo's Vor⸗ gänger, nannte er einen Mann, der die verderblichſten Kriege angezettelt habe, und ſchilderte den ſchlechten Cha⸗ rakter deſſelben mit den ſtärkſten Farben. Dieſe Schrift war in Augsburg verſchlungen worden. Die meiſten deutſchen Fürſten hatten ſich daran gelabt, weltliche und geiſtliche; denn auch die Letztern ſahen es gern, daß dem Papſte auf ſo derbe Weiſe die Wahrheit geſagt wurde; der Kaiſer ſelbſt hatte ſeiner vertrauten Umgebung ſeinen Beifall darüber zu erkennen gegeben, und beim erſten Beſuch, welchen ihm der Kurfürſt von Mainz in Augsburg abſtattete, ſprach er ſich fein lobend über den Ritter aus und rühmte den Kurfürſten, daß er ihm eine unabhängige Stellung gegeben. Hutten ſelbſt überreichte dem Kaiſer eine feurige Rede,„Ermahnung an die deutſchen Fürſten zum Krieg gegen die Türken,“ worin er zwar dem Lieblingswunſche des Kaiſers mit dichteriſcher Begeiſterung das Wort redete, zugleich aber keck behauptete, der Kirchenzehnten ſei keineswegs für den 3 — Der deutſche Kaiſer. 103 Türkenkrieg, ſondern für die Befriedigung der päpſtlichen Gelüſte beſtimmt, und worin er ſo heftig gegen den römi⸗ ſchen Hof auftrat, daß ſeine beſten Freunde vom Druck abriethen. Auch wurden dieſe ſtarken Stellen von den Seeretarien des Kaiſers, als beſtellten Cenſoren, vor dem Druck der Rede geſtrichen. Der päpſtliche Legat, Kardinal Cajetan, ließ ſich den Ritter von Hutten vom Kurfürſten von Mainz vorſtellen und benahm ſich ſehr diplomatiſch gegen ihn; in die feinſte Schmeichelei über Hutten's Dichter- und Schriftſtellerruhm ließ er blos die Bemerkung einlaufen, der längere Aufent⸗ halt an dem prachtvollſten Fürſtenhofe Deutſchlands werde ja wol ſeine jugendliche Hitze etwas dämpfen und ihn die Dinge dieſer Welt in ihrer wahren Geſtalt erkennen laſſen, ſodaß er, der Kardinal hoffe, auch ihn bald zu dem Wahlſpruch aller Billigen ſich bekennen zu ſehen,„leben und leben laſſen.“ In Augsburg traf Hutten den reichen und tapfern Ritter Franz von Sickingen wieder, deſſen Bekanntſchaft er am Pfingſtfeſte in Mainz gemacht hatte. Sickingen war ſieben Jahre älter als Hutten und ſtand jetzt im achtunddreißigſten Lebensjahre. Einer der charakterkräftig⸗ ſten, edelſten und geiſtreichſten Männer jener an großen Perſönlichkeiten nicht armen Zeit, hatte er in kurpfälziſchen Dienſten ſich zum tapfern, kenntnißreichen Krieger gebildet und bereits mehrfache Fehden mit hohen Adligen und Fürſten am Rhein beſtanden, und als glühender Feind 8 104 Der deutſche Kaiſer. der römiſchen Anmaßung und Heuchelei, wie des ganzen ſcheuslichen Pfaffenunweſens in Deutſchland, und in dem⸗ ſelben Grade Verehrer der Gelehrten und Humaniſten, war er zu Pfingſten nach Mainz gekommen, um die Be⸗ kanntſchaft der berühmten Gäſte des Kurfürſten, vorzüglich aber Ulrich's von Hutten zu machen. Hier hatten ſie ſchon ihre Jeen mannichfach ausgetauſcht, und ſie waren als Freunde greſchieden. Sickingen war von der ſtürmiſchen Begeiſterung Hutten's für die ſittliche und politiſche Er⸗ hebung Deutſchlands hingeriſſen worden; aber auch Hutten hatte manches von Sickingen angenommen. Sickingen war durch und durch deutſcher Edelmann in der ſchönſten und ſittlichſten, ja in einer faſt idealen Bedeutung des Wortes, und er hegte die unerſchütterliche Ueberzeugung, daß der ſchier grenzenloſen Verwirrung und all den un⸗ ſaglichen öffentlichen Uebeln in Deutſchland nur durch eine ſittliche Kräftigung des Adels geſteuert werden könne. Aber mit dem lebendigen Geiſte der Wiſſenſchaft ſollte ſich der Adel verbinden, und ſeine Tapferkeit nur den edelſten und höchſten Zwecken der Menſchheit und der Einigung Deutſchlands gewidmet ſein. Die rohe Gewalt der Fauſt, die Schmach des Adels, ſollte von dem beſſern Geiſte unterdrückt werden. Hutten fing Feuer für dieſe Idee und erweiterte ſie dahin, daß der Adel ſich mit den Städten und dem Landvolk verbünden und dieſe drei ver⸗ eint eine unbezwingbare Macht gegen die Fürſten und die römiſch geſinnte Pfaffheit bilden ſollten. Sie kamen 8 Der deutſche Kaiſer. 105 darin überein, daß der Drang nach Freiheit von uner⸗ träglichem Joche in den Bauern, das Verlangen nach ſicherer Bewegung und Entfaltung in den Bürgern der Städte durchaus einer höhern ſtarken Kraft als Stütz⸗ und Vereinigungspunkt bedürfte, um mit Glück gegen ihre Feinde auftreten zu können, und daß dieſer nur der aus ſich ſelbſt ſittlich wiedergeborne deutſche Adel ſein könne. Der Adel müſſe mit dem Volke ein unzertrennliches Ganzes bilden, wie das Haupt mit Rumpf und Gliedern, aber wie ohne denkendes Haupt kein Körper beſtehen könne, ebenſowenig das Volk ohne den Adel. Dieſe Ideen ſpannen die beiden Ritter in Augsburg weiter; ſie ſchloſſen ſich hier noch enger aneinander an, ſie lebten ſich ineinander hinein. Aber dieſes neue Freund⸗ ſchaftsbündniß, indem es ſich enger zuſammenzog, lockerte ein älteres auf. Ulrich von Hutten hatte gleich am Tage nach ſeiner Ankunft den wackern Ulrich Fugger aufgeſucht, der von Schwaz gekommen war, um während dem Reichs⸗ tage in ſeinem Hauſe in Augsburg zu wohnen und Ge⸗ ſchäfte zu machen. Sie begrüßten ſich mit der alten Herz⸗ lichkeit, aber der feurige Fugger konnte ſeine Verſtimmung darüber nicht ganz verbergen, daß ſein ritterlicher Freund an dem prunkvollen Hofe zu Mainz ſich habe feſſeln laſſen. Hutten vertheidigte den Kurfürſten warm, Fugger zuckte kalt ſchweigend die Achſeln. Je öfter ſie zuſammen waren, ie mehr ſie ſich über die neueſte Geſtaltung der Zeitver⸗ hältniſſe ausſprachen, deſto lebendiger erwachte in ihnen 106 Der deutſche Kaiſer. die Ueberzeugung, daß ſie nicht mehr auf dem alten Stand⸗ punkt ſtanden. Hutten war durch Sickingen vorwärts geſchritten in ſeinen politiſchen Anſichten; Fugger war ſtarr bei ſeiner alten Meinung ſtehen geblieben. Hutten wollte jetzt Befreiung und Erhebung des ganzen Volkes unter Anführung des Adels und ſchloß ſelbſt die beſſern Fürſten nicht von dieſer Anführung aus; er wollte eine deutſche Kirche gebildet und zum Oberhaupt derſelben den Kur⸗ fürſten von Mainz gewählt wiſſen; Ulrich Fugger beſtritt dies Alles mit Heftigkeit.„Ich könnte Euch nicht bei⸗ ſtimmen, und wenn alle Ritter und Junker im deutſchen Reiche ſo vortreffliche Männer wären, wie Ihr und der Sickingen; denn Geburt kann und darf dem Menſchen kein Vorrecht vor Andern gewähren; es iſt Unſinn, iſt Frevel an Gottes Weisheit und Güte. Gott ſelbſt hat jeden Menſchen zu dem Wege beſtimmt, den er zu wan⸗ deln hat, und früh zeigt ſich in jedem dieſe Beſtimmung. Der Eine hat einen unwiderſtehlichen Trieb zum Landbau, er wird als Bauer an ſeinem Platze ſein und Gutes wirken, den Andern zieht's zur Pflege des Viehs; der Dritte hat zu nichts Luſt als zu Handel und Wandel, einen Vierten treibt die heiße Seele in Kampf und Schlacht; er iſt ein geborner Krieger; das fromme Gemüth des Fünſten findet ein hohes Glück darin, die Mitmenſchen zur Anbetung Gottes zu leiten. Und ſo ſind wieder Andre durch beſonders hohe und ausgezeichnete Gaben auserſehen Geſetze zu geben und das Regiment zu führen. Das ſind — ——,—— Der deutſche Kaiſer. 107 die Menſchen, die Gott beſtimmt hat an der Spitze des Volks zu ſtehen, und nicht den Adel, der auf nichts weiter ſich ſtützen kann, als auf die Geburt. Das Volk aber muß ſeine Geſetzgeber und Regimentführer aus ſich ſelbſt herauswählen; denn Gott hat ſeine höchſten Gaben eben⸗ ſogut unter den Bauer und Bürger vertheilt, wie unter den Edelmann und Pfaffen.“ „Aber dem begabten Bauer und Bürger fehlt die Aus⸗ bildung ſeiner Gaben; der rohe Edelſtein nützt uns nichts er muß geſchliffen und gefaßt werden.“ „So iſt die Aufgabe ihn zu ſchleifen und zu faſſen. Der Adel iſt eben ſo ungebildet, ja durch die Gewalt der bewaffneten Fauſt noch roher und unmenſchlicher als Bauer und Bürger.“ „Der Adel muß wieder eine feſte Corporation bilden, die ſtreng auf Recht und Sitte hält und ihr Schwert nur gegen Unrecht und Unſitte kehrt.“ „Das ganze Volk muß dieſe Corporation bilden; kein verſtändiger Mann darf ausgeſchloſſen werden.“ „Aber Standesunterſchiede müſſen ſein; ein Haupt muß der Körper haben.“ „Standesunterſchiede, die uns Gott vorſchreibt, nicht die die Menſchen willkürlich ſetzen; und das Haupt bilden die, welche Gott dazu beſtimmt.“ Die beiden Freunde konnten ſich nicht mehr einigen, und Sickingen's(den Hutten bei Ulrich Fugger einführte) cuhiges, ſtolzes, ritterliches Weſen, das der feurige junge 108 Der deutſche Kaiſer. Bürger für vornehme Kälte nahm, war nicht geeignet, ſie wieder in einen Guß zu bringen, doch ſahen ſie ſich zu⸗ weilen und ſchätzten ſich gegenſeitig. Einmal fragte Ulrich Fugger den Ritter Ulrich von Hutten um ſeine Anſicht von Luther.„Er iſt aus den Bettelmönchen hervorgegangen, und dieſe faulen Gäuche waren mir ſtets mehr zuwider als Spinnen und Kröten,“ antwortete dieſer verächtlich.„Ihr ſollt ſehen, der ganze Lärm läuft wieder auf ein widerwärtiges Mönchsgezänke hinaus, und wenn der Kurfürſt von Mainz dem Doctor Luther eine reiche Pfründe gibt, ſo läuft er nach Rom und küßt dem Papſte den Pantoffel.“ „Ich habe eine beßre Anſicht von Euch über den Wit⸗ tenberger erwartet. Mir gefällt der Mann und ſeine Predigt. Das iſt wahrlich kein gewöhnlicher Bettelmöch, welcher alſo gegen den Ablaßunfug aufzutreten ſich un⸗ terfängt.“ „Dagegen hat er ſchon einen demüthigen Brief an den Papſt geſchrieben, wie ich aus ſichrer Quelle weiß,“ verſetzte Hutten.„Wir müſſen es abwarten, und es muß ſich bald entſcheiden, ob Luther ein Mann iſt, wie Ihr glaubt, oder ein Mönch, wie ich glaube.“ Hutten fragte Fugger nach der Frau Eleonore van der Voort und erhielt zur Antwort, daß ſie in ihrem Häuschen in der Fuggerei wohne und ſich ſehr ſtill und eingezogen halte. Nur zuweilen wandre ſie mit den von ihr gefertigten Heilgenbildchen aufs Land, um ſie den — Der deutſche Kaiſer. 109 Bauern zu verkaufen, unter denen ſie viel Freunde zähle. Dann und wann beſuche ſie ihn auf ſolchen Fahrten in Schwaz. Auch male ſie zuweilen größere Bilder für Raimund Fugger. „Ich bitt Euch, Freund Ulrich, begleitet mich zu ihr,“ ſagte Hutten.„Ich habe einen etwas kitzlichen Auftrag an ſie und wünſche dabei ſehr Eure Unterſtützung.“ „Sie weiß bereits, daß Ihr hier ſeid,“ entgegnete Fugger,„ich habe geſtern noch mit ihr über Euch ge⸗ ſprochen und will Euch nicht verhehlen, daß, ſo ſehr ſie voriges Jahr für Euch ſchwärmte, doch Euer Aufenthalt am mainzer Hofe Ihrem Glauben an Euch ſtark geſchadet hat. Ihr kennt ihren unauslöſchlichen Haß gegen Fürſten und Pfaffen, und gegen den Erzbiſchof Albrecht iſt ſie am meiſten erbittert ſeit er ihre Schweſter Martha zur Cour⸗ tiſane hat.“. „Ich kann es mir denken. Um ſo ſchwieriger iſt mein Auftrag; denn er iſt von ihrer Schweſter. Allein ich konnte nicht umhin, ihn zu übernehmen, nicht nur Martha, auch der Kurfürſt ſelbſt hat mich darum erſucht.“ „Was will die verlorne Martha von Frau Eleonoren?“ „Verzeihung und ſchweſterliche Liebe.“ „Ich glaube ſchwerlich, daß Ihr zum Ziele kommen werdet.“ „Wenigſtens dann Großmuth und Rückſicht. Ich glaube, Martha ſcheut ſich nach Augsburg zu kommen aus Furcht vor einem öffentlichen, Aufſehen erregenden Aerger⸗ 110 Der deutſche Kaiſer. niß von Seiten ihrer Schweſter. Und doch wünſcht der Kurfürſt ſie am Tage ſeines Glanzes hier zu haben, und Raimund Fugger hat ſie dringend eingeladen. Ihr wißt, daß der Papſt den Kurfürſten zum Kardinal erwählt hat; der Legat wird ihm in einigen Wochen den rothen Hut feierlich aufſetzen. Martha brennt vor Begierde, dieſe Ce⸗ remonie mitanzuſehen und Augsburg zum lebendigen Reichs⸗ tag wieder zu beſuchen. Sie liebt das Vergnügen; ſie würde derweil in Mainz vor Langeweile ſterben. Aber erſt muß ſie ſicher ſein vor dem Zorn und der Heftigkeit ihrer Schweſter. Und dies iſt meinem Dafürhalten nach der Grund, weshalb ich Frau Eleonoren überreden ſoll, mit mir nach Regensburg zu reiſen, wo Martha mit ihr zuſammentreffen will.“ „Verſucht Euer Glück. Ich will Euch nach Kräften behülflich ſein. Und ich glaube die weichen Stellen im Herzen dieſer ſtarken und außerordentlichen Frau zu kennen.“ Die beiden Freunde machten ſich zuſammen auf den Weg nach der Fuggerei, und ſie fanden Eleonoren in ihrer ſtillen und beſcheidenen Häuslichkeit. PZehntes Rapitel. Das Bild der Maria war mit großen Feierlichkeiten in der neuen Kirche zu Regensburg aufgeſtellt worden. Das Feſt dauerte drei Tage, und vornehme Kleriker waren weither gekommen, um die Pracht deſſelben zu erhöhen. Die Bildſäule war eine Meiſterarbeit; in voller Lebens⸗ größe trug ſie Martha's Züge mit täuſchender Aehnlichkeit, und ſchon in den erſten Tagen erhielt ſie vom Volke den Namen„die ſchöne Maria.“ Dieſer Name verbreitete ſich mit dem Ruhme der Trägerin ſchnell weit und breit. Es verlautete nämlich, daß Allen, welche zu der ſchönen Maria gebetet, in ihrem Anliegen unverzüglich geholfen worden ſei. Leute durchzogen das Land, welche mit großem Geſchrei von Haus zu Haus verkündeten, von was für ſchwerem Gebreſte ſie und Andre durch Hülfe der ſchönen Maria in Regensburg befreit worden; Andre berichteten wieder andre Wunder, und an der Donau auf und ab, in den Thälern des Regen, der Nab, der Iſar, immer weiter erſchallte das Gerücht von dem neuen wunderthä⸗ — Der deutſche Kaiſer. tigen Gottesbilde. Drauf wurde der Zulauf von Tag zu Tag ſtärker. Von allen Orten, erſt aus der Nähe, dann fernher ſtrömten die Menſchen zu Tauſenden herbei, nicht nur Männer und Weiber, ſondern auch Kinder und greiſe Leute, viele barfuß und zerlumpt wie ſie eben von der Arbeit fortgelaufen waren, Andre krank und elend, oft mit ekelhaftem Gebreſte. Viele waren Tag und Nacht gelaufen und kamen im höchſten Grad ermattet und ver⸗ hungert an. Sobald ſie nun, ohne ſich vorher zu ſtärken und auszuruhen, den Tempel betraten und des Bildes anſichtig wurden, fielen ſie ohnmächtig zu Boden, gleichſam als hätte ſie der Donner erſchlagen. Da dieſes der tolle Pöbel ſah, meinte er, es ſei die Wunderkraft des Bildes, welches die Leute alſo zu Boden werfe, und Jedermann, der irgend eine Wirkung dieſer Kraft in ſich verſpüre, müſſe gleichfalls niederfallen. Ganze Haufen und Schaaren ſielen auf die Steinplatten und lagen lange, eh' ihnen die Beſinnung wiederkehrte, und wer keine Anwandlung zum Fallen in ſich ſpürte, dünkte ſich unſelig zu ſein und nöthigte ſich wol ſelbſt zum Fallen. Von Woche zu Woche, von Tag zu Tag nahm der Volksandrang zu, immermehr Kranke gingen geheilt hinweg und ſchon ſah man Weih⸗ geſchenke von Gold und Silber, von Wachs und Marmor, und ihre Zahl mehrte ſich täglich. Manchen Tag waren ſchon zehntauſend fremde Wallfahrter in der Stadt. Die Eröffnung des Reichstags in Augsburg vermehrte noch den Zulauf. Denn wer aus dem Norden kam, um gen Der deutſche Kaiſer. 113 Augsburg zu reiſen, ging über Regensburg und ſollte es mit einem großen Umwege ſein, um die ſchöne Maria zu ſehen und ihr ſeine Wünſche zu eröffnen. Da die Volksmaſſen in der Kirche nicht zur Anhörung der Meſſe untergebracht werden konnten, ſo wurden mehre Altäre außerhalb der Kirche errichtet; an allen wurde zugleich Meſſe geleſen, innerhalb und außerhalb der Kirche, und der große fteie Platz war ſo gedrückt voll Menſchen, wie die Kirche. Die Pfaffenpartei, vorzüglich die Dominikaner, von welchen dieſe Demonſtration gegen den jungen Zeit⸗ geiſt ausgegangen war, triumphirte; das Unternehmen war über ihr eignes Erwarten ſchnell geglückt, und ſchon meinten ſie in thörichter Selbſtverblendung die vollſtändige Niederlage ihrer Feinde zu ſehen. Auf ihre Einladung machte der Kardinal Cajetan der ſchönen Maria einen Beſuch und las eine Meſſe an ihrem Hauptaltar. An demſelben Tage war auch Martha Bry in Regensburg angekommen, und der Bilbſchnitzer Wollfahrt führte ſie bei den Häuptern des Klerus ein. Sie wurde am Abend ſogar dem Kardinal-Legaten vorgeſtellt und hatte eine lange geheime Unterredung mit ihm und einigen andern vornehmen Dominikanern, unter welchen ſich auch Hoch⸗ ſtraaten aus Cöln befand. Mancherlei Verabredungen wur⸗ den da getroffen und dem hoffärthigen Mädchen die glän⸗ zendſten Verſprechungen gemacht, wenn ſie den Kurfürſt Albrecht dahin bringe, daß er die Humaniſten nicht mehr begünſtige, und wenn ſie durch die Fugger in Augsburg Ein deutſcher Leinweber. LE 8 114 Der deutſche Kaiſer. den Kaiſer zur Errichtung eines Inquiſitionstribunals im deutſchen Reiche vermöge. Die eitle, hochſtrebende Martha verſprach Alles, was die geiſtlichen Herrn von ihr ver⸗ langten. Sie wurde ja mit Verſprechungen, mit Ehren⸗ bezeigungen und Schmeicheleien überhäuft, und der Kar⸗ dinal ſagte ihr, daß der Künſtler kein ſchöneres Modell zum Bilde der Maria habe auffinden können. Der Kar⸗ dinal flüſterte dabei dem Dominikaner-Prior Hochſtraaten einen vriginellen Gedanken zu, der eben in ihm aufge⸗ ſtiegen war, und der berühmte Ketzerrichter lächelte dazu beifällig. Am folgenden Morgen, als der Kardinal ſich eben zur Abreiſe nach Augsburg anſchickte, wurde ein brauner phantaſtiſch gekleideter Mann bei ihm eingeführt, deſſen tiefe gefurchte Geſichtszüge und ſtark mit Grau gemiſchten Haare auf das höhere Manesalter deuteten. Es war der Zigeuner Antonio Cebes. Mit dem Ausdruck froher Ueberraſchung eilte der Kardinal auf ihn los und bot ihm die Hand.„Endlich!“ rief Cajetan.„Ich glaubte Euch in Augsburg bei meiner Ankunft bereits zu finden, und von Tag zn Tag hab' ich Euch erwartet. Ihr habt mir die Zeit lang gemacht.“ „Ich hatte Noth, den berühmten Mann zu finden, nach welchem Ihr mich ausgeſandt; doch ich fand ihn end⸗ lich in Oeſtreich, und—“ „Habt Ihr ihn für unſte Sache gewonnen?“ fragte der Kardinal ungeduldig. Der deutſche Kaiſer. 115 „Doctor Fauſt iſt hier; wir ſind auf dem Wege nach Augsburg. Wir hörten hier von Euer Eminenz Anwe⸗ ſenheit, und der Schwarzkünſtler läßt Euch durch mich um die Erlaubniß bitten, Euch aufwarten zu dürfen.“ „Alſo er iſt gewonnen für uns? Er will mit ſeiner Kunſt unſrer Sache dienen?“ „Der berühmte Mann, den das Volk im Vunde mit dem Teufel wähnt, will der Kirche dienen. Er will uns die frechen Himmelsſtürmer niederſchmettern helfen.“ „Wieder ein mächtiger Streiter auf unſrer Seite mehr. Selbſt der Teufel muß uns dienen.“ „Doctor Fauſt wird uns viel nützen. Sein Einfluß auf die Volksmaſſen iſt ſchier groß. Sie fürchten ſeine Macht, die ſie für ungeheuer und mit der des Teufels ſelbſt gleich halten.“ „Und was iſt Euere Meinung über Fauſt's Ver⸗ bindung mit dem Teufel? Glaubt auch Ihr, daß er einen Pact mit dem Höllenfürſten gemacht, damit ihm dieſer in ſeiner Kunſt beiſtehe und ihm zu allen Lebensfreuden be⸗ hülflich ſei?“ „Darauf kann ich Euch nicht antworten, Eminenz. Der Mann will Euch mit allen ihm zu Gebot ſtehenden Kräften dienen. Das genüge Euch. Woher er dieſe Kräfte hat, und welcher Art ſie ſind, darüber legt er Nie⸗ mandem Rechenſchaft ab. Genug, er iſt der außerordent⸗ lichſte Menſch, den ich jemals kennen gelernt habe.“ „Ich verſtehe. Die heilige Kirche wird wohl daran 8* 116 Der deutſche Kaiſer. thun, ſich die Freundſchaft dieſes Mannes zu erhalten. Sie hätte ſie ſchon längſt erwerben ſollen, und wär ich früher nach Deutſchland gekommen, ich hätte mich mit dem Doetor Fauſt eher verbündet, als mit Kaiſer und Reich. Geht und bringt mir den Mann!“ Nach einer halben Stunde trat Antonio Cebes mit einem langen, hagern, ältlichen Mann wieder in das Vor gemach des Kardinals. Es war der berühmte Schwarz⸗ künſtler Doctor Johann Fauſt. Sein tiefliegendes, kleines, graues Auge blitzte ſtechend unter buſchigen Brauen her⸗ vor. Ein dünner Bart verdeckte nur nothdürftig die ſchar⸗ fen ſpöttiſchen Züge und das Zucken der ſchmalen Lippen. Es war etwas Unſtätes in dieſer ganzen ſchwindſüchtigen Geſtalt; ſie glich einer ausgebrannten Ruine, in welcher Nachtvögel und Geſpenſter ihr unheimliches Weſen treiben. Er mochte ein angehender Sechziger ſein. Ein reichgekleideter Kämmerer führte die beiden Män⸗ ner in das Gemach des Kardinals. Ein merkwürdiges Kleeblatt! Alle drei ſchon über die Blüthe des Mannes⸗ alters hinaus. Dieſer prachtliebende wohlgenährte Italiener mit dem feinen glänzenden Geſicht, das von vorſichtigen Lebensgenüſſen zeugte, während ſein Auge Stolz, Liſt und brutalen Spott verrieth und ein fauniſch lüſternes Lächeln um ſeinen vollen Mund ſpielte; dieſer Spanier, in deſſen Zügen jede Verworfenheit der menſchlichen Seele, mit teufliſcher Schlauheit gepaart, geſchrieben ſtand, und dieſer deutſche Zauberer, deſſen Antlitz eigentlich ein Räthſel war, Der deutſche Kaiſer. 117 ein unerfreuliches Geheimniß bergend. Ein Kardinal, faſt im Ernſt königlichen Rang beanſpruchend, wenigſtens königliche Würde affectirend und königliche Pracht zur Schau ſtellend; ein Magiker, im Rufe ſtehend, er ſei mit dem Teufel im innigen Bündniß, und ein Zigeuner, Dieb, Betrüger, Spion, für jede Schelmerei erkaufbar, doch böſen Ränken ſchier noch mehr aus Bedürfniß als für Gold ergeben. Alle Drei hier vereinigt, um Roms finſtre Geiſtesherrſchaft über Deutſchland ſo viel als möglich zu befeſtigen, das alte Netz wieder feſter anzuziehen und die zerriſſenen Maſchen deſſelben durch dauerhafte neue zu erſetzen. Rom verſchmäht kein Mittel, ſich harpyengleich an fremde Länder anzukrallen und ihnen im Namen Gottes das Lebensblut auszuſaugen; die Mutterkirche verbündet ſich zu dieſem Entzwecke ſogar mit ihrem Erbfeinde, dem Teufel; denn wahre Feindſchaft auf Leben und Tod iſt nur zwiſchen ihr und denen, die ſelbſt denken und nach den Reſultaten dieſes Denkens leben und ihr kein Geld mehr in den Schoos ſchütten wollen. Mit dem Teufel, dieſem ſeltſamen Phantom des Mittelalters, hat ſie ſich immer gut geſtanden; ſie war nur zum Schein ſeine Gegnerin, im Geheim ſeine Buhlerin. Der Kardinal blickte mit einem Gemiſch von Neugierde und Furcht auf den Schwarzkünſtler; er war doch mit der Hölle noch nicht in ſo unmittelbare Berührung ge⸗ kommen. „Ihr ſeid aus dieſem Lande gebürtig, wie man mir 118 Der deutſche Kaiſer. geſagt hat,“ redete der Kirchenfürſt den Doetor latei⸗ niſch an. „Ich ſtamme aus Kundlingen, einem Städtchen im Würtembergiſchen, wo mein Vater die Heilkunſt ausübte, und wo ich in meinen frühern Jahren auch als Arzt praktizirte.“ „Wie kamt Ihr auf magiſche Studien?“ „Durch das Studium der Natur und der alten Meiſter. Mein Vater trieb die Scheidekunſt, und noch jung ward ich der eifrigſte Anhänger dieſer Wiſſenſchaft, welche die Pforte in das tiefe und dunkle Reich der Natur bildet. Dann trieb mich der Wiſſensdurſt nach Krakau, auf deſſen hoher Schule ich Aſtrologie und Magie ſtudirte.“ „Und Ihr ſeid der größte Magier geworden. Euer Ruhm iſt bis nach Rom gedrungen. Man ſagt, Euch ſtänden die Pforten der Geiſterwelt offen, ihr hättet die Elementargeiſter Euch unterthänig gemacht.“ „Die Natur, wie ſie der Menſch mit ſeinen beſchränk⸗ ten Sinnen wahrnimmt, iſt die Hülle, das Kleid der wahren Natur. Nur wenigen Sterblichen iſt es durch fort⸗ geſetzte Anſtrengung und außerordentliche Glücksfälle ge⸗ lungen, ſie zu zwingen, daß ſie ſich ihnen in ihrer nackten Schönheit zeige, und dieſe Schönheit iſt eine ſo furchtbare und bewältigende, daß die meiſten Sterblichen bei ihrem Anblick den Tod davon haben würden. Dieſem Naturgeiſt, von dem die Menſchen einige unvollſtändige Kunde erhal⸗ ten haben, geben ſie verſchiedene Namen, bald nennen ſie Der deutſche Kaiſer. 119 ihn Gott, wenn er ſich ihnen günſtig beweiſt, bald Teufel, wenn er ſich ihnen verderblich zeigt; ſie geben ihm Engel und Heilige bei und wieder Elementar- und verdammte Geiſter; aber ich ſag' Euch: er iſt immer der Eine, Ewige in ſeinen verſchiedenen Wandlungen. Nur dem wahrhaft nach Erkenntniß dürſtenden Geiſte enthüllt er ſich auf einen Augenblick, und dem unabläſſig fordernden gibt er einen Strahl ſeiner Kraft. Ein ſolcher Strahl iſt in meine Seele gefallen.“ Den Kardinal überlief ein leiſer Schauder. „Ihr wißt, um was es ſich jetzt handelt,“ ſagte er etwas unſicher.„Der heiligen Mutter Kirche erſtehen in dieſem verwirrten deutſchen Reiche trotzige und boshafte Feinde. Wir, die treuen Diener der Kirche, müſſen ver⸗ hüten, daß die ſchmeichleriſchen Irrlehren dieſer frechen Menſchen nicht im Volke Platz greifen. Wir müſſen die großen Maſſen an St. Peters Stuhl feſſeln, und keine Arbeit darf uns verdrießen, um das Werk der Frechheit unſchädlich zu machen. Ihr ſeid ein Mann, der uns dabei unterſtützen kann, wie kein Andrer, ihr ſeid gleichſam ein auserwähltes Werkzeug der Kirche Chriſti.“ Fauſt lächelte zu dieſer pathetiſchen Rede ſpöttiſch. „Spart Eure Worte. Ich leſe in Eurer Seele. Ihr denkt über dieſe Dinge, wie der Papſt denkt, und wie ich denke. Es kommt auch nicht auf Ueberzeugungen an; denn die Wahrheit erkennt doch Keiner weder von Eurer, noch von der Gegenpartei, weder Einer von denen, die Der deutſche Kaiſer. es ernſtlich meinen, noch von denen, die falſch ſpielen. Sie nagen Alle an der Schale, und Keiner hat den Kern gefaßt, wenn es auch Mancher wähnt. Der Kern iſt nicht für die Menſchen. Ihr könnt alſo offen mit nir reden. Es handelt ſich um die Macht, welche die Kirche auf die kleinen menſchlichen Geiſter ausübt; es handelt ſich um die Schätze, die ſie aus den Beuteln dieſer kleinen Geiſter zieht. Der Gott, den die Kirche gemacht und für den einzig wahren ausgibt, und Chriſtus, der Sohn dieſes Gottes, ſie ſind nicht mehr und nicht weniger, als was Saturn und ſein Sohn Jupiter waren. Der Mahomed der Türken iſt etwas beſcheidner; er gibt ſich nur für einen Propheten dieſes Gottes aus. Der Jehovah und die Elohim der Juden waren deſſelben Schlags. Die alten Aegypter und die Perſer hatten wieder andre Götter, die Indier haben ſie noch. Lauter Menſchengebild, lauter Schalen. Der Menſch iſt geſchaffen, um in Nacht über die Erde zu wandeln. Was er für Licht des Geiſtes hält, iſt ein trügeriſcher Schein.— Ihr wollt meine Dienſte zum Beſten der Macht der Kirche, des Papſtes. So laßt uns feſtſtellen, welchen Theil Ihr mir an den zu erobern⸗ den Schätzen zugeſteht.“ „Dies wird ſich nach Euerer Leiſtung beſtimmen. Ich wünſche, daß Ihr hier ſchon eine Probe Euerer Kunſt ablegt. Von welcher Art dieſe ſei, ſollt Ihr heute noch erfahren.“ Der Zauberer verabſchiedete ſich. Der deutſche Kaiſer. 121 Am andern Morgen entſtand ein großes Geſchrei in und um die neue Kirche. Mehr als hundert Menſchen, welche früh zuerſt vor der„ſchönen Maria“ gebetet hat⸗ ten, erzählten mit höchſter Eraltation, daß das Bild plötz⸗ lich die Arme ſegnend ausgebreitet und ſich gegen die Beter verneigt habe. Alle Kranken waren davon geſund worden. Alles ſchrie Wunder, und der Zudrang war an dieſem Tage furchtbar. An dem Wunder konnte nicht gezweifelt werden; denn jeder Einzelne von der großen Menſchenzahl, die es geſehen, erzählte es auf gleiche Weiſe. Aber die Aufregung der Menge wurde an demſelben Tage noch höher geſteigert. Es verbreitete ſich nämlich das Gerücht, die heilige Mutter Gottes ſei ſelbſt vom Himmel herab nach Regensburg gekommen und in der Kirche durch die Menge wandelnd geſehen worden. Andre wollten ſie auf der Straße erblickt haben. Alles was ein menſch⸗ liches Antlitz trug, drängte nach der Kirche; ein allge⸗ meines Umfallen fand ſtatt; ein Jubelſchreien, Singen und Beten erſchallte durch die Lüfte, und die begeiſterte Menge geberdete ſich dabei, als ſei ſie wahnſinnig geworden. In dieſen Menſchenhaufen trat Ulrich von Hutten mit Frau Eleonore van der Voort. Sie war in ein ſchlichtes graues Gewand gehüllt, ein Schleier verdeckte ihre nar⸗ bigen Geſichtszüge. Sie waren eben von Augsburg an⸗ gekommen. Mit ſtaunender Entrüſtung ſahen ſie in das tolle Gewirr und hörten den Bericht des Wunders. „Kommt!“ flüſterte Eleonore ihrem Begleiter zu. 122 Der deutſche Kaiſer. „Es iſt Alles verloren. Nie wird die geknechtete Menſch⸗ heit frei. Mit dem Schrei der Verzweiflung windet ſie ſich einen Augenblick in den ihr angeſchmiedeten Feſſeln, um ſich im nächſten, vom Wahnſinn angeſteckt, den dieſe Pfaffen in der Luft verbreiten, mit vollem Jubel in noch engere und ſchmählichere Bande zu ſtürzen. Mir ekelt vor dieſen Menſchen.“ „Und doch muß das Licht ſiegen,“ verſetzte der Ritter. „Gott hat das Licht geſchaffen, daß es ſiege. Wie mich auch der Trug der Hölle umbrauſt, ich fühle mich nur um ſo mächtiger zum Kampf gegen ſie angetrieben.“ „Ihr habt recht, hier iſt die Hölle los. Laßt uns das unglückliche Kind aufſuchen, das ihr trügeriſcher Glanz verblendet hat, und verſuchen wir, ob wir es aus ihren Netzen befreien können.“ „O Deutſchland, mein Vaterland, wann wird dir der Tag der Freiheit aufgehen! Wann wirſt du erkennen, daß Pfaffenlug und Fürſtentrug Hand in Hand gehen und dich hohnlachend niederwerfen, um dir das Mark aus den Knochen zu ſaugen!“ So rief der edle Ritter empört und ſuchte mit ſeiner Begleiterin Martha's Her⸗ berge auf. Sie fanden den Doctor Fauſt und Antonio Cebes, beide koſtbar gekleidet und mit goldnen Ketten behangen, bei ihr. Doch entfernten ſie ſich bald. Draußen flüſterte Fauſt ſeinem Begleiter zu:„Dieſe ſchöne Maria von Regensburg ſoll der Preis ſein, den mir die gute Mutter Kirche für meine Dienſte zahlt.“—„Um dieſen Der deutſche Kaiſer. 123 Handel braucht die Mutter gar nicht zu wiſſen,“ grinſte der Zigeuner.„Er kann hinter ihrem Rücken abgemacht werden. Ich weiß aus guter Quelle, was dieſe Heilige erſtrebt, und es wird Euch nicht ſchwer werden, ihre Wünſche zu erfüllen.“ Die beiden Schweſtern ſtanden einander gegenüber. „Martha,“ begann Elevnore, indem ſie den ſtrengen Ton ihrer Stimme zu mildern ſuchte,„es iſt Dein Wunſch geweſen, daß ich hierher komme. Was haſt Du für ein Anliegen an mich?“ „Ich weiß, Du zürnſt mir, und Du haſt Urſache dazu,“ verſetzte die Jüngere mit heuchleriſcher Schlauheit.„Ich möchte Deinen Zorn beſchwichtigen, Deine Liebe wieder gewinnen. Nur mit Dir ausgeſöhnt, wollte ich Augs⸗ burg und Deine Wohnung betreten. Deshalb ließ ich Dich bitten, mit mir hier zuſammen zu treffen.“ „Biſt Du hierhergereiſt, um an meiner Hand als eine reuige Magdalena nach Augsburg zu wandern, dann ſei dieſe Stunde geſegnet.“ „Eleonore, beurtheile mich nicht zu hart. Du biſt jung geweſen, wie ich es bin. Dein Herz hat an Glanz und Reichthum gehangen, auch das meinige hängt daran. Du haſt heiß geliebt, Du biſt geliebt worden von einem ſchönen ſtolzen fürſtlichen Manne. Ich bin in demſelben Falle. Iſt es nicht das ſüßeſte Glück auf Erden, die angebetete Herrin eines ſolchen Mannes zu ſein? Darum ſei nicht zu ſtreng gegen mich!“ 124 Der deutſche Kaiſer. „Armes Kind, ich will nicht ungerecht gegen Dich ſein; denn Du haſt mich an meine eignen Fehltritte erin⸗ nert. Und ich war vor den Augen der Welt ſtrafbarer,— als Du es biſt. Nicht ſo vor Gott und meinem Herzen. Denn ich liebte den Mann, der mir ſeine Liebe entgegen trug. Martha, Du biſt dem Markgrafen Johann gefolgt; liebteſt Du ihn? Der Markgraf überließ Dich ſeinem Bruder; liebſt Du dieſen? Ich ſehe aus dieſem ſchmach⸗ vollen Wechſel nichts als Eitelkeit und Glanzſucht. Wehe Dir, wenn Dein Herz nicht bei dieſen ſträflichen Verbin⸗ dungen iſt, wenn vielleicht gar in ihm verſteckt die Liebe zu einem andern Manne ſchlummern ſollte!“ Martha wechſelte einen Augenblick die Farbe; ihr Auge ſtreifte flüchtig über den Ritter, der ſchweigend in einer Fenſterniſche lehnte; doch Elevnoren war dieſer Blick nicht entgangen, und ſie hatte ihn ſogleich verſtanden. ₰ „Martha,“ fuhr ſie im geſteigerten Tone fort,„Du biſt auf dem Wege in Dein Verderben. Nur noch wenige Schritte, und Du biſt verloren. Lenke ab von der ver⸗ lockenden Straße. Ich beſchwöre Dich bei dem Andenken an den blinden Greis, der unſer Vater war. Sieh, ich habe ihn ſchwer gekränkt; vermehre meine Schuld nicht. Verſöhne mit mir ſeinen Schatten. Folge mir nach Augsburg! Reiße Dich los von dem trügeriſchen Glanze, ver dich gefangen hält. Wohne bei mir; ich will für Dich arbeiten. Oder tritt in ein Kloſter der Büßerinnen.“ „Eleonore, das kann dein Ernſt nicht ſein! Du haſt Der deutſche Kaiſer. 125 eine Gewiſſensftage an mich gerichtet und mir dadurch das Recht eingeräumt, eine gleiche an Dich zu ſtellen. Iſt Dein Herz abgeſtorben für den Glanz und die Genüſſe des Reichthums, wie ſie ſich Dir einſt in ſo reicher Fülle dargeboten? Würdeſt Du ſie verſchmähen, wenn ſie ſich Dir wieder darböten? Warum biſt Du nicht in ein Magdalenenkloſter getreten? Warum trittſt Du nicht noch hinein?“ Eleonore verſtummte. Sie war getroffen von dieſen unerwarteten Fragen. „Dein Herz iſt voll unverſöhnlichen Grolls gegen die Hohen und Mächtigen, die Dich in Schmach und Elend verlaſſen haben,“ fuhr Martha fort.„Du haſt mir ja dieſen Groll genug gepredigt. Aber Du hatteſt das Leben noſſen, ich fühlte den unwiderſtehlichen Drang, es auch u genießen. Du würdeſt jeden Augenblick zu Glanz und Macht zurückkehren, wenn ſich Dir Gelegenheit dazu böte, um den glühenden Durſt Deiner Seele zu befriedigen. Du haſſeſt dieſe Pfaffen; ich verachte ſie. Du biſt ſtolz, ich bin es nicht minder. Aber ich halte den für den Klügſten, der Menſchen und Verhältniſſe, wie ſie ſich ihm darbieten, zum Aufbau ſeines eignen Glückes benutzt. Nach dieſem Grundſatz handle ich— Du ſiehſt, ich bin ganz offen— würdeſt Du in meiner Lage anders han⸗ deln? Würdeſt Du ohne Weiteres einer glänzenden Lauf⸗ bahn den Rücken kehren, um in Armuth und Dunkelheit zu vegetiren? Wärſt Du die reiche angeſehene Frau Peters 126 Der deutſche Kaiſer. van der Kapellen geblieben, ſo würdeſt Du mir das Glück bereitet haben, welches mir Bedürfniß iſt wie Dir. Was haſt Du mir jetzt zu bieten?“ „Ich ſehe daß meine Erfahrungen Dir nicht nützen. Du wirſt eben ſo ſchmerzliche, vielleicht noch ſchmerzlichere machen müſſen.“ „Nein, Eleonore. Nicht nur mich will ich heben und feſtſtellen auf der errungenen Höhe; auch Dich will ich wieder in eine Lage bringen, die Deinem Geiſte würdig, die ihm Bedürfniß iſt. Du biſt für dieſe dunkle und reizloſe Armuth ſo wenig geboren, wie ich. Nicht in der Hütte Jakob Fugger's ſollſt Du wohnen; nein, Du ſollſt ihm wieder gleich geſtellt ſein, wie Du es einſt in Ant⸗ werpen warſt. Gehe mit mir nach Mainz. Der edle Ritter von Hutten iſt Dein Freund, wie er der meinige iſt. Er iſt auch der Freund des Kurfürſten. Und de Kurfürſt iſt ein wahrhaft trefflicher und edler Mann. Er wird Dich willkommen heißen an ſeinem glänzenden Hofe. Er läßt Dich durch mich einladen. Er wird Dir dieſe Einladung in Augsburg ſelbſt wiederholen. Die reizend⸗ ſten Genüſſe der Kunſt, nach denen Deine große ſtolze Seele ſchmachtet, winken Dir dort. Folge mir nach Mainz!“ „Nimmermehr!“ rief Eleonore, aber ſie rief es in einem ſo ſchmerzlichen Tone, daß die beiden Zuhörer varaus erkannten, daß der wunde Fleck ihrer Seele getrof⸗ fen war, und daß Wünſche und Hoffnungen dort erwachten, die ſie ſelbſt vielleicht für todt gehalten hatte. Der deutſche Kaiſer. 127 „Du wirſt geehrt ſein von vornehmen und edeln Männern und Frauen, und Deine Kunſt wird Dich hoch unter ihnen ſtellen,“ fuhr Martha nur um ſo eifriger fort.„Der Kurfürſt beſitzt durch Raimund Fugger ſchon einige Bilder von Deiner Meiſterhand; es verlangt ihn, die Künſtlerin nicht allein mit Gold zu belohnen. Er wird alle Wunden heilen, welche Dir ein widriges Schickſal geſchlagen—“ „Kann er auch dieſe Narben aus meinem Antlitz tilgen, die unauslöſchliche Schrift meiner Schmach?“ ſchrie Elevnore plötzlich in heftiger ausbrechender Leidenſchaft. „Du ſelbſt beſitzeſt ein Mittel, dieſe Narben zu Ehren⸗ zeichen für Dich umzuwandeln,“ entgegnete Martha mit ſchlauer Wendung.„Niemand hält es für eine Schande Geliebte eines edeln Fürſten zu ſein. Wer ſchmäht n die Frauen, welche Kaiſer Marximilian liebte, oder erden ſie deshalb getadelt, daß dieſe Liebe Früchte getra⸗ gen hat? Fürſtenliebe entſchuldigt Jeder.— Dieſe Narben könnten die Stufen Deines neuen Glücks werden, wenn Du es nicht eigenſinnig von Dir ſtießeſt.“ „Was meinſt Du damit?“ fragte Elevnore ver⸗ wundert. „Du weißt jedenfalls, wo der Knabe Martin ſich jetzt befindet, der auf dem Haſenhofe in der Grafſchaft Burgau erzogen wurde und vor mehren Jahren von dort entwich.“ „Was weißt Du von einem ſolchen Knaben?“ fragte Frau van der Voort beſtürzt. 128 Der deutſche Kaiſer. „Ich weiß nichts weiter von ihm. Von Dir aber möchte ich erfahren, wo er iſt—“ „Auch ich weiß nichts von ihm.— Ritter, gebt mir Euern Arm und geleitet mich in unſre Herberge.“ Sie war todtenblaß und einer Ohnmacht nah. „Eleonore, ſcheide nicht ſo von mir!“ „In Augsburg wirſt Du nicht allein im Kloſter eine Schweſter finden. Auch ich werde es nie vergeſſen, daß eine Mutter uns geboren, und wenn die Täuſchungen über Dich kommen, wie ich ſie voraus ſehe, ich werde gern meinen letzten Biſſen mit Dir theilen.“ Von Gefühlen, wie ſie ihr lange fremd geweſen, auf das Heftigſte beſtürmt, verließ Eleonore an des Ritters Seite das Haus. Draußen ſtand ein Haufe gemeinen Volks, das ſprach untereinander:„Da drinnen w die heilige Jungfrau Maria, die Mutter Gottes, die v Himmel herabgekommen iſt.“ Eleonore lachte bitter, und der Ritter murmelte einen kräftigen Fluch durch die Zähne. Elftes Rapitel. In Augsburg war ein glänzender Feſttag, der erſte Tag des Auguſtmonats, und der Kardinal⸗Legat feierte heute ſeinen Triumph. Cajetan hatte weitläufige und koſtſpie⸗ lige Vorkehrungen getroffen, um ſo prächtig als möglich bei der Ceremonie aufzutreten, die ihm der Papſt über⸗ en hatte. Sie beſtand aus zwei Hauptmomenten, dem tiſer im Namen des Papſtes den von demſelben geweih⸗ ten Hut und Degen zu überreichen, bekanntlich die höchſten Zeichen der päpſtlichen Huld und Gnade, und dem Kur⸗ fürſten von Mainz den Kardinalshut aufzuſetzen. Doch war das Letztere das Wichtigere. Von der Unentſchieden⸗ [* heit des alternden Kaiſers hatte man in Rom nichts zu fürchten; der Kardinal brauchte ihm nur Hoffnung zu machen auf die Unterſtützung des Papſtes bezüglich der Erwählung des Königs von Spanien zum deutſchen Könige und ſeine Phantaſie hinſichtlich des Türkenkriegs anzuregen, . und der Kaiſer war zum unwilligen Erſtaunen Deutſchlands gewonnen. Aber die junge Kraft des Kurfürſten Albrecht Ein deutſcher Leinweber. Vl. 9 130 Der deutſche Kaiſer. konnte Rom ſehr gefährlich werden. Schon waren unter den Gelehrten und Künſtlern, die mit dem mainzer Hofe in Verbindung ſtanden, kecke Stimmen laut geworden: die deutſche Kirche müſſe eine ſelbſtſtändige, von Rom unabhängige werden, man müſſe einen deutſchen Papſt erwählen, und Ulrich von Hutten, der dieſen Ton zuerſt angeſchlagen, hatte geradezu den Kurfürſten von Mainz als das künftige Oberhaupt der deutſchen Kirche bezeichnet. Dieſe kühnen Worte waren bis nach Rom gedrungen, und bei der allgemeinen Stimmung in Deutſchland lag ihre Verwirklichung nicht im Reiche der Unmöglichkeit. Es galt alſo, den jungen Kirchenfürſten, der ſo leicht gefähr⸗ lich werden konnte, feſter an das römiſche Intereſſe zu binden und ihn auf jegliche Weiſe den Humaniſten entfremden. Alle Mittel der Schmeichelei, der Bevorzugu der Heuchelei, des feinen Betrugs und der Täuſchung an denen es Rom niemals hat fehlen laſſen, um zu ſeinem Zwecke zu gelangen, wurden in Anwendung gebracht, um den Kurfürſten von den Männern loszureißen, die bisher ſein ausſchließlicher Umgang geweſen waren, und ſie von ſeinem Hofe zu verſcheuchen. Dies war um ſo ſchwieriger, da ja der Papſt die Humanitätswiſſenſchaften ebenfalls glänzend begünſtigte und die gelehrten Pfleger derſelben an ſeinen Hof zog. Was er ſelbſt that, mußte dem Kur⸗ fürſten verleidet werden; denn nur die deutſchen Männer der Wiſſenſchaft waren gefährlich. Schon hatte der Kar⸗ dinal begonnen, Martha Bry durch glänzende Verſpre⸗ Der deutſche Kaiſer. 131 chungen für dieſen Plan zu gewinnen doch ſtand ihm ihre Neigung zu dem gefährlichſten Gegner deſſelben, zu Ulrich von Hutten, die ihm, wie Alles, was am mainzer Hofe vorging, hinterbracht worden war, entgegen; aber Cajetan warf den verwegenen Gedanken auf, den kühnen deutſchen Ritter durch Martha für Rom zu bekehren, zum Beweis, wie viel Rom ſchon durch Weiber geglückt, wie das Unmöglichſcheinende durch die Sirenenſtimme der Wolluſt erreicht worden war. Der Kardinalshut, den Cajetan für den Kurfürſten mitgebracht, war das äußere Zeichen der päpſtlichen Huld, das allem Volk verkünden ſollte, in wie hoher Gunſt der Kurfürſt beim heiligen Vater ſtehe; die Briefe des Papſtes Albrecht und deſſen Bruder Jvachim floſſen über von uld und Segen; aber ſie deuteten auch an, was der Papſt zum Heile der Kirche verlange. Der ſchwache, weich⸗ liche Albrecht war geſchmeichelt; ſein Bruder nicht minder, und Martha ſtand bereits im Solde Roms. Sie hatte ihre Schweſter, ſie hatte den edeln Hutten getäuſcht. Cajetan hielt ein feierliches Hochamt im Dome mit unerhörtem Gepränge. Solch prachtvolles kirchliches Schau⸗ ſpiel war in der alten Reichsſtadt noch nicht geſehen wor⸗ den. Alle weltlichen und geiſtlichen Fürſten des Reichs waren auf ſeine Einladung erſchienen und ſaßen im höch⸗ ſten Schmuck im Chor der Kirche um den Kaiſer; die Geſandten der fremden Mächte und die Abgeordneten der Städte gegenüber. Der Biſchof von Augsburg mit dem 132 Der deutſche Kaiſer. ganzen Kapitel knieten zu den Seiten des Sochaltars und bedienten den Kardinal. Die Kirche war überfüllt von Menſchen; Hunderte ſtanden noch vor den geöffneten Thüren. Nach dem Hochamte wurde der Kurfürſt Albrecht von den Biſchöfen von Augsburg und Würzburg zu dem Altar geführt und ſenkte das Knie vor dem päpſtlichen Legaten, der eine lateiniſche Rede an ihn hielt, worin er ihn eine ſtarke lebendige Säule der Kirche nannte und ihn nicht ohne Beziehung ermahnte, nicht zu wanken im Dienſt der heiligen Kirche und ſelbſt den Schein des Wankens zu vermeiden. Dann verlas er das päpſtliche Breve an den Kurfürſten, worin derſelbe zum Kardinal ernannt wurde, und ſetzte demſelben, während die Prieſterſchaft das „Komm heiliger Geiſt ꝛc.“ ſang, den Kardinalshut auf. Als der Kurfürſt zu ſeinem Sitze zurückgekehrt war, ſchr der Legat in der Mitte der Kleriker, welche den Hut und den Degen trugen, auf den Kaiſer zu, haranguirte denſelben 5 im Namen des Papſtes und überreichte die Geſchenke. In ſeiner aus ſchwülſtigen Phraſen zuſammengeſetzten Rede ermahnte er den Kaiſer, gegen den Erbfeind, der nach dem Blute der Chriſtenheit lechze, mit ſeinen bewaffneten Heerſchaaren auszuziehen und ihn zu vernichten. Mit großem Nachdruck erinnerte er ihn, daß dies der Tag ſei, an welchem Auguſtus einſt durch den Sieg bei Actium die Herrſchaft der Welt gewonnen habe; aber dieſer Tag ſei auch dem St. Peter heilig. Für den Kaiſer möge der wichtige Tag die Bedeutung haben, daß er Conſtan⸗ Der deutſche Kaiſer. 133 tinopel und Jeruſalem erobere und das Reich wie die Kirche bis ans Ende der Welt ausbreite. Der Kaiſer dankte in wohlgeſetzter Rede, ſteckte den Degen an, mit welchem er die Türken zu bekämpfen verſprach, und ließ ſich von ſeinem Oberkammerherrn den Hut aufſetzen. Die verſammelte Menge ſtimmte einen Lobgeſang an. Unter den Zuſchauern befanden ſich viele, welche dieſe Feierlichkeit mit ſehr gemiſchten Gefühlen betrachteten. Konrad Peutinger, Willibald Pirkheimer und Albrecht Dürer ſtanden zuſammen, voll ſchlimmer Ahnung, daß dieſe von Rom gekommenen beiden Hüte Symbole neuer Knechtſchaft ſein möchten, wie einſt der öſtreichiſche Hut in der Schweiz. Am lauteſten machte ſich der Unwille des nürnberger Malers Luft, der nach Augsburg gekom⸗ war, um den Kaiſer noch einmal zu malen. An einer andern Stelle ſtanden Ulrich von Hutten und Franz von Sickingen beiſammen. Auch ſie waren ſich klar bewußt, was die römiſchen Hüte zu bedeuten hatten, Kopfbedeckungen für den jungen deutſchen Geiſt, Dämpfer und Erſticker der hellen Geiſtesflammen, welche aus Deutſch⸗ lands Haupte aufzulodern begonnen hatten. Unter den jungen Frauen und Töchtern des Fug⸗ ger'ſchen Hauſes erblickte man Martha Bry in dem reich verzierten Stande der Fugger in der Kirche; ſie labte ihr eitles Herz an dem Gepränge, mit welchem ihr fürſtlicher Freund den rothen Hut erhielt ſie fühlte im Geiſte ſchon auf ihrem eignen Haupte eine Grafenkrone, als einen Ab⸗ erinnerte ſich dagegen Martha, daß ſie noch eine zweite 134 Der deutſche Kaiſer. leger des Kurdinalsyuls Die hoffärthige Buhlerin des mainzer Kurfürſten wohnte geehrt und gefeiert, wie eine Fürſtin, bei Raimund Fugger; es war der Liſtigen geglückt, in der öden Bruſt ihrer Schweſter Eleonore neue Hoff⸗ nungen und Wünſche zu erwecken; ſie hatte die heftige leidenſchaftliche Frau mit ſich ſelbſt uneins gemacht und ſich dadurch ſicher vor ihr geſtellt. Eleonore war vom Kurfürſten äußerſt gnädig empfangen und nach Mainz ein⸗ geladen worden; ihr Zorn war, wenn auch nicht vertilgt, doch entwaffnet. Er machte eine Ausnahme und unter⸗ handelte mit ſich ſelbſt. Die bockende Fernſicht, welche Martha ihr eröffnet, ließ ſie an die ſüßen ſchmeichleriſchen Worte derſelben glauben, und ſie war nun ſelbſt in Ver⸗ zweiflung, daß ſie keine Kunde von dem verlornen und nun ſo ſehr begehrten Knaben ertheilen konnte. Ka Schweſter in Augsburg leben habe, und ihr fröhlicher Sinn vermochte ihren leichten Fuß nicht über die Schwelle des Dominikanerkloſters zu zwingen, in welchem die fromme Barbara ihr ſtilles Leben abſpann. Die ſpätern Nachmittagſtunden des Feſttages füllte eine Kunſtvorſtellung des Doctor Fauſt im großen Tanzhauſe aus. Er hatte den Kaiſer und alle Reichsfürſten einge⸗ laden. Alle vornehmen Männer und Frauen, welche Augsburgs Mauern jetzt umfingen, waren zugegen, ein glänzender Flor. Der berühmte Künſtler nebſt ſeinem Gefährten ſchienen ſich um zwanzig Jahre verjüngt zu Der deutſche Kaiſer. 135 haben. Sie waren in reicher Kleidung chaldäiſcher Zau⸗ berer, und die, ob den außerordentlichen und, wie es ſchien, nur mit Hülfe übernatürlicher Weſen ausgeführten Schauſtücke erſtaunten Zuſchauer flüſterten ſich einander zu, der Gefährte und Gehülfe des Schwarzkünſtlers ſei ein hölliſcher Geiſt, einer von den kleinen Teufeln, und nur durch die Macht deſſelben ſei Fauſt zu ſolchen Dingen geſchickt. Niemand war geneigter dies zu glauben, als der Kaiſer und Jakob Fugger, welche in dem Höllen⸗ prinzen mit einigem Schaudern den räthſelhaften Menſchen wieder erkannten, der ihnen ſchon oft und in ſo ſehr ver⸗ ſchiedenen Eigenſchaften entgegen getreten war. Während die von Erſtaunen, in welches ſich ein leiſes Grauſen miſchte, ergriffenen Zuſchauer noch mit Gedanken an Hölle nd Teufel beſchäftigt waren, erſchien, auf Fauſt's Wink mit dem Zauberſtabe, eine dichte Wolke, welche ſich all⸗ mälig roſenroth färbte. Ein zweiter Wink des Zauberers, und die Wolke theilte ſich voneinander; man ſah das Innere der neuen Mariakirche zu Regensburg mit dem Altar, auf welchem das ſo ſchnell berühmt gewordene Muttergottesbild leuchtete. Am Altar knieten der Apoſtel Petrus und der Papſt Leo anbetend. Maria reichte dem Apoſtel eine Roſe, dem Papſt eine Schwertlilie. Im Nu war der Altar in das verkleinerte Bild der damals im Bau begriffenen St. Peterskirche in Rom verwandelt. Der heilige Petrus pflanzte die Roſe in die Kirche, der Papſt die Lilie davor. Die Blumen wuchſen mit der . 136 Der deutſche Kaiſer. Kirche, und ein ſüßer Engelsgeſang ließ das Ave Maria ſanft ertönen. Bald hatte die Roſe alle Räume der Kirche erfüllt und eine Menge Blüthen getrieben. Die Lilie aber trieb nur Blätter, welche wie ſcharfe Schwerter die Kirche umſtarrten. Ein grimmer Eber mit mächtigen Hauern ſtürmte heran und rannte an die Kirche, gleichſam als wolle er ſie umſtürzen, die Lilie ſtreckte ihm ihre Schwerter entgegen, aus den Roſen ſchlugen Flammen empor, die nach dem wüthenden Unthier züngelten; aus dem Portale der Kirche trat das Lamm Gottes mit dem Siegespanier, ſtreckte damit den Eber nieder und kehrte in den Tempel zurück. Aus dem Gipfel der Roſe war unterdeß die päpſt⸗ liche Tiare, aus dem der Lilie die deutſche Kaiſerkrone emporgewachſen und beide vereinte ein Roſenkranz. Die Wolke ſchloß ſich wieder über dem Gebild, und gleich darauf war auch ſie verſchwunden. Vor dem Kaiſer aber lagen auf einem ſeidnen Kiſſen eine Roſe und eine Lilie, Niemand wußte, wie ſie dahin gekommen waren. Ver⸗ wundert griff er danach, aber er hielt ein Crucifir und einen Dolch in der Hand. In demſelben Augenblick gewahrte Martha Bry einen Roſenkranz auf ihrem Schooſe.— Jedermann verſtand die Deutung dieſer wunderbaren Bilder, und die Kirchenfürſten und Prälaten behaupteten, der⸗ gleichen könne nicht mit des Teufels Hülfe hervorgebracht werden. Der Kaiſer ließ den Doctor Fauſt zu ſich ent⸗ bieten; er wünſchte von dem außerordentlichen Manne etwas Beſtimmtes über die Dauer ſeines Lebens zu erfahren. Der deutſche Kaiſer. 137 Martha Bry aber fühlte ſich über die ihr zu Theil gewordne Auszeichnung ſehr geſchmeichelt. Auch ſie hatte ein heimliches Anliegen an den Schwarzkünſtler und ließ ihn durch ihre Zofe zu einer Zuſammenkunft einladen. Trotz dieſer und andrer Künſte und Ränke fand der Kardinal Cajetan einen hartnäckigen Widerſtand bei den Ständen in Bezug auf den beantragten Türkenkrieg. Nie⸗ mand glaubte daran, daß es dem Papſt Ernſt damit ſei, und ſo ſehr auch der Kaiſer ſich kümmerte, daß ſeine alte Lieblingsidee, die ihm der Papſt jetzt ſo freundlich entgegen brachte, ſo wenig unter den Fürſten Anklang fand, man ſpottete ſogar öffentlich über die florentiniſchen Künſte, die da Türken an die Wand zauberten, wie Doetor Fauſt, um den Deutſchen ihr Geld aus den Taſchen zu zaubern eben ſo, wie der berühmte Schwarzkünſtler. Man nannte den Papſt den römiſchen Fauſt; man nannte ſie beide die Brüder Hexenmeiſter. Laut ſprach man es aus in den Reichstagsverſammlungen, in den Schenken und Herbergen, auf den Straßen: die Türken, welche die Deutſchen mit aller Macht zu bekämpfen haben, ſeien in Italien daheim. Dazu müſſe man aber das Geld fein behal⸗ ten. Die Deutſchen wären lang genug ſchwer von Begriffen geweſen und hätten die römiſchen Lügen geglaubt. um ſich das ewige Heil vom Papſte zu erwerben, hätten ſie ihm ihr irdiſches hingegeben, und er habe es in Saus und Braus verpraßt. Aber man ſei der Finten und Fineſſen müde. Der Papſt könne keinem Menſchen zur 138 Der deutſche Kaiſer. Seligkeit verhelfen; das könne nur der Glaube an das erlöſende Blut Chriſti. Wie die Ablaßgelder nicht zum Bau der St. Peterskirche, ſondern medieeiſcher Luſt⸗ ſchlöſſer verwendet würden, ſo ſei auch die Türkenſteuer nur zur Befriedigung römiſcher Wollüſte beſtimmt. Der Kaiſer aber ſage Ja und Amen dazu, um dadurch zu der lang begehrten Reichsſteuer zu gelangen. Es handle ſich bei Papſt und Kaiſer um nichts weiter, als die leeren Kaſſen zu füllen. Es erſchienen Schriften, in welchen das päpſt⸗ liche Anſinnen lächerlich gemacht wurde, und obgleich Ulrich von Hutten, auf deſſen Stimme man viel gab, in einer meiſterhaften Rede die deutſchen Fürſten ermahnte, gegen die immer drohender anwachſende Macht der Ungläubigen im Oſten zu Felde zu ziehen, ſo warnte er doch nach⸗ vrücklich, nicht das Geld dazu erſt nach Rom zu ſchicken, wo es verpraßt werde. So kam es denn, daß die Stände die Türkenſteuer entſchieden ablehnten. In dem kläglichen Zuſtande, in welchen das Reich während der letzten Jahre durch Krieg, Theurung und Aufruhr gerathen, werde ſich eine ſo be⸗ deutende Auflage gar nicht eintreiben laſſen. Ueberdies beklage ſich der gemeine Mann ſchon über all das Geld, das aus dem Reiche ohne Nutzen für daſſelbe weggehe. Schon oft habe man durch Eruciat und Indulgenz zu einem Türkenkriege beigeſteuert, aber noch niemals erfahren, daß irgend etwas gegen die Türken geſchehen ſei. So friſch von der Leber hatten die deutſchen Stände noch nicht Der deutſche Kaiſer. 139 zum Papſte geſprochen, und da nun einmal das Siegel ihres Mundes gelöſt war, ſo beſchwerten ſie ſich bitter über alle Uebelſtände und Plackereien, die Deutſchland von Rom aus aufgebürdet wurden. Es war ein langes Sün⸗ denregiſter, das ſie dem beſtürzten Kardinal-Legaten vor⸗ hielten, und jedes Wort darin war ein Schwertſtreich gegen die päpſtlichen Erpreſſungen— Und um dieſer bis dahin unerhörten Anklage des endlich ganz und allgemein er⸗ wachten deutſchen Selbſtgefühls gegen die heuchleriſchen Anmaßungen des Papſtes die Krone aufzuſetzen, machte der Biſchof von Lüttich eine Eingabe an den Kaiſer und die Fürſten, worin er mit ſcharfer Feder alle Ungerech⸗ tigkeiten aufzählte, welche die deutſche Kirche von den römiſchen Curtiſanen erfahre. Dieſe ſtarken Jäger, Kinder MNimrod, ſagte er darin, gingen täglich auf die Jagd von Pfründen; Tag und Nacht ſännen ſie auf nichts, als die canoniſchen Wahlen zu zerſtören das deutſche Geld, ſonſt zu ſchwer für einen Atlas, fliege über die Alpen. Dieſe Schrift machte ungeheures Aufſehen; der Kaiſer ſah mit Schrecken, wohin es in Deutſchland gekommen war, und der ſchlaue Legat ahnete, daß die Glorie um die dreifache Krone in Deutſchland verſchwunden ſei, und daß kein Fauſt ſie wieder herbeizaubern könne. Um ſo größer, meinte er, müßten die Anſtrengungen ſein, und er nahm ſeine Maßregeln. Er ſuchte ſich mit dem mainzer Kurfürſten auf einen freundſchaftlichen Fuß zu ſetzen; ſie waren oft zuſammen in der Geſellſchaft des Kaiſers, ſie 140 Der deutſche Kaiſer. ritten zuſammen aus, und Kurfürſt Jvachim von Bran⸗ denburg war dann meiſt der Dritte. Aber auch mit Martha Bry hatte der Legat mehre geheime Unterredungen. Auf ihre thätige Hülfe rechnete er am meiſten, und er hatte dabei vorzüglich Ulrich von Hutten im Auge. Auch mit dem Doctor Fauſt verkehrte er viel. Die ganze römiſche Partei war im Stillen ſehr thätig. So ging auch ein Bote des Legaten nach Wittenberg mit dem Befehl an den Doector Luther ab, ſich in Augs⸗ burg zur Verantwortung zu ſtellen. Der Kaiſer war mit ſeinem Plane etwas glücklicher. Es iſt bekannt, daß Böhmen ſeine Kurrechte ſeit der Ab⸗ ſetzung des Königs Wenzel(1400) nicht ausübte, ſo daß nur ſechs Kurſtimmen beſtanden, drei geiſtliche und drei weltliche. Jene waren Mainz, Trier und Köln, dieſe Pfalz, Brandenburg und Sachſen. Noch vor Kurzem hatte Marimilian auf keine einzige Stimme für die Wahl ſeines Enkels zum römiſchen Könige rechnen können. Der König von Frankreich Franz ſchaute bereits nach der deutſchen Königskrone aus, da die Kunde von des Kaiſers Kränk⸗ lichkeit und die Prophezeihung ſeines baldigen Todes ſich allgemein verbreitet hatten. Die beiden Brüder Hohen⸗ zollern Jachim und Albrecht, im Beſitz der Kurſtimmen von Brandenburg und Mainz, hatten Urſach gehabt mit dem Kaiſer unzufrieden zu ſein, und waren auf die Unter⸗ handlungen mit dem franzöſiſchen König eingegangen, ja ſie hatten ihm bereits vorläufige Verſprechungen gemacht, Der deutſche Kaiſer. 141 und Ulrich von Hutten war von Albrecht in dieſer An⸗ gelegenheit nach Paris geſchickt worden. Die Stimme des Kurfürſten Hermann von Köln war aus mancherlei Urſachen mindeſtens ſehr zweifelhaft geweſen. Der Kurfürſt von der Pfalz war durch die Unbilden, die er im Erbfolge⸗ krieg vom Kaiſer erfahren hatte, deſſen offner Gegner. Der Kurfürſt Friedrich von Sachſen war zu vielfach gekränkt worden und ein zu feſter Charakter, als daß darauf zu rechnen geweſen wäre, er würde auf die Wünſche des Kaiſers eingehen. Und der Kurfürſt Richard von Trier, ein geborner Greifenklau, hatte von der kaiſerlichen Partei bei ſeiner Wahl allerlei Intriguen erfahren und ſich Sachſen angeſchloſſen. Durch den Kardinalshut, durch die Bil⸗ ligung des von Albrecht von Mainz getriebenen Ablaß⸗ handels, durch die Schmeicheleien des Papſtes und das feine Benehmen des Kardinals⸗Legaten Cajetan, durch das perſönliche Entgegenkommen des Kaiſers, das immer mit einem unwiderſtehlichen herzengewinnenden Zauber ver⸗ knüpft war, wurden die beiden Hohenzollern zuerſt gewon⸗ nen, und als Marimilian, auf Cajetans Betrieb, dem Kurfürſten Albrecht Hoffnung machte, daß Martha Bry zur Gräfin von Aſchaffenburg erhoben werden ſolle, durfte er mit Gewißheit auf die Stimmen von Mainz und Brandenburg rechnen. Der Kurfürſt von Köln wurde durch reiche Geld⸗ geſchenke, die Jakob Fugger herlieh, und durch Penſionen, die der Kaiſer ſeinen Brüdern und Verwandten verſprach, auf deſſen Seite gezogen. Um den grollenden ofälzer 142 Der deutſche Kaiſer. Kurfürſten auszuſöhnen und zu gewinnen, bediente ſich der Kaiſer des Pfalzgrafen Friedrich, Bruders des Kur⸗ fürſten. Seit nämlich der Minnehandel dieſes Fürſten, des einſtigen Genoſſen des Erzherzogs und Königs Philipp an allen Leichtfertigkeiten, mit der älteſten Prinzeſſin deſ⸗ ſelben, der ſtolzen Eleonore, jetzigen Königin von Por⸗ tugal, entdeckt worden war und ihm die Ungnade des Kaiſers, der Erzherzogin Statthalterin Margaretha und des Königs Karl zugezogen hatte, glaubte der gedemü⸗ thigte, an den Aufenthalt in der öſtreichiſchen Familie und das üppige Hofleben in den Niederlanden gewöhnte Pfalz⸗ graf nicht genug thun zu können, um den Kaiſer und deſſen Haus wieder gänzlich zu verſöhnen. Er bot daher allen Einfluß auf ſeinen Bruder, den Kurfürſten, auf, um deſſen Stimme für den König Karl zu gewinnen, und es gelang ihm. Um den Kurfürſten Friedrich von Sachſen herbei zu ziehen, wurden die Unterhandlungen mit ihm und ſeinem Bruder und Nachfolger, dem Herzog Johann, in Bezug auf eine Vermiühlung des Sohnes des Letztern, des Prinzen Johann Friedrich, künftigen Erbens der Kur, und der jungen Erzherzogin Katharina, Infantin von Spanien, der jüngſten Schweſter des Königs Karl und noch in Spanien, ihrem Geburtslande verweilend, eifrig betrieben. Sie führten während des Reichstags zu einer Verlobung. Allein der charakterfeſte Friedrich der Weiſe von Sachſen war damit noch keineswegs gewonnen, und Richard von Trier ſtand ihm treulich zur Seite. Dagegen Der deutſche Kaiſer. 143 war Böhmen in den Geſandten des jungen Königs Ludwig von Ungarn und Böhmen wieder herbei gezogen. Dieſer König war ja mit Maria, der Schweſter Karls vermählt, und ſeine Schweſter Anna ſtand im Begriff die Gemahlin des Erzherzogs Ferdinand zu werden. Böhmen ſprach alſo ſeine Billigung der Wahl Karls aus. So waren fünf Kurſtimmen für Marimilians Wunſch, und die beiden übrigen durfte er doch noch zu gewinnen hoffen; denn es ſtand zu erwarten, daß der alte Kurfürſt von Sachſen auf die Dauer den Bitten ſeines Bruders und Neffen und dem Einfluß der glänzenden Verbindung des Letztern mit dem öſtreichiſch⸗ ſpaniſchen Hauſe nicht werde widerſtehen kön— nen. Und mit der ſächſiſchen mußte die trier'ſche Stimme von ſelbſt kommen. Die tiefern Gründe der Abneigung Sachſens und Triers wurden natürlich nicht offen genannt; die äußern Einwendungen beſtanden aber vorzüglich in zwei Haupt⸗ punkten: eine päpſtliche Conſtitution verbiete ausdrücklich, daß die Krone des Königreichs Neapel, deren Beſitzer Karl von Spanien war, und die Krone des deutſchen Reichs jemals auf einem Haupte vereinigt werden dürften, und dannt es ſei gänzlich unſtatthaft, einem nicht gekrönten Kaiſer einen römiſchen König zur Seite zu ſetzen. Mari⸗ milian bot Alles auf, die äußern und innern Gründe zu beſeitigen. Jakob Fugger verkehrte oft mit ihm, und Veit Schellenberger trug den ſchweren Kaſten voll kremnitzer Dukaten mehr als einmal in die kaiſerliche Pfalz. Nie⸗ 144 Der deutſche Kaiſer. mals hatte ſich das Fugger'ſche Haus dem Kaiſer ſo treu ergeben bewährt, als an dieſem Reichstage. Mit dem Legaten verhandelte der Kaiſer eben ſo eifrig, und mehr als ein Bote ging aus der Canzlei des Erſtern nach Rom. Marimilian verlangte von Leo die unverzügliche Aufhebung jener beſchränkenden Conſtitution in Bezug auf die nea⸗ politaniſche Krone; dann bat er um die Ueberſendung der Kaiſerkrone, die beiden Kardinäle Albrecht von Mainz und Julius Medicis ſollten ihn in Trient krönen, oder der Papſt ſolle ſelbſt zur Krönung dorthin kommen; denn eine Reiſe des Kaiſers nach Rom, um ſich dort krönen zu laſſen, war in den jetzigen Zeitverhältniſſen und vorzüglich wäh⸗ rend des Reichstags ganz unmöglich. Aber der päpſtliche Ceremonienmeiſter behauptete, die Kaiſerkrönung könne niemals außerhalb Rom ſtattfinden, d. h. der ſchlaue Lev hielt den Kaiſer durch dieſe Erklärung in Abhängigkeit von ſich und ſuchte dadurch jedes Auflehnen der Deutſchen gegen die päpſtliche Gewalt und jede reformatvriſche Be⸗ wegung in Deutſchland niederzuhalten. Maximilian verfiel endlich ſogar auf einen abenteuerlichen Plan, der freilich an ihm, dem romantiſchen Schwärmer, nicht ſehr befrem⸗ den durfte. Er dachte nämlich daran abzudanken und den Reſt ſeiner Tage in Neapel zuzubringen. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß er damit meinte, ſein Enkel Karl ſolle ihm dieſes Königreich gegen die deutſche Krone auf Lebens⸗ zeit überlaſſen Dadurch wären beide Hinderniſſe mit einem Male beſeitigt geweſen. Auf dieſen Gedanken war er Der deutſche Kaiſer. 145 durch einen vertraulichen Rath, eine Art Prophezeihung des Doctors Fauſt gekommen: er werde am Grabe des Zauberers Virgil die Erfüllung ſeiner ſchönſten Wünſche finden. Auch ſeine Aerzte hatten behauptet, unter Nea⸗ pels mildem Himmel werde er ſeine Geſundheit wieder erlangen. Unter dieſen Umſtänden war es natürlich, daß Maxi⸗ milian die Sache der Humaniſten völlig aufgab und ſich von der Bewegung gegen die Papſtgewalt in Deutſchland ausſchloß. Er hatte nach dem eiteln Ruhm gegeizt, für einen Beförderer der jungen Wiſſenſchaft zu gelten, jetzt aber nahm er dies Wort in römiſcher, nicht in deutſcher Bedeutung; ſeiner Hausintereſſen wegen verließ er die große deutſche Sache, ja er verrieth ſie an den Papſt, und er und Cajetan zogen auch den Kurfürſten von Mainz zu ſich herüber. Was kümmerte den Kaiſer jetzt der ſchwache Verſuch des wittenberger Mönchs, ſich dem mäch⸗ tigen Rom zu widerſetzen! Luther war in Maximilians Augen ein verlorner Mann. Zwar ließ er dem Kur⸗ fürſten von Sachſen einmal ſagen: er möge den Mönch warm halten; man könne nicht wiſſen, wozu er noch zu brauchen ſei. Aber damit war's ihm doch nur halb Ernſt. Er wünſchte die ſächſiſche Kurſtimme für ſeinen Enkel zu gewinnen; darin lag der Grund jener Worte. Vielleicht ſchwebte ihm auch der dunkle Gedanke vor, dem Papſte bei Gelegenheit durch Luther Zugeſtändniſſe abzunöthigen. Der Kaiſer ſuchte ſich die Grillen auf ſeine Weiſe zu Ein deutſcher Leinweber. VI. 10 146 Der deutſche Kaiſer. verſcheuchen. Er ritt in vertrauter Umgebung oft auf die Reiherbeize; er miſchte ſich unter das Volk. Beſonders angelegentlich beſchäftigte er ſich aber mit der Ausrichtung einer Hochzeit. Ehebündniſſe zu veranſtalten und Hoch⸗ zeiten zu feiern war immer eine Lieblingsneigung des fröh⸗ lichen Mar geweſen. Diesmal hatte er, um ſich das brandenburger Haus nur noch mehr zu verbinden, ein Ehebündniß zwiſchen dem jungen Markgrafen Caſimir von Brandenburg-Onoldsbach, einem Vetter des Kurfürſten, und ſeiner Nichte, der Prinzeſſin Suſanna von Baiern eingeleitet und glücklich zu Stande gebracht. Das Beilager wurde vom Kaiſer in Augsburg zugerichtet. Die fürſt⸗ liche Braut kam am 24. Auguſt in Geleitſchaft ihrer Brüder, der Herzöge von Baiern, nach Augsburg. Sie hielt einen prächtigen Einzug mit neun Wagen und drei⸗ hundert Reitern. An der Wertachbrücke ward ſie vom Kaiſer, ihrem Ohm, und allen in Augsburg anweſenden Kurfürſten und Fürſten herrlich eingeholt. Der Kaiſer nahm die Braut auf ſeinen Wagen;der Bräutigam und der Kurfürſt Jvachim ritten neben her. Voran der Reichs⸗ marſchall mit dem bloßen Schwerte, ringsum über hun⸗ dert Trabanten, vorab eine Schaar Edelknaben zu Pferd. Das ganze Feld erſchallte vom Klang der Trompeten; denn die Fürſten hatten, der Braut zu Ehren, alle ihre Trompeter mit hinausgenommen. Der Zug ging zur Ulrichskirche, wo das Brautpaar vom Kardinal⸗Erzbiſchof von Mainz getraut wurde. Das Hochzeitfeſt dauerte 55 Der deutſche Kaiſer. 147 mehre Tage, und es wurden mehre Scharfrennen auf dem Weinmarkt gehalten, welchen der Kaiſer, die Kurfürſten und das Brautpaar aus Jakob Fugger's koſtbar ausge⸗ ſchmückten Hauſe zuſahen; Tanz und Mummerei und eine Kunſtproductivn des Doctor Fauſt verſchönten das Feſt und bereiteten dem Kaiſer einige heitre Stunden. Nach dem Feſte gaben er und die Fürſten dem jungen Ehepaare bis an die Wertach das Geleite nach Onoldsbach. Daran reihete ſich ein Armbruſt-Geſellenſchießen, wel⸗ ches der Stadtrath in der Roſenau zu halten ausgeſchrie⸗ ben hatte. Der Kaiſer gab der Schützengeſellſchaft drei Preiſe zu verſchießen, eine ſilberne vergoldete Schale, 35 Gul⸗ den an Werth, einen Ochſen für 12 Gulden und ſechs Ellen Sammt. Es kamen zuſammen 169 Schützen mit 27 Fahnen, worunter auch Kaiſer Marximilian und viele Fürſten ſich befanden. Das Feſt währte vier Tage und dann, als Kurfürſt Joachim von Brandenburg nochmals 20 Gulden zu verſchießen hergeſchenkt hatte, wiederum drei Tage. Hernach wurde auch noch ein Vogelſchießen von den Hand⸗ bogenſchützen gehalten; der Kaiſer und ſeine Hofherren ſchoſſen ſelbſt mit nach dem auf einer hohen Stange auf⸗ geſteckten Vogel, und er gab einen Damaſt zum Beſten. Endlich wurde auch ein Roßlaufen angeſtellt. Mit ſolchen Dingen ſuchte ſich der Kaiſer die Sorgen und den Kummer zu vertreiben, die ihm die Stände und Verhältniſſe berei⸗ teten. Mitten unter dem fröhlichen bunten Menſchenge⸗ wimmel vergaß er ſeine Leibesſchwachheit und die Noth 10* 148 Der deutſche Kaiſer. des Reichs, die Zänkereien der Fürſten, den Pfaffentrug; es flog ihn an wie ein ſchöner Jugendtraum, und die Poeſie ſeines Lebens, welche die Krone ihm verſcheucht, kehrte noch einmal im Abendroth eine Stunde bei ihm ein und küßte ihm lächelnd die von Alter und Noth ge⸗ furchte Stirn auf Augenblicke glatt. Aber kaum war die helle Stunde vorüber gerauſcht, ja oft ſchon während ihrer Dauer, kam ein tiefer Trübſinn über Marimilians Herz und mitten in all dieſem Drängen und Treiben der Geſchäfte und des Vergnügens überraſchte ihn oft genug eine düſtre Todesahnung, und in einer weichen wehmüthigen Stimmung nahm er von den heim⸗ ziehenden Ständen Abſchied. Es war zuletzt noch heftig zugegangen und nicht ohne ſchweren Verdruß und Aerger für den Kaiſer. Die Erklärung der Fürſten, über die Türkenhülfe erſt Rückſprache mit ihren Unterthanen neh⸗ men zu wollen, war ſo neu und unerhört, daß der Kaiſer entrüſtet darauf antwortete: ſolches ſei nicht Gebrauch die Fürſten ſeien nicht an die Bewilligung ihrer Unterthanen gebunden; dieſen liege ob zu gehorchen. Die Fürſten erwiederten: gar mancher Reichstagsbeſchluß habe deshalb nicht ausgeführt werden können, weil man die Unterthanen nicht erſt darüber gefragt; ſolches könne ferner nicht mehr angehen. Marimilian verſtand den neuen Geiſt nicht, der ihm aus dieſen beſtimmten Aeußerungen entgegen trat. Die Kurfürſten verwahrten ſich ſämmtlich feierlich gegen ihre Unterwerfung unter das Kammergericht. Ueber die Der deutſche Kaiſer. 149 Verbeſſerung der Einrichtung deſſelben konnte man ſich nicht einigen; es verlor alle Wirkſamkeit. Auf der andern Seite häuften ſich die Beſchwerden über große Unordnung und Gewaltthat im Reiche. Die Zeiten des Fauſtrechts ſchienen wieder gekehrt. Hatte doch der Ritter Franz von Scckingen als pfälziſcher Lehnsträger den Reichstag bald nach deſſen Eröffnung verlaſſen, nachdem er vom Kaiſer aus Rückſichten für den zu gewinnenden Kurfürſten von der Pfalz zum kaiſerlichen Rath und Diener angenommen und ernannt worden war, und mit einem mächtigen Heer von 8000 Landsknechten und 500 Reitern das feſte Darmſtadt überzogen, um Rache an Heſſen zu nehmen, wegen der von demſelben im pfälziſchen Erbfolgeſtreit geſpielten Rolle, und hatte einen Vertrag erzwungen, wonach ihm fünf⸗ undvierzigtauſend Gulden unter den drückendſten Be⸗ dingungen zugeſagt worden waren. Vergebens hatte eine Reichstagsdeputation dem Kaiſer Vorſtellungen wegen dieſes Landfriedensbruchs gemacht; er wagte nichts dagegen zu thun. Er konnte nicht Herr der Unordnung werden, weil er in ſeinen Hausintereſſen befangen war.— Der trotzige Herzog Ulrich von Würtemberg war in die feindſeligſte Oppoſition gegen den Kaiſer getreten;in den Niederlanden hatte ſich der Herzog von Geldern wieder erhoben, der kleinen Fehden, Zänkereien und Widerwärtigkeiten gegen den Kaiſer nicht zu gedenken. Kummerſchwer und ſeufzend dachte er daran, das undankbare Deutſchland, das er ſo ſehr geliebt, zu verlaſſen und in Neapel ſein Leben zu 150 Der deutſche Kaiſer. beſchließen. Seine Liebe glaubte ein Recht zu haben, die deutſchen Stände undankbar zu ſchelten; er durfte behaup⸗ ten, daß er durch ſeine Verbindungen mit dem burgun⸗ diſchen und dem ſpaniſchen Herrſcherhauſe das ohnmächtige deutſche Reich wieder groß gemacht habe. Daß er die Hauptaufgabe, welche die Zeit an ihn geſtellt, die wahre Größe Deutſchlands verſäumt, begriff er nicht. Er hatte ja dieſe wahre Größe nie begriffen. Konnte man ihm aber den Schmerz über die ſchlimmen Erfahrungen am Abende ſeines Lebens verargen? Durchzuckte ihn wol die bittre Erkenntniß, daß er ſein Leben doch verfehlt habe? Die Fürſten hatten Augsburg verlaſſen; der Kaiſer ſtand im Begriff ebenfalls abzureiſen, als ihm gemeldet wurde, der wittenberger Doetor der Theologie Martin Luther ſei angekommen und erſuche ihn um einen kaiſerlichen Schutzbrief. Er ſchlug ihn ab; er wollte den Mönch nicht ſchützen, der in Rom bereits verurtheilt war. Inzwiſchen liefen aus der Stadt mehre Verwendungen für Luther ein, ſogar eine vom Magiſtrat, an welchen der Doctor Em⸗ pfehlungsſchreiben ſeines Kurfürſten mitgebracht. Am leb⸗ hafteſten verwendete ſich für ihn die freiſinnige Bürger⸗ partei, zu welcher Ulrich Fugger gehörte, deren Haupt er gewiſfermaßen war. Die Räthe des Kaiſers ſtellten dieſem vor, daß es den Kurfürſten von Sachſen von neuem be⸗ leidigen heiße, wenn dem Mönche, für welchen ſich jener lebhaft intereſſire, der Schutzbrief verſagt würde. Dies wirkte. Der Kaiſer hatte eine perſönliche Unterredung Der deutſche Kaiſer. 151 darüber mit dem Kardinal Cajetan, und dieſer willigte endlich ein, wenn Luthers Name nicht im Schutzbrief ge⸗ nannt werde. Auf dieſe Weiſe wurde der Brief ausge⸗ fertigt. Am folgenden Tage, den 12. October war Luther zu Cajetan beſchieden. Ein armer und beſcheidener Fußwanderer war Martin Luther in das reiche prächtige Augsburg getreten und hatte nach kurzer Raſt in einer ſchlechten Herberge ſeine Briefe abgegeben. Aber der Name dieſes unſcheinbaren Mannes war nicht nur gekannt, er war ſchon geehrt in dem ſtol⸗ zen Augsburg, und wackre Bürger, an welchen die pomp⸗ hafte Pracht des päpſtlichen Legaten und die Herrlichkeit der Reichsfürſten, ohne einen mehr als gleichgültigen Ein⸗ druck auf ſie zu machen, vor kurzem erſt vorübergegangen war, ſammelten ſich ſchnell um den einfachen Lehrer von der norddeutſchen Univerſität. Das waren Ulrich Fugger und ſein jüngerer Bruder Hieronymus, jetzt neunzehn Jahre alt, ein Feuerkopf und für dieſelben Ideen erglühend, wie Ulrich; das waren Konrad Langmantel, Kaſpar Lauginger, Philipp von Stetten und Andre, Alle des Papſts heiße Feinde und Feinde jeder Unterdrückung des Volks, wahre begeiſterte Volksmänner, die Luthers kühnes Wort mit Jubel begrüßt hatten und ſeine Ablaßpredigt ſchier aus⸗ wendig konnten. Die gedrungene kräftige Geſtalt des Thüringers, der mit ihnen noch im angehenden Mannes⸗ alter ſtand(Luther war eben daran, bald ſeinen fünfund⸗ dreißigſten Geburtstag zu erleben), der ſtarke Geiſt, der 152 Der deutſche Kaiſer. 7 5 aus ſeinem Auge blitzte, ſeine beſonnenen Aeußerungen, die ſtets das Rechte trafen, befeſtigten den Eindruck, wel⸗ chen ſeine Predigt gemacht; alle dieſe jungen Bürger wur⸗ den ſeine Freunde und Anhänger; ſie verſchafften ihm nicht nur den kaiſerlichen Schutzbrief, ſie ſagten ihm auch ihre perſönliche Hülfe zu. Luther wurde von Ulrich Fugger eingeladen und mit Auszeichnung empfangen. Ulrich von Hutten war bereits wieder mit dem Kurfürſten Albrecht nach Mainz zurück⸗ gereiſt, und ſo verfehlten ſich dieſe beiden für einander ge⸗ ſchaffnen Männer, die ſchon in Erfurt zuſammengelebt hatten, ohne ſich kennen gelernt zu haben, auch hier. Die Unterhandlungen wegen des Schutzbriefes dauerten vier Tage, und Luthers Freunde gaben durchaus nicht zu, daß er ſich, bevor er nicht den kaiſerlichen Brief in der Hand habe, auf eine perſönliche Zuſammenkunft mit dem Legaten einlaſſe, wie auch Verſuche dazu gemacht wurden. So kam ein Italiener, Namens Urban von Serralonga, welcher früher als Geſandter des Markgrafen von Montferrat in Deutſchland eine Zeit lang am ſäch⸗ ſiſchen Hofe in Wittenberg gelebt hatte, zu Luther und erbot ſich, wie er vorgab, aus innerer Theilnahme an Luther und aus freiwilligem Antriebe, zu einer Vermitt⸗ lung zwiſchen demſelben und Cajetan. Doch liefen am Ende ſeine Vorſchläge, ſo recht er auch Luther in den meiſten Beziebungen gab, auf Gehorſam und Widerruf hinaus Der deutſche Kaiſer. 153 „Erſt ſoll mich der Kardinal-Legat hören und beſſer unterweiſen,“ verſetzte Luther feſt.„Bin ich von ihm aus dem Neuen Teſtament gründlich und zu meiner Ueber⸗ zeugung widerlegt, ſoll es nicht an meinem Widerruf und Gehorſam fehlen.“ „Oho! Ihr ſetzt Euch auf ein hohes Pferd!“ rief der Italiener.„Wollt Ihr etwa mit dem Kardinal ein Turnier halten? Oder bildet Ihr Euch ein, der Kurfürſt von Sachſen werde Euretwegen einen Krieg mit Papſt und Kaiſer beginnen?“ „Ich bilde mir gar nichts ein, am wenigſten ſolche Lächerlichkeiten. Ich berufe mich allein auf das Wort Gottes, welches höher iſt, als das Wort des Papſtes.“ „Und wo wollt Ihr bleiben, wenn Euch Eurer Kurfürſt im Stich läßt? „Unter dem Himmel,“ ſchloß Luther das Zwiegeſpräch. Und mit dieſer unerſchütterlichen Ueberzeugung, mit dieſem Muthe, mit dieſer Reſignation ging der arme Mönch zu dem prunkenden italieniſchen Kirchenfürſten. Was küm⸗ merten ihn die aufgeblaſenen trotzigen Hatſchiere an den Thüren, was die in Gold ſtarrenden Kämmerer, die prun⸗ kenden Prälaten in den Zimmern? Ruhig und beſcheiden ſchritt er über die koſtbaren venetianiſchen Teppiche durch die mit königlichem Lurus überladenen Gemächer. Die NReugierde der Höflinge ſchaarte ſich um ihn; er wurde gemeldet, mußte aber lange warten. Als er end⸗ lich beim Kardinal eingeführt wurde, empfing ihn dieſer 154 Der deutſche Kaiſer. in der ganzen von ihm beliebten impoſanten Pracht in Mitte einer Anzahl vornehmer Kleriker und weltlicher Herrn von Adel. Der erhaltenen Anweiſung zu Folge, warf ſich der Mönch auf die Knie vor dem Römer. Dieſer hieß ihn mit herablaſſender Freundlichkeit aufſtehn. Luther gehorchte, und da der Kardinal ſchwieg, erhob er die Stimme:„Ew. Eminenz hat mir den Befehl zugehen laſſen, hier zu erſcheinen, und als ein gehorſamer Sohn der Kirche bin ich dieſem Befehle nachgekommen und bereit zu hören, wie Ihr mich der Irrthümer zeihen und eines Beſſern unterweiſen werdet.“ „Vor Allem, mein lieber Sohn in Chriſto,“ ant⸗ wortete der Kardinal äußerſt freundlich,„geziemt Dir unbe⸗ dingter Gehorſam gegen die Mutter Kirche und St. Peters heiligen Stuhl. Die Kirche ſteht viel zu hoch, um mit einem trotzigen Widerſpänſtigen zu unterhandeln. Du haſt Dich ihrem mütterlichen Befehl zu fügen. Und ſie befiehlt Dir jetzt durch meinen Mund unbedingten Widerruf Deiner Irrlehren und legt Dir für die Folgezeit Schweigen auf.“ „Das Fundament der Kirche iſt die heilige Schrift,“ fuhr Luther unerſchrocken fort;„ſie, das reine Wort Gottes, iſt der Fels, auf welchen ſie gebaut iſt. Auf dieſen Fel⸗ ſengrund habe ich mich geſtellt und aus dem klaren Brun⸗ nen, der ihm entquillt, geſchöpft. Möglich, daß ich mich dabei irrte. Habt alſo die Gnade, mir meine Irrthümer näher zu bezeichnen, und ſeid verſichert, daß ich— ſofern Ihr mich aus dem lebendigen Worte Gottes widerlegt— — Der deutſche Kaiſer. 155 mich jedem Befehle fügen, widerrufen und ſchweigen werde.“ Der Kardinal begann ſofort die Lehre vom Ablaß, Glauben und Abendmahl im Sinne der ſcholaſtiſchen Theo⸗ logie und nach der Därſtellung ſeines Meiſters, des Thomas von Aquino abzuhandeln, aber Luther war in dieſen ſpitz⸗ findigen Winkelzügen, in dieſer geiſtigen Taſchenſpielerkunſt ſo wohl erfahren, er hatte die Schriften der Scholaſtiker ſo gründlich ſtudirt, daß ihm der Kardinal nichts Neues ſagen konnte, und er war ſo wohl geſattelt, daß er jede Behauptung Cajetans mit einer Bibelſtelle beſcheidentlich, aber feſt widerlegte. Da dieſe Unterhaltung ſchon weit über eine Stunde gedauert hatte, ſo war der Kardinal ermüdet und beſtellte den bibelgewappneten Mönch auf den folgenden Tag wieder. Luther brachte den Abend bei Ulrich Fugger zu, um⸗ geben von der wachſenden Zahl ſeiner Freunde, die ſeinen Muth ſtärkten. Die Kunde von ſeinem ruhigen, beſcheidnen, aber feſten Weſen hatte ſich bereits in der Stadt verbrei⸗ tet; er hatte ſelbſt ſeinen Gegnern Achtung abgewonnen. Die Unterredung des andern Tags war eine Fort⸗ ſetzung der erſtern. Auf die Behauptung des Kardinals von der Lehre vom Schatz der Kirche an überfließenden guten Werken, auf welche der Ablaß gegründet war, erwiderte Luther mit edler Freimüthigkeit: Niemand könne mehr, ja auch nur ſo viel Gutes thun, als er ſolle; denn alle Menſchen ſeien ſchwache Sünder, die Gottes 156 Der deutſche Kaiſer. Gebot nicht nachzukommen vermöchten. Aus dieſem Grunde könne denn auch die Kirche unmöglich einen aufgehäuften Schatz an überfließenden guten Werken beſitzen, aus wel⸗ chem ſich Ablaß ertheilen laſſe. Chriſti Erlöſungstod ſei allein der ewige Gnadenbrunnen für die hülfsbedürftige Menſchheit; aber Chriſti Verdienſt ſei kein Ablaßſchatz; er ſpende ſeinen Segen frei und wirke die Gnade Gottes ohne päpſtliches Zuthun.— Unmöglich könne er den Papſt und das kanoniſche Recht über die heilige Schrift ſetzen, laut dem Ausſpruch des Apoſtels Paulus im Briefe an die Galater:„Wenn ein Engel vom Himmel euch das Evangelium anders predigen würde, als ihr es empfangen habt, der ſei verflucht.“— Doch wolle er des Friedens wegen über den Ablaßhandel ſchweigen, ſofern auch ſeine Gegner ſchwiegen. Dahingegen könne er, und bevor er nicht aus der Bibel eines Beſſern belehrt würde, den Satz nicht aufgeben: daß wir nur durch den Glauben und die Gnade Gottes ſelig würden. Denn er ſei nicht aus Eitel⸗ keit oder Anmaßung gegen die Kirchenlehre aufgetreten, ſondern aus Pflicht gegen Gott und ſeines Gewiſſens halber. Der Kardinal ſah immer mehr ein, daß er es mit einem wohlgewaffneten Gegner zu thun habe und lud ihn abermals auf den folgenden Tag ein. Luther ſetzte in ſeiner Herberge eine Vertheidigungsſchrift auf, in welcher er behauptete, ſeine Lehre ſei rein katholiſch, doch könne er als Menſch irren, er berufe ſich alſo auf das Urtheil Der deutſche Kaiſer. 157 der Univerſitäten in Baſel, Freiburg, Löwen und Paris. Dieſe Schrift überreichte er am folgenden Tage vor Beginn der Unterredung dem Kardinal. Aber dieſer nahm keine Kenntniß davon; er hatte ſich nun überzeugt, daß mit der Freundlichkeit und der Belehrung bei Luther nichts auszurichten ſei, und verſuchte ihn jetzt durch Strenge und Drohungen einzuſchüchtern. Unverzüglichen Widerruf ver⸗ langte er, oder Luther ſolle der härteſten Kirchenſtrafen gewärtig ſein. Zu aller Zeit hat die Gewalt zu Feuer und Schwert gegriffen, wenn ſie die Vernunft nicht zu widerlegen und zum Schweigen zu bringen vermochte. Aber Luther war eben ſo wenig zu ſchrecken, wie zu wider⸗ legen; auch er wurde heftig; ſein Eifer riß ihn zu harten Worten hin, mit denen er ſich fort und fort auf die Bibel berief. Die bedenkliche Wendung des Geſprächs ſchnitt der Kardinal plötzlich mit den Worten ab„Genug Deiner frechen Reden! Geh' und kehre nicht zu mir zurück, wenn Du nicht widerrufen willſt!“ und Luther ging. Der beſonnene Konrad Peutinger und Andre riethen aber dem wittenberger Freunde zu weiſer Nachgiebigkeit, nicht zu Widerruf; ſie ſtellten ihm vor, daß er verloren ſei, wenn er dem mächtigen Kardinal gegenüber in einer trotzigen Stellung beharren würde; er ſei aber ſchuldig ſich der guten Sache zu erhalten. Auch hatten die Macht und Herrlichkeit der Kirche ihren Eindruck auf Luthers Gemüth nicht verfehlt und dieſer ſich mit der tiefen Ehr⸗ furcht vor dem Papſt und den hohen Kirchenfürſten, in „ 158 Der deutſche Kaiſer. welcher er aufgewachſen und befeſtigt worden war, ver⸗ bündet, ſo daß es ſeinem Ernſt und ſeiner Aufrichtigkeit nicht ſchwer wurde, am dritten Tage nach der letzten Unterredung mit dem Kardinal einen ſehr demüthigen Brief an denſelben zu ſchreiben. Er tadelte ſich ſelbſt, daß er ſich übereilt und zu heftig geſprochen; er bat den Papſt um Verzeihung und verſprach, er wolle ſich be⸗ mühen, künftig nie wieder in ſolcher Weiſe zu fehlen, und die Ablaßſache wolle er ruhen laſſen, wenn ſeinen Gegnern ebenfalls Schweigen auferlegt würde. Der Kardinal möge die Sache an den Papſt und zur Entſcheidung der Kirche bringen; ſie wolle er hören, ihr folgen. Aber einen Widerruf gegen ſein Gewiſſen könne er nicht ausſprechen; auch helfe ein ſolcher ohne Ueberzeugung und Gründe zu nichts. Er wartete auf eine Antwort; es erfolgte keine. Die um ihn geſchaarten Freunde hatten ihre Späher bis in die kaiſerliche Kanzlei und die Zimmer des Kardinals aus⸗ geſtellt. Ulrich Fugger ſparte kein Gold, um jeden Schritt Cajetans beobachten zu laſſen. Das gänzliche Schweigen deſſelben war verdächtig. Und Luther zum Heil waren dieſe Anſtalten ſo gut getroffen. Fugger erfuhr, daß der Kardinal die Verhaftung Luthers verlange. Die Freunde begriffen nun, weshalb im kaiſerlichen Schutzbriefe der Name des Schützlings nicht ſtand. In der That gewährte das Papier in dieſer Weiſe keinen Schutz. Luther erhielt ſogleich Nachricht, was gegen ihn im Werke ſei. Er Der deutſche Kaiſer. 159 rüſtete eilig zur Abreiſe, ſchrieb aber, um nichts zu ver⸗ fehlen, dem Kardinal einen höflichen Abſchiedsbrief, worin er ihm für gute Behandlung dankte, und legte nochmals Berufung an den Papſt ein. In der Frühe des folgen⸗ den Morgens wollte er abreiſen. Plötzlich trat Lang⸗ mantel bei ihm ein.„Der Verhaftsbefehl gegen Euch iſt ausgefertigt. Ihr müßt zur Stelle fort! Mein Knecht wartet mit einem ſchnellen Roſſe vor der Stadt. Werft Euch drauf und flieht in größter Eile!“ Luther floh durch ein enges Gäßchen hinab nach der Thorpforte, fand das Pferd und jagte eilends davon. Die Häſcher traten bald darauf in ſeine Herberge. Bwölftes Rapitel. Dem Comitat, welches dem Kaiſer das Geleit aus der Stadt gab, ſchloß ſich ein großer Haufe Landsknechte an, welche eben in Augsburg und der Umgegend müßig lebten. Sie hatten ſich in Rotten geordnet mit ihren Fähnlein, Waibeln, Rottenmeiſtern und Hauptleuten, wie ſie im letzten Kriege dem Kaiſer gedient, und zogen vor die Pfalz, um dem geliebten Herrn Lebewohl zu ſagen. Marimilian vergoß Thränen der Rührung über dieſen Beweis von Anhänglichkeit, und er kam herab, ſelbſt als Landsknecht gerüſtet, wie er wohl ſonſt in ſeinen ſchönſten Tagen gethan, im kurzen Wams, Pluderhoſen, die Blechhaube auf dem Kopfe und den Spieß auf der Schulter. Alſo durchwanderte er ihre Reihen, begrüßte die Einzelnen, erinnerte ſie an die Schlachten, die ſie zuſammengefochten, nannte Viele beim Namen und ſchüttelte ihnen die Hand. Dann ließ er ſie einige Evolutionen ausführen und zuletzt jedem durch ſeinen Seckelmeiſter ein Geldgeſchenk verab⸗ reichen Hierauf ſetzte er ſich mit ſeinen Hofleuten zu ————————— Der deutſche Kaiſer. 161 Pferd. Zu ſeinen Seiten ritten der Kardinal Lang und Jakob Fugger, beide Augsburger. Der düſtre Wagen mit des Kaiſers Sarg ſchloß ſich wieder dem Zuge an. Die meiſten Gemüther waren wehmüthig geſtimmt; wie auf dem geliebten Herrn, ſo lag auf ihnen das Gefühl einer bangen Ahnung. Zwar hatte er noch zuletzt den heimkehrenden Fürſten verkündet, daß er auf einer Zu⸗ ſammenkunft in Frankfurt im nächſten März die Un⸗ terhandlungen wegen der Königswahl zu beendigen gedenke, und den Kurfürſten Friedrich von Sachſen ließ er auf das Dringendſte bitten, ja nicht auszubleiben als er aber jetzt an die Rennſäule auf dem Lechfelde kam, übermannte ihn jene düſtre Ahnung, und er wandte ſich nach der Stadt um, ſchlug mit der Hand ein Kreuz gegen ſie in die Luft und ſprach:„Nun geſegne dich Gott, du liebes Augs⸗ burg, und alle frommen Vürger darin! Wohl hab' ich manchen guten Muth in dir gehabt; nun werd' ich dich nimmer wieder ſehen.“ Und als er ſich abwandte, um weiter zu reiten, ſahen die Nächſten eine Thräne an ſeiner Wimper zittern. Bald verabſchiedete er ſeine Geleitſchaft, nahm von Allen herzlichen Abſchied und ritt über Füßen nach Ehrenberg. Unterwegs beluſtigte er ſich oft mit der Falkenbeize. In ſtürmiſchem Herbſtwetter langte er in Inſpruck an. Die tiroler Verge waren in dichte Regenwolken gehüllt; aus den Thälern brauſten die angeſchwollnen Bäche herab; Himmel und Erde hatten ein unfreundliches Anſehen.— Ein deutſcher Leinweber. VI. 11 162 Der deutſche Kaiſer. Ermüdet und verdrießlich kam er Abends ſpät an und legte ſich nieder. Am andern Morgen erwartete ihn eine unangenehme Nachricht, die ihm den heftigſten Verdruß bereitete. Vor ſeiner Abreiſe von Inſpruck hatten nämlich mehre Schulden für Lieferungen von Bürgern an den Hofhalt aus Geldmangel nicht berichtigt werden können. Es waren freilich Schulden dabei, deren Nichtbezahlung auf den gemeinſten Mann ein unehrenhaftes Licht wirft, Schulden für Fleiſch und Brot und andre Lebensmittel in die Hofküche, und die Lieferanten waren ſchon lange ver⸗ tröſtet worden. Nun war dem Kaiſer die Nachricht in ſeine Reſidenz vorangeeilt, alles Geld, das er in Augs⸗ burg aufgetrieben, habe er dort auch wieder ausgebeutelt, und er komme eben ſo leer zurück, wie er gegangen. Sobald er alſo angekommen war, rotteten ſich die Bürger zuſammen und legten Beſchlag auf die Pferde und Wagen des Kaiſers, und da die Diener deſſelben ihn nicht ſtören, die Gläubiger ſich aber durchaus nicht beruhigen laſſen wollten, ſo erwuchs daraus die unangenehme Nothwen⸗ digkeit, daß die kaiſerliche Equipage im ſchlechten Wetter die ganze Nacht unter freiem Himmel auf der Straße zubringen mußte. Die groben Inſprucker wurden zwar am Morgen befriedigt, aber der Kaiſer hatte ſich über den ihm angethanen Schimpf ſo heftig geärgert und er⸗ zürnt, daß er von Stund an gleichſam in Schwermuth verfiel und ihm weder Speiſe noch Trank mehr ſchmecken wollte. Bald geſellte ſich ein Fieber dazu, und der hohe Der deutſche Kaiſer. 163 Kranke mußte Tage lang ſeine Thätigkeit ausſetzen. Er war ſtets mit der Königswahl ſeines Enkels Karl beſchäf⸗ tigt und dietirte Briefe an viele Perſonen. Der Leibarzt erwartete von der Rückkehr des Erzherzogs Ferdinand einen wohlthätigen Einfluß auf den Zuſtand des Kaiſers, zumal dieſer oft nach ſeinem jüngern Enkelſohne fragte. Ferdinand hatte nämlich Augsburg mehre Wochen früher verlaſſen als ſein Großvater und war über Wien nach Peſth gereiſt, um ſeiner Schweſter Maria, der jungen Königin von Ungarn und Böhmen, einen Beſuch zu machen. Er langte endlich in der Mitte November an und brachte Briefe und Grüße vom Könige Ludwig und der Königin Maria, der Kaiſer ſchien ſich hierauf einige Tage beſſer zu befinden, Ferdinand durfte nicht von ſeiner Seite weichen und mußte ihm viel erzählen; aber das Fieber kehrte wieder und verurſachte dem Kranken große Unruhe. Da ſich das Wetter wieder aufgeheitert hatte und eine ſpäte Herbſtſonne die Gipfel der Berge küßte, ſo verfiel er auf den Gedanken, durch Veränderung des Orts und der Luft, durch Bewegung, Reiſen, Jagen möchte er ſich von dem Fieber befreien. Er ließ ſich alſo ſein Reiſeſchifflein herrichten, ſetzte ſich mit Dietrichſtein und einigen andern Jägern aus ſeiner Hofdienerſchaft darauf und fuhr den Inn hinab. Auch den Erzherzog Ferdinand nahm er mit, und außer dem Jagdgeräth vergaß er auch den Sarg nicht auf das Schiff bringen zu laſſen. Scherzend ſprach er zu Dietrichſtein:„Es iſt gut, daß ₰ 11* 164 Der deutſche Kaiſer. Du die Kiſte bei der Hand haſt, wenn Du eine faulende Waare nach dem Ruheland zu verſchicken genöthigt ſein ſollteſt.“— Unterwegs ſprachen ſie im Schloſſe Fuggerau ein und waren einen Tag lang Jakob Fugger's Gäſte. Beim Abſchied gab ihm der Kaiſer die Hand und ſprach: „Es ſitzt mir ein bös Gebreſte im Blut, und mir iſt faſt, als ſollte ich daran glauben und die Prophezeihung meines Todes ſchon bald in Erfüllung gehen. Nun, wie Gott will! Sollte ich Dich in dieſer Welt nicht wieder ſehen, Jakob, ſo bleib meinen Nachkommen treu. Sei dem Könige von Spanien und dieſem jungen Prinzen hier ein Vater und Rather, wie Du mir von Jugend auf ein Freund geweſen biſt. Verhilf, was an Dir iſt, dem Karl zur römiſchen Krone, und Du vermagſt mehr als mancher Fürſt.“ Und näher zu Fugger's Ohr gebogen, flüſterte er:„Und mit dem Martin bleibt's bei unſrer letzten Verabredung. Gib mir die Hand drauf!— So. Nun leb wohl! Gottes Segen ſei ferner bei dem Fugger ſchen Hauſe!“ „Gott wird Ew. Majeſtät noch lang erhalten!“ ver⸗ ſetzte Jakob und wiſchte ſich eine Thräne aus dem Auge, aber das Ausſehen des geliebten Herrn machte ihn ſelbſt beſorgt. Maximilian ſchüttelte wehmüthig das Haupt. „Ich danke Dir für alle Liebe und Freundſchaft, die Du zeitlebens mir erwieſen,“ ſagte er mit weicher zitternder Stimme.„Du haſt es ſtets brav mit mir gemeint; das lohne Dir Gott! Wären die Reichsfürſten ſo brav und „ „ Der deutſche Kaiſer. 165 ehrlich mit mir verfahren, wie Du; es ſtände beſſer um des Reiches Wohlfahrt, und ich könnte darob ohne Sorge zu meinen Vätern gehen.“ Dann ſegnete er noch Bü⸗ venhovens Frau und Kinder und ſetzte ſich wieder auf das Schiff. Als es in der Donau angelangt war, ließ er ſich ans Land bringen und begab ſich auf die Jagd und die Beize. Aber der eintretende Winter brachte ihm Er⸗ kältungen zu Wege, und ein abführendes Mittel verſchlim⸗ merte ſeinen Zuſtand. Er ließ ſich nach Welß bringen, in deſſen Nähe er war, und kaum war er auf dem Schloſſe angelangt, als er bettlägrig wurde und die Ueber⸗ zeugung faßte, daß er dem Tode raſch entgegen gehe. Zwei berühmte Aerzte wurden von Wien herbei geholt, ſeine Miniſter und die fremden Geſandten zu ihm beſchie⸗ den, um ſeine Befehle und Auſträge entgegen zu nehmen; er ſelbſt ſandte aber einen GEilboten nach Freiburg im Breisgau, um einen Carthäuſer, welcher einſt ſein Hof⸗ kaplan geweſen, Namens Gregorius Reſch, an ſein Ster⸗ bebett zu rufen; von dieſem ihm werthen Manne wollte er auf die letzte Reiſe vorbereitet ſein. Unausgeſetzt war er am Tage mit Anordnungen über die Thronfolge und Königswahl ſeines Enkels Karl beſchäftigt; während der ſchlafloſen Nächte ließ er ſich die Stammgeſchichte des Habsburger Hauſes vorleſen. Als nun die Aerzte wahr⸗ nahmen, daß die verordneten Arzneien keine Wirkung mehr thaten, ermahneten ſie ihn, daß er auf die letzte Gebühr eines chriſtlichen Fürſten bedacht ſein möge. Heiter 166 Der deutſche Kaiſer. und gefaßt verſetzte er:„Das habe ich ſchon lang gethan; ſonſt würde es bis jetzt allzu lang gewartet ſein.“— Seine Sehnſucht war nur noch auf den Carthäuſer Reſch gerich⸗ tet, und als dieſer endlich ankam, richtete er ſich im Bette auf, umfing den Prieſter mit beiden Armen und rief: „Sei geſegnet, mein Bruder! Du ſollſt mit der Leuchte Deines gottſeligen Wortes mir die dunkle Straße erhellen, die zu wandeln ich im Begriff ſtehe.“ Hierauf unterredete er ſich mit dem erſehnten Manne Tag und Nacht von göttlichen Dingen. „Ich bin all mein Lebtag ein fröhlicher Waidgeſelle und Kriegsmann geweſen,“ ſagte er gelaſſen.„Mehr als hundert Mal hab' ich ohne Zittern und Zagen dem Tod ins Auge geſehen; ich fürchte ihn nicht. Ich habe die Menſchen geliebt und es gut mit ihnen gemeint; das Volk hat mir auch überall wahre Liebe gezeigt und mir oft das Herz gehoben. Die Fürſten und die Pfaffen haben aber immer falſch mit mir geſpielt, haben mich betrogen und hintergangen. Ich hätte mich wohl auf die Seite des Volks ſtellen ſollen, gegen die ſelbſtſüchtigen ſchlauen Betrüger. Das fühl' ich jetzt wohl und ſeh' es ein. Ich fürchtete aber ſtets, wenn mir dieſer Gedanke, den ich ſchon in meiner Jugend faßte, wiederkehrte, einen Bürgerkrieg in Deutſchland zu entzünden. Und davor grauſte mir. Ich ſterbe nicht ohne Beſorgniß, daß er nach meinem Tode doch zum Ausbruch kommen wird. Gott wird mir vergeben, was ich aus gutem Willen — Der deutſche Kaiſer. 167 gefehlt, und das deutſche Reich in ſeine Obhut nehmen. Mein liebſter Wunſch war ſeit zweiunddreißig Jahren, ſo lang ich die deutſche Krone trage, die Erbfeinde der Chri⸗ ſtenheit, die meine Jugend mit Schrecken erfüllt und das Haus Oeſtreich an den Rand des Verderbens geſtoßen haben, aus Europa zu vertreiben; denn niemals wird das deutſche Reich zu ruhiger Entfaltung gelangen, ſo lange die rohen Barbaren an ſeinen Grenzen hauſen. Ich habe dieſen Wunſch nicht zur Erfüllung bringen können, wie ſo viele andre. Mein Heiland wird auf meinen guten Willen ſehen.— Wie nüchtern und kahl liegt doch das Leben hinter mir, das ich mir einſt ſo voll und blühend geträumt! Was wollte ich Alles vollbringen, und wie wenig habe ich vollbracht!— Nun leſt mir noch aus dem Theuerdank vor! Friſcher als ſeit vielen Jahren tritt mir das Bild meiner ſchönen holdſeligen Maria vor die Seele, die theure Liebe meiner Jugend. Ich habe kein Weib wieder lieben können, wie ſie, die ſüße anmuthige Frau. Sie und ihr Philipp ſind mir vorangegangen. Bald werde ich bei ihnen ſein und mich ihrer Liebe wieder erfreuen.“ Mit ſeinen Miniſtern machte er ſein Teſtament und ermahnete ſeinen Enkel Ferdinand fleißig, trug auch Allen auf, ſich ſeiner zarten Jugend beſtens anzunehmen. Nachdem er auf dieſe Weiſe ſich mit der Welt abge⸗ funden, rüſtete er ſich vollends zum Abſchied vom Leben. Seine Kräfte nahmen immer mehr ab, und obgleich ſich die Krankheit in das neue Jahr hinüber zog, ſo war doch 68 168 Der deutſche Kaiſer. nun deutlich wahrzunehmen, daß das ſchwache Lichtlein ſehr bald verlöſchen werde. Als nun die letzte Stunde kam, reichte er all ſeinen Dienern die Hand und nahm Abſchied von ihnen, indem er ihnen für ihre ihm bewie⸗ ſene Liebe freundlich dankte. An die heftig weinenden richtete er die Worte:„Was weint ihr, daß ihr einen ſterbenden Menſchen ſehet! Iſt das nicht unſer aller ge⸗ meinſames Lvos?“ Dem Carthäuſer, der ihm Troſt und Ermunterung zuſprach, antwortete er bis wenige Minuten vor dem letzten Athemzuge mit vernehmlicher Stimme im Sinne eines gottvertrauenden Chriſten, und als ihm end⸗ lich die Sprache verfiel, gab er noch Zeichen ſeines Glau⸗ bens und ſeiner chriſtlichen Hoffnung mit Händen und Geberden. Und ſo entſchlummerte er ſanft um vrei Uhr WMorgens am 11. Januar, ein guter und liebenswürdiger Menſch, ein ſchwacher Kaiſer, der nicht vermögend geweſen war, die wichtige Aufgabe, welche ſeine große Zeit ihm geſtellt, zu löſen. Mit dem beſten Willen war er ihr in unſeliger Verblendung ſogar hemmend in den Weg getreten, und er hat dadurch die Entwicklung Deutſchlands um drei Jahrhunderte aufgehalten. Seine Leiche wurde in den Sarg gelegt, den er nun über vier Jahre ſtets mit ſich geführt, und nachdem ſie mehre Tage unter dem Zulauf einer großen Volksmenge auf einem einfachen Paradebett geſtanden, nach Wien ge⸗ bracht, wo in der Stephanskirche ein Trauergottesdienſt gehalten wurde. Der deutſche Kaiſer. 169 Von Welß aus waren die Eilboten mit der Trauer⸗ kunde an alle Kurfürſten und Fürſten des Reichs, nach den Niederlanden, nach Ungarn und Spanien abgegangen. In Wien trafen nun die königlichen, kur- und fürſtlichen Abgeordneten ein und mit ihrer, des Hofſtaats, des Magiſtrats und einer Menge vornehmer Herren Begleitung wurde die Leiche auf einem einfachen Trauerwagen nach Neuſtadt gefahren. Auch Jakob Fugger war mit ſeinen beiden Neffen nach Wien geeilt, um dem theuern Todten das letzte Geleite zu geben. Der edle Leinweber weinte aufrichtige Thränen am Sarge des Kaiſers, der ihm ein wahrer Freund geweſen war. Nach teſtamentariſcher Verordnung Marximilians ward ſeine Leiche ohne alle königliche Pracht in der St. Geor⸗ genkapelle vor dem hohen Altar in Neuſtadt beigeſetzt. Die alte Zeit war mit ihm geſtorben; der kräftige Flügelſchlag der neuen rauſchte ſchauerlich in den Lüften. Preizehntes Rapitel. König Karl und ſein Hof verweilten eben in Barcelona, der Hauptſtadt des Königreichs Katalonien, wo er kurz vorher aus Aragonien angekommen war, um ſeinen erſten kataloniſchen Landtag abzuhalten, als ihn gegen Ende des Februar die Trauerbotſchaft vom Abſterben ſeines Groß⸗ vaters erreichte. In der prächtigen Kathedrale wurde vom erſten März an drei Tage lang ein feierliches Trauer⸗ begängniß mit einer des Verſtorbenen und des Lebenden gleich würdigen Pracht abgehalten, zu welchem ſowol die verſammelten Stände des Königreichs Katalonien, als auch die Granden aus Caſtilien und Aragonien, welche den König begleiteten, eingeladen waren. Nach dieſer Trauer⸗ eeremonie hielt der König in derſelben Kirche ein großes Kapitel vom Orden des goldnen Vließes, das erſte in Spanien, und überreichte die Kette dem Connetabel von Caſtilien und den Herzögen von Alba, von Cardona, von Bejar und Najara, nebſt mehren Ausländern. Unter den F — — Der deutſche Kaiſer. 171 Letztern befand ſich auch der Markgraf Johann von Bran⸗ denburg, der ſchöne ritterliche deutſche Fürſt. Sobald der König den Tod des Kaiſers vernommen hatte, ordnete er eine glänzende Geſandtſchaft nach Deutſch⸗ land ab, um ſich bei den Kurfürſten um die deutſche Krone zu bewerben, und für den Fall, daß ſeine Hoffnungen und Beſtrebungen erfüllt würden und er ſich genöthigt ſähe, Spanien bald wieder zu verlaſſen, dachte er daran für jedes ſpaniſche Königreich einen Statthalter zu ernen⸗ nen. Dies konnte aber nicht eher geſchehen, als bis er in allen Königreichen als König anerkannt und in jedem den Landtag abgehalten hatte. Bis jetzt war dies aber erſt in Caſtilien und Aragonien geſchehen. In Katalonien war es aber noch nicht einmal zur Eröffnung des Land⸗ tags gekommen, obgleich die Stände ſchon über vier Wochen beiſammen waren; denn ſie konnten ſich eben ſo wenig wie früher die eaſtiliſchen und hernach die aragoniſchen Stände darüber einigen, ob ſie den Don Carlos bei Leb⸗ zeiten ſeiner Mutter als König und Herrn anerkennen und ausrufen ſollten, und obgleich Caſtilien und Aragonien dieſe Angelegenheit nach mehr oder minder aufgehäuf⸗ ten Schwierigkeiten auf eine befriedigende Weiſe erle⸗ digt hatten, ſo dauerte der Streit in Barcelona doch wieder über Gebühr lange, und König und Hof ſahen ſich deshalb in eine unfreiwillige Unthätigkeit verſetzt, zumal die Hoſtrauer alle Feſtlichkeiten und Beluſtigungen verbot. 172 Der deutſche Kaiſer. Die Königin Germaine und Donna Ineſe de Cardona hatten ſeit den Feſten in Valladolid den Hof nicht wieder verlaſſen; ſie gehörten dazu, ſie waren in Saragoſſa wie erſt in Valladolid und nun in Barcelona die beiden Glanzgeſtirne, um welche ſich die kleinern Sterne ſchaarten. Ohne ſie hätte der Hof des jungen Königs ſeines höchſten Reizes entbehrt. Obgleich der Prinz von Calabrien, der den Hof nicht wieder verlaſſen hatte, ſich ſtets um die Perſon der Königin mühete und ſich gern für den erklärten Ritter derſelben ausgab, ſo führte ſich doch der Markgraf von Branden⸗ burg ſtets als der Ritter der beiden Damen auf, wie er es von Anfang gethan, und man konnte nicht ſagen, daß ſein zartes und galantes Benehmen der Königin einen größern Vorzug ertheile, als ihrem Stande und ihrer Würde gebührte; in gleichem Verhältniß benahm er ſich gegen die Gräfin Cardona eben ſo rückſichtsvoll. Und da faſt alle Granden, Ritter und Hofherren, Spanier, Nieder⸗ länder und Deutſche, ſelbſt den Prinzen von Calabrien nicht ausgenommen, gegen die ſchöne Agnes ein gleich reſpectvolles Benehmen beobachteten und niemals eine Ge⸗ legenheit vorüber gehen ließen, ohne ihr Huldigung dar⸗ zubringen, aber eben ſo gut auch der ſchönen Königswittwe alle ehrfurchtsvollen und zarten Rückſichten erwieſen, die zu den höchſten Pflichten eines ſpaniſchen Ritters gehörten, ſo konnte das Verhältnß zwiſchen den beiden vornehmen Damen und dem deutſchen Markgrafen, wie es eben vor Der deutſche Kaiſer. 173 den Augen der Welt beſtand, Niemand ungewöhnlich oder auffallend finden. Doch kam der Tag ſchnell heran, welcher die vor der Welt darüber gebreitete Hülle hinweg⸗ riß und die hervorbrechende Leivenſchaft in ihrem ſüdlichen Charakter allen Blicken bloßſtellte. Die Unterhaltung des Hofs mußte ſich während der Trauer und Winterzeit auf die Jagd und Beize beſchränken, und von den reichen kataloniſchen Epelleuten erfolgten zahl⸗ reiche Einladungen auf ihre im nahen celtiberiſchen Gebirge gelegenen Schlöſſer. Die rauhe und wilde Bergnatur Kataloniens, das von verſchiedenen Armen der Pyrenäen durchzogen, in eine zahlloſe Menge Thäler zerklüftet iſt, bietet dem Jäger, wie faſt kein Land weiter in Spanien, Luſt und Unterhaltung in reicher Fülle und Auswahl.— Nächſt dem Könige kamen keinem von der nähern Umge⸗ bung deſſelben dieſe Einladungen gelegener, als dem Mark⸗ grafen Johann, einem leidenſchftlichen Jäger, Beizer, Reiter und Hundeliebhaber, und deshalb dem Könige beſonders werth. Gerade dieſe vornehmen Paſſionen, die man rit⸗ terliche nannte, weil das wahre Ritterthum abgeblüht war, und die man ſpäter adlige genannt hat, als auch das wahre Weſen des Adels untergegangen war, Paſſionen, die eben ſo wenig zum Ritterthum und zum Adel gehör⸗ ten, als Zechen und Raufen, ſie waren die magiſchen Bande, welche den jungen König zu dem Markgrafen zogen und denſelben für ſeine Königsfahrt nach Spanien zu gewinnen vermocht hatten. Karl war in ſeinem zwan⸗ 174 Der deutſche Kaiſer. zigſten Jahre in der Welt⸗ und Menſchenkenntniß noch nicht weiter gekommen, als in einem Nimrod und Roß⸗ bändiger von adliger Geburt einen vollendeten Menſchen zu verehren, und ein koſtbares Pferd, ein ſeltner Hund waren ihm von weit höherm Werth, als Menſchen, eine Anſicht, die man ausſchließlich eine fürſtliche nennen könnte; denn ſie hat ſich in den fürſtlichen Familien erhalten bis auf unſre Zeiten. Als Chievres den ihm gefährlichen Vivian de la Chaur von der Perſon des Königs entfernte, glaubte er vom Markgrafen von Brandenburg nichts befürchten zu dürfen. Und doch war Niemand mehr geeignet, den allmächtigen Einfluß des ränkevollen geldgierigen Miniſters auf Karl zu vernichten, als der lebensluſtige deutſche Prinz, der aus keinem Grunde weiter mit nach Spanien gegangen war, als um hier ſein Glück zu machen. Sobald Chievres wahrnahm, wie ſehr der Markgraf in der Gunſt des Königs ſtieg, ſchmeichelte er ihm und ſuchte gemeinſame Sache mit ihm zu machen. Der Markgraf ſtellte ſich an, als merke er die Abſicht des ſchlauen Oberhofmeiſters nicht, und ſorgte fleißig für das Vergnügen des Königs. Chievres hatte ſich inzwiſchen durch ſeine unerſättliche Hab⸗ ſucht und das auffallende Beſtreben, alle Stellen entweder mit ſeinen Verwandten, Freunden oder Kreaturen oder mit Leuten, die ſie ihm theuer bezahlten, zu beſegen, in Caſtilien und Aragonien ſo verhaßt gemacht, daß in Val⸗ ladolid bereits ein Volksauſſtand gegen ihn ſtattgefunden — ——— Der deutſche Kaiſer. 175 hatte. Er behandelte die vornehmſten Spanier mit uner⸗ . träglichem Stolz und war deshalb von Keinem wohl ge⸗ litten; der Markgraf hatte es dagegen verſtanden, ſich überall beliebt ſzu machen, und dies war für Chievres ein Grund mehr, ihn zu fürchten und für ſich zu gewin⸗ . nen. Der Markgraf ſpielte ſeine Rolle noch weit meiſter⸗ . hafter, als der ihm an Jahren und praktiſchen Erfah⸗ rungen ſo ſehr überlegene Miniſter, weil er ſie eben mit der größten Ruhe ſpielte. Er kam dem beſorgten und unruhigen Chievres auch nicht einen Schritt entgegen, und zwang ihn dadurch, ſich ihm gleichſam auf Gnade oder Ungnade zu übergeben. Der ſtolze niederländiſche Edel⸗ mann ſah ſich genöthigt, den harmloſen, unbefangenen, ſcheinbar nur der Freude und dem Vergnügen lebenden deutſchen Fürſten zu bitten, gemeinſame Sache mit ihm zu machen und ihm Anerbietungen und Vorſchläge zu thun, die auf die Theilung des baaren Gewinnes(nach ſpaniſcher Ausdrucksweiſe: des Raubes) hinzielten. Dabei durfte Chievres der Wahrheit gemäß behaupten, er ſei es, der dem Könige den Markgrafen zum Statthalter eines der ſpaniſchen Königreiche vorgeſchlagen; wenn er aber hinzuſetzte, dies ſei aus Hochachtung, Verehrung und Er⸗ gebenheit geſchehen, ſo war das die dem Markgrafen wohl⸗ 7 bekannte diplomatiſche Redeweiſe, welche damals ſchon faſt ſ ebenſo reich an Worten und Wendungen war, wie heu⸗ tiges Tags; denn in Wahrheit hatte der Miniſter den 4 Markgrafen zum Statthalter in Vorſchlag gebracht, um 176 Der deutſche Kaiſer. ihn dadurch von der Perſon des Königs zu entfernen und ſeinen Einfluß auf denſelben zu vernichten. Dies wußte der Prinz Johann und richtete danach ſeine Antwort in der begonnenen Unterhandlung ein. Nichts konnte ihm erwünſchter kommen, als eine Gewinnstheilnahme an dem einträglichen Erwerbsgeſchäft des Oberhofmeiſters, deſſen Gefahren ſich dieſer allein ausſetzte; denn Johann war ein armer deutſcher Prinz, der für einen mäßigen Jahrgehalt ſeine Dienſte dem Könige verkauft hatte. Von ſeinen beiden Brüdern, den Kurfürſten, hatte er nichts zu erwar⸗ ten, ſie brauchten Alles, was ſie einnahmen, allein; er ſelbſt aber hatte eben ſo große Bedürfniſſe wie ſie und mußte ſich deshalb nach Mitteln umſehen, dieſelben zu befriedigen. Das reiche Spanien hatte ihm gleich eine Fundgrube für ſeine Wünſche geſchienen, und deshalb hatte er dem jungen Könige ſeine Dienſte angeboten. Was konnte einem fürſtlichen Abenteurer, der darauf ausging, Geld und möglichſt vieles Geld zuſammen zu ſchlagen, gelegener kommen, als ein ſolcher Antrag von Chievres, der als der größte und geſchickteſte Financier bekannt war? Aber der gewandte Niederländer hatte auch ſeinen Plan gemacht, als er ſich genöthigt ſah, ſich dem jüngern Fürſten preis zu geben, und wenn dieſer Plan gelang, ſo hatte Chievres den Markgrafen nicht nur für ſeine Intereſſen gewonnen, er entfernte ihn auch glücklich vom Könige und brauchte ihm nicht das Mindeſte von ſeinem Gewinn abzugeben. Und nichtsdeſtoweniger mußte Prinz Johann Der deutſche Kaiſer. 177 ſich ihm ſehr verpflichtet fühlen. Dieſer Plan war alſo ein diplomatiſches Meiſterſtück. „Ew. fürſtliche Gnaden gibt mir zu, daß es unſer beiderſeitiges Intereſſe erheiſcht,“ ſprach Chievres zum Markgrafen,„daß wir in dieſem fremden Lande Hand in Hand gehen. Ich will Euch ehrlich geſtehen, ich bedarf Euer; ich will Euch eben ſo wenig verhehlen, daß ich die ſtolze Ueberzeugung hege: Ihr bedürft meiner nicht minder.“ „Es kommt auf die Umſtände an,“ verſetzte der Prinz vorſichtig.„Denn ich getraue mir in Spanien auch ohne Euere Hülfe fort zu kommen.“ „Daran iſt nicht zu zweifeln, zumal dieſe ſpaniſchen Großhänſe, geſchmeichelt durch Euere Herablaſſung, Euch ſehr gewogen ſind. Sie reden ſtets als dünke ſich jeder von ihnen einem Könige gleich, und doch wiſſen ſie gar wol die Ehre zu ſchätzen, die ihnen ein deutſcher Fürſt anthut, indem er mit ihnen verkehrt. Aber gerade die Stellung, die Ihr bei den Herren Granden angenommen habt, iſt unſrer Verbindung ſehr zuträglich. Mich mögen die ſtolzen Männer nicht; ich bin ihnen ein Dorn im Auge; um deſto weniger werden ſie in uns Verbündete ahnen, wenn wir das Spiel geſchickt treiben.“ „Und welcher Vortheil— meint Ihr wohl— ſoll für mich aus ſolch einem geheimen Bündniß herausſprin⸗ gen?“ fragte Johann geſpannt. „Ich denke der reichſte und glänzendſte, den Ihr hier zu Lande überhaupt gewinnen könnt, und ein weit rei⸗ Ein deutſcher Leinweber. VI. 12 78 Der deutſche Kaiſer. cherer, ſchönerer, lieblicherer, angenehmerer und wünſchens⸗ wertherer, als ich jemals davon tragen kann.“ „Ihr macht mich neugierig, Baron, auf einen ſol⸗ chen Gewinn. Zögert daher nicht, ihn mir namhaft zu machen.“ „Mit einem Worte denn: es iſt die Königin Ger⸗ maine.“ „Die Königin!“ rief der Markgraf überraſcht.„Seid Ihr bei Verſtande, Baron? Die Königin Germaine! Sie ſoll mir zu Theil werden, mir, dem armen Mark⸗ grafen? Eher doch noch dem Prinzen von Calabrien, der ſich ſo ſtark um ihre Gunſt bewirbt und wenigſtens noch einen Schein von Anſpruch an die Krone von Neapel hat. Aber mir? mir!“ „Und warum nicht? Dieſer mein Plan iſt nicht von heute und nicht von geſtern; er iſt die reife Frucht langer Ueberlegung und Abwägung der Verhältniſſe gegen ein⸗ ander. Ihr ſtecht den Neapolitaner aus.“ „Wer ſoll der Königin einen ſolchen Antrag machen?“ „Ich, mein Prinz, und es wäre nicht das erſtemal, daß ich ſie über Euch und Euere Vorzüge unterhielte. Ich habe längſt vorgearbeitet, um ihre Euch geſchenkte Gunſt immer lebhafter anzufachen, gerade wie ich beim Könige Euch wiederholt zu einer Statthalterſtelle vorſchlug und Euch ſeine Gnade auf jegliche Weiſe zuzuwenden ſuchte.“ „Ich bin Euch ſehr dankbar, Herr von Chievres; aber Euer Plan mit der Königin ſcheint mir zu gewagt und Der deutſche Kaiſer. 179 abentheuerlich.— Sie wird Euern Antrag mit Entrüſtung zurückweiſen. „Dafür laßt mich ſorgen.“ „Der König würde nie in eine ſo ungleiche Verbin⸗ dung einwilligen.“ „Auch dieſe Schwierigkeit zu überwinden iſt meine Sache.“ „Dieſe ſtolzen und reichen Herzöge und Marquis wür⸗ den ſich mit Nachdruck einer ſolchen Verbindung ihrer ver⸗ wittweten Königin widerſetzen, und die Aragonier und Katalonier ſind ja, wie Ihr ſelbſt am beſten wißt, die heftigſten und widerhaarigſten und laſſen ſich weit weniger überliſten als die Caſtilier. Germaine iſt aber Königin von Aragonien und Katalonien.“ „Den hohen Adel dieſer Königreiche zu verſöhnen, iſt Eure Sache.— Hört mich an, gnädigſter Markgraf! Wenn auch die Königin nicht mehr in der erſten friſchen Jugendblüthe ſteht, ſo iſt ſie doch noch in den ſchönſten Lebensjahren; ja ihr Ausſehen betrügt die Zeit um ihr Recht. Sie iſt eine ſchöne, ja ſie iſt eine reizende Frau, heiter, lebensluſtig und ganz eine liebenswürdige Fran⸗ zöſin. Sie iſt ferner in Euch verliebt, mein gnädiger Herr; das hab' ich aus ihren Worten herausgehört, in denen ſie ſich zu mir über Euch ausſprach; ich ſeh' es aus jedem ihrer Blicke, wenn Ihr ihr in die Augen kommt, und andre Leute ſehen es auch. Ihre franzöſiſche Natur kann nichts verbergen, was in ihrem Herzen vor— 180 Der deutſche Kaiſer. geht. Sie gibt Euch unbedingt den Vorzug vor dem Prinzen von Calabrien. Und wie ſollte ſie auch nicht in Euch verliebt ſein? Sind es nicht alle Frauen, und würde ich es nicht eben ſo gut ſein, wenn ich ein Weib wäre? Fühlt doch mein altes Männerherz etwas Aehn⸗ liches für Euch.— Blutjung wurde ſie nach Spanien gebracht, um als Opfer der Politik an den alten gries⸗ grämlichen kränklichen König gefeſſelt zu werden. Welche Marterjahre hat ihr fröhliches Herz als Königin dieſes Landes erleben müſſen! Mit despotiſcher Eiferſucht wurde ſie bewacht; kein liebenswürdiger Mann kam in ihre Nähe. Und als der Tod ſie von ihrem Peiniger erlöſt, war ſie zu einer grauſamen Einſamkeit verdammt. Ihr kennt das ſteife Ceremoniel dieſer Spanier. Die holde Germaine lebte gleichſam als Nonne im Kloſter, und doch hatte ſie ein lebendiges freudebedürftiges Herz. Da zog der ſchönſte und liebenswürdigſte Fürſt ſie plötzlich aus dem Grabe, in welchem die arme Königin lebendig ſchmachtete, und dieſer Fürſt— ein Halbgott, ein Perſeus für ſie, der ſie, die angeſchmiedete Andromeda kühn befreit und zu allen erwünſchten Freuden leitet, ſollte nicht von ihr ge⸗ liebt werden? Wie wäre das möglich? Nein, nein! Andromeda liebt ihren Befreier Perſeus. Der Prinz von Calabrien kam zu ſpät.“ „Ihr ſeid ein Schmeichler, Baron, und habt die gute Königin beſchwatzt.“ „Und wenn ich den Funken, den Ihr der ſchönen * Der deutſche Kaiſer. 181 Herrin ins Herz geworfen, zur Flamme angefacht hätte, würdet Ihr mir darob zürnen? Ich ſage Euch endlich, die Königin Germaine hat ein jährliches reines Einkom⸗ men von funfzigtauſend Dukaten.“ „Funfzigtauſend Dukaten!“ rief der Markgraf ſchier erſchrocken.„Wißt Ihr das gewiß, Baron?“ „Wer kann es beſſer wiſſen, als ich: Durch meine Hand iſt das Teſtament des Königs Ferdinand gegangen, worin er ſeiner jungen Wittwe einen Jahrgehalt von dreißigtauſend Dukaten auf das Königreich Neapel ausſetzt, und ich habe das Dokument ausgefertigt, in welchem König Karl, um ihr die Erhebung dieſer Gelder zu erleichtern, dieſelben auf die Städte Arevalo und Olmedo anwieß; mich endlich hat ſie erſucht, ihren Rentmeiſter zu control⸗ liren und ihre Conti durchzuſehen, und daraus habe ich erfahren, daß ſie aus Frankreich theils aus der königlichen Rentkammer, theils von den Gütern des Hauſes Foir noch zehntauſend Dukaten jährlich einnimmt. Nun hat ſie aber faſt kein Jahr mehr als den vierten Theil dieſer Summe verbraucht, die übrigen drei Viertel hat ſie zu dem bedeutenden Kapital geſchlagen, welches ſie theils von ihrem Vater, ihrem Bruder und ihrer Mutter ererbt, theils vom König Ferdinand und den Cortes der ſpa⸗ niſchen Königreiche als Nadelgelder und Geſchenke erhal⸗ ten. Dieſe Kapitalien ſind alle gut angelegt und wer⸗ fen ihr jährlich abermals über zehntauſend Dukaten an Zinſen ab.“ 182 Der deutſche Kaiſer. „Funfzigtauſend Dukaten!“ wiederholte der ritterliche Fürſt in Gedanken verſunken.„Wahrlich die Königin iſt eine reizende Frau.“ „Und ſo wie die Königin Euch die Hand reicht, er⸗ hebt Euch der König zum Viecekönig von Valencia. Dafür ſetze ich Euch mein Ehrenwort ein. Und dieſe Statthalter⸗ ſchaft darf Euch nicht weniger als zwanzigtauſend Dukaten eintragen; dann habt Ihr zuſammen eine Einnahme, wie wenig deutſche Fürſten.“ „Hier meine Hand, Baron! Ich wahre Euern Vor⸗ theil, wahrt Ihr den meinen. Leitet die Sache beim König und der Königin ein; ich werde Euch dankbar ſein.“ „Sie iſt ſchon eingeleitet. Tretet Ihr jetzt der Königin näher, damit ich ſie raſch zum Abſchluß bringen kann.“ „Noch Eins, Baron, was mir wichtig iſt— und ich betrachte Euch jetzt als meinen Verbündeten—“ „Ihr dürft mir Alles anvertrauen. Euer Intereſſe iſt das meine.“ „Iſt es Euch nicht möglich, die Gräfin Cardona ſchnell von der Königin und vom Hofe zu entfernen?“ „Habt Ihr ſie zu fürchten?“ „Wenn auch das nicht; aber ſie iſt mir unbequem für unſern Plan.“ „Ha, ich verſtehe!“ lachte der Miniſter.„Ich will Alles verſuchen was ich vermag, um Euch von einem nun läſtig gewordnen Schätzchen zu befreien. Doch wird's Der deutſche Kaiſer. 183 gerade nicht leicht ſein, und ich geſtehe, daß ich auf dieſen Zwiſchenfall nicht gefaßt war.“ „Was iſt Euch nicht möglich!“ „Sehen wir zu!“ Sie reichten ſich die Hände. Beide trennten ſich ſehr zufrieden miteinander. Pierzehntes Rapitel. Der König und der Hof waren von einem der reichſten Grafen Kataloniens Don Diego d'Andrada zu einer großen Jagd eingeladen, wozu auf dem Bergſchloſſe deſſelben glän⸗ zende Vorkehrungen getroffen wurden. Der Graf war eine jener ſtolzen ehrwürdigen ariſtokratiſchen Geſtalten im vollſten Vewußtſein ihrer Würde, die ſelbſt Leuten von der entſchiedenſten Gegenanſicht Achtung und eine gewiſſe Ehrfurcht abzunöthigen wiſſen. Und wie er ſelbſt dieſe Ehrfurcht von Geringern in Anſpruch nahm, ſo leiſtete er ſie im vollſten Maße ſeinem Könige, dem er jedoch eben ſo wenig auch nur das kleinſte von ſeinen Rechten frei⸗ willig abgetreten hätte. Don Diego war ein ächter ſpa⸗ niſcher Ritter, ein geiſtiger Nachkomme des Cid, und es war nätürlich, daß dieſer Edelmann keine Koſten ſparte, den König und die Königin Germaine glänzend zu be⸗ wirthen. Es kamen noch mehre Umſtände hinzu, welche den Grafen und die Gräfin Andrada veranlaſſen, dem Hofe ein ſo großartiges Jagdfeſt zu geben. Die Gräfin — —— Der deutſche Kaiſer. 185 war nämlich mehre Jahre Ehrendame der Königin Ger⸗ maine geweſen und bewahrte derſelben eine dankbare An⸗ hänglichkeit, die ſich in mehrfachen Beſuchen bei der hohen Frau kund gegeben und von dieſer mit einer Art freund⸗ ſchaftlichen Vertrauen vergolten wurde. Da nun die Kunde wie hoch der König die Königin Germaine in Ehren halte, ſich überall verbreitet hatte, ſo wollte die Gräfin Andrada dem Könige dafür thätlich ihren Dank abſtatten. Ferner: die Gräfin war von der Inſel Majorka gebürtig und dort mit vielen adligen Häuſern verwandt. Nun hatte im verwichenen Herbſt der berüchtigte mauriſche Seeräuber Horuch Barbaroſſa, der ſich vor drei Jahren zum Herrn von Algier gemacht, die Inſel Majorka überfallen, indem er mit einer kleinen Flotte unter öſtreichiſch⸗, niederländiſch⸗, ſpaniſcher Flagge heranſegelnd, die Bewohner der balea⸗ riſchen Inſeln glauben gemacht, der König ſei es, welcher komme, ſie mit ſeinem Beſuche zu beehren. Außer großer Beute hatte er eine Menge der vornehmſten Bewohner als Gefangne fortgeſchleppt und forderte nun ein großes Löſegeld für ſie. Es befanden ſich mehre Verwandte der Gräfin darunter, die ſich aus eignen Mitteln nicht los⸗ kaufen konnten. Die Hülfe der kataloniſchen Stände ſollte von den Familien der Gefangnen in Anſpruch genommen und der König durch die glänzende Bewirthung gewonnen werden, einestheils den Antrag bei den Ständen zu unter⸗ ſtützen, anderntheils mit dem Barbaroſſa in Unterhandlung zu treten und ihn zu billigern Bedingungen zu vermögen. 186 Der deutſche Kaiſer. Eben als der Hof im Begriff war, nach dem ſechs Meilen von Barcelona gelegenen Bergſchloſſe des Grafen d'Andrada abzureiſen, trafen mehre Fremde ein, welche Anliegen an den König hatten und Audienz beanſpruchten, die ihnen nicht mehr gewährt werden konnte, weil der König mit einem Fuße ſchon im Steigbügel ſtand. Sie ſahen ſich daher genöthigt, entweder unverrichteter Sache wieder abzureiſen, oder dem Könige zu folgen und die Gaſtfreundſchaft des Don d'Andrada in Anſpruch zu neh⸗ men. Zuerſt war es der Junker Marr von Büvenhoven, gekommen, um Bericht zu erſtatten über die aragoniſchen Bergwerke, welche er auf Befehl des Königs beſucht hatte. Er wurde von Chievres und dem Markgrafen eingeladen, ſich an ſie anzuſchließen; denn für den Erſtern war der ehrliche treuherzige Tiroler hinſichtlich ſeines Geſchäfts in Spanien eine höchſt wichtige Perſon. Sodann waren es zwei Portugieſen, Don Fernando Magelhaens, der See⸗ fahrer, und Don Ruy Falero, Aſtronom und Geograph, welche, mit dem Könige von Portugal unzufrieden, ihre Dienſte dem König Karl ſchon während ſeines Aufenthaltes in Caſtilien angeboten hatten. Sie hatten ihre Bedingun⸗ gen bereits eingegeben und kamen jetzt nach Barcelona, um den Vertrag mit dem Könige zum Abſchluß zu brin⸗ gen. Der berühmte Magelhaens wurde von der Königin Germaine durch die Gräfin Cardona eingeladen, ſich ihrem Gefolge anzuſchließen. Als die Gräfin ihn bewillkommte, ſagte ſie„Ihr ſeid mir längſt bekannt, Kapitän, nicht —— Der deutſche Kaiſer. 187 nur als berühmter Seefahrer, ſondern auch als unterhal⸗ tender Geſellſchafter. Eine mir werthe Freundin im fernen Deutſchland hat mir viel von Euch erzählt, und Euer Scharfſinn mag ſich den kurzen Weg über damit beſchäf⸗ tigen zu errathen, wer dieſe Dame iſt, die einſt auch Eure Freundin war. Jetzt zu Pferde!“ Noch waren drei vornehme Männer angekommen mit Botſchaft an den König, vornehme Andaluſier, abgeſchickt um lihn zu erſuchen, daß er ſich nach Beendigung des kataloniſchen Landtags nach dem Süden verfügen und ſei⸗ nen Hof eine Zeit lang in der Alhambra zu Granada aufſchlagen möchte. Der jüngſte von dieſen drei Edelleuten war Don Rodriguez de Luzero, Beiſitzer des Inquiſitions⸗ gerichts in Granada, als ein fanatiſcher Anhänger des Chriſtenthums und Verfolger der noch nicht getauften Mauren, ausgeſchrien, obgleich er ſelbſt von mauriſcher Abkunft war. Ueber ſeinen unauslöſchlichen Haß gegen die Muhamedaner waren ſo viel Gerüchte an den Hof gelangt, die wie Uebertreibung ausſahen, daß man wohl auf die Abſichtlichkeit verſelben hätte ſchließen können. Endlich hatte Don Pedro Giron, der Sohn des Grafen Uruegna, derſelbe, welcher mit an der Spitze des Auf⸗ ſtandes der alteaſtiliſchen Städte gegen den Cardinal Fi⸗ menes geſtanden und vor zwei Jahren durch ſeinen be⸗ waffneten Anſpruch auf das Herzogthum Medina Sidonia ganz Andaluſien in Verwirrung gebracht hatte, vergebens auf eine Audienz gewartet, um dem Könige mehre Be⸗ 188. Der deutſche Kaiſer. ſchwerden über eigenmächtige Verfügungen des Herrn von Chievres vorzulegen. Auch er reiſte mit, vom Grafen Andrada beſonders eingeladen, und hoffte in dem Berg⸗ ſchloſſe oder auf der Jagd eine günſtige Gelegenheit zu erſpähen, um dem Könige ein getreues Bild von all dem Unheil, welches die niederländiſchen Herren in Spanien bereits angerichtet, vor Augen zu ſtellen. Die zahlreiche Geſellſchaft ritt in verſchiedenen Partien, wie Befehl, Neigung oder Zufall ſie zuſammengeführt. Eins der uralten gothiſchen Schlöſſer, auf einem ſcharfen Bergvorſprung, zwiſchen tiefen Thälern und Schluchten und von waldigen Bergen umgeben, nahm ſie auf. Jedes Jahrhundert hatke ein Stück an dieſes wunderliche Ge⸗ bäude gefügt und ſich gleichſam daran verewigt, und es war dadurch zu einem überraſchenden Umfang gediehen und glich einer kleinen auf den Berg gelagerten Stadt, ein Gemiſch von Thürmen, Kuppeln, Söllern, Giebel⸗ dächern und wunderlich aufgehäuften und zuſammengefügten Steinmaſſen. Und wenn der Gäſte noch zweimal mehr geweſen wären, ſie hätten doch alle in dieſen alten Bauen untergebracht werden können. Ueber hundert Piqueure begrüßten den König mit einer wilden Hornfanfare; außer⸗ dem war noch eine Zigeunerbande angeworben, um Muſit 5 zu machen. Die Gäſte wurden in mehren Sälen bewir⸗ thet, namentlich hatten diejenigen ein beſonderes Gemach, welche erſt Audienz beim Könige zu erlangen wünſchten. Eh am andern Morgen die Jagd ersffnet wurde, er⸗ ————— —— Der deutſche Kaiſer. 189 theilte Karl den drei Andaluſiern zuerſt Audienz. Auf ihre im Namen der andaluſiſchen Städte ausgeſprochne Bitte, Cordova und Granada eine Zeit lang zu ſeinen Reſidenzen zu erwählen, verſetzte der König, daß er ſich um die Königskrone des römiſch deutſchen Reichs bewerbe und falls die Wahl der Kurfürſten auf ihn falle, nach Deutſchland abreiſen werde. Er könne ihnen alſo keine feſte Zuſicherung geben, doch wolle er kommen, ſobald die Landtage in Barcelona und Valencia abgehalten und die Reiſe in den Süden ihm möglich ſei. „Verhält ſich die mauriſche Bevölkerung im König⸗ reiche Granada ruhig?“ fragte Karl.„Man hat mir in Brüſſel geſagt, der Geiſt der Empörung ſei nicht in den Muhamedanern erloſchen und auch denen ſei nicht zu trauen, welche ſich haben taufen laſſen.“ „Ew. Hoheit iſt falſch unterrichtet worden,“ verſetzte Don Rodriguez de Luzero mit aufglühendem Eifer.„Ich bürge Euch mit meinem Kopfe für die Treue der neuen Chriſten, und kein Jahr vergeht, wo nicht Tauſende den Koran abſchwören und ſich durch die heilige Taufe am Chriſtenheil betheiligen.“ „Euer Eifer iſt mir bekannt, Don Rodriguez,“ ant⸗ wortete der König.„Die Gräfin Cardona, wie Ihr, mauriſcher Abkunft und, wie Ihr, unſrer geheiligten Re⸗ ligion mit glühender Begeiſterung ergeben, hat mir vieb von Euern Verdienſten um die Mutter Kirche erzählt, und ich werde dieſelben zu belohnen wiſſen.“ 190 Der deutſche Kaiſer. Nachdem die Boten dem Könige noch in mancherlei Beziehung über die Verhältniſſe ihres Landes Rede ge⸗ ſtanden, wurden ſie eingeladen an der Jagd Theil zu neh⸗ men und entfernten ſich. Büvenhoven und Magelhaens hatten nur kurze Au⸗ dienzen. Sie wurden auf die Rückkehr nach Barcelona verwieſen, wo die Geſchäfte mit ihnen abgemacht werden ſollten, und Don Pedro Giron erhielt gar keine Audienz; er wurde bedeutet, falls er Eile habe, möge er ſein An⸗ liegen bei der Canzlei in Barcelona eingeben. Auf der Reiſe ins Gebirg hatte der Prinz von Cala⸗ brien die Königin Germaine begleitet, dahingegen waren der König, der Markgraf und Chievres ſtets zuſammen⸗ geritten, auch jetzt, vor dem Aufbruch zur Jagd hatten ſie noch eine geheime Unterredung zuſammen, und der König zeigte ſich ſehr heiter und vergnügt, als alle drei hinaus traten zu der harrenden Jagdgeſellſchaft. Die Damen mußten noch eingeholt werden, und der König ließ ſich bei der Königin Germaine melden. Sobald er ihr zum Morgengruß die Hand geküßt, erkundigte er ſich nach ihrer Nachtruhe. Sie klagte, daß ſie wenig geſchlafen. „Es will mich bedünken, daß Ew. Hoheit überhaupt an Schlafloſigkeit leide,“ ſagte Karl ſchelmiſch lächelnd: „Solltet Ihr nicht als Gemahlin meines guten Groß⸗ vaters beſſer geſchlafen haben, als jetzt?“ „Ihr irrt, mein gnädigſter Herr,“ verſetzte die Kö⸗ nigin erröthend.„Die Unruhe des Königs, aus ſeiner Der deutſche Kaiſer. 191 Krankheit entſprungen, raubte ihm und mir den Schlaf; denn meine Treue würde mich ſtets zu ſeinem Schmer⸗ zenslager gezogen haben, wenn er auch nicht ausdrücklich begehrt hätte, daß ich ſtets um ſeine Perſon ſei.“ „Ihr ſeid zu beklagen, ſo jung und ſchön an einem alten und kranken Gatten gefeſſelt, und Niemand kann Euch genug preiſen, daß Ihr mit ſo treuer Aufopferung bei ihm ausgehalten habt. Wahrlich die edle Pflicht⸗ erfüllung ſollte belohnt werden. Würdet Ihr mir ſchmol⸗ len, wenn ich mich zum Spenden des Lohns, eines ſüßen ſchönen Lohns, aufwürfe und Euch dadurch zu ſüßem ſchö⸗ nen Schlaf verhülfe!“ „Ich verſtehe Ew. Hoheit nicht. Durch welches Mittel wolltet Ihr mir zu Schlaf verhelfen?“ „Durch ein lebendiges unfehlbares Zaubermittel, durch das größte Wunder, welches Gott dem Menſchen ins Herz gelegt.“ „Ihr ſprecht immer dunkler, mein Sohn.“ „Durch die Liebe, meine ſchöne Großmutter, die als Sehn⸗ ſucht erſt den Schlaf raubt, als Gewährung ihn dann bringt. Sollte das Erſtere nicht jetzt bei Euch der Fall ſein? Ihr erröthet, wie eine holde Jungfrau, und wenn ich recht geſehen, hat die Liebe zum erſtenmal ſich in Euer Herz geſchlichen und macht ihm ſo viel Unruhe.“ „Mein königlicher Herr, Ihr ſcherzt—“ „Nein, nein! Ich ſpreche im vollſten Ernſte. Meint Ihr nicht auch, daß Ihr als Gemahlin des Markgrafen 192 Der deutſche Kaiſer. von Brandenburg in ſeinen Armen des göttlichſten Schlafes genießen würdet?“ „Oh, Ew. Hoheit treibt ein grauſames Spiel mit meinem Herzen.— Die verwittwete Königin von Spanien darf niemals die Gemahlin des Markgrafen von Bran⸗ denburg werden.“ „Wenn Euer Herz ihn dazu erkieſt, wenn Euer König als Freiwerber des deutſchen Fürſten bei Euch auftritt, und wenn ich dieſe Verbindung gut heiße, wer darf es wagen, etwas dagegen einzuwenden? Der Markgraf hat mir geſtanden von welch heißer Minnebrunſt zu Euch ſein Herz ergriffen iſt; er hat mich um meine Vermittlung gebeten. Darf ich ihm Hoffnung machen?“ „Ihr überraſcht mich mit Euerm Antrage— Ihr verwirrt mich. Würden die aragoniſchen und kataloniſchen Cortes— würde der König von Frankreich—“ „Es iſt meine Sache jedes Bedenken von dieſen Seiten zu beſchwichtigen. Mich aber würdet Ihr glücklich machen durch Erfüllung dieſes meines Wunſches. Ich könnte mich freuen, wie ein Kind, wenn ich Euch und meinen Freund durch die Bande der Liebe und der Kirche vereinigt ſähe.“ „Darf ich meinem Könige einen Wunſch verſagen? Doch gönnt mir Zeit bis zur Rückkehr nach Barcelona.“ „Bis dahin kein Wort weiter davon!— Kommt, ſchöne Großmutter, Euer Zelter ſtampft ſo ungeduldig, wie ein Herz klopft nach Euerm Anblick.“ Strahlend vor Wonne und Glück reichte die Königin Der deutſche Kaiſer. 193 ihm den Arm und ſchritt durch ihre Frauen, die ſich ver⸗ wundert anblickten. Agnes las ſcharf in den Zügen ihrer Gebieterin. In dieſem Augenblick trat Don Rodriguez zu ihr und ſprach:„Der König hat mich zu Euerm Ritter und Begleiter auf der Jagd erkoren, und ich bin ihm ſehr dankbar für dieſe Wahl.“ Sie reichte ihm kalt und ſchweigend die Hand, und als draußen auf dem Hofe der Markgraf mit verbindlichen Worten der Königin den Bügel hielt, und dieſe ihm mit ſüßem Lächeln dankte, fühlte Don Rodriguez den Arm ſeiner Dame zittern, ohne die urſache errathen zu können. Der König hatte die Haus⸗ frau erſucht, ihr als Ritter dienen zu dürfen, und ritt an ihrer Seite; zum Ritter der Tochter des Hauſes be⸗ ſtellte er den Prinzen von Calabrien; die Königin Ger⸗ maine und der Markgraf folgten; die Uebrigen ſchloſſen ſich an, und unter Hörnergetön ſetze ſich der Zug in Be⸗ wegung. Das Wild war in einem Bezirk zuſammengetrieben, welcher einen Berg mit mehren Halden umfaßte, ſo daß der Verfolgung deſſelben freier Spielraum verblieb. Die Jagd begann; die Geſellſchaft zerſtreute ſich, dem fliehenden Wilde nacheilend; jeder Paladin blieb an der Seite ſeiner Dame. Agnes' Augen folgten der Königin und dem Markgrafen, welche einem ſtolzen Hirſche nach⸗ ritten. Dann ſprengte ſie mit ihrem Begleiter in den Wald, und beide ſuchten, ohne viel Worte zu wechſeln, und ohne ſich um die Jagd zu bekümmern, eine Berg⸗ Ein deutſcher Leinweber. VI. 13 194 ſchlucht auf, in welcher ſie von den Pferden ſtiegen, dieſe im dichten Gebüſch anbanden und ſich ſelbſt in ein Verſteck unter einem Baume niederließen. Hier hielten ſie, flüſternd und dann und wann vorſichtig horchend, folgendes Zwie⸗ geſpräch: „Suleima,“ ſagte der Ritter, ſich vertraulich an ſie anſchmiegend,„der König ſelbſt hat unbewußt meine hei⸗ ßeſten Wünſche erfüllt, indem er mich Dir zum Begleiter gab. Vergebens ſann ich, wie es möglich ſein würde, eine geheime Unterredung mit Dir zu bewerkſtelligen. Unſer Gott braucht unſre größten Feinde dazu, unſern Zwecken zu dienen. Denn denke Dir mein Erſtaunen, der König deutete in der Unterredung mit mir darauf hin, es würde ihm lieb ſein, wenn ich mich um Deine Gunſt und dann um Dein Herz und Deine Hand bewürbe.“ Agnes zuckte zuſammen.„Es ſteht unſter ehelichen Ver⸗ bindung alſo nichts im Wege und vereint können wir natürlich an unſerm großen Werke mit größerm Nachdruck und Erfolg arbeiten, als getrennt und vereinzelt. Aber Du ſcheinſt Dich über dieſe unerwartete Gunſt des Schick⸗ ſals nicht zu freuen, während ich darin ein Zeichen ſehe, daß unſer großer Plan endlich zur Ausführung kom⸗ men wird.“ „Ich ſehe in dem Antrag nichts als eine uns gelegte Schlinge der Niederländer,“ verſetzte die Dame.„Wir haben ein gefährliches Spiel getrieben, um die ſcharfen Augen unſrer Feinde, von denen wir umgeben ſind, zu Der deutſche Kaiſer. Der deutſche Kaiſer. 195 täuſchen. Sollte nicht ein ſolches Argwohn geſchöpft haben und die Königlichen uns auf die Probe ſtellen wollen?“ Sie ſprach dieſe Worte mit einer Verwirrung, die, wenn Rodriguez irgend möglich geweſen wäre, gegen ſie ſelbſt einen Argwohn zu faſſen, ihn hätte ſtutzig machen müſſen. Doch kein Gedanke von Zweifel an ihren ſo oft ſchon glänzend bewährten Eifer für das unterdrückte Volk der Mauren kam in ſeine Seele, und ruhig erwiderte er: „Du haſt zu oft erklärt, daß die Liebe zu einem Manne nicht Platz in Deinem Herzen greifen könne, bevor unſer Volk nicht frei und glücklich ſei, als daß ich hoffen dürfte, Deine Seele werde ſich mir früher zuwenden. Aber Du weißt, wie ich Dich mit glühender Leidenſchaft liebe von der Stunde an, als Du an der Hand des greiſen Prieſters Abu Haſſan in unſte geheime Verſammlung in Granada tratſt und mit begeiſterten Worten die Noth unſres Volkes ſchilderteſt und zur Selbſthülfe ermahnteſt. Abu Haſſan und die Häupter der Verſchwörung haben mich Dir, dem Sproß unſres Königshauſes, zum Gemahl beſtimmt, d. h. ſie haben mich zum König von Granada erwählt. Wärſt Du ein Mann, ſo wären all dieſe Beſchlüſſe unnöthig geweſen. Du nur könnteſt und würdeſt unſer König ſein. Aber der Koran verbietet, daß ein Weib über das Volk der Gläubigen herrſche. Dich, den Sproß des königlichen Hauſes, die begeiſterte Kämpferin für unſte Freiheit, wollen Alle in Granada, welche zur Verſchwörung gehören, zur Königin, und ſo mußteſt Du Dir einen Gemahl wählen.“ 13* 196 Der deutſche Kaiſer. „Und Abu Haſſan führte Dich mir als den Wür⸗ digſten zu,“ ergänzte ſie froſtig.„Tröſte Dich, Said, ich werde Dich lieben lernen, wenn wir die Freiheit er⸗ rungen haben. In der Sklaverei dieſer Spanier und— o noch viel ſchlimmer!— dieſer raubgierigen Niederländer keine Liebe, kein andres Gefühl, als der glühende Durſt nach Freiheit, nach Rache! Darum ſage, was für Nachrichten bringſt Du?“ „Horuch Barbaroſſa iſt in Algier gefallen von den Schwertern der Spanier“— „Weh mir! Wieder ein kräftiger Mann weniger, der mit Kühnheit und Kraft für uns aufzutreten bereit war! Ein böſes Schickſal verfolgt uns. Werden wir zum Ziele kommen, Said?“ „Ich erſtaune über Deinen Kleinmuth. Nie hörte ich ſolche Worte aus Deinem Munde. Biſt Du nicht mehr die durch nichts zu beugende ſtarke Seele, die durch jedes neue Unglück nur noch gewaltiger ſich erhob? Biſt Du nicht mehr der leuchtende Stern, deſſen ſchimmernder Glanz uns Allen Muth und Hoffnung in die Seele ſtrahlte? Was konnte Dir begegnen, das Dich verwandelte? Was konnte Dein Licht verdunkeln?“ „Verzeihe, Said,“ bat ſie ängſtlich.„Auch die ſtärkſte Seele hat ihre ſchwachen Stunden. Hatte ſie nicht ſogar unſer großer Prophet? Wenn ich heute weniger zuverſichtlich auf das Gelingen unſres Werks vertraue, ſo wird dieſe trübe Stimmung vorübergehen. Das Unglück Der deutſche Kaiſer. 197 läßt nicht ab uns zu verfolgen, und der Aufenthalt am Hofe dieſes kindiſchen Königs unter dieſen habgierigen ränkeſüchtigen, verächtlichen Niederländern und unſern Tod⸗ feinden, den ſtolzen Spaniern, iſt recht geeignet den ſtärkſten Geiſt niederzubeugen. Du weißt nicht, Du ahneſt nicht, was ich leide.“ „Arme Suleima! Aber die Liebe ſoll Dir vergelten. Auf dem prachtſtrahlenden Throne Granada's, in der gold⸗ nen Alhambra wirſt Du als angebetete Königin, als die Königin meines Herzens, als die Königin aller Gläu⸗ bigen, lange Jahre des Ruhms und des Glücks genießen.“ Agnes ſchüttelte wehmüthig das ſchöne Haupt, und eine Thräne ſchimmerte in ihrem Auge.„Berichte mir weiter!“ bat ſie mit weicher Stimme. „In ganz Caſtilien iſt die Stimmung gegen den König und die Niederländer feindlich, und die Aufregung ſteigt mit jedem Tage. Die Treuloſigkeit des Königs und des ſchändlichen Chievres, die jede, auch die feierlichſte Zuſage und die heiligſten Eide bricht, verſetzt die Caſtilier in Wuth, und bald wird dieſe in offne Empörung ausbrechen. Männer, die es genau wiſſen können, verſichern, er habe ſchon an drei Millionen Realen ſpaniſches Geld als ſeinen Raub nach Brüſſel geſchickt. Was weiß dieſer Knabe Karl, wie das Land und er ſelbſt betrogen wird, eine Puppr in der Hand eines ſchlauen Böſewichts! Jetzt will Chievres auch die Goldbergwerke Alteaſtiliens ausbeuten, und ſchon haben Bergleute aus Deutſchland das Werk 3 198 Der deutſche Kaiſer. begonnen. Die Grandes ſagen: nicht nur das Gold über der Erde ſtiehlt er aus unſern Beuteln„auch das Gold unter der Erde will er aus unſern Bergen rauben. Die Ernennung eines niederländiſchen Knaben, des Neffen von Chievres, zum Erzbiſchof von Toledo, zum Primas des Königreichs, hat die Trägſten aufgeſtachelt, und der Aufſtand bereitet ſich vor. Hätten die Ränkeſchmiede nicht den Infanten Don Fernando fortgeſchafft, die Empörung gegen Karl zu Gunſten Fernando's wäre ſchon ausgebrochen, und jener mit ſeinem räuberiſchen Gefolge ſchimpflich aus Spanien gejagt. Das haben die Schlauköpfe geahnt; deshalb ſchickten ſie den Infanten aus dem Lande. Aber ihre Liſt wird ihnen nichts helfen. Es wird und muß zur Empörung kommen, und der erſte Ton der in Caſtilien gezogenen Sturmglocke iſt für alles arabiſche Blut in Andaluſten und Valencia ebenſogut das Zeichen zur Erhebung. Bald fällt das Joch, meine Suleima, und an Deines Said Seite ſteigſt Du in unſter königlichen Alhambra auf den Thron Deiner Väter.“ Er fuhr fort ihr genau zu berichten, was neuerdings in Granada, Cordova, Malaga und andern andaluſiſchen und valencianiſchen Städten zur Vorbereitung des Aufſtandes gegen die Chriſten geſchehen war. Nach Aimene's Tode, deſſen eiſerne Hand ſie niedergehalten, war ſehr viel ge⸗ than, und die Verſchwörung der vornehmen Mauren, frei von der Furcht vor dem ſtarken Regenten, hatte an Zahl und Kraft ſehr zugenommen. Die Gräfin hörte ihn Der deutſche Kaiſer. 199 mit einem wehmüthigen Lächeln an. Dann beſtiegen ſie die Pferde wieder und folgten dem Tone der Jagdhörner. Bei der Collation, welche auf einer Halde in Zelten eingenommen wurde, bat der König die Gräfin Cardona um eine kleine Unterredung. Er führte ſie hinaus und ſprach leiſe: „Der Ritter Don Rodriguez Luzero, dem ich mich ſehr verpflichtet fühle, hat mir ſeine Liebe zu Euch ge⸗ ſtanden. Wie könnte ich ihn ſchöner belohnt ſehen, als mit Eurer Hand? So eben ſagt er mir, daß er Euch ſeinen höchſten Wunſch entdeckt habe. Es iſt auch der meine. Ihr habt ihm nicht alle Hoffnung geraubt. Ich bitte Euch, zahlt ihm die Schuld Eures Königs und macht mich dadurch zu Euerm Schuldner auf Zeitlebens. Erlaubt mir, daß ich Euch heute noch mit ihm verlobe, und erhebt dieſen Tag dadurch zu einem wahren Freuden⸗ feſte. Auch die Königin Germaine, mit der ich vorhin darüber geſprochen, wird die größte Freude empfinden, wenn wir heute noch im Schloſſe des Don d'Andrada Euere Verlobung feiern und dadurch ſeine Gaftfreundſchaft belohnen, ſeinem Feſte die Krone aufſetzen.— Ich bitte Euch, ſagt Ja, ſagt Ja!“ Damit ergriff er ihre Hand ſprang heiter lachend wie ein fröhliches Kind an ihr empor. „Nur heute nicht,“ ſtammelte die Gräfin todtenbleich und bebend.„Vergönnt mir, die Entſcheidung auf morgen zu verſchieben.“ Der deutſche Kaiſer. „Ba, Ihr ſeid krank. Ich ſeh' es jetzt!“ rief der König theilnehmend. „Es iſt ſo. Stürmt alſo nicht auf mich ein, und erlaubt mir, mich zum Schloſſe zurück zu begeben. Ich werde mich erholen und ſammeln.“ „Der Markgraf ſoll Euch begleiten, und wenn Ihr morgen Euch wieder wohl fühlt, dann die Verlobung.“ Sobald die Königin Kenntniß vom Unwohlſein ihrer Freundin erhielt, erſuchte ſie den Markgrafen, ſeiner Rit⸗ terpflicht nachzukommen und die Gräfin auf das Schloß zurückzuführen. Der König befahl es ihm, und er hob Agnes auf das Pferd und beſtieg das ſeinige. Sie ritten eine Zeit lang ſchweigend neben einander. „Agnes,“ ſagte er endlich,„Du biſt wirklich krank. Ich werde nach Barcelona reiten, um den Leibarzt des Königs herbeizuholen.“ Aber vergebens ſuchte er in dieſe Worte den alten einſchmeichelnden Ton zu legen; ſie klan⸗ gen gezwungen. „Bemühe Dich nicht, Johann,“ entgegnete ſie.„Nicht des Arztes bedarf ich; nur eines aufrichtigen Wortes von Dir. Ich wollte Dich eben um eine Unterredung unter vier Augen bitten, als der Befehl des Königs und die Bitte der Königin Dich zu meinem Begleiter erſahen. Du haſt mir oft in den ſtillen Nächten, die Du an mei⸗ ner Seite zubrachteſt, geſagt, die Deutſchen ſeien ehrliche und treue Menſchen. Du haſt mir verſichert, Du ſeiſt der ehrlichſte und treueſte von Allen. Ich habe Dir ge⸗ Der deutſche Kaiſer. 201 glaubt und o wie gern geglaubt! Denn ich liebe Dich. Es iſt Dir gelungen, was keinem Manne vor Dir, mein Herz zu beſiegen. Du bezwangſt mich mit göttlicher Ge⸗ walt und haſt mich durch Deine Liebe mit einer früher von mir nicht geahneten Fülle von Glück überſchüttet. Und deshalb glaube und vertraue ich Deinen Worten, als hätte ſie ein Geſandter Gottes zu mir geſprochen. Alſo antworte mir auf eine Frage:„Weißt Du von der Abſicht des Königs, mich mit Don Rodriguez de Luzero zu verbinden?“ „Du ſetzeſt mich in Erſtaunen, Agnes!“ rief der Markgraf mit glücklicher Verſtellung.„Kein Wort weiß ich von ſolch einem Plane. Wie könnte ich Dich einem Andern gönnen, der ich Deinen Beſitz als mein höchſtes Glück betrachte! Weißt Du nicht mehr, wie oft ich den glühenden Wunſch an Deiner Seite ausgeſprochen habe, Dich als Gattin zu beſitzen, und wie Du ſtets mir dieſen Wunſch verſagt haſt aus geheimnißvollen Gründen, deren Enthüllung Du mir erſt in Zukunft verſprachſt? Wie troſtlos haſt Du mich über ſolche Weigerung geſehen! Wie könnte ich es nun ertragen, daß ein Andrer in den Beſitz des Schatzes komme, den ich als mein Eigenthum zu betrachten das Recht habe!“ „Genug der Worte! Ich glaube Dir,“ erwiderte ſie, doch nicht mit der Wärme der Ueberzeugung, welche, aus dem Herzen ſtrömend, das Wort durchdringt.„Und ich will mich auch nicht länger weigern Dein Weib zu werden. 202 Der deutſche Kaiſer. Du kannſt nicht ahnen, was mich dieſer Schritt koſtet, was ich Dir opfere. Nie noch hat ein Weib auf Erden einem Manne ſolch ein Opfer gebracht. Wenn ich Deine Gattin bin, fern von dieſem Lande— denn hier können und dürfen wir nicht bleiben; wir müſſen nach Deutſch⸗ land fliehen— dann ſollſt Du Alles erfahren; ich will Dir die geheimſte Falte meines Herzens aufdecken; ich will Dir beichten, was ich erſtrebt, was ich gewünſcht, und wozu ich auserſehen war. Jetzt kann ich Dir nur ſagen, daß ich, indem ich Dir die Hand zum Ehebunde reiche, zur Verrätherin an der heiligſten und höchſten Sache werde, die ein Menſch jemals die ſeinige nennen kann. Ermiß daran die Größe meiner Liebe.“ „Du ſetzeſt mich durch Deine unerwartete Erklärung in großes Erſtaunen,“ ſagte der Markgraf, froh einen Ausweg aus ſeiner peinigenden Verlegenheit gefunden zu haben.„Doch die Liebe iſt nicht immer blind; ſie hat zuweilen auch ſehr ſcharfe Augen. Und ſo ſeh' ich einen Widerſpruch in Deinen Worten gegen Dich ſelbſt. Iſt Deine Liebe ſo groß, wie Du mich verſicherſt und wie ich Dir auch gern glauben will, warum nennſt Du mir nicht gleich das große Opfer, welches Du mir darzubringen vorgibſt? warum enthüllſt Du mir nicht Dein Geheimniß? Kann denn ein wahrhaft liebendes Weib dem geliebten Manne irgend etwas verſchweigen? Kann zwiſchen Lie⸗ benden ein Geheimniß ſein? Wenn ich argwöhniſch wäre, es könnte mir verdächtig vorkommen, daß Du erſt durch „ Der deutſche Kaiſer. 203 den Segen der Kirche unauflöslich an mich gefeſſelt ſein willſt, eh Du mir Dein ganzes Vertrauen zu ſchenken gedenkſt.“ „Du haſt recht!“ antwortete ſie mit einem bittern eiskalten Lächeln.„Dieſer Vorwurf trifft mich. Aber es will mich bedünken, als ſei er nicht der Vorwurf eines liebenden Herzens, ſondern der kühlen Ueberlegung. Aber ich will Dir nachgeben; ich will ihm begegnen. Du ſollſt Alles erfahren, bevor ich Dein Weib bin; denn nicht der Chebund macht mich zur Verrätherin an dem, was erſt das höchſte Gut meines Lebens war, die Liebe hat mich ſchon dazu gemacht. Als ich von Deinem werbenden Blick, von Deinem bittenden Worte zuerſt bezwungen, von einer unwiderſtehlichen Gewalt gezogen, an Deine Bruſt ſank, als die Flammen der Leidenſchaft, die Du in mir ent⸗ zündet, über mir zuſammenſchlugen und mich in der Selig⸗ keit der Liebe Himmel und Erde vergeſſen ließen, da war der Verrath ſchon begangen. Ich hätte Deine Nähe fliehen, ich hätte mich von dieſem Hofe entfernen ſollen, als ich mein Auge zum erſtenmal mit ſtillem Entzücken auf Deiner ritterlichen Geſtalt verweilen ließ und, plötzlich von Deinem liebeflehenden Blicke getroffen, es erröthend zu Boden ſchlug. Da zuckte der Blitz in mein Herz und zündete; in dieſer Stunde hätte ich abreiſen müſſen, um meiner hohen und heiligen Pflicht zu genügen. Aber die Bande, die Du leiſe um mich wandeſt, waren ſo ſüß; ſie wurden immer feſtere, duftende Roſenbande, und bald 204 Der deutſche Kaiſer. fehlte mir alle Kraft, mich ihnen zu entwinden.— Genug davon! Du ſollſt mein Geheimniß erfahren. Doch nicht jetzt, nicht während dieſes geräuſchvollen Feſtes. Du mußt mir vorher den heiligſten, den feierlichſten Eid ſchwö⸗ ren, niemals ein Wort von dem, was ich in Deine Bruſt niederlege, zu verrathen; Du mußt mir dieſen Eid in der Mitternacht in der Kathedrale zu Barcelona auf die ge⸗ weihte Hoſtie ſchwören. Und an jener Stelle ſollſt Du Alles erfahren, ſollſt mich ganz kennen lernen, ſollſt es wiſſen, wie ich Dich liebe, und daß ich für Dich Alles hingab, was Millionen kaum beſitzen.“ Dem Markgrafen wurde etwas unheimlich hei dieſer Ausſicht. Doch tröſtete er ſich, daß die angedrohte Scene um mehre Tage hinausgelegt war, und er hoffte mit Chievres, des Königs und der Königin Hülfe ihr ohne Aufſehen zu entgehen; denn er war natürlich entſchloſſen, ihr um jeden Preis auszuweichen. Zwar hätte er das merkwürdige Geheimniß ſeiner Geliebten gern gewufßt, und er machte in der That noch einen Verſuch, es ihr durch die alten oft erprobten Schmeichelkünſte, die ihm in ſo hoher Ausbildung zu Gebot ſtanden, zu entlocken, ohne ſich erſt auf einen ſo wunderlichen Eid einzulaſſen, er ließ aber ab, ſo bald er ſich überzeugte, daß Agnes nach ihrem ihm bekannten Charakter feſt bei ihrem ausgeſprochenen Willen verharrte, und verſprach ihr, ſich zu ſtellen, ihren Anforderungen zu genügen und dann ihr Bekenntniß ent⸗ gegen zu nehmen. Nachdem er die Gräfin ihren Frauen Der deutſche Kaiſer. 205 übergeben hatte, ritt er wieder in den Wald zurück, um an der Seite der Königin, die ihm durch Wort und Blick nur allzudeutlich zu erkennen gab, wie angenehm ihr ſeine Bewerbung ſei, den ſtattlichen Rückzug zu machen. Agnes blieb bis zur Heimkehr der Geſellſchaft mit ihrer Dienerin Aya— dieſe war vor einiger Zeit von Donna Maria Padilla zu ihrer frühern Herrin zurückgekehrt— in ihrem Zimmer eingeſchloſſen. Die Boten des Königs, der Königin, des Hauswirths und Andrer, geſandt um ſich nach ihrem Befinden zu befragen, ließ ſie von einer Kammerfrau abfertigen. Am Abend ſchlich Aya vorſichtig zu den Zigeunern, welche als Mufikanten angelegt waren, und verhandelte heimlich eine Zeit lang mit der Altmutter derſelben. Dann begab ſie ſich mit einem Pack Kleider unter dem Schutze der Dunkelheit zu der Herrin zurück, die ſich bei allen Anfragern für kränker ausgeben ließ, als ſie war. Der folgende Morgen führte die glänzende Verſamm⸗ lung zu einer neuen Jagd in eine andre Berggegend. Agnes war natürlich als krank im Schloſſe zurückgeblieben. Die verliebte Königin und der galante Markgraf legten ſich wenig Zwang an, und der Prinz von Calabrien hielt ſich in ſtrenger Ferne. Der König flüſterte Chievres einige glückwünſchende Worte zu. Die Zigeunerbande mußte fröhliche Hochzeittänze ſpielen. Der glückliche Markgraf vermochte die ſchöne Herrin mit ihm in den Wald zu reiten, anſcheinend zur Verfolgung eines Wildes Bald 206 Der deutſche Kaiſer. aber, als ſie ſich dem Geſichtskreis der Uebrigen entzogen hatten, bekümmerten ſie ſich nicht mehr um das Wild, bemerkten aber auch im Eifer des zürtlichen Zwiegeſprächs, das einen immer leidenſchaftlichern Charakter annahm, nicht, daß ihnen eine Zigeunerin hinter den Bäumen fort⸗ huſchend folgte. An einem Abhange hatte die Natur eine Felſenbank mit weichem Mooſe überzogen. Ein prächtiger Baum ſtreckte ſeine laubloſen Aeſte darüber. Der Mark⸗ graf ſprang vom Pferde und hob die Königin von dem ihrigen. Sie glitt in ſeine Arme herab, und er preßte die ſchöne Laſt, die ſüßeſten Namen flüſternd, an ſeine ſtürmiſch ſchlagende Bruſt. Sie duldete die feurige Um⸗ armung; ſie gab ſich ihr ganz hin, und der Mund des kühnen Ritters fand ſchnell ihre liebedurſtigen heißen Lip⸗ pen. Ein langer Kuß vereinigte ſie; dann zog er ſie ſchmeichelnd auf die Moosbank nieder, und beide tauſchten glückberauſcht Kuß und Umarmung und die zärtlichſten Geſtändniſſe. Plötzlich ſtürzte die Zigeunerin, wie eine Raſende, hinter dem Baume hervor, einen Dolch in der erhobenen Hand, und auf den erbleichenden Fürſten los mit den Worten:„Stirb meineidiger Verräther!“ Die Königin und der Markgraf erkannten in der Zi⸗ geunerin die Gräfin Cardona, und ſchreiend warf ſich die Erſtere zwiſchen die Wüthende und den geliebten Mann. Sicherlich würde ſie vom Dolchſtich ihrer Nebenbuh⸗ lerin getroffen worden ſein, hätte der gewandte Ritter nicht mit einem raſchen Griffe dieſe entwaffnet.„Thö⸗ —————— ——— Der deutſche Kaiſer. 207 rigtes Weib,“ ſagte er kalt und verächtlich,„mit der Buh⸗ lerin des Abts von Kempten habe ich nichts zu ſchaffen. Der Junker von Büvenhoven befindet ſich zur gelegenen Zeit bei der Jagdgeſellſchaft des Königs, um Euch einen Spiegel aus der Vergangenheit vorzuhalten.“ Agnes that einen wilden Schrei und ſtürzte in den Wald zurück. Der Markgraf gab der Königin eine aus Wahrheit und Dichtung künſtlich zuſammengeſetzte Erklä⸗ rung, welche ſie über ihre zeitherige Freundin in Erſtau⸗ nen ſetzte, zugleich ihr aber auch vollkommne Beruhigung einflößte und ihr Herz noch williger machte, die Liebes⸗ ſchwüre des ſchönen Fürſten aufzunehmen. Als der Jagdzug Abends auf das Schloß zurückkehrte, war Agnes mit Aya abgereiſt. Der Vorfall konnte dem König und Chievres nicht verſchwiegen bleiben; und da der Erſtere kindiſch plauderhaft war, ſo ging die Geſchichte mit den abenteuerlichſten Zuſätzen heimlich von Mund zu Mund. Am folgenden Tage reiſte auch die andaluſiſche Ge⸗ ſandtſchaft ab; der König aber erklärte die Verlobung der Königin Germaine mit dem Markgrafen von Brandenburg vor dem Hofe mit der ausgelaſſenen Freude eines Kindes, dem ein ausſchweifender Lieblingswunſch plötzlich gewährt worden iſt, und der Graf d'Andrada nahm davon Gele⸗ genheit ein neues prachtvolles Feſt zu veranſtalten. Vier Wochen ſpäter wurde das Beilager der Verlobten zu Saragoſſa gefeiert, wohin ſich der ganze Hof zu dieſem 208 Der deutſche Kaiſer. Zwecke begeben hatte, und der Koͤnig ſparte nichts, um das Feſt mit Glanz und Pracht auszuſtatten. Germaine war eine hochbeglückte Braut. Der muthwillige fran⸗ zöſiſche Leichtſinn, der ſo lange in ihr durch den Zwang der ſpaniſchen Etiquette gedämpft worden war, brach nun gleichſam ſtürmiſch hervor und ſchien, in Verbindung mit dem ſüßen Gefühl befriedigter Liebe, das ſie bis jetzt hatte entbehren müſſen, ſie zu verjüngen. Agnes von Cardona war wie von der Erde ver⸗ ſchwunden; auch nicht die leiſeſte Spur von ihr war auf⸗ zufinden, wohin ſie ſich gewandt haben könnte, ſo eifrig auch Chievres ſeine geheimen Nachforſchungen nach ihr betrieb. Denn den Markgrafen ängſtigte die Ahnung, daß ſie die Rache gegen ihn nicht aufgeben werde, und ließ ihn nicht zum reinen Genuß ſeines Glückes kommen. Mit Magelhaens wurde ein Vertrag abgeſchloſſen, nach welchen dieſer eine Reiſe nach Weſtindien vorbereiten und dieſelbe antreten ſollte, ſobald alle nöthigen Vorbereitungen getroffen ſeien, um einen neuen Weg dorthin über die Molukken aufzufinden, wie er dem Könige vorgeſchla⸗ gen hatte. Büvenhoven erhielt den Auftrag, auf Rechnung des Königs einige Goldbergwerke zu betreiben. —————, — † Funßehntes Rapitel. Der Erzherzog Ferdinand war gleich nach dem Tode ſeines Großvaters, des Kaiſers Marimilian, nach Brüſſel zu ſeiner Tante der Erzherzogin Statthalterin Margaretha zurückgekehrt. Was ſollte der Knabe auch in Tirol oder Oeſtreich! In beiden Ländern brachen ſehr bedenkliche Volksunruhen aus; die harten Dränger des Volks, die kaiſerlichen Amtleute, wurden verjagt, manche erſchlagen; die Bewegung griff ſchnell um ſich und ließ eine allge⸗ meine Empörung befürchten. Es zeigte ſich jetzt, wie wenig volksthümlich und gerecht Maximilians Regierung ſogar in ſeinen Erblanden geweſen war. Die Ausſichten des Erzhauſes Oeſtreich auf die Kaiſerkrone waren ſehr getrübt; es ſchien, als ſei alle Mühe Marximilians, ſie auf das Haupt ſeines Enkels Karl zu bringen, gänzlich ver⸗ gebens geweſen. Man ſprach von den beiden Brüdern, den jungen ſchwachen Säulen des Hauſes Oeſtreich, ziemlich verächtlich im deutſchen Reiche als von„armen Knaben.“ Der ältere war König im fernen Spanien, mit welchem Ein deutſcher Leinweber. Vl. 14 210 Deutſchland in faſt gar keinen Beziehungen ſtand, der andre lebte in den Niederlanden bei ſeiner Tante, die ſowol in den öſtreichiſchen Erblanden, wie in Deutſchland überhaupt ebenfalls fremd war. Es ſchien bei der um ſich greifenden Empörung ſogar zweifelhaft, ob einer der Erzherzöge in den Erblanden zur Regierung kom⸗ men werde. Der König Ludwig von Ungarn und Böhmen ließ unter dieſen Umſtänden ſeine Schweſter Anna, welche mit einem der Brüder verlobt und in Wien erzogen worden war, zurückkommen. Die Erzherzogin Statthalterin trat jetzt handelnd auf, und ſie wandte ſich an den rechten Mann, der in dieſer Noth allein helfen konnte, und von dem ſie vorausſetzen durfte, daß er dazu nicht nur die rechten Mittel, ſondern auch den beſten Willen habe. Nicht ein Kurfürſt war es, nicht ein Kriegsheld; es war der alte Leinweber Jakob Fugger, dem ſie einen Boten ſchickte mit einem freund⸗ lichen Handſchreiben, worin ſie ihn auf das Dringendſte einlud, ohne Verzug zu ihr nach Brüſſel zu kommen. Und er folgte der Einladung, begleitet von ſeinem Neffen Raimund. Der deutſche Kaiſer. Die Gefahr für Oeſtreich war groß. Denn, die Um⸗ ſtände benutzend, bewarb ſich der junge König von Frank⸗ reich Franz um die deutſche Krone. Dieſer ritterliche Herr hatte ſich durch die Wiedererobung Mailands mittels des Siegs in der Schlacht bei Marignano, wo er ſelbſt mit Der deutſche Kaiſer. 211 großer Tapferkeit gefochten, einen berühmten Namen ge⸗ macht. Seine perſönlichen Eigenſchaften, vorzüglich ſeine Ehrenhaftigkeit und ſeine Leutſeligkeit wurden vielfach ge⸗ lobt. Mit dem Papſte ſtand er im beſten Vernehmen und war der thätigſten Unterſtützung deſſelben gewiß; der König von England ſagte ihm die ſeinige zu. Nun trat er auch mit einem deutſchen Fürſten nach dem andern in freundſchaftliche Beziehungen und durfte manchen von ihnen für ſich zu gewinnen hoffen. Die Eriſtenz der Herzöge von Geldern und von Würtemberg hing von Franz ab, der Herzog Heinrich von Lüneburg nahm für ihn Partei; ſeine heimlichen Geſandten reiſten, mit großen Geldſummen verſehen, von einem deutſchen Fürſtenhofe zum andern und wurden dieſer klingenden Gründe wegen überall gut aufgenommen. Der Kurfürſt von Trier, der ſchon bei Marimilians Lebzeiten zu Franz gehalten hatte, trat jetzt ſogar bei den übrigen Kurfürſten als Werber für ſeinen königlichen Gönner mit den ausgedehnteſten Vollmachten deſſelben auf. Es war darin geſagt: er ſolle den übrigen Kurfürſten und ihren Vertrauten ſo wie andern Fürſten des Reichs ſo viel Geld bewilligen, als ihm gut ſcheine, entweder ein für allemal oder als jährliche Penſionen, und dafür in ſeinem(des Königs) und ſogar ſeiner Nachfolger Namen die Beſitzthümer der Krone zur Hypothek ſetzen; und dieſe Verträge ſollten eben ſo viel Kraft haben, als wenn der König ſelbſt ſie abgeſchloſſen hätte. Den Fürſten, dem Adel, den Städten wurde Beſtätigung ihrer Privi⸗ 14* 212 Der deutſche Kaiſer. legien verſprochen, dem ganzen Reich die Vertreibung der Türken; der trierer Kurfürſt ſollte das Alles im Namen des Königs beſchwören. Und ſo gelang es, die Kurfürſten von der Pfalz und von Köln dem franzöſiſchen König geneigt zu machen. Der von Mainz wurde vom Papſt günſtig für Franz geſtimmt; der eitle Albrecht wünſchte päpſtlicher Legat zu werden, und Leo ließ ihm dieſe Würde durch König Franz zuſagen, wenn er dieſem ſeine Kur⸗ ſtimme gebe. Der Kurfürſt von Brandenburg erhielt von dem franzöſiſchen Geſandten das Verſprechen, ſeinem Sohne die Prinzeſſin Renée, Tochter Ludwigs Kll. und der Anna von Bretagne, die für den König Karl beſtimmt geweſen war, zu vermählen; er ſelbſt ſolle Statthalter des Kaiſers werden. Der Ehrgeiz des Brandenburgers regte ſich: er kaiſerlicher Statthalter, ſein Bruder päpſtlicher Legat, das waren Ausſichten zur Erhebung des brandenburger Hauſes. Nicht minder wurden von Frankreich auch Unterhandlungen mit dem alten Kurfürſten Friedrich von Sachſen angeknüpft; ſeine gereizte Stimmung gegen das burgundiſche Haus wegen der Uebervortheilungen, die er in den Niederlanden erfahren, waren den Franzoſen bekannt; aber der weiſe Friedrich verſprach nichts und zeigte ſich wie immer unbe⸗ ſtechlich. Bei den rheiniſchen Kurfürſten kam zu den Verlockungen des franzöſiſchen Königs noch die Furcht vor ſeiner Kriegs⸗ macht; ihre Grenzen gegen Frankreich waren unbeſchützt; ſie konnten jeden Tag überfallen werden. Der deutſche Kaiſer. 213 So ſtanden die Dinge, als Jakob Fugger in das Zimmer der hohen Frau trat, in welcher er das jetzige Haupt des öſtreichiſchen Hauſes verehrte, und auf die er alle Liebe übertragen hatte, welche er für ihren Vater gehegt⸗ Er fand eine Geſandtſchaft des Königs von Spanien bei ihr; eine ſchwere Laſt Geld war aus Barcelona ebenfalls angelangt, und es ſollte nun Rath gepflogen werden, wie den ſchlauen Bemühungen des Königs Franz am wirk⸗ ſamſten zu begegnen ſei. Margaretha zog ſich mit ihrem alten Freunde in ihr Kloſet zurück; ſie wollte ſeine Mei⸗ nung erſt allein hören, die ihrige ihm zur Begutachtung vorlegen. Sie kannte keinen treuern Freund als ihn. Die Verhältniſſe wurden von beiden wohl erwogen; die Kurfürſten und Fürſten wurden einzeln der Reihe nach beſprochen, und Fugger verzweifelte nicht am Siege, wenn den franzöſiſchen Machinationen zu gleicher Zeit offen mit Kraft und Entſchiedenheit und im Geheimen mit gleichen Liſten, d. h. mit Beſtechungen und Verſprechungen ent⸗ gegen getreten würde. Er ſelbſt übernahm es, die Kur⸗ fürſten erſt auf ſeine Weiſe perſönlich zu bearbeiten, bevor niederländiſch-ſpaniſche Geſandtſchaften an ſie abgeordnet würden, und verſprach der Erzherzogin, ſich dabei der Hülfe ſeines Neffen Raimund zu bedienen, welcher durch ſeinen Kunſthandel mit allen dieſen hohen Häuptern in noch nähern perſönlichen Beziehungen ſtehe, als er ſelbſt. Dann wurde zwiſchen ihnen ausgemacht, daß eine öſtreichiſche Commiſſion in Augsburg niedergeſetzt werden ſollte zur 214 Der deutſche Kaiſer. Betreibung des Intereſſes des Königs Karl. Mit den nöthigen Vollmachten der Statthalterin verſehen, traten die beiden Fugger die Rückteiſe an, um in Trier, Köln, Mainz und Manheim die Verhandlungen anzuknüpfen. Die Fugger'ſchen Wechſel bewährten ihre Wunderkraft; das einfache Wort des augsburger Leinwebers überwog die feinen und ſchmeichleriſchen Reden der franzöſiſchen Geſandten; in dem Fugger'ſchen Gelde meinten die Fürſten ſtecke ein beſondrer Segen; was man damit anfange, gedeihe ſichtlich, während das franzöſiſche einem wie Zau⸗ bergold unter den Fingern verſchwinde, ſo daß man nicht wiſſe, wohin es gekommen ſei. Da bewährte ſich wieder einmal recht glünzend, was der Name Jakob Fugger's im deukſchen Reiche werth ſei. Ueberall wurden Oheim und Neffe mit großer Auszeichnung aufgenommen; die Kurfürſten rechneten ſich ſeinen Beſuch gleichſam zur Ehre an. Vom größten Gewicht war vorzüglich ſein weiſes Wort:„es werde Deutſchland zur offenbaren Schande vor der ganzen Welt gereichen, wenn die Kurfürſten einen ausländiſchen König, einen Franzoſen zum Reichsober⸗ haupte erwählten. Solche Wahl würde Ihnen vom Volke nicht viel beſſer als ein Verrath am Vaterlande angerech⸗ net werden. Deutſchland könne und dürfe nur einen deutſchen Fürſten zum Kaiſer haben. Auch werde der Franzoſe die Intereſſen ſeines Stammlandes ſtets vor den deutſchen wahren, und darin würde die Rache des Schick⸗ ſals für ſolch eine unpatriotiſche Wahl liegen und zu — — Der deutſche Kaiſer. 215 ſchimmen Hindeln führen. Wahr ſei es, das Reich be⸗ vürfe eines mächtigen Kaiſers, theils zur Schlichtung der imern Wirren, theils des unvermeidlichen Türkenkriegs wegen. Der reichſte und mächtigſte König Europas ſei aber der junge König von Spanien, nicht nur ein ächt deutſcher Fürſt, ſondern ſogar von habsburgiſchem Blute, welches die deutſche Kaiſerkrone ſchon ſo lange mit Glück und Ehren getragen, u. ſ. w.“ Die blanken kremnitzer Dukaten von Fugger'ſchem Gepräge gaben dieſen gewich⸗ tigen Worten den gehörigen Nachdruck und die überzeu⸗ gende Kraft. Fugger fand wenig und nur ſchwachen Widerſpruch. Am meiſten mußte ihm an der Gewinnung des Kurfürſten von Mainz gelegen ſein, weil ſie auch die ſeines Bruders in ſichre Ausſicht ſtellte. Für die Unter⸗ handlung mit Albrecht konnte zu dieſem Zweck kein beſſerer Mann gefunden werden, als Jakob Fugger. Der Kurfürſt war wieder in bedeutendem Vorſchuß bei dem alten Lein⸗ weber, und dieſer überreichte ihm nicht nur den zerriſſenen Schuldbrief, ſondern damit zugleich Wechſel von gleichem Betrage. Bei. der Tafel fand Martha Bry unter ihrem Teller ein zuſammengefaltetes Pergament und las mit freudigem Erſtaunen darin ihre Ernennung zur Gräfin von Aſchaffenburg durch die Erzherzogin Statthalterin der Niederlande nebſt dem Verſprechen, daß der König von Spanien dieſe Standeserhöhung ſogleich nach ſeiner Krö⸗ nung zum deutſchen Kaiſer beſtätigen werde. Und als der Kurfürſt von der Tafel in ſein Zimmer zurückkehrte, ſah 216 Der deutſche Kaiſer. er zu ſeiner Ueberraſchung dort eins der trefflichſten Ge⸗ mälde Rafael Sanzios aufgeſtellt, welches Raimund Fuggen im vorigen Jahre von dem berühmten Künſtler in Rom ſelbſt gekauft hatte. Es war der heilige Johannes der Täufer in der Wüſte. Raimund hatte dem Kurfütſten darüber Meldung gemacht, aber eine ſo hohe Summe dafür gefordert, daß Albrecht den Ankauf beanſtandet hatte. Jetzt wurde ihm das Bild zum Geſchenk gemacht. Der Kurfürſt erklärte hierauf ſeinem alten augsburger Geſchäftsfreunde unter vier Augen mit großer Freundlichkeit: er werde die vfficielle Geſandtſchaft des Königs von Spa⸗ nien mit erwünſchter Genugthuung empfangen. Für die Zuſtimmung ſeines Bruders leiſtete er gewiſſermaßen Bürgſchaft. Mit nicht geringerem Erfolge operirte Jakob am pfäl⸗ ziſchen Hofe, und als er auf dieſe Weiſe die Runde ge⸗ macht hatte, war zwar der wohlbekannte Kaſten Veit Schellenbergers zum bedenklichen Kopfſchütteln des alten Knaben, der ſeinen Herrn auch jetzt, wie auf jeder Reiſe begleitete, weit öfter leer geworden, als gewöhn⸗ lich in ſo kurzer Zeit, aber von Brüſſel aus konnte nun an jeden kurfürſtlichen Hof ein Geſandter geſchickt wer⸗ den; der augsburger Bürger hatte ihm überall den Weg geebnet. er böhmiſchen Kurſtimme war der ſpaniſche König ohnedies gewiß, und in Bezug auf Sachſen griff die Ge⸗ ſandtſchaft die Vermählung der Erzherzogin Infantin mit ——,— ——,— Der deutſche Kaiſer. 217 dem Prinzen Johann Friedrich wieder auf, und man durfte ſich auch davon glücklichen Erfolg verſprechen. Die öſtreichiſche Commiſſion trat unter dem Vorſitze WMatthäus Langs, des Biſchofs von Gurk, in Augsburg zuſammen; der Kardinal von Sitten gehörte dazu. Durch ihn hoffte man die Eidgenoſſenſchaft von Frankreich abzu⸗ bringen und dem öſtreichiſchen Intereſſe zuzuwenden. Zwi⸗ ſchen Brüſſel und Augsburg gingen wöchentlich Eilboten denn die Erzherzogin Margaretha hatte ſich die oberſte Leitung der Verhandlung vorbehalten. Mit Mühe und Geld wurden die Eidgenoſſen von Frankreich abgezogen, wenn ſie auch nicht zu bewegen waren, ſich beſtimmt für Karl zu erklären. Bei allen günſtigen Ausſichten war die Sache doch keineswegs ſchon gewiß, und Trier wollte durchaus ſeine Stimme frei behaupten. Dieſelbe Erklä⸗ rung gab auch Sachſen. Die Franzoſen gaben keineswegs die Hoffnung auf; ſie machten verſchiedene Verſuche ſich einige Kurſtimmen zu erkaufen und rechneten vorzüglich auf die Unterſtützung des Papſtes ja ſie unternahmen es ſogar, über Jakob Fugger's geheime Wirkſamkeit entweder gar nicht, oder doch nicht gehörig unterrichtet, das Fug⸗ ger'ſche Haus durch große Verſprechungen in ihr Intereſſe zu ziehen, was ihnen natürlich gänzlich mißlang. Die Geſandten Karl's trugen überall den ſtillen Sieg davon, und wo er etwa noch zweifelhaft war, da gab das Fug⸗ ger'ſche Geld und die Fugger'ſche Ermahnung die Ent⸗ ſcheidung. Franzöſiſches Geld zu nehmen, fingen die deut⸗ 218 Der deutſche Kaiſer. ſchen Fürſten an ſich zu ſchämen; deutſches Geld zu neh⸗ men trugen ſie nicht das mindeſte Bedenken. Auf dieſe Weiſe wurde auch der tapfte Franz von Sickingen für Karl gewonnen und Anführer des ſchwäbiſchen Bundes⸗ heers, welches den von Frankreich abhängigen Herzog Ulrich von Würtemberg ganz aus ſeinem Lande vertrieb und dieſes als eröffnetes Reichslehn erklärte. Auch der Herzog von Geldern und der von Lüneburg wurden ge⸗ ſchlagen; Oeſtreichs Intereſſe trat immer ſiegreicher auf. Unter dieſen Umſtänden fand es endlich auch der Papſt für gerathen, ſich für Karl zu erklären. Der Kardinal Kurfürſt von Mainz beſtimmte ihn dazu. Die Kurfürſten kamen im Juni in Frankfurt zur Kai⸗ ſerwahl zuſammen. Sobald ſich die Gegner Oeſtreichs einmal überzeugt hatten, daß ſie den franzöſiſchen König nicht würden halten können, ſuchten ſie eine Auskunft zu treffen. Einige dachten an Kurfürſt Joachim von Bran⸗ denburg; aber bald zeigte ſich, daß es unmöglich ſein würde, ihm die nöthige Zahl Stimmen zu verſchaffen. Er war weder mächtig genug, noch perſönlich beliebt. Da kam der Kurfürſt von Sachſen Friedrich in Vorſchlag. Sein deutſcher gemäßigter Sinn, die Weisheit, die er als Reichsverweſer beurkundet, ſein großer Schatz von Erfah⸗ rungen ſchienen ihn vorzüglich zur kaiſerlichen Würde geeignet zu machen. Die öſtreichiſche Partei wagte nicht gegen ſo viel Verdienſt aufzutreten. Aber Friedrich hätte nicht der Weiſe heißen müſſen, wenn er Ehrgeiz beſeſſen, „ —— — ———,—— . ———5— Der deutſche Kaiſer. 219 wenn er nicht gewußt, daß ein ſtarkes Uebergewicht von Macht dazu gehörte, um das Wirrſal des deutſchen Reichs zu ordnen und die ſtolzen mit Kraft und Nachdruck die Unabhängigkeit erſtrebenden Fürſten und Stände mit dem Reife der Kaiſerkrone zuſammenzuhalten und zum Gehorſam zu zwingen. Auch fühlte er ſich zu alt, um dieſen ſchwie⸗ rigen Kampf zu wagen, für ihn um ſo ſchwieriger, als ihm die Macht abging. Er ſchlug die Kaiſerkrone aus und erklärte ſich für Karl. Dieſe Erklärung war ent⸗ ſcheidend. Es war am Morgen des 28. Juni, als, dem alten Gebrauch gemäß, die Sturmglocke durch die alte Wahlſtadt ertönte und ihre Bewohner auf den wichtigen Akt der Kaiſerwahl vorbereitete. Es war merkwürdig, daß von der Wahl eines deutſchen„Königs“ nicht mehr die Rede war. Marimilian hatte die Kaiſerwürde angenommen und war nie vom Papſt gekrönt worden; man nahm alſo an, daß dieſe Krönung nicht mehr nöthig ſei, zum Beweis, wie ſehr das päpſtliche Anſehen in Deutſchland geſunken war. Die Kurfürſten verſammelten ſich zur Kaiſerwahl. Sie traten ſchweigend einher in der Pracht ihrer Gewänder nach der Rangordnung und zogen in die Bartholomäus⸗ kirche. Am Chore derſelben befindet ſich eine enge, kleine, halbdunkle Kapelle, ehrwürdig und geheiligt durch den Gebrauch als Conclave der deutſchen Kurfürſten bei der Wahl eines Reichsoberhauptes. Sie nahmen ihre Sitze ein und Albrecht von Mainz ſprach das Gebet. Dann 220 Der deutſche Kaiſer. wandte er ſich nach alter Sitte und Herkommen zuerſt an Trier mit der Frage:„Wen wählt Ihr zum deutſchen Kaiſer?“ Und Richard von Greifenklau, der zäheſte Gegner Oeſtreichs, erwiderte:„Ich wähle den Erzherzog Karl von Oeſtreich, Herzog von Burgund und. Niederland, König von Spanien und Neapel.“— Und da nun dieſelbe Frage reihum ging, hatte Karl alle Stimmen. Nach dieſer einſtimmigen Wahl beſchloſſen die Kur⸗ fürſten, einem ſo ſtarken und mächtigen Kaiſer gegen⸗ über die Rechte des Reichs zu wahren. Es kam eine bündige Kapitulation zu Stande, welche er beſchwören ſollte. Die Aemter ſollten nur Deutſche erhalten, die Verhandlungen nur in deutſcher Sprache geführt, die Reichsverſammlungen nur innerhalb der Grenzen Deutſch⸗ lands abgehalten werden; ſie ſelbſt verlangten zum Reichsregimente gezogen zu werden, ohne ihre Einwil⸗ ligung ſollte kein Krieg angefangen, kein Bündniß ge⸗ ſchloſſen, kein Reichstag angeſagt, keine Steuer ausgeſchrie⸗ ben werden u. ſ. w. So war denn der neunzehnjährige Karl auch deut⸗ ſcher Kaiſer und ſomit der mächtigſte Fürſt der gan⸗ zen Erde. Jakob Fugger, welcher während der Wahl in Frank⸗ furt gegenwärtig geweſen war, eilte mit der frohen Bot⸗ ſchaft ſogleich nach Brüſſel zur Erzherzogin Margaretha. Als der alte wackre Leinweber nun vor der holdſeligen Der deutſche Kaiſer. 221 Fürſtin ſtand und ihr mit freudeſtammelnder Zunge be⸗ richtete, was ſich begeben hatte, rief ſie:„Das iſt der glücklichſte Tag meines Lebens. Der ſehnlichſte Wunſch meines Vaters iſt erfüllt. Nun ſteht das Erzhaus feſt für alle Zeit. Mein lieber Vater Jakob— Ihr wißt, daß ich Euch immer gern ſo nannte, nach dem Tode des Kaiſers Mar aber zwiefach gern; Ihr habt ja immer als Vater an uns gehandelt, und diesmal als ein recht zärt⸗ licher Vater, ganz im Sinne des theuern Todten— ich kann Euch nicht mit Gold belohnen; Ihr habt mehr davon als ich, und es wäre eine Schande für mich, Euch eine ſolche Anerbietung zu machen. Mit dem Kuſſe einer Tochter will ich mich Euch dankbar bezeigen.“ Und damit küßte ſie den überraſchten Mann recht innig. Die Wonne die⸗ ſes Augenblicks konnte er nicht wieder vergeſſen bis an ſein Ende, und Frau Sibylle mußte oft von dieſem Kuſſe hören. „Mein Sohn Karl,“ fuhr die Fürſtin fort,„ſoll es von mir erfahren, was er Euch, wackrer Fugger, zu verdanken hat. Er wird Euch ebenfalls wie ein Sohn lieben und verehren.“ Der Pfalzgraf Friedrich wurde ſowol von den Kur⸗ fürſten als auch von der Etzherzogin zum Geſandten an König Karl ernannt, um ihm die Botſchaft ſeiner Wahl zu überbringen. Zum Gefolge des Pfalzgrafen gehörte der Graf von Iſſelſtein, deſſen Ehewirthin der Tod hin⸗ weggenommen, und der nun allein ſtand in der Welt. Der deutſche Kaiſer. Die Kunde war zu ihm gedrungen, daß ſein einziges Kind in Spanien verweile, und er ſchloß ſich der Ge⸗ ſandtſchaſt an, um die geliebte Tochter aufzuſuchen, noch einmal ans Herz zu drücken und dann ebenfalls zu ſterben. — —————— Sechzehntes Rapitel. Durch ganz Spanien ging der finſtre Geiſt der Unzu⸗ friedenheit; die untern Schichten der Geſellſchaft waren vorzüglich von einer dumpfen Gährung ergriffen, die alle Anzeichen darbot, daß ſie einer allgemeinen Empörung entgegen reife. Geſchehen war noch nichts, aber es ſtand ſehr zu befürchten, daß über kurz oder lang irgend eine Veranlaſſung den Ausbruch herbeiführen werde. Die Nachricht von der Erwählung des Königs zum deutſchen Kaiſer erhöhete die gereizte Stimmung des gemeinen Volks. Während der hohe Adel ſich durch die Erhebung ſeines Oberhauptes geſchmeichelt fühlte und ſich ſelbſt dadurch als erſten Adel Europas, wofür er ſich untereinander ſtets gehalten und erklärt hatte, Anerkennung zu verſchaffen hoffte, wurden das Landvolk und die Bürgerſchaft der Städte ſehr erbittert, daß der König, kaum ins Land gekommen, wo durch ihn und ſeine Rathgeber nicht nur noch nichts zur Ordnung der Verwirrung des öffentlichen Weſens, vielmehr Vieles zu noch größerer Unordnung Der deutſche Kaiſer. geſchehen war, es ſchon wieder verlaſſen wollte. Dieſe Leute ſchrieen überall laut: Spanien, Neapel und die neue Welt ſeien reich genug, um den König zum mächtig⸗ ſten Herrſcher des Erdbodens zu machen; er bedürfe dazu der armſeligen deutſchen Krone nicht, die ihrem Träger noch niemals Glück und Segen gebracht habe. Es ſei nichts als ein tadelnswerther Ehrgeiz, von dem ſie nun zu leiden haben würden. Kaum habe man gehofft, daß das Regiment, der König in Verein mit den Ständen, die ſchreienden Uebelſtände beſeitigen werde, als der erſtere ſich anſchicke wieder von dannen zu ziehen, um das Ober⸗ haupt eines Landes zu werden, das in noch ſchlimmerer Verfaſſung ſei, als Spanien. Man begreife nicht, wie ſeine Jugend all den unüberſehbaren Anſprüchen, die an ihn geſtellt werden würden, gewachſen ſei; er müſſe noth⸗ wendig die Intereſſen eines Landes vernachläſſigen, und da er Spanien ſchon wieder verlaſſe, ſo ſei voraus zu ſehen, welches Land dies ſein werde. Niemand könne wiſſen, wann und ob er überhaupt jemals wieder keh⸗ ren werde. Weit größer als gegen den König, den man mit ſei⸗ ner großen Jugend zu entſchuldigen meiſt geneigt war, zeigte ſich die Aufregung des Volks gegen die Niederlän⸗ der, die mit ihm ins Land gekommen waren und alle mit ſchamloſer Frechheit darauf hinausgingen, ſich zu be⸗ reichern. Und in dieſer Beziehung theilte der Adel die empörte Geſinnung des Volks. Bei ihm kam noch hinzu, Der deutſche Kaiſer. 225 daß alle Stellen mit Niederländern beſetzt wurden und Chieyres nur für große Summen einem Eingebornen ein Amt überließ. So wurden die beiden Hauptpunkte der vom König beſchwornen Verfaſſung, keinen Ausländer anzuſtellen und kein Geld aus dem Lande gehen zu laſſen, gleichſam vor aller Augen verhöhnt. Der gemeine Mann war nun aber auch wieder beſonders gegen den inlän⸗ diſchen Adel erbittert, der es in Verderbtheit und Zügel⸗ loſigkeit der Sitten den Niederländern noch zuvorzuthun ſich beeiferte. Die alte ſpaniſche Tugend der Ehrbarkeit und Zucht ſchien gänzlich verſchwunden zu ſein. Der Bauer und der Bürger klagten laut, daß die Adligen ihre Töchter verführten, ihren Weibern Gewalt anthäten, Geld von ihnen erpreßten, die Religion verſpotteten und kein Be⸗ denken trügen, jede Schandthat, von der ſie ſich Vortheil oder Vergnügen verſprächen, auszuführen. Der Geiſt des Jahrhunderts erwachte auch im ſpaniſchen Volke und nahm, wie in Deutſchland und Ungarn eine drohende Stellung gegen die übermüthigen Dränger und Unterdrücker an. Am lauteſten ſprach er ſich im Königreich Valencia aus. An den Hof in Barcelona wurde berichtet, die ganze Bevölkerung dieſes Königreichs warte nur darauf, bis der König zu ſeiner Anerkennung und zur Eröffnung des Landtags nach Valencia kommen werde, um aufzu⸗ ſtehen und ſich von der Laſt der Niederländer zu befreien. Damit noch nicht genug, wurde auch behauptet, die ſtarke mauriſche Bevölkerung Valencias habe ſich in einer großen Ein deutſcher Leinweber. vI. 15 226 Der deutſche Kaiſer. Verſchwörung zuſammengethan, welche ſich nach Andaluſien erſtrecke; ſie ſtänden in Verbindung mit den Mauren in Afrika, und die große Maſſe von Seeräubern dieſes Volks, welche fort und fort die ſpaniſchen Küſten beunruhigten, ſeien die Vermittler zwiſchen ihren Glaubensbrüdern auf beiden Seiten des mittländiſchen Meeres. Dieſe Gerüchte boten der Umgebung des Königs hinlänglichen Grund, ihn von der Reiſe nach Valencia abzuhalten; der Mark⸗ graf von Brandenburg bezeigte eben ſo wenig Luſt, als Vicekönig in ein Land zu gehen, wo er ſeines Lebens keine Stunde ſicher war. Er zog es vor, die Liebe und die Gelder ſeiner Germaine in Sicherheit zu genießen. Man kam endlich überein, den Kardinal Adrian als Be⸗ vollmächtigten des Königs nach Valencia zu ſchicken und durch ihn den Landtag eröffnen und die Anerkennung des Königs bewirken zu laſſen. Der ſanfte und ruhige Adrian war unter allen Niederländern in Spanien der am wenig⸗ ſten Verhaßte, und ſeine hohe geiſtliche Würde, vor der das Volk die heilige Scheu und Ehrfurcht noch nicht ver⸗ lernt hatte, verſchaffte ihm mehr Anſehen und Nachdruck als jedem Andern. Vergebens ſandten die Valencianer Bot⸗ ſchaft über Botſchaft an den König, in eigner Perſon zu ihnen zu kommen. Er und ſeine Umgebung betrieben vielmehr die Abreiſe nach Deutſchland aus allen Kräften. Es fing den Niederländern nachgerade an unheimlich in Spanien zu werden. Es ſchien, als ſtände die Erfüllung der Prophezeihung des Kardinals Kimenes, die jetzt in Der deutſche Kaiſer. 227 Aller Mund war, vor der Thür. Der alte Prieſter hatte es nicht an nachdrücklichen Ermahnungen und Warnungen fehlen laſſen. Keine einzige war beachtet und befolgt worden. In dieſen ſchwierigen Zeitverhältniſſen traten die Hand⸗ werkerzünfte in Valencia aus eignem Antriebe zu einer großen bewaffneten Korporation zuſammen, der ſie den Namen„Germania“(Verbrüderung) beilegten. Sich ſelbſt nannten ſie davon Germanaten. Als Vorwand gaben ſie an: ſie wollten das Land gegen die Ueberfälle der afrikaniſchen Mauren und die Empörung der in ihrem Königreich wohnenden beſchützen; die Germania war aber eigentlich gegen den einheimiſchen und nebenbei wol auch gegen den niederländiſchen Adel gerichtet. Die Verbün⸗ deten fandten einen ihrer kühnſten und ſchlauſten Führer an den König nach Bartelona, der da glaubhaft zu machen ſuchte, die Germanaten handelten im Sinne des Königs zum Schutz des Landes. Sie begehrten ſeine Beſtätigung, und er wagte nicht, ſie ihnen zu verſagen. So wie dieſes geſchehen war, breitete ſich die Germania außerordentlich ſchnell aus, begriff bald ganz Valencia und dehnte ſich nach Caſtilien aus. Hier waren es die vor einigen Jahren aufſtändiſch geweſenen Städte, die ſich dem Bunde zuerſt anſchloſſen, und wieder traten dieſelben Häupter hervor, welche damals den Aufſtand geleitet hatten. In faſt allen Städten kam es zu wildem Unfug, zu Mord und Todtſchlag. Anfangs ſchien die Bewegung nur gegen 15* 228 Der deutſche Kaiſer. die Beamten und Volksfeinde gerichtet; auch die unglücklichen Mauren und ihre zum Chriſtenthum gezwungenen Brüder waren meiſt ein Gegenſtand der Wuth der Germanaten; bald aber zeigte ſich, daß eigentlich der Adel gemeint war. Von Woche zu Woche wuchs der Bund und nahm eine immer drohendere Stellung an. Jetzt griff Chievres, dem es nicht wohl bei der Sache wurde, zu dem unklugen Mittel, den König zu einem Befehl zu vermögen: der Germania-Bund ſolle ſich auf⸗ löſen und ſeine Waffen den königlichen Beamten auslie⸗ fern. Dieſe Verfügung goß natürlich Oel ins Feuer. Ueberall traten Handwerker als begeiſterte Volksredner auf; die Germanaten verweigerten dem Befehle den Gehorſam und ſchloſſen ſich feſter aneinander, hie und da ſchloß ſich ſchon das Landvolk an ſie an, und der König hatte nicht die Macht, den ihm gebotnen Trotz zu ahnen. Er mußte geſchehen laſſen, was er nicht ändern konnte und verlor dadurch faſt alles Anſehen. In Deutſchland war er ſei⸗ ner Macht wegen zum Kaiſer erwählt worden, und in Spanien vermochte er eine Volksbewegung nicht zu unterdrücken, die jetzt ihn und ſeine Miniſter laut ver⸗ höhnte. Noch aufgeregter wurde das Volk in Valencia und in den Grenzländern durch die um dieſe Zeit in der Haupt⸗ ſtadt des genannten Königreichs ausgebrochene Peſt, welche furchtbare Verheerungen anrichtete. Noch immer hatte der König, deſſen perſönlicher Muth erwacht war, den Vorſatz Der deutſche Kaiſer. 229 gehegt, ſelbſt nach Valencia zu gehen und durch ſein per⸗ ſönliches kräftiges Auftreten die Bewegung am Orte ihres Urſprungs zu erſticken; die grauſam dort wüthende Peſt vereitelte dieſen Plan. Er ging im September mit dem ganzen Hofe über Saragoſſa und Burgos nach Valladolid zur Abhaltung eines neuen Landtags von Caſtilien. In Saragoſſa gab er dem Don Fernando Magelhaens die Abſchiedsaudienz. Der Seefahrer hatte nun Alles zu ſeiner Reiſe nach der neuen Welt gerüſtet und gedachte in kurzer Friſt die Anker zu lichten. Um dieſe Zeit war es, als eines Morgens, ſobald die Nebel der Nacht vom Meere wichen, in einem Fiſcher⸗ dorfe an der Küſte von Südvalencia bei Guardamar ein kleines Boot erkannt wurde, welches nach dem Lande zu ſteuerte. Es ſchien Eile zu haben in der erſten Frühe des Tags, doch nahm es ſeine Richtung nicht nach dem Dorfe, ſondern lenkte in eine von Felſen umgürtete und von Bäumen und Gebüſchen dicht umkränzte Bucht ein, die unter dem Namen der Cervera⸗Bucht bekannt, von einer vorliegenden Landzunge geſchützt, ein heimliches Ver⸗ ſteck bildete, in welchem kleine Fahrzeuge ſich tagelang verbergen konnten, ohne weder vom Meere, noch vom Lande aus bemerkt zu werden. Hinter einem vorſpringenden Felſen angelegt, wurde das Boot vyn den beiden Ruder⸗ knechten befeſtigt; ein junger bäueriſch gekleideter Menſch ſtieg aus, gab den Leuten mit leiſer Stimme einige Befehle, und kletterte dann vorſichtig in einer Schlucht 230 Der deutſche Kaiſer. am Felſenufer empor. Offenbar war er mit dieſem unbequemen und theilweiſe ſogar gefährlichen Wege ſchon vertraut; denn er war ſicher in der Wahl jedes Trittes. Auch ſchlug er, oben angelangt, nicht etwa einen gebahnten Weg, der freilich auch hier nicht zu finden war, ja nicht einmal einen der wenigen ſchwach betretenen Fußpfade ein, welche ſich durch das Gebüſch ſchlängelten, er ging vielmehr in einer angeommenen Richtung gerade aus über Stock und Stein und förderte ſeine Schritte nach der ſanft anſtei⸗ genden Anhöhe hinauf, wo ihn nach einer Stunde ſcharfen Ganges ein Pinienwald aufnahm. Dieſer zog ſich vom Gipfel der Höhe auf der andern Seite in ein liebliches Thal hinab und bildete die Einfaſſung eines kleinen grü⸗ nen Wieſengrundes, von einem Bach durchſchnitten und von farbigen prächtigen Blumen überſtreut. Nun betrat der hurtige Burſche einen Pfad, der das Thal entlang lief, bog um eine tief ſich herabſenkende Waldecke und ſtand vor einer lieblichen Waldbucht, an deren hintere Wand ſich ein einfaches Haus von geringem Umfang an⸗— lehnte. Dieſes beſcheidene Gebäude war im Aeußern wenig von den Wohnungen der Landwirthe jener Gegend unter⸗ ſchieden, auch ſchienen ein paar ſtattliche Kühe, welche auf der Wieſe weideten, auf eine kleine Viehzüchterei hinzu⸗ deuten. Zur Seite des Hauſes verkündete aber ein kleiner wohlgepflegter Blumengarten höhern Geſchmack und führte auf den Gedanken, daß dieſe Niederlaſſung ein Zufluchts⸗ ort in tiefer Abgeſchiedenheit ſei, eine Stillwohnung in ——————————————— Der deutſche Kaiſer. 231 einem verſteckten Winkel nahe am Meer, um im Nothfall ſchnell das Land verlaſſen zu können. Als der Burſche ſich dem Hauſe näherte, traten zwei Bäuerinnen Arm in Arm aus der Thür deſſelben, und kaum hatte die jüngere zartere den Ankömmling erblickt, als ſie mit einem freudigen Schrei der Ueberraſchung auf ihn zueilte und ihn in deutſcher Sprache anrief:„Martin, kömmſt Du allein?“ Der junge Menſch mit den ſeltſamen Flecken im Geſicht war der ehemalige Diener im gräflich Iſſelſtein'ſchen Hauſe, die junge Bäuerin die Tochter jenes Hauſes, die Gräfin Maria von Iſſelſtein; die Andre die Gräfin Agnes von Cardona. Mit den beiden Freundinnen war aber nicht nur in der Kleidung eine ſichtbare Veränderung vorge⸗ gangen; ſie glichen Blumen, die, von den Strahlen einer ſüdlichen Sonne gequält, die ſchlaffen Kelche ſenken. Vor⸗ züglich auffallend war das krankhafte Ausſehen der einſt ſo ſchönen Dame aus arabiſchem Blute. Ihre ſtolze Geſtalt war zuſammengeknickt, ihre Züge verfallen und mit Be⸗ ſorgniß erweckender Bläſſe bedeckt, der Zauber ihres Auges war erloſchen; es blitzte nur zuweilen von einem unheim⸗ lichen Feuer. Das war nicht mehr die kühne reizende Jungfrau, die einſt alle Herzen zur Huldigung gezwungen. Der kurze Kreislauf eines Jahrs hatte ihre Blüthe ver⸗ derbt und ihre Kraft gebrochen. Es mußten ſchwere Leiden geweſen ſein, welche die hohen Reize dieſer Frau alſo zu verwüſten vermocht hatten, daß kaum noch eine Spur 232 Der deutſche Kaiſer. von ihnen in dieſer krankhaft ausſehenden Geſtalt zu ent⸗ decken war.— Aber auch aus Maria's milden Engels⸗ zügen blickte ein tiefes Leid, auch ſie war von der ver⸗ ſengenden Hand böſer Krankheit berührt, und ihr Auge, das ſich beim Anblick Martin's auf eine Minute belebt hatte, blickte bald darauf wieder matt und erloſchen auf den Burſchen, der ſie mit unverſtellter Betrübniß betrach⸗ tete. Er zog einen Brief aus der Bruſttaſche hervor und überreichte ihn der verehrten Herrin, ſtatt aller Antwort auf ihre haſtige Frage. Maria küßte den Brief mit Inbrunſt, entfaltete ihn raſch und ließ ihr Auge über die Zeilen hingleiten. Ihre bleichen Züge belebten ſich, und als ſie mit Leſen fertig war, reichte ſie das Blatt mit dem frohen Ausruf:„Er kömmt!“ der Freundin hin. Aber Agnes empfing es mit einem gleichgültigen, kalten und düſtern Blick. Ein bittres beleidigtes Gefühl drückte ſich auf ihren zuſammengepreßten Lippen aus, und kaum daß ſie einige Zeilen des Briefs geleſen, als ſie ihn ohne ein Wort zurück gab. Maria bemerkte die Theilnahm⸗ loſigkeit der Freundin nicht; denn ſie war allein mit dem ſchlank emporgewachſenen Martin beſchäftigt, deſſen feines Geſicht von der Sonne des ſüdlichen Himmels gebräunt war, ſo daß die Flecken in demſelben nicht mehr ſo deutlich hervortraten, wie ſonſt. Der Zug ſcharfer und verſteckter Schlauheit, der ſich in dieſem Geſichte ſchon früh gezeigt, war jetzt noch ſtärker ausgeprägt; voch blickte aus dem blauen Auge, indem er es auf die Herrin rich⸗ — — Der deutſche Kaiſer. 233 tete, Treue und Ergebenheit.„Erzähle, erzähle mir von ihm!“ rief Maria.„Es ſteht viel in dem Briefe, aber für mein ſehnſüchtiges Herz noch lange nicht genug, und das Fehlende ſollen Deine Worte mir ergänzen. Wie hat mein armer Ritter in Algier unter den Ungläubigen gelebt, ſeit Du mir die letzte Nachricht von ihm gebracht?“ „Es ſind kaum ſechs Monate verfloſſen, als ich Euch einen Brief meines Herrn überbrachte. Ich habe Euch damals den Tod des gewaltigen Fürſten Horuch Barba⸗ roſſa erzählt, unter deſſen Schutz wir lebten, und alle Schickſale, die wir nach ſeinem Untergange durch die Caſtilier erdulden mußten, bis ſich Chaireddin, Horuchs Bruder, nach blutigem Kampfe zum Herrn von Alhgier gemacht. Seit dieſer Zeit leben wir in ſtiller Ruhe, und mein Herr iſt nur mit ſeinen Büchern und Inſtrumenten beſchäftigt. Ich kann Euch weiter nichts erzählen, gnädige Gräfin, als daß der Ritter großes Verlangen nach Euch trägt und deshalb in kurzer Friſt bei Euch ſein wird.“ Agnes nickte dem Burſchen zu, gleichſam als Beifalls⸗ bezeigung auf ſeine ſchlaue und ausweichende Antwort. „Ach er wird froh ſein,“ ſagte Maria mit ſeligem Lächeln,„endlich von dieſen wilden ungläubigen Mauren loszukommen, um hier wieder Chriſtum und die Heiligen mit mir zu verehren. Ich habe täglich drei Roſenkränze für ihn gebetet.“ Ueber Martin's Geſicht flog ein leichtes ſpöttiſches Lächeln; doch antwortete er nicht. Vielmehr zog er aus 234 Der deutſche Kaiſer. ſeiner Ledertaſche ein paar köſtliche goldne Armringe von herrlicher mauriſcher Arbeit hervor und überreichte ſie den beiden Damen als Geſchenk ſeines Herrn. Glückſelig plau⸗ dernd führte Maria den Liebesboten in das Haus, um ihm einen Morgenimbiß zu reichen. In dieſem abgelegenen Hauſe, das er als Beſitzthum erworben, hatte ſich der Ritter von Süderland nach ſeiner Flucht aus den Händen der Inquiſition mit ſeiner geliebten Freundin verborgen, bis ihn eine Reiſe nach Afrika geführt. Als Grund dieſer Reiſe hatte er ihr angegeben, daß er auch hier nicht mehr ſicher ſei und ſich in Aftika einen feſten Wohnſitz ausmachen und dann kommen wolle, um ſie hinüber zu führen, oder, wenn er für ſeine perſönliche Sicherheit hier nichts mehr zu fürchten habe, wieder bei ihr in dieſem ſtillen Aſyl zu wohnen. Nicht lange nach ſeiner Abreiſe war Donna Ineſe de Cordona bei ihr ein⸗ getroffen, um ihr Geſellſchaft zu leiſten und ſich ebenfalls in die Einſamkeit dieſes Thals zu begraben. Die beiden Gräfinnen lebten hier als mäßig wohlhabende Bäuerinnen, wie auch der Ritter in der Umgegend als ein Viehzüchter gegolten hatte. Ihre einzige Verbindung mit der Welt war ein Briefwechſel mit Donna Maria Padilla, ihrer gemeinſchaftlichen Freundin. Der Ritter hatte durch Martin ſchon einmal ausführliche Nachricht von ſich gegeben und die Geliebte auf ruhigere Zeiten vertröſtet. Auf dieſem Wege hatte er auch erfahren, daß ſie in Ineſe eine Haus⸗ genofſin erhalten habe. Der deutſche Kaiſer. 235 Aya ſpeiſte den Burſchen mit dem Beſten, was das Haus hatte; denn die treue Magd hatte eine beſondre Vorliebe für ihn, und mittels ihrer Seher- oder Propheten⸗ gabe hatte ſie der Herrin oft geſagt, es ſtecke in Martin ein großer und vornehmer Herr, und er werde einſt noch eine bedeutende Rolle in der Welt ſpielen. Sie pflegte ihn alſo, ſo oft ſie ſeiner habhaft werden konnte, mit einer gewiſſen mütterlichen Zärtlichkeit, und wenn er ihr mit ſchlauer Schauftellung von Schmerz von ſeiner trüb⸗ ſeligen Kindheit auf dem Haſenhofe erzählte und daß er niemals ſeine Eltern gekannt, nie die Liebe einer Mutter genoſſen, da küßte ſie ihn auf die Stirn und gelobte ſich, die niemals Mutterfreuden genoſſen, ſeine Mutter ſein zu wollen. Sie hatten auch diesmal wieder viel miteinander zu plaudern und zwar Dinge, welche die Ohren einer dritten Perſon nicht vernehmen durften, weshalb Aya fleißig aus⸗ ſchaute, daß ſie nicht etwa belauſcht würden. Die beiden Freundinnen wandelten miteinander koſend im Wieſen⸗ grunde. Später fand Aya Gelegenheit der Gräfin Agnes zuzu⸗ flüſtern, daß Martin ſehr wichtige Nachrichten für ſie mit⸗ gebracht, die er ihr aber ſelbſt mittheilen wolle, und ſie grämte ſich, daß dieſe Kundgebung keinen belebenden Ein⸗ druck auf das düſtre Gemüth der Herrin hervorbrachte. Aya ſchien aber von Martin's Nachrichten gewiß zu er⸗ warten, daß ſie einen ſtarken Eindruck auf die Schwer⸗ 236 Der deutſche Kaiſer. müthige machen und ihren lebhaften Antheil erregen wür⸗ den; deshalb veranſtaltete ſie eine Zuſammenkunft Beider im nahen Walde, indem ſie ſelbſt ſich mit der Gräfin Maria beſchäftigte. Daß dieſe Nachrichten Dinge betrafen, welche die fromme Deutſche nicht erfahren durfte, erhellte aus der Unterredung der Gräfin Agnes mit Martin. „Gnädige Herrin,“ redete ſie der Burſche ehrerbietig an,„es iſt der kühne Chaireddin ſelbſt, der Bruder und Nachfolger des gewaltigen Horuch Barbaroſſa, der mich auf ſeinem Schiffe von Afrika herüber geführt hat. Auch er nennt ſich ſeinem gefallenen Bruder zu Ehren Bar⸗ baroſſa, wie Euch ſchon bekannt ſein wird. Er hat dem König Karl den Kampf auf Leben und Tod geſchworen. Er will die Fahne des Propheten wieder auf den großen Thurm der Alhambra pflanzen, und er zählt auf Euch, daß Ihr die Mauren in allen Königreichen Spaniens auf⸗ ruft zur Erhebung gegen ihre grauſamen Unterdrücker.“ „Knabe!“ zuckte Agnes empor,„welcher Dämon legte Dir dieſe Worte in den Mund? Was willſt Du von mir?“ „Mich ſendet Chair-Eddin Barbaroſſa zu Euch: Nicht todte Buchſtaben will ich ihr ſchreiben, der erhabenen Frau meines Glaubens geh Du zu ihr als mein lebendiger Brief und zeige ihr zur Beglaubigung meinen Ring vor. Seht hier, Senjora, den goldnen Ring mit dem heiligſten Spruch des Koran.“ „Und Du biſt ein Chriſt!“ rief die Gräfin erſtaunt. ———.— . — ———.— Der deutſche Kaiſer. 237 „Wer ſagt Euch, daß ich es noch bin? Ich bin Chair⸗ Eodins Diener und habe auf den Koran geſchworen, an den Propheten zu glauben. Ich verleugne den Gekreu⸗ igten, wie Ihr. Aya iſt meine Mutter geworden.“ Ineſe wandte ſich ſchmerzlich bewegt ab.„Dieſer Knabe dient unſrer Sache,“ ſeufzte ſie,„und ich—— Was will Chair-Eddin von mir?“ fragte ſie gefaßt. „In der Nacht des morgenden Tags will er Euch in der Cervera-Bucht erwarten. Er läßt Euch durch mich erſuchen, dorthin zu kommen, damit er mit Euch die nöthige Verabredung nehme. Ich werde ihm morgen früh Euern Entſchluß überbringen, und im Fall Ihr, wie er hofft und wünſcht, ſeiner Einladung Folge leiſtet, werde ich Euch beim Anbruch der Nacht an der Waldecke erwar⸗ ten, um Euer Führer nach der Vucht zu ſein.“ „Ich kann die Gräfin Maria nicht verlaſſen,“ verſetzte Ineſe nach kurzem, aber ſchwerem Kampfe mit ſich ſelbſt. „Ich kann dem kühnen Korſaren die erbetene Zuſammen⸗ kunft nicht bewilligen.“ „Wie?“ rief der Jüngling erſtaunt.„Verlaßt Ihr Euer Volk in der Stunde der Entſcheidung, die Ihr durch jahrelanges, oft vergebliches Mühen herbeizuführen Euch beſtrebt habt?“ Ineſe's Buſen hob und ſenkte ſich in mächtiger Be⸗ wegung. Sie warf einen düſtern zürnenden Blick auf Martin und ſagte mit unterdrückter Stimme:„Schweige, Knabe! Nicht Dir, nicht dem Manne, der Dich ſendet, 238 Der deutſche Kaiſer. bin ich Rechenſchaft von meinem Thun ſchuldig. Ich kann und will ihn nicht ſprechen. Bring' ihm dieſen Beſcheid!“ Damit wandte ſie ſich ſtolz und ging.. Maria hatte unterdeſſen einen Brief an den Geliebten geſchrieben, mit welchem Martin in der erſten Frühe des folgenden Tags das Thal verließ. Eh' die Sonne auf⸗ ging, flog ſein Boot wieder von der Küſte meerwärts, wo in einiger Entfernung ein zierliches Korſarenſchiff kreuzte. Siebzehntes Rapitel. Einige Wochen ſpäter nach dieſem Beſuche in dem ein⸗ ſamen Bauerhauſe langte dort ein andrer nicht minder lieber Beſuch an. Es war ein prächtiger üppiger Frühlingstag zu Ende des Monats März 1520, als zwei Frauen auf Maulthieren, von einem Führer geleitet, in das Thal einbogen und bald das Ziel erreicht hatten. Es war Donna Maria de Padilla, die junge, kühne, leidenſchaft⸗ liche Caſtilierin aus Toledo und eine ihrer Dienerinnen. Ineſe eilte aus dem Hauſe und ſchloß die Freundin in die Arme, aber dieſe erbebte innerlich vor dem verſtörten und krankhaften Anſehen der einſt ſo reizenden und blühenden Jungfrau. „Ich muß ſelbſt kommen,“ ſagte Maria de Padilla, „um Dich aus dem böſen Zauber zu erlöſen, der Dich umſtrickt hält. Deine Briefe werden mir immer räthſel⸗ hafter.“ „Sei mir willkommen, Geliebte!“ verſetzte Ineſe weh⸗ müthig.„Du mußt es geahnt haben, daß ich mich 240 längſt nach Dir geſehnt. Aber ich hatte nicht den Muth zu Dir zu kommen—“ „Du die muthigſte aller Frauen, an deren loderndem Feuer ich ſo oſt die eigne Fackel entzündet!“ „Still! Das iſt vorüber, auf ewig vorüber. Das Feuer iſt erloſchen. Die Aſche iſt todt.“ „Ineſe!— Wirſt Du mir Dein Geheimniß enthüllen? Du haſt in Deinen Briefen darauf hingedeutet. Die Ge⸗ rüchte über Dein Verſchwinden vom Hofe ſind mit ſelt⸗ ſamen Abweichungen auch zu uns nach Toledo gelangt. Ich muß endlich aus Deinem eignen Munde erfahren, was Dir begegnet iſt. Doch nicht deshalb allein komme ich; ich bringe wichtige Nachrichten. Der Aufſtand des Volks in allen eaſtiliſchen Städten gegen den Adel, gegen die Niederländer und gegen den— König hat ſich ſchon erhoben. Den König nennen wir nur noch nicht. Ein mächtiger Bund umſchließt alle Städte; Padilla und Giron ſtehen an der Spitze Zu einem allgemeinen offnen Aus⸗ bruch iſt es noch nicht gekommen, aber hie und da haben ſchon verderbliche Blitze aus der ungeheuern gewitterſchwan⸗ gern Wolke hervorgezuckt und ihre niederſchmetternde Natur geäußert. Der König und ſeine Niederländer rüſten ſich mit verdächtiger Haſt zur Abreiſe nach Deutſchland, d. h. zur Flucht. Er hat die armſelige Kaiſerkrone dort ge⸗ Der deutſche Kaiſer. wonnen, aber er wird die reichen ſpaniſchen Kronen ver⸗ lieren. Es iſt ſeine Schuld. Warum achtete er nicht auf Pimenes warnendes Wort, warum nicht auf die ernſten ——————— & —— —— Der deutſche Kaiſer. 241 und nachdrücklichen Bitten des Volks! Freue Dich Ineſe! Unſre lang erſehnte Zeit iſt gekommen.“ Aber Ineſe freute ſich nicht. In finſterm Schmerz ſtarrte ſie vor ſich hin.„Ich konnte auch nicht zu Dir kommen, unſter ſanften deutſchen Taube wegen. Ich durfte die Arme nicht verlaſſen.“ „Wo iſt ſie?“ „Sie iſt krank. Krank vor Sehnſucht nach dem ge⸗ liebten Manne, der ihr das Herz entwendet, krank vor Sehnſucht nach dem geliebten Vaterlande, nach dem Vater⸗ hauſe, nach Vater und Mutter, deren theuerſter Schatz ſie war. Sie liegt ſchon ſeit einigen Tagen, und ich fürchte, Aya's Heilkunſt wird an ihr zu Schanden. Die Sehnſucht wird ſie tödten.“ „Armes Kind, das die Liebe dem heimiſchen Boden entriß! Ihr Vater iſt nach Spanien gekommen, um ſie zu ſuchen. Er war auch in unſerm Hauſe in Toledo. Mich hat der alte Mann gedauert; er weinte wie ein Kind nach ſeinem Kinde. Die Mutter iſt vor Schmerz über Maria's Verluſt geſtorben. Und doch durfte ich ihm ihren Aufenthaltsort nicht verrathen. Wir ſagten ihm blos, daß der Ritter Süderland nach Afrika entflohen ſei. Jetzt aber mein' ich, wir geben ihm Nachricht von ihr und bereiten ſie auf ſein Erſcheinen vor. Biſt Du nicht auch meiner Meinung?“ „Gewiß. Sende Boten nach ihm aus, daß er hier⸗ her komme. Wenn ihr Herz an dem Vaterherzen ſchlägt, Ein deutſcher Leinweber. vI. 16 242 Der deutſche Kaiſer. wird ihm von dieſem neue Lebenskraft zuſtrömen. Auch Dein Kuß wird ſchon einen Tropfen lindernden kühlen Balſam in ihre ſchmachtende Seele träufeln. Komm zu ihr!“ Sie traten an das Lager der Kranken. Eine unheim⸗ liche Fieberröthe überglühte die edeln ſanften Züge des unglücklichen deutſchen Mädchens. Ihr Auge blickte müde und gedämpft. Aber mit einem Laut der Freude erhob ſie ſich zur Hälfte und erwiederte inbrünſtig die Umar⸗ mung der ſchweſterlichen Maria. Sie weinte vor Freude. Bald zeigte ſich, daß die Ankunft der jungen Frau den günſtigſten Eindruck auf die Kranke hervorgebracht hatte; ſie konnte nach einigen Tagen am Arm der Freun⸗ dinnen, die ſich in ihre Pflege theilten, das Lager ver⸗ laſſen, um draußen im Wieſenthale die milden Frühlings⸗ lüfte einzuathmen, die ſie ſichtbar ſtärkten. Aya ſuchte in den Bergen die heilſamſten Kräuter und bereitete daraus unabläſſig neue Tränke für die Leidende. Dazwiſchen genoß ſie die Milch der Kühe, und die treu verbundenen Frauen gaben ſich ihretwegen neuen Hoffnungen hin. Maria de Padilla und Ineſe gingen Arm in Arm in den Wald. Sie hatten die Kranke ſchlummernd verlaſſen. „Du erwarteſt ſeit Deinem Hierſein Erklärungen von mir,“ begann Ineſe mit leiſer und bebender Stimme, „und Deine Freundſchaft hat ein wohlbegründetes Recht 3 darauf. Sie ſollen Dir jetzt werden. Doch bitte ich Dich, verleugne, ſo viel Du kannſt, die Spanierin; ich lege Der deutſche Kaiſer. 243 Berufung an Dein menſchliches Herz ein, an Dein mir ſchweſterlich ergebenes Herz. Denn ich muß Dir Dinge bekennen, die Dein ſpaniſches Blut leicht gegen mich er⸗ hitzen könnten.“ „Deine Einleitung ſpannt meine Erwartung aufs Aeußerſte. Aber ſei verſichert, daß die zärtlichen Gefühle meiner Liebe zu Dir meinem Nationalgefühl voranſtehen.“ „Wohlan, Maria, haſt Du oder Dein Gatte Dir niemals die Frage aufgeworfen, aus welchem Grunde wol ich, die Adoptivtochter des reichen und ſtets königlich ge⸗ ſinnten Hauſes, deſſen Sohn Vicekönig von Neapel war, daß ich, die erſte Hofdame der Königin Juana, ich, die der Günſtling der Statthalterin der Niederlande, die Leh⸗ rerin des Königs Karl, das gehätſchelte Schvoskind des ganzen burgundiſchen Hofes war, mich mit ſo großem Eifer an der Partei des Infanten Don Fernando bethei⸗ ligte, daß ich auf alle mögliche Weiſe die gegen den Kardinal-Regenten aufrühreriſchen Städte unterſtützte, heim⸗ lich das Volk begünſtigte, während ich zum Schein zur Partei des Königs hielt? Haſt Du nie daran gedacht, welche Gründe ich zu ſolch einem ununterbrochenen Ränke⸗ ſpiel haben könnte?“ „Du biſt mir und meinem Gemahl oft ein tiefver⸗ ſchloſſenes Räthſel geweſen,“ entgegnete die Frau von Padilla.„Aber, wenn ich einmal darauf hindeutete, ſchnittſt Du die Nachforſchung ſtets mit dem Beſcheid ab, es werde eine Zeit kommen, wo Du mir die genaueſte 16 Der deutſche Kaiſer. Rechenſchaft über alle Deine Handlungen geben werdeſt. Und Du erſchienſt uns ſtets ſo ehrenhaft, daß wir nie an Dir zweifelten und deshalb, auf Dein Wort vertrauend, jede weitere Nachforſchung unterließen.“ „Die Zeit iſt gekommen, Maria, wo ich Dir alle Räthſel löſen will, aber wahrlich in ganz andrer Weiſe iſt ſie gekommen, als ich ſie geträumt und erwartet. Weh' mir! Wenn ich hätte ahnen können, daß ich Dir unter ſolchen Umſtänden die verſprochenen Eröffnungen über das tiefe Geheimniß meines Lebens machen würde, ich glaube, ich hätte mir den Tod gegeben. Maria, Du ſiehſt das unglücklichſte, bejammernswürdigſte Weib vor Dir, was je die Sonne beſchienen. Mein Elend hat nicht Grund und Boden. Höre und beklage mich; denn Hülfe gibt es auf Erden nicht für mich. Du kennſt meine Herkunft. Während der Schrecken der Eroberung Granada's ward ich geboren; ſie tödteten meine Mutter; mein Vater war wenige Stunden zuvor kämpfend für Vaterland und Glauben in der Vega gefal⸗ len. Sie entſtammte einer Seitenlinie des königlichen Hauſes. Boabdil, der letzte Sultan, war ihr naher Vetter. Die Königin Iſabella nahm ſich meiner an und übergab mich einer ihrer Hofdamen, der Gräfin Cardona, meiner Pflege⸗ mutter, zur Erziehung. Ich wuchs in Pracht und Ueppig⸗ keit auf; kein Wunſch wurde mir verſagt. Die Königin hatte es ſo befohlen. Vielleicht hatte ſie das Gefühl, das ſchwere Unrecht, daß ihr Wahn meinem Volke gethan, Der deutſche Kaiſer. 245 an mir wieder gut zu machen. Oft wurde ich auf ihren Befehl an ihren Hof gebracht. Dort lernten wir uns als Kinder kennen; wir ſpielten zuſammen mit den Infantin⸗ nen in den Zimmern der Königin. Dort ſah ich zuweilen auch einen finſtern jungen Mann, der meine jugendliche Theilnahme, obgleich damals nur flüchtig erregte. Hie und da berührte ein Wort meine Seele, das ihn beklagte. Es war der Admiral Don Alfonſo de Granada, den man meiſt noch mit ſeinem frühern mauriſchen Namen Alnayar benannte. Du kennſt die Geſchichte dieſes unglücklichen Sprößlings des Sultanshauſes von Granada ſo genau wie ich ſelbſt. Damals ahnte ich nicht, in wie enger Beziehung ich zu ihm ſtand. Ich verließ bald darauf mit meiner Pflegemutter Spanien— der Graf Cardona war geſtorben— und erlangte am Hofe des Vicekönigs von Neapel die Jahre der Mündigkeit. Da kam die Frau, die ich für meine Mutter gehalten, zum Sterben, und nun erfuhr ich aus ihrem Munde das Geheimniß meiner Geburt und Abſtammung. Unmöglich iſt es, Dir auch nur einen Schatten der Gefühle zu ſchildern, die mich durchſtürmten. Es war mir, als ob ein Blitz mich niederſchmettere, und monatelang nach dem Tode der Gräfin ging ich umher, wie eine Träumende, wie eine Nachtwandlerin. Ich war meine eigene Herrin; meine ſogenannten Geſchwiſter, meiſt älter als ich, hatten mir niemals Liebe gezeigt und küm⸗ merten ſich jetzt gar nicht um mich. Mit meinem heiß⸗ ſchlagenden, nach Liebe und Mitgefühl heftig verlangenden 246 Der deutſche Kaiſer. Herzen ſtand ich allein, ganz allein auf der Erde. Alle Menſchen, mit denen ich bis jetzt in Berührung gekom⸗ men, waren mir fremd, fern, theilnahmlos, gleichgültig. Ich fühlte mich unbeſchreiblich elend, und mein geiſtiger Zuſtand wurde von Tag zu Tag troſtloſer. Der Viecekönig war ein roher, widriger, thieriſch ſinnlicher Menſch, der mit frecher Hand nach der Blüthe meiner Jugend griff. Ich machte ihm aus meiner Verachtung kein Hehl.— Durch Vorſorge der Königin Iſabelle war mir mein väter⸗ liches Erbe in Granada erhalten, auch die Gräfin Car⸗ dona hatte mich reich in ihrem Teſtament bedacht. Es war ein von der Königin empfangenes Vermögen für mich beſtimmt, welches nun in meinen Beſitz kam. Es zog mich mit dem mächtigſten Banden der Seele nach Granada. Ich wollte das Grab meiner Eltern beſuchen— o nicht allein das ihrige! das prächtige Grab meines hin⸗ gemordeten Volks. Ich wollte die unglücklichen Mauren kennen lernen, zu denen ich gehörte. Ich ahnete, daß ich dort die Liebe finden würde, die ich hier vergeblich ſuchte. Ich haßte, ich verachtete die Spanier, die Chriſten. Und ich fand die Liebe, ich fand ſie unter meinem vom eiſernen Fuße chriſtlicher Tyrannei niedergetretenen Volke in reicher Fülle. Unter dem Vorwande, meine Vermögensangele⸗ genheiten zu regeln, ſelbſt nach der Verwaltung meiner Güter zu ſehen, ging ich nach Granada. Die Liſt iſt die Helferin der Unterdrückten. Mit ihrer Hülfe täuſchte ich meine chriſtlichen Aufſeher. Ich wurde heimlich mit den Der deutſche Kaiſer. 247 Häuptern der Mauren bekannt, vertraut. Vorzüglich war es ein alter würdiger Prieſter, der mich mit jener ſchwär⸗ neriſch begeiſterten Liebe umfing, deren nur ein ſchmach⸗ vll unterdrücktes Volk von ſo herrlichen Eigenſchaften, wiz die Mauren, fähig iſt. Ich ward hingeriſſen von der Begeiſtrung, mein glühendes Herz fand reichliche Nahrung ich lebte mein Volk mit einer Glut der Seele, die kein Wort auszudrücken vermag; ich ward ebenſo von ihm geliebt. O ich war in einem Meere von ſchmerzlichem Glück! In die väterlich prieſterliche Hand Abu⸗Haſſans legte ich den feier⸗ lichen Schwur auf den Koran nieder und verließ den mir verhaßt gewordnen Glauben der Chriſten, in welchem man mich erzogen hatte.“ „Weh Dir!“ ſchrie Maria de Padilla auf und wandte ſich mit Entſetzen ab. „Fluche mir nicht!“ fuhr Ineſe fort.„Der Glaube des⸗Propheten iſt wenigſtens ein eben ſo heiliger wie der Glaube des Erlöſers. Mit tauſend Banden der Liebe, der Nationalität, der Begeiſterung ward ich zum Glauben meines Volks zurückgezogen. Ich haßte ſeit dieſer Stunde die Chriſten, am glühendſten haßte ich die Spanier, als die Unterdrücker meines Volks. Abu⸗Haſſan unterrichtete mich in der arabiſchen Sprache; er machte mich mit den herrlichen Schätzen der arabiſchen Poeſie bekannt; ich ver⸗ ſchlang den Koran mit einer Begierde, von welcher Du Dir keine Vorſtellung machen kannſt. Ich ſchwur meinem armen gemißhandelten Volke Treue; ich ſchwur ihm mit 248 Der deutſche Kaiſer. allen Mitteln wieder zu ſeiner Erhebung, zu ſeinem alten Glanze zu verhelfen. Ich will Dir nicht die Nächte ſchil⸗ dern, die ich in Thränen gebadet über Granada's Fal zugebracht, nicht die Plane, die ich mit dem anbetung'⸗ würdigen Prieſter und mit andern Häuptern maßte. Mein ganzes ſpäteres Leben war ja die Folge dieſer Pline. Abu⸗Haſſan beſtimmte mich zur Königin von Gramda; aber nach dem Geſetz des Koran kann kein Weib über ein moslemitiſches Volk herrſchen; ich ſollte mir einen Gatten wählen, oder die Häupter wollten mir einen ſolchen beſtimmen, welcher König werden ſollte, ſobald wir frei ſeien. Noch hatten wir einen Prinzen des alten Königs⸗ hauſes, aber Niemand kannte ſeinen Aufenthalt! Sidi Alnayar. Ich kann mich nun kurz faſſen. Es galt, den römiſchen Papſt und ſeine Umgebung, den deutſchen Kaiſer und ſeine Umgebung, den Erben der ſpaniſchen Kronen, es galt nicht nur Spanien und Deutſchland, ſondern ganz Europa kennen zu lernen. Denn durch die meiſten Länder dieſes Erdtheils geht ein junger ſeltſamer Geiſt der Em⸗ pörung gegen die grauſame und ungerechte Herrſchaft des Adels und der Pfaffen. Das Volk rüſtet ſich im Stillen den Druck abzuſchütteln und ſeine Peiniger niederzuwerfen; es lechzt nach Freiheit, wie die Mauren. Am ſtärkſten iſt dieſer Geiſt in Deutſchland; er wächſt von Tag zu Tag. Du kennſt ihn nur in Spanien; Du pflegſt ihn hier. Ich lernte ihn auch in Deutſchland und Ungarn kennen; ich pflegte ihn überall. Auf einer allgemeinen Der deutſche Kaiſer. 249 Volkserhebung in Spanien und Deutſchland beruhte meine Hoffnung und die meines Volks. Erſt lernte ich als Hofdame der Königin Juana die Parteien in Spanien kennen. Gelang es, der Königin zur Geſundheit des Geiſtes und ſomit zur Uebernahme der Regierung zu verhelfen, ſo ging mein Plan dahin ſie zu vermögen, daß ſie Gra⸗ nada einen Vicekönig vom Glauben des Propheten gäbe; ſie war in meiner Hand und that, was ich wollte. Von da bis zur gänzlichen Befreiung und Erhebung war dann nur noch ein Schritt. Aber erſt mußten die Mauren wieder Vertrauen zu ſich ſelbſt gewinnen, erſt mußten ſie wieder erſtarken; denn ſie waren tief erniedrigt und ohne alle Kraft. Ein Plan ſcheiterte nach dem andern, aber ich war unermüdlich in Verfolgung meines hohen Ziels. Kam es in Deutſchland zur Volkserhebung, ſo wurde der Kaiſer dort beſchäftigt, der Infant Carlos in den Nieder⸗ landen zurückgehalten; gelang es, dem Infanten Fernando zu den ſpaniſchen Kronen zu verhelfen, ſo war hier ein Bürgerkrieg gewiß, der dann den Mauren die erwünſchte Gelegenheit gab zur Erhebung. Mit Einem Worte: unſre Feinde, die Spanier, mußten ſich ſelbſt einander bekäm⸗ pfen und ſchwächen, um mein ſchwaches Volk zu ſtärken und ihm zu neuer Selbſtändigkeit zu verhelfen. All mein Thun und Streben ging auf dieſes Ziel. In hundert Rollen trat ich auf, ſtets meinen wahren Charakter ſorg⸗ ſam verhüllend. Ich durchwanderte die Länder, ich unter⸗ warf mich Demüthigungen, ich duldete den Schein der 250 Der deutſche Kaiſer. Sünde, um die Männer zu beherrſchen, ihre Schwäche zu benutzen, das Volk gegen ſeine Peiniger zu reizen. Ich war bei dem Padiſchah der Osmanen, ich war bei den Arabern in Afrika, um Hülfe flehend; ſie ward mir dort und hier zugeſagt. Wir warteten nur auf den Moment, daß die Völker Spaniens und Deutſchlands los⸗ brechen ſollten gegen ihre Herren. Alle Berechnungen täuſchten; er verzögerte ſich. Alle Mittel, ihn zu beſchleu⸗ nigen ſchlugen fehl. Ich ward nicht entmuthigt. Die leuchtende Gewißheit wandelte durch meine Seele, wie die Sonne am Himmel, daß die erſehnte Stunde kommen werde, kommen müſſe. Unverdroſſen arbeitete ich; aber während ich heimlich für den Infanten Fernando, während ich für das gemeine ſpaniſche Volk thätig ſchien, war ich es nur für mein Volk. Hier haſt Du mein Geheimniß.“ „Ich hewundre Dich, meine Freundin,“ entgegnete die Frau von Padilla.„Und wahrlich Dein Bekenntniß hat meine Liebe zu Dir noch geſteigert. Niemand verſteht Deine kühne und gewaltige Seele beſſer als ich. Keine Seele kann ſich ſo in ſie hineinfühlen, wie die meinige. Du kennſt mich; ich bin keine ſo fanatiſche Chriſtin, daß ich Dich verdammte, weil Du unſern Glauben verlaſſen und zu dem Deiner Väter zurückgekehrt biſt. Dein Be⸗ kenntniß überraſchte mich nur. Unſte Mütter lebten einſt mit den Frauen Deines Volks in freundſchaftlichen Ver⸗ bindungen, und der Unterſchied des Glaubens war kein Hinderniß. Die ſcheußliche Inquiſition iſt uns von den — Der deutſche Kaiſer. 251 herrſchſüchtigen Königen und den Prieſtern aufgezwungen werden. Aber ſie muß fallen. Spanien muß frei werden vom Despotismus der fremden Königs- und der Prie⸗ ſtergewalt. Ja, Ineſe— aber darf ich Dich noch ſo nennen? Noch haſt Du mir Deinen wahren Namen nicht geſagt.“ „Suleima!“ „Heil Dir, Suleima!“ rief die begeiſterte Frau. „Für Dich iſt die Krone Granada's beſtimmt. Du wirſt in den goldnen Gemächern der Alhambra mit königlicher Milde walten. Ich aber will Dein Vertrauen vergelten; ich will Dir mein Herz erſchließen, wie Du das Deinige mir erſchloſſen haſt. Laß ſie nur erſt hinaus aus dem Lande, dieſe thörichten Niederländer mit ihrem Knaben, der nach Kronen greift als kindiſchem Spielzeug. Das Volk von ganz Caſtilien iſt gegen ſie und unſern brutalen Adel verſchworen. Ich und Padilla haben dieſe Verſchwö⸗ rung geleitet. Dann nieder mit dieſen Granden! Caſti⸗ liens Volk wird ſich einen einheimiſchen König erwählen, und kein Andrer wird es ſein, als Don Juan de Padilla, mein Gemahl. Du wirſt Königin von Granada ſein; ich Königin von Caſtilien! Freue Dich, die erſehnte Stunde naht mit Rieſenſchritten. Unſte kühnſten Wünſche werden in Erfüllung gehen.“ Und mit ſtürmiſcher Begeiſterung umarmte die hochſtrebende Frau die Freundin. Aber dieſe ſchüttelte wieder wehmüthig bitter lächelnd das bleiche Haupt mit den gramzerriſſenen Zügen.„Möge die Sonne — 252 Der deutſche Kaiſer. 3 des Glücks Dir holder lächeln als mir! Mögeſt Du mit Deinem Gatten den Thron von Caſtilien beſteigen; ich werde niemals Königin von Granada werden.— Du ſiehſt mich ſtaunend an. Ja die Stunde der Erfüllung naht. Die Mauren in Afrika ſind bereit uns zu unter⸗ ſtützen. Der kühne Seeräuber Chair-Eddin Barbaroſſa wird all ſeine Schiffe in Bewegung ſetzen, um Tauſende unſter Brüder über das Meer herüber zu führen. Das eaſtiliſche Volk wird ſich erheben. Für mich iſt Alles zu ſpät. Denn vor Dir ſteht— o warum verſchlingt mich die gerechte zornige Erde nicht!— vor Dir ſteht die treu⸗ loſe, ſchmachbedeckte Verrätherin ihres Volks. Das Wort iſt ausgeſprochen; höre nun auch die Geſchichte meiner Erniedrigung und Schmach!— Mein Herz hatte keine Empfänglichkeit für die Liebe; es ſchlug allein für mein Volk. Die ſchönſten Männer ließen mich gleichgültig, und ihre leidenſchaftlichen Huldigungen benutze ich nur zu mei⸗ nen politiſchen Zwecken. Ich ſah Pfaffen, Krieger, Hof⸗ leute, Staatsmänner zu meinen Füßen. Ich verachtete ſie Alle. Ich nahm das Gold von ihnen, ſo viel ich be⸗ kommen konnte; denn ich wußte, ſie preßten es ihren Bauern ab, und nur durch die äußerſte Lebensnoth und Verzweiflung ſind dieſe zum Aufſtand gegen ihre Tyrannen zu bewegen. Krieg des gemeinen Mannes gegen die vor⸗ nehmen Stände, Umwälzung aller Staatsverhältniſſe, das war's, was ich wollte. Die Chriſten ſollten ſich zerflei⸗ ſchen, ſchwächen, und auf ihre Schwäche wollte ich die 6 Der deutſche Kaiſer. 253 Größe meines Volks bauen. Meine Plane gingen ins Ungeheure. Vernichtung des Chriſtenthums, Sieg der Moslemin über alle Völker war mein letztes Ziel. Wie hätte ich einen Mann lieben können! Meine ſtarke Seele hatte keinen Raum für ſolch ſchwächliche Empfindung. Ein einziges Mal wandelte ſie mich in Augsburg an. Der Gegenſtand derſelben war ein edler freiſinniger Mann aus dem reichen Hauſe der Fugger. Ich floh, und bald hatte ich die Schwäche überwunden. Ich lebte ſtill im Kloſter bei der Königin Germaine, meine Zeit erwartend, immer im Geheimen thätig für meine Plane. Da ſandte uns der in Spanien angekom⸗ mene junge König einen ritterlichen Mann, um uns ab⸗ zuholen. Es war der Marquis von Brandenburg.— Laß mich ſchnell über meinen Fall hinwegeilen. Dieſer Fürſt warb um meine Liebe und entzündete eine raſende Leidenſchaft in mir, um ſo gewaltiger, je länger ſie in meinem Herzen geſchlummert hatte. In ſeinen Armen vergaß ich meinen Gott, mein Vaterland, meine Pläne; ich ward zur ſchändlichen Verrätherin an allem, was mir heilig. Ich wollte zuletzt nichts als ſein Weib werden, vor der Welt; denn nur die Form fehlte noch unſerm Bunde. Nie hat in eines Weibes Bruſt die Flamme der Leivenſchaft verderblicher gewüthet. Und ſieh, der Mark⸗ graf ward zum Verräther an der Verrätherin. Er liebte die Königin oder log ihr Liebe wie mir; er ward ihr Gemahl. Mich verletzte er bis zum Tod. Daß ich nicht — 254 Der deutſche Kaiſer. wahnſinnig geworden, iſt mir ſelbſt unbegreiflich. Aber meine Kraft iſt gebrochen für immer. Vernimm das Fürchterlichſte, was ich Dir ſagen kann: ich verachte mich ſelbſt. Der Markgraf war Werkzeug in der Hand der gerechten Vergeltung. Mir iſt recht geſchehen. Das Ziel, dem ich einſt nachgeſtrebt, liegt wie ein ferner Kin⸗ dertraum in meiner Seele, abgebleicht, verſchwommen, ohne Geſtalt und Halt. Es iſt Alles vorüber.“ Sie ſchwieg und bedeckte ihr ſchmerzverzerrtes Geſicht mit beiden Händen. Ein verzweifeltes Schluchzen arbeitete ſich aus ihrer wogenden Bruſt hervor. „Suleima! Du mußt Dich wieder erheben! Du mußt!“ rief Maria de Padilla.„Ich reiche Dit die Hand. Ich reiße Dich empor. Du mußt fort von hier aus dieſer tödtlichen Einſamkeit. Du mußt mit mir mitten in das heißbewegte Leben und Treiben der Volksempörung. Ich bedarf Deines Rathes, Deines Beiſtandes.“ „Vergebens ſind Deine Worte. Ich habe nur Einen Gedanken, habe nur noch Ein Werk zu vollbringen: Rache am Markgrafen. Der wüthende Durſt nach Rache erhält mich allein noch. Iſt er befriedigt, dann iſt's aus mit mir.“ Die Caſtilierin bot ihre ganze Beredtſamkeit, Schmei⸗ cheleien, Bitten, Thränen, auf. Die Unglückliche war nicht zu bewegen. Endlich verlangte die Erſtere wenigſtens ſo viel von Ineſe, daß dieſe, ſobald Maria von Iſſelſtein geneſen ſei, mit ihr eine Erholungsreiſe nach Toledo machen wolle. Der deutſche Kaiſer. 255 Darauf baute Frau von Padilla einen Hoffnungsbau, und ſie verließ nach wenigen Tagen das Landhaus, um Boten nach dem Grafen von Iſſelſtein auszuſchicken, damit er ſo ſchnell als möglich ſeine kranke Tochter aufſuche. Die kühne Maria hatte den feſten Vorſatz, ihre Freundin zu retten und dem großen Ziele zuzuführen. Sie wußte nicht, was ein vernichtetes zertretenes Herz iſt; ſie kannte die ganze gräßliche Bedeutung des Wortes Selbſtver⸗ achtung nicht. Achtzehntes Rapitel. Nur wenige Tage blieb das ſonſt ſo einſame verſteckte Landhaus frei von Beſuch. Eines Morgens ging Aya aus, um Kräuter mit dem Nachtthau zu ſuchen. Als ſie um die Waldecke bog, kamen ihr drei Männer in Bauern⸗ tracht entgegen; der jüngſte ſprang auf ſie zu; ſie erkannte Martin und er lag an ihrer Bruſt. Sie liebkoſete ihn und gab ihm die zärtlichſten Namen. Unterdeſſen waren die beiden Andern herbeigekommen. Kaum hatte Aha den Blick zu ihnen erhoben, als ſie freudig aufſchrie und mit vor der Bruſt gekreuzten Armen ſich tief verneigte und in arabiſcher Sprache Worte der höchſten Ehrerbietung ſprach. Der Aeltere war der Ritter Süderland. Dieſer Mann ſtand im neunundvierzigſten Lebensjahre, aber ſein be⸗ wegtes Leben und ſein Aufenthalt in Algier hatten ihm, verbunden mit der reich ſtrömenden Quelle ſeines Geiſtes, welche dem Körper ſtets eine jugendliche Kraft erhält, eine Friſche bewahrt, die ihn bedeutend jünger erſcheinen ließ. Er dankte dem Gruße der Magd mit der ihm eignen Der deutſche Kaiſer. 257 ſchwermüthigen Freundlichkeit und befragte ſich nach dem Befinden der beiden Herrinnen. Aya berichtete vorſichtig und erzählte, welch einen heitern Eindruck der Beſuch der Donna de Padilla auf beide gemacht habe. Dann eilte ſie mit Martin voran, um Maria auf den Geliebten vor⸗ zubereiten. Der Ritter und ſein Begleiter folgten ſchwei⸗ gend. Dieſer war ein kräftiger Mann von mittler Lei⸗ besgeſtalt und ohngefähr dreißig Jahren. Ein dichter, hellblonder, ins Röthliche ſpielender Bart kräuſelte ſich ihm um Lippen und Kinn; unter der hohen und breiten maje⸗ ſtätiſchen Stirn funkelte ein großes, ſchwarzes, ſehr aus⸗ drucksvolles Augenpaar und gab in Verbindung mit der großen Adlernaſe dem Geſicht einen ungewöhnlich kühnen und gebieteriſchen Ausdruck. Als ſie in die Nähe des Hauſes kamen, hielt der Ritter den Schritt an und preßte die Hand gegen das Herz. Sein Begleiter betrachtete ihn mit einem halb ſpöttiſchen, halb mitleidigen Lächeln. In dieſem Augenblick trat der große Unterſchied zwiſchen den beiden Männern recht lebhaft hervor. Des Ritters weiche, gefühlvolle Seele ſpiegelte ſich in ſeinen edeln milden Zügen ab. Die Macht der Empfindung ergriff ihn ſo ſtark, daß er leidend ausſah. Der Andre war ein Bild wilder Kraft. Man ſah es ihm auf den erſten Blick an: er war ein Mann des raſchen Entſchluſſes und der eben ſo raſchen That. Jetzt eilte Maria's leichte Geſtalt aus der Thüre auf die Männer zu; ſie ſchien den Boden nicht zu berühren. Ein deutſcher Leinweber. VI. 17 Der deutſche Kaiſer. Schweigend— ſie war keines Wortes fähig— ſank ſie an die Bruſt ihres Johannes, und er küßte ſie innig auf die bleiche Stirn. Sie ſchloß die Augen, ein leiſes Won⸗ neſtöhnen rang ſich aus der Tiefe ihrer Bruſt herauf. Er hielt eine Ohnmächtige in den Armen. Nun trat auch Ineſe hinzu und begrüßte die Männer mit ſtolzer Ehrer⸗ bietung. Mit Martin's Hülfe wurde Maria auf ihr Lager gebracht, und Aya wandte Mittel an, ſie wieder ins Leben zurückzurufen. Als dies gelungen war, machte ſich das Gefühl der frymmen Schwärmerin in einem Thränenſtrome Luft. Sie hielt des Ritters Hand feſt und ſah ihm in die ſchönen träumeriſchen Augen. „Biſt Du gekommen, mein theurer Johannes, mich nach Algier hinüber zu führen oder willſt Du hier bei mir bleiben?“ fragte ſie mit ſanfter ſchwacher Stimme. „Ich will ſo lange bei Dir bleiben bis Du vollkom⸗ men geneſen biſt, mein ſüßes Mädchen,“ verſetzte er, „dann wollen wir nach Afrika überſetzen, wo wir uns nicht zu verbergen brauchen. Und dort ſollſt Du mein Weib werden.“ „Nicht eher, Johannes, als bis Du mich überzeugt haſt, daß auch die letzte Spur von Zweifel an die Gott⸗ heit unſres Erlöſers, an ſeine heilige Mutter, die erhabene Himmelskönigin, und an alle Heiligen unſrer Kirche aus Deiner Seele vertilgt iſt. Nur nicht trennen darſſt Du Dich wieder von nir, damit ich durch unabläſſiges Gebet und Belehrung Dich für den Himmel gewinnen kann. Der deutſche Kaiſer. 2539 Oder haſt Du vielleicht Deine Irrthümer nun ganz abge⸗ legt und biſt in Geiſt und Wahrheit ein Chriſt geworden?“ Sie fragte ſo kindlich unſchuldig, ſo vertrauensvoll, ſie blickte ihn dabei ſo treuherzig an, daß er ſich heſtig be⸗ wegt zu ihr niederbeugte und ſie küßte. Aber ihr eine Antwort zu geben vermochte er nicht. „Du biſt es noch nicht,“ fuhr ſie mild lächelnd fort. „Ich wußte es ja ſtets, daß mir das Werk Deiner voll⸗ ſtändigen Bekehrung vorbehalten war. Die heilige Jung⸗ frau hat es mir ja ſelbſt eröffnet und mich dazu würdig vorbereitet. Sie iſt mir vor einigen Nächten wieder er⸗ ſchienen und hat mir Deine baldige Ankunft angezeigt. Darum war ich derſelben auch in dieſen Tagen gewärtig. Jetzt wollen wir ihr danken, daß ſie ihr Wort ſo gnädig erfüllt hat.“ Und ſie faltete die zarten Hände und ſprach ein glühendes Dankgebet. Auch der Ritter faltete die ſeinigen; ſeine Seele hing an ihren Lippen und trank die Worte von ihnen hinweg. Nicht minder machte das von dem begeiſterten Munde der Jungfrau ſtrömende Gebet einen feierlichen Eindruck auf die Uebrigen. Selbſt der Begleiter des Ritters, der nicht ausſah als hielte er viel vom Beten, wurde ernſt und ergriffen von der Andacht des reinen kindlichen Gemüths. Dieſer und die nächſten Tage verſtrichen unter man⸗ cherlei Mittheilungen. Der Begleiter hatte ſich als einen Freund des Ritters zu erkennen gegeben und ſeinen Namen Euſebio genannt. Mit wenig Worten hatte er erklärt, * 260 Der deutſche Kaiſer. er ſei auch ein getaufter und von der Inquiſition vertrie⸗ bener Maure. Ineſe lächelte ungläubig zu dieſer Erzäh⸗ lung. In dieſen Tagen ſandte Don Euſebio den Martin mit geheimer Botſchaft fort; am dritten Tage kamen wild ausſehende Männer, welche im nahen Wald lange Unter⸗ redungen mit ihm hatten. Dann war es wieder einige Tage Ruhe. Der Fremde zeigte aber ſtets ein unruhiges, unheimliches Weſen und ſchenkte den übrigen Bewohnern des Hauſes wenig Theilnahme. Ineſe beobachtete ihn un⸗ bemerkt und kam dahinter, daß er die Nächte nicht im Hauſe zubrachte. Bald langte aus den nächſten Dörfern die Nachricht an, daß überall die verwegenſten Räubereien und Plünderungen an der ganzen Küſte von Mureia und Valencia von afrikaniſch- mauriſchen Seeräubern verübt würden, und der Name des neuen Herrſchers von Algier Chair⸗Eddin Barbaroſſa flog von Mund zu Munde. Seine zahlreiche und prächtige Flotte beherrſchte das Meer, alle Chriſten, welche die Küſtenſtriche bewohnten, zitterten vor der furchtbaren Macht des größten Seeräubers, wel⸗ cher jemals dieſe Länder und Gewäſſer beunruhigt hatte, alle Mauren in Andaluſten und Valencia geriethen in frohe Bewegung. Alles dies erfuhr man nach und nach im verſteckten Landhauſe. Maria's Geneſung ging langſam von ſtatten, aber ſie erregte die Hoffnung ihrer Freunde, die Liebliche allmälig wieder aufblühen zu ſehen. Don Euſebio war tagelang abwe⸗ ſend. Die Botſchaften, wenn er zugegen war, dauerten fort. E— Der deutſche Kaiſer. 261 Eines Tags langte ein kleiner Trupp Reiter zu Pferd und Maulthier an. Als ſie am Hauſe abſtiegen, erkannte Ineſe mit einer Ueberraſchung, die an Beſtürzung grenzte, den greiſen Prieſter Abu⸗Haſſan und Don Rodriguez de Luzero, und auch die Uebrigen waren ihr nicht unbe⸗ kannt. Es waren lauter Mauren von Granada, Cor⸗ dova, Malaga. Sie eilte hinaus und begrüßte die An⸗ gekommenen; der faſt hundertjährige Prieſter legte die zit⸗ ternden Hände ſegnend auf ihre Stirn. „Zu Dir kommen wir, meine Tochter“ begann er feierlich,„im Namen unſres, Deines Volks. Dein Volk läßt Dir ſagen: Auf, Suleima, Tochter unfres königli⸗ chen Hauſes, edler Sproß der Sultane von Granada, erhebe Dich und führe Deinen Gemahl ein in die hohe. Pforte der Alhambra! Die erſehnten Tage ſind endlich gekommen; die Saat, die Du geſäet und gepflegt, iſt reif. Nimm die Sichel, um ſie zu ſchneiden!“ „Weh mir!“ rief Ineſe.„Ich kann nicht die Ge⸗ mahlin Said's, ich kann nicht Eure Königin werden! Nicht Euern Segen verdiene ich, mein Vater. Er brennt wie Feuer auf meiner Stirn. Euer Fluch muß mich tref⸗ fen, der Fluch meines Volks; denn ich habe es ſchmachvoll verrathen an einen ſchlechten Chriſten.“ Erſchöpft lehnte ſie ſich an einen der vor dem Hauſe ſtehenden Bäume. Beſtürzt ſahen ſich die Mauren an.„Das Unglück hat das helle Licht ihres Geiſtes getrübt,“ ſagte der Greis . 262 Der deutſche Kaiſer. und nahte ihr liebevoll.„Ermanne Dich, Suleima, ge⸗ liebte Tochter! Lege den Wahn ab, der Dich umſponnen hält! Wir wiſſen von keinem Verrath, den Du an uns begangen hätteſt. Richts iſt verloren durch die flüchtige Neigung, die Du vielleicht zu einem Chriſten hatteſt. Und wir ſtehen im Begriff, Alles mit Deiner Hülfe zu ge⸗ winnen.“ „Allah ſegne Euch, daß Ihr es gewinnet. Für mich iſt Alles verloren; denn ich habe mich ſelbſt verloren, und nichts kann ich wieder gewinnen, nichts für Euch, nichts für mich. Beim Haupt des Propheten, ich kann nicht Eure Königin ſein, und nie ſoll meine unreine Hand Eure heilige Sache beflecken und ihr ſchaden. Ja Allah würde Euch durch mich verderben. Auf meinem unſeligen Haupte laſtet ſein Fluch, und er duldet nicht, daß die Sünderin die Stelle einnimmt, welche der reinen, gottbegeiſterten Jungfrau gebührt. Der Fluch würde ſich von mir auf das ganze Volk ausdehnen. Nein, dieſes edle Volk iſt ſchon elend genug, ich will es nicht noch elender machen. Geht, flieht die Treuloſe! Stoßt mich aus! Gebt mir Euern Fluch! Das iſt die einzige Wohlthat, die Ihr mir noch erweiſen könnt. Euer Mitleid, Eure Vergebung würden mich erſt zum Wahſinn treiben.“ Der Schwur, welchen die Unglückliche gethan„ war von ſo bindender Kraft, daß die Männer von jedem fer⸗ nern Verſuch abſtanden, ſie zu gewinnen. Rodriguez rief mit einem verzweifelten Zorn:„Toledo Der deutſche Kaiſer. 263 iſt in vollem Aufſtand gegen den König, ganz Caſtilien iſt in Gährung; in Valencia iſt die Empörung ausge⸗ brochen, und unſte Brüder ſind hier bedroht; Chair⸗Eddin Barbaroſſa hat uns ſeine mächtige Hülfe zuſagen laſſen und uns Botſchaft geſandt, daß eine ſeiner Flotten bereit ſei, im Hafen von Malaga zu landen, und jetzt fehlt uns ein Sproß unſtes Königshauſes, der Nachkomme des Pro⸗ pheten, ohne welchen das Volk nie an ſeine Befreiung glauben wird.“ Das heſtige Geſpräch hatte auch die andern Haus⸗ bewohner herbeigezogen, und als Ineſe ſich jetzt ſchmerzlich umſah, erblickte ſie den Mann, den ihr Auge ſuchte, den Ritter Süderland. Er ſtand an Maria's Seite, wie in tiefe Gedanken verſunken. Sie ſchritt auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und zog ihn in die Mitte der mau⸗ riſchen Männer.„Hier ſteht der Enkel des Propheten!“ ſprach ſie feierlich.„Hier iſt Euer Sultan, der Sidi Alnayar Aben Selim, der Sohn YPahyes, einſt Beherr⸗ ſcher von Almeria und naher Verwandter und ergebener Freund des Sultans Abdallah el Zegal. Sein Vater zwang ihn einſt Chriſt zu werden, als er zu den ſpani⸗ ſchen Königen überging, aber niemals war Sidi Alnayar im Herzen Chriſt, er war und blieb ein Anhänger des Propheten bis zu dieſer Stunde Umgürtet ihn mit dem Schwerte des Sultans und erhebt ihn auf den Thron Granada's in den Marmorhallen der Alhambra; denn Niemand als ihm gebührt dieſer Platz.“ 264 Der deutſche Kaiſer. Ehrfurchtsvolles Erſtaunen ergriff alle umherſtehenden Mauren. Die ältern Männer erkannten den Nachkommen des Propheten, und der greiſe Abu-Haſſan beugte das Knie vor ihm und rief mit zitternder Stimme:„Heil Dir, Alnayar Aben Selim, Sultan von Granada, Sohn des Propheten! Allah's reichſten Segen auf Dein königli⸗ ches Haupt!“ Alle Mauren, Ineſe und Aha folgten des Prieſters Beiſpiel. Es war eine allgemeine Huldigung.„Allah ſei gelobt, daß wir den rechten Sultan gefunden haben!“ fuhr Abu⸗Haſſan fort, und im Chor jubelten Alle, auf den Knien liegend und mit der Bruſt gekreuzten Armen: „Allah ſei gelobt!“ Verwirrt, ſchier betäubt von den auf ihn einſtür⸗ menden unerwarteten Eindrücken, war der Mann, dem dieſe Huldigung galt, anfangs keines Wortes fähig. Es dunkelte ihm vor den Augen, und ohne zu wiſſen, was er that, ſtreckte er die Hände gegen die knieenden Männer aus. Dieſe Bewegung aber nahmen ſie für die Auffor⸗ derung ihm den Handkuß zu leiſten, und mit wilder Haſt drängten ſie ſich herzu, ihm dieſen Beweis ihrer Unter⸗ würfigkeit zu geben. Jubelnd nannten ſie ihn ihren Sultan, ihren König, ihren Herrn und recitirten in hoher Begei⸗ ſterung Stellen aus dem Koran, die in irgend einer Be⸗ ziehung zu dieſer Scene ſtanden. Maria im Hintergrunde verſtand, wenn auch nicht die arabiſchen Worte, aber mit ahnungsvoller Seele den gan⸗ Der deutſche Kaiſer. 265 zen Sinn dieſer Reden und Handlungen; auch ſie meinte, ihr Geliebter habe ſeine Zuſtimmung zu ſeiner Erhebung zum König von Granada gegeben. Und es ward Nacht in ihrer Seele. Sie ſah das Kreuz Chriſti in einem Blutmeer verſinken und Mahomed's Würgerſchwert darüber glänzen. Die Sinne vergingen ihr; ſie griff nach einem Baume, aber ſie vermochte ſich nicht zu erhalten. Unbe⸗ merkt von Allen glitt ſie ohnmächtig zu Boden. „Meine Brüder!“ ſtammelte endlich der Fürſt Alnayar, der mit ſeinem ihm in der Taufe verliehenen ſpaniſchen Namen Alfonſo de Granada und mit ſeinem deutſchen, ihm vom Kaiſer Marimilian gegebenen Johannes von Süderland hieß:„Meine Brüder, Ihr trefft keine glück⸗ liche Wahl. Ich fühle nicht die Kraft in mir, Euch zum Sieg über unſte Feinde zu führen—“ „Allah wird ſie Dir wieder geben!“ unterbrachen ihn die Männer.„Du kannſt und darfſt Dich Deinem Volke nicht entziehen. Wir ſtehen Alle zu Dir, die Tauſende in Spanien und Afrika, die an Mohamed's Geſetz halten. Wollteſt Du nicht zu uns ſtehen? Chair-Eddin, der Bei von Algier, wird Dich mit ſeinen Flotten, mit ſeinen Kriegern unterſtützen—“ „Bei Allah und ſeinem Propheten! das werd' ich, mein König und Herr!“ ſprach der Mann vortretend, welcher ſich als Don Euſebio hier eingeführt hatte. hr ſeht mich ſtaunend an, ihr Männer, aber Einige unter Euch werden mich erkennen. Ich bin Chair⸗Eddin Bar⸗ . 266 Der deutſche Kaiſer. baroſſa, und herübergekommen, mit Euch zu verhandeln zu Eurer Hülfe. Ich habe Euch die Boten geſandt, die Euch hierher beſchieden. Ich will mit Euch Euern König nach Granada führen, ich will mit Euch das Land zur Erhe⸗ bung aufrufen gegen die Chriſtenhunde.“ Dieſe Worte erzeugten einen ſchier wahnſinnigen Jubel. Alle drängten ſich um den gewaltigen Korſaren, um ihm ihren Dank zu bezeigen. Durch Alnayar's Seele zuckte jetzt der Gedanke an ſeine Maria; raſch wandte er ſich nach ihr um, er ſah ſie nicht. Er eilte dem Hauſe zu, und erblickte ſie am Boden, Martin neben ihr knieend, der ihr bleiches bewußtloſes Haupt in den Händen hielt. Schnell hatte er ſie in die Arme geſchloſſen und trug ſie in das Haus auf ihr Lager. Hier warf er ſich vor ihr nieder, bedeckte ihren ſtummen Mund, ihre erloſchenen Augen mit Küſſen und rief nach Aya's Hülfe. Die Män⸗ ner waren ihm nachgeeilt, er bemerkte ſie nicht, er hörte nicht ihre verwunderten Fragen und Ineſe's Antworten; er hatte nur Sinne für den bleichen Engel vor ihm. Sein geſpanntes Ohr horchte ängſtlich auf die leiſe Welle ihres Athems, ſein Auge forſchte in ihren Zügen, und als ihr Bewußtſein zurückkehrte, ſtieß er einen Freudenſchrei aus. Maria ſtrich ſich die Stirn mit der Hand, als wollte ſie einen böſen Traum dort verwiſchen; aber der Anblick der fremden Männer belehrte ſie, daß es kein Traum geweſen war. Ihr krampfhaft zuckender Mund gab leiswim⸗ mernde Klagelaute von ſich. Der deutſche Kaiſer. 267 „Maria! Maria!“ rief Alnayar.„Nur mit Dir kann ich den Thron beſteigen. Nur wenn ich in Dein Haar das Diadem winden, Deine Glieder in die königli⸗ chen Gewänder hüllen darf, will ich dieſe Männer führen.“ „Zum Sieg über die Chriſten!“ ſtöhnte ſie„Ihr ſeid alle von Chriſtus abgefallen, auch Du Ineſe, und auch Du, Martin! Weh' mir! Ich bin allein! Laßt mich ſterben!“ Und ſie drückte die Hände vor die Augen. „Ihr Männer meines Volks!“ rief Alnayar aufſprin⸗ gend.„Ich kann nicht Euer König ſein! Geht und ſucht einen Andern. Mich laßt allein mit dieſem Weibe, das mir theurer iſt als Enre Krone, theurer als die ganze Welt!“ Ein Murren des Unwilless war die Antwort. „Ich will nicht Eure Krone, ich habe ſie nie gewollt!“ fuhr der Ritter heftiger fort.„Geht und laßt mir dies Weib! Ich will um ihretwillen ein gläubiger Chriſt werden!“ „Wehe Dir! Du lädſt den Fluch Deines Volks auf Dich!“ ſprach Abu⸗Haſſan feierlich. „Sidi Alnayar!“ nahm Ineſe das Wort.„Du darfſt Dein Volk nicht verlaſſen, nicht um eines Weibes, um einer Chriſtin willen verlaſſen. Ich beſchwöre Dich bei dem Blute unſter Ahnen, das in Deinen wie in mei⸗ nen Adern fließt. Habe Barmherzigkeit mit dieſem nie⸗ dergetretenen Volke!“ „Haſt Du Dich nicht ſelbſt angeklagt,“ antwortete er . 268 Der deutſche Kaiſer. kalt,„daß Du dieſes Volk aus Liebe verrathen, aus Liebe zu einem Chriſten? Und dieſer Chriſt war treulos und ſchlecht; dieſes Kind aber iſt der treueſte Engel, den Gott mir geſandt, meinen rauhen Pfad zu verſüßen. Ich will Eure Krone nicht!“ „Tod dem Verräther!“ ſchrie Rodriguez und zog das Schwert gegen Alnayar. Die Andern folgten ſeinem Beiſpiel. Wildes Geſchrei und Schwertergeklirr erfüllte den engen Raum. „Ihr himmliſchen Mächte ſchützt ihn!“ rief Maria und warf ſich, vom Lager aufſpringend, vor ſeine Bruſt. In dieſem Augenblicke trat ein hoher ritterlicher Mann in das Gemach. Niemand hatte im Lärm der entfeſſelten Leidenſchaften ſein Kommen wahrgenommen. Plötzlich ſtand er zwiſchen den Männern, wie eine überirdiſche Erſcheinung. Kaum aber hatte Maria einen Blick auf ihn gewor⸗ fen, als ſie wie eine Verklärte ausrief:„Dank Dir, Maria, rettende Himmelskönigin! Du ſendeſt mir einen Deiner Boten in Geſtalt meines Vaters!“ „Meine Tochter! Meine Maria!“ rief der ejihec fremde Krieger und beugte ſich zu ihr herab. Sie aber hatte ſelig lächelnd die Augen wieder geſchloſſen. Neue Ohnmacht hielt ſie gefeſſelt. Der Graf von Iſſelſtein küßte ſein Kind und weinte. „Werft auch einen milden Blick, ein Auge der Ver⸗ gebung auf mich, Herr Graf!“ ſprach der Ritter von Süderland eben ſo thränenweich. Der deutſche Kaiſer. 269 „O Mann, Dir ſei vergeben, um ihretwillen!“ ant⸗ wortete der Graf. Die Mauren verließen das Gemach; jeder fühlte, daß hier nicht ihr Platz ſei. Draußen ſprach Chair-Eddin zu Ineſe:„Ich kenne Deinen Liebeshandel mit dem deutſchen Schurken aus der Etzählung Deiner Magd. Es iſt Thorheit von Dir, darum Dein Volk aufzugeben. Ich reiche Dir meine Hand; ich hebe Dich mit dieſer ſtarken Hand auf den Königsſitz der Alhambra und nehme den Platz neben Dir ein. Sei mein Weib und ſei Königin.“ „Du biſt kein Araber,“ ſagte Abu⸗Haſſan. „Ich bin ein Osmane, ein Bekenner des Jslam. Auf der Inſel Lesbos wurden wir geboren, Horuch und Chair⸗ Eddin. Unſer Vater war ein Töpfer. Darauf ſind wir ſtoz. Muth und Tapferkeit haben uns zu Herrn von Algier und des Meers gemacht. Mein Bruder iſt im Kampfe gegen die Spanier gefallen; ich will es hier in ihrem Lande mit ihnen aufnehmen. Gebt mir dies ſtolze Weib zur Gemahlin, und ihr ſollt frei werden vom ſpa⸗ niſchen Joche. Und ſeid ihr frei, dann bin ich Euer König. Ich herrſche in Afrika über Mauren, warum ſoll ich hier nicht über ſie herrſchen?“ „Nie ſoll ein Mann mich berühren, beim Barte des Propheten!“ ſchwur Ineſe.„Allah helfe Euch; ich kann es nicht!“ Die Männer ſtießen Verwünſchungen aus und traten 270 Der deutſche Kaiſer. wieder heimlich berathend bei Seite. Nach einer halben Stunde beſtiegen ſie ihre Thiere; Chair-Eddin in ihrer Mitte. Abu-Haſſan ſprach ſcheidend zu Ineſe:„Unglück⸗ ſelige, ich gebe Dich auf, aber fluchen kann ich Dir nicht. Das böſe Schickſal unſres Volks hat Dich verderbt, und ich erſehe daraus, daß es ſeine alte Herrlichkeit nie wieder erlangen wird. Jede Hoffnung iſt in mir geſtorben, und ich gehe heim, um auch zu ſterben. „Und ich bleibe, um zu ſterben,“ ſagte Ineſe.„Laß mich Deine Hand noch einmal küſſen?— Ich danke Dir! Und nun Allah mit Dir!“ „Und mit Dir!“ Bald war der Reitertrupp um die Waldecke ver⸗ ſchwunden. Ineſe ging in das Haus zurück und fand eine Ster⸗ bende. Maria's letzte Lebenskraft, kaum etwas weniges wieder genährt, war plötzlich von dem über ſie hereinge⸗ brochenen gräßlichen Sturm gebrochen. Sie erlag der Wuth der Verzweiflung, die ſie erfaßt hatte. Aber ſie lächelte ſelig; denn ihre eine Hand hatte ihr Geliebter, die andre ihr Vater erfaßt. Martin und Aya knieten ebenfalls neben dem Bette. Auch Ineſe ſank auf die Knie zu den Häupten der edeln Jungfrau und küßte Ver⸗ gebung flehend die erkaltende Stirn derſelben. Mit leiſer ſüßer Stimme lispelte dieſe Worte des Friedens über die ſie Umgebenden hin. Dann bat ſie ihren Vater, ihr von der Mutter und der Heimat zu erzählen. Und der alte 7 Der deutſche Kaiſer. 271 Krieger berichtete ihr umſtändlich, wie die Mutter ſich nach ihr geſehnt und endlich geſtorben, und wie er, von gleicher Sehnſucht getrieben nach Spanien gekommen und das ganze Land, ſie ſuchend, durchwandert habe, bis ihm Donna de Padilla ihren Wohnort angezeigt. Und weiter führte er ſüße Heimatbilder vor ihrer ſcheidenden Seele auf, nur dann und wann vom ungeheuern Schmerz, den er vergebens zu bekämpfen ſuchte„unterbrochen. Und als er endete, hatte auch ſie geendet, von Heimat⸗ und Jugendträumen ſüß umgaukelt; ruhig, lächelnd, ſanft war ſie geſtorben und lag da eine ſchöne, verklärte, zu früh geknickte Blume. Niemand ſprach ein Wort, aber lange ſaßen die beiden Männer an der Leiche; die Gedanken und Gefühle, die durch ihre Seelen zogen, wer könnte ihnen Worte geben? Endlich ſagte der Graf:„Kommt, Ritter, wir wollen am Waldrande dort ein Grab für zwei Todte graben, für das Kind und den Vater. Ich will hier meine Tage als Einſiedler beſchließen; ich fühle, es wer⸗ den ihrer nur noch ſehr wenige ſein.“ „So ſei es!“ antwortete Alnayar.„Ich beneide Euch, daß Ihr ſterben könnt. Ich kann es noch nicht. Mich treibt es wieder fort über die Meere; aber nicht nach Afrika. Ich bin den Mauren fremd ge⸗ worden, wie den Chriſten. In die neue Welt will ich ziehen, wie ich gelobt, und die Aufträge der augsburger Bürger ausrichten. Vielleicht ſchenkt ein gütiger Gott mir Ruhe.“ — 2 Der deutſche Kaiſer. „Geht in Gottes Namen! Im Hafen von San Lucar habe ich vor wenig Tagen den Portugieſen Magelhaens ge⸗ troffen. Er ſteht im Begriff, im Auftrag des Königs nach der neuen Welt zu ſegeln. Wenn Ihr eilt, werdet Ihr ihn noch finden.“ „Ich danke Euch! Wenn wir ihren ſchönen Leib der Erde übergeben haben, will ich mit Martin fort.“ Sie gingen hinaus; ſie gruben und ſchaufelten und warfen ein Grab auf, der Sohn des Königshauſes, der eben erſt die dargebotene Krone ausgeſchlagen, und der berühmte Feldhauptmann des deutſchen Kaiſers. Sie ar⸗ beiteten einen ganzen Tag; denn ſie waren nicht rüſtige Gräber. Am Abend trugen ſie die theure Leiche bei Ster⸗ nenſchein in die Gruft. Der Graf verſah Prieſteramt. Ineſe und Alnahar, Aya und Martin knieten am Grabe nieder. Unter ihrem Gebet wurde das irdiſche Theil des frommen holden Mägdleins zugedeckt. In der Frühe des andern Morgens wanderten der Ritter und ſein Knecht von dannen, dem Hafen von San Lucar zu. Sie fanden Magelhaens noch. Wenige Tage darauf wurden die Anker gelichtet. Der unglückliche Alnayar ſchied von Europa. Der Graf Iſſelſtein hatte wahr prophezeit. Er er⸗ krankte bald darauf, und Ineſe ward ihm eine treue ſorg⸗ ſame Pflegerin. Sie bot Alles auf, ihm die Tochter zu erſetzen, und er ſegnete ſie dafür. Aha's Kunſt vermochte dem Greiſe, dem das Herz gebrochen war, das Leben Der deutſche Kaiſer. 273 nicht zu friſten. Seine Kräfte nahmen raſch ab, und eines Abends bat er die beiden Frauen, ihn zum Grabe ſeines Kindes zu führen. Er ließ ſich auf den Hügel nieder, faltete die Hände, blickte in die ſcheidende Sonne und verſchied. Nach kurzer Friſt hatte das Grab ſein zweites Opfer. Das Haus aber war verſchloſſen und ſtand leer. Niemand konnte ſagen, wohin die Frauen gegangen waren. Tiefe, ſchwermüthige Stille lagerte ſich auf das Wieſenthal. Ein deutſcher Leinweber. vI. 18 Meunzehntes Rapitel. König Karl war am 22. Mai aus dem Hafen von Corunja abgereiſt, und alle ſeine niederländiſchen Miniſter hatten ihn begleitet. Ebenſo ein Theil ſeines kleinen An⸗ hangs in Spanien. In der That hatte ſeine überhaſtete Abreiſe faſt das Anſehen einer Flucht, und es gab wenig Leute in den Königreichen, die er beſucht, welche die Hoff⸗ nung gehegt hätten, ihn jemals wieder zu ſehen. Zwei Jahre und neun Monate hatte er in Spanien zugebracht und während dieſer Zeit nur ein Drittheil des Landes geſehen, aber ſich die Liebe des ganzen Volkes verſcherzt, die ihm mit ſo großer Begeiſterung entgegen gekommen war. Es war von ſeiner Seite, d. h. von ſeiner nieder⸗ ländiſchen Umgebung, nicht weniger als Alles geſchehen, um den ſpaniſchen Nationalcharakter zu reizen, zu kränken, zu verletzen, zu verhöhnen und die alten wohlbegründeten Rechte der Stände der einzelnen Königreiche zu umgehen und mit Füßen zu treten. Die meiſten Bedingungen, die die Stände auf den Landtagen dem König geſtellt, die Der deutſche Kaiſer. 275 er angenommen und deren Erfüllung er beſchworen, waren theils nicht erfüllt worden, theils war gerade das Gegen⸗ theil derſelben geſchehen. Treu und Glauben, Königswort und Eidſchwur ſchienen nur vorhanden zu ſein, um zu Macht und Geld zu kommen, dann, wenn der Zweck erreicht war, kehrten ſich weder König noch Miniſter daran. Ueberall hatte Karl geſchworen, kein ſpaniſches Geld aus dem Lande zu führen oder führen zu laſſen, und Mil⸗ lionen waren in dieſen dreiunddreißig Monaten nach den Niederlanden geſchickt worden. Die Spanier waren ſo weit gebracht, daß ſie die Niederländer als eine Räuber⸗ bande betrachteten und Herrn von Chievres als den Haupt⸗ mann derſelben, der feig hinter dem ſtarken Schild der königlichen Macht und des Rechts der Krone ſich jede Gewaltthätigkeit erlaubte. Als die beiden Brüder Bar⸗ baroſſa, die mächtigen Korſaren von Algier, die ſpaniſchen Küſten beraubten und brandſchatzten, und nirgend Hülfe war gegen dieſe ungeheure Klage, ſchrie das Volk: die Seeräuber ſeien noch lang nicht ſo ſchlimm als die Land⸗ diebe, die man überall mit Ehrengepränge empfange, die Seeräuber ſeien Saracenen, Muhamedaner; die Land⸗ räuber gäben ſich für Chriſten aus, ſeien aber viel gott⸗ loſer und ſündhafter als jene; denn die Saracenen griffen mit offner Gewalt an, die Niederländer mit heimlicher Tücke, mit Hinterliſt und böſen Ränken. So treu hing das ſpaniſche Volk an Recht und Geſetz, daß es den treuloſen König immer noch als eine heilige Perſon be⸗ 18* 276 Der deutſche Kaiſer. trachtete, ſo billig denkend war es, daß es den zwanzig⸗ jährigen Jüngling mit ſeiner Unerfahrenheit entſchuldigte und alle Schuld auf die Verführungskünſte ſeiner ruch⸗ loſen Miniſter ſchob. Aber das Maß der Geduld war voll; im gemeinen Volke, im Handwerkerſtande war der Geiſt der Empörung gegen Lug und Trug und geſetz⸗ widrige Gewalt erwacht; dieſer Geiſt war erſtarkt und bereits zu einer furchtbaren Macht gediehen; es war der herrliche Geiſt des ſechzehnten Jahrhunderts, der Geiſt der politiſchen Freiheit. Die ſchaamloſe, wortbrüchige, betrü⸗ geriſche und in jeder Hinſicht verruchte Regierungsweiſe der Könige, die Gewaltthätigkeit des Adels und die Nichts⸗ würdigkeit der Kleriſei hatten dieſen Geiſt im Volke er⸗ zeugt und geweckt, und ſein Zorn wetzte aufſchreiend in Spanien wie in Deutſchland die Waffen gegen die un⸗ menſchlichen übermüthigen Dränger. Der Geiſt des Wider⸗ ſtands und der Empörung hatte ſich über alle alteaſti⸗ liſchen Städte verbreitet und war mit Kraft und Ent⸗ ſchloſſenheit gewappnet; die Handwerkerzünfte, der Kern der Städtebewohner und des Volks überhaupt, hielten feſt zuſammen zu Schutz und Trutz; es war eine allge⸗ meine drohende Verſchwörung. Dem Anſchein nach war ſie nicht gegen den König gerichtet, ſondern gegen den Miniſter; ſie reſpeetirte die geſetzliche Form und ehrte im König den Repräſentanten des Geſetzes. Die Granden, ſelbſt mit dem Könige und deſſen Miniſtern aufs Aeußerſte unzufrieden, ſahen ſchweigend Der deutſche Kaiſer. 277 und nicht ohne ſtille Billigung der großen Volksbewegung zu, und da die Niederländer aus Furcht vor dem bewaff⸗ neten Aufſtande des Volks, Spanien mit dem Könige verließen, ſo brauchte der eaſtiliſche hohe Adel wenigſtens nicht Partei mit dieſen ihren Feinden zu machen; ſie hiel⸗ ten nur zur Königsmacht, ſie ſtanden nur zum Könige als ihrem geſetzlichen Oberhaupte und vertraten dabei ihre eigne Sache, und nicht die der Niederländer. Der eaſtiliſche Landtag war vom König erſt nach St. Jago und zuletzt ſogar nach der Hafenſtadt Corunja verlegt worden. Es ging ſtürmiſch darauf zu, und die Abgeordneten von Toledo, welche unerſchrocken und kräftig auftraten, wurden ſogar verwieſen. Die Ehrfurcht vor dem König hielt inzwiſchen die meiſten Abgeordneten ab, ihrer Stimmung die rechten Worte zu geben, aber der Aufſtand hatte ſich von Toledo bereits über die benach⸗ barten Städte verbreitet, und der König that nichts, ihn zu unterdrücken, weder durch Zugeſtändniſſe noch durch Waffengewalt. Die Schöppen der Stadt Toledo und Häupter des Aufſtandes Juan de Padilla, Fernandv Da⸗ valos und Gonſalez Gaytano wurden zwar durch königli⸗ chen Befehl auf den Landtag beſchieden, um ſich zu ver⸗ antworten; da ſie aber nicht erſchienen, blieb es bei einem mit Drohungen ſchwach unterſtützten zweiten Befehl. Ja der verblendete König that ſogar höchſt unverſtändige Schritte, welche den Aufſtand nur noch mehr entflammten. Er forderte von Caſtilien die ungeheure Summe von . 278 Der deutſche Kaiſer. neunhundert Millionen Realen als freiwilliges Geſchenk, und ohngeachtet der Proteſtation der Abgeordneten des Volks ſetzten es die Granden doch durch, daß ihm zwei⸗ hundert Millionen, in drei Jahren zahlbar, bewilligt wur⸗ den. Aber eine große Anzahl Städte und darunter Toledo, Salamanca, Toro, Madrid, Murecia, Cordova weigerten ſich auf das Entſchiedenſte etwas dazu beizuſteuern. Noch nachtheiliger auf die Volksſtimmung wirkte aber die Verfügung des Königs, durch welche er den Kardinal Adrian Florens, ſeinen Lehrer, zum Statthalter von Ca⸗ ſtilien ernannte. Florens war ein gutmüthiger, wohl⸗ wollender, aber auch charakterſchwacher Mann, er war ein Kleriker, und endlich— und das war den Caſtiliern das Anſtößigſte— er war ein Niederländer. Der Un⸗ wille darüber ſprach ſich allgemein, laut und drohend aus. Die noch anweſenden Deputirten des Landtags, die man als Anhänger des Königs betrachten durfte, machten ihm deshalb vergebliche Vorſtellungen und baten dringend, in Betracht der großen Aufregung, welche das Königreich erfülle, einen Inländer von geiſtiger Kraft und womöglich einen Krieger von erprobter Tüchtigkeit und perſönlichem Anſehen zu dieſer jetzt doppelt wichtigen Stelle zu ernen⸗ nen. Der König ließ es aber bei einigen an die Depu⸗ tirten geſpendeten Gnadenbezeigungen bewenden, wodurch er ſie zum Schweigen zu bringen hoffte. Statt ſelbſt nach Toledo zu gehen und ſich mit dem empörten Volke zu verſtändigen, ging er zu Schiffe und überließ es der Der deutſche Kaiſer. 279 ſchwachen Hand des Kardinals, das empörte Land zu lenken. In Valencia hatten ſich die Stände mit größerer und darum auch erfolgreicherer Energie dem Befehl des Königs widerſetzt, den Markgrafen von Brandenburg als Viecekönig anzunehmen, und Karl hatte ſich zuletzt noch genöthigt geſehen, ihrem Willen nachzugeben und den Don Diego de Mendoza, Grafen von Melito zu dieſer Würde zu erheben. Der Markgraf hatte übrigens durch ſeine Ver⸗ heirathung mit der Königin Germaine die geringe Popu⸗ larität, welche er ſich in Caſtilien, Aragonien und Kata⸗ lonien erworben(in Valencia hatte er nie welche beſeſſen), eingebüßt; aber auf ſeine Gemahlin war das aragoniſche Volk wegen ihrer Erniedrigung, indem ſie einem deutſchen Abenteurer ihre Hand gab, ſehr erbittert, und man ver⸗ weigerte ihr allgemein den Titel Hoheit. Sie ſah ſich deshalb genöthigt, ſich mit ihrem Gemahl auf eine ihr gehörige ländliche Beſitzung zurückzuziehen, und beide leb⸗ ten hier in großer Abgeſchiedenheit von der Welt. Kaum hatte die Flotte, welche den König zuerſt nach England und dann in die Niederlande zu führen beſtimmt war, die ſpaniſchen Küſten verlaſſen, als die Flammen des Volksaufruhrs mächtig emporſchlugen und ſich in un⸗ glaublich kurzer Zeit in ganz Caſtilien verbreiteten. In Toledo, Segovia, Murcia, Zamora, Valladolid, Burgos und Madrid erhob ſich das gemeine Volk mit den Waffen in der Hand gegen die königliche Gewalt und gegen den . 280 Der deutſche Kaiſer. Adel, und während Karl eilte, eine neue Krone zu ge⸗ winnen, hatte es allen Anſchein, daß er die alten ver⸗ lieren würde. Noch kurz vor ſeiner Abreiſe hatte er einen Befehl nach Toledo geſchickt, Juan de Padilla und Fernando Davalos als Volksaufwiegler zu verhaften. Sogleich liefen die Handwerker und ihr großer Anhang im gemei⸗ nen Volk mit Geſchrei und mit Waffen zuſammen, wider⸗ ſetzten ſich der Gefangennehmung der beiden Volksführer und bedrohten den Alcalden und Großalguazil, welche des Königs Befehl vollſtrecken ſollten, mit dem Tod, dem ſie auch nur durch eilige Flucht aus der Stadt entgingen. Der Corregidor ward in ſeinem Hauſe belagert. Die Bewegung dauerte die Nacht hindurch. Am andern Morgen nahmen die Empörer dem Corregidor den Gerichtsſtab, das Abzeichen ſeiner Macht; ſie ſelbſt aber vereinigten ſich auf Padilla's Vorſchlag zu einem Bunde, welchem er den Namen der heiligen Junta gab, und wählten ihn zum Oberhaupt derſelben. Als ſolches gab er dem Corregidor den Stab zurück und belehnte ihn von Seiten der Junta mit der Amtsgewalt. Nun wurde das Haus des Alcalden geſtürmt und aller Hausrath nebſt den Abzeichen ſeiner Amtswürde in den Fluß geworfen. Ohne Verzug ſtürmte eine weit über zwanzigtauſend Köpfe ſtarke bewaffnete Menge die Citadelle der Stadt, der Alkazar genannt, und der königliche Befehlshaber derſelben, Juan de Silva, ſah ſich genöthigt, die Veſte zu übergeben Zwei Tage Der deutſche Kaiſer. 281 ſpäter beging der Corregidor den Fehlgriff einen Befehl zu erlaſſen, daß die Junta die Waffen ausliefern ſollte, die Junta, deren Beamter er jetzt war. Die natürliche Folge war ſeine Vertreibung aus der Stadt ſo wie die aller königlichen Beamten, des Adels und der ganzen königlichen Partei, die Ausrufung der Republik, Beſetzung aller Aemter mit Männern, welche die Junta aus ihrer Mitte gewählt und die Anwerbung und Aufſtellung eines gut bewaffneten Heers. Don Juan de Padilla wurde einſtimmig zum Haupt der Republik erhoben, und neben ihm ſah man ſeine ſchöne und kühne Gemahlin zu Pferde ſitzen, bewaffnet wie ein Mann und eine Schaar junger Leute anführend, die ſich unter ihren Befehl ge⸗ ſtellt hatte. Am erbitterſten war die Bevölkerung der Städte auf ihre Landtagsdeputirten, welche für das freiwillige Geſchenk geſtimmt hatten; mit Abſcheu nannte man ſie Verräther der Freiheit, und ihr Empfang nach ihrer Heimkehr war überall ein tobender, hart tadelnder, an manchen Orten ſogar ein blutiger. So wurde der Abgeordnete von Se⸗ govia in ſeiner bereits aufs Aeußerſte aufgeregten Vater⸗ ſtadt auf die brutalſte Weiſe umgebracht und an den Galgen gehängt und ſogar das Venerabile, welches der Klerus dem wüthenden Volke entgegen hielt, um es vom Morde abzuhalten, verhöhnt. In Burgos, Zamora und andern Städten wurden die bei Zeiten entflohenen Depu⸗ tirten im Bildniß verbrannt, ihre Häuſer zerſtört, ihre — 282 Der deutſche Kaiſer. Habe vernichtet, und das gemeine Volk war ſo ehrlich, daß es ſich nicht das Mindeſte davon zueignete. Der Kardinal-Regent Adrian hatte eben ſeinen Re⸗ gierungsſitz zu Valladolid genommen, als die Nachricht von den Vorfällen zu Segovia dorthin gelangte. Im geheimen Rath, den er ſogleich mit den Beiſitzern der Regierung hielt, ließ er ſich vom Erzbiſchof von Granada, einem heftigen und harten Charakter, zur Anwendung der ſchärfſten Mittel gegen die Empörer beſtimmen und ſandte einen Richter von nicht ſanfterer Gemüthsart, Namens Ronquillo, mit bewaffneter Macht nach Segovia, um die Verbrecher zu beſtrafen und die Autorität des Königs wieder herzuſtellen. Die Segovier rüſteten ſogleich zwölf⸗ tauſend Mann aus, riefen Padilla mit einem großen Haufen Bewaffneter aus Toledo zu Hülfe und ſchlugen den Ronguillo ſiegreich zurück. Jetzt konnte der Kardinal nicht auf halbem Wege ſtehen bleiben. Er gab dem Antonio de Fonſeca, welchen der König vor ſeiner Abreiſe zum Oberbefehlshaber der ganzen Kriegsmacht in Spanien ernannt hatte, Befehl, Segovia einzunehmen, Fonſeca bedurfte dazu des groben Geſchützes, und dieſes befand ſich in dem großen Arſenal von Caſtilien zu Medina del Campo. Die Bewohner dieſer Stadt widerſetzten ſich der Abführung des Geſchützes zu dieſem Zweck, und bald kam es zwiſchen ihnen und den Truppen des Fonſeca zum erbitterten blutigen Kampfe. Die Mediner brauchten das Geſchütz, welches die Soldaten Der deutſche Kaiſer. 283 abholen wollten, mit Erfolg gegen ſie. Fonſera ließ alſo mehre Häuſer in Brand ſtecken, um das Volk vom Kampfe abzuziehen; aber die wackern Leute ließen ihre Häuſer brennen und ſchlugen nur noch wüthender den Feldherrn mit ſeinem Heere zurück. Das Feuer aber griff dergeſtalt um ſich, daß es in kurzer Zeit faſt die ganze Stadt, eine der anſehnlichſten und reichſten Caſtiliens, in Aſche legte. Da eben eine große Waarenmaſſe des bevorſtehenden Jahr⸗ markts wegen aus dem ganzen Königreiche hier aufgehäuft war, ſo war der Verluſt ein unermeßlicher. Ganz Ca⸗ ſtilien gerieth in eine ſchier wahnſinnige Wuth; ſelbſt Valladolid, der Sitz der Regierung, erhob ſich mit be⸗ waffneter Hand gegen dieſe; Fonſeca's Name ward als der eines Vaterlandsverräthers und Mordbrenners gebrand⸗ markt, und da der Kardinal über die Wendung der Dinge die Beſonnenheit verlor, jede Theilnahme an Fonſeca's That ableugnete und ihn nebſt ſämmtlichen Soldaten ent⸗ ließ, ſo war der Sieg der Junta über die Regierung vollſtändig. Adrian konnte um ſo weniger etwas aus⸗ richten, als der Schatz von Chievres vor dem Abzug des Königs und der Niederländer erſt geplündert worden war, und dem rathloſen Regenten alſo alle Mittel fehlten, der Volksempörung mit Nachdruck zu begegnen, ſelbſt wenn er Muth und Entſchloſſenheit dazu gehabt hätte. Alle eaſtiliſchen Städte traten nun zu einer Conföde⸗ ration in Avila zuſammen, und der Name der heiligen Junta umfaßte das ganze Königreich. Adrian wurde von . 284 Der deutſche Kaiſer. ihr genöthigt, die Regierung niederzulegen und die Abzei⸗ chen derſelben ihr auszuliefern. Es bedurfte nur noch des letzten Schrittes, die Abſetzung des Königs auszuſprechen und entweder die Wahl eines neuen Königs durch das Volk vorzunehmen oder die Republik im ganzen Lande zu erklären. Alles ließ ſich dazu an, die kühnen, ſtolzen und ehrgeizigen Pläne Maria's zu verwirklichen und die Pro⸗ phezeihungen, die ihr Aya's geheimnißvoller Zauber gege⸗ ben, wahr zu machen. Die reizende charakterſtarke junge Frau war eigentlich das Haupt der Junta in Toledo, während ihr Gatte ſei⸗ nen Siegeszug durch das Land hielt. Durch kühne und gewaltige Reden feuerte ſie die Bürger an, und wenn ſie auf ihrem jungen andaluſiſchen Rappen als Amazone be⸗ waffnet, durch die Reihen derſelben ritt, begleitete ſie ein endloſer Jubel der Menge. Wenn ſie aber Abends in ihr großes Haus zurückkehrte, wurden die Thüren ihrer Gemächer ſorgfältig geſchloſſen, und drinnen erwarteten ſie zwei Frauen, mit welchen ſie in der Mitternachtsſtunde unheimlichen Verkehr hielt. Dieſe Frauen waren Aya, die Maurin, und Karracha, die Zigeuneraltmutter. Da wurden alle orientaliſchen Zaubereien vorgenommen, aus Flammen und Dampf, aus Stäben und Zahlen geweiſſagt, die Stellung der Geſtirne erforſcht und Horoskope geſtellt und die Elementargeiſter befragt. Was nur die überreizte und ausſchweifende Phantaſie der öſtlichen Völker jemals erfunden, um die Mächte des Schickſals zu ihrem Dienſt Der deutſche Kaiſer. 285 zu zwingen, oder den Blick in die Zukunft aufzuhellen, das wurde allmälig ins Werk geſetzt. Und ſtets ſchim⸗ merte der kühnen Frau der funkelnde Glanz einer Königs⸗ krone entgegen; denn die geheimnißvollen Mächte verſpre⸗ chen dem Fragenden in der Regel, was er ſehnlichſt wünſcht, um ihn um ſo ſichrer zu verderben. Zuweilen ſah man auch Maria Abends verhüllt nach dem Alkazar ſchleichen, begleitet von Aya und Karracha und dort in Gemächern verſchwinden, die ſich keinem Sterblichen weiter öffneten als ihnen. Die beiden letztern gingen einzeln auch am Tage denſelben Weg. Dieſe Ge⸗ mächer bargen eine Bewohnerin, die ſich dort ſtreng ab⸗ geſchloſſen hielt von der Welt und, mit düſtern Gedanken und Plänen beſchäftigt, ihre einſamen kummervollen Tage verlebte. Dieſe Frau war Donna Ineſe de Cardona. Nit ihr berieth Maria die nöthigen Schritte, und unter ihren Augen wurde neuer Zauber geſponnen. Es handelte ſich darum, ob jetzt ſchon der günſtige Zeitpunkt gekommen ſei, den letzten und kühnſten Schritt zu thun und das Volk im Sturm fortzureißen, indem man ihm keine Zeit zur Beſinnung ließ, oder ob man vorſichtig weiter gehen ſolle, bis die reife Frucht, die Kö⸗ nigskrone, den Strebenden von ſelbſt in den Schooß falle. Noch war Juan de Padilla nicht mit dem verwegenen Plane ſeiner Frau bekannt; noch nie hatte ſie ihm mit einem Worte angedeutet, welches Ziel ſie ſich und ihm geſetzt. Die Zauberinnen wiederriethen dies auch jetzt 286 Der deutſche Kaiſer. noch; der langſamere und ſichere Weg ſollte eingeſchlagen werden. Dies war vorzüglich der weiſen Karracha Meinung; ſie wußte dieſelbe mit ſo vielen Gründen zu unterſtützen, daß ſie die Andern dafür gewann. Es wurde ein andrer Plan entworfen. Die Anſicht der Zigeuneraltmutter grün⸗ dete ſich auf die feſte Anhänglichkeit des eaſtiliſchen Volks an die Nachkommenſchaft der Königin Iſabella, deren An⸗ denken wie das einer Heiligen verehrt wurde. Dieſe Liebe hatte ſich auf Iſabella's Tochter, die wahnſinnige Johanna, übergetragen, und wenn man nicht die äußerſten und gewaltſamſten Schritte gegen den leichtſinnigen und wort⸗ brüchigen König Karl anwandte, ſo geſchah es nur aus Ehrfurcht vor dem Andenken ſeiner Großmutter. Die Ueber⸗ zeugung, daß ihm Iſabella's Krone nach dem heiligen Rechte gehöre, war ſo unerſchütterlich, daß ein andrer Gedanke noch gar nicht aufgekommen war. Die Wuth des Volks war allein gegen ſeine niederländiſchen Rathgeber gerichtet, und wenn man ihm auch zürnte, daß er nicht Kraft genug habe, ſich derſelben zu erledigen, ſo dachte doch Niemand, außer Maria de Padilla, ernſtlich daran, ihn der Krone zu berauben. Selbſt ihr Gemahl, für den ſie dieſe Krone erſtrebte, hatte dieſen Gedanken noch nicht gefaßt. Es war Alles nur Drohung, Demonſtration gegen Karl. Der eaſtiliſche Volksbund nannte ſich ſogar„die heilige Junta des Königs.“ Es wäre alſo das gewagteſte und gefährlichſte Spiel geweſen, jetzt ſchn mit dem unverhüll⸗ ten Plane hervorzutreten. Er konnte gelingen, aber die Der deutſche Kaiſer. 287 Chancen deuteten noch mehr auf das Mislingen, und dann war Alles verloren. Der ſichere Weg wurde gewählt. Don Juan ſollte ſich in den Beſitz der Königin Donna Juana ſetzen und in ihrem Namen regieren. Dies ſchien der gewiſſe Uebergang zu ſeiner Selbſtregierung. Padilla wurde von Maria aufgefordert, ſich der Königin zu be⸗ mächtigen, und er begriff ſogleich die ungeheuern Vor⸗ theile, welche ihm und der Junta die Ausführung eines ſolchen Unternehmens bringen mußte, um nicht ſogleich darauf einzugehen. So wie er Segovia entſetzt hatte und nun factiſch Herr des Königreichs war, eilte er mit ſeinem Heere nach Tordeſillas, deſſen Thore ihm von den der Junta erge⸗ benen Einwohnern geöffnet wurden. Ohne Schwertſtreich war er Beſitzer der Stadt und der Königin. Es war im Geiſteszuſtande Juana's eigenthümlich, daß ihr bei ſtarken Gemüthserſchütterungen jedesmal auf einige Zeit die Klarheit der Vernunft zurückkehrte. So war es auch diesmal. Sie hatte von ihren Frauen ver⸗ nommen, daß ein Kriegsheer in die Stadt gerückt ſei, und der beſtürzte Abt des Kloſters hatte ihr begreiflich zu machen geſucht, was Urſache und Zweck der ungeheuern Volksbewegung ſei, welche plötzlich ihre ſtille Wohnung berührte. Ihr den Volksintereſſen huldigender Leibarzt hatte ihr endlich, nach Entfernung des Abts, das rechte Licht aufgeſteckt. Sie war im tiefſten ruhigen Nachſinnen, als Padilla bei ihr eintrat. Der junge, ſchöne, ritter⸗ 288 Der deutſche Kaiſer. liche Mann nahete ihr mit aller Ehrfurcht, die man in Spanien königlichen Häuptern zu erweiſen gewohnt war, und hielt eine klare feurige Anrede an ſie, worin er ihr den durch die Raubgier, Härte, Parteilichkeit und Wort⸗ brüchigkeit der niederländiſchen Miniſter ihres Sohns her⸗ beigeführten unſeligen Zuſtand der ſpaniſchen Königreiche und insbeſondre des eaſtiliſchen Reichs treu ſchilderte; er entſchuldigte Karl mit deſſen jugendlicher Unerfahrenheit, aber noch mehr entſchuldigte er das Volk, welches zur Wahrung ſeiner alten Rechte und Freiheiten jetzt, wo der König es ſogar in ſolcher Noth verlaſſen, ſich wie ein Mann erhoben und nun zu ihr, ſeiner rechtmäßigen Kö⸗ nigin, flehe, die Zügel der Regierung ſelbſt zu ſeinem Schutze gegen fremde Willkür und Tyrannei zu erfaſſen. In Johanna's Auge blitze es auf; es ſprach eine ruhige, klare, beſonnene Seele daraus; ſie richtete ihre zuſammen⸗ geknickte Geſtalt empor, ſie ſtrich ſich mit der Hand die Nebel des Irrſinns von der Stirn und fragte verwundert: „Was ſprecht Ihr doch von Fremden und Niederländern? Regiert denn mein Vater das Land nicht mehr?“ „Der König Fernando iſt längſt geſtorben, und da Ew. Hoheit krank war, ſo haben die Königreiche Euern älteſten Sohn, den Infanten Don Carlos als König an⸗ erkannt. Doch Ihr ſeid die rechtmäßige Erbin Caſtiliens, Ihr ſeid Iſabella's Tochter, Ihr ſeid unſre Königin.“ „Ihr habt recht,“ verſetzte ſie mit Würde.„Ich erinnre mich jetzt gehört zu haben, daß mein Vater todt Der deutſche Kaiſer. 289 und mein Sohn als König in das Land gekommen iſt. Aus den Niederlanden iſt den Spaniern kein Glück ge⸗ kommen, auch mir nicht. Ich gebe Euch aber mein kö⸗ nigliches Wort, daß ich von den Nöthen und Drangſalen, welche die Niederländer meinem Volke bereitet, nichts ge⸗ wußt habe. Deshalb dürft Ihr ſie mir auch nicht zur Laſt legen. Ich will ſofort darauf denken, wie dieſem Uebelſtande ſchnell abgeholfen wird. Ich kenne Euch, Don Juan de Padilla, und ernenne Euch zu meinem erſten Miniſter. Tragt Ihr nun Sorge, daß ſich bald ein ge⸗ heimer Rath hier um mich verſammle, mit welchem ich mich über die nöthigen Maßregeln benehmen kann.“ Padilla dankte ihr ehrſurchtsvoll, und ſie reichte ihm die Hand zum Kuſſe. Seine kühnſten Hoffnungen waren durch die klaren und verſtändigen Aeußerungen der Königin übertroffen, und berauſcht von dieſem Erfolge hatte er nichts Eiligeres zu thun, als der Junta davon Nachricht zu geben und die Häupter derſelben unverzüglich nach Tordeſillas zu beſcheiden. Nach wenigen Tagen zogen dieſe hier ein, während welcher Zeit ſich Padilla in meh⸗ ren Unterredungen mit Donna Juana immermehr über⸗ zeugt hatte, daß ſie vollkommen geiſtesgeſund ſei. Die Königin nahm die Anrede der Junta ſehr gnädig auf, dankte in verſtändigen und wohlwollen Worten und wil⸗ ligte in ihre Bitte, die Regierung des Königreichs ſelbſt zu übernehmen. Der Jubel verbreitete ſich mit dieſer Kunde wie auf Windes Fittichen ſchnell durch das ganze Ein deutſcher Leinweber. VI. 19 290 Der deutſche Kaiſer. Königreich, und viele Tauſende ſtrömten dem Sitze der neuen Regierung zu. Das ſonſt ſo ſtille Tordeſillas wogte von frohen Menſchenſchaaren, die ſich ihre frech angeta⸗ ſteten Rechte und Freiheiten wieder erkämpft hatten, und die Straßen hallten fort und fort wieder von den Aus⸗ brüchen ungeſtümer ſtürmiſcher Freude. Ein prachtvolles Turnier wurde veranſtaltet, bei welchem alle Adligen, die zum Volke hielten, mit dem größten Glanze auſtraten. Donna Juana ließ ſich ohne Widerrede mit dem Purpur und der Krone bekleiden und wurde im Triumphe nach dem Kampfplatze geführt. Die ungeheure Volksmenge geberdete ſich wie unſinnig vor Freude, und über das Antlitz der unglücklichen Königin ſchwebte nach einer langen Reihe von trüben Jahren das erſte Lächeln. Ihr zur Seite erblickte das Volk ſeinen Liebling, den Don Juan de Padilla und deſſen reizende Frau, welche der Königin vor Aller Augen die Hand küßte. Dann ritt Don Juan in die Schranken, und, wie man erwartet, trug ſeine ritterliche Kraft und Gewandtheit den Sieg über die andern Kämpfer davon. Die Königin überreichte ihm als Preis die Inſignien der Großmeiſterſchaft der drei großen Haus⸗ orden der Krone Caſtiliens von Calatrava, Alkantara und St. Jago, mit welchen ſie ſelbſt geſchmückt war. Da durchbrach der Jubel des Volks alle Schranken. Es trug den neuen Großmeiſter auf den Schultern nach der Stadt zurück; es ſpannte die Pferde vom Wagen der Königin und zog ſie zu Tauſenden nach dem Schloſſe. Seit lange Der deutſche Kaiſer. 291 waren nur Glieder des königlichen Hauſes Großmeiſter dieſer Orden geweſen, und die Würde brachte ihrem Beſitzer königliche Einkünfte und faſt königlichen Rang. Karracha hatte Recht gehabt; das Ziel war auf dieſem Wege leichter und ſichrer zu erreichen, und ſchon lag es nah vor Maria's wonnetrunkenen Blicken. 19* Pwanzigstes Rapitel. Der hohe Adel des Landes hatte den Sieg der Gemeinen über die Macht der Ausländer mit ſtiller Genugthuung wahrgenommen; hatte er doch ſelbſt nicht minder unter ihrem gewaltthätigen ausſaugenden Regiment gelitten, und es war den ſtolzen Granden deshalb ſehr willkommen, daß der Cardinal-Regent im Namen der Königin Juana ſeiner Gewalt entſetzt wurde; ſie kamen ja ſehr wohlfeilen Kaufs zum Beſitz der langgewünſchten Freiheit. Sobald aber die Junta, nach vollſtändig errungenem Siege über die verhaßten Niederländer, unverzüglich an die Löſung ihrer zweiten Aufgabe ging, ſich auch des verhaßten Adels zu entledigen und eine unbeſchränkte politiſche Freiheit zu erringen, vereinigten ſich die Herren gegen das kühne Volk, um ſich ihrer Haut zu wehren. Da nun die Junta im Beſitz der Königin war und behauptete, ſie ſei voll⸗ kommen geſund, ſo blieb den Grandes keine Wahl übrig, wollten ſie nicht Alles verlieren, als ſich auf die Seite des anerkannten Königs zu ſtellen. Die Vereinigung des Der deutſche Kaiſer. 293 eaſtiliſchen Adels wurde wunderbar ſchnell durch die Zigeu⸗ nerbande bewirkt, deren Fürſtin Zaroya, deren Altmutter Karracha war. Als die Letztere der Donna Maria de Padilla den erfolgreichen Rath gab, geſchah es keines⸗ wegs aus aufrichtiger Ergebenheit an die hochſtrebende junge Frau; Karracha wollte nur Zeit gewinnen; denn ſie und ihre Bande waren dem König Karl aus mehr als einer Urſache ergeben. Zaroya's Jugendliebe zu Marr von Bübenhoven war keineswegs erloſchen, und auch im Herzen des wackern Junkers glimmte die Flamme noch fort, die einſt die ſchöne Zigeunerprinzeſſin darin entzündet hatte, und ſie erhielt neue Nahrung, als er die Jugend⸗ geliebte und ihre Tochter, die reizende Sonaca, die ja auch die ſeinige war, in Spanien wieder fand. Die Be⸗ mühungen des Junkers zur Erforſchung des ſpaniſchen Bergbaus, welchen ſich das Volk als von den Niederlän⸗ dern ausgehend, gar oft widerſetzte, wurden von Zaroya und ihren Zigeunern nachdrücklich unterſtützt, und ihnen allein verdankte es Büvenhoven, daß er überall zum er⸗ wünſchten Ziele kam. Wo der Befehl des Königs Karl und ſeiner Miniſter verlacht und verachtet wurde, ſobald ihn der Junker vorzeigte, ja ihm nicht ſelten perſönliche Unannehmlichkeiten zuzuziehen drohete, da öffnete ihm ſchnell die Empfehlung der Zigeuner die verſperrte Bahn. Auch hier vermochte die Zigeunerkönigin mehr als der König des Landes. Bübenhoven benutzte nun ſeine Verbindung mit den . 294 Der deutſche Kaiſer. Zigeunern, um durch ſie die Sache des Königs zu för⸗ dern. Aber Sonaea trug ja auch für den jungen König die heißeſte Liebe; für ihn hätte ſie willig Alles geopfert. Uund ſo geſchah es, daß die Zigeuner als Werber und Boten des Königs in Caſtilien auftraten und von einem Ritterſiz zum andern eilten, um den hohen Adel zu einem feſten Bunde zu vereinigen. Viele, welche ſchwankend geweſen waren, oder ſchon zur Junta als der ſiegreichen Partei ſich neigten, wurden dadurch für den König ge⸗ wonnen. Dazu kam, daß Befehle und Verſprechungen Karls, der bereits zum Kaiſer gekrönt war, aus Deutſch⸗ land anlangten, die den hohen Adel mit ihm ausſöhnten und dadurch ſeine geſunkene Macht aufs Neue befeſtigten. Er ernannte nämlich den Großadmiral von Caſtilien Don Fredrique Henriquez und den Großconnetable Don Inigo de Velasco, zwei der begütertſten und mächtigſten Granden, zu Mitregenten des Kardinals Adrian, und an die Städte ſchrieb er einen höflichen Brief, worin er verſprach, daß ferner kein Ausländer angeſtellt werden ſolle, und daß er auf das ihm von den Deputirten bewilligte freiwillige Geſchenk verzichte. Den Adel forderte er nachdrücklich auf, die Empörung der Städte, falls ſie ſich nicht in Güte zum Ziele legten, mit bewaffneter Macht zu erſticken. Der zwanzigjährige Karl hatte die in der Praris ſtets trefflich bewährte Kunſt ſchon gut begriffen: in der Zeit der Noth dem Volke Alles zu verſprechen, und wenn es mit Schmeicheleien wieder geknechtet war, nichts zu hal⸗ Der deutſche Kaiſer. 295 ten und ihm nur noch härteres und ſchwereres Joch auf⸗ zulegen. Sogleich begannen die Rüſtungen des Adels, und die ſchnelle Betreibung der kräftigſten Maßregeln wurde durch die raſtloſe Thätigkeit der Zigeuner ungemein gefördert. Es kam, wenn auch kein großes„aber ein tapfres, vom beſten militäriſchen Geiſte beſeeltes, an den Krieg gewöhn⸗ tes und meiſt aus Edelleuten beſtehendes Heer zuſammen, und der erwählte Führer deſſelben, Graf Haro, der älteſte Sohn des Connetable, war ein Offizier von großer Er⸗ fahrung und vorzüglicher Geſchicklichkeit. Die Junta rüſtete ebenfalls und ſtellte ein weit größeres Heer auf, aber es war aus Bürgern und Handwerkern zuſammengeſetzt, ungeübt im Gebrauch der Waffen und nicht an militäriſche Ordnung gewöhnt, namentlich beſtand ihr geringer Haufe Reiterei aus Leuten, welchen der Kriegs⸗ dienſt zu Pferd gänzlich fremd war. Als zur Wahl des Führers geſchritten wurde, war Don Juan de Padilla eben durch einen Eilboten nach Toledo abgeholt worden. Seine Gemahlin war nämlich dort von einem Knaben entbunden worden und befand ſich in Lebensgefahr. Don Pedro Giron, welcher nur aus perſönlicher Rache gegen den König und keineswegs aus ſittlicher Ueberzeugung zur Sache des Volks übergetreten war, trachtete aus Ehrgeiz nach der Anführerſtelle, und da er von weit vornehmerer Geburt war als Padilla und ſich verſchiedener Ränke be⸗ diente, um zu ſeinem Zwecke zu gelangen, ſo wurde er 296 wirklich zum Anführer des Heers der Junta erwählt, obgleich Padilla der Liebling des Volks, das Haupt der Junta und weit talentvoller war als Giron. Die Folgen dieſer unglücklichen Wahl zeigten ſich bald genug. Giron, eiferſüchtig auf Padilla's Beliebtheit beim Volke, brach mit unbeſonnener Haſt mit dem Heere ſo⸗ gleich von Tordeſillas nach Rioſeco auf, wo ſich das Heer der Regentſchaft verſammelt hatte. Es gelang ihm aber keineswegs, wie er gehofft hatte, dieſe Stadt zu über⸗ rumpeln, und nun wandte er ſich plötzlich nach Villa⸗ panda, einem dem Connetable gehörigen Ort, welchen die Königlichen zum Depot ihrer Lebensmittel gemacht hatten. Dadurch eröffnete er dieſen aber den Weg nach Torde⸗ ſillas, welchen ſie nicht verſäumten ſofort einzuſchlagen. Graf Haro führte ſein Heer in der Nacht unbemerkt dort⸗ hin, nahm die Stadt am folgenden Morgen ein, welche nur von einem Haufen bewaffneter Kleriker unter Anfüh⸗ rung des Biſchofs von Zamora— obgleich tapfer genug— vertheidigt wurde und bemächtigte ſich der Perſon der Königin Juana. Da zeigte ſich denn gleich, daß es mit der von der Junta gerühmten Geiſtesgeſundheit derſelben übel genug beſtellt war. Die unglückliche hohe Frau war ganz wieder von ihrem alten Tiefſinn befallen, und die Junta hatte ſie nicht vermögen können, auch nur einen einzigen Regierungsact zu vollziehen. Sie hatte ſich alſo gemüßigt geſehen, den Zuſtand der Königin ſo geheim als möglich zu halten und in ihrem Namen zu regieren. Der deutſche Kaiſer. Der deutſche Kaiſer. 297 Nun kam die Lüge an den Tag, und da Haro alle Ab⸗ zeichen der königlichen Würde, vorzüglich das königliche Siegel, in die Hand bekam, ſo erhielt die Junta dadurch einen tödtlichen Schlag. Die Unzufriedenheit mit dem ungeſchickten Führer in ihrem Heere nahm überhand, ſie ſelbſt ward dadurch mehr und mehr entmuthigt, und die Sache des Volks war ſchon ſo gut wie verloren. Zwar gelang es Padilla, welcher nun, nachdem Giron eiligſt ſeine Heerführerſtelle niedereolegt und ſich auf ſeine Güter zurückgezogen hatte, an die Spitze des Heers trat, den geſunkenen Muth deſſelben wieder anzufachen, aber es fehlte an Geld, um den Krieg gegen die Regentſchaft mit Nachdruck führen zu können, und der Verluſt der Königin war nicht zu verſchmerzen. Jetzt aber, in dieſer Noth zeigte ſich Maria's großer Geiſt in ſeiner höchſten Glorie. Die glänzenden Weiſſagungen, die ihr gemacht worden, ſtählten ihre Kraft; die heimlichen Unterredungen mit Ineſe ſchnellten ſie empor. Während alle Glieder der Junta den Verluſt der Königin betrauerten, jubelte ſie im Stillen darüber; denn nun war ja auch dieſe Scheinautorität beſeitigt, Giron geſtürzt, und ſie durfte ſich der ſichern Hoffnung hingeben, daß Padilla nach dem erſten bedeutenden Siege über das Heer der Regentſchaft vom Volke zum König erhoben werden würde. Auf der Seite des Volks war ja die gerechte Sache; es kämpfte für ſeine Freiheit; ſie und ihr Gatte feuerten es an, ſie waren die vergötterten Häupter deſſelben; wie hätte ſie — 298 Der deutſche Kaiſer. Zweifel hegen können, daß ihr Plan gelingen würde? Auch den Mangel an Geldmitteln raſch abzuhelfen, faßte ſie einen kühnen und außerordentlichen Entſchluß, zu wel⸗ chem freilich Ineſe den erſten Gedanken in ihre empfäng⸗ liche Seele warf. Eines Tags ſah das Volk von Toledo die junge Herrin, der es eine ans Unglaubliche grenzende Verehrung weihete, mit ihrem großen Gefolge, alle in tiefer Trauer⸗ kleidung, in feierlicher Proceſſion nach der prächtigen Dom⸗ kirche ziehen. Sie trug ihren Säugling an der Bruſt. Das Volk ſtrömte in großer Menge zuſammen. Am Dome angelangt, wandte ſie ſich zu dem ihr zujubelnden Menſchenhaufen, bat um Stille und erklärte in einer feu⸗ rigen Rede: Außerordentliche Fälle erheiſchten außer⸗ ordentliche Maßregeln; der Sieg der gerechten Sache des Volks ſei durch Geldmangel faſt zweifelhaft; der König und ſeine Miniſter hätten mit räuberiſcher Hand das Land geplündert und es ſchier von allem baaren Gelde entblöſt. Handel und Gewerbe lägen danieder; die Noth ſteige von Tag zu Tag. Der Adel habe ſich verbunden, das Volk wieder in das alte unerträgliche Joch zurückzuzwingen. Es gälte jetzt alle Mittel aufzubieten, um den Kampf des Volks für ſeine heiligen Rechte, ſo raſch als möglich, zum ſiegreichen Ende zu führen. Da nmun bei den Menſchen jetzt unmöglich Hülfe zu finden ſei, ſo müſſe man ſie bei Gott und den Heiligen ſuchen; denn Gott und die Hei⸗ ligen ſeien auf Seite der gerechten Sache. Bei ihnen Der deutſche Kaiſer. 299 wolle ſie jetzt eine Anleihe machen zur Führung des hei⸗ ligen Kriegs. Die Domkirche ſei reich an Schätzen, die man in dieſer äußerſten Noth zur Förderung der Sache Gottes und des Volkes benutzen müſſe. Weil ſie aber zu dieſer traurigen Nothwendigkeit gezwungen ſei, habe ſie mit ihren Leuten Trauer angelegt und erſuche alles Volk, ſich mit ihr vor Gott und den Heiligen zu demü⸗ thigen und ſie wegen dieſes Nothſchrittes um Verzeihung zu bitten. Das Volk gab ihr laut ſeine Zuſtimmung zu erkennen und ſtrömte ihr nach in die Kirche. Die Geiſtlichen wag⸗ ten nicht, ſich einer ſolchen Macht zu widerſetzen. Maria warf ſich vor dem Hauptaltar nieder, ſchlug ſich weinend an die Bruſt und rief in einem glühenden laut geſprochnen Gebet Gott und die Heiligen an, dem Volke zu helfen und ihr zu verzeihen, daß ſie das Kirchengut als die erbetene Hülfe betrachte und verwende. Dann nahm ſie alle koſtbaren heiligen Gefäße aus den Schreinen und zog damit in die Münze, um ſie in Geld verwandeln zu laſſen. Dadurch verſchaffte ſie der Junta bedeutende Mittel und zog ſie aus der Verlegenheit. Die Regentſchaft, durch dieſen außerordentlichen Schritt belehrt, daß die Junta das Aeußerſte anzuwenden bereit ſei, wurde bedenklich und beſchloß den Weg der Güte zu verſuchen, und ſie war um ſo eher zu einem Vergleich geneigt, als auch ihr die Geldmittel aus denſelben Ur⸗ ſachen zur Führung des Bürgerkriegs fehlten, und ſie . 300 Der deutſche Kaiſer. bereits die Juwelen der Königin und das Silbergeſchirr des Adels hatte verſetzen und eine Anleihe beim Könige von Portugal machen müſſen. Sie ſtellte der Junta die annehmbarſten Bedingungen zum Frieden; ſie verbürgte ſich, daß allen gerechten Beſchwerden des Volks auf das Gründlichſte abgeholfen würde, ja die meiſten Adligen machten ſich der Junta durch einen Eidſchwur verbindlich, falls der König, verhetzt von böſen Rathgebern, ſeine Einwilligung zu ihren Verſprechungen verſagen werde, ſogleich gemeinſchaftliche Sache mit dem Volke gegen den König zu machen. Aber obgleich ſie dadurch einige Städte gewannen und von der Junta abzogen, ſo arbeitete Maria doch der Vereinigung, die mit einem Male ihre ehrgei⸗ zigen Pläne vernichtet haben würde, ſo nachdrücklich ent⸗ gegen, daß die Junta alle Friedensvorſchläge hartnäckig verwarf. Die kühne Frau wufßte ſo geſchickt die Wuth des Volks gegen den Adel zu ſteigern, daß es zum Beſchluß kam, dieſem alle Güter, die er von der Krone erworben, zu entreißen und ſie wieder mit jener zu vereinigen. Dieſer Beſchluß würde ein greller Widerſpruch mit ihrem frühern Kampfe gegen den König geweſen ſein, wenn er der Be⸗ reicherung des Kaiſer Karl gegolten hätte. Aber die Häupter der Junta wußten bereits, welchem König ſie durch dieſe Güter des Adels eine gewaltige Grundlage an Reichthum zuführen wollten, obgleich ſein Name in den Volksverſammlungen noch nicht ausgeſprochen wurde. Juan de Padilla ſiegte in einigen kleinen Treffen über Der deutſche Kaiſer. 301 Heeresabtheilungen der Regentſchaft und wurde, ſo wie die ganze Junta, dadurch von der feſteſten Zuverſicht auf den vollſtändigen Sieg des Volks erfüllt. Ja, es gelang ſogar Padilla, die feſte Stadt Torrelobaton, welche die Königlichen beſetzt hielten, zu erſtürmen und ſie der Plün⸗ derung ſeiner Soldaten preiszugeben. Aber dieſer glän⸗ zende Sieg machte die Junta übermüthig, die Genüſſe, welche die Soldaten aus der Beute ſich bereiteten, wirkten erſchlaffend auf ſie, und ſtatt ſchnell nach Tordeſillas zu eilen, und dieſe Stadt dem beſtürzten Adel wieder zu entreißen, überließen ſie ſich der Schwelgerei und Ruhe. Padilla, von ſeiner Frau endlich über ihre geheimen Pläne unterrichtet und dafür gewonnen, hatte natürlich kein Ver⸗ langen, ſich wieder in Beſitz der Königin zu ſetzen; ſie konnte ja ſeinem Zwecke nur hinderlich ſein. Er erging ſich mit ſeinen Getreuen in den kühnen Plänen, die von ſeiner Frau ausgegangen waren, und ſchmeichelte dem Heere, indem er die Schwelgereien deſſelben förderte. Dadurch gewann der Adel Zeit, ſich von ſeiner Beſtürzung zu erholen und ſeine Macht zu ſammeln. Mit dieſer rückten der Connetable und ſein Sohn auf Torrelobaton zu. Padilla ſah ſich zu ſchwach, um dieſem Heere auf die Dauer Widerſtand zu leiſten und brach daher auf, um ſich in die Stadt Toro zu werfen. Wäre ihm dies gelungen, ſo würde er höchſt wahrſcheinlich in wenigen Tagen ſchon zum Könige ausgerufen worden ſein; denn ſchon waren alle geheimen Anſtalten dazu getroffen, und 302 Der deutſche Kaiſer. die Kunde, daß ein franzöſiſches Heer in Navarra einge⸗ fallen ſei, um dieſes Königreich zu erobern, wirkte ſo nie⸗ derſchmetternd auf den verbündeten eaſtiliſchen Adel und ſo erhebend auf das Volk, daß die Krone gleichſam ſchon über Padilla's Haupte ſchwebte. Aber auch Graf Haro war durch die Zigeuner von Padilla's kühnem Streben unterrichtet; auch er begriff die große Wichtigkeit dieſes Moments, und ſetzte mit ſeiner guten Reiterei Padilla's Heer nach. Der eilige Rückzug deſſelben ſah einer Flucht ähnlich; es war bereits ermattet und zog eben in der Nähe von Villabar über einen friſch gepflügten Acker, welcher vom Regen der vorhergehenden Tage ſo durch⸗ weicht war, daß die Soldaten kaum darauf fortzukommen vermochten. Auf dieſe Weiſe waren ſie dem vom Feuer einiger Kanonen gut unterſtützten Angriff der Feinde ganz blosgeſtellt und ergriffen, von einem paniſchen Schrecken erfaßt, ſo eilig die Flucht, daß Padilla trotz der tapferſten Gegenwehr gefangen genommen ward. Mit ihm geriethen noch Don Juan Bravo, der Anführer der Segovier, und Don Francesco Maldonado, der der Truppen von Sala⸗ manca, in Gefangenſchaft. Der Jubel über Padilla's Fang war unter den Adligen groß, und weil ſie die hohe Wichtigkeit deſſelben wohl zu ſchätzen wußten, ſo beeilten ſie ſich mit unerhörter Haſt, das Opfer unſchädlich zu machen. Sie fürchteten, daß Donna Maria Alles auf⸗ bieten werde, ihren Gemahl zu befreien. Deshalb ward der unglückliche Liebling und Feldherr des Volks, mit ſei⸗ Der deutſche Kaiſer. 303 nen beiden Leidensgefährten, ſchon am folgenden Tage, ohne gerichtliche Unterſuchung und Urtheilsſpruch zum Tode geführt. Es wurde ihm nur ſo viel Zeit vergönnt, um einen Abſchiedsbrief an ſeine Gemahlin und einen andern an die Stadt Toledo zu ſchreiben, dann ging er mit Faſſung und Ruhe dem Schwerte entgegen, welches ſein edel geſtaltetes Haupt vom Körper trennte. Gleiches Schickſal traf ſeine beiden Gefährten. Mit Padilla's Tod war der Junta die Spitze abge⸗ brochen. Das Volk verlor Muth und Thatkraft; eine Stadt um die andre unterwarf ſich dem ſiegreichen Heere der Regentſchaft. Die gerechte Sache des gemeinen Mannes unterlag, und nur aus Klugheit trat der ſiegreiche Adel das beſiegte Volk nicht gänzlich nieder. Die Kraft des letztern war aber gebrochen und erhob ſich nicht wieder zu freier Thätigkeit. Seiner Rechte wurde es allmälig beraubt, der gewaltigſte Despotismus ſchlug in Spanien ſeinen Thron auf und vernichtete den edeln Volksgeiſt auf Jahr⸗ hunderte. Einundzwanzigstes Rapitel. Ganz Caſtilien war unter die Herrſchaft der drei königli⸗ chen Regenten zurückgebracht, Toledo allein widerſtand ihren Verſprechungen. Es war der muthige und gewal⸗ tige Geiſt eines Weibes, welcher die Bewohner dieſer volk⸗ reichen Stadt zu ſo beharrlichem Widerſtande anfeuerte, es war die gewaltige Herrſchaft Maria's de Padilla, die, einem Zauber gleich, die bewaffneten Bürger ihren ihnen an Zahl weit überlegenen Feinden ſchier unbegreiflichen Trotz bieten ließ. Es war nicht mehr der großartige Ehr⸗ geiz, es war jetzt die großartige Rache, welche die große Frau durchflammte; denn in Allem, was dieſes Weib dachte, fühlte und that, war ſie groß und ungewöhnlich. Die ſich nicht für zu gering geachtet hatte, nach der Kö⸗ nigskrone zu ſtreben, wollte wenigſtens ihren Feinden Achtung abnöthigen und dem gefallenen Manne ihrer Liebe ſo viel als möglich Racheopfer ſchlachten. Und mit der wildeſten Begeiſterung hing das Volk von Toledo an ſeiner Heldin; alle Liebe und Verehrung, die es für ihren 1 Der deutſche Kaiſer. 305 Gemahl gehegt, trug es auf ſie über, und das Mitleid mit ihrem Unglück ſteigerte das Gefühl für ſie zum Fa⸗ natismus. Aber Maria rechtfertigte auch das Vertrauen des Volks glänzend. Mit Klugheit wußte ſie einen großen Theil der Zigeuner, die dem Feinde gedient hatten, für ihre Sache zu gewinnen, und ſie flogen als ihre Boten von Stadt zu Stadt, von Land zu Land, und trugen ihre Briefe, um das Volk überall zu neuem Widerſtand, zu wiederholter kräftiger Erhebung anzufeuern. Uebexall verſuchte ſie die grſunkene Hoffnung wieder zu beleben und den Geiſt des Volks zu heben und zu ſtärken. Mit den Anführern des franzöſiſchen Heers in Navarra ſtand ſie durch die ſchlauen und gewandten Zigeuner in ununter⸗ brochener Verbindung, und die Truppen der Regenten waren mit den Franzoſen ſtets ſo ſehr beſchäftigt, daß ſie auch nicht die kleinſte Macht auf Toledo verwenden konn⸗ ten. Dadurch gewann Maria Zeit, ſich immer mehr zu verſtärken. Den reichen Kirchen und Klöſtern preßte ſie im Einverſtändniß mit dem Volke die Schätze ab, und mit dieſen warb ſie ein Heer, das von Tag zu Tag an materieller und moraliſcher Stärke zunahm. Statt der Fahnen gab ſie dieſem Heere große Crucifixe, gleichſam als ob es einen Kreuzzug gegen die Ungläubigen gälte Und wirklich erfüllte ſie das Heer durch ihre begeiſterten Reden mit einem ſo fanatiſchen Haß, daß Alle meinten, es wäre Gottes Sache, für die ſie zu fechten ſich anſchick⸗ ten. Faſt täglich durchzog ſie die Straßen der Stadt in Ein deutſcher Leinweber. VI. 20 306 Der deutſche Kaiſer. Trauerkleidern und in Waffen auf hohem Roſſe, eine ſchöne zürnende Amazone, und mit ſich führte ſie ihren Sohn auf einem Maulthiere und ließ vor ihm eine große Standarte tragen, auf welche die Todesart ſeines Vaters gemalt war. Ueberall redete ſie das ihr zujubelnde Volk an und rief es zur Rache auf. Dadurch ſtachelte ſie die Leidenſchaften fort und fort auf und erhielt die Gemüther in ſteter Bewegung. Einen Hauptgrund ihres fanatiſchen Eifers gegen König Karl gab die Erhebung des jungen Niederländers Wilhelms von Croy zum Erzbiſchof von Toledo ab, und die von ihr beraubte und dadurch im Stillen auf ſie erbitterte Kleriſei ſtimmte ihr in dieſem Punkte vollkommen bei. Das entflammte Volk war gleich⸗ ſam blind gegen alle Gefahren, die ihm droheten; es hoffte ſogar die königlichen Truppen, ſobald ſie heran⸗ rücken würden, zu ſchlagen und ganz Caſtilien wieder zum Aufſtand zu bringen. Keine Verſprechungen der Regenten vermochten es zum Abfall von Donna Maria zu bringen, und alle Vorſtel⸗ lungen und blendenden Zuſagen ihres Bruders, des Marquis von Modeiar, konnten die Heldin nicht bewegen, ihr ge⸗ fährliches Spiel aufzugeben. Als nun endlich die Franzoſen vom königlichen Heere aus Navarra vertrieben waren, kam eine ſtarke Abtheilung dieſes Heers nach Caſtilien und belagerte Toledo. Aber Maria und ihr Heer bewährten ihren Muth durch die That. In ſchnell aufeinander folgenden Ausfällen und Der deutſche Kaiſer. 307 Gefechten ſchlug ſie die Königlichen ſo gänzlich, daß ſie an keinen Widerſtand mehr denken konnten. In dieſen Schlach⸗ ten flog ſie auf ihrem Roſſe durch alle Glieder ihres Heers und feuerte alle mit den Worten ihrer hinreißenden Be⸗ geiſterung an. Den errungenen Sieg verkündete ſie als einen Sieg Gottes und verſammelte das Volk zur Feier deſſelben in der Kathedrale Zuletzt erſchien ſie dem Volke als ein mit übernatürlichen Kräften ausgeſtattetes Weſen. Es war allmälig verrathen worden, daß Aya eine Maurin und in die tiefſten Geheimniſſe der Zauberei eingeweiht ſei. Man erzählte ſich, daß ſie im Bunde mit mächtigen Geiſtern ſtehe und dadurch der Donna Maria zu ſo glän⸗ zenden und außerordentlichen Erfolgen verhelfe. Und da man Aya faſt immer um die Perſon der Heldin ſah, ſo fanden dieſe Gerüchte beim wundergläubigen Volke ſchnellen Eingang. Man behauptete, die geheimnißvolle Fremde auf dem Alkazar, die ſich ſo ſtreng dort eingeſchloſſen hielt, und zu der Donna Maria und Aya einzeln und zuſammen ſo oft gingen, ſei ein hölliſches Weſen, von welchem ſich beide Raths erholten. Dies nun war der Punkt, an welchem die Regenten und der Adel, welche mit Waffengewalt nichts gegen die tapfre Wittwe auszu⸗ richten vermochten, die Kette befeſtigten, welche die Heldin endlich zu Boden reißen ſollte. Sie wandten ſich mit Glück an die beraubte Geiſtlichkeit in Toledo, und dieſe untergrub allmälig Maria's Anſehen beim Volk durch die Behauptung, daß die geprieſene Frau durch die Maurin 20* 308 Der deutſche Kaiſer. und die Höllenbraut auf dem Alkazar in den Dienſt des Teufels gerathen ſei. Sobald Maria von dieſen pfäffiſchen Bemühungen erfuhr, erſuchte ſie die Freundin auf der Citadelle und deren Dienerin Toledo zu verlaſſen. Donna Ineſe hatte ihre Abreiſe ſchon ſeit einiger Zeit vorbereitet; denn der finſtere Racheplan, den ſie mit Aya geſchmiedet, war zur Ausführung gereift. Auch ohne Maria's Wunſch war Ineſe's Bleiben nicht mehr in Toledo. In einer dunkeln Oetobernacht ſchieden ſie. Lange lagen ſie ſich in den Armen. Ineſe blieb finſter und verſchloſſen; Maria tief bewegt. Was war aus den kühnen und großartigen Plänen dieſer beiden hochbegabten Frauen geworden! Sie verhehlten ſich ihre Lage nicht. Ineſe hatte mit dem Leben abgeſchloſſen und gab ſich der ſchweigenden Troſtloſigkeit hin; Maria war entſchloſſen bis ans Ende zu kämpfen; ſie hatte wenigſtens das Vertrauen auf ſich ſelbſt aus dem verheerenden Sturme gerettet z Ineſe hatte es verloren. Die Entfernung der zauberiſchen Maurin und des böſen Geiſtes half Maria nichts mehr. Die Kleriſei fuhr fort das Volk mit immer größerm Eifer gegen ſie ein⸗ zunehmen, und dies geſchah mit um ſo mehr Erfolg, als die Nachricht einlief, daß der junge Erzbiſchof in den Niederlanden, in Folge eines Sturzes vom Pferde, ge⸗ ſtorben war. Bald darauf wurde auch der Tod des Herrn von Chievres in Caſtilien bekannt; der Verführer des Königs war nicht mehr!— So kam es ſchon nach wenig Wochen in Toledo zu einem Auflauf. Das zuſam⸗ Der deutſche Kaiſer. 309 mengerottete Volk ſchalt nun eben ſo wüthend auf die Heldin, wie es ſie erſt vergöttert hatte, vertrieb ihre Sol— daten aus der Stadt und übergab dieſe dem königlichen Feldherrn. Maria rettete ſich mit ihren Getreuen in den Alkazar. Mit ſtaunenswerther Tapferkeit vertheidigte ſie ſich hier noch vier ganzer Monate gegen die Angriffe der Königlichen, bis ſie endlich aus Mangel an Lebensmitteln aufs Aeußerſte getrieben, am 20. Februar 1522 als Bäuerin verkleidet, mit ihrem Sohne in der Nacht durch Hülfe einiger Freunde in der Stadt glücklich entkam und ſich nach Portugal zu Verwandten rettete. Gleichzeitig mit dem Aufſtand der Junta in Caſtilien, tobte ver des Germanats in Valencia, hier aber hatte er einen noch wildern und bösartigern Charakter. Der Unterkönig war verjagt und nach ihm faſt alle königlichen Beamten; die ſiegreichen Handwerker wußten nicht Maß zu halten und überließen ſich allen Ausſchweifungen. Der Kaiſer verbot endlich Getraide aus Sieilien und Sardinien nach Valeneia zu führen, wodurch die Germanaten in eine Hungersnoth geſtürzt wurden. Die aufs Aeußerſte geängſtigten vornehmen Bewohner des Königreichs ſchrien den Statthalter von Katalonien um Hülfe an, und er führte ein Heer herbei, dem ſich Truppen aus mehren treugeſinnten Städten in Valencia und Murcia anſchloſſen. Dadurch wurden die Germanaten in die Enge getrieben, ihr Heer geſchlagen und gänzlich aufgerieben und ſie ſelbſt genöthigt, ſich auf Gnade und Ungnade zu übergeben. § 310 Der deutſche Kaiſer. Um dieſe Zeit war es, als der Markgraf Johann von Brandenburg einen Boten mit einem Briefe vom Anführer des ſiegreichen kaiſerlichen Heeres erhielt, worin er aufge⸗ fordert wurde, ſich mit ſeiner Gemahlin ſchleunigſt nach Valencia zu begeben, da ihm nach des Kaiſers Befehl die Stelle als Viecekönig eingeräumt werden ſolle. So un⸗ wahrſcheinlich es auch war, daß der Kaiſer jetzt, wo ihm Alles daran liegen mußte, das Vertrauen des Volks überall wieder zu gewinnen, hier abermals einen der wichtigſten Poſten einem Ausländer übergeben würde, gegen welchen ſich der Haß des Volks ſo unzweideutig ausge⸗ ſprochen, ſo glaubten Johann und Germaine doch daran. Ehrgeiz und Rachegefühl verleiteten ſie blind in die Falle zu gehen, welche ihnen der falſche Einladungsbrief ſtellte. Beide hatten bisher auf ihrem Schloſſe in tiefer, ihnen aufgezwungener Zurückgezogenheit gelebt. Der Adel zog ſich von ihnen zurück, das Volk verhöhnte ſie. Der Mark⸗ graf durfte ſich in keiner Stadt ſehen laſſen; der Adel behandelte ihn mit demüthigender Kälte, das Volk verfolgte ihn mit Schmähreden, und bei der aufgeregten Stimmung konnte ihm Niemand für ſeine perſönliche Sicherheit bür⸗ gen. Dadurch wurde das lebensluſtige fürſtliche Ehepaar in eine langweile und verdrießliche Stellung gedrängt. Was halfen ihnen ihre königlichen Einnahmen; ſie mußten wie Einſiedler leben. Der an ein wechſelvolles, vergnüg⸗ liches und abenteuerndes Leben gewöhnte Fürſt ſehnte ſich nach Veränderung. Der Rauſch in Germaines Armen —„— —,——— 311 Der deutſche Kaiſer. war verflogen, und da er einer tiefen und reinen Seelen⸗ liebe nicht fähig war, ſo verlangte ihn nach andern Ge⸗ nüſſen. Seine Phantaſie beſchäftigte ſich mehr und mehr wieder mit Ineſe, und der Wunſch ſtieg in ihm auf, er möchte wieder mit ihr zuſammentreffen. Er ahnete nicht, daß dieſer frevelhafte Wunſch ihm zur fürchterlichſten Wirk⸗ lichkeit werden ſollte. Der Einladungsbrief kam alſo dem gelangweilten Für⸗ ſtenpaar ſehr gelegen; ſie entwarfen Pläne, wie ſie ſich, auf die ſieghafte kaiſerliche Macht geſtützt, für die erlit⸗ tenen Unbilden empfindlich rächen wollten. Mit zahlreichem Gefolge reiſten ſie ab. Ihr Weg führte ſie durch die Gebirgszüge, aus welchen die füdlichen Seitenflüſſe des Ebro hervorgehen. Es fiel ihnen nicht auf, daß ſie oft von Zigeunern umſchwärmt wurden; denn Zigeuner fand man überall in ganz Spanien. Nahe an der Grenze zwiſchen Aragonien und Valencia mußten die hohen Rei⸗ ſenden ihr Nachtlager in einem hochgelegenen Gebirgsorte nehmen. Es war noch über eine Stunde bis zur Nacht, aber die Königin war von der Reiſe ermüdet, und der Weg bis zum nächſten Ort weit und ſchlecht. Der Mark⸗ graf benutzte die Tagszeit, um ſeiner Jagdleidenſchaft zu genügen, wozu die bergige und waldige Gegend ihm die günſtigſte Gelegenheit bot. Von einem Diener begleitet, war er noch nicht weit in einem Thale vorgeſchritten, als er ſich zu ſeiner angenehmen Ueberraſchung von einigen reizenden Zigeunermädchen angehalten ſah, die ihm ihre — 312 Der deutſche Kaiſer. Dienſte als Prophetinnen anboten. Gern ließ er ſich mit ihnen in eine ſchäkernde Unterhaltung ein, und als ſie ihn endlich mit anmuthigen Zephyrſchritten umtanzten und ihm Küſſe zuwarfen, war er von aufglühender Sinnenluſt wie bezaubert. „Wo wohnt ihr, ſüße Kinder?“ fragte der bethörte Fürſt.„Ich habe Luſt, ſtatt auf die Jagd zu gehen, ein Stündchen bei Euch zuzubringen und einen Becher mit Euch zu leeren.“ „Dort in jenem Hauſe am Berge können wir eine Stunde raſten, wenn es Euch beliebt, Monſenjor,“ ver⸗ ſetzen ſie.„Ihr findet dort eine ſchöne Donna, die von Liebespein zu Euch gequält, Euch nachgereiſt iſt und dieſe Nacht in jenem Hauſe weilen wird. Sie läßt Euch er⸗ ſuchen, bei ihr einzuſprechen und will mit Vergnügen alle Eure Wünſche erfüllen.“ Der Markgraf ſah ſich nach dem niedrigen ohnfern am Berghange gelegenen Hauſe um und fragte dann nach dem Namen der Herrin. Die Mädchen verſicherten, ihren Namen nicht zu kennen; ſie ſei aber ſchön und ſtolz wie wenig Frauen und ſterbe faſt vor Liebe zu ihm. Die geſchmeichelte Eitelkeit des Markgrafen trieb ihn ſogleich dem Hauſe zu. Das verkörperte Bild ſeiner heißen Sin⸗ nenträume der letzten Zeit trat ihm dort zu ſeinem ent⸗ zückten Staunen lieblich und lockend, lächelnd und verfüh⸗ reriſch reizend geſchmückt entgegen, Ineſe de Cardona, welche dur Lie Künſte der Toilette den Schein von Ju⸗ Der deutſche Kaiſer. 313 gendfriſche in ihre Züge gebannt hatte. Kaum traute er ſei⸗ nen Augen, und eine Minute lang ſtarrte er ſie ſprachlos an. „Ich bin's, mein Johann!“ rief ſie zärtlich.„Es iſt Deine liebeſieche Ineſe, die nicht länger ohne Deine Küſſe leben kann. Mein Trotz iſt beſiegt, ich werfe mich liebeflehend an Deine Bruſt.“ Und die ſchönere That folgte unmittelbar den ſchönen Worten. Und Du willſt wieder ganz mein ſein, herrlichſtes aller Weiber?“ rief der Fürſt wonnetrunken. „Ganz Dein wie ſonſt. All mein Groll iſt verſchwun⸗ den vor der Liebe zu Dir, die mich ganz bezaubert hat, ſo daß ich Dir nachgelaufen bin, wie Du ſiehſt. Kann * ich Dir einen ſchönern, für Dich ſchmeichelhaftern Beweis von Deiner unwiderſtehlichen Macht über mich geben?“ Der Markgraf überließ ſich dem Entzücken, welches ihm dieſe Worte bereiteten; er überglühte den ſüßen Mund, der ſich ihm ſo verlangend entgegenbot, mit feurigen Küſſen. „Willſt Du mir dieſe Nacht ſchenken, göttliches Mädchen?“ „Ich flehe Dich darum, ſie mir zu ſchenken, mein Johann.“ „Das ſoll wieder eine ſelige Nacht werden.“ „Eine ſelige Nacht!“ ſagte ſie mit ſcharfer Betonung. „Ich reiße mich jetzt los von Dir, um die Königin . tänſchen in Bezug auf dieſe Nacht und einige Vor⸗ kehrungen zu treffen. Ich bringe einen herrlichen Malaga mit, feurig wie unſte Liebe. Mit ihm wollen wir unſte Wiedervereinigung feiern.“ Ein deutſcher Leinweber. Vl. 21 — 314 Der deutſche Kaiſer. „Das wollen wir jetzt gleich, mein Geliebter. Auch ich führe einen köſtlichen Wein bei mir. Aya, reiche uns Becher und eine Flaſche goldnen Keres.“ Die Dienerin trat ein und brachte das Verlangte. „Sieh, mein Johann, wie ich Deinen Mundbecher, den Du ſo oft bei mir geleert, in Ehren gehalten! Ich führe ihn ſtets mit mir. Heute ſollſt Du wieder daraus trinken und Dich für dieſe Nacht ſelig trinken.“ „Göttliches Weib, und Dich konnte ich verlaſſen!“ Der Wein perlte in den Bechern; ſie ſtießen an; er rief.„Auf neuen ſeligen Liebesgenuß!“ Sie:„Auf die nahe ſelige Nacht!“ Er leerte den Becher bis auf den Grund. Dann wollte er ſie küſſen.„Jetzt keinen Kuß mehr,“ ſprach ſie abwehrend.„Alles verſpart auf die Nacht!“ Und er ging. Sobald er hinaus war, riß Ineſe den Schmuck von ſich, und ihre Züge nahmen wieder den ſtarren grauſigen Ausdruck eines Meduſenhauptes an. „Mein letztes Werk iſt vollbracht!“ ſagte ſie dumpf zu Aya.„Dank Deiner Kunſt, meine treue Magd! Reinige den Becher; er hat ſeine Schuldigkeit gethan. Ich ſchenke ihn Dir.— Laß die Maulthiere vorführen. In einer Stunde müſſen wir über die Berge ſein. Du ziehſt nach Granada und gibſt dort dieſen Brief ab. Ich habe eine andre Reiſe vor. Wenn ich Dich brauche, werde ich es Dir wiſſen laſſen.“ Der deutſche Kaiſer. Eh' die Nacht auf die Berge ſank, waren die Zigeuner aus dem Thal verſchwunden; mit ihnen Ineſe und Aya. ℳ In der Herberge des königlichen Paars rang aber Mark⸗ graf Johann von Brandenburg mit dem Tode. Ver⸗ zweiflungsvoll ſaß Germaine an ſeinem Schmerzenslager. Endlich preßte ihm die Todesangſt das Geſtändniß ab: .„Ich bin vergiftet von Ineſe de Cardona.“ 6 Die Königin begriff aus dieſen Worten Alles. Sie wurde ruhig. Nach einer Stunde fürchterlichſter Qual war der leichtſinnige Fürſt eine Leiche. Germaine vergoß keine Thräne; ſie hatte die Ueberzeugung, daß ein gerech⸗ tes Strafgericht hier gewaltet habe. Zwei Tage ſpäter wieder am Abend kniete Ineſe auf 4* dem Grabe Maria's von Iſſelſtein und betete lange. Sie hatte am Tage einige Stunden in dem einſamen Land„ hauſe zugebracht, das jetzt von einer Bauernfamilie be⸗ wohnt war. Sie verbrannte mehre Papiere und ſchenkte 3 der Bäuerin all ihre Habe, nebſt dem Maulthier, auf welchem ſie gekommen war. Dann ging ſie hinaus zu dem Doppelgtabe. Ihr Leben ging an ihrem düſtern Geiſte noch einmal vorüber. Sie ſchauderte, daß der Sidi 1 Alnayar recht gehabt: den Mauren hatte die ſittliche Kraft — gefehlt, die Wirren in Spanien zu benutzen und das Joch abzuwerfen. Es war bei einigen unbedeutenden Aufſtän⸗ den geblieben, und dieſe hatte Chaireddin Barbaroſſa her⸗ vorgerufen. Ueberall hatte ein tüchtiger Anführer gefehlt; nirgend war eine wahre Begeiſterung für Religion und 21 8— 4 . 316 Der deutſche Kaiſer. Freiheit aufgeflammt; und deshalb waren die mauriſchen Rebellen leicht bezwungen und das Volk nur in ein noch härteres Joch gelegt worden. „Weh mir! Ich habe vergebens gelebt!“ ſeufzte die Unglückliche tief und verzweifelt.„Aber gerächt hab' ich meine Schmach!“ Sie küßte die heilige Erde des Grabes und ging über die waldige Anhöhe der Meerbucht zu. Der Vollmond ſtieg blutroth aus den Wellen empor und warf ein zwei⸗ felhaftes Licht auf ihren einſamen Pfad. Zuweilen hielt ſie an, um auszuruhen; es ſchien ihr an Kraft zu ge⸗ brechen. Vom Licht des allmälig fahl gewordnen Monds überglänzt, wurden ihre todtbleichen Züge geiſterhaft. Endlich langte ſie auf der Höhe der die Bucht umgür⸗ tenden Felſen an. Sie ſuchte und fand den ſteilen Pfad hinab, aber ihre Knie wankten. Jetzt blitzte das ſtille Waſſer der Bucht zu ihren Füßen. Sie warf ſich auf die Knie und rief Allah, den Gott ihrer Väter, mit lauter Stimme an, ſie in ſeinen Schoos aufzunehmen. Noch ſchwebte das letzte Wort auf ihren Lippen, als ſie ſich von dem Felſenvorſprung in die Tiefe hinabſtürzte. Die Wellen ſchlugen über ihr zuſammen. In demſelben Augen⸗ blick ſchoß ein bemanntes Boot hinter dem Felſen hervor, auf die Stelle zu, wo ſie verſunken war. ——— Druck von F. A. Brockhaus in Lripzig. S —