— * „U Leihbibliothetk deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Ednurd Oltmann in Cieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Seiß- und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. S 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3„—„ 5. Answärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung ver Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen⸗ 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und vefecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 8 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das eiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch daſür zu ſtehen haben. A — —— N —— —„——— STOWR, HRR Onkel Tom's Hütte“. BE 5 * 8 8 5 — 3 £ 8 8 HAR Ueunr Volks-Bibliothek. Herausgegeben von Auguſt Schrader. Siebenter Pand. Erſte Hälfte. Das Maöblmchen Von Harriet Stowe, geb. Beecher. Leipzig, 1853. G. H. Friedlein. Profpeetus der Neuen Volks⸗Bibliothek. Herausgegeben von Anguſt Schrader. Leipzig, G.. Frirdlein. Die„Neue Volks⸗Bibliothek“ erſcheint in unbeſtimmten Zwiſchenräumen in einzelnen Bänden von gleicher Ausſtattung wie der vorliegende zu dem äußerſt billigen Preiſe von 10 Silbergr.— 3 Gutegroschen.— 36 Kreuzer für jeden Jand von 250— 300 Feiten engſten Pruchkes, in umſchlag geheftet (Gleichmäßig in engliſche Leinwand gebunden jeder Band die Hälfte mehr), ſo daß deren eigenthümliche Anſchaffung auch dem weniger Bemittelten möglich wird. Jeder Band enthält in der Regel ein vollſtändiges Werk und wird auch einzeln ohne Erhöhung des Preiſes abgelaſſen. Eine Verbindlichkeit zur Abnahme der folgenden Bände findet nicht ſtatt. Von dem erſten Bande(Onkel Tom's Hütte enthaltend) wurden bereits gegen dreißigtauſend Exemplare abgeſetzt, und noch immer iſt die Nachfrage danach im Steigen begriffen. um eine Idee von der noch nicht dageweſenen Billigkeit dieſer Ausgaben zu geben, genüge die Anführung, daß jeder Band derſelben den Inhalt von 4— 6 gewöhnlichen Romanbänden umfaßt, die mindeſtens 2 bis 3 Thlr. koſten, und daß dieſelben gerade nur halb ſo viel koſten als die Ausgaben, die ihnen im Preiſe am nächſten kommen. Was die typographiſche Ausſtattung anbelangt, ſo bemerken wir, daß ſchon jetzt ein weit beſſeres Papier zu dem Werke verwendet wird, als Anfangs. Vom dritten Bande an wird das Werk mit einer eigens für daſſelbe gegoſſenen Schrift gedruckt und es S künftig alle Bände geheftet ausgegeben, um deren fofortige Benutzung u erleichtern. In Bezug auf den innern Gehalt bürgt der bekannte Name des Herausgebers dafür, daß dem Publikum in den weitern Bänden nur intereſſante Werke in beſter ſtyliſtiſcher Form vorgeführt werden, wie wir an anderm Orte ausführlicher beſprechen werden. Wir heben hier nur noch beſonders hervor, daß künftig alle Bände mit er⸗ klärenden Anmerkungen begleitet ſein werden, die das Verſtändniß erleichtern und die Lectüre Vielen noch intereſſanter machen werden. Inhalt von Band 1—6: Die mit* bezeichneten Bände ſind bereits erſchienen.) „Onkel Tom's Hütte. Von H. Stowe. „Der weiße Sklave. Von R. Hildreth. „ 3. Mark Sutherland.(Fortſ. u. Schluß v. Onkel Tom's Hütte. V. H. Stowe.) „ 4. Vier Frauen⸗Abenteuer. Von A. Dumas.. „ 5. Schlüſſel zu Onkel Tom's Hütte. Von H. Stowe. „ 6. Die Braut von Louiſiana. Von A. Schrader. 2 „ 7. 1. Das Maiblümchen. Von H. Stowe. Preis 5 Sgr. Geb. 10 Sgr. Alle Buchhandlungen liefern die erſchienenen Bände und nehmen vorläufige Beſtellungen auf die übrigen an. „ de— —— ,— — — —,——— Das Maiblünchen, oder Skizzen und Frenen von Charatteren unter den Nachkommen der Pälges. Aus dem Engliſchen der Miss Harriet Stowe, geb. Beecher, Verfaſſerin von„Onkel Tom's Hütte.“ Nit einer Vorrede von Catherine E. Beecher und einer Biographie der Miß Stowe. Mebſt den Wortrait der Werfaſſerin. Vollſtändige und wohlfeilſte Stereotyp-Ausgabe. —.—————— Leipzig, 1853. C 5 i 8 n Vorbemerkung des Herausgebers. Mrs. Harriet Beecher⸗Stowe hat durch ihr Werk„Onkel Tom's Hütte“, einen Namen ſich erworben, der in allen Sprachen der gebildeten Welt geſchrieben und genannt wird. Die Verfaſſerin dieſes wahren Weltbuches iſt dem Volke eine literariſche Freundin geworden, ſo daß wir um ſo we⸗ niger Anſtand nehmen durften, ein Buch unſerer Volks⸗Bibliothek einzuver⸗ leiben, das ihren Namen führt, als auch, weil das„Maiblümchen“ Stizzen und Charakterzeichnungen eines Volks enthält, das uns jetzt in ſo vielen Beziehungen nahe ſteht. Vorliegende Sammlung amerikaniſcher Novellen trägt deshalb den Titel„das Maiblümchen“, weil man das Schiff mit dieſem Namen getauft hatte, auf dem Capitain Jones von Plymouth aus — am 6. September 1620— die erſten auswandernden Puritaner nach der neuen Welt brachte. Am 9. November erblickten dieſe Pilger das er⸗ ſehnte Land, und am 10. warf das„Maiblümchen“ am Cap Cyd Har⸗ bour Anker. Ueber die Intention des Werkchens giebt die Schweſter der Verfaſſerin, Catherine E. Beecher, in einer Vorrede nähere Andeutung, die dem Buche vorgedruckt iſt. Die Biographie der Mrs. Stowe, die wir unſerer Ausgabe beifügen, wird gewiß jedem Leſer ihres Onkel Tom voder des Maiblümchens willkommen ſein. Vorredrt. Kann überhaupt ein literariſches Erzeugniß nachſichtiger aufgenommen werden, wenn drängenden Aufforderungen genügt wurde, ſo hat die Ver⸗ faſſerin nachfolgender Skizzen wohl einen dreifachen Anſpruch an eine milde Beurtheilung. Dieſe Skizzen ſind größtentheils von einer jungen Mutter und Hausfrau geſchrieben, während ſie auch den Pflichten ihres neuen Wirkungskreiſes genügen mußte. In dieſer Zeit wurden die meiſten der nachſtehenden Artikel geſchaffen, theils in Folge des Anſuchens einer Freundin, einige Zeilen für ihre literariſchen Abendunterhaltungen zu ſchreiben, theils in Folge der Auf⸗ forderung eines Herausgebers, deſſen angebotenes Honvrar einen Beitrag zur Verbeſſerung des Hausweſens liefern ſollte. Die Bereitwilligkeit einer Freundin, die junge Wirthſchaft zu leiten, machte die Erfüllung dieſer Bitten möglich. Die Verfaſſerin dieſes Vorworts ſammelte die einzelnen Skizzen und bereitete ſie auf den Wunſch eines Verlegers zum Drucke vor. Letztere hat nun gewiſſermaßen eine Mitverantwortlichkeit für dieſes Buch übernommen, deshalb ergreift ſie die Gelegenheit, in dieſer Vorrede einige Bemerkungen über die eigenthümliche Gattung der Literatur aus⸗ zuſprechen, der unſere Skizzen angehören, und die jetzt ſo beliebt iſt. Einſt war dem größern Theile der religiöſen Welt das Romanleſen ein nicht minder unterſagtes Vergnügen, als Tanz und Kartenſpielz ſeitdem aber die Werke Miß Edgeworth's und Sir Walter Scott's den Charakter des Romans ſo entſchieden verändert haben, iſt die allgemeine Anſicht, auch bei den Gewiſſenhaften, eine andere geworden, und man findet ſelbſt in der Bibliothek eifriger Religionslehrer Romane und Novellen. Die Anzahl der Stizzen, Erzählungen, Novellen und Romane ward durch Ausgaben in den verſchiedenſten Formaten und zu den billigſten Preiſen nicht nur bedeutend vermehrt, man beförderte auch dadurch die Verbreitung derſelben dergeſtalt, daß ſie nicht nur den Reichen und Ge⸗ lehrten zugänglich waren, ſondern auch den Unbemittelten und Laien. Man findek Romane auf dem Lande, in den Werkſtätten, in den Wirths⸗ häuſern, den Kanal⸗Böten und Eiſenbahnwagen. Zu beklagen iſt nur, daß in der Wahl der Nahrung für die Phantaſie ſo wenig Unterſchied S wird. Das Schlechteſte wie das Beſte wird auf gleiche Weiſe egünſtigt. W gewaltig dieſe Literatur⸗Gattung auf das Volk wirkt, haben erſt kürzlich die Huldigungen bewieſen, die man einem liebenswürdigen fremden Novelliſten brachte, deſſen Anweſenheit Demonſtrationen hervorrief, die man nur den größten Wohlthätern der Menſchheit zu erweiſen pflegt. Und welche Anſprüche hatte er an dieſe Huldigung? Was läßt ſich hier⸗ aus folgern? Es iſt nicht zu leugnen, daß die lebhafte Schilderung der Charaktere und Scenen in ſeinen Schriften, die demokratiſche Tendenz der⸗ ſelben, die Milde des Gemüths, der leichte Humor und die mehr oder weniger beobachtete Reinheit ihnen Anſprüche auf die allgemeine Gunſt geben; aber es iſt auch nicht zu verkennen, daß uns in dieſen Werken, die ſo allgemein verbreitet ſind, falſche Auffaſſungen der menſchlichen Natur geboten werden. Es können nimmer reine, erhabene, fein entwickelte VIII Charaktere unter ſchädlichen Einflüſſen, ohne väterliche Führung und ohne Religion gedeihen; und nimmer kann es gleich ſein, ob der menſchliche Geiſt zum Guten oder Böſen, oder wohl gar nicht geleitet werde. Und mit welchem unwürdigen Maaßſtabe wird die Tugend gemeſſen! Man möchte glauben, die Wahrheiten und Hoffnungen der Religion ſtänden mit Tugend, Moral und jedem edeln und zarten Gefühle in durchaus keiner Berührung. Und welche innige Bekanntſchaft mit der gemeinſten, entartetſten Menſchen⸗ klaſſe widert uns an! Wie heiter und ſorglos find die Laſter und Ver⸗ brechen unſerer Mitgeſchöpfe aufgedeckt! Und was enthalten nun dieſe Schriften, die geeignet find, den unheilvollſten Einflüſſen entgegenzuarbeiten? Kann man von der auf dieſe Weiſe erlangten Popularität etwas Anderes erwarten, als daß Nachahmer, die ohne Zweifel hinter dem Vorbilde weit zurückbleiben, die Welt mit ihren ſchävlichen Werken überfluthen? Betrachtungen dieſer Art veranlaßten die Verfaſſerin, da ſie im Be⸗ griffe ſteht die Literatur durch ein Werk ähnlicher Gattung zu bereichern, ihre Anſichten über dieſen Punkt auszuſprechen. Was iſt nun zu thun? Sollen Diejenigen, die von religiöſen Grund⸗ ſätzen beſeelt find, zu ihrer frühern ſtrengen Anſchauung zurückkehren und das Romanleſen verdammen? Es ſei erlaubt, dieſe Art, die Schwierigkeit zu beſeitigen, als eine durchaus unpraktiſche zu bezeichnen, denn es iſt keine feſte Marke für die Be⸗ zeichnung deſſen vorhanden, was ausgeſchloſſen werden müßte. Eine Novelle — was iſt das? Iſt es nicht eine einfache Erzählung, die in feiner, eleganter Form vorgetragen, auf zwei Bände ausgedehnt und eine Novelle genannt wird? Was ſind denn die Erzählungen in unſern Jugendbibliotheken anders, als kleine Novellen für Kinder? Was anders ſind die feinen Liebesgeſchichten in Mrs. Sherwood's Lady of the Manor, das in unſern Sonntagsſchulen eine große Rolle ſpielt und von den Kindern, ſelbſt während des Gottesdienſtes geleſen wird, als eine Sammlung kleiner Novellen, die am Anfange mit einem Katechismusartikel und am Schluſſe mit einem Gebete ausgeſchmückt ſind? Es iſt daher nicht möglich, eine allgemeine Norm über die Verbannung von Novellen aufzuſtellen, ohne den Begriff „Novelle“ völlig zu definiten. Die Frage wird daher viel umfaſſender, denn es handelt ſich um die Auffindung der beſten Methode, das Leſen der Romane zu leiten und zu beſchränken. Soviel ſteht feſt, daß die zpoetiſchen Erzählungen“ nicht ausgeſchloſſen werden dürfen, denn in dieſem Falle würden die heilſamſten Religionsſchriften, ſelbſt die Parabeln und Allegorien der Bibel davon betroffen werden. Ferner muß man zugeſtehen, daß durch eine gut gewählte Lectüre dieſer Gattung große Vortheile zu erlangen ſind. Die Einbildungskraft und der Geſchmack ſind Gaben Gottes, die der Pflege und Entwickelung bedürfen; die Ausbildung derſelben läßt ſich von der Geſundheit des Körpers und des Geiſtes nicht trennen. Man begreift jetzt die Geſetze unſerer phyſiſchen Natur immer mehr, und ſchon hat man es nicht nur als recht, ſondern als eine Pflicht erachtet, dem Verſtande ſowohl als dem Gefühle von Zeit zu Zeit die ſtrenge Bande der Pflicht zu lockern, und Erholung und Vergnügen zu gewähren. Von allen Vergnügen aber iſt die Uebung der Phantaſie im Betrachten der Bilder des Malers, des Bildhauers, des Pichters und des Novelliſten das erhabenſte und inſtrur⸗ tivſte. Werden dieſe Vergnügungen nun zweckmäßig geleitet, ſo muß die Bekanntſchaft mit der verfeinerten Geſellſchaft einen wohlthätigen Refler auf die Sitten ausüben; M ſie müſſen durch ihre an iehenden Bilder von Kenntniß der Welt verme ren; die Darſtellung einen muß den Geſchmack bilden, und Glauben, n werden alle beſſern Gefühle, die in unſerm Menſchen und Dingen die des Schönen, Edeln und R Wohlthätigkeit und Edelſin Innern ſchlummern, anregen. mel entſproſſene Frömmigkeit eifern nie mehr zur Nachahmung an, als wenn ſie im Gewande der Die reſignirende Tugend und die dem Hin⸗ Dichtung dargeſtellt werden. Aber dem Guten Seite, denn die Uebel des Mißbrauchs ſind eben Segen, der aus der richtigen Anwendung entſpringt. ſtehen ſtets Gefahren zur ſo groß, als der Die Werke der Phantaſie k Tugend und Religion erhober önnen zu den mächtigſten Beförderern der werden, aber ihr Mißbrauch eröffnet auch die das ſchädlichſte Gift eine weite Verbreitung findet, eine ere Verbreitung, als man ſie kaum gewahrt. Die Uinter⸗ ſchmacks, des Gefühls, der Sitten und Grundſätze geſchieht ſtill und unmerklich, wie das unſichtbare Miasma ſein Werk Thätigkeit man erſt dann entdeckt, wenn bleiche Wangen Glieder Zeugniß von ſeiner gräßlichen Macht ablegen. um ſo gefährli grabung des Ge in der Regel ſo ausführt, deſſen und abgemagerte Phantaſie hervo che und vis inertiae des Geiſtes „aus dem Ueberreize der genz der Ekel vor guter, geiſtiger Nahrung; die er Zeit; der unwahre und niedere Geſchmack; die n dem Leben und den Plagen deſſelben, die Hoff⸗ Verſchwendung nätzlich verkehrten Anſichten vo nung und Wünſche erwecken, ge haben; die falſche Sch antaſtiſchen Ausputzes der H Schmucke alle zum irdiſchen 1 ch gefährlichern ſſen für Geſundhei chtigen ſich unme und kein Hüter iſt da, der fehlen; die no welche die bitterſten Enttäuſchungen im Ge⸗ ätzung von Charakteren, eine Wirkung des elden und Heldinnen, denen bei ihrem äußern ind ewigen Heile erforderlichen Eigenſchaften Bilder, welche die Phantaſie zu gleich ſchäd⸗ t. Charafter und Tugend reizen: alle dieſe rklich des jungen, unbefangenen Gemüths, ſchützt oder warnt. un ſollen die thun, welche dieſe gefährlichen Einflüſſe kennen n, um die Anſteckung zu verhindern, die in unſerer intellec⸗ tuellen und moraliſchen Atmosp Die Schreiberin dieſer Zeil gethan werden könnte. häre liegt? en unternimmt es, das anzudeuten, was ſſen die Eltern mit derſelben Sorgfalt über die Kinder m langſam Geſchmack, Grundſätze und Gefühle „wie vor vergifteten Speiſen. Die Ausführ⸗ die Verfaſſerin in Familien wahrgenommen, in g alle Bücher, Journale und Magazine beauf⸗ Haus brachte, und wo es zu einem Familien⸗ ß kein Buch, kein Blatt Papier ohne Erlaubniß Der Vater hilft mit, er verläßt ſein Comptoir um die Abendſtunden bei der Familie zu verleben, hlte poetiſche Werke zur gemeinſchaftlichen Unter⸗ uf dieſe Weiſe umſchlingt Eltern und Kinder ein Vergnügens und der Erholung, und es iſt leicht, nden ſchävlichen Einfluß abzuhalten. Lehrern und Leitern von Erziehungsanſtalten ob, efahren aufmerkſam zu machen, die ihnen drohen; wohl die zu meidenden Werke bezeichnen, als die, erwarten kann. wachen, daß ſie verderbenden Gifte wahren die man in das geſetze gemacht worden, da der Eltern geleſen wird. oder ſein Studirzimmer, und ſorgfältig ausgewä haltung vorzuleſen. A gemeinſames Band des jeden von Außen komme Dann liegt es den ihre Zöglinge auf die G aber ſie müſſen eben ſo von denen man Nutzen — —— — X Ferner können die Herausgeber unſerer Magazine und Zeitungen ſegens⸗ reich mitwirken, wenn ſie ihren Leſern die Gefahren und Uebel ſchildern, die aus einer unzweckmäßig gewählten Romanlectüre entſpringen, und wenn ſie die Aufmerkſamkeit auf Werke lenken, die Nutzen gewähren, da⸗ gegen aber diejenigen Literatur-Erzeugniſſe raſch bezeichnen, denen eine ſchädliche Tendenz zum Grunde liegt. Endlich ſollen die Lehrer der Religion von den Kanzeln herab die Gemeinden über die Pflichten belehren, die ſie in dieſer Beziehung gegen ſich und Andere zu erfüllen haben. Sie müſſen ihnen darthun, daß die Bildung der Phantaſie nicht minder eine Pflicht ſei, als die der Moral; darthun, was von der richtigen Wahl der Lectüre abhängt, die Einwirkung auf Geſchmack und Grundſätze der Jugend, die Verantwortlichkeit der Eltern und Lehrer in Beſu auf die Kinder, und die Ueberwachung im Hauſe als das beſte Mittel bezeichnen. Unter dem Einfluſſe dieſer Kräfte kann unmöglich das Giftkraut ge⸗ n dem fruchtbaren Boden werden friſche und duftige Blumen ent⸗ wachſen. Nach Erreichung dieſes Zwecks kann es für die Schriftſteller nur vor⸗ theilhaft ſein, wenn ſie dem Volke gute und geſunde geiſtige Nahrung liefern. Das Genie wird ſich nicht mehr herablaſſen, einem verdorbenen Geſchmacke zu fröhnen, es wird ſich vielmehr emporſchwingen, um aus himmliſchen Regionen alles Schöne und Erhabene auszuſtreuen. Dieſe Betrachtungen haben die Ueberzeugung feſigeſtellt, daß die be⸗ gabten Novelliſten durch die richtige Anwendung ihrer Talente befähigt ſind, die größten öffentlichen Wohlthäter zu werden. Ob nun die Verfaſſerin der nachfolgenden Skizzen die Fähigkeiten zur Erreichung des genannten Zwecks beſitzt, kann das Publikum beſſer beur⸗ theilen als die Schweſter, die nothwendig partheiiſch ſein muß, und das um ſo mehr, da ſich unter ihrer Obhut das Talent entwickelt hat, deſſen Intereſſe ſie auch noch ferner wahrnehmen zu müſſen glaubt. Catherine E. Beecher. Einige Notizen über Harriet Beecher⸗Stowe 6 und ihre Familie.*) Die Familie, zu der Mrs. Stowe gehört, iſt in den Vereinigten Staaten weit und breit bekannt. Sie beſteht aus folgenden Perſonen: 1) Lyman Bee⸗ cher, der Vater, Doktor der Theologie, Erpräſident des Lane⸗Seminariums und ehemaliger Paſtor einer presbyterianiſchen Kirche zu Cincinnati im Staate Ohio; 2) William Beecher, Paſtor zu Chillicothe in Ohio; 3) Edward Bee⸗ cher, Paſtor zu Boſton in Maſſachuſetts; 4) Henry Ward Beecher, Paſtor in der Stadt New⸗York; 5) Charles Beecher, Paſtor zu Newark in New⸗Jerſey; 6) Thomas Beecher, Paſtor zu Williamsburg in New⸗Jerſey; 7) George Beecher, ebenfalls Geiſtlicher, ſtarb vor einigen Jahren; 8) James Beecher, Kaufmann in Boſton; 9) Miß Catherine Beecher; 10) Mrs. Harriet Beecher Stowe; 11) Mrs. Perkins; 12) Mrs. Hooker. Zwölf Perſonen alſo— die apoſtoliſche Zahl. Und von den zwölfen ver⸗ künden ſieben das Siitieit von der Kanzel und zwei durch die Preſſe, nach der Weiſe des 19ten Jahrhunderts. Von den drei anderen iſt einer durch den in Amerika vorherrſchenden Handelsgeiſt abſorbirt worden, und zwei, die Frauen von achtbaren Rechtsgelehrten und Familienmütter, haben ſich den Sorgen und Pfllchten des häuslichen Lebens gewidmet. Wie es heißt, ſtehen dieſe, was geiſtige Eigenſchaften betrifft, den neun, welche eine öffentliche Stel⸗ lung eingenominen, keineswegs nach. Ja, ihre vertrauten Freunde ſind zwei⸗ felhaft, welchem von den zwölf ſie den Vorrang zuerkennen ſollen. Bei allen Nuancen, welche ſtets verſchiedene Individualitäten bezeichnen, findet eine merkwürdige Aehnlichkeit unter ihnen ſtatt, die ſich nicht nur auf ihren phy⸗ ſiſchen, ſondern auch auf ihren intellectuellen und ſittlichen Charakter erſtreckt. Sie ſind alle von ungefähr mittler Größe, weder zu ſtark, noch zu ſchmächtig, ſondern compact und kräftig gebaut. In ihren Bewegungen und Geberden macht ſich etwas von der Schroffheit und dem Mangel an Grazie bemerklich, die dem Yankee⸗Lande eigen ſind, wo die Oper und der Tanzſaal als Pflanz⸗ ſchulen des Teufels betrachtet werden. Ihre Züge ſind maſſiv und unregel⸗ mäßig, in den Männern zwar nicht ohne eine gewiſſe männliche Schönheit, aber in den Frauen nur durch den Ausdruck des Geiſtes und der Intelligenz, der ſie beſeelt und namentlich in den bläulich⸗grauen Augen ſtrahlt, vor dem Vorwurf der Häßlichkeit gerettet. Sie beſitzen alle eine Energie des Charakters, raſtloſe Thätigkeit, Aus⸗ dauer und Opferfreudigkeit, die ſie vorzugsweiſe zu Leitern einer Propaganda befähigen. In den kirchlichen und ſocialen Kämpfen, welche die Vereinigten Staaten in Bewegung ſetzen, haben Vater und Söhne ſtets im Vordertreffen gefochten und ſich zu einer engen Phalanr zuſammengeſchaart. Die Mäßig⸗ keitsfrage, die auswärtigen und einheimiſchen Miſſionen, die Errichtung von theologiſchen Seminaren, die Volkserziehung, die Coloniſation, die Abolition— an allen dieſen Gegenſtänden haben die Beecher's energiſchen Antheil genommen. Als Bürger einer Republik ſind ſie natürlich auch der Politik nicht fremd; einer von ihnen wurde von der Stadt New⸗York gewählt, um Koſſuth bei *) Aus dem„Magazin für die Literatur des Auslandes“ nach Fraſer's Magazine. * 11 ſeiner Ankunft zu begrüßen. Das Merkwürdigſte dabei iſt, daß, trotzdem ſie oft in heftige Kolliſion mit den Mißbräuchen des amerikaniſchen Geſellſchafts⸗ ſyſtems gekommen ſind, man ihnen nie unlautere Beweggründe zugeſchrieben hat. Die Verleumdung, das gewöhnliche Loos der Reformatoren, ſcheint ſie verſchont zu haben, zum Theil aus Achtung für ihre nicht zu leugnende Un⸗ eigennützigkeit, zum Theil aber auch, weil ſie mit einer den Yankees eigenthüm⸗ lichen Vorſicht nur dann zum Angriff ſchritten, wenn ſie eine mächtige Partei hinter ſich hatten, und endlich vielleicht deshalb, weil die ganze Familie in den uf einer etwas excentriſchen Geiſtesrichtung ſteht. Als Redner erheben ſie ſich weit über die Mittelmäßigkeit; ihre Sprache iſt nicht elegant, aber beredt, nit einer lebhaften Verachtung des Gemeinen und einer Empfänglichkeit für den Humor, die ſich in prägnanten Witz, treffender Satyre und in der Hitze der Improviſation nicht ſelten in bitterem Sarkasmus kundgiebt. Neun von den Beecher's ſind Schriftſteller. Man hat von ihnen Predigten, Reden,„Essays“, Rezenſionen und Abhandlungen über die mannigfachſten Themata, größtentheils von lokalem oder momentanem Intereſſe. Alle dieſe Schriften zeichnen ſich durch Kraft des Gedankens, ſehr wenige durch künſt⸗ leriſche Vollendung aus. Nähere Erwähnung verdienen„ſechs Mäßigkeits⸗ Predigten“, von Pr. Beecher;„die Jungfrau und ihr Sohn“, ein poetiſches Werk von Charles Beecher, mit einer Einleitung von Mrs. Stowe; einige Aufſätze über bibliſche Literatur, von Edward Beecher; mehrere Erzählungen von Miß Catherine Beecher;„häusliche Oekonomie“, von Derſelben;„zwölf Vorleſungen an junge Männer“, von Henry Ward Beecher;„Einleitung zu den Werken der Charlotte Eliſabeth“(einer engliſchen religiöſen Schriftſtellerin), von Mrs. Stowe, und eine Sammlung von Erzählungen, unter dem Titel „The May Flower',*) von Mrs. Stowe, Verfaſſerin von„Uncle Tom's Cabin“. Ehe das letztgenannte Buch erſchien, war der Name Mrs. Stowe's kaum ſo allgemein bekannt, als der ihrer Schweſter Catherine, deren unermüdliche An⸗ ſtrengungen zur Beförderung des Unterrichts ihr hohe Achtung erworben hatten. Die Vereinigten Staaten verdanken ihr die Gründung einer überaus nützlichen Aſſociation zur Bildung von Lehrerinnen für den„Far Weste, die ſie mit eben ſo viel Takt als Energie zu organiſiren und in gedeihliche Wirk⸗ ſamkeit zu bringen wußte. Dies iſt die Familie, aus deren Schvos Harriet Beecher hervorgegangen iſt. Man wird uns erlauben, einige Augenblicke bei der ehrwürdigen Geſtalt des Vaters zu verweilen, dem die Ehre gebührt, dem Geiſte der Kinder einen ſo kräftigen Stempel aufgedrückt zu haben. Doktor Lyman Beecher hat jetzt ſein achtundſiebzigſtes Jahr erreicht. Vor der amerikaniſchen Revolution ge⸗ boren, hat er bis ganz kürzlich mit Thätigkeit und Geſchick der Erfüllung von Pflichten obgelegen, die für die meiſten Männer in der Blüthe des Lebens zu ſchwer ſein würden. Er iſt der Sohn eines Schmiedes in Neu⸗England und trieb in ſeiner Jugend das väterliche Gewerbe. Erſt in reiferem Alter ließ er den Amboß im Stich, um ſeine Studien zu Newhafen im Yale⸗Kollegium zu beginnen. Zehn Jahre ſpäter finden wir ihn als Paſtor einer Kirche zu Litch⸗ ſield, wo er als Kanzelredner bald großes Aufſehen machte. Seine ſechs Pee⸗ digten über die Mäßigkeit verbreiteken ſeinen Ruhm durch die ganze Union 4„he May Flowere ſo hieß das Fahrzeng, auf. welchem die„Pilgerväter“ im Jahre 1620 nach Amerika ſchifften, um dort die erſte Niederlaſſung in der Bai von Ply⸗ mouth zu gründen. IV Inſtituts und den Profeſſoren bewohnt. Es giebt auch andere Gebäude von anſpruchsvollerem Aeußern, in welchen ſich Banquiers, Kaufleute und voht habende Particuliers angeſiedelt haben. Das ſo entſtandene Dörfchen führt den Namen Walnut⸗Hills(Wallnußberge) und gehört zu den Zierden der Um⸗ gebungen Cincinnati's. Mehrere Jahre nach ihrer Ankunft an dieſem Ort fuhr Harriet Beecher fort, in Gemeinſchaft mit ihrer Schweſter als Lehrerin zu wirken, bis zu ihrer Heirath mit Calvin E. Stowe, Profeſſor der bibliſchen Literatur an dem Se⸗ minarium, dem ihr Vater vorſtand. Herr Stowe galt ſchon damals für einen der ausgezeichnetſten Theologen Amerika's. Nachdem er im Bowdoin⸗Kollegium, im Staate Maine, promovirt hatte, war er zum Profeſſor am Dartmouth⸗Kol⸗ legium im Staate New⸗Hampſhire ernannt worden, von wo er einem Ruf an das Lane⸗Seminarium folgte. Mrs. Stowe's eheliches Leben liefert ein Bild jenes gleichmäßigen und nüchternen Glückes, welches in den Familien amerikaniſcher Geiſtlichen ſo gewöhnlich iſt. Von einer zahlreichen Nachkommen⸗ ſchaft, mit der es geſegnet wurde, befinden ſich noch fünf am Leben. Mrs. Stowe hat oft am Krankenbette ihrer Lieben gewacht und den Kummer gekannt, der allen andern Schmerz überſteigt— den einer Mutter, der ihr Kind ent⸗ riſſen wird. Einen großen Theil ihrer Zeit hat ſie der Erziehung ihrer Kinder gewidmet, während die gewöhnlichen häuslichen Geſchäfte von einer Freundin oder entfernten Verwandten beſorgt wurden, die ſeit ihrer Verheirathung bei ihr gewohnt hat. In ihren Mußeſtunden ſchrieb ſie Aufſätze über verſchiedene Gegenſtände, Erzählungen und Novellen für Magazine und Zeitungen. Ihre Schriften, in welchen ſich ein hoher moraliſcher Sinn äußerte, fanden verdienten Beifall. Nur ein kleiner Theil von ihnen iſt in der ſchon erwähnten Samm⸗ lung,„The May Flowere enthalten. Kurz, das Leben Harrlet Stowe's, in literariſchen Beſchäftigungen, häuslichen Freuden und Sorgen und dem Um⸗ gang mit religiöſen und intelligenten Freunden verbracht, würde ſo ruhig und glücklich dahingefloſſen ſein, wie es ſich nur mit den Wechſelfällen des menſch⸗ ichen Daſeyns verträgt, wäre es nicht jeden Augenblick durch den unheilbrin⸗ genden Schatten der Sklaverei verfinſtert worden. Dieſe„eigenthümliche Inſtitution des Südens“ war beſtimmt, das Lebens⸗ ziel des alten Beecher und ſeines Schwiegerſohns zu vereiteln. Als ſie Beide ihre geſicherte Stellung in den öſtlichen Staaten aufgaben, um eine große presbyterianiſche Lehranſtalt im Thale des Ohio zu errichten, thaten ſie es nit aller Ausſicht auf Erfolg. Nie wurde ein pädagogiſches Unternehmen unter i Auſpizien begonnen. Der Name und die Zahl der Profeſſoren hatte viele Hundert Studirende aus allen Theilen der Union an⸗ gezogen, und zwar nicht ſchwächliche Treibhauspflanzen, die Kinder reicher Aeltern, ſondern rüſtige und intelligente junge Leute, welche ſich unter Arbeit und Entbehrungen zu einem höheren Wirkungskreiſe vorbereiteten. Ein Jahr lang ging Alles gut. Das Seminar war der Stolz und die Hoffnung der Kirche. Jum Unglück hatte dieſer erfreuliche Zuſtand nur eine kurze Dauer. Die franzöſiſche Revolution von 1830, die Bewegung in England, welche zu der Aufhebung der Negerſklaverei in Weſtindien führte, die Verurtheilung von amerikaniſchen Bürgern zu Geldſtrafen und Gefangenſchaft, weil ſie den Sklavenhandel im Innern der Republik angegriffen hatten— alles dieſes hatte dazu beigetragen, die Aufmerkſamkeit einiger amerikaniſcher Philanthropen auf die Uebel der Sklaverei zu richten. Einige Jahre zuvor war ein Verein gebildet worden, der den Zweck verfolgte, Kolonieen von freien Negern an der Küſte Afrika's anzulegen. Der Plan wurde von manchen Sklavenhaltern 7 befördert, die die Berührung freier Schwarzen mit ihrem menſchlichen Eigen⸗ thum fürchteten, und von ſchwachen oder ſchlecht unterrichteten Leuten im Ror⸗ den gebilligt, die ſich durch ihr Gewiſſen gedrängt fühlten, zur Abſchaffung der Sklaverei mitzuwirken, deren Vorſicht oder Unbekanntſchaft mit der Frage ſie aber verleitete, das von den Sklavenhaltern angeregte Projekt zu acceptiren. Wie nützlich auch für Afrika die Einwanderung von civiliſirten und geſitteten Negern ſein mag, ſo wird doch dett allgemein zugeſtanden, daß es abgeſchmackt wäre, von der Coloniſation die Vernichkung der Sklaverei zu hoffen. Das war auch die Anſicht des Abolitioniſten⸗Konvents, der im Jahre 1833 zu Philadel⸗ phia zuſammentrat und den erſten Impuls zu der Bewegung gab, welche die Republik ſeitdem ergriffen hat. Der Präſident des Convents, Herr Arthur Tappan, war einer von Den⸗ jenigen, die am freigebigſten zur Gründung des Lane⸗Seminariums beige⸗ ſteuert hatten. Er ſandte die von der Verſammlung beſchloſſene Adreſſe an die Studirenden ein, und es entſtand darüber bald eine allgemeine Discuſſton. An⸗ fangs erregte der Gegenſtand nür wenig Intereſſe, aber nach und nach loderte das Feuer auf. Viele von den Studirenden waren in den Sklavenſtaaten gereiſt oder hatten dort Unterricht ertheilt, mehrere waren die Söhne von Sklaven⸗ haltern und einige beſaßen ſelbſt Sklaven. Sie hatten der Sklaverei Auge zu Auge gegenübergeſtanden und konnten Thatſachen erzählen, grauſenvoller als die Scenen, welche die meiſten unſerer Leſer in„Uncie Tom's Cabin“ erſchüt⸗ tert haben. Die Disecuſſion war ſchnell zu Ende, denn Alle waren einer Mei⸗ nung, aber die Zuſammenkünfte dauerten einen Abend nach dem anderen, eine Woche nach der anderen fort. Das Gefühl ſtieg zur Begeiſterung, die ſchwache Flamme verwandelte ſich in einen verzehrenden Brand. Die Sklavenbeſitzer unter den Studirenden gaben ihren Sklaven die Freiheit; der Gedanke, ſich zu —— auswärtigen Miſſionen vorzubereiten, wurde von ſich gewieſen, da es daheim ja noch Heiden gab; Einige verließen ihre Studien, ſammelten die farbige Bevöl⸗ kerung von Cincinnati um ſich und predigten ihr das Evangelium; Andere luden die jungen Männer zu Abendſchulen und die Kinder zu Tagesſchulen ein und widmeten ſich ihrem Unterricht; noch Andere bildeten wohlthätige Geſellſchaften zu ihrer Unterſtützung und Waiſen⸗Anſtalten für hilfloſe und verlaſſene Kinder, und nicht Wenige entſagten allen anderen Ausſichten, um flüchtigen Sklaven nach Kanada fortzuhelfen oder gegen die Sklaverei zu predigen. Dieſer Fana⸗ tismus hatte etwas Erhabenes an ſich; jeder Student ſchien ſich für einen Pe⸗ trus Eremita zu halten und handelte, als ob die Abſchaffung der Sklaverei von ſeinen perſönlichen Anſtrengungen abhinge. Dieſe Bewegung war zuerſt von dem Präſidenten und den Profeſſoren des Seminars aufgemuntert worden; als ſie jedoch fanden, daß alle regelmäßigen Studien dadurch in Stockung geriethen, hielten ſie es für hohe Zeit, ihr Ein⸗ halt zu thun. Es war zu ſpät; die Strömung war zu gewaltſam, als daß ſie ihr widerſtehen konnten. Die Handelsintereſſen Cincinnati's ſtanden auf dem Spiel; die Kaufleute fürchteten den Verluſt des ſüdlichen Handels. Das Pu⸗ blikum forderte die Unterdrückung der Agitation. Die Sklavenbeſitzer kamen aus Kentucky herüber und feuerten den Pöbel zu Gewaltthätigkeiten an. Meh⸗ rere Wochen lang liefen das Seminarium und die Wohnungen Dr. Beecher's und Profeſſor Stowe's Gefahr, von trunkenen Volkshaufen in Brand geſteckt oder niedergeriſſen zu werden. Es mögen dies Wochen der tödtlichſten Angſt für Harriet Beecher geweſen ſeyn. Das Kuratorium des Inſtituts legte ſich jetzt dazwiſchen und fuchte die Aufregung zu beſchwichtigen, indem es alle fer⸗ nere Erörterung der Sklaverei in dem Seminarium verbot. Die Studirenden S VI antworteten dadurch, daß ſie in Maſſe austraten; wo früher Hunderte geweſen, blieb kaum eine Handvoll zurück. Das Lane⸗Seminarium verödete. Volle ſieb⸗ zehn Jahre harrten Beecher und Stowe aus, ſich umſonſt bemühend, die ehe⸗ malige Blüthe der Anſtalt zurückzuführen. Im Jahre 1850 zogen ſie ſich endlich nach den oſtlichen Staaten zurück, mit dem bitteren Gefühl, in der großen Auf⸗ gabe iipe Lebens geſcheitert zu ſein. Nach einem kurzen Aufenthalt in Maine nahm Profeſſor Stowe den ihm angebotenen Lehrſtuhl der bibliſchen Literatur im thevlogiſchen Seminar zu Andover in Maſſachuſetts an— einem Inſtitut, welches in den Vereinigten Staaten eines hohen Anſehens genießt. Dieſe Ereigniſſe brachten im Herzen der Familie Beecher eine ſchmerzhafte Reaction hervor. Zurückgeſtoßen ebenſowohl durch den Fanatismus der Wi⸗ derſacher, als durch die Brutalität der Anhänger der Sklaverei, glaubten ſie ihre Zeit noch nicht gekommen und gaben ihrem Abſcheu gegen die Knechtung ihrer Nebenmenſchen keinen öffentlichen Ausdruck. Sie hofften, daß der Sturm ſich legen und die Wahrheit in ruhigeren Zeiten an's Licht kommen werde. Alle Verſuche, ſie für die Vertheidigung der Sklaverei zu gewinnen oder ſie zum Anſchluß an die Abolitionspartei zu bewegen, wurden von ihnen abgelehnt. Auf dieſe Periode ſpielte Mrs. Stowe an, als ſie im Schlußkapitel ihres Buches ſagte:„während mehrerer Jahre ihres Lebens habe die Verfaſſerin alle auf die Sklaverei bezügliche Lektüre, alle Erwähnung dieſes Gegenſtandes vermieden, da ſie ihn für zu ſchmerzhaft hielt, um unterſucht zu werden, und von den Fortſchritten der Aufklärung und der Civiliſation deſſen Beſeitigung erwartete.“ Die furchtbaren Scenen, welche zwiſchen 1835 und 1847 in Cincinnati vor⸗ fielen, mußten die Abneigung einer Frau, eine thätige Rolle in dieſem Kampfe zu ſpielen, vermehren. Jene Stadt war das vornehmſte Schlachtfeld der Freiheit und der Sklaverei. Kein Monat verging, ohne daß ſich etwas zutrug, was die Erinnerung an den Kampf auffriſchte: es wurde entweder eine Preſſe zerſtört, oder ein Haus geplündert, oder ein freier Neger entführt, oder der Fluchtverſuch eines Sklaven vereitelt, oder ein bewaffneter Angriff auf den von Regern bewohnten Stadttheil gemacht, oder eine Negerſchule ſpolürt, oder es tödtete ein Schwarzer ſein Weib und ſeine Kinder im Gefängniß, um ſie nicht als Sklaven verkauft zu ſehen. Die 1835 von James G. Birney, dem nachherigen Kandidaten für die Präſidentenwürde der Vereinigten Staaten, er⸗ richtete Abolitioniſtenpreſſe, welche ſpäter unter der Leitung des Dr. Bailey ſtand— des jetzigen Herausgebers der National Era in Waſhington, in der „Uncle Tom's Cabin“ zuerſt in wehenlichen Lieferungen erſchien— wurde fünfmal zerſtört. Die Behörden dachten ſo wenig daran, dieſen Unordnungen zu ſteuern, daß der Mayor von Cincinnati einſt die Ruheſtörer, die ſo eben die Häuſer einiger Farbigen niedergeriſſen hatten, um Mitternacht mit folgenden Worten entließ:„Nun, meine Jungen, laßt uns nach Hauſe gehen, wir haben für heute genug gethan.“ Eine von dieſen Emeuten iſt dadurch bemerkens⸗ werth, daß ihre Opfer das thätige Mitgefühl Mrs. Stowe's für ſich in An⸗ ſpruch nahmen. Im Jahre 1840 griffen die Sklavenhäſcher, von der Hefe des Volks unterſtützt und durch gewiſſe Staatsmänner und Kaufherren aufgemun⸗ tert, den Bezirk an, der hauptſächlich von Schwarzen bewohnt wird. Einige der Häuſer wurden durch Kanonen niedergeſchoſſen. Mehrere Tage hindurch war die Stadt der Gewalt und dem Blutvergießen preisgegeben. Die Neger⸗ häuſer wurden erſtürmt und geplündert, die Eigenthümer ermordet und ihre verſtümmelten Körper auf die Straße geworfen; Frauen wurden genothzüchtigt und ſtarben nachher an den erlittenen Verletzungen, und Männer, Weiber und Kinder wurden in der Verwirrung aufgegriffen und in die Sklaverei geſchleppt. hochfinnigen Frau erfüllte. VII Von dem Abhange des Berges, auf dem ihre Wohnung ſtand, konnte Mrs. Stowe das Geſchrei der Unglücklichen, das Wuthgeheuk des Pöbels und den Donner der Musketen und Kanonen vernehmen und die Flammen der bren⸗ nenden Häuſer ſehen. Mehr als einem der zitternden Flüchtlinge gab ſie ein Aſyl und weinte mit ihnen bittere Thränen. Nachdem die Wuth des Haufens ausgetobt hatte, ſammelten viele von den Farbigen die wenigen Habſeligkeiten, die ihnen geblieben waren, und machten ſich auf nach Kanada. Hunderte von kamen an Mrs. Stowe's Wohnung vorbei. Einige waren auf kleine agen gepackt, Andere gingen zu Fuß, ihre Kinder an der Hand führend; ja, man ſah Mütter, die, ihre Säuglinge an der Bruſt, mühſam einherſchritten und ihre todten oder von den Sklavenhäſchern fortgeſchleppten Gatten beweinten. Die Straße, welche durch Walnut⸗Hills, einige Fuß von Mrs. Stowe's Hausthür, führte, war eine der Hauptrouten der„unterirdiſchen Eiſenbahn“, deren in„Unele Tom's Cabin“ ſo oft gedacht wird. Man hatte dieſen Namen einer von Quäkern und anderen Abolitioniſten gebildeten Linie gegeben, die, in Zwiſchenräumen von 10, 15 oder 20 Meilen zwiſchen dem Ohiofluſſe und den nördlichen Seen vertheilt, eine Art von Aſſociation zur Forthelfung flüch⸗ tiger Sklaven errichtet hatten. Der Flüchtling ward des Nachts zu Pferde oder in verdeckten Wagen von Station zu Station gebracht, bis er auf freiem Boden ſtand und das Löwenbanner des brittiſchen Reichs über ſeinem Haupte flatterte. Die erſte Station nördlich von Cincinnati war einige Meilen ober⸗ halb Mill⸗Creek, im Hauſe des edlen und hochherzigen John Vanzandt, der im neunten Kapitel von„Uncle Tom's Cabin“ als John Van Tromp ſigurirt. Mrs. Stowe wurde oft durch das Geraſſel der Wagen und das Pferdege⸗ trampel der ſie verfolgenden Konſtabler und Sklavenhäſcher aus dem Schlafe eweckt. Der ehrliche John war ſtets bereit, mit ſeinem Geſpann hervorzu⸗ ommen, und es gelang den Menſchenjägern nur ſelten, ihn zu erreichen. Er ſchlummert jetzt in dem dunklen Grabe eines Märtyrers. Der gigantiſche Körper, von welchem die Verfafſerin ſpricht, wurde endlich durch Mangel an Schlaf, Entbehrungen und Sorgen aufgerieben, und ſein Muth ward durch die Verfolgungen, denen er ausgeſetzt war, gebrochen. Mehrere Sklavenbeſitzer, die durch ſeine Dazwiſchenkunft ihr Eigenthum verloren hatten, brachten ge⸗ richtliche Klagen gegen ihn vor, und eine Verurtheilung nach der anderen be⸗ raubte ihm ſeiner Farm und ſeines ganzen Vermögens. Während ihres langen Aufenthaltes an der Grenze der Sklavenſtaaten hatte Mrs. Stowe zu wiederholten Malen Gelegenheit, ihnen Beſuche abzu⸗ ſtatten. Ohne Zweifel machte ſie damals die Beobachtungen, die ſie ſpäter in den Stand ſetzten, edle, großmüthige und menſchliche Sklavenhalter in der Perſon des Fabrikanten Wilſon, Mrs. Shelby's und ihres Sohnes George, St. Clare's und ſeiner Tochter Eva, des wohlwollenden Käufers bei der Auktion in Neu⸗Orleans, der Herrin Suſan's und Emmeline's und des gutmüthigen Symmes, der Eliſa und ihrem Knaben den Uferdamm des Ohio erſteigen half, zu ſchildern. Mrs. Stowe hat die Sklaverei in allen ihren Phaſen beobachtet; ſie hat Herren und Sklaven in ihrer Häuslichkeit, die Märkte von Neu⸗Orleans, Flüchtlinge, freie Farbige, der Sklaverei holde Politiker und Prieſter, Abolitio⸗ niſten und Coloniſationiſten geſehen. Sie und ihre Familie haben unter den Folgen dieſes Syſtems gelitten; ſiebzehn Jahre ihres Lebens ſind dadurch ge⸗ trübt worden. Während dieſer ganzen Zeit kämpfte ſie die ſtärkſten Gefühle ihres Herzens nieder, und nur ihre vertrauteſten Freunde wußten, was ſie empfand. Jetzt endlich hat ſie ihnen freien Lauf gegeben:„Uncle Tom's Cabin“ iſt der Ausbruch jener Verzweiflung, welche Jahre lang die innerſte Seele einer ——————— ——— Scenen und Charakterzügr. Die Liebe und das Recht. Wie viel Gattungen von Schönheit giebt es doch: Wie viel ſchon in der menſchlichen Geſtalt! Hier die Blüthe und raſche Beweglichkeit des Kindesalters die friſche und reife Vollkommenheit der Jugend; dort die Würde der Mannheit, und die Milde des Weibes— ader alle unter einander verſchieden, und dennoch jede vollkommen in ihrer Art. Aber keine iſt ſo eigenthümlich, keine trägt mehr das Ebenbild des Himmliſchen, als die Schonheit des chriſtlichen Grerſenalters. Sie gleicht der Lieblichkeit jener ruhigen Herbſttage, wenn die Hitze des Som⸗ mers vorüber, wenn die Ernte in die Scheuer gebracht iſt und die Sonne auf ruhende Felder und bräunliche Waldungen herabſcheint, die ihrer letzten Veränderung harren. Es iſt dies eine Schönheit, die ſtrenger moraliſch und in höherem Grade der Seele eigenthümlich iſt, als die irgend einer andern Periode des Lebens. Die Poeſie malt den Greis ſtets als einen Chriſten und es giebt auch kein Alter, in welcher die Tugenden des Chriſtenthuns eine vollſtändigere und harmoniſchere Entwickelung zu finden ſchienen. Der Greis, der die Stürme der Leidenſchaften überlebt, der dem Drängen der Verſuchung widerſtanden, der ſich fromm die Triebe der Jugend zu unverbrüchlichem Gehorſam und unwandelbarer Liebe unterge⸗ ordnet hat, der endlich, nachdem er ſeine Familie nach dem Willen Gottes erzogen, ſich hilflos auf den ſtützt, dem er einſt diente— ein ſolcher Greis iſt vielleicht eine der makelloſeſten Verkörperungen der Schönheit chriſtlicher Tugend, welche dieſe Welt uns zeigt. Von dieſer Art waren die Gedanken, welche in mir aufſtiegen, als ich langſamen Schrittes den Kirchhof meines Heimathsdorfes verließ, den ich n mehrjähriger Abweſenheit beſucht hatte. Es war ein reizender Platz— ein ſanfter Abhang dicht an einem kleinen Fluſſe, welcher ſich blinkend zwiſchen Cedern und Wachholderbäumen fortwand, während auf der andern Seite ſich ein grüner Hügel erhob, den die weißen Häuſer des Dorfes wie ein Perlenband umwanden. Keine Einzelnheit einer Landſchaft, und ſei ſie noch ſo pittoresk, kann maleriſcher und eigenthümlicher ſein, als dieſer Friedhof— dieſe„Stadt des Schweigens“, wie die Orientalen ſo ſchön ſagen— der mitten in der lüthe und dem Jubel der Natur ruht, deſſen weiße Steine in der Sonne Maiblümchen. 1 Das Maiblümchen. erglänzen, als Zeichen der Verweſung, aber auch als eine Verbindung zwiſchen den Lebenden und den Todten. Als ich langſam von Grabhügel zu Grabhügel ging und die In⸗ ſchriften las, welche mir ſagten, daß mancher thaͤtige, betriebſame Mann, manche geſchäftige, ſorgliche Hausfrau, und manches fröhlich ſchwatzende, halberblühete Kind der irdiſchen Sorge und Freude enthoben war, blieben meine Blicke unwillkürlich an einem halb verwitterten Steine hangen. Die⸗ ſer Stein trug die Inſchrift:„Zum Andenken des Dekans Enos Dudley, der in ſeinem hundertſten Jahre ſtarb.“ Dieſes Epitaphium übte einen um ſo größern Eindruck auf mich aus, da ich die Perſon, an die es er⸗ innerte, einſt recht gut gekannt hatte. In dieſem Augenblicke war mir, als ſähe ich ſeine ſanfte ehrwürdige Geſtalt vor mir, wie ich ſie ſonſt ſo oft geſehen, wenn ſie von dem Sitze der Diaconen, einem engen ſchmalen Plätzchen gleich unter der Kanzel ſich erhob und leiſe an dem Biſchofs⸗ ſtuhle hinſchlich. Ich erinnerte mich noch, wie er jeden Sonntag genau zehn Minuten vor der Zeit ruhig und langſam in die Kirche kam— ich ſah ſeine hohe etwas gebeugte Geſtalt, bekleidet mit ſeinem beſten nuß⸗ braunen Sonntagsrocke; ich ſah die langen Patten und breiten Aufſchläge, auf deren einem ſtets zwei mit der gewiſſenhafteſten Genauigkeit einge⸗ ſtochene Stecknadeln zu ſehen waren. Wenn er ſaß, reichte der Rand des Betſtuhles gerade bis an ſein Kinn, ſo daß ſein ſilbernes, ruhig freund⸗ liches Haupt darüber emporragte, wie der Mond über den Horizont. Sein Kopf hätte einem Bilde des heiligen Johannes zum Modell dienen können — der Scheidel war kahl und die Schläfe ſchmückte ein Kranz weißer ſchön glänzender Haare, „Die auf die Schultern ernſt herniederwallten, Wie weißer Reif die nackten Aeſte Der halb erſtorb'nen Eiche überkleidet.“ Er war damals ſchon ſehr alt und jeder Zug ſeines geduldigen Antlitzes ſchien zu ſagen:— Herr, mein Gott, worauf warte ich noch?— Aber immer, Jahr für Jahr, war er an demſelben Platze zu ſehen, mit derſelben pflichtgetreuen Pünktlichkeit. Seinen Gottesdienſt verrichtete er mit der Genauigkeit eines alten Iſraeliten. Niemand hätte ihn zu überreden vermocht, daß es nicht unſchicklich ſei, andern Gedanken nachzuhangen, während der Chor ſang, oder, ſelbſt bei größter Körperſchwäche, ſich vor dem Schluſſe des längſten Gebetes, welches jemals geſprochen worden, niederzuſetzen. Einen argen Gegenſatz brldete er zu ſeinem Collegen, dem Diaconus Abrams, einem feſten, kleinen, trippelnden, behäbigen Manne, der neben ihm zu ſitzen pflegte, mit ſeinem Haar gerade in die Höhe gekämmt, gleich einer kleinen Feuerflamme, mit dem Rock bis oben hinauf feſt zugeknöpft und dem Pſalmbuch in der Hand, während ſeine raſchen grauen Augen ſich erſt nach der einen Seite des breiten Schiffes wendeten, dann nach der andern und zuletzt i nach der Emporkirche, gleich denen eines Mannes, der kraft ſeines Amtes zur Kirche kam und ſich verantwortlich für Alles fühlte, was in dem Hauſe vorging. Der Amtseifer dieſes guten kleinen Mannes war ein großes Hinder⸗ niß für den Zeitvertreib, den wir Kinder uns zu machen ſuchten, wenn wir in einer langen Reihe auf einer niedrigen Bank vor der Kanzel ſitzend, dann und wann beſtrebt waren, in die lange Stunde der Predigt einige Abwechſelung zu bringen und zwar durch allerhand kleine Künſte, indem Das Maiblümchen. 3 wir zum Beiſpiel unſere Taſchentücher in Kaninchen verwandelten, oder verſtohlen die Aepfel und Pfefferkuchen zum Vorſchein brachten, die wir zur Sonntagsmahlzeit mitgebracht, oder einen frommen ebenfalls zur Kirche gekommenen Hund, der von Zeit zu Zeit ſtill und beſcheiden durch den breiten Kreuzgang trippelte, an den Ohren zupften. Aber wehe uns, wenn wir während dieſer verpönten Streiche das glattgeſtriegelte Haupt des Diaconus Abram hinter dem Rande des Kirchvaterſtuhles auf⸗ tauchen ſahen. Urplötzlich verſchwanden dann ſämmtliche Aepfel, Pfefferkuchen und Taſchentücher und wir ſaßen alle mit gefaltenen Händen da und ſahen ſo geſetzt aus, als ob wir jedes Wort der Predigt verſtünden und noch viel mehr. nhr ſo groß war der Abſtand zwiſchen dieſen beiden Diaconen in ih⸗ ren gottesdienſtlichen Verrichtungen, wenn, wie dies oft der Fall war, die Abweſenheit des Paſtors ihnen die Pflicht auferlegte, den Gottesdienſt zu leiten. Daß Gott groß und gut ſei uend daß wir alle Sünder wären, dies waren Wahrheiten, welche das Herz des Diaconus Enos vollſtändig zu er⸗ füllen ſchienen, ſo daß ſeine innerſte Seele davon durchdrungen war. Bei Diaconus Abrams war es eine unbeſtrittene Thatſache, über welche er ſchon längſt im Reinen war und in Bezug auf welche er die Ueber⸗ zeugung hegte, daß kein vernünftiger Zweifel dagegen geltend gemacht werden könne und die geſchäftige rührige Art und Weiſe, womit er die Sache behandelte, ſchien zu ſagen, daß er dies und außerdem noch eine Menge andere Dinge wiſſe. Diaconus Enos war wegen der Friedfertigkeit ſeines Weſens und der grenzenloſen Nächſtenliebe, womit er die Fehler Anderer bedeckte und ent⸗ ſchuldigte, in der Nähe und Ferne förmlich ſprichwörtlich geworden. So lange in einem Falle, wo es ſich um eine Miſſethat handelte, noch irgend ein Zweifel zuläſſig war, vermuthete Diaconus Enos,„der Mann habe es am Ende doch nicht böſe gemeint,“ und wenn das Vergehen für dieſe Ent⸗ ſchuldigung nackt zu Tage trat, meinte er allemal,„es ſei am beſten, nicht viel darüber zu ſprechen, denn es wiſſe Niemand, wozu er ſelbſt noch verleitet werden könne.“ Einige Vorfülle aus ſeinem Leben werden dieſe Charakterzüge noch heller beleuchten. Ein gewiſſer verſchmitzter Gutsbeſitzer, Namens Jones, der im Punkte der Ehrlichkeit nicht im beſten Rufe ſtand, verkaufte an Dia⸗ conus Enos ein werthvolles Grundſtück und erhielt das Geld dafür, ver⸗ zögerte aber unter verſchiedenen Ausreden die Ausſtellung der Kaufsur⸗ kunde. Bald nachher ſtarb er und zum Erſtaunen des Diaconus war die Urkunde nirgends zu finden, während gerade daſſelbe Grundſtück teſtamenta⸗ riſch einer von ſeinen Töchtern vermacht war. Der Diaconus ſagte,— es ſei ſehr auffallend; er habe allerdings immer gewußt, daß Seth Jones etwas geldgierig ſei, aber daß er eine ſo offen⸗ bare Gottloſigkeit begehen würde, das häkte er nicht gedacht.— Und der alte Mann ging zu Sauire Abel, um die Sache vorzutragen und zu ſehen, ob ſich in derſelben etwas thun ließe. — Ich rede durchaus nicht gern davon,— ſagte er,— aber Squire Abel, Ihr wißt, Mr. Jones war— war— was er war, das ſage ich, wenn er gleich todt iſt!— Dies war der härteſte Ausdruck, deſſen der alte Mann fähig war, wenn er ſich genöthigt ſah, einem Todten etwas Schlimmes teen . Das Maiblümchen. Als man ihm ſagte, daß ſich in dieſer Sache nichts thun ließe, tröſtete ſich Diaconus Enos damit, daß er leiſe zu ſich ſelbſt ſagte: — Na, auf jeden Fall iſt das Grundſtück den beiden Mädchen zugefallen, dieſen armen verwaiſten Geſchöpfen— ich hoffe, daß es ihnen etwas nützen wird. Die älteſte iſt Silence— von der wollen wir nicht viel ſprechen; aber Sukey iſt ein nettes, hübſches Mädchen.“— Und mit dieſen Worten ging der alte Mann fort und äußerte ſeine Meinung dahin, daß, da der Sache ſich einmal nicht abhelfen laſſe, es am beſten ſei, nicht weiter davon zu ſprechen. Die hier erwähnten beiden Mädchen(nämlich Silence und Sukey) waren die älteſte und die jüngſte einer zahlreichen Familie, welche Seth Jones mit drei Weibern gehabt und die von Allen noch lebten. Die älteſte, Silence, war ein langes, frarkes, ſchwarzäugiges Mädchen mit hatten Zügen, nahe an vierzig Jahr alt, mit einer guten, lauten, entſchloſſenen Stimme und, wie der Irländer ſagen würde,„mit großer Luſt, davon Gebrauch zu machen.“ Weshalb ſie Silence oder„Schweigen“ genannt ward, war für die ganze Umgegend ein ſtehendes Räthſel, denn ſie war mehr befähigt und geneigt, Lärm zu machen, als irgend Jemand in der ganzen Ortſchaft. Miß Silence gehörte zu den Leuten, die durchaus keine Luſt verſpüren, auf eins von ihren Rechten zu verzichten. Sie ging entſchloſſen auf alle Streitfragen los, brachte jeden Widerſpruch zum Schweigen und ging da⸗ bei ſo herzhaft und muthig zu Werke, daß Männer, Weiber und Kinder aus den Häuſern herbeiliefen, als ob die Poſtkutſche angekommen wäre. Ihr angeborener Entſchluß, frei und unabhängig zu ſein, war ſo offenkundig, daß, obſchon ſie die Tochter eines reichen Mannes war und eine gute Aus⸗ ſteuer beſaß, doch nur ein einziger Freier es wagte, um ihre Hand anzu⸗ halten und dieſer ward mit der Verſicherung fortgeſchickt, daß er, wenn er ſich jemals wieder im Hauſe ſehen ließe, mit den Hunden hinausgehetzt werden ſollte. Aber Suſanne Jones war von ihrer Schweſter eben ſo verſchieden, wie die kleine reizende Winde von der großen plumpen Stange, an der ſie ſich emporſchlängelt. Zu der Zeit, von der wir ſprechen, war ſie ge⸗ rade achtzehn Jahr alt, ein beſcheidenes, ſchlankes, ſchüchternes Mädchen, eben ſo furchtſam und zaghaft, wie ihre Schweſter keck und dreiſt war. Die Erziehung der armen Suſanne hatte Miß Silence in der That viel Mühe und Unruhe gekoſtet und am Ende ſagte ſie doch,— aus dem Mäd⸗ chen werde im Leben nichts und ſie habe ihr niemals beibringen können, ſo mit den Leuten fertig zu werden, wie ſie es würde.— Als das Gerücht zu Miß Silence's Ohren kam, daß Diaconus Enos ſich durch das Teſtament ihres Vaters benachtheiligt glaube, verbreitete ſie ſich über dieſes Thema mit einem bedeutenden Aufwand von Muth und Lungenkraft, Diaconus Enos, meinte ſie, könne wohl etwas Beſſeres thun, als arme Waiſen um ihr Eigenthum betrügen zu wollen— ſie hoffe, er werde die Sache gerichtlich anhängig machen und ſehen, wie weit er damit käme— ein ſchöner Kirchendiener und Diaconus! So eine Ge⸗ ſchichte von ihrem armen Vater zu erzählen, der nun in der Erde ruhe. — Aber Silence,— ſagte Suſanne,— Diacvnus Enos iſt ein guter Mann; it glaube nicht, daß er Jemandem damit beleidigen will; die Sache muß wohl auf einem Mißverſtändniß beruhen.— — Suſanne, Du biſt eine kleine Närrin, wie ich Dir immer geſagt Das Maiblümchen. 5 habe,— antwortete Silence;— Dich würde man um die Augen aus dem Kopfe betrügen, wenn Du mich nicht hätteſt.— Spätere Ereigniſſe aber brachten die Angelegenheiten dieſer beiden Mädchen in engere Verbindung mit denen des Diaconus Enos, wie wir ſogleich zeigen werden. Es traf ſich, daß der nächſte Nachbar des Diaconus Enos ein ge⸗ wiſſer alter Farmer war, den man wegen ſeines ſauertöpfiſchen Weſens den Beinamen Onkel Jaw, oder Maulhänger, gegeben hatte. Dieſes ſchmeichel⸗ hafte Prädikat war auch den Hauptcharakterzügen und dem Benehmen des Mannes ſehr angemeſſen. Er war lang und ſeine Züge waren ſchroff; ſein Geſichtsausdruck hatte Aehnlichkeit mit einem Nordoſt— kurz, es war eine düſtere, feſtſtehende Aergerlichkeit, die jede Ausſicht auf gutes Wetter vertrieb und ſich ſelbſt in ihrer Wiverwärtigkeit behaglich zu fühlen ſchien. Seine Stimme ſchien bei ſeinem Geſicht in die Schule gegangen zu ſein, in ſo bewundernswürdigem Einklange ſtand ihr krächzendes, ruhi⸗ ges Grunſen mit der vorhin beſchriebenen liebenswürdigen Phyſiognomie. Er war von der Natur mit jenem rührigen, ſcharfen, haarſpalteriſchen Verſtand begabt, welcher über jeden Punkt des Compaſſes vierzig Streit⸗ fragen aufwerfen kann und hätte er die nöthige Schulbildung genoſſen, ſo wäre er vielleicht ein ſo geſchickter Metaphyſiker geworden, wie nur je einer der Nachwelt Sand in die Augen geſtreut hat. Obſchon ihm aber dieſe Vortheile nicht zur Seite ſtanden, ſo beſtrebte er ſich dennoch in ganz eben ſo nützlicher Abſicht, Jeden, der ihm in den Weg kam, zu verblüffen und zu mnſtificiren. Ganz beſonders aber erging ſich ſeine geiſtige Rührigkeit auf dem Gebiete der Juriſtik, denn es war ihm Beduͤrfniß und tägliche Beſchäf⸗ tigung, entweder etwas ausfindig zu machen, worüber ſich ein Prozeß an⸗ ſpinnen ließ, oder einen Prozeß über etwas anzuſpinnen, was er ausfindig gemacht hatte. Entweder handelte es ſich um einen alten Zaun, der ſonſt ein wenig mehr links zu ſtehen pflegte oder der ein wenig zu weit rechts ſtand, wodurch ein Streifen von ſeinem Wieſenland abgeſchnitten ward, oder Peter Jemands Truthühner hatten ihm Futter aus der Scheune ge⸗ ſtohlen, oder die Gänſe des Squire Moſes waren dem Pfandſtalle ver⸗ fallen, oder es geſchah irgend etwas von gleicher Wichtigkeit, was ihm von Anfang bis zum Ende des Jahres zu thun gab. Hätte Pnier Jaw dies alles zu ſeinem perſönlichen Amüſement gethan, ſo hätte ſich weiter nichts dagegen ſagen laſſen; Onkel Jaw aber begnügte ſich nicht damit, ſeine eigenen Schlachten auszukämpfen, ſondern ging auch von Haus zu Haus und erzählte und breit die ganze Sache mit allen— ſagte er's— und— ſagte ichs,— die eine ſolche Erzählung entweder begleiten oder daraus hervorgehen. Ueberdies beſaß er ein ſo merkwürdiges Talent, Stoff zu Zwiſtigkeiten ausfindig zu machen und auch Andern ju zeigen, wo ſie ebenfalls Urſache zum Streit finden könnten, daß es ihm in der Regel gelang, die ganze Umgegend fortwährend in Zwiſt und Uneinigkeit zu verwickeln. Und während der gute Diaconus Enos ſich bemuͤhte, der Friedens⸗ ſtifter für das Dorf zu ſein, ſorgte Onkel Jaw dafür, daß dieſes Amt zu keiner Sinecure ward. Der Diaconus folgte Onkel Jaw immer auf dem Fuße nach und begütigte, beſchwichtigte und ſchlichtete mit einem Eifer, der in der That bewundernswürdig war. Onkel Jaw ſelbſt hegte großen Reſpekt vor dem guten Mann und Das Maiblümchen. ſuchte in Gemeinſchaft mit der ganzen Ungegend ſeinen Rath, obſchon er, eben ſo wie alle anderen Leute, welche ſich bei Jemandem Raths erholen, ſich davon nur ſo viel aneignete, als ihm nach ſeiner Anſicht gut dünkte. Indeſſen fand er doch eine Art Vergnügen darin, des Abends den Diaconus Enos am Kamin zu beſuchen, um ihm die verſchiedenen Dinge zu erzählen, welche er in die Hand genommen oder in die Hand zu nehmen beabſichtigte. Einmal erzählte er, daß er drüben über dem Mühlendamm geweſen und der alten Großmutter Blark geſagt habe, daß ſie wegen jenes Weideplatzes gegen Seth Scran einen Prozeß anhängig machen könne, und ein andermal, wie er Ziah Bacon's Wittwe geſagt, ſie habe das Recht, Bill Scranton's Schwein jedesmal einzuſperren, wo ſie es auf dem Platze vor ihrem Hauſe erwiſche. Aber die Hauptſache, welche dem größten Theil von Onkel Jaw's müßiger Zeit in Anſpruch nahm, beſtand in einem Streite zwiſchen ihm und Squire Jones, dem Vater von Suſanne und Silence, denn es traf ſich, daß ſeine Grundſtücken und die des Onkel Jaw aneinander grenzten. Mit dieſem Streite verhielt es ſich folgendermaßen: Auf Squire Jones Grundſtück ſtand eine Mühle, und dieſe Mühle ſetzte, wie Onkel Jaw behauptete, ſein Wieſenland immer unter Waſſer. Da Onkel Jaw's Wieſe von Natur halb aus Sumpf und Binſen beſtand und deshalb ſehr oft in naſſem Zuſtande befunden ward, ſo ſchwebte ſtets ein ſehr glückliches Dunkel über der Entſtehung des Waſſers und ob daſſelbe in größerem Maße vorhanden war, als ihm auf ſeinen Theil zukam. Wenn daher alle anderen Streitobjekte ausgegangen waren, ſo kröſtete ſich Onkel Jaw damit, daß er einen Prozeß wegen ſeines Wieſenlandes anhängig machte und einer dieſer Prozeſſe ſchwebte eben ob, als die Be⸗ ſitzung durch den Tod des Squire auf Suſanne und Silence, ſeine Töchter, überging. Als daher das Gerücht zu ihm drang, daß Diaconus Enos um ſein Eigenthum betrogen worden, machte fich Onkel Jaw ſofort ſertig, zu ihm zu gehen und ſich mit ihm zu beſprechen. Als Diaconus Enos eines Abends ruhig am Feuer ſaß und in ſeiner vor ihm aufgeſchlagenen großen Bibel las, hörte er die mahnenden Zeichen einer Heimſuchung von Onkel Jaw auf ſeinem Abſtreicheiſen an der Thür und gleich darauf kam der Mann zum Vorſchein. Nachdem er ſich gerade vor das Feuer geſetzt, die Elbogen auf die Knie geſtützt und die Hände über die Kohlen ftreckte, blickte er mit ſeinen kleinen forſchenden grauen Augen in Diaconus Enos' ſanftes Geſicht empor und ſagte, um den Gegenſtand anzubahnen: — Na, Diaconus, der alte Squire Jones iſt nun endlich auch todt. Ich möchte wiſſen, was ihm alle ſeine vieken Grundſtücken nun nützen.— — Ja,— antwortete Diaconus Enos,— daraus erſieht man, wie alle dieſe Dinge des Strebens darnach nicht werth ſind. Wir haben nichts mit in die Welt gebracht und es iſt gewiß, daß wir auch nichts mit hinausnehmen werden.— — Nun ja,— antwortete Onkel Jaw,— das iſt alles ſehr wahr, Diaco⸗ nus; aber es war ſeltſam, wie dieſer alte Squire Jones auf ſeinen Kopf beſtand. Seine Mühle dort, die fortwährend meine Wieſen überſchwemmte — wohl zwanzig Mal habe ich Squire Jones die Sache vorgeſtellt und dennoch ließ er es immer beim Alten. Jetzt, da er todt iſt, ſteht die alte Dirne Silence da, die eben ſo ſchlecht iſt als er und noch viel mehr Das Maiblümchen. 7 Krawall macht, und ſie und Suke haben nun das Grundſtück; aber ſeht Ihr, ich bin doch Willens, die Sache weiter zu treiben!— Hier ſchwieg Onkel Jaw, um zu ſehen, ob er eine mit der ſeinen harmonirende Aufregung in Diaconus Enos hervorgerufen habe; aber der alte Mann ſaß, ohne die mindeſte Gemüthsbewegung zu verrathen, da und betrachtete ruhig die Spitze einer langen Kohlenſchaufel. Onkel Jaw rückte unruhig auf ſeinem Stuhle hin und her und verſuchte, ſeinen Mann directer anzugreifen. — Ich habe gehort, Diaconus Enos,— ſagte er,— daß der Squire Euch wegen jenes Grundſtücks einen nichtswürdigen Streich geſpielt habe.— Immer noch gab Diaconus Enos keine Antwort, aber Onkel Jaw's Ausdauer war nicht ſo leicht zu ermüden und er begann daher wieder: — Squire Abel erzählte mir, wie die Sache ſtünde und ſagte, er ſähe nicht, wie ihr abgeholfen werden könne, aber ich ſagte zu ihm: Saquire Abel, ſagte ich, ich wollte ſonſt etwas wetten, wenn Diaconus Enos mir die Sache erzählte, ſo wollte ich ſchon ein Loch finden, durch das er kriechen könnte, denn, ſagte ich, ich habe ſchon in viel verwickektern Fällen klar geſehen, als dieſer iſt.— Immer noch blieb Diaconus Enos ſtumm und Onkel Jaw begann nachdem er ein wenig gewartet, von neuem: — Aber wirklich, Diaconus, ich möchte wohl die näherenumſtände kennen— — Ich habe mir einmal vorgenommen, von dieſer Sache nicht mehr zu reden,— ſagte Diaconus Enos in einem Ton, welcher, obſchon ſanft, doch ſo außerordentlich beſtimmt war, daß Onkel Jaw einſah, es ſei nach dieſer Seite hin nichts zu machen. Er kehrte daher zu ſeinen eigenen Streitſachen zurück. — Na, ſeht Ihr, Diaconus,— begann er, indem er die Feuerzange er⸗ griff, alle kleinen Brände zuſammenlas und ſie in die Mitte des Feuers egte,— ſeht Ihr, zwei Tage nach dem Begräbniß(früher wollte ich nicht gehen,) ging ich hin, um die Sache mit der alten Silence zu beſprechen, denn was Sukey betrifft, ſo hat ſie mit ſolchen Dingen nicht mehr zu thun, als unſere weiße Katze. Nun ſeht Ihr, kurz zuvor, ehe Saquire Jones ſtarb, riß er einen alten hölzernen Zaun, der zwiſchen ſeinem und meinem Grundſtück ſtand, hinweg und begann eine neue ſteinerne Mauer zu bauen, und als ich hinging und nachmaß, fand ich, daß er beinahe die ganze Breite der ſteinernen Mauer auf meinen Grund und Boden geſetzt hatte, während doch nicht mehr als die Hälfte davon darauf kommen ſollte. Nun ſeht Ihr, konnte ich doch kein Wort mit Squire Jones darüber ſprechen, weil er gerade, als ich hinter die Sache kam, ſich hinlegte und ſtarb, und ich wollte daher mit der alten Silence ſprechen und ſehen, ob ſie geſonnen wäre, ſich zu etwas zu verſtehen, weil ich ſchon ziemlich gewiß wußte, daß ſie es nicht thun würde. Und ich ſage Euch, die hat mich gehörig ab⸗ laufen laſſen! Wir lieferten einander eine förmliche Schlacht— ich dachte, ſie würde ſich zu Tode kreiſchen, die alte Dirne! Wer weiß auch, was geſchehen wäre, aber gerade in dieſem Augenblicke kam die arme Sukey dazu und ſah ſo erſchreckt und ſcheu— Sukey iſt ein hübſches Mädchen und ſieht ſo ſchüchtern und zart aus, daß man ſich ſchämen müßte, ſie zu plagen und daher nahm ich für diesmal Abſchied und entfernte mich.— Hier bemerkte Onkel Jaw eine Aufheiterung in dem Geſicht des gu⸗ ten Diaconus und ward außerordentlich froh, daß er endlich den Weg ge⸗ funden, ihn für ſeine Geſchichte zu intereſſiren. 8 — hatte die aber auch einen doppelten Ant er fortwährend allerlei tolle und ſcherzhafte Streiche angab, dennoch 2 mein beliebt war, nicht blos bei dem Diaconus, ſondern auch bei der gan⸗ zen Schule. Maſter Joſeph nahm die kleine Suſanne Jones , fuhr ſie auf ſeinem Schlitten in die ſchweren Rechnenerempeln, 3 derte oder ihren gleichen G ſondern Schu Hut herunterſchlug und tra alanterien verſuchte, mit Hieben o Jahre vergingen und Onkel J ſchickte ihn hin gutes Recht, ſität geſchickt. * hätte, ein eben ſo Die Erinnerung an ſeinen Goldtöchterchen Suſanne war es geſtiegen war und ih daher Onkel Jaw mit ſeinem Vo nachdem er noch einige Zeit nachgedacht: — Iſt es denn wirklich wahr, reus werden wird?— Obgleich durch dieſes raſche ſtutzig gemacht, fand Onkel J m einen lich — Nun ja— ja— ich eines armen Mannes eben ſo 4 wie ein anderer, — Das meine ich auch, wenn er einma nichts,— fuh Feldwirthſchaft mit ihm. Wenn er Ko Das Maiblümchen. Aber während dieſer ganzen Zeit hatte der trachtung über die Wege und zu machen, der ſeit undenklichen dieſem Augenblick war i laufe unſerer Geſchichte Zeiten ſeine Qual hm ein Plan eingefallen, entwickeln wird. ſie werde auch in einem Miß Silence und Onkel fluß nicht verleugnen. Diaconus Enos mehrere Winter hinter ein⸗ en und unter ſeinen Sch mals ein kleines, dickes lockigem Harr und der freun In derſelben Schule war aber au Adams, der einzige Sohn des Onkel Jaw Knabe, der die längſten Worte buchſtabirte, die beſten Schneebälle und 1 Pappepfeifen machte und in dem Columbian leſen konnte, als ülern befand ſich „rothbäckiges Mäd⸗ dlichſten Gemüthsart ch der kleine Joſeph „ein ſchöner, geſunder, Orator lauter und ſchneller ſonſt ein Knabe in der Schule. ganze Schlauheit ſeines V heil von Gutmüthigkeit, ſo da ſtets unter ſeinen be⸗ Schule, half ihr bei ſah darauf, daß Niemand ihren Eßkorb plün⸗ ktirte jeden Knaben, der der⸗ der Schneebällen. aw hatte ſeinen Sohn auf die Univer⸗ „weil er, wie er ſagte wie Squire Abel oder Diaconus alten Liebling Joſeph und ſein kleines eben, die plötzlich in Diacor ten Blick in die Zukunft g rtrag zu Ende war, ſagte der Diaconus, nus Enos auf⸗ daß Euer Sohn nächſtens Baccalau⸗ Abſpringen von dem bewegten Gegenſtande aw die Frage doch zu ſeinen Stolz, um nicht näher darauf einzugehen, und er antwortete mit ſchmeichelhaft für einem Geſicht, das in wunderſ am grimmiger Weiſe ſeine Freude ausdrückte: ſehe keinen Grund, warum viel Recht haben ſoll l das Zeug dazu ha — antwortete Diaconus Enos. — Er zeigte von Kindheit an nur Luſt zum Lernen und zu weiter führ Onkel Jaw fort;— ich verſuchte es vergeblich in der rn mähen oder Kartoffeln häufeln nicht der Sohn oben aufzukommen, Diaconus eine tiefe Be⸗ Mittel angeſtellt, einem Streite ein Ende geweſen und gerade in der ſich im weitern Ver⸗ Die Art und Weiſe, Differenzen zu ſchlichten, welche dem guten Mann eingefallen, war die, welche ſchon ſeit den älteſten Zeiten als ein vorzüg⸗ liches Mittel betrachtet worden, ſtreitende Monarchen und Staaten mit⸗ einander auszuſöhnen und der Diaconus hoffte, ſo wenig verſprechenden Falle, wie der zwiſchen Jaw, ihren friedeſtiftenden Ein In früheren Zeiten hatte ander die Diſtriktſchule gehalt die ſanfte Suſanne Jones, da chen mit blauen Augen, von der Welt. S * Das Maiblümchen. 9 ſollte, jagte er Fröſche oder lief hinter Eichhörnchen her. Gab man ihm aber ein Buch in die Hand, ſo war er an ſeinem Platze. Dieſer Knabe lernte das Leſen ſchneller als irgend einer, den ich in meinem Le⸗ ben geſehen. Kaum hatte er vier Wochen ſein a bab angefangen, ſo las er auch ſchon im Fabelbuche und nach wieder vier Wochen las er ſein Kapitel im Teſtament herunter, daß es nur ſo ſchnurrte und auf der Uni⸗ verſität, ſeht Ihr, iſt es gerade wieder ſo— er iſt wieder oben drauf.— — Und in vierzehn Tagen wird er wieder nach Hauſe kommen,— ſagte der Diaconus nachdenklich. Am nächſten Morgen, als Diaconus Enos bei ſeinem Frühſtück ſaß, ſagte er ruhig zu ſeiner Gattin: — Sally, nicht wahr in etwa vierzehn Tagen wollteſt Du Dein Quiltfeſt*) halten?— — Was fällt Dir ein, lieber Mann? Ich habe kein Wort davon ge⸗ ſprochen.— — Ich dachte, Du hätteſt es Dir ſo ausgerechnet,— ſagte der gute Mann ruhig. — Nun, das nicht, aber es kann geſchehen; denn mir ſcheint es iſt die beſte Zeit. Wenn wir nur die ſchwarze Dinah bewegen können, 18 beim Kuchen- und Paſtetenbacken zu helfen. Ich glaube, es wird am beſten ſein, wenn wir es ſo dabei laſſen.— — Ich denke es auch,— antwortete der Diaconus,— und wir wollen ſämmtliche junge Leute dazu einladen.— Wir übergehen das Stoßen, Mahlen und Hacken, das während der nächſten Woche in der Küche des Diaconus die herannahende Feſtlichteit verkündete. Wir enthalten uns, den Appetit eines hungrigen Leſers zu reizen und ihm die Fleiſchpaſteten, die Moosbeerentorten, die Pfannkuchen und anderen Delikateſſen aller Art der Reihe nach aufzuzählen, welche der Zauberhand der ſchwarzen Dinah, der Dorfprieſterin bei allen dieſen Feierlichkeiten, ihr Daſein verdankten. Es genüge zu ſagen, daß der Tag herbeigekommen und der glückverkündende Quilt ausgebreitet war. In die Einladung waren auch die Miſſes Silence und Suſanne Jones mit eingeſchloſſen worden— ja, der gute Diaconus hatte die Galanterie ſo weit getrieben, daß er die Einladung ſelbſt überbrachte, wofür er durch eine Salve von Miß Sildnce belohnt ward, die ihm, wie ſie es nannte, im Bezug auf die Rechte der Wittwen und Waiſen ihre Meinung ſagte. Der gute alte Mann hörte alles mit großer Gelaſſenheit von Anfang bis zu Ende an und ſagte dann: — Na, na, Miß Silence, ich glaube, es wird nicht lange dauern, ſo werdet Ihr auf andere Gedanken kommen; es iſt am beſten, wenn wir uns nicht weiter in Wortwechſel darüber einlaſſen.— Mit dieſen Worten nahm er ſeinen Hut und ging fort, während Miß Silence, die ſich ſehr erleichtert fühlte, daß ſie ihren Zorn hatte auslaſſen können, erklärte:„Es ſei eben ſo unnütz, den alten Diaconus Enos reizen zu wollen, als eine Kanone auf einen Baumwollenfack abzufeuern. Deſſen ) Quiltfeſt oder Quilting, eine in den neuengliſchen Staaten übliche Luſtbarkeit, wo Mädchen und Frauen auf Einladung in dem Hauſe einer Freundin erſcheinen, um Bettdecken(quilts) zu nähen. Abends kommen dann auch Männer und junge Burſchen, wo dann allerhand Tänze und Spiele vorgenommen werden. Das Ganze hat viel Aehn⸗ lichkeit mit den in Deutſchland hier und da üblichen„Federſchleißen.“ * Das Maiblümchen ungeachtet würde ſie nicht zu dem Quilting gehen und Suſanne dürfe auch nicht daran theilnehmen.“ — Aber warum nicht, Schweſter?— ſagte die jüngere;— ich denke, ich werde gehen.— Und Suſanne ſagte dies in einem ſo mild beſtimmten Tone, daß Si⸗ ence ganz entſetzt war. — Was um's Himmels willen ſoll das heißen, Suſanne?— fragte ſie, indem ſie erſtaunt die Augen aufriß— haſt Du wirklich ſo wenig Verſtand, daß Du zu dem Diaconus Enos gehen willſt, während er alles, was in ſeinen Kräften ſteht, thut, um uns zu ruiniren?— — Diaconus Enos gefällt mir,— antwortete Suſanna;— er war ſtets freundlich gegen mich, als ich noch klein war und ich mag nicht glauben, daß er jetzt ein ſchlechter Menſch iſt.— Fſtg Wenn eine junge Dame erklärt, daß ſie etwas nicht glauben könne, ſo geben gute Kenner des menſchlichen Herzens in der Regel die Sache auf; Miß Silence aber, welcher dieſe Sprache der Oppoſition und des Gegenbeweiſes gänzlich neu war, vermochte kaum zu glauben, daß ſie recht gehört. Deshalb wiederholte ſie genau, was ſie ſchon einmal geſagt, nur in einem viel lauteren Tone und unter weit kräftigeren Betheuerungs⸗ formeln— eine Disputirmethode, welche, wenn auch nicht ſtreng logiſch, wenigſtens die Sanction ſehr achtbarer Autoritäten unter den Aufge⸗ klärten und Gelehrten hat. — Silence,— antwortete Suſanne, als der Sturm ausgetobt hatte, — wenn es nicht ausſähe, als wären wir böſe auf den Diaconus Enos, ſo würde ich Dir zu Gefallen wegbleiben; aber Jeder würde glauben, ich nähme Parthei in einem Streite, und an ſo etwas habe ich mich nie be⸗ theiligt und werde mich niemals betheiligen.— — Dann wirſt Du auch Dein Lebenlang mit Füßen getreten werden, Suſanne,— antwortete Silence;— indeſſen, wenn Du Dich zum Nar⸗ ren haben laſſen willſt, ſo will ich es wenigſtens nicht!— Nach dieſen Worten lief ſie ſehr erzürnt zum Zimmer hinaus. Es traf ſich indeſſen, daß Miß Silence zu den Menſchen gehörte, die mit ihrem Zorn ſo wenig ſparſam umzugehen wiſſen, daß er völlig ver⸗ braucht war, ehe die Zeit der Ausführung herankam. Die natürliche Folge davon war, daß ſie, nachdem ſie ſowohl gegen den Diaconus Enos, als gegen Suſanne, ihrem Herzen Luft gemacht, auf viel behaglichere und gut⸗ müthigere Gedanken kam; daraus folgten wieder verſchiedene Betrachtungen über die vielen Klatſchgelegenheiten und Freuden eines Quilting und dann kam der zudringliche kleine Gedanke:„Wie, wenn ſie nun auch noch ginge — was könnte das wohl ſchaden?“ und dann folgte die Frage:„Ob es nicht ihre Pflicht ſei, mitzugehen und Suſannen, das arme Kind, die keine Mutter mehr hatte, welche über ſie wachte, zu beaufſichtigen?“ Kurz, ehe noch die Zeit der Zurüſtung kam, hatte Miß Silence ſich vollkommen für den großmüthigen Entſchluß entſchieden, mit zu dem Quilting zu gehen. Demgemäß, als Suſanne den nächſten Tag vor ihrem Spiegel ſtand und ihr ſchönes Haar floch ard eie durch Miß Silence's Erſcheinung nicht wenig ſtutzig gemacht, welche ſo ſteif in das Zimmer trat, als ein ſchillerndes Seidenkleid und ein hoher Hornkamm ſie nur immer machen konnten. — Wohlan, Suſanne,— ſagte ſie,— wenn Du durchaus heute Nach⸗ Das Maiblümchen. 11 mittag zu dem Quilting gehſt, ſo glaube ich, es iſt meine Pflicht, mitzu⸗ gehen und auf Dich zu ſehen.— Was würden manche Leute thun, wenn dieſer bequeme Deckmantel der Pflicht ihnen nicht eine Zuflucht in Fällen böte, wo ſie Luſt haben, ihre Geſinnung zu ändern? Suſanne unterdrückte das ſchalkhafte Lächeln, welches wider ihren Willen aus ihren Augenwinkeln leuchtete und ſagte ihrer Schweſter, ſie ſei ihr für ihre Fürſorge ſehr verbunden. So gingen ſie miteinander fort. Silence hielt ihr unterwegs einen ausführlichen Vortrag, wie wichtig es ſe ſtets ſein Recht zu vertheidigen und ſich nicht mit Füßen treten u laſſen. Der Nachmittag verging, die älteren Damen ſteppten und klatſchten und die jüngeren unterhielten ſich über die Eigenſchaften der verſchiedenen Stutzer, welche, wie man erwartete, der Abendunterhaltung erhöhetes Leben verleihen ſollten. Unter dieſen war der kürzlich erſt von der Univerſität zurückgekehrte und mit akademiſchen Würden gekrönte Joſeph Adams der hervorragendſte Gegenſtand des Geſprächs. Es ward förmlich darüber debattirt, ob der junge Herr ſchön genannt werden könne, und die Frage mit einer bedeutenden Majorität bejaht, ob⸗ ſchon einige Abweichungen und Ausnahmen ſtattfanden, indem Eine von der Geſellſchaft erklärte, ſein Backenbart befinde ſich in einem hohen Zu⸗ ſtande der Cultur, während eine Andere behauptete, derſelbe halte ſich in den ſtrengen Grenzen der Schönheit, wogegen eine Dritte den Punkt, ob er überhaupt einen Backenbart trüge, mit vieler Energie ſtreitig machte. Indeſſen ward von Allen zugegeben, daß er in der Stadt, wo er ſeine Studienjahre verlebt, ein großer Stutzer geweſen ſei. Auch ward die Frage aufgeworfen, ob er ſchon verlobt ſei, und da dies beſtimmt verneint ward, ſo amüſirten ſich die jungen Damen damit, daß ſie einander den Fang einer ſolchen Beute prophezeihten, wobei jede Prophezeihung mit Ausrufungen wie:„Was ſagſt Du?“„Schweige doch!“„Sei doch ſtill mit ſolchem Unſinn!“ und dergleichen aufgenommen ward. Endlich ſchlug die längſt Sſee Stunde und einer nach dem andern von den Herren der Schöpfung traten ein. Einer der letzten war der viel⸗ bewunderte Jüngling. 6 — Da iſt Joſeph Adams! Das iſt er!— ward von allen Seiten ge⸗ flüſtert, als ein langer junger Mann von gutem Ausſehen in das Zimmer trat, mit der unbefangenen Miene eines Mannes, der ſchon Einiges ge⸗ ſehen und ſich von dem vereinten Glanze ſämmtlicher Dorfſchönheiten nicht blenden ließ. In der That hatte unſer Freund Joſeph ſeinen Aufenthalt in N— ſo gut als möglich benutzt und den Grazien nicht weniger den Hof gemacht als den Muſen. Sein ſchönes Aeußere, ſein offenes männliches Weſen, ſein Talent für die Converſation und ſeine Fähigkeit, ſich in Alles zu finden, hatten ſeine Geſellſchaft unter der ſchönen Welt von N— ſehr geſucht ſ und obſchon der Ort klein war, ſo hatte er doch viel gute Geſell⸗ chaft kennen gelernt. 4 Wir wiſſen kaum, ob wir es wagen dürfen, unſern ſchönen Leſerinnen im Bezug auf unſern Helden die ganze Wahrheit zu ſagen. Wir wollen blos auf die freundlichſte Weiſe von der Welt andeuten, daß Mr. Joſeph Adams, da er unleugbar in den Claſſikern ſowohl als im Salon der Erſte war und weil ihm in erſterer Beziehung ſein ehrwürdiger Präſident ernſt⸗ Das Maiblümchen. gemeinte Lobſprüche und am letztern Orte die elegante Miß Soundſo el gante Schmeicheleien geſagt hatte, ſich der Meinung zuneigte, er ſei ei ungewöhnlich ſchöner junger Mann und ſogar die Dreiſtigkeit hatte; glauben, er könne unter gegenwärtigen Umſtänden gefallen, ohne deshal große Anſtrengungen zu machen— ein Gedanke, der, wie richtig er aut im Bezug auf die Lharſache ſein mag, doch offenbar für einen junge Mann durchaus unſchicklich iſt. Doch dem ſei wie ihm wolle, er ging von einem zum andern, ga ſämmtlichen alten Damen die Hand und hörte mit der größten Leutſelig keit die verſchiedenen Gloſſen über ſeinen Wuchs und ſeine perfönliche Et ſcheinung im Allgemeinen an, ſo wie über die an ihm zu bemerkende Aehnlichkeiten mit ſeinem Vater, ſeiner Mutter, ſeinem Großvate un ſeiner Großmutter, die durch den überlegenen Scharfblick ältlicher Dame ſtets herausgefunden werden⸗ Unter den jüngeren Damen erkannte er ſofort und mit völliger Un gezwungenheit alte Schulgenoſſinnen und Theilnehmerinnen an verſchiede nen Heidelbeer⸗, Kaſtanien⸗ und Erdbeer⸗Ercurſionen, wodurch ſofort di Unterhaltung in raſchen Fluß kam. Deſſen ungeachtet aber ſchweifte ſein Auge dann und wann durch das Zimmer, als ob er etwas ſuchte, was et vermißte. Was konnte es ſein? Sein Auge ſtrah hlte jedoch von einen Ausdruck plötzlicher Erheiterung, als er die lange hagere Geſtalt der Miß Silence erblickte. Ob der Grund davon in den perſönlichen Reizen dieſet Dame lag oder in andern Urſachen, darüber möge der Leſer ſelbſt entſcheiden. Miß Silence hatte ſich ſchon lange vorher vorgenommen, niemalt wieder ein Wort mit Onkel Jaw oder einem ſeiner Angehörigen zu ſprechen aber ſie ward förmlich überrumpelt, als er ihr die Hand entgegenſtreckte und freundlich und ungezwungen fragte: — Wie geht es Ihnen?— Es lag nicht in der weiblichen Natur, einer ſo herzlichen Anrede von einem ſchönen jungen Manne zu widerſtehen und Miß Silence reichte ihm die Hand und antwortete mit einer Freundlichkeit, worüber ſie ſelbſt er⸗ ſtaunte. In dieſem Augenblicke ſchaueten auch gewiſſe ſanfte blaue Augen aus einer Ecke hervor, blos— um zu ſehen, ob er noch ſo ausſähe, wie ſonſt.— Ja, das war er: das waren dieſelben ſchwarzen, ſchelmiſchen Augen, welche hinter den Ecken des Abebuchs in der Diſtriktſchule nach ihr zu lugen pflegten und Suſanne Jones weihete jenen Zeiten einen hal⸗ ben Seufzer und wunderte ſich dann, wie ſie darauf komme, an ſolchen Unſinn zu denken. — Wie befindet ſich denn Ihre Schweſter, die kleine Miß Suſanne? fragte Joſeph. — Nun die iſt auch hier— haben Sie ſie noch nicht geſehen?— ſagte Silence;— dort ſitzt ſie in der Ecke.— Joſeph ſah hin, erkannte ſie aber kaum wieder. Dort ſtand ein hoch⸗ gewachſenes, ſchlankes, blühendes Mädchen, welches als ein Muſterbild jener Verſchmelzung vollkommener Geſundheit mit hlonder Zartheit betrachtet werden konnte, die ein ſ arakteriſtiſches Kennzeichen der jugendlichen Schönheiten von Neuengland iſt. Sie war eben beſchäftigt, einer Gruppe junger Mädchen ein luſtiges Geſchichtchen zu erzählen und die glühende Röthe, welche gleich einem heitern Geiſte auf ihren Wangen fortwährend fam und ging; die Grüb⸗ chs; das klare milde chen, raſch und veränderlich wie die eines kleinen Ba Das Maiblümchen. 13 Auge; die üppigen Locken und vor allem das glückliche fröhliche Lächeln und die durchſichtige Offenheit und Einfachheit des Ausdrucks, welche wie e Sonnenglanz ſie umſtrahlte— alles dies bildete einen Verein von Reizen, der unſern Helden förmlich überraſchte und als Silence, die in allem ihren Thn Weſen immer gerade aus ging, rief:— Höre Sufanne, hier u iſt Joſeph Adams, der nich Dir fragt!— da fühlte unſer welterfahrener jue Herr, wie er bis an die Wurzeln feines Haars erröthete und einen Augenblick lang beſann er ſich kaum auf die erſte Anſtandsregel,— ſich zu verbeugen wie ein guter Junge.— Suſanne erröthete auch; als ſie 8 aber die Verwirrung unſers Helden bemerkte, nahm ihr Geſicht einen Ausdruck muthwilliger Schalkhaftigkeit an, der, durch das Gekicher ihrer e Freundinnen unterſtützt, ſeine Verwirrung nicht wenig vermehrte. n— Zum Teufel!— dachte er,— was geht denn mit mir vor?— e und damit durchbrach er, ſeinen Muth zuſammenraffend, den furchtbaren reis der Schönen und begann mit der einen und der anbern zu plaudern, n ſie mit oder ohne Vorſtellung beim Namen zu nennen und an Dinge zu — e erinnern, die niemals geſchehen waren— alles dies mit einer Unge⸗ i zwungenheit, die vollkommen bezaubernd war. in— Wirklich, wie hübſch er geworden iſt!— dachte Suſanne, und e ſie erröthete tief, als ein oder zwei Mal die ſchwarzen Augen unſeres m Helden dieſelbe Bemerkung im Bezug auf ſie ſelbſt in jener raſchen ver⸗ i ſändlichen Sprache machten, welche nur vie Augen ſprechen können. Und e als die kleine Geſellſchaft auseinander ging, was ganz pünktlich um neun Uhr geſchah, bat unſer Held Miß Silenec um die Ehre, ſie nach Hauſe begleiten zu dürfen, ein Beweis von gutem Geſchmack, der ihn in der Achtung dieſer Dame bedeutend höher hob. Allerdings ging Suſanne auf t der anderen Seite neben ihm ihre kleine weiße Hand ruhete kaum auf ſeinem Arm und in dieſer leichten Berührung lag etwas, was ihn auf unerklärliche Weiſe verwirrte, wie ſich aus den häufigen Fällen ſchlie⸗ n ßen ließ, in welchen Miß Silence ſich genöthigt ſah, das Geſpräch durch nein— Was ſagten Sie? Was wollten Sie ſagen?— und andere hart⸗ näckige Fragen fortzuführen, mit welchen ein regelmäßig geſchulter mate⸗ nrieller Schwätzer einen armen Nebenmenſchen, der in Gefahr ſteht, in eine e behagliche Träumerei zu verſinken, förmlich zu Tode zu hetzen vermag. Als ſie an dem Gartenthore ſchieden, lud Silence jedoch unſern Hel⸗ den freundlichſt ein,— ſie zu jeder beliebigen Zeit zu beſuchen,— was er ſich ſelbſt als weſentlicher betrachtete, als irgend etwas, was geſagt worden war.. Während Joſeph ſtill nach Hauſe wandelte, begannen ſeine Gedanken in Folge einer unerklärlichen Ideenverbindung ſich ſolchen Punkten zuzu⸗ wenden, wie zum Beiſpiel der Verlaſſenheit des Menſchen, welcher allein keht, der Anziehungskraft verwandter Seelen, den Tröſtungen des Mitge⸗ fühls und andern dergleichen Dingen. In dieſer Nacht träumte Joſeph, er trabe mit ſeinem Eßkorbe nach dem alten braunen Schulhauſe und bemühte ſich vergebens, Suſanne Jones einzuholen, die er mit ihrem kleinen pappenen Sonnenhute wenige Schritte vor ſich her laufen ſah; dann buchſtabirte er mit ihr an einer langen Jafel, während ihr freundliches kleines Geſicht auf und nieder blickte und iede Locke, die daſſelbe umgab, vor Freude zu zittern ſchien und dann warf er Tom Williams mit Schneebällen, weil derſelbe Suſanne's Puppen⸗ haus umgeworfen hatte, oder er ſaß neben ihr auf einer Bank und half —— 14 Das Maiblümchen. ihr ein langes Erempel ausrechnen; aber wie es bei dem verhängnißvollen Muthwillen der Träume immer geht, je länger er ſchrieb und rechnete deſto länger und hoffnungsloſer ward die Summe und er erwachte an Morgen ganz beſchämt über ſein Ungeſchick, während Suſanne noch mit verſelben Miene freundlicher Schalkhaftigkeit zuzuſehen ſchien, die er am Abend zuvor an ihr bemerkte. — Joſeph,— ſagte Onkel Jaw den nächſten Morgen beim Frühſtück — Squire Jones' Töchter waren wohl nicht mit beim Quilting?— — O ja,— ſagte unſer Held,— ſie waren beide da.— — Das kann nicht ſein!— — Ja wohl waren ſie da,— wiederholte der Sohn. — Na, ich hätte gedacht, die alte Dirne beſäße zu viel Temperament dazu; denn Du mußt wiſſen, daß der Diaconus mit dieſen Mädchen in Streit liegt.— — Das wäre!— ſagte Joſeph.— Ich glaubte, der Diaconus könne ſich gar nicht zanken.— — Ja, ſiehſt Du, die alte Silence zankt ſich mit ihm— wirklich dieſes Geſchöpf iſt ſehr zäh;— und Onkel Jaw lehnte ſich in ſeinen Stuhl zurück und betrachtete die ſtreitluſtigen Neigungen der Miß Silenct mit der Genugthuung eines verwandten Geiſtes.— Aber ich will ſie ſchon noch kriegen,— fuhr er fort;— ich weiß ſchon, wie ich es andrehe.— — Wirklich, Vater, ich habe nicht gewußt, daß Du auch etwas mit ihren Angelegenheiten zu thun hätteſt.— — Nicht? Das wollte ich meinen!— antwortete Onkel Jaw trium⸗ phirend.— Siehſt Du, Joſeph, mein Wunſch iſt, daß Du Advocat wer⸗ deſt; ich bin ſelbſt ein Stück Advokat, e kein ſtudirter, und ich will Dir ſagen, wie die Sache ſteht,— und Onkel Jaw begann nun den Fall wegen des Wieſenlandes und der Mühle vorzutragen und ſchloß mit den Worten:— Na Joſeph, das iſt gleich ſo eine Art Wetzſtein für Dich, an dem Du Deinen Witz ſchärfen kannſt.— Demgemäß ging unſer Held gleich nach dem Frühftück als gehorſamer Sohn direkt nach dem Grundſtück des Saquire Jones, ohne Zweifel um das Wieſenland, die Mühle und die ſteinerne Mauer in Augenſchein zu nehmen; in Folge eines unerklärlichen Jrrthums jedoch kam er vom rich⸗ tigen Wege ab und ſtand plötzlich vor der Hausthür der beiden Schweſtern. Der alte Squire hatte zur Ariſtokratie des Dorfes gehört und ſein Haus war in Bezug auf Verzierung und Bauſtyl ſtets ein wahres Vor⸗ bild geweſen. Das große Hauptzimmer war, anſtatt wöchentlich zwei Mal mit Sand beſtreut zu werden, ſehr ſchön mit einem roth, gelb und ſchwarz geſtreiften Teppich belegt, während ein paar langbeinige meſſingene Feuer⸗ böcke, die durch das Scheuern ſilberweiß geworden waren, dem Kamin einen Anſtrich von Pracht gaben, der noch weſentlich durch die lange mit meſſin⸗ genen Knöpfen verſehene Schaufel und Zange vermehrt ward, welche, wie ein ſolides aufgeputztes Ehepaar, zu beiden Seiten kerzengerad an ihren Plätzen ſtanden. Pie Heiligkeit dieſes Ortes ward ferner noch dadurch bewahrt, daß die Fenſterläden immer geſchloſſen blieben und nur ſo viel konnte und nur bei außerordentlichen, ganz ungewöhnliche Pracht erhei⸗ Licht einließen, als durch ein rundes Loch oben am Laden ee ſchenden Gelegenheiten ward dieſes Zimmer profanen Augen erſchloſſen. Unſer Held war daher überraſcht, ſowohl die Thüren als die Fenſter dieſes Zimmes offen zu finden und verſchiedene Symptome wahrzunehmen, v Das Maiblümchen. 15 welche verriethen, daß es in täglichem Gebrauche ſei. Die Geräthe be⸗ ſaßen noch ihre maſſive, ſchwerfällige Steifheit, aber aus verſchiedenen Anzeichen ging hervor, daß ſeit den bemerkenswerthen Tagen der guten utter Jones leichtere Finger hier thätig geweſen waren. Auf dem Tiſche ſtänd eine Blumenvaſe, zwei oder drei Gedichtſammlungen und ein kleines ſeenhaftes Arbeitskörbchen, aus welchem die Ränder eines geſtickten Man⸗ ſchettenpaares hervorlugten. Auch ſtand hier ein kleines Schreibepult und endlich— obſchon unter dem Eigenthum einer Dame keineswegs der ge⸗ ringfügigſte Gegenſtand— ein Stammbuch mit Blättern von allen Farben des Regenbogens, und Inſchriften von verſchiedenen feſten männlichen Händen„An Suſanne“, woraus ſich ergab, daß andere Leute eben ſo gut Augen im Kopfe hatten, als Mr. Joſeph Adams. — Aha,— ſagte er bei ſich ſelbſt,— dieſe ſtille kleine Schönheit hat alſo auch ſchon Anbeter gehabt;— und als natürliche Folge ergab ſich die zweite Frage(die ihn allerdings gar nichts anging), ob das Herz der kleinen Dame noch frei wäre oder nicht. Aus diefen Betrachtungen ward er durch einen leiſen Tritt aufgeſchreckt und gleich darauf erſchien die nette Geſtalt Suſannen's. — Guten Morgen, Miß Jones,— ſagte er und verbeugte ſich. Nun liegt etwas ſehr Komiſches in dem Gefühl, wenn kleine Knaben und Mädchen, die einander immer als kurzweg Suſanne oder Joſeph ge⸗ kannt haben, ſich zum erſten Male als„Mr.“ oder„Miß“ Soundſo be⸗ egnen. Ein jedes fühlt halb Luſt halb Furcht, zu der alten vertraulichen orm zurückzukehren und die Erinnerung, daß ſie nicht mehr Kinder find, macht ſie unbeholfen und befangen. Beide hatten dies ſchon am Abend zuvor empfunden, als ſie ſich in der Geſellſchaft trafen; aber jetzt, wo ſie allein waren, ward dieſes Ge⸗ fühl noch ſtärker, und als Suſanne Mr. Adams erſucht hatte, Platz zu nehmen und Mr. Adams ſich nach Miß Suſannen's Geſundheit erkundigt, trat eine Pauſe ein, welche je länger ſie dauerte, um ſo ſchwieriger zu unterbrechen ſchien und während welcher Suſannen's hübſches Geſicht lang⸗ ſam den Ausdruck einer ſehr heitern Stimmung annahm, bis ſie dem Lachen ſo nahe war, als der Anſtand erlaubte, und nachdem Mr. Adams zum Fenſter hinaus und den Kaminſims hinauf und auf den Teppich her⸗ abgeſehen, ſah er endlich Suſannen an; ihre Augen begegneten ſich: die Wirkung war elektriſch; beide lächelten, lachten dann gerade aus und die ganze Schwierigkeit der Unterhaltung war mit einem Male gehoben. — Suſanne,— ſagte Joſeph,— erinnerſt Du Dich noch unſers alten Schulhauſes?— — Ich dachte mir gleich, daß Du Dich deſſen erinnerteſt,— ſagte Suſanne;— aber wirklich, Du biſt ſo groß geworden und haſt Dich ſo ſehr verändert, daß ich geſtern Abend meinen Augen kaum trauen konnte.— — Und ich nicht den meinigen,— ſagte Joſeph mit einem Blicke, der dieſer Bemerkung einen ſehr ſchmeichelhaften Anſtrich gab. Unſere Leſer können ſich denken, daß von nun an die Unterhaltung immer vertraulicher und intereſſanter ward. Nachdem man die Erinnerung an die Jahre der Kindheit durchgemacht, begann jedes dem andern etwas aus ſeiner ſpäteren Lebensgeſchichte mitzutheilen, wobei ſie eine Menge neuer und bewundernswürdiger Züge in einander entdeckten, wie das bei ſolchen Gelegenheiten in der Regel zu geſchehen pflegt. Im Laufe der nnterhaltung entdeckte Joſeph, daß Suſanne zweier oder dreier Bücher, 16 Das Maiblümchen. die ſich in ſeinem Beſitz befanden, dringend bedürfe und da Schnelligkeit in pihen Fällen eine Hauptſache iſt, ſo verſprach er, ſie— morgen— zu bringen. 3 Eihe Zeit lang ſetzten unſere jungen Freunde ihre Bekanntſchaft fort, ohne ſich deutlich eines Anderen bewußt zu werden, als daß es ſehr an⸗ genehm ſei, ſo beiſammen zu ſein. Während der langen ſtillen Nachmit⸗ tage ſchweiften ſie durch den Wald, deſſen Laub jetzt gelb und von dem Glanze des ſterbenden Jahres übergoſſen ward. Sie unterhielten ſich, ſagten Gedichte her, und kam der Abend fand Joſeph einen Vorwand, um einen Beſuch abzuſtatten. Bald brachte er ein Buch für Miß Su⸗ ſanne, oder eine Sammlung Wurzeln und Kräuter für Miß Silence, oder eine Quantität ausgezeichnet ſchönes Strickgarn— Aufmerkſamkeiten, welche ihm die Gewogenheit der letzteren Dame ſicherten und ihm das Lob „eines jungen Mannes, der ſich zu benehmen wiſſe“ erwarben. Da Suſanne ein hervorragendes Mitglied des Kirchengeſangvereins war, ſo ward unſer Held ſofort von einer heftigen Leidenſchaft für die Kirchen⸗ muſik ergriffen, die ihn pünktlich nach der Singſchule führte, wo die jun⸗ gen Leute zuſammenkamen, um Hymnen und Fugen zu erlernen und Aepfel und Kaſtanien zu eſſen. Man darf nicht annehmen, daß alle dieſe Dinge von jenen wachſamen Augen, welche die Bewegungen ſolcher„hellen beſonderen Sterne“ zu verfolgen pflegen, unbemerkt geblieben ſeien, und wie es in ſolchen Fällen gewöhnlich geſchieht, ſo waren viele Dinge ganz genau bekannt, von denen die betreffenden Perſonen ſelbſt noch nichts wußten. Die jungen Stutzer und Stutzerinnen flüſterten und kicherten und machten die herkömmlichen Späße und Witze, während die alten Damen die Sache ernſter in die Hand nahmen, wenn ſie mit ihrem Strickſtrumpfe auf Nachmittagsviſiten gingen und dann reiflich erwogen, wie viel Geld Onkel Jaw hätte, wie viel ſein Sohn bekommen würde und was auf Suſannen's Theil käme und wie viel da im Ganzen genommen herauskommen würde und ob zu erwarten ſtünde, daß Joſeph ein thätiger Mann und Suſanne eine gute Wirthin ſein werde, mit allen übrigen— Wenns und Abers— des Eheſtandes. Die furchtbarſte Neugier und Verwunderung aber betraf den Punkt, — was Onkel Jaw zu der Sache ſagen würde.— Da man natürlich um ſeinen bevorſtehenden Prozeß mit den Schweſtern wußte, ſo ſtellte man verſchiedene Vermuthungen darüber auf, was zwei ſo rüſtige Kämpfer wie er und Miß Silence zu der Ausſicht auf eine ſolche Heirath ſagen würden. Auch ward erzählt, daß Diaconus Enos Dudley Anſprüche auf das Grund⸗ ſtück habe, welches den ſchönſten Theil von Suſannen's Erbe ausmachte und deſſen Verluſt die Einwilligung des Onkel Jaw noch zweifelhafter machen würde. Während dieſer ganzen Zeit aber ahnete Miß Silence nichts von der Sache, denn ihre Gewohnheit, Suſannen als ein Kind zu betrachten und zu behandeln, ſchien mit der Zeit ſich immer mehr zu befeſtigen. Suſanne mußte immer beaufſichtigt, belehrt und unterrichtet werden und Miß Si⸗ lence ließ es ſich nicht im Traume einfallen, daß ein Mädchen, welches ohne ihre Anweiſung kein Fäßchen Gurken einmachen könne, mit dem Ge⸗ danken umgehe, eine eigene Wirthſchaft zu begründen. Sie nahm zwar eine außerordentliche Veränderung an ihrer Schweſter wahr, aber ſie meinte, Suſanne ſchiene ſeit einiger Zeit mitunter ein wenig übergeſchnappt zu ſein. Sie habe zu nichts mehr Geſchick; zwei Das Maiblümchen. 17 Mal habe ſie Ingberkuchen gemacht und ein Mal den Ingber vergeſſen und das andere Mal Senf genommen; ſie ſchütte das Salzfaß auf das Tiſchtuch und habe die Katze wenigſtens ein halb Dutzend Mal in die Speiſekamer gelaſſen; wenn ſie ſie dann wegen dieſer Begehungs- oder Unter⸗ laſſungsſünden ausſchelte, ſo fange ſie an zu weinen und mache es dann noch ſchlimmer. Silence war der Meinung, Suſanne werde ſchwächlich und nerven⸗ krank, und kochte auch wirklich einen unbarmherzigen Topf Wermuth und Tauſendgüldenkraut, welcher, wie ſie ſagte, das Zittern und die Schwäche, die ſich ihrer bemächtigte, kuriren ſollte. Vergebens betheuerte die arme Suſanne, daß ſie ganz geſund ſei— Miß Silence wußte es beſſer und eines Abends unterhielt ſie Mr. Joſeph Adams mit einer langen Dar⸗ legung des Falles nach allen ſeinen Richtungen hin und fragte ihn ſchließ⸗ lich als aufrichtigen Zuhörer um ſeine Meinung, ob das Wermuth- und Tauſendgüldenkraut-Urtel nicht in Vollziehung zu ſetzen ſei. Die arme Suſanne war den letzten Nachmittag in der Geſellſchaft einiger junger Freundinnen geweſen, welche ſie über die Aufmerkſamkeiten, die ihr erwieſen unbarmherzig geneckt hatten, bis ſie endlich zu glauben begann, alle Blätter und Steine wären eben ſo viele Augen, die ihre geheimſten Gefühle erſpäheten, um dann die ganze Sache im Zuſammenhange der Perſon vorzutragen, welche ſie am meiſten fürchtete. — Ganz gewiß müſſe er denken, ſie handle wie eine Närrin; vielleicht beabſichtige er doch nichts weiter als Freundſchaft und ſie möchte um alles in der Welt nicht, daß er glaube, ſie intereſſire ſich auch nur um ein Haar mehr für ihn, als für jeden andern Freund, oder ſei am Ende gar verliebt in ihn.— So ſaß ſie und ſtrickte emſig und wußte kaum, was ſie that, bis Silence ihr zurief: — Aber Suſanne, was ſoll denn aus der Ferſe werden, die Du da ſtrickſt! Wo um aller Welt willen haſt Du nur die Gedanken!— Suſanne ließ ihren Strickſtrumpf fallen, gab eine verdrießliche Ant⸗ wort und eilte aus dem Zimmer. — Na, das muß ich ſagen!— rief Silence, indem ſie ihre Näherei hinlegte;— was fehlt ihr nur Mr. Adams?— — Miß Suſanne iſt gewiß unwohl;— entgegnete unſer Held in Sien Tone;— ich muß ſie überreden, daß ſie Ihrem Rathe folgt, Miß ilence.— Unſer Held folgte Suſannen, die jetzt den Mond betrachtend an der Hausthür ſtand und bat ſie, ihm zu ſagen, was ihr fehle. Natürlich war es— nichts,— die gewöhnliche Krankheit junger Da⸗ men, wenn ſie nicht bei Laune ſind; und um zu zeigen, daß ſie vollkom⸗ men wohl ſei, begann ſie einen ſchonungsloſen Angriff auf einen in der Nähe ſtehenden weißen Roſenſtrauch. — Suſanne!— ſagte Joſeph, indem er ſeine Hand auf die ihrige legte und in einem Tone, bei welchem ſie zuſammenfuhr. Sie ſchüttelte ihre Locken zurück und blickte mit einem ſo unſchuldigen zutraulichen Ge⸗ ſicht zu ihm auf— ch, lieber Leſer, dieſen Theil der Geſchichte kannſt Du Dir ſelbſt erzählen! Es iſt gegen unſere Grundſätze, die— heiligen Geheimniſſe— die Gedanken, welche athmen und die Worte, welche brennen,— in ſolchen kleinen Mondſchein-Unterredungen wie dieſe, zu entſchleiern. Du kannſt ir alles denken, was folgte und wir können Denen, die noch zweifeln Maiblümchen. 2 18 Das Maiblümchen. ſollten, blos verſichern, daß bei angemeſſener Behandlung Krankheitsfälle dieſer Art ohne Wermuth oder Tauſendgüldenkraut beſeitigt werden. Unſer Held und unſere Heldin wurden zu der irdiſchen Wirklichkeit durch die Stimme der Miß Silence geweckt, welche in die Hausflur kam, um zu ſehen, was die beiden jungen Leute machten. Die Vorſtellungen eines ſo freundlichen und gelehrten jungen Mannes wie Joſeph überzeug⸗ ten ſie, daß in dem ZJuſtande Suſannen's für den Augenblick keine ſchlim⸗ men Folgen zu fürchten ſeien. Sie entfernte ſich wieder. Seit dieſem Abende war Suſannen's Herz viel leichter, als ſonſt. — Ich will Dir etwas ſagen, Joſeph,— ſagte Onkel Jaw,— man erzählt ſich im Dorfe, Du machteſt der Suſanne Jones den Hof— ich möchte wohl wiſſen, ob das wahr iſt.— Es lag eine ſolche Schärfe und Kürze in dieſer Frage, daß unſer Held vor Verwirrung nur ſo antworten konnte: 6. Nun, Vater, wenn es ſo wäre, würdeſt Du wohl etwas dawider haben?— — Ach ſchwatze doch nicht,— ſagte Onkel Jaw;— ich will wiſſen, ob es wahr iſt?— Unſer Held ſteckte die Hände in die Taſchen, trat an's Fenſter und pfiff. — Denn wenn Du ihr das Heirathen verſprochen haſt,— ſagte Onkel Jaw,— ſo wirſt Du wohl thun, Dein Verſprechen ſo ſchnell als möglich zurückzunehmen. Squire Jones Tochter bekommt keinen Heller von meinem Gelde, ſo viel kann ich Dir ſagen.— — Aber Vater, Suſanne Jones kann doch nicht für das, was ihr Vater gethan hat und ich weiß gewiß, daß ſie ein ganz hübſches Mädchen iſt.— — Meinetwegen mag ſie hübſch ſein; was geht das mich an? Ich habe Dich ſtudiren laſſen, Joſeph, und es iſt mir ſchwer und ſauer ge⸗ worden. Jetzt biſt Du wieder da, und nun haſt Du nichts Eiligeres zu thun, als um die Tochter dieſes Squire Jones zu freien, der immer mehr ſein wollte als ich. Ueberdies bin ich geſonnen, wegen dieſes Grundſtücks Klage anzuſtellen. Auch Diaconus Dudley wird klagen, und dann wird das Mädchen das beſte Grundſtück einbüßen, das ſie hat. Wenn Du ein⸗ mal heiratheſt, ſo bin ich der Meinung, daß Du Dir auch etwas erhei— rathen ſollſt. Ich weiß ſchon, die Dirnen wollen mir damit einen Streich ſpielen, aber bei mir kommen ſie an den Unrechten. Ich werde auf der Stelle hingehen und mit der alten Silence ordentlich anbinden, damit ſie weiß, daß ſie mich auf dieſe Weiſe nicht überliſtet.— — Silence,— ſagte Suſanne, indem ſie den Kopf vom Fenſter zu⸗ rückzog und es beſorgt ſchloß,— da kommt Mr. Adams.— — Was, Joſeph Adams? Nun, und wenn er es auch iſt?— — Nein, nein, Schweſter; es iſt ſein Vater, es iſt Onkel Jaw.— — Nun, wenn es auch dieſer wäre, Kind— was brauchſt Du denn da ſo ängſtlich auszuſehen? Denkſt Du denn, ich fürchte mich vor ihm? Wenn er das letzte Mal noch nicht genug gehabt hat, ſo kann er heute mehr bekommen.— Mit dieſen Worten nahm Miß Silenes ihre Strickerei, ging hinunter in das Empfangszimmer und ſetzte ſich kerzengerad in eine herausfordernde Stellung, während die arme Suſanne, die ihr Herz unerklärlich ſchnell ſchlagen fühlte, aus dem Zimmer ſchlüpfte. — Guten Morgen, Miß Silence,— ſagte Onkel Jaw, nachdem er 5 2. * Das Maiblümchen. 19 ſeine Füße auf dem Streicheiſen abgeſtrichen und dann faſt zehn Minuten lang in ſtummer Ueberlegung auf der Decke abgerieben. — Morgen, Sir,— ſagte, Silence, den„guten“ weglaſſend. Onkel Jaw rückte ſich einen Stuhl dicht vor die Front des Feindes, ließ ſeinen Hut auf die Diele fallen und betrachtete Miß Silence mit trotzig ſelbſtvergnüglicher Miene, wie ein Mann, der ſich zu einem regel⸗ mäßigen gemüthlichen Zanke niederſetzt und geſonnen iſt, denſelben nach Kräften auszubeuten. Miß Silence warf verächtlich den Kopf empor, verſchmähete es aber, die Feindſeligkeiten zu beginnen. — Alſo, Miß Silence,— ſagte Onkel Jaw bedächtig,— Sie ſind nicht geſonnen, etwas in der Sache zu thun?— — In was für einer Sache?— ſagte Silence in einem Tone, der dem einer gebratenen Kaſtanie glich, wenn ſie am Feuer platzt. — Ich glaubte wirklich, Miß Silence, als ich das letzte Mal mit Ihnen davon ſprach, daß Sauire Jones einen Betrug wegen— — Mr. Adams,— ſagte Silence,— ich ſage Ihnen gleich von vorn herein, daß ich mir ſolche Schimpfreden von Ihnen nicht gefallen laſſen werde. Sie haben für keinen Pfennig Anſtandsgefühl, für keinen Pfennig Verſtand, für keinen Pfennig ſonſt was, daß Sie von meinem Vater ſo mit mir ſprechen können. Ich leide das nicht, das ſage ich Ihnen.— — Na, Miß Jones,— ſagte Onkel Jaw,— wie Sie doch reden! Allerdings, Squire Jones iſt todt, und wir wollen es meinetwegen nicht Betrügen nennen, wie ich zum Diaconus Enos ſagte, als er von dem Grundſtück mit mir ſprach— dem Grundſtück wiſſen Sie, welches er an den Diaconus verkaufte und ihm niemals die Urkunde darüber zuſtellte.— — Das iſt eine Lüge,— rief Miß Silence aufſpringend;— das iſt eine ſchwarze Lüge von Anfang bis zu Ende! Das ſage ich Ihnen, ehe Sie weiter ein Wort ſprechen.— — Wirklich, Miß Silence, Sie ſcheinen empfindlich zu werden,— ſagte Onkel Jaw;— na, freilich, wenn der Diaconus es ſich gefallen läßt, ſo können ſich's andere Leute erſt recht gefallen laſſen und es kann ſein, der Diaconus läßt ſich's gefallen, weil Squire Jones auch mit zum Kirchenvorſtand gehörte und auf ſolche Herren läßt der Diaconus einmal nicht gern etwas kommen; aber, Miß Silence, ich hätte wirklich nicht ge⸗ daß Sie und Suſanne die Sache auf ſo ſchlaue Weiſe einfädeln würden.— — Ich weiß nicht, was Sie meinen und brauche es auch nicht zu wiſſen,— ſagte Silence, indem ſie ihre Arbeit wieder aufnahm und ſich in die kerzengerade, würdevolle Haltung verſetzte, mit der ſie begonnen. Es trat eine Pauſe von mehrern Secunden ein, während welcher Silence's Züge vor unterdrückter Wuth zuckten. Onkel Jaw bemerkte es mit ſichtlichem Vergnügen. „— Na, ſehen Sie, ich würde weiter nichts dagegen gehabt haben, daß Ihre Suſanne meinem Joſeph nachläuft, wenn es nut nicht in dieſer Ab⸗ ſicht geſchehen wäre.— — Ihrem Sohne nachläuft! Mr. Adams, ich möchte wiſſen, was Sie damit ſagen wollen. Ich bin überzeugt, Ihrem Sohn trachtet Nie⸗ mand nach, obſchon derſelbe ein ganz artiger und leidlicher junger Menſch iſt; ſo lange er aber ſo einen alten Drachen zum Vater hat, ſtehe ich 2* 6 20 Das Maiblümchen. dafür, daß ihm Niemand nachläuft und es wird ihm auch ſelbſt nicht ein fallen, Jemandem nachzulaufen.— — Wirklich, Miß Silence, Sie ſind eben nicht ſehr höflich.— — Hoflich! Ich möchte wiſſen, wer da höflich ſein könnte! Si wiſſen eben ſo gut als ich, daß Sie das Alles nur aus reiner Niederträch⸗ tigkeit ſagen, und daß Sie in der Nachbarſchaft umhergehen, um—— — Miß Silence,— ſagte Onkel Jaw,— ich will mich weiter nicht mit Ihnen überwerfen. Es iſt ſo ziemlich in der ganzen Umgegend be⸗ kannt, daß Ihre Suſanne glaubt, ſie werde meinen Joſeph kriegen um Sie meinten wahrſcheinlich, es wäre das die beſte Art und Weiſe, die Sache in's Gleiche zu bringen; aber ſehen Sie, ich ſagte meinem Sohn ich wüßte nicht, wie ich es möglich machen ſollte; ich ſagte ihm, daß junge Leute zu ihrem Anfang etwas Bedeutendes haben müßten und daß, wenn Suſanne dieſes Grundſtück verlöre, wie wahrſcheinlich geſchehen wird, ihr Erbe dadurch zu ſtark beſchnitten würde. Ich wünſchte daher, ſehen Sie, daß Sie ſich in dieſer Hinſicht weiter keine Hoffnungen machten.— — Na, das iſt nicht übel!— rief Silence, die ſich vor Wuth und Grimm kaum noch zu halten vermochte;— Sie alter Satan! Glauben Sit denn, ich weiß nicht, wo Sie hinaus wollen? Ich und Suſanne liefen Ihrem Sohne nach? Ich wundre mich, daß Sie ſich nitt vor ſich ſelbſ ſchämen! Ich möchte wiſſen, was ich und meine Schweſter gethan hätten, daß Sie ſich ſo etwas einbilden?— — Na, daß Sie ihn ſelbſt haben wollen, das habe ich nicht ge⸗ meint,— ſagte Onkel Jaw,— denn Sie für Ihre Perſon werden wohl die Heirathsgedanken ſo ziemlich aufgegeben haben, nicht wahr? Aber Suſanne will ihn, das weiß ich ganz beſtimmt.— — Du, Suſanne! Komm gleich herunter!— rief Miß Silenet wüthend, indem ſie die Thür des Zimmers aufſtieß.— Mr. Adams wünſcht mit Dir zu ſprechen.— Suſanne kam aufgeregt und mit klopfendem Herzen langſam die Treppe herunter und trat in das Zimmer; dann blieb ſie ſtehen und blickt zögernd erſt auf Onkel Jaw und dann auf ihre Schweſter, welche ohne alle Umſtände den Gegenſtand der Unterredung mit folgenden Worten auseinanderſetzte: 4 — Suſanne, dieſer Mann hier erdreiſtet ſich zu behaupten, Du wäreſt ſeinem Sohne nachgelaufen. Du wirſt ihm, wie ich wünſche, ſagen, daß Du noch mit keiner Idee an ihn gedacht haſt und daß Du ihn auch über⸗ haupt gar nicht magſt.— Dieſe geſchickte Weiſe, den Gegenſtand zu berühren, äußerte die Wir⸗ kung, daß Suſannen's Geſicht von glühender Röthe übergoſſen ward und, ſie wie eine überführte Verbrecherin, mit zur Erde geſenkten Blicken daſtand. Onkel Jaw ward, ſo roh er auch war, doch ſtets durch weiblicht Liebenswürdigkeit gerührt. Man ſagt, die Muſik übe eine geheimnißvollt Macht auf wilde Thiere aus, und ſo gezähmt betrachtete er das ſchöne verlegene Geſicht mit größerer Sanftheit als Miß Silence, die ärgerlich, daß Suſanne nicht ſofort auf die Frage antwortete, ſie beim Arme faßtt und aufbrauſend rief: 3 — Na Suſanne, warum redeſt Du nicht?— Suſanne faßte verzweifelnd Muth, machte ſich von Silence's Hamd d Das Maiblümchen. 21 los und richtete ſich empor, wie ein Blümchen das Haupt emporhebt, wenn es von Regentropfen niedergebeugt ward. — Silence,— ſagte ſie,— ich wäre nicht heruntergekommen, wenn ich gewußt hätte, daß ich ſo etwas hören müßte. Mr. Adams, Ihnen habe ich weiter nichts zu ſagen, als daß Ihr Sohn ſich um mich bewor⸗ ben hat und ich mich nicht um ihn. Wenn Sie weiter etwas zu wün⸗ ſchen wiſſen, ſo kann er es Ihnen beſſer ſagen als ich.— — Wahrlich, ich muß geſtehen, ſie iſt ein hübſches Mädchen!— ſagte Onkel Jaw, als Suſanne die Thür hinter ſich ſchloß. Dieſer Ausruf war ein unwillkürlicher; Onkel Jaw beſann ſich ſchnell, hob ſeinen Hut auf und ſagte: — Ich glaube, es wird am Beſten ſein, ich gehe wieder nach Hauſe.— Er machte ſich auch ſofort auf den Weg; ehe er aber die Thür ſchloß, drehte er ſich noch einmal herum und ſagte: — Miß Silence, wenn Sie ſich entſchließen ſollten, wegen jenes Zaunes noch etwas zu thun, ſo laſſen Sie es mir nur ſagen.— Silence ging, ohne ihren Gegner einer Antwort zu würdigen, hinauf in Suſannenſs kleines Zimmer, wo unſere Heldin ihrem ſtürmiſch bewegten Herzen durch einen reichlichen Thränenſtrom Luft machte. — Suſanne, ich hätte nicht geglaubt, daß Du ſo albern wäreſt,— ſagte Silence.— Ich verlange durchaus zu wiſſen, vb Du wirklich daran gedacht haſt, zu heirathen und zwar gerade dieſen Joſeph Adams.— Die arme Suſanne! ein ſolches Zwiſchenſpiel in allen ihren kleinen niedlichen, romantiſchen Träumen von verwandten Gefühlen und hundert anderen wonnigen Ideen, welche wie Singvögel durch das Zauberland der erſten Liebe flattern. Und nun ein ſo grauſamer Eingriff! Rauhe Menſchenſtimmen fordern auf, alle die lieben Geheimniſſe zu offenbaren, die ſie kaum gewagt, ſich ſelbſt zuzuflüſtern. Es war ihr, als ob die Liebe ſelbſt durch die groben rauhen Hände, die ſie berührt, befleckt worden wäre; ſie gab daher ihrer Schweſter keine Antwort, ſondern weinte und ſchluchzte noch heftiger als zuvor.* Miß Silence beſaß ein muthiges, aber auch weiches Herz. Als ſie ſah, daß Suſanne die Sache ſich ſo ſehr zu Herzen nahm, wurde ſie nach und nach milder. — Suſanne, Du armes Närrchen,— ſagte ſie, indem ſie ihr zugleich einen derben Schlag verſetzte, um ihre innige Theilnahme zu erkennen zu geben,— Du dauerſt mich! Ich glaube dieſer Taugenichts hat Dich hin⸗ ter's Licht geführt.— — Ach, ich bitte Dich um's Himmels willen, ſprich nicht mehr davon,— ſagte Suſanne;— ich mag von der ganzen Sache nichts weiter hören!— „— So iſt's recht, Suſanne! Ich freue mich, Dich ſo reden zu hören! Ich werde für Dich in die Schranken treten, Suſanne; und wenn ſich dieſer Joſeph Adams mit ſeinem gleißneriſchen Geſichte hier wieder ſehen läßt, ſo will ich ihm tüchtig meine Meinung ſagen!— — Nein, nein! Um's Himmelswillen ſage Mr. Adams kein Wort— ſage ihm keine Silbe!—. — Na Kind, ſo laß den Menſchen laufen. Auf alle Fälle aber werde ich Joſeph Adams wiſſen laſſen, daß wir nichts mehr mit ihm zu thun haben wollen.— — Aber ich möchte nicht, daß Du ihm das ſagſt— das heißt— ich weiß nicht— ach, Schweſter Silence, ſprich nicht weiter darüber!— 22 Das Maiblümchen. — Warum nicht? Du biſt doch nicht etwa ſo albern, ihn trotzden noch heirathen zu wollen, wie?—. — Ich weiß weder, was ich will, noch was ich nicht will; nur, Silence, wenn Du mich liebſt, verſprich mir, Mr. Adams durchaus nichtz zu ſagen— ſage ihm nichts.— — Nun gut, ſo will ich ihm nichts ſagen,— antwortete Silence; — aber Suſanne, wenn Du wirklich während dieſer ganzen Zeit einen Liebeshandel hatteſt warum haſt Du mir nichts davon geſagt? Weißt Du nicht, daß ich Mutterſtelle bei Dir vertrete und daß Du mir es gleich hätteſt ſagen ſollen?— — Ich weiß es nicht, Silence! Ich konnte nicht— ich mag nicht davon ſprechen.— — Suſanne, Du haſt auch keine Spur von Aehnlichkeit mit mir,— ſagte Silente— eine Bemerkung, die allerdings viel Scharfſinn verrieth und mit welcher die Unterredung endete. Am Abend deſſelben Tages ging unſer Freund Joſeph nach der Woh⸗ nung der Schweſtern, nicht ohne einige Beſorgniß um den Erfolg ſeines Beſuchs, denn er hatte aus des Vaters zufriedener Miene geſchloſſen, daß der Krieg offen erflärt ſei. Er ging in das Familienzimmer und fand hiet Niemanden als Miß Silence, die grimmig, wie eine egyptiſche Sphynr da ſaß, und emſig an einem Mehlſack nähete. Sie fand es für gut, dieſer intereſſanten Beſchäftigung ſo viel Aufmerkſamkeit zu widmen, daß ſie den Eintritt unſeres Helden nicht bemerkte. Auf Joſeph's gewohnten Gruß — Guten Abend, Miß Silence,— antwortete ſie nur dadurch, daß ſie mit kaltem Kopfnicken aufblickte und dann in der Arbeit fortfuhr. Es ſchien, als ob ſie ſich vorgenommen hätte, ihr Verſprechen, Mr. Adams nichts zu ſagen, buchſtäblich zu erfüllen. Unſer Held war, wie wir ſchon früher erwähnt, mit den Kunſtgriffen und Wendungen der Frauen vertraut. Er faßte daher den Entſchluß, der Sache keck in's Antlitz zu ſchauen und Miß Silence in ihrem Verſuche, ihn merken zu laſſen, daß er nicht willkommen ſei, durchaus nicht zu unterſtützen. Der Herbſtabend war kühl, und das Feuer auf dem Heerde faſt nie⸗ dergebrannt. Mr. Joſeph ergriff Zange, Schaufel und Blaſebalg, riß das Feuer auseinander, ſchob Aſche und glimmende Kohlen heraus und warf einige tüchtige Holzſtücke auf den Heerd, daß bald die Flamme praſſelnd in den Kamin hinauf loderte. — So, nun ſieht es doch behaglich aus,— ſagte unſer Held, zog den großen Schaukelſtuhl herbei, ſetzte ſich hinein und rieb ſich mit großer Selbſtgefälligkeit die Hände. Miß Silence blickte nicht auf, ſondern nähete ſo ſchnell, daß man das Geräuſch der Nadel und das Pfeifen des Fadens im ganzen Zimmer hörte.— — Haben Sie Kopfſchmerzen heute Abend, Miß Silence?— — Nein,— war die mürriſche Antwort. — Sie müſſen wohl dieſe Säcke ſchnell fertig machen?— fragte er und blickte auf den hohen Stoß zugeſchnittener Stoffe, der neben ihr lag. Keine Antwort. — Zum Teufel auch!— dachte unſer Held,— ich will ſie ſchon zum Neden bringen.— Miß Silence's Nadelbuch und brauner Zwirn lagen auf einem Stuhl neben ihr. Unſer Freund nahm eine Nadel und Zwirn, ergriff einen der Das Maiblümchen. 23 Säcke, pflanzte ſich Miß Silence gerade egenüber, ſteckte die Leinwand an dem Knie feſt und begann mit demſelben Eifer zu nähen, als das Mädchen. Miß Silence blickte auf, rückte auf dem Stuhle hin und her, und fuhr dann in ihrer Arbeit fort, ſchneller als zuvor; je ſchneller ſie jedoch nähete, deſto ſchneller nähete auch unſer Freund, und ſtets in tiefem Schweigen. Es dauerte nicht lange, ſo wurden Miß Silence's Geſichtsmuskeln von ſonderbaren Zuckungen heimgeſucht; Joſeph nahm davon keine Notiz, denn er hatte ſein Geſicht mit dem Ausdrucke beiſpielloſer Ernſthaftigkeit ge⸗ panzert, die um ſo größer ward, je deutlicher er gewiſſe unruhige Bewe⸗ gungen bemerkte, die das Schwanken ſeiner Gegnerin verriethen. Als ſie ſo einander gegenüber ſaßen und ihre Nadeln einander an⸗ ziſchten, wie ein Paar in einer freundſchaftlichen Unterhaltung begriffene Lokomotiven, öffnete Suſanne die Thür. Das arme Kind hatte den größten Theil ſeiner Mußeſtunden während des Tages verweint und war eben nicht ſehr heiter geſtimmt. Aber kaum hatte ſie die ſeltſame Lage der beiden Arbeiter begriffen, ſo brach ſie in ein faſt unauslöſchliches Gelächter aus, während Silence ihre Nadel hin⸗ legte und ein halb vergnügtes, halb zorniges Geſicht machte. Unſer Held aber ſetzte ſeine Arbeit mit unerſchütterlicher Ausdauer fort, ſteckte die Leinwand ab, ſtrich die Nath glatt und nähete dann mit vermehrter Schnelligkeit weiter. Die arme Miß Silence war endlich beſiegt und ſtimmte in das laute Gelächter ein, welches ihrer Schweſter Krämpfe zuzuziehen drohete. Unſer Held ſteckte hierauf ſeine fertige i ab, faltete ſie zuſammen, blickte Miß Silence mit der ganzen Drei igkeit enpherenet Unverſchämtheit an und ſagte dann zu Suſannen? — Deine Schweſter hatte einen ſolchen Haufen dieſer Kopfkiſſenüber⸗ züge zu machen, daß ſie den Muth verlor und mich aufforderte, ihr ein wenig zu helfen. Als ich eintrat, ſaß ſie ſo tief in der Arbeit, daß ſie nicht einmal mit mir reden konnte.— — Wahrhaftig, in der Unverſchämtheit ſuchen Sie Ihren Meiſter,— ſagte Miß Silence. — Ich hätte eher gedoh. im Fleiße,— antwortete Joſeph. Suſanne, die während des ganzen Tages in einer ſehr tragiſchen Stimmung geweſen war und ſich mit nichts Geringerem, als mit einer ewigen Trennung von ihrem Geliebten beſchäftigt hatte, ward durch die unerwartete Wendung der Dinge völlig verwirrt, während unſer Held die Gelegenheit, die er ſich geſchaffen, weiter verfolgte und ſein Unterhaltungs⸗ talent auf's Aeußerſte anſtrengte, bis endlich Miß Silence, indem ſie er⸗ klärte, daß ſie, wenn ſie den ganzen Tag gewaſchen hätte, nicht erſchöpfter ſein könnte, als ſie jetzt vom Lachen ſei, ihr Licht nahm und es gutmüthig den jungen Leuten überließ, die Sache untereinander ſelbſt auszumachen. Als ſie fort war, trat eine längere Pauſe ein, die endlich durch Joſeph unterbrochen ward, welcher, indem er ſich neben Suſannen ſetzte, ganz ernſt⸗ haſt fragte, ob ſein Vater dieſen Morgen Miß Silence einen Heiraths⸗ antrag gemacht habe. — Nein, Du garſtiger Menſch!— ſagte Suſanne, indem ſie über die Abgeſchmacktheit einer ſolchen Idee lachte. — Na, mache nur nicht wieder ein langes Geſicht, Suſanne,— ſagte Zoſeph;— Du haſt es ſchon den ganzen Abend verſucht, aber ich ließ Dich nicht dazu kommen. Doch jetzt ernſthaft— ich weiß, daß dieſen Vor⸗ 24⁴ mittag zwiſchen meinem Vater und Euch etwas Unangenehmes vorgegangen Das Maiblümchen. iſt, aber ich will nicht fragen, was es war. Ich ſage Dir nur offen, daß er mir ſeine Mißbilligung unſeres Verhältnif verboten hat, dabei zu beharren und— — Und demzufolge entbinde ich Dich von allen Verſprechungen und ſſes zu erkennen gegeben, mir Verbindlichkeiten gegen mich, ſelbſt ehe Du es noch verlangſt,— ſagte Suſanne. — Du biſt außerordentlich zuvorkommend,— entgegnete Joſeph; — ich kann Dir aber nicht verſprechen, daß ich im Verzichtleiſten auf ge⸗ wiſſe mir gegebene Zuſicherungen eben ſo gefällig ſein werde, es müßte denn ſein, daß die Geſinnung, aus der ſie hervorgegangen, ſich geän⸗ dert hätte.— — O nein! Nein, das nicht,— ſagte Suſanne ſehr ernſt;— Du weißt, das iſt es nicht; wenn aber Dein Vater etwas gegen mich hat— — Wenn mein Vater etwas gegen Dich hat, ſo ſteht es ihm frei Dich nicht zu heirathen,— ſagte Joſeph.. — Aber Joſeph, ſei doch ernſthaft,— ſagte Suſanne. — Nun gut, in allem Ernſte, Suſanne, ich kenne meine Pflichten gegen meinen Vater, und in Allem, was mit ſeinem perſönlichen Wohl zuſammenhängt, werde ich ihm ſtets willig und gehorſam ſein, denn ich habe in Bezug auf Unterwerfung unter den väterlichen Willen durchaus keinen Studentenſtolz; in einer Sache aber, die ſo ausſchließlich mich be⸗ trifft, wie die Wahl einer Gattin— in einer Sache, die noch jahrelang, nachdem er aufgehört hat zu ſein, den größten Einfluß auf mein Lebens⸗ glück äußert, bin ich der Anſicht, daß ich ein Recht habe, meine eigenen Reigungen zu Rathe zu ziehen und wenn Du es erlaubſt, mein liebes kleines Fräulein; ſo werde ich mir dieſe Freiheit nehmen.— — Aber wenn nun Dein Vater böſe wird— Du weißt, wie er iſt,— ſoll ich Dir für immer Deine Ausſichten benehmen?— — Meine liebe Suſanne, glaubſt Du denn, ich betrachte mich ab⸗ hängig von meinem Vater, gleich dem Erben eines engliſchen Titels und Vermögens, der nichts zu thun hat als ſtill zu ſitzen und zu warten, bis das Geld zu ihm kommt? Nein! ich beſitze Energie und Kenntniſſe, um mir eine Eriſtenz zu gründen und wenn ich mich dann nicht ernähren kann und Dich dazu, dann will ich mir's gefallen laſſen, daß Du mich verſtößeſt.— Und als Joſeph ſprach, erglühete ſein ſchönes Geſicht von einer Kraft des Bewußtſeins, welche die ungefeſſelte Jugend nirgends in ſolchem Um⸗ fange fühlt wie in Amerika. Er ſchwieg einen Augenblick und hob dann wieder an: — Aber deſſen ungeachtet, Suſanne, ſchätze ich meinen Vater; was auch andere von ihm ſagen mögen, ſo werde ich doch niemals vergeſſen, daß ich ſeinem ſauer erworbenen Verdienſte die Kenntniſſe verdanke, die mich in den Stand ſetzen, etwas zu thun oder etwas zu ſein und ich werde ihm daher nicht muthwillig oder ungebührlich entgegentreten. Ich ver⸗ zweifle nicht daran, ſeine Einwilligung zu erhalten, mein Vater beſitzt eine große Vorliebe für hübſche Mädchen, und wenn ſeine Luſt zum Wi⸗ derſpruch nicht durch offene Gegenrede wach gehalten wird, ſo hoffe ich von der Zeit und von Dir, daß wir ihn noch zu unſern Gunſten ſtimmen. Was aber auch kommen möge, ſo ſei verſichert, meine Theuerſte, daß ich für's Leben gewählt habe und meinen Sinn nicht ändern kann.— — Das Maiblümchen. 25 Die Unterredung nahm hierauf eine Wendung, die Alle, welche in derſelben Lage geweſen ſind, ſich leicht denken können, und die daher keiner weiteren Beſchreibung bedarf. — Wirklich, Diaconns, ich weiß nicht, was ich denken ſoll; mein Joſeph geht zu der Suſanne da auf die Freite.— Dies war die Einleitung zu einem jener regelmäßigen Beſuche, die Onkel Jaw dem Diaconus Enos abſtattete, der mit ſeiner gewöhnlichen ſanften nachdenklichen Miene da ſaß und in die Kohlen eines hellen No⸗ vemberfeuers blickte, während ſeine geſchäftige Ehehälfte emſig neben ihm mit ihren Stricknadeln klapperte. Ein aufmerkſamer Beobachter würde bald gewahrt haben, daß dies nichts Neues für den guten Diaconus war, der in der letzten Zeit Maſter Joſeph unter vier Augen mehrere gute Rathſchläge gegeben; er verzog aber ſeine Züge nur zu einem ruhigen Lächeln und rief: — Wahrhaftig?— — Ja, ſo iſt's! Und wirklich, Diaconus, dieſes Mädchen iſt ein allerliebſtes Kind. Ich habe ſchon meinen Leuten geſagt, daß die Frau unſeres neuen Paſtors ganz vernarrt in ſie war.— — Alſo Ihr Sohn will ſie heirathen?— ſagte die gute Frau;— das habe ich ſchon lange gewußt. — So?— nein, ſo ſchnell geht's nicht; damit iſt's noch im weiten Felde. Sehen Sie, dieſer Joſeph ſagte nie ein Wort zu mir, ſondern ging, ganz ſeinem eigenen Kopfe ſolgend, zu dem Mädchen auf die Hei⸗ rath und als ich es erfuhr, ſagte ich:— Joſeph,— dieſes Mädchen paßt mir nicht, und ich erzählte ihm nun alles wegen jenes alten Zaunes und wegen jener alten Mühle und wegen meiner Wieſen und dann auch noch wegen jenes Grundſtücks, welches Suſannen gehört und nun möchte ich wiſſen, Diaconus, wie es mit dieſer Sache noch ablaufen wird.— — Richter Smith und Squire Moſeley ſagen, daß mein Anſpruch darauf gültig ſei,— ſagte der Diaconus. — Wirklich?— rief Onkel Jaw mit großer Freude;— dann werdet Ihr die Sache anhängig machen, nicht wahr?— — Das weiß ich nicht,— antwortete der Diaconus ſehr ruhig. Onkel Jaw ward ſprachlos vor Erſtaunen; daß irgend Jemand Zweifel hegen konnte, ob er wegen eines ſchönen Grundſtücks prozeſſiren ſolle oder nicht, während er gewiß wußte, daß er den Prozeß gewinnen würde— dies war ein Problem, deſſen Löſung ſeine Fähigkeiten weit überſtieg. — Ihr ſagt, Euer Sohn habe ſich mit dem Mädchen verlobt,— fuhr der Diaconus nach einer langen Pauſe fort;— dieſer Streifen Land iſt der beſte Theil von Suſannen's Erbe; ich habe fünfhundert Dollars auf einem Brete dafür bezahlt; ich habe Papiere hier, welche wie Richter Smith und Squire Moſeley ſagen, in jedem Gerichtshofe als gültig er⸗ kannt werden.— Onkel Jaw ſpitzte mit größter Aufmerkſamkeit die Ohren und betrach⸗ tete mit gierigen Blicken das Packet; zu ſeinem Aerger aber legte es der Diaconus in fein Pult, verſchloß es und nahm dann ſeinen Sitz wieder ein. — Wirklich,— ſagte Onkel Jaw,— ich möchte die näheren Ver⸗ hälniſſe wiſſen.— — Gut, gut,— ſagte der Diaconus,— die Juriſten werden morgen Abend bei mir ſein und wenn Euch die Sache intereſſirt, ſo könnt Ihr Euch auch mit einfinden.— ———— 26 Das Maiblümchen. Onkel Jaw ſann auf dem ganzen Heimwege nach, wodurch er ſich wohl das Vertrauen des alten Diaconus erworben haben könne, der nun 4 ſeiner Freude im Begriff ſtand, auch Prozeſſe zu führen, wie andere Leute. Den nächſten Tag waren eine Menge geräuſchvolle Zurüſtungen in dem Hauſe des Diaconus wahrzunehmen. Das beſte Zimmer war geöffnet und gelüftet, ein Ofen voll Kuchen ward gebacken und unſer Freund Joſeph ging mit ſehr geſchäftiger Miene hin und her, zum Hauſe hinein und heraus, nachdem er verſchiedene geheime Unterredungen mit dem Dia⸗ conus gehabt. Die Frau des Diaconus ging mit ſeltſam geheimnißvoller Miene durch das Haus, und ertheilte ſelbſt ihre Befehle in Bezug auf Eier und Roſinen mit flüſternder Stimme, damit nicht etwa irgend ein verhängnißvolles Geheimniß verrathen werde. Am Nachmittage dieſes Tages erſchien Joſeph im Hauſe der Schweſtern und meldete, daß dieſen Abend beim Diaconus Geſellſchaft ſein werde und daß er beauftragt ſei, ſie einzuladen. — Was iſt denn jetzt in den Diaconus gefahren,— ſagte Silenece, — daß er ſo oft Geſellſchaften giebt? Joſeph Adams, das iſt gewiß wieder eine Windbeutelei von Ihnen. Sagen Sie, was haben Sie vor?— — Ziehen Sie ſich nur an und machen Sie ſich fertig,— ſagte Joſeph, und dann ging er auf Suſanne zu, als ſie hinter Silence das Zimmer verließ und flüſterte ihr etwas in's Ohr. Sie blieb ſtehen und erröthete heftig. — Wie, Joſeph, was meinſt Du?— — Es iſt ſo, er — Nein, nein, Joſeph, nein; ich kann nicht, wirklich ich kann nicht.— — Aber Du n n— 3 i 6 — O Joſeph, thu' es nicht!— — O Suſanne, thu' es!— — Ach wie ſonderbar, Joſeph!— — Na, halte mich nicht weiter auf, Liebchen. Wenn Du in Bezug auf Anſtand Bedenklichkeiten haſt, ſo wollen wir morgen darüber, ſprechen.— Und unſer Held machte ein ſo muthwilliges und entſchloſſenes Geſicht, daß kein Streit weiter ſtattfinden konnte, und nach noch einigem Zögern und Erröthen von Seiten Suſannen's, einigen Küſſen und überredenden Worten von Seiten des Freiers ſchien Miß Suſanne in den Zuſtand der Refignation verſetzt zu ſein. An einem Tiſche in der Mitte von Onkel Enos Vorderzimmer ſaßen die beiden Juriſten, deren ſachverſtändiges Gutachten dieſen Abend voll⸗ ſtändig gemacht werden ſollte. Der jüngere derſelben, Squire Moſeley, war ein rothbäckiger, behäbiger, lachluſtiger, kleiner Junggeſell, der ſich rühmte, er habe ſich der Reihe nach jedem hübſchen Mädchen zwanzig Meilen in der Runde angetragen und unter andern 36 der Suſanne Jones; trotzdem ſei er immer noch Junggeſell mit der beſten Ausſicht, es auch zu bleiben. Aber alles dies ſtörte nicht den ununterbrochenen Strom von froher Laune und Freundlichkeit, der ihn fortwährend bis zum Ueberfließen zu erfüllen ſchien. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit ſchien er ganz beſonders in ſei⸗ nem Element zu ſein, als ob er ein Geſchäft vorhätte, welches ſeinem Temperament ganz beſonders zuſagte, denn nachdem er mit der Durchſicht Das Maiblümchen. 27 der Papiere fertig war, ſprang er auf, klopfte ſeinem ernſtern Collegen auf den Rücken, machte zwei oder drei Schwenkungen im Zimmer herum, ergriff dann den alten Diaconus bei der Hand, ſchüttelte dieſelbe heftig und rief: — Alles in Ordnung, Diaconus, alles in Ordnung! Laßt's los gehen! laßt's los gehen! Hurrah!— Als Onkel Jaw eintrat, reichte ihm der Diaconus ohne weitere Um⸗ ſtände einen Stuhl und die Papiere, indem er ſagte: — Dies ſind die Papiere, die Ihr zu ſehen wünſchtet. Ich bitte Euch, ſie durchzuleſen.— Onkel Jaw las ſie bedächtig durch und ſagte dann: — Sagte ich es Euch nicht, Diaconus? Die Sache iſt klar, wie ein Glöckchen— nun werdet Ihr doch die Klage anſtellen?— — Na, ſchaut her, Mr. Adafns,— ſagte der Diaconus;— nun Ihr dieſe Papiere geſehen, und gehört habt, was darüber zu ſagen iſt, will ich Euch ein Anerbieten machen. Laßt Euern Sohn Suſanne Jones heirathen und ich will dieſe Papiere verbrennen und kein Wort weiter darüber ſagen und im ganzen Kirchſpiel iſt kein Mädchen mit einer ſchönern Ausſteuer.— Onkel Jaw riß erſtaunt die Augen weit auf und ſah den alten Mann an; ſein Mund öffnete ſich allmälig immer weiter und weiter, als ob er mit der Zeit die Idee noch hinunterzuſchlucken hoffe. — Was wollt Ihr damit ſagen!— rief er endlich. — Ich meine es gerade wie ich ſage.— — Was, Ihr wollt dem Mädchen fünfhundert Dollars aus Eurer Taſche geben und ſie iſt nicht einmal eine Verwandte von Euch?— — Das weiß ich,— ſagte der Diaconus;— aber ich habe geſagt, ich will es thun.— — Aber warum denn? ſagte Onkel Jaw. — Um Frieden zu machen,— ſagte der Diaconus,— und um Euch zu zeigen, daß wenn ich ſage, es ſei beſſer, auf ſein Recht zu verzichten, als darum zu ſtreiten, ich es auch wirklich ſo meine. Ich bin ein alter Mann; meine Kinder ſind todt— ſeine Stimme ſchwankte— meine Schätze ſind im Himmel geſammelt; wenn ich die Kinder glücklich machen kann, nun ſo will ich's thun. Als ich glaubte, ich hätte das Grundſtück ergab ich mich darein, es einzubüßen und das kann ich jetzt auch noch.— Onkel Jaw ſah den alten Diaconus unverwandt an und ſagte: — Wohlan, Diaconus, ich glaube Euch. Ich geſtehe, wenn Ihr nicht im Jenſeits ſchon etwas gut habt, ſo möchte ich wiſſen, wer ſonſt etwas hut hätte, weiter ſage ich nichts. Wenn alſo Joſeph nichts einzuwenden at, und ich glaube, dies iſt nicht der Fall, ſo— — Kurz und gut,— ſagte der Sauire,— wir haben Hochzeit; alſo vorwärts.— Und mit dieſen Worten machte er die Thür des Zimmers auf, in wel⸗ chem Suſanne und Joſeph in einer Fenſtervertiefung ſtanden, während Silence und der wohlehrwürdige Mr. Biſſel am Feuer ſtanden und die Gattin des Diaconus den Heerd zuſammenfegte, wie ſie während der gan⸗ zen Zeit gethan, ſeitdem die Geſellſchaft angekommen war. Sofort ergriff Joſeph Suſannen's Hand und führte ſie in die Mitte des Zimmers; der luſtige Squire faßte Miß Silence's Hand und wies ihr ihren Platz als Brautjungfer an und ehe noch Jemand den Mund auf⸗ 28 Das Maiblümchen. thun konnte, war die Ceremonie ſchon im Gange und der Geiſtliche, der vorher inſtruirt worden, machte mit außerordentlicher Schnelligkeit aus den zwei Perſonen eine. — Was! was! was!— rief Onkel Jaw— Joſeph! Diaconus!— — Es iſt ein ehrlicher Handel, Sir,— ſagte der Squire.— Geben Sie mir Ihre Papiere her, Diaconus.— Der Diaconus händigte ſie ihm ein und der Sauire warf ſie, nach⸗ dem er ſie laut vorgeleſen, mit großer Feierlichkeit in das Feuer, worauf er in einer ironiſch ſalbungsvollen Rede eine Darlegung der ganzen An⸗ gelegenheit gab und dann dem neuvermählten Paare über die Pflichten der Ehe eine ernſte Ermahnung ertheilte, welche ſelbſt den Geiſtlichen zum Lachen nöthigte. Onkel Jaw betrachtete ſeine hübſche Schwiegertochter, welche halb lächelnd, halb erröthend da ſtand und die Glückwünſche der Geſellſchaft empfing, und dann Miß Silence, welche eben ſo überraſcht zu ſein ſchien als er. angeführt,— ſagte er.— Ich glaube, es iſt am beſten, wenn wir uns auch die Hand darauf geben.— Und die kriegführenden Mächte reichten ſich demgemäß die Hände, was ein Zeichen zur allgemeinen Heiterkeit war. Als die Geſellſchaft ſich zerſtreute, faßte Miß Silence den guten Dia⸗ conus zog ihn mit überlegener Kraft auf die Seite und ſagte: — Diaconus, ich nehme Alles zurück, was ich über Sie geſagt habe, jedes Wort— — Ach, ſprechen Sie doch nicht davon, Miß Silence,— ſagte der gute Mann;— es iſt vorbei und vergeſſen.— — Joſeph,— ſagte ſein Vater den nächſten Morgen, als er mit Jo⸗ ſeph und Suſannen beim Frühſtück ſaß,— ich glaube, ich werde auf dieſes Mädchen da ganz ſtolz ſein! Und hört: ich will Euch das nette kleine Haus Stanton Place nahm; es iſt ein hübſches Häuschen mit grünen Jalouſien und Blumen und allem dergleichen, gerade ſo paſſend für Suſannen.— So gingen viel glückliche Jahre über den Häuptern des jungen Paares in Stanton Place dahin, kange nachdem das greiſe Haupt ihres gütigen Wohlthäters, des Diaconus, mit Ehrerbietung und Trauer dem Schooße der Erde übergeben worden. Auf Onkel Jaw hatte die Hochherzigkeit des guten alten Mannes eine ſo heilſame Wirkung geäußert, daß er ſich weſent⸗ lich beſſerte. Anſtatt im wirklichen Ernſte ſich mit der ganzen Umgegend herumzuſtreiten, beſchränkte er ſich darauf, die entgegengeſetzte Seite jeder Frage mit ſeinem Sohne durchzukämpfen, was, da letzterer ein leidlicher Logiker war, der Uebung ſeiner Fähigkeiten ein ganz gutes Terrain eröff⸗ nete, und man hörte ihn beim Begräbniß des alten Diaconus erklären, daß„beim Lichte beſehen der Menſch ebenſo viel und vielleicht noch mehr vor ſich brächte, wenn er ſo handelte wie der Diaconus, als wenn er ſein here⸗ Leben lang kämpfte und ſtritte;„aber ſeht Ihr,“ fügte er dann inzu,„es hat nicht Jeder ſo die Gabe dazu, wie der Diaconus.“— „Friede ſei ſeiner Aſche.“ — Na, Miß Silence, dieſes junge Volk da hat uns nicht ſchlecht chenken, welches ich auf Stanton's Hypothek Das Maiblümchen. W Die Theeroſe. Seht hin, dort ſteht ſie in ihrer kleinen grünen Vaſe, dort, auf einem Brete von Ebenholz im Fenſter! Das eigenthümlich zarte Weiß ihrer Blätter gleicht dem der reinen Milch; ihr Kelch iſt ſo voll und reich, daß ſie wie unter e eigenen Fülle das Haupt beugt. Ach, welch einen köſtlichen Anblick gewährt dieſes liebliche Gewächs! Kann wohl je der Menſch etwas erſchaffen, das dieſer Leben athmenden Blume gliche? Aber die Sonnenſtrahlen, die durch die Vorhänge der Fenſter drangen, beleuchteten noch Etwas, das ſchöner war als die Roſe. Auf einem Sopha ruhend und tief verſenkt in dem Leſen eines Buches, erblicken wir die Ri⸗ valin der lieblichen Blume, ein junges Mädchen. Ihr bleiches Antlitz, ihre geiſtvolle Stirn, ihre gedankenreichen Züge, die langen geſenkten Augen⸗ wimpern und der zwar ſchmerzlich, doch mild und ſanftlächelnde ſchöne Mund— Alles läßt ſie als ein reizendes Traumbild erſcheinen. — Florence! Florence!— rief eine friſche, heitre Stimme, die an die Wirklichkeit erinnerte. Wende Dein Haupt, Leſer, wenn Du ein blühendes Mädchen ſehen willſt, das wahre Bild eines kleinen neckiſchen Elfen, deſſen Augen leuchten, deſſen Füßchen kaum den Boden berühren, und deſſen reizende Grübchen ſo vervielfältigten, daß es wie tauſend Lächeln ausſieht. — Komm Florence,— ſagte der kleine Geiſt,— lege das gelehrte Buch bei Seite und ſteige von Deinem Wolken⸗Sitze hernieder, um mit mir einfachen Sterblichen ein wenig zu koſen.— Die liebliche Erſcheinung genügte der Bitte und zeigte, wenn ſie auf⸗ blickte, gerade ſolche Augen, wie man ſie unter ſolchen Wimpern erwartet hatte— Augen, tief, ſprechend und reich, wie die Klänge einer ſchönen ernſten Muſik. — Coufine,— ſagte das fröhliche Mädchen,— ich habe eben darüber nachgedacht, was Du wohl mit der hübſchen Roſe beginnen wirſt, wenn Du nach New⸗York gehſt, wie Du leider zu unſerm Bedauern Dir vorge⸗ nommen haſt; es wäre traurig, wenn Du ſie einer ſo zerſtreuten Wärterin wie ich bin, überlaſſen wollteſt. Ich liebe wohl die Blumen, aber nur in einem ordentlich geſchnittenen und gebundenen Strauße, ſo daß man ſie mit in Geſellſchaft nehmen kann; aber das ewige Pflegen, Sorgen und Begießen iſt keine Beſchäftigung für mich.— — WMache Dir deshalb keine Sorgen, Katty,— antwortete Florence lächelnd,— ich habe auf Dich nicht gerechnet; es iſt bereits ein Aſyl für meine Favoritin gefunden.— — O, dann weißt Du auch ſchon, was ich ſagen wollte! Mrs. Mar⸗ ſhall hat gewiß ſchon mit Dir geſprochen; ſie war geſtern hier und ich theilte ihr ſehr feierlich den Verkuſt mit, der Deinem Lieblinge drohe und ſo weiter. Da ſagte ſie, ſie würde ſich ſehr glücklich fühlen, wenn ſie ſie in ihrem Treibhauſe haben könnte, weil ſie jetzt ſo ſchön iſt und ſo reizende Knospen trägt. Ich ſagte ihr, Du würdeſt ihr die Blume gewiß gern geben, weil Du doch die Mrs. Marſhall ſehr lieb haſt.— 30 Das Maiblümchen. — Es thut mir leid, Katty, aber ich habe ſie ſchon vergeben.— — An wen? Du haſt doch ſo wenig Freundinnen hier?— — O, das iſt nun einer meiner ſonderbaren Einfälle!— — So ſage ihn mir, Florence.— — Nun, Couſine, Du kennſt doch jenes kleine blaſſe Mädchen, das wir mit Näharbeit beſchäftigen?— — Wie, die kleine Mary Stephens? Wie ſonderbar! Ach, Florence, das iſt wieder eine von Deinen großmütterlichen Jdeen— Du machſt Pup⸗ pen für kleine Kinder, und fertigſt Mützchen und Strümpfe für alle ſchmutzigen Bälge des Kirchſpiels. Ich glaube wahrhaftig, Du biſt öfter in den zwei dunklen, ſchmutzigen Gaſſen hinter unſerm Hauſe, als auf der Promenade geweſen, obgleich Du weißt, daß man ſich dort ſehnt, mit Dir zuſammen zu kommen; und nun, um Deiner Laune die Krone aufzuſetzen, willſt Du dieſes niedliche Bijou einer Nätherin geben, während es eine Deiner beſten Freundinnen ſo werth halten würde. Was in aller Welt ſoll dies Volk in ſeinen Verhältniſſen mit Blumen machen?— — Daſſelbe, was ich damit mache,— antwortete ruhig Florence. — Haſt Du nicht bemerkt, daß das kleine Mädchen, ſo oft es zu uns kommt, freudig die ſchönen offenen Knospen betrachtet? Erinnerſt Du Dich nicht, daß ſie mich neulich fragte, ob ich nicht erlaubte, daß ihre Mutter komme und ſich die Blumen anſehe, die ſie ſo ſehr liebe?— — Aber Florence, denke Dir nur einmal dieſes ſchöne Gewächs auf einem Tiſch zwiſchen Schinken, Eiern, Käſe und Mehl, und dann in dem kleinen Zimmer, wo Mrs. Stephens und ihre Tochter waſchen, plätten, kochen und was ſonſt noch alles vornehmen— es muß ja erſticken!— — Gut, Katty! Wenn ich nun gewungen wäre, in einem ſo arm⸗ ſeligen Zimmer zu leben, dort zu waſchen, zu plätten und zu kochen,— wenn ich ſtets ſchwere Arbeit thun müßte, und von meinem Fenſter aus nichts weiter ſähe, als ſchwarze Dächer und ſchmutzige Gaſſen, würde eine ſolche Blume mir nicht unfägliche Freude bereiten?— — Bah, Florence— nichts als Empfindelei! Arme Leute haben keine Zeit, ſentimental zu ſein. Außerdem glaube ich auch nicht, daß die Blume bei ihnen fortkommen wird; es iſt eine Treibhauspflanze, die nur in einer milden und reinen Luft gedeihen kann.— — O, was das betrifft, ſo fragt eine Blume nicht danach, ob ihr Beſitzer reich oder arm ſei; und wenn Mrs. Stephens auch arm iſt, ſo hat ſie doch einen eben ſo ſchönen Sonnenſchein als den, der durch unſere Fenſter dringt. Die ſchönen Gaben, die von Gott kommen, ſind für alle Menſchen beſtimmt. Du wirſt ſehen, daß meine ſchöne Roſe in Mrs. Stephens' Zimmer eben ſo ſchön und friſch blüht, als in dem unſrigen.— — Aber es bleibt thöricht! Wenn man atmen Leuten etwas geben will, ſo gebe man ihnen etwas Nützliches— z. B. einen Scheffel Kar⸗ toffeln, einen Schinken oder ſo etwas von dieſer Sorte.— — Gewiß, ſo etwas muß man auch geben; wenn man aber die dringendſten Bedürfniſſe befriedigt hat, ſollte man da nicht auch kleine Freu⸗ den bereiten, wenn dies möglich iſt? Ich weiß, daß es viel Arme giebt, die Gefühl und Sinn für das Schöne haben, aber beides erſtickt, weil ſie zu arm ſind, um ihnen Nahrung zu geben. Da iſt gleich die arme Mrs. Stephens: ſie liebt Vögel, Blumen und Muſik eben ſo ſehr, wie ich— ihre Augen leuchten, wenn ſie die Dinge in unſerm Wohnzimmer betrachtet, und dennoch kann ſie ſich ſo etwas nicht anſchaffen, die Noth zwingt ſie, Das Maiblümchen. 37 ihr Zimmer, ihre Kleidung und Alles, was ſie beſitzt, einfach und ſchlecht zu halten. Du hätteſt nur ſehen ſollen, wie ſie und Mary entzückt waren, als ich ihnen meine Roſe anbot.— — Florence, das iſt Alles wahr und recht ſchön; aber ich habe nie daran gedacht. Es iſt mir nie eingefallen, daß ſolche Arbeitsleute eine Ahnung von Geſchmack hätten.— — Woher kommt es denn, daß man bei armen Leuten den Geranium oder die Roſe ſo ſorgfältig in alten Töpfen gepflegt, und den Epheu in einem Kaſten um das Fenſter gewunden ſieht? Iſt das nicht ein Beweis, daß das menſchliche Herz, welcher Klaſſe es auch angehöre, nach dem Schö⸗ nen dürſtet? Entfinnſt Du Dich noch, Katty, daß unſere Wäſcherin ein⸗ mal, nachdem ſie den Tag über tüchtig gearbeitet, die ganze Nacht aufſaß, um ihrem kleinen Kinde ein Taufkleid zu machen?— — Ja, und ich weiß auch noch, wie ich Dich darüber verhöhnte, daß Du ein ſo hübſches Mützchen dazu machteſt.— — Nun, Katty, ich denke, daß das Entzücken, mit dem die Mutter ihr Kind in dem neuen Kleide und Mützchen betrachtete, wohl hinreichend die Mühe lohnt, daran gearbeitet zu haben: ich glaube ſelbſt, daß ihr ein Sack Mehl nicht ſo lieb geweſen wäre, als ein kleines Geſchenk.— — Ach, mir iſt's früher nie eingefallen, den Armen irgend etwas Anderes zu geben, als was ſie nöthig hatten, und das that ich immer ſehr gern, wenn es mir nicht zu viel Mühe machte.— — Nun, meine beſte Katty, wenn unſer himmliſcher Vater nur für das materielle Wohl ſorgte, ſo würden wir nur rohe Haufen von Lebens⸗ mitteln ſtatt der herrlichen Abwechslung von Bäumen, Blumen und Früch⸗ ten auf Erden finden.— — Gewiß, Florence, ich glaube, Du haſt Recht— aber habe Mit⸗ leid mit meinem armen Kopf; er iſt zu klein, um ſo viel neue Ideen auf⸗ einmal zu faſſen— thue was Du willſt.— Und das kleine Fräͤulein begann mit kindlichem Eifer vor dem Spiegel ein neues Walzerpas zu üben. Die Scene iſt ein ſehr kleines Zimmer zu ebner Erde, das ſein Licht nur durch ein Fenſter erhält. Der Boden iſt nicht mit einem Teppich bedeckt; in einem Winkel ſteht ein reinliches, aber dürftiges Vett; in dem andern ein Küchenſchrank mit einigen Schüſſeln und Tellern, rechts der Wand eine Komode; neben dem Fenſter ſteht ein kleines neues Tiſchchen von Kirſchholz, das einzige neue Geräth in dem ganzen Zimmer. Eine blaſſe, krank ausſehende Frau von ungefähr vierzig Jahren lag in ihrem Lehnſtuhle mit geſchloſſenen Augen und die Lippen wie im Schmerz zuſammengepreßt. Von Zeit zu Zeit drückte ſie die Hand feſt auf die Augen und nahm langſam wieder ihre feine Nadelarbeit vor, mit der ſie vom frühen Morgen an beſchäftigt geweſen war. Da ging die Thür auf und ein kleines munteres Mädchen von ungefähr zwölf Jahren trat herein; ihre großen blauen Augen glänzten vor Freude, als ſie ihrer Mutter einen köſtlichen Roſenſtock, den ſie in den Händen trug, zeigte. — O, Mutter, ſieh doch!— rief das Kind,— da iſt eine unaufge⸗ blühte und hier ſind zwet halb offene Knospen, und dann noch ſo viele kleine die zwiſchen den grünen Blättern ſitzen.— Das Geſicht der armen Frau ward belebt, als ſie zunächſt die Roſe 32 Das Maiblümchen. und dann ihr bleiches Kind betrachtete, auf deſſen Wangen ſie ſeit Mona⸗ ten nicht ſo friſche Farben geſehen hatte. — Gott ſegne ſie!— rief ſie unwillkürlich aus. — Miß Florence— ja ich wußte, daß es Dich freuen würde. Wird Dein Kopfſchmerz nicht gelinder, bei dem Anblick einer ſo ſchönen Blume? Nun wirſt Du auf dem Markt nicht mehr ſo ſehnſüchtig auf die Blumen⸗ töpfe hinblicken, denn wir haben eine Roſe hier, die ſchöner iſt, als jene alle. Mir iſt ſie faſt eben ſo viel werth, wie der kleine Garten, den wir früher hatten. Sieh nur die vielen Knospen! Ich will ſie zählen— ach, und wie ſchön ſie riechen! Wo ſollen wir ſie nur hinſtellen?— Und Mary ſprang durch das Zimmer, ſtellte ihre Blume bald ſo, bald an⸗ ders, und trat dann zurück, um zu ſehen, wie ſie ſich ausnähme, bis die Mutter ſie lächelnd darauf aufmerkſam machte, daß die Roſe nicht ge⸗ deihen könne, wenn ihr das Sonnenlicht fehle. — Ach ja, das iſt wahr,— ſagte Mary,— nun, ſo muß ich ſie auf unſer neues Tiſchchen ſtellen. Wie freue ich mich, daß wir einen ſo hübſchen neuen Tiſch dafür haben, ſie wird um ſo ſchöner ausſehen.— Und Mrs. Stephens legte ihre Arbeit fort und faltete ein Stück Papier zuſammen, worauf der Schatz ſorgfältig hingeſtellt wurde. — So,— ſagte Mary, jede Einzeinheit ſorgfältig prüfend,— ſo iſt's gut— nein, doch nicht; die beiden offenen Knospen ſind ſo nicht zu ſehen; wir müſſen den Topf ein wenig mehr herum drehen— ſo iſt's beſſer;— und nun ging Mary um den Tiſch, um die Roſe von allen Seiten zu betrachten, worauf ſie die Mutter nöthigte, mit ihr hinaus zu gehen, um die Blume von außen anzuſchauen. — Wie gut iſt doch Miß Florence, daß ſie uns dieſe ſchöne Roſe ge⸗ ſchenkt hat!— ſagte Mary;— ſie hat zwar viel für uns gethan und uns oft ſchöne Sachen gegeben; aber dies iſt doch das Beſte von Allem, weil es zeigt, daß ſie an uns gedacht hat und weiß, wie wir fühlen; und das thun ſo Wenige, nicht wahr, Mutter?— Welch einen ſchönen heitern Nachmittag bereitete dieſe kleine Gabe in dem beſcheidenen Zimmer. Wie flink flogen Mary's Finger bei ihrer anhaltenden Arbeit, und Mrs. Stephens vergaß über dem Glücke ihres Kindes ihre Kopfſchmerzen und meinte, als ſie Abends ihren Thee trank, ſie fühlte ſich viel kräftiger als ſeit langer Zeit. Dieſe Roſe! ihr wohlthuender Einfluß ſchwand nicht mit dem erſten Tage. Den langen, falten Winter hindurch weckte die Wartung, Pflege und Liebkoſung der Blume tauſend heitere Gedanken und Empfin⸗ dungen, die die Einformigkeit und die Laſt des täglichen Lebens der armen Leute auf erquickende Weiſe erträglicher machten; jeden Tag zeigte die holde Blume neue Reize— bald hier ein Blättchen, dort eine Knospe oder einen friſchen Schößling, und Alles weckte immer wieder friſche Luſt und Freude in dem Herzen ihrer Beſitzerin. Mancher Vorübergehende blieb ſtehen und betrachtete die Blume mit Verwunderung, und dann fühlte Mary ſich ſtolz und glücklich; und ſelbſt die ernſte ſorgenbeladene Witwe war nicht unempfindlich für die, ihrem Lieblinge gebrachten Huldigungen. Florence glaubte wohl nicht, als ſie das Geſchenk machte, daß ein unſichtbarer Faden ſich um die Blume ſchlinge, der weit und ſtark mit den Fäden ihres Geſchickes verflochten ſei. An einem kalten Nachmittage im Frühjahr trat ein großer, eleganter Herr in vas kleine Zimmer, um der Bewohnerin eine Rechnung für ge⸗ Das Maiblümchen. 33 lieferte Arbeit zu zahlen. Es war ein Reiſender, dem ſie empfohlen war. Als er gehen wollte, blieb ſein Auge bewundernd auf dem Roſenſtocke haften. — Welch eine ſchöne Blume!— ſagte er. — Ja, und die Dame, die ſie uns ſchenkte,— fügte die kleine Mary hinzu,— iſt eben ſo ſchön und reizend wie die Blume.— — So, ſagte der Fremde, ein wenig bewegt, und indem er ſeine ſchönen, ſchwarzen Augen auf ſie richtete,— und wie kam ſie dazu, ſie Dir zu ſchenken, mein Kind?— — O, weil die Mutter arm und krank iſt, und weil wir uns nie etwas Hübſches kaufen können. Früher hatten wir einen Garten und liebten die Blumen ſo ſehr, und das wußte Miß Florence, und da gab ſie uns die Roſe.— — Florence!— wiederholte der Fremde.⸗ — Ja,— Miß Florence[Eſtrange— eine ſehr ſchöne Dame. Sie ſoll eine Fremde ſein, aber ſie ſpricht Engliſch wie die anderen Damen, nur mit einem weichern Accente. — Iſt ſie jetzt hier? Lebt ſie in dieſer Stadt?— fragte der Fremde raſch und dringend. — Nein, ſie iſt vor einigen Monaten abgereiſt,— antwortete die Wittwe, und fügte hinzu, als ſie einen Schatten der Trauer auf ſeinen Zügen bemerkte,— Sie können nähere Nachrichten über ſie bei ihrer Tante, der Mrs. Carlyle, erhalten.— Kurze Zeit darauf erhielt Florence einen Brief, deſſen Züge ſie zittern machten. Während der vielen vergangenen Jahre, die ſie in Frankreich verlebte, hatte ſie dieſe Handſchrift wohl kennen gelernt— hatte ſie ge⸗ liebt, wie ein Weib ihres Charakters nur einmal liebt; aber Hinderniſſe, hervorgerufen durch Freunde und Verwandte, lange Trennung, langer Aufſchub waren eingetreten, und nach manchem trüben Jahre hatte ſie geglaubt, daß die Wogen des Oeceans ſich über dieſer Hand und dieſem Herzen geſchloſſen hätten, und das hatte ſo trübe finnige Züge in ihr liebliches Antlitz gezeichnet. Aber dieſer Brief ſagte ihr, daß er noch lebe, daß er ihr gefolgt ſei und ſie entdeckt habe, wie man ein verborgen rinnendes Bächlein unter dem Raſen entdeckt, durch die Herzensfriſche und die duftigen Blüthen, die ihre guten Thaten überall zurückgelaſſen, wo ſie gewandelt hatte.— Wir überlaſſen es den Leſern, den Schluß dieſer Geſchichte zu bilden. Maiblümchen. 3 Das Maiblümchen. 1 ( Kleine Leiden einer Hausfrau.. wer ſie kennen gelernt hat, wird wiſſen, daß„die Prüfungen einer Hausfrau“ nicht leicht zu ertragen ſind.— Pah! ruft einer der Herren der Schöpfung aus, indem er ſeine Cigarre aus dem Munde nimmt, und ſie nachlüſſig zwiſchen den Fingern dreht— welch ein Gewicht legen die Frauen auf die Führung einer Wirthſchaft! Ich kann nichts Außerordent⸗ liches dabei finden! Es handelt ſich nur um drei Mahlzeiten täglich, und dennoch ſcheinen ſie vom Morgen bis zum Abend ausſchließlich damit be⸗ ſhitiſein Mich würde ein ſolches Geſchäft wenig beunruhigen— das weiß ich! Nun lieber Bruder, der du ſo weiſe biſt, höre mir ein wenig zu. Vor; einem Jahre kam ich, aus den öſtlichen Provinzen zurückkehrend, auf ein angenehm gelegenes, bequem eingerichtetes Landgut, anderthalb Meilen von der Stadt gelegen. Drei Monate zuvor hatte ich mich verheirathet, und die Liebe in ihrer romantiſchſten Geſtalt, mit ihren Spaziergängen im Mondenſchein, ihren Serenaden, zärtlichen Briefchen, Verſicherungen ewiger Treue und was ſonſt dazu gehört, kennen gelernt. Nachdem ich alſo drei Monate über ſolche Dinge hinweggekommen Ein Gemälde kleiner und kleinlicher Sorgen! Man lächle nicht, den 1 war und mich für das praktiſche Leben vorbereitet hatte, trat ich in mei⸗ nen neuen Wirkungskreis. Mein Haus beſtand außer mir und meinem Gatten, aus einer Freundin, die uns beſuchte, und zwei Schwägern, mit denen mein Mann in Geſchäftsverbindung ſtand. Ich übergehe die drei erſten Tage, die damit hingebracht wurden, daß wir Kiſten aufmachten, Geſchirr zerbrachen, Sachen hinwarfen, um ſie wieder aufzuheben, und was dergleichen Dinge zum Beginn eines Haus⸗ haltes mehr ſind. Wie gewöhnlich, wurden Teppiche zuſammen genäht, verſucht, zertrennt, und wiederum genäht. Meubles wurden hin und her gerückt, und wieder zuſammen und auseinander geſtellt, bis endlich eine leidliche Ordnung aus dem Chaos hervorging. Nun aber kam der Haupt⸗ punkt. Während der Verwirrung hatten wir unſere Mahlzeiten ländlich und einfach zubereitet und genoſſen, indem uns bald der Deckel eines Faſſes, bald ein Bret, das über zwei Stühle gelegt wurde, als Tiſch diente. Einige tranken aus Theetaſſen, Andere aus Sauce⸗Näpfchen, dieſe aus Bierkrügen, jene aus einem Waſſerkruge, groß genug, um ſich darin zu ertränken, und in der Nacht ſchliefen wir auf Sophas und Betten, die hier und da, wo gerade Platz war, aufgeſchlagen wurden. Dieſe wil⸗ den Zuſtände hatten nun ihr Ende erreicht: das Haus war in Ordnung; Schüſſeln und Gläſer ſtanden an ihren Plätzen: drei regelmäßige Mahl⸗ zeiten mußten täglich in der gebührenden Form gehalten werden, es waren Betten zu machen, Zimmer zu reinigen, Meſſer zu putzen— kurz Alles war nötkig, was zur guten Wirthſchaft gehört. Nun handelte es ſich darum, Helfer zu finden— wie Madame Brolloga ſagt, wo ſie aber e Wir kannten nur wenig Perſonen in der Stadt: was nun eginnen? Wir mußten uns an das Kommiſſions-Büreau wenden, das Das Maiblümchen. 35 mein Mann eine Woche lang täglich beſuchte, während ich der Arbeit faſt erlag. Eines Abends endlich, als ich mich völlig ermattet niedergeſetzt hatte und im Begriff ſtand, zum letzten Auskunftsmittel der Frauen in ſolchen Fällen zu greifen und heftig zu weinen, trat mein Mann in das Zimmer und rief:— Endlich Margaretha, habe ich Dir ein Paar beſorgt — Köchin und Kammerfrau!— Bei dieſen Worten öffnete er die Thür und ließ eine kleine, dürre, verdrießliche alte Frau und ein großes, unbe⸗ olfenes holländiſches Mädchen in einer grünen Haube mit rothen Bändern eintreten. Der Mund der Letzteren ſtand weit offen und bei dem Anblick ihrer Hände und Füße, hätte ein Bildhauer auch mit offenem Munde da⸗ geſtanden. Ich ſagte dieſem liebenswürdigen Paare einige freundliche WPorte und fragte nach ihren Namen. Gleich fing die alte Frau an, ſich zu ſchnauben und ihr Geſicht mit einem zerriſſenen ſeidenen Taſchentuche abzuwiſchen, als ob ſie ſich dadurch zum Reden vorbereiten wolle. Die jüngere Dame riß ihren Mund noch weiter auf und ſah ſo ängſtlich umher, als ob ſie wieder entwiſchen wollte. Nach einigen Hin- und Herreden er⸗ fuhr ich, daß die alte Frau Mrs. Tibbins heiße, und daß der Name meiner Hebe Kathe ſei; zugleich entdeckte ich, daß ſie mehr holländiſch als engliſch und beide Sprachen ſehr ſchlecht verſtand. Die alte Frau war die Köchin. Auf die Frage, ob ſie zu kochen verſtehe, antwortete ſie, daß ſie in drei bis vier Familien der Stadt als Köchin gedient habe. — Ich glaube, mein Kind,— flüſterte mein Mann mir zu,— daß ſie eine vortreffliche Köchin iſt, und ſo biſt Du dieſer Sorge überhoben.— Dann ging er um ſeine Zeitungen zu leſen. Ich ſagte nichts weiter, ſon⸗ dern beſchloß den nächſten Morgen zu erwarten. Das Frühſtück konnte natürlich den Talenten meiner Köchin nicht viel Ehre machen, denn es war das erſte und ſie war noch neu. Nach dem Frühſtücke traf ich meine Anordnungen für das Mittagseſſen. Ich forderte höchſt einfache Speiſen, die, wie ich der Frau ſagte, in dem eiſernen Ofen zu bereiten ſeien. Die „orzügliche Köchin“ ſah mich mit großen Augen ſtarr an.— Der ſu— fuhr ich fort,— ſteht dort— und zeigte nach dem atze hin. Sie näherte ſich dem bezeichneten Gegenſtande mit ſo ängſtlicher Miene, als ob ſie glaubte, er ſei eine elektriſche Batterie, und ſah mich dann wieder mit einer Miene ſo tiefer Unwiſſenheit an, daß ich ſie bemitleidete. — Ein ſolches Ding habe ich noch nie geſehen,— ſagte ſie.— Du haſt nie einen eiſernen Kochofen geſehen?— rief ich aus;— ich denke, Du hätteſt ſchon in zwei bis drei Familien als Köchin gedient.— Da haben ſie ſo ein Ding nicht,— antwortete ſie. Mir blieb nichts weiter zu thun, als ſie zu unterrichten und ihr unzählige Anweiſungen zu geben. Dann hing ich in die Zimmer, um Kathe's Arbeiten nachzuſehen, der ich den Auftrag gegeben, mein Bett und Zimmer zu ordnen, da es mir nie vorher in den Sinn gekommen war, daß es überhaupt möglich ſei, die Kiſſen unrecht zuſammen zu legen, und noch heute iſt es mir unerklärlich, wie Jemand Kiſſen und Decken ſo aufthürmen konnte, wie ich ſie dort erblickte. Gleich erkannte ich, daß auch Kathe ſich noch im Urzuftande befände, und daß ich in ihrem Bereiche nicht minder zu thun haben würde, als in dem der alten Frau. Da ward die Klingel der Hausthür gezogen.— Man klingelt!— rief ich,— öffne ſchnell Kathe, und führe den Ankommenden in das Sprechzimmer!— Kathe lief hinaus, aber draußen blieb ſie ſtehen und ſah nach allen 3* Das Maiblümchen. Thüren und dann nach mir mit einer höchſt unglücklichen Miene.— D Hausthüre!— rief ich, und zeigte dorthin. Kathe lief dahin und blil verwirrt ſtehen, als ſie ſah, daß die Klingel ſich allein bewegte. Ich öffnet die Thür ſelbſt, und ließ den Beſuch ein. Die Zeit des Mittageſſens kan Ich ließ in die Küche ſagen, daß Mrs. Tibbins anrichten ſolle; da mi aber einfiel, wie es mit ihr ausſähe, ging ich ſelbſt hinaus. Ich fan den Ofen in der Mitte der Küche ſtehen und meine Köchin nach Art de Türken ernſt davor ſitzen, indem ſie den Braten mit eben ſo großen Au gen anſah, als Morgens die Maſchine. Ich belehrte ſie über das Ge heimniß, wie die Speiſen abzunehmen ſeien, und half ihr den Braten au die Schüſſel legen, der natürlich kalt geworden war. Noch hielt ich de Bratſpieß in der Hand, als Kathe die Hausglocke hörte und entſchloſ es nun ordentlich zu machen, hinausſtürzte. Doch bald kam ſie zurüc öffnete die Küchenthür und ließ freundlich drei oder vier elegante Damm eintreten, indem ſie ſagte:— Hier iſt ſie.— Da es Fremde aus der Staht waren, die ihren erſten Beſuch machen wollten, ſo war meine Lage kein ſehr erfreuliche— mein Blick erſchreckten Erſtaunens, als ich ſie zuerſt be⸗ grüßte und indem ich den Bratſpieß drehte, das ängſtliche Schnauben und Huſten der armen Mrs. Tibbins, die wieder ihr ſeidenes Taſchen⸗ tuch hervorholte, verſcheuchte den Ernſt der Damen, daß ſie nahe daran waren, laut aufzulachen; ich bat um Entſchuldigung und führte den Be⸗ ſuch in das Wohnzimmer. Dieſe Beiſpiele genügen wohl, ein Bild jener vier ſchrecklichen Wochen zu geben, die ich mit dieſen Helfern verbrachte. Ich hatte nicht allein 3, Arbeit, ſondern empfand auch doppelt ſo viel Angſt, als zu jener eit wo ich ohne Unterſtützung geweſen war. Die jungen Herren beklag⸗ ten ſich über Roſtflecken in ihren Kragen und über Brandſtreifen, die ihre Hemden eingeplättet waren. Die Taſchentücher waren ſo ſteif geſtärkt, daß man ſie nur mit derſelben Anſtrengung in die Taſche bringen konnte, abs eine irdene Schüſſel. Die Gläſer waren unſauber; die Teller ſchlecht ge⸗ waſchen, und was das Eſſen und Trinken betraf, ſo machten wir da Er fahrungen, die wir früher nie für möglich gehalten hätten. Endlich verſchwand die alte Frau von der Scene und ſie ward durch ein tüchtiges, fleißiges Mädchen mit einer Laune, wie eine Säge, erſetzt; ſie blieb eine Woche bei mir, und ging dann in einem Wuthanfalle fort Dieſer Amazone folgte eine hübſche freundliche Dirne, welche die Schüſſeln zerbrach, das Eſſen anbrennen ließ, die Wäſche beim Plätten verdarb und Alles im Hauſe hinwarf, was ihr im Wege ſtand; aber dies Alles ſtörte ſie nicht einen Augenblick in ihrer Ruhe. Eines Abends hatte ſie ver⸗ geſſen, den Stöpſel des Syrupfnſſes wieder zu befeſtigen. Sie kam ſin⸗ gend die Treppe herauf, während der Syrup die ganze Nacht hindurch in! den Keller lief, ſo daß er ſich am nächſten Morgen im Zuſtande völliger Emanzipation befand. Nachdem ſie noch ein Thee⸗Service zerbrochen, ver⸗ ſchwand ſie eines Tages aus dem Hauſe, wie ihre Vorgängerin. Nach ſo viel Prüfungen erhielt ich ein hübſches, ordentliches Mädchen, das den Dienſt verſtand, und zugleich die heiterſte Laune von der Welt hatte. Endlich, ſagte ich zu mir ſelbſt,— werde ich von meinen Mühen ausruhen können.— Seit dieſer Zeit ging Alles ordentlich im Hauſe zu. Aber leider! dieſe Zeit der Ruhe und des Glückes wurde durch die Er⸗ ſcheinung eines hübſchen jungen Mannes geſtört, der einige Wochen hi durch jeden Sonntag Abend ſeinen Beſuch in der Küche machte; b Das Maiblümchen. 37 lich Miß Mary lächelnd und erröthend mir zu verſtehen gab, daß ſie in vierzehn Tagen abziehen würde. — Nun, Mary,— fragte ich verletzt,— gefällt es Dir bei mir nicht mehr?— — O ja, Madame.— — Warum willſt Du denn meinen Dienſt verlaſſen? — Ich ſuche keinen Dienſt mehr.— — Willſt Du ein Geſchäft gründen? — Nein, Madame.— — Nun, was denkſt Du denn anzufangen?— — Ich will meine eigene Wirthſchaft führen,— ſagte ſie lächelnd und erröthend. — Ach,— antwortete ich,— das iſt ja ſehr ſchön! Und ſo verlor ich nach vierzehn Tagen das beſte Mädchen von der Welt; Friede ihrem Angedenken! Nun folgte ein Interregnum, das mich an das Buch der Chronik in der Bibel erinnerte, wo Baſha, Elah, Tibni, Zimri und Omri, Einer nach dem Andern den Thron Iſraels beſteigen, was Alles auf we⸗ nigen Seiten ſteht. Eine alte Frau, die eine Woche bei uns blieb, ging wegen Zahnſchmerzen fort; eine junge Perſon entlief und verheirathete ſich; eine Kochin, die Abends kam, verſchwand bei der nächſten Morgen⸗ röthe; ein ſehr ordentliches Mädchen, das einen Monat da blieb und nach Hauſe ging, weil die Mutter krank geworden war; eine andere, die ſechs Wochen bei mir war und dann ſelbſt am Fieber ſtarb; und wer zählt den Schaden auf, den die Einrichtung des Haufes unter ſo viel Händen erlitt? Was iſt nun da zu thun? Sollen wir auf eine gute Haushaltung Verzicht leiſten? Sollen wir uns Selaven halten? Oder ſollen wir einen Bündel auf die Schulter und einen Stock in die Hand nehmen, um ein Nomaden⸗Leben zu führen? Was iſt zu thun? — Das Maiblümchen. Der kleine Eduard. Wer von meinen Leſern iſt in Neu⸗England geboren, und zwar in jener guten, alten Zeit, wo man noch regelmäßig die Kirche, die Kinder⸗ lehre und die Schule beſuchte? Wer ſich dieſes Vorzugs erfreut, hat ge⸗ wiß meinen Onkel Abel geſehen, den geradeſten, viereckigſten und ernſteſten aller Männer, der je ſechs Tage gearbeitet, und den ſiebenten ge⸗ ruhet hat. Ihr erinnert Euch wohl ſeiner ſtrengen, durch die Stürme des Lebens abgehärteten Züge, deren Linien mit einer Stahlfeder oder mit einem Dia⸗ mantgriffel eingegraben zu ſein ſchienenz ſeiner großen, klugen Augen, die ruhig über Alles hinblickten, als ob ſie ſich ſelbſt Bedächtigkeit auferlegten; der Pedächtigteit, mit der er den Mund öffnete und ſchloß; der ruhigen Gewißheit, mit der er ſich ſetzte und aufſtand; und endlich der muſter⸗ haften, peinlichen Ordnung ſeines Lebens und Strebens, die ihn wie das militairiſche Commando; halb rechts, vorwärts, marſch! ſtets beherrſchte. Wenn man aus dieſem ſtreng geometriſchen Aeußern ſchließen wollte, dieſer vortreffliche Mann habe durchaus keine Spur von Freundlichkeit und Liebenswürdigkeit, ſo irrt man ſich ſehr. Der Schnee bedeckt oft den lieb⸗ lichſten, grünſten Raſen; und wenn ſich auch das Innere meines guten Onkels nicht gerade mit einem Blumengarten vergleichen läßt, ſo förderte dennoch manchen ſchönen Gedanken und manche ſchöne Handlung zu age.. Ich bekenne es, mein guter Onkel lachte ſelten und ſcherzte niemals; aber Niemand war empfänglicher für einen guten Scherz, Niemand wußte ihn mehr zu ſchätzen, als er. Hörte er einen witzigen Einfall, ſo erheiterte ſich ſein ganzes Geſicht, es verrieth eine unverkennbare innere Genugthu⸗ ung, und ſeine Augen blickten zu dem Urheber deſſelben bewundernd und ſtaunend, daß ein ſo köſtliches Ding in dem Kopfe eines Menſchen ge⸗ boren werden konnte.. Er fand auch nicht minder Geſchmack an ſchönen Künſten. Mit wel⸗ chem Vergnügen betrachtete er die Bilder der Familienbibel, Bilder, deren Originale weder im Himmel, noch auf oder unter der Erde vorhanden ſind. Auch die Muſik hatte ſich ſeiner Vorliebe zu erfreuen, denn er war ein ſo vortrefflicher Virtuos, daß er ſammtliche Lieder des Geſangbuches in einem Athem ſang, ohne zu ermüden, und dabei ſchlug er ſo regel⸗ mäßig mit der Hand den Takt, als ob ſie ein Windmühlen⸗Flügel wäre. Dieſe Hand war auch freigebig, wenn gleich ſeine Freigebigkeit durch die Regel de tri in Schranken gehalten wurde. Er behandelte ſeinen Nach⸗ bar genau ſo, wie er wünſchte von ihm behandelt zu werden; er i mit ganzer Seele an einigen Dingen dieſer Welt; er liebte ſeinen Gott von ganzem Herzen, aber er ehrte und fürchtete ihn noch mehr; er war gewiſſenhaft gegen Andere, gewiſſenhafter gegen ſich ſelbſt, aber gegen ſeinen Gott bemühte er ſich, am gewiſſenhafteſten zu ſein. Von dem Beginne bis zum Schluſſe des Jahres ging Alles in ſeinem Hauſe nach den hergebrachten Regeln des Orts und der Zeit. Da ſah — —— Das Maiblümchen. 39 man den alten Mr. Boſe, den Lieblingshund meines Onkels, wie er ſtets umhertrottirte, als ob er die Multiplications⸗Tabelle ſtudirte. Man ſah die alte Uhr, deren einförmiges Tik— tak unaufhörlich aus einem Winkel 3 3 61 1 der Küche hervortönte, und deren prächtiges Zifferblatt die Sonne darſtellte, wie ſie hinter einer ſchnurgeraden Reihe von Pappeln eben unterging. Da ſah man, über dem Kamine den ſtets erneuerten Vor⸗ rath von getrockneten Erbſen und Bohnen, ebenſo blühende Blumen, welche die Fenſter umrankten. Da war das Staatszimmer, deſſen Fuß⸗ beden ſtets mit Sand beſtreut war, und in deſſen einer Ecke der mit großen Glasfenſtern verſehene Küchenſchrank prangte, und in der andern br ein Tiſch mit der Bibel und dem Geſangbuche ſtand. Auf dem Kamin hatte das immergrüne Spargelkraut ſeinen Platz. Endlich war auch die Lante Betſy noch da, die gar nicht älter zu werden ſchien, weil ſie immer ſo alt als nur möglich ausgeſehen hatte, und die um Alles in der Welt nicht vergeſſen hätte, weder am dreißigſten September ihren Wermuth zu trocknen, noch am erſten Mai das ganze Haus zu fegen. Kurz, man war hier in dem Lande der Beſtändigkeit, wo die Zeit weder Addition, noch Subtraction und Multiplication angewendet hatte, um den Beſtand zu ändern. . 1 3 Dieſe Tante Betſy war die ordentlichſte und thätigſte menſchliche Ma⸗ ſchine, die je an funfzig verſchiedenen Orten zugleich gearbeitet hat. Man ſah ſie überall, ordnend und befehlend; und obgleich mein Onkel zweimal verheirathet geweſen, ſo war dennoch ihre Aukorität und ihr Regiment nie beeinträchtigt worden. Sie hatte die Frauen meines Onkels, als ſie noch lebten, beherrſcht, und als ſie ſtarben, folgte ſie ihnen in der Ver⸗ waltung des Hausweſens. Sie ſchien beſtimmt zu ſein, das Regiment bis zum letzten Ende zu führen. Aber die zweite Frau meines Onkels hatte einen Gegenſtand hinter⸗ laſſen, deſſen Behandlung der guten Tante mehr Schwierigkeiten verur⸗ ſachte, als alle die, welche ihr früher in den Wurf gekommen waren. Dies war ver kleine Eduard, das Kind der alten Tage meines Onkels, eine lieb⸗ liche und ſchöne Blume, wie man ſie nicht an dem Rande eines Gletſchers findet. Man hatte ihn bis zu dem Altet, das einer ſorgfältigern Auffich bedarf, der Sorge ſeiner Großmutter anvertraut; dann aber hatte ihn mein Onkel, deſſen Herz ſich nach ihm ſehnte, in das Haus zurückgenommen. Seine Rückkehr in die Familie erregte eine große Senſation. Es gab keinen größern Verächter der Würde, keinen reſpektloſern Menſchen vor Heiligem und Geweihtem, als dieſen Mr. Eduard. Ihm Sitte zu pre⸗ digen, war vergebliche Mühe. Es hat wohl noch nie einen kleinen Tauge⸗ nichts gegeben, der ſo keck und dabei doch ſo anmuthig ſein reizendes Locken⸗ köpfchen aufrecht trug, als er. Eduard verſchmähte es ſelbſt, den Sonntag von den übrigen Tagen zu unterſcheiden; er lachte und ſchäkerte mit allen Perſonen und Dingen, die ihm in den Weg kamen, ſelbſt ſein ehrwürdiger Vater blieb davon nicht ausgeſchloſſen. Und wenn er ſich an den Hals des Greiſes warf, wenn er ihn mit ſeinen friſchen, fleiſchigen Armen um⸗ ſchlang, wenn ſeine rothen Wangen und ſeine blauen Augen an dem blei⸗ chen Geſichte des Onkels Abel erglänzten, ſo hätte man glauben mögen, der Frühling küſſe den Winter. Die philoſophiſche Ruhe des alten Vaters ward durch dieſes wilde, 1 bewegliche Kind arg geſtört; er ſann vergebens auf Mittel, ihn zu einer geſetzten Haltung zu bewegen— der kleine Kobold trieb ſein Unweſen mit 40 Das Maiblümchen. einer bewunderungswürdigen Energie und Ausdauer fort. Eines Morgen⸗ putzte er den Fußboden mit dem ſchottiſchen Schnupftabake der Tant, Betſy; ein anderes Mal wuſch er den Heerd mit der beſten Kleiderbürſte ſeines Vaters; dann wieder überraſchte man ihn, als er die Kühnheit hatte, Boſ dem Hunde, die Brille meines Onkels aufzuſetzen. Mit einem Worte, 6 gab keinen Gebrauch, ausgenommen den richtigen, den Eduard nicht alf alle Gegenſtände anwendete, die ihm in die Hände kamen. Die gröſte Sorge Qnkel Abel's war die, daß er Sonntags nicht wußte, was er nit! ſeinem Sohne anfangen ſollte, denn gerade an dieſem Tage ſchien Hyrr Eduard zu tollen Streichen am meiſten aufgelegt zu ſein. — Eduard! Eduard! Am heiligen Sonntage darf man nicht ſpie⸗ len! rief ſein Vater. Gleich hob der Knabe ſeinen Lockenkopf empor und ſah ſo ernſt ats, wie der Katechismus ſelbſt. Aber kaum waren drei Minuten verfloſſen, ſo ſprang die Katze, von Eduard verfolgt, durch das gute Zimmer, und ſtörte durch ihr Geräuſch und Gepolter die frommen Betrachtungen der Tante Betſy und der übrigen Andächtigen im Hauſe. Mein Onkel kam endlich zu der Erkenntniß, daß die Natut ſich keine Regeln vorſchreiben laſſe, und daß Eduard eben ſo wenig den Sabbath en würde, als der Bach, der luſtig durch die grüne Wieſe rieſelt. Der arme Onkel! Er wußte nicht, wie weit ſein Herz beſiegt war; abet das wußte er, daß er unfähig zum Zürnen war, wenn Eduard Leügeuer begangen hatte. Er putzte ſicher die Gläſer ſeiner Brille eine Viertelſtunde länger, wenn Tante Betſy ihm die Späße und loſen Streiche des kleinen Taugenichts erzählte. So hatte unſer kleiner Held ſein drittes Jahr vollendet, und mit ihm die Würde des Schülers erlangt. Glorreich überwand er das ABC⸗Buch, er griff keck den Katechismus an, war in vierzehn Tagen Meiſter der Ge⸗ und Verbote und kam dann, vor Freude glühend, mit der frohen Botſchaft nach Hauſe, daß er glücklich das„Amen“ erreicht habe. Von nun an las er jeden Sonntag Abend, nachdem er ſein Röckchen ausgezogen hatte, laut vor, wobei er die Hände faltete. Er ſah aber auch von Zeit zu Zeit nach der Katze, ob ſie mit ſchuldiger Aufmerkſamkeit zu⸗ hörte. Da der Charakter des Knaben ſich weſentlich un wohlwollenden Mittheilen hinneigte, ſo machte er oft die lobenswerthen Verſuche, dem alten Boſe den Katechismus beizubringen, Verſuche, deren Erfolg ſich denken läßt. Kurz, Herr Eduard verſprach ein literariſches Wunder zu werden. Aber ach! Das Glück des armen Kleinen ſollte nicht von langer Dauer ſein. Eines Tages ward er krank, und obgleich Tante Betſy die Heilkraft aller Pflanzen ihres Herbäriums anwandte— es war vergebens, die Krankheit ward ſchnell gefährlich. Der Vater, tief im Herzen ver⸗ wundet, beklagte ſich nicht; aber er wachte Tag und Nacht an dem Kranken⸗ bette und wandte mit rührender Ausdauer und Zärtlichkeit alle vorge⸗ ſchriebenen Heilmittel an. — Können Sie nichts mehr thun? fragte er den Arzt, als Alles ver⸗ geblich verſucht war. — Nein! antwortete der Arzt. ZEi Ein krampfhafter Schmerz durchzuckte einen Augenblick das Geſicht Onkel Abel's. — Herr, Dein Wille geſchehe! ſagte er mit einem tiefen, ſchmerz⸗ lichen Seufzer. —— Das Maiblümchen. 41 In dieſem Augenblicke ſandte die untergehende Sonne einen freund lichen Strahl durch die Vorhänge und erhellte, wie das Lächeln eines Engels, das bleiche Geſicht des kleinen Kranken, der aus einem unruhigen Schlummer erwachte. — Ach, lieber Vater, wie muß ich leiden! flüſterte er mit ſchwacher Stimme. Mein Onkel nahm ihn ſanft in ſeine Arme. Er begann leichter zu athmen und wandte lächelnd die Augen zum Himmel empor. Da ſchlich leiſe ſeine alte Spielgenoſſin, die Katze, durch das Zimmer. — Ach, lieber Vater, da läuft Miezchen! rief er. Ich werde nun nicht mehr mit ihr ſpielen können! Eine plötzliche Veränderung ließ ſich in ſeinen Zügen wahrnehmen. Er richtete ſeine Blicke wie flehend auf den Vater, indem er zugleich die Hand ausſtreckte, als ob er um Hilfe bäte. Der Todeskampf durchzuckte ihn einen Augenblick, und die Reize des lieblichen Geſichts verſchwammen in ein Lächeln des Friedens. Mein Onkel legte ihn in das Kiſſen, und betrachtete eine Zeitlang ſein himmliſches Antlitz. Das war zuviel für ſeine moraliſche Feſtigkeit, zuviel für die phyſiſche Kraft des Vaters— er begann laut zu weinen. Zwei Tage ſpäter brach der Sonntag an, der Tag des Begräbniſſes. Auf der Erde lag Ruhe und Frieden— auch Onkel Abel war ruhig und geſammelt wie immer; aber in ſeinem Geſichte zeigte ſich ein rührender, tiefer Schmerz. Ich erinnere mich, daß er ſich während der Leichengebete über ſeine große Bibel neigte und den Pſalm begann: Herr, Du biſt unſere Zuflucht für und für! Die Erhabenheit dieſer melancholiſchen Poeſie mußte ihn lebhaft er⸗ greifen, denn er hielt plötzlich inne, nachdem er einige Verſe geleſen hatte. Dann herrſchte das Schweigen des Todes in dem Hauſe, das nur von den Pendelſchlägen der Uhr unterbrochen ward. Mein Onkel erhob von neuem ſeine Stimme— aber es war vergebens. Er ſchloß das Buch, und kniete zum Gebet nieder. Obgleich er mit hoher, religiöſer Achtung vor der Gottheit erfüllt war, entfeſſelte ſich dennoch der heftige Schmerz in traurigen und ernſten Worten, die ich nie vergeſſen werde. Gott, der angebetete und gefürchtete, ſchien ſich auf ihn wie ein tröſten⸗ der Freund herabzuſenken, um ihm Kraft zu verleihen, und Zuflucht und Stütze in der Zeit der Leiden zu ſein. Onkel Abel erhob ſich, und ih ſah ihn langſam dem Zimmer zu ſchreiten, wo ſein Kind ruhte. Er enthüllte das Geſicht des lieben kleinen Verblichenen: der Tod hatte ihm ſein Siegel aufgedrückt, ohne ihm ſeine Schönheit zu rauben. Das Feuer des Lebens war verloſchen, aber dem lieblichen, durchſichtigen Antlitze entſtrömte ein geheimnißvoller, zauberiſcher Schein, ähnlich dem Morgenrothe des Himmels. Mit trauriger Zärtlichkeit blickte der Vater lange auf ſein Kind. Sein Herz war ruhiger geworden, aber er fand noch immer keine Worte, um ſeine Gefühle auszudrücken. Gedankenlos verließ er das Zimmer und trat auf die Schwelle ſeiner Hausthür. Der Morgenhimmel war rein und klar, die Glocken der Kirche erklangen feierlich durch den ſtillen Morgen, die Vögel ſangen lieblich in der blauen Luft, und das Eichhörnchen des kleinen Eduard umhüpfte die Thür in fröhlichen Springen. Mein Onkel folgte dem Thierchen mit den Blicken, wie es von dem Baume auf das 42 Das Maiblümchen. Gitter, und von dem Gitter auf den Baum ſprang, wie es den Schweif krümmte, und vor Luſt ſeinen dünnen Schrei aus ieß, als ob durchaus nichts Außergewöhnliches geſchehen ſei. Mein Onkel ſeufzte tief auf, dann rief er: — tie Geſchöpf! Doch— des Herrn Wille geſchehe! Unter den lauten Wehklagen Aller, die den kleinen Eduard gekannt, ward an demſelben Tage der Staub zum Staube gelegt. Seit dieſer Zeit iſt manches Jahr entſchwunden, und Onkel Abel's Hülle iſt längſt zu ſeinen Vätern gebettet; aber ſein grader und ſchlichter Geiſt lebt im Glanze und in der Herrlichkeit der Kinder Gottes. Wohl mag der tugendhafte Mann Meinungen gehabt haben, die von den Phi⸗ loſophen verſpottet werden; vielleicht auch hatte er Sonderbarkeiten, die das Lächeln ſeichter Menſchen erregen— der Tod hat ihn umgeſtaltet und weiſe gemacht, er wird einſt als das Ebenbild Gottes zu Freude und Herrtichteit erſtehen! Das Maiblümchen. 43 Laß jeden für ſich ſelbſt ſorgen. — Sie wollen alſo dieſes Papier nicht unterzeichnen? fragte Alfrer Melton ſeinen Vetter Eduard, einen ſchönen jungen Mann, der nach⸗ läſſig neben einem Tiſche ſaß, auf dem mehrere vollgeſchriebene Blätter Papier lagen. — Was in aller Welt habe ich mit den Lappalien der Mäßigkeits⸗ vereine zu ſchaffen? antwortete Eduard verächtlich. Ah bah! Alle dieſe Dinge riechen ſchon von Weitem nach Whiskey. — Vetter Melton, ſagte ein ſchönes junges Mädchen mit glänzenden ſchwarzen Augen, das, in einem Divan ſitzend, dem Geſpräche bisher zu⸗ ehört hatte, Vetter Melton, ich bitte Dich, ſtelle Deine Bekehrungsver⸗ ſeche bei Eduard ein, denn er iſt, wie Falſtaff ſagt, nicht viel beſſer als ein Böſer. Es iſt verlorene Mühe, dieſe koſtbaren Documente der Mä⸗ ßigkeitsvereine vor ihm zu entfalten. — Im Ernſt, mein Beſter, antwortete Eduard, dieſes e Verpflichten und Befiegeln, find für mich ganz unnütze Verrichtungen. Meine frühern und jetzigen Gewohnheiten, der Rang, den ich einnehme, alle Umſtände, die mich nah und fern angehen, ſelbſt meine Indivi⸗ dualität ſprechen dagegen, daß ich je ein Sklave dieſes herabwürdigenden Laſters werden könne. Iſt nun die Verpflichtung es zu meiden, nicht durchaus unnütz? Was den Einfluß anbetrifft, den Sie mir freundlichſt beilegen, ſo denke ich, daß für Alle geſorgt iſt, wenn ein Jeder für ſich ſelbſt ſorgt. Nein, ich kann der modernen Anſicht, eine ganze Geſell⸗ ſchaft für einzelne Individuen verantwortlich zu machen, nicht beipflichten. Erſtlich iſt ſie eine ſehr ermüdende Doctrin, und zweitens zweifle ich an ihrer Mächtigkeit. Aus dieſen beiden Gründen kann ich meinen Schutz auf eine Inſtitution dieſer Art nicht ausdehnen. — Ich muß bekennen, rief die Dame, daß Sie, meine Herren, die Beharrlichkeit bis zu einem ſehr verdienſtlichen Grade ausdehnen! Haben Sie doch die Mäßigkeitsangelegenheit ſo breit behandelt, daß ich faſt da⸗ bei umgekommen bin. Damit dieſer Gegenſtand endlich erſchöpft ſei, werde ich für Eduard eine Mäßigkeitsverpflichtung unterzeichnen und dafür Bürg⸗ ſchaft leiſten, daß er ſich jene ſchlechten Gewohnheiten nicht aneignet, von denen Sie ein ſo gräßliches Bild entworfen haben. WMelton warf einen bewundernden Blick auf die ſchöne Vermittlerin, indem er ſagte: — Ihre Nähe wird ſtets einen heilſamern Einfluß ausüben, als alle nur denkbaren Verpflichtungen. Aber, ſchöne Couſine, nicht allen Männern iſt dieſe ſchätzbare Gunſt zu Theil geworden. — Wie ich vorhin ſagte, lieber Melton, ſtehen meine Gewohnheiten ſo feſt, daß Sie die Macht Ihrer Beredtſamkeit und Logik bei armen Teufeln verſuchen, die weniger begünſtigt ſind, als ich. Und ſo endigte dieſe Unterredung. — Welch ein herzensguter und uneigennütziger Menſch iſt doch dieſer Melton! ſagte Eduard, nachdem jener ſich entfernt hatte. 44⁴ Das Maiblümchen. — Ja, er iſt ſo gut, als der Tag lang iſt, fügte Auguſte hinzu. Aber, im Grunde genommen, doch ſehr proſaiſch. Dieſe läſtigen Mäßig⸗ keitsvereine! Man hört jetzt faſt nichts Anderes, als: Mäßigkeitsjour⸗ nale, Mäßigkeitshäuſer, Mäßigkeit hier und Mäßigkeit da! Selbſt Mäßig⸗ keitsſchnupftücher für kleine Knaben! Wahrhaftig, die Welt wird ſeh⸗ unmäßig in ihrer Mäßigkeit! — Nun, Auguſte, mit der Sicherſtellung, die Sie für mich geleiſtet, kann ich jeder Verſuchung trotzen. Obgleich in dieſen Worten nichts Auffallendes lag, ſo wurden ſie doch mit einer gewiſſen Wärme geſprochen, die Auguſten erröthen machte und ſie antrieb, ſehr eifrig zu nähen. Bei dieſer Gelegenheit ſprach Edu⸗ ard auch von Schutzengeln und ähnlichen Dingen, die nicht um ein Haar mehr Intereſſe gewährten, als eine Abhandlung über die Mäßigkeit; aber es giebt alte Sachen, die, im Laufe gewiſſer Eventualitäten erwähnt, immer eine eigene Friſche bewahren. Ehe eine Stunde verfloſſen war, hatten Eduard und Auguſte den Anfang ihrer Unterredung vergeſſen; ſie ließen ſich ſo weit fortreißen, daß ſie das Land der Zukunft und glänzen⸗ den Träume betraten, welche die Jugend und die Liebe begleiten, ſo lange ſie nicht von der Frucht der Erfahrung gekoſtet, und die verhängnißvolle Erkenntniß des Guten und Böſen erlangt haben. Bevor wir indeß in unſerer Erzählung weitergehen, wollen wir un⸗ ſere Perſpeetive ein wenig zurückſchieben, um unſern Leſern eine bequemere Ueberſicht des ganzen Bildes zu gewähren. Eduard Howard war ein junger Mann, der durch hervorragende Ta⸗ lente und einſchmeichelnde Manieren den erſten Rang in den Cirkeln der großen Welt behauptete. Er beſaß weder Vermögen, noch konnte er ein Gewicht auf ſeine Familie legen; deſſenungeachtet aber übte er einen be⸗ deutenden perſönlichen Einfluß auf die Reichen und Mächtigen aus, und er genoß, wie ſie, die Vergünſtigung der Privilegien und Freiheiten. Die junge Dame, Auguſte Elmore, die wir dem Leſer bereits vor⸗ führten, zeichnete ſich nicht minder durch ihre Schönheit, als durch ihren Geiſt und vortreffliche Eigenſchaften aus. Sie war Waiſe, und von früher Jugend an daran gewöhnt, frei über ein unabhängiges Vermögen zu ſchalten. Dieſer Umſtand verſchaffte ohne Zweifel dem Zauber ihrer perſön⸗ lichen Reize noch jene ſchmeichelhafte Unterwürfigkeit, die ſtets durch die mächtige Verbindung von Reichthum und Schönheit bedingt wird. Wenn ihren vortrefflichen geiſtigen Fähigkeiten eine größere Entwicke⸗ lung mangelte, ſo iſt der Grund in den abgemeſſenen Kreiſen ihres Um⸗ ganges zu ſuchen, die ihr durchaus keine Gelegenheit boten, ſie genügend zu üben. Sie gefiel übrigens, wie tauſend Andere, durch ihre geſelligen Talente. Ihr von Natur guter Sinn, verbunden mit einer großen Ge⸗ fühlswärme und einer unabhängigen Laune, hatte ſie vor dem Unglücke der Herzloſigkeit und Frivolität bewahrt. Sie mehr dazu geſchaffen, Einfluß auszuüben, als ihm zu unterliegen. O gleich ſie von keinem zur Gewohnheit gewordenen Gefühle moraliſcher Verantwortlichkeit beherrſcht ward, ſo ſchien doch der Ton ihres Charakters, im Ganzen genommen, ſich über die Grenzen der großen Geſellſchaft zu erheben. Die öffentliche Meinung hatte die Vereinigung dieſer beiden Perſonen, die völlig für einander geſchaffen zu ſein ſchienen, ſchon im Voraus aus⸗ geſprochen, und diesmal ſollie die Vermuthung in Erfüllung gehen. Einige Das Maiblümchen.* 45 Monate nach dem im Anfange mitgetheilten Geſpräche ward durch glän⸗ zende Feſte und unter innigen Glückwünſchen eine Verbindung gefeiert, die von allen Perſonen, unter denen das junge Paar lange gelebt, gebilligt und als eine höchſt paſſende bezeichnet ward. Nie haben wohl zwei junge Gatten unter glücklichern Auſpicien ihr gemeinſames Leben begonnen. — Welch ein ſönes Paar! Wie herrlich paſſen ſie zuſammen! riefen Freunde und Gevattern. — Sie ſcheinen für einander geſchaffen zu ſein! murmelte es rings um ſie her. Und dieſes Concert von Lobeserhebungen hörten ſie ſo oft, daß ſie endlich glaubten, ſie ſeien eine Perſonification menſchlichen Glücks. Wenn die Liebe Perſonen von feſten Charakteren erfüllt, ſo wurzelt ſie ſtets in ernſten und haltbaren Principien; ſie macht nachdenkend, vor⸗ ſichtig und ſittſam— ſo auch hier. Wenn ſie, die Gegenwart erſchöpft, einen Ausfall auf das Gebiet der Zukunft machten, Pläne ent⸗ warfen, Ideen austauſchten und ſie von dem Standpunkte menſchlicher Klugheit aus prüften, ſo ſtanden ſie ſtets mit dem gegenwärtigen Leben in Verbindung. Für einige Zeit war die Alles in ſich vereinigende Liebe der beiden jungen Gatten im Stande, ſie den Lockungen und Verführungen der großen Welt widerſtehen zu laſſen. So verbrachten ſie die langen Winterabende allein, indem ſie laſen, muſicirten, von der Vergangenheit plauderten oder von der Zukunft träumten. Mag es immerhin der Theorie der Gefühls⸗ menſchen widerſprechen, ſo iſt es dennoch eine bewährte Sache, daß zwei Perſonen, deren Umgang auf ſie allein beſchränkt iſt, nicht ſtets den An⸗ forderungen des Geiſtes, der vor Allem die Einförmigkeit fürchtet, genügen können. Dies bewährt ſich vorzüglich bei denen, die an eine intellectuelle Erregtheit gewöhnt ſind, und ſie nur durch Mannigfaltigkeit erneuern können. Nach einigen Monaten begannen die jungen Gatten, ohne daß ihre gegenſeitige Liebe dadurch geſchwächt ward, den zahlreichen Einladungen zu folgen, die von allen Seiten her an ſie ergingen. So vft die reizende Gattin Mr. Howard's in einen Saal trat, durch⸗ lief ein Beifallsgemurmel die ganze Geſellſchaft, das dem Ohre des lie⸗ benden Gatten nicht wenig ſchmeichelte. Hörte Auguſte von den Erfolgen der geſellſchaftlichen Talente ihres Mannes, ſo konnte ſie der Verſuchung nicht widerſtehen, ihn öfter, als er es wunſchte, in Geſellſchaften zu ziehen. Leider kannte keins von Beiden, die Gefahren, denen ſie ſich ausſetzten, indem ſie den häuslichen Heerd verließen, um leeren Aufregungen und eiteln Verſuchungen nachzujagen. Den erſten Schritt zu ſeinem Untergange hat das Weib oder der Mann gethan, dem eine unausgeſetzte Aufregung, gleichviel von welcher Art, zum Bedürfniſſe geworden iſt. Das Weib wird ſtets mit Mißvergnügen und Ueberdruß ihre häuslichen Pflichten erfüllen; der Mann wird ſtets zur reinen phyſiſchen Aufreizung ſeine Zuflucht nehmen, die ſowohl die örper⸗ als die Geiſteskräfte aufreibt. Auguſte, völlig vertrauend auf die Feſtigkeit ihres Mannes, ſah keine Gefahr in dieſen Einladungen, die ſich ohne Unterbrechung folgten, Eduard nach und nach von ſeinen Geſchäften ablenkten, ihn hinderten, ſeinen Geiſt zu bilden, und ſich um ſeine Frau zu kümmern, ſo ſehr es ihm auch bis dahin ein Bedürfniß geweſen war. Schon damals zog am Horizonte die 46* Das Maiblümchen. Wolke auf, nicht größer als die Hand eines Mannes, der Vorbote des Ennn und der Finſterniß; aber die vertrauende und zu ſorgloſe ſah ſie nicht. ber als die Sorgen und Pflichten der Mutter ſie an das Haus feſſelten, da bemerkte ſie mit einem ſeelenerſchütternden Schrecken, daß ſich an ihrem Gatten eine Veränderung vorbereite. So klein und unſcheinbar ſie auch war, das Herz der Frau faßte und erkannte ſie. Eduard unterließ indeſſen nicht, ſeine Gattin aufmerkſam und liebevoll zu behandeln. Er liebkoſte ſie, und küßte mit Entzücken das niedliche Find, das die junge Mutter ihm geſchenkt hatte. Wenn der Vater ſeinen Sprößling bewundernd betrachtete und ihn mit zärtlichen Küſſen über⸗ ſchüttete, dann fühlte ſich die gerührte Mutter eben ſo glücklich als in den erſten Tagen ihrer Ehe; wenn aber die Stunde des Vergnügens ſchlug, und Eduard eifrig die Geſellſchaften beſuchte, dann ſah ſie den Vater mit einer unbeſchreiblichen Herzensbeklemmung ſcheiden. — Nein, ſagte ſie, ich bin nicht anmaßend genug, ihm eine Erholung, ein Vergnügen zu rauben, das ich nicht mit ihm theilen kann. Aber ich erinnere mich, daß er mir einſt ſagte, es gäbe ohne mich kein Vergnügen für ihn. Alſo iſt jener troſtloſe Satz dennoch wahr: Die Liebe dauert nur kurze Zeit!. Arme Auguſte! Sie wußte nicht, daß ſie den triftigſten Grund hatte u fürchten. Sie wußte nicht, welche Verſuchungen ihren Gatten in den irleln umgarnten, wo die raffinirteſten Geiſtesaufregungen durch über⸗ mäßigen Genuß des Weins erhöht wurden. Eduard hatte bereits jenen Grad phyſiſcher Aufregung kennen ge⸗ lernt, der die Grenzen der Berauſchung berührt. Aber er ſah die Gefahr nicht, ſein übergroßes Selbſtvertrauen und die gefährlichen Gewohnheiten einer verdorbenen Geſellſchaft täuſchten ihn. Der Reiſende, der die Waſſer⸗ fälle des Niagara beobachtet hat, wird den Punkt andeuten können, wo der erſte weiße Strudel den beginnenden Weg in den Abgrund andeutet. Alles ſtrahlt hier in wunderbarer Schönheit, und wenn die funkelnden und tanzenden Wellen farbig die magiſchen Prismen des Regenbogens wiederſtrahlen, könnte man glauben, ſie ſeien von dem Geiſte eines neuen Lebens beſeelt, es ſei unmöglich, daß ſie einem ſchauerlichen Abgrunde entgegeneilten. Ebenſo iſt es bei dem erſten Schritte zur Unmäßigkeit, die zugleich Seele und Körper zerſtört; man traut der Begeiſterung und der Friſche eines neuen köſtlichen Lebens, und der Wandrer, ergriffen von einem angenehmen Schrecken, wie die Dichter ſagen, lächelt bei dem Schwanken ſeiner Barke, ohne zu wiſſen, daß er mit der raſchen Haſt der wüthenden Wogen einem gräßlichen Abgrunde entgegeneilt, in dem er auf immer verſchwindet. Eduard wäre in dieſer Periode ſeines Lebens noch zu retten geweſen, wenn ein kluger und treuer Freund mit männlicher Offenheit ihn auf die Gefahr aufmerkſam gemacht hätte, die Alle, nur er ſelbſt nicht, kannten; aber der ganze Umgangskreis Eduard's hatte keinen ſolchen Freund aufzu⸗ weiſen. Jeder ſorge für ſich! war die Lieblingsregel, die man allgemein befolgte. Alles was keſchuh war, daß man bedächtig den Kopf ſchüttelte und gleichgültig meinte, es ſei ſehr zu bedauern, daß ein junger Mann, der zu ſo ſchönen Hoffnungen berechtigte, blindlings in ſein Veiderben ſtürze. Der Eine wollte nicht mehr ſagen, weil er kein Verwandter Eduard's Das Maiblümchen.* 47 war; der Andere wollte einen ſo delikaten Gegenſtand nicht berühren, und ein Dritter ſah„nach der modernen Sitte“ darüber hinweg. Und dennoch war jener Mann, der ihn bedauerte und in keiner Ver⸗ wandtſchaft zu Eduard ſtand, derſelbe, deſſen Wein den erſten nervöſen Ueberreiz bewirkt ſ und dennoch war der Mann, der einen ſo delikaten Gegenſtand nicht berühren wollte, das eifrigſte Mitglied des gaſtronomiſchen Clubbs, deſſelben Clubbs, den man nach einiger Zeit ohne Umſtände in einem Hotel abhielt. Wehe Euch, Ihr nüchternen, beſcheidenen und discreten Männer, die Ihr nie die Grenzen der Wohlanſtändigkeit überſchreitet! Wehe Euch! wenn Ihr, vetrehthe Einflüſterungen Gehör gebend, Euch an den Abgrund moraliſcher Verderbniß ziehen laßt! Der Mann der Freude wird an Eurem Unglückstage nicht da ſein, um Euch die rettende Hand zu reichen— der Mann der Freude verſchwindet dann wie ein Phantom! An einem kalten Winterabende ſaß Auguſte allein in ihrem Zimmer. Der Wind heulte traurig vor den geſchloſſenen Fenſterläden des Salons, der mit großem Lurus und feiner Eleganz ausgeſtattet war. Auf den Tiſchen lagen glänzende Bücher und prachtvolle Kupferſtiche; ſeltene Blumen in koſtbaren Vaſen ſtrömten einen ſüßen Duft aus, und gigantiſche Spiegel gaben alle Gegenſtände leuchtend zurück. Alles athmete Ueberfluß, Ruhe. Man hätte einen ene glauben mögen, daß ſich alles Glück der Erde hier vereinige. Aber ſtatt dieſes Glückes fand man eine ängſtliche, bekümmerte Frau. Die Uhr zeigte die Mitternachtsſtunde an. Bei den dumpf ſummenden Schlägen vermehrte ſich ihre Trauer, ihre Angſt, ſie zog eine mit Diaman⸗ ten reich verzierte Repetiruhr hervor und betrachtete ſie mit ſchmerzlichen Blicken. Seufzend gedachte ſie der ſchönen Abende, die ſie an der Seite Eduard's verlebt. Je länger fie ihre Blicke über die Bücher hinſchweifen ließ, die ſie ſo oft zuſammen geleſen hatten, über das Piano und die Harfe, die jetzt ſchweigend an ihren Plätzen ſtanden, deſto deutlicher erinnerte ſie ſich mit bekümmertem Herzen aller Worte, die er geſprochen, aller Muſikſtücke, die er geſpielt, aller Romanzen, die er geſungen hatte. Aus dieſem Sinnen ward ſie durch ein heftiges Klopfen an der Hausthür plötzlich emporgeſcheucht. Die Domeſtiken waren längſt zu Bett gegangen, eilig lief ſie hinab, um zu öffnen. Sie glaubte ihren Mann zu treffen — ſie traf ihn auch; aber, großer Gott, in welch einem Zuſtande! Es war ihr Mann, ihr Mann ohne Beſinnung— vier Männer trugen ihn. — Großer Gott! Iſt er todt? ſchrie ſie mit erſtickter Stimme. — Nein Madame, antwortete einer der Männer; aber ſein Zuſtand iſt nicht viel beſſer, als der eines Todten. Der unglücklichen Auguſte leuchtete plötzlich die Wahrheit in ihrer ganzen Herabwürdigung entgegen. Ohne weiter eine Frage oder ein Wort der Klage auszuſprechen, ließ ſie ihn auf dem Sopha in dem Salon niederlegen. Regungslos vor Beſtürzung ſtand ſie eine Zeit lang da; eine fieberhafte Angſt ſprach ſich in ihrem Geſichte aus, während ſie den völlig beſinnungsloſen Eduard betrachtete. Sie ſah in ihrem Gatten ein gräßliches Urtheil, das ihr die Liebe verbot, ein Urtheil ohne Mitleid, das ſeine eigenen Kinder beraubte und ſie dem Elende preisgab. In dumpfer Verzweiflung ſah ſie um ſich, denn ſie kannte die Bösartigkeit des Laſters, dus ſeinen Stempel auf die Stirn ihres Gatten gedrückt hatte. Wie eine Perſon, die gegen den Tod in den Fluthen eines Stromes kämpft und noch 48 6 Das Maiblümchen. einen letzten ſehnſüchtigen Blick nach den blühenden Ufern wirft, ſo die frühern glücklichen Tage an ihrem innern Auge vorüber. Dann ſtammelte ſie mit dem bitterſten Schmerze: — Großer Gott, komm mir zu Hilfe!— Rette, o rette meinen Gat⸗ ten! fügte ſie in einem flehenden Tone hinzu. Auguſte war eine Frau von großer Charakterſtärke. Als die Stunden verzweiflungsvollen Schmerzes vorüber waren, faßte ſie den Entſchluß, ihrem Gatten und ihren Kindern in einer ſo gräßlichen Gefahr eine treue) Helferin zu ſein. Sobald er erwacht ſein wird, dachte ſie, werde ich ihn flehent⸗ lich bitten, ſich zu ändern. Ich will Alles daran ſetzen, ihn zu retten. Mein armer Mann, man hat Dich verführt, getäuſcht, verrathen; Du biſt ſo gut und großmüthig, daß man wohl für Dich kämpfen kann! Gegen Morgen begann die Betäubung zu ſchwinden, die ſich Eduard's bemächtigt hatte. Er öffnete langſam die Augen und verließ dann mit einer heftigen, wilden Bewegung ſeinen Platz. Seine wirren Blicke ſchweiften durch das Zimmer. Als er ſeine Gattin erblickte, die ihn traurig anſah, tauchte die Vergangenheit vor ihm auf, und ſein Geſicht übergoß eine flammende Röthe. Eine peinliche Pauſe trat ein. Doch bald warf ſich Anguſte, ihren Schmerze erliegend, weinend in ſeine Arme. — Anguſte, ja Du mußt mich haſſen! rief er mit zitternder Stimme. — Dich haſſen? Nein! Nie, nie! Aber Edrard, wie konnteſt Du Dich ſo hinreißen laſſen? — Meine gute Frau, ich muß Dich mit dieſen Einzelnheiten nen; aber Du haſt einſt verſprochen, mein Schutzengel zu ſein.— Du biſt es heute, und wirſt es immer ſein. Ach, Auguſte, Dein Mann hat ſich ſchwer vergangen, er hat Dir ein Schauſpiel geboten, das Deine Augen nie mehr ſehen werden. Nein, nie, nie mehr— mit Gottes Hilfe!— rief er feierlich ernſt aus. Der warme, ernſte Ausdruck ſeiner Worte, die Verwirrung und Schaam auf ſeinem Antlitze, welche die herbſten Gewiſſensbiſſe verriethen, die frei⸗ willige Berufung auf Gottes Hilfe— Alles dies berührte wie ein wohl⸗ thätiger Balſam das zerriſſene Herz Auguſten's, und ſie ſchmeichelte ſich mit der Hoffnung, ihr Mann ſei gerettet. Eduard's Reue war eine aufrich⸗ tige; er hatte den feſten Entſchluß, ſich zu beſſern, aber dem Plane, den er gefaßt hatte, fehlte die ſichere Baſis. Eduard beſchränkte ſich nur auf Palliativmittel, ſtatt durch ein einziges herviſches ſich völlig zu heilen. Wie alle ſchwachen, unentſchloſſenen Charaktere, faßte er Morgens einen Entſchluß, den er Abends wieder verwarf— kurz, er tappte nur unſichern Schrittes auf einem Wege vorwärts, der ihn direct in die Kategorie un⸗ beſtändiger Menſchen führt, die man unter dem Namen Mittelgeſchöpfe begreift. Es iſt ein großer Irrthum, ausſchließlich den Grad von Erregtheit mit dem Worte Unmäßigkeit zu keehnene der völlig den Gebrauch des Verſtandes raubt. Die Unmäßigkeit iſt ſchon vor jenem Zuſtande nervöſer Aufreizung vorhanden, die aus der ſogenannten gemäßigten Aufregung hervorgeht. Dieſer vorübergehende Zuſtand iſt ein treuer Mahner, ein untrügliches Symptom des Unterganges nach einem verhängnißvollen und nothwendigen Geſetze. Alle Schickungen haben ihre Vortäufer. So er⸗ wacht oft die Leidenſchaft des Spiels und der Speculation. Durch die Das Maiblümchen. 49 Begierden eines überreizten Syſtems. Ungeduldig mit dem regelmäßigen Gange der Geſchäfte, unzufrieden mit den Geſetzen ſoliden Emporkommens und dem langſamen Vorſchreiten der Zeit, ſtürzen ſich die von einer er⸗ regten und ſtets irrenden Phantaſie Beherrſchten in die gefährlichſten Un⸗ ternehmungen, die entweder zu einem großen Gewinne oder zum völligen Ruin führen. Und dieſem Ruine geſellt ſich nun die Unmäßigkeit als das traurige Mittel bei, völliger Muthloſigkeit und Verzweiflung zu entgehen. So war es mit Eduard. Um raſch zu einem großen Vermögen zu gelangen, hatte er ſeine Gelder aus den regelmäßigen Geſchäften der In⸗ duſtrie und des Handels zurückgezogen, und ſie unter glänzenden Ausſichten zu einer Speculation verwendet, die noch viel ſolidere Köpfe, als den ſei⸗ nigen, verdrehte. Da nahte die Stunde der Entſcheidung. Zu ſchwach, um dem Ruine und dem Elende männlich entgegenzutreten, nahm er zu ſen ſeine Zuflucht, um einen traurigen vorübergehenden Troſt u finden. Um dieſe Zeit hielt er ſich zihe Monate in einer entfernten Stadt auf, freiwillig getrennt von ſeiner Gattin und ſeinen Kindern. Je näher er ſeinem Untergange kam, je mehr fühlte er das Bedürfniß, die ſchwan⸗ kende Stärke ſeines Geiſtes und ſeiner Nerven durch künſtliche Mittel friſch zu erhalten. Endlich kam der gefürchtete Schlag: das beträchtliche Ver⸗ mögen ſeiner Frau war für ihn nur noch in Zahlen vorhanden— ihm blieb nichts als eine unbedeutende Summe. Nach dieſem Mißgeſchicke ſchrieb er von jener Stadt aus an ſeine nur zu vertrauensvolle Frau folgenden Brief: „Auguſte, Alles iſt zwiſchen uns vorbei. Erwarte nichts mehr von Deinem Manne, glaube ſeinen Verſprechungen nicht mehr, denn er iſt für Dich auf immer verloren, weil er aufgehört hat, er ſelbſt zu ſein. Au⸗ unſer Vermögen, oder vielmehr Dein Vermögen iſt verſchwunden. ch habe es blindlings in den Abgrund einer Speculation geſchleudert. Aber iſt das Alles? Nein, nein, Auguſte, es giebt noch Schlimmeres: ich ſelbſt bin verloren an Leib und Seele, unwiederbringlich verloren wie unſer Vermögen. Einſt war ich energiſch, geſund, feſt und entſchloſſen— jetzt bin ich es nicht mehr. Ich habe mich täglich dem ergeben, das zu⸗ 5 mein Henker und meine vorübergehende Zuflucht gegen das ſcheuß⸗ iche Geſpenſt des Elends iſt. Du erinnerſt Dich jener ſchrecklichen Stunde, wo Du wahrnahmſt, daß Dein Mann ein Trunkenbold iſt— ja, dies iſt das rechte Wort. Ach, Deine ergebungsvolle, traurige, niedergeſchmetterte Miene— werde ich ſte jemals vergeſſen? Du arme verblendete, groß⸗ müthige Frau, wie bald kehrte Dein Vertrauen zu mir zurück! Erhabenes Vertrauen! Aber leider war damals ſchon meine Heilung nicht zu hoffen, ich trug bereits das unauslöſchliche Brandmal der Verworfenheit auf meiner Stirn. „Ach, meine Gattin, meine unvergleichliche Gattin, warum bin ich Dein Gatte? Warum bin ich der Vater jener lieblichen Kinder, die Du mir geſchenkt haſt? Warum hat Deine rührende Ergebung, warum die Un⸗ uld jener lieben, halbverwaiſ'ten Weſen mich nicht zur Umkehr bewe⸗ gen können? Aber nein, es ſollte nicht ſein! „Auguſte, Du haſt keinen Begriff von dieſer gräßlich nagenden Ge⸗ walt, von dem unerträglichen Kampfe dieſer verheerenden Leidenſchaft. Be⸗ trete ich mein Zimmer, ſo denke ich an meinen traulichen Heerd, an mein, Kinder, an meine geliebte Frau an meine Seele, an mich ſelbſt— ache Maiblümchen. 4 50 Das Maiblümchen. dann fühle ich, daß ich Alles geopfert habe. Aber dann kommt die Stunde, die glühende Stunde— und Alles iſt vergeſſen. Du wirſt mich nie wie⸗ derſehen, Auguſte. Alles, was ich aus dem Schiffbruche habe retten können, ſende ich Dir. Du beſitzeſt Freunde, Verwandte, aber mehr als das, eine Charakterfeſtigkeit und Beurtheilungsgabe, die man nur bei wenig Frauen findet— Du ſollſt nicht länger gefeſſelt ſein, denn die Todten leben nicht mit den Lebenden. Ach, Dein großmüthiges Herz wird leiden, wenn das uns umſchlingende Band zerreißt; aber faſſe Muth, denn Du würdeſt noch mehr leiden, wenn Du die unempfindliche Arbeit des Todes ſähſt, der Deinen Gatten bis zu ſeiner völligen Auflöſung langſam untergräbt. Möchteſt Du wohl ſehen, wie Alles, was Du einſt an mir liebteſt, ver⸗ ſchwindet? Möchteſt Du wohl die Launen, die Grämlichkeit, den wahn⸗ witzigen Zorn eines Mannes ertragen, der nicht mehr Herr ſeiner ſelbſt iſt? Möchteſt Du, daß Deine Kinder, die bereits ein Opfer Deines Man⸗ nes ſind, auch ein Opfer ihres Vaters werden? Nein, meine Bahn ift finſter und ſchrecklich, ich will ſie allein gehen— Niemand ſoll mich be⸗ leiten.* 3„Wähle Dir irgend wo ein friedliches Plätzchen, vereinige alle Deine Empfindungen in Deinen Kindern, und erziehe ſie ſo, daß ſie den Platz in Deinem Herzen ausfüllen, den ein unwürdiger Gatte leichtſinnig ver⸗ laſſen hat. Wenn ich mich jetzt von Dir trenne, ſo wirſt Du Dich meiner erinnern, wie ich war, Du wirſt mich lieben und um mich weinen, wenn ich todt bin— bleibe ich aber bei Dir, ſo wird Deine Liebe ſich abwen⸗ den, und ich würde nach kurzer Zeit Dir ein Gegenſtand des Ekels und Abſcheus werden. Darum lebe wohl, meine Gattin, meine erſte, meine wahre Liebe, lebe wohl! Indem ich von Dir ſcheide, leiſte ich Verzicht auf jede Hoffnung, S Verzichtend auf die Hoffnung, ſcheid' ich von der Furcht, Und laſſ' ich das Gewiſſen; für mich iſt Alles hin! Komm, Jammer, komm, Du biſt mein einzig Gut. „Ach, dieſe ſchrecklichen Verſe paſſen auf mein Loos! Suche mich nicht auf, ſchreibe auch nicht an mich,— ich bin nicht mehr zu retten. So begann und endigte der Brief, der den Hoffnungen Auguſten's den Todesſtoß brachte. Es giebt Augenblicke des Schmerzes, wo auch das weltlichſte Herz ſich zu Gott erhebt, gleich dem widerſtrebenden Waſſer, wenn es durch eine ſtarke Bewegkraft emporgetrieben wird. So großmüthig, geiſtreich und wohlwollend Anguſte auch war, ſo hatte ſie doch nur für dieſe Welt gelebt; ihr größtes Glück hatte ſie in ihrem Gatten und in ihren Kindern gefunden. Auf ſie hatte ſie ihren ganzen Stolz geſetzt, auf ſie ihre Träume der Zukunft gebaut. Stark vii ihre eigene Kraft, hatte ſie nie das Bedürfniß gefühlt, wo anders Hilfe ober Glück zu ſuchen. Aber als ſie dieſen, von wilder Verzweiflung dictirten Brief geleſen, ſchien ihr S* it zu wollen. In ihrer ſchrankenloſen Verzweiflung wandte e ſich zu Gott. — Die Welt iſt für mich nicht mehr da! flüſterte ſie bebend. Aber zugleich bat ſie Gott um Verzeihung, und flehete um Kraft in Frſi Leiden. Von dieſem Augenblicke an wurden ihr die Wahrheiten und Syfngen der Religion klar, und dieſe Erkenntniß änderte völlig ihren arakter. Der Fall ihres Gatten hatte die Möglichkeit vernichtet, in blinder, vertrauender Verehrung zu irgend einem irdiſchen Weſen emporzublicken⸗ Das Maiblümchen. 51 Mit der vollen Energie eines feſten, troſtloſen Charakters überließ ſie ſich dem Schutze des Allmächtigen. eilte ohne Aufſchub nach der Stadt, in der ihr Mann lebte; aber alle ihre Anſtrengungen, ihn zu retten, waren vergebens. Zunächſt kamen die gewöhnlichen, nur kurze Zeit dau⸗ ernden Beſſerungen, die Hoffnungen erwecken, welche faſt in demſelben Augenblicke wieder vernichtet werden, der ſie geboren hat. Dann trat nach und nach der Verfall des Körpers und jenes Schwachwerden der Empfindung und des moraliſchen Grundſatzes ein, das ein ſicheres Zeichen der herannahenden Verthierung iſt, der letzten Stufe menſchlicher Ver⸗ ſunkenheit. heit⸗ Jahre nach dieſen Ereigniſſen ward in einer der Vorſtädte von A. ein ziemlich verfallenes Haus von einer neuen Familie bezogen. Sie beſtand aus vier Kindern, deren bleiche und abgemagerte Geſichter deutlich bezeugten, daß ſie ſchon früh Elend und Entbehrung kennen gelernt. Die Mutter mit ihrem bleichen ſorgenvollen Antlitze, mit den trüben, melancholi⸗ ſchen Augen und mit ihren blaſſen, feſtzuſammengepreßten Lippen war die lebende Geſchichte jahrelanger Angſt und Leiden. Der Vater mit ſeinem ſtieren Blicke, ſchwankendem Gange, ſeiner wilden und verdummten Phyſiognomie war ein vollſtändiges Zeugniß ein⸗ gewurzelter Gewohnheiten der Herabwürdigung und des Laſters. Wer einſt Eduard Howard geſehen, als er noch friſch und jugendlich war, hätte ihn in dieſem doppelt elenden Menſchen, elend als Gatte und Vater, nicht wieder erkannt. Und wer würde in dieſem hinfälligen und durch Unglück gealterten Weibe die blendend ſchöne Auguſte wieder erkannt haben? Solche Veränderungen ſind durchaus nicht erfunden: fragt nur ſo manche bedrückte Seele, ſo manches gebrochene Herz. Auguſte hatte ſich nicht geſcheut, ihrem ſchuldbeladenen Gatten in allen Wechſeln ſeines Schickſals, in allen Phaſen ſeiner traurigen Erxiſtenz zu folgen. Alle Hoffnung auf Beſſerung war nach und nach erloſchen. Sie hatte tauſend Scenen geſehen, und tauſend Worte gehört, die man ohne Abſcheu nie wiedererzählen kann. Denn in dem Lande der Trunken⸗ heit verdirbt für immer die Erhebung des Geiſtes, die Läuterung des Ge⸗ ſchmacks und die Reinheit der Empfindungen. Alles ſtirbt durch einen moraliſchen Selbſtmord. Wer Eduard auf der Landſtraße ſah, wie er ſchwerfällig dahin taumelte, hörte oft mit Erſtaunen, daß er Stellen aus klaſſiſchen Schriftſtellern oder in ſeinem Gedächtniſſe auftauchende wilde Poeſien laut recitirte, die ſich ſeltſam mit der Fröhlichkeit ſeines ſchweren Rauſches verbanden. Wenn man ihn aber anhielt, um ihn zu betrachten, ſo fand man weder in ſeinen Zügen noch in ſeinen Blicken irgend ein beſonderes Merkmal, das ihn vor einem gemeinen Trunkenbolde ausgezeichnet hätte. Auguſte und ihr Gatte ſich in eine Stadt zurückgezogen, wo ſie unbemerkt lebten; ſie wollten wenigſtens die nicht zu Zeugen ihrer i und Erniedrigung machen, die ſie einſt in beſſern Zeiten gekannt hatten. Der lange und entſetzliche Kampf, der ihre Hoffnung auf das Leben dieſer Welt vernichtet, hatte ſie zugleich bis zur Nächſtenliebe emporge⸗ hoben; ihre troſtloſe, verlaſſene Lage hingegen, deren Pein fie in einen ſteten geiſtigen Umgang mit Gott geſetzt, hatte ihrem Charakter eine Würde verliehen, die nur aus der Religion entſpringt. Sie hing an ihren Kindern mit einer außerordentlichen Liebe, aber 4* * Das Maiblümchen. dieſe Liebe war ſo erhaben und rein, wie die Deſſen, der in den höchſten Leiden vollkommen war und geſagt hat: ich heilige mich für ſie, damit ſie ſich ſelbſt heiligen ſollen. Das tiefſte Elend, die drückendſte Armuth hatten ſie verfolgt, ohne ihren Muth zu erſchüttern. Die Talente, die ſie einſt in glücklichern Zeiten zum Vergnügen ausgebildet, wurden jetzt die Quelle des Unterhalts der Familie, und die Kenntniſſe, die ſie ſich einſt durch Lectüre erworben, verwandte ſie zur erſten Erziehung ihrer Kinder. So verfloſſen einige Wochen. Da kam eines Tages ihr einziger Bruder, der ihren Aufenthalt entdeckt. Er hatte erſt ſeit Kurzem ihre troſtloſe Lage erfahren, und beeilte ſich nun, ſie zur Trennung von ihrem unwürdigen Gatten und zur Annahme eines Aſyls bei ihm zu bewegen. — Auguſte, theure Schweſter, ſo muß ich Dich wiederfinden! rief er aus, als er plötzlich zu ihr in das Zimmer trat, wo ſie mit Arbeiten für den armſeligen Haushalt beſchäftigt war. — Henry, mein guter Bruder! Ein Strahl augenblicklicher Freude erhellte das Geſicht der armen Frau; aber ſchnell verſchwand er wieder, als ſie ihre Blicke auf die trau⸗ rige Umgebung warf. — Ich ſehe, Auguſte, wie die Sachen hier ſtehen. Von Stufe zu Stufe biſt Du in den Abgrund hinabgeſunken, in den Dich ein falſches Pflichtgefühl für einen Manne getrieben, der Deiner Liebe und Sorgfalt unwerth iſt. Ich kann es nicht länger mehr dulden, und bin mit dem feſten Entſchluſſe gekommen, Dich mit mir zu nehmen. Auguſte wandte ſich von ihm ab und blickte wie unwillkührlich durch das Fenſter. Ihre Gedanken ſprachen ſich deutlich in ihren Zügen aus, die nicht mehr die gewöhnliche ſanfte Ergebung, ſondern eine beklemmende Herzensangſt verriethen. — Henry, ſagte ſie, indem ſie ſich zu ihrem Bruder wandte, nie iſt wohl eine Frau glücklicher geweſen, als ich es einſt durch ihn war. Kann ich dies vergeſſen? Wer kannte ihn damals, und bewunderte und liebte ihn nicht? Jeder ſchmeichelte ihn und lockte ihn— ja, ich ſelbſt habe da⸗ u beigetragen, ihn auf dieſen gefahrvollen Weg zu führen. Er iſt ge⸗ ſ aber keiner brachte Hilfe. Ich mahnte ihn zur Umkehr, und er verſprach und entſchloß ſich, ſeine Pflicht zu erfüllen. Aber von Neuem verlockte man ihn, ſelbſt ſeine beſten Freunde kamen wieder, obgleich ſie ſeine gefahrvolle Lage kannten. Sie brachten ihn ſo weit, als es ihnen recht war; aber dann, wenn das Feuer ſeines Temperamentes ihn über die Grenzen der Schaam und des Anſtandes hinausführte, dann ſtanden ſie in theilnahmloſer Ueberraſchung neben ihm, ſtellten ſich, als ob ſie ihn beklagten, und halfen ihm nach dem Falle, ſpöttiſch lächelnd, wieder, empor. Wenn ich ihn damals verlaſſen hätte, welch eine ſchwere Schuld hätte ich auf mein Gewiſſen geladen! Selbſt ſeine beſten Freunde wandten ſich von ihm ab. Sein Unglück ſchien unſer Band noch feſter zuſammen⸗ uziehen. Henry, ich bin ſeine Frau, und ich werde es bleiben bis zu Ende. Wenn ich ihn verlaſſe, wird ſein Untergang vollſtändig ſein. Ich kann jetzt keinen Entſchluß faſſen— vielleicht ſpäter— wir werden ja ſehen. Die Zeit wird kommen, ich fühle es. Aber meine Kinder ferner zu behalten verbietet mir die Pflicht— nimm ſie mit Dir. Sie waren mein einziger, letzter Troſt in dieſer Welt— aber nimm ſie mit Dir! Ich muß mich von ihnen trennen. O, mein Gott, vielleicht werde ich Das Maiblümchen. 53 ihnen bald folgen; aber nicht früher, bis ich alle Verſuche eſhſt habe. Was iſt das Leben für den, der ſo viel gelitten hat, als ich? Nichts! Aber die Ewigkeit, Henry, die Ewigkeit! Würde die Verzwellun dieſes Unglücklichen nicht endlos ſein, wenn ich ihn verließe? Mein Herz iſt ge⸗ brochen, ich habe alle Prüfungen ertragen, die ein Weib völlig niederbeu⸗ gen können; aber dieſer Gedanke— dieſer Gedanke— Sie ſchwieg, und ſchien mit ſich ſelbſt zu kämpfen. Als ob ſie die Beute eines tödtlichen Kampfes würde, bedeckte ſie ihr Geſicht mit beiden Händen. Heiße Thränen rannen durch ihre Finger, und ihr ganzer Kör⸗ per bebte unter krampfhaftem Schluchzen. Henry weinte mit ihr; aber er wagte nicht, den Antrag, den ſein feſter Entſchluß geboren, zu wiederholen. Den nächſten Tag trennte ſich die arme Frau von ihren Kindern. Der Eindruck, den dieſe Trennung auf ſie ausübte, fachte die Hoffnung an, daß ſie auch das Herz des Vaters ergreifen würde. Eine Woche war ſeit dieſem peinlichen Ereigniſſe verfloſſen, als Auguſte eines Abenb zu Mr. L. ging, deſſen fürſtliches Haus die Haupt⸗ zierde der Stadt A. war. Kaum hatte ſie den Fuß in das koſtbare Vor⸗ zimmer geſetzt, als ſie in Herrn L. einen von Denen erkannte, mit dem ihr Mann in glücklicher Zeit oft Umgang gepflogen. Der Kummer hatte ihr Geſicht zu ſehr entſtellt, als daß Mr. L. ſich in dieſem Augenblicke ihrer erinnern konnte. Mitleidig bot er ihr einen Stuhl an, und lud ſie ein, die Rückkehr ſeiner abweſenden Gattin zu erwarten. Dann zog er ſich prie um ſein Geſpräch mit einem Herrn fortzuſetzen, der bei ihm zum eſuch war. — Gewiß, mein beſter Dallas, Sie gehen in dieſem Punkte zu weit. Die Reform der Geſellſchaft kann nicht dadurch herbeigeführt werden, daß der Einzelne ſeinen Nächſten zu beſſern ſucht; nein, nur wenn ein Jeder von uns für ſich ſelbſt ſorgt, iſt die Erreichung dieſes Zweckes möglich. Fangen wir, Sie und ich, mein beſter Freund, mit unſerer eigenen Prü⸗ fung an, werden wir beſſer, und die Geſellſchaft wird ebenfalls beſſer werden. Dieſes beliebte Syſtem unſerer Zeit, nach welchem man es für eine Pflicht hält, ſich mit den moraliſchen Intereſſen des Nachbars zu be⸗ faſſen, ſcheint mir ſchnurſtracks zu dem entgegengeſetzten Reſultate von dem zu führen, das man dadurch erzielen will. Dieſe ſcheinbar fruchtbrin⸗ genden Schritte machen viel Mühe, aber ſie bringen noch nicht einmal einen leidlichen Erfolg. Wenn aber, war die Antwort, der Nachbar außer Stande iſt, über ſich ſelbſt zu wachen, was würden Sie dann thun? iſt ſeine, und nicht meine Sache! Gott will nur, daß ich meine eigenen Pflichten erfülle; aber er fordert nicht, daß ich mich mit meinem Nächſten abmühe. — Jetzt, mein Freund, kommen wir auf den rechten Punkt. Welche Pflicht hat Gott Ihnen auferlegt? Begreift ſie nicht auch ein wenig Eifer und Sorgfalt für Ihre Mitgeſchöpfe und einige großmüthige Aufmerkſam⸗ keit für ihre Intereſſen und ihre Beſſerung in ſich? — Ganz recht. Ich gebe, indem ich meinen Satz befolge, ein gutes Beiſpiel. Aber dieſes Beiſpiel iſt nicht das, was Sie aufſtellen. Soll ich einen Mann verhindern Wein zu trinken, weil ich fürchte, er könnte zuletzt bis zum Branntwein herabſinken? Noch mehr— ſoll ich etwa verhindern, daß Jemand ſeinen Appetit vollſtändig befriedigt, aus Furcht⸗ — 54 Das Maiblümchen. er könne ſich den Magen verderben? O nein, nach meiner Anſicht läßt ſich Beſſeres thun, wenn ich ſelbſt mäßig und nüchtern lebe, und wenn ich gute und derente Gewohnheiten annehme. So gehe ich mit einem wahrhaft nützlichen Beiſpiele voran. Die Rücktehr der Mrs. L. unterbrach dies für Auguſte ſo inhalt⸗ ſchwere Geſpräch; es erinnerte ſie lebhaft an jene Zeit, in der ſie mit ihrem Gatten ſo oft daſſelbe Thema behandelt hatte. Ach, wie ward ſie jetzt davon berührt, jetzt, wo ſie ohne Freunde, ohne Hilfe war— das verzweiflungsvolle Geſchöpf, die Gattin eines ver⸗ lorenen Mannes, die Mutter halbverwaiſ'ter Kinder! Wie anders erſchien es ihr, als damals, wo ſie, im Beſitze einer blühenden Geſundheit, um⸗ geben von Glanz und Luxus, in die gewöhnliche Phraſe einſtimmte: War⸗ um miſchen ſich doch die Leute in die Angelegenheiten ihres Nachbars! Jeder fege vor ſeiner Thür! Schweigend nahm Auguſte von Mrs. L. die Näharbeit in Empfang, und verließ das Zimmer. — Helene, ſagte Mr. L. zu ſeiner Gattin, dieſes arme Geſchöpf muß viel Sen haben. Erkundige Dich doch einmal, ob ſich nichts für fie thun läßt. 5— Sonderbar, antwortete Mrs. L., dieſe Arme erinnert mich an Au⸗ guſte Howard— erinnerſt Du Dich ihrer noch? — O ja. Die arme Frau! Ich erinnere mich auch ihres Gatten. Dieſer Eduard Howard hat ein ſeltſames Leben geführt. Wie ich erfahren, iſt er in das Laſter der hoöchſten Unmäßigkeit verſunken. Wer hätte das gedacht! — Weißt Du noch, mein Freund, daß ich ſein Lvos ſechs Monate zuvor prophezeiht habe? Bei der großen Tafel, die Du zur Hochzeitsfeier Mary's gabſt, hatte ſich Mr. Howard in einen ſo ſinnloſen Zuſtand ver⸗ ſetzt, daß er Sitte und Anſtand völlig vergaß. Schon damals machte ich Dich darauf aufmerkſam, daß er einen gefährlichen Weg betreten habe. Es iſt wahr, er war ſo ſchwach, daß ihn zwei bis drei Glas völlig um⸗ warfen. Da lobe ich mir George Eldon— der trinkt zehn bis zwölf, und Niemand merkt etwas davon. — Das iſt ſehr traurig! ſagte Mr. L. Howard wog ein Dutzend Eldon's auf. Dallas, der dieſem Geſpräche ſchweigend zugehört, glaubte eine paſ⸗ ſende Gelegenheit gefunden zu haben, um auf ſein Lieblingsthema zurück⸗ zukommen. — Glauben Sie, ſagte er, daß dieſer Eduard Howard ſo tief geſunken wäre, wenn er ſich in einem Kreiſe bewegt hätte, der gegen den Genuß ſtarker Getränke kämpft? — Ich weiß es nicht, antwortete Mr. L., vielleicht nicht. Mr. Dallas war ein Mann, der viel Muße hatte, er beſaß ein großes Vermögen und einen lebhaften, enthuſiaſtiſchen Charakter. Alle Fragen, die er ergriff, erſchöpfte er völlig. Seit einigen Jahren hatte er ſich viel mit Philantropie befaßt. Seine menſchenfreundlichen Wanderungen hatten ihn oft an der Wohnung Eduard's vorbeigeführt, deſſen leidende, unglück⸗ liche Gattin ihn jedesmal tief rührte, ſo oft er ſie erblickte. Durch die Kinder hatte er die Bekanntſchaft mit Auguſten angeknüpft und nach und nach die Einzelnheiten ihres Unglücks erfahren. Nur ein ſo lebhafter, feuriger Mann, als er, konnte daran denken, dieſes anſcheinend unheilbare Das Maiblümchen. 55 uebel zu heben, und zwar durch die ſittliche Verbeſſerung deſſen, der es herbeigeführt. Gerade dieſer Plan reizte ihn, und durch das Geſpräch der beiden Ehegatten ward er völlig feſtgeſtellt. Dallas war bald zu der Ge⸗ wißheit gelangt, daß Eduard Howard derſelbe ſei, von deſſen Vergangen⸗ heit er den Schleier gehoben hatte. Es war wichtig, eine paſſende Zeit zu wählen. Mr. Dallas war der Anſicht, daß ſie jetzt gekommen ſei, jetzt, wo Eduard ſich noch unter dem Ein⸗ fluſſe der Trennung ſeiner Kinder befand. Er benutzte alſo den Augenblick der völligen Befreiung von dem ſchmählichen Joche, dem Eduard ſo oft unterlag, und ging zu ihm. Durch klug gewählte Worte, die zugleich ſein aufrichtiges Intereſſe bekundeten, ſuchte er die innerſten Seiten ſeines ab⸗ geſpannten Herzens anzuſchlagen und ihn aus ſeiner Empfindungsloſig⸗ keit zu wecken. — Es iſt vergebens, Mr. Dallas, antwortete Eduard auf die Er⸗ mahnung zu einem erneuerten Beſſerungsverſuche, es iſt vergebens, daß Sie Ihre Beredtſamkeit anwenden, um mich zu einer Erhebung zu be⸗ wegen. Sie könnten es eben ſo gut verſuchen, die Verdammten aus den Klauen der Hölle zurückzufordern. Glauben Sie, fuhr er in einem wil⸗ den, feſten Tone fort, ich wiſſe nicht Alles ſchon, was Sie mir ſagen kön⸗ nen? Ueber dieſen Punkt iſt Niemand beſſer im Klaren, als ich: ich weiß Alles und glaube Alles, wie die Teufel glauben und zittern. — Und dennoch iſt für Sie noch nicht alle Hoffnung verloren, ſagte Mr. Dallas. Sie dürfen ſich nicht für einen Menſchen halten, der auf immer zu Grunde gerichtet iſt. — Wer, beim Teufel, ſind Sie denn, daß Sie ſo mit mir ſprechen? rief Eduard, in deſſen ſonſt ſo düſterm Geſichte ein Strahl von Neu⸗ gierde, wenn nicht von Hoffnung aufblitzte. — Ich bin für Sie, Eduard Howard, der Bote einer guten Nach⸗ richt, ſagte Mr. Dallas, indem er ernſt ſeine wohlwollenden Blicke auf ihn richtete; ja, für Sie, Unglücklicher, ohne Hoffnung, ohne Geſundheit; für Sie, der das Herz ſeiner Frau zerfleiſcht, und ſeine Kinder an den Bettel⸗ ſtab gebracht hat. Ich bin für Sie der Bote Gottes. Der Allmächtige bietet Ihnen durch mich Geſundheit, Hoffnung, Ehre und Achtung. Sie können das gebrochene Herz Ihrer Gattin wieder Kiren Sie können Ihren verlaſſenen Kindern den Vater zurückgeben. Denken Sie, Howard, es iſt möglich! Denken Sie daran! Oder wollen Sie von Ihren Mitbürgern nicht mehr geliebt und geachtet ſein, wie früher? Wollen Sie nicht mehr am häuslichen Heerde fitzen, an der Seite einer freudig aufblickenden Gattin, in der Mitte unſchuldiger Kinder, die Sie mit Zärtlichkeiten über⸗ häufen? Noch einmal, denken Sie an die heilige Genugthuung, die Sie Ihrer Gattin für die zahlloſen Thränen ſchulden, welche ſie wegen Ihrer vergoſſen hat. Und nun,— was hindert Sie, dies Alles zu erlangen? — Gerade das, was den reichen Mann hinderte, das Paradies zu be⸗ ttreten: der tiefe Abgrrnd zwiſchen dem Guten und dem Böſen. Meine Frau, meine Kinder und der Himmel find auf der einen Seite— ich bin auf der andern. — Dieſen Abgrund können Sie überſchreiten. Howard, was würden Sie darum geben, wenn Sie wieder mäßig und nüchtern würden? — Was ich geben würde? fragte Howard. Er dachte einen Augenblick nach, dann brach er in Thränen aus. 56 Das Maiblümchen. — Ah, jetzt ſehe ich, wo es fehlt! ſagte Dallas. Sie bedürfen eines Freundes— und Gott hat Ihnen einen geſendet! — Was können Sie für mich thun, Mr. Dallas? fragte Eduard, erſtaunt über die Sicherheit, mit der man ihm die Verheißungen gab. — So hören Sie, was ich thun kann: ich kann Sie in mein Haus nehmen, Ihnen ein Zimmer geben und ſo lange über Sie wachen, bis die erſten, heftigſten Verſuchungen vorüber ſind; ich kann Ihnen ferner Be⸗ ſchäftigung geben und Alles für Sie thun, was Ihre Lage erfordert, wenn Sie ſich meiner Fürſorge anvertrauen wollen. — Guter, gnädiger Gott, rief der unglückliche Mann, darf ich denn noch hoffen? Ich kann nicht glauben, daß es möglich ſei! Aber führen Sie mich, wohin Sie wollen, ich werde Ihnen folgen und gehorchen! Noch ehe einige Stunden verfloſſen waren, trat der arme Mann in ein ſtill gelegenes Zimmer, das Mr. Dallas in ſeinem glänzenden Hauſe für ihn hatte einrichten laſſen. Dort fand er ſeine unruhig harrende, dankbare Gattin, bereit, ihm als Schutzengel zu dienen. Aerztliche Behandlung, heilſame Uebungen, nützliche Arbeit und klares Waſſer waren die Hauptheilmittel des Verfahrens, dem Mr. Dallas ſei⸗ nen Gaſt mit Strenge unterwarf. Es war eine verborgene Gefangen⸗ ſchaft, die man durch Milde und Klugheit zu verdecken ſuchte. Die jähe Unterbrechung der gewohnten Aufreizung verurſachte dem armen Ge⸗ fangenen eine Zeitlang die entſetzlichſten Leiden, ſo daß er oft mit Thränen bat, man möge das Unternehmen aufgeben, aber Mr. Dallas ſetzte dieſen Bitten eine unerſchütterliche Feſtigkeit, und Auguſte die zärtlichſten Vor⸗ ſtellungen entgegen. Wenn er gerettet wurde— man kann es wohl † ſagen— ſo geſchah es durch die Feuerprobe, denn ein heftiges Fieber und ein langes ſchreckliches Delirium brachten ihn dem Grabe nahe. Der Kampf zwiſchen Leben und Tod dauerte nur kurze Zeit, und obgleich er Eduard leidend, ſchwach und abgemagert auf ſeinem Kranken⸗ bette zurückließ, ſo hatte er ihn auch den geiſtigen Fähigkeiten und dem Bewußtſein der wiederkehrenden Geſundheit zurückgegeben. Wer einen Freund in das Grab geſenkt, wer die unſäglichen Schmerzen deſſen em⸗ pfunden, der ihn Tag und Nacht mit zärtlicher Sorgfalt gepflegt, nur der kann ſich einen Begriff von der Freude Auguſten's machen, als ſie in Eduard den Gatten wiederzuerblicken begann, den ſie ſeit ſo langer Zeit verloren hatte. Wie oft fragte ſie, ob es ein Traum, eine täuſchende Freude ſei— ihr war, als ob das Grab ſeine Beute zurückgegeben hatte. — Es tagt, Auguſte, es tagt herrlich! ſagte Eduard mit ſchwacher Stimme, als er frei vom Delirium, einſt aus einem langen, ruhigen Schlummer erwachte. Sie neigte ſich über ihn. — Auguſte, fuhr er fort, ich bin erlöſt, ich bin gerettet! Ich fühle, daß ich ganz wieder ich ſelbſt geworden bin. Die hochherzige Frau verging faſt bei dieſen Worten: ſie zitterte brach in Thränen aus. Auch ihr Gatte weinte. Nach einer Pauſe egann er: — Ich bin nicht nur zu dem irdiſchen Leben zurückgekehrt, ich fühle auch den Anfang des ewigen Lebens. Der Heiland hat ſein verirrtes Schaaf aufgeſucht, um es in den Stall zurückzuführen. Und ich bin deſſen gewiß, daß er es nicht wieder entlaſſen wird. Aber ziehen wir einen Schleier über dieſe Scene, die Worte nur Das Maiblümchen. 57 höchſt unvollkommen wiedergeben können; wenden wir uns zu dem Menſchen⸗ freunde, zu dem Chriſten, deſſen Eifer ſich nicht abſchrecken ließ, ſie her⸗ beizuführen. — Wer iſt jener hübſche junge Mann, den ich dieſen Morgen in Ihrem Büreau antraf? Sein Geſicht ſcheint mir nicht fremd zu ſein. So fragte Mr. L. eines Tags Mr. Dallas. — Es iſt Mr. Howard, ein junger Rechtsgelehrter, den ich mit einigen wichtigen Arbeiten beauftragt habe. — Seltſam! Unmöglich! rief Mr. L. Jener Howard, den ich einſt gekannt, kann es wohl nicht ſein. — Ich glaube, er iſt derſelbe, ſagte Mr. Dallas. 6 Und ich glaubte, ſeine Unmäßigkeit hätte ihn längſt in das Grab gebracht. Er iſt derſelbe. Wohl wenig Perſonen ſind ſo tief gefallen, als Howard es war; aber jetzt berechtigt er zu der Hoffnung, daß er mehr als das erfüllen wird, was man einſt von ihm erwartete. — Das iſt wahrlich ſeltſam. Aber wie iſt dieſe Veränderung bewirkt? — Ich würde nicht ohne Verlegenheit von den Einzelnheiten dieſer Sache reden können, weil eine große Anzahl Perſonen ſich daran betheiligt hat. Um Ihnen mit wenig Worten Alles zu ſagen, führe ich nur an, daß der Zufall dieſen jungen Menſchen einem jener aufdringlichen Männer entgegenführte, die ſich mit der Bildung von Mäßigkeitsvereinen be⸗ ſchäftigen, Tractätlein austheilen und ſo weiter, u. ſ. w. — Gut, gut, Dallas! ſagte Mr. L. lächend. Aber deſſen ungeachtet möchte ich dieſe Geſchichte kennen lernen. — Zuvor, mein Freund, treten Sie mit mir hier ein, ſagte Dallas, indem er vor der Thür eines niedlichen Häuschens ſtehen blieb. Die erſte Perſon, die ſie bei ihrem Eintritte ſahen, war Eduard Howard, der mit freudig erregtem Geſichte einen lieblichen Knaben ſpringen ließ, während Auguſte, über deren Züge ſich die herzlichſte Freude verbrei⸗ tet, lächelnd allen ſeinen Bewegungen folgte. Mr. und Mrs. Howard, ſagte Mr. Dallas, ich ſtelle Ihnen Mr. L. vor, der, wie ich glaube, einer Ihrer alten Bekannten iſt. Die hierauf folgende gegenſeitige Verlegenheit und Ueberraſchung ward bald durch die herzliche Freimüthigkeit Eduard's verſcheucht. Mr. L. ſah durch das Zimmer. Es war einfach, aber geſchmackvoll eingerichtet. Vier reizende Kinder mit geſunden, fröhlichen Geſichtern ſpielten oder be⸗ ſchäftigten ſich mit Leſen und Schreiben. Die Mutter, nicht mehr ſo friſch als ſonſt, war eine rührende Schönheit. — Dallas, Sie ſind ein glücklicher Mann! ſagte Mr. L. als ſie das Haus verließen. Dieſe Familie wird für Sie ein Juwelenſchatz ſein. Er hatte Recht, denn jede von der Verderbniß gerettete Scele iſt für den Retter ein Juwel, deſſen Glanz ſich erſt in der Ewigkeit entfalten kann. Denn es ſteht geſchrieben: Die Guten werden leuchten wie das Licht des Himmels, und die, ſo da ihre Brüder bekehrten, wie die Sterne von Ewigkeit zu Ewigkeit. 58 Das Maiblümchen. Vetter William. Die Heldin unſerer eſſet lebte in einem der Dörfer Neu⸗Eng⸗ lands, und zwar in einem hübſchen anſehnlichen roth angeſtrichenen Hauft. Sie erfreute ſich aller jener Vorzüge, die Rang und Reichthum verleihen, denn ihr Vater, der Diaconus der Kirche, beſaß Schaafe und Rinder in großer Menge, und ſeine Reichthümer geſtatteten ihm, in Ueberfluß zu leben. Das Haus lag reizend in der Mitte eines wahren Waldes von Aepfelbäumen, die im Frühlinge von Blüthen, und im Herbſte von Früchten ſtrotzten. Dicht daneben, von einem rothen Gitter eingefaßt, lag der Garten, der durch ſeine Blumenpracht das Auge entzückte. Man ſah in dieſem Garten rieſige Kürbiſſe, die ſich gegenſeitig den Platz ſtreitig zu machen ſchienen; Aepfel, köſtlich gefärbt gleich der Abendſonne, wenn ſie nach dem Vade eines milden Regens majeſtätiſch zur Ruhe geht. Man ſah alte Saamen⸗Gurken, die ſich behäbig ihres beſchaulichen Lebens freuten; weiße Schneebälle, in üppiges Grün eingewickelt, und Stachelbeeren, groß wie Eicheln. Die Sonnenſtrahlen drangen durch einen Johannisbeer-Zaun mit bewunderungswürdigen Trauben, und in einer entlegenen Ecke ſtand ein Strauch mit ſchwarzen Beeren, eine Art Merkwürdigkeit der Gärtnerei, einſam und mürriſch. Die Zeit würde nicht ausreichen, wenn wir alle Reichthümer Enos Taylor's aufzählen wollten. Dieſer würdige Prieſter gehörte zu jenen nothwendigen Weſen, die, ohne gerade beſonders bemerkenswerth zu ſein, — der Geſellſchaft nützlich ſind, wie einer Kette die Gelenke. Völlig ver⸗ ſchieden von ihm war ſeine Schwägerin Mrs. Abigail Evetts, die, nach dem Tode der Frau Paſtorin, die Zügel des Hausregimentes ergriffen hatte. Dieſe Dame theilte die Anſicht einer großen Zahl Philoſophen: ſie meinte nämlich, daß die Angelegenheiten dieſer Welt eine große Beachtung erforderten, wenn ſie gedeihen ſollten; und wenn ſie auch nicht, wie jene ſich mit der Ueberwachung des Univerſums befaßte, ſo entwickelte ſie doch eine unausgeſetzte Thätigkeit in dem ihr anvertrauten Departement. In ihren Augen war es eine unbeſtreitbare Nothwendigkeit, daß Jeder thätig ſei: Montags, weil es der Waſchtag ſei; Dienſtags, weil man dann rollen und plätten müſſe; Mittwochs, weil man da backen müſſe; Donnerſtags, weil man ſich auf den Freitag vorbereiten müſſe— und ſo hatte ſie nicht minder ausreichende Gründe für das Ende der Woche. Sie ſorgte dafür, daß jeder der Hausbewohner an das erinnert wurde, was ihm zu thun oblag, während der ſieben Wochentage, und dieſer Obliegen⸗ heit kam ſie ſo getreulich nach, daß ein Act freiwilliger Thätigkeit eine Seltenheit in der Familie war. Mrs. Abigail erinnerte den Paſtor, wenn er ausgehen und heimkehren, wenn er ſich ſetzen oder aufſtehen ſollte— eine Unterlaſſungsſünde konnte nur böswillig oder mit Vorbedacht be⸗ gangen werden. Aber die Ueberwachung einer zahlreichen Kinder⸗Familie war für eine Frau ſo regen Geiſtes der Anlaß einer unausgeſetzten Thätigkeit. Nach⸗ zuſehen, ob die Geſichter gewaſchen, die Kleider gereinigt oder die Lectio⸗ Das Maiblümchen. 59 nen im Katechismus gelernt ſeien; zu beobachten, ob man Blumen ausreiße, mit Steinen nach den Hühnern würfe oder den großen Hofhund reizte— alle dieſe drückenden Sorgen laſteten auf Mrs. Abigail, ſo daß ſie ſelbſt ſagte, ihr vortrefflicher Geſundheitszuſtand ſei ein wahres Wunder. Das älteſte der Kinder, die zu der Zeit, wo unſere Erzählung beginnt, unter ihrer Obhut ſtanden, war Mary, ein Mädchen an der Grenze des Jungfrauen⸗Alters. Wir wiſſen recht gut, daß man jetzt wenig Ge⸗ ſchichten einer Frau ſchreibt, ohne ihr die Grazie einer Sylphide, be⸗ wunderungswürdige Augen und einen unbeſchreiblichen Reiz beizulegen, der mehr oder weniger über ihre ganze Perſon ausgegoſſen kiegt. Aber ſeit einigen Jahren hat man eine ſo große Anzahl dieſer Geſchichten veröffent⸗ licht, daß, unſers Bedünkens, jetzt alle Varietäten von Augen, Haaren, Zähnen, Lippen und alle einer Heldin nothwendigen Formen erſchöpft ſein müſſen, und daß eine neue Combination dieſer Reize faſt ein Ding der Unmöglichkeit iſt. Alles wohl erwogen, halte ich es für ein Glück, von einer Perſon erzählen zu können, die keine große Schönheit iſt. Man kann ſie weder für eine Sylphe, für eine Nymphe, noch für eine Fee hal⸗ ten; ſie hat weder ein„air distingué“ noch ein„air magnifique“; aber ſie gleicht einem wirklichen irdiſchen Mädchen, ſo wie man ſie zu Dutzenden ſieht, ohne ihnen die geringſte Aufmerkſamkeit zu ſchenken; ſie gleicht jenen Mädchen, deren Erſcheinung ſo wenig auffallend wie das Waſſer iſt, aber durch die Umgebung tauſendfältig modifieirt wird. So ſchienen bei Mary eine einfache, ſorgfältige Toilette, einſchmeichelnde Manieren, und warme Gefühlsäußerungen die Wirkung der Schönheit hervorzubringen. Sie be⸗ ſaß Würde genug, um die Zudringlichen zurückzuweiſen, ohne den ſorgloſen Freimuth und die geiſtige Lebendigkeit, die ſie in ſich vereinigte, dadurch zu beeinträchtigen. Keine wußte mehr Geſchichten, Lieder, ländliche Tra⸗ ditionen und ſeltene Charakterzüge zu erzählen, keine mehr eine Unterhal⸗ tung zu beleben, als ſie. Sie hatte alle Bücher geleſen, deren ſie habhaft werden konnte: die Geſchichte von Robin, die Familienbibel Scottis, die in dem mit Glasfenſtern verſehenen Bücherſchranke im Empfangzimmer ſtand, einen einzelnen Band des Shakespeare, und einige Romane von Walter Scott, die ſie von einer wiſſenſchaftlich gebildeten Familie in der Nachbarſchaft geliehen hatte. Ferner ſchrieb ſie ihre Gedanken in ein Album, ermangelte nicht, hübſche Verſe aus den Zeitungen zu ſchneiden, bildete eine Sammlung von Mauſeöhrchen und gettockneten Roſenknospen zur Erinnerung an liebe Freunde, und beobachtete überhaupt gewiſſe ſen⸗ timentale Sächelchen, die Mädchen von ſechzehn Jahren eigen zu ſein Lflegen. Aber auch der Arbeit war ſie zugethan: es gab keinen durch die Frauen der Umgegend veranſtalteten öffentlichen Verkauf, in dem ſich nicht irgend eine Arbeit von ihr vorfand. Wir fügen hinzu— denn dieſe Funſt iſt bei den Lobpreiſungen der Romanheldinnen ſehr wenig berück⸗ ſichtigt— daß ſie eine außergewöhnlich gute Naht nähte; ihre Perlen⸗ ſtickereien, ihr Häkeln, ihre Kreuz⸗ und Plattſtiche waren in der That wahre Feenarbeiten— kurz, ſie ſuchte in dieſer Hinſicht ihre Meiſterin. Und was ſollen wir nun erſt von ihren Paſteten und Puddings ſagen? Sie hätten wahrlich den älteſten und verſtockteſten Junggeſellen der Erde bekehrt. Und dann von ihrer Geſchicklichkeit im Fegen und Scheuern? ſsiebt es viel tugendhafte Mädchen, aber Du, Mary, überragſt ie Alle! Und was erwartet man nun wohl? Ohne Zweifel die Ankunft eines 60 Das Maiblümchen. jungen Mannes. Ah, ganz recht! Ein gewiſſer William Barton ließ ſich gerade um dieſe Zeit in dem Dorfe nieder, um in der Schule deſſelben zu unterrichten. Wir können den, der etwas W über ihn erfahren will, nicht beſſer adreſſiren, als an Mrs. Abigail, die in den Hiſtorien und Genealogien alter Familien ſehr bewandert iſt. Die gute Frau wird be⸗ richten können, daß ihr Großvater, Ike Evetts, eine Frau gehabt hat, deren Schweſterkind, Peter Scranton, der Groß⸗Onkel Polly Moſeleys war, und deſſen Tochter Mary den Vater William Barton's heirathete, gerade als das Haus des alten Squire Peter abbrannte. Und dann würde ſie die ganze Familiengeſchichte, ſeit ihrer Ueberſiedelung von England, mit allen Nebenumſtänden erzählt haben. Wie dem auch ſei— wir wiſſen, daß Mrs. Abigail ihn Vetter nannte, daß er nach einigen Wochen in des Paſtors Haus zog, und daß William, nachdem er Mary ein wenig beob⸗ achtet, beſchloß, ſie auch Couſine zu nennen, was er auch auf die natür⸗ lichſte Weiſe ausführte. Mary fürchtete ſich Anfangs ein wenig vor ihm, weil ſie gehört, daß er ſehr viel Lateiniſch, Griechiſch und Deutſch verſtehe, und weil er in ſeinem Zimmer eine Bibliothek hatte, bei deren Anblicke ſie ſeufzte, denn ſie ward daran erinnert, daß es noch viele Sachen zu erlernen gäbe, die ſie nicht wußte. Allein dieſe erſten Eindrücke verſchwanden ſchnell, und die beiden jungen Leute wurden bald die beſten Freunde. William lieh ihr Bücher und gab ihr Unterricht im Franzöſiſchen, ohne daß ſie bei dem langweiligen Verbum(Lieben), das faſt in allen Sprachen die erſte Conjuga⸗ tion bildet, in Verlegenheit gerieth. William ertheilte dem jungen Mädchen die nützlichſten Rathſchläge, um die Bildung ihres Geiſtes und die Ver⸗ beſſerung ihres Charakters zu fördern, wodurch natürlich das Band der Freundſchaft edler und feſter wurde. Aber zum Unglück für Mary machte William auf das ganze ſchöne Geſchlecht denſelben Eindruck, den er auf ſie ausübte, denn er hatte ſich bei mehrern Gelegenheiten, namentlich in den botaniſchen Vorleſungen, ausgezeichnet. Er hatte ferner, auf dringende Ver⸗ anlaſſung des Comité's zur Feier des 4. Juli, dem Erinnerungstage der Unab⸗ hängigkeits⸗Erklärung der Nordamerikaniſchen Freiſtaaten, eine Rede ge⸗ halten die ihn mit Ruhm bedeckt. Man wußte auch, daß er Dichter war, und daß er heimlich eine Romanze in Muſik geſetzt habe, welche die Leſer von Bulwer's Werken in Entzücken verſetzte. Kurz, man konnte nach allen Geſetzen der Gewißheit nicht mehr daran zweifeln, daß alle Frauen des Dorfes, wenn er es für gut befunden, jeder wöchentlich ein Dutzend Beſuche abzuſtatten, ihn mit großer Zuvorkommenheit empfangen haben würden. William machte auch Beſuche, denn er fühlte, wie viele Gelehrte, das Bedürfniß geſelliger Aufregung. Aber ſiets ging er, mochte er nun in einer Geſellſchaft oder in der Singſtunde geweſen ſein, ſo geſetzt und ernſt mit Mary nach Hauſe, als ob er ſchon ein Jahr mit ihr verheirathet ſei. Seine Unterhaltung mit ihr war natürlich viel vertraulicher, als mit einer andern; dies erregie, wie ebenfalls natürlich, in mehr als einem zärtlichen Herzen Neid, ſo daß manches intereſſante Gerede durch das Dorf lief. — Ich muß mich wirklich wundern, ſagte die Eine, daß Mary Taylor ſo öffentlich mit William Barton ſcherzt und lacht! — Ihr Benehmen iſt wirklich ein wenig zu frei, ſagte eine Andere. — Es iſt nicht zu verkennen, daß ſie Abſichten auf ihn hat, ſagte eine Dritte. Das Maiblümchen. 61 — Und daß ſie dieſe Abſichten nicht einmal zu verbergen weiß, fügte die Vierte hinzu. Einige dieſer Aeußerungen kamen endlich Mrs. Abigail zu Ohren, die, obgleich ſie das beſte Herz hatte, ſo in Harniſch gerieth, daß ihr Zorn wirklich komiſch wurde. — Dieſer Umſtand beweiſt, dachte ſie, daß Mary einer Ermghnung bedarf, und daß man mit ihr reden muß. Sie beſchloß indeß, zuvor mit William eine Beſprechung zu halten. Denſelben Tag, nach dem Mittagseſſen, ging ſie zu ihm. Sie traf den jungen Mann, wie er ſich gerade mit einer trigonometriſchen oder Kegel⸗ ſchnitt⸗Aufgabe beſchäftigte. — Unſere Mary wird ein recht hübſches Mädchen, fing ſie an. William war ſo vertieft in der Löſung eines Problems, daß er nicht nur die an ihn gerichteten Worte nicht verſtand, ſondern auch mechaniſch antwortete: — Ja! — Nur ein wenig unbeſonnen, fuhr Mrs. Abigail fort. — Ich weiß es, antwortete William, die Blicke feſt auf ſein E F B C gerichtet. S Finden Sie nicht, daß ſie mitunter ein wenig zu vertraulich und ſu viel mit Ihnen plaudert? Ach! Sie wiſſen ja, die jungen Mädchen edenken nicht immer, was ſie thun. — Gewiß! ſagte William, ohne ſich unterbrechen zu laſſen. — Ich glaube, Sie thun wohl, wenn Sie einmal mit ihr darüber ſprechen, fügte Mrs. Abigail hinzu. — Ich glaube es auch, gab William zur Antwort, indem er ſeine Swei noch einmal durchſah, ſie in die Taſche ſteckte, und dann zur ule ging. Unglückſelige Zerſtreuung! Wieviel ärgerlicher Be hat ſich ein Menſch nicht ſchon ſchuldig gemacht, der die Gewohnheit hat, mit Ja und Nein zu antworten, ohne die Frage zu hören. Den nächſten Morgen, als William ausgegangen war, leitete Mrs. Abigail, während Mary den Frühſtückstiſch abräumte, mit feinem Takte und großer Delicateſſe folgendermaßen das Geſpräch ein: — Ich denke, Mary, Du benimmſt Dich in Zukunft nicht mehr ſo frei gegen William. — Frei! rief Mary zitternd, und indem ſie beinahe die Taſſe, die ſie in der Hand hielt, zu Boden fallen ließ. Warum, Tante? Was wollen Sie damit ſagen? — Ich meine, liebe Mary, daß Du weder hier, noch in Geſellſchaften, nch onſt wo mit ihm ſo vertraulich plauderſt. Das ſchickt ſich nicht. Das Blut trat Mary in die Wangen, es drang ſelbſt bis zur Stirn empor, als ſie würdevoll antwortete: — Ich bin nicht zu frei geweſen. Ich weiß, was ſich ſchickt, und habe nichts gethan, was den Anſtand verletzt! Es iſt bei Ertheilung eines Rathes ſehr unangenehm, ihn beſtritten zu ſehen. Mrs. Abigail, die den ihrigen ſehr hoch hielt, fühlte ſich dem⸗ nach berufen, ihn zu unterſtützen. — Und dennoch, Mary, haſt Du die gewöhnlichen Grenzen über⸗ ſchritten— das ganze Dorf hat es bemerkt und ſpricht davon. — Ich kümmere mich wenig darum, was man im Dorfe ſpricht, und 62 Das Maiblümchen. werde ſtets thun, was ich für gut halte, antwortete das junge Mädchen. Ich weiß, daß Vetter William dieſe Meinung nicht theilt. nach einigen ſeiner Worte zu ſchließen, glaube ich doch, daß er ſie theilt. — So! Nun, was hat er denn geſagt? fragte Mary, indem ſie in ihrer Aufregung, mit der ſie ſich zu Mrs. Abigail wandte, beinahe einen Stuhl umwarf. — BVarmherzigkeit! Es iſt nicht nöthig, Mary, das Haus zu deme⸗ liren. Ich erinnere mich nicht genau mehr ſeiner Aeußerungen, aber du allgemeinen Sinn derſelben weiß ich noch. — Ach, Tante, erzählen Sie mir Alles genau! rief Mary, indem ſe die gute Frau verfolgte, die durch das Zimmer ging, und die Geräthe vom Staube reinigte.. Wie alle eigenfinnigen Perſonen, die fühlen, daß ſie ein wenig zu weit gegangen find, aber ſich ſchämen, ihre Worte zurückzunehmen, ſo nahm alch Mrs. Abigail ihre Zuflucht zu allgemeinen Redensarten, und verſicherte, daß ſie William einige Worte habe ſagen hören, die ein weniz ſeine Mißbilligung bezeugten. Einer Perſon von lebhafter Einbildungskraft gegenüber, iſt dieſe At und Weiſe nicht die beruhigendſte. So hatte Mary ſich in fünf Minuten eine ganze Reihe von Bemerkungen gebildet, die der Vetter mehrern Dorß⸗ bewohnern mitgetheilt haben könnte. Die völlige Unerweislichkeit der Sache verſchwand bei der beſtimmten Annahme ihrer Möglichkeit, un nachdem das junge Mädchen einen Augenblick überlegt, preßte ſie mit dem Ausdrucke unabänderlicher Feſtigkeit die Lippen zuſammen, und ſagte dann, daß Mr. Barton nie wieder eine Gelegenheit haben ſolle, ähnliche Bemer⸗ kungen zu machen. Die lebhafte Farbe des aufgeregten Geſichts verrieth deutlich, daß Mary ſich in einer ſehr heroiſchen Stimmung befand. Tante Abigail aber bedauerte von Herzen, dem armen Mädchen Kummer bereitet zu haben, und gab ſich alle Mühe, ſie zu beruhigen. — Mary, ſagte ſie, ich glaube nicht, daß Dich William hat in's Ge⸗ rede bringen wollen. Er weiß recht gut, daß Du keine unrechte Abſicht haſt. — RKeine unrechte Abſicht! rief Mary verletzt. — Aber, Kind, er denkt, Du kennſt die Welt und die Leute nicht; und wenn Du nur ein wenig. — Ich bin es nicht geweſen. Er hat zuerſt geſprochen, er hat immer zuerſt angefangen. Er nannte mich Baſe— und er iſt auch mein Vetter. — Nein, mein Kind, Du irrſt. Erinnere Dich nur, daß ſein Groß⸗ vater — Was kümmert mich ſein Großvater! Er hat kein Recht, ſo ſchlecht von mir zu denken, wie er denkt. — Mein Kind, ich hoffe, Du wirſt deshalb keinen Streit mit ihm anfangen; er kann doch nichts für das, was er denkt. — Es iſt mir auch ganz gleich, was er denkt, ſagte Mary, indem ſie mit Thränen in den Augen aus dem Zimmer ging. Wenn ſich ein junges Mädchen in einer ſo betrübten Lage befindet,„ ſo iſt das Erſte, was es thut, daß es ſich eine Stunde lang hinſetzt und ſich ausweint. Dieſem Gebrauche genügte Mary vollkommen; ſie weinte und ſtellte zugleich bittere Betrachtungen über die menſchliche Freundſchaft Das Maiblümchen. 63 1 an. Sie faßte den Entſchluß, nie in ihrem Leben einer Perſon wieder ju trauen. Die Welt iſt herzlos und kalt, ſagte ſie, wobei ſie ſich einer Menge ſchöner Redensarten erinnerte, die ſie oſt in Büchern geleſen, aber in Wirklichkeit nie empfunden hatte. Endlich fragte ſie ſich, was nun zu thun ſei? Sie beſchloß, nie ein Wort wieder mit William zu ſprechen, 4½ und wünſchte ſelbſt, daß er nicht mehr im Hauſe des Vaters wohnen möge. Dann ſetzte ſie ihren Hut auf, und nahm ſich vor, den ganzen Tag bei einer andern Tante in der Nachbarſchaft zuzubringen, um das uſammentreffen mit William bei Tiſche zu vermeiden. Aber zufällig traf es ſich, daß der junge Profeſſor, als er aus der Schule zurück zum Eſſen kam, ſich ungewöhnlich einſam fühlte. Da er wußte, wo Mary war, beſchloß er, wenn die Nachmittagsſchulſtunden zu Ende ſeien, ſie von der Tante abzuholen und nach Hauſe zu führen. So trat er denn auch in das Zimmer, in welchem das junge Mäd⸗ chen mit einigen Verwandten beiſammen ſaß. Marh wollte ſich durchaus ſah durch das Fenſter, als William ſich ihr näherte, um ein Geſpräch an⸗ zuknüpfen. Nachdem ſie zweimal die Frage, wie ſie ſich befände, gehört, wandte ſie ſich zu ihm, und ſagte in einem ſpröden Tone: — Reden Sie mit mir, mein Herr? ſpr William war ein wenig überraſcht, aber er ſetzte ſich zu ihr und fuhr fort: — Gewiß; denn ich bin gekommen, um zu erfahren, warum Sie fortgegangen ſind, ohne für mich ein Wort zu hinterlaſſen? — Ich habe nicht daran gedacht, antwortete Mary in dem trockenen Tone, der bei jungen Mädchen andeutet: Verſchonen Sie mich mit Ihrer Unterhaltung. William begriff, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen ſei. Er hoffte jedoch, daß er ſich täuſche, und fuhr fort: — Wie, ſagte er, Sie denken ſo wenig an mich, während ich mich oft mit Ihnen beſchäftige? Nur um Sie zu ſehen, bin ich hierher ge⸗ 1 bommen. zut— Es thut mir leid, ſagte Mary, daß Sie ſich dieſe Mühe gemacht aben. — Aber Baſe, iſt Ihnen heute nicht wohl? ni Nein, mein Herr! antwortete Mary, indem ſie in ihrer Arbeit ortfuhr. In ihrem Tone, in ihrem ganzen Benehmen lag eine Entſchiedenheit, die William an der Wirklichkeit zweifeln ließ. Er wandte ſich von ihr ab, und knüpfte mit einem andern jungen Mädchen ein Geſpräch an. Mary, die beweiſen wollte, daß ſie ſprechen konnte, und was eigentlich ihre Ab⸗ 4 ſicht war, begann nun eine Erzählung, die allen Perſonen ein lautes 1 Lachen erpreßte. — Mary iſt heute bei guter Laune! ſagte ihr alter Onkel, indem er näher trat. William beobachtete ſie. Er hatte ſie nie ſo fröhlich, nie ſo guter inge geſehen. Mary, dachte er, iſt wahrhaftig im Stande, einen Mann ₰ nitunter in große Verwirrung zu ſetzen. Er trat zurück, und knüpfte mit dem alten Zacharias Cvan ein Ge⸗ ſräch über den Bau des Buchwaitzens an, über einen Gegenſtand, der erſichtlich einen großen Scharfſinn erforderte, denn William hatte nie ern⸗ nicht merken laſſen, daß etwas vorgefallen ſei, ſie wandte den Kopf ab und 64⁴ Das Maiblümchen. ſter, um nicht zu ſagen„melancholiſcher“ ausgeſehen. Als Mary zu ihm hinüber ſah, ward ſie von dem traurigen, faſt finſtern Ausdrucke betroffen, mit dem er dem alten Zacharias zuhörte. Sie war überzeugt, daß er mehr an ſie, als an den Buchwaitzen dachte. — Ich habe nie die Abſicht gehabt, ihm ſo wehe zu thun, dachte ſie; denn wie es auch ſei, er war immer ſehr zuvorkommend gegen mich. Aber er hätte ſeine Bemerkungen mir, und nicht Andern ſagen ſollen. Dann ſah ſie noch einmal zu ihrem Vetter hinüber. William verblieb in ſeinem Schweigen; er betrachtete mit ſo ſtarren Blicken und ſo anhaltend eine Lichtſcheere, daß ſich das betrübte junge Mädchen von Neuem Vorwürfe machte. — Die Tante hat Recht, dachte ſie, er iſt wirklich nicht Herr ſeiner Gedanken. Ich will verſuchen, ſein Unrecht zu vergeſſen. Nun muß man aber nicht glauben, daß Mary während dieſes Selbſt⸗ geſprächs ſchwieg und zerſtreut war— o nein, ſie ſchwatzte, lachte und ſchien die unbefangenſte Perſon im ganzen Zimmer zu ſein. So verfloß der Abend, und die kleine Geſellſchaft trennte ſich. — Ich ſtehe zu Dienſten, wenn ich Sie nach Hauſe führen darf, ſagte William mit kalter, faſt ſtolzer Höflichkeit. — Ich danke Ihnen, antwortete das junge Mädchen in demſelben Tone; ich werde die Nacht hier bleiben— nein, rief ſie mit plötzlich ver⸗ änderter Stimme, länger halte ich es nicht aus— ich werde mit Ihnen nach Hauſe gehen, Vetter William! — Was nicht aushalten? fragte William überraſcht. Mary ſuchte ihren Hut. Dann nahm ſie ſeinen Arm und ließ ſich der väterlichen Wohnung zuführen. — Sie haben mir einſt gerathen, ſtets offen zu ſein, Vetter, begann Mary. Ich muß und will es ſein. Ich werde Ihnen Alles mittheilen, obgleich es— ich wage den Ausdruck— nicht genau nach den Regeln iſt. — Was denn Alles? fragte William. — Vetter, fuhr ſie fort, ohne ſeine Frage zu bemerken, ich war dieſen Nachmittag ſehr traurig. N — Ich habe es bemerkt, Mary. — Nun, fügte ſie hinzu, es iſt auch ſehr peinlich, obgleich wir nicht hoffen können, von aller Welt für vollkommen gehalten zu werden— aber ich finde es nicht ſchön, daß Sie mir nichts geſagt haben. — Mary, was ſollte ich Ihnen ſagen? In dieſem Augenblicke kamen ſie an einen Umweg, der durch ein klei⸗ nes Gehölz führte. Das ernſte Schweigen des kühlen, grünenden Ortes ward durch das Gemurmel eines Bächleins unterbrochen. Am Ufer des winzig kleinen Fluſſes lag ein bemooſ'ter Baumſtamm, der einen angeneh⸗ men Sitz bot. Durch einige lichte Punkte des Blätterdaches ſandte der Mond ſeine freundlichen Strahlen herab und erhellte das Plätzchen, das Mary ſo reizend vorkam, daß ſie ſtehen blieb, und ſich niederſetzte, als ob ſie ihren Gedanken nachhangen wollte. Nachdem ſie mit einem abge⸗ brochenen Zweige einige Augenblicke im Waſſer geſpielt hatte, ſagte ſie: — Wenn ich es recht überlege, Vetter, war es ganz natürlich, daß Sie ſo ſprachen, wie Sie dachten; aber eine ſolche Meinung hätte ich bei Ihnen nie vorausgeſetzt. — Es würde mich recht freuen, Mary, wenn ich endlich erfahren Das Maiblümchen. 65 könnte, um was es ſich eigentlich handelt antwortete William im Tone ge⸗ duldiger Reſignation. — Ach, ich vergaß, daß ich es Ihnen noch nicht geſagt habe, ant⸗ wortete ſie, indem ſie mit der Entſchiedenheit einer Perſon den Hut zu⸗ rückſchob, die entſchloſſen iſt, jeden Zweifel aufzuklären. Nun, Vetter, man hat mir erzählt, daß Sie geſagt hätten, Sie fänden mein Benehmen gegen Sie zu vertraulich, zu frei.— Jetzt, fuhr ſie mit leuchtenden Augen fort, begreifen Sie wohl, daß es nicht ſehr leicht war, mich offen auszu⸗ ſprechen; aber ich ſpreche mich offen aus, um endlich in's Klare zu kommen. — Wer hat Ihnen das geſagt? fragte William mit großer Ruhe. — Meine Tante. — Behauptet ſie, daß ich es ihr geſagt hätte? — Ja; und ich verdenke es Ihnen weniger, daß Sie es geſagt, als daß Sie es gedacht haben, denn Sie wiſſen, daß ich ſtets zurückhaltend gegen Sie war. Sie haben meine Freundſchaft geſucht und mein Ver⸗ trauen empfangen— und nun müſſen gerade Sie, und kein Anderer eine ſolche Meinung von mir hegen! — Ich habe nie daran gedacht, Mary, ſagte William ruhig. — Und auch nicht geſagt? — Nie! Ich bin ſogar der Meinung, daß Sie mich deſſen für unfähig halten, Mary. — Aber— ſagte Mary. — Aber, wiederholte William mit Feſtigkeit, Ihre Tante Abigail hat ſich ſicher geirrt. — Nun, das iſt mir lieb! ſagte Mary beruhigt, und indem ſie in den Bach blickte. Dann erhob ſie raſch die Augen und fügte hinzu: — Und nicht wahr, Vetter, Sie konnten niemals ſo von mir denken! Ich bin lebhaft, und drücke mich immer unumwunden aus; aber ich habe nie anders gedacht, und werde auch nie anders denken, als eine Schweſter. — Werden Sie auch dann nicht anders denken, Mary, wenn mein Glück davon abhängt? Sie wandte ſich zu ihm, ſah ihn an, und alle ihre Zweifel ſchwanden, als ſie ihm in's Auge blickte. Dann ſtand ſie auf, überließ dem Vetter ihren Arm, und ging an ſeiner Seite weiter. So endigte ihr erſter und letzter Streit. Maiblümchen. 5 66 Das Maiblümchen. Onkel Tim. Alſo ich ſoll eine Geſchichte erzählen— aber wovon und woher? Soll ſie glänzend wie Italien's Himmel ſein, oder wohlberedt wie Grieche⸗ land's ſchönes Ideal? Soll ſie den Duft und die Poeſie des Morgenlandes athmen, oder die Ritterlichkeit des Abendlandes? Soll ſie franzöſiſche Heiterkeit zeigen, oder engliſche Kraft? Nein, nein, das Alles iſt zu alt — zu romantiſch, zu pittoresk für mich; laßt mich in meinem eigenen Lande, in meinem lieben Neu-England bleiben, dem Lande der hellen Feuer um ſtarken Herzen, in dem Lande der Thaten, und nicht der Worte; in den Lande der Früchte, und nicht der Blumen; in dem Lande, das oft elii und dennoch ſtets geachtet wird, deſſen Schuhriemen aufzulöſen die Völker der Erde nicht werth ſind. Nach dieſer ſo heldenmüthigen Einleitung wird man glauben, daß ich auch eine nicht minder heldenmüthige Erzählung liefere. O nein! Dieſe kleine Vorrede iſt nur ein Erguß des Patriotismus, wie er bei gewiſſen Gelegenheiten wohl einem Jeden entſtrömt, und mit ſeinem warmen Hauche die Erinnerung an alles das anfacht, was man in dem Lande der Jugend geliebt und geachtet hat. Sollten es die Völker jenſeits der Berge für zu großſprecheriſch halten, ſo mögen ſie nur daran denken, daß ich von dem„alten Kentucky“ oder von einem andern Winkel der Welt ſpreche, in dem einſt ihre Wiege ſtand, und ſie werden meine Worte erklärlich finden. Aber in Betreff unſerer Geſchichte iſt es wohl Zeit, daß ich beginne. Iſt dem Leſer wohl das kleine Dorf Newbury in Neu⸗England be⸗ kannt? Ich wette, nein; denn Newbury iſt eins von den abgelegenen Dör⸗ fern, zu dem man nur gelangt, wenn man ſich vornimmt, es zu beſuchen. Es liegt wie das Neſt eines Vogels in einem reizenden Thale, umgeben von einem Dutzend hoher Hügel, die es vor den Stürmen ſchützen, und die Fremden abhalten, ſo daß man behaupten kann, Newbury iſt ein Phantaſieſtück, ein Werk der Laune der Natur, wie es kein zweites giebt. Die Einwohner dieſes abgeſchloſſenen Ortes gehören noch zu dem alten Stamme derer, die mit Leib und Seele an dem väterlichen Boden hangen, die aufwachſen, ſich verheirathen, ſterben und an demſelben Orte begraben werden, wo ſie das Licht der Welt erblickten. Die Uweränderlichkeit und die Tradition ſcheinen ſich vereinigt zu haben, dieſes Dorf einem unum⸗ ſtößlichen Geſetze unterzuordnen. Die Zahl der Häuſer hatte ſich ſeit länger als einem Jahrhundert nicht um eins vermehrt; die Namen der Bewohner waren immer noch dieſelben. Keiner wurde krank, keiner ſtarb, während ich mich dort aufhielt. Mir ſcheint, daß alle dieſe guten Leute, ohne Aus⸗ nahme, ſich das Wort gegeben haben, einen und denſelben Tod zu ſterben: den Tod durch das Alter. Dieſes Geſetz der Unabänderlichkeit erſtreckte ſich ebenſowohl auf die Dinge, als auf die Perſonen. Hier ſah ich ein rothes Haus, dort ein braunes, und jenſeits der großen Dorfſtraße lag ein gelbes. Und alle dieſe Häuſer wurden entweder durch Zäune oder durch eine Reihe aufgeworfener Baumſtämme und Schutt getrennt. Hier, immer an demſelben Orte, lag — —— — Das Maiblümchen. 67 das Pfarrhaus, und dort das Haus des Saquire Moſes. Hier ſah ich das Haus des Diakonus Ludlow, von einem Hügel vor dem Winde geſchützt, und dort, auf der andern Seite des Weges, die Häuſer der Herren Nadab und Abihu Peters. Nicht weit davon erhob ſich die Wohnung des alten Smith; zwei Schritte von dem Bethauſe befand ſich der Laden des Schuh⸗ machers Ebenezer Camp, gegenüber das Moden⸗Magazin Patiencé Moſe⸗ lys, und noch weiter hinauf die Niederlage des Comfort Scran's, der Aerte, Beile, kupferne Töpfe, Bruſtbonbons, Schnupftücher, Magenpillen und alle nur erdenklichen Gegenſtände verkaufte. Da war endlich auch das Haupt⸗Poſtamt, wo man höchſt ſeltſam gefaltete Briefe ſehen konnte, die mit einem Fingerhute geſiegelt waren, und krumme und ſchiefe Aufſchriften trugen. Dieſe Briefe waren ein wie alle Mal, an Dolly's, Polly's, Peter's und Moſes, wie wir ſie oben genannt oder nicht genannt, adreſſirt. In Bezug auf Sitten, Gebräuche, Kunſt und Wiſſenſchaften bemerken wir, daß die Bewohner von Newburh um drei Uhr Nachmittags ihre Be⸗ ſuche abſtatteten oder in Geſellſchaften zuſammenkamen, um mit dem Ein⸗ bruche der Nacht wieder nach Hauſe zu gehen. Sonnabends, kurz vor dem Untergange der Sonne, ſtellten ſie regelmäßig ihre Arbeiten ein, und Sonntags gingen ſie in das Bethaus. Sie unterhielten, trotz mancher Hinderniſſe, eine öffentliche Schule, lebten in freundnachbarlichem Einver⸗ ſtändniſſe, laſen die Bibel, fürchteten Gott und waren mit dem zufrieden, was ſie hatten— unſtreitig die beſte Philoſophie. Dies war der Ort, in den Mr. James Benton, einer der Helden unſerer Geſchichte, im Jahre 1801 oder 2 ſeinen Einzug hielt. Als Held erfordert er eine genaue Beſchreibung. Mr. James war einer von jenen Pankees, die Muth und Energie beſitzen, und ſich auf den Wogen des Lebens erhalten, wie der Kork auf dem Waſſer. Alles was er that, ge⸗ ſchah mit einer Praris, die ein National⸗Charakter iſt, und mit dem glück⸗ lich erfundenen Prädicate„angeboren“ näher bezeichnet wird. Einem ſol⸗ chen gelingt Alles ohne Anſtrengung; er weiß Alles, ohne etwas gelernt zu haben; er zieht mehr Vortheil aus ſeiner Unwiſſenheit, als die Ge⸗ lehrten aus ihrer Wiſſenſchaft. Mit dieſer Haupteigenſchaft verband ſich ein lebhafter, leichter, froher Humor, einer jener Züge, die, obgleich ſie dem amerikaniſchen Charakter eigen ſind, ihm dennoch durch ein allgemei⸗ nes Vorurtheil abgeſprochen werden. Wir wollen die Perfönlichkeit unſers Helden nicht zu ängſtlich be⸗ ſchreiben, wir wollen nur halb ſo viel Bemerkungen über ihn mittheilen, als die jungen Mädchen von Newbury bei ſeinem erſten Beſuche des Bet⸗ hauſes ſich zuflüſterten. Begnügen wir uns zu ſagen, daß in ſeinem gan⸗ zen Weſen eine freimüthige Offenheit, gepaart mit Witz und Laune, ſich zeigte, daß ſein Auge ſchelmiſch blitzte, und daß ſein Gang, ſeine Bewegun⸗ gen und Geberden einen heitern, entſchiedenen Charakter bekundeten. Mit einem Worte, Mr. James gefiel allgemein, und vorzüglich bei den Frauen. Es iſt zwar wahr, daß er von ſich ſelbſt eine große Meinung hegte, daß er durchaus feſt überzeugt war, die ausgebreitetſten Bekanntſchaften zu machen, und die ſchwierigſten Unternehmüngen zum glücklichen Ende zu führen; aber dieſer jugendlichen Einbildung geſellte ſich eine ſo triumphi⸗ rende Fröhlichkeit bei, die unmerklich die Sympathie Aller erweckte und bewirkte, daß man unwillkürlich ſeine Hoffnungen theilte, und ſie mit den weitſchweifenden Augen unſers Helden betrachtete. Man wird Mr. James der Eitelkeit beſchuldigen. Fügen wir hinzu, daß es zwei Arten von Eitel⸗ 68 Das Maiblümchen. keiten giebt: die eine iſt unterhaltend, die andere widerwärtig. Die Eite⸗ keit unſers Helden gehörte der erſten Gattung an. Sie war nur di Ueberfülle eines ſprudelnden Geiſtes, die oft die Grenzen des Anſtande überſchritt, und ſich, durch verführeriſche Ausſichten ſeiner lebhaften Ein bildungskraft geboten, leicht emporheben ließ, ſowohl in Bezug auf Andere als auf ſich ſelbſt. Wenn er ſtets bereit war, ſein eigenes Lob zu ver⸗ breiten, ſo zeigte er nicht weniger Eifer, wenn es galt, Andern den ſchul⸗ digen Tribut an Lobpreiſungen zu zollen. Da er nun ſeine eigenen Vor⸗ züge beſſer kannte, als die Anderer, ſo ſtreuete er dieſen natürlich den meiſten Weihrauch. Als James in Newbury ankam, zählte er erſt achtzehn Jahre, ſo dß es ſchwer zu entſcheiden war, ob er ſich mehr dem Manne oder dem Knaben zuneigte. Die vorgefaßte Meinung, daß er in der Welt etwas werdenz müſſe, hatte ihn bewogen, das väterliche Dach zu verlaſſen, und in Nem bury ſein Glück zu verſuchen. Alle ſeine Effecten trug er in einem blauen baumwollenen Schnupftuche bei ſich. Nie hat wohl in einem Yankee⸗Dorft ein Fremder ſich raſcher einheimiſch gemacht und mehr Beſchäftigung er⸗ langt, als unſer Held. In den Wochentagen verſah er den Dienſt des Schulmeiſters, Sonntags war er Vorſänger in der Kirche, Abends gab er der Dorfjugend Unterricht im Singen und Leſen, und trieb nebenbei mit dem Prediger Lateiniſch und Griechiſch. Das Letztere geſchah heimlich, um ſeine Abſicht, die Univerfität zu beſuchen, zu verbergen, während er ſich mit einer Menge ganz verſchiedener Dinge befaßte. James verſtand es, ſich populär zu machen, denn er war bald in allen Familien und Kaufläden Iu Hauſe. In der Umgegend war er nicht minder bekannt; er wußte die Winkel aller Aepfelweinfäſſer und alle Obſe⸗ kammern. Er ſchöpfte reichlich aus den Fäſſern ſowohl für ſich als wie für andere, und theilte Kunig die Früchte aus, welche die Kammern bargen. Ob Sache oder Perſon, Alles ſchien ihm ſchön und gut, liebens⸗ würdig und angenehm, Alles hatte Rechte auf ſeine Aufmerkſamkeit, ſeinen Appetit und ſeine Huldigungen. Er verſchlang in einem Nu die Mandel⸗ torten und Apfelpaſteten der alten Frauen, ſchmeichelte dem Geiſte, der Schönheit und dem Verdienſte, und war ſtets mit Andern zufrieden wie mit ſich ſelbſt. Die Vielſeitigkeit ſeines Wiſſens und ſeiner Talente war in der That bewundrungswürdig; er verſtand vollfommen Arithmetik und Geſchichte, fing mit gleicher Fertigkeit Eichhörnchen als er Korn ſäete, machte eben ſo raſch Verſe als er den Rechen anwandte, wickelte den alten Damen das Garn oder machte ihnen die Fettflecken aus den Kleidern, machte den jungen Mädchen Blumenſträuße Und Flitterkram, fing Sonn⸗ abends Nachmittags Forellen, disputirte Sonntags über religiöſe Sätze— und das Alles zur vollkommenſten Zufriedenheit. Kurz, wo der junge Mann ſich zeigte, war er beliebt. Aber vorzüglich trug der Umſtand zur blitzſchnellen Verbreitung ſeines Rufes bei, daß er die Kunſt verſtand, Ge⸗ ſpenſtergeſchichten mit einer ſolchen Wahrheit vorzutragen, daß den Hörern, wie man zu ſagen pflegt, die Haut ſchauderte. Und wenn er, am Schluſſe einer langen Winterabends⸗Geſellſchaft, ſeine letzte Geiſtergeſchichte vorge⸗ tragen hatte und raſch dem Hauſe entſchlüpft war, dann konnte man in dem rauhen Geſichte des Hausherrn, der gewöhnlich ein Greis war, den tiefen Eindruck leſen, den unſer Held hervorgebracht, man konnte dieſen guten Mann in ſeinem Bewunderungs⸗Parorismus ausrufen hören; wie —. Das Maiblümchen. 69 dieſer Teufel von James Alle beſtürzt gemacht hat! Es iſt erſtaunlich, es ſſt erſtaunlich! Dieſer leichte, unverwüſtliche Humor James paßte durchaus nicht zu der Leitung einer Schule, außerdem neigte ſich ſeine Organiſation noch ſo berwiegend den Thorheiten der Jugend zu, daß es ihm ein wenig ſchwer ⸗ wurde, den Tollheiten der ihm anvertrauten Jugend mit Strenge entgegen⸗ en Wenn er bemerkte, daß die Herzen der Kinder ungeduldig lopften, daß ſie ſich ſehnten zu ſpielen oder irgend einen kecken Streich zu unternehmen, ſo fühlte er ſich mehr geneigt, ihr Genoſſe und Helfershelfer zu werden, als ein Gericht über ſie ergehen zu laſſen. Dieſer ſonderbare Umſtand würde ohne Zweifel ſchlimme Folgen gehabt haben, wenn die große geiſtige Regſamkeit James Benton's nicht einen äußerſt heilſamen Einfluß uf die Schuljugend ausgeübt hätte. Dieſe geiſtige Kraft wirkte auf die chule, wie eine kleine, aber ſtarke Federkraft auf den Gang einer Fabrik. Alber ſowie die Stunde zum Schluſſe der Schule ſchlug, ſprang er eben poraſch durch die Bänke des Unterrichtsſaales wie der jüngſte Schulknabe. Dann ſah man ihn mit Freude ſtrahlendem Geſichte nach Hauſe gehen, man ſah, wie er unterwegs durch ein Gitter griff, um Johannisbeeren oder Blumen zu pflücken, wie er in einen Hof lief, um einer alten Frau das Waſchfaß ausgießen zu helfen, oder Tante& und Z pflichtgemäß zu be⸗ grüßen, und überhaupt Obliegenheiten zu erfüllen, die ſein Anſehen bei den alten Frauen erhöhten. Wir wollen nicht auf alle Koketterien des Mr. James, deren Nomenclatur ſehr lang ausfallen würde, eingehen, denn der hatte ein ſo zärtliches, gefühlvolles Herz, daß er ſich in alle Frauen rrliebte, die ihm begegneten, und wenn ſeine empfangenen Eindrücke ſich glücklicherweiſe nicht untereinander ſelbſt vernichtet hätten, ſo wüßten wir nicht, was daraus geworden wäre. Aber endlich ward dieſes fliegende herz dennoch gefangen, zum Glück für uns gefangen, denn da wir bereits mehrere Blätter dem Lobe des Helden gewidmet haben, iſt es unſere nächſte Pflicht, die Aufmerkſamkeit des Leſers auf die Helden zu richten, die wir nun zu ſchildern verſuchen wollen. Seht Ihr dort unten jenes braune Haus mit dem breiten Dache, das auf einer Seite faſt bis zur Erde hinabreicht, und der großen, offenen Vogenhalle vor der Hauptthür? Ihr habt ohne Zweifel dieſes Haus ſchon oft bemerkt. Dann habt Ihr an einem ruhigen Sommermorgen uuch die Federbetten und Pfühle geſehen, die man durch die Fenſter geſteckt; die große Thür, die durch eine Kette und einen ſchweren Stein ſtets zuge⸗ halten wird; das mit braunen Stäben vergitterte Fenſter der Speiſekam⸗ mer, vor dem ein wahrer Wald von Bohnenſtangen ſteht; Ihr erinnert Euch gewiß, geſehen zu haben, wie ſtets ein leichter Wind die Blumen und Kornähren bewegt, und wie derſelbe Wind ſich vergebens abmüht, dieſelbe Koketterie mit einem Kohlfelde vorzunehmen, das in ſtillem Ernſte rechts neben dem Hauſe ſteht— dann habt Ihr wohl die köſtlichen rothen Rü⸗ en und die glänzenden Federn der Paſtinacken bewundert, die zwei Schritte weiter ſtehen: und dort die herrlichen Johannis- und Stacheibeeren, und loch weiter ein kleines Stückchen Land, das mit großer Sparſamkeit dem Vergnügen gewidmet iſt, und von Blumen allerlei Farben ſtrotzt. Dann ſah man endlich auch, von einem kleinen Gitter eingeſchloſſen, einen rothen Geranium, der ſeine Blicke ſo ſtolz und verwundert durch das Gärtchen warf, wie ein franzöſiſcher Tanzmeiſter in einer Yankee-Kirche. Dies iſt die Wohnung des Onkels Thimoteus Griswold. Onkel Tim, „ 7⁰ Das Maiblümchen. wie man ihn gewöhnlich nannte, beſaß einen Charakter, den ein Maler nicht etwa der Regelmäßigkeit ſeiner einzelnen Züge wegen gemalt haben würde, ſondern wegen ſeiner Licht- und Schatten⸗Seiten. Onkel Tim beſaß jenen ſtte praktiſchen Sinn, jenen richtig ſpekulirenden Geiſt, der in Neu⸗Eng⸗ and den Männern ſeines Standes in der Regel eigen zu ſein pflegt. Er beſaß auch ein vortreffliches Herz; aber es ſchien eine auff rende Heftigkeit verdorben zu ſein, die, eine Art Mittelweg zwiſchen Scherz und Ernſt haltend, ſeinen Worten und Handlungen einen eigenen chara⸗ teriſtiſchen Stempel aufdrückte. Wenn man den Onkel Tim um einen kleinen Dienſt bat, ſo mußte man in der Regel erſt eine halbe Stunde lang reden und ihm klar un deutlich beweiſen, daß man dieſes Dienſtes nothwendig bedürfe; dann ant⸗ wortete er, daß er ſeine Zeit mit ſolchen Dingen nicht verlieren könne, aber brummend und grollend traf er ſeine Vorbereitungen, um den Dienſt zu leiſten. Gewöhnlich ſchloß er eine ſolche kleine Stene, indem er den ittenden mit einem ſeltſamen Blicke anſah und die Worte murmelte: — Es iſt ſchon recht, gut, gut! Ich ſehe ſchon, es geht nicht anders, ich muß helfen!. Und dann ging er, wohin man ihn gerufen hatte, und arbeitete un⸗ verdroſſen den ganzen Tag. Ehe er ſich wieder entfernte, gab er als Ab⸗ ſchied noch folgende weiſe Ermahnung: — Man müſſe nicht immer Andre beläſtigen, wenn man ohne ihre Hilfe fertig werden könne. — Wenn ſich die Nachbarn Onkel Tim's in irgend einer Verlegenheit befanden, ſo verfehlte er niemals darüber zu ſprechen: Sie hätten es anders machen ſollen, ſagte er; ich finde es höchſt ſeltſam, daß ſie ſo we⸗ nig geſunden Menſchenverſtand haben!— Aber nach dieſen wohlwollenden Bemerkungen bot er alle Kräfte auf, um den Bedrängten aus der Noth zu reißen, wobei er ſich leiſe brummend über die unglaubliche Aufdring⸗ lichkeit der Leute beklagte. Ein kleiner Knabe lief einſt quer über das Feld, auf Onkel Tim zu. — Mein Vater läßt Euch bitten, ihm für heute Eure Hacke zu leihen agte er. ſ— Warum nimmt Dein Vater nicht ſeine eigene Hacke? — Sie iſt zerbrochen. — Zerbrochen? Wodurch iſt ſie zerbrochen? Wer hat ſie zerbrochen? — Ich zerbrach ſie geſtern, als ich ein Eichhörnchen damit fangen wollte. — Warum wollteſt Du ein Eichhörnchen mit einer Hacke fangen? — Aber mein Vater hat die Eure ſo nöthig— — Warum hat Dein Vater die Hacke nicht wieder zurecht laſſen? Dieſes Borgen von andern Leuten iſt zu einer wahren Pe geworden! — Nun, dann werde ich zu einem andern Na bbar gehen. Bei dieſen Worten trat der kleine Borger ſeinen Rückweg wieder an⸗ Doch ehe er noch den Zaun erreicht hatte, rief ihm Onkel Tim zu: — He, kleiner Taugenichts, komm einmal her! Warum läufſt Du ohne die Hacke davon? — Ich wußte nicht, daß Ihr ſie mir leihen wolltet. — Habe ich Dir etwa geſagt, daß ich ſie Dir verweigere? Werde ich das jemals ſagen? Dort ſteht ſie, Du kannſt ſie nehmen; doch nein, ich werde ſie Deinem Vater ſelbſt bringen, und Du kannſt ihm indeß ſagen, —.———————— — * Das Maiblümchen. 74 daß er Dich ein andermal ohne ſeine Hacke auf die Eichhörnchen-Jagd gehen läßt— verſtanden? Die Familie Onkel Tim's beſtand aus Tante Sally, ſeiner Frau, ei⸗ nem Sohne, und einer Tochter. Der Sohn befand ſich um die Zeit, wo unſere Erzählung beginnt, auf einem benachbarten Collegium. Der vollſtändige Gegenſatz von Onkel Tim war Tante Sally, die ſich ſtets liebenswürdig und zuvorkommend Jedem zeigte, der ihre Gefälligkeit in Anſpruch nahm. Sie war eine jener achtbaren und liebenswürdigen alten Frauen, wie man ſie oft auf dem Wege zur Kirche erblickt: mit ei⸗ nem großen Fächer und einem dicken Geſangbuche bewaffnet, und in der einen Hand ein Stück getrockneter Orangenſchaale oder Süßholz tragend, das für die Kinder beſtimmt iſt, die während des Gottesdienſtes artig zu ſein verſprechen. Sie glich an Thätigkeit in ihrem Haushalte dem Thee⸗ keſſel,— man verzeihe dieſen Vergleich— dem Unzertrennlichen von einem amerikaniſchen Heerde, deſſen unaufhörliches leiſes Summen ſich mit ihrer milden Stimme vereinigte. Mit dieſem ſanften, liebenswürdigen Naturel begabt, betrachtete Tante Sally die ſonderbaren Eigenthümlichkeiten Onkel Tim's als die einfachſten Sachen von der Welt, und derſelbe Geiſt der Güte und Nachſicht ſchien auf Miß Grace, ihre einzige Tochter, überge⸗ gangen zu ſein. Grace war hübſch, umgänglich, lebhaft, fröhlich und geiſtreich; außer⸗ dem beſaß ſie eine Charakterſtärke, die ihr die volle Gewait über ſich ſelbſt verlieh; aber ſie hielt auch feſt an dem, was ſie wollte. Da ſie der Welt nur ihre anziehenden Eigenſchaften zeigte, ſo erſchöpfte man ſich in Lobeserhebungen über die ſittſame, liebenswürdige Grace. Das junge Mädchen hatte nie Newbury verlaſſen; aber wenn eine große Dame ihre Worte gehört und ihr Benehmen betrachtet hätte, ſie würde mit der Ueber⸗ eugung das einſame Dorf verlaſſen haben, Grace ſei mit dem vollendeten akte, dem feinſten Benehmen und allen übrigen Eigenſchaften geboren, die das privilegirte Vorrecht der Frauen vom höchſten Range ſind. So findet man oft auf dem wilden Raſen eines Waldes beſcheidene Blümchen, die von der Natur ein ſo bewunderungswürdiges Kleid, eine ſo unend⸗ liche Zartheit erhalten haben, daß man ſich verſucht fühlt, ſie in die Ge⸗ wächshäuſer oder Gärten zu verpflanzen. Die häuslichen Geſchäfte verſtand ſie aus dem Grunde, und es war ſchwer, ein Lä eln zu unterdrücken, wenn man ſie Alles im Hauſe umkehren ſah, um es in Ordnung zu bringen. Wie die meiſten Yankee⸗Damen war auch Grace immer bemüht, die Früchte von dem Baume der Erkenntniß zu ſchmecken, der eine Landſchule ziert; aber dieſe Früchte genügten nicht, um ihren Durſt nach Wiſſen zu ſtillen, ſie hätte ſich aus reichlichern Quellen erfriſchen mögen. Es war ein vergeblicher Wunſch! Einige alte wurnſtichige Bücher bildeten die ganze Bibliothek des Orts; aber das Wenige, was ſie daraus ſchöpfte, reichte hin, um ihrem regen Geiſte Stoff zum weitern Nachdenken zu geben. Venn eine Perſon von Bildung ſich mit dieſem geiſtreichen Dorfmädchen unterhalten hätte, ſie würde ein beſondres Vergnügen daran gefunden haben, dem kühnen Fluge eines jungen, faſt ungebildeten Geiſtes zu folgen. Wie alle Väter, deren Töchter man lobt, ſo empfand auch Onkel Tim eine herzliche Freude, wenn Grace's Preis von allen Seiten ertönte; aber er verbarg dieſe Freude unter den gleichgültig ausgeſtoßenen Worten: ich begreife in der That nicht, warum die jungen Leute des Dorfes ſich ſo nach Grace drängen, ſie hat doch wahrlich nichts Außergewöhnliches! 72 Das Maiblümchen. 8 Bei jeder Gelegenheit brummte dieſer gute Mann wie ein Sturm⸗ wind; aber im Grunde genommen galt er, was das Hausweſen anbetraf, nur wenig; Grace allein beſaß das Vorrecht, Alles zu ordnen und zu beſtimmen, ſie war die Königin des Hauſes, und wenn mitunter auch eine Oppoſition aufzutauchen ſchien, ſo verſchwand ſie bald wie eine Seifenblaſe. Folgendes Geſpräch mag dies beſtätigen: — Vater, ſagte Grace einmal, ich möchte in der nächſten Woche eine Geſellſchaft zu Tiſche einladen. — Geh' mit Deinen Geſellſchaften, Grace; ich denke immer noch an die letzte, die Du gabſt— vierzehn Tage hatte ich zu thun, um die übriggebliebenen Reſte zu verzehren. Es bleibt dabei— verliere kein Wort mehr! Nach dieſem Befehle, den Onkel Tim im tiefſten Baſſe herausge⸗ donnert, verließ er das Haus. Tante Sally und Miß Grace ſchritten ruhig zur Anfertigung von Paſteten und Kuchen aller Art, die ſie für die projectirte Geſellſchaftstafel beſtimmt hatten. Als Onkel Tim wieder heimkam, waren Kuchen und Paſteten, die in langen Reihen auf dem Küchentiſche ſtanden, die erſten Gegenſtände, die ihm in's Auge fielen. 4 — Grace, Grace, Grace! rief Onkel Tim, als er dieſe unerwartete Ausſtellung ſah. Wozu dieſe Wirthſchaft heute? — Aber, Vater, antwortete ſie höchſt unſchuldig und mit großer Ueberzeugung, das iſt Alles zum eſſen. Onkel Tim wollte ſeine böſe Laune auslaſſen; aber kaum hatte er einen flüchtigen Blick auf das heitere Geſicht ſeines hübſchen Kindes ge⸗ worfen, als er die Faſſung verlor und mit ihr die Luſt zu widerſprechen. Um ſeine Verwirrung zu verbergen, ſetzte er ſich ruhig zu Tiſche, und ſprach kein Wort mehr. Liz dem Eſſen ſagte Grace zu Onkel Tim: — Vater, wir brauchen in der nächſten Woche zwei Leuchter mehr. — Wie, ſind für Deine Geſellſchaft nicht genug da? — Nein, Vater, es müſſen zwei mehr ſein⸗ — Das geht nicht an, Grace; zwei Leuchter mehr— ſolche unnütze Dinge! Es geht nicht! — Bitte, Vater, kaufe noch zwei Leuchter! Jetzt—! — Weder jetzt noch ſpäter! rief Onkel Tim. Dann verließ er das Haus, um direkt nach dem Laden des Comfort Seran zu gehen. Nach einer halben Stunde kam Onkel Tim zurück. Er brachte die Hand in ſeine Taſche und zog einen Leuchter hervor, den er Grace mit den Worten reichte: — Hier iſt Dein Leuchter! — Aber, Vater, es ſind ja zwei Leuchter nöthig! — Kannſt Du denn mit einem nicht auskommen? — Nein, es müſſen durchaus zwei ſein. — Nun, ſo iſt hier der zweite. Hier haſt Du auch ein Stück Zeuch, das Du Dir um den Hals wickeln kannſt! Bei dieſen Worten öffnete Onkel Tim die Thür, und verließ eilig das Haus. So endigten gewöhnlich die Streitſachen in dem braunen Hauſe. Das Maiblümchen. 73 Nach dieſer kleinen Abſchweifung kehren wir zu James und Grace zurück, die doch erſichtlich die beiden Hauptperſonen unſerer Erzählung ſind. Zunächſt berichten wir dem Leſer, daß James für Grace die lebhaf⸗ teſte Bewunderung an den Tag legte. Grace hingegen hegte von James eine Meinung, die wir nicht enthüllt haben würden, wenn die Unterredungen zwiſchen Vater und Tochter, die dieſen Gegenſtand betrafen, uns nicht einen Blick in die Seele des jungen Mädchens geſtattet hätten. Seit das ganze Dorf Newbury von den Lobpreiſungen Mr. James' wiederhallte, hatte Onkel Tim ſich feſt vorgenommen, in dieſe National⸗Hymne nicht mit einzuſtimmen. lim gerecht zu ſein, wollte er ohne Einwendungen alle Schmeicheleien auf den Helden des Tages ruhig anhören— und da⸗ zu bot ſich ihm täglich Gelegenheit, denn Tante Sally war wie närriſch für den jungen Mann eingenommen. Als Miß Grace die Bemerkung machte, daß ihr Vater für James nicht die Freundſchaft hege, die er verdiene, empfand ſie für den jungen Mann ein Intereſſe, das aus dem Syſtem der Ausgleichung hervorge⸗ gangen war. Wir bitten, ein wenig darauf zu achten, wie glücklich ſich die Verhältniſſe fügten, um dieſe Liaiſon zu begünſtigen. ₰ Grace beſuchte die Singſtunde— James ebenfalls. Nach Beendi dieſer Stunde war es höchſt einfach, daß ſie James nach Hauſe kei Grace hatte einen ſchönen Geranium, der in einem verfaulten Gitter ſtand. James verfertigte mit großem Geſchick, aber mit noch größerm Eifer ein neues, und die ſchöne Blume ward in das neue Gitter ver⸗ pflanzt. Da Tante Sally dem armen jungen Mann immer ſehr gewogen war, wie anders konnte ſie für dieſes großmüthige Intereſſe dankbar ſein, als durch den aufmerkſamſten und freundlichſten Empfang? Wenn er in ſeiner Glorie, die Flöte und das Geſangbuch unter dem Arme, aus der Kirche nach Hauſe ging, ſo blieb er ſtets bei Tante Sally ſtehen, um ſich nach ihrer Geſundheit zu erkundigen, und, wenn es kalt war, trug er bereitwillig den Fußſack der achtbaren Frau bis zu dem Hauſe, während er über die Predigt und andre ernſte Dinge ſprach. Und dies geſchah Alles, um mit den eigenen Worten Tante Sally's zu reden, auf die liebenswürdigſte Art und Weiſe, die man je geſehen hat. Aber die Flöte, von der wir vorhin ſprachen, war der Hauptgrund, der Onkel Tim gegen den Liebling des Dorfs einnahm. James nun hielt dieſes Inſtru⸗ ment in großen Ehren, und er konnte auch ein wenig ſtolz darauf ſein, denn er war der Einzige, der es zu ſpielen verſtand. Seit die alte Baß⸗ pfeife, der man ſich zum Angeben des Tons bedient, durch einen Sturz Lon der höchſten Gallerie des Bethauſes ſich den Hals gebrochen, benützte Nmes ſein Anſehen am Chorpulte, um dieſes moderne Inſtrument an die Stelle des verblichenen zu ſetzen. In den Augen Onkel Tim's war dies ein großes Verbrechen. James hatte auch noch andere Sünden begangen. Alle dieſe Sünden verbanden ſich mit jenen guten Gründen, die wir bereits aufgezählt haben, um Onkel Tim nicht zu Gunſten des Mr. James zu ſimmen. Tante Sally hingegen konnte nicht müde werden, das Lob des lungen Mannes zu ſingen. Onkel Tim ließ ſich auf dieſen Punkt nicht weiter ein, er begnügte ſich mit der Erklärung, daß James ihm nicht ge⸗ falle. Es iſt wahrhaftig ärgerlich, ſagte er, wenn man Sonntags in die Kirche kommt, und einen Fremden in der Mitte der Gallerie ſich ſo breit machen ſieht. Wie lächerlich, daß er überall, wo er ſich nur erblicken läßt, den Herrn ſpielt! 74 Das Marblümchen. Ihm, der in Newbury geboren, waren dieſe Manieren verhaßt, und er wurde ſtets übler Laune, wenn er ſie ertragen mußte, ohne ein Wort darüber äußern zu dürfen. Der junge Mann, dem man dieſe mißgünſtigen Aeußerungen hinterbrachte, kümmerte ſich wenig deshalb; ſelbſt das böſe Geſicht Onkel Tim's brachte keinen Eindtuck auf ihn hervor. Er zuckte die Achſeln und meinte, daß er ein oder zwei Mlnel wüßte, dieſen unbe⸗ deutenden, bittern Aeußerungen bald ein Ziel zu ſetzen. — James, ſagte ſein Freund und vertrauter Rathgeber, glaubſt Du denn, daß Grace Dir freundlich zugethan iſt? — Ich weiß es nicht, antwortete er in einem Tone völliger Ge⸗ wißheit. Einwilligung verſagt. — Albernheit! Wenn ich will ſoll mich Onkel Tim gern haben. — Dann, James, mußt Du zunächſt auf deine Flöte Verzicht leiſten, das kann ich Dir ſagen! — Freund, ich werde die Sache ſo einrichten, daß er meine Flöte eben ſo lieb hat, als meine Perſon. — Wie willſt Du das anfangen? — Ich wende meine Mittel an! war die gewichtige Antwort. — Ah, James, dieſe Worte beweiſen, daß Du Onkel Tim nicht kennſt; er iſt das ſonderbarſte Geſchöpf, das mir je unter die Augen gekommen iſt. — Ich kenne Onkel Tim beſſer als viel andere Leute, die ihn zu kennen glauben; er iſt nicht ſchlechter als Du und ich. Was den Geiſt des Widerſpruchs betrifft, den man ihm beilegt, ſo genügt es, um ihn bis zum Nichts zurückzuführen, daß man ihn glauben macht, man richte ſich ganz nach ſeinem Wunſche, während man ruhig ſeinen eigenen Weg geht. Das Eine iſt nicht ſchlimmer als das Andere. — Das iſt recht gut, antwortete der Freund; aber ich kann Deine Anſicht nicht theilen. — Ich verwette ein graues Eichhörnchen, ſagte James, indem er ſeinem Freunde zum Abſchiede die Hand reichte, ich verwette es, daß Onkel Tim noch dieſen Abend mit mir und meiner Flöte ausgeſöhnt ſein wird. Es war ein ſchöner, lichter Abend, als James dem braunen Hauſe zuging. Ein Gewitter hatte ſich entladen, die Luft war angenehm, und um die ferne, untergehende Sonne hatte ſich eine Maſſe dichter Wolken gelagert; die Regentropfen perlten an den Blumen, und die Vögel ſangen lieblich in den erfriſchten Blättern der Bäume— das grüne Thal von Newbury hallte wieder von dem köſtlichen Abendeoncerte. James war in dieſem Augenblicke von den Reizen jener Poeſie erfüllt, die in dem Gefühle eines unausſprechlichen Glücks beſteht. Das Bild des braunen Hauſes und ſeiner Bewohner ſtand unaufhörlich vor ſeinen Augen. Er verließ mitunter den Hauptweg, und wandte ſich rechts, un eine Hecke zu überſpringen, und nachzuſehen, ob der Regen den Bach nicht über die Ufer getrieben habe, wo er ſeine Forellen fing. Dann wieder wandte er ſich links, um nach dem Gedeihen der Waſſermelonen dieſes oder jenes Herrn zu ſehen, denn James intereſſirte ſich nicht minder um die Angelegenheiten Anderer, als um Pine eigenen. So kam er endlich an das Gitter, das den Beginn der Beſitzungen des Onkels Tim ankündigte. Er blieb ſtehen, und ſah ſich nach allen 1 — Aber Du kannſt ſie doch nicht heirathen, wenn Onkel Tim ſeine Das Maiblümchen. 75 Seiten um. Da kamen auch vier oder fünf Hammel an, die ihrerſeits einen lockern Stab des Gitters betrachteten, der eine kleine Oeffnung bot. James richtete ſeine Aufmerkſamkeit auf dieſe Hammel. — Nun, junger Freund, ſagte er zu dem Schäfer, der durch dieſe Oeffnung kroch, werden Deine Hammel Dir folgen? Mir iſt es gerade recht. Nachdem er noch einen Augenblick gewartet, um ſich zu überzeugen, daß die ganze Heerde dem Hirten gefolgt ſei, lief er haſtig nach dem Hauſe Onkel Tim's, öffnete die Thür, trat athemlos ein, und rief mit ſtarker Stimme: — Onkel Tim, vier oder fünf Hammel ſind in Euern Garten ein⸗ gebrochen! Onkel Tim ließ ſeinen Wetzſtein und ſeine Senſe fallen. — O, ich werde ſie bald hinaustransportirt haben, fügte unſer Held hinzu. Zugleich lief er in den Garten, und unternahm einen ſo heftigen Angriff auf den Feind, daß er eilig den Platz räumte. Nun ſprang er über das Gitter, ergriff einen großen Stein, und nagelte den wankenden Stab ſo feſt, nachdem er ihn in die Erde getrieben, daß gewiß kein Ham⸗ mel wieder hindurchbrechen konnte. Das Ganze war das Werk eines Au⸗ genblicks. Bei der Rückkehr von dieſer Erpeditivn war James ſo außer Athem, daß er ſich auf die Erde ſetzen mußte, um auszuruhen. 6 Onkel Tim warf einen ärgerlichen Blick auf den jungen Mann. — Was für eine Mücke hat Euch denn ſo arg geſtochen, ſagte der Onkel, daß Ihr ſo entſetzlich lauft? Ich ſelbſt hätte die Thiere ſchon hin⸗ ausgetrieben.. — Wenn Ihr das ſo gern wollt, werde ich ſie wieder in den Garten bringen, antwortete James. Onkel Tim warf einen merkwürdigen Seitenblick auf den jungen Mann. Dann ſagte er: — Ich muß Euch bitten, ein wenig hereinzukommen. — Sehr verbunden, antwortete James; aber ich habe noch ſehr viel zu thun. Indem er dies ſagte, machte er Miene fortzugehen, als ob ihn ein ſehr dringendes Geſchäft abriefe. — Ihr würdet wohlthun, hier ein wenig zu warten. — Ich kann mich keine Minute aufhalten. — Ich wüßte nicht, was Euch ſo zur Eile auffordern könnte; man ſollte glauben, die ganze Schöpfung laſte auf Euern Schultern. — In dieſer Lage befinde ich mich, Onkel Tim, ſagte James, indem er ſich dem Thore näherte. — Nun, ein Glas Aepfelwein werdet Ihr mir doch nicht abſchlagen, ſagte Onkel Tim, der ſich jetzt vorgenommen hatte, die wiederholten Wei⸗ gerungen des jungen Mannes zu beſiegen. James hielt es nun ſür paſſend, dieſer zweiten Einladung zu folgen, und Onkel Tim ſchien ein viel freundlicheres Geſicht dazu zu machen, als wenn er gleich der erſten genügt hätte. Der junge Mann vergaß nun ſeinen langen Weg, ſeine Anſtrengung und ſeine dringenden Geſchäfte, um ſo mehr, als Tante Sally und Miß Grace in dieſem Augenblicke von einem Nachmittagsbeſuche zurückkehrten. Den Onkel Tim und Mr. James freundſchaftlich bei einer Flaſche Wein zu finden, wäre wohl der letzte Gedanke geweſen, der ſich in den beiden Frauen geregt hätte. Bei ihrem Eintritte warf Mr. James Miß 76 Das Maiblümchen. Grace einen ſo verſchmitzten Blick zu, daß das junge Mädchen vor Ver⸗ faſt eine Viertelſtunde gebrauchte, um das Band am Hute aufzulöſen. James, der unaufhörlich bei Onkel Tim den Angenehmen ſpielte, mußte nun in den Garten gehen, um die bewunderungswürdigen Dinge zu betrachten, die ſich darin vorfanden. Zuerſt ging er um das Ackerſtück, und blieb jeden Augenblick ſtehen, um mit dem Ausdrucke der höchſten Ver⸗ wunderung das herrlichſte Getraide anzuſchauen, das ihm je in ſeinem Le⸗ ben vorgekommen war; dann, nachdem er den Lieblingsapfelbaum des Alten mit großem Intereſſe geprüft, rief er voll Bewunderung aus: — Wie nennt man die Aepfel dieſes bewunderungswürdigen Baumes? — Man nennt ſie, glaube ich, Campanellen, oder ſo ähnlich— ant⸗ wortete Onkel Tim. — Wie ſeid Ihr zu dieſen Aepfeln gekommen? Ich habe nie dieſe Art geſehen, rief James, indem er fortfuhr, den unvergleichlichen Baum zu betrachten. Um dem Bewunderer ſeines Gartens zu zeigen, wie wenig er auf ſeine lobpreiſenden Aeußerungen gab, riß Onkel Tim einige ſchlechte Zweige n warf ſie über den Zaun. Dann trat er zu James, und ſagte: * So viel ich weiß, ſind dieſe Aepfel nicht ſehr ſelten. In dieſem Augenblicke erſchien Grace, um den Vater und ſeinen Gaſt zu benachrichtigen, daß das Abendeſſen bereit ſei. Als James einmal bei Tiſche ſaß, legte er ſich durchaus keinen Zwang mehr an, um die Er⸗ oberung Onkel Tim's zu vollenden. Es iſt mitunter ein gutes Mittel, ſich bei Leuten beliebt zu machen, wenn man nicht gleich annimmt, daß man es ſchon iſt. Von dieſem Grundſatze ging James aus. Er ſprach, lachte, erzählte Geſchichten, ſcherzte mit der größten Freimüthigkeit, und unterſtützte von Zeit zu Zeit die Wirkung ſeiner Worte dadurch, daß er Onkel Tim ſchweigend mit einem jener ſanften und durchdringenden Blicke anſah, die durch ihren unwiderſtehlichen Zauber eine ganze Lawine menſch⸗ licher Vorurtheile zu zerſchmelzen vermögen. James hatte außerdem von der Natur die toſtbare Gabe empfangen, jene Diplomatie, die alle Diplo⸗ maten Europa's nicht beſitzen, nach einer fünfminutenlangen Unterhaltung jeder Perſon ein wahrhaftes Intereſſe abzugewinnen. In ganz kurzer Zeit war der fröhliche Burſche in einen ernſten, wohlwollenden Mann umgewandelt; der Sympathie folgte die Ergebenheit. War er auch kein tiefer Denker, ſo beſaß er doch einen bewunderungswürdigen Takt, in den Herzen Anderer zu leſen; er beobachtete ſie mit derſelben Ruhe und Ge⸗ laſſenheit, mit der man oft ein Kind die Räder und Federn einer Uhr prüfen ſieht, in der Hoffnung, den Mechanismus kennen zu lernen, der ſie in Bewegung ſetzt. Onkel Tim barg unter einer rauhen Außenſeite einen Schatz von Herzlichkeit und Güte, ſo daß er dem jungen Beobachter der menſchlichen Natur einen intereſſanten Gegenſtand ſeiner Studien bot. Als ſich James nach dem Thee mit Grare einige Augenblicke allein befand, rief er wie unwillkürlich aus: —. empfinde für Ihren Vater eine aufrichtige Freundſchaft, Grace! — Wirklich? — Ja, und ich ſchätze ihn um ſo höher, da er es mir ſchwer macht, kennen zu lernen. — Nun, ſagte Grace, ich hoffe, daß er Ihre Neigung erwidern wird, Das Maiblümchen. 77 Dann ſchwieg ſie plötzlich, weil ſie fürchtete, James könne ihre Worte nach ſeinem Sinne deuten. Sie erröthete und gerieth völlig außer Faſſung. Aber James war zu gebildet, um ſich den Anſchein zu geben, als be⸗ merke er ihre Verlegenheit; er gab einfach zur Antwort: — Ich hoffe, daß es mir gelingen wird, ſeine Freundſchaft zu er⸗ werben; aber ob er ſeine veränderte Geſinnung jemals eingeſtehen wird? — Er iſt der beſte Menſch von der Welt, ſagte Grace; aber er thut immer, als ob er ſich ſchäme, es zu ſein. James ſammelte einen Augenblick ſeine Gedanken; er blickte zu der untergehenden Sonne empor, deren glänzende Strahlen wie die goldenen Wogen eines friedlichen Meeres flimmerten. Er ſtreckte die Hand durch das geöffnete Fenſter, um einige Waſſertropfen von den Blättern eines Roſenſtocks abzuſchütteln, die im Fallen wie Diamanten erglänzten. Grace verfolgte mit Intereſſe alle Bewegungen des jungen Mannes, der nicht lange zögerte, das Schweigen zu unterbrechen. uc— Grace, ſagte er, ich werde dieſes Jahr noch das Collegium be⸗ uchen. — Das haben Sie mir ſchon geſtern geſagt. James beugte ſich zu einem Geranium, und begann die welken Blätter abzuleſen. Nach einer Pauſe fuhr er fort: — Da Ihr Vater für mich einige Freundſchaft hegt, Grace, werden Sie mir hoffentlich auch die Ihrige nicht verſagen—. — Ich achte Sie jetzt ſchon als einen Freund, James. — Ach, Grace, Sie wiſſen ja, was ich ſagen will! fügte James hin⸗ zu, indem er ſeine Blicke nach dem Gipfel des Apfelbaums richtete. — Gut. Ich wünſche aber ebenfalls, daß Sie meine Worte nehmen wie ich ſie ſpreche, ohne ihnen eine erzwungene oder eingebildete Deutung zu geben. 4 Ah, ganz gewiß! rief James, indem er ſeine liebenswürdige Ge⸗ ſellſchafterin mit einem Blicke völliger Verſtändniß anſah. Und ſo war denn, wie Tante Sally zu ſagen pflegt, die Sache in Ordnung, ohne viel zu ſchwatzen. Jetzt ließen ſich die Schritte Onkel Tim's vernehmen. James zog ſeine Flöte aus der Taſche und ſetzte die einzelnen Stücke zuſammen. Dann, nachdem er ſie feſigeſchraubt hatte, betrachtete er das Inſtrument ernſt, ſah dann zu der Decke empor, und rief: — Onkel Tim, dies iſt die beſte Flöte, die ich jemals geſehen habe! — Ich haſſe dieſe girrenden Pfeifen! ſagte Onkel Tim ärgerlich. — Wahrhaftig, das ſetzt mich in Erſtaunen, denn ich dachte, dieſes Inſtrument übertrifft—— Ohne den Satz zu vollenden, brachte der eifrige Muſiker ſeine Flöte an die Lippen, und begann eine endloſe Reihe von mehr oder minder bril⸗ lanten Rouladen. — Da! rief er, indem er ſeinen Wirth mit einer triumphirenden Miene anſah, nach dieſem anſtrengenden Exercitium. Was denkt Ihr jetzt, Onkel Tim, von meinem Inſtrumente und meiner Fertigkeit? Onkel Tim ging ohne zu antworten in das Haus, aber bald darauf trat er in das Zimmer, in dem ſich der Muſiker befand. Er ging wieder, und kam noch einmal zurück, denn James hatte den Yankee Doodle be⸗ gonnen, das Nativonallied, das man zu Ehren der Nachkommen der Puri⸗ taner geſchrieben hat. 78 Das Maiblümchen. Der Patriotismus Onkel Tim's begann ſich zu regen, und wenn die fertigen Finger des geſchickten Muſikers die unglückliche Flöte nicht be⸗ rührt hätten, er würde den Bewegungen derſelben ueie gefolgt ſein. — Mein Himmel, rief der entzückte alte Mann, wie iſt es Euch nur möglich geweſen, ſo etwas zu lernen? — D. das iſt nicht ſo ſchwer, ſagte James, indem er ein anderes Lied begann. Als es beendet war, ſchwieg er einen Augenblick, um ſein Inſtrument zu betrachten. Während dieſer Prüfung ſagte er zu Onkel Tim: — Ihr könnt nicht glauben, wie praktiſch die Flöte zum Tonangeben iſt. Sonntags nehme ich immer die Flöte, um den Ton in der Kirche an⸗ ugeben. — Das will ich zugeben, ſagte Onkel Tim; aber mir will das In⸗ ſtrument doch nicht recht paſſend ſcheinen für das Gotteshaus. — Warum nicht? Die Töne der Flöte ſind eben ſo ſanft, als die des Inſtrumentes, das ſie erſetzt. Ich ſehe nicht ein, warum man ihr Verdienſt nicht würdigen ſoll; ſie iſt doch beſſer, als gar nichts. — Ganz gewiß, ſie iſt beſſer als Nichts, ſagte Onkel Tim; aber wie ich immer ſchon zu Grace und meiner Frau geſagt habe, ſie iſt kein In⸗ ſtrument für die Kirche, ſie iſt nicht feierlich genug. — Feierlich! rief James. Ah, das kommt darauf an, wie man ſie ſpielt. Hört einmal! Nach dieſen Worten begann er die Melodie eines Chorals, und führte ſie bis zum Schluſſe durch. — Seht Ihr! Seht Ihr! rief unſer Held mit triumphirender Miene. — Gut, gut, ſagte Onkel Tim. Aber ich bleibe bei meiner Meinung — ſchon der bloße Anblick einer Flöte in der Kirche iſt anſtößig. — Aber Ihr gebt doch wenigſtens zu, daß ſie beſſer iſt, als Nichts. Worauf ſollte ich den Ton angeben, wenn ich dieſes Inſtrument nicht hätte? — hat allerdings ihren Nutzen, fügte der Alte hinzu; aber er iſt nicht groß. Vieſe allmählige Zugeben Onkel Tim's hatte James heiter geſtimmt; er verließ das braune Haus, ſeine Flöte in der Taſche tragend, und die letzten Worte Grace's in ſeinem Herzen. Allein, als er die große Thür hinter ſich geſchloſſen hatte, flüſterte er vor ſich hin: — Vorausgeſetzt, daß Tante Sally mich bei Onkel Tim nicht zu ſehr herausſtreicht, ich würde ſonſt noch einmal von Anfang an beginnen müſſen. Die Vorausſetzung Mr. James ſollte in Erfüllung gehen: man konnte Onkel Tim wohl im Stillen von einem Irrthume, von einem Vorurtheile n aber es war unmöglich, ihn zu einem offenen Geſtändniſſe u bewegen. Als Tante Sally in der Freudigkeit ihres Herzens zu ihrem Gatten f ſagte: ah, ich war deſſen gewiß, daß Du James lieb gewinnen würdeſt— antwortete er: ich habe kein Wort darüber geäußert! — Aber es ſchien doch geſtern Abend, als ob Du mit ihm im beſten Einverſtändniſſe ſeieſt? — Ich konnte ihn doch nicht zur Thür hinauswerfen! Meine Mei⸗ nung von geſtern iſt heute noch dieſelbe. Ungeachtet dieſer neuen Laune, war es dennoch bemerkbar, daß Onkel Tim ſeine Abneigung gegen James nur in allgemeinen Phraſen esſih ohne, wie früher, auf Einzelnheiten einzugehen. Es war erſichtlich, daß 1 Das Maiblümchen. 79 das Eis zu ſchmelzen begann; aber das völlige Zerrinnen würde ſehr lange gedauert haben, wenn nicht beſondere Umſtände das Reſultat herbeigeführt ätten. Um dieſe Zeit nämlich kam George Griswald, der Bruder des jungen Mädchens, nachdem er ſeine theologiſchen Studien auf der Univerſität be⸗ endet hatte, in ſeinen Heimathsort zurück. Es iſt ohne Zweifel von gro⸗ ßem Intereſſe, die Entwickelung des Herzens und Geiſtes bei einem Bau⸗ ernknaben zu beobachten, der ſchüchtern, unſchuldig und rein ſein Dorf verläßt, die Bildungsanſtalten beſucht, und dann als ein vollkommen phy⸗ ſiſch und moraliſch gebildeter Mann zu ſeiner Familie zurückkehrt. Als George Griswald ſein Dorf verließ, war er ein ſchweigſamer und, dem Anſcheine nach, phlegmatiſcher Knabe. Sein Gefühl gab er nur dadurch kund, daß er erröthete, und ſeine Beſcheidenheit, wenn man mit ihm ſprach, durch ein dummes Geſicht. Die Jahre der klaſſiſchen Bildung führten nach und nach eine ſolche Veränderung herbei, daß man ihn jetzt nicht wiedererkannte. Wenn er als Kind vor einem Blicke des Vicars er⸗ bebte, und achtungsvoll vor dem Prediger faſt auf die Knie geſunken wäre, ſo bewegte er ſich jetzt unter den Notabilitäten des Orts mit großem An⸗ ſtande und völliger Unbefangenheit. Aber leider ſchwand in demſelben Grade die phyſiſche Kraft, in dem die geiſtige ſich ausbildete. Bei jedem Ferienbeſuche ſah ſeine Familie, daß er ſtets bleicher und abgemagerter ward, und daß er körperlich weni⸗ ger für den heiligen Beruf geeignet ſchien, dem er ſich gewidmet hatte. Nun aber war er mit dem Charakter als Prediger, als ein wahrer Pre⸗ diger zurückgekehrt, der das volle Recht hat, auf der Kanzel zu erſcheinen. Welche Freude für Onkel Tim und Tante Sally! Auf das Gerücht, daß Mr. Griswald am Sonntage nach ſeiner An⸗ kunft in Newbury predigen würde, hatte ſich die Kirche mit neugierigen Hörern ſo angefüllt, daß man ſich eines ähnlichen Andranges nicht erin⸗ nern konnte. Als der Augenblick zum Leſen des erſten Gebetes gekom⸗ men war, wandten ſich die weißen Häupter der Greiſe alle zugleich nach der Kanzel hin, während die alten Frauen mit ihren ſchwarzen Mützen vor ungeduldiger Neugierde aufſtanden, um beſſer zu ſehen und zu hören. Die Kinder folgten dem Beiſpiele ihrer Eltern. Auf einer Bank, der Kanzel gegenüber, ſah man Onkel Tim mit ernſtem, feierlichen Geſichte; an ſeiner Seite ſaß Tante Sally, die ſo glücklich zu ſein ſchien, wie es nur eine Mutter ſein kann. Miß Grace hob ihr ſanftes Geſicht zu dem Bruder empor, wie die Blume zu der Sonne. Oben auf der Gallerie ſah man auch unſern Freund James, deſſen heiteres Geſicht vor Unruhe und Erwartung ein wenig ernſt geworden war. Wohl nie war eine aufmerk⸗ ſamere Gemeinde verſammelt, um die erſte Rede eines jungen Predigers zu begrüßen, als an dieſem Sonntage die Kirche von Newbury zeigte. In dieſer eifrigen Selbſtvergeſſenheit, welche die erſten religiöſen Uebungen des Morgens charakteriſirt, gehorchen die Anweſenden alle einem überna⸗ türlichen Geſetze, ſie fühlen ſich durch eine unwiderſtehliche Gewalt mit fortgeriſſen. Die Gebete des jungen Predigers, herrlich durch die morgenländiſche religiöſe Poeſie, mit der er ſie ausgeſchmückt hatte, und hinreißend durch ſeine eigene Bewegung, ergoſſen ſich wie eine edle und rührende Muſtk über die Zuhörer, ſo daß ſie zum Schweigen und zur Erhebung aufgefordert wurden. Die Predigt zeichnete ſich durch die Kraft des Ausdrucks und 80 Das Maiblümchen. die Klarheit ihres geiſtreichen Gehaltes aus. Wie alle Reden der Prediger Neu⸗Englands, ſo führte auch dieſe in zwei parallelen Linien die Gründe und die Beweiſe durch. Die auffallende Bläſſe des jungen Predigers, das, der Schwäche des Körpers entſprungene Zittern der Stimme, erregten das lebhafteſte Intereſſe, er glich einem Weſen, das ſchon früh für das zukünftige Leben ſich vorbe⸗ reitet hat, weil es in dieſem nicht lange bleiben kann. Als der Gottesdienſt beendet war, verließen die Gläubigen mit der Miene von Leuten die Kirche, die mehr gefühlt als verſtanden hatten. Alle Urtheile, die über die Predigt gefällt wurden, fand man in der An⸗ ſicht des Diaconus Dudlow vereinigt, eines gebildeten braven Mannes, der in der Thür der Kirche einen Augenblick ſtehen blieb, und auf die leb⸗ haften Fragen mit Thränen in den Augen antwortete: — George Griswald iſt ein Geſegneter des Herrn; ich bin ſeit langer Zeit dem Himmel nicht ſo nahe geweſen. Wahrlich, er iſt ein Geſegneter des Herrn. Das iſt meine Anſicht über ihn. Und welche Meinung hatte unſer Freund James? Er war zuerſt ernſt, dann bewegt, und zuletzt völlig von dem Vortrage hingeriſſen, ſo daß er erſt nach beendigtem Gottesdienſte aus ſeiner momentanen Geiſtes⸗ verwirrung erwachte und ſich erinnerte, er ſei in der Kirche. James hatte ſich bis dahin nicht gekannt: ſeine flüchtige Beweglichkeit war ihm als das Zeichen eines unruhigen Geiſtes nicht lieb geweſen— heute ſchien es ihm, daß ſeine geiſtige Auffaſſungsgabe eine Erweiterung des Kreiſes forderte, in dem er bis zu dieſem Augenblicke hatte; ihm war, als ob ihn eine electriſche Kraft zu einem andern Berufe hinzöge, als zu dem, den er bis jetzt erſtrebt hatte. Als er den ſanften Prieſter des Herrn an der Treppe der Kanzel ſah, ging er zu ihm. — Ich bitte Sie um eine kurze Unterredung, redete er ihn ernſt an. Würden Sie mir geſtatten, daß ich Sie in Ihre Wohnung begleite? — Es iſt ſehr warm, und der Weg lang. — O, das thut nichts, ſagte James, wenn Sie nur meinen Wunſch mir gewähren. Der Vorſchlag ward angenommen. Während ſie unter den Bäumen hingingen, trug James, der durch die Predigt George Griswald's ſehr aufgeregt war, eine ſolche Menge Fragen und Probleme vor, deren Be⸗ antwortung und Löſung einen Monat des Studiums und des Nachdenkens erfordert hätte. — Ich kann Ihnen für den Augenblick dieſe Fragen nicht alle beant⸗ worten, ſagte der junge Prieſter, als er die Thür des väterlichen Hauſes erreicht hatte. — Wann komme ich Ihnen gelegen, um unſere Unterredung fortzu⸗ Feſe der eifrige James. Erlauben Sie mir, daß ich dieſen Abend omme? Der junge Prediger bewilligte lächelnd dieſe Bitte. James entfernte ſich, ſo voll von neuen Gedanken und Entwürfen, daß er an Grace vor⸗ überging, ohne ſie zu bemerken. Von dieſer Zeit an begann ſich zwiſchen den beiden jungen Leuten eine Freundſchaft zu geſtalten, die der Verwandtſchaft der Gegenſätze be⸗ redt das Wort ſurte⸗ dieſe Freundſchaft glich einem Bunde des Abends und des Morgens, wenn dieſer Bund möglich iſt: auf der einen Seite Friſche und Leben, auf der andern Friede und Ruhe. Das Maiblümchen. 8¹ George, erſchöpft durch ſeine ſchwächliche Geſundheit und durch den anhaltenden Eifer in ſeinen frommen Studien, fand in dem lebhaften Um⸗ ange mit dem jungen Manne einen eigenen Reiz, ein wahre Erholung. zuß James übte der würdige Charakter des Freundes einen heilſamen Einfluß aus; er ward ſanft, ruhig und überlegend. Es iſt wahrlich kein kleines Verdienſt, die Ueberlegenheit eines Andern zu begreifen und anzu⸗ erkennen. Nach einigen Tagen ſchon hatte George Griswald eine unbegrenzte Herrſchaft über unſern Freund erlangt. Ein Monat war kaum verfloſſen, und ſein Charakter hatte ſich mehr entwickelt und befeſtigt, als es vier Jahre des Studiums auf der Univerſität vermocht hätten, ihn zu bilden. Unſere religiöſen Empfindungen tragen ſtets das Gepräge des erſten Ein⸗ vrucks, den ſie empfangen. Die Frömmigkeit und Gottesfurcht George Griswald's hatten in dem Herzen und in dem Geiſte Mr. James religiöſe Gedanken und Empfindungen erweckt, ohne die ſelbſt der fähigſte und kräf⸗ tigſte Geiſt unvollſtändig bleibt. Die Reden und der Eifer des jungen Predigers, ſowie die getreue Erfüllung aller andern Pflichten ſeines geiſtlichen Amtes wurden von einem ſo bemerkbaren Erfolge gekrönt, daß er ſich unendlich glücklich fühlte. Aber leider konnte er dieſes glückliche Reſultat nur durch die größte An⸗ ſtrengung erreichen, es war nicht zu verkennen, daß die Zahl ſeiner Lebens⸗ tage dadurch verkürzt wurde. Selbſt für den ruhigſten Geiſt iſt es ein bitteres Gefühl, auf die Pläne Verzicht leiſten zu müſſen, an denen er ſo lange gearbeitet hat; und mehr noch leidet er, wenn er die Hoffnungen vereitelt ſieht, die Freunde und Eltern von ſeiner Zukunft hegen. Dieſe Leiden ſollte George empfinden. Ihm bebte das Herz, wenn er ſah, wie ſeine Mutter begierig jedes ſeiner Worte auffaßte, oder wie ſie allen ſei⸗ nen Bewegungen mit jener zärtlichen Sorgfalt folgte, welche die Schwäche der Jugend hervorbringt. Er hätte weinen mögen, wenn er ſeinen Vater anſah, ſeinen eigenthümlichen Vater, deſſen ganzer irdiſcher Ehrgeiz ſich in ſeinem Sohne vereinigte— denn bald ſollte das Licht ihres Vuers erloſchen. Wenn der junge Mann nach einer glorreichen Predigt aus der Kirche zurückfam, ſo war es traurig zu ſehen, wie ſein alter Vater, der die innige Freude ſeines Herzens zu verbergen ſuchte, ſich zu ihm ſetzte, und ſagte: — George, Deine Predigt war doch nicht ganz ſo, wie ich ſie wünſchte; Du hältſt Dich für unfehlbar. Ich möchte wohl wiſſen, wie es kommt, daß Du mehr davon verſtehſt, als wie Andere? Die Auseinanderſetzungen George's waren klar und beſtimmt; aber der Greis, nachdem er ſich durch die verſchiedenartigſten Fragen erſchöpft, ſchwieg, ohne ſeine Niederlage einzugeſtehen. Dabei war er in der Seele entzückt, ſeinem Sohne eine Gelegenheit geboten zu haben, bei der er ſein Wiſſen und ſeine Beredtſamkeit zeigen konnte. Wenn George ſich mit Jemandem in eine Disputation eingelaſſen hatte, ſo ſhte ſich der Alte zu ihm, beugte das Haupt zur Erde, und ſah unter den buſchigen Brauen mit wohlwollenden Blicken empor, die zwar ſein zärtliches Intereſſe für den Sohn verriethen, aber auch den Wunſch, dieſes Intereſſe geheim zu halten. Die Zeichen einer Zuneigung, von ſanften, offenen Perſonen geſpendet, ſind weniger rührend als die, welche von harten und ſtrengen Leuten an den Tag gelegt werden. So war Maiblümchen. 6 82 Das Maiblümchen. 26 ſehr gerührt von den ſtillen Aeußerungen der ſtolzen väterlichen iebe. — Dieſen Geſichtsausdruck meines Vaters habe ich früher nie geſehen, dachte er; was wird aus ihm werden, wenn ich ſterbe? Solchen Gedanken hing George, an das Gitter des Gartens gelehnt, an einem ſchönen Frühlingsmorgen nach, als Grace aus dem Hauſe trat, und ihn bemerkte. — Du biſt ſo ernſt, Bruder, und der Tag iſt ſo heiter! ſagte das junge Mädchen, indem es zu ihm trat. Der junge Mann ſah empor, und betrachtete mit einem ſchmerzlichen Lächeln das heitere Geſicht ſeiner Schweſter. — Wie glücklich biſt Du, Grace! rief er aus. — Gewiß bin ich glücklich, und auch Du wirſt es ſein, denn Du biſt beſſer als ich. — Ich bin glücklich, Grace, das heißt, ich hoffe es zu werden. — Du leideſt, ich weiß, daß Du leideſt, antwortete Grace. Ach, könnte doch Dein Herz eben ſo fröhlich ſchlagen, als das meine! — Meine Geſundheit iſt dahin, liebe Schweſter, und ich fühle, daß ich ſie nie wiedererlangen werde. — Ach, George, beſter George, ſprich doch nicht ſo! Du würdeſt uns Allen das Herz brechen, fügte ſie mit Thränen in den Augen hinzu. — Du haſt Recht, Schweſter; nicht meinetwegen beſchäftigt mich dieſer Gedanke, ſondern— nun, fügte er hinzu, dort oben iſt es ja daſſelbe. Eine Woche nach dieſer Unterredung verwandelte eine ſtarke Erkältung die Schwäche George's in eine förmliche Krankheit. Das Uebel griff raſch um ſich. Tante Sally, erfindungsreich in der Selbſttäuſchung wie 3 Herzen, verkannte die Natur des Uebels und die Nähe der efahr. 4½ Es wird beſſer gehen! ſagte ſie alle Tage. Onkel Tim verläugnete das Augenſcheinliche mit der ganzen Feſtigkeit ſeines Charakters. Der Kranke war über ſeinen Zuſtand völlig im Klaren; aber ihm fehlte die Kraft, ſeine alten Eltern zu enttäuſchen. James brachte jetzt den ganzen Tag bei ſeinem Freunde zu; er er⸗ ſchöpfte ſich in Worten und Handlungen, um den Kranken zu tröſten, zu bedienen und zu zerſtreuen. Wer ihn, den ſo ſorgloſen, heitern und nicht ſelten auch ein wenig leichtſinnigen jungen Mann an dem Krankenbette geſehen hätte, würde über ſeine Aufmerkſamkeit, über ſeine leiſe und ſüße Stimme, kurz über ſeine ängſtliche Sorgfalt in der Behandlung des Lei⸗ denden erſtaunt geweſen ſein. Lebhafte und im Glücke jubelnde Ge⸗ müther, ſind in der Regel wahre Muſter von Milde und Ergebung, wenn Tage der Leiden und Prüfungen erſcheinen. Wir führen den Leſer in das Krankenzimmer. Das Licht des jungen Morgens beginnt ſich zu entfalten. George, von einem Fieber geſchüttelt, hatte die ganze Nacht 5 einen Augenblick geſchlafen; gegen Morgen bemächtigte ſich ſeiner ein leiſer Schlummer. James ſaß an ſeinem Bekte; er wagte kaum zu athmen, aus Furcht den Schlummernden zu wecken. Es war noch dunkel, obgleich draußen die Morgenröthe bereits glühte und alle Sterne verſchwunden waren. Aber bald kündigte ſich der Tag an, er ſandte ſeinen herrlichen Strahl durch die Vorhänge des Fenſters in das Zimmer. Dieſer Strahl, der den Ort des Schmerzes erleuchtet, gleicht Das Maiblümchen. 83 dem Auge unſers himmliſchen Vaters, des Allmächtigen, der über uns wacht, wenn alle menſchliche Freundſchaft und Liebe erſchöpft iſt. George erwachte bald wieder. Sein Geſicht drückte Ruhe und Frie⸗ 1 zen aus. Indem er die Augen gen Himmel wandte, murmelte er leiſe die orte: Der ſanfte, ewig heitre Morgen Ergießt ſein Licht durch alle Sphären! Einen Augenblick ſpäter verbreitete ſich ein Schatten über ſeinen Zü⸗ gen; er legte die Hände auf die Augen, aus denen ein Thränenſtrom auf das Kopfkiſſen herabfloß. — George, lieber, lieber George! rief James, indem er ſich über ihn neigte. — Meine Freunde— mein Vater— meine Mutter! flüſterte er mit ſchwacher Stimme. — Jeſus Chriſtus wird über ſie wachen! antwortete James. — Ja, ja, ich weiß, daß er über ſie wacht, denn er liebte die Seinen, als er noch auf dieſer Erde wandelte— er liebte ſie bis zum Tode. Aber ich ſterbe, ohne zuvor vas geringſte Gute gethan zu haben. — Ach, ſprechen Sie doch nicht ſo! rief James. Bedenken Sie alle Handlungen Ihres Lebens, und wenn Sie nur das Gute vollbracht, das Sie an mir gethan haben, wird es Gott Ihnen anrechnen. Dieſes Gute wird Sie in den Himmel bringen, und auch mir die Pforte deſſelben öffnen⸗ Ich werde mein Leben, meine Seele, alle meine Kraft der heiligen Sache weihen— und dann haben Sie nicht vergebens gelebt! George lächelte, und blickte zum Himmel empor. Sein Geſicht glich dem eines Engels. James fuhr wie begeiſtert fort. — Aber ich bin es nicht allein, der ſo ſprechen kann— Alle ſegnen Sie. Es iſt nicht eine Seele in unſerm Dorfe, die Sie nicht ſegnet, und Ihr Andenken wird ewig in unſerm Herzen leben! — Segnen wir Gott! ſagte George. — Ja, auch Gott ſei geſegnet, ſagte James. Ichs ſegne ihn, weil er mir die Gnade verliehen, Sie kennen zu lernen; wir ſegnen ihn Alle, wir lieben ihn Alle, und werden ihn ewig lieben! Das Geſicht des Kranken, das ſich bei dieſen Worten ein wenig ge⸗ röthet hatte, ward plötzlich wieder bleich. — James, flüſterte er, ich muß— ich glaube, ich muß es meinem votee und meiner Mutter ſagen— ja, muß— aber wird es mir mög⸗ lich ſein? In dieſem Augenblicke öffnete ſich die Thür, und Onkel Tim trat ein. Er ſchien erſchreckt zu ſein über George's bleiches Geſicht. Leiſe trat er dem Bette näher, prüfte den Puls des Kranken, und legte mit ſichtlicher Angſt die Hand auf ſeine Stirn. Dann fragte er, nachdem er einigemal verſucht mit klarer Stimme zu ſprechen, ob es ihm beſſer gehe. — Nein, Vater, antwortete George. Dann ergriff der Kranke ſeine Hand, und ſah ihn mit ängſtlich flehenden Blicken an. Endlich ſagte er nch einigem Zögern: 614— Vater, Du weißt, daß wir uns Alle dem Willen Gottes fügen miüſſen! „ Dieſe Worte wurden mit einem Ausdrucke geſprochen, der die Wahr⸗ heit derſelben dem Greiſe nur zu deutlich kundgab. Die Hand des Sohnes —— 84 Das Maiblümchen. entglitt ihm, und indem er einen tiefen Schmerzensſeufzer ausſtieß, verließ er das Zimmer. Grace ſah den Vater mit untergeſchlagenen Armen am Fenſter der Küche ſtehen. — Vater! Vater! rief ſie, um ihn ſeiner Verzweiflung zu entrücken. — Geh, geh, Kind! ſagte er rauh. — Vater, die Mutter läßt Dir ſagen, daß das Frühſtück auf dem Tiſche ſteht. — Ich will nicht frühſtücken, antwortete er, indem er ſich heftig ab⸗ wandte. ally, fragte er dann, was iſt in dieſer Taſſe? — Ein wenig Thee für George; er wird ihm gut thun. Ach, das arme Kind! — Er wird ihm weder ſchaden, noch nützen, denn George iſt verloren! ſagte er mit rauher Stimme. — Nein! Großer Gott, nein! rief Tante Sally. — Willſt Du mir noch widerſprechen? Ich will durchaus nicht, daß man mir widerſpricht. Vermeide unnütze Worte— es iſt ſicher, daß George ſtirbt, und gerade jetzt, wo wir ihn ſo weit gebracht haben, daß er ein tüchtiger Prediger werden konnte. Ach, ich wollte, ich läge ſelbſt im Sarge, denn ſo—— Er unterbrach ſich, ging raſch hinaus, und ſchloß die Thür hinter ſich. Es iſt ein Glück, daß ein höheres geiſtiges Weſen exiſtirt, das die Leiden des Herzens ſieht, wie ſie ſind, und nicht nur ſo, wie ſie ſich in dem Toben der unvollkommenen menſchlichen Natur zeigen. Dieſes Weſen hat vielleicht mehr Gefallen an den harten und rauhen Menſchen, als an de⸗ nen, die ihre Gefühle ſanft und zärtlich äußern, um die Neigung ihres Gleichen zu gewinnen. Bei allen ſeinen Sonderbarkeiten beſaß Onkel Tim ein tiefes, religiöſes Gemüth; aber es giebt nur wenig Menſchen, bei denen die Religion mehr bewirkt, als gegen die natürlichen Schwächen zu kämpfen, die Leidenſchaften zu mäßigen, und die Laſter zu zügeln. In dieſer Stunde der Prüfung brachen die Halsſtarrigkeit und der Trotz des Greiſes ihrer ganzen Heftigkeit hervor. Wohl fühlte er die Nothwendigkeit ſeiner Ergebung, aber er konnte es nicht faſſen, wie er ſie ermöglichen ſollte. Er machte ſich ſelbſt Vorwürfe, zwang ſich vergebens, die murrende Stimme der Natur zum Schweigen zu bringen, wies alle Theilnahme, allen Troſt zurück; aber ſtets begann der Kampf der Ver⸗ zweiflung von Neuem. Am Nachmittage des nächſten Sonntags ward er plötzlich und haſtig in das Zimmer ſeines Sohnes gerufen. Kaum war er eingetreten, als er erkannte, daß die Stunde gekommen ſei. Die ganze Familie hatte ſich verſammelt. Grace und James, jeder an einer Seite des Betts, neigten ſich auf den Sterbenden hinab, während die Mutter in einiger Entfernung ſtand, und das Geſicht mit der Schürze bedeckte, um das Verſcheiden ihres Kindes nicht zu ſehen. Auch der greiſe Prediger war da, vor ihm lag die aufgeſchlagene Bibel. Der Vater ſetzte ſich an das Sterbebett ſeines Sohnes. Still und ernſt betrachtete er das Geſicht ſeines Sohnes, aus dem Leben und Unſterblichkeit ſtrahlte. Als George die Augen aufſchlug, ſett ſeinen alten Vater; er lächelte und reichte ihm die Hand. Dann agte er: — Ich freue mich, Dich hier zu ſehen! — Ach, George, um Gotteswillen, ſieh mich nicht ſo lächelnd an! Das Maiblümchen. 85 Ich weiß, was kommt. Ich habe mich aufrecht zu erhalten verſucht, und es noch— nein, ich kann nicht, ich kann nicht! ei dieſen letzten Worten erbebte der Greis, dann brach er in ein lautes Schluchzen aus. In dem Zimmer herrſchte ein dumpfes Schweigen, wie in der Wohnung des Todes; niemand wagte ein Wort des Troſtes an ihn zu richten. Endlich wiederholte die Stimme des Sohnes, leiſe und die Worte des beſten Freundes des Menſchen: —„Laßt Eure Herzen nicht bekümmert ſein, denn in meines Vaters Hauſe giebt es noch viel Wohnungen.“ — Wohl wahr, ſagte der Greis; aber ich kann den Kummer nicht von mir werfen. Wohl weiß ich, daß des Höchſten Willen geſchehen muß— aber ich werde darüber ſterben. — Vater, ich beſchwöre Dich, zerreiße mir das Herz nicht! ſagte der Sohn in großer Bewegung. Ich ſehe Dich, und Du ſiehſt mich im Himmel wieder. Dann wird Dein Herz froh ſein, und niemand kann Deine Freude trüben. — Wenn ich in der gegenwärtigen Verfaſſung bleibe, werde ich nie in den Himmel kommen, ſagte der Greis. Ich kann mich nicht ergeben! Die milden Züge des Sterbenden wurden finſter. Mit leiſer Stimme ſagte er die Worte: — Ich möchte, daß er Alles ſähe, was ich ſehe! Dann warf er einen Blick auf den Prieſter, und flüſterte: — Bitte für uns! Alle Mitglieder der Familie knieten nieder, um zu beten. Das Gebet übte einen ungewöhnlichen Eindruck aus. Als ſie ſich wieder erhoben, ſchienen Alle ruhiger geworden ju ſein. Der Sterbende ſchien indeß das Ziel ſeiner Leiden erreicht zu haben; ſeine Blicke hafteten auf den Freun⸗ den— dann murmelte er mit ſchwacher Stimme die Worte des Evange⸗ liums:„Der Friede des Herrn ſei mit Euch!“ Und ſeine Seele eilte dem Himmel zu. Wir wollen von den Begebniſſen, die nach dieſem ſchönen Tode folgten, nicht weiter ſprechen; wir berichten nur, daß die Saat des Guten, die der Gerechte während ſeines Lebens ausgeſtreut, auf ſeinem Grabe aufkeimte und fortblühte. Sterbend hatte der würdige Prieſter des Herrn gewünſcht, duß der Friede bei ſeinen Freunden bleiben möge— als er nicht mehr war, erinnerten ſie ſich dieſer ſanften Abſchiedsworte. Zwar regte ſich noch ein gewaltiger Schmerz in der Bruſt; aber ihre wunden Herzen er⸗ füllte Milde und Ergebung. — Gott ſei ſeiner Seele gnädig! rief Onkel Tim in dem Augenblicke, als er mit James zwei Schritte von dem Hügel entfernt ſtand, der die irdiſchen Reſte ſeines Sohnes barg. Ich glaube, daß mein Herz mit ihm in den Himmel eingegangen iſt, und hege jetzt das Vertrauen zu dem Höchſten, daß er am beſten weiß, was uns frommt. Von dieſer Zeit an ſchien unſer James dazu auserſehen, die Stütze der Familie zu werden. Der gebeugte Greis übertrug unwillkürlich auf ihn die Neigungen, deren Gegenſtand einſt ſein Sohn geweſen. — James, ſagte er eines Tags, Sie haben ohne Zweifel ſchon be⸗ merkt, daß ich Sie faſt wie einen Sohn betrachte. — Ich habe es zu hoffen gewagt, antwortete James zutraulich. — Nun, fuhr Onkel Tim fort, dann ſtellen Sie das Schulehalten ein; Sie werden nächſte Woche zur Univerſität gehen. Ich beſitze genug, —— — Das Maiblümchen. um Sie dort fortzubringen— das heißt, wenn Sie gelehrig und fleißig ſind. James kannte das Herz Onkel Tim's zu gut, um ſeinen Antrag ab⸗ trei er wußte, daß die Annahme deſſelben ein Troſt für den armen reis ſein würde. Um ſich in Dankſagungen und Erkenntlichkeitsproteſta⸗ tionen zu ergießen, beſaß er zu viel Tact; er nahm das Erbieten an, wie die einfachſte Sache von der Welt. Am Abend vor ſeiner Abreiſe ſagte er zu Grace: — Wir haben uns Beide verändert, ſu den erſten Tagen unſerer Freundſchaft; jetzt reiſe ich, bin lange Zeit abweſend— aber ich hoffe—— Er unterbrach ſich, um ſeine Gedanken wieder zu ordnen. — Gewiß, antwortete Grace, Sie können ſich von allen dem über⸗ zeugt halten, was Sie jetzt ſagen wollen, aber nicht ausſprechen können. — Tauſend Dank! rief James. Dann fügte er nachdenklich hinzu: Gott wird mir ja helfen. Ich glaube, daß es meiner Entſchloſſenheit ge⸗ wiß gelingen wird, das zu werden, was ich werden möchte. Aber zu welcher Stellung ich mich auch emporſchwingen mag, was ich an Vermögen beſitzen werde, meine Thätigkeit und meine Talente, Alles ſoll dem Dienſte des Herrn und meiner Mitmenſchen gewidmet ſein. Dann, Grace, wird Ihr Bruder im Himmel ſich über mich freuen⸗ — Ich glaube, daß er ſchon jetzt erfreut iſt, antwortete Grace. Dann fügte ſie nach einer Pauſe hinzu: Wieviel Dank ſchulden wir Ihnen! Ich weiß nicht, was aus uns geworden ſein würde, wenn Sie nicht hier geweſen wären. Ach ja, Sie werden dem Beiſpiele meines Bruders folgen, und ſelbſt noch mehr Gutes thun, als er. Fünf Jahre Später ward James als Prediger in einem der bedeu⸗ tendſten Dörfer des Staates C. angeſtellt. Er genoß den Ruf eines tüchtigen Kanzelredners und eines wackern Mannes. An einem Herbſtabende ſah man bei den erſten Hänſern dieſes Dorfes einen hochgewachſenen Mann mit einem mürriſchen Geſichte ankommen. — He, rief der Fremde einem Landmann zu, der über den Weg ging, was iſt das für ein Ort, der vor uns liegt? — Firmington, Herr! — Gut. Ich möchte gern wiſſen, ob Ihr mir Auskunft über einen jungen Mann geben könnt, der dort wohnt. Es iſt mein Sohn. — Wie heißt er denn? — Ich glaube, antwortete der Greis, indem er ſeinen Hut abnahm, man nennt ihn James Benton. — James Benton? Ei, ſo heißt ja unſer neuer Prediger. — Ja, ja, ich glaube, er iſt Prediger. Aber deshalb bleibt er immer mein Sohn. Wo wohnt er? — In jenem Hauſe, das ein wenig vom Wege abliegt und von den hohen Bäumen umgeben iſt. In dieſem Augenblicke näherte ſich unbemerkt dem Onkel Tim ein Mann, deſſen ſchöne Geſtalt imponirte, und deſſen Geſicht ernſte Entſchloſſenheit verrieth. Aber dieſes Geſicht iſt uns ja bekannt. Zwar ſind die Züge ausgeprägter, charakteriſtiſcher, als die, die dem Gedächtniſſe vorſchweben; aber in dem Lächeln, das ſich bei dem Erblicken des Greiſes plötzlich dar⸗ über ausbreitet, erkennen wir die Lebhaftigkeit unſers alten Freundes wie⸗ der, James Benton's. „ Das Maiblümchen. 87 — Ach, ich wußte es wohl, rief er mit dem Feuer ſeiner Jugend, und indem er beide Hände des Onkels Tim ergriff, daß Sie nicht lange fern von uns leben konnten! Als ſie ſich ſeinem Wohnhauſe näherten, zeigte ſich ein reizendes Köpfchen am Fenſter, und einen Augenblick ſpäter ſtand Grace in der Thür. — Vater, mein lieber, lieber Vater! rief ſie, und ſank an ſeine Bruſt. — Ihr wollt mich wahrhaftig glauben machen, ſagte Onkel Tim, daß Ihr Euch über meine Ankunft freut. Und dabei erglänzten ſeine Augen wie Diamanten. — Ah, mein beſtes Väterchen, hier habe ich zu gebieten! rief Grace, indem ſie ihn nach dem Hauſe zog. Darum verbannen Sie alle unnützen Redensarten. Aber legen Sie doch Hut und Stock ab, und ſetzen Sie ſich in dieſen Lehnſtuhl! — Oho, Miß Grace, rief Onkel Tim, Sie kommen wahrhaftig auf Ihre alten Gewohnheiten zurück: Ordnen, Entſcheiden, Befehlen— wie gewöhnlich. Nun, dann muß ich auch wohl beweiſen, daß ich meine alte Gewohnheit des Gehorchens nicht abgelegt habe. Bei dieſen Worten ſetzte er ſich in den großen Lehnſtuhl. — Voater, ſagte Grace, als er nach einigen Tagen wieder Abſchied nahm von ſeinen Kindern, im nächſten Monat feiern wir das Dankfeſt, dann mußt Du mit der Mutter einige Tage bei uns ſein. In Folge dieſer Einladung fanden ſich denn auch Tante Sally und Onkel Tim in dem Hauſe ihrer Tochter zu Firmington ein. Wenn ſie mit Freude ſahen, wie die dankbare Gemeinde ihren Prediger reich beſchenkte, ſo läßt ſich das Entzücken nicht beſchreiben, das ihnen noch vorbehalten war: ſie hörten am zweiten Feſttage James, ihren zweiten Sohn, vor einer zahlreichen und andächtigen Gemeinde predigen. Dieſe Predigt hielt man von allen, die er bisher vorgetragen, für die beſte. Onkel Tim und Tante Sally waren der Meinung, daß die Predigt ihres geliebten Sohnes die Grenzen der Vollkommenheit erreicht hatte. Am Abend, der dieſem großen Tage folgte, ſaß Onkel Tim vor einem mächtigen Kaminfeuer. Sinnend ſah er in die kniſternde Flamme. Plötzlich unterbrach er ſein Nachdenken, und ſagte zu James: — Wir können nicht beſſer thun, als uns ſtets dem Willen Gottes unterwerfen. — Ach, gewiß, antwortete James, die Ergebung iſt eine der ſchönſten chriſtlichen Tugenden. Ergeben wir uns dem Herrn, der allein weiß, was uns frommt. Ein ruhiges, reines Erdenleben iſt der Weg zur ewigen Glückſeligkeit, zu der wir Alle berufen ſind. ——— —— —— Das Maiblümchen. . 7* Tante Mary. Da Charakterzeichnungen jetzt in der Mode ſind, ſo will auch ich meine Feder ergreifen, aber nicht etwa, um Euch zum Lachen zu reizen, denn es könnte leicht möglich ſein, daß Ihr darüber einſchlaft. Ich werde alt, und bin noch dazu ein Junggeſelle; aber was noch mehr ſagen will, ein beſcheidener und nüchterner. Um mich aber den Frauen gleich von der beſten Seite zu zeigen, erlaube ich mir en passant die Bemerkung: ein Mann kann eben ſo gut ein alter Junggeſelle werden, weil er zu viel Herz beſitzt, als weil er zu wenig hat. Der größte Theil meiner Leſer hatte noch nicht das Licht der Welt erblickt, als ich ein kleiner muthwilliger Knabe war. Ich gehörte zu jener unglücklichen Sorte, die von Jedem abhängt, und unaufhörlich ausgezankt wird. Meine Erziehung ward von einem Vater, von einer Mutter, und einer ganzen Armee von ältern Brüdern und Schweſtern beſorgt. Zwiſchen meinen Verwandten und dem übricen Menſchengeſchlechte fand eine große 3 Aehnlichkeit ſtatt, das heißt, ſie waren weder Engel noch Teufel, ſondern bildeten, wie die Mathematiker ſagen, die Mittellinie. Wie ich bereits angedeutet habe, war ich unter ihnen eine Art Sün⸗ denbock, den man alle kleinen Vergehen aufbürdete, die im Hauſe ſtattfan⸗ den. Ich ward dafür verantwortlich gemacht, mochte ich ſie begangen ha⸗ ben oder nicht. Dieſe Lage der Dinge, ich geſtehe es, bereiteten meinen Geiſte eine ſolide, ernſte Baſis. War ich nun unter dem Einfluſſe eines böſen Sterns geboren, oder lag ein unglückſeliges Verhängniß auf meiner Wiege— ſoviel ſteht feſt, ich war eine Art von Unglückskind, das zu nichts taugte. Wer hatte die Thüren offen gelaſſen, wenn es kalt war?— Hench. Wer hatte beim Frühſtück ſeine Kaffeetaſſe umgeworfen, oder beim Mit⸗ tagstiſche ſein Glas ausgeſchüttet?— Henry. Wer hatte die Salz⸗, Pfeffer- oder Senf⸗Büchſe umgeworfen, wenn er nur die Abſicht hegte, die Hand auszuſtrecken?— Henry. Wer war ſtets der, der die Teller zerbrach?— Henry. Wer verwirrte die Seide und den Zwirn der Mut⸗ ker, wer zerriß die Zeitungen des Vaters? Wer warf das Plätteiſen der 1 alten Phöbe zu Boden?— Immer Heury! Aber bei alle dem war in mir ieine böſe Anlage vorhanden, ich glaube offen erklären zu können, daß ich der beſte Knabe von der Welt war. Aber zwiſchen mir und Allem, was mich umgab, mußte eine gewiſſe Anziehungs- oder Schwerkraft obwalten, denn Alles, was ich berührte, mußte nothwendig verſchüttet, zerbrochen, zerriſſen oder beſchädigt werden— ja, es bedurfte dazu nur meiner Annähe⸗ rung. Meine Ungeſchicklichkeit ſchien mit der Sorgfalt, die ich zu zeigen ſuchte, im Verhältniß zu ſtehen. Hatte Jemand im Hauſe Kopfſchmerz, oder erforderte irgend eine ner⸗ vöſe Aufregung Ruhe, ſo war es gewiß mein ſehnlichſter Wunſch, kein Geräuſch zu machen; aber ſtets konnte ich gewiß ſein, daß ich der ganzen Länge nach über einen Stuhl fiel, wenn ich auf den Fußſpitzen durch das Zimmer ſchlich, daß der Stuhl der Schaufel einen Stoß verſeszte, vieſe —— Das Maiblümchen. 89 wieder der Zange, die Zange dem Feuereiſen, dieſes warf wiederum einige Stücke Holz zuſammen, und das Alles geſchah mit einer ſo raſenden Hef⸗ tigkeit, als ob eine Rakete losplatzte. So konnte ich nicht minder verſichert ſein, Alles zu verlieren, was ich in der Hand oder ſonſt bei mir trug. Ward mir morgens eine weiße Blouſe angezogen, ſo war es unfehlbar, daß ich auf dem Wege zur Schule lang zu Boden fiel, oder daß mir auf dem Heimwege noch Schlimmeres begegnete. Schickte man mich mit einem kleinen Auftrage aus, ſo verlor ich regelmäßig auf dem Hinwege das Geld, oder auf dem Rückwege das, was ich eingekauft hatte. Zu meinem Troſte ſagte mir dann die Mutter, es ſei ein Glück, daß meine Ohren am Kopfe feſtgewachſen wären, 2 würde ſie ſonſt längſt verloren haben. Ueberhaupt war ich ein ſtets paſ⸗ ſendes Thema für die Ermahnungen und Belehrungen nicht nur des Va⸗ ters und der Mutter, ſondern auch aller meiner Tanten, Baſen, Onkel und Vetter bis zum dritten und vierten Grade, die alle nicht müde wur⸗ den, Ausſtellungen zu machen, Rathſchläge zu ertheilen oder Moralpre⸗ digten zu halten. Dies Alles wäre nun recht gut geweſen, wenn Frau Natur mir nicht eine tüchtige Doſis ſehr unnützer und ſehr unbeguemer Empfindſamkeit geſchenkt hätte. Dieſes Geſchenk glich dem mufikaliſchen Ohre, deſſen Beſitz auch nicht immer wünſchenswerth iſt, denn man hört in dieſer Welt oft von hundert Tönen neunundneunzig, die nicht in die Harmonie paſſen. Jemehr Gelegenheit ich den Leuten zum Zanken und Ausſchelten bot, je⸗ weniger gewöhnte ich mich daran, ſo daß mich dieſe übele Behandlung zum fünfundfünfzigſten Male nicht minder ärgerte, als zum erſten Male. ichts beſaß ich weniger, als Philoſophie: ich war eines jener unvernünf⸗ tigen Weſen, die ſich der Natur der Dinge nicht zu fügen wiſſen; ich war ſchüchtern, verſchloſſen und ſtolz zugleich; für Alle, die mich umgaben, war ich ein ungeſchickter Teufel, ein Kind, das unter ſchlechten Auſpicien ge⸗ boren; für meine Eltern war ich eins von dem halben Dutzend Kindern, denen Sonnabends Abend das Geſicht gewaſchen und die Strümpfe ge⸗ ſtopft werden mußte; man rief nur den Arzt und gab mir nur Medicin, wenn ich ſehr krank war, bei kleinen Indispoſitionen begnügte man ſich, mich zur Geduld zu ermahnen— war ich krank am Herzen, ſo überließ man mich mir ſelbſt. Bis dahin war Alles recht gut. Was fehlt einem Kinde, wenn es zu eſſen und zu trinken, ein Zimmer zum Spielen, eine Schule zum Er⸗ lernen des Leſens und Schreibens und eine Perſon hat, die es pflegt, wenn es krank iſt? Nichts! Wenn ſich mit den Jahren bei jungen Leuten die Empfindſamkeit ent⸗ wickelt, ſo findet man ſie nicht ſelten auch bei kleinen Kindern, wo man ſie nicht vorausſetzt. Schon im zarten Alter zitterte ich, wenn eine Un⸗ gerechtigkeit mein Herz verletzte; ich fühlte mich ergriffen von Allem, was nur irgend das Gefühl anregte; ich empfand Mißbehagen bei niedrigen edanken und Gefühlen, während die Zuneigung Anderer mich entzückte. Mit einer ſolchen Conſtitution ausgeſtattet, iſt wohl Niemand in dieſer Welt mehr geeignet, zu leiden und zu dulden, als ein armes Kind, das überall zurückgeſtoßen wird. Wir Alke ſind, bis zu einem gewiſſen Punkte, in Rückſicht auf Alter, Geſchmack und Empfindung mit unſern Nebenmen⸗ ſchen verwandt; aber es giebt nur wenig Leute, die bis zu der Schwach⸗ heit eines Kindes zurückgehen, die den Kummer darüber begreifen können, 90 Das Maiblümchen. daß man noch nicht erwachſen iſt, daß man Abends zu Bett und Morgens ur Schule geſchickt wird— kurz, es giebt tauſend kleine Sorgen dieſer Uut, die das Kind zu deuten weiß, von erwachſenen Perſonen aber nicht verſtanden werden. So erreichte ich mein fiebentes Jahr. Da entſtand eines Morgens eine große Bewegung in unſerm Hauſe. Ich erfuhr, daß Tante Mary zum Beſuch kommen würde. Als der Wagen, der ſie brachte, vor der Thür hielt, warf ich ſchnell meine ſchmutzige Blouſe ab, und miſchte mich unter meine Brüder und Schweſtern, um den Empfang meiner Tante mit⸗ anzuſehen. Ich will es nicht unternehmen, ſie zu beſchreiben, wie ſie mir bei dem erſten Anblicke erſchien, denn wenn ich jetzt an ſie denke, werde ich noch weich, und ich könnte, trotz meines Alters und meiner Brille, noch Dummheiten ſagen. Jeder Mann, ob verheirathet oder nicht, hat gewiß, wenn er ſein fünfzigſtes Jahr erreicht, in ſeinen Träumen eine Frau geſehen, die für ihn eine wahre Frau iſt. Dieſe Frau iſt dann keine Verwandte mehr man erinnert ſich ihrer nach Jahren wie eines verſchwundenen Sternes, der einſt ein ſanftes, wohlthuendes Licht ausgoß, wie eine Melodie, die nicht mehr forttönt, wie eine Schönheit, die für immer verblichen iſt. Das Herz erhält ſich dieſe Erinnerung friſch und jugendlich, und es erhebt ſie ſo hoch, daß es Worte nicht ausdrücken vermögen. Für mich hat es eine ſolche Frau gegeben, und dieſe iſt es, die ich beſchreiben will. War ſie ſchön? wird man mich fragen. 8 Auch ich werde eine Frage aufwerfen. Wenn ein Engel den Himmel verläßt, um eine menſchliche Geſtalt, ein menſchliches Geſicht anzunehmen, wird dieſe Erſcheinung nicht bewunderungswürdig ſein? Sie wird es, wenn ihre Schönheit auch keine vollkommene geweſen wäre.— Das wat die Schönheit dieſer Frau. Ach, wie lebhaft erinnere ich mich ihrer noch! Noch glaube ich ſie zu ſehen, wie ſie, nach ihrer Gewohnheit, in Gedanken verloren daſitzt, und den Kopf auf ihre Hand ſtützt; ich ſehe i ſanftes, ruhiges Geſicht, ihre blauen Augen, mildſtrahlend wie die Oktoberſonne, und das liebenswürdige Lächeln, das unaufhörlich ihre Lippen umſpielte. Ich erinnere mich der Freundlichkeit, mit der ſie auf die an ſie gerichteten Worte hörte, der leb⸗ haften Auffaſſung der Dinge, noch ehe man ſie ihr völlig auseinanderge⸗ ſetzt; und nie werde ich ihren Eifer vergeſſen, mit dem ſie Alles ließ, was ſie gerade that, um einen verlangten Dienſt zu leiſten. Diejenigen, welche tiefſinnige Träumerei für Traurigkeit halten, werden ſich wahrſcheinlich wundern, wenn ich ihnen ſage, daß meine Tante Marh vollkommen glücklich war. Und dennoch iſt Nichts richtiger. Ihr Gemüth erhob ſich nie bis zur leidenſchaftlichen Freude, aber es ſank auch nie bis zur Entmuthigung herab. Ich weiß, daß nach den Regeln des Gefühls ein ſolcher Charakter nicht intereſſant iſt, und dieſe Idee mag auch nicht ſo ganz ungegründet ſein. Die Ruhe einer gewöhnlichen Natur übt keine Wirkung aus, die intereſſirt; aber die eines ſtarken und klaren Geiſtes grenzt an das Erhabene. Die Beweglichkeit des Eindrucks iſt das Merk⸗ mal untergeordneter Seelen; aber der iſt bewunderungswürdig, der ſtets daſſelbe Bild der Vollkommenheit bietet, der ſtets derſelbe war, iſt, und ſein wird— geſtern, heute, und immerdar. Es giebt nichts ſchöneres, als der Begriff eines allmächtigen Gottes, der ſtets in ſeiner Unveränderlich keit verharrt, und ſeine Gewalt zu Nutz und Frommen der Menſchen ent⸗ Das Maiblümchen. 91 faltet; aber der Gedanke, daß ein Strahl der Gottheit die menſchliche Natur erleuchtet und belebt, muß uns ſo viel Ruhe und eine ſo weiſe Richtung geben, daß nichts unſere Sympathie und unſere Sorgfalt von denen abzuwenden vermag, denen wir ſie ſchuldig find. Meine Tante war genau eine ſolche Frau, wie ich ſie beſchreibe. Ihre Ruhe war weniger das Reſultat ihres Charakters, als ihres Willens. Sie beſaß die Fähigkeit, alle Leiden leicht zu ertragen: aber ſie wußte ihre Empfindungen ſo zu leiten, daß ſie ſich nicht in ihr ſelbſt vereinigten, ſondern daß ſie ſich ißrer bediente, um für Andere empfänglich zu ſein. Vor Allem aber war ſie theilnehmend; wie das Grün in einer Landſchaft war ihr Charakter weniger ſeiner ſelbſt wegen bemerkenswerth, als wegen ſeiner vollſtändigen Harmonie mit dem Lichte und dem Schatten, die er rings verbreitete. Einige Frauen beſitzen Talente, andere Tugenden; aber ich habe keine Frau gekannt, die Talente und Tugend ſo innig mit der Gabe, Anderer Bedürfniſſe aufzufaſſen, und mit dem Vermögen ihre Gedanken anzu⸗ ſchmiegen, vereinigte, als ſie. Es giebt wohl nichts Läſtigeres, als zu dem Umgange mit einer Perſon gezwungen zu ſein, die das, was man ihr ſagt, nur dann verſteht, wenn man es ihr lang und breit auseinanderſetzt; aber das Angenehmſte von der Welt iſt der Umgang mit einer Perſon, velche uns die Mühe des Redens erſpart, und unſere Gedanken kennt, noch ehe man ſie völlig ausgeſprochen hat. Dieſe Eigenſchaft fand ich zu meiner größten Freude bei meiner Tante, als ſie meine Familie beſuchte. Ich erinnere mich noch, als ſie den erſten Abend, umgeben von allen Gliedern der Familie, neben dein Kamine ſaß, und mit einem ſolchen Ausdrucke ihre Augen auf mich richtete, der deutlich ſagte, daß ſie mich geſehen hatte. Als es acht Uhr ſchlug, und meine Mutter ſagte, daß es Zeit zum Schlafengehen ſei, drückte mein Geſicht das Bedauern darüber aus, daß ich mich von dem Stuhle meiner Tante entfernen ſollte, und nun die ſchönen Geſchichten nicht mehr hören konnte, ie ſie nach meinem Weggange erzählen würde. Sie ſah mich mit einem Blicke an, der mit meiner Empfindung ſo vollſtändig harmonirte, daß ich leichten Herzens, wie ich es nie gekannt, aus dem Zimmer ging. Wie verſchieden find doch die eigenen, innerſten Empfindungen des Herzens von 4 welche ihm die kalte Meinung der Welt anweiſ't! Wer erinnert ſch wohl nicht, daß er durch ein Wort, durch einen Blick, ja ſelbſt durch ein zwiſchen den Lippen zurückgehaltenes Wort oft mehr zu einer Perſon hingezogen ward, als durch materielle Wohlthaten. Nach der gewöhn⸗ lichen Auffaſſung verſteht man unter materiellen Wohlthaten die Befrie⸗ digung der Bedürfniſſe des animaliſchen Lebens, während die mit dem Geiſte zuſammenhängenden Bedürfniſſe, die nach dem Geſetze der Harmo⸗ nie nicht geſchieden werden konnen, rein als Gefühlsſache betrachtet werden, deren Befriedigung weit weniger Dankbarkeit hervorruft, als jene. Tante Mary war noch nicht einen Monat unter uns geweſen, als ich ſie ſchon mehr liebte, wie jeden Andern. Einem Statiſtiker würde es Ver⸗ gnügen gemacht haben, alle jene kleinen Gunſtbezeugungen zu beobachten, die in mir dieſe Wirkung hervorbrachten. Es waren ein Blick, ein Wort, ein Lächeln. Meine Tante freute ſich mit mir, wenn ſie meinen Hirſchkäfer ſah; ſie lächelte, wenn ſie mein Kreiſelſpiel beobachtete; ſie ſchien erſtaunt über meine Fortſchritte in der Kunſt des Ballſpiels; niemals ſchalt ſie, wenn ich den Inhalt ihrer Arbeitstaſche ausſchüttelte; meine linkiſchen Galan⸗ 92 Das Maiblümchen. terien und meine ungeſchickten Gefälligkeiten nahm ſie ruhig und liebevoll auf; war fie leidend, ſo beſtand ſie darauf, daß ich ihr Geſellſchaft leiſten ſolle, wenn ich auch in meinem Eifer, ſie zu bedienen, Taſſen, Teller und Gläſer durcheinanderwarf oder zerbrach. Sie war die einzige Perſon, die mich der Ehre der ni würdigte, und ich war oft ſehr erſtaunt, wie ſie ſich mit mir über Ballſpiel, Reifen, Schlittſchuhe und andere Knaben⸗ ſpielſachen unterhalten konnte, als ob ſie mit einem Erwachſenen darüber ſpräche. Und beiläufig geſagt, haben ſich auch ältere Leute darüber ge⸗ wundert. Sie kannte den Werth einer vielſeitigen Belehrung, und beſaß die Kunſt, zu erziehen, in einem weit höhern Grade, als mancher pedan⸗ tiſche Lehrer. Sie wußte nicht minder Andere in der Unterhaltung zu ſich emporzuziehen, ſo daß ich mich oft fragte, ob ich wirklich noch ein kleiner Knabe ſei. Nachdem ſie einige Monate durch ihre Gegenwart unſere Familie belebt und entzückt hatte, kam der Tag der Abreiſe. Sie bat meine Mutter, daß ſie mich ihr zur Geſellſchaft mitgeben ſolle. Man denke ſich das Erſtaunen der ganzen Familie! Wie kann nur Tante Mary Gefallen an dem ungeſchickten Henry finden? Ach, ſie fand Gefallen an mir, ſie liebte mich; und hierzu war nur der einfache Grund vorhanden, daß ſie mich liebte. Von dieſer Zeit an lebte ich bei meiner Tante. Ihr Umgang brachte in mir eine wunderbare Veränderung hervor. Sie beruhigte mein Herz, gab meinen Empfindungen eine gewiſſe Richtung, und bildete meinen Geiſt — kurz, ſie erzog mich, nicht etwa durch rauhe Strenge, ſondern durch jenen milden, wohlthätigen Sonnenſtrahl, der die Blumen belebt und erhält, jr einer vollkommen glücklichen Exiſtenz. Als ſie aus dieſer Welt ge⸗ chieden war, verbreiteten ihre Worte und ihre Thaten, die einen unver⸗ löſchlichen Eindruck hinterlaſſen, ein ſanftes Licht um ihr Gedächtniß, das bis zum Himmel emporſtrahlt. 7 — Das Maiblümchen. 93 Freimüthigkeit. Ees giebt eine Art von Freimüthigkeit, die das Reſultat eines völligen Selbſtvertrauens iſt, und eine große Unkenntniß der Welt und des Lebens vor⸗ usſetzt; dieſe Freimüthigkeit nimmt unſere Großmuth und unſer Mitgefühl Anſpruch. Es giebt aber auch eine Freimüthigkeit, die einem reinen berzen, einem feſten Charakter und einem intelligenten Geiſte entſpringt, er aus Erfahrung Menſchen und Dinge kennt, und die Unterſcheidungen allen obwaltenden Verhältniſſen zu erfaſſen weiß; dieſe Freimüthigkeit weckt Achtung und Zuneigung. Jene ſcheint einfach durch äußere Ein⸗ ſbunz bewirkt zu werden; dieſe durch Eingebung von Außen und eigene eflerlon. Die Erſtere iſt gewiſſermaßen das Reſultat der Unkenntniß; ieLetztere das Reſultat des Erkennens. Jene iſt die Frucht unbegrenzten Prrtrauens auf Andere; dieſe die Frucht eigener, faſt in ſich begründeter zwerſicht, weil ſie auf Tugend beruht. Wenn man nach dieſer feierlichen Einleitung auf eine ernſte Abhand⸗ hng ſchließt, ſo irrt man, obgleich ich nicht keugne, daß es ſo ſcheinen hnn. Ich will den Leſer nur in eine kleine Charakter⸗Skizze einführen, ſ ich, ohne die feſte Vorausſetzung, daß ſie behagen wird, zum Beſten gebe. Man ſagte von Alice H., daß ſie den Geiſt eines Mannes, das Herz iner Frau, und die Geſichtszüge eines Engels beſitze, eine Vereinigung un Eigenſchaften, die ſehr ſelten, aber nicht weniger glücklich iſt. Keine Frau glich dem größten Theile ihres Geſchlechts ſo wenig, als lice H.; ihre Worte und ihre Handlungen trugen ſtark das Gepräge der habhängigkeit, aber ſie war trotzdem allgemein beliebt. Ihre innerſten danken vermochte ein Funke von Außen zu Tage zu fördern. Sie erzte, und ſagte tauſend Dinge, die jeder Andere verſchwiegen haben rde, und dabei ſprach ſie ſich mit einer Sicherheit und Würde aus, daß un ſie für natürlich halten mußte. Aber war dieſe fröhliche Rückhalts⸗ ſigkeit nicht das Zeichen eines ſchwachen Geiſtes, oder des Entſchluſſes, in hergebrachten Formen der Geſellſchaft den Krieg zu erklären? O nein, war vielmehr eine klare, geiſtige Einſicht, die ſtets die Grenzen des nſtandes feſthielt; ſie ſchwieg ſelten, aber ſie ſprach ſtets die volle Wahr⸗ tit. Oberflächliche Beobachter, irre geleitet durch dieſe außergewöhnliche fenheit, würben glauben, daß ſie ihren Charakter klar durchſchauet hätten, er dieſer Charakter täuſchte ſie, gleich jenen ſtillen Seen, die trotz ihrer urchſichtigkeit dem neugierigen Auge die wahre Tiefe nicht enthüllen. 5 länger man Alice kannte, je deutlicher entdeckte man die Varietäten ſres Charakters, die ſich auf dem Grunde der Freimüthigkeit in ihrer hnzen Wahrheit abzeichneten. Doch der Leſer ſelbſt mag uns dieſen Abend zu Alice begleiten, um ſbeurtheilen zu können. „ Dort ſitzt ſie auf dem Sopha, ſie ſetzt Spitzen an ein ſeidenes Kleid. Vr verlaſſen ſie einen Augenblick, um ſie in der Arbeit nicht zu ſtören, d wenden uns indeß zu einem andern Bilde. Seht Ihr jene kleine niedliche Dame mit den blitzenden Augen, den — Das Maiblümchen. runden elaſtiſchen Formen, den kleinen, feinen Füßen, den noch kleinern Händen, und den durchſichtigen, rofigen Fingern? Sie iſt wahrhaft ſchön. Ihr Charakter liegt in ihren Zügen, er blitzt im Auge, zeigt ſich in dem Lächeln, und ſpricht aus ihrer ganzen Erſcheinung. Er iſt die traurige Miſchung von Egoismus und Eitelkeit. Doch nun werfe man einen Blick auf Alice, die ſich erhebt, vor den Spiegel tritt, und die langen Flechten ihres prachtvollen braunen Haares äußerſt geſchmackvoll ordnet. Die kleine Dame verfolgt jede ihrer Be⸗ wegungen mit nicht minder komiſcher Aufmerkſamkeit, als ein Kätzchen dem Rollen eines Zwirnknäuels. — Leugne es nur nicht, Alice, Du möchteſt dieſen Abend gern wieder ſehr hübſch erſcheinen, ſagte die Schöne. — Gewiß! ſagte Alice feſt und ruhig. — Und du hoffſt, dem Herrn A. und dem Herrn B. zu gefallen, fuhr der kleine weibliche Dämon fort. — Auch das! antwortete Alice, indem ſie eine bewunderungswürdige Flechte bildete. — Alice, wenn man an mich eine ſolche Frage richtete, ich würde ſie ſo nicht beantwortet haben. — Warum haſt Du ſie denn an mich gerichtet? — Ich erkläre, Alice—— — Was erklärſt Du? — Ich habe nie ein junges Mädchen geſehen, das Dir gleicht. — Das iſt ſehr wahrſcheinlich, antwortete Alice, indem ſie ſich bückte, um eine Nadel aufzuheben. — Ich, meines Theils, fuhr die kleine Dame fort, würde nie danach trachten, irgend jemandem zu gefallen, am allerwenigſten einem Manne. — Und ich, antwortete Alice, nehme mir dieſe Mühe, wenn ich anders nicht gefallen kann. — Alice, ich hätte nimmer gedacht, daß Du ſo ſehr nach Bewun⸗ derung ſtrebſt. — Ich habe es gern, wenn man mich bewundert, ſagte Alice, indem ſie ſich wieder in den Sopha ſetzte— auch bin ich der Inſicht, daß alle Welt ſo iſt, wie ich bin. 5 6 — Ich frage nichts nach der Bewunderung, ſagte die kleine Dame. Mir iſt es gleich, ob ich den Leuten gefalle oder nicht. — Dann, Couſine iſt es Schade, daß Du uns Allen ſo ſehr gefällſ, ſagte Alice lächelnd. Wenn Miß Alice auch Scharfſinn beſaß, ſo ſah man doch deutlich, daß ſie ſich ſeiner nicht bediente, um bitter und verletzend zu ſein. — Aber wahrhaftig, Couſine, begann die kleine Dame wieder, ich glaube kaum, daß ein junges Mädchen eriſtirt, das ſo viel auf Toilette, Bewunderung und alle andere Dinge dieſer Gattung giebt—! — Ich kenne weder die Meinung, die Du von mir hegſt, noch weiß ich, welcher Kathegorie von jungen Mädchen Du mich zutheilſt, antwortete Alice; aber ich beanſpruche ganz einfach, das zu ſein, was jeder gewöhn⸗ liche Sterbliche iſt; daß ich ſo denke, macht mich durchaus nicht erröthen. Wenn Gott uns mit der Liebe zur Bewunderung erſchaffen hat, warum ſollen wir es nicht eingeſtehen? Ich will gefallen— Du willſt gefallen— alle Welt will gefallen. Warum nun leugnen? X ⸗ ſt w n J Das Maiblümchen. 95 — Nun ja, ſagte die kleine Dame, ich glaube, daß man im Allgemei⸗ en nach Vewunderung ſtrebt; ich will es auch zugeben—— — Und auch das giebſt Du zu, daß Du ſelbſt nicht frei biſt von die⸗ ſer Neigung, ſagte Alice. Nichtwahr, das wollteſt Du doch ſagen? So vird dieſe inge egenheit in der Regel behandelt. Jeder geſteht zu, daß rr im Allgemeinen zu gefallen wünſcht, daß er Andern gern eine gute Neinung von ſich einflößt; aber die halbe Welt ſchämt ſich, es ein ugeſtehen, enn es ſich um einen beſondern Fall handelt. Wenn eine Sache im All⸗ enen gut iſt, iſt ſie auch im Beſondern gut, und ich ſchwanke keinen ugenblick, nach dieſen beiden Annahmen mein Betragen zu regeln. — Aber mitunter iſt es doch etwas kleinlich, ſagte die Dame. — Es iſt kleinlich, wenn man ſtets ſeiner eigenen Eitelkeit lebt, wenn ſer Egoismus Alles in Anſpruch nimmt; aber es iſt nicht kleinlich, zu ge⸗ ießen, wenn die Bewunderung ſich bietet, ja, ſie ſelbſt zu ſuchen, wenn un nicht wichtigere Dinge darüber vernachläſſigt. Jedes Gefühl, das hott in uns gelegt hat, iſt erhaben und rein, wenn wir es nicht verderben. — Aber, Alice, ſo frei und unumwunden habe ich dieſe Anſicht nie usſprechen hören. — Man kann Alles ſagen, was unſchuldig und natürlich iſt; aber was weder das eine noch das andere iſt, ſoll man nicht einmal nken. — Kann man denn Alles ſagen, was man denkt? fragte lachend die line Dame. — Nein; wir beſitzen einen Inſtinkt, der uns anzeigt, daß wir mit⸗ er ſchweigen ſollen. Aber das, was wir reden, ſei einfach und wahr. Ich ſtelle Dir jetzt ein Beiſpiel auf, rief die Dame. Es iſt ſehr ſchuldig und ſehr natürlich, ſagſt Du, ſo zu denken; aber würdeſt Du lle dieſe ſchmeichelhaften Dinge, die Dich ſelbſt betreffen, und wenn ſie die uze Welt beſtätigte, würdeſt Du ſie rein herausſagen, wenn man Dich wum befragte? — Wenn man ein Recht zu dieſer Frage hätte, und wenn es Zeit d t erlaubten, würde ich unumwunden die Wahrheit ſagen, antwor⸗ e Alice. — Nun, rief die kleine Dame, ſo frage ich Dich, Alice, zu dieſer ticlichen Zeit und an dieſem paſſenden Orke, hältſt Du Dich für ſchön? — Du glaubſt wohl, antwortete Alice, ich werde, ehe ich antworte, or jedem Stuhle in dieſem Zimmer eine Verbeugung machen? Ich ver⸗ ſnähe dieſe Ceremonie, und antworte im vollen Ernſt: ich glaube, daß ihübſch bin. — Und hältſt Dich auch für gut? — Nicht ganz, antwortete Alice. — Aber Du hälſt Dich doch für beſſer, als viel andere Leute? — Ich glaube nur ſagen zu dürfen, daß ich beſſer bin, als manche iſonen; aber, in Wahrbeit, Couſine, was dieſen Punkt betrifft, ſo traue meinem eigenen Urtheile nicht viel, ſagte Alice. — Noch eine Frage, Alice Was glaubſt Du wohl— hat James Uutyrs Dich oder mich lieber? — Ich weiß es nicht, antwortete Alice. — Ich habe auch nicht nach dem gefragt, was Du weißt, ſondern n ſagte die Dame. Du mußt doch ſchon etwas darüber ge⸗ aben. 96 Das Maiblümchen. — Nun, ich glaube, daß er mich lieber hat, antwortete Alice. In dieſem Augenblicke ward die Thür geöffnet, und James Martyrs trat in eigener Perſon herein. Alice erröthete, machte unwillkürlich ein P niſche Geſicht, und begann wieder zu nähen. Die kleine ame ſagte: — Wahrhaftig, Mr. James, ich wünſchte, Sie wären einen Augen⸗ früher gekommen, dann hätten Sie das Bekenntniß Alice's hören önnen. — Was hat ſie bekennt? fragte James. — Daß ſie hübſcher und beſſer ſei, als die meiſten Menſchen. — Deſſen hat man ſich nicht zu ſchämen, fügte James hinzu. — S, das iſt noch nicht Alles! Sie will ſo hübſch ſein, daß man ſie bewundert, und—— — Daran erkenne ich ſie, ſagte James, indem er einen Blick zu Alice hinüberſandte. — Und dann, fuhr die Dame fort, hat ſie der Eitelkeit und der Ei⸗ genliebe eine Lobrede gehalten. — und wenn ich wieder einmal eine Rede halte, magſt Du ſie no⸗ tiren, ſagte Alice, denn Dein Gedächtniß ſcheint nicht zuverläſſig zu ſein. — Sie ſehen, James, ſagte die kleine Dame, daß Alice viel darauf hält, die Wahrheit zu ſagen, wenn ſie einmal ſpricht. Ich bin ihr mit meinen Fragen ſchon läſtig genug geweſen— ich möchte wohl, daß Sie einige Fragen an ſie richteten, um zu ſehen, was ſie Ihnen antwortet. Doch Verzeihung, da iſt Onkel C., der mich zu einem Spazierritte abholen will. Ich muß mich entfernen. Wie ein luſtiger Zeiſig flog ſie aus dem Zimmer, und ließ James und Alice allein. — Es liegt wirklich eine Frage vor, ſagte James, indem er leiſe ſich räuſperte. Alice ſah ihn an. — Eine Frage, Alice, die ich von Ihnen beantwortet wiſſen möchte. Alice fragte James nicht, um was es ſich handele; aber ihr Geſicht nahm einen ſehr ernſten Ausdruck an, und zugleich verſchloß ſie die Thür, ſo daß ich nie erfahren habe, über welchen Punkt Mr. James Alice um Aufklärung gebeten hat. Das Maiblümchen. Der Sabbath. Skizzen aus der Mappe eines alten Junggeſellen. Erſte Stkizze. Der puritaniſche Sabbath! Iſt er noch vorhanden, oder gehört er zu den Dingen, die nicht mehr ſind, daß man ihn als eine Seltenheit in dem Muſeum der Vergangenheit ſuchen muß? Kann vielleicht Jemand ſich im Gedächtniſſe in die ununterbrochene Stille dieſes Tages zurück⸗ verſetzen, und ſich des heiligen, religiöſen Gefühls erinnern, das ſelbſt in der Atmosphäre zu liegen ſchien, das fröhliche Jauchzen der Kinder unter⸗ drückte, der leichtfertigen Zunge der Jugend ein ungewohntes Schweigen auferlegte, und ſelbſt dem Aufgange der Sonne, und dem Lärmen der Thiere den ruhigen Ernſt verlieh, den er ſelbſt athmete? Wer ſich aller dieſer Dinge nicht mehr erinnern kann, der kehre mit mir zu den Grenzen der Kindheit zurück, und begehe mit mir einen jener Sabbathtage, die ich — unter dem Dache meines Onkels Phineas Fletcher verlebt habe. Man denke ſich die langen, ſonnenhellen Stunden eines Sonnabend⸗ Nachmittags, die unvermerkt entſchwinden, während wir Kinder einen Fo⸗ rellenbach der Länge und Breite nach durchſuchen, oder Jagd auf graue Eichhörnchen machen, und im Waſſer Erddämme errichten. Die Sonne beginnt zu ſinken, aber wir glauben immer noch, daß mindeſtens eine halbe Stunde fehlt, ehe ſie völlig verſchwindet. Endlich geht ſie ſo erſichtlich und offenkundig unter, daß dieſer Punkt weder in Zweifel gezogen, noch die geringſte Meinungsverſchiedenheit darüber herrſchen kann. Zu unſerm größten Bedauern ziehen wir langſam unſere Netze ein, hängen die Angel⸗ ſchnuren um die Schultern, und ſchicken uns zur Rückkehr nach den Woh⸗ nungen an. — Ach, Henry, möchteſt Du nicht, daß die Nachmittage des Sonn⸗ abends noch länger dauerten? fragte mich der kleine John. — Gewiß, antwortete Vetter Bill, der im Geſpräche immer raſch eine Antwort bereit hatte. Ich würde mich auch nicht grämen, wenn der Sonntag nur einmal im Jahre käme. — d Bill, das iſt ſchlecht! rief die kleine gewiſſenhafte Suſanne, die, mit ihrer Puppe im Arme, auf der Rückkehr von einem Sonnabend⸗ Nachmittagsbeſuche zu uns kam. — Ich wiederrufe es nicht, antwortete Bill, indem er Suſannen's Puppe ergriff und ſie in der Luft voltigiren ließ. Ich habe nie gern ſtill ſitzen mögen, und deshalb kann ich den Sonntag nicht leiden. — Den Sonntag nicht leiden? Bill, Bill! rief Suſanne. Und Tante Kez ſagt, daß im Himmel ein ewiger Sonntag ſei. Bedenke das! — Ach, ich weiß recht gut, daß ich mich noch gewaltig ändern muß, ehe ich für immer ſtill ſitzen kann, ſagte Bill ein wenig leiſe und verlegen, als ob er das Gewicht von Suſannen's Bemerkung anerkannte. Der ganze kleine Haufe nahm eine ſehr ernſte Miene an; wir dachten Maiblümchen. 7 98 Das Maiblümchen. Alle, daß es ſchon noch dahin kommen würde, der Eine früher, der Andere ſpäter, wo wir den Sonntag liebten, und daß es andernfalls eine ſehr ſchlimme Sache ſei. Als wir uns dem Hauſe näherten, ſahen wir die große, kräftige Tante Kezzy, die herausgekommen war, um unſere Rückkehr davurch zu beſchleunigen. — Wie oft, rief ſie, habe ich es Euch jungen Menſchenkindern geſagt, daß Ihr Sonnabend vor Sonnenuntergang hübſch nach Hauſe kommen ſollt! Wißt Ihr nicht, daß es ſchon ſo gut wie Sonntag iſt, Ihr unge⸗ zogenen Dinger? Kommt ſchnell in das Haus, Taugenichtſe, und laßt Euch nicht eine und dieſelbe Sache zweimal ſagen! Dies war die Strafpredigt, die uns Tante Kezzy jeden Sonnabend Abend hielt. Sie ſetzte voraus, daß wir Kinder von Natur verblendet ſeien, und daß wir durch die falſche Zeitrechnung uns großer Sünden ſchuldig machten. Wenn wir nun das Abendbrod genoſſen hatten, brachte man uns zu Bett, und erinnerte uns daran, daß morgen Sonntag ſei, und daß wir den ganzen Vormittag weder lachen noch ſpielen dürften. Wie betrübt legte Suſanne ihre Puppe dann in den Kaſten! Wieviel Ueberwindung koſtete es ihr, ſich von der Decke zu trennen, an der ſie ar⸗ beitete, und die ſie für das Bett der guten Puppe beſtimmt hatte. Und William, und John, und ich? Wir mußten unſere Taſchen von den Angel⸗ haken, den Schnuren, den Knallbüchſen, den Kartoffelſcheiben, den Bilhen⸗ und allen dieſen Artikeln befreien, damit ſie von Tante Kezzy nicht con⸗ fiscirt wurden, denn ſie fürchtete, daß ſie uns im Laufe des Sonntags in Verſuchung führen könnten. War der Sonntag vorbei, wurden uns die Spielſachen zurückgegeben. Onkel Phineas war ein Mann von großer Pünktlichkeit, und der Sonntag war der Mittelpunkt, um den ſich ſein ganzes religiöſes und menſchliches Syſtem bewegte. Alles, was zu ſeinen zeitlichen Geſchäften gehörte, war ſo eingerichtet, daß es Sonnabends Mittag punkt zwölf Uhr ſein Ende erreichte. Sobald dieſe Stunde ertönte, waren alle Rechnungen geſchloſſen, alle Arbeiter bezahlt, alle entliehenen Sachen zurückgegeben, und eine Stunde vor Sonnenuntergang hatte man alle Vorbereitungen getroffen, welche die Feier des Feſttags in ſeinen kleinſten Einzelnheiten erforderte. Da wurden Stiefel geputzt, Kleider gereinigt, und Alles an ſeinen gehörigen Platz geſtellt. War die Sonne untergegangen, ſo waltete die Ruhe des Sabbaths in dem ganzen Hauſe. Es iſt Sonntag Morgen. Draußen iſt Alles Duft, Leben und Schön⸗ heit: die Thautropfen erglänzen an den Blättern, die Schmetterlinge flie⸗ gen, die Vögel jubeln ſo hell und freudig, als ob einer den andern über⸗ treffen wollte; drinnen herrſcht tiefe Ruhe, ſo daß man den Pendelſchlag der alten Uhr in allen Theilen des Hauſes hören kann, und nicht minder das Geſumme der Fliegen, die auch von Zeit zu Zeit einmal polternd ge⸗ gen die Fenſterſcheiben fahren. Und nun werfe man einen Blick in das Hauptzimmer des Hauſes. Da ſitzt mein Onkel Phineas, kerzengerade wie eine Bohnenſtange, angethan mit ſeinem beſten Sonntagsrocke, und die offene Bibel auf einem Tiſchchen vor ſich, auf die herab ſich das von der Arbeit noch angeſtrengte Geſicht neigt, und zwar mit dem Ausdrucke ungewöhnlichen Ernſtes, den ihm die hehre Feſtlichkeit des Tages einflößt. Zu beiden Seiten, jedes auf einem Stuhle, ſaßen nun wir Kinder mit rein gebürſteten Kleidern, wohlgewaſchenen Geſichtern und glatt gekämmten Haaren; Taſchentuch und Mütze hielten Das Maiblümchen. 99 wir in den Händen, damit wir bei dem erſten Glockenſchlage fertig zum Aufbruche waren. Tante Kezzy, ſorgfältig geſchmückt, las in ihrem Pſalm⸗ buche, und unterbrach nur von Zeit zu Zeit ihre fromme Lectüre, um dieſem oder jenem Knaben den Hemdkragen herauszuziehen, Suſannen das Kleidchen urechtzuzupfen, oder den ganzen Schwarm zu überwachen und zur Auf⸗ nerkſamkeit und Beſcheidenheit zu ermahnen. Wenn ein Fremder Onkel Phineas beobachtet hätte, während er in ſeinem heiligen Buche las, und er hätte gefühlt, daß der fromme Leſer den Sabbath in ſeinem Herzen trüge, ſo würde er Recht gehabt haben. Wenn Onkel Phineas ſein Rechnungsbuch geſchloſſen, ſo hatte ſich ſein Geiſt von aller irdiſchen Verbindung losgeſagt, er war rein, wie ſein Rock rein war ſim Staube. Welch ein Contraſt lag zwiſchen dieſer heiligen Ruhe mei⸗ nes Onkels, und der ewigen Unruhe deſſen, der kaum den Sabbath halb feiert, weil er ſchon im Geiſte ſich mit den Arbeiten und Speculationen der nächſten Woche beſchäftigt. Der Sabbath des puritaniſchen Chriſten war der Tag des Glücks. Alle ſeine Gedanken, Worte und Handlungen waren ſo völlig von denen des materiellen Lebens unterſchieden, daß der Sonntag für ihn eine wöchentliche Verwandlung war— er verließ dieſe Welt, um einen Tag in einer beſſern zu leben. Und Jahr um Jahr, wie der Sabbath den vollendeten Arbeiten der Woche ſein Siegel aufdrückte, fühlte der Pilger, daß er auf ſeiner irdiſchen Wanderung eine Station weiter gekommen, daß et um eine Woche ſeiner ewigen Ruhe näher gerückt ſei. Und wenn die Jahre mit ihren Veränderungen ſich folgten, wenn der kräftige Mann alt vurde und ſah, wie ein Familienglied nach dem andern ſich trennte, dann legrüßte er den Sabbath, wie er die Wiederkehr eines alten, ernſten te begrüßt haben würde, der ihm die Bilder der vergangenen Zeit zurückruft. Betrachtet man den Sabbath der Puritaner vom chriſtlichen Geſichts⸗ gunkte aus als eine Einrichtung für erwachſene Perſonen, ſo iſt er über jdes Lob erhaben. Aber in Bezug auf Kinder trifft ihn der Tadel, daß nan ihn der Flüchtigkeit derſelben ſehr wenig angepaßt hat. Wäre der keſer an einem Sabbathtage in der Wohnung meines Onkels geweſen, die böllige Stille hätte ihn überraſcht, die hier herrſchte. Dieſer Frieden, tieſe Ruhe hätte den ſegensreichſten Einfluß auf ihn ausgeübt und zur Betrachtung aufgefordert. Wie erhebend war der Anblick der erwachſenen Perſonen, die mit Geiſt und Herz ſic den Pflichten unterzogen, welche die ſhetigei des Tages ihnen vorſchrieb. Auch der Beobachter wurde zur Unbetung hingeriſſen. Aber nun ſehe man einmal uns kleine Kinder an. Vas dem erwachſenen Chriſten ein Troſt war, und ihn ſtärkte und zum himmel erhob, verurſachte den Knaben und Mädchen die peinigendſte Ungweile. Damals hatte man noch nicht, wie jetzt, die geiſtige Erholung, die den Kindern in den Sonntagsſchulen geboten wird; wir kannten die intereſſanten und unterrichtenden religiöſen Uebungen nicht, alle unſere Quellen beſchränkten ſich auf die Bibel und das Geſangbuch. In dieſen üchern ſuchten wir nun vorzüglich die Mittel zur Zerſtreuung, um die lunge Zeit zwiſchen dem Frühſtück und der Stunde des Kirchganges aus⸗ jfüllen. Wie oft ſtrengten ſich unſere kleinen Köpfe an, um unſerer ungeduldigen Natur eine Nahrung zu verſchaffen, die ſich mit der Aus⸗ ibung der uns auferlegten Pflichten des Sabbaths vereinigen ließ. Für ie erſte halbe Stunde genügte vielleicht eine Geſchichte aus der Bibel den »h 100 Das Maiblümchen. Anforderungen unſerer Lage; dann aber, nachdem wir die Geſchichte von dem keuſchen Joſeph und den egyptiſchen Landplagen geleſen, nahmen wir unſere Zuflucht zu dem Geſangbuche, deſſen Poeſie zu manchen wunderba⸗ ren Deutungen und Anſichten Veranlaſſung bot. Nun gingen wir zu Uebungen unſerer eigenen Erfindung über. Wir laſen die Verſe rückwärts, begannen auf der letzten und endigten auf der erſten Seite; wir zählten die Seitenzahlen der verſchiedenen Bücher zuſammen, und zogen die des Geſanghucher von denen der Bibel wieder ab. Waren auch dieſe Quellen erſchöpft, dann ſahen wir an die Decke, auf den Fußboden, und durch⸗ 5 ſpähten den verborgenſten Winkel. Wie glücklich, wenn jemand eine Na⸗ del entdeckte, die im Sande blitzte; begierig harrten wir des Augenblicks, um ſie aufheben zu können. Außerdem erinnerten wir uns auch, daß die Kehle trocken ſei, und daß ein Gang zu dem Brunnen gemacht werden müſſe. Ließ ſich irgendwo ein Geräuſch vernehmen, ſo ſert wir in Maſſe mit einem Halloh dahin, um den Grund zu erfahren. Und ſprang vie Katze zufällig auf einen Tiſch, ſo konnten wir durchaus nicht umhin, ſie wieder hinabzujagen. Bei allen dieſen Verrichtungen hatten wir die kluge Maaßregel ergriffen, daß einer von uns die Uhr beobachten mußte, damit wir genau wußten, wann der erſte Glockenſchlag ertönen würdr. Alles lief noch glücklich ab, wenn in dieſer Zeit nicht Einer auf den Ge⸗ vanken kam, den Andern anzuſehen und Geſichter zu ſchneiden, die Schuhe an und auszuziehen oder ähnliche Dinge auszuführen, die nach und nach unſern Ernſt in ein lautes Lachen verwandelten. Dies veranlaßte den Onkel Phineas, langſam aufzublicken und mit großer Gewichtigkeit Ruhe zu gebieten. Tante Kezzy ergriff die Gelegenheit, den ſchlechten Kindern eine feurige Rede über die Entweihung des Sabbaths zu alten. Von allen dieſen Hiſtörchen will ich nur einer noch erwähnen, deren Held unglücklicherweiſe mein kleiner Vetter Bill ward. Er ſtand nämlich auf dem Punkte, ruhig ſeine Bibel zu ſchließen, als plötzlich eine Heu⸗ ſchrecke durch das offene Fenſter kam, und ſich auf ein Blatt des Buchs ſetzte. Ein ſo köſtliches Hilfsmittel zur Unterhaltung durfte nicht unbe⸗ nutzt vorübergehen— Bill fing die Heuſchrecke. Natürlich richteten ſich Aller Blicke dorthin. Bill las mit großer Aufmerkſamkeit in der Bibel, während das Thier, das er mit den geſchloſſenen Lippen feſthielt, aus dem Mundwinkel des kleinen Taugenichts herabhing. Das arme Inſect ſuchte ſich durch convulſiviſche Zuckungen zu befreien, aber Bill hielt mit ernſter Ruhe ſeinen Gefangenen feſt. Bei dieſem Anblicke brachen wir in ein lautes Gelächter aus. Die Sache nahm für Bill augenblicklich eine ſehr ernſte Wendung. Sein Vater, der gewiſſe Prinzipien ſtreng befolgte, glaubte die Unverſchämtheit mit einem Argumente, das keinen Widerſpruch geſtattet, belegen zu müſſen, ein Argument, das zwar bis in die älteſten Zeiten hinausläuft, jetzt aber außer Gebrauch geſetzt iſt. Dieſes Bild eines Sabbathsmorgen wird genügen, um einen Begrif von dem ewig langen Tage zu erhalten, der bis zum Untergange der Sonne noch eine Menge ähnlicher Scenen bot. Die Sonne iſt unter⸗ gegangen, war eine Proclamation, die von tauſend Kinderſtimmen ver⸗ kündet wurde. Aber wird man fragen, was für ein Reſultat brachte dieſe Strenge? Mußte ſie nicht Abneigung gegen den Sabbath und die Religion erwecken? O nein! Der Sabbath war nicht das Reſultat eines unlautern Gefühls, Das Maiblümchen. ſondern eines edlen Siſae und edle Grundſätze lernen die Kinder ſchätzen und verehren. Das Geſetz, den Sabbath zu heiligen, war gleich ſtreng für die jungen und alten Leute; es wurde wie eins jener unab⸗ änderlichen Geſetze der Natur betrachtet, denen die Welt ſich unterwirft, obgleich ſie der menſchlichen Schwachheit oft ſehr läſtig werden. Dieſe allgemeine Strenge bewirkte, daß ſich uns eine hohe Ehrfurcht vor dem Sabbath einprägte, die zue keinen ſpätern Einfluß geſchwächt werden konnte. Ich habe unter verſchiedenen Klimaten gelebt, in fernen Ländern, wo man die Feier des Sabbaths nicht kennt, oder fie durch geräuſchvolle Erheiterungen begeht; aber ſtets, wenn er erſchien, führte er mir einen Hauch jener tiefen Verehrung entgegen, der feierlichen Ruhe, die ſtets den puritaniſchen Sabbath begleitet. 8„ Zweite Skizze. — Wie ſpät ſind wir dieſen Morgen wieder aufgeſtanden, ſagte Mrs. Roberts zu ihrem Gatten, indem ſie ſich an den Frühſtückstiſch ſetzte und dabei einen Blick auf die Uhr warf. Und heute iſt Sonntag! Wahrhaftig, es iſt eine Sünde, daß wir ſo ſpät ſchlafen gehen. Ich wundre mich nicht, daß John und Henry noch in den Betten liegen. Anna, haſt Du ſie geweckt? — Ja, Madame; aber ſie haben nicht darauf gehört. Sie ſagten, es ſei Sonntag, und Sonntags würde immer ſpät gefrühſtückt. — Nein, es iſt wahrlich eine Schmach, ſagte Mrs. Roberts. Ich werde nie wieder ſo ſpät zu Bett gehen, wenn mich nicht etwas Außer⸗ ordentliches davon abhält. Geſtern ward ich ſo lange in der Stadt auf⸗ gehalten, und am Sonntag vor acht Tagen hatte ich heftigen Kopfſchmerz. — Mein liebes Kind, antwortete Mr. Roberts, es iſt wahrlich nicht der Mühe werth, ſich darüber zu grämen. Der Sonntag iſt ein Tag der Ruhe; alle Welt lebt am Sonntag Morgen nach Belieben— und das iſt ja ganz natürlich. Die Arbeit iſt vollbracht— und Ruhe muß der Menſch auch haben. — Nach meiner Anſicht iſt es nicht ſo, meine Mutter hat mich an⸗ ders erzogen, ſagte Mrs. Roberts. Ich kann nicht umhin Dir zu erklären, daß ſie Recht hatte. Den letzten Theil der Unterhaltung hatten John und Henry mit an⸗ gehört, die noch halb im Schlafe ſich an den Tiſch geſetzt hatten. — A propos, meine Beſte, wieviel haſt Du vorigen Sonnabend für den Schinken bezahlt? fragte Mr. Roberts. — Ich glaube zwölf Cents für das Pfund, antwortete Mrs. Roberts; aber Stephens und Philips liefern für denſelben Preis beſſere Waare. — Dann wäre es gerathen, daß wir künftig bei Stephens und Philips kaufen, liebe Freundin. — Gewiß! Aber ich vergeſſe, daß es heute Sonntag iſt, und daß wir uns mit andern Dingen beſchäftigen müſſen. Kinder, habt Ihr eure Schularbeiten gemacht? — Nein, Mamma! — Das iſt unerhört! Es iſt kaum noch eine halbe Stunde bis zum Beginnen der Sonntagsſchule! Und nun ſeid Ihr noch nicht einmal anh gezogen. Das ſind die Folgen der Faulheit! Das Maiblümchen. Die beiden Knaben verzogen die Geſichter und meinten, daß ſie nicht ſpäter aufgeſtanden ſeien, als die übrigen Perſonen im Hauſe. — Nun, der Vater und ich ſind zu entſchuldigen, denn wir find geſtern Abend ſpät nach Hauſe gekommen. Ihr hättet ſchon drei Stunden auf ſein müſſen, und längſt die Arbeiten vollendet haben. — Was iſt denn da zu thun? — Ach, Mutter, erlauben Sie uns, daß wir dieſen Morgen zu Hauſe bleiben. Wir wiſſen unſere Lectionen nicht, und da würde die Schule nichts nützen. — Nein, dazu werde ich die Erlaubniß nicht geben. Ihr geht zur Schule, und ſeht zu, wie ihr durchkommt. Ihr tragt ſelbſt die Schuld. Jetzt geht in Euer Zimmer und beeilt Euch. Wir haben heute nicht ein⸗ mal Zeit zum Beten. John und Henry folgten dem Befehle, und liefen ihrem Zimmer zu; aber bald rief der Erſtere auf der Treppe: 8 — Mamma, Mamma, an meiner Weſte fehlen die Knöpfe, ich kann ſie nicht anziehen! Zugleich rief Henry: — Mamma, mein beſter Rock hat ein Loch auf dem Rücken! — Warum habt Ihr mir das nicht früher geſagt? ſagte Mrs. Roberts, indem ſie die Treppe hinanging. — Ich habe es vergeſſen, antwortete Henry. — Gut, gut— ſteh' ſtill, ich will es raſch zunähen, wenn es auch Sonntag iſt. Ach, da läutet's! Halte ſtill! Mrs. Roberts nahm Nadel, Zwirn und Scheere, und begann raſch die Arbeit. Nach einigen Minuten ſagte ſie: ſo wird's gehen für heute. Guter Gott, welche Unordnung! — So iſt's aber immer am Sonntage! rief John, indem er die Treppe hinablief, ſein Buch in die Luft warf, und wieder auffing. — So iſt's aber immer Sonntags! wiederholte Mrs. Roberts leiſe für ſich, denn dieſe Worte fielen ihr ſchwer auf das Herz. Sie fühlte, daß dieſe Reflerion wahr ſei. Sonntags wurden nicht nur die häuslichen Geſchäfte verſpätigt, ſondern es war auch die Unordnung überhaupt größer, als an jedem andern Tage. Gleich darauf ſagte Mrs. Roberts zu ihrem Domeſtiken: — Anna, Du mußt heute dieſes Stück Ochſenfleiſch zu Mittag kochen. — Sie haben mir ja geſagt, daß Sie Sonntags niemals kochen laſſen wollten. — Allerdings, ich halte auch an diefem Tage nichts von dem Kochen; aber zu meinem Verdruſſe fordert Mr. Roberts, daß ich ihm dieſes Stück Fleiſch braten laſſe, deſſen wir nicht bedürfen. Außerdem iſt es heute ſehr heiß, es wird ſich nicht aufbewahren laſſen— darum muß es verbraucht werden. Anna war ſeit vier Sonntagen bei Mrs. Roberts, aber an zweien dieſer Tage hatte die Hausfrau die Köchin aus ähnlichen Gründen zum Kochen veranlaßt.„Nur dieſes einemal noch,“ iſt eine Redensart, die in ſolchen Fällen ſtets zur Fügſamkeit geneigt macht. — Es berührt mich wahrhaftig recht ſchmerzlich, ſagte Mrs. Roberts zu ihrem Gatten, daß wir Sonntags die Dinge gehen laſſen, wie ſie eben gehen. Mir iſt immer, als ob ich dieſen Tag nicht ſo recht begehe—— — Mein gutes Kind, antwortete Mr. Roberts, ſo lange wir verhei⸗ — ——* ——— Das Maiblümchen. 103 rathet ſind, haſt Du nie anders geſprochen. Auch habe ich nie geſehen, daß Du eine Abänderung getroffen. Uebrigens habe ich die Bemerkung gemacht, daß wir nicht weniger beobachten, als viele andere Leute. Wir machen Sonntags keine Viſiten, geben keine Geſellſchaften, und enthalten uns der Lectüre profaner Bücher. Wir gehen zur Kirche, und ſchicken un⸗ ſere Kinder in die Sonntagsſchule. Ebenſo iſt der größte Theil des Tages religiöſen Betrachtungen gewidmet. Nach der Kirche ſehen wir die Schul⸗ bücher unſerer Kinder an, die ebenfalls zwei Blätter religiöſen Inhalts haben— ich denke, das iſt genug. — Und dennoch— als ich ein Kind war, hatte meine Mutter—— — Liebes Kind, heutzutage können wir Deine Mutter nicht mehr als Beiſpiel aufſtellen. Zur Zeit Deiner Mutter war man zu eifrig, man übertrieb die Sache. Das muß jeder eingeſtehen. Mrs. Roberts ſchwieg, aber ſie war nicht befriedigt. Eine ſtreng religioſe Erziehung hatte ihr Gewiſſen über dieſen Punkt empfindſam ge⸗ nug gemacht, um ſich über den ſchlechten Zuſtand iyr?s Hausweſens zu grämen. Dieſe guten Leute hatten eine Art allgemeinen Begriff von dem Sonntage, ſie beſaßen auch die Abſicht, ihn zu feiern; aber nie hatten ſie nach den paſſenden Mitteln geſucht, um dieſen Zweck zu erreichen. Eben ſo wenig war ihnen der Gegenſtand überhaupt wichtig genug, um während der Woche die geeigneten Vorkehrungen zu treffen. Mr. Roberts unter⸗ nahm noch gegen das Ende der Woche Geſchäfte, von denen er wußte, daß ſie ihn ermüden und für die Feier des nächſten Sonntags untauglich machen würden; und Mrs. Roberts ließ die häuslichen Verrichtungen ſich dergeſtalt anhäufen, daß ſie bis zum Sonntage nicht damit fertig wurde, und an dem feierlichen Tage ſelbſt durch die herrſchende Unordnung in Verwirrung und Betrübniß kam. Sie waren der Anſicht, der Sonntag müſſe gefeiert werden, ohne daß man Opfer an Zeit und Geld brächte. Aber wenn ſie, um den Sabbath zu feiern, auf der Reiſe anhielten, und den Preis des Platzes in der Poſt auf das Spiel ſetzten; oder wenn durch dieſe Obſervanz in dem Haushalte irgend eine Unbequemlichkeit oder Geld⸗ ausgabe bewirkt wurde, dann hielten ſie es für einen Ruf der Vorſehung, den irdiſchen Forderungen zu genügen, weil das, was ſie unternähmen, zu den Werken der Nothwendigkeit und des Woöhlthuns gezählt werden könnte. Für ſie hatte das dritte Gebot folgenden Inhalt: — Du ſollſt den Sabbath heilig halten, aber nur dann, wenn es Dir gelegen iſt, und weder Zeit noch Geld koſtet. Ein ſolches Leben konnte unmöglich gute Folgen haben. Als die Kinder ſahen, daß die Eltern ſich ſo wenig der Heilighaltung des Sabbaths befleißigten, wurde in ihnen, wie natürlich, weder Achtung noch Ehrfurcht vor dem heiligen Tage erweckt. Sie ſahen, daß Herz und Geiſt ihrer Eltern auch Sonntags nicht verändert waren; ſie ſahen, wie ſich Vater und Mutter unausgeſetzt mit den nichtigen Dingen der Welt befaßten, und die Feier des Tages nur begingen, wenn rein menſchliche Rückſichten, als Erſchöpfung der Langweile, ſie dazu veranlaßten— und dann geſchah es ohne ernſte Andacht und wahre Erhebung. Kurz, der Sabbath ſchien ihnen ein noch drückenderes Joch zu ſein, als das, was einſt das alte puritaniſche Geſetz ihnen auferlegte. *. „ 104 Das Maiblümchen. Dritte Skizze. Das friedliche Dörſchen, Camden liegt am Fuße eines ſteilen Berges in einer der reizendſten Gegenden Neu⸗England's. Die fleißigen und ehr⸗ baren Bewohner deſſelben waren nicht wenig erſtaunt und erfreut, als ſich das Gerücht verbreitete, Mr. James, ein reicher und in dem beſten Rufe ſtehender Mann, werde für immer ſeinen Wohnfitz unter ihnen neh⸗ men. Er brachte ſeine Frau mit ſich, eine hübſche, liebenswürdige Perſor, und einen ganzen Trupp lachender, fröhlicher, roſiger Kinder. Die Glieder dieſer Familie beſaßen ſo gute und wohlwollende Charaktere, daß die ganze Nachbarſchaft ſie ſchon im voraus lieb gewonnen hatte. Mr. James war gegen alle Syſteme und Theorien eingenommen, er pflegte ſeinen Ideen, ob richtig oder unrichtig, zu folgen, ohne ſich darum u kümmern, was andre Leute dazu ſagen würden. Als ein eifriger erehrer der Religion war er ſtets bereit, ſeine Zeit und ſein Geld zu wohlthätigen Zwecken zu opfern; und obwohl er nie einer öffentlichen Religionsübung beiwohnte, obgleich er ſich nie einer chriſtlichen Secte an⸗ eſchloſſen, hegte er dennoch eine hohe Ehrfurcht vor ſeinem Gotte und ebte ſtreng nach ſeinen Geboten. Die Bibel war die Richtſchnur aller ſeiner Handlungen. Mr. James war nach einem ſtarren, aller Vernunft baaren Religionsſyſteme erzogen worden, und deshalb hatte er ſich vor⸗ genommen, bei der Erziehung ſeiner Kinder den entgegengeſetzten Weg einzuſchlagen; die Religion ſollte ihnen eine Quelle der Freude und Be⸗ lehrung werden. Dieſer Zweck war gut; aber die Art und Weiſe, wie er ihn zu er⸗ reichen ſuchte, war eine gefährliche, vorzüglich für die allgemeine Anwen⸗ dung. In Bezug auf den Sabbath war er der Anſicht: es ſei zwar eine lobenswerthe Gewohnheit, an dieſem Tage zweimal in die Kirche zu gehen und ſich dann im Kreiſe der Familie ruhig zu Hauſe zu halten; aber andere Methoden ſchienen ihm dennoch beſſer zu ſein. So widmete er, außer dem Frühgottesdienſte, dem er regelmäßig mit ſeiner Familie beiwohnte, den ganzen Tag ſeinen Kindern. War es ſchlechtes Wetter, ſo unterrichtete er ſie in der Naturgeſchichte, zeigte ihnen Bilder und las Beſchreibungen von den Werken Gottes vor. So brachte er Religion und Belehrung mit einander in Verbindung, daß Herz und Geiſt der Kinder zugleich gebildet wurden. Erlaubte es die Witterung, ſo durchwanderte er mit ihnen die Felder, ſuchte Kräuter, Blumen und Mineralien, oder befuhr mit ihnen den See, und erfüllte den Geiſt ſeiner jungen Zuhörer mit Staunen und Bewunderung der Weisheit Gottes. Er zeigte ihnen überall die gewaltigen Beweiſe von der Gegenwart und Güte des all⸗ mächtigen Schöpfers, und belehrte ſie, ſo weit es ſein Wiſſen und ſeine Erfahrung ihm möglich machte. Dieſe Sonntagsausflüge gewährten den Kindern ein unenkliches Vergnügen. Der Vater konnte kaum den lauten Ausbruch ihrer Freude verhindern. Aber leider ſah er, daß die lieben Kleinen ſich mehr den Freuden des Spazierganges über⸗ ließen, als dem Eindrucke der religiöſen Lehren, und daß ſie den Früh⸗ gottesdienſt wie eine Art leidender Vorbereitung zu den Freuden des Nachmittagsſpaziergangs erachteten. Wenn aber Mr. James einen Blick in ſeine eigene Kindheit zurückwarf, wenn er ſich des harten Zwanges ſeiner Erziehung, der völligen Entbehrung jeder geiſtigen Zerſreuung Das Maiblümchen. 105 und körperlichen Uebung und der hieraus folgenden Abneigung gegen den Sabbath erinnerte, dann wünſchte er ſich Glück zu dem Syſteme, das er bei der Erziehung ſeiner Kinder befolgte. Und dieſe begrüßten den Sabbath als einen wirklichen Feſttag, dann ſah der Vater ſich von frohen, lachenden Geſichtern umgeben. Mr. James hatte ein eigenes Talent, den Religionsunterricht in einem einfachen, anziehenden Gewande vorzutragen, und es iſt mit Gewißheit anzunehmen, daß er in ſeinen Kin⸗ dern mehr fromme Gedanken und Empfindungen erweckt hat, als man in ſdieſem Lebensalter gewöhnlich vorfindet. Aber die guten Bewohner des Dorfes wußten nicht, was ſie von einer Erziehungs⸗Methode halten ſollten, die ihnen als eine vollſtändige Entweihung des Sabbaths erſchien. Das menſchliche Herz iſt ſtets bereit, das zu verdammen, was von dem gewöhn⸗ lichen Wege abweicht. So ward Mr. James allgemein für einen Sabbath⸗ ſchänder, für einen Ketzer und einen Feind der Religion gehalten. Mit dieſen Farben hatte man Mr. Richard, dem neu inſtallirten jungen Pre⸗ diger des Orts, ein Bild von ihm entworfen. Nun traf es ſich, daß der Prediger Mr. James von der Univerſität her kannte. Soviel er ſich ſeines Studiengenoſſen erinnerte, war er ein ernſter, gewiſſenhafter, liebenswür⸗ diger Mann. Deshalb beſchloß er, durch eigene Anſchauung die Gründe kennen zu lernen, die den alten Freund veranlaßten, ein Betragen zu beob⸗ achten, das für die guten Dorfbewohner ſo verletzend war. Mr. James ſetzte ihm mit großer Beredtſamkeit das Syſtem auseinander, nach dem er ſeinen Religionsunterricht ertheilte; er verſchwieg auch das Reſultat nicht, das er bei ſeiner jungen Familie erreicht hatte. — Das iſt gut, recht gut, mein Freund, antwortete der Prediger. Aber außer den perſönlichen Vorurtheilen giebt es noch eine Menge an⸗ derer Dinge, die man in Betracht ziehen muß. Wiſſen Sie nicht, Mr. James, daß die Leichtfertigen und Gewiſſenloſen meiner Gemeinde Ihr Beiſpiel als ein unumſtößliches Argument anführen, ihre Kinder in der Entweihung des Sabbaths zu erziehen? Sie und Ihre Kinder fahren auf dem See, deſſen friedliche Stille, wie ich nicht bezweifele, den Geiſt zur Bewunderung hinreißt. Aber am Ufer ſteht Ben Dakes mit ſeinen ungezogenen Kindern, die nicht anders als Sie zu handeln glauben, wenn ſie ſich faullenzend herumtreiben, von der Sonne beſcheinen laſſen, oder während des ganzen Nachmittags Springſteine über die Fläche des Waſſers werfen. — Ein Jeder folgt der Stimme ſeines Gewiſſens, antwortete Mr. James. Wenn ich gewiſſenhaft den Sabbath begehe, ſo bin ich meinem Gotte ein Wohlgefallen; wenn aber ein Anderer ſeiner Pflicht fehlt, ſo verantworte er ſeine Schuld vor dem Schöpfer. Wie kann ich für Tage⸗ diebe und laſterhafte Menſchen verantwortlich gemacht werden, die in der nn meines Veiſpiels, das ich für gut halte, auf Abwege ge⸗ rathen? — Erlauben Sie mir, daß ich Ihnen eine andere Frage vorlege, ſagte Mr. Richard.„Du ſollſt Deinem Nächſten nicht ein Stein des Anſtoßes werden, ſagte die Bibel. Vermeide es, daß man Deine guten Vorſätze übel deute. Iß kein Fleiſch, trinke keinen Wein, kurz, thue nichts, was Deinem ſchwachen Bruder zum Uebermaße verleiten könnte.“ Sie, mein beſter Freund, beſitzen den Vortheil, die Feier des Sabbaths ſo auf⸗ zufaſſen und zu begehen, daß ſie für Ihre Familie ungleich mehr nützlich als ſchädlich iſt. Aber glauben Sie denn, daß alle Leute unſeres Dorfes. 106 Das Maiblümchen. N wenn ſie nach demſelben Syſteme handelten, auch denſelben Erfolg haben würden? Wenn allgemein der Gebrauch in den Familien eingeführt wäre, nicht nur den Nachmittags⸗Gottesdienſt zu verſäumen, ſondern auch die Felder zu durchſtreifen, auszureiten, oder den See zu befahren,— glauben Sie denn, daß es viele Eltern giebt, die, wie Sie, im Stande find, dieſes Beginnen mit den Pflichten des Tages in Einklang zu bringen? Iſt es nicht Ihre Beredtſamkeit, Ihre Kunſt, die Sachen einfach und klar darzuſtellen, Ihre Kenntniß der Naturwiſſenſchaft und der heiligen Schrift, was Ihnen die Erlangung Ihrer Reſultate ermöglicht? Giebt es in un⸗ ſerm Lande unter hundert Familienvätern wohl einen, der daſſelbe ver⸗ möchte, was Sie? denken Sie ſich unſern Nachbar, den Squire Hart, wie er mit ſeinen zehn Kindern, Knaben und Mädchen, durch die Felder ginge, um ſie nach Ihrer Manier zu unterrichten;— Sie wiſſen, daß er nicht den kleinſten Satz vollenden kann, ohne ſich zu unterbrechen, und fünf Mal von neuem zu beginnen— ermeſſen Sie die Fortſchritte, die ſeine Familie da machen könnte! Und daſſelbe iſt es mit ſo vielen Andern, die ich Ihnen noch nennen könnte. Es giebt ohne Zweifel gebildete und fähige Männer, die Ihre Methode zum Vortheile der Geſellſchaft anwenden; aber wir müſſen uns der Worte des heiligen Paulus erinnern:„Wir, die wir ſtark ſind, müſſen die Schwachen unterſtützen und uns nicht ſelbſt preiſen, denn Jeſus Chriſtus hat uns das Beiſpiel der Selbſtverleugnung gegeben.“— Denken Sie daran, mein lieber Freund; wenn unſer Heiland den Grundſatz aufgeſtellt hätte, nur das zu vermeiden, was unſern eigenen Intereſſen ſchadet, wieviel Gefahren würden aus dieſem Beiſpiele fuͤr die Ungebildeten erwachſen. Hätte er nicht an einem Sabbath einen Fiſchzug unternehmen können, und ihn zum Gegenſtande einer erhebenden Beleh⸗ rung benützen können? Nein! Obgleich er ſich ſelbſt den Herrn des Sab⸗ baths nannte, ſo erlaubte er ſich doch nie, die hergebrachte Art der Hei⸗ lighaltung deſſelben zu verletzen, außer in dem Falle, wo ein unrichtig aufgefaßtes Geſetz mehr ſchadete, als nützte, und der Moral des Sabbaths entgegentrat. Er behielt ſich das Recht vor, den Bedürfniſſen des Kör⸗ Fe S zu genügen, aber ſonſt wollte er keine Abweichung von der Regel. Mr. James ſah nachdenkend vor ſich hin. — Von dieſem Geſichtspunkte aus habe ich die Sache noch nicht be⸗ trachtet, ſagte er nach einer Pauſe. Aber, lieber Herr, wenn man be⸗ denkt, wie wenig der Sabbath für die Kinder paßt, ſo ſcheint es mir dennoch ſehr unnütz, ſie den ganzen Tag in der Kirche zu halten. — Ich ſelbſt habe daran gedacht, ſagte Mr. Richard. Wenn ſich nur Jemand fände, dem man die Leitung eines Gottesdienſtes übertragen könnte, der dem Faſſungsvermögen der Kinder angemeſſen iſt. — Wahrhaftig, rief Mr. James lebhaft, ich würde ſehr gern der Prediger einer Kindergemeinde ſein! — Nun, ſo laſſen Sie unſern guten Landsleuten einige Zeit, um Sie kennen zu lernen, laſſen Sie den übeln Eindruck, den Ihre ungewöhnliche Methode hervorgebracht, verſchwinden, und ich zweifele nicht einen Augen⸗ blick, daß es ein Leichtes ſein wird, an jedem Sabbathtage eine kleine Ge⸗ meinde um Sie zu verſammeln. Nach dieſer Unterhaltung beſuchte Mr. James mit ſeiner Familie, ur Verwunderung des ganzen Dorfes, regelmäßig beide gottesdienſtliche Verſammlungen, die Sonntags abgehalten wurden. Mr. Richard ſorgte Das Maiblümchen. 107 dafür, daß in der Gemeinde die Gründe bekannt wurden, die den Nachbar zur Befolgung einer in ihren Augen ſo unchriſtlichen Methode veranlaßt hatten. Man begriff endlich, daß Jemand ſich von hergebrachten Regeln und Formen entfernen könne, ohne deshalb ein Ketzer und Feind der Reli⸗ gion zu ſein. Nach kurzer Zeit ſchon hatten ſich die beſten Verhältniſſe iuthe. Mr. James, der mit Achtung und Vertrauen behandelt wurde, kam trotz ſeiner Vorurtheile zu der Erkenntniß, daß unter den wahren Chriſten dennoch eine mächtige Verbindung, eine ſchöne Brüderſchaft be⸗ ſtehe, ſo verſchieden ihre Bildung auch immer ſein möge. Mit voller Ueberzeugung und Liebe ſchloß er ſich der kleinen Kirchengemeinde von Camden an. Kaum war ſeit ſeiner Anſiedelung in dem Dorfe ein Jahr verfloſſen, als man ihn jeden Sonntag von einer Verſammlung kleiner Kinder um⸗ geben ſah. Zu dieſem Behufe hatte er auf ſeine Koſten einen Saal ein⸗ richten laſſen, der mit Landkarten, Vorſchriften zum Schreiben, und allen dem ausgeſtattet war, was der Unterricht und die Erklärung der Bibel erforderten. Die Eltern und Erzieher begleiteten von Zeit zu Zeit die Kinder zu dieſen Verſammlungen; ſie geſtanden dann laut ein, daß ſie nicht minder erbaut und belehrt den Saal wieder verlaſſen hätten, als die Kleinen ſelbſt. Bierte S ie Es war Sonnabend. Der köſtliche, heitere Tag nahte ſich ſeinem Ende, als ich mein ermüdetes Pferd vor einem kleinen, reizenden Hauſe im Dorfe N. anhielt. Soviel ich aus der Beſchreibung, die man mir da⸗ von gemacht, ſchließen konnte, war es die Wohnung meines Vetters William Fletcher, deſſelben lebensluſtigen Bill Fletcher's, deſſen ich früher ſchon er⸗ wähnt habe. Bill war ſtets ein thätiger, rüſtig vorwärtsſtrebender Menſch geweſen. Während meiner Wanderungen hatte ich nie eine paſſende Ge⸗ legenheit finden können, um unſere alte Bekanntſchaft zu erneuern. Als ich das letzte Mal nach einer mehrjährigen Abweſenheit mein Geburtsland wieder beſuchte, hatte ich erfahren, daß er ſich verheirathet, und in dem Dorfe N. niedergelaſſen habe, wo er in guten Verhältniſſen leben ſolle. Kurze Zeit darauf erhielt ich eine dringende Einladung, ihn zu beſuchen. Da ich aus Erfahrung wußte, daß es nicht gebräuchlich war, an die Thür eines Landhauſes zu klopfen, an der ſich außerdem auch nicht ein⸗ mal ein Hammer befand, ſo ſchlug ich einen Fußweg ein, der ſich lieblich zwiſchen Blumen fortwand, und nach der hintern Seite des Gebäudes führte. Ein Gewirr von Kinderſtimmen veranlaßte mich, ſtill zu ſtehen. Hinter einer Hecke verborgen, ſah ich einen Knaben, das leibhaftige Eben⸗ bild Bill Fletcher's, wie ich ihn vor zwanzig Jahren gekannt hatte. Das war dieſelbe kecke Stirn, dieſelben ſchwarzen Augen, dieſelben feinen Lip⸗ pen, dieſelbe muthige Kopfbewegung, die zu fragen ſchien: wer hat mir das gethan? Kurz, es war Bill, wie er damals leibte und lebte. Der Knabe ſetzte ein Paar Schuhe, die er ſoeben geputzt hatte, an eine lange Reihe anderer Fußbekleidungen von allen Formen und Größen. An der Spitze dieſer Front ſah man die winzige Hülle eines Fußes von zwei Jahren. — Da! rief der Knabe. Nun habe ich Alles gewichſt, Alles ſpiegel⸗ 108 Das Maiblümchen. blank gemacht, und zwar in zwanzig Minuten! Wer es ſchneller machen will, kann's verſuchen! — Nein, ſchneller kann's gewiß Keiner machen! rief ein kleines, nied⸗ liches Mädchen, das neben ihm ſtand, und die Reihe Schuhe mit Be⸗ wunderung anſah. Bill, ich habe alle meine Spielſachen in den großen Koffer gelegt— willſt Du ihn nicht verſchließen? Der Schlüſſel reibt mir die Finger wund. — O, ich werde ihn ſchon drehen, wie es mir gefällt! rief der Knabe, indem er mit den Fingern e als ob ſie Kaſtagnetten wären. Haſt Du auch Alles in den Koffer gelegt? — Ja, Alles! Aber mit Ausnahme der Gummi-Bälle, der rothen Perlenſchnur und der Kleider für die große Puppe, damit ich mit Fanny ſpielen kann. Du weißt doch, daß die Mutter geſagt hat, kleine Kinder könnten ſich auch Sonntags mit ihren Spielſachen unterhalten. — Ganz gewiß! ſagte der Bruder ernſt und wichtig. Kleine Kinder können nicht leſen wie wir; ſie verſtehen auch nichts von Bildern und von den ſchönen Geſchichten aus der Bibel. In dieſem Augenblicke verließ ich mein Verſteck, denn die Erinnerung an die vergangene Zeit übte einen ſo gewaltigen Eindruck auf mich aus, daß ich, wie ich ſonſt den Vater zu rufen pflegte, in die Worte hätte aus⸗ brechen mögen: Holla ho! Bill!— Aber die ſtaunenden Blicke der Kin⸗ der, die mich nun bemerkten, brachten mich ſchnell wieder zur Wirklich⸗ keit zurück. — Iſt der Vater zu Hauſe? fragte ich die Kleinen. — Vater und Mutter ſind ausgegangen, antwortete der Knabe; aber ich denke, daß ſie bald wiederkommen werden. Wollen Sie nicht in das Haus gehen? Ich nahm die Einladung an. Das junge Mädchen führte mich in ein hübſch eingerichtetes Zimmer, in welchem ſich ein Piano, mit Muſi⸗ kalien bedeckt, beſand. An den Wänden hingen einige gute Kupferſtiche; in der Mitte des freundlichen Gemachs ſtand ein Tiſch, der ſchwer mit Büchern beladen war. Rechts und links von dem Kamine ſtanden Bücher⸗ ſchränke mit verſchloſſenen Glasthüren. Das Kind bot mir einen Stuhl an, dann blieb es unbeweglich vor mir ſtehen, als ob es einen Stoff ſuchte, über den es ſich mit mir unter⸗ halten wollte. Endlich ſah es mich an, und ſagte in einem vertrau⸗ lichen Tone: — Mutter hat zu William und mir geſagt, daß wir während ihrer Abweſenheit das Haus bewachen ſollten; und nun wollen wir Alles für den Sonntag in Ordnung bringen, damit bei ihrer Rückkehr nichts mehr zu thun iſt. William ordnet die Spielſachen, und ich will die Bücher ordnen. Zugleich öffnete ſie eine der Thüren des Bücherſchranks, und begann emſig die Bücher von dem Tiſche auf die Repoſitorien zu ſtellen. Gleich darauf erſchien William, um ihr zu helfen. Dabei bezeichnete er ſeiner Schweſter mit einer wahren Docktorwürde die„Sonntagsbücher.“ No⸗ binſon Eruſpe und Peter Parley wurden ohne Weiteres bei Seite gelegt. Das Heft eines nordamerikaniſchen kritiſchen Jvurnals erregte jedoch ei⸗ nigen Zweifel. William ſagte, er wiſſe gewiß, daß der Vater eines Sonn⸗ tags darin geleſen habe; Suſanna aber verſicherte, er leſe nicht regelmäßig darin, ſondern er habe dieſes Buch nur einmal genommen, weil er etwas über die Bibel darin habe nachſehen wollen. Da man den ſtreitigen Puntt Das Maiblümchen. 109 nicht zur Entſcheidung bringen konnte, ließ man das Buch auf dem Tiſche liegen. Ich ward dabei an gewiſſe Fragen des Parlaments erinnert. Nun folgte eine lange Unterredung über ein Bilderbuch, das, nach der Sitte, auch eine en⸗ heiliger, ernſter und launiger Gedichte enthielt. William entſchied endli mit großem Ernſte, man müſſe es verſchließen, dies ſei das beſte Mittel, ſich das Gewiſſen rein zu erhalten. Er berief ſich dabei auf meine Anſficht. Die Ankunft der Eltern überhob mich der Unannehm⸗ lichkeit, ein Urtheil abzugeben. Mein alter Freund erkannte mich ſogleich, und ſtellte mich ſeiner liebenswürdigen Gattin mit derſelben Freudigkeit vor, die damals aus ſeinen Augen blitzte, wenn er zu meiner großen Ver⸗ wunderung eine Forelle oder einen prächtigen Hecht gefangen hatte. Dann ſah er mit väterlichem Stolze auf ſeine hübſche Familie, die ſich um zwei Kinder, die er mitgebracht, vermehrt hatte; er ſchien ſagen zu wollen: Nun, was hältſt Du davon? Es war in der That ein reizendes Bild, in deſſen Rahmen ein alter Junggeſelle ſchlecht angebracht geweſen wäre. Um uns einen richtigen Begriff von den Poſſen zu geben, die uns die Zeit geſpielt, iſt nichts beſſer geeignet, als der Anblick eines Jugendfreundes oder einer Jugendfreundin, wenn ſie uns in der Mitte von einem halben Dutzend kleiner Kinder wie⸗ der entgegentritt. Mein alter Freund war noch ganz derſelbe, der er als Knabe geweſen. Wie ſonſt, hielt er noch jetzt keck den Kopf empor; ſeine Stimme hatte den feſten uno heitern Ton bewahrt; ſeine Augen hatten nichts von ihrem Glanze verloren; nur in ſeinen Geſichtszügen zeigten ſich einige Linien, die den ernſten Mann und Familienvater verriethen. — Gut, Kinder, ſagte Mrs. Fletcher nach dem Thee, als William und Suſanne Bericht über ihre Thätigkeit abgeſtattet hatten, gut, wir können das Werk dieſer Woche für beſchloſſen betrachten; wir können uns nun ausruhen und erheitern. — Ach ja, rief der kleine Robert, und Papa zeigt uns die Bilder in den großen Büchern, die er neulich für uns mitgebracht hat! — Und dann, rief Suſanne, fährt Mamma in der Erzählung von dem Tempel Salomonis fort! — Und ich möchte wiſſen, ſagte William, ob der Vater die Antwort auf die Frage gefunden hat, die ich ihm vorigen Sonntag vorlegte. — Alles zu ſeiner Zeit, antwortete Mrs. Fletcher. Aber ſagt mir, Kinder, ſeid Ihr denn auch gewiß, daß für den Sabbath die Vorbereitungen völlig getroffen ſind? Habt Ihr die Spielſachen und die Bücher geordnet? — Ja, ja! — Aber habt Ihr auch alle böſen und unrechten Gedanken bei Seite gelegt? Seid Ihr auch allen Leuten gut und freundlich geſinnt? — Ja, Mamma, antwortete William, der dieſe Ermahnung größten⸗ ſcheils als auf ſich gerichtet zu betrachten ſchien. Ich habe dieſen Morgen Tom Walters aufgeſucht, um ihn über mein Huhn zu befragen; er hat nich verſichert, daß er es nicht habe, daß er auch nichts davon wiſſen würde, wenn ich es ihm nicht geſagt hätte. So iſt unſere Streitſache ab⸗ gemacht, und ich bin ganz zufrieden damit. Ich bin der feſten Anſicht, William, ſagte der Vater, daß es viel we⸗ niger Streitigkeiten und Prozeſſe geben würde, wenn Jeder es ſich zur unerläßlichen Pflicht machte, vor dem Sonntage ſeine kleinen Differenzen auszugleichen. Größtentheils ſind die Streitigkeiten aus Mißverſtändniſſen 110⁰ Das Maiblümchen. hervorgegangen, und man würde ſie in fünf Minuten beſeitigen, wenn eine offene Erklärung ſtattfände. — Ob Ihr Eure Sonntags⸗Lectionen gelernt habt, bedarf wohl keiner Frage, ſagte Mrs. Fletcher. — Gewiß, gewiß! rief William. Suſanne und ich, wir lernen ſie immer ſchon Montags und Dienſtags. Dieſen Nachmittag haben wir ſie noch einmal durchgeſehen und einige Fragen niedergeſchrieben. — Und ich, fügte Suſanne hinzu, habe den Robert die Lection her⸗ ſagen laſſen und habe ihm alle Namen der Städte auf dem Bibel⸗Atlas ezeigt. 35— Vortrefflich, ſagte mein Freund. Da nun Alles gethan iſt, wollen wir unſern Sabbath⸗Vorabend mit einer kleinen Muſik beginnen. In dem Hauſe Mr. Fletcher's herrſchte der löbliche Gebrauch, daß man Sonnabends zeitig zu Bett ging, um Sonntags früh wieder auf⸗ ſtehen zu können. Nachdem die Kinder im Chor geſungen, und die Fami⸗ lie ein kurzes Gebet verrichtet hatte, ging ein Jeder in ſein Kämmerlein. Mit dem angenehmen Gefühle, die Woche auf eine ſo angemeſſene Weiſe beſchloſſen zu haben, und in der Erwartung noch ſüßerer Freuden für den Sonntag ſchlief ich ein. Es war noch früh am nächſten Morgen, als ich durch den Geſang lieblicher Kinderſtimmen in einem benachbarten Zimmer aus dem Schlafe geweckt wurde. Ich horchte, und unterſchied deutlich folgende Worte: Steht auf, verlaßt die Lagerſtatt,* Und werdet Alle wach! Die Sonne Gottes ſtrahlt ſo ſchön Herab auf Thäler und auf Höh'n— Die Welt preiſ't ihn, Der ihn verlieh'n, Den ſchönen Sabbathtag! Die letzten Worte wurden wiederholt und von einer kräftigen Stimme begleitet— es war William's Stimme. — Ach, William, ſagte Suſanna mit ihrer ſanften Stimme, nun wollen wir denn Pſalm ſingen, den ich ſo gern habe!— Dann begann ſie: Wir laſſen unſre Spiele gern, Und beten laut zu Gott dem Herrn, Deß Odem uns durchweht. Es fühlet auch des Kindes Bruſt, Haß auf der Welt die größte Luſt Erwecket das Gebet! Mr. William ſang dieſes Lied eifrig mit, obgleich ich ihm nach dem erſten Verſe ſagen hörte, daß er den andern Pſalm vorziehe, weil er leb⸗ hafter und kräftiger ſei. Als er ihn zum zweiten Male begann, ſtimmte ſein gefälliges Schweſterchen emſig und andächtig wieder mit ein. Es war ein köſtlicher Sommermorgen. Die in dem Innern des Hau⸗ ſes tönenden Kinderſtimmen harmonirten bewunderungswürdig mit dem Ge⸗ ſange der Vögel und dem Geblöke der Rinder draußen— es war eine einfache, reine, und des Sabbaths würdige Muſik. — Sei geſegnet, Geſang aus Kindes⸗Bruſt! dachte ich. Wie viel lieblicher ſind deine Töne als das Tik— tak der alten großen Uhr des Va⸗ ters Fletcher! Das Maiblümchen. 111 In dem Augenblicke, als die kleinen Sänger ihre Hymne vollendet ztten, rief uns der Klang eines Glöckchens zum Frühſtück. Das Zimmer zr zu dieſem Zwecke ſauber gefegt und geſchmackvoll ausgeſchmückt. Auf in Tiſche, der in der Mitte ſtand, befand ſich eine Vaſe mit friſchen lumen, welche die Kinder Abends zuvor im Garten gepflückt hatten. iner der Bücherſchränke neben dem Kamine war geöffnet; er enthielt eine Berleſene Bücherſammlung, über der mit goldenen Buchſtaben geſchrieben und: Sonntags⸗Bibliothek. So hatte man auch die Fenſter geöffnet, um ß friſchen Morgenluft Eingang zu geſtatten. Draußen hüpften die gel von Zweig zu Zweig in den Roſenbüſchen, aber ſie ſchienen mir um anmuthiger und freudiger in ihrer ungebundenen Freiheit, als die inder bei ihrem Eintritte in das Zimmer. Auf allen Geſichtern konnte an deutlich leſen, daß für ſie der ſchönſte Tag der Woche angebrochen „und ein jedes ſchien ſich mit voller Seele den Pflichten des feſtlichen ages hinzugeben. Es war noch früh, als wir das Mahl und Morgen⸗ bet vollendet hatten. Die Kinder ſammelten ſich eifrig um den runden ſch, um die Bilder der neuen Bücher zu betrachten, die der Vater in w⸗York gekauft hatte; ſie waren eigens für den Sonntag vorbehalten. s neue Werk war eine ſchöne Ausgabe der Encyklopädie Calmet's in chrern ſtarken Bänden, mit prachtvollen Kupferſtichen. — Das iſt gewiß ein theures Werk, ſagte ich zu meinem Freunde, ihrend wir darin blätterten. — Es iſt theuer, antwortete er: aber bei ſolchen Sachen ſcheue ich Ausgaben weniger, als ſonſt. In Lurusſachen hingegen bin ich ſehr bnomiſch. Ich entbehre gern koſtbare Kleider und modiſche Möbel, mere mich auch wenig darum, wenn mich die Leute für einen ganz vöhnlichen Menſchen halten; aber in allem, was zur Bildung des Geiſtes d zur Veredlung des Herzens meiner Kinder erforderlich iſt, gehe ich e Bedenken bis zu den äußerſten Grenzen meiner Mittel. Bücher, ndkarten und Bilder, die den Kindern das Verſtändniß der Bibel er⸗ chtern, und ihnen Achtung vor dem heiligen Buche einflößen, werden is zuerſt angekauft. Zu dieſem Zwecke habe ich ein Viertheil mehr ögegeben, als mir die ganze Einrichtung meines Hauſes koſtet⸗ Bei der Muſterung der Sonntags⸗Bibliothek fand ich, daß mein eund eine ſorgfältige Auswahl der Bücher beobachtet hatte. Dieſe bliothek enthielt alle volksthümlichen Schriften, die zur Erklärung der bel erſchienen waren; ebenſo die neueſten und beſten religiöſen Werke Kinder. Zwei große Kaſten waren mit Karten und Bildern angefüllt, denen einige ſelbſt Kunſtwerth beſaßen. Sie ſtellten Scenen aus der ſan Schrift dar. — Alle dieſe Sachen, ſagte mein Freund, haben wir ſeit der Ein⸗ ſtung unſers Haushaltes nach und nach beſchafft; die Kinder intereſſiren für dieſe Bibliothek, weil ſie vorzüglich ihnen angehört, außerdem h ſind einige Bücher mit ihren kleinen Erſparniſſen bezahlt. — Ja, ſagte William, das Geld für Helon's Wallfahrt iſt aus meiner arbüchſe genommen. Suſanna hat das Leben David's gekauft, und wird nächſtes Jahr ein Buch kaufen. 9 — Aber würde nicht die Bibliothek der Sonntagsſchule dieſem Zwecke nügen? fragte ich. — Jene Bibliothek iſt ohne Zweifel eine vortreffliche Einrichtung, te mein Freund; aber dieſe hier erfüllt noch vollſtändiger den Zweck, 6 112 Das Maiblümchen. den wir im Auge haben. Sie verleiht dem Hauſe einen mächtigen Reiz, und macht die Erwerbung religiöſer Kenntniſſe ſowie die angenehme Feier des Sabbaths zu einer Familienangelegenheit. Du weißt ja, fügte er lächelnd hinzu, daß man einer Sache immer mehr zugethan iſt, die Geld gekoſtet hat. Der Klang der Sabbathsglocken machte dieſem Geſpräche ein Ende. In einer Minute waren die Kinder bereit, den Eltern zu folgen. Der Vater war Vorſteher, und die Mutter eine Lehrerin der Sonntagsſchule. Einen Theil des Sonntags verwendeten die Eltern dazu, die Hand⸗ lungen der verfloſſenen Woche mit den Kindern durchzugehen und zu er⸗ örtern. Man lenkte die Aufmerkſamkeit der jungen Erdenbürger auf ihre Charaktere, deutete ihnen die begangenen Fehler und Verſehen an, und er⸗ mahnte ſie, in Zukunft auf ihrer Huth zu ſein. Dieſer Act ward mit einem feierlichen Gebete beſchloſſen, worin man den Himmel um Beiſtand gegen die Verſuchung anflehte, und um Kraft, dieſelben Fehler zu vermeiden. Nach dem Abendgottesdienſte, als die Kinder ſich in das Zimmer der Mutter zurückgezogen hatten, konnte ich nicht umhin, meinen Freund an die alte Zeit zu erinnern, in der er dem Sabbath ſo abhold geweſen mu. — Erinnerſt Du Dich noch, William, daß man Dich ſtets für den letzten der Schulknaben hielt, von dem man für die Zukunft eine ernſte Begehung des Sabbaths erwarten konnte. — Und ich war der Meinung, antwortete er, daß ich den Sabbath aus freiem Antriebe heiligen müſſe. Je älter ich ward, je mehr befeſigt ſich die Idee, daß man den Sabbath ganz, oder gar nicht feiern müſt. Ich fühlte Kraft genug in mir, mich ſelbſt anzueifern, und dieſe Kraft habe ich auch redlich angewendet. Sobald ich mich mit meiner Frau verheirathet hatte, faßten wir gemeinſchaftlich den Entſchluß, den Sabbath zu einem angenehmen Tage zu machen, ohne die alten guten Gebräuche der Zeit unfers Vaters zu umgehen. Auf dieſem Wege ſind wir geblie⸗ ben, und mir will ſcheinen, daß es gut iſt, wenn er von allen Menſchen betreten wird. — Ich habe immer gedacht, ſagte ich, daß der Familienvater ein beſondres Talent beſitzen müſſe, um ſich dieſer Sorge mit Erfolg zu unterziehen. — Es bedarf nur eines gewöhnlichen geſunden Verſtandes und eines feſten Entſchluſſes. Wenn die Eitern dieſe beiden Dinge beſitzen, ſo werden ſie bald ſehen, was nöthig iſt, um die Kinder für die Religion zu intereſſiren und ſie zweckmäßig zu unterrichten. Die Erwerbung der nöthigen Hilfsmittel iſt in unſern Tagen ſehr leicht, ſie erſcheinen ſo zahlreich und in ſo populärer Form, daß ſie aller Welt ſugirzli ſind. anes entgegen⸗ ſtellt, würde die ſein, daß man nicht überall die moraliſchen Uebungen Eine Hauptſchwierigkeit, die ſich der Ausführung dieſes P im väterlichen Hauſe abhalten kann, und doch muß man ſie zu einer Familienangelegenheit machen. Gewöhnlich bürden die Eltern 6 antwortlichkeit dem Lehrer der Sonntagsſchule auf, und glauben, au dieſe Weiſe das wahre Wohl der Kinder befördert zu haben. Aber die Erfahrung hat mich überzeugt, daß der beſte Religionsunterricht eines Fremden immer noch einer Nachhilfe im Hauſe bedarf, denn Gott hat den Beſtrebungen des Vaters einen Einfluß verliehen, den er andern Händen nicht übertragen kann. re Ver⸗ Das Moaiblämchen— 113 — Aber ſetzeſt Du denn voraus, fragte ich, daß auch der minder begabte Mann das thun kann, was Du vollbringſt? — In den meiſten Fällen, ja! die Hauptſache iſt, daß man es richtig anfängt. Aber wenn Eltern und Kinder in eingewurzelten böſen Gewohn⸗ heiten befangen find, iſt eine Aenderung viel ſchwieriger, als wenn ſie gut beginnen. Und dennoch bin ich der Anſicht, daß ſich viel Gutes er⸗ reichen läßt, wenn ſie ein Opfer an Zeit, Geld und eifriger Sorgfalt nicht ſcheuen. Daß ſich in dieſer Beziehung keine allgemeine Beſſerung zeigt, iſt deshalb natürlich, weil man die Verbeſſerung der äußern Umſtände in der Regel für wichtiger hält. Mrs. Fletcher trat mit ihren Kindern ein, und unterbrach unſer Geſpräch. Die Gattin meines Freundes ſetzte ſich an das Piano, und der fröhliche Geſang der Kinder ſchloß den Sabbath. Die zufriedenen, ruhigen, beſcheidenen Mienen der Kinder bewieſen, daß der glückliche Einfluß des 6 Unterrichts ſie gewöhnt hatte, auch die letzte Stunde des Sabbaths heilig zu halten. Ich ward tief bewegt, als ich ihre weichen, ſüßen Stimmen im Chor die ſchönen Verſe ſingen hörte: Des Sabbaths Sonne ſenkt ſich nieder, Sie hat vollbracht den hehren Lauf; Und auf den Flügeln unſrer Lieder Schwingt ſich der Tag zu Gott hinauf. Maiblümchen. 8 114 Das Maiblümchen. Viele Anſprüche. Sine Skizze. Ein kalter, klarer Dezember⸗Abend war angebrochen, als Mr. R ſeine Geſchäfte beendet hatte, ſein Wohnzimmer betrat, und ſich gemächlich in dem weichen Lehnſtuhle neben dem flackernden Kaminfeuer niederließ. Die ſchweren Stiefeln vertauſchte er mit bequemen Hausſchuhen, hüllte ſich in ſeinen faltigen Schlafrock, und ſank dann in die Polſter des Stuhls zurück. Zwar ſtreiften ſeine Blicke mit großer Selbſtzufriedenheit über die prachtvollen Wände hin, aber dennoch lagerte eine Wolke auf ſeiner Stirn. Was mochte wohl Mr. A. fehlen? Um der Wahrheit die Ehre zu geben, müſſen wir bekennen, daß ihn heute ein Agent einer bedeutenden Wohl⸗ thätigkeits⸗Anſtalt in Anſpruch genommen, und inſtändigſt gebeten hatte,! den unterzeichneten Jahresbeitrag zu verdoppeln; die von ihm angeführten Gründe waren von der Art, daß ſich nicht viel dagegen einwenden ließ. — Die Leute glauben, flüſterte er vor ſich hin, ich ſitze bis an die Ohren im Gelde; dies iſt nun ſchon das vierte Mal, daß ich zur vn doppelung der Unterſtützungsgelder für das nächſte Jahr aufgefordert bin. Und gerade in dieſem Jahre habe ich außergewöhnlich viel Ausgaben ge⸗ habt. Ich habe das neue Haus gebaut und eingerichtet, Teppiche und Gardinen gekauft, und immer ſind noch neue Sachen anzuſchaffen. Es iſt nicht möglich, auch nur einen Cent mehr den wohlthätigen Zwecken zu opfern. Und nun ſollen auch noch die Rechnungen für meine Kinder be⸗ zahlt werden— ſeit ich dieſes Haus bewohne, fordert man mehr, als ſonſt— ſollte ich unrecht gethan haben, den Bau zu unternehmen? Mr. A. ſah noch einmal die koſtbaren Wände und Geräthe des Zim⸗ mers an, dann ſenkte er ſchweigend die Blicke auf das Feuer des Kamins. Er war müde und erſchöpft, der Schlaf übermannte ihn, und er ſchloß die Augen. Da glaubte er im Schlafe ein Klopfen an der Thür zu hö ren. Er öffnete. Ein beſcheidener, ärmlich gekleideter Mann ſtand an der Schwelle, und bat mit milder, ſanfter Stimme um eine Unterredung. Mr. A. forderte ihn auf, einzutreten und bot ihm einen Stuhl neben dem Kamine an. Der Fremde ſah beobachtend durch das reich geſchmückte Zimmer, dann wandte er ſich zu Mr. A. und reichte ihm ein Papier. — Hier iſt Ihre Unterſchrift für den Miſſions⸗Beitrag des letzten Jahres, ſagte er. Es bedarf wohl der Erwähnung der Opfer nicht, welche die Sache erfordert, darum frage ich an, ob Sie nicht geneigt wären, den Beitrag zu erhöhen? Dieſe Worte wurden in demſelben ſanften und weichen Tone heſrocen wie die frühern. Der ſchlichte, anſpruchsloſe Mann ſetzte Mr. A. in eine größere Verlegenheit, als es je ein Anderer vor ihm vermocht. Er mußte ſich einige Augenblicke ſammeln, ehe er antworten konnte. Dann aber zählte er raſch und verlegen die Entſchuldigungsgründe auf, die er na ſeiner Anſicht für genügend hielt; er ſprach von harter Zeit, Geldmangel⸗ unvorhergeſehenen Ausgaben für die Familie, und dergleichen mehr. Das Maiblümchen. 115 Der Fremde ſchwieg, und betrachtete wiederum das Zimmer mit den koſtbaren Geräthen und Lurusgegenſtänden. Ohne ein Wort zu äußern, nahm er das Papier aus der Hand des Kaufherrn zurück, und überreichte ihm dann ein zweites. — Hier, ſagte er ſehr ſanft, iſt Ihre Unterſchrift für den Beitrag, den Sie der Traktat-Geſellſchaft bewilligt haben; würden Sie der Summe nicht etwas hinzufügen? Es iſt zwar ſchon viel geſchehen, aber die Ge⸗ ſellſchaft möchte gern noch mehr thun, und bittet die chriſtlichen Brüder um reichlichere Unterſtützung. Fühlen Sie keine Neigung, der Biktte zu entſprechen? Dieſes neue Begehren berührte den Kaufmann ſehr unangenehm; aber in dem Weſen des Fremden lag ein Etwas, das ſeinen aufkeimenden Unmuth unterdrückte. Er zwang ſich zu der ruhigen Antwort, daß zu ſeinem Bedauern die Verhältniſſe ihm nicht geſtatteten, irgend einer Wohl⸗ thätigkeits⸗Anſtalt für das nächſte Jahr mehr zu bewilligen, als er bereits unterzeichnet habe. Schweigend nahm der Fremde das Papier zurück. Dann überreichte er ihm eine Subſeriptionsliſte der Bibelgeſellſchaft, ſchilderte kurz und bündig die Bedürfniſſe des Inſtituts, und bat wiederum, dem bisher ge⸗ währten Beitrage etwas hinzuzufügen. Die Geduld des Kaufmanns war erſchöpft. — Ich habe Ihnen bereits bemerkt, antwortete er, daß ich den Wohl⸗ teitsünſalteui ohne Ausnahme, nicht mehr gewähren kann, als bis⸗ her. Wollen denn die Anſprüche an uns gar kein Ende nehmen? Als es. ſich noch um drei oder vier Zwecke handelte, war der kleinſte Bei⸗ trag willkommen; und jetzt, wo ſich täglich die milden Stiftungen ver⸗ mehren, fordert man auch noch eine Vermehrung deſſen, was man zeither gezahlt hat. Da würde man ja nie fertig. Deshalb muß man einmal den Anfang machen, aufzuhören. Der Fremde erhob ſich, indem er das Papier zurücknahm, und dem Manne in das Geſicht ſah. Dann ſagte er mit einer Stimme, die tief in die Seele drang: — Heute iſt es ein Jahr, daß Du an dem Krankenbette Deiner Tochter ſtandeſt. Schmerz und Verzweiflung verſcheuchten Dir den Schlaf, denn Du fürchteteſt, daß Dein Kind ſterben würde. An wen wandteſt Du Dich in jener Nacht? Voll Entſetzen blickte der Kaufmann den Fremden an, deſſen ganzes Weſen ſich plötzlich verändert zu haben ſchien. Seinem ruhigen Auge ent⸗ ſtrömten durchdringende Blicke, Blicke, die den reichen Mann erſchütterten und niederſchmetterten. Er wandte ſich ſchweigend ab, und bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. — Fünf Jahre früher, fuhr der Fremde fort, als der Tod ſeine kalte Hand nach Dir ausſtreckte, als Du mit Zittern und Schrecken daran dachteſt, daß Deine Kinder arm und hilflos auf der Erde zurückbleiben müßten— zu wem haſt Du da gebetet? Und wer errettete Dich vom Tode? Der Fremde unterbrach ſich auf einige Augenblicke, er ſchien eine Ant⸗ wort zu erwarten. Tiefes Schweigen herrſchte in dem Zimmer. Der Kaufmann war bis in die tiefſte Seele erſchüttert; er ließ das Haupt auf die Bruſt herabſinken, und ſtützte es mit der Hand. Da trat ihm der Fremde näher und flüſterte leiſe, aber eindringlich: — Vor fünfzig Jahren gab es eine Zeit, in der Du ſo einſam, ſo S „ 116 Das Maiblümchen. verlaſſen und dergeſtalt ohne Hilfe und Hoffnung in der Welt ſtandeſt, daß Du Tag und Nacht zum Gebete Deine Zuflucht nahmſt. Damals war Dir nichts zu theuer für eine Stunde der Gewißheit, daß Deine Sünden Dir vergeben ſeien. Erinnerſt Du Dich dieſer Zeit noch? Sprich, wer ſchenkte Dir Erhörung? Da regte ſich plötzlich die Reue in dem reichen Handelsherrn. — Er, er allein! rief er aus. Mein Gott und Heiland! — Und hat er ſich je beklagt, daß man ihn zu oft ruft? fragte der Fremde im Tone milden Vorwurfs; ſage mir, fügte er hinzu, willſt Du in dieſer Nacht noch damit beginnen, nie wieder von ihm etwas zu for⸗ dern, wenn er an Dich keine Forderung mehr richtet? — O niemals, niemals! rief der Kaufmann, indem er ſich zu den Füßen des Fremden niederwarf. Bei dieſen Worten verſchwand die Geſtalt, und der tief ergriffene Handelsherr erwachte. — O mein Erlöſer! Was habe ich denn geſagt? Was habe ich denn gethan? rief er aus. Nimm Alles, mein ganzes Beſitzthum! Es iſt ja Nichts, wenn ich bedenke, was Du für mich gethan haſt! Das Maiblümchen. Das Kanalboot. Unter allen Beförderungsmitteln, deren ſich unſere in hohem Grade reiſeluſtige Nation zu bedienen pflegt, ſteht keins in der öffenklichen Meinung ſo tief, als das wirklich proſaiſche Kanalbvot. Wie kleinlich iſt dieſes verjährte Transportmittel, zumal wenn man es mit dem prächtigen Damfpſchiffe vergleicht, deſſen ſtolzer Flug einen faſt erhabenen Anblick gewährt. Man ſtelle ſich auf einen Punkt, von wo aus man die blauen Fluthen des Ohio, der ſich wie ein glänzendes Silberband fortwindet, ſehen kann, oder den rauſchenden Miſſiſfippi, wie er ſich durch Urwälder Bahn bricht, ſo wird man mit frohem Herzen das Fahrzeug begrüßen, das mit unwiderſtehlicher Kraft die Fluthen durchſchneidet und wie ein fabelhaftes Waſſerungeheuer glühenden Athem aushaucht, daß die benach⸗ barten Ufer von ſeinem Gebrüll wiederhallen. Wahrlich, es liegt etwas Geheimnißvolles, ſelbſt Schreckliches in der Allgewalt des Dampfes. Man ſehe nur die gekräuſelte Dampfſäule, wie leicht und graziös ſie ſich in den blauen Himmel erhebt, dem Anſcheine nach das ſanfteſte und nützlichſte aller geiſtigen Dinge, und bedenke dann, daß es ein Geiſt iſt, der die halbe Welt lebendig erhält und in Bewegung ſetzt; man bedenke, welch ein ausgezeichneter Diener er iſt, der, wie die Unholde der alten Zeiten, die rieſigſten Arbeiten vollbringt, daß er aber auch, wenn man den bannenden Talisman nur eine Minute der Hand entgleiten läßt, ſeine Gewalt zu einer furchtbaren Verheerung anwendet— man muß dann zugeſtehen, daß er mit Recht prächtig und ſchrecklich genannt werden kann. Wie verſchieden iſt nun das Kanalbvot. Da iſt weder gefeſſelte Kraft noch Geheimniß, noch Gefahr; man iſt dort nicht der Gefahr ausgeſetzt, in die Luft ge⸗ ſprengt zu werden, nicht einmal zu ertrinken, wenn Letzteres nicht durch Unklugheit oder vorſätzlich herbeigeführt wird. Man ſieht hier deutlich die wirkenden Kräfte: ein Pferd, ein Seil und einen Streifen ſchlammigen Waſſers— das iſt Alles. Hat der Leſer ſich dieſes Transportmittels ſchon bedient? Nein, höre ich antworten. Gut, ſo wollen wir zuſammen, nämlich verſuchsweiſe, eine kleine Reiſe unternehmen. — Da iſt das Boot! ruft ein Reiſender in dem Omnibus, der uns von Pit bury Manſion⸗Houſe nach dem Kanale bringt. — Wo? rufen ein Dutzend anderer Stimmen, indem zügleich eben ſo viel Köpfe durch die Fenſter des Wagens fahren. — Dort unten, hinter jener Brücke! Sehen Sie die Lichter? — Was, jenes kleine Ding? fragt ein unerfahrener Paſſagier. Das wird ja kaum die Hälfte von uns aufnehmen können! — Fürchten Sie nichts, antwortet ein alter, erfahrener Reiſender. Das Bvot wird nicht nur unſere ganze Geſellſchaft ſondern auch noch ein Dutzend anderer Perſonen aufnehmen. — Unmöglich! rufen andere Stimmen. — Sie werden ſehen! entgegnete der Erfahrene, Und kaum iſt man ausgeſtiegen, ſo entſteht eine babyloniſche Verwir⸗ 118 Das Maiblümchen. rung, ein Geräuſch von Stimmen, ein Schleppen von Kiſten, Kaſten und Reiſetaſchen, und eine Menge Gegenſtände werden ſichtbar, die man vor⸗ wärts, rückwärts, rechts und links unter Stoßen und Drängen fortſchafft. — Das iſt mein Koffer! murmelt ein kleiner, dicker Mann. Meine Schachtel! ruft eine alte Dame, die bei dem Gedanken zittert, daß ihre Sonntagsmützen zerdrückt werden könnten. Wo iſt mein kleines rothes Käſtchen?— Ich hatte zwei Reiſetaſchen und einen— ach, mein Koffer hatte einen Griff!— Hollah, wo wollt Ihr mit meinem Mantelſacke hin? Ach, lieber Mann, habe doch auf den großen Korb und den kleinen Koffer Acht— laß ihn nicht aus den Augen! Wo iſt der kleine Kinderſtuhl? — Steig' nur ein, liebes Kind, ſteige ein in Gottes Namen, ich werde das Gepäck ſchon überwachen! Endlich hat der weibliche Theil der Geſellſchaft begriffen, daß ſich in dieſem beſondern Falle durch öffentliche Reden nichts erreichen läßt; be⸗ ruhigt laſſen ſich die Damen unter das Deck führen. Es iſt höchſt komiſch, die erſchreckten Blicke jedes neu Ankommenden zu beobachten, wenn er bei ſeinem Eintritte den engen Raum ſieht. Eine große Anzahl derer, die zulett kommen, kennen die Kraft der Zuſammenpreſſung nicht, ſie ſetzen ei dem Erblicken des Kanalbvotes voraus, daß es kaum groß genug ſei, ſie und die Ihrigen aufzunehmen— aber, v Himmel! welch ein Schrecken bemächtigt ſich ihrer, wenn ſie eintreten, und eine anſehnliche Colonie von alten Frauen, Kindern mit ihren Ammen, von Müttern, Vätern, Körben und Reiſekoffern erblicken, die ſich bereits eingerichtet haben. — Gerechter Gott! ruft einer der Ueberraſchten, nachdem er das zehn Fuß lange und ſechs Fuß hohe Gemach mit den Augen gemeſſen hat; wo werden wir dieſe Nacht ſchlafen? — Ach, und was für eine Menge Kinder! ruft eine junge Dame ver⸗ zweiflungsvoll aus. — Pah! ruft ein Vielgereiſ'ter— Kinder! das ſind noch nicht viel. Wollen einmal zählen: Eins, die Frau dort im Winkel; zwei, jenes Kind mit dem Butterbrode; drei— und dann die Frau mit ihren beiden Krab⸗ ben. Die Zahl iſt ſehr mäßig für ein Kanalbvot. Wir können indeß noch nichts ſagen, da immer noch Leute kommen. — Immer noch? Sollen denn noch mehr Reiſende aufgenommen wer⸗ den? rufen zwei oder drei Perſonen zugleich. Es iſt ja kein Platz mehr vorhanden! Um das Gegentheil zu beweiſen, erſcheint plötzlich eine alte, umfang⸗ reiche Dame in Geſellſchaft ihrer drei Töchter, deren Wohlbeleibtheit der ihrer Mutter nicht nachſteht. Sie ſehen ſich ſehr freundlich um, ohne die unchriſtlichen Blicke zu beachten, die man ihnen von allen Seiten zuſendet. Doch ſtill, die Scene verändert ſich. Eine wahre Lawine von Perſo⸗ nen aller Größen, aller Formen, jedes Geſchlechts und jedes Alters wälzt ſich herein— Männer, Frauen, Kinder, Ammen und Säuglinge, fallen zugleich und heftig auf das Boot. Selbſt die kleinſte Bewegung der Rei⸗ ſenden wird zur Unmöglichkeit. Alle Geſichter werden mißmuthig. In allen Theilen des Bootes erheben ſich ſchwache Stimmen: — Wir erſticken! Man erdrückt uns! Gott, wir müſſen ſterben! Da aber das Boot weder an Länge noch an Breite gewinnt, ſo fügt ſich Jeder ſeinem Schickſale, obgleich häufig wiederholte Proteſtationen das Gegentheil verſichern. — ——— Das Maiblümchen. 119 Während dieſer Zeit ſtellt ſich der Schlaf bei den Kindern ein, und in den verſchiedenen Winkeln des Raumes beginnen intereſſante Duette und Terzette.— Mamma, ich bin müde! lallt ein Kind.— Wo iſt die Nachtjacke des Kindes? fragt eine Amme.— Nimm Peter auf den Schooß, damit er ruhig bleibt!— Ich bitte, geben Sie den Kleinen Zwieback, damit ſie nicht ſo ſchreien.— Und alle dieſe Phraſen werden von dem Geſchrei der kleinen Kinder begleitet, piano, forte, ſanft und ſtürmiſch, wie es die Natur der Concertiſten erfordert. Dazu kommen die Seufzer der troſtloſen Mütter, es ſcheint, als ob ihnen das Ende der Welt nahe ſei. Die jungen Perſonen ſprechen ihr Erſtaunen darüber aus, daß Mütter mit ihren Kindern reiſen können. Wiederum ändert ſich die Scene. Die ganze Karawane wird in die Herren⸗Kajüte geſchickt, damit man die Betten aufſchlagen kann. Man läßt die rothen Vorhänge herab und ſchreitet zu den letzten geheimniß⸗ vollen Vorbereitungen für die Nacht. Endlich verkündet man, daß Alles fertig ſei. Die ganze weibliche Geſellſchaft kehrt eilig in das Gemach zu⸗ rück, und findet die Wände mit einer Reihe kleiner Bretter geſchmückt, deren jedes ungefähr einen Fuß breit und mit einer Matratze und einer Decke verſehen iſt. Ein ſehr dünner Strick verbindet dieſe Bretter mit der Decke, damit ſie nicht in Unruhe verſetzt werden können. Tief und ſchmerzlich ſind die Betrachtungen der unerfahrnen Reiſenden, vorzüglich der jüngern Perſonen. — Wie, ſo hoch ſoll ich hinaufklettern? Ich kann auf einem ſolchen Brette nicht liegen. Nein, wahrhaftig nicht! die Schnuren könnten reißen! Nun tritt die dienende Magd in die Scene. Sie verſichert feierlichſt, daß an einen ſolchen Zufall nicht zu denken ſei, daß ein Wunder geſchehen müſſe, wenn die Stricke reißen ſollten, und beruft ſich dabei auf die Er⸗ fahrung. Man glaubt der Magd, die nicht erſt ſeit geſtern auf dem Boote dient; ſie iſt ruhig, geſetzt, und ſpricht im ernſten Tone der völligen Ueber⸗ zeugung. Da man einſieht, daß nicht dreißig Frauen zugleich auf der untern Bretterreihe ſchlafen können, ſo bemüht man ſich, dem Rathe der Magd zu folgen. Die Damen ſehen ſich ängſtlich und zitternd an; aber kaum it das erſte Beiſpiel gegeben, ſo wird es, wir muͤſſen es zur Ehre der ſchönen Reiſenden bekennen, allgemein nachgeahmt. Die eingetretene Ruhe wird von einer kleinen Scene unterbrochen. Die dicke Dame näm⸗ lich, die vorerwähnte Mutter jener drei dicken Töchter, verſucht es, ein Beit der obern Reihe zu erklimmen. Dagegen proteſtirt ſehr lebhaft die unter dem erkornen Bette ruhende Nachbarin. Die dicke Dame antwortet ſehr gutmüthig, daß ihr jeder Platz recht ſei. Der edle Wettſtreit endet damit, daß die corpulente Dame ſich unten zur Ruhe legt, und die magere das obere Bett beſteigt. Die Reiſenden find nun für die Nacht untergebracht, aber ein letzter Kampf entſpinnt ſich noch. Hier will man einen Hut ablegen, dort ſucht man ein Umſchlagetuch, an jener Ecke einen Mantel, an dieſer einen Reiſeſack, hier dies, dort jenes— und das Alles geſchieht mit einem ſolchen Eifer, daß niemand zum Zwecke gelangt. — Madame, Sie treten mich auf den Fuß! ruft eine Stimme. — Madame, wollten Sie gefälligſt ein wenig bei Seite treten, ſagt eine Andere, indem ſie weit den Mund öffnet, um Athem zu ſchöpfen. — Bei Seite treten? iſt die troſtlos fragende Antwort. Wie gern machte ich einen Schritt, wenn es nur möglich wäre. 120 Das Maiblümchen. — Aufwärterin! ruft eine Dame, die ſich zwiſchen einem Haufen Reiſetaſchen und Kindern abmüht. — Madame! antwortet die arme Magd, die ebenfalls, wie die bedrängte Dame, an einem andern Orte des Raumes verbarrikadirt iſt. — Wo iſt mein Mantel? — Ich werde ihn ſuchen, ſobald ich loskomme. Aufwärterin, ich finde meinen Korb nicht! Aufwärterin, wo iſt meine Reiſetaſche? — Ach, Madame, ich kann ja nicht durchkommen. — Mamma, man drängt mich von allen Seiten! ruft ängſtlich ein Kind. — Still, mein Kind! Krieche dort in die Ecke und verhalte Dich ſo lange ruhig, bis ich Dich auskleiden kann. Endlich t die kleinen Leiden der Reiſenden ihr Ende erreicht— die Kinder ſchlafen, und ſelbſt die Dulderin, die aufwartende Magd, ſucht ſich einen Winkel, um zu ruhen. Da erhält plötzlich das Kanalbvot einen heftigen Stoß— es iſt an eine Schleuſe gerathen. Die Seile krei⸗ ſchen, Männer laufen oben rufend durcheinander, und die Köpfe der Bett⸗ bewohnerinnen ſtrecken ſich lang empor. Dieſes letzte Manöver führen indeß nur die erfahrenen Reiſenden aus. — Was giebt's? Was giebt's? tönt es von Mund zu Munde, und jedes weckt Verwandte und Freunde auf. Mutter, Tante, Anna, Mary, wacht auf! Was bedeutet dieſes dumpfe Geräuſch? — Bitte verhalten Sie ſich ruhig, es iſt nichts als eine Schleuſe, antwortet eine der Schläferinnen aus der unterſten Reihe. — Eine Schleuſe? rufen einige neugierige Perſonen. Was iſt das, eine Schleuſe? Ich bitte, erklären Sie doch—— — Die Leute wiſſen nicht einmal, was eine Schleuſe iſt! Seid ruhig, und laßt uns ſchlafen. — Nicht wahr, eine Schleuſe hat doch für uns keine Gefahr? fragen die Aengſtlichen weiter. — Gefahr! ruft eine alte Frau, indem ſie ſich erſchreckt aufrichtet. Was giebt es denn? Es iſt doch nichts zerſchellt oder zerſprungen? — Nein, nein, nein! ruft die ärgerlich gewordene Oppoſiklons⸗Par⸗ thei, die begreift, daß ſie nicht eher den dringenden Anforderungen des Schlafes genügen kann, bis die jungen Frauen oben, und die alte Frau unten über die Natur der Schleuſe aufgeklärt ſind. Nach einigen Minuten ſchweigt die Unterhaltung wieder, Alles wird noch einmal ruhig, und man hört nur das Stampfen der Pferde und das Aufſchlagen des Taus auf dus Waſſer. Der Schlaf bemächtigt ſich aller Reiſenden. Man ruht und träumt. Da ertönt plötzlich der laute Ruf: — Aufwärterin, wecken Sie die Dame, die hier ausſteigen muß! Raſch ſpringen die Aufwärterin und die Dame mit ihren beiden Kindern aus den Betten. Wo iſt mein Hut? fragt die ſchlaftrunkene Mutter, indem ſie unter den aufgehäuften Sachen nach dieſem Toiletten⸗ gegenſtande ſuchend umhertappt. Mir iſt, als ob ich ihn über der Thür aufgehangen habe. — Können Sie Ihren Hut nicht finden? fragt die arme Aufwärterin, indem ſie ſich gähnend die Augen reibt. — Hier iſt er, antwortet die Dame. Aber nun werden Umſchlag⸗ tuch, Mantel, Handſchuhe und Schuhe zu Gegenſtänden der Unterhaäl⸗ Das Maiblümchen. 23 tung erkoren. Endlich iſt Alles zum Ausſteigen vorbereitet, da bemerkt Peter, daß ihm ſeine Mütze noch fehlt. — Mein Gott, wo mag denn die Mütze ſein? fragt die Dame ſich ſelbſt. Ich habe ſie an den Fuß des Tiſches gelegt— vielleicht findet ſie ſich auf irgend einem Bette. — Die Wärterin nimmt ein Licht, und macht ohne Umſtände einen en pu die Betten, indem ſie jedem Schläfer das Licht dicht vor die Naſe hält. — Hier iſt ſie! ruft ſie endlich, und zieht einen ſchwarzen Gegenſtand unter einem Kopfkiſſen hervor. — Gott bewahre, das ſind ja meine Schuhe! ruft ärgerlich eine Schläferin. — Ah, dann iſt ſie hier! ruft die Magd, indem ſie einen ſchwarzen Gegenſtand auf einem andern Bette erblickt. — Nein, das iſt meine Reiſetaſche! antwortet eine Frau. Die Aufwärterin ſetzt ihre Unterſuchung fort, und hebt alle auf den Boden gebetteten Kinder auf, um zu ſehen, ob die Mütze nicht zu finden ſei; dieſe Operation weckt natürlich die Kleinen aus dem Schlafe, ein lautes Geſchrei erhebt ſich, das wiederum die Reiſenden völlig ermuntert. Aber es werden auch Wünſche wach, die Petern und ſeiner Mütze einen Platz auf dem Grunde des Kanals nicht mißgönnen. Da ruft plötzlich die Mutter: — Ach, das nenne ich ein Glück! Hier liegt ja die Mütze in meinem Korbe. Sie iſt da! Sie iſt da!. Endlich geht die Dame; eine Fluth von— nun ich will es nur ſagen, tt die Geſellſchaft aus Damen beſteht— eine Fluth von Ver⸗ wünſchungen begleitet ſie. Nach dieſer unerquicklichen Scene huſten die Kinder, nieſen die alten und räuſpern ſich die jungen Damen. Zu gleicher Zeit laſſen ich aus den verſchiedenen Stockwerken der Betten eben ſo er⸗ bauliche als lehrreiche Bemerkungen vernehmen. Eine Dame will den Schluß gezogen haben, daß die Frau mit der Mütze nicht an Ordnung gewöhnt ſei; eine andere ſagt, ſie ſei im Stande, die ganze Welt aufzu⸗ wecken; eine dritte fügt hinzu, es ſei entſetzlich, daß die Kinder geſtört wären; und die andern von einem gewiſſen Alter ſtellen moraliſche Be⸗ trachtungen an über die Wichtigkeit der Ordnung in den Sachen, ohne welche man nie finden könne, was man nöthig hat. Dieſe langſam nnd ſchläfrig gemachten Bemerkungen bilden den harmoniſchen Grundbaß zu dem im Biscant gehaltenen Geflüſter der Inhaberinnen des erſten Stocks, die laut erklären, daß ſie völlig munter geworden ſind, und daß ſie nicht daran denken, wieder einzuſchlafen. Nun plaudern ſie über alle nur er⸗ denklichen Gegenſtände, und zwar mit einer ſo eminenten Zungenfertigkeit, daß man wünſchen möchte, man ſtehe zu ihnen in einer Beziehung, die einen entſchiedenen Befehl zum Schweigen erlaubte. Endlich aber fordert die Natur dennoch ihren Zoll, die Zungen wer⸗ den ruhig, und die Augen ſchließen ſich; man ſchläft einen erquickenden Schlaf. Faſt ſcheint es, als ob man nun eine Viertelſtunde dieſes Glück genoſſen habe, wenn die Aufwärterin am Aermel zupft und ruft: —Stehen Sie gefälligſt auf, Madame, die Betten müſſen aufge⸗ räumt werden! Man reißt die Augen auf, und ſieht ſich erſtaunt um: die Nacht iſt eoribe, der Leſer kennt nun eine Nacht auf dem amerikaniſchen analboote. 122 Das Maiblümchen. Nun beginnt die Morgentoilette. Welch ein Knäuel von Perſonen in einem ſo engen Raume! Ein Spiegel muß dreißig Geſichtern dienen; ein Spülfaß und ein Waſſerkrug dreißig Händen; und man denke ſich nur, für die ganze Geſellſchaft iſt auch nicht ein einziges Handtuch vorhanden. Darüber, daß Frauenſchuhe in die Herren⸗Kajüte, und Männerſtiefel in die Frauen⸗Kajüte auf eine ſonderbare Weiſe gekommen jind, wollen wir weiter nicht reden, denn bei dem Kommen, Gehen, Suchen, Drängen und Laufen ſind ſolche Verwechſelungen nicht zu vermeiden. Außerdem ſtoßen dieſe Räume dicht aneinander, und ſind nur durch einen rothen Vorhang eſchieden. Doch enden wir die Schilderung der Unannehmlichkeiten eines ameri⸗ kaniſchen Kanalbootes mit dem Ausrufe: welche Nacht! welche Nacht! Man bezeichnet derartige Ausflüge mit dem Worte„Vergnügungs⸗ reiſen“; wir wollen dieſe Vergnügungsreiſen auch nicht anſchwärzen— aber wir rathen Denen, die eine Reiſe auf dem Kanalbvote unternehmen wollen, ſich mit einer guten Portion Geduld und einigen reinen Handtüchern zu verſorgen. Das Maiblümchon. 123 Gefühl. Es giebt drei Arten, die menſhliche Natur zu ſtudiren. Die erſte betrachtet die Menſchen gewiſſermaßen als Inſtrumente, die zur Erreichung verſönlicher Zwecke beſtimmt ſind. Die zweite ſieht ſie als eine Gemälde⸗ Gallerie an, die man bewundert oder belächelt, je nachdem die Carricatur oder das Ideal des Schönen vorherrſcht. Die dritte Art betrachtet ſie als Weſen, die für Leid und Freude empfindende Herzen haben, die man er⸗ heben oder zu Grunde richten kann; als Weſen, die mit uns in geheim⸗ nißvoller, wechſelſeitiger Einwirkung ſtehen, deren gegenwärtiges Leben vurch das Band gemeinſamer Gefahr, und deren zukünftiges durch eine heilige Ahnung mit uns verbunden iſt; als Weſen endlich, die unſerer Theilnahme und unſers Beiſtands werth ſind, wo wir ihnen auch begegnen mögen. Wer dieſe letzte Art anerkennt, intereſſirt ſich nicht nur für Menſchen ihrer perſönlichen Eigenſchaften wegen, ſondern auch aus Anlaß der Fähig⸗ keiten, die ihnen als intelligenten, unſterblichen Weſen eigen ſind; in dem Glauben an das, was jeder unſterbliche Geiſt erreicht; in der Furcht vor den Verſuchungen und Gefahren, denen er ausgeſetzt, und nicht ſelten auch in der Wahrnehmung der Irrthümer und Fehler, die ihn ſeinem Verderben zuführen. Die zwei erſten Arten hat der größte Theil der Geſellſchaft adoptirt; die letztere aber haben ſich nur einzelne am Lebenshimmel blin⸗ kende Sterne als Amt erkoren, die aus der Höhe herabblicken, um uns zu erinnern, daß wir auf einer Welt des Lichts und der Liebe wandeln. Zu dieſen Sternen gehörte Er, deſſen Aufgang und Niedergang auf Erden ein„Heil der Nationen“ war; und zu dieſer Klaſſe hat mancher reine und fromm ergebene Geiſt gehört, der, gleich ihm, herrlich ſtrahlte, und gleich ihm in den Himmel verſchwand. Dieſer Klaſſe anzugehören ſehnt ſich mancher, der klar die Göttlichkeit der Tugend erkennt, aber nicht feſt genug iſt, ſie zu erreichen; der, von Selbſtſucht verblendet, mit dem Strome der Geſellſchaft fortgeriſſen wird, aber innig bedauert, daß er in Nichts von ihr ſich unterſcheidet. Dieſe Betrachtungen laſſen ſich zwar nicht unmittelbar auf das Folgende anwenden, aber ihre erſte Anregung liegt darin, und deshalb überlaſſen wir es der Beurtheilung der Leſer, ob es ſeinen Platz hier finden möge. Tretet an einem warmen Juli⸗Nachmittage mit mir in dieſe Schulſtube. Die Luft iſt ſo ſtill und ſchwül, daß ſich nicht ein Blatt des großen Nuß⸗ baums vor der Thür bewegt. Seit einigen Stunden ſchon hat die Sonne mit ihrer vollen Kraft durch die Fenſter ohne Vorhänge auf die dintenbe⸗ fleckten und zerſchnittenen Tiſche, auf die alten gebrechlichen Bänke und den Sitz der oberſten Gewalt, einen großen Seſſel, geſchienen. Draußen läßt ſich das Gackern der Hühner vernehmen, welche das Her⸗ annahen der Veſperſtunde wittern und ſich zum Aufpicken der Brodkrumen bereit halten, die von den Kindern hinausgeworfen werden. In der Schul⸗ ſtube iſt es ſeltſamerweiſe völlig ruhig, denn die drückende Schwüle lähmt ijede Bewegung. Man kann hier ungeſtört Charakterſtudien anſtellen, da „ „ 124 Das Maiblümchen. man weder das Klopfen der kleinen Herzen, noch das Toben der umher⸗ ſchwärmenden Gedanken vernimmt. Sieh' rings um Dich. Wer von dieſen Allen iſt der Intereſſanteſte? Iſt es dort der große braunhaarige Knabe mit dem Blicke eines Falken, der ſeine Ellbogen auf das Buch ſtützt und überlegend nach dem Nußbaume ſieht, wie er nach beendigter Schulſtunde ſeine Eichhornfalle aufſtellen ſoll? Oder dort der krausköpfige Bube, der vor unterdrücktem Lachen zerplatzen möchte, weil er draußen ein Huhn in einen Speiſekorb kriechen ſieht? Oder iſt es endlich jener hübſche Knabe, mit den langen, dunkeln Augenwimpern, und den niedlichen Grübchen in den Wangen, der ſich bemüht, einen An⸗ gelhaken in den breiten Nockflügel des Lehrers zu werfen, und jedesmal ſo. nachdenkend wie Archimedes ausſieht, wenn der gute Mann ſich zu ihm wendet? Nein; dieſe ſind zwar intelligent, aufgeweckt und hübſch, aber wir meinen ſie nicht. Iſt es vielleicht jenes kleine ſchläfrig ausſehende Mädchen mit den blonden Locken und dem lieblichen friſchen Munde, der einer kaum erſchloſ⸗ ſenen Roſenknospe gleicht? Ihr Fingerhut liegt am Boden, das Nähezeug auf dem Schooße folgt ihm, ihre hellen Aeuglein ſchließen ſich wie Veilchen am Abend und der niedliche Kopf ſinkt ſeitwärts auf die Schulter der Schweſter— die wird es ſein! O nein, auch dieſe nicht. Nun ſeht dort in jene Ecke; da ſitzt ein Knabe mit traurigen, theil⸗ nahmloſen und dabei faſt bösartigen Mienen. Müßig und faul wie jetzt, iſt er immer, und muß er etwas thun, ſo geſchieht es langſam und mürriſch. Er hat ſo wenig Neigung, ſich in Worten und Handlungen freundlich zu ſehen wie ſein ſtarres, helles Haar geneigt iſt, lockig zu werden. Täg⸗ ich wird er getadelt oder beſtraft, aber täglich wird er mürriſcher und ver⸗ droſſener. Von ſeinen Schulgenoſſen will keiner mit ihm ſpielen, und ge⸗ ſchieht es mitunter, ſo haben ſie es zu beklagen. Der Lehrer ſagt ihm jeden Tag, daß er nicht mehr wiſſe, was er mit ihm beginnen ſolle, daß er ihm mehr zu ſchaffen mache, als die ganze Klaſſe. Dieſen Knaben be⸗ zeichne ich als den intereſſanteſten. Er iſt es, weil er ſich ungefällig zeigt, weil ſeine Angewohnheiten ſchlecht ſind, weil er unrecht handelt, oder doch ſtets ausſteht, als ob er unrecht handelte. Ich nenne ihn intereſſant, weit er durch dieſelben Gemüthsanlagen geworden iſt, was er iſt, durch Anlagen, die auch die Tugend nicht ausſchließen. Der düſtere Ausdruck des Geſichts und der mürriſche Charakter ſind ein Beweis ſeines tiefen Gefühls. Die⸗ ſen Knaben halte ich für den intereſſanteſten. Den Vater und die Mutter hat ihm der Tod geraubt; aber er hat noch theilnehmende, freundlich geſinnte Verwandte, die in materieller Be⸗ ziehung reichlich für ihn ſorgen würden, wenn, wie ſie ſich auszudrücken pflegen, der Knabe nur ordentlich und arkig ſein wollte. Warum iſt ſein Schweſterchen immer fteundlich, gefällig und heiter? fragen ſie. Kann er nicht eben ſo ſein? Sind ſeine Uimſtände nicht dieſelben? O nein, ſo iſt es nicht. In dem Umſtande iſt er von jener verſchieden, daß er ein für alle Regungen tief empfängliches Gemüth beſitzt, während die Schweſter wenig denkt und fühlt. Der Tadel macht ihn traurig, er kann ihn ſo leicht nicht vergeſſen. Trifſt der Tadel die Schweſter, ſo bittet ſie um Verzeihung, und wird ihr dieſe gewährt, ſo iſt Alles vorbei. Ihr Gemüth iſt ſo wenig verwundbar wie das Bächlein, in welchem ſie ſo gern ſpielt. Seine klaren Wellen fließen augenblicklich wieder zuſammen, und murmeln heiter fort, wie zuvor. Das Maiblümchen. 125 Welches iſt nun das wünſchenswertheſte Temparement? Eine ſchwer zu beantwortende Frage. So wie die Macht des Gefühls für alles Edle im Menſchen nöthig iſt, ſo bereitet ſie auch die größte Gefahr. Wer nur auf der glatten Oberfläche nach dem Glücke jagt, ſetzt ſich gefahrloſer in den Beſitz deſſelben als der, der in das Meer des Gefühls hinabtaucht; aber wird das Streben des Letztern mit Erfolg gekrönt, ſo bringt er koſtbare Perlen und Steine empor; vermag er ſich nicht wieder hinaufzuſchwingen, iſt er unwiederbringlich verloren! Es iſt Sonnabend, die Schule iſt ſo eben aus. Erinnert ſich der Le⸗ ſer wohl noch aus ſeiner Jugendzeit der köſtlichen Ausſicht auf einen langen, heitern Sonnabend-Nachmittag? Wohin gehſt Du? Willſt Du mich be⸗ ſuchen? Wollen wir fiſchen gehen? Dieſe Fragen tönen hier und dort aus dem Haufen froher Kinder. Aber keiner fragk den mürriſchen James, und die, welche ſeine Schweſter beſuchen wollen, wünſchen, daß James nicht da wäre. James merkt Alles; er verſteht das Flüſtern, weiß ſich jede Bewegung zu deuten, und empfindet ſie tief; ernſter und trüber als ſonſt geht er nach Hauſe. Für ihn iſt die Welt finſter, Alle wenden ſich von ihm ab und ſagen, daß er ſelbſt die Schuld daran trage— und dadurch wird die Sache noch ſchlimmer. Wenn nun die kleine Geſellſchaft ankommt, ſo iſt er mißtrauiſch und aufgereizt; natürlich ſchließt man ihn von Allem aus. Betrübt und ein⸗ ſam ſieht er über den Zaun in den Garten, wo die fröhliche Gruppe ſich ihren Spielen hingiebt— er fragt ſich in Gedanken, warum er wohl nicht ſo iſt, wie jene Kinder dort ſind? Er möchte gern ſo ſein, aber er weiß nicht, wie er es anfangen ſoll. Er blickt um ſich— Alles iſt heiter und ſonnig. Da liegt ſein kleines Blumenbeet, auf dem ſo eben ein Roſenſtrauch ſeine Knospen herrlich erſchloſſen hat— es erſcheint ihm lieblicher als je zuvor. Auch Mietzchen jagt ſich mit der kleinen Helene durch die blumigen Wege des Gartens; die Vögel hüpfen ſingend in den Zweigen, ein ſanftes Lüftchen küßt die duftigen Blüthen, die ganze Natur lächelt ihn freund⸗ lich an— aber er fühlt ſich unglücklich. Laßt uns dieſe Scene ändern. Warum iſt jene Verſammlung ſo auf⸗ merkſam, ſo ſchweigend? Wer iſt wohl der Redner? Er iſt unſer alter Freund, der kleine, traurige Schulbube. Jetzt ſtrahlen ſeine Augen Klar⸗ heit und Erkenntniß, ſein Geſicht glüht vor Aufregung, ſeine Stimme tönt köſtlich wie Muſik, und alle Hörer ſind entzückt, hingeriſſen. Nun geht die Sonne majeſtätiſch, prächtig unter, jener Enthuſiaſt nähert ſich ihm und reicht ihm als einem Freunde die Hand. Er ſchweigt — glücklich, ſelig. Ex fühlt die Poeſie, die von Gott ausgeht, er iſt ſo davon ergriffen, wie Gott will, daß ſie der Geiſt empfinden ſoll. Dann wieder ſitzt er wachend an einem Krankenbette, und glücklich der Kranke, der einen ſolchen Pfleger hat! Jedem Wunſch genügt er zu⸗ vor; er tröſtet nicht kalt und theilnahmlos, ſondern mit der Zärtlichkeit und Milde eines Engels. Folgen wir ihm nun in den Kreis der Freunde, ſo ſehen wir, wie ſie ihn achten und lieben. Warum ſagt man ihm das ſo unumwunden, was man keinem Andern auszuſprechen wagt? Warum fühlen Alle in ſeinem Kreiſe, daß er ſie verſteht und ebenſo empfindet, wie ſie empfinden? Und wenn der Himmel ſeine Thore des Lichts erſchließt, wenn all ſein Erkennen, ſeine Klarheit die Seele erfüllt, wer wird dann der Aus⸗ erkorene ſein? Er, der empfinden kann, oder er, der nicht empfinden kann? 6 126 Das Maiblümchen. Die Näherin. Des Lebens höchſten Jammer Und der Entbehrung Noth Empfindet nur der Arme, Dem fehlt das Stückchen Brod. Der Reiche ruht auf Seide, Und lebt in Ueberfluß— Was kümmert ihn der Arme, Der leidend wachen muß? Der Arme ſitzt verborgen Im ſtillen Kämmerlein, Es fließen ſeine Thränen, Wenn ſich die Reichen freu'n. Die Leiden der Entbehrung ſuchen nicht nur Diejenigen heim, die in zerriſſenen, beſchmutzten Kleidern, und mit gemeinen, durch die Noth abge⸗ härteten Geſichtern die Spenden der Mildthätigkeit zu empfangen ſtets bereit ſind, ſie nagen auch an Denjenigen, deren Beſcheidenheit und edler Stolz es vorziehen, ſchweigend das harte Loos zu erdulden, als ein Wort der Klage darüber auszuſprechen, daß es ihren Anſtrengungen nicht ge⸗ lingt, die nöthigſten Bedürfniſſe zu befriedigen. Werfen wir einen Blick in ein kleines Zimmer jenes armſeligen Hauſes, deſſen Fenſter nach einem finſtern Hofe hinausgeht. Es wird von einer Wittwe und ihrer Tochter bewohnt, deren Sub ſtenz von dem Er⸗ trage ihrer Näharbeit und von jenen andern ſpärlichen Hilfsquellen ab⸗ hängig iſt, zu denen Frauen ihre Zuflucht nehmen, wenn ſie allein und ohne Stütze den Kampf mit dem Leben unternehmen müſſen. Der kleine Raum umfaßt den ganzen irdiſchen Beſitzthum ſeiner Bowohnerinnen. Jedes der Geräthe iſt ein Gegenſtand reiflicher Ueberlegung geweſen, denn der Preis der Anſchaffung mußte wohl berechnet werden. Wohin man blickt, herrſcht die größte Ordnung und Reinlichkeit. Die koſtbarſten Meubles eines modiſchen Boudvirs werden ſicherlich nicht ſo ſorgfältig vor Riſſen und Stößen bewahrt, als dieſer einfache, gefirnißte Schreibtiſch, die hübſche Komode und die Bettſtelle von Kirſchbaumhotz. Auch der Fuß⸗ boden hatte ſich früher ſtolz in einen Teppich eingehüllt; aber die geſchäf⸗ tige Zeit hatte hier und dort ein Loch eröffnet, und obgleich raſtloſe Hände ihren Angriffen entgegengearbeitet, ſo war es dennoch unmöglich geweſen, die Spuren des Alters zu verwiſchen. Wenn nun auch ein guter Nachbar hilfreich ein Stück Zeuch hergegeben, das, ſauber zugeſchnitten und geſäumt, das größte Loch gerade dem Kamine gegenüber bedeckte, und wenn auch noch verſchiedene andere Stücken andre Löcher verbargen, ſo war es leider dennoch zu erſichtlich, daß der arme Teppich nicht lange mehr keben konnte. Trotz der Armuth, zeigt ſich Alles von der freundlichſten Seite. Der Das Maiblümchen. 127 kleine Schenktiſch in der Ecke, auf dem einige Taſſen von chineſiſchem Por⸗ zellan, und zwei alte ſilberne Theelöffel, theure Ueberbleibſel beſſerer Tage, prangen, iſt ſorgfältig und geſchmackvoll geordnet; die alten Fenſtervor⸗ hänge von weißem Mouſſeline ſind ſorgfältig gewaſchen, geſtärkt, ſauber geplättet, und ſtreng nach der Symmetrie über dem Fenſter angebracht. Auf dem Schreibtiſche, der mit einem ſchneeweißen Tiſchtuche bedeckt iſt, ſind einige Bücher und kleine Gegenſtände der Kunſt oder Phantaſie ord⸗ nungsmäßig aufgeſtellt. Darüber hängt ein kleines Bild, deſſen Farben zwar verblichen ſind, das aber dennoch für die arme Wittwe der koſtbarſte von allen Gegenſtänden iſt. Mrs. Ames ſitzt in ihrem Lehnſtuhle; ein Rückenkiſſen ſtützt ſie bei der emſigen Arbeit des Zuſchneidens; ihre Tochter, ein ſchlankes Mädchen mit bleichem, leidenden Geſichte, ſitzt am Fenſter und näht. Mrs. Ames war einſt die Gattin eines geachteten Kaufmanns und die Mutter einer Familie, die zärtlich an ihr hing. Aber das Unglück hatte ſie mit einer Beharrlichkeit verfolgt, die eher dem Beſchluſſe eines feindlichen Geſchicks, als der Fügung einer gütigen Vorſehung glich. Zu⸗ erſt erlitt das Geſchäft beträchtliche Verluſte, dann ſtellten ſich langwierige und koſtſpielige Familienkrankheiten ein, die mehrere Kinder hinwegrafften, dann mußte das Haus mit ſeiner ganzen Einrichtung verkauft werden, und man bezog eine höchſt beſcheidene Wohnung; endlich ward der Reſt des Beſitzthums verkauft, und die Familie verließ das Heimathsland, um jenſeits des Meeres eine neue Eriſtenz zu gründen. Aber kaum hatten die vertriebenen Menſchen den Hafen erreicht, ſo raffte der Tod den Vater hinweg, und ſein Sarg ward der fremden Erde übergeben. Die betrübte und völlig entmuthigte Wittwe hatte noch eine lange Reiſe zurückzulegen, ehe ſie die Perſonen erreichte, die ſie als ihre Freunde betrachten konnte. Trotz der beſchränkten Mittel trat ſie mit ihren beiden Töchtern die Reiſe an, ohne Stütze, ohne Führer. Sie erreichte zwar den Ort ihrer Beſtimmung; aber ſie befand ſich bei ihrer Ankunft nicht nur ohne alle Hilfs⸗ und Erwerbs⸗Quellen, ſie ſchuldete auch noch eine nicht unbedeutende Summe, die ihr Jemand zu der Reiſe geliehen hatte. Still und geduldig ertrug ſie das Drückende ihrer Lage. Sie mußte ſich von ihren Töchtern trennen, die ſie nun des⸗ halb ſorgfältig erzogen hatte, um ſie als Dienſtmägde unterzubringen. Sie ſelbſt nahm als Kinderwärterin Dienſte. Da ward auch noch das jüngſte Kind krank, und der ſpärliche Ertrag des mühſeligen Dienſtes wurde von den Koſten der Krankheit verſchlungen, von der ſich zwar das arme Mädchen einigermaßen wieder erholte, die aber, nach dem Ausſpruche des Arztes, nie völlig zu heilen ſein würde. Als die Kranke ſo weit geneſen war, daß ſie der Pflege nicht mehr bedurfte, ergriff Mrs. Ames die Beſchäftigung einer Näherin. Kaum hatte ſie mit großer Mühe die Rückzahlung der geliehenen Summe, und die Einrichtung des erwähnten kleinen Zimmers ermöglicht, als die Krankheit ſich ihrer ſelbſt bemächtigte. Muthig und feſt widerſtand ſie den erſten Angriffen des Uebels, ſie ſetzte unverdroſſen die Arbeit fort, bis ſie die Kraft völlig verlaſſen hatte. Dieſe zu erſetzen, nahm ſie eine ihrer Töchter aus dem Pienſte zurück. In dieſe Zeit fällt der Beſuch, den der Leſer mit uns der Mutter und der Tochter abſtattet. Mrs. Ames hat eine Woche lang ihr Bett nicht verlaſſen können; heute, obgleich noch ſehr ſchwach, iſt ſie zum erſten Male aufgeſtanden⸗ 128 Das Maiblümchen. Sie erinnert ſich nämlich, daß der Monat bald zu Ende iſt, und um die Miethe pünktlich zahlen zu können, ergreift ſie, trotz ihrer völligen Ab⸗ ſpannung, die Arbeit. Aber bald iſt ſie von dem Nähen und Zuſchneiden ſo erſchöpft, daß ſie in die Lehne des Stuhls zurückſinkt. Ihre Blicke richten ſich auf das magere Geſicht der Tochter, die ſeit zwei Stunden eifrig gearbeitet hat. — Helene, fagte ſie, mein liebes Kind, Du haſt Kopfſchmerzen— ſtrenge Dich nicht ſo an. 13 — Nein, Mutter, der Schmerz iſt ſehr unbedeutend, antwortet ſie raſch und unbefangen, um die Mutter in dem Gedanken zu beſtärken, daß das Leiden nicht heftig ſei. Armes Kind! Wenn ſie in der Lage, in der ſie geboren, geblieben wäre, ſo würde ſie jetzt nicht an den Stuhl gefeſſelt ſein, ſondern draußen ſpielen und ſich des Lebens freuen, wie andere junge Mädchen von funfzehn Jahren; ſie würde Umgang mit hübſchen Gchoſſtunen pflegen, und Be⸗ ſuche abſtatten und annehmen— jetzt hat ſie Nichts, die arme Verlaſſene, ein kurzer, einſamer Spaziergang iſt ihre einzige Erholung. Der Morgen wie der Abend bringt entweder 4o noch muß ſie unausgeſetzt in gleicher Thätigkeit bleiben. Das iſt traurig für ein junges Mädchen von funfzehn Jahren! Doch ſieh', da öffnet ſich die Thür, und das Geſicht der Mrs. Ames verklärt die Freude, denn Mary, ihre andere Tochter, tritt ein. Marh dient als Magd bei einer benachbarten Familie, wo ſie, ihrer Treue und Herzensgüte wegen, mehr als eine Tochter und Schweſter, als eine Dienerin gehalten wird. — Hier, Mutter, iſt Geld zur Hausmiethe! ruft ſie aus. Jetzt lege Deine Arbeit fort, und tuhe ein wenig aus. Ich verdiene ſo viel, daß ich Dir die Summe für den nächſten Termin ſchon früher als nöthig bringen kann. — Mein gutes Kind! ſagt Mrs. Ames. Behalte doch etwas für Dich zurück. Ich kann es nicht über mich gewinnen, Deine und Helenen's Erſparniſſe noch ferner zu verwenden— Du brauchſt zum Frühjahr ein neues Kleid und einen neuen Hut. — O nein, liebe Mutter, ich habe meinen Hut neu überzogen— Du wirſt Dich wundern, wie hübſch er wieder geworden iſt. Und wenn mein beſtes Kleid ſorgfältig ausgebeſſert und gewaſchen wird, kann ich es noch einige Zeit tragen. Außerdem hat mir Mrs. Grant ein ſchönes Band geſchenkt, das ſ auf meinem Hute ganz hübſch ausnehmen wird. Hier habe ich auch einige Flaſchen Wein mitgebracht, denn der Arzt ſagt, daß er Dir nöthig wäre. — Mein Kind, bereite Dir doch ſelbſt einmal eine kleine Freude! — Die Froude, Dich unterſtützen zu können iſt größer, als wenn ich die ſchönſten Kleider von der Welt trüge. Zwei Monate nach dieſem Geſpräche befindet ſich unſere kleine Familie in noch gedrücktern Verhältniſſen, als früher. Während der ganzen Zeit pfſchmerzen oder Seitenſtechen, und den⸗ hatte Mrs. Ames krank im Bette gelegen, und Helene hatte alle ihre Zeit und Kraft zur Pflege der Kranken verwenden müſſen. An die Arbeit war demnach wenig zu denken geweſen. Mary hatte nicht nur ihren laufenden Lohn, ſondern auch einen Vorſchuß auf die nächſten zwei Monate, den ſie von ihrer Herrſchaft erhoben, ausgegeben. 4 3 Das Maiblümchen. 129 Seit zwei Tagen befand ſich Mrs. Ames beſſer. Sie ſaß in ihrem Lehnſtuhle, und arbeitete mit der größten Anſtrengung an einigen Hemden, deren Anfertigung ihr aufgetragen war. — Das Geld für dieſe Arbeit wird gerade die Miethe decken, ſagte ſie ſeufzend. Wenn wir dieſe Woche noch ein wenig arbeiten können, — — Mutter, Du biſt ſo erſchöpft, ſagte Helene— lege Dich in das Bett und mühe Dich in meiner Abweſenheit nicht mehr ab. Helene ging aus. Nach einem kurzen Gange blieb ſie vor einem Hauſe ſtehen, deſſen elegantes Aeußere auf einen reichen Vewohner ſchließen ließ. In einem prächtigen Zimmer dieſes Hauſes ſaß Mrs. Elmore; zwei junge Mädchen waren emſig bemüht, verſchiedene Mode⸗Artikel vor ihr auszubreiten. — Ach, dieſer wunderſchöne blaßrothe Shawl! rief die Eine, indem ſie ſich damit ſchmückte und vor den Spiegel trat. — Und dieſe Taſchentücher, Mutter! Welche köſtliche Spitzen! rief die Andere. — Nein, Kinder, rief Mrs. Elmore, der Ankauf dieſer Taſchentücher wäre die größte Verſchwendung— ich kann nicht begreifen, daß Ihr ſolche Dinge haben wollt! — Ach, Mutter, man trägt ſie jetzt allgemein. Laura Seymour hat ein halbes Dutzend, die noch theurer ſind, als dieſe— und ihr Vater iſt doch nicht ſo reich, als der unſrige. — Ob reich oder nicht reich, das thut nichts zur Sache! antwortete Mrs. Elmore. So lange wir dieſes Haus haben, brauchen wir mehr Geld, als in der kleinen Wohnung der Spring⸗Street. Mit der Vermeh⸗ rung unſers Mobiliars ſcheinen ſich auch Eure Anſprüche vermehrt zu haben, denn Alles, was Ihr ſeht, wollt Ihr kaufen— wir ſind jetzt ärmer, als früher. Ein Diener öfſnet die Thür, und meldet, daß die Tochter der Mrs. Ames die Nähearbeit bringe. — Sie ſoll eintreten! ſagt Mrs. Elmore. Helene tritt ſchüchtern ein, und überreicht Mrs. Elmore das Paket mit der Arbeit. Die Dame prüft ſogleich die angefertigten Sachen mit Kennerblicken, denn ſie war ſtolz darauf, ſelbſt ſehr gut zu nähen. Aber obgleich die Arbeit nur mit ſchwachen Händen und kranken Augen gefer⸗ tigt war, ſo fand ſie die Dame dennoch völlig tadellos. — Vortrefflich! rief ſie aus. Was fordert Deine Mutter? Helene überreichte eine ſorgfältig zuſammengelegte Rechnung, die ſie im Namen der Mutter geſchrieben hatte. — Mein Kind, ich muß bekennen, daß mir die Preiſe Deiner Mutter ſehr hoch vorkommen, ſagte Mrs. Elmore, indem ſie ihre faſt leere Börſe prüfte. Es iſt jetzt Alles ſo theuer, daß man kaum noch leben kann. Mit der Miene unſchuldigen Erſtaunens ſah Helene die ausgebreiteten Modeſachen und das prachtvolle Zimmer an. — Ah, fuhr Mrs. Elmore fort, Du meinſt, ich merke es wohl, daß Leute unſers Standes nicht ökonomiſch zu ſein brauchen! Aber ich fühle es täglich mehr, wie nöthig uns die Oekonomie wird. Bei dieſen Worten gab ſie Helenen die laut Quittung geforderten Maiblümchen. 9 Das Maiblümchen. drei Dollars, obgleich die Arbeit die Hälfte mehr werth war. Dieſe drei Dollars waren das ganze Vermögen Helenen's und ihrer Mutter. — Nun ſage Deiner Mutter, fuhr die Dame fort, daß mir ihre Arbeit zwar gefällt, daß ich ſie aber ferner nicht mehr werde beſchäftigen können, da ſich wohl eine Perſon findet, die billiger iſt. Man wird Mrs. Elmore für eine hartherzige Frau halten— ſie iſt es nicht. Wenn Helene für ihre kranke Mutter die Mildthätigkeit der Dame in Anſpruch genommen hätte, ſo würde ſie ihr einen Korb mit Le⸗ bensmitteln, eine Flaſche Wein, ein Paket alter Kleidungsſtücke, und ähn⸗ liche in ſolchen Fällen übliche Sachen gegeben haben; aber der Anblick einer Rechnung erweckte die inſtinktmäßige Genauigkeit der Kaufmannsfrau. Sie dachte nicht daran, pünktlich zu zahlen, ſie erachtete es vielmehr für eine Pflicht der Oekonomie, ſo wenig an Löhnen auszuzahlen, als nur möglich. Als Mrs. Elmore noch in der Spring⸗Street wohnte, brachte die Familie den größten Theil der Zeit im Hauſe zu, und die weiblichen Mitglieder derſelben beſorgten die Nähearbeiten ſelbſt; ſeit ſie aber das große Haus bezogen, Pferde und Wagen angeſchafft hatten, wa⸗ ren die jungen Damen ſo ſtolz geworden, daß ſie ſich der Anfertigung ihrer eigenen Sachen ſchämten. Die Zeit der Mutter ward von der Ueberwachung des ausgebreiteten Hausweſens völlig in Anſpruch genom⸗ men. Die Nähereien wurden nun von andern Leuken beſorgt, und Mrs. Elmore glaubte nicht genug thun zu können, um ſich als eine tüchtige Wirthin zu zeigen. Deſſen ungeachtet waren Mutter und Töchter ſo eigen, daß ſie den Schnitt und die Stoffe ihrer Kleidung ſtets nach der Mode wählten, und die Anfertigung derſelben nur den beſten Arbeitern übertrugen. Mrs. Elmore dachte nicht daran, daß ſie die Pflicht des Wohlthuns gegen arme Leute verletze; aber ſie hatte auch nie bedacht, daß die Klaſſe der Armen, die nie eine Bitte ausſprechen, die der Theilnahme am wür⸗ digſten iſt. Sie hatte nie in Betracht gezogen, daß ſie viel mildthätiger ſei, wenn ſie die Perſonen reichlich bezahle, die ſich anſtändig und unab⸗ hängig zu ernähren ſuchen, als wenn ſie einer Menge Bettlern Al⸗ moſen reicht. — Denke Dir, Mutter, berichtete Helene bei ihrer Rückkehr, Mrs. Elmore ſagt, unſere Rechnung ſei zu hoch. Sie muß nicht wiſſen, daß dieſe Hemden viel Arbeit erforderten. Sie ſagt, ſie könne ferner nicht mehr bei uns arbeiten laſſen, ſie wolle ſich Jemand ſuchen, der billiger wäre. Es iſt mir unbegreiflich, wie Leute, die in ſo ſchönen Häuſern wohnen und ſo koſtbare Sachen beſitzen, ſagen können, ihnen fehlen die Mittel, unſere Arbeit nach Verdienſt zu bezahlen. — Mein Kind, reiche Leute ſind zu Einſchränkungen ſtets geneigter, als ſolche, die einfach leben. — Ganz recht; aber wir können doch deshalb den Preis unſerer mühſamen Arbeit nicht verringern. — Aengſtige Dich deshaib nicht, ſagte ſanft die Mutter. Es iſt be⸗ reits von einer andern Dame Arbeit angelangt, die uns wohl die Miethe und etwas darüber einträgt, um Brod zu kaufen. Wir übergehen die einzelnen Vorrichtungen, die zur Anfertigung von ſechs feinen Hemden erforderlich ſind, und berichten nur, daß Sonnabends Abend fünf derſelben vollendet waren. Helene beeilte ſich, ſie der Be⸗ ſtellerin zu überbringen, und verſprach, Dienſtag früh das letzte abzulie⸗ Das Maiblümchen. 131 fern. Die Dame prüfte die Arbeit, und händigte Helenen das Geld da⸗ für ein. Als die Näherin Dienſtags das ſechſte Hemd ablieferte, fand ſie die Dame in einer ſehr übeln Laune. Sie hatte nämlich die Arbeit noch einmal genau geprüft und gefunden, daß die Hemden in ihren wichtigſten Theilen nicht nach der Vorſchrift, die ſie ertheilt zu haben glaubte, an⸗ gefertigt ſeien. Sie gab der armen Helene heftig ihre Unzufriedenheit zu erkennen. — Warum ſind dieſe Hemden nicht nach der Vorſchrift gemacht? fragte ſie barſch. — Mutter hat ſie genau nach dem Probehemde zugeſchnitten, ant⸗ wortete Helene ruhig. — Dann muß Deine Mutter nicht recht bei Sinnen geweſen ſein, daß ſie mir ein ſolches Ding zugeſchnitten hat. Nimm Alles zurück, und Sorge, daß es geändert werde. Nun gab die Dame eine Anweiſung, von der weder Helene noch ihre Mutter früher auch nur ein Wort gehört hatten. Helene war nicht an eine ſo heftige Sprache gewöhnt, ſie nahm erſchreckt die Arbeit und ging langſam nach ihrer Wohnung zurück. — Guter Gott, wie ſchmerzt mich der Kopf! flüſterte ſie vor ſich hin. Und meine arme Mutter ſagte mir dieſen Morgen ſchon, daß ſie einen Rückfall der Krankheit fürchte! Nun ſollen wir die ganze Arbeit wieder aufmachen und von neuem beginnen. Sie trat in das Zimmer. — Mutter, ſagte ſie traurig, Mrs. Rudd will die Hemden ſo nicht behalten, wir ſollen die Kragen abtrennen, und ſie anders aufſetzen. Sie meint, ſie wären nicht nach dem Muſter geſchnitten, das ſie uns geſchickt hat. Sieh' nur, der Schnitt iſt genau derſelbe. — Nimm das Muſter, mein Kind, bringe es ihr und überzeuge ſie, daß ſie ſich irrt. m— Ach, Mutter, ſie war ſo böſe mit mir, daß ich mich fürchte, noch ein al zu ihr zu gehen. — So werde ich ſtatt Deiner gehen, ſagte ein junges Mädchen, das während Helenen's Abweſenheit der Mrs. Ames Geſellſchaft geleiſtet hatte. Ich werde ihr die Hemden und das Muſter zeigen, und kein Blatt vor den Mund nehmen, denn ich fürchte mich nicht vor ihr. Mary Stephens war eine Schneiderin, die mit Mrs. Ames in dem⸗ ſelben Stocke wohnte, ein fröhliches, ſtets ſingendes, aber entſchloſſenes Mädchen, und dabei immer bereit, ihren Nachbarn zu helfen. Während ſie noch dieſe Worte ſprach, ergiff ſie die Sachen und entfernte ſich, um das Geſchäft abzumachen. Obgleich Mrs. Ames durch dieſe Liebloſigkeit ſich tief verletzt fühlte, ſo verſuchte ſie dennoch, Helenen darüber zu tröſten. Als ſie fühlte, daß ihr die Thränen in die Augen kamen, wandte ſie ſich von ihrer Tochter ab, und betrachtete das ausgebleichte Miniatur⸗Portrait, das über dem Schreibtiſche hing. — Als er noch lebte, flüſterte ſie ſeufzend vor ſich hin, wußte ich nicht, was Armuth oder Entbehrung iſt. Wieviel arme Wittwen denken nicht täglich daſſelbe! Den größten Theil der Woche mußte die arme Mrs. Ames im Bette bleiben. Der Arzt verordnete, durchaus nicht zu arbeiten, ſondern ſtets der Ruhe zu pflegen. Dieſer Verordnung hätten wohlhabende Leute leicht 132 Das Maiblümchen. nachkommen können; aber hier, wo die Armuth Alles beherrſchte, war ſie ein Krge ſrege Gebot. elene gab ſich die größte Mühe, um durch eine ſorgfältige Pflege die Mutter das Traurige der Lage vergeſſen zu oſ. die Mutter ſich ängſtlich nach ihrer Geſundheit erkundigte, antwortete ſie auf die Fragen: ich befinde mich wohl, der opſſchmenz iſt ſehr gelind. Er⸗ muthigungen aller Art folgten dieſen Worten. Während der Stunden, welche die Mutter bei Tag oder Nacht ſchlief, vollendete ſie eine von den aufgetragenen Arbeiten, mit deren Ertrage ſie der Kranken eine Ueber⸗ raſchung zu bereiten gedachte. Mit einigen dieſer vollendeten Arbeiten ging Helene eines Abends zu Mrs. Page. — Tafür werde ich einen Dollar erhalten! dachte ſie freudig. Dann kaufe ich Wein und Medizin. — Eine vortreffliche Arbeit! ſagte Mrs. Page, indem ſie die Hemden betrachtete, die Helene ihr gereicht hatte. Hier ſind noch andere, die Du mir eben ſo fertigen magſt, mein Kind. Helene ſah Mrs. Page an, in der Hoffnung, den Lohn für die Arbeit zu erhalten; die Dame aber holte ein Muſter aus der Kommode, erklärte noch einmal, wie die Arbeit gemacht werden ſollte, und entließ die arme Näherin, ohne des ſo ſchmerzlich erwarteten Dollars mit einem Worte zu erwähnen. Als Helene ſich ein wenig von ihrer Ueberraſchung erholt hatte, verſuchte ſie einige Mal zurückzukehren; aber ehe ſie noch recht überlegt, was ſie ſagen ſollte, war ſie ſchon auf der Straße. Mrs. Page war eine ſanfte und liebenswürdige junge Frau; da ſie aber gewohnt war, über große Summen Geldes zu verfügen, hatte ſie keine Ahnung davon, daß ein einzelner Dollar irgendwie ein wichtiger Ge⸗ genſtand ſein konnte. Helene vollendete die neue Arbeit in möglichſt kurzer Friſt. In der Hoffnung, den erſten Dollar nun ebenfalls zu erhalten, lieferte ſie die Sachen ab. Aber wie wurde die Arme getäuſcht: — Ich werde morgen das Geld ſchicken, ſagte Mrs. Page, als Helene iieen um den Lohn gebeten hatte. Das„Morgen“ kam, aber das Geld lieb aus. Nach wiederholter Mahnung erhielt ſie endlich die beiden klei⸗ nen Summen. Aber dieſe Schilderungen ſind wohl ſchon lang genug, wir wollen uns beeilen, ſie zu ſchließen. Mrs. Ames fand endlich großmüthige Freunde, welche die Zartheit ihrer Denkweiſe und die Liebenswürdigkeit ihres Charakters erkannten und ſchätzten. Durch die Unterſtützung dieſer Freunde ward es ihr möglich, ſich in eine beſſere Lage zu verſetzen. Wie glücklich war die zarte Helene und die gute Mary, als ſie mit der Mutter in einer größern und bequemern Wohnung Abends am flackernden Kaminfeuer ſaßen und gemeinſchaftlich den Thee tranken. Wie glücklich waren die guten Menſchen, als ſie nach ſchweren Prüfungen endlich in eine Lage kamen, die einen mildern Contraſt zu ihrem frühern Wohlſtande bildete. Wir haben dieſe Skizzen nach dem wirklichen Leben gezeichnet, da wir wohl nicht mit Unrecht vorausſetzen, daß die Arbeitgeber im Allgemeinen zu wenig die Arbeitnehmer berückſichtigen, die größtentheils in ähnlichen drückenden Verhältniſſen leben, wie die arme Wittwe. Die Ertheilung von Arbeit bildet den wichtigſten Act der Wohlthätigkeit, weil ſie diejenige Klaſſe der Armen unterſtützt, die den größten Anſpruch auf Unterſtützung ———,——— Das Maiblümchen. 133 hat. Möchte doch jede Familie ihre Ausgaben ſo regeln, daß dem fleißi⸗ gen Arbeiter pünktlich und ungeſchmälert ſein verdienter Lohn werde, ohne daß die Geſetze einer verſtändigen Sparſamkeit dadurch überſchritten werden. Es iſt beſſer, wenn wir unſere Töchter lehren, koſtbare Schmuckſachen und modiſche Eleganz entbehren, beſſer, wenn wir uns das Vergnügen verſagen, koſtſpielige Geſchenke zu machen oder öffentlichen Wohlthätigkeits⸗ Anſtalten reiche Spenden zufließen zu laſſen, als wenn wir denen den Lohn kürzen, deren Licht die ganze Nacht hindurch brennt, um einer mühſeligen Nadelarbeit zu leuchten, welche die einzige Hilfsquelle der Arbeiter und ihrer Kinder iſt. Das Maiblümchen. Der alte Vater Morris. GEine Zeichnung nach dem Leben. Von allen außergewöhnlichen Menſchen, die mich als Kind mit Stau⸗ nen erfüllten, gedenke ich heute keines mit ſo lebhaftem Intereſſe, als des alten Mannes, deſſen Name der Titel dieſer Skizze iſt. Zur Zeit, als ich kannte, war er der bejahrte Prediger eines unbedeutenden Dorfes in eu⸗England. Er hatte eine gute Erziehung genoſſen, beſaß großen Scharfſinn, eine lebhafte Phantaſie und ausgebreitete, gründliche Kenntniſſe; aber die ſeit frühſter Zeit ausgeübten Gebräuche des Pfluges und des Landlebens hatten in ihm ſo feſt Wurzel gefaßt, daß die Reſultate ſeiner ſpätern Studien mit dieſen eingeroſteten Gewohnheiten eine ſo ſeltſam innige Miſchung bildeten, die in der That keinen Vergleich geſtattet. Er war ein ächter Neu⸗Engländer, und welches auch immer die Quelle ſeines Schöpfens geweſen ſein mochte, alle ſeine Aeußerungen kleidete er in die Yankee⸗Form, er trug ſie mit den ausgeprägteſten Provinzialismen des Mankee vor. Von dieſem ſeltſamen Manne ein genaues Portrait liefern zu wollen, würde ein unnützes Bemühen ſein; aber die flüchtigen Züge einer leicht hingeworfenen Skizze können vielleicht die Einbildungskraft unterſtützen, ſich eine ſchwache Vorſtellung zu machen. Diejenigen, die den alten Vatet Morris geſehen und gehört haben, mögen ſich an ihre eigene Erinnerung wenden. Der Leſer möge ſich einmal unter ein halbes Dutzend Kinder ver⸗ ſetzen, die laut ſchreien: — Vater Morris kommt! Nun laufe man an das Fenſter oder an die Thür: da ſieht man einen großen, ſtarken Mann, der ein Paar Satteltaſchen über dem einen Arme trägt, ſein altes Pferd mit der rechten Hand anbindet, und dann bedächtig auf das Haus zukommt. In ſeinem vollen, friedlichen Geſichte ſtrahlen ein Paar große, runde, blaue Augen, die mit einer Art träumeriſcher Auf⸗ merkſamkeit alle ihn umgebenden Gegenſtünde betrachten. Wenn er ſeinen Hut abnimmt, ſo zeigt ſich eine weiße Perrücke, deſſen friſirte Locken rings den Kopf ſchmücken. Nun geht er zu den Kindern, die ihn anſtarren, legt ſeine derbe breite Hand auf das Haupt eines kleinen Mädchens und fragt in einem tiefen Baſſe: — Wie geht es Dir, mein Kindchen? Iſt Papa zu Hauſe? Das Lochtetchen läuft dann gewöhnlich mit einem lauten Lachen da⸗ von. Vater Mortis geht nun in das Haus. Als ob er unter ſeinem eigenen Dache wäre, nimmt er zwanglos ſeine Perrücke ab, trocknet mit dem Schnupftuche den Schweiß aus ſeinem großen Geſichte, nimmt was er braucht, und fordert, was ihm nicht geradezu in die Hand fällt. Ich entſinne mich noch heute, wie wir durch die Spalte der Thür lauſchten, und alle ſeine Bewegungen beobachteten, und wie uns vorzüg⸗ Das Maiblümchen. 135 lich ſeine„Hm, Hm!“ die er mit ſeiner tiefen Stimme in allen Abwech⸗ ſelungen ausſtieß, den größten Spaß machten. Als er einmal ſein unvergleichliches„Hm, Hm!“ ausſtieß, flog zu⸗ füllig die Thür des Wohnzimmers auf; da rief mir einer meiner durch⸗ triebenen Brüder zu:„Karl, Karl, der Vater Morris hat die Thür auf⸗ gehemmt!“ Dann brach ein lautes Gelächter los, in das ich ebenfalls mit einſtimmte. Aber der folgende Tag iſt ein Sonntag. Der Greis beſteigt die Kanzel. Er ſteht heute nicht vor ſeiner kleinen Gemeinde, er predigt nicht nur vor Bauern und Ackerknechten— heute iſt der Gouverneur zugegen, der Richter R., der Rath P., kurz, die Verſammlung beſteht aus gebil⸗ deten Männern. Der Vater Morris erhebt ſich— er kümmert ſich nicht um die Zuhörer, er denkt nur, wie er zu ſich ſelbſt ſagen würde:„Jeſus Chriſtus iſt gekreuzigt.“ Er beginnt eine Stelle aus der heiligen Schrift zu erklären, vielleicht den Gang nach Emaus, oder ein Geſpräch des Er⸗ löſers mit ſeinen Jüngern. Da ſicht man im Geiſte die Orte und die Handlungen, man hört die Worte, als ob ſie Perſonen des gewöhnlichen Lebens ausſprächen. Der Weg nach Emaus wird zu einer gewöhnlichen Landſtraße Neu⸗England's mit ihren Schlagbäumen, Meilenſteinen, Stein⸗ haufen, Brücken und Wegegeldeinnahmen. Dann erſcheinen die Jünger, zögernd, betrübt, erſchreckt— Alles wird in einer Sprache geſchildert, wie man ſie täglich am Kaminfeuer hört. Der Zuhörer lächelt, iſt überraſcht; aber er wird gerührt, und die Illuſion vermehrt ſich mit jedem Augenblicke. Man ſieht den herannahenden Fremden, man hört die myſtiſche Unterhal⸗ tung, die je mehr an Intereſſe gewinnt, je länger ſie dauert. Aehnlich einem amerikaniſchen Dorfe mit Kirche und Glockenthurm erhebt ſich Emaus in der Ferne. Der Hörer folgt den Wandrern, tritt mit ihnen in das Haus, und erwacht nur dann aus ſeiner geträumten Welt, wenn der Pre⸗ diger unter heftigem Weinen ruft: — Sie ſahen, daß es Jeſus der Heiland war! Jammerſchade, daß, ſie ihn nicht früher erkannt haben! Nach einer Predigt über dieſen Tert aus der heiligen Schrift fragte der Gouverneur Griswald beim Hinausgehen aus der Kirche einen ſeiner Bekannten: — Sagen Sie mir gefälligſt, wer iſt dieſer Prediger? — Der Prediger iſt ja der Vater Morris! — Ein ſeltſamer Mann, aber auch Genie! Zu meiner großen Ver⸗ wunderung habe ich vorhin die Entdeckung gemacht, daß ich ohne beſon⸗ dern Nutzen die Bibel geleſen, denn mir ſind alle jene Einzelnheiten ent⸗ gangen, die der Prediger ſo intereſſant ſchilderte. Später hörte ich ihn die Geſchichte von Lazarus in ſeiner eigenthüm⸗ lichen Weiſe vortragen. Zuerſt ſchildert er den großen Lärm, der ſich in der Stadt Jerufalem erhebt, und fagt ganz einfach, der Heiland habe das Getöſe oft recht ſatt gehabt und geäußert, es ſei ein ſehr unangenehmes Geſchäft, unaufhörlich vor Leuten predigen zu müſſen, die ſelten ein Wort von der ganzen Predigt behielten. Dann theilte er mit, daß der Heiland Abends zu ſeinen Freunden in Bethanien zum Beſuch gegangen ſei. Und nun ſprach er von dem Hauſe Martha's und Maria's: es iſt ein kleines, weißes Haus unter Bäumen, man kann es ganz gut von Jeruſalem aus ſehen— hier fand man den Heiland mit ſeinen Jüngern jeden Abend bei Martha, Maria und Lazarus. 136 Das Maiblümchen. Dann erzählte er mit einer von Thränen erſtickten Stimme den Tod des Lazarus, wie man nach Jeſus ſchickte, der nicht kam; wie Alle dar⸗ über erſtaunten und ſich wunderten— und ſo ging er mit einer Wahrheit auf die Einzelheiten ein, daß man hätte glauben mögen, der Prediger ſei ein Augenzeuge aller dieſer Begebenheiten geweſen. Die Hörer wurden dergeſtalt hingeriſſen, daß ſie faſt in den Jubel über die Wiederbelebung des Todten mit eingeſtimmt hätten. Seine Manier, bibliſche Erzählungen auszumalen, übte auf ſeine guten, ſchlichten Zuhörer eine große Wirkung aus. Dies war vorzüglich in den ländlichen Geſellſchaften der Fall, die in Neu⸗England unter dem Namen „Conferenz⸗Meetings“ bekannt ſind. Hier ſprach er mit dem vollen Feuer ſeines lebhaften Geiſtes, und die Bibel wurde bei ſeinem Vortrage zu einer Gallerie amerikaniſcher Gemälde. Eine beſondere Vorliebe hegte er zu den Evangeliſten, er folgte mit ihnen Schritt um Schritt der Bahn des Erlöſers, hing feſt an ſeinen Worten, und wiederholte die Geſchichte ſeiner Handlungen auf Erden mit der tiefen Verehrung eines alten, treu⸗ ergebenen Dieners. Mitunter geſtaltete er ſeine Erzählung auch zu einer praktiſchen Nutzanwendung, wie man aus folgendem Beiſpiele erſehen wird. Er hatte nämlich bemerkt, daß mehrere und oft auch viel Mitglieder dieſer Meetings die Verſammlungen nicht regelmäßig und pünktlich beſuchten. Einſt, als ein ziemlich zahlreiches Auditorium verſammelt war, ergriff er die Gelegen⸗ heit, um über das Conferenz⸗Meeting zu ſprechen, zu dem ſich die Jünger nach der Auferſtehung eingefunden hatten. — Aber Thomas war nicht unter ihnen! rief der Greis in einem kläglichen Tone. Warum war Thomas nicht gekommen? Vielleicht des⸗ halb, fügte er hinzu, indem er einen vielſagenden Blick auf einen der nicht⸗ eifrigen Zuhörer warf, weil Thomas ein kaltes, gefühlloſes Herz hatte und fürchtete, daß man ihn zum Sprechen des erſten Gebetes auffordern würde— oder vielleicht auch deshalb, fuhr er mit Bezug auf einige Farmer fort, weil Thomas die ſchlechten Wege ſcheute oder zu ſtolz geworden war, in ſeinem alten Rocke zu erſcheinen! Auf dieſe Weiſe bezeichnete er nun die gewöhnlichen Entſchuldigungen, und ſchloß, hingeriſſen von ſeiner Bewegung mit den Worten: — Aber denkt daran, was Thomas verloren hat! Denn Chriſtus trat plötzlich zu den Verſammelten, und blieb unter ihnen! Wie traurig muß Thomas geweſen ſein, als er dies erfahren hat! Dieſe Auseinanderſetzung verfehlte ihren Zweck nicht: die leeren Plätze waren eine Zeit lang beſetzt. Ein anderes Mal erzählte Vater Morris die Salbung des Königs David. Er berichtete, daß Samuel nach Vethlehem gegangen und in das Haus Jeſſe's mit den Worten getreten ſei: Wie geht es Euch, Jeſſe? dar⸗ auf habe Jeſſe ihn erſucht, ſich niederzulaſſen; Samuel aber habe geſagt, er habe nicht eine Minnte Zeit, denn er ſei von dem Herrn geſandt, einen ſeiner Söhne zum Könige zu ſalben. Nun habe Jeſſe den größten und ſchönſten gerufen; Samuel aber hätte geſagt, der iſt es nicht!— Nun hätte Jeſſe alle ſeine Kinder zur Auswahl hereingebracht. Darauf hätte Samuel gefragt: Jeſſe, habt Ihr nicht noch ein andres Kind?— Gewiß, Samuel, ich habe noch den kleinen David, der draußen das Vieh hütet.— Nun ſei David gekommen, und Samuel habe ihn das heilige Oel gleich Das Maiblümchen. 137 auf den Kopf gegoſſen.— Nein, hätte nun Jeſſe ausgerufen, das hätte ich in meinem ganzen Leben nicht gedacht! Nicht ſelten benutzte Vater Morris auch ſein Darſtellungstalent, um einen Tadel paſſend anzubringen. So hatte er eine Wieſe, die rings von ſchönen Pfirſich-Bäumen eingeſchloſſen war. Dieſe Bäume nun wurden von den jungen zehn⸗ und zwölfjährigen Herren des Dorfs häufiger beſucht, als es dem alten Beſitzer derſelben lieb war. Um dieſe Beſuche zu verringern, erzählte er eines Sonntags in ſeiner Predigt, daß er neulich eine Reiſe gemacht habe. Es war ſehr heiß, fuhr er fort, und ich empfand einen großen Durſt. Da ſah ich in einem Garten köſtliche Pfirſichbäume, ſo köſtlich, daß mir bei dem bloßen Anblicke ſchon das Waſſer im Munde zuſammenlief. Ich trat an das Gartengitter und ſah mich um, denn nichts in der Welt hätte mich vermocht, ohne Erlaubniß des Eigenthümers eine einzige Pfirſiche abzubrechen. Endlich bemerke ich einen Mann. Gu⸗ ter Freund, ſagte ich, wollten Sie mir wohl einige Pfirſichen ſchenken? Der brave Mann füllte meinen ganzen Hut an. Während ich nun einige davon aß, fragte ich ihn: Freund, wie fangen Sie es an, daß Sie ſich dieſe Pfirſichen erhalten?— Erhalten? Was wollen Sie damit ſagen? fragte er.— Stehlen ſie denn die Jungen nicht?— O nein!— Da habe ich einen Garten voll Pfirſichen, jagte ich, die ich mir nicht zur Hälfte erhalten kann, denn— hier zitterte die Stimme des Greiſes— denn die Knaben meiner Gemeinde ſtehlen ſie mir!— Wie, rief der Mann, verbieten denn die Eltern den Kindern das Stehlen nicht?— Bei dieſer Frage durchrieſelte mich ein kalter Schauder und ich antwortete: ich fürchte nein!— Aber ſagen Sie mir doch, fragte der Mann, wo wohnen Sie denn?— Und nun, rief Vater Morris unter einem Strome von Thränen, nun war ich gezwungen zu ſagen, daß ich in dem Dorfe C. wohne! Seit dieſer Predigt wurden keine Pfirſichen mehr geſtohlen. Vater Morris war nicht minder originell in ſeiner Logik, als in ſei⸗ ner Kunſt auszumalen. Seine Logik trug den Charakter der gewöhnlichen vertraulichen Unterhaltung, ſie reichte dem hausbackenen Menſchenverſtande die Hand wie einem alten, guten Freunde. Zuweilen auch verbreiteten ſich ſein Geiſt und ſein Gemüth über höhere Religionsfragen, und ſein Vortrag, ſo ſchmucklos er auch war, ſchwang ſich dann bis zum Erhabenen hinauf. So predigte er einmal über den Tert:„Der Herr der Herrn, der in der Ewigkeit thront u. ſ. w.“— hier war ſeine Predigt vom An⸗ fang bis zum Ende eine Reihe erhabener und heiliger Gedanken. Einfach und feurig, mit gewaltiger Stimme, ſprach er von dem allmächtigen Gotte, dem großen Jehova— von dem fruchtloſen Abmühen der Kinder dieſer Welt, die fürchteten, in der Zeit nicht genug vollbringen zu können, und dies und das nicht zu erreichen.„Aber, fügte er in einem freudig be⸗ wegten Tone hinzu, der Herr beeilt ſich niemals, er hat Zeit genug, denn er wohnt in der Ewigkeit!“— Und die große Idee von der ünendlichkeit und der Allmacht Gottes beherrſchte die ganze Rede. Obgleich der alte Mann in ſeiner gewöhnlichen Unterhaltung wenig Neigung zum Komiſchen zeigte, ſo konnte er dennoch geiſtreich ſcherzen und witzige Antworten ertheilen. Eines Tages ging er durch einen be⸗ nachbarten Pfarrort, der allgemein als profan bekannt war. Ein Haufen kleiner nichtsnutziger Buben verrannte ihm den Weg und rief: — Vater Morris, Vater Morris, der Teufel iſt todt! 138 Das Maiblümchen. — Wahrhaftig? ſagte der alte Mann, indem er ſegnend ſeine Hand über die ihm zunächſtſtehenden Kinder ausſtreckte— Ihr armen Waiſen! Es würde zu weit führen, wenn ich alle Thaten und Reden dieſes Mannes erzählen wollte, wie ſie ſich im Munde des Volkes erhalten haben. Er lebte weit über die Grenzen des gewöhnlichen Menſchenalters hinaus, und ſelbſt da, als das hohe Alter ſeine Kraſt erſchöpft, wiederholte er noch dieſelben bibliſchen Geſchichten, wie er ſie früher ſo oft vorgetragen. Eine große, unausſprechliche Freude empfand der Greis, als er in den letzten Tagen der Verwaltung ſeines Amies ſah, daß der gute Same, den er ſeit Jahren ausgeſtreut, in ſeiner kleinen Gemeinde Wurzel gefaßt hatte, herrlich emporblühte, und eine ſchöne, geiſtige Erndte verſprach. Mehr als ein profaner Mann, mehr als eine träge, ſchläfrige Zuhörerin, mehr als ein leichtfinniger junger Menſch begann die heilbringenden Worte zu faſſen und ein beſſeres, religiöſes Leben zu führen. Ein junger Pre⸗ diger aus einem benachbarten Orte wollte ſich mit eigenen Augen von den glücklichen Reſultaten des Wirkens ſeines alten Antsgenoſſen überzeugen. Als er in die kleine Kirche trat, fand er ſie angefüllt mit Gläubigen, die in ernſter Andacht auf die Worte ihres würdigen, greiſen Predigers hörten. Vater Morris vermochte ſeine Bewegung nicht zu unterdrücken, als er die Augen von der Bibel erhob, und die Andacht ſeiner Gemeinde gewahrte. Als der Greis den Pflichten ſeines Amtes genügt, trat der junge Prediger zu ihm. — Vater, ſagte er gerührt, Sie können mit dem alten Simeon aus⸗ rufen:„Jetzt, Herr, laß Deinen Knecht in Frieden dahinfahren, denn meine Augen haben deine Herrlichkeit geſehen!“ — Gewiß, gewiß! ſagte der Greis, indem Thränen ſeinen Augen entſtrömten und ſein ganzer Körper vor ſeliger Rührung zitterte. Einige Jahre ſpäter ging dieſer ſchlichte, treuergebene Diener des Herrn und Heilandes zum ewigen Frieden deſſen ein, den er von ganzer Seele liebte. Sein Name wird nur wenig noch genannt, und in kurzer Zeit wird auch ſein Andenken und ſein beſcheidenes Grab vergeſſen ſein. Aber Er, der aller ſeiner Knechte gedenkt, wird ewiglich dieſen treuen, guten Diener nicht vergeſſen! Druck und Sterevtypie von Philipp Reclam jun. in Leipzig. Erklärende Bemerkungen. Air distingué. Auffallendes Anſehen. Air magnifique. Prächtiges Anſehen. Cent. Kupfermünze, 5 Pfennige an Werth. Diakon.(Nach dem Griechiſchen ein Diener. Lateiniſch Diaconus.) In der katholiſchen Kirche ein geweihter Diener des Altars; in der griechiſchen der Gehilfe des Predigers; in der proteſtantiſchen Gehilfe des Pfarrers, auf dem Lande der Pfarrer einer Nebengemeinde. Diplomatie. Die Kunſt geſandtſchaftliche Unterhandlungen zu führen; im Allgemeinen Gewandtheit, Klugheit. Eleganz. Zierlichkeit, Anmuth, Schmuck. Fence. Zaun. Heuſchrecke. Inſekt, grün mit dunkeln Flecken, hellbraunen Flügel⸗ decken, mit ſchwarzen Flecken und einem erhabenen Kamm auf der Bruſt, wird 2 ½ ZBoll lang; kommen zuweilen in ungeheuren Schwärmen von dem Winde getrieben aus dem öſtlichen Aſien oder Nord⸗Afrika. Ideal. Vorſtellung von etwas Vo nem. Kategorie. Der allgemeine Begri em eine Sache aufgefaßt wird. Kriſis. Wendepunkt, kheitswe 5 Meile, engliſche. U r ½ Stunde nach deutſcher Rechnung. ² Methodiſten. Ein ärmeriſche chriſtliche Sekte in Nord⸗Amerika. Miniaturgemälde. Ein Klein⸗Gemälde. Der größte Fluß in Nord⸗Amerika, bedeutet: Vater der Flüſſe. Mr.(Abkürzung von Maſter). Herr. Mrs.(Abkürzung von Miſtreß). Frau. Moral. Sittlichkeitslehre, auch Nutzanwendung. Neu⸗England. Der Geſammtname von den nordamerikaniſchen Frei⸗. ſtaaten: Maſſachuſetts, Maine, Neuhampſhire, Rhode⸗Jöland, Connec⸗ ticut und Vermont. Omnibus. Ein großer Wagen. Prinzip. Grundſatz. Probtem. Aufgabe, ein zu enthüllendes Geheimniß. Puritaner. Reingläubige, eine chriſtliche Sekte. Sabbath. Ruhetag, Feiertag. Skizze. Kurze Beſchreibung. Squire,(ſprich Squeier). Ein Gutsherr, Gutsbeſitzer. Sympathie. Mitgefühl, Theilnahme. Syſtem. Lehrform, Lehrbegriff. Tim. Abkürzung von Timotheus. Traktatgeſellſchaft. Verein zur Verbreitung kleiner religiöſer Schriften. Varietät. Verſchiedenheit, Abwechſelung. Yankee. Spottname für die Bewohner der unter dem Namen Neu⸗Eng⸗ land begriffenen Staaten von Nordamerika. Inhaltsverzeichniß. Vorbemerkung des Herausgebers. Vorrede von Catherine E. Beecher.... Einige Notizen über Harriet Beecher⸗Stowe und ihre Fmili Die Li und das Recht Die Theersſe Kleine Leiden einer Hausfrau. Der kleine Eduard.. Laß Jeden für ſich ſelbſt. etter William Se Tante Mary... Freimüthigkeit . Der Sabbath. Skizzen aus der Mappe eines alten Junggeſellen. Erſte Skizze„„ Zweite Stitze Dritte Stizze Vierte Skizze. Viele Anſprüche. Eine Skizze„ Das Kanalbvot.. Der alte Vater Morris. Eine Zeichnung nach dem Leben Erklärende Bemerkungen. . 2 an Seite VI VII 29 34 38 43 58 66 88 93 97 101 104 114 117 123 126 134 239 1— 8—— k /8 ei snene —