, Leihbibliothek! deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 3 Ednard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und eſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. esepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 4 . * wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt:. für nchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: 7 ———.——— auf 1 Monat: LWr.— 1 2 3 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchinutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern zc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer ſ Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche vie⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. , Ein deutſcher einweber. Zeit⸗ und Lebensbilder aus der erſten Hälfte des ſechszehnten Jahrhunderts von Tudwig Storch. Zweite Abtheilung. 3 Rarl von Spanien. Roman in drei Theilen. Erſter Theil. Teipzig, Verlag von J. J. Weber. 1848. Rarl von Spanien. Roman in drei Theilen von Ludwig Storch. Erſter Theil. Der Herzog von Zurgund und Miederland. Leipzig, Verlag von J. J. Weber. 1848. Ein deutſcher Leinweber. Zweite Abtheilung. Rarl von Spanien. Erſter Theil. Erstes Bapitel. Vor Jakob Fugger's Haus auf dem Weinmarkte in Augs⸗ burg warf ſich ein ſtattlicher Reiter, der mit ſeinem Knechte haſtig herangeſprengt war, vom Pferde und ſtürmte in das Haus. Es war um die Mittagszeit eines ſchönen Frühſommertags zu Ende des Brachmonats im Jahre 1513. Ein ſchlankes, blühendes Mägdlein trat dem jungen Manne raſch entgegen, neugierig, zu ſehen, wer eben angekom⸗ men ſei. Kaum aber hatte ſie den Reiter erblickt, als ſie mit einem Laut der Ueberraſchung ſchnell wieder durch die Hausflur zurücklief und verſchwand. Der Reiter ſah ihr nicht minder überraſcht nach und ſagte dann:„Ein günſtiges Omen auf der Schwelle des Hauſes! Ich möchte darauf ſchwören, das war die kleine Sibylle. Aber iſt die groß und hübſch geworden!“ Einen Augenblick darauf ſtand der ſchöne und vor⸗ nehm gekleidete Mann im Gaden vor der im hohen Pol⸗ ſterſtuhle ſitzenden dicken Hausfrau, deren fleiſchige Hände auf einem wohlgepflegten Mops in ihrem Schooße ruhe⸗ Ein deuſcher Leinweber. IV. 1 — 2 Der Herzog von Burgund und Niederland. ten. Mit einem verwunderten, doch nicht unfreundlichen Blicke betrachtete Frau Sibylle den ihr unbekannten Frem⸗ den, der mit ſo deutlichen Zeichen der Freude, wie ein alter Bekannter, auf ſie zueilte, beide Hände nach den ihrigen ausſtreckend, und der träge Mops erhob das Haupt und knurrte; denn bis zum Bellen brachte es ſeine fette Stimme nicht. Der Eingetretene errieth den fragenden Blick der wohlgenährten Frau und ſagte lachend:„Ich dachte mir es wohl, daß ich Euch allein hier finden würde, Frau Sibylle, und daß Ihr mich nicht mehr kennen wür⸗ det. Es ſind freilich fünf volle Jahre, daß ich von Euch ſchied, und ich mag mich wol in dieſer Zeit etwas ver⸗ ändert haben. Aber ſeht mich nur recht an; vielleicht kommen Euch meine Züge doch wieder ins Gedächtniß.“ In dieſem Augenblicke wurde die hintere Thür des Gaden, welche in die Küche führte, aufgethan, und jene blühende Jungfrau trat ſittſam, mit dem weißen Teller⸗ tuch auf dem Arme und mit zinnernem Tiſchgeräth in den Händen, herein, augenſcheinlich, um den Tiſch zum Mit⸗ tagsmahle zuzubereiten. Sie war, wie die Hauswirthin, in die einfache linnene Schaube gekleidet, und nur das hellgrüne Schürzenband gab Kunde vom fröhlichen, hoff⸗ nungsreichen Jugendſinne. Erröthend neigte ſie ſich vor dem jungen Manne und ſtand verwirrt, wie in den Bo⸗ den gewurzelt, das ſinnige blaue Auge geſenkt, das blü⸗ hende Antlitz wie mit Purpur überzogen. Der Fr eilte aber ſogleich auf ſie mit den fröhlichen Worten —6— Der Herzog von Burgund und Niederland. 8 „Eure Pathe hat mich ſchneller erkannt, als Ihr, Frau Sibylle. Grüß' dich Gott, Sibyllchen! Warum liefſt du draußen fort vor mir? Ich dachte mir's, daß du's gewe⸗ ſen ſeieſt. Biſt du emporgewachſen! Schäm' ich mich doch, dich noch du zu nennen. Gib mir deine Hand zum Will⸗ kommen!“ „So helft mir doch aus dem Traume!“ ließ ſich die Stimme der Hausfrau vernehmen, an fettem Tone mit der ihres Schooßhundes harmonirend.„Ich kenn' den Junker wol, aber ſein Name fällt mir nicht gleich ein. Ihr wißt ja, was für ein ſchlechtes, kurzes Gedächtniß ich habe, und wie ich immer die Namen der Leute vergeſſe.“ „Ei, wißt Ihr auch den Junker Marr von Büben⸗ hoven nicht mehr zu nennen, Frau Gotte“““), fragte die junge Sibylle lachend. „Ach, alle vierzehn heiligen Nothhelfer ſollen mir bei⸗ ſtehen!“ zeterte die dicke Frau und warf den Mops vom Schvoße, um den Junker würdig zu bewillkommnen.„Was mir da mein ſchlechtes Gedächtniß wieder für einen Streich ſpielt! Gott ſegne Euren Eingang, liebwerther Junker!— Freilich, freilich, Ihr ſeid ein Mann geworden, und was für ein ſtattlicher Mann! Und den ganzen Bart habt Ihr Euch wachſen laſſen, wie die heiligen Apoſtel. Das iſt die neue Art, die die Niederländer aufgebracht haben, wie *) Gotte, ſchwäbiſch, Bezeichnung der weiblichen Perſon, die ein Kind aus der Taufe hob, von dieſem Kinde(dem Pa⸗ Götti, männlich. 1 —. ————————— „ 4 Der Herzog von Burgund und Niederland. mir mein Ehewirth berichtet hat. Nun ja, Ihr habt viele Jahre dort gelebt, und unter den Wölfen muß man mit heulen. Wer hätte in meiner Jugend einen ſolchen Bart an einem Manne geſehen! Man hätte ihn für einen Strö⸗ ter oder Wegelagerer gehalten, und alle Kinder und Jung⸗ frauen wären zeternd vor ihm davon gelaufen. Aber die ganze Welt verwandelt ſich in unſern Tagen.— Nun zu tauſendmal willkommen in Jakob Fugger's Hauſe, Jun⸗ ker! Grüß! Euch Gott und alle Heiligen!“ „Schönſten Dank, liebwerthe Frau!“ verſetzte Büben⸗ hoven eben ſo fröhlich und herzlich, wie er von der Haus⸗ frau angeredet worden war, und man hörte und ſah es an jedem Worte, an jedem Blicke, die herüber und hin⸗ über gingen, wie aufrichtig die Freude und die Liebe wa⸗ ren, welche dieſe guten und edlen Menſchen ſich gegenſei⸗ tig zu erkennen gaben.„Ihr ſeid immer wohlauf und alert geweſen, Frau Sibylle,“ fuhr der Junker geſprächig fort.„Euer Anſehn beweiſt es. Auch hat meine große Anhänglichkeit an Euere werthe Perſon niemals unterlaſ⸗ ſen, mich bei Herrn Jacob nach Euern Geſundheitszuſtän⸗ den zu befragen, und ich habe ſtets die befriedigendſte Antwort erhalten.“ „Gott und die Heiligen ſeien geprieſen!“ verſetzte die dicke Frau geſchmeichelt.„Ich ſag' Euch Dank, Junker, für Eure ehrliche Nachfrage.— Doch, Pathe, geh' und kredenze dem Junker einen Becher Firnen. Ihr bedürft der Auffriſchung nach dem ſcharfen Ritte.“ Der Herzog von Burgund und Niederland. 5 Das liebliche Mädchen verſchwand durch die Thür, und Bübenhoven nahm auf erhaltene freundliche Einladung Platz 4 neben ſeiner ſchmunzelnden Gönnerin. Er fragte nach Herrn Jakob.. „Die Herren von der Stadt und den Geſchlechtern ſind mit denen des Raths und den Zünftigen ſeit einer Woche ſchon jeden Morgen auf dem Rathhauſe verſam⸗ melt, die Noth des gemeinen Manns zu berathen, der von dem Rath mit Frau und Kind ſchon ſatt wird in die⸗ ſer, theuern Zeit. Sie wollen vorbeugen, daß es hier nicht losgeht, wie in Regensburg, wo das Volk die Raths⸗ herren ergriffen und einen geköpft hat. In andern Städ⸗ S ten ſoll's auch ſchlimm hergehen. Der Teufel iſt in das Volk gefahren, daß es nimmer gehorchen will. Ihr wißt, die Ernte iſt nun ſchon im fünften Jahre eine knappe ge⸗ weſen und verſpricht— Gott ſei's geklagt!— auch heuer nicht beſſer zu werden. Die Vorräthe ſind faſt aufgezehrt, der Hunger reibt dem armen Volke die Knochen auf, und um das Elend zu vermehren, hat der Kaiſer unſere Stadt auch noch zum Sammelplatze ſeines Kriegsvolks gemacht, mit dem er— weiß nicht wohin— ziehen will; denn die Raufereien unſers gnädigſten Herrn nehmen kein Ende, und wenn Ihr nicht beſſer wißt, als ich, mit wem er wieder Händel hat, ſo müſſen wir die Sache dahin ge⸗ ſtellt ſein laſſen.“ „Mit dem Könige von Frankreich, Frau Sibylle,“ entgegnete der Junker lächelnd. 3 Der Herzog von Burgund und Niederland. „Helf mir Gott!“ rief die Frau in ihrer drolligen Weiſe;„iſt mir doch, als hätt' ich mir von meinem Al⸗ ten ſagen laſſen, der Kaiſer und der König von Frank⸗„ reich ſeien gar gute Freunde und feſte Bundesgenoſſen, und ſtänden gegen Venedig und gegen— ach! was weiß ich! Ich habe ein ſchlechtes Gedächtniß und vermenge Dinge und Namen mit einander. Das ſoll St. Kilian behal⸗ ten, der, wenn ich nicht irre, den beſten Merks hatte. Aber helft mir doch, Junker! Belehrt mich! Sind denn der Kaiſer Mar und der König Ludwig nicht die beſten Freunde?“ „Das waren ſie im vorigen Jahre noch. Aber in zwölf Monden kann ſich viel ändern. Und ſo ſind denn v in dieſer Zeit die beiden Potentaten aus guten Freunden wieder bittere Feinde geworden—“ „Wieder einmal!“ ſchaltete Frau Sibylle mit komi⸗ ſchem Ernſt ein und ſchlug ein Kreuz, wie vor den An⸗ fechtungen des Böſen.„Das iſt wie Krethi und Plethi, bald Frater, bald Hader; heut pokulirt, morgen ſcharmu⸗ tzirt mit einander. Vom gemeinem Manne ſagt man: Pack ſchlägt ſich, Pack verträgt ſich; ich weiß nicht, wie man von Königen und Herren ſagt.“ Bübenhoven brach in ein helles Lachen aus.„Ihr habt 8 nicht Unrecht! Genug, der Kaiſer hat ſich zu Anfang die⸗ ſes Jahres der ſogenannten heiligen Ligue gegen Frank⸗ reich angeſchloſſen und auch ſeinen Vetter, den jungen Kö⸗ nig Heinrich den Achten von England, beredet, dieſem ſtar⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. 7 ken Bunde beizutreten. König Heinrich ſchifft nun eben ein ſtarkes Heer von England nach den Niederlanden her⸗ über; der Kaiſer ſchickt ſeine neugeworbenen Heerhaufen theils nach Italien gegen die Venetianer, theils nach Bur⸗ gund, das er in Verbindung mit einem eidgenöſſiſchen und einem niederländiſchen Heere dem Franzoſen abnehmen und für ſeinen Enkel Karl erobern will, und endlich wird er ſelbſt einen Theil des hier verſammelten Kriegsvolks den Rhein hinab in die Niederlande führen, um es dort mit den Engländern zu vereinigen, und von da wollen die beiden gekrönten Häupter in Frankreich einfallen und ſen⸗ gen und brennen.“ „Ja, das iſt ihre Kunſt— Gott ſei's geklagt! Was Gott der Herr ſchafft und wachſen läßt, und was der Menſch mit ſauerm Schweiße aufbaut und zurecht legt zu ſeines Leibes Nahrung und Nothdurft, das verwüſten und verderben die großen Herren; Menſchen und Vieh ſchlach⸗ ten ſie unbarmherzig dahin, brennen die Hütte ab und zertreten das Saatfeld— und immer ſagen ſie, ſie thä⸗ ten's zur Ehre Gottes. Was geht dem gemeinen Manne die Freundſchaft und Feindſchaft des deutſchen Kaiſers und des franzöſiſchen Königs an, und doch muß er ſich das Fell von ihnen über die Ohren ſchinden laſſen, während ſie ſelbſt einander kein Haar krümmen. Sind ſie Freund mit einander, hat Niemand Genuß davon, als ſie ſelbſt; denn dann bankettiren und turniren ſie und treiben aller⸗ lei Hoffarth und Unzucht; der gemeine Mann bekommt 8 keinen Mund voll Brod und keinen Schluck Wein von ihrer Tafel. Sind ſie Feind, müſſen es Land und Leute entgelten; ſie ſtecken dem Bürger und Bauer den rothen Hahn aufs Dach und ſchonen das Kind im Mutterleibe nicht. Und wer muß denn den großen Hanſen, den Edel— leuten und dem Pfaffenvolk, die alle beiſammenhalten ge— gen die armen Leute und ſie bis aufs Blut ſchinden; wer muß ihnen den praſſeriſchen Tiſch beſtellen und Truhe und Keller füllen, wer muß ihren lüderlichen Kriegsknechten den Sold zahlen und ihre Schlöſſer und Burgen bauen? Eben der gemeine Mann muß es thun, deſſen Todfeinde ſie ſind.“ „Ihr ſprecht ja, wie die Bauern jetzt zu reden pfle⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. gen,“ warf Marx verwundert ein. gen, „Ei, es freut mich baß, daß das dumme Bäuerlein auch gemach anfängt klug zu werden und zu begreifen, daß es von den Herren für nichts gehalten wird, denn als Laſtthier, und durch Lug und Trug um alle Gerechtſame und alte Freiheit gebracht worden iſt.“ „So viel ich weiß, iſt das nicht die Meinung Eures Eheherrn. Herr Jakob mag nichts wiſſen von der Eigen⸗ hülfe des Bauernvolks.“ „Weiß wol, und Meiſter Jakob ſpricht deshalb mit mir nicht von derlei Dingen, und wenn ich ihn drauf bringen will, fertigt er mich kurz mit den Worten ab; ich verſtände davon nichts und ſolle mich um Kunkel und Kuchel bekümmern. Weiber hätten nichts mit dem Welt⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. 9 lauf und den Herrenhändeln zu verkehren. Ihr wißt, er macht nicht gern Worte, und was ihm in die Quere läuft, weiſt er grob ab. Aber ich habe ſo gut wie er meinen eignen Kopf und laſſe mir es nicht nehmen, das für Recht auszugeben, was ich für Recht halte. Auch gibt er ſelbſt zu, daß die vornehmen Meßpfaffen, die Kloſteräbte, wie der zu Kempten, die kaiſerlichen Amtleute und die adeli⸗ gen Herren nicht recht am Bauer thun; doch ſagt er ſtets, der Kaiſer werde ihnen ſchon helfen. Ich glaub' aber nicht an des Kaiſers Hülfe.— Doch möchte ich auch für mein Leben gern wiſſen, wo die Trauben hangen, und mir das ſchwache Gedächtniß gern anfriſchen laſſen. Seht, da kommt ſchon die Pathe mit einem guten Anfriſchungsmittel. Thut mir Beſcheid, wackerer Junker!“ Das züchtige Mägdlein reichte dem Junker hocherrö⸗ thend einen Becher, deſſen Rand dieſer der Sitte gemäß nur mit den Lippen berührte, während ſeine Augen mit einem ſchwärmeriſchen Ausdrucke von Wohlgefallen auf der ſchlanken, friſchen Geſtalt der blühenden, jungen Si⸗ bylle ruheten, um ihn dann der alten Sibylle hinzurei⸗ chen. Die kräftige Frau ſprach:„Zu Euerm fröhlichen Willkommen!“ und leerte das ſilberne Gefäß mit einem Juge, winkte der Pathe, welche es ſogleich wieder aus dem Kruge füllte, und reichte es dem Junker dar, welcher es mit den Worten ergriff und austrank:„Zu Eurer Geſund⸗ heit, Frau!“ „Ihr ſeid mir der rechte Mann, den ich brauche und 10 Der Herzog von Burgund und Niederland. ſchon lange mir gewünſcht habe,“ fuhr die Hauswirthin mit ausnehmender Freundlichkeit fort, und ſie legte ihre flei⸗ ſchige Hand mit mütterlicher Vertraulichkeit auf Bübenho⸗ ven's Schulter.„Ihr werdet gern mit mir über die Dinge plaudern, die draußen in der Welt vorgehen, und mir Bericht ſagen über die neue Zeitung; ihr werdet nicht un⸗ wirſch werden über mein ſchwaches Gedächtniß und ihm zu Hülfe kommen, wo's hapert. Gebt mir Eure Hand drauf, Junker, daß Ihr Euch nicht verſchwören wollt ge⸗ gen die Neugierde einer alten Frau!— Es ſoll Euer Schade nicht ſein,“ ſetzte ſie bedeutungsvoll lächelnd hinzu. Bübenhoven ſchlug ein, und der Becher wurde von bei⸗ den noch einmal auf das neue Bündniß geleert. Wäh⸗ rend nun die Pathe Tiſch und Küche beſorgte und ihres⸗ theils eben ſo großen Antheil an dem neuen Ankömmlinge nahm, als ihre Gotte, obgleich ſich Beider Gefühle auf höchſt verſchiedene und einander ſchmurſtracks entgegenge⸗ ſetzte Art äußerten, ſpann ſich das Pwiegeſpräch zwiſchen den beiden Hauptperſonen fort. „Nun ſo ſagt mir nur mit wenigen Worten, lieb Junkerlein, wie verhält ſich das mit der heiligen Ligue und wieder mit einer andern Ligue, die mein Alter die von Kamerich genannt hat, und gebt mir endlich Aufſchluß, wer jetzt Freund und Feind bei den Herren Königen iſt?“ „Ihr wißt doch, werthe Frau,“ begann Bübenhoven bereitwillig ſeine Lectionen und kam bald genug in den rechten Docententon, während die Blicke ſeiner aufmerk⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. 11 ſamen Zuhörerin liebäugelnd an ſeinen Zügen hingen; „Ihr wißt, daß die beiden Könige von Frankreich und Spanien ſich vereinigt hatten, das Königreich Neapel brü⸗ derlich unter ſich theilen.“ „Ja, ja! Sie jagten den König von Neapel fort und wurden dann ſelbſt uneins. Es gab Krieg, wie allemal, wenn die großen Herren über einer Beute uneins werden; die Spanier ſiegten, der König Ferdinand behielt ganz Neapel für ſich.“ „Ganz recht. Dann wurden Sie wieder eins und abermals die beſten Freunde. Der König Ferdinand hei⸗ rathete eine Nichte des Königs Ludwig und ließ dieſen im Beſitz des eroberten Herzogthums Mailand, wozu Ludwig gerade ſo viel Recht hatte wie Ferdinand zu Neapel, und wie Ihr und ich zum deutſchen Reiche. Aber der franzö⸗ ſiſche König konnte es trotz aller Freundſchaft mit dem ſpaniſchen nicht vergeſſen, daß ihm die Hälfte von Nea⸗ pel, die er ſchon in der Hand gehabt, wieder entgangen war, und er ſah ſich im übrigen Ralien um, ob er nicht eine gute Gelegenheit fände, ſich anderweit zu entſchädi⸗ gen. Der ungeheure Reichthum Venedigs und vorzüglich der große Ländereibeſitz dieſes Freiſtaats auf dem Feſtlande Italiens war ihm ſchon lange ein Dorn im Auge gewe⸗ ſen. Er ärgerte ſich, daß ſolche Pfefferſäcke, wie er die venetianiſchen Kaufleute nannte, größern Prunk und Auf⸗ wand machten, als er, der mächtige König des reichen Frankreichs vermochte. Es gelüſtete ihm alſo, den wohl⸗ 12 Der Herzog von Burgund und Niederland⸗ genährten Krämern etwas abzunehmen von ihrem Ueber⸗ fluß. Den übrigen Herrn Königen ging's gerade ſo, wie ihm. Auch ihnen war der übermüthige Prunk der Vene⸗ tianer unerträglich, und Jeder von ihnen hatte wol ſchon lange darüber gegrollt. Sie waren und ſind alle länder⸗ und goldgierig, was eine Krone trägt, das weiß Niemand beſſer als ich, der ich lange genug um gekrönte Häup⸗ ter geweſen bin— und Republiken ſind den Königen zu allen Zeiten verhaßt geweſen. Als nun König Lud⸗ wig bei ihnen anfragen ließ, ob ſie ſich nicht mit ihm verbinden wollten, um den Venetianern abzuzwingen, was ihnen nicht gebühre, da waren ſie gleich alle zu ſolchem Bündniß bereit.“ Frau Sibylle nickte pfiffig, krabbelte ihren Mops und ſagte:„Ja, wenn's ein Huhn zu rupfen gibt, kommen alle Geier friedlich herbei; über dem Theilen werden ſie aber uneins.“ „So geſchah es auch hier wieder,“ bemerkte der Junker. „Ich kann den venetianiſchen Hageprunk nicht leiden, ſo wenig wie den, der auch bei uns aufgekommen iſt, ſo daß Bürger und Edelleute nicht mehr vor Hochmuth wiſ— ſen, womit ſie ſich behängen und was ſie eſſen und thun ſollen, während der gemeine Mann am Hungertuche nagt und die Blöße nicht bedecken kann,“ fuhr die Kaufmanns⸗ frau fort,„und wenn Meiſter Jakob ſo ein Alfanzer wäre, ich zög' ihm aus dem Hauſe; aber was ging's den Her⸗ ren Königen an, wenn die Narren in Venedig ihr erwor⸗ „ Der Herzog von Burgund und Niederland. 13 benes Geld auf eine unnütze Weiſe verthaten? Sie ga⸗ ben ihnen nichts dazu. Laſſen ſich's etwa die Könige weh⸗ ren, wenn ſie Dummheiten machen, und machen ſie der— ſelben nicht etwa genug? Nun iſt nur der erhebliche Un⸗ terſchied, daß die Venetianer ihr Geld redlich durch Han⸗ del und Wandel verdient haben, die Könige aber haben's ihren Unterthanen abgenommen. Jeder kann mit ſeinem Eigenthume machen, was er will.“ „Dieſer Meinung ſind alle billig denkenden und ver⸗ nünftigen Leute,“ beſtätigte Bübenhoven.„Um ſo ab⸗ ſcheulicher war das Bündniß, welches König Ludwig von Frankreich, Kaiſer Marimilian,(„Ja, ja, er nimmt's auch gern, wo er's haben kann, und die Venetianer ha⸗ ben ihn getückt, als ſie ihm den Weg nach Rom verleg⸗ ten, wo er ſich die Kaiſerkrone holen wollte,“ lachte Frau Sibylle dazwiſchen), König Ferdinand von Aragonien und der Papſt Julius nebſt mehren kleinen Fürſten, blind ge⸗ gen Recht und Billigkeit, mit einander zu Kamerich in Frankreich— es werden nun fünf Jahre— abſchloſſen (der Papſt trat erſt ein Jahr ſpäter dazu), um, wie ſie ſich ausdrückten, die Länder Venedigs, welche dieſer Staat ihnen geraubt habe, zurück zu verlangen. Der Papſt ge⸗ ſellte ſich nur bei, um die ſtolzen Venetianer gedemüthigt zu ſehen. Aus dieſem unſeligen Bündniß iſt nun das widerwärtige Durcheinander von Kriegen entſtanden, wel⸗ ches die Welt ſeit vier Jahren verwirrt und unſägliches Unglück über Länder und Menſchen gebracht hat. Denn „ 14 Der Herzog von Burgund und Niederland. ſobald die großen Jäger dem hülfloſen Freiſtaate die Beute nun wirklich abgenommen, geriethen ſie, wie Ihr wißt, und wie von ihnen gar nicht anders zu erwarten war, über dieſelbe mit einander in Streit. Der Papſt, dem die Demüthigung Venedigs genügte, und der von den reichen Kaufleuten ins Geheim gewonnen war, wollte nun die ihm gefährlich vorkommenden Franzoſen in Italien nicht dulden— ihm bangte vor dieſen zweideutigen Freunden— und er zog durch die wichtigſten Zugeſtändniſſe den König Ferdinand auf ſeine Seite. Venedig benutzte ſchlau die Verſtimmungen und den Zwieſpalt der Verbündeten, und vor anderthalb Jahren wurde zwiſchen dem Papſte, dem König Ferdinand und dem Freiſtaate ein Bündniß gegen Frankreich geſchloſſen, das man des frommen Zweckes we⸗ gen, welcher vorgeſchoben wurde, nämlich: den Kirchen ſtaat gegen die räuberiſchen Franzoſen zu ſchützen, die hei— lige Ligue nannte. Den Kaiſer Mar hatten die neuen Verbündeten nicht eingeladen und eigentlich gar nicht be⸗ rückſichtigt—“ „Ich glaube, ſie haben ihn gar nicht für voll ange⸗ ſehen,“ witzelte Frau Sibylle,„und in der That mit Eu⸗ rer Erlaubniß— h ſeid ein tyroler Kind und dem Kaiſer treu ergeben— mir geht's nicht viel beſſer, wie jenen Königen und dem Papſte. Es iſt ein guter, lieber Herr, der Kaiſer; er hat aber auch immer nur Narrhei⸗ ten im Kopfe und deshalb ewig kein Geld. Statt im deutſchen Reiche Ordnung zu ſchaffen, hadert und kriegt Der Herzog von Burgund und Niederland. 15 er ewig mit andern Königen. Bei uns aber geht Alles darunter und drüber, ſo daß ſelbſt Meiſter Jakob, der doch ſonſt den Kaiſer ſchier anbetet, wie die Kinder Js⸗ rael das güldne Kalb, misbilligend den Kopf ſchüttelt.“ „Es kann wohl ſein, daß Ihr nicht gar weit von der Wahrheit vorbei geſchoſſen ſeid,“ verſetzte der Junker mit einem feinen Lächeln,„doch würde ich das keinem Men⸗ ſchen weiter als nur Euch eingeſtehen, da ich Euch wie eine Mutter liebe und verehre.— Kaiſer Maximilian blieb alſo der Bundesgenoſſe des Königs von Frankreich.“ „Herr, wie lange?“ unterbrach ihn die Frau mit komiſchem Ernſt, indem ſie die fleiſchigen Hände faltete und den Blick nach oben richtete.„Wir wiſſen ſchon, was wir von des Kaiſers Bundesgenoſſenſchaft zu halten haben. Es gibt keinen ſchwächeren, falſcheren und unbe⸗ ſtändigeren Bundesgenoſſen, als ihn. Er iſt wie die ho⸗ hen Gletſcher, die nur in der Morgenſonne glühen.“— „Das paßt nicht auf ihn allein, Frau Sibylle. Es iſt die Eigenſchaft aller Könige unſerer Zeit. Und der gerühmte und vergötterte Herr Ludwig iſt in dieſer Be⸗ ziehung noch um vieles ſchlimmer, als unſer Kaiſer. Je⸗ denfalls haben ſie einander nichts vorzuwerfen. Ich weiß nicht, wer von Beiden dem Andern das Wort mehr und treuloſer gebrochen hat. Doch würde die Treue des Kai⸗ ſers diesmal feſter geweſen ſein, als die des Königs ge⸗ gen ihn bei frühern Gelegenheiten, wenn Ludwig wirklich ſeinen drei Gegnern obgelegen und ſich zum Herrn und 16 Der Herzog von Burgund und Niederland. Meiſter in Italien emporgeſchwungen hätte, wozu Anfangs aller Anſchein vorhanden war. Die Franzoſen erhielten nämlich in dem einundzwanzigjährigen Grafen Gaſton de Foir, Neffen des Königs und Bruder der jungen Köni⸗ gin von Spanien— Ihr werdet gewiß von ihm gehört haben— einen Heerführer von ſo überwiegendem und außerordentlichem Talent, daß man ſagte, er ſei früher General als Soldst geweſen.“ „Ach, das iſt der junge Tollkopf, der am Oſtertage vorigen Jahres in der grauſamen und blutigen Schlacht bei Ravenna ins Gras beißen mußte, und von dem die Binkelſänger ſchon auf den Straßen ein ſchönes, herzbre— chendes Landsknecht-Liedlein ſingen. Das arme junge Blut! Er hätte es zu Etwas bringen können.“ „Obgleich der junge und gewaltige Held die vereinig⸗ ten Spanier und Italiener in jener mörderiſchen Schlacht aufs Haupt ſchlug, ſo war doch ſein Tod der größte Ver⸗ luſt für Frankreich. Mit ihm gingen der Ruhm und das Kriegsglück der Franzoſen in Italien zu Grabe; der er⸗ rungene Sieg, der ihnen den Feldherrn gekoſtet, war gleich⸗ ſam der Anfang ihrer Niederlagen, und ſchon nach weni⸗ gen Monaten ſah König Ludwig ſein Heer aus Italien verdrängt und ſein Herzogthum Mailand verloren.“ „Ja, und unſer guter Kaiſer Mar ließ ihn auch im Stich.“ „Leider iſts ſo. Er ſchloß einen Waffenſtillſtand mit Venedig, und ſeit Anfang dieſes Jahres gehört er ſchon — Der Herzog von Burgund und Niederland. 17 der heiligen Ligue an, zu welcher auch der junge König von England, Heinrich VIII., durch ſeinen Schwiegervater, den König von Spanien, gezogen worden iſt. Dieſelben deutſchen Söldner, die erſt mit den Franzoſen gegen die Italiener und Spanier gefochten, ziehen nun gegen die Franzoſen.“ „Ein Vieh iſt nicht ſo unvernünftig als ſolch' ein Menſch, der eigentlich gar nicht weiß, weshalb er ſich todt ſchießen läßt. Und die Weltklugheit des Kaiſers rich⸗ tet ſich nach dem Kriegsglück; der Sieger iſt ſein Freund und Bundesgenoſſe, und wenn er kurz vorher ſein bitter⸗ ſter Feind und Gegner geweſen. Der beſiegte Freund wird im Nu ſein gehaßter Feind. O Welt und Könige Man möchte wohl vor Aerger über all' die Poſſen aus der Haut fahren, wenn man nur Hoffnung hätte, es außerhalb der⸗ ſelben beſſer zu finden.“ „Die Folge war, daß Venedig, von der Habgier ſei⸗ ner neuen Bundesgenoſſen, vorzüglich von der des Kai⸗ ſers gedrängt, in ein Bündniß mit dem König von Frank⸗ reich getrieben wurde. Und ſo ſehen wir jetzt dieſen König, der das erſte Feuer gegen den reichen Freiſtaat aus Neid angeblaſen hatte, als deſſen Freund und Bundesgenoſſen.“ „Es iſt die Möglichkeit!“ rief die dicke Frau.„Es klingt wie eine Fabel, und unter Hunden und Katzen kann's nicht bunter und toller zugehen.“ „Der König Ferdinand von Aragonien hat, dieſen Wirrwarr benutzend, neuerdings auf eigne Fauſt einen Ein deutſcher Leinweber. IV. 2 18 Der Herzog von Burgund und Niederland. guten Fang gemacht. Er hat die Königsfamilie von Na⸗ varra, ihm eben ſo nah verwandt als dem Könige von Frankreich, mir nichts, dir nichts aus dem Lande gejagt und dieſes als ein gleichſam wohlerworbenes Eigenthum mit Spanien vereinigt; fürwahr einer der treuloſeſten Ge⸗ waltſtreiche, welche jemals von einem mächtigen Könige an einem minder mächtigen ſchutzloſen Fürſten verübt wor⸗ den ſind.“ „Wenn ſich ein Dieb, der eine Hand voll Gulden geſtohlen, erwiſchen läßt, ſo wird er gehenkt; ein We⸗ gelagerer wird todtgeſchoſſen, wie ein toller Hund: ein König, der ganze Länder raubt, heißt der katholiſche und wird geprieſen von Pfaffen und Laien als ein frommes Wunderbild. Und das raubt und ſündigt, als ob es nie⸗ mals ſterben und vor einen unbeſtechlichen Richter treten müßte. Wie lange werden dieſe Könige noch ungeſtraft ihre Gräuel treiben! Iſt nicht ſchon der wilde und trotzige Papſt Julius, bald ihr Freund, bald ihr Feind, eines jählingen Todes geſtorben? Was hat nun der händel⸗ ſüchtige Mann davon! Wie wird er ſich vor ſeinem Herrn und Meiſter verantworten können, deſſen Statthalter auf Erden zu ſein er behauptete? Ich möchte die Suppe nicht mit ihm auseſſen, die ihm der Teufel auf höhern Befehl gekocht.— Doch ſagt mir, liebwerther Junker, was hal⸗ tet Ihr von dem neuen Papſt? Ihr habt in Antwerpen und Brüſſel doch ohne Zweifel ſchon ſichere Kunde über ihn erhalten. Iſt er auch wieder ſolch ein Eiſenfreſſer?“ Der Herzog von Burgund und Niederland. 19 „Im Gegentheil, Frau! Ein fröhlicher Lebemann ſoll er ſein, ein Freund der Tafel und des Bechers, der Jagd, des Spiels und Geſangs—“ „Ha ich merke ſchon, alſo auch ein Weiberjäger.“ „Ihr müßt ihm ſchon deshalb gewogen ſein, Frau Sibylle, weil er der Sproß eines Kaufmannshauſes iſt, das ſich auf den Herzogsthron von Florenz geſetzt. Dieſe Mediceer, deren Sohn der Cardinal Giovanni dei Mediei, der jetzige Papſt Lev X., iſt, waren in Florenz nicht mehr, als was die Fugger in Augsburg ſind. Daraus entnehmt, was auch aus euerm Hauſe noch werden kann.“ „Und wenn ſie Fürſten werden, wie die Medireer, ſo wünſche ich vor Allem, daß ſie ehrliche Leute bleiben, wie mein braver Meiſter Jakob, und nicht Schelme, wie dieſe Könige.“ „Gott erhöre Euern Wunſch!“ ſagte der Junker ernſt. „Mögen die Fugger niemals vergeſſen, daß der Begrün⸗ der ihres Ruhms und ihres Reichthums der edelſte und beſte Mann war! Mögen ſie ihm nacheifern!“ Frau Sibylle wiſchte ſich mit dem Schürzenzipfel eine Thräne der Rührung aus den gutmüthigen Augen. Sie hörte ihren Jakob gern loben, und aus dem Munde des ehrbaren Junkers, den ihr ihr Ehewirth ſo hoch geprieſen, klang ihr ſein Lob doppelt angenehm. „Ich freue mich,“ fuhr Bübenhoven fort,„die Kin⸗ der des Fuggerſchen Hauſes wieder zu ſehen. Sie werden ſtattlich emporgewachſen ſein. Ich ſeh' es an Eurer Pathe, 2 20 Der Herzog von Burgund und Niederland. Frau Sibylle. Sie war ein Kind, als ich das letztemal unter Euerm Dache wohnte, und als eine blühende Jung⸗ frau ſeh' ich ſie wieder.“ „Aber ſie iſt ein gutes und frommes Kind geblieben, meiner Augen Freude und meines Herzens Troſt. So wie ihr Vater geſtorben war— es ſind im April drei Jahre geweſen— nahmen wir ſie ins Haus. Ihr kennt ihre Mutter, die Frau Veronica. Ich will ihr nichts Uebles nachreden, aber ſie iſt ein hoffärthig Weib. Weil ihre älteſte Tochter Anna mit dem vornehmen Herrn von Turzvin in Kremnitz vermählt iſt, ihre zweite Urſula mit dem Herrn Philipp von Stein, und ihre dritte mit dem Herrn Walter Ehinger in Balzheim, ſo meint die Frau in ihrem Hochmuth, zur Sibylle müßte nur ein Reichs⸗ graf oder gar ein Fürſt kommen, und das ſiille demüthige Weſen meiner Pathe war ihr überall nicht recht. Das Kind ſollte einhergehen, wie ein Pfau, und iſt doch eine fromme Taube. Sie mußte noch bei Lebzeiten ihres Va⸗ ters viel leiden vom Unverſtand ihrer Mutter. Jetzt hat ſie's, wie ſie's braucht. Sie iſt unſre Tochter geworden.“ „Gott ſegne Euch dafür, daß Ihr dieſer beſcheidnen Blume ihr rechtes Erdreich gegeben!“ rief der Junker gerührt. „Die auf Sibylle folgende Schweſter,“ fuhr die ge⸗ ſprächige Frau zu berichten fort,„die kleine ſchmächtige Felicitas, iſt nun ſchon fünf Jahre Dominikanernonne im Kloſter der heiligen Katharine hier. Sie hat wohl gethan; Der Herzog von Burgund und Niederland. 21 ſie paßte nicht für die Welt. Ihr frommer Sinn ſtand auf den Himmel. Nun hat die Mutter noch die jüngſte Tochter zu Hauſe, ihren Liebling, die Suſanne, aus der ſie nach Belieben eine Putzpuppe erzieht. Ich glaube, wenn es nicht von Kaiſer und Reich bei ſchwerer Strafe verboten wäre, ſie legte ihr Kleider von Gold- und Sil⸗ berſtück an, wie einer fürſtlichen Prinzeß. Sie iſt erſt ſechszehn Jahre alt, aber Frau Veronica erwartet ſchon alle Tage einen vornehmen Freiersmann. Die beiden Söhne meines verſtorbenen Schwagers Ulrich ſind auch noch zu Hauſe; nun der jüngſte, Hieronymus, iſt noch ein Bub von vierzehn Jahren, aber er macht meinem ar— men Ehewirth ſchon viel zu ſchaffen. Er iſt ein wider⸗ ſpänſtiger wilder Range, und die Mönche in der Kloſter⸗ ſchule klagen, daß er Alles beſſer wiſſen wolle als ſie. So iſt's ſchier mit dem älteſten, dem Ulrich. Der will ſich nichts von Meiſter Jakob ſagen laſſen und hat ſeinen eignen Kopf. Er arbeitet zwar mit auf der Fuggerſchen Schreibeſtube und hat ſchon eine Reiſe nach Venedig ge⸗ macht; denn er ſteht im vier und zwanzigſten Jahre, aber mein Herr iſt nicht zufrieden mit ihm. Er ſchimpft auf Pfaffen und Eoelleute wie ein Rohrſperling zum größten Aerger ſeiner Mutter, die ſich auch nicht mit ihm ver⸗ tragen kann. Mehr Freude hat Meiſter Jakob an ſeines Bruders Georg Kindern, vorzüglich am jüngſten, dem Anton. Er iſt jetzt zwanzig Jahre alt, aber ſo verſtän⸗ dig und geſetzt, wie ein Dreißiger. Und im Handel und 52 Der Herzog von Burgund und Niederland. Wandel iſt keiner ſo anſtellig und geſchickt, als er. Mein Alter rühmt oft von ihm, daß er ihm hier in Augsburg die halbe Arbeit abnähme.“ „Ich weiß, Frau Sibylle,“ beſtätigte Bübenhoven. „Faſt alle Briefe und Inſtructionen, die ich nach Ant⸗ werpen in der letzten Zeit empfing, ſind von Anton ge⸗ ſchrieben. Er hat viel Ernſt und Verſtand.“ „Ja, Meiſter Jakob hat oft zu mir geſagt, der Bübenhoven in Antwerpen und der Anton hier werden die Säulen des Fuggerſchen Hauſes. Anton iſt eben ſo ſchlicht und ſtill, wie Ihr, Junker. Glaubt Ihr wol, daß er ein Leinweber werden wollte! Aber ich hab's nicht zu⸗ gegeben, wenn auch Meiſter Jakob nicht übel Luſt dazu bezeugte. Man muß in allen Dingen Maß und Ziel hal⸗ ten, auch in der Beſcheidenheit. Es iſt, wahr, die Fugger verdanken dem Webſtuhl ihren Flor; aber ſie ſind jetzt Edelleute. Der ältere Bruder Raimund weiß das beſſer. Das iſt ein feiner fröhlicher Geſell; geht immer in knap⸗ per und geſtickter Schaube einher, ſitzt mehr zu Roß als am Schreibtiſch, und Schneider, Schuſter, Riemer und derlei Volk haben einen guten Kunden an ihm. In ganz Augsburg gibt'“ keinen ſchmuckern Edelknecht. Aber man kann ihm de b nicht gram ſein; er lacht einem ſtets ſo freundlich vn gutherzig ins Geſicht und iſt immer gu⸗ ter Dinge. ür die Armen hat er immer offne Hand und für Jedermann ein gutes Wort. Er wird heuer noch Hochzeit halten in Kremnitz mit ſeinem Geſpons, der Der Herzog von Burgund und Niederland. 23 Katharine Turzoin, der Schweſter des Georg Turzoin, und ſo werden die Fugger zwiefach mit dieſem vornehmen ungariſchen Hauſe verſchwägert ſein.“ „Ich weiß, Frau Sibylle. Herr Jakob hat mich freund⸗ lich eingeladen, die Brautfahrt Raimunds nach Ungarn mit zu machen.“ „Es wird Euch nicht gereuen, Junker. Und es kann kommen, daß wol gar eine Doppelhochzeit daraus wird. Ihr erinnert Euch noch der Regina, Raimunds und An⸗ tons Schweſter. Nun ſie iſt ausnehmend ſchön geworden, das prächtigſte Weibsbild im ganzen Fuggerſchen Geſchlecht. Sie zählt jetzt neunzehn Jahre, und in voriger Woche hat ein vornehmer Junker um ſie geworben, ein edles Blut und von großem Anſtand, der Herr Johannes Baum⸗ gärtner von Baumgarten auf Hohen⸗Schwangau und Erb⸗ bach, und Meiſtet Jakob hat ihm als Haupt der Familie das Jawort gegeben. Wir wollen nur die Durchreiſe des Kaiſers abwarten, um das Verlöbniß zu feiern.— Aber ſeht, da kommt mein Alter. Der wird Euch das Uebrige beſſer berichten, als ich.“ Jakob Fugger trat in den Gaden, ſo bürgerlich ein⸗ fach wie ſtets gekleidet, und ſeine ernſten Züge überflog es wie ein heitrer Sonnenſtrahl, als er den Junker er⸗ blickte, der ihm entgegen eilte, und ſeine Hand ſtreckte ſich aus, ſein Mund öffnete ſich, den Angekommenen auf das Herzlichſte zu begrüßen. Bweites Rapitel. Nach der Rückkehr des Junkers Marx von Bübenhoven aus Spanien im Jahre 1506 hatte er keinen ſehnlichern Wunſch, als in die Dienſte der Erzherzogin Statthalterin der Niederlande oder des jungen Erzherzogs Karl zu treten, um ſtets in der Nähe der edlen Fürſtin, für die die ſtille Flamme ſeiner Liebe und Verehrung noch immer in un⸗ geſchwächter Glut in ſeinem Herzen fortbrannte, und ſei⸗ ner Mutter zu ſein, der er die reinſte Kindeszärtlichkeit wid⸗ mete, und die Erzherzogin war nicht abgeneigt, ſeine Wün⸗ ſche zu erfüllen, die ihren eignen entgegenkamen, obgleich ſie ſich das nicht ſelbſt geſtand. Aber der Junker verſank in der Nähe der angebeteten Frau in eine träumeriſche Unthätigkeit, die um ſo gefährlicher für ihn wurde, als ſeine Mutter im nächſten Herbſte einer Krankheit erlag und ſeine vom tiefſten Schmerz geſättigte Liebe jetzt nur noch einen Gegenſtand hatte, die fanfte edle Fürſtin. Wie eine Sonnenblume der Sonne, ſo hielt er ſetne Seele nur Margarethen zugekehrt; die übrige Welt verſank für — Der Herzog von Burgund und Niederland. 25 ihn in einen farbloſen Nebel, der ihm kaum erlaubte, die Umriſſe der Dinge zu erkennen. Der fröhliche Jugend⸗ muth war für ihn dahin. Das düſtre Geſchick der ge⸗ liebten Fürſtin ſchien einen niederdrückenden Einfluß auf ihn gehabt zu haben, den der Tod ſeiner Mutter vergrö⸗ ßerte. Die Fürſtin hoffte, die Zeit werde ſeinen Schmerz verklären, wie ſie den ihrigen verklärt hatte; aber Bü⸗ benhoven welkte ſichtbar dahin, und man hörte faſt nichts weiter von ſeinen immer bleicher werdenden Lippen, als leis hingehauchte Liederſtrophen aus Margaretha's Gedich⸗ ten. Die Erzherzogin jammerte der Zuſtand des jungen, ihr werthen Mannes, und kaum von der Trauer um den Verluſt ihrer Geſellſchafterin, der Gräfin von Tirol, ge— neſen, in der ihr gleichſam eine Mutter geſtorben war, ſah ſie mit Beben einem neuen noch ſchmerzlichern Ver— luſte entgegen, und es ſchien, als werde der Tod nicht müde, ihr Alles zu entreißen, was ihrem Herzen lieb und theuer war. Um dieſe Zeit kam Jakob Fugger, von Handelsgeſchäften gerufen, wieder in die Niederlande und bezeigte der Statthalterin ſeine Ehrfurcht durch perſönliche Aufwartung, wie er zu thun gewohnt war. Die Fürſtin leitete die Unterhaltung auf den Tod der Gräfin von Tirol und auf den ſchwermüthigen Sohn derſelben, da ihr nicht unbekannt war, welch großen und thätigen Antheil der reiche Augsburger Bürger an dem guten Junker nahm. Er hörte ihr mit bedenklichen Mienen zu.„Was iſt zu thun mit dem Unglücklichen?“ ſchloß ſie ihren traurigen S. 26 Der Herzog von Burgund und Niederland. Bericht.„Wie iſt zu verhindern, daß der arme Junker nicht verlöſcht wie ein des Oels entbehrendes Lämplein?“ „Man muß ihm Oel geben, damit es von neuem auflebt,“ verſetzte der wackre Leinweber ernſt und beſtimmt, und die Fürſtin ſah ihn fragend an.„Das Oel des Lebens iſt Arbeit und Thätigkeit, durchlauchtigſte Frau,“ fuhr Fugger fort,„und Arbeit iſt nicht nur das Brennöl der Lebensflamme, ſie iſt auch das Heilöl für jeden Schmerz, für jeden Kummer. Es gibt keine Wunde der Seele, und wenn ſie noch ſchlimmer wäre, welche nicht geheilt würde durch eine geregelte und angeſtrengte Thätigkeit. Es iſt ein unglaublicher Gottesſegen bei der Arbeit, und er thaut nicht allein vom Himmel auf ſie herab, o er quillt noch vielmehr aus ihr ſelbſt heraus, und die Quelle wird immer ſtärker und ergiebiger, je mehr wir uns der Arbeit befleißigen. Arbeit bringt nicht nur goldne Früchte der Erde; die unſichtbaren himmliſchen Früchte, die ſie uns in der Seele anhäuft, ſind noch weit koſtbarer. Das meiſte Unglück in der Welt entſpringt aus dem unſeligen Umſtande, daß die Menſchen nicht arbeiten wollen. Hät⸗ ten ſie nur einmal den ſüßen Segen der Arbeit gekoſtet, die himmliſche Befriedigung, die ſie uns bringt, gefühlt, ſie würden nie wieder Scheu vor der größten Freuden⸗ ſpenderin empfinden. Die Menſchheit wäre im Nu von tauſend läſtigen Uebeln geheilt, die den Meiſten das ſchöne Leben verbittern, wenn Jeder dasjenige arbeiten wollte, wo⸗ zu er Beruf und Geſchick hat, und die Güte des Schöpfers —— Der Herzog von Burgund und Niederland. 27 hat es weislich ſo eingerichtet, daß jeder Menſch zu irgend einer Arbeit Beruf empfangen hat. Nun ſeht, gnädigſte Frau— ich rufe Eure Verzeihung an, wenn ich die Wahr⸗ heit ſchlicht und derb herausſage; Ihr wißt, ich bin nur ein Leinweber, und Ihr müßt mir deshalb ſchon Manches zu gut halten— an den Höfen der Fürſten leben die Schranzen und das Bedientenvolk in ſteter Faulheit. Da⸗ her all die Schelmerei, Schleckerei und die böſen Dinge, all die Verkehrtheit und Albernheit unter dieſen Leuten. Weil das Feld nicht bebaut und gejätet wird, ſo ſchießt das üppige und geile Unkraut luſtig empor und erſtickt den Waizen. Würde das Volk zu einer vernünftigen Ar⸗ beit angehalten, es wäre nicht halb ſo toll und ungeber⸗ dig, und ſtatt der Schelmenſtücklein würde es gute und fromme Werke vollbringen. Iſt einer ein fröhlicher Geſell, ſo wird er durch Faulheit ein Schelm; iſt er ein ſtilles Herz, ſo wird er ein Narr. Der gute Junker Bübenho⸗ ven iſt ein Narr geworden. Aber durch Arbeit ließ ſich ſein Gebreſte heilen, und durch nichts in der Welt kann es von Grund aus geheilt werden, als durch Arbeit.“ „Ihr habt wol recht, Herr Fugger,“ verſetzte die ſanfte Erzherzogin,„und ich habe die Wahrheit Eurer Behaup⸗ tung an mir ſelbſt erfahren. Wie würde ich all die ent⸗ ſetzlichen Schläge des mir feindlichen Schickſals ertragen haben, wenn ich nicht zur Regentin dieſes Landes berufen wäre, und die Regierung, ſowie die Erziehung meines Neffen und meiner Nichten mir alle Hände voll zu thun 28 Der Herzog von Burgund und Niederland. und zu ſchaffen gäben von früh bis ſpät. Aber was ſoll ſolch ein adliger Junker arbeiten, der für keine Arbeit er— zogen, für kein Geſchäft unterrichtet iſt? Zum Krieger iſt er nicht geboren. Seine ſanfte Seele bebt zurück vor dem rohen Kriegshandwerk.“ „Laßt mich mit ihm reden, durchlauchtigſte Frau! Ich glaube, ich habe einigen Einfluß auf ihn. Ich habe ſchon heute Morgen einige Worte mit ihm gewechſelt, und aus einer ſeiner Aeußerungen glaube ich ſchließen zu dürfen, daß es für ihn zuträglich iſt, wenn er auf einige Zeit von Eurer Durchlaucht Hof entfernt wird. Ich werde ihn zu bereden ſuchen, mit mir nach Augsburg zu gehen, und bei mir gibt es genug zu thun für hundert ſolcher jun— gen Geſellen. Hätte ſein väterliches Gut in Tirol nicht verkauft werden müſſen, ich würde ihm rathen: geht und baut Euer Feld. Aber die Edelleute ſchämen ſich jetzt der Bearbeitung des Bodens. Die Zeiten ſind leider vorüber, wo das Wort galt: Nach der Meſſe zum Acker, vor der Vesper zum Turnier! Sie ſchinden lieber ihre Bauern, um prangen und prachern zu können, wie türkiſche Baſſen.— Nun es gibt andere ehrliche Arbeit, der ſich ein Junker nicht zu ſchämen braucht. Ich meine die des Kaufmanns. Mein gnädigſter Kaiſer hat mich in den Adelſtand erho⸗ ben. Die edlen venetianiſchen Kaufleute ſchätzen ſich Für⸗ ſten gleich, und Eure Kaufherrn in Antwerpen, Brügge und Gent ſehen Eure vornehmſten Ritter über die Achſel an. Ich geb' Euch mein Wort, Durchlaucht, ich bring' Der Herzog von Burgund und Niederland. 29 den guten Junker Bübenhoven durch Liebe— und ich lieb' ihn wirklich wie meinen Sohn— zur Vernunft und Ge⸗ ſundheit.“ „Ihr habt da einen koſtbaren Gedanken ausgeſprochen, Herr Fugger!“ rief die Statthalterin froh.„Ihr ſeid doch ſtets der Helfer in der Noth. Einſt übergab ich Euch meinen wilden und unbändigen Toni, und ihr habt einen tüchtigen Bergknappen aus ihm gemacht, ſo will ich Euch nun meinen ſanften und ſchwermüthigen T Marx übergeben; macht mir einen tüchtigen und thätigen Kaufmann aus ihm.“ Bübenhoven liebte und verehrte mit ſeinem tiefen kind⸗ lichen Gemüth den edlen Augsburger wie einen Vater, und deshalb fiel es dieſem nicht ſchwer, den Junker zur Mitreiſe zu bereden, zumal die Erzl herzogin ſelbſt ihn mit milder Bitte darum anging. Und jede ihrer Bitten war ihm ja ſtets ein Befehl geweſen. Er nahm mit Thränen im Auge von ihr Abſchied. In Augsburg zog ihn der kluge und vorſichtige Fug⸗ ger ganz allmälig und ſchier unbemerkt in die Thätigkeit hinein, und gleichſam ſpielend gewann der Junker Wohl⸗ gefallen an der ſtets wechſelnden Beſchäftigung. Erſt war er auf der Schreibſtube thätig, dann, als er ſich einige Gewandheit erworben, wurde er in ſein ſchönes Vaterland Tirol in die Fuggerſchen Silberbergwerke geſchickt; dann machte er eine Reiſe mit Fuggers Aufträgen nach Krem⸗ nitz und arbeitete eine Zeit lang mit Turzoin, der von eben ſo edler Geburt, wie er ſelbſt, ihn lieb gewann, ſo 30 Der Herzog von Burgund und Niederland. daß ſie bald innige Freunde wurden. Von Ungarn zu⸗ rückgekehrt, erhielt er von Herrn Jakob eine wichtige Sen⸗ dung an befreundete Handelshäuſer in Venedig, gegen welches damals eben die Ligue von Cambray(Kamerich) im Werke war, und nachdem der unglückliche und unge⸗ rechte Krieg gegen den Freiſtaat ausgebrochen und dadurch alle Verbindung zwiſchen ihm und Augsburg aufgehoben war, arbeitete Junker Marr wieder unter Herrn Jakob auf der Schreibſtube. Dieſer bemerkte mit inniger Freude, welch' ein treffliches kaufmänniſches Talent in Bübenhoven geſchlummert, und wie raſch ſich daſſelbe entwickle. Ord⸗ nungsliebe, Pünktlichkeit, Genauigkeit, Strenge mit Milde gepaart, und immer wachſende Thätigkeit erwarben dem Junker Anſprüche auf Liebe und Achtung, die Niemand williger zu erfüllen war, als das Oberhaupt des weltbe⸗ rühmten Handelshauſes. Die trübe Wolke, welche das Leben des jungen Mannes überſchattet hatte, war, wie Jakob gehofft, der wechſelvollen und regelmäßigen Thätig⸗ keit gewichen; der Junker blühete wieder kräftig auf und nahm Theil an allen ſchönen Lebensfreuden; aber über alle Hoffnung und Erwartung ſeines väterlichen Gönners und Freundes hinaus war Marr von Bübenhoven in kur⸗ zer Zeit ein ausgezeichneter Kauf- und Geſchäftsmann ge⸗ worden, deſſen Gutmüthigkeit ihn zum Abgott aller Dienſt⸗ leute machte. Jakob ſah in dem Junker ſich ſelbſt wieder jung, und die Charaktergleichheit beider machte ſie einan⸗ der immer werther und theurer. Der Herzog von Burgund und Niederland In Augsburg traf Bübenhoven auch wieden mit jener unglücklichen Frau zuſammen, der er einſt als Liebesbote ſeines jungen genußſüchtigen Fürſten in ihrem prächtigen Hauſe gegenüber geſtanden hatte, aber die ſchroffe Kälte, mit der ſie ihm jetzt begegnete und ihre ganze abgeſchloſ⸗ ſene und menſchenfeindliche Lebensweiſe ſcheuchten ihn von ihr zurück, und es blieb bei einer kurzen und fremden Be⸗ gegnung. Auch verweilte Bübenhoven nicht lange mehr in Augsburg. Durch Talent, Fleiß und Kenntniſſe hatte er ſich ſo hervorgethan und ſich das Vertrauen ſeines Gön⸗ ners in ſo hohem Grade erworben, daß ihn dieſer zum Haupt und Leiter der Fuggerſchen Commandite in Ant⸗ werpen erhob, wozu er ſich wegen ſeiner genauen Bekannt⸗ ſchaft mit Land und Leuten vorzüglich eignete. Als ein in jeder Beziehung verwandelter Mann kehrte der Junker in die Niederlande zurück. Seine ſtille und ſchwermüthige Liebe zur Erzherzogin hatte ſich zu einer ſanften ihn be⸗ ſeligenden Empfindung verklärt. Wie der ſchöne, reine Mor⸗ genſtern ſtand die hohe edle Frau in ſeiner Erinnerung am Himmel ſeiner Jugend, die nun für immer hinabge⸗ gangen war; und ohne Qual und Reue durfte er ſein Auge an ihrem verklärten Bilde laben und begeiſtern. Seit er ſo ruhig und glücklich geworden war, hatte er in ſei⸗ ner ſchönen Seele die Fürſtin alles Irdiſchen und Menſch⸗ lichen entkleidet; ſie war ihm das Weal der Weiblichkeit, ſie war ihm die Poeſie, die hohe heilige Muſe ſelbſt ge⸗ worden; und als er zuerſt wieder vor ihr ſtand, ſie zu Der Herzog von Burgund und Niederland. begrüßen, fühlte er eine unausſprechlich tiefe Ehrfurcht, die aber nicht mit Scheu, ſondern mit Wonne und Seligkeit gepaart war, ſeine Seele durchzittern. Er wurde ſich, als ſie gütig und mild mit ihm ſprach und ihre Worte wie himmliſche Muſik in ſeine Seele hereintönten, eines höchſt⸗ eigenthümlichen Verhältniſſes zu ihr bewußt. Sie ſtand ihm unendlich fern und hoch, wie noch nie, und doch auch wieder ſo nah, wie noch nie, ſo nah, daß er ſich wie ei⸗ nen Theil, einen Ausfluß von ihr, vorkam; es gemahnte ihn, als ſei er ihr Geſchöpf, ihr geiſtiger Sohn, und alles, was er ſei und noch werden könne, habe er ganz allein ihr zu verdanken. Es erging ihm mit Margarethen, wie es tiefen Gemüthern mit den Sternen ergeht. Sie ſind uns in ewige Fernen gerückt; wir verſtehen, wir wiſſen nichts von ihnen, wir können ihr Weſen nicht erfaſſen; die genaue Kenntniß ihrer iſt dem Verſtande, dem be- ſchränkten Geiſtesauge des Tages unerreichbar. Aber der menſchliche Geiſt, dieſer wundervolle Theil der Weltſeele, hat nicht allein ein Tagauge; es iſt ihm auch ein Nacht⸗ auge gegeben, das Gefühl, und mit dieſem blickt er tiefer und anders; er erfaßt die höchſten und heiligſten Dinge damit in unausſprechlichen Ahnungen. Er flügelt ſich mit dieſem befittichten Auge zu den Sternen empor, er zieht ſie mit den Blicken dieſes Auges, unzerreißbaren magiſchen Fäden, zu ſich herab; er iſt ihr Eigenthum, ſie ſind das ſeinige. Und ſo mit allem Göttlichen. Und ſo mit allem Tiefen, allem Erhabenen, allem unausſprechlich Schönen, Der Herzog von Burgund und Niederland. 33 Wahren und Guten; allem, was über die Grenze des Stau⸗ bes hinaus liegt und in die Unendlichkeit des Ewigen hin⸗ überragt.— So auch war jetzt Marx von Bübenhoven zum innigſten Beſitz der geliebten Fürſtin gelangt, und— davon war er wie durch göttliche Eingebung überzeugt— ſie nicht minder zu dem ſeinigen; in der heiligſten Umſchlin⸗ gung des Gefühlslebens waren ſie unzertrennlich verbun⸗ den; in den Formen des Verſtandeslebens ſtanden ſie in ſternenweiter Ferne voneinander. Aber das Gefühl iſt die unerſchöpfliche QOuelle der höchſten Seligkeit; der Verſtand nur der Schöpfer momentaner Befriedigung. Marx fühlte ſich ſelig im Gefühlsbeſitz der Fürſtin. Ihre Stimme zitterte vor innerer Bewegung und Freude, als fe zu ihm ſprach, der jetzt ſo blühend und kräftig vor ihr ſtand; ſie wußte es ja, was ihm gefehlt, wes⸗ halb er gelitten; ſie wußte auch jetzt, was ſie ihm war, und was er ihr war, und daß ihr reines und edles Ver⸗ hältniß zu einander nun flſt ſtand für das ganze Leben. Sie rief in der Freude ihres Herzens ihre Kinder— denn ſie nannte die Kinder ihres Bruders, die kleinen Vater⸗ und Mutterwaiſen, die ihrigen— herbei und erzählte ihm, wie einem Freund, von ihrem Weſen und ihren Fort⸗ ſchritten; ſie klagte, daß Prinz Karl nicht Latein lernen wollte und Meiſter Adrian von Utrecht, ſein Lehrer, viel Noth mit ihm habe; daß dagegen Pferde, Hunde und Waffen ſtets Gegenſtände der höchſten Aufmerkſamkeit des jungen Herrn ſeien; ſie erzählte vom Stolz der zehnjäh⸗ Ein deutſcher Leinweber. IV. 3 34 Der Herzog von Burgund und Niederland. rigen Prinzeſſin Eleonore, den ſie Mühe habe zu däm⸗ men, und von der heitern Drolligkeit der ſiebenjährigen Prinzeſſin Iſabella, und ſie verhehlte nicht, daß, ſo ſehr ſie auch die drei ältern Kinder liebe, die kleine dritthalbjährige wunderſchöne Maria doch ihr Liebling ſei. „Sie hat ein ächt habsburgiſches Geſicht und iſt das Ebenbild meines Bruders. Gott und ich— wenn ich das Leben behalte— ſollen ſie nur behüten, daß ſie nicht auch ſo viel Minnehändel und daraus erwachſenes Leid erleben muß, wie ihr armer Vater,“ fügte ſie lä⸗ chelnd hinzu. Marx begrüßte die vier fürſtlichen Kinder, die ihm ſeine erhabene Gönnerin vorführte, und reiſete, davöſt beſeligt, nach Antwerpen, um das ſtolze Haus zu und deſſen Gebieter zu werden, in welches er vor ſieben Jahren als Page und Liebesbote ſeines Herrn gekommen war. Mit dem düſtern Bilde der einſt ſo hochmüthigen Frau, wie er ſie zuletzt in Augsburg geſehen, in der Seele hatte er hier an der Stätte, wo ſie in Glanz und Ueppigkeit gewaltet, Gelegenheit über den Wechſel menſch⸗ licher Dinge nachzudenken und in Erwägung zu ziehen, daß nur Reinheit und Beſcheidenheit des Herzens ver⸗ bunden mit geſegneter Thätigkeit den Schlägen des Ge⸗ ſchicks trotz bieten. Und ſo warf er ſich ſeinem Geſchäft mit Luſt und Eifer in die Arme und ſah bald mit der größten Befriedigung die glänzenden Erfolge ſeines Strebens. Der Herzog von Burgund und Niederland. 35 Fünf Jahre hatte er auf dieſe Weiſe dem Fugger⸗ ſchen Handelshauſe in Antwerpen vorgeſtanden, als er von Jakob eingeladen wurde, nach Augsburg zu kommen, um Raimunds Brautfahrt nach Kremnitz mitzumachen. Yrittes Rapitel. Bei Tiſche ſaß die junge Sibylle dem Junker gegenüber und erröthete, ſo oft er ſie anſah; und er ſah ſie ſehr oft an, und wann Herr Jakob ihn lobte, lächelte ſie ſee⸗ lenvergnügt. Nach dem Eſſen nahm der frohgelaunte Hauswirth den Gaſt mit auf ſeine eigne Schreibſtube und gab ihm hier die Hand mit den Worten:„Noch einmal, Marx, laß dich herzlich grüßen und willkommen heißen in meinen vier Pfählen! Drüben bei den Weibern konnte ich dir nicht Alles ſagen, wie mir's um's Herz iſt. In Gegenwart der Frauen iſt mir all' mein Lebtag die Zunge wie gefroren geweſen.— Jetzt laß dich vor allen Dingen Eins fragen und zwar auf Ehre und Gewiſſen! Wie ge⸗ fällt dir die kleine Sibylle, unſre Pathe und Pflegkind?“ Der Junker ſah den ſchelmiſch lächelnden Mann mit einer Art Beſtürzung an, als habe er ihm in der Seele gele⸗ ſen und das Geheimniß, das ſich dort ſeit ein Paar Stunden erſt zu bilden angefangen und noch nicht einmal eine rechte Geſtalt gewonnen hatte, ſchon errathen.„Si⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. 37 bylle?“ verſetzt er ſtammelnd und erröthend,„ei ſie iſt fürwahr eine hübſche und ſtattliche Maid geworden, und ihre Züge bezeugen ein frommes und ſittſames Gemüth.“ „Ich ſage dir, Marx,“ fuhr Jakob mit feierlicher Stimme fort, ergriff den Junker bei beiden Händen und ſchaute ihm wohlwollend tief in die Augen und in das Herz,„ſie iſt ein Engel im irdiſchen Gewand. Sie hat keine Ader von ihrer Mutter. Lauter fuggerſches Blut. Du haſt mir oft mit Wärme von den guten Eigenſchaften ihrer Schweſter Anna in Kremnitz geſprochen und deinen Freund Georg Turzvin als Ehewirth derſelben glücklich geprieſen. Und nun geb' ich dir mein Wort, Marx, die Sibylle iſt noch weit beſſer, ſanfter, herziger als die Anna. Wenn dieſe eine Perle iſt in Gold gefaßt, ſo iſt die Si⸗ bylle ein ſtill duftendes beſcheidenes Veilchen, ein ſüßes Kind, das vor ſich ſelbſt erröthet. Und der Mann, deß Eigenthum ſie wird, kann auf Erden keinen größern und beſſern Schatz erwerben. Was ſagſt du dazu? He?“ Der Junker ſchlug das Auge verwirrt zu Boden und antwortete in großer Befangenheit:„Ich zweifle nicht an der Wahrheit Eurer Worte.“ „Und hätteſt du keinen Wunſch, dieſer Glückliche zu ſein?“ „Mein Vater!“— „Möchteſt du nicht wirklich mein Sohn, der Geſpons meines lieben, frommen Kindes ſein? Möchteſt du nicht der Schwager deines Freundes Turzoin ſein und dem 38 Der Herzog von Burgund und Niederland. fuggerſchen Hauſe ganz angehören?“ fragte der edle Mann mit leuchtenden thränenſchimmernden Augen und vor Auf⸗ regung bebender Stimme. „O mein Vater!“ rief Bübenhoven und warf ſich an des väterlichen Freundes Bruſt.„Hat Euch denn Gott die Macht gegeben, die geheimſten Gedanken und Wün⸗ ſche der Menſchen in ihrer Bruſt zu leſen?“ „Alſo hab' ich wirklich deine Wünſche errathen?!“ rief Jakob freudig aus.„Nun ſieh, ich nahm bei Tiſche wahr, wie deine Augen mit dem Ausdrucke des Wohlgefallens und eines ſtillen Verlangens an Sibylles Zügen hingen. Ich glaubte, du hätteſt ſie ſchnell liebgewonnen; denn was man wünſcht, das glaubt man leicht. Und geſteh' ich dir's nur, ſeit drei Jahren, d. h. ſeit meines Bruders Ulrich Tod und Sibylles Aufnahme in mein Haus, wo ich täg⸗ lich Gelegenheit erhielt, ihre ſtille Tugend und ſüße Her⸗ zensunſchuld ſich entfalten zu ſehen, iſt es mein geheimer Wunſch geweſen, Ihr beide möchtet ein Paar werden. Noch lebhafter wurde dieſer Wunſch, ja er ſteigerte ſich zum heftigſten Verlangen, als die unſelige Trauerbotſchaft vor zwei Jahren aus Rom bei mir einlief, daß mein theurer Neffe Mart, mein Liebling und die Hoffnung meines Al⸗ ters, in ſeinem vier und zwanzigſten Jahre dort am Fuße von St. Peters heiligem Stuhle, nach dem er ſo heftig verlangt, in die frühe Gruft geſunken war. Du weißt, ich hatte einen ältern Bruder, Marr genannt, ein from⸗ mer Prieſter, der mein Lehrer und Erzieher war. Er ſtarb Der Herzog von Burgund und Niederland. 39 zu Rom, kaum dreißig Jahre alt, als Kanonikus der hie⸗ ſigen Kathedrale. Als zehn Jahre ſpäter meinem Bruder Georg ein Sohn geboren wurde, nannten wir ihn zu Eh⸗ ren des Verſtorbenen Marx und beſtimmten ihn dem geiſt⸗ lichen Stande. O und wie herrlich gedieh er! Wie früh ſah ich das heilige Zeichen der Prieſterwürde auf ſeinem Haupt glänzen! Welch' ein würdiger und ausgezeichneter Cleriker war er geworden! Und auch ihn raffte ein frü⸗ her Tod dahin, wie ſeinen Ohm, auch ihn wieder in der heiligen Stadt, wie jenen! Seltſames Geſchick! Gott wollte nicht, daß wir aus unſerm Hauſe einen Diener ſeines drei⸗ malheiligen Namens lange behalten ſollten. Aber an den Namen Marcus hatte ſich meine Liebe angehängt ſeit meiner Kindheit; und auch dich gewann ich ſchneller lieb, als ſonſt wol geſchehen ſein würde, weil du Marr heißeſt. Da, als mir nun der Tod meinen theuern Neffen genommen, ge⸗ dacht ich dein, wie du dich doch ſo würdig gemacht, ſeine Stelle in meinem Herzen einzunehmen. Wem wol hätte ich mein Sibyllchen lieber gegönnt als dir; wer hätte ſich mehr Anſpruch auf ſolch' koſtbaren Lohn erworben als du? Ich fürchtete nur immer, du möchteſt dein Herz in Antwerpen oder Brüſſel verſchenken.“ „Dies würde nimmer der Fall geweſen ſein aus einem Grunde, den ich Euch wol ſpäter offenbare,“ verſetzte Bü⸗ benhoven erröthend.. „Meine Hoffnung wuchs, als ich auf ſtete Erkundi⸗ gung erfuhr, du halteſt dich von allen Frauen fern. Und Der Herzog von Burgund und Niederland. 40 nun denke dir meine Freude, als ich bei Tiſche aus dei⸗ nen Blicken die im Herzen aufkeimende Minne zu Sibyl⸗ len zu errathen meinte!“ „Und ihr habt recht gerathen, mein Vater— „Die Freude drückte mir das Herz. Ich mußte gleich mit dir reden. Ich konnte es unmöglich verſchweigen. Alſo du haſt mein holdes Kind lieb gewonnen? Du willſt ſie heimführen, als dein liebes eheliches Weib?“ „Mit Euerm Segen, mein theurer Vater! Doch ſeid Ihr auch gewiß, daß Sibylle meine Liebe erwidert?“ „J, mein Junge, haſt du denn nicht bemerkt, wie ſie dich gar nicht recht anſehen konnte und immer über und über roth wurde? Pah, ich verſtehe mich nicht viel auf die Weiber; aber an meiner Kleinen hab' ich genug ge⸗ ſehen, um zu wiſſen, woran ich bin. Doch nun warte! Wir müſſen es klug anfangen. Wir dürfen uns bei Leibe nicht merken laſſen, daß wir einig ſind; ſonſt wird uns die alte Sibylle aufſäſſig, und mit der darfſt du's nicht verderben. Sie hat dich ins Herz geſchloſſen, wie ich. Und auch ihr höchſter Wunſch iſt, daß du ihre Pathe heim⸗ führen möchteſt. Aber das Minnewerk muß durch ſie aus⸗ geführt werden. Wir müſſen ihr den Ruhm gönnen, daß ſie Eure Herzen zuſammenbringt. Du mußt dich hinter ſie ſtecken und ihr deinen Wunſch ans Herz legen. Die Alte muß mir dann kommen. Ich ſtelle mich bedenklich, habe Dies und Das auszufttzen und zu erinnern. Sie wird ungeberdig, ich desgleichen, bis ſie ihren Kopf durchgeſetzt. 7 ————— Der Herzog von Burgund und Niederland. 41 So müſſen wir Kniffe ſpielen.“ Und dazu lachte der ſonſt ſo ernſte Jakob ſchelmiſch und aus Herzensgrund. „So gehörſt du nun ganz zu mir und biſt ein Glied meines Hauſes,“ plauderte er in ſeiner Glückſeligkeit wei⸗ ter.„Und das ſoll ein Hochzeitfeſt geben! Ein zweifaches, nein ein dreifaches! Denn der junge Herr Baumgärtner von Baumgarten hat um die Regina, meines Bruders Georg einzige Tochter, gefreit und das Jawort von mir erhalten. Wir ziehen alle nach Kremnitz, um das Feſt dort zu feiern. Auch meine dicke Alte muß mit. Da bring' ich ſie doch auch einmal aus ihren Pfählen. Doch laß dir nur vor der Hand nichts merken von unſern Plänen. Ich erwarte den Kaiſer heute oder morgen auf ſeiner Kriegs⸗ fahrt nach den Niederlanden gegen Frankreich. Wir ha⸗ ben ein Geldgeſchäft miteinander. Iſt die Sache abgemacht und die Majeſtät fort, dann können wir an unſre Abreiſe denken. Doch könnte ſich vorher nöthig machen, daß du eine heimliche Reiſe nach Venedig unternähmſt.“ „Nach Venedig? Iſt durch die neue Bundesgenoſſen⸗ ſchaft des Freiſtaats mit ſeinem alten Feinde, dem Könige von Frankreich, nicht jede Verbindung deſſelben mit dem deutſchen Reiche abgeſchnitten und hart verpönt?“ „So iſts. Der Kaiſer iſt ſo bärbeißig auf die Re⸗ publik, daß kein Saumroß über ihre Grenze herüber nach Oeſtreich ſoll. Dieſe Strenge müſſen wir zu unſerm Vor⸗ theil benutzen. Im ganzen R ſchreit man nach den venetianiſchen Waaren und zwar“ um ſo ärger, je weniger 5 42 Der Herzog von Burgund und Niederland. ſie zu haben ſind. Das iſt nun einmal menſchliche Thor⸗ heit. Aber wenn der Kaufmann vom Bedürfniß der Men⸗ ſchen lebt, ſo wird er von ihrer Thorheit reich. Und die Menſchen ſind jetzt thörichter, als ſie je geweſen ſind. Der Kaiſer iſt mir ſeit wir den letzen Kauf über die Freiherr⸗ ſchaft Schmüchen abgeſchloſſen— es ſind nun vier Jahre — wieder eine hübſche Summe ſchuldig. Und er muß zu dem neuen Kriege wieder neues Geld haben. Ich vermuthe, er wird mir wieder eine neue Herrſchaft zum Kauf an⸗ bieten. So ſehr ich nun auch dazu geneigt bin, ſo laß ich es mir doch nicht merken. Ich verſichere ihn, daß ich Land und Leute nun genug hätte; er ſoll mir einen ge⸗ heimen Freibrief zum Handel mit Venedig geben. Und er wird ihn geben; denn er braucht mein Geld.“ „Ihr macht ſtets einen guten Handel mit Sr. Maje⸗ ſtät,“ ſagte der Junker lächelnd. „Dafür bin ich Kaufmann. Ein Kaufmann, der nicht an ſeinen Vortheil denkt, führt dieſen Namen mit Schan⸗ den. Die kaufmänniſche Selb ſiſ Kit Geiſt des Han⸗ dels und Verkehrs; ſe vei ich. tr mit der Ehr⸗ furcht vor den gekrönten Hi der Kirche und jedem Geſetz. Der Kniſet bren Geld, um damit Vortheile für ſich zu erringen. Es iſt billig, daß er mir dafür Vortheile zugeſtehe. Er iſt im Beſitz von Macht und Land. Wohl, er gebe mir Freiheiten, er verkaufe mir Ländereien. Der Kaiſer konnte mir die ihm geliehe⸗ nen Summen nicht zurückzahlen; ſo hat er mir allmälig Der Herzog von Burgund und Niederland. 43 die Grafſchaften Kirchberg und Marſtetten, die Freiherr⸗ ſchaften und Güter Weißenborn, Pfaffenhoven, Wellen⸗ ſtetten und Schmüchen verkauft. Er iſt ſeiner Verbindlich⸗ keiten ledig, und wir ſind, wie immer, die beſten Freunde.“ „Ihr mögt von Euerm Standpunkte recht haben; doch wird das allgemeine Wohl dadurch nicht gebeſſert, daß Ihr dem Kaiſer ſtets offne Kaſſe haltet und dadurch ſeiner thörichten Kriegsluſt Vorſchub leiſtet. Wenn er ſich nicht immer und immer wieder mit dem und jenem auswärti⸗ gen Feinde herumbalgen könnte, müßte er ſein Auge mehr auf das eigne Reich werfen und mit Kraft und Nachdruck der Unordnung ſteuern, die immer mehr überhand nimmt und ihm zuletzt über den Kopf wächſt. Zu welcher Zeit iſt es wol im deutſchen Reiche kunterbunter zugegangen, als in unſern Tagen?“ „Eins will ich dir ſagen, was dir noth thut,“ ver⸗ ſetzte Jakob,„wenn du bei deinem neuen Stande, den du dir ſelbſt gewählt, bleiben willſt, ſo kümmere dich nicht ein Mehres um dus weltliche und geiſtliche Regiment, als ſich mit deinem erträgt. Ein Kaufmann ſoll kein Staatsmann ſein, am aber ein Feind und Wi⸗ derſacher der von geſetzten Ordnung. Regiment muß ſein. Nicht Alle können befehlen; die Meiſten müſ⸗ ſen gehorchen. Bedenke aber auch, daß die, welche zu be⸗ fehlen haben, nicht minder Menſchen ſind, als die, wel⸗ chen Gehorchen Pflicht iſt. Der Kaiſer iſt ein braver und wohlwollender Herr, ja er hat den beſten Willen von der 44 Der Herzog von Burgund und Niederland. Welt, Allen zu helfen; hätten die Stände, Fürſten, Rit⸗ ter, Städte und Bauern ſo guten Willen, wie er: Alles wäre in der ſchönſten Ordnung; aber er iſt ein Menſch und mit Mängeln und Irrthümern behaftet, wie du und ich. Was er fehlt, hat er zu verantworten, wenn er einſt vor ſeinen Richter tritt. Wir haben uns deß nicht zu kümmern. Uns gilt der Spruch: Gebet dem Kaiſer, was des Kaiſers iſt, und Gotte, was Gottes iſt. Wir haben als Kaufleute auf unſern Vortheil zu ſehen, als Bürger aber auf den Vortheil unſter Stadt; wir haben uns den habſüchtigen Adel vom Leibe zu halten durch Opfer und Gewalt, und wenns Noth thut, die frechen Bauern zu züchtigen. Im Uebrigen aber jedem das Seine zu gön⸗ nen und zu laſſen. Von meinen Bauern— und ich habe voch deren jetzt an ſechstauſend— darf keiner ſich über Härte und Druck oder über Ungerechtigkeit beklagen. Wenn Jeder ſeine Pflicht thäte in ſeinem Kreiſe und vom Andern nicht mehr verlangte, als ihm von Gott und Rechtswegen zukommt, ſo würde all der Noth und dem Elend, das die Welt jetzt aufregt, ein ſchnelles Ende gemacht ſein.“ „Das iſt's eben, woran es überall fehlt,“ ſagte der Junker.„Keiner iſt darüber klar, was ihm Pflicht und was ihm Recht iſt. Der Pflicht möchte er guitt und ledig ſein, Rechte nimmt er maßlos in Anſpruch. Es iſt keine Liebe und keine Billigkeit unter den Leuten. Wenn alle wären wie Ihr, mein Vater, es ſtörte kein Hader den Frieden. Aber der Kaiſer will immer Länder erobern; Der Herzog von Burgund und Niederland. 45 es frommt ihm nicht. Er ſollte Ordnung, Recht und Frie⸗ den im Reiche ſchaffen; er ſollte den Adligen mit Nach⸗ druck wehren zu rauben und zu plündern und die Bauern zu ſchinden; das würde ihm frommen. Was hilft der ewige Landfrieden auf dem Papier, der täglich gebrochen wird? Die Stände wollen ihm nicht gehorchen; jeder Fürſt und Edelmann im Reiche thut, was ihm gelüſtet. Sie betrachten das Volk wie eine Heerde Rind⸗ und Schaaf⸗ vieh, von der man allen nur erdenklichen Nutzen ziehen muß. Jeder ſucht ſo viel Geld zu gewinnen, als er kann, ob mit Recht oder Unrecht, das iſt nicht die Frage. Die Städte wollen auch oben hinaus und keinen Herrn über ſich anerkennen. Am ſchlimmſten aber treibt's die Pfaff⸗ heit. Geld gewinnen, um ſich das faule Fleiſch mit allen erdenklichen Lüſten zu ergötzen, das iſt ihre Looſung. Das arme Volk ſteckt in einer Preſſe, an deren Schwengel hüben die Fürſten und Herrn und drüben die Prälaten und Pfaffen aus Leibeskräften arbeiten, um ſich nachher gemeinſchaftlich in dem ausgepreßten Blute zu berauſchen.“ „Du bezeichneſt die Dinge ziemlich, wie ſie ſind. Aber wir können die Sachen nicht ändern. Wir haben weder Geſchick noch Macht dazu. Es iſt auch nicht unſers Amts. Wir müſſen uns damit getröſten, daß es Gottes Wille alſo iſt, und daß er es anders macht, wenn es ihm ge⸗ fällt. Wir haben nichts zu thun, als das, was wir als Pflicht erkannt, oder was uns als ſolche in weltlichen und göttlichen Geſetzen vorgeſchrieben iſt. Damit bin ich nun 46 Der Herzog von Burgund und Niederland. vier und funfzig Jahre in der Welt ausgekommen und ge⸗ denke damit auch auszureichen bis ans Ende. Wenn An⸗ dere ihre Pflichten verletzen, werden ſie ſelbſt einſt den größten Schaden davon haben. Ich kann ſie nur bedauern, aber mich in ihr Treiben zu miſchen, fällt mir nicht ein. Ein Jeder muß für ſich ſelbſt ſtehen. Dies iſt mein Glau⸗ bensbekenntniß, und ich wünſche, es wäre auch das Deinige.“ „Ihr werdet mir zu bemerken geſtatten,“ erwiederte Bübenhoven mit einem leichten Anflug von Unmuth,„daß das Menſchengeſchlecht, wenn Alle dächten und thäten, wie Ihr, immer daſſelbe bliebe und in keinerlei Weiſe eine Veränderung erlitte. Dies iſt aber offenbar nicht Gottes Wille. Denn Alles iſt im ewigen Wandel begriffen. Das glorreiche Ritterthum iſt faſt verſchwunden, und wie auch der Kaiſer und der König von Frankreich ſich abmühen, es am Leben zu erhalten, es liegt in den letzten Zügen und iſt wol gar ſchon todt. Die Landsknechte haben ihm den Garaus gemacht. Von andern Gedanken werden die Menſchen erfüllt, von andern Wünſchen getrieben, als ehe⸗ dem. Wir jagen und drängen einem Ziele zu, das wir nicht kennen; aber Gott hat den mächtigen Trieb in uns gelegt. Wir können nicht widerſtehen. Seht doch an uns beiden, wie ſo ganz die Welt ſich geändert! Euer Groß⸗ vater Hans war ein armer Leinweber; Ihr ſelbſt ſeid am Weberſtuhl aufgewachſen. Und nun ſeig Ihr ein Kauf⸗ mann, deſſen Namen in der ganzen Welt geehrt wird. Der Herzog von Burgund und Niederland. 47 Das wäre vor einem oder zwei Jahrhunderten nicht mög⸗ lich geweſen. Aber der Geiſt der Zeit, welcher der Geiſt Gottes ſelbſt iſt, hat Euch getrieben, Euch zu erheben. Mein Großvater war ein ſtolzer Ritter in den Tiroler Bergen, der auf alle Krämer, und wären es die reichſten Kaufherrn von Venedig, Genua und Florenz geweſen, mit Verachtung herabſah. Und nun ſeht ſeinen Enkel! Das einſame Bergſchloß ſeiner Väter iſt in andern Hän⸗ den, und er arbeitet in der Schreibſtube des reichgewor⸗ denen Leinwebers. Iſt' nicht etwa auch der Geiſt Gottes, der mich treibt?— Nun ſeht, mein Vater! Nicht in uns beiden allein iſt er mächtig. Er drängt in dem Bauer, wie in dem Gelehrten. Alle ſind darüber einig, daß die Dinge nicht ſo bleiben können, wie ſie ſind. Es iſt ein Frühlingsdrang, der durch die Welt zittert, und der die Feſſeln des alten Winters abſchütteln will. Es iſt lang genug Winter geweſen in der Welt.“ „Ich höre aus dir die Jugend ſprechen,“ ſagte Jakob. „Das ſind all' die Dinge, die mir der heißblütige Bar⸗ thelmä Welſer oft genug vorgeſagt hat, und wie ſie jetzt mein toller Neffe Ulrich täglich zu Markte bringt, freilich nicht mit ſolcher Beſcheidenheit und Ruhe, wie du. Aber dadurch wird Unrecht nicht Recht. Du wirſt mit der Zeit ruhig über den Lauf der Welt denken.“ Und mit ſtren⸗ gerem Ernſt fügte er hinzu.„Ich aber wünſche, daß im Hauſe der Fugger kein Neuerer ſei. Deshalb bin ich da⸗ ran, dem Ulrich, wenn er nicht auf meine Warnung hört, 48 Der Herzog von Burgund und Niederland. ſein väterlich Erbe auszuantworten und ihm den Abſchied zu geben. Und du, mein Sohn, der Nachkomme eines alten Adelsgeſchlechts, der einſtige Page des Königs von Kaſtilien und Herzogs von Niederland, der Schützling der edlen Erzherzogin Margarethe, wirſt am wenigſten gemein⸗ ſchaftliche Sache mit jungen Tollköpfen machen, ſei ihr Angriff nun gegen das weltliche oder gegen das geiſtliche Regiment gerichtet. Hüte dich vor Ulrich und ſeinen Kum⸗ panen! Sein Treiben macht mir großen Kummer.“ Da⸗ mit wandte er die Unterhaltung auf rein geſchäftliche Ge⸗ genſtände und ließ ſich von Bübenhoven über die jüngſten Vorkommniſſe ſeines Antwerpner Hauſes berichten. —— Piertes Rapitel. Als der Junker nach einigen Stunden auf den Hof trat, um ſeinem Knechte Befehle zu geben, begrüßte ihn der dicknaſige Reitknecht Jakob Fuggers, der gutmüthige, drol⸗ lige Veit Schellenberger, mit ehrerbietiger Herzlichkeit, ver⸗ zog aber das Geſicht, an und für ſich ſchon eine ausge⸗ zeichnete Fratze, zu einer fürchterlichen Mißgeſtalt, indem er auf ein Paar Eſel deutete, die er mit ſchweren Körben zu bepacken eben beſchäftigt war. „Da ſeht, wie weit ich's gebracht habe in dieſem Hauſe, Junker,“ ließ er ſich dazu in einem weinerlichen Tone vernehmen.„Ich und Herr Fugger gehen ganz verſchie⸗ dene Wege. Während er alle Tage reicher und angeſe⸗ hener wird und in wenigen Jahren ſo viel Land und Leute erworben hat, wie ein Reichsfürſt, bin ich vom Pferd auf den Eſel gekommen. In der That, ich habe ſchier weiter nichts mehr zu thun, als dieſe beiden Freunde täglich zwei, auch wol dreimal mit Freſſalien zu beladen und in die Fug⸗ gerei hinaus zu führen, damit Frau Sibylle das Lum⸗ penvolk dort füttere.“ Ein deutſcher Leinweber. IV. 4 50 Der Herzog von Burgund und Niederland. „Was iſt das?“ fragte Bübenhoven und trat hinzu. Er ſah Brod und Speck und Töpfe mit Hirſen, Erbſen, Linſen und Bohnen in den Körben. In dieſem Augen⸗ blick kam die junge Sibylle geſchäftig aus der Thüre, welche aus der Küche auf den Hof führte, um noch einige friſche Wecken in die Körbe zu legen. Sie nickte dem Junker mit ſüßer Freundlichkeit zu und ſagte ſanft:„So, nun kannſt du gehen, Veit.“ „Gott ſegne Euch, Jüngferlein!“ verſetzte der Dick⸗ naſige ſchmunzelnd.„Ihr vergeßt doch auch nicht, den Klei⸗ nen eine Schleckerei zu machen. Schwarzbrod füllt wol den Bauch in dieſer ſchweren Zeit, aber was wiſſen die Kinder von Noth und Theurung! Ein Wecken iſt ihnen füßes Manna in der Wüſte, und wer ihnen den in die Hand ſteckt, wenn ſie hungrig ſind, iſt ihnen ein Engel. Pah, ich möchte wiſſen, was Euch noch fehlte, ein ſolcher zu ſein! Wenn Frau Sibylle nicht zu dick wäre, würde ich ſie ebenfalls für ein himmliſches Geſchöpf erklären. Es fehlt ihr nicht am guten Willen, es zu ſein. Gott ſegne ſie!“ Damit wiſchte er ſich die Augen. „Die Arznei für den Kaspar Gogel werd' ich ſelbſt mitnehmen. Nun geh!“ drängte das Mädchen.„Wir werden gleich nachfolgen.“ ßᷣ „Ach, meinem Vetter Kaspar helfen nicht Pillen und Latwergen mehr,“ ſeufzte der Reitknecht.„Ich denke, ein frommes Gebet für ſeine Seele, das Ihr an ſeinem Bette ſprecht, wird ihm zu dem, was ihm allein noch noth thut,. Der Herzog von Burgund und Niederland. 51 förderlicher ſein. Und ſeinen Kindern— na der Heinz iſt mein Pathe, der fällt mir zu. Die andern will ich Euch überlaſſen.“ „Meinſt du, daß es ſo ſchlimm mit dem Kaspar ſtehe?“ ragte Sibylle mit ängſtlicher Theilnahme. „Pah, ich ſah's ihm heute früh an, daß er nicht lange mehr ſtöhnen wird.“ Damit trieb Veit die Eſel aus dem Hofe. „Was hat das Alles zu bedeuten?“ fragte der Jun⸗ ker das ſanft erröthende Mädchen, indem er ihre Hand ergriff.„Für wen ſind dieſe Eßwaaren beſtimmt?“ „Für unſere Armen in der Fuggerei,“ verſetzte Si⸗ öylle lebhaft.„O, Ihr müßt die Fuggerei jetzt ſehen! Heute noch! Kommt mit uns hinaus, das wird die Gotte erfreuen. Es ſind jetzt vier und ſiebenzig Häuſer fertig, und dies Jahr ſollen wieder ſechs oder acht gebaut wer⸗ den. Lauter arme Leute wohnen darin. Und weil das Brod jetzt ſo theuer iſt, daß es die Armuth kaum er⸗ ſchwingen kann, ſo ſpeiſt die Gotte täglich die Aermſten in der Fuggerei, und ſie würde eher keinen Biſſen zu ſich nehmen, ſo gern ſie auch ißt, bevor nicht die hungrigen Mäuler vor dem Jakobsthore geſtopft wären. Während die Herren auf dem Rathhauſe lange Berathungen halten, wie die Armen der Stadt zu ſättigen ſeien, macht's Frau Sibylle kurz: Veit muß ihr den Proviant täglich auf den Eſeln hinausführen, die eigens zu dieſem Dienſte beſtimmt ſind, und ſo ſchlimme Grimmaſſen er auch dazu ſchneidet, 4 k 52 Der Herzog von Burgund und Niederland. er thut's doch gern und würde es nicht dulden, ſollte eir Andrer dieſen Dienſt verrichten. Draußen aber geht ſie von Haus zu Haus und theilt ſelbſt aus, und ich muß ihr dabei zu Händen ſein. Müde und hungrig kommt ſie heim, und dann ſchmeckt ihr ſelbſt Eſſen und Ruhe vor⸗ trefflich, und die Armenfütterung erhält ſie und die Armen geſund, wie der Doktor Stetten, unſer Hausarzt, ſagt. Als Ihr heute ankamt, waren wir noch nicht lange aus der Fuggerei zurück.“ „Nicht vergebens iſt Gottes Segen bei dem Fugger⸗ ſchen Hauſe,“ ſagte Bübenhoven gerührt.„Als die Toch⸗ ter deſſelben biſt du ſchon ein glückliches Kind, Sibylle.— Und der kranke Mann, von dem du ſprachſt?—“ „Iſt ein armer Weber, ein naher Verwandter Veits, und dieſer hat ihn wohl gepflegt. Kaspar wohnt auch in der Fuggerei.“ „Ich begleite Euch. Ich will Euch die Liebesgaben austheilen helfen.“ Die alte Sibylle belobte den Junker laut um dieſen Ent⸗ ſchluß; die junge that es ſtill für ſich; doch konnte ihr Marr die Freude darüber an den Augen abſehen. Als ſie in der Vorſtadt ankamen, erblickte der Junker mit großer Befriedigung die Reihen der hübſchen blanken einſtöckigen Häuſer, welche, Herrn Jakobs und Frau Si⸗ byllas Schöpfung, ſich während ſeiner Abweſenheit weit ausgedehnt hatten. Die Kinder, welche auf der Straße ſpielten, liefen den beiden Frauen entgegen und küßten Der Herzog von Burgund und Niederland. 53 ihnen die Hände und wurden bald darauf aus den Eſels⸗ körben mit Wecken bedacht. Vor einem der kleinen Häu⸗ ſer, auf welches die junge Sibylle eilig zuſchritt, ſtand Veit mit betrübtem Antlitz, vor ihm ein ſtattlicher Kriegs⸗ mann im einfachen Waffenrock mit einem alten Filzhute auf dem ſtarken Kopfe, und eine etwas zerzauſte, und un⸗ ſcheinbar gewordene Feder würde ihn als Führer oder Haupt⸗ mann verrathen haben, wenn es nicht ſein ganzer Anſtand ſchon gethan hätte. Mit dem Reitknecht im Geſpräch, welches einen weinenden Knaben zu betreffen ſchien, der zu Veits Seiten ſtand, grüßte der Krieger das Fräulein mit ritterlichem Anſtand. „Der Kaspar iſt ſo eben geſtorben,“ wandte ſich Veit ſchluchzend zu den Angekommenen;„als ich an ſein Bett trat, hauchte er gerade die Seele aus. Gott ſei ihm gnä⸗ dig! Drin ſitzen die armen Würmer; voriges Jahr die Mutter, heuer der Vater; es iſt hart. Und den Buben da, meinen Pathen, will der Ritter als Roßbuben mit⸗ nehmen in den burgundiſchen Krieg. Aber deß fürcht ich mich einer Sünde. An Kaspars Leiche— gleich ſein Kind — nein, das geht nicht, Herr Ritter—“ „Nun, wie du willſt,“ verſetzte der Krieger.„Ich hab es gut mit dem Buben gemeint, und er hat große Luſt, mit mir zu gehen, wie du ſelbſt von ihm gehört haſt.— Ich hatte,“ wandte er ſich zu Bübenhoven, der auch hinzugetreten war,„vor einigen Tagen in Augsburg angekommen, viel von dem merkwürdigen Bauweſen des 54 Der Herzog von Burgund und Niederland. Herrn Fugger für die Armuth gehört und ging heute Abend heraus, um mir die neue Colonie anzuſehen. Da heult der Bub da jämmerlich an der Thür, und auf meine Frage nach ſeinem Leid erzählt er mir, ſein Vater ſei eben geſtorben, ſeine Mutter ſchon lange todt. Sein Weſen gefällt mir; er iſt ein ſtämmiger Bub, zwölf Jahre alt, wie er ſagt, kann in vier Jahren ſchon ein wackerer Lands⸗ knecht werden. Der Kaiſer braucht junges Blut. Der⸗ weil will ich ihn als Roßbub mitnehmen. So lernt er den Dienſt bei Zeiten. Der Junge ſagt mir zu. Da kommt ſein Götti und Vetter da und macht ihn mir wie⸗ der ſtreitig.“ „Das iſt brav von dir, Veit,“ ſagte die junge Si⸗ bylle.„Nein, aus der Fuggerei ſoll keine ſo junge Waiſe mit in den Krieg. Wäre der Knabe vier oder fünf Jahre älter und hätte den rechten Verſtand, könnte er Landsknecht werden, wenn er wollte. Jetzt dürfen wir es nicht zugeben.“ Der Krieger verbeugte ſich artig, und der Junge heulte, wie es ſchien, jetzt aus Verdruß, daß er nicht Roßbub werden durfte. Der Junker hatte an der koſtbaren goldnen Halskette des Kriegers ſchon bemerkt, daß er keinen gewöhnlichen Rottenführer vor ſich hatte; auch erinnerte er ſich immer deutlicher, ihn ſchon geſehen zu haben. „Ich bin Euch ſchon früher irgendwo begegnet,“ ſagte er verbindlich,„und wenn ich nicht irre, am kaiſerlichen Hofe ſelbſt.“ — —— — — — Der Herzog von Burgund und Niederland. 55 „So ſeid Ihr wol auch einer der kaiſerlichen Haupt⸗ leute? Ich bin Florian von Iſſelſtein aus Flandern, einer der vom Kaiſer beſtellten Hauptleute für die nieder⸗ ländiſchen Reiter, welche die Statthalterin Seiner Majeſtät zur Verfügung ſtellen wird. Und ihr?“ „Ich bin kein Krieger,“ entgegnete Bübenhoven mit einem Anflug von Beſchämung.„Doch darf ich mich ad⸗ liger Geburt rühmen. Ich heiße Marr von Bübenhoven.“ „Ah, ich habe von Euch gehört!“ ſagte der Ritter mit einem ſpöttiſchen Zug um den Mund.„Ihr habt zu einer Fahne geſchworen, unter der man den alten Adel nicht zu ſuchen pflegt.“— Der Hauptmann entfernte ſich, und die junge Sibylle trat in das Häuschen, um für die Seele des geſtorbenen Mannes ein Gebet zu ſprechen. Marx ſtand ſchweigend hinter ihr. Die Begegnung mit dem Hauptmann hatte ihn verſtimmt. Zum erſtenmale fühlte er etwas wie einen Vorwurf in ſeiner Bruſt, daß er nicht, wie ſeine Stan⸗ desgenoſſen, als Krieger mit in des Kaiſers Heeren ziehe. Der kriegeriſche Geiſt ſeiner Väter regte ſich in dem ſtillen friedlichen Träumer. Er half den beiden Frauen bei Ver⸗ theilung der Lebensmittel, aber er war zerſtreut, und der jungen Sibylle Blick ruhete öfter fragend auf ihm, und wenn ſein Auge dem ihrigen begegnete und ihre Seele ihn gleichſam wie mit Flügeln umfing, oder ihr ſanſftes Wort zu ihm herübertönte, mußte er ſtill ſeußzen. Auf dem Heimwege vernahmen ſie aus dem Gedränge 56 Der Herzog von Burgund und Niederland. auf den Straßen, daß der Kaiſer eben in die Stadt ziehe, und als ſie zu Hauſe anlangten, wurde ihnen gemeldet, Herr Jakob habe ſich bereits in die Pfal verfügt, um ſeine Majeſtät zu begrüßen. Die junge Sibylle wünſchte den Empfang des Kaiſers zu ſehen und bat den Junker vertraulich, ſie zu begleiten. Er nahm ihren Arm und führte ſie nach der Pfalz, von wo der Jubel des Volks erſchallte, der ſich überall im gan⸗ zen Reiche erhob, wo der leutſelige Marimilian ſich ſehen ließ. Bübenhoven fühlte ſich ſeltſam bewegt; ein Zwie⸗ ſpalt ging durch ſeine Seele, wie er ihn noch nie empfun⸗ den, doch entglomm die ſüße Minneglut zu der holden Maid an ſeiner Seite immer ſtärker in ihm. Der Zau⸗ ber, der von ihr ausging, umſtrickte ihn mehr und mehr, als er an ſie geſchmiegt durch die Volkshaufen ſchritt. „Es iſt doch das ſchönſte Loos für einen Menſchen, ſich ſo geliebt zu ſehen, wie der Kaiſer täglich und ſtünd⸗ lich von allen Leuten erfährt,“ ſagte Sibylle. „Weshalb glaubſt du wol, daß er ſo ſehr und von Allen geliebt wird, ſelbſt von denen, die ſeine Handlungs⸗ weiſe nicht ſelten tadeln?“ fragte Marx.„Wird er es wol, weil er ein ſo tapferer und gewaltiger Krieger oder weil er ein ſo feiner, höflicher und freundlicher Herr iſt?“ „Gewiß nur weil er alle Herzen durch ſeine Leutſelig⸗ keit gewinnt. Georg von Frundsberg, der tapfre Feld⸗ oberſt des Kaiſers, iſt doch gewiß ein eben ſo großer Krie⸗ ger, wie der Kaiſer ſelbſt, und Jedermann im deutſchen — ————— — Der Herzog von Burgund und Niederland. 57 Reiche ſpricht von ihm. Habt Ihr aber je gehört, daß ihn Jedermann liebe wie den Kaiſer?“ „Würdeſt du wol einen berühmten Krieger oder einen thätigen Kaufmann lieber zum Gatten haben?“ „Ich habe noch nie daran gedacht, daß ich eines Man⸗ nes Ehewirthin werden könnte.“ „Und wenn nun ein Mann deine Liebe gewonnen hätte, würdeſt du lieber wollen, er ſei ein Kriegs- oder ein Kaufmann?“ „Immer das Letztere. Ich bin eine Fuggerin, und alle Fugger ſind Kaufleute. Ich liebe den Frieden, und wenn ich mich einem Manne zu eigen gegeben, möchte ich auch mit ihm leben und ſein in Liebe pflegen, nicht aber ſtets um ſein Leben in Angſt und Sorge ſin Sie langten auf dem Hofe der Pfalz an, der Kaiſer war mit ſeinen Begleitern eben von den Pferden geſtiegen. Die Häupter der Stadt nahten ihm ehrfurchtsvoll. Er dankte ihrem Gruß aufs freundlichſte und ging dann auf Jakob Fugger los, reichte ihm die Hand und ſagte:„Herr Jakob, wir haben Euch einen Legaten des neuen Papſtes mitgebracht, den hochwürdigen Cardinal von Sitten. Der heilige Vater hat, eingedenk Eurer Verdienſte um die Kirche und das Reich, Euch in ſein Wohlwollen genommen und um ſo mehr, als er ſelbſt aus einer Kaufmannsfamilie ſtammt. Seht zu, was der Legat an Euch auszurichten hat.“ Da⸗ mit führte er den verwunderten Fugger einem Manne im geiſtlichen Kleide zu, der von einem Maulthiere geſtiegen 58 Der Herzog von Burgund und Niederland. war, und redete ihn an.„Hochwürdiger Herr, dies iſt Jakob Fugger, mein kaiſerlicher Rath, an welchen Eure Sendung von Seiner Heiligkeit geht.“ „So hab' ich Euch zu vermelden, ehrenfeſter Herr,“ ſagte der Cardinal,„daß Seine Heiligkeit Euch, in Betracht Eurer großen Verdienſte um die Kirche Chriſti, zum Rit⸗ ter und Grafen des lateraniſchen Palaſtes ernannt und Euern Namen bereits in das goldne Buch des Lateran mit eigner Hand eingetragen hat. Ich bin von Seiner Heiligkeit erwählt worden, Euch die Urkunde über Eure Erhebung und die Inſignien der Ritter- und Grafenwürde zu überbringen und werde Euch dieſelben morgen in der Mitte des verſammelten Domkapitels überreichen.“ Fugger verneigte ſich beſcheiden mit den Worten:„Ich bin nicht würdig der hohen Ehren, welche mir der Statt⸗ halter Chriſti erweiſet, aber ich nehme ſie in dankbarer Demuth an als ein Geſchenk von St. Peters Stuhl, und beſtrebe mich wenigſtens, mich derſelben ſo würdig als möglich zu machen.“ Er trat zurück und theilte ſeinen Mitbürgern, die ſchon etwas von des Kaiſers und des Legaten Worten vernommen hatten, auf ihr Beftagen, die neue Mähr mit. Die Kunde verbreitete ſich ſchnell im Kreiſe und gelangte bald auch zu Bübenhovens und Sibylle's Ohren. Das holde Kind ſchlug die Hände vor Freuden zuſammen.„Da ſeht Ihr's nun, Junker,“ wandte ſie ſich zu ihrem Begleiter,„ſo etwas wird ſelbſt den be⸗ ſten Kriegsleuten ſelten zu Theil. Die Meiſten werden ja Der Herzog von Burgund und Niederland. 59 todt geſchoſſen oder gehauen, eh' ſie's nur halbweg zu etwas gebracht haben. Bleibt Ihr ja beim Kaufmanns⸗ ſtande, damit Ihr auch einmal ſo ein goldner Ritter werdet.“ Der Junker lächelte ſchwermüthig.„Goldner Ritter!“ flüſterte er vor ſich.„Ja, das Gold iſt der Herr der Welt. Dieſer ſchlichte Mann wäre nicht goldner Ritter, wenn das Glück ſeine Thätigkeit nicht mit Gold geſegnet hätte. Dieſer Papſt trüge nicht die Tiare, wenn ſeine Väter nicht Gold und durch das Gold einen Fürſtenthron erworben hätten. Doch man muß zum Kaufmann geboren ſein, wie zum Krieger. Ich bin es nicht. Mich hat die un⸗ ſelige Liebe zu der hohen Fürſtin in die Schreibſtube der Fugger getrieben, und ſieh, die Liebe iſt's wieder, die mich heute an der Schwelle des Fuggerſchen Hauſes empfing, die mich darin feſſelt. Ich werde nicht Krieger, aber will auch kein goldner Ritter werden. Mein eigner Name wird im Glanz des fuggerſchen erlöſchen und verſchwinden.“ Dies waren die Gedanken des ſtillen und beſcheidnen jungen Mannes auf dem Heimwege; aber ſie ſtimmten ihn trau⸗ rig. Sein weiches Gemüth, das ihn der Erzherzogin ſo theuer gemacht, die Schwärmerei, die ihn einſt in die Arme der ſchönen Zigeunerprinzeſſin geführt, erman⸗ gelten— er fühlte es ſelbſt— der männlichen Kraft, die zu ſelbſtgeſchaffnen Zielen führt. In der Stunde, wo eine ſanfte Liebe zu der holden Jungfrau, die für ihn ge⸗ ſchaffen ſchien, ſein Herz berührte und umſpann, wurde 60 Der Herzog von Burgund und Niederland. er mit ſich ſelbſt unzufrieden. Er ſah ein ſtilles, ſchönes Glück vor ſich liegen, er brauchte nur die Hand darnach auszuſtrecken, um es ſich zu eigen zu machen, und die alte Schwermuth zeigte ihm ihr düſtres Antlitz. Das iſt das Loos der allzuweichen Gemüther; ſie leben von Blü⸗ thendüften und Hoffnungen; die aus der Blüthe hervor⸗ gewachſene goldne Frucht erfreut ſie nicht.— ünftes Rapitel. Mit dem Kaiſer und dem Cardinal war eine große Menge Volks in die Stadt gekommen, theils ihre Begleitung, theils Kriegsleute, aber auch fahrendes Geſindel aller Art und Leute aus der Umgegend, vornehme Ritterſchaft, ar⸗ mer Adel und müßige Burſche aus den Städten und den Dörfern, die die große Theurung dem Rufe der kaiſerli⸗ chen Trommel nachtrieb. Von Kempten hatte der reiche und gewaltthätige gefürſtete Abt, berüchtigt wegen ſeiner Ueppigkeit und der Art, wie er ſich die Mittel zur Be⸗ friedigung derſelben zu verſchaffen wußte und die ihm den unehrenvollen Namen des„Bauernſchinders“ im Volke verſchafft hatte, dem Kaiſer und dem Cardinal das Ge⸗ leite bis nach Augsburg gegeben und mehre hundert Be⸗ rittene gehörten zu ſeinem Gefolge. Die benachbarten Baiernfürſten hatten ſchon mehre Tage auf den Kaiſer wartend in Augsburg gelegen, und die Maſſe des Kriegs⸗ volks, das war, theils mit dem Kaiſer in die Niederlande zu gehen, theils ſich mit den angeworbenen 62 Der Herzog von Burgund und Niederland. eidgenöſſiſchen Truppen zur Eroberung Burgunds zu wen⸗ den, theils endlich über die Alpen nach Italien zu ziehen, um dem deutſchen Heere dort gegen die verbündeten Fran⸗ zoſen und Venetianer zu Hülfe zu kommen, war beträcht⸗ lich. In allen Straßen, auf allen Plätzen wogte und wimmelte es von Menſchen, und obgleich durch dieſen Zu⸗ wachs die ohnedies theuern und ſpärlichen Nahrungsmittel zu einem unerhört hohen Preis hinaufgetrieben wurden und die Gemüther der Einwohner mit bangen Sorgen er⸗ füllten, obgleich der gemeine Mann ſchon lange mit Man⸗ gel kämpfte: ſo wurde der Kaiſer doch mit dem Ausdruck der herzlichſten und ungeheucheltſten Freude begrüßt, und es war ein Jubel in der Stadt, als wenn ſie im Ueber⸗ fluß ſchwämme. Bübenhoven und Sibylle waren eben auf dem Wein⸗ markt angekommen und ſteuerten auf das väterliche Haus zu, als ihnen eine prachtvolle Cavaleade entgegen kam. Es waren zwölf bis ſechszehn Berittene mit ihren Knech⸗ ten, zu drei und vier in der Reihe. In der vorderſten fiel das von der Pracht des Zugs gefeſſelte Auge ſogleich auf ein ausnehmend ſchönes Frauenbild von ſüdlicher Ge⸗ ſichtsbildung und Geſtalt. Es blieb ungewiß, ob man ſie für eine Spanierin oder Neapolitanerin halten ſollte; Ken⸗ ner hätten ſogar behaupten können, ſie ſei mauriſcher Ab⸗ kunft. Genug ihr Aeußeres zeigte einen S Si mit dem W Der Herzog von Burgund und Niederland. 63 auf ſich gezogen haben würde, wenn ihre Kleidung und ihres herrlichen arabiſchen Pferdes Auſputz auch minder prachtvoll und koſtbar geweſen wären. So ſehr man auch in den deutſchen Städten, nament⸗ lich in den mächtig emporblühenden freien Reichsſtädten, ſchon gewohnt war, vornehme Frauen in einem Putz von ungeheuerm Werthe zu erblicken, und die Wirthinnen der reichen Handelsherren mit denen der begüterten Ritter in dieſer Beziehung einen tollen Wetteifer beſtanden, ſo war doch die ſammtne und ſeidne goldgeſtickte Gewandung der ſchönen Fremden und ihr perlengezierter federgeſchmückter Hut von ſo hervorſtehender Pracht, daß nur eine Fürſtin daneben den Vergleich auszuhalten im Stande geweſen ſein würde. Hinter einem ſtolzen, ſpöttiſchen Lächeln verbar⸗ gen ſich Züge, welche große Schlauheit, ja Verſchmitztheit andeuteten; dabei lag in ihrem Weſen etwas Herriſches und Befehlendes. Jedenfalls war dieſes jugendliche Weib eine ſehr ungewöhnliche Erſcheinung in den volkbelebten Gaſſen Augsburgs. Ihr zu Seiten ritten zwei junge Män⸗ ner in der reichen Tracht, wie ſie von den Niederlanden in die deutſchen Städte eingewandert war. Mit ihrem Begleiter zur Rechten unterhielt ſich die ſchöne fremde Rei⸗ terin lebhaft, und ihr feuriges Auge ſprach noch mehr zu ihm als ihr Mund, wobei dann und wann ein Schimmer von Anmuth über ihre leicht bewegten Züge hinglitt. „Mein flüſterte Sibylle ihrem Freunde zu. Aber dieſer hatte in dem geiſtvollen, lebendigen, von einem —— E 64 Der Herzog von Burgund und Niederland. großen blitzenden Auge beherrſchten Geſicht des Reiters be⸗ reits den jungen Ulrich Fugger erkannt, vor dem ihn Herr Jakob vor wenigen Stunden ſo nachdrücklich gewarnt hatte. Ebenſo ſah er in dem Begleiter zur Linken der Dame ei⸗ nen zweiten Fugger, den zierlichen Raimund, den älteſten Sohn Georg Fuggers. Die beiden Geſchwiſterkindsvettern bildeten einen merkwürdigen Gegenſatz. Raimund, obgleich einige Monate älter als Ulrich und jetzt im vier und zwan⸗ zigſten Jahre, ſchien doch um mehre Jahre jünger; er ſtand in der ſchönſten Blüthe der Jugend, und ihre Roſen glüheten auf ſeinen Wangen. Eine feine weiße Haut, ein ſanft lachendes blaues Auge, ein braunes gelocktes Haar und eine feine Geſichtsbildung, aus welcher Güte und Wohl⸗ wollen ſprachen, erweckten in dem Beſchauer einen ange⸗ nehmen und vertrauenden Eindruck. Wie er ſelbſt nur von mittlerer Geſtalt und ſehr zierlichen Formen, ſo war ſein Aeußeres ſehr gewählt, koſtbar und in vie Augen fallend. Man ſah, der zierliche junge Mann liebte den ausgeſuchten noblen Putz; er verſtand ſich vornehm und mit Geſchmack zu kleiden; überhaupt war alles vornehm an ihm, Geſtalt, Bewegung, Geſichtsausdruck, Kleidung; aber dem Menſchenkenner konnte eben ſo wenig verborgen bleiben, daß hinter dieſem lachenden Geſichtsoval keine gro⸗ ßen Gedanken, keine mächtigen Leidenſchaften ſchlummerten. Raimund war einer der glücklichen, denen die unvergleichliche Vergünſtigung angeboren worden iſt, uhng⸗ von ihrer ſchönſten Seite anzuſehen, und die ſich deshalb die wider⸗ * n Der Herzog von Burgund und Niederland. 65 wärtigſten Gegenſtände bequem zurecht legen, um doch Genuß von ihnen zu haben. Sie ſind die Bienen in der Menſchenwelt, die ſelbſt aus den Giftblumen Honig ſau⸗ gen. Aber durch ſolche Menſchen wird das Leben nicht gefördert, die Entwicklung des Geſchlechts nicht weiter ge⸗ führt. Sie leben nur für ſich, und Andre ſollen nur für ſie leben. Sie ſind die lachenden, lebengenießenden Egoiſten, denen man nicht zürnen kann. Ihre geiſtige Kraft reicht nur hin Roſen zu pflücken und auf das Lager zu ſtreuen, damit ſie unter Düften entſchlummern. Wie ganz anders war Ulrich Fuggers Natur! In ſeinem Aeußern kündete ſich ſchon der unruhige, ſtürmiſche Gejſt, die titaniſche Natur an. Seine Kleidung, obgleich koſtbar und den reichen adligen Kaufmann verrathend, war doch vernachläſſigt. Nichts war im Einzelnen ausgeführt; die Form war ihm gleichgültig. Aus ſeiner großen mar⸗ kigen Geſtalt, aus ſeinem kühnen Blick ſprangen einem phyſiſche und geiſtige Kraft entgegen. Man ſah, dieſer junge Mann hatte einen entſchiedenen feſten eignen Willen, der ſich durch keine Autorität beherrſchen ließ, ſelbſt durch die ſeines vielvermögenden Oheims Jakob nicht. Die ge⸗ waltigen Kämpfe der Zeit hatten in ſeinem hochbegabten Geiſte eine Wahlſtatt gefunden; die Lichtfunken, welche vom Feuerherde und vom Ambos der Weltgeſchichte, auf dem ſie eben ihre neuen Waffen ſchmiedete, durch die Welt flogen, hatten den reichen Brennſtoff in ihm entzündet Er ſchmiedete ſelbſt Waffen; er gedachte ſie zu führen. Ein deutſcher Leinweber. 1V. 5 66 Der Herzog von Burgund und Niederland. Denn er war ſich ſchon bewußt, was er wollte. Er war auch ein ſchöner Mann, aber in ganz andrer Beziehung als ſein Vetter Raimund; man ſah auch ihm ſogleich an, daß er ein reicher Mann war, aber man merkte auch, daß er nicht für ſich allein, ſondern auch für Andre da war. In ſeinen ſtolzen Zügen ſprach ſich ein bittrer Ernſt, gemiſcht mit Menſchenverachtung, aus. Die nachfolgenden Reiter waren faſt ſämtlich junge Männer, von denen Bübenhoven die meiſten kannte. Es waren Söhne der erſten und reichſten Familien der Stadt, Gaßner, Imhof, Artzt, Rehlinger, Dintenheimer, Welſer. Alle in ſtrahlenden Feſtkleidern. Ebenſo ihre Reitknechte. Denn ſie hatten den Kaiſer und den Cardinal in die Stadt eingeholt und brachten die vornehme fremde Dame eben nach ihrer Herberge zurück. Bübenhoven hatte nicht Zeit den Zug lange zu mu⸗ ſtern; denn ſeine Blicke blieben voller Verwunderung an einer zweiten Frau haften, die, wie die fremde Dame in der erſten Reihe der Herren, ebenſo in der erſten Reihe der Knechte ritt, zum Beweis, daß auch ſie dem dienen⸗ den Stande angehörte und höchſt wahrſcheinlich die Die⸗ nerin der Dame war. In ihrer Weiſe war ſie nicht minder ausgezeichnet in Geſtalt, Weſen und prachtvoller Kleidung; denn ſie war eine Negerin, in eine halbphan⸗ taſtiſche, aber äußerſt koſtbare, morgenländiſche Tracht ge⸗ hüllt. Bübenhoven's Erſtaunen rührte aber aus dem Um⸗ ſtande her, daß er in der ſchimmernden Tochter Afrikas Der Herzog von Burgund und Niederland. 67 die ſchwarze Matty erkannt hatte, die ihm einſt als Lieblingsdienerin der Frau van der Kapellen in Antwer⸗ pen ſo viel Beweiſe von Gunſt gegeben, und die er vor ſieben Jahren in Spanien als Dienerin der wahnſinnigen Königinn Johanna verlaſſen hatte. Und doch würde er ſich ſelbſt überredet haben, daß er ſich geirrt, wenn ihn nicht ein Blick aus den nach allen Seiten hin gewendeten Augen der Negerin, der ihn traf und dem ein bedeu⸗ tungsvolles Neigen des Kopfes und ein gefälliges Lä⸗ cheln folgte, deutlich genug geſagt hätte, daß auch er von ihr ſogleich wieder erkannt worden war. Noch ſtand er in Sinnen verloren, als der Zug ſchon lange vorüber war, und nur Sibyllas Erinnerung, weiter zu gehen, weckte ihn daraus. „Wer iſt die ſchöne, ſtolze Reiterin?“ fragte er das Mädchen. „Sie nennt ſich Gräfin von Cardona und ſoll aus Neapel ſtammen. Sie hält ſich ſeit einem Monat hier auf, und der Abt von Kempten iſt oft in ihrer Geſell⸗ ſchaft. Man behauptet, ſie ſei ſeine Geliebte und der große Aufwand, den ſie macht, werde aus ſeiner Kaſſe beſtritten. Die Söhne der hieſigen Geſchlechter und die vornehmen Cleriker, ſowie der Adel der Umgegend ſind ihr ſtets zu Hof. Sie ſoll alle Männerherzen bezaubern. Hütet Euch ja vor ihr, Junker, daß es Euch nicht auch ergehe, wie meinem Bruder Ulrich und meinem Vetter Raimund. Der erſtere war halb und halb mit meiner 5* 68 Der Herzog von Burgund und Niederland. Freundin Veronica Gaßner verlobt, und obgleich er das Gaßnerſche Haus immer noch beſucht, ſo behauptet doch Veronica, er ſei, ſeit die welſche Gräfin hier verweilt, gegen ſie erkaltet; und Raimund ſcheint ganz vergeſſen zu haben, daß eine Braut in Ungarn ſich nach ihm ſehnt, mit der er bald Hochzeit feiern ſoll.“ „Nun die Zauberin kann doch nicht allen Bräuten gefährlich werden,“ lächelte der Junker.„Was aber hat die Gräfin hier zu ſchaffen?“ „Wer kann es wiſſen? Gewöhnlich giebt man an, Kempten ſei ihr zu klein und ſtill, auch wolle ſie den Schein vermeiden, als ſtände ſie mit dem Abt in näherer Beziehung. Deshalb habe ſie das nahe, geräuſchvolle und luſtige Augsburg gewählt. Uebrigens ſoll ſie vom neuen Papſt auch unſerm Biſchof empfohlen worden ſein, und ſie ſpeiſt öfters an des Letztern Tafel und wird öffentlich ſehr von ihm geehrt. Auf allen Banketen und Tänzen ſpielt ſie hier die Königin, und Ritterſchaft, Cleriſei und vornehme Bürgerſchaft werden nicht müde, ihr zu huldigen. — Die ſchwarze Frau iſt ihre Gürtelmagd.“ „Seltſam!“ ſagte der Junker nachdenklich. Und ſeine Gedanken gingen weiter:„Und dieſes räthſelhaften jungen Weibes Dienerin iſt die ſchwarze Matty. Hier liegt ir⸗ gend ein Geheimniß verborgen.“— Eh' eine Stunde verging, waren die in Augsburg anweſenden Glieder der fuggerſchen Familie in Jakobs Hauſe verſammelt, um ihr Haupt wegen der neuen Stan— Der Herzog von Burgund und Niederland. 69 deserhöhung zu beglückwünſchen. Zwei Brüderpaare be⸗ grüßten den ihnen befreundeten Junker Bübenhoven, näm⸗ lich die beiden Söhne Ulrichs, Ulrich und der vierzehn⸗ jährige Hieronymus, ein ſehr lebhafter und talentvoller Knabe, ſeinem Bruder auch in der äußern Geſtalt ſehr ähnlich; und die beiden Söhne Georgs, Raimund und Anton. Der Letztere, obgleich erſt zwanzig Jahre alt, hatte doch den Ernſt, die Ruhe und das gemeſſene Ge⸗ bahren eines Mannes. Sein Weſen und ſeine Worte zeugten von Selbſtgefühl, aber nicht von Selbſtüberſchä⸗ tzung; er äußerte ſich beſcheiden, aber mit ſcharfbegrenzter Beſtimmtheit. Es war ſchon etwas Feſtes in ihm, das über ſeine Jugend hinausging. Dies zeigte ſich auch in ſeiner höchſt einfachen äußern Erſcheinung. Und ſo ſtellte er das wahre Seitenſtück ſeines Oheims dar, und es konnte Niemand verwundern, daß er der Liebling deſſel⸗ ben war. Nach den erſten Begrüßungen(Herr Jakob war aus der Pfalz noch nicht zurückgekehrt), rief Ulrich lebhaft: „Ich will euch auch eine neue Mähr verkünden, die ein paar Soldaten aus des Kaiſers Gefolge mitgebracht ha⸗ ben. In der Schweiz iſt der alte Sündenſack endlich zer⸗ platzt. In voriger Woche ſind in den Kantonen Luzern, Solothurn und Bern die gepreßten Bauern gegen ihre Preſſer und Schinder, die feinen Herren in den Städten, aufgeſtanden, haben ſich zuſammengethan und verſchworen, und das lichterloh brennende Feuer hat den ſaubern Herrn 70 Der Herzog von Burgund und Niederland. bereits tüchtig heiß gemacht. Ich hoffe ſie werden braten, die übermüthigen Hunde.“— „Fürwahr man müßte deine Grundſätze haben,“ ſagte Anton ruhig,„um eine ſolche betrübende Nachricht mit Jubel aufzunehmen. Fühlſt du denn nicht, daß es Em⸗ pörung gegen Obrigkeit und Geſetz iſt, was dort die auf⸗ rühreriſchen Bauern beginnen. Und Aufruhr und Empö⸗ rung iſt das Schlimmſte, was auf Erden geſchehen kann; es iſt der größte Frevel an Gott und allen Heiligen.“ „O weiſer Prediger Salomon!“ ſpottete Ulrich.„Ich höre zwei aus dir ſprechen, den trefflichen Pater Urban, der dich, ich weiß nicht wie viele Jahre, geſchult, und unſern verehrten Ohm, den der Papſt nun gar zum gold⸗ nen Ritter und Grafen erhoben. Ich will nicht mit dir ſtreiten, mein lieber Vetter, aber ich will mir auch meine Meinung nicht von deiner Weisheit nehmen laſſen. Wenn es ein Frevel gegen Gott iſt, daß die Bauern gegen ihre Herrn aufſtehen und ſie zur Rechenſchaft ziehen über Liſt und Betrug, über Nothzucht und Schlemmerei in des Bauern Mark und Blut, ſo iſt ja der weit größere Fre⸗ vel vorangegangen, daß man dem Bauer das Blut ab⸗ gezapft, das Mark ausgeſogen und ihn aufs Aeuſterſte ge bracht hat. Hat etwa Gott den Bauer minder nach ſei⸗ nem Ebenbilde erſchaffen, als den hochprunkenden Herrn in der Stadt? Und iſt es nicht die gräulichſte Verſün⸗ digung gegen Gottes Gebote, Menſchen nicht anders wie Gänſe zu behandeln, die man des Jahrs zweimal heim⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. 71 ſucht, zu St. Johannistag, wo man ihnen die weichen Federn ausrupft und ſie kahl macht bis auf die Haut, und zu St. Martinstag, wo man ſie gar abſchlachtet und bratet und allerhand ſchmackhafte Speiſe von ihnen ge⸗ winnt. Aber die Herrn machen es mit den Bauern noch ſchlimmer, als die Frauen mit den Feldgänſen; denn ſie rupfen ſie alle Tage und ſo oft ihnen nur ein Federlein aufſchießt und braten ſie bei lebendigem Leibe, um ihr Fett zu gewinnen. Ich bin voriges Jahr in Handelsge⸗ ſchäften in der Schweiz geweſen und habe ein ſcharfes Auge für all die Unzucht gehabt, die die Herren treiben, freilich nicht ſchlimmer als auch bei uns zu Lande. Aber glaubt nur, es wird auch bei uns nicht ausbleiben? Und die Schuld des Aufruhrs und des Mords und Brands, der damit verbunden iſt, fällt nicht auf die, welche ihn beginnen, ſondern auf die, welche ihn durch Unmenſchlich⸗ keit und Grauſamkeit hervorrufen.“ „Es wird nicht ſo ſchlimm ſein, als du es machſt,“ lachte Raimund.„Wir kennen deine Art ſchon, wenn du auf die Herren und auf die Pfaffen zu ſprechen kommſt. Du haſt einmal einen Zahn auf ſie, und wenn es auch manche Ungeberdige darunter giebt, die's ihren Bauern vielleicht etwas ſchlimm machen, ſo lebt ſich's doch mit den Meiſten recht gut und angenehm. Was weiß ſolch ein Bäuerlein von der Welt und ihren Herrlichkeiten? Es iſt doch offenbar von Gott geſchaffen, um das Feld zu bauen und Fleiſch und Brod auf die Tafel der Herren zu lie⸗ 72 Der Herzog von Burgund und Niederland. fern. Solch ein Bauer kann ja nicht den ſchlechtſten Krä⸗ tzer vom beſten Burgunder unterſcheiden, folglich iſt der Wein auch nicht für ihn gewachſen. Und dieſen richtigen Schluß wirſt du mir nicht umſtoßen.“ Die Andern ſtimmten in des Lebemannes Lachen ein; dann nahm An⸗ ton wieder das Wort:„Der Schöpfer und Vater der Menſchen und der ganzen Welt hat ſelbſt einen Unter⸗ ſchied unter uns gemacht, wie unter allen Dingen. Es muß Stände geben, Bauern und Herrn, und unter den Bauern leibeigne Knechte und freie, wie unter den Herrn größere und geringere, und ebenſo unter den Dienern Gottes und der heiligen Mutter Kirche. Eine Stufen⸗ leiter muß im Menſchengeſchlecht beſtehen, ſo will es die göttliche Ordnung und das menſchliche Recht; denn eine Stufenleiter beſteht unter den Thieren und unter allem Gewächs auf Erden. Iſt der Eſel nicht weniger als das Pferd? Jener trägt die Säcke zur Mühle, dieſes den Fürſten zu Pracht und Schlacht. Was wäre das für ein unſauber Ding, wenn alle Gewächſe ſo groß wären, wie Pappeln oder Eichbäume. Es giebt auch ein kleines Gras, das nicht einen Finger hoch wächſt. Der Bauer ſoll ſolch ein Gras ſein und bleiben, nützlich als Futter, er ſoll unter den Menſchen ſein, was Hund und Eſel, Rind und andres nützliches Vieh unter den Thieren.“ Ulrich lachte höhniſch über dieſe wohlgeſetzte Rede „Ja und weil deine Väter Gold erworben und der Kai⸗ ſer ſie in den Adelſtand erhoben, deshalb biſt du nun ein Der Herzog von Burgund und Niederland. 73 ſtattlicher Baum und ſchauſt ſtolz auf das Gräslein her⸗ ab. Aber Bäume werden vom Blitz und der Art ge⸗ fällt, das Gras aber wuchert fort und fort. Hüte dich, daß es dir nicht über den Kopf wächſt.“ „Die hübſchen friſchen Bauerdirnen ſind ein allerlieb⸗ ſtes grünes Gras,“ meinte Raimund,„und es iſt keinem Baume zu verdenken, wenn er mit dem weichen Teppich Bekanntſchaft macht. Ihr nehmt die Dinge beide viel zu ernſt. Die Glücklichen wandeln auf dem Mittelwege. Ge⸗ nießt doch das Leben und laßt die Andern zuſehen, wie ſie damit fertig werden. Wahrlich, ich laſſe mir kein graues Haar darum wachſen, wie ſchlimm es in der Welt zu⸗ geht. Geht es mir doch gut, und ich bin nicht berufen, die Welt zu regieren.“ „Du thuſt unrecht, kein Herz für die ſchwere Bedräng⸗ niß des armen Mannes zu haben und keinen Fluch für den Uebermuth der Herren und Pfaffen, die einen Bund mit einander gemacht haben, die Menſchen zu nothzüch⸗ tigen. Einſt gab es in den geſegneten deutſchen Gauen nur freie Männer, Inſaſſen des freien Bodens. Die Ge⸗ waltthat der Edeln und die Pfaffheit, die ſtets der Ty⸗ rannei behülflich iſt, haben den gemeinen Mann ſchänd— lich um ſeine Freiheit betrogen und ihn erſt zum leibeig⸗ nen Knecht herabgewürdigt, und nun wollen ſie ihn gar zum arbeitenden Vieh umwandeln, um ſelbſt in träger Wolluſt und heuchleriſcher Ueppigkeit zu ſchwelgen. Und all dieſe himmelſchreiende Schmach verkaufen die Pfaffen 74 Der Herzog von Burgund und Niederland. mit himmliſchen Geboten, die ſie doch ſelbſt geſchmiedet. Wo ſteht geſchrieben, daß Gottes Sohn befohlen, daß ein Menſch das Laſtthier des andern ſei, daß Einer ar⸗ beite und hungre, damit der Andre feire und praſſe? Im Gegentheil es ſteht geſchrieben, daß wir alle Kinder eines Vaters ſind, und Gott will, daß allen Menſchen gehol⸗ fen werde.— Wahrlich ich ſage euch, ich habe es nicht vergeſſen, daß unſer Ahn Hans Fugger im Graben ein armes Bäuerlein und ein Weber war, und daß unſer Urgroßvater und Großvater, ja unſre Väter noch am Webſtuhle geſeſſen. Ich fühle das Blut des gemeinen Mannes in mir, daß ſich empört gegen Gewalt und Grauſamkeit ſchwelgeriſcher Herren und üppiger Pfaffen. Die Geſchichte des lügneriſchen und betrügeriſchen Abts von Kempten, wie er falſche Eide geſchworen, um die freien Männer in ſeinen Grenzen zu Leibeignen zu ma⸗ chen, hat mich in Wuth verſetzt, ſo oft ich ſie gehört. Ich war noch ein Knabe, als die Gräuel geſchahen, aber der Biſſen quoll mir im Munde, wenn mein Vater ſie über Tiſch erzählte.“* „Ich glaube der Anblick des prächtig einherfahrenden Fürſt⸗Abts hat dir heute ſo viel Galle gemacht,“ warf Raimund wieder ein,„und nun weiß ich, warum du der ſchönen Gräfin Cardona ſo minneluſtig dienſt. Du willſt dich am ſtolzen Bauernſchinder rächen.“ „Du biſt ein Fatznarr,“ ſagte Ulrich unwillig errö— thend„Die Gräfin iſt ſchön und anziehend; das fühlſt Der Herzog von Burgund und Niederland. 75 zog du ſo gut wie ich. Daß ſie das Lieb des ſtolzen Abts iſt, kümmert mich ſo wenig, wie dich. Wer kann es auch beweiſen? Der Minnedienſt und der Bundſchuh, obgleich mir beide wichtig ſind, haben doch nichts mit einander gemein.“ Bei dem Worten Bundſchuh, fuhr Anton auf:„Sprich das verfluchte Wort nicht aus, wenn du nicht für einen Verräther der Stadt gelten willſt. Du weißt wie der Kaiſer es haßt! Haſt du vergeſſen, wie der abſcheuliche Bauernbund, der alle Obrigkeit umſtürzen wollte, vor elf Jahren in Speiergau vom Kuiſer blutig unterdrückt wurde, und wie man voriges Jahr die tollen Bauern im Breisgau und im Elfaß köpfte und viertheilte, die ſich beikommen ließen, den verpönten Bundſchuh wieder auf— zurichten?“— „Als ob ich es nicht wüßte! Mir hat das Herz geblutet. Wenn Kaiſer Mar ein Herr des Volks wäre, wie er ſich zu ſein in ſeiner Jugend gewünſcht haben ſoll, ertürde ſich an die Spitze des ſchmachvoll unterdrückten Volks ſtellen und alle Dränger und Schinder deſſelben, ſie mögen in der Schaube oder in der Kutte ſtecken, zum Teufel jagen. Das wäre wieder ein ächtes Kaiſer⸗ thum, begründet auf die Einheit und Freiheit des deut⸗ ſchen Volks, wie es einſt unter Heinrich dem Finkler und unter dem zweiten Friedrich dem Hohenſtaufen blühete. Aber ſeit das Volk in den Niederlanden und die ſchwei⸗ zeriſchen Eidgenoſſen ihm etwas hitzig aufgeſpielt, haßt 76 Der Herzog von Burgund und Niederland. Marimilian die uralte und verbriefte Freiheit des gemei⸗ nen Mannes und begünſtigt die Unterdrücker deſſelben, den Adel und die Pfaffen, was Gott geklagt ſei.— Das iſt mir freilich heute Alles eingefallen, als ich ihn von dem trotzigen Abt und den Baiernherzögen umgeben in unſre Stadt einziehen ſah.“— „Wahrlich, du ſchändeſt den Namen Fugger, indem du den edeln Kaiſer ſchmähſt, der unſerm Hauſe ſo viel Gunſt erzeigt und uns mit dem Adel des deutſchen Reichs belehnt hat,“ eiferte Anton.„Wohl du haſt erklärt, du fühlteſt in dir das Blut des gemeinen Mannes. So höre denn: ich fühle in mir das Blut eines Edeln. Ich werde was an mir iſt, mich jedem Verſuche der Gemeinen zu Aufruhr und Empörung wiederſetzen. Und ſo ſind wir denn geſchiedene Leute.“ „In aller Heiligen Namen geh' du deinen Weg und laß mich den meinigen wandeln. Wir werden wenigſtens nicht mit Worten mehr mit einander ſtreiten. Vielleicht begegnen wir uns einſt mit dem Schwerte.“ Und nun wandte ſich der von edlem Zorn erglühende Ulrich allein zu Bübenhoven:„Ihr, Junker, kennt die Welt, die Zeit, die Menſchen. Ihr müßt mir beiſtimmen, daß die Welt ſchwer krank iſt, und daß die Dinge auf die Dauer nicht bleiben können, wie ſie ſind. Das weltliche wie das geiſt⸗ liche Regiment ſind eine Lüge. Die Pfaffen verdrehen das Wort Gottes; ſie verrathen den Herrn täglich und ſtündlich, ſchlimmer als Judas gethan. Hat denn Johannes Der Herzog von Burgund und Niederland. 77 Huß in Böhmen vergeblich gelebt und gepredigt? Nein aus den Flammen heraus, die ihn verzehrt, hat er einen Größeren geweiſſagt, als er ſelber war, der dieſer tollen Pfaffenwirthſchaft ein Ende machen wird. Hat er nicht geſagt: Heute bratet ihr eine Gans(weil Huß zu deutſch Gans heißt), aber in hundert Jahren wird ein Schwan kommen, dem werdet ihr keine Feder ausrupfen, und der wird mich rächen. Die hundert Jahre ſind um. Und ich hoffe, der Schwan iſt unterwegs, der das unterdrückte Volk aus den ſchmählichen Banden der leiblichen und gei⸗ ſtigen Knechtſchaft befreit, der nicht nur die Lehre Chriſti rein und lauter predigt, ſondern auch das Evangelium der alten Volksfreiheit verkündet. Die Fürſten und Pfaf⸗ fen, die Blutegel des Volks, müſſen dem Herrn Chriſtus weichen; denn wo er ſein Lichtpanier ſchwingt, giebt es keine Knechte mehr.“ Bübenhoven drückte dem begeiſtertem Jünglinge die Hand feurig und rief:„Gott laß deine Hoffnung nicht zu Schanden werden!“ Jakob's Eintritt machte der Unterreduug ein Ende. Sechstes Rapitel. Am folgenden Vormittage fand die feierliche Bekleidung Jakob Fugger's als Ritter und Graf des Lateran im bi⸗ ſchöflichen Palaſt ſtatt, und der Kaiſer wohnte ihr ſelbſt bei und beglückwünſchte den neuen Ritter zuerſt. Frau Sibylle zeigte ſich gegen die neue Erhebung ih⸗ res Jakob ſehr gleichgültig und ſagte zu Bübenhoven: „Ich laß heute für mein Volk in der Fuggerei einen ganzen Ochſen braten, damit die armen Leute wenigſtens etwas von dieſem Firlefanz haben; denn wahrlich, wir ſelbſt haben gar nichts davon, als Mühe und Wege, und mein ſchlechtes Gedächtniß wird Noth haben, nicht alle Tage ein paarmal zu vergeſſen, daß Jakob goldner Ritter und Graf iſt.“— Eine Stunde ſpäter trug Veit Schellenberger ein ſchwe⸗ res Schreinlein in die Pfalz. Er war ſolche Wege ſchon gar oft gegangen und hatte für ſie ein ganz beſonders wichtig thuendes Geſicht, das er einem fungirenden Schult— heißen oder meſſeleſenden Prälaten abgelernt haben mußte. — Der Herzog von Burgund und Niederland. 7 zog 8 Wer ſich daraf verſtand, konnte darin leſen, wie viel tau⸗ ſend Goldgülden in der Kiſte waren; denn wenn Veit die Summe auch nicht immer erhorchte, was ſeiner Neu⸗ gierde inzwiſchen ſelten fehlſchlug, ſo hatte er doch durch vieljährige Uebung eine ſolche Fertigkeit erlangt, daß er den Betrag aus dem Gewicht zu ſchätzen vermochte. Jakob Fugger ſpeiſte mit dem Legaten, dem Biſchof und den Hofherren und Feldoberſten beim Kaiſer. Nach der Tafel nahm ihn der Kaiſer mit in ſein Kloſet. „Haſt du dich nach der Sache erkundigt?“ fragte Marimilian mit beſonderer Spannung. „Ew. Majeſtät geheime Kundſchafter haben euch recht berichtet,“ verſetzte Jakob.„Seit einigen Tagen iſt Abends die Schwarze zu dem Weibe gegangen, der Zigeuner aber iſt in der Herberge der Gräfin geſehen worden.“ „Es iſt der Ströter, der mich einſt ſo ſchlau betrog; zwei meiner Leute haben ihn erkannt. Er hält ſich hier verſteckt. Aber geſtern iſt er nicht geſehen worden.“ „Nein vorgeſtern.“ „Er meidet natürlich meine Gegenwart, oder iſt be— reits wieder fort. Vielleicht hat er es ſchon inne, daß er erkannt iſt. Was hältſt du von ſeinen geheimen Be⸗ ſuchen bei der Gräfin und was von dieſer und ihrer ſchwarzen Sklavin ſelbſt?“ Fugger zuckte die Achſeln. Er war nicht bewandert in ſolchen geheimen Händeln und Ränken. „Der Aufenthalt der Gräfin hier ſcheint mir von tie⸗ 80 Der Herzog von Burgund und Niederland. ferer Bedeutung, die ſie hinter ihr Verhältniß mit dem Abt verſteckt. Wie iſt ſie mit ihm zuſammengekommen?“ „Man ſagt, er habe ſie in Rom kennen gelernt.“ „Und wie kommt ſie mit dem Zigeuner zuſammen? Es muß ein nicht unwichtig Ding ſein, daß dieſer Schelm ſich hierher wagt. Er muß fürchten, dir hier zu begeg⸗ nen. Du warſt doch der, welcher ihn ſtürzte⸗ Er weiß, was er von dir zu erwarten hat, wenn du ihn betriffſt.“ Fugger ſagte gutmüthig:„Ich kann ihm nichts an⸗ haben, wenn ich ihn nicht auf böſer That betrete. Frei⸗ lich, treibt er etwas mit der Malersfrau in der Fuggerei zuſammen, wie Ew. Majeſtät vermuthet, ſo ſchaffen ſie gewiß nichts Gutes.“ „Wie du ſie mir geſchildert, und wie wir den Schur⸗ ken kennen gelernt haben, ſo läßt ſich im Allgemeinen ſchon ſchließen, von welcher Farbe ihr Geſchäft iſt. Die Schwarze iſt die Vermittlerin, die Gräfin die Hauptper⸗ ſon, die irgend etwas im Schilde führt.“ „Der Frau van der Voort traue ich alles mögliche Böſe zu. Ihr Herz iſt ſtets voll Gift und Groll,“ ſeufzte Fugger.„Ich habe Alles vergebens verſucht, ſie zum Gu⸗ ten zu bekehren. Aber in der Religion iſt ſie ſchlimmer als eine Heidin. Sie beſucht niemals eine Kirche, und ich meide ſie jetzt, wie ſie mich.“ „Was kann der Handel dieſer fremden Leute anders betreffen, als den Buben? Die Fran hat vielleicht noch Geſchrift in der Hand, das das Geheimniß enthüllt.“ W Der Herzog von Burgund und Niederland. 81 „Sie haßt den Buben und hat ihn ſeit ſechs Jahren nicht geſehen.“ „Um deſto leichter wird es ihr, ihn zu verkaufen. Kennt ſie ſeinen Aufenthaltsort?“ „Er iſt noch auf dem Hofe, wo er geboren wurde, und gilt für einen verwaiſten Verwandten des Haſen⸗ hänslein, des Beſitzer des Hofes.“ „Weißt du, was ich vermuthe? Sie verkauft den Buben an die Gräfin, und dieſe iſt die Botin eines meiner Feinde, in deſſen Hand er ein Werkzeug abgeben ſoll, Geld von mir oder von der Statthalterin oder von meinen Enkeln zu erpreſſen, oder uns ſonſt wie zu ſcha⸗ den. Vielleicht will ihn der König von Frankreich an ſich bringen, vielleicht der König von Spanien, vielleicht ein Reichsfürſt. In dieſer böſen Zeit des Wirrſals, des Ungehorſams, der Empörung wird Alles benutzt, um mir beizukommen. Es iſt eine ſchwere Zeit, Jakob, und je älter wir werden, deſto ſchlimmer wird ſie. Es iſt, als ob der böſe Feind in die Menſchen gefahren wäre. In den Städten Empörung gegen die Obrigkeit, in den Bauern unvernünftige Gedanken. Ueberall regt ſich die Hyder des Aufruhrs.— Wir müſſen ſchnell den Knaben entfernen. Ich habe voriges Jahe ſchon mit der Statthal⸗ terin über ihn geſprochen. Er ſoll ein Pfaff werden. Laß ihn ſchnell und ſo geheim als möglich nach Brüſſel bringen. Dort ſoll er unter Gretchens Aufſicht in eine Kloſterſchule.“ Ein deutſcher Leinweber. IV. 6 82 Der Herzog von Burgund und Niederland. „Aber Frau van der Voort wird einen Teufelslärm erheben, ſie wird Anhang und Glauben finden. Die Sache läßt ſich nicht abläugnen. Ich mag im Böſen nichts mit dem argen Weibe zu ſchaffen haben, und Ew. Majeſtät muß alles Aufſehen vermeiden.“ „Du haſt recht, Jakob.— Aber der Bube muß doch fort. Wir müſſen uns ſeiner verſichern. Könnteſt du nicht irgend einen andern Buben von ſeinem Alter auf⸗ treiben, den man an ſeiner Statt zu dem Bauer brächte? Du vermagſt dieſen durch ein Stück Geld, daß er be⸗ hauptet, dies iſt das Kind, das bei ihm geboren und aufgewachſen. Verhandelt das gottloſe Weib das Kind, ſo thut ſie's, ohne es zu ſehen. Und wie du ſagſt, ſah ſie ihn ſeit Jahren nicht mehr, alſo kennt ſie ihn kaum noch. Wir ſetzen den falſchen hin und bringen den rech⸗ ten in Sicherheit.“ „Ich will es mir überlegen,“ ſagte Fugger. „Doch ſchicke heute noch einen Boten nach dem Bauer⸗ hofe, der ſich dort einlegt und den Knaben ein paar Wo⸗ chen lang nicht aus den Augen läßt, bis du die Sache ſo eingerichtet haſt, daß der—— wie heißt der Bube?“ Mitin „Bis daß du ihn ohne Aufſehen nach Brüſſel brin⸗ gen laſſen kannſt.“ Fugger empfahl ſich und hatte zu Hauſe eine lange Unterredung mit Bübenhoven. Dann gingen ſie zuſam⸗ men auf den Schießplatz hinunter zum Lech, wo die Der Herzog von Burgund und Niederland. 83 augsburger Bürgerſchaft zu Ehren des Kaiſers ein großes Scheibenſchießen veranſtaltet hatte. Der ganze Platz war gedrängt voll Menſchen Das Kriegsvolk trieb ſich trotzig in Schaaren herum; die Führer und Hauptleute deſſelben, meiſt abenteuerliche Geſtalten in der verſchiedenſten, aber immer auffallenden und aus⸗ gezeichneten Kleidung. Die ärmern und geringern Ein⸗ wohner der Stadt fehlten ebenſowenig, als die reichen und vornehmen; denn Abends ſollten jedem, der da Be⸗ gehren trug, zwei Wecken und eine gebratene Wurſt nebſt einem Schoppen Wein am Rathhauſe ausgetheilt werden, während Jakob Fugger für den Kaiſer, den Biſchof, den Adel und die vornehme Bürgerſchaft ein glänzendes Ban⸗ ket auf dem Rathhauſe einrichten ließ. Zu der zahlreichen und prunkvollen Begleitung des Kaiſers geſellte ſich der noch zahlreichere hohe Adel aus der Umgegend. Von allen Ritterſitzen aus dem benachbarten Baiern, aus der Grafſchaft Burgau, aus dem biſchöflichen und ſtädtiſchen Gebiet, wie aus dem des Abts von Kempten war er her— beigeſtrömt mit Frauen und Kindern; und auch der arme und niedere Adel fehlte nicht, und ebenſo wenig der geiſt— liche Stand, die hohen und ſtolzen Prälaten und die klei⸗ nen und niedern Pfaffen. Denn die wichtigen, freien Reichs- und Handelsſtädte, in welchen der wachſende Reichthum Ueppigkeit und Wohlleben hervorgerufen hatte, wie Augsburg, Regensburg, Nürnberg und Frankfurt waren der Sitz aller ſinnlichen Vergnügungen und des⸗ 6* 84 Der Herzog von Burgund und Niederland. halb der Sammelplatz aller Leute, die ſich des Lebens erfreuen wollten, zumal an ſolchen Tagen, wenn der le⸗ bensfrohe leutſelige Kaiſer Mar in ihnen verweilte und Hof hielt. Da konnte man mit Erſtannen ſehen, welch' ein ſchier toller Wetteifer in Prunk und Kleiderpracht zwiſchen der durch Handel, Kunſt und Gewerbe reich ge⸗ wordene Bürgerſchaft und dem vornehmen Adel eingetre⸗ ten war; vorzüglich boten die Frauen der beiden Stände bei ſolchen Gelegenheiten Alles auf, es ſich einander vor⸗ zuthun. Geſchlechter, die vor hundert Jahren noch in ſelbſtgeſponnenen Linnen, im kurzen Zwillichrock, in gro⸗ ben landtuchenen Jöpplein und in der aus dem Schaaf⸗ velz gefertigten Schaube glücklich einhergegangen waren, ſtolzirten jetzt in feinen ausländiſchen, beſonders nieder⸗ ländiſchen und engliſchen bunten Tüchern, in zerſchnittenen Röcken, den ſeltſamen Ausgeburten der aufgekommenen burgundiſchen und lombardiſchen Trachten, in ſeidnen und Scharlachwämſern, mit ſilbernen Knöpfen beſäet, dicke Straußenfedern auf dem zottigen Hut und mit den pracht⸗ vollſten Waffen behängt. Die Frauen trugen noch weit koſtbarere ſeidne und ſammtne Gewänder, oft mit Gold und Perlen geſtickt, Stoffe aus Venedig und der Lom⸗ bardei, goldnen Zierath und Edelſteine aus den italieni⸗ ſchen Handelsſtädten, aus Frankreich und Spanien; ja ſchon hatten die Reichthümer, welche aus Oſt- und Weſt⸗ indien kamen, ihren Einfluß auf die deutſchen Handels⸗ ſtädte und den ihnen nahe wohnenden Adel ausgeübt. Der Herzog von Burgund und Niederland. 85 Pauken, Trompeten- und Pfeifengetön ließ ſich von der Stadt her vernehmen und trieb das Volk in dichte Maſſen zuſammen. Die Cavalcade der reichen Söhne der Handelshäuſer führte den Kaiſer herbei. Er war am ein⸗ fachſten unter Allen gekleidet. Ueber einem ſtrohgelben Waffenrock trug er einen ledernen Reiterkoller, hohe Rei⸗ terſtiefeln und einen grauen Filzhut mit der tyroler Spiel⸗ hahnfeder und dem Gemsbart geſchmückt, der ihn als ty⸗ roler Landeskind und Jäger bezeichnete. Und doch war er an der Würde ſeiner Geſtalt und ſeiner einnehmenden Geſichtszüge ſogleich als Kaiſer zu erkennen. Zu ſeiner Rechten ritten der Cardinal von Sitten, der Biſchof von Augsburg und der Abt von Kempten, zu ſeiner Linken die drei Baiernherzöge, ſeine Neffen. Ritter und Prälaten und die Kriegsoberſten und Hauptleute folgten zunächſt, dann die vornehmen Handelsherrn aus der Stadt, der Stadtpfeifer mit ſeinen Geſellen an der Spitze, Schultheißen, Bürgermeiſter und Rathsherrn in der Mitte. Die Zünfte hatten ſich mit ihren wehenden Fähnlein zu beiden Seiten des Wegs aufgeſtellt und bil⸗ deten die Gaſſe. Ein tauſendſtimiger Jubelruf begrüßte den Kaiſer, er dankte freundlich, den Hut abnehmend und nach allen Seiten hin nickend. Dann ſtieg er ab und wandelte un⸗ ter dem Volke, bald einen Bürger anſprechend, bald einen Ritter und weiter einen Landsknecht, eine Bäuerin, ein hübſches Bürgermädchen, und immer mit Laune, Scherz 86 Der Herzog von Burgund und Niederland. und Witz. Und ſo geſchah es nicht ſelten, daß, wenn er zum Weitergehen ſich anſchickte, das Volk umher in den Ruf ausbrach:„Hoch lebe unſer Mar!“ Und nun trat er unter den Schießſchirm und ſpannte den Bogen mit ſpielender Leichtigkeit und ſchoß mitten ins Schwarze den Meiſterſchuß, der den Preis gewann. Jakob Fugger führte den Junker von Bübenhoven zum Kaiſer,„Hier iſt das tyroler Landskind,“ ſagte der geadelte Bürger,„das Ew. Majeſtät ſeine Huldigung dar⸗ bringen will.“ „Ah, Bübenhofen!“ verſetzte der Kaiſer huldvoll, „und wenn ich dich auch nicht ſelbſt in gutem Andenken hätte, ich würde ſtets an dich erinnert werden, ſobald ich nach Brüſſel komme; denn meine liebe Grete plaudert mir jedesmal von dir und deinem Schickſal vor. Du hät⸗ teſt ſie nicht verlaſſen ſollen, ſie iſt dir in Gnaden ge⸗ wogen.“ „Es war der durchlauchtigſten Frau Statthalterin eigner Wunſch, mein Kaiſer.“— „Ich weiß, ich weiß, du warſt ein kranker Kopfhän⸗ ger geworden und dir am Hofe nicht mehr zu helfen. Aber wenn Edelleute den Hof verlaſſen, pflegen ſie ſich unter die Fahne ihres Kaiſers zu ſtellen. Wir können in unſern Kriegen ſtets Männer deines Standes und Alters brauchen, und dein Vater hat für uns Blut und Leben gegen die Schweizer gelaſſen.“ „Wenn Ew. Majeſtät befiehlt,“ verſetzte der Junker Der Herzog von Burgund und Niederland. 87 erröthend,„ſo ſteht mein Blut und Leben nicht minder zu Euerm Dienſt.“ „Nein, nein!“ lachte der Kaiſer.„Es war mein Scherz, und ich wollte das nimmermehr meinem Gretchen und meinem wackern Fugger zu leid thun. Die Stadt⸗ halterin hat immer behauptet, du ſei'ſt eine viel zu ſanfte, weiche Seele, als daß man dich den Schrecken und Müh⸗ ſeligkeiten des Kriegs blosſtellen dürfe, und ſie habe dei⸗ ner ſterbenden Mutter in die Hand geloben müſſen, nim⸗ mer zuzugeben, daß du in Kriegsdienſte gingeſt. Gott ſoll mich bewahren, daß ich ſolchem Gelübde meiner lie⸗ ben Tochter entgegen handelte und ihr dadurch Kummer und Herzleid bereitete, deſſen ſie ſchon genug zu erdulden gehabt hat! Und dann hat mich Herr Jakob überzeugt, daß du in ſeinem Hauſe in zwiefacher Hinſicht an deinem rechten Platze biſt. Du haſt dich wohl in das Handels⸗ weſen geſchickt, und das macht dir ebenſoviel Ehre, als wenn du mir geholfen hätteſt, meine Schlachten zu ge⸗ winnen; und dann thut ein tapferer Arm— und den haſt du gewiß, du müßteſt ja kein tyroler Edelmann und insbeſondere kein Bübenhoven ſein— von adliger Geburt ihm gar noth. Es giebt leider Gottes noch immer im lieben deutſchen Reiche, und zumal in dieſem geſegneten Schwabenlande, Leute von adliger Herkunft, Ritter und Junker, die trotz des von mit aufgerichteten allgemeinen Landfriedens und trotz des ſchwäbiſchen Bundes, der doch wahrlich keinen Zweck weiter haben ſoll, als dieſen Frie⸗ 88 Der Herzog von Burgund und Niederland. den aufrecht zu erhalten und ſeine Schädiger zu beſtrafen, von ihren Schlöſſern ausziehen, um den Kaufmann auf offener Straße niederzuwerfen und ſeines Guts zu berau⸗ ben. Ich kann wahrlich nicht überall ſelbſt ſein, um das vornehme, freche Raubgeſindel zu züchtigen, unter welchem ſogar Bündler ſelbſt ſein ſollen. Gott beſſer's! Die Stände unterſtützen mich nicht, Zucht und Ordnung mit Strenge in den deutſchen Landen zu handhaben; und ſo muß ich gar oft von ſchmählicher Gewaltthätigkeit hören, und das Herz blutet mir, daß ich ſie weder hindern, noch 11 beſtrafen kann. So ſollſt du denn die Güterzüge des Fuggerſchen Hauſes mit einem bewaffneten Fähnlein be⸗ gleiten und ſchützen gegen Gewalt und Raub, und ich. 3 will dich zu dieſem Behufe zu meinen kaiſerlichen Haupt⸗ mann ernennen und dir den Brief darüber ausſtellen laſ⸗ ſen, eh' ich von Augsburg abziehe. Und ſo wirſt du mir eben ſo gut dienen, wenn du deinen Arm der Sache 1 deines väterlichen Freundes widmeſt.“ Bübenhoven bedankte ſich für dieſe Gnade, die eben ſo huldreich, als fein war, indem ſie ihm jede Beſchä⸗ mung erſparte. Auch Herr Jakob dankte ſeinem gnädigen Gebieter mit freudeſtrahlendem Geſicht und ſagte dann: „Er wird auch das Geſchäft beſorgen, das mir Ew. Ma⸗ jeſtät anbefohlen, und Niemand eignet ſich dazu beſſer, als er. Morgen in der Frühe wird er hinüber reiten in die Grafſchaft. Und leiſer fügte er, dem Kaiſer näher tretend, hinzu:„Auch hat uns ein günſtiger Zufall be— n —,— „— Der Herzog von Burgund und Niederland. 89 reits einen andern Knaben von demſelben Alter zugeführt, der den Weg morgen mitmachen wird, ſo daß dieſe Sache ganz nach Ew. Majeſtät Befehl und Anordnung einge⸗ richtet werden kann. Den erſteren Buben wird er euch ſofort nach Brüſſel nachführen.“ „Das iſt gut!“ ſagte der Kaiſer mit ſichtbarer Zu⸗ friedenheit.„Und ſo befehle ich dir, Junker Bübenhoven, in dieſer Angelegenheit Vorſicht und Verſchwiegenheit an. — Ha ſieh' da, kömmt da nicht die ſchöne Gräfin Car⸗ dona?“ „Und ſoll ich meinen Augen trauen?“ rief Jakob Fug⸗ ger:„Iſt der Ritter neben ihr nicht unſer Zigeuner, der Lannoy?“ „Lannoy?!“ fragte Bübenhoven erſchrocken,„der Be⸗ trüger meiner armen Mutter?“ „Bei unſrer lieben Frau, es iſt der freche Bube!“ ſagte der Kaiſer entrüſtet.„Er ſteckt den Kopf ſelber in die Schlinge. Wir werden die Freude haben, ihn am Galgen zu ſehen.“ Die ſchöne Gräfin trat an der Seite eines prächtig gekleideten Mannes einher, ſelbſt in einem ſpaniſchen An— zuge, der ſich in nichts von dem einer Fürſtin unterſchied. Auch der Ritter, ihr Begleiter, war in ſpaniſcher Tracht; die goldne Kette mit den Inſignien des päpſtlichen Rit⸗ terordens hing an ſeinem Halſe über die Bruſt herab. In ſeinem dunkelgefärbten Geſicht waren Stolz und Liſt vermählt, unterſtützt von einer Würde, die affectirt er⸗ 90 Der Herzog von Burgund und Niederland. ſcheinen konnte, und der ſein reifes Mannsalter ſehr zu Hülfe kam. Sobald er des Kaiſers anſichtig wurde, ent— blößte er das Haupt und wandte ſich in geläufigem Fran⸗ zöſiſch zu einem naheſtehenden Hofcavalier mit der Bitte, ihn zum Oberkammerherrn des Kaiſers zu führen. Die⸗ ſer wies ihn ſogleich an den Grafen Dietrichſtein.„Gnä⸗ diger Graf,“ redete er dieſen an,„ich bin der Graf Torxillas, Kammerherr Seiner Heiligkeit des Papſtes Leo des Zehnten, und mit Erlaubniß meines apoſtoliſchen Ge⸗ bieters auf einer Reiſe durch Frankreich und das deutſche Reich begriffen, das kennen zu lernen ich ein beſonderes Verlangen trug. Seine Heiligkeit hat mir gemeſſene Be⸗ fehle ertheilt, alle Fürſten, mit denen ich auf meiner Reiſe zuſammentreffe, in ſeinem Namen zu begrüßen, vor⸗ züglich aber Sr. Majeſtät meine ſchuldige Ehrfurcht zu bezeigen. Ich bitte Euch alſo höflich, des Kaiſers Majeſtät zu befragen, ob ſie mir die hohe Gnade angedeihen laſ⸗ ſen will, mir die Erlaubniß zur Erfüllung meiner Pflicht zu ertheilen.“ „Ich werde Euern Wunſch dem Kaiſer vortragen,“ verſetzte der Oberkammerherr, den päpſtlichen Hofmann mit erſtaunten Blicken meſſend“ und trat kopfſchüttelnd zu ſeinem Gebieter. „Graf Torrillas!“ rief der Kaiſer mit unterdrücktem Zorn:„Ich will keinen Tropfen habsburger Blut in den Adern haben, wenn er nicht der betrügeriſche Zigeuner iſt!“ „Ew. Majeſtät meint den entwichenen Stallmeiſter, — Der Herzog von Burgund und Niederland. 91 den ſogennanten Lannoy, der die Wittwe Bübenhoven— wahrlich auch ich wollte darauf ſchwören, dieſer Graf ſei derſelbe Meuſch.“ „Rufe den Cardinal von Sitten herbei Wir wollen dieſen Fuchs in ſeinem eignen Bau fangen.“ Als der Oherkammerherr ſich nach dem Cardinal um⸗ ſah, gewahrte er denſelben in lebhafter Unterhaltung mit dem verdächtigen Fremden. Doch richtete er des Kaiſers Befehl an ihn aus, und der Legat beeilte ſich ſogleich, demſelben Folge zu leiſten. „Kennt Ihr den Menſchen, mit dem Ihr ſoeben ſpracht?“ fragte der Kaiſer heftig. „Wie ſollt ich nicht?“ fragte der Cardinal dagegen verwundert.„Er iſt, wenn ich in Rom verweile, mein täglicher Geſellſchafter und mir ein werther Freund, erſter Kammerherr des heiligen Vaters und von dieſem hochge⸗ ſchätzt wegen ſeiner großen Brauchbarkeit und Gewandt⸗ heit in allen möglichen Geſchäften. Ja er iſt's, der vori⸗ ges Jahr in der Schlacht bei Ravenna dem Cardinal dei Mediei, dem jetzigen Papſt, das Leben rettete, ihn vor je⸗ der Unbill ſchützte und ihm die ausgezeichnetſte Behand⸗ lung angedeihen ließ. Ew. Majeſtät kann daraus ſchlie⸗ ßen, welch' große Stücke Se. Heiligkeit auf den Grafen Torrillas hält.“ „Und kennt Ihr auch das Herkommen dieſes Grafen Torxillas?“ „Er iſt einem der edelſten und angeſehenſten Grafen⸗ 92 Der Herzog von Burgund und Niederland. häuſer von Eſtremadura entſproſſen, diente Jahre lang mit Auszeichnung in den ſpaniſchen Heeren in Neapel und Frankreich und wurde vom König Ferdinand und dem Großkapitain Gonſalvo de Cordova nur ungern und nur auf beſondere Bitte des heiligen Vaters entlaſſen, der den Grafen durchaus für ſeine Dienſte gewinnen wollte.“ „Bring' ihn her!“ ſagte der Kaiſer ärgerlich zu Diet⸗ richſtein, und einige Augenblicke darauf verbeugte ſich der vornehme Fremde tief vor dem Reichsoberhaupte. „Ihr ſeit ſchon früher in den deutſchen Landen ge⸗ weſen, und es iſt nicht das erſte Mal, daß wir einander gegenüberſtehen,“ redete dieſer ihn an. „Verzeihe mir Ew. Majeſtät,“ verſetzte der Spanier mit Würde,„mein Fuß hat bis vor einigen Wochen nie⸗ mals früher deutſchen Boden betreten, und deshalb wurde mir auch bis zu dieſer Stunde noch nie das Glück zu Theil Ew. Majeſtät Angeſicht zu ſchauen. Dagegen blieb ich Euerm hochſeligen Sohne, unſerm König Philipp, nicht unbekannt.“ „Seltſam, Herr Graf! Ich hätte meinen Kopf einſetzen wollen, wir wären ſchon öfter in Berührung mit einan⸗ der gekommen.“ „Die Aehnlichkeiten ſind unter den ſüdlichen Nationen größer, als unter den nördlichen, und es begegnet mir heute nicht zum erſtenmale, daß ich für einen Andern ge⸗ halten werde.“ „Habt ihr Geſchäfte in Deutſchland?“ Der Herzog von Burgund und Niederland. 93 „Ich reiſe, um das Land kennen zu lernen; doch hat mir mein gnädigſter Gebieter aubefohlen, Ew. Majeſtät und die deuſchen Fürſten überall ehrerbietigſt zu begrüßen.“ „Ihr kennt die ſchöne Gräfin Cardona?“ „Ich lernte ſie an der Tafel Sr. Heiligkeit kennen. Sie war dort ein gern geſehener Gaſt!“ „Wohin wird euere Reiſe von hier gehen?“ „Ich komme von Wien und werde die berühmteſten Städte des deutſchen Reichs beſuchen, dann den Rhein hinab gehen, um auch die Niederlande kennen zu lernen. In einem dortigen Hafen werde ich mich einſchiffen.“ „So hoff' ich euch noch mehr zu ſehen. Ich wünſche euch glückliche Reiſe!“ Graf Torxillas verbeugte ſich und trat zurück. Nach⸗ dem er ſich auch vom Cardinal von Sitten verabſchiedet, ſuchte er die Gräfin wieder auf. Dieſe hatte diesmal zwei Mägde zum Gefolge, die ſchwarze in ihrer auffallenden Tracht und eine dunkelfar⸗ bige, in die maleriſchen Gewänder des ſüdlichen Spaniens gekleidet, welche ſtark an die Tracht der Mauren erinnerte. Während der Unterredung des ſpaniſchen Grafen mit dem Kaiſer hatten ſich einige junge Herren der Gräfin ge— nähert und ein Geſpräch mit ihr angeknüpft. Die Mägde aber miſchten ſich unter das Volk, von dem ſie angeſtaunt wurden. Bübenhoven benutzte dieſe Gelegenheit, um zu der ſchwarzen Matty zu treten. Da geſchah es, daß der Blick Raimund Fugger's, indem er dem Junker folgte, auf 94 Der Herzog von Burgund und Niederland. die zweite Magd fiel. Sogleich ſchoß eine dunkle Erin— nerung in ſeiner Seele auf, daß er dieſes Weib ſchon ge⸗ ſehen und mit ihr in irgend einem Verkehr geſtanden habe; dieſe Erinnerung wurde immer ſtärker und deutli⸗ cher in ihm, aber vergebens war ſein Bemühen, ſie ſich zum klaren Bewußtſein zu bringen, wer die Frau ſei und wo und unter welchen Verhältniſſen er mit ihr zuſammen⸗ getroffen. Bübenhoven ſagte zu der Negerin:„Ei, Matty, ich ſehe, das Schickſal hat dich wieder aus Spanien geführt, und wie es ſcheint unter guten Verhältniſſen. Weißt du auch, daß deine ehemalige Herrin, die Frau van der Ka⸗ pellen, hier wohnt?“ „Ich weiß es!“ verſetzte Matty mit ſtrahlenden Au⸗ gen.„Ach, Junker, wie bin ich erfreut, Euch wiederzu⸗ ſehen! Meine Gebieterin, die Gräfin, wünſcht ſehr Eure Bekanntſchaft zu machen. Sie hat Euch etwas mitzutheilen, was, wie ſie ſagt, für Euch von großer Wichtigkeit ſein ſoll, und ſie hat mir befohlen, dies an Euch auszurichten.“ „Mir? die Gräfin Cardona!“ „Gewiß, ſo iſt's.“ „Waß kann das ſein?“ „Das weiß ich nicht. Aber ſie läßt Euch bitten, ihr dieſen Abend auf dem Tanze einige Augenblicke zu ſchenken. Darf ich ihr ſagen, daß Ihr ihren Wunſch erfüllen wollt?“ „Ich werde von deiner Gräfin hören, was ſie mir zu ſagen hat.“ Der Herzog von Burgund und Niederland. 95 Der Graf Torxillas nahm den Arm der Gräfin Car⸗ dona, und die Mägde folgten der Herrin. Bübenhoven bemerkte, daß ſich die andre von Raimund Fugger ver⸗ abſchiedete. Er hatte mit ihr geſprochen. „Es ſcheint,“ wandte ſich der lebensfrohe Bürgerſohn lachend an den Junker,„wir theilen uns in die Bekannt⸗ ſchaft der Gürtelmägde dieſer ſtolzen neapolitaniſchen Schönheit. Ich muß es meinem Ohm ſagen, welch' eine Bekanntſchaft ich eben eneuert habe.“— Der Kaiſer richtete die Rede wieder verdrießlich an Ja⸗ kob Fugger:„Ich möchte bei meinem Schutzheiligen ſchwö— ren, der Menſch iſt doch der ſpitzbübiſche Zigeuner. Er iſt nur vornehmer geworden. Es war auch ſeine Stimme.“ „Ich bin zweifelhaft geworden,“ verſetzte Jakob.„Oft iſt die Aehnlichkeit zweier Menſchen groß. Und wie ſollte der Zigeuner zu ſolchem Amt und Würde kommen?“ „Einem Schelm iſt Alles möglich. Wie ich dir ſchon geſagt, wir müſſen ein ſcharfes Auge auf ihn und dieſe Gräfin haben. Es iſt gut, daß der Bube morgen fort kommt.“ Der Kaiſer trat wieder mit der Armbruſt unter den Schießſchirm, und Jakob Fugger ſah Raimund und Bü⸗ benhofen auf ſich los kommen.„Denkt Euch, Ohm,“ ſagte der Erſtere,„eine der Gürtelmägde der Gräfin Car⸗ dona iſt die Dienerin der unglücklichen ſchönen Frau, die wir vor ſieben Jahren in Ungarn begruben. Hieß ſie nicht Aya? Sie iſt von ihrer jetzigen Herrin in Wien 96 Der Herzog von Burgund und Niederland. krank zurückgelaſſen worden und erſt geſtern wieder gene⸗ ſen hier angekommen.“ Jakob erſchrak.„Das wird ja immer bunter! Hat ſie dich nach dem Buben in Kremnitz gefragt?“ „Ei wohl. Sehr angelegentlich.“ „Und was haſt du ihr geantwortet?“ „Daß er friſch und geſund ſei und kräftig empor wachſe, und daß ich ihn nächſtens ſehen werde.“ „Ich wollte, du hätteſt ihr vorgelogen, er ſei geſtor⸗ ben. Du ahneſt nicht, von welcher Wichtigkeit das Kind iſt. Ich fürchte, wir werden auch ihn nun von Kremnitz entfernen müſſen. Der Kaiſer kann wohl recht haben. Es ſchleicht da etwas im Finſtern. Wir müſſen uns ſehr vorſehen.“— Die Luſt des Feſtes nahm ihren weiteren Verlauf, und der Tag begann ſich zu neigen. Da traten die ſchönſten Frauen und Jungfrauen der Stadt und die Ritterfrauen und Töchter der Umgegend verabredetermaßen zuſammen und ließen den Kaiſer bitten, daß er ihnen erlauben möge, ihn nach dem Rathhauſe zu geleiten. Und der ritterliche Mar, noch immer ein Freund des ſchönen Geſchlechts, wie er es von Jugend auf geweſen, ließ ſich das gern ge⸗ fallen. Er begab ſich in ihre Mitte, um ihnen Dank zu ſagen, die Pfeifer traten voran, und unter fröhlicher Mu⸗ ſik ging der bunte Zug nach der Stadt zurück, der Kai⸗ ſer geführt von der ſchönen ſtolzen Suſanne Fugger, Si⸗ byllas jüngſter Schweſter, und von der noch ſchönern Der Herzog von Burgund und Niederland. 97 Conſtantia Peutinger, des Stadtſchreibers Peutinger Töch⸗ terlein, welche nicht allein für die ſchönſte und ſittſamſte Jungfrau Augsburgs, ſondern des ganzen deutſchen Reichs geſchätzt wurde. Dieſe beiden waren von den übrigen zu den Führerinnen des Kaiſers erwählt worden. Die junge Sibylle hatte, treu ihrer Pflicht, ihre Gotte nicht verlaſſen und mit ihr den gewöhnlichen Abendgang hinter Schellenberg's bepakten Eſeln her in die Fuggerei gemacht. Aber für den Abend hatte ſie dem Junker Bü⸗ benhoven zugeſagt, ihm zum Banket und Tanz auf das Rathhaus zu folgen. Auch die alte Sibylle gedachte dort ein Stündchen zuzubringen, und beide waren noch mit ihrem Putz beſchäftigt, als Bübenhoven kam, ſie abzu⸗ holen. Denn bei ſolchen Gelegenheiten liebte das würdige Fuggerſche Ehepaar, ſo ſehr es ſonſt in allen Stücken der größten Einfachheit huldigte, mit der ihrem Stand und ihrem Reichthum angemeſſenen ſoliden Kleiderpracht zu erſcheinen. Auch Herrn Jakob traf Marr ſchon zu Hauſe an, beſchäftigt eine nicht unbeträchtliche Anzahl ſeidner und ſammtner Stoffe zu vornehmen Frauenkleidern einzupacken. „Iſt das ſo dringend nöthig,“ fragte der Junker ver⸗ wundert,„daß Ihr das Feſt verlaßt, um dies Geſchäft ſelbſt zu beſorgen?“ „Mein Sohn,“ verletzte Jakob lächelnd,„du wirſt bald inne werden, wie nöthig dies Geſchäft heute iſt, und daß ich dieſe Auswahl ſelbſt treffen muß. Der Kaiſer hat mir den Freibrief zum Handel mit Venedig zuge⸗ Ein deutſcher Leinweber. IW. 7 98 Der Herzog von Burgund und Niederland. ſagt. Es iſt auch verlautet, daß du ferner die Waaren⸗ züge des Fugger'ſchen Hauſes als kaiſerlicher Hauptmann bewaffneter Leute begleiten wirſt. Das Alles würde uns nicht vor Raub auf offener Straße ſchützen. Der Neid würde uns die vornehmen adligen Wegelagerer auf den Hals hetzen, und die Herren Freireiter würden manchen guten Fang an unſerm Gut thun. Dieſe ſeidnen Gewebe werden ſie uns kräftiger vom Leibe halten, als eine mit den beſten Hakenbüchſen bewaffnete Schaar. Es iſt heute eine hübſche Anzahl der vornehmſten adligen Herrn mit ihren Frauen und Töchtern hier, und ich glaube, es iſt nicht Einer darunter, der ſich ein Gewiſſen daraus machte, ſeine ritterliche Hand auf offner Straße nach meinem Ei⸗ genthum auszuſtrecken; denn was auf der Straße betrof⸗ fen wird, das halten ſie für Freigut, das ſich eine adlige Hand aneignen kann, wenn ſie Muth und Stärke beſitzt, es zu nehmen. Dieſe trefflichen Leute ſind dieſen Abend meine Gäſte, und wie ich für das männliche Adelsblut den beſten Wein nicht ſpare, ſo hoff' ich das weibliche mit dieſen Stoffen zu gewinnen. Alles verſteht ſich unter dem Vorwand der neuen Standeserhöhung durch den Papſt, wozu mir die Herren Glück gewünſcht haben. Sie wiſſen ſchon, was ich meine, und ich weiß, daß ſie es wiſſen; ſo verſtehen wir uns gegenſeitig. Das Banket wird aus meinem Beutel beſtritten, und dein nächſter Heimweg von Venedig wird— ſo hoffe ich— ohne Ge⸗ fahr ſein. Nebenbei entledige ich mich durch dies Banket Der Herzog von Burgund und Niederland. 99 meiner Pflicht gegen den Kaiſer und den Cardinal, oder, was daſſelbe iſt, gegen den Papſt.“ Bübenhoven bewunderte den Scharfſinn ſeines vä⸗ terlichen Freundes und führte die beiden Sibyllen nach dem Rathhauſe, wo durch die Dienſtleute des Fugger⸗ ſchen Hauſes die glänzendſten Anſtalten zum Banket ge⸗ troffen waren. Die hellen Räume waren ſchon mit der Blüthe der Bürgerſchaft und des Adels gefüllt; der Kaiſer war leut⸗ ſeliger und geſprächiger als je; er hatte für Jeden ein freundliches herzgewinnendes Wort, und als die zahlreiche Verſammlung an den langen geſchmückten Tafeln ſaß, auf denen die ſtattlichen Weinkannen ſo verlockend blinkten, als der Traubenſaft vom Rhein und aus dem burgunder Land die Gemüther anregte, wurde die Fröhlichkeit allge⸗ mein. Die Frauen und Töchter der Ritter waren noch nie ſo liebenswürdig geweſen, als heute; ſeit ſie die prächtigen Geſchenke, die ſie an ihren Plätzen gefunden, bewundert hatten, ſchien aller Stolz und Hochmuth von ihnen gewichen, womit ſie ſonſt auf die reichen Städterin⸗ nen geblickt. Das verwirrte deutſche Reich war plötzlich auf dem augsburger Rathhausſaale unter Vorſitz ſeines Kaiſers ein zufriedenes und einiges geworden. Es iſt zu beklagen, daß ſolche brüderliche Tafelſtimmungen in Deutſch⸗ land niemals weit über die Tafelzeit hinausreichen, und deshalb immer unfruchtbar bleiben. Jakob Fugger benahm ſich mit ſeiner gewohnten Klug⸗ —„ . 100 heit. Jedermann wußte, wer der Feſtgeber und Schenker war, und doch gab er ſich nicht das Anſehen deſſelben. Es ſchien vielmehr, als ob die Stadt das Banket zu Ehren des Kaiſers und des Cardinals veranſtaltet habe. Der Kaiſer ſaß zwiſchen ſeinen beiden ſchönen Führer⸗ innen; nächſt ihm war die reizende Gräfin Cardona die merkwürdigſte Perſon auf dem Banket, und zu ihren Seiten ſah man, wie faſt immer, die beiden jungen Fug⸗ ger, Ulrich und Raimund. Und wieder wandte ſie den Zauber ihrer Unterhaltung mehr dem Erſtern als dem Letz⸗ tern zu. Der Fürſt-Abt von Kempten hatte ſeinen Platz unter den geiſtlichen Hern, die den Cardinal und den Der Herzog von Burgund und Niederland. Biſchof umgaben, und warf nur zuweilen mißmuthig ſtolze Blicke auf ſeine lebhafte Freundin, dann richtete er das Wort mit unverkennbarer Leidenſchaftlichkeit an den Grafen Torrillas, der den Sitz neben ihm erhalten hatte. Nach der Tafel begann der Tanz. Der Kaiſer führte Suſanne Fugger an der Spitze des Reigen, Draf Diet⸗ richſtein Conſtantia Peutinger; der Feldoberſt Graf von Iſſelſtein die Gräfin Cardona. Die Adligen zogen die Bürgerstöchter zum Tanze auf, die Bürgersſöhne die ad⸗ ligen Frauen und Jungfrauen. Bübenhoven trat mit der ſanften Sibylle an, aus deren tiefen ruhigen Augen, die mit ſoviel ſtillem Entzücken an ihm hingen, ihm immer mehr die ſüße Gewißheit aufleuchtete, daß ſie das fried⸗ liche Glück ſeines Lebens begründen werde. Aber die Worte der ſchwarzen Matty beunruhigten ihn und ließen 5 Der Herzog von Burgund und Niederland. 101 ihn nicht zum harmloſen Genuß der Freude kommen. So oft ſein Blick auf die ſchlanke Geſtalt der fremden Gräfin fiel, durchzuckte ihn ein ſeltſames bängliches Gefühl. Es zog ihn zu ihr hin und ſcheuchte ihn von ihr fort, und er war nahe daran, wieder in ſeine alte ſchwermüthige Träumerei zu verſinken, als er ſie allein an den Schenk⸗ tiſch treten ſah. Schnell entſchloſſen raffte er ſeinen Muth zuſammen und war einen Augenblick darauf an ihrer Seite. „Madame,“ ſagte er ehrfurchtsvoll,„mein Name iſt Bübenhoven, und wenn ich den Worten Eurer Dienerin glauben darf, ſo habt Ihr mir das Glück zugedacht, mir irgend eine Mittheilung von Wichtigkeit zu machen.“ „Junker von Bübenhoven,“ verſetzte die Gräfin mit Anmuth,„ich habe einen Auftrag von einer ſchönen jun⸗ gen Prinzeſſin an Euch, der ein heiliges Pentalpha be⸗ trifft, das Euch einſt in Spanien zum Geſchenk gemacht wurde. Und dieſe Prinzeſſin läßt Euch durch meinen Mund die freundlichſten Grüße ſagen.“ „Prinzeſſin— Pentalpha!“ ſtammelte der Junker be⸗ ſtürzt, und ſein ſchönſter, ſein heißeſter Jugendtraum ſtand plötzlich in den friſcheſten Farben vor ſeiner Erinnerung, und„Zaroya?“ bebte es leiſe von ſeinen Lippen. „Ihr habt den theuern Namen meiner Freundin ge⸗ nannt, die Euch das zärtlichſte Andenken bewahrt.“ „O mein Gott! Erzählt mir—“ „Ihr werdet begreiflich finden, daß das hier nicht an⸗ 102 Der Herzog von Burgund und Niederland. geht; denn ſchon richten ſich neugierige Augen fragend auf uns. Und Ihr ſeid in Augsburg gewiſſermaßen Glied eines Hauſes, deſſen Oberhaupt von zu ſtrengen Sitten iſt, als daß Ihr hier eine lange Unterredung mit mir pflegen dürftet, und ich habe Euch viel, ſehr viel zu ſa⸗ gen. Schenkt mir morgen oder übermorgen in der Frühe Euren Beſuch, doch nur in den Morgenſtunden können wir ungeſtört plaudern. Auch dürft ihr keinen Tag ſpä⸗ ter kommen; denn Ihr würdet mich nicht mehr in Augs⸗ burg finden.“ „O heilige Nothhelfer!“ ſeufzte der Junker,„und ich muß ja morgen in der erſten Tagesfrühe fort von hier! und wer kann wiſſen, wann ich wiederkehre?“ „Wohlan, ſo will'ich ein Uebriges thun. So Euch daran liegt, Kunde von Zaroya zn erhalten, ſo kommt dieſen Abend noch zu mir. Ich werde Euretwegen gern auf die fernern Freuden in dieſer Geſellſchaft verzichten und mich nach dem nächſten Tanze nach Hauſe verfügen. Folgt mir bald nach.“ „Ich komme!“ hauchte der Junker und entfernte ſich, um ſich ſeinen Träumen zu überlaſſen. Zum Glück für ihn fing Frau Sibylle an ſich herzlich zu langweilen und nach der bequemen Ruhe ihres Bettes zu ſehnen, und die Pathe, gewohnt ſich ſtreng nach dem Willen ihrer Gotte zu rich⸗ ten, war gleich bereit, mit ihr den Trubel des Rath⸗ hausſaales zu guittiren. Bübenhoven begleitete ſie heim, dann aber, ſtatt nach dem Rathhauſe zurückzukehren, wie * Der Herzog von Burgund und Niederland. 103 er vorgab, ſchlich er nach der Herberge der ſchönen Gräfin. Mit hochklopfendem Herzen trat er in ihr Loſament. Matty ſtand ſchon auf der Lauer, und wieder wie vor zwölf Jahren ergriff ſie ihn mit einer gewiſſen Zärtlichkeit bei der Hand, um ihn zu leiten und dabei flüſterte ſie ihm zu:„Ihr findet bekannte Geſellſchaft!“ Die Thür des kerzenhellen Zimmers that ſich auf, und Bübenhoven erblickte die ſchöne Gräfin in der male— riſchen Tracht der Mauren von Granada und hinter ihr Elevnoren van der Voort in den glänzenden Gewändern einer hohen Herrin.— Die beiden Frauen führten den beſtürzten Junker in ein Kloſet, welches ſie verriegelten und verſchloſſen. Die Mägde hatten Befehl erhalten, je⸗ den Beſuch mit der Verſicherung abzuweiſen, die Gräfin ſei noch nicht nach Hauſe zurückgekehrt. Siebentes Rapitel. Die Morgendämmerung warf ihre erſten grauen Lichter über das Thal und die Stadt, als Marr von Bübenho⸗ ven in tiefes Sinnen verloren aus dem Jakobsthore ritt. Er hatte ſeinem ſichern Pferde die Zügel über den Hals geworfen und die Hände in einander geſchlungen. Ein vorübergehender Wandrer hätte geglaubt, der junge Rei⸗ ter verrichte ſein Morgengebet. Aber der Junker betete nicht. Seine Gedanken irrten weit ab von der Stätte, wo er war, und von der Zeit, in der er eben lebte. Sie waren in Spanien und in der Vergangenheit; die Ge⸗ genſtände, die ihn jetzt umgaben, ſchienen gar nicht für ihn da zu ſein. Und ſo ſchrak er denn empor, als er ſich beim Namen genannt hörte. An der Lechbrücke, wo er angekommen war, ſtand Veit Schellenberger, und ſeine Naſe leuchtete vom Morgentrunk, wie der Morgenſtern am Himmel; und neben ihm kauerte ſein fröſtelnder Pathe, der kleine bleiche Heinz, der Waiſenknabe aus der Fug⸗ gerei. Erſt jetzt erinnerte ſich Bübenhoven wieder, daß Der Herzog von Burgund und Niederland. 105 die Beiden von Herrn Jakob hierher beſtellt worden waren, um jegliches Späherauge in der und auf dem Wege zu vermeiden. Veit wiſchte ſich die Augen und redete ſeinen Pathen noch einmal feierlich, mit etwas weinerlicher Beimiſchung an:„Nun Heinz, jetzt heißeſt du zum letzten mal Heinz; denn von nun an wird dich Jedermann Martin rufen, und du ſollſt nur auf dieſen Namen hören. Befolge aufs Pünktlichſte Alles, was dir der Junker hier anbefiehlt, oder es geht dir ſchlecht. Verſtehſt du mich!“ Dabei machte er eine ſehr bezeichnende Handbewegung.„Du darfſt auch keiner Menſchenſeele ſagen, wer dein Vater und deine Mutter geweſen, auch nicht, daß ich dein Götti bin. Du biſt ein Bauernkind und wirſt deine Eltern ſchon kennen lernen. Es wird dir dort gut gehen. Alles Andre wird dir der Junker anbefehlen. Und nun behüt' dich unſre liebe Frau!“— Damit ſteckte er dem Buben einen Wecken zu, wünſchte dem Junker glückliche Reiſe, that einen Zug aus ſeiner Mundflaſche, die der Junker ausſchlug, und wandte die Schritte wieder nach der Stadt zurück. Der Junker ritt ſchweigend ſeines Wegs, der Junge trollte kauend nebenher. So ging's hinauf bis zum Wel⸗ lenhofe. Dort hatte der Junker einen Befehl Jakob's an die Schaffnerin auszurichten und wollte ſein Frühſtück ein⸗ nehmen. Er ließ dem ſcheuen Knaben Milch und Brod geben, reichte ihm auch von ſeinen eigenen Speiſen, die die Schaffnerin in Menge aufgetragen, und begann 106 Der Herzog von Burgund und Niederland. dann ſo freundlich, als er vermochte„Höre Martin— du weißt, daß du jetzt ſo heißt— du kommſt heute in ein Bauernhaus, wo es dir gut gehen wird, beſſer als bei deinem Vater. Den Bauer, das Haſenhänslein ge⸗ nannt, mußt du bei Jedermann, der dich fragt, für dei⸗ nen Vater ausgeben. Ein Mönch aus einem nahen Klo⸗ ſter wird dich leſen lehren. Niemals darfſt du ihm ſagen, wer du eigentlich biſt. Kein Menſch darf es erfahren. Haſt du das begriffen?“ „Ja,“ verſetzte der Bube trotzig und ſcheu.„Herr Fugger und mein Götti haben mirs ſchon geſagt, und ich weiß es nun.“ „So weiſt du auch, daß du zu Oſtern und zum Martinstag jedes Jahr eine neue Schaube und Pluder⸗ hoſen erhältſt und ſonſt noch Manches, was dir gefallen wird, wenn du thuſt, wie dir befohlen. Gehorchſt du aber nicht, ſo wirſt du eingeſperrt und erhälſt Schläge und nichts zu eſſen!“ Das war verſtändlich für den bleichen häßlichen Pankert. Der Junker ſuchte die Schaffnerin draußen auf und ſprach leiſe zu ihr:„Herr Fugger läßt dir befehlen, die kleine Milchſtube oben heute zu räumen und wohnlich zu machen. Ich werde morgen mit einem andern Knaben wiederkehren. Der ſoll einige Tage hier wohnen. Auch ich werde ſo lange meiſt bei dir zubringen.“ Die Schaffnerin verſprach dem Befehl Folge zu leiſten, und Bübenhoven rüſtete ſich zum Aufbruch. Der Knabe — Der Herzog von Burgund und Niederland. 107 erklärte aber mit trotziger Beſtimmtheit, er ſei zu müde und könne nicht weiter laufen. Die Weiſe, wie er ſich äußerte, und die Gemüthsart, die ſich dabei aus ſeinen Geſichtszügen kund that, mißfielen dem Junker ſehr, und mit einem gewiſſen Mißbehagen entſchloß er ſich, den häß⸗ lichen Burſchen hinter ſich aufs Pferd zu nehmen. Als er ihm hinaufgeholfen hatte, war's dem guthmüthigen Marx, als grinſe ihn das Kind mit einer tückiſchen Scha⸗ denfreude an.— Doch ging die Reiſe nun ſchneller vor⸗ wärts, bergab und wieder bergauf und quer durch die Thäler der Grafſchaft. Der Junker verſuchte es den Bu⸗ ben geſprächig zu machen und fragte ihn über ſeine ver⸗ ſtorbenen Eltern, erhielt aber nur kurze, unbefriedigende oder gar keine Antwort, und als er ſich unwillig darüber beſchwerte, ſagte der Junge;„Ihr habt mir ſelbſt befoh⸗ len, mich nicht ausforſchen zu laſſen und wollt mich nun auf die Probe ſtellen. Ich bin Martin, des Haſenhäns⸗ leins Sohn.“ Da merkte der Junker mit welchem verſchlagenen Bur⸗ ſchen er es zu thun hatte und belobte ihn lachend. Es war noch nicht Mittagszeit, als ſie, von einem Bauernburſchen geführt, vor einem einſam gelegenen Ge⸗ höfte in einer waldumgrenzten Thalebene hielten. „Dies iſt der Haſenhof,“ ſagte der Führer.„Das Hünslein wird nicht viel haben Euch vorzuſetzen. Der Vogt mit ſeinen Steckenknechten ſoll ihn heut auf des Amtmanns Befehl pfänden, weil ſeine Tochter— na, 3h 108 Der Herzog von Burgund und Niederland. werdet die Geſchichte ſchon vom Hänſel ſelber hören. Ihr mögt gerade recht kommen, um Euch den Handel mit an⸗ zuſehen. Die Herren aus der Stadt haben dazu doch ſelten Gelegenheit.“ Der Burſch nahm ſeinen Lohn und trollte ſich, als traue er in der Nähe des Haſenhofs dem Landfrieden nicht. Der Junker ritt in den Hof; ein Knabe kam ihm entgegen, gebückt und kriechend, wie ein Marder, und fragte demüthig:„Kommt ihr vom Amtmann, Herr Ritter?“ „Nein. Von einem Höhern und Beſſern. Aber ſage mir, biſt du Märten, des Haſenhänslein Sohn?“ „Die Leute ſagen, daß ich es ſei; aber das Haſen⸗ hänslein ſagte mir, ich ſei nur ſein Vetter, armer Leute Kind, die ſchon lange todt, und ein unnützer Brodeſſer in ſeinem Hauſe.“ Der Knabe ſprach dieſe Worte mit ei⸗ nem wunderlichen Gemiſch von kriechender Demuth, ver⸗ biſſenem Schmerz und verſtecktem Hohn, und ſeine Geſtalt ſah ſo armſelig und gedrückt aus, daß das weiche Ge⸗ müth des Junkers vom tiefſten Mitleid mit ihm ergriffen wurde. Er ſtieg vom Pferde und betrachtete ſich den Martin genauer. Das arme Bauernkind. zeigte ſich von ſchlankem und ſchönem Wuchs, der ſelbſt die zerlumpte Kleidung zu veredeln ſchien. Seine Füße und Hände wa⸗ ren ungemein zierlich. Um ſeinen Kopf hing in dicken Locken eine Fülle herrlichen goldblonden Haares, ſein Ge⸗ — Der Herzog von Burgund und Niederland. 109 ſicht hatte eine angenehme ovale Form, war aber durch fünf oder ſechs ſeltſame Flecken von braunblauer Farbe, die ſich faſt wie vernarbte Wunden ausnahmen, widrig entſtellt. Wenn man ſie genauer betrachtetete, gewahrte man bald, daß es keine Narben, ſondern Muttermale waren, die um ſo unangenehmer auffielen, je bleicher, kränklicher und magerer die übrigen Geſichtszüge ſich dar⸗ ſtellten. Die etwas große Naſe konnte mit ihrer edlen Form den ſchlimmen Eindruck, welchen jene Entſtellung hervorrief, nicht wieder gut machen, zumal die Augen einen lauernden, tückiſchen, ſchier unheimlichen Ausdruck hatten und auch der Mund beleidigende Züge darbot, die ſich wie boshaftes, höhniſches Lächeln ausnahmen. Bü⸗ benhoven ſtellte die beiden Knaben neben einander und betrachtete ſie. Hinz war offenbar von gemeinerer Natur und häßlicher; aus ſeinen von tieſen Pockennarben zer⸗ riſſenen Zügen ſprach tückiſcher Trotz, aus denen Mar— tins tückiſche Schleicherei. Es war ein ſeltſamer Zu⸗ fall, daß beider Geſicht ſo widrig entſtellt war. Heinz ſah kräftiger und derber aus; Martin geſchmeidiger und feiner; beide verſchmitzt oder ſchlau, beide bleich und kränk⸗ lich und aller Jugendfriſche entbehrend, wie ſie doch Kna⸗ ben dieſes Alters ſelten zu fehlen pflegt. Sie gefielen dem Junker beide nicht. Er übergab ihnen das Pferd, um es in einen Stall zu bringen und ging in das arm⸗ ſelige Wohnhaus. Die Knaben waren im Stalle mit dem Pferde be⸗ N 110 Der Herzog von Burgund und Niederland. ſchäftigt, und Martin zeigte ſich in Behandlung deſſelben vorzüglich geſchickt. „Du ſollteſt Roßbub werden bei einem Reiterhaupt⸗ mann,“ ſagte Heinz, das Schweigen brechend und gleich⸗ ſam von Bewunderung vor dem Talente und der Ge⸗ ſchicklichkeit des Andern hingeriſſen. „Das wäre mir ſchon recht. Ich hab' es ohnedies ſatt bei dem verſoffnen Bauer, der mich tractirt, wie ei⸗ nen Hund. Aber wie ſoll ich zu einem Reiterhauptmann kommen?“ „Geht dirs ſchlecht?“ fragte Heinz erſchrocken.„Giltſt du auch für des Haſenhänslein Sohn?“ „Ei freilich. Aber ich mag nicht länger dafür gelten. Wäre die Lore nicht, die's gut mit mir meint, ich wäre ſchon längſt auf und davon gelaufen. Aber länger geht's nicht. Wenn ich einen Ritter oder Reiterführer wüßte, der mich nähme, ich lief ihm heute noch zu. Wenn ich nur erfahren könnte, wo's Krieg giebt.“ „Haſt du nichts davon gehört, daß der Kaiſer ins Feld zieht und in Augsburg liegt?“ „In Augsburg?!“ rief Märten und der Mund blieb ihm offen ſtehen vor Erſtaunen.„Ich möchte vor mein Leben gern den Kaiſer ſehen und die Stadt Augsburg. Kommſt du von Augsburg?“ „Ei freilich! Heute früh ſchon. Die ganze Stadt liegt voll Kriegsvolk. Ha, das iſt eine Pracht!“ Martins Auge glühte auf den Sprecher. Er athmete Der Herzog von Burgund und Niederland. 111 kaum, ſolch' einen gewaltigen Eindruck hatten die wenigen Worte auf ihn gemacht. Die Flecken auf ſeinen Wangen leuchteten plötzlich dunkelroth.„Kaiſer!“ ſtammelte er endlich.„Kriegsvolk! Pracht!“ „O du hätteſt geſtern die geſchmückten Reiter at ſehn ſollen und die köſtlichen Pferde, als der Kaiſer zum Scheibenſchießen ritt! Heute und morgen geht's fort in den Krieg.“ Martins Hände krampften ſich unwillkürlich zuſammen. „In den Krieg?!“ flüſterte er, und es klang wie ein unheimliches Stöhnen.—„Wohin?“ „Dies weiß ich nicht recht. Ich hörte, ſie ziehen den Rheinſtrom hinab. Ich ſollte auch mit. Ein vornehmer Hauptmann warb mich als Roßbuben, aber mein Götti gab es nicht zu.“ „Weißt du, wie der Hauptmann mit Namen hieß?“ „Ich weiß es.“ „Sag' es mir! Ich ſchenke dir meine Armbruſt, wenn du mir es ſagſt.“ „Topp! Er heißt Graf Florian von Iſſelſtein.“ „Florian von Iſſelſtein,“ wiederholte Martin halb⸗ laut, als wolle er ſich den Namen einprägen. Dann ging er ſchweigend, holté die Armbruſt herbei und über⸗ gab ſie Heinz, der ſich ſogleich angelegentlich mit ihr be⸗ ſchäftigte. Bübenhoven fand in der Stube den Hofbauer, einen kleinen, ſtämmigen Kerl, deſſen Alter in die mitlern vier⸗ 112 Der Herzog von Burgund und Niederland. ziger Jahre reichen mochte, und in deſſen Geſicht allerlei Beweiſe in rother Schrift zu leſen waren, daß er mehr als billig Umgang mit der Weinkanne pflege. Er war in heftigem Wortwechſel mit drei andern Männern, die ihm nur wenig erwiderten und die ſich dem Junker mit kriechender Unterwürfigkeit, auf ſein Befragen, als Vogt und zwei Steckenknechte oder Häſcher zu erkennen gaben. „Gotts Leid!“ rief das Hänslein„Herr Ritter, Ihr kommt wohl, mir den Garaus zu machen. Hat die Lore nichts ausrichten können?“ „Nicht zu Euerm Verderben komm' ich, Mann, ſon⸗ dern zu Eurer Rettung. Doch ſagt mir vorerſt, wie die Sache ſteht?“ „Der Amtmann will mir die Kühe abpfänden laſſen, weil ich nicht ſein Höriger werden will, und weil die Lore, meine Tochter, auch nicht will wie er. Wir Bauern wer⸗ den von den Herren ärger gehalten, als das Vieh. Ich habe nur zwei Tage in der Woche die Frohn zu leiſten und bin ein Freigeſeſſener auf meinem Hofe, wie mein Vater auch war. Aber ich kann keinen Brief des Kaiſers aufweiſen, mein Vater hat mir keinen hinterlaſſen. Je⸗ dermann wußte, daß er ein freier Hofbauer war, wie ſein Vater und Großvater geweſen. Der Amtmann aber ſagt, ich ſei hörig und müſſe drei Tage frohnden. Wenn aber die Lore in ſeinen Dienſt geht, will ers ruhen laſſen. Da habt ihr die Schande.“ „Schweig, Läſtermaul!“ rief der Vogt.„Der kai⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. 113 ſerliche Amtmann, mein Herr uud Gebieter, muß beſſer wiſſen, ob er hörig iſt oder nicht. Die Bauern in den Dörfern ſind hörige Leute, warum ſollten es die Hof⸗ bauern nicht ſein? Aber das Haſenhänslein iſt ein fauler Strick und ein Saufaus dazu. Man ſagt, der Bub', den er im Hauſe hat, bringe ihm Geld ein, und das habe ihm die Arbeit zuwider, die Weinkanne aber zu lieb gemacht. Er leiſtet die ſchuldige Frohn nicht, er zahlt die ſchuldige Bede nicht: ich hab' ihn betreten, daß er den Bach ſiſchte.“— „Der Bach iſt mein Eigenthum. Mein Vater hat ihn gefiſcht!“ ſchrie das Haſenhänslein. „Beweiſ' es durch Geſchrift und Siegel!“ „O wenn es der Kaiſer wüßte, wie man mit uns Bauern umgeht!“ heulte Hänslein.„Das Kalb in der Kuh, die Aehre auf dem Halm, das Ei in der Henne wird uns ſchon mit Beſchlag gelegt; wir müſſen elendig⸗ lich verderben. Und der Amtmann und ſeine Geſellen, der Pfaff und der Mönch, der Ritter und der Junker nehmen uns Weiber und Töchter zu ſchnöder Kurzweil, und wir ſollen uns dafür bedanken.“ „Der Wein ſpricht aus ihm!“ ſagte der Vogt mit affectirter Geringſchätzung. Der Junker begriff, daß er im Hauſe eines durch brutale Willkürherrſchaft zu Grunde gerichteten und ver⸗ zweifelten Mannes ſei, deſſen Verderben durch den Kna⸗ ben, um deſſenwillen er gekommen, nur ſchneller herbei⸗ Ein deutſcher Leinweber. IV. 8 114 Der Herzog von Burgund und Niederland. geführt worden; er ſah das oft gerügte und viel beſprochene Elend des Landvolks und die grauſame Habſucht ſeiner Herren und Vorgeſetzten mit eignen Augen, und ihm fiel ein, wie wahr doch Ulrich Fugger dieſe Dinge geſchildert. Er nahm den Vogt bei Seite, erkundigte ſich nach der Forderung des Amtmanns in runder Summe und bezahlte dieſe. Der Vogt zog mit ſeinen Knechten ab, und Bü⸗ benhoven trat wider zu dem Bauer in die Stube.„Ich habe des Amtmanns Forderung befriedigt, und du kannſt ruhig ſein.“ „Hoho!“ lachte das Hänslein bitter.„Da wird der Amtmann lachen, daß er doppelt bezahlt wird.“ „Wie ſo?“ „Die Lore iſt ja weinend hinüber gelaufen auf das Schloß zu ihm, um endlich ſeinen Willen zu thun und ſeine Magd zu werden.“ „Das ſoll ſie nicht!“ rief der Junker empört. Und nun berichtete er dem frohaufhorchenden Hofbauer, daß er ihm einen andern Kndben für den Martin mitgebracht und dieſen mitnehmen werde. Daß der neue Knabe auch Martin heiße, aber durchaus für den alten ausgegeben werden müſſe, und daß Hänslein dafür alle Quartale zehn Gülden mehr erhalten ſolle, als bisher. Hänslein ver⸗ ſtand ſich natürlich zu Allem, was der Junker verlangte, und meinte, er ſei den Tauſch wohl zufrieden; denn der Märten, der bei ihm aufgewachſen, ſei ein böſer Bub, der ihm manchen heimtückiſchen und ſchlimmen Streich ge— * Der Herzog von Burgund und Niederland. 115 ſpielt und deshalb viel Schläge von ihm bekommen habe. Für eine anderweitige Zulage verſprach er auch, den neuen Martin in die Schule des nahen Kloſters zu ſchicken. Das Geld ſolle er wie bisher von dem Webermeiſter in Din⸗ kelſcherben alle Quartale abholen. Der Junker rief nun den neuen Hausgenoſſen herein, der für den alten aus⸗ gegeben werden ſollte und machte Pflegevater und Pflege⸗ ſohn mit einander bekannt. Beide ſchienen wohl mit— einander zufrieden. Während dieſer Verhandlungen trat ein ſchlankes, blühendes Bauernmädchen mit verweinten Augen in die Stube.„Das iſt meine Lore,“ ſagte Hänslein und ſchaute ihr dazu forſchend ins Geſicht.„Nun was haſt du aus⸗ gerichtet?“ „Hier iſt die Ouittung des Amtmanns, ſchluchzte das arme Kind und hielt ihrem Vater ein Papier hin. Ich werde nächſten Montag zu ihm als Dienſtmagd ziehen.“ Der Bauer lachte bitter und roh zum Junker gewandt: „Da habt Ihr's, wie ich Euch geſagt.— Der adlige Schurke hat das Geld und das Kind dazu.“ Bübenhoven wandte ſich mit ſanften Worten an das weinende Mäd⸗ chen und erklärte ihr, er werde zu verhindern wiſſen, daß ihr und ihrem Vater Gewalt geſchehe. Hänslein ſchüttelte ungläubig den Kopf dazu. Dann berichtete er ihr kurz, weshalb der Ritter in ihr Haus gekommen, und was er für ſie gethan. Kaum hatte das Mädchen das Letztere gehört, als ſie von neuem in ein noch troſtloſeres und 116 Der Herzog von Burgund und Niederland. verzweifelnderes Weinen ausbrach und die Stube verließ. Vom edelſten Mitleid getrieben folgte ihr Bübenhoven und fand ſie draußen, Martin liebkoſend, der ſich dabei ziemlich gleichgültig benahm. „Was erregt deinen Schmerz ſo heftig; mein Kind?“ fragte der Junker.„Ich ſchwöre dir zu, du biſt aus den Händen des Amtmanns gerettet.“ Lore verbarg ihr Geſicht ſchluchzend, und da er noch ſtärker in ſie eindrang, brachte ſie mit Mühe die Worte hervor:„Weil Ihr zu ſpät gekommen ſeid.“ „Armes Kind! Aber ich will die blutende Taube dem Geier entreißen. Du darfſt nicht in des Amtmanns Haus. In einigen Tagen werde ich dich nach Augsburg abholen laſſen. Dort ſollſt du unter edlen Menſchen leben. Ich werde in kurzer Zeit der Gatte eines lieben ſanften Wei⸗ bes ſein, und wenn du willſt, wird ſie dich als Gürtel⸗ magd werben.“ Lore warf ſich vor dem Junker auf die Kniee und ſtammelte:„Ihr ſeid ein Engel! O warum hat Euch die heilige Jungfrau nicht geſtern in dies arme Haus ge⸗ ſandt! warum nicht dieſen Morgen! Aber ich will Euch folgen, wohin Ihr mich und den Martin führt. Laßt mich mit ihm zuſammen leben und ferner für ihn ſorgen, wie ich bis jetzt ſeit meiner Mutter Tode gethan. Ich habe mich an ihm gewöhnt und möchte mich nicht von ihm trennen.“ „Wenn ich dir auch dieſen Wunſch nicht erfüllen kann, — Der Herzog von Burgund und Niederland. 117 ſo ſollſt du es doch gut haben.— Jetzt ſpute dich und ſchaff' mir einen Imbiß zur Stelle, damit ich nachher mit dem Martin aufbrechen kann. Wir müſſen vor Nacht noch die Herberge erreichen, und der Weg iſt weit.“ Lore that nach des Junkers Begehr und trug ihm auf, was ſie vermochte. Als er geſättigt aus dem Hauſe trat, um ſein Pferd zu beſtellen, fand er es bereits wohl verſorgt und aufgezäumt an Martins Hand, der reiſefertig in ſeiner Sonntagsſchaube ihn erwartete. Der Knabe kam dem Junker jetzt hübſcher vor, als vorhin. „Seid Ihr ein Kriegshauptmann und wollt mich zu Euerm Roßbuben machen?“ fragte der Knabe. „Nein. Du ſollſt etwas Beſſeres werden, wenn du dich gut aufführſt. Aber dein Pflegevater hat ſich über dich beklagt. Du biſt nicht gut und nicht fromm geweſen. Du wirſt in ein Kloſter kommen, zu frommen Brüdern. Die werden dir böſe Streiche nicht ſo leicht hingehen laſſen, als das Haſenhänslein. Dieſen Abend oder mor⸗ gen will ich dir berichten, was du zu wiſſen haſt. Jetzt nimm Abſchied vom Hänslein und der Lore und bedanke dich für genoſſene Pflege.“ Während Martin dieſem Befehl nachkam, rief der Junker Heinz herbei und ermahnte ihn nochmals. Lore führte den Martin an der Hand und begleitete ihn eine große Strecke Wegs. Dann nahm ſie mit Thrä⸗ nen und Küſſen von ihm Ade. Der Bube nahm ihre Liebkoſungen ohne Zeichen von Liebe und Theilnahme auf 118 Der Herzog von Burgund und Niederland. und hatte kein naſſes Auge, als er von ihr ging; er wandte ſich nicht nach ihr um, ſondern ſchritt in fieber⸗ hafter Haſt fürbaß. Der Junker ſagte dem bewegten Mädchen noch einige freundliche Worte und ließ dann ſein Pferd ausſchreiten. Martin ging ſchnell und brütend ſeines Wegs und hielt gleichen Schritt mit dem Roß; der Reiter überließ ſich ebenfalls ſeinen Träumereien. So ſetzten ſie den ganzen Tag die Reiſe fort ohne nur wenig Worte mit einander zu wechſeln; doch wenn der Junker vor einem Krug hielt, um ſich einen friſchen Trunk reichen zu laſſen, war der Bube immer flink und geſchmeidig zu ſeinem Dienſt. Keine Klage über Müdigkeit kam über ſeine Lippen. So lang⸗ ten ſie denn mit der einbrechenden Nacht auf dem Wel— lenhofe an, wo ſie von der Schaffnerin gaſtlich empfangen wurden. Trotz des weiten Wegs, den er zurückgelegt, bediente Martin das Pferd und den Junker, ohne dazu von die⸗ ſem Befehl erhalten zu haben, ja als ihn dieſer davon abhalten wollte, hatte er keine Ohren für ſeine Worte. Erſt als er im Stalle fertig war, ſetzte er ſich nieder, um zu eſſen. Dann lief er wieder hinaus und erſpähete die Wege und fragte die Knechte und Mägde aus und er⸗ fuhr, daß den ganzen Tag viel Kriegsvolk auf der Straße nach Ulm, die nicht weit von dem Hofe voüber ging, ge⸗ zogen war, und auch der Kaiſer ſei mit allen ſeinen Feld⸗ oberſten und Hauptleuten darunter geweſen.— Wie eine — Der Herzog von Burgund und Niederland. 119 Katze ſchlich der Bube leiſe umher und horchte überall hin mit geſpanntem Ohre, und ſo vernahm er denn auch, wie der Junker zur Schaffnerin ſagte:„Eliſabeth, bring' den Buben zur Ruhe. Ich habe noch einen Gang zu machen. Warte nicht auf mich. Ich werde erſt morgen mit dem Tage wiederkehren. Doch halte reinen Mund. Niemand darf es erfahren.“ „Ah,“ lachte die Frau,„Ihr habt wohl einen Freund im Nonnenkloſter drüben. Ich werd' Euch nicht verrathen.“ „Du ſollſt nicht ſo ſchlimm von mir denken,“ ver⸗ ſetzte der Junker ernſt.„Ich habe ein ehrlich Geſchäft vor, und nicht in einem Kloſter.“ „Was geht es mich an; ich wünſche Euch gute Ver⸗ richtung.“ Bübenhoven verſchwand in der Nacht und wendete die eiligen Schritte bergab der Stadt zu. Die Schaffnerin rief nun eilig den Knaben herbei ſteckte ihm Leckerbiſſen zu und begann ihn auszufragen; denn die Neugierde plagte ſie ſehr, zu erfahren, was es mit ihm für eine Bewandtniß habe. Aber er wußte ihr wenig zu berichten und ſchlief ihr unter den Händen ein. Sie brachte ihn zu Bett, verriegelte Haus und Hofthüre und ſuchte ihr eignes Kämmerlein. Noch war ſie, nach wohl durchſchlafener Nacht, am folgenden Morgen mit Ankleiden beſchäftigt, als Junker Bübenhoven ſchon an das Fenſter klopfte und Einlaß be— gehrte. Sie öffnete und rief die Mägde, damit ſie den 120 Der Herzog von Burgund und Niederland. Morgenimbiß bereiteten; der Junker aber ſagte:„Ich will erſt einige Stunden Schlafs genießen,“ und ging nach der kleinen Milchſtube, wo ihm das Bett neben Martins be⸗ reitet war. Doch nach wenigen Augenblicken kam er wieder die Stiege herab und rief:„Eliſabeth, wo iſt der Bub?“ „Na, liegt er nicht im Bette?“ fragte ſie verwundert. „Das Bett iſt leer und kalt. Er muß ſchon längſt aufgebrochen ſein“ „Aufgebrochen?! Wohin? Was ſoll das bedeuten?“ Und ſie lief ſelbſt hinauf, um das leere Bett anzuſtarren, dann wieder hinab, um alles Dienſtvolk zuſammenzu⸗ ſchreien. Niemand hatte etwas von dem Knaben geſehen. Alle mußten ihn ſuchen, im Hauſe, in den Ställen. Da zeigte ſich denn, daß auch des Junkers Pferd fort war. Jrtzt berichteten die Leute die ſeltſamen Fragen des Kna⸗ ben, und der Junker ſchlug ſich verzweiflungsvoll vor die Stirne. Eine Hoffnung, die er doch kaum ſo zu nennen wagte, ſpiegelte ihm vor, der Knabe könne wieder auf den Haſenhof zurückgekehrt ſein. Das Heimweh habe ihn überfallen, und weil er vom Laufen zu ermüdet, habe er ſich des Pferdes bedient, um ſo ſchnell als möglich wieder heim zu kommen. Wohin ſollte der elfjährige Bub, der noch niemals vom Haſenhof hinweg gekommen?— Der Junker wollte wenigſtens nichts unverſucht laſſen und ging zum Kloſtermeier hinüber, um ſich ein Pferd zu borgen. Schwer bekümmert legte er den Weg in kurzer Zeit zurück. ⸗——————5 —— Der Herzog von Burgund und Niederland. 121 Lore kam ihm entgegen.„Iſt der Martin zurückge⸗ kommen?“ fragte er haſtig. „Wißt Ihr ſchon, daß er fort iſt?“ fragte das Mäd⸗ chen dagegen.„Er iſt nicht zurück. Wir ſuchen ihn ſeit zwei Stunden. Eine Bäuerin hat einen Knaben mit ei⸗ nem fremden Manne geben ſehen, und der Beſchreibung nach iſt's unſer neuer Martin geweſen?“ „Wie?“ S der Junker erſchrocken,„der iſt auch fort? Ich meine den wirklichen Martin, der mir entflohen.“ „Heilige Gottesmutter, auch der?“ In größter Beſtürzung warf ſich der Junker vom Pferde. Es wurden Boten aufgetrieben und nach allen Seiten aus⸗ geſchickt. Das Haſenhänslein und Lore brachen ſelbſt auf; der Junker ſprengte auf dem Wege, den die Bäuerin als ſolchen bezeichnet hatte, auf welchem der Knabe mit dem fremden Mann gegangen. Aber am Abend kehrten Alle zurück, und Keiner hatte auch nur eine weitere Spur von dem verſchwundenen Heinz entdecken könuen. Der Junker blieb bis zum folgenden Tage, aber der Bube war wie von den Wolken aufgezogen, und mißmuthig bis zur Ver⸗ zweiflung, daß er die Zeit mit vergeblicher Aufſuchung des Heinz vergeudet, die er zur Verfolgung des weit wichtigeren Martin hätte verwenden ſollen, ſchlug Büben⸗ hoven den Rückweg ein und langte am Abend mit der unerfreulichen Kunde bei Herrn Jakob Fugger an, der darüber alle gewohnte Faſſung und Ruhe verlor. Achtes Rapitel. „Der Zauber iſt feſt, der Knabe iſt unſer; das Werk* wird gelingen. Löſch' die Flamme, Aya! Der Erdgeiſt iſt uns günſtig!“ So rief die Gräfin Cardona den ſie umgebenden Frauen zu. Sie ſtanden um einen Zauber⸗. keſſel, eine blanke Metallſchale, wie ſie mauriſche Araber zu ihren Zaubereien und Beſchwörungen gebrauchten. Eine dunkelrothe Flamme ſchlug aus dem Keſſel empor und warf, die Nacht nur dürftig erhellend, unheimliche zuckende Lichter auf die ernſten und geſpannten Züge der beiden Dienerinnen und der Frau van der Voort, welche außer⸗ halb des flammenden Zauberkreiſes ſtanden, in welchem der Keſſel und die Zauberin ſich befanden. Alle waren † in mauriſcher Kleidung; die Gräfin trug noch beſonders einen kleinen ſchwarzen Mantel, in welchen zahlreiche goldne Zaubercharaktere geſtickt waren. Die Scene fand in dem Kloſet ihrer Wohnung ſtatt, in welches ſie zwei Abende zuvor den Junker von Bübenhoven geführt. Die Mitter⸗ nachtsſtunde war eben vorüber. Der Herzog von Burgund und Niederland. 123 Die Gräfin warf Zaubermantel und Stab von ſich; Aya goß eine Flüſſigkeit aus einer Phiole in den Keſſel, wovon die Flamme ſogleich erloſch, und Matty zündete eine Lampe an, um die gebrauchten Geräthſchaften hin⸗ wegzuräumen.— Die Gräfin ergriff Eleonorens Hand und führte ſie in das von einer Kerze nur matt erleuchtete Zimmer hinaus. Beide Frauen waren in großer Aufre— gung. Die feurigen Augen der Gräfin ſtrahlten vor Be⸗ geiſterung. „Du kennſt nun die umfaſſende Kühnheit meines Plans, ich kenne den deinigen. Heil uns, daß wir zwei uns fin⸗ den mußten! Es war ſo von den Sternen beſtimmt, und mein Lehrer hat es darin geleſen. Ja wir mußten uns finden, um uns einander zu unterſtützen und zu helfen. Du wirſt deine Rache durch mich haben; ich die meinige durch dich. Wir werden das Unglaubliche, das Ungeheure ausführen; wir werden die Befreierinnen unſerer Völker vom ſchmählichen Sklavenjoch, und unſere Namen unſterb⸗ lich ſein in ihrem Munde.“ „Juble nicht zu früh!“ warnte Eleonore die begeiſte⸗ rungtrunkne Maurin.„Groß und kühn iſt dein Plan, aber wer des Schickſals Wechſel erfahren, wie ich, ver⸗ traut nicht unbedingt auf menſchliche Entwürfe und Pläne.“ „Karracha hat mir das Gelingen des meinigen pro⸗ phezeit, und die Zigeuneraltmutter hat noch nie eine Pro⸗ phezeihung ausgeſprochen, die nicht erfüllt worden wäre. Ihr Blick in die Zukunft iſt untrüglich.“ 124 Der Herzog von Burgund und Niederland. „Und was hat ſie dir geweiſſagt?“ „Der königliche Stamm der Sultane von Granada werde mit einem andern morgenländiſchen Fürſtenſtamm verbunden, friſche Sproſſen treiben, die zu großem Reich⸗ thum und Macht gelangen. König Ferdinand aber werde nur noch kurze Zeit unter den Lebenden ſein. Nicht mehr als zweimal werde die Sonne ihren Lauf durch den Thier⸗ kreis vollenden, und Spanien werde einen andern Herrn haben.“ „Dieſe Worte ſind ſehr geeignet, dich anzufeuern. Doch die OHrakel ſind zu allen Zeiten zweideutig geweſen.“ „Der König iſt ſchon ſeit einigen Jahren kränklich. Es war ein harter Schlag für ihn, daß die ſchöne Kö⸗ nigin Germaine einen todten Prinzen zur Welt brachte, und um die Natur zu zwingen, ihm ferner dienſtbar zu ſein, ließ er ſich von ſeinen Aerzten einen Trank bereiten, der ſeine Zeugungskraft von neuem beleben ſollte. Dem königlichen Willen ſollte das Geſchick gehorchen, ein zweiter Sproß ſollte von der Königin erzielt und wenigſtens Ara⸗ gonien dieſem ihm verhaßten öſtreichiſchen Prinzen ent⸗ riſſen werden, wenn es auch nicht mehr möglich war, ihm Caſtilien zu entreißen. Aber der Stärkungstrank brachte nicht die gehoffte Wirkung hervor; es ſcheint ſogar und Karracha behauptet es, daß des Königs kränklicher Zu⸗ ſtand ſeit jener Zeit eine verderbliche Folge des Trankes iſt. Gelingt es mir nun durch das dir bekannte Mittel, nach welchem ich ſoeben meine Hand ausſtrecke und deſſen 6 1 „ 3 Der Herzog von Burgund und Niederland. 125 Erlangung mir der Zauber zugeſagt, gelingt es mir, wie ich hoffe und glaube, und wie mir die weiſe Karracha ver⸗ ſprochen, die Geiſteskrankheit der Königin Johanna zu be⸗ ſiegen, dann ſind Spanien und Neapel in meine Hand gegeben und die Schätze Weſtindiens ſollen mir zur Erhe⸗ bung meines Volkes dienen. Von der Zinne des rothen Thurmes der Alhambra wird wiedonMchanej heilige Fahne ſtrahlend wehen, und die Schmach der' Kühhtſchaft wird von den Modejaren genommen ſein.“ „Aber du vergißt den alten mächtigen Prieſter in To ledo, den Cardinal Kimenes, du vergißt den jungen Erz⸗ herzog Karl, den Erben der ſpaniſchen Krone. Hier wie überall iſt es ein Prieſter und ein Fürſt, die das Glück der Völker zertreten.“ „Ich vergeſſe ſie nicht. Der Eine iſt zu alt, der Andre zu jung, um mir zu ſchaden. Schon gehen Kimenes Jahre über das gewöhnliche Alter der Menſchen hinaus, und er wird bald zu denen gehören, die auf menſchliche Geſchicke keinen Einfluß mehr haben. Und wie wollte mich der fürſtliche Knabe in Brüſſel von meinem Siegszug zurück⸗ halten! Karl iſt ein läppiſches Kind, das für nichts Sinn zeigt, als für Pferde, Hunde, ſchöne Kleider und Waffen. Er iſt ſeines Vaters würdiger Sohn. Was kann der Knabe wider mich ausrichten, wenn ſeine Mutter regierende Königin iſt? Er iſt ihr fremd, wie den Spa— niern. Aber meine Pläne gehen weiter, als du ahneſt—“ Sie wurde durch Matty's Eintritt unterbrochen„Her⸗ „ 126 Der Herzog von Burgund und Niederland. ein,“ ſagte die Schwarze,„der von dir erwartete Zigeu⸗ nerburſch iſt eben ins Haus getreten.“ „Und was bringt er für Kunde?“ fragte die Gräfin geſpannt. „Kann er andre bringen, als die dir die geheimniß⸗ vollen Flammenzeichen ſchon gegeben? Seine Worte lau⸗ ten: Pepindorio läßt dir ſagen, der Knabe iſt in meinen 4 Händen, und ich eile mit ihm der Grenze Frankreichs zu.“ „Allah ſei geſegnet! Und mögen die Zauberzeichen mich niemals betrügen! Der eine Knabe iſt unſer; auch der andre wird es werden, den ich auf Granadas neuer⸗ richteten Königſtuhl zu erheben gedenke. Der erſte Schritt iſt gelungen, das nächſte Ziel iſt erreicht. Und dies giebt uns Bürgſchaft, das wir alles erlangen, wonach unſte glühenden Seelen ſtreben.“ Mit wilder Leidenſchaftlichkeit warf ſich das reizende Weſen an die Bruſt der Frau, die einſt noch ſchöner ge⸗ weſen, und über deren entſtellte Züge jetzt ein bittres Lächeln flog. „Darf ich jetzt drn ganzen Umfang deiner Pläne er⸗ fahren, Suleima?“ fragte Elevnore. „Alles ſollſt du jetzt wiſſen; denn nun biſt du meine Bundesgenoſſin für das Leben. Sind auch unfre Wege verſchieden, wir ſtreben doch nach einem Ziele.— König Ferdinand hat ſeinen zweiten Enkelſohn, der in Spanien geboren, den er aus der Taufe gehoben, dem er ſeinen Namen gegeben, den er an ſeinem Hofe erzogen hat, lieb Der Herzog von Burgund und Niederland. 127 gewonnen, ſo weit ſeine eigenſüchtige kalte Seele ein an⸗ dres menſchliches Weſen lieb gewinnen kann. Und der junge Prinz Ferdinand verſpricht ein ächter Spanier zu werden. Mit ſeinem Bruder Karl hat er nicht die min⸗ deſte Aehnlichkeit, weder körperlich noch geiſtig. Die beiden Brüder kennen ſich nicht; ſie haben ſich nie geſehen. Sie müſſen ſich haſſen lernen, glühend haſſen, auf den Tod haſſen. Dies ſei mein Werk, und ſchon habe ich in Spa⸗ nien glücklich Hand angelegt. Schon iſt es mir gelungen, daß Ferdinand den ältern und glücklichern Bruder zu haſſen angefangen hat. Zwar erſt leiſe und ohne daß er es ſelbſt weiß. Aber in ſeiner Knabenſeele iſt der Neid geweckt worden. Einer ſeiner Lehrer, der mir ergeben iſt und ſich von mir leiten läßt, hat auf mein Geheiß dieſen böſen Funken in die Seele des fürſtlichen Knaben geworfen; er hat gezündet, und es wird, es muß eine Flamme daraus werden. Prinz Ferdinand hat ſchon den Schluß machen gelernt, es ſei unbillig, daß er, der geborene Spanier, der Liebling des Königs, der Unterthan ſeines Bruders, des Herzogs von Burgund, ſein ſoll, der Spanien nie ge⸗ ſehen. Man hat ihm emen Gedanken zugeflüſtert, der von mir ausgegangen iſt, und den er gar wohl begriffen hat, obgleich er erſt zehn Jahre alt iſt: daß ein kluger Kopf die Fehlgriffe des Schickſals verbeſſern müſſe, und daß es thöricht ſei, dem einen Bruder die Herrſchaft der halben Welt und dem andern nichts zu geben. Es würde viel vernünftiger ſein, wenn er, Ferdinand, König von Spa⸗ — 128 Der Herzog von Burgund und Niederland. nien, Neapel und Navarra würde, ſein Bruder Karl aber bliebe was er wäre, Herzog von Burgund und Nieder⸗ land; auch könne ja derſelbe nach ihres väterlichen Groß⸗ vaters Tod zum deutſchen Kaiſer gewählt werden. Dieſer Gedanke wird mit Ferdinand groß werden; ich werde da⸗ für ſorgen, daß das Feuer unterhalten und angefacht wird. Aber daß er auch in des Königs Ferdinand Seele er⸗ wache, iſt nöthig; und du wirſt ſchwerlich zweifeln, daß auch dies mir gelingen wird. Ein vornehmer ſpaniſcher Ritter ſagte zu mir: dem feſten Willen eines jungen ſchö⸗ nen und ſchlauen Weibes iſt Alles möglich. Daß ich jung bin, leitet keinen Zweifel, daß ich ſchön bin, ſagen mir alle Männer und mein Spiegel; ob ich ſchlau bin, magſt du ſelbſt entſcheiden. Genug, ich denke daran, den König ſo weit zu bringen, daß er den Prinzen Ferdinand zu ſeinem Nachfolger beſtimmt. Meine weitere Aufgabe iſt, daß Prinz Karl, ſeine Tante, die Statthalterin und ſein Großvater, der Kaiſer, von dieſen Plänen am ſpaniſchen Hofe Kenntniß erhalten. Der Kaiſer und ſeine Tochter lieben Karl, wie wenn er ihr eignes Kind wäre, ja mehr noch; ſie lieben Ferdinand nicht, weil er ein Spanier iſt; ſie betrachten ihn immer nur als Enkel des Königs Fer⸗ dinand, zwiſchen dem und ihnen ſtets ein kaltes, ſteifes, erzwungenes und argwöhniſches Weſen war. So wird denn auch die Flamme des Haſſes in Karl's Bruſt auf⸗ lodern. Ahneſt du nun, was ich damit bezwecke? Ein Bruderkrieg in Spanien, Aufſtand der Bauern in Deutſch⸗ „ Der Herzog von Burgund und Niederland. 129 land, immer neuer Krieg des Kaiſers mit Frankreich, ſo daß von ihm keine Hülfe nach Spanien gehen kann. So muß die Kraft unſerer Feinde ſich ſelbſt vernichten, und mein Volk wird leichtes Spiel haben, dieſen Chriſten wieder den Fuß auf den Nacken zu ſetzen. Wir, wir werden die Herren von Spanien, und jener Knabe wird unſer König ſein, den ich auf den goldnen Stuhl der Al⸗ hambra erheben will.“ Das Auge des reizenden Mädchens ſprühete Blitze prophetiſcher Begeiſterung. Eleonore verſetzte:„Ich habe in dir, der Jünger meine Meiſterin gefunden, und ich kann dir meine Bewundrung nicht verſagen; ja ich bringe dir den Zoll derſelben mit Freuden dar. Jetzt erſt be⸗ greife ich dich ganz, und ich würde dir dienen, ſelbſt wenn ich nicht hoffen dürfte, dadurch die Befriedigung meiner Rache, nach der ich lechze, zu erlangen.— Deine Ge⸗ ſchicklichkeit, das Widerſtrebende zu deinen Zwecken zu ver⸗ binden, erfüllt mich mit Erſtaunen. Ich konnte nicht be⸗ greifen, was du mit dieſem Schwächling Bübenhoven wollteſt, einem Menſchen, der mir ſtets zuwider war, und der mich höchſt wahrſcheinlich einſt an die Erzherzogin Johanna verrieth; ich zweifelte, daß du ihn gewinnen würdeſt.—“ „Und wie ſchnell und ſicher hab' ich ihn gewonnen!“ lachte die Gräfin.„Was uns gemeinſchaftlich erſt nicht gelingen wollte, gelang mir in der vorigen Nacht allein. Er iſt der Unſtige. Ihn fing ich mit der Erzählung, wie Ein deutſcher Leinweber. W. 9 130 Der Herzog von Burgund und Niederland. der Herr von Chievres in Brüſſel die Zaroya, die Bü⸗ benhoven immer noch liebt, verfolgt, weil ſie ſeine An⸗ träge zurückgewieſen. Ich ſchilderte ihm die deutſchen Bauern als die einzigen Freunde der Zigeuner und malte ihm die Sklaverei, die ihnen aufgebürdet worden, mit grellen Farben aus. Er hatte denſelben Tag eine ähnliche Geſchichte erlebt. Nun ging ich auf das Elend meines Volks über; er hatte es in Spanien ſelbſt kennen gelernt. Ich ſah Thränen in ſeinem Auge glänzen, und nun war er mein. Bald wußte ich, daß er für den Kaiſer nicht jene närriſche Schwärmerei hegt, von der faſt alle Deut⸗ ſchen angeſteckt ſind, und daß er die Pfaffen verachtet. Er verehrt nur die Statthalterin der Niederlande und Ja⸗ kob Fugger, und dieſer beiden wegen ſcheut er ſich mit ſeiner wahren Farbe hervorzutreten. Doch im Stillen wird er für uns wirken. Dieſe weichen, gefühlvollen Na⸗ turen ſind die treueſten Anhänger der Volksſache. So werden wir im reichen Hauſe der Fugger zwei Freunde haben; denn nicht eher verlaſſe ich Augsburg, als bis ich auch Ulrich Fugger zu den Unſrigen zählen kann. Er traut mir noch nicht wegen meiner Verbindung mit dem Abt von Kempten; aber ich werde ihm begreiflich zu machen wiſſen, daß dieſer geiſtliche Herr nichts als ein unbewuß⸗ tes Werkzeug in meiner Hand iſt. Alle müſſen ſie mir dienen, Alle, Fürſten und Prälaten, Ritter und Bauern, Freund und Feind.“ „Ja ſolcher Schlauheit muß das große Werk gelingen!“ Der Herzog von Burgund und Niederland. 131 jubelte Eleonore.„Ich glaube, es wäre dir nichts Un⸗ mögliches, die Engel aus dem Himmel und die Teufel aus der Hölle zuſammenzuſpannen, um deinen Sieges⸗ wagen zu ziehen. Du biſt wahrhaftig und in der That eine mächtige Zauberin und gleichſt den Feen, von denen meine Amme mir erzählte.“— Die beiden Frauen trennten ſich; die Gräſin genoß einer kurzen Ruhe. Der junge Tag verwandelte ſie wie⸗ der in eine ſchöne Chriſtin. Nicht lange, und der Abt von Kempten wurde bei ihr angemeldet. Ueber ihre Züge glitt bei Nennung ſeines Namens ein ſpöttiſches Lächeln. Der ſtolze hoffärtige Prieſter trat herein. „Die letzten Kriegshaufen ziehen heute ab,“ ſagte er verdrießlich,„die Fürſten ſind fort, um ſich auf den Reichs⸗ tag in Worms zu begeben, wohin der Kaiſer ebenfalls gehen wird; der Cardinal iſt nach der Schweiz zurück, die meiſten der reichen Krämer hier rüſten ſich zu Handels⸗ reiſen; es wird von heute an ſehr langweilig in dem ge⸗ prieſenen Augsburg werden. Sagt mir, was gedenkt Ihr zu thun, ſchöne Agnes?“ „Ich werde ſo lange hier verweilen, bis ich den Ru⸗ binenſchmuck von Euch habe, und dann ebenfalls gehen.“ „Den Rubinenſchmuck?! Ah bah! Wißt Ihr auch, daß er für die junge Kurfürſtin von der Pfalz beſtellt iſt?“ „Eben weil ich das weiß, will ich ihn haben.“ „Und wißt Ihr, was der Goldſchmied dafür fordert?“ „Ich dächte doch, Ihr müßtet wiſſen, daß mir das 9 ½ 132 Der Herzog von Burgund und Niederland.. ſehr gleichgültig iſt. Seid Ihr zu arm oder zu geizig, mir den Schmuck zu kaufen, ſo ſagt es ohne Umſchweife, Herr Abt; es wird ſich dann ſchnell ein andrer Käufer finden, der die Kreuzer, um die er leichter wird, nicht ängſtlich berechnet. Ich ſage Euch, der Schmuck wird doch mein; und dann reiſe ich ab, auf den Käufer kommt es an, wohin.“ „Verwünſchte Nire!“ gromelte der Prälat.„Soll ich denn meine Bauern auf immer ſchmälere Koſt ſetzen, um alle deine tollen Gelüſte zu befriedigen? Haſt du noch nicht daran gedacht, wieviel du mich ſchon gekoſtet haſt?“ „Führwahr, ich habe an beſſere Dinge zu denken!“ lachte die Liſtige.„Lehrt Eure Bauern Gras freſſen, was dem König Nebucadnezar einſt ſo trefflich mundete. Was ein König gekonnt, werden doch Bauern vermögen!“ „Ein köſtlicher Gedanke, um deswillen ich dich küſſen muß, Agnes!“ rief der Abt und wollte berſten vor Lachen. „Gras müſſen ſie freſſen, wie die Hunde vor dem Regen; damit ihnen die albernen Gedanken vergehen. Wozu braucht ein Bauer Gedanken? Arbeiten ſoll er für ſeinen Herrn, und dieſer ſoll denken, wie er ihren Verdienſt am beſten zu ſeinem Nutzen und Vergnügen anwende. Gras und Heu wird ihnen das Denken vertreiben. Du ſollſt den Schmuck haben, Agnes, um dieſes unvergleichlich guten Einfalls, und ſollt ich den Fuggern oder Welſern zehn Dörfer für den Kaufſchilling verſetzen. Und dann wird mich mein buntes Schlängelein wohl nicht länger nach dem ſüßen Minnelohn ſchmachten laſſen.“ Der Herzog von Burgund und Niederland. 133 „Ihr wißt, mein Freund, ich laſſe mir kein Ver⸗ ſprechen abgewinnen, weder durch Schmeichelei, noch durch Geſchenke, noch durch Trotz. Was ich gewähre, iſt freies Geſchenk meiner Gunſt.“ „Und dann gehſt du mit mir nach Kempten?“ „Ich verſpreche nichts.“ „Könnteſt du mich betrügen, und dem kecken Fugger gewähren, was ich dir noch nicht abgewinnen konnte? Reize den Löwen in meiner Bruſt nicht! Meine Rache könnte fürchterlicher werden, als du ahneſt.“ Agnes erblaßte einen Augenblick. Blick und Ton des Abts überzeugten ſie, daß er der Mann ſei, ſeine Drohung auszuführen. Doch im Nu hatte ſie ihre ganze Unbefan⸗ genheit wieder, und in ſüßen Schmeicheltönen flötete ſie, während ihre kleine Sammthand über das finſtere aufge⸗ Cn. dunſene Geſicht des gewaltthätigen Prieſterfürſten ſtrich „Haltet Ihr mich einer ſolchen That fähig, ſo laßt Euern Bauern die Kreuzer und dem Goldſchmied den Schmuck. Es war mein Scherz. Ich reiſe ohne das Kleinod und werde Euch ſtets ein ſüßes Andenken bewahren.“ „Du erhälſt den Schmuck, und Alles was du willſt, Mädchen, und bleibſt bei mir. Ich kann nicht mehr ohne dich leben, Agnes. Auch will ich dich ferner nicht mit meinen eiferſüchtigen Grillen plagen.“ * „So ſeid Ihr mein theuerer Freund, um deswillen ich Rom verließ und in dies traurige Deutſchland kam. Den Mann, der mir vertraut, werd' ich zu belohnen wiſſen.“ 134 Der Herzog von Burgund und Niederland. Der Abt umarmte die reizende Schlange und ging, um den Schmuck zu kaufen. „Geh nur und preſſe deinen Bauern das Mark aus den Knochen!“ höhnte ihm die Gräfin nach.„Zur Ver⸗ zweiflung müſſen die unglücklichen Menſchen gebracht wer⸗ den, eh' ſie gegen ihre Dränger aufſtehen. Der Hunger muß ſie zwingen, die Pflugſchar in ein Schwert umzu⸗ ſchmieden. Ha! wir wollen die blutgierige Meute auf ſie hetzen und ſie ſelbſt aufreizen und ſtacheln, bis auch ſie zu wüthenden Hunden werden, und der raſende Kampf be⸗ ginnt. Dann nieder mit dir, du übermüthige Chriſten⸗ brut, die du den Fuß mit kalter Verachtung auf den Nacken edler Völker ſetzeſt und ſie im Namen deines ge⸗ kreuzigten Gottes peinigeſt!“ Eh' eine Stunde vergangen war, trat Ulrich Fugger in das Kloſet der Gräfin. Sein trübes Auge begegnete ihrem ſchwermüthigen Blicke. „Ihr wollt unſte Stadt wieder verlaſſen, wie mir mein Vetter Raimund ſagt,“ begann er mit unſichrer Stimme. „Er hat Euch die Wahrheit geſagt. Die Abendſonne des morgenden Tags wird meinen Schatten auf meinen Weg hinter mir werfen.“ „So zieht Ihr nach Abend? Wohin?“ „Was kann Euch daran liegen, dies zu wiſſen? Ihr habt mir mehr als einmal geſagt, ich ſei Euch ein Räthſel. Laßt es mich bleiben!“ 1 Der Herzog von Burgund und Niederland. 135 „Was treibt Euch von hinnen? Mir ſchien, als miß⸗ fiele es Euch nicht in Augsburg.“ „Mein Zweck hier iſt erfüllt. Die Macht, die über mich verfügt, und der ich mit Leib' und Leben gehöre, fragt nicht danach, ob es mir hie oder da gefalle. Wann ſie befiehlt, muß ich weiter ziehen, und wenn das Herz mir verblutete.“ „Ihr deutet wieder auf ein unſeliges Geheimniß, in das Ihr Euch immer tiefer hüllt. Welche Macht in der Welt könnte Euch zu Ihrer Sklavin machen? Ich begreife nichts von Allem, was Ihr ſagt.“ „Es iſt mir nicht verwehrt, Euch den Namen meines ſtrengen Herrn zu nennen, aber nur Euch und denen, die Euch gleichgeſinnt ſind; denn Ihr ſeid daran, Euch ihm zu unterwerfen. Er heißt: Das zu Boden getretene Volk.“ „Weib!“ fuhr Ulrich auf, und ſeine Züge geriethen in die höchſte Spannung,„du ſpielſt freventlich mit mei⸗ nem Herzen.“ „Thörichter Mann, welch ein armſeliger und lächer⸗ licher Wahn! Ich gehe morgen und kehre nie zurück. Wir ſehen uns nicht wieder. Wozu ein ſolch' kindiſches Spiel! Ich habe ernſtere und höhere Dinge vor. Ein andres Geſchäft mit edlen Männerherzen liegt mir ob: ihnen Muth einhauchen, ſie zur That entflammen, damit das rechte Werk gethan werde, wann die rechte Stunde kommt. Ich habe Euch für ein ſolch' edles und großes Herz er⸗ 136 Der Herzog von Burgund und Niederland. kannt, das in gerechtem Zorn erglüht bei den unſäglichen Leiden eurer Brüder, ihnen bereitet von der Argliſt der Mächtigen; ich ſagte Euch manch' bedeutungsvolles Wort, aber Ihr glaubtet mir nicht, und ich ſcheide deshalb mit großer Bedrübniß von Euch.“ „Wie kann ich Euch glauben, Euch der Freundin des grauſamen Bauernſchinders, des Abts von Kempten!“ „O ihr weiſen und doch ſo kurzſichtigen Männer! Habt Ihr nie von Frauenliſt gehört, die ſich des Feindes eigner Waffe bedient, die ihn durch Liebkoſungen vermag, dieſe Waffe ſelbſt zu ſchärfen und in Gift zu härten, damit ſie ihn um deſto ſicherer und tödlicher treffe?! Eure deutſche Ehrlichkeit verſteht nicht mit Pfaffen zu kämpfen. Das lernt man nur in Rom, und ich habe es dort ge⸗ lernt. Ihr habt nicht geahnt, welch' eine Freundin Ihr in mir zurückgeſtoßen; habt nicht geahnt, daß mein Herz hier thätiger war, als es ſollte.“ „Weib, wer biſt du?“ rief Ulrich glühend vor Lei⸗ denſchaft. „Nicht, was ich ſcheine,“ verſetzte ſie ruhig und ge⸗ meſſen. „Enthülle dich mir! Sprich das Wort des Räthſels aus, damit ich dir vertrauen lerne.“ „Noch darf ich nicht. Erſt wenn der edle Ulrich Fug⸗ ger ſich als der bewährt hat, der er jetzt nur noch ſcheint, als einen wahren Freund der zu Boden getretenen unter⸗ drückten Volksfreiheit, wenn er bereit iſt an die Wieder⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. 137 erkämpfung dieſer Freiheit Gut und Blut freudig zu ſetzen: erſt dann ſoll er mich in meiner wahren Geſtalt ſehen.“ „Agnes, Ihr beſtraft mich grauſam, und ich bin nicht ſchuldig. Erfahre denn mein Geheimniß, geheimnißvolle Unbekannte! Mein Herz iſt in keuſcher Minne entbrannt für dich; ich liebe dich, Agnes, und meine Seele ſtrebt dir mit allen Trieben zu. Erkenne nun die Qual, die mich gefoltert, in ihrer ganzen furchtbaren Größe. Ich liebte und— verachtete dich, die— Metze des mir verhaßten Pfaffen. Ich argwohnte, du wollteſt mich in deinem Netze fangen; deine Reden klangen mir wie verlockende Sirenen⸗ ſtimmen und— ich widerſtand.“ „Ich habe geahnet, was du mir da enthüllt haſt, Ulrich, und ich will dein Vertrauen belohnen. Auch mein Herz wurde ergriffen, von den Flammen der Liebe zu dir ich bin nicht die Freundin, nicht die Buhlerin des Abts, ich bin ſeine fürchterlichſte Feindin, die Schlange, die er im Buſen birgt, und die ſich die rechte Stelle ausſucht, um ihm den tödtlichen Biß ins Herz zu verſetzen. Und doch dürfen wir einander nicht angehören, Ulrich. Daß dies ganz unmöglich iſt, wird dir ſpäter klar werden. Laß' uns unſte Flammen auf den Heerd der Freiheit tragen und dort emporlodern, daß ſie dem in Nacht und Jammer ver⸗ ſunkenen Volke als ein vereintes Feuerzeichen leuchten, als ein Doppelſtern, ſich aufzuraffen und die bewehrte Hand gegen ſeine Würger zu kehren. Iſt es nicht ein heiligerer und erhabenerer Zweck ſich für die Befreiung geknechteter 138 Der Herzog von Burgund und Niederland. Völker zu lieben, als für die Begründung des eignen häus⸗ lichen Heerdes? Laß unſre Leidenſchaft uns dem Volke zuwenden, um es zum Krieg aufzurufen gegen Fürſten und Pfaffen, und ihm vorzukämpfen in dieſem heiligen Kriege!“ „Agnes, Agnes! Schönes, wundervolles Räthſel! Ich bin dein mit Leib und Seele. Mache mit mir, was du willſt. Du haſt mir das Herz mächtig ergriffen und ge⸗ wendet.“ Und er ſtürzte ihr zu Füßen. Meuntes Rapitel. Der Geiſt des Mittelalters, jener romantiſche ritterliche Geiſt ſtarker Gegenſätze und roher Kraſtäußerungen, war abgeſtorben, und der Geiſt der neuern Zeit, der Geiſt der Freiheit der Völker unter Geſetzen, die ſie ſich ſelbſt gegeben, der Befreiung der Maſſen vom Drucke Einzelner, die ſich die Gewalt im Staat und in der Kirche angemaßt, dieſer neue heilbringende Genius der Menſchheit war noch nicht geboren. Aber die Welt lag in ſchmerzhaften Krämpfen und Geburtswehen. Ach, ſie haben nun drei Jahrhunderte gedauert, dieſe wilden Geburtsſchmerzen, und noch heute iſt der Geiſt vernünftiger, den hohen Anlagen und Gaben des Menſchen angemeſſener Freiheit in Europa nicht zur Welt gekommen! Drüben über dem atlantiſchen Meere, in dem ungeheuern und fruchtbaren Lande, welches zu jener Zeit neu entdeckt wurde, dort iſt er erſchienen und wächſt mit ſtaunenswerther Schnelle zum Rieſen, deſſen Kraft das morſche Europa bald nicht mehr wird widerſtehen können. Dort iſt endlich das ewige Naturgeſetz zur An⸗ 140 Der Herzog von Burgund und Niederland. kennung und Anwendung gekommen, daß jeder Menſch gleiche Berechtigung hat, die ihm von der ſchöpferiſchen Natur verliehenen guten Kräfte zu ſeinem und dem Heile des Ganzen in freier Bewegung auszubilden und in Thä⸗ tigkeit zu ſetzen. Freie Bahn für jede ſittliche Kraft, Be⸗ rechtigung an den nährenden Boden der mütterlichen Erde und die Freiheit, daß Jeder ſich auf ſeine Weiſe ſein Ge⸗ müthsleben und Abhängigkeitsverhältniß vom Urgrund aller Dinge geſtalte; das iſt die große Dreieinigkeit, in welcher nur die Menſchheit Frieden und Glück finden kann. Die Zuſtände des öffentlichen Lebens waren zu An⸗ ſang des ſechszehnten Jahrhunderts in ganz Europa von der Wurzel bis zum Gipfel krankhaft, veraltet und ab⸗ geſtorben; der alte Baum ſtand zwar noch aufrecht, aber ohne treibendes und keimendes Leben. Wie konnte man Früchte von einem Stamme erwarten, der kraft und ſaft⸗ los keine Blätter mehr zu treiben vermochte? Die Kraft, die er noch geben konnte, war die des wilden, verzeh⸗ renden Feuers, das von der Leidenſchaft entzündet, mit dem dürren Holze des Baumes genährt wurde. In Deutſch⸗ land war es noch ſchlimmer, als in den übrigen Ländern beſtellt, weil hier weit mehr Intereſſen ſich gegenüber⸗ ſtanden und kreuzten. In allen Zeitgenoſſen war die Ueberzeugung erwacht, daß dieſe verwirrten und beängſti⸗ genden Zuſtände gebeſſert werden müßten, aber die Wege, die man einſchlug, führten nur noch weiter vom Ziele ab, und die Krankheit der Geſellſchaft verſchlimmerte ſich mit Der Herzog von Burgund und Niederland. 141 jedem Tage. Kaiſer und Stände hatten beide nach ihrer Weiſe den Willen, Ordnung in das Chaos zu bringen, aber theils war der Wille nicht immer gut und chrlich, theils fanden die geiſtige Ohnmacht und der ritterlich ro⸗ mantiſche Leichtſinn des Erſtern nie das rechte Mittel, das ihm ſo nah lag, den mächtig aufſtrebenden Geiſt der Un⸗ abhängigkeit, des Trotzes, des Uebermuthes und der Ge⸗ waltthätigkeit in den Fürſten und im Adel zu zähmen und den frechen Anmaßungen der Pfaffheit die Spitze zu bieten. Hätte Marximilian die unnützen, ziel⸗ und zweck⸗ loſen Kriege mit Frankreich und Venedig anfgegeben, in denen ſich ſeine Thätigkeit gänzlich aufzehrte, und es ſich an⸗ gelegentlich ſein laſſen, die junge Triebkraft des Jahrhun⸗ derts zu verſtehen, ſo würde er ſich mit den Städten und den aufſtrebenden Landbewohnern verbündet haben, um die übermüthige Fürſten- und Pfaffengewalt zu unter⸗ drücken. So wenig verſtand dieſer geprieſene Maximilian ſein kaiſerliches Intereſſe, daß er die Bauern, in welchen der lang und ſchmählich unterdrückte Geiſt deutſcher Kraft, wie er in ihren Altvordern gelebt und gewirkt, wieder zu erwachen begann und das unwürdige Joch ſchmählich⸗ ſter Sklaverei abzuwerfen ſich anſchickte, daß er dieſe Bauern, die ihn als ihren alleinigen Herrn anerkannten, liebten und verehrten und von der Wiederherſtellung der alten Herrlichkeit des Kaiſerthrones träumten, auf das Grauſamſte verfolgte und ihren Würgern preis gab. Hätte Marimilian, wie es Recht und Klugheit gleich ſtark ge⸗ 142 Der Herzog von Burgund und Niederland. boten, mit den Städten und Bauern gemeinſame Sache gemacht, hätte er, ein andrer Heinrich der Finkler, ſeine ganze Kraft dem deutſchen Regimente zugewendet, Deutſch⸗ land würde ſich von Stand an wieder zu einem gewal⸗ tigen Kaiſerthume erhoben haben; es wäre nie zerriſſen und zerſpaltet worden durch die Vielregiererei einer Menge kleiner Fürſten, und ſtrahlte jetzt als das erſte, mächtigſte und herrlichſte Land des Erdbodens, während es mit ſei⸗ nen unvergleichlichen Kräften und Mitteln das ohnmäch⸗ tigſte und der Spott der Nachbarländer iſt, die in geiſtiger und ſittlicher Hinſicht nicht werth ſind, ihm die Schuh⸗ riemen aufzulöſen. Statt ſich an die Spitze der Bewe⸗ gung zu ſtellen, dem aufgeregten Geiſt des Volks ſich zu verbünden und ſo das herrlichſte Ziel anzuſtreben, das einem deutſchen Kaiſer je gewinkt, zog es Marimilian vor ein ritterlicher König zu ſein und ſich immer mit den Franzoſen herumzuſchlagen. Und wie oft hat er es dabei mit den Geſetzen wahrer Ritterehre nur allzuleicht genom⸗ men! Der Kern des Volks, d. h. die Bürger der Städte und die Bauern waren ihrem Kaiſer in der Erkenntniß der Uebelſtände, welche ſchwer auſ Deutſchland laſteten, und der Hülfsmittel weit vorausgeeilt, wie denn in der Regel in ſolchen kritiſchen Zeiten das Verſtändniß und die Einſicht des Volks höher ſtehen als die ſeiner Beherrſcher Durch dieſes ganz fehlerhafte Benehmen des Kaiſers wurde der Uebermuth des Adels und der vornehmen län⸗ derbeſitzenden Geiſtlichkeit, ſowie in Folge derſelben der Der Herzog von Burgund und Niederland. 143 Druck des Bauers nur geſteigert. Der immer mehr auf⸗ blühende Handel der Städte führte die Befriedigung der künſtlichen neuen Bedürfniſſe der Herren, die ſie ſich auf den Kriegszügen in Frankreich und Italien, wie auf den Reichs⸗ und Landtagen erworben hatten, herbei: die alte Einfachheit des Lebens ſchlug in einen hochfahrenden Lurus um, in welchem der Adel nicht hinter den reichgewordenen Städtern zurückbleiben wollte, und neue, oder erhöhte dem Bauer aufgebürdete Auflagen mußten die Mittel dazu her⸗ geben. Auch wurde die Ritterſchaft von der Herrſchſucht und Ländergier der Könige angeſteckt; Jeder ſtrebte nach mehr Land und Leuten, um deſto mehr Geld aus ihnen zu ziehen. Von der andern Seite mehrte ſich die Anzahl träger Pfaffen, die alle vom Bauer ernährt werden mußten, und nach Rom ſtrömte jährlich eine Unmaſſe Geld für Ablaß und andre geiſtliche Zugeſtändniſſe. Das Meiſte mußte der Bauer erſchwingen. Und wie dadurch der letzte Reſt ſeiner einſtigen Freiheit verloren ging, wie er in immer tiefere Armuth verfiel und zum Laſtthier ſeines Herrn herabſank, wie er vom Pfaffen in immer tiefere geiſtige Ohnmacht und Abhängigkeit hinabgedrückt wurde, ſo ſtieg auf der andern Seite der Uebermuth, die Kleider⸗ pracht, die Genußſucht und die Schwelgerei in Sinnenluſt der weltlichen und geiſtlichen Herren in gleichem Grade höher und höher.. Nichtsdeſtoweniger war auch der höhere Adel, die Rit⸗ terſchaft mit der neuen Geſtaltung der Dinge unzufrieden. 144 Der Herzog von Burgund und Niederland. Sonſt war der Kriegsdienſt eine Haupterwerbsquelle für die edlen Herrn geweſen, ſeit der Erfindung des Schieß⸗ pulvers wurde der ſonſt verachtete und kaum gebrauchte Fußſoldat der vorzüglichere und begehrtere Krieger; der vom Kaiſer Marimilian und ſeinem berühmten Feldober⸗ ſten Georg von Frundsberg geſchaffene Landsknecht machte die Dienſte des Adels faſt entbehrlich. Der Landfriede, welchen der Kaiſer anbefohlen und der ſchwäbiſche Bund aufrecht zu erhalten ſich gebildet hatte, verwehrte ihm das einträgliche Wegelagern, wodurch er ſich an den reichen Städtern zu erholen gewohnt war, und deshalb konnten und mochten Viele das alte ritterliche Gewerbe, trotz der ſtrengen Reichsgeſetze, denen der Kaiſer keinen Nachdruck zu geben vermochte, nicht aufgeben, und der ſchwäbiſche Bund ſah ihnen dabei oft durch die Finger. An den Höfen und in den Richterſtuben der Fürſten war der rohe unwiſſende Adel nicht mehr gern geſehen; die Fürſten wollten gewöhnlich nur gelehrten Doctoren und wiſſen⸗ ſchaftlich gebildeten Männern als ihren Räthen Gehalte geben; der Adel hatte aber in der Regel nur wenig Luſt etwas Tüchtiges zu lernen. Er blieb deshalb auf ſeinen Burgen und erholte ſich an ſeinen Bauern. In den Städten waren allmählig die ſogenannten Ge⸗ ſchlechter zur ausſchließlichen Herrſchaft gekommen und nah⸗ men alle einträglichen Stellen in Beſchlag, die ſie meiſt zu unbilliger Bedrückung des Bürgers benutzten. Aber Gewerbfleiß und Handel verhalfen dieſem zur Wohlhaben⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. 145 heit, und dieſe führte zum Selbſtgefühl; faſt überall be⸗ gann ein Kampf gegen die beſtehenden Verhältniſſe, der nicht ſelten mit einer blutigen Kataſtrophe endigte. Unter den Klerikern gab es viele, die, von dem mächtig aufflammenden Lichte der Wiſſenſchaft erleuchtet, einſahen, wie weit die Kirche unter der Leitung des Papſtes von der reinen Chriſtuslehre abgeirrt war, und die Ueberzeu⸗ gung gewann immer feſtern Boden in ihnen, daß dieſer Unfug, der den Satzungen der Bibel und den Urtheilen der geſunden Vernunft gleich Hohn ſprach, nicht lange mehr dauern könne. Es gingen Prophezeihungen durch den Mund der Leute, daß der Retter nicht mehr fern ſei. Die Lehren und Kriege der Huſſiten waren noch in fri⸗ ſchem Andenken. So ſtand die Welt auf einem Vulkane, und die Be⸗ gabten vernahmen das unterirdiſche Murren und Dröhnen; den Andern war wenigſtens die Gewitterluft drückend; Allen war es unbehaglich zu Muth. Die Behauptung, daß das ehrwürdige Familienhaupt des Fugger'ſchen Hauſes in Augsburg unempfänglich für das Verſtändniß der Zeichen der Zeit geweſen, wäre eine thörichte. Jakob Fugger wußte gar wohl, wo es fehlte, aber er war befangen in den Anſichten, in wel⸗ chen er aufgewachſen war; er kannte das Uebel, aber er hielt durchgreifende, entſchiedene Heilmittel nicht für die rechten, vielmehr für die gefährlichen. Nur wenigen und nur genialen Menſchen iſt es gegeben, in ſchwierigen Ein deutſcher Leinweber. W.* 10 146 Der Herzog von Burgund und Niederland. Lagen und Zeiten das rechte Rettungsmittel zu finden. Das Erzhaus Oeſtreich war der Wohlthäter und Förderer des Fuggerſchen Hauſes geweſen; ſeinen Privilegien und Vergünſtigungen verdankten die Fugger nicht nur einen großen Theil ihrer Reichthümer, ſondern auch den Reichs⸗ adel; Jakob Fugger war in der tiefſten Verehrung des Kaiſers Friedrich und des Erzherzogs und Königs Maxi⸗ milian groß geworden und hatte mit dem Letztern, mit dem er in ganz gleichem Alter war, gleichſam den Lebens⸗ weg zurückgelegt; es war ſelten ein Jahr vergangen, daß ſie ſich nicht geſprochen und Fugger nicht nene Gnaden⸗ beweiſe von dem treuherzigen und leutſeligen Mar erhalten hatte. So waren die Liebe und die Verehrung Jakob's für den Kaiſer ihm gleichſam zur Natur geworden und hatten ihn blind gemacht für die Fehler deſſelben. Auch hatte er dieſe Liebe für das Reichsoberhaupt mit den mei⸗ ſten Deutſchen gemein. Alles, was von Mar ausging, hatte Fugger's Beifall, und wenn die Folgen der kaiſer— lichen Handlungen nicht ſeinen Erwartungen entſprachen, ſo fand ſich ſein frommer Sinn deshalb leicht mit der göttlichen Weltregierung ab, die es nicht anders zuge⸗ laſſen habe. Auch wurde der ehrliche Leinweber gerade in dem heftigſten Drängen und Treiben der Zeit, in dem wilden Durcheinander der Intereſſen immer reicher und gewann Geld, Land und Leute, daß er ſich wohl mit ei⸗ nem Reichsfürſten meſſen konnte. Wie hätte er nun dazu kommen ſollen, den wild aufſtrebenden Volksgeiſt und den Der Herzog von Burgund und Niederland. 147 Kampf der Gelehrten und Schriftſteller gegen die kirchli⸗ chen Misbräuche zu loben und Einrichtungen ſcharf zu tadeln, bei denen, ſo mangelhaft ſie immer ſein mochten, er ſich wohl befand? Die beſten Menſchen kommen ſelten über die Eigenſucht hinaus, und den Kaufleuten nament⸗ lich iſt ſie Lebenselement. Zweifel und Bedenken, die der treffliche Mann zuweilen in ſich rege werden fühlte, ſuchte er mit unerſchöpflichen Wohlthaten, die er an alle ihm nahe tretende Bedürftige ſpendete, zu beſchwichtigen. Das Schickſal beſtrafte ihn für ſeine Selbſtſucht, indem es in ſeinem eignen Hauſe kühne Köpfe erweckte, welche die Forderungen der Zeit begriffen und ſehr geneigt wa⸗ ren, ſie zu fördern; ja ſelbſt der junge Mann, auf deſſen Erwerbung und Lebensgeſtaltung er ſich etwas zu gut that, der ſanfte Marr von Bübenhoven, neigte ſich den neuen Anſichten zu, und die Zeit webte bereits an den Bändern, deren Verknüpfung dem achtungswerthen Leinweber die letzten Lebenstage bitter verkümmern ſollte. 10* Behntes Rapitel. Der Herbſt hatte Feldern und Wäldern ſeine bunten Farben gebracht, als ein ſtattlicher Zug Reiſender in dem goldreichen Kremnitz in Ungarn anlangte. Es war die Familie Fugger nebſt einigen Freunden und Verwandten auf der fröhlichen Brautfahrt. Die Männer waren zu Pferde, die Frauen in einem Wagen, und nur Frau Si⸗ bylle hatte in einer mächtigen Sänfte, die einem kleinen Hauſe glich und von zwei ſtarken Maulthieren getragen wurde, bequemen Platz. Noch zehn ledige Maulthiere be⸗ fanden ſich bei dem Zug zur Abwechſelung; denn Frau Sibylle war ſchwer und die Reiſe weit. Die Mädchen bedienten ſich der Thiere auch zuweilen zum Reiten. Das Volk aus dem freundlichen Bergſtädchen war in Maſſe zu⸗ ſammengelaufen, um den Einzug des weltberühmten Hauſes zu ſehen, und Herr Jakob wurde eingeholt wie ein Fürſt. Denn der Kammerrath Turzvin mit ſeinem Sohne Georg, dem Berg⸗ und Münzmeiſter, die Behörden der Stadt und viele königliche Beamte, Eoelleute und reiche Bürger 1 . Der Herzog von Burgund und Niederland. 149 waren mit der ganzen Knappſchaft der Bergwerke und den Münzknechten im prächtigſten Staat und mit klingendem Spiele bei einer Stunde Wegs weit entgegen gezogen. Vorab kamen die Bergmuſikanten und ſpielten luſtige Märſche, dann die Schichtmeiſter und Oberſteiger zu Fuß; nun ritt Jakob Fugger in der Mitte vom Kammerrath und dem Woiwoden, Raimund in der Mitte von Georg Turzoin und dem Geſpan, Bübenhoven in der Mitte ei⸗ nes Bergbeamten und eines Stadtbeamten, dann Johann Baumgärtner von Baumgarten, ebenſo begleitet. Dies waren die drei Bräutigame. An ſie ſchloß ſich Frau Si⸗ bylle in der Sänfte, ihre Schwägerinen Veronica und Regina und die Töchter der beiden letztern, die ſanfte Sibylle und die ſchöne Regina, die beiden Bräute, alle auf aufgeputzten Maulthieren und umgeben von ungariſchen Schnurrbärten zu Pferde. Endlich ritt Ulrich Fugger mit ſeinen Schwägern Philipp von Rain und Walter Ehinger, ſeinen Schweſtern Urſula und Veronica, den Frauen der beiden genannten Edelleute und der noch ledigen, ſtolzen Suſanna; nun leuchtete an der Spitze der ſämmtlichen Dienerſchaft, unter welcher ſich auch Lore vom Haſenhof, als der jungen Sibylle Magd befand, Veit Schellenber⸗ ger's ehrwürdige Naſe, und den Zug beſchloß die große Menge der Bergknappen und Münzknechte, welchen das jubelnde Volk nachdrängte. Den Zug entlang auf und ab galoppirte ein ſchöner brauner Burſche in funkelnder Bergmannstracht, dem das rabenſchwarze Haar in dicken 150 Der Herzog von Burgund und Niederland. Locken auf die Schultern fiel und deſſen großes dunkles Auge feurig und ſchelmiſch blitzte. Frau Sibylle winkte ihm, ſo oft er ehrfurchtsvoll grüßend an ihr vorüber ritt, mit Wohlgefallen zu, und er zwang ſeinen ſchwarzen Ren⸗ ner immer zum Schritt, wenn er in ihre Nähe kam, und machte dann, wenn er vorüber war, die verwegenſten Reiterkunſtſtücke, die Aller Bewundrung erregten und die ihm Keiner nachthun konnte. Es war Toni, Frau Si⸗ byllens ſchelmiſcher Schützling, der in den finſtern Schachten die edle Reitkunſt nicht verlernt hatte, die ihm gleichſam angeboren war. Veit Schellenberger nickte ihm mit her— ablaſſender Freundlichkeit zu und gab ihm ſeine Zu⸗ friedenheit mit dem Lächeln und den Handbewegungen eines Protectors zu erkennen. Ueberhaupt hatte der treff⸗ liche Veit die Manieren eines vornehmen gnädigen Herrn angenommen und brachte die Beweiſe ſeiner Huld in Blicken, Bewegungen und einzelnen Worten an den Mann, d. h. an ſeine Bekannten unter den Bergknappen, Münz⸗ knechten, der Dienerſchaft und dem Volke, und es war nichts poſſirlicher, als ihn die Grüße mit geſpreizter Hal⸗ tung erwiedern zu ſehen, die ihm entboten wurden. Vor der Stadt kamen dem Zuge drei Frauen auf Maulthieren und mehre Kinder auf Eſeln entgegen geritten. Es waren die Frau des Kammerraths Turzvin, ihre Schwiegertochter Anna und ihre Tochter Katharina, Raimund Fugger's Braut, und Anna's Kinder. Die herzlichſten Begrüßungen und Umarmungen fanden von neuem ſtatt. Anna, die Der Herzog von Burgund und Niederland. 151 holde Hausfrau, lag an der Bruſt ihrer Mutter, ihrer Schweſter und ihres Bruders, küßte die dicke Baſe Si⸗ bylle, daß ſie laut aufſtöhnte und umſchlang den lieben Ohm Jakob mit Jubel. Katharina, das ſchwarzäugige Ungarmädchen, ſtand verſchämt vor dem ſchönen männ⸗ lichen Jüngling, der erleſen war, ihr Lebensgefährte zu werden, bis er ſie an die Bruſt zog und ſein Loos glück⸗ lich preiſend, ihren ſüßgeſchwellten Mund, ihre wonne⸗ feuchten ſtrahlenden Augen und ihre gewölbte Stirn mit Küſſen überglühete. Die drei Frauen wurden in den Zug eingereiht, der ſich nun wieder in Bewegung ſetzte, um bald ſein Ziel, das prächtige Fuggerſche Münzgebäude am Berghang zu erreichen. Doch fand Raimund erſt noch Gelegenheit, ſeiner Braut zuzuflüſtern:„Iſt unſer Pflege⸗ ſohn auch mitgekommen?“ Katharina nickte und deutete mit den Augen auf einen ſchönen ſchmächtigen Knaben von ungefähr ſieben Jahren mit ungewöhnlichem Ernſte für ſein Alter in den Zügen und einem großen, dunkelbraunen, ſchwärmeriſch blickenden Auge. Die Geſichtsbildung dieſes Kindes war ausgezeichnet und fremdartig, aber ſchön und einnehmend. Ein eigen⸗ thümlicher Geiſt blitzte aus ſeinen Augen, eine Glut, die mit der Zeit zu gewaltigen Flammen werden mußte; und doch ritt er ſtolz und ruhig auf ſeinem prächtig aufge⸗ zäumten Eſel und nahm ſich in der ungariſchen National⸗ tracht ſtattlich aus. Raimund vermochte kaum einen Aus⸗ ruf des Erſtaunens zu unterdrücken, ſo mächtig war der 152 Der Herzog von Burgund und Niederland. Eindruck, den die eigenthümliche Schönheit des Knaben auf ihn machte. Und auch nach der Ankunft blieb ſeine Aufmerkſamkeit zwiſchen ſeiner Braut und dem Knaben getheilt, und die Erſtere verſtärkte die dem Letztern zuge⸗ wendete Hälfte derſelben noch dadurch, daß ſie nicht müde ward, dem Geliebten von der merkwürdigen Entwicklung und den überraſchenden Geiſtesgaben des Kindes zu er⸗ zählen. Anna war ihm Mutter geworden, aber Katharina noch mehr, gewiſſermaßen geiſtige Mutter, Schweſter, ja ſein guter Genius, und es zeigte ſich zur Genüge aus ihren Worten und Handlungen, daß ſie mit ſchwärmeri⸗ ſcher Liebe an ihm hing. Aber die angekommenen Gäſte konnten Gelegenheit haben, bald zu bemerken, daß der ernſte und doch lebhafte Knabe mit dem ſeltſamen Weſen nicht allein Katharinas Liebling war, ſondern daß alle Hausbewohner,„die Waiſe des fremden Bergmanns“ beſonders liebten. Es ſchien ſogar, als werde er von den beiden Gatten Georg und Anna Turzoin den eignen Kin⸗ dern vorgezogen. Seine Milchſchweſter Regina, Turzoins älteſtes Töchterlein, ein zartes liebliches Weſen mit einem ſüßen Elfengeſichtchen, hing wie mit magiſchen Banden an ihm, und ſtrts ſah man die beiden ſchönen Kinder beiſammen. Sie glichen in der That, wenn ſie Arm in Arm einhergingen, einem Paar überirdiſcher Weſen, Ge⸗ nieen, welche in das Haus gekommen waren, um das Glück deſſelben zu überwachen; ja die roheſten Bergknap⸗ pen wichen ihnen ſcheu aus, um ſie mit keinem Blicke zu Der Herzog von Burgund und Niederland. 153 z08 9 beleidigen, und flüſterten ſich oft ihre abergläubiſchen An⸗ ſichten und Meinungen zu, melche dahin zielten, der außer⸗ ordentliche Reichthum der Fuggerſchen Bergwerke ſtehe im engſten Zuſammenhange mit dieſen beiden Kindern, die nicht von bloßem Ungefähr in dieſem Hauſe erſchienen ſeien. Der fremde verſtorbene Bergmann, für deſſen Sohn Raimund Mohr, der wunderſchöne Knabe, galt, möchte wohl kein Andrer ſein, als der mächtige Berggeiſt ſelbſt, der Fürſt der ergiebigen Goldminen. Man erinnerte ſich wohl, daß eine wunderſchöne Zigeunerprinzeſſin ihn an der Bruſt vor ſieben Jahren in das Haus gebracht, und da das ungariſche Gebirgsvolk ſtets abergläubiſche und abenteuerliche Begriffe mit dem geheimnißvollen Zigeuner⸗ volke verband, welche dieſes zu ſeinem Vortheil ſchlau zu nähren wußte, ſo war es kein Wunder, daß die Knappen und ihre Weiber und Kinder die reizende Zigeunerprin⸗ zeſſin für ein Weſen höherer Art und für Raimuud Mohrs Mutter hielten und ausgaben. Dadurch ward der ſchöne Knabe in den Augen des Volks mit einem geheimniß⸗ vollen Heiligenſchein umgeben und von Allen mit ſcheuer, ſchier abgöttiſcher Ehrfurcht betrachtet und behandelt. Wenn von dem Sohne des fremden Bergmanns die Rede war, ſo nickten ſich die Bergleute bedeutungsvoll zu, und manche Weiber bekreuzten ſich wohl gar und griffen zum Roſen⸗ kranze. Dies gab dem Knaben ein eigenthümliches Ge⸗ wicht und Anſehen, und wie er von den Mitgliedern der turzoinſchen Familie geliebt ward, ſo ward er von allen 154 Der Herzog von Burgund und Niederland. andern Leuten verehrt. Am meiſten zeichnete ſich aber in Liebe und Anhänglichkeit an die beiden Kinder der Berg⸗ knapp Toni aus, und er überbot die eines treuen Hundes bei weitem. Er war ihr Wärter, ihr Diener, ihr Spiel⸗ kamerad, ihr Helfer, ihr Alles⸗möglich-Macher. Er machte ihnen tolle Späße vor, er lehrte ſie reiten und tanzen, er ſpielte ihnen die ſchönſten Lieder und Tänze auf der Geige und dem Cymbal, er ſang ihnen luſtige und rührende Lieder vor; er verfertigte ihnen tauſenderlei Spielzeug, er ſchlug Purzelbäume, lief auf den Händen, ſtand auf dem Kopf, ſchnitt Grimaſſen, er hatte kleine Pferde und Eſel für ſie zugeritten, Hunde für ſie dreſſirt, blendend weiße Lämmer und Ziegen für ſie groß gezogen, er fing Vögel für ſie und lehrte ſie die ſchönſien Stückchen pfeifen; die erſten und ſchmackhafteſten Früchte der Gärten pflückte er für ſie und kletterte deshalb mit halsbrechender Wagniß auf alle Bänme. Kutz ſein ganzes Leben ging gewiſſermaßen in dem der beiden Kinder auf. Dieſe außer⸗ ordentliche Anhänglichkeit Toni's an ſeine Pfleglinge be⸗ ſtärkte das Volk nur in ſeiner abergläubiſchen Voraus⸗ ſetzung in Bezug auf Raimund Mohr, da es durch Veit Schellenbergers Geſchwätzigkeit nicht unbekannt ge⸗ blieben war, daß Toni von Zigeunern abſtammte; die Frauen hatten ſich bald genug allerlei Märchen über des kleinen Raimunds Entſtehung zuſammengeſetzt, und wie Herr Fugger ihn durch hohe Zauberkunſt für ſeine Berg⸗ werke gewonnen; die Behauptung, der reichſte Bergſegen Der Herzog von Burgund und Niederland. 155 ſei für immer durch dieſen geheimnißvollen Knaben an das Fuggerſche Haus gebunden, und deshalb ſeien auch die beiden Milchgeſchwiſter Raimund und Regina für ein⸗ ander beſtimmt und würden ein Ehepaar und dann Rai⸗ mund Oberbergmeiſter werden, griff immer mehr Platz unter den Leuten. Die Liebe der Familie Turzoin zu den beiden Milchgeſchwiſtern ſteckte auch bald die angekommenen Gäſte mehr oder minder an. Am meiſten machten ſich Bübenhoven und ſeine Braut mit ihnen zu ſchaffen, aber ſelbſt die alte dicke Frau Sibolle ſchmunzelte mit den bei⸗ den Kindern und theilte allmählig ihre Gunſt, die zeither der Junker Marx und ihre Pathe allein beſeſſen, und die ſie in Kremnitz theilweiſe dem tollen Toni, der ihr ſonſt ſo viel Vergnügen gemacht, zugedacht, ihnen mit. „Es ſind herzige Fratzen,“ ſagte ſie vergnügt lächelnd und küßte ſie wohl dabei ab,„und der Bub ſieht aus wie ein rechter Herr. Sie haben mir's angethan, und ich kann mich nicht ſatt an ihnen ſehen, ſo fein und wohl⸗ geſtaltet ſind ſie. Ja ja ſie müſſen einmal ein Paar wer⸗ den; ſie ſehen jetzt ſchon aus wie Brautleute.“ Herr Jakob ſchüttelte zu ſolchen Worten bedenklich den Kopf, obgleich man's auch ihm anmerken konnte, wie ſehr er die beiden Kinder liebte. Katharina wußte ſich etwas darauf, daß ihr Pflege⸗ ſohn, wie ſie den kleinen Raimund ſo gern nannte, ſo allgemeinen Beifall fand, und ſie und ihr Verlobter be⸗ trachteten es als eine ausgemachte Sache, daß der Knabe 156 Der Herzog von Burgund und Niederland. zog ihnen als ihr Pflegekind nach Augsburg folgen und gleich das dritte Glied ihres neuen Hausſtandes ausmachen werde, und ſie hofften die Schwierigkeiten, die ſich ihnen in dieſer Beziehung darbieten würden, zu beſiegen. Die größte war 4 wohl die, die beiden Kinder zu trennen. Frau Sibylle ſchwur Stein und Bein, dies ſei ihre erſte und letzte Reiſe, die ſie in ihrem Leben gemacht, und wenn ſie an das enge Häuschen, in dem ſie vierzehn Tage lang geſteckt, ſtets in Gefahr zu erſticken oder vor Langweile zu verkommen, denke, ſo grauſe es ihr vor der Heimfahrt. Wenn ſie ihr Augsburg nicht zu lieb habe, ſo daß ſie in einem andern Orte der Welt gar nicht le⸗ ben könne, und wenn ihre Kinder in der Fuggerei nicht wären, ſo könnte ſie ſich aus lauter Furcht vor der Heim⸗ reiſe entſchließen, ganz in Kremnitz zu bleiben; ſo aber ginge das unmöglich, ſie müſſe heim, und wenn es noch ſchlimmer hergehen ſolle, als auf der Herfahrt. Sie brauchte auch eine volle Woche, um ſich zu erholen, und obgleich Alle Alles aufboten, ihr den Aufenthalt im frem⸗ den Lande angenehm zu machen, ſo gelang dies doch kei⸗ nem beſſer, als dem tollen Toni, der ſie auch jetzt wieder mit ſeinem Späßen erheiterte und ihr manch blankes Silberſtück abgewann. Er wurde ihr wieder ſo lieb, daß ſie in Ernſt daran dachte, ihn wieder mit nach Augsburg zu nehmen und als Hof- oder vielmehr Hausnarren bei ſich anzuſtellen. Herr Jakob und der Bergmeiſter Turzoin hatten alle e Der Herzog von Burgund und Niederland. 157 Hände voll zu thun; denn ihnen lag die Ausrichtung der dreifachen Hochzeit ob, und ſie ſollte eine ſehr glänzende werden. Schon lange vor der Ankunft der Augsburger waren im Turzoinſchen Hauſe große und weitausgreifende und des Fuggerſchen Namens in jeder Beziehung würdige Anſtalten dazu gemacht worden. Nicht nur der König mit ſeinen Kindern und ſeinem ganzen Hofſtaat war dazu eingeladen und hatte zugeſagt, auch an den Erzbiſchof von Gran und an die Biſchöfe von Colocza, Fünfkirchen, Waitzen und Bosnia und an mehre der erſten ungariſchen Magnaten und öſtreichiſche hohe Adlige, namentlich in Wien, war eine gleiche Einladung von Jakob Fugger er⸗ gangen. Zur Beherbergung aller dieſer hohen und vor⸗ nehmen Gäſte mußten im Schloſſe, in den Fuggerſchen Häuſern und in der Stadt viele Räume hergerichtet wer⸗ den, und Herr Jakob Fugger ſcheute keine Koſten. Wa⸗ ren doch die Goldminen ergiebiger als je, und dieſe Hoch⸗ zeit ſollte ein Fuggerſches Familienfeſt werden, wie dies weltberühmte Handelshaus noch keines gefeiert. Obgleich die Eröffnung der Feſtlichkeiten erſt zwei Wochen nach Ankunft der Augsburger feſtgeſetzt war, ſo rückte ſie doch ſo ſchnell heran, daß die Betheiligten es ſich kaum verſahen. In den letzten Tagen langten nicht nur die eingeladenen Gäſte in großen Zügen in der Stadt an und mußten mit Auszeichnung empfangen werden; auch eine Menge andres Volk aus der Nähe und Ferne, und darunter eine große Anzahl von Zigeunern, die als Der Herzog von Burgund und Niederland. Muſikanten, Gaukler, Tänzer und Kunſtreiter ihre Künſte zu produciren gedachten, kam in hellen Haufen, ange⸗ lockt von den im Lande umgehenden Gerüchten über die Pracht und Muniſicenz, welche Herr Jakob Fugger bei dieſer Gelegenheit entfalten werde. Auf allen Wegen und Stegen, über Berg und Thal ſah man Menſchen⸗ mſſen zu Wagen, Roß, Eſel und Fuß herbeiſtrömen, und der König des Landes hätte zu einem Feſte ſchwer⸗ lich ſolchen Menſchenzufluß gehabt, als der einfache Lein⸗ weber von Augsburg. Auf allen Gaſſen in allen Krü⸗ gen und Herbergen der Stadt erklang die Fidel des Zi⸗ geuners, der Geſang des Magyaren, der Jubelruf des Jazygen, das tolle Geſchrei des Haiducken, und wenn ſich Herr Jakob zeigte, wurde ihm Ehre erwieſen, wie kaum dem Könige, der ja dem Volke nur ein Geſpött war. Dieſer, der körper- und geiſtesſchwache König Wla⸗ dislav traf zwei Tage vor der Eröffnung der Hochzeits⸗ feierlichkeiten mit ſeinen beiden Kindern und vielen Hof⸗ leuten, in Begleitung des Cardinals und Erzbiſchofs von Gran und des Erzbiſchofs von Calocza und einer Schaar andrer vornehmer und geringer Geiſtlichen ein und wurde von ſämmtlichen Männern, welche zu den verbundenen Familien Fugger und Turzoin gehörten, eingeholt und nach dem Schloſſe geleitet. Der König, der wegen gänz⸗ licher Kraftloſigkeit in den Beinen weder gehen noch reiten konnte, wegen ſchlechter Beſchaffenheit der Wege ſich aber nicht gern einem Wagen anvertraute, wurde mit ſeinem Der Herzog von Burgund und Niederland. 159 Kinderpaare in einer großen Sänfte getragen und ſagte gleich beim Ausſteigen zu Jakob Fugger:„Ich hoffe, Ihr werdet Euch für die große Beſchwerlichkeit, der ich mich Eueretwegen ausgeſetzt, um Euer Feſt durch meine Gegen⸗ wart zu verherrlichen, erkenntlich zeigen.“ „Da haben wir's!“ flüſterte Ulrich Fugger dem Jun⸗ ker Bübenhoven zu:„Er will die Ehre, die er uns an⸗ thut, bezahlt haben und für die Gnade, die er uns er⸗ weiſt, einige Wochen unſer Gaſt in ſeinem eignen Lande zu ſein, noch ein hübſches Sümmchen einſtreichen, und unſer guter Ohm, der gegen gekrönte Häupter immer ſchwach iſt, wird nicht ermangeln, ſich dieſem königlichen Begehren willig zu fügen.“ Die jungen ungariſchen Magnaten ſcheuten ſich nicht, gleich nach der erſten Bekanntſchaft mit den Deutſchen über ihren König die frivolſten Spöttereien zu treiben und nann— ten ihn den armen Lazarus im geflickten Purpurmantel, der ſich von den Broſamen nähre, die von ihrer Tafel fielen. Die Erſcheinung ſeiner beiden Kinder war auch nicht geeignet, mit dem trübſeligen Eindruck zu verſöhnen, den dieſer König von der traurigen Geſtalt machte, ob⸗ gleich ſie ihm durchaus nicht ähnlich ſahen. Die Prin⸗ zeſſin Anna war ein feines, ſchmächtiges Kind von neun Jahren und trug die zarten Züge ihrer unglücklichen Mut⸗ ter, die einſt die Silphyde am franzöſiſchen Hofe geheißen hatte. Noch kümmerlicher, bleicher und zerbrechlicher aber war ihr Bruder, der Prinz Ludwig. Obgleich er das 160 Der Herzog von Burgund und Niederland. ſiebente Jahr ſchon zurückgelegt hatte, ſah er doch wie ein kränkliches vierjähriges Kind aus. Nichtsdeſtoweniger war er friſch und geſund; er trug in ſeinem kleinen zar⸗ ten Körper nur den Beweis, daß er zu früh auf die Welt gekommen war. Und dieſer kleine und zarte Menſch war in ſeinem dritten Jahre ſchon zum Könige von Un⸗ garn und Böhmen gekrönt worden. So ſchien es denn, als ſollte Alles mit ihm zu frühzeitig geſchehen, und wirk⸗ lich hat ſich dies eigenthümliche Schickſal an ihm während ſeines kurzen Lebens erfüllt. Am folgenden Tage machte die ganze S60 zvinſche Familie, vorab die drei Brautpaare, dem Könige die Aufwartung, den königlichen Kindern wurden die Kin⸗ der Georg Turzoins und mit ihnen als dazu gehörig Rai⸗ mund Mohr zugeführt, der nebſt ſeiner Milchſchweſter mit dem jungen Könige in gleichem Alter war, und die win⸗ zige Majeſtät fand an den neuen Geſpielen, beſonders an ihren Pferdchen, Eſeln, Lämmern, Ziegen, Eichhörn⸗ chen und Vögeln großes Behagen. Bald wollte des Kö⸗ nigs Kinderpaar nichts mehr von ſeinen Ammen, Die⸗ nern und Hofſtaat wiſſen und ebenfalls nur von dem muntern Toni bedient ſein, der ſomit die Ehre genoß, ein kleines gekröntes Haupt und deſſen Schweſterlein mit ſeinen Poſſen und Späßen beſtens zu unterhalten. Elftes Rapitel. In der Begleitung des Königs befand ſich ein Mann, der die Aufmerkſamkeit der Deutſchen vorzüglich auf ſich zog und auch von den Frauen mit beſondrer Theilnahme geſehen wurde; denn er war, wenn auch kein Jüngling mehr, doch noch ein junger Mann von ausgezeichneter Schönheit und ritterlichem Weſen, das kräftige Bild jener ungariſchen Tapferkeit und Kühnheit, von der man noch immer in allen Ländern Europas viel Rühmliches und Abenteuerliches zu erzählen wußte. Dieſer ausgezeichnete Krieger hieß Georg Doſa, war aus dem Skeklerlande in Siebenbürgen, aus den Bergen von Erdelli gebürtig und hatte ſich vor kurzem erſt in mehren Gefechten mit den Türken durch Heldenmuth, Tapferkeit, Klugheit und Ge⸗ ſchicklichkeit ſo hervorgethan, daß die Augen des kriegeriſchen Adels in Ungarn ſich auf ihn als einen der Tüchtigſten gerichtet hatten, und der König dadurch veranlaßt worden war, ihm den Adel zu verleihen; denn Doſa war ein niedrig geborner Sohn des Skekler Bergvolks. Er war Ein deutſcher Leinweber. W. 11 162 Der Herzog von Burgund und Niederland. jetzt Oberſter einer Reiterſchaar in Griechiſch-Weißenburg und vom Könige an den Hof berufen worden, um ſich mit ihm über neue Einrichtungen im Heerweſen zu ver⸗ nehmen; denn man traute dem neuen türkiſchen Groß⸗ ſultan, dem kühnen Selim, nicht und fürchtete einen neuen Ueberfall deſſelben. Einem ſolchen Ereigniß mit Vorſicht zu begegnen, dazu ſchien Georg Doſa ganz der rechte Mann. Der Ruf von der Fuggerſchen Hochzeit, welcher ſich in Ungarn verbreitet und beſonders am Hofe viel Redens gemacht, hatte den tapfern Reiteranführer ver⸗ mocht, den König zu bitten, daß er ihn nach Kremnitz begleiten dürfe; denn Doſa war noch niemals mit Deut⸗ ſchen aus dem Reiche in Berührung gekommen. Der König hatte dieſem Wunſche gern gewillfahret; das Gefühl ſei⸗ ner eignen Schwäche that ſich auf Doſa's Ruhm und Hel⸗ denmuth etwas zu gut, und der durch eigene Kraft und des Königs Belohnung emporgeſtiegene Krieger bildete ei⸗ nen erfreulichen Gegenſatz zu den übermüthigen Magnaten, von denen ſich der König in immer unwürdigere Abhän⸗ gigkeit gedrängt ſah. So kam Doſa gleichſam als Pa⸗ ladin und Ritter des Königs mit nach Kremnitz, und die jungen Herrn vom alten Adel hatten ſo viel natürliche Scheu vor ihm, daß ſie wenigſtens nicht in ſeinem Bei— ſein die Jimmerlichkeit des Königs zur Zielſcheibe ihres Witzes machten. Deshalb geſchah es auch, daß ſie ſich von Doſa, deſſen Geſinnung ihnen nicht unbekannt war, fern hielten und ein ziemlich geſpanntes Verhältniß zwiſchen —— Der Herzog von Burgund und Niederland. 163 ihnen und ihm beſtand. Doſa war ein Volkskind und Freund des Volks; die Magnaten Feinde und Bedrücker deſſelben. Doſa und die Magnaten konnten alſo nicht Freunde ſein, und nur ſeine Kriegskenntniß und Tapfer⸗ keit ſicherten ihm ſeine Stellung unter ihnen. Doſa fühlte ſich dafür ſchon am erſten Tage zu den Deutſchen hinge⸗ zogen, und da Gleichheit der Anſichten und Meinungen die Menſchen überall näher bringt, ſo war es auch hier ein geheimer Zug der Geiſter, welcher im Verlauf der nächſten Tage den edlen ungariſchen Krieger und den ge— ſinnungstüchtigen deutſchen Kaufmann Ulrich Fugger in einem ſchnell geſchloſſenen Freundſchaftsbund vereinigte. In beiden jungen Männern wirkte ein ähnlicher Geiſt; ſie mußten ſich bald verſtehen und von einander angezogen fühlen. Beide waren ungewöhnlich begabt, beide wißbe⸗ gierig, beide von den neuen und kühnen Ideen des jun⸗ gen Jahrhunderts erfüllt; der Eine wußte blutwenig von den Verhältniſſen des deutſchen Reichs, der Andre eben⸗ ſowenig von denen des Königreichs Ungarn. Beide ſon⸗ derten ſich, ſo oft ſie es unbemerkt konnten, von der Ge⸗ ſellſchaft ab und ſaßen ſelbander beim Becher oder er— klimmten die um die Stadt gelegenen Berge und belehrten ſich. Zum Glück waren ſie beide der lateiniſchen Sprache ſo vollkommen mächtig, daß ihrem gegenſeitigen Verhältniß kein Hinderniß im Wege ſtand. Ulrich ſprach in ſeiner feurigen Weiſe vom Unfug des deutſchen Adels, von der Schwelgerei und Sittenverderbniß 1 164 Der Herzog von Burgund und Niederland. der vornehmen Pfaffheit, von der furchtbaren Bedrückung, welche beide dem gemeinen Manne auferlegten und von dem Benehmen des Kaiſers, der weder Kraft noch Willen habe, dieſem Unweſen ein Ende zu machen. Der Druck ſei unerträglich geworden und das Volk komme über ſeinen Zuſtand immer mehr ins Klare. In Doſa fanden dieſe Reden ein lebendiges Echo; ſein großes Auge blitzte, ſeine Hand zuckte oft krampfhaft nach dem Schwerte. „Iſt mir doch, als ſchilderteſt du unſte eignen un⸗ glücklichen Zuſtände!“ rief er ſchmerzlich aus.„Unſer ſchönes Land iſt voller Knechte und Hörige, die den ſtolzen Herren jeden Dienſt, jede Arbeit verrichten müſſen. Der freie gemeine Mann verſchwindet immer mehr unter uns, nur der deutſche Anſiedler weiß in Ungarn ſeine Freiheit zu bewahren. Aber gerade dieſer Anblick macht den übri⸗ gen Völkern, die auf Ungarns Boden wohnen, die Skla⸗ verei nur noch unerträglicher. Und wie bei Euch ſind es auch hier Adel und Geiſtlichkeit, welche vereint dem Volke den Fuß auf dem Nacken ſetzen, und die Pfaffen ſind ſchier noch ſchlimmer und grauſamer als die Magnaten. Der Druck der Knechtſchaft hat ſich unter der ſchwachen, macht⸗ loſen Regierung des Königs Wladislav gar ſehr vermehrt. Seine Frömmigkeit hat ihn zum Spielzeug in der Hand der Pfaffen gemacht, ſeine Kraftloſigkeit zum Geſpött des Adels. Das niedergetretene Volk findet nicht Schutz, noch Hülfe bei ſeinem König. Es iſt ſeinen Würgern preis⸗ * Der Herzog von Burgund und Niederland. 165 gegeben. Ein einſichtsvoller thatkräftiger König allein könnte uns helfen wie Euch.“ „Ich fürchte, er würde bald der Rachſucht und Bos⸗ heit des zu gleichem Zweck innig verbundenen Adels und der Pfaffheit erliegen. Die Söhne der Kirche ſind ſtets die treueſten Diener der Volksunterdrücker und Feinde der Freiheit geweſen, und wie der Adel für die Freunde des Volks und der Freiheit immer ſcharf geſchliffene Schwerter, ſo hat die Kleriſei den Giftbecher und den Dolch des Banditen für ſie. Ich ſage dir, Könige, wie du ſie un⸗ ſern armen geknechteten Vaterländern wünſcheſt, würden bald zu den Todten gehören, bevor das Volk ſich nicht ſelbſt gegen ſeine Blutſauger erhebt und ſich ihrer entledigt.“ „Empörung?“ fragte Doſa mit Beſtürzung. „Erſchrick nicht vor dem Worte! Die Sache iſt na⸗ türlich. Die Könige ſind ſchwach und verblendet. Sie geben die heilige Sache des Volks auf und überlaſſen es den Raubthieren in Harniſch und Kutte. Je ſtiller das Volk hält, deſto gieriger zapfen ſie ihm das Blut ab. Es bleibt ihm ſein natürliches Recht, ſich zu wehren, ja die Pflicht der Selbſterhaltung gebietet ihm die Selbſthülfe. Hilf dir ſelbſt, ſo hilft dir Gott! iſt ein altes goldnes Wort. Hat das Volk ſich ſeiner Tyrannen entledigt, dann mag es den beſten Mann aus ſeiner Mitte zu ſeinem König erwählen: er wird ihm Hort und Führer ſein.“ „Du haſt ein wichtiges Wort geſprochen: Das Volk muß ſich ſelbſt helfen. Und wahrlich du haſt recht.“ 166 Der Herzog von Burgund und Niederland. „Ich darf dir noch Eins ſagen,“ fuhr Ulrich fort. „Eine große Volkserhebung wird vorbereitet und nicht an Einem Punkte, in Einem Lande allein. Vielleicht kann ich dir bald Näheres darüber mittheilen.“— Der Reiterführer verließ den neuen Freund nachdenk⸗ lich; die Zerſtreuungen des geräuſchvollen Feſtes unter⸗ brachen zwar die ernſten Zwiegeſpräche, aber nicht lange. Es traten Ereigniſſe ein, welche ſie noch näher zuſammen⸗ brachten, ihre Herzen inniger verbanden und ihre Unter⸗ haltung noch traulicher und rückſichtsloſer machten. Das Feſt nahm ſeinen vorherbeſtimmten prächtigen Verlauf. Der König ernannte drei ſeiner Hofbeamten zu Brautführern; die Bräutigame wurden von den vornehmſten Magnaten geleitet, ein langer Zug, ſo koſtbar und herr⸗ lich, wie die Stadt noch keinen geſehen, bewegte ſich zur Kathedrale, wo die verſammelte hohe Geiſtlichkeit das feier⸗ liche Hochamt hielt. Der Biſchof von Fünfkirchen verrichtete die Trauung. An ſüßer reizender Schönheit verdiente Katharina unter den Bräuten den Vorzug, an ſanfter engelgleicher Milde in den lieblichen Zügen Sibylle, an ſtolzer faſt majeſtä⸗ tiſcher Geſtalt Regina. Ueber alle drei hatte das ſeligſte Glück ſeinen verklärenden Glanz gegoſſen und der Fug⸗ gerſche Reichthum ſeine fürſtliche Pracht, Regina ſchritt in würdigem Selbbewußtſein einher wie eine Fürſtin, Ka⸗ tharina wie ein ſehnſüchtiges Mädchen, Sibylle wie ein unſchuldiges Kind. Raimund Fugger, auf's Schönſte wie Der Herzog von Burgund und Niederland. 167 ein Prinz ausſtaffirt, gleich einem lachenden Frühlingstag; er ſchwazte unaufhörlich mit Allen. Marr Bübenhoven, einfach gekleidet, war einem leicht umwölkten Sommertage ähnlich, ein tiefer Ernſt überſchleierte ſeine Züge und eine Thräne glänzte in ſeinem ſinnigen Auge. Johann Baum⸗ gärtner war, im Bewußtſein ſeines pratrieiſchen Werthes, ein klarer fruchtreicher Herbſttag. Jedermann mußte ge⸗ ſtehen, daß die Brautpaare trefflich zuſammenpaßten. Rai⸗ mund ſprang mit ſeiner Braut luſtig umher, eh' es zur Kirche ging, Marx drückte der ſeinigen ſchweigend die Hand, Baumgärtner reichte der ſeinigen mit Anſtand den Arm. Raimund dachte an das köſtliche Schlaraffenleben, das er mit ſeiner Katharina in Augsburg zu führen ge⸗ dachte; Baumgärtner, wie vortheilhaft er den Reichthum ſeiner jungen Frau auf ſeinen Gütern anlegen wollte; Bübenhovens ſtille Gedanken aber waren mit der Erzher— zogin Statthalterin beſchäftigt, und zuweilen drängte ſich Zaroyas reizendes Bild dazwiſchen. Es wurde ihm immer wehmüthiger zu Sinn, er fühlte, daß er heute von ſeiner poetiſchen Jugend Abſchied nahm, und er mußte Sibyllen oft in das klare, freundlich milde Auge ſchauen, um ſich zu ſtärken und nicht ganz traurig zu werden. Raimund bebte vor Wonne, als er mit Katharinen am Hochaltar niederknieete und ihr die Hand zum Lebens⸗ bund reichte, Marx bebte vor Wemuth, der Dritte bebte nicht. Und als die Worte des Segens über die Häupter der drei Paare hinflüſterten, erhob Katharina das ihrige 168 Der Herzog von Burgund und Niederland. in hoher trunkener Wonne, Sibylle ſenkte das ihrige in ſtillem innigem Gefühl, Regina hob und ſenkte das ihrige nicht. Am glücklichſten war ohnſtreitig Herr Jakob; ja er zeigte ſich ſo ſeelenvergnügt, daß er, nachdem er die ver⸗ bundenen Brautpaare glückwünſchend umarmt hatte, auch auf ſeine Ehehälfte losrückte und alle Anſtalt traf, ihre fleiſchige Fülle zu umhalſen, und ſie viel Mühe hatte mit ſaftigen Worten und kräftigen Stößen ſeine ungewohnte Zudringlichkeit von ſich abzuhalten. Er ließ ſich aber eine ſo ſchnöde Zurückweiſung nicht verdrießen und ging weiter, ſeine Schwägerinnen, Nichten und Neffen mit ſeinen Um⸗ armungen und Küſſen zu beglücken, und ſelbſt Ulrich er— hielt das erſte Liebeszeichen von ihm. Die vermälten Paare traten unter ihrem prächtigen Thronhimmel, von Bergknappen getragen, den Rückweg an, und alle Gäſte folgten nach dem Münzhauſe, wo das Banket hergerichtet war. Der König ließ mit ſeinen Kindern nicht auf ſich warten. Er ſprach mit gefalteten Händen ſein ſegenflehendes Gebet über die Neuverbun⸗ denen und wünſchte ihnen Glück. Dann begab er ſich mit den hohen Kirchenhäuptern zur Tafel. Der Erzbiſchof von Gran ſprach das Tiſchgebet, Herr Jakob brachte die Geſundheit des Königs aus, dann ließ der Oberkäm⸗ merer die Brautpaare leben; aber als Bübenhoven ſich erhob und dem würdigen Ohm den Becher mit tiefge⸗ fühlten Dankesworten, die ſeine Rührung einigemal unter⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. 169 brach, zutrank, da ſtimmten Alle mit begeiſtertem Jubelruf ein, und die Bergmuſik ſpielte ihre ſchönſte Weiſe. Herr Jakob weinte wie ein Kind. Niemand von den Anwe⸗ ſenden hatte ihn noch Thränen vergießen ſehen, und ſeine Ehewirthin ſchüttelte bedenklich ihr Haupt; ſie fürchtete ernſtlich, ſein kindiſches Gebahren zeige an, daß auch ſein Verſtand kindiſch geworden ſei. „Um Gott, Meiſter! Ihr ſeid doch noch bei gutem Troſt?“ flüſterte ſie ihm erſchrocken zu, als er wieder ei⸗ nen Anfall von ſchalkhafter Zärtlichkeit bekam; denn ſie hatte dergleichen noch nicht von ihm erlebt. Er aber nahm einen Becher und rief laut: er trinke auf das Grünen und Blühen der verbundenn Häuſer Turzoin und Fugger bis in ſpäte Zeit. Und Alle leerten jubelnd ihre Becher, und auch Frau Sibylle that es, indem ihre Augen feucht wurden. Das Bankett ging ſeinem Ende zu, als die Berg⸗ muſik ſchwieg, die Thüren aufgethan wurden und ein kleiner Zug junger Zigeunerpaare in phantaſtiſch bunter funkelnder Kleidung mit fröhlicher Zigeunermuſik herein⸗ tanzte, in ihrer Mitte ein junges feenhaftes Mädchen in den koſtbarſten goldgeſtickten Gewändern und mit dem pur⸗ purnen, perlengeſchmückten Turban einer morgenländiſchen Fürſtin. Sie glich mehr einem reizenden Traumbilde, mehr einem verkörperten ſüßen Gedanken eines luſtberauſch⸗ ten Dichters, als einem wirklichen menſchlichen Weſen, und wie ſie leicht mit dem hochgeſchwungenen Trommelſcheit 170 Der Herzog von Burgund und Niederland. über den Boden dahinſchwebte, glaubte man eine Elfen⸗ königin oder die Beherrſcherin der Luftgeiſter zu ſehen. Alle Augen wendeten ſich dem kunſtvollen Tanze der Zi⸗ geuner zu; als aber die Andern ſich ehrerbietig vor ihrer jugendlichen Fürſtin verneigten und ſie, die Huldigung annehmend, allein in leichten Zephyrſchritten und kunſt⸗ reichen Wendungen tanzte, riß ſich aus Aller Bruſt ein Laut des Staunens los, dem ſogleich der volltönendſte Beifallsſturm folgte. Bübenhoven war beim Anblick der reizenden Zigen⸗ nerprinzeſſin znſammengezuckt und erbleicht; nun ſtarrten ſeine Augen auf das Silphenkind, wie von einem Zauber feſtgehalten, und ein fieberhaftes Beben lief über ſeinen Körper. Für ihn war dieſes wunderliebliche Kind wirklich ein verkörperter Traum, der üppigſte und heißeſte Traum ſeiner Jugend war es, welcher vor ihm ſchwebte und gau⸗ kelte, und augenblickelang traute er ſeinen Sinnen nicht und hielt Alles eben nur für einen Traum ſeiner heißen Phantaſie. Er brauchte auch nicht zu fragen, wer ſie ſei, er wußte es, und ſein Herz war von Wonne überfüllt, daß er es wußte. Er ſah ſich wieder als blondlockigen Pagen des jungen Königs Philipp von Caſtilien am ſchö⸗ nen Hofe des Königs von Frankreich zu Blois und die reizende Zaroya vor ſich tanzen, die alle Hofherrn be⸗ zauberte und ihn allein beglückte. Der Jugendrauſch, den heiße Liebesgluth ihm bereitet, umfing ihn wieder mit brennenden Farben; da legte ihm ſeine Braut, beſorgt Der Herzog von Burgund und Niederland. 171 wegen ſeines ſchier krankhaften Ausſehens, die Hand auf den Arm nnd flüſterte:„Marx, hat vich ein Unwohlſein angewandelt?“ Er ſchrak empor. Es war ihm ja un⸗ ausſprechlich wohl geweſen. Nun war er plötzlich ernüch⸗ tert. Das junge Weib neben ihm kam ihm ſo gewöhnlich und gleichgültig, ſchier freind vor, und er ſchauderte zu⸗ ſammen, daß er auf ewig an ſie gebunden ſei. Wie leer und ſchaal dünkte ihm Alles, was er ſah und hörte, wie freudlos das ganze Feſt, und nur die zierliche Tänzerin leuchtete wie ein Stern durch Nacht und Nebel. Endlich ließ ſich das ſchöne Zigeunerkind von ihren Begleitern ein mit Blumenſträußen gefülltes Körbchen rei⸗ chen. Mit anmuthiger Verbeugung trat ſie zu den drei Brautpaaren und übergab jeder Braut und jedem Bräu— tigame einen Strauß, und die Empfänger gewahrten mit Wohlgefallen, daß in jedem Strauß eiu geweihtes Amulet befeſtigt war. Auf dieſe von den Zigeunern gefertigten Talismane legte man hohen Werth und die von einer Zigeunerfürſtin geſchenkten wurden als unfehlbare Zauber⸗ mittel gegen jede Krankheit betrachtet. Als die zarte Ge⸗ ſtalt Bübenhoven das ſinnige Geſchenk darreichte, fragte er leiſe und mit zitternder Stimme:„Wie heißt du, mein Kind?“ „Sonaca!“ war die wohltönende Antwort der ſanft Erröthenden. Er fragte nicht weiter, ſondern drückte das Geſicht in den Strauß. Da gewahrte er auf ſeinem Amulet das 172 Der Herzog von Burgund und Niederland. geheimnißvolle Zeichen des Pentalpha mit dem Namens⸗ zuge Zaroya's. Ein leichter Wonneſchauer ging von ſei⸗ nem Herzen aus; er wußte was ſein Amulet zu bedeuten hatte, und Niemand weiter als er verſtand die geheim⸗ nißvolle Sprache deſſelben. Sie hatte ihn im Nu um⸗ gewandelt, und eine faſt krankhafte Fröhlichkeit bemächtigte ſich ſeiner für den Reſt des Tags, ſo daß die Augen ſeiner Braut verwundert auf ihm ruheten. Er wurde ihr immer mehr zum Räthſel. Die Zigeunerkinder machten Erwachſenen Platz, welche Gauklerkünſte zeigten; dann wurde der Tanz eröffnet, und in Luſt und Freude verſtrich der erſte Feſttag. Zwölftes Rapitel. Am dritten Tage hatte Jakob Fugger alle Feſtlichkeiten überdrüſſig, es trieb ihn unwiderſtehlich zu Geſchäften. Er ließ Ringelrennen, Fahnenſtechen, Scheibenſchießen und Kegelſchub und gedachte die Gelegenheit zu benutzen, wo alle Bergleute feierten, die leeren Stollen und Schachte zu beſuchen und alle Gewerke heimlich in Augenſchein zu nehmen. Zur Begleitung hatte er ſich einen Oberſteiger erſehen, zu dem er ein großes Vertrauen hatte, weil er ein augs⸗ burger Stadtkind und als Waiſenknabe auf Jakob Fug⸗ ger's Koſten erzogen worden war, dann in den tyroler Silberbergwerken ſeine Lehrjahre mit Lob zurückgelegt und nun ſchon ſeit fünf Jahren die wichtige Stelle eines Ober⸗ ſteigers in Kremnitz bekleidet hatte. Er hieß Gebhard Diether, war noch unverheirathet und bei all ſeinen Vor⸗ geſetzten wegen ſeines muſterhaften Betragens und ſeines ſanften Weſens beliebt. Georg Turzoin hatte bei Jakob Fugger immer die glänzendſten Lobſprüche für Diether im 174 Der Herzog von Burgund und Niederland. Munde. Er war ein kleiner, bleicher, ſchmächtiger Mann, der den Kopf ſtets geſenkt trug, wie von der Angewöh⸗ nung der Arbeit und nur ganz kurz und ſchnell das Auge zu dem erhob, mit welchem er ſprach, vorzüglich wenn er ſich von dieſem unbemerkt glaubte; dann hatte ſein Blick etwas unheimlich Lauerndes und Stechendes, was aber denen nicht mehr auffiel, die mit ihm umgingen. Dieſem Manne hatte der alte Fugger ſeinen Willen eröffnet, daß er ihn heimlich in die Gruben begleiten ſolle. Diether erwartete den Herrn am Eingange des Hauptſtollens. Sie fuhren zuſammen ein. „Wie biſt du mit dem Ertrag der Gruben zuftieden, Gebhard?“ fragte Jakob vertraulich. „Ich muß mit Allem zufrieden ſein,“ verſetzte der Bergmann ausweichend. „Das heißt, du biſt nicht mit Allem zufrieden.“ „Ihr ſeid in allem Geſchäft und Verkehr ein er⸗ fahrner und kluger Mann, der ſeines Gleichen nicht hat. Was Ihr anordnet, iſt ſtets gut und löblich. Ich habe niemals einen Menſchen höher verehrt, als Euch; Alles, was ich bin und habe, ſchuldige ich Euch.“ „Ich kann aber die Augen nicht überall haben. Ich bedarf redlicher Leute, die ich bezahle. Du biſt einer von den Wenigen, denen ich Vertrauen ſchenke. Alſo friſch von der Leber: Was findeſt du hier nicht in Ordnung?“ „Warum fragt Ihr mich, Herr Fugger, und nicht den Herrn Bergmeiſter, der zwiefach mit Euch verwandt Der Herzog von Burgund und Niederland. 175 iſt, der Euerm hieſigen Bergweſen vorſteht und demnach doch höher in Euerm Vertrauen ſtehen muß als ich?“ „Das klingt verdächtig!“ rief Jakob hitzig.„Sage mir, ich befehle es dir, was iſt deine Meinung vom Be⸗ trieb der kremnitzer Goldmine?“ „Ihr könntet denken, ich wolle irgend wen verläum⸗ den. Deshalb erſpart mir die Antwort.“ „Heraus damit! Ich glaube dir. Du biſt ein red⸗ licher Deutſcher, biſt ein gutes augsburger Stadtkind⸗“ „Und Ihr thätet wohl, immer nur Deutſchen zu ver⸗ trauen. Nun denn bei der Reichhaltigkeit der Mine müßte aus Eurer Münzſtätte hier ein Drittel, wenn nicht gar die Hälfte kremnitzer Dukaten mehr hervorgehen, als ge— ſchieht. Wohin das rohe Erz geht, wer es hinwegführt, ich weiß es nicht, ich will es nicht wiſſen.“ Jakob war erſchrocken vor der Anklage. Sein Herz ſträubte ſich dagegen; aber er war Kaufmann.„Geb⸗ hard,“ ſagte er mit zitternder Stimme,„ich will klar ſehen in dieſer Sache. Ich gebe dir hiermit Vollmacht, Jedermanns Thun und Treiben, er mag ſein, wer er will, ſcharf zu beobachten und mir Bericht zu erſtatten. Haſt du nicht Wohlgefallen an der ſchmucken Lore, der Magd meiner Pflegetochter? Ich gebe ſie dir zum Weibe und eine hübſche Mitgift.“ Gebhard ergriff die Hand ſeines Wohlthäters und dankte wortreich; ein hämiſcher, ſchadenfroher Zug ſpielte um ſeinen knappen Mund. Sie fuhren weiter; der Ober⸗ 176 Der Herzog von Burgund und Niederland. ſteiger ſchmeichelte dem alten Herrn, der die Schmeichler ſo ſehr haßte, mit ſo großer Vorſicht und Geſchickichkeit und brachte ſo überzeugende Beweiſe vor, daß hier nicht Alles ſei, wie es ſein ſolle, daß Fugger überzeugt wurde, Diether ſei der einzige Menſch in Kremnitz, der ſeines vollſten Vertrauens würdig ſei. Plötzlich ſahen ſie in der Ferne in einem Nebenſtollen einen Lichtſtrahl und hörten ein Geräuſch. „Iſt die Grube heute befahren?“ fragte Fugger. „Alle Knappen haben Feiertage.“ „Ich will zuſehen. Verweilt ein paar Augenblicke hier.“ Der Oberſteiger zündete noch ein Grubenlicht an und eilte nach der Stelle, wo unterdeß der Strahl erloſchen, das Geräuſch verſtummt war. Aber ſein feines Ohr hatte ſchleichende Schritte vernommen, die ſich eilig entfernten. Der Fliehende war am Ende des Stollens gefangen und wurde als Toni erkannt. „Bnbe, du biſt des Todes!“ redete ihn Diether an. „Du biſt hier, um Erz zu ſtehlen.“ Sobald Toni den Oberſteiger erkannt hatte, grinſte er:„Ihr werdet mir nichts anhaben; denn wißt: der Zigeuner Antonio iſt mein Vater, Karracha meine Groß⸗ mutter.“ Dieſe Worte übten auf den Oberſteiger eine über⸗ raſchende Wirkung aus? „Komm mit,“ ſagte er leiſe,„daß ich dir hinaus⸗ helfe.“ Der Herzog von Burgund und Niederland. 177 „Ihr braucht meinetwegen nicht in Angſt zu ſeiu,“ fuhr der Burſche ruhig fort.„Ich gehe morgen mit den Meinigen heimlich fort und kehre nie wieder.“ „Dann ſollſt du noch ein gutes Weggeld von mir haben,“ ſchmeichelte Diether, offenbar durch die erhaltene Kunde ſehr erfreut.„Jetzt komm, Herr Jakob Fugger iſt im Stollen. Du mußt dich ihm zeigen.“ Der Burſche folgte ihm mit frecher Sicherheit. „Es iſt Toni,“ ſagte der Oberſteiger zum Gruben⸗ herrn.„Er hat von mir den Auſtrag, zuweilen hie und da nachzuſpüren. Ihr wißt weshalb. Ich wußte nicht, daß er heute ſeinen geheimen Dienſt hier verſah.“ „Das iſt brav von dir, mein Sohn!“ ſagte Herr Jakob, den hämiſchlächelnden Menſchen auf die Schulter klopfend.„Ich werde dich für ſolchen geheimen Dienſt zu belohnen wiſſen. Ich ſehe, das Ihr Beide mir treu er— geben ſeid. Ich hab' es auch an Euch verdient. Ihr ſeid Beide als Knaben zu mir gekommen, ich hab' Euch groß gezogen und werde Euer ferneres Glück begründen.“ Der Burſche ging heimlich lachend davon. Jakob be⸗ ſprach ſich noch eine Zeit lang mit dem Oberſteiger und entfernte ſich dann in großer Verſtimmung. Unterdeſſen war der Abend hereingedunkelt. Der Oberſteiger ging in einen Stollen und kehrte bald darauf mit einem ſchweren Kober, den er am Lederriemen über dem Halſe trug, zu⸗ rück, ſchaute ſich vorſichtig um, verließ den gebahnten Pfad und eilte mit ſchnellen Schritten in das dichte Gebüſch Ein deutſcher Leinweber. IW. 12 „* 178 Der Herzog von Burgund und NRiederland. des Bergwaldes. Keuchend ſtieg er bergauf, immer zwi⸗ ſchen Bäumen, Geſtrüpp und Felſen ſich durchwindend, bis er nach einer Viertelſtunde an der Halde eines ver⸗ fallnen Schachtes ankam. Hier hing eine Felſenplatte an der Bergwand und bildete ein Dach, unter dem ſich eiuige Menſchen bequem bergen konnten, zumal die hohe Halde von der andern Seite das Verſteck deckte und an der pritten der Berg ſich ſchroff abſenkte. Diether verſteckte den Kober in den hohen Waldgräſern, welche den Fuß der Halde umwucherten, und kroch dann unter die Fels⸗ platte. Noch hatte er nicht lange hier verweilt, als ſein geſpanntes Ohr Männertritte vernahm, die den Berg herabkamen. Ein Mann in Bauerntracht, mit einem gro⸗ ßen breitkrämpigen Hute auf dem Kopfe wurde zwiſchen der Halde und der Felſenplatte ſichtbar, indem ſeine unter⸗ ſetzte Geſtalt ſich am matt erhellten Abendhimmel abkan⸗ tete. Er ſprach ein einzelnes ungariſches Wort, und der Oberſteiger antwortete mit einem ſolchen. Der Fremde kroch hierauf unter das vorſpringende Steindach. Schwer⸗ lich würde ein Zuſchauer, der in Augsburg zum Schei⸗ benſchießen zugegen geweſen wäre, in dieſem Bauer den feinen Oberkämmerer des Papſtes wiedererkannt haben, der ſich in der Unterredung mit dem Kaiſer ſo gewandt benahm, und doch war es derſelbe Mann, welcher dort unter den Namen eines ſpaniſchen Grafen von Torxillas aufgetreten war. „Celebes,“ redete ihn der Oberſteiger mit leiſer Stimme fluß heimlich erhandelt.“ Der Herzog von Burgund und Niederland. 179 an,„ich muß Euch mit vollem Rechte Vorwürfe machen. Nicht zufrieden mit den großen Vortheilen, die ich Euch durch den billigen Verkauf des Golderzes zuwende, habt Ihr Euern Sohn auch noch angehalten, Erze aus der Grube zu entwenden. Ich habe ihn vor ein paar Stunden auf der That erwiſcht.“ „Hat er lange Finger gemacht?“ lachte der Zigeuner. „Das dürft Ihr dem jungen Blute, das es noch zu etwas bringen will, nicht übelnehmen. Es iſt unſre Art ſo, das Verſehen des lieben Gottes bei Austheilung der ir⸗ diſchen Güter, wodurch wir zu kurz gekommen, wieder gut zu machen. Ihr denkt ja gerade ſo. Herr Fugger hat des Goldes genug; Ihr gönnt Euch ſelbſt etwas da⸗ von, ſo gönnt den meinem ſchlauen Jungen auch ein Theilchen. Uebrigens treibt er das Geſchäft auf eigne Fauſt oder in Gemeinſchaft mit ſeiner Großmutter. Ich weiß nichts davon.“ „Aber der Schlingel wußte doch von unſerm Geſchäfte. Und das iſt das Schlimmſte von der Sache.“ „Er hat Luchsaugen, oder ſeine Großmutter hat ihm geplaudert, damit er ein Rettungsmittel bei der Hand habe, falls Ihr ihn ertapptet. Ihr ſeht, daß er es gut benutzt hat. Er iſt ein Schlaukopf. Daß aber die Alte um unſern Handel weiß, iſt Euch nicht unbekannt. Sie hat ihn ja mit Euch eingeleitet. Und ſchon früher hat ſie aus dem kremnitzer Bergwerk manchen kleinen Ueber⸗ 12* 2 — 180 Der Herzog von Burgund und Niederland. „Dadurch bin ich in die Hand deines trotzigen Buben gegeben.“ „Fürchtet nichts. Wir werden nur noch ein paar. Tage hier verweilen und zieheu von hier nach Spanien. Der Toni aber geht mit uns. Seit er unſre kleine So⸗ naca geſehen hat, will's ihm in Euern finſtern Gruben nicht mehr behagen. Das ſchmucke Herlein hat's ihm an⸗ gethan.— Laßt uns Richtigkeit machen! Wo habt Ihr die Waare?“ Diether holte den Kober herbei.„Zwanzig bis vier⸗ undzwanzig Pfund.“ Der Zigeuner wog den Kober mit der Hand.„Dreißig ſpaniſche Dublonen!“ 3 „Es iſt ein Spottgeld.“ „Nicht doch! Wer giebt Euch mehr?“ „Gib vierzig!“—„Fünfunddreißig und damit Punkt. Hier iſt das Geld. Ich will es Euch in die Hand zählen.“— Diether ſteckte das Geld ein und ſchickte ſich an zu gehen. „Lebt wohl!“ ſagte der Zigeuner.„In einem Jahre, hoff' ich, ſind wir wieder da. Bringt unterdeſſen etwas Erkleckliches für mich bei Seite.“ So ſchieden ſie.— Der Oberſteiger ging den Berg 3 hinab, der Zigeuner ſtieg erſt eine Zeit lang bergauf. So gelangte er auf eine kleine Fläche. Unter einem Baume war eine friſche Grube gegraben. In dieſe verſenkte er den Kober, bedeckte ihn mit Erde und dann mit dürrem ——— Der Herzog von Burgund und Niederland. 181 Laub. Nun ſchlug er ſich links den Berg hinab und ge⸗ langte in ein kleines Thal, wo er, den hüpfenden Bach abwärts verfolgend, bald die dunkeln Umriſſe eines alten, außer Gebrauch geſetzten und halb verfallnen Poch- und Schmelzwerks durch die Nacht dämmern ſah. Ein Zi⸗ geuner trat ihm entgegen. Es war die ausgeſtellte Wache. „Der blonde Page iſt drin bei der Zaroya,“ ſagte der Kerl. Der Augsburger und der Reiteroberſt haben der Suleima wieder einen Beſuch für dieſe Nacht anſagen laſſen. Sie und der Page dürfen ſich nicht treffen.“ „Iſt Karracha noch nicht zurück?“ „Sie ſitzt mit Veit Schellenberger in der Stadt beim Becher und wahrſagt ihm.“ Antonio ſchlich leiſe in das Haus und an dem Gemach vorüber, in welchem Bübenhoven neben Zaroya auf einer hölzernen Bank ſaß. Auf ſeinen Knieen ſchaukelte er die zierliche Sonaca, die ihn zuweilen ſüß anlächelte und wenn er ſich herabbeugte, ſie zu küſſen, ihren kleinen Arm um ſeinen Hals ſchlang. Ein in der grauen zerriſſenen Mauer ſteckender dürftig glimmender Spahn warf nur unbeſtimmte mühſam mit der Nacht ringende Lichter auf das liebliche Bild, ließ aber nicht verkennen, daß die Zigeunerfürſtin immer noch ein ſchönes Weib war. 3 14 Antonio, oder mit ſeinem Zigeunernamen, Pepindorio, warf einen hämiſch lächelnden Blick durch die klaffende Thürſpalte und legte dann das Ohr daran, um zu e. horchen, was das glückliche Paar plauderte. 182 Der Herzog von Burgund und Niederland. „O ſchönes Spanien!“ ſeufzte Zaroya.„Wäre König Philipp nicht ſo früh geſtorben, du hätteſt das Land nicht verlaſſen und deiner Zaroya noch länger in freier Liebe angehört. Ich wäre nie einem andern Manne zu Theil geworden. Nur dich hab ich geliebt und deiner ſtets ge⸗ dacht bis ich dich endlich, endlich wieder geſehen. Aber du haſt mich vergeſſen, treuloſer, blonder Mann!“ „Glaube das nicht, Zaroya! Glaube es nicht! Deine Liebe war die ſüßeſte Blume meines Lebens. Wie ein goldnes Morgenroth hing ſie am Himmel meiner Erin⸗ nerung. Und als mir die Gräfin Cardona in Augsburg deine Grüße brachte, war mir's, als berühre mich ein Engel mit ſeinem Lilienſtabe.“ „Doch erzähle mir weiter, erzähle weiter, mein holder Geliebter! Was iſt aus dem Infanten Alnayar geworden?“ „Ich weiß es nicht,“ verſetzte Bübenhoven mit un⸗ ſichrer Stimme. Sein Name iſt verſchollen; ich habe nie wieder von ihm gehört. Er wird den übrigen Gliedern des königlichen Hauſes von Granada nach Afrika gefolgt ſein.“ „Du weichſt mir aus, Marcv. Du weißt, daß der edle Prinz und wo er lebt. Ich höre es an deiner Stimme; ich leſe es in deinem Auge.“ Und ſie umſchlang ihn und küßte ihn feurig. „Kannſt du mich betrügen, geliebter Marco? Sieh auf dies theure Kind— und mich, mich wollteſt du be⸗ lügen! Du weißt wo der unglückliche Alnayar iſt?“ 5* „ Der Herzog von Burgund und Niederland. 183 „Ich weiß es,“ ſtammelte der Junker im ſüßen Sin⸗ nenrauſche, der über ihn gekommen war;„aber— ein Eid bindet meine Zunge. Ich darf es dir nicht ſagen.“ „Mein theurer Marco, mir darfſt du es verrathen. Bin ich nicht deine Geliebte, dein Weib! Haben wenige Jahre mir deine Liebe rauben können?“ „Zaroya, ich ſchwur auf den Leib unſtes Gottes. Quäle mich nicht! Ich darf es dir nicht ſagen.“ Die Zigeunerkönigin ſchmollte. „Aber du darfſt mir ſagen, wen und was deine letzte geheime Unterredung mit dem ſterbenden Könige Philipp betraf.“ „Was weißt du von dieſer Unterredung?“ fragte der Junker erſtaunt. „Der König erhielt am Morgen ſeines Sterbetages einen Brief von ſeiner Schweſter aus den Niederlanden. Drauf wurdeſt du herbeigerufen und bliebſt über eine Stunde bei ihm allein. Dann hat der König einem Ge⸗ heimſchreiber noch einige Verfügungen in die Feder ge⸗ ſagt und mit ſchwacher Hand unterſchrieben.“ „Du biſt genau unterrichtet.“ „Haſt du auch einen Eid geſchworen, Niemandem zu ſagen, was du mit dem Könige ſprachſt?“ „Ich ſchwur keinen ſolchen. Aber was kann dir daran liegen, es zu wiſſen?“ „Ach ich wüßte gern Alles, was dich betrifft, und du thuſt ſo fremd und kalt gegen mich, als hätten wir 184 Der Herzog von Burgund und Niederland. uns nie geliebt. Du böſer Mann, welche Schmerzen be⸗ reiteſt du mir!“ Und ſie weinte leiſe. „Bitte, bitte!“ flüſterte Sonaca dem Junker zu, in⸗ dem ſie ihn küßte und ſtreichelte.„Sag' es der Mutter! Sie grämt ſich deinetwegen.“ „Nicht wahr deine Unterredung betraf Alnayar?“ ſchmeichelte die Mutter wieder.„Gib mir nur ein Zeichen, daß deine Liebe nicht erkaltet iſt!“ „Wohl denn; ich verletze mein Gewiſſen nicht, indem ich dir dies entdecke. Der Brief der Erherzogin Statt⸗ halterin gab dem Könige Aufſchluß über die Flucht Al⸗ nahars. Er erfuhr das Liebesgeheimniß des unglücklichen Maurenprinzen. Er ließ mich rufen, und ich entdeckte dem Sterbenden, daß ich es war, der Alnayar vor ſei⸗ nem Zorne rettete und zu Flucht verhalf. Don Philipp erfuhr Alles aus meinem Munde, was er wiſſen wollte. Dann dankte er mir gerührt, daß ich alſo gegen die ſtrengen Befehle ſeiner Leidenſchaft gehandelt und dictirte einen Begnadigungsbrief für den Admiral Don Alfonzo de Granada genannt Alnayar, worin er ihn in alle ſeine Würden und Güter wieder einſetzte. In einem zweiten Briefe an den Konig Ferdinand von Aragonien bat er, den Don Alfonzo zurückzurufen; aber er faßte auch einen ritten an ſeinem Sohn und Nachfolger, den Prinzen Karl von Luremburg ab, worin er dieſem befahl, falls König Ferdinand ſeiner Bitte kein Gehör ſchenken ſollte (er ahnete, daß dies der Fall ſein werde), den Begna⸗ — 185 Der Herzog von Burgund und Niederland. digungbrief zu vollziehen, ſobald er, Prinz Karl, zur Re⸗ gierung von Caſtilien gelangt ſei. Wenn Alnayar nicht mehr am Leben ſei, ſolle ſein älteſter Sohn die Erbſchaft ſeiner Güter und Würden antreten. Und dieſen letztern Brief übergab er dem Pfalzgrafen Friedrich, in einer feinen Brieftaſche, die der König einſt von der Gräfin Luiſe von Maine zum Geſchenk erhalten hatte, und in welcher ſich ſein und ihr Bildniß von der Hand eines geſchickten Malers be⸗ fand. Er befahl dem Pfalzgrafen, die Brieftaſche mit dem Briefe und dem Begnadigungsdokumente dem Infanten Karl an dem Tage zu überreichen, an welchem derſelbe die Erbſchaft der Krone von Caſtilien antreten werde.“ „Und dieſe Briefe ſind alſo noch in den Händen des Pfalzgrafen?“ „Jedenfalls. Ich habe natürlich nicht wieder davon gehört. Ich habe den Pfalzgrafen ſeit Jahren nicht ge⸗ ſehen. Wir ſind uns fremd geworden.“ Der Zigeuner an der Thür ward hier durch zwei in Mäntel gehüllte Männer vertrieben, welche von einem an⸗ dern Zigeuner vorüber in das hintre Gemach des alten Hauſes geführt wurden. Er hatte auch genug gehört. Bald darauf ſchritt Bübenhoven, ebenfalls verhüllt, die verſchobenen Steinſtiegen hinab und trat langſam und ge⸗ dankenvoll den Rückweg in die Stadt an. Er war noch nicht weit in der durch die Baumſchatten verfinſterten Nacht gegangen, als er ein leichtes Geräuſch hinter ſich ver⸗ nahm, als ſäusle der Nachtwind im dürren Laube, und 186 Der Herzog von Burgund und Niederland. ſich unmittelbar darauf am Mantel gehalten fühlte. Er wandte ſich raſch. „Deine Sonaea iſt's,“ flüſterte das weiche Kinder⸗ ſtimmchen.„Du haſt mich ſo reich beſchenkt und mir ſo viel Liebe gezeigt, daß mich das Herz dir nachtrieb, um erſt recht von dir Abſchied zu nehmen. Im Beiſein der Mutter kann ich es nicht.“ „Was hat dich daran gehindert, mein liebes Kind?“ fragte der Junker aufmerkſam. „Ach, ich darf es dir wohl nicht ſagen; ich möchte gern — ich liebe dich ſo ſehr, mein ganzes Herz gehört dir.“ „Dann gehören mir auch ſeine kleinen Geheimniſſe. Entdecke mir alſo, was dich drückt.“ „Wenn es Suleima erfährt—“ „Wer iſt Suleima?“ „Kennſt du ſie nicht?“ Sie kennt dich doch ſehr gut und ſpricht oft mit der Mutter von dir. Sie iſt es ja, die die Mutter vermocht hat, dich über den Prinzen Al— nayar auszuforſchen. Auch will ich dir noch eins ent— decken; du wirſt mich gewiß nicht verrathen.“ „Darauf will ich dir die Hand geben, mein Kind, und einen Kuß dazu! Alſo?“ „Suleima will das ſchöne Knäbchen heimlich mitneh⸗ men. Pepindorio und ſein Sohn, der wilde Bergknappe, werden es dieſe Nacht ſtehlen. Deshalb ſind wir eigentlich hierher gekommen. Sie gibt uns viel Geld.— Eh' der Morgen graut, ſind wir ſchon tief in den Bergen.“ — ——————— Der Herzog von Burgund und Niederland. 187 „Das Knäblein, das du meinſt, iſt der kleine Rai⸗ mund Mohr?“ „Der iſt's—“ „Ich danke dir, mein herziges Kind, und werde dir deine Liebe einſt vergelten.“ Und er hob ſie empor und küßte ſie.„Wenn ich Su⸗ leima nur einen Augenblick ſehen könnte. Kannſt du das nicht möglich machen?“ Sonaca beſann ſich einen Augenblick.„Komm,“ ſagte ſie dann.„Wir wollen dort an der Bergwand hinauf⸗ ſteigen. Verbirg dich hinter einen Baum, bis ich dich abhole.“ Das zarte Kind führte den Junker, bis ſie über dem alten Hauſe ſtanden. Dann huſchte ſie den Berg hinab. Eh' eine Viertelſtunde verging, war ſie wieder da und leitete ihn bis dicht hinter das alte ſteinerne Gebäude. Hier konnte er durch eine ſchlecht verhängte Fenſteröffnung in ein kleines Gemach ſehen und erkannte in den darin befindlichen drei Menſchen die Gräfin Cardona, Ulrich Fug⸗ ger und Georg Daſa. Die Erſtere war in Zigeunertracht. Bübenhoven kehrte ohne Verzug um, nahm zärtlichen Abſchied von der kleinen Zigeunerprinzeſſin und erreichte mit ſchnellen Schritten die Stadt. Es ſchmerzte ihn, daß er ſowohl von der angeblichen Gräfin, als auch von Za⸗ roya verrathen war, daß die Letztere ſich ſogar hatte ge— brauchen laſſen, um ihn auszuforſchen. Er ahnete den Zuſammenhang dieſer verhüllten Dinge; und ein ihn über⸗ 188 raſchendes Licht durchblitzte ſeine Seele. Er überlegte, was zu thun ſei und kam bald zur Ueberzeugung, das er ſeiner ſelbſt und Sonaca's wegen die Zigeuner und die falſche Gräfin ſchonen müſſe, auch durfte er Ulrich nicht blos⸗ ſtellen. Er verfügte ſich alſo zu Jakob Fugger und be⸗ richtete ihm, es ſei ſoeben eine räthſelhafte Warnung an ihn gelangt, daß der Knabe Raimund geraubt werden ſolle, und die gut bezahlten Räuber ſich bereits in der Stadt befänden. Jakob erſchrak.„Ich habe es befürchtet,“ ſagte er.„Wir müſſen das Kind in der größten Stille von hier entfernen. Ich ahne die Pläne, die man mit ihm vor hat. Sie ſollen und müſſen vereitelt werden. Wir geben vor, daß wir ihn mit nach Augsburg nehmen, aber Der Herzog von Burgund und Niederland. wir werden einen ſichern Verſteck für ihn ausfindig machen. Ich denke, ich laſſ' ihn auf eins meiner Güter bringen.“ Ein Vorwand, den treuloſen Toni noch an dieſem Abend zu entfernen, war ſchnell gefunden. Er erhielt von Jakob eine Depeſche zur eiligſten Beſorgung nach Presburg.„Da du der ſchnellſte Reiter in Kremnitz biſt, ſo hab' ich dich zu dieſer wichtigen Botſchaft erwählt. Du mußt unver⸗ züglich fort und morgen bei guter Zeit dort ſein.“ Der Burſche machte ein verdrießliches Geſicht, durfte aber doch nicht widerſprechen und mußte das Pferd beſteigen. Am folgenden Morgen verlautete, der kleine Raimund ſei in der Nacht erkrankt, und bis zur Abreiſe der Augs⸗ burger ſah man ihn nicht mehr außerhalb der Zimmer. Die Zigeuner waren nach einigen Tagen verſchwunden, * Der Herzog von Burgund und Niederland. 189 mit ihnen Toni. Es war ihnen bald klar geworden, daß ihr Anſchlag auf den Knaben verrathen war. Dieſer wurde auf ſehr geheimnißvolle Weiſe in der Nacht vor der Ab⸗ reiſe in einer Sänfte unter ſtarker Begleitung voraus⸗ geſchickt, ſo daß außer der Turzoinſchen Familie Niemand wußte, wohin er gekommen war. Dieſer Umſtand kam den abergläubiſchen Gerüchten, welche über ihn ſchon im Schwange waren, ſehr zu Hülfe. Die Phantaſie der Berg⸗ leute bemächtigte ſich ſeiner und machte ihn zu einem über⸗ natürlichen Weſen, das auf räthſelhafte Weiſe unter ihnen erſchienen und ebenſo wieder verſchwunden war. Die heim⸗ liche Entfernung Toni's wurde auf ganz andre Weiſe mit dem Verſchwinden des Knaben in Verbindung geſetzt, als ſie in der Wirklichkeit ſtatt gefunden hatte. Dreizehntes Rapitel. Seit der großen Fuggerſchen Hochzeit in Kremnitz waren über funfzehn Monate vergangen Das Jahr 1514 war ein merkwürdiges und ereignißvolles geweſen. Zwar hatte es ſich nicht durch Begebenheiten ausgezeichnet, welche ge⸗ eignet geweſen wären auf die Schickſale des menſchlichen Geſchlechts überhaupt einen umgeſtaltenden Einfluß aus⸗ zuüben; man durfte ſie nur einzelne Gewitterſtürme nen⸗ nen, in denen ſich die ſchwüle Atmosphäre eines Theils ihrer Stoffe entlud; aber dieſe Blitze zuckten blutig genug hernieder und gaben Zeugniß von der wilden und gewal⸗ tigen Aufregnng der Geiſter. Die tolle und abſcheuliche Wirthſchaft des jungen ver— ſchwenderiſchen Herzogs von Würtemberg Ulrich, der nun ſchon ſeit elf Jahren in dem kleinen Lande wie in erober⸗ tem Feindesgebiet ſchaltete und zur Befriedigung ſeiner gemeinen Lüſte die Unterthanen durch ſeine Kreaturen und Helfer bis aufs Blut ausſaugen ließ, hatte eine Bauernverbindung, welche ſchon zur Zeit der Mündigkeits⸗ ——— Der Herzog von Burgund und Niederland. 191 erklärung des Hergogs(1503) unter dem Namen„der arme Konrad“ im Remsthale zuſammengetreten war und zweifelsohne mit der ſo unglücklich abgelaufnen Bauern⸗ verbindung des Bundſchuh im Speiergau in geheimem Zuſammenhang ſtand, bis zum Ausbruch der Empörung getrieben. Die Verbindungen und Verbrüderungen waren nämlich eben ſo gut ein uraltes Recht des Landmanns, wie der Städter und des Adels. Nach der Zerſprengung des Bundſchuhs hatte ſich der arme Konrad ruhig ver⸗ halten: als aber der goldgierige Herzog zur Befriedigung ſeiner immer koſtſpieligern Leidenſchaften im Anfang des Jahres 1514 eine unerhörte Kapitalſteuer ausgeſchrieben und Maaß und Gewicht zu ſeinem Vortheil verkleinert hatte, war der arme Konrad als Widerpart der unge⸗ rechten Regierung aufgetreten, und es war zum offnen Widerſtand und Aufruhr der Bauern gekommen, der ſich faſt über das ganze Land verbreitete. Aber es fehlte der Volksbewegung, ſo drohend ſie auch ausſah, ein tüchtigrs und verſtändiges Haupt, um ein günſtiges Reſultat zu erzielen. Der anfangs verzagte Herzog gewann durch Lug und Trug und Waffengewalt bald die Oberhand über die ſeinen zweideutigen Verſprechungen leichtgläubig vertrauen⸗ den Bauern, und bald fielen die Köpfe derer, welche vor⸗ züglich thätig geweſen waren; Andre entwichen außer Land, und der Aufſtaud, der mit einem einſichtsvollen und mu⸗ thigen Anführer für ganz Deutſchland hätte von großer und umgeſtaltender Bedeutung werden können, wurde unter⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. 192 drückt, damit die Fürſten und ihr Anhang nur noch frecher und übermüthiger, trotziger und gewaltiger des Landmanns Eigenthum verſchlemmen und verpraſſen konnten.„ Ganz zu derſelben Zeit hatte eine gewaltigere und dem Adel gefährlichere Volksbewegung in Ungarn ſtatt gefun⸗ den. Und hier fehlte nicht der begabte Führer; ja ſtatt eines, waren deren zwei. Und doch war auch dieſer Auf⸗ ſtand zu erhöhtem Unglück des Volks vom Adel unter⸗ drückt worden.— Die großen Rüſtungen, welche Selim der Wilde, Padiſchah der Osmanen, gegen Perſien machte, verbreiteten in der Chriſtenheit Beſorgniß und Schrecken, indem man fürchtete, der Feldzug der Türken werde den Abendländern gelten. In Ungarn wurde zu Oſtern 1514 6 von allen Kanzeln des ganzen Landes ein Kreuzzug gegen die Türkei gepredigt, und da allen Hörigen und Leibeig⸗ nen, welche ſich daran betheiligen würden, im Namen des Königs Freiheit verſprochen wurde; ſo ſtürmten binnen zwanzig Tagen gegen ſechszigtauſend Männer, meiſt hörige oder leibeigne Bauern, froh der Gelegenheit des grauſamen Druckes ledig zu werden, zu den Kreuzesfahnen. Sie wurden mit dem Kreuze bekleidet und nannten ſich davon Cruciaten. Nach des Königs Willen übernahm jener Georg Daſa, der mit auf der Fuggerſchen Hochzeit in ß Kremnitz geweſen war und dort durch Ulrich Fugger's Vermittelung die Bekanntſchaft der fanatiſchen Suleima gemacht hatte, die Führung dieſes Kreuzheeres. Er war in jeder Beziehung zum Oberbefehl deſſelben befähigt. ₰ Der Herzog von Burgund und Niederland. 193 Zwei Pfarrer, Laurentius und Barnabas, erregten das gemeine Volk durch Reden im Geiſte der Huſſiten zu dieſer allgemeinen Theilnahme am heiligen Kriege. Vorzüglich war es der erſtere, welcher die Gleichheit der Menſchen⸗ rechte predigte. Der Adel entbrannte in Wuth über den Abzug ſeiner Hörigen und Leibeignen. Viele Magnaten ſetzten ihren dem Kreuzheere zuziehenden Bauern mit be⸗ waffneter Hand nach, holten ſie ein, ſchlugen ſie in Feſſeln und führten ſie mit grauſamen Mißhandlungen zurück. Dadurch wurde der Geiſt der Empörung raſch geweckt und zur mächtigen Flamme angeblaſen, zumal das Heer durch den Feldzug der Türken gegen die Perſer inne ward, daß der Kreuzzug gegen die Ungläubigen ſich unnöthig mache. Die Bauern waren nun in Maſſe zuſammen und ſahen ihre grauſamen Dränger im Vaterlande als ihre zu bekämpfenden Feinde an. Laurentius rief in glühenden fanatiſchen Reden zur Empörung auf; Georg Daſa ergriff die Gelegenheit, um der Rächer ſeines Volks an dem ty⸗ ranniſchen Adel, um ſein Retter und Befreier von den ſchmählichen Banden der Knechtſchaft zu werden. Ent⸗ ſchloſſen, das Cruciatenheer gegen den König, den hohen Adel und die Pfaffheit als die ärgſten Feinde des Volks zu führen, rief er das ganze Land zur Empörung auf und begann den Krieg. Hunderte von adligen Schlöſſern loderten in Flammen auf;eine Menge Edelleute wurden mit Weib und Kind von der rächenden Hand der Bauern erſchlagen. Nach dem erſten Sieg, den Doſa erfocht, ver⸗ Ein deutſcher Leinweber. 1w. 13 194 Der Herzog von Burgund und Niederland. kündete er die Republik und Souverainität des Volks. Alle Ungarn ſollten vor Gott und Menſchen gleich ſein; kein Adel ſollte mehr beſtehen, kein König mehr regieren, keine Geiſtlichkeit mehr Macht haben. Aber jener Johann Zapolya, der ſeine Gedanken ſchon auf die ungariſche Kö⸗ nigskrone gerichtet hatte, und jetzt Woiwode von Sieben⸗ bürgen war, wurde von dem hart bedrängten ungariſchen Adel herbeigerufen und überfiel den unvorbereiten Doſa. Geſchlagen und gefangen genommen, wurde der edle Mann auf teufliſch grauſame Weiſe hingerichtet. Vierzig ſeiner Diener waren ohne Nahrung eingeſperrt worden. Als nach vierzehn Tagen der ſcheußliche Kerker geöffnet wurde, lebten nur noch neun. Mit Ketten beladen wurde Doſa nackt auf einen vor ſeinen Augen glühend gemachten Thron gefeſſelt, ihm eine glühende Krone aufs Haupt genagelt, ein glühendes Steepter in den Arm gelegt. Nun wurden ſeine neun ausgehungerten Gefährten mit Lanzenſtichen und Schwerthieben auf ihn losgetrieben und ihnen zugeſchrien, ſich am Fleiſche ihrer Königs zu ſättigen und dadurch ihr Leben zu erkaufen. Drei, die ſich weigerten, wurden im Nu in Stücke gehauen, ſechs ſtürzten ſich auf das ſcheuß⸗ liche Mal. Von glühenden Zangen zerriſſen endete der edle Doſa ohne einen Schmerzenslaut. Die gefangenen Bauern wurden geköpft und gepfählt, 60,000 waren in den Schlachten und durch Henkers Hand umgekommen; Abgaben und Frohnen wurden erhöht, die Leibeigenſchaft als allgemeines und ewiges Schickſal der Bauern beſtimmt. — Der Herzog von Burgund und Niederland. 195 Und ſo endete hier wie in Würtemberg der Bauernauf⸗ ſtand zum Triumph und größerm Uebermuth der Volks⸗ unterdrücker, und ein ſtürmiſcher Jubel ging durch die Reihen der Fürſten, des hohen Adels und des mächtigen Klerus in Ungarn und dem ganzen deutſchen Reiche. Der Feldzug des Kaiſers Marimilian und des Königs Heinrich VIII. von England gegen Frankreich war mit dem Jahre 1513 ſchon ohne ſonderliche Erfolge zu Ende ge⸗ gangen. Ein paar franzöſiſche Städte an der niederlän⸗ diſchen Grenze waren erobert und einige Meilen weit das Land verwüſtet worden; dann war der junge König nach London, der alte Kaiſer nach Innſpruck zurückgekehrt. Auf dieſer Heimreiſe hatte er ſich, wie ein alter Bericht ſagt, „in Augsburg mit der Vogelbeize, mit Renn- und Stech⸗ ſpielen, mit Gaſtmahlen, Tänzen, Maskeraden und andern Kurzweilen beluſtigt, worauf er endlich am andern Chriſt⸗ tage nach Innſpruck zurück verreiſet.“ In den erſten Tagen des Jahres 1514 war dann die Königin Anna von Frankreich, jene Erbin von Bretagne, die einſt Marimilians Braut geweſen, in ihrem zweiund⸗ vierzigſten Lebenbjahre geſtorben, und die Feindſchaft der Könige von Frankreich und England hatte ſich nach we— nigen Monaten in ihr Gegentheil verwandelt, indem König Ludwig im Auguſt die Prinzeſſin Margaretha von Eng⸗ land, König Heinrichs Schweſter, zur Gemahlin nahm, dieſelbe Prinzeſſin, welche kurz vorher während des Kriegs in den Niederlanden auf Betrieb des Kaiſers ſeinem Enkel, 13* 196 Der Herzog von Burgund und Niederland. dem dreizehnjährigen Erzherzog Karl, Prinzen von Caſti⸗ lien, vom König Heinrich verlobt worden war. Worthalten war nun einmal nicht die Sache der Könige jener Zeit. In Italien war der Krieg der verbündeten Deutſchen und ſpaniſchen Heere gegen Venedig meiſt ein glücklicher geweſen. Bei Vicenzu waren die Republikaner am 7. Octo ber 1513 gänzlich geſchlagen worden, und das folgende Jahr ſah die Oeſtreicher als Herrn in Oberitalien. Kaiſer Marimilian war mit der Geſtaltung der Dinge ſehr zufrieden. Die Niederlage der Bauern in Würtem⸗ berg und Ungarn hatte, ſo meinte er, dieſen abſcheulichen Empörungen für immer ein Ende gemacht, ſeine ſiegreichen Waffen gegen die Venetianer und Franzoſen gaben ihm ein Uebergewicht; das deutſche Reich ſchien ruhig— wenig⸗ ſtens bekümmerte ſich der Kaiſer nicht viel darum. Darum gewahrte er nichts von der innern Gährung in allen Schichten der Geſellſchaft, nicht das Drängen und Treiben der Geiſter nach einer freiern Lebensgeſtaltung, nicht das dumpfe Brüten des Volks, das durch eine abermalige ſchlechte Ernte und den dadurch geſteigerten Mangel ſchwer niedergedrückt war. Der Kaiſer täuſchte ſich, es war die Ruhe, die dem Sturm vorangeht. Er aber griff nun gleich wieder nach ſeinen alten Plänen, die die Vergröße⸗ rung ſeines Hauſes bezweckten. Ländererwerb durch Hei⸗ rathen ſchien gleichſam die Aufgabe ſeines Lebens zu ſein. Er hatte dies Ziel als Jüngling verfolgt und die Nieder⸗ lande(faſt auch Bretagne) dadurch gewonnen; er hatte ——— Der Herzog von Burgund und Niederland. 197 ihm als Mann nachgejagt und Caſtilien an ſein Haus gebracht; er nahm es als Greis wieder auf und warf ſeine Augen wiederum auf Ungarn und Böhmen, da die Schwächlichkeit des Thronerben dieſer Länder ſeinen frühen Tod erwarten ließ. Seine ſechs Enkel, die nun allmälig heranſpuchſen, boten ſeinen Gelüſten treffliche Gelegenheit. Zwar hatte ihm die Vermählung des Königs von Frank⸗ reich mit der Prinzeſſin von England das reiche Heiraths⸗ project, das er mit dem Erzherzog Karl vorhatte, ver⸗ dorben(das erſte, ihn mit der Prinzeſſin Claude de France zu verbinden, hatte Ludwig XII. dadurch vereitelt, daß er ſeine Tochter ſeinem Neffen, dem Herzog Franz von An⸗ gouleme zur Gemahlin gegeben), aber er ließ ſich da⸗ durch nicht irre machen, neue Pläne zu entwerfen. Zuerſt aber mußte Prinz Karl mündig erklärt werden und die Regierung der Niederlande aus den Händen ſeiner Tante ſelbſt übernehmen. Und dazu war der funfzehnte Geburtstag des Prinzen, der 24. Februar 1515 beſtimmt. Ehe dieſer Tag aber erſchien, lief die überraſchende Kunde von einem unerwarteten Ereigniß durch Europa. Der kräftige König von Frankreich, Ludwig MI., war in ſeinem 54. Lebens⸗ jahre plötzlich am Neujahrstage geſtorben; vier Monate, nach ſeiner zweiten Vermählung. Man behauptete gerade die junge Gemahlin ſei die Urſache ſeines Todes geweſen. Um ſich einen Leibes⸗ oder Thronerben zu erzielen, habe er der ehelichen Liebe zu viele Opfer gebracht und dadurch die Kraft ſeines Lebens gebrochen. Ihm folgte auf dem 198 Der Herzog von Burgund und Niederland. Throne Franz von Valois, Herzog von Angouleme, der Enkel eines Bruders ſeines(Ludwigs) Vaters, zwanzig Jahre alt und vermählt mit eben jener Claudia, welche erſt für den Erzherzog Karl beſtimmt geweſen war. Man war gewohnt, dieſen Franz für einen ſehr unbedeutenden Menſchen, für einen Faſelhans zu halten. Zu gleicher Zeit liefen Nachrichten aus Spanien von der zunehmenden Krankheit des Königs Ferdinand ein; es hatten ſich ſo bedenkliche Symptome gezeigt, daß eine baldige Auflöſung deſſelben ebenfalls zu erwarten ſtand. Auch er hatte ſich durch eine junge Gemahlin und daſſelbe Verlangen, einen Erben von Aragonien zu erzielen, zu Grunde gerichtet. Es ſchien bald, als ſolle Maximilian von all den ge⸗ krönten Häuptern allein ſtehen, mit denen er gehadert und verbündet geweſen, die ihm und denen er ſo oft Wort und Treue gebrochen. Der Tag war da, an welchem der fünfzehnjährige Erzherzog Karl die Regierung der Niederlande übernehmen ſollte. Von Innſpruck waren als Geſandte des Kaiſers gekommen: Graf Hans von Oettingen, Graf Felir von Werdenberg und Graf Wolf von Fürſtenberg. Die Stände des Herzogthums waren durch Circularſchreiben nach Brüſſel berufen worden. Unter den Fremden, welche aus ver⸗ ſchiedenen Ländern, namentlich aus Heſtreich, Deutſchland, Frankreich und Holland herbeigekommen waren, das Feſt des jungen Herzogs zu verherrlichen, erregte ein Graf von Oldenburg die Aufmerkſamkeit Vieler, vorzüglich des Hofs. Der Herzog von Burgund und Niederland. 199 Niemand kannte ihn näher. Man flüſterte ſich nur zu, er ſei als ein Anverwandter des Königs Chriſtiern M. von Dänemark nach Löwen zu der Erzherzogin Statthal⸗ terin gekommen und habe derſelben Briefe des Königs gebracht. Dort hatte er am Hofe ſchon einige Wochen gelebt und war von der Statthalterin mit auszeichnender Freundlichkeit behandelt worden. Nun war ſchon im letzten Herbſt am niederländiſchen Hofe verlautet, der junge König von Dänemark, welcher 1513 zur Regierung gekommen, habe ſich ſowohl an den Kaiſer Marimilian, als auch an die Erzherzogin Margaretha brieflich gewandt und um die Hand der Prinzeſſin Elevnore, der älteſten Schweſter des Erzherzog Karl, angehalten. Dieſe Erzherzogin ſtand jetzt im ſiebzehnten Jahre und hatte ſich zu großer Schön⸗ heit entwickelt. Der Ruf derſelben war in alle Länder gedrungen. Der Schluß der Hofleute, daß der Aufenthalt des Grafen von Oldenburg am niederländiſchen Hofe mit der Werbung des däniſchen Kömgs in enger Beziehung ſtehen möchte, war um ſo leichter gemacht, als der Graf oft und viel um die junge Erzherzogin war und bei den Hoffeſten ſie und ihr vierzehnjährige Schweſter Iſabella, welche eben ſo ſchön zu werden verſprach, abwechſelnd zu Tänzerinnen wählte. Nun hatte aber die reizende Prin⸗ zeſſin Eleonore ihr Herz bereits an den nicht mehr ju⸗ gendlichen Pfalzgrafen Friedrich, den Gefährten ihres Va⸗ ters bei allen tollen Streichen und Minnehändeln, ver⸗ loren und ſtand hinter dem Rücken ihrer Tante im heim⸗ 5 200 Der Herzog von Burgund und Niedland. lichen und innigen Liebesverkehr mit dem in ſolchen An⸗ gelegenheiten wohlerfahrenen Fürſten. Mochte nun dem Könige von Dänemärk irgend eine geheime Kunde von dieſem Verhältniß zugekommen ſein, genug der Graf von Oldenburg ſparte bei der Dienerſchaft kein Gold, hinter daſſelbe zu kommen. König Chriſtiern war dagegen für die in den Pfalzgrafen verliebte Eleonore auch keine an⸗ genehme Partie, und ſie gebrauchte eine am niederländi⸗ ſchen Hofe bekannte Verbindung deſſelben zum Vorwand, um ſich bei ihrer Tante gegen eine Vermählung mit dem⸗ ſelben auszuſprechen. König Chriſtiern hatte nämlich vor fünf Jahren als Statthalter von Norwegen in Bergen die Tochter einer aus Amſterdam ſtammenden Gaſtwirthin, Namens Sigbrit, kennen gelernt und war in das zarte, mit den lieblichſten Reizen einer ſanften weiblichen Natur reichlich ausgeſtattete Kind in heftiger Minnebrunſt erglüht. Das liebliche zarte Weſen, von ſeiner Geſtalt und Un⸗ ſchuld das„Täubchen(Dyveke) von Amſterdam“ genannt, war des Statthalters Geliebte geworden und ihm vor an⸗ derthalb Jahren, als er den däniſchen Thron beſtiegen, nebſt ihrer ſchlauen und ränkevollen Mutter Sigbrit nach Kopenhagen gefolgt. Sigbrit hatte großen Einfluß auf die Regierung des Königs gewonnen, und man ſchrieb die energiſchen Schritte deſſelben gegen die mächtige und übermäthige Ariſtokratie des Landes den Einflüſterungen der holländiſchen Gaſtwirthin zu. Es wurde aus guten Gründen vermuthet, daß der König weder ſein heißge⸗ . . —— Der Herzog von Burgund und Niederland. 201 liebtes Täubchen, noch ſeine ſcharfſinnige Rathgeberin einer Gemahlin opfern und dieſe alſo einen nicht beſonders an⸗ genehmen Stand haben werde. Die Erzherzogin Eleonore, von der ſchwärmeriſchen Hoffnung genährt, ihre Ver⸗ wandten würden die Einwilligung zu ihrer Verbindung mit dem Pfalzgrafen geben, erklärte kühnen und ſtarken Geiſtes, ſie werde ihre Hand nie dem König von Däne⸗ mark reichen. So ſtand dieſe Heirathsangelegenheit, als das Feſt erſchien, zu welchem der Graf von Oldenburg mit der Statthalterin und den jungen Erzherzoginnen von Löwen nach Brüſſel gekommen war. Dreimal drei Kanonenſchüſſe verkündeten nach ſieben Uhr Morgens der winterlichen Hauptſtadt, daß das Land heute wieder einen Herzog erhalten werde. Hierauf lud das Glockengeläute von allen Thürmen die Bevölkerung zur heiligen Meſſe. Die Stände verſammelten ſich in der St. Gudulakirche, dem Meßopfer beizuwohnen; die erzher⸗ zogliche Familie und die Geſandten beteten und empfingen den Segen in der Schloßkirche. Nach beendigtem Gottes⸗ dienſte zogen die Stände paarweis in das Schloß, wo ſie von herzoglichen Marſchällen empfangen und in den von Karl dem Kühnen eingerichteten Thronſaal geleitet wurden. Achtunddreißig Jahre waren nun ſeit dem Tode dieſes kriegeriſchen Herrn verfloſſen, und es waren nicht wenige von den Ständen, die ihn noch in ſeiner männlichen Blüthe und Kraft gekannt, ja einige derſelben hatten ſchon als 202 Der Herzog von Burgund und Niederland. Stände unter ihm in dieſem Saale geſeſſen. Heute ſollten ſie wieder einen Karl zum Herzog erhalten, den Urenkel jenes kühnen Kriegers, und der Vergleich zwiſchen jenen Zeiten und dieſen, zwiſchen Ahn und Enkel war der Ge— genſtund der Unterhaltung der Stände. Wie außeror⸗ dentlich hatten ſich die Zeiten geändert! Die Erfolge jener verachteten Schweizerbauern, welche dem trotzigen Herzog Karl die Siegespalme und das Leben entriſſen, hatten die Maſſen des Bauernvolks faſt im ganzen deutſchen Reiche mit Freiheitsgedanken angefüllt, und welche freie Anſichten hatte die Bevölkerung der Städte von dem päpſtlichen Kirchenregiment und der Verderbtheit des hohen Klerus gewonnen! Welcher ungeheure Reichthum war durch die Handelsſeefahrten nach Oſt- und Weſtindien, und durch die Einkehr der portugieſiſchen und ſpaniſchen Schiffer in die niederländiſchen Häfen in das Land geſtrömt! Welch ein Drängen und Treiben hatte die Geiſter erfaßt, wie vordem bei keines Menſchen Gedenken der Fall geweſen! Und welche unüberſehbare Fernſichten bot die nächſte Zu⸗ kunft! Ihr junger Herzog war nicht nur der Erbe aller öſtreichiſchen Lande, er war auch Erbe aller ſpaniſchen Kö⸗ nigreiche, des Königreichs Neapel, des Königreichs Na⸗ varra und jener ungeheuren Länder voll fabelhaften Reich⸗ thums jenſeits des atlantiſchen Meeres, deren Küſten man noch nicht einmal ganz kannte. Dieſer funfzehnjährige Knabe war der wichtigſte unter allen lebenden Menſchen; weil er der mächtigſte und reichſte werden ſollte. Denn f —— —— Der Herzog von Burgund und Niederland. 203 was auch ehrliche Moraliſten den Menſchen vorpredigen mögen: Macht und Reichthum bleiben ſtets die höchſten Güter derſelben, und vor Macht und Reichthum werfen ſie ſich anbetend in den Staub.— Die des Raths mit den Bürgermeiſtern und den Ober⸗ meiſtern der Zünfte, dann die Ritterſchaft und der Klerus betraten nach einander den Saal und nahmen ihre Plätze ein. Da ſah man die ſtolzen flandriſchen Kaufherren, die im Reichthum die meiſten Fürſten jener Zeit hinter ſich ließen, und unter ihnen Herrn Jakob Fugger und ſeine beiden Neffen Raimund und Anton Fugger; der erſtere in ſchlichter Tracht, doch mit der Ehrenkette des Kaiſers geſchmückt, der Andre in einer Pracht, welche die der ge— bornen Fläminger noch zu überbieten ſuchte, der Dritte in einem ſehr ſoliden Schmuck, der wohl den Reichthum ſeines Beſitzers ahnen ließ, dem jungen Manne aber ei⸗ nen Anſtrich von Würde gab, die weit über ſein Alter hinaus ging. Die Herolde gaben ein Trompetenſignal, die großen Thüren wurden aufgethan und die Trabanten und wallo⸗ niſchen Garden ſchritten in glänzendem Waffenſchmuck herein und ſtellten ſich an den Wänden auf; die Hofmarſchälle führten den Zug der Hofherrn an, in deſſen Mitte unter einem von Pagen getragenen Thronhimmel der Erzherzog Karl, ſeine Tante die Statthalterin führend ging; der Pfalzgraf Friedrich führte die ſchöne ſiebenzehnjährige Prin⸗ zeſſin Eleonore, ſeine heimliche Geliebte; der Graf von 204 Der Herzog von Burgund und Niederland. Oldenburg die Prinzeſſin Iſabella, der Oberhofmeiſter des Prinzen, der Ritter Wilhelm von Croy, Herr von Chievres, die neunjährige Prinzeſſin Maria. Der Erzbi⸗ ſchof von Mecheln und der Informator des Prinzen, Meiſter Adrian Florentius, meiſt nach ſeiner Vaterſtadt Adrian von Utrecht genannt, erſter Profeſſor und Decan der Uni— verſität zu Löwen, ſchritten nebeneinander, und ihnen traten die Biſchöfe des Landes nach. Sodann die übrigen Ge⸗ ſandten des Kaiſers, die oberſten Hofchargen und mehre ſpaniſche Ritter und Granden, welche ſich am brüſſeler. Hofe aufhielten, jeder eine Hofdame am Arme. Unter den Letztern erkannten die Fugger mit einigem Erſtaunen die ſchöne Gräfin von Cardona, welche der alte Kanzler des Reichs, der Graf Hanneton, führte. Der Erzherzog nahm, wie gewöhnlich, zur Rechten der Statthalterin auf dem Throne den Sitz ein; eine Stufe tiefer ließen ſich die Prinzeſſinnen auf vergoldeten Stühlen nieder; der dem Erzherzog zunächſt ſtehende blieb unbeſetzt. Die Geſandten und Hofherren ſtellten ſich zu beiden Seiten des Throns auf, die Damen nahmen 3 einer Eſtrade Platz. Prinz Karl von Caſtilien war weder in körperlicher, 3 noch geiſtiger Ausbildung ſeinem Alter vorgeſchritten. Er war in der That noch ein Knabe, der außer Reiten und Fechten blutwenig gelernt hatte. Sein Wuchs war nicht groß, vielmehr gedrungen und ſpätere Kraftentwicklung andeutend. Das hellblonde großgelockte Haar hatte er —— Der Herzog von Burgund und Niederland. 205 von ſeinem Vater; auch im Geſicht fand man Züge der habsburger Familie, aber ſie waren mit denen des ka⸗ tholiſchen Ferdinand gemiſcht Es fehlte ihnen die habs⸗ burgiſche Gutmüthigkeit. Das große und feurige Auge und der geſchlofſne, ſpöttiſche, befehlshaberiſche Mund waren Erbtheil ſeiner Mutter. Sein Geſicht hatte nicht die Blü⸗ thenfarbe der Jugend; es war von auffallend weißer Farbe und nur leicht geröthet. Sein Gang und Anſtand waren ſchon feſt und fürſtlich. Die Herolde riefen die Eröffnung des Fürſtentages aus, und der Kanzler verkündete dann der Verſammlung, daß die anweſenden Geſandten Seiner Majeſtät des Kai⸗ ſers des heiligen römiſchen Reichs deutſcher Nation im Namen und Auftrag ihres allerdurchlauchtigſten Herrn, den durchlauchtigſten Erzherzog von Oeſtreich Karl, Prinzen von Caſtilien und Leon, Herzog von Burgund und Nie⸗ derland und Grafen von Lützelburg, am heutigen Tage als dem funfzehnten Geburtsfeſte Sr. Durchlaucht der Vor⸗ mundſchaft entlaſſen, und daß Ihre Hoheit die durchlauch⸗ tigſte Frau Erzherzogin von Oſtreich, verwittwete Herzogin von Savoyen, die zeither mit Ruhm geführte Regierung in die Hände ihres durchlauchtigſten Neffen geben werde, die Stände des Reichs aber berufen ſeien, ihrem Herzog die Huldigung und den Eid der Treue zu leiſten. Hier⸗ auf traten die drei deutſchen Grafen vor, überreichten der Erzherzogin ihr Creditiv als Geſandte des Kaiſers, und Fürſtenberg verlas die Urkunde der Entlaſſung des Herzogs 206 Der Herzog von Burgund und Niederland. aus der Vormundſchaft ſeines Großvaters. So wie die Geſandten wieder zurück getreten waren, nahm die Erz⸗ herzogin eine Pergamentrolle mit großem anhängenden Inſiegel von dem Sammtkiſſen, welches ein neben ihr ſte⸗ hender Kammerherr hielt, und überreichte ſie dem Kanzler zum Vorleſen. Es war die Uebergabe des Regiments des Landes. Aus den Händen des Kanzlers wieder in die ihrigen zurückgekehrt, reichte ſie dieſelbe dem Neffen dar, trat von der oberſten Stufe des Throns herab, beugte das Knie vor ihm und küßte ſeine Hand mit den Worten:„Ich beglückwünſche Ew. Hoheit und huldige Euch als meinem gnädigſten Herzog und Herrn.“ Die Prinzeſſinnen und der Hofſtaat folgten ihrem Beiſpiel; dann huldigten die Stände. Zuletzt las der Erzbiſchof von Mecheln den Eid der Treue vor, welcher von den Ständen mit lauter Stimme und aufgehobner rechter Hand nach⸗ geſprochen wurde. Nach Beendigung dieſes feierlichen Ak⸗ tus wurden die Gemächer des Schloſſes geöffnet, damit die Anweſenden nach Belieben bis zum Beginn des großen Bankets ſich hierhin oder dorthin verfügen möchten. Viele derſelben brachten dem jungen Herzog ihre perſönlichen Glückwünſche dar. Unter dieſen befand ſich auch Jakob Fugger, welcher dem Erzherzog und deſſen Tante, ſeine beiden Neffen vorſtellte und zu Gnaden empfahl. „Ew. Liebden muß wiſſen,“ wandte ſich die Erzher⸗ zogin an den jungen Herzog,„daß Herr Fugger ein langjähriger treuergebner Freund Sr. Majeſtät des Kai⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. 207 ſers iſt und auch Eurem hochſeligen Vater wichtige Dienſte geleiſtet.—“ „Ich weiß, ich weiß,“ unterbrach Karl die Tante un⸗ geduldig,„Ihr habt mir das ſchon geſagt, gnädigſte Frau.“ „Ein großer und wichtiger Plan war in der Aus⸗ führung begriffen,“ nahm Jakob Fugger mit gemeſſener Feierlichkeit das Wort,„als der ſtrenge Tod Eures Va⸗ ters Majeſtät hinwegnahm, ein Plan, den ich Eurer Durchlaucht—“ „Ihr reitet einen herrlichen Silberſchimmel,“ wandte ſich der Herzog an Raimund, ohne auf Jakob zu hören, „ein koſtbares Pferd; ich möchte wetten, von rein arabi⸗ ſcher Abkunft. Ich ſah Euch geſtern vorübertraben und habe die Stute bewundert. Vivian mußte gleich hinter Euch her, um ſich zu befragen; denn wir kannten Euch nicht. Aber Ihr haltet ſie nicht gut im Zaum. Ihr hättet mit mir in die Reitſchule gehen müſſen, um dieſen Euern Schatz würdig zu behandeln. Laßt mich Euch das Pferd vorreiten. Ihr ſollt ſehen, wie es an edler Haltung ge⸗ winnt. Woher habt Ihr den Schimmel?“ „Ich kaufte ihn in Venedig von einem Nobile, der ihn direct aus Arabien mitgebracht hatte. Da das Pferd nur durch die Behandlung eines ſo geſchickten Reiters, wie Ew. Hoheit gewinnen kann, ſo bitte ich unterthänigſt um die Erlaubniß, es Euch als Geſchenk und Angebinde des heutigen Doppelfeſtes anbieten zu dürfen.“ „Ha, damit macht Ihr mir die größte Freude zum 208 Der Herzog von Burgund und Niederland. Geburtstag und Regierungsantritt. Doch müßt Ihr Euch dagegen ein andres Pferd aus meinem Marſtalle aus⸗ wählen. Und einen meiner großen däniſchen Waſſerhunde müßt Ihr noch drein nehmen. Kommt, kommt, Herr Raimund Fugger! Ihr ſollt Euch gleich das Pferd aus⸗ ſuchen und wir wollen ſchnell nach dem Silberſchimmel ſchicken und vor der Tafel eine Schule in der Reitbahn reiten. Herr von Chievres ſoll auch mit. Der verſteht zu reiten. Er ſoll den Schimmel auch probiren.— Vi⸗ vian, Vivian! laufe ſchnell in die Herberge des Herrn Fugger und reite den Silberſchimmel herbei. Er iſt mein!“ Dieſe Worte galten dem älteſten Pagen des Erzherzogs, einem jungen kecken Springinsfeld, der ganz wie Einer von denen ausſah, die ſich jungen Fürſten ganz unent⸗ behrlich zu machen wiſſen. Der Page eilte von dannen, mit ungeduldiger Heftigkeit zog der Herzog den Augs⸗ burger fort, und der Oberhofmeiſter von Eroy und andre Hofherrn folgten. Zu der Erzherzogin und Jakob Fugger war Meiſter Adrian von Utrecht getreten. „Ich fürchte, er hat alle die noblen Paſſionen ſeines Vaters und dabei den Eigenſinn und die Heftigkeit ſeiner Mutter,“ ſagte die Erzherzogin mit ernſtem Geſicht. „Bedenkt ſeine Jugend, durchlauchtigſte Frau,“ ent⸗ gegnete Jakob Fugger.„Nicht Alle ſind ſo jung ſchon für ernſte Geſchäfte gemacht. Für ritterliches Blut in ſol⸗ chem Alter haben Pſerde und Hunde in der Regel eine Der Herzog von Burgund und Niederland. 209 ſtärkere Anziehungskraft als Menſchen. Euer mütterlicher Rath und Leitung wird dem durchlauchtigen Herrn auch ferner nicht fehlen.“ „Was werden ſie nützen, was haben ſie genützt?“ Es war mein liebſter Wunſch, daß er ſich den Wiſſen⸗ ſchaften zuwenden möchte. Sie ſind für Jeden, der ſich ihnen in die Arme wirft, und ſtehe er noch ſo hoch, die freigebigen Spenderinnen des höchſten und reinſten Lebens⸗ glücks. O was für Genüſſe verdanke ich ihnen nicht! Aber alle meine Bitten, ja meine Befehle ſind umſonſt geweſen, wir haben ihn nicht einmal dazu vermögen kön⸗ nen, nur die Elemente der lateiniſchen Sprache zu lernen. Reiten und Fechten haben all ſeine Zeit in Anſpruch ge⸗ nommen.“ „Dieſe Klage Ew. Hoheit könnte mir zum ſchweren Vorwurf gereichen,“ ſagte der Decan Adrian,„wenn ich nicht wüßte, wie gut es Euch bekannt iſt, daß ich mir keine Mühe habe verdrießen laſſen, den durchlauchtigen Prinzen zu den humaniſtiſchen Studien anzuhalten. Aber Ihr wißt auch, daß all meinen Eifer der Herr von Chie⸗ vres zu Schanden machte, indem er Sr. Durchlaucht ſtets von der Grammatik hinweg in die Reitbahn verlockte und dazu ſtets behauptete, er müſſe einen König aus ihm er⸗ ziehen, beſtimmt die halbe Welt zu regieren und nicht einen Schulmeiſter.“ „Euch ſprech' ich von aller Schuld frei, Herr Decan. Ich hätte nicht ſo nachſichtig gegen den Prinzen ſein und Ein deutſcher Leinweber. IW. 14 210 mein Vater hätte ſtrengere Vefehle hinſichtlich ſeiner Un⸗ terweiſung geben ſollen. Karl wird es ſpäter bereuen, daß er ſich ſo widerſpänſtig gegen die Studien gezeigt. Doch ich getröſte mich, er hat ein edles Herz, voll tief⸗ ſter Ehrfurcht vor der heiligen Mutter Kirche und ihren Dienern.“ „Er müßte kein Habsburger ſein, bemerkte Fugger. „Und nicht ein Enkel jener frommen Iſabella von Caſtilien,“ ſetzte Adrian hinzu.„Wieviel Beweiſe von Liebe giebt er mir nicht täglich und ſtündlich, obgleich ich ihm vft hart ins Gewiſſen geredet.“ „Er wird auch nie vergeſſen, wie vielen Dank er Euch ſchuldig iſt.— Doch, Herr Fugger, ich bitte Euch um die Fortſetzung Euerer Erzählung.“— Der Decan entfernte ſich.—„So ſind wirklich beide Knaben ver⸗ ſchwunden?“ „Beide, und von keinem habe ich wieder eine Spur auffinden können.“ „Und Ihr glaubt, daß jene Gräfin Cardona, die Ihr hier an unſerm Hofe wiederfindet, mit dem Kinder⸗ raube in irgend einer Beziehung ſtehe?“ „Ich bin es überzeugt. Vielleicht war jener Graf Torrillas wirklich der Zigeuner Antonio, der einſt als Stallmeiſter in Cw. Hoheit Dienſt ſtand. Einige meiner Leute wollen ihn in Kremnitz zur Zeit der großen Hoch⸗ zeit als Zigeuner geſehen haben, und als der Raub des Der Herzog von Burgund und Niederland. dritten und wichtigſten Knaben dort durch Bübenhoven Der Herzog von Burgund und Niederland. 211 vereitelt worden, war Tags darauf ſein Sohn, Euer Pflegling, der Bergknapp Toni, mit den Zigeunern ver⸗ . ſchwunden.“ „Ihr mögt nicht Unrecht haben, hier einen Zuſam⸗ menhang zu vermuthen und habt jedenfalls wohlgethan, das Kind gut aufzuheben. Wir aber werden dieſe Gräfin, die uns von der Königin von Spanien, vom Vicekönig von Neapel und vom Papſte ſo ſehr empfohlen worden iſt, ſcharf ins Auge nehmen.“ Die Erzherzogin zog ſich der bequemern Unterhaltung wegen mit dem augsburger Kaufherrn in eine Fenſter⸗ niſche zurück, und er fuhr fort Ihr mit gedämpfter Stimme * die gewünſchten Berichte zu geben. Im Reithauſe hatte der junge Herzog unterdeß auf dem herrlichen Silberſchimmel in der fröhlichſten Laune . verſchiedene Touren gemacht. Die Spanier, die ihrem künftigen Herrn gefolgt waren, rühmten ſeine Kunſt. Es hatten ſich auch weibliche Zuſchauer eingefunden und dar⸗ unter die ſchöne Gräfin Cardona. Ihr zur Seite ſtand ein hoher Würdenträger der Kirche, der Probſt der Ka⸗ thedrale, ein ſtattlicher Mann und mehr einem Ritter als einem Prieſter ähnlich: Mit einer ſeltſamen Haſt ſtrömten * ihm Worte der Bewundrung über Pferd und Reiter gleich⸗ ſam ſtoßweiſe aus dem Munde, und dann hielt er wieder plötlich in der Rede inne, als verſage ihm die Zunge den Dienſt. Wer dieſen geiſtlichen Herrn einmal geſehen und ſprechen gehört hatte— und wenn auch ſeitdem eine 14* 212 Der Herzog von Burgund und Niederland. Reihe von Jahren vergangen war— erkannte in ihm leicht wieder jenen ritterlichen Pater Innocenz, den Ver⸗ wandten des Herrn Peter van der Kapellen, der in dem Minnehandel ſeiner reizenden Baſe mit dem Erzherzog Philipp eben keine ehrenvolle Rolle geſpielt hatte. Er richtete ſeine Worte an die Gräfin, und die vertrauliche Art, mit der er es that, ließ vermuthen, daß mehr als gewöhnliche Hofbekanntſchaft zwiſchen ihnen ſtattfinde. „Und doch kann auch er nicht reiten, trotz der Lob⸗ ſprüche der edlen Herrn aus Spanien,“ flüſterte die Gräfin dem Probſt zu,„ſo wie es in der That kein Niederländer kann. Nur in Spanien und nur im Süden Spaniens verſteht man dieſe Kunſt.“ „Und Ihr verſteht ſie, wie ſie dort geübt wird; das habt Ihr uns hier ſchon gezeigt,“ ſagte der Prieſter haſtig. „Wahrlich ich denke, daß ich nicht die ſchlechteſte Rei⸗ terin bin.“ „Gefunden!“ rief Innocenz mit unterdrückter Stimme und verklärten Zügen.„Jetzt haben wir's. Ihr müßt jetzt gleich das Pferd dem Erzherzog vorreiten. Das iſt der Hacken, an dem wir unſre Fäden anhängen müſſen. Laßt mich machen.“ Und ohne ihre Zuſtimmung abzu⸗ warten, gleichſam, als verſtände ſich die von ſelbſt, ſchritt er auf den Oberhofmeiſter von Eroy los und ſprach heim⸗ lich mit ihm. Croy lachte und trat zum Erzherzog, als dieſer, um einige Worte zu wechſeln, anhielt. Iſt es möglich!“ rief Karl überraſcht, ſprang vom Der Herzog von Burgund und Niederland. 213 Pferde und eilte auf die Gräfin zu.„Ihr könnt die ara⸗ biſche Schule reiten?“ „Auf dieſer Stute, wenn Ew. Hoheit befiehlt, auf einem andern Pferde ſchwerlich. Ein Künſtler muß ein gutes Inſtrument haben, ſoll er ſeine Kunſt mit Geſchick⸗ lichkeit ausüben. Dieſe Stute iſt ein herrliches Inſtrument für einen Reitkünſtler.“ „Wohlan, ſo laßt ſehen!“ jubelte der Erzherzog, er⸗ griff die Hand der Gräfin und führte ſie in die Schranke. Auf ſeinen Wink wurde Ihr der Silberſchimmel vorge⸗ führt. Leicht, wie eine Silphe, ſchwang ſie ſich lächelnd auf das anmuthige Thier, das in demſelben Augenblicke den zierlichen Kopf emporreckte und in ein freudiges Wie⸗ hern ausbrach, gleichſam den ſeiner Meiſterin und in ihr ſeinem Vaterlande dargebrachten Gruß. Und wie von einem andern und höhern Geiſte beſeelt, flog das herr⸗ liche Roß durch die Bahn, als wiſſe es, wen es trage, und als wolle es Alles aufbieten, um ſeiner Reiterin Ehre zu machen. Mit der zierlichſten Gewandtheit führte die Gräfin die ſeltenſten Reiterkünſte aus und überwand dabei alle Schwierigkeiten, ſo daß die Zuſchauer nur die Anmuth und Schönheit in der Kunſt gewahrten und von dieſer wie bezaubert oft in lauten Jubel ausbrachen. Am meiſten jubelte der Erzherzog; er hatte keine Ahnung ge⸗ habt, daß die Reitkunſt zu dieſer Vollkommenheit gebracht werden könne, und nun vollends von einem Weibe! Erſt der laute Trompetenruf zum Banket machte dem reizenden 3 214 Der Herzog von Burgund und Niederland. Schauſpiel ein Ende Der Prinz reichte der Gräfin Hand und Arm, als ſie vom Pferde ſprang und überhäufte ſie mit den ſüßeſten Schmeicheleien.„ „Ihr müßt mir das Verſprechen geben, ſchöne Dame,“ bat er im ſtürmiſchen Tone,„mir Unterricht zu ertheilen. Ich muß reiten lernen, wie Ihr es könnt. Und auch Vivian muß es von Euch lernen. Wir Beide geben ein paar gelehrige Schüler ab. Aber ſagt mir, wie habt Ihr es zu ſolcher Vollkommenheit bringen können? Die ſpa⸗ ————— niſchen Herren verſichern, nur wenig Frauen in Spanien . würden es Euch gleich thun können.“ 5„Das ſoll Ew. Hoheit von mir erfahren, wenn ich das Glück haben werde, Euch zu unterweiſen, ein Glück, das ich mir nicht hätte träumen laſſen.“ „Ihr ſeid eine Spanierin. Aus welchem Königreiche?“ „Das ſchöne Caſtilien iſt mein Vaterland. Ich bin eine der Hofdamen der Königin Germaine von Aragonien. Aber die Sehnſucht meinen künftigen König und Herrn kennen zu lernen, trieb mich nach Brüſſel. Und nun wird mir dieſe Freude zugleich erhöht und getrübt.“ „Wie meint Ihr das?“ „Erhöht, indem ich den künftigen König von Spa⸗ nien in der königlichen Reitkunſt unterrichten ſoll, getrübt — o mein Gott! wie ſoll ich es ſagen, was mir das Herz ſo ſtark bewegt?“ „Entdeckt Euch mir! Ich bin Euch gewogen. Ihr dürft mir Alles ſagen“ Der Herzog von Burgund und Niederland. 215 „Ich habe geſtern erſt geheime Nachrichten vom ſpa⸗ niſchen Hofe. Des Königs Krankheit verſchlimmert ſich. Er kann nirgend Ruhe finden. Wie von böſen Geiſtern getrieben, eilt er von einem Orte zum andern und hält ſich meiſt in den Wäldern bei der Jagd auf. Seine Kräfte nehmen ſichtlich ab; man fürchtet, daß er nur noch kurze Friſt zu leben haben werde.“ „So ſchlimm ſteht es? Das wußte ich nicht. Man hat mir wohl von ſeinem Gebreſte geſagt, doch nicht von ſolcher Gefahr.“ „Es iſt nicht das Schlimmſte, Hoheit. Der König geht damit um, Euerm Bruder die ſpaniſchen Kronen zu hinterlaſſen.“ „Ha!“ rief der junge Herzog und ballte die Fauſt. „Schon einmal iſt mir etwas von dieſem Plane zu Ohren gekommen.— Mein iſt das ſpaniſche Erbe, und ich werde es mir nicht nehmen laſſen.“ „Dann müßt Ihr ernſtliche Schritte thun. Ich ſchwör' Euch zu, die Gefahr iſt groß für Euch.“ „Ich dank Euch, edle Frau. Euer Wink ſoll nicht vergebens geweſen ſein.“ Der Erzherzog war plötzlich wie umgewandelt. Er eilte zu ſeiner Tante und ſprach heimlich mit ihr. Ueber der Tafel war er einſilbig und ungeduldig.— Noch denſelben Abend war geheimes Coneil bei der Erzherzogin, wozu auch einige der anweſenden ſpaniſchen Granden gezogen wurden. An demſelben Abend führte die ſchwarze Matty einen * 216 Der Herzog von Burgund und Niederland. ihr gar wohl bekannten verhüllten Mann bei ihrer Herrin ein.„Dir dank' ich dieſe ſchöne Bekanntſchaft, guter ſchwarzer Geiſt!“ polterte er heraus.„Ich werde mich dir nicht undankbar beweiſen.“ „Ich kenne Eure Dankbarkeit,“ verſetzte Matty bos⸗ haft lachend. „Pah! Ich verſtehe dich. Die Eleonore war ein verlornes Weib. Ihr war nicht zu helfen. Sie hatte ihre Sache dumm gemacht, und dummen Leuten iſt nie zu helfen. Man muß ſie fahren laſſen. Die Gräfin aber iſt ſchlau.“ Damit drückte er der Schwarzen die Hand, warf den Mantel ab und trat in das Zimmer der Gräfin. Es war der Probſt Innveenz, aber in ritterlicher Kleidung. Die reizende Agnes empfing ihn mit der Ihr eigen⸗ thümlichen zauberhaften Anmuth. „Ihr habt Eure Sache vortrefflich gemacht!“ rief er Ihr zu.„Der kleine Burſche, die winzige wichtige Perſon, zappelt in Euerm Netz. Neben dem Unterricht im Reiten werdet Ihr ihn auch in die Schule der Liebe nehmen.“ „So weit ſind wir noch nicht, mein Freund. So lang er unter der Ruthe ſeiner Tante ſteht, werden wir nicht ſonderlich vorwärts kommen.“ „Klammert Euch nur feſt, ſchöne Dame. Er hat den Köder angebiſſen. Ihr müßt ihn nach Spanien führen, ſobald der alte katholiſche Herr dort ſtill geworden iſt. Wie lange wird's noch dauern? Es kann über Nacht kommen. Da müßt Ihr dem jungen Blut ſchon unentbehrlich ſein“ Der Herzog von Burgund und Niederland. 217 „Um dann für Euch zu ſorgen, trefflicher Hirt gläu⸗ biger Seelen! Was meint Ihr zu einem Biſchofsſtabe? Dann einen Cardinalhut? Und wer kann wiſſen, ob Euch nicht die Tiare im Hintergrunde winkt!“ „Ihr habt kühne Gedanken, ſchönſte Dame!“ lachte der Probſt.„Aus Eurer Hand nähm' ich ſchon eine Kopfbedeckung um die andre, um Euer reizendes Haupt dafür mit einem Fürſtenhute zu ſchmücken.“ „Ihr ſeid geſchickt im Errathen. Eine Hand wäſcht die andre. Befolgt nur genau meinen Willen und haltet Euch treu an die Vorſchriften, die ich Euch gebe, dann ſoll es Euch nicht fehlen.“ „Und was hab' ich zunächſt zu thun?“ „Nährt, ſo viel Ihr vermögt, den Haß des Erzher⸗ zogs gegen ſeinen Bruder in Spanien; entkräftet mit allen Euch zu Gebot ſtehenden Mitteln den Einfluß der Erzherzogin auf ihren Neffen, ſchärft ſeinen Stolz, damit ihm nie beikomme, ſich dem ſpaniſchen Uebermuthe zu fügen.“— „Seltſames Weib! Und Ihr ſeid ſelbſt eine Spa⸗ nierin!“ „Eben deshalb weiß ich am beſten, wie die Spanier regiert werden müſſen. Das kleinſte Nachgeben würde dem jungen Könige verderblich werden.“ „Ihr werdet ſchon Gelegenheit haben, ihn ſelbſt in Euern Regierungsmaximen zu unterrichten,“ lachte der Probſt.„Aber auch an mir ſoll es nicht fehlen.“ Der Herzog von Burgund und Niederland. 218 Beide verabredeten einen ſchlau angelegten Plan bis in die kleinſten Einzelnheiten. Als er ſich verabſchiedet hatte, lachte ihm die Schöne höhniſch nach:„Wieder ein Narr, der da glaubt, ich ar⸗ beite für ihn!“ Dann ſetzte ſie ſeufzend hinzu:„Aber was hilft mir das Alles, wenn ich den Knaben nicht habe! Ha! laß mich die Kunſt der Verführung an dem eiteln Raimund verſuchen! Und weiß er, wo das Kind verborgen gehalten wird: ich entlock' ihm das Geheimniß.“ Während des geheimen Concils in den Gemächern der Statthalterin und des Zwiegeſprächs zwiſchen der Gräfin Cardona und dem Probſt auf der Herberge der ränke⸗ vollen Spanierin, ſuchte ein flinkes Zöfchen den Grafen von Oldenburg auf. „Hier iſt wieder ein Briefchen der Prinzeſſin an den Pfalzgrafen,“ flüſterte ſie. Der Graf griff haſtig danach und öffnete leicht das mit noch feuchtem Mundlack ver⸗ klebte Blättchen.„Endlich!“ ſagte er leiſe und mit bos⸗ hafter Freude, drückte der Zofe eine volle Börſe mit den Worten in die Hand:„Diesmal, mein Kind brauchſt du den Zettel nicht an den Pfalzgrafen zu beſtellen. Wenn dich die Prinzeſſin darüber zur Rede ſetzt, ſo ſchwöre nur, du hätteſt ihn verloren. Den Dienſt verlierſt du nicht; dafür will ich bei der Frau Statthalterin ſorgen. Und im äußerſten Falle bleibe ich dir gewiß.“ Die Zofe begnügte ſich mit dem Lohne ihres Ver⸗ raths und dem hinzugefügten Verſprechen, und der Graf — —— — Der Herzog von Burgund und Niederland. 219 kleidete ſich um in unſcheinbare Kleider, hüllte ſich in einen Mantel und drückte den Hut tief ins Geſicht. Nach einer halben Stunde verließ er das Schloß und ſuchte im Schloß⸗ garten eine einſame Stelle auf. Er hatte noch nicht lange im ungewiſſen Licht der ſtürmiſchen Winternacht gewartet, als eine verhüllte Frauengeſtalt heranſchlich. Er gab ihr ein Zeichen und ſie eilte in ſeine Arme. Doch in dem⸗ ſelben Augenblick riß ſie ſich mit einem Schrei los und wollte entfliehen. Er hielt ſie mit ſtarkem Arme zurück. „Bleibt und beruhigt Euch, durchlauchtige Prinzeſſin,“ „ſagte er.„Ihr werdet an meiner Stimme erkennen, daß der Graf von Oldenburg mit Euch ſpricht.“ „Wer gab Euch ein Recht, Euch in meine Geheim⸗ niſſe zu drängen?“ fragte die junge Erzherzogin entrüſtet. „Nicht ſo zornig! Ich fand vor einer kleinen Stunde auf der Treppe ein zuſammengelegtes Brieflein ohne Auf⸗ ſchrift. Es war alſo ſo gut an mich gerichtet, wie an jeden Andern. Ihr wißt am beſten, daß es eine Be⸗ ſtellung an dieſen Platz enthielt. Ich glaubte die Hand zu erkennen, und da ich ein großes Intereſſe an dieſer Hand habe, ſo ging ich hierher, um Euch zu erwarten.“ „Und was wollt Ihr von mir, Herr Graf?“ „Mich überzeugen, daß Ihr wirklich nicht für Thron und Bett des Königs von Dänemark geeignet ſeid.“ „Ihr würdet Euch richtiger ausdrücken, wenn Ihr ſagtet, daß Bett und Thron des Königs von Dänemark nicht für mich geeignet ſind.“ 220 Der Herzog von Burgund und Niederland. „Ihr führt an dieſer Stelle eine ſtolze Sprache.“ „Wie ſie mir dem Zudringlichen gegenüber ziemt. Nein, Herr Graf, ich würde nimmer ein königliches Bett beſteigen, dem ein ſo gemeines Taubenneſt angebaut iſt, wie dem des Königs von Dänemark; mich gelüſtet nicht nach der Freude, ihn in meinem einſamen Bette mit ſei⸗ nem Täubchen verliebte Kurzweil treiben zu hören; und niemals mag ich an der Seite dieſes Königs einen Thron einnehmen, den Jedermann geneigt iſt, für einen Credenz— tiſch zu halten, an welchem die holländiſche Schankwirthin den gelehrigen und willigen König zum Kellner abgerichtet und mir, der Königin, wohl gar den Dienſt der Kell⸗ nerin zugedacht hat. Ich habe zuviel königliches Blut in meinen Adern, um mich mit ſolchen Leuten gemein machen zu können.“ „Ihr vergeßt, daß Ihr in meiner Hand ſeid. Ihr reizt meinen Zorn mit ſolcher Schmähung.“ „Den Euren? Ich ſpreche vom König von Dänemark.“ „Ich bin der König.“ „Und weil ich wußte, daß Ihr es ſeid,“ ſagte Elev⸗ nore ſchnell gefaßt,„deshalb ſagte ich Euch, was mich verdroß. Verrathet mich, ſo wird männiglich erfahren, wie ich Euch geantwortet. Nun gute Nacht, Herr König!“— Mit beflügeltem Schritt eilte ſie davon. Der König ſuchte mit ſeinem Aerger fertig zu werden, ſo gut er konnte.— Am folgenden Tage hatte er eine lange Audienz bei Der Herzog von Burgund und Niederland. 221 der Erzherzogin Statthalterin; die Prinzeſſin Iſabella wurde eilig zu ihrer Tante beſchieden. Alle drei begaben ſich ſo⸗ dann in die Gemächer des Erzherzogs Karl. Bei der Tafel wurde der Graf von Oldenburg den Gäſten und dem Hofe als König Chriſtiern von Dänemark vorgeſtellt und nach wenigen Tagen fand die feierliche Verlobung deſſelben mit der Prinzeſſin Iſabella ſtatt. GEleonore wünſchte dem Könige und ihrer Schweſter mit ironiſchem Lächeln Glück.— In dieſen Tagen wurde auch die Gräfin Cardona zur Statthalterin eingeladen, und beide hielten im verſchloßnen Kloſet der Fürſtin eine lange Zwieſprch. In der nächſten Woche reiſeten zwei Männer vom brüſſeler Hofe ab, der König von Dänemark nach Kopenhagen, um ſeine baldige Vermählung zu betreiben, und Herr Adrian Florens von Utrecht nach Spanien, angeblich, um ſich im Namen ſeines Zöglings nach dem Befinden des Königs Ferdinand zu erkundigen, in Wahrheit aber, um die letzten Schritte dieſes gekrönten Hauptes zu überwachen und den Plan deſſelben zu vereiteln, nach welchem der Erzherzog Ferdi⸗ nand die ſpaniſchen Kronen erhalten ſollte. Die geheimen Inſtructionen des gelehrten Klerikers und die ihm vom Erzherzog Karl ertheilte Vollmacht waren von ſo hoher Wichtigkeit, daß ſie ihn ihm Fall des Ablebens des Kö⸗ nigs von Spanien zum Stellvertreter des geſetzlichen Thron⸗ erben ernannten. 4. Pierzehntes Rapitel. Zur Zeit des ſonnigen Johamnisfeſtes deſſelben Jahres ritt ein einfach gekleideter Ritter mit ſeinem Knappen am Saume des Wienerwaldes vom Kloſter Mölk an der Donau aus nach Wien zu. In einem Flecken miethete er ſich einen Boten, der ihn nach dem Schloſſe des Grafen Flo⸗ rian von Iſſelſtein führen ſollte. Der Bote war ein ge⸗ ſprächiger Burſche, der Ritter deſto ſchweigſamer. Der ehrliche Oeſtreicher verſuchte wenigſtens den Knappen in die Unterhaltung zu ziehen, da es ihm mit dem Herrn nicht gelingen wollte. „Ihr gehört wohl zu den Leuten des Kaiſers?“ fragte er neugierig. „Vielleicht haſt du recht,“ verſetzte der Knecht. „Und ſeid vorausgeſchickt, die Hochzeit der einzigen Tochter des Grafen anzuſagen?“ „Hat der Graf von Iſſelſtein kein Kind weiter?“ „Seine Söhne ſind beide im Krieg geblieben, eh' er ——— . Der Herzog von Burgund und Niederland. W3 noch aus den Niederlanden hierher gezogen iſt, und eine ältere Tochter iſt vor einigen Jahren geſtorben. Es iſt wohl noch ein Bube da; wenn er aber auch wirklich ein Sohn des Grafen ſein ſollte, ſo iſt er doch gewiß keiner von der Gräfin. Ich glaube auch das Erſtere nicht. Es iſt ſo ein aufgeraffter Burſch, den der Graf aus dem letzten Kriege mitgebracht hat.“ „Aber mit wem wird denn die Grafentochter Hochzeit halten?“ fragte nun der Knappe. „Ha, das wirſt du beſſer wiſſen als ich!“ „Mein Herr, der Ritter von Süderland, vielleicht; ich kann es nicht wiſſen; denn ich bin noch nicht lange in ſeinem Dienſte, und du wirſt begreifen, daß die Ritter ihren Knappen ſelten ſolche vertrauliche Mittheilungen zu machen pflegen. Der meinige iſt aber wortkarger als ir⸗ gend ein Andrer.“ „Das hab ich gemerkt.— Nun was ich ſelbſt weiß, kann ich dir wohl ſagen. In meinem Orte erzählt man ſich, einer von den Hofherrn, die zunächſt um den Kaiſer ſind, ſei der Bräutigam der jungen ſchönen Gräfin. Der Kaiſer ſoll dem Grafen, ſeinem Feldoberſten, gar gnädig geſinnt ſein, ihm das Schloß geſchenkt und ihn vermocht haben hierher zu ziehen. Denn der Graf iſt ein Nieder⸗ länder. Seine ſchöne Tochter aber iſt die Gotte der ver⸗ ſtorbenen Kaiſerin und führt den Namen derſelben Blanka Maria. Und deshalb wolle der Kaiſer ihre Hochzeit mit ſeinem Kämmerer ſelbſt ausrichten, wenn er mit den beiden 224 Der Herzog von Burgund und Niederland. Königen, die in Presburg ſchon lange auf ihn warten, des Handels einig geworden.“ „Was mag der Kaiſer eigentlich mit den Königen vorhaben?“ „Das werden ſie am beſten wiſſen. Unſer Einer er⸗ führt das immer nur hinterdrein und da nicht immer die reine Wahrheit. Der Kaiſer und der Polenkönig haben lange mit einander gehadert; nun bringt der Böhmen⸗ könig ſeinen Bruder, den Ungarnkönig, zum Kaiſer und ſtiftet Frieden. So wird's erzählt.— Doch dort ſeht ihr das Schloß vor Euch liegen. Ich brauch' nicht weiter mit Euch zu gehen.“ Während des Zwiegeſprächs waren ſie um eine Waldecke gebogen; nun leuchtete ihnen eine freundliche Burg von mäßigem Umfange von einer vorſpringenden Bergzunge herab entgegen. Der Ritter entließ den Boten und be⸗ trachtete im Weiterreiten das reizende einſame Thal, durch das er zog, und die waldbewachſenen Höhen, die es zu beiden Seiten einfaßten. Er war ein ernſter Mann von dunkler Geſichtsfarbe und einem großen ſchwarzen Auge, aus welchem ſtiller Schmerz und tiefinnige Schwärmerei ſprachen. Seine ganze Geſtalt hatte etwas Leidendes und Reſignirtes; auch zeigten ſich in ſeinem dünnen Barte ſchon graue Haare, obgleich er noch nicht über die mittlern vierziger Jahre hinaus ſein konnte. Schweigend und in ſich gekehrt, erreichte er das Schloßthor Der Pförtner trat ihm entgegen.„Find' ich deinen Herrn den Grafen — —— Der Herzog von Burgund und Niederland. 225 Florian von Iſſelſtein zu Hauſe?“ fragte der trübſinnige Reiter mit fremder Betonung und mühſamer Wortfügung. „Er iſt zugegen.“ „Wohl, ſo melde den Ritter Johannes von Süder⸗ land, den der kaiſerliche Rath Jakob Fugger von Augs⸗ burg im Auſtrag Sr. Majeſtät des Kaiſers ſendet, um eine Botſchaft des Letztern auszurichten.“ Der Pförtner gab den Auftrag weiter an einen ſchlan⸗ ken Knaben, der herbeigeſprungen war und die Ange⸗ kommenen mit neugierigen Blicken betrachtet hatte. Dem Ritter ſiel die zierliche Geſtalt des Knaben auf, noch mehr weil über deſſen bleiches Geſicht mehre ſeltſame braunrothe Flecken verſtreut waren, die ſich faſt wie züngelnde Flam— men ausnahmen. „Was hat der Bub im Geſicht?“ fragte der Ritter den Pförtner. „Gott allein kann wiſſen, weshalb er ihn alſo ge— zeichnet. Man ſagt, es ſeien Muttermale. Er ſelbſt weiß nichts darüber; denn er hat ſeine Mutter nicht gekannt.“ 6 gehrt er an?“ iſt dem gnädigen Grafen im Kriege zugelaufen und 4½ ſein Leibdiener. Er hat's verſtanden, ſich in Gunſt zu ſetzen, und obgleich die Krabbe ſchwerlich über dreizehn Jahre alt iſt, ſo übertrifft ſie doch in Schlauheit Leute, die drei und viermal älter ſind.“ Der Knabe kehrte mit einem zweiten Diener zurück, um den Ritter zum Grafen zu führen. Dieſer nahm aus Ein deutſcher Leinweber. W. 15 226 Der Herzog von Burgund und Niederland. der Satteltaſche ein gut verwahrtes Käſtchen; der Knappe ſchnallte einen Pack ab und trug ihn nach. „Ihr reitet da ein ſtolzes Pferd, Herr Ritter,“ ſagte der Knabe,„das iſt nicht in dieſem Lande jung geworden.“ „Verſtehſt du dich ſo gut auf Pferde? „Und Ihr ſelbſt ſeid auch kein Sohn dieſes Landes. Ich möchte wohl die Länder beſuchen, die Ihr und Euer Roß ſchon geſehen.“ Dieſe Aeußerung gefiel dem Ritter von Süderland. Es ſchien, als hätte ihn noch niemals ein Kind alſo an⸗ geredet und ſolch einen Wunſch bei ihm ausgeſprochen. Er trat in das Wohngemach der gräflichen Familie. Des Grafen hohe kräftige Geſtalt, in welcher der Krieger nicht zu verkennen war, bot ihm den Willkommen. Die Gräfin, eine würdige Matrone, gönnte ihm ein freundliches Wort und lud ihn ein, ſich an ihrem Tiſche niederzuſetzen, und das Töchterlein, ein blondes, blauäugiges Kind von ſchlanker Geſtalt, kredenzte ihm lächelnd den Becher. Der fremde Ritter, obgleich über die Jahre der Ju⸗ gend längſt hinaus, wurde beim Anblick der blühenden Jungfrau doch von einem warmen Gefühle ergriffen. Es dünkte ihm, als hab' er noch nie ein lieblicheres Frauen⸗ bild geſehen. „Mich ſendet Herr Jakob Fugger von Augsburg zu Euch, Herr Graf,“ nahm der Ritter das Wort.„Des Kaiſers Majeſtät, welche jetzt in Augsburg verweilt, um ſich würdig auf den großen Königszug zu rüſten, hat Der Herzog von Burgund und Niederland. 227 ihm einen Auftrag ertheilt, der Euer liebliches Töchterlein betrifft. Herr Fugger hat ihn nach beſten Kräften aus⸗ geführt und mich Sr. Majeſtät als Ueberbringer der kai⸗ ſerlichen Geſchenke empfohlen.— Wollet in meinem Bei— ſein dieſen Schrein und das Pack öffnen, damit Ihr Euch nach dem Briefe des Herrn Fugger überzeugen möget, daß ich Alles richtig abgeliefert.“ Der Graf öffnete und las zuerſt den Brief.„Es ſind Brautgeſchenke des Kaiſers für unſre Maria,“ ſagte er überraſcht.„Nimm mein Kind, und ſieh zu, womit dich die Freigebigkeit Sr. Majeſtät bedacht hat.“ Die errö⸗ thende Jungfrau löſte die Bänder des Schreins und hob den Deckel deſſelben; dann ſchälte ſie mit bebender Hand aus mehrfachen Hüllen einen koſtbaren Brautſchmuck, Hals⸗ kette, Bruſtſchild, Stirnkette und Armbänder, alles aus feinem Gold kunſtreich gearbeitet und mit Edelſteinen und Perlen beſetzt und aus der Werkſtätte des geſchickteſten augsburger Goldſchmieds hervorgegangen. Ein ſtaunender Ausruf nach dem andern löſte ſich von dem ſanft ge⸗ ſchwellten Munde, und die Mutter theilte das Entzücken der Tochter. Des Ritters Augen hingen unverwandt an Marias unſchuldigem, von der unerwarteten Freude lieblich verklärem Antlitz. Es ſchien ihm wohl zu werden in ihrer Nähe; denn unvermerkt erheiterten ſich auch ſeine düſtern Züge; es war, als ob der Glanz der Sonne, die in ihrem Auge aufgegangen war, ſich in dem ſeinigen wiederſpie⸗ gelte und über die finſtern Schatten, die jahrelang in ſeinem 15* 228 Der Herzog von Burgund und Niederland. Herzen gelagert hatten, einen verklärenden Schimmer brei⸗ tete. Nun wurde das Pack geöffnet, und ein prächtiger Kleiderſtoff nach dem andern wanderte daraus hervor und wurde im Strahl der freundlichen Juniſonne ausgebreitet. Da waren Gewebe aus Venedig, Mailand und Athen. Vor allem zog ein Stück Seidenzeug, welches die Farben des Regenbogens täuſchend wiedergab, die Blicke auf ſich. „Herr Fugger ſchreibt mir,“ ſagte der Graf,„Ihr, Herr Ritter, würdet uns über dieſen koſtbaren Stoff be⸗ ſondre Mittheilungen machen und uns vom Vaterlande deſſelben erzählen.“ „Dann iſt es freilich an mir, Euch zu ſagen, daß dieſer Stoff aus Oſtindien ſtammt und in einer der We⸗ bereien zu Kalkutta gefertigt worden iſt. Eben ſo ſind die Edelſteine und Perlen in dem Schmuck oſtindiſchen Urſprungs.“ „Und woher wißt Ihr das ſo genau?“ fragte Maria mit lebhafter Theilnahme. „Weil dieſe Schätze mit andern auf einem Schiffe, das dem Herren Fugger in Augsburg gehört, aus Oſt⸗ indien gekommen ſind.“ „Damit habt Ihr aber meine Frage noch nicht be⸗ antwortet, Herr Ritter. Woher wißt Ihr das Alles? Seid Ihr dabei geweſen, als dieſe koſtbaren Dinge für Rechnung des Herrn Fugger in dem fernen Wunderlande gekauft wurden?“ „Niemand kann es beſſer wiſſen als ich,“ entgegnete Der Herzog von Burgund und Niederland. 229 der Ritter mit leiſer beſcheidener Stimme;„denn ich habe ſie ſelbſt dort gekauft.“ „Ihr?!“ rief der Graf erſtaunt, und die Familie be⸗ trachtete den fremden merkwürdigen Gaſt mit erhöhter Theilnahme.„So ſeid Ihr wohl ein Portugieſe, der ſich einen deutſchen Namen beigelegt?“ „Ihr habt recht, ich bin ein Südländer, aber im Dienſte des Fuggerſchen Hauſes zum Deutſchen geworden. Den Namen hat mir des Kaiſers Majeſtät ſelbſt gegeben.“ „Ah, Ihr müßt uns Eure Fahrten und Abenteuer erzählen!“ rief Maria begeiſtert, und ihr Auge hing ſo leuchtend und kindlich bittend an ſeinen Blicken, daß das warme ſüße Gefühl aus ſeiner Bruſt ſich ausbreitete und auch ihm das Auge erhellte. Er verſprach der holden Braut ihre Wünſche zu erfüllen. Und bald ſaß er an der reich beſetzten Tafel, zwiſchen Mutter und Tochter, von ihrer gaſtlichen Freundlichkeit bedient, und der ſüße Zauber holder Weiblichkeit löſete eine Rinde um die andre von ſeinem Herzen. Dieſer edle Mann, der eigentlich nie⸗ mals noch die Freuden ſtiller gemüthlicher Häuslichkeit ge— koſtet, wie ſie nur in deutſchen Häuſern und in deutſchen Herzen wohnt, vergaß hier, von ihren Blumengewinden ſanft umſchlungen und immer reizender und feſter gefeſſelt, ſein trübes Geſchick. Die milde Sonne herzlicher Theil⸗ nahme, gefühlvoller Menſchlichkeit ſchmolz raſch das Eis von ſeinem erſtarrten Herzen und weckte neue junge Früh⸗ lingstriebe darin. Er wußte nicht, wie ihm geſchah, er 230 Der Herzog von Burgund und Niederland. konnte über die Gefühle, die ihn beſtürmten, nicht klar werden. Mit ganzer Seele gab er ſich dem Reize hin, der ihn mit ſo vielen Fäden und Banden an mirfühlende menſchliche Herzen zog und feſſelte. Er fühlte ſich ſo glück⸗ lich und wohl, wie ſeit vielen ſchmerzvollen Jahren nicht; wie hätte er daran denken können, dieſen neuen Empfin⸗ dungen zu widerſtehen? Der Ritter hatte den Plan ge⸗ habt, ſchon den folgenden Tag das Schloß wieder zu ver⸗ laſſen und in Wien die Ankunft des Kaiſers abzuwarten, aber die Freundlichkeit, mit der er ſich von den Gliedern des gaſtlichen Hauſes, ja ſelbſt von dem Knaben Martin behandelt ſah, ließ ihn dieſen Vorſatz gänzlich vergeſſen, und als er am vierten Tage ſich endlich erinnerte, daß länger zu verweilen, nicht ſchicklich ſei, und zum Aufbruch Anſtalt traf, trat der Graf zu ihm und ſprach:„Warum wollt Ihr nicht hier verziehen, bis wir Nachricht von der Annäherung des Kaiſers erhalten? Ihr habt dann immer noch volle Zeit, mit mir und den Meinigen nach Wien zu eilen und Sr. Majeſtät zu empfangen. So Ihr nun nicht erſt noch beſondre und dringende Geſchäfte in Wien zu verrichten habt, ſo verweilet in unſerm häuslichen Kreiſe. Ihr ſeid uns lieb und werth geworden, und wir möchten Eure Unterhaltung ſo lange als möglich genießen. Meine Maria wird nicht ſatt Euch zuzuhören.“ Ritter Johannes wurde durch dieſe Aufforderung an⸗ genehm überraſcht. Und als bald darauf der Knabe Martin heimlich zu ihm kam und ihm zuflüſterte:„Die Gräfin ——— — Der Herzog von Burgund und Niederland. 231 Maria weint, daß Ihr das Schloß verlaſſen wollt; glaubt mir, ſie hat Euch ins Herz geſchloſſen, und wenn Ihr länger bleibt, werdet Ihr derſelben ſehr gefällig ſein,“ da vermochte er keinen Widerſtand zu leiſten. Vor Tafel wandelte er ſinnend allein im Speiſezimmer. Plötzlich trat Maria herein, eilte freudeſtrahlend auf ihn zu und ſagte:„Ihr bleibt bei uns bis zur Ankunft des Kaiſers! O wie erfreut Ihr mich mit dieſem Entſchluſſe! Habt Dank, habt tauſend Dank dafür! Und auch nach dem Empfang der Könige und den Feſtlichkeiten kehrt ihr wieder mit uns zurück. Ihr müßt mir noch viel erzählen von Spanien und von den unglücklichen Mauren und von Euern Seefahrten. Ich war noch nie ſo froh, als ſeit Ihr bei uns verweilt.“ Als das holde Kind ſo vor ihm ſtand und ihn mit den verweinten und nun wieder lächelnden treuen Augen anſah, da erkannte der Ritter mit ſüßem Schrecken, daß unvermerkt der Funke einer ſpäten Minne aus dieſen Au⸗ gen in ſein Herz gefallen war und es in Brand geſetzt hatte. Und leiſe und mit faſt jugendlicher Befangenheit ſagte er:„Aber wird Euer Verlobter, der Graf Schön⸗ born, nicht darob zürnen?“ „Mein Verlobter!“ rief Maria mit einem Tone, der deutlich genug verrieth, ſie habe den ihr vom Kaiſer be⸗ ſtimmten Bräutigam zeither gänzlich vergeſſen.„Darf und kann er zürnen, wenn mich Euere Unterhaltung ergötzt? Ich kenne ihn ja noch nicht, und wenn ich ihn vielleicht 232 Der Herzog von Burgund und Niederland. am kaiſerlichen Hoſlager geſehen, ſo hab' ich doch ſein nicht Acht gehabt. Und wahrſcheinlich kennt er mich eben ſo wenig. Wir wollen uns durch ihn gar nicht ſtören laſſen.“ Die Treuherzigkeit, mit der ſie das Alles ſprach, zeigte dem Ritter die Gefahr, in welcher er ſchwebte, aber dieſe Erkenntniß gab ihm nicht die Kraft, ſich ihr zu entreißen. Sein Auge hing mit ſchwärmeriſchem Ausdruck an Ma⸗ rias Zügen, ſeine Seele ſog durſtig jedes ihrer unbe⸗ fangenen Worte ein, in welchen ſie unbewußt ihr eignes Herz an ihn verrieth. Mit Beſtürzung und mit Wonne hörte er aus dieſen unſchuldigen Plaudereien, las er aus ihren lächelnden Blicken, daß er von Maria ebenſo geliebt war, wie er ſie liebte. Dieſe Erkenntniß verſetzte ihn in einen ſüßen Rauſch, deſſen er ſein Herz nicht mehr für fähig gehalten hätte. Es war nicht der ſtürmiſche, leiden⸗ ſchaftliche Taumel der Jugend, es war die ſanfte Wärmr erhöhter und beſeligter Empfindung, die ſein ganzes We⸗ ſen durchdrang und erhob. Nichtsdeſtoweniger war ſeine Stimmung eine ſehr wechſelvolle; denn auf das ſtille Ent⸗ zücken folgte oft in wenigen Augenblicken die tiefſte Schwer⸗ muth. Ein ſinſtrer Gram breitete ſeine mächtigen Fittiche plötzlich über ſein ſonnenlichtes Herz aus, wie ſchwarze Wolken ſchnell ein ſonnenhelles Gefilde überſchatten. Nicht ſelten vergingen ganze Nächte, in denen er das Lager meidend mit langen Schritten ſein Gemach maß, deſſen Wände dann von ſeinen Seufzern wiederhallten. Bald W Der Herzog von Burgund und Niederland. 233 aber fehlte dieſen kummervollen Stunden auch der theil⸗ nehmende Gefährte nicht. Es war wieder der Knabe Martin, welcher ſich zu ihm geſellte und ihm ſeine Dienſte anbot; es that dem Ritter wohl, eine freundliche koſende Kinderſeele um ſich zu haben, und ſein argloſes Gemüth hatte keine Ahnung, daß die Schmeicheleien des Knaben, die das Herz des ſchmerzenreichen Mannes für ihn ge⸗ wannen, nicht aus einem reinen Gemüth, aus einem ſee⸗ liſchen Bedürfniſſe Martins hervorgingen. Auch von dem Knaben glaubte ſich der Ritter geliebt, und die ſtets um ihn beſchäftigte Dienſtfertigkeit deſſelben, die neugierig kind⸗ lichen Fragen, die Erzählungen von Marias Aeußerungen über ihn erwarben gar bald Martin die volle Liebe des Ritters. Und doch war Martin nicht, was er ſchien. Er war nichts als der bezahlte Diener des Grafen und der hezahlte Vertraute Marias. Es konnte nämlich den Haus⸗ genoſſen nicht lange verborgen bleiben, daß irgend ein ſchweres und dunkles Geheimniß auf ihrem Gaſte liege. Er vermied ſorgfältig jede Andeutung über ſein Herkommen und ſeine Jugendſchickſale, und wenn ihn Maria kindlich naiv darum befragte, drückte er ihr die Hand und wandte ſich, das Auge voll Thränen, ab, ihr die Antwort ſchuldig bleibend. Die Mitglieder des gräflichen Hauſes erfuhren nichts weiter, als daß der Ritter ein freier und lediger Mann ſei, in Spanien geboren, daß er früh auf dem Meere gefahren und mit andern edlen Spaniern große Seereiſen gemacht, daß er durch die Verbindung des Erz⸗ 234 Der Herzog von Burgund und Niederland. herzogs Philipp mit der Erbin der ſpaniſchen Kronen in die Niederlande gekommen und hier mit Herrn Jakob Fugger bekannt geworden ſei, für deſſen Rechnung und Gefahr er ſchon einige Schiffe nach Oſtindien geführt habe und im Begriff ſtehe ein ſolches auch nach Weſtindien zu führen. Der Wunſch des Kaiſers, der ihm Aufträge ertheilen wolle, habe ihn jetzt nach Wien gerufen. Daß in dieſer Erzählung gerade die Hauptmomente verſchwiegen ſeien, war dem Grafen Florian klar, und ſeiner Tochter zartes Gefühl ahnete es wenigſtens. Den Grafen plagte die Neugierde, mehr über ſeinen merkwürdigen Gaſt zu er⸗ fahren, und deshalb ſtellte er den ſchlauen Martin zu der Rolle an, welche dieſer beim Ritter Süderland mit ſo großer Geſchicklichkeit ſpielte. Maria wurde von einem edlern Intereſſe getrieben, hinter das Geheimniß des ihr theuer gewordnen Mannes zu kommen, obſchon auch etwas weibliche Neugierde dabei mit im Spiele ſein mochte. Auch ſie wandte ſich, gleich ihrem Vater, an Martin, vertraute ihm ihre Herzenswünſche, beſchenkte ihn und trug ihm auf, dem Ritter ſein düſtres Geheimniß womöglich abzu⸗ lauſchen. Aber Martin ging auf eigne Hand weiter und berichtete dem Ritter umſtändlich wie oft und was Maria von ihm rede, und was ſie nicht geſprochen hatte, das log er aus eignem Gelüſt hinzu, um ſich dem Fremden an— genehm zu machen. So ſchmeichelte ſich der liſtige Knabe in des Ritters Gunſt, daß dieſer eine Art väterlicher Nei⸗ gung zu ihm faßte. Unbewußt trug der edle Mann einen —— ₰ — ———— —— Der Herzog von Burgund und Niederland. 235 Theil der Liebe, die für Maria in ihm entglommen war, auf den Boten derſelben über. Ein ſchöner milder Sommerabend bockte den Ritter auf den Söller der Burg, der eine weite und köſtliche Ausſicht über den dunkelgrünen Gebirgswald darbot. In der Ferne erglänzte die Donau im Schimmer der unter⸗ gehenden Sonne, wie ein breites goldnes Band; die Höhen verſchwammen im blauen Dufte des Abends. Der Graf war am Morgen nach Wien geritten, um Nachrichten über die bevorſtehende Ankunft des Kaiſers einzuziehen; die Hausfrau ſchaltete wirthſchaftlich mit den Dienſtboten; Maria war mit ihrer Zofe in den benachbarten Flecken gegangen und noch nicht wiedergekehrt. Der Ritter überließ ſich, an die Bruſtwehr des Altans gelehnt, indem er den Blick in die frühlingsgeſchmückte Ferne ſchweifen ließ, dem Sturme ſeiner Gefühle. Bald weilte ſein Geiſt in einem andern Lande, bald war er wieder hier in den Räumen, die ihm ſo heimiſch geworden waren, bald traten ihm theure Geſtalten aus ſeiner Ju⸗ gendzeit entgegen, bald umgaukelte ihn wieder Marias liebliches Bild. Seine Bruſt hob ſich mächtig, ein tiefes Stöhnen arbeitete ſich daraus hervor, Thränen ſchoſſen in ſeine Augen— er weinte. Eine zarte Hand legte ſich auf ſeine Schultern; er wandte ſich und ſah mit Beſtürzung Maria vor ſich. „Ich wähnte Euch noch nicht zurückgekehrt, Gräfin,“ ſtammelte er. 236 Der Herzog von Burgund und Niederland. „Und doch ſtehe ich ſchon minutenlang in Eurer Nähe und bin unwillkürlich Zeugin des heftigen Ausbruches Eures Schmerzes geweſen. Euch drückt ein ſchwerer Kum⸗ mer, Ritter Süderland. Sollte es uns nicht möglich ſein, Euch von der Laſt deſſelben zu befreien?“ Sie blickte ihn dazu mit ſo kindlich frommen Augen an, daß er unwill⸗ kürlich die Hände faltete und mit den andächtigen Blicken zu ihr hinſah, wie ſie ein troſtbedürftiger Gläubiger wohl zu einem Bilde der Mutter Gottes emporhebt. „Kein Sterblicher vermag mich von dieſem Kummer zu entlaſten,“ verſetzte er mit gedämpfter Stimme.„Ja Gott und alle Heiligen vermögen es nicht; denn ſeine Quelle liegt in der Zeit meiner Jugend. Auch iſt er von ſo furchtbarer Größe, daß es eine Grauſamkeit von mir wäre, Euer reines kindliches Gemüth auch nur mit dem kleinſten Theile deſſelben zu beunruhigen. Ihr, ein verkörperter Liebeskuß des Schöpfers, den er dieſen rei⸗ zenden Bergen zuwarf, ſeid im Frieden aufgewachſen. In mir aber ſeht Ihr einen Mann, deſſen Bruſt den Schmerz faſſen mußte, ſich und Tauſende, die er liebte, vom Zorne Gottes niedergeſchmettert zu ſehen. Verlangt nicht mehr von meinem entſetzlichen Schickſale zu wiſſen; denn unter allen, die da leben, bin ich vielleicht— o warum ſag' ich vielleicht, da doch kein Zweifel obwalten kann— ja ich bin gewiß der unglücklichſte aller Menſchen. Nennet mir das herbſte Leid, das trübſte Mißgeſchick, das ein Menſch erdulden kann, es iſt gegen das meinige der Der Herzog von Burgund und Niederland. 237 Schmerz eines Kindes über den Verluſt ſeines Lämm⸗ leins.“ „Armer Unglücklicher!“ flüſterte Maria die Augen voll Thränen.„Und doch ertrug der mehr, der für die Sünde der Welt am Kreuze ſtarb. Er bringt täglich und ſtündlich den Leidenden Troſt, die ſich ihm demüthig bittend nahen. Habt Ihr es ſchon verſucht?“ Der Ritter machte unwillkürlich eine abwehrende Be⸗ wegung mit der Hand, vor welcher Maria erſchrak.„Wie?“ ſagte ſie beſtürzt und mit bebender Stimme,„glaubt Ihr nicht an Jeſum Chriſtum und an die erlöſende Kraft ſeines theuern Bluts?“ Der Ritter wandte ſich ab.„Fragt mich nicht!“ ſtöhnte er endlich.„Laßt mich mein fürchterliches Schickſal allein tragen und untergehen. Ihr dürft nichts davon er⸗ fahren. Ich hätte nicht im Hauſe der Glücklichen ver⸗ weilen ſollen. Doch mir wurde ſo unausſprechlich wohl in Euerer Nähe. Es war mir, als könnte auch ich des Friedens auf Erden theilhaftig werden.— Seht, wie er ſich mit dem duftigen Abend zu Thale ſenkt, wie er dort im Purpur des Weſthimmels die Bergſpitzen vergoldet! Hört ihn im Klange der Abendglocken von jenen Thürmen herab ſäuſeln! Fühlt ihn im ſüßen Kuſſe des kühlen Abendhauches! Ueberall iſt er, überall blühet, duftet und klingt er; am ſchönſten und reinſten in Euerm Herzen; nur in dem meinigen iſt er nicht! Ich bin der einzige Friedenloſe!“ 238 Der Herzog von Burgund und Niederland. „Auch Euch muß Gottes Friede zu Theil werden!“ rief Maria begeiſtert.„Ich laſſe nicht von Euch, räth⸗ ſelhafter Mann, bis Euch Gott getröſtet. In meinem Herzen ruft mir eine Stimmt zu: ich ſei berufen Euch zu retten.“ „Barmherzigkeit! Ihr erhöht meine QOual und wißt es nicht! Ein unſchuldiges Kind, ſpielt Ihr mit einer verderblichen Flamme. Weicht zurück vor ihr, damit ſie Euch nicht ergreife!“ „Ich will ſie löſchen mit reiner Hand, mit frommen Herzen.“— „O mein Gott! Mein Gott!“ jammerte der Ritter und rang die Hände. „Wenn ich Euch etwas werth bin, wenn Ihr mir nur die kleinſte Freundſchaft ſchenkt, ſo öffnet mir Euer Herz.“ „Ihr mir werth, Gräfin? Ihr entreißt mir ein Ge⸗ ſtändniß, das nie über meine Lippen kommen ſollte. Ich liebe dich, Maria; aber ich darf dich nicht lieben. Dieſe Liebe iſt ein Verbrechen. Und nun laßt mich fliehen! Weit, weit über die Meere, die ich durchſegelt, und laßt mein gemartertes Herz mich an den Küſten des fernen Indiens begraben.“ „Nicht alſo, Ritter Johannes! Vertraut Euch mir ganz und laßt mich mit meinem Vater reden. Er liebt mich. Meine Verlobung mit dem Grafen Schönborn ſoll kein Hinderniß Eurer Rettung ſein. Sagt mir nur mit Der Herzog von Burgund und Niederland. 239 klaren Worten: Glaubt Ihr an Jeſum Chriſtum und die Sühnkraft ſeines heiligen Blutes?“ Kaum hatte ſie dieſe Worte ausgeſprochen, als der Ritter vom wildeſten Sturm der Gefühle überwältigt mit einem Wehlaut auf die Steinplatten des Bodens fiel und vlötzlich Todtenbläſſe ſein Geſicht überzog. Entſetzt ſchrie Maria nach Hülfe. Martin ſtürzte herbei und lief nach andern Dienern. Der ohnmächtige Ritter wurde auf ſein Lager getragen, und ſchon nach wenigen Minuten ſchlugen die Flammen eines wilden Fiebers über ſein Haupt. Funßehntes Kapitel. Schon ſeit mehren Jahren hatte Kaiſer Marimilian an dem Plan gearbeitet, ſich wieder enger mit dem ungari⸗ ſchen Königshauſe zu verbinden, um dadurch neue An⸗ wartſchaft auf die Kronen der Länder Ungarn und Böhmen zu erlangen. Ehemals, vor der Geburt des Prinzen Lud⸗ wig, als noch der mächtige Graf Johann Zapolya von Zips Hoffnung auf die Krone von Ungarn gehabt, war der König Sigismund von Polen, der Bruder des Kö⸗ nigs Wladislav von Ungarn und Böhmen, den Plänen Marimilians entgegen geweſen; denn die Gemahlin Si⸗ gismunds war die Schweſter Johann Zapolya's, und der Polenkönig unterſtützte ſeinen Schwager. Jetzt war Maximilian durch ſeine Enkel in den Stand geſetzt, die alten Pläne mit mehr Geſchicklichkeit auszuführen. Er dachte daran, den Kronprinzen Lndwig von Ungarn und Böhmen mit ſeiner Enkeltochter Maria, und die Schweſter deſſelben Anna mit einem ſeiner beiden Enkelſöhne zu ver⸗ mählen. Eine Ausſöhnung mit König Sigismund ſollte Der Herzog von Burgund und Niederland. 241 mit dieſer Handlung verbunden werden. Die kleine Erz⸗ herzogin Maria war zu dieſem Behufe ſchon im Frühling von Brüſſel nach Wien gebracht worden und wartete mit glänzendem und zahlreichem Gefolge ſchon über drei Mo⸗ nate ihres Großvaters. Die Zuſammenkunft der drei ge⸗ krönten Häupter ſollte in Pre ßburg ſtattfinden, und K König Wladislav war bereits in der Mitte des März dort an⸗ gelangt, König Sigismund zu Ende deſſelben Monats. Aber Marimilian beeilte ſich nicht, ihnen die Hand zu bieten. Er litt an ſeinem alten oft wiederkehrenden Uebel; er hatte kein Geld zu dieſer Reiſe, die er doch, um ſich in ſeiner ganzen kaiſerlichen Majeſtät zu zeigen, ſo glanz⸗ voll als möglich ausführen wollte. Er verkaufte deshalb erſt die große und reiche Herrſchaft Biberbach an Jakob Fugger für zweiunddreißigtauſend Gulden, ein Preis, der uns heutigen Tags in Erſtaunen ſetzt, da aus Steinen und Kräutern jetzt mehr gelöſt werden würde. Ein Beweis für die große Wichtigkeit des fuggerſchen Hauſes ſchon in jener Zeit iſt, daß auch der König von Ungarn dieſe Reiſe nicht ohne Herrn Jakobs Hülfe unternehmen konnte. Die Zugeſtändniſſe, die ihm dafür gemacht wurden, waren von der Art, daß ſich der Reichthum des Hauſes Fugger verdoppelte. Der Kaiſer ſandte ſeinen Geheimen Rath, jenen be— rühmten und gewandten Augsburger Matthäus Lang, ſeit langer Zeit ſchon Cardinal von Gurk, deſſen er ſich in allen wichtigen Angelegenheiten bediente, als Geſandten Ein deutſcher Leinweber. IW. 16 242 Der Herzog von Burgund und Niederland. an die beiden königlichen Brüder nach Preßburg, während er ſelbſt in Augsburg verweilte, um vom Reiche und dem ſchwäbiſchen Bunde eine glänzende und anſehnliche Geleit⸗ ſchaft zu ſeiner Reiſe nach Ungarn zu erzielen. Die Ver⸗ handlungen darüber zogen ſich aber gar ſehr in die Länge. Die ſchwäbiſchen Bundesſtände verſammelten ſich zur Be⸗ rathung in Eßlingen und beſchloſſen dem Kaiſer ſechshun⸗ dert neu in Roth gekleidete Fußknechte auf zwei Monate zu ſtellen, und hierzu wurden die ſchönſten, längſten und ſtärkſten Männer in allen zum ſchwäbiſchen Bunde gehö⸗ rigen Städten auserwählt, die jede Stadt nach Augsburg ſtellen mußte. Außer dieſen zogen ihrer viele aus dem alten Geſchlechtern zu Augsburg, Nürnberg, Ulm, Con⸗ ſtanz und andern Reichsſtädten auf eigne Koſten, um den Kaiſer zu ehren, ihm zu; ebenſo, da er bei allen Fürſten im Reich um einen ſchönen reiſigen Zeug und um die beſten Renner und Stecher nachgeſucht, ritt ihm, neben vielen Fürſten und vornehmen Geiſtlichen, ein großer Haufe von Grafen, Rittern und Edeln zu. Seinem Schatzmeiſter Jakob Villinger befahl der Kaiſer an Kleinoden, Perlen und Edelſteinen, Gold- und Silbergeſchirren, goldnen Tüchern, Sammet, Damaſt und anderem Seidengewand in allerlei Sorten und Farben einzukaufen, damit er ſich als Kaiſer ſehen laſſen und die Könige und ihre Diener an⸗ gemeſſen beſchenken könne. Auf dieſe Weiſe kam der Sommer herbei, eh Mari⸗ milian ſeine Reiſe antreten konnte. Die beiden Könige 16 Der Herzog von Burgund und Niederland. 243 in Preßburg wurden des Wartens müde und fingen an am Kommen des Kaiſers zu verzweifeln, ſo daß ſie eine Geſandtſchaft an ihn ſchickten und ihn fragen ließen: ob es denn wirklich ſein Ernſt ſei? Die glänzende Geleitſchaft des Kaiſers wurde nun vor⸗ ausgeſchickt, um ihn in Wien zu erwarten. Dort lang⸗ ten in der erſten Woche des Monats Juli nacheinander an der Markgraf Caſimir und der Graf Berthold von Henneberg mit hundert Reiſigen und ſechsundvierzig Kü⸗ riſern, welche weiße Standarten führten. Dieſen folgte des Kaiſers zahlreiches Hofgeſinde. Endlich ſtellte ſich auch der Cardinal von Gurk wieder ein und brachte mit ſich den Erzbiſchof von Bremen, gebornen Herzog von Braun⸗ ſchweig, die Herzoge Wilhelm und Ludwig von Baiern, den Herzog Albrecht von Meklenburg und den Herzog Ulrich von Würtemberg. Ein große Menge von vornehmen und geringen Leuten bedeckte die Straßen nach Wien. Solch ein Zuſammenſtrömen von allerlei Volk war ſeit Men⸗ ſchengedenken nicht geweſen. Der Kaiſer langte am 8. Juli auf dem Schloſſe Hecking im Wienerwalde an, wo er ſich zwei Tage auszuruhen gedachte, bevor er die Stadt beträte. Er war nur von ſeiner vertrauten Dienerſchaft umgeben. Der Graf Florian von Iſſelſtein empfing ihn mit Ehrerbietung und ſtattete den Dank für ſich und ſeine Tochter ab. „Ich ſeh' auf Euerm Antlitz einen trüben Schein, und daß Euer Töchterlein Euch nicht den kurzen Weg z mir 244 Der Herzog von Burgund und Niederland. herüber begleitet hat, um mich und ihren Verlobten zu begrüßen, will mich faſt vermuthen laſſen, daß Euch ein häuslicher Kummer vrückt,“ ſprach der Kaiſer zu ſeinem getreuen Feldoberſten. Auf ſolche Anſprache bat der Graf ſeinen gnädigen Herrn um eine geheime Audienz, die ihm ſogleich bewilligt wurde, indem der Kaiſer ſich mit ihm in ein Kabinet zurückzog. Hier erzählte der Graf dem Kaiſer, was mit dem Ueberbringer der Geſchenke geſchehen war und fügte hinzu wie ſchwer erkrankt derſelbe danieder liege und wie Maria und ein kleiner Diener, den der Ritter Süderland beſonders lieb gewonnen, ſich in die Wartung deſſelben theilten, ja wie ſein Kind ſelten zu vermögen ſei, das Lager des Kranken zu verlaſſen und ſich ſelbſt Ruhe zu gönnen. Im Fieber habe der Kranke aber höchſt ſeltſame Dinge geſprochen, welche dem Glauben, zu dem er erſt ſchon Veranlaſſung gegeben, beſtärkten, daß ein außerordentliches Geheimniß auf dieſem Manne ruhe. Maria bewahre über dieſe Aeußerungen, die nur ſie meiſt gehört, ein tiefes Schweigen. Ueberhaupt ſei das heitre Kind wie verwandelt. Oft ſähe man ſie an des Ritters Lager knieen und inbrünſtig beten, ihr Froh⸗ ſinn ſei dahin, und auf ſeine und der Mutter bekümmerte Fragen über dieſe auffallende Wandlung pflege ſie nur mit Thränen zu antworten. Doch habe ſie feierlich erklärt, ſie könne nun und nimmer die Gemahlin des Grafen von Schönborn, noch überhaupt eines andern Mannes werden. Dies Alles bereite ihm den größten Kummer. Der Herzog von Burgund und Niederland. 245 Der Kaiſer ſchüttelte das Haupt mißmuthig über ſolche unerwartete Kunde. „Der Fugger hat Euch da in meinem Namen einen böſen Boten ins Haus geſchickt. Wir werden Mühe ha⸗ ben, das wieder zu beſſern.“ „Kein böſer Bote iſt der Ritter,“ verſetzte der Graf, „vielmehr ein edler ſanfter Mann, voll Kenntniſſe und Lebenserfahrung, den ich und meine Hausfrau herzlich lieb gewonnen haben. Er war uns ein werther Gaſt ge⸗ worden. Aber ein bös Geſchick hat unſre Freude in Leid verkehrt. Es ſcheint, daß mein Kind irgend wie und wahrſcheinlich durch das Fieberreden des Ritters hinter deſſen Geheimniß gekommen iſt, und es muß dieſes ein unſeliges und ſchlimmes ſein, da es ihr alle Lebensfreude geraubt und ihren kindlichen Frohſinn in ſo thränenreiche Trauer verwandelt hat. Helf mir Gott! Sie iſt noch mein einzig Kind und die Hoffnung meines Alters.“ Der abgehärtete Kriegsheld war nahe daran in Thränen aus⸗ zubrechen. „Das muß anders werden in deinem Hauſe, Graf Florian,“ ſagte der Kaiſer gutmüthig.„Die verſtorbene Kaiſerin war deines Kindes Gotte, und ich erachte die Maria als meine eigne Pathe. Darum hatt' ich ihr auch den Schönborn zum Ehewirth zugedacht. Der finſtre Gaſt muß fort. Ich kenne das düſtre und unheimliche Ge⸗ heimniß dieſes Mannes;es ſoll und darf nicht deinem Kinde und dir den Frieden rauben. Dann wollen wir 246 Der Herzog von Burgund und Niederland. die Maria zu den Feſten führen, die ich den beiden Kö⸗ nigen geben werde. Das wird ſie zerſtreuen. Und dann ſchnell Hochzeit gemacht, und du und die Mutter ihr be⸗ gleitet die junge Frau an meinen Hof. Dort ſoll's ihr nicht an Luſt und Freude fehlen. Und ſo wollen wir ſie von dem Gebreſte heilen, das ihr der unſelige Ritter gebracht hat.“ Dabei lächelte der hohe Herr ſo ſüß, daß ein weniger vekümmerter Vater ihm wohl hätte anſehen können, daß ihm perſönlich viel daran liege, die jugendliche Pathe an ſeinem Hofe zu haben.„Vorab,“ fuhr er fort,„wollen wir die Wunderkraft einer heiligen Reliquie an dem holden Töchterlein verſuchen. Ich führe in einem ganz abſonder⸗ üchen Schreine allerlei gute Remedia bei mir.“ Damit ging er auf einen langen mit ſchwarzem Tuche überzo⸗ genen Kaſten zu, der an der Wand des Kabinets am Boden ſtand, zog einen Schlüſſel aus der Bruſttaſche und öffnete den ſeltſam geformten Schrein.„Kannſt du ahnen, welch' eine Lade dies iſt?— Nein! Ich will es dir ſagen, Florian. Es iſt mein Sarg!“ Seine Stimme wurde weich und zitterte vor Wehmuth.„Ich bin dies Früh⸗ jahr in mein ſiebenundfunfzigſtes Jahr getreten, und es iſt Zeit, daß ich mich vorbereite dies Häuslein zu be⸗ ziehen. Zwar hab' ich all mein Lebtag mich nicht vor dem Tode geſcheut, dem unſer Herr und Heiland den bittern Stachel genommen, und ſeit ich als junger Gems⸗ jäger auf der Martinswand ihm ins Auge geſchaut, bin Der Herzog von Burgund und Niederland. 247 ich vertraut mit ihm geworden. Er hat mich auch ver⸗ ſchont bis zu dieſer Stunde, aber mir ahnt, er werde nicht allzulange mehr an mir vorübergehen. Meine Ju⸗ gendfreunde und Geſpielen ſind meiſt alle ſchon durch das finſtre Grabesthor gezogen; die Könige und Fürſten, mit denen ich in Frieden und Krieg verkehrt, ſind faſt alle heimgegangen, die ſchönen Frauen, die ich einſt geliebt, hat der Tod blaß geküßt. Die Reihe wird bald auch an mich kommen. Als ich dies Frühjahr an meinem Schloſſe in Inſpruck bauen ließ, machten es mir die Werkleute in keinerlei Weiſe recht, da kam plötzlich der Gedanke über mich, ich ſolle mich ferner nicht kümmern um dieſes fürſt⸗ liche Haus, aus dem ich doch bald ausziehen müſſe; es zieme mir vielmehr mir ein andres Häuslein bauen zu laſſen, in dem ich die müden Glieder beſſer ausruhen könne, als in ſolch ſteinernem Schloß, und ich ging zu meinem Nachbar Schreiner, mir den Sarg zu beſtellen. Und damit ich überall und zu aller Zeit eingedenk ſei, daß mir nicht viel Andres als zu ſterben mehr auf Erden übrig bleibe, hab' ich beſchloſſen, den Todtenſchrein mit mir zu führen, wohin ich auch fahre. Und drin hab' ich allerlei Kleinod, nicht Perlen und Edelſteine, nicht Gold und Silber, nicht Tand und Geſchmeid. Es ſind heilige Reliquien darin und gottſelige Gebetbücher, geweihte Kerzen, Agnus Dei und Heiligenbilder, lauter Schätze und Zehrpfennige für die letzte Reiſe. Gott helfe mir hier zu einem guten Ende und zu einem noch beſſern Anfang 248 Der Herzog von Burgund und Niederland. drüben!“ Ein paar helle Thränen rollten ihm über die grauen Wangen herab; er ſah in dieſem Augenblicke ſehr ehrwürdig aus. Der Graf war ſo ergriffen, daß er kein Wort ſprechen konnte. Der Kaiſer langte aus dem Sarge eine kleine mit rothem Sammet überzogene Schachtel und übergab ſie dem Grafen:„Es iſt eine Locke vom Haupte des heiligen Märtyrers Stephan, und ſein Blut iſt noch daran zu ſehen. Sie iſt ein Geſchenk des frommen Papſtes Pius Il. an meinen Vater und hilft gegen all übermäßiges Leid und großen Kummer. Ein feines güldnes Kettlein iſt daran befeſtigt, das hängſt du deinem Kinde über den Hals, ſo daß ihr die Locke auf das betrübte Herzlein zu liegen kommt.— Doch ich will ja ſelbſt mit Euch reiten, Graf, und da will ich dem lieben Kinde die Reliquie ſelbſt anhängen und die Wirkung ihrer Wunderkraft be⸗ obachten.“ Maximilian ſprach die letzten Worte abermals mit ei⸗ nem feinen ſinnlichen Lächeln, welches im ſcharfen Con⸗ traſte zu ſeinen Sterbegedanken und dem wunderlichen Reiſegeräth ſeines Sarges ſtand. Dies Lächeln zeigte zur Genüge, daß er noch immer ein gutes Stück von jenem fröhlichen Minnewart war, der allen ſchönen Frauen zu Hofe geweſen; auch hatte er wirklich ſeit dem unbetrauerten Tode der Kaiſerin, der ihn vor vier Jahren von der Un⸗ geliebten erlöſt, manchen kleinen Minnehandel nicht ver⸗ ſchmäht. In der That hatte auch das Leben der Kaiſerin, um die er ſich nie viel bekümmert, ihn von heimlichen Der Herzog von Burgund und Niederland. 249 und geräuſchloſen Liebesabenteuern nicht abgehalten. Wenn man ſich den Kämmerer des Kaiſers, den Grafen Schön⸗ born, dem er ſeine ſchöne Pathe Maria zur Gemahlin beſtimmt hatte, näher ins Auge faßte und das große Intereſſe erwog, welches er für die reizende junge Gräfin an den Tag legte, ſo mußte man auf den Gedanken kom⸗ men, er beſchäftige ſich trotz ſeiner ſechsundfunfzig Jahre doch lieber noch mit dem blühenden Leben als mit dem kaltem Tode, und der Sarg als Reiſebegleiter ſei nur ein Erzeugniß der weichlichen Empfindungen, die ihn oft zu beherrſchen pflegten.— Auch konnte er jetzt nicht ver⸗ bergen, wie ärgerlich er darüber war, daß der Aufenthalt des Ritters Süderland im Hauſe des Grafen von Iſſelſtein ſeinen kaiſerlichen Pathenplänen mit Maria in die Quere gekommen ſei. Voll von dieſem Aerger und Verdruß ſetzte er ſich auch zu Pferde, um, nur von einem Diener beglei⸗ tet, der kleinen traurigen Schwärmerin die heilende Locke des heiligen Stephan ſelbſt auf das kranke Herzchen zu legen. Der bekümmerte Vater führte den verdrießlichen Kaiſer an das Bett des kranken Ritters. Ein rührender An⸗ blick bot ſich ihnen dar. An dem Bette kniete Maria in tiefes Gebet verſunken, die Hände ſtill gefaltet, den feuchten Blick nach oben gerichtet. „Mein Kind,“ redete ſie der Graf an,„des Kaiſers Majeſtät iſt gekommen, deine Huldigung anzunehmen.“ Die Jungfrau erhob ſich und verneigte ſich ſtumm und demüthig vor, dem Reichsoberhaupte. 250 Der Herzog von Burgund und Niederland. „Ich will Euch mit nach Wien nehmen, liebe Pathe,“ ſagte Marimilian mit der ihm eigenthümlichen Leutſelig⸗ keit, die ihm ſtets zu Gebot ſtand, wenn er wollte.„Ich werde die beiden Könige dorthin einladen und die Ver⸗ mählungsfeſte dort feiern. Eure Gegenwart ſoll mir aber dieſe Feſte verſchönern.“ „Verzeiht mir, mein gnädigſter Kaiſer und Herr,“ erwiederte Maria mit feſter Stimme,„wenn ich Fe Befehl nicht nachkommen kann. Aber ein Höherer und Mächtigerer als Ihr hat mir anders befohlen, und dieſem empfangenen Befehle muß ich mich fügen.“ Der Kaiſer und der Vater ſahen ſich ob dieſer ſelt⸗ ſamen Rede verwundert an.„Und was iſt das für ein Befehl, dem Ihr zu gehorchen gewillt ſeid?“ fragte der Erſtere. 2 „Unſer Herr und Heiland hat mir ſeine unbefleckte ſchmerzensreiche Mutter, die heilige Jungfrau Maria, als Botin zugeſandt und mir wiſſen laſſen, daß ich durch un⸗ abläſſiges Gebet die Seele dieſes kranken Mannes vom ewigen Verderben zu retten und ihr das Licht des ewigen Heils gewinnen kann. In Demuth erkenne ich die hohe Gnade, die mir durch ſolche Sendung zu Theil geworden iſt, und betrachte ſie als heiligen Befehl, dem alles Irdiſche nachſtehen muß. Es iſt meine Pflicht den Kranken zu warten und zu pflegen, und wenn er geneſt, wie ich hoffe, ihn zum Glauben an Chriſti erlöſendes Blut zu bekehren. Hat es der hochgelobte Gott aber anders über ihn be⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. 251 ſchloſſen, ſo bin ich für ſeine Seele verantwortlich und muß ſie durch Gebet und gottſeligen Wandel aus dem Fegfener erlöſen und den himmliſchen Freuden zuführen.“ Obgleich dieſe Worte keineswegs nach des Kaiſers Sinn geredet waren, ſo machten ſie doch einen ſtarken Eindruck auf ihn. So weltlich auch Maximilian geſinnt war, ſo hatte er doch ein tiefes und gläubiges Gefühl für die Eindrücke der Religion, ja er war ſogar von allen abergläubiſchen Vorurtheilen ſeiner Zeit in Bezug auf das Ueberſinnliche befangen. „Ihr könnt und mögt immerhin dem Himmel dienen, und Euer frommes Gebet wird ſicherlich der Seele dieſes kranken Mannes förderlich ſein,“ ſagte er etwas ver⸗ ſtimmt,„aber Ihr dürft auch nicht vergeſſen, daß Ihr der Welt angehört und ein minneſehnſüchtiger Bräu⸗ tigam Euch zum Hochzeitreigen führen will.“ „Kein irdiſcher Bräutigam ſoll meiner warten. Die heilige Jungfrau ſelbſt hat mich mit ihrem Sohne ver— lobt. Ich bin eine Braut des Herrn. Droben aber im ewigen Lichte wird der Herr ſelbſt meine ſo heiligem Dienſte geweihte Seele der geretteten und dem Himmel gewonnenen Seele dieſes Mannes vermählen. Alſo hat es mir die Mutter Gottes ſelbſt gelobt.“ „So wißt Ihr, wer dieſer Mann iſt, und kennt ſeine Schickſale?“ rief der Kaiſer von einem unangenehmen Ge⸗ danken ergriffen. „Ich weiß es, ich kenne ſie. Er hat mir in ſtiller 252 Der Herzog von Burgund und Niederland. Nacht alles vertraut. Er hat ſeine Hund in die meinige gelegt, damit ich ihn zu Chriſti Heerde führe, und die Himmelskönigin hat unſern Bund geſegnet.“ Der Unmuth des Kaiſers ſtieg; doch war er Meiſter der Verſtellung, um ihm jetzt nicht Worte zu geben.„Ich hab' Euch ein heiliges Geſchenk mitgebracht,“ ſagte er ab⸗ lenkend; das Euch werth ſein wird. Es iſt eine wunder⸗ thätige Reliquie. Kommt in das Gemach Eurer Frau Mutter, wo ich ſie an Euerer Bruſt befeſtigen werde.“ Er ging mit dem Grafen, ohne ſich beſonders um den Kranken bekümmert zu haben, der ſtill vor ſich hingelegen, als nähme er an dem, was um ihn vorging, keinen Theil und höre die Rede nicht. „Ich werde Euch meinen Leibarzt heute noch herüber⸗ ſchicken,“ ſagte der Kaiſer zum Grafen,„und er wird er— klären, daß der Kranke ſofort in einer Sänfte nach Wien gebracht werde, damit er ihn in ſteter Aufſicht habe. Will Maria nicht von ihm laſſen, gut, ſo begleitet ſie ihn dahin. Dort wird es uns beſſer gelingen, als hier, ſie wieder für das Leben zu gewinnen.— Jetzt aber will ich mit dem Ritter reden.“ Sobald Maria das Krankenzimmer verlaſſen hatte, verfügte ſich der Kaiſer dahin und ver— ſchloß die Thür. Die Diener hörten wohl zuweilen Laute eines heftigen Geſprächs, aber ſelbſt Martin, der ſich aufs Lauern gelegt hatte, ſchien nichts verſtanden zu haben; wenigſtens leugnete er es. Als der Kaiſer heraustrat und ſich in die Frauengemächer verfügte, war er ſehr aufgeregt Der Herzog von Burgund und Niederland. 253 und verſank während der übrigen Zeit des Tags in ein tiefes Nachdenken. Nachdem er der ſchönen Schwärmerin die heilige Locke umgehängt, verließ er, vom Grafen be⸗ gleitet, in großer Verſtimmung das Schloß. Am Abend langte der Leibarzt an und fand den Zuſtand des Kranken weit weniger bedenklich, als er nach des Kaiſers Bericht gefürchtet hatte. Kaum heatte der gelehrte Medicus von fern angedeutet, daß es ſich nothwendig machen werde, den kranken Ritter in Wien zu haben, als dieſer mit lei⸗ denſchaftlicher Haſt ausrief:„Ja, das iſt auch mein Wunſch. Ich möchte das Schloß lieber heute noch als morgen ver⸗ laſſen, um dem wackern Grafen und ſeinen Hausgliedern nicht länger zur Laſt zu ſein. Ich getraue mir mein Pferd zu beſteigen und die kurze Reiſe zu machen.“ „Nicht alſo!“ verſetzte der Arzt, froh, ſtatt auf Wi⸗ derſtand zu ſtoßen, ſolche entgegenkommende Bereitwillig⸗ keit zu finden.„Ich werde Euch vielmehr einen kaiſer⸗ lichen Wagen ſenden, der Euch morgen in der Frühe nach Wien bringen ſoll.“— Als der Arzt ſich wieder entfernt hatte, trat Maria ein. Ihr Weſen war ernſt und ge⸗ meſſen. Süderland ſah ihr an, daß ſie einen großen Schmerz überwunden hatte, und eine wehmüthige Freude kam deshalb über ihn. Sie gemahnte ihn wie eine Hei⸗ lige, die die irdiſche Schwachheit überwunden und auf deren Zügen der Himmel ſeinen Siegesglanz widerſtrahlen läßt. Ihr Auge leuchtete in frommer überirdiſcher Be— geiſtrung. 254 Der Herzog von Burgund und Niederland. „Ihr werdet uns verlaſſen,“ ſagte ſie mit weichen Tönen, durch welche die Wehmuth als letzter Nachhall des irdiſchen Schmerzes hindurch zitterte,„und ich ehre Eure Großmuth, mit welcher Ihr dem liebloſen Befehl des Kaiſers entgegenkommt. Auch ich werde mich nicht widerſetzen. Wenn ich Euch auch nicht mehr mit meinen Händen warten kann, meiner Seele können ſie nicht weh⸗ ren, Euch zu dienen, für Euch zu leben und zu beten.“ „Ich danke dir mein ſüßes frommes Kind. Deine Liebe hat mich ſchon geſund gemacht. In kurzer Zeit werde ich wieder ſo viel Kräfte gewonnen haben, um Wien wieder verlaſſen zu können.“ „Und wohin werdet Ihr gehen?“ „Weit über die Meere in die fernen Indien. Dort trägt ſich die Laſt meines Unglücks leichter als hier.“ „Und warum nicht lieber in Euer Vaterland, zu Euerm Volke? Dort würdet Ihr glücklich ſein.“ „Maria, ich habe kein Vaterland; ich gehöre keinem Volke an. Ein heimathloſer Wandrer durchzieh' ich die Erde, und wie mein Schatten folgt mir mein dunkles Schickſal. Ueberall bin ich fremd auf der Welt, und die Sehnſucht nach dem BVeſitz eines Herzens, das mein ſei und mich liebte, muß ſich ungeſtillt verbluten.“ „Und wenn ich dir nun folgte, Johannes, wie dein Geſchick? Wenn ich dein Geſchick verſöhnte durch mein dir dargebrachtes Herz?“ „Um Gott nein, Maria! Ich darf dein Opfer nicht Der Herzog von Burgund und Niederland. 255 annehmen. Wir müſſen uns auf ewig trennen. Es wäre grauſam von mir deine Schritte an die meinigen zu feſ⸗ ſeln und deinen Frieden auf ewig zu zerſtören. Denn ich würde ſo ſchwach oder ſo ſtark ſein, für dich nach einer Krone zu greifen, die mir gehört, und dich mit dem Glanze einer Königin zu umgeben. Ich würde dich in das lei⸗ denſchaftliche Gewirre eiues wilden Völkerkampfes reißen. Ich würde für dich ein Vaterland, ein Volk gewinnen wollen und würde dich vor meinen Blicken untergehen ſehen, oder noch ſchrecklicher: du würdeſt eines Tags mein blutendes Haupt zu deinen Füßen rollen ſehen, das Haupt eines überwältigten Empörers. Denn der Gipfel meines Elends iſt, daß von meinem Volke die Thatkraft gewichen! Nein, nein, wir müſſen uns trennen, Maria. Ich kann deinen Eltern die Gaſtfreundſchaft nicht lohnen, indem ich ihnen die Tochter raube.“ „Als ob ich ihnen noch angehörte! Aber du haſt recht. Ich begreife deine große edle Seele. Wir müſſen uns auf Erden trennen. Ach! und des unausſprechlichen Jammers! Wir ſind auch im Himmel getrennt ewig, ewig getrennt.“ Und troſtlos weinend ſank ſie in die Kniee.„Weh mir und dir, daß es meinem Gebete nicht gelungen iſt, dich zum Glauben an Jeſum Chriſtum zu bekehren! Ich werde mich todt härmen, daß ein ſo edler Mann auf ewig verdammt iſt.“ Und ſie richtete ihre Blicke auf ihn, in welchen ſich Liebe und Zätrtlichkeit, Frömmigkeit und Verzweiflung ſeltſam vereinigten. Der 256 Der Herzog von Burgund und Niederland. Kranke trocknete ſich den Angſtſchweiß von der Stirn. Er ſchwieg, aber er faßte des armen Mädchens Hand und hielt ſie mit krampfhaftem Zittern. Er wollte ſprechen, er kämpfte mit ſich ſelbſt, aber er drückte endlich beide flachen Hände vor das todtenbleiche, ſchmerzzuckende Geſicht und ſchluchzte:„Nein, ich kann dich nicht belügen! Wahr zu ſein gegen dich und gegen mich ſelbſt iſt mir die heiligſte Pflicht. Ich kann nicht an deinen Ehriſtus glauben, wie du es thuſt. Mir iſt er ein edler großer Menſch, ein Prophet Gottes, aber nimmer kann ich mich überzeugen, daß er ſelbſt Gott ſei. Dieſer Glaube dünkt mir ein Frevel an Gott zu ſein. Ich kann nicht glauben, daß ein Menſch durch ſeinen Tod alle, die da glauben, er ſei Gott, von ihren Sünden reinigen und von der göttlichen Strafe er⸗ löſen könne. War er Gott, was hat er dann für Ver⸗ dienſte um ſeine Anbeter, indem er für ſie geſtorben? Kann ein Gott ſterben? Kann ein Gott Schmerzen und Leiden erdulden? War er aber ein Menſch, was kann mir ſein Tod helfen? Und kann endlich ein ſterbliches Weſen zugleich Gott und Menſch ſein? Maria, ich kann das helle Licht meines Geiſtes nicht verdecken, um im Dunkeln dieſen Chriſtus anzubeten.“ Sie hatte ſich das Haupt verhüllt und weinte laut. Eine lange und peinliche Pauſe wurde nur von ihrem Schluchzen ausgefüllt. Endlich ermannte ſie ſich und ſagte mit leiſer weicher Stimme: „Gott mag mir gnädig verzeihen, wenn ich ſündige, Der Herzog von Burgund und Niederland. 257 aber ich kann Euch ſo nicht ſcheiden laſſen, als wäret Ihr mir ein blutfremder und gleichgültiger Mann. Deshalb gewährt mir eine flehentliche Bitte. Ihr dürft mir dieſen letzten Wunſch nicht verſagen.“ „Verlangt mein Leben, und ich gebe es freudig für Euch hin, Maria.“ „Nein! Behüten will ich Euer Leben, wenn ich nicht 3 um Euch ſein, nicht mehr S Sorge für Euch tragen kann. Ich bitt Euch: nehmt den Knaben Martin als Euern Leibdiener mit Euch, nehmt ihn als mein Geſchenk! Ich will ihm anbefehlen, daß er Euch bewache und pflege, daß er ſtets um Euch ſei und jeden Euerer Wünſche er⸗ lauſche. Dann werd' ich wenigſtens etwas ruhiger euret⸗ wegen ſein und mir einbilden dürfen, ich ſelbſt ſchalte und walte um Euch.“ „Wird Euer Vater den Knaben entbehren können?“ „Ich habe ſchon mit ihm darüber geſprochen. Er wird Euch den Martin gern überlaſſen.“ „Ihr beglückt mich mit dieſem Geſchenke. Ihr gebt mir einen guten mit auf meine einſamen und weiten Wege durch die Wüſte der Welt. O wie rührt mich Eure Vorſorge! Wie bin ich Euch ewig dankbar verflichtet! Ich werde Martin halten, wie wenn er mein Sohn wäre. Sein Anblick wird mich jede Minute an die holdſelige Jungfrau erinnern, deren ſchönes, reines Herz mir, dem unglückſeligen Fremdling, eine heilige Frei⸗ ſtätte wurde; er wird mir die Erinnerung in der Seel— Ein deutſcher Leinweber. W. 17 258 Der Herzog von Burgund und Niederland. feſt halten, daß es mir vergönnt war, noch eine Stunde wehmüthigen Glücks zu genießen.“ Sie verließ ihn innerlich gehoben und geſtärkt und doch im Zwieſpalt mit ihren religiöſen Ueberzeugungen. Sie mußte den Mann lieben und achten, den ihr kirch⸗ licher Glaube als ewig verloren und verdammt bejammerte. Aber in ihrer reinen Seele ſtand der Vorſatz feſt, nicht im Gebet für ſeine Erleuchtung und Bekehrung zu er⸗ matten. Voll großer Gefühle ſuchte ſie Martin auf, um den Knaben mit ſeiner neuen Beſtimmung bekannt zu machen.„Begleite ihn, wie ſein Schatten,“ ſagte ſie bittend,„ſei ihm ein treuer Diener und Gefährte! Suche jedes Trübſal von ihm abzuwenden! Schirme ihn mit deinem eignen Leibe! Lege dich auf die Schwelle ſeines Schlafgemachs nieder! Erfreue ihn, womit du kannſt!“ Der Knabe empfing pfiffig lächelnd ihre Befehle und eine volle Börſe, ihre Erſparniſſe, und verſprach dafür Alles, was ſie wollte. Er war froh, ſeine eignen Wünſche ſo ſchnell erfüllt und ſich dafür auch noch ſo reichlich belohnt zu ſehen. Am frühen Morgen des folgenden Tags langte der Wagen an; der Ritter dankte mit wenigen, aber innigen Worten ſeinen Pflegern und verließ das Schloß. Der Graf dankte im Stillen ſeinem Schutzheiligen, daß die Sache ſo leicht verlaufen war, und die guten Eltern dachten nun wieder ernſtlich an die nah bevorſtehende Vermählung ihres Kindes. Sechszehntes Rapitel. Der Kaiſer ordnete, kaum in Wien angekommen, Ge⸗ ſandte an die beiden Könige ab, welche ſie zu ihm nach Wien zu kommen einladen ſollten. Zu König Wladislav ſchickte er den Erzbiſchof von Bremen, den Markgrafen Caſimir von Brandenburg, den Ritter Wilhelm von Tog⸗ genburg und den gelehrten Kanzler Doctor Cuspianus. Sie fanden den König auf dem Schloſſe Kittſee an der Donau. Zu König Sigismund wurden geſandt Herzog Wilhelm von Bayern, Chriſtoph Rauber, Biſchof zu Lai⸗ bach, Balthaſar Merklin, Probſt zu Waldkirchen und der Ritter Johann Marr, welche ihn zu Haimburg antrafen. Am folgenden 15. Juli zog der Kaiſer mit ſeinem herrlichen Gefolge von Wien aus, den Königen entgegen und kam in einer eigens hierzu gebauten, prachtvollen Sänfte bis nach der Feſtung und dem Markte Traut⸗ mannsdorf, wo er übernachtete. Von hier ſandte er dem König Wladislav eine der ſeinigen gleiche neue mit Pur⸗ purſammt überzogene Sänfte zum Geſchenk. Nicht weit 260 Der Herzog von Burgund und Niederland. von Trautmannsdorf auf einer am Bergwalde, die Haard genannt, gelegenen Wieſe hatte Marimilian einen Baum errichten laſſen, um damit den Ort der Zuſammenkunft zu bezeichnen. Am Morgen des 16. Juli erhob ſich der prächtige Kaiſerzug gegen jenen Hügel. Voran zog der Hauptmann zu Neuſtadt, Melchior von Maßmünſter, im ganzen Kü⸗ raß auf einem geligerten Pferde und führte zweihundert mit Harniſchen und rothen Rennröcklein angethane Rei⸗ ſigen; ihnen folgten des Kaiſers Hofgeſinde nebſt vielen Bürgern und Kaufleuten aus den Reichsſtädten, welche ſich, um dieſes Feſt mit anzuſehen, dem Haufen beigeſellt hatten, prächtig herausgeputzt und mit goldnen Ketten behangen. Hiernächſt ritten des Cardinals von Gurk und des Herzogs Ulrich zu Würtemberg Hofleute, an achthun⸗ dert Pferde. Dieſen folgten dreizehn Edelknaben, in ſchwar⸗ zen Sammt gekleidet, auf ſchönen hohen Roſſen, und wie⸗ derum auf dieſe ſechs Ehrenholde in ihren Perſevanten⸗ Kleidern mit zwölf Trompetern und dem Heerpauker. Hier⸗ auf ritten die geiſtlichen Fürſten, die Erzbiſchöfe und Bi— ſchöfe von Bremen, Regensburg, Paſſau und Seckau mit den Herzögen Ludwig aus Bayern und Albrecht von Mek⸗ lenburg. Jetzt erſchienen, dem Kaiſer nach Gebrauch voran, die kaiſerlichen Thürhüter mit weißen Stäbchen in den Händen. Marimilian ließ ſich in ſeiner mit rothem Sammt überzogenen, mit ſchwarzen Sammt ausgeſchlagenen Sänfte tragen, in welche Farben auch die nebenher gehenden Der Herzog von Burgund und Niederland. 261 Knaben und Pferdeknechte gekleidet waren. Marximilian war im halben kaiſerlichen Ornat mit dem Purpurmantel und Hermelin. Zu beiden Seiten der Sänfte begleiteten ihn viele Grafen und Herren von Adel aus den kaiſer— lichen Erblanden zu Fuß. Der Cardinal von Gurk in der Mitte der Geſandten von Spanien und England folgte dem Kaiſer. Hernach ritten, gleichfalls in ſchwarzen Sammt gekleidet, der Oberhofmeiſter Wilhelm von Rappoltſtein, der Kanzler Cyprian von Serentin, der Schatzmeiſter Jakob Villinger, der öſtreichiſche Kanzler Johann Schneid⸗ peck, Jakob Fugger, Balthaſar Merklin, Probſt zu Feld⸗ kirch, Marquart von Stein, Domprobſt zu Bamberg, die Brüder Melchior und Ulrich Pfizing, Pröbſte zu Nürn⸗ berg und andere kaiſerliche Räthe und der ganze Hoſſtaat, alle in prachtvollen ſeidnen Kleidern und mit goldnen Ketten behangen. Den Nachzug hatte der reiſige Zeug mit ſeinen Trom⸗ petern und Heerpaukern. Vor demſelben ritt der kaiſer⸗ liche Hofmarſchall Leonhard Rauber in einem lichten Küraß und Waffenrock von güldnem Stück auf einem geligerten und geharniſchten Roß. Im folgte ein Haufe in lichtem Harniſch und ſchwarzer Kleidung. Dann Markgraf Ca⸗ ſimir von Brandenburg gleichfalls auf einem geligerten Pferde, in Güldenſtück und Scharlach gekleidet, neben ihm Graf Berchthold von Hennebetg. Ihnen nach Markgraf Caſimirs auserleſene Reiterei in rother Kleidung mit gül— denen Ketten, köſtlichen Helmkleinoden und anderm Schmuck 262 Der Herzog von Burgund und Niederland. geziert, ſammt dem übrigen fränkiſchen Adel mit weißen Standarten. Hierauf die Grafen, jeder in ſeiner Livrei, als Graf Georg von Montfort, Graf Georg von Schaum⸗ burg, Graf Hoyer von Mannsfeld, ein Graf von We⸗ ſterburg und Graf Johann von Hardeck, welcher ſammt ſeinem Pferde von Gold, Perlen und Edelſteinen über und über glänzte. Ihnen folgte der oberöſtreichiſche Adel, achthundert Reiter ſtark. Der ganze Nachzug beſtand in achtzehnhundert Berittenen, welche mit ihren großen Fe⸗ derbüſchen, goldnen Ketten, köſtlichem Schmuck von Perlen und Gdelſteinen, prächtigen Kleidern und Fahnen überaus luſtig anzuſehen waren. Den Zug der beiden Königsbrüder eröffnete eine große Menge Huſaren mit zweigetheilten roth und weißen Fähn⸗ lein. Dann ein Haufe Moskowiter in blauer Kleidung mit hohen weißen Hüten und mit Bögen bewaffnet. Ein Haufe Tartaren. Wieder ein Trupp ungariſcher Huſaren; die Trompeter und Heerpauker beider Könige, deutſch ge⸗ kleidet. Nun die ungariſchen und böhmiſchen Adelsherrn mit höchſter Pracht. Hiernächſt ritt der kleine Prinz Lud⸗ wig, gekrönter König von Ungarn und Böhmen, im rothen golddurchwirkten Scharlach mit gepüfftem Haar und einem ſchwarzſammtnem Baret, auf einem ſchönen und köſtlich gezierten Roſſe, begleitet von vielen ungariſchen und böh⸗ miſchen Herren zu Fuß. Ihm folgte ſeine Schweſter, die Prinzeſſin Anna im güldnen Stück, mit güldner Kette, Armgeſchmeide und Edelſteinen herrlich geſchmückt, auf Der Herzog von Burgund und Niederland. 263 einem breiten, vergoldeten und mit Bildern übermalten Wagen ſitzend, der von acht weißen Roſſen gezogen wurde. Nebenher gingen abermals viele Herren von Adel. Nach ihr ritt König Sigismund in rothem Scharlach mit einem ſeidnen Hut bedeckt und von einer Menge polniſcher Herren zu Fuß begleitet. Endlich kam König Wladislav in ſeiner neuen Sänfte und um ihn eine große Anzahl ungariſcher Prälaten und Magnaten. Darauf folgten der Cardinal von Gran, die Erzbiſchöfe und Biſchöfe Gregorius von Colocza, Georg zu Fünfkirchen, Ladislaus zu Waitzen und Michael zu Bosnia, die polniſchen Biſchöfe, Reichs⸗ rathe, Palatine, Woiwoden und andre Herren. Als beide Heere dem aufgerichteten Baume nah ge⸗ kommen, blieben ſie in ihrer Ordnung ſtehen, die kaiſer⸗ liche Vor- und Nachhut rückte aber auf den Hügel und ſtellte ſich gegen Sonnenaufgang, ſo daß die Sonne ſich tauſendfältig in ihren blanken Harniſchen ſpiegelte. Die Ungarn erſchraken bei der Maſſe des Volks und einige Magnaten ritten eilig zu den beiden Königen und ſtellten vor: zu Frieden, Bündniß und Heirath brauche man ſo viel Eiſen nicht. Es ſei bedenklich, daß beide Könige und die königlichen Kinder ſich dem mit ſo furchtbarer Macht herangezogenen Kaiſer blindlings anvertrauen wollten. Sie hielten für rathſam, ſich einen Weg zum Rückzug offen zu halten. König Sigismund verwarf aber im guten Vertrauen auf den Kaiſer dieſen Vorſchlag, und ſo zogen ſie ebenfalls bis zum Hügel. 264 Der Herzog von Burgund und Niederland. Sobald der Kaiſer den Baum erreicht hatte, ließ er die Decke von ſeiner Sänfte nehmen. Sogleich naheten ihm die beiden Könige und die königlichen Kinder. Und weil Wladislav nicht gut auf ſeinen Beinen ſtehen konnte, ſo war vorher ſchon ausgemacht, daß kein königlicher Fuß in Bewegung geſetzt werden ſollte. Die beiden Sänften wurden dicht aneinander geſtellt, Sigismund und Ludwig hielten zu Pferd auf der einen, der Wagen Anna's auf der andern Seite. Maximilian reichte ihnen nach einander die Hand und ſprach den lateiniſchen Oſterfeſtſpruch:„Dies iſt der Tag, den der Herr gemacht hat; laſſet uns ſeiner freuen und fröhlich ſein!“ Sigismund erwiederte eben⸗ falls lateiniſch:„Nun wolle Gott, das dieſe unſre Zu⸗ ſammenkunft der ganzen Chriſtenheit nützlich und heilſam ſein möge!“— Und weil Wladislav für ſich ſelbſt nichts zu ſprechen wußte, ſo wiederholte er mit Weinen dieſe Worte ſeines Bruders. Drauf unterhielt ſich der Kaiſer mit den beiden ungariſchen Königskindern, und ſie blieben ihm keine Autwort ſchuldig und wußten mehr zu ſprechen als ihr Vater.— Die Unterhaltung der Könige dauerte an anderthalb Stunden. Dann wurde im nahen Walde eine kleine Jagd abgehalten und ein Hirſch gefangen. Hierauf begann das Banket an Tafeln, die am Waldrande errichtet waren. Alles Volk aber lagerte ſich um zu eſſen und zu trinken. Die Könige thaten auf die neue Freundſchaft und Ehe⸗ verbindung manchen guten Trunk, und ihre Heere ſtimmten Der Herzog von Burgund und Niederland. 265 jubelnd ein. Als der Tag ſich zu neigen begann, ließ der Kaiſer den Königen und ihrer Begleitung das Nacht⸗ lager in den benachbarten Städtchen, Flecken, Schlöſſern und Dörfern anweiſen. Er ſelbſt übernachtete mit den Seinigen in Larenburg. Der Tag war bis zu Ende hell und freundlich geweſen. Der folgende Morgen brachte Regen, der den ganzen Tag anhielt, wodurch die Freude des Einzugs in Wien geſtört wurde. Was nicht zum Zuge ſelbſt gehörte, eilte Rennens nach Wien, um in die Herberge zu kommen.— Es zogen aber den Königen aus der Stadt 1500 Bürger und Bürgerſöhne, alle in Roth gekleidet, eine Viertel⸗ meile entgegen. Dieſen folgten die 600 Mann Fußvolk vom Reich mit fliegenden Fahnen. Bis an das Thor gingen entgegen alle Ordensperſonen, welche alles Heil⸗ thum der Stadt Wien mit ſich trugen. Hinter ihnen zogen die Schulknaben in großer Menge, jeder mit einem Fähnlein einher. Hierauf die ganze Prieſterſchaft der Stadt Wien, die Profeſſoren und Studenten der Univerſität und endlich die Handwerkszünfte mit ihren Fahnen, deren an ſechszig gezählt wurden. Der Einzug dauerte über zwei Stunden, und waren über viertauſend Pferde. Doch verdarb der anhaltende Regen alle Freude. In der Stadt angelangt, verfügten ſich die königlichen Perſonen in die St. Stephanskirche, an deren Haupteingang ſie der Biſchof Georg von Wien inmitten ſeiner Prieſter empfing und über ſie den Segen — 266 Der Herzog von Burgund und Niederland. ſprach, worauf die kaiſerliche Kapelle das Te Deum an⸗ ſtimmte. Den König Wladislav und deſſen Kinder nahm der Kaiſer mit ſich auf die Burg; dem König Sigis⸗ mund wurde das ſogenannte Haſenhaus zur Herberge an⸗ gewieſen. Der folgende Tag war Ruhetag; der Kaiſer beſchenkte ſeine Gäſte mit köſtlichem Güldenſtück und lud ſie auf den andern Morgen zur öffentlichen Verſammlung ein. Um acht Uhr dieſes Tags, des 19. Juli, kamen die gekrönten Häupter, die königlichen Kinder, ihre Für⸗ ſten, Räthe, Erzbiſchöfe und Biſchöfe, zuſammen an hun⸗ dert Köpfe, in dem vazu beſtimmten Saale zuſammen, in welchem drei Throne errichtet waren. Den mittlern nahm der Kaiſer ein; zu ſeiner Rechten ſaß der Ungar?, zu ſeiner Linken der Polenkönig. Maximilian erhob ſeine Stimme und hielt eine kräf⸗ tige Rede, welche faſt eine Stunde dauerte. Zuerſt gab er Gott die Ehre, daß er die Herzen zu ſolcher freund⸗ lichen Begängniß gelenkt. Dann dankte er beiden Kö⸗ nigen, daß ſie mit ſo langer Geduld ſeine Ankunft, deren Verzögerung er mit Gründen entſchuldigte, erwartet und nun ſeiner Einladung nach Wien Folge geleiſtet hätten. Hierneben wünſchte er, daß dieſe Zuſammenkunft zur Er⸗ weiterung der Ehre Gottes, zu Heil und Wohlfahrt der Chriſtenheit und zur Unterdrückung des Erbfeinds des chriſtlichen Namens gereichen und ausſchlagen möge Hier⸗ auf gab er der Verſammlung zu vernehmen, wie es ſeit Anbeginn ſeiner Regierung ſein höchſtes Verlangen ge⸗ Der Herzog von Burgund und Niederland. 267 weſen, ein mächtiges Heer wider den Erzfeind der Chri⸗ ſtenheit ins Feld zu führen und die herrlichen chriſtlichen Länder, welche die Türken in ihre Gewalt bekommen, wieder zu erobern. Wiewohl er nun ſolches zeither ſtets mit Mund und Herzen gewünſcht, auch deſſen öfter gegen die Reichsſtände erwähnt, ſo habe er doch wegen der Kriege, zu welchen er durch die Könige von Frankreich, die Herzoge von Geldern und Venedig und andre ſeine und des Reichs Feinde genöthigt worden, zur Vollziehung dieſes ſeines Vorhabens niemals gelingen können. Nun gab er ſieben Wege an, wie die Türken zu beſiegen ſeien, und verbreitete ſich über die Mittel, durch welche die Zwie⸗ tracht in der Chriſtenheit aufgehoben und die Potentaten mit einander vereinigt werden könnten. Endlich ermahnte er beide Könige, daß ſie, in ihre Länder zurückgekehrt, nach ſolchen Mitteln und Wegen trachten wollten, damit ein längſt erwünſchter Kriegszug einmal ins Werk geſetzt werden möchte, wozu er Leib und Gut und Alles, was der höchſte Gott ihm verliehen, getreulich dranzuſetzen er⸗ bötig und geſonnen ſei. Die ganze Verſammlung war tief ergriffen, Manche bis zu Thränen gerührt. Der Cardinal von Gran, als päpſtlicher Legat, nahm das Wort und dankte dem Kai⸗ ſer im Namen beider Könige und der ganzen Chri⸗ ſtenheit für Sr. Majeſtät guten und allergnädigſten Wil⸗ len mit dem Erbieten, daß beide gegenwärtige Könige nebſt andern hohen Potentaten der Chriſtenheit ſich dies⸗ 268 Der Herzog von Burgund und Niederland. falls, wie chriſtlichen Königen wohl anſtehe, verhalten wollten. Hierauf ging die Verſammlung zur Tafel. Abends war Tanz, bei welchem die Prinzeſſin Maria von Spa⸗ nien zuerſt aus ihrem Loſament im Palaſt des Grafen von Cilli von ihrem Hofmeiſter und Hofſtaat begleitet, von vielen Grafen und Herren auf die Burg eingeholt, den Gäſten vorgeſtellt wurde. Sie ließ dieſelben vom Probſt von Waldkirch in einer Rede bewillkommnen, welche Peter von Premislav auf König Sigismunds Befehl be⸗ antwortete. Dann nahm die liebliche Maria zwiſchen den beiden ungariſchen Königskindern Platz, und der Tanz begann. Die beiden folgenden Tage wurden mit Berathſchla⸗ gungen über die bevorſtehende Handlung ausgefüllt; der Adel übte ſich in ritterlichen Spielen. Der Tag Mariä Magdalenä, der 22. Juli, wurde zur Vermählung der königlichen Kinder beſtimmt. Um neun Uhr zogen die Könige nach der Stephans⸗ kirche; dieſe war mit niederländiſchen Tapezereien köſtlich verhängt und die Geſtühle mit güldenem Stück ausge⸗ ſchlagen. Der Kaiſer und die Könige nahmen ihre Stellen zur rechten Seite des Chors; nächſt ihnen ſtand Prinz Ludwig. Darauf folgten in der Ordnung mehre Reichs⸗ fürſten, Geſandte und die vornehmſten ungariſchen, pol⸗ niſchen und böhmiſchen Herren. Auf dem Geſtühle mitten im Chor nahmen die beiden Prinzeſſinnen ihren Sitz, und .——— Der Herzog von Burgund und Niederland. 269 neben ihnen ſtanden abermals Fürſten und Grafen und vornehme Frauen und Fräulein. Zur Linken des Chors hatten die geiſtlichen Fürſten ihren Platz nebſt ihren Prä⸗ laten und Pröbſten. Der Biſchof von Wien hielt das Hochamt, und die kaiſerliche Hofkapelle muſicirte. Dann hielt der Kaplan des Cardinals von Gurk, Richard von Peruſia, eine Rede.— Der Kaiſer erhob ſich. Er trug eine rothſammtne Schaube, und das güldne Vließ hing um ſeinen Hals. An ſeinem rothſammtnen Baret ſtrahlte ein großer Diamant. Sein ganzer Anzug war auf eine MWillion Goldes geſchätzt. Gemeſſnen Schritts verfügte er ſich in die Sakriſtei; die hohen Reichswürdenträger folgten ihm. Hier ließ er ſich den ganzen kaiſerlichen Ornat an⸗ legen und die Krone aufſetzen. Die Fürſten trugen ihm Reichsapfel, Scepter und Schwert vor, und alſo trat der Kaiſer des heiligen römiſchen Reichs deutſcher Nation in ſeiner Majeſtät wieder in den Chor und auf das mittlere Geſtühle. Ein ungariſcher und ein böhmiſcher Großer führten ihm die Prinzeſſin Anna zu, und der Cardinal von Gran vermählte ſie dem Kaiſer als Stellvertreter eines ſeiner Enkelſöhne. Nach Auswechslung der Trau⸗ ringe, redete der Kaiſer die Prinzeſſin alſo an:„Im Na⸗ men unſrer beiden abweſenden Enkel haben wir Ew Liebden jetzt das Wort der Vermählung gegeben, ſo daß Ihr an einen derſelben von heute an vermählt und ehelich ver⸗ ſprochen ſein ſollt; und weil mein Enkel Karl die König⸗ reiche Caſtilien und Aragonien, ingleichen ſein Bruder 270 Der Herzog von Burgund und Niederland. Ferdinand das Königreich Neapel zu erben und zu er⸗ warten hat, ſo erklären und ernennen wir hiermit Ew. Liebden zur Königin und wollen Euch zu einer ſolchen gekrönt haben.“— Mit dieſen Worten ſetzte er ihr eine goldne Krone auf das Haupt. Auf dieſe Vermählung folgte ſofort die zweite. Prinz Ludwig trat mit der Infantin Maria auf das Geſtühle, und beide wurden vom Cardinal ehelich eingeſegnet. Der Bräutigam war neun, die Braut beinah zehn Jahr alt. Nach vollendeter Ceremonie, als Alle zu ihren Plätzen zurückgekehrt waren, überreichten die Reichs- und Hof⸗ marſchälle dem Kaiſer, den beiden Königen und dem Prinzen Ludwig jedem ein Schwert, womit ſie mehr als zweihundert Herren aus faſt allen europäiſchen Nationen zu Rittern ſchlugen; doch hatte dieſe Würde damals ſchon ihre eigentliche Bedeutung verloren. Endlich ſprach der Car⸗ dinal von Gran den Segen, worauf alle Trompeter eine Fanfare bließen, bis die Hofkapelle den ambroſianiſchen Lob⸗ geſang anſtimmte, in welchen alles Volk ſingend einfiel. um 1 Uhr war die feierliche Handlung vorüber, wel⸗ cher das Haus Oeſtreich die Kronen von Ungarn und Böhmen verdankt. Die ſpaniſchen Königreiche ſind ihm verloren gegangen; Neapel gehorcht keinem Oeſtreicher mehr, Navarra hat einen andern Herrn, die Niederlande ſind nicht mehr öſtreichiſch; in Amerika hat das Kaiſer⸗ haus nichts mehr zu befehlen; Ungarn und Böhmen ſind ihm geblieben bis auf den heutigen Tag. — — Der Herzog von Burgund und Niederland. 271 Nachmittags war ein großes Renn- und Stechſpiel auf dem Neuen Markt, welchem männiglich zuſtrömte. Abends hielten der Erbſchenk und Geheimſter Rath des Kaiſers, Freiherr Siegmund von Dietrichſtein und Fräulein Barbara, Tochter des Freiherrn Georg zu Rottal, Obriſten Hofmeiſters der Infantin Maria, Beilager auf der Burg, und der Kaiſer richtete die Hochzeit aus, weil Bräutigam und Brautvater bei ihm in hoher Gnade ſtanden. Der Bräutigam ward vom Kaiſer und dem König Wla⸗ dislav zur Trauung geführt. Ein glänzendes Hochzeit⸗ mahl und ein Tanz beſchloſſen die Feſtlichkeiten des Tags. S iebenzehntes Rapitel. Mit dem Erbſchenken von Dictrichſtein und dem Fräulein zu Rottal hatte nach des Kaiſers Willen und Abſicht noch ein zweites Brautpaar ehelich verbunden werden ſollen. Dies war der Kämmerer Graf von Schönborn und die Gräfin Maria von Iſſelſtein. Aber der Kaiſer ſowohl, als ſein Kämmerer und der Graf Iſſelſtein, welcher ſich in der nächſten Umgebung des Kaiſers befand, beobach⸗ teten ein geheimnißvolles Stillſchweigen darüber. Die Gräfin von IFſſelſtein war mit ihrer Tochter zwar auch nach Wien gekommen, um den Feſtlichkeiten beizuwohnen; man hatte aber beide nur bei der Zuſammenkunft des Kaiſers und der Könige geſehen, und ſie wurden an den folgenden Tagen im Gedränge und der Bewegung der Feſtlichkeiten nicht vermißt. Maria lag krank in ihrer Wohnung, und ihre Mutter war ihre Wärterin. Maria war krank am gebrochnen Herzen. So lange der Ritter auf der Burg ihres Va⸗ ters geweſen war, hatte ſie ſich ſtark gefühlt. Die An⸗ — Der Herzog von Burgund und Niederland. 273 ſpanung ihrer Seelenkräfte hatte ſie nicht dazu kommen laſſen, über ſich ſelbſt nachzudenken und ihren ſchmerzli— chen Gefühlen Raum zu geben. Mitten im Feſtgewühle erloſch aber die Abſpannung, und ſie brach zuſammen, wie eine vom Sturm geknickte Blume. Ihre Mutter wurde von unſäglicher Angſt erfaßt, daß ſie auch dieſes letzte und geliebteſte Kind verlieren möchte; ſie ſaß ſtill wei⸗ nend an Marias Lager. Und das blutende Herz des Kindes erſchloß ſich dem blutenden Herzen der Mutter, und dieſe wurde die Freundin der Tochter. Maria ver— ſchwieg ihr nichts; ſie entdeckte ihr das überwältigende Geheimniß, welches der Ritter im Fieber in ihre Bruſt niedergelegt hatte, und welches zu tragen ſie zu ſchwach war; ſie enthüllte ihr den ungeheuern aus dieſem Ge⸗ heimniß hervorgewachſenen Schmerz. Die liebende, za⸗ gende Mutter begriff, daß die Gewalt der in der Seele ihres Kindes aufgeglühten Liebe im Kampfe mit dieſem von außen hereingeſtürzten Rieſenſchmerze das ſchwache Gefäß zertrümmern müſſe. Aber aus der erhaltenen Mit⸗ theilung ſchöpfte ſie Hoffnung. Ach was ergreift nicht ein Mutterherz zur Rettung eines Kindes! „Verzage nicht, mein Kind!“ tröſtete ſie.„Du wirſt die Gattin des Ritters werden, und es wird dir gelin⸗ gen, ſeine Seele zu retten und dem Himmel zuzuführen. Ich ſelbſt werde den Kaiſer dafür zu gewinnen wiſſen.“ „O Mutter! Mutter! Er iſt krank an Leib und Ein deutſcher Leinweber. IV. 18 274 Der Herzog von Burgund und Niederland. Seele, und ich kann nicht an ſeinem Bette beten, kann ihn nicht warten und pflegen. Wenn er ſtürbe und führe zur Hölle, trüge ich nicht die Schuld? Würde nicht Gott einſt ſeine Seele von mir fordern? Iſt nicht die Mutter Gottes ſelbſt mir erſchienen und hat mir ſeine Rettung befohlen?“ „Mein Kind, wir wollen uns dem hochwürdigen Bi⸗ ſchof von Wien anvertrauen. Er wird dich abſolviren. Oder haſt du zu einem andern Prieſter Vertrauen? Die vornehmſten geiſtlichen Fürſten mit ihren Diaconen ſind hier verſammelt. Wier wollen reiche Opfer auf den Altar der heiligen Mutter Kirche niederlegen. Wir wollen dir Ablaß erkaufen. Und genügt dir das nicht, und meinſt du, daß St. Peters Nachfolger, das Oberhaupt der Kirche, allein dir den rechten Frieden wieder gewähren könnte, ſo wollen wir nach Rom wallfahrten und eine Meſſe ſtiften in der St. Peterskirche.“ „Ja Mutter, nach Rom wollen wir pilgern!“ rief Maria, von dem Gedanken ergriffen, in fieberhaft freu⸗ diger Bewegung. Aber nicht ohne den armen Ritter. Wir müſſen ihn bereden, daß er uns begleite. Dort wollen wir ihn in den Tempel der Chriſtenheit führen, zu dem alle gläubigen Völker des Abendlandes wallen, und am Hauptaltare wollen wir zu ſeinen Seiten knien, und den Hochgebenedeiten um ſeine Erlöſung anflehen. Und gieb Acht, Mutter! Es wird ein Wunder geſchehen, daß er an Chriſtum glaube. Komm, Mutter, komm!“ Der Herzog von Burgund und Niederland. 275 Und die hochbegeiſterte Schwärmerin ſprang auf vom Lager. „Wohin willſt du, mein Kind?“ fragte die ängſt⸗ liche Frau. k „Kannſt du fragen, wohin? Giebt es auf der weiten Erde noch einen zweiten Platz, wohin ich gehen möchte und könnte? An ſein Bett wollen wir. Ich will den edeln Mann pflegen, ich will dort für ihn beten, daß er geſunde. Dorthin gehör' ich, und ich ſterbe vor Sehnſucht, wenn du mich nicht zu ihm führſt. Dorthin ruft mich der Engel des Herrn, damit das hohe Wunder ſeines drei⸗ malheiligen Namens offenbar werde an dem Ungläubigen.“ „Wir wiſſen nicht, wo ſeine Herberge iſt, und es iſt Nacht, mein Kind. Dein Vater iſt bei Hofe. Wir können ſie jetzt nicht erfragen. Auch biſt du ſelbſt krank und mußt erſt wieder geneſen.“ „Ich bin geſund und ſtark. Wir dürfen nicht zau⸗ dern; wir müſſen nach Rom pilgern, zum ewigen Gna⸗ denborn.“ „Warte nur bis morgen.— Auch hab' ich für dieſen Spätabend eine weiſe Frau beſtellt, die dein Gebreſte verſprechen wird. Du kennſt ſie, die alte Zigeunerin, die ſchon in Flandern uns zuweilen beſuchte und auch hier oft auf unſerm Schloſſe geweſen iſt und mit ihrer ge⸗ heimen Kunſt uns manchen guten Dienſt geleiſtet hat. Sie iſt mir heute in der Stadt begegnet, und ſie hat mir ihre Hülfe, um die ich ſie anſprach, zugeſagt. Sie 18* 276 Der Herzog von Burgund und Niederland. wird uns gewiß auch guten Rath geben; denn ſie weiß viel aus Erfahrung und geheimer Wiſſenſchaft. Auch kommt vielleicht morgen Martin zu uns und ſagt uns an, wo ſein neuer Herr herbergt.“ Mit ſolchen begütigenden und tröſtenden Worten be⸗ ruhigte die Mutter die ſchwärmeriſche Aufregung Marias. Während ſie noch ſprachen, meldete die Zofe die weiſe Frau und führte auf Befehl der Gräfin ein altes ge⸗ bücktes Mütterchen herein. Sie warf das Nebeltuch ab und begrüßte die Frauen. Es war Karracha, die Zi⸗ geuneraltmutter. Die Alte ſetzte ſich an Marias Bett und ließ ſich die Hand der kranken Jungfrau reichen. „Du leideſt Herzenspein, mein Kind,“ ſprach ſie und heftete ihre klugen Augen auf die Linien der Hand.„Ein hoher Herr iſt Euch in keuſcher Minneglut ergeben, aber ein großes Hinderniß liegt zwiſchen ihm und Euch.— Gebt mir eine Schale voll reinen Waſſers, damit ich Euch die Bruſt befeuchte und das Leid aus dem Herzen waſche.“ Die Gräfin gab ihr das Verlangte und erzählte dabei vom Ritter Süderland. Karracha fragte ſchlau und vor⸗ ſichtig. Mutter und Tochter berichteten eifrig, was die Alte zu wiſſen wünſchte Die Zigeunerin horchte immer geſpannter, doch äußerlich gleichgültig. Dann, als die Waſchung mit Zauberſegen vorüber war, nahm ſie Ma⸗ rias Hand wieder. „Eine Krone ſchwebt über ſeinem Haupte,“ fuhr ſie Der Herzog von Burgund und Niederland. 277 lauernd fort, und wenn das Recht auf Erden herrſchte, würde er der König eines mächtigen Volks ſein. Und Euch, ſchöne Maria, würde er als ſeiner geliebten Her⸗ rin die Krone zu Füßen legen.“ Ueberraſcht von dieſen Worten, beichtete Maria mehr, und was ſie nicht enthüllte, fügte ihre Mutter hinzu. Mitten in dieſer Unterhaltung ſtürmten raſche Schritte zur Thüre herein, und beim Scheine der Lampe erkannten Mutter und Tochter den Knaben Martin. „Martin! Martin, kommſt du endlich!“ rief ihm Maria in haſtiger Freude zu und ſtreckte die Arme nach ihm aus.„Erzähle ſchnell, iſt dein Herr wieder geſund, und warum biſt du nicht eher gekommen, es mir zu melden?“ „Ach, gnädige Gräfin, ich kann Euch nicht ſo er⸗ freuliche Kunde ſagen,“ verſetzte der Knabe mit betrübten Mienen.„Mein armer, unglücklicher Herr war kränker als je und nahe daran ſeinen Geiſt aufzugeben. Ich konnte ihn unmöglich verlaſſen, und erſt heute hat ſich's wieder mit ihm gebeſſert.“ „Ach, Mutter, es ahnete mir!“ ſeufzte Maria.„Im Traume iſt er mir erſchienen.“ „Ja, auch hat er fort und fort von Euch geſprochen und Eure Hülfe angerufen. „Ich komme! ich komme! Doch ſage, wo iſt Eure Herberge?“ „Im Kloſter der Väter Bernhardiner, deren Pflege 278 Der Herzog von Burgund und Niederland. er vom Kaiſer beſonders empfohlen worden iſt. Der Leib⸗ arzt hat ihn täglich mehrmals beſucht, und die Mönche ſind eifrig bemüht geweſen, alle Vorſchriften deſſelben zu erfüllen. Aber er wollte von keiner Hand Arzneien an⸗ nehmen, als von der meinigen, und ſo oft ich zu ihm trat, flüſterte er den Namen Maria, gleichſam als ſähe er Euch ſelbſt vor ſich.“ Maria weinte und lachte vor Wonne, ſie faltete die Hände, um zu beten und brachte doch nur den Namen des geliebten Mannes über die Lippen. Die Zigeunerin rüſtete ſich mit auffallender Haſt zum Aufbruch. „Du willſt gehen?“ fragte die Gräfin verwundert.„Und du verſprachſt mir doch dieſe Nacht bei meiner Tochter zu wachen und deinen Zauberſegen öfter über ihr zu ſprechen?“ „Seht Ihr nicht, daß er ſchon gewirkt hat?“ ver⸗ ſetzte Karracha.„Meine Gegenwart iſt nicht mehr nöthig. Doch will ich morgen wieder nach ihr ſehen. Aber ſie wird morgen geſund ſein, wie der Vogel in der Luft.“ — Und mit dem reichen Geſchenke der Gräfin ging ſie von dannen. Auf der Straße förderte ſie ihre Schritte, als habe ſie die Laſt der Jahre von ſich geworfen und eile auf den Flügeln der Jugend da in. So gelangte ſie in eine entfernte Vorſtadt und trat in den Hof eines alten großen Hauſes. Ein winkliges Fintergebitde nahm ſie endlich auf, und aus einem düſtern Gaden ſchallten ihr die muntern Töne des Cymbals entgegen. — —,— Der Herzog von Burgund und Niederland. 279 Toni tanzte mit Sonaca. „Pepindorio!“ herrſchte ihm ſeine Großmutter zu, „laß jetzt Tanz und Spiel. Ich habe einen köſtlichern Fang gemacht, als wir jemals in den Fuggerſchen Berg⸗ werken gethan. Aber noch bin ich meiner Sache nicht ganz gewiß. Wir müſſen uns ſogleich und ohne Verzug überzeugen.“ „Was iſt's, Altmutter?“ riefen die Zigeuner und umſtanden die Alte in Haufen. „Wenn mich nicht Alles trügt, ſo hab' ich den Cidi¹) entdeckt, den wir ſeit Jahren vergeblich geſucht. Schnell, Pepindorio,“ wandte ſie ſich zu ihrem älteſten Sohne, „wirf deinen Mantel um und gehe in das Kloſter der Bernhardiner. Dort liegt ein Ritter krank, Namens Sü⸗ derland. Gieb dich für einen Arzt aus, der ihn ſchnell vom Gebreſte befreien will. Und ich wette all mein krem⸗ nitzer Gold gegen einen Heller, du wirſt den Mann erkennen, der uns zu reichen und angeſehenen Leuten machen ſoll.“ Eine allgemeine freudige Bewegung entſtand in der ſpärlich erhellten Spelunke. „So wird uns,“ fuhr Karracha fort,„die Hochzeit der Könige mehr einbringen, als dem Kaiſer Marximi⸗ lian. Und wenn er es iſt, den wir geſucht haben, ſo müſſen wir morgen einen Eilboten nach Brüſſel an Su⸗ leima ſchicken und ihr die Freudenbotſchaft mittheilen.“ *) Herr, Gebieter. 280 Der Herzog von Burgund und Niederland. Antonio hatte ſich entfernt und kehrte bald in ſtattlicher Kleidung zurück. Niemand hätte den Zigeuner wieder in ihm erkannt. Ein Burſch folgte ihm als Diener und beide verließen die Herberge, um ſich nach dem bezeich⸗ neten Kloſter zu begeben. Sonaca ſprang zu Karracha hin, zog eine prächtige Nabel aus ihrem glänzend ſchwarzen Haar und rief: „Sieh, Altmutter, dies Kleinod hat mir heute, als ich auf dem Neuen Markt tanzte, ein ſchmucker, junger Herr geſchenkt, ein ſtattlicher Bub in ſchwarzer Sammtſchaube.“ „Ei, ei!“ ſchmunzelte die Alte,„das iſt ja ein werthvoller Stein und mit Perlen eingefaßt! Fürwahr, dieſe Nadel iſt einer ſo ſchönen Prinzeſſin, wie du biſt, würdig. Schau, ſchau, noch biſt du nicht vierzehn Jahre alt und ſchon ſo reich von einem jungen Herrn beſchenkt worden. Das iſt ein guter Anfang. Möge die Fort⸗ ſetzung eben ſo koſtbar ſein!“ „Und weißt du, wer ihn zu mir führte, den ſtolzen Burſchen? Der feine Herr Raimund Fugger, auf deſſen Hochzeit in Kremnitz ich getanzt. Er klopfte mich auf die Wange und ſagte lächelnd:„Ei, Sonaca, biſt du ſchön geworden, ſeit ich dich nicht geſehen.— Und dieſen Abend wollen ſie beide zu uns kommen, um ſich wahrſagen zu laſſen.“ „Ich verſtehe. Ich will ihm ſchon ſagen, was er zu wiſſen wünſcht. Pepindorio mach dich aus dem Wege!“ „Wozu?“ fragte der Burſche trotzig.„Ich fürchte Der Herzog von Burgund und Niederland. 281 mich nicht vor dem Fugger. Und wenn Ihr glaubt, Ihr wollt die Sonaca verhandeln und mich erſt bei Seite ſchieben, daß ich Euch den Handel nicht ſtöre, ſo ſag' ich Euch: es wird nichts daraus. Ich werde auch ein Wort mit reden.“ „Schweig, Fratz!“ fuhr die Altmutter den ungeber⸗ digen Schwätzer an.„Du wirſt uns nicht neue Geſetze geben wollen. Will das Ei klüger ſein als die Henne?“ „Der Sonaca willen bin ich Euch gefolgt,“ fuhr Toni noch erbitterter fort,„ſonſt wär' ich im Goldberge geblieben. Und ich werde nicht dulden, daß ſie eines An⸗ dern Eigenthum wird.“ Und mit glühenden Blicken, in denen ſich Trotz und Eiferſucht miſchten, verſchlang er die zierliche Geſtalt. „Spannt den Rangen in den ſpaniſchen Bock!“ herrſchte die zornige Alte einigen Männern zu,„damit er Reſpekt lerne vor denen, die ihm zu befehlen haben.“ Der Burſche wurde ergriffen, ſo wüthend er auch um ſich ſchlug und biß, und ſo fürchterliche Drohungen er ausſtieß. „Dem müſſen wir den ſtarren Sinn brechen,“ ſagte Karracha zu Zaroya,„ſonſt wächſt er uns über die Hörner und läßt uns nach ſeiner Pfeife tanzen.“— Toni wurde abgeführt und in ſchimpfliche Bande gelegt. Die Strafvollſtrecker waren noch nicht mit der Exe⸗ cution fertig, als zwei Männer in Mänteln in den Gaden truten und die bunte Geſellſchaft mit ſtolzer Nachläſſigkeit 282 Der Herzog von Burgund und Niederland. grüßten. Sie warfen die Hüllen ab und brachten einige Bündel zum Vorſchein, die ihnen ein Diener bis vor die Thür nachgetragen hatte. Die beiden Beſucher der Zi⸗ geunerſpelunke waren Raimund Fugger und Vivian de la Chaur, der Page und Geſpiele des Erzherzogs Karl. Er war mit der niederländiſchen Geſandtſchaft nach Wien gekommen. Mit dem Ungeſtüm tollen Leichtſinns riß er die Bündel von einander und nahm aus dem einen einen prächtigen Sammtſtoff und einen eben ſo köſtlichen Sei⸗ denſtoff für Frauenkleider. Aus dem andern aber blickten dickbäuchige Weinflaſchen und eine Blechbüchſe mit Leckereien. „Sieh, holde Prinzeſſin!“ lachte Vivian und ſchlang den Arm um Sonaca's zierliche Hüfte.„Der Kaiſer hat ſich von den Fuggern ganze Kiſten voll Sammt- und Seidengewebe kommen laſſen und heute Kleider unter alle vornehme Frauen ausgetheilt. Und dich, armes Kind, hat er vergeſſen. Aber ich habe an dich gedacht und auch an deine Mutter. Hier habt Ihr auch jede ein Kleid. Sie ſind beide aus den kaiſerlichen Kiſten. Und hier iſt auch vom beſten Ungarwein von der kaiſerlichen Tafel und Zuckerbrod aus der Hoftüche. Schenkt ein! Trinkt und eßt und laßt die Cymbal zum Tanze erklingen! Wir wollen fröhlicher ſein, als an dem langweiligen Hofe, wo ich gähnen muß, wenn ich den König von Ungarn und Böhmen nur anſehe.“ Raimund Fugger nahm die Altmutter bei Seite, drückte ihr mehre ſchwere Goldſtücke in die Hand und ſagte ihr Der Herzog von Burgund und Niederland. 283 leiſe:„Dafür verlang' ich zweierlei. Erſtlich Euere und Euerer Leute Verſchwiegenheit. Ich will nicht, daß meine junge Frau, noch meine übrigen Anverwandten erfahren, daß ich Euch dieſen Beſuch gemacht.“— „Nicht ſie, nicht Andre. Niemand auf der Welt!“ verſetzte Karrachao.„O Herr, ihr kennt die Zigeuner nicht! Die größten Geheimniſſe liegen bei uns begraben. Ihr dürft Berge auf uns bauen. Vertraut Euch mir an in jeder Sache, und Ihr werdet mich erprobt finden.“— „Dann ſorgt für einen guten Imbiß; denn wir wollen mit Euch zu Nacht ſpeiſen. Wir ſind des Hoflebens müd und ſatt und wollen auch einmal eine fröhliche Nacht haben.“ „Es ſoll Alles nach Euerm Befehl geſchehen.“ Bald erklangen die wilden Töne des Cymbals mit dem jauchzenden Geſange der Fiedel vermiſcht, und da⸗ zwiſchen die Becher. Vivian wirbelte mit Sonaca im lu⸗ ſtigen Tanze, Raimund ſchwenkte die ſchöne Mutter, und eh' eine Stunde verging, hatten es Zarvya's reizende Augen ihm angethan. Zigeunerburſche und Mädchen dre⸗ heten ſich in ſteigender Luſt, und Karracha ſchaffte am kni⸗ ſternden Küchenfeuer. Mitten in dieſer brauſenden Bewegung trat plötzlich Antonio Cebes oder Pepindorio, der Vater, heimkehrend aus dem Bernhardinerkloſter, ein und begrüßte die luſtigen Gäſte mit ſpaniſcher Grandezza. Raimund Fugger zog ein beſtürztes, verlegenes Geſicht über dieſe unerwartete 284 Der Herzog von Burgund und Niedland. Erſcheinung. Cebes hatte es kaum bemerkt, als er ſprach: „Meine Herren, ich bin der ſpaniſche Atzt, Don Antonio Maldonato, mauriſcher Abkunft und im Beſitz tiefer ge⸗ Bheimer Wiſſenſchaft. Ich halte mich hier zu dieſen meinen Landsleuten, die gleich mir viel köſtliche Arcana kennen. Vorzüglich berathe ich mich mit der Altmutter, welche in der Heilkunſt faſt noch mehr leiſtet, als ich ſelbſt. Ich komme eben von einem gefährlichen Kranken, über deſſen Gebreſte und über die anzuwendenden Mittel ich mich mit ihr beſprechen will.“ „Ihr könnt auf ſeine Verſchwiegenheit ſo feſt rechnen, wie auf die unfrige,“ verſicherte Karracha, welche gekom⸗ men war, das Nachtbrod aufzutragen. „Und wenn Ihr erlaubt, will ich an Euerm Mahl theilnehmen. Laßt Euch in Eurer Luſt nicht ſtören.“ Und zur Altmutter gewendet, ſagte er mit bedeutſamen Kopf⸗ nicken:„Es iſt mit unſerm Kranken ſo, wie Ihr geſagt habt, und ich habe die nöthigen Mittel verordnet.“ „Wir können von Eurer Kunſt keinen Gebrauch machen, Don Antonio,“ lachte Vivian.„Denn obgleich wir beide in der That bedenklich krank ſind, ſo kann die Heilung doch nur aus derſelben Quelle ſtrömen, aus welcher die Krankheit gefloſſen iſt. Ich halte meinen Arzt im Arme; doch verlangt mich nicht ſo ſchnell wieder nach vollſtändi⸗ ger Geſundheit. Er ſoll ſich viel Zeit zur Kur nehmen.“ „Oft thut auch meine Hülfe unerwartet ſchnell noth,“ erinnerte Antoniv. „ —— Der Herzog von Burgund und Niederland. 285 „Ihr könnt Eure Kuͤnſt am Ungarnkönige verſuchen. Dem fehlt's im Kopf und in den Beinen. Auch Kaiſer Mar würde nicht grimmig ſein, wenn Ihr ſeinen Sarg, den er mit ſich ſchleppt, in ein Brautbett verwandeltet. — Aber die Alten vermögen Euere beſten Tränkchen nicht wieder jung zu machen. Wir aber ſind jung und wollen das Leben genießen. Schenk' ein, Sonaca, lleblichſter Mundſchenk, lachende Hebe und ihr, Spielleute, ſpielt auf!“ In dem Augenblick, als er die kleine Sylphide von neuem umſchlingen wollte und ſie ſeiner ſtürmiſchen Bewerbung entſchlüpfte, ſtürzte Toni, der, von den Tönen der Luſt bis zur höchſten Wuth aufgeſtachelt, ſich mit äußerſter Kraftanſtrengung ſeiner Bande zu entledigen ge⸗ wußt hatte, als ein Raſender herein, ſein blankes Meſſer hochſchwingend. Ein ängſtliches Geſchrei erhob ſich rings⸗ um, eh es aber möglich war, den tollen Eiferſüchtigen zu faſſen, hatte er ſich ſchon auf Vivian geworfen und ihm ein paar Stiche verſetzt. Im nächſten Augenblick lag er aber auch ſchon am Boden, von der Hand ſeines Vaters niedergeriſſen, und zwanzig Männerarme hielten ihn feſt und ſchnürten den Wuthheulenden in ſtarke Stricke. Rai⸗ mund und Antonio entkleideten den blutenden Vivian ſchnell, und Karracha und ihr Sohn unterſuchten die Wunden, die zu ihrer Beruhigung nicht gefährlich waren. „Seht, ſeht, wie ſchnell Ihr der ärztlichen Hülfe be⸗ dürft!“ erinnerte Antonio, als er den Junker verband. Dieſer aber hielt auf dem Lager, wohin er gebracht worden * 286 war, Sonaca's Hand feſt und flüſterte ihr zu:„In deinen Armen, ſüßes Kind, ſterb' ich auch gern.“ Antonio und Karracha wachten an ſeinem Lager. Sonaca war neben ihm eingeſchlafen, und Raimund hatte ſich endlich entfernt, um ihn vor Tagesanbruch in einer Sänfte abzuholen. In der Abenddämmerung deſſelben Tages ſtanden zwei Männergeſtalten vor der Pforte des Bernhardinerkloſters. Ein forſchendes Auge hätte aber leicht wahrnehmen kön⸗ nen, daß ihnen das männliche Gebahren und der männ⸗ liche Muth mangele. Auch ſaßen ihnen die Kleider wun⸗ derlich genug, und in ihren Geſichtern hatte ein Scheer⸗ meſſer nichts zu thun.— Als die Glocke erſchallt war, flüſterte Maria ihrer Mutter— denn dieſe beiden waren es— mit bebender Stimme zu und legte die zitternde Hand auf den Arm derſelben:„Ach, Mütterlein, mir will das Herz zerſpringen vor Angſt und Bangigkeit.“ „Beruhige dich, mein Kind! Gleich wirſt du ihn ſehen, nach dem dein Herz verlangt.“ Der Bruder Pförtner öffnete. „Wir wollen zu dem kranken Ritter Süderland.“— „Die Brüder Ciſtercienſer haben ihn dieſen Morgen abgeholt, um ihn in ihren Orden aufzunehmen und die Pforte hat ſich für immer hinter ihm geſchloſſen.“ Maria ſank mit einem leiſen Schrei in die Arme der Gräfin. Von der Burg aber ertönten Feſtſchüſſe und be⸗ zahlter Jubel zu Ehren der vermählten Königskinder. Der Herzog von Burgund und Niederland. 5 A. Brockhaus in Leipzig. Druck von F.