f für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf1 Monat: TN— 1N f 3 Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Veih- und geſebedingungen. 1. Offensein der Pibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines gelichenen Buches wird von Ff jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe kinterlegen welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: „* e S b 6 5 Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und efeete Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Lavenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. u o vellen von . Ludwig Storch. Vierter Band. Lebensverſicherungen.— Der Diebſtahl.— Reinhardsbrunn. Frankfurt am Main. ruck und Verlag von J. D. Sauerländer. — 00 3 4. Lebensversicherungen. „Es iſt uns recht lieb, daß du komnſt, Gu⸗ ſtav, ſagte die kleine Ehehälfte des großen pen⸗ ſivnirten Hofmarſchalls von Birkenſtein zu dem jungen Pachter Altfuchs, der vor einigen Wo⸗ chen die Pachtung der Güter des Baron Holder auf Holdersdorf, mit dem Titel eines Landkom⸗ miſſär übernvmmen hatte, und jetzt, vorher form⸗ gemäß angemeldet, mit einem tiefen Bückling in das Zimmer trat, welches, von Ruinen ei⸗ nes frübern Wohlſtandes erfüllt, hie und da durch dieſe nur noch greller hervorgehobne Spu⸗ ren der Dürftigkeit zeigte.—„Wir haben heute erſt von dir geſprochen; nicht wahr, Excellenz 2* fuhr ſie mit gütigem, herablaſſendem Weſen erſt zu dem jungen Landmanne, dann mit ſteifer franzöſiſcher Grazie, dem Kinde des ſogenann⸗ 1 ten goldnen Zeitalters Ludwigs XIV, zu ihrem Eemahle gewendet, fort, und ihr Kopf machte bei jedem Worte ſolche ſchnickende Bewegungen, daß die vergilbten und ſtark fragmentirten bra⸗ banter Spitzen, womit ihre hochgebaute Dor⸗ meuſe garnirt war, ſtets in zitternder Bewe⸗ gung blieben. Die vordere Hälfte dieſes klei⸗ nen Kopfes war mit einer alten ſtaubigen Haar⸗ tour von dunkelbrauner Farbe bedeckt, während ſich hinten die grauen, ihr eigenthümlich zugehöri⸗ gen Haare verrätheriſch durch erwähnte Garni⸗ tur durchſtahlen. Stark aufgelegtes Roth auf den nußbraunen faltenreichen Wangen, ein altes, an einigen Stellen merklich ausgebeſſertes Bro⸗ katkleid, geſtickte Handmüffchen, ein unſchimmer gewordnes ſeidnes Envelöppchen harmonirten ganz mit dem pretiöſen Anſtande der Dame, und gaben die Hälfte des Bildes einer Familie ab, die an Glücksgütern wohl zurückgekommen war, ohne jedoch dabei auf eins der Rechte zu verzichten, die ihr Geburt und Rang ertheilt. Die andre Hälfte dieſes Bildes bot ein bejahr⸗ ter, langer, ſehr dürrer Mann, deſſen auseinan⸗ dergedehntes, bleiches, knöchernes Geſicht mit ſchier ſteinernen Falten, gleichſam im bündigen Lapidarſtyl, das nec plus ultra von Adelshoch⸗ — 5 muth verkündete, deſſen ſtieres gläſernes Auge, ſtreng blickend, ſtets mit unermüdeter Sorgfalt darüber zu wachen ſchien, daß er jeden ihm ge⸗ genüber Stehenden in gehöriger reſpectvoller Ferne halte, und ſich ſelbſt nicht das Mindeſte gegen einen Andern vergebe. Die ſteife Aengſt⸗ lichkeit ſolcher Pedanterei in Verbindung mit ei⸗ nem altmodiſch topirten und übermäßig gepu⸗ derten Kopfe, einem über die Grenzen der Zier⸗ lichkeit hinausreichenden Zopf, welcher auf dem Rückenſtücke des abgeſchabten geſtickten Sammt⸗ rocks eine Straße gebildet hatte, wie man ſie auf den betheerten Jacken der Schiffsjungen zu ſehen gewohnt iſt, mit einer goldbordirten ſeid⸗ nen Schoßweſte, die wahrſcheinlich dreißig Jahre zuvor von weißer Farbe geweſen war, desglei⸗ chen kurzen ausgebeſſerten Beinkleidern, geſtopf⸗ ten ſeidnen Strümpfen und Escarpins mit Schnal⸗ len, deren Zinnſtoff man ſchwerlich verkennen konnte, obgleich ſie für Silber gelten ſollten, dazu ein alter Pariſien mit ſtählernem Griffe, der bedeutende Roſtflecken zeigte, an der Seite, eine lange blinkende Kette aus der Uhrtaſche hängend, die zweifelsohne von Tomback gear⸗ beitet war, und obgleich mit Uhrſchlüſſel, Pet⸗ ſchaft u. d. g. reichlich verſehen, ſehr wahrſchein⸗ lich dennoch der Uhr entbehrte: dieß Alles in Verbindung mit einander war nicht geeignet eine freundliche Annäherung an beſagten veralteten Hofmann zu erlauben. Stellung und Schritt dieſes langen Weſens waren nach dem ſteifſten Ceremoniel gemacht, nicht anders, als wie es ſich ſeinem vor fünfundzwanzig Jahren verſtorbe⸗ nen durchlauchtigſten Herrn producirt hatte, deſ⸗ ſen Hofmarſchall es geweſen war. Seine Reden fielen kurz aus, ernſt, abgemeſſen, wohlberechnet und kalt; ſeine Uußerungen waren eben ſo vor⸗ ſichtig Jemanden zu nahe zu treten, als ſich etwas zu vergeben; ſein Mund lag ſtets in höchſt anſtändigen Falten und ſeine Hände an den Hüften. Nicht wahr, Excellenz? hatte Frau von Birkenſtein mit ihrer Pſeudv⸗Grazie gefragt, und „Gehorſamſt aufzuwarten!* verſetzte der Hof⸗ marſchall mit einem Bückling. „Nun ſieh, wir haben in einer gewiſſen An⸗ gelegenheit von dir geſprochen,„ fuhr die Dame fort, und winkte dem Landkommiſſär gnädig mit der Hand, ſich niederzuſetzen.„Du haſt uns nämlich bei deinem letzten Beſuche ſo viel Gu⸗ tes und Schönes von deinem gnädigen Herrn⸗ Patron und Pachtherrn erzählt, daß in uns der ₰— v v Wunſch rege geworden iſt, die Bekanntſchaft dieſes trefflichen Cavalliers, als eine unſerm Stande zuſagende, zu machen. Nicht wahr, Excellenz?* Ganz wie Sie ſagen, meine gnädige Frau,d näſelte der Hofmarſchall ſich verbeugend. Mit der größten Freude werde ich dieſe Ge⸗ legenheit ergreifen, mich meiner gnädigen Frau Pathe und deren Herrn Gemahl Excellenz ge⸗ fällig zu zeigen,v ſagte der Pachter, deſſen ge⸗ läufiger Zunge die Titel für die hohe Pathen⸗ ſchaft von der Taufe an eingelernt zu ſein ſchie⸗ nen, ohne daß ſich der übrigens einfache Na⸗ turmenſch etwas dabei dachte. Frau von Birkenſtein ſah ihren Gemahl jetzt mit einem fragenden Blicke an, da dieſer aber verlegen an der tombacknern Uhrkette ſpielte, ohne das Wort zu nehmen, wie ſie zu erwarten ſchien, ſo räuſperte ſie ſich, rückte dem rothwan⸗ gigen Pathchen um einen Schritt näher, und nahm in ihrer Rede einen neuen Anlauf, fol⸗ gender Weiſe:„Du weißt, Guſtav, daß wir deinem Vater und ſeiner ganzen Familie alles Liebes und Gutes erzeigt haben, ſo lang er der Pachter unſres Gutes war, das uns ein neidi⸗ ſches Schickſal und die Ungerechtigkeit der Men⸗ ſchen leider entriſſen hat.— aIch werde Ihnen ſtets dankbar dafür ſein, da Sie ſogar die Gnade hatten, meine Frau Pothe zu werden verſetzte der Pachter. und hab' es auch ſchon dem Herrn Hofmarſchall bemerkt: Du biſt ein dankbares Kind, und wirſt uns gewiß gern eine Gefälligkeit erweiſen.v Sie machen mir eine recht große Freude, mir eine Gelegenheit dazu zu geben!) rief der junge Landkommiſſär aufſpringend und hätte bei⸗ 3 nahe die gnädige Frau Pathe umarmt. . Nur nicht zu wild, Junge! Du biſt immer noch der tolle Burſche. Ich wußt es ja, daß wir auf dich rechnen können. Hab' ich's nicht geſagt, Excellenz?2 Sie haben's richtig vorausbemerkt, ent⸗ gegnete der Hofmarſchall ſich verneigend und nahm mit Anſtand eine Priſe aus der vergolde⸗ ten Tabatiere. beſorgt ſein, für unſre liebe Tochter, Fräulein Edelgunde, eine anſtändige Partie aufzufinden, „Nun, ſiehſt du; das wollt' ich eben ſagen „Nun ſieh, Guſtav, was die Sache ſelbſt betrifft, ſo iſt ſie dieſe: Wir müſſen nunmehrv und da ſind unſre Augen denn auf deinen gnä⸗ digen Herrn Baron gefallen.— 2 Was?v unterbrach der Pachter jetzt die Rede der Frau von Birkenſtein mit unwilligem Ungeſtüm, und zog das kirſchbraun gewordne Ge⸗ ſicht in bitterböſe Falten.„Was? Edelgunde ſollte des alten Barons Frau werden. Sind Sie bei Troſt, Frau Pathe? Der Hofmarſchall fuhr einige Schritte vor Entſetzen ob dieſem ſtürmiſchen Ausbruche roher Ratürlichkeit zurück, und wehrte mit beiden Hän⸗ den ab; die Frau aber warf ſich in die Bruſt und ſagte verweiſend: Mit mehr Reſpect, wenn ich bitten darf, Guſtav. Du biſt kein Kind mehr, und ich konnte es ſchon an dir als Kind nicht leiden, daß dir ſo wenig Reſpect beizubringen war. Es iſt ein Unterſchied, ein großer Unterſchied zwiſchen uns und dir, und ich wünſche, daß du das niemals wieder vergeſſen mögeſt. Alſo erſt⸗ lich heißt es nicht Edelgunde ſchlecht weg, ſelbſt wenn du ihres Gleichen wärſt, ſondern ſtets das gnädige Fräulein. Zweitens ſagt man auch nicht der alte Baron. Es iſt unſchicklich das Alter einer vornehmen Perſon zu erwähnen. Drittens ſagt man der gnädige Herr Barvn. Viertens iſt es äußerſt undelikat, deine Verwundrung da⸗ rüber auszudrücken, daß Fräulein Edelgunde des Herrn Barvon von Holder Gemahlin werden ſoll. Er iſt von unbeflecktem alten Adel, iſt ſehr reich, von unbeſcholtnem Lebenswandel, iſt über die* Flatterjahre hinaus, und wird aus dieſem Grunde gewiß ein eben ſo exemplariſcher Ehemann, wie meine Excellenz. Richt wahr, mein Schatz, du hatteſt auch die Vierzig bereits überſtanden, als du mich zum Altar führteſt?„ sZwei und vierzig Jahre, vier Monate und dreizehn Tage war ich alt, gehorſamſt aufzuwar⸗ ten. v— Du wirſt bei näherer Uberzeugung einſehen, daß unſre Wahl ſehr vernünftig iſt, fuhr Frau von Birkenſtein wieder zu ihrem verdutzten Pa⸗ then gewendet fort, der jetzt nichts weiter that, als daß er beifällig mit dem Kopf nickte. Und die Dame ſprach zörtlicher:„Wir haben uns ein Plänchen ausgeſonnen, wie wir des Herrn Ba⸗ rons Bekanntſchaft am leichteſten und ſchnellſten machen. In einigen Tagen verreiſen wir; in der Gegend von Holdersdorf zerbrechen wir ein Rad und ſuchen Aufenthalt auf dem Schloſſe. Das übrige wirſt du dann ſchon machen. Wir ver⸗ trauen auf deine Dankbarkeit und Anhänglichkeit an uns, in dieſer ſehr wichtigen Sache. — 11 Der Landkommiſſär kauete an den Rägeln. „Du ſollſt auch nicht leer dabei ausgehen,2 ſchmunzelte die Alte jetzt.«Unſer Kammermäd⸗ chen, die Eliſabeth, meine Tochter hat ſie Betth genannt, iſt eine gute Partie für dich. Ihr Va⸗ ter iſt ein ſehr wohlhabender Küfer in der Barn⸗ gaße und das Mädchen hat ein Mal auf ein Paar tauſend Gulden zu zählen. Ich werde dei⸗ netwegen mit ihrem Vater reden, und Betty ſoll dir nicht entgehen. v a8ch bin Ihnen ſehr verbunden,» rief der Pachter aus aller Faſſung gebracht, aaber. will niemals heirathen.2 Wer heirathet, thut wohl; wer nicht heira⸗ thet, thut beſſer,o ſeufzte der Hofmarſchall; aber er verſtummte, als ihn ein ſtrafender Blick ſei⸗ ner Frau traf. S. „Wir ſind alſo deines Beiſtandes in dieſer Sache gewiß?* Vollkommen„ verſetzte Altfuchs verwirrt. aIch werde Ihnen Alles zu Gefallen thun, was in meinen Kräften ſteht. Nur habe ich gehört, der gnädige Herr Baron würde ſich nie verehe⸗ lichen.5 cWelche Betiſe! Ein vernünftiger Mann muß heirathen. Was für einen Grund ſollte der Herr Baron dazu haben, ſtets Gargon zu bleiben ²2 „Wenn ich nicht irre, iſt ihm in früher Ju⸗ gend viel Unglück oder ſonſt etwas Böſes pro⸗ phezeit worden. Und der gnädige Herr Barvn iſt etwas abergläubiſch. Man muß ihn aufklären, muß ihm die Rich⸗ tigkeit des Aberglaubens nachweiſen, muß ihm ſagen, daß dergleichen Extravaganzen nur für den Plebs ſind und ein adeliger Mann ſich ſchämen ſollte, ſo etwas nur zu ſagen. Fi donc!„ sWir wollens verſuchen,v ſagte der Landkom⸗ miſſär kleinlaut, nahm Mütze und Reitgerte, und empfahl ſich zu Gnaden. Der Hofmarſchall drückte gravitätiſch die linke Hand an den verroſteten Degengriff, und ließ ſich ſo weit herab, dem Scheidenden die Rechte an der Thüre zu reichen; Frau von Birkenſtein zeigte ſich aber heute noch viel gütiger und begleitete den ſtämmigen Pa⸗ then ſogar durch das Vorzimmer. Hier faßte ſie die derbe Hand des jungen Landbauers plötz⸗ lichmit mütterlicher Zärtlichkeit, und flüſterte ihm zu: Guſtav, du erhälſt fünfzig Stück Lvuisd'vr von mir, wenn die Heirath zu Stande kommt. Ich konnte dir dieſe Zuſage nicht in Gegenwart — meines Mannes machen; du weißt, er iſt ein 1 wenig genau. Aber du kannſt dich auf mein ade⸗ liges Wort verlaſſen: fünfzig baare Louisd'or, * und die Betty bekommſt du zur Frau, und die gnädige Protektion meines Mannes in allen un⸗ glücklichen Fällen, in die du kommen kannſt, oben⸗ drein.v «cUnd wann wollen Sie nach Holdersdorf kommen?2 fragte Altfuchs, tief verſtimmt. aUebermorgen, mein Kind. Richte alles hübſch ein! Hörſt du, Junge. Und vor allen Dingen: — Discretion! sSie können Häuſer auf mich bauen, gnädige Frau Pathe. Der Landkommiſſär beurlaubte ſich mit einem devoten Handkuße bei der Frau von Birkenſtein, und druͤckte die Thüre hinter ſich ins Schloß. Aber noch war er auf der oberſten Stufe der Treppe, als er ſich am Rocke gezupft fühlte. Er wandte ſich raſch und ahnungsvoll; ſein fin⸗ ſteres Geſicht erheiterte ſich ſchnell zu ſonnlicher Klarheit. Fräulein Edelgunde ſtand hinter ihm und flüſterte ihm zu:„Dieſen Abend um ſechs Uhr im Schloßgarten beim chineſiſchen Häuschen. Und verſchwunden war ſie wieder durch eine an⸗ dre Thüre. Altſuchs, ſonſt der lebendigſte, wil⸗ deſte Menſch ſchlich wie ein Träumer in ſeinen Gaſthof und ſaß zur größten Verwundrung des Wirthes, der ihn ſchon lange kannte, den ganzen Tag wie eine Statue und rieb ſich zuweilen,. leiſe Flüche murmelnd, die ſorgenfaltige Stirn. Die Glocke des Schloßthurms ſchlug ſechs, als Edelgundens hohe üppige Geſtalt um die Ecke des chineſiſchen Häuschens nach dem dichten Bos⸗ ket zu bog. Wie zur Liebe und zum Liebesge⸗ nuß geſchaffen vereinigte dies liebliche Weſen alle körperlichen Vorzüge mit einer durch das Läute⸗+ rungsfeuer der Leiden gegangenen Seele. Die Formen ihres Körpers waren reizend, ihr Kopf von dunkelbraunen Locken umwallt, voller Gra⸗ zie, ihr Auge, nicht gewölbt, ſondern flach ge⸗ ſchnitten, ſchwamm in jener bezaubernden Feuch⸗ tigkeit, wie ſie die alten Dichter der Venus als höchſten Liebreiz beilegen; um ihren kleinen Mund mit weich aufgeſchwellten Lippen hatten ſich die Götter ſüßer Sinnlichkeit gelagert. Die böſe Welt behauptete, unmöglich könne eine ſolche Hebegeſtalt der Schöpfungskraft des Hofmar⸗ ſchalls ihr Daſein verdanken; vielmehr wollte man mit Gewißheit behaupten, Edelgunde habe die frapanteſte Ahnlichkeit mit dem im franzöſt⸗ ſchen Kriege gebliehenen Oberſten von Blumſcheid, der ein Hausfreund des Hofmarſchall geweſen war und Frau von Birkenſtein vor zwanzig Jah⸗ * ren nicht ganz unintereſſant gefunden hatte. Guſtav Altfuchs ſprang flink hinter dem Buſche hervor, ſah ſich raſch nach allen Seiten um, und da er ſich in der dichter werdenden Abenddäm⸗ merung unbemerkt ſah, ſchloß er das ſchöne Mäd⸗ chen mit feuriger Umarmung an ſeine Bruſt und drückte ihr gleich ein halbes Dutzend wilde Küße auf den vollen rothen zur Kußesſchwelge⸗ — rei geformten Mund. sSp nimm dich doch in Acht, wilder Junge! ſchmollte Edelgunde.„Wenn uns Jemand ſähe und erkennte: das wäre ein Unglück. Du glaubſt gar nicht, wie die Leute ſo klatſchſüchtig ſind! Und wenn Mama etwas erführe, ich glaube, ſie ſchlüge mich todt. Ach! ſie iſt gar zu ſchlimm und tyranniſirt mich immer grauſamer.2 Na, wenn ich nur könnte, wie ich wollte, ſagte Guſtav grimmig.„Die Hölle ſollte ihr beiß werden. Denk' dir nur, was ſie mir heute zugemuthet hat! Ich wöchte närriſch über ſie werden.» WVergiß doch nie, daß ſie meine Mutter, —— daß ſie deine Pathe iſt,s erwiederte Edelgunde ſanft und verzeihlich. Ach, wenn ich daran heute nicht allen Ern⸗ ſtes gedacht hätte, wär' es gewiß zu einem tüch⸗ 5 tigen Zanke zwiſchen uns gekommen. Es iſt zu toll! Ich ſoll dich, dich mein unausſprechlich ge⸗ liebtes Mädchen, an einen alten dummen Barvn verkuppeln. Möchte man nicht wahnſinnig dar⸗ ber werden.» aSieh, Guſtav, klagte das Fräulein, gein Ende muß es bald mit meiner Qual nehmen. Ich ſchwöre dir bei allem, was mir heilig iſt, zu, ich halte es unmöglich länger aus. Mein Le⸗ ben gleicht einer ſteten Tortur.— Ach, Guſtav, ich muß dir mein bedrängtes, gemartertes Herz ganz ausſchütten; ich habe ja keinen vertrauten Menſchen weiter, und deshalb hab' ich mich recht geſehnt, ein Mal ein Paar Stunden mit dir lein zuzubringen.2 eSo rede, armes liebes Gundchen; ich ke ja deine große Noth ſchon, und bin in Verzwei lung, ihr nicht abhelfen zu können.„ „Du kennſt ſie noch nicht ganz; aber du ſoll heute Alles erfahren. Es wird mir ſchwer, dir zu geſtehen, daß wir ganz verarmt ſind. Als Birkenfeld unſer Gut verkauft und wir getrennt wurden, lieber Junge, weinte ich viel, aber hätte f ich gewußt, wie es eigentlich um meine Eltern ſteht, ich hätte mir damals das Leben genommen. So hab' ich ihre Umſtände aber nach und nach er⸗ fahren und das Schreckliche ertragen lernen. Und all' unſer Unglück iſt aus der thörichten Sucht 6 meiner Eltern, zu glänzen, ſtandesmäßig zu le⸗ † ben, wie ſie ſich ausdrücken, entſprungen. Gott mag es der Mutter vergeben, aber ſie iſt hauptſäch⸗ lich an dieſem Elende ſchuld. Der Vater iſt ein 3 beſchränkter Mann, aber die Mutter iſt klug, und hat ſtets das Hausregiment geführt; ſie hätte dieſen widrigen Thorheiten nicht Alles opfern ſollen. Aber, wie mir geſagt worden iſt, hat ſie den Vater ſtets zum neuen Schuldenmachen verleitet. So iſt es denn mit dem ſtandesge⸗ mäßen Leben ſo weit gekommen, daß uns kein leiſcher ein Pfund Fleiſch, kein Bäcker ein und Brod mehr borgt, daß der Jnde Aron dürftige Penſion meines Vaters nun ſchon drei Irhre vorausgekauft hat, aber nun kei⸗ Kreuzer mehr zahlen will, weil, wie er ver⸗ rt, der Vater keine drei Jahre mehr leben er alſo ſchon jetzt Schaden erleiden werde. s was ſich in unſern vier Wänden zu Geld e ließ, iſt verkauft, ſelbſt Betty, die mit IV 2 3————— — 18— großer Liebe an mir hängt, hat ſchon eine Summe, die ſie von ihrem Vater erhalten, hergeſchoßen, aber Alles verſchlingt ſogleich das ſtandesgemäße Leben, deſſen Flicklapper kaum mehr unſre Blöße bedecken. Der gräßliche Mangel rückt uns, wie ein furchtbares Geſpenſt, täglich näher, und die Angſt bringt mich faſt um. Ich wollte mich ja gern als Geſellſchafterin in einem vornehmen adeligen Hauſe engagiren laſſen, und könnte auf dieſe Weiſe meine unglücklichen Eltern vor dem Mangel ſchützen, aber nur ein Wort, das ſolch einen Gedanken verräth, zieht mir die här⸗ teſten Mißhandlungen der Mutter zu. Solch altes reines Adelsblut, wie das unſrige, kann unmöglich zu dieſer Schmach herabgewürdigt wer⸗ den; eher müßte der Himmel herunterfallen, als Fräulein Edelgunde von Birkenſtein in ſolch ein untergeordnetes Verhältniß kommen. Reln, lie⸗ ber muthet mir Mama ganz andre anſtändigere Dinge zu, und will mich mit Schlägen und Schimp reden zwingen, ihren unmütterlichen, entehrende Befehlen zu gehorchen. Ich ſoll mit meiner Ge ſtalt, mit meiner allzu großen Klughelt, wie ſich ausdrückt, einen reichen, rein adeligen M fangen; ich ſoll geradezu darauf ausgehen, einen ſolchen zu erwerben, ich ſoll Schlingen aufſtellen, — ſoll Maſchinen anlegen, um einen nach ihrem Wunſche herbei zu ziehen, d. h. einen, der mich förmlich kauft und zwar für eine hohe Summe, die da hinreicht, ihre Schulden zu bezahlen und ihnen dann noch bis an ihr ſeliges Ende das ſtandesmäßige Leben mit aller Bequemlichkeit ſichert. Und weil ich mich dieſer Anmuthung nicht fügen will, iſt mein Leben eine wahre Hölle.» Ach, du armes ungluͤckliches Kind,» rief der Landkommiſſär ſelbſt ſchluchzend und ſchloß die heftig weinende Edelgunde in die Arme. aO Gott, wär' ich doch reich, ich wollte dir alles geben. Du würdeſt nöchſte Woche meine Frau, und Alles ginge gut. sUnd wenn du Kröſus Güter beſäßeſt, meine Eltern würden mich eher todtſchlagen, als mich dir zur Frau geben. Du kennſt ſie ſchlecht, wenn du nur die kleinſte Hoffnung hegen kannſt, ſie würden jemals ihre Einwilligung zu unſrer WVerbindung geben. Die Schande, einen bürger⸗ lichen Schwiegerſohn zu haben, überlebten ſie nicht. Sie halten mit derſelben Strenge an die Reinheit ihrer Kaſte, wie die Hindus,„ ſehen euch Bürgerliche für eine Art Parias a Das iſt ſchlimm, recht ſchlimm!? verſe Guſtao.„Aber hätt' ich nur ein hübſches Ver⸗ mögen, oder auch nur die Ausſicht, gin ſolches zu bekomwen, ich wollte mit deinen Eltern doch ſchon fertig werden, und wenn ich ihnen genug gäbe, damit ſie ſelbſt ſtandesmäßig leben könn⸗ 3 ten, ſo würden ſie ſich wohl fügen.» 1 Edelgunde ſchüttelte wehmüthig lächelnd den Kopf und ſagte:„Dann müßten wir weit fort von hier und ich dürfte ſie nicht wieder ſehen, ſonſt ging es mir unerträglich.» Was helfen dieſe Träume!v ſeufzte der kummervolle Landkommiſſär wieder. Ich habe ſ. keinen reichen Onkel, keine reiche Tante, mein . armer kranker Vater kann mir auch nichts ge⸗ ben; der hat ſich auf euerm Gute keine Seide 4 ſpinnen können, und ſchlägt ſich mit Mühe ehr⸗ lich durch. Und ſo, theuerſte Edelgunde, habe ich gar keine Ausſicht, dich meine Frau nennen zu können; und das war doch, weiß es Gott! der heißeſte Wunſch meines Lebens. Der meinige auch, Guſtav, und deßhalb hatte ich mir ſchon lange den Plan gebildet, ich wollte bei den Eltern als treues Kind aushar⸗ en, bis ſie der liebe Gott ein Mal zu ſich ähme; dann wollte ich dein eben ſo treues zeib werden, und Arbeit und Genuß, Luſt — 2— und Leid mit dir theilen, wie wir ſchon als Kinder gethan haben. Aber dazu iſt mir nun alle Hoffnung benyvmmen. Die Noth meiner Eltern iſt zu groß, die Tyrannei meiner Mut⸗ ter zu unerträglich, meine Verzweiflung über dieſen Zuſtand zu gewaltig; ich muß bald, bald als Opferlamm fallen, und es wäre vielleicht ſchon geſchehen, wenn ſich ein Schlächter gefun⸗ den hätte, der einen guten Preis für mich ge⸗ zahlt. Aber vor einigen Tagen hat der lieder⸗ liche und verworfne Oberſt von Schilling ſich erkundigen laſſen, und ich ſchandere, das Weib eines abgelebten Lüſtlings werden zu müſſen, um meine verſchwenderiſchen Eltern zu retten. Aber deine Mutter hat mir doch aufgetra⸗ gen, dich an den Baron von Holder zu ver⸗ kuppeln. WVielleicht iſt ihr Schillings Adel nicht alt genug, vielleicht hat er ihr nicht genug geboten, vielleicht will ſie mich auch an den Meiſthieten⸗ den losſchlagen. Rein! rief Guſtav.„Dann— wenn es denn ein Mal geheirathet, und ſo ſchnell gehei⸗ rathet ſein muß— ſollſt du doch lieber des gu⸗ ten dummen Baron von Holders Frau werden. Der iſt kein Löſtling, macht keine Prätenſionen, läſſt ſich von dir leiten, wohin du willſt, wenn du ihn nur Taback rauchen und die Woche über fünf bis ſechs Tage auf die Jagd gehen läßt, der iſt ſteinreich und kann deinen Eltern am be⸗ ſten helfen; und endlich?— ſetzte er zögernd hinzu, ſchwieg aber verlegen ſtill. sUnd was denn endlich?„ fragte Edelgunde. sUnd endlich, flüſterte Guſtav, ſein Haupt an ihrem Buſen verbergend, akannſt du mir, dem ja vor Gott doch dein Herz gehört, als des Barons Frau, ganz in ſeliger inniger Liebe an⸗ gehören, als wärſt du mein Weib. Ja, mein, ganz mein wirſt du ſein, und unſre Seligkeit wird unter dem Schleier des Geheimniſſes an Süßigkeit gewinnen.2 Pfui!? rief Edelgunde entrüſtet.„Du mutheſt mir ja eben ſo ſchöne Dinge zu, wie die Mutter. Schäme dich! Wozu willſt du mich herabwürdigen? Mein Herz empört ſich bei dei⸗ nem Antrage. aSo willſt du lieber des ekelhaften Ober Frau werden 22 Nein! O Gott! Rein lv aOder dich einem andern Schurken vder Wol⸗ lſtling verhandeln laſſen, und mich in den Tod jagen?* WVie gräßlich du biſt!» Nein, Edelgunde, du haſt mich nie geliebt, ſonſt könnteſt du nicht über einen Plan zürnen, den mir allein die glühendſte Leidenſchaft der Liebe zu dir eingab, die jetzt von der Verzwei⸗ flung aufs AKußerſte getrieben wird.y aAch, ich ſchäme mich vor mir ſelbſt, wenn ich bedenke, was du von mir verlangſt! Glaubſt du wirklich, daß die Ehen im Him⸗ mel geſchloſſen werden? Ich glaube es nicht. Nur die Liebe entſtammt dem Himmel, die Ehe nicht. Was darf es dich, die Liebende kümmern, wenn du eine irdiſche Form verletzeſt, aber den ewigen Geſetzen der Natur gehorchſt, die ein liebender Gott mit Sternen an den Himmel, mit Blumen auf die Erde, und mit Gefühlen in unſte Bruſt geſchrieben hat? Mein wirſt du, mein Weib vor Gott und die Engel werden ſich freuen über unſern Bund. Die Menſchen aber ſollen nichts erfahren, nichts ahnen von unſerm Glücke. Der Baron iſt ſchon ein Funfziger, und hat für nichts Sinn als ſeine Tabackspfeife und ſeine Büchſen und Jagdhunde.— Aber, mein Gott! ich ſpreche, als hätte er ſchon um dich angehalten, und noch kennt er dich nicht und es iſt mir wohl bekannt, daß er nie heirathen will. Hilf, ewiger Himmel! jetzt werd' ich wirklich deiner Mutter Auftrag erfüllen und dich verkup⸗ peln müſſen. Iſt es nicht das Klügſte, unter allen Uebeln das leichteſte zu wählen? Mir fällt ein guter Gedanke ein— ſchnell baut ſich ein Plan in meinem Kopfe auf.— O Edelgunde, hätte ich das denken ſollen, daß ich dich verkup⸗ peln müßte!—5 Und mit einer furchtbaren Heftigkeit ſchloß er die ſich Sträubende in die Arme und über⸗ glähte ſie mit leidenſchaftflackernden Küſſen. —— Der Kammerdiener Fink, ein durchtriebenes Geſicht, putzte ein Jagdgewehr und commandirte dabei einen jungen in der Dreſſur befindlichen Jagdhund, als ſein Herr, der Baron von Hol⸗ dersdorf, in einem altmodiſchen Jagdkleid, von ein Paar andern Jagdhunden umſprungen, die qualmende Tabackspfeife im Munde, die Büchſe auf dem Rücken, hereintrat. (Der Landkommiſſär iſt aus der Stadt zu⸗ rück,v berichtete Fink, dem alten adeligen Jung⸗ geſellen, der mit dieſem ſeinem Kammerdiener und Factotum ſeine eigne wunderliche Wirthſchaft auf dem einſamen Schloſſe trieb. (Was bringt er NReues mit? quackte der Barvn. Kann nicht dienen. Ich habe noch kein Wort mit ihm geſprochen.„ Bitt ihn auf eine Taſſe Kaffee und eine Pfeife Taback. Hörſt du, Jean! aIch gehe ſchon.— Der Baron legte ab, ſetzte ſich und verſank in ein gleichgültiges Brüten, wobei ſein eben nicht geiſtreiches Geſicht, noch einen weit geiſtloſern Ausdruck annahm, krabbelte dem vor ihm kauernden Jagdhunde auf dem Kopfe und bließ mächtige Rauchwolken aus ſeiner großen Meerſchaumpfeife. Eine halbe Stunde darauf trat der Pächter des Guts Holdersdorf herein.„Richts Reues witgebracht aus der Stadt? rief ihm der Ba⸗ ron aus ſeinem ſchlafähnlichen Zuſtande wieder auffahrend entgegen. Mancherlet von Krieg und Frieden und ſon⸗ ſtige Curivſa,v verſetzte der Landkommiſſär, Platz nehmend. aLaſſen Sie hören! rief der Baron begierig und wurde lebendig. Vor allem Andern muß ich Ihnen etwas höchſt Merkwürdiges und Seltſames mittheilen, von ſo eigner und außerordentlicher Art, daß es mir ganz unglaublich vorkommt; und dennvch, —— ſolls wahr ſein, unbezweifelt wahr, wie mir glaubwürdige Männer verſichert haben. aUnd was iſt das? Heraus damit!* zeterte der ſonſt ſo phlegmatiſche Baron, deſſen graue Augen ſchier zu leuchten begannen. „Denken Sie ſich, Herr Baron, was die Engländer alles aushecken! Es ſind doch Schlau⸗ köpfe die Engländer, und wir Deutſche reichen ihnen das Waſſer nicht. Da ſind Sie ganz mein Mann. Stets war ich derſelben Meinung. Rirgends gilt der Adel mehr als in England. Der König iſt nicht viel mehr, als ein Lord. Aber was wollten Sie ſo Merkwürdiges vom engliſchen Adel erzählen?* Vom engliſchen Adel? Nein von den eng⸗ liſchen Schlauköpfen, die in London eine ganz eigne und den vornehmen und reichen Leuten höchſt zuträgliche Erfindung und Einrichtung ge⸗ macht haben. (Für vornehme und reiche Leute, ſagen Sie 79 aSie haben eine Anſtalt eingerichtet, wo man ſein Leben verſichern kann. 4 «Sein Leben verſichern? ſagte der Baron höchlichſt verwundert. Was heißt das? Ich kann mir keinen Begriff davon machen. „Der Sinn iſt klar; Man zahlt der Lebens⸗ — 27— verſicherungsbank in London für jedes Jahr, wel⸗ ches man leben will, eine beſtimmte Summe. Dafür erhält man's verbrieft und beſiegelt von der Bank und einer Menge der geſcheidteſten Aerzte, die ſich zu dieſem Zwecke vereinigt ha⸗ ben, daß man in der Zeit, für deren Dauer man ſein Leben verſichert hat, nicht ſtirbt. Wär's möglich? fuhr der Baron ſtaunend empor, und blickte ſtarr, wie vor den Kopf ge⸗ ſchlagen, in's Blaue hinein. Dann ſetzte er zweifelnd hinzu: Wer viel Geld hätte, könnte ſich ja ein ungeheuer langes Leben erkaufen. Für länger als neunzig Jahre kann die Bank nicht ſtehen, wie ich mir habe ſagen laſſen. Und drum läßt ſie ſich auch bei den reichſten und vor⸗ nehmſten Perſonen nicht auf eine längere Zeit ein. Aber bis zum neunzigſten Jahre weiß ſie ſich ſicher, und giebt deshalb auch voůtommn⸗ Sicherheit. „Nun die Leute ſind redlich, ſi der Ba ron gutmüthig billigend und belobend, eſte ver ſprechen nicht mehr, als ſie halten können. Do gefällt mir von ihnen. J, und neunzi Jährchen iſt ja ein hübſches Alter, und jede kann damit zufrieden ſein, wenn's auch ein Pae Piſtolen koſtet. Länger verlangte ich gar ni“ — zu leben. Wenn der Himmel in ſeiner Gnade noch einige Jahre hinzugäbe, ſo nähme man's dankbar an. Die Sache hat alſo ihre Gewißheit 2* Sie iſt außer Zweifel, Herr Baron⸗ und war das Geſpräch der ganzen Stadt.„ „Da muß man wohl nach London reiſen, wenn man ſein Leben verſichern will?* Keineswegs. Die Londoner Lebensverſiche⸗ rungsbank hat einen Agenten in der Reſidenz⸗ das iſt der Kaufmann Zahl in der Marktſtraße; an dieſen zahlt man das Geld und von ihm er⸗ hält man den Verſicherungsſchein, der einen gar wunderlichen Namen hat. Dem Bankagenten Zahl ſteht ein ſehr geſchickter Arzt zur Seite⸗ Doktor Lrautmann; dieſer iſt Bankarzt und ſtellt ſein Gutachten über den Geſundheitszuſtand desjenigen aus, der ſich verſichern will. Nach dieſem Gutächten werden ſodann in London die nöthigen Vorkehrungen vo den Aerzten zur Le⸗ benserhaltung, währeud der Verſicherungszeit, getroffen.* „Das Ding läßt ſich hören,* bemerkte der Barvn. eZwar iſt viel Unwahrſcheinliches dabei, aber was wird jetzt nicht Alles erfunden! Wie viel Unwahrſcheinliches erlebt man nicht und ſieht's mit eignen Augen l„ —— Ueberzeugen Sie ſich ſelbſt, gnädiger Herr, fuhr der Landkommiſſär fort, indem er ein Zei⸗ tungsblatt aus der Taſche zog und auf dem Tiſche vor dem Barone ausbreitete, ehier macht es der Kaufmann Zahl bekannt, daß er die Agentur der Lebensverſicherungsbank zu London, übernommen, und Jeder, welcher in der Stadt oder Umgegend ſein Leben zu verſichern gewillt ſei, ſich bei ihm zu melden habe. v Parole d'honneur!* rief der Barvn auf das Blatt glotzend.„Da ſteht's! Eine wunderliche Geſchichte!„ Der Kaffee war unterdeſſen aufgetragen wor⸗ den, und Fink, früher mit der Zubereitung deſ⸗ ſelben beſchäftigt, wurde nun vom Baron herbei⸗ gerufen, und mußte die neue Mähr mit manchen Ausbrüchen kurlvſer Verwundrung des gnädigen Herrn aus deſſen Munde anhören, und der ver⸗ ſchmitzte Kammerdiener verfehlte nicht, ſein Stau⸗ nen auf verſchiedene Weiſe kund zu geben. Die Lebensverſicherung blieb Gegenſtand des Geſprächs, an welchem der Baron ſo viel Intereſſe, wie lunge an nichts zeigte; und als der Landkommiſ⸗ ſär Abends ſich empfohlen hatte, ſaß der Hert des Schloſſes lange ſinnend und blies wieder un⸗ geheure Wolken aus ſeiner Meerſchaumpfeife, — 60— gleichſam als wollte er aus den blauen Nebelge⸗ ſtalten des Tabackrauchs ſein künftiges Schickſal entziffern, bis er plötzlich in die Worte ausbrach: Fink, hätten ſie in London das Ding eher er⸗ funden, ich glaube, wir ſäßen nicht ſo allein auf dem Schloße, und die alte ehr⸗ und ruhmwür⸗ dige Familie der Holder ſtürbe nicht mit mir aus. Wer weiß, was nch geſchehen kann! nickte Fink bedeutſam. Wie alt bin ich denn 22 fragte der Barvn zerſtreut. WVier und fünfzig. Es ſind die beſten Jahre.v Und der Baron verſank wieder in ſein ta⸗ backqualmendes Brüten. Zwei Tage darauf ſchoß Fink in das rauch⸗ erfüllte Zimmer des gnädigen Herrn, als wenn ihm der Kopf brennte, ſo daß alle 3r vellend emporfuhren. Eine Herrſchaft!? rief er keuchend. Ein Rad zerbrochen— ohnfern dem Dorfe— laſſe höflichſt bitten— Erlanbniß— eintreten 5 dürfen. v eWer iſt's? fuhr der Baryn empor, riß die ſchmutzige Rachtmütze vom Kopfe, die er⸗ — 31— wenn er nicht auf die Jagd ging, den ganzen Tag über zu tragen pflegte, und ſah den außer ſich gekommenen Fink mit großen erſchrocknen Augen fragend an. Ich weiß es nicht; ich hah' es wieder ver⸗ geſſen. Aber unten ſteht ein Kerl in Livree. Frag ihn aus und ſag' ich ſei nicht zu Hauſe! rief der Baron ängſtlich, aber er ließ vor Schrek⸗ ken faſt die Meerſchaumpfeife fallen, als der Li⸗ vreediener eben hinter dem Landkommiſſär herein⸗ trat. aHerr Baron„ ſagte der Letztere, eine ſehr achtbare adelige Familie aus der Reſidenz, die auf der Heimreiſe mit dem Wagen in unſter Nähe Unglück gehabt hat, läßt Sie durch die⸗ ſen Burſchen höflichſt um die Erlaubniß erſuchen⸗ ſo lange im Schloße verweilen zu dürfen, bis der Wagen im Dorfe wieder hergeſtellt iſt. Mit Vergnügen! Mit Freuden! Es wird mir höchſt angenehm ſein!2 ſtotterte der Baron. Wen aber werde ich denn die Ehre haben bei mir zu ſehen?? fragte er dann ſchüchtern. Seine Excellenz, der Herr Hofmarſchall von Birkenſtein, mein gnädigſter Herr, und Ihro Gnaden, die Frau Hofmarſchallin, meine gnädigſte Frau, und Ihrv Gnaden, das Fräulein Edelgunde, — 36— mein gnädigſtes Fräulein, laſſen ſich dem gnädi⸗ gen Herrn Baron von Holder auf Holdersdorſ ganz gehorſamſt empfehlen, undo— Schon gut, fiel der Landkommiſſär dem plappernden Diener ins Wort.„Das Uebrige weiß der Herr Barvn ſchon. Dieſer hatte unterdeſſen Fink herbeigezogen, und ihm mit ſchreckenbleichen Lippen zugeflöſtert: Schnell meinen Staatsrock, Fink! v Da der beſtürzte Herr des Schloßes unfähig war, zu handeln, ſo ſchickte der Landkommiſſär den Diener mit den verbindlichſten Empfehlun⸗ gen an ſeine Herrſchaft wieder fort, und wandte ſich dann an den Baron:„Es wird ſich doch beſſer machen, wenn Sie der gnädigen Herrſchaft entge⸗ gen gehen und dieſelbe an der Thüre empfangen.“ „Sie haben recht, Goldmännchen!“ rief der Baron.„Wie gut, daß Sie mir beiſtehen!“ und in den dargebotnen Staatsrock fahrend, machte er ſich ſogleich marſchfertig, obgleich er ſeit einigen Tagen nicht raßirt war, das ergrau ende Haar ihm unordentlich um den Kopf hing, ein ſchmutziger Hemdkragen aus der alten Jagd⸗ weſte hervorguckte, und die nicht minder unſau⸗ bern Strümpfe ihm von der ſtark getragnen — wildledernen Hoſe auf die bequem getretenen Hausſchuhe herabhingen. Aber es galt, die Vürde ſeines Standes zu repräſentiren, und mit einem feierlichen Ge⸗ ſichte, auf deſſen Stirne große Tropfen Angſt⸗ ſchweiß getreten waren, eilte er baſtig dem Po⸗ ſten zu, welchen ihm die Einſicht des Landkommiſ⸗ ſär's angewieſen hatte. Aber ſchon trat das hochadlige Paar mit ſeinem Sproß auf ihn zu, der Hofmarſchall fein friſirt und gepudert, mit friſch geflochtenem, ſtattlichem Zopf, das ſeidne Staatskleid, ſo viel als thunlich geweſen, her⸗ ausſtaffirt und aufgefriſcht, Degen und Schuhſchnal⸗ len geputzt und polirt, Schuh und Strümpfe ſäu⸗ berlich angefärbt, und das Geſicht glatt raſirt und in die freundlichſten Falten gelegt; die Frau Hofmarſchallin im rauſchenden Schleppgewande von grün ſeidnem etwas verſchoßnen, groß ge⸗ blümten Damaſt, ihren Brautfecher wedelnd in der Hand, die friſch bebänderte Dormeuſe auf dem àla Ninon friſirten Kopfe, ſtarkes Roth auf den run⸗ zeligen Wangen und das freundlichſte, huldreichſte Lächeln auf dem ganzen Geſichte. Endlich die einzige Tochter und auch das einzige Kind des eben beſchriebenen Ehepaars, die ſchlanke ſchöne Edelgunde, in einem einfachen weißen Kleide und W. 3 — einem gewiß ſehr wohlfeilen Halstuche, aber voll Grazie in Gang und Bewegung⸗ voll Geiſt in Miene und Blick, voll Leben und Feuer in dem dunkelbraunen Auge, das ſtarke kaſtanienfarbene Haar einfach geſcheitelt. Der Baron ſchnitt einen ungeſchickten Kratz⸗ fuß um den andern⸗ und ſtammelte unverſtänd⸗ liche Worte, welche Höflichkeiten mit ſehr fein abgemeßnen ceremoniöſen Bücklingen und Knixen, ſo wie mit den zierlichſten und verbindlichſten Redensarten, geeignet, die unverhoffte Freude äber die Ehre der neuen Bekanntſchaft auszu⸗ drücken, erwiedert wurden. Der Baron komplimentirte ſeine vornehmen Gäſte in's Haus hinein, wobei ſein Auge auf die üppigen Reize der Hofmarſchallstochter fiel, die lächelnd den Contraſt zwiſchen dem Staats⸗ rocke und dem übrigen Anzuge des verblüfften Mannes wahrnahm, und ein wunderlich ſüßes Gefühl, einer Ohnmacht nicht unähnlich, bemäch⸗ tigte ſich ſeiner; es flirrte ihm vor dem Geſichte, welches er, gleichſam geblendet von ſo viel Schön⸗ heit, abwendete; es hrauste ihm vor den Oh ren und er mußte ſich gewaltig anſtrengen, un von den lieblichen Worten des Herrn Hofmar⸗ ſchalls und der Frau Hofmarſchallin etwas zu —— verſtehen; etwas darauf zu erwiedern, vermochte er ohnedieß nicht. Aus dieſem ungewöhnlichen Taumel wurde er plötzlich durch ein Paar Worte ſeines Kammerdieners geriſſen, der ſich an ihn drängte und ihm zuflüſterte:„Aber gnädiger Herr, Ihre Beinkleider und Strümpfe!“ Holder fuhr zuſammen, als wenn ihn der Blitz getroffen; ſeine Augen hatten ſogleich die bezeichneten Gegenſtände aufgeſucht.„Hunde⸗ wetter! rief er außer ſich, ein Fluch, an wel⸗ chen er ſich gewöhnt hatte. sFink, bitte ſchnell den Landkommiſſär, daß er die Gäſte hinaufführt und mich entſchuldigt; ich ſchäme mich zu Tod.“ Und wie ein Morder fuhr er einer Thüre hinein, um ſich den Blicken des ſchönen Mädchens zu entziehen. Der Landkommiſſär übernahm die Vices des Barons mit Freuden, entſchuldigte denſelben artig, und führte die Familie hinauf in das ſogenannte Theezimmer, wo des Baron's Eltern einſt ihre Theegeſellſchaften gegeben hatten. „Iſt er vorbereitet?“ fragte die Hofmar⸗ ſchallin den Landkommiſſär leiſe. „Der Kammerdiener Fink,“ verſetzte dieſer . ebenſo,„der Alles, und der Pfarrer Blum, der viel bei ihm gilt, ſind von mir gewonnen, und die Rachricht von der Lebensverſicherungsbank 3* — hat ſchon gute Wirkung gethan, wie ich Ihnen bereits geſtern geſchrieben habe.“ „Meine Tochter darf noch nichts merken,“ fuhr Frau von Birkenſtein fort.„Erſt wenn er um ſie anhält, ſoll ſie meine und ihres Va⸗ ters Wünſche erfahren. Leite ihn nur bald dazu.“ Der Landkommiſſär nickte mit lachender Miene, während ſeine Blicke lüſtern und begehrlich auf Edelgunden's Reizen umherirrten, und ſeine Au⸗ gen mit den ihrigen ſprachen. Der Kammerdiener Fink erhielt von der gnä⸗ digen Frau einen ſehr ſreundlichen Blick und wurde bei einer unbedeutenden Frage„mein Freund“ genannt⸗ über welchen herablaſſenden Ausdruck, ſchier erſchrocken⸗der Hofmarſchall ſeine Frau mit großen verwunderungsvollen Augen anſah. Fink entfernte ſich mit dieſer Spende, um ſeinem verwirrten Herrn beim Anzuge zu helfen; und bald darauf trat der Baron in hellgewichs⸗ ten Jagdſtiefeln, wohlgebürſteten grünen Bein⸗ kleidern, knapper Weſte und ſteifer Halsbinde, mit glatt raſirtem Kinn und Lippen, ſo wie wohl gekämmtem Haupthaare herein— dieß Alles hatte Fink's Kunſt und des Baron's Eifer in acht Mi⸗ nuten bewirkt, während welcher Frau von Bir⸗ — 5— kenſtein ſich mit ihrem Pathen eifrig beſprochen, und verabredet hatte, daß ſie gegen einander fremd thun wollten— und entſchuldigte ſich, nun ſchon eher gefaßt und geſammelt, mit lauten und ver⸗ ſtändlichen Worten. „Der Herr Baron beſuchen wohl die Reſi⸗ denz ſehr wenig, da wir doch bis jetzt die Ehre Ihrer Bekanntſchaft entbehrt haben?“ fragte Frau von Birkenſtein. „ Gehorſamſter Diener, gnädige Frau. Ich mag die Städter nicht leiden. Ich bin ſo ein alter ehrlicher Junggeſelle, auf den Pferden und im Walde aufgewachſen, mit den Hunden ver⸗ trauter als mit den Menſchen, und an all' das liebe Vieh gewöhnt, als ob ich dazu gehörte; die Städter aber ſind fein und abgeſchliffen, daß man das Gepräge gar nicht mehr erkennt, dabei falſch, ohne daß man's merkt, heimtückiſch und der Teufel weiß, was ſonſt noch.y „Es gibt Ausnahmen, ehrenwerthe Ausnah⸗ men, mein gnädigſter Herr Barvn,“ erwiederte die Hofmarſchallin bedeutſam, und wandte ſich an ihren Mann:„Ritht wahr, mein Schatz, der Herr Baron thuen vielen braven Leuten, die doch auch in der Reſidenz wohnen, Unrecht, wenn Sie alle Bewohner derſelben verdammen?“ — „Sie haben ganz recht, mein Engel,“ beſtä⸗ tigte der Horfmarſchall,„der Herr Baron ſoll⸗ ten eine Auswahl treffen. Auf die adelige Be⸗ dienung des jetzigen durchlauchtigſten Herrn, das heißt auf den Hoſſtaat, ſo wie er zur Stunde beſteht, mag das Urtheil des Herrn Baron voll⸗ kommen paſſen; aber es gibt noch ehrliche, brave Leute, von gutem alten Adel, die in Ehren grau geworden ſind. Dieſe ſollten Sie doch ausneh⸗ men, Herr Barvn.“ „Ich bitte ſehr um Entſchuldigung,“ ſprach dieſer verdutzt.„Ich will nicht läugnen, daß es brave Leute unter den Städtern gibt, aber wie ſoll ich ſie finden?* „Vertrauen Sie ſich meiner Leitung⸗ mein verehrteſter Herr Barvn,“ bat Frau von Bir⸗ kenſtein.„Ich werde Sie zu guten, edlen Men⸗ ſchen führen⸗ Ja,“ fuhr ſie mit Salbung fort, „ich erachte unſer Malheure für eine Fügung des Himmels, dieſen edlen trefflichen Mann in einen Kreis einzuführen, der ihm gleich iſt an Adel der Geburt, wie der Geſinnung. Der Herr bedient ſich vft wunderbarer und gering ſcheinen⸗ der Wege, um Großes und Herrliches zu bezwecken.“ Der Baron wiſchte ſich eine Thräne der Rüh⸗ rung aus dem Auge. Aber nun war auch das — —— Rad ſeiner Unterhaltung abgelaufen; er ſtrengte ſein Gehirn an, was er reden ſolle, da fiel ihm ein, daß er ſeinen Gäſten doch etwas vorſetzen müſſe, und ſogleich wurde Fink abgeſchickt, um Kaffee zu kochen. „Nehmen Sie's ja nicht ungnädig auf,“ wondte er ſich mit einer ſeiner unbehülflichen komiſchen Verbeugungen an die Gäſte,„ich habe die Wirthſchaft des Gutes mit allen Knechten und Mägden an meinen Landkommiſſär Altfuchs ab⸗ gegeben, und behelfe mich mit meinem treuen Kammerdiener. Aber ich bin keineswegs ein Weiberfeind, noch jemals einer geweſen,“ fügte er mit einem Blick auf Edelgunden hinzu. „Wie kommt es aber, daß Sie ſich niemals verheirathet haben?“ fragte Frau von Birkenſtein. Der Barvn wühlte verlegen in ſeinen Rock⸗ taſchen, wohin er die Hände, die ihm heute ſehr im Wege waren, geſteckt hatte, um ſie bei Seite zu bringen; dann ſtotterte er haſtig:„Das liegt, um die Wahrheit zu ſagen, an meiner hochſeli⸗ gen Frau Mama.“ „ Wie konnte dieſe verehrungswürdige Frau wünſchen, daß der glorreiche Stamm derer von Holder abſterbe?“ fragte Frau von Birkenſtein, ſich ſehr erſtaunt ſtellend. — „Ach, das wünſchte ſie keineswegs,“ ſeufzte der Baron, plötzlich ſehr ernſt geſtimmt;„ſie wünſchte vielmehr das Gegentheil, aber ſie wußte auch, daß mit Erfüllung ihres ſehnlichſten Wunſches der Tod ihres einzigen und geliebten Sohnes verbunden ſein werde.“ „Wie ſoll ich das verſtehen, Herr Baron? Mit Ihrer Verehligung wäre Ihr Tod verbunden?“ „Nicht anders, meine Gnädige. „Aber ich bitte Sie, erklären Sie ſich deut⸗ licher, mein wertheſter Herr Baron!“ Holder räuſperte ſich, fuhr mit der Hand über das Geſicht und begann:„Die hochſelige Mama war eine fromme, gottesfürchtige Frau, verſäumte keine Kirche, ließ oft beſondre Bet⸗ ſtunden auf dem Schloße halten und ſich alle Freitage das heilige Abendmahl reichen. Sie glaubte aber auch an Geiſter, an gute und böſe, und gewiß mit Recht. Es war ihr viel Wun⸗ derliches in ihrem Leben begegnet, und ſie wußte mancherlei davon zu erzählen. Beſonders forſchte ſie fleißig in der Zukunft, und das war vielleicht nicht ganz recht von ihr— denn der Menſch ſoll nicht begehren, was ihm Gott verſagt hat— und eine alte Zigeunerin, die uns pft beſuchte und Wochenlang auf dem Schloſſe blieb, ſtand —— in großer Gunſt bei ihr. Die Mama behaup⸗ tete nämlich ſteif und feſt, es ſei Alles eingetrof⸗ fen, was ihr die Alte prophezeit, und ich ſelbſt habe mich in meiner Jugend vft überzeugt, daß dieß häßliche Weib mehr wußte als andre Leute. So hatte denn die Alte auch gewahrſagt, ich würde ſterben müſſen, ſobald ich mich verheirathete, und dieſe Prophezeihung hat ſie ſo lange und ſp oft wiederholt, als ſie auf's Schloß kam, bis ſie, wahrſcheinlich wegen ihres eignen Todes, ausge⸗ blieben iſt. Da hat denn die gnädige Mama bis an ihr hochſeliges Ende abgewehrt, daß mir der Gedanke an's Heirathen nicht einfallen ſollte, und eh' ſie in meinen Armen verſchted, zwang ſie mir, aus Beſorgniß für mein Leben, das Verſprechen noch ab, keine Frau zu nehmen. Mir war das liebe Leben— ich geſteh' es— auch lieber, als eine Frau und Nachfolger, und ſo iſt's denn dabei geblieben bis dieſe Stunde. Der Baron verſchnaufte ſich von der langen angreifenden Rede, und Fink trug den Kaffee auf und ſervirte. Man kann dergleichen nicht gerade verwer⸗ fen,o bemerkte die Hofmarſchallin.„Ich habe auch derlei wunderbare Fälle erlebt, und mein Glaube daran iſt unerſchütterlich; aber einem ſol⸗ — 1— chen Unglücke ließe ſich ſchon vorbeugen. Z. B. wenn Sie Ihr Leben bei der neuen Lebensver⸗ ſicherungsbank in London verſicherten. Das Wort wirkte wie ein electriſcher Schlag auf den Barvn. Der ſehnlichſt gewünſchte Ge⸗ genſtand der Converſation war gefunden; die Qual war vorüber, Holder wußte nun, wovon er ſprechen ſollte. Mit einer gewiſſen freudigen Ueberraſchung nahm er neben Frau von Birken⸗ ſtein Platz und rief mit herzlicher Vertraulich⸗ keit:„Haben ſie auch ſchon von dieſem Wetter⸗ dinge in London gehört? Geſtern noch habe ich mit meinem Pfarrer ein Langes und ein Brei⸗ tes darüber geſprochen. Sagen Sie mir, gnä⸗ dige Frau, was halten Sie davon? Die Sache hat ſich, wie ich aus hundert authentiſchen Quellen weiß, als unbezweifelt wahr erwieſen, die Bank gewinnt täglich mehr Ver⸗ trauen, und das mit Recht. Sie können's in allen Zeitungen leſen.2 Des Baron's Augen konnten nicht vvn Edel⸗ gunden loskommmen; er präſentirte ihr und der Frau Mutter ſelbſt den Kaffee. Die Lebensverſicherung wurde bis zur hereinbre⸗ chenden Nacht beſprochen. Der Wagen war nicht fertig geworden. Die Gäſte blieben da. Der — 43— Baron war kreuzvergnügt, und brummte ein Jagdlied, was er nur in der heiterſten Laune that. Die Jagdhunde erhielten doppelte Ratio⸗ nen. Abends wurde der Pfarrer gebeten, und der Gegenſtand des Geſprächs wurde abermals die Lebensverſicherung. Und von Stunde zu Stunde ſchauete der Baron freundlicher nach Edelgunden, welche der Landkommiſſär höchſt aufmerkſam und eifrig unterhielt, wofür ihm der Baron, über das artige und zuvorkommende Be⸗ nehmen ſeines Pachters höchlichſt erfreut, mehr⸗ mals ſeinen verbindlichſten Dank in herzlichen Worten zu erkennen gab. Freilich wurde dieſe Unterhaltung, wenn die Andern im Eifer des Geſprächs waren, ziemlich leiſe geführt, und Edelgunde flüſterte ihrem Jugendfreunde und Spielgenoſſen dann zu:„Geſtehe ein Mal, Gu⸗ ſtav, daß die hundert Gulden, welche vorgeſtern bei uns abgegeben wurden, von dir ſind. Läugne nicht, wenn du mich liebſt. Denn wer anders ſollte uns hundert Gulden ſchicken?2“ „Ich will's bei dir auch nicht läugnen,o ver⸗ ſetzte Altfuchs eben ſo.„Es war der Erlös meiner zu Markt gebrachten Früchte. Ich brauchte es nicht. Ihr aber braucht es, und deßhalb bitte ich dich, kein Wort weiter darüber zu verlieren.“ —— „Deine Abſicht war edel; wenn ſie doch nur erfüllt worden wäre. So aber reißt mich deine Gabe ſchnell einem böſen Schickſal zu. Die El⸗ tern hätten dieſe thörichte Reiſe nicht unterneh⸗ men können; denn alle Mittel, Geld zu ſchaffen, ſchlugen fehl. Da kommt das Paket. Die Mut⸗ ter war vor Freude außer ſich und ſchrieb die Gabe dem Herzoge ſelbſt zu. Nun hielt ſie meine Heirath mit dem Baron Holder für eine vom Himmel ſelbſt gewünſchte und begünſtigte Sache, der man allen nur möglichen Vorſchub leiſten müſſe. Drauf löste ſie alten Staat aus dem Lombard ein und putzte ſich und den Va⸗ ter heraus. Ein Bedienter wurde für die Fahrt ongenommen, ein Wagen gemiethet, und ſo wer⸗ den wir dann mit deinen hundert Gulden ſo ziemlich fertig ſein, daß wir mit knapper Noth wieder nach Hauſe kommen.“ „Aber ich werde dadurch das Glück erlangen, welches auf Erden zu erſtreben mir allein er⸗ laubt iſt. Ich werde alle meine Geſchicklichkeit aufbieten, die Heirath ſo ſchnell als möglich zu Stande zu bringen, und ich habe alle Hoffunng dazu, daß es bald geſchieht. O Edelgunde, ich zittre mit Wonneſchauern dem Angenblicke — entgegen, wo ich berauſcht von unausſprechlicher Liebesſeligkeit—“ Edelgunde ſtand auf, um nach ihrer Taſſe zu langen, und der unbeſonnene kühne Sprecher verſtummte. „Abſcheulicher Menſch!“ ſchmollte das Fräu⸗ lein einige Zeit darauf, und ihre Augen ruhten dabei ſchmachtend, reizender durch den Ausdruck holden Liebeszorns, auf ſeinem blühenden Ge⸗ ſichte.„Ich habe dieſe Tage und Nächte unſäg⸗ liche Thränen über dich vergoſſen,“ fuhr ſie dann milder fort.„Ach, ich habe Gott gebeten, daß er dieſen Kelch der Verſuchung, den du mir be⸗ reiteſt, von mir nehme.“ „Um den widrigen Oberſten vder ein ähnli⸗ ches Exemplar heirathen zu müſſen, oder dich von deiner Mutter peinigen zu laſſen, und vor Kummer über die Noth deiner Eltern zu ſter⸗ ben. Nicht wahr?“ fragte Altfuchs boshaft. „O ich will Gott noch inbrünſtiger bitten,“ verſetzte das Fräulein mit zitternder Stimme und in ihren Augen glänzten Thränen,„daß er mir einen Ausweg aus dieſer furchtbaren Be⸗ drängniß, aus dieſem Wirrſal zeige. Ach, Gu⸗ ſtav, ich müßte mich ja ſelbſt verachten, wenn—“ * Jetzt langte er mit unwilligem Geſicht nach ſeiner Taſſe, und das Fräulein ſchwieg.— Die Geſellſchaft wurde mit einem ſchmackhaf⸗ ten Wildpretsbraten regalirt: Wein und Punſch floß Abends auf den Tiſchen. Als der Baron, ziemlich berauſcht, ſich nach Mitternacht von Fink auskleiden ließ, ſagte er ſchmunzelnd:„Höre, Fink, ich glaube ſelbſt, es iſt Gottes Schickung, daß Hofmarſchalls das Rad nicht weit von uns zerbrachen. Es ſind herrliche Leute. Recht und ächt adlig, wie ich's von Edelleuten gern mag.“ „Und das Fräulein! das gnädige Fräulein! Und die Lebensverſicherungsbank dazu! Nicht wahr, Herr Baron, daran haben ſie auch ſchon gedacht?“ „Du biſt doch ein Erzſchelm!“ ſagte Holder und wollte ſich todtlachen. Und lachend über den Scharfſinn ſeines Kammerdieners taumelte er in's Bett. Edelgunde fühlte ſich von lauter Harm und Kummer krank, und ſchickte ihr Mädchen nach dem Hausarzte, dem alten Leibmedicus Hohlfeld. Dieſer ließ ſagen, es thue ihm leid, nicht ſelber aufwarten zu können; er ſei eben im Begriff —— in Wagen zu ſteigen, um zu elnem ſehr gefähr⸗ lichen Patienten auf's Land zu fahren; er werde ihr ſogleich den Doktor Trautmann ſchicken. „Es iſt doch ſonderbar,“ bemerkte die Hof⸗ marſchallin,„daß der alte Hohlfeld dir faſt im⸗ mer den jungen Trautmann ſchickt.“ „Aber wenn's gefährlich iſt, kommt er ſelbſt, liebe Mutter.“ 6 „Heute, da dein verlobter Bräutigam hier iſt, iſt's mir unangenehm. Der junge Doktor ſieht dich ſtets mit ſo eignen Blicken an, daß mir ſchon allerlei dabei eingefallen iſt.“ „Ich will ihn gleich wieder fortſchicken, llebe Mutter,“ ſagte Edelgunde, und ſuchte ihre Ver⸗ legenheit hinter dem Taſchentuche zu verbergen. In dieſem Augenblicke trat der Doktor Traut⸗ mann herein, ein angehender Dreißiger, von ge⸗ fälligem Aeußern und beſcheidnem Weſen. Sein Blick hing an Edelgundens Auge, als er ihren Puls fühlte; ihre Hand zitterte merklich. Sie ſah es ihm an, daß er ihr etwas zu ſagen wünſche, aber die Mutter wich nicht von der Stelle; ja zu ihrem noch größern Verdruſſe pol⸗ terte auch der Herr Baron von Holder herein. „Ei, ſieh da!“ rief dieſer in ſeiner beſten Laune dem Arzte zu,„treffen wir uns hier ſchon — wieder? Das freut mich herzlich. Sie ſin mein Mann! Sie waren mit mir vollkommen zufrieden; na, und deßhalb bin ich's mit Ihnen.“ Der Arzt machte eine ſtumme Verbeugung. „Die Herren kennen ſich ſchon?“ fragte die Mutter. „J, der Bankagent Zahl hat mich ja dieſen Morgen zu ihm geſchickt, und da hab' ich mich von ihm müſſen unterſuchen laſſen von oben bis unten, inwendig und auswendig, meine ganze Lebensgeſchichte hab' ich ihm erzählen müſſen S' iſt zum Todtlachen. Aber er hat auch kein ſolſches vder krankes Fleckchen an mir gefunden. Freuen Sie ſich nicht darüber, Gundchen?“ Das Fräulein ſchlug hocherröthend die Au⸗ gen nieder. „Ich habe die Ehre, Herr Doktor, Ihnen im Herrn Baron von Holder auf Holdersdorf den künftigen Gemahl meiner Tochter vorzuſtel⸗ len,“ nahm Frau von Birkenſtein ſchnell mit Gravität das Wort, um der Verlegenheit ihrer Tochter, ſo wie ihrer eignen ein Ende zu machen. „Es iſt mir bereits bekannt, welche Bande ſie mit dem Herrn Baron ſchließen werden,“ verſetzte der Arzt. „Sie ſind zu meiner Verlobung eingeladen, —— Hert Doktor!“ rief der Baron in ſeiner Bon⸗ bomie. Dieſer fühlte dem Fräulein noch ein Mal an den Puls, und ſchob ihr dabei ein Bil⸗ let in den Aermel, ſchrieb dann eln Recept und entfernte ſich. Edelgunde verging faſt vor Ungeduld, eh' ſie ſich einen Augenblick allein ſah. Endlich verließ man ſie und ſie las:„Mein Fräulein! So eben verläßt mich der Herr Baron von Holder, dem ich als Bankarzt ein Geſundheitszeugniß ausſtel⸗ len mußte. Zu meiner größten Beſtürzung er⸗ fuhr ich von ihm, daß er in Begriff ſteht, ſich mit Ihnen zu verloben. Dieſes Ereigniß drängt meine Schüchternheit zurück und mich ſelbſt zu einer Erklärung, die mir ſchon lange auf den Lippen geſchwebt, die ich, Ihnen gegenüber, nicht hervorzuſtammeln gewagt, die Sie aber in meinen Augen geleſen haben müſſen. Ja, ohne Worte, werden Sie wiſſen, Edelgunde, daß ich Sie heiß, ſchwärmeriſch liebe; ich glaubte ja in ihren ſchönen Augen gleiche Gefühle für mich zu leſen. Was bedarf es denn der Worte zu ſol⸗ chen Erklärungen, ſolchen füßen Geſtändniſſen, die durch Worte verlieren, wie die ſchönſten Far⸗ ben am Sonnenlichte erbleichen? Was bedarf es der Worte zur Seligkeit?— Doch nun— W. 4 nun muß ich zu Ihnen reden, nun muß ich es ausſprechen, wie es mir im Herzen wal⸗ tet. Darf ich auf Erhörung hoffen, wenn ich zu dem Geſtändniſſe meiner heißen Liebe die Bitte hinzufüge: werden Sie mein theures Weib! Fühlen Sie etwas in Ihrer Bruſt für mich ſpre⸗ chen, v ſo zaudern Sie nicht, mich glücklich zu machen! Meinen Sie, daß ich mich Ihren El⸗ tern entdecke? Zwar kann ich Ihnen keinen adligen Namen, aber einen unbeſcholtnen, keine Schätze, aber eine ansgebreitete Praxis bieten⸗ die uns ein anſtändiges Leben ſichert.— Sie werden nun errathen, warum ſtatt Hohlfeld's ich immer zu Ihnen kam; ich habe mich ſchon vor längerer Zeit meinem würdigen Freunde entdeckt und er war gern bereit, mich zu unterſtützen.— In zwei Stunden bin ich wieder bei Ihnen. Stecken Sie mir eine mich beglückende Antwort zu. O vernichten Sie nicht durch ein allzuraſches Einwilligen in den Wunſch Ihrer Eltern, wobei Ihr ſchönes Herz unmöglich mithandeln kann, Ihren Sie glühend liebenden Friedrich Trautmann.“ „Großer Gott!“ rief das Fräuleln, als ſie den Brief geleſen hatte,„ſo bewährt ſich hier 5 wieder das alte gute Sprichwort: wenn die Noth am größten, iſt die Hülfe am nächſten. Der Doktor iſt ein wohlgebildeter beſcheidner Mann, und wenn ich ihn auch nicht lieben kann, ſo will ich doch tauſend Mal lieber ſein treues Weib werden, als in das unwürdige Verhältniß tre⸗ ten, worein der wilde, leidenſchaftliche— ach! 6 doch ſo ſehr geliebte— Guſtav mich mit Gewalt zieht. Ja ich lieb' ihn, wie ich keinen Mann mehr lieben kann, aber da ich ihm nicht angehören darf als ſein Weib, ſo will ich es auf keine andre Weiſe, die mich vor mir ſelbſt erniedrigt. Und ſchwach bin ich gegen ihn, das fühl' ich wohl; wenn ich des Baron's Frau würde, ſo fiel ich unerrettbar in des tollen Menſchen Retze, und würde gewiß ſehr unglücklich.— Aber, mein Himmel! der Doktor iſt ja auch nicht ad⸗ lig, iſt auch nicht reich. Auch ihm werden meine Eltern mich ſtreng verweigern.“ In ſtarker Bewegung ging ſie auf und ab, und wußte nicht, was ſie thun ſollte. Den wil⸗ den Guſtav liebte ſie, aber ſein Antrag hatte ſie empört, und doch regte ſich in ihrem Herzen eine Stimme, demſelben zu folgen, und ſie er⸗ röthete vor ſich ſelbſt. Wäre der Doktor ein reicher Edelmann geweſen; ſie hätte theils aus 4* ——— Trotz gegen den leidenſchaftlichen Jugendfreund, der ihr weibliches Gefühl ſo wenig ſchonte, theils um aus dieſen Virrſalen mit einem Male her⸗ auszukommen, ihm ſogleich ihre Hand zugeſagt⸗ Indem ihre Unentſchlüſſigkeit das Für und Wider abwog, trat Fink, der Kammerdiener des Ba⸗ rons von Holder herein, um ſich im Ramen ſei⸗ nes beſorgten Herrn nach ihrem Befinden ½ befragen. „Es geht mir viel beſſer,“ verſetzte Edel⸗ gunde mit zitternder Stimme. Fink ſah ſie mit einem durchdringenden Blick kopfſchuttelnd an⸗ und ſagte dann:„Ich merke wohl, wo's fehlt, gnädiges Fräulein. NRa, es mögen ſich doch manche gewiſſe junge leichtſinnige Leute ſtark in Ihnen geirrt haben.“ „Was will Er damit ſagen, Fink?“ „Ich ſollte eigentlich nicht plaudern. Aber was ſcheer' ich mich um den jungen Landkommiſſär Altfuchs. Er hat mich hinſichtlich Ihrer, mein gnädiges Fräulein, hintergangen, und das iſt ſchlecht. Uberdies hab' ich noch einen ſcharfen — Zahn auf ihn, wegen einer andern Sache. Er hat einem ehrbaren Mädchen die Ehe verſprochen, und läſſt ſie ſitzen und behandelt ſie ſchnöde; das iſt ebenfalls ſchlecht, ſehr ſchlecht. Aber was er mit Ihnen vorhat, gnädiges Fräulein, das iſt das allerſchlechteſte.“ „Mein Gott!“ rief Edelgunde erſtaunt.„Was hat denn der Landkommiſſär mit mir vor. So laß Er doch hören, Fink!“ „Ich muß ganz offen und ehrlich gegen Sie ſein; denn ich ſchätze Sie hoch, gnädiges Fröu⸗ lein. Es hat mir Jemand Ihr edles Herz ge⸗ Sſildert, daß ich geweint habe, wie ein Knabe. Darum ſollen Sie Alles erfahren, wie dieſer gottloſe Menſch mit Ihnen umgeht.— Sehen Sie, er kam aus der Stadt, und vertrauete mir an, er wiſſe eine herrliche Partie für un⸗ ſern Herrn und habe ſich eine köſtliche Liſt er⸗ ſonnen, den Herrn Baron zum Heirathen zu bringen. Sie, mein Fräulein, ſchilderte er als ein leichtfertiges Geſchöpf, welches uns ſtets ſehr dankbar ſein werde, wenn wir ihr zur gnä⸗ digen Frau Baronin verhölfen. Mir verſprach er hundert Thaler, wenn die Sache zu Stande käme, dem Pfarrer eben ſo viel. Mir war das einſame Leben längſt zum Ekel. Ich hätte auch gern geheirathet, aber der Herr Baron ſagte ſtets: Fink, du darfſt nicht eher eine Frau neh⸗ men, als ich. Alſo können Sie denken, daß ich den Plan aus Leibeskräften unterſtützte.— Als — 54— Sie nun draußen auf Holdersdorf waren, merkte ich, daß der Landkommiſſär Sie ſtets mit ver⸗ liebten Augen anſah, und ſich viel um Sie her⸗ um zu ſchaffen machte. Da nahm ich ihn bei Seite und fühlte ihm auf den Zahn. Und von Wein und Leidenſchaft erhitzt, geſtand er mir, daß er die ſchönſten Hoffnungen habe, das wirk⸗ lich zu ſein, was der Herr Baron ſcheinen werde.“„ „Der Abſcheuliche!“ rief Edelgunde weinend vor Zorn. 3 „Nun jetzt denk' ich viel beſſer von Ihnen, gnädiges Fräulein,“ tröſtete der Kammerdiener, „ſeit ich Sie näher kennen gelernt, und wohl er⸗ fahren habe, daß Sie meinen Herrn, und alſo auch den zudringlichen Landkommiſſär nicht mö⸗ gen. Ich ſehe nun wohl, daß Sie keine Frau für den Herrn Varvn ſind, und am wenigſten in dem Sinne, wie's der Landkommiſſär mit Ihnen vor hatte. Weiß Gott! könnte ich Ihnen helfen, mit Gut und Blut thät' ich's.— Aber dem Landkommiſſär werd' ich's nie verzeihen, daß er ſein freches Ange zu Ihnen erhoben und deshalb einem ehrbaren Mädchen, welches für ihn poſſte, ſein Verſprechen nicht gehalten hat. Zum Glück für dieſe hat ſie ſich ſehr gut über * die Wortbrüchigkeit des ſchlechten Menſchen zu tröſten gewußt, und ſich— wie ich denke— gut entſchädigt.“ „Aber hilf Himmel! Wer iſts denn, dem der verächtliche Menſch die Ehe verſprochen?“ fragte das Fräulein ſehr beängſtigt. „Ich will Ihnen das Mädchen ſelbſt ſchicken,“ ſagte Fink lächelnd.„Sie wird Ihnen noch mehr und auch noch ein Paar Wörtchen über meine Wenigkeit ſagen.“ Er empfahl ſich mit einer gewiſſen unbehülflichen Wichtigkeit, die plötz⸗ lich ihre Unentbehrlichkeit eingeſehen hat, und ſich was rechtes darauf zu gut thut. Bald da⸗ rauf hüpfte Betty mit vergnügtem Geſichte he⸗ rein, und ſagte:„Hier bin ich!“ „Was wilſſt du! Ich habe dich nicht verlangt.“ „Doch! Der Kammerdiener Fink hat mich ja herein geſchickt.“ „Du—“ ſagte Edelgunde ſtaunend—„Du biſt's, der der Landkommiß är Altfuchs die Ehe verſprochen hat?“ „I freilich, bin ich's.“ „Davon hab' ich ja noch kein Wort gewußt bis dieſen Augenblick. Wie war's denn möglich, mir das zu verbergen?“ „Ich— ich— glaubte, Sie würden böſe ———— ———— — 3 — darüber werden, gnädiges Fräulein, wenn ich Ihnen etwas davon ſagte; weil— weil—— Sie—— ſelbſt dem Herrn Landkommiſſär im⸗ mer ein Bischen gut waren.“ „Da fürchteteſt du, ich mißgönnte dir dein Glück?“ fragte Edelgunde bitter.„Du haſt dich getäuſcht: ich hätte es dir von Herzen gegönnt.“ „Ach, nehmen Sie es nur nicht übel!“ „Keineswegs! Aber ſeit wann beſteht denn eure zärtliche Liebe?“ „Zärtliche Liebe?!— Ach, die hat gar nicht beſtanden. Das war's ja eben, was mich ſo ſehr geärgert und auf den Herrn Landkom⸗ miſſär aufgebracht hat.“ „Aber du ſprichſt in Räthſeln.“ „Betty! Betty!“ rief Frau von Birkenſtein draußen, und das Mädchen eilte hinaus. „Der Schändliche! Mich ſo zu verrathen! Einem Kammerdiener und einer Kammerjungfer mich Preis zu geben. Meinen guten Namen zu beſudeln! den zarten Schleier von unſter Liebe mit ſolch frecher plumper Hand hinweg zu reißen. Und um die Hand eines ſolchen Mädchens zu werben, während er mir ewige Treue ſchwört. Pfui, Guſtav! Das hätt' ich nicht von dir er⸗ wortet. Mit uns iſt's aus, auf ewig aus! Der Doktor hat geſiegt. Komme es, wie es will: ich werde ſein Weib.“— Und zum Tiſche ei⸗ lend, warf ſie mit zitternder Hand folgende Zeilen auf's Papier:„Ihr würdiges, von Ernſt und Heiterkeit erfülltes Weſen, die beſcheidne Huldigung, die Sie mir dargebracht und endlich Ihre Liebe athmende Erklärung haben Ihnen meine Neigung gewonnen. Wäre ich frei und unabhängig, ich würde den Baron Holder ſo⸗ gleich abdanken und Ihnen meine Hand reichen. Aber der Erfüllung dieſes Wunſches ſtehen, wie ich auch die Sache betrachten mag, große Hin⸗ derniſſe entgegen. Meine Eltern ſind bis zur Narrheit adelſtolz. Die Pietät verbietet mir, ſie in Ihren Augen wegen dieſer Schwäche her⸗ abzuſetzen, aber ich ſchwöre Ihnen zu, kaum kann dieſer Stolz mehr übertrieben werden. Sie würden mich tauſend Mal lieber ſterben, als in den Armen eines bürgerlichen Mannes ſehen, der mir das größte Glück bereitete. Sodann ſind ſie arm, ſehr arm. Die Wuth zu glänzen hat ſie um ihre Güter, um ihr ganzes Verms⸗ gen gebracht; wir leben kümmerlich von einer kleinen Penſivn. Ihnen darf ich das Geſtänd⸗ niß machen, daß die Bedrängniſſe, welche von unſrer Dürftigkeit herbeigeführt werden, unſerm —— Stande und unſern Prätenſionen oft den gräß⸗ lichſten Hohn ſprechen. Ihren Grundſätzen und Umſtänden zufolge mußte meinen Eltern daran liegen, daß ich einen reichen Adligen zum Ehe⸗ herrn erhielte; ſie haben lange geſucht, und end⸗ lich im Baron Holder ein taugliches Exemplar gefunden. Ich bin an dieſen, mir höchſt lächer⸗ lichen Kumpan verkauft, und muß als Opfer für meine gefühlloſen Eltern bluten, die am Hochzeitstage drei tauſend Thaler von meinem Gemahle erhalten werden. Der Gram verzehrt mich, aber ich ſehe keinen Ausweg. Auch iſt mir das Leben im elterlichen Hauſe ganz uner⸗ träglich, und ich ziehe jedes andre Lvos meinem jetzigen vor. Sie können mir nicht glauben, as ich unter Menſchen leide, die meine Eltern und doch mit meinen Lebensanſichten und Gefüh⸗ len ſtets im ſchneidendſten Widerſpruche ſind. Wiſſen Sie Rath, Hülfe? Ich bin ſogleich be⸗ reit, Ihnen zu folgen. Aber fort muß ich von hier, fort von dieſen Menſchen, die mich todt quälen. Meine Angſt, meine Noth iſt groß und grenzt an Verzweiflung. Ich beſchwöre Sie, retten Sie Ihre Edelgunde.“ — Zut beſtimmten Zeit kam der Doktor. Sie waren einen Augenblick allein. „Was hab' ich zu hoffen?“ flüſterte er ihr zu. „Leſen Sie!“ verſetzte das Fräulein ebenſo; und während ihr Geſicht wie von Purpurfarbe übergoſſen war, glänzten Thränen in ihren Augen. „Kann ich Sie allein ſprechen?“ „Ich weiß keine Gelegenheit dazu.—“ Die Mutter trat ein, und der Arzt empfahl ſich bald darauf. Der Landkommiſſär war mit ſeinen raſchen Füchſen und der leichten Troſchke von Holders⸗ dorf herein in die Stadt gekommen, um zuzu⸗ ſehen, wie weit ſein Werk gediehen ſei, und trat fröhlich und guter Dinge in die Wohnung ſeiner gnädigen Frau Pathe. Dieſe und die Ex⸗ cellenz nahmen ihn nun zwar nach ihrer Art recht freundlich auf, d. h. et durfte ſich einige Minuten niederſetzen und der gnädigen Frau die Hand küſſen; aber was lag ihm daran? Er ſah ſich überall nach Edelgunden um, und als er ſie nicht wahrnahm, war er dreiſt genng, nach⸗ dem er ſich empfohlen, leiſe, wie ein Marder, in Edelgundens Zimmet zu ſchleichen. —— Sie ſchrack zuſammen, als ſie ihn erblickte, und rief ihm zu: sFort! Ich will nichts von dir ſehen und hören!» Was iſt das?» verſetzte der Pachter ver⸗ dutzt und vom heißen Liebesfieber plötzlich abge⸗ kühlt. sFrage auch noch, unwürdiger Menſch!* „Ei, ei, man ſpricht in ſehr beſtimmten Aus⸗ drücken. Das lautet ſonderbar. sJa wohl! Mir klangen die Aeußerungen Ih⸗ rer Diskretion auch ſonderbar, Herr Landkommiſ⸗ ſär. Es iſt nicht genug, mir einen ſchaamloſen Antrag zu machen, man gibt mich auch den Bedienten Preis und rühmt ſich Vertranlichkeiten. Pfui, Guſtav, du biſt ein elender Menſch!» sOho! So weit ſind wir noch nicht, Mon⸗ ſieur Fink hat geſchwatzt, weggelaſſen, hinzugelogen, verdreht, entſtellt.— Meiner Jungfer einen Heirathsantrag zu machen, nachdem er mir ewige Liebe und Treue geſchworen. Wie gemein„ Höll und Teufel! Ich der Betty einen Hei⸗ rathsantrag gemacht! So ſoll ja gleich— Wo iſt das Weibsbild? Wo iſt der Fink! du ſollſt mich mit Ihnen confrontiren. Biſt du toll? „Du haſt es mich gemacht. Ich will auf den Grund.2 „Guſtav, ich beſchwöre dich!» „Ich will Wahrheit. Hierher ſetze ich mich und weiche nicht von der Stelle, bis Betty und Fink hier ſind, um mit mir von dir verhört zu werden.“ „Gott! wenn dich die Mutter findet. Du ſpaunſt mich auf eine Folter.“ „Meinetwegen, ich gehe nicht. Man läßt ſich nicht ohne Weiteres verläumden und fort⸗ ſchicken.“ „So muß ich das Zimmer verlaſſen.“ „In Gottes Namen. Ich bleibe.“ „Du willſt mich todt ärgern.“ „Ich will mich nicht todt ärgern laſſen.“ „Ich gehe.“ „Ich bleibe.“ „O du böſer, garſtiger Menſch!“ Edelgunde eilte in höchſter Aufregung fort und glaubte ihn dadurch am beſten zum Gehen zu bewegen. Aber er ging wirklich nicht, ſondern erlaubte ſich einen auf dem Tiſche liegenden angefangnen Brief zu leſen, an welchem ſchreibend er Edelgunden ge⸗ troffen, und den ſie in der Eile der Beſtürzung weg zu nehmen vergeſſen hatte. Er las mit „ großen Augen:„Mein theurer Doktor! Unmög⸗ lich kann ich Ihnen Zeit und Ort einer Zuſam⸗ menkunft angeben. Meilne Eltern und der Ba⸗ ron verlaſſen mich faſt nie. Da aber der Ba⸗ ron Sie ganz beſonders in's Herz geſchloſſen hat, ſo könnten Sie vielleicht Gelegenheit finden—“ Hier ſchloß das Brieffragment, und der Land⸗ kommiſſär nahm ſcheinbar ruhig ſeinen Hut und ging zum Baron,— um auszukundſchaften, wel⸗ chen Doktor er denn in's Herz geſchloſſen, was zu erfahren ihm eben nicht ſchwer wurde. Tags darauf trat der Landkommiſſär Altfuchs in das Zimmer des Doktor's Trautmann, verneigte ſich tief, und ſagte:„Ich möchte meinen Va⸗ ter gern in die Lebensverſicherungsbank kaufen.“ „Schon gut,“ verſetzte der Arzt.„Ich muß zuvor den Geſundheitszuſtand des Mannes prü⸗ fen: und nur, wenn ich ihn ganz geſund befunden habe, kann er anfgenommen werden. Bringen Sie Ihren Herrn Vater zu mir.“ „Er iſt nicht mit in der Stadt, weil ich nicht wollte, daß er etwas davon erführe. Eriſt Pachter in Birkenfeld, dem ehemaligen Gute des Herrn Hof⸗ marſchalls vpn Birkenſtein, und meine Frau Pathe, die Frau Hofmarſchallin, die mir dazu rieth⸗ ſagte mir, Sie würden wohl die Güte haben, mit mir nach Birkenfeld zu fahren, wenn ich Sie darum bäte.“ „Sie ſind der Pathe der Frau von Birken⸗ ſtein?“ fragte der Arzt überraſcht. „J, und Gundchens Geſpiele. Ach, wie Sie roth werden. Nun, es hat mir Jemand an die Hand gegeben, daß Gundchen Ihnen und Sie ihr recht gut wären.“ „Haben Sie das gehört? Setzen Sie ſich doch nieder.“ „Nur ſind die Alten wahre Satans. Ich ſage Ihnen, es wird hart halten, eh' Sie reüſ⸗ ſiren. Aber laſſen Sie mich nur machen. Ich gelte bei meiner Frau Pathe Alles. Und wenn Sie Fraͤulein Gundchen allein ſprechen wollen; das können Sie allein durch mich bewerkſtelligen.“ „Sie ſind mir ja ein Engel vom Himmel geſandt!“ rief der Arzt und umarmte den Pach⸗ ter in ſeiner Herzensfreude. „Und die Heirath mit dem Baron Holder kann ich auch ganz allein auf die leichteſte Art hintertreiben. Vertranen Sie ſich mir nur an. Wenn ich gewußt hätte, daß zwiſchen Ihnen bei⸗ den ſo ein Liebeshändelchen im Werke ſei, ich hätte den Baron gleich zurückgeſchreckt. Ich bin ja ſein Pachter.“ „Das iſt himmliſch! Einen beſſern Mann könnte ich nicht finden. Sehen Sie mein Lieber, ich war lange ſchon in das Fräulein verliebt, wagte mich ihr aber nicht zu entdecken. Ihre bevorſtehende Verlobung mit dem Baron löſte mir die Zunge.“ „So haben Sie früher keinen Liebesumgang mit ihr gehabt?“ „Richt den mindeſten. Aber nun ſagen Ste mir, Beſter, wann kann ich das Fräulein allein ſprechen?“ —Heute iſt's Donnerstag— auf den Sonntag Abend will ich ſie Ihnen zuführen. Wiſſen Sie wohin! In den Schloßgarten am chineſiſchen Häuschen. Punkt Sieben.“ „Aber wie ſoll ich Ihnen dankbar ſein, theu⸗ erſter Freund.“ „Fahren Sie nur mit mir nach Birkenfeld und bringen Sie meinen Vater in die Lebens⸗ verſicherungsbank.“ „Mit dem größten Vergnügen.„Ich ſpanne meine Troſchke an und hole Sie in einer halben Stunde ab.“— In Birkenfeld ſah der Doktor einen dem Anſehen nach kränklichen Mann, und wollte ſich pflichtgemäß nach allen Geſundheitsumſtänden des alten Altfuchs erkundigen; da zog ihn der Sohn bei Seite, und ſagte:„Laſſen Sie das gut ſein, mein beſter Doktor; mein Vater möchte ſonſt die Sache merken.“ „Aber er ſcheint mir ſehr ungeſund. Ich handle gegen meine Pflicht.“ „Ei was! Eine Hand wäſcht die Andre. Sie bekommen das ſchöne Fräulein durch meine Hand, und mein Vater kommt durch die Ihrige in die Lebensverſicherungsbank. So heben wir gegen⸗ ſeitig auf.“ „Meine Pflicht gegen die Bankherrn in Lon⸗ don——“ „Hab' ich nicht auch Pflichten gegen die gnä⸗ dige Frau Pathe? Nehmen Sie's genau, muß ich's auch genau nehmen. Kommt derAlte nicht in die Bank, bekommen Sie die Gunde nicht. Das ſchwöre ich Ihnen F „Na, es ſind ja Engländer, die uns Deutſche um genug beteogen haben,“ tröſtete ſich der ge⸗ wiſſenloſe Arzt. „Das will ich auch meinen,“ lächelte der Landkommiſſär. Und Trautmann ſtellte dem an IV. 5 — 6— ſchwerer Krankheit leidenden Pachter Altfuchs zu Birkenfeld das beſte Geſundheitszeugniß aus. Rachmittags machte ſich Betty viel um ihre Herrin zu ſchaffen, und dieſe ſah es der Kleinen an, daß ſie etwas auf dem Gewiſſen habe. End⸗ lich begann ſie:„Der Herr Fink iſt ein recht mitleidiger Menſch.“ „Haſt du das erfahren?“ „Ei ja wohl! Er weinte vorhin faſt.“ „Worüber?“ „Ueber Ihr Unglüͤck, gnädiges Fräulein.“ „Was weiß der Menſch von mir?“ „Er ſagte, Sie würden als Frau Baronin ſehr unglücklich werden. Für den paſſe nur eine dumme Frau, die ſeine Dummheit nicht überſähe, oder eine leichtſinnige, die ſich ſchadlos zu hal⸗ ten wiſſe.“. „Pfui! Was ſind das für Reden eines Kom⸗ merdieners von ſeinem Herrn!“ „O, er hat mir noch mehr geſagt!“ „Wirklich! und was denn, wenn ich fragen darf?“ 3 „Daß der Landkommiſſär Altfuchs ein junger Fuchs ſei.“ „Was ſoll das heißen?“ —— „J nun, daß dieſer die ganze Heirath ange⸗ ſtellt, und immer um Sie herumſchwenzle, um im Trüben zu fiſchen und der Erſatzmann zu wer⸗ den und mich deshalb ſo ſchnöde behandelt hat.“ „Schrecklich!“ rief Edelgunde und ſchlug die Augen ſchmerzvoll gen Himmel.„Iſt es dahin gekommen, daß dieß der Gegenſtand eurer Un⸗ terhaltung iſt? Großer Gott!—— Aber dn führſt ſehr vertraute Geſpräche mit Herrn Fink⸗ Mädchen!“ „Nun, ich will es Ihnen nicht länger verheim⸗ lichen, daß wir beide ein Liebeshändelchen mit einander haben. Fink iſt vier und vierzig Jahr alt und hat eingeſehen, daß es endlich Zeit iſt, wenn er nicht ein alter zuſammengedörrter Jung⸗ geſell werden will. Er hat Wohlgefallen an mir gefunden—— 1— und ich— habe nicht Rein geſagt. Er iſt ein hübſcher leidlicher Mann, hat ſich etwas geſpart und ich wäre doch auf keinen Fall bei Ihrer gnädigen Frau Mutter geblie⸗ ben, wenn Sie aus dem Hauſe gezogen wären, gnädiges Fräulein; denn nur die große Liebe und Anhänglichkeit zu Ihnen hat mich ſo lange gehal⸗ ten; die Launen und der faſt närriſche Stolz der gnädigen Frau ſind wahrlich unausſtehlich, und die Biſſen dabet ſchmal genug.“ 5* —— „Leider nur zu wahr!“ ſeufzte Edelgunde. „Sie wiſſen ja auch ſo gut wie ich, daß ich mehrmals fort gewollt, und ein gutes Wört⸗ chen von Ihnen mich ſtets zurückgehalten hat.“ „Du biſt ein gutes Kind! Wollte Gott, daß ich dir dein Aushorren bei mir einſt vergelten könnte!“ „Es iſt ſchon vergolten, gnädiges Fräulein. Für Sie liefe ich durchs Feuer, und ein freund⸗ liches Wörtchen von Ihnen wäre mir überſchweng⸗ licher Lohn. Und meinem Fink geht's doch ge⸗ rade ſo. Er ſagte heute zu mir, wenn er ein Mittelchen wüßte, Sie glücklich zu machen, ohne daß Sie ſeinen wunderlichen und albernen Herrn zu heirathen brauchten, er würde es ſogleich an⸗ wenden und ſollte es zu ſeinem eignen Schaden ſein.“ „Ich bin ihm ſchon für den guten Willen ſehr dankbar.“ „Ich weinte über ſeine Reden; denn wenn Sie ja den Herrn Baron nicht heirathen, kön⸗ nen wir uns auch nicht heirathen. Er aber ſagte, das würde ſich ſchon machen, und fragte mich auf's Gewiſſen, vb Sie denn gar keinen Liebſten hätten, den Sie vielleicht gerne heirathen möch⸗ ten, und da habe ich ihm denn geſagt——“ = 63— „Was haſt du ihm geſagt?“ fiel das Fräu⸗ lein dem Mädchen erſchrocken in's Wort. „Nun vom Herrn Landkommiſſär gewiß nichts; der hat's weder um Sie, noch um mich verdlent. Aber von dem hübſchen Herrn Doktor Traut⸗ mann habe ich ihm etwas geſagt, der hat mir geſtern einen Thaler in die Hand gedrückt und ein Paar Wörtchen fallen laſſen. Das Uebrige habe ich ſchon gemerkt; denn ich bin nicht dumm in dergleichen.“ „Unbeſonnene Schwätzerin!“ rief Edelgunde erbleichend.„Wenn der Fink nun ein Spivn iſt, abgeſchickt, um mich auszuforſchen: wie un⸗ glücklich haſt du mich da gemacht!“ „Befürchten Sie gar nichts, gnädiges Fräu⸗ lein. Fink iſt die bravſte Haut und meinte, der Doktor paſſe jedenfalls viel beſſer für Sie, als ſein Herr. Er ſagte dann, er wolle ſich dle Sache reiflich überlegen und dann einmal aus⸗ fuͤhrlich mit dem Doktor darüber ſprechen.“ „Großer Gott, was ſoll das geben!“ rief Edelgunde verzweifelt. „Na, im Nothfall bleibt Ihnen der alte Baron immer noch übrig und der junge Fuchs iſt ſo übel doch auch nicht, wenn er mich gleich ſchlecht behandelt hat. Aber der Wahrheit muß ————————.˖—‧m— — 70— man doch die Ehre geben,“ tröſtete das Mäd⸗ chen, und Edelgunde mußte trotz ihrer Beſorg⸗ niß über die kammerjüngferliche Naivetät lachen. „Aber noch biſt du mir die genaue Erzäh⸗ lung deines Verhältniſſes mit dem Landkommiſſär ſchuldig. Wann hat er dir denn den Antrag gemacht, dich zu heirathen?“ „Er ſelbſt hat ihn mir gar nicht gemacht, ſondern Ihre gnädige Frau Mutter in ſeinem Ramen. Sie hielt als ſeine Frau Pathe förm⸗ lich um meine Hand für ihn an. Ich freuete mich ſehr— ich will's bei Ihnen nicht läugnen— und ſagte gleich Ja. Drauf als wir nach Hol⸗ dersdorf kamen, that er zwar freundlich mit mir, wie ſonſt auch, aber doch gar nicht, wle man mit einer Braut umgeht, und vom Heirathen ſprach er kein Wort. Das verdroß mich. Doch ſchwieg ich noch. Sobald er aber wieder in die Stadt kam, ſchöpfte ich mir ein Herz, und warf ihm ſein ſchlechtes Benehmen vor. Da lachte er und ſogte, ich ſolle mir doch nichts träumen laſſen. Es ſiele ihm gar nicht ein, zu heirathen, weder mich, noch eine Andre. Und das hat mich ganz furchtbar auf ihn aufgebracht. Ich hätte ihm mit Gift vergeben können. Nun ich aber meinen lieben Fink habe, bin ich nicht — tel, zu ſolcher Eile gebracht habe. mehr ſo bös auf den Landkommiſſär. Fink aber kann's ihm nicht verzeihen.“ „So hab' ich ihm doch wohl ein Bischen Unrecht gethan,“ ſagte Edelgunde vor ſich.„Aber neln! Er iſt meiner Ehre zu nahe getreten, in⸗ dem er dem Kammerdiener ſeinen tollen Plan entdeckt. Darum fort mit ihm aus meinem Herzen! Ach, wenn ich ihn doch nur vergeſſen könnte!“— Der Baron Holder verlangte plötzlich gar keine Verlobung— wie erſt beſtimmt worden war— ſondern am nächſten Sonntag ſogleich die Hochzeit zu feiern, und konnte nur von der Frau Schwiegermutter davon abgehalten werden, welche ſich dieſem Anſinnen ernſtlich widerſetzte, weil ſie ſtandesmäßig glänzen und Aufſehen machen wollte, wozu ſie die Vorbereitungen in drei Tagen unmöglich machen konnte. Auch re⸗ dete Fink ſeinem Herrn von ſolcher Eile ab, und hinterbrachte Betty und andern Leuten, daß der Herr Landkommiſſär mehrmals beim Baron geweſen und denſelben in geheimen Unterredun⸗ gen, Gott wiſſe durch welche Gründe und Mit⸗ — Sonnoabend früh überbrachte der Diener des Doktor Trautmann dem Landkommiſſär einen Brief, und kaum hatte er hineingeblickt, als er ausrief:„Verrathen! Meine Intrigue iſt ent⸗ deckt! Ich bin entlarvt.— Ziemlich grob. Auch gut. Iſt doch mein Vater nun in der Lebens⸗ verſicherungsbank. Jetzt bin ich neugierig, was ſie für ein Gewebe anlegen. Und wann ſie's noch ſchlauer geſponnen, die alte Frau Pathe bleibt mir ſtets noch als letztes Mittel, all' ihre künſtlichen Pläne zu zerſtören. Gundchen dauert mich. Ich weiß, ſie nöhme mich doch lieber, als den Doktor. Und der Kerl tangt auch nichts, ſonſt hätte er meinen Vater nicht angenymmen. Er hat ſo etwas von einem Spitzbuben im Ge⸗ ſichte, und er ſoll ſie doch nicht haben. Mor⸗ gen über acht Tage iſt ſie des Barons Frau, und mein, ſo wahr ich weiß, daß ſie mich eben ſo heiß liebt, wie ich ſie! Jetzt will ich ihnen ein Weilchen aus dem Wege gehen.“ Er ließ anſpannen und fuhr nach Holdersdorf.— Die Verlobung wurde am folgenden Tage mit vielem Aufwande vollzugen. Der Hofmar⸗ ſchall war von Kopf bis zu Fuß neu gekleidet, und ſtolzirte ſogar mit einen neuen Degen herum. Der Doktor Trautmann, der das Glück hatte, in be⸗ — 53— ſondrer Gunſt des Baron zu ſtehen, obgleich Frau von Birkenſtein zu dieſer Freundſchaft ein wunderliches Geſicht machte, befand ſich mit un⸗ ter den Gäſten, und brachte mehre Toaſte zum Wohle des Brautpaares aus. Am folgenden Tage machte der Baron Braut⸗ viſiten in der Stadt und ließ, auf Betrieb des Hofmarſchalls, um eine Audienz beim Herzoge bitten, um Höchſtdemſelben ſeine Braut vorzuſtel⸗ len, und der Fürſt ließ ihm ſagen, er werde ei⸗ nen Tag zur feierlichen Andienz beſonders be⸗ ſtimmen.— Die Verbindung ſollte Sonntags darauf ſtatt finden.— Edelgunde ergab ſich ei⸗ nem ſtillen Grame. Betty ließ zwar allerlei ſonderbare Reden fallen, doch da ſie mit der Sprache nicht gerade herausging, ſo achtete Edel⸗ gunde nicht darauf. Wenn ſie für etwas anders als ihre traurige Lage Sinn gehabt hätte, ſo würde ſie bemerkt haben, daß das ſonſt ſo theil⸗ nehmende und ihr innig ergebene Mädchen gar kein kummervolles, ſondern meiſt ein ſehr pfif⸗ ſig lächelndes Geſicht machte, als wollte ſie ſa⸗ gen:„Wüßteſt du, was ich weiß, ſo weinteſt du nicht, ſondern wärſt ſo fröhlich wie ich. Du dauerſt mich zwar, aber ich weiß ja doch, daß es mit dir ſo große Noth nicht hat; nur darf ich * —4— dir nichts ſagen, und das gerade macht mir Schmerz.“ So ſchlich dann ein Tag um den andern hin, und die glänzendſten Anſtalten zur Hochzeit wurden gemacht, wozu der Baron das Geld her⸗ ſchoß; Edelgunden's Lage war um ſo trauriger⸗ weil der wonneſelige Baron faſt ſtets um ſie her⸗ um war, und ihr ſeine Zärtlichkeit auf die ba⸗ rokſte Weiſe zu erkennen gab. Eines Morgens, als ſie erwachte, fand ſie in ihrer Hand ein Billet, in deſſen Aufſchrift ſie Trautmanns Schriftzüge erkannte. Raſch öffnete ſie es und las:„Unſer beiderſeitiges Lebensglück hängt davon ab, daß ich Sie heute unter vier Augen ſpreche. Alle Vorkehrungen ſind dazu ge⸗ troffen. Ich fahre heute mit Ihnen und dem Baron auf das Griechenhaus. Klagen Sie un⸗ terwegs über Uebelbefinden und werden Sie bald nach unſrer Ankunft auf dem Griechenhauſe ohn⸗ mächtig. Das Uebrige ſollen Ste dann erfahren. Ewig Ihr Trautmann.“ Naochdenkend zerdrückte das Fränlein das Blatt. Was konnte er ihr noch zu ſagen haben und wie wollte er ihren Verlobten entfernen? Das wa⸗ „—— — ren ihr lauter Räthſel. Doch ſie beſchloß, ſo zu thun, wie der Mann gewünſcht, dem ſie in ih⸗ rer Verzweiflung vertraute. Ihr verliebter Bräutigam ließ nicht lang auf ſich warten, und machte ihr einen Morgenbeſuch.„Der Fürſt iſt heute auf die Jagd gegangen, wie mir Fink geſtern Abend geſagt hat,“ bemerkte der Baron, „die zugeſagte Audienz kann alſo heute noch nicht ſtatt finden.“ „Sie ſchicken wohl Fink auf Kundſchaft aus?“ „Ei freilich! Er hat ſich unter den Hofbe⸗ dienten Freunde erworben bis zum herzoglichen Leibdiener hinauf, und ſie haben ihm verſprochen, daß er's Tag's vorher erfahren ſoll, wenn unſer Gnädigſter die Andienz wünſcht. Da kann man ſich doch etwas darauf vorbereiten, und es kommt einem nicht überraſchend. Da's nun aber heute noch nicht iſt, ſo habe ich mich mit dem Doktor beredet, heute eine Parthie auf's Griechenhaus zu machen. Der Mutter habe ich aber nichts vom Doktor geſagt, ſie mag den guten Kerl nicht leiden, traut ihm nicht über den Weg und hat bald dies bald das an ihm zu tadeln. Die WMutter hat mit den Hochzeitseinrichtungen voll auf zu thun, und kann nicht mit, und den Va⸗ ter mag ich nicht. Man kann ſich gar nicht freuen⸗ — 5— wenn er dabei iſt. Wir ſind alſo unter uns und der Doktor ſteigt vor der Stadt ein.“ Wie verabredet worden, ſo geſchah's. Der Doktor ſtieg ein und der Baron qualmte ſeine Pfeife ſo vergnügt, wie ein Gott. Seit er die Police der Lebensverſicherungsbank in der Taſche hatte, gab's keinen glücklichern Menſchen, als den Baron Holder. Als er ein Mal den Kopf wendete, drückte Trantmann Edelgunden eine Pille in die Hand und bedeutete ſie, dieſelbe zu verſchlingen. Bald nach dem dieß geſchehen war, änderte ſie die Farbe. „Iſt Ihnen nicht wohl, mein Fräulein?* fragte der Arzt. „Faſt möchte ich's glauben.— Eln ſeltſames Gefühl— Laſſen Sie uns eilen, daß wir auf das Griechenhaus kommen. Das Griechenhaus war eine Stunde von der Stadt entfernt, ein vielbeſuchtes Luſthaus. Der Baron ſah ſeiner Braut beſorgt ins Ge⸗ ſicht und trieb den Kutſcher zur Eile. Sie können vielleicht das Tabaksrauchen im Wagen nicht vertragen, wie viele Frauen, wandte ſich Trautmann an den Barvn, und willig ſteckte dieſer den geliebten Meerſchaumkopf in die Taſche, — 7— obgleich er die Bemerkung nicht unterdrücken konnte: cEs ſchadet dem Kopfe, wenn er nicht ausgeraucht wird. Doch mag's ſein! Sie langten an. Das Fräulein wurde aus dem Wagen gehoben und auf ein eignes Zim⸗ mer gebracht. Doch ſie wurde bleicher und blei⸗ cher und ſank endlich zu des Barons großem Schrecken in Ohnmacht. Der Doktor wandte Hausmittel an; der Baron lief im Zimmer um⸗ her, als ob ihm der Kopf brennte und rief ein Mal über das Andre: aHundewetter! Was ſoll das geben, wenn ſie das Tabaksrauchen nicht vertra⸗ gen kann?* Noch hatte die Scheinohnmächtige die Augen nicht wieder aufgeſchlagen, als der Baron rief: „Da kommt ja Fink angeſprengt, als wenn ihn der Teufel jagte! Was iſt das? Vielleicht ein neues Unglück? Selten kommt eins allein.— Hundewetter, was willſt du?»polterte er dem haſtig hereintretenden Kammerdiener zu. «So eben iſt der Befehl vom durchlauchtig⸗ ſten Herzog gekommen, der Herr Baron möchten mit Dero gnädigen Braut in einer Stunde bei Hofe erſcheinen, ſagte der Keuchende ſchnell und theilnahmlos: sHundewetter! fuhr der Baron wie raſend — Vv8— auf, ſtampfte mit dem Fuße und faßte ſich, grim⸗ mige Geſichter ſchneidend, bei den Haaren.„Auch das noch! Dacht' ich mir doch ſo etwas.— Wes⸗ halb hab' ich dich ausgeſchickt, Eſel? daß du's vor⸗ her auskundſchaften ſollteſt, wann die Audienz wäre! „Was kann ich dafür, wenn der Herzog ſich anders beſinnt und nicht auf die Jagd geht!»rief der Diener pikirt. „Nun's war ſo bös nicht gemeint. Aber was fangen wir an? Wir müſſen gleich zurück, Herr Doktvr. aUnmöglich! verſetzte dieſer kalt.„Das Blut pulſirt höchſt unregelmäßig und fieberhaft. Hier iſt mehr als Ohnmacht; hier ſcheint ein Krank⸗ heitsanfall zu ſein, den wir heben und nicht durch Fahren verſchlimmern müſſen. Das Fräulein muß ſogleich in ein Bett. Der herzogliche Diener machte es ſehr drin⸗ gend, ſagte Fink, aund bemerkte ausdrücklich, in einer Stunde habe der Durchlauchtigſte Herr ge⸗ ſagt, erwarte er den Herrn Baron. Hundewetter und Donnerwetter! Das ver⸗ fluchte Tabaksrauchen!„ fluchte und ſchimpfte der Baron, machte ſich aber allſobald zur Abfahrt fer⸗ tig, und überließ ſeine Braut, die eben die Augen aufgethan und ein Paar Silben mit ſchwacher — 50— Stimme geſprochen hatte, den Armen des Doktors, der dafür Sorge trug, die Kranke in ein Bett zu bringen. Außer ſich über ſein Unglück fuhr der Ba⸗ ron ab. „Endlich! Endlich!“ jauchzte der Doktor, indem er das ſchamhaft erröthende, ſich ſanft ſträubende Mädchen an ſein Herz zog.„Wir ſind gerettet, wenn Sie wollen, theuere Edel⸗ gunde! „Wenn ich will? v fragte Edelgunde mit Ver⸗ wunderung. „Nun ja, wenn Sie mit mir fliehen wollen in ein fernes Land, in ein freies Land, in die neue Welt, wo ein Adelbrief viel weniger gilt, als mein Doktordiplom. v «Fliehen? Aber was wird aus der Hülfloſig⸗ keit meiner Eltern? Drei tauſend Thaler ſollen ſie vom Baron erhalten. Dieſelbe Summe ſoll ihnen durch mich wer⸗ den. Und überdieß will ich Ihnen jährlich eine Summe von wenigſtens 500 Rthlr. einhändigen, die Ste Ihren Eltern als Unterſtützung zufließen laſſen ſollen. aAch, Ihr Anerbieten iſt ſo lockend. Wie aber — 65— haben Sie es möglich gemacht, ſo viel Geld auf⸗ zutreiben? Sie ſchrieben mir, daß Sie unvermö⸗ gend ſeien.* noch bin ich es. Ich borge das Geld.2 (Wer iſt der großmüthige Freund, der Ih⸗ nen ſo viel vorſchießt und Sie auch noch damit in die neue Velt will ziehen laſſen 2* aEs iſt kein Freund, Edlgunde. Es ſind mir blutfremde Leute. Beſtürmen Sie mich jetzt nicht mit Fragen Sie ſollen Alles erfahren, wenn wir im Schiffe ſitzen, das uns aus Europa tra⸗ gen wird. Ich gab mein Wort, Ihnen eher nichts zu verrathen. Nur das Eine Ihnen zu ſagen, ſoll mich mein Verſprechen nicht abhalten, daß es Ihre Betty iſt, die uns rettet, ein treff⸗ liches Mädchen, deren Dankbarkeit Sie ſich durch die Güte erworben, mit welcher Sie dieß Kind der Ratur behandelt haben. sSeltſame Räthſel! v Sie werden ſich Ihnen alle löſen. Nur ba⸗ ben Sie Vertrauen zu einem Herzen, das ohne den Pulsſchlag des Ihrigen an ſich zu fühlen, fer ner nicht leben mag!» eIch habe alles Vertrauen. Aber ſoll denn die Flucht noch heute vor ſich gehen? Richt doch! Erſt in ſechs bis acht Wochen.„ —6— Wie? So ſoll ich erſt des albernen Barons Frau werden? Nimmermehr! Auch das ſollen Sie nicht, theuerſte Edel⸗ gunde.* Aber ſo erklären Sie mir doch! In vier Tagen ſoll ich ihm vor dem Prieſter die Hand zum Ehebunde reichen. Alle Anſtalten ſind ge⸗ macht.v Auch von meiner Seite. Ich kenne die Schwä⸗ che des Barons. Legen Sie allen Kummer ab! Werden Sie ganz ruhig, und vertrauen Sie mir ganz! Sie werden des Baron's Frau nicht; ich wollte mit Ihnen wetten, daß er freiwillig auf Sie verzichtet. „Aber ich beſchwöre Sie, mich nicht ſo im Dunkeln zu laſſen.2 sIch möchte Ihnen, da Sie bei allem, was auch geſchieht, paſſiv bleiben müßen, jede Lüge gegen Ihre Eltern erſparen. Erlaſſen Sie mir alſo vor der Hand ein Bekenntniß.v Nein, ich will es wiſſen. Meine liebende Seele hat ein Recht auf Ihr Vertrauen. Melin Vertrauen haben Sie ganz. Aber theils bindet mir die eben ausgeſprochne Beſorg⸗ niß, theils eine andre, daß Ihnen die Kenntniß meiner Pläne Unruhe bereiten möchte, was IV. k 6 bei Ihrer paſſiven Rolle ganz unnöthig iſt, theils das vorhin angeführte Verſprechen, die Zunge.v aKönnen Sie meinen Bitten widerſtehen?2 «Faſt vermag ich es nicht länger. «Ich bitte noch ein Mal: weihen Sie mich ein. «Den ſtärkſten Mann machte ſolch ein Wort von ſolchen Blicken begleitet, zum ſchwächſten Kinde. So hören Sie denn! Vor einigen Tagen ſaß ich einſam und höchſt traurig auf meinem Zimmer. Zwar verſuchte ich zu ſtudiren, aber meine Gedanken flogen als treuloſe Kämpfer zu Ihnen und beſchäftigten ſich allein mit der Hoffnungsloſigkeit unſrer Lage. Ach, ich kam bei längerem Nachdenken endlich der Verzweif⸗ lung nahe; ich verwünſchte mich und m in Schick⸗ ſal. Da klopfte es plötzlich an die Thüre. Ver⸗ drießlich rief ich: herein! Die Thüre ging auf—» In dieſem Angenblick flog die Thüre des Zimmers auf, und die Hofmarſchallin eilte, ein Bild des Schreckens, herein auf ihre Tochter zu, die vor Schrecken in's Kiſſen zurück ſank; denn hinter der Hofmarſchallin trat der Landkommiſ⸗ ſär Altfuchs, ſehr höflich grüßend und ſehr ma⸗ liciös lächelnd, in's Zimmer. —— „Du biſt krank, mein Kind, jammerte Frau von Birkenſtein.«Ich bin gekommen, dich zu pflegen und abzuholen. Es iſt gut, daß Sie ſchon da ſind, Herr Doktor. Mein verzweifel⸗ ter Herr Schwiegerſohn ſagte mir, daß er Sie bereits herausgeſchickt habe. Und da mein Pathe Guſtav eben von Holdersdorf angekommen war und ſich ſogleich erbot, mich hinaus zu fahren, ſo machte ich von ſeiner Güte Gebrauch. Dank ihm, mein Kind, er iſt ungeheuer, unglaublich ſchnell gefahren; ich glaube nicht zehn Minuten. Aber was fehlt meinem armen Kinde?» Ein Katarrhalfieber,v verſetzte Trautmann ſtotternd und verlegen. Es hat doch nichts zu bedeuten 22 „Sehr wenig, wenn es abgewartet wird.» Wir werden doch die Hochzeit nicht aufſchie⸗ ben müſſen?» Kaum befürcht' ich es. Das gnädige Fräu⸗ lein muß einige Tage das Bett hüten und ſich ganz warm halten.2 Aber ſoll ſie in dieſem Hauſe bleiben? „Es wird am beſten ſein. Ich eile jetzt in die Stadt, die nöthige Medicin zu beſorgen. Der Arzt empfahl ſich mit einem ſteifen Bück⸗ ling gegen den Pachter, der eben ſo erwiedert ** 6* — 6— wurde und die beſorgte Mutter wandte ſich zu der unruhigen Tochter. Altfuchs ſaß zu Edel⸗ gunden's Qual ſtumm und lächelnd dabei. Der Baron hatte die Audienz allein bei'm Herzog gehabt und war mit dem Benehmen des Fürſten nicht ſonderlich zufrieden. Dieß und die Krankheit ſeiner Braut hatte ihn um ſeine zéit⸗ herige gute Laune gebracht. „Wenn ich ihr doch nur das Leben auch hätte verſichern laſſen! rief er oft mit Unmuth und in banger Beſorgniß, ſie könnte ihm wohl gar vor der Hochzeit noch ſterben.„Der Doktor ſagtzwar, es habe nichts auf ſich; aber der Teu⸗ fel trau, wenn man keine Verſicherung hat. Und Kranke nehmen ſie gar nicht an, wie mir der Doktor ſagt. Ich verdenk' ße's auch nicht drum.* Wiſſen Sie was, Herr Baron,v fiel ihm Fink in die Rede. aIch will Ihnen ein Mal einen aufrichtigen Vorſchlag thun.2 „Nun?* «Stellen Sie auch das Leben Ihres getreuen Dieners ſicher. Wenden Sie ein Paar Thäler⸗ chen dran. Mit Freuden, mein Junge! Wie hoch hältſt du dein Leben?* sJ nun, Sie haben das Ihrige zu einem Werth von funfzig tauſend Thalern angegeben, da wird ja wohl das meinige fünftauſend Thaler werth ſein.* „Geh zum Doktor Trautmann und zum Bank⸗ agenten Zahl. Wenn du für gut befunden wirſt, werde ich dich mit fünf tauſend Thaler verſichern. Fink beſorgte das Nöthige. Abends aß der Baron mit wenig Appetit; in der Racht wurde er von Leibſchmerzen erweckt, ein heftiges Uebelbefinden, ihm um ſo empfind⸗ licher, je weniger ihm ſeit ſeiner Jugend eine Ader weh gethan hatte, durchdrang ſeinen gan⸗ zen Körper. Dem robuſten Jäger waren die Glieder bleiſchwer, der Kopf that ihm zum Zer⸗ ſpringen weh, es wühlte ibm im Leibe und zwickte ihn ſchmerzlich im Mark ſeiner Gebeine. Mit angſtbeklommner ſchwacher Stimme rief er Fink, aber der Kerl ſchlief ſo feſt und war durch Rufen gar nicht zu ermuntern. Des Baron's Zuſtand verſchlimmerte ſich aber mit jeder Minute, und nach einer Stunde ſteigender Pein war's ihm nicht anders, als ob er den Geiſt aufgeben müßte. Wimmernd ſuchte er ſich aufzurichten, ſchleppte —— ſich mit Mühe zu Fink's Bette, und rüttelte ihn munter. Der Diener war ſogleich bereit, Thee zu ko⸗ chen und andre Hausmittel anzuwenden; aber es wollte platterdings nichts anſchlagen, und kläg⸗ lich rief der Baron:«Fink, wenn ich mein Le⸗ ben nicht verſichert hätte, ſo glaub' ich, müßt' ich ſterben.* Doch mit dem Anhalten der Schmerzen ſchien allmälig das feſte Vertrauen des Barons auf die berühmte londoner Anſtalt zu ſinken, und aus ſeinen Auſſerungen ging hervor, daß einige Zweifel an die Untrüglichkeit der Lebensverſiche⸗ rungsbank in ihm aufſtiegen. Als der Tag anbrach, ſagte Fink mit beſorg⸗ tem Geſichte, er wolle den Doktor Trautmann holen. Nicht doch! rief der Baron ärgerlich. Erſt rufſt du mir den Bankagenten Zahl. Der Menſch ſoll mir auf's Gewiſſen ſagen⸗ ob mir die Bank für mein Leben gut iſt. Kann er das beſchwö⸗ ren, ſo nehm' ich keinen Tropfen Arznei ein. Ich hab' einen Widerwillen vor den Apotheker⸗ waaren. Iſt's aber Flauſerei mit der Lebens⸗ verſicherung, wofür ich's faſt halte, ſo will ich einnehmen.* —— Fink wollte noch Einwendungen machen, aber unwillig rief der Baron: Fort! fort! hol' den Bankagenten herbei!? Und Fink machte ſich auf die Strümpfe. Noch war keine halbe Stunde verlaufen, als der Kaufmann Zahl haſtig in's Zimmer trat, und in der eilfertigen Weiſe eines Geſchäftsmanns ſich mit der Frage an den Baron wandte:«Was ſteht Ew. Gnaden zu unterthänigem Dienſte?„ aHerr,v redete ihn der Kranke, ſich im Bette aufrichtend, ernſt und feierlich an, akönnen Sie mir mit einem heiligen Eide verbürgen, daß die Lebensverſicherungsbank in London auch im Stande iſt, ihre geleiſteten Verſprechungen pünktlich zu halten?» Ich kann Sie verſichern, daß die Bank aus einer beträchtlichen Anzahl der ſolideſten und reichſten Bankiers und Privatleuten beſteht, die über Millionen zu disponiren haben. Es iſt ſeit ihrem Beſtehen noch kein Fall vorgekommen, daß die Bank ihre Verbindlichkeiten nicht gelöst; ihr Fundament iſt unerſchütterlich und Sie kön⸗ nen deßhalb ganz außer Sorgen ſein, gnädiger Herr Baron. sHören Sie! Es iſt eine ſehr wicht Sa⸗ che! Betrachten Sie ſolche nicht leichtſinnig. Es ſteht ein Menſchenleben auf dem Spiele. mein Leben ſicher? Iſt es wirklich ſicher? WVollkommen ſicher. So wie Sie ſterben, Iſt zahle ich Ihren Erben fünfzigtauſend Thaler aus. So wie ich ſterbe?„ rief der Baron er⸗ ſchrocken.«Ich will ja aber nicht ſterben. Deß⸗ halb hab' ich mein Leben verſichert, weil ich nicht ſterben will. „Wollen Sie Scherz mit mir treiben, Herr Baron? Dazu iſt meine Zeit zu koſtbar. Ich empfehle mich Ihnen.» «So warten Sie doch! Ich beſchwöre Sie! Es fällt mir nicht ein zu ſcherzen. Hundewet⸗ ter! Ich liege da todtkrank und ſoll ſcherzen.» „Aber was befehlen Sie denn eigentlich? aIch will gewiß wiſſen, ob mein Leben ſicher iſt. Ich bin krank, drum will ich das wiſſen. Nun ja doch Ihr Leben iſt mit fünfzigtau⸗ ſend Thalern verſichert, die Ihre Erben erhalten, wann Sie todt ſind. „Das verſtehe der Teufel!v rief der Baron ärgerlich. Man könnte verruckt werden. Ich verlange Sicherheit meines Lebens von Ihnen, Herr, und nicht des Geldes.v * muß gehen, damit ich nicht verrückt werde, ſagte Zahl und lief nach der Thüre. * — 89— Dort begegnete ihm der eintretende Doktor Trautmann.„Helfen Sie!* rief er dieſem zu. „Dort liegt ein Narr, der von mir Sicherheit ſei⸗ nes Lebens verlangt, die Sie ihm ſchwerlich lei⸗ ſten werden, geſchweige ich.» Trautmann trat an das Bette und hörte die bittern Beſchwerden und Klagen des Kranken ru⸗ hig mit an. Dann verſuchte er demſelben einen richtigen Begriff von den Verbindlichkeiten einer Lebensverſicherungsbank zu machen. Kaum hatte Holder ein nothdürſtiges Ver⸗ ſtändniß erlangt, als er erſchrocken rief:«So bin ich nicht vor dem Tode ſicher? aKeineswegs,v verſetzte der Arzt.„So darf ich auch nicht hei⸗ rathen. Nimmermehr! Da trifft ja die Prophe⸗ zeihung des Zigeunermütterleins ſchon ein. Hei⸗ liger Gott! Ich bin in meinem Leben noch nicht krank geweſen, und kaum mache ich ernſtliche Anſtalten, mich zu verehelichen, ſo werde ich todt krank. Wenn ich die Frau eine Woche hätte, wäre ich mauſetodt. Ich bin belogen und be⸗ trogen, liebſter Freund, verlaſſen Sie mich nicht in meiner Noth. Geben Sie mir ſchnell etwas Arznei. Helfen Sie mir!* Trautmann ſchrieb ein Recept und Zinr lief nach der Apotheke. Der Kranke nahm begierig . * —— ein, befand ſich gegen Mittag beſſer und Abends, einige Schwäche abgerechnet, wieder geſund. Am andern Morgen erhielt der Hofmarſchall von Birkenſtein einen großen mit dem freiherr⸗„ lichen von Holderſchen Wappen geſiegelten Brief, worin nur dieſe Zeilen ſtanden: Hochwohl⸗ geborner Herr! Es thut mir leid, daß aus mei⸗ ner Verheirathung mit Dero Fräulein Tochter nichts werden kann. Es haben ſich große und unüberſteigliche Hinderniſſe eingefunden, und ich bin ſchon abgereiſt. Dero ſubmiſſer von Holder.» Auf Holdersdorf gings trübſelig zu. Der Landkommiſſär durfte ſich gar nicht ſehen laſſen. Die Pacht des Guts war ihm aufgekündigt, und der Baron ſchimpfte den ganzen Tag auf die alberne und höchſt abgeſchmackte Lebensverſiche⸗ rungsbank. Er ſchwur Stein und Bein, ſich noch nie ſo übel befunden zu haben, als ſeit der Zeit, wo er ſein Leben verſichert, und lief den ganzen Tag auf der Jagd herum, um wieder ge⸗ ſund zu werden. Als aber auch Fink zu klagen anfing und ſichtbar elender und ſchwächer, ja end⸗ lich bettlägerig wurde, da ſchüttelte der Barvn grimmig den Kopf und gab alles der Lebensver⸗ —— ſicherungsbank ſchuld, die des Teufels Werk ſei. Mit Fink verſchlimmerte ſich's ſchnell immer mehr, und ein Bote wurde in die Stadt zum Arzt geſchickt. Trautmann kam, gab aber wenig Hoff⸗ nung und bereitete den Baron auf den Verluſt ſeines Dieners vor. Dieſer begehrte ein gericht⸗ liches Teſtament zu machen; mit ſchwacher faſt ſterbender Stimme gab er ſeinen letzten Willen in di eßeder des Gerichtsperſonals, und am an⸗ dern Morgen empfing der Baron die Nachricht, daß Fink entſchlafen ſei. Sogleich ſetzte er ſich auf ſeln Pferd und eilte, dem Doktar Al⸗ les übergebend, von dannen, denn vom Tode mochte er nichts ſehen und hören, und ein Tod⸗ ter war ihm ein Gräul. Der Doktor beſorgte . mit Hülfe einiger Knechte die Bedienung der Leiche und das Begräbniß. Betty war auf er⸗ haltene Rachricht von dem ſchlimmen Zuſtande ihres Geliebten auch gekommen, hatte ihn aber nicht mehr am Leben angetroffen, heulte und ſchrie über ſeiner Leiche und wollte ihm alle letzten Dlenſte allein erweiſen. Als Fink begraben war, ſtellte ſich auch der Baron wieder ein. Der Doktor legte ihm den vom Pforrer ausgefertigten Tod⸗ tenſchein zur Unterſchrift vor, der zur Erhebung des Kapitals von der Lebensverſicherungsbank — 6— nöthig war, und der Baron unterſchrieb friſch weg. Das Teſtament wurde eröffnet; es fand ſich, daß Betth die alleinige Erbin der Fink'ſchen Hinterlaſſenſchaft war, die ihr der Baron aus⸗ lieferte, ja, da ſich zu ſeiner Verwunderung, we⸗ nig baares Geld in Fink's Kaſſette vorfand, ſo ſchenkte ihr der Baron noch ein Sümmchen da⸗ zu; und alſo getröſtet verließ das Mädchen mit dem Doktor das einſame Holdersdorf. Der Land⸗ kommiſſär war zu des Doktors und Betty's Freude dieſe Tage über gar nicht ſichtbar ge⸗ weſen. Es war zu Ende September deſſelben Jahrs als ein Wagen vor einem der erſten Gaſthäuſer zu Bremen hielt, und eine Frage aus demſelben an den herbeieilenden Kellner gerichtet wurde, ob hier ein Herr Doktor Trautmann logire. Auf die Bejahung derſelben ſtiegen zwei Damen aus. Der unterdeſſen herbeigerufene Doktor flog ihnen entgegen und umarmte die Eine mit dem Ausrufe:«Theuere Edelgunde, nun biſt du ganz mein. Ich war ſchon in Angſt; Ihr habt lange auf Euch warten laſſen. Das Schiff geht über⸗ morgen ab. Doch wir werden uns heute ſchon auf doſſelbe begeben. — 93— Das Fräulein hing ſich an des Doktors Arm und hüpfte froh in das Zimmer. Aber vor allen Dingen,2 redete ſie den Dok⸗ tor an, sverlange ich nun Enthüllung aller Ge⸗ heimniße. Meine Eltern haben wirklich das Gold erhalten und eher wär' ich nicht geflohen, aber nun will ich auch wiſſen, wie Alles zugegangen ip. 2 „Sollte Betty wirklich auf der Reiſe geſchwie⸗ gen haben?* fragte der Doktor. Doch Betty ſchwur bei ihrer Liebe, daß ſie nichts verrathen. Nun ſo bitte ich Sie, theuerſte Edelgunde, bezähmen Sie Ihre Ungeduld nur noch einige Stunden. Auf dem Schiffe, wie ich Ihnen gelobt, ſoll Ihnen Alles klar werden.— Nachmittags ſchwamm ein Weſerboot auf die Nordſee hinaus und auf ein ſtolzes amerika⸗ niſches Schiff zu, welches im Hafen von Brake vor Anker lag. Der Doktor Trautmann, Fräu⸗ lein von Birkenfeld und Betty ſaßen darin, fröh⸗ lich und guter Dinge, das Fräulein aber nicht ohne eine gewiſſe Spannung, die ſich in ihren Mienen, Blicken und Worten kund that. Als ſie dem Schnellſegler ſo nahe kamen, daß man die Menſchen auf dem Verdecke deſſel⸗ ben erkennen konnte, ſagte Trautmann zu Edel⸗ — gunde: Holde Braut, es werden Wunder ge⸗ ſchehen. Erſchrick mir nicht, wenn Todte dir entgegenkommen. Es hat ſich eine ſeltſame Auf⸗ erſtehung ereignet.2 Edelgunde wußte nicht, was ſie von dieſer ſonder⸗ baren Anrede halten ſollte; in dieſem Augenblicke langten ſie bei dem Schiffe an, die Treppe wurde herabgelaſſen und die drei Paſſagtere ſtiegen hin⸗ auf. Der erſte Menſch, den Edelgunde ſah, 1 1 war— Fink, der auf Betty loseilte und das frohe Mädchen, das gar nicht verwundert ſchien, in die Arme ſchloß. Der Staunenden flüſterte Trautmann in's Ohr: aKomm, Geliebte, in die Kajüte.? Und willenlos folgte ſie ſeiner Leitung. Als ſie auf einer bequemen Ottomanne Platz genommen hatten, begann Trautmann traulich: «Schon ſeit mehren Jahren keimte der Vorſatz in mir auf, nach Amerika auszuwandern, den die Briefe eines Univerſitäts⸗ und Studienfreundes wirklich zur Reife gebracht hätten, wenn ich nicht von einer ſtillen, aber heißen Liebe zurückgehal⸗ ten worden wäre. Amerika iſt ſehr arm an gu⸗ ten Atzten, und wer Wiſſenſchaft und Gewiſſen in harmoniſchen Einklang gebracht hat, findet als Arzt dort die glücklichſte Exiſtenz. Der Adelſtolz deiner Eltern ſchreckte mich von jeder Erklärung — — zurück; ich ward von Vorſätzen und einer nicht zu beſiegenden Unluſt hin- und hergeriſſen; ich 2 konnte zu keinem Entſchluße kommen. Der gute Baron von Holder rüttelte mich nolich zmit ſol⸗ cher Gewalt aus meiner mutbloſen Trägheit, daß ich beinahe den Kopf und dich dazu verloren hätte. Ich war der Verzweiflung nahe, zumal mir der pfiffige Landcommiſſär Altfuchs einen Streich ſpielte, der uns faſt auf immer getrennt hätte. Fink ward mein Retter, häite dieſer brave Mann ſich nicht in das nledliche Lärvchen deiner Betth vergafft, und wäre dieſes Mädchen nicht ganz von Liebe und Dankbarkeit gegen dich durchdrun⸗ 4£ gen, ſo wären wir verloren geweſen. Von Betty . batte Fink erfahren, in welcher traurigen Lage du dich befändeſt, wie du mich heimlich liebteſt und von mir gellebt werdeſt, und die guten Leut⸗ chen beſchloſſen unſre Rettung zu verſuchen, doch kannten Sie nicht Mittel und Wege dazu. Um dieſe ausfindig zu machen, kam Fink eines Ta⸗ ges zu mir, als ich mich eben dem liſtigen Land⸗ kommiſſär, der mir ſeine vermittelnden Dienſte angeboten, in die Arme werfen wollte. Fink entdeckte mir ſeine Liebe, die Abneigung ferner bei dem wunderlichen Baron zu bleiben, dann dos Geheimniß, wie leicht derſelbe vom Heira⸗ —— —56— then abzubringen ſei, unterrichtete mich über die wahren Abſichten des Landkommiſſärs, und ſchloß mit mir ein Offenſiv⸗ und Defenſiobündniß. Ich erfuhr nun, wie der Baron durch den Na⸗ men der Bank getäuſcht wurde; wie man dem einfältigen Manne einredete, die Bank ſichre wirklich das Leben oder mache ſicher vor dem Tod, wie deine Eltern ihn darin beſtärkten, als ſie, wie mit Altfuchs verabredet, nach Holders⸗ dorf kamen; wie Holder, auf dich aufmerkſam gemacht, die alte Luſt zum Heirathen in ſich wie⸗ der erwachen fühlte, da die Todesfurcht ja nun verſchwunden war; wie er um dich anhielt, ſein Leben verſicherte und mit dir verlobt wurde.— Ihn aus dem Felde zu ſchlagen, war mir natür⸗ lich, nach dieſer Kunde, ein Leichtes Aber ich hatte dich damit noch nicht gewonnen. Eben ſo wenig konnte Fink zum Beſitz Betty's gelangen. Es glückte uns einen Plan auszudenken, deſſen Ausführung unſre beiderſeitigen Wünſche erfül⸗ len mußte. „Wir beſchloſſen nämlich bei der Londoner Le⸗ bensverſicherungsbank ein gezwungnes Anlehn auf einige Jahre zu machen. Der ehrlichſte Weg war's freilich nicht, aber die Engländer ſind die ehrlichſten auch nicht und— wir wollten —— ja wieder bezahlen. Fink mußte ſich von ſeinem Herrn in die Bank kaufen laſſen. Dann erhielt der Letztere von Erſterem eine von mir bereitete ſtarke Medicin, die ihn krank machte, um ihm gleich an ſich ſelbſt die Albernheit ſeines Vertrau⸗ ens auf die Bank zu beweiſen. Kaum hatte er gehört, wie ſich die Sache eigentlich verhielt, als er verdrießlich von der Heirath abſtand. Fink ſtellte ſich auf Holdersdorf krank und im⸗ mer kränker, einige von mir erhaltene Medica⸗ mente bereiteten ihm wirklich ein krankhaftes Anſehen. Ich wurde herbei geholt. Fink machte ſein Teſtament und ſpielte Sterbens. Der Ba⸗ ron verließ, von Schaudern vertrieben, das Haus. Fink machte ſich ſteif; ein Paar Knechte legten ihn in den Sarg; Betty und ich wachten bet ihm. In der folgenden Racht reiſete Fink auf einem von mir beſorgten Pferde ab und erreichte Bremen in Eilmärſchen, wo er ſich bis jetzt ver⸗ borgen hat. Ich vder vielmehr Betty hatten eine gut gelungne Puppe beſorgt, deren kalkblei⸗ ches Geſicht mit Fink einige Ihnlichkeit hatte und der wir ſeine Kleider anzogen. Die Knechte ſahen früh die Puppe, nagelten den Sarg ſelbſt zu, und kein Menſch ahnete nur von fern ein Falſum. Betty bezog auf das Leſtament die W. 7 — ſechstauſend Thaler aus der Bank, zwei tauſend hatte Fink ſich geſpart⸗ welche er ſelbſt mitge⸗ nommen; aus ſeinen Effekten wurde auch noch Einiges gelöſt, und der Baron ſchenkte noch hin⸗ zu, wie du weißt. Ich ſelbſt ging auch nicht ganz blos, und ſo wurde es uns nicht ſchwer, deinen geldbedürftigen Eltern dreitauſend Tha⸗ ler einzuhändigen und dich dafür einzutauſchen. Noch mehr ſollen ſie jährlich von Amerika aus erhalten. Auf dieſe Weiſe werden ſie ſich über deinen Verluſt zu tröſten wiſſen⸗ und deine Meß⸗ alliance wird ihnen der großen Entfernung we⸗ gen, wenig Kummer machen.* Edelgunden's edle Züge hatten ſich im Ver⸗ lauf der Erzählung immer mehr verfinſtert, und als ihr der Doktor ſeinen Betrug mit einem Anfluge von Prahlerei enthüllte, gleichſam als hätte er eine große That vollbracht, ſchauderte ſie vor ihm zurück und ihre Augen füllten ſich mit Thränen. „Großer Gott! rief ſie verzweifelt aus.„In welche gräßliche Lage haben Sie mich geſtürzt⸗ mein Herr. Denn Sie müſſen wiſſen, daß ich nach dem, was lch ſo eben von Ihnen gehört, niemals die Ihrige werden kann. Sie baben ſich meins Achtung verſcherit und wie ſoll ich einen Mann achten, den ich nicht liebe? Darum alſo haben Sie ein ſo ſtrenges Stillſchweigen über Ihren Plan gegen mich beobachtet! O yätten Sie eher geſprochen!* Die Leidenſchaft— die Verzweiflung, Sie zu verlierend— ſtammelte der höchlichſt beſtürzte Arzt. sJedes Mittel kam mir recht, Sie zu ge⸗ winnen.* «Aber nicht mir— Sie haben ſich in mir geirrt, Herr Doktor! Fink hat mich überredet. Wie kann ſich ein Mann von Ihren Einſich⸗ ten von einem, ſeinem Herrn ſo ungetrenen Die⸗ ner, überreden laſſen?„ cIch beſchwöre Sie, mir zu vergeben!— Was bleibt Ihnen auch anders übrig? Sie kön⸗ nen mit Ehren nicht wieder zurück; Sie müſſen mit nach Amerika. Sie ſind ohne Geld, hängen ganz von mir ab. Jetzt müſſen Sie mein Weib werden.* Meinen Sie ſo, Herr Doktor? Wie, wenn ich Ihren Betrug ſogleich dem Kapitän anzeigte? Dort liegt die Küſte Deutſchlands. v „Rein, das können Sie nicht. Ich würde mich vor Ihren Augen ins Meer ſürzen, und Sie, 7* —— für die ich Alles gethan, der Verzweiflung über⸗ laſſen.* Sie haben Recht; ich kann es nicht. Aber eben ſo wenig kann ich Ihr Weib werden. Ich werde die Barmherzigkeit des Kapitäns anflehen⸗ daß er mir die Ueberfahrtskoſten borgt; ich werde in Amerika ein Unterkommen ſuchen und finden. Meine letzte Bitte an Sle iſt, mir ferner nicht läſtig zu fallen. Mit Würde in Miene und Haltung verließ ſie den vernichteten Arzt und ſtieg auf das Verdeck hinauf, wo Fink und Betth mit einander koſend ſtanden. Edelgunde lehnte ſich an den Bord und blickte nach dem Ufer hin, um die Empörung ihrer Gefühle zu bewältigen. Da ruderte wieder ein Boot voll Menſchen von der Stadt her, auf das Schiff zu. Schnell kam es heran, Edelgunden's Augen fielen darauf; über⸗ raſcht, erſtaunt blickte ſie noch ein Mal hin, ſtrengte ſie ihre Augen an; es blieb dieſelbe Er⸗ ſcheinung. Das Boot legte an, Edelgunde eilte mit freudeverklärtem Geſicht an die Treppe; ein junger feuriger Mann eilte herauf. Sie breitete die Arme, Alles vergeſſend aus,„Guſtav! ſtam⸗ melte ihr Mund, und der Landkommiſſät lag an ihrer Bruſt. Fink und Betth waren auch herbeigekommen; — 101— der Erſtere ſank vor Schrecken zuſammen, als er Altfuchs erkannte. «Ei, ſieh da! ſagte dieſer.«Es iſt mir lieb, daß ich endlich die längſt gewünſchte und begehrte Gelegenheit finde, mit Herrn Fink und Jungfer Betty vor dir, Edelgunde, confrontirt zu werden, und ſollte es ſogar nach Herrn Fink's Tode ſein. Wie kann Sie ſich rühmen, daß ich Ihr jemals Heirathsanträge gemacht, oder ein allzuvertrautes Wort mit ihr geſprochen 2* «Stille! ſtille!? winkte ihm das Fräulein zu. Ich weiß Alles. Meine Mutter hat die ganze Verwirrung angeſtiftet, indem ſie dir zur Be⸗ lohnung für deine, hinſichtlich meiner Verheira⸗ thung mit dem Baron geleiſteten Dienſte erkennt⸗ lich ſein und dir als deine Pathe, die Mutter⸗ ſtelle verſehend, eine gute Frau verſchaffen wollte. „Gut, ſo ſoll der ſelige Herr Fink reden. Ich hielt dieſen falſchen Mann für meinen Freund, und habe vielleicht im Rauſche des Weins und der Leidenſchaft mich einmal verrathen. Sag Er, wiederauferſtandner Mann, wie konnte Er mein Vertrauen ſo ſchändlich mißbrauchen? Gnade! Gnade!„ flehte der Arme.„Die kleine Hexe da, meine Betty, hatte mich aufgehetzt; auch wußte ich ja damals nicht, daß das gnädige — 102— Fräulein den Herrn Landkommiſſaͤr wirklich lieb⸗ ten. Das habe ich erſt erfahren, als es ſchon 1 zu ſpät war. «Gut, es ſoll ihm verziehen ſein. Wo iſt der„ verliebte Doktor Trautmann mit ſeinem durch⸗ löcherten Gewiſſen?„ Was willſt du don ihm* fragte Edelgunde ängſtlich. aWir wollen Abſchied von ihm nehmen. Wir reiſen von Bremen mit Extrapoſt nach Hauſe. eNimmermehr! Die Schande könnt' lch nicht ertragen.* aSei unbeſorgt. Kein Menſch weiß anders, als daß wir zu unſerm Vergnügen eine Reiſe zuſammengemacht. v aAber ſo erkläre doch!„ Wann wir allein ſind. Wir wollen dem Doktor den Abſchied erſparen. Er führte ſie an die Treppe. Betty warf ſich weinend ihrer Herrin zu Füßen:„Rehmen Sie mich auch wie⸗ der mit, ohne Sie kann ich nicht leben. aUngetreue! knirſchte Fink, edu willſt mich verlaſſen? Hab' ich das um dich verdient? Es thut mir leid. Aber mit dir allein gehe ich nicht nach Amerika. Ohne mein Fräulein „—— ——, — 103— ein für alle Mal nicht. Willſt du mich haben, ſo gehe auch wieder mit heim. «Aber ich bin ja dort todt. sEinen todten Mann kann ich freilich nicht heirathen. «So beſtraft ſich die Lüge und die Untreue durch ihr eignes Werk, ſagte Altfuchs, und führte Herrin und Dienerin die Treppe hinab in das Boot. Betty ſah ſich nicht ein Mal nach ihrem für ſie auf ewig verlornen Fink um, der verzweif⸗ lungsvoll am Bord des Schiffes ſtand. Die Vereinigten ſetzten ſich zuſammen, und Altfuchs erzählte:„Das Glück, dich endlich doch noch zu gewinnen, habe ich allein dem guten Doktor Trautmann zu danken. Dieſem?„ fragte Edelgunde verwundert. Ja, hätte er meinen kranken Vater nicht für einen geſunden ausgegeben und ihn dadurch in die Lebensverſicherungsbank gebracht, ſo hätte mir die Luſt zu deinem Beſitze endlich doch ver⸗ gehen müſſen. Mein Vater iſt vor drei Wochen geſtorben. Weißt du's ſchon?„ Ja„ich habe davon gehört.„ eUnd ich bin der Beſitzer der anſehnlichen Summe, womit ich ihn verſichert.— Doch ich will in der Ordnung erzählen. Obgleich ich um Alle unbekümmert ſchien, ſo ließ ich doch weder den Verläumder Fink, noch den Doktor und dich aus den Augen. Fink's Krankheit kam mir mehr als verdächtig vor, inzwiſchen errieth ich die Wahr⸗ heit nicht. Ich hielt den Kerl für todt. cJetzt ging meine ganze Aufmerkſamkeit auf den Doktor. Da wurde es mit dem Uebel meines Vaters ſchlimmer, er ſtarb. Es verſtri⸗ chen einige Wochen bis zur Eröffnung des Te⸗ ſtamentes, ich erfuhr daraus einen höchſt ſonder⸗ baren Umſtand. Tags darauf war der Doktor fort. Sogleich zog ich Erkundigungen ein. Sein Reiſepaß lautete nach Bremen. Jetzt wollte ich Vorkehrungen gegen deine Flucht treffen. Mit dem Teſtamente meines Vaters und dem Schein der Lebensverſicherungsbank in der Taſche eilte ich zu deinen Eltern: Dieſe beiden Dokumente mußten mir deine Hand gewinnen; aber ich kam zu ſpät. Du warſt fort. Deine Eltern hatten Geld und waren wenig um dich bekümmert. Ich reiſete dir nach, fand deine Spur und kam nach Bremen. Ich eile in den Hafen, der erſte Menſch ſchier, den ich dort ſehe, iſt Fink. Erſchrok⸗ ken fuhr ich zurück; bald erklärte ich mir den ganzen Betrug. Bei den Schiffsmäklern erfuhr ich, wann Ihr das Schiff beſteigen würdet. Ich — 105— bat einen Polizeiofficianten um ſeine Begleitung nach dem Schiffe, um dort ein geraubtes Mäd⸗ chen zu reklamiren. Wärſt du nicht freiwillig mit mir gegangen, ſo hätt' ich den Doktor und Fink arretiren laſſen und der ſtrafenden Gerech⸗ tigkeit überliefert. So aber mögen die Schur⸗ ken laufen.v aAber was ſteht denn in dem Teſtamente deines Vaters* Daß er ein rechtmäßiger Sohn des alten däniſchen Adelshanſes von Oldenfor iſt, und den Adel nur wegen Verarmung etwas bei Seite ge⸗ legt hat. Ich bin altadelig und reich, und handle bereits um das Gut Birkenfeld. Wirſt du mich nun noch verſchmähen?2 eIch habe dich immer geliebt, aber als die Leidenſchaft dich zu weit gegen mich führte, mußte ich mich von dir abwenden. Ja es war die Leidenſchaft, die Verzweif⸗ lung der Liebe, die mich hinriß, und ich bin we⸗ gen dieſer Sünde beſtraft genug worden.„ Ein Kuß beſiegelte den neuen Bund, der bald darauf fuͤr ewig mit kirchlichen Weihen ge⸗ ſchloſſenwurde. Der Baron von Holder verheirathete ſich nie, und wurde ſtets ganz wüthend, wenn man in — 106— ſeiner Gegenwart nur ein Wörtchen von der Lebensverſicherungsbank hören ließ. Jezuweilen beſuchte er das Grab ſeines treuen Fink, den er fuͤr ein Opfer dieſer teufliſchen Erfindung hielt, 3 ja er ſchwur Stein und Bein, er würde geſtor⸗ ben ſein, wenn er länger Vertrauen auf die nichts⸗ würdigen, lügenhaften Engländer gehabt hätte. Er war für immer der Freund der Engländer geweſen. Der Diebstahl. Waos auch die Philoſophen einer ſtrengen Schule ſagen mögen, alle an Körper und Geiſt geſunden Menſchen werden in der Ueberzeugung überein⸗ ſtimmen, daß Glückſeligkeit das letzte und höchſte, ja auch das edelſte Ziel des irdiſchen Stre⸗ bens ſei. Alles andre iſt nur Mittel zum Zweck. Deshalb auch liegen die eigentlichen Hochpunkte des menſchlichen Lebens in der Mitte desſelben, weil da die noch ungeſchwächten Kräfte des Orga⸗ nismus das Glück am ſchönſten zu genießen fähig ſind. Nur der Lechzende ſchlürft mit Wolluſt aus dem ſchäumenden Becher; den Richtdurſti⸗ gen reizt kaum der vurpurne Saft. Die Jugend iſt der durſtige Trinker, die Liebe der Becher, aus dem das höchſte Lebensgut ſprudelt. Das Aufglühn der Liebe, der Leidenſchaft, und die ſüße Befriedigung derſelben iſt des Menſchen äußerſtes Glück. Es iſt das begeiſterte mänadiſche Schwelgen der Gefühle, es iſt die Trunkenheit des Daſeins. Alle andern Zuſtände, in denen ——— — 110— man ſich glücklich preist, ſind Kinder der Rüch⸗ ternheit, mit dem Vater Verſtand gezeugt, kränk⸗ liche, bleiche Weſen gegen das tolle Leben und luſtſprudelnde Kind Liebe, Tochter ſeliger Em⸗ 1 pfindung und aufſtrahlender Jugendkraft, gebv⸗ ren in der Seele und getauft in der warmen Welle des Bluts. Ja Liebe allein iſt Glück, und ungezwungen, unaufgefordert, gibt es die Ratur von ſelbſt, wie alles Hohe und Herrliche. Von dieſem Pochpunkte des Lebens, wo die Reiche der Welt in herrlichen Tinten vor uns weit, weit ausgebreitet liegen, von wo unſer Auge in vorgeahnten Genüſſen ſchwelgt, die ſelbſt nie uns erfreuen, von wo uns Sehnſucht und Ver⸗ langen hinab in die uns ſo herrlich dünkenden Ebnen mit ihren Städten und Lebensmärkten zieht, von dort ſteigen wir wieder abwärts, und das ſpätere Glück, nur allein in der Weisheit zu ſuchen und durch die Weisheit zu erlangen, iſt blos ein Nachklang der himmliſchen Töne der Liebe. Lieblinge der Götter, vielen Tauſenden be⸗ vorzugt, ſind die, welche mit den edelſten und feinſten Anlagen zu Liebes⸗ und Lebensgenuß gei⸗ ſtig und körperlich reich ausgeſtattet, zur rechten Zeit zum klarſten Bewußtſein dieſer ihrer gött⸗ lichen Kräfte kommen, und den würdigſten Ge⸗ — 111— genſtand, den Erwecker und Theilnehmer des Ge⸗ . nuſſes entweder eben gefunden haben, oder fin⸗ den. Dieſe Glücklichen ſtehen auf der höchſten Stufe des irdiſchen Daſeins, weiter kann keiner, er mag ſich ſtellen, wie er will, und das Leben hebt und baut ſich ihnen entgegen, wie ein koſt⸗ barer Blumenkorb voll prangender, duftender Blü⸗ then und Blumen; ſie brauchen nur auszuwäh⸗ len, nur zuzulangen. Damit das Glück nicht ſchal werde, rauſcht die Jugend ſchnell vorüber, wie ein aus dem Becher der Hebe gegoſſner Nek⸗ tarſtrom, aber wer ſich ein Mal ſelig getrunken aus ſeinen Tiefen, hat für das gemeine Gebräu des übrigen Lebens keinen Geſchmack, oder es wird ihm von der ſüßeſten Erinnerung gewürzt. Aber es gibt wenig ſolcher Auserleſenen; karg verwendete der Himmel ſeine ſchönſten Geben Vielen, von der Ratur ſtiefmütt⸗ ſch vehandet, höchſte Glück der Erde zu Theil; ſie haben kein ſchlimmes Loos; ſie werden ſich ja auch nie un⸗ glücklich fühlen. Der Jubel der Seele iſt ihnen verſagt, aber eben ſo auch der Schmerz. Beide ſind ſich ja eng verwandt, wenn nicht gar in ih⸗ ren höchſten Beziehungen identiſch. Dies ſind die Alltagsmenſchen, die Leute des großen Markts. wurde nicht einmal die Empfänglichkeit ir das Viele haben jene göttlichen Kräfte, aber dieſe ſchlummern zu lange in ihrer Bruſt; zu ſpät werden die Armen erſt klar über ſich. Ach, wie unzählige Frauen lernen erſt die Liebe kennen⸗ wenn ſie an einen kalten herzloſen Mann ge⸗ kettet ſind, der geiſtig tief unter ihnen ſieht! Nur die dürftigſte Engherzigkeit kann es ih⸗ nen verargen, wenn ſie auf Augenblicke das Gluͤck des Herzens zu erhaſchen, zu genießen ſuchen, worauf ſie volle Anſprüche hatten und um welches ſie das Leben tückiſch betrog. Viele endlich finden mit dem Bewußtſein ihrer Triebe den würdigen Gegenſtand nicht; ſie verkümmern⸗ wie die Blume ohne Sonne. Doch für dieſe und jene hat ein gütiger Himmel wunderbar ge⸗ ſorgt, indem er dem Meſſer, das ſie verwundet, eine ſeltſame Heilkraft beigelegt. Der Schmerz erhebt, läutert und ſchmückt ihr Leben, wenn auch nicht mit den Farben des Frühlings⸗ aber doch mit denen des Herbſtes und Winters. Und ſind dieſe nicht auch ſchön? Sinnend ſteh' ich vor der Frage, welches ich vorziehen ſoll, den Genuß des Glücks, oder den Schmerz über die Entbehrung deſſelben. Der Menſch emtſcheidet ſich für den Genuß, der Dichter für den Schmerz⸗ Aber der Schmerz war des Einen und des Andern Loos, darum iſt er mir ſo theuer geworden; das Glück ereilte ich nur auf Augenblicke im Fluge, und datum liebe ich es ſo ſehr.— Eine jener hochbegabten Frauennaturen, eine Welt voll hehrer, heiliger Gefühle, bewunderns⸗ wuͤrdiger Kräfte und Anlagen, die die vollgül⸗ tigſten Anſprüche auf Jugendglück und Liebesge⸗ nuß waren, in ihrem Herzen tragend, aber noch chavtiſch embryoniſch, dem Kometen gleich, der ſich erſt zum Weltkörper geſtalten und ſeine Ma⸗ terie ſondern und ſcheiden will, eins jener holden, liebenswürdigen Geſchöpfe war Mathilde Baum⸗ garten, ein mehr durch Anmuth und jungfräuliche Würde als durch hohe oder blendende Schönheit ausgezeichnetes Mädchen, die eben ihr achtzehn⸗ tes Jahr zurückgelegt hatte. Mathilde war die Tochter des verſtorbnen Hofraths und Profeſſors der Rechte Baumgarten, eines ſehr berühmten Gelehrten, der ſich mit der Wiſſenſchaft ein an⸗ ſebnliches Vermögen erworben hatte. Mathilde, ihr einziger Bruder, der an der Univerſität ſchor wieder doctrender Profeſſor war, und die noch lebende Mutter, waren die Erhen dieſer Hinter⸗ laſſenſchaft. Mathilde war groß und ſchlank, aber nicht ſehr kräftig; der Hauptcharakter ihres Ge⸗ war Milde, ihr Auge ſprach Sanftmuth 8 — 114— und tiefes Gefühl. Der Adel ihrer Seele verlieh ihrem Körper leichte Grazie; jede ihrer Bewe⸗ gungen war ein Ausfluß ihrer Seelenvorzüge. Aber dieſe Seele ſelbſt war noch vom Halbſchlaf der Jugend befangen⸗ und träumeriſch hinlebend ſah ſie die Welt nur im verſchwimmenden Lichte ihrer unklaren Gefühle. Ein Univerſitätsfreund ihres Bruders und einer der fleißigſten und ge⸗ lehrigſten Schüler ihres Vaters, von dieſem in den Kreis ſeiner Familie gezogen und mit Be⸗ weiſen väterlicher Liebe und freundlichen Wohl⸗ wollens überhäuft, der Doktor Arnold, in der Reſidenz bereits zur Stelle eines Geheimen Se⸗ kretärs emporgeſtiegen⸗ hatte bei Mutter, Bru⸗ der und Mathilde um die Hand der letztern an⸗ gehalten, ſie war ihm feierlich verlobt worden, und die Hochzeit auf das Oſterfeſt angeſetzt. Richt allein die Familie ſelbſt, ſondern die ganze Stadt ſchien dieß erwartet zu haben; Mathilde hatte ſchon lange für Arnolds Braut gegolten⸗ und dieſe allgemeine Annahme jede andre Be⸗ werbung fern gehalten. Man fand es ganz in der Ordnung, daß ſie nun ſeine Verlobte war, und nächſtens ſeine Frau werden würde. Die Hofräthin⸗ Mathildens Mutter, eine gute, aber et⸗ was eigenſinnige Frau— das Letztere war Folge ih⸗ — 115— rer ſteten Kränklichkeit— hatte den jungen Ar⸗ nold ſchon damals im Stillen als ihren künftigen Schwiegerſohn betrachtet, und ihn nach dieſem Maßſtabe behandelt, obgleich zwiſchen ihm und Mathilden, die eigentlich noch ein Kind war, nicht die mindeſte herzliche Annäherung ſtatt ge⸗ funden hatte. Den Verſicherungen der Frau Hofräthin nach, war dieſe Verbindung auch der Wunſch ihres ſeligen Mannes geweſen, und Ma⸗ thilde erinnerte ſich, daß er ihr etwas darauf hin deutendes auf dem Sterbelager zugeflüſtert hatte. Doktor Arnold hatte ſeiner Braut, ſeit der Verlobung einige ſehr artige Briefe geſchrie⸗ ben, und dabei mehre koſtbare Geſchenke über⸗ ſchickt; Matyilde freuete ſich über die Briefe, in welchen ſtand, daß der durchlauchtigſte Lan⸗ desherr gnädigſt geäußert, er ſei auf die Wahl des Sekretär Arnold ſehr neugierig, der ſich ge⸗ wiß einen Edelſtein ausgeſucht— es regte ſich etwas von Stolz in Mathildens Bruſt— mehr noch freuete ſie ſich über Shawl und ſeidnes Kleid, goldne Kette und Armbänder, die Geſchenke des gütigen Bräutigams, und damit geſchmückt, ſah man es ihr in Geſellſchaften wohl an, daß ſie wußte, der Fürſt ſei auf ihre Bekanntſchaft neugierig. Auch fehlte es ihr nicht an Neide⸗ 8* — 116— rinnen; denn Arnold war ein ſehr ſchöner, wohl⸗ gebildeter, kenntnißreicher und gewandter Mann, dem Fürſten perſönlich lieb und überall wohl ge⸗ litten. Man ſah ſchon den Hofrath, ja den Ge⸗ beimenrath und Miniſter, mit dem Adelsdiplom in der Taſche, in ihm. Was Wunder, wenn Mathilde mit mehr oder minder ſtarkem Anſtrich von Reid überall glücklich geprieſen wurde, und dieß ihren Stolz, ihr Selbſtgefühl immer höher ſteigerte! Die verwittwete Hofräthin Baumgarten hatte, ihrer Kränklichkeit halber, ihr ſchön gelegenes Gar⸗ tenhaus vor der Stadt, ſelbſt im Spätherbſt nicht verlaſſen, ſie vermochte ſich ſogar nicht dayon zu trennen, als der Winter ſchon hereinbrach, und Mathilde wollte der Mutter darin um ſo weni⸗ ger entgegen ſein, als ihr ſelbſt die herrliche Aus⸗ ſicht aus den Fenſtern des Hauſes, das auf ei⸗ ner Anhöhe gelegen war, ungemein zuſagte und ſie ſich ſchon auf das glänzende Winterfeld freu⸗ ete, welches ſich bald vor ihren Blicken ausbrei⸗ ten ſollte.— Für das Winterhalbjahr hielt ein junger ſehr geachteter Privatdocent Vorleſungen über Expe⸗ rimentalphyſik, welche von dem gebildeten Pu⸗ bliku mſehr zahlreich beſucht wurden, vorzuglich — 117— hatte ſich eine nicht geringe Anzahl junger Da⸗ men dazu aufgezeichnet, welche ſich ſehr man⸗ nichfache Unterhaltung verſprachen. Denn abge⸗ ſehen von dem eigentlichen Zwecke der Vorle⸗ ſungen, diente auch noch die Ungezwungenheit des Umgangs beider Geſchlechter, welche auf Univerſitäten weit häufiger, als in andern Städten anzutreffen iſt, und vorzüglich in der Univerſt⸗ tätsſtadt, welche hier gemelnt iſt, bis zu einer gewiſſen liebenswürdigen, den Studenten ſehr zu⸗ ſagenden Art von Naivetät, im Schwunge war, zu unſchuldigen Genüſſen, welche man kaum ſo auf Bällen, in Conzerten ꝛc. haben konnte. war daher auch, auf allgemeines Verlangen, die ſehr lobenswerthe Einrichtung getroffen, daß ſämmtliche Zuhörer um ihre Plätze lvosten. Da⸗ bei ging es freilich zuweilen nicht ganz richtig zu. Denn wer eine ihm angenehme Nachbar⸗ ſchaft hatte, ſuchte der Furcht, dieſelbe verlieren zu müſſen, dadurch vorzubeugen, daß er ſich mit einem guten Trinkgeld an den Famulus des Do⸗ centen wandte, welcher die Verlovſung zu beſor⸗ gen hatte, und ſo nahmen gewöhnlich diejenigen, welche beiſammen bleiben wollten, die zu ziehen⸗ den Nummern mit in die Loosurne; wer aber von ſeiner Umgebung fort wollte, ſah ſeine Wünſche — 118— in der Regel erfüllt; es entſtanden neue Bekannt⸗ ſchaften, es gab bunte Reihe, vertraute Tänzer für die Bälle, ſüße Liebſchaften und ſogar einige ernſthafte Verlöbniſſe. Das Verlooſen der Sitze ſelbſt gewährte jedes Mal eine ſehr angenehme Unterhaltung, es wurde viel geſcherzt und gelacht; man fexirte ſich gegenſeitig, und der Schleier der Fröhlichkeit ſchlug ſeine von günſtigen Winden vewegten Wellen hoch empor⸗ und zeigte heitre Geſichter. Mathilde Baumgarten durfte natürlich in dieſem Kreiſe nicht fehlen; ſie war eine Freun⸗ din muntrer Unterhaltung und konnte ſich, wie ein Kid, über dieß und jenes freuen⸗ worüber ein anbrer Menſch kaum lächelte. Die beiden er⸗ ſten Monate waren ganz zu ihrer Zufriedenheit ausgefallen; Alles erfreute ſie und hatte ihren ganzen Beifall: der lebendige und vorzüglich für die Damen berechnete Vortrag des Docenten, die Gegenſtände des Vortrags ſelbſt und unter dieſen natürlich die Experimente am meiſten, ihre Nachbarſchaft, an welcher ſie als verlobte Braut kein näheres Intereſſe hatte, und endlich die Briefe⸗ welche ſie darüber an ihren Bräutigam ſchreiben konnte. Die dritte Verlooſung der Plätze war ange⸗ — 119— ſagt, und Mathilde konnte vor Ungeduld kaum den Abend erwarten, mit wem ſie wohl nun zu⸗ ſammen, wer vor, wer hinter ihr ſitzen werde. Mit mehren Jugendfreundinnen war ſie noch vor der angeſetzten Stunde im Hörſale, und die geſchäftigen Mädchen halfen der Frau des Fa⸗ mulus die Lichter anzünden und aufſtecken. Ei⸗ ner nach dem andern erſchien und wurde von den plaudernden Schönen durchgenommen, man ſtellte Prophezeihungen und Wetten an, und Verliebte verſtändigten ſich. Endlich, als ſchon faſt alle beiſammen waren, trat ein junger Mann herein, auf welchen die Eine und die Andre der Damen, die ihn ſogleich bemerkt hatten, ſchnell ihre Rach⸗ barinnen aufmerkſam machten, und der bald um ſo mehr Gegenſtand der verſteckten Reugierde Aller wurde, als er in den frühern Vorleſungen noch nicht geſehen worden war. Es dauerte auch nicht lange, ſo verkündigte man ſich auf verſchied⸗ nen Seiten, wer denn jener Herr ſei; gefällige Freunde ſuchten Auskunft zu verſchaffen, da ſie ſolche nicht ſelbſt zu geben vermochten; aber bald ergab ſich's zum Bedauern des männnlichen und zum ſtillen Aerger des weiblichen Perſonals, daß im ganzen Hörſaale kein Menſch wußte, wer der neue Zuhörer war. Dies myſtiſche Dunkel er⸗ höhete natürlich den Antheil, welchen die Damen an ihm nahmen, und den die hohe, impoſante Ge⸗ ſtalt, das edle, geiſtreiche Geſicht und vorzüglich die düſter glühenden, ſehr beweglichen Augen des Fremden ſchon in keinem geringen Grade erregt hatten; man ſprach von einigen jungen Fürſten, die jetzt incognito reiſeten und zu läugnen war nicht, der Gegenſtand der allgemeinen Rachfrage hatte etwas höchſt Vornehmes und Nobles in ſeinem ganzen Weſen, in Bewegung, Miene, Blick und der Art ſich zu kleiden. Als der Famulus mit der Namensliſte kam wurde er förmlich be⸗ ſtürmt, aber der Mann wußte auch nichts nähe⸗ res und vertröſtete die ungeduldigen Schönen darauf, daß ſich ja der Fremde doch bei Rennung ſeines Namens melden müſſe. Die Verlovſung begann, und die Zuhörer wurden in alphabeti⸗ ſcher Ordnung aufgerufen, um in dle Urne zu greifen. Mathilde war eine der erſten; ſie zog Rummer 49. Gleich nach ihr hieß es:„Herr Candidat der Thevlogie Becker!? Der Fremde trat vor, verneigte ſich leicht, griff in die Urne, zog ſein Loos, entfaltete es und ſagte, indem Aller Augen an ſeinem Munde hingen und eine Kirchenſtille herrſchte: Nummer 50. Das gab ein Flöſtern, und die Köpfe wurden truppweiſe —— zuſammengeſtekt! Da wurde die glückliche Ma⸗ thilde beneidet, die ja doch keinen Gebrauch von der intereſſanten Nachbarſchaft machen konnte, man fand den Zufall höchſt ſonderbar, daß zwei in der Liſte hintereinanderfolgende Namen auch zwei hintereinanderfolgende Nummern erhielten, und manche ganz feine Naſen wollten daraus et⸗ was ganz Außerordentliches riechen. Commerzien⸗ Rath Wellau's Rieckchen, die ein ganz vorzüg⸗ lich ſpitzes Näschen hatte, und ganz vorzüglich klug war, weil ihr Vater ein ganz enormes Vermö⸗ gen beſaß, rümpfte ſelbiges Näschen und ſagte ſo laut, daß es Mathilde hören mußte:„Der Herr Fürſt wird ſich ſchon mit dem dummthuen⸗ den Famulus verſtändigt haben. Gewiß hat er ſich in Mathilden Baumgarten vergafft und ei⸗ nen guten Weg erwählt, an ſie zu kommen. Der arme Doktor Arnold dauert mich! Mathilde war von einem heißen Sturzbad übergoſſen, als ſie vernahm, daß der Fremde ein Fürſt ſei, und weil Rieckchen Wellau ſich ſo be⸗ ſtimmt ausdrückte, ſo glaubte Mathilde nicht an⸗ ders, als jene kenne den Fürſten, und daraus ſchloß ſie, es möchte vielleicht gar einer der Brü⸗ der des regierenden Herzogs ſein, die ſie nicht perſoͤnlich kannte. Es ſchien ihr gar nichts U⸗ —— mögliches, daß der ſchöne junge Mann ſich in ſie verliebt und vom Famulus die Plätze 49 und 50 erkauft habe, welches die traulichſten und ſchönſten im ganzen Saale waren. In einer Riſche ſitzend, hatte man den Platz, wo die Ex⸗ perimente gemacht wurden, gerade vor ſich, und konnte, von den Andern ziemlich abgeſchieden, Alles genau ſehen und hören. Inzwiſchen konnte ſie doch nicht begreifen, wie ſie gerade dieſe Nummer habe greifen müſſen. Den ganzen Abend über konnte ſie den Gedanken an den fremden Mann nicht los werden, und ſelbſt im Traume kam er ihr vor. Mit der größten Ungeduld ſah ſie dem erſten Abend der Vorleſung entgegen⸗ und nicht ohne Herzklopfen betrat ſie den Saal und nahm ihren Platz ein. Nicht ohne einige Verlegenheit bemerkte ſie, daß Aller Blicke auf ſie gerichtet waren, und als vollends der Fremde hereintrat, ſich vom Famulus ſeinen Platz zeigen ließ und ihr mit einer höchſt graciöſen Verben⸗ gung ſagte, wie hoch er erfreut ſei, neben einer Dame zu ſitzen, da er die Unterhaltung der Da⸗ men ſtets der der Männer vorziehe, da war Ma⸗ thildens Geſicht wie mit Purpur übergoſſen. Kaum konnte ihr Auge den wilden blitzenden Blick des ſeinigen ertragen; es war ihr nicht an⸗ — 123— ders als zünde das Feuer der ſeinigen auch die ihrigen an. eEs iſt der glücklichſte Einfall,? bemerkte er Platz nehmend, aden Frauen die Hörſäle der Wiſſenſchaft zu öffnen und dieſen Schritt, wenn er nicht noch etwas zu früh gethan iſt, wird von den unberechenbarſten Folgen ſein. Aber ich fürchte, man iſt noch allzuſehr daran gewöhnt, die Wiſ⸗ ſenſchaft in einen ſtarren Wuſt pedantiſcher Ge⸗ lehrſamkeit zu hüllen und mit dem endloſen lang⸗ weiligen Faden der Compendienterminologie ab⸗ zuhaspeln. Die alten Herrn, deren Weisheit noch unter den Perrücken ihrer Lehrer ausgebrü⸗ tet wurde, werden ſich auf keinen Fall zu einer nach ihren eingefrornen Anſichten, ſo ungeheuren Profanation des Heiligthums der Wiſſenſchaft verſtehen und mit der größten Mißbilligung auf die jüngern Neuerer ſchauen, die den Tempel je⸗ glichem Menſchenkinde öffnen, ohne zu unterſu⸗ chen, ob es Sporen und Schnauzbart trägt. «Ich weiß nicht, ob ich Ihnen beiſtimmen ſoll„ verſetzte Mathilde, aund obgleich ich mir und meinem ganzen Geſchlechte alle möglichen Vortheile und Verbeſſerungen wünſche und gönne, ſo kann ich mich doch des Gedankens nicht ent⸗ chlagen. ob die unbedingte Emancipation der —— Frauen für ſie ſelbſt gut wäre. Es will mich bedünken, als würden ſie dadurch aus der ihnen eigenthümlichen Bahn der ſtillen Häuslichkeit her⸗ ausgeriſſen, auf den lauten Markt des Lebens geſchleudert, wohin ſie, meiner innerſten Uber⸗ zeugung nach, nicht gehören, und wo alle die zar⸗ ten Blüthen, welche die Weiblichkeit treibt, ent⸗ weder im Entſtehen ſchon verkümmern, oder ſpöter verdorren müſſen, ohne erfreuen zu können. Mir ſcheint es, als würden die Männer nicht nur nichts dabei gewinnen, ſondern noch viel ver⸗ lieren; denn auf der einen Seite würden ſie an ihren Rechten, welche ihnen das öffentliche Leben gewährt, geſchmälert werden, und auf der an⸗ dern im häuslichen Leben jener ſtillen und gemüth⸗ lichen Freuden entbehren müſſen, die ihnen die Frau jetzt auf ihrem beſchränkten Platze bereitet. Ich glaube, es iſt mit dem Looſe der Frauen, wie mit jeglichem ſchönen Gegenſtande; nur in der Beſchränktheit gefällt und erfreut er; dehnt man ſeine Verhältniſſe z. B. durch ein Vergröſ⸗ ſerungsglas in's Immenſe aus, ſo wird er häß⸗ lich und ſchreckt zurück. eUnd doch haben Sie Ihre Phyſik ſchon mit ſo viel Nutzen gehört, entgegnete der Fremde angenehm überraſcht, und beifällig lächelnd.„Faſt — 125— bin ich unentſchieden, ob ich Ihrer weiblichen Be⸗ ſcheidenheit eine Lobrede halten ſoll, mein Fräu⸗ lein, oder die Waffen gegen Ihre Perſon ergrei⸗ fen, um die Ihrem Geſchlechte zuſtehenden Rechte zu vertheidigen und Ihnen den Segen und ſogar die Nothwendigkeit der von Ihnen hart ange⸗ griffnen Emancipation der Frauen zu beweiſen.v „Thun Sie das Letztere, wenn ich bitten darf. Mit großem Vergnügen.— Das praktiſche Leben ſpricht ſtets allen Kategorien, tabellariſchen Eintheilungen und künſtlichen Abſonderungen der Theorie Hohn, die Beſchränktheit iſt allein ein Kind unſrer Köpfe, nicht des ungeheuern Alls, und die lebendige, geheimnißvolle und doch ſtets vor unſern Augen ſchaffende und wirkende Mut⸗ ter der Dinge bequemt ſich nicht in die Zwangs⸗ jacke unſrer kleinlichen Anſicht. Des Menſchen Thun und Treiben iſt's faſt allein, worauf wir unſre Thevrien anwenden können, die übrige Natur entgleitet ſpottend unſern Händen und ge⸗ horcht uns nur, wenn wir ihren Deutungen folgen, ihre Winke benutzen. Der Beweis für dieſe meine Behauptung liegt in der Wiſſenſchaft, zu deren Studium wir hier verſammelt ſind. Sobald nun der Menſch, von Vorurtheilen verblendet, ſich den Totaleindruck des Geſammtlebens durch natur⸗ — 126— widrige Eintheilungen, Abſchnitte und Partikeln verkümmert, dann verkümmern auch dieſe künſt⸗ lich geſchaffnen Einzelnheiten. Ein Beiſpiel wird mich deutlicher machen. Das Leben iſt ein groſ⸗ ſer Baum mit mancherlei Geäſt und Gezweig; aber der Saft dringt aus der Wurzel in den Stamm, die Aeſte, die Zweige, bis in das kleinſte Blatt. Wollte man nun thöricht die Aſte ab⸗ ſchneiden, und um ſie grün zu erhalten, in friſche Waſſerbäche ſenken, ſo würde das wohl elne Zeit lang gelingen, aber der Blätterſchmuck würde doch bald des rechten Lebensſaftes ermangelnd traurig hängen und viel zu früh verdorren, der ganze Aſt würde endlich abſterben, und für ewig todtes Holz ſein. Ein ſolcher abgeſtorbner Aſt iſt das Leben des Weibes im Orient. Da ha⸗ ben Sie jene Beſchränkung auf das Haus; was iſt ſie weiter, als eine ſtrenge, widernatürliche Ab⸗ ſonderung in einen, von menſchlichem Aberwitz ge⸗ zognen Kreis? Und hat dies dürre Holz jemals Früchte getragen? Rein, nein; täuſchen wir uns nicht darüber. Das Weib gehört ſo gut dem Geſammtleben an, wie der Mann, nur in andern Beziehungen. Die Beziehungen des Weibes zum öffentlichen, wie Prioatleben entſpringen aus dem Gemüthe, der Welt des Weibes, die des Man⸗ ———— — 127— nes aus dem Verſtande, der Welt des Mannes. Beide greifen in einander über, bedingen ſich wechſelsweiſe, heben, erklären und ergänzen ſich, und verſchlingen ſich gegenſeitig ſo wunderbar, wie die Fäden eines Gewebes, auf deſſen Ober⸗ fläche, nach ſeiner Vollendung ſeltſame Blu⸗ men⸗ und Fruchtgebilde erſcheinen und die Kunſt des Meiſters loben. Und hat nicht die Natur auch hier wieder gezeigt was ſie will, indem ſie mit ſteter Beibehaltung der geiſtigen Individua⸗ lität der Geſchlechter doch den Mann oft mit tie⸗ fem Gemüth und das Weib mit ſcharfem Ver⸗ ſtande begabt hat? Glauben Sie nur, das öffent⸗ liche Leben wird gar viel von ſeiner ſtarren Rauheit, von ſeiner ſtagnanten Fäulniß ver⸗ lieren, wenn erſt den Frauen erlaubt ſein wird, auf dem Theater ſelbſt mit zu agiren; denn hin⸗ ter den Conliſſen leiten ja die ſchlaueſten und rerſchmitzteſten Ihres Geſchlechts das Drama doch, und manche Männer ſind weiter nichts als die Drahtpuppen, welche an Fädchen von den Frauen gezogen werden. Aber dann würde auch den edeln und beſſern Frauen vergönnt ſein, ihre Stimmtafel mit abzugeben. Und fürwahr, der mehr und mehr ſich ausbildende republikaniſche Sinn unſrer Zeit arbeitet darauf hin, die Frauen als Menſchen anzuerkennen, was bis jetzt rechts⸗ kräftig nicht geſchehen iſt, und ihnen die Stelle endlich einzuräumen, die ihnen die Ratur beſtimmt hat. Unſer öffentliches Leben, jetzt ein unbeweg⸗ ter Sumpf, in welchem Froſch und Unk ihr We⸗ ſen treiben, wird dann der reine heilſpendende Teich Bethas da ſein, in welchen der Engel der Weiblichkeit niederſteigt, um ihn in Bewegung zu ſetzen und ſeine Heilkräfte dadurch zu entwik⸗ keln. Dann werden erſt die Kranken, deren wir jetzt eine ſo ungeheure Anzahl haben, im Bade des Teichs geneſen. Allerliebſt! ſagte Mathilde geſchmeichelt. Wie gern bekenn' ich, daß ich mich für über⸗ wunden halte.* „Ihre Güte beſchämt mich. Erlauben Sie mir nur noch Einiges hinzuzufügen. Der An⸗ fang jener großen Revolution in unſerm öffent⸗ lichen Leben iſt bereits gemacht, unaufhaltſam ſchreitet ſie vorwärts. Schon öffnen ſich die Hörſäle der Wiſſenſchaft den Frauen— möchte dies Beiſpiel nur überall Rachahmung finden! Die Wiſſenſchaften werden dadurch geſchmeidiger und aus todten Mumien oder vielmehr Skelet⸗ ten, Fleiſch⸗ und Blutvolle werden, an Leben und Fülle, Friſche und Kraft gewinnen. Die — 129— todte Form wird verſchwinden, das letzte Geruͤſt der Perrücken⸗ und Zopfzeit zuſammenſtürzen und der junge Geiſt des Jahrhunderts ſeine Schwin⸗ gen regen und verſuchen dürfen. Das Leben wird viel ſelbſtſtändiger und zuverläſſiger werden; das Herz wird in den Angelegenheiten und dem Ver⸗ kehr des Lebens eine weit kräftigere und gülti⸗ gere Stimme erlangen; der Zwang„Geld⸗ und Convenienzheirathen werden weit weniger ſein, und der Liebe, der höchſten Beglückerin der Ju⸗ gend des Menſchen, wird es vergönnt ſein, mehr friſche Kränze um die Altäre des Hauſes zu ſchlin⸗ gen, die jetzt ſo oft verlaſſen ſtehen; denn was iſt denn ein Leben ohne Liebe? Die traurigſte Pflanze, die im düſtern Schatten, niemals vom Sonnenlicht berührt, auch niemals Blumen zu treiben im Stande iſt. Der Docent trat eben herein, und machte dadurch dem Geſpräch eln Ende, daß er die Vor⸗ leſungen begann. Die letzten Worte ihres Nach⸗ bars waren Mathilden vorzüglich ſchwer auf die Seele gefallen, und ſie konnte ſie weder den Abend, noch den folgenden Tag vergeſſen. Wa⸗ rum ſie ſich aber ſtets damit beſchäftigen mußte, konnte ſie ſich nicht erklären; denn ſie hielt ſich ja überzeugt, daß ſie den Doktor ltebe. — 130— Endlich überredete ſie ſich, der Herr Becker möſſe eine unglückliche Liebe nähren, und ſie freuete ſich recht herzlich, dadurch zugleich, den Grund entdeckt zu haben, warum er ihr ſo intereſſant ſei; Mitleid, Theilnahme an ſeinem Schickſal war's, weiter nichts. O ſüße Unſchuld in eines jungen Mädchens Bruſt, wie biſt du doch ſo er⸗ ſinderiſch ſchlau, dich über das Aufleuchten der er⸗. ſten Flamme ſüſſer Gefühle zu täuſchen! Mathilde hatte die Vorleſungen noch nie ſo gern beſucht, wie jetzt; ihre geheimen Gedanken waren den ganzen Tag damit beſchäftigt, aber ſie dachte ſich die Vorleſungen nie ohne Herrn Becker und ſein Bild ſtand überall im Hintergrunde. Faſt eine valbe Stunde vor Beginn der Vorleſungen war ſie jedes Mal da, und der ſchöne freundliche Becker wartete ſchon auf ſie, oder trat gleich nach ihr ein. Die Zeit wurde ſo köſtlich verplondert, daß Mathilde jedes Mal, wenn der Dyeent kam, hätte ſchwören mögen⸗ ſie ſei noch keine fünf Minuten da. Auf dem Heimwege begleitete ſie Becker— er hatte ſich ja ſo höflich die Erlaub niß dazu ausgebeten und es war ihr unmöglich geweſen den liebenswürdigen, beſcheidnen Mann, den ſie ſtets noch als einen ſehr hoch Gebornen be trachtete, dieſe Kleinigkeit abzuſchlagen. Der Ge⸗ — 131— danke an ihren Bräutigam fing allmälig an et⸗ was Unerfreuliches für ſie zu haben, und um dies Gefühl los zu werden, ſcheuchte ſie ihn ſo ſchnell als möglich fort; inzwiſchen regte ſich doch ein leiſer Vorwurf in ihrer Bruſt, daß ſie in ihren Briefen an Arnold, worin ſie lang und breit von den phyſikaliſchen Vorleſungen ſprach— was ſollte ſie ihm weiter ſchreiben?— ihres Nachbars und neuen Freundes niemals erwähnte. Aber ſo oft ſie ſich vornahm, dies zu thun, hielt ſie ein unerklärlicher Widerwillen davvn ab. Es konnte übrigens nicht fehlen, daß die neidiſchen Augen, welche Beckers und Mathildens unſchul⸗ digen Umgang ſcharf bevobachteten, bald böſen Leumund gebaren, und es wurde bereits in al⸗ len vornehmen Häuſern der Stadt leiſer vder lauter gemunkelt, Mathilde Baumgarten habe ein geheimes Liebesverhältniß mit Herrn Becker, der jedenfalls ein ganz andrer ſei, als er zu ſcheinen ſich bemühe, und giftige Zungen, an welchen es niemals und nirgends fehlt, ſetzten viel Schlim⸗ mes hinzu. Riemand dachte an all' dieſe Dinge weniger, als die unſchuldige Mathilde. Unbefangen, wie immer, trat ſie in den Saal, doch leuchtete ihr Auge von einem höhern Glanze, als es Becker erblickte, und mit Freundlichkeit 9* — 132— erwiederte ſie feinen Gruß, als er, von allen Blicken im Saale heimlich verfolgt, ſich ihr mit gewohnter Beſcheidenheit nahete. Er glich dann jedes Mal mit dem kühnen feurigen Blicke, dem ſchwarzen lockigen Haare und der kräftigen Ge⸗ ſtalt dem Löwen, der ſeine erhahne Wildheit be⸗ zähmend, ſich gehorchend zu den Füſſen ſeines Herrn und Wohlthäters ſtreckt. Heute Abend ſchwebte ein ernſter melancholiſcher Zug um ſel⸗ nen Mund, welchen Mathilde noch nicht wahrge⸗ nommen; ſie ſetzte ſich; gegen Gewohnheit hielt er ſich einige Zeit von ihr entfernt und ſtand an einem der Pfeiler, welche die Decke des Saales trugen, gelehnt, wie im tiefſten Nachdenken ver⸗ ſunken, unbekümmert um Alles, was vorging. Die bevbachtenden Mädchenköpfe näherten ſich ſchon einander, die Zungen begannen ſchon ihr ergötzliches Spiel und jede war erfindungsreich in Angaben, aus welchem Grunde wohl Becker ſich ſo benehme, als dieſer ſchnurſtracks auf Ma⸗ thilde losging. Vergebens,v ſagte er ernſt und feierlich zu der ihn deshalb erſtaunt anſehenden Schönen, aſuch' ich ein wunderliches Gefühl zu bekämpfen, das mit jedem Augenblicke ſteigt und wächſt und zur unerträglichſten Angſt wird. Ich beſchwöre — 3 Sie deshalb, es mir nicht übel zu deuten, wenn ich die ſeltſamſte Bitte an Sie richte, ich be⸗ ſchwöre Sie aber ebenſo, ſchlagen Sie mir die⸗ ſelbe nicht ab. Es iſt eine Kleinigkeit, ſetzen Sie ſich dieſen Abend nicht an dieſen Platz. Mit Freuden,? entgegnete Mathilde ver⸗ wundert, swenn ich Ihnen damit dienen kann; aber wird es Ihnen nicht belieben, mir den Grund dieſes Begehrs anzugeben 72 Wenn Sie mir verſprechen, nicht über mich zu lächeln.v „Gab ich Ihnen ſchon Veranlaſſung zu ſol⸗ cher Vorausſetzung*2 Gewiß nicht. Es iſt aber ein eignes Thema von Träumen und Ahnungen, das nicht fůt Je⸗ dermanns Ohren paßt. „Ahnungen und Träume? fragte Mathilde, indem ſie ihren Platz verließ und ſich auf die hintern noch unbeſetzten Plätze begab.„Sie ma⸗ chen mich höchſt begierig; denn um Ihnen nur gleich meine Schwäche zu geſtehen, ich höre auf der Welt von nichts lieber erzählen und ſpre⸗ chen, als von Ahnungen und Träumen und al⸗ lem Schauerlichen, was damit zuſammenhängt. Und nun laſſen Sie hören. Ich brenne.v „Wenn Sie eine Geſchichte von mir erwar⸗ — 134— ten, ſo muß ich ſehr um Entſchuldigung bitten. Ich hatte in der vergangnen Nacht einen Traum, aber er war ſo nebelhaft und unbeſtimmt, daß ich nicht ein Mal ſeine allgemeinen Umriſſe mehr angeben kann. Den ganzen Tag über war ich verſtimmt, ohne mir einen Grund davon ange⸗ ben zu können, den Traum hatte ich ganz ver⸗ geſſen. Doch ich wurde mir der Summe deſſel⸗ ben plötzlich bewußt und erkannte auch den Grund meiner heutigen Laune, als ich Sie vorhin Ih⸗ ren Sitz einnehmen ſah. Ich wollte mich bezwin⸗ gen, und Ihnen nichts ſagen, aber das wunder⸗ bare Ding in uns, was mit uns ſelbſt zuwei⸗ len in den ſchneidendſten Widerſpruch tritt, ließ mir keine Ruhe. Die Summe aber jenes Traums oder, wenn Sie lieber wollen, meiner Ahnung war: es würde Ihnen ein Unglück begegnen, wenn Sie an dieſem Abende Ihren Sitz einnähmen. Ein leiſer Schauder fuhr durch Mathildens Gebeine. Sie ſaß einige Minuten, ohne zu re⸗ den oder ſich zu bewegen. Endlich fragte ſie faſt ſchüchtern:„Glauben Sie an Ahnungen und Träume?* 5 Mein verehrtes Fräulein, wer will da ſa⸗ gen: ich glaube oder ich glaube nicht, ohne ſein inneres Selbſt zu verletzen. Ja dies Meſßſer iſt —— ſo ſeltſam ſpitzig und ſcharf von allen Seiten⸗ daß man ſich, wenn man es ein Mal angefaßt hat, damit verwunden muß, man mag es ergrei⸗ fen, wo man will. Aber der Menſch iſt ein blindes, unwiſſendes, unbeholfenes Geſchöpf, ein ſo gebrechliches Kind des Angenblicks, von tau⸗ ſend und aber tauſend ihm räthſelhaften, unerklär⸗ lichen Dingen abhängig, hereingeſetzt in dieſe wunderliche Welt, ohne zu wiſſen wie, woher, warum und wohin, der Boden auf dem er wan⸗ dert, die Luft die er trinkt, ſind in ihrem letz⸗ ten Grunde ihm lauter unauflösbare Räthſel, wie Alles, was er mit ſeinen Sinnen wahrnimmt. Und dieſe Sinne ſind noch dazu von ſo unvoll⸗ tommner Art, daß es unzählige Dinge gibt, die er gar nicht damit wahrzunehmen vermag. Jene hochgeprieſene Fackel Vernunft iſt doch am Ende nur das ſchwache am Dochte der Sterblichkeit flatternde Lampenlichtlein in tiefer Finſterniß, das nur einen winzigen Lichtkreis im unermeſſnen All um ſich beſchreibt und kaum das, was in dieſem unbedeutenden Kreiſe iſt, dürftig beleuchtet, und was auſſer demſelben— weit, weit außer ihm— iſt, die Mhrianden Dinge— wir haben keine Ahnung, wie viel weniger einen Begriff davon⸗ Wie will nun das arme hulfloſe Weſen, Menſch — 136— genannt, mit kecklicher Zuverſicht ſagen: ich glaube nicht, was ich mit meiner Vernunft nicht begrei⸗ fen kann? Es ſind unausſtehliche Thoren, die ſolches ſagen.„ aIch ſtimme Ihnen ganz bei, bemerkte Ma⸗ thilde, sja ich gehe noch weiter und geſtehe Ih⸗ nen, daß ich an die wahrnehmbare Einwirkung einer unſichtbaren Welt auf die ſichtbare und an ihre innige Theilnahme an dieſer feſt glaube.* Dann wurde ſie ernſt und ſtille, und der ein⸗ tretende Docent verhinderte eine weitere Unter⸗ redung. Becker nahm nicht neben Mathilde Platz⸗ ſondern ſtellte ſich wieder an die Säule. Die Veränderung des Platzes, welche Ma⸗ thilde augenſcheinlich auf Anrathen Beckers vor⸗ genommen, brachte einen wahren Aufruhr unter den jungen weiblichen Zuhörern hervor.„Er hat es ihr endlich geſagt, was man von ihnen ſpricht, hieß es, aund ſie ſetzt ſich nun hinter uns, um weniger bevbachtet ihr Weſen treiben zu können. Aber er ſetzt ſich nicht zu ihr; man ſoll denken, ſie hätten nichts mehr mit einander. Wie Aber wir wollen ſchon aufpaſſen. Die Vorleſung hatte begonnen; ſie behandelt die Luft, und gleich darauf wurden Experimente mit der Luftpumpe gemacht. Zwei große glä⸗ — — S— ferne Halbkugeln mit Vorrichtung ſollten leer ge⸗ pumpt werden, um dann durch keine Kraft zer⸗ trennlich zu ſein. Der Docent und der Famu⸗ lus waren eben mit dieſer Arbeit beſchäftigt, als ein ungeheurer Knall, ſtärker als der einer Ka⸗ none den Saal erſchütterte und die Zuhörer ent⸗ weder aufſchreckte oder niederwarf. Die Kugel war zerſprungen, und während die eine Hälfte am Boden zerſchmettert war, war die andre in Splittern gegen die Riſche geprallt, und hatte ſich gerade an der Stelle, wo ſich ſonſt Mathil⸗ dens Kopf befand, tief in die Wand gegraben. Bei näherer Beſichtigung erlitt es keinen Zweifel, daß wenn Mathilde an dieſer Stelle ſitzend nicht ſogleich tödtlich verletzt, ſie doch gewiß ihrer ſchönen Au⸗ gen beraubt und im Geſichte entſtellt worden wäre. Mathilde war erblaßt, dann ruheten ihre Augen lange mit unausſprechlichem Ausdruck auf Becker, der ſelbſt tief erſchüttert war. Was in ihrer Seele vorging, konnte ſie mit keinem Worte entweihen, es war auch ein unausſprechbares Geheimniß, welches aber ihr ganz geiſtiges We⸗ ſen, wie mit einem Zauberſchlage, umwandelte d veränderte. Das einzige mit Worten dar⸗ ſtellbare Reſultat dieſer Vorgänge war, daß Ma⸗ thilde noch als ein halbes Kind in die Vorleſung — £ — 8— dieſes Abends gekommen war, und dieſelbe als ganz vollendete Jungfrau verließ, und daß dieſe ernſte ſinnige Jungfrau tief in der Seele über⸗ zeugt war, Becker ſei der gute Genins ihres Lebens. Dieſe Anſicht wurde ſchnell bis zur höchſten Schwärmerei ausgebildet, als ihr Bek⸗ ker auf dem Heimwege ſagte, daß er in einer Woche ſchon in ſeine Heimath zurück reiſen werde.. sSo bald ſchon?* fragte Mathilde beſtürzt. sSoll ich glauben, daß ſich der Retter meines Lebens den Auſſerungen meines Dankgefühls ent⸗ ziehen will. „Das ſollen, das können Sie nicht, ver⸗ ſetzte Becker mit Wärme.„Die gewichtigen Gründe ſind von der Art, daß ich Sie Ihnen nicht mittheilen kann. Nehmen Sie aber die heiligſte Verſicherung, daß ich ſcheiden muß. Dann wurde er einſilbig und beurlaubte ſich mit mehr Förmlichkeit als ſonſt. Mathilde brachte eine ſchlafloſe Nacht zu; ſie erlebte in derſelben die erſten Stürme, die rauh und kalt über das nackte Weſen ihres neugebor⸗ nen Selbſts hinſchauerten. Sie weinte ſehr viel. Es waren die erſten heiligen Thränen der Liebe. Aber noch immer erkannte Mathilde dieſe dent⸗ — 139— lich ſprechenden Zeugen ihrer erwachten Gefühle nicht an: ſie war ja verlobte Braut eines edlen und trefflichen Mannes, den ſie— wie ſie ver⸗ ſichert war— ſehr liebte. Becker ſtand ihr ja auch viel höher, als daß irgend ein irdiſcher Wunſch ihres Herzens an ſeiner Seraphsgeſtalt hängen geblieben wäre; er war ja der lichtentſtammte ſchutzende Genius ihres Lebens. Kaum hatte am andern Morgen Mathilde nicht ohne Außerungen der tiefſten Rührung von bei⸗ den Seiten ihrer Mutter die wunderbare Ge⸗ ſchichte des vorhergehenden Abends erzählt, als ihr Bruder, der Profeſſor Baumgarten, hereintrat. Er war ſo ein ſeltner Gaſt in dieſen Räumen, daß Mutter und Tochter nicht anders glaubten, als er ſei gekommen, Mathilden wegen der überſtand⸗ nen großen Gefahr Glück zu wünſchen. Aber der Profeſſor ſchien davon nichts zu wiſſen oder wiſſen zu wollen, ſondern begann ungeheuerweitſchweifig von der äußerſt delikaten Reinheit des guten Rufs einer Braut zu reden, und daß dieſe mehr als jede andre dann nöthig habe, ſich vor dem klein⸗ ſten Hauche zu hüten, der dieſen Spiegel, wenn auch nur leiſe, trüben könne. Dann redete er wieder eben ſo des Breitern und in ſehr gewähl⸗ ten Ausdrücken, die ihren kathedraliſchen Urſprung — 140— nicht verläugnen konnten, welch eine herrliche Sache es um die Freundſchaft ſei, und wie jeder Gebildete die Pflichten derſelben ſtets ſtreng im Auge halten müſſe. Mathilde wurde endlich un⸗ geduldig und unterbrach ſeinen ſchönen Redefluß, dem er mit dem größten Wohlgefallen und Be⸗ wunderung ſeiner ſelbſt, zu lauſchen ſchien, indem ſie ihn bat, zur Sache zu kommen und ihr rund und ohne weitre Umſchweife zu ſagen, was er eigentlich von ihr wolle. Dieſer unberechnete Zwiſchenfall brachte den Profeſſor in Verlegen⸗ heit, aus welcher er nicht anders zu kommen vermochte, als daß er einen Brief hervor zog, in deſſen Aufſchrift Mathilde ſogleich die Hand⸗ ſchrift ihres Bräutigams erkannte. „Der Doktor Arnold iſt mein Freund, und es iſt meine Freundespflicht gegen ihn und meine Bruderspflicht gegen dich, dir mitzutheilen, daß dein Ruf durch deinen an und für ſich gewiß ganz unſchuldigen Umgang mit einem gewiſſen 3 Herrn Becker, der nicht das beſte Subjekt ſeir ſoll, gelitten hat und noch leidet.* Dieſe Worte fuhren wie flammende Schwert in Mathildens Herz. Erbleichend und zittern nahm ſie den Brief ihres Bräutigams aus Bruders Hand und durchflog ihn mit brennenden — 141— Augen. Ihr Herz ſchlug höher und höher; es empörte ſich gegen die furchtbare Anſchuldigung, welche dieſer Brief mit dürren, trocknen Worten ausſprach. Dies Herz, welches ſeit geſtern Abend die Knospe zur Blüthe entfaltet hatte, war noch weit zartfühlender geworden, und empfand die ihm angethane Kränkung in einer Tiefe, deren Troſtloſigkeit nur zu ahnen ihm früher unmög⸗ lich geweſen wäre. Aber nicht in unwürdiges Jammern brach ſie aus; ihrer Wurde und Rein⸗ heit wohl bewußt, gab ſie den Brief mit den Worten zurück:«Es thut mir um Arnold ſehr leid daß er glauben kann, ich hätte auch nur einen Augenblick vergeſſen können, ſeine Braut zu ſein.» „Es iſt auch nur von Schein die Rede, lie⸗ bes Kind, verſetzte der Profeſſor ängſtlich. „Eben das meine ich auch. Glaubſt du, ich werde mich vergeſſen einen zweideutigen Schein auf mich zu ziehen? Oder iſt es ein ſolcher, wenn man ſich mit einem ſehr geiſtreichen, ge⸗ ldeten, höchſt anſtändigen und beſcheidnen jun⸗ Mann unterhält, der ſeinen plat durch all neben mir bekommt? aAch, mit dieſem Zufall wird's wohl ein Häk⸗ chen haben,v ſpöttelte der Bruder. — 142— „Wie? du könnteſt mich für fähig halten?„ fuhr Mathilde in edelm Zorn empor. Nicht dich, ſondern Herr Becker, mit deſſen Anſtand und Beſcheidenheit es nicht ſonderlich weit her iſt. In mehren Geſellſchaften hat er durch leidenſchaftliches, rechthaberiſches Weſen ehrenwerthe Männer beleidigt, paradvxes, unge⸗ reimtes Zeug geredet, tolle Behauptungen auf⸗ geſtellt und ſie mit ungezognen Rdensarten ver⸗ theidigt. In einigen Tagen will er ſich von der philoſophiſchen Fakultät zum Doktor promv⸗ vren laſſen, da werden ſie's ihm eintränken. Ich giaube er fällt durch's Examen. Sie haben einen ſcharfen Zahn auf den rohen Menſchen. sDaß er Euern Schulkram verachtet, weiß ich recht gut, und gerade darum könnte ich gröſ⸗ ſern Antheil an ihm nehmen, wenn mich die Dankbarkeit nicht ohnedies dazu verpflichtete. Du und mein Herr Bräutigam wollte ja, daß ich jeglichen Schein vermeiden ſoll. Der ſchlim ſte Schein aber, der mehr einem ſchwarzen Scha ten gleicht, iſt der des Undankes. Sie erzähl die Geſchichte ihrer Rettung, und dle gö Mutter fügte hinzu, daß ſie Herrn Beck ſich im Hauſe ſehen werde. Der Profeſſor machte ein langes bedenklich — 143— Geſicht, welches ſich aber in etwas aufheiterte, als Mathilde verſicherte, es ſei für Herrn Dok⸗ tor Arnold dabet nichts zu fürchten, da Herr Becker in acht Tagen, wahrſcheinlich ſogleich nach ſeiner Promotivn abreiſen werde. Der weiſe Herr Bruder empfahl ſich, und die Hofräthin fertigte eine Einladung an Herrn Becker für den folgen⸗ den Abend ab. Einige Stunden darauf erſchien ein Diener des dortigen Handlungs⸗ und Banquierhauſes Haarſeim und Comp. und überbrachte der Hof⸗ räthin die Summe von 44,000 Rthlr., theils in Banknoten, theils in Gold und Silber. Dieſe Summe gehörte zu Mathildens väterlichem Erb⸗ theil und machte ohngefähr zwei Drittel deſſel⸗ ben aus. Das Uebrige war ein feſtes Kapital, welches nach des Vaters teſtamentariſcher Ver⸗ fügung vor ihrem dreißigſten Jahre nicht erhoben werden konnte. Die Hofräthin hatte gewünſcht, nur einen kleinen Theil jener Summe zu Weih⸗ nachten zu erhalten, um Mathildens Ausſtattung davon zu beſtreiten, das Hanptkapital aber zu Oſtern, um es Mathildens Gatten ſogleich nach der Hochzeit zu überliefern. Der Doktor Ar⸗ nold war durch Mathildens Vormund, den Pro⸗ feſſor der Medicin Geier, mit dieſen Anordnungen — 144— und Verfügungen bekannt gemacht worden, und hatte ſich um dieſe Geldangelegenheiten mehr gekümmert, als der zartfühlenden Hofräthin lieb war. Inzwiſchen hatte ſie ſich wohl gehütet, ihrer Tochter etwas von den unangenehmen Ge⸗ fühlen mitzutheilen, welche ſie aus der angegeb⸗ nen Veranlaſſung zuweilen überraſchten. Das Arrangement des Banquierhauſes hatte eine Zahlung des ganzen Kapitals ſchon jetzt mit ſich gebracht, und da Mathildens Vormund über⸗ haupt nur ein Jamann war und die Hofräthin alle dieſe Geſchäfte beſorgte, ſo wurde auch jetzt die Zahlung an ſie geleiſtet.— Kaum hatte ſie das Nachzählen des Geldes beendigt, und den Diener entlaſſen, als Mathilde einen hohen jun⸗ gen Mann hereinführte, deſſen Anblick ihr ſogleich imponirte, und der ihr von ihrer Tochter als Herr Becker vorgeſtellt wurde. 5 Ich bin gekommen, Frau Hofräthin,7 nahm er mit hinreiſſender Anmuth das Wort,«Ih⸗ nen für Ihre gütige Einladung zu danken Ihnen zugleich das herzlichſte Bedauern ausz drücken, daß ein früheres Verſprechen zwingt, keinen Gebrauch davon machen zu könn (Sie laſſen aufſagen, wenn es nur irge angeht. — 145— Mit Freuden wuͤrde ich den Aufenthalt in Ihrem Hauſe jedem andern vorziehen, wenn überhaupt vom Aufenthalte in einem hieſigen Hauſe die Rede wäre. Es gilt aber einer großen Luſtfahrt nach E., wo morgen Abend ein großer Maskenball iſt. Ich habe es einem Freunde zugeſagt, ihn zu begleiten und kann unmöglich mein Wort brechen. Das iſt ein Andres,y ſagte Mathilde. Es würde grauſam von uns ſein, Sie des mannich⸗ fachen Vergnügens, was Sie dort erwartet, be⸗ rauben zu wollen. „Wir würden uns das Vergnügen auf über⸗ morgen ausbitten, wenn man darauf rechnen könnte, daß ſie zurück wären. Aber der Ball dauert bis in den Tag hinein und die Nachmit⸗ tagsſtunden ſind zu minder rauſchenden und mehr geſelligen Vergnügungen beſtimmt, die die Gäſte ſchier noch weniger entbehren mögen, als den Ball ſelbſt. Und ſo wird Sie unſte Stadt erſt übermorgen Abend oder gar in der Nacht wieder zu ſehen das Glück haben.„ sIch liebe Erheitrungen und Vergnügen,2 ſagte Becker, aſie ſind ein Bedürfniß des gelſtigen Menſchen, wie die Nahrung eins des leiblichen. IV. 10 — 146— Auch geſtehe ich, daß ich gern mitzumachen pflege bis auf den letzten Mann. Die Hofräthin hatte unterdeſſen das Geld zuſammengerafft, in einen Beutel gethan, und verſchloß denſelben in ein daſtehendes Pult. Sie bat ſich die Ehre aus, wann es Herrn Becker belieben werde; er ſollte ſelbſt den Tag dazu beſtimmen. Dies lehnte er ſehr hoflich ab und verſprach ſeine Aufwartung zu machen, ſobald er zurückgekehrt ſein werde. Mathildens Augen ruheten mit Wohlgefallen auf Becker; ihre Seele ſprach aus ihnen. Der junge Mann bemerkte es, als die ſeinigen ihren Blicken mehrmals be⸗ gegneten, und nicht ohne einen Anſtrich von Ver⸗ wlrrung entfernte er ſich. Auf die Mutter hatte er einen nicht minder gönſtigen Eindruck gemacht, wie früher auf die Tochter, und ſie ſprach zu ver⸗ ſchiedenen Malen des Tags ſehr günſtig von ihm. Am andern Tag kam Mathildens Vormund, um mit der Hofräthin eine Unterredung die nützlichſte Verwendung des Kapitals bi Mathildens Hochzeit zu halten, wobei er undeutlich zu verſtehen gab, er ſei vom Arnold beauftragt, das Kapital nicht vie nate lang todt liegen zu laſſen. Die Ho konnte die bittre Bemerkung nicht unterdröcke — 147— der Herr Doktor Arnold bekümmere ſich doch etwas zu früh um die Angelegenheiten ſeiner Künftigen; ſie hätte gewünſcht, daß er ſich mehr um die Perſon derſelben bekümmern möge. Bei Gelegenheit der Unterhaltung zog die Hofräthin den Beutel hervor und zeigte dem Profeſſor Geier die Banknoten. Nach deren ſorgfältigen Betrachtung wurden ſie wieder an den vorigen Ort verſchloſſen. Es waren unterdeſſen dienende Leute im Zimmer geweſen und abgegangen. Als die Hofräthin am andern Morgen in das Wohnzimmer trat, ſah ſie zu ihrem Befremden, daß die Glasſcheiben der in den Garten führenden Thüre, welche aber im Winter verſchloſſen und verwahrt war, zerſchlagen ſeien. Vom Fenſter fiel ihr Auge auf das Pult— es war erbrochen. Einer Ohnmacht nahe, riß ſie den Kaſten auf, aber ihre zitternde Hand fand ihn leer, was ihr dunkelndes Auge kaum mehr erkennen konnte. Mit einem dumpfen Schrei ſank ſie zu Boden. Mathildens Schrecken, welche eben herein trat, war noch größer, denn ſie wähnte, ein plötz⸗ licher Schlagfluß habe dem Leben der ſchwäch⸗ lichen Mutter ein Ende gemacht. Ihr Hülfege⸗ ſchrei rief ſchnell die Bewohner des Hauſes zu⸗ ſammen. Alles war natürlich nur mit der ohn⸗ 10* ————— mächtigen Frau beſchäftigt, und ſo erfuhr man erſt nach einigen Stunden, als ſie ſich erholt hatte, was vorgefallen war. Neue Beſtürzung. Mathilde ſchickte eilig zu ihrem Vormunde und zu ihrem Bruder. Sie kamen, um auch zu er⸗ ſchrecken; denn helfen konnten ſie ebenfalls nicht. Es wurde ſchleunig Anzeige bei der Behörde ge⸗ macht. Das Gerücht des Diebſtahls durchflog die Stadt. Man erſchöpfte ſich in Muthmaßun⸗ gen. Am Ende mußte man Alles der Zukunft überlaſſen. Der Tag verging trübe am Lager der Hof⸗ räthin. Gegen Abend als die Wirkung des Schreckens vorüber war, ſtand ſie auf, und in der Nacht ſchlief ſie ſo gut, wie ſie lange nicht geſchlafen. Am andern Morgen fühlte ſie ſich leicht und wohl, und der Hausarzt wünſchte ihr Glück zu der ſchnellen und ſtarken Gemüthsbe⸗ wegung, welche ſeiner Verſichrung nach in ihrem kränklichen Organismus eine ſo heilſame Erſchütt⸗ rung bewirkt habe, daß er hoffen dürfe, ſie von ihrem böſen und langwierigen, ja endlich leb gefährlichen Ubel befreit zu ſehen. Dann wollen wir ja Gott und dem Di danken,„ ſagte Mathilde.«Iſt das Leben Mutter dadurch gerettet und⸗ ihre Geſundheit — 149— wieder hergeſtellt, ſo will ich dem Diebe das Geld herzlich gern gönnen, noch dazu es Nie⸗ mand weiter als ich verliert, worüber ich recht herzlich froh bin. Noch war der Arzt zugegen, als Becker her⸗ eintrat. Er berichtete eben erſt mit mehren Freun⸗ den von C. gekommen zu ſein und ſogleich das dies Haus betroffne Unglück erfahren zu haben. Er ſchien ſelbſt davon eingeſchüchtert, und empfahl ſich ebenfalls wieder, als der Arzt ging. Von einer Einladung konnte unter dieſen Umſtänden nicht die Rede ſein. Den zweiten Abend darauf traf Mathilde Beckern wieder in der Vorleſung. Man wünſchte ihm von allen Seiten Glück. Er hatte ein höchſt glänzendes Examen beſtanden und in einer heute ſtatt gefundnen Disputation, wie man lange keine gehört, all ſeine Opponenten ſiegreich aus dem Felde geſchlagen. Bewundernd drängte man ſich um ihn, man ſchmeichelte ihm, und ſprach es offen aus, daß es etwas ganz Außerordentliches wäre, den Schlingen, welche ihm die Examina⸗ toren gelegt, ſo glücklich umgangen zu ſein. Mathilde fühlte etwas von Stolz in ihrer Bruſt ſich regen, daß dieſer plötzlich ſo gefeierte junge Mann ſie ſo vorzüglich ausgezeichnet, und daß — —————— ———— — 150— eine geheimnißvolle Seelenharmonie zwiſchen ihnen beſtehen müſſe, durch welche allein er der Retter ihres Lebens geworden ſein könne. Wie ſonſt begleitete er ſie nach Hauſe. Sie bemerkte, daß er ſehr einſylbig und doch ſehr be⸗ wegt war. aIch will Ihnen den Grund nicht verhehlen, ſagte er mit einem ſchwermüthigen Anfluge der Stimme:„Es iſt das letzte Mal, daß ich Sie begleitet habe, mein Fräulein, und ich reiche Ihnen die Hand, um auf ewig von Ihnen Ab⸗ ſchied zu nehmen. Auf— ewig— Abſchied! wriederholte Mathilde mit erſterbender Stimme.„Wollen Sie morgen ſchon reiſen?„ sIch muß. „Aber auf ewig?2 aIch kann nichts Andres ſagen. „Ihr Eeburts⸗ und künftiger Wohnort iſt kaum zwanzig Meilen von hier entfernt, und Sie ſprechen von ewig?* „Ach, ich kann Ihnen keine nähere Erklärun geben. Ich kann nur wiederholen; ich muß! eHilf Himmel! Aber warum müſſen Sie Ich kann mir auf der weiten Schöpfung keine Urſache denken, warum mein dankbares Herz — 151— nicht bis ans Ende in einem freundſchaftlichen Verkehr mit dem Ihrigen bleiben ſollte. Es wäre mehr als grauſam, wenn ſie mir denſelben entziehen wollten. Becker ſchüttelte wehmüthig mit dem Kopfe. Sein heute ohnedies bleiches Geſicht wurde von der fahlen Beleuchtung der Mondsſichel ſchier geiſterhaft. sIch beſchwöre Sie!y rief Mathilde ſich ver⸗ geſſend, und faßte ſeine zitternde Hand mit Heftigkeit, überlaſſen Sie mich nicht der unaus⸗ ſprechlichen Angſt, die Sie ſo plötzlich in mir hervorgerufen haben. Nennen Sie mir den Grund Ihrer fürchterlichen Behauptung. Wes⸗ halb wollen Sie auf ewig von mir ſcheiden? „Weil Sie die verlobte Braut eines Andern ſind,v verſetzte Becker raſch und leidenſchaftlich und war im nächſten Augenblicke um die Ecke des Gartens und ihren flirrenden Augen ent⸗ ſchwunden. Lange ſtand ſie bewegungslos auf der Stelle und der Mond beleuchtete ſie. Ihr Auge war auf den Boden geheftet, wo Becker zuletzt geſtanden hatte. Jetzt wußte ſie, daß ſie von ihm geliebt wurde. Dieſe Gewißheit erregte einen furchtbaren Kampf in ihr und führte ſie — 152— an den Rand des Elendes. Ihr Herz rief es ihr unaufhörlich zu, daß ſein Gefühl für Becker Liebe, nichts als Liebe ſei, aber ihr Verſtand ſagte ihr, daß ihre Liebe allein ihrem Bräutigam gehören möſſe. Mathilde war von dieſem Augenblick an ſehr unglücklich. Die Ruhe ihres Lebens war dahin. Sich ſtets überredend, ſie liebe den Doktor Ar⸗ nold, machte ſie alle Anſtalten zu ihrer Vermäh⸗ lung, aber ſie welkte dabei wie eine vom Stengel 3 gebrochne Blume. Ihr Schmerz machte ihr Herz groß und weit, und durchglühete es, wie ein heiliges Läuterungsfeuer, aber er verzehrte es auch faſt in all zu großer Gluth. Ihrer Mutter entging die Verändrung in Mathildens Weſen nicht, und ſie war eben daran, kindliches Vertranen von ihr zu fordern und ihr den Stachel, den die ſcharfſichtige Frau wohl ahnete, aus der Wunde zu ziehen, als ſie wieder von einem ceremoniöſen Beſuche ihres gelehrt Sohnes beehrt wurde. Auf ſeinem Geſichte ſtand große Verlege geſchrieben, und er räusperte ſich zu verſchieden Malen, eh' er einen Vortrag über den Glauben der Alten an ein unerſchütterliches Fatam, dem ſie ſelbſt ihre Götter für unterworfen geachtet, — 153— in ſehr gewählten Worten und Wendungen be⸗ gann, dem nur die Citate fehlten, weil er vor unwiſſenſchaftlich gebildeten Frauen gehalten wurde. Geduldig lauſchten Mutter und Tochter den rauſchenden Strömen der Weisheit. Vom Fatum ging der Herr Profeſſor auf die Schickſalsidee der alten Tragöden über und wieß den nothwen⸗ digen Zuſammenhang derſelben mit dem ganzen volytheiſtiſchen Cultus nach, und als er dies ge⸗ hörig abgehandelt, pries er mit Salbung die Vorzüge des Chriſtenthums, welches da lehre, ſich in ſein Schickſal zu ergeben und das Unver⸗ meidliche mit Würde zu ertragen. Mathilde meinte, er wollte ſie über den Verluſt ihres Vermögens tröſten. Sie fiel ihm daher ins Wort: sIch danke dir, lieber Bruder, für deinen gutgemeinten Beweis von Aufmerk⸗ ſamkeit, obgleich er etwas ſpät kommt. Allein ich bin über den Verluſt des Geldes ſchon lange getröſtet, zumal unſre gute Mutter ſeit jenem Tage auch nicht den kleinſten Anfall von Krank⸗ heit wieder hatte, im Gegentheil ihre Geſundheit ch immer mehr ſtärkte und befeſtigte. Danken wir Gott dafür und um ſo inniger, da dies große Glück uns ein Erſatz nicht für — 154— den Verluſt des Geldes allein ſein muß,„ ver⸗ ſetzte der Proſeſſor kleinlaut. „Droht uns ein neuer Verluſt?» riefen die beiden Zuhörerinnen faſt zu gleicher Zeit erſchreckt.. aLeider bin ich gekommen, Euch davon in Kenntniß zu ſetzen und zu tröſten. Ein Unglück kommt ſelten allein, aber der Herr, der's ge⸗ ſchickt hat, hilft's auch tragen.» Was iſt's? Martre uns nicht länger! ge⸗ bot die Mutter. Und der Profeſſor zog wieder einen Brief hervor und ſagte:«Der Geheime Secretär und Doktor Arnold hat mir geſchrieben, daß ſich ſehr dringende und unvorhergeſehene Umſtände gefun⸗ den hätten, die ihn, gegen ſeinen Wunſch und Willen, zwängen, dir die ihm bewilligten Anſprüche auf deine Hand zurück zu geben und dich zu erſuchen, ihm das von ihm erhaltene Eheverſpre⸗ chen zu erlaſſen.* «Herzlich gern! Richts lieber als das!vr Mathilde, obgleich unangenehm überraſcht. ihr vom Bruder dargebotnen Brief wieß ſie rück, ſagend:„Es bedarf das nicht. Was du für ein Unglück anſiehſt, Bruder, ſcheint mir im Gegentheil ein Glück. So relatib ſind alle Dinge 5. „ — 155— dieſer Welt. Ich kann und will die Gruͤnde nicht kennen, welche Herrn Doktor Arnold—„ eIch kenne ſie,» unterbrach ſie die Mutter mit der Würde beleidigten Stolzes.„Es iſt der Mangel der 14000 Rthlr. Herr Arnold hat ſich mir ſeit einigen Monaten ſchon von einer Seite gezeigt, die mich zu der Annahme bringen mußte, er heirathe mehr die Hinterlaſſenſchaft deines Vaters, mein Kind, als dich. Ich habe die bittern Gefühle nicht ausſprechen mögen, welche dieſes ruͤckſichtsloſe Benehmen in mir erregte, aber nun kann ich es nicht verhehlen, daß auch ich Herrn Arnolds Rücktritt für ein Glück erachte. Siehe da!2 rief Mathilde ſehr erfreut, aſchon das zweite große, ſehr große Glück, welches uns der Diebſtahl bereitet. Geſegnet ſei der Dieb! Schvn verdanken wir ihm deine Geſundheit, Müt⸗ terchen, und nun gar das ganze Glück meines Lebens; denn ich fühle es jetzt klar und die feſteſte Gewißheit lebt in mir auf, daß ich als Arnolds Weib recht ſehr unglücklich geworden wäre. «So wollen wir den Herrn für dieſe Schik⸗ kung danken, ſägte die Hofräthin gerührt. Er hat ja Alles zum Beſten gelenkt. Und der Profeſſor ging froh und vergnügt, entwendeten Banknoten, ja ſogar ihr eignes Gold res Geldes ſendet Ihnen daſſelbe bis auf 500 — 156— daß ſeine Rachricht ſo gegen alle Erwartung auf⸗ genommen worden war. Mathildens Geſicht glänzte ſeit dieſer Stunde, als ob es der Gentus des Entzückens ſtets mit ſeiner hellſtrahlenden Fackel beleuchte. Ihr Auge blickte mit trunkner Wonne umher, ihr Gang war ſchwebend, auf ihren Lippen wohnten Lieb⸗ reiz und Anmuth, und die Mutter, über dieſe Veränderung in der geliebten Tochter ſelbſt hoch erfreut, ſah es ihr an, daß ſie ſich ſammle und vorbereite, ihr eine Entdeckung zu machen, deren. Inhalt das Mutterherz ſchon lange geahnet hatte. Die Freude Beider ging aber in ein unge⸗ meſſnes Erſtaunen über, als Nachmittags ein Poſtbote ihnen ein Paket mit 13,500 Rthlr. über⸗ brachte. Die Mutter riß es auf und fand die wieder; nur 500 Rthlr. in Silber fehlten. Auf einem beiliegenden Zettel ſtand:„Der Dieb Ih⸗ Rthlr. zurück. Er bedarf deſſen nicht, und trachtet die fehlende Summe nur als ein Dar⸗ lehn, welches er in der möglichſt kürzeſten Zeit mit Intereſſen und andern Beweiſen ſeiner Dank⸗ barkeit zurück erſtatten wird.v— — 157— Das Paket war mit dem Namen einer ent⸗ fernten nordiſchen Stadt geſtempelt. Nun das nenn' ich einen edlen Dieb!„ rief die Mutter.«Iſt ſo etwas noch unter der Sonne geſchehen! Wir wollen ihm die fehlenden 500 Rthlr. gern ſchenken für ſeine originelle Güte. v „Er wird ſie ſich ſchwerlich ſchenken laſſen, ſagte Mathilde, in welcher eine ſonderbare Ah⸗ nung aufgeſtiegen war, die ſie aber ſorgſam hü⸗ tete und nicht laut werden ließ.„Wer die große Summe zuruͤckgibt, wird ſicherlich die kleine nicht ſchuldig bleiben.2 Das Gerücht von der Einſendung des Gel⸗ des verbreitete ſich aus dem Hauſe über die, ganze Stadt, und alle neuigkeitliebenden Gemů⸗ ther brachen in ein anhaltendes Verwunderungs⸗ geſchrei aus und ſtrengten ihre Köpfe in vergeb⸗ lichen Vermuthungen an.— Am folgenden Morgen, als Mutter und Tochter vergnügt beiſammen ſaſſen, begann die Erſtere ſchelmiſch: aIch bin nun wieder kernge⸗ ſund, Mathilde, du biſt deinen Bräutigam los, der deine eleden Paar tauſend Thaler mehr liebte, als dichz das Geld haſt du auch wieder, und der Himmel hat durch dieſen ſeltſamen Diebſtahl in — 158— unſerm Hauſe alles ſo zum Beſten gefügt, daß ich ihm nicht genug danken kann;z denn auch mit dir iſt eine große Veränderung vorgegangen und du haſt ſeit jener Zeit eine Reife und Ausbil⸗ dung des Geiſtes und Körpers gezeigt, die ich— um dirs offen zu geſtehen— niemals dyn dir erwartet hätte.— Es iſt wahr, v unterbrach Mathilde die Mut⸗ ter, adieſe Veränderung meiner rührt aber mei⸗ nes Bedünkens von meiner wunderbaren Lebens⸗ rettung durch Herrn Vecker her. Die Ueber⸗ zeugung, daß dieſer junge Mann mein Genins ſei, dringt ſich mir immer und immer von neuem auf, und ich könnte faſt glauben, der Diebſtahl wäre durch ihn begangen worden, da⸗ mit er mich dadurch beglücke. Er hat dies Glück vielleicht in ahnungsreicher Vorſchau gewußt, und wer weiß, ob das Fehlen der 500 Rthlr. nicht noch mein größtes Glück bewirkt. Du kleine Schwärmerln, ſchmälte die Mut⸗ ter,«was du doch für ſeltſame Einfälle he Du biſt ganz roth geworden bei Beckers E nung. Und doch will ich dir nur geſtehen, auch habe oft unwillkührlich daran denken müſſen, ß Becker zugegen war, als ich das Geld im Pulte verſchloß. — 159— „Wie? Sie könnten im Ernſt glauben?—„ rief Mathilde beſtürzt. Wie du gleich in Eifer geräthſt! Ich glaube gar nichts weiter, als daß dieſer liebenswürdige Mann einen weit tiefern und ganz andern Eindruck auf dich gemacht hat, als man von einem Genius ſo überhaupt erwarten ſollte, und daß du zu ihm eine Reigung gefaßt haſt, die ſich durch Tiefe und Heftigkeit ebenſo ſehr von der unterſcheidet, welche du früher gegen Arnold hegteſt; auch kann ich dir meine empfindliche Verwunderung darüber nicht verhehlen, daß du mir aus der wahren Na⸗ tur jenes Eindruckes und dieſer Reigung ein Ge⸗ heimniß gemacht haſt, ſelbſt dann noch, als mit meinem Willen und Zuſtimmung jedes Verhält⸗ niß mit Arnold abgebrochen wurde. Zürnen Sie mir nicht, beſte Mutter, rief Mathilde mit jenem entzůckenden Purpur jung⸗ fräulicher Schaam auf den Wangen, aerſt ſeit dem Augenblicke, wo ich Arnolds unwürdige Ver⸗ zichtleiſtung auf meine Hand erfuhr, iſt mir meine Liebe zu Becker recht klar geworden; früher legte ich dieſem Gefühle andre Namen und andre Be⸗ deutung unter, ich ſträubte mich dagegen, ich hielt es für ein Verbrechen. Und ſeit dieſem Tage ſchwebt mir mein Geheimniß auf den Lippen. —— Ich habe es vir angeſehen, meine Tochter,» tröſtete die Hofräthin.„Schütte dein Herz vor mir aus. Du wirſt in jedem Folle deines Le⸗ bens eine Mutter, in in mir finden. v Mathilde berichtete das Entſtehen und Wach⸗ ſen ihrer Leidenſchaft und ihren Kampf gegen dieſelbe, bis zu Beckers Abſchied. «So liebt auch er dich!v rief die Mutter, als ſie Beckers letzte, ſein Herz enthüllende Worte vernvmmen hatte. aUnd hoffnungslos, ſetzte Mathilde ſü lich hinzu. „Nun da iſt ja zu helfen,v lächelte die gütige Mutter. «Sie billigen meine Liebe1 rief Mathilde freudig. Becker ſcheint mir aus Allem ein edler, treff⸗ licher Menſch, was auch dein Bruder von ihm zu erzählen wußte. Wir reiſen in ſeine ſtadt, ziehen Erkundigungen über ihn ein und das Uebrige wir ſich dann ſchon finden.„ Aber verzeihen Sie, theuerſte Mutt will mich bedünken, als würde eine mein e verleten.„ dafür Sorge tragen, daß wir uns nicht das Min⸗ deſte vergeben. Auf andre Art iſt die Sache nicht einzurichten. Ich habe keine Bekannten in *** an die ich ſchreiben und mich nach Becker befragen könnte. Eine meiner Jugendfreundin⸗ nen iſt zwar dorthin an einen Kaufmann verhei⸗ rathet worden, aber ich weiß nicht ein Mal, vb ſie noch lebt. Wir müſſen alſo dahin reiſen. Mathilde küßte der Mutter dankbar Stirn und Hand; und die Anſtalten zur Reiſe wurden getroffen. Eben damit beſchäftigt, wurden ſie abermals von einem Beſuche des Profeſſor's Baumgarten überraſcht. Mathilde, von den ſchimmernden Bil⸗ dern ihrer Hoffnungen und einer glücklichen Zu⸗ kunft umgaukelt, war weniger als je geneigt, eine ſeiner gelehrten Abhandlungen anzuhören, und da ſie aus der faltenreichen Umſtändlichkeit ſeines Geſichts etwas Wichtiges las, ſo bat ſie ihn, ſelbſt auf die Gefahr hin, ihn zu beleidigen, ihr dies Mal Dispoſitivn, Einleitung und allen rhe⸗ tvriſchen Zierrath ſeiner Rede zu erlaſſen, und die Sache gerade heraus zu ſagen. Dies war aber nicht ſo leicht gemacht als verlangt; denn wie in aller Welt könnte ein deutſcher Profeſſor das eine ihm Unmögliche W. 11 — 162— dennoch bewerkſtelligen, und eine Sache gerade herausſagen? Inzwiſchen nahm er ſich doch zu⸗ ſammen und faßte ſich möglichſt kurz, da Ma⸗ thilde ihm zu entlaufen und einen Koffer zu pak⸗ ken drohete. Und als nun der Sinn ſeiner Rede begriffen war, lief Alles darauf hinaus, daß der Herr Doktor und Geheimſecretär Arnold wieder zu Kreuze gekrochen war, d. h. nachdem er von der Viedererlangung des Geldes gehört, und nun ganz miſerabel lamentirte und mit Vergif⸗ ten und Erſchießen drohete, wenn er nicht eine und Zuftiedenheit Aller arrangiren laſſen. erfreuliche Zuſage und das Verſprechen erhielte, zu Oſtern mit Mathilden Hochzeit machen zu dürfen. Lleber Bruder,» ſagte Mathilde, eüberlaß es mir, Herrn Doktor Arnold auf ſeinen an dich gerichteten Brief zu antworten. Die Sache wird ſich, hoff' ich, nach Wunſch Daß dies geſchehen ſoll; darauf geb' ich di mein mütterlich Wort, ſagte die Hofräthin. Der Profeſſor ging heute noch vergni denn er glaubte wieder Alles in's alte Gle bracht, und am Abend ſchrieb Mathi de an ehemaligen Verlobten: aUm für die mir dachte Ehre nicht undankbar zu ſein⸗ obglei — 163— ſie nicht annehmen kann, mache ich Ihnen den verzlich gut gemeinten Vorſchlag, die älteſte Toch⸗ ter des Commerzienraths Wellau zu heirathen. Sie wird ſich weit eher für Sie paſſen, als meine Wenigkeit; denn ſie iſt jung und hübſch, und beſitzt ein Vermögen von wenigſtens 20,000 Rthlr. Freilich wird es ihr nicht ſogleich auf der Hochzeit ausgezahlt. Darüber aber wird ſich ein Mann von ihrem philoſophiſchen Geiſte zu trö⸗ ſten wiſſen. Ich kann Sie verſichern, daß mich Rieckchen viel um Sie beneidet hat. Zwei Tage darauf reiſeten Mutter und Toch⸗ ter ab, und da Weihnachten vor der Thüre war, hatte die Hofräthin ein ſehr ſchönes Service für Becker zum Weihnachtsgeſchenk erkauft, welches ſie mit ſich nahmen. Mathilde wurde auf der mehrtägigen Reiſe immer heitrer und ihr Geſicht glänzte von Hoff⸗ nungen baldiger Wünſcheerfüllungen. Wohlbehal⸗ ten langten ſie am erſten Weihnachtsfeiertage in *** an, und nahmen im vornehmſten Gaſt⸗ hofe der Stadt Logis. Der Wirth, ein gewandter, artiger Mann, be⸗ willkommte die Damen mit größter Zuvorkom⸗ menheit und ſorgte ſelbſt für ihre bequeme Ein⸗ 11* — 164— richtung, ſobald er vernahm, daß ſie einige Tage bei ihm bleiben wollten. eSagen Sie mir gefälligſt, Herr Wirth,* begann die Hofräthin, als ſie einigermaßen in Ruhe war, akennen Sie hier einen gewiſſen Herrn Doktor Becker⸗ Theolog ſeinem Studium nach, der ſich vor kurzem erſt den Doktorhut von der— er Univerſität geholt hat?* « O wie ſollte ich den nicht kennen!/ ver⸗ ſetzte der Wirth lächelnd⸗ aiſt er doch einer mei⸗ ner täglichen und ſtehenden Gäſte. Von Jugend auf kenn' ich dieſen lebensluſtigen Mann.* Wie geht es ihm?„ fragte die Hofräthin weiter. eHeute geht es ihm gewiß gut und beſſer⸗ als es ihm je gegangen hat. sWeshalb gerade heute? Nun, weil er heute Hochzeit hat. Hochzeit!v rief die Hofräthin und Mathilde zu gleicher Zeit, wie vom Blitz gerührt. 3 „Das iſt unmöglich! ſetzte Mathilde aſt hinzu. Gern wollte ich mich von einem ſo ne Munde Lügen ſtrafen laſſen, wenn die Sack ſelbſt dadurch geändert würde. Aber ich ha dieſen Morgen der Trauung des Doktor Beck — 165— in der Magdalenenkirche ſelbſt beigewohnt, und wen Sie auch hier in der Stadt fragen mögen, wird Ihnen daſſelbe berichten. Mathilde wechſelte die Farbe. Ihre Mut⸗ ter fühlte am Arme einen krampfhaften Druck ihrer Hand.„Schicken Sie den Wirth fort!„ flüſterte ſie mit erſterbender Stimme. Ein Wink der Hofröthin entfernte den höflichen Mann, der genug geſehen hatte, um zu verſtehen, was hier vorgehe. sUm Gottes willen, Mutter, jammerte Mathilde auf, swie gräßlich bin ich getäuſcht! Ach, einen Himmel voll Seligkeit ſah ich offen; er hat ſich plötzlich verſchloſſen, um mich mein Leben in ſteter Nacht verjammern zu laſſen. Weh mir, drei Mal wehe! Hätt' ich doch niemals die großen und heiligen Anſprüche kennen gelernt, die ich ſowohl auf Genuß als auch auf Gewäh⸗ rung von Glück habe. Er allein hat ſie mich kennen gelehrt, um ſie mit einem ſchrecklichen Schlage zu vernichten. Ja ich fühle meine ge⸗ ſunde kräftige Jugend geſchickt, irdiſche Seligkeit rein und ungetheilt zu empfinden, wie zu gewäh⸗ ren— nun iſt Alles aus. Liebe, Liebe, unaus⸗ ſprechlich heiße Liebe zu ihm hat mich durch und durch erfüllt; mein ganzes geiſtiges Weſen hat ſich in das einzige große Gefühl Liebe umgewan⸗ delt. Sie muß unbefriedigt welken, und da ſie ich ſelber bin, ſo ſterb ich dahin. Ach Mutter, Mutter ich fühl' es, es iſt mein Todesſtoß. Ich kann nicht leben, wenn ich ihn nicht lieben darf.» „Armes, bedauernswerthes Kind, beklagte ſie die Hofräthin tief erſchüttert.«Leere den Kelch des Schmerzes bis zum Boden. Schlürfe die bitterſten Hefen mit hinab. Sie wird dein wun⸗ des Herz heilen.v sJa heilen auf ewig; denn es iſt gebrochen.» Nicht doch!» verſetzte die Mutter, der vbr⸗ ſehende und allgütige Gott hat der Erde noch ein ſchöneres Geſchenk gemacht, als das Glück; es iſt ſanfter, zärtlicher, eben ſo gut himmliſchen Urſprungs, aber es kleidet ſich nicht in die hel⸗ len ſchimmernden Farben der Freude, ſondern in die dunkeln der Wehmuth. Dies ſeltfame Kind, des Vaters Liebling, iſt Schmerz genannt. Glaube mir, die Welt wäre ohne Schmerz nicht halb ſo ſchön. Zwar würden ihr nicht die lau⸗ ten Jubeltöne, nicht die prangendſten Farben len, aber nur der rohe Naturmenſch wird behanp ten, daß ſie die ſchönſten ſind. Der klag Mollton, der dunkle gefärbte Schleier der Schwer muth ſind ſchöner. Der Schmerz allein hebt, heiligt, — 167— ſtärkt und verklärt unſer Leben im verglimmen⸗ den Golde der Abendröthe. Das Glück erfreuet es allein mit demſelben Lichte des Mittags. Ich habe es erfahren, meine geliebte Tochter, wappne dein Herz mit Muth, daß auch du den rechten und bleibenden Gewinn aus dieſer Erfahrung ziehen mögeſt.2 Mathilde ſchüttelte den Kopf wehmüthig, ohne etwas zu erwiedern; aber ein Thränenſtrom ſtürzte ihr aus den Augen. Weine dein volles bedrängtes Herz aus; das wird es erleichtern, und zu der dir bevor⸗ ſtehenden Lebensweihe geſchickter machen,„ fuhr die Hofräthin ſanfter fort.„Thränen ſind der koſtbare Perlenſchmuck des Schmerzes, die fun⸗ kelnden Diamanden ſeiner Krone. Denn er iſt ein König, wie Chriſtus ein König war, als ihn die Kriegsknechte verhöhnten. Sie meinten ihm Hohn anzuthun, aber nie war Hohn größere himm⸗ liſchere Wahrheit: Chriſtus war der größte Kö⸗ nig, der König des Himmels und der Welt. Symboliſch iſt dieß auch der Schmerz. Er iſt der unſichtbare Weltheiland, ſein Reich iſt auch nicht von dieſer Welt. Er bekehrt und beſſert die Menſchen. Seine Kryne iſt auch eine Dor⸗ nenkrone, an jeder Dornenſpitze hängen Bluts⸗ — 1651— und Thränentropfen, das ſind die koſtbarſten Rubinen und Diamanten. Mache die Thore und Thüren deines Herzens weit auf, mein Kind,. damit dieſer Geſalbte des Herrn in dein Herz einziehe. v Mathilde fiel ihrer Mutter um den Hals und küßte ſie weinend. „Dieſe innigen Küße, ſagte dieſe,«ſind mir ſchon Herolde deines Troſtes. Wir dürfen auch Becker nicht zürnen. Ohne die mindeſte Hoff⸗ nung auf deinen Beſitz verließ er dich. Wer weiß, was ihn zu dieſem ſchnellen Schritte ver⸗ mocht hat. Man ſoll nie voreilig urtheilen, ver⸗ dammen. Man muß erſt hören, prüfen. eAch, ich zürne ihm nicht. Ich werde ihn ewig lieben,v verſetzte Mathilde.„Er hat ja niemals ein Wort der Liebe von mir gehört. Er war mir ja auch nichts ſchuldig. Ich betraure nur mein Schickſal. eUm dich zu tröſten und Becker zu rechtfer⸗ tigen, wollen wir den Wirth wieder kommen laſſen, und ihn über alle Umſtände ausfragen. Dann will ich meine Jugendfreundin aufſuchen und hören, ob beide Urtheile übereinſtimmen.? eEs wird mir wohl thun, von ihm zu hören. — 169— «Das iſt ſchon der rechte Schmerz, der uns wohl thut, mein Kind.„ Der Wirth wurde wieder in das Zimmer der Damen beſchieden. aSie würden uns verbinden,„ redete ihn die Hofräthin an, awenn Sie uns die nähern Umſtände über die Verheirathung des Herrn Doktor Bek⸗ ker treu und wahr angäben. Wir verſichern Sie unſrer ſtrengſten Discretion. Sie haben bemerkt, daß wir großen Antheil an Herrn Becker neh⸗ men; erzeigen Sie uns alſo dieſe Gefälligkeit.» Mit Vergnügen, meine Damen. Becker iſt zwar mein täglicher Gaſt und in gewiſſen Beziehungen kann ich ihn ſogar meinen Freund nennen; das ſoll mich aber nicht abhalten, Ih⸗ nen die reinſte Wahrheit über ihn zu ſagen, und dieſe wird von der Art ſein, daß er meinetwe⸗ gen auch zuhören könnte. Schon als Gymnaſiaſt war er ein lockerer Zeiſig, als Student wurde er ein Wüſtling. Man hörte von Jena aus, wo er ſtudirte, viel luſtige Streiche von ihm, und ob man ihm gleich ein treffliches Herz, wo⸗ mit er ſich unzäblige Freunde erworben, nicht abſprechen konnte, ſo bezweifelte man doch mit Recht allgemein, daß er bei ſeinem allzugroßen Hang zu geſelligen Freuden beſonders viel ler⸗ —— nen könnte. Daß er überall, wo er ſich nur blicken ließ, mit Freuden bewillkommt wurde, daß man ihm, dem trefflichſten Geſellſchafter, ſtets Gelegenheiten zu Zerſtreuungen bot, können Sie ſich leicht vorſtellen, und da er, wie Sie wahrſcheinlich aus ſeiner perſönlichen Bekannt⸗ ſchaft wiſſen, mit einem ſehr gefälligen Außern ein einnehmendes Betragen, vorzöglich bei dem ſchönen Geſchlechte, verbindet, ſo war es kein Wunder, daß ſchier Reißens um ihn war.— Nach verſchiedenen Studienjahren machte er ein erträgliches Examen; man ſah dem liebenswür⸗ digen Menſchen, der weiter nichts gelernt und kein Vermögen hatte, etwas durch die Finger, und ſo wurde er mit genauer Noth zum Candi⸗ daten der Theologie befördert. Jahr und Tag vergeht; er iſt und bleibt der Damenfreund⸗ leichtſinnig, flach, vergnügungsſüchtig, Anſtren⸗ gung ſcheuend, übrigens mit einem guten Redner⸗ talent begabt. Wann er predigte, erdrückten ſich Frauen und Mädchen faſt in der Kirche, wann er tanzte, ein dittv auf dem Ballſaal Da bricht plötzlich vor ungefähr acht bis Wochen eine dumme Geſchichte aus. Erſt ſagte man ſich's leiſe, dann ziemlich laut. Die ſchön achtzehnjährige Tochter des Landkammerraths — 11— Zahlhans hat ſich vergeſſen. Leichtſinn und Lei⸗ denſchaft haben Folgen gehabt. Man nennt den Candidaten Becker als Mitſchuldigen. Nun ſagt man, die ganze ſehr angeſehne Familie des Land⸗ kammerraths ſei wüthend auf Becker geworden, und Zahlhans, ein ſehr ehrgeiziger Mann, habe ſein Kind verſtoßen wollen. Da ſei Becker zu Kreuz gekrochen, habe ſich viele Demüthigungen gefallen laſſen. Man ſuchte die ſchlimme Sache durch eine ſchnelle Heirath zu vermitteln, aber es ergab ſich, daß, wenn Becker als Candidat der Theologie heirathete, er aller Anſprüche auf eine Anſtellung verluſtig ging. Er konnte ſich aber platterdings von nichts weiter anſtändig er⸗ nähren. Ueberdieß konnte er ohne Vermögen und einträgliche Beſchäftigung jetzt keine Fami⸗ lie erhalten, und der Landkammerrath wollte ihm wohl ſeine entehrte Tochter, aber keinen Gro⸗ ſchen dazu geben. Der bedrängte Becker nahm nun alle ſeine Freunde in Anſpruch, und da ih⸗ rer eine große Anzahl waren, ſo hatte er ſehr viel zu laufen und zu thun, bis er diejenigen herausgefunden hatte, die ihm helfen wollten und konnten. Zum Glück fand er wirklich einige, und es wurde nun herausgebracht, daß wenn er ein durch Examen und Disputation förmlich — 172— promovirter Doktor der Philoſophie würde, gleich⸗ ſam als wolle er Vorleſungen auf der Univer⸗ ſität halten, ſo könne er, ohne ſeine Anſprüche auf Anſtellung im Vaterlande aufgeben zu müſ⸗ ſen, heirathen. Damit war aber noch immer kein Brot für Frau und Kind geſchafft. Auch das fand ſich. Mehre Lehrer auf der vier Stun⸗ den von hier entfernten im Gebirgsſtädtchen Arnheim befindlichen Forſtakademie gehörten zu ſeinen Freunden und brachten es durch ihr Ver⸗ wenden dahin, daß Becker die eben vaccante Stelle an dieſer Akademie bis zu ſeiner Anſtel⸗ lung als Pfarrer erhielt. Nun ſtieß ſich's zu guter Letzt an das zur Promotiovn nöthige Geld, wozu noch Reiſe und Zehrungskoſten kamen. Ich ſelbſt veranſtaltete eine Collecte, obgleich ich mit allen, die Becker näher kannten, die Ueber⸗ zeugung hegte, er werde das Examen nicht be⸗ ſtehen. Das Geld kam zuſammen, und Becker reiſete ab. Wir glaubten alle nach Jena. Aber nach ungefähr vier Wochen kehrte er mit dem— er Doktor Diplom, was noch weit ehrenvo als das Jenaer war, zurück, und zeigte ohnedie noch einige Zeugniſſe über ſeine trefflichen ſtungen vor. Der Landkammerrath hatte na geſchrieben, und nichts als Lobſprüche über — 173— ſeinen künftigen Schwiegerſohn gehört. Dies gewann den eiteln Mann; es kam eine Ver⸗ ſöhnung zu Stande. Der Landkammerrath ſtat tet ſeine Tochter ſehr gut aus, und legt zu Becker's ſpärlicher Beſoldung jährlich noch ein Erkleckliches hinzu. Alles hat ſich ausgeglichen und heute iſt die Hochzeit. Daraus können Sie entnehmen, daß ſich— wie ich vorhin gleich auf Ihre gütige Anfrage bemerkte— Herr Doktor Becker ganz ausnehmend wohl befinden muß; denn er hat Beweiſe gegeben, daß er ſeine junge Frau liebt. Sein enormer Fleiß in einigen Wochen als Vorbereitung zum Doktorexamen zeugen ſchon dafür. Die Hofräthin dankte und bat noch dem Dok⸗ tor Becker durch den Kellner ein Hochzeitsgeſchenk überſchicken zu dürfen. Der Wirth ging, um dieſe Bitte ſogleich zu gewähren. Mathilde hatte regungslos auf dem Sopha geſeſſen, den Kopf in die Hand geſtützt. Jetzt rief ſie verzweiflungsvoll aus:„Großer Gott, meine Täuſchung iſt fürchterlicher, als ich anfangs ahnen konnte. Aber wie iſt es denn möglich⸗ daß Becker ein ſolcher flacher, gewöhnlicher Menſch iſt, wie ihn dieſer Wirth ſchildert? Wo wären denn alle meine Sinne geweſen? Hab' ich denn — 174— in einem ſteten Traume gelebt? Aber jedes ſei⸗ ner Worte ſteht mir ja noch leuchtend vor der Seele. Es iſt nicht möglich. Man beurtheilt. ihn nur nach der Oberfläche. „Aber dein Bruder ſagte daſſelbe über ihn.„ Ich allein habe ihn erkannt.2 «Seine letzten an dich gerichteten Worte gereichen ihm, dem Welitn nicht zur Em⸗ pfehlung.2 sEr liebte mich, aber er folgte ſeiner Pflicht, und iſt darum nur noch ſchätzenswerther.—„ Die Hofräthin ſchüttelte den Kopf, überließ Mathilden ihrem Schmerze, packte das Service ein, ſchrieb einige Zeilen dazu, ohne ſich zu nennen, und fuhr dann aus, ihre Jugendfreundin aufzuſuchen, von deren Leben ſie ſchon Kunde erfragt hatte. Der Kellner trug das Service fort, und Mathilde ließ ihren Thränen freien Lauf. Nach zwei Stunden kehrte die P tt zurück. „Du dauerſt mich, gutes Kind, 6 saber ich halte es für nöthig, daß du föhrſt. Der Wirth hat dieſen Becker glimpflich geſchildert; Madame Schul noch viel ärgere Geſchichten von ihm zu erzähle — 1— die zwar ſein Herz nicht in Verdacht bringen, aber von einem bodenloſen Leichtſinn, vorzüglich in Liebesgeſchichten, zeugen. Er hat die Lieb⸗ ſchaften dutzendweiſe gehabt, und oft drei, viere zu gleicher Zeit. So beſitzt er eine teufliſche Verſtellungs⸗ gabe,» ſagte Mathilde. cUm deſto eher kannſt du dich über ſeinen Verluſt tröſten. Wir reiſen morgen mit dem früheſten ab, und meine beſonnene Mathilde wird Herrin ihrer Gefühle zu werden ſuchen, deren Gegenſtand ein ſo ganz unwürdiger iſt. «Ach, ihre ſchönſten Erinnerungen werden ihm doch ewig gehören. In dieſem Augenblicke trat der Oberkellner herein und ſtörte die Unterbaltung mit den Wor⸗ ten:„Der Herr Doktor Becker bütet um die Erlaubniß, den beiden Damen ſeine Aufwartung machen zu dürfen. Mathilde ſchrack heftig zuſammen, erbleichte und flüſterte der Mutter zu: aIch kann ihn un⸗ möglich ſehen. Geſtatten Sie mir, daß ich in's Rebenzimmer gehe. Mir ſchwindelt ſchon. Annehmen müſſen wir ihn; es wäre unge⸗ zogen, ihm erſt ein Hochzeitsgeſchenk zu ſchicken, — 176— und nachher vor der Thüre abzuweiſen, ſagte die Mutter.„Doch geh'; ich will allein mit ihm reden.» Mathilde ſchwankte fort; die Hofräthin winkte dem Kellner, der ſich entfernte und gleich darauf einem jungen ſehr hübſchen Mann die Thür öff⸗ nete. Dieſer ſchritt mit zierlichem Anſtande auf die Hofräthin zu, verbeugte ſich und ſagte:„Sie werden mir nicht zürnen, daß ich die Geberin des ſchönen Geſchenks kennen lernen, vder viel⸗ mehr eine alte Bekaanke in ihr erkennen möchte. Der überbringer hat mir verrathen, woher es kam.* Verzeihen Sie, mein Herr, v verſetzte die Hofräthin befremdet, stäuſcht mich die frühe Dämmrung des Wintertags, oder ihre Stimme, oder mein Gedächtniß— kurz ich ſehe mich zu der ſonderbaren Frage veranlaßt; ſind Sie n lich der Herr Doktor Becker?» sIhnen zu dienen; der bin ich.» eUnd kennen Sie mich?v aIch habe nicht die Ehre. Vergeben ſn ich mein Gedächtniß an, aus der großen meiner Bekanntſchaften Ihre werthe Ve auszufinden.* Mein Gott, was iſt denn das? r — 177— Hofräthin überraſcht.„Sie ſind der Herr Dok⸗ tor Becker, welcher vor vier Wochen in— ſich aufhielt, dort promovirte?„ Derſelbe bin ich.» Himmel, welch ein Räthſel! Mathilde! Ma⸗ thilde!v rief die Hofräthin und öffnete die Thüre des Nebenzimmers. Erſparen Sie mir das!»flehete dieſe.«O Gott, Sie ſpannen mich auf die Folter! Du mußt dir Herrn Doktor betrachten; du mußt hier Zeugniß ablegen; benn er kennt weder mich, noch ich ihn.2 Verehrteſte Frau,„ ſagte jetzt der junge Mann nicht ohne Verlegenheit, aber er konnte nicht weiter reden, auch würde ihn die Hofräthin nicht gehört haben, die nach Licht ſchellte, und ihre bleiche Tochter aus dem Nebenzimmer führte. Der Kellner brachte das Licht gerade zu der einen Thüre herein, als die Hofräthin ihre Tochter durch die andre herein führte. Die Letztere blickte den jungen Mann an und blieb wie ein⸗ gewurzelt ſtehen. Ein ſteinfremdes Geſicht ſtand vor ihr. Welch ein Betrug iſt das?2 rief ſie. Der Mann deutete aber ſchweigend und nur mit ſehr ausdrucksvollen Geberden auf den lauernden Kell⸗ W. 12 — 178— ner, als wollte er reden, wenn dieſer fort wäre. So ſtanden ſie ſich in der größten Spannung einander gegenüber, und der neugierige Kellner konnte unmöglich länger zandern, ſo gern er auch, dem Anſchelne nach, gewollt hätte. Kaum war er hinaus, als der Fremde die Hofräthin mit unverkennbarer Angſt bei der Hand ergriff und leiſe flüſterte: aIch beſchwöre Sie bei dem Wohle dreier Menſchen, ja bei der Ruhe einer ganzen Familie, laſſen Sie uns leiſe reden und mit einander verſtändigen. Ich will Ihnen Auf⸗ ſchlöſſe öber das Räthſel geben, nur verderben Sie mich nicht, wenn Sie menſchliche Herzen haben. Ach, und Sie ſehen ja ſo gütig aus; was könnte es Ihnen frommen, mich elend zu machen?** Erſtaunt ſehen die Damen ihn, dann ſich an Ohne allen Zweifel,? fuhr der Sprecher ſchier noch leiſer fort, eſind Sie von—, un haben jenen Becker kennen gelernt, welcher zwei Wochen dort promovirte.». „Sy iſt's,„ verſetzte die Hofräthi Sie ſagten ja, daß Sie derſeli wären das iſt nicht wahr. „Allerdings habe ich Ihnen ein Unwa geſagt, ich bin nicht dieſelbe Perſon; aber dieſe — 179— Name gehört mir allein, der Mann, der dort mit meinem Namen meine Stelle vertrat, hieß anders. Die eiſerne Rothwendigkeit zwingt mich, Sie, die ich nie geſehen, von deren Discretion ich keine Beweiſe habe, zu Theilnehmerinnen eines Geheimniſſes zu machen, vyn deſſen Bewahrung mein Lebensglück abhängt.v Sie ſetzen uns in immer größeres Erſtaunen, ſagte die Hofräthin. aO ich flehe Sie um die engliſche Barmher⸗ zigkeit an, machen Sie nie einen Gebrauch von dem, was ich Ihnen zu vertrauen gezwungen bin. Geben Sie mir dies Verſprechen, damit ich an meinem Hochzeitstage wieder ruhig werde. Verweigern Sie mir dies Verſprechen nicht; trei⸗ ben Sie mich nicht zur Verzweiflung! Es ſei!v ſagte die Hofräthin, von Mitleid gerührt. Wir leiſten Ihnen dies Verſprechen mit unſerm Handſchlag. Beide gaben ihm die Hand. Der Leichtſinn hatte mich in eine verzwei⸗ felte Lage geſtürzt,» begann er jetzt ruhiger. Wir kennen Ihre Geſchichte bis zu Ihrer Abreiſe nach,— um dort zu promoviren,„ fiel ihm die Hofräthin in's Wort. Erklären Sie uns 12* — nur, wie ein Andrer an Ihre Stelle treten konnte, und wer dieſer Andre iſt.2 Die Promotion konnte mich allein vom Verderben retten,» fuhr Becker fort, sallein ich batte die Kenntniſſe dazu nicht und die Zeit drängte. Da gab mir die Verzweiflung einen guten Gedanken ein. In— kannte mich Nie⸗ mand, ich hatte in Jena ſtudirt; in— konnte ein Andrer unter meinem Namen promoviren. Ich hatte einen edeln, kenntnißreichen Freund, dem ich in Jena einen ſehr wichtigen Dienſt ge⸗ leiſtet. Ich hatte ihn aus der Saale gerettet, als er beim Baden ſchon verſunken war. Auch er war, ſoviel ich wußte, in— nicht bekannt. Ihm war es ein leichtes für mich zu promoviren. Ich ſchrieb an ihn und ſtellte ihm meine ganze Lage vor. Er war ſogleich zu meiner Hülfe be⸗ reit, doch ohne Geldmittel. Er iſt arm, wie ich. Ich reiſete ab, wir trafen uns, und er erhielt von mir alle nöthigen Papiere nebſt meinem Gelde; dann ging er nach— und ich zu einem entfernten Bekannten, wo er mich nach dr Wochen, in welchen Alles glücklich abgemach abholte, mir das Diplom und die Zeugniſſ gab und noch über einige nöthige Punkte aus⸗ führliche Belehrung ertheilte. Der edle, treffliche Menſch reiſete in ſein Voterland zurück, und ich — 181— erntete Ruhm und Glück mit den Lorbeern, die er für mich errungen. Er hatte mir verſprochen, keine Bekanntſchaften anzuknüpfen, die von Dauer und meine Verräther ſein könnten, als wir aber ſchieden, vertrauete er mir, nur eine einzige Bekanntſchaft habe er gemacht, und dieſe ſei für ſein ganzes Leben bedeutungsvoll. Er geſtand mir, daß er eine Verlobte glühend liebe und daß dieſe unglückliche Leidenſchaft ihn über Meer nach Amerika treibe. (Sehen Sie in dieſer Dame jene Verlobte,» fiel ihm die Hofräthin hier ins Wort.«Sie iſt frei und liebt Ihren edelmüthigen Freund ſo heiß, wie er ſie. „Er wird doch nicht etwa ſchon abgereiſt ſein?y fragte Mathilde angſtvoll. Erſt mit dem Frühjahr wollte er zu Schiffe gehen. «O ſo laſſen Sie uns eilen, theure Mutter!* „Hilf Himmel! du kennſt ja weder den Na⸗ men, noch den Aufenthaltsort deines Geliebten, und wir hängen in dieſer Hinſicht ganz von Herrn Becker ab.„ „Mein Freund heißt Julius Hellmann, iſt ein Meklenburger und lebt jetzt in Schwerin. „Es will ſich nicht für uns ſchicken, daß wir ihm nachreiſen, daß ich ihm mein geliebtes Kind — gerade zu nachführe,2 ſagte die Hofräthin, und erzählte Hellmann's Verhältniß mit Mathilden. „Eine Liebe iſt der andern Werth,» fuhr ſie dann fort, awerden Sie nun der Vermittler zwiſchen den beiden ſich liebenden Herzen. Schrei⸗ ben Sie Ihrem Freunde, daß Mathilden's Hand frei iſt, daß Sie durch Zufall in Erfahrung ge⸗ bracht, wie innig er von Mathilden geliebt werde, und daß er um ſie anhalten könne.2 aO mit tauſend Freuden!o jubelte Becker. „Es ſoll morgen meine erſte Arbeit ſein. Doch nun, meine verehrten Damen, noch eine Bitte, die ich mir aber ſchlechterdings nicht abſchlagen laſſe. Erlauben Sie mir, daß ich Sie in das hochzeitliche Haus führe und allen dort Anweſen⸗* den als liebe Bekannte aus— vorſtellen darf. Betrachten Sie mich nur dieſen Abend als jenen Becker, der ſo glücklich war, Ihre Gunſt zu er⸗ langen. Dies wird mein Glück und unſre Freude erhöhen. Alles iſt neugierig, wer mir das her liche Service geſchenkt, und ich muß esen halten, obgleich es mir nicht gegolten. B digen Sie nun den ollgemeinen Wunſch unterſtützen Sie einen guten Tropf in der 24 ſchung, die Niemanden ſchadet.» Die Damen willigten ein, und Mathilde, deren Augen von heiliger Wonne ſtrahlten, ging . — 183— recht gern. Sie erlebten einen ſehr glücklichen Abend. Mathilden's Weſen wurde vvm Strahl der Freude ganz verklärt, und ſo entzückte ſie alle Gäſte. Ihre hohe Liebenswürdigkeit, ihr ausnehmend muntres und frohes Betragen waren am andern Tage Stadtgeſpräch und ſtimmten ſchlecht zu dem vom Wirthe ausgeſprengten Ge⸗ rüchte, daß ein verlaſſnes Liebchen des Doktor Becker, die ihm mit der Mutter nachgereiſt ſei, beinahe vor Schrecken und Gram den Tod gehabt, als ſie von der Hochzeit ihres ungetreuen Lieb⸗ habers gehört. Der gute Wirth ſelbſt zerbrach ſich vergeblich den Kopf über das höchſt ſonder⸗ bare Benehmen ſeiner beiden weiblichen Gäſte, und die vom Kellner erſchnappten Brocken mach⸗ ten ihn nur noch verwirrter. Der Brief, welchen die Hofräthin erſt geleſen, ging am andern Tag nach Schwerin ab, und Mutter und Tochter brachten auf den dringendſten Wunſch des Landkammerraths Zahlhans, ſeiner Tochter und ſeines ſeligen Schwiegerſohns, der die lieben Gäſte faſt auf den Händen trug, noch einige Tage zu, und reiſeten dann wieder nach Hauſe zurück. In Hoffen und Sehnen verging Mathilden faſt ein Monat und ſchon begann ſie darüber unruhig zu werden, daß noch immer keine Nach⸗ — 184— richt eingelaufen war, als ihnen eines Tages folgender Brief von Becker zuging: „Hochverehrte Frau Hofräthin! Erſt heute erhielt ich Antwort von meinem Freunde Hellmann. Dieſe iſt jedoch ſo wunder⸗ lich und mir ſo unerklärlich, daß ich es für Pflicht halte, Ihnen ſeinen eigenhändigen Brief bei⸗ zuſchließen. Vielleicht können Sie eher daraus klug werden. Die darin von mir verlangte Geldſumme kann ich glücklicherweiſe durch die Güte meines Schwiegervaters entbehren und ſchicke ſie ihm heute. Beehren ſie mich bald mit eini⸗ gen Zeilen, um welche höflichſt bittet Ihr ergebenſter Becker. Hellmanns beigeſchloßner Brief lautete: Hamburg Mein lieber Freund! Aus der Uberſchrift erſiehſt du, daß mich dein Brief hat in Hamburg auffuchen müſſen und daß er dazu lange Zeit gebraucht. Seir Inhalt hat mich unausſprechlich glücklich und zugleich unglücklich gemacht. Nur ein Kind würde es fü möglich halten können, dir die überſchwengliche Seligkeit des Entzückens mit Worten zu malen, die ich bei Durchleſung deiner Zeilen empfandz — 185— es würde einige abgerißne Worte hervorſtammeln und dann vom Ubermaße andrängender Gefühle verſtummen, und mit Händen und Füßen, Augen und Geſichtsmuskeln arbeiten, aber gerade aus dieſen kindlichen Lauten und Geberden würde die Größe und Tiefe des Entzückens anſchaulicher werden, als aus meiner zuſammenhängenden ſchaa⸗ len Rede. Aber ſchnell vorübergerauſcht war der Augenblick himmliſcher Genüſſe: ein Blitzſtrahl riß den Himmel von einander, ich ſah, mich ſelbſt vergeßend, in ſeine Glorie; einen Augenblick darauf grinſte mich nur tiefere, furchtbarere Nacht an. Nicht ein Kind, nicht ein Mann könnte dir das Entſetzen klar machen, was mich bei den Haaren ergriff, das Mark meiner Gebeine durchſchauerte und das Blut in meinen Adern zu ſtarrem Eiſe zu wandeln drohete. Nur ein Greis vermöchte es, der ſeine Söhne in der Schlacht fallen, ſeine Töchter von der Peſt dahingerafft, ſeine blühen⸗ den Enkel in namenloſer Qual des Hungertodes dahin ſterben ſah, den ſein Weib ſchändlich betrog, deſſen Haabe das Feuer verſchlang, und der nun auf dem Wrak ſeines Schiffes, welches ihn mit ſeinen letzten Hoffnungen in eine neue Welt tra⸗ gen ſollte, an einer öden, kahlen Felſeninſel lan⸗ det. Er könnte, den Sturm überheulend, dir vielleicht meine Verzweiflung ſchildern. — 186— Während ich den Brief las, war mir's als wandelte ich einen üppig grünenden, baumreichen, felſengezierten, quellenrauſchenden Berg hinab, und vor mir im reizendſten weit, weithin ausge⸗ dehnten Thale lachten Dörfer und Städte in prangender Pracht, ein Fluß mit ſtolzen Schif⸗ fen auf ſeinem Rücken durchſchlängelte die grüne geſegnete Ebne; Lebensglück, Lebenshoffnungen ſchwellten die Segel, flüſterten in den Wipfeln der Bäume, holde ſchmeichelnde Träume flatter⸗ ten als bunte Vögel durch dies Paradies; Wun⸗ ſche waren farbenprangende Schmetterlinge; Er⸗ füllung und Gewährungen waren die Blumen der Au; und die jlatternden, ſchmachtenden Schmet⸗ terlinge tauchten tief in die Kelche der duften⸗ den Blumen: Gewährungen nahmen Wünſche auf. Fröhliche geputzte Menſchenſchaaren durchzogen mit Muſik und Geſang die Frühlingsau nach mir zu, deuteten auf mich und riefen jubelnd: Dort kommit er, unſer geliebter König, den wir lang erſehnt, der glückliche Herr dieſes Landes! Und die Vögel ſangen doſſelbe, die Bäume begrüßte mich als Herrn, die Felſen neigten ſich vor m die ganze Natur erkannte mich als Oberhaupt an. Selige Trunkenheit fluthete durch mein, ſich weit ausdehnendes Herz; ich fühlte plötzlich etwas von Göttlichkeit, von Unſterblichkeit in — 187— mir. Flügel wuchſen an meinen Füſſen, ſelig lächelte ich denen da unten zu, die meiner war⸗ teten, da ſah ich plötzlich vor mich— Himmel! eine ſchwarze furchtbar tiefe Kluft gähnte mich an. Sie wurde breiter und breiter, Höllenqualm dampfte daraus hervor und verfinſterte das pa⸗ radieſiſche Thal, Hohngeziſch und Spottgelächter des Teufels hallte daraus hervor und übertönte die Laute der Freude. Nacht war's um mich, Nacht in mir und eine ſchwarze Rieſenfauſt packte mich im Genick und drückte mich auf den felſigen Boden nieder. Das war meine Verzweiflung. O Becker! wer hätte auch ahnen können, daß deine Doktorſchaft meinem Leben eine andre öde Richtung geben würde! Ich bin ſehr unglück⸗ lich, aber ich will mich nicht unmännlichen Klagen hingeben. Ich will handeln, will fort nach Ame⸗ rika. Von drüben aus ſollſt du die Tiefe mei⸗ nes Unglücks erfahren, eher kann ich dir nicht mit⸗ theilen, werch grauſames Geſchick mich zwingt, mein Unglück zu fliehen. Von dort ſoll auch jener Engel, der allein meine Träume verſchönen darf, von dort ſoll Mathilde erfahren, daß ſie meine erſte und letzte, meine einzige, aber auch unbe⸗ ſchreiblich heiße, ſchwärmeriſche Liebe war. Bilde dir nicht ein, es handle ſich hier um eine ſenti⸗ — 188— mentale Entſagung; nein, es iſt fürchterliche, un⸗ abwendbare Nothwendigkeit. „Run eine dringende Bitte; ich weiß, du wirſt ſie gewähren, wenn du kannſt. Es drängt mich gewaltig, Europa zu verlaſſen. Am erſten März geht das erſte Schiff von hier nach New⸗ York; ich habe mich bereits in die Liſte der Paſ⸗ ſagiere deſſelben eintragen laſſen. Aber noch habe ich eine Ehrenſchuld, eine wahrhaft heilige Schuld zu bezahlen, eh' ich gehe. Für Rechnung eines hieſigen Buchhändlers habe ich zeither ſchier Tag und Nacht gearbeitet und ein hübſches Geld verdient, aber es langt noch nicht; meine ver⸗ heirathote Schweſter ſchenkte mir, als ich auf ewig von ihr Abſchied nahm, ihr erſpartes Na⸗ delgeld, aber es langt auch noch nicht. Der Ka⸗ pitän des Schiffes will mich unentgeldlich mit⸗ nehmen, und ich brauche kein Geld. Aber zur Bezahlung meiner Schuld bedarf' ich immer noch 200 Rthlr. Davon verdiene ich bis zur Abfahrt noch die Hälfte. Borge mir alſo 100 Rthlr. Von Amerika— wenn mir Gott das Leben läßt erhälſt du ſie bald zurück. aIch ſchreibe dir noch vor meiner Abreiſe. Dein J. Hellmann. — 189— Verſtehſt du etwas davon?„ fragte die Hof⸗ räthin kopfſchüttelnd ihre Tochter, nachdem ſie den Brief laut geleſen. «Ich ahne es!2 verſetzte dieſe. sUnd was?* „Verzeihen Sie, theuerſte Mutter, meine Ah⸗ nung iſt ſo zarter Natur, daß ich ſie nicht mit einem lauten Worte verletzen darf. Nein, ich kann jetzt noch nicht reden. Aber es wird die Zeit kommen. Das Einzige, was uns jetzt ſchnell zu thun obliegt, und warum ich Sie inſtändigſt bitte, iſt, Herrn Becker die noch fehlenden 100 Rthlr. zu überſchicken, damit er ſie in ſeinem Namen und als ein Darlehn Hellmann zukom⸗ men laße. sUnd wozu ſoll das führen? «Ich bitte Sie, theuere Mutter, thun Sie mir das zu Liebe. Ich will mir die Summe auch am Nadelgeld erſparen. Er iſt ja der Ret⸗ ter meines Lebens. Alles wird ſich aufklären. Du willſt's, und es ſoll geſchehen.— Das Geld wurde eingepackt und Becker mit r Weiſung überſchickt, es unverzüglich weiter Hellmann zu befördern und ſich für den Dar⸗ leiher auszugeben. Noch war die zweite Woche uicht herum, als die Poſt ein Paket mit 500 Rthlr. an die — 190— Hofräthin ablieferte. Es lag ein Zektel dabel folgenden Inhalts: Der unglückliche Dieb Ihres Geldes trägt hiermit den Reſt ſeiner Schuld ab. Er hat auch die Intereſſen des Kapitals hin⸗ zugefügt. Wenn Sie der Verſicherung Glauben ſchenken wollen, daß der ſtrafwürdige und unver⸗ zeihliche Beſitz dieſes Geldes einem großen Un⸗ glůcke und dem Verderben mehrer Menſchen vor⸗ gebengt hat, ſo werden Sie dem Diebe nicht fluchen, der den Abſchen vor ſeiner That ſelbſt zeit ſeines Lebens mit ſich in der Bruſt herum tragen wird. Gott ſegne Sie und Ihr Haus! Mathilde zitterte heftig. Ein Thränenſtrum ſtürzte aus ihren Angen. „Was fehlt dir mein Kind?„ rief die Hofräthin ahnungsvoll.„Du biſt ungewöhnlich ergriffen.» Meine Ahnung iſt zur Gewißheit geworden,7 verſetzte Mathilde noch heftiger weinend. Auch mir zittert ein ſeltſames, bizarres Licht durch die Seele. Kaum aber wage ich den e⸗ danken auszuſprechen. WVerſchweigen Sie ihn!„ rief mnti iſt fürchterlich.2 sJa, ich ſchaudre davvr. aAber Gottes Wege ſind anerzriudſ wun⸗ derbar und ſeine Langmuth iſt unendlich. Jetzt, meine Mutter, gilt's, mir Ihre mütterliche Liebe — 191— in Ihrer Tiefe zu bewähren. Reiſen Sie mit mir nach Hamburg. Ich hehe mit dir. Gott iſt allen Sündern gnädig.2— Mit der Ungeduld einer liebenden glücklichen Braut, die dem erharrten Bräutigam entgegen reiſen will, betrieb Mathilde die Abfahrt. Tags vor derſelben erfuhr ſie von der glänzenden Ver⸗ lobung des Doktors Arnold mit dem überglück⸗ lichen Rieckchen Wellau. Es gab reichen Stoff zur Unterhaltung im Wagen. Das böſe Thau⸗ wetter, das die Wege ſehr verſchlechtert hatte, hielt ſie auf und erſt in den letzten Tagen des Februars langten ſie in Hamburg an. Auf dem Comptvire der Buchhandlung, für welche Hell⸗ mann gearbeitet, erfragten ſie ſeine Wohnung. Es war ſchon dämmrig, als ſie in das Zimmer traten. Hellmann erkannte ſie nicht gleich, als er aber auf ſie zutrat, um ſie zu empfangen, vernahm er die ihm wohlbekannte Stimme, be⸗ deckte ſein Geſicht mit beiden Händen, ſtieß ei⸗ nen gräßlichen Ton aus, und warf ſich, wie geiſtesabweſend zu den Füſſen der Hofräthin, um ihre Knie zu umklammern. sHerr Hellmann, ſagte dieſe betreten, aſte⸗ hen Sie auf, und laſſen Sie uns ruhig mitein⸗ ander reden. Sie lieben mein Kind, Sie wer⸗ — 192— den von Mathilden geliebt. Sie würde ohne Ihren Beſitz ſehr unglücklich werden. Ich bin mit ihr gekommen, Ihre Verbindung zu hewerk⸗ ſtelligen. „Wehe mir! v ſtöhnte Hellmann.„Ich bin ein verworfner Menſch, unwürdig dieſem Engel den Saum des Kleides zu küſſen. Was ſoll ein unreiner Geiſt im Himmel?* Er ſoll dort ſeine urſprüngliche Reinbeit wieder erlangen. Wie? Sie könnten ſo grau⸗ ſam ſein, mein gutes Kind, das nur Sie liebt, das Sie wiederum lieben, einem lebenslänglichen Jammer Preis zu geben? Und warum? Warum? Warum?* raſete Hellmann auf. „So mögen Sie es denn wiſſen, was mich Ih⸗ nen und Ihrer theuern Tochter ewig verabſcheu⸗ ungswürdig machen muß, was Sie von mir zurückſcheuchen wird, wie von einem Geſpenſt Ich, ich bin der Dieb Ihres Geldes! Mathilde weinte heftig; die Hofräthin fuhr ſehr gefaßt und ruhig fort: Sie ſa da nichts Neues. Doch wir ſind mit der ſatze gekommen, Ihnen Alles zu ver wenn Sie nicht von dieſer Sache geſprochen ten, ſo würden wir ſie mit keiner andeuter Solbe erwähnt haben. Deshalb ſollen wede Sie, noch meine Tochter verzweifeln. Der Menſch — 1— iſt ſchwach und kann fehlen, aber er iſt auch ſtark und kann den Fehler beſſern. Sie haben Ihren Fehler gebeſſert und ſind ſtark geworden. Gott iſt langmüthig und barmherzig, und der Menſch ſoll Gott ähnlich zu werden ſuchen.„ Wie 2„ rief Hellmann, als wenn er aus einem ſchweren Traume erwachte,„Sie wußten alſo mein Verbrechen, und kamen doch, mich zu begnadigen, mich eines Glückes theilhaftig zu machen, welches der reinſte zu genießen noch nicht wurdig iſt?* Ei, wiſſen Sie denn nicht aus der Bibel, daß ſelbſt im Himmel über einen bekehrten Sünder mehr Frende iſt, als uber tauſend Ge⸗ rechte? Sie ſollen Ihr Vaterland nicht verlaſſen, vielmehr ein ſehr nützliches und thätiges Glied deſſelben werden. Ihre Kenntniſſe werden Ihnen bald eine denſelben angemeßne Laufbahn eröffnen. Ich folge meiner Tochter in Ihre neue Heimath, und Ihr Fehler wird Sie ſtets antreiben, immer edler und beſſer zu werden. Da brach der junge Mann in ein krampf⸗ haftes Schluchzen aus. Er umarmte die Hof⸗ räthin, dann ſchloß er Mathilden an ſein Herz. Die Macht der auf ihn einſtürmenden Gefühle raubte ihm in den erſten Minuten den Gebrauch IV. 13 — 194— der Sprache. Erſt als er ſich etwas zu faſſen vermochte, ſagte er:«Sie verzeihen mir ſo groß⸗ müthig und überhäufen mich mit dem höchſten Glücke, ohne zu wiſſen, welche Umſtände mich zu* dem Verbrechen trieben, deſſen Andenken mir ſtets eine Schamröthe aufzwingen wird. Es hängt nur von Ihrer Gefälligkeit ab, uns dieſelben mitzutheilen. Ihr Freund Becker hat uns mit allem, was ihn betrifft, bekannt ge⸗ macht.* «So brauche ich Ihnen nur über meinen Aufenthalt in*** zu berichten, oder von der Zeit, wo ich den Namen meines armen Freundes führen mußte, an welchen mich die Pflichten der Dankbarkeit ſo innig feſſeln. Becker hatte mir das Geld, welches er durch Collekte erhalten, übergeben, und ich hatte es gewiſſenhaft verwen⸗ det. Die Koſten meines Unterhalts hatte meiſtens aus meinen Mitteln beſtritten. S mehren Jahren fröhnte ich einer obſi Leidenſchaft, und noch veſchämender iſt mich, hinzuſetzen zu müſſen, ich war dut glauben dazu gekommen. Stets hatte Hang zu myſtiſcher Schwärmerei. Ein alt phet hatte aus den Linien meiner Hand, mein Geſichts, aus den Sternen oder ſonſt wo ge 65— ſen, ich werde einſt durch ein Hazardſpiel glück⸗ lich werden. Dies unſelige Wort machte mich zum Spieler. Ich ſpielte mit wechſelndem Glücke, aber immer leidenſchaftlicher. Kaum hatte ich nun vernommen, daß auf dem großen Maskenballe in C. auch eine Bank ge⸗ halten werde, als es mich auch ſchon unwiderſteh⸗ lich dahin zog. Ihre Einladung, obgleich ſie der Wink eines Engels war, konnte mich nicht ab⸗ bringen. Richt mit Geſellſchaft, ſondern ganz allein wollte ich reiſen, weil ich ja Becker'n das Verſprechen gegeben hatte, jede nähere Bekannt⸗ ſchaft zu meiden. Ich kam zu Ihnen, um Ih⸗ nen für Ihre Einladung zu danken, und— ſie abzulehnen. Da waren ſie eben beſchäftigt, eine Geldſumme in einem Pulte einzuſchließen. Ich ſah das nur im Vorübergehen, es machte gar keinen Eindruck auf mich. Am andern Tage reiſete ich nach C. In meiner ganz unkenntli⸗ chen Maske ſaß ich am Spieltiſche und verlor das ganze Geld, welches zu der zwei Tage da⸗ rauf angeſetzten Promotion beſtimmt war, Alles, was ich hatte. Die Verzweiflung, mein Freund, der ſein ganzes Glück auf mich gebant, der mir das Leben gerettet und dem ich nun Rettung verſprochen, faßte mich mit Löwenſtärke. Was 13* — 196— hätte Selbſtmord meinem Freunde geholfen? ich. hätte ihn mit verdorben. Ich ſelbſt war mir gleichgültig, es galt die Rettung Becker's. Geld mußte ich auftreiben, Geld noch in dieſer Nacht. Aber ich kannte Riemanden in C. und* Es wäre vergebliche Mühe, Ihnen das Gräßliche einer Lage mit Worten darſtellen zu wollen. Ich hatte nur einen Gedanken: die Rettung mei⸗ nes Freundes, und dieſer brannte mir wie glü⸗ hendes Eiſen im Gehirne. Ich war dem Wahn⸗ ſinne nahe. In dieſem Zuſtande fiel mir das Geld wieder ein, welches ich bei Ihnen geſehen. Der Kampf meines guten Genius mit meinem böſen war fürchterlich; aber der Sieg wurde dem letztern, weil der erſtere zugeben mußte, daß Alles nur für den Freund geſchehe, der außer⸗ dem durch mich höchſt elend werden würde. Ich hatte ein ſchnelles Pferd. Unbemerkt zog ich es aus dem Stalle, warf mich darauf und ſprengte wie ein Raſender nach***. Ich bog von d Straße ab und ritt auf einem einſamen W nach Ihrem Gartenhauſe zu. Ich kannte Gelegenheit deſſelben, denn ach! ich war j Abends um daſſelbe geſchlichen, um Mathilden's Schatten zu ſehen. Mein Pferd band ich an einen Baum, ſetzte dann über den Woſſergraben, — 197— der das Haus und den Garten vom Felde ſchei⸗ det, kletterte über den Zaun und ſtand vor der Glasthüre. Mit einem Taſchenmeſſer ſchnitt ich ihre Einfaſſung durch und brach dann die Glas⸗ ſcheiben ab. Die Mondsſichel und das Schnee⸗ licht leuchteten mir. Wie ich in das Zimmer gekommen bin, weiß ich nicht recht mehr, genug ich bin durch das Fenſter geſtiegen. Mein Meſ⸗ ſer, und als dies nicht ausreichte, einer meiner Sporn, öffneten mir den Pult. Ich fand den Geldſack, ſtürzte haſtig fort, ſprengte in ſataniſcher Freude nach C. zurück, ſetzte mich an den Spiel⸗ tiſch, und verlor noch eine große Summe. Erſt am hellen Tage erbarmte ſich meiner das Glück wieder. Ich gewann aber nicht genug. Die Bank wurde geſchloſſen. Jetzt kam ich zur Be⸗ ſinnung, ich verabſcheuete mich, ich würde mir den Tod gegeben haben, wenn nicht Becker auf mich vertraut hätte. Die Promotion nahm meine geiſtige Thätigkeit in Anſpruch, ſonſt wäre ich vielleicht wahnſinnig geworden. Als ich alles bezahlt hatte, fehlten mir noch fünfhundert Tha⸗ ler an der Summe, die ich Ihnen zuſchickte. Auch dieſen Reſt konnte ich Ihnen ſpäter ſenden und athmete ſeit dieſer Zeit ruhiger. Mein Herz wollte ich in Amerika's Urwäldern begraben; aber der Engel meines Lebens erſchien noch zur rech⸗ ten Zeit, um mich im Vaterlande zurück zu hal⸗ ten. Er ſei geſegnet! Geſegnet auch Sie!2 ſagte Mathilde, ader Genius meines Lebens. Daoß Sie das ſind, mag Ihnen das Glück und der Segen beweiſen, den Ihre That uns gebracht hat. Und wie ſehr wunderbar hat ſich doch alles gefügt, ſo daß man Gottes Finger nicht verkennen kann. Hat nicht der Prophet recht, daß Sie durch ein Hazard⸗ ſpiel glücklich werden? Und trifft meine Ahnung nicht ein, daß die fehlenden 500 Rthlr. mich noch ganz glücklich machen würden, eben dadurch, daß ₰ ſie fehlten? denn bätten ſie nicht gefehlt, ſo wäre Hellmann ſchon fort, wer weiß⸗ wie weit, und ich ſehr unglücklich.v Und ſie erzählte und Alle wurden heiter und glůcklich. Der Abend ſenkte ſich beruhigend auf ſie herab. Ihre Herzen wurden aber voll Dank gegen Gottes ewige Liebe, die alles Böſe ſtet zum Guten wendet. 5 ———— — — — — — — 2 — — — — — — — S2 In den Mauern, die die Zeit erhalten, Zieht das Alterthum herauf, Und die Jahre, die vorüber wallten Mit verſunkenen Geſtalten, Nehmen noch ein Mal den Lauf. Mahnend glühen Flämmchen auf; Und dem Thal entlang Schwebet Chorgeſang; Um des Kloſters grauliches Geſtein Flimmernd ſchweift's wie Fackelſchein.— Fern den Lebensſtürmen, in den Hafen Gingen hier, im glaubigen Vertraun, Fromme Helden, edle, kühne Grafen, Welche neben zarten Frau'n Nun in tiefer Ruhe ſchlafen. Aber auch die ſchwere Schuld Trieb in dieſe ſtillen Schatten Harrend auf des Himmels Huld elheidens greiſen Gatten. (Welcker's Thüringer Lieder.) reundlicher Genius dieſes Thals, Geiſt des riedens, Eichenbekränzter! kühle mir die heiße Stirne mit dem leiſen Fächeln deiner Schwingen. — 202— Sch trinke die friſche, labende Quelle deines Athems, ſüße, reine Luft, die die grünen Berge umwellt, Geſundheitſpenderin, Schöpferin ſeliger Freuden! Ich bin müde von der Arbeit des Tags, krank vom Kampfe der Zeit; umwebe mich mit der Ruhe deiner Dämmerung, heile mich mit dem holden Geflüſter deiner Sagen! Ich bin der Stadt entronnen voll böſen Geſchwätzes, ich habe mich zu dir geflüchtet, in die grünen Berghallen deiner Einſamkeit, friedengewährender Geiſt, der du nur das Gekoſe des Waldbachs, nur das Ge⸗ flüſter der Bäume, nur das Zwitſchern der Vögel liebſt, und dem Geweiheten mit duftigem Kuße die träumende Augenlippe öffneſt, daß er die Vergangenheit ſchaue, überhaucht vom buntfarbi⸗ gen Zauber der Poeſie.— Laß mich Alles ver⸗ geſſen, was mich drückt, beſcheidener Genlus, laß in deinem Schovſe auf ſchwellendem Wald⸗ grunde mich entſchlummern⸗ breite deine roſenfarb⸗ nen Fittige über mich, plaudre mir deine Mär⸗ chen vpr.— Horch! iſts der Bach, ſind's die Bäume? Wer erzählt mir? Wach' ich? träum ich? Du haſt mich erhört, du biſt mir hold, Geiſt des ſtillen Thals! Friede und Schlaf, Träume und Märchen kommen über mich; ſüße Töne ziehn das Thal entlangz längſt verblichne Bilder glüben wieder auf. Es iſt deine Stimme, die mich um⸗ — flüſtert; es iſt dein Zauber, der mich umgaukelt. Viel ſchönre Thäler, viel großartigere Berge hat die Erde, ein ſtilleres, einfach ſchöneres, zu melancholiſcher Einſamkeit einladenderes Thal, freundlichere, heimiſchere Berge, als das Rein⸗ hardtsbrunner Thal mit den Bergen umher, hat ſie gewiß wenig. Tiefer Frieden und harmoniſche Ruhe ſchweben und weben, wie eine fühlende Seele, über dieſen Räumen, jede Stelle trägt das Gepräge einfach großer ruhigen Harmonie. Jeder gemeine Laut dünkt mir in dieſem Thale Entweihung, hier ſchweigen gewiß die Leiden⸗ ſchaften in jedem edeln Herzen und die Genuß⸗ ſucht verklärt ſich zu ſeliger Empfindung. Es iſt Gottes Friedensgeiſt, der kühl und befänftigend ſchon beim Eintritt anhaucht, es iſt der Kuß nerer, höherer Lebensfreude, der uns Stirn und angen friſcht. O, daß es nur der Traum eines ſelige Wonne dankbaren Dichters iſt, daß die enſchen, die oft hierher kommen, beſſer werden müßten, daß ihnen der Geiſt des Friedens und der Liebe, der hier fluthet, die kranke Seele hei⸗ — 204— len müßte! Den gewaltigen Sohn der Erde, den Rieſen der gemeinen Leidenſchaft vermag freilich der ſtille Genius dieſes Thals nicht zu bändigen. Sie gehen ohne Streit neben einander hin und faſt glaub' ich, keiner ahnet des Andern Gegenwart. Aber auch Andre müſſen gefühlt haben wie ich, dor grauen Jahrhunderten mußten Herzen, die nun längſt zu Staub zerfallen ſind, ſchlagen in Luſt und QOual, wie meins; denn ſie ſuchten Ruhe hier, wie ich. Gab' es ein ſchöneres Plätzchen für ein Kloſter, als dies? Wenn die Stürme und Kämpfe meiner Jugend vorüber, dann wollt' ich, öffnete ſich mir die längſt zer⸗ ſtörte Pforte dieſes Kloſters, im Schvoſe der Natur und Wiſſenſchaft würd' ich gern mein Leben beſchließen, ohne Wünſche, ohne Hoffnungen. Und gab es ein ſchönres Plätzchen für die Gräber edler frommer Fürſten und Fürſtinnen des Thü⸗ ringerlandes? Hier möchte auch ich ſchlafen raſten von des Lebens Mühen.— Fremdling, der du das ſchöne, gemüthl Thöringen durchwanderſt, geh nicht an ſeiner müthlichſten Stelle vorüber, beſuche das wehmuth⸗ heitre, thränenfreundliche, liebe, Reinhardtsbrunn. — 205— Zur Schauenburg, der Bergfeſte, hielt Hof der junge Graf Ludwig von Thüringen. Dieſe ſtattliche Burg hatte ſein Vater von Grund aus neu erbaut. Der war Graf Ludwig der Bärtige. Aus Frankreich vertrieben von böſem Geſchick, wie die Sage erzählt, ohne es zu nennen, war er an den Hof ſeines Vetters, des deutſchen Kaiſers Konrad des Andern gekommen; beide waren dem fränkiſchen Stamme der Salier ent⸗ ſprungen. Der Kaiſer beſtellte ihn, vielleicht um ihn vom Hofe zu entfernen, zu ſeinem Conces oder Vogt in Thüringen, und ſchenkte ihm ein großes Stück des wüſten Thüringerwaldes, die Loibe genannt. Auf dem ſchönſten Berg der Loibe erbaute ſich Graf Ludwig ſeine Burg und nannte ſie, weil man von dort weit umher ſchauen kann, nach allen vier Reichen der Welt, Schauen⸗ burg. Dann mehrte er ſein Land und erwarb noch andre Schlöſſer und Landſtrecken in Thürin⸗ gen. In der wilden Einſamkeit des Thüringer⸗ waldes, auf dem weitumſchauenden Berge, in den lieblichen, ſtillen Thälern wuchs der junge Ludwig auf, der einzige Leibeserbe des Bärtigen. Hier nährte ſich ſein Sinn für Schönheit. Die Jagd liebte er leidenſchaftlich. Ludwig war ſechszehn Jahre alt geweſen, da —— verlobte ihn ſeln Vater mit einer Herzogin von Sachſen, um feſten Fuß zu faſſen im neuen Lande. Ludwig liebte ſeine Braut nicht, ſie war nicht ſchön, aber ſtolz, ſie war nicht jung, aber ge⸗— fallſüchtig. Doch ſein Vater war ſtreng und er mußte gehorchen. Drauf zog der alte Graf gen Speher zum Begräbniß ſeines Vetters, des deut⸗ ſchen Kaiſers Heinrich's des Dritten, Conrad's des Andern Sohn, der dort in der Blüthe ſeiner Jahre— er zählte erſt 39— geſtorben war. Auf dem Heimwege erkrankte der Greis, ſtarb zu Mainz und wurde dort begraben. Der ſieben⸗ zehnjährige Ludwig war Herr des reichen Be⸗ ſitzes. Obgleich mit widerſtrebendem Herzen, ehrte er doch des Vaters Willen aus Pietät, und führte ſeine ſtolze, ungeliebte Braut als Gattin auf Schauenburg. Aber Glück und Zufriedenheit flohen den jungen Grafen. Er mied ſeine( mahlin und die Stammburg, wo er geboren und wohnte bald hier, bald dort auf einer ſei Burgen und durchſtrich die Wälder, ſein 1 muth zu verſcheuchen und das Wild So kam er auch auf das Schloß Freiburg weit Naumburg, welches ſein Eigenthu a Da hatte er zum Vogt beſtellt einen jungen wackern Waidmann, Namens Konrad Schenk⸗ — 205— ein durchtriebener Geſell, vvller Schwänke und Kurzweil. Graf Ludwig liebte den Vogt und hätte ihn gern auf Schauenburg verſetzt, aber die Gräfin mochte ihn nicht leiden, und nannte ihn einen vorlauten, gemeinen Knecht. Drum blieb der Graf gern auf Freiburg und ließ ſich von ſeinem Vogte Schwänke vormachen, damit er ſeinen Kummer vergäße. Der Graf beſuchte auch die ritterliche Nach⸗ barſchaft, und kam auf die ihm nahe gelegene Burg Weißenburg oder Tſcheiplitz. Dort hielt ſeit wenigen Wochen Pfalzgraf Friedrich von Sachſen Hof, der hatte ſich erſt ein ſchönes Weib ge⸗ freit. Adelheit war ihr Name. Von ihren Eltern und Verwandten gezwungen, hatte ſie dem weit ältern, mächtigen Pfalzgrafen ihre Hand gegeben, nicht ihr Herz. Dies ward ſchnell des jungen, ſtattlichen Grafen Ludwig's Eigenthum, als er gekommen war, ihren Eheherrn und ſie zu be⸗ grüßen, und ſie ihm in's große blaue Auge und durch dieſes in ſein minnedurſtiges Herz geſehen. Adelheit's ſtrahlende Schönheit, ihre Jugend, ihr Geiſt wirkten zauberiſch auf Ludwig's krankes Ge⸗ müth. Sie hatten ſich geſehen, ſie liebten ſich, und mit dem ſüßen Schmerz im Herzen, kehrte Graf Ludwig nach Schauenburg zurück. Als ein — 208— ſinſtrer, ſchweigender Mann hatte er ſein Stamm⸗ ſchloß verlaſſen, als ein lauter Thrann kehrte er zurück. Man hatte ihm viel übles von ſeiner Gemahlin hinterbracht, ihre kalte Liebloſigkeit empörte ihn, ihr Stolz war ihm unerträglich. Sie hatte übermüthig geäußert: Ludwig müſſe es für eine Gnade halten, daß ſie ihn mit ihrer Hand beehrt; ihr Vater ſei ein alter Reichsfürſt, ihr Eheherr aber ein neuer Graf. Ludwig ſprach heiße, gallige Worte zu ihr, ihr Stolz antwortete noch bittrer. Da kam es zum Bruch, er ver⸗ wieß ihr ſein Schloß. Sie ging, und kehrte zu ihrem Vater zurück; aber die Beleidigung ihres Stolzes brach ihr das Hers. Sie ſtarb bald darauf, und Ludwig eilte frei und ledig nach Freiburg. Sehnſucht war ſein ſchnelles Ryß, Liebe ſein ſcharfer Sporn. Auf Weißenburg hatte ein liebeglühendes Herz mit qualvollem Verlangen ſeiner geharrt. Er ſah die ſchöne Adelheit wie⸗ der; aus ihren Augen loderten ihm die Flammen ihres Herzens entgegen; an dem zitternden Druck ſeiner Hand, am Beben ſeiner Stimme erkannte ſie die Macht, die ſie über den blühenden Ritter erlangt; ſie trank Seligkeit aus ſeinen Blicken, ſog Wonne aus ſeiner ſüßen Verwirrung⸗ und mit ihm verſank ſie in die heißen, traumbunten, — 209— luſtbewegten, wonneduftenden, entzückentönenden Wellen heiliger Liebesfluth. Der nüchterne Pfalz⸗ graf ſah das Alles nicht, aber kaum waren die Liebetrunknen allein, als Auge in Auge wurzelte, Mund an Mund ſich heftete, und Flamme in Flamme ſich ergoß.— O überſchwengliche Lie⸗ besſeligkeit, reichſtes, göttlichſtes aller Gofühle, die durch die enge Menſchenbruſt ziehen, für das die arme Wortſprache keinen Ausdruck, für das die reichere Tonſprache nur ahnungvolle Andeu⸗ tungen hat, wer dich in der ganzen, unwiderſteh⸗ lichen Gewalt deiner götterkräftigen Weſenheit empfunden hat, der wird über Ludwig's und Adelheit's Liebe kein zürnendes, tadelndes Wort ſprechen! An Himmliſches ſoll man keinen irdiſchen Maßſtab legen, und wenn der Bergſtrom der Ratur, von überirdiſchen Wolken gewäſſert und gefüllt, daherbrauſt, da ſoll ihm der thörichte Menſch keinen winzigen Damm entgegenbauen wollen. Göttliche Dinge dulden keine Erdenfeſſel, und die Liebe iſt ein göttliches; die Ehe aber iſt ein ſchwaches Erdenband, die irdiſche Karikatur einer himmliſchen Schönheit. Gerade das iſt je das eigentlichſte Weſen der Liebe, daß ſie ſich von der Welt trennt, von ihren gröbern Banden losreißt, um zwei in Erde gehüllte, unſterbliche W. 14 — 210— Weſen in einem reinern und höhern Lebensele⸗ mente zu verſchmelzen. So fühlten die Herzen, denen reichere Strahlen jenes ewigen Geſtirns zufloſſen, als andern, vor acht Jahrhunderten, ſo fühlen ſie heute noch, ſo werden ſie fühlen, ſo lange Menſchenherzen ſchlagen, und gewiß einſt glůcklicher, wenn es keine Chebande, ſondern nur Liebesbande gibt.— Das Hinderniß, welches Graf Ludwig's Glück entgegenſtand, enflammte ſeine Leidenſchaft zum wildeſten Feuer, und es war der kräftigen, rohen Zeit angemeſſen, daß er daran dachte, den Pfalz⸗ grafen aus dem Wege zu ſchaffen. Aber er hüllte ſeine Gedanken ein und machte den Vogt Konrad zum Vertrauten ſeiner Liebe. Ich hab's Euch lange angemerkt,» lachte dieſer,„Ihr rennt und ſtöhnt, daß es elnem bange werden könnte. Ach, jung und alt, läßt immer kalt, doch jung und jung zuſammen, gibt heiße Minneflammen. v «Laß deine Sprüchlein, Konrad, und gib mir einen Rath, wie ich mir helfe, S geh ich zu Grund. v Ei lieber mögen Andre zu Grund die an Jahren und Thorheit ein Nährecht dazu „— haben. Einen Rath wollt Ihr? Reitet nicht mehr gen Weißenburg. v Biſt du toll! Sie nicht mehr zu ſehen, er⸗ trüg' ich nicht. Und wozu ſoll's führen? Sie ſtets zu ſehen und noch mehr als ſehen. Eine kurze Zeit werdet Ihr's ſchon ertragen. Fangt Händel an mit dem Pfalzgrafen, reitet ihm in's Gehege, bringt's an ihn, und dann— das übrige wißt Ihr. Ich rechne mit auf deinen Arm. Thut das! Was gilt mir der mürriſche Pfalz⸗ graf mehr, als der Bär, nach dem ich jage? Ich will in ſein Gemark und ihm das beſte Wild erlegen. Thut Ihr desgleichen, hernach wird ſich finden, was Ihr ſucht. ———— Konrad war ein ächter Thüringer, froh und bei der Hand, wenns zuzuſchlagen galt. Gern ſang er Lieder, wenn er mit der Armbruſt durch den Wald ſtrich. Tags nach dem Zwieſprach mit dem Grafen Ludwig war er lauter, als je; denn er war über die Grenze gegangen in des Pfalzgraf's Revier. Mit viel Lärm und Geſchrei ſang er ein ihm gar werthes Lied, das lautete alſo: 14* — 212— „Thüringen, du holdes Land, Wie iſt mein Herz dir zugewandt Die Bergeshäupter ragen Gen Himmel kühn und ſtolz; Auf ihrem Scheitel tragen Sie ſtarker Eichen Holz. Es trägt durch deine Hallen Sein hoch Geweih das Wild, Vom Lied der Nachtigallen Sind Buſch und Hain erfüllt. Thüringen, du holdes Land, Wie iſt mein Herz dir zugewandt! Es ſpringt aus deinen Gründen Hervor manch friſcher Quell. Durch deine Thäler winden Sich Bäche klar und hell. Des Raſens Teppich breitet, Sich zwiſchen Waldes Saum; Der Fuß des Wandrers gleitet Auf hundertfarb'gem Raum. Thüringen, du holdes Land, Wie iſt mein Herz dir zugewandt! Auf deinen Feldern reifet Der Aehren Segenswucht; So weit das Auge ſtreifet Erglänzt die goldne Frucht. — 213— Wie tönt uns froh entgegen Der Schnitter dankend Lied, Wenn rings auf allen Wegen Die Ernte heimwärts zieht!⸗ Er hatte das Lied noch nicht lange beendigt, als ihm ein Dienſtmann des Pfalzgrafen nahete und ihm zurief:«was ſuchſt du hier? Das beſte Wild, das ſchlechtſte iſt gut für dich.2 „Du biſt auf meines Herrn Grund und Boden.* Mein Herr aber ſagt, es ſei der ſeinige. Graf Ludwig iſt ſelbſt nicht weit von hier und ich gehöre zu ſeinem Gefolge. Er hat eben den koſtlichſten Hirſch erlegt, der jemals dieſe Wälder durchſtreifte. „Dann ſeid Ihr Wilddiebe, du und dein Graf.? Laß mich dies Wort nicht noch ein Mal hören, ſonſt haſt du dein letztes Brod gegeſſen. v «Ich werde dieſe Unbill meinem Herrn, dem Pfalzgrafen anſagen. sThue das; mir iſt's recht.— Tags darauf ließ Graf Ludwig dem Pfalz⸗ grafen Friedrich ſagen: sIhr habt Euch ein großes Stück meines Waldes angemaßt, ich werde darauf jagen, und Ihr mich nicht daran hindern. Die ſchöne Adelheit ſtellte ſich recht böſe auf — 214— Ludwig und reizte ihres Herrn Zorn zur Wuth. Nun liefen täglich Nachrichten ein, wie Graf Ludwig das beſte Wild auf dem Weißenburger Forſte erlege, nun ſprach Adelheit zu ihrem Ge⸗ mahl:„Wollt Ihr die Unbild länger dulden? Da trat ein Dienſtmann herein und ſprach: Der Graf Ludwig von Thüringen hält eine Hatz in der Reiße am Münchenrodiſchen Felde und hat im Eichholz ſchon viel Wild erlegt. „Was ſoll ich von Euch denken? rief Adel⸗ heit,«wenn Ihr den frechen Uebermuth des Gra⸗ fen noch ertragt? Und Friedrich warf ſich im vollen Zorn, ohne Harniſch und Panzer auf ſein Pferd und ſuchté, nur von einigen Knechten und Jagdhunden be⸗ gleitet, den Grafen auf. Er traf ihn unter einer Linde, wo er mit dem Vogt Konrad Raſt Erſt ſetzte es harte Worte und Scheltreden, griffen ſie zu den Waffen, und einige blicke darauf lag Pfalzgraf Friedrich tödt wundet in ſeinem Blute am Bod ohne zu wiſſen, was ihm den Tod bere Leiche wurde von den beſtürzten Kne Weißenburg gebracht. Adelheit ja wehklagte an ſeiner Bahre, und zerraufte ſich ſogar die ſchönen Haare.— O Kunſt der Ver⸗ — 215— ſtellung, du biſt ein Weib! Und die trefflichſte Frau, die ihrem Manne untreu geworden, iſt bald Meiſterin dieſer Kunſt. Adelheit legte den Wittwenſchleier an, und ließ ihren todten Herrn im Kloſter Goſigk, welches er geſliftet, beerdigen. Graf Ludwig war mit ſeinem Vogt nach Schauenburg geflohen, aber heimliche Boten ritten zwiſchen Schauenburg und Weißenburg, im letz⸗ tern Schloß bei ſpäter Nacht ein⸗und bei frühem Morgen hinausgelaſſen, die trugen gar ſüße Worte und liebe Kunde hin und her. Vogt Konrad ſaß aber bald wieder auf Freiburg und war der Ver⸗ mittler zwiſchen ſeinem Herrn und der in Trauer gehüllten Geliebten deſelben. Auch wußte es Konrad zu veranſtalten, daß ſich die Liebenden in heimlicher Racht auf Freiburg ſahen und ſprachen, und dort ſchmeichelte die reizende Adelheit ihrem Buhlen jeden Gedanken an das blutige Opfer ihrer Genüſſe aus dem Sinn.— Die Sehnſucht, ſich ganz und ohne Zwang zu beſitzen, wurde immer mächtiger, und noch war ſeit Friedrich's gewaltſamen Tode kein Jahr verfloſſen, als Adel⸗ heit ſchon den Wittwenſchleier mit dem Braut⸗ kranze vertauſchte, und Graf Ludwig ſie als ſein ehelich Gemahl heimführte auf Schloß Schauen⸗ burg. Der getrene Vogt blieb auf Freiburg, — 216— nahm ſich auch ein Weib und diente ſeinem Herrn nach wie vor mit großem Eifer. Zwanzig Jahre ſpäter, als die heiße Leiden⸗ ſchaft der Liebe gekühlt war, machte das erwachte Gewiſſen ſich geltend. Ludwig und Adelheit beb⸗ ten vor den Schreckniſſen deſſelben und begehr⸗ ten nichts ſehnlicher, als Gott zu ſühnen wegen ihres Verbrechens, wie ſie den Kaiſer und den Biſchof Albrecht von Bremen, des ermordeten Pfalzgrafen Bruder geſühnt hatten) *) Ludwig hatte ſich die Pfaffheit auf den Hals gehetzt und wurde vom Biſchoff Albrecht über⸗ all verfolgt. Er war ohngefähr fünf Jahre in Adelheit's glücklichem Beſitz, als er im Magde⸗ burgiſchen ergriffen und auf das Schloß Gibi⸗ chenſtein bei Halle gefangen geſetzt wurde. Aus einem Fenſter dieſes Felſenſchloſſes, das man jetzt noch in der maleriſchen Ruine zeigt, ſoll er von der ſchwindelnden Höhe in die unten flieſſende Saale geſprungen und glücklich ent⸗ kommen ſein. Von dieſem abentheuerlichen Sprunge führter in der Geſchichte den Namen der Springer. Wer die Lokalität Gibichenſteins kennt, muß den Sprung für unmöglich halten. Ludwig — 217— Adelheit's Küſſe erſtickten die Vorwürfe die⸗ ſes Gewiſſens nicht mehr; ſie ſelbſt verfiel in Trübſinn und Schwermuth, und Ludwig unter⸗ nahm, mit auf ihren Betrieb eine Wallfahrt nach Rom, um ſich mit dem heiligen Vater über die Sühne zu berathen, und Vergebung ſeiner Sünde von St. Peter's Stuhl zu erlangen. Konrad, der Vogt von Freiburg mußte ſeinen Herrn begleiten. Ihm war unterdeſſen ein Sohn herangewachſen, ein ſchmucker, muntrer Burſche, neunzehn Jahr alt, der von ſeinem Vater Lautenſpiel und Geſang gelernt, und ein eben ſo röſtiger und geſchickter Jäger geworden war. Dieſen Jüngling brachte der Vogt mit auf die Schauenburg, weil ſein Weib entkam wohl auf andre Weiſe. Auch gedenkt ein gleichzeitiger Chroniſt des Sprungs und erſt weit ſpätere Annaliſten erzählen davon, was an ſich ſchon ſehr verdächtig iſt. Die Sage entſtand jedenfalls durch die Verwechslung der Worte Saliug und Saliens. Ludwig der Vär⸗ tige war ein Franke und mit dem Franken Konrad II., dem Salier, nahe verwandt. Lud⸗ wig ererbte wahrſcheinlich den Namen Sali- us, der Salier, von ſeinem Vater, was ein ſpäterer Annaliſt Saliens, der Springer, las, und ſo entſtand die Sage⸗ — 2— geſtorben war, um ihn, während ſeiner Abweſen⸗ heit der Gnade der Gräfin zu empfehlen, und Adelheit beſtellte ihn zu ihrem Leibdiener, der Graf aber zum Vogt auf der Schauenburg, bis er von Rom heimgekehrt ſei. Dann zog Lud⸗ wig von Adelheit's Wünſchen begleitet, und von ihren und ihrer Kinder Küſſen gelabt, von dan⸗ nen; die Gräfin aber verßiel in tiefe Schwer⸗ muth, aus welcher ſie ſelbſt die blühende Schaar ihrer Söhne und Töchter, die ſtets um ſie ver⸗ ſammelt war, nicht zu reißen vermochte. Kein Wunder war's alſo, wenn ſich der junge lebensluſtige Vogt, auch Konrad geheißen, wie ſein Vater, nicht gern im Schloſſe aufhielt, ſon⸗ dern ſingend und jagend die ihm noch unbekann⸗ ten berrlichen Gebirge und Wälder durchſtreifte. Bald hatte er auch im ſchönſten Theil der Um⸗ gegend einen Gegenſtand gefunden, der ihn noch ſtärker als Wald und Wild vom Schloſſe hinab⸗ zog in die Gründe und ſchattigen Heine. Kon⸗ rad, der ſangkundige Jäger, war fleißig hinter den Töchtern der Bergleute und Waldbewohner her, und der ſchmucke Jüngling wurde überall gern geſehen. — 24¹9— Unten im Thale, durch das der Weg aus dem flachen Lande über das Gebirge führte, in der Nähe einiger am Waldrande gelegnen Dör⸗ fer und Weiler, hatte ein Töpfer ſeine Hütte und Vorüberziehenden zum Verkauf aus. Hier vor⸗ über ging auch der Weg nach der Burg Schau⸗ enburg, und wenn man von dieſer nach der vom Grafen Ludwig neuerbauten Wartburg wollte, mußte man auch an des Töpfers Reinhard Haus vorbei. Nicht weit von dieſem, an der ſchönſten Stelle des herrlichen Thales, ſprudelte ein köſt⸗ licher Quell, ſtark wie ein Bach, 3 dem Fuße des Berges hervor. Dieſe Quelle war ſeit alten Zeiten berühmt, und ſonſt, ehe Winftied von England die Chriſtuslehre nach Thüringen gebracht, und nur eine Stunde von dieſem Thale entfernt die erſte chriſtliche Kirche auf einem Berge des Thüringer Waldes erbaut hatte, war dieſe Quelle den Göttern heilig geweſen, und uoch jetzt knüpf⸗ ten ſich ſchauerliche Sagen an ihre kryſtallne Fluth, und ſie hieß in der Umgegend nur der Hexenborn, oder auch der Reinhardsborn, wegen der Nähe des Töpferhauſes. Der Quelle gegenüber am andern Berge öff⸗ nete ſich ein neuangelegtes Bergwerk; denn Graf ſeinen Ofen gebaut und ſtellte ſeine Waaren den — 220— Ludwig betrieb den Bergbau fleißig auf ſeinem Gebiete.— Ein freundlicher Sommermorgen— es war ein Montag— lachte in das Thal herein, und begrüßte die Bergleute, die ſich eben verſam⸗ melt hatten, ihre Morgenandacht zu halten. Richt weit davon auf einem grünen Platze ſaß Kurt, des Töpfers Reinhard Lehrjunge an der Scheibe und drehte mit ziemlicher Unluſt Töpfe, wozu er den Thon nicht weit vom Hexenborn erſt gegraben hatte. Als die Bergleute mit ihrem Gebete fertig waren, griffen ſie zu ihrem Werkzeuge und rü⸗ ſteten ſich zur Einfahrt. Dazu ſangen ſie noch folgendes Lied „Hinab zu der Erde geheimſter Nacht, Erbaut der Bergmann ſich Straßen, Wo die Waſſer mit ungeheurer Macht Im Kampfe gegen ſich raſen, Wo der blaue Berggeiſt in Flämmchen hüpft, Und neckend am Knappen vorüber ſchlüpft. Glück auf! 8 Die Flämmchen flackern ſo hell und klar, Wo der Kobold die Schätze gebunden; Und wo das flammende Zeichen war, Da wird auch die Ader gefunden. —— Bekämpft durch des Meiſels mächtige Wucht Entweichet der Berggeiſt in eilender Flucht. Glück auf! Glück auf! 5 Und die Blumen des Eiſens von holder Geſtalt, Die ſeit Jahrtauſenden ſchliefen, Sie ſpringen hervor, wenn der Schlägel ſchallt, Und ſteigen empor aus den Tiefen; Doch was ſie ſchaffen am Sonnenlicht, Bekümmert den fröhlichen Bergmann nicht. Glück auf! Glück auf! Glück auf!— Der Lehrjunge Kurt ſprach ärgerlich dazwi⸗ ſchen mit ſich ſelbſt:«Wenn ſich doch die ver⸗ dammten Maulwürfe in das düſtre Loch hinein⸗ drückten! Ich wollte der Berg bräche dann un⸗ ter ihnen herein. Ich kann das Volk, das das Tageslicht wenig ſieht, nicht ausſtehen. Aber ich wette, der geleckte junge Oberſteiger geht nicht eher hinein, bis er die Käthe geſehn und ihr ei⸗ nen freundlichen guten Morgen geboten. Daß ihn der Teufel! Ha ſieh da, da iſt ſie ja ſchon, die kleine Katze. Von mir will ſie nichts wiſſen, doch mit dem ſtattlichen Oberſteiger kann ſie la⸗ chen. Aber wart nur, aus einem Töpferlehrjun⸗ gen kann noch ein ſtattlicher Kriegsmann werden, der dem dummen Oberſteiger die Gurgel abſchnei⸗ —— det und die trotzige Käthe mit Gewalt davon führt und zu ſeinem Weibe macht.— Mein Weib? Ha, das ſoll ſie dann zur Strafe gar nicht werden. Mein Liebchen, weiter nichts; und ſchlagen will ich ſie dann dazu, und den groſ⸗ ſen Aerger, den ſie mlr immer macht, an ihr kühlen. Schlagen? Pfui! ſchlagen kann ich ſie nicht; dazu hab' ich ſie zu lieb. Käthchen, ein liebliches Waldkind, des Tö⸗ pfers Tochter, war aus der Hütte getreten und der Oberſteiger zu ihr herangekommen. Furt warf ihnen viele ſcheele Blicke zu. Als ſich beide nun gar freundlich guten Morgen boten und die Hände ſchüttelten, und der Oberſteiger das ſchmucke Dirnlein mit recht lüſternen Augen be⸗ trachtete, da konnte Kurt den Ausbruch ſeiner tollen Wuth nicht länger zurückhalten; er nahm den Topf, an welchem er eben drehete, und warf ihn mit Hohngelächter zwiſchen die beiden, daß ſie ganz erſchreckt von einander fuhren. Der be⸗ leidigte Oberſteiger ergriff einen Stock und ver⸗ folgte den mit Zetergeſchrei fliehenden Jungen hinter die Hütte; dort trat ihm der Töpfer Rein⸗ hard mit der mürriſchen Frage entgegen:„Was babt ihr mit meinem Lehrjungen vor, Oberſtei⸗ — ger, daß er ſich vor Furcht verkriecht, wie ein ſcheues Kaninchen vor dem unwirſchen Hunde? „Er hat ſich große Unfartigkeit gegen mich erlaubt, und ich bin nicht geſonnen, dies von dem Schlingel, noch von einem Andern ungeahnet zu ertragen. v «Ei, er wird doch Eurer Würde nicht etwa all zu nahe getreten ſein? Das wäre allerdings ein großes Verbrechen! ſpöttelte der Töpfer. Ich bin vom Grafen dazu beſtellt worden, und verlange mit Recht, daß Jedermann in mir den Willen des Grafen ehre,2 ſagte der Andre trotzig. Ei, da blast Ihr ja recht ſchön in das Horn des neuen Vogts auf der Schauenburg! eiferte Reinhard.„Bevor der Graf gen Italien zog, um des heiligen Vaters Pantoffel zu küſſen, ſpracht Ihr nicht ſo übermüthig. Da war auch der über⸗ kluge Gelbſchnabel von Vogt noch nicht hier. Der, ſcheint's, hat Euch die neue Lehre mitge⸗ bracht. Wehre deine Zunge, Reinhard! warnte der Bergmann.„Der junge Vogt Konrad iſt ein ſehr wackrer Geſell und mein Freund. Es iſt ſehr unvorſichtig von dir, dergleichen eh⸗ remührige Ausdrücke von ihm zu gebrouchen. — 224— und wenn du ihm ſeine Jugend vorwirfſt, ſo haſt du eben bewieſen, daß Alter nicht vor Thor⸗ heit ſchützt. „Nur gemach, wackrer Oberſteiger des Gra⸗ fen und Freund ſeines Vogts. Dieſer Burſche hat mich ſchwer beleidigt. Und von meinen Fein⸗ den werd' ich nicht viel Lobens machen ſollen. Das iſt ein ander Ding. Was that Euch Konrad zu leid?» „Niemals hat mir der Graf vder ſein ver⸗ ſtorbner Vater, der langbärtige Herr, oder ei⸗ ner ihrer Vögte und Dienſtmannen verwehrt, in dieſem Thale und an den benachbarten Ber⸗ gen zu jagen, und mir den Braten für meinen Tiſch mit Armbruſt und Jagdſpieß, die ich ſo gut zu handhaben weiß, wie jeder Reiſige und Ritter, aus dem Walde ſelbſt zu holen. Ich denke, das iſt Gottes Gabe, wie alles Gute, und ein allgemein Geſchenk der Erde. Hat's denn der Graf vom lieben Herrgott verbrieft und verſiegelt, daß Wald und Wild ſein ges Eigenthum ſind?„ „Nun ſeht, kaum iſt dieſer Konrad auf der Schauenburg warm geworden, als er mir auch mit brutaler Strenge das Jagen verbietet. Ich kehrte mich nicht an den jungblötigen Neuling, — 225— und dachte, wenn der Graf von Rom heimkehrt, willſt du ſelbſt mit ihm ſprechen. Da begegnete mir der kecke Burſche vor kurzem auf einem Wild⸗ gange und rief mir zu, wenn er mlch abermals beträfe, wolle er mich von den Knechten auf der Schauenburg durchprügeln und mir Armbruſt und Spieß verderben laſſen. Dazu ſoll Einer kal⸗ tes Blut behalten! Was ſagt Ihr, Oberſteiger?„ Daß der Vogt ein Ehrenmann iſt, der ſeiner Pflicht gegen ſeinen Herrn und Grafen getreu⸗ lich nachkommt, und deshalb alles Lob verdient. Allerdings ſind Wald und Jagd Eigenthum des Grafen; er iſt damit vom Kaiſer belehnt worden. Du aber haſt nichts mit Armbruſt und Spieß zu ſchaffen. Hier die Töpferſcheibe iſt dein Gewehr. Blitz und Donnerwetter! Iſt der ein Maul⸗ ſchwätzer geworden! Oberſteiger!* Was willſt du? Ihr ließt vor einiger Zeit ein Paar Wört⸗ hen fallen wegen meiner Tochter. Daraus wird nichts. Ihr ſeid mir ſo gut verhaßt, wie der Vogt. Und dem habe ich nichts Gutes geſchwo⸗ ren. Wenn Ihr wirklich ſein Freund ſeid, wie Ihr Euch rühmt, ſo warnt ihn, nicht in die Nähe meiner Hütte zu kommen. IV. 15 — 226— „Wenn mich aber Käthchen zum Manne will⸗ ſo werdet Ihr's nicht wehren,„ löchelte der Oberſteiger höhniſch. eKäthe Euch will!„ rief der Töpfer erſtaunt. aKäthe, Käthe! komm her! Willſt du des Ober⸗ ſteigers Weib werden gegen meinen Willen.» „Weder mit, noch ohne Euern Willen. Ich mag ihn gar nicht.*. Recht gut von dir, mein liebes Kind ly ſchmun⸗ zelte Reinhard. «So liebſt du mich nicht? rief der Berg⸗ mann beleidigt. «Freundlich ſein iſt nicht lieben. v aIch werde mich an Euch rächen!2 polterte der Oberſteiger aufgebracht, und rannte fort in den Schacht, wohin ihm die übrigen Bergleute voran gegangen waren. eUnd Ihr, Vater, wandte ſich Köthchen an den finſter Grollenden, aſolltet dem jungen Vogte nicht allzu ſehr zürnen. Er hat ja nur ſeine Pflicht gethan.» Ei, höre doch Einer die ſeltſamen Reden der Dirne! Faſt glaub' ich, ſie iſt auch eine Freun⸗ din Konrads⸗v „Die Güte, womit Euch der Grof ſtets be⸗ handelte,v verſetzte Käthchen verwirrt, akannte — 227— der neue Vogt nicht. Was man Euch erlaubt hat, iſt ja doch fein Recht.v Fort aus meinen Augen, Unverſchämte! . donnerte der wüthende Vater.«Du biſt nicht mein Blut, das keinen Schimpf vertragen kann. Und ich ſchwör's, der Vogt ſoll von meiner Hand ſtürzen, wie der borſtige Keiler, ſo wie er mir in den Weg kommt.? Und tobend rannte er fort, ſeine Armbruſt zu prüfen. Käthchen pochte bebend an das Fenſter der Hütte. Kurt lugte heraus. Kurt! Kurt!» rief das Mädchen ängſtlich. „Da bin ich, liebes Käthchen! Iſt der tückiſche Maulwurf in ſein Loch?„ „Ja, liebes Kurtchen. Aber ſage mir, willſt du mir einen Gefallen thun? Ei, wenn du ſo artig mit mir ſprichſt,» ſagte der Burſche vergnügt, aſo könnte ich Alles thun, ich weiß nicht was, ja beim heiligen Bo⸗ nifacius! ich könnte dann, wenn du wollteſt, in der Mitternacht zum Hexenborne gehen und mir die geſpenſtigen Lichter, die ſich dort ſehen laſſen, in der Nähe betrachten, obgleich ich wahrſchein⸗ lich den Tod davon tragen würde. Ein ſolches Heldenſtück verlang' ich gar nicht von deiner Ergebenheit. Die Probe würde wirk⸗ 15* — — 228— lich zu hart für deine Stärke ſein, und was wäre mir an deinem Tode gelegen. Nicht wahr?— Aber alles andre will ich thun, wenn du mir ein Verſprechen gibſt. sUnd das wäre? MNicht wieder mit dem Oberſteiger, ja mit keinem Manne weiter zu ſprechen, als mit mir, und———* sUnd?* eUnd mich zu heirathen. Du biſt ſo dumm, daß du mich dauerſt. So thu' ich dir auch keinen Gefallen.» eLiebes Kurtchen, es war ja ſo böſe nicht gemeint. Willſt du wieder gut ſein? „Von Herzen gern, wenn du mich heirathen willſt. „Nun es kann ſich auch ſchicken. Willſt du mir den Gefallen thun?* Alles, wenn du mir nur eine kleine Hoff⸗ nung machſt.„ aSo geh auf dem Wege nach der Schauen⸗ burg rüſtig fürbaß, und wenn dir der Vogt Kon⸗ rad begegnet, ſo lauf ſchnell zurück und ſag es mir. Aber wozu das? Was haſt du mit deines Vaters Feinde zu ſchaffenz„ —— „Ei eben, weil er meines Vaters Feind iſt, will ich mit ihm zu ſchaffen haben.d aAber was denn?* «Ich— ich— ich habe ihm eine Wildprets⸗ ſchlinge gelegt, in der ſoll er ſich fangen. Nach⸗ her will ich ihn gefangen meinem Vater über⸗ liefern. «Ei, das iſt ein köſtlicher Gedanke! rief Kurt, freudig hüpfend.«Aber wo haſt du denn die Schlinge? Sie liegt ja ſchon!2 rief Käthchen ärgerlich. „Aber woher haſt du ſie denn? Ei mit deinem ewigen Aber und Fragen? zürnte Käthchen bitterböſe.«So geh doch nun, oder ich heirathe dich nicht» Ich gehe ja ſchon. Aber wenn die Schlinge ſchon liegt, ſo kann ich michja ſelbſt darin fangen. sSie iſt ja nicht für Gimpel gelegt. Nur der Vogt, für die ſie beſtimmt iſt, kann ſich da⸗ rin fangen. (Nun, wenn dem ſo iſt, kann ich getroſt ge⸗ hen. Und ſogleich machte er ſich auf den Weg Sei gelobt, heilige Jungfrau! ſagte Käth⸗ chen vor ſich.«Heute wollte Konrad kommen, und träf' ihn der Vater heute in ſeinem ganzen Zorn, es wäre das Verderben eines von Beiden. — 60— Ich muß ihn warnen und bitten, daß er dieſe Gegend meidet, bis der Graf von Rom zurück⸗ gekehrt iſt. Der gütige Herr wird meinem Va⸗ ter die freie Jagd wieder erlauben, und dann wird ſich der bärbeiſige Alte auch wieder mit dem guten Konrad ausſöhnen. Als ſie dieß halb ge⸗ ſagt, halb gedacht hatte, ging ſie in die Hütte an ihre Arbeit. Der Lehrjunge mußte aber den Vogt nicht getroffen haben; denn dieſer zeigte ſich bald darauf in ſtattlicher Jägerkleidung hinter der Hütte auf der grünen Halde, und lockte Käthchen mit einſchmeichelndem Waldgeſang. Bald blies er auf dem Horne, bald ſang er. Zum Glück war Reinhard eben nicht bei Hand. Des jutgen Vogts Lied lontete: „Ich hab' ein leichtes junges Blut, Und nichts kann mich berücken. Die ſchlanke Feder auf dem Hut, Den Bogen auf dem Rücken, Den Jagdſpieß in der ſtarken Hand, Durchzieh' ich weit und breit das Land Früh Morgens, wenn die Sonn aufſteht, Bin ich ſchon auf den Beinen, Und Abends wenn ſie ſchlafen geht, Muß ſie mich noch beſcheinen. So jag' ich wacker Tag für Tag Durch Wald und Flur dem Waidwerk nach. —— Dem ſchmucken Mädchen ſeh' ich ſchlau In ihre ſchönen Augen, Doch ſollt' ich bald nun eine Frau Für meine Wirthſchaft brauchen, Käm' mir die Wahl nicht ſauer an; Dem Käthchen bin ich zugethan. Die Füchſe, Hirſche, Bären ſind Das Ziel für Waidmann's Streben; Die Jagd nach manchem hübſchen Kind 2 Betreib' ich nur daneben. Huſa! Huſa! das Horn erſchallt! Beſiegt ſind Hirſch' und Mädchen bald.“ Und als das Lied ſchwieg, lockte das Wald⸗ horn wieder in lang gehaltnen Tönen, bis chen eilig den Berg herauf kam. Guten Morgen, Liebchen! rief ihr der Jä⸗ gersmann zu.„Biſt du allein? Ich bins,„ verſetzte ſie ängſtlich, und ſich ch allen Seiten umſchauend, Laber keinen Au⸗ ck vor der Rückkehr meines Vaters ſicher. m höchſten Zorn von mir gogangen, und runs zuſammen träfe, ich glaube, er mich todt ſchlagen. Ach, er iſt gar ein wilder Mann.„ Hat er etwas von unſter Minne erfahren? fragte Konrad. — 232— Ach, dann wär' ich gewiß nicht hier; wer weiß, ob ich noch lebte! „Nun, was war denn ſonſt die Urſache ſeines Zorns? Ich bat ihn, ſich nicht an dir zu rächen; das brachte ihn ſo ſehr gegen mich auf. Ach, Konrad, ich muß dich vor meinem eignen Vater warnen. Er hat Böſes gegen dich im Sinne, und wird es ausführen, wenn ſich ihm Gelegen⸗ heit bietet. 2 Der Unverſöhnliche!2 eAber warum haſt du ihn auch nicht in den nächſten Bergen jagen laſſen, wie er von Jngend auf gewohnt iſt? Es geſchah mit des Grafen Wiſſen. Dann wäre Alles gut gegangen. Du weißt, daß mich mein Vater kurz vor des Grafen Abreiſe nach Rom auf die Schauen⸗ burg brachte. Nun kann wohl ſein, daß mir der Herr, der damals nur mit geiſtlichen Din⸗ gen beſchäftigt war, und allein Pfaffen um ſich ſehen wollte, zu ſagen vergeſſen hat, wie es ſich mit der Jagdfreiheit verhält, die dein Vater, ich weiß nicht wofür, in Anſpruch nimmt. So lang ich die Mähr aber nicht aus des Grafen eignem Munde beſtätigt höre, iſt es meine Pflicht, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß du, mein gelieb⸗ —— tes Mädchen, mir zürnteſt, deinen Vater aus den Wäldern zu vertreiben, in denen er kein Eigenthum hat. cWohl ſeh' ich ein, daß du S haſt; aber ich darf dich nicht mehr ſehen und ſprechen. Wie? Du wollteſt böſe auf mich ſein, weil ich recht gehandelt.„ Nein, Konrad. Aber ich fürchte die unbän⸗ dige Wuth meines Vaters. Er wuͤrde mich er⸗ morden, wenn er auch dich verſchonte. Du aber, ich beſchwöre dich, meide bis zur Rückkehr des Grafen dies Thal, und ich will meinen Vater von der Jagd zurückzuhalten ſuchen, damit ein Unglück verhütet wird. sIch will es meiden, aber dich muß ich ſehen. Laß uns Nachts zuſammen kommen. Unten am Herenborn ſind wir vor Lauſchern ſicher. v aAch, Konrad, vor dem Borne grauſt mir! Wir Alle haben ſchon vft Nachts dort gar ſeltſame Lichter geſehen. Es iſt nicht geheuer. „Reine Minne iſt ſicher vor Geiſterſpuk. Die heilige Gottesmutter hält ſchirmend die Hand über Liebenden. Vertraue dich ihr an, und erfülle meine Bitte. Dann will ich auch deinem Vater aus dem Wege gehen und ihn ſchonen. Uber⸗ morgen erwarte ich dich an der Eiche neben dem n— Borne ſobald es dunkel iſt. Wirſt du mich ver⸗ geblich harren laſſen, Käthchen?„ (Ich will mich dem Schutze aller Heiligen empfehlen und kommen,? ſagte das Mädchen mit gefalteten Händen und frommen Blicken.„Doch nun leb' wohl! Zu lange hab' ich ſchon mit dir geplaudert. Leb' wohl! Ich komme!» Und wie das flinke Reh war ſie den Berg hinab und der Vogt verſchwand in Buſch und Hecke. Der Herbſt gilbte die Blätter, und Konrad und Kätbchen hatten manche zärtliche Racht ſchon am gefürchteten Hexenborn zugebracht, umgauckelt von den wunderbaren Lichtern, die bald nah, bald fern, bald groß, bald klein, bald in Menge flacker⸗ ten, bald alle verſchwunden waren, und immer wie fröhliche Kinder den Born umhüpften*). Erſt hatte ſich Käthchen vor ihnen gefürchtet, und ſelbſt Konrad war nicht ganz wohl dabei gewe⸗ ſen, bald aber gewöhnten ſich die Liebenden an *) Es waren ſogenannte Sumpf- oder Frrlichter, eine Naturerſcheinung in ſumpfigen Gegenden, die für frühere Jahrhunderte viel Geiſterhaft⸗ Grauſiges haben mußte. ſie, und hielten ſie für freundliche Geiſter, die ihre Liebe und deren Geheimniß ſchützten. Wirk⸗ lich floh Jedermann vor den Lichtern, wann ſich dieſelben in der Nacht zeigten. Der Tag der Zuſammenkunft war wieder da, und Konrad harrte in den traurigen Hallen des Schloſſes ungeduldig auf den Abend. Es war Sonntag, und die erwachſenen Kinder des gräf⸗ lichen Hauſes, drei' junge Grafen und drei Grä⸗ finnen, beteten noch, nach dem Willen der Mutter, in der Kapelle für des Vaters glückliche Heimkehr. Sie ſelbſt war aus der Kapelle in ihr Kloſet gegangen und kniete dort, noch immer eine rei⸗ zende Büßerin, vor dem Hausaltare. Und ohne Zeugen ſprach ſie aus tiefer Inbrunſt der Seele:“ „Herr im Himmel! darf ich's wagen, Meinen reuevollen Blick Schüchtern zu dir aufzuſchlagen? Stößt du mich nicht ſtreng zurück? Ach, ich weiß es, daß ich bin Eine arme Sünderin! Groß iſt meines Herzens Schuld, Doch auch groß iſt deine Huld. Drum im glaubigen Vertrauen Wag' ich's, zu dir aufzuſchauen, Meine Hände zu erheben: Guter Gott, du wirſt vergeben! — 236— Laß mich wieder ruhig ſein, Länger nicht die Schuld mich zahlen, Sänftige die Höllenqualen, Die durchwühlen mein Gebein! Schuldlos war ich ſonſt und rein, Durfte mit gefalt'nen Händen Mein Gebet zum Himmel ſenden, Und des Herzens Wunſch ihm weihn. Lange konnt' ich nicht die Hände Falten, und den Blick der Augen In die ferne Bläue tauchen, Den ich jetzt zur Erde wende. Ziſchende Schlangen Mit wüthenden Biſſen, Halten mein tobend Gewiſſen Feſt noch umfangen. Bande der Unſchuld, die ſonſt mich umſchlangen, Wehe, die ſanften ſind alle zerriſſen! Bilder neuer Angſt umſchweben Um des Vielgeliebten Leben Meine oft verwirrten Sinne; Was ich thu', was ich beginne: Doppelter Empfindung Glut Jagt durch die Pulſe nur wilder das Blut. Ach! auf ſeinen fernen Wegen Wallet ihm mein Herz entgegen, Jugendlich ungeſtüm Fliegt es zu ihm! — 237— So ein Schiffchen auf der Fluth, Ohne Segel, ohne Stangen, Werd' ich hin und hergetrieben. Bald ergreift mich zärtlich Lieben, Bald der Leidenſchaft glühend Verlangen, Bald der Verzweiflung zernichtende Wuth. Heißgeliebter, komm und kühle Dieſe tobenden Gefühle! Komm, des heil'gen Vaters Segen An des Weibes Herz zu legen! Theurer Gatte, zaudre nicht, Eh' das Schiff am Fels zerbricht!“ Kaum hatte ſie dies Gebet, welches allmäh⸗ lig in heftige Wünſche ihres leidenſchaftlichen Her⸗ zens übergegangen war, beendigt, und war aus dem Kloſet hinausgetreten, als ihr auch Konrad ſchon mit freudeglänzendem Geſichte und dem Aus⸗ rufe: sHeil Euch, edle Frau!„entgegen kam. Schon eilten auch ihre Töchter herbei, und Adelheit wäre faſt vor überraſchung umgeſunken, als ſie ihre Worte vernahm:„Der Vater kehrt zurück!⸗— sIſt er da?„ rief die Gräfin. „Von Wartburg, wo er dieſe Nacht zugebracht, hat der Herr Graf einen Boten vorausgeſchickt, ſeine Ankunft zu melden. Eh' die Nacht herein — 238— bricht, wird er bei Euch ſein, hohe Frau, geſund und heiter über den glöcklichſten Erfolg ſeiner Pilgerſchaft. So ſagt der Bote. Die drei jungen Herrn ſind ſchon zu Roſſe, um ihrem Vater ent⸗ gegen zu reiten.„ „Auch wir wollen ihm entgegen! v riefen die Töchter. „Gelobt ſei Jeſus Chriſtus!»ſprach Adelheit mit gefalteten Händen.„Du, Konrad, eile hinab in die Thaler, wo ſich Menſchen angeſtedelt haben, und theile auch ihnen die frohe Botſchaft mit. Alles ſoll ſich vergnügen am heutigen Abend. Kein trauriges Herz ſei weit und breit zu finden, wenn die glückliche Adelheit ihren entfühnten Gat⸗ ten umfängt. Verkünde den Leuten, daß ſie Tänze veranſtalten ſollen; Bler und Wein ſoll ihnen aus unſern Kellern verabreicht werden, ſo viel ſie trinken mögen. Ich aber will mich durch Gebet auf den Empfang meines Herrn wuͤrdig vorbereiten und ihm dann mit meinen 256teen entgegen gehn. Konrad eilte leichten Schrittes von dannen. Einige hundert Schritte von des Töpfers Reinhard Hütte, in der entgegengeſetzten Richtung — 239— wie der Hexenborn und durch eine Waldecke von dieſem getrennt, war ein ſchöner Buchenhain, den man noch jetzt das Büchig nennen hört. Vor dieſem Haine befand ſich ein freier Platz, wo der Töpfer Reinhard gewöhnlich ſeine Kuh und Ziege weiden ließ, und den er ſein Ried nannte; mit welchem Rechte wurde nicht angegeben. Die⸗ ſer Platz war von Konrad zum Verſammlungs⸗ und Beluſtigungsort der Umwohner auserſehen, weil der Graf mit ſeiner ganzen Familie dicht da vorüber mußte. Dort ſtrömte denn nun auch die Menge zuſammen und Reinhard erfuhr bald, was hier vorgehen ſollte. Mit heimlichem In⸗ grimm wartete er des Vogts. Unterdeſſen ſpielten die Spielleute auf, es wurde Trank und Speiſe herbeigeſchafft, alles von Konrad geſchickt, der noch auf der Burg war, und das tanzende ſröb⸗ liche Volk ſang: „liberall Jubelſchall Und der Verge Wiederhall Sauſt und brauſt auf allen Wegen, Singt und klingt auf allen Stegen, Groß und klein Stimmt mit ein; Alle wollen fröhlich ſein. — 240— Habet Acht, Dieſe Nacht Wird mit frohem Lärm durchwacht! Singt, und ſchlingt vergnügte Tänze, Windet, bindet bunte Kränze! Luſtiger Klang Und Geſang Macht die Nacht uns ſtundenlang.⸗ Kurt freuete ſich, wie wenn ihm das größte Glück begegnet wäre, und weil Käthchen noch nicht auf dem Tanzplatze war, ſondern noch wirth⸗ ſchaftliche Geſchäfte zu verrichten hatte, ſo lief er heim, um ſie putzen zu helfen und dann zum Tanze zu führen. Unterweg's hüpfte er auf einem Beine und ſang ein Liedchen, das er ſich beim Töpfendrehen ausgedacht hatte: „Ich bin dem Käthchen gar zu gut, Weiß ſelber nicht warum, Und wenn ſie auch oft böſe thut, Und ſpricht, ich wäre dumm! So muß ſie doch, bei meiner Ehr! Und wenn ſie noch ſo trotzig wär? Mit mir im Kreis herum. Sie ging allein jüngſt in den Wald— Es war am Donnerſtag— Ich ſah's und ſchlich ihr alſobald — 241— Leiſ' auf den Zehen nach. Flugs küßt' ich ſie auf's Wänglein rund, Paff! ſchlug ſie mich auf Naſ' und Mund. Das war ein ſchlimmer Schlag. Und doch bin ich dem Käthchen gut, Weiß ſelber nicht warum. Wenn ich ſie ſeh', geht mir das Blut Gleich wild im Kopf herum. Und ſträubt ſie ſich auch noch ſo ſehr, So muß ſie doch, bei meiner Ehr! Mit mir im Kreis herum.⸗ Und Käthchen ſträubte ſich nicht; ſie wußte ija, daß ſie ihren Konrad dort fand. Als ſie an des überſeligen Kurt's Arm bei dem fröhlichen Haufen anlangte, zeigte ſich auch Konrad, deſſen Geſchäfte auf der Burg nun be⸗ endigt waren, und der nun nach— ſeinem Käthchen ſchlich. Kaum hatte ihn Reinhard in's Auge ge⸗ faßt, als er auch auf ihn zueilte, und ihn alſo anredete:„Wie könnt Ihr's wagen, Vogt, ohne erſt meine Erlaubniß einzuholen, den Tanz auf meinem Riede zu beſtellen?2 Auf deinem Riede, Alter?2 höhnte Jener. Mit dem Riede mag's wohl gleiche Beſchaffen⸗ heit haben, wie mit der Freijagd. Willſt du W. 16 — 242— Händel mit mir? Jetzt iſt weder Zeit, noch hier der Ort dazu. Lange genug ſeid Ihr mir ausgewichen; jetzt ſollt Ihr mir nicht aus dem Garne. Rede, Wicht! aHo, alter Narr, glaubſt du, ungeſtraft mich ſchelten zu können? aus Mitleid hab' ich deiner geſchont. v Nun vermochte ſich Reinhard nicht mehr zu mäßigen; vergebens ſuchte Käthchen die Streiten⸗ den zu trennen, Reinhard gewann Partei, denn es mochten viele den jungen Vogt nicht leiden; pie Burgleute dagegen hielten bei ihm, und ſo war es bereits ſo weit, daß aus dem fröhlichen Tanze eine blutige Schlägerei werden ſollte, als ſich plötzlich die Nachricht verbreitete, der Graf ſei in Anzug. Die Kämpfenden ließen von ein⸗ ander, die Muſik begann wieder, und gleich darauf ritt Graf Ludwig, an ſeiner Seite die Gräfin Adelheit, und um beide ritten ihre Kinder, dann kamen Ritter und Reiſige und unter dieſen Kon⸗ rad's Vater. Ein allgemeiner Jubel brach aus, und der Graf begrüßte, beſcheiden dankend, ſeine Unterthanen. Konrad hielt ſeinen Vater umarmt, und der Töpfer ſchaute finſter auf ihn. Das Volk trank des Grafen Geſundheit und Ludwig leerte ſein Glas auf das Wohl ſeiner Getreuen. Dann ſetzte ſich der Zug wieder in Bewegung, und Konrad⸗ flüſterte Käthchen zu:«Ich komme vor Mitternacht zurück, dann koſen wir beim Borne. —— fröhliche Lieder dazwiſchen: Rief:„Heiſa, diedeldum! Schön Lieschen aber wurde roth, Uund als er dann die Hand ihr bot, — Das Volk zechte und tanzte wacker, und ſang „Schön Lieschen ſtand geſchmückt zum Tanz— Und funkelte vor lauter Glanz— In knappen Schnäbelſchuhen. Sie lief bald hin, ſie lief bald her, Das Herzchen wurd' ihr gar zu ſchwer Und ließ ſie nicht mehr ruhen. „Was nur ſo lang der Nichel thut?⸗ Da ſchwenkt er ſchon von fern den Hut, Im Drehen ſchnell herum!⸗⸗ Und als ſie zu der Linde kam, Sie ſchmunzelnd gleich der Michel nahm, Und faßte ſie am Mieder; Schlug ſie die Augen nieder. Der Nichel rief:„das geht ja gut!⸗ Hüpft' hoch und ſchwenkte ſeinen Hut; Und heiſa diedeldum! Ging's raſch im Tanz herum. Der Tanz war aus, dem Lieschen warm; Der Nichel nahm ſie in den 16* Und ſetzt' ſich an die Linde⸗ Drauf drückt' und küſſt er manche Stund' Hand, Buſen, Wange, Stirn und Mund Dem allerliebſten Kinde. Dann rief er froh:„das geht ja gut!⸗ Und ſchwenkte jubelnd ſeinen Hut. Und heiſa diedeldum! Ging's wieder raſch herum.“ Die Fenſter der Schauenburg ſtrahlten Licht⸗ glanz in die Racht. Das Mahl war gerüſtet, aber Ludwig war mit Adelheit in ihr Kloſet getreten. «Ja, geliebtes Weib, rief er ihr zu, ſie umarmend, eich bringe Vergebung unſrer Sünde, und den Segen des heiligen Vaters. aSo können wir uns nun rein und geſühnt umfangen? fragte Adelheit, trunken von der Gnade des Himmels. sWir können es. Neues Leben quoll in meine Bruſt, als ich zerknirſcht zu den Füßen des greiſen Kirchenkönigs auf St. Peter's Thron lag und er die gnadenvollen Worte an mich richtete; Deine Schuld ſoll dir vergeben ſein, doch mußt du mit deinem Weibe Klöſter bauen in Thüringen. Dann wird Gott Euch austilgen aus dem Buche der Sünde.v — 245— «O ſo laß uns eilen, mein Ludwig. Ich will ſogleich beginnen, eine heilige Freiſtätte für fromme Frauenherzen zu errichten, die der Welt entſagen und ſich dem Himmel weihen wollen, Thue du desgleichen.v Ja, bald ſollen die Zinnen der Gotteshänſer in die Lüfte ſich erheben. Möchte mir der Himmel ein Zeichen geben, wohin ich ſie bauen ſoll. Ich werde meinen Schutzheiligen darum anflehen. Arm in Arm traten ſie in den Speiſeſaal, und als ſie Gott fröhlich gedankt hatten, begaben ſie ſich zur Ruhe. Konrad ſchlich wieder zum Tanze hinab. Dort ſaßen die Bergleute, ſangen muntre Knappenlieder und zechten wacker. In ihrer Mitte hatten ſie Kurt, dem die Getränke ziemlich zu Kopfe geſtiegen waren. „Denkt Ihr denn,» ſagte er erboſt, denn er brannte vor Eiferſucht, weil der Oberſteiger und andre Bergleute viel mit Käthchen verkehrten, sdenkt Ihr denn, Ihr wärt allein auf der Welt? Oder hat der Graf geſagt: die Bergknappen ſollen ſingen, die Bergknappen ſollen tanzen? Hesn „Der Graf nicht, aber wir haben's geſagt, verſetzte ſein Nachbar zur Rechten. — 246— Ei ſeht doch! Alſo dünkt Ihr Euch ſogar mehr zu ſein, als der Graf. „Wir Bergleute haben ſo unſern eignen Dünkel. Aber dich, Freundchen,? ſagte ſein Nachbar zur Linken, ezählen wir gewiſſermaßen mit zu uns, und wenn das nicht der Fall wäre, ſäßeſt du ja nicht mit in unſrer Mitte. Es iſt auch ganz natürlich; denn du arbeiteſt in 30 und Erde wie wir.» „Na, da haſt du doch ein ünigtt Wort geſprochen,* ſchmunzelte Kurt.„Es iſt wahr, wir haben doch vor dem andern Volke, Holz⸗ hackern und Beſenbindern, vtel voraus, und wenn uns auch der Graf nicht ausdrücklich genannt hat, ſo hat er uns doch gemeint. Indem Kurt ſelbſtgefällig dies ſprach, ſah er den Oberſteiger bei Käthchen; denn der eitle, Bergmann glaubte, es ſei Käthchen's Ernſt nicht geweſen, und könne es nicht ſein, als ſie ihn ausgeſchlagen, und er bemühete ſich auf alle erdenkliche Art um ihre Gunſt. Plötzlich gab er ihr einen Kuß auf die Wange, und Kurt fuhr, wie beſeſſen, empor, und wollte fort. „Bleib' nur ruhig ſitzen,? ſagte der zur Rechten. Trink', Brüderchen!v der zur Linken. — 247— eIch muß fort! Laßt mich! heulte der arme Junge. 6Du mußt uns erſt dein Liedchen ſingen, eher kommſt du nicht los,2 ſagte der Rechte. Ich kann kein Liedchen! ſchrie Kurt, feſt⸗ gehalten. „Ei, du Schelm! das Liedchen, das du ſingſt, wenn du Töpfe drehſt. „Weigre dich nicht länger,„ ſagte der Linke, sſonſt können wir dich nicht zu den Bergknappen zählen.* Nimmermehr gehört er zu uns, wenn er nicht ſingt!„ riefen die Andern. Kurt blickte ängſtlich nach Käthchen; der Oberſteiger entfernte ſich aber eben von ihr; da athmete der Töpferburſche tief auf und ſagte: „Nun will ich ſingen. So lang aber der Bärenhäuter mit der Käthe ſcharmuzirte, war mir die Kehle zugeſchnürt. Und er ſang: „Dreh dich, liebes Rädchen! Wird der Topf recht rund, Lohnet mir mein Mädchen Mit dem Kirſchenmund. Der Topf iſt rund und die Welt iſt rund, Drum kocht's in beiden ſo wunderlich bunt. — 248— Dreh dich, liebe Scheibe! Wird das Töpflein nett, Nehm' ich ſie zum Weibe In mein Haus und Bett. Die Welt iſt rund und das Bett iſt rund, Drum geht's in beiden ſo wunderlich bunt. Soll der Topf was taugen, Brenn' ihn hart und gut. Meines Mädchens Augen Sind voll Flammengluth. Das Aug' iſt rund und der Ofen iſt rund, Drum glüht's in beiden ſo wunderlich bunt.“ Während dieſes Geſanges, in welchen die Bergknappen lärmend einfielen, hatte ſich Käthchen, auf Konrad's Wink, fortgeſchlichen. Jetzt trat der junge Vogt an den Tiſch, wo die ſingenden Zecher ſaßen und ſagte:„Der Graf ſchickt Euch neue Zufuhr, ihr Leute, damit Euch's nicht mangle. sHoch lebe unſer edler Graf!y tobte die Menge, und fiel über die Föſſer her. Konrad aber eilte Käthchen nach. 3 Reinhard hatte dieſen nicht aus dem Auge verloren, und als er ihn weggehen ſah, ſagte er zu ſich: Der Bube geht allein nach dem Schloſſe zurück. Jetzt kann ich meine Rache kühlen. Waffen! Waffen!„ Und er lief nach ſeiner Hutte, um ſeinen Jogdſpieß zu holen. — 249— Kurt bemerkte ſeiner Seits Käthchen's Abwe⸗ ſenheit auch ſogleich. Er ſchaute ſich überall nach ihr um; dann ſpäete er argwöhniſch in die Nacht hinaus. Er ſah etwas ſchimmern. Wie, wenn ſie das wäre? Ich muß ihr nach, um mich zu überzeugen. Vielleicht will der Oberſteiger allein mit ihr koſen. Teufel, ich erwürg' ihn. Und ſchnell war er hinterher. Käthchen kam an den Vorn; es raſchelte im Laube. aKonrad!v flüſterte ſie, und der Vogt lag Küſſe trinkend an ihrer Bruſt. Kurt kam auch heran, glaubte aber feſt, es ſei der Ober⸗ ſteiger, dem das Glück zu Theil werde, wonach er ſich vergeblich ſehnte, und lief wüthend fort, um es ſeinem Meiſter anzuſagen. Als er auf den Tanzplatz kam, fand er wohl den Oberſteiger, aber Reinhard nicht, und rennte nun wie toll nach der Hütte. Der Töpfer trat eben mit Arm⸗ bruſt und Spieß bewaffnet heraus. Meiſter!v rief der J Junge. Die Käthe minnt mit einem Buben am Hexenborn. Ich habe ſie belauſcht. Erſt dacht' ich, es wäre der Oberſtei⸗ ger, aber der iſt auf dem Tanzplatz. Und wenn ich mich recht erinnre, hab' ich die Feder auf des Vogts Hute geſehen; ich dachte nur nicht an ihn. — 250— „Wo iſt der Räuber meiner Ehre? kreiſchte der Töpfer. Auch mein Kind hat er mir geſtoh⸗ len? das iſt ſein gewiſſer Tod.? Und fort ſtürzte er nach dem Borne, von Kurt geleitet. Doch* ſo wie ſie an den Born kamen, flammten plötzlich einige jener wunderbaren Lichter auf, die ſich ſchnell vermehrten und das Liebespaar umgaugelten. Dies lag Bruſt an Bruſt in ſeligen Tränmen, geſchützt von den bleichen Flammen, welche ein unheimliches, geiſterhaftes Licht auf ſie warfen. Der Töpfer, der ſchon den Spieß erhoben hatte, prallte entſetzt zuruͤck, und Kurt fiel halbtodt auf die Knie, ſchreiend: Alle guten Geiſter loben Gott den Herrn. Reinhard ſtürzte mit dem Angſtrufe: aHilf Jeſus Mariä Sohn! fort, und Kurt überholte ihn bald im Laufen. Die Liebenden aber tauſch⸗ ten Kuß und Wort in trunkner Vergeſſenheit, keine Gefahr ahnend, und ſogen die Paar Tropfen Himmelsthau, welche der Sonnenbrand der S nicht aufgeleckt hat. Am andern Tage in den Frühſtunden quvll eine große Menſchenmenge den Hohlweg nach der Schauenburg hinauſ. Alles, was in der Racht — 251— vorher beim Tanz und Gelag geweſen war, drängte ſich herzu. Voran ging der Oberſteiger gravitä⸗ tiſch, und die Bergleute führten mit wichtiger Geſchäftigkeit den jungen Vogt Konrad und Käth⸗ chen. Der Köhler Reinhard ging grollend hinter⸗ drein und Kurt fluchte zuletzt aus Leibeskräften doch ging er eben abgeſondert, damit es Rie⸗ mand höre. Die Leute begehrten mit dem Grafen zu ſprechen, und wurden ſogleich in den Speiſeſaal gelaſſen, wo die Familie bei'm Frühſtück war. „Verzeiht, Herr Graf und Frau Gräfin, nahm der Oberſteiger vortretend das Wort, adaß wir Euch heute ſchon beläſtigen. Aber der Grund unſers Kommens iſt ſo ſeltſam und außerordentlich, daß wir nicht lange zögern konn⸗ ten, Euch die wunderbare Mähr zu hinter⸗ bringen.* «So ſprecht, ich bin begierig zu hören» verſetzte Graf Ludwig. „Als Ihr uns geſtern Abend verlaſſen hattet, erfreueten wir uns Alle der Gaben, die uns Eure Huld gereicht, der Eine ſo, der Andre ſo. Später brachte der Vogt neue Zufuhr, und wir wurden noch vergnügter. Wir hatten nicht be⸗ merkt, daß Einige ſich fort geſchlichen hatten. — 252— Plötzlich ſtürzten der Töpfer Reinhard und ſein Lehrjunge, entſetzt und todtenbleich in unſre Mitte und deuteten mit Schreckensgeberden nach dem Hexenborne, wo wir zu unſerm Erſtaunen eine Menge Lichter in Form des heiligen Kreuzes flammen ſahen. Reinhard ſtammelte, der Vogt ſei ein Zauberer, der ſeine Tochter verhert; beide ſäßen unten am Borne, mitten unter dem geſpenſtigen Spuk, den er ſchon oft um Mitter⸗ nacht mit Entſetzen gewahrt habe. „Wahrlich, höchſt ſeltſam!v ſagte der Graf nachdenklich.„Alſo in Form eines Kreuzes ſaht Ihr die wunderbaren Lichter brennen?2 So iſt's!v riefen Alle.„Es war ein großes Kreuz. «So hab' ich ſie in dunkler Nacht vft ſchon geſehn, nahm jetzt der Töpfer Reinhard das Wort, abald waren ihrer viel, bald wenig. Mir kommen Gedanken zu Sinn, die mir der Himmel eingibt,„ wandte ſich der Graf zu ſeiner Gemahlin.«Sag, Töpfer, was trieb dich in dieſer Nacht zum Borne? Die Rache, Herr. Der Vogt iſt mein ärg⸗ ſter Feind.» Nicht alſo, Herr Graf,„ ſprach der junge — 253— Konrad. aIch hege keine Feindſchaft gegen dieſen Mann; vielmehr iſt mir an ſeiner Liebe gelegen. WWie reimt ſich dieſe zwieſpaltige Rede zu⸗ ſammen? aIch traf ihn in Euern Forſten jagend, und verwieß es ihm zuerſt milde, dann, bei wieder⸗ holtem Falle, ſtreng. Aber er wurde heftig gegen mich, berief ſich auf ſein Recht, und da ich ihn, trotz gutgemeinter Warnung, noch einige Male mit Armbruſt und Spieß im Walde ſah, drohete ich ihm mit Strafe. Da warf er ſeinen ganzen Haß auf mich. Ich hatte einen minniglichen Grund, ihn zu meiden. Aber geſtern band er mit mir an und wollte mich erſchlagen. Die wunderbaren Lichter haben mich errettet.„ «Iſt dem alſo, Reinhard 2„ frezte Graf Ludwig ſtrenge. „Nie hat mir Jemand die Jagd verwehrt, verſetzte dieſer trotzig. Aber auch nie hat ſie dir Jemand erlaubt. Der Vogt that ſeine Pflicht und du verfolgteſt ihn mit wildem Haß. sHerr!—— 2 ſtammelte der Töpfer. „Schweig! denn du ſtehſt im Unrecht. Sprich, Konrad, wie kamſt du mit des Töpfers Tochter — 254— zum Born, als die wunderbaren Lichter ſich entzündeten?2 Ich liebe Käthchen. 2 »Und doch warſt du deiner Pflicht getreu. Alter Konrad,» wandte ſich der Graf an ſeinen Begleiter,«dein Sohn iſt doppelt lobenswerth.» Und der Vater ſchloß den Sohn in die Arme. „Des Töpfers Strenge,v erzählte der Letztere, auf des Grafen Geheiß, swehrte mir den Zutritt in ſein Haus, und Käthchen fürchtete, er möchte uns ein Mal am Tage im Walde überraſchen. Da kamen wir Nachts am Borne zuſammen, und gute Geiſter zogen eine ſchützende Mauer um uns. Das waren die Lichter, vor denen wir uns erſt fürchteten, die wir aber gar bald lieb gewannenz; denn ſie leuchteten uns gar freundlich. Meine ſchöne Ahnung befeſtigt ſich,2 ſagte der Graf. aIn dieſer Nacht habe ich den Him⸗ mel um ein Zeichen gebeten, wohin ich das erſte Kloſter bauen ſoll, und lange vorher bat mich Gott erhört, der unſre Gedanken von Ewigkeit vvraus weiß. Die wunderbaren Lichter ſind das Zeichen. Unſre Liebe, meine theuere Adelheit, wird es bauen, um ſich zu ſühnen; und der Liebe dieſes jungen Paars hat ſich der Himmel offen⸗ bart, damit auch ſie mit dem Hoſſe des Vaters — — — 255— geſühnt werde, und ſo wird das Kloſter ein rech⸗ tes Werk und eine ächte Freiſtatt der Liebe ſein.„ Auch in meine Seele leuchtete ſchnell das Licht der Ahnung,„ ſprach die Gräfin, adaß das Kloſter bei jenem Borne ſtehen ſoll, wo der Töpfer Reinhard die wunderbaren Lichter ſchon oft bemerkte. „Kinder» ſagte der Graf gerührt zu dem Volke,„Ihr hättet mir keine ergötzlichere Bot⸗ ſchaft hinterbringen können. Ich danke Euch da⸗ für! Und weil der Töpfer Reinhard vom Him⸗ mel auserſehn war, die wunderbaren Lichter zu⸗ erſt zu ſehen, ſo erlaub' ich ihm, zum Zeichen meiner Gnade, die freie Jagd in allen meinen Forſten, zeit ſeines Lebens; jedoch mit der Be⸗ dingung, daß er ſich ſogleich hier vor unſern Au⸗ gen mit dem braven Konrad ausſöhne, ihm ſein Käthchen zum Weibe gebe, und auch den Vater Konrad umarme.— So zahl' ich dir meine Schuld wandte ſich Ludwig zu dem alten Konrad. „Deine Tochter will ich ausſtatten, Reinhard,„ ſagte Adelheit; und der Töpfer fiel der hohen Herrſchaft zu Füßen, ſein Starrſinn war gebro⸗ chen, und nait zitternder Stimme ſagte er:„Zu groß kommt Eure Gnade über mich.* Der Grof legte die Hände der Liebenden zu⸗ — 256— ſammen und beide Väter ſegneten ſie. Ein zwei⸗ ter froher Tag reihete ſich an den erſten. Die Leute waren heute des Grafen Gäſte auf der Burg. Nur der Oberſteiger ſah ſehr ernſt drein, und Kurt raufte ſich den jungen Bart. Sein einziger Tryſt war, daß der Oberſteiger Käthchen nicht bekommen; dann verſenkte er ſeinen Unmuth in die Weinkanne. Einige Wochen darauf, an einem ſehr heitern Herbſttage, war noch viel mehr Volk im Thale um Reinhard's Hütte verſammelt. So weit das Auge reichte nichts als geputzte Menſchen. Aus den Thoren der Schauenburg quoll ein ſtattlicher Zug. Da kamen Aebte und Prälaten in ihren reichen Ornaten, von Chorknaben und Mönchen in großer Zahl begleitet. Die ſangen; Wir ſprechen mit Vertrauen, Herr! deinen Namen aus, Wir gründen und erbauen, Du heiligſt dir das Haus. Herr laß ihn doch gelingen, Der Hände regen Fleiß, Laß Alles gut vollbringen, Zu deines Namens Preis!⸗ — 257— Den Mönchen aber folgte ein fröhlicher Hoch⸗ zeitszug, Käthchen und Konrad in der Mitte; Alle waren gar feſtlich geſchmückt, und ſangen, wann die Mönche ſchwiegen: Es ladet der Kranz Zum heiterſten Feſte. Es kommen die Gäſte Zum Hochzeitstanz. Der Kranz iſt gewunden Und wiegt ſich im Haar, Das Band iſt gebunden Und feſſelt das Pagr. Der Tanz wird geſchlungen In lachenden Reihn; Das Lied wird geſungen Beim Klang der Schalmein.“ Die Bergleute, an ihrer Spitze der Ober⸗ ſteiger, machten die dritte Abtheilung des Zuges aus. Sie ſangen gar ergötzlich: „Wir ſteigen auf zu Tag Aus den finſtern Gängen und Halten, Es ruht der Meiſelſchlag, Heut mögen die Geiſter dort walten. Sie ſcheun das Sonnenlicht, Und fliehen die Luſt und die Freude. Wir fürchten beide nicht, Wir lieben, ja lieben ſie beide.“ IV. 17 6— Run erſchien das hohe Herrſcherpaar, Graf Ludwig und Gräfin Adelheit, von der Blüthe ih⸗ rer Kinder umgeben, ſtattliche Herrn und Da⸗ men, alle in reicher fürſtlicher Kleidung umgeben von den Rittern und Vaſallen Thüringen's und ſehr großemkri egeriſchem Gefolge. Ihr Geſang hieß alſo: „Heute ſei kein Streit geführt, Gotte zu gefallen. Und der Schild hängt unberührt In des Schloſſes Hallen. Bleibe jede Fauſt heut fern Von der blanken Wehre! Dienet heute Gott dem Herrn, Gott allein die Ehre!“ Als der Zug im Thale anlangte, wurde er vom Jubel der Menge begrüßt. Um den Born wurde ein großer Kreis geſchloſſen. Dort war ein tiefer Grund gegraben und die Steinmetze hatten einen großen Ouader zierlich ausgehöhlt, darein legte der Graf eigenhändig ein vom Schloß⸗ kaplan ausgefertigtes Dokument. Dann wurde der Stein verſchloſſen, und der Graf wandte ſich zu den Prälaten mit dieſen Worten; „Wir ſind hier verſammelt, dem allgütigen Gott, ſeinem Sohne und dem heiligen Geiſt — 25 der Jungfrau und allen Heiligen ein genehmes Werk zu begründen. Wir wollen den Grundſtein zu einer Zufluchtsſtötte aller Sünder und Lebens⸗ müden errichten. Euch, fromme Männer, bat ich zu mir, daß Eure Hände dieſe Stellen weihen möchten. Spreche drum Eure heilige Zunge den Segen über das Land, über den Grundſtein und über Alles aus, wovon das Kloſter erbaut werden ſoll. Und die Mönche ſtimmten ihre Chorgeſänge an, und weiheten mit Sprüchen und Weihwaſſer den Boden. Drauf trat Graf Ludwig hinzu, und erfaßte den Grundſtein, ſprechend: „Und des Baues Grund zu legen, Senk ich ſelber dieſen Stein Mit des Himmels reichem Segen In der Erde Schvos hinein.“ Und mit Hülfe der Steinmetze ſenkte er ihn binah, nahm Hammer und Kalle und befeſtigte ihn, unter der Mönche Geſang. Die Prälaten ſtiegen nun auch hinab und beſprengten den Stein, ſielen dann auf die Kniee und beteten: Herr, hör' unſer Flehn!— Gib Gedeihn!— Laß dies Haus erſtehn!— Ruhm und Preis ſind dein— — Und alles Volk fiel nieder und betete mit. Fromme Männer, Freunde, Waffengenoſſen, Thüringer!y nahm dann der Graf das Wort wie⸗ der.„Der Grundſtein des Kloſters iſt gelegt, aber noch hat es keinen Namen. Wer wäre würdiger, ihm denſelben zu verleihen, als mein geliebtes Weib. Erwartungsvoll harr' ich mit allem Volke aus deinem holden Munde, Adel⸗ heit, des Namens, den das Kloſter führen ſoll für ewige Zeit.» Die Gräfin beſann ſich nicht lange. Lächelnd ſprach ſie:«Der Töpfer Reinhard ward von Gott und allen Heiligen begnadigt, die Zeichen des Himmels, die wunderbaren Flämmchen zuerſt zu ſehen. Auch iſt ſeine Hütte die nächſte an dem künftigen Kloſter. Dieſe reine Ouelle hat man ſonſt wohl ſchon den Reinhardsborn in der Ge⸗ gend genannt, weil Reinhard ihr zunächſt wohnt. Das Kloſter ſoll ein Born des Heils ſein, wie dieſer. Laßt uns den Namen beibehalten und das Kloſter Reinhardshorn benennen. Reinhardsborn! rief der Graf und tauſend Stimmen wiederholten: Reinhards⸗ born! — 261— Und das Kloſter Reinhardsbrunn blühete auf und gedieh, ward reich und mächtig, und ſtand faſt fünfhundert Jahre, bis es tolle Bauern im ſogenannten Bauernkriege zerſtörten. Graf Ludwig bauete kurz darauf noch zwei Klöſter, das eine zu Sangerhauſen, das andre zu Tſcheiplitz auf der Stelle, wo er den ſünd⸗ lichen Mord vollbracht hatte. Gräfin Adelheit erbauete ebenfalls im folgen⸗ Jahre in einer ſchönen, fruchtbaren Gegend Thü⸗ ringens, die ihr eigen war, ein großes Frauen⸗ kloſter, und da ſie ihrem Gemahl, zur Wieder⸗ vergeltung der genvſſnen Ehre, mit der Bitte an⸗ lag, wiederum ihrem Kloſter den Namen zu ge⸗ ben, ſo benannte er es nach ihr, die er immer heiß liebte, indem er es Adelheitsleben taufte, wo⸗ raus ſpätere Zeit Oldisleben gemacht hat. Ludwig und Adelheit wurden ſeit dieſer Zeit immer frömmer. Um ſich ganz rein zu waſchen von dem in Jugendleidenſchaft unſchuldig vergoſ⸗ ſenem Blute, trennten ſie ſich noch im hohen Al⸗ ter. Er trat als Benediktiner⸗Mönch in das Kloſter Reinhardsbrunn; ſie als Nonne in das Kloſter Oldisleben. In frommen Bußübungen verlebte Ludwig die letzten ſieben Jahre ſeines Lebens. Er ſtarb im 73. Jahre und wurde zu 17* — 262— Reinhardsbrunn begraben. Zwei Jahre nach ihm endete Adelheit; auch ihre Hülle ſchlummert in Reinhardsbrunn. Nach ihren, an der hintern Wand der Schloßkirche aufgeſtellten, noch jetzt zu ſehenden Grabſteinen, auf welchen ſie mit un⸗ vollkommner Kunſt in Lebensgröße ausgehauen ſind, ſtarb er am 8. Mai 1123; ſie am 1. Decem⸗ ber 1125. Reinhardsbrunn wurde der Begräbniß⸗ platz der Landgrafen von Thüringen Jahrhunderte hindurch. Eswäre würdig geweſen, die Grabes⸗ halle aller ihrer Nachkommen, aller Beherrſcher Thüringen's zu bleiben. Heilige Schauer erfül⸗ len das Herz, wenn man an den alten verwitter⸗ ten Steinen vorübergeht, die in Mönchsſchrift die ehrwürdigen Namen nennen. Reinhardsbrunn iſt für die ſchone, ſagen⸗ und poeſiereiche Geſchichte Thüringens ein klaſſiſcher Boden. Aber noch hat kein Sänger Ludwig's und Adelheit's Liebe und Vergehen würdig gefeiert, und doch wören ſie werth den berühmten Liebenden: Abälard und Helviſe, Romev und Julia, Per W beigezählt zu werden. — — — —— — 578 e1x ↄnence