Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Cdnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 3 Seih- und geſebedingungen. 1. Oflonsein der Bipliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. „ 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für nhhentrch 2 Bücher: 4 Bücher: 6Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 5 Mt. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. E 5 Answärtige Ahonnenten haben für Hin und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Für defecte Bücher(namentlic Ladenpreis erſetzt werden. lorene oder deferte Buch der Leſer zum Erſatz des 7. Ausleiheneit. Dieſel beſonders darauf aufmerkf⸗ der Bücher nicht ſtattfinde ſelben von mir geliehen, a e —5 — — Ein dentſcher Leinweber. Zeit⸗ und Lebensbilder aus der erſten Hälfte des ſechszehnten Jahrhunderts von LTudwig Storch. * Zweite Abtheilung. Rarl von Spanien. Roman in drei Theilen. Zweiter Theil. Teipzig, Verlag von 3. Weer 1848. Rarl von Spanien. Roman in drei Theilen von Ludwig Storch. Zweiter Theil. Der Rönig von Spanien. Teipzig⸗ Verlag von J. J. Weber. 1848. Ein deutſcher Leinweber. Zweite Abtheilung. Rarl von Spanien. Zweiter Theil. Erstes Rapitel. — Auch am erzherzoglichen Hofe in Brüſſel wurden glänzende Feſte gefeiert. Kaum waren die zahlreichen Begleiter der Infantin Maria und die Geſandten des Erzherzogs Karl und der Erzherzogin Margaretha von Wien zurückgekehrt, als der König von Dänemark mit einem prächtigen Ge⸗ folge ſich einſtellte, um ſich die Infantin Iſabella antrauen zu laſſen und als Königin heimzuführen. Die muntere, witzige, oft drollige Prinzeſſin ſetzte ſich leicht über des Königs Verbindung mit der ſchönen Düvecke hinweg und wußte ihm nur mit der heiterſten Laune in einer bräut⸗ lich hellen Stunde das Verſprechen abzunehmen, daß er das niedliche Täubchen, welches ihm zeither ſo viel Ver⸗ gnügen gemacht, jetzt wolle ausfliegen laſſen, da ein ſtol⸗ zer Aar ſich mit ihm das Neſt baue und Adler und Tau⸗ ben ſich ſchlecht miteinander vertrügen. Der König ver⸗ ſprach dem muthwilligen Adler Alles, aber er hielt ſpä⸗ ter nicht Wort.. Ein deutſcher Leinweber. V. 1 Der König von Spanien.* Das Hochzeitfeſt zu Brüſſel ſchloß ſich gleichſam an das zu Wien an und war nicht minder prachtluſtig. Eine zahlloſe Menſchenmenge aus den brabantiſchen, flandriſchen und holländiſchen Städten war in der alten belgiſchen Hauptſtadt zuſammengeſtrömt, und der junge Herzog des Landes zeigte ſich zuerſt ſelbſtändig als Feſtgeber und ent⸗ faltete eine Prunkliebe, die einen Verſchwender in ihm be⸗ fürchten ließ. Aber er handelte nicht nur im Sinne ſei⸗ nes kaiſerlichen Großvaters, der die Welt mit Ehrfurcht und Staunen vor der Macht und dem Glanze des öſtrei⸗ chiſchen Hauſes erfüllen wollte, die Schwäche der Men⸗ ſchen, ſich vor dem Golde ſklaviſcher zu beugen, als vor dem Schwerte, wohl kennend und berechnend; ſondern auch nach dem Willen des niederländiſchen Adels und der Stände, in welchen ein unbändiger Stolz erwacht war, daß ihr Herzog König von Caſtilien und Aragonien und der neuen Welt werden würde. Von dem Tage an, wel⸗ cher den Erzherzog, oder, wie er allgemeiner und prunken⸗ der genannt wurde, den Prinzen Karl von Spanien als ſelbſtſtändigen Herzog begrüßt hatte, war am Hofe in Brüſſel ein Aufwand und eine Pracht entfaltet wor— den, die an die Zeiten Karl des Kühnen erinnerten und gegen die Einfachheit des Regiments der Erzherzogin Statt⸗ halterin auffallend abſtachen. Es war eben der Hofhalt eines Königs, und zwar eines Königs von Spanien, dem unerſchöpfliche Quellen des Reichthums, wenn auch noch nicht zu Gebote, aber doch in naher Ausſicht ſtanden. ———— * Der König von Spanien. 3 Und der Herzog ſchien ganz geeignet, die kühnſten Pläne des nach Gold, Ehren und Vergnügungen gierigen Adels überſchwenglich zu befriedigen. Er war ſo lenk⸗- und leit⸗ ſam, daß die hohen Würdenträger mit ihm machen konn⸗ ten, was ſie wollten; eignen Willen ſchien er kaum zu beſitzen. Der leichtſinnige, prachtliebende, leichtbeherrſchte Philipp ſchien in ſeinem Sohne wieder aufgelebt, und der niederländiſche Hofadel durfte hoffen, daß das Stück in Spanien, das ihm ſo viel eingebracht, da fortſpielen werde, wo es vor zehn Jahren zu ſeiner großen Beſtür⸗ zung ſo unerwartet unterbrochen worden war. Vorzüg⸗ lich einflußreich zeigte ſich das mächtige Haus Croy, und Wilhelm von Croy, Herr von Chievres, ſchon ſeit lange Oberhofmeiſter des niederländiſchen Hofes und Comman⸗ dant von Brüſſel, ein geld- und ehrgieriger Mann, war eigentlich das regierende Haupt des Landes, und ſeine Brüder und nächſten Verwandten kamen allmälig in den Beſitz der erſten Hof- und Staatsämter, und wie er ſelbſt zu ungeheurem Reichthum.* Die Erzherzogin Margaretha lebte mit ihrem kleinen Hofſtaate zurückgezogen auf ihrem Schloſſe in Löwen und kam nur bei beſondern Veranlaſſungen nach Brüſſel; ſie miſchte ſich nicht in Regierungsangelegenheiten, obgleich es allgemein als eine ausgemachte Sache betrachtet wurde, daß ſie, ſobald ihr Neffe als König nach Spanien gehen würde, wieder zur Statthalterin beſtimmt ſei. Auch konnte füglich Niemand weiter zur Statthalterſchaft gelangen, da 1 Der König von Spanien. Karl weiter keine Verwandten hatte. Margaretha trieb in ihrer Zurückgezogenheit die ſchöne Kunſt der Poeſie und andre erheiternde Studien; auch fehlte es ihr nicht an fürſtlichen Beſuchen, und ihre Schönheit hatte ſich, trotz ihrer böſen Schickſale, ſo friſch und jugendlich erhalten (war ſie doch auch erſt fünfunddreißig Jahre alt), daß die Huldigungen, welche unverehlichte Fürſten ihr darbrachten, wahrer und aufrichtiger gemeint waren, als die, welche ihren Nichten galten. Man behauptete, es ſei nur auf ihren Willen angekommen, mit Chriſtiern, der nur einige Jahre jünger war, als ſie, den Thron von Dänemark zu beſteigen, ſtatt ihrer vierzehnjährigen Nichte Iſabella; aber wenn ſie nicht auch ſo beſtimmt ihren Entſchluß ausge⸗ ſprochen hätte, ſich nicht wieder zu vermählen, ſo würde ſie des däniſchen Königs Verhältniß zum ſchönen Täub⸗ 4 chen von Amſterdam abgehalten haben, ihm ihre Hand zu geben. Sie hatte durch ihre dreimalige eheliche Ver⸗ bindung zu traurige Erfahrungen gemacht, um noch eine neue und wahrſcheinlich die traurigſte hinzuzufügen. Sie wollte ſich den heitern ſüßen Frieden, in welchem ſie lebte, durch nichts wieder ſtören laſſen, und ſo weh ihr die Trennung von ihren Nichten, die ſie als ihre eignen Töch⸗ ter zu betrachten gewohnt war, auch that, vorzüglich die von der holden und ſanften Maria, ſo erhielt ſie ſich doch jene reine Heiterkeit, welche edlen und ächt poetiſchen Na⸗ turen eigen iſt, daß ihr die Niederländer, die ſie faſt ſchwärmeriſch liebten und verehrten, immer noch den Na⸗ Der König von Spanien. 5 men des„fröhlichen Gretchens“ beilegten. Sie lieferte den Beweis, daß eine urſprünglich geſunde, von der ſtil⸗ len Glut der Poeſie durchwärmten Seele, wenn auch von grauſamen Schickſalsſchlägen zu Zeiten niedergebeugt, doch nie gebrochen werden kann. Der Vergnügungsquell der Poeſie, der in ihr ſprudelte, fluthete ihr ſtets die Schat⸗ ten aus dem Gemüthe, die der Schmerz hineingeworfen, und vom ſüßen Thau derſelben getränkt, richtete ſich der ſchöne Blumenkelch ihrer Seele immer wieder nach der Sonne der Freude empor. Nach der Abreiſe des däniſchen Königspaares blieb ihr nur die älteſte der Infantinnen, die Prinzeſſin Eleo⸗ nore. Doch hatte der Stolz und das hochfahrende We⸗ ſen derſelben ihr die Liebe der Tante nicht in dem Grade erwerben können, wie ihre jüngern Schweſtern ſie be⸗ ſaßen, und dann hatte der Liebeshandel mit dem Pfalz⸗ grafen Friedrich, welcher entdeckt worden war und mit ihrem Stolze ſo wenig im Einklang ſtand, ihr die Un⸗ gnade der Tante, des Bruders und des Großvaters zu⸗ gezogen. Ein anderes weibliches Weſen hatte um dieſe Zeit die ganze Gunſt der Erzherzogin zu gewinnen ge⸗ wußt. Dies war die Gräfin Agnes von Cardona. Die Warnung, welche Jakob Fugger in Bezug auf ſie der Erzherzogin hatte zukommen laſſen, hatte nur dazu ge⸗ dient, ihr Gelegenheit zu geben, um die Fürſtin durch ihre einſchmeichelnden Talente für ſich zu gewinnen. Doch hatte Margaretha's der Gräfin geſchenkte Gunſt noch einen 4 Der König von Spanien. beſonderen Grund. Wenn die Erzherzogin auch nicht den Willen hatte, durch ihren Neffen das Land zu regieren, ſo kannte ſie ſeine kindiſche Charakterſchwäche doch zu gut, um nicht den Wunſch zu hegen, daß er zuweilen und in wichtigen Angelegenheiten von ihr ſich leiten laſſen möchte und nicht von dem ſelbſtſüchtigen Adel. Sie wußte ja, daß ſie ihn nur zum Guten lenken würde, aber ſie war eben ſo überzeugt, daß die Partei, die ſich ſeiner bemäch⸗ tigt, ihn nicht immer zum Guten lenke, und ihr Herz blutete über die Zurückſetzungen, die ſie erfuhr. Auch war wohl einige weibliche Eitelkeit, die ſich verletzt fühlte, 2 dabei im Spiele. Und doch hegte ſie für ihr Geburts⸗ land und ihre Heimat eine ſchwärmeriſche Liebe, und eben ſo liebte ſie den unerfahrenen, leidenſchaftlichen Karl, und ſie ſah mit ſtillem Schmerz, daß, trotz ihrer ſorgſamen Erziehung, er dieſelbe zum Verderben führende Straße einſchlug, welche ſein Vater gewandelt war. Da bot ſich ihrem Kummer die Gräfin Cardona als trefflichſtes Werk⸗ zeug und als Vermittlerin ihrer wohlgemeinten Pläne dar. Die Gräfin hatte den Erzherzog wirklich eine kurze Zeit im Reiten unterrichtet und bei dieſer Gelegenheit ſo viel Einfluß auf ihn gewonnen, daß er ihre Geſellſchaft nicht lange entbehren konnte. Doch der Zauber, der von die⸗ ſer reizenden, jungen Dame ausging, hatte nicht allein den funßzehnjährigen knabenhaften Karl gefeſſelt; es war ihm faſt kein Mann am Brüſſeler Hofe entgangen, und es ſchien, als ſei der Oberhofmeiſter von Chievres, ein Der König von Spanien. 7 geſetzter, ritterlich ſtolzer Herr, au meiſten von ihm be⸗ fangen. Agnes war hier wieder die gefeierte Königin der Schönheit, und alle Würdenträger, weltliche und geiſtliche, beugten willig das Haupt unter ihr ſüßes Joch und zogen an ihrem Siegeswagen. Und dieſe Zauberin ſchmiegte ſich, wie ein Kind, zu den Füßen der Erzherzogin Margaretha, als läge ihr an keines Menſchen Beifall etwas, als an dem der hohen Frau und gerade an dieſem Alles. Sie bezeigte der Fürſtin eine ſchwärmeriſche Verehrung, die in ihren Aeußerungen aber ſo viel kindliche Natürlichkeit ent⸗ faltete, daß Niemand daran dachte, ſie könnte eine er⸗ künſtelte ſein, am wenigſten Margaretha ſelbſt. Und des⸗ halb hielt es dieſe für erlaubt, durch die Gräfin zu er⸗ reichen, was ſie durch ſich ſelbſt nicht erlangen konnte, Einfluß auf ihren Neffen und die Häupter des Hofadels. Die Gräfin ging mit Freuden auf die Plane der Erzher⸗ zogin ein und— täuſchte Alle. Natürlich war an ihr nur ein Gefühl, das ſie oft bei der Fürſtin ausſprach und worin ihr dieſe beiſtimmte, die gereizte Stimmung gegen den König Ferdinand von Aragonien. Ihre übri⸗ gen Neigungen und Abneigungen und ihre eignen Pläne wußte ſie allen Augen mit meiſterhafter Schlauheit zu ver⸗ bergen; ſelbſt der Probſt Innocenz war nur in einen kleinen Theil ihrer Geheimniſſe eingeweiht, und während er ſich für ihren Freund und Vertrauten hielt, war er nichts weiter als ein Werkzeug in ihrer Hand. Ein neues und großartiges Feſt wurde in Brüſſel 8 Der König von Spanien. vorbereitet, welches abermals die Vergrößerung und Er⸗ höhung des Glanzes des öſtreichiſchen Hauſes beabſichtigte, ein Kapitel des Ordens vom goldnen Vließ. Seit jenem Ordensfeſt, welches König Philipp kurz vor ſeiner Ab⸗ reiſe aus dem Niederland gehalten, hatte kein ſolches wie⸗ der ſtattgefunden, und ſeitdem waren zehn Jahre verſtri⸗ chen. Der Kaiſer hatte neuerdings gegen ſeinen Enkel den Wunſch ausgeſprochen, daß er dem Orden wieder neuen Glanz geben möchte. Die Anzahl der Ordensrit⸗ ter, welche zeither in dreißig Köpfen beſtanden hatte, war bis auf zwanzig zuſammengeſchmolzen und ſollte auf funf⸗ zig erhöht werden. Während der Vorbereitungen zu dieſem Feſte erſchallte der Kriegsruhm, den ſich der junge König Franz von Frankreich in Italien ſchnell errungen, über die Alpen herüber. Er war aus einer furchtbar heißen Schlacht am 13. und 14. September bei Marignano als Beſieger der Eidgenoſſen hervorgegangen und hatte Mailand als ſein Eigenthum beſetzt. Die dem deutſchen Reiche aus der Ligue von Kamerich verbliebenen Städte Brescia und Ve⸗ rona wurden von den verbündeten Franzoſen und Vene⸗ tianern bedroht. Dieſe Ereigniſſe waren für das öſtrei⸗ chiſche Haus ſehr bedenklich, und der alternde Kaiſer ent⸗ ſchloß ſich, im nächſten Frühjahr noch einmal gegen Fran⸗ zoſen und Venetianer in Italien zu ziehen. Der Erzherzog Karl hatte noch vor der Abhaltung des Kapitels eine Geſandtſchaft an König Franz abgeord⸗ Der König von Spanien. 9 net und um die Hand der Prinzeſſin Renate, hinterlaſſe⸗ nen Tochter des Königs Ludwig angehalten. Aber auch dieſer neue Verſuch, den Karl ohne Wiſſen ſeines kaiſer⸗ lichen Großvaters gemacht, Oeſtreich und Frankreich aus⸗ zuſöhnen, ſcheiterte an den ſpätern Ereigniſſen. An dem Feſttage aber lebte Karl noch in der Hoffnung. Die meiſten von den noch lebenden zwanzig Rittern des Vließes waren auf des jungen Großmeiſters Einla⸗ dung nach Brüſſel gekommen, eben ſo viele von denen, welche zu neuen Rittern beſtimmt waren, faſt lauter Nie⸗ derländer und Spanier. Die Erzherzogin Margaretha kam mit ihrer Nichte, der Infantin Eleonore von Löwen, und die Gräfin Cardona begleitete ſie. Die Verſammlung wurde von Tag zu Tag zahlreicher, und es ſchien, als ob das Kapitel das glänzendſte von allen noch abgehaltenen werden würde. Seit König Philipps Tode waren von Zeit zu Zeit vornehme, mit dem Regiment des Königs Ferdinand nicht zufriedene Caſtilier gern geſehene Gäſte am burgundiſchen Hofe zu Brüſſel geweſen. Ferdinand und Iſabella hat⸗ ten mit Hülfe des kräftigen und ſchlauen Cardinal Kime⸗ nes die ſtolze Macht und den trotzigen Uebermuth der caſtiliſchen Adelsariſtokratie gebrochen und aus den unab⸗ hängigen Ricos Hombres und Hidalgos, die unter dem prahleriſchen Namen der Grandes fürſtliche Vorrechte ge⸗ noſſen und den König nur als einen ihres Gleichen be⸗ trachteten, einen abhängigen und geſchmeidigen Hofadel zu Der König von Spanien. 10 bilden geſucht. Der einſt ſo wichtige Name der Ricos Hombres(reiche Männer) verlor ſich ſogar allmälig zu Anfang des 16. Jahrhunderts, nicht ſo leicht aber der Wunſch, ſich wieder zu der alten Macht und dem frühern Anſehen emporzuſchwingen, der von den Vätern auf die Söhne forterbte. Dieſe Hoffnung war von Philipp be⸗ trogen worden; ſie richtete ſich jetzt wieder auf Karl. Viele meinten ſich Vortheile zu ſichern und Zugeſtändniſſe für ſpätere Zeit zu erhalten, wenn ſie dem künftigen König aufwarteten, und bedachten nicht, daß ſie gerade dadurch ſich wieder zum lenkſamen Hofadel bildeten. Von der Erzherzogin Margaretha wurden ſie ſehr geehrt, und als Karl die Regierung der Niederlande ſelbſt übernommen und ein ſo glänzendes Hofleben in Brüſſel begonnen hatte, ſtellten ſich immer mehr ſpaniſche Granden, die einſt an Philipps luſtiger Königswirthſchaft Gefallen gefunden, ein, um an den Vergnügungen der leichtfertigen Niederländer Theil zu nehmen, da die zunehmende Krankheit ihres eig⸗ nen Königs, die eiſerne Strenge des Cardinals und der ernſte ſpaniſche Charakter jede Luſtbarkeit verboten. Viele junge Caballeros, denen das einförmige, ſteife Leben ihrer Väter in Spanien nicht mehr behagte, kamen, angezogen vom Gerücht der prächtigen und muntern Hofhaltung des jungen Prinzen von Caſtilien, nach Brüſſel und wurden hier bald von den ſchönen niederländiſchen Damen, vom Glanz und dem Reichthum, ſowie von der bunten Be⸗ weglichkeit des Lebens gefeſſelt. Aber König Ferdinand Der König von Spanien. 11 unterhielt auch ſeine Spione, wie ehemals, am brüſſeler Hofe, und die ſtolzen vornehmen Leute waren deshalb gegeneinander ſehr vorſichtig, da Keiner wußte, ob er dem Andern trauen durfte. Alle fanden aber einen ge⸗ meinſamen Anziehungspunkt bei der Gräfin Cardona, und obgleich ſie Vielen als ehemalige Hofdame der Königin Juana bekannt war, ſo zählten die Caſtilier ſie doch nicht zur Partei des Königs Ferdinand, da die Sage ging, ſie ſei wegen eines Minnehandels ungnädig von der Königin entlaſſen worden. Die Anhänger und geheimen Geſandten des Königs Ferdinand hatten immer Luſt, in ihr eine Verbündete zu ſehen, wiewohl ſie ihres eignen Vortheils wegen weislich vermieden, ſie dafür auszugeben. Wer konnte überhaupt mit Gewißheit ſagen, zu welcher Partei dieſes ſtets ſo offen ſcheinende, heitere, reizende Weib, das alle Männer feſſelte, eigentlich gehörte und welche Zwecke ſie verfolgte? Schien ſie doch nur der Luſt und den Zerſtreuungen des Hofs zu leben und mit ihrem Liebeszauber Alles in ihrer Nähe zu beherrſchen. Der Gedanke, daß ſie wohl verborgene Pläne verfolge, kam faſt Niemand zu Sinne, und ſelbſt die Erzherzogin Mar⸗ garetha, obgleich von Fuggers ausgeſprochenem Verdacht angeregt, hatte jedes Mistrauen gegen die Gräfin fahren laſſen und ihre reine kindliche Dichterſeele der fremden anmuthigen und lieblichen Jungfrau hingegeben. Kurz vor dem Ordensfeſte waren wieder mehre caſti⸗ liſche Hidalgos in Brüſſel angekommen, und unter ihnen 12 Der König von Spanien. ein Mann, der zehn Jahre früher hier eine zweideutige Rolle geſpielt hatte und Vielen noch bekannt war. Es war Don Hernandez de Villaquiran, den König Philipp als überführten Spion des Königs Ferdinand eine Zeit lang in hartem Gefängniß gehalten hatte. Doch dieſe Tage waren vorüber, und man erfuhr von andern Ca⸗ ſtiliern, daß Don Hernandez keineswegs in freundlichen Beziehungen zum König Ferdinand ſtehe. Er ward von der Erzherzogin Margaretha, die allein genau von den frühern Schickſalen dieſes Granden unterrichtet war, mit gewohnter Huld und Milde empfangen und bei Hof vor⸗ geſtellt. Der Erzherzog Karl behandelte ihn mit derſel⸗ ben Auszeichnung, wie alle andern Spanier. Am Abend des Tags ſeiner Ankunft wurde der Caſtilier von ſeinem alten Freunde, dem Probſt Innocenz, bei der Gräfin Car⸗ dona eingeführt. Die Augen der ſchwarzen Matty leuch⸗ teten in boshafter Freude, als ſie den ihr immer noch verhaßten Pfaffen mit dem Spanier, dem ſie einſt mit dem Zigeuner Antonio Cebes gemeinſchaftlich einen ſo ſchlimmen Streich geſpielt hatte, und den ſie ſogleich wie⸗ der erkannte, eintreten ſah. Der finſtere Caſtilier und die Gräfin begrüßten ſich ebenfalls als alte Bekannte mit einer gewiſſen Herzlichkeit. „Endlich!“ rief die reizende Agnes, bei ſeinem An⸗ blick und reichte ihm zum Willkommen die Hand.„Seit einem ganzen Monat warte ich auf Euch. Was bringt⸗ Ihr mir für Kunde aus unſerm Vaterlande?“ Der König von Spanien. 13 „Der König wird nicht allein am Leibe, er wird auch am Geiſte täglich ſchwächer und hinfälliger,“ entgegnete Don Hernandez,„und ſo trefflich mein geheimes Zureden und das unſerer gemeinſchaftlichen Freunde, dem jungen Don Fernando die ſpaniſchen Kronen und wenigſtens die von Aragonien, Neapel und Navarra zu hinterlaſſen, bei ihm gefruchtet hatte, ſo haben ihn doch die eaſtiliſchen Granden wieder auf andere Gedanken gebracht, und es iſt kaum Hoffnung vorhanden, daß Don Fernando auch nur König von Neapel werde. Der kranke König iſt wie ein ſchwankes Rohr geworden, und ſeit ſich unſere Gegenpar⸗ tei ſeiner bemächtigt, bin ich gleichſam bei ihm in Un⸗ gnade gefallen. Dieſe Niederländer ſind ſtark in Spa⸗ nien; ſie haben nicht nur mit den vornehmſten Caſtiliern gemeinſame Sache gemacht, ſie haben auch die Königin Germaine für ſich gewonnen, die, wie Ihr wißt, dem jungen Fernando nicht ganz ſo günſtig ſcheint, wie der König. Ich fürchte, dieſer unſer Plan ſcheitert.“ „So muß ein anderer gelingen!“ rief die Gräfin muthig.„Nur nicht verzagt! Wir hatten zuviel auf des Königs Liebe zum Infanten Fernando und auf ſeine Ab⸗ neigung gegen Karl und die öſtreichiſche Partei, ſowie auf ſeine alte Zähigkeit gerechnet. Die Natur iſt an ihm zur Verrätherin geworden. Sein thörichter Eifer, ſich ſelbſt noch einen Kronerben zu erzielen und die verkehrten Mit⸗ tel, dieſen Eifer zu unterſtützen, haben ihm die körper⸗ liche und geiſtige Kraft gebrochen. Aber die unſerige iſt Der König von Spanien. 14 noch ſtark und läßt ſich durch keine Widerwärtigkeit beu⸗ gen. Noch geb' ich den Plan nicht auf, und ſo lange nicht, als dem König der Athem ein- und ausgeht. Ich will ſelbſt nach Spanien. Hier hab' ich nichts mehr zu ſchaffen. Ihr habt mich an einen ſo trefflichen Freund in dem Probſt Innocenz empfohlen, daß ich es Euch nicht genug Dank wiſſen kann. Der hochwürdige Herr iſt ein treuer Anhänger unſerer Sache.“ Der Probſt polterte, aufs Höchſte geſchmeichelt, eine plumpe Dankſagung und ſchwur, wie ein Bovotsknecht, er lebe nur im Dienſte ſeiner ſchönen Freundin. „Da unſere Angelegenheit hier alſo einen ſo guten Beſchützer hat,“ fuhr die Gräfin anmuthig lächelnd fort, „und Ihr, Senjor, auch hinzugekommen ſeid, ſie weis⸗ lich zu fördern, ſo bin ich entbehrlich und will in Spa⸗ nien mein Glück verſuchen. Hier habt Ihr nur mein Werk fortzuſetzen, den jungen Herrn, der unſer König ſein wird, und ſeine Umgebung, die ihn lenkt und leitet, gegen den ſtolzen Geiſt der Spanier und vorzüglich gegen die Freiheiten und Vorrechte des Adels und des Volks einzunehmen. Sie hören hier dieſes Lied gar gern ſin⸗ gen; denn es iſt daſſelbe, welches Philipp anſtimmte, und deſſen Weiſe ja von Ferdinand und Iſabella erfunden wurde. Es iſt das Lied aller Könige. Ich hoffe, es ſoll uns gelingen, es den jungen Gimpel ſo pfeifen zu leh⸗ ren, daß, wenn er wirklich König aller Königreiche wird, die ſtolzen Spanier es nicht ertragen können.“ Der König von Spanien. 15 Don Hernandez nickte im Einverſtändniß, als wiſſe er wohl, wohin ſie ziele und was ſie nicht auszuſprechen wage; denn er hatte ſeinen Haß gegen König Philipp auf deſſen Sohn übergetragen, und es war ihm, wie vie⸗ len ſeiner Landsleute, ein bitterer Gedanke, dennoch einen Ausländer, und noch dazu einen Oeſtreicher, die ſpaniſchen Kronen tragen zu ſehen.— Der Probſt glotzte grinſend vor ſich hin und über⸗ legte, auf welche Weiſe er unter ſolchen Umſtänden einen Biſchofsſtab erlangen ſollte. „Wie aber ſteht es mit unſerm zweiten Plane?“ fragte die Gräfin ihren Landsmann,„ich meine mit der Heilung der Königin Juana? Hat der Knabe, den ich Euch geſchickt, die Wirkung auf ihren verdüſterten Geiſt hervorgebracht, welchen die Aerzte und vorzüglich Don Nicolo, das Licht aller ſpaniſchen Heilkünſtler, erwar⸗ teten?“ „In der That,“ antwortete Hernandez,„es ſchien an⸗ fangs, als ſollte Don Nicolo's ſpitzfindige Weisheit Recht behalten, und er ſchickte ſich ſchon an, zu triumphiren. Denn ganz außerordentlich war die Wirkung, welche der Anblick des häßlichen Jungen auf die Königin hervor⸗ brachte, ſobald ſie erfuhr, wer er ſei. Mit dem gellen⸗ den Schrei einer Hyäne ſtürzte die tiefſinnige Frau auf den Tölpel los, und es war wirklich, als ob auch die Blutgier eines hungrigen Raubthiers in ihr erwacht ſei. Sie faßte den zum Tod erſchrockenen und jämmerlich Der König von Spanien. 16 ſchreienden Buben mit beiden Händen, hob ihn empor, heulte ihm ins Geſicht und ſchickte ſich an, ihn todt zu beißen oder ihm den Hals um zu drehen. Sobald ihr aber ihr Beichtvater einige begütigende Worte zugerufen hatte, verwandelte ſich ihre Wuth ſchnell in Zärtlichkeit. Sie ſetzte den Knaben, den man vorher Philipp umge⸗ tauft hatte, auf ihr Polſterbett, weinte und lachte unter⸗ einander auf ihn los, liebkoſete ihn und gab ihm die ſüßeſten Namen. Vorzüglich angenehm ſchien es ihr zu ſein, daß der Knabe Philipp hieß, und die Vorſicht des Arztes, den Martin in einen Philipp umzuwandeln, be⸗ währte ſich auf das Trefflichſte. Schon glaubte Don Nicolo über die Hauptſchwierigkeit hinaus zu ſein, aber die Häßlichkeit des Knaben und ſein trotziges, tölpel⸗ haftes Betragen erregten bald das Misfallen und endlich ſogar den Widerwillen der Königin. Hätte der Junge verſtanden, ſich in die allerdings oft wunderlichen Launen der geiſteskranken Frau zu fügen, wir würden einen beſ⸗ ſern Erfolg erzielt haben. Nach ſechs Wochen litt ſie ihn aber nicht mehr um ſich; ſeine Gegenwart machte den übelſten Eindruck auf ſie, und wir mußten fürchten, ihren Zuſtand durch ihn zu verſchlimmern. Genug, auch dieſer Plan mislang. Der Knabe wird jetzt von den Mönchen des Kloſters Santa Clara erzogen, und ſo nah er auch der un⸗ glücklichen Frau iſt, ſo hat ſie ihn doch nicht wieder geſehen.“ „Wir mußten darauf gefaßt ſein, daß auch dieſer Plan zu Waſſer werden würde, und müſſen uns jetzt mit Der Koönig von Spanien. 17 der Ueberzeugung beruhigen, daß wir nichts verabſäumt haben, was irgend Hoffnung gab, uns dem Ziele näher zu führen. Aber es gibt hundert Wege dahin; wird uns der eine abgeſchnitten, ſo ſchlagen wir einen andern ein, und können wir auf dieſem nicht fort, ſo wird es auf dem dritten oder vierten möglich ſein; ja, wir wollen nicht ermüden und wenn wir zuletzt den hundertſten auf⸗ ſuchen müßten.“ „In der That, Ihr ſeid unerſchöpflich in Aufſuchung von Mitteln und Wegen, Senjora, und die Hoffnung unſerer Partei beruht allein auf Euch.“ „Ich habe mir ein Mittel ausgedacht, wie wir uns am geſchickteſten des jungen Karl bemächtigen, trotz ſei— ner ſchlauen niederländiſchen Räthe und Hofherrn und trotz aller hier verweilenden Caſtilier. Die Vorbereitun⸗ gen ſind bereits getroffen, und Ihr ſeid noch zur rechten Zeit gekommen, Don Hernandez, um mir bei der Aus⸗ führung behülflich zu ſein und die Leitung dieſes Planes zu übernehmen, wenn ich abgereiſt bin. Wir haben dazu ſehr treu Verbündete in der Stadt, von deren Anweſen⸗ heit Niemand etwas weiß, den Zigeunerhaufen Zaroya's mit der alten, verſtändigen und ſehr brauchbaren Kar⸗ racha und ihrem verſchmitzten Sohne Antonio, zigeune⸗ riſch Pepindorio genannt.“ „Ah mein wackerer Bruder! Find' ich ihn hier wie⸗ der! O wenn wir dieſe Landsleute auf unſerer Seite haben, dann zweifle ich nicht am beſten Erfolg Euerer Entwürfe!“ Ein deutſcher Leinweber. V. 2 — 18 Der König von Spanien. „Ihr werdet mich in dieſer Nacht noch in die geheime Wohnung der Zigeuner begleiten, um dort zu erfahren, was wir vorhaben, und an den Berathungen Theil zu nehmen. Wir müſſen die äußerſte Vorſicht anwenden, weil der Commandant der Stadt, Herr von Chievres, den Zigeunern den Aufenthalt verweigert und ſie mit grau⸗ ſamer Härte verfolgt.“ Da die Mitternachtſtunde vor der Thür war, ſo mach⸗ ten ſie ſich wohl verhüllt auf den Weg. Zweites Rapitel. Die Räume des Schloſſes waren feſtlich geſchmückt und die ältern Ritter des Vließes um ihren jugendlichen Großmeiſter verſammelt. Die Menge der eingeladenen Gäſte war groß. Denn nicht nur, daß der vornehmſte Adel des Landes auf den Wunſch des Erzherzogs erſchienen war, auch Deutſche und Franzoſen waren gekommen, und die Anzahl der anweſenden Spanier war nicht gering. Der Flor der Edeldamen, durch das Wort des jungen Herrſchers herbeigerufen, riß zur Bewundrung hin. Auch die beiden Erzherzoginnen, Tante und Nichte, traten mit der ihrem hohen Range gebührenden Pracht und mit einem weit größern Gefolge auf, als man ſie ſonſt zu ſehen gewohnt war. Margaretha ſchien ſich verjüngt zu haben und ſtrahlte im hohen Reiz ihrer Schönheit. Außerdem war die ganze Stadt voll von Fremden niedern Standes, vorzüglich reicher, angeſehener Kaufleute aus den Handels⸗ ſtädten, mit Frauen und Töchtern, die in Glanz und Pracht den höchſten Adel zu überbieten ſuchten. Man be⸗ 9* 2 7 20 Der König von Spanien. trachtete das Ordenskapitel als ein Nationalfeſt; denn das güldene Vließ war ja ein burgundiſcher Orden.— Unter den Fremden wurde auch Marx von Bübenhoven mit ſeiner jungen Frau bemerkt, die er der Erzherzogin Margaretha vorſtellte. Am Morgen war Gottesdienſt in allen Kirchen der Stadt. Nach der Meſſe zogen die einzelnen Korporationen dem Schloſſe zu; die hohe Geiſtlichkeit, die Ritter, die Gäſte, ein Theil der Stände, die Regierungsbehörden, der Magiſtrat der Stadt. Der glänzende Hofſtaat empfing ſie im Schloſſe. Die waloniſchen Garden waren in den Corridoren aufgeſtellt. Wappenherolde leiteten die einzel⸗ nen Züge zum großen Thronſaal. Die Erzherzoginnen nahmen mit ihrem Gefolge auf einer Eſtrade zur Rechten des Thrones Platz; zur Linken deſſelben war den übrigen Damen der Stand angewieſen. Die Ordensritter um⸗ gaben den Thron. Neben ihnen der Erzbiſchof von Mecheln und die Biſchöfe und Prälaten des Landes. Alle Andern waren im Saal vertheilt. Als Alle beiſahmen waren, verkündete eine Trompetenfanfare die Ankunft des Erz⸗ herzogs. Mit den Großmeiſterinſignien des Vließordens geſchmückt, trat er in die Mitte ſeiner Räthe und Hof⸗ herrn herein, erwiderte freundlich den ehrfurchtsvollen Gruß der Verſammlung und ſtellte ſich mit bedecktem Haupte unter den Thronhimmel. Der am Thron ſtehende Wap⸗ venherold gab mit der Trompete das Zeichen, daß ſe Kapitel eröffnet ſei, und der Erzbiſchof ſprach laut“ kurzes Gebet und ertheilte den Segen. * Der König von Spanien. 21 Der Herold erhob ſeine Stimme:„Auf Befehl des durchlauchtigen Herrn Erzherzogs Karl von Oeſtereich, Her⸗ zogs von Burgund und Niederland, königlichen Prinzen von Caſtilien und Leon, Aragonien und Granada, Nea⸗ pel und Sicilien, hochwürdigſten Großmeiſters des Or⸗ dens vom güldnen Vließ, iſt dieſes Ordenskapitel aus⸗ geſchrieben worden und wird hiermit feierlich eröffnet.“ „Ja, meine edlen Gäſte,“ nahm Karl das Wort, „die mein Ruf gen Brüſſel entboten hat, das Feſt gilt der neuen Weihe des burgundiſchen Ordens, den mein Ahn Philipp der Gute geſtiftet. Das güldne Vließ er⸗ ſtrahle wieder als köſtliches Kleinod der Herzogskrone von Burgund! Wir haben beſchloſſen und verfügt, daß die Statuten des Ordens erneuert und erweitert, die Zahl der Ritter aber auf funßzig erhöht werde. Das Ordenszeichen iſt das güldne Vließ des Widders, das zu erobern einſt der Held Jaſon mit andern Helden auszog und darob manche Gefahr ritterlich beſtand! Es iſt uns ein Symbol der hohen unbefleckten Ritterehre und der Vertheidigung des Glaubens an das Lamm Gottes, das die Sünden der Welt trug. Mit Ehren leben und im Glauben ſterben, das befiehlt das güldne Widderfell ſeinem Beſitzer. Die Ordenskette aber iſt aus bildlichen Feuerſtählen und Steinen, aus denen das Feuer ſprüht, zuſammengeſetzt. Sie bedeutet den ritterlichen Muth, der in Flammen aufſprüht, wen dern Feind ihm nahe tritt. — Heil der Ehre! Heil dem Glauben! Heil dem Muthe 22 Der König von Spanien. meiner Ordensritter!— Graf von Hanneton, Katzler des Ordens, verleſ't die neuen Statuten!“ Der alte Kanzler kam dem Befehle nach. Nach die⸗ ſem Akt knieten mehre Pagen, welche Ordensinſignien auf ſeidnen Kiſſen trugen, auf die Stufen des Throns; ein neuer Trompetentuſch erſchallte, und der Kanzler verlas die neuen Ordensglieder, die dann, ſo viel ihrer zugegen waren, der Großmeiſter an den Thron rief, um ihnen die Ordenskette umzuhängen. An die Abweſenden wur⸗ den Geſandte mit den Inſignien abgeordnet. Unter den neuernannten Rittern befanden ſich der König Franz 1 von Frankreich, Erzherzog Ferdinand von Oeſtreich, Infant von Spanien, König Emanuel von Portugal, der Kron⸗ prinz, oder, wie er genannt wurde, König Ludwig von Ungarn, der Markgraf Johann von Brandenburg, der Pfalzgraf Friedrich bei Rhein; dann einige der anweſen⸗ den ſpaniſchen Granden und mehre nicht anweſende, als die Herzöge von Alba, Escalvna, Infandado, Fri Vejar und Najara. Endlich mehre vom höchſten nieder ländiſchen Adel. Don Heinandez hatte ſich geſchmeichel⸗ den Orden zu erhalten und ergrimmte innerlich, als er ſich getäuſcht ſah. Er und die Gräfin Cardona, welche auf der Eſtrade der Erzherzoginnen ſtand, wechſelten einige bedeutungsvolle Blicke miteinander. Bei der Bec glückwün⸗ ſchung ſagte der Erzherzog jedem neuen Ritter einige verbindliche Worte, und auch die Erzherzogin Margaretha entfaltete den ganzen Zauber ihrer Anmuth Sobald Der König von Spanien. 23 dieſe Feierlichkeit vorüber war, erhob ſich das Kapitel, den Großmeiſter in der Mitte, die hohe Geiſtlichkeit an der Spitze, von den Damen und allen Andern gefolgt, und ging in glänzender Proceſſion nach der Domkirche, wo die Ritter ihre Wappen um den Altar aufgehängt fanden. Jeder ſtellte ſich unter ſein Wappen, oder der erwählte Stellvertreter, und der Erzbiſchof hielt den Got⸗ tesdienſt, welcher mit dem ambroſianiſchen Lobgeſang be⸗ ſchloſſen wurde. Zu den Luſtbarkeiten des Feſtes war eine ganze Woche beſtimmt, und ſie beſtanden herkömmlicher Weiſe in leich⸗ ten Ritterſtechen, wobei nicht mehr, wie ſonſt, Mann gegen Mann einzeln kämpfte, ſondern Haufe gegen Haufe, im Ringel- und Wettrennen, in Mummereien, Poſſen⸗ ſpielen, Banketen und Tänzen. Der Zudrang des Bolks war über die Maßen groß; an allen öffentlichen Orten war Tanz und Spiel, und die niederländiſche Fröhlichkeit that ſich überall kund. Während des Feſtes verbreitete ſich am Hofe und un⸗ ter den Gäſten ein Gerücht, das ſchon einige Zeit in der Stadt umgegangen war, und,— da Gerüchte der Art gerade nichts Ungewöhnliches waren und der Inhalt der⸗ ſelben meiſt von allen Menſchen, Niedern und Hohen, wie das Evangelium geglaubt wurde—, anfangs nur wenig Aufſehen erregt hatte. In einer abgelegenen, engen, ſteilen Straße einer Vor⸗ ſtadt, ſtand abgeſondert von andern Häuſern ein uraltes 24 Der König von Spanien. ſteinernes und zum Theil ſchon verfallenes Ritterhaus. Der Letzte des adligen Geſchlechts, welches das Haus be⸗ ſeſſen, hatte es ſchon nicht mehr bewohnt, und war un⸗ beerbt mit ſeinem Herzog unter den Streitärten der Schweizer gefallen. Seine Lehen waren von Marximilian eingezogen worden, um das alte, düſtre, unbewohnte Haus hatte ſich Niemand mehr bekümmert. Eine alte Sage ging, ein früherer Bewohner deſſelben habe ſeine Braut oder junge Frau darin ermordet und beide ſpukten als ruheloſe Geiſter darin. Dieſe Geſpenſtergeſchichte war es, welche während des Ordensfeſtes plötzlich wieder auftauchte und ſich von den untern Schichten des Volks allmälig in die obern verbreitete, bis ſie bei einem Tanz in der Hofburg mit einer auffallenden Beſtimmtheit und bedenklichen Einzelum⸗ ſtänden erzählt wurde. Niemand ahnete, daß dieſes Ge⸗ rücht ganz allein von der Gräfin Cardona ausging und daß Don Hernandez ihr dabei am meiſten behülflich war. Und doch hatte ſie es zuerſt durch ihre Dienerſchaft, ob⸗ ſchon mit großer Vorſicht, unter dem Volke ausbreiten laſſen. Dann hatte ſie die Herrn, die ihr aufwarteten, darüber befragt und denen, die noch nichts davon wußten, mitgetheilt, daß in den Mitternachtsſtunden ein geiſter⸗ haftes Treiben in dem alten Ritterhauſe bemerkt werde. Endlich ſtachelte ſie durch Spottreden den Muth eines jungen vornehmen Edelmanns, der ihr vorzüglich den Hof machte, Namens Anton von Lalain, Herr von Mon⸗ tigny, eines der neuen Ritter des Vließes, zu dem Der König von Spanien. 5 Abenteuer auf, eine Nacht in dem Ritterhauſe zuzu⸗ bringen. Man erfuhr anfangs nichts Beſtimmtes von dem Re⸗ ſultat ſeines Unternehmens, doch erzählte man ſich unter dem Siegel der Verſchwiegenheit allgemein, mehre junge muthige Edelleute wären in der geſpenſtigen Ritterburg für ihren Vorwitz übel beſtraft worden. Als die Erzherzogin nach Briüſſel gekommen war, hatte die Gräfin auch ihr die Geſpenſtergeſchichte erzählt, und Margaretha hatte die Umgebung ihres Neffen erſucht, ihm nichts davon mitzutheilen, damit ſeine Tollkühnheit ſich nicht in eine Gefahr begebe, die leicht von den trau⸗ rigſten Folgen ſein könnte. Dieſer Wun ſch kam übrigens ſchon zu ſpät. Karl hatte bereits von den Geſpenſtern gehört, aber ſein Flatterſinn hatte dieſer wunderlichen Geſchichte nicht ſonderlich Acht gehabt, und im Drange der Feſtlichkeiten hatte er ihrer faſt wieder vergeſſen. Eines Tages hatte er die Gräfin Cardona zum Tanze aufgezogen. „Ihr ſchenkt Euch meiner durchlauchtigſten Frau Tante mehr als mir,“ ſagte der junge Fürſt zu der reizenden Dame.„Wenn es nicht Feſte in Brüſſel gibt, wird man Euch nur in Löwen finden können.“ „Sonderbar!“ verſetzte die Gräfin.„Ihre Hoheit die Frau Erzherzogin macht mir denſelben Vorwurf: ich ſei viel zu viel in Brüſſel. Es gebührt mir, mich zu den Frauen zu halten.“ 26 Der König von Spanien. „Und doch entbehren Euch die Männer ſchmerzlich.— Seit meine gnädige Tante ſich von mir getrennt hat, ſind edle Frauen an meinem Hofe ſo ſelten, daß eine ſchöne geſpenſtige Dame hier die Einzige iſt, die von ſich reden macht.“ „Ein Geſpenſt?— Ueber Geſpenſter mag ich nicht mit Euch ſcherzen, gnädigſter Herr. Die Sache iſt mir zu ſchauerlich.“ „Ihr ſcheint mehr davon zu wiſſen, als ich.“ „Und was weiß Ew. Hoheit davon?“ „Soviel wie nichts. Es ſoll ſich eine ermordete Dame in einem alten, unbewohnten Hauſe ſehen laſſen. Ich habe darüber gelacht. Wer hat ſie geſehen? Niemand.“ „Bleibt bei Euerm Glauben, Durchlaucht.“ „Ihr macht ein ernſtes und bedenkliches Geſicht zu Euerm guten Rath. Sagt mir doch, was Ihr von der Spukgeſchichte wißt.“ „Ich darf nicht.“ „Ihr dürft nicht?! Was iſt das? Was ſteckt hinter Euerer Weigerung?“ „Ich bitte Ew. Hoheit, fragt mich nicht über dieſe Sache. Genug, ich würde meine Pflicht verletzen. Es ſtehen Euch und der Welt ſo große Veränderungen und Ereigniſſe bevor, daß man ſich nicht wundern darf, wenn übernatürliche Erſcheinungen darauf hindeuten. Dies iſt zu allen Zeiten der Fall geweſen, wenn große Begeben⸗ heiten vor der Thüre waren.“ Der König von Spanien. 27 „Eure Worte klingen ſchier ſchauerlich. Habt ihr neuer⸗ dings wieder Nachrichten aus Spanien? Ich habe ge⸗ funden, daß die Eurigen immer ſichrer waren, als die meinigen.“ „Ich weiß nichts weiter, als daß der König ſchmerz⸗ lich an Bruſtwaſſerſucht und Herzerweiterung leidet und ſeiner Auflöſung mit ſtarken Schritten entgegen geht. Er verſucht es, ſich ſelbſt über ſeinen Zuſtand zu täuſchen und bringt ſchier Tag und Nacht auf der Jagd im Walde zu. Die Königin begleitet ihn. Aber ſeine Kräfte neh⸗ men ab; er läßt ſich oft durch Wald und Feld tragen; das Athmen fällt ihm ſchwer, und er klagt, daß er in volkreichen Städten zu erſticken fürchte.“ „Und ſind ſeine Geſinnungen gegen mich und meinen Bruder noch dieſelben?“ „Er liebt Euern Bruder wie einen Sohn.“ „Und mich liebt er nicht. Niemals hat er mich zu ſehen verlangt. Deshalb bin ich nie nach Spanien ge⸗ kommen. Nie ſah mein Auge meine nächſten Blutsver⸗ wandten; nie durfte ich meinen Bruder Ferdinand ans Herz drücken, nie meine jüngſte Schweſter Katharina liebkoſen, nie meinem mütterlichen Großvater meine Ehr— furcht bezeigen, und kaum erinnere ich mich dunkel der Geſtalt meiner unglücklichen Mutter. O ich hätte ſo gern einmal an ihrem Herzen geweint! Iſt es nicht grauſam vom König Ferdinand, daß er mir verweigert hat, die ſüßen Gebote meines Herzens zu erfüllen? So viel Liebe 28 Der König von Spanien. auch meine Tante Gretchen an mich verſchwendet hat, um mir Vater und Mutter zu erſetzen, und ſo ſehr ſich meine drei Schweſtern hier bemüht haben, mich vergeſſen zu machen, daß mir in Spanien noch ein Bruder und eine Schweſter leben, die ich noch nicht geſehen, ſo zieht mich doch oft die Sehnſucht dorthin, um meinem liebenden Herzen ein Genüge zu thun.“ „Dieſe Sehnſucht wird bald erfüllt werden,“ ſpöttelte die Gräfin mit kaum verſteckter Verdrießlichkeit. „Und nun ſagt man mir,“ fuhr der Erzherzog in ſeiner weichen Stimmung fort, ohne den Spott und den Verdruß ſeiner Tänzerin zu verſtehen,„daß dieſet mein„ Großvater, den ich mit nichts beleidigt, mich der mir von Gott und Rechts wegen gebührenden Königskrone berauben will, um ſie ſeinem geliebten Enkel, den er er⸗ 1 zogen, zuzuwenden.—“ „Ew. Hoheit wird dagegen ſchon die rechten Maß⸗ regeln zu ergreifen wiſſen.“ „Was ſoll ich thun? Der Dechant von Löwen ſchreibt mir aus Spanien: nicht zum Könige, nur zum Regenten während meiner Abweſenheit ſei der Infant Fernando beſtimmt.“ „Vom Regenten zum Könige iſt nur ein Schritt.“ „Ich brauche auch keinen Regenten; denn ich will ſelbſt in Spanien regieren.— Wenn ich ſelbſt dorthin komme, hoffe ich mich mit meinem Bruder gut zu ver⸗ tragen.“ —— Der König von Spanien. 29 „Ihr werdet wohl daran thun, durchlauchtiger Herr Erzherzog. Wenn er ſich nur eben ſo gut mit Euch ver⸗ trägt.— Die Gräfin war mit dieſer Unterredung eben nicht zufrieden; doch wußte ſie ihre Verſtimmung mit gewohn⸗ 3 3 ter Meiſterſchaft zu verbergen. Der Erzherzog hatte nichts Eiligeres zu thun, als ſeinen Lieblingspagen Vivian de la Chaur aufzuſuchen.„Sag' was weißt du von den Geſpenſtern in der Martinsvorſtadt?“ Der Page erſchrak ſichtbar und ſtammelte verlegen, er wiſſe nichts davon. „Du lügſt, Vivian, und die Lüge ſteht dir auf dem Geſicht. Es iſt dir alſo auch verboten, mir etwas davon zu ſagen. Und das Verbot geht natürlich von Herrn von Chievres und meiner lieben Frau Tante aus.“ „Nun da Ihr's wißt, gnädigſter Herr, brauch' ich's Euch nicht zu ſagen. Aber Ihr müßt mir bezeugen, daß Ihr es nicht von mir wißt.“ „Das iſt ja eine merkwürdige Vorſicht! Nun will ich aber von dir wiſſen, was in dem alten Hauſe vorgefallen iſt, das mir durchaus verſchwiegen werden ſoll.“ „Ich beſchwör' Ew. Hoheit, mich nicht in große Unan⸗ nehmlichkeit zu bringen! Fragt doch den Pfalzgrafen, der wird, um ſich wieder Eure volle Gunſt zu erwerben, Euch Alles ſagen, was Ihr wiſſen wollt.“ „Das iſt ein guter Einfall. Meiner Frau Vormün⸗ derin zum Trotz, will ich hinter dieſes aller Welt be⸗ —————————— 30 Der König von Spanien. kannte Geſpenſtergeheimniß kommen, was mir allein ver⸗ borgen bleiben ſoll.“ Er beſchied den Pfalzgrafen in ein Zimmer. „Wenn Euch ernſtlich daran liegt, die Scharte bei mir auszuwetzen und Euch meine Gnade wieder zu er⸗ werben, ſo ſagt mir, was die Geſpenſter in der Mar⸗ tinsvorſtadt angeſtellt haben.“ „Wenn Ihr befehlt, Hoheit, darf ich es Euch nicht verweigern, obgleich die Frau Erzherzogin nicht will„daß Ihr die wunderlichen Geſchichten erfahren ſollt. Der Ritter von Lalain hat ſich, von ſeinem Muth angeſpornt, beigehen laſſen, den Geiſtern in der Katharinenburg einen nächtlichen Beſuch zu machen. Es ſoll ihm dabei man⸗ cherlei Seltſames begegnet ſein. Der junge Herr von Brederode iſt ſeinem Beiſpiele gefogt; ebenſo der Graf Adolph von Horn. Und dieſen ſoll es noch ſchlimmer ergangen ſein. Gewiſſe Nachrichten kann ich Euch freilich nicht geben. Fragt den Lalain ſelbſt. Sobald Ihr ihm befehlt, Euch Alles zu bekennen, wird er Euch nichts zu verſchweigen wagen.“ „Schickt ihn hieher!“ Der Pfalzgraf ging, und bald darauf trat der junge Ritter in das Zimmer. „Ei, Ritter, Ihr habt mit Geiſtern zu thun gehabt und mir kein Wörtchen davon mitgetheilt.“ „Gnädigſter Herr, es iſt verboten, mit Euch davon zu reden.“ Der König von Spanien. 31 „Wenn ich aber Euch befehle, dies zu thun?“ „Euer Befehl geht über jeden andern in dieſem Lande.“ „Wer überhaupt hat außer mir hier zu befehlen und zu verbieten?“ „Die hohe Dame, die Euch über Alles liebt, fürchtet, daß mein Abenteuer Eure eigne Kühnheit in Verſuchung führen möchte, wie ich denn wirklich ſchon einige Nach⸗ folger gehabt habe, die aber Alle nicht beſſer angekommen ſind als ich.“ „Laſſen wir die Beſorgniß der Frau Tante. Ihr ſpannt meine Neugierde auf's Höchſte. Denn wahrlich ich trau' Euerm Muth zu, daß er ſich nicht vor dem Teu⸗ fel fürchtet.“ „Ich glaube ſelbſt, ich wollte mit dem Teufel fertig werden, wie jeder fromme tapfre Ritter, aber mit des Teufels Großmutter hat's Keiner gern zu thun. Und dieſe verteufelte Ehre war mir zugedacht.“ „Wirklich? Man ſieht daraus, daß Euch die Frauen Antheil ſchenken.— Doch erzählt!“ „Zu Befehl, durchlauchtiger Herr! Ich hatte ſchon einigemal von dem Spuk in der Martinsvorſtadt gehört. Meine Neugierde wurde erregt. Ich ging eines Tags hinaus, mir das verrufene Haus zu beſichtigen.“ „Am Tage pflegen die Geiſter nicht umzugehen.“ „Ich begegnete auch keinem, nicht einmal einem in Fleiſch und Bein. Das Haus war öde; die verfallenden Mauern und Wände ſahen ſchauerlich nüchtern aus Doch 32 Der König von Spanien. war mir's zuweilen, als vernähme ich ein dumpfes Ge⸗ räuſch, wie ein fernes Hämmern, Schlagen, Klopfen. Mein geſpanntes Ohr vermochte aber die Töne nicht ſcharf zu faſſen, ſo daß ich zweifelhaft wurde, ob ſie nicht mein wallendes Blut erzeugt. Genug, ich beſchloß meinen Be⸗ ſuch in der Mitternacht zu wiederholen.“ „Das war von Euerm Muth zu erwarten.“ „Einſtweilen ließ ich mir erzählen: Der Ritter, wel⸗ cher ſeine Braut ermordet, wahrſcheinlich aus ierſucht und wie ſich von ſeblſt verſteht, ohne allen triftigen Grund, ſei ein Mönchlein geworden, um ſeine Schuld zu fühnen. Nichts deſtoweniger geben ſich beide alle Nacht ein Stell⸗ dichein an der Stätte des Verbrechens, und des f Großmutter ſpiele die dritte Perſon.“ „Die Mordgeſchichte hab' ich ſchon gehört. Erzihlt mir nur, was Euch geſchah.“* „Ich fand mich kurz vor Mitternacht ein. Der Gei⸗ ſterſpuk ließ nicht lange auf ſich warten. Ich rief das Mönchlein an und befahl ihm die Maske abzulegen. Es kümmerte ſich nicht um mich. Ich drohete zu ſchießen und ſchwur, daß meine Piſtolen ſcharf geladen ſeien. Die Geiſter nehmen keine Notiz von mir. Das Knacken des Hahns bringt ſie nicht außer Faſſung, ich ſchieße, und die Kugel rollt zu meinen Füßen zich greife zum Degen: im Nu liegt er klirrend vor mir; und ich weiß nicht, wer mich entwaffnet hat. Da vergingen mir die Sinne, und als ich wieder zu mir kam, lag ich auf der Straße wie 3 Der König von Spanien. 33 ein Betrunkener und die kühle Herbſtnacht ſah eben nicht freundlich auf mich. Wüthend drang ich wieder in das Haus, da ſtürzt mir ein ſcheußliches altes Weib, wie von Höllenflammen roth beleuchtet, entgegen. Ich will ihr mit dem Degen zu Leibe, da zückt ſie ein rothglühendes Schwert gegen mich, und die Klinge meines Degens zer⸗ ſpringt, ſowie ſie dieſelbe mit ihrem Teufelsſchwerte be⸗ rührt, wie wenn ſie von Glas wäre. Plötzlich iſt Alles Nacht um mich, und nun regnet es von allen Seiten bar⸗ bariſche Schläge auf meinen Corpus, bis mir abermals Sinne und Verſtand vergehen. Und abermals lieg' ich auf der Straße, als der Morgen dämmert, braun und blau gefchlagen, meine Waffen, die mich ſo ganz und gar im Stich gelaſſen, neben mir. Es war mir nicht wohl zu Muth, wie Ihr Euch wohl denken könnt, gnädigſter Herr.“ Der Erzherzog wollte ſich über die Schläge, welche der Ritter erhalten, todt lachen, dankte für die Mitthei⸗ lung und kehrte wieder zur Geſellſchaft zurück. Die Hofherrn, zu denen er ſich geſellte, unterhielten ſich eben von einer kleinen Zigeunerin, welche am Tage auf den Straßen getanzt hatte, und faſt alle ſtimmten im Preis ihrer Reize überein. „Sie war ſchon zum Beilager des Königs von Däne⸗ märk hier,“ bemerkte Lalain,„aber ſie hatte ſich kaum auf den Straßen gezeigt, als ſie durch einen Machtſpruch des Stadteommandanten mit ihrer Geſellſchaft vertrieben wurde. Ein deutſcher Leinweber. V. 3 Der König von Spanien. 34 Erſt die Bekanntmachung des durchlauchtigen Erzherzogs, daß zum Ordensfeſt allem Volke die Thore von Brüſſel offen ſtehen, hat ſie ſchnell zurückgeführt.“ „Was kann Euch ſo gegen das liebliche Kind einge⸗ nommen haben, Herr von Chievres?“ fragte ein Andrer. „Ihr ſeid doch ſonſt nicht grauſam gegen weibliche Schön⸗ heit.“ „Dieſe Aegyptier ſind Schelme und Betrüger, die von der Leichtgläubigkeit des Volks leben,“ verſetzte der Oberhofmeiſter mit Leidenſchaftlichkeit.„Sie wahrſagen und ſtehlen, und die eigenthümliche Schönheit ihrer jun⸗ gen Frauen und Töchter hat ſchon manches Männerherz berückt und zu dummen Streichen verleitet.“ „Faſt ſcheint es, als ob Ihr aus eigner Erfahrung ſprächet,“ bemerkte der Erzherzog ſcherzend, und die Hof⸗ herrn lachten auf Koſten des ſtrengen Stadtcommandanten. „Sie bringen nie etwas Gutes, aber ſie nehmen immer etwas Gutes mit,“ ſagte Chievres ernſt.„Ihre Schlauheit weiß den Klügſten zu betrügen, und in dieſer Beziehung ſpreche ich allerdings aus eigner Erfahrung. Es iſt Pflicht des Herrſchers die Unterthanen gegen ſolche Raubvögel zu ſchützen. Befiehlt Ew. Durchlaucht, und ich laſſe die ganze Zigeunerbande morgen aus der Stadt bringen.“ „Ich habe allem Volke zu meinem erſten Ordensfeſte Gaftfreundſchaft verſprochen und werde dies Gelöbniß auch den Zigeunern halten. Sie ſind keines Verbrechens über⸗ * Der König von Spanien. 35 wieſen. In Spanien ſind die Zigeuner heimiſch. Als Spaniens künftiger König will ich auch ihnen gnädig ſein.“ Dieſe mit einer gewiſſen Würde, die man noch nicht an Karl bemerkt haben wollte, geſprochnen Worte er⸗ regten den Beifall ſeiner Umgebung und gingen im Saale von Mund zu Mund. Jedermann ſprach von der ſchönen Zigeunerin; alle Damen nahmen ſich vor, ſich von ihr wahrſagen zu laſſen, alle Herrn beſchloſſen, ſie tanzen zu ſehen, und Herrn von Chievres Strenge gegen das Nomadenvolk fand eine allgemein geglaubte Erklärung, die man ſich zuflüſterte, nämlich: er habe nicht nur einſt eine heftige Leidenſchaft zu einer Zigeunerprinzeſſin gefaßt, ſei aber von derſelben kurz und bündig abgewieſen, ſondern der habſüchtige, geld⸗ gierige Mann ſei von den Zigeunern auch um eine ſehr bedeutende Summe betrogen worden. 36 Drittes Rapitel. Am folgenden Tage ſagte der Erzherzog Karl zu ſeinem Lieblingspagen, als er mit demſelben allein war:„Schwöre mir mit deinem Ehrenworte, daß du nicht verrathen willſt, was ich dir jetzt anvertrauen will.“ Der Page leiſtete den Schwur in die Hand ſeines Gebieters. „Du mußt ein Paar gemeine Bürger- oder Bauern⸗ anzüge für uns ſchaffen. Wir wollen verkleidet zu den Zigeunern gehen. Ich will das ſchöne Mädchen auch ſehen, von dem die Herrn ſo viel Rühmens gemacht haben. Und auch wahrſagen will ich mir laſſen. Auch hab' ich mir einmal ſagen laſſen, die Zigeuner verſtünden durch Zauberkünſte und Amulete die Macht böſer Geiſter zu brechen. Ich will und muß in dieſer Nacht in das Geſpenſterhaus, es läßt mir nicht Ruh und Raſt; ich muß es mit dem Spuk aufnehmen, bei Gott und meiner Ehre!“ „Ach, Hoheit!“ rief der Page erſchrocken,„ich bitt' Euch um der heiligen Jungfrau, ja um aller Heiligen Der König von Spanien. 37 willen, laßt Euch weder mit den Zigeunern, noch mit den Geiſtern ein!“ „Schweig' und thu' was ich dir befohlen! Kein Menſch in der Welt ſoll mich von meinem Vorſatz, den, Ge⸗ ſpenſtern einen Beſuch zu machen, abbringen, und wenn er der Papſt ſelbſt wäre.“ „So laßt wenigſtens den Beſuch bei den Zigeunern. Sie werden auf der Stelle wiſſen, wer Ihr ſeid, und Ihr könnt dadurch in böſe Händel kommen. Das Amulet aber würde Euch lächerlich machen. Wollt Ihr durchaus zu den Geiſtern, ſo verlaßt Euch wenigſtens allein auf Euern Muth, wie es einem Fürſten geziemt.“ „Da haſt du recht; es ſähe aus wie Feigheit. Und verrathen will ich mich dem Zigeunervolk auch nicht Ich werde die kleine Tänzerin im Schloſſe tanzen laſſen. Und wahrſagen— das ſoll ſie mir ein andermal. Heute Nacht alſo nur zu den Geſpenſtern!“ Der Page ſchaffte für den Erzherzog den verlang⸗ ten Anzug und begleitete ihn in der Nacht nach dem Ritterhauſe. Die Anſtalten waren ſo geheim und vor⸗ ſichtig getroffen, daß Niemand eine Ahnung von der Ent⸗ fernung des jungen abenteuerluſtigen Fürſten hatte. Karl trug ein Paar ſcharf geladene Piſtolen und ſeinen Degen, Vivian außer ſeinen Waffen ein Paar Fackeln, die er erſt vor dem Hauſe in Brand ſetzte. Der Erzherzog nahm eine derſelben und trat in die offenſtehende Pforte des Hauſes.„Hier bleibſt du mit — Der Koͤnig von Spanien. der andern Fackel ſtehen; hörſt du ſchnell zwei Schüſſe hintereinander, dann eilſt du mir zu Hülfe. Mein Ruf wird dir den Weg zeigen.“ Dem Pagen war nicht wohl bei der Sache zu Muth, aber er mußte gehorchen. Die Novembernacht war kalt und unfreundlich, ein rauher Sturm fegte die menſchen⸗ leere Straße und warf die Flamme der Fackel zur Seite. Der Page wickelte ſich ſchauernd in ſeinen kurzen Mantel und verſuchte ein Liedchen zu trällern, aber es wollte ihm kein rechter Ton aus der Kehle. Fröſtelnd ging er einige Schritte weit auf und ab und lehnte dann in Gedanken verſinkend an die feuchte Mauer. Der Erzherzog ging raſchen Schritts durch eine weite, wüſte Hausflur, deren zerbröckelnde Wände das düſtere Fackellicht unheimlich zurückwarfen, und ſtieg eine enge ſteinerne Wendeltreppe hinauf, auf der ſein Fuß oft durch Schutt und Steingerölle aufgehalten wurde. Auf einem ſchmalen Gange angekommen, ſah er eine Thür vor ſich, welche dem Drucke ſeiner Hand wich. Er trat in ein hohes Gemach, das von der Zeit und wahrſcheinlich auch von zerſtörender Menſchenhand in einen traurigen und verwüſteten Zuſtand verſetzt war. Das Getäfel war ver⸗ fault und zerbrochen, lange Fetzen von Ledertapeten hin⸗ gen an den Wänden, die Fenſter waren zu Theil zer⸗ trümmert, und der Nachtwind pfiff ſchaurig durch ſie und das halb eingeſtürzte Kamin. Ein armſeliger Tiſch ſtand zur Seite, und ein einziger Seſſel in nicht weniger miß⸗ Der König von Spanien. 39 lichen Verfaſſung daneben. Es war in der That kein luſtiger Aufenthalt, und Karls Muth etwas abgekühlt. Auch ihn begann zu frieren, obgleich ſein Kopf fieberhaft brannte. Es gelüſtete ihn nicht, weiter zu gehen. Er beſchloß die Geſpenſter hier zu erwarten. Ein Riß in der Mauer bot ihm Gelegenheit, die Fackel zu befeſtigen. Die Piſtolen legte er auf den Tiſch und ſetzte ſich in den alten maſſiven Polſterſtuhl. Er ſah ſich in dem Gemach um; mehrere Thüren führten hinein, aber der Prinz hatte kein Verlangen eine derſelben zu öffnen. Er fühlte ſich abgeſpannt und ſchläfrig. Plötzlich war's ihm, als dringe ein ſcharfer Geruch in ſeine Naſe und wirkte betäubend auf ihn ein; eh' er ſich deſſen aber recht bewußt wurde, war er ſchon eingeſchlafen. Gleich darauf wurde eine der Seitenthüren geöffnet, eine männliche Geſtalt in einer Mönchskutte ſchlich heraus, nahm die Piſtolen von dem Tiſche und verſchwand eben ſo ſchnell wieder durch die Thür. Nach einigen Minuten kehrte der Mönch mit den⸗ ſelben zurück und legte ſie wieder an ihren Platz, dann nahm er die Fackel und ließ den Schläfer in der Finſterniß. Nur kurze Zeit verſtrich, und die Thür ging abermals auf, und eine in weite, bauſchige, ſchneeweiße Schleier von Neſſeltuch über und über gehüllte Frauengeſtalt, eine bläu⸗ lich brennende Lampe in der Hand tragend, ſchwebte herein und auf den Prinzen zu. Dieſer hatte den zurückgeſun⸗ kenen Kopf auf die Hand geſtützt, der Hut war herab⸗ gefallen, und eine Fülle blonder Locken beveckte ihm Stirn Der König von Spanien. und Schläfe und die eine Wange, während die andere von der Hand bedeckt war, deren Arm auf dem Tiſche ruhete. Bei ihm angekommen, ſtreckte die Verhüllte die freie Hand aus, um die Stirn des Schläfers zu berüh⸗ ren, dabei leuchtete ſie ihm ins Geſicht und blieb plötzlich wie angewurzelt ſtehen, ohne ihn zu berühren. In ſein Anſchauen verſunken, ſeufzte ſie endlich leiſe:„Ach, wie jung und wie ſchön! Der iſt ja kaum älter als ich.— Karracha hat recht; das iſt ein allerliebſter Junge.“— Jetzt konnte ſie der Verſuchung nicht länger widerſtehen. Leiſe ſtrich ſie ihm die Locken aus der Stirn und von der Wange. Aber einen Augenblick ſpäter beugte ſie ſich nie⸗ der und küßte ihn auf die ſanft gerötheten Lippen. Karl zuckte, erwachte aber nicht. Sie küßte ihn abermals, und er fuhr empor. Seine erſte Bewegung war die des Schreckens, dann griff er haſtig nach den Piſtolen. „Ha!“ rief er mit bebender Stimme.„Laß ſehen, ob du kugelfeſt biſt. Sie war ſchon auf der Flucht nach der Thür zu; aber ſie wandte ſich raſch nach ihm um und ſagte mit einem traurigen Tone: „Ach, erſpare dir das Schießen! Dich kann und mag ich nicht erſchrecken. Du haſt keine Kugeln mehr in dei⸗ nen Piſtolen. Hier ſind ſie.“— Und ſie gab ihm zwei Kugeln in die Hand. Er aber hielt die Hand feſt und rief:„Du biſt warm und lebendig. Du biſt kein Ge⸗ ſpenſt. Hinweg mit dieſer Geiſtermaske!“ Mit dieſen —————————,,—ů ů ˙ ů Der König von Spanien. 41 Worten riß er ihr die Schleier ab, und die niedlichſte Zi⸗ geunerin kam aus der Verpuppung hervor. „Ah!“ rief er erſtaunt.„Wer konnte einen ſo ſchö⸗ nen Kern in dieſer Schale vermuthen! Du biſt eine Zi⸗ geunerin, wie ich ſehe, und wahrlich die hübſcheſte und niedlichſte, die ich noch je geſehen habe.“ „Gefall' ich dir wirklich?“ „Mehr als ich dir ſagen kann. Noch niemals hat mir ein Mädchen ſo gefallen, wie du.— Du biſt die ſchöne Tänzerin, von der man ſo viel ſpricht.“ „Freilich bin ich's!— Und daß ich dir gefalle, macht mir große Freude!“ lachte die Kleine herzlich.„Denn, daß du's nur weißt, du gefällſt mir auch, beſſer als alle Andern. Eigentlich hat mir noch Keiner gefallen; du biſt der Erſte, der mir gefällt. So wie ich dich ſah, gab mir's einen Stich ins Herz, und es war mir nicht mög⸗ lich, mit dir die dumme Geſpenſterpoſſe zu ſpielen.“ „Aber wozu haſt du denn überhaupt die dumme Poſſe hier geſpielt?“ „Pah! das werd' ich dir nicht gleich auf die Seele binden. Du hältſt mich für ſehr offenherzig und fragſt wie der Pater im Beichtſtuhl. Ich ſoll dir gleich mein ganzes Geheimniß ſagen und weiß noch nicht einmal, wer du biſt. Erſt beichte mir, hübſcher Junge! Wer biſt du denn, und weshalb kamſt du hierher?“ „Ich bin ein Page des Erzherzogs Karl.“ „Ein Page?! Ah, flunkre mir nichts vor. Da hät⸗ 42 Der König von Spanien. teſt du ſchönere und koſtbarere Kleider an, ſowie Vi⸗ vian.“ „Vivian? Wer iſt das?“ „Ha, ſiehſt du, daß du kein Page des Erzherzogs hiſt, ſonſt müßteſt du doch wohl den kecken Vivian ken⸗ nen, der ja doch iſt, wofür du dich ausgibſt. Mache nicht mehr aus dir, als was du biſt. Du gefällſt mir auch und eigentlich noch beſſer, wenn Du nur ein Knappe oder Roßbube biſt.“ „Nun ſo will ich dir's nicht verhehlen: ich bin der Edelknecht des Grafen von Fſſelſtein, der von Wien wie⸗ der nach Brüſſel gezogen iſt.“ „Ah, ich kenne ſeine Tochter wohl, das arme Kind! Karracha kennt die Gräfin ſchon lange, als ſie noch hier in Brüſſel wohnten; dann haben wir ſie in ihrem Schloſſe an der Donau beſucht, nicht weit von Wien, und vor wenig Monden ſollte Karracha die junge Gräfin von gro⸗ ßem Herzeleid heilen. Du weißt's ſchon, was ihr begeg⸗ net iſt. Sie hat nicht mehr dort wohnen können, die Beklagenswerthe. Und ſo ſind die gräflichen Leute wieder hierher in ihr Vaterland gezogen.“ „Du biſt gut unterrichtet. Doch ſage mir auch, wo⸗ her du den Pagen Vivian kennſt?“ „Ei Bub', du biſt ſehr neugierig. Du ſollteſt ein Pfaff werden; haſt ſchöne Anlagen dazu.“ „Sag' es mir gleich; ich will es!“ „Du willſt es?! Schau' mir Einer an! Als ob er Der König von Spanien. 43 mir zu befehlen hätte! Du haſt noch mehr Anlagen zu einem vornehmen Herrn. Du mußt Erzbiſchof oder Papſt werden. Hier hab' ich nur zu befehlen, mein ſchmuckes Bürſchchen.“ „Ich bitte dich, ſag' es mir!“ „Ah, wenn du ſo ſchöne, gute Worte gibſt, dann kann ich dir nichts abſchlagen. Den Vivian hab' ich in Wien kennen gelernt. Er beſuchte uns und beſchenkte mich. Aber er war mir zu vornehm, zu aufgeblaſen, zu ſtolz. Er gefiel mir nicht. Aber du gefüllſt mir. Du viſt nicht ſo ein aufgeblähter Narr.“ „Nun ſag' mir auch, weshalb du ein Geſtenß hier gemacht haſt? Ich bitte dich. Aber noch weiß ich dich nicht zu nennen. Wie heißt du denn?“ „Sonaca.“ „Ein ſchöner Name!“ „Gewiß. Er heißt überſetzt: Sonnenkind. Und dein Name?“ ar „Ah, wie der Erzherzog und unſer künftiger König.“ „Euer König? Wie ſo?“ „Weil ich eine Spanierin bin, eine geborene Anda⸗ luſierin.“ „Das freut mich ſehr. Ich bin allen Spaniern gut und dir ganz vorzüglich.— Ich habe ſchon viel von dir gehört und wollte dich beſuchen, um mir von dir aus der Hand wahrſagen zu laſſen. Nun macht ſich's auf 44 dieſe Weiſe noch beſſer. Jetzt will ich mein Schickſal aus deinen Augen leſen.“ „Verſtehſt du die Schrift darin ſo gut? Wer hat ſie dich gelehrt?“ „Die Natur. Ich fühle plötzlich, daß ich ſie verſtehe.“ „Du biſt ein wunderlicher Heiliger.“ „Wie du ein merkwürdiges Geſpenſt.— Nun, ſoll ich erfahren, was ich wiſſen will?“ „Du mußt Karracha fragen.“ „Wer iſt das?“ Der König von Spanien. „Unſere Altmutter. Sie hat die Geſpenſtergeſchichte angeordnet. Wir kamen nämlich zur Hochzeit des Dänen⸗ königs hierher. Denn Karracha ſagt: Ueberall, wo ein Meer von Menſchen zuſammenſtrömt, da blüht am Ufer der Weizen der Zigeuner. Am reichſten aber, wenn Kö⸗ nige glänzende Feſte feiern. Deshalb zogen wir zum großen Hochzeitfeſt nach Wien, und von Wien nach Brüſ⸗ ſel zu ähnlicher Feier. Die ſpaniſchen Königskinder geben uns was zu verdienen. Dafür ſind ſie unſere Landsleute. Wir tanzten, muſicirten und wahrſagten, aber der gei⸗ zige Commandant von Brüſſel, Herr von Chievres, wollte uns nicht dulden, weil wir ihm die hohe Geldſumme nicht zahlten, die er uns abpreſſen wollte. Wir wurden ver⸗ trieben, kehrten aber heimlich zurück und verſteckten uns in dieſem alten leeren Hauſe, um bis zum großen Or⸗ densfeſte des Erzherzogs hier zu verweilen. Damit wir aber ganz ungeſtört ſeien und Niemand auf unſere Spur Der König von Spanien. 45 komme, ſpielten wir Geſpenſter. Wir erreichten unſern Zweck. Beim Beginn des Ordensfeſtes bezogen wir eine Wohnung in der Nähe; denn während des Feſtes durfte uns Herr von Chievres nichts anhaben; der Erzherzog hatte allem Volke Schutz und ſichern Aufenthalt hier zu⸗ geſagt. Doch konnten wir dies Ritterhaus noch nicht auf⸗ geben; wir mußten es bis zum Frühjahr zu behaupten ſuchen. Und der Schutz des Erzherzogs galt nur bis zum Ende des Feſtes.“ „Wozu wollt Ihr nicht weiter ziehen? Was habt Ihr nach dem Feſte noch hier zu ſchaffen?“ „Die Männer haben hier ihre Werkſtätten eingerich⸗ tet, unten in den Kellern. Sie ſind Goldſchmiede—“ „Falſchmünzer!“ lachte der Erzherzog. „Waffenſchmiede, Kupferſchmiede,“ fuhr Sonaca fort, ohne den Einwurf ihres neuen Freundes zu beachten. Die Eſſe mündet in den Hof; der Rauch darf ſo wenig un⸗ ſer Verräther werden, wie das Gehämmer. Deshalb mußten wir alle Menſchen bei Tag und Nacht aus der Nähe dieſes Hauſes verſcheuchen, und das iſt uns durch die Geſpenſtergeſchichte ganz gut gelungen.“ Vortrefflich ausgedacht!“ „Beim Beginn des Feſtes zeigten ſich aber einige junge Tollköpfe, welche Luſt hatten, mit den Geſpenſtern Bekanntſchaft zu machen. Wir mußten ihnen eine derbe Lection geben, und ſie haben ſie bekommen. Mit dir konnt' ich nicht ſo verfahren. Ich weiß nicht, was mich e 46 Der König von Spanien. abgehalten hat; denn am Ende verdienſt du die Lection eben ſo, wie die Andern.“ „Das wird ſich zeigen. Du ſollſt nicht vergebens mit mir eine Ausnahme gemacht haben.— Aber weshalb ſuchtet ihr nicht den Schutz des Erzherzogs nach der däni⸗ ſchen Hochzeit?“ „Der würde uns nichts gefruchtet haben.“ „Iſt der Erzherzog nicht Fürſt und Regent hier?“ „Ei ja dem Namen nach. Er wird ja ſelbſt noch regiert.“ „Regiert? Von wem?“ 3 „Von Herrn von Chievres nih den anderen Hof⸗ herren, von ſeiner Baſe, der Erzherzogin in Löwen, von ſeinem Großvater, dem Kaiſer in Inſpruck, und ich weiß nicht von wem ſonſt noch.— Was ſoll das werden, wenn das Prinzlein König von Spanien wird?“ „Vielleicht beſſert er ſich.“ „Da beſſert ſich was. Er wird's treiben, wie ſein Vater und eben ſo ein lockerer Zeiſig werden.“ „Sprich mit mehr Reſpect von Königen!“ „Falle mir nur nicht wieder in dieſen Befehlshaber⸗ ton. Dann wirſt du mir unausſtehlich.“ „Ich bitte dich, ſüße Sonaca, gib mir deine Hand.“ „Jetzt biſt du artig. Hier it ſi „Du haſt einen ſchönen Ring am Finger Biſt du ſchon eine verlobte Braut?“ „Was ging es dich an? Wer gibt dir ein Recht, mich ſo auszufragen?“ Der König von Spanien. 47 „Mein Herz.“ „Dein Herz iſt ein neugieriges Ding.“ „Ja, es möchte gern Alles wiſſen, was in deinem Herzen vorgeht. Es möchte gern ganz in deinem Her⸗ zen wohnen; und der Ring macht mich traurig. Die Wohnung iſt ſchon beſetzt.“ „Es iſt nicht wahr. Niemand wohnt in meinem Herzen!“ „Läugne nicht! Der ſchmucke Vivian. Von ihm haſt du den Ring.“ „Nein! nein! du ſchlimmer Schelm. Der Ring iſt von Herrn Jakob Fugger in Augsburg.“ „Vom alten Fugger!“ rief Karl erſtaunt.„Schenkt der hübſchen Mädchen auch noch Ringe?“ „Er hat ihn nicht mir, ſondern meiner Mutter ge— ſchenkt, es iſt ſchon lange her, und ich war noch ein klei⸗ nes Kind. In Ungarn war's. Wir leiſteten da einer fremden vornehmen Dame Hülfe und Beiſtand im Kind⸗ bett. Herr Fugger kam dahin mit ſeinem Neffen, dem Herrn Raimund, und der böſe ſelbſtſüchtige Wirth wollte die Frau aus dem Zimmer treiben, um die reichen Herrn hinein zu legen. Ich ſchrie wie toll, umklammerte des alten Fuggers Knie und klagte ihm die Noth der Frem⸗ den. Da wurde Alles gut. Die Dame blieb, aber ſie ſtarb; wir führten ihr Kind nach Kremnitz, und Herr Fug⸗ ger beſchenkte uns. Meine Mutter erhielt dieſen Ring von ihm, den ſie mir an meinem letzten Wiegenfeſte zum 48 Der König von Spanien. Angebinde gegeben; denn ich bin nun volljährig, und die Zigeuner müſſen mir gehorchen, wie ihr.“ „So iſt wohl deine Mutter die Fürſtin der Zigeuner?“ „Sie iſt Zaroya, die Zigeunerkönigin oder Herzogin, und ihre Vorfahren waren mächtige Könige im Morgenlande.“ „Da bekomm' ich großen Reſpect vor dir, und ich bin viel zu gering für dich.“ „Ich darf meine Liebe ſchenken, wem ich will. Ich bin keine Sklavin meiner Abkunft, wie die ſpaniſchen Prinzeſſinnen.“ „Glückliches Kind! Und du willſt mir deine Liebe ſchenken?“ „Wenn du dich ihrer würdig machſt, ſo hätte ich wohl Luſt dazu.“ „Ich will mich ihrer würdig machen. Laſſ' dich küſ⸗ ſen, holdes Sonnenkind! Du ſollſt die Sonne meiner Jugend werden.“ Und er preßte ſeine glühenden Lippen auf ihren reizenden Mund. Sie wehrte ihm nicht. Das holde Kind wurde zur Jungfrau, berührt von dem zün⸗ denden Funken ſeiner Zärtlichkeit, und Karl wurde in die⸗ ſer Stunde wahrer zu der Reife gerufen, als von der vomphaften Volljährigkeitserklärung ſeiner Verwandten und der Stände ſeines Volks. Unterdeſſen hatte ſich die Thür wieder leiſe geöffnet und der geſpenſtiſche Mönch war hereingeſchlichen.„So⸗ naca!“ rief er ergrimmt, als er ſich überzeugt hatte, was hier vorging. Der König von Spanien. 49 „Was willſt du, Pepindorio?“ „Was thuſt du, Sonaca?“ Was mir beliebt.— Komm, Karl, mit mir in / 4 mein Gemach!“ „Sonaca, bedenke“— knirſchte der wilde, eiferſüch⸗ tige Toni. „Denkſt du, du wollteſt es dieſem machen, wie dem Pagen in Wien? Zurück, ſag' ich dir! Du weißt, was dir droht.“ „Ich gehorche— auf deine Gefahr. Aber du wirſt uns Alle ins Verderben ſtürzen.“ „Kannſt du uns verderben?“ fragte Sonaca den liebe— trunkenen Karl. Seine Antwort war eine Umarmung. Ein deutſcher Leinweber. V. . Piertes Rapitel. Es war wieder Abend. Aus dem Zimmer der Gräfin Cardona ſchlüpfte die alte Karracha; der Probſt trat hinein. „Zur guten Stunde!“ rief ihm die ſchöne Südlän⸗ derin entgegen. „Habt Ihr gute Nachrichten, Donna Ineſe?“ fragte polternd der leichtfertige Pfaff. „Gute und ſchlimme. Don Hernandez hat ſich unge⸗ ſchickt benommen; ſein Aerger, daß er das Vließ nicht bekommen, hat ihn faſt verrathen. Chievres hat ihn aufs Korn genommen, und er wird wohl thun, mit mir ab⸗ zureiſen. Ich muß fort. Ich habe mich von Euch hier zu lange zurückhalten laſſen.“ „Kein Menſch außer Euch wird mich darum tadeln, holdeſte Frau. Und die gute Kunde?“ „Das kecke Fiſchlein hier hat ſchneller an den Köder gebiſſen, als ich hoffen durfte; ich meine den Erzherzog und die Zigeunerin. Der Zufall hat wieder einmal mehr für mich gethan, als ich mit aller Schlauheit nicht hätte ausrichten können.“ Der König von Spanien. 51 „Erzählt! erzählt! Ich weiß noch nichts.“ „Ihr habt doch von der Spukgeſchichte in der Mar⸗ tinsvorſtadt gehört?“ „Auch von den Schlägen, die die Geiſter ausgetheilt haben. Ihr wart alſo in das überirdiſche Geheimniß eingeweiht?“ „Es waren die Zigeuner, meine Freunde. Sie ken⸗ nen das alte Ritterhaus ſchon viele Jahre und haben ſich in den unterirdiſchen Gewölben deſſelben verſteckte Werk⸗ ſtätten eingerichtet.“ „Ich verſtehe: eine Münzſtätte, der kein herzoglicher Wardein vorſteht.“ „Aus den Goldgruben in Ungarn hatten ſie viel rohes Metall mitgebracht. Der Commandant duldete ſie nicht—“ „Ein alter Zorn von ihm.“ „Zaroya hat ihn einmal abgewieſen.“ „So etwas vergißt ſich nicht leicht.“ „Sie zogen ſich in ihre Burg zurück und wärmten die alte von ihnen erfundene Geſpenſtergeſchichte wieder auf, und nun waren ſie beſſer geſchützt, als wenn ſie eine Armee beſoldet hätten.“ „Schlaues Volk, die Zigeuner!“ „Aber ein paar junge Ritter wollten zeigen, daß ſie Haare auf den Zähnen hätten.“ „Und mußten Haare laſſen. Der Graf Lalain ſchwör Stein und Bein, er hat's mit hölliſchen Geiſtern zu thun gehabt.“ 1 — 10 Der König von Spanien. „Ich vermuthete, dieſe Geſchichte würde des Erzher⸗ zogs Tollkühnheit reizen. Ich kenn' ihn und machte mei⸗ nen Plan.“ „Laßt hören!“ „Ich reizte ihn ſelbſt und ſetzte die Zigeuneraltmutter in Kenntniß, welch einen Gaſt ſie bekommen würden. Karracha ließ die ſchöne Sonaca den weiblichen Geiſt ſpie⸗ len; aber ſie traf Veranſtaltung, daß der junge Wage⸗ hals, wenn er ohnmächtig vor Schrecken und Furcht ge⸗ worden, von dem Mädchen ſelbſt in ihrer natürlichen Ge⸗ ſtalt ins Bewußtſein zurückgerufen werden ſollte. So hatte ich's angegeben. Die Sache ging natürlicher und beſſer. Der Erzherzog ſchlief von dem narkotiſchen Räucherwerk der Zigeuner ein, wie ſeine Vorgänger; die Zigeuner zogen die Kugeln aus ſeinen Piſtolen und die Komödie begann. Aber der Zufall ſpielte mit; das iſt der beſte Schauſpieler. Sonaca, von Karracha auf die Schönheit des Knaben vorher aufmerkſam gemacht, verliebte ſich in den hübſchen Schläfer und küßte ihn wach. Er verliebte ſich eben ſo ſchnell in ſie; ein junger Zigeuner, der ihr den Hof macht, wollte ſie ihm entreißen; das machte un⸗ ſern Prinzen nur noch hitziger. Er blieb die halbe Nacht bei ihr und hat ihr in der vorigen Nacht einen zweiten Beſuch abgeſtattet. Die beiden Kinder ſind ſterblich in einander verliebt, und ich werde hoffentlich auf dieſem Wege mehr erlangen, als auf allen andern künſtlich er⸗ ſonnenen.“ 5 — — —— Der König von Spanien. 53 „Ihr ſeid eine Meiſterin im Ränkeſpiel.“ „Der eiferſüchtige junge Zigeuner iſt zu unſerm Glück auf und davon gelaufen; von ihm iſt alſo keine Ent⸗ deckung zu befürchten; Vivian, der Page, der ſeinen Herrn in der vorgeſtrigen Nacht begleitete, iſt einer mei⸗ ner Getreuen und hat mir ſchon Bericht erſtattet. Von den Zigeunern weiß nur die Altmutter, wer Sonaca's Liebhaber iſt. Die Erzherzoginnen Margaretha und Eleo⸗ nore reiſen morgen nach Löwen zurück, und ſo wird Karl ungeſtört ſeinem Minnedienſt nachgehen und ſich nicht mit Regierungsſorgen befaſſen. Sonaca wird ihm nicht Zeit laſſen, daran zu denken. Ich aber eile mit Don Hernan⸗ dez nach Spanien, um für uns zu wirken, für Euch und für mich.— Euch will ich erſt mit der Altmutter be⸗ freunden. Sie iſt ſchlau und wahrt unſern Vortheil.“ „Vortrefflich! Ich muß dich küſſen, ſchöne Ränke— ſchmiedin!“— Die Gräfin rüſtete ihre Abreiſe; alle Männer waren in Trauer, alle Frauen jubelten. Um ſich von den Erz⸗ herzoginnen zu verabſchieden und ihre Aufträge zu em⸗ pfangen, ging ſie erſt einige Tage nach Löwen. Als ſie zurückkam, meldete ihr Matty, welche in Brüſſel zurück⸗ geblieben war, daß Toni Abends vorher da geweſen und verſichert habe, er habe der Herrin eine Entdeckung zu machen, die für ſie von der höchſten Wichtigkeit ſei, und er ſei ſehr beſtürzt geweſen, ſie nicht zu Hauſe zu finden. Die Gräfin ſchickte die Schwarze ſogleich zu den Zi⸗ 54 Der König von Spanien. geunern, um ſich nach Toni zu erkundigen. Aber Matty kehrte mit der Nachricht zurück, die Zigeuner ſeien nicht mehr in der Stadt, und in ihrer verlaſſenen Herberge wiſſe Niemand, wohin ſie ſich gewendet. Sie ſeien mit⸗ ten in der Nacht fortgegangen. Dies war für die Gräfin genug, um zu wiſſen, daß die Hauptperſonen, wenn nicht Alle, im Ritterhauſe verborgen ſeien, um ſich den Verfolgungen des Herrn von Chievres zu entziehen und ihre geheime Betriebſamkeit fortzuſetzen. Karracha hatte zu dieſem Behufe, wie der Gräfin bekannt war, ſtarke Vorräthe von Lebensmitteln eingetragen. Sie entſchloß ſich alſo, ihren Freunden einen nächtlichen Beſuch in dem Ritterhauſe zu machen, um zu erfahren, ob Toni zu den Seinigen zurückgekehrt und von welcher Art die Mitthei⸗ lung ſei, die er ihr zu machen habe. Kaum war es aber Abend geworden, als Matty den ſtämmigen braunen Burſchen hereinführte. „Gnädige Donna,“ ſagte er mit linkiſcher Höflichkeit, „ich wollte Euch nur fragen, wie viel Geld Ihr mir zuſichert, wenn ich Euch den kleinen Raimund Mohr aus Kremnitz überbringe?“ „Menſch!“ rief die Gräfin freudig erſchrocken,„iſt es dein Ernſt? Haſt du den Knaben gefunden?“ „Sagt mir nur, was Ihr mir für ihn zahlen wollt, und wenn mir der Preis annehmbar iſt, ſo ſollt Ihr ihn in einigen Tagen haben.“* „Du ſollſt tauſend Silberrealen haben.“ Der König von Spanien. 55 „Das iſt wenig genug für einen Menſchen, und gar ein Lumpengeld für das ſchmucke Bürſchchen. Ich weiß doch, wie viel Euch an ihm liegt. Von ſchlechten Realen mag ich nichts wiſſen. Gebt mir hundert Dublonen; ich liebe das Gold.“ „Du ſollſt ſie haben! Hier haſt du meine Hand da⸗ rauf. Aber nun ſage mir, wo haſt du das Kind entdeckt?“ „Meint Ihr, ich ſollt Euch das ſagen, damit Ihr einen Andern hinſchickt, etwa den Don Hernandez, und den Buben wegfangen ließet? Mein eigener Vater thäte Euch auch den Dienſt billig. Ich traue keinem Menſchen mehr, ſeit meine eigenen Leute mich um Sonaca betrogen haben. Meine Großmutter iſt ein ſchlechtes Weib. Sie wußte, daß ich nur Sonacas halber die kremnitzer Gruben ver⸗ ließ; ſie verſprach mir das Mädchen zum Weibe, und ich ſtahl auf ihr Geheiß viel Golderz und ſchleppte es ihr zu. Aus dem Erz ſchmelzen ſie das Gold und prägen Geld, und die Sonaca haben ſie an einen Milchbart verkauft. Für Geld iſt ihnen Alles feil. Ich habe mir eine Lehre daraus genommen. Aber ich laſſe mich auch von Niemand mehr betrügen.“ „So bring' mir den Knaben, und das Geld ſoll für dich bereit liegen. Aber kein Menſch darf davon erfah⸗ ren, und am wenigſten Don Hernandez.“— „Euer Wort gilt mir zum Pfand; Euch das meinige. Don Hernandez gehört ohnedies nicht zu meinen Freunden. Gebt mir die Aya, Euere Dienerin, mit und zwei Pferde, 56 Der König von Spanien. auf deren Schnelligkeit ich mich verlaſſen kann. Verſeht die Magd auch mit einigem Geld. Ich will nicht eher etwas von Euch, bis Ihr den Knaben in der Hand habt.“ Die Gräfin fand dieſe Anordnung gut, und in der Nacht wurden die Vorbereitungen zu der abenteuerlichen Fahrt gemacht. Mit dem früheſten Morgen verließen Toni und Aha auf ſchnellen Roſſen das Haus und die Stadt. Die Gräfin brachte ein Paar Tage in ängſtlicher Erwar⸗ tung zu, aber die Meiſterin in der Verſtellungskunſt wußte ihre Aufregung geſchickt zu verbergen und machte und empfing Beſuche. Vorzüglich war ſie bemüht, Don Her⸗ nandez zu bereden, daß er noch einige Zeit in Brüſſel bleibe, obgleich ſie wenige Tage vorher ihn gedrängt hatte, mit ihr abzureiſen. Aber ſie hatte tauſend Gründe, ihn von der Nothwendigkeit der Aenderung ihres Reiſeplans zu überzeugen. Am Abend des dritten Tages langten die Erſehnten an. Aya hatte den Knaben vor ſich auf dem Pferde. Er war in ihren Armen entſchlummert, und ſeine dunkelbraunen Locken verhüllten zum Theil ſein friſches, blühendes Geſicht. Die Gräfin konnte ihren ſtürmiſchen Gefühlen den lauten Ausdruck nicht verwehren; ſie brach in Jubel aus.„Allah, ſei gelobt!“ rief ſie, als ſie das ſchlaftrunkene Kind in ihre Gemächer trug.„Verherrlicht werde aufs neu der Name deines Propheten!“ Dann ſetzte ſie den weinenden Kleinen auf ihr Polſterbett, küßte ihn ehrerbietig auf die Stirn und reichte ihm allerlei Naſchwerk, daß ſie für ihn in Bereitſchaft gehalten hatte. 2 N ð d Der König von Spanien. 57 „Matty, Aya!“ ließ ſie ihre freudentrunkene Stimme durch die offene Thür ertönen,„kommt, meine Lieben, und erweißt mit mir unſerm Herrn die ihm gebührende Ehre!“ Und die Mägde traten mit vor der Bruſt ge⸗ kreuzten Armen vor das Kind, und alle Drei verneigten ſich dreimal tief vor ihm und küßten ihm das Gewand. „Wo iſt die Regina?“ fragte der Knabe verdrieflich. „Bringt mich gleich zur Regina!“ fuhr er trotzig und verdrießlich fort.„Ich will von der fremden Frau da nichts wiſſen. Toni, Toni, wo biſt du? Du ſollſt mich zur Regina bringen, wie du mir verſprochen haſt. Bei ihr will ich ſchlafen.“ „Beruhigt Euch, Herr!“ ſagte Aya.„Toni wird Euch zu ihr bringen.“ Aber der Knabe wurde ungeber⸗ dig und gab ſich nicht eher zufrieden, bis Toni herbei⸗ gerufen wurde. Von dieſem ließ er ſich zuſprechen und tröſten. Der Zigeunerburſche verſprach ihm zu wiederhol⸗ tenmalen, ihn zu ſeiner kleinen Geſpielin zu bringen. „Bedenke aber doch, Raimund, daß du heute noch nicht zu ihr kommen kannſt! Erinnere dich nur, wie viele Tage du auf der Reiſe geweſen biſt, ehe du von Kremnitz nach Antwerpen kamſt. Du mußt doch nun dieſelbe Reiſe wieder zurück machen, und die ſchöne junge Frau hier und Aya, die dich heute ſo wohl gepflegt, und die Schwarze dort werden dich nach Kremnitz zu deiner Regina geleiten. Morgen geht die Reiſe fort, aber du darfſt nicht unge⸗ duldig werden und weinen, wenn ſie lang dauert.“ 6 58 Der König von Spanien. Dies leuchtete dem klugen Kinde ein. Obgleich erſt neun Jahre alt, war er doch verſtändiger, als ſonſt Kin⸗ der von zwölf Jahren zu ſein pflegen.„Ich will nicht weinen, wenn ihr mich nach Kremnitz führt,“ ſagte er. „Ach, ich habe viel geweint, als ich hinweggebracht wurde. Gehſt du auch wieder mit, lieber Toni?“ „Ich komme bald nach.“ „Bleibe nicht zu lange aus. Leben meine Vöglein noch?“ „Ei freilich; und ich fang' dir neue dazu.“ „Du ſagteſt geſtern, Regina habe ein junges Lämm⸗ chen, das ſie mir ſchenken wolle. Ich will ihr auch ein Geſchenk mitbringen.“ „Die ſchöne Frau wird dir geben, was du verlangſt, um es Reginen zu ſchenken. Sag' nur, was du begehrſt.“ „Ich will mich beſinnen.— Pfeife mir ein Liedchen vorz Toni brachte ſeine Künſte in Anwendung; der Knabe lachte herzlich über die Schnurrpfeifereien, ſpeiſte dabei ſein Abendbrod und entſchlief endlich an Tonis Bruſt. Der Burſche entkleidete ihn und brachte ihn zu Bett. Die Gräfin erwartete den Zigeuner, um ihm den be⸗ dungenen Preis zu bezahlen, und die nähern Umſtände des Kinderraubes von ihm zu erfahren. „Ich hatte mich mit den Meinigen überworfen, weil ſie Sonaca's Liebe zu einem kecken fremden Bürſchchen begünſtigten,“ erzählte Toni.„Sie droheten mir mit Der König von Spanien. 59 Schlägen und andern Zwangsmitteln. Da ergriff ich die Flucht. Ich hatte einige Tage zuvor gehört, daß in Ant⸗ werpen ein Paar Schiffe ſegelfertig gemacht würden, zur Reiſe nach der neuen Welt beſtimmt, und daß die Fugger und Welſer von Augsburg die Patrone derſelben wären. Ich beſchloß, mich als Matroſe auf eines dieſer Schiffe zu verdingen und die Reiſe nach der neuen Welt mitzuma⸗ chen. Ich lief alſo nach Antwerpen. Nun hatte ich aber aus guten Gründen nicht Luſt, mit dem alten Herrn Fug⸗ ger zuſammenzutreffen und wollte alſo vorher, eh' ich mich meldete, erſpähen, ob er vielleicht eben in Antwerpen anweſend ſei. Ich ſchlich um das Haus und beobachtete einen ganzen Tag lang die Thür deſſelben, erkundigte mich auch bei einem Diener des Hauſes und erfuhr, was mir angenehm war. Plötzlich ſtürzt der Knabe aus dem Hauſe auf mich los, lacht und weint vor Freude, umhalſt und küßt mich und will mich nicht wieder los laſſen. Ich freute mich ebenfalls, ihn wieder zu ſehen. Er will mich ins Haus ziehen und glaubt nicht anders, ich ſei ge⸗ kommen, um ihn abzuholen und wieder nach Kremnitz zu ſeinen Eltern und zu Reginchen zu bringen. Aus ſeinen Reden vernahm ich, daß er die größte Sehnſucht nach dieſer ſeiner kleinen Schweſter hatte. Ich benutzte dieſen Umſtand, indem ich ihm verſprach, in einigen Tagen wie⸗ der zu kommen und ihn dann in ſeine Heimat und zu den Seinigen zu führen; doch nahm ich ihm dagegen das Verſprechen ab, keinem Menſchen etwas von mir zu ſagen, 60 Der König von Spanien. ℳ ſonſt werde ich nicht wieder kommen. Um nicht mit ihm bemerkt zu werden, ſchied ich bald wieder von ihm; er hatte mir nur erſt noch erzählt, daß er erſt einige Wochen in Antwerpen bei dem Junker von Bübenhoven wohne. Ein fremder Mann, der ebenfalls im Hauſe wohne, er⸗ zeige ihm viel Liebe; doch ſei ſein höchſter Wunſch nach Kremnitz zurückzukehren. Das Uebrige wißt Ihr; der Knabe hat ſein Wort gehalten und nicht geplaudert. Der Fang wurde uns deßhalb nicht ſchwer.— Sucht mir doch, bevor ihr abreiſt, durch Euern Einfluß eine Bereiterſtelle beim Marſtalle des Erzherzogs zu verſchaffen. Denn da ich nun Geld habe, werde ich nicht zu Schiffe gehen, ſondern meiner Neigung folgen, die mich zu den Pferden zieht, und die ich lang genug unterdrückt habe.“ Die Gräfin verſprach ihm Alles; aber ſobald er fort war, befahl ſie ihren Dienern ſich bereit zu halten, um am folgenden Morgen die Reiſe anzutreten.. Noch war der neblige Novembertag nicht angebrochen, als das Thor des Hauſes ſich öffnete, und die Gräfin mit ihrem Gefolge in der Reiſerüſtung heraustritt. Aya hatte den Knaben unter einem weiten Mantel verborgen. Kaum aber war der Hufſchlag ihrer Pferde auf der Straße ertönt, als die Gräfin ſich und die Ihrigen von bewaffneten Männern umringt ſah. Dämmerung und Beſtürzung ließen ſie anfangs den Mann nicht erkennen, der neben ihrem Pferde ſtand und ſie anredete. Endlich ward ſie inne, daß es Bübenhoven ſei, und ſie erbleichte. v Der König von Spanien.— 61 Der Schreck ließ ſie ſeine Worte nicht verſtehen. Unter⸗ deſſen war ein andrer Mann an Aya getreten. Die Magd ſtieß einen Schrei aus, als ſie ihn erkannte, ſchlug den Mantel von einander, reichte ihm den ſchlafenden Knaben unaufgefordert, ſprang dann vom Pferde und warf ſich vor ihm nieder mit der Stirn den Boden berührend. Der Ritter von Süderland— denn er war der fin⸗ ſtere Fremde— nahm den Knaben auf den Arm und wandte ſich dann zur Gräfin. Er ſagte ihr in arabiſcher Sprache:„Unſelige, ich kenne dich und dein thörichtes Treiben Wer ich bin, wird dir Jene(auf Aha deutend) ſagen. Um deiner Liebe willen ſei dir die verbrecheriſche That verziehen. Aber laß dir rathen! Kehre heim und gib deinen tollkühnen Plan auf. Du rennſt ſonſt in dein Verderben und reißeſt Gott weiß wie viele deines Volks mit hinab. Schone ſie, ſie ſind ſchon unglücklich genug! Laß dich warnen, eitle Thörin!“ Mit dieſen Worten kehrte er ihr den Rücken und ging. „Ich will nach Kremnitz zu meiner Regina!“ rief weinend der erwachte Raimund Mohr. „Du ſollſt dahin, mein Kind,“ verſetzte der Ritter, „und du kannſt nun ohne Gefahr dort leben.“— Die Gräfin ſetzte nach kurzer Friſt mit ihrem Gefolge ſchweigend ihren Weg fort. Fünftes Kapitel. Marx von Bübenhoven ſtand im Cloſet vor der von ihm immer noch mit der alten Ingendſchwärmerei ange⸗ beteten Fürſtin. Ihr klares ſchönes Auge ruhete mit dem Ausdruck des innigſten Wohlwollens auf ihm, wie ſie es ſchon lange für ihn empfunden. Ein eifriges Zwiege⸗ ſpräch ſpann ſich zwiſchen ihnen fort. Niemand war wei⸗ ter zugegen.* „Er iſt nur noch düſtrer und ſchwermüthiger gewor⸗ den, ſeit er in Wien in einem Kloſter krank gelegen,“ ſagte der Junker.„Ich fürchtete faſt, es iſt ihm ein neues Unglück zugeſtoßen, das alle verharſchten Wunden aufgeriſſen hat.“ „Habt ihr keine Ahnung, von welcher Art das neue, trübe Geſchick ſein könnte?“ fragte die Erzherzogin mit warmer Theilnahme. „Ich fürchte, der Ritter hat ſich irgend durch eine Unvorſichtigkeit die Ungnade der kaiſerlichen Majeſtät zu⸗ gezogen und iſt darob heftig erkrankt. Ich habe dies + Der König von Spanien. 63 aus einigen einzelnen Aeußerungen von ihm geſchloſſen; denn beſondere Mittheilungen hat mir ſeine Schweigſam⸗ keit natürlich nicht gemacht.“ „Dann iſt es an mir, meinen Vater zu verſöhnen,“ ſagte Margaretha beſtimmt.„Schon habe ich daran ge⸗ dacht, den unglücklichen Mann dieſer weiten und beſchwer⸗ lichen Seereiſen zu entheben und ihm eine würdigere Stellung im Heere des Kaiſers zu verſchaffen. Mein Vater rüſtet einen neuen Kriegszug nach Italien. Dies bietet mir erwünſchte Gelegenheit. Da die Abfahrt der Schiffe nach der neuen Welt ohnedies ſich bis zum Früh⸗ jahr verziehen muß, ſo haben die Herren Fugger und Welſer Zeit ſich nach einem andern Schiffsführer umzuſehen.“ „O Euere Hoheit würde ſich ein großes Verdienſt um den edlen Unglücklichen erwerben!“ rief Bübenhoven mit überwallendem Gefühl. „Ich helfe ja ſo gerne, wo ich kann. Ich würde mit Freuden die größten Opfer bringen, wenn ich das ſchlimmſte Unglück, das die Menſchen verderbt, weil es nicht von Gott kommt, aus den Reihen meiner geliebten Freunde vertilgen könnte; denn das andere Unglück, das von Gott ausgeht, iſt ein Glück, das wir nur nicht gleich als ſolches erkennen; es reinigt und beſſert das Herz, wie Gewitterſtürme die Luft reinigen.— Dem Ritter von Süderland muß geholfen werden. Ich werde einen Eilboten nach Inſpruck ſenden an den Kaiſer, und mich warm für den bedauernswerthen Mann ver— —.— 64 wenden. Erſt geſtern hat ſich der Toni, der Sohn meiner einſtigen Magd Claire, deren Andenken mit meinen ſchö⸗ nen Jugenderinnerungen an Frankreich ſo innig verwachſen iſt, bei mir gemeldet und meine Vermittlung um eine Anſtellung beim Erzherzog erbeten. Es leidet ihn nicht in den Fuggerſchen Bergwerken; er muß aufs Pferd, wie er ſagt. Ihn will ich zum Kaiſer ſchicken und die Be⸗ gnadigung des Ritters erbitten.— Euch aber, wackerer Junker, bin ich für Euere herzliche Fürſprache für einen edlen Mann, den ich ſchätze, verbunden. Geht mit Gott Der König von Spanien. und grüßt mir Eure liebe, ſanfte Wirthin, die ich recht lieb gewonnen habe“ Damit reichte ſie ihm die Hand zum Kuße. Während er die ſammtweiche Oberfläche die⸗ ſer ihm ſo unausſprechlich theuern Hand mit den Lippen berührte, fiel eine Thräne der Rührung darauf; dann ließ er den vor Wonne und Ehrfurcht glänzenden Blick auf der hohen Herrin ruhen. Eine leichte Röthe wie ein Roſenhauch überflog ihre ſchönen edlen Züge; ſie ſenkte das Auge zu Boden und ſagte leiſe:„Ihr ſeid immer noch der alte Schwärmer, Marr; eine ſchöne ge⸗ fühlvolle Seele! Doch darum mir doppelt werth. Ihr habt in mancher Beziehung viel Aehnlichkeit mit dem Ritter Süderland, und daraus entſpringt auch Eure leben⸗ Dige Theilnahme an ihm. Euer Leben aber iſt in ſtiller friedlicher Einfachheit verfloſſen, während das ſeinige von den heftigſten Stürmen bewegt ward. Gott ſegne Euch und ihn!“— Der Junker war ſchon an der Thür, als Der König von Spanien⸗ 65 ſie ihn mit den Worten zurückrief:„Noch Eins, lieb⸗ werther Junker! In der Nähe von Antwerpen lebt jetzt der Graf von Iſſelſtein. Ihr kennt ihn jedenfalls. Er iſt mit ſeiner Familie ins Vaterland zurückgekehrt und hat ein Rittergut bei Antwerpen gekauft, deſſen Schloß er jetzt wohnlich für ſich einrichten läßt. Die Gnade des Kaiſers hat ihn nicht in Oeſtreich feſſeln können. Er ſagte mir, er ſei ſeiner Tochter wegen wieder in die Nie⸗ derlande gezogen. Sie habe dort nicht leben können. Das arme Kind ſoll einen unglücklichen Minnehandel gehabt haben, und ihr Herzchen iſt dabei ſchlimm zu Markte ge⸗ kommen. Der Kaiſer wollte ſie an einen ſeiner Kämmerer verheirathen; ſie hat es hartnäckig verweigert. Ihr Ge⸗ liebter aber iſt, wie man mir ſagt, Mönch geworden. Die junge Gräfin hat himmliſche Erſcheinungen und iſt faſt tiefſinnig geworden. Der Graf, ihr Vater, hat mich gebeten, ſie unter die Zahl meiner Hofdamen aufzuneh⸗ men. Er hat das Vertrauen zu mir, daß ich viel zur Heilung und Erheiterung ſeiner Tochter beitragen kann. Ich konnte mich nicht gleich entſchließen, ſeinem Wunſche zu willfahren; ich mußte mich erſt nach der kleinen Lei⸗ denden erkundigen. Dies iſt geſchehen, und die eingegan⸗ gene Kunde über ſie hat meine Theilnahme an ihr er⸗ höht. Alſo will ich Euch bitten, ſucht den Grafen auf in der Stadt oder auf ſeinem Schloſſe, und meldet ihm, als mein Geſandter, daß ich ſeine Tochter eheſtens er⸗ warte.“ Ein deutſcher Leinweber. v. 5 Der König von Spanien. „Ich werde Euern Auftrag beſtens beſorgen, gnädigſte Gebieterin!“ verabſchiedete ſich der Junker. Die Erzherzogin ſchrieb am folgenden Tage einen lan⸗ gen Brief an ihren Vater und ließ Toni, der ſich gleich⸗ ſam zu ihrer Dienerſchaft zählte, zu ſich entbieten, um ihn nach Inſpruck zu ſenden. Der Burſche freute ſich ſehr, Tirol wieder zu ſehen, und gedachte Frau Sibyllen in Augsburg einen Beſuch zu machen, d. h. wenn Herr Jakob 1 nicht zu Hauſe ſein ſollte. Denn mit ihm zuſammen zu treffen, hatte er nicht ohne Grund Furcht.— In Brüſſel verſtrich die Zeit, wie ſie an allen Höfen vergeht, in Luſt und Langeweile, in Ränken und Freu⸗ den. Der junge Erzherzog kümmerte ſich um keine Regie⸗ rungsangelegenheiten, womit ſeine Räthe ſehr zufrieden 13 waren. Zum Weihnachts- und Neujahrsfeſt kamen Tante und Schweſter von Löwen. Karl machte ſeine heimlichen, nächtlichen Beſuche in der Katharinenburg, deren Geſpen⸗ 33 ſterſpuk gänzlich verſchollen war, und ſeine Vertrauten dabei waren Vivian und— der Probſt Innocenz, den er deshalb zu ſeinem Beichtvater erkoren und faſt immer um ſich hatte; und die ritterlichen Eigenſchaften und Paſſionen des geiſtlichen Herrn machten ihn ganz beſondes geſchickt 1 1 zum Poſten des Beichtvaters und Geſellſchafters eines jungen Fürſten, der von Pferden, Hunden und Waffen und von der mit dieſen Dingen verbundenen Thätigkeit 1 ſo leidenſchaftlich eingenommen war. Dabei genoß der Prinz von dieſem Verhältniſſe mit ſeinem Beichtvater den Der König von Spanien. 67 Vortheil, daß ſein Liebesgeheimniß den Späheraugen am Hofe glücklich entzogen wurde, indem des Probſtes Schlau⸗ heit jeder Entdeckung, welche Karls Leichtſinn hätte herbei führen können, geſchickt vorbeugte. Die Erzherzogin Margaretha wurde bei ihrer Heim⸗ kehr von der Antwort ihres Vaters, welche Toni zurück⸗ gebracht, unangenehm überraſcht. Der Kaiſer ſchlug ihr ihre dringende Bitte in Bezug auf den Ritter Süderland trocken ab. Die Majeſtät hatte einen Groll auf den Ritter geworfen und konnte ihm nicht vergeſſen, daß er die wohlwollenden Pläne mit ſeiner ſchönen Pathin ſo unangenehm ſtörend durchkreuzt hatte. Er rieth ſeiner mitleidigen Tochter, ſich nicht ferner um dieſen halbverrück⸗ ten Abenteurer zu bekümmern, und ihn in aller Heiligen Namen nach Oſt- oder Weſtindien ziehen zu laſſen. oder wohin er nur ſonſt wolle. Margarethas edlem Gemüthe thaten dieſe harten und höhniſchen Aeußerungen ihres Vaters über einen Unglücklichen weh, und mit blutendem Herzen meldete ſie Bübenhoven, daß ihr nicht gelungen ſei, etwas für den Ritter Süderland auszurichten. An einem der letzten Tage des Monats Januar wur⸗ den die beiden genannten Männer bei ihr angemeldet. Sie ließ ihre Hofdamen in das offne Nebenzimmer treten und empfing den Beſuch mit großer Huld. Als ihr gü⸗ tiges Auge auf die vom Stempel des nagenden Kummers tief gezeichneten Züge des Ritters fiel, füllte es ſich mit Thränen. 68 Der König von Spanien. „Hohe und gnädige Frau,“ nahm Bübenhoven das Wort,„ich erlaube mir, Euch meinen Freund vorzufüh⸗ ren, der von Euch Abſchied nehmen will. Und auch ich bin aus derſelben Abſicht gekommen. Auch mich ruft eine neue Beſtimmung, die mir vor wenigen Tagen kund ge⸗ worden, aus den Niederlanden.“ „Auch Ihr wollt uns verlaſſen?“ fragte Margaretha ſchmerzlich ergriffen. „Es iſt Ew. Hoheit bekannt, daß mein gütiger Vater Fugger in meinem ſchönen Geburtslande ein neues präch⸗ tiges Schloß gebaut und nach ſeinem Namen Fuggerau genannt hat, ein Werk, das er mit Liebe und Begeiſte⸗ rung ausgeführt. Das Schloß iſt fertig, und Herr Jakob hat mich zum Bewohner deſſelben beſtimmt. Von dieſem köſtlichen Wohnſitze aus ſoll ich ſeine Silberbergwerke in der Nähe beaufſichtigen. Er meint, er werde die Reiſen nun nicht mehr ſo oft machen können, wie zeither; das Alter beginne ſich bei ihm einzuſtellen. An demſelben Tage, wo mein Freund das Schiff beſteigt, werde ich die Reiſe nach dem Süden antreten.“ „Es thut mir wehe, zwei meiner werthen Freunde auf einmal ſcheiden zu ſehen. Und Ihr, Ritter, werdet eine ſo große Reiſe thun?“ „In wenigen Wochen gedenke ich das atlantiſche Meer zu durchſchiffen,“ verſetzte Süderland ſchwermüthig. In dieſem Augenblick ertönte im Nebenzimmer der dumpfe Schrei einer weiblichen Stimme, und eine Bewegung ent⸗ Der König von Spanien. 69 8 ſtand unter den wenigen dort verweilenden Hofdamen. Der Ritter war erbleicht und zitterte; er hatte die Stimme ſogleich erkannt, und unwillkürlich folgte er der Erzher⸗ zogin, welche mit Beſorgniß in den Zügen durch die Thür ſchritt. Sich und ſeine Umgebung im Sturm und Drange der über ihn ſtürzenden heftigen Gefühle gänzlich vergeſſend, eilte der Ritter auf eine Ohnmächtige zu, welche die andern Damen auf ein Polſterbett getra⸗ gen hatten, und rief mit dem Ausdruck des größten Schmerzes:„O Maria; meine Maria! muß ich dich hier noch einmal finden! Muß ich den bittern Kelch der Ver⸗ zweiflung bis zu der Hefe leeren und dir noch zuletzt Jammer und Noth bereiten!“ „Ha, Ihr ſeid es, Ihr, Ritter, den die Unglückliche liebt?“ rief die Erzherzogin erſtaunt.„O nun wird mir der troſtloſe Schmerz der Armen klar! Nun begreif⸗ ich Alles. Wer könnte ihren Jammer beſſer verſtehen, als ich!“ fügte ſie ſich vergeſſend hinzu. Der Ritter hatte die beklagenswerthe junge Gräfin von Iſſelſtein einen Augenblick in die Arme geſchloſſen und ihr einen Kuß auf die reine Stirn gedrückt; dann erhob er ſich wieder und wandte ſich der Fürſtin zu. Er war zum Entſetzen bleich, und in ſeinen zerriſſenen Zügen lag etwas Starres und Wildes.„Ja ich bin der Unſelige, den ein gräßlicher Fluch verfolgt, überall, wohin mein Fuß tritt, Unglück zu verbreiten. Männlich hab' ich mich gewehrt gegen die heiligſten und ſüßeſten Gefühle für die⸗ Der König von Spanien. 70 ſen Engel; aber ich bin Menſch und unterliege. Wie durfte ich die Gräfin Maria hier erwarten? Ich wähnte ſie in Wien. Und ſo wird mein feindliches Geſchick nicht müde, ſeine vergifteten Pfeile auf mich abzuſchießen. Gern wollte ich ihm mein ſchon von tauſend Wunden zerfleiſchtes Herz bloß ſtellen; wenn ich es damit gewinnen könnte, andre mir über Alles theure Herzen zu verſcho⸗ nen. Aber unbarmherzig reißt es die, welche eine ſanfte theilnehmende Hand mir auf das wildbewegte, blutende Herz legen, mit mir ins Verderben. Weh mir!“ „Beruhigt Euch, Ritter! Beruhigt Euern verzweiflungs⸗ vollen und gerechten Schmerz!“ ſagte die Erzherzogin zu dem weinenden Manne.„Selbſt das feindſeligſte Ge⸗ ſchick ermattet endlich in ſeinen Schlägen. Ihr ſeht es an mir ſelbſt. Wie Ihr bin ich vom Unglück verfolgt worden, und doch iſt endlich Ruhe und Frieden in meine Bruſt zurückgekehrt. Auch Euch werden die edelſten Güter der Seele nicht immer fliehen.“ Der Ritter ſchüttelte ſchweigend das ſchöne Haupt. Dann ſagte er dumpf:„Was ein Menſch zu ertragen vermag, ich habe es getragen. Aber daß auch dieſes ſüße Kind vom Peſthauch meines Geſchickes geſtreift wird, daß ich einen Augenblick in ihrem Anſchaun vergeſſen konnte, wer ich bin und welches Brandmal des Unglücks auf meiner Stirn glüht, daß ſich mein langverſchloſſenes, er— ſtarrtes Herz noch einmal dem Frühlingshauche der Liebe öffnete, und dieſe Unſchuld in die heiße Sandwüſte meines — Der König von Spanien. 71 9 Daſeins verlockte, unwillkürlich, ja gegen meinen Willen! das iſt der ärgſte von allen Schickſalsſchlägen, die mich jemals betroffen.“ Die bekümmerte Fürſtin führte den troſtloſen Ritter und ſeinen theilnehmenden Begleiter ins andere Zimmer und gab Befehl, daß die Gräfin Maria ſogleich auf das ihrige gebracht und der Leibarzt zu ihrem Beiſtande ge— rufen werde. Margaretha bot all ihre Liebenswürdigkeit auf, ihren verehrten Gaſt zu zerſtreuen und zu erheitern, und ſie gab durchaus nicht zu, daß die beiden Freunde an dieſem Tage wieder abreiſeten. Auch blieb der Ritter gern, theils weil Margarethas ſanfte Perſönlichkeit be⸗ ruhigend auf ihn wirkte, theils weil er die Gewißheit mit fort nehmen wollte, daß der Schrecken Marias keine übeln Folgen auf ihre Geſundheit hinerlaſſen habe. Der Ritter erzählte der Erzherzogin auf ihren Wunſch die Geſchichte ſeiner Bekanntſchaft mit Maria von Iſſelſtein. Die Unterhaltung wurde plötzlich durch Ankunft eines rei⸗ tenden Eilboten von Brüſſel unterbrochen. Er überreichte der Fürſtin ein Schreiben des Herrn von Chievres, und ſie erbrach daſſelbe im Beiſein ihrer Gäſte. „All ihr Heiligen!“ rief ſie plötzlich.„Der große Würfel iſt gefallen. König Ferdinand von Aragonien iſt todt. Karl iſt König von Spanien.“ Süderland und Bübenhoven erhoben ſich ſogleich, um der Fürſtin ihre Theilnahme an dieſem hochwichtigen Ereig— niß auszudrücken. 72 Der König von Spanien. „Herr von Chievres ſchreibt mir, daß der Staatsbote eben angekommen, König Karl aber in den Soigner Wald auf die Jagd geritten ſei und erſt am Spätabend zurück⸗ kehren werde. Er bittet mich dringend, ſogleich nach Brüſſel zu kommen, damit mein Neffe aus meinem Munde zuerſt als König begrüßt werde, und ich erſuche Euch, meine Freunde, mich zu begleiten, damit Ihr dem jungen Könige ſogleich Euere Ehrfurcht bezeigen könnt.“— Dieſe Bitte konnte nicht füglich abgeſchlagen werden, und der Ritter ſagte ihre Gewährung mit einem ſchmerzlichen Lächeln zu. Die Befehle zur Abreiſe wurden ſchnell ertheilt, und nach einer halben Stunde waren die beiden Erzherzoginnen nebſt einem kleinen Gefolge mit den beiden Gäſten auf dem Wege nach Brüſſel. Es war gegen zehn Uhr in der Nacht, als ſie anlangten. Der Erzherzog hieß es, ſei bereits zu Bett gegangen. Die Erzherzoginnen, in Begleitung des Pfalzgrafen Friedrich, des Herrn von Chievres und einiger Staatsräthe, verfügten ſich ſofort in das Zimmer des jungen Fürſten. Die Pagen fuhren er⸗ ſchrocken empor, und Vivian erblaßte. Karls Bett wurde leer gefunden.„Wo iſt der Erzherzog?“ rief Margaretha unwillig erſtaunt. Niemand gab ihr Antwort. Da ſtürzte Vivian zitternd und um Gnade bittend der Erzherzogin zu Füßen. „Was iſt das? Was werd' ich erfahren?“ fragte Margaretha in großer⸗Aufregung.„Wirſt du mir ſagen, wo Prinz Karl zu finden iſt?“ 8 „ Der König von Spanien. 73 „In der Katharinenburg,“ ſtammelte der Page, und alle Anweſenden ſahen ſich beſtürzt an. „In dem verfallenen Hauſe in der Martinsvorſtadt, wo die Geſpenſter ihren Spuk treiben?“ „Eben dort.“ „Und was hat er dort zu ſchaffen?“—„Ich weiß es nicht“; log der Page in der äußerſten Verlegenheit. „Welch eine tolle Wirthſchaft!“ rief Margaretha ent⸗ rüſtet.„Und davon wißt Ihr nichts, Herr von Chievres?“ fragte ſie den verlegenen Commandanten uud Hofmeiſter zürnend. Dieſer fand für gut, ſchweigend die Achſeln zu zucken, das Auskunftsmittel aller in der größten Verle⸗ genheit ſich befindenden Hofleute. Einige Augenblick lang herrſchte eine peinliche Stille. „Wohlan denn!“ rief Margaretha entſchloſſen,„wir müſſen ihn dort auſſuchen. Zeig' uns den Weg, Vivian! Wir müſſen hinter dieſes ſelſame Geheimniß kommen und den Erzherzog in dieſer Nacht noch als König begrüßen, wo wir ihn auch finden.“ Die Geſellſchaft brach ſchweigend und in großer Span⸗ nung auf, und Süderland und Bübenhoven ſchloſſen ſich ihr an. Der Letztere ahnete ſogleich die Wahrheit; denn er wußte nur zu gut, welche Geſpenſter in der Katha⸗ rinenburg hauſeten. Ein paar von Pagen getragene Windlichter leuchteten der merkwürdigen Wanderung vor. Die Erzherzogin Margaretha hatte den Arm des Ritters von Süderland genommen; die Erzherzogin Eleonore ließ Der König von Spanien. ſich von Herrn von Chievres führen. Kein lautes Wort wurde vernommen und die ſpärlichen Mittheilungen nur flüſternd gemacht. Die ängſtliche Erwartung der kleinen Geſellſchaft ſtieg immer höher, als ſie durch die feuchte Halle und über die Treppe voll Geröll in dem verrufe⸗ nen Hauſe ſchritt. Plötzlich ſchlug ein wildes und verworrenes Geſchrei an ihre Ohren, das ſie mit Schrefken erfüllte. „Bei der gebenedeiten Mutter Gottes! Was werdi ich erleben müſſen!“ ſchrie Margaretha in höchſter Angſt und beflügelte ihre Schritte. „Schlagt ihn nieder, den böſen, unbändigen Buben!“ kreiſchte eine weibliche Stimme aus dem großen Gemach, vor deſſen Thür die Geſellſchaft eben angekommen war. Die Männer hatten die Degen gezogen und traten, die beiden hohen Damen in ihrer Mitte, hinein. Ein ſeltſamer Anblick bot ſich ihren Augen dar. Ein Mann in der gemeinen Kleidung eines Landsknechtes, balgte ſich mit einem andern ritterlich gekleideten jungen Manne im verzweifelten Kampfe. Das Wuthgeheul, das der Letz tere ausſtieß, machten die Luft erzittern. Beide bluteten, und ihre Degen, die ſie ſich entriſſen hatten, lagen am Boden. Der Landsknecht hielt den Andern mit kräftigen Armen umſpannt und machte den Dolch machtlos, wel⸗ chen dieſer in der rechten Hand hielt. Daneben ſtand ein ſcheusliches, altes Weib, nur nothdürftig bekleidet, und ſtieß Flüche und Verwünſchungen aus ihrem widrig ver⸗ Der König von Spanien. 75 zerrten Munde. Es war Karracha. Jetzt ſtürzten aus der nächſten Thür einige Zigeuner hervor. Der Anblick der fremden Geſellſchaft hemmte ihre Schritte und machte die ganze Scene einen Augenblick erſtarren. Der Com⸗ mandant trat hervor und rief mit donnernder Stimme: „Im Namen des Erzherzogs! Ihr ſeid Alle meine Gefangenen.“ Die beiden wüthenden Kämpfer ließen von einander L, und der vornehm Gekleidete ließ den Dolch fallen und ſuchte katzenartig zu entwiſchen. Aber im Nu waren Alle umringt, und die Erzherzogin Margaretha, welche in dem gewandten Burſchen ſchon Toni erkannt hatte, rief ihm zu. Er nahete mit zögernden Schritten und fiel ihr wim⸗ mernd zu Füßen. In demſelben Augenblicke wurde auch der Landsknecht als der hochwürdige Probſt Innocenz er⸗ kannt. Die Ueberraſchung und das Erſtaunen der Ge⸗ ſellſchaft feſſelten ſchier ihre Zungen. Niemand wußte, was er von dieſem höchſt ſeltſamen Auftritte denken ſollte. „Was haſt du hier zu ſchaffen, Toni?“ fragte Mar⸗ garetha zuerſt den ſich vor ihr am Boden windenden Bur⸗ ſchen. Er antwortete nicht, ſondern heulte nur wie ein Wahnſinniger. „Bei meinem Zorne ſprich, oder du wirſt in dieſer Nacht noch gehenkt. Was haſt du hier vor?“ „Schenkt ihm das Leben, hohe Frau!“ jammerte jetzt Karracha.„Er iſt mein Enkel, und ich liebe den tollen Burſchen, obwohl er den Galgen verdient haben mag.“ 76 Der König von Spanien. „Wo iſt der Erzherzog?“ herrſchte Margaretha, von dem Gedanken an die Gefahr, in welcher er hier ſchwe⸗ ben könne, mächtig ergriffen. Dieſe Frage verſetzte die Gefangenen in ſichtliche Verlegenheit. „Ihr ſeid Kinder des Todes, wenn Ihr den Erzher⸗ zog nicht ſogleich mit heiler Haut zur Stelle ſchafft!“ fuhr die Fürſtin mit geſteigerter Angſt fort. „Gnade! Gnade!“ ſchrie Karracha.„Es iſt ihm nichts zu leid geſchehen. Er befindet ſich geſund und wohl.“ „Fürwahr, durchlauchtigſte Frau,“ nahm jetzt der Probſt in ſeiner haſtigen Weiſe das Wort;„des Erzher⸗ zogs Hoheit könnte ſich kaum wohler befinden, und ich hoffe, Ihr werdet Euch durch ſeinen Anblick ſogleich ſelbſt von meiner Verſicherung überzeugen— hier kommt er ſchon und mit ihm die ſchöne Löſung aller dieſer Euch ſo wunderbar und außerordentlich vorkommenden Räthſel.“ In dieſem Augenblick trat Karl in ſeiner Verkleidung in den Kreis; ihm zur Seite die zierliche Sonaca, welche ihre gagathſchwarzen Augen verwundert, obgleich furchtlos, in dem Kreiſe umherſchickte und mit dem ihr angebornen natürlichen Zauber der Schönheit und Unſchuld die Her⸗ zen der auf ſie Blickenden gewann. Es bedurfte nun für die Erzherzogin, ſo wie für kei⸗ nen Andern aus der Geſellſchaft der Fragen und Ant⸗ worten, um zu erfahren, weshalb ſich der junge Fürſt hier befinde. Alle nöthigen Erklärungen ſtanden ihm in Der König von Spanien. 77 verkörpertem Liebreiz zur Seite, und als ſie ſich vertrau⸗ lich unſchuldig an ihn anſchmiegte, gleichſam als begehre ſie Schutz von ihm gegen dieſe drohend ausſehenden Fremdlinge, da wußte jedes Herz, von welcher Art die Gefahren ſeien, in welche ſich der junge Fürſt begeben. Es war alſo davon auch mit keinem Worte die Rede. Karl ſtand verlegen lächelnd vor ſeiner ernſt blickenden Tante und wollte eben ein bittendes oder verſöhnendes Wort an ſie richten, als ſie mit feierlicher Würde auf ihn lostrat, ſich tief vor ihm verneigte und mit getrage⸗ ner Stimme ſprach:„Heil dem Könige von Spanien und Neapel! Ich bringe Ew. Majeſtät meine Huldigung dar. König Ferdinand iſt todt. Es lebe König Karl!“ Alle Männer hatten die Hüte abgenommen und beug⸗ ten den huldigenden Zuruf wiederholend das Knie vor dem jungen Könige. Karl war einen Augenblick überraſcht. Aber der Jüng⸗ ling war in Sonaca's Armen ſchnell zum Manne gereift, und nicht ohne Würde dankte er dem huldigenden Gruße. „Wann iſt mein Großvater, des Königs von Aragonien Hoheit, geſtorben?“ fragte er. „Am zwei und zwanzigſten Januar hat ihn der Tod in einem kleinen Dorfe, Namens Madrigalejo, nahe bei Trurillo in Andaluſien ereilt. Er ſtarb auf der Reiſe, als er vom Landſitze des Herzogs von Alba, wo er Hir⸗ ſche gejagt, zurückzukehren im Begriff ſtand. In einem kleinen armſeligen Hauſe, welches den Mönchen von Gua⸗ 78 Der König von Spanien. dalupe gehört, hauchte der Beſitzer ſo vieler Länder und Paläſte die Seele aus. Ew. Hoheit aber iſt der Erbe aller Kronen und Königreiche Ferdinands und Iſabellas.“ „Wir werden ihm ein feierliches Beſingniß veranſtal⸗ ten, und unſer Hof wird die große Trauer anlegen,“ ſagte der junge König. „Wie, Karl?“ rief jetzt Sonaca mit einem merkwür⸗ digen Ausdruck von Freude und Staunen, und ſchlug da⸗ bei die kleinen Hände verwundert zuſammen,„du biſt Kö⸗ nig von Spanien? Du biſt der Herzog dieſes Landes?“ „Ich bin's, mein ſüßes Kind, und werde deiner Liebe ſtets eingedenk ſein.“ „Und Ihr dürft nicht zürnen, hohe Frau,“ wandte ſich jetzt Karracha zu der Erzherzogin Margaretha,„der Herr König hat keine Unwürdige geliebt. Sie iſt die Tochter unſerer Königin und entſtammt dem Blute unſe⸗ res uralten Königsgeſchlechts. Und ihr Vater iſt von gutem deutſchen Adel, der Euch ſogar verwandt i „Ihr Vater? Wer iſt ihr Vater?“ fragten Karl und Margaretha zugleich. Da trat Bübenhoven hervor; in ſeinen Zügen ſprach ſich die mächtige Bewegung ſeiner Seele aus. Sonaea eilte ihm entgegen; er ſchloß ſie in die Arme und drückte ihr einen Kuß auf die Stirn. Alle ſahen verwunderungs⸗ voll auf dieſe neue unerwartete Scene.„Sie iſt meine Tochter!“ ſagte der Junker mit vor Rührung zitternder Stimme,„ſie iſt das Kind meiner erſten Jugendliebe. Im Der König von Spanien. 79 ſchönen Frankreich lernte ich ihre Mutter kennen und lie— ben, als ich mit Ew. Hoheit nun in Gott ruhendem Herrn Vater die erſte Reiſe nach Spanien machte.“ „Wir werden Euch deshalb in Gnaden gewogen ſein,“ ſagte Karl königlich vornehm. Toni erhob jetzt wieder ſeine Stimme und flehete um ſein Leben, indem er hoch und theuer ſchwur, er habe nicht gewußt, daß ſein glücklicher Nebenbuhler der Herr Erzherzog oder jetzige König ſei, und er habe doch die Sonaca ganz raſend geliebt, und der Gedanke, daß ein Anderer ihr glücklicher Liebhaber ſei, habe ihn ſchier um Sinn und Verſtand gebracht. Karracha vereinigte ihre Bitten mit den ſeinigen und betheuerte, Niemand von ihren Leuten, außer ihr ſelbſt, habe gewußt, wer der Prinzeſſin Sonaca Geliebter ſei; ſie habe das Geheimniß ſtreng bewahrt. Dadurch wurde nun Toni zum Geſtänd⸗ niß gebracht, daß die tollſte Eiferſucht ihn in dieſer Nacht in die Katharinenburg getrieben, um ſeinen Nebenbuhler, den er für einen gemeinen Knecht gehalten, bei Sonaca zu überraſchen und ſich an ihm zu rächen. Der Probſt Innorenz hatte aber, als treuer Begleiter des Erzherzogs auf deſſen geheimen Nachtfahrten, gute Wache gehalten und die Gefahr vom Haupte ſeines jungen fürſtlichen Gönners mit kräftigen Fäuſten glücklich abgehalten. So verdrieß⸗ lich auch die Erzherzogin zu der unwürdigen Vertrauten⸗ rolle ſah, welche der vornehme geiſtliche Herr bei ihrem Neffen ſpielte, ſo war es doch jetzt nicht an der Zeit, ſich 80 Der König von Spanien. ungnädig darüber auszulaſſen, zumal der Probſt gerade dadurch in der Gunſt des ſechszehnjährigen Königs be⸗ deutend ſteigen mußte. Auch war es ja gerade nichts Ungewöhnliches, die Väter der Kirche in ſolchen eben nicht ehrenhaften Angelegenheiten handelnd auftreten zu ſehen, und der Probſt Innocenz war ſchon längſt als ein geiſt⸗ licher Würdenträger bekannt, der für ſeine Perſon Alles erlaubt hielt, was er, kraft ſeines Amts, an Andern ſtrafbar finden mußte. Der hohen Frau fehlte jede Herrſch⸗ ſucht, ja ſogar die entſchloſſene Kraſt, dem mächtigen Kö⸗ nig gegenüber, ſo unerfahren er auch war, ihren Willen zu ſeinem Beſten geltend zu machen. Sie konnte nie die weichgeſtimmte, zartfühlende Dichterin verläugnen, die in ſtiller Reſignation das ihr zukommende Theil erkannte. Der herrſchſüchtigen Umgebung Karls mußte aber ein Ver⸗ trauter, wie Innorenz, ſehr angenehm ſein. Das begriff Margaretha wohl, und ſie begnügte ſich im Geheimen über das unglückliche Lvos der Fürſten zu ſeufzen, das ihnen beſtimmt, ſtets von unſittlichen und zweideutigen Charakteren abhängig zu ſein. Doch wollte ſie wenig⸗ ſtens die gefährlichen Zigeuner ſo ſchnell als möglich ent⸗ fernt wiſſen, und ſie trat deshalb mit Herrn von Chievres, dem ein ſolches Verlangen nur ſehr erwünſcht kam, im heimlichen Zwiegeſpräch bei Seite. Der junge König beſchäftigte ſich mit ſeiner Gelieb⸗ ten, um ihre böſe Ahnung zu beſchwichtigen, daß ſie nun wohl ſeiner nächtlichen Beſuche verluſtig werden würde. Der König von Spanien. 81 Da trat der Pfalzgraf Friedrich hinzu und richtete die ehrfurchtsvollen Worte an ihn.„Es iſt mir ein ernſter Auftrag an Ew. Hoheit zu Theil geworden. In der letzten Lebensſtunde Eures königlichen Vaters übergab mir derſelbe eine koſtbare Brieftaſche, die ihm über Alles theuer war; denn ſie war das Geſchenk einer zärtlich ge⸗ liebten Jugendfreundin, Namens Luiſe von Maine, von der Ew. Majeſtät durchlauchtigſte Frau Tante Euch Nähe⸗ res mittheilen kann, wenn es ihr beliebt. Die edle Dame, welche dem König Philipp jenes ihm ſo liebe Geſchenk gemacht, war damals ſchon nicht mehr unter den Leben— den. Der ſterbende König gebot mir, Euch in derſelben Stunde, in welcher Euch die ſpaniſchen Königskronen als Euer Erbe zufallen würden, dieſe Brieftaſche zu überrei⸗ chen und Euch in ſeinem Namen zu erſuchen, die weni— gen Zeilen, die er für Euch hineingeſchrieben, als den Willen eines Todten ſtreng zu befolgen. Ich habe die Brieſtaſche, jenem Vefehl zufolge, als mir die Kunde Eu⸗ rer Erhebung wurde, zu mir geſteckt, um ſie Cw. Hoheit zugleich mit meiner Huldigung zu übergeben. Habt die Gnade, ſie aus meiner Hand anzunehmen. Ihr fin⸗ det die Bildniſſe Eures Vaters und jener holden Luiſe von Maine darin, von der geſchickten Hand eines nieder⸗ ländiſchen Malers gemalt.“ Der König nahm das reich mit Perlen und Edelſtei⸗ nen beſetzte Büchlein aus der Hand des Pfalzgrafen, ſchlug es auf und trat mit Sonaea an den Tiſch, um ſich den Ein deutſcher Leinweber. V. 6 82 Der König von Spanien. Inhalt an dem dort ſtehenden Lichte zu betrachten. Sein Auge hing mit Rührung an den Zügen ſeines Vaters. „Ach, das muß eine ſchöne Dame geweſen ſein!“* rief Sonaca, beim Anblick von Luiſens Conterfei aus. „Sie war die Jugendgeliebte meines Vaters, wie du die meinige biſt,“ verſetzte der König und küßte die Rei⸗ zende.„So will ich dich auch für mich malen laſſen.“ „Ach, Karl, du haſt mir noch kein Andenken an deine Liebe gegeben!“ ſeufzte Sonaca.„Du biſt ein großer und mächtiger König und wirſt fortziehen und die kleine arme Sonaca vergeſſen. Schenke mir dies Büch⸗ lein als Andenken an unſere Liebe.“ „Laß mich erſt leſen, was hier geſchrieben ſteht!— —— So, nun nimm es, und wenn du einſt einen Wunſch haſt, den ich dir erfüllen ſoll, wenn du dir eine Gnade vom König von Spanien ausbitten willſt, ſo übergib mir dies Büchlein, und ſo wahr mir Gott helfe! ich will erfüllen, was du begehrſt, aus Dankbar⸗ keit dafür, daß du meine Jugend ſo hochbeglückt haſt. Dies Büchlein ſei dir ein Unterpfand meines königlichen Wortes.“ Sonaca verbarg die Brieftaſche im Buſen und küßte den König. Dieſer aber trat wieder zu den Uebrigen„ und fragte mit lauter Stimme:„Wer iſt Don Alfonzo de Granada, genannt Alnayar? Wo find' ich dieſen Mann? Was hat es für eine Bewandtniß mit ihm?“ „Was verlangt Ew. Hoheit vom Träger dieſes Na⸗ Der König von Spanien. 83 mens?“ gegenfragte die Erzherzogin Margaretha,„ den Worten des Königs ſichtbar betroffen. „Mein Vater hat mir befohlen, es meine erſte Hand⸗ lung als König von Spanien ſein zu laſſen, daß ich die⸗ ſen Mann in alle Würden und Güter wieder einſetze, die er einſt beſeſſen, und ſo das Unrecht wieder gut zu ma⸗ chen, welches ihm König Philipp angethan, und welches er ſterbend herzlich bereut hat.“ „O Maria!“ ſeußte der Ritter Süderland ſtill und ſchmerzlich und neigte das Haupt zu Bübenhoven, der im nächſten Augenblick neben der Erzherzogin Margaretha ſtand und ihr ein paar Worte zuflüſterte. Hierauf wandte ſie ſich wieder zu ihrem Neffen und ſprach„Ew. Hoheit wird zweifelsohne in Spanien erfahren, wer dieſer Don Alfonzo de Granada iſt, und ihn kennen lernen.“ Die Geſellſchaft brach auf, das unheimliche Haus zu verlaſſen, welches dem jungen Könige ein Feenpallaſt ge⸗ worden war. Er ſagte der geliebten Zigeunerin noch ein heimliches Wort, eh' er ſchied. Zwei Männer blieben zu⸗ rück, Bübenhoven und der Probſt Innoeenz, der erſtere im Saal, während der andere in Begleitung eines Zi⸗ geuners, der ſich plötzlich zu ihm gefunden und in der Dunkelheit durch einen einzigen Händedruck ſich mit ihm verſtändigt hatte, ſteile Treppen in die Keller des Hau⸗ ſes hinab ſtieg. Bübenhoven umarmte ſein Kind wehmüthig.„Arme Sonaca!“ ſagte er.„Dein ſchöner Jugendtraum iſt vor⸗ 6* 8 8 84⁴ Der König von Spanien. über. Die Täuſchung beginnt, und ihr Schmerz bricht über dich herein. Wenigſtens ſoll er dein ſchönes Herz nicht unvorbereitet finden.“ „Meinſt du, daß Karl mich nun nicht mehr lieben wird?“ fragte das Mädchen naiv. „Ach, mein Kind, du kennſt die Könige noch nicht. Und Karl müßte nicht Philipps Sohn ſein. Sei gefaßt darauf, ihn nie wieder zu ſehen, oder nur als König.“ Aber Sonaca glaubte dem Vater nicht. Sie hatte ja Rarls Brieftaſche als Pfand.„Komm, komm, zur Mutter!“ drängte ſie.„Sie wird ſich freuen, dich zu ſehen.“ Damit zog ſie ihn aus dem Saal, und er folgte ihr nicht ungern. Der Probſt war mit ſeinem Führer in der Münz⸗ ſtätte angelangt.* „Was willſt du von mir, Pepindorio?“ fragte der geiſtliche Herr halb neugierig, halb ängſtlich; denn die düſtern Kerkerwände des Kellers behagten ihm eben ſo wenig, als das Spitzbubengeſicht ſeines Begleiters, das der matte Lichtſtrahl einer Lampe eben nicht zu ſeinem Vortheil beleuchtete. „Ich habe Euch eine nothwendige Entdeckung zu ma⸗ chen, die Euch angenehm überraſchen wird, verſetzte An⸗ tonio Cebes.„Doch erſt muß ich meinen Leuten einen 5 ſchnell auszuführenden Befehl geben. In einer Stunde darf hier keine Spur unſerer Thätigkeit mehr übrig ſein.“ Er rief einem Zigeunerburſchen einige dem Probſt unver⸗ ſtändliche Worte zu; da regte ſich's plötzlich in allen Win— Der König von Spanien. 85 keln. Es wurde aufgeräumt, und alles Wertzeug ver⸗ ſchwand nur noch tiefer unter die Erde. Das Gold nahm Antonio an ſich, um es eigenhändig zu verwahren. Das Alles ging ſo ſchnell und ſchier lautlos, als ob Zaube⸗ rei dabei im Spiele wäre. „Jetzt bin ich ganz der Eure,“ wandte ſich der Zi⸗ geuner wieder zu dem Prieſter.„Eh der Tag graut, müſſen wir aus der Stadt ſein, wenn uns nicht Unheil begegnen ſoll. Ich bedarf aber in Brüſſel eines Bevoll⸗ mächtigten, und dazu habe ich Euch auserſehen, hoch⸗ würdiger Herr.“ „Mich?!“ fragte der Probſt mit ſpöttiſcher Verwun⸗ derung. „Ja, weil Ihr der tauglichſte Mann für die Haupt— geſchäfte ſeid, die ich hier zu beſorgen habe. Freilich müßt Ihr erſt erfahren, wer ich bin, und worin jene Geſchäfte beſtehen.“ Und aus einer eiſernen Kiſte, in welche er kurz vorher Rollen neugeprägten Goldes gelegt hatte, nahm er ein zuſammengefaltetes Pergament mit einem großen Siegel, ſchlug es von einander, hielt es dem Pfaf— fen vor und fragte:„Kennt Ihr dieſe Unterſchriften?“ Der Probſt glotzte auf das Geſchrift.„Die Namen Seiner Heiligkeit des Papſtes Leo und Seiner Eminenz des Cardinals Staatsſeeretair Bembo,“ rief er zurück⸗ prallend mit ungeheuerm Reſpect. „Wohlan ſo leſ't dieſe päpſtliche Bulle!“ Der S geuner leuchtete ihm mit der Lampe und beobachtete dabe , 86 Der König von Spanien. ſein Geſicht, welches ſich während dem Leſen ſeltſam ver— änderte und immer röther wurde. „Und Ihr ſeid—?“ fragte der Probſt, als er fer⸗ tig war, mit faſt furchtſamer Stimme. „Graf Torxillas, Kämmerer Seiner Heiligkeit, der ich Euch unter Allen, die ich hier unter dieſer Maske ſcharf beobachtete, als den Würdigſten befunden, die An— gelegenheiten des Papſtes zu betreiben. Ihr ſeid mein Mann und der ſeinige, und ich darf Euch hohe Beloh⸗ nung in Ausſicht ſtellen, wenn Ihr die Aufträge, die ich Euch im Namen des Papſtes ertheilen werde, zu ſeiner Zufriedenheit ausführt.“ Des Probſtes plumpes Geſicht nahm einen widrig ſchmunzelnden Ausdruck an. Sein ſtolzer Nacken beugte ſich zu kriechender Unterwürfigkeit. „Ich bin Ew. Gnaden höchlichſt dankbar für die gute Meinung, die Ihr von mir gefaßt, und werde dieſelbe zu rechtfertigen wiſſen. In aller Demuth bin ich bereit, die Befehle des heiligen Vaters zu empfangen.“ Damit küßte er die Namenszüge des Papſtes auf dem Pergament. „So kommt in mein Gemach, damit ich Euch Eure Inſtruction übergebe.“ Sie traten in ein anderes Gewölbe, deſſen eiſerne Thür verſchloſſen wurde.— Als der Tag anbrach, war nichts mehr von einem Men⸗ ſchenleben in der verfallenen Katharinenburg zu entdecken. ——. —,— Sechstes Rapitel. Die erſten Frühlingsboten waren in das ſchöne Brabant gekommen; mit ihnen zwei ehrenwerthe augsburger Bür⸗ ger und Handelsherren, die zwar keine Aehnlichkeit mit Frühlingsboten, aber doch ſonſt ein ſtattliches Ausſehen hatten: Jakob Fugger und Bartholomäus Welſer. Als Bürger der Niederlande erſcheinen ſie in Brüſſel, um ihren jungen Landesherrn wegen des Heimfalls der ſpani⸗ ſchen Kronen zu beglückwünſchen, und jeder von ihnen knüpfte an dieſen Huldigungsact, je nach ſeiner Neigung und Einſicht, ſeine beſondern kaufmänniſchen Pläne und Speculationen. Fugger hatte ſeinen alten Lieblingsplan im Auge, den großen Metallreichthum der ſpaniſchen Ge⸗ birge auszubeuten; auch dachte er daran, den fabelhaften Goldreichthum der neuen Welt, über den ſich die abenteuer⸗ lichſten Gerüchte verbreiteten, mit deutſchem Fleiße und deutſchen Kenntniſſen anzugreifen; Welſer dagegen zog mehr den ſich in Ausſicht ſtellenden, ungeheuern Nutzen des Handels und der Schifffahrt nach der neuen Welt in 88 Der König von Spanien. Betracht. Welche Pläne, welche Entwürfe, Hoffnungen und Ausſichten erblühten aus dem merkwürdigen Umſtand, daß ein deutſcher Prinz aus dem öſtreichiſchen Hauſe König von ganz Spanien, von Neapel und Siecilien, und von jenem ungeheuern weſtindiſchen Reiche wurde, von deſſen Ausdehnung und Reichthum die Begriffe noch gänz⸗ lich ſchwankend waren! Wie der niederländiſche Adel darauf die kühnſten Hoffnungen auf Macht, Reichthum, Einfluß und Ehrenſtellen baute, und den jungen eben nicht geiſtes⸗ ſtarken König, der ſchier keinen eignen Willen zu haben ſchien, nur als Mittel zur Verwirklichung jener Hoffnun⸗ gen betrachtete; ſo der mächtige und reiche niederländiſche Kaufmannsſtand, dem ſich mit den ſpaniſchen Kronen ihres Herzogs eine Perſpertive eröffnete, wie noch keine in der Weltgeſchichte vorhanden geweſen war. Es war alſo na⸗ türlich, daß Männer von ſo großem und umſichtigem Speculationsgeiſt, wie Jakob Fugger und Bartholomäus Welſer in dieſem allgemeinen Wettlaufe nicht zurückblie⸗ ben, ja es darf nicht verwundern, daß ſie mit ihren be⸗ deutenden materiellen und geiſtigen Mitteln den Uebrigen den Rang abzulaufen ſuchten. Noch niemals war das freundliche Wohlwollen, welches das habsburger Fürſten⸗ haus den Fuggern geſchenkt hatte, und die treue Anhäng⸗ lichkeit und Ergebenheit der Letztern an jenes dem alten Leinweber mehr zu ſtatten gekommen als jetzt, wo die Macht und der Wirkungskeis der öſtreichiſchen Herrſcher⸗ familie ſich ſo ins Ungeheure erweiterten. Die Summen, — Der König von Spanien. 89 welche Jakob Fugger dem Kaiſer Max geborgt, für die er immer ſo gute Intereſſen erhalten, und ſtatt deren Rückzahlung er meiſt ſo reiche und einträgliche Herrſchaf⸗ ten und Länderſtriche erworben hatte, ſchienen doch jetzt erſt Zinſen abwerfen zu wollen, welche einen Kröſus⸗ reichthum der Fugger in Ausſicht ſtellten. Wie ange⸗ legentlich hatte der Kaiſer ſeinen Freund und Helfer Jakob ſeinem Enkelſohne empfohlen! Wie eifrig hatte die Erz⸗ herzogin Margaretha dem ihr werthen und erprobten augsburger Bürger bei ihrem Neffen das Wort geredet! Wie freundlich war das Bild, welches der König Karl ſelbſt aus ſeinen erſten Jugenderinnerungen und Eindrücken von dem wackern Leinweber in, der Seele trug! Und von einer andern Seite betrachtet, wie wichtig für ein ehr⸗ geiziges Pirſtenhaus von ſolcher Bedeutung, wie das öſtreichiſche jetzt durch den Erwerb der ſpaniſchen Länder. geworden war, mußte ſolch ein unbedingt ergebener, über ſo gewaltige Geldmittel gebietender Mann, wie Jakob Fugger, ſein, und wie ſehr erheiſchte Karls eigner Vor⸗ theil, denſelben mit Gnadenbeweiſen zu erfreuen! Es hat zu allen Zeiten eben ſo wohl im Intereſſe der Fürſtenmacht, als in dem der Geldmacht gelegen, ſich zu gegenſeitigem Schutz und Gewinn mit einander zu ver⸗ binden, und niemals paßten ein deutſcher Kaiſer und ein deutſcher Geldfürſt beſſer zuſammen, als Marimilian und Jakob Fugger. Es war alſo nicht daran zu zweifeln, daß die beiden Augsburger mit ihren Plänen reuſſiren würden. Der König von Spanien. Anch war Jakob Fugger vorſichtig genug, nicht allein beim jungen König und ſeiner Tante zu wirken; er ſuchte und wußte durch Mittel, die niemals fehl zu ſchlagen pflegen, alle einflußreichen Adeligen aus der Umgebung des Königs, von denen vorauszuſetzen war, daß ſie ſie ihn nach Spanien begleiten würden, beſonders aber den geldgierigen und mächtigen Chievres, für ſich und ſeine Projecte zu gewinnen, und der ſanguiniſche und dem ſtolzen Adel keineswegs freundlich geſinnte Welſer be⸗ wunderte oft die Zähigkeit ſeines Freundes, mit welcher derſelbe Alles, was er wollte, durchſetzte, und geſtand, Jakobs Verdienſte anerkennend, willig ein, daß er allein wenig oder nichts erreicht haben würde. Das Reſultat mehrwöchentlicher Verhandlungen war, daß der König, ſobald er in Spanien angelangt ſei und von ſeinem Erbe Beſitz ergriffen habe, die Erpedition des Hauſes Welſer nach der neuen Welt kräftig unterſtützen wollte. Es ſollten dazu in Caſtilien ſelbſt erfahrene Schiffer gewonnen werden, welche wo möglich die Reiſe nach Weſtindien ſchon gemacht hätten. Der Ritter Sü⸗ derland ſollte in einigen Wochen die nach Weſtindien be⸗ ſtimmten Schiffe in einen ſpaniſchen Hafen führen, und bis zur Ankunft des Königs Schiffsleute von der bezeich⸗ neten Art zu werben und die Bekanntſchaft der vorzüg⸗ lichſten Schiffsführer, welche mit und nach Colombo die neue Welt beſucht hatten, zu machen ſuchen, um von ihren Erfahrungen Nutzen zu ziehen. Dies war jedoch —— Der König von Spanien. 91 nur die eine Aufgabe des Ritters; die andre, nicht minder wichtige beſtand darin, daß er bis zum Abgange der Erpedition ganz Spanien bereiſen, und ſich überall über den Stand und die Beſchaffenheit des Bergbaues, vor⸗ züglich der alten Goldminen unterrichten ſollte, und zu dieſem Behufe hatte Fugger beſchloſſen, ihm einige er— fahrene Bergleute mitzugeben. Aus dem gelieferten Be⸗ richte wollte der alte Leinweber erſehen, wie er weiter zu verfahren habe, um die ſpaniſchen Goldgruben in Pacht zu nehmen. Dann wollte er entweder Georg Turzoin oder Marr von Bübenhoven, oder nach Beſchaffenheit beide nach Spanien zum Betrieb des Bergbaus ſenden, und um den Letztern zu dieſem ſchwierigen Geſchäft geſchickt zu machen, hatte er ihm angekündigt, daß er ihm die Leitung der tiroler Silberbergwerke anvertrauen werde. Bübenhovens Freude darüber war ſehr groß; denn ſchon lange hatte er eine ſtille Sehnſucht nach ſeinem geliebten Vaterlande in der Bruſt getragen. Die fuggerſche Inſtruktion für den Ritter Süderland ging aber noch weiter. In Weſtindien angekommen, ſollte er nicht allein auf der Inſel Hispaniola, ſondern auch auf den übrigen Inſeln und auf dem Feſtlande, ſo viel als möglich, ſich über die reichhaltigen Goldgruben unter⸗ richten, welche eine ſo große Menge Spanier dorthin zog, die alle mit Schätzen von unglaublichem Werthe zurück⸗ kehrten. Zu dieſem Zwecke ſollten ihn auch dorhin einige der ihm mitgegebenen Bergleute aus den Kremnitzer Gru⸗ 92 Der König von Spanien. ben begleiten. So weitausſehend und umfaſſend waren Jakobs Pläne. Bei einem Banket, welches der König den beiden Augsburgern gab, ſagte er zu Fugger:„Meine Tante hat mir einen prächtigen Burſchen nachdrücklich als Be⸗ reiter empfohlen. Der junge Kerl reitet, daß ich ihn be⸗ neiden könnte. Nie noch hab' ich ſolche Verwegenheit auf dem Pferde geſehen. Ich hab ihn gleich gewonnen, und er wird mit mir nach Spanien gehen. Als ich mich bei der Erzherzogin für die Zuweiſung dieſes Subjects bedanke, erfahre ich zu meinem Erſtaunen, daß der Burſche eigent⸗ lich ein Bergmann und in Euern Gruben aufgewachſen iſt, Herr Fugger. Kann man ſich etwas Tolleres denken ein Bergknapp und ſolch ein Reiter! Man könnte an Herereien und Teufelskunſt denken.“ „Ah, das iſt der Toni, der Zigeunerbub!“ verſetzte Fugger.„Er iſt mir von Kremnitz mit den Zigeunern davon gelaufen. Der Liebling meiner Frau. Ein geſchick⸗ ter Bergmann, den ich ungern entbehrt habe.“ „Wenn das Eure Meinung iſt, ſo iſt mir der Burſche doppelt werth. Ich will in Spanien eine Commiſſion niederſetzen, welche mit Euern Leuten zuſammen den Zu⸗ ſtand der dortigen Bergwerke prüfen ſoll. Da werd' ich den Toni gut verwenden köunen.“ „O, er hat etwas in meiner Schule gelernt! Aber mich verlangt, den wilden Burſchen wieder zu ſehen.“ „Ich werde ihn Euch zuſchicken“— Der König von Spanien. 93 Nach eiuigen Stunden trat Toni in der prächtigen Schaube eines königlichen Bereiters in Fuggers Herberge. „Ah, Toni, warum biſt du mir durch die Lappen gegangen?“ fragte Jakob gutmüthig und erfreut, ſeinen Zögling in ſo guten Umſtänden zu ſehen. Toni, auf einen ſchlechtern Empfang gefaßt, da er ſich als den Räu⸗ ber des Knaben Raimund Mohr verrathen glaubte, wurde durch dieſe Worte ſehr mittheilſam geſtimmt und ent⸗ gegnete:„Ich tauge zum Bergmann ſo wenig wie zum Leinweber. Ich gehöre aufs Pferd, und der König hat mir glücklich darauf geholfen. Ihr dürft mir nicht zür⸗ nen, daß ich mich heimlich davon gemacht habe.“ „Um des Königs' willen, der dir gewogen iſt, ſoll dir Alles vergeſſen und vergeben ſein. Ich wünſche dir Glück zu deiner neuen Laufbahn!“ „Zum Dank will ich Euch eine Euch nützliche Mit⸗ theilung machen. Der Oberſteiger Gebhard Diether in Kremnitz iſt ein Schurke; er beſtiehlt das Bergwerk und verkauft das Golderz an die Zigeuner. Jagt den Dieb zum Teufel und duldet keine Zigeuner in der Nähe Eurer Bergwerke.“ „Du biſt ſelbſt ein Schelm,“ ſagte Fugger zornig. „Der Diether meinte es gut mit dir, und nun willſt du ihn bei mir verläumden, gewiß nur aus Rache, weil er dich einmal gezüchtigt. Ich kenne den Oberſteiger beſſer.“ „Glaubt, was Ihr wollt!“ entgegnete Toni trotzig. Ich bin gottlob des Königs Dienſtmann, und Eure Hän⸗ 94 Der König von Spanien. del gehen mich nichts an.“ Damit verließ er ohne Wei⸗ teres den verſtimmten Kaufherrn. Fugger und Welſer reiſeten am folgenden Tage nach Antwerpen zurück und betrieben mit Eifer die Abfahrt der beiden nach Weſtindien beſtimmten Schiffe nach Spa⸗ nien. Sie verhandelten viel mit dem Ritter Süderland; die Bergleute, welche auserſehen waren, die ſpaniſchen und weſtindiſchen Goldgruben zu prüfen, trafen ein; die Schiffe wurden mit theils bewährten, theils jungen See— leuten bemannt, welche ihre Schule machen ſollten. Sehr brauchbar und nützlich erwies ſich dem Ritter Süderland der Knabe Martin. Schlau und gewandt be— griff er nicht nur Alles leicht, ſondern führte jeden Auf⸗ trag ſeines Herrn zu deſſen Zufriedenheit aus. Mit der ihm natürlichen Geſchmeidigkeit wußte er ſich jedem Ver⸗ hältniß und jedem Charakter zu fügen; gleichſam inſtinet⸗ artig fühlte er bald die Schwächen der Leute, mit welchen er in nähere Berührung kam, heraus und verſtand ſie gut zu benutzen. Wenn ihn der Ritter als ein Geſchenk Maria's hoch hielt, ſo wurde er ihm wegen ſeiner Brauch⸗ barkeit allmälig unentbehrlich. Eines Tags ſagte Martin zum Ritter:„Es hat ſich auch noch ein Schiffsjunge gemeldet, der meine Arbeit theilen und ſich vorzüglich in der Küche verwenden laſſen will. Ich habe ſchon lange Freundſchaft mit ihm geſchloſſen, und ich bitt' Euch, ihn meinetwegen anzu⸗ nehmen.“ — — ——— Der König von Spanien. 95 „Weshalb haſt du ihn nicht gleich mitgebracht?“ fragte der Ritter. „Er kann ſich Euch nicht eher vorſtellen, als am Tage der Abreiſe, weil er bis dahin in einem ihn ſtreng feſſelnden Dienſt iſt.“ „Es iſt gut, Martin. Ich will ihn dir zu Liebe an⸗ nehmen.“— Der Tag der Abfahrt kam ſchnell heran. Ein fri⸗ ſcher ſchöner Frühlingsmorgen glänzte auf die Wimpel und Flaggen, auf das Takelwerk und die buntgemalten Schiffe. Die ganze Mannſchaft war auf den Decken in Reih und Glied aufgeſtéllt, feſtlich geſchmückt und in hei⸗ terſter Stimmung, um ſich von den beiden Schiffsherrn und dem Schiffsführer beſichtigen zu laſſen. Bord und Maſten waren mit Kränzen geſchmückt; Blumen des deut⸗ ſchen Frühlings leuchteten und dufteten als gute, heil— bringende Vorbedeutung der Reiſe in die neue Welt. Auf den Flaggen glänzten die Wappenbilder Brabants und Flanderns, Caſtiliens und Aragoniens und dazwiſchen der Pinienapfel der Stadt Augsburg. Jakob Fugger und Bartholomäus Welſer führten den Ritter Süderland in ihrer Mitte. Alle drei waren im größten Feſtſtaat mit güldnen Ketten behangen. Ihnen folgte Marx von Bübenhoven mit den Dienſtleuten der fuggerſchen und welſerſchen Handlungshäuſer in Antwer⸗ pen. Sobald der Zug von den Schiffen aus erblickt wurde, löſeten dieſe ihre Stücke zum Gruß, und ſo wie Der König von Spanien. die Herren das erſte Schiff betraten, ſchallte ihnen ein Vivat der Mannſchaft entgegen. Die drei Herren ſchrit⸗ ten muſternd durch die Reihen der Leute; zuletzt blieben Süderlands Augen auf einem ſchlanken, braunen Burſchen hangen, den er noch nicht geſehen hatte, und der ihm doch bekannt vorkam. Er ſtand neben Martin, und die⸗ ſer ergriff das Wort, indem er ſeinem Herrn zuflüſterte „Es iſt mein Freund Peter, der Schiffsjunge, von dem. ich Euch geſagt.“ Der Ritter nickte dem neuen Diener Beifall zu und ſchritt dann den Andern nach. Nachdem eine kleine Collation von den Herren einge⸗ nommen war, und die Schiffsleute das Wohl derſelben und Alle auf eine glückliche Reiſe getrunken hatten, kehr⸗ ten die Erſtern nach dem Lande zurück, die Anker wurden gelichtet, und die Schiffe fuhren den Strom hinab. Ohne Aufenthalt erreichten ſie das Meer, und am fol⸗ genden Tage liefen ſie in den Canal ein. Aber in den Nachmittagsſtunden trübte ſich der Himmel, und alle An⸗ zeichen des Wetters deuteten auf einen heftigen Sturm. Eh es Nacht wurde, gingen die Wellen ſchon bedenklich hohl, und der Wind trieb die Schiffe den gefährlichen Felſenküſten Englands zu. Je weiter die Nacht vorſchritt, deſto drohender wurde die Gefahr, und die angeſtrengteſte Arbeit der Matroſen blieb fruchtlos. Der Sturm raſete; die beiden Schiffe wurden getrennt, und das, auf welchem ſich der Ritter befand, ſchien dem Untergange geweiht. ₰ Der Konig von Spanien. 97 Mit kalter Juh gab Süderland ſeine Befehle; dann aber rief er Martin herbei. Neben dem Knaben kniete Peter, der Schiffsjunge, und betete inbrünſtig. Mit trübem Lächeln, das mit dem Leben abgeſchloſſen hatte, ſagte der Schiffsführer zu beiden:„Euer junges Leben dauert mich. Wer aber zur See geht, muß das Leben auf's Spiel ſetzen. Wenn uns Gott nicht rettet, Menſchenkraft ver⸗ mag nichts mehr. Werden wir an die Kreidefelſen Eng— lands geſchleudert, ſo ſind wir des Todes, und winn uns der Sturm ſo fort in nordweſtlicher Richtung jagt, ſo müſſen wir ſcheitern. Martin, ich habe noch einen Auftrag für dich. Vielleicht erbarmt ſich der Himmel deines jungen Lebens, während er dem meinigen ein Ende macht. Es hat lang genug gedauert, um alles Böſe und Bittre, was die Erde hat, darauf zu häufen. Der Tod iſt mir willkommen. Nimm hier dieſe Brieſtaſche. Sie enthält ſehr werthvolle Papiere. Erreichſt du glücklich das Ufer, ſo eile zurück nach Brabant. Du weißt ſchon, wem du ſie dort bringen ſollſt. Dein wehmüthiges Nicken ſagt es mir. Ja dieſe Papiere ſollen das Erbe deiner ehemaligen geliebten Herrin, der Gräfin Maria ſein. Sie hat dich mir zum Beſchenk gemacht; ſie wird dich als mein Vermächtniß wieder in ihre Dienſte nehmen. Aus den Papieren wird ſie mich ganz kennen lernen und die tiefe, reine und ſtarke Liebe, die ich für ſie hegte. Erzähle ihr, wie ich geſtorben bin, und daß mein letztes Wort ihr theurer Name war.“ Ein deutſcher Leinweber. V. — 98 Der König von Spanien. Der Schiffsjunge Peter erhob ſich raſch, ſtürzte auf den Ritter los, warf ſich vor ihm auf die Knie und rief leidenſchaftlich:„Mit dir ſterben will deine Maria. Arm in Arm wollen wir die Seelen im Wellengrabe aushau⸗ chen, und ich will die deinige vor Chriſti Richterſtuhl tragen und Gnade für ſie erflehen.“ „Maria! Maria!“ ſtammelte Süderland erſchrocken; dann aber jauchzte er entzückt:„Maria, du biſt's. In fremder Geſtalt biſt du mir gefolgt, holdſeliges Weib! Sei geſegnet, ſei geſegnet, du reine große Seele! Jetzt mag das Schiff am Felſen ſcheitern, jetzt mag die Welle Tod über uns wälzen! Was brauch' ich noch zu leben nach der Wonne dieſes Augenblicks! Mir iſt der Tod will— kommen, da mir das Leben jetzt ſeine höchſte Seligkeit gebracht hat. O ſüßes beneidenswerthes Loos, jetzt mit dir zu ſterben, reizendſte Blume aus Gottes irdiſchem Garten!“ Und er ſchlang die Arme um das ſanftweinende Mädchen, die das kleine Haupt, des Schifferhutes ent⸗ ledigt, an ſeine Bruſt gelehnt hatte und die herabquel⸗ lende Fülle ihrer Locken auf ihn ſtreuete.„Ich werde deine Seele retten, Johannes,“ ſchluchzte ſie,„und dann ewig mit dir vereint ſein dürfen im Angeſicht Gottes.“ „O deine Liebe allein könnte mich zu deinem Glauben bekehren!“ ſagte der Ritter zärtlich.„Der Glaube eines ſo treu liebenden Herzens muß göttliche Kraft haben. Aber meine Liebe iſt nicht minder ſtark als die deinige. Der Gott der ewigen Liebe iſt unſer gemeinſamer Gott; Der König von Spanien. 99 der Urborn dieſer Liebe iſt die Seligkeit, zu der wir ein⸗ gehen werden. Die Liebe, die Liebe wird uns in ihren göttlichen Schvos aufnehmen; wir werden uns in das unergründliche Meer ewigen Entzückens verſenken.“ „Und Chriſtus, der einſt menſchgeweſene Gott, wird dich auf meine Fürbitte zu Gnaden annehmen.“ Der Ritter überließ ſich der gefühlvollen Zärtlichkeit der Geliebten, die im Angeſicht des Todes in ihre natür⸗ lichen Rechte trat. Wie mürber Zunder fielen die Rück⸗ ſichten der Welt von ihnen ſie betrachteten ſich nicht mehr als dem irdiſchen Leben angehörig;ihre Seelen ſchmolzen in ein Ganzes zuſammen und nahmen alſo vereint den Flug nach höhern Regionen. Martin ſtand lächelnd neben den Glücklichen; ſelbſt er vergaß, in das Anſchaun ihres Glücks, das er als ſein Werk betrachten durfte, verſun⸗ ken, auf Augenblicke die Todesgefahr. Der Ritter erfuhr nun aus Maria's Munde, welch unſägliches Leid ihr die Trennung von ihm bereitet. An⸗ fangs ſei ihr die Nachricht, daß er Kloſterbruder gewor⸗ den, ein Troſt geweſen; denn ſie habe ihn nun als einen Bekehrten betrachten dürfen; bald aber habe die Sehnſucht nach ihm ſie faſt verzehrt. Sie habe darauf ihre Eltern vermocht, Oeſtreich wieder zu verlaſſen und in ihre Heimat zurückzukehren. Hier habe ſie gehofft, ſie werde als Hof⸗ dame der Erzherzogin Margaretha von ihrem Seelenleid geneſen; kaum aber habe ſie einige Wochen in ihrer neuen Stellung zugebracht, als ſie ihn, den heiß Geliebten, im —* . Der König von Spanien. Zimmer ihrer Herrin gehört und geſehen habe. Sobald ſie die Krankheit, welche ihre der freudige Schreck zuge⸗ zogen, überwunden habe, ſei ihr erſte Sorge geweſen, den Knaben Martin aufzuſuchen. Von ihm habe ſie die nahe Abreiſe des Ritters erfahren, und von dieſem Augen⸗ blick habe der Entſchluß unerſchütterlich feſt in ihrer Seele geſtanden, Vater und Mutter, Herrin und Vaterland zu verlaſſen und ihm, dem geliebten Manne, als Beſchützerin in die neue Welt zu folgen, mit ihm zu leben und zu ſterben und ihn zum Glauben an die erlöſende Kraft des Blutes Chriſti zu bekehren. Da ſie aber vorausgeſehen habe, daß ſein ritterlicher Edelſinn ihre Begleitung würde zurückgewieſen, und ihre Eltern und Verwandte nebſt der Erzherzogin ſie würden zurückgehalten haben, ſo habe ſie allein den ihr treu ergebenen Martin in ihr Geheim⸗ niß gezogen, und mit Hülfe deſſelben ſich die Matroſen⸗ kleider verſchafft. Am Abend vor der Abfahrt der Schiffe habe ſie von der Erzherzogin die Erlaubniß erbeten, ihrer Mutter einen Beſuch machen zu dürfen. Im Wagen habe ſie die Matroſenkleider verborgen gehabt und mit Martins Hülfe ſich am Morgen umgewandelt. Der Ritter küßte ihr zum Dank die ſchöne Stirn und die frommen Züge, welche ſie durch künſtliche Mittel ſo geſchickt zu entſtellen gewußt hatte. Noch plauderten ſie zuſammen, als das Schiff plötz⸗ lich einen furchtbaren Stoß erhielt, der Alles auseinander warf. Ein Todesſchrei durchſchrillte die Räume. Der König von Spanien. 101 „Unſre irdiſche Laufbahn iſt vollendet,“ ſagte der Ritter ernſt.„In wenigen Minuten iſt der Vorhang ge⸗ fallen, der uns noch von einem höhern Wirken trennt. Faſſe Muth, meine Geliebte!“ „Ich ſterbe getroſt und ſelig mit dir. Martin, wenn du gerettet wirſt, ſo bring' meinen Eltern die Grüße ihres ſterbenden Kindes. Ich laſſe ſie bitten mir zu verzeihen; ich hätte nicht anders handeln können. Sie möchten für meine und meines Geliebten Seeelen beten.“ Doch ſtatt des Todes war die Rettung nah.— Obgleich das Schiff ſtark beſchädigt war, ſo gelang es doch den Mätroſen, dasſelbe ſo geſchickt zu kalfatern, daß das Eindringen des Waſſers gehemmt wurde. Es ſaß feſt, und als der Morgen anbrach, wurden ſie von ein paar Lootſenböten begrüßt und erfuhren, daß ſie ſich in der Gruppe der kleinen Scylly-Inſeln befanden. Eine Stunde ſpäter ſaß das dem Leben wiederſchenkte glückliche Liebespaar mit dem Knaben Martin, den der Ritter jetzt wie ſeinen Sohn betrachtete, im reinlichſten Fiſcherhauſe des Ufers und freute ſich des erhaltenen Ge⸗ ſchenks, der grünen Erde und der hellen Stunden, die über ihre Häupter dahin zogen. Siebentes Rapitel. Granada! Liebliche, purpurrothe, ſüßduftende Granat⸗ blüthe am ſtolzen Baume, den einſt das heiterſte, liebens⸗ würdigſte und genußverſtändigſte Volk des Mittelalters im fruchtbaren Süden der hiberiſchen Halbinſel gepflanzt! Köſt⸗ liche Schöpfung der kunſt- und poeſiereichen Mauren in einer reizenden Natur! Kühn und lieblich, ſtolz und zier⸗ lich, großartig und anmuthig erhebt ſich auf der Gebirgs⸗ zunge, die in das Thal des Darro herabläuft, das Rie⸗ ſenſchloß der Alhambra mit ſeinen leichten gefälligen Zin⸗ nen und ſchlanken Thürmen von farbigem Porphyr, Jas⸗ pis, Marmor und Lapislazuli, mit ſeinen vergoldeten und durchbrochenen Kuppeln und farbenprächtigen Decken, mit ſeinen leichtgeſchwungenen Hallen und bemalten Ge⸗. wölben, mit ſeinen luftigen Gemächern und kühlen Säu⸗ lengängen voll morgenländiſcher Pracht und Kunſt, ſelbſt. eine kleine Stadt, ein wahres Tabernakel von Schätzen des Reichthums und des heiterſten Lebensgenuſſes; und zu drei Seiten um den Berg, der das köſtliche ſtrahlende Maurenſchloß, einſt die Königsburg der Sultane von Der König von Spanien. 103 Granada, trägt, lagert ſich die Stadt zum Theil ſelbſt wieder auf Anhöhen und Hügeln. Höher noch als die Alhambra auf demſelben Bergvorſprunge nach dem Ge⸗ birge zu erhebt ſich das Felſenſchloß el Generalife, das „Haus der Liebe,“ dieſe leichte, hohe, herrliche und groß⸗ artige mauriſche Villa, einſt die Sommerwohnung der Sultanin, ein ſo wunderbar zierlicher und eigenthümlich kunſtvoller Bau mit Gallerien, Balkonen, Plattdächern und Thürmen, Säulenhallen und Säulengängen, Kup⸗ peln und Sälen, in Gold und Farbenpracht ſtrahlend, durchbrochen und zierlich ausgearbeitet, wie gedrechſelt, die Wände mit den ſinnreichen und ſüßen Liebesſprüchen des Koran verziert, von wollüſtig rauſchenden Fontainen aus Marmorbecken durchkühlt, ein ſo anmuthiges und ſeltſam luſtiges Haus, wie eine Phantaſieſchöpfung eines arabi⸗ ſchen Dichters, wie der heiße bunte Traum eines in den Armen ſchmeichelnder Liebe entſchlummerten Nachkommen des Propheten. Der Generalife iſt von der nahen, tiefer liegenden Alhambra durch eine Schlucht getrennt, über welche ſich eine herrliche Marmorbrücke ſchwingt; Felſen⸗ treppen und dunkelgrüne Laubgänge führen vom großarti⸗ gen Königsſchloſſe durch einen üppigen, weitläufigen Park zum lieblichen luftigen Schloſſe der Königin hinauf, das, von der Veja aus geſehen, wie eine Mauerkrone über der Alhambra ſchwebt, wie dieſe ſelbſt ſich als ein ſtolzes Königshaupt über der Stadt erhebt und ſich herrſchermild ihr zuzuneigen ſcheint. Der König von Spanien. Hinter dem Generalife ſtuft ſich das Gebirge noch höher und ſteiler auf. Ein ſchön geformter Felſenhügel ſteigt dort empor, der„Stuhl des Mauren“ genannt, an deſſen Seiten ſich mehre in den Felſen gegrabene Höhlen befinden. Dieſe dunkeln, ſchauerlichen und geheimnißvollen Kammern ſind die uralten Grabſtätten der mauriſchen Könige von Granada. Sie, die von dieſem Berge aus über ein lebensfrohes Volk geherrſcht, weitſchauend in das blühende, ſchätzereiche Land, ſie, die ſtets die reinen Lüfte des Berges geathmet, die friſchen Waſſer des Berges ge⸗ trunken hatten, ſie wollten auch im Tode auf der freien Berghöhe in Staub zerfallen. Sie verſtanden die Poeſie in das Leben auch in den Tod einzuführen, dieſe be⸗ neidenswerthen Könige! Vom Gipfel dieſes Berges eröff⸗ net ſich dem genußſuchenden Auge eine der prachtvollſten und herrlichſten Ausſichten des Erdbodens. Was Neapel für das Meer, das iſt Granada für das Land, eine Städtekönigin der Schönheit. Wohl mochten die glück⸗ lichen Sultane von Granada hier herauf ihren Königs⸗ ſtuhl tragen laſſen, um ſich hier nieder zu ſetzen und ihrem Auge alle Schwelgerei in den Reizen des von der untergehenden Sonne überglänzten Wundergartens zu ge⸗ währen. Ja bei Sonnenuntergang mußt du Granada vom Gipfel des Maurenſtuhls ſehen! Vor dir im Vor⸗ dergrunde liegt zuerſt das überaus köſtliche Schlößchen des Generalife mit ſeinen ſchlanken ſonderbar gearbeiteten Thürmchen von Lärchenholz oder Marmor, mit ſeinen „ Der König von Spanien. 105 blanken Metallfrieſen, in denen der Sonnenſtrahl blitzt, auf ſeinem grünen Felſen; tiefer zu deinen Füßen breitet ſich die thurmreiche Alhambra aus; du ſchauſt auf ihre vergoldeten Zinnen und platten farbigen Dächer hinab, geſchmückt mit den phantaſtiſchen Bildungen arabiſcher Baukunſt. Die duftige Beleuchtung des Abends umklei⸗ det ſie. Du wähnſt ein verkörpertes Märchen der Schehe⸗ razade vor dir zu ſehen. Wie eine geöffnete Granate liegt die Stadt mit ihren Thürmen und Paläſten im wei⸗ ten Halbkreiſe um den Fuß der Alhambra herum, die gleichſam den Mittelpunkt derſelben bildet. Die Häuſer ſind umgeben und überragt vom dunkeln Laub der Po⸗ meranzenhaine und der Sykomoren⸗Luſtwäldchen, und der weiße Perlenſchaum der Springbrunnen, von der Sonne ſiebenfarbig durchglüht, giebt den grünen Höfen Leben und Bewegung. Zu deiner Rechten ſchickſt du das trun⸗ kene Auge in das romantiſche Thal des Darro, welcher die Stadt durchſtrömt, um ſich mit dem Kanil zu verei⸗ nigen, deſſen reizendes Thal ſich dir zur Linken öffnet. Jenſeits des Darro ſteigen die Häuſer und Gärten des Albaicin, das hohe Stadtviertel der geſchickten Handarbei⸗ ter, und die mit indianiſchen Feigen bedeckten Abhänge des Michaelsbergs mit einer Menge von Armen bewohn⸗ ter Höhlen auf. Und weiter über die Stadt hinaus, deren Mauer tauſend und dreißig Thürme zieren, wird deine entzückte Seele von den Flügeln des Auges in die herr⸗ liche Veja getragen, deren Reize und Fruchtbarkeit zum Der König von Spanien. Sprichwort geworden waren. O Veja von Granada, durchſtrömt vom blauen Kenil und bewäſſert von tauſend aus ihm abgeleiteten Bächen, begrenzt vom blauen Ge— birge von Loja, von der vom chriſtlichen Fanatismus deiner ſpaniſchen Unterjocher ſchnell erbauten Stadt Santa Fe, und von der aus drei koloſſalen Bergkegeln beſtehen⸗ den Sierra de Elvira, wie viel zärtliche Herzen haſt du auf deinem blumenreichen Boden wandeln ſehen, wie viel ſüße Liebenslieder erklingen hören! Wie reich ernährteſt du die üppigen Kinder Granada's mit der Fülle deiner Früchte! Aber ach! Du trankſt auch das Blut ſeiner edelſten Söhne, die im Kampfe für ihren Glauben und ihre Freiheit auf deinem Blumenteppich ihr Leben aushauchten! Liebliche Veja, köſtlicher Garten Granada's, deine liebe- und lie⸗ derfröhlichen Zeiten ſind für immer dahin, und nur Seufzer und Klagegeſänge flüſtern über deine zertretenen Roſen!— Nun wende dich, belohnter Bergſteiger, auf deinem erhabenen Maurenſtuhl und blicke in die majeſtätiſche Berggegend hinaus, der du biſt jetzt den Rücken kehrteſt! Da entfaltet die ſtolze, ſchroffe Sierra Nevada, die Kette des Schneegebirgs, ihre ganze königliche Herrlichkeit vor deinem Blicke. Wie kühn ſteigen ihre ſchneebedeckten Zacken und Kuppen in die blaue Himmelsluft empor und leuch⸗ ten noch lange, nachdem die Sonne hinter der Sierra de Elvira verſchwunden iſt, wie glühende Opferherde. O Granada, du reizgeſchmückte Maurenkönigin, wie Der König von Spanien. 107 ſchwer und erdrückend laſtet das dir aufgezwungene Chri⸗ ſtenkreuz auf dir! Du erliegſt unter dem dürren blut⸗ triefenden Stamme, wie einſt der edle Mann, als er ihn zur Richtſtätte ſchleppen mußte, um daran geſchlagen zu werden, der Mann, deſſen reine menſchliche Lehre vom Fanatismus und der Dummheit derer, die ſich nach ihm nannten, bis zum Wahnſinn verunſtaltet und gemißbraucht wurde. Auch du biſt an das harte Kreuz geſchlagen, ſüße heitere Tochter des Morgenlandes, und es iſt finſtere Nacht um dich geworden, wie die Sage vom gekreuzigten Meiſter erzählt: daß, als er am Kreuze hing, ſich der Tag in tiefe Nacht verwandelte. Auf einem verſteckten Felſenpfade ſtieg am Spätnach⸗ mittage eines prächtigen Frühlingstages ein junges mau⸗ riſches Weib zu dem„Stuhl des Mauren“ empor. Wie eine der Gemeinſten aus dem Volke trug ſie einen dun⸗ kelfarbigen Burnuß, der ihre ganze Geſtalt verhüllte. Wer hätte in ihr die reizende Gräfin Cardona erkannt, die am Hofe des jungen Königs Karl in Brüſſel alle Männer⸗ herzen bezaubert hatte? Aber es war auch keiner jener Männer hier in der unglücklichen Maurenſtadt, der an ihr hätte zum Verräther werden können. Zuweilen hielt ſie die Schritte an, um zu verſchnaufen; dann wandte ſie die Blicke rückwärts und beſtreifte mit dem feurigen Auge die Schönheit der Veja, oder die Thürme der Stadt— mauer, oder die hoch aufragende Häuſermaſſe des Albai⸗ ein, und dann verdüſterten ſich ihre Züge, ja ſie nahmen 108 Der König von Spanien. zuweilen ſogar den Ausdruck des Zorns und Grimms an, und in dem reizenden Auge glänzte eine ſchmerzliche Thräne, ein tiefer Seufzer entwand ſich ihrer Bruſt, und die Hand, die ſie, wie verlangend oder wie ſegnend nach der Stadt ausſtreckte, krampfte ſich zur Fauſt zuſammen. Dann ſchritt ſie wieder raſcher bergan. Die ſinkende Sonne ſtand eben dicht über einem der mächtigen Kegel des Elviragebirgs und warf ihre letzten verklärenden Strahlen auf die vergoldeten Kuppeln und die Metallfrieſe der Alhambra, erfüllte die Säulengänge und offnen Säle mit den violetten und purpurnen Tin⸗ ten, die den wunder- und prachtvollen Bau mit dem Hauche der Verklärung überſchleierten, und durchglühete den Silberbogen der hohen Springbrunnen mit den Far⸗ ben des Regenbogens. Alle Farben an Kuppeln und Dächern flammten lebendiger, vom Scheidekuß der Sonne berührt, und die ſchlanken zierlichen Thürmchen umſpielte der koſtbare Duft des Abends. In dieſem Augenblick trat das mit Schönheit ebenfalls ſo reich ausgeſtattete junge Weib auf den Gipfel des Hügels und ſah zu ihren Fü⸗ ßen den Generalife, die Alhambra, die Stadt in drei ab⸗ ſteigenden mächtigen Stufen. Die hochemporgetriebenen verlenden Waſſer der Springbrunnen ſchimmerten, glitzer⸗ ten und funkelten; ſie vernahm das Rauſchen der Waſſer, welche in hohen uud kühngeſchwungenen Aquaducten über das Gebirg aus den Quellen des Darro in den Genera⸗ life und weiter in die Alhambra geleitet waren, eins der Der König von Spanien. † 109 heilbringendſten Bauwerke der Sultane von Granada. Bald flammte ihr Auge wie trunken von all den ſich ihm entgegenbietenden Reizen, bald füllte es ſich mit Thrä⸗ nen, und ihr Buſen hob und ſenkte ſich von den Gefüh— len, die ſie beſtürmten. „O mein Vaterland!“ ſeufzte ſie endlich,„wie un⸗ vergleichlich ſchön und herrlich biſt du! O Granada, du holdſeligſte aller Städte! Nicht vergebens haben deine Dichter dich mit einem mit Schmelzarbeit gezierten Schmuck⸗ ſchreine einer Sultanin verglichen, der von Hyazinthen und Smaragden glänzt! Leuchten doch deine Marmor⸗ thürme durch das dunkle Laub der Pomeranzenhaine wie Sterne durch die Nacht. Und deine Springbrunnen win— den dir ein ewig friſches Perlengeſchmeide um Hals und Bruſt. Sei gegrüßt mir, Stadt meiner Väter, der Könige dieſes Landes!“ In dieſem Augenblicke wehmüthigen Ent⸗ zückens ſielen ihre Augen auf das mächtige Kreuz, wel⸗ ches den höchſten Mauerthurm der Alhambra, den Torre de la Vela, krönte, und ſie zuckte ſchmerzlich zuſammen. „Weh dir, Stadt meiner Väter,“ weinte ſie nun leiſe, „daß du das Zeichen veiner tiefſten Schmach über dir er⸗ höht ſehen mußt! Aber getroſt! die Fahne des Prophe⸗ ten ſoll wieder auf deinen Thürmen flattern, und ſiegreich ſoll dein Volk mit neuem Glanze ſich über ſeine Bedrücker erheben.“ Mit muthigem, feſtem Schritte ging ſie am Abhange hin und trat in eins der in den Berg gehöhl⸗ ten weiten und dunkeln Königsgräber. 110 Der König von Spanien. Eine männliche Stimme tönte ihr aus dem Hinter⸗ grunde den feierlichen Segensſpruch der Araber entgegen: „Allah ſei geprieſen und beſchütze dein Haupt!“ Es war ein alter ehrwürdiger Santo, ein mauriſcher Prieſter. „Sei mir willkommen, Suleima,“ fuhr er fort,„im heiligen Grabe deiner Ahnen! Ihre Geiſter ſehen mit Wohlgefallen auf dich, ihre würdige Tochter, herab. Auf dir ruht der Segen Alhakems, des großen Khalifen von Cordova, des herrlichſten aller Sultane in dieſem Lande.“ „Meinſt du, mein Vater, daß wir hier ganz ſicher ſind, damit ich dir die weitern und ausführlichern Mit⸗ theilungen machen kann?“ fragte das Mädchen. „Unſere eaſtiliſchen Herren pflegen die Gräber der mauriſchen Könige nicht zu beſuchen,“ verſetzte der Prie⸗ ſter,„und in dieſer Kleidung hat dich keiner ihrer Spä⸗ her erkannt. Auch wird die Nacht bald ihre Schatten über dieſe Berge breiten; dann ertönt hier nur der ein— ſame Ruf des Waldthiers. Kein menſchlicher Fuß kommt, außer dem unſrigen, in die Nähe dieſer Gräber, vor wel— chem die Chriſten Scheu haben. Enthülle mir getroſt die Ergebniſſe deiner kühnen Wanderung. Von ihm aber, über deſſen Treuloſigkeit du mir ſchon geſchrieben, der unſere heilige Sache ſo ſchmählich verlaſſen hat, von ihm ſprich mir nicht mehr. Es macht mir Schmerz ſeinen Namen zu hören.“ „Ich habe deine Befehle ausgeführt, ehrwürdiger Va⸗ G Der König von Spanien. 111 ter,“ verſetzte das Mädchen mit einer frommen und ver⸗ trauensvollen Hingebung, und mit einem kindlich treuen Weſen, das ihre Anbeter, da es ihnen gänzlich unbekannt war, in Erſtaunen geſetzt haben würde,„aber das Glück iſt nicht immer bei meinen Schritten geweſen. Meine ſchönſten und beſten Pläne ſind, wie du ſchon weißt, ge⸗ ſcheitert.“ „Es iſt Allahs Wille geweſen, meine Tochter, und es liegt uns ob, uns ihm in Demuth und Ergebenheit zu unterwerfen. Dafür iſt dir nach ſeinem Willen und mit ſeiner Hülfe Anderes gelungen, und vielleicht Wichti⸗ geres, als du ſelbſt meinſt. Du haſt guten Samen für die Zukunft ausgeſtreut, erwarten wir nun, wie ihn der Höchſte aufgehen läßt, und was für Gedeihen er ihm ſchenkt. Es hat ihm gefallen, den prächtigen Stern des Islam, der faſt achthundert Jahre in dieſem ſchönen Lande im vollſten Glanze ſeiner heilbringenden Strahlen geleuch⸗ tet hatte, hier untergehen zu laſſen und den Chriſten die Herrſchaft über uns zu geben, jedenfalls, um uns zu ſtra⸗ fen für unſere Sünden und Fehler. Aber die Sterne gehen unter und wieder auf, und wenn die Zeit erfüllet iſt, wird das Licht des wahren Glaubens wieder von die⸗ ſen Bergen in die Thäler hinableuchten und die Herzen ſeiner Bekenner mit Wonne erfüllen. Hatte doch Allah vierzig Jahre früher das Land und die mächtige und präch⸗ tige Hauptſtadt des öſtlichen Chriſtenreichs in die Hand der Bekenner des Islam gegeben, und auf Stambuls Zin⸗ 112 Der König von Spanien. nen glänzt ſtatt des geſtürzten Kreuzes der Halbmond, das Sinnbild der Osmanen, weht die Fahne unſeres Propheten. Damals, als der kräftige Sultan der Os⸗ manen, der junge Muhammed der Zweite, Conſtantino⸗ pel eroberte und dem chriſtlichen Kaiſerreiche dort ein Ende machte, war ich ein lernbegieriger Knabe in der Schule des weiſen Abdallah. Granada feierte den Sieg mit rauſchendem Jubel, und wir Knaben tanzten feſtlich ge⸗ ſchmückt vor der Sultanin auf dem Generalife. O wenn ich hätte ahnen können, daß ich als reifer Mann den Fall Granadas unter dem Chriſtenſchwert erleben ſollte! Aber unſer Lehrer deutete auf jenes thatkräftige Volk der Osmanen und auf den jungen kühnen Beherrſcher deſſel⸗ ben hin, indem er ſprach: wenn wir nicht wieder werden, wie unſere Väter waren, und wie jenes Volk iſt, und wenn unſere Sultane nicht ihr Heil in das Schwert ſetzen, wie jener Muhammed, ſo werden uns die Chriſten bald verſchlingen. Und ſie haben uns verſchlungen, weil wir in üppiger Weichlichkeit lebend nicht eher die alte Kraft wieder fanden, als in dem letzten verzweifelten Kampfe, als es zu ſpät war.— Nun hat unſer unglückliches ge⸗ knechtetes Volk fünfundzwanzig Jahre Zeit gehabt, zu be⸗ greifen, daß im Schwerte allein ſein Heil ruht, und daß Allah nur die Kraft und den Muth ſegnet.“ „Und er wird ihn ſegnen!“ rief Suleima begeiſtert. „Alle geheimnißvollen Stimmen der Zauberkunſt ſagen es mir, ſo wie die Stimme meines eignen Herzens. Der Der König von Spanien. 113 günſtige Zeitpunkt iſt gekommen, wo wir das ſchmach⸗ volle Joch der Chriſten wieder abſchütteln werden. Der König Fernando, unſer Beſieger, iſt nicht mehr unter den Lebenden; die Beherrſcherin von Spanien iſt eine ſchwache tiefſinnige Frau, mir aufs Imnigſte ergeben Sollte es mir noch gelingen, ihren Geiſt wieder zu er⸗ wecken, wozu ich noch nicht alle Hoffnung aufgegeben habe, ſo würde ſie den Sidi Alnayar, den ſie noch im⸗ mer liebt, willig als Sultan von Granada anerkennen. Aber ſelbſt wenn ſie nicht wieder geneſt, ſo verringert ſich dadurch meine Hoffnung um nichts. Ihr Sohn, der Prinz Carlos, der Erbe der ſpaniſchen Kronen, iſt ein leichtſin⸗ niges, eitles und verzogenes Kind, ein ſchwacher Knabe von wenig geiſtigen Anlagen und in nichts ſeinen Groß⸗ eltern Fernando und Iſabella gleich. In den Niederlan⸗ den geboren und aufgewachſen, kennt und verſteht er die ſtolzen Spanier nicht, er hat kaum nothdürftig ihre Sprache erlernt. Abhängig von ſeinem hochmüthigen Hofadel, der in Spanien herrſchen und ſich bereichern will, wird er, ſobald er in dies Land gekommen, allen Parteien deſſel⸗ ben misfallen und ihre Unzufriedenheit erregen. Auch haßt er ſeinen Bruder Fernando, und dieſer ihn, und ich habe dieſen Haß zu nähren geſucht. Ich hoffe, bald wird ſich, wenn Carlos im Lande iſt, eine Partei ſtolzer Gran⸗ den bilden, welche, mit der Regierung des jungen Kö⸗ nigs unzufrieden, ſeinen Bruder, als gebornen und im Lande aufgewachſenen Spaniex, zum König erheben will; Ein deutſcher Leinweber. V. 8 114 Der König von Spanien. es wird ein Bruder- und Bürgerkrieg ausbrechen, und wer allein dabei gewinnen kann, das iſt unſer Volk, wenn es die Gelegenheit glücklich benutzt. Dazu kommt, daß der deutſche Kaiſer, der väterliche Großvater der bei⸗ den Prinzen, ein alter, ſchwacher Herr, der Verwirrung im Reiche, das nur dem Namen nach ſein, in Wahr⸗ heit aber den widerſpenſtigen Fürſten und dem Adel iſt, bald nicht mehr gewachſen ſein wird. In keinem Lande gährt es ſo toll und wild als in dieſem Deutſchland, und das geknechtete und ſchmählich bedrückte Landvolk iſt nahe daran, ſeine Ketten zu zerreißen und ſeine Bedrücker da⸗ mit todt zu ſchlagen. Die Köpfe der meiſten Leute von Wiſſenſchaft und Bildung ſind erhitzt über die frechen An⸗ maßungen des Papſtes und der hohen Prieſter. Es gibt nichts Verabſcheuungswürdigeres als die Wirthſchaft die⸗ ſer Pfaffen; ich habe ſie in Rom, Neapel und Deutſch⸗ land kennen gelernt. Unter dem Vorwande, ihm Ver⸗ gebung ſeiner Sünden von Gott zu verſchaffen, ſaugen ſie ſchlau das Volk aus und verpraſſen das Geld in ſchwel⸗ geriſchen Lüſten. Es gibt nichts Alberneres und Abge⸗ ſchmackteres als dieſen Chriſtenglauben; man meint oft, wenn man ſie von ihrer Religion reden hört und ihre Handlungsweiſe betrachtet, unter einem Heere Wahnſinni⸗ ger zu ſein. Aber überall iſt eine beſſere Ueberzeugung erwacht; man haßt und verachtet die eigenſüchtigen Prie⸗ ſter. Es wird und muß in Deutſchland bald drunter und drüber gehen. Der König Carlos wird alſo weder von . Der König von Spanien. 115 Deutſchland, noch von Italien Hülfe zu erwarten haben, wenn die Empörung in Spanien gegen ihn ausgebrochen iſt. Dann wird unſer Volk leichtes Spiel haben, das Joch abzuwerfen—“ „Und unſre Brüder in Afrika werden auf unſern Ruf uns ſogleich zu Hülfe eilen!“ rief der alte Prieſten, von der Begeiſterung des jungen Mädchens fortgeriſſen.„Ich habe ihr Verſprechen.“ „Nicht ſie allein, mein Vater!“ fuhr Suleima fort und ihr Auge erglühte in immer höherm Feuer.„Wir werden noch andre und noch mächtigere Hülfe haben. Ich habe noch mehr für unſte heilige Sache gethan, als du mich zu thun geheißen haſt. Unſte Freunde, die andalu⸗ ſiſchen Zigeuner vom Bunde jener merkwürdigen, auch dir bekannten Karracha, die einſt die Frau des Herzogs von Najara, des mächtigen Amirante von Caſtilien war, dehnen ihre Wanderungen bis nach Ungarn aus, wo ſie, wie überall, in einer Menge Verbindungen(oft mit den vornehmſten Leuten) ſtehen. Ihnen verdanke ich unge⸗ mein viel. Ihre Königin Zaroya und die Altmutter Karracha haben mich auf jede Weiſe mit der zuvorkom⸗ mendſten Uneigennützigkeit unterſtützt und gefördert, gleich⸗ ſam als wäre meine Sache ihre eigne. Die größten Schwierigkeiten halfen ſie mir beſeitigen, und ohne ſie hätte ich in den meiſten Fällen nichts verrichten können. Ich zog auch mit ihnen nach Ungarn und lernte die trau⸗ rigen, zerfahrenen Verhältniſſe dieſes Landes kennen. Mit 116 Der König von Spanien. guter Abſicht, wie du gleich hören wirſt. Der nun ver⸗ ſtorbene König Wladislav war ein Schwächling an Leib und Seele, der Spott und das Spielwerk der Prieſter und des Adels, ein in jeder Hinſicht jämmerlicher Menſch. Die Verhäl“ ſe des Reichs hat er in der größten Un⸗ ordnung hin n; der Eigennutz und die Gewaltthä⸗ tigkeit des lnen herrſchen dort ſchier noch mehr als in der übrio Bhriſtenheit. Alles iſt auf die Habgier und Herrſchſucht der Pfaffen und des Adels geſtellt. Der Sohn des Königs und Erbe der Kronen iſt ein ſchwäch⸗ licher, unreifer Knabe. Ein Kind herrſcht im Grenzlande des osmaniſchen Reichs, ein Kind wird in Spanien herr⸗ ſchen. Dort wie hier ſoll ein bartloſer Knabe dem be⸗ geiſterten Andrange der Bekenner des Islam widerſtehen. Und der Beherrſcher der Osmanen iſt Selim, ein krie⸗ geriſcher, willensſtarker Herr. Aber ein für den Glauben des Propheten begeiſterter Held, verſpricht ſein Sohn und Nachfolger Suleiman zu wilden, ein kühner, geiſtesſtarker Jüngling. Ich habe das erhabene Antlitz des Sultans und ſeines Sohnes geſchaut; ich habe hoffnungsreiche Zu⸗ ſagen aus beider Munde vernommen.“ „Wie?“ rief der Prieſter überraſcht,„du warſt bei unſern Glaubensbrüdern im Oſten? Du haſt den Sohn des Propheten begrüßt, der in⸗der prächtigen Hauptſtadt des alten Oſtrömerreichs ſeinen ſrahlenden Thron aufge⸗ ſchlagen hat? Glückliches Kind, ſei geſegnet! Einziger Troſt und Hoffnung deines in den Staub getretenen — Der König von Spanien. 117 und von Allah erſehen, es wieder zur alten Herr⸗ lichkeit zu erheben!“ „Karracha bahnte mir von Ungarn aus den Weg und verſchaffte mir die Mittel zur Reiſe. Der Sultan nahm mich ehrenvoll auf in ſeinem Pallaſte; ich bewohnte die koſtbarſten Gemächer ſeines Harem“ utan Selim verſprach mir, ſobald ſich die Sar in Granada gegen ihre Unterdrücker erheben würh ihnen auf ſeinen Galeeren Hülfe zu ſchicken, und der liebens⸗ würdige Thronerbe Suleiman gab mir ſein Wort, daß er ſelbſt das zu unſerm Beiſtand beſtimmte Heer an⸗ führen und unſte Sache zu der ſeinigen machen wolle. Und ſo iſt der Plan verabredet: ſobald in Deutſchland das Volk ſich erhebt und der Bürgerkrieg im Lande wüthet, und in Spanien der Bruderkrieg ausgebrochen iſt, fallen die Osmanen dort in das Land und kommen uns hier zu Hülfe. Allah wird uns unfre Feinde in die Hände geben; wir wollen den verächtlichen Chriſtenglauben aus⸗ rotten. Der Stern des Islam ſoll über alle Länder leuch⸗ ten, von Weſten nach Oſten und von Norden nach Süden.“ Der Prieſter küßte begeiſtert die Stirn der ſchwärmeri⸗ ſchen Jungfrau.„Heil dir, mein Kind! Allah hat dich zu ſeinem Werkzeuge auserſehen, ſein in den Staub ge⸗ tretenes Volk wieder empor zu heben und groß zu machen vor allen Völkern Wenn die Männer, denen es obliegt, ſich an die Spitze des Volks zu ſtellen, mit dem Schwerte die uns entwundene Herrſchaft wieder zu ————— 118 Der König von Spanien. erkämpfen und mit dem Blute der Chriſten den heiligen Glaubensſchild des Propheten, das befleckte Banner unſers Ruhms, reinzuwaſchen, wenn dieſe Männer, feig und ver⸗ zagt, die Sache ihres Volks verläugnen und verrathen; dann werden die Frauen aufſtehen und, die Sache unſres Gottes vertretend, das Werk der Männer verrichten. Die männlichen Häupter uuſers Königsgeſchlecht ſind kraft⸗ und muthlos von uns gewichen; ſie hatten nur weibiſche Thränen für unſer Unglück; da gab Allah dir, Suleima, den männlichen Muth, die Klugheit, die Kraft, die Ent⸗ ſchloſſenheit. Du wirſt es ausführen, woran jene Feig⸗ linge verzagten. Und auch du biſt ein Sproß unſres königlichen Stammes. Geboren in den Tagen, als das Joch uns zuerſt auferlegt war, hat deine Mutter ſterbend dich mit dem Grimme einer ſo eben gefeſſelten Löwin geſäugt. Und Allah zündete das Licht des Geiſtes, ein ſtrahlendes Meteor, in dir an. Du biſt wieder eine jener hohen und herrlichen Frauen, wie ſie vor Jahrhunderten in Cordova blüheten, die die Männer an Weisheit und Geiſteskraft weit überragten, der Stolz und die Zierde unſtes Volks. Wir bedürfen der männlichen Sproßen unſres Sultanen⸗ geſchlechts nicht, um uns zu befreien von der Herrſchaft der Caſtilier und den Thron ihrer Väter wieder zu be⸗ ſteigen. Du, Suleima, wirſt die Befreierin deines Volks, du wirſt ſeine Königin ſein, und die Welt wird es mit Staunen und Bewundrung ſehen, was ein kühnes und muthiges Weib vermag.“ „ „ — 7 Der König von Spanien. 119 „Mein Vater, deine Hoffnungen führen dich zu weit,“ verſetzte das Mädchen ſchmerzlich.„Niemals noch hat ein Volksſtamm der Araber ein Weib als ſeine Beherr⸗ ſcherin anerkannt. Wir müſſen einen Herrn und Sultan haben.“ „So wirſt du ihn uns geben. Wähle dir einen Gat⸗ ten aus den Vornehmſten des Volks und erhebe ihn zum Könige.“ „Wohl! der Muthigſte ſei mein Gatte; der Tapferſte ſei unſer Sultan.“ „Ward deine Seele noch nie vom Strahl der Liebe entzündet?“ „Und wenn ſie es ward, ich habe das Feuer be⸗ kämpft. In meinem Herzen durfte keine andere Liebe leben, als die zu meinem Volke, kein andrer Wunſch, als der ſeiner Befreiung. Ihm zu Liebe habe ich alle Schmach getragen, hab ich alle Erniedrigung geduldet. Als gemeine Buhlerin nichtswürdiger Pfaffen mußte ich gelten, als Freundin ehrloſer, erbärmlicher Wichte, damit ich das Weſen dieſer Chriſten kennen lernte, um daran die Fäden meiner Pläne im Geheimen anzuſpinnen. Oft hat meine Hand nach dem Dolche gezuckt, um einen mäch⸗ tigen, ſcheinheiligen Buben niederzuſtoßen und die Glut meines Haſſes in ſeinem elenden Blute zu kühlen, wäh⸗ rend meine Blicke ihm buhleriſch zulächelten und mein Mund ihm ſüße Worte zuflüſterte. Aber ich habe die Empörung meiner Seele und die Gewalt, die ich mir 120 Der König von Spanien. anthat, nicht zu wohlfeil verkauft. Ich habe die geiſt⸗ lichen und weltlichen Häupter dieſer Chriſten kennen ge⸗ lernt, vom ſchwelgeriſchen, lügenhaften Papſte in Rom, der den Chriſtenglauben ſelbſt verlacht und ihn nur als Goldmine betrachtet, bis zum ſtumpffinnigen Bettelmönch hinab, vom ſchwachköpfigen Kaiſer bis zum trotzigen Edel⸗ mann, der als Räuber auf der Landſtraße dem fahrenden Krämer auflauert; ich kenne ſie alle und habe die tröſtliche Ueberzeugung gewonnen, daß unſer Volk nicht nur frei ſein kann vom Chriſtenjoch, ſondern daß es auch der Beherrſcher dieſer jämmerlichen Menſchen ſein kann, wenn es nur will. Ja unter unſre Füße müſſen ſie, wenn wir nur Kraft und Willen haben, uns zu erheben und die feigen Lügner niederzuwerfen und ihnen den Fuß auf den Nacken zu ſetzen.“ „O möchte mein Auge das wiederaufgehende Geſtirn unſres Ruhms noch erblicken! möchte mein Mund dich als Königin von Granada begrüßen! Aber ich bin alt, und der Tage, die ich noch zu leben habe, können nicht mehr viele ſein.“ „Hoffet mit mir, mein Vater, daß die Zeit der Er⸗ füllung nahe iſt. Wir haben nur einen kräftigen Feind, jenen alten Chriſtenprieſter in Toledo, den Cardinal Eimenes, der jetzt Spanien als Statthalter beherrſcht. Obgleich ich ihn haſſe, muß ich ihn doch achten; denn er iſt ein Mann von Geiſt und Charakter. Hätte die Chri⸗ ſtenheit hundert ſolcher Männer unter ihren Leitern und ——— — Der König von Spanien. 121 Beherrſchern, ich zweifelte vielleicht an dem glücklichen Er⸗ folge unſrer Beſtrebungen. Aber er iſt der einzige wahre Mann, der die weiſe Einſicht ſeines gewandten Geiſtes mit eiſerner Kraft zur That zu beleben verſteht. Ich habe keinen zweiten ſo kennen gelernt. Wär' er jünger, ich würde einen Dolch für ihn erkaufen. Aber achtzig Jahre ruhen auf ſeinem Haupte, und wir können der Natur ihren ruhigen Verlauf geſtatten. Sie wird uns bald von ihm befreien. Auch iſt er zu ſtreng gegen den Adel. Ueberall regt ſich ſchon die Empörung. Sicilien ſteht in Flammen. Endlich werden die Rathgeber des jungen Königs, ſobald ſie mit ihm in Spanien ſind, dem Car⸗ dinal die Macht ſchnell genug abnehmen. Dieſer unſer gefährlichſter Feind wird alſo in kurzer Zeit unſchädlich ſein.“ „Alle deine Mittheilungen laben mein Herz. Es iſt mir, als ob ſie mir eine Anzahl Jahre abgenommen hãt⸗ ten. Jetzt komm mit mir. Die Sterne der Mitternacht ſind aufgegangen. Unſte Freunde ſind in einem unterir⸗ diſchen Gewölbe verſammelt. Sie erwarten dich und mich mit Sehnſucht. Deine Worte werden die Flammen der Begeiſterung in ihrer kummervollen Bruſt wecken, wie ſie ſie in der meinigen entzündet haben.“ Und ſie traten aus der Höhle. Der Mond hing glänzend am Himmel und goß ſeine Silberwellen über die Hügel der Stadt. Der Generalife und die Alhambra ragten geiſterhaft in den blauen Himmel. Nichts ward 122 Der König von Spanien. vernommen, als der Ruf der ſpaniſchen Runde. Wie eine Todtenſtadt lag Granada, in der nur die ſchwer— müthige Stimme der Todtengräber erſchallt. Suleima* ſchauderte; es durchzitterte ſie eine böſe Ahnung. Schwei— gend führte ſie den Greis auf ſteilen Pfaden den Berg hinab. „ Achtes Rapitel.. Die Regierung des Königreichs Caſtilien war nach dem Beſchluß der Cortes nach Madrid verlegt worden. Im königlichen Schloſſe daſelbſt wohnte der Regent. Es war ein prächtiger Frühlingstag. Spanien hatte ſein reizendſtes Feierkleid angelegt; kein Land der Erde hielt den Vergleich neben ihm aus. Im Schloſſe wurde die Tafel zubereitet, reich und königlich und mit einer gewiſſen prahleriſchen Schauſtel⸗ lung, wie ſie zu Iſabella's Zeiten niemals Sitte geweſen war. Stolze Herren von Adel in prunkender Kleidung, die in dieſen Tagen den maleriſcher niederländiſchen Schnitt annahm, den man nachher den ſpaniſchen genannt hat, geiſtliche Würdenträger in ſammtnen und ſeidnen Gewän— dern und vornehme Damen verſammelten ſich in den Sälen. In einigen entfernten Zimmern, doch nicht mit ge— ringerm Glanz ausgeſtattet, ſaßen an langen Tafeln und kleinen Tiſchen hier und dort Schreiber emſig beſchäftigt. 124 Der König von Spanien. Ein Cloſet öffnete ſich, und heraus ſchritt ein langer ha- gerer Greis in der einſachen braunen Kutte eines Mino⸗ riten. Aber auf der Bruſt glänzte ihm das von blitzenden Edelſteinen zuſammengeſetzte große Kreuz, das Haupt⸗ abzeichen der erzbiſchöflichen Würde. Sein Gang war aufrecht, und kaum bemerkte man an einem leichten Vor⸗ wärtsneigen des ſchönen Hauptes, und an einem nicht ganz ſichern Auftreteten eine Alterſchwäche. Uebrigens war Alles majeſtätiſch an ehm, vorzüglich das große dunkel⸗ glühende, gebieteriſche Auge, das mit dem Blicke eines Adlers von Kraft, Kühnheit, Entſchloſſenheit, durchdrin⸗ gendem, klarem Geiſt und feſtem Willen zeugte. Die hohe gewölbte Stirn, die große gebogene Naſe, der kleine zuſammengeklemmte Mund, die ſtrengen, ſteinernen Züge des hohen Mannes ſtanden mit dem ſo beredt ſprechenden Auge in trefflichſter Harmonie. Nur einzelne ſchneeweiſe Locken hingen ihm in den Nacken, der vordere Kopf war ganz kahl und erhöhte das majeſtätiſche Ausſehen der ganzen Geſtalt. Wer hätte nicht in dieſer ungewöhnlichen Erſcheinung ſogleich den vor Tauſenden ausgezeichneten Menſchen erkennen wollen? Es war Don Francisco Fimenes de Cisneros, der Erzbiſchof von Toledo, der Cardinal, der Regent von Caſtilien, der ausgezeichnetſte, geiſtreichſte und charakterfeſteſte Mann in ganz Spanien. Er ſtand im ein und achtzigſten Jahre, aber mehr noch als ſein kräftiges Ausſehen ſpottete die Kraft ſeines Geiſtes dieſer hohen Anzahl von Lebensjahren. Hinter ihm, in der Der König von Spanien. 125 Thüre des Cloſets wurde jetzt ein junger Mann ſichtbar, der ſich der Kleidung und den Geſichtzügen nach als ein Niederländer erwies. Und in der That war es Vivian de la Chaur, der ehemalige Page, jetzt Kämmerer des Königs Karl. Der Regent gab einigen Schreibern kurze Befehle, einem andern dietirte er einen Erlaß und hörte endlich die Berichte einiger Beamten an. Er ſchien den Käm⸗ merer vergeſſen zu haben, welcher ziemlich verlegen in der Thüre ſtehen geblieben war und ſeine Umgebung, ſo weit ſein Auge trug, muſterte. Erſt nach einer halben Stunde kehrte der Regent zu ihm zurück. „Die dringendſten Geſchäfte für heute ſind nun ab⸗ gethan,“ wandte ſich der Greis zu Vivian,„und ich darf Euch jetzt zur Tafel führen. Die Befehle, die Ihr mir von des Königs Hoheit überbracht, ſind ſogleich von mir, ſo weit es thunlich, mit ſchuldigem Gehorſam aus⸗ geführt worden.“ „Verzeihe mir Ew. Hoheit,“ nahm Vivian keck das Wort;„Ihr ſagt: ſo weit es thunlich. Iſt es nicht an Euch, die Befehle des Königs ohne Einſchränkung zu vollziehen und in ihrer ganzen Ausdehnung, wie ſie gegeben ſind?“ Der Cardinal maß den Kämmerer mit einem ruhigen Blick, in deſſen Ausdruck ſich einiger Spott miſchte. „Niemand hält mehr und ſtrenger auf unbedingten Ge⸗ horſam als ich, Monſenjor. Niemand verlängt ihn von den Caſtiliern mit mehr eiſerner Beharrlichkeit als ich, der ich — 126 Der König von Spanien. im Namen des Königs regiere. Aber Niemand auch in ganz Caſtilien kennt beſſer als ich, was dem König nützt und frommt. Der ſechszehnjährige König in Brüſſel hat keinen treuern und ergebnern Unterthan als ſeinen acht⸗ zigjährigen Stellvertreter in Madrid. Was wiſſen die Herren in Brüſſel von Spanien? Des Königs Miniſter Herr von Chievres und Herr Salvago meinen mit Caſti⸗ lien und Leon, mit Navarra und Granada, mit Neapel und Sicilien leichter fertig zu werden, als mit Flandern und Brabant. Die Granden und Cortes von Caſtilen ſind keine niederländiſchen Kaufleute. Unſer ſtolzer hochfahren⸗ der Adel kann es noch nicht vergeſſen, was er einſt ge⸗ weſen. Jeder Fehlgriff, im Namen des Königs von ſei⸗ nen Miniſtern begangen, wird von unſern Granden zu ihrem Vortheil, zu ihrer neuen Erhebung benutzt werden und ſchadet der Macht und dem Anſehen des Königs. Was hat Herr von Chievres zu verlieren? Im ſchlimm⸗ ſten Falle wird er nur weniger Gold aus Spanien ge⸗ winnen, und wir kennen freilich ſeine große Begierde darnach. Der König aber hat hier fünf Königskronen zu verlieten, und ich ſchwöre Euch zu, junger Herr, er würde ſie ſchon verloren haben, wenn alle thörichten Be⸗ fehle des Herrn von Chievres hier ausgeführt worden wären. Ich ſchätze die Liebe und Anhänglichkeit, die der König dieſem tapfern Ritter als ſeinem Erzieher widmet; auch mag Herr von Chievres den jungen königlichen Herrn zu einem geſchickten Reiter und tüchtigen Jäger erzogen Der König von Spanien. 127 haben; aber Waffendienſt und Waidwerk machen weder einen weiſen Miniſter, noch einen großen König; das zeigen mir die thörichten Befehle, die von Brüſſel hieher kommen.“ „Ew. Hoheit gebraucht ſtarke Ausdrücke für die von dem Könige erlaſſenen Befehle,“ warf der Kämmerer be⸗ leidigt ein. „Ich gebrauche ſie, weil es die bezeichnenden ſind. Der König iſt zu jung und zu unerfahren, um Spanien zu ſeinem und des Landes Heil ſelbſt zu beherrſchen. Er muß erſt das Land kennen lernen, er muß erſt ein Spa⸗ nier werden; dann wird er begreifen, daß es Niemand mit ihm und dem Lande beſſer gemeint als ich. Einſt wird er es mir Dank wiſſen, daß ich nicht alle von Herrn von Chievres erlaſſenen Befehle vollzogen, daß ich mich manchen widerſetzt habe. Wißt Ihr denn in Flandern nicht, daß König Fernando ſeinem geliebten gleichnami⸗ gen Enkel, den er erzogen, die Krone von Aragonien vermachen, daß eine ſtarke Partei in Caſtilien den In⸗ fanten Fernando zum Könige dieſes Königreichs erheben wollte? Seht, dieſer Fernando iſt in Spanien geboren und aufgewachſen, er iſt mit Leib und Seele ein Spa⸗ nier, er beſitzt die Liebe der Spanier, die König Carlos ſich erſt noch erringen ſoll. Wißt Ihr endlich in Brüſ⸗ ſel nicht, daß die eigentliche und wahrhaftige Beſitzerin aller ſpaniſchen Kronen noch lebt, und daß Don Carlos niemals allein König dieſer Länder werden kann, ſo lang Der König von Spanien. ſie noch lebt? Und iſt ſie nicht eine Dame in faſt noch jugendlichem Alter? Erſt achtunddreißig Jahre alt, er⸗ freut ſie ſich einer kräftigen körperlichen Geſundheit, und kann nicht jeden Tag die dumpfe Geiſtesnacht, die ſie um⸗ fangen hält, von ihr genommen werden? Schon vor einigen Jahren zeigte ſich dazu gegründete Hoffnung. Dann iſt ſie alleinige Königin aller Königreiche, die ihre erlauch⸗ ten Eltern beſaßen, und Don Fernando, ihr zweiter Sohn, iſt ihr Liebling, wie er der Liebling der Spanier iſt. Zieht daraus ſelbſt die Schlußfolge, Monſenjor! Und kann ſich die Königin Juana, wenn ſie geneſt, nicht einen Gatten wählen nach ihrem Belieben? Und glaubt Ihr wohl, dieſer würde zu den Niederländern halten und nicht zu den Spaniern? Niemand kennt hier den Don Carlos, ſelbſt ſeine Mutter kennt ihn nicht mehr. Die Wirthſchaft der Niederländer, wie ſie unter König Philipp vor zehn Jahren hier ſtatt fand, iſt aber noch in zu friſchem Andenken, als daß die Handlungsweiſe des Herrn von Chievres nicht fürchten ließ,, daſſelbe Unheil werde wieder über uns hereinbrechen? Wahrlich, ich ſage Euch, der Tod erlöſete Don Philipp nur von einem allgemei⸗ nen Aufſtand der Caſtilier gegen ihn. Die Niederländer, die ſich hier ſo übermüthig benahmen und Caſtilien nur als einen Goldberg betrachteten, den ihr unerſättlicher Goldhunger ſo ſchnell als möglich zu verſchlingen meinte, wären nicht lebend hinausgekommen, und doch beginnen ſie das damals plötzlich uuterbrochene gefährliche Spiel ——— ,—— ——ꝛ Der König von Spanien. 129 von neuem. Zieht aus all dieſen Dingen einen vernünf⸗ tigen Schluß, junger Herr, und Ihr werdet finden, daß die ſpaniſchen Kronen keineswegs ſo feſt auf Don Carlos' Haupte ſitzen, als man in Brüſſel zu glauben ſcheint, und dann erkennt, wer des Königs treueſter Freund und Diener iſt, Herr von Chievres, der die thörichten Befehle ſchmiedet, die dem Könige das Erbe ſeiner Mutter in Ge⸗ fahr bringen, oder Franeisco Rimenes, der die Befehle nicht ausführt und dafür andere gibt, die dem Könige das Erbe ſichern, ſeine Macht befeſtigen und ihm die Liebe des eaſtiliſchen Volks erwerben. Und nun laßt mich noch einen Augenblick von mir ſelbſt ſprechen! Als der kranke König Fernando damit umging, ſeinem Enkel und Pathen Fernando die Krone von Aragonien zu vermachen, wer war's, der ihm ſagte, daß dieſe Krone von Gottes und Rechts wegen ſeinem Enkel Carlos gebühre, und ihn beſtimmte, es bei der alten Beſtimmung zu laſſen? Ich war es, Monſen⸗ jor! Als nach des Königs Tod eine ſtarke Partei des reichen und mächtigen eaſtiliſchen Adels offen mit dem Plane hervortrat, eingedenk der Wirren und Bedrückungen, welche die Niederländer vor zehn Jahren über uns gebracht, den niederländiſchen Einfluß von Caſtilien abzuwehren und den Infanten Don Fernando zum Könige zu erheben, wer war es, der dieſer Partei mit Kraft und Entſchloſſenheit entgegentrat und ſie zu Gunſten des rechtmäßigen Thron⸗ erben Carlos zu Boden hielt? Ich war's, Monſenjor, und ich hatte die Ueberzeugung ſo gut, wie jene Gran⸗ Ein deutſcher Leinweber. V. 9 130 Der König von Spanien. den, daß es für das Wohl Caſtiliens und ganz Spaniens erſprießlicher ſei, Fernando der Spanier ſei unſer König, als Carlos der Niederländer. Und als vor vier Monaten Don Carlos gegen Gebrauch und Recht das Anſinnen an uns ſtellte, daß er, bevor er noch die alte Verfaſſung be⸗ ſchworen, bevor er uns noch die Treue gelobt, die wir von jedem, den wir als König anerkennen ſollen, zu fordern das Recht haben, zum König ausgerufen werde, er, den wir noch nicht geſehen, von deſſen Geſinnung wir noch keine Probe gehabt, und als Adel und Cortes ſich dieſem Anſinnen mit Entrüſtung widerſetzten auf den guten Grund des Rechts und Gebrauchs, und weil die rechtmäßige Königin Donna Juana lebe, wer war es, der, um die Gefahr, die aus dem Verzug entſtehen konnte, raſch abzuſchneiden, Don Carlos in Madrid und Toledo doch zum König ausrufen ließ und die andern eaſtiliſchen Städte vermochte, dieſem Beiſpiele zu folgen? Ich war's, Monſenjor! Und ich bin es, der die Rechte des Königs in Caſtilien und in allen dazu gehörigen Königreichen mit meinem Leben vertheidigen wird, bis zum letzen Athemzuge deſſelben. Hat etwa der Regent von Aragonien dem Könige dort gleiche Vortheile berei⸗ ten können, hat er ihm die Straße dort ſo ebnen können, wie ich hier? Und doch iſt jener Regent, mein ehrwür⸗ diger Bruder Erzbiſchof von Saragoſſa, Don Alfonzo von Aragon, der natürliche Bruder des Königs. Dort hat es Streit und Händel gegeben, nicht hier. Und was Der König von Spanien. 131 meint Ihr wohl, weshalb ich ſo handle und nicht anders? Seht hier meine Schlafſtätte!“ Mit dieſen Worten öff⸗ nete er eine verdeckte Thür und führte den Kämmerer in ein kleines, ſchier von allem Geräth entblößtes Gemach, auf deſſen Boden ein Strohſack und eine grobe wollne Decke lagen.„Und ſeht hier!“ fuhr er fort und hob das Seapulier über der Bruſt auf und zog die Kutte von einander. Der Junker erblickte ein härnes Hemd auf dem ausgedorrten Körper des Regenten.„Und ſeht auch hier mein Frühſtücksmahl, das ich heut noch nicht genoſſen!“ Damit deutete er auf einen hölzernen Teller mit einigen Oliven und Feigen und einem ſchlichten Becher voll Waſſer. „Und ſeht endlich dieſes Haupt. Achtzig Jahre laſten darauf. Das Gewicht verdoppelt ſich mit jedem Jahre und wird es bald in die Grube gedrückt haben. Und imenes de Cisneros hat nicht Kinder und Vettern, nicht Freunde und Anhänger, die er auf Koſten des Königs bereichern könnte oder wollte. Ich habe keinen Wunſch und kein Beſtreben, als dem Recht zu dienen, dem Vater⸗ land und dem Könige.“ Der Greis ſchwieg; ein edler Unwille drückte ſich in ſeinen ſtrengen Zügen aus, ſein Auge ſprach Verachtung aller gegen ihn erhobenen Verdächtigung. So leicht Vivian de la Chaux über manche Dinge denken mochte, er konnte ſich des mächtigen Eindrucks nicht erwehren, welchen Rede und Geſtalt des Cardinals auf ihn mach⸗ ten, und mit ungeheuchelter Ehrfurcht in Blick und Stimme 9* 132 Der König von Spanien. ſprach er:„Man muß Ew. Hoheit Wirken und Schaffen mit eignen Augen ſehen, um Euch die aufrichtigſte Be⸗ wundrung zu zollen, und der König, ſobald er nach Spanien gekommen, wird gewiß der Erſte ſein, der Euch den Zoll derſelben freudig darbringt. Ihr habt mich hocherfreut mit Eurer Mittheilung, Ihr, der Greis den Jüngling, Ihr, der Regent und mächtige Kirchenfürſt, mich, den unbedeutenden Kämmerer. Doch in Einem ſind wir gleich, in der Liebe zum Könige, und ich, der ich ihn ſeit Jahren kenne, der ich gleichſam mit ihm aufge⸗ wachſen bin und ihm gedient habe, verſichere Euch, der Ihr ihn noch nicht kennt; er iſt Eurer Liebe werth. Ihr könnt in ihm jetzt nur den rechtmäßigen König von Spanien lieben, aber Ihr werdet auch ſeine Perſon lie⸗ ben lernen.— Und weil Ihr mich denn alſo geehrt, ſo erlaubt mir, daß ich zum Dank Euch mit Freimuth ſage, wodurch Ihr dem König zu nahe getreten ſeid.“ „Sprecht immerhin Euern Tadel aus! Ihr ſprecht aus Liebe zum König, und ich höre Euch an aus Liebe zum König.“ „Der Dechant von Löwen, Herr Adrian Florens von Utrecht, der Lehrer unſtes gnädigſten Herrn, war von demſelben für den Sterbefall des Königs Fernando zum Regenten von Caſtilien ernannt, bis der König ſelbſt in das Land kommen würde—“ „Der Herzog Karl von Burgund und Niederland konnte keinen Regenten in Caſtilien ernennen,“ fiel ihm der Cardinal hitzig ins Wort. Der König von Spanien. 133 „Wohl,“ verſetzte Vivian lächelnd,„aber auch der König von Aragonien konnte keinen Regenten in Caſtilien ernennen; er war ja ſelbſt nur Regent in Caſtilien. Der Eine hatte ſo wenig Recht dazu wie der Andre. Nur der Donna Juana ſtand dieſes Recht als rechtmäßigen Königin von Caſtilien zu. Aber ihr Tiefſinn machte ſie ungeſchickt zu ſolcher königlichen Machtvollziehung. Und wäre ſie geſunden Geiſtes geweſen, ſo hätte es keines Regenten bedurft. Nun war Ew. Hoheit vom König Ferdinand zum Regenten ernannt, Herr Adrian vom Erzher⸗ zog Karl, Einer ſo rechtmäßig und ſo unrechtmäßig wie der Andre. Alſo hätten beide zugleich das Land regieren ſollen.“ „Und geſchieht es nicht, obgleich Don Carlos mich als alleinigen Regenten anerkannt hat?“ „Erlaube mir Ew. Hoheit zu bemerken, daß es Wunſch und Befehl des Königs iſt, daß Herr Adrian nicht von aller Theilnahme der Regierung ausgeſchloſſen ſei. Und doch behaupten dies ſeine Briefe und die Berichte aller Caſtilier, die nach Brüſſel kommen.“ „Don Adrian unterzeichnet die Regierungserlaſſe, wie ich ſelbſt, er präſidirt mit mir im hohen Rathe. Aber unmöglich kann er Befehle in einem Lande geben, das er nicht kennt; er iſt ein hochgelehrter Herr, aber er hat nur Bücher ſtudirt, nicht die Welt. Außerhalb ſeiner Liberei iſt er unſicher. Ein ſanftmüthiger, ruhiger Mann, taugt er nicht zu Regenten. Nur ſtrenger, feſter Wille des Regenten kann dem Könige und dem Lande nützen.“ — 134 Viele Caſtilier klagen mündlich und ſchriftlich in Brüſ⸗ ſel Ew. Hoheit der härteſten Strenge, ja der eigenſin⸗ nigſten Willkür an; es ſind meiſt angeſehene Herren und vom hohen Adel.“ „Die Narren!“ fuhr der leidenſchaftliche Greis em⸗ por.„Ich müßte Zauberei verſtehen, um mich zu ver⸗ hundertfachen, um alle eigenſüchtigen und thörichten An⸗ ſprüche dieſes zur alten tollen Wirthſchaft wieder em— porſtrebenden Adels zu berückſichtigen. Dieſe Männer kön⸗ nen es nicht vergeſſen, daß ihre Väter ſich dem Könige gleich ſtellten, und glauben, mit der Regierung eines jun⸗ gen unerfahrenen ausländiſchen Königs ſei ihre Stunde gekommen. Sie wollen ihm wieder Macht abtrotzen; ſie wollen die königliche Gewalt niederdrücken, um die ihrige zu erheben, und das Volk ſoll ihnen gehorchen und für ſie arbeiten. Ich kenne ſie, dieſe hochmüthigen Granden. Aber wahrlich Fernando und Iſabella ſollen nicht verge⸗ bens gelebt haben, und ſo lange Franeisko Kimenes lebt, ſoll es ihrer keinem gelingen, die königliche Macht, wie dieſe beiden Fürſten ſie hergeſtellt, auch nur um ein Haar breit zu ſchmälern. Und wenn ich den hochadligen Her⸗ ren nun nicht den Willen thue und ihnen die beſten Aemter, Stellen und Pfründen verleihe, wenn ich ihren frechen Anforderungen die feſte Verneinung entgegenſetze, ſo laufen oder ſchreiben ſie nach Brüſſel und verklagen mich bei Herrn von Chievres, und ſtatt daß dieſer Herr mit mir gemeinſchaftlich zur Erhaltung des königlichen An⸗ Der König von Spanien. Der König von Spanien. 135 ſehens wirken und die Beſchwerdeführer zurückweiſen ſollte, verkauft er ihnen die erſtrebten Aemter und Stellen für ſchweres Gold; denn— Gott ſei's geklagt!— dem ſpa⸗ niſchen Golde vermag Herr von Chievres nun einmal nicht zu widerſtehen.“ Die Unterhaltung wurde durch die Meldung eines Kämmerers unterbrochen, daß die Tafel bereitet ſei. Der Leibdiener des Cardinals brachte ſogleich das reiche fürſt⸗ liche Gewand mit dem Purpurmantel herbei und warf es dem Greiſe über. Dies war das Werk einer Minute; denn mit ſolchen Dingen pflegte Kimenes keine Zeit zu verlieren. Jetzt ſtand er da, eine impoſante Geſtalt, in den Abzeichen ſeiner fürſtlichen Würde. „Werde ich die Gräfin Agnes von Cardona an Eu— rer Tafel finden?“ fragte Vivian de la Chaur, indem ſie gingen. „Nein. Sie iſt nicht in Madrid. Kennt Ihr die Gräfin?“ fragte der Regent mit einem ſcharfen Blick auf den Niederländer. „Sie lebte ja in Brüſſel an des Königs Hofe.“ „Ihr würdet mich verbinden, wenn Ihr mir einige Mittheilungen über dieſe Dame machtet.“„ „Ich habe einen Auftrag an ſie und glaubte, ſie hier zu finden.“ „Sie iſt erſte Hofdame der Königin Juana und hält ſich meiſt bei derſelben in Tordeſillas auf. Dorthin müßt Ihr Euch wenden.“ 136 Der König von Spanien. „Es verlautete in Brüſſel; ſie ſei nicht die Schweſter des Viecekönigs von Neapel, ſondern vornehmer mauri⸗ ſcher Abkunft. Mir wäre lieb, Gewiſſes über ſie zu er⸗ fahren.“ „Das Gerücht hat nicht gelogen. Ihre Mutter war dem Hauſe der Sultane von Granada entſprungen und eine nahe Verwandte des letzten Königs Boabdil el Chikv. Ihr Vater, ein vornehmer Krieger, fiel im Kampfe ge⸗ gen die ſiegreichen Caſtilier. Während des Einzugs des ſpaniſchen Königspaares in die eroberte Stadt wurde das Kind geboren; die Mutter erlag den ſchmerzlichen Ein⸗ drücken, und die gütige Königin Iſabella übergab die kleine Waiſe einer ihrer Hofdamen, der Gräfin von Car⸗ dona, zur Erziehung. Dieſe führte das Kind auf ihr Stammſchloß in Katalonien, wo ſie es ſpäter adoptirte. Sie lebte lange am Hofe des Vicekönigs in Neapel und wurde dann vom König Fernando zur Hofdame der Kö⸗ nigin Juana beſtimmt. Da ſie ſehr bedeutende Einkünfte ſowohl von den Gütern ihrer Eltern in Granada, als auch ihrer Adoptiveltern in Katalonien bezieht, ſo hat ſie daraus die Mittel genommen, einen abenteuerlichen Hang zum Reiſen zu befriedigen. So hat ſie Spanien und Ita⸗ lien durchzogen, ſich lang am päpſtlichen Hofe verweilt und dann Deutſchland und die Niederlande beſucht. Ein ſeltſames, wunderliches Weib!“— Sie traten in den Speiſeſaal. Alle Anweſenden ver⸗ neigten ſich tief vor dem gewaltigen Prieſter. Stolz und * iece —— Der König von Spanien. 137 kalt ſchritt er durch die Reihen und nahm den erſten Sitz ein. Die koſtbarſten Speiſen wurden auf goldenen Geſchir⸗ ren aufgetragen, die feurigen Weine Spaniens perlten in den goldenen Bechern der Gäſte, vor dem Regenten ſtand ein hölzerner Teller mit Oliven, Feigen und Brod und ein kupferner Becher mit Waſſer. Ihm gegenüber ſaß der Dechant von Löwen, der zweite Regent Caſtiliens, und Fimenes erwiderte ſtolz den ehrerbietigen Gruß deſ⸗ ſelben. Ein Mönch trat mit einem Buche an die Seite des Cardinals und las mit gedämpſfter Stimme geiſtliche Betrachtungen, während der gewaltige Greis ſein fruga⸗ les Mahl verzehrte und die Tiſchgeſellſchaft keines Blicks weiter würdigte. Meuntes Rapitel. Nach der Tafel wurden dem Cardinal, der in ſeinem vornehmſten Granden von Caſtilien gemeldet, der Conne⸗ tabel, der Herzog von Infantado und der Graf von Be⸗ neventa. Er empfing ſie in ſeinem vollen erzbiſchöflichen Ornat. Der Connetabel nahm das Wort:„Wir kom⸗ men nicht allein für uns zu Eurer Hoheit, ſondern im Namen aller Granden dieſes Königreichs, um Euch eine ernſte und gewichtige Frage vorzulegen, zu der uns kraft unſerer Geburt und Stellung ein unzweifelhaftes Recht zuſteht. Ew. Hoheit regiert in dieſem Lande nicht an⸗ ders, als ein unbeſchränkter König, wie vor dieſem kein König Caſtiliens, ſelbſt die weiſe Iſabella nicht. Alſo fragen wir Euch im Namen des ganzen eaſtiliſchen ho⸗ hen Adels: welche Vollmacht habt Ihr zu dieſer Regent⸗ ſchaft?“ „Erlaube mir Ew. Herrlichkeit,“ verſetzte Pimenes feſt, „daß ich ihr heute die Antwort auf dieſe Frage ſchuldig Cloſet eben einem Manne geheime Audienz gab, drei der Der König von Spanien. 139 bleiben darf. Die begehrte Vollmacht iſt mir nicht gleich zur Hand. Hättet Ihr mich geſtern durch einen Boten von Euerm Wunſche unterrichtet, ſo würde ich jetzt ſchon im Stande ſein, Euch geziemend zu antworten. Ich bitte Euch alſo, kommt morgen wieder: Ihr ſollt die Voll⸗ macht ſehen und vollkommen zufrieden geſtellt werden.“ Auf dieſen Beſcheid konnten die drei Herren nichts wei⸗ ter thun, als ſich entfernen, indem ſie ihr Wiederkom⸗ men am folgenden Tage zuſagten. Sobald ſie fort wa⸗ ren, gab der Cardinal eilige Befehle, und bald darauf ſah man einen Boten aus dem Schloſſe reiten. Kimenes trat wieder in ſein Cloſet und verſchloß die Thür. Dort ſtand ein Mann in der einfachen Kleidung eines andalu⸗ ſiſchen Landbewohners. Es war Jayme, der Zigeuner, der jüngere Sohn Karracha's, den ihm einſt Don Her⸗ nandez de Villequiran zugeführt hatte, und der ſeit jener Zeit mit Kimenes in Verbindung geblieben war. Er hatte ſich das Vertrauen des Erzbiſchofs in ſo hohem Grade zu erwerben gewußt, daß er von demſelben, ſo⸗ bald er Großinquiſitor geworden, zum heimlichen Die⸗ ner der heiligen Inquiſition gemacht worden war. Als ſolcher war er ſtets nur dem Cardinal verantwortlich. „Fahre fort!“ redete der greiſe Regent den Diener an.„Deine Nachricht iſt von großer Wichtigkeit. Biſt du auch deiner Sache ganz gewiß? Haſt du ihn wirklich erkannt, und waltet kein Zweifel über die Identität der Perſon in dir vor?“ 140 Der König von Spanien. 9 „Es iſt unmöglich, daß ich mich irre,“ verſetzte Jayme,„er iſts und kein Anderer. Ich bin meiner Sache ſo gewiß, daß ich die Hoſtie darauf nehmen will.“ „Und die Goldminen Galiciens durchforſcht er?“ fragte der Regent mehr ſich ſelbſt als den Diener, und ſchritt wieder kopfſchüttelnd und nachdenklich durch das Zimmer. „Im Hafen von Corunja iſt er eingelaufen und hat ſich dann ſogleich in die benachbarten Goldbergwerke be⸗ geben, den Behörden aber einen ſchriftlichen Befehl des Königs vorgezeigt, ihm in allen Stücken bei ſeinen Nach⸗ forſchungen behülflich zu ſein.“ „Er muß ſogleich zur Haft gebracht werden,“ ſagte der Cardinal. „Das wird nicht ausgeführt werden können; denn, wie ich Eurer Hoheit ſchon berichtete, er hat ſich mit Don Pedro Giron in Verbindung geſetzt und weilt jetzt in der widerſetzlichen Stadt Valladolid. Alle Städte in Alt⸗ eaſtilien, Leon und Sulnmanti verhöhnen Eurer Hoheit Befehle. Sie haben eine Geſandtſchaft an den König ge⸗ ſchickt, um ſich zu rechtfertigen.“ „Ich werde ſie zu Paaren treiben!“ rief der Greis leidenſchaftlich.„Und dieſen Ritter von Süderland muß ich um jeden Preis haben. Das heilige Amt ſoll ihm das Goldſuchen vertreiben.“ Jayme wurde entlaſſen. Ein anderer Diener der In⸗ quiſition trat ein, ein ſchon bejahrter Mann mit einem verſteckten lauernden Geſicht, in welchem ein Paar bos⸗ Der König von Spanien. 141 hafte Augen unheimlich funkelten. Dieſer Menſch war einer der von Ferdinand und Iſabella gewaltſam bekehr⸗ ten Juden, um derentwillen die Inquiſition vor fünfund⸗ dreißig Jahren in Andaluſien eingerichtet worden war. Tauſende ſeiner Glaubensgenoſſen waren zur Ehre des Chriſtengottes den Flammentod geſtorben und viele Tau⸗ ſende hatten ihr Leben durch die Flucht aus dem Lande gerettet. Zacro hatte das beſte Theil ergriffen; er war ein geheimer Diener der Inquiſition geworden. „Bringſt du mir Nachrichten über die Gräfin Car⸗ dona?“ fragte der Regent haſtig. „Sie iſt von Tordeſillas aus oft in Valladolid geweſen, und ſteht nicht nur mit Don Pedro Giron und deſſen Familie, ſondern mit allen Andern, die ſich den Befeh⸗ len Ew. Hoheit widerſetzen, in Verbindung. Sie hat Alle zum Ungehorſam gegen Euch angefeuert und ſoll ſo⸗ gar einen Brief an den König geſchrieben haben, worin ſie Euch heſtig anklagt.“ „Ich muß dies tolle Weib unſchädlich machen!“ rief der Cardinal.„Vergebens ſpür' ich ihren Plänen nach. Was will ſie eigentlich?“ „Den Infanten Don Fernando zum König machen,“ verſetzte Zacro.„Und doch ſteht ſie gut beim Könige. Sie iſt mir ſelbſt ein Räthſel. Seit ſie von ihrer lan— gen Reiſe nach Italien und Deutſchland zurück iſt, wird ſie von der Königin Juana noch mehr geliebt, als frü⸗ her. Der Infant Don Fernando und die Infantin Donna Der König von Spanien. Katharina hängen ſehr an ihr. Die letztere liebt die Gräfin mehr als alle Damen ihrer Umgebung.“ „Ich weiß— ich weiß. Dieſes junge Weib beſitzt einen eigenthümlichen Zauber, ſich die Herzen zu gewin⸗ nen. Ich muß ſie von der Königin und der Infantin entfernen; denn ich ahne, daß ſie gefährlich wird.“ „Auch hat ſie innige Freundſchaft mit der Donna Ma ria Pacheco geſchloſſen und ſie in Toledo beſucht. Man ſagt, Don Juan de Padilla, der Sohn des Großſene⸗ ſchalls von Caſtilien, habe der Donna Ineſe de Cardona ſeine Hand angetragen, aber ſie ſei bereits heimlich mit Don Pedro de Giron verlobt. Zuletzt erfuhr ich, Don Juan de Padilla werde ſich mit Donna Maria de Pa⸗ checo vermählen, die Gräfin Cardona aber um die Per⸗ ſon der Königin bleiben. Man will ſeit einiger Zeit be⸗ merken, daß die Königin mehr und vernünftig ſpreche, und Viele hegen die Hoffnung, ſie werde wieder herge⸗ ſtellt werden, und wollen dies den Bemühungen der Grä⸗ fin Cardona zuſchreiben.“ „Seltſames, unergründliches Weib! Ich glaube zu ahnen, was ſie vor hat. Sie muß fort von der Köni⸗ gin!— Was haſt du mir über die Stimmung der Mau⸗ ren in Andaluſien, vorzüglich in Granada zu berichten? Keine Bewegung unter ihnen?“ „Sie ſind ruhig und ſtill. Der Tod des Königs ſcheint keinen Eindruck auf ſie gemacht zu haben. Der Muth iſt ihnen für immer gebrochen. Ihretwegen kann ——— Der König von Spanien. 143 Ew. Hoheit außer Sorgen ſein. Ich erfuhr, die Gräfin Cardona ſei in der Stadt Granada geweſen, aber ver⸗ gebens forſchte ich nach Näherem. War ſie wirklich dort, ſo hat ſie ſich ſehr eingezogen gehalten und kann nur einige Tage verweilt haben.“ „Gerade dieſe Heimlichkeit iſt mir verdächtig.“ „Aber mit Don Adrian Florens, als dieſer in vvri⸗ ger Woche in Tordeſillas war, um der Königin einen Beſuch zu machen, hat die Gräfin viel verkehrt. Sie ſoll ſich ſeines beſondern Schutzes erfreuen.“ „Stets thut dieſer Mann, was er nicht ſollte.— Er kennt ſie von Brüſſel aus.— Und über die Zwecke ihres Aufenthaltes in Flandern haſt du noch nichts er⸗ kundet?“ „Nichts weiter, als daß ſie die große Reiſe zu ihrem Vergnügen gemacht.“ „Du kannſt gehen, Zacro!“ Der geheime Kundſchafter folgte der Weiſung. Der Cardinal ſchritt nachdenkend im Zimmer auf und ab. „Ich muß ſie Alle niederhalten mit eiſerner Fauſt,“ ſagte er endlich vor ſich,„ſonſt wäre Spanien verloren, eine in blutige Fetzen zerriſſene Beute dieſes ſtolzen, hab⸗ gierigen Adels. Und dieſe Niederländer wollen hier regie⸗ ren! Arme Tröpfe! Sie werden das Land in Verwir⸗ rung ſtürzen, wenn ich nicht mehr bin; aber ſo lange ich athme, ſoll das wilde Roß die Kraft und Macht des Reiters fühlen und ihm gehorchen. Nachher ſeht zu, ob Der König von Spanien. ihr den königlichen Knaben darauf erhaltet. Und dies ſchlaue, ränkeſüchtige Weib, das alle Männer bethört, ſoll mir keinen meiner Pläne verderben. Die Jahre ſind vorüber, wo ein ſchönes Weib auf Francisco imenes Eindruck machen konnte. Nieder mit dieſer Sirene!“ Der gewaltige Prieſter öffnete die Thür und rief ſeine Diener herbei. Er gab ihnen einen ſeltſamen Befehl. In den angrenzenden Zimmern mußten auf großen Siſche Haufen gemünztes Gold aufgeſchüttet werden. Als dieſes Geſchäft beendet war, trat ein Beiſitzer des Raths zu dem Regenten und zeigte ihm eine Ausferti⸗ gung aus der Kanzlei, einen Regierungsbefehl die drei hohen Orden betreffend, welcher vom Dechanten Adrian zuerſt unterſchrieben war. „Wer hat dem niederländiſchen Herrn Regenten dieſe Ausfertigung zur Unterſchrift vorgelegt?“ fen Pimenes ſcharf. „Er hat ſie verlangt.“ Der Cardinal zerriß das Papier und ſagte kalt:„Fer⸗ tigt den Befehl noch einmal aus. Ich werde ihn allein unterſchreiben. Wir müſſen dieſen Niederländern ernſt⸗ lich zeigen, wer eigentlich hier zu befehlen hat.“ „Iſt Ew. Hoheit ſchon bekannt, daß der geſtern hier angekommene Niederländer de la Chaur von des Königs Majeſtät zum Beiſitzer des Raths ernannt worden iſt?“ „Ha, ich vermuthete ſo etwas. Der junge Mann war bei mir, doch hat er ſich noch nicht als Theilhaber . Der König von Spanien. 145 der Regierung enthüllt. Alſo wieder ein unwiſſender Menſch, der ſich Mühe geben wird, zu verwirren, was ich in Ordnung gebracht.“ „Er wird Euch morgen ſein Beglaubigungsſchreiben überreichen. Heute iſt er beim Dechanten.“ „Wir werden mit ihm fertig werden, wie wir mit Andern fertig geworden ſind.“ Und ohne ſich die befremdende Nnchricht weiter an⸗ fechten zu laſſen, fuhr der raſtloſe, ſtolze Greis fort zu arbeiten, und ſpät noch in der Nacht warf ſeine einſame Lampe ihr Licht auf die vor ihm ausgebreiteten Papiere, die er mit der Feder in der Hand durchlief, um hier und da eine Anmerkung zu machen oder ſeinen gewichtigen Namen zu unterſchreiben. Auch der neu ausgefertigte Be⸗ fehl war darunter. Am andern Tage wurde er in Kraft geſetzt, und der Dechant von Löwen wagte nichts gegen dieſen Akt despotiſcher Willkür zu unternehmen. So im⸗ vonirend war die Willensäußerung dieſes achtzigjährigen Mannes, an welchem die Hinfälligkeit der Natur ihr Recht verloren zu haben ſchien, daß Niemand ihr widerſprach, ſelbſt nicht der vom Könige verordnete Mitregent. In der Frühe dieſes Morgens zogen einige Heeres⸗ abtheilungen, über zweitauſend Mann ſtark, welche ihr Einlager in einigen benachbarten Orten hatten, in der Stille in die Stadt und wurden in den Nebengebäuden des Schloſſes untergebracht. Es war meiſt Artillerie, die ihre Geſchütze mit ſich führte. Andere Kanonen, die um Ein deutſcher Leinweber. V. 10 146 Der König von Spanien. das Schloß aufgeſtellt waren, wurden in Bereitſchaft ge⸗ geſetzt, und Jedermann glaubte, der Cardinal beabſichtige in eigner Perſon einen Kriegszug gegen die widerſetzlichen Städte. Die drei Abgeordneten der Granden wurden wieder angemeldet. Aimenes ließ ſich zu ihrem Empfang die fürſtlichen Kleider anlegen. Dann wurden die Räthe her⸗ beigerufen, und in ihrer Mitte empfing der Erzbiſchof⸗ Cardinal die drei hochadeligen Herren. „Tragt mir Eure Bitte vor!“ redete er ſie im ſtren⸗ gen Tone an. „Wir haben keine Bitte an Euch!“ rief der Herzog von Infantado durch dieſe Worte beleidigt.„Nur eine Frage haben wir Euch im Namen aller Granden Caſti⸗ liens, deren erwählte Abgeordnete wir ſind, vorzulegen, eine Frage, zu der wir berechtigt ſind: Auf welche Voll⸗ macht hin regiert Ihr mit ſolcher Strenge in dieſem König⸗ reiche, ſo daß Ihr Euch ſelbſt nicht ſcheut, unſre uralten Rechte und Privilegien anzutaſten und zu ſchmälern. Zeigt uns Eure Vollmacht vor.“ „Ihr ſollt ſie ſehen,“ verſetzte der Regent kurz und ruhig. Und auf ſeinen Wink legte einer der anweſenden Räthe eine Mappe auf den Tiſch und ſchlug ſie vonein⸗ ander. „Erkennt Ihr dieſe Namensunterſchrift?“ fragte der Cardinal kalt und ſtolz, indem er mit dem Finger auf ein Actenſtück deutete. Der König von Spanien. 147 „Es iſt die Unterſchrift des verſtorbenen Königs von Aragonien,“ antwortete der Herzog von Infandatv. „Wohl, ſo leſt dieſen ſeinen letzten Willen. Es iſt das Teſtament des Königs, kraft deſſen er mir die Regent⸗ ſchaft über Caſtilien übertragen hat.“ „Wir kennen den Inhalt und die Verfügungen dieſes Teſtaments,“ ſagte der Connetable höniſch lächelnd.„Don Fernando war nicht König, er war nur Regent von Caſtilien, Namens ſeiner geiſteskranken Tochter. Wie kann ein Regent einen andern Regenten ernennen? Wenn Ihr keine andern und beſſern Vollmachten habt, ſo wer⸗ den wir Euch nöthigen, dieſe angemaßte Herrſchaft nieder⸗ zulegen.“ „Ich habe noch andre und beſſere Vollmachten,“ ver⸗ ſetzte der Cardinal mit Würde. „Zeigt ſie uns vor. Wir haben das Recht, dieſes Begehren ernſtlich an Euch zu ſtellen.“ „Ihr ſollt ſie ſehen,“ verſetzte der Regent.„Tretet mit mir heraus auf den Balkon!“ Mit dieſen Worten führte er die verwunderten Herren auf einen Balkon, von welchem aus man den ganzen Schloßplatz zu überſehen vermochte. Hier waren die herbeigezogenen Soldaten auf- geſtellt, und die Geſchützmeiſter ſtanden mit brennenden Lunten bei den Kanonen. „Seht hier die erſte meiner andern und beſſern Voll⸗ machten!“ ſagte Limenes mit. einem Anfluge von Spott. Und indem er die Hand hob, donnerten die Geſchütze 10* 148 Der König von Spanien. daß die drei Granden erbebten.„Und nun ſeht auch die zweite!“ fuhr Kimenes fort, und führte die Herren in das Zimmer und deutete auf die aufgeſchichteten Gold⸗ berge.„Und nun geht und ſagt denen, die Euch ge⸗ ſchickt, daß ich Spanien kraft dieſer Vollmacht ſofort regieren werde, wie ich begonnen, bis mir der rechtmäßige König dieſes Landes das Steuer des Staats abnehmen wird. Aber voll und ungeſchmälert durch Euch, Ihr Herren, ſoll er die königliche Gewalt aus meiner Hand empfangen, ſo wahr mir Gott helfe!“ Stumm und beſtürzt entfernten ſich die drei Gran⸗ den.— Auf ſolche Weiſe regierte Kimenes de Cisneros in Caſtilien. Hätte er nicht dieſe Strenge angewandt, der hohe Adel würde den Zeitpunkt nach Ferdinand des Ka⸗ tholiſchen Tode benutzt haben, um von dem unerfahrenen fremden Jünglinge, dem die Kronen Spaniens als Erbe zugefallen waren, wieder die alten Gerechtſame und Pri⸗ vilegien, wie ſie ihre Väter beſeſſen, zu ertrotzen, ja dieſelben wohl noch weiter auszudehnen und die königliche Gewalt zu einem Schatten herabzubringen. Dem gren⸗ zenloſen Stolze der eaſtiliſchen Granden konnte nur durch den noch größern Stolz und die unbeugſame Strenge eines Prieſters von ſo hoher und einflußreicher Stellung, des erſten Kirchenfürſten Spaniens und eines Mannes von ſo eiſernem Charakter imponirt werden. Kein Menſch in ganz Spanien war weiter geſchickt und befähigt, in dieſer Der König von Spanien. 149 kritiſchen Zeit die Würde der Krone aufrecht zu erhalten und die aufſtrebenden Granden niederzudrücken, als gi⸗ menes, und wenn nicht die merkwürdige Verbindung von Charakterſtärke und kirchenfürſtlicher Macht in ihm ge⸗ weſen wäre, würde ihm ſein großes Werk nicht gelun⸗ gen ſein. Niemand ward weniger befähigt zum Regenten Ca⸗ ſtiliens, als der gelehrte, nur den Wiſſenſchatfen lebende, ſanft⸗ müthige Adrian von Utrecht. Unbekannt mit des Landes Sitte und Art, unfähig ſeinen Willen durchzuſetzen, würde er der Spielball der Adelsparteien geworden ſein. Die eine Partei hätte ſich des Infanten Ferdinand bemächtigt, um ihn zum König zu machen und von ihm Alles zu erlangen, was Stolz, Hab⸗ und Herrſchſucht ſie nur wünſchen ließ; die andre hätte zu Karl geſtanden, und ein blutiger Bru⸗ der⸗ und Bürgerkrieg wäre die unvermeidliche Folge ge⸗ weſen, und welcher der Brüder auch als Sieger aus dem Kampfe hervorgegangen wäre, er wäre nichts geweſen, als das Werkzeug und die Spielpuppe in der Hand ſeiner Partei. Ja vielleicht wäre ſogar der großartige Plan gelungen, durch den Bürgerkrieg den ſich erhebenden Mau⸗ ren den Sieg über die chriſtliche Bevölkerung Spaniens zu erleichtern, und wer kann beſtimmen, wie weit die Bibel dem Koran unterlegen wäre. Dem Cardinal Zi⸗ menes gebührt allein der Ruhm, dem König Karl die Krone und deren Macht, wie ſie Ferdinand und Iſabella hergeſtellt, und dem Lande Friede und Ordnung erhalten zu haben; er iſt der Begründer der Größe Spaniens, 150 Der König von Spanien. wie ſie ſich im Verlaufe des Jahrhunderts entfaltete; ohne ihn hätte der König in Spanien eine Stellung er⸗ halten, wie der Kaiſer in Deutſchland, ja wahrſcheinlich eine um ſo ſchlimmere und unbedeutendere, als ſpaniſcher Stolz und Kälte die Fürſtenmacht noch ſchroffer geſtaltet haben würden, als deutſche Behaglichkeit. Es konnte freilich nicht fehlen, daß Fimenes Strenge oft in Härte ausartete und die Feſtigkeit, mit der er ver⸗ kehrte Befehle aus der königlichen Kanzlei in Brüſſel eben ſo unerfüllt ließ, wie er die Anmuthungen der Granden zurückwies, mit der er ſich der Habſucht der niederländi⸗ ſchen Miniſter eben ſo entſchieden entgegenſtellte, wie der Herrſchſucht der Caſtilier, ihm für Ungehorſam und Des⸗ potismus ausgelegt wurde. Nichts natürlicher, als daß ihn der Adel haßte und unabläſſig beim Hofe in Flan⸗ dern verklagte. Aber ſeine achtzig Jahre, ſeine kirchen⸗ fürſtliche Würde, ſeine Uneigennützigkeit, mit welcher er ſeine ungeheuren Einnahmen zum Beſten ſeiner heilſamen Schöpfungen und des Landes überhaupt verwandte, und ſeine asketiſche Lebensweiſe ſchützen ihn vor jeder begrün⸗ deten Verdächtigung. Herr von Chievres konnte ihn nicht leiden, aber er war gezwungen, ihn zu achten und zu— fürchten. Aus dieſen zwieſpältigen Geſinnungen gegen den gewaltigen Greis entſprangen alle die halben Maßregeln gegen ihn, die er meiſt ignorirte. Die nie— derländiſchen Miniſter ärgerten ſich über Nimenes' rück⸗ ſichtsloſe Entſchiedenheit und ſuchten ihn dafür wieder zu B Der König von Spanien. 151 ärgern, die bekannte Handlungsweiſe kleiner Geiſter gegen einen großen. Der Cardinal that ihnen aber gar nicht den Gefallen, ſich zu ärgern, ſondern ging unbekümmert um ihre Kläffereien ſeinen geraden Weg fort. Eine ſeiner wichtigſten Verfügungen, die die gefähr⸗ lichſten Folgen hätte haben können, war der Befehl, daß die Bürger und Landleute in den Städten und Flecken in große Heerabtheilungen zuſammentreten und Waffenübungen gleich den Kriegern vornehmen ſollten.— Den Vorwand dazu mußten die öftern Raubüberfälle der afrikaniſchen Mauern in Spanien abgeben. Aber eigentlich hieß dieſe Maßregel nichts anders, als das Volk gegen den Adel bewaffnen und die Regentſchaft auf eine ſo furchtbare Macht ſtützen. Aber theils war das eaſtiliſche gemeine Volk zu einer ſo großartigen Einrichtung noch nicht reif und begriff die Wichtigkeit derſelben nicht;(es ſah nur eine Plage darin, was doch das Mittel ſeiner Erhebung werden mußte, und widerſetzte ſich), theils bot der Adel, der da beſſer be⸗ griff als das Volk, wohin dieſe Maßregel zielte, Alles auf, um ihre Ausführung zu hintertreiben und zu ver⸗ hindern. Und da Adel und Volk in dieſem Punkte übereinſtimmten, ſo wurde die Abſicht des Regenten ver. eitelt. Die erſte Stadt, welche ſich offen wiederſetzte, war Valladolid. Nachdem ihre Gegenvorſtellung nichts ge⸗ fruchtet, griffen die Einwohner, vom Adel gehetzt, zu den Waffen und verjagten den Hauptmann, der gekommen war, ſie zur Annahme und Ausführung des Befehls zu 152 Der König von Spanien. zwingen. Hierauf bot der Cardinal Kriegsvölker auf, um Valladolids Ungehorſam zu beſtrafen. Dieſe Maßnahme goß Oel ins Feuer. Die Stadt brachte ein Heer von dreitauſend Mann zuſammen, deſſen Offüzierſtellen der Adel übernahm. Salamanca, Avila, Segovia und Toledo folgten raſch hintereinander Valladolids Beiſpiel, und der Aufſtand drohte ſich über das ganze Land zu verbreiten. Dieſe Vorgänge ſielen mit der Ankunft des Niederländers de la Chaur zuſammen, und das Königreich war alſo keineswegs ſo ruhig, als der Cardinal gegen dieſen ge⸗ rühmt hatte. Zum Aeußerſten wagte Timenes inzwiſchen nicht zu ſchreiten; ſein Scharfſinn erwog die möglichen Folgen. Deshalb erließ er einen neuen Befehl an Valla⸗ dolid, ihm als dem Regenten des Königreichs zu gehor⸗ chen. Die Stadt erwiderte, ſein Befehl laufe wieder ihre Privilegien, die ſie mit aller ihr zu Gebot ſtehenden Kraft aufrecht erhalten würde. Der Cardinal berichtete darüber an den König, und als Valladolid davon Kunde erhielt, ordnete ſie einen Geſandten an den König ab, der ihre Vertheidigung führen ſollte. ————————————— Pehntes Rapitel. Die kleine Stadt Tordeſillas in dem Regierungsbezirk Valladolid am Duero gelegen, da wo er in mäandriſchen Windungen ſanft durch ſaftige Wieſenebenen dahin ſchleicht, der friedliche Aufenthaltsort der unglücklichen, geiſtumnach⸗ teten Königin Juana, iſt nur wenige Meilen von Valla⸗ dolid entfernt. Seit die kriegeriſche Bewegung in Folge der Auflehnung letzterer Stadt gegen den Cardinal⸗ Regenten ſtatt fand, herrſchte zwiſchen peiden Städten noch mehr Verkehr als ſonſt. Die ſchwermüthige Ruhe, welche ſeit Jahren um den Sitz der tiefſinnigen Königin gewaltet, wurde jetzt öfter vom Hufſchlag der Roſſe un⸗ terbrochen, welche kommende und abziehende Gäſte am Ufer des Duero lenkten. Doch wurde die Königin ſelbſt wenig von dieſer Bewegung berührt. Es war ihre Um⸗ gebung, die ſich dabei betheiligte. Der Abend eines heißen Frühſommertages belebte in etwas wieder die von Spaniens glühender Sonne ermat⸗ teten Pferde und Maulthiere einer kleinen Reiſegeſellſchaft, 154 Der König von Spanien. welche am Duero hinab der grünen Stadt Tordeſillas zu⸗ zog, und ſie machten die letzte Anſtrengung, als ihnen von fern die Thürme der Kirchen und des Schloſſes und die hohen Gebäude des Kloſters Santa Clara, das ohn⸗ fern der Stadt ſich im ruhigen Spiegel des Flußes be⸗ ſchaute, gaſtfreundlich winkten. Die Geſellſchaft beſtand aus einigen Damen, die in zwei von Maulthieren ge⸗ tragenen Sänften ſaßen, aus ſechs Reitern, wovon einer faſt noch Knabe war, und einigen Reiterinnen. Die Aus⸗ zeichnung, mit welcher dem Jüngſten von den Uebrigen begegnet wurde, deutete auf ſeine höhere Stellung; eben ſo war die ſtattliche Dame in der erſten Sänfte unver⸗ kennbar die Gebieterin der übrigen Frauen in der andern Sänfte und auf den Maulthieren, die neben her trabten. Und in der That war ſie die verwittwete Königin Ger⸗ maine von Aragonien; freilich nicht mehr die leichte ju⸗ gendliche Geſtalt, wie ſie vor zwölf Jahren am franzöſi⸗ ſchen Hofe das Auge entzückt, aber noch immer eine mit hoher Schönheit begabte, ſtolze Frau in den erſten dreißi⸗ ger Jahren. Die beiden Frauen in der erſten Sänfte waren ihre Hofdamen, die auf den Maulthieren Kammer— frauen. Die Königin reiſete mit ungemein wenig Ge⸗ folge; die Frau eines Granden würde weit mehr mit ſich geführt haben. Aber ſie hatte ihre guten Gründe, ſo wenig Aufſehen als möglich zu machen. Sie kam von Saragoſſa, ihrem Sitz, und der Vorwand ihrer geheim⸗ gehaltenen Reiſe war, die Infantin Katharina, die jüngſte Der König von Spanien. 155 Schweſter des Königs Karl, welche ſeit einem halben Jahre bei ihrer geiſteskranken Mutter in Tordeſillas war, wie⸗ der abzuholen. Denn die Königin Germaine hatte dieſe junge Prinzeſſin, welche damals noch nicht volle neun Jahre alt war, an ihrem Hofe erzogen, und nur zuwei⸗ len war dem Kinde ein mehrwöchentlicher Aufenthalt bei der Mutter, welche wenig Liebe für daſſelbe zeigte, ge⸗ ſtattet worden. Katharina war fünf Monate nach ihres Vaters, des Königs Philipp, Tode zu Torquemada ge⸗ boren worden, gerade als ihre Mutter dem tiefſten Trüb⸗ ſinn verfallen war. Das Kind hatte alſo ſogleich von ihr entfernt werden müſſen und an der kinderloſen Königin Germaine eine zweite Mutter gefunden. Daſſelbe Ver⸗ hältniß fand auch mit dem Infanten Fernando ſtatt. Auch er hatte ſeine beklagenswerthe Mutter nur wenig geſehen; auch zeigte ſie in ihrer geiſtigen Abſpannung und der ſtarren Gleichgültigkeit gegen Alles ſelten ein leiſes Ver⸗ langen nach ihren Kindern. Die vier ältern in den Nie⸗ derlanden lebenden ſchien ſie ganz vergeſſen zu haben. Wenigſtens erwähnte ſie ihrer niemals. Fernando war erſt allmälig der Liebling der Königin Germaine, wie ihres Gemahls, des Königs Fernando geworden, und nach dem Tode deſſelben ſchien ſich Germaines Zuneigung zu ihm und zu ſeiner Schweſter Katalina noch zu erhöhen. Die junge Wittwe hatte ja in Spanien keinen ihr nahe ſtehen⸗ den und verwandten Menſchen weiter und ihr Bedürfniß zu lieben betrachtete die beiden Königskinder als ihre Der König von Spanien. 156 eignen und fühlte ſich getrieben, ihnen zu erſetzen, was ſie durch den Tod ihres Großvaters verloren hatten Sie ließ ſich zwar Großmutter von ihnen nennen, aber ſie war ihnen an Liebe und Zärtlichkeit eine Mutter. Der jüngſte der Reiter war der Infant Fernando, Prinz von Spanien und Erzherzog von Oeſtreich, der vor drei Monaten in ſein vierzehntes Lebensjahr getreten war. Er hatte wenig Aehnlichkeit mit ſeinem Bruder Karl; überhaupt erinnerte nichts in ſeinen Zügen und in ſeiner Geſtalt an ſeine habsburgiſche Abkunft, vielmehr erkannte man ihn auf den erſten Blick als den Enkel Ferdinand des Katholiſchen. Doch wie wenig er ſich auch körperlich als ein Sproß des erzherzoglichen Hauſes dar— ſtellte, ſo beſaß er doch viel öſtreichiſchen Charakter; er war guzmüthig und nicht zum raſchen Handeln geneigt. Dies zeigte ſich ſchon in ſeinen Jugendjahren. Die übri⸗ gen Reiter waren Don Pedro Nunjez de Gusman, des Prinzen Hofmeiſter, der Biſchof von Aſtorga, ſein Leh⸗ rer, Don Suero del Aguila, ſein Stallmeiſter, Don Hernandez de Villaquiran, ſein Cavalier, und ein Leib⸗ diener des Prinzen. Don Hernandez ritt an der Seite der Königin. „Der Cardinal wird von meiner Reiſe doch erfahren und Argwohn gegen mich ſchöpfen,“ ſagte die Königin; „ja es wird nicht an geſchäftigen Zwiſchenträgern fehlen, die darüber nach Brüſſel berichten. Und doch hat mir König Carlos erſt geſchrieben und mir mein Witthum Der König von Spanien. 157 angewieſen, auch ſeine Tante, die Erzherzogin Margaretha, meine liebe Jugendfreundin vom franzöſiſchen Hofe, hat mir einen freundlichen Brief geſchickt. Werden ſie mich nicht undankbar ſchelten?“ „Weshalb?“ fragte Don Hernandez.„Wer darf Ew. Hoheit darum tadeln, daß Ihr Eure Pflegetochter abholt? wer, daß Ihr der Königin Juana einen Beſuch abſtattet? wer, daß Ihr den Infanten Fernando und Infantin Ka⸗ talina als Euere Kinder liebt? Und weiter beabſichtigt ja Eure Reiſe nichts.“ Die Königin warf einen flüchtigen Blick auf das finſtre verſteckte Geſicht des Sprechers und ſagte dann:„Mich will dünken, als hättet Ihr und der Biſchof von Aſtorga noch andre Gründe gehabt, mich zu dieſer Reiſe zu be⸗ reden. Nicht vergebens habt Ihr ſo ſehr in mich ge⸗ drungen.“ „Und wenn es der Fall geweſen, ſo würden es immer Gründe ſein, denen Euer Herz beipflichtet. Hoffen doch Euere ergebenen Diener von Euerm Beſuche bei der Königin Juana etwas für die Geſundheit dieſer hohen Frau.“ „Ihr weicht mir aus. Ich meine die Pläne, die Ihr mit dem Infanten Fernando vorhabt.“ „Und hat Ew. Hoheit edles mütterlich geſinntes Herz nicht, die heißeſten Wünſche für unſern geliebten Prinzen?“ Die Königin antwortete nicht. Gleich darauf ritt der Infant an ihre Sänfte heran. 158 Der König von Spanien. „Nun werdet Ihr die Gräfin Cardona bald ſehen,“ ſagte er ſchmeichelnd. „Ich bin begierig auf ihre Bekanntſchaft, da Ihr faſt nur von ihr ſprecht und Katalina mir die ſchönſten Dinge von ihr hat ſagen laſſen. Ich könnte eiferſüchtig auf dieſe Dame ſein, da ſie Eure Liebe ſo ganz gefeſſelt hat, daß für mich faſt nichts mehr übrig bleibt.“ „Ah, wir lieben Euch noch eben ſo ſehr, Katalina und ich. Ihr ſeid ja unſre gute Großmutter. Aber die Gräfin lieben wir auch, weil ſie ſo freundlich iſt, wie Ihr ſelbſt, und uns die ſchönſten Geſchichten erzählt.“ Die Geſellſchaft langte in der Stadt an und wurde zum Schloße geleitet. Die wenige Dienerſchaft der Kö⸗ nigin Juana bewillkommte die Königin Germaine. Die kleine Infantin Katalina ſprang herbei und hing am Halſe ihrer Pflegmutter. „Kind!“ rief die Königin frohgerührt,„ich habe mich nach dir geſehnt. Es war mir zu ſtill und einſam in meinem Schloſſe. Deine geräuſchvolle Fröhlichkeit fehlte mir überall.“ „Ach, wenn Donna Ineſe nicht wäre,“ verſetzte die Infantin,„ich hätte es längſt hier nicht ertragen und wäre zu Euch zurückgekehrt, Großmütterlein.“ Es nahm ſich ſeltſam aus, die hochaufgeſchoſſne Prin⸗ zeſſin die noch jugendlich ſchöne Königin„Großmütterlein“ benennen zu hören; Katalina und Germaine hätten Schwe⸗ ſtern ſein können. Der König von Spanien. 159 „Immer nur die Donna Ineſe,“ ſagte die Königin mit einem leichten Anfluge von Verdruß. „Da kommt ſie ſelbſt!“ rief die Infantin. Der In⸗ fant Fernando zog die ſchöne Gräfln Cardona jubelnd herbei, die ſich anmuthig vor der Königin verneigte. Eine andre junge Dame von hoher Schönheit und einem großen kühn blickenden Auge folgte ihr in reicher maleri⸗ ſcher Kleidung. Sie trug denſelben Charakter der Ent— ſchiedenheit in den ſüdlich dunkeln Zügen, wie Agnes von Cardona, nur war ihr Weſen ernſter und entbehrte der einſchmeichelnden Anmuth, welche dieſer einen ſo hohen Zauber verlieh. Don Hernandez machte den Ceremonienmeiſter und ſtellte die Gräfinen Ineſe de Cardona und Maria de Pacheco vor. „Ihr ſeid mir beide nicht unbekannt,“ ſagte die Kö⸗ nigin.„Eure Pflegemutter, Donna Ineſe, brachte Euch einſt an unſern Hof uach Toledo; denn Ihr hattet als Kind ſchon den Ruf großer Klugheit, und dieſer Umſtand und Eure Abſtammung von der Sultansfamilie von Gra⸗ nada machten mich begierig Euch kennen zu lernen. Und Eure Mutter, Donna Maria, gehörte zu meinen Hof⸗ damen in Toledo und brachte Euch auf meinen Wunſch zuweilen mit in meine Gemächer. Wenn ich nicht irre, habt Ihr beiden damals ſchon zuſammen in meinem Cloſet geſpielt.“ „So iſt es, Hoheſt,“ verſetzte Ineſe,„unſre Freund⸗ Der König von Spanien. ſchaft ſtammt aus jenen glücklichen Jugendtagen, als Eure hohe Güte uns erlaubte, vor Euch zu erſcheinen.“ „Und nun habt Ihr meine Kinder mit ſo viel Liebe überhäuft, daß ſie die meinige faſt vergeſſen haben.“ „Meine Liebe zu ihnen iſt nur der Widerſchein der Eurigen, die ich von Euch einſt empfangen. Ermeßt aus dem Abglanz, wie reich das Sonnenlicht war, das ich von Euch erhielt.“ „Und auch meiner unglücklichen Tochter, der Königin dieſes Landes, habt Ihr in ihrem beklagenswerthen Zu⸗ ſtande ſo viel Liebe erwieſen, daß ſie, wie man mir geſagt hat, von ihren Frauen Euch am liebſten um ſich hat.“ „Der Wunſch meiner Pflegemutter, die einſt eine Jugendgeſpielin der Donna Juana geweſen, eh' dieſe nach den Niederlanden zog, führte mich zu der edeln Königin, und meine Liebe hielt mich bei der hohen Kranken, bis ſie mir erlaubte, dem unwiderſtehlichen Drange meines Herzens zu folgen, der mich antrieb, fremde Länder und Sitten zu ſehen.“ „Man hat mir von Eurer Reiſe geſagt. Ihr habt einen kühnen Geiſt und wagt mehr als andre ſpaniſche Damen Eures Alters. Ihr wart in Rom und Frank⸗ reich?“ „Ich beſuchte zuerſt meine Pflegemutter in Neapel wieder, wo ich fünf ſchöne Jugendjahre verlebt. Ihr wißt, der Vicekönig von Neapel Graf Cardona iſt der Der König von Spanien. 161 älteſte Sohn meiner Pflegeeltern. Von da ging ich nach Rom. Mit Briefen des Papſtes begab ich mich nach Frankreich und Deutſchland und lebte zuletzt am burgun⸗ diſchen Hofe in den Niederlanden, von wo ich zu meiner Königin zurückkehrte.“ „Ihr habt viel geſehen und erfahren. Eure Freundin wird Euch viel erzählt haben, Donna Maria.“ „Sie iſt meine Lehrerin geworden,“ verſetzte die ſchöne Gräfin Pacheco,„und hat meinen Geſichtskreis gar ſehr erweitert. Durch ſie habe ich erſt erfahren, wie ganz anders ſich die Welt außerhalb Spanien geſtaltet.“ Die Königin wurde nach ihren Zimmern geführt; die beiden jungen Gräfinnen mußten mit ihr ſpeiſen, und ihr für den Abend Geſellſchaft leiſten. Am andern Morgen ließ ſich Donna Germaine bei Donna Juana, ihrer Stieftochter melden. Die Mutter war jünger als die Tochter; Germaine, lebensluſtig, ver⸗ gnügungsſüchtig, eine flatterhafte Franzöſin, froh, nun des trübſeligen Zwanges und des unheimlichen, freudloſen Lebens quitt zu ſein, welche ihr die Krankheit und das mißtrauiſche, unleidliche Weſen ihr Gemahls, des Königs Ferdinand, auferlegt, fühlte ſich in den Räumen des Schloſſes zu Tordeſillas wieder von jenem finſtern ſpani⸗ ſchen Geiſte angeweht, zu dem ſich noch der Geiſt des trübſinnigen Wahns der Bewohnerin deſſelben geſellte, und nicht ohne ein banges Gefühl trat ſie in Juanas Zimmer. Ein deutſcher Leinweber. V. 11 162 Der König von Spanien. Die Gräfin Cardona hatte zu dieſem Beſuche erſt man⸗ cherlei ſeltſame Vorkehrungen getroffen. Die ſchwarze Matty ſpielte auf der Guitarre, Aya klapperte dazu mit den Caſtagnetten, ein prächtig herausgeputzter junger Menſch, der auf der Grenze zwiſchen dem Knaben- und Jünglingsalter ſtand, ſtrich die Fiedel und alle drei ſangen mit hellen Stimmen, wobei ſie abwechſelnd mit einander tanzten. Es war die Seguidilla, jener be⸗ rühmte und beliebte ſpaniſche Nationalgeſang mit Tanz, welchen ſie vor der wahnſinnigen Königin ausführten. Dadurch wurde der Trübſinn gewöhnlich auf kurze Zeit von ihr verſcheucht; denn noch immer liebte ſie die Muſik, Geſang und Tanz, wie in ihren beſſern Tagen. Vor⸗ züglich war es die glockenreine ſchöne Tenorſtimme und das geſchickte Spiel des Knaben, welchem die geiſteskranke hohe Frau mit beſonderm Vergnügen lauſchte. Dieſer junge Menſch war von den Mönchen des nahen Kloſters Santa Clara unterrichtet worden, und ſie hatten ein ganz aus⸗ gezeichnetes mufikaliſches Talent und eine wundervolle Ge⸗ ſangſtimme in ihm entdeckt. Mit bewundernswürdiger Leichtigkeit hatte er Geige, Guitarre, Theorbe und Flöte ſpielen gelernt, und nach der Rücklehr der Gräfin Car⸗ dona hatte ſie ihn zum Kammerſänger der Königin beſtellt. Die ſchwarze Matty hatte ihn im Spiel und Geſang noch mehr vervollkommnet, und er übte ſeine Künſte in Ver⸗ bindung mit den beiden Dienerinen nun oft vor der Kö⸗ igin Seit dieſer Zeit verbreült ſich das Gerücht, die Der König von Spanien. 163 Geiſteskranke habe öfter helle Momente, und ihre Umge⸗ bung, beſonders ihr Leibarzt, knüpften daran die Hoff⸗ nung ihrer Geneſung. Als die Königin Germaine eintrat, verſtummte die Muſik; die Königin Juana erhob ſich von ihrem Polſter⸗ ſitze, auf welchem außer ihr noch fünf oder ſechs fett ge⸗ fütterte ſchöne Katzen Platz hatten, und trat, einen ſtatt⸗ lichen Kater im Arme, auf ihren Beſuch los. Sie war ganz in ſchwarze Gewänder gehüllt; denn ſeit ihres Ge⸗ mahls Tode hatte ſie Niemand vermögen können, die tiefſten Trauerkleider abzulegen. Ihr Anſehen wad bleich und verſtört; ihre Geſtalt zum Erſchrecken abgemagert. Aus ihrem wirren Auge und aus ihren wilden ſtarren Zügen ſprach der Wahnſinn. Ihr Anzug war unordent⸗ lich und ſchmutzig. Sie war ein Schreckbild. Ringsum auf dem Polſterbette und den Seſſeln lagen Katzen in be⸗ haglicher Ruhe. Die Frauen der Unglücklichen hatten nicht wagen dürfen, an ihrer Kleidung und in ihrem Zimmer irgend eine Verändrung vorzunehmen, um ſie nicht aufzubringen; denn die Ausbrüche ihres Zornes waren in ſolchen Fälleu furchtbar, und ihr ſtiller Trüb— ſinn artete dann nicht ſelten in tobenden Wahnſinn aus. Donna Ineſe hatte ſich deshalb zuvor erſt bei der Königin Germaine entſchuldigt. Jene, welche die letztere eingeführt hatte, nannte noch einmal den Namen derſelben. „Ihr ſeid die Gemahlin meines Vaters,“ ſagte Juana 1* „ 164 Der König von Spanien. mit ihrer tonloſen Stimme.„Mir iſt, als hätte ich da⸗ von gehört, daß der König ſich nach dem Tode meiner Mutter wieder vermählt hat. Er ſoll nicht wohl daran gethan haben. Was ſeid Ihr denn für eine Prinzeſſin?“ „Erinnert ſich Ew. Hoheit nicht, daß wir uns ſchon mehr geſprochen haben, das letzte Mal vor zehn Jahren zu Tortoles, als ich mit dem Könige, meinem Gemahl und Euerm Vater, von Neapel kam, und Ihr mit dem Cardinal Kimenes uns entgegen gereiſt wart?“ fragte Germaine ängſtlich; denn ſie war nicht darauf vorbereitet, von ihrer Stieſtochter gar nicht erkannt zu ſein. „Mir iſt es ſelbſt ſo, als hätte ich Euch ſchon ge⸗ ſehen und geſprochen. Aber ſeit dem Tode meines Ge⸗ mahls, des ſchönen Philipps, bin ich oft krank und leide ſehr an Gedächtnißſchwäche. Seht, dort liegt er begraben.“ Mit dieſen Worten nahm ſie Germaines Hand und führte ſie zum Fenſter. Mit dem Finger auf das Kloſter Santa Clara deutend, das ohnfern im üppigen Wieſengrün lag, welches ſich vom Schloſſe bis zu den Kloſtergebäuden ausdehnte, ſagte ſie:„dort in der Kirche, die Ihr links ſeht, ruht der geliebte Herr in einem Sarge von Zinn. Man hat mir geſagt, er werde wieder lebendig werden und herüber kommen zu mir und mich dann inniger lieben, als er früher gethan; denn ich liebe ihn über die Maſſen ſtark und ſehne mich nach ſeiner Umarmung. Deshalb warte ich nun ſchon lange hier in ſeiner Nähe, aber noch immer will er nicht kommen. Das macht mich 8 Der König von Spanien. 165 ſo traurig, wie Ihr mich ſeht.— Er wird mich nicht wie⸗ der ſchlagen und mir nicht mehr zürnen; ich liebe ihn ja ſo ſehr. Aber Ihr ſollt ihn deswegen nicht ſchmähen. Das leide ich nicht. Ihr beleidigt mich, wenn Ihr ein ſchlimmes Wort von ihm ſagt.“— Die unerwartete Wen⸗ dung, welche die Rede der kranken Königin nahm, und die Aufregung, mit welcher ſie die letzten Worte ſprach, veranlaßten die Gräfin Cardona, der kleinen Muſikgeſell⸗ ſchaft, welche ſich in das Nebenzimmer zurückgezogen hatte, einen Wink zu geben, und in demſelben Augenblick er⸗ tönte die ſanfte und weiche Stimme des Knaben, indem er eine jener wehmüthig ſinnlichen, wie mit ſtarken be⸗ rauſchenden Blumendüften geſchwängerten mauriſchen Ro⸗ manzen zur Guitarre ſang, wie ſie ſich von Andaluſien aus über ganz Spanien verbreitet hatten. Ueber das dunkelbraune, magere, ſtarre Geſichts Juana's zuckte es wie ein Lichtſtrahl, und es ſchien faſt, als wolle ſie lächeln. Sie verſank in Ruhe und Nachdenken und ſeufzte plötzlich leiſe, wie von ſchönen Jugenderinnerungen ergriffen:„O Alnayar!“ Germaines Augen hatten ſich mit Thränen gefüllt. Als der Knabe verſtummte, wandte ſich Juana mit ruhiger, faſt flüſternder Stimme an Germaine:„Und wa⸗ rum kam mein Vater nicht mit Eurer Hoheit, mich auch zu beſuchen? Mir iſt, als hätte ich ihn ſehr lange nicht geſehen. Hat er ſeine arme kranke Tochter nicht mehr lieb?“ Dieſe Worte klangen ungemein wehmüthig, mach⸗ Der König von Spanien. ten aber nichts deſto weniger die Königin Germaine ſehr beſtürzt. Juana wußte alſo nicht, daß ihr Vater todt war, und es war gefährlich, es ihr jetzt zu ſagen. Auch machte Donna Ineſe der jüngern Königin gegenüber eine bittende bezeichnende Geberde, der Wahnſinnigen die Wahrheit auf die von ihr geſtellte Frage zu verſchweigen. „Er iſt ſelbſt nicht in der Verfaſſung zu Euch reiſen zu können,“ ſagte alſo Germaine,„und läßt Euch des⸗ halb herzlich durch mich grüßen.“ „Habt Ihr den Prinzen von Aragonien mitgebracht, den Ihr meinem Vater geboren? Ich möchte ihn kennen lernen, da er einſt König von Aragonien wird, und ich Königin von Caſtilien. Wir müſſen Freundſchaft halten.“ „Er iſt geſtorben, und Ew. Hoheit wird auch Köni⸗ gin von Aragonien, von ganz Spanien ſein.“ „Ah ich werde eine mächtige Königin ſein!“ rief die Wahnſinnige plötzlich mit einem Anfluge von Stolz. „Don Ceſar, mein Kater, dieſer ſtattliche Burſche, ſoll Prinz von Aſturien werden.“ „Ihr habt ſchöne Kinder, und ich liebe ſie, als ob ich ſie ſelbſt geboren hätte,“ ſagte Germaine, von Jua⸗ nas ſeltſamer Aeußerung wieder geängſtigt. „Ja, es ſind lauter ſchöne Katzen,“ entgegnete dieſe und ſetzte dann unheimlich flüſternd hinzu:„ich bin ſelbſt zuweilen eine Katze. Eine ſchöne ſtolze Fee verzaubert mich. Die hatte mir Philipps Liebe geſtohlen. Dafür hab' ich ſie blutig gekratzt, als ich einmal durch ihren —— nat Der König von Spanien. 167 Zauber eine Katze war.— Seht, das iſt der Sohn der Fee, ein mächtiger Prinz, der heilt mich durch den Zau⸗ ber ſeines Geſangs vom Zauber ſeiner ſtolzen Mutter, die mir zürnt. Sie hat meinen Herrn und Gemahl todt gehert, weil er ſie nicht mehr liebte; aber der Feenprinz iſt ſein Sohn. Drum lieb' ich ihn. Komm, Philipp!“ Mit dieſen Worten rief ſie den Sänger herbei, und Ger⸗ maine, die nichts von dieſem Allen verſtand, ſah in den häßlichen, pockennarbigen Zügen des jungen Menſchen nichts, was an eine ſo ungewöhnliche Abkunft erinnert hätte. Die Begriffe ihrer königlichen Stieftochter ſchienen ſich dermaßen zu verwirren, daß ſie für gut fand, ſich zurückzuziehen und die in große Aufregung gekommene Wahnſinnige ihren Frauen zu überlaſſen. Auf Ineſe's Wink begann die kleine Sängergeſellſchaft wieder zu ſpie⸗ len und zu ſingen, und Germaine trat aus dem Zimmer, froh, die unheimliche Audienz beendigt zu ſehen. Elſtes Rapitel. Der Erzherzog Infant Don Fernando d'Auſtria war in Gadelupe in Aragonien gleichſam unter den Augen der Königin Germaine erzogen worden. Hier hatte ſich auch unter ſeiner Umgebung der Gedanke ausgebildet, ihm die Nachfolge ſeiner Großeltern zu ſichern, und der König Don Fernando hatte über ein Jahr vor ſeinem Tode dieſem Gedanken mehr und mehr Raum gegeben. Dieſer Plan hatte zum Beſten der großen Länder, welche zuletzt von Ferdinand dem Katholiſchen regiert wurden, ſehr viel für ſich; aber weder der hinſiechende König, noch die Partei, welche ſich zu Gunſten des Infanten Fernando gebildet hatte, konnten mit ſich einig werden, ob man dieſem alle Kronen, welche Ferdinand und Iſabella getragen, oder nur einen Theil derſelben übergeben ſolle. Wenn es in Betracht der traurigen Erfahrungen, die man in Caſti⸗ lien in der kurzen Regierungszeit des Königs Philipp ge⸗ macht, auf der einen Seite am klügſten und zweckmäßig⸗ ſten ſchien, den fremden und von ſeinen niederländiſchen . 5 Der König von Spanien. 169 Miniſtern abhängigen Erzherzog Karl von der Erbſchaft der ſpaniſchen Kronen gänzlich auszuſchließen, um jeden Zwiſt zu vermeiden, ſo ſtellte ſich eine ſolche Ausſchlie⸗ ßung auf der andern Seite doch als eine allzu ſehr ſchreiende Ungerechtigkeit gegen den erſtgeborenen Prinzen der Königin Juana heraus, der ſeit ſeiner Geburt die Anwartſchaft auf Caſtilien und Aragonien gehabt und im Teſtament ſeiner Großmutter ausdrücklich zu ihrem allei⸗ nigen Erben ernannt war. Drum ſollte Fernando bald Alles erhalten, bald nur Aragonien, Katalonien, Valen⸗ eia, bald nur Neapel und Siecilien. Der Cardinal Ri⸗ menes und einige der erſten Granden Caſtiliens beſtimm⸗ ten den ſterbenden König, dieſen ſeinen Lieblingsplan auf⸗ zugeben und Karl zu ſeinem alleinigen Erben zu ernen⸗ nen. Dem Rechte war ſomit genügt. Aber Fernando's Partei gab ſich damit nicht zufrieden. Die mit Ferdi⸗ nands Erhebung zum König verbundenen Vortheile für den hohen, reichen und mächtigen Adel waren gegen die Nachtheile, welche Karls Krönung den großen Baronen bringen mußte, zu ſtark in die Augen ſpringend, als daß die Partei nicht ferner an die Ausführung des Planes hätte denken ſollen. Der Cardinal-Regent Kimenes ſo⸗ wohl in Madrid, als der König Karl in Brüſſel mit ſei⸗ nen Miniſtern leiſteten der neuen Belebung dieſes Planes allen Vorſchub. Denn jener erbitterte den Adel durch eiſerne Strenge und Einziehung der ehemaligen Kron⸗ güter, auf welche kein genügender Rechtstitel nachgewieſen ——— 17⁰ Der König von Spanien. werden konnte, ja, ſein Verſuch das Volk für die Krone zu bewaffen und dieſer auf ſolche Weiſe eine vom Adel unabhängige, ja dieſem nöthigenfalls ſogar gegenüber zu ſtellende neue Kriegsmacht zu bilden, brachte alle hoch⸗ adligen Gemüther in Feuer und Flammen; und König Karl zeigte ſich ſo abhängig von Herrn von Chievres, wel⸗ cher Spanien als ein erobertes und möglichſt zu brand⸗ ſchatzendes Land zu betrachten ſchien, daß der Wunſch, ſich eines ausländiſchen Königs, der, von einem ausländiſchen Adel geleitet, den Spaniern nur Nachtheil bringen könnte⸗ zu entledigen und einen despotiſchen Prieſter außer Wirk⸗ ſamkeit zu ſetzen, und dafür einen eingebornen unter ihnen aufgewachſenen König, den die Granden von ſich abhän⸗ gig erhielten, auf den Thron zu ſetzen, immer allgemei⸗ ner werden mußte. Die beiden Häupter dieſer Partei wa— ren der Biſchof von Aſtorga in Leon, der vom Cardinal imenes einſt perſönlich beleidigt worden und die ſteigende Macht deſſelben mit Neid und Verdruß betrachtet hatte, und Don Pedro Nunjez de Gusman, des Infanten Hof⸗ meiſter, einer der glühendſten Vertheidiger der alten Adels⸗ rechte und deshalb großer Feind der von Fimenes mit ſo conſequenter Energie geſteigerten Königsmacht. Beide wa⸗ ren natürlich ſehr erbitterte Gegner des Cardinal-Regen⸗ ten, und da ſie den Plan gefaßt hatten, ihren Zögling zum König von Spanien zu erheben, ſo gebrauchten ſie das allgemeine Wohl des Landes, welchem allerdings Fer⸗ dinands Regierung mehr Förderung zu verſprechen ſchien, Der König von Spanien. 171 als Karls, als Aushängeſchild ihrer Beſtrebungen, um dahinter eigennützige Abſichten zu verbergen. Sie wuß⸗ ten die Nachtheile, welche die Regierung eines jungen, unerfahrenen fremdländiſchen Königs, der von ſeinen lands⸗ männiſchen Miniſtern abhängig ſei, über Caſtilien brin⸗ gen müſſe, mit den lebhafteſten Farben zu ſchildern, und vorzüglich befleißigten ſie ſich in Unterredungen mit ihnen Ebenbürtigen, auf den Stolz einzuwirken, den die ſpani⸗ ſchen Granden in höherm Grade als irgend ein Adel auf dem Erdboden beſaß, und dem es deshalb wahrhaft uner⸗ träglich vorkam, ſich von niederländiſchen Edelleuten, die ſie ſo tief verachteten, regieren zu laſſen. Einer der eif⸗ rigſten und thätigſten Beförderer ihrer Sache war Don Hernandez de Villaquiran, theils aus Rache für die Be⸗ handlung, die er einſt am burgundiſchen Hofe erfahren, theils weil er vom König Ferdinand für treue Spion⸗ dienſte nicht nach Wunſch belohnt worden war, theils weil die energiſchen Maßregeln des Cardinals-Regenten ihn vorzüglich ſchmerzlich betroffen hatten, zumal er früher dem⸗ ſelben ergeben geweſen war. Ebenſo wichtig für die Par⸗ tei waren die geheimen Dienſte der Donna Ineſe de Car⸗ dona. Als Adoptiv- und Pflegetochter des mächtigen und einflußreichen aragoniſchen Grafenhauſes der Cardona, hatte ſie in Aragonien und Katalonien einen großen Anhang unter dem Adel, als Ziehſchweſter des gewaltthätigen Her⸗ zogs von Cardona, Viecekönigs von Neapel, an deſſen Hofe ſie ſich Jahre lang aufgehalten hatte, fehlte ihr un⸗ 172 Der König von Spanien. ter dem neapolitaniſchen Adel eben ſo wenig ein ſolcher Anhang und ein Einfluß, um ſo ſtärker, je geheimer er war; endlich durften die Häupter und Lenker der Partei hoffen, durch ſie, die dem mauriſchen Königshauſe in Gra⸗ nada entſproſſen war, die angeſehenſten Häupter dieſes Königreichs für ihren Plan zu gewinnen, und ebenſo den Papſt und die römiſche Curie, deren Gunſt, wie bekannt war, ſie ſich in Rom in hohem Grade erworben hatte. Die Gräfin war alſo für den Biſchof von Aſtorga und für Don Nunjez de Gusman eine höchſt wichtige Perſon, der ſie auf alle Weiſe ſchmeichelten und deren auf Sach⸗ kenntniß geſtützte Rathſchläge in Bezug auf den Hof und die Miniſter des Königs Karl von ihnen wie Orakel⸗ ſprüche aufgenommen wurden. Und ſo war ſie es, die mit verhüllter Hand die Fäden leitete, wodurch das licht⸗ ſcheue Getriebe dieſer Partei in Bewegung geſetzt wurde, und dieſes in geiſtiger und körperlicher Hinſicht ſo aus⸗ gezeichnete weibliche Weſen war in ihren Aeußerungen und Handlungen ſo ſchlau und vorſichtig, daß Niemand von den Parteigängern eine Ahnung davon hatte, daß Donna Ineſe ganz andere Plane hatte, ganz andere Zwecke ver⸗ folgte, als die ihrigen, und ſie in ganz Spanien und den Niederlanden keinen größern und gefährlichern Feind hat⸗ ten, als die ſchöne junge Dame, die ſie als ihre größte Freundin verehrten. Der junge Prinz, um deſſen Thronerhebung es ſich handelte, war perſönlich mehr dabei betheiligt, als ſeinem Der König von Spanien. 173 Alter angemeſſen war. Ein dreizehnjähriger eitler Knabe war leicht zu überreden, das Beſtreben ſeiner Partei, ihn zum König zu machen, ſei ein Ergebniß ſeiner perſön⸗ lichen Vorzüge; daß hier allein das Prinzip in Betracht kam, hätte er doch nicht begriffen. Nun wollte aber dieſe winzige Perſönlichkeit gleich ihre Rolle ſpielen. Ferdi⸗ nand betrieb ſeine Angelegenheit wie ein zweimal älterer Kroncandidat und zeigte eine Erbitterung gegen Kime⸗ nes, die freilich mit Recht wieder kindiſch genannt wer⸗ den konnte. Seine Anhänglichkeit an die Gräfin Cardona war alſo im Grunde nur eine Folge ſeiner Speculation auf die ſpaniſchen Kronen. Er liebte die Dame, weil ſie ihm behülflich war, ſeinen Bruder um deſſen rechtmäßiges Erbe zu bringen. Sobald die Partei des Infanten nähere Kunde von dem Aufſtande der alteaſtiliſchen Städte gegen den Regen⸗ ten erhalten und erfahren hatte, daß dieſe Schilderhebun⸗ gen vom hohen Adel ausgingen, ſo hatte ſie nichts Eili⸗ geres zu thun, als den Verſuch zu machen, ob ſie dieſen aufrühreriſchen Adel nicht für den Infanten gewinnen könnte. Die Reiſe Don Fernando's und ſeiner Schwe⸗ ſter Katalina zu ihrer Mutter nach Tordeſillas war nur der Vorwand, um den Prinzen in die Nähe von Valla⸗ dolid, dem Hauptorte des Aufſtands, zu bringen und der Gräfin Cardona Gelegenheit zu geben, deſto nachdrück⸗ licher für ihn bei den Verſchwornen in den aufſtändiſchen Städten zu wirken. Dies war nun geſchehen, und vor⸗ 174 Der König von Spanien. züglich mit Hülfe zweier jungen Edelleute, des Don Pedro de Giron, älteſten Sohn des Grafen von Uruenja, und des Don Juan de Padilla, eines Sohnes des mächtigen Comendadors von Caſtilien, waren viele Edelleute für Ferdinand gewonnen worden. Die jungen Leute hatten dieſe Angelegenheit mit großer Vorſicht betrieben. Ihre Umgebung glaubte, Don Juan und Donna Ineſe ſeien ein Liebespaar, welches allein mit ſeinen Herzensangele⸗ genheiten beſchäftigt ſei. Um ſo größer war das Erſtau⸗ nen, als man erfuhr, Don Juan habe ſich mit Donna Maria Pacheco, Ineſe's Freundin, verlobt. Um ſo mehr ſetzte man nun voraus, Donna Ineſe ſei die Geliebte des Don Pedro de Giron. Nach dieſen wichtigen Vorarbei⸗ ten bedurfte aber nun die Partei einer gewichtigen Per⸗ ſönlichkeit als Autorität und Vereinigungspunkt, und dazu hatten die Häupter die Königin Germaine auserſehen. Je⸗ dermann kannte ihre Liebe zum Infanten Fernando, auch war die Meinung verbreitet, es wäre ihr Wunſch, daß dieſer Prinz die königliche Herrſchaft von Spanien über⸗ käme, wenigſtens erſchien er Allen natürlich, und das Wahrſcheinliche wird in ſolchen Fällen ſtets für wahr ge⸗ halten. Auch konnten die Beſtrebungen des Infanten und ſeines Anhangs der Königin Germaine unmöglich verbor— gen bleiben, und ſie war vielleicht denſelben wirklich nicht ganz fremd. Außerdem wäre es ſehr unvorſichtig von ihr geweſen, die ungewöhnliche und auffallende Reiſe nach Tordeſillas unter dem Vorwande zu unternehmen: ſie wolle Der König von Spanien. 175 die Infantin Katalina von ihrer Mutter wieder abholen. Sie hatte ſich zwar zu dieſer Reiſe bereden laſſen; aber das konnte doch in den Augen des Cardinals und des Königs und ſeiner Miniſter unmöglich zur Entſchuldigung dienen. Schon am Tage nach der Ankunft Germaine's in der Reſidenz ihrer unglücklichen Stieftochter ſetzten ſich der Biſchof von Aſtorga und der Hofmeiſter des Prinzen durch Donna Ineſe und Don Hernandez in Verbindung mit dem in Valladolid verſammelten aufſtändiſchen Adel. Der Ver⸗ mittler war Don Juan de Padilla, welcher nach Torde⸗ ſillas kam, um ſeine Braut und deren Freundin abzuho⸗ len; Don Hernandez de Villaquiran begleitete ſie als Donna Ineſe's Ritter. In der großen und reichen Stadt war ein ſtürmiſch bewegtes Treiben. Große Bürgerban⸗ den übten ſich auf öffentlichen Plätzen in den Waffen, freilich zu einem Zwecke, der dem von Pimenes beabſich⸗ tigten gerade zu entgegengeſetzt war; denn ſie waren von adligen Führern befehligt. Obgleich Don Pedro de Gi⸗ ron, ein ſehr eitler und ſtolzer Mann, der ſchon unter der vorigen Regierung mit der königlichen Macht in Streit gelegen, und Don Juan de Padilla an der Spitze ſtanden, ſo ſchien doch Donna Ineſe de Cardona die Seele des Ganzen zu ſein. So wie ſie in der Stadt erſchien, belebte ein neuer Geiſt die Führer der Bewaff⸗ neten; ſie übte über die Verſchwornen jenen wunderba⸗ ren Zauber aus, der ihr über alle Männer zu Gebot 176 Der König von Spanien. ſtand und ſie ſtets bewirken und erreichen ließ, was ſie wollte. Ihr an Geiſt und Kühnheit gleich war ihre Freun⸗ din Maria de Pacheco. Die Natur ſchien beide für ein⸗ ander geſchaffen zu haben, und Don Juan⸗de Padilla hatte in der Wahl zwiſchen beiden geſchwankt. Endlich hatte ihn Ineſe ſelbſt ihrer Freundin zugeführt. Es ſchien, als ob die geiſtesſtarke und kühne Tochter des unglück⸗ lichen Maurenkönigsgeſchlechts unempfindlich für die Liebe ſei. Das große Gefühl für das Unglück ihres Volks und der noch größere Gedanke, es aus ſeiner Schmach wieder zu Glanz und Ruhm empor zu führen, füllte ihre Seele aus und erſtickte jedes andere zarte Gefühl darin. Sie liebte nur ſo lang, als es ſich mit ihren Zwecken ver⸗ trug; die Liebe wurde ihrem hochſtrebenden Geiſte nicht zur hemmenden Feſſel. Obgleich Don Juan de Padilla mit ſeiner Bewerbung von Donna Ineſe zurückgewieſen oder vielmehr auf Donna Maria geleitet worden war, blieb er doch der Erſtern nicht minder ergeben. Ebenſo machte ihr Don Pedro de Gi⸗ ron den Hof, und vor ihrem Fenſter ſang er Abends ſeine ſchmachtenden Romanzen zur Guitarre. Er wurde fortgeriſſen und emporgeflügelt vom Geiſte dieſes außer⸗ ordentlichen Weibes und war gleichſam nur der Vollzie⸗ her ihrer Befehle. Doch war die Zeit noch nicht gekom⸗ men, wo ſie die beiden zu einem Zweck verbundenen vor⸗ nehmen Edelleute in das Geheimniß ihrer wahren Plane Der König von Spanien. 177 und eigentlichen Beſtrebungen einzuweihen wagte. Sie wirkte dem Anſchein nach nur für das Intereſſe des In⸗ fanten Fernandv. Eins ihrer Hauptaugenmerke ging darauf, den Tief⸗ ſinn der Königin Juana zu heilen. Konnte ſie es dahin bringen, die unglückliche Frau ſo weit herzuſtellen, daß dieſelbe die Zügel der Regierung ſelbſt zu führen ver⸗ mochte, dann war für die Erhebung der Mauren Alles zu hoffen. Sie wußte, daß ſie dann die Königin beherr⸗ ſchen würde; denn ſie kannte den ganzen Umfang ihrer eignen Geiſteskraft; ſie war ſich der gleichſam dämoniſchen Macht bewußt, welche ſie auf Donna Juana ausübte. Ihr erfinderiſcher Geiſt war auf den ftuchtbaren Gedanken gefallen, die Muſik, welche die Königin in ihren geſun⸗ den Tagen leidenſchaftlich geliebt, zur Heilung der Kran⸗ ken anzuwenden, und der glücklichſte Zufall kam ihr da⸗ bei zu Hülfe, indem ſie in jenem Knaben, den ſie aus Schwaben hierher hatte bringen laſſen, ein reiches muſi⸗ kaliſches Talent entdeckte. Gerade daß dieſer Burſche, deſſen erſtes Auftreten bei der wahnſinnigen Königin einen ſo mächtigen Eindruck auf dieſelbe ausgeübt, zum Kammerſänger und Mufikanten der Donna Juana ver— wendet werden konnte, erſchien von großer Wichtigkeit und fiel ſchwer in die Wagſchale ihrer Hoffnungen. Wirklich beſſerte ſich der Zuſtand der geiſteskranken hohen Frau von Tag zu Tag. Sie fing wiedet an, Theilnahme für ihre Umgebung zu zeigen; die Perioden, Ein deutſcher Leinweber. V. 12 178 Der König von Spanien. in welchen der ſchwarze Trübſinn ihren Geiſt umflorte, kürzten ſich ab, und wenn der Knabe vor ihr ſpielte und ſang, verklärten ſich ihre ſonſt ſchlaffen Züge, ihr todtes Auge belebte ſich, und ſie fragte dann nach Dingen, die ſie ſeit ihrer Krankheit nicht mehr erwähnt hatte. Donna Ineſe war dann immer bemüht, ſie zweckmäßig zu unter⸗ halten, ihre Neugierde zu erregen, ihr Intereſſe aufzu⸗ ſtacheln und zu feſſeln. Der Beſuch der Königin Germaine hatte ſie dabei ſehr unterſtützt. Die Erſcheinung dieſer Dame in der Einſamkeit der Tiefſinnigen hatte auf den Geiſt der Letztern vortheilhaft gewirkt. Dieſer Umſtand rief in Ineſe einen neuen kühnen Gedanken wach. Die Möglichkeit, durch eine große und ſtark wirkende Ueber⸗ raſchung den Geiſt der Königin mit Einem Schlage allen Banden des Wahnſinns zu entreißen und zu Geſundheit, Kraft und Thätigkeit zurückzuführen, lag der geiſtesſtarken Jungftau jetzt nah, und es bot ſich ihr dazu eine koſt- bare Gelegenheit. Um in der unruhigen Bewegung, welche Alteaſtilien ergriffen hatte, die Fäden nicht aus der Hand zu ver⸗ lieren, beſoldete die Gräfin Cardona eben ſo gut wie der Cardinal⸗Regent ihre geheimen Spione, und einer der⸗ ſelben diente ihr und ihm zugleich, der Zigeuner Jayme. Natürlich ahnete weder ſie, das liſtige Weib, noch der Cardinal, der liſtige Prieſter, etwas von dem Doppeldienſt von Karracha's noch liſtigerm Sohne. Und doch konnte nur wegen dieſer Zweitheiligkeit der Zigeuner Beiden Der König von Spanien. 179 die beſten Nachrichten verſchaffen. Durch Jayme erfuhr die Gräfin von der Anweſenheit des Ritters von Süder⸗ land in Alteaſtilien und von den Nachforſchungen, welche er in den Bergwerken trieb. Anfangs war ihr die Nach— richt eine gleichgültige; ſie hatte den Mann aufgegeben, aber bald dachte ſie daran, die gewohnt war, jeden ſich ihr darbietenden Umſtand zu benutzen, ob es nicht mög⸗ lich ſei, ihn doch zur Uebernahme einer Rolle in dem von ihr vorbereiteten Drama zu zwingen. Sie wurde in dieſem Gedanken beſtärkt, als ihr Jayme einige Tage nach der Ankunft der Königin Germaine hinterbrachte, der Ritter ſei in der Nähe von Tordeſillas und habe zwei Diener bei ſich, von welchen der eine ohne Zweifel ein deutſches Mädchen ſei, das er mit ungemeiner Zärtlichkeit behandle. Donna Ineſe beſchloß ſogleich von dieſem An⸗ haltepunkt aus einen neuen Verſuch auf den Ritter zu machen. Und um nicht gleich zu viel von ihm zu ver⸗ langen, wollte ſie vor der Hand ihn nur bereden, an der Verſchwörung des Adels gegen den Cardinal theil zu nehmen, und ihn mit Don Pedro de Giron und Don Juan de Padilla in Verbindung bringen. Die Liebe ſollte ein Sporn ſeines Ehrgeizes ſein. Aus der Ver⸗ wirrung in Caſtilien wollte ſie ihm dann das Bild ihrer ſtolzen und kühnen Hoffnungen aufſteigen laſſen. Und um ihn zum Beitritt geneigt zu machen, wollte ſie ihm vorſpiegeln, die Königin Juana habe von ſeiner Anweſen⸗ heit in Spanien vernommen und ſeitdem ein heftiges 2 180 Der König von Spanien. Verlangen an den Tag gelegt, ihn zu ſehen und zu ſpre⸗ chen. Ihre Schlauheit war ſicher, daß er ſich, auf ſolche Weiſe eingeladen, nicht weigern werde zu kommen. Dann wollte ſie ihn der gänzlich unvorbereiteten Königin plötzlich vorſtellen, und von dieſer Ueberraſchung hoffte ſie eine ſchnelle und gründliche Heilung der Kranken. Zu ſo verſchiedenen Zwecken, die aber alle auf Ein großes Ziel hinausliefen, wußte die Meiſterin der Intrigue einen in ihren Händen befindlichen Stoff zu verwenden. So⸗ bald dieſer Plan reif war, und ihre Pläne reiften in der Regel ſchnell, ſetzte ſie ſich zu Pferde und verließ nur von einem Diener begleitet das Schloß. Einige Stunden ſpäter trat Don Hernandez de Villa⸗ quiran aus den Gemächern der Königin Germaine, um ſich ebenfalls zu Pferde zu ſetzen und nach Valladolid zu begeben, wo er die Häupter der Verſchwörung einladen wollte, ſich in einer der nächſten Nächte nach Tordeſillas zu begeben. Denn der Infant Fernando und die Königin Germaine wagten nicht, ſich nach Valladolid zu verfügen. In dem ſtillen Schloſſe zu Tordeſillas waren ſie unter dem Vorwande des Beſuchs bei der kranken Königin ſicher. Hernandez hatte kaum die Stadt verlaſſen, als ihn ein Mann antrat, von dem er ſich gerade jetzt nicht gern angeredet ſah; ſein Halbbruder, der Zigeuner Jayme. Es waren Jahre verſtrichen, ſeit ſich beide nicht geſehen. „Ihr wißt, wie ſehr ich Euch ergeben bin, Monſen⸗ jor,“ ſagte der Zigeuner nach dem höflichſten Gruße. Der König von Spanien. 181 „Liebe und Dankbarkeit haben mich immer gleich ſtark an Cuch gefeſſelt. Auch jetzt hat mich nur die Sorge um Euch und Euer Wohl hierher geführt“ „Was haſt du mir zu ſagen?“ verſetzte Hernandez froſtig,„du ſiehſt, ich habe Eile.“ „Erlaubt, daß ich Euch ein Stück Wegs begleitete — Ihr habt mich einſt ſelbſt dem hochwürdigſten Cardinal und Erzbiſchof von Toledo zugeführt, und ich habe Euch das ſtets Dank gewußt; denn es iſt mir viel Vortheil daraus erwachſen.“ „So ſtehſt du noch immer im geheinen Dienſte des Cardinal-Regenten?“ „Laßt mich darauf antworten, daß es Seiner Hoheit überaus leid thut, Euch nicht mehr zu der Zahl ſeiner Freunde zählen zu dürfen. Nichtsdeſtoweniger bewahrt er Euch ſein ganzes Wohlwollen, und es iſt ſein innig⸗ ſter Wunſch, Euch ſobald als möglich Beweiſe deſſelben zu geben. Ihr ſeid nicht in den Beſitz aller Güter Eures Vaters gekommen. Der verſtorbene König hat viele der— ſelben als Krongüter eingezogen. Aber gerade mit Euch wünſcht der Cardinal zu thun, was er mit keinem An— dern thun würde: er möchte Euch für den Verluſt nicht nur reichlich entſchädigen, ſondern Euch auch der beſondern Gnade des Königs Don Carlos empfehlen. Es würde, mein' ich, dem Cardinal nicht ſchwer werden, Euch die Gü⸗ ter, Aemter und Würden Eures Vater zu verſchaffen.“ Don Hernandez hielt ſein Pferd an und ſagte mit König von Spanien. gedämpfter Stimme:„Rede leiſe! der Name des Cardi⸗ nals darf in ſolcher Weiſe hier nicht genannt werden.“ Er ſtieg ab.„Was wünſcht Seine Hoheit von mir für die Gerechtigkeit, die er mir widerfahren laſſen will?“ „Eben auch nur Gerechtigkeit von Euch. Daß Ihr Euerm rechtmäßigen Könige dienet. Ein paar tauſend Dublonen dürften für Euch in Madrid bereit liegen. Kommt nur ſie zu holen.“ „Und ſind dir keine beſondern Dienſte bekannt, wo⸗ durch ich mir die Gunſt des Cardinals und die Enade des Königs ſchnell erwerben könnte?“ „Ich denke die Gefälligkeiten, die Seine Hoheit von Euch beanſprucht, werden Euch in Madrid ſchon bekannt werden. Eine jedoch kann ich Euch bezeichnen.— Eures Vaters ſchöne Frau war Euch nicht gleichgültig—“ „Ha— woran erinnerſt du mich!“ „Niemals iſt Euch das Räthſel gelöſt worden, wie die Herzogin von Najara vom eaſtiliſchen Hofe verſchwand. — In dieſen Tagen wird ein ſogenanner deutſcher Rit⸗ ter Süderland nach Tordeſillas kommen. Ihr werdet einen Mann in ihm erkennen, den ihr nicht unter dieſem Namen vermuthet. Klagt dieſen Menſchen bei dem hei⸗ ligen Inquiſitionsgericht in Toledo als Religionsſpötter an, liefert ihn in das Gefängniß des Glaubenstribunals. Dort wird ſich Euch das erwähnte Räthſel löſen, und ihr ſeid der überſchwänglichen Gnade des Cardinals ge⸗ wiß. Darf ich Seiner Hoheit Eure Grüße vermelden?“ Der König von Spanien. 183 „Sag' ihm, daß ich den bezeichneten Mann felbſt nach Madrid bringen werde.“ „Vergeßt auch nicht Abſchriften von Dokumenten und Dergleichen mit zu nehmen. Es könnte leicht möglich ſein, daß Euch der Cardinal zu ſeinem Botſchafter an den König auserſehen hätte. Dann wäre es gut, wenn Ihr Schwarz auf Weiß in Brüſſel vorlegen könntet.“ „Ich verſtehe,“ grinſ'te Don Hernandez.„Es ſoll an den nöthigen Beweisſtücken nicht fehlen.“ „Ich glaube ſogar der Regent hat eine reiche, vor⸗ nehme und ſchöne Dame in Bereitſchaft für Euch, falls Ihr noch geſonnen ſein ſolltet Euch zu verehelichen.“ „Spitzbube!“ lachte der Andre und winkte dem Schei⸗ * denden einen gnädigen Abſchiedsgruß zu. Bwölftes Rapitel. Der Tag der Zuſammenkunft der Verſchwornen in Tor⸗ deſillas war da. Der Biſchof von Aſtorga, der Hof⸗ meiſter und der Infant empfingen die einzeln eintreffenden Gäſte. Denn um jedes Aufſehen zu vermeiden, waren ſie zu verſchiedenen Tageszeiten beſtellt und ſollten auf verſchiedenen Wegen einzeln und ohne Gefolge herbei kommen. Für die Zuſammenkunft in der Nacht war ein abgelegenes Zimmer des Schloſſes hergerichtet. Die Köni⸗ gin Germaine ließ für ihre Abreiſe auf den folgenden Morgen rüſten. Der Infant und die Infantin ſollten ſie begleiten. Der Biſchof ſollte zurückbleiben, um mit Donna Ineſe gemeinſchaftlich die weitern Schritte zu thun. Ineſe und Maria luſtwandelten am Blumenufer des Duero im lebhaften Zwiegeſpräch. „Wenn er nun nicht käme!“ ſagte die Letztere.„Du haſt Alles auf dieſe Karte geſetzt und biſt unruhig und bewegt, wie ich dich noch nicht geſehen.“ — — — Der König von Spanien. 185 „Nicht Alles, mein Herz! Ich wäre auch noch nicht arm, ſelbſt wenn ich dieſes Spiel verlöre. Aber ich ahne, es naht mir eine Entſcheidung; Ayas Schutzgeiſt hat auf unſte Zauberfrage eben ſo beſtimmt eine ſolche verkündigt, wie der meinige. Und Ayas Zauber iſt untrüglich. Er wird kommen, der ſeltſame, mir unbegreifliche Mann; denn er hat mir ſein Wort gegeben. Und ſeine kleine ſüße Freundin ſehnt ſich nach Frauenumgang, und ich habe ihr ſo viel Schönes von dir erzählt, daß ſie ihren Ritter faſt beſtimmt hätte, gleich mit mir zu gehen. Aber das lag nicht in meinem Plan.— Wenn ich nun jetzt das ſtürmiſch bewegte Herz nicht bezähme, ſo gönn' ihm dir gegenüber ſein Recht. Ich bin ja ein Weib, wie du, und muß mich meiſt bezwingen und ſtärker ſcheinen, als ich bin. Ach Maria, dieſem deutſchen Mädchen gegenüber fühlte ich plötzlich, welch einen rauhen und gefährlichen Weg ich wandle, ſchwieriger und gefährlicher als du ſelbſt weißt und ahnen kannſt. Ich ward verſucht, dieſes holde Kind zu beneiden, das liebende Eltern, Vaterland, Hei⸗ mat, Reichthum und hohe Stellung, Alles, Alles, was dem Herzen lieb und theuer iſt, freiwillig verlaſſen hat, um dem Manne ihrer Liebe in ein fremdes Land, über ſtürmiſche Meere zu folgen.“ „Und geſtand ſie dir gleich ihr Geſchlecht ein?“ „Sie konnte ſich mir nicht verbergen. Sie fühlte ſich zu dem Mädchen hingezogen, das um ihre Liebe, um ihr Vertrauen warb. Es war ein günſtiger Umſtand, daß 186 Der König von Spanien. ich ſie allein fand. Als ich ihr ſagte, wer ich ſei, und in welchen Beziehungen ich zu ihrem Ritter ſtehe, hatte ich ſie ſchnell gewonnen. Sie war meine Freundin, als er ins Zimmer trat. Er that kalt und fremd gegen mich, aber ich verſtand ihn zu erwärmen. Sobald er hörte, die Königin wünſche ihn zu ſehen, war es mit ſeinem Widerſtande aus. Er wurde weich und wehmüthig wie ein Kind, und trocknete ſich bei meiner Erzählung oft ver⸗ ſtohlen die ſeinen Augen entquellenden Thränen, die er mir verbergen wollte. Eine ſeiner ſüßen ſchwermüthigen Romanzen, in die er den ſchwärmeriſchen Schmerz unſtes zertretenen Volks gegoſſen hat, du kannſt es ja und ſingſt es auch, das Lied vom letzten Seufzer des Maurenkönigs, das ich plötzlich zur Guitarre anſtimmte, vollendete mein Werk. Er iſt ein gefühlvoller Menſch, ein Dichter, der den Becher des Schmerzes bis zum Bodenſatz geleert hat. Darum weiß er Andrer Schmerz zu würdigen. An der Königin hängt er noch immer mit großer Verehrung. Eh' eine Stunde verging, wußte ich ſein ganzes Schickſal; ich bezwang ſein Herz mit ſeinem Liede; es ging auf, wie eine verſpätete Herbſtblume. Seine kleine ſüße Freun⸗ din liebt er faſt mehr wie eine Tochter, als wie eine Geliebte. Sie heißt wie du, Maria! Er will ſie, bevor er Spanien wieder verläßt, zu ſeiner Gemahlin ma⸗ chen.— Bis zu dieſem Zeitpunkte will er ſie hier bei mir laſſen. Sie bedarf der weiblichen Pflege, und ſoll ihrem Stand und ihrem Geſchlecht gemäß hier auftreten Der König von Spanien. 187 und leben. Dieſes edle und ſchöne Herz wird uns viel Freude machen.“— „Dann führe ſie mir bald in Toledo zu,“ bat Maria, „denn hier werde ich mich ihrer nicht lang erfreuen können.“ „Du willſt mich verlaſſen?“ „Du weißt, daß Don Juans Anweſenheit in To⸗ ledo nothwendig iſt; die meinige nicht minder. Meine Eltern erwarten mich. Wir dürfen den Muth des Volks nicht erkalten laſſen. Und endlich müſſen wir unſre Hoch⸗ zeit vorbereiten.— Und da du eine neue Geſellſchafterin erhältſt, ſo ſtell' ich eine Bitte an deine Freundſchaft: gib mir Aya mit, bis ich Juans Gemahlin und häuslich eingerichtet bin. Ich habe mich an ſie gewöhnt, ſie iſt mir faſt unentbehrlich geworden.“ „Du willſt die Prophetin für deine kühnen Entwürfe um dich haben,“ verſetzte Ineſe lächelnd. „Ich geſtehe dir, ihre geheime Kunſt iſt für mich ſehr anziehend. Aber das iſt es nicht allein.“— „Du ſollſt ſie haben. Mag ſie dich auf künftige große Dinge vorbereiten. Denn noch weißt du nicht Alles, theure Freundin. Aber du ſollſt Alles erfahren, wenn es Zeit iſt. Die Zeit geht mit großen Dingen ſchwanger. Aya wird dir die geſchickte Deuterin ihrer Zeichen, ſie wird dir in vieler Beziehung eben ſo nützlich ſein, wie ich ſelbſt.“ Ihre Unterhaltung wurde durch den Anblick einiger 188 Der König von Spanien. Reiter unterbrochen, deren einer ein Fähnlein mit den königlichen Farben trug zum Zeichen, daß er eine Bot— ſchaft des Königs oder des Cardinals bringe. Dieſe Er⸗ ſcheinung war am heutigen Tage auffallend, und die bei⸗ den Freundinnen begaben ſich neugierig in das Schloß. Ein Kämmerer des Cardinals war angekommen und hatte den Befehl des Regenten überbracht, daß Donna FIneſe de Cardona ſich unverzüglich in ihre Heimat nach Kata⸗ lonien zu begeben habe. Zweien andern Frauen der Königin und einigen männlichen Dienern ward ebenfalls geboten, Tordeſillas ſofort zu verlaſſen. Der Kämmerer fügte hin⸗ zu, daß die für die Geſellſchaft und Bedienung der Kö⸗ nigin beſtimmten Perſonen bereits unterwegs ſeien und den folgenden Tag eintreffen würden. An die Königin Germaine hatte der Kämmerer einen Brief des Cardinals, worin er ſie in höflichen, aber gemeſſenen Ausdrücken erſuchte, ihren auffallenden Beſuch bei ihrer kranken Stief⸗ tochter abzukürzen, falls ſie beim König nicht ſchweren Verdacht gegen ſich erregen wolle. Die Königin Ger⸗ maine deutete eingeſchüchtert auf die Vorbereitungen zu ihrer Abreiſe. Kaum hatte Donna Ineſe dieſen ihr unerwarteten und unwillkommnen Befehl erhalten, als ihr plötzlich ein mit dem Kämmerer des Cardinals angekommener junger Mann mit ritterlichem Anſtand entgegentrat und ſie mit galanter Ehrerbietung begrüßte, der ihr eben ſo unerwartet, wenn auch nicht ſo unwillkommen kam. Vivian de la Chaur —— — Der König von Spanien. 189 ſtand vor ihr und verſicherte ihr in den ſchmeichelhafteſten Ausdrücken ſeine Ergebenheit. Mit kurzen Worten er⸗ zählte er ihr, daß er vom Könige zum Mitglied der Regierung in Madrid ernannt worden ſei und ſie dort zu finden gehofft habe. Da dieſe ſchöne Hoffnung ihn getäuſcht, ſo habe er nach der nothdürftigſten Einrichtung nichts Eiligeres zu thun gehabt, als zu ihr zu reiſen, um der Ueberbringer ſeines eignen Herzens zu ſein, das ſie freilich in Brüſſel ſchon verſchmäht habe, und eines Brie⸗ fes des würdigen Probſtes Innocenz, der ihr vielleicht willkommner ſei, als ſein Herz. Mit dieſen wohlge⸗ wählten Worten überreichte er ihr den Brief. Ineſe ſtellte dem gewandten Boten ihre Freundin vor und entfaltete nicht ohne Abſicht ihre ganze Liebenswür⸗ digkeit. Mit Vergnügen erfuhr ſie nun aus Vivians Munde, wie unzufrieden der Brüſſeler Hof mit den ge⸗ waltſamen Schritten des Cardinals ſei, und wie der Dechant Adrian und er ſelbſt die Wiverſetzlichkeit der alt⸗ eaſtiliſchen Städte billige, und wie ſie dem Könige wah⸗ ren Bericht darüber abgeſtattet hätten. So ging der ſchönen, ränkevollen Gräfin in demſelbem Augenblick ein neuer Stern auf, wo ihr einer unter zu gehen drohte. Sie zweifelte keinen Augenblick, daß es ihr gelingen werde, den jungen, durch ſeine jetzige Stellung wichtigen Mann für ihre äußern Intereſſen zu gewinnen, nämlich die Macht des Cardinals zu ſchwächen. Durch ihn hoffte ſie auch den Dechanten ſich in gewiſſer Beziehung dienſtbar zu — ²——— Der König von Spanien. machen. Freilich galt es jetzt um ſo geſchickteres Spiel, um dieſe Niederländer nichts von ihrem ſcheinbaren Eifer für die Pläne des Infanten Fernando merken zu laſſen, ihnen denſelben wenigſtens in einem ihr unſchädlichen Lichte zu zeigen. Sie führte Vivian alſo der Königin Germaine und dem Infanten zu. Hierauf ſchloß ſie ſich mit ihrer Freundin auf ihr Zim⸗ mer ein, um den Brief des Probſtes zu leſen.„Muth!“ rief ſie n Brüſſel geht Alles vortrefflich und mir ganz nach Wunſch. Jetzt Trotz geboten dem alten Pfaffen! Wir haben einen Verräther unter uns. Nicht vergebens kommt der Bote mit dieſem grauſamen Befehl gerade heute. Der alte despotiſche Prieſter weiß, wie es ſcheint, Alles. Er will mich unſchädlich machen. Aber neue Flügel ſetzt mir dieſer Brief an. Wohl, jetzt gilt es den Kampf mit ihm, dem mächtigen Regenten. Gelingt heute mein Wurf, ſo iſt Donna Juana morgen regierende Königin von Spa⸗ nien, und ihr erſter Befehl iſt, den herrſchſüchtigen Greis in ſeine Diöceſe zu verbannen. Sehen wir zu, wer den Sieg davon tragen wird, ich oder Fimenes de Cis⸗ neros!“ Nach dieſen ſtolzen Worten verfügte ſie ſich in die Gemächer der Königin Juana. Dieſe hatte am Morgen ſchon das übliche Concert erhalten, und der Knabe Philipp hatte ſchöner geſungen und geſpielt als je. Ineſe fand ſie zu ihrem freudigen Erſtaunen den Sänger liebkoſend. Das war noch nie geſchehen. Die Königin befand ſich Der König von Spanien. 191 in einer heitern Aufregung.„Ich bin dir dankbar, Ineſe,“ ſprach ſie gütig,„daß du mir dieſen Burſchen aus Deutſch— land geholt haſt; er macht mir große Freude. Glaube mir, ich weiß, wer er iſt; es fällt nur mir zuweilen nicht gleich ein. Aber in dieſer Nacht kam mein Gemahl zu mir und befahl mir, das Kind zum Herzog von Leon zu er⸗ heben. Und ich will es unverzüglich thun. Sagteſt du mir nicht, mein Vater ſei geſtorben und ich die regierende Königin von Spanien?“ „So iſt's, Hoheit; Ihr ſeid die gebietende Königin!“ rief die Gräfin mit leuchtenden Augen. „Wenn ich nur nicht ein ſo ſchlechtes Gedächtniß hätte! Hier, hier unter der Stirn drückt mich ein ſchwarzer Schat⸗ ten. Aber wenn Philipp ſingt, verſchwindet er allmälig, es wird mir hell und leicht. Vorhin, als er ſang, fiel mir ein, wie ich mit Don Alnayar im Palaſt zu Toledo getanzt. Alles Schöne, was er zu mir geſprochen, hörte ich gleichſam wieder, und es war, als vernehme ich auch die Lieder, die er für mich gedichtet und geſungen.“ „Heil Ew. Hoheit! Ihr werdet noch glückliche Tage erleben! Der Schatten, der Euch quält, wird verſchwin⸗ den und nie wieder kehren.— Eure königliche Stiefmutter will morgen abreiſen und wünſcht ſich bei Euch zu beur⸗ lauben. Möchte es Euch nicht gefallen, heute mit ihr zu ſpeiſen?“ „Gewiß, ich will ſie gut bewirthen. Beſorge ein gutes Gaſtmahl vom Küchenmeiſter. Und alle Katzen —— 192 Der Koͤnig von Spanien. ſollen ihre Staatsroben anlegen und mit an der Tafel ſpeiſen, zu Ehren meiner königlichen Stiefmutter.“ Obgleich der letztere Befehl nicht nach Ineſens Ge⸗ ſchmack war, ſo fühlte ſie ſich doch über das Zugeſtänd⸗ niß der hohen Frau über alle Maßen glücklich. Denn ſtets hatte Donna Juana mit Heftigkeit abgelehnt, irgend Jemand an ihrem Male theilnehmen zu laſſen. Raſch eilte Ineſe wieder zur Freundin, um dieſer die freu⸗ dige Mittheilung zu machen.„Ich ſiege über den alten Prieſter!“ rief ſie triumphirend. Don Nicolo, der Leibarzt der Königin, ein alter, wür⸗ diger Herr, und der Beichtvater derſelben, der Prior des Kloſters, wurden ſogleich herbeigerufen und von der Gräfin in Kenntniß geſetzt. Beide verfügten ſich ſofort zur kran⸗ ken Königin und kehrten nach einer viertelſtündigen Un⸗ terredung mit ihr höchſt befriedigt zurück, um Donna Ineſe wegen ihrer Erfolge zu beglückwünſchen.„Jetzt,“ ſagte Don Nicolo,„iſt kein Zweifel mehr. Die hohe Frau wird ganz geneſen. Bereitet ihr noch eine ange⸗ nehme Ueberraſchung, und ſie iſt ganz geſund.“ Das ganze Schloß war voll Jubel. Die beiden könig⸗ lichen Kinder eilten zu ihrer Mutter und wurden von ihr geliebkoſt; ſie ließ ſich ſchmücken, doch nur in Trauerklei⸗ der, und bei der Tafel, an welcher der Erzieher und der Hofmeiſter des Prinzen ſowie die Hofdamen der Königinnen und der Prinzeſſin theil nahmen, betrug ſich die Geiſtes⸗ kranke vernünftiger als lange Zeit und ſprach mehr als Der König von Spanien. 193 je, wenn auch zuweilen ſehr ungereimte Dinge und ſtets beſorgt für ihre prächtig geputzte Katzenfamilie, welche die Ehre der Tafel mit den andern Gäſten theilte. Alle Anweſenden gaben ſich derſ ſchönſten Hoffnung in Bezug auf die Königin hin. Ineſe erwartete mit freudehebendem Herzen die Ankunft des Ritters von Sü⸗ derland. Der Kämmerer und Bote des Cardinals und Vivian de la Chaur hatten ſich in der Stadt eingelagert, und ihre Anweſenheit erregte den Häuptern der Prinzenpartei in Bezug auf das, was ſie in der nächſten Nacht vor hatten, Beſorgniß. Dieſe wurde durch die Ankunft und Verſich⸗ rung Don Hernandez beſchwichtigt, er wolle die beiden Herren auf mehrfache Weiſe zu beſchäftigen und ihre Aufmerſamkeit von den Verſchwornen abzulenken ſuchen. Von dieſen trafen immer mehr und auch Don Pedro de Giron ein und verſammelten ſich im Schloſſe. Es ging dabei ſtill und heimlich zu. Don Pedro rieth ſogar die heimliche Verſammlung wegen der Anweſenheit der Frem⸗ dem auf zu geben, doch wurde er von der Prinzenpartei überſtimmt. Ineſe de Cardona beobachtete jeden neu ankommenden Reiter mit ſteigender Spannung. Ihre Hand zitterte in Maria de Pacheco's Arm. Sie gingen auf dem Wege, auf welchem der ſehnlichſt Erwartete kommen mußte. „Endlich!“ rief Ineſe mit einem Jubeltone.„Dort kommen ſie! Er iſt's! Er iſt's! Wir werden ſiegen!“ Ein deutſcher Leinweber. V.. 13 Der König von Spanien. Drei Reiter nahten, begrüßt von den wehenden Tüchern der beiden Freundinen. Es war der Ritter von Süder⸗ land, in einem einfachen, aber koſtbaren und vornehmen ſchwarzen Kleide zu Pferd; Maria von Iſſelſtein in Män⸗ nerkleidung und Martin ritten auf Mauleſeln. Der Ritter war ernſt, ſchier düſter, doch ſchien ihm die herzliche Theilnahme wohl zu thun, welche ihm die beiden Freun⸗ dinnen entgegenbrachten. Noch angenehmer ward davon das fromme deutſche Mädchen gerührt, welches dem ge⸗ liebten Manne aus keinem andern Zwecke gefolgt war, als ihm das ewige Heil der Erlöſung zuzuwenden. Und wenn der Ritter durch nichts für die Pläne der ſchönen Gräfin gewonnen worden wäre, er wäre es ſicherlich durch die Behandlungsweiſe, welche ſie und ihre Freun⸗ din ſeiner Geliebten angedeihen ließen. Sie umarmten und küßten das ſchüchterne Mädchen, ſie verſicherten ihr, daß bereits mehre weibliche Anzüge für ſie bereit lägen, mit welchen ſie gewiß zufrieden ſein würde, ſie ſprachen ihr von den angenehmen Tagen, welche ſie ihr bereiten woll⸗ ten. In ihrer Mitte führten ſie ſie nach dem Schloſſe, während Martin das ledige Maulthier dem Ritter nach⸗ führte. Der Ritter trat mit in die Gemächer der Gräfin; die beiden Marien verfügten ſich in ein Cloſet, wo die Um⸗ wandlung der ſchwärmeriſchen Niederländerin ſogleich be⸗ gann. Martin verweilte im Vorzimmer. Ineſe bereitete ihren Gaſt vor, ihn nach Einnahme einer Erfriſchung Der Koͤnig von Spanien. 195 ſogleich zur Königin Juana zu führen. Aus den Ge⸗ mächern derſelben wurden die Concertiſten entfernt, und der junge zum Herzog von Leon beſtimmte Kammerſänger wollte ſich zur Gräfin Cardona verfügen, um weitere Be⸗ fehle von dieſer ſeiner Beſchützerin entgegen zu nehmen. Im Vorzimmer ſtieß er auf Martin. Die beiden jungen Menſchen maßen ſich mit halb erſtaunten, halb erſchrocknen Blicken; denn ſie hatten einander im Nu erkannt, und keiner war über des Andern Perſon in Zweifel. Zwar waren ſeit ihrem erſten Zuſammentreffen auf dem arm⸗ ſeligen Haſenhof in der Grafſchaft Burgau drei Jahre verfloſſen, und beide waren jetzt füglich nicht mehr Kna⸗ ben zu nennen, zwar war der Abſtand zwiſchen einem Bauernhauſe in Schwaben, und dem Palaſt der Königin von Spanien in Caſtilien ein wahrhaft fabelhafter und unbegreiflicher, aber die beiden Burſche waren ſo ausge⸗ zeichnet in ihrer Geſtalt, die räthſelhaften Flecken in Mar⸗ tins, die von Pockennarben geriſſenen Züge in des Sängers Geſicht, der jetzt Philipp genannt wurde, waren ſo einzig in ihrer Art, daß eine Verwechslung gar nicht denkbar war. Auch war ihr beiderſeitiges ſtaunendes Benehmen für Jeden Zeugniß genug, daß der Andre ihn erkannt habe und für keinen Andern nehme, als er wirklich war. „Heinz!“ rief endlich Martin mit einem hämiſchen Blick auf den prächtigen Rock des Emporkömmlings. „Wie kommſt du vom Haſenhof hieher? Hat dich das verſoffne Haſenhänslein auch ſchlecht behandelt?“ 13 196 Der König von Spanien. „Ei nun, ich habe vornehme Bekanntſchaften gemacht, die mich nach Spanien geführt,“ verſetzte der Leinwebers⸗ ſohn aus der Fuggerei in Augsburg,„und hier hab' ich mein Glück durch meine Stimme gemacht. Ich bin Kammerſänger der Königin. Aber wie kommſt du hier⸗ her, Martin?“ „Das hab ich eigentlich dir zu verdanken. Denn nach deiner Angabe habe ich den Feldoberſten von Fſſelſtein, der dich als Roßbuben anwerben wollte, aufgeſucht und habe die dir zugedachte Stelle eingenommen. Der Graf Iſſelſtein aber hat mich dem Ritter von Süderland ge ſchenkt, und dieſer mich mit nach Spanien genommen.“ „Ich möchte nur wiſſen, ob mein Götti, der Veit Schellenberger, der Reitknecht des Herrn Jakob Fugger in Augsburg, noch lebt,“ ließ ſich der deſignirte Herzog von Leon mit einer gewiſſen täppiſchen Vertraulichkeit ver⸗ nehmen. „O darüber kann ich dir Gewißheit geben, du Glücks⸗ pilz!“ höhnte Martin.„Ich habe vor wenig Monden noch ſein rothes Naſengebirg wie den aufgehenden Voll⸗ mond durch die Straßen von Antwerpen leuchten ſehen.“ „Das iſt mir eine große Freude zu hören. Wenn ich nur wüßte, wie ich ihm Nachricht von mir geben könnte?“ „Das weiß ich auch nicht; denn ich gehe mit meinem Ritter in die neue Welt.“ „Höre, du ſollſt heute Abend mein Gaſt ſein,“ ſprach Der König von Spanien. 197 der Kammerſänger großthuend,„ich habe Geld und will dich prächtig tractiren.“ „Wir wollen ſehen,“ entgegnete der Andere.„Da ſollſt du mir deine Schickſale ausführlich erzählen, und ich werde mit den meinigen aufwarten.“— In dieſem Augenblick ſchritten der Ritter von Süder⸗ land und die Gräfin Cardona durch das Vorzimmer, um ſich zur Königin zu begeben. Auf der Treppe begegnete ihnen Aya. Kaum hatte ſie ihre Augen auf den Ritter geheftet, als ſie einen leiſen Ruf der Freude vernehmen ließ und, die Hände auf der Bruſt kreuzend, ehrerbietig das Knie vor ihm beugte. Von einem lebhaften Gefühle hingeriſſen, legte er, ſich ſelbſt und den Ort vergeſſend, wo er ſich befand, die Hand auf die Stirn der Magd und ſprach in der arabiſchen Mundart der Mauren von Gra⸗ nada:„Allah ſei mit dir, und der Prophet bereite dir eine Stätte im Paradieſe!“ Ineſe erſchrak; denn dicht hinter ihnen ſtanden einige ihr unbekannte Männer und Don Hernandez. „O Sidi!“ ſagte Aya ehrfurchtsvoll.„Möge dein Gang ein geſegneter ſein! Ich ſehe im Geiſt aber einen Schatten über deine Augen gebreitet und eine bange Ah— nung beklemmt mir das Herz.— Ineſe zog den Ritter haſtig fort, damit er nicht fer⸗ nere unglückweiſſagende Worte vernehme. Sie traten bei der Königin ein. Die Geiſteskranke ſtand am Fenſter und ſchaute ſtar⸗ 198 ren Blicks nach der Grabſtätte ihres Gemahls im Kloſter Santa Clara hinüber. Sie wandte ſich nicht nach den Eintretenden um. Ineſe ging in das Nebenzimmer. Der Ritter ſtand nur ein paar Schritte von der Königin. Seine trüben und bekümmerten Augen irrten von der zu⸗ ſammengeknickten dürftigen Geſtalt der hohen Frau auf die umherliegenden Katzen, die gewiſſermaßen ihr einziger Umgang waren, und ein tiefer, banger Seußzer entquoll unwillkürlich ſeiner beklommenen Bruſt. Auf dieſen Laut wandte ſich die Königin und ſtarrte den Mann mit er⸗ ſchrockenen Augen an. „Juana!“ flüſterte er und ſtreckte ihr beide Hände mit dem Ausdrucke tiefſter Wehmuth entgegen. In dieſem Augenblick ſtieß ſie einen fürchterlichen, ohr⸗ zerreißenden, markerſchütternden Schrei aus und hielt die Bände abwehrend vor, indem ſie ſelbſt vor ihm zurück⸗ wich. Ihre Augen rollten gräßlich, ihr Geſicht ward erd⸗ fahl und zuckte krampfhaft, ihre ganze hinfällige Geſtalt nahm den Ausdruck des größten Entſetzens an. Er⸗ ſchrocken eilte der Ritter auf ſie los, aber ſie ſchrie in kreiſchenden gräßlichen Tönen:„Sein Geiſt! Sein Geiſt!“ und brach unmittelbar darauf in ein ſchauderhaftes Wuth⸗ geheul aus. Ineſe ſprang herbei, um ſie aufzuklären, aber ſie hörte nicht mehr auf ihre Worte, ſondern warf ſich im wildeſten und tobendſten Ausbruch des Irr⸗ ſinns zu Boden. Noch nie hatte die Gräfin ſie in ſol⸗ chem Zuſtande geſehen; der Wahnwitz ſchlug ſeine ſchwär⸗ Der König von Spanien. Der König von Spanien. 199 zeſten Fittiche über ihr zuſammen, und der kühne Verſuch war nicht nur gänzlich misglückt, er hatte ſogar das ſchlimmſte Gegentheil von dem bewirkt, was Ineſe beab⸗ ſichtigt hatte. Während die Frauen der Königin ſich, ſo gut es ging, mit ihr beſchäftigten, Andere jammernd und ſchreiend nach dem Leibarzt und dem Beichtvater riefen, und das ganze Schloß in Aufregung und Beſtürzung gerieth, zog ſich der Ritter in größter Betrübniß zurück. Kaum aber hatte er das Periſtyl wieder erreicht, in welches die Thür von Ineſe's Zimmern mündete, als er ſich plötzlich von jenen Männern umgeben ſah, welche vorhin auf der Treppe hinter ihm geſtanden hatten. Der Erſte hielt ihm ein ſchwarzes hölzernes Kreuz, der Andere einen weißen höl⸗ zernen Stab, der Dritte ein bloßes Schwert mit den Worten entgegen:„Im Namen des Königs! Ihr ſeid der Gefangene der heiligen Inquiſition!“ Der Ritter erbebte.„Ich bin ein Unterthan des deutſchen Kaiſers,“ ſagte er mit mühſam errungener Faſſung. „Ihr ſeid in Spanien geboren, ein Unterthan des Königs und reiſet in ſeinem Auftrag. Ihr habt gegen den reinen Glauben gefrevelt. Ergebt Euch ruhig, oder die Gewalt des heiligen Glaubensgerichts, deren Abzeichen Ihr in unſern Händen ſeht, wird Euch zu zwingen wiſſen.“ Schon traten die bewaffneten Häſcher hinzu. Das 200 Geräuſch und der Wortwechſel hatte die beiden Burſche aus dem Vorzimmer herbeigezogen. Als Martin ſah, was ſich hier begab, lief er erſchrocken, um ſeine Herrin zu holen. Beflügelten Schrittes eilten die beiden Marien herbei. Eben war der Anzug des lieblichen deutſchen Mädchens vollendet, und wie eine reizende Sylphide ſchwebte ſie daher, ein Aller Blicke bezauberndes Weſen. Maria Der König von Spanien. de Pacheco, die leicht erregte Schwärmerin, eben noch ver⸗ ſunken in die ſchöne Geſtalt der neuen Freundin, folgte ihr jetzt, bleich vor Schrecken; denn das Wort„Inqui⸗ ſition“ war in ihr Ohr gedrungen. Auch Maria von Iſſelſtein kannte die furchtbare Bedeutung dieſes Wortes, und händeringend warf ſich das reizende Kind zu den Füßen der ernſten Männer.„O laßt ihn frei!“ flehete ſie rührend;„laßt ihn mir, ich will ihn zum heiligen Glauben an Chriſtum bekehren. Es iſt mir ja ſchon faſt gelungen. Stört mein frommes Werk nicht! Ich ſchwör' Euch zu, er wird an Chriſtum glauben!“— Aber durch dieſe ihr von der Angſt ausgepreßten Worte, die einen Stein hätten zum Erbarmen bewegen können, wurde ſie unwillkürlich ſelbſt zur Anklägerin des geliebten Mannes. Die Diener der Inquiſition ſetzten ihrem verzweifelten Fle⸗ hen nichts als ein kaltes Schweigen entgegen. Der Rit⸗ ter hauchte ihr, indem er davon geführt wurde, einen ſchmerzlichen Abſchiedsgruß zu, und ohnmächtig ſank die ſchöne Dulderin auf die Steinplatten des Bodens und legte ihr holdes Haupt an eine der Säulen, welche mit⸗ — —— — Der König von Spanien. 201 leidiger zu ſein ſchien, als die Menſchenherzen. In die⸗ ſem Augenblick raſete die wahnſinnige Königin kreiſchend vorüber, und Männer und Frauen hinter ihr, um ſie einzufangen. Die Halle füllte ſich mit Menſchen. Die Königin Germaine befahl weinend und händeringend ihre Equipage, um ſogleich mit dem Infanten und der Infan⸗ tin, die ſchreiend umher irrten, abzureiſen. In dieſer wil⸗ den Verwirrung ſchlichen die Verſchwornen nach ihren Pfer⸗ den, um das unheimliche Schloß eiligſt zu verlaſſen, und zu Ineſe de Cardona trat der Kämmerer des Cardinals und raunte ihr zu:„Ihr würdet wohl thun, mit der Kö⸗ nigin Germaine zu reiſen; denn wenn Ihr morgen noch hier ſeid, ſo muß ich dem mir ſtreng auferlegten Befehl nachkommen, Euch mit Gewalt zu entfernen. Ich weiß Alles, was hier geſchehen iſt und in dieſer Nacht noch geſchehen ſollte. Darum rath' ich Euch ernſtlich: reiſt mit der Königin!“ Ineſe begriff ſogleich, daß dies der beſte Rath ſei, der ihr gegeben werden konnte, zumal Vivian de la Chaur ſich nirgend ſehen ließ. Sie ſuchte Maria de Pacheco auf, und beide brachten die ohnmächtige Maria von Iſſelſtein zu Bett. Ineſe hatte ihre ganze Seelenſtärke wieder. Stolz und kalt ſagte ſie:„Wiederum ſcheint Alles für mich ver⸗ loren; nur mein Muth iſt es nicht. Ich weiche jetzt der Gewalt der Umſtände, die ſich gegen mich verſchworen. Aber die glückbringende Stunde wird mir doch kommen. Ich überlaſſe dir Aya, wie du gewünſcht, und auch die⸗ 202 Der König von Spanien. ſes arme Kind befehl' ich deiner Sorge an. Nimm ſie mit dir nach Toledo und halte ſie wie eine Schweſter. Matty geht mit mir. Ich eile, um in dieſer Nacht noch dies Unglückshaus zu verlaſſen.“— Und ſo geſchah es. Ineſe reiſete mit der Königin Germaine, dem Infanten Fernando und der Infantin Ka⸗ talina ab. Die lebensluſtige Germaine war froh, aus dem düſtern Schloſſe, in welchem der Wahnſinn hauſete, fort zu kommen. Am folgenden Tage verließ Maria de Pa⸗ checo Tordeſillas und führte in einer Sänfte die kranke Gräfin von Iſſelſtein mit ſich, welcher Aya einen Heil⸗ trank gereicht hatte. Die beiden Knaben waren verſchwun⸗ den; Niemand hatte ſich um ſie bekümmert.— Bald lag das Schloß wieder ſo ſtill und ſchweigend, wie die Todten⸗ gruft gegenüber, und in ihrem Gemach hockte die wahn⸗ ſinnige Königin, eine grauſigere Leiche, als die des Kö⸗ nigs Philipp drüben im Kloſter. Dreizehntes Rapitel. Nicht ganz ein Jahr nach den eben geſchilderten Begeben⸗ heiten verweilte Jakob Fugger in ſeinem prächtigen Schloſſe Fuggerau in Tirol. Der Frühling des Jahres 1517 hatte ihn in die tiroler Berge geführt. Vielleicht war es, ihm ſelber unbewußt, die Sehnſucht nach der Liebe und Pflege ſeiner ihm gar werthen Ziehtochter Sibylle und ihres Ehewirthes, des wackern Junker Bübenhoven, an dem ſeine Seele nicht minder hing. Nach einem Leben von ſo unausgeſetzter und wechſelvoller Thätigkeit, in welchem dem ehrenhaften Leinweber nie Zeit geblieben war, ſich den ſüßen, geiſtigen Genüſſen der Liebe hinzugeben, war end⸗ lich in ſeinem Herzen mit dem beginnenden Alter das Be⸗ dürfniß danach erwacht und forderte nur um ſo ſtär⸗ ker Befriedigung. Vielleicht hatte er nie mehr bedauert, daß ihm ſeine Sibylle keine Kinder geboren, als jetzt. Deshalb war er um ſo zärtlicher gegen die Kinder ſeiner Brüder. Unter dieſen waren es aber vorzüglich zwei, an welchen ſein Herz mit den ſtärkſten Banden der Liebe hing, die beiden Geſchwiſterkinder Anton und Sibhlle. Der König von Spanien. Anton Fugger ſtand jetzt im vierundzwanzigſten Le⸗ bensjahre und war ſo ganz nach dem Wunſche ſeines Ohms eingeſchlagen, daß er ſich der größten Zufrieden⸗ heit deſſelben erfreute. In Anton ſah Jakob gleichſam ſein junges Ebenbild, ſeinen geiſtigen Doppelgänger. Ernſt und ſchweigſam, umſichtig, verſtändig und ununterbrochen thätig in dem großartigen Handesgeſchäft, hatte ſich der Neffe auch die Einfachheit und den rechtlichen Sinn des Ohms bewahrt; ja, zur größten Freude deſſelben hatte er ſich, ganz aus eignem Antriebe, doch noch in die Zunft der Leinweber einſchreiben laſſen, und liebte es, gleich dem Alten, ſich einen augsburger Leinweber zu nennen. Ja⸗ kob hatte ihm dafür den Wellenhof geſchenkt. Und auch darin war Anton dem Ohm ähnlich, er fand weder an Gelagen und Tänzen, noch an ritterlichem Spiel und Kurz⸗ weil, noch an Frauenminne und Gunſt Gefallen. Er lebte und webte nur im Geſchäft und hatte demſelben be⸗ reits einen neuen und noch glänzendern Aufſchwung ge⸗ geben. Auch war er in der That jetzt das Haupt deſſel⸗ ben, wenn auch noch nicht dem Namen nach. Jakob über⸗ ließ ihm faſt ganz die Leitung der Hauptzweige. Wenn ihn der Ohm aber freundlich lächelnd erinnerte, er möge ſich doch nun guch nach einer Ehewirthin unter den Töch⸗ tern der Stadt umſehen, da entgegnete Anton ganz ſo, wie es einſt Jakob gethan hatte, dazu habe er noch lange Zeit. Erſt ſeien von ihm weit wichtigere und nöthigere Dinge zu verrichten. Und dieſe Antwort gefiel dem Al⸗ „ Der König von Spanien. 205 ten abſonderlich, ſo wenig er ſich's auch merken ließ, und ſo ſehr er auch in Worten den Neffen darum tadelte. Gar gern hätte er Kinder ſeines Anton begrüßt, aber die Weigerung deſſelben war ihm doch lieber.— Hatte doch ſeine ſanfte, ſtille, beſcheidene Sibylle ihren Marr ſchon mit drei Kindern beſchenkt, mit zwei Knaben und einer JTochter, und Jakob liebte dieſe Sproſſen, die luſtig in Tirols geſunder Bergluft aufblüheten, als ſeine Enkel. In Sibylle's Haus gefiel's dem alten Herrn am beſten. Der ſtille Friede einer thätigen, gemüthlichen Weiblichkeit verjüngte ihn gleichſam, und Bübenhovens treue, ſorg⸗ ſame Geſchäftigkeit beim Bergweſen verklärte den herein⸗ brechenden Abend ſeines Lebens mit freundlichen Sonnen⸗ ſtrahlen. Denn wie ſehr auch Jakob dem Handelsgeſchäft mit Eifer obgelegen, das zärtlich gepflegte Kind ſeiner Liebe war und blieb doch der Bergbau. Und deshalb hatte er auch den geliebten Marx zum Leiter und Auf⸗ ſeher der tiroler Silberbergwerke beſtellt. Bübenhoven aber, als Mann in ſein ſchönes Vaterland zurückgekehrt, das er als Knabe hatte verlaſſen müſſen, ſchien in der Mitte der grünen Berge ſein Jünglingsalter, das er in dem flachen Brabant verlebt, noch einmal zu gewinnen, gleichſam als müſſe er der Heimat die ganze Summe ſei⸗ nes Lebens abtragen und die ihr verloren gegangenen Jahre nachholen. Die krankhafte, weichliche Schwärmerei ſeiner Jugend hatte ihn verlaſſen; das reine, tiefe, em⸗ pfängliche Gemüth, durch Arbeit gekräftigt, durch den 2 — 06 Der König von Spanien. Segen der Häuslichkeit gehoben, war ihm geblieben. Nie hatte er etwas mit größerer Luſt und Liebe getrieben, als den. Bergbau in den vaterländiſchen Bergen. Er war wie zum Bergmann geſchaffen, und ſeit er an der Spitze des Fuggerſchen Bergweſens ſtand, hatte ſich der Betrieb der Gruben ſchon verdreifacht. Zwar hatte er ſeinen Wohn⸗ ſitz im Schloſſe Fuggerau, doch beſaß er auch ein eignes Haus in Hall, welches er im Winter bewohnte, wo er der Hauptſtadt und den Bergwerken nahe war.— Durfte man ſich verwundern, daß Jakob Fugger am liebſten in Bübenhovens Familie verweilte? Raimund Fugger war dem alten Herrn zu vornehm, zu pracht- und vergnügungsſüchtig. Seit er mit ſeiner Katharina ein eignes Haus in Augsburg machte, waren ſeine hochadligen Liebhabereien und Neigungen nur noch ſtärker hervorgetreten, und er war der Repräſentant des Fuggerſchen Hauſes nach dieſer Richtung hin. Die welt⸗ lichen und geiſtlichen Fürſten aus der Nachbarſchaft Augs⸗ burgs und was ſonſt vornehm und ritterlich war von Ein⸗ heimiſchen und von fremden Gäſten ging bei ihm ein und aus und fand einen Platz an ſeinem reichbeſetzten Tiſche. Er beſaß große Güter, ſein Stall beherbergte die koſtbar⸗ ſten Pferde, ſein Falkenier durfte ſich rühmen, Jagdvögel zu ätzen, wie ſie der Kaiſer ſelbſt nicht beſaß, und ſeine Hunde waren nicht minder berühmt. Zwar entzog er ſich der Handelſchaft keineswegs, aber er trieb ſie in der vor⸗ nehmen Weiſe der fürſtlichen Handelsherren zu Florenz, Der König von Spanien. 207 Venedig, Genua, Gent und Antwerpen. Vorzüglich hatte er ſich einen eigenthümlichen Handelszweig geſchaffen, der vor ihm noch nicht, wenigſtens nicht in dieſer Aus⸗ dehnung, beſtanden hatte; es war der Handel mit Kunſt⸗ gegenſtänden. Gemälde, Bilderſchnitzereien, geſchnittene Steine, Münzen, eiſelirte Arbeiten gingen durch ſeine Hand; die Künſtler fanden an ihm ſtets einen Käufer, und Fürſten und Herren waren ſeine Kunden. Die be⸗ rühmten Gemälde Albrecht Dürers zu Nürnberg, der eben in ſeiner vollen ſchöpferiſchen Kraft ſtand, die Hans Hol⸗ beins in Baſel, der zu jener Zeit die Aufmerkſamkeit der Kunſtkenner auf ſich zu ziehen begann, ja ſogar mehre Werke Lucas Kranachs in Wittenberg waren eine Zeit lang Eigenthum Raimund Fuggers; die Goldſchmiede und Steinſchneider Augsburgs, Regensburgs und Nürnbergs hatten gleichſam ihre Niederlagen bei ihm. Er machte behufs dieſes Handelszweigs bedeutende Reiſen nach Ita⸗ lien und ſtand mit faſt allen großen Künſtlern ſeiner Zeit in perſönlichem Verkehr. Alle dieſe Dinge ſagten aber ſeinem Ohm nicht ſon⸗ derlich zu, und man ſah deshalb den Alten wenig in Raimunds Hauſe. Mit ſeinem Neffen Ulrich hatte Jakob noch weniger Glück. Wenn beide auch nicht in offener Feindſchaft mit⸗ einander lebten, ſo waren ihre Anſichten und Grundſätze doch ſo himmelweit verſchieden, und liefen geradezu in entgegengeſetzter Richtung, daß Ohm und Neffe unmöglich 208 Der König von Spanien. lange auch nur ſcheinbar gute Freunde bleiben konnten. Ulrich hatte ſich im Jahre 1516 auf den Wunſch ſeiner Mutter mit jener Veronica Gaßner, der Tochter eines der vornehmſten und reichſten Häuſer Augsburgs, mit der er ſchon einige Jahre Umgang gepflogen, vermählt und ein beträchtliches Rittergut bei Schwaz in der Grafſchaft Ti⸗ rol gekauft. Sein Ohm hoffte von dieſen Schritten, der „tolle Gauch“ werde nun zu Verſtand gekommen ſein. Aber ſehr bald und ſchier nur einige Wochen ſpäter mußte Herr Jakob zu ſeiner Betrübniß erfahren, wie weit Ulrich von dieſem Verſtand in ſeinem Sinne entfernt war, und wie eigentlich gar nicht darauf zu rechnen ſei, daß er ihn jemals erlangen werde. Gleichzeitig mit dem Aufruhr des armen Konrad in Würtemberg und dem blutigen Aufſtand der Leibeignen in Ungarn zeigten ſich auch bedenkliche Volksbewegungen in der windiſchen Mark. In dieſen von Schönheit und Reichthum überſchütteten Gebirgsländern in den prächtigen krainiſchen und kärnthneriſchen Alpen, in der Steiermark, voll himmelhoher, üppiger Berge, lieblicher Thäler und fruchtbarer Ebenen lebte ein genügſames, beſcheidenes, aber freies Völkchen, zum größten Theil aus Slaven aus dem Volksſtamme der Wenden beſtehend, und daher der Name des wendiſchen oder windiſchen Landes, wie man Steier und Kärnthen vorzüglich benannte, aber auch ſtark mit ächt deutſcher Bevölkerung gemiſcht. Sie machten ein eig⸗ nes Herzogthum aus, und die windiſchen Bauern hatten Der König von Spanien. 209 das uralte Recht, ihrem Herzog die Lehen mit einer ſehr charakteriſtiſchen Feier ſelbſt zu übertragen. Ein Bauer gab dabei dem in Bauernkleidern vor den verſammelten Bauern erſcheinenden Herzog, der ihnen ſchwören mußte, ihre Freiheiten und Rechte heilig zu halten, den bezeich⸗ nenden Backenſtreich. Geſetz und Glauben gingen dieſen ein⸗ fachen, arbeitfröhlichen, treuen Menſchen über Alles. Geiſt⸗ lichkeit und Adel wurden von ihnen ſchier abgöttiſch ver⸗ ehrt, und Geiſtlichkeit und Adel misbrauchten ihren Ein⸗ fluß auf dieſe Gebirgsbewohner, wie ſie ihn immer ge⸗ misbraucht haben, um ſie ſchmählich zu bedrücken und aus⸗ zuſaugen. Als Kaiſer Friedrich III. ihr Herzog wurde, erklärte er ſtolz, daß es ihm nicht anſtändig ſei, im Bauern⸗ kleid vor den windiſchen Bauern aufzuziehen und von einem Bauer mittels eines Backenſtreichs die herzogliche Gewalt in Kärnthen zu empfangen, und ſchaffte den alten ehrwürdigen Gebrauch der Belehnung ab; er mußte aber den Bauern verbriefen, daß es ihnen und ihren Nach⸗ kommen keinen Schaden an ihren alten Freiheiten und Herkommen bringen ſolle. König Marimilian, in ſeiner Jugend ein Freund des gemeinen Mannes, verſprach den alten Gebrauch der Belehnung durch die Bauern wieder aufzurichten, aber er hielt nicht Wort, wie überhaupt ſein ſpäteres Leben nicht hielt, was ſeine Jugend verſprochen hatte. Und ſo war denn unter ſeiner Regierung in die⸗ ſem ſeinen Erbland die Bedrückung der Bauern durch die weltlichen und geiſtlichen Herrn bis zum Unerträglichen Ein deutſcher Leinweber. V. 14 Der König von Spanien. geſteigert, zumal Marimilians thörichter Krieg mit Vene⸗ dig wegen der Durchzüge durch ihr Land, Türkeneinfälle, Miswachs und Erdbeben ſie ſehr erſchöpft hatten. Seit funfzig Jahren war dieſes Land ſiebenundzwanzig Mal vom grauſamen Säbel der Osmanen überfallen worden und hatte an zweimalhunderttauſend Menſchen auf gewalt⸗ ſame Weiſe verloren, ohne den ungeheuren Raub an öffentlichem und Privateigenthum. Die Bauern waren bis zur tiefſten Armuth herabgebracht; Verzweiflung und der neue Geiſt des Jahrhunderts hatten ihnen ſchon 1503 gleichzeitig mit der Entſtehung des Bundſchuhs im Buch⸗ rain die Waffe der Empörung in die Hand gegeben, aber ſie war ihnen ſchnell wieder entriſſen worden. Die Be⸗ drückungen nahmen zu, der Krieg mit Venedig ſtürzte die Bewohner der windiſchen Mark in neues Elend. Dazu that 1509 ein Erdbeben großen Schaden, und ein darauf folgendes großes Sterben raffte die Blüthe des Landvolks hinweg. Und immer ſchlimmere Leiden ſuchten das ſchöne Gebirgsland heim. Im Frühling 1511 verwüſteten es neue Erdbeben, und im Sommer fielen die Türken wie— der verwüſtend ein und ſchleppten einen großen Theil der Bevölkerung in die Sklaverei fort. Und all' dieſer Noth ungeachtet fuhren die Herren doch fort, das Landvolk bis aufs Blut zu ſchinden, und der Kaiſer wußte nichts da⸗ von oder wollte nichts wiſſen. Er hatte ja nur Sinn für ſeine abenteuerlichen Kriege mit Venedig und Frank⸗ reich. Da erhoben ſich die unglücklichen windiſchen Bauern Der König von Spanien. 211 1513 zum zweiten Mal zu offenem Widerſtand, aber auch dieſer wurde ſchnell unterdrückt. Die Bewegung dauerte im folgenden Jahre fort, das in Bezug auf die Volks⸗ empörung ſo merkwürdig war. Aber aus den ſteierſchen Alpen erſchallten wenig ſichere Nachrichten in die übrigen deutſchen Länder. Der einheimiſche Adel und die kaiſer⸗ lichen Amtleute vereinigten ſich nun, den Uebermuth des Bauern zu brechen und ihm ein Gebiß anzulegen, wie ſie ſich ſcherzweiſe ausdrückten. Die Unglücklichen ſollten zu neuen ſchweren Abgaben gezwungen werden. Namentlich wurde eine große Landſteuer ausgeſchrieben, mittels wel⸗ cher die grauſamen Dränger große Summen zu erpreſſen gedachten, und zwar Alles im Namen des Kaiſers, als be⸗ gehre dieſer ſolche Schatzung für ſeine Kaſſen. Die deut— ſche Bevölkerung in Mittelkrain that ſich dagegen zuſam⸗ men, um ſich in ſolcher Bedrängniß gemeinſchaftlich zu berathen. Bald traten aus allen Theilen des Landes Bauern zu ihnen und ſtrömten haufenweiſe bei dem Städt⸗ chen Rain, da, wo die Gurk ſich in die Sau ergießt, zuſammen und beriethen ſich, wie ſie ſich ihres großen Jammers erledigen und wieder zu ihren alten Freiheiten gelangen könnten. Der Beſchluß ward gefaßt, ihr altes Recht auf dem Rechtswege zu ſuchen, und ſie ſandten Bo⸗ ten an die kaiſerlichen Amtleute und begehrten ihre„alte Gerechtigkeit“ zurück. Aber die ergrimmten Herren war⸗ fen die Sprecher ins Gefängniß und ließen ſie als Ver⸗ brecher hinrichten, in der thörichten Meinung, damit den 2 Der König von Spanien. Trotz der Bauern zu brechen und zum Zahlen der neuen Steuer geneigt zu machen. Verzweiflung ward dem Volke für Hochmuth, das Beanſpruchen ſeiner alten Rechte für ſündhaften Frevel ausgelegt. Das unſchuldig vergoſſene Blut ſchrie um Rache und rief die glimmenden Funken der Empörung im ganzen Gebirg zu hellen Flammen. Vögte, Amtleute und Evelleute wurden erſchlagen, acht⸗ zigtauſend Bauern ſtanden bald in Waffen und bildeten einen großen windiſchen Bund zum Krieg gegen das Her⸗ renthum, und ſie nannten dieſen Krieg Stora brauda, zu deutſch: die alte Gerechtigkeit. Das verſammelte Bauernheer ſtellte nun noch einmal an die kaiſerlichen Amtleute die Frage: ob ſie die armen Leute bei ihrem alten Herkommen wollten verbleiben laſ⸗ ſen? Dieſe antworteten: ihr Begehren müſſe vor dem Kai⸗ ſer gebracht werden. Darauf ſetzten die Bauern einen Brief an den Kaiſer auf, worin ſie klagten, daß die kai⸗ ſerlichen Amtleute ihre Gewalt misbrauchend den armen Mann in ſeiner Majeſtät Namen unleidlich geſchätzt, be⸗ ſchwert und mishandelt,„ſchier bis auf das Bein genagt.“ Sie aber verſähen ſich, daß ſeine Majeſtät dieſer Unbil⸗ den kein Wiſſen trüge, geſchweige, daß es auf dero Be⸗ fehl und Geheiß geſchehen ſein ſollte. Aber auch die edlen Herren beſchickten ihrerſeits den Kaiſer und riefen ſeine Hülfe wider den hochmüthigen Trotz und die frevelhafte Empörung des Bauernhaufens an. Der Kaiſer hielt ſich gerade zu Augsburg auf, um Der König von Spanien. 213 das Geld zu ſeiner Zuſammenkunft mit den Königen von Ungarn und Polen und zu der ſeltſamen Kinderhochzeit, die nachher in Wien ausgeführt wurde, zuſammen zu bringen, und beide, die Boten der Bauern und die der Herren, kamen hieher, um ihm ihre Vorſtellungen zu machen. Das Erſcheinen dieſer ungewöhnlichen Geſandt⸗ ſchaften machte in der Stadt ungemeines Aufſehen. Durch ſie erfuhr man erſt ausführlich, was in der windiſchen Mark geſchehen war. Die Bauern erzählten ſchlicht ihre Noth und Drangſal, die Herren ſchilderten die fluchwür⸗ dige Empörung des Volks mit den ſchwärzeſten Farben. So bildeten ſich denn ſchnell, noch ehe die Boten vom Kaiſer anhört wurden, zwei Parteien in der Stadt, eine große aus den reichſten und vornehmſten Geſchlechtern, die alles gut hieß, was der Kaiſer that, und die von ſeiner zeitherigen Handlungsweiſe ſchließend mit Gewißheit vorausſetzte, er werde ein Heer in die Krainer Alpen ſchicken und die aufrühreriſchen Bauern auseinander jagen und an Leib und Gut ſtrafen laſſen; und eine kleine, welche, der Stimme des Rechts, der Billigkeit und der Vernunft Gehör gebend, die Sache der Bauern iu Schutz nahm. Es waren dies meiſt junge Leute, Bürgerſöhne und unter ihnen manche aus angeſehnen und reichen Häu⸗ ſern. Ein vorzügliches Glied dieſer Partei war Ulrich Fugger, während ſein Ohm Jakob und ſeine Vettern Rai⸗ mund und Anton ſich auf die Seite der Herren ſtellten. Es wurde viel hin und her geſtritten, bis der Tag kam, Der König von Spanien. an welchem der Kaiſer die beiderſeitigen Boten zuſammen vor ſich kommen ließ und ſie einander gegenüber ſtellte. Nun ſah hier der Kaiſer eine ihm willkommne Gelegen— heit, den Uebermuth ſeines erbländiſchen Adels und die freche Willkür ſeiner Amtleute, die ihm ſchon lang zu⸗ wider geweſen, im Intereſſe ſeiner fürſtlichen Macht zu dämpfen; vielleicht begriff er auch endlich das himmel— ſchreiende Unrecht, welches den Bauern angethan worden, und erinnerte ſich noch einmal der löblichen Vorſätze ſeiner Jugend. Genug, er hörte mil Theilnahme die Klagen der Vauern an, er ſprach ihnen Muth zu, nichts zu verſchwei⸗ gen, und redete dann in Beiſein der Bauern die Geſand⸗ ten des Adels aufs ſchärfſte an und drohete ihnen mit ſeinem ganzen Zorn, wenn ſie fortführen den gemeinen. Mann in ſeinem Namen alſo zu bedrängen. Dann wandte er ſich den Bauern freundlich zu und ermahnte ſie zum Gehorſam gegen ſeinen Befehl; dieſer aber beſtand darin, daß ſie aus dem Feldlager gehen und in ihre Häuſer, zu ihrer Arbeit zurückkehren ſollten. Er ver⸗ ſprach ihnen, wenn ſie Frieden und Ruhe hielten, werde er nicht dulden, daß ſie von ſeinen Amtsleuten ferner in ihren alten Gerechtigkeiten gekränkt und mit unbilligen Neuerungen beſchwert würden. Dieſer Beſcheid des Kaiſers machte in Augsburg großes Aufſehen. Die kleinere Partei jubelte dem Kaiſer Bei⸗ fall, die große lobte ihn mit kühlen Worten. Ulrich Fugger, der ſich mit den Abgeordneten der Bauern be⸗ Der König von Spanien. 215 — freundet und ſie in ſein Haus eingeladen hatte, ſchwieg und äußerte nur zu einigen ſeiner vertrauteſten Freunde, er traue den ſchönen Worten des Kaiſers nicht. Ver⸗ ſprechen und Halten ſei bei ſeiner Majeſtät ſtets zweierlei Ding, und ſeine Kunſt ſei es immer geweſen, ſchöne herzliche Reden zu halten, dem Volke mit aufgeputzten Worten allerlei ſchimmernde Poffnungen zu machen, ſich an dem dadurch erregten wohlfeilen Beifallsſturm zu wei⸗ den und hinterdrein gar nichts zu thun, oder gerade zu das Gegentheil von ſeinen Verſprechungen. Deshalb müſſe man auch jetzt die Thaten des Kaiſer abwarten. Ulrichs Aeußerungen verbreiteten ſich im Stillen und kamen auch ſei⸗ nem Ohm zu Ohren, der darüber nicht wenig erbittert wurde. Die Botſchaft des Kaiſers an das windiſche Bauern⸗ heer erregte die größte Freude im Volke; im feſten Ver⸗ trauen auf das kaiſerliche Verſprechen der gnädigen Ab⸗ hülfe ihrer Noth, gingen die bewaffneten Haufen ausein⸗ ander. Und wie Recht hatte Ulrich Fugger! Der Kaiſer ritt jetzt wieder ſein altes Steckenpferd, die Länderver⸗ größerung ſeines Hauſes; die Verbindung ſeiner Enkel mit den ungariſchen Königskindern nahm ihn ſo in An⸗ ſpruch, daß er der armen Bauern in den ſteieriſchen Alpen nicht mehr gedachte. Der dortige Adel und die Amtleute kannten ihn beſſer, als die dummen Bauern. Kaum waren dieſe friedlich in ihre Hütten zurückgekehrt, als die unerhörteſten Mißhandlungen und die gräßlichſten Grau⸗ ſamkeiten an ihnen verübt wurden. Die bübiſche Tücke ——— ———— ————— Der König von Spanien. des Adels, die rachſüchtige Bosheit der Amtleute, unter⸗ ſtützt von der in ihren Schwelgereien geſtörten Kleriſei vereinigten ſich zu ſcheuslichen Thaten; wie eine Heerde blutgieriger Wölfe in die Hürde bricht und die Schafe mordet, ſo fielen ſie in die Hütten des Volks, raubten, plünderten, ſchändeten, mordeten, quälten mit grauſamen Martern, ſengten und brennten. Der Kaiſer feierte der⸗ weil in Wien prunkvolle Feſte und hielt ſeine ſchöne Rede an die Könige von Ungarn und Polen und deren Räthe. Der windiſche Bauer war verlaſſen und verrathen, und der Wuth ſeiner Würger preis gegeben. Der geſetzte Wi⸗ derſtand des Volks ſchlug nun ſelbſt in die Wuth eines muthwillig gereizten Raubthieres um. Mord und Ver⸗ derben der kaiſerlichen Amtleute und der adligen Herren ward die Lvoſung des windiſchen Bauernbundes. In den drei Ländern Steier, Kärnthen und Krain zogen die be⸗ waffneten Bauernhaufen umher, erſtiegen die Schlöſſer und verbrannten ſie und ſchlugen todt, was einen adeligen Namen trug. Die Kunde von dieſen furchtbaren Gräueln erſchallte durch alle deutſchen Gauen und brachte eine un— gemeine Aufregung hervor. Zu derſelben Zeit erfuhr Jakob Fugger, daß ſein Neffe Ulrich von Schwaz in Tyrol, wohin er ſich begeben, geheime Boten in das benachbarte Kärnthnerland geſchickt und andre von dort empfangen habe. Es konnte bald kein Geheimniß mehr ſein, daß der reizbare Ulrich in Verbindung mit den aufrühreriſchen Bauern ſtand und ſie —— Der König von Spanien. 217 mit Geldmitteln unterſtützte. Schon lange war dem alten Herrn der Umgang anſtößig geweſen, welchen ſein heiß⸗ blütiger Neffe mit jener ihm verhaßten Malersfrau in der Fuggerei, die ihm ſchon ſo vielen Verdruß gemacht, un⸗ terhielt, und wenn dies gleich ſo heimlich als möglich ge⸗ ſchah, ſo verſchmähete es doch Jakob nicht, ſowohl ſeinen Neffen, als auch Frau Eleonoren van der Voort mit Spähern und Aufpaſſern zu umgeben, die ihm getreulich über die öftern Zuſammenkünfte dieſer Beiden berichteten. Frau Eleonore hatte wieder einen großen Vorrath von kleinen Heiligenbildern angefertigt, und war damit nach Tyrol gereiſt, angeblich um ſie zu vertreiben. Sie war in Hall und Schwaz geſehen worden, und es gelang Herrn Jakob auszukundſchaften, daß ein Mann mit ſolchen Bil⸗ dern über die Berge hinüber nach Kärnthen gegangen war, und ſeit dieſer Zeit war jede Spur von der gefähr⸗ lichen Frau in Tyrol verſchwunden. Es blieb kaum ein Zweifel übrig, daß ſie in Männerkleidung einen Boten Ulrichs an die windiſchen Bauern abgegeben hatte, und der Bilderhandel nur Vorwand und Deckmantel ihres wah⸗ ren Treibens war. Dies wurde um ſo wahrſcheinlicher, da Raimund Fugger, für den ſie ſchon einige Beſtellungen gut ausgeführt, wieder mehre Bilder bei ihr beſtellt hatte, die, obgleich ſie damit einen weit größern Gewinn erzie⸗ len konnte, als mit dem ärmlichen Handel mit Heiligen⸗ bildchen, gar nicht einmal von ihr in Angriff genommen worden waren. Der König von Spanien. Jakob hielt es für eine Gewiſſensſache, ſeinen gott⸗ vergeßnen Neffen noch einmal nachdrücklich zu warnen, aber ihre Unterredung hatte keine andre Folge, als daß Ulrich ſich von dem fuggerſchen Hauptgeſchäfte trennte und ſein eigenes Geſchäft begründete. Er trieb nicht nur Han⸗ del, ſondern er pachtete auch ein Silberbergwerk von der kaiſerlichen Kammer in der Nähe von Schwaz, und beide kamen in keine Berührung mehr mit einander. Doch machte es Jakob den größten Kummer, daß ein Fugger, ein Sohn ſeines eignen Bruders, alſo feindſelig gegen den Kaiſer, gegen die Prieſter, gegen Geſetz und Ordnung geſinnt war und ſich ſogar herbei ließ, aufrühreriſche Bauern zu unterſtützen. Der Kaiſer ſah der tollen Wirthſchaft in der Steier⸗ mark unthätig zu; es ſchien ihm recht zu ſein, daß die Bauern die ſchuldigen Edelleute todt ſchlugen. Er zog zu Anfang des Jahrs 1516 mit einem Herre nach Italien, um ſich mit dem jungen Könige von Frankreich zu meſſen und die Franzoſen wieder aus Mailand zu verjagen⸗ Aber er kehrte ſchnell unverrichteter Sache wieder nach Inſpruck zurück, und nun erſt dachte er daran, dem bluti⸗ gen Unfug und dem tollen Uebermuth der krainer Bauern ein Ende zu machen. Und in der That waren dieſe über— müthig geworden. Da ſie nirgends kräftigen Wibderſtand fanden, ſo begnügten ſie ſich nicht damit, die Schuldigen unter dem Adel zu ſtrafen, ſondern ſie griffen immer weiter und übten gegen Jedermann eine unerträgliche Der König von Spanien. 219 Tyrannei. Das ganze ſchöne Land ging mit Rieſenſchrit⸗ ten ſeinem Verderben entgegen. Bis an das adriatiſche Meer hinab waren alle Bande der Ordnung und geſetz⸗ lichen Zucht gelöſt. Die Bauern wirthſchafteten überall auf die greuligſte Weiſe und vernachläßigten alle Arbeit, ſo daß die Aecker brach lagen und ein allgemeiner Man— gel der entbehrlichſten Nahrungsmittel drohete. In Steier und Kärnthen hatte ſich der Aufſtand allmälig von ſelbſt gelegt, in Krain wüthete er dagen um deſto ſchlimmer. Der Kaiſer ließ in Kärnthen zu Villach, Freiſach und Klagenfurt Landsknechte werben und gab dem Landeshaupt⸗ mann in Steier, dem ihm befreundeten Siegmund von Dietrichſtein, den Oberbefehl über das zuſammengebrachte Heer. Erſt wurden aber die Bauern vor die kaiſerlichen Commiſſarien geladen, und als ſie nicht erſchienen und, der frühern Täuſchung eingedenk, jede gütliche Weiſung verſchmäheten, überfiel Dietrichſtein die Sorgloſen zu Mi⸗ chaelis und richtete ein großes Blutbad unter den Flüch⸗ tigen an. Alle wurden erſchlagen, welche die Kaiſerlichen erreichten, und wer ſich von den Aufrühreriſchen ſpäter im Lande betreten ließ, wurde gehenkt oder geſpießt oder geviertheilt. Es war ein allgemeines Bauernabſchlachten im Lande. Denen, welche entwichen, wurde alles Eigen⸗ thum genommen und ihre Häuſer niedergebrannt. Was am Leben und im Lande blieb, wurde gebrandſchatzt, ja die Rache der Edelleute ging ſo weit, daß ſie ſich ſelbſt ſchadeten, indem das Land verödete und verdarb. Die 220 Der König von Spanien. alten Bauernrechte gingen für immer verloren. Eh das Jahr 1517 anbrach, war Krain beruhigt; Steier und Kärnthen waren ſchon früher mit minder kräftigen Maß⸗ regeln zum Gehorſam zurückgebracht worden. So hielt der ritterliche Kaiſer Marimilian den windiſchen Bauern ſein Wort. Jakob Fugger nannte das göttliche Gerechtig⸗ keit, Ulrich Fugger himmelſchreienden Treubruch und gott⸗ loſe Menſchenſchlächterei. Im Spätherbſt war Frau Eleonore wieder in ihrem Häuschen in der Fuggerei eingewandert. Als Jakob am 5. März 1517 ſeinen achtundfünfzig⸗ ſten Geburtstag feierte, waren alle lebenden Glieder des Fuggerſchen Hauſes um ihn verſammelt, außer Ulrich, ob⸗ gleich er in Augsburg zugegen war. Dieſer ſah alſo die ganze Feier für eine Demoſtration gegen ſich an, doch ließ er ſich keine Aeußerung gegen den Ohm zu Schulden kommen, die ihm irgend als Ausbruch von Erbitterung hätte gedeutet werden können. 3 Jakob reiſete bald darauf mit der Bübenhovenſchen Familie nach Tyrol, um in ihrem Schvoſe den Frühling zu verleben. Pierzehntes Rapitel. Im Schloß Fuggerau waren Gäſte von ausgezeichnetem Namen. Von ſeinem Schloſſe Mindelheim in Oberſchwa⸗ ben war der berühmte Feldhauptmann des Kaiſers Georg von Frundsberg nach Tyrol gekommen, um dem Kaiſer aufzuwarten. Denn vor Kurzem erſt war er nach der ruhmvollen Vertheidigung Veronas gegen die Venetianer und Franzoſen und nach Uebergabe der Stadt durch den Vertrag, welchen der junge König Karl von Spanien mit dem König Franz von Frankreich geſchloſſen, ins Vater⸗ land heimgekehrt, das er faſt vier Jahre lang nicht ge⸗ ſehen hatte. Nachdem er jetzt vom Kaiſer in Inſpruck gnädig entlaſſen und zum Feldhauptmann von Tyrol er⸗ nannt worden war, konnte er ſich nicht verſagen, dem berühmten Jakob Fugger einen Beſuch auf dem neuen Schloſſe zu machen, zumal Frundsberg einem edlen tyroler Geſchlecht entſtammte, dem die reichen Silberbergwerke bei Schwaz, die jetzt Fugger in Pacht hatte, eigenthümlich gehört hatten. Der tapfre Feldhauptmann, im Verein mit ——..—————— ———— 222 Der König von Spanien. ſeinem Kaiſer der Schöpfer der Landsknechte und der neuen Kriegskunſt, ſtand in der vollſten Blüthe ſeiner Manns⸗ kraft, im 44ſten Lebensjahre, ein Rieſe an Leibesgeſtalt und mit der entſprechenden, ſelbſt in jenen Tagen unge— wöhnlichen Stärke verſehen. Von Nürnberg waren nicht minder berühmte Männer gekommen, der gelehrte Rathsherr und kaiſerliche Rath Willibald Pirkheimer, vor achtzehn Jahren Kampfgenoſſe Georgs von Frundsberg im unglücklichen Kriege Marimi—⸗ lians gegen die Schweizer. Denn Pirkheimer war vom Senat der Stadt Nürnberg mit der Anführung des Krieg⸗ volks betraut worden, welches die freie Stadt dem ſchwä— biſchen Bunde ſtellte, deſſen Hauptmann Frundsbergs Vater war. Pirkheimer war nachher der Geſchichtſchreiber dieſes Kriegs geworden und hatte ſich dadurch und durch ſeine eifrige Pflege der Künſte und Wiſſenſchaften des Kaiſers hohe Gnade erworben. Jetzt war er 47 Jahre alt, ein ſtattlicher Patrizier und feiner Weltmann. Sein Begleiter war ſein wackrer Freund, der Maler Albrecht Dürer, nur ein Jahr jünger als Pirkheimer, eine der edelſten und kräftigſten Männergeſtalten. Von Augsburg endlich war Konrad Peutinger, der gelehrte und treffliche Stadt⸗ ſchreiber ſeiner Vaterſtadt, angelangt. Peutinger und Pirk⸗ heimer waren durch gemeinſame Studien aufs Innigſte befreundet. Und auch gelehrte Angelegenheiten hatten ſie nach Fuggerau geführt, höflichſt eingeladen von Herrn Jakob Fugger. Dieſer hatte nämlich ſeine nicht unbe⸗ Der König von Spanien. 223 deutende Bibliothek von Augsburg nach Fuggerau ſchaffen und durch Pirkheimer und Peutinger in Nürnberg und Augsburg, durch Konrad Celtes, den gelehrten Freund dieſer Männer, in Wien beträchtliche Bücherankäufe machen laſſen, um einen großen Saal des neuen Schloſſes damit zu ſchmücken. Denn wenn Jakob Fugger auch ſelbſt kein Gelehrter war, ſo hatte er doch eine große Leidenſchaft für Bücher und andre wiſſenſchaftliche Werke und eine ſtarke Zuneigung für Gelehrte, Dichter und Künſtler und glich auch in dieſer Beziehung ſeinem kaiſerlichen Freunde. Die Fuggerau aber ſollte Jakobs Muſenſitz werden. Hier⸗ her wollte er ſich ans dem Geſchäftstreiben zurückziehen, im Genuſſe einer ſchönen Natur und der beſten wiſſen⸗ ſchaftlichen Werke, in der Nähe des geliebten Kaiſers und von gelehrten Freunden umgeben, die er öfter einzuladen gedachte. Pirkheimer und Peutinger waren nun zuerſt auf eine ſolche Einladung auſ das neue prächtige Schloß ge⸗ kommen, um die Bibliothek zu ordnen und aufzuſtellen. Der Nürnberger und Augsburger Rathsherr waren näm⸗ lich die größten Bücherkundigen, welche damals in Deutſch⸗ land lebten, und beſaßen ſelbſt große und reiche Biblio⸗ theken. Dürer aber hatte Pirkheimer begleitet, und alle zuſammen hatten dem Kaiſer in Inſpruck die Aufwartung gemacht. Sie waren kaum auf das Schloß zurückgekehrt, als ein Rath des Herzogs Wilhelm von Baiern, Namens Hans von Bemmelberg, ebenfalls dort anlangte, um mit Jakob Fugger eine Geldanleihe für ſeinen fürſtlichen Herrn 224 Der König von Spanien. abzuſchließen. Der herzogliche Rath war jünger als die übrigen Männer; aber die Geſellſchaft ſollte noch durch einen jüngern und vornehmern Mann vermehrt werden. Mit einem kleinen Gefolge erſchien nämlich im Schloß Fuggerau der Markgraf Johann von Brandenburg, ein Bruder des Kurfürſten Joachim von Brandenburg und des Kurfürſten und Erzbiſchofs Albrecht von Mainz und Magdeburg. Markgraf Johann ſtand im Alter zwiſchen ſeinen beiden regierenden Brüdern uud hatte eben ſein dreißigſtes Lebensjahr angetreten. Sein älterer Bruder, der Kurfürſt von Brandenburg, war damals 33, der jüngere, der Kurfürſt von Mainz 27 Jahre alt. Die drei fürſtlichen Brüder waren ausgezeichnet an Leibesge⸗ ſtalt und gewinnendem, einſchmeichelndem Benehmen; der Schönſte war aber der Mittlere, der Markgraf Johann. Eben ſo kräftig gebaut als Joachim, nur von edlern Formen und jenem geſchmeidigen, biegſamen und gewand⸗ ten Weſen, welches man damals ſchon mit dem Worte Chevalerie zu bezeichnen begann, übertraf er ſeinen Bru⸗ der Albrecht, der doch wegen ſeiner feinen, taktvollen Tournure berühmt war, noch an höfiſcher, feiner Sitte und leichter Liebenswürdigkeit. Zum Soldaten und Hofmann erzogen, hatte er im Dienſte verſchiedener Höfe und auch des kaiſerlichen geſtanden, ſeit aber ſein Bruder Albrecht zum Erzbisthum Magdeburg auch das von Mainz hinzu erhalten und erſter geiſtlicher Kurfürſt, Reichserzkanzler und Primas des heiligen römiſchen Reichs geworden war, Der König von Spanien. 225 (in ſeinem vierundzwanzigſten Lebensjahre!) hatte der Markgraf Johann unvermählt am Hofe dieſes ſeines Bru⸗ ders gelebt. Dieſer Hof wurde meiſt zu Mainz, aber auch abwechſelnd— wenigſtens in den erſten Jahren— zu Halle an der Saale gehalten und bot geiſtreichen, aus⸗ gezeichneten Männern einen angenehmen Aufenthalt. Das alte Mainz hatte das Glück, durch den mit Körper⸗ und Geiſtesſchönheit gleich reich begabten liebenswürdigen Jüngling, der zu ſo hoher geiſtlicher Würde und Herr⸗ ſchaft berufen war, raſch zu einem deutſchen Athen, oder vielmehr Florenz emporzublühen; denn in der That beſaß der junge Kurfürſt Albrecht alle Eigenſchaften der vor⸗ züglichſten Medicäer, neben ihrer glühenden und freigebig chätigen Liebe zu den Künſten und Wiſſenſchaften und deren Ausübern auch den großen Leichtſinn, die üppige Ungezwungenheit des Lebens, die Genuß⸗ und Verſchwen⸗ dungsſucht. An dieſem prächtigen Hofe hatte Markgraf Johann die letzten Jahre in üppiger Unthätigkeit verſchwelgt, und von da kannte er den Meiſter Albrecht Dürer und den Rath Pirkheimer, welche im vorigen Jahre auf eine Einladung des Kurfürſten mehre Wochen lang am mainzer Hofe, hochgeehrt und ſchier fürſtlich gehalten, zugebracht hatten. Im Gefolge des Markgrafen befand ſich auch jener Mann, welchen Jakob Fugger vor einigen Jahren in Augsburg als Grafen Torrillas, Kämmerer des Pap⸗ ſtes kennen gelernt hatte, und von dem er nicht mit Un⸗ Ein deutſcher Leinweber. V. 15 226 Der König von Spanien. recht behauptete, er ſei derſelbe, der als Antonio Cebes, Stallmeiſter der Erzherzogin Margaretha, dann als Wil⸗ helm von Lannoy, der Gemahl der Frau von Bübenhoven geweſen ſei. Jetzt trat dieſer gewandte Abenteurer mit der größten Ruhe, Sicherheit und glatter Unbefangenheit in das Haus des Mannes, der ihn einſt entlarvt, der ſeinen Sohn Toni erzogen, deſſen Bergwerke er in Un⸗ garn beſtohlen, er trat in das Haus, das Marr von Bübenhoven bewohnte, deſſen Mutter er belogen und be⸗ trogen und in das tiefſte Unglück gebracht; er trat höflich und ernſt in die Geſellſchaft, als Betrauter und Beauf⸗ tragter des Papſtes und zugleich des Kurfürſten von Mainz. In der letztern Eigenſchaft erſchien auch der Markgraf auf Schloß Fuggerau. Sein mächtiger Bruder hatte ihn an Jakob Fugger wegen einer wichtigen Verhandlung geſandt, die ſich brieflich nicht abthun und zu der ſich nicht wohl ein andrer Mann verwenden ließ der Markgraf war in jeder Beziehung der Rechte, und der Kämmerer des Pap⸗ ſtes ihm als geſchäftsgewandter Diplomat beigegeben. Zwiſchen dem Kurfürſten von Mainz und dem Hauſe Fugger war nämlich einc Spannung eingetreten, die ihrer Natur nach dem jungen geiſtlichen Fürſten unangenehmer und läſtiger ſein mußte, als dem alten Herrn Jakob. Das Pallium, das prieſterliche Oberkleid, welches die römiſchen Kaiſer einſt an die vornehmſten Biſchöfe zu verſchenken gepflegt, war im Laufe der Zeit ein noth⸗ wendiges Abzeichen der erzbiſchöflichen Würde geworden, 32 D er König von Spanien. 227 an deſſen Beſitz die Ausübung der oberprieſterlichen und fürſtlichen Rechte geknüpft war. Die Päpſte beliehen da⸗ mit, anfangs umſonſt, dann für Geld, und jetzt waren die Palliengelder eine Haupteinnahme der päpſtlichen Canz⸗ lei. Jemehr das weißwollne Oberkleid zuſammengeſchrumpft war, endlich zu einem vier Finger breiten Streifen, der über die Schultern und auf Bruſt und Rücken herabhing, deſto theurer war es geworden. Nach Umſtänden koſtete ein Pallium jetzt 26 bis 36 Tauſend Gulden. Am theuer⸗ ſten waren die der deutſchen Erzbiſchöfe; denn die Päpſte waren gewohnt, aus Deutſchland das meiſte Geld zu be⸗ ziehen. Nun waren in einem kurzen Zeitraum 1505, 1508 und 1514 drei Vacanzen im mainzer Erzbisthume eingetreten, und in dieſen wenigen Jahren aus Mainz allein mehr als 90,000 Gulden für Pallien nach Rom ge⸗ wandert. Das Erzſtift war verſchuldet und hatte bei Albrechts Wahl die Mittel nicht, ihm das Pallim zu kau⸗ fen; er ſelbſt beſaß ſie auch nicht, und auch der Kurfürſt von Brandenburg konnte nicht ſo viel Geld auftreiben. Durch des Kaiſers Vermittlung wurde von Albrecht eine Anleihe von 30,000 Gulden bei Jakob Fugger gemacht und damit das Pallium in Rom gelöſt. Albrecht hatte nun zwar verſprochen, nicht nur die Zinſen, ſondern auch einen Theil des Kapitals jährlich abzutragen, aber weder das Eine, noch das Andre war geſchehen; ja der prächtige und verſchwenderiſche Hofhalt, die freigebige Begünſtigung der Künſte und Wiſſenſchaften hatten den lebensluſtigen, 15 ½ Der König von Spanien. leichtſinnigen Kurfürſten genöthigt, ſogar noch mehr Schul⸗ den zu machen. Jakob Fugger, welcher mit einem ge⸗ wiſſen, für Leute von Albrechts Denk- und Handlungs⸗ weiſe unangenehmen Eigenſinn ſtrenge Pünktlichkeit in ſol⸗ chen Angelegenheiten liebte, hatte zuletzt ernſtlich gedrängt, und es ſtand dem Kurfürſten eine Schuldklage vor des Kaiſers und Reichs Kammergericht bevor, wenn er nicht Mittel ſchaffte, das Haus Fugger zu befriedigen. Albrecht, weit mehr ein geiſtiger als geiſtlicher Sohn des Papſtes Leo, wußte ſich mit dieſem zu Anfang des Jahres 1517 zu verſtändigen. Der Papſt hatte dieſelben nobeln Paſ⸗ ſionen, wie der Erzbiſchof, der Papſt brauchte eben ſo gut immer Geld wie der Kurfürſt, um jene Paſſionen zu be⸗ friedigen. Der Kurfürſt durfte hoffen, daß der Papſt ohne weiteres ſeine Zuſtimmung zu einem Handel geben werde, der Beiden Gewinn verſprach. In den weiten chriſtlichen Ländern waren vom römi— ſchen Stuhle drei große Ablaßcommiſſionen errichtet, und Deutſchland machte eine ſolche allein aus. Der General⸗ commiſſair für Deutſchland war zeither der Probſt Areim⸗ boldi aus Mailand geweſen, war aber im vorigen Jahre zu einer andern Commiſſion beordert worden. Die Ver⸗ 14 handlungen zwiſchen Albrecht und Leo gediehen nun da⸗* hin, daß der Erſtere zu Oſtern dieſes Jahres den Letztern als päpſtlichen Nuntius und apoſtoliſchen Generalcommiſ⸗ ſar für Deutſchland beſtätigte und ihm als ſolchem den Ablaßhandel in einem großen Theile Deutſchlands gegen Der König von Spanien. 229 die Hälfte des reinen Ertrags verpachtete. Der Erz⸗ biſchof mußte ſich aber verpflichten, binnen einigen Wochen 10,000 Dukaten zum Voraus in die päpſtliche Kanzlei zu zahlen. Jetzt ſollte Jakob Fugger nicht nur mit den erſten 30,000 Gulden nebſt Zinſen auf die Ablaßgelder angewieſen werden, er ſollte auch die vom Papſt ſtreng eingeforderten 10,000 Dukaten dem Kurfürſten dazu bor⸗ gen, und auch dieſe Schuld ſollte von den dem Kurfür⸗ ſten zukommenden Geldern des Ablaßertrags wieder bezahlt werden. Dieſes Geſchäft zu vermitteln und abzuſchließen, war der Markgraf Johann nach Tirol gekommen und hatte den Grafen Torxillas als geſchäftskundigen Gehül⸗ fen mitgebracht; denn vorzüglich durch den Eifer und die Gewandtheit dieſes päpſtlichen Dieners war das Ueberein⸗ kommen zwiſchen dem Papſt und dem Erzbiſchof zu Stande gekommen. Außer dieſen männlichen Beſuchen auf Fuggerau wa⸗ ren auch zwei weibliche auf dem neuen Schloſſe. Aus Kremnitz war nämlich Frau Anna Turzoin und von Augsburg Jungfer Suſanne Fugger gekommen, beide, um ihre Schweſter Sibylle Bübenhoven in Fuggerau zu be— ſuchen. Die ſanfte, freundliche Anna hatte das neue Schloß noch nicht geſehen und war überhaupt ſeit ihrer Vermählung noch nicht wieder nach Deutſchland gekom⸗ men; die ſtolze, ſchöne Suſanne, als Liebling der eiteln, hoffärthigen Mutter gründlich verzogen, war aus guten Gründen eine Zeit lang aus der lebendigen, viel beweg⸗ —— S—— 230 Der Koͤnig von Spanien. ten Vaterſtadt entfernt worden. Ihre Mutter, Frau Ve— ronica, hatte ſich nämlich eingebildet, es müſſe durchaus mindeſtens ein Reichsgraf kommen und um ihr reiches und ſchönes Töchterlein werben, ſie hoffte aber eigentlich auf einen Fürſten. Mutter und Tochter hatten gleich leichtſin⸗ nig vornehmen Abenteurern, von denen in Augsburg ſtets Ueberfluß war, Zutritt geſtattet, und die ſchöne Suſanne war darüber in übeln Leumund gekommen. Ein junger Patricier, Freund Ulrich Fuggers, welcher ernſtliche Ab⸗ ſichten auf Suſanne hatte, war durch jenen Leumund zu⸗ rückgeſchreckt worden und hatte dem in Schwaz wohnen⸗ den Ulrich ſein Leid geklagt. Dieſer war, ſeinem Cha⸗ rakter gemäß, ſogleich ſehr energiſch aufgetreten, und die Folge war, daß Suſanne ihren Aufenthalt für eine Zeit bei ihrer Schweſter Sibylle nahm, um ſich auf ihre Ver⸗ bindung mit Georg von Stetten vorzubereiten. Suſanne ſtand eben im zwanzigſten Lebensjahre und war unbeſtrit⸗ ten die ſchönſte Tochter des Fuggerſchen Hauſes; ihre hohe, herrliche Geſtalt, wie ihr kaltes, hochfahrendes Weſen ſchienen allerdings triftige Gründe für die Vorausſetzun⸗ gen ihrer Mutter zu ſein. Unmõghih hätte die Ratur ſie beſſer für die Gemahlin eines Fürſten ausſtatten können, ſelbſt wenn ſie die Tochter eines Fürſten geweſen wäre. Mit Suſanne war noch eine andere Jungfrau auf Fuggerau gekommen, die zu ihr und zum Fuggerſchen Hauſe in einem eigenthümlichen nicht ſcharf beſtimmten Verhältniß ſtand. Dies war Martha Bry, die jüngſte Der König von Spanien. 231 Schweſter der Frau Eleonore van der Voort. Nach dem Tode des blinden Malers Bry waren die drei jüngern Kinder deſſelben, ein Knabe, Matthäus, und zwei Mäd⸗ chen, Barbara und Martha, auf Koſten Jakob Fuggers in augsburger Klöſtern erzogen worden, die beiden letztern im Nonnenkloſter der heiligen Katharina. In demſelben Kloſter wurde auch Felicitas Fugger, die vierte Tochter Ulrichs und Schweſter Anna's, Sibylla's und Suſanne's, für den geiſtlichen Stand erzogen. Felicitas war mit Martha Bry in einem Alter, aber ihr ſtiller Sinn neigte ſich mehr zu der einige Jahre älteren Schweſter Barbara, auf die das düſtere Geſchick ihrer Familie einen nieder⸗ drückenden Einfluß ausgeübt hatte. Die beiden Mädchen ſchloſſen einen innigen Freundſchaftsbund. Es war Ja⸗ kobs Wunſch, daß die beiden Schweſtern Bry mit ſeiner Nichte den Schleier nehmen möchten, und wirklich hatte Barbara den Gedanken gefaßt, es zieme ihr, durch Ver⸗ mählung mit dem Heiland den Zorn des Himmels über die Fehltritte ihrer ältern Schweſtern Eleonore zu verſöh⸗ nen; ihre jugendliche Schwermuth verlangte nicht nach der Welt und ihren Freuden, wodurch Eleonore ſo unglück⸗ lich geworden war. Sie ließ ſich mit Felicitas zugleich einkleiden; ſie war damals ſechszehn, die Letztere vierzehn Jahre alt. Die lebhafte Martha zeigte dazu aber wenig Luſt und ſchob ihren Entſchluß auf ſpätere Zeit hinaus. Sie blieb als Zögling im Kloſter, erklärte aber in ihrem neunzehnten Jahre Herrn Jakob auf das Beſtimmteſte, 232 Der König von Spanien. daß ſie einen heſtigen Widerwillen gegen das Kloſterleben verſpüre, und das gottſelige Haus je eher, deſto lieber zu verlaſſen wünſche. Und die Natur hatte ihr in ihren körperlichen und geiſtigen Vorzügen eine unabweisbare An⸗ weiſung auf das bunte und vollſaftige Leben ausgeſtellt. Sie glich nicht allein an Geſtalt und Schönheit ihrer Schweſter Eleonore in der üppigſten Blüthe derſelben; ſie war auch in geiſtiger Hinſicht nicht ſchlechter bedacht wor⸗ den, nur war ſie noch munterer, lebendiger und lebens⸗ luſtiger und hatte viel Anlage zu Scherz und Poſſen. Dieſes Naturell machte den guten Nonnen des Kathari⸗ nenkloſters mit der Zeit viel zu ſchaffen, und die Privrin drang endlich ſelbſt bei Herrn Fugger nachdrücklich auf die Entfernung des luſtigen Marthchens Sie wurde alſo zu Frau Veronica Ehinger, der dritten Tochter Ulrich Fug⸗ gers, nach Balzheim gebracht, wo der Gemahl derſelben, Herr Walther Ehinger, ſein großes Gut ſelbſt bewirth⸗ ſchaftete. Hier hatte ſie drei Jahre unter den Augen der jungen, verſtändigen Hausfrau gelebt und ſich der Haus⸗ wirthſchaft befliſſen. Aber Martha hatte denſelben hoch⸗ ſtrebenden Geiſt wie ihre Schweſter Eleonore, und das ſtille Landleben wurde ihr bald eben ſo unerträglich wie erſt das Kloſterleben. Und da ſie ein großes Talent be⸗ ſaß, ſich einzuſchmeicheln, ſo gelang es ihr, Frau Vero⸗ nica, die Mutter, und Suſanne für ſich zu gewinnen, welche zuweilen nach Balzheim kamen, ihre Tochter zu beſuchen. — E — E Der König von Spanien. 233 Vorzüglich nahm ſie Suſannen für ſich ein, und die eitle Kaufmannstochter wünſchte die fröhliche Martha zur Geſpielin. Die alte, ſchwache Frau Veronica vermochte aber ihrem Lieblingstöchterlein nichts abzuſchlagen. Auf dieſe Weiſe kam Martha in ihrem zweiundzwanzigſten Jahre in das reiche Haus der Witwe Veronica Fugger nach Augsburg. Und dies war gerade die Zeit, wo Su⸗ ſanna's Schönheit viel vornehme junge Männer anzog, woraus bald die Verhältniſſe entſtanden, welche Suſan⸗ nen nöthigten, zu ihrer Schweſter Sibylla nach Fuggerau zu gehen. Martha wurde beſchuldigt, Suſannen eine all⸗ zutreue Freundin geweſen zu ſein und die geheimen An⸗ gelegenheiten derſelben beſorgt zu haben. Wie dem auch ſei, ſie mußte ebenfalls mit aus dem lebendigen Augs⸗ burg in das ſtille tiroler Exil wandern. Martha wurde zwar nicht als Dienerin behandelt, aber doch auch nicht als Tochter angeſehen, und der ſtrenge Ja⸗ kob hatte eben keine beſondere Freude an ihr. Sie erin⸗ nerte ihn ſtets an ihre Schweſter Eleonore.— Dies nun waren die Leute, welche ſich eines ſchönen Frühlingstages in der Familie des Junkers Marr von Bübenhoven auf Schloß Fuggerau zuſammen gefunden hatten, und die der geſprächige Jakob Fugger an ſeiner wohlbeſetzten, gaſtfreundlichen Tafel bewirthete. Funßehntes Rapitel. Der Graf Torxillas beſuchte am folgenden Tage die Fug⸗ gerſchen Silberbergwerke im Innthale, für die er ſich als Metallurg vorzüglich zu intereſſiren vorgab, und denen jetzt Gebhard Diether theilweiſe vorſtund, da Georg Turzoin in Kremnitz ſehr nachdrücklich bei Jakob Fugger auf Die⸗ thers Entfernung beſtanden hatte, nachdem der alte Herr verrathen, daß ſein hier und da unverkennbar hervortre⸗ tendes Mistrauen von dieſem ſeinem Schützling, dem ſchlauen Oberſteiger und augsburger Stadtkind, geweckt worden ſei. Herr Jakob hatte nicht ausweichen können; Diether war ſeit einigen Monaten in den tiroler Silber⸗ bergwerken angeſtellt und beſaß noch immer das volle Vertrauen ſeines Herrn. Die Lore vom Haſenhofe, welche als Sibylla's Gürtelmagd mit nach Kremnitz gekommen, war ſeine Frau. Dieſen Mann, ſeinen alten Geſchäfts⸗ freund, ſuchte der vielgeſtaltige Zigeuner in den Bergwer⸗ ken auf. Als der lauernde Spanier fort war, von dem ſich alle Andern unheimlich berührt fühlten, ſaßen die . — Der König von Spanien. 235 deutſchen Männer, die ſich meiſt einander kannten, nach dem Mahle beim Becher zuſammen, und die Unterhal⸗ tung wandte ſich bald genug auf die Bewegungen, Wün⸗ ſche und Bedürfniſſe der Zeit. Das Jahr 1516 war für Deutſchland in geiſtiger Be⸗ ziehung ein ſehr merkwürdiges geweſen. Der Papſt hatte nämlich das in ihn geſetzte Vertrauen der vom neuen Licht der Wiſſenſchaft durchdrungenen Köpfe, der ſogenannten Humaniſten oder Anhänger des großen Reuchlin, getäuſcht, und es ging eine große Erbitterung durch ihre Seelen, eine Bewegung, ein Drang nach neuer Lebensgeſtaltung, wie er in Deutſchland eigentlich noch nicht zur Erſcheinung gekommen war. Und zu derſelben Zeit, zu Anfang des Jahres 1516, war ein Buch erſchienen, das wie ein Blitzſtrahl auf die Köpfe der ſtarren Pfaffenpartei, jener geiſtloſen Scholaſtiker, Anhänger der Lehre des Thomas von Aquino oder des Duns Scotus und danach ſchon ſeit zwei Jahrhunderten in Thomiſten und Scotiſten getheilt, herabgezuckt war, ein Buch ſo höchſt eigenthümlicher Art und Weiſe, daß die Literatur nichts Aehnliches aufzuwei⸗ ſen hatte. Es war in dem verdorbenen Mönchslatein oder Deutſchlatein verfaßt und enthielt fingirte Briefe der Häup⸗ ter jenes verdumpften und wie ein böſer Alp auf die Gei⸗ ſter drückenden ſcholaſtiſchen Pfaffenthums, welches vor⸗ züglich in Cöln am Rhein ſeinen Sitz hatte. Hier, un⸗ ter dem Dominikaner-Orden, war die alte ſcholaſtiſche Theologie bis zur widerſinnigſten Spitzfindigkeit und geiſt⸗ Der König von Spanien. loſeſten Sophiſtik herabgekommen. Von der chriſtlichen Lehre war ſo gut wie gar nichts übrig geblieben;an ihre Statt waren die abſtruſen Dogmen einer Theologie ge⸗ treten, die ihre Gelehrſamkeit einſt aus der unverſtande⸗ nen Philoſophie des Ariſtoteles geholt hatte, und ſich nun in den abenteuerlichſten, alle Freiheit des Geiſtes und der Forſchung frech verhöhnenden Lehren erging, für die ſie von Jedermann unbedingte Annahme und Befolgung mit pfäffiſchem Despotismus verlangte. Auf der andern Seite war von Italien und beſonders von Florenz, dem Her⸗ zogsſitz der erleuchteten Mediceer, welche die aus dem von den Türken eroberten griechiſchen Reiche geflüchteten Ge⸗ lehrten, die letzten Träger der klaſſiſchen Wiſſenſchaft, groß⸗ müthig aufgenommen und das faſt verlöſchende Licht ge⸗ pflegt und mit neuem Lebensöl verſehen hatten, der Geiſt des Humanismus nach Deutſchland herübergedrungen und hatte im Stillen eine nicht unbedeutende Anzahl Anhänger geworben. Zwei Männer waren es vorzüglich, welche die Hauptpfeiler der wiedererwachten humaniſtiſchen Studien wurden: Deſiderius Erasmus, 1467 zu Rotterdam gebo⸗ ren, der uneheliche Sohn eines für das Kloſter beſtimm⸗ ten jungen Mannes, und Johann Reuchlin, der Sohn eines Boten zu Pforzheim, 1455 geboren. Der Erſtere hatte die großen Schätze ſeines Wiſſens in Paris und Rom geſammelt und lebte eine Zeit lang hochgeehrt am Hofe Heinrich VIII. von England, aber allen weltlichen Glanz verſchmähend, zog er ſich nach Baſel zurück, um Der König von Spanien. 237 hier ſeine Werke drucken zu laſſen. Von ihm ging der erſte Stoß gegen die brutale ſophiſtiſche Gelehrſamkeit der Mönche aus. In ſeinem Buche Encomium Moriae(Lob der Narrheit) verſpottete er die Irrgänge der Dialektik, in denen ſich die Theologen gefangen hatten, die Trug⸗ ſchlüſſe, mit welchen ſie die Kirche zu ſtützen vermeinten, wie Atlas das Himmelsgewölbe, den Verdammungseifer, mit welchem ſie jede abweichende Meinung verfolgten, die Unwiſſenheit, den Schmutz, die rohen, zänkiſchen Predig⸗ ten und das tolle Treiben und Thun der Mönche; er griff die Biſchöfe an, die mehr nach Geld ſtrebten, als nach Seelen, und in theatraliſchem Aufzug als die verehrungs⸗ würdigſten heiligſten Väter Fluch oder Segen ſprechend, ihre Pflichten erfüllt zu haben glaubten; ja, er verſchonte den Papſt ſelber nicht, der für ſich das Vergnügen nehme, für ſein Amt aber die Apoſtel Peter und Paul ſorgen laſſe.— Die finſtere Pfaffenpartei wurde natürlich durch ſolche Angriffe auf die Humaniſten äußerſt erbittert; zum eigentlichen Ausbruch des Kampfes zwiſchen den beiden Parteien gab aber Reuchlin Veranlaſſung, der in Stutt⸗ gart als hoher und angeſehener Beamter des Herzogs von Würtemberg lebte. Der deutſche Ernſt faßte die neuentdeckte humaniſtiſche Wiſſenſchaft tiefer als die italieniſche Sinnlichkeit und machte bald den Verſuch, zwiſchen ihr und dem Leben eine Ver⸗ mittelung zu finden, woran in Italien Niemand gedacht hatte Hier gingen die Forſchungen der Wiſſenſchaft und 238 Der König von Spanien. das verdorbene, leichtſinnige, genußſüchtige Leben neben einander hin; ja, das Studium der Alten brachte der ſchrankenloſen Genußſucht die Raffinerie der Genüſſe, wäh⸗ rend es in Deutſchland gerade in entgegengeſetzter Rich⸗ tung auf die Veredlung des Lebens und auf ein würdi⸗ ges Verhältniß zur Religion hinarbeitete. In Italien be⸗ ſeitigten die humaniſtiſchen Studien bei den Gebildeten den letzten Reſt von Chriſtenthum; kein Gelehrter, der ſich mit den literariſchen Schätzen des Alterthums beſchäftigte, die eine ſo ſtarke Anziehungskraft beſaßen, glaubte mehr an die Satzungen der chriſtlichen Lehre; ſie waren Alle ganz und gar zu Heiden geworden, und der Papſt Lev X., der Sohn jenes die alte Literatur mit ſo großer Liebe pflegenden Hauſes Medieis und ſelbſt ein glühender Ver⸗ ehrer der helleniſchen Wiſſenſchaft, Poeſie und Kunſt, war der größte Heide. Er betrachtete die ſtarre Form der päpſtlichen Dogmen nur als Erwerbszweig, ſich die rei⸗ chen Mittel für die feinſten Lebensgenüſſe zu verſchaffen, wozu denn auch die Künſte und Wiſſenſchaften gehörten. Und alle gelehrten Römer und Italiener überhaupt, alle Künſtler und Dichter ſtimmten ihm bei. Es bildete ſich die Anſicht aus, das ganze hierarchiſche Gebäude der Kir⸗ che ſei für das religiöſe Bedürfniß der untern Schichten der Volksmaſſe eben ſo nothwendig, wie für den erhöh⸗ ten Lebensgenuß der obern. Das Volk wurde dadurch im Zaum gehalten und zahlte einen großen Theil ſeines Er⸗ werbs, um ſich Vergebung der Sünden und die ewige P Der König von Spanien. 239 Seligkeit zu erkaufen; die Herren aber regierten dadurch und verſchwelgten das Geld des Volks, indem ſie deſſen Dummheit und Aberglauben verlachten. In Deutſchland nahmen die durch die Wiſſenſchaften der Alten aufgeklär⸗ ten Geiſter dagegen bald Anſtoß an der ſtarren, ungenü⸗ genden Form des Kirchenweſens, welches freilich von herrſch⸗ ſüchtigen, in dumpfer Nachbeterei der ſcholaſtiſchen Lehren geiſtig verknöcherten Kleriker auf die äußerſte Spitze ge⸗ trieben war. Dieſe deutſchen Pfaffen und Mönche hatten keinen Begriff von dem leichtblutigen neuen Heidenthume in Rom, oder ſie fürchteten daſſelbe nicht, weil es die Kirchendogmen und die ſophiſtiſchen Behauptungen der Scholaſtik nicht nur nicht geführdete, ſondern dieſelben im Gegentheile ihres Vortheils wegen noch befeſtigte und den Einfluß derſelben auf das Volk noch beſtärkte; auf die in Deutſchland ſich ausbreitenden humaniſtiſchen Studien ſahen ſie aber ſcheel und feindeten ſie als Beförderungs⸗ mittel des Unglaubens an, weil ſie mit Recht von ihnen Angriffe auf die finſtern Satzungen der Theologie fürchten mußten. So hatten ſich in Deutſchland allmälig zwei Parteien gebildet, die der Humaniſten, ein kleines Häuflein, aber die erleuchteten Geiſter des Volks, welche immer mehr Anhang gewannen, und die Thevlogen, jene gewaltige Kleriſei, welche ſich auf den furchtbaren Aberglauben der großen Maſſe ſtützte und die tödtlichen Waffen der Kirchengewalt zur Hand hatte. Es mußte zwiſchen dieſen einander ſchroff gegenüber ſtehenden Parteien zum Kampf kommen, und 240 Der König von Spanien. es kam dazu. Die Veranlaſſung zum Ausbruch erſchien wie bei den meiſten großartigen Kämpfen, als unbedeutend. Ein getaufter Jude, Namens Pfefferkorn, ein eitler, dürf⸗ tiger Kopf und gemeiner, herrſchſüchtiger Menſch, ließ ſich von Rach- und Verfolgungsſucht gegen ſeine frühern Glau⸗ bensgenoſſen verleiten, im Bunde mit den fanatiſchen Dominikanern zu Cöln, die ihn bekehrt hatten, und vor⸗ züglich mit einem Haupte derſelben, dem ſtolzen, eigen⸗ füchtigen, wüthend hierarchiſchen Ketzerrichter und Schola⸗ ſtiker Jakob von Hochſtraaten, beim Kaiſer eine Vorſtellung zu machen, welche dahin zielte, daß den Juden außer dem Alten Teſtamente alle hebräiſchen Bücher, als die Quelle ihrer hartnäckigen Widerſetzlichkeit gegen die Lehren des Chriſtenthums, weggenommen und verbrannt würden, ein Plan, der früher ſchon einigemal in den finſtern Köpfen fanatiſcher Kleriker aufgetaucht war. Pfefferkorn war un⸗ verſchämt genug, den gelehrten Johann Reuchlin, den einen jener beiden größten und glänzendſten Sterne der Humaniſten, einen in ganz Europa wegen ſeiner gründ⸗ lichen Kenntniß der griechiſchen und hebräiſchen Literatur hochberühmten und von den Fürſten geehrten, vom Her⸗ zog Eberhardt von Würtemberg hochgeſtellten Mann auf⸗ zufordern, daß er mit ihm gegen die Judenbücher gemein⸗ ſame Sache mache, was Reuchlin natürlich mit Unwillen zurückwies. Der Kaiſer verlangte durch den Kurfürſten von Mainz ein Gutachten mehrer Univerſitäten und Sach⸗ verſtändigen, wobei Reuchlin nahmhaft gemacht war. * Der König von Spanien. 241 Dieſer reichte eine vorſichtige ruhige Schrift ein, worin er das Verbrennen der hebräiſchen Bücher aus angeführ⸗ ten guten Gründen widerrieth. Nun kam der Haß der Scholaſtiker gegen die Humaniſten zum Ausbruch und wendete ſich gegen das berühmte Haupt derſelben, den edlen Reuchlin, und machte ſich in den widerwärtigſten Gehäſſigkeiten Luft. Der Kaiſer hatte nicht den Muth, gegen die tobenden Dominikaner einzuſchreiten, und Reuch⸗ lin führte alſo ſeine Sache in einer klaren Gegenſchrift, worin er die wüthenden Fanatiker mit den Waffen der Wahrheit ſchlug. Dieſe Schrift führte den Titel„Augen⸗ ſpiegel“, im Hinblick auf Pfefferkorns ſchmachvolles Libell, „Handſpiegel“ genannt. Die theologiſche Fakultät veran⸗ ſtaltete eine Unterſuchung gegen Reuchlins„Augenſpiegel“, in welcher die Abſicht klar hervortrat, das Buch als ein ketzeriſches zu verdammen und dem Verfaſſer Ehre und Leben zu rauben. Reuchlin, dadurch eingeſchüchtert, that Schritte zur Verſöhnung und bemühte ſich zu zeigen, daß er durchaus den Satzungen der Kirche ſtreng ergeben ſei; dadurch wuchs dem fanatiſchen Klerus der Muth; die Fakultät verlangte unbedingten Widerruf. Dazu konnte ſich Reuchlin nicht verſtehen; er vertheidigte ſich gründlich, bitter, heftig und deckte die Ränke und Schliche, die Heimtücke, die abgeſchmackten widerſinnigen Beſchuldigun⸗ gen und die grobe Unwiſſenheit ſeiner Gegner ſchonungs⸗ los auf. Dies war im Jahre 1513, nachdem der Streit ſchon faſt fünf Jahre gedauert hatte. Der ſchwache Kai⸗ Ein deutſcher Leinweber. V. 16 242 Der König von Spanien. ſer wußte ſich nicht anders zu helfen, als beiden Parteien Stillſchweigen zu gebieten; denn der Streit machte das größte Aufſehen, und die ganze gelehrte Welt Deutſchlands* nahm ſtille Partei. Marimilian haßte die dummen Pfaffen, verabſcheute das widerwärtige Regiment des Klerus und gönnte den Finſterlingen eine Niederlage, aber er ſelbſt hatte nicht Kraft genug, entſchieden gegen dieſe Hyder aufzutreten, aus Furcht vor Bann und Interdict oder aus Charakterſchwäche überhaupt. Jetzt trat der wüthende Ketzerrichter Hochſtraaten in den Vordergrund. Dieſer Menſch voll unbändiger Leiden⸗ ſchaften, Stolz, Herrſchſucht, glühender Rachgier gegen Alle, die nur Miene machten ſich ſeiner Schreckensherr⸗ 3 ſchaft zu widerſetzen, voll raſender Feindſchaft gegen alle Aufklärung und ihre Träger und ſtets bereit zur Erreichung ſeiner ſelbſtſüchtigen Zwecke, Wahrheit, Recht, Tugend und Religion mit Füßen zu treten, zog jeden wiſſen⸗ ſchaftlichen Streit geſchickt in das Gebiet des Glaubens und der Kirche, ſpürte den entfernteſten Verdacht von Ketzerei auf und nahm, wenn ihm ſeine ſpitzſindige Dia⸗ lektik im Stiche ließ, gleich mit deſto größerm Nachdruck zu Bann und Scheiterhaufen ſeine Zuflucht. Er hatte unter Mönchen und Pfaffen einen ungeheuern Anhang,„ ein Heer wüthender Finſterlinge, zur Ehre Gottes und k der Kirche, zu jeder Schändlichkeit, zu jedem Ver⸗ brechen bereit. Ihren Bildungsgrad bezeichnet die Aeußerung eines ſolchen Schächers, der gegen die Huma⸗ Der König von Spanien. 243 niſten predigte:„Sie haben eine neue Sprache erfunden, die Griechiſch heißt, vor der man ſich wohl zu wahren hat; ſie iſt die Mutter aller Ketzereien. Ich ſehe in den Händen vieler Leute ein Buch, ſo ſie das Neue Teſtament nennen; es iſt ein Buch voll Dornen und Gift. Vom Hebräiſchen, lieben Brüder, iſt es gewiß, daß Alle, die es lernen, alsbald Juden werden.“ Mit einem Haufen ſolcher wackern Männer begab ſich Hochſtraaten im Herbſt 1513 nach Mainz, um ein Ketzer⸗ gericht zu halten, vor welches er Reuchlin eitirte, gegen den er ſelbſt als Ankläger auftrat, und der durch einen Bevollmächtigten Proteſt gegen das rechtloſe tumultuariſche Verfahren und Appellation an den Papſt einlegen ließ. Das mainzer Domkapitel verwendete ſich für Reuchlin; der Erzbiſchof verlangte Aufſchub. Hochſtraaten kehrte ſich an nichts; er ließ ein Urtheil ſprechen, nach welchem der „Augenſpiegel“ als ein ketzeriſches Buch öffentlich ver⸗ brannt werden ſollte. Jedem Zuſchauer der Vollſtreckung des Urtheilſpruchs wurde ein dreihunderttägiger Ablaß zu⸗ geſagt. Ein erzbiſchöflicher Befehl verhinderte die Aus⸗ führung der Schandthat. Reuchlins Appellation an den Papſt wurde angenommen. Der wuthſchäumende Hoch⸗ ſtraaten appellirte gleichfalls an den Papſt. Dieſer ernannte den Biſchof von Speier zum Schiedsrichter. Der Ketzer⸗ richter erkannte das biſchöfliche Gericht nicht an und ließ von einem zu Köln errichteten Inquiſitionstribunal den „Augenſpiegel“, als ketzeriſch verurtheilen und verbrennen. 16* 244 Der König von Spanien. Die theologiſche Fakultät bewies, daß es mit Recht ge⸗ ſchehen ſei; die Sorbonne, die theologiſchen Fakultäten zu Löwen, Mainz und Erfurt beſtätigten das Urtheil und verdammten Reuchlins Buch. Das biſchöfliche Gericht zu Speier verurtheilte dagegen im Frühling 1514 Reuchlins Ankläger, als lügneriſche Verläumder bei Strafe des Bannes zu ewigem Stillſchweigen und Hochſtraaten zur Bezahlung der Proceßkoſten. Hochſtraaten verlachte das Urtheil und forderte vom Papſt die Kaſſation deſſelben. Nun war aber im März 1513 ein Mediceer, ein Humaniſt Papſt geworden. Leo X. übertrug Unter⸗ ſuchung und Entſcheidung dem gelehrten und freiſinnigen Cardinal Grimani, der die Parteien vor ſeinen Richter⸗ ſtuhl einlud. Dieſes Verfahren verſetzte die Kölner in äußerſte Wuth; ſie ſchimpften Grimani ſelbſt einen gott⸗ loſen Ketzer und droheten, wenn der Spruch gegen ſie ausfalle, vom Papſt und der römiſchen Kirche abzufallen, und beſtritten jeden päpſtlichen Beſchluß wider ſie als un⸗ gültig; ja ſie waren tollkühn genug, die Rechtmäßigkeit eines Papſtes, der gegen ſie entſcheiden würde, ſelbſt in Zweifel zu ſtellen. Und ſie fürchteten mit Recht eine ſolche Entſcheidung; denn Leo war ja der freigebige Ver⸗ ehrer der Humaniſten und ihrer Wiſſenſchaft; er war ja ein Mediceer, von welchen das verhaßte Licht zuerſt ausge⸗ gangen war. Alle Freunde Reuchlins— und er zählte ihrer ſchon viele in Deutſchland, und alle hellen und wiſ⸗ ſenſchaftlich gebildeten Köpfe gehörten zu ſeiner Partei— „— Der König von Spanien. 245 wendeten den Blick hoffnungs- und vertrauensvoll nach Rom. Leo X. wurde von ihnen vergöttert. Die Frage über Sein oder Nichtſein der hebräiſchen Literatur war ganz in den Hintergrund getreten. Der Streit galt jetzt: ob das neue Licht der Wiſſenſchaft von der ſcholaſtiſchen, hochmüthigen, unduldſamen Theologie, dem fanatiſchen Pfaf⸗ fen⸗ und Mönchthum wieder ausgelöſcht und auf die vielverſprechende Morgenröthe Stockſinſterniß in Deutſch⸗ land herrſchen, oder ob der Geiſtestag über die Nacht ſiegen ſollte. Der Ruuchliniſtenbund wuchs von Tag zu Tag, die berühmteſten Namen Deutſchlands gehörten ihm an, und ſie traten immer enger zuſammen. Am kaiſer⸗ lichen Hofe, an den zahlreichen Fürſtenhöfen, weltlichen und geiſtlichen, an den Univerſitäten, in den Domkapiteln, in den Reichsſtädten zählte Reuchlin eine Menge Anhän⸗ ger, die ſämmtlich mehr oder minder dem Fortſchritt und der Freiheit der Wiſſenſchaft huldigten, wenigſtens dem Rückſchritt und der Herrſchaft des finſtern Mönchthums abgeneigt waren. Wie in den untern Volksſchichten der Drang nach politiſcher Freiheit, nach Erlöſung vom uner⸗ träglichen Druck der Herren und Pfaffen, der Blutſauger, ein allgemeiner war, und die Maſſen des aufgeregten Landvolks vertrauensvoll auf den Kaiſer, als ihren Retter und Beſchützer ſahen: ſo blickten die obern Schichten der Geſellſchaft, die erleuchteten Geiſter, die ſich nach Geiſtes⸗ freiheit und nach dem Lichte der Wiſſenſchaft ſehnten, auf den Papſt. Der Kaiſer hatte einſt verſprochen ein Volks⸗ 246 Der König von Spanien. beſchützer zu werden; er haßte die übermüthigen Fürſten, den geldgierigen Adel, die ſündenvolle Pfaffheit. Der Papſt war ein begeiſterter Pfleger der Wiſſenſchaft und ein Freund ihrer Anhänger. Und Marimilian täuſchte das Volk, Leo täuſchte die Lichtfreunde. Deutſchland ſtand auf dem Punkte, ſich aus langer Schmach kräftig empor zu arbeiten; es gährte gewaltig in allen Gemüthern die Schwäche des Kaiſers, der Eigennutz des Papſtes betro⸗ gen die Bewegung um ihre höchſten und ſchönſten Erfolge. So groß erſt die Begeiſterung der deutſchen Humaniſten für den neuen hochgebildeten Papſt, ſo ausſchweifend die Hoffnungen geweſen waren, die ſie auf ihn geſetzt, ſo hatten ſich doch allmälig klarere Anſichten über ihn ver⸗ breitet, und am Ende des Jahres 1516 waren die deut⸗ ſchen Forſcher klar, daß der Papſt die Studien der Alten zu ganz andern Zwecken unterſtütze, als ſie in Deutſchland betrieben wurden, und daß die Frivolität des Lebens, ſtatt von ihnen, wie in Deutſchland verdrängt und in einen edlen ſittlichen Ernſt verwandelt, durch ſie nur noch höher getrieben und bis zur zügelloſeſten Genußſucht, der nichts mehr heilig und ehrwürdig, zugeſpitzt worden war. Der Streit wurde von der päpſtlichen Commiſſion nicht entſchieden, obgleich die Mehrzahl der Beiſitzer auf Reuch⸗ lins Seite war. Der Papſt wollte und konnte die Domi⸗ nikaner nicht verdammen; denn er brauchte wieder große Geldſummen, und dieſe mußten ihm die Dominikaner, die privilegirten Ablaßkrämer, in Deutſchland auftreiben. ——— * ——— — Der König von Spanien. 247 Es erſchien eine päpſtliche Bulle, worin befohlen war, daß der Streit beigelegt ſein ſolle. Jetzt ſchloſſen ſich die Reuchüniſten noch enger an einander an; ſie begriffen, daß ſie auf ſich ſelbſt gewieſen waren. Bislang hatte Reuchlin allein auf dem Kampfplatz geſtanden gegen ein Heer wüthender Obſeuranten; ſeine Freunde blieben im Hintergrunde. Sie waren miteinan⸗ der durch eine eifrige Correſpondenz verbunden. Einer der feurigſten war der junge Dichter Ulrich von Hutten. Schier von Kindheit an hatte dieſer geniale Kopf ein wildbewegtes abenttuerliches Leben geführt, wozu alle jene Kraftnaturen verdammt ſind, welche in die Nacht des Wahns und alter Vorurtheile die Brandfackel des Genies ſchleudern, wodurch der ſchlaue Egoismus in ſei⸗ nen behaglichen Genüſſen, in ſeiner bequemen Herrſchaft über die allgemein verbreitete Dummheit geſtört wird. Hutten war ein Dichter im modernen Sinne des Worts, ein kühner Weltſtürmer, ein Mann des gewaltigen Wor⸗ tes, dem er gern das Schwert beigeſellt hätte, unruhig und excentriſch, und darum durch die Länder geſchleudert wie ein Spielball. Erſt ſiebenundzwanzig Jahre alt, war ſein Dichterruhm doch ſchon durch ganz Deutſchland ge⸗ drungen und erhielt durch eine Greuelthat des zügelloſen Herzogs Ulrich von Würtemberg ein bedeutendes Relief. Dieſer nur ſeinen wilden Genüſſen lebende junge Fürſt, hatte ſich nämlich in die Frau ſeines Dienſtmannes Johann von Huttens verliebt, wodurch ein geſpanntes Verhältniß 248 Der König von Spanien. entſtand, welches im Jahr 1515 dahin führte, daß der leidenſchafttolle Herzog den Johann von Hutten auf der Jagd im Beblinger⸗Walde meuchlings erſchlug. Dieſe Schandthat regte alle beſſern Gemüther in Deutſchland auf, und Ulrich von Hutten ſchleuderte die Ergüſſe ſeines edlen Zorns in Gedichten, Reden und Briefen in die Welt. Alle dieſe Aeußerungen eines empörten Herzens wanderten als Manuſecripte bei den vorzüglichſten deutſchen Humaniſten herum; gedruckt wurden ſie erſt ſpäter(in den Jahren 1517— 1519). Zu gleicher Zeit machte ein treff⸗ liches Gedicht Encomium Reuchlini(das Lob Reuchlins), auch im Manuſeript die Runde bei den Reuchliniſten, für deſſen Verfaſſer man ebenfalls Hutten hielt; und endlich erſchienen zu Anfang des Jahres 1516 jene Epistolae obscurorum virorum(Briefe der Dunkelmänner), welche die Kölner Theologaſter und Philoſophaſter dem Gelächter der Welt Preis gaben. Mit dieſem berühmten Buche waren die zelotiſchen Scholaſtiker geſchlagen, und ihre Nie⸗ derlage war ärger, als wenn ſie der Papſt zu Ende des Jahres verdammt hätte. Dieſe im Namen der Obſcuran⸗ ten geſchriebenen Briefe und mit ihren wirklichen Namen unterzeichnet, waren eben keine feinen Satyren und poetiſche Ergüſſe, aber ſie waren voll Wahrheit mit ſtark aufge⸗ tragenen Farben, wie es die Zeit und der Gegenſtand verlangten, mit groben und kräftigen, aber treffenden Pin⸗ ſelſtrichen. Der dumme, tölpiſche, genußſüchtige, alle ſcholaſtiſchen Albernheiten vergötternde, alle Vernunft fana⸗ —, . Der König von Spanien. 249 tiſch haſſende deutſche Pfaffe ſchildert ſich darin ſelbſt und die ſchmutzigen und anſtößigen Situationen, in die er geräth. Und die Sprache, das gräulige Deutſchlatein, in welchem dieſe Pfaffen Virtuoſen waren, führte die Satyre auf die Spitze. Alle Freunde des Lichts jubelten, alle Freunde der Finſterniß ſchäumten vor Wuth. Ueber die Autorſchaft des Buches erhob ſich großer Streit. Die Meiſten ſchrieben ſie Ulrich von Hutten zu, weil er in Köln ſtudiert und dort die Originale ſelbſt kennen gelernt hatte, und weil man dieſe Schelmerei nur einem jungen feurigen Genie, wie er war, zutrauen zu dürfen glaubte. Doch rieth man auch auf Andere und kam bald zu der Anſicht, daß die Briefe mehre Verfaſſer haben möchten. Als einer derſelben wurde auch der berühmte Nürnberger Patrizier Willibald Pirkheimer genannt. Und gewiß war, daß Pirkheimer einer der erſten Reuchliniſten und Huma⸗ niſten war und mit Ulrich von Hutten in engem briefe lichen Verkehr ſtand.— Auch Konrad Peutinger von Augs⸗ burg gehörte dem Reuchliniſtenbunde an, wenn er auch nicht ſo im Vordergrunde ſtand, wie ſein Freund Pirkheimer. Ueberhaupt zählten die Humaniſten in den beiden Reichs⸗ ſtädten Nürnberg und Augsburg ſehr viele Anhänger. War doch der berühmte und einflußreiche kaiſerliche Geheime Rath Matthäus Lang, Cardinal und Biſchof von Gurk, der vor⸗ nehmſte aller lebenden Söhne Augsburgs, ſelbſt Freund und Anhänger der humaniſtiſchen Studien. Das bunt bewegte Leben der Reichsſtädte weckte, hob und kräftigte die Geiſter. 250 Der König von Spanien. Als nun Jakob Fugger die beiden Gelehrten zu ſich nach Fuggeran einlud, um ſeine Bibliothek zu ordnen und aufzuſtellen, hegte er den geheimen Wunſch, ſich von ihnen über die Bewegungen in der geiſtigen Welt, denen er, als ſo viel beſchäftigter Kaufmann nicht die volle Aufmerſamkeit hatte ſchenken können, unterrichten zu laſſen. Denn wenn auch ein ergebener Freund des Papſtes und der Geiſtlichkeit, verachtete Fugger doch die Dummheit und brutale Anmaßung der Pfaffen. Er wollte ſich mit ſeinen gelehrten Freunden über den Lauf und die Dinge der heutigen Welt einmal mit Muße zu beſprechen. Und dies war ein Hauptgrund, weßhalb er ſich auf ſein ſchönes neues Schloß nach Tirol zurückgezogen hatte. Sechszehntes Rapitel. Die Unterhaltung an Fuggers Tafel entſpann ſich beim Becher bald lebhaft und ging von dem Lobe des Schloſ⸗ ſes und ſeiner reizenden Lage auf die Zeitintereſſen über. Die nächſte Veranlaſſung dazu gab, daß der Markgraf Johann auf Befragen Albrecht Dürers erklärte, er ſei vom König Karl von Spanien durch glänzende Verſprechungen gewonnen, in deſſen zahlreichem Gefolge die Reiſe nach Spanien mit zu machen, und werde ſich zu dieſem Behufe ſogleich an den Hof nach Brüſſel begeben, ſobald er die täglich erwartete Aufforderung erhalten werde. „Es ſind wieder beſſere Nachrichten aus Spanien ein⸗ gelaufen,“ ſagte Fugger.„Der alteaſtiliſche Adel und die Städte haben ſich beruhigt, wenn auch gerade nicht mit dem Cardinal Pimenes vertragen, und er iſt klug genug, die Saiten nicht höher zu ſpannen. Beide Parteien war⸗ ten nun ſehnſüchtig auf die Ankunft des Königs, und lei⸗ der ſcheint ſich die Abreiſe deſſelben immer noch hinauszu⸗ ziehen.“ 252 Der König von Spanien. „Woran es nur liegen mag, daß der junge König immer und immer noch zögert, ſich in ſein Erbreich zu verfügen?“ fragte Pirkheimer. „An wem ſonſt, als an den niederländiſchen Herren,“ verſetzte Frundsberg.„Da werden allerlei abgefeimte Praktiken geübt, um den jungen Herrn zurückzuhalten. Am liebſten ließen ſie ihn gar nicht fort und regierten Spanien, Neapel, Sicilien und die neue Welt von Brüſ⸗ ſel und Gent aus. Das würde Herrn von Chievres und dem Kanzler Salvar ohne Mühe viel Geld einbringen. Aber die Spanier ſollen auf dieſe Niederländer ſchon ſehr erbittert ſein, und wenn König Karl nicht eilt, ſo kann es doch noch kommen, daß ſie ſeinem Bruder Ferdinand die Krone aufs Haupt ſetzen. Und was würde daraus entſtehen, als ein böſer Krieg, in welchem wir Deutſche die Haut wieder zu Markt tragen müßten. Wer aber würde dabei gewinnen? Gott's Tod! Niemand weiter als der junge und pfiffige Franzoſenkönig, der nur auf dieſe Gelegenheit wartet.“ „Gott woll' uns vor Schaden bewahren!“ ſeußzte Fugger.„Käm' es zu ſolch böſem Krieg, ſo könnte leicht im deutſchen Reiche Alles drunter und drüber gehen. Zö⸗ gen die wehrhaften Männer nach Spanien, und gäb's mit Frankreich wieder neue Händel, ſo würde wohl gar das rebelliſche Bauernvolk das Haupt wieder erheben und Herr im Lande werden. Dann Gott Gnade allen guten Chri⸗ ſten, die nicht hinter dem Pfluge hergehen.“ Der König von Spanien. 253 „Liebe Herren und Freunde,“ nahm Peutinger das Wort,„wir leben in einer wunderlichen Zeit, wie ſie unſere Väter und Großväter nicht gehabt haben. Es iſt Friede in den Ländern, es iſt Ruhe im deutſchen Reiche. Nun ſollte man meinen, der Friede bringe goldene Früchte; Jedermann, vom Kaiſer bis zum Bauer herab, müſſe ſich im häbigen Wohlſtande und in guter Zufriedenheit befin⸗ den. Aber gerade das Gegentheil findet ſtatt. Kein Stand, kein Menſch iſt mit den Dingen zufrieden, wie ſie ſind; denn nicht einmal die Fürſten und großen Edelleute und die vornehme Pfaffheit iſt es, die doch im Rohre ſitzen und Pfeifen ſchneiden. Jedermann ſagt, es muß anders werden, wenn es gut ſein ſoll, und in Allen lebt das lebendige Gefühl, daß der Welt irgend eine große Veränderung bevorſteht, aber Niemand weiß anzugeben, wie dieſe Veränderung eigentlich beſchaffen ſein ſoll.“ „Ihr habt wohl geſprochen, Herr Konrad!“ ließ ſich Fugger wieder vernehmen.„Aber fürwahr, ich ſollte meinen, es ſei nicht ſo ſchwer zu begreifen, wie den Völ⸗ kern deutſcher Nation gründlich zu helfen ſei.“ All Un⸗ glück iſt daraus entſprungen, daß die Fürſten und Stände des Reichs dem Kaiſer, ihrem von Gott eingeſetzten Herrn und Oberhaupte, den Purpurmantel gewaltſamer oder liſti⸗ ger Weiſe entriſſen und ſich in die Fetzen deſſelben getheilt haben. Jeder hat davon ſo viel als möglich zu erbeuten geſucht, und Jeder will nun Kaiſer in ſeinem Lande ſpie⸗ len. Jeder denkt nur an ſich und ſeinen Vortheil; dem 254 Der König von Spanien. Kaiſer aber, der das Wohl des ganzen Reichs will, ſind ſie ungehorſam und ſetzen ihm wohl gar Hohn und Spott entgegen. Könnte der Kaiſer wieder die alte Macht und Herrlichkeit beſitzen, ſo würde Alles gut gehen. Der Fürſt ſoll in ſeinem Lande nichts mehr ſein, als der Bürger⸗ meiſter von Augsburg in der Stadt, ein Beamter, ein Vogt des Kaiſers. Der Kaiſer muß den Ständen be⸗ fehlen und ſie nicht bitten; er muß die Macht haben, ſie zu ſeinem Willen zu zwingen. Aber jetzt heißt's: viel Köpfe, viel Sinne; Jeder thut, was ihm gut dünkt, und weder der ewige Landfriede, noch der ſchwäbiſche Bund helfen uns was Rechtes. Die großen Herren ſchalten nach Gutdünken in ihren Ländern und können nicht reich und mächtig genug werden; die kleinen ſchinden die Bauern, oder plündern und rauben auf der Landſtraße.“ „Ja, gebt dem Kaiſer ſo viel Reichthum und Macht,“ lachte Frundsberg bitter,„daß er ſich für ſeine Befehle den Gehorſam erzwingen kann, gebt ihm ein Heer von ein paar mal hunderttauſend Mann, gebt ihm ein großes reiches Land zu eigen, wovon er dieſes Heer erhalten und Gnaden ſpenden kann, und Ihr mögt das böſe Weſen bei uns wenigſtens zur Hälfte gebeſſert haben—“ „Euer Wort in Ehren,“ unterbrach der baieriſche Rath von Bemmelberg den Feldherrn„aber ich muß Euch zu bedenken geben, daß ein Kaiſer mit ſolcher Macht das deutſche Reich bald in größeres Elend führen würde, als das jetzige in Wahrheit iſt. Wer wollte einem ſo güti⸗ ——— Der König von Spanien. 255 gen Herrn, wie Kaiſer Maximilian, nicht die größte Macht gönnen, damit er ungehindert all ſeine edlen Abſichten durchſetze? Aber wer bürgt uns, daß nicht der nächſte nach ihm gewählte Kaiſer ſchon nicht ſo reine Geſinnung, nicht ſo edle Abſichten habe? Ein Kaiſer von ſchlechterm Herzen und zum Despotismus neigend, verführt von ſei⸗ ner großen Macht, würde keinen Widerſpruch der Stände dulden, er würde ſie zu Schatten herabwürdigen, ja ganz und gar aufheben, er würde das Kaiſerthum in ſeinem Hauſe erblich machen, und es würde mit der Zeit wer— den, was das morgenländiſche Kaiſerthum in Conſtanti⸗ nopel war. Gerade die aufkommende Macht der Fürſten iſt es, welche in Deutſchland eine ſo vielſeitige Entwicke⸗ lung hervorgerufen hat, wie ſie kein zweites Land in Eu⸗ ropa beſitzt. Mag im Ganzen auch manches Wünſchens⸗ werthe nicht ausgeführt werden, mögen die Stände den Kaiſer nicht immer unterſtützen, wie ſie ſollten, dafür ſchaffen ſie im Einzelnen in ihren Ländern deſto ſegens⸗ reicher, und unter ihrer Obhut vermiſſen die Unter— thanen ein nachdrücklicheres Kaiſerregiment nicht. Durch ſeine Fürſten wird Deutſchland zur Blüthe kommen, und es wird eine hundertfältige Blüthe ſein. Wozu aber der Kaiſerdespotismus führt, haben wir in Conſtantinopel ge⸗ ſehen, zum innern Verfall, zur Schwäche nach außen.“ „Ich hätte nichts gegen Eure Meinung,“ verſetzte Frundsberg,„wenn die Fürſten mehr zuſammenhielten, d. h. wenn ſie ſich in allen guten das Reich fördernden 256 Der König von Spanien. Dingen mit dem Kaiſer einigten. Damit wäre wenig⸗ ſtens im weltlichen Regiment Ordnung und Recht ge⸗ wonnen. Wir könnten innen ſtark und mächtig nach außen werden. Wir hätten den rohen Türken ſchon längſt beſiegt. Freilich wäre auch damit die unſelige Pfaffen⸗ macht in Deutſchland noch nicht gebändigt und auf das rechte Maß zurück geführt. Und ſie iſt die ſchlimmſte Sa⸗ che von allen. Von Rom und den Pfaffen kommt uns das größte Unheil.“ „Ihr ſeid ein tüchtiger Kriegsmann, und dieſe halten ſelten viel von der Kleriſei,“ ſagte Fugger.„Und kein verſtändiger Menſch kann ableugnen, daß von unwiſſen⸗ den und böswilligen Pfaffen viel Unheil ausgeht. Aber dies kann dem Kirchenregiment, wie es ſein ſoll, nicht zur Laſt gelegt werden. Auf Erden kann nicht allein weltliches Regiment beſtehen, das göttliche Regiment muß noch darüber ſein. Der Papſt iſt der Statthalter Chriſti auf Erden, und Chriſtus iſt der König aller Könige, ihm gehört alle Herrſchaft im Himmel und auf Erden; denn er iſt der Sohn, der mit dem Vater und dem hei⸗ ligen Geiſte Eins iſt, alſo Gott ſelbſt. Und er iſt auf die Erde herabgekommen, um die Menſchen von allen Sünden zu erlöſen und zur ewigen Seligkeit geſchickt zu machen. Dem Sankt Peter hat er das Amt der Schlüſ⸗ ſel übergeben, zu binden und zu löſen. Der Papſt aber iſt Sankt Peters Nachfolger und alſo der höchſte Herr auf Erden; ihm muß der Kaiſer unterthan ſein, dem Kaiſer Der König von Spanien. 257 die Fürſten, den Fürſten der Adel, die Bürger und die Bauern. Alſo will es die Ordnung und das Recht. Und wenn von Jedermann Recht und Ordnung gehand⸗ habt würden, ſo führten der Papſt und die Kleriſei das göttliche Regiment, der Kaiſer und die Stände das welt⸗ liche auf Erden, und männiglich wurde ſich dabei wohl befinden.“ „Die Regel und Lehre nimmt ſich gar wohl aus, zumal aus einem Munde, wie der Eurige, Herr Fug⸗ ger,“ antwortete Frundsberg,„aber in der Anwendung geſtalten ſich die Dinge ganz anders. Wie nennt Ihr das, Ihr gelehrten Herren?“ wandte er ſich zu Peutin⸗ ger und Pirkheimer. „Theorie und Praxis,“ verſetzte der Erſtere. „Nun ſeht, in der Praris iſt der Papſt ein Menſch und nichts weniger als gleich unſerm Herrn Chriſtus oder auch nur dem Sankt Peter. Ach hilf Gott! was haben wir ſelbſt von den Päpſten erleben müſſen! Denkt nur an den Borgia. Hat es wohl auf Erden einen gräuli⸗ chern und entſetzlichern Sünder gegeben? Ein Verbrecher war er, der Galgen und Rad hundertmal verdient. Soll nun ſolch ein Menſch der oberſte Herr und Richter auf Erden ſein? Da ſei Gott vor, daß der Teufel freie Macht über uns Alle gewänne! Und wenn der jetzige Papſt auch kein ſo ſchlimmer Mann iſt, ſo will mir doch ſeine Wirthſchaft auch nicht ſonderlich gefallen. Nehmt mir's nicht übel, Herr Fugger! Ihr ſeid von Sr. Heiligkeit zum Ein deutſcher Leinweber. V. 17 258 Der König von Spanien. päpſtlichen Ritter und lateraniſchen Grafen ernannt, aber ich kann mir nicht helfen, Euch unumwunden zu ſagen, daß ich nichts Heiliges am heiligen Vater finden kann. Es iſt löblich von ihm, daß er die Maler, Steinmetzen, Poeten und gelehrte Männer beſchützt und reichlich unter⸗ ſtützt, und Herr Albrecht Dürer, Herr Konrad Peutinger und Herr Willibald Pirkheimer werden gern mit mir in ſein Lob einſtimmen, aber er lebt in Saus und Braus; Banket und Tanz und Spiel, Jagd und Prunkgelag, Feſt⸗ ritt und Frauendienerei füllen am päpſtlichen Hofe einen und alle Tage aus, und von der Kirche Chriſti iſt dort ſo wenig die Rede, wie zu Zeiten des Tiberius und Nero. Zu all dem Prunk und der Pracherei, zu der Luſt und Hoffarth bedarf der Papſt viel Geld, und das pflegt er ſich bekanntlich zumeiſt aus dem deutſchen Reiche holen zu laſſen. Man merkt's ihm an, daß er aus dem reichen Wechslerhauſe der Mediceer in Florenz ſtammt, er weiß ſich gute Geldquellen zu eröffnen, und der Ablaß- und Indulgenzenkram bringen ihm hübſche Summen ein.“ „Ihr vergeßt, daß die Ablaßgelder für den Ausbau der Peterskirche beſtimmt ſind,“ ſagte Fugger etwas her⸗ abgeſtimmt. „Ja das iſt das Vorgeben und der Vorwand; in Italien weiß man das Ding beſſer. Da ſagt man offen: zum Bau der mediceiſchen Palläſte und zur Ausſteuer der Schweſter des Papſtes, der Prinzeſſin Cibo ſeien die Ab⸗ laßgelder beſtimmt und würden mit nichten zu geiſtlichen Der König von Spanien. 259 Zwecken verwendet. Das deutſche Reich aber wird von den Pfaffen und Ablaßkrämern ausgeſogen bis auf die Gräten.“ „Ihr ſeid ein hitziger Eiferer,“ nahm jetzt der junge Markgraf lächelnd das Wort.„Aber Ihr müßt doch zu⸗ geben, daß dem Papſte die göttliche Macht zuſtehet, die Sünden zu vergeben und die Gnade des göttlichen Bluts Allen theilhaftig zu machen. Nun können aber nichtAlle die Reiſe nach Rom unternehmen, um ihr Seelenheil durch Einlegen ihres Almoſens in den Gotteskaſten wahrzuneh⸗ men. Da kommt der Papſt den Gläubigen liebevoll ent⸗ gegen und ſendet ſeine Boten aus in alle Lande der Chriſtenheit, wie der Heiland ſeine Apoſtel ausſandte, um das Bedürfniß der gnadendurſtigen Seelen zu befriedigen. Die eingegangenen Gelder werden aber nur zu gottſeligen Werken verwendet, und ſagen die italieniſchen Schelme anders, ſo lügen ſie, wie es ihre Art iſt.“ „Gemach, mein gnädiger Herr!“ fuhr Frundsberg auf.„Was ich mit eignen Augen ſehe, mit eignen Oh⸗ ren höre, das glaubt mein Herz. Und ich ſah überall die Schandbüberei des Klerus, der von Rom aus nicht gewehrt wird; ich hörte, daß der Papſt für Geld von allen Sünden und Miſſethaten, und wenn es die gräulich⸗ ſten und entſetzlichſten Verbrechen ſind, für Geld dispen⸗ ſirt, daß er von allen weltlichen und geiſtlichen Strafen freiſpricht, ja ſogar von Bann und Interdiet. Ich kann hingehen und den Kaiſer vergiften, daß er eines jämmer⸗ 260 Der König von Spanien. lichen Todes dahin fährt, der Papſt entfündigt mich für ein Stück Geld. Ich kann meinen Vater erſchlagen, ich kann mit meiner Mutter, mit meiner Tochter, mit mei⸗ ner Schweſter Unzucht und Blutſchande treiben, der Papſt vergibt mir die Sünde für Geld. Ich kann die Stadt mit Feuer anrennen, daß ſie zum Aſchenhaufen wird, worin Tauſende elendiglich umgekommen ſind, der Papſt will meine Seele rein waſchen für ein paar Goldſtücke. Iſt das nicht der ärgſte Gräuel vor Gott und den Menſchen? Wahrlich, man muß Gottes weiſe Fürſorge bewundern und anbeten, daß ſie der Leute Natur und Art alſo gut geſchaffen hat, daß nicht größere Sünden und Verbrechen geſchehen. Denn wenn ſie des Papſtes Lockungen folg⸗ ten, ſo wäre kein Reicher und Vornehmer ſeines Lebens mehr ſicher. Sie würden hingehen und Alles todtſchla⸗ gen und Geld und Gut rauben, wovon ſie dann dem Papſte einen Theil abzahlten, wofür er ihnen durch ſeine Commiſſaire mittels eines Stückleins Papier alle Sünden⸗ ſchuld vergäbe und ſie ſo rein und unſchuldig machte, als wären ſie eben aus dem Mutterſchvoſe hervorgegangen, oder ſäßen noch im Paradieſe.“ Ihr habt recht, Herr Georg!“ rief jetzt Pirkheimer und reichte dem ehemaligen Kriegskameraden die Hand, „wenn Ihr auch die Sache haarſcharf nehmt und auf die Spitze ſtellt. Was will man den Bauern thun, die da aufſtehen und die Edelleute und Vögte todtſchlagen? was will man den Bürgern anhaben, die ihr Regiment ver⸗ Der König von Spanien. 261 jagen und hängen und köpfen? Was wollt Ihr die Edel⸗ leute ſonderlich ſchelten, die hinterm Buſch liegen und dem Handelsmann die Taſchen umkehren? Sie Alle können Ab⸗ laß kaufen für wenig Geld.“ „Was wollt Ihr ſagen zu der gräulichen Unverſchämt⸗ heit der Ablaßprediger,“ nahm Peutinger die Rede auf— „Es ſind nun vier Jahre her, als ein Ablaßkrämer, der Dominikanermönch Johann Dietze, auch Tetzel genannt, aus Sachſen, ein frecher Hurer, Säufer und Spieler, hierher nach Tirol kam und in Inſpruck predigte und ſei⸗ nen Kaſten aufſtellte. Der Kaiſer war dazumal hier und hatte mich zu ſich beſcheiden laſſen. Der frevelhafte Mönch predigte: Vergebung der Sünden und das ewige Leben ſeien nur durch Genugthuung, durch eigne Werke zu er⸗ langen; dieſe ſei aber gänzlich unmöglich, weil die Gewalt der Sünden die Genugthuung vernichte; alſo bleibe nur der Kauf der Abläſſe als einziges Mittel übrig, und es gebe durchaus kein andres, um ſündenfrei uud ſelig zu werden. Der gekaufte Ablaß ſei die einzige und wahre Gnade Gottes und der Ablaßkaſten die wahrhaftige ein⸗ zige Himmelspforte und offene Gnadenthür, durch welche die gereinigten Seelen in den Schoos Abrahams einzögen. Er ſchwur Stein und Bein, wenn alle Tiroler Ablaß kauften, ſo würde Gott alle Berge zu purem Silber ver⸗ wandeln. Gleich darauf wurde er überwieſen, die Ehe⸗ frau eines Bürgers zum Ehebruch verführt und zwei Kin⸗ der mit ihr gezeugt zu haben. Schon war das Urtheil 262 Der König von Spanien. über ihn gefällt, geſäckt und erſäuft zu werden, und der zornige Kaiſer ſtand ſchon im Begriff, daſſelbe vollziehen— zu laſſen, als die ganze Pfaffheit ſich dawider legte und den Kaiſer durch Bitten und Drohungen vermochte, den verbrecheriſchen Mönch laufen zu laſſen.“ „So frag' ich Euch nun, Ihr Herren,“ ſprach jetzt der ernſte Albrecht Dürer,„wie ſoll dem böſen Unfug ein Ende gemacht werden? Warum kauft das Volk die In⸗ dulgenzen? Weil es dumm und unwiſſend iſt. Keinem von uns, wie wir hier verſammelt ſind, iſt es gewißlich jemals eingefallen, einen ſolchen Wiſch zu kaufen. Das macht, wir haben die rechte Einſicht in die Sachen und ſtehen Alle und mit uns viele Tauſende an den Höfen, in den Städten und auf den Ritterſitzen auf Seiten des edlen Doctor Reuchlin zu Stuttgart. Aus der Dummheit des gemeinen Mannes, des kleinen Bürgers und des Bauern, der ohnedies geſchunden und geplagt genug iſt, wird dieſes Sündengeld herausgeſchlagen. Der betrüge⸗ riſche Mönch lügt ihm vor, er könne ihm den Himmel verkaufen, ja, der Bauer könne ſich Gottes Gnade und ewiges Heil nicht anders als für Geld erwerben, und ſo gibt denn der Betrogene ſeines ſauern Schweißes Erwerb hin, und die hohe Pfaffheit ſchwelgt und praßt darin. Wäre der gemeine Mann ſo aufgeklärt wie wir, die Brü⸗ der Dominikaner könnten mit ihren Zetteln ihre eigne Un— ſauberkeit abputzen. Es gäbe ihnen keine Chriſtenſeele einen Deut dafür.“ w Der König von Spanien. 263 „Ihr habt das Rechte getroffen, Meiſter Albrecht,“ verſetzte Pirkheimer.„Die Dummheit iſt die Mutter des Aberglaubens und der geiſtigen Knechtſchaft. Aber die deutſchen Lande ſtecken tiefer in der Dummheit, als man glauben ſollte. Die Pfaffen haben ihres Vortheils hal⸗ ber Jahrhunderte lang alle Liſt aufgeboten, um die Leute immer tiefer hinein zu verſenken. Es iſt eine arge Nacht und Finſterniß. Aber ſeid nur getroſt. Die Morgenröthe iſt angebrochen, und die Sonne wird ihr nachfolgen. Doe⸗ tor Erasmus hat ſein Lob der Narrheit nicht vergebens geſchrieben und die Pfaffen lächerlich gemacht, und die ſau⸗ bern Patrone in Köln haben den Doetor Reuchlin nicht vergebens mit den Haaren zu dem Streit gezogen, der die Geiſter des ganzen deutſchen Reichs in Bewegung geſetzt hat. Iſt es nicht Gottes Finger, daß ein ſo ſtiller und friedliebender Mann, wie unſer Reuchlin, das Werkzeug werden mußte, die Streitart gegen das Otterngezücht? Und haben die Briefe der Dunkelmänner uns nicht Schaa⸗ ren, ja Heere von Geiſtern zugeführt und gewinnen uns täglich neue?“ „Ja,“ rief Peutinger,„und nicht allein unter den Laien hat das Licht der Wiſſenſchaft und Aufklärung ſeine Freunde und Verehrer gefunden; es zählt deren in der hohen Kleriſei ſchon viele und wackere Männer. Nenn' ich gleich den hochgeborenen Kurfürſten von Mainz, deſſen erlauchter Bruder uns mit ſeiner Gegenwart beehrt. Fer⸗ ner: die Domherren Groß und Waisberg in meiner lieben 264 Der König von Spanien. Vaterſtadt Augsburg, meine wackern Gönner und Freunde, die Domherren Nuenar in Köln, dem Sitz des Eulen⸗ geſchlechts ſelbſt, und Adelmann in Eichſtädt; die Dechan⸗ ten Andreas Fuchs zu Bamberg, Lorenz Truchſeß zu Mainz Wolfgang Tanberg zu Paſſau, Jakob de Banniſſis zu Trient. Und um noch einen Augsburger zu nennen, der vornehmſte Kleriker, der aus unſerer Stadt hervorgegan⸗ gen iſt, der Cardinal Lang, iſt auch dem neuen Licht ergeben.“ „Mein werther Freund,“ nahm Pirkheimer ſpöttiſch lächelnd das Wort,„dieſe hohen und vornehmen Herren halten es mit der Aufklärung gerade ſo viel, als ihr Vortheil ihnen geſtattet. Was z. B. den Cardinal Lang betrifft, ſo laßt Euch ſagen, daß vor vier Jahren, nach der Eroberung von Pavia, unſer edler Ulrich von Hutten, der hier eben die Rechte ſtudirte, gefangen genommen, aus⸗ geplündert und endlich mit genauer Noth nach Bologna entronnen, um hier ſeine Studien fortzuſetzen, ſich in tiefſter Armuth und Krankheit hülfeflehend an den Car⸗ dinal Lang wandte, welcher als Geſandter des Kaiſers an den Papſt nach Bologna gekommen war. Aber obgleich ihm die dort ſtudirenden Deutſchen ein ſchönes von Hut⸗ ten gefertigtes Gedicht überreichten, ſo behandelte er den jungen Dichter doch gleichgültig, ja verächtlich und war durchaus nicht zu bewegen, ihn in ſein Gefolge aufzu⸗ nehmen; er ließ ihn unter ſeinen Augen elend herum gehen, ſo daß Hutten von der Noth gezwungen wurde, als gemeiner Soldat in des Kaiſers Heer zu treten.“ 6 7 6 Der König von Spanien. 265 „Ihr habt recht!“ rief Frundsberg,„er hat unter meinem Befehl geſtanden; ich hab' ihm ſelbſt losgeholfen, weil ein krankhaftes Gewächs an ſeiner linken Ferſe ihm den Dienſt allzubeſchwerlich, ſchier unmöglich machte, und ich habe die Geſchichte aus ſeinem eignen Munde. Ich hätte nicht gedacht, daß dieſer junge, bleiche Menſch in ſo kurzer Zeit ein ſo berühmter Dichter werden würde.“ „Ihr Herren müßt auch bedenken,“ ſagte der Mark⸗ graf leicht und gleichſam wie ſcherzend,„daß die höchſten und hohen Geiſtlichen unmöglich gegen Papſt und Kirchen⸗ verſaſſung handeln können. Der Ablaß iſt ein heiliges Recht des Papſtes, ein uraltes Recht, der Schlüſſel St. Peters. Dem gemeinen Mann geſchieht damit eine unermeßliche Wohlthat; er verlangt Ablaß, die Vergebung ſeiner Sün⸗ den, und ſie iſt ihm zu aller Zeit durch die göttliche Gnade zu Theil geworden.“ „Weil er zu aller Zeit dumm war,“ ſagte Dürer trocken. „Nein, nein!“ eiferte Fugger,„man ſoll das Kind auch nicht mit dem Bade verſchütten. Gegen die Rohheit und Herrſchſucht der Pfaffen und Mönche, wie die Kölner ſind, mögt Ihr kämpfen, die heiligen Satzungen der Kirche ſollt Ihr mir unangetaſtet laſſen. Der Papſt hat die Schlüſſel des Himmels, und wenn die Aufklärung der Wiſſenſchaft ſo weit geht, daran zu zweifeln, ſo führt ſie allerdings zur Ketzerei.“ Auf dieſes ſcharfe Wort ihres Wirthes verſtummten 266 Der König von Spanien. die Gäſte, und als Fugger den Eindruck bemerkte, den ſeine Aeußerung gemacht, fuhr er fort:„die Parteien ſollen ſich in Liebe und Güte vertragen. Mit Stürmen iſt noch niemals etwas Erkleckliches gewonnen worden. Jedermann ſei in weltlichen Dingen dem Kaiſer gehorch⸗ ſam, in göttlichen dem Papſt. Und der Ablaß iſt ein gut und heilſam Ding, das den reuigen Menſchen frei macht von der Schuld und ihm zur ewigen Seligkeit ver— hilft. Alſo hat es Gott der Sohn auf Erden geordnet und eingeſetzt, damit die Wohlthat ſeines Bluts Allen theilhaftig werde. Aber das beſte Ding kann übertrieben werden, und ich gebe zu, daß der Ablaßhandel zuweilen übertrieben worden iſt. Dadurch wird die Sache nicht ſchlecht, ſo wenig die päpſtliche Macht und Gewalt eine verwerfliche geworden iſt, weil laſterhafte Päpſte auf St. Peters Stuhl geſeſſen haben.“— Und zu Pirkheimer ſich wendend, fragte er:„Wo lebt jetzt der junge Dichter Ulrich von Hutten, welcher ſo viel Redens von ſich macht?“ „Er iſt vor anderthalb Jahren auf den Wunſch ſei⸗ nes Vaters wieder nach Italien gegangen, um in Bo⸗ logna ſeine Rechtsſtudien zu vollenden. Zuvor hielt er ſich aber eine Zeit lang in Rom auf, von wo ihn jedoch ein Abenteuer, das er zu Ehren Kaiſer Marimilians beſtand, bald wieder vertrieb.“ „Zu Ehren unſtes Kaiſers?!“ fragte Fugger auf⸗ merkſam.„Ei, ſo laßt doch hören!“ * —— Der König von Spanien. 267 „Er war mit einem deutſchen Freunde nach Viterbo geritten und traf dort in Geſellſchaft mit fünf Franzoſen zuſammen. Dieſe Menſchen erfrechten ſich in Gegenwart der beiden Deutſchen über den Kaiſer zu ſpotten. Hutten verwies es ihnen und gebot Schweigen. Statt deſſen brachen ſie in Schmähungen auf den Kaiſer aus. Hutten wurde heftig, ſie ſchlugen auf ihn los, zogen die Degen und bedrohten ihn hart Huttens Begleiter entfloh, er ſelbſt aber hielt Stand, ſtieß den Erſten, der ihm zu nah kam, nieder und ging den Andern mit gleichem Muthe zu Leibe. Dieſe ergriffen ſchleunigſt die Flucht, und Hutten kam mit einer leichten Verwundung im Geſicht davon. Er hat dieſe Begebenheit in einigen Gedichten beſungen, die er mir geſchickt hat.“ „Dieſe Gedichte müßt Ihr mir mittheilen,“ ſprach Fugger mit verklärten Zügen und reichte dem Nürn⸗ berger gerührt die Hand,„das iſt ein wackrer junger Mann, der alſo für die Ehre ſeines Kaiſers ſicht.“ „Nicht nur dieſe Gedichte ſollt Ihr haben, auch noch andre Gedichte und Reden des trefflichen Jünglings hab' ich Euch im Manuſeript mitgebracht. Ebenſo das„Lob Reuchlins.“— Ja mein junger Freund Hutten iſt ein Deutſcher von ächtem Schrot und Korn vom Scheitel bis zur Fußſohle, ein feuriges Herz, das ihm mit dem Kopfe durch zu brennen pflegt, aber wir brauchen ſolcher Kraft⸗ menſchen mit glühenden Seelen in unſrer Zeit. Wenn Erasmus oder Reuchlin nur einen Theil der ſprühenden 268 Der König von Spanien. Kraft Huttens hätten, unſre Sache wäre ſchon weiter ge⸗ diehen. Von Hutten hoff' ich viel für unſte Zukunft. Laßt Euch erzählen, Ihr Herren, wie er ſich dann zu Bologna benahm! Zwiſchen den deutſchen und italieni⸗ ſchen Studenten brach ein heftiger Streit aus, der ſogar zur gerichtlichen Klage gedieh. Hutten, von ſeinen Lands⸗ leuten beauftragt, führte die Vertheidigung vor dem Rich⸗ ter mit ſolcher Unerſchrockenheit und ſolcher Heftigkeit, obgleich er ſich ſehr gemäßigt ausgedrückt zu haben meinte, daß der Podeſta ſich in ſeiner Würde für beleidigt hielt, und der kühne Redner in Folge der gegen ihn gethanen richterlichen Schritte ſich genöthigt ſah, nach Ferrara zu entfliehen. Sein letzter Brief, worin er mir dieſe Händel mittheilt und den ich vor acht Tagen empfing, iſt von Venedig datirt, wo er kurz zuvor angekommen war. Er rühmt die Liberalität, mit welcher er in Rom, vorzüglich aber in Venedig aufgenommen worden ſei. Beſondre Freude macht es ihm, daß er mit ſchönen und neuen Ausgaben ſeiner Lieblinge, der Klaſſiker beſchenkt worden iſt. Er gedenkt ſich noch einige Zeit in der Lagunenſtadt außzu⸗ halten und dann in ſein Vaterland zurückzukehren.“ „Ich bitt' Euch, lieber Freund, hinterbringt ihm, daß das Haus der Fugger in Augsburg ſolche wackre Deutſche gern als Gäſte ſieht. Wer iſt ſein Vater? Wo iſt er geboren? Es gibt der Hutten viel in deutſchen Landen.“ „Im Heere des Kaiſers hab' ich wohl einige dreißig adelige Kriegsmänner dieſes Namens kennen gelernt,“ —, Der König von Spanien. 269 warf Frundsberg ein.„Es war auch einer darunter Ulrich, der ſich in mancher Schlacht rühmlich ausgezeichnet, ein reichbegüterter Mann. Sein Stammſchloß iſt der Steckelberg am Main, an der Spitze des Speſſarts, nur ein paar Meilen von Fulda, und, ſo ich nicht irre, iſt dies des Dichters Vater.“ „Ihr habt recht, Herr Kriegsoberſter. Unſer Ulrich iſt der älteſte Sohn dieſes Ritters und auf dem Steckel⸗ berg geboren. Da er von zarter Leibesbeſchaffenheit war und von Kindesbeinen an gar emſig hinter den Bü⸗ chern ſaß, ſo beſtimmte ihn ſein Vater zum Mönch und ſteckte ihn als Knaben ſchon in das Stiſt zu Fulda, wo er die berühmte Kloſterſchule mehre Jahre mit dem größ⸗ ten Nutzen beſuchte. Durch ſeine hohen Geiſtesfähigkeiten und ſchnellen Fortſchritten erregte er die Aufmerkſamkeit des regierenden Abts, der wahrſcheinlich ſchon einen tüchtigen Nachfolger in ihm ſah; unſer Ulrich aber war zu beſſern Dingen geboren. Er wünſchte das Kloſter zu verlaſſeu; ſein ſtrenger Vater und der Abt widerſetzten ſich gleicher⸗ maßen. Vergebens redete der hochgebildete Ritter Eitel⸗ wolf von Stein, dieſer eifrige Beſchützer der neu ent⸗ deckten Wiſſenſchaften, der ſchon damals auf den jungen Ulrich aufmerkſam wurde, dem Vater deſſelben und dem Abte zu, mit welchen beiden er befreundet war, der junge Kloſterſchüler blieb zum Mönche verdammt. Da entfloh er heimlich als ſechszehnjähriger Knabe und ging nach Erfurt. Sein erzürnter Vater entzog ihm jede Unter⸗ 270 Der König von Spanien. ſtützung. Aber ſeine Vettern Froben und Ludwig von Hutten, ſo wie ſein Gönner Eitelwolf von Stein nahmen ſich ſeiner hülfreich an. Hier fand er ſeinen Mitſchüler Crotus Rubianus, einen Thüringer, wieder, der ſich als heitern Muſenſohn und geiſtreichen Verſpötter des dünkel⸗ haften Mönchsweſens hervorgethan hat, und ſchloß den alten Freundſchaftsbund inniger mit ihm. Es fehlte ihm nicht an andern gelehrten und ſtrebenden Freunden, in deren Gemeinſchaft er ſeine Studien fortſetzte. Im folgen⸗ den Jahre vertrieb ihn eine peſtartige Krankheit mit Crotus und andern Freunden nach Köln, und hier lernte er die Dunkelmänner kennen, die den großen Scotus, den zwiefach heiligen Thomas, den ſeraphiniſchen Vonaventura und andere Autoritäten gleichen Gelichters, als das non plus ultra aller Weisheit anprieſen. Ulrich faßte gegen dieſe Lehren und ihre Vergötterer einen heftigen Wider⸗ willen und hielt ſich zu dem gelehrten und für die alten Sprachen begeiſterten Rhagius Aeſticampianus, der die klaſſiſchen Schriftſteller, vorzüglich die Dichter mit großem Beifall erläuterte. Dies war genug, um den trefflichen Lehrer bei den Mönchen und ihrem Anhang in den Ge— ruch der Ketzerei zu bringen und ihren wüthenden Haß, ihre blinde Verfolgungswuth auf ſich zu ziehen, gleich wie zu derſelben Zeit Erasmus und Reuchlin. Sie brach⸗ ten es dahin, daß Rhagius auf zehn Jahre aus der Stadt verwieſen wurde. Ihr wißt, daß der durchlauchtige Kurfürſt von Brandenburg damals,— es ſind nur zwölf . —,— ——— ,— Der König von Spanien. 271 Jahre— als ein hochgebildeter und für die wahren Wiſ⸗ ſenſchaften hochbegeiſterter Jüngling(ich würde mich noch rühmender über ihn ausſprechen, wenn ſein fürſtlicher eben ſo gebildeter und die Wiſſenſchaften eben ſo lieben⸗ der Bruder nicht zugegen wäre) die Univerſität zu Frank⸗ furt an der Oder geſtiftet hatte, an deren Bildung ſein glorreicher Vater, der durchlauchtige Kurfürſt Johann Cicero, durch einen beklagenswerthen Tod verhindert wor⸗ den war. Mit Hülfe ſeines ihm gleich geſinnten und ge⸗ bildeten berühmten Raths Eitelwolf von Stein, dem Gönner des jungen Hutten, wurde die neue Lehranſtalt zu Stande gebracht. Dorthin wurde der edle aus Köln verbannte Rhagius als Lehrer gerufen, und Ulrich von Hutten folgte ihm. Er war bei der feierlichen Einwei⸗ hung des Muſenſitzes zugegen.“ „O ich erinnere mich ſeiner noch gar wohl,“ fiel der Markgraf dem Patrizier in das Wort.„Herr Eitel⸗ wolf von Stein ließ zur Einweihung der frankfurter Uni⸗ verſität Huttens erſtes Gedicht drucken, welches den Titel Carmen in Marchiam führte und den größten Beifall fand. Ich ſuchte die Bekanntſchaft des jugendlichen Dich⸗ ters, der nur ein Jahr jünger war als ich. Er war klein von Statur, von zartem Körperbau mit einem ein⸗ nehmenden trotzigen Geſicht. Aus ſeinen großen dunkel— blauen Augen ſprach ſein lebendiger Geiſt. Auch mein Bruder Albrecht hat ihn damals kennen gelernt.“ „In Fraukfurt verlebte er drei glückliche Jahre, den 272 Der König von Spanien. Studien eifrig ergeben. Dann aber trieb ihn der un⸗ ruhige Geiſt fort. Er wollte die Welt ſehen, Menſchen kennen lernen. Er wanderte nach Norden. Aber auf der Oſtſee litt er Schiffbruch und mußte betteln gehen. Bis zum Tode krank und elend, erreichte er mit genauer Noth Greifswalde. Es war im Spätherbſt 1509. Er wurde als Student eingeſchrieben, ohne dafür etwas zu bezahlen; denn ſein Name, als der eines trefflichen Dichters war vor ihm hierhergedrungen. Und dieſes Ruhmes wegen nahm ihn der Profeſſor Loetz, ein eitler ſtolzer Mann, bei ſich auf und unterſtützte ihn mit Geld. Dafür wollten er und ſein Vater, der Bürgermeiſter, den freien Dichter beherrſchen und nach ihrem Willen leiten. Als er ſich widerſetzte, behandelten ſie ihn mit kränkendem Uebermuth.“ Ulrich beſchloß ſofort Greifswalde wieder zu verlaſſen. Der Bürgermeiſter Lvetz wollte ihn nicht eher ziehen laſ⸗ ſen, bis er ſeinem Sohne das geliehene Geld wieder er⸗ ſtattet; aber da unſer Dichter nichts hatte, ſo ließen ſie ihn gehen. An einem heitern, aber ſchneidend kalten Wintertage kurz vor Weihnachten, wanderte er mit einem kleinen Bündel unter dem Arme, worin ſich ſeine Gedichte befanden, von dannen. Noch plagten ihn das böſe Fie⸗ ber und die wunde Ferſe, die er damals ſchon hatte. Noch nicht weit von der Stadt entfernt, wurde er von bewaffneten Knechten, welche die Lvetze hinter ihm her⸗ geſchickt, eingeholt, überfallen, auf das Grauſamſte be⸗ handelt, ſeiner Kleider beraubt und nackt und blos mit ——————— Der König von Spanien. 278 Schlägen und Wunden bedeckt, in die Kälte hinaus ge⸗ ſtoßen.“ „Schandbuben!“ rief Fugger empört, und alle An⸗ weſenden gaben ihren Abſcheu zu erkennen. „In ſo jämmerlichem Zuſtande kam der arme Hutten nach Roſtock, wo er Freunde, allgemeine Theilnahme und Unterſtützung fand. Kaum geneſen, gab er Unterricht in den alten Klaſſikern und ſchrieb ein lateiniſches Gedicht in zwei Büchern„Klagen gegen Loetz,“ worin er die erlebte Büberei mit lebendigen Farben ſchilderte. Als dieſes ſchöne Werk gedruckt in die Welt ging(ich habe es für Eure Bibliothek angeſchafft, Herr Fugger) erfuhren ſeine alten Freunde wieder von ihm; denn keiner hatte gewußt, was aus ihm geworden war. Im folgenden Jahre 1511 wanderte Ulrich nach Wittenberg, wo er ſeine berühmte „Berskunſt“ gleichſam im Fluge und noch dazu während neuer Krankheit ſchrieb. Wiederum hergeſtellt, litt es ſeinen lebhaften Geiſt nicht in Wittenberg. Ohne Geld, in ſchlechter Kleidung und von der Gaſtfreundſchaft edler und die Wiſſenſchaften ehrender Männer lebend, wanderte er durch Böhmen und Mähren. In Ollmütz pflegte ihn der Biſchof und beſchenkte ihn beim Abſchied mit einem köſtlichen Pferd; der Probſt Auguſtin verehrte ihm einen goldnen Ring mit einem koſtbaren Stein. So erreichte er Wien und ſuchte den biedern Schweizer Vadian, den Humaniſten, auf. Hochbegeiſtert für die Ehre des deut⸗ ſchen Vaterlandes, ſchrieb er hier das berühmte Gedicht Ein deutſcher Leinweber. V. 18 274 Der König von Spanien. an den Kaiſer, worin er ihn ermahnte, den begonnenen Krieg gegen das übermüthige Venedig fortzuſetzen. Vadian und andere Freunde ließen das Gedicht nebſt andern klei⸗ nen Gedichten des dreiuudzwanzig jährigen Dichters ohne ſein Wiſſen drucken. Um dem herunziehenden Leben ein Ende zu machen und ſich ein feſteres Lebensziel zu ſetzen, beſchloß Ulrich ſich dem zweiten Wunſche ſeines Vaters zu fügen und Rechtsgelehrter zu werden, da er den erſten, Mönch zu werden, doch durchaus nicht erfüllen konnte. Er ging im folgenden Jahre nach Pavia. Aber auch hier verfolgte ihn ein böſes Geſchick. Ihr wißt, daß die Fran⸗ zoſen nach der bei Ravenna gewonnenen Schlacht Pavia beſetzten. Die Schweizer belagerten die Stadt. Die Fran⸗ zoſen tractirten Ulrich, der eben heftig am Fieber darnie⸗ der lag, unbarmherzig; denn ſie kannten ſeine Geſinnung gegen ſie. Und als die Schweizer die Stadt eroberten, wurde er abermals auch von dieſen mißhandelt, weil ſie meinten, er habe den Franzoſen gedient. Und ſo kam er nach Bologna, wie ich Euch bereits erzählt. Nachdem er vor drei Jahren aus des Kaiſers Heer entlaſſen worden, ging er nach Deutſchland zurück und begab ſich zu ſeiner Herſtellung in das Bad zu Ems. Mit ſeinem Vater gelang die Ausſöhnung nicht; er ſchreibt darüber: die Stimmung in ſeiner Familie ſei dergeſtalt gegen ihn ge⸗ weſen, daß man ihn wie den verlornen Sohn behandelt und zu den Trebern der Schweine verwieſen habe.— In Ems erfuhr er den vom Herzog von Würtemberg an — — v— — Der König von Spanien. 275 Johann von Hutten begangenen Todtſchlag, und nun be⸗ gann er ſeine geſchickte Feder gegen den ſchuldigen Fürſten in Bewegung zu ſetzen. Von Ems ging Hutten nach Mainz an den Hof des durchlauchtigen Kurfürſten, um ſeinen alten Freund und Gönner, den Hofmarſchall Eitel⸗ wolf von Stein zu begrüßen.“ „Ich war gerade in Berlin am Hofe meines ältern Bruders und konnte meine Bekanntſchaft mit Ulrich von Hutten nicht erneuern,“ bemerkte der Marzgraf,„doch iſt er vom Hofmarſchall von Stein dem Erzbiſchof ſehr nach⸗ drücklich empfohlen worden, und er wäre ſicherlich länger in Mainz geblieben, wenn ſeinen edlen Gönner nicht der Tod hinweggerafft hätte.“ „Dieſer Schlag traf meinen jungen Freund hart,“ fuhr Pirkheimer fort.„Er verehrte in dem nicht genug zu preiſenden Eitelwolf von Stein ſeinen geiſtigen Vater und ſchilderte, als er mich bald darauf auf ſeiner zweiten Reiſe nach Italien beſuchte, die Gelehrſamkeit und die Humanität dieſes in jeder Beziehung ausgezeichneten Edel⸗ manns mit ſchöner Begeiſterung. Eitelwolf hatte beim Kurfürſten ſo günſtig für Ulrich geſprochen, daß dieſer nicht nur ein Geſchenk von zweihundert Goldgülden zur Fortſetzung ſeiner Studien, ſondern auch die Zuſage einer guten Anſtellung erhielt. Im Oectober 1517 ging er nach Rom, um dort nach dem Willen ſeines Vaters das Rechts⸗ ſtudium zu vollenden und Doctor zu werden. Das Aben⸗ teuer mit den fünf Franzoſen vertrieb ihn im vorigen 10* 18 276 Der König von Spanien. Sommer nach Bologna, von hier im Herbſt ſeine warme Vertheidigung der Deutſchen nach Venedig, und nun wird er bald wieder bei uns ſein.“ „Führt ihn mir zu,“ erinnerte Fugger noch einmal. „Es verlangt mich ſehr ihn kennen zu lernen.“ „Und ich will ihn malen,“ ſagte Dürer,„und ihm vorſtellen; daß er ferner nicht allein lateiniſch ſchreibe, ſondern ſich auch der deutſchen Sprache befleißige, damit der gemeine Mann unterrichtet werde über das böſe Pfaffengeſindel und all den Unfug, der im deutſchen Reiche getrieben wird. Ja deutſch müßt ihr ſchreiben, ihr Gelehrten, wenn es etwas Erkleckliches fruchten ſoll, und wenn irgend Einer etwas auszurichten vermag, ſo iſt's der wackere Ulrich von Hutten.“ Fugger ſchüttelte den Kopf bedenklich.„Was ſoll dem gemeinen Mann das Wiſſen? Es wird ihn nur verwirrter und toller machen. Spukt der Geiſt des Auf⸗ ruhrs nicht etwa ſchon in den harten Köpfen der Bauern? Die Studirten mögen über dieſe Dinge ſtreiten, und dazu iſt das Lateiniſche da; das gemeine Volk iſt zu dumm und darf auch nicht geſcheidt werden, wenn nicht Unheil daraus erwachſen ſoll. Es würde auch niemals recht ge⸗ ſcheidt werden, und wenn Ihr ihm tauſend deutſche Bücher in die Hand gäbt. Dem Bauer ziemt zu pflügen, zu ſäen, zu dreſchen; dem Bürger ſeines Handwerks zu war⸗ ten und beiden dem Kaiſer zu geben, was des Kaiſers iſt, und Gotte, was Gottes iſt. Das Urtheil des ge⸗ W Der König von Spanien. 277 meinen Mannes über Dinge, die über ſeinen Geſichtskreis hinaus liegen, iſt immer alber, und wenn die Welt danach eingerichtet werden ſollte, dann Gnade uns Gott! Es ginge ärger zu, als bei den Wilden in Afrika.— Darum dächt' ich, es bliebe beim Lateinſchreiben der Ge⸗ lehrten.“ Dürer fand ſich nicht veranlaßt, die Anſicht ſeines Wirthes zu bekämpfen, ſo viel Gründe dazu ihm auch zu Gebot ſtanden, und die Unterhaltung ging auf andere Gegenſtände über. ——————————— Siebenzehntes Rapitel. Am folgenden Morgen wurden der Markgraf Johann und der Graf Torxillas von dem ſchmunzelnden Veit Schellen⸗ berger, der noch immer Jakob Fuggers alleiniger Leib⸗ diener war, in das Cloſet des Letztern geführt. Der alte Leinweber ſaß ſchon tief in Arbeit. Die beiden Gäſte nahmen auf ſeine Einladung neben ihm Platz. „Ich erſehe aus dem gnädigen Schreiben des durch⸗ lauchtigen Kurfürſten von Mainz, das Ihr mir über⸗ bracht habt, erlauchter Herr,“ nahm Fugger, zum Mark⸗ grafen gewandt, das Wort,„daß Ihr als Beauftragter Eueres Herrn Bruders zu mir gekommen ſeid, die Geld⸗ angelegenheit, die zwiſchen uns ſteht, ins Reine zu bringen.“ „So iſt's, Herr Fugger,“ verſetzte der Markgraf. „Der Kurfürſt von Mainz ſchuldet Euch dreißigtauſend Goldgülden, die er dem Papſt für das Pallium hat be⸗ zahlen müſſen, nebſt den Zinſen ſeit vier Jahren. Ihr dringt auf Abzahlung dieſer Schuld.“— „— Der König von Spanien. 279 „Ich muß in meinem Geſchäft ſtreng auf Ordnung und Pünktlichkeit halten; denn ſie ſind die Lebensbedin⸗ gungen deſſelben. Des Kurfürſten Durchlaucht verbriefte ſich mir, nicht nur die Zinſen pünktlich zu entrichten, ſondern auch jährlich einen Theil des Kapitals abzu⸗ ſtoßen.—“ „Es würde zu nichts führen,“ fiel ihm der Markgraf ins Wort,„wenn ich Euch des Breitern auseinander ſetzen wollte, daß mein Bruder außer Stand geweſen iſt, ſeinen Verpflichtungen gegen Euch nachzukommen. Genug, er hat ſeine Stifter ſchwer verſchuldet übernehmen müſſen und muß doch einen ſeiner hohen Fürſtenwürde ange⸗ meſſenen Hofhalt führen. Die Hauptſache iſt, daß er von nun an vermag, Euch gerecht zu werden, wenn Ihr ſelbſt ihm dazu helfend die Hand reicht.“ „Laßt mich ſeine Vorſchläge hören!“ „Der Kurfürſt iſt, wie Euch bekannt ſein wird, zu Anfang dieſes Jahres zum päpſtlichen Nuntius und apo⸗ ſtoliſchen Generalkommiſſär vom heiligen Vater ernannt worden. Er hat den Ablaßhandel in einem großen Theile des deutſchen Reichs gegen die Hälfte des reinen Ertrags vom Papſt gepachtet. Von dieſem Ertrag will mein Bruder Euch bezahlen. Ihr ſollt den dritten Theil ſeiner aus dem Ablaßhandel gezogenen Einkünfte ſo lange er⸗ halten, bis die Schuld getilgt iſt. Doch iſt daran noch eine Bedingung geknüpft, die Euere beſondere Hülfe noch in Anſpruch nimmt.“ Der König von Spanien. „Und dieſe iſt?“ „Der Papſt muß ſehr wahrſcheinlich des Geldes eben ſo dringend bedürfen, wie der Kurfürſt; denn er hat dieſem zur unerläßlichen Bedingung des vortheilhaften und einträglichen Handels gemacht, daß bis zu Johannistag zehntauſend Dukaten im voraus bezahlt werden. Dieſe Summe kann der Kurfürſt ſo wenig aus eignen Mitteln aufbringen, wie die Palliengelder. Er läßt Euch daher durch mich erſuchen, ihm dieſelbe ebenfalls zu leihen. Die zweite Schuld muß das Mittel ſein, daß er die erſte und die andere bezahlen kann.“ „Es kommt mir nicht zu, mich tadelnd darüber aus⸗ zuſprechen, daß Eueres Herrn Bruders Durchlaucht ſich auf ſolchen Handel eingelaſſen. Der Ablaßkram iſt ein Recht des Papſtes, und ich verehre in Demuth alle päpſt⸗ lichen Rechte. Ihr habt aber geſtern ſelbſt gehört, wie meine übrigen Gäſte ſich über den Ablaßhandel ausſpra⸗ chen. Und das iſt die Stimme aller verſtändigen und gebildeten Leute im Reiche, ja es iſt die der kaiſerlichen Majeſtät ſelber. Seit vierzig Jahren und länger ſeufzt und wehklagt der edle Maximilian über die ungeheuern Summen, welche für Pallien, Annaten, Bullen und Ab⸗ laßbriefe fort und fort aus der deutſchen Unterthanen Taſchen gezogen werden. Wahrlich ich wollte, der Kur⸗ fürſt gäbe mir andere Mittel und Wege an, mich zu be⸗ friedigen.“ „Er hat keine andern,“ entgegnete der Markgraf Der König von Spanien. 281 lächelnd.„Und weder Ihr noch er hat davon eine Ver⸗ antwortlichkeit. Jedermann in der Chriſtenheit erkennt das Recht des Papſtes an, Ablaß zn verkaufen. Mag der Papſt dieſe Gelder verwenden, wozu er will, was geht es uns an? Der Papſt kommt dem gemeinen Manne, deſſen größtes geiſtiges Bedürfniß es iſt, ſich ſeiner Sün⸗ denſchuld zu entledigen, mit der göttlichen Gnade und Vergebung entgegen. Es iſt nicht unbillig, daß der alſo Entſündigte für ſolche geiſtige Vermittlung ein leibliches Opfer bringe. Die Künſte, die Wiſſenſchaften müſſen leibliche und nicht knappe Unterſtützung haben, ſollen ſie gedeihen; das neue Licht des Geiſtes bedarf des Lebensöls. Woher ſoll es genommen werden, als aus dem Volke? Ihr räumt ſelbſt ein, was auch uns als Wahrheit feſt⸗ ſteht. Das Volk kann niemals in der Erkenntniß ein Ganzes ſein, es wird ewig geſchieden bleiben in den großen dummen Haufen, der da leiblich arbeitet und Geld zahlt, um dafür Ablaß zu erhalten, und in das kleine verſtän⸗ dige Häuflein, das da geiſtig arbeitet und jenes Geld zu ſeinem Unterhalte braucht. So muß das Ganze ſich ver⸗ halten, und der Papſt iſt der Vermittler zwiſchen beiden Parteien; er nimmt von dem großen Haufen und theilt dem kleinen zu. Nicht anders ſieht mein Bruder dieſe Dinge an. Ihm ſind die Urtheile über den Ablaß nicht unbekannt; ja er müßte nicht der ſein, welcher er doch wirklich iſt, wenn er nicht die Anſichten und Meinungen der gelehrten und aufgeklärten Männer unſerer Zeit über Der König von Spanien. dieſe Materie vollkommen theilen ſollte. Aber er iſt ſo wenig von der einen Seite in Vorurtheile verſtrickt, wie von der andern. Er ſteht wie der Papſt über den Par⸗ teien und ſieht im Ablaß nicht nur ein nothwendiges, un⸗ vermeidliches Uebel, ſondern auch das Förderungsmittel der Wiſſenſchaften und Künſte.“ „Das iſt eine vortreffliche Auskunft!“ lachte Fug⸗ ger.„Und wahrlich ſie leuchtet mir ein. Ihr habt Recht.“ „Und wenn nicht der erſte deutſche Erzbiſchof den Pacht des Ablaſſes übernimmt,“ miſchte ſich jetzt der päpſtliche Kämmerer ins Geſpräch,„ſo ſind hundert italie⸗ niſche Prälaten bereit, den Pachtvertrag mit Seiner Hei⸗ ligkeit einzugehen, wie der eben abgegangene Probſt Ar⸗ eimbaldi. Der Ablaßhandel wird darum in Deutſchland nicht aufhören, wenn kein Deutſcher ihn übernimmt. Der Unterſchied iſt dann nur, daß auch die andere Hälfte der Einnahme außer Land geht, während ſie jetzt in die Kaſſe des Kurfürſten von Mainz fließt, der damit in Deutſch⸗ land Gutes ſtiftet, deutſche Gelehrte und Künſtler unter⸗ ſtützt und den deutſchen Namen verherrlicht.“ „Fürwahr, dieſer Grund iſt entſcheidend,“ ſagte Fug⸗ ger beſtimmt.„Man muß unter zwei Uebeln das leich⸗ tere wählen.— Wie meint nun Euer durchlauchtiger Herr Bruder mich ſicher zu ſtellen, Herr Markgraf, wenn ich auch noch die zehntauſend Dukaten herſchieße, damit er den Ablaßpacht überkommt?“ —— —w— Der König von Spanien. 283 „Er will Euch die Verſchreibung auf die Ablaßein⸗ nahme geben.“ „Aber wer iſt mein Bürge, daß er mir Wort hält. Er hat es zeither nicht gehalten. Und ich muß ſicher gehen.“ „Das beſte Auskunftsmittel, um beide Parteien zu befriedigen,“ ſagte Torrillas,„iſt wohl, wenn Ihr neben dem päpſtlichen und dem kurfürſtlichen Kaſſirer noch einen dritten für Euch beſtellt und dem Ablaßprediger mitgebt. Der Kurfürſt ſchickt jetzt zwölf Dominikaner aus, zwölf Apoſtel, welche den Deutſchen die Vergebung der Sünden aus dem Vorrath der guten Werke Chriſti und ſeiner Apoſtel predigen; zwölf päpſtliche und zwölf kurfürſtliche Kaſſirer begleiten ſie. Fügt dazu zwölf Fuggerſche Agenten, die Euern Antheil in Empfang nehmen, und das Ge⸗ ſchäft iſt in Ordnung.“ „Seid Ihr beauftragt, auf dieſe Bedingung mit mir abzuſchließen?“ fragte Fugger. „Ich bin's,“ verſetzte der Markgraf.„Ihr mögt alle einzelnen Punkte des Vertrags mit dem Grafen Torrillas beſprechen und Euch mit ihm einigen. Er iſt in ſolchen. Geſchüften gewandter als ich. Er iſt ſelbſt der Haupt⸗ agent des Papſtes. Seid Ihr mit ihm ias Reine, dann legt mir den Vertrag vor, und wenn ich nichts daran zu erinnern finde, will ich ihn ſogleich durch einen Eilboten nach Mainz an meinen Bruder zur Unterſchrift ſchicken.“ Der König von Spanien. „Wohl, ſo ſei es!“ ſagte Fugger, der in dem Vor⸗ ſchlage ein gutes Geldgeſchäft für ſich ſah; denn er be⸗ griff ſogleich, daß der Kurfürſt ihm unter dieſen Um⸗ ſtänden ungewöhnlich hohe Zinſen zugeſtehen müſſe Der Markgraf ließ alſo die beiden Geſchäftsmänner allein und. eilte, froh, die läſtige Sache auf dieſe Weiſe abgemacht zu ſehen, dahin, wohin ihn das Herz zog, zu den im Hauſe verſammelten ſchönen jungen Frauen. Während die beiden Gelehrten ſich mit Aufſtellung der Bibliothek beſchäftigten, und Dürer mit Bübenhoven die maleriſche Gegend durchſtreifte, fand der ritterlich galante Markgraf eine willkommene Aufnahme und die gewünſchte Unter⸗ haltung in den Gemächern des ſchönen Geſchlechts. Hier zeichnete er bald die ſtolze Suſanne Fugger aus und plauderte mit ihr von den Annehmlichkeiten Augsburgs, das unter den deutſchen Städten hinſichtlich der Vergnü⸗ gungen und der geiſtig⸗ſinnlichen Regſamkeit damals die erſte Stelle einnahm. Die eitle, auf ihre Schönheit eingebildete Suſanne nahm die Huldigungen des gewandten Fürſten mit un⸗ verkennbarem Wohlgefallen auf und kam ihnen bald ge⸗ nug auf eine Weiſe entgegen, die den Tadel ihrer Schwe⸗ ſtern, den beſcheidnen Sibylla's und den ſtrengen Anna's, auf ſich zog. Aber Suſanne's eitles und verliebtes Herz⸗ chen hatte nicht nur gleich beim Erſcheinen des wohlgebil⸗ deten und ritterlich feinen Prinzen Feuer gefangen und wallte bald von Leidenſchaft für ihn über, auch ihr nied⸗ ——————————— — Der König von Spanien. 285 licher Kopf ſtellte allerhand Betrachtungen und Berech⸗ nungen an, die ſich freilich mit wahrer Liebe nicht ver⸗ tragen. Aber Suſanna war auch keiner wahren Liebe fähig. Ihre Mutter hatte ihr ſeit ihrer Entwickelung zur Jungfrau täglich vorgeredet, ſie beſitze alle Eigenſchaften, um die vollgültigſten Anſprüche an einen mit einer Gra⸗ fenkrone gezierten Gatten erheben zu können, und je ver⸗ ſtändiger ſie geworden, deſto öfter haben ihr Spiegel und ſie ſelbſt der Mutter vollkommen Recht geben müſſen. Mehre Verſuche, ſich in den Beſitz eines ſo koſtbaren Ehewirths zu ſetzen, ſind geſcheitert, und nun tritt ihr unverhofft in dieſem Tiroler Thale ein anmuthiger junger Mann entgegen, der die kühnſten Wünſche und Gelüſte ihres Herzens und ihres Kopfes übertrifft: ein Markgraf! Warum hätte ihr der Gedanke als abenteuerlich erſcheinen ſollen, daß ſie würdig ſei, Markgräfin von Brandenburg zu werden? War ſie nicht die ſchönſte Tochter des reich⸗ ſten Patricierhauſes im ganzen deutſchen Reiche? Waren die Fugger vom Kaiſer nicht in den Erbadel des Reichs erhoben? Sie beſaß den Reichthum und die Schönheit einer Prinzeſſin, wie wenig Mühe koſtete es ihrem Oheim Jakob, ihr vom Kaiſer für eine Geldſumme auch den Rang einer Fürſtin zu verſchaffen und ſie dem Markgra⸗ fen ſtandesgleich zu machen? War es ihr doch hinlänglich bekannt, wie gut dieſer Ohm beim Kaiſer ſtand, und daß dieſer Letztere ihm ſchwerlich irgend eine erfüllbare Bitte ab⸗ ſchlagen würde, zumal wenn der ſtets geldbedürftige Kaiſer 286 Der König von Spanien. damit eine hübſche Summe gewinnen könnte? Mußte nicht dem ganzen Fuggerſchen Hauſe an ihrer Standeserhöhung liegen, um dadurch ſelbſt zu höhern Ehren zu gelangen, und durfte das Opfer dafür irgend zu groß ſein? Und lag ihr endlich nicht ein glänzendes Beiſpiel nahe? War nicht jene Agnes Bernauer, welche die Gemahlin des Gra⸗ fen Albrecht von Vohburg, Sohnes des Herzogs Ernſt von Baiern geworden war, auch eine Augsburgerin ge⸗ weſen, und noch dazu die Tochter eines unbedeutenden Baders? Was vor achtzig Jahren einer Baderstochter ge⸗ lungen war, ſollte das heute nicht der Tochter des Fug⸗ gerſchen Hauſes gelingen? Wie ſie auch die Sache über— legen mochte, ſie fand die ſchöne Erfüllung ihrer Wün⸗ ſche nicht nur möglich, ſie fand ſie ſehr wahrſcheinlich, ja gewiß. Dies waren die Gedanken, mit denen ſie ſich fort und fort beſchäftigte. Daneben bot ſie alle die kleinen Künſte der Gefallſucht auf, um den Markgrafen feſt und feſter in ihr Netz zu ziehen, und als er ihrer verliebten ſpeculativen Ungeduld ſich nicht ſchnell genug erklärte, bil⸗ dete ſie ſich ein, die Gegenwart ihrer Schweſtern, die ihr freilich nicht von der Seite wichen, halte ihn davon ab. Sie ſann alſo auf Mittel und Wege, wie ſie mit dem Markgrafen allein ſein könnte, und es fiel ihr kein an— deres ein, als ein Beſuch bei ihrem Bruder Ulrich in Schwaz. Sie wollte dieſen Beſuch vorſchützen, ohne ſich ſogleich dorthin zu begeben, oder ſie wollte von dort aus mit dem Markgrafen an einem dritten Orte in der Nähe Der König von Spanien. 287 zuſammen kommen. Die einſamen Thäler und Berge mit den abgelegenen Sennhütten gaben dazu die ſchönſte Ge⸗ legenheit. Zur Ausführung dieſes Plans mußte ſie ſich aber natürlich erſt mit dem Markgrafen durch eine Mit⸗ telsperſon verſtändigen, und hierzu war freilich Nie⸗ mand geeigneter, als ihre von ihr abhängige Geſpielin, die ja in der That und Wahrheit nur ihre Dienerin war, obgleich ſie freilich den Namen einer ſolchen nicht führte, Martha Bry. Martha war von Suſannen und deren Mutter ſchon zu ähnlichen Verrichtungen gebraucht wor⸗ den und hatte ſich Beider Zufriedenheit dabei erworben; ſie hatte ſich ſchon als gewandte Zwiſchenhändlerin be⸗ währt, und Suſanna nahm deshalb keinen Anſtand, die gefällige Freundin in ihr Herzensgeheimniß einzuweihen. Das geſchickte Mädchen wurde beauftragt, den Prinzen unter vier Augen auszuhorchen, ihm nöthige Winke zu geben, ſeine Vertraute zu ſpielen, ihm Vorſchläge behufs einer heimlichen Zuſammenkunft mit Suſanna zu machen, und endlich den ganzen Plan mit ihm abzureden. Su⸗ ſanna hatte aber im übergroßen Eifer ihre Angelegen⸗ heit zu betreiben, zwei ſehr wichtige Punkte überſehen, erſtens, daß Martha mindeſtens eben ſo ſchön, ja in mancher Hinſicht noch reizender und weit ſchlauer war als ſie ſelbſt; ſodann hatte ſie vom Markgrafen auch nicht die mindeſte Andeutung erhalten, daß er ernſtliche Abſichten auf ſie habe. Und wie wenig kannte ſie den hochſtreben⸗ den Sinn dieſer Martha! Wie wenig ahnete ſie, daß 288 gerade dieſe ihre Geſpielin, von ihr durch launenhafte Quälereien und Demüthigungen aufs Tiefſte verletzt, ihre erbittertſte Feindin war, und mit welchem Haß und Neid die arme Malerstochter auf die reiche Kaufmannstochter blickte, der ſie unterthänig ſein mußte. Auch auf die mit ſo üppigen Reizen und mit ſo ſtarken ſinnlichen Trieben ausgeſtattete Martha hatte der ſchöne ſtolze Prinz einen lebhaften Eindruck gemacht, und nicht vergebens war ihr bei ſeinem Anblick ſogleich eingefallen, daß ihre ältere Schweſter Eleonore, einſt nicht ſchöner als wie ſie jetzt, die Geliebte des Erzherzogs Philipp geweſen war. Als ſie von Suſanna den umiſtändlichen Auftrag mit dem Ver⸗ ſprechen einer reichen Belohnung„empfing, erglühte ſie, von den ſeltſamſten Gefühlen und Gedanken beſtürmt. Sie übernahm den Auftrag gern und willig und unter⸗ zog ſich der Ausführung deſſelben mit der größten Vor⸗ ſicht. Sie wandte ſich nämlich an den Grafen Torxillas und ließ durch dieſen den Markgrafen um ein kurzes Ge⸗ hör bitten. Der Graf führte ſie Abends auf das Zim⸗ mer des Prinzen. Dieſer war bei einigen flüchtigen Be⸗ gegnungen ſchon auf die hohen Reize des Mädchens auf⸗ merkſam geworden; denn er war ein erfahrener Kenner von Frauenſchönheit. Nichtsdeſtoweniger war er von Martha's Anblick aufs Angenehmſte überraſcht. Aber eh' eine Stunde verging, war er von Martha's Geiſt bezau— bert und kannte die Geſchichte ihres Hauſes. Mit Er⸗ ſtaunen vernahm er Elevnorens ſeltſame Schickſale, von Der König von Spanien. Der König von Spanien. 289 denen ihm früher ſchon Einiges zu Ohren gekommen war, ohne daß er Näheres über die Frau erfahren hatte, welche auf die Geiſteszerrüttung der Königin Johanna und da⸗ durch auf die Regierung der ſpaniſchen Königreiche einen ſo außerordentlichen Einfluß ausgeübt; er erfuhr ferner die ſchmähliche Behandlung, welche Martha im Hauſe der Witwe Veronica Fugger erduldet, und verſprach dem weinenden Mädchen, ſie aus dieſer demüthigenden Abhän⸗ gigkeit zu befreien. Beide verſtändigten ſich zu ihrer bei⸗ derſeitigen Zuftiedeiteit miteinander. Die willkommenen Nachrichten, welche Martha ihrer launenhaften und verliebten Gebieterin überbrachte, ver⸗ mochten dieſe, einige Tage darauf nach Schwaz abzurei⸗ ſen. Es ward ausgenacht, daß Martha ſie an einem be⸗ ſtimmten Tage dort wieder abholen ſollte. Bis zur Ab⸗ reiſe des Markgrafen ſollte ſie als Unterhändlerin in Fug⸗ gerau bleiben. Während dieſes Minnehandels war das Geldgeſchäft zwiſchen dem Kurfürſten von Mainz und Herrn Jakob Fugger zum Abſchluß gekommen; ein reitender Bote hatte den Vertrag nach Mainz und vom Kurfürſten unterſchrie⸗ ben wieder zurückgebracht; der Prinz erhielt Anweiſung auf die Fuggerſche Wechſelſtube in Augsburg und reiſete mit ſeinem Begleiter ab. Dieſer war auch nicht unthä⸗ tig auf ſeine eigne Rechnung geweſen und hatte mit dem Oberſteiger Diether in den Silberbergwerken ein gutes Geſchäft gemacht. Tags nach der Abreiſe des Markgra⸗ Ein deutſcher Leinweber. V. 19 290 Der König von Spanien. fen ging Martha vorgeblich nach Schwaz zu ihrer Freun⸗ din, um ſie auf das Schloß Fuggerau zurückzuführen, das Suſanna angeblich nur verlaſſen hatte, um dem ge⸗ fährlichen Prinzen aus dem Wege zu gehen. Aber we⸗ der Martha, noch Suſanna kehrten zurück; und als die beiden verheiratheten Schweſtern ungeduldig ſelbſt nach Schwaz fuhren, um ſich nach der auffallenden Zögerung zu erkundigen, fanden ſie wohl Suſanna, aber nicht Martha. Die Letztere war gar nicht nach Schwaz gekom⸗ men. Die Vermuthung der Wahrheit lag nah, und Su⸗ ſanne reiſete im größten Aerger, den ſie nicht einmal ihren Schweſtern verrathen durfte, nach einigen Tagen nach Augsburg zurück, um dem jungen Herrn Georg von Stet⸗ ten ihre Hand zu geben. Die Hochzeit war ſchon im fol⸗ genden Monat. Unterdeſſen hatten die Betheiligten ſchon in Erfahrung gebracht, daß Martha Bry am kurfürſt⸗ lichen Hofe in Mainz als Geliebte des Markgrafen mit großem Glanze aufgetreten war. Achtzehntes Rapitel. Zu Anfang des Sommers in demſelben Jahre ritt eines Nachmittags ein einfach, obwohl ziemlich vornehm geklei— deter Reiter auf der großen Heerſtraße, die am Ufer der Etſch aus der Lombardei herauf durch die Grafſchaft Ti⸗ rol nach Augsburg und weiter ins deutſche Reich führte. Er war noch ein junger Mann von etwas trotzigem An⸗ ſehen, von mittler Größe, einem runden anziehenden Ge⸗ ſicht, mit großen, geiſtreichen, kühn blickenden Augen. Dem Rößlein wie dem Reiter war es anzuſehen, daß der Letztere nicht zu den Lieblingen des goldausſtreuenden Glücks gehörte. Auch war er allein; kein Knecht begleitete ihn, wie meiſt doch den geringſten Junker. In der erſten Dämmerfrühe des Morgens war er in Trient, wo er übernachtet oder wohl ein paar Tage verweilt hatte, auf⸗ gebrochen und hatte im herrlichen, mit allen Zaubern des norditalieniſchen Frühlings geſchmückten Thale ſcharf bei⸗ gelegt, um Botzen am frühen Nachmittag zu erreichen, wo er ſein Nachtloſament nehmen wollte. Jetzt befand er 19* 292 Der König von Spanien. ſich nicht mehr fern von dieſer in dem tiefen Thalkeſſel, wo die von den tiroler Bergen herabſtürzenden Flüſſe Etſch und Eiſach ſich vereinigen, maleriſch gelegenen, dem Bi⸗ ſchof von Trient gehörigen Stadt. Bald mit ſeinem ſin⸗ nigen Auge in den Reizen der ihn umgebenden Natur ſchwelgend, bald träumeriſch in ſich ſelbſt verſinkend, hatte der ſtattliche Reiter anfangs nicht bemerkt, daß ſich die Straße allmälig mehr und mehr mit Landleuten belebte, doch bald fiel ihm auf, daß er endlich ganze Schaaren derſelben einholte, welche ſonntäglich geſchmückt der Stadt zuzogen. Auch führte zu gleicher Zeit die von den Ber⸗ gen herab ihm entgegen wehende Luft das wohlklingende Geläute aller Glocken der Stadt in ſein Ohr. Es mußte alſo irgend eine kirchliche Feier in Botzen ſtatt finden. Um ſich darüber Gewißheit zu verſchaffen, wandte er ſich an einen Trupp kräftiger und blühender tiroler Mädchen, welche ſingend des Wegs zogen, und fragte ſie nach der Urſache des Glockengeläutes und der zahlreichen Wan⸗ derung. „Ei Herr,“ verſetzte eine von Geſundheit und Lebens⸗ luſt ſtrotzende Schöne,„wißt Ihr nicht, daß in Botzen Meſſe iſt, und daß heute Nachmittag ein hochwürdiger Gnadenprediger einzieht und in den nächſten Tagen die Heilszettel des Papſtes zur Vergebung der Sünden dort verkauft?“ „Ha, ein Ablaßkrämer zu den Meßkrämern!“ ſagte der Reiter mit heftigem Ausdruck, und ſein Geſicht ver⸗ S — —,— Der König von Spanien. 293 finſterte ſich auffallend.„Kinder,“ wandte er ſich dann wieder freundlicher zu den Mädchen,„Ihr wollt Euch doch keinen Ablaß kaufen? Ihr habt ja noch niemals eine Sünde begangen?“ Die Mädchen lachten, und die Sprecherin meinte, man könne ſich ja auch für künftige Fälle verſehen, und ihr Pfarrer habe geſagt, wer päpſtlichen Ablaß kaufe, werde wieder in den Stand der Unſchuld eingeſetzt und reiner als durch die Taufe. „Ihr thätet beſſer, Euer Geld den Meßkrämern für Bänder und bunte Lappen hinzugeben, womit Ihr Euch ſchmücken könnt,“ ſagte der Reiter halb ernſt, halb ſcherzend. „Ihr ſeid wohl ein Ketzer, junger Herr?“ fragte das Mädchen naiv und kichernd, und Alle lachten. „Vielleicht haſt du recht. Doch ſiehſt du an mir, daß der Teufel nicht ſo ſchlimm iſt, als ihn die Pfaffen ma⸗ len und mit den Ketzern fein ſäuberlich verfährt.“ Die Mädchen gingen auf den Scherz ein und ſetzten das Geſpräch fort, das der Reiter mit ſichtlichem Wohl⸗ gefallen zu unterhalten ſchien. Er fragte ſie über dies und das, und ſie plauderten mit natürlicher Fröhlichkeit. So gelangten ſie unter dem Geläute der Glocken und dem maſſenweis von allen Seiten zuſtrömenden Landvolk in die freundliche Bergſtadt. Das Gedränge auf den Stra⸗ ßen war ſo groß, daß der Reiter nur langſam vorwärts kam. Die in ganz Tirol und der Lombardei berühmte 294 Der König von Spanien. botzner Meſſe, welche jährlich viermal gehalten wurde, hatte der Stadt zahlreichen Beſuch aus den volksreichen Thälern nah und fern zugeführt, und die Nachricht, daß die päpſtlichen und erzbiſchöflichen Ablaßcommiſſaire die Stadt heimſuchen würden, den Volksandrang noch um ein Bedeutendes vermehrt. Es ging laut zu in den Straßen, auf den Plätzen, in den Herbergen, und die ſo verſchiedenartigen Laute der deutſchen und italieniſchen Sprache miſchten ſich in dem von Glockengeläut, Böller⸗ ſchüſſen, Trompeten- und Pfeifengetön in Anſpruch ge⸗ nommenem Ohre. Der Reiter hatte große Mühe, ſein Pferd in einer Herberge unter zu bringen; Alles war überfüllt. Und kaum hatte er Zeit gefunden, einen ſpär⸗ lichen Imbiß zu ſich zu nehmen, als er von dem Rufe „Sie kommen!“ wieder auf die Straße gelockt und von der Menge fortgeſchoben wurde. Alles drängte dem Thore zu, durch welches der Weg nach Inſpruck führte. Ein unabſehbarer Menſchenzug bewegte ſich langſam und feier⸗ ſch unter dem Geläute aller Glocken und dem Krachen zahlreicher Böller der Stadt zu. Das herrlichſte Som⸗ merwetter begünſtigte die Feſtlichkeit, und alles Volk hatte ſich Hüte und Gugeln mit grünem Laube geſchmückt. Der Magiſtrat, die Geiſtlichkeit der Stadt, die Kapläne und Diakonen des Biſchofs, die Schulen und die Zünfte wa⸗ ren dem Gnadenprediger, wie gebräuchlich, entgegengezo⸗ gen, um ihn mit ſeinen Untercommiſſairen und ſeinem übrigen Gefolge feierlich einzuholen. Den Zug in die — Der König von Spanien. 295 Stadt eröffnete ein Dominikaner Laienbruder, der ein großes rothes Kreuz trug, an welchem auf einem Stück Scharlach das päpſtliche Wappen in Gold geſtickt hing; ein paar Chorknaben trugen den großen vergoldeten Schlüſ⸗ ſel und das Schwert St. Peters auf rothen Kiſſen. Nun begann der lange Zug der ſingenden Schulkinder mit ihren Lehrern, die biſchöfliche und ſtädtiſche Kleriſei im pracht⸗ vollſten Ornat, umgeben von Mönchen und Chorknaben, welche die Kirchenfahnen und brennende hohe Kerzen tru⸗ gen, folgten zunächſt. Nun kamen die Männer des Heils und ihr Gepäck auf einer großen Anzahl von Pferden, Maulthieren und Edeln; voran der Dominikaner-Ablaß⸗ prediger mit dem hocherhobenen Allerheiligſten in der Hand (die päpſtliche Ablaßconceſſion wurde ihm von einem Mön⸗ che auf einem rothen Sammtkiſſen vorgetragen) zwiſchen zwei Miniſtranten mit großen Weihkeſſeln, welche das zu beiden Seiten niederknieende Volk beſprengten, Alle in reichen Meßgewändern; dann auf einem prächtig geputz⸗ ten Maulthier der nußbraune Ablaßkaſten, die Geldkiſte, beſtimmt, die Gnade Gottes allen Menſchen mitzutheilen, und dafür ihr Geld in ſich aufzunehmen. Sie war mit Kränzen und Bändern geziert, ein ſilbernes Krucifir war auf ihr befeſtigt, und vor demſelben brannten drei Kerzen, deren mittlere etwas größer war, als die der beiden an⸗ dern, ein Symbol der heiligen Dreifaltigkeit. Zu beiden Seiten gingen Mönche, welche die neue Bundeslade an Laubgewinden hielten; Andere trugen Kirchenfahnen mit 296 Der König von Spanien. Heiligenbildern, Andere große brennende Wachskerzen. An die Packthiere ſchloſſen ſich die Zünfte mit ihren wehen⸗ den Fahnen an, vorweg ihre Pfeifer, welche luſtig auf⸗ ſpielten. Am Thore hatten ſich die tiroler Scharfſchützen mit ihren Stutzern bewaffnet aus der Stadt und der Um⸗ gegend aufgeſtellt und begrüßten die Heilslade und den Gnadenſpender mit einer Salve, deren Echo ein Berg dem andern zuwarf. Beim Eintritt in die Stadt wurde der Ablaßcommiſſair vom Magiſtrat und den biſchöflichen Adjuncten noch einmal willkommen geheißen, und nun wälzte ſich die Maſſe, lateiniſche Pſalmen brüllend, langſam durch die engen Straßen der Hauptkirche zu. In kurzer Zeit war die Kirche bis zum Erdrücken voll Menſchen. Die päpſtliche Ablaßbewilligung wurde mit großen Ceremonien auf den Hauptaltar niedergelegt und der Ablaßkaſten davor aufgeſtellt. Ringsum brannten Kerzen auf hohen Leuchtern. Ueber dem Kaſten wurde das hohe rothe Kreuz mit dem päpſtlichen Wappen aufgepflanzt. Die Untercommiſſaire, die Caſſirer und die Mönche ſtellten ſich zu Seiten des Altars auf. Der Bruder Dominikaner-Oberecvmmiſſair aber beſtieg die Kanzel und hielt eine Predigt mit donnern⸗ der Stimme.„Seht!“ rief er,„hier vor den Hauptaltar der heiligen Mutter Gottes habe ich das rothe Ablaßkreuz des heiligen Vaters in Rom aufſtellen laſſen. Daran hängt ſein dreimal heiliges Wappen. Nun will ich Euch belehren, Ihr Tiroler, was das zu bedeuten hat. Das hat zu bedeuten, daß das Ablaßkreuz eben ſo viel gilt, ———— —— Der König von Spanien. 297 oder eigentlich noch mehr gilt als das Kreuz, an welchem Chriſtus der Sohn Gottes und ſelbſt Gott geblutet hat und geſtorben iſt. Ich meine das wirkliche Kreuz Chriſti, kein nachgemachtes; denn dieſe gelten alle zuſammen nicht halb ſo viel als des Papſtes Ablaßkreuz. Ihr fragt ver- wundert wie ſoll das zugehen? Und darauf will ich Euch antworten und Euch die Sache erklären. Eh Chri⸗ ſtus gen Himmel fuhr, hat er dem St. Peter alle Macht auf Erden übergeben und verordnet, daß dieſer heilige Apoſtel ganz ſein ſoll, wie er ſelbſt. Eh St. Peter gen Himmel fuhr, hat er dieſe Macht dem Papſt übergeben und verordnet, daß dieſer ſein ſoll wie Chriſtus. Beim Papſt iſt die Macht geblieben bis zur heutigen Stunde, und wird bei ihm bleiben bis ans Ende der Welt. Be⸗ weis iſt: Habt Ihr ſchon Gott Vater auf Erden geſehen? Habt Ihr ſchon Gott Sohn auf Erden geſehen? Habt Ihr ſchon Gott heiligen Geiſt auf Erden geſehen? Sie könnten doch alle Tage und Stunden vom Himmel herab⸗ kommen und das Regiment der Weit ſelbſt übernehmen; ſie könnten Euch den Ablaß ſelbſt ertheilen. Aber ſie kommen nicht, ſie ertheilen Euch keinen Ablaß, ſie be⸗ kümmern ſich nicht um Euch. Warum kommen ſie nicht, und warum regieren ſie die Welt nicht ſelbſt? Warum bekümmern ſie ſich ganz und gar nicht um die fromme und gläubige Chriſtenheit? darum, weil ſie's nicht nöthig haben. Weil ſie einen Statthalter geſetzt haben, der die Welt beſtens regiert, der ſich um Euch bekümmert und 298 Der König von Spanien. Euch Ablaß ertheilt. Deshalb nun iſt der Papſt auf Erden gleich Gott und gleich Chriſtus, ja er iſt auf Erden mehr als Gott und Chriſtus, weil dieſe nicht da ſind, er aber iſt da. Der Papſt iſt auch mehr als die Mutter Gottes. Denn dieſe iſt auch im Himmel und kommt nur zuweilen auf die Erde herab. Dann ſtört ſie aber den Papſt nicht in ſeinem Regiment. Sie macht ihm nur einen Beſuch und bedankt ſich bei ihm, daß er ſo gut regiert. Gott Vater und Chriſtus und die Jungfrau re⸗ gieren im Himmel, und da haben ſie genug zu thun. Sie müſſen alle Seelen in Ordnung halten, die ſeit Chriſti Sühntod durch ſein Blut ſelig geſtorben ſind. Das iſt eine hübſche Heerſchaar. Auch iſt der Himmel viele Mil⸗ lionen Male größer als die Erde— Somit hab' ich Euch bewieſen, daß der Papſt auf Erden Gott und Heiland und Marig, Alles zuſammen in ſeiner hochheiligen Perſon iſt. Und er kommt Euch liebevoll und mit göttlichem Erbarmen entgegen, um Euch die Laſt Eurer Sünden ab⸗ zunehmen und Euch zur ewigen Seligkeit zu verhelfen. Und für dieſes nicht genug zu preiſende Geſchenk braucht ihr nur ein kleines Geldopfer zu ſpenden. Das Geld aber, welches Ihr gebt, wird vom Papſt gewiſſenhaft zur Erbauung der St. Peterskirche in Rom und anderer Kir⸗ chen und Aläre und zum Krieg gegen die Ungläubigen verwendet. Ihr müßt deshalb ſo viel geben, als Ihr nur vermögt. Aus dem Allem müßt Ihr nun erfahren, wenn Ihr nicht ganz mit Blindheit geſchlagen ſeid, daß Ihr ———— „ 6. Der Konig von Spanien. 299 nichts Heiligeres anbeten könnt, als das von mir aufge⸗ richtete Ablaßkreuz, und daß Ihr nicht beſſer für Euer zeitliches und ewiges Wohl ſorgen könnt, als wenn Ihr für das Geſchenk des Ablaſſes dem heiligen Vater ein möglich großes Geldopfer darbringt. Nun hat derſelbe mich als ſeinen Apoſtel ausgeſendet und mir Vollmacht ertheilt, Euch die göttliche Gnade des Ablaſſes zu über⸗ bringen. Da nun der Papſt auf Erden iſt gleich Chriſtus und mehr vermag als alle Engel und Heiligen, ſo bin ich gleich Petrus. Ja ich ſchätze mich mehr zu ſein, da ich durch den Ablaß weit mehr Seelen zur Seligkeit ver⸗ holfen, als St. Peter. Auch iſt mein Ablaß von ganz beſonders wohlthätiger Wirkſamkeit; ich mache Alle, die ihn von mir nehmen, reiner und unſchüldiger, als Adam und Eva im Paradies waren, bevor ſie ſich von der ver⸗ fluchten Schlange verführen ließen. Und nicht nur für bereits vollbrachte, auch für zukünftige Sünden gebe ich Ablaß, und nicht allein für Euch Lebenden ſteht die Gna⸗ denthür, deren Pförtner ich bin, offen, auch für die Ver⸗ ſtorbenen, die Ihr durch einen Ablaßbrief aus dem Feg⸗ feuer erlöſen könnt. Ja ich bringe Allen, den Lebendigen und den Todten, die Gnade, durch welche ſie mit Gott verſöhnt werden, und wer ſich von mir das Gnaden⸗ und Heilsmittel verſchafft hat, den läßt St. Peter, mein lie⸗ ber Bruder, ſogleich durch die Himmelsthür paſſiren. Der Ablaßzettel iſt ein Thorzettel der ewigen Seligkeit. Darum beherzigt Euer ewiges Heil und legt Euere Opferſpenden 300 Der König von Spanien. auf den Altar nieder, und empfangt dafür den Pfand⸗ brief der göttlichen Gnade!“ Hierauf begab ſich der Redner von der Kanzel an den Altar, und das Volk drängte hinzu und begann zu kaufen. Die Ablaßbriefe waren in großer Menge auf dem Altar aufgehäuft, und die Commiſſäre befragten jeden Kaufenden nach ſeinen Vermögensumſtänden, droheten ihm mit der Unwirkſamkeit des Ablaſſes und mit der ewigen Verdammniß, wenn er ſie belöge, ſchätzten ihn auch nach ſeiner Kleidung und äußerlichem Anſehen. Nach dieſen Erörterungen wurde der Preis des Gnadenbriefes be⸗ ſtimmt, und wenn ihn ein Armer für einen Gulden, ja wohl gar für noch weniger erhielt, ſo forderte der Com⸗ miſſär von einem Reichen funfzig Gulden und mehr da⸗ für. Es wurde auch wohl darum gehandelt, indem der Ablaßbedürftige ein geringeres Gebot als die Forderung that, und der Mönch etwas nachließ. Das Geld wurde auf den Altar gezahlt und dann mittels eines Trichters, auf welchem das Krucifir befeſtigt war, in den Kaſten befördert. Dicht dabei ſtanden die drei Kaſſirer oder Agen⸗ ten, der päpſtliche, der erzbiſchöfliche und der Fuggerſche, und beobachteten die Hände der Mönche mit ſcharfen und mistrauiſchen Blicken, damit ſie von dem eingegangenen Gelde nichts in ihre Taſchen ſtecken möchten.— Inzwiſchen war der Zudrang des Volks keineswegs ſo ſtark, als die Commiſſäre wünſchten, und es ſchien, als ſtänden Viele in der Ferne und überlegten, ob ſie ihr Geld den Meß⸗ —— —— Der König von Spanien. 301 krämern für Nothdurft und Prunk, den Schankwirthen für Schwelgerei des Leibes, oder den Brüdern Domini⸗ kanern für das Heil der Seele zu wenden ſollten. Siehe da wurde für einen ſchrecklich ausſehenden in eckle Lum⸗ pen gehüllten Bettler, der an allen Gliedern gelähmt, ächzend und ſtöhnend auf zwei Krücken herbei humpelte, Platz gemacht. Der ſchwarzbraune Menſch ſchien aus dem Grabe erſtanden zu ſein, klagte ſich mit mühſamer Rede ſchwerer Sünden an und bettelte mit einer lauten Um⸗ ſtändlichkeit, die offenbar darauf gerichtet war, allgemei⸗ nes Aufſehen zu erregen, rings herum, um ſich auch einen Ablaßbrief zu kaufen. Der Bruder Obercommiſſar rief ihn endlich herbei und ſprach ihm Troſt zu, er möge nur einige Kreuzer opfern, damit er doch ein Opfer ge⸗ bracht. Kaum hatte der gebrechliche Menſch den Ablaß⸗ brief in der Hand, als er das Kreuz und die Dornen⸗ krone, das feurige Herz und die durchnagelten Hände und Füße Chriſti, welche darauf abgebildet waren, inbrünſtig küßte, wie auf dem Briefe vorgeſchrieben war, ja in einem Anfall begeiſterter Frömmigkeit verſchluckte er plötzlich den ganzen Brief. Kaum war dies geſchehen, ſo ſtieß er einen lauten Schrei aus, warf die Krücken von ſich und wandelte aufrecht und geſund, die Gnade Gottes, die ihm ſeine Sünden vergeben, preiſend, vor aller Augen.„Ein Nirakel!“ ſchrieen die Mönche.„Ein Mirakel!“ brüllte das Volk wie wahnſinnig ihnen nach, und die Kunde durchlief im Nu die ganze Kirche Alle wollten den durch 302 Der König von Spanien. den Ablaß geheilten Bettler ſehen und ſeine Geſchichte hören, und er erzählte ſie laut zu wiederholten Malen in einem mit italieniſchen Worten ſtark gemiſchten ſchwer verſtändlichen Deutſch. Der Prediger ergriff dann das Wort und führte das große Wunder Allen zu Gemüth. Nun ſteigerte ſich der Abſatz der Gnadenbriefe von Minute zu Minute. Der Bettler wurde von hundert Händen jubelnd aus der Kirche getragen; es regnete Geld in ſei⸗ nen Hut, und am Altar konnten die Verkäufer die maſſen⸗ weis herbeidrängenden Käufer nicht ſchnell genug befrie⸗ digen. Der Abend brach an, und ſie dachten an ihres Leibes Nahrung und Nothdurft, ſchloſſen daher für heute das Geſchäft mit der Verkündigung, daß morgen wieder Predigt und Gnadenopfer gehalten werde, und ſchleppten den ſchweren mit drei Schlöſſern verſehenen Kaſten in die Herberge des Obercommiſſärs. Dort öffneten die drei Agenten, von denen jeder ſein beſonderes Schloß und Schlüſſel hatte, den Kaſten, zählten das Geld und theil⸗ ten es, nachdem die Procente für die Commiſſäre abge⸗ zogen waren. Dort erſchien denn auch der geheilte Bett⸗ ler in einer ganz veränderten Geſtalt, daß er nicht wieder zu erkennen war, und controllirte die Einnahme des Tages. Er war der päpſtliche Hauptagent, der Kämmerer Sr. Heiligkeit, Graf Torrillas, der verruchte Zigeuner Antonio Cebes. Unter den Zuſchauern in der Nähe des Altars hatte ſich auch der junge Reiter befunden und den ganzen Han⸗ — — Der König von Spanien. 303 del mit geſpannten Sinnen beobachtet; ſeine edlen Züge hatten allmälig den Ausdruck des höchſten Grimmes an⸗ genommen, und als der falſche Bettler ſeine plumpe Rolle mit ſo gutem Erfolg abſpielte, entglitt ein leiſer Fluch ſeinen bis dahin geſchloſſenen Lippen. Nach Beendigung —. des geiſtlichen Poſſenſpiels durchſchlenderte er noch die Stadt und kehrte endlich in die Herberge zurück, um ſich an der Wirthötafel zu erholen. In demſelbem Augenblick nahm ein reichgekleideter Mann, der mit ihm in gleichem Alter oder vielmehr noch um einige Jahre jünger zu ſein ſchien, neben ihm Platz. Der Reiter muſterte mit ſchnel— lem Blicke die Geſichter gegenüber, erkannte in einem der⸗ ſelben einen Agenten, der mit am Altare geſtanden hatte, und richtete die Frage an ihn: ob er mit der Einnahme zufrieden ſei? Der Agent verſetzte: es müſſe in den näch⸗ ſten Tagen beſſer kommen. Heute ſei nur das Vorſpiel geweſen. „Ihr ſeid Eurer Ausſprache nach ein Schwabe?“ „Ich bin ein geborner Niederländer und als zwölf⸗ jähriger Bub nach Augsburg gekommen, wo mich Herr Jakob Fugger erziehen ließ. Auch bin ich der Fuggerſche Agent beim hieſigen Ablaßkram. Ich heiße Bry. Ihr aber ſcheint ein Franke zu ſein. Darf man auch Euern Namen wiſſen?“ Der Reiter ſchien dieſe Frage zu überhören. Er fragte dagegen mit großer Theilnahme, was denn ein Fugger⸗ ſcher Agent beim Ablaßhandel zu ſchaffen habe, und ent⸗ — 304 Der König von Spanien. ſchuldigte ſeine Unwiſſenheit damit, daß er aus Italien komme, wo er lange gelebt. Bry gab mit großer Um⸗ ſtändlichkeit die erbetene Auskunft und führte die Haupt⸗ vunkte des Geſchäftsvertrag des Kurfürſten von Mainz mit Jakob Fugger an. „So wird alſo der Verkauf des Ablaſſes als ein Wechſelgeſchäft vom Hauſe Fugger betrieben,“ ſagte der Reiter mit ſchlecht verhehltem Zorn.„Fürwahr, das iſt noch nicht da geweſen. Wahrlich die reichen Fugger ſoll⸗ ten ſich dieſes ſchmählichen Handels ſchämen.“ Der Agent zuckte die Achſeln und meinte, er müſſe chun, was ihm ſein Principal befehle. Luſt habe er auch nicht an dem Geſchäft. „Herr,“ ſagte jetzt der Nachbar des Reiters,„nicht alle Fugger von Augsburg ſind bei dieſem Judasſchacher betheiligt, nicht Alle ſind ſo treue Knechte des Papſtes, wie der päpſtliche Comes und lateraniſche Ritter Jakob Fugger. Ihr ſolltet daher Euern ſcharfen, aber gerechten Tadel nicht über alle Träger dieſes Namens ausſprechen.“ „Ich kenne die reichen Herren zu wenig, um einen Unterſchied machen zu können. Es ſollte mir lieb ſein, einen Fugger kennen zu lernen, der ſolchen Handel mit der Pfaffheit verabſcheute.“ „Ei,“ lachte Bry,„dazu kann leicht Rath werden; denn ein Solcher ſitzt neben Euch.“ „Fürwahr, da mich der Mann da drüben verrathen, mögt Ihr es wiſſen, daß ich Ulrich Fugger heiße. Und — — Der König von Spanien. 305 vaß ich nicht mit meinem Ohm Jakob in ein Horn blaſe, das kann Euch in Augsburg, ja in mancher tiroliſchen Stadt ſchon jedes Kind ſagen. Und ſo wahr mir Gott helfe, ich bin kein Freund dieſer habſüchtigen Pfaffen und ihres ſündlichen Handels. Ich bin von Schwaz, wo ich Bergbau und Handel treibe, zur Meſſe nach Botzen her⸗ übergekommen. Hätte ich aber ahnen können, daß ich den Ablaßſcandal hier erleben ſollte, ich wäre daheim ge⸗ blieben. Denn die Galle iſt mir über des Mönchs Pre⸗ digt ins Blut getreten, daß mir kein Tropfen Wein ſchmecken will. Wahrlich, die Luſt iſt mir einige Male angekommen, den frechen Kuttenträger ins Geſicht zu ſchlagen. Und Ihr ſcheint mir auch nicht von der Farbe des Papſtes und der Kleriſei zu ſein.“ „Das habt Ihr richtig getroffen. Ich bin es um ſo weniger, da ich mir die Alfanzerei in Rom ſelbſt ange⸗ ſehen habe. Es iſt ein Jammer um das dumme Volk, daß es die frechen Lügen glaubt. In Italien, woher doch das Pfaffenregiment ſtammt, wäre der Mönch ausgelacht und verhöhnt worden. Dafür verhöhnen die Raliener uns Deutſche, und laſſen ſich's wohl ſein von dem Gelde, daß wir ihnen alljährig für die großen Lügen hinüberſchicken.“ „Ihr gefallt mir baß!“ rief Ulrich Fugger feurig. „Darum laßt mich wiſſen, wer der Mann iſt, der ſolche wahre und kühne Sprache führt?“ „Ich bin ein fränkiſcher Junker, der in Italien die Rechte ſtudirt hat, und heiße Ulrich von Hutten.“ Ein deutſcher Leinweber. V. 20 306 Der König von Spanien. „Ba, Ihr ſeid der Dichter, deſſen Name von allen edlen Deutſchen mit Achtung und Liebe genannt wird!“ „Wenn meine Verſe mir im Vaterlande edle Freunde erworben haben, ſo iſt das mehr ihrer freundlichen Nach⸗ ſicht als meinem Verdienſt zuzuſchreiben.“ „Ihr ſeid ein Kämpfer für Wahrheit und Recht, wie das deutſche Reich nicht viele aufzuweiſen hat. Gebt einem Fugger von Augsburg die Hand und laßt Euch von ihm hier an der Schwelle Deutſchlands willkommen heißen! Ich habe genug lateiniſch gelernt, um Eure Gedichte zu leſen, und ſie haben mich entzückt.“ „Eure Bekanntſchaft, Herr Fugger, entſchädigt mich für die ſchmachvolle Pfaffenkomödie, die mich an der Schwelle Deutſchlands empfangen hat.“ „Ich kann daſſelbe von der Eurigen ſagen. So wech⸗ ſeln Aerger und Freude ſchnell mit einander ab. Wenn Euch der Name Fugger nicht allzuwider geworden iſt, ſo möcht' ich Euch erſuchen, daß Ihr Euch ein wenig bemü⸗ hen möchtet, mich näher kennen zu lernen, edler Junker. Ich denke, es ſoll Euch nicht gereuen.“ „Ich habe kein Vorurtheil für Namen und halte mich an die Geſinnung und die Handlungsweiſe der Perſonen.“ „Das durfte ich wohl von Euch erwarten. Wann gedenkt Ihr Eure Reiſe fortzuſetzen, edler Junker?“ „Morgen in der Frühe.“ „Es wäre mir nichts erwünſchter, als Euch begleiten zu dürfen. Doch halten mich Handelsgeſchäfte noch mehre 2 Der König von Spanien. 307 Tage hier zurück. Ich darf Euch nicht zumuthen, auf mich zu warten.— Welches iſt das nächſte Ziel Eurer Reiſe?“ „Ich gedenke mich in Inſpruck umzuſehen und dann ein paar Wochen bei meinem Freunde Konrad Peutinger in Augsburg zu verleben.“ „So folg' ich Euch in Kurzem nach Augsburg nach. Wenn der gelehrte Peutinger nicht bei weitem größere Anſprüche an Euch hätte, ſo würde ich Euch bitten, in Augsburg mein Gaſt zu ſein; denn ich beſitze dort mein eignes Haus. Aber Ihr werdet mir wenigſtens vergön⸗ nen, zuweilen eine Stunde in Eurer Geſellſchaft zuzu⸗ bringen.“ „Es wird mir Freude machen, Meinungen und An⸗ ſichten mit Euch auszutauſchen.“ Uulrich Fugger ließ es ſich nicht nehmen, den Dichter mit dem beſten Weine zu bewirthen, den die Herberge beſaß, und beide junge Männer plauderten bald vertraut miteinander Der dritte junge Mann gegenüber, der Fuggerſche Ablaß-Agent Bry, blickte mit wehmüthiger Bewunderung auf den berühmten Dichter. Er wagte es nicht, ſich ferner in die Unterhaltung zu miſchen und ver⸗ ließ die Tafel. Die beiden neuen Bekannten ſaßen aber zuſammen bis zur Mitternachtsſtunde. 20* Meunzehntes Rapitel. Der Kaiſer verweilte in Augsburg. Je älter er wurde, deſto lieber ſchien er ſich in der ihm vor allen theuern Reichsſtadt aufzuhalten. Jakob Fugger war ihm zu Ehren in ſeinem Gefolge aus Tirol zurückgekehrt, um den ge— liebten Herrn bei ſich zu bewirthen. Das große reiche Haus am Weinmarkt verſammelte eines Tags eine Anzahl auserleſener Gäſte, vorab den Kaiſer und einige ſeiner vornehmſten Räthe. Darun⸗ ter die gelehrten Männer, Secretair Jakob Spiegel und der Mathematiker Stab. Aus der Stadt waren ebenfalls mehre Gelehrte eingeladen, und der vornehmſte derſelben, Konrad Peutinger, welcher beim Kaiſer in beſondern Gnaden ſtand. Weder der Biſchof, noch ein anderer Kle⸗ riker war zugegen. So hatte es der Kaiſer ausdrücklich verlangt, indem er zu Jakob Fugger geäußert, er wolle in ſeinem Hauſe nur unter Freunden ſein. Da auch keine Frauen mit zur Tafel gezogen waren, ſo verzichtete auch Frau Sibylle gern auf die Ehre, mit der vornehmen und Der König von Spanien. 309 gelehrten Tiſchgeſellſchaft in ihrem Hauſe zu ſpeiſen, zu⸗ mal ſie in der That dieſe Ehre nicht ſonderlich hoch an⸗ ſchlug. Sie zog es vor, das Küchenregiment zu führen. Dem Kaiſer zunächſt ſaßen Jakob Fugger und Kon⸗ rad Peutinger. Die Unterhaltung betraf nur gelehrte Ge⸗ genſtände, den Streit der Reuchliniſten mit den Domini⸗ kanern und die Entſcheidung des Papſtes. Der Kaiſer ſprach ſich entſchieden zu Gunſten der jungen Gelehrſam⸗ keit aus und fügte bittere Bemerkungen über das Pfaf⸗ fenweſen und den Ablaßkram in Deutſchland hinzu. Er beklagte ſich über den Erzbiſchof von Mainz, der als ein ſo junger Mann die humaniſtiſchen Wiſſenſchaften liebe und fördere, ihre Bekenner fürſtlich unterſtütze, und doch zu gleicher Zeit päpſtlicher Ablaßpächter geworden ſei und ſomit das unverſchämte Treiben der Dominikaner begün⸗ ſtige, während in Spanien der Cardinal und Erzbiſchof Fimenes, als ein alter Mann, der die Wiſſenſchaften ebenfalls mit fürſtlicher Freigebigkeit bedenke, und ſogar eine neue Univerſität zu Alecala geſtiftet und aufs Herr⸗ lichſte ausgeſtattet habe, die Zumuthungen des Papſtes in Betreff des Ablaſſes entſchieden zurückgewieſen habe und in ganz Caſtilien keinen Ablaßkrämer dulde, und doch gäbe es in der ganzen Chriſtenheit keinen frömmern, glau⸗ benseifrigern und für die Religion begeiſtertern Prieſter als ihn. Bei dieſer Gelegenheit wurde von einem der Gäſte Ulrich von Hutten als einer der kühnſten Freunde Reuch⸗ 310 Der König von Spanien. lins und einer der kräftigſten Feinde der Dunkelmänner erwähnt und berichtet, daß Reuchlin ihn in der Vorrede ſeiner kürzlich erſchienenen Ausgabe des Neuen Teſtaments unter mehren ausgezeichneten Deutſchen hoch erhoben und gerühmt habe. Der Name des Dichters und die Bezeichnung Dun⸗ kelmänner veranlaßten den Kaiſer zu der Bemerkung, nie⸗ mals habe ihm ein Buch mehr Freude gemacht und ihn zu größerm Lachen gezwungen, als die Briefe der Dun⸗ kelmänner, als deren Verfaſſer man ihm den Junker Ul⸗ rich von Hutten genannt habe, ſo daß er ſehr wünſche, dieſen vortrefflichen Dichter kennen zu lernen. „Dieſer Wunſch Ew. Majeſtät kann zu jeder Stunde erfüllt werden,“ verſetzte Peutinger,„denn der Junker iſt, vor kurzem aus Italien zurückgekehrt, eben mein Gaſt, und glüht vor Begeiſterung, ſeinem Kaiſer ſeine perſön⸗ liche Ehrfurcht zu bezeigen.“ Der Kaiſer ſprach ſeine Freude darüber aus und er⸗ kundigte ſich nach Huttens Familienverhältniſſen und Schick⸗ ſalen, und Peutinger nahm davon Gelegenheit, ihm den Kampf des wackern Junkers mit den fünf Franzoſen zu etzählen. Dieſer Charakterzug gefiel dem Kaiſer unge⸗ mein wohl.„Fürwahr!“ rief er vergnügt,„daraus er⸗ ſehe ich, daß es noch manch junges deutſches Blut gibt, das für meine Ehre das Leben in die Schanze ſchlägt. Das nenn' ich mir aber einen deutſchen Junker, der mit dem Schwert und der Feder gleich ſtark und muthig für — — Der König von Spanien. 311 ſeinen Kaiſer kämpft! Kein Zweiter dieſer Art möchte im deutſchen Reiche zu finden ſein, und wenn irgend Einer die Ritterwürde verdient, ſo iſt's Ulrich von Hutten.“ Auf dieſe echt kaiſerlichen Worte ſtimmten die meiſten Anweſenden in des Dichters Lob ein, und außer Peutin⸗ ger waren es vorzüglich Spiegel und Stab, die ihm das Wort beim Kaiſer redeten. Peutinger erzählte nun wei⸗ ter Ulrichs abenteuerliche Schickſale, die der leutſelige Kai⸗ ſer mit ſichtlichem Wohlgefallen anhörte. Auch wurde des Gedichtes„das Lob Reuchlins“ erwähnt, das Peutinger im Manuſeript beſaß, und der Kaiſer nahm ihm das Wort ab, ihm daſſelbe am folgenden Tage vorzuleſen und dann den Dichter ihm zuzuführen. Jakob Fugger wiederholte ſeine Bitte, den Junker von Hutten auch in ſein Haus zu bringen. Dem beſcheidenen, vom Schickſal wunderlich umhergeworfenen und ſchwer geprüften jungen Dichter ſchien endlich die Sonne des Glücks lachen zu wol⸗ len. Am Abende dieſes Tags noch war ſein Name im Munde aller vornehmen augsburger Bürger und Bürge⸗ rinnen, und die ſchöne Konſtantia, Peutingers liebliches Töchterlein, wurde um den berühmten Gaſt beneidet, in welchem man bereits ihren künftigen Gemahl erblickte. Ulrich ſaß der ſchönen Konſtantia aber ſtumm gegen⸗ über. Er ſah dem reizenden Kinde wohl träumeriſch in die von ſüßer Anmuth ſtrahlenden Augen, er fühlte wohl ein heftiges Gefühl ſeine Bruſt beklemmen, aber dann wandte er ſich ab, das Auge voll Thränen, und ein Der König von Spanien. ſchmerzlicher Seufzer entriß ſich ſeiner Bruſt. Ach, der unglückliche Dichter litt ſeit Jahren ſchon an jener böſen und ſchmerzlichen Krankheit, die, damals noch nicht heil⸗ bar, ihm die Quelle der ſüßeſten Liebesfreuden vergiftete und ihm mit grauſamer Strenge den Eintritt über die Schwelle wehrte, jenſeit derſelben ihm ein häusliches Glück in den Armen einer holden Gattin winkte. Hier ſah er eine blühende Roſe von überquellender Schönheit vor ſich, er ſah die Jungfrau ihm in verſchämter Anmuth zulächeln, die für die reizendſte im ganzen deutſchen Reiche galt, eine ſo ſüße, herzige Unſchuld, ein ſo edles und koſtbares Weſen, mit ſo hohen und herrlichen Geiſteseigenſchaften ausgeſtattet, daß ihr Beſitz ſich als Gipfelpunkt alles irdi⸗ ſchen Glückes darſtellte, und ſie war ſeines Freundes und Gönners, des trefflichen Peutingers Tochter! Die ſchlimme Zeit ſeiner wechſelvollen Jugend ſchien vorüber, das heiß⸗ geliebte deutſche Vaterland nannte ſeinen Namen mit Ach⸗ tung und Liebe, die Männer der verjüngten Wiſſenſchaft begrüßten ihn mit ſtürmiſcher Verehrung als einen ihrer Koryphäen, die für das Wahre, Gute und Schöne ent⸗ flammte Jünglingſchaft jubelte ihm begeiſtert zu, der Kai⸗ ſer war ihm gnädig geſinnt, die Ausſöhnung mit ſeiner Familie ſtand in naher Ausſicht— und er mußte ſich weinend von Konſtantia abwenden, ihr bezauberndes Lä⸗ cheln zerriß ihm das Herz; er konnte des höchſten Glücks nicht theilhaftig werden: er war unheilbar krank. Ein ſchwermüthiges Lächeln lag auf ſeiner hohen, edlen — Der König von Spanien. 313 Stirn, als er am folgenden Tage in die kaiſerliche Pfalz trat. Die Kämmerer verbeugten ſich tief vor ihm, alle Diener kamen herbei, ihn zu ſehen. Der Kaiſer empfing ihn im prächtigen Ritterkleide aufrecht ſtehend in der Mitte mehrer Hofherren und Räthe. Peutinger führte den Dich⸗ ter bis an den Teppich, auf welchem der Kaiſer ſtand, und nannte ſeinen Namen; Ulrich beugte das Knie. Mari⸗ milian überblickte mit wohlwollendem Lächeln das einneh⸗ mende Geſicht des berühmten fränkiſchen Junkers und be⸗ willkommte ihn mit einer gnädigen Handbewegung. Die hohe Milde und Leutſeligkeit des Kaiſers war für den reizbaren Dichter bewältigend. Als er das Auge zu dem hohen kaiſerlichen Herrn aufſchlug, erglänzte es im ſchön⸗ ſten Feuer jugendlicher Begeiſterung. Sein ſchwerer Kum⸗ mer war in dieſem feierlichen Augenblicke vergeſſen, den er ſo lang ſchon erſehnt, wo er das mild edle Antlitz des deutſchen Kaiſers ſchaute, in welchem er die zur Perſön⸗ lichkeit gewordene Idee ſeines ſchwärmeriſch geliebten Va⸗ terlandes verehrte. „Junker von Hutten,“ redete ihn Maximilian an, „Ihr habt Euch uns durch die Werke Eures Geiſtes, wie durch die Thaten Eures Armes gleich trefflich empfohlen, und wir wiſſen es Euern Freunden Dank, daß ſie uns auf Eure Verdienſte aufmerkſam und uns zu dem Ihri⸗ gen gemacht haben. Mit großer Befriedigung haben wir uns Euer„Lob Reuchlins“ vorleſen laſſen und Eure edle und treffliche Geſinnung ganz daraus kennen gelernt. Ja, 314 Der König von Spanien. Euer Kaiſer darf es mit Stolz ſagen, daß er von heute an zu Euern Freunden gehört; er ſtellt ſich zu den Er⸗ ſten derſelben.“ „Wenn ich irgend ein Verdienſt hätte, wie Ew. Maje⸗ ſtät hohe Gnade mir zuſpricht,“ verſetzte der beſcheidene Dichter mit feſter männlicher Stimme,„es würde doch durch dieſe Gnade erſt Werth in meinen Augen erhalten. Ich dachte ſtets, es ſei jedes deutſchen Mannes, der die Wahrheit erkannt hat und ſein Vaterland ernſtlich liebt, heiligſte Pflicht, für ſeinen Kaiſer und für die Wahrheit jeden Augenblick bereit zu ſein, freudig Gut und Blut zu opfern.“ „Ihr habt Recht, Junker. Aber wie Wenige erken⸗ nen dieſe Pflicht, und wie Wenige von denen, die ſie er— kannt, erfüllen ſie! Darum iſt es des Kaiſers Pflicht, die zu belohnen, die ſie erfüllen, und ſie zu ehren vor dem Volke. Vor Allen ſoll der Fürſt den Dichter ehren und hochſtellen, der ſeine begeiſterte Liebe für das Vaterland in ſchönen klangvollen Worten ausſpricht, der als des Volkes Herz und Mund die Menge mit großen patrioti⸗ ſchen Gefühlen und Gedanken erfüllt, und dieſen dann wieder Worte gibt, die da werth ſind, daß das alternde Geſchlecht ſie dem jüngern immer zuruft, damit ſie un⸗ ſterblich im Volke fortleben. Ein Regent, der die Dich⸗ ter ſeines Volkes misachtet, verdient, daß er von dieſem Volke nicht geliebt, daß er von der Nachwelt vergeſſen werde. Ihr ſeht, Junker,“ fügte er lächelnd hinzu,„daß Der König von Spanien. 315 ich an mich ſelber denke, indem ich Euch meine Achtung bezeige. Und weil ich eben heute beſonders im Auge habe, was Ihr als deutſcher Edelmann für mich beſonders ge⸗ than habt, ſo will ich Euch auch dafür erſt beſondern Dank abſtatten. Ihr habt in Rom ritterlich für meine Ehre gegen verläumderiſche Franzoſen gefochten, Einer ge⸗ gen Fünf, und ſeid Sieger geworden. Für ſolche That verdient Ihr den Ritterſchlag von Eures Kaiſers Hand. Den Dichter zu belohnen, ſei die Sorge eines andern Tags.“ Auf einen Wink des Kaiſers öffneten ein paar Pagen eine Thür und Ulrichs überraſchtes Auge gewahrte im an⸗ ſtoßenden Saale alle in Augsburg eben anweſenden Rit⸗ ter, welche der Kaiſer zu dieſer Feierlichkeit hatte einladen laſſen. „Folgt uns, Junker von Hutten!“ ſprach der Kaiſer, ſchritt voran und ſtellte ſich im Saale unter den Thron⸗ himmel. Ulrich, von zwei Freunden geführt, trat ihm nach, die Anweſenden begrüßend. Der Kaiſer ließ ſich ſein Schwert reichen, Ulrich kniete vor ihm nieder, und Marimilian ſprach mit feierlich erhobener Stimme: „Wir, Marimilian von Gottes Gnaden, Kaiſer und König des heiligen römiſchen Reichs deutſcher Nation, Erzherzog von Oeſtreich, ſchlagen Euch, Ulrich von Hut⸗ ten, hiermit zum Ritter des deutſchen Reichs im Namen Gottes des Vaters, des Sohnes und des heiligen Gei⸗ ſtes!“ Und das Schwert des Kaiſers berührte Ulrichs 316 Der König von Spanien. Haupt.„Steht auf und gebraucht Euer Ritterſchwert fortan nur zum Dienſte des Kaiſes, des wahren Glau⸗ bens und der gekränkten Unſchuld. Für Wahrheit, Tu⸗ gend und Recht! das ſei Eure Looſung.“ Ulrrich erhob ſich, beglückwünſcht vom Kaiſer und allen Anweſenden. Peutinger ſchloß ihn in die Arme, wie ein Vater den Sohn. Ein Banket folgte der Feierlichkeit und der Kaiſer war fröhlich und munter, wie in den Tagen ſeiner Jugend. Es zeigte ſich offenbar, er hatte für den neuen Ritter eine herzliche Zuneignung gefaßt. Als Ulrich Abends mit ſeinem auf ihn ſtolzen Wirth heim kam, trat ihm die holde Konſtantia, ſchämig er— röthend entgegen und richtete im reinſten Lateiniſch einen ſchönen Glückswunſch an ihn. Sie reichte ihm die zarte Hand, und ein ſchmerzlich ſüßes Gefühl durchzuckte ihn. Was waren alle Ehren, alle Gnaden des Kaiſers gegen ihren Beſit! Er las es in ihren Augen er ward von ihr geliebt; er fühlte es an dem wärmeren Pulsſchlag ſei⸗ nes Herzens er liebte ſie; er hörte es an jedem güti⸗ gen Worte ſeines väterlichen Freundes und Wirthes: er werde ihm mit Freunden ſein Kind an das Herz legen. Und der Unſelige mußte vor der ihm geöffneten Pforte des Paradieſes ſtehen bleiben. Eine grauſame Krankheit, die er nicht verſchuldet, hielt ihn zurück in ſchmählichen Banden. Er brachte eine ſchlafloſe Nacht zu. Der Ritter von Hutten war in Augsburg der ge⸗ 6 4 9 Der König von Spanien. 317 feierte Held des Tages, und die Theilnahme an ihm ſtei⸗ gerte ſich, als man von den Vorbereitungen erfuhr, welche der Kaiſer traf, den Dichter noch höher zu ehren. Er ritt faſt täglich mit dem Kaiſer auf die Reiherbeize; Maxi⸗ milian zeichnete ihn vor ſeinem Gefolge aus und unter⸗ hielt ſich am liebſten mit ihm. Man ſprach allgemein davon, der Ritter werde ſich mit Konſtantia Peutinger vermählen und am kaiſerlichen Hofe eine hohe Bedienſtung erhalten. Hutten war genöthigt, mehre Einladungen in reiche Häuſer anzunehmen, und ſo ſah man ihn auch eines Tags bei Jakob Fugger. Der alte Leinweber that dem jungen Dichter alle mögliche Ehre an und erbot ſich ſogar, als er durch Peutinger von Huttens Krankheit ge⸗ hört hatte, eine ſeltne Arznei aus dem Morgenlande für ihn kommen zu laſſen. Ulrich konnte aber den Groll nicht überwinden, den er wegen des Ablaßſchachers auf den alten Herrn geworfen, und ſprach ſich ſo frei und offen an der Fuggerſchen Tafel darüber aus, daß er Frau Sibyllen weit mehr gefiel, als Herrn Jakob. Die dicke Frau gönnte es ihrem Ehewirth von Herzen, daß er ſich von einem ſo jungen Blute den Tert alſo mußte leſen laſſen, ohne Erhebliches darauf erwidern zu können, und ſie faßte eine ſolche Zuneigung zu dem freimüthigen Ritter, daß ſie ihm heimlich ein anſehnliches Geldgeſchenk durch Veit Schellenberger zuſchickte, weil ſie gehört hatte, daß es mit ſeiner Kaſſe eben nicht ſonderlich beſtellt ſei. Seine freien Stunden brachte der gefeierte Dichter 318 Der König von Spanien. meiſt bei Ulrich Fugger zu. Beide Feuerköpfe waren bald ſehr vertraut miteinander geworden und ſprachen ſich ohne Zwang und Rückhalt über die Zeitangelegenheiten ge⸗ geneinander aus. Sie waren natürlich nicht immer einer⸗ lei Meinung und kamen deshalb auch in Streit miteinan⸗ der. Nichtsdeſtoweniger lernten ſie einander immer mehr ſchätzen und lieben. Nicht ganz eine volle Woche, nachdem Ulrich den Rit⸗ terſchlag erhalten hatte, langte eines Abends ein eigen⸗ thümlicher Zug in einigen mit Menſchen dicht beladenen Wagen, einem Haufen Reiter und einer nicht unbeträcht⸗ lichen Anzahl rüſtiger Fußgänger beſtehend, in Augsburg an. Es war die Zunft der deutſchen Meiſterſänger aus Nürnberg, welche in die Schweſterſtadt herüberkam, um in Gemeinſchaft mit der Augsburger Zunft dem Kaiſer eine Huldigung ungewöhnlicher Art darzubringen. Marximilian, als Erzherzog ſchon der Dichtkunſt hul⸗ digend, wie ſeine Schweſter Margaretha, und deshalb von ſchmeichleriſchen Zeitgenoſſen zuweilen wohl der„öſtrei⸗ chiſche Apollo“ genannt, hatte es ſchon vor Jahren unter— nommen, die ſüßen Tage ſeiner Jugend und Liebe zur reizenden Maria von Burgund, der„burgundiſchen Venus,“ ſeine Werbung um ſie, ſeine Brautfahrt in die Nieder⸗ lande und die dabei erlebten Abenteuer nebſt vielen an⸗ dern, die ſein Muth und ſeine Kühnheit herbeigeführt und glücklich beſtanden, in einem größern Gedicht zu beſingen. Es war für ihn ein hoher Genuß, die Erin⸗ — * Der König von Spanien. nerungen an ſein kurzes hohes Liebesglück und an die herrliche Fürſtin, die es ihm gewährt, poetiſch zu verklären und im Gedicht zu feſſeln; denn in ſeinen ſtillen und ein⸗ ſamen Stunden hing ſein Geiſt mit ſchwermüthiger Wonne immer noch den Gedanken an die ſchöne geliebte Maria nach, die ein paar kurze Jahre ſeiner Jugend mit duften⸗ den Roſen geſchmückt hatte. Sein ſpäteres Leben hatte ja keine wieder zur Blüthe gebracht. Wenn der Unmuth über verfehlte Beſtrebungen und vereiteltes Hoffen, über die tauſend Widerwärtigkeiten, die ihn heimſuchten, ſein Herz zu beſchleichen begann, dann flüchtete er ſich in die Erinnerungsträume an ſeine verſtorbene Liebe und an die kecken Thaten und Wagniſſe ſeiner Jugendzeit und griff zur Feder, um ſie in klangvollen Reimen noch ein⸗ mal vor ſich aufleben zu laſſen. Aber die Sorgen, welche die trüben Ereigniſſe ſeiner ſpätern Lebenstage mit immer größerer Heftigkeit über ihn brachten, ſtörten ihn in die⸗ ſem poetiſchen Schaffen und unterbrachen das Gedicht zu⸗ weilen Jahre lang. Er fürchtete endlich, daß er wohl niemals die ausdauernde Ruhe zur Vollendung deſſelben werde finden können, und übergab deshalb den Plan und den Anfang des Gedichts ſeinem Geheimſchreiber und Rath Melchior Pfinzing, einem gebornen Nürnberger, zur Ausführung. Pfinzing hatte in der letztern Zeit, wo der Kaiſer keinen Krieg mehr führte, in der Nähe und mit Hülfe deſſelben das Gedicht zu Ende gebracht. Es führte den Titel„der Theucghank,“ und unter dieſem Namen 320 Der König von Spanien. trat der junge Maximilian als Held des Gedichtes auf, weil er von Jugend auf ſeinen Geiſt auf theuerliche d. i. kühne Gedanken gerichtet. Die ſchöne Maria von Bur⸗ gund war darin als„Königin Ehrenreich“ verherrlicht. Pfinzing war mit dem Manuſeript in ſeine Vater⸗ ſtadt gegangen, wo er es unter ſeinen Augen von dem berühmten Buchdrucker Hans Schönsperger drucken und mit Holzſchnitten verzieren ließ. Das Buch war jetzt vol⸗ lendet, und die Nürnberger Meiſterſängerzunft, die Buch⸗ drucker und Holzſchneider nebſt einer Deputation des Nürn⸗ berger Magiſtrats, denen ſich eine Anzahl Patrizier an⸗ geſchloſſen hatte, brachten es nach Augsburg, um es dem Kaiſer feierlich zu übereichen. Die Augsburger Zunſt der Meiſterſänger empfing ihre Brüder mit Muſik am Thore und leitete ſie auf ihre Her⸗ berge. Die Meiſterſänger hatten in Deutſchland ſchon über zweihundert Jahre ein ſehr beſcheidenes ſchier kümmerliches Daſein gefriſtet. Aus den Handwerkern in den Städten hervorgegangen, bewegten ſie ſich auch als Dichter, Ton⸗ dichter und Sänger ihrer Lieder in den engen Schranken des Zunftzwanges. Die göttliche Kunſt war unter den Handwerkern zum Handwerk geworden, dem die Form Alles galt, und das ſich kaum eine Ahnung an den ſolche gemeine Feſſeln verachtenden Geiſt der Poeſie zu erhalten vermocht, wie er einſt die Lieder der Minneſinger durch⸗ haucht hatte Der Minneſang wg ein Kind des roman⸗ Der König von Spanien. 321 tiſchen Ritterthums geweſen; der Meiſterſang war das des fleißigen proſaiſchen Bürgerthums, eine angenehme Erholungsbeſchäftigung ehrenwerther Leinweber, Schuh⸗ macher und Schneider. Erſt der geiſtige Aufſchwung des 16. Jahrhunderts brachte dieſer kümmerlichen Pflanze Nahrung und Erſtarkung, ſo daß ſie einige ſchöne Blüthen trieb. Ihre Erzeugniſſe waren in der Regel gereimte bib⸗ liſche Geſchichten, die in den verſchiedenſten Versarten und Sangweiſen vorgetragen wurden, und beſondere Merker waren beſtellt, um jeden Fehler gegen die ſtrenge Form zu beſtrafen. So dürftig nun auch das Ganze war, ſo bot dieſer Verein doch Gelegenheit zu einer freiern Entfaltung des Bürgerthums, zu fröhlichem Beiſammenſein und brü⸗ derlichem Anſchließen, und hierin beſtand das Hauptver⸗ dienſt der Meiſterſängerei. Daraus ging aber auch hervor, daß er ſich vorzugsweiſe nur in den lebendigen, regſamen freien Reichsſtädten entwickeln konnte, und in Nürnberg, Augsburg, Straßburg beſtanden die namhafteſten Zünfte. Am folgenden Morgen zogen die beiden Zünfte von der Herberge aus mit ihren Fahnen, den aufſpielenden Stadtpfeifer und ſeine Geſellen voran, nach der kaiſer⸗ lichen Pfalz. Melchior Pfinzig, der Buchdrucker Hans Schönsperger, der Holzſchneider Hans Schäufelin und die Deputation des nürnberger Stadtraths, worunter ſich Wil⸗ libald Pirkheimer befand, gingen an der Spitze, dann kamen die Obermeiſter und Merker, die Meiſter, Geſellen und Lehrjungen. Auf en Sammtkiſſen trug Schöns⸗ Ein deutſcher Leinweber. v. 21 322 Der König von Spanien. perger ein ſchön gebundenes Exemplar des„Theuerdank,“ einer der Meiſter aber auf gleiche Weiſe einen Meiſterbrief für den Kaiſer, der ihnen die Bitte gewährt hatte, ſich von ihnen zum Meiſter des Geſangs ernennen zu laſſen. Marimilian empfing die ihm werthen reichsſtädtiſchen Bür⸗ ger mit gewohnter Leutſeligkeit. Pfinzing hielt eine kurze Anſprache an den Kaiſer, indem ihm das Buch überreicht wurde. In Maximilians gealterten Zügen entglomm ein flüchtiger Jugendſchimmer, und ſein Auge wurde feucht, als er das Buch, die Beſchreibung ſeiner ſchönſten Tage, zu Handen nahm und die Blätter deſſelben durch die Fin⸗ ger gleiten ließ. Mit ſichtlichem Wohlgefallen betrachtete er die ſchönen Bilder, in welchen er ſich ſtets erkannte. Erinnerung und Poeſie hauchten ihren duftenden Kuß auf ſeine Stirn; ſein Herz wallte über von freudiger Weh⸗ muth, und dankend reichte er den Männern die Hand, die ihm das Glück dieſer Stunde bereitet hatten. Nun trat ein junger Meiſter von angenehmer wohl⸗ gebildeter Geſtalt aus den Nürnbergern hervor, und redete den Kaiſer in wahlgeſetzten Reimen an. Er wünſchte der Majeſtät Glück zu dieſem Tage, an welchen er das ſchöne Gedicht ſeines Lebens nach ſtrenger Tabulatur“) in der Hand halte. Er erinnerte daran, daß der hochedle Ritter Theuerdank und ſeine ſchöne Dame Königin Ehrenreich un⸗ ²) So wurden die proſodiſchen Regeln genannt, nach wel⸗ chen, gleichſam zu Zunftgeſetzen erhoben, ein Gedicht gemacht ſein mußte.„ Der König von Spanien. 323 ſterblich ſein würden, und er bat den berühmten Helden, ein Meiſter ihrer Zunft zu ſein und als ein ſolcher ihre Einladung annehmen und ſich von ihnen nach der Domkirche geleiten zu laſſen, wo ſie, die Augsburger und die Nürn⸗ berger Meiſter vereint, eine Singſchule abzuhalten gedächten. Der junge Meiſter hatte dem alten Kaiſer ans Herz gegriffen. Er nahm den Meiſterbrief, dankte der Zunft mit herzlichen Worten und trat dann den Sprecher mit der Frage an: „War das ſchöne Reimſprüchlein dein eignes Werk, mein Sohn?“ „Ich würde mich nicht unterſtehen, mit einem fremden vor die kaiſerliche Majeſtät zu treten,“ verſetzte der junge Mann mit friſcher Stimme und einnehmenden Geberden. „Mein Sohn, der Segen der Dichtkunſt ruht auf dir. Bewahre dies hohe Geſchenk rein und treu zu Got⸗ tes Ehre und entweihe es niemals zu feilem Dienſt. Wie iſt dein Name?“ „Ich heiße Hans Sachs und bin Schuhmachermeiſter in Nürnberg, meiner Vaterſtadt.“ „Wohl der Stadt, die ſich ſolch wackerer Söhne zu erfreuen hat!“ ſprach der Kaiſer und legte die Hand, wie ſegenſpendend auf Sachs' lockiges Haupt. Da trat ein alter Mann in ſilberweißem Haare her⸗ vor und redete mit vor Freude und Rührung zitternder Stimme den Kaiſer alſo an:„Mit Verlaub Ew. hohen Majeſtät, mein Ki und Herr! Ich bin der alte Nun⸗ 21 Der König von Spanien. nenbeck, der Leinwebermeiſter von Nürnberg, und der Hans Sachs iſt mein Lehrjunge geweſen im Meiſterge⸗ ſang. Und mit Stolz darf ich's ſagen, obgleich er erſt 2 dreiundzwanzig Jahre alt iſt, ſo iſt er doch der beſte un⸗ ter uns Nürnberger Meiſtern, und alle Andern erkennen ſeine Ueberlegenheit freudig an. Keiner verſteht wie er einen Bar*) von zwölf oder mehr Geſätzen*) ſo kunſtge⸗ recht zu dichten, und an ſeiner Tabulatur hat niemals ein Merker etwas auszuſetzen; Keiner ſingt ſo ſchön wie er, und ſchon hat er ſieben ganz neue Weiſen erfunden. Und das wollte ich der Majeſtät gemeldet haben.“ Der junge Schuſter hatte hocherröthend die Augen auf den Boden geheftei, und nur zuweilen mit der Hand eine unwillkürliche abwehrende Bewegung gemacht; der d Kaiſer aber nickte lächelnd dem alten auf ſeinen Lehrling ſtolzen Meiſter Beifall zu und ſagte:„Die Leinweber ver⸗ mögen ſchon etwas in unſern getreuen Reichsſtädten. Das ſieht man an Meiſter Nunnenbeck in Nürnberg, wie am Meiſter Fugger zu Augsburg.“ Dieſe Zuſammenſtellung rief in der Verſammlung eine allgemeine Heiterkeit hervor. Der Zug ſetzte ſich nach der Domkirche in Bewegung; der Kaiſer in der Mitte deſſelben. Pirkheimer hatte unterdeſſen ſeinen jungen Freund„ Hutten freundlichſt begrüßt und ihm zur neuen Ritter⸗ *) Lied, Gedicht. **) Abtheilung, Strophe, Stanze. Der König von Spanien. 325 würde Glück gewünſcht. Beide gingen in lebhaftem Zwie⸗ geſpräch, Arm in Arm im Zuge. Nach einander traten mehre Nürnberger und Augs⸗ burger Meiſter auf, unter ihnen auch der alte Nunnenbeck. Sie behandelten herkömmlicher Weiſe bibliſche Geſchichten, und einer der drei gravitätiſch vor dem Altar(dem ge⸗ genüber der Singſtuhl aufgeſtellt war) in ehrwürdiger Tracht ſitzenden Merker, hatte die lateiniſche Vibel vor ſich liegen, um nachzuleſen, ob der Bar ſich auch ſtreng an den heiligen Tert halte. Der eintönige Geſang der un⸗ gebildeten und meiſt klangloſen Stimmen galt in jener beſcheidnen Zeit für einen Kunſtgenuß. Endlich betrat Hans Sachs den Singſtuhl. Die Tauſende von Zuhörern, welche dichtgedrängt in der Kirche verſammelt waren, horch⸗ ten mit geſpannter Aufmerkſamkeit. Todtenſtille herrſchte in den menſchenerfüllten weiten Räumen. Des jungen Schuſters Ruhm war ſchon vor ihm nach Augsburg ge⸗ kommen. Und er machte zu Aller Ueberraſchung eine Ausnahme. Er beſang die wunderbare Rettung des Erz⸗ herzogs Marx, des kühnen tiroler Gemſenſchützen, von der Martinswand. Begeiſterung ſchwellte ſeine liebliche Stimme zu erhöhter Kraft, ſeine Geſtalt gewann einen kühnen Ausdruck, ſein Auge leuchtete von dem Feuer, das in ſeiner Seele entglommen war. Er hatte zu ſeinem neuen Bar auch eine neue Weiſe erfunden und ſie die Marweiſe genannt. Die Merker nickten ihm Beifall zu; alle Nürnberger blick⸗ ten ſtolz auf ihn. Und als er nun Gott lobend und Der König von Spanien. preiſend ob der wunderbaren Rettung des edelſten und beſten Fürſten und dem Kaiſer noch langes Leben, Ge⸗ ſundheit, Glück und ſeinem hohen Hauſe in Spanien und der neuen Welt allen Segen Gottes wünſchend, ſchloß, da brach die ganze Verſammlung in lauten Beifallsſturm aus; der alte Nunnenbeck umarmte ihn weinend wie ein Kind; Alle Nürnberger drängten hinzu, ihm zum Dank die Hand zu ſchütteln, und auch die Augsburger, die doch durch ihn überwunden waren, blieben nicht zurück. Die Merker aber hingen ihm das Kleinod, den Preis des Sieges, eine Schnur mit einer goldnen Schaumünze, um, und der Kaiſer ließ ihn rufen und beſchenkte ihn mit einer goldnen Kette. Ulrich von Hutten trat zu den beſcheid⸗ nen überſeligen Schuſter und reichte ihm die Hand. „Wandelt auf dieſem Wege, den Ihr mit ſo viel Glück betreten, weiter, lieber Meiſter,“ ſagte der junge Ritter zu dem jungen Handwerker,„und Mit- und Nachwelt werden Euch Kränze winden.“ „Drücke dem Ritter noch einmal die Hand, Hans Sachs!“ ſprach der Kaiſer feierlich, der Huttens Worte gehört. „Er iſt auch ein Dichter. Ja Eure beiden Namen werden auf die Nachwelt kommen. So lang es auf Erden ein deut— ſches Volk gibt, wird man die Namen Ulrich von Hutten und Hans Sachs mit Verehrung nennen, und ich hoffe zu Gott, man wird auch den des Kaiſers Mar nicht vergeſſen.“— Aus der Kirche zog der Kaiſer mit ſeinem Gefolge auf das Rathhaus. Dorthin waren die vornehmſten — —. Der König von Spanien. 327 Männer und Frauen Augsburgs, die vorzüglichſten Mei⸗ ſterſänger und unter ihnen Hans Sachs, ſo wie andere durch Stand und Kenntniſſe ausgezeichnete Fremde ein— geladen. Die Töne der kaiſerlichen Hofkapelle begrüß⸗ ten die glänzende Verſammlung, aus welcher die Blüthen der augsburger Jungfrauen, weißgekleidet und mit Blu⸗ men und Kränzen geſchmückt, herrlich hervorſtachen. An der Spitze dieſer kleinen Schaar irdiſcher Engel ſtand Konſtantia, ſchön wie der zur menſchlichen Geſtalt gewor⸗ dene Frühling ſelbſt, wie ein in irdiſche Hülle gekleideter reinſter und gnädigſter Schöpfungsgedanke Gottes. Die für den Kaiſer beſtimmte Eſtrade zierten zu beiden Seiten ein paar prächtige Lorbeerbäume, aus den großen Fugger⸗ ſchen Gewächshäuſern in der Fuggerei herbeigebracht. Als die Muſik ſchwieg, trat Melchior Pfinzig hervor und rühmte in wohlgeſetzter Rede die hohen Verdienſte des Ritters Ulrich von Hutten um die Dichtkunſt, zählte die im Druck erſchienenen oder im Manuſeript bekannt gewordenen Gedichte deſſelben auf und führte einige vor⸗ züglich ſchöne Stellen daraus wörtlich an, erwähnte dann, wie der große Reuchlin ihn neuerlich, in der Vorrede des von ihm edirten Neuen Teſtaments, als einen der ausgezeich⸗ netſten deutſchen Männer erhoben, und wünſchte ſchließ⸗ lich dem Kaiſer Glück, einen ſo trefflichen Dichter ſeinen Unterthan nennen zu können. Der Kaiſer nahm ſodann das Wort„Sei uns gegrüßt edler Ritter Ulrich von Hutten in der Verſammlung dieſer Edlen 328 und Trefflichen, im Angeſicht dieſer blühenden Jungfrauen, in unſrer lieben Stadt Augsburg! Die hohe Muſe der Dichtkunſt hat dich zu ihrem Liebling gewählt und dir das Auge aufgeküßt, damit du ihre heiligen Wunder ſchaueſt, wie Dante und Petrarka. Du biſt ihrem Rufe gefolgt und haſt dich zugleich dem Dienſte der Wahrheit gewid⸗ met; du haſt mit dem blanken, wohlgeſchliffenen, hellklin⸗ genden Schwerte deines Wortes den Kampf gegen Lüge und Heuchelei begonnen und ſiegreich geführt. Es ver⸗ langt deinen Kaiſer, dir dafür den ſchönſten Lohn zu rei⸗ chen, den er vermag. Du weißt, auch mir hat die Muſe eine ihrer Roſen in die Wiege gelegt, genug, um deinen ganzen Werth zu erkennen. Tritt heran, Ulrich, daß ich dir das Zeichen dieſer meiner Anerkennung überreiche!— Konſtantia, edle Tochter des edlen Peutinger, winde mit deiner ſchönen, reinen Hand unſerm gefeierten Dichter den wohlverdienten Lorbeerkranz! Wer wäre würdiger als du zu dieſem heiligen Geſchäft? Und wer wäre würdiger die von dir gewundene grüne Dichterkrone zu tragen, als Ul⸗ rich von Hutten?“ Erröthend, wie die ſchönſte Roſe, trat Augsburgs reizendſte Jungfrau an einen Lorbeerbaum, brach einen ſchlanken Zweig ab, wand ihn zum Kranze, nahm eine rothe Bandſchleife aus ihrem Haar, band den Kranz da⸗ mit und reichte dieſen dann dem Kaiſer dar. „Edles Dichterhaupt, empfange die Dichterkrone aus deines Kaiſers Hand!“ Der König von Spanien. Der König von Spanien. 329 Ulrich beugte das Knie, und der Kaiſer drückte ihm den Lorbeerkranz auf die Schläfe. Eine ſanfte ausdrucks⸗ volle Muſik begleitete die Handlung. Als der gekrönte Dichter ſich erhob und zurücktrat, begegnete ſein Auge Konſtantia's wonneſtrahlendem Blick. Ihre Seele ſprach zu ihm, und als er ihr dankend die Hand reichte, zitterte eine ſüße Freudenthräne über ihre blühende Wange herab. Ulrich verſtand dieſe Thräne; ſie entzückte ihn und vergällte ihm zugleich den ſeligſten Au⸗ genblick ſeines Lebens. Welch ein grauſames Geſchick für den reichen und doch ſo armen Dichter! Der Kaiſer ſchien eine Verbindung zwiſchen Ulrich und Konſtantia zu wün⸗ ſchen; Amt und Würden am kaiſerlichen Hofe ſtanden dem Dichter nun in ſichrer Ausſicht; die edelſten Männer wa⸗ ren ſeine Freunde, und er mußte ſich von den ihm win⸗ kenden Hafen des höchſten Erdenglücks abwenden, und in dieſer Stunde! Er erlag ſchier dem heftigen Wechſel ſeiner Gefühle. Sein trüber Blick fand im Hintergrunde Ulrich Fugger, und zu dieſem ihm verwandten Geiſte fühlte er ſich jetzt am meiſten hingezogen. Nach der Feierlichkeit ſuchte er ihn auf, um das volle Herz bei ihm auszuſchütten. Beide junge Männer waren, ſeit Hutten ſich in Augs⸗ burg aufhielt, vertraute Freunde geworden;ſie wußten es bald, daß ſie nicht allein den Namen miteinander gemein hatten, und ſie erblickten in dieſem Umſtande ein Zeichen zu inniger Vereinigung. „Ihr ſeid einem ſchweren Schickſale verfallen,“ ver⸗ 330 Der König von Spanien. ſetzte Ulrich Fugger dem in verzweifelte Klagen ausbre⸗ chenden Freunde,„aber Ihr ſeid auch der Mann es zu tragen. Es hält Euch zurück vom Frieden des häus⸗ lichen Glücks, um ſo mehr ſollt Ihr Euch ganz und mit allen Kräften dem heiligen Kampfe für die Wahrheit und das Recht weihen, wozu Ihr berufen ſeid. Die weichen Blumenpfade der Liebe zu wandeln, iſt Euch ſtreng ver⸗ ſagt, dafür führen die ſteilen Wege, zu denen Ihr be⸗ rufen ſeid, auf die Höhen des wahren Ruhms, zum Tem⸗ pel des Siegs. Ihr werdet nicht der Beglücker einer ſchönen Frau ſein, aber der eines Volkes, Eures Volkes; Ihr werdet nicht glücklich ſein im Kreiſe Eurer Kinder, aber in dem Eurer Freunde und Verehrer, und im Bewußt⸗ ſein, für die Wahrheit gegen die Lüge gekämpft zu haben.“ „Ach, Ulrich, Ihr vergeßt, daß ich ein Menſch, daß ich ein Dichter bin!“ „Nein, ich weiß, daß Ihr ein ganzer Mann, daß Ihr ein ganzer Dichter ſeid, der das Unvermeidliche mit ſtolzer Würde zu tragen geſchickt iſt.— Aber ſoll ich Euch meine Befürchtung offen geſtehen? Werden die ſchmeichleriſchen Ehrenbezeigungen dieſer Tage nicht einen erſchlaffenden Einfluß auf Euch üben? Im Drange des Lebens, in Elend und Noth ſeid Ihr groß geweſen; wer⸗ det Ihr es im Schooße der Ehren, des Ruhms, des Glückes ſein? Haben nicht dieſe Erfolge bereits Euch dieſe Thränen in die Augen gelockt, die Kinder ſchmerzvoller Sehnſucht nach einem für Euch unerreichbaren Glücke?“ ——— — Der König von Spanien. 331 „Wofür haltet Ihr mich?“ erhob der Ritter das ſtolze Haupt.„Nein, die Ereigniſſe dieſer Tage werden mir im Gegentheil ein neuer Sporn ſein zu noch kräftigerm Kampfe gegen die Feinde des Lichts und der Wahrheit, gegen die heuchleriſche Pfaffenbrut.“ „Ach, mein Freund! es gilt nicht allein die Pfaffen zu bekämpfen. Das arme unglückliche Volk ſeufzt nicht allein in ihren Banden; auch der übermüthige Adel, auch die unmenſchlichen Fürſten martern das Volk bis aufs Blut. Und hilft denn der Kaiſer, Euer Freund und Gön⸗ ner, dieſem Volke, das mit gräßlichem Nothſchrei hülfe⸗ flehend ſich an ihn wendet? Seht doch dieſen wortbrüchi— gen Buben, den Ulrich von Würtemberg, den Mörder Eures Vetters! Wehrt ihm der Kaiſer, ſeine Bauern zu ſchlachten, wie Vieh? Wohl, Ihr habt den Kampf gut gegen ihn begonnen! Aber fahrt nur ſo fort und nicht nur gegen dieſen! Die Baiernherzöge, die Neffen des Kaiſers, ſind nicht beſſer als Jener. Und wohin Ihr blickt in den deutſchen Landen, Dränger und Blutſauger des Volkes! Ihr ſeid wie vom Himmel berufen, der Befreier und Ret⸗ ter dieſes gedrangſalten Volkes zu werden. Die Kraft Eurer Feder reißt Jedermann hin: ſchreibt für die Rechte des Volkes gegen die Fürſten, und wenn ſie nicht nach⸗ geben und billigen Wünſchen ferner Gehör verſagen, ſo ſtellt Euch als Ritter und Mann des Schwertes an die Spitze des Volkes und führt es zum Siege und zur Freiheit.“ „Euer ſchöner Eifer könnte mich hinreißen. Doch Der König von Spanien. mein' ich, kein Mann ſoll eine Arbeit übernehmen, die ſeine Kräfte überſteigt. Und vor Allem nicht zu viel auf einmal. Gegen Papſt und Pfaffen, gegen Fürſten und Adel zugleich kämpfen, iſt eine Rieſenarbeit, der kein Menſch gewachſen iſt. Mit Muth und gutem Willen kommt man allein nicht aus, und wer zu viel unter⸗ nimmt, erreicht nichts. Gegen die heuchleriſche, verfüh⸗ reriſche, brutale Pfaffheit müſſen unſere Pfeile zuerſt ge⸗ richtet ſein; wir müſſen dem deutſchen Volke zuerſt ein Licht aufſtecken über die wahren Zwecke dieſes betrügeri⸗ ſchen Papſtes und ſeiner Bande in Rom. Gelingt es mit Gottes Hülfe, Deutſchland aus den Netzen der großen römiſchen Spinne, die ihm ſtets das Herzblut ausſaugt, zu befreien, dann haben wir gewonnen. Der deutſche Kaiſer, das Oberhaupt des Reichs, ſei zugleich auch das Oberhaupt der deutſchen Kirche. Aufgeklärte Prieſter ſeien Lehrer des Volks und Verkünder des wahren Evangeliums von Jeſus Chriſtus. Iſt das Volk ſich klar, was es ſoll und darf, was es will und kann, dann wird es dem Kaiſer nicht ſchwer werden, die emporſtrebenden Fürſten niederzuhal⸗ ten und den blutſaugeriſchen Adel aufs Haupt zu ſchlagen.“ Ulrich Fugger ſchüttelte bitter lächelnd das Haupt. „Ich bin anderer Meinung; denn ich kenne das Volk, den Adel, die Fürſten, den Kaiſer. Ihr habt zu viel unter Gelehrten gelebt. Wenn das Volk ſich nicht ſelbſt hilft, wird ihm nicht geholfen. Der Kaiſer iſt ſein Lebenlang ein ſchwacher Herr geweſen, und nun wird er alt. Wäre Der König von Spanien. 333 der Adel niedergeworfen, die Fürſten gedemüthigt, dann wollten wir mit den römiſchen Pfaffen bald fertig werden. Das Volk weiß, was es will. Es will ſeine alten deut⸗ ſchen Freiheiten ungeſchmälert, in deren Beſitz ſeine Vä⸗ ter glücklich waren. Aber es fehlt ihm ein Mann, der gleich geſchickt Wort und Schwert für die Volksrechte zu führen verſteht. Es fehlt ihm am Throne des Kaiſers ein Vertreter, der, wenn er nicht gehört wird, ſein An⸗ führer werde. Und dazu ſeid Ihr ganz der Mann. Hat das Volk ſeine alten Freiheiten und Rechte wieder errun⸗ gen, wird es mit dem Papſt und ſeinen Henkern bald fertig werden. Daß der Kampf gegen Rom und die Pfaf⸗ fen nichts hilft, ohne ein freies Volk, das ſich daran be⸗ thätige, das hat die Welt von der Kirchenverſammlung zu Baſel erlebt. Setzte ſie nicht den Papſt ab, reformirte ſie nicht das Kirchenweſen, und wurden in dieſen ſiebzig Jahren, die ſeitdem verfloſſen ſind, die Päpſte nicht ſchlim⸗ mer als zuvor? Hat nicht ein Schandmenſch, wie Alexan⸗ der Borgia, den päpſtlichen Stuhl eingenommen? Nein, nein, mein Freund! Wenn das Volk ſich nicht ſelbſt hilft, und ſei es mit den Waffen, wenn es nicht anders ſein kann, ſo wird ihm nicht geholfen. Das haben die Huſ⸗ ſiten in Böhmen bewieſen. Darum ſchleudert die Brand⸗ fackeln Eures Wortes in das Volk, gegen Papſt und Dunkelmänner, aber auch zugleich gegen die ſchlimmen Fürſten und den verbrecheriſchen Adel. Euer Spahn mit dem Würtemberger bietet Euch dazu die beſte Gelegenheit. Der König von Spanien. Aber deutſch müßt Ihr ſchreiben, damit Euch das Volk leſen und verſtehen kann. Deutſche Reime müßt Ihr auf dem Ambos Eures Geiſtes ſchmieden, wie dieſer Schuſter Hans Sachs. Von ihm könnt Ihr lernen. Ihr habt es mit eignen Augen geſehen, wie ſeine Reimſprüchlein alles Volk entzückten. Solche Leute, gemeine Bürger und Bauern müßt Ihr mit der Kraft Eurer Worte ergreifen, entzünden und begeiſtern. Sie werden ſchnell für Euch und die gute Sache gewonnen ſein. Sie werden eine un⸗ beſiegbare Wache für Euch bilden.“ „Ja, ich will deutſch ſchreiben, will ſchreiben für das ganze deutſche Volk!“ rief der Ritter und umarmte ſei⸗ nen feurigen Freund.„Dieſe Tage haben einen mächti⸗ gen Einfluß auf mich ausgeübt, und Ihr habt viel dazu beigetragen. Ich ſegne jetzt den Namen Fugger und lächle über die gutmüthige Beſchränktheit Eures Ohms.“ „Ihr habt ſeine Eigenſchaft mit dem rechten Worte bezeichnet. Er iſt ein herzensguter, aber ein alter be⸗ ſchränkter Mann, der da meint, der Papſt und der Kai⸗ ſer kommen unmittelbar nach der heiligen Dreifaltigkeit. Er kann aus den Vorurtheilen, die r in ſeiner Jugend eingeſogen, nicht heraus. Dabei h ein Kaufmann, wie es wenige gibt. Ihm verdankt der Name Fugger ſeinen hohen Glanz.“ „Ich habe ihm verſprochen, mich dieſen Abend von ihm in die Fuggerei führen zu laſſen, und ich bitte Euch, uns zu begleiten.“ 335 Der König von Spanien. „Mit Frenden. Ich habe ohnedies ſeine neuen Bau⸗ ten dort noch nicht geſehen. Er zeigt dieſe ſeine Schöpfung gern ausgezeichneten Fremden, und wer wollte ihm das ſchöne Selbſtgefühl über dies Werk ſeines edlen Herzens nicht gönnen? Wer wollte es nicht nähren und erhöhen? Er iſt der Wohlthäter von unzähligen Armen. Laſſen wir ihm alſo ſeine unbegrenzte Ehrfurcht vor dem Papſte.“ „Um ſeiner Tugenden willen ſei ihm ſogar der Ab⸗ laßſchacher verziehen!“ ſprach der Ritter, und ein mildes Lächeln verſchönte ſein Geſicht.— Und ſo gingen ſie Abends mit dem alten Herrn Ja⸗ kob hinaus in die Vorſtadt. Geſchäftig zeigte er dem Ritter die Anlage der ganzen Colonie und jedes einzelne Haus. Er war ſehr geſprächig und heiter. Plötzlich trat ein hohes phantaſtiſch gekleidetes Weib mit bleichen, zer⸗ riſſenen Geſichtszügen aus einem Häuschen ihm entgegen und redete ihn mit erhobener Stimme an:„Herr Jakob Fugger, mein Vater hat Euch ſeine Kinder, meine Geſchwi⸗ ſter, anvertraut; ich fordere Euch im Namen Gottes auf: gebt Antwort, wie habt Ihr dieſem Vertrauen entſprochen?“ Der alte Fugger war beim Anblick der Frau erblaßt. Er wollte ihr ausweichen.„Beläſtigt mich nicht!“ ſagte er kleinlaut.„Ich kann Euch jetzt nicht Rede ſtehen.“ „Ich will die Antwort auf meine Frage ſelbſt geben,“ fuhr Frau Eleonore van der Voort fort.„Ihr habt mei⸗ nen Bruder zum ſchändlichen Ablaßkrämer gemacht, der mit ſündhaften Pfaffen im Lande umherziehen muß, um 336 Der König von Spanien. das Volk zu betrügen und ſeine Taſchen für Euch zu plün⸗ dern; Ihr habt die eine meiner Schweſtern zu einer Nonne und die andre zum Kebsweib eines Fürſten gemacht. Mein Vater und ich werden ſie vor Gottes Stuhl von Euch zurück⸗ fordern. Meinen Fluch geb' ich Euch aber ſchon hier!“ „Seid ruhig, Frau! ſeid ruhig!“ ſtammelte Jakob Fugger.„Ich will Euch zufrieden ſtellen.“ „Ich verlange nichts von Euch. Ihr habt doch nur kaltes Gold für heiße Schmerzen. Ich verachte Euer Gold.“ Damit ging ſie ſtolz in das Häuslein zurück. Jakob war ſo außer aller Faſſung gebracht, daß er ſich von ſeinen Begleitern verabſchiedete. „Wer war dies ſeltſame Weib?“ fragte der Ritter ſeinen Freund. „Ihr müßt ſie kennen lernen. Sie iſt die älteſte Schweſter des Fuggerſchen Ablaßagenten Bry, der uns in Botzen an der Wirthstafel gegenüber ſaß. Kommt, ich will Euch Ihre merkwürdigen Schickſale erzählen. Dann ſollt Ihr ihre Bekanntſchaft machen. Sie iſt die glühendſte, die wüthendſte Feindin aller Fürſten und Pfaffen im gan⸗ zen deutſchen Reich. Ihr werdet es mir Dank wiſſen, wenn ich Euch zu ihr führe.“ Arm in Arm gingen ſie aus dem Thore an das Ufer des Lech und in die duftenden Schatten des köſtlichen Sommerabends hinaus. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. —— — . — 6 g= 22 in*— — —— 4₰——